—*————— ——8 eihbiblivthel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur oon vO Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und cCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. E 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———m—————.—z— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Zur Zeit, als Weſtindien noch die ſpaniſche Herrſchaft an⸗ erkannte, war der Hafen von San Blas am Eingange des Meerbuſens von Californien, an der Kuſte der ehemaligen Intendantſchaft, welches der jetzige Staat Lalisco geworden iſt, der Stapelplatz der philippiniſchen Inſeln. Schiffe, reich beladen mit Seidenwaaren aus China und koſtbaren Ge⸗ wuͤrzen aus demOriente, lagen dicht gedrängt auf der Rhede; eine geſchaͤftige Bevoͤlkerung fullte die Straßen; wohlver⸗ ſehene Arſenale und immer thaͤtige Werfte machten San Blas damals zu dem wichtigſten Punkte der Südküſte. Jetzt iſt dieſer ganze Glanz verſchwunden und San Blas hat nichts mehr als Ueberreſte von Werften, Ueberreſte von Ar⸗ ſenalen, Ueberreſte der Bevölkerung, die Erinnerung an ſeinen ehemaligen Handel und ſeine maleriſche Lage. Die Stadt zerfäͤllt in zwei Theile, die Oberſtadt und die Unterſtadt oder den Strand. Von den Bogengängen der Commandatur auf dem Gipfel eines ſteilen Felſens aus umfaßt das Auge eine der zugleich traurigſten und ſchoͤnſten Ausſichten, welche man ſehen kann. Auf der einen Seite erblickt man die ſtille und entvoͤlkerte Oberſtadt, die traurig und duͤſter iſt, wie alles was verſinkt und in Truͤmmer faͤllt, nachdem es groß und maͤchtig geweſen iſt; auf der andern ſenkt ſich ein dichter gruͤner Wald, deſſen erſte Wipfel gleich einem gruͤnen Walle die Commandatur beruͤhren, amphitheatraliſch bis zum Strande hinab. Ein geſchlaͤn⸗ gelter Weg, der unter den Bäumen bald verſchwindet bald wieder erſcheint, ſteigt bis an das Meer hinunter. Hier, am Strande, unter Gruppen von Palmen und Bananen, zeigen ſich uberall maleriſche Bambushuͤtten. In dem Meere ſpiegelt ſich das glaͤnzende Blau des Himmels und hier und da entfalten ſich in der Sonne lachende Inſeln gleich Sträußern von Seeblumen; gewaltige Felſen erheben ſich wie Pyramiden von Bernſtein und einige Fiſcherboͤte, die in der Ferne gleiten, breiten auf der leuchtenden Tiefe des Horizontes ihre dreieckigen weißen Segel aus. Ich befand mich vor einigen Jahren in San Blas. Handelsintereſſen riefen mich nach Californien und ich wartete ſeit ungefähr vierzehn Tagen auf ein Kuͤſtenfahrzeug, das nach einem Punkte dieſer Kuͤſte unter Segel gehe. End⸗ lich erfuhr ich, daß die Guadalupe einekleine Goelette, nach Pichlin oder Pichilingue fahre und zwar unter dem Commando eines cataloniſchen Capitains, welcher auch der Eigenthuͤmer ſei. Ich ſuchte ihn auf und nahm einen Platz an Bord. Ob er gleich keine Concurrenten zu fuͤrchten hatte, verlangte der Capitain doch keinen uͤbertrieben hohen Preis. Wenn Sie, wie ich vermuthe, in der Oberſtadt wohnen,“ „„— ſagte er beim Abſchiede,„ſo werden Sie wohl thun, mit Ihren Habſeligkeiten an den Strand zu ziehen, denn wir koͤnnen jeden Augenblickabſegeln und ich werde Sie in einem Boote abholen laſſen. Halten Sie ſich alſo bereit.“ Ich ſehnte mich ſo ſehr, der erſtickenden Hitze in San Blas und den Myriaden von Muͤcken zu entkommen, welche den Aufenthalt faſt unertraͤglich machten, daß ich ſofort dem Rathe des Capitains folgte, um auch nicht eine Stunde laͤnger zu bleiben. Ich nahm meinen Aufenthalt in einer der huͤbſchen Bambushuͤtten, die ich ſchon von der Stadt oben aus geſehen hatte; leider aber ſollte ich ſehr bald die Erfahrung machen, daß an dieſer von weitem ſo lockend ausſehenden Kuͤſte die Muͤcken noch tauſendmal zahlreicher waren als auf der Hoͤhe und um ſo gieriger, je weniger Opfer ſie zu peinigen hatten. Nach drei martervollen Ta⸗ gen endlich erhielt ich eines Morgens die Meldung, ich moͤchte mich bereit halten, da das Boot am Nachmittage mich abholen wuͤrde. Zur beſtimmten Zeit legte auch eine Pirogue einige Schritte von meiner Bambushuͤtte an. Da das Fahrzeug nur aus einem ausgehöhlten Baumſtamme beſtand, ſo war die Fahrt damit bis an das Schiff nicht ge⸗ fahrlos. Die kleinſte Welle, die geringſte ungeſchickte Be⸗ wegung koͤnnen eine ſolche Nußſchale zum Umſchlagen brin⸗ gen und große Haifiſche, welche tuͤckiſch folgen, laſſen ahnen, welchen Ausgang ein ſolcher Unfall haben muß. Wir ka⸗ men indeß gluͤcklich an Bord an. Berge ſchoͤner wohlſchmeckender Zwiebeln von San Blas in ungeheurer Groͤße, Flaſchenkurbiſſe und Bananen waren auf dem Verdecke der Goelette aufgeſchichtet und dieſe Haufen von Fruͤchten und Gemuͤſen bildeten nebſt meinem Koffer ſo ziemlich die ganze Ladung. Das Schiff wurde damit der Gnade und Ungnade der Winde und Wel⸗ len uͤberlaſſen. Die Mannſchaft war nicht minder ſeltſam zuſammen⸗ geſetzt als die Ladung. Der cataloniſche Capitain, Don Ramon Pauquinos, hatte unter ſich einen franzoſiſchen Ma⸗ troſen, der von einem Wallfiſchjager entlaufen war, einen Mejikaner, welcher als erſter Lieutnant zu figuriren wagte, einen Canaca oder Indianer von den Sandwichinſeln, ei— nen Chineſen, der mit gleicher Abneigung aus der Kuͤche an das Takelwerk und umgekehrt uberging und endlichzwei junge Alpachen*) von vierzehn bis funfzehn Jahren, welche als Knaben ihren Wildniſſen entriſſen worden waren und als Schiffsjungen dienten. Der Capitain ging umher, wenn er ſich nicht mit ſeinen Leuten zankte, die er nicht im⸗ mer zum Gehorſam brachte, rauchte oder muſterte ſeine Zwiebeln und Kuͤrbiſſe. Der Franzoſe behandelte mit der Anmaßung, mit welcher ſeine Landsleute in der Fremde aufzutreten pflegen, den Capitain und ſeine Kameraden als Pariſer, d. h. als Leute, die von der Schifffahrt ſo viel als gar nichts verſtehen; er hatte ſich die Handhabung des Steners vorbehalten, bei dem er muͤßig zu ſitzen pflegte, die Nacht dem Schlafe und den Tag dem Nichtsthun wid⸗ mend. Der Mejikaner, der ſich fuͤr einen Officier hielt und faul in der Pirogue lag, klimperte fortwaͤhrend auf einer Mandoline, die er faſt nie aus der Hand legte. Er ſchien *) Eine wilde Nation, deren weites Gebiet ſich im Nor⸗ den des Staates Sorora hinzieht. ſich ſehr zu wundern, wenn ihm der Capitain einen Befehl ertheilte und ſah es fuͤr unertraͤgliche Tyrannei an, wenn derſelbe ſeine Autorität geltend machte. Der Chineſe, der in der Kuͤche und bei dem Takelwerke thaͤtig ſein ſollte, that eigentlich gar nichts. An ſeiner Statt kochte der Canaca den Reis und die Bananen, welche nebſt cecina(in der Sonne gedoͤrrtem Fleiſch) ausſchließlich unſere Nahrung ausmachten. Wenn aber der Capitain befahl ein Segel einzuziehen, verſicherte der Chineſe, er ſei in der Kuͤche be⸗ ſchaͤftigt und vertrieb aus derſelben den armen Indianer. Dieſer, der eigentlich allein unter der ganzen Mannſchaft arbeitete, wurde, wie das in ſolchen Faͤllen meiſt geſchieht, am ſchlechteſten bezahlt. Die beiden jungeſAlpachen wett⸗ eiferten zum Zeitvertreib als ächte Wilderin der Handha⸗ bung des Meſſers. Sie kauerten gewoͤhnlich dicht vor ein⸗ ander, hielten eines ihrer nackten Beine vor, balancirten langſam ihre Meſſer zwiſchen dem Daumen und Zeigefinger und ließen ſie auf ein gegebenes Zeichen fallen, um damit den Fuß zu verwunden, der nicht ſchnell genug zuruͤckgezogen wurde. Dieſe ganz neue Fechtart gab Veranlaſſung zu tauſend aͤußerſt komiſchen aber ſelten gluͤcklichen Paraden und das Lieblingsſpiel der Alpachen befleckte zuletzt immer das Verdeck mit Blut. Man darf die Anarchie, welche am Bord der Guada⸗ lupe herrſchte, nicht etwa fur etwas Ungewoͤhnliches halten; ich koͤnnte viele Beiſpiele von der unglaublichen Nachläſſig⸗ keit der Capitaine mejikaniſcher Schiffe erzaͤhlen. Der Mangel an Geſetzen und die Furcht, von den wenigen Ma— troſen verlaſſen zu werden, die an den Kuͤſten ſchwer zu er⸗ ſetzen find, verhindern die Capitaine Zwangsmittel anzu⸗ wenden, die allein ihr Anſehen aufrecht erhalten konnten. Die meiſten ertragen ihr Leid mit Geduld. Don Ramon beſonders gab Beweiſe von Nachſicht und Reſignation, in denen man mehr noch als in ſeiner braunen Geſichtsfarbe den Einfluß der tropiſchen Sonne erkannte. Es waren bereits vierzehn Tage vergangen ſeit wir die Anker gelichtet hatten und wir glaubten noch immer weit von Pichilin entfernt zu ſein. Das Waſſer verdarb in den Faſſern unter der glühenden Sonne; die cecina war mir verhaßt und der Reis unerträglich geworden. Ich ſehnte mich nach dem Ende unſerer Fahrt, als eines Tages, waͤh⸗ rend die Sonne in den fernen Nebeln des Horizontes zu⸗ verſchwinden begann, der franzoſiſche Matroſe mir winkte. „Da, ſehen Sie einmal dort unten,“ ſagte er und wies mit dem Finger auf einen fernen faſt unbemerklichen Punkt. „Fuͤr Landratten, zu denen Sie auch gehoͤren, iſt jener ſchwarze Punkt vielleicht nur eine Wolke, die etwas niedri⸗ ger haͤngt als die andern; ich aber bin in dieſem Meere be⸗ fannt und weiß, daß es die Inſel Cerralbo iſt, welche die Inſel Espiritu Santo verdeckt.“ „Und was iſt von dieſer Nähe zu halten?“ fragte ich verwundert. „Was davon zu halten iſt? daß wir uͤber Pichlingue, das an deraͤußerſten Spitze von Californien liegt, wenigſtens 60 St. weit hinaus ſind. Da nun der Capitain noch ſech⸗ zig St. davon entfernt zu ſein glaubt, ſo iſt das ein Rech⸗ nungsfehler von hundert und zwanzig St.— gewiß wenig bei einer Fahrt von etwa der doppelten Ausdehnung. „Wiſſen Sie das gewiß?“ „So gewiß,“ antwortete der Mann,„als ich gewiß weiß, daß ein engliſcher oder franzoͤſiſcher Capitain eines ſolchen Verſehens wegen die Gelbſucht bekommen wuͤrde, der unſ⸗ rige aber auch nicht mit den Wimpern zucken wird.— Ca⸗ pitain,“ rief er faſt gleichzeitig aus,„wir haben Land ge⸗ rade vor uns.“ „Ah!“ entgegnete Don Ramon, indem er naͤher kam. „Es iſt wahrhaftig ſo. Nun, deſto beſſer. So kommen wir ſchneller an als ich erwartet hatte.“ Als er endlich ſeinen doppelten Irrthum gewahr wurde, wendete er ſich an mich und ſagte gutmuͤthig, ohne ſich eben ſehr zu verwundern:„es iſt ein Gluͤck, daß ich mich nicht um hundert Stunden geirrt habe, denn ſonſt muͤßte ich Sie noch länger bekoͤſtigen. Aber machen Sie ſich keine Sor⸗ gen; wir ruhen auf Cerralbo aus und bringen Sie dann nach Pichlingue zuruͤck.“ Der franzoͤſiſche Matroſe warf mir einen ausdrucks⸗ vollen Blick zu. Er hatte vollkommen Recht. Die Sonne ſank bereits als die bezeichneten Inſeln auch fuͤr andere als Seemannsaugen deutlich zu werden anfingen und ſie war dem Untergehen nahe, als wir am Eingange des Canals ankamen, welcher die Inſel Cerralbo von Espiritu Santo trennt. Es kann kaum einen traurigern Anblick geben als dieſe beiden Inſeln mit ihren ſteilen Ufern von ſchwar⸗ zen Felſen, an denen ſich das Waſſer bricht und in Schaum aufſpritzt. Meiſt ſind ſie unbewohnt und nur zwei Monate im Jahre halten ſich Perlenfiſcher da auf, im Juni und Juli. Und wir ſtanden zu Ende des erſtern. Wir erkannten — S 12 allmaͤlig die Huͤtten, welche dieſe Abenteurer zeitweilig erbaut hatten und die Fahrzenge, welche in den Felſenbuch⸗ ten angebunden lagen, als zwei Boͤte, jedes mit einem Mann, von denen das eine das andere zu verfolgen ſchien, von der Inſel Cerralbo abſtießen und nach der benachbarten Inſel hinzuſteuern ſchienen. Geſchrei am Ufer verrieth, daß man am Lande lebhaften Antheil an dieſem Vorfalle nahm. Die beiden Boͤte, die an Schnelligkeit mit einander wetteiferten, ſchienen auf der Meeresfläche, die in einiger Entfernung von den Felſen ganz glatt war, hinzufliegen. Der Verfolger kam indeß offenbar dem Fliehenden unmerk⸗ lich naͤher. Unſere Mannſchaft ſah geſpannt zu; der Ca⸗ naca und der Chineſe ſtiegen in das Takelwerk hinauf, um die Wettfahrer beſſer ſehen zu können. Der Capitain ſelbſt nahm ſein Fernrohr und als er einige Minuten lang auf⸗ merkſam zugeſehen hatte, wandte er ſich zu mir und ſagte: „Er iſt verloren.“ „Wer?“ fragte ich. „Der Mann, welcher in dem Boote flieht.“ „Warum glauben Sie das?“ „Weil Joſe Juan ihn verfolgt.“ Dieſer Name erklaͤrte mir nichts, ich hielt es aber nicht fur gerathen, durch meine Fragen den Capitain zu ſtoͤren, den der Ausgang der Wettfahrt ſehr zu intereſſiren ſchien. Die Goelette ſchwamm immer weiter und da die Entfer⸗ nung, welche uns von den beiden Böten trennte, immer ge⸗ ringer wurde, ſö konnte ich den Verlauf des Wettkampfes deutlicher beobachten. Der Fliehende ſchien offenbar eine kleine Bucht erreichen zu wollen, welche man unter den ſteilen Felſen an der Inſel Espiritu Santo bemerkte. Es war die einzige Stelle, wo eine Landung moglich zu ſein ſchien. Von dem Punkte aus, wo er ſich befand, mußte er in gerader Linie auf dieſen Zufluchtsort hinſteuern. Joſe Inan ſchien anfangs dieſe Abſicht nicht zu errathen, denn ſtatt dieſer geraden Linie zu folgen, vergroͤßerte er die Ent⸗ fernung, welche ihn von ſeinem Gegner trennte, dadurch, daß er in den Canal weiter hinausfuhr. Der Verfolgte ſah ihm mit Beſorgniß zu und verdoppelte ſeine Anſtren⸗ gung, aber er hatte wahrſcheinlich mit einer ſtarken Stroͤ⸗ mung zu kaͤmpfen, denn ſein Boot wich merklich von der geraden Linie ab. Das Fahrzeug Joſe Juans dagegen richtete ſich, nachdem es die Spitze des Winkels erreicht hatte, den es beſchrieb, ſcheinbar leicht nach der Quere, ſo daß es die Bucht vor dem Fliehenden erreichen mußte. „Der Menſch braucht ſich nur noch ergreifen zu laſſen,“ ſagte der Capitain,„ſtatt ſich nutzlos anzuſtrengen.“ Der arme Teufel, von dem der Capitain ſprach, ru⸗ derte aus Muthloſigkeit oder Ermuͤdung wirklich nur noch fraftlos und drehete ſich von Zeit zu Zeit um, als wolle er ſehen, wie fern ſein Verfolger ihm noch ſei. In dem Au⸗ genblicke als ihm dieſer, den jeder Ruderſchlag näher brachte, zum Erreichen nahe war, ſchien er einen verzweifelten Ent⸗ ſchluß zu faſſen, legte die Ruder hin, ſtieg auf das Vorder⸗ theil des Bootes und ſah aufmerkſam auf das Waſſer. „Er iſt verruͤckt,“ rief der Capitain aus,„oder die Furcht verwirrt ihn, wenn er ſich ins Meer ſtuͤrzen will und ſo dem beſten Taucher dieſer Kuͤſten zu entgehen hofft.“ Gleichwohl war dies das einzige Rettungsmittel, das 14 ihm blieb.. Die Nacht brach an. Das Waſſer faͤrbte ſich bereits dunkler; noch einige Minuten und er entzog ſich ſeinem Feinde im Schutze des Dunkels des Himmels und des Meeres, wenn der Beweggrund zu ſeiner Flucht ſo be⸗ deutend war, daß er ſich den Haifiſchen auszuſetzen wagte, von denen es in allen Gewaͤſſern der heißen Zone wimmelt. Leider war keine Minute zu verlieren, denn mit einigen Ruderſchlägen mußte Joſe Juan das Boot des Gegners be⸗ ruͤhren. Das fuͤhlte dieſer wohl auch, denn er ſprang kopf⸗ uͤber in das Meer und die Flut ſchloß ſich üͤber ihm. Nun kam die Reihe an Joſe Juan, das Ruder hinzulegen und ſich an den Vordertheil ſeiner Barke zu ſtellen. In der einen Hand hielt er eines der Netze, deren ſich die Taucher bedie⸗ nen, um die Muſcheln zuruͤckzubringen, die ſie von den Fel⸗ ſen losmachen, in der andern einen ziemlich langen Strick. Nach kurzer Zoͤgerung ließ er das Netz fallen, behielt den Strick und verſchwand ebenfalls im Waſſer, waͤhrend die beiden der Stroͤmung uͤberlaſſenen Boͤte an einander ſtießen. Die Felſen der Inſel Cerralbo waren mit Neugierigen bedeckt, welche dieſem ſeltſamen Schauſpiele mit ängſtlicher Spannung zuſahen. Die Mannſchaft der Guadalupe äu⸗ ßerte eine an Trunkenheit grenzende Freude. Der Canaca konnte nicht ohne freudiges Erbeben eine Wettfahrt und Schwimmkuͤnſte mit anſehen, die ihn an ſeine heimathlichen Inſeln erinnerten und die beiden Alpachen jubelten vor Luſt. Kaum war eine Minute vergangen, als ſich an der Oberflaͤche ein Kopfzeigte, der des Verfolgten. Er ſchwamm mit der ganzen Kraft der Verzweiflung nach Espiritu Santo zu, als er mit einemmal, als wuͤrde er von einem gewaltigen 15 Wirbel erfaßt, unterſankund verſchwand. Ein leichter weißer Schaum und kleine Wellen, die ſich uͤber der Stelle wie ko⸗ chend bewegten, wo man ihn aus dem Geſichte verloren hatte, verriethen einen Kampf unter dem Waſſer. Fand er zwiſchen Joſe Juan und dem Gegner ſtatt oder wehrte ſich der Ungluͤckliche gegen eines der gierigen Ungethuͤme, bei deren bloßem Anblicke der Menſch ſchauert, der ſie in Si⸗ cherheit von dem Verdecke eines Schiffes aus betrachtet? Der Schaum wurde noch immer ſtärker und färbte ſich mit Blut. Dieſer Anblick beunruhigte die Zuſchauer. Endlich theilte ſich das Waſſer von neuem und es erſchien ein Kopf, dann ein zweiter; der erſtere war der Joſe Juans, der zweite der des Fluͤchtigen. Auch bemerkte man bald„daß der letztere ſich nur durch die Bewegung der Beine an der Oberflaͤche erhielt, denn der Strick Joſe Juans hatte ihm die Arme dreifach feſt an den Leib geſchnürt. Dieſe be⸗ wunderswuͤrdige That, welche unter dem Waſſer ausgefuͤhrt worden war, erregte ſowohl am ufer als auf dem Schiffe einen Beifallsdonner, in welchen ſich der Rufmiſchte: viva Jose Juan! que viva! während der Capitain ſich zu mir wendete und ſagte: „Ich hatte es Ihnen wohl geſagt, daß der verloren ſei, den Joſe Juan verfolgt.“ Die Nacht, die jetzt eintrat, entzog uns die weitere Ent⸗ wickelung dieſes ungewöhnlichen Vorfalles, aber wir hoͤr⸗ ten nach einigen Augenblicken klägliche Tone, die mit iro⸗ niſchem Lachen vermiſcht vom ufer heruͤberdrangen und das dumpfe Gemurmel eines Kampfes mehrerer Menſchen mit einem Einzigen, worauf alles ſtill wurde. ——————— 16 Als die Guadalupe eine halbe Kanonenſchußweite von dem ufer der Inſel Cerralbo vor Anker gegangen, war die Ruhezeit fuͤr das Volk von Tauchern, Handelsleuten und Abenteuerern gekommen, deren Tage an Gefahren und Strapazen ſo reich ſind. Der Mond war bereits aufgegan⸗ gen und beleuchtete mit ſeinem blaſſen Lichte den weichen Wellenſchlag des Meeres. Lange Wogen brachen ſich mit eintoͤnigem Rauſchen an der mit Perlenmuſcheln bedeckten Kuͤſte, die man fur voͤllig oͤde haͤtte halten koͤnnen. Die Inſeln Cerralbo und Espiritu Santo ſind zu jeder Zeit in dem Meerbuſen von Californien durch ihre Perlen⸗ muſchelbaͤnke und die große Anzahl jener Schildkroͤten be⸗ ruͤhmt geweſen, welche das Schildkrot liefern. Das Perlen⸗ lager wurde von einem ſpaniſchen Soldaten entdeckt, der nach einem abenteuerlichen Unternehmen ein Vermoͤgen von mehr als hunderttauſend Thaler beſaß. Seit dieſer Zeit laſſen Paͤchter dieſes Perlenmuſchellager jährlich in den Monaten Juni und Juli ausbeuten. Die Perlenfiſcherei nimmt eine bedeutende Stelle in der Induſtrie und dem Handel Merxico's ein. Ein gluͤcklicher Zufall hatte mich an einen der Hauptſchauplätze dieſer Induſtrie gefuͤhrt und ich wollte ihn nicht ungenutzt voruͤbergehen laſſen. Zweierlei amentlich intereſſirte mich hauptſaͤchlich, zuerſt der Zuſtand der Perleninduſtrie ſelbſt, dann wollte ich auch die Erklaͤ⸗ ug des ſeltſamen Vorfalls ſuchen, der mir bei der An⸗ künft vor Cerralbo begegnete und deſſen Held ein Perlen⸗ fiſcher, Joſe Juan, war. Ich nahm mir vor, die Inſeln nicht eher zu verlaſſen, bis meine Neugierde befriedigt ſei. Wenn man durch Zufall oder Nachforſchung in Merico 17 ein Gold⸗ oder Silberlager findet, zeigt man die Eriſtenz deſſelben dem Gouverneur des Staates an, welcher die Er⸗ laubniß zur Ausbeutung giebt, wenn der Verraͤther(ſo nennt man ihn) weder ein Fremder, noch ein Soldat, noch ein Geiſtlicher iſt, unter der Bedingung, daß die Abbau⸗ ung binnen einem Jahre und einem Tage beginne, weil im Gegenfalle die Benutzung dem Staate zufaͤllt. Faſt eben ſolche Foͤrmlichkeiten beſtehen bei dem Auffinden von Perlenmuſchelbaͤnken. Die Eigenthuͤmer der„Bank,“ welche ausgebeutet wer⸗ den ſoll, verlocken von den Indianerſtaͤmmen an der Kuͤſte Californiens und Sonoras ſo viele buzos(Taucher) als ſie brauchen. Dieſe Taucher erhalten wie die Grubenarbeiter weiter nichts als einen gewiſſen Antheil von dem Ertrage. Sobald die Taucharbeiten begonnen haben, werden ſie un⸗ ablaͤſſig beaufſichtigt, da es natuͤrlich ſehr leicht iſt, eine Perle von großem Werthe zu unterſchlagen. Dieſe Sorge liegt dem capataz oder Vorſteher einer Abtheilung ob. Ge⸗ woͤhnlich vertraut man dieſe faſt immer despotiſche Autori⸗ tät einem Manne an, deſſen geiſtige oder koͤrperliche Kraft ſeine Kameraden zur Achtung oder Furcht zwingt. Die Taucher ſind von ihren Familien begleitet und in ihrem Gefolge erſcheinen die Zauberinnen der verſchiedenen Stämme, aus denen die buzos gewählt ſind. Dieſe Wei⸗ ber, welche den Aberglauben der Indianer ausbeuten, ha⸗ ben die Haifiſche zu beheren und deren Blutgier oder Wach⸗ ſamkeit einzuſchlaͤfern. Es iſt das von allen Gewerben, welche bei dieſer Fiſcherei betrieben werden, vielleicht das bequemſte und eintraͤglichſte. Die rescatadores(Kaͤufer) Amerik. Reiſenovellen. 2 — — 18 begeben ſich ebenfalls zu dem buceo(Fiſchplatze), um den Tauchern ihren Antheil am Ertrage, der ihnen in Perlen bezahlt wird, abzukaufen. An Sperulanten niedern Ran⸗ ges fehlt es auch nicht und ſie eroͤffnen tendajos(Wirths⸗ hauſer) oder casas de partida(Spielhaͤuſer). Da die Zeit der Perlenfiſcherei auch die des Schildkroͤtenfanges iſt, welcher zahlreiche Flotillen nach Cerralbo und Espiritu Santo zieht, ſo ſammelt ſich plotzlich auf dieſen zehn Monate des Jahres oͤden Inſeln eine nomadiſche Bevoͤlkerung von zwei bis dreihundert Perſonen. Kaum ſind die Fiſcher an⸗ gekommen, ſo beſſern ſie die Hutten aus, die vom vorigen Jahre ſtehen geblieben ſind und bauen ſich im Nothfalle neue. Die Boͤte, welche fur die Fiſcherei eingerichtet ſind, enthalten die Ruderer und die Taucher. Die letzteren ſtuͤrzen ſich abwechſelnd in das Waſſer, d. h. der eine ruht aus waͤhrend der andere taucht. Ein Strick, an deſſen Ende ſich ein ziemlich großer Stein befindet und den ſie zwiſchen der großen und der zweiten Zehe halten, erleichtert ihnen das Tauchen. Das andere Ende, das im Bote befeſtigt iſt, unterſtuͤtzt ihr Heraufſteigen, wenn ihre Schwere durch die Laſt der Muſcheln vermehrt iſt, die ſie in einer Tiefe von zehn bis zwoͤlf Klaftern von den Felſen losgebrochen haben. Dieſe Muſcheln fullen ein Netz, das die Taucher wie eine Schuͤrze vor ſich tragen. Man ſieht dieſe Maͤnner nicht ſelten drei bis vier Minuten unter dem Waſſer bleiben, worauf ſie erſchoͤpft emporkommen, was ſie indeß nicht hin⸗ dert, an einem Morgen vierzig bis funfzig Mal zu tauchen. Die beſten Taucher ſind im Allgemeinen die Hiaquis, In⸗ dianer, welche an den Ufern des gleichnamigen Fluſſes bei 19 Guaymas wohnen. Sie verwendet man denn auch vor⸗ zugsweiſe. Obgleich die Haifiſche ſich in großer Anzahl an dieſen Fiſchplätzen wie an allen beſuchten Orten dieſer Ge⸗ waͤſſer einfinden, tauchen die Hiaquis doch in dieſer furch⸗ terlichen Nachbarſchaft mit einer Kuͤhnheit, bei der man ſchaudert, namentlich wenn man an die einzige Waffe denkt, die ſie bei ſich haben. Es iſt dies ein Holzſtuͤck mit an bei⸗ den Seiten zugeſpitzten und im Feuer gehaͤrteten Enden. Dieſe plumpe Waffe, die ſie im Guͤrtel ihrer kurzen leder⸗ nen Beinkleider tragen, heißt estaca. Bekanntlich muß ſich der Hai wegen der Bildung ſeines Unterkiefers umdre⸗ hen, wenn er ſeine Beute faſſen will; dieſen Augenblick benutzen die Taucher, um den Pfahl in den Rachen ihres Feindes zu ſtoßen, der dann die Kinnladen nicht wieder ſchließen kann. Eine einzige Art der Haifiſche, die tinto— rera, trotzt dem Muthe der Hiaquis und ſetzt ſie in die Angſt, welche andere Menſchen vor einem gewoͤhnlichen Hai empfinden. Jeden Abend ſchuͤttet man die Muſcheln, die von den Felſen abgeriſſen worden ſind, am ufer auf und laͤßt ſie ſich da durch die Faͤulniß oͤffnen, welche die Sonne ſehr bald entwickelt. Iſt ſie vollſtändig, ſo ſchreitet man zum Waſchen, das faſt eben ſo geſchieht wie die Goldwaͤſcherei. Es ge⸗ ſchieht in großen hoͤlzernen Troͤgen. Manwuͤhlt gierig in der ſchrecklichen fauligen Maſſe umher, welche giftige Duͤnſte ver⸗ breitet und ſucht die Perlen heraus. Diejenigen, welche man ſo an der ganzen Kuͤſte Californiens, in der Miſſion La Paz, in Loreto fiſcht, zeichnen ſich im allgemeinen nicht durch die Weiße ihres Waſſers und die Reinheit ihres 2* 20 Glanzes aus wie die indiſchen; ihre Farbe iſt meiſt bläu⸗ lich; die groͤßten haben ſogar eine ins Violetſchwarze ſpie⸗ lende Schillerfarbe und eine Birnengeſtalt. Gleichwohl be— ſitzen dieſe Perlen einen gewiſſen Werth und werden zu Trauerſchmuck verwendet. Auch giebt es in der ganzen mericaniſchen Republik keine irgend wohlhabende Frau, die nicht ein Perlenhalsband von großem Werthe beſaͤße, und dieſe Perlen kommen ſaͤmmtlich von Californien. Iſt die Fiſcherei beendigt, ſo ſteigt die geſammte no⸗ madiſche Bevolkerung wieder in die Bote, welche ſie herge⸗ bracht haben; die Indianer kehren in die Städte zuruͤck, um ihre Arme zu anderer Arbeit zu verdingen, die Zauberinnen erzaͤhlen ihren Stämmen die Macht ihrer Kunſt, die res- catadores wandern von Haus zu Haus, um den Gewinn ihres Ankaufes zu verwirklichen, die Schenkwirthe und die Bankhalter ſuchen anderswoGeſchaͤfte zu machen, die Schild⸗ krotfaͤnger uberbringen denen, die ſie mietheten, den Ertrag ihrer Arbeit und die beiden Inſeln werden bis zur naͤchſten Saiſon vollkommen oͤde. In dieſer Zeit vollendet ſich die geheimnißvolle Arbeit von neuem, welche die Perle bildet und an den Ufern liegen Haufen von Perlmutterſchalen. Im Anfange erhielten die europäiſchen Schiffe, welche ſie als Balaſt mitnahmen, eine Prämie, jetzt aber ſind ſie ein Gegenſtand der Speculation geworden, da dieſe Schalen ja bekanntlich die Perlmutter liefern. In der Zeit als ich an den Inſeln Cerralbo und Es— piritu Santo ankam, wurde die Fiſcherei gerade mit dem groͤßten Eifer betrieben. Gleich am naͤchſten Tage, als ich auf dem Verdecke der Guadalupe erſchien, bot ſich mir ein A lebenvolles Schauſpiel dar. Eine große Anzahl Boͤte mit Flaggen von verſchiedener Farbe bedeckten die Meeresflaͤche und bewegten ſich entweder oder lagen ſtill. Die erſteren trugen die Fiſcher, welche in dasoffene Meer hinausfuhren, um Schildkroten ſchlafend auf dem Meere zu überraſchen, waͤhrend ihre Gefaͤhrten an den abgelegenſten Stellen der beiden Inſeln Netze aufſtellten, um ſie zu fangen, wenn ſie erſchienen, um ihre Nahrung an dem Seegraſe zu ſuchen. Zu den ſtillhaltenden Barken gehoͤrten die Taucher. Von Minute zu Minute ſah man ſie unter dem Waſſer verſchwin⸗ den und dann ermuͤdet wieder heraufkommen. Sie legten in ihre Fahrzeuge die Muſcheln, welche ſie von den Baͤnken hatten losreißen koͤnnen, ſtreckten ſich ſelbſt aus, um zu ru⸗ hen bis ihre Kammeraden erſchienen, mit denen ſie ab⸗ wechſelten und tauchten dann von neuem in die Tiefe. Einige von ihnen ſtillten mit Seewaſſer das Blut, welches ihnen in Folge derzu lange fortgeſetzten Zuſammendruͤckung der Lungen aus den Ohren und der Naſe floß. Von Zeit zu Zeit erſchienen auf den Gipfeln der Vor⸗ gebirge, welche die Rhede beherrſchten, einige alte haͤßliche kaum bekleidete Frauen,— indianiſche Zauberinnen. Sie ſtreckten ihre fleiſchloſen Arme nach den Wogen aus und murmelten oder ſangen geheimnißvolle Worte, um die blut⸗ gierigen Haifiſche einzuſchlaͤfern. Dieſes ſo maleriſche Ganze, die Spruͤnge der Taucher, das fortwährende Ge⸗ raͤuſch des ſpritzenden Waſſers, die Signalrufe, das Zure⸗ den, die Herausforderungen, die Toͤne vom Lande her, wel⸗ che ſich mit denen auf dem Meere miſchten, die ſchauerlichen Geſaͤnge der Zauberinnen und von Zeit zu Zeit die Bewe⸗ ———— gungen der Haiſiſche, die man erkannte, alle dieſe ſo ſelt⸗ ſamen ſo verſchiedenartigen Auftritte gewaͤhrten fuͤr einen Europaͤer eines der merkwuͤrdigſten Schanſpiele. Waͤhrend ich daſſelbe mit dem lebendigſten Intereſſe betrachtete, trat der Capitain zu mir und ſagte mit ſeiner gewoͤhnlichen Ruhe: „Wenn meine Leute nicht von ihren Anſtrengungen aus⸗ ruhen muͤßten, wuͤrde ich Ihnen ein Boot zur Verfuͤgung ſtellen; aber Sie koͤnnen auch eine der Barken anrufen und man wird Sie fuͤr eine Kleinigkeit nach Cerralbo bringen. Ein Tag auf feſtem Lande thut nach einer langen Fahrt ſehr wohl.“ Da ich ganz derſelben Meinung war, ſo befolgte ich den Rath des Capitains und ſtieg nach einigen Augenblicken an Cerralbo ans Land. Der erſte Anblick der Inſel iſt nicht eben angenehm. In einiger Entfernung vom Meere ſteht ein ganzes Dorf von Huͤtten, die aus Bretern, aus Ueberreſten dienſtuntauglicher Barken oder geſcheiterter Schiffe, aus Bambus⸗ und Palmenſtaͤmmen gebaut ſind. An dem Strande bemerkte ich Haufen von Perlmutterſcha⸗ len, welche von dem reichlichen Ertrage der letzten Fiſcherei zeugten; weiterhin wurden gleiche Muſcheln, welche Fäul⸗ niß geoͤffnet hatte, in hoͤlzerne Troͤge geſchuͤttet und ſorg⸗ faltig ausgewaſchen. So oft die Arbeiter eine etwas große Perle fanden, erhoben ſie ein Jubelgeſchrei. An andern Orten der Inſel brieten ungluͤckliche Schildkroͤten lebendig, unter den entſetzlichen Leiden, in ihrem Schilde, welches das Feuer erweichte und von dem Koͤrper abloͤſen half. Man beſſerte Barken und Netze aus, härtete estacas oder 23 ſchaͤrfte Harpunen, kurz die Thaͤtigkeit am Lande war eben⸗ ſo groß wie die auf dem Meere. Moraliſche Betrachtungen uber die Muͤhen, welche ge⸗ wiſſe Gegenſtände des Lurus koſten, ſind faſt Gemeinplaͤtze geworden. Wenn man aber dieſe Perlen, welche eine ge⸗ heimnißvolle Urſache in der Tiefe des Meeres der heißen Zone erzeugt, aus ihren Abgrunden trotz den Haiſiſchen, den ſchrecklichen Huͤtern dieſer Schaͤtze, heraufholen und dann aus der Faͤulniß unter oftmals toͤdtlichen Miasmen her⸗ vorſuchen geſehen hat, denkt man gewiß nur mit Schaudern an die Gefahren, denen der Menſch— aus Habſucht ſich ausſetzt. Ich mußte mich entſchließen, fuͤr dieſen Tag und die folgende Nacht in einer der Huͤtten Cerralbos gaſtfreund⸗ liche Aufnahme zu erbitten und wollte mir die am beſten ausſehende ausſuchen, aber alle hatten ein ſojammervolles Ausſehen, daß mir die Wahl ſchwer wurde. Ein dumpfes Getoſe, das ſich nach dem Meere zu erhob, von welchem ich mich etwas entfernt hatte, machte meiner Unentſchloſſenheit ein Ende. Obgleich die Stunde noch nicht geſchlagen hatte, in welcher die Fiſcherei jeden Tag endiget, ſtanden doch alle Taucher unbeweglich in den Boͤten, mit ausgeſtrecktem Halſe, die Augen unverwandt auf einen Punkt im Meere nahe an der Bank gerichtet, welche ſie bearbeiteten. Die alten Weiber, von welchen ich ſchon geſprochen habe, ver⸗ doppelten ihre Beſchwoͤrungen und zwar mit lauterer Stim⸗ me und in einer unbekannten Sprache. Mit einem Male erhoben die Fiſcher bei dem Anblicke der haͤßlichen Geſtalt eines Haifiſches, welcher große Kreiſe beſchrieb und dabei 24 langſam tiefer in das Meer ſank, ein lautes Geſchrei, um wo moͤglich das Ungethuͤm zu erſchrecken. Leider mußte die Waſſermaſſe, welche den Hai bedeckte, ihn verhindern dieſes Geſchrei zu hoͤren, obgleich dieſe Thiere ein ſehr ſcharfes Gehoͤr haben. „Es iſt eine tintorera,“ ſſagte der Mexikaner zu mir, den ich unter den Zuſchauern traf. Damit war das Entſetzen erklaͤrt, welches dieſe Hai⸗ fiſchart den Unerſchrockenſten einfloßt. „Es iſt eine tintorera,“ wiederholte der Mexikaner, „und wenn jeder Andere als der Taucher, welchen Sie aus dem Waſſer werden kommen ſehen, ſich in dieſer Lage be⸗ faͤnde, wurde er verloren ſein; dieſer aber macht ſich ſo we— nig daraus wie aus einem botete.“*) „Um Gottes Willen,“ rief ich aus;„es iſt ein Ungluͤck⸗ licher unter dem Waſſer und Sie kennen ihn?“ „Allerdings; es iſt Joſe Juan.“ Es war das zweite Mal ſeit dem vorigen Tage, daß man mir den Namen dieſes Mannes in einer lakoniſchen Weiſe hinwarf, welche anzeigte, jede weitere Erklärung ſei bei ihm nutzlos. Diesmal machte dieſer Name des ſehr gefaͤhrlichen Umſtandes wegen tiefen Eindruck auf mich. Der Mexikaner hatte ſeine kurze Erklärung kaum gegeben, als man den Taucher wie einen Pfeil aus dem Waſſer em⸗ porſchießen und in ſein Boot mittelſt desSeiles ſich ſchwingen ſah, das daran befeſtigt war. Faſt in demſelben Augen⸗ blicke wurde dieſes Seil von den Zaͤhnen des Hai's wie ein *) Ein giftiger Fiſch, der in der Luft aufſchwillt und platzt. 2. Spinnwebefaden zerbiſſen; eine Secunde Zoͤgerung haͤtte dem Manne ein gleiches Schickſal gebracht. Jubelgeſchrei, Vivas und Beifallsklatſchen erhoben ſich bei dem Erſchei⸗ nen des Tauchers von allen Seiten. Dieſer nahm ſie wie eine verdiente, aber doch ſchmeichelhafte Huldigung hin, wenigſtens ſah er dem Ruͤckzuge ſeines Gegners mit ſtolz⸗ verächtlichem Blicke nach. Nicht die Furcht hatte Joſe zur Flucht bewogen. Am ufer ſtand unbeweglich, einer Ohnmacht nahe eine junge ſchoͤne Frau und ein liebewarmer Blick, den ihr Joſe Juan zuwarf, erklärte mir deutlich, daß er ihr das Opfer gebracht habe. Der Merikaner ſeufzte und ſagte bedauernd zu mir: „Vor einem Jahre wuͤrden wir einen ſchoͤnen Kampf zwiſchen ihm und dem Hai geſehen haben. Um dieſelbe Zeit hat er eine tintorera getoͤdtet, um einen Freund zu retten; freilich war er damals noch nicht verheirathet. Seit er Ehemann, iſt er verweichlicht. Soll ich Ihnen dieſe Geſchichte erzahlen? Sie iſt ſehr merkwuͤrdig.“ „Nein, ich danke Ihnen; lieber hoͤre ich ſie von ihm ſelbſt, denn ich denke ihn dieſe Nacht um gaſtliche Aufnah⸗ me zu bitten.“ Meine Unentſchloſſenheit war voruͤber, die Huͤtte, wel⸗ che einen ſolchen Mann barg, mußte in meinen Augen die ſchoͤnſte von allen ſein. Ich fragte alſo Joſe Juan, ob er mich fur dieſe Nacht unter ſeinem Dache aufnehmen wolle. Die Huͤtte des kuͤhnen Tauchers ſtand in ziemlich großer Entfernung von den andern und faſt am Ende der Inſel Cerralbo. Sie lehnte ſich an einen Felſen, in deſſen Spal⸗ ten Cactus und Aloen wuchſen und deſſen Gipfel in den —.———— —— ——— 2 26 zehn Monaten, in welchen die Inſel veroͤdet iſt, Seevoͤgel birgt. Von der Schwelle der Huͤtte aus uberblickte man den Strand und das Meer; man konnte ſogar die ſteilen Ufer von Espiritu Santo ſehen und das dumpfe Rauſchen der Brandung dort hoͤren. An dieſe wildſchauerliche Stelle fuͤhrte mich mein Gaſtfreund mit aller Artigkeit ſeiner Landsleute, ohne daß irgend etwas in ſeinem Benehmen die entſetzliche Gefahr verrieth, welcher er entgangen war. Joſe Juan war ein Meſtize, der Sohn eines Indianers und einer Weißen; er hatte die Kupferfarbe ſeines Vaters geerbt und der indianiſche Schnitt ſeines Geſichtes ge⸗ waͤhrte nichts Eigenthuͤmliches. Er war von mittlerer Groͤße und hatte faſt zierliche Haͤnde, aber ſeine breiten Schultern, ſeine ſchmalen Huͤften und ſeine ſehnige Mager⸗ keit verriethen eine große Koͤrperkraft, auf welcher vielleicht ſeine Seelenſtärke beruhte. Als ich in der Huͤtte ankam, war die junge Frau, von welcher ich ſchon geſprochen habe, mit der Zubereitung un⸗ ſerer Mahlzeit, einer ächt indianiſchen, beſchaͤftigt. Eine Schildkroͤte, der man das Bauchſchild abgeriſſen hatte, briet auf Kohlen in ihrem Ruͤckenſchilde. Nach den Mahlzeiten des Capitains Don Ramon und in Folge der Gewuͤrze, mit welchen das Gericht reichlich verſehen war, fand ich dieſe Koſt vortrefflich. Eine Flaſche Mescal von Tequila, fuͤr die ich geſorgt hatte und die dem Joſe Juan ſehr zu mun⸗ den ſchien, fuhrte bald jene Traulichkeit herbei, welche die Annehmlichkeit einer guten Mahlzeit noch vermehrt. Die Flaſche war von meinem Wirthe zur Hälfte geleert und eine rauchende, mit Schildkroͤtenthran genährte Lampe ver⸗ 27 breitete ein ungleiches Licht. Die junge Frau Joſe Juans ſaß gleich uns am Erdboden, aber in der ungezwungenen Stellung der Indianerinnen und hoͤrte unſerm Geſpraͤche zu. Von der offenen Thuͤr aus ſah man das Meer ſeine leuchtenden Wellen an den Strand waͤlzen; am Himmel funkelten die Sterne, die Zeit und die Oertlichkeit waren ganz fuͤr ergreifende Jagd⸗ und Fiſchergeſchichten geeignet und ich entſchloß mich raſch. „Ich geſtehe, Don Joſe Juan, daß wenn irgend Je⸗ mand meine Neugierde gereizt hat, ſo ſind Sie es und zwar in unbeſchreiblichem Grade.“ Joſe Juan ſah mich verwundert an. Die beiden ſeltſamen Umſtaͤnde, in denen ich Sie zu⸗ erſt zu ſehen das Vergnuͤgen hatte, ſo wie das was man mir von Ihnen erzählt hat, rechtfertigen gewiß dieſe Neu⸗ gierde und ich hoffe, daß ich Sie damit nicht beleidige.“ „Sie meinen die tintorera, welche mich beinahe ge— packt hatte?“ fragte der Meſtize mit verächtlicher Miene, „das iſt nichts Außerordentliches, nur ein ungluͤcklicher haͤu⸗ figer Vorfall.“ „Ich gebe Ihnen Recht, aber was hatte Ihnen der arme Teufel gethan, den Sie verfolgten und zuruͤckbrachten?“ „Mir perſoͤnlich gar nichts; ich ging deshalb auch ohne grrßt Leidenſchaft zu Werke,“ antwortete Joſe Juan la⸗ chend.„Als capataz mußte ich ihn nurzwingen eine Perle von großem Werthe wieder von ſich zu geben, die er ver⸗ ſchluckt hatte und die er bei ſeinen Freunden auf Espiritu Santo in aller Gemaͤchlichkeit verdauen wollte.“ „Es war aber keine leichte Aufgabe ihn dazu zu zwingen.“ 28 „Ah,“erwiederte mein Wirth,„die Arme waren ihm bereits gebunden, wie Sie vielleicht geſehen haben und eine gute Doſis Thran brachte ſie trotz ſeinem Geſchrei ſehr bald wieder in unſere Haͤnde. Auch ſolche Dinge kommen haͤu⸗ ſig vor und ſind nicht merkwurdig.“ Ehe ich zu der Frage gelangte, die ich ſehr gern ge⸗ than haͤtte, reichte ich Joſe Juan noch einmal die Mescal⸗ flaſche. Es ſchien mir als muͤſſe die Geſchichte von einem Freunde, fuͤr welchen, wie der Merikaner erwäͤhnte, mein Wirth ſein Leben im Kampfe mit einem ſo entſetzlichen Un⸗ gethuͤm wie eine tintorera iſt, gewagt hatte, unangenehme Erinnerungen wecken. Mein Zoͤgern erklaͤrt ſich alſo wohl natͤrlich. Indeſſen gedachte ich an tauſend mir bekannte Vorfaͤlle, die meine Bedenklichkeiten uͤber die merikaniſche Empfindlichkeit beruhigen konnten und ich fuhr fort: „Sie werden wenigſtens geſtehen, daß man ſich nicht alle Tage ſo muthig, wie Sie, fuͤr Freunde in Gefahr be⸗ giebt und daß Ihnen Ihr Kampf mit einer tintorera zur großen Ehre gereicht.“ Bei dieſen Worten uberflog eine ſolche Todtenblaͤſſe das Geſicht der jungen Indianerin, daß ich in dem ange⸗ deuteten Vorfalle ein haͤusliches Drama ahnen mußte, an das ſie meine Worte ſchmerzlich erinnert hatten. Das Ge⸗ ſicht Joſe Juans blieb unverändert, er erwiederte aber den flehendlichen Blick, den ihm ſeine junge Frau zuwarf, mit einem Ausdruck unbarmherziger Härte und ſchickte ſie mit einer gebieteriſchen Geberde fort. Die junge Frau ge⸗ horchte mit jener Demuth, welche die Frauen ihres Volkes aus⸗ zeichnet und die fernſte Thur der Hütte ſchloß ſich hinter ihr. 29 Als ſie ſich entfernt hatte, trat ein Ausdruck wilden Stolzes in das Geſicht Joſe's, das eben noch ſo ſtarr und ſinſter geweſen war. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„aber ich bin niemals ge⸗ neigter zu vertraulicher Mittheilung geweſen als eben jetzt.“ Und er leerte wieder ein Glas des Mescal, dem ich die mittheilende Stimmung zuſchrieb, welche ſich Joſe Juan nicht erklaͤren konnte. „Sie erzäͤhlten mir, daß Sie morgen wieder abreiſeten? fragte er plotzlich. „Morgen mit Tagesanbruch.“ „So ſollen Sie meine Geſchichte erfahren,“ ſagte Joſe Juan, indem er aufſtand und mir winkte ihm zu folgen. Vor der Huͤtte draußen blickte er nach dem Himmel hinauf und ſetzte hinzu:„der Coromuel weht wie gewoͤhnlich und morgen um zehn Uhr wird die Guadalupe weit hinweg ſein.“ Dann ſetzte er ſich auf ein umgeſtürztes Boot vor der Thuͤre ſeiner Hutte und begann: „Als die Fiſcherei im vorigen Jahre begann, traf ich üͤberall mit einem Menſchen zuſammen. Er war ein Tau⸗ cher wie ich. Er wollte auch gleich mir keinen Familien⸗ namen haben und nannte ſich Rafael. Unter dem Waſſer, am Waſchtrog, uͤberall begegneten wir einander. Das hatte * zu guten Freunden gemacht und ich achtete ihn ſogar, weil er mit nicht gewoͤhnlicher Geſchicklichkeit tauchte. Sein Muthſtand ͤbrigens ſeiner Geſchicklichkeit nicht nach; um die Haifiſche kuͤmmerte er ſich gar nicht; er habe, ſagte er, eine gewiſſe Art ſie anzuſehen, welche ſie muthlos mache, kurz — 5 — 30 er war ein unerſchrockener Taucher, ein trefflicher Arbeiter und dabei ein luſtiger Geſellſchafter. „Das ging ſo ganz gut bis ein Maͤdchen mit ihrer Mut⸗ ter auf die Inſel Espiritu Santo kam. Ich ſah ſie, als ich ein Geſchaͤft auf jener Inſel mit den rescatadores abzu⸗ machen hatte und verliebte mich leidenſchaftlich in ſie. Da mir ein gewiſſer Ruf vorausging, ſo ſchien auch ſie ebenſo wenig wie ihre Mutter meine Bewerbungen und Geſchenke ungern zu ſehen. Sobald unſere Tagearbeit beendigt war und Jedermann glaubte, ich ſchlafe in meinerHutte, ſchwamm ich an die Inſel Espiritu Santo hinuͤber und kam um ein Uhr in der Nacht zuruͤck, ohne daß Jemand meine Abwe— ſenheit bemerkte. „Es waren bereis einige Tage ſeit meiner erſten naͤcht— lichen Schwimmreiſe nach Espiritu Santo vergangen, als ich eines Morgens vor Sonnenaufgange auf dem Wege zur Fiſcherei eine der alten Frauen traf, die unſern Arbeiten beiwohnen, wie Sie geſehen haben werden. Sie bildete ſich ein oder wollte doch wenigſtens glaublich machen, ſie koͤnne die Haiſiſche bannen. Sie ſaß neben meiner Huͤtte und ſchien auf mich zu warten. „Geſegnet ſeieſt Du, mein Sohn Joſe Juan!“ ſagte ſie als ſie mich erblickte. „Guten Tag, Mutter,“ antwortete ich und wollte wei⸗ ter gehen; aber die Alte kam auf mich zu und ſagte: „Hoͤre mich an, Joſe Juan, denn ich habe in Deinen Angelegenheiten mit Dir zu reden.“ „In meinen Angelegenheiten?“ fragte ich erſtaunt. „Ja,“antwortete die Alte;„Du wirſt doch nicht leug⸗ — —— 31 nen, daß Dein Herz auf der Inſel Espiritu Santo iſt? Oder leugneſt Du, daß Du in jeder Nacht hinuͤberſchwimmſt, um die zu ſehen, welche Du liebſt?“ „Wer hat das geſagt?“ „Ich weiß es. Joſe, dieſe Schwimmfahrt iſt fuͤr Dich doppelt gefaͤhrlich, Feinde, die unſer Zauber nur am Tage einſchlaͤfert, lauern im Meere in der Nacht auf Dich; an der Kuͤſte ſpaͤhen auf Dich Feinde, welche vielleicht noch ge⸗ fahrlicher ſind und gegen die unſere Worte nichts vermoͤgen. Ich wollte Dir meine Huͤlfe in dieſen Gefahren anbieten.“ „Ein lautes veraͤchtliches Lachen war meine alleinige Antwort. Da blitzte aber der Zorn in den Augen deralten Indianerin und ſie ſprach: „Du wähnſt, ich ſei machtlos, weil Du ungläubig biſt. Andere glauben an die Macht, uͤber welche Du ſpotteſt.“ „Bei dieſen Worten nahm ſie aus ihrer Taſche ein Saͤck⸗ chen von gedruckter Leinwand, zeigte mir unter kleinen Per⸗ len eine von einer gewiſſen Groͤße und praͤchtigem Glanz und fragte mich: „Kennſt Du dies?“ „Es war eine Perle, die ich der Jeſuſita geſchenkt hatte. So hieß das Mädchen. „Wer hat ſie Dir gegeben?“ fragte ich, denn ich er⸗ kannte ſie ſogleich. „Die Zauberinn warf mir einen Blick voll Haß zu. „Wer ſie mir gegeben hat, fragſt Du? Ein Maͤdchen, die ſchoͤnſte, welche jemals an dieſer Kuͤſte erſchienen iſt, die der Ruhm und das Gluͤck eines Mannes ſein wuͤrde und ———————— ——— 32 die um meinen Schutz, um den Schutz, den Du verlachteſt, fur den Mann gebeten hat, welchen ſie leidenſchaftlich liebt.“ „Sein Name?“ fragte ich faſt athemlos. „Was liegt Dir daran,“ entgegnete die Alte mit ſpoͤt⸗ tiſchem Lachen,„da es nicht Dein Name iſt?“ „Ich weiß nicht was mich abhielt, die alte Here aufder Stelle zu erſchlagen; nach einer Secunde aber wendete ich ihr den Ruͤcken zu, damit ſie die Freude nicht habe, die Angſt meines Herzens in meinen Mienen zu leſen und ſagte kalt zu ihr:„geh', Mutter, Du biſt nicht geſund im Kopfe oder lugſt.“ Dann ging ich ſchnell an meine Arbeit. „Abends— der Tag war mirunbeſchreiblich lang ge⸗ worden— begab ich mich wie gewoͤhnlich zu Jeſuſita und bei ihrem Anblicke und der Art, wie ſie mich empfing, ver⸗ 4 gaß ich meinen Argwohn. Ich zweifelte nicht mehr, daß die Alte, um ſich an meinem Unglauben zu raͤchen, abſicht⸗ lich mich uͤber den Namen deſſen habe irre fuͤhren wollen, fur welchen Jeſuſita den Schutz erkauft hatte, den ich ver⸗ ſchmaͤhete. „Ich hatte alſo die hinterliſtigen Einfluͤſterungen der Here ganz vergeſſen, als ich in einer Nacht wie gewoͤhnlich von Espiritu Santo heruͤber ſchwamm, um nach Hauſe zu ſ. gehen. Der Himmel war von dunkeln Wolken bedeckt, das 3 Meer aber nicht ſo dunkel, daß mir in den Wellen ein ſchwarzer Koͤrper haͤtte entgehen können, der nach der Art wie er ſich bewegte, nur ein Menſch ſein konnte. Er kam auf mich zu. Mir fielen mit einem Male die Worte der Alten wieder ein und es überkam mich eine entſetzliche Angſt. Vor einem Feinde fürchtete ich mich nicht, aber der 5 t, Gedanke an einen Nebenbuhler war mir graͤßlich. Ich nahm mir vor den Schwimmer zu ermitteln und damit er mich nicht ſehe, ſchwamm ich unter dem Waſſer nach ihm ⸗ hin. Als ich berechnet hatte, daß wir an einander voruͤber gekommen ſein muͤßten, er auf, ich unter dem Waſſer, kam ich an die Oberflaͤche empor. Das Blut, das mir in den Kopf geſtiegen war, hatte mich ſo geblendet, daß ich im Dunkel nur phosphoreseirenden Schein erkennen konnte, der ſich auf dem Kamme der Wogen zu bilden anfing und die Annaͤherung eines Gewitters verrieth. Ich ſchwamm in⸗ deß nach Espiritu Santo weiter, aber erſt nach einigen Mi⸗ nuten ſah ich den Kopf des Schwimmers wieder. Er ar⸗ beitete ſo gewaltig, daß ich ihm kaum zu folgen vermochte. Unter allen die ich kannte, vermochte nur einer an Ge⸗ ſchwindigkeit ziemlich ſich mit mir zu meſſen. Ich ver⸗ doppelte meine Anſtrengung und kam ihm bald ſo nahe, daß ich zuruͤckbleiben mußte. Kutz ich ſah ihn an einem Felſen ans Land ſteigen und im Scheine eines Blitzes, der ploͤtzlich das Meer und den Strand beleuchtete, erkannte ich Rafael. „Das mußte ſo ſein, dachte ich, ich mußte ihm auch in der Liebe zu Jeſuſita begegnen wie ſonſt uͤberall. Nur fühlte ich, fuhr Joſe Juan im duͤſteren Tone fort, den Haß ſchnell mein Herz erfuͤllen und ich ſah ein, daß es nicht gut ſein duͤrfte, wenn wir einander im Leben noch einmal be⸗ gegneten. „Sie werden indeß im Verlaufe meiner Geſchichte ſe⸗ 1 hen, ſetzte der Taucher mit unheimlichem Laͤcheln hinzu, wie ich ohne meinen Willen noch einmal mit ihm zuſammenkam. „Einen Augenblick hatte ich die Abſicht ihn zu rufen Amgrik. Reiſenovellen. 3 * 34 und mich zu erkennen zu geben, aber in manchen Augen⸗ blicken des Lebens thut man nicht was man will. Ich ließ ihn gehen und kaum hatte er den Felſen verlaſſen, als ich auf demſelben ſtand. Von da aus fonnte ich ihm leicht nachſehen. Er ſchlug den Weg ein, der mir ſelbſt ſo wohl bekannt war, klopfte an der Thuͤr der Huͤtte an, die ich ſo genau kannte und trat hinein. „Einen Augenblick war es mir, als trage mir der Wind vom Meere her das Hohngelaͤchter der alten Zauberin wieder zu, mit dem ſie ihre Worte begleitete: was liegt Dir an dem Namen, da es nicht der Deinige iſt? Ich glaubte im Dunkel am entgegengeſetzten Ufer ihren duͤrren Arm nach der Hutte Jeſuſita's zeigen zu ſehen und ich eilte mit dem Meſſer in der Hand meinem Nebenbuhler nach. Nach einigen Schritten hatte ich die Thuͤr erreicht. Ich horchte, hoͤrte aber nur leiſe ſprechen ohne etwas davon zu verſtehen. Unterdeß hatte ich mich einigermaßen wieder beruhigt und obgleich der Vorſatz feſt in mir ſtand, von meinem Nebenbuhler mich zu befreien, ſo hatte ich doch Geiſtesgegenwart genug, mich mit dem Geſetze nicht in un⸗ angenehme Beruhrung zu bringen. Ich mußte einen Mit⸗ telweg waͤhlen und kam auf folgenden. „Der Criminalrichter hatte eine Verordnung bekannt gemacht, welche allen Tauchern und Fiſchern verbot, ſpitzige Meſſer zu fuͤhren und dem, welcher ſeinem Feinde eine per⸗ pendieuläre Wunde beibringe, mit der Todesſtrafe drohete. Einige Zeit vorher hatte ſich Einer von uns nach einem Streite mit einem Freunde nicht anders zu helfen gewußt, als ihm den Leib mit einem Meſſer ohne Spitze durch einen ht l 35 Querſchnitt zu oͤffnen. Die Sache hatte Aufſehen, zu großes Aufſehen gemacht, daß der Alcade ſich einmiſchen wollte, obgleich der Thaͤter wie der Todte ganz arm waren und keiner nur ſoviel beſaß, einen einzigen Stempelbogen zu bezahlen. Er ließ den Moͤrder vor ſich fuͤhren, der an⸗ dere war bereits geſtorben. Es ſei nur noch eine einfache Foͤrmlichkeit zu verrichten, ſagte der Alcade zu dem Ange⸗ klagten, naͤmlich ihn zum Tode zu verurtheilen; der Moͤrder aber machte ihm bemerklich, daß die Wunde, an welcher ſein Freund geſtorben ſei, eine vollkommen horizontale ſei und daß er alſo das Geſetz nicht uͤbertreten habe. Der Alcade konnte die Richtigkeit dieſes Einwurfes nicht ent⸗ kraͤftigen, ſchalt ihn nur wegen ſeiner unpaſſenden hitzigen Reden aus und ſchickte ihn wieder an die Arbeit, weil kein Kläger dg ſei, ſagte er und weil das Geſetz nur den mit dem Tode beſtraft wiſſen wolle, welcher mit einem ſpitzigen Meſſer perpendiculaͤre Wunden beibringe, von einem ab⸗ geſtumpften Meſſer aber und von horizontalen Wunden nichts ſage. „Dieſe Geſchichte fiel mir ein, als ich eben das Meſſer ziehen wollte, das ich ſtatt der estaca im Gürtel hatte. Das Meſſer war ſehr ſpitzig und ich wollte, um ganz ſicher zu ge⸗ hen, die Spitze abbrechen, fing es aber ſo ungeſchickt an, daß das Meſſer nicht an der Spitze, ſondern gerade am Hefte abbrach. Da ich ſo die einzige Waffe verloren hatte, welche mir meine Rache ſichern konnte, fuͤhlte ich, daß ich keinen Augenblickzu verlieren habe. Ich lief an den Strand zuruͤck; da lag ein Boot; ich band es los; die Wuth gab mir neue Kraft, ich fuhr uͤber das Meer hinuͤber, holte aus 3*5 —— ——— — 36 meiner Huͤtte ein anderes Meſſer, ohne die Spitze abzubre⸗ chen und kehrte von neuem auf die Inſel Espiritu Santo zuruͤck. „Der Sturmwind begann ſich zu erheben; die Wogen leuchteten im Dunkel der Nacht und ſpritzten in Feuerfun⸗ ken in der Brandung empor; die gaviota klagte traurig auf dem Gipfel der Felſen, die Seehunde heulten in der Finſterniß und von Zeit zu Zeit miſchte die Seekuh ihre Klagetoͤne in die Seufzer des Windes. Mit einem Male vernahm ich ein anderes Geraͤuſch, das aus der Tiefe des Meeres heraufzukommen ſchien. Ich lauſchte, aber ein Windſtoß trieb die verworrenen Stimmen der See von mir hinweg und ich glaubte mich getaͤuſcht zu haben, als jener Ruf nach einigen Secunden deutlich zu meinen Ohren drang. Diesmal konnte ich mich nicht irren; es war ein Schrei der hoͤchſten Angſt, der Huͤlferuf eines Menſchen in der furchterlichſten Gefahr. Da die Stimme von Espiritu Santo her kam, ſo konnte ich leicht errathen, das Rafael um Huͤlfe rief. Von tauſend verſchiedenen Gefuͤhlen be⸗ ſtuͤrmt, trat ich auf das Vordertheil des Bootes um mich vollkommen zu uͤberzeugen, daß ich mich nicht täuſche, aber vergebens blickte ich auf dem Meere umher; die Nacht war zu dunkel, als daß ich etwas hätte erkennen können. „Mit einem Male hoͤrte ich von neuem und ganz dentlich: „Ein Boot! Um Gottes Willen ein Boot!“ „Es war die Stimme Rafaels. Hier unterbrach ſich Joſe Juan einen Augenblick und fragte unruhig; „Hoͤrten Sie nicht ſeufzen?“ anto ogen fun⸗ urig der ihre tale des ein mir ener ren ein nin ritu fael be⸗ nich ber war ich: und 37 Wir horchten, aber nur die Brandung an den Felſen und der Fluͤgelſchlag eines Vogels, der von dem Gipfel eines Felſens in der Naͤhe der Huͤtte aufflog, ſtoͤrte allein die tiefe Stille der Nacht. „Ich glaubte einen Seufzer in der Huͤtte zu hoͤren,“ ſagte der Taucher.„Ach, Herr, Sie haben die Blicke Je⸗ ſuſita's geſehen(denn Sie errathen, daß von ihr die Rede iſt), als Sie auf die Geſchichte deuteten, welche ich Ihnen erzähle. Trotz allen ihren Betheuerungen zerreißt fortwaͤh⸗ rend ein ſchmerzlicher Argwohn mein Herz ſeit ich erfahren, daß ſie Rafael gekannt hat.“ Joſe Juan ſeufzete ſelbſt tief und fuhr dann fort: „Wenn man auch einem Feinde den Tod geſchworen, wenn man auch gerechte Urſache zum toͤdtlichen Haſſe gegen ihn hat, und es dringt in einer finſtern Nacht wie jene ſeine Stimme aus der Tiefe eines Meeres voll blutduͤrſtiger Ungeheuer, dieſe Stimme iſt uͤberdies die eines muthigen Mannes, der nur in der hoͤchſten Angſt zittern kann, ſo liegt in dieſer entſetzlichen Todesangſt eine geheimnißvolle Macht, welche das Herz ergreift. Ich ſchauderte unwillkuͤhrlich.“ Der Taucher ſchlug bei dieſen Worten die Augen nie⸗ der wie ein Reuiger, welcher ein Vergehen beichtet, deſſen er ſich ſchämt; aber bald erhielt ſein Geſicht wieder einen Ausdruck ſpottiſcher Rohheit, der auch bis zum Ende der Erzahlung nicht ſchwand, und er ſetzte raſch hinzu: „Dieſe Ruͤhrung dauerte freilich nicht lange. Bald hoͤrte ich das Waſſer mit Gewalt ſchlagen und ich ruderte ach dieſer Stelle hin; bald erkannte ich den weißen Schaum der emporſpritzte und Rafael inmitten des Funkenregens, 38 der um ihn niederfiel. Merkwuͤrdig war mir dabei, daß er ſeine Schwimmerkraft nicht aufbot, um zu meinem Fahr⸗ zeuge zu gelangen, ſondern auf einer Stelle blieb. Bald errieth ich jedoch die Urſache ſeiner Unbeweglichkeit. In einiger Entfernung von ihm, etwa eine Klafter unter dem Waſſer glaͤnzte ein phosphoriſcher Schein. Dieſer Schein kam langſam auf Rafael zu. Errathen Sie was es war?“ „Nein.“ „Eine tintorera war es von der ſchoͤnſten Art,“ ſagte Joſe Juan. „Und da ſprangen Sie in das Waſſer, um Ihrem Ne⸗ benbuhler beizuſtehen?“ „Ach nein, noch nicht,“ antwortete der Taucher mit einem Lächeln,„das waͤre zu zeitig geweſen. Ein Ruder— ſchlag brachte mich ganz nahe an Rafael, er ſtieß einen Schrei aus als er mich erblickte, hatte aber nicht die Kraft zu ſprechen; die Angſt und die Ermattung erſtickten ſeine Stimme. Mit einer verzweifelten Anſtrengung ergriff er mit beiden Haͤnden den Rand des Bootes, aber ſeine er⸗ ſchoͤpften Arme konnten die Laſt ſeines Koͤrpers nicht heben. Seine Angen blickten mich in ſeiner Seelenangſt ſo aus⸗ drucksvoll an, daß ich ſeine beiden Hände erfaßte und ſie mit Gewalt auf den Rand des Fahrzeugs druͤckte. Die tintorera kam immer naͤher. Einen Augenblick, einen ein⸗ zigen Augenblick blieben die Beine Rafael's unbeweglich; da ſtieß er einen entſetzlichen Schrei aus, ſeine Augen ſchloſ⸗ ſen ſich, ſeine Haͤnde ließen los und die obere Hälfte ſeines Koͤrpers ſank wieder in das Waſſer; der Hai hatte ihn in der Mitte durchgebiſſen.“ 39 „Ohne daß Sie ihm beiſtehen konnten?“ „Hm! entgegnete der Taucher,„es iſt moͤglich, daß ich ihm den Beiſtand nicht geleiſtet habe, welchen er in ei⸗ nem ſolchen Falle von jedem andern außer mir erwarten mußte.“ „Die Hand auf's Herz. „Vielleicht habe ich ihm in meiner eignen Angſt die Haͤnde zu ſtark gedruckt.“ „Ohne boͤſe Abſicht?“ „Nun,“ entgegnete der Meſtize mit einer Stimme, die ich kaum vernahm,„ich glaube, ich hinderte ihn in das Boot zu ſteigen.“ „Und Sie haben nie Reue daruͤber empfunden?“ Der Taucher, welcher ſeit einigen Augenblicken ſich eine Cigarre zuſammengerollt hatte, ſchlug Feuer an und in dem Lichte der Funken, die umherflogen, erkannte ich, wie ſehr er ſich uͤber meine Frage verwunderte. „Caramba! Der Alcade hatte kein Recht auf meine Per⸗ ſon; der Befehl ſpricht nicht von einer tintorera. Aber warten Sie nur,“ fuhr der Taucher fort,„ich bin mit mei⸗ ner Geſchichte noch nicht zu Ende. In dem Augenblicke als Rafael unter dem Waſſer verſchwand, ſtuͤrzte ich mich ſelbſt hinein.“ Nun war die Reihe an mir, ihn bei dieſer unerwarte⸗ ten Wendung der Erzahlung erſtaunt anzuſehen. Joſe Juan bemerkte es. „Ich hatte hundert Grunde,“ ſprach er weiter,„ſo zu handeln. Zuerſt mißfiel mir der Hai, ob er mich gleich von einem verhaßten Nebenbuhler befreit, wegen der Rohheit, —————— S= =— 40 mit welcher er den armen Rafael zerſtuͤckt hatte. Er hatte dadurch die Ehre der Corporation der Taucher verletzt. Vergeſſen Sie nicht, daß ich einer ihrer capataz bin. Nach⸗ dem das Ungethum einmal Menſchenfleiſch gekoſtet hatte, wuͤrde es uns ſpaͤter unfehlbar ferner angegriffen haben. Konnte endlich der Criminalrichter oder Alcade Rechen⸗ ſchaft wegen meines Freundes von mir verlangen, wennich den Hai getoͤdtet hatte? Sie kennen wohl die Lebensweiſe der Haiſiſche nicht?“ Ich geſtand aufrichtig meine Unkenntniß ein. „Nun ſehen Sie, nichts reizt ihre Gefraͤßigkeit ſo ſehr (ich ſpreche von der tintorera und nicht von dem gewoͤhn⸗ lichen Hai, vor dem ſich Rafael, wie geſagt, gar nicht furch⸗ tete) als eine ſolche Gewitternacht, wie die, in welcher ich meinen Nebenbuhler ſterben ſah. Es verbreitet ſich da ein klebriger Stoff, der aus den Lochern an dem Rachen der tintoreras dringt, über ihre ganze Haut und macht ſie leuch⸗ tend wie Feuerfliegen, beſonders wenn es blitzt und donnert. An dieſem Leuchten erkennt man ſte in der Nacht und je dunkler die Nacht iſt, um ſo heller glänzen ſie. Zum Gluck ſehen ſie nicht und ein ſtiller Schwimmer hat den Vorzug des Sehens vor dieſen Ungethuͤmen voraus. Dazu rech⸗ nen Sie, daß ſie uns nicht anders faſſen koͤnnen, als indem ſie ſich auf den Ruͤcken legen und Sie werden einſehen, daß ein muthiger Mann und guter Schwimmer einige Ausſicht hat, ſie zu beſiegen. „Ich tauchte, wie Sie ſich denken koͤnnen, nicht ſehr tief, um den Athem nicht zu verlieren und auch um uͤber, unter und um mich ſehen zu koͤnnen. Die Wogen donnerten ———— 41 uͤber mir wie der Donner am Himmel, feurige Spitzen trie⸗ ben umher wie der Staub im Sturmwinde, aber unter mir war alles ruhig. In der Tiefe ſtieß eine ſchwarze Maſſe an mich— das, was von Rafael übrig war... Ich ſollte ihm bis zuletzt uͤberall begegnen. „Ich dachte, das Thier, welches ich ſuchte, konne nicht weit von mir entfernt ſein und wirklich wurde ein Feuer⸗ ſtreifen immer groͤßer und groͤßer. Die tintorera und ich mußten uns in gleicher Tiefe befinden, aber der Hai ſtieg hoher.. Mir fing der Athem an auszugehen und ich wollte dem Hai den Vortheil nicht laſſen uͤber mir zu ſein, denn in dieſem Falle brauchte er ſich nicht umzudrehen, um mir daſſelbe Schickſal zu bereiten wie Rafael. Ich dachte, um mein Vorhaben auszufuͤhren, nur an die Zeit, die er brauchte, um dies Mandͤver durchzumachen. Die tintorera ſchwamm ſo geſchwind auf mich zu, daß ich einen Augen⸗ blick ſo nahe an ihr war, um in dem Phosphorglanze ihres Koͤrpers die Haut zu erkennen, welche ihre Augen halb bedeckte und ihre braͤunlichen Floſſen an meinem Koͤrper zu füͤhlen. Noch hingen Fleiſchſtuͤcke an ihrem Rachen und ſie kaute dieſelben, wie es ſchien, mit großem Behagen. Das Ungethuͤm warf mir einen matten Blick zu. Mein Kopf befand ſich eben in gleicher Hoͤhe mit dem ihrigen. Ich athmete gerauſchvoll ein, hob mich uber den Hai empor und drehte mich um; es war die hoͤchſte Zeit. Der ſilber⸗ glaͤnzende Bauch der tintorera blitzte einen Augenblick und zugleich offnete ſie den Rachen, der wie eine Krempel von ſpitzen dicht neben einanderſtehenden Zähnen ſtarrte. Mein Dolch, den ich fuͤr Rafael beſtimmt hatte, bohrte ſich in * 42 ihren Leib und riß, ſo weit mein Arm reichen konnte, eine tiefe blutige Furche. Die toͤdtlich verwundete tintorera machte einen furchtbaren Satz und ſchlug zweimal mit dem Schwanze auf das Waſſer; zum Gluͤck wurde ich davon nicht getroffen. Nur mußte ich mich eine Minute ſchuͤtteln, denn es blendete mich ein Regen blutigen Schaumes, der mir ins Geſicht ſpritzte; als ich dann meinen Feind todt auf dem Waſſer ſchwimmen ſah, ſtieß ich einen Triumph⸗ ſchrei aus, den man trotz dem Sturme auf beiden Inſeln hoͤrte. „Der Morgen graute als ich, erſchoͤpft von den An⸗ ſtrengungen, das Ufer erreichte. Die Fiſcher ſahen nach ihren Netzen und die Wellen trugen faſt gleichzeitig mit mir die tintorera und die Ueberreſte Rafaels an das Land. Niemandzweifelte daran, daß ich meinen Freund dem Schick⸗ ſale habe entreißen wollen, deſſen Opfer er geworden. Ich ließ die Leute meinen Muth und meine Freundſchaft rüh— men. Ein Weib nur ahnete die Wahrheit; Sie ſahen ſie bei der Erinnerung an jene Nacht erbleichen,— aus Be⸗ dauern uber Rafael und wegen der Gefahr, in welcher ich ſchwebte? das kann ich nicht errathen und dieſe Ungewißheit laſtet ſchwer auf mir. Sie allein,“ ſetzte der Taucher hin⸗ zu,„kennen meine Geſchichte und nach einigen Stunden werden Sie weiter reiſen.“ Der Taucher ſchwieg und ſchien in tiefes Nachdenken zu verſinken. Nach einiger Zeit erinnerte er ſich der Pflich⸗ ten der Gaftfreundſchaft und wir gingen wieder in die Huͤtte hinein. In dem entlegenſten Gemache, wohin ſich die junge Frau auf den Befehl ihres Mannes begeben hatte, brann⸗ 43 ten zwei Lichter allmälig nieder. In ihrem bleichen Scheine erkannte man ein grobgemaltes Bild, das die Seelen im Fegefeuer darſtellte, zu deren Ehre und Erloſung die beiden Kerzen jeden Abend brannten. Die junge Frau ſaß auf der Erde, hatte den Kopf auf ein Baͤnkchen geſtutzt und war vor Muͤdigkeit eingeſchlafen. Die langen Flechten ihres Haares fielen bis zu ihren Fuͤßen herab. Man begriff vor der blendenden Schoͤnheit Jeſufitas recht wohl die Liebe Joſe Juans, bei dem ruhigen Schlummer der Mericanerin aber ließ ſich ſeine Eiferſucht nicht erklären. Nachdem der Meſtize ſie einige Augenblicke betrachtet hatte, rollte er eine chineſiſche Matte auf und preitete ſie in dem Gemache am Eingange der Hütte aus; das war das prächtigſte Bett, das dieſer halbwilde Mann ſeinem Gaſte bieten konnte. Das ganze Geraͤth des Hauſes beſtand in zwei ähnlichen Matten und einigen Rohrſtuhlen. Die Gaſtfreundſchaft des Ca⸗ pitain Don Ramon war ubrigens nicht koſtbarer; warum aber ſoll ich nicht geſtehen, daß ich nach dieſer blutigen Ge⸗ ſchichte das Verdeck unſerer kleinen Goelette dem Dache die⸗ ſes Mannes vorgezogen haͤtte? Ich fonnte kein Auge ſchlie⸗ ßen und der Tag brach an als die Stimme Joſe Juans rieft „WDer Coromuel weht noch immer und die Guadalupe wird den Anker lichten.“ Ich nahm Abſchied von meine gern an Bord zuruͤckzukehren. „Nun,“ rief mir der Capitain zu als er mich ankom⸗ men ſah,„werden Sie ſich nicht mehr wundern, wenn man von Joſe Juan ſpricht! Was halten Sie von dieſem Manne?“ m Wirthe, um ohne Zoò⸗ 44 „Er iſt ein ſehr aufopfernder Freund,“ antwortete ich. Am naͤchſten Morgen warfen wir zu Pichilin Anker... Diesmal hatte ſich der Capitain nicht geirrt. 2 Ein Rrieg in Sonora. Erinnerungen von den Kuͤſten der Suͤdſee. Unter den großen Staaten des merikaniſchen Bun⸗ des hat Sonora ein eigenthuͤmliches Ausſehen bewahrt. Die Wechſelfäͤlle ſeiner Kämpfe mit den ihn umgebenden Indianerſtämmen und der fortwaͤhrende Verkehr mit dieſen Voͤlkerſchaften haben den Sitten ſeiner Bewohner etwasWil⸗ des gegeben das ſie von denen der andern Provinzen unter⸗ ſcheidet, mit welchen ſie nichts gemein haben als die ſeltſame Ausubung der fuͤr ſie noch ſo neuen conſtitutionellen Regie⸗ rungsform. In Merxico hat man einen eigenthuͤmlichen Begriff von den politiſchen Freiheiten; ein Oberſt, der ſich langweilt und General werden will, ein Capitain, welcher hoͤher ſteigen mochte, glaubt das unbeſtreitbare Recht zu beſitzen fuͤr irgend eine Sache ſich zu pronunziren. Deshalb iſt auch kein Land ſo fruchtbar an Revolutionen und deshalb haben dieſe Revolutionen nirgends geringfuͤgigere Veranlaſſungen und unerwartetere Folgen. Das Schau⸗ ſpiel eins der tauſend Vorfälle dieſer unruhigen Lehrzeit des politiſchen Lebens iſt ein Gluͤcksumſtand fuͤr die Rei⸗ ſenden, denn in kurzer Zeit werden dieſe ungewoͤhnlichen 45 Sitten verſchwunden ſein. Noch einige Jahre und das Land wird das gewöhnliche Schickſal erfahren haben; ſchon kann man in der Ferne den Schall des amerikaniſchen Beiles horen, welches an die Grenze ſchlägt. Wie Teras, wird Sonora in die Vereinigten Staaten aufgenommen werden und die Zeit iſt vielleicht nicht mehr fern, in welcher die Union in Guyamas einen Hafen am Stillen Meere zählt. Ich hatte nur noch einige Stunden zu machen, um dieſe Stadt zu erreichen, den einzigen Hafen von einiger Bedeu⸗ tung im Saate Sonora, als ich an eine Stelle kam, wo die Straße durch einen kleinen Wald geht. Auf beiden Seiten des Weges zogen ſich Dickichte hin. Links, uͤber den Gipfeln von Sumachbäumen ſchwebten Geier in großer Anzahl und ſchienen ſich durch lautes Geſchrei aufzureizen auf eine Beute zu ſtuͤrzen. Ich trieb mein Pferd trotz ſeinem Straͤu⸗ ben nach dieſer Seite hin und ein grauenhafter Anblick er⸗ wartete mich: ſieben todte Indianer hingen an ebenſo vielen Baͤumen und zwar waren einige am Halſe, andere an einem Beine, andere an den Armen aufgehangen. Alle waren entſetzlich verſtummelt und zeigten nur noch formloſe Ueber⸗ reſte von menſchlichen Geſtalten. Die Moͤrder hatten mit unerklaͤrlicher Wildheit an dieſen Leichnamen gewuͤthet. Das Beil und das Meſſer ſchienen ihren blutigen Dienſt gethan zu haben. Die Henker hatten die Gelenke gebro⸗ chen und die Glieder in ſchauerlicher Weiſe verdreht. Zum Hohne hatten ſie an die Hände der Gehenkten deren macana (Keule) von Eiſenholz befeſtiget und ihr langes Haar auf⸗ geflochten, das ſich auf dem Boden hin und her bewegte. Aber eine perpendiculäre Sonne hatte alle dieſe Wunden —————— 46 vernarbt und die Haut dieſer Leichen gedorrt; die Fäulniß hatte dieſe zu Mumien gewordenen Leiber verſchont und die menſchliche Geſtalt, wie verſtummelt ſie auch war, ver⸗ breitete noch Schrecken unter dem Schwarm von Geiern, die um ſie herumſchwebten. Die an der Stelle zuruͤckge⸗ laſſenen Waffen und die Ueberreſte, welche auf dem Boden umherlagen, bewieſen, daß der Kampf langwierig und er⸗ bittert geweſen war; die zahlreichen Spuren von Vieh end⸗ lich unter menſchlichen Fußtapfen deuteten an, daß die In⸗ dianer mit dem Raube überfallen worden waren. Sah ich ein ſchreckliches Beiſpiel blutiger Wiedervergeltung vor mir oder die Spuren eines ungerechten Angriffes von Seiten der Weißen? Das konnte ich nicht ermitteln und mit dem Eindrucke von dieſem grauenhaften Anblicke erreichte ich Guaymas. Von allen Häͤfen, welche Merico an der Kuͤſte des Stillen Meeres beſitzt, ſind eigentlich nur zwei der Rede werth. Der erſte iſt Acapulco, der zweite Guaymas. Die andern ſind nur offene Rheden, von mehr oder minder niedrigem Boden ſchlecht geſchutzt, wo die Schiffe keine Zuflucht vor den gewaltigen Winden finden, welche in dieſen Gegenden herrſchen. Guaymas iſt wie Acapulco auf allen Seiten von hohen Kuͤſten oder Inſeln umgeben, welche einen von den Land⸗ und Seewinden geſchuͤtzten Hafen bilden. Wenn der Suͤdwind*) mit den eiſigen Dunſten des Poles lange Wogen außerhalb des Hafenraumes aufwuͤhlt, wenn der *) Dieſer Wnd, der von dem Südpole kommt, ohne über Sandflaͤchen zu gehen, iſt kalt wie bei uns der Nordwind. 47 cordonazo*) mit ſeinem unwiderſtehlichen Hauche den Meerbuſen von Californien bis auf den Grund aufwuͤhlt und peitſcht, ſieht der Hafen von Guaymas inmitten ſeines gruͤ⸗ nen Guͤrtels wie ein ruhiger See aus. Dieſe ungeſtuͤmen Winde verwandeln ſich für ihn in einen friedlichen Hauch, welcher kleine Wellen, die kaum der Schaum weiß macht, trag an das Ufer treibt. Dieſe Wellen verlieren ſich unter den dichten Trieben der ſogenannten Wurzelbäume, deren Zweige ſie erfriſchen, welche ſich in den Schlamm ſenken, da Wurzeln ſchlagen und eine undurchdringliche Schranke bilden. Das blaſſe Gruͤn dieſer Straͤucher ſticht von dem Ockergrunde des Strandes ab und vervollſtändigt das rauhe Ausſehen dieſes Hafens, der bis zum heutigen Tage geblie⸗ ben iſt wie die Natur ihn geſchaffen hat.— Einige kleine Küſtenfahrzeuge, Piroguendie in einem ausgehoͤhlten Baum⸗ ſtamme beſtehen, drei große Schiffe, welche an der Inſel Venado lagen, ein amerikaniſches, ein engliſches und ein franzoͤſiſches, zu einer gewiſſen Zeit des Jahres eine engliſche Corvette und Schaaren von Moͤven, welche dieſes Meer bedecken— das iſt das unveränderliche Ausſehen der Rhede vom Lande aus.— Niedrige weiße Häuſer, welche einen blendenden Glanz zuruͤckſtrahlen, ein Erdfort von derſelben Ockerfarbe wie der Strand, in welchem ein halbes Dutzend Kanonen auf holzernen Lafetten roſten, ſteile Bergrucken, deren Seiten von dem Waſſer zerriſſen ſind und deren *) Strickſieb des h. Franciseus. So heißt ein ſtuͤrmiſcher Wind aus Südweſt, der im September und November im Meer⸗ buſen von Californien wehet. =—— 48 braune Gipfel gleich einer Mauerkrone emporragen— das iſt der Anblick der Stadt von der Rhede aus.— Will man den Anblick der Rhede, der Stadt und des Meerbuſens zu⸗ gleich haben, ſo braucht man nur Felſen zu ſteigen, wenn die Hitze minder ſtark iſt, d. h. gegen Sonnenunter⸗ gang. Von da aus uͤberblickt man zwei Einoͤden, die eine der Landſeite, die andere auf der Seeſeite, die eine von Bergen, welche die untergehende Sonne mit bleichem Vio⸗ let faͤrbt, die andere von roſenrothen Wolken begrenzt und den Namen„Purpurmeer“ rechtfertigend, wenn der Pur⸗ pur des Sonnenunterganges mit dem Blau der Wogen ver⸗ ſchmilzt. Auf dem Lande unbebauete Ebenen, einzelne Huͤtten, einige langſam emporſteigende Rauchwirbel, welche den Haltplatz von Maulthiertreibern bezeichnen; auf dem Meere kein Segel, keine Spur der Menſchenmacht; von Zeit zu Zeit hebt ſich nur ein Wallfiſch an die Oberflaͤche des Waſſers, athmet mit dumpfem Gebruͤll den fuͤr ſeine Lungen noͤthigen Luftvorrath ein, ſchlägt mit ſeinem breiten Schwanze die Fluth und kehrt wieder zu ſeinen Weideplätzen von Seegewaͤchſen zuruͤck; oder ein Narwal ſchießt pfeil⸗ ſchnell aus dem Schooße des Meeres empor, beſchreibt einen Bogen in der Luft und verſchwindet oder Schaaren von Seehunden kommen wie wetteifernde Schwimmer gezogen und ſpritzen einen weißlichen Schaum vor ſich her. Da wirft man nur einen Blick der Geringſchaͤtzung auf den Hafen, der von unten ſo groß ausſah, auf die viereckigen Haͤuſer, die Wuͤrfeln gleichen, welche man ins Gras geworfen hatte, deſſen Halme die Palmen ſind und auf die bläulichen Rinnen, welche durch die Ebene zie⸗ 49 hen und Fluͤſſe ſind. Links von dem Umſchauenden be⸗ ſchreibt die Kuͤſte einen leichten Bogen; der letzte der klei⸗ nen Waſſerſtreifen, welchen man in der Ferne in den klei⸗ nen Meerbuſen ſich ergießen ſieht, iſt der Fluß der Hiaquis. Die Hiaquis iſt von allen wilden Volkerſchaften, welche die Niederlaſſungen umgeben, der mäͤchtigſte Stamm. Ihre zahlreichen Doͤrfer bedecken ein Thal, das durch den Fluß befruchtet wird, welcher ihren Namen traͤgt. Sie ſind zu⸗ gleich Jaͤger und Ackerbauer. Die Zahl der Bewohner die⸗ ſer verſchiedenen Dorfer betragt nicht weniger als 30,000, die Frauen und Kinder gerechnet. Eine große Anzahl dieſer Indianer vermiethet ſich in Guaymas als Dienſtboten oder Handarbeiter und ſie ſind in der Stadt diejenigen, welche das Verbindungsglied zwiſchen den wilden und civiliſirten Men⸗ ſchen ausmachen, aber bei dem geringſten Beſchwerdegrunde gegen die Weißen verſchwinden dieſe Arbeiter plotzlich aus der Stadt und ſchließen ſich den Tauſenden von ſtreitbaren Kriegern an, welche ihr Volk jeden Augenblick ſtellen kann. Man begreift die ganze Gefahr dieſer ſchrecklichen Nachbar⸗ ſchaft fuͤr Guaymas, die nur dadurch verringert wird, daß die Einwohner durch das ploͤtzliche Verſchwinden gewarnt werden und auf ihrer Hut ſein koͤnnen. Dieſe Streitigkeiten und Kämpfe erneuern ſich ſehr oft und ſind immer blutig, denn es iſt ein erbarmungsloſer Krieg, in welchem die Indi⸗ aner nicht immer die großte Schlauheit oder Wildheit zeigen. Am Tage meiner Ankunft war die Stadt in Beſtuͤr⸗ zung; alle Hiaquis hatten ſie bereits ſeit vierundzwanzig Stunden unter dem Vorſatze verlaſſen, den Tod der Ihrigen zu raͤchen, welche ich in dem Waͤldchen ermordet und ver⸗ Amerik. Reiſenovellen. 4 50 ſtummelt geſehen hatte. Man fing an, die gegen die Plün⸗ derer vollzogene Strafe fuͤr etwas grauſam zu halten, obwohl fruͤher ein ſolcher Vorfall nur fur einen etwas ſummariſchen, aber doch vollkommen verdienten Aet der Gerechtigkeit ge⸗ golten hatte. Nur das beruhigte die Bewohner einiger⸗ maßen, daß, wie man erfuhr, zwei Haͤuptlinge der Hiaquis ſich veruneiniget hatten. Der eine, Banderas, hatte ſeinen Nebenbuhler, U' Sacame, beſiegt. Man konnte alſo bis zu einem gewiſſen Punkte auf das Buͤndniß und den Beiſtand des letztern rechnen. Freilich beunruhigte außerdem die Stadt ein anderes Ereigniß. Es war einige Tage vorher eine Revolution ausgebrochen. Dieſe Revolution iſt die all⸗ gemeine Geſchichte aller Revolutionen in Mexico, die immer in ihrer Entſtehung ſo geringfuͤgig, in ihren Folgen ſo arm⸗ ſelig, als in ihren Einzelheiten originell ſind. Die Veran⸗ laſſung zu dieſer politiſchen Poſſe war folgende geweſen. Der Commandant der Stadt war ein General Tobar, ein alter Soldat und thaͤtiger Mann, der ſich in den Kriegen mit den verſchiedenen indianiſchen Voͤlkerſchaften ausge⸗ zeichnet hatte und nun, da ſie beſiegt waren oder ſich ruhig verhielten, in der Unthaͤtigkeit ſich langweilte. Der Ruhm des Praͤſidenten Santa⸗Anna, der vorzugsweiſe der Mann der pronunciamientos und contrepronunciamientos iſt, ließ ihn nicht ſchlafen. Da es nun immer ehrenvoll fuͤr einen Merikaner iſt, ſich fuͤr oder gegen Santa⸗Anna zu erklaͤren und derſelbe eben in der Gewalt war, ſo ſchickte ſich der Ge⸗ neral Tobar an, ſich gegen ihn zu erklaͤren. Gleichzeitig leider erfuhr er den Sturz des Generals. Ein ſolcher Zwiſchenfall durchkreuzte alle ſeine Pläne; es war ein Ungluͤck. Um ſich 51 zu zerſtreuen und die uͤbele Laune zu vergeſſen, ſtieg der Ge⸗ neral, als er die Nachricht empfing, zu Pferde und uberließ ſich mit großerer Wuth als je ſeiner Lieblingsunterhaltung. Dieſe war ſeltſam genug. Die umliegende Gegend iſt reich an wilden Rindern und der General machte mit unglaub⸗ licher Leidenſchaft Jagd auf ſie, ohne indeß den Degen, den er zu edleren Zwecken aufſparte, gegen ſie zu ziehen. Dieſe Jagd geſchah in folgender Art. Die ſchweren maſſiven merikaniſchen Sattel gleichen denen der Araber, nur mit dem Unterſchiede, daß der Bogen vorn ebenſo hoch als feſt iſt. Dicke und plumpe Riemen tragen große holzerne Steig⸗ bugel und ein außerordentlich ſtarker Gurt haͤlt dieſe ſchwere Vorrichtung auf dem Rucken des Pferdes feſt. Der Meri⸗ aner nun, der ſo feſt im Sattel ſitzt, als der Sattel auf dem Pferde, bildet mit demſelben ein unerſchuͤtterliches Ganzes und das Vertrauen, das ihm ſeine Geſchicklichkeit giebt, veranlaßt die tollkuͤhnſten Unternehmungen. Der General, der ſich auf den Bogen dieſes Sattels vorlegte, welchen keine Laſt herumzudrehen vermag, faßte ſo mit aller Kraft den Haarbuͤſchel, welcher den Schwanz des Rindes endiget, hob das Bein etwas empor, ohne aber den Steigbuͤgel los⸗ zulaſſen und klemmte den Schwanz des Thieres zwiſchen ſeine breiten Steigbugelriemen und ſeinen kraͤftig an die Seite des Pferdes gedruͤckten Schenkel; dann, wenn der Stier in doppelt ſchnellem Laufe den Kopf ſenkte und das Hintertheil uͤbermaͤßig hob, ritt der Reiter an ihm hin, hob ihn mit unwiderſtehlicher Kraft empor und der Stier ſturzte betäubt und keuchend nieder, ſo daß der Erdboden unter ſeinem ſchweren Falle droͤhnte. „ Ein Lieutenant, ein Soldat der Fortuna wie Tobar, theilte gewoͤhnlich dieſe Unterhaltung mit ihm und hatte ſeine Gunſt durch ungewoͤhnliche Geſchicklichkeit und Kuͤhn⸗ heit erworben. Dieſer Lieutenant hieß Ignacio Ochoa und war das wahre Muſterbild jener immer ſeltener werdenden unerſchrockenen Abenteurer, welche die Staͤmme der Wilden weiter in ihre Waͤlder zuruͤckdrängen. Ochoa, ein kraͤftiger Nachkomme des Gefährten der Cortez, war was man in Me⸗ riko einen hombre de a caballo nennt, d. h. einer, der ein wildes Pferd in zwei Stunden baͤndigen, im Galopp einen Gegenſtand von der Erde aufheben, mit einer Hand ſich an die Maͤhne und mit dem Sporn an den hintern Sattelbogen halten und ſich ſo unter den Bauch ſeines in Galopp dahin⸗ ſauſenden Pferdes haͤngen, den Lazo werfen und drei Feinde auf einmal niederſtrecken konnte, einen mit der Spitze ſeines Degens, einen mit einem Stoße des Steigbuͤgels und einen durch das Anrennen mit dem Pferde. Zur Zeit des Ritter⸗ weſens wuͤrde er ein Ritter ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Tadel geweſen ſein. Als eine Art Bandit im Umkreiſe von zehn Stunden gefuͤrchtet, von Schulden belaſtet, von denen gemieden, welche die gefährliche Ehre hatten, ſeine Gläubiger zu ſein, wie von denen, die es zu werden furchte⸗ ten, war Ochoa trotz allen dieſen Eigenſchaften eines Partei⸗ fuͤhrers noch immer nur Lieutenant. Auf ihn aber hatte Tobar ſeine Augen geworfen, damit er ihn unterſtuͤtze. Auch an dem erwähnten Tage galoppirte der Lieutenant Ochoa wie gewoͤhnlich neben dem General. „Wird Dir nicht auch in dieſer Ruhe des Staates die geit teufelmäßig lang?“ fragte ihn mit einemmale der Ge⸗ 53 neral, indem er ſein Pferd anhielt.„Ich langweile mich ent⸗ ſetzlich in dieſem Nichtsthun. Die Hunde von Pimas⸗, Zeris⸗ und Tiburon⸗Indianern geben auch kein Lebenszeichen.“ „Sie haben ſie ja beinahe ganz ausgerottet.. Wenn ich nur daſſelbe von meinen Glaͤubigern auch ſagen koͤnnte!“ antwortete Ochoa ernſthaft und der General fuhr fort: „Zu dieſer Langeweile kommen bei mir gerechte Gruͤnde der Unzufriedenheit.. Iſt es nicht eine Schande für die Centralregierung, daß ſie den Herrn Santa⸗Anna abgeſetzt hat? Bin ich nicht ſelbſt noch immer nichts weiter als Platzcommandant, da ich doch was Beſſeres verdient habe? Wo iſt die Gerechtigkeit? Aber.. ich werde den Praͤſidenten wiedereinſetzen oder werde ſelbſt Gouverneur des Staates und ich rechne auf Deinen Beiſtand.“ „Wann ruͤcken wir gegen Merico chend,„um den ſouverainen Congreß aufzufordern, mich zum Capitain zu machen?“ „Ich werde es Dir anzeigen“, entgegnete Tobar maje⸗ ſtätiſch.„Bis dahin lebe Santa-Anna!“ „Santa⸗Anna oder der Tod!“ rief Ochoa aus und ſie kehrten nach Guaymas zuruͤck. Die Verſchworenen waren ſo ſchnell gefunden als die Verſchworung erdacht worden. Ochoa brauchte unter der Zahl ſeiner Freunde nur zu waͤhlen. Es waren dies junge Leute aus guter Familie, aber ſittenloſe Menſchen, die, nach der kraͤftigen Redensart im Lande, einen oder mehrfachen Tod verdient hatten*) und ſchon , fragte Ochoa la⸗ — ²) d. h., die eine oder mehrere Mordthaten begangen hatten. — 54 oftmals mit den Gerichten in Beruͤhrung gekommen waren. Es war eine zu gute Gelegenheit ihre Schulden zu bezah⸗ len, ohne den Beutel zu ziehen und alle ſtrebten deshalb nach der Ehre, unter der Fahne Tobars zu dienen. In der Nacht vor der Ausfuͤhrung ihres Planes hielten die Verſchworenen, zwanzig an der Zahl, eine berathende Verſammlung, in der es ſehr ſtuͤrmiſch herging. Einige meinten, vor allen Dingen muͤſſe man die Stadt nieder⸗ brennen und die Einwohner in Maſſe niedermachen, andere aber ereiferten ſich gegen eine ſolche Barbarei; man be⸗ ruhigte ſich wieder, nannte einzelne Namen und berath⸗ ſchlagte uͤber einzelne Hinrichtungen. Jeder glaubte dem allgemeinen Unwillen den Glaͤubiger bezeichnen zu muͤſſen, deſſen er ſich am liebſten entlediget haͤtte oder den Alcaden, uͤber den er ſich am meiſten zu beklagen hatte. Ochoa ſchwieg daruber; er wollte die Vertilgung von ganz Guaymas nicht. Dann ſchlug man vor, gegen Meriko zu ruͤcken, nachdem man in Beſitz des Forts ſei, deſſen man ſich vor allem be⸗ maͤchtigen muͤſſe. Das rief eine neue und ebenſo lange Be⸗ rathung wie die erſtere geweſen uber die Art hervor, wie man die Beſatzung daraus vertreibe. Anfangs ſprach man von einer allgemeinen Niedermetzelung der Garniſon, dann wendete man ſich aber zu ſanftern Mitteln und wollte na⸗ mentlich die Beſtechung verſuchen; als aber mehrere der Verſchworenen die ſehr richtige Bemerkung machten, daß man kein Geld dazu habe, wurde beſchloſſen, das Fort mit Tagesanbruche zu uͤberrumpeln. Die weitern Entſchluͤſſe ſollten von den Umſtaͤnden abhaͤngen. Der Geldmangel ver⸗ anlaßte natürlich eine Berathung uͤber die Art und Weiſe, 55 Geld ſich zu verſchaffen. Es kam dabei von neuem die Rede auf die Pluͤnderung der Stadt, aber dem widerſetzte ſich Tobar, der gravitätiſch aufſtand und ſagte: „Meine Herren, unſer Zweck iſt nur ein politiſcher und wir muͤſſen das koſtbare mexikaniſche Gold und Blut ſchonen.“ Ochoa machte dem Streite dadurch ein Ende, daß er vorſchlug, ſich der Staatsgelder, d. h. der Zollkaſſe zu be⸗ maͤchtigen und da Ochva in allem, was das Rauben betraf, eine Autorität war, ſo ſtimmte man ſeiner Anſicht bei, wie ihm auch die Ausfuͤhrung des Planes uͤbertragen wurde. Ehe jeder in dem Hauſe Tobars, in welchem die Berathung ſtattfand, ſich zur Ruhe begab, wurde dieſer endlich feierlich erſucht, das Gouvernement des Staates Sonora zu uber⸗ nehmen; Ochva wurde zum Hauptmann ernannt und jeder Officier ſieg ſo um eine Rangſtufe hoͤher; einige, die blos Burger naren, benutzten ſogar die vortreffliche Gelegen⸗ heit, ſich zu Officieren zu machen. Nachdem alles dies ge⸗ ordnet wat, blieb weiter nichts übrig, als ſich der erwähnten Forts zu bemaͤchtigen. Mit Trgesanbruche ſchritten die Verſchworenen, be⸗ waffnet bis an die Zaͤhne, ſchweigend durch die Stadt, ge⸗ langten an den Fuß des Forts und forderten unter dem Rufe:„es lebe Santa⸗Anna!“ die Garniſon zur Uebergabe auf. Die Soldaten ſchliefen wie Leute, die nichts zu ver⸗ lieren haben und ließen ſich nicht lange bitten, bereitwillig mitzurufen:„s lebe Santa⸗Anna!“ Die Verſchworenen, die ſich uͤber ihren leichten Sieg wunderten, wußten nicht, daß die Soldaten am Abende vorher ihre Patronen verkauft 1— —— — 56 hatten, um einigermaßen die Soldrückſtände auszugleicher. Mit Sonnenaufgang erfuhr man in der Stadt die Einſetzung der neuen Regierung. Einige Stunden nachher erſchien der Lieutenant des General Tobar bei dem Zollverwalter, der eben in der Hängematte Sieſta hielt. Ochoa redete ihn mit der ganzen Artigkeit an, welche kein merikaniſcher Raͤuber ſelbſt in dem Augenblicke ablegt, wenn er einen Reiſenden auf der Straße pluͤndert und fragte ihn hoͤflich, wie viel Geld er in der Kaſſe der contaduria habe. „Zwoͤlftauſend Piaſter“, antwortete der Mann. „Das iſt wenig“, entgegnete Ochoa,„aber genug, um mich mit einem unangenehmen Auftrage zu verſchonen.“ „Ein unangenehmer Auftrag?“ fragte der Zolbeamte, der in ſeiner Haͤngematte ſich aufrichtete. „Ja, Sie ſelbſt zu meinem General zu bringen“, ant⸗ wortete Ochva,„denn ich hatte ihm verſprochen, ihm das Geld oder den Verwalter des Zolles zu bringen.“ „Hoffentlich geben Sie mir einen Empfangſchein, Herr Capitain?“ „Nicht mehr als billig; ich fürchte nur, daß meine Unterſchrift keinen großen Werth habe. Oh, ich bin ent⸗ ſetzlich verleumdet worden.“ Der Zollbeamte ſetzte ſeine Sieſta fort, nachdem er die Kaſſe gegen die Quittung Ochoas abgelieferthatte und die⸗ ſer brachte ſeine Beute in das Haus des General Tobar, das fuͤr den Augenblick in das Rathhaus umgewandelt war. Die Verſchworenen jubelten bei den Anblicke des Geldes. neber die Verwendung der zwoͤlſtauſend Piaſter 57 war nur eine Stimme; ſie ſollten fuͤr das allgemeine Beſte benutzt werden; freilich ließen ſich dieſe Worte auf ver⸗ ſchiedene Weiſe auslegen. Jeder verſtand ſie denn auch nach ſeiner Art, gab ſeine mehr oder minder uneigennuͤtzige Mei⸗ nung ab und die Sache war nicht ſchwer zu entſcheiden. Nach vielem Hin⸗ und Herreden wurde beſchloſſen und zwar auf das Anrathen Ochoas, die Gelder zur Wiederherſtellung der Kanonenlafetten zu verwenden, die in der Sonnenhitze ganz zerſprungen und dienſtuntauglich geworden waren. Wenn das Gerucht von dieſem Aufſtande dem General Santa⸗Anna in der hacienda de manga de clavo, wohin er ſich nach politiſchen Kriſen zuruͤckzuziehen pflegte, zu Ohren kam, mußte er ſich naturlich durch eine Bewegung zu ſeinen Gun⸗ ſten ſehr geſchmeichelt fuͤhlen, die ſich in ſo patriotiſcher Weiſe außerte. Um ſich ganz nach ſeinem beruhmten Vorbilde zu benehmen, zog ſich auch Tobar, nachdem er Ochoa mit der Gewalt bekleidet hatte, auf eine Beſitzung in der Gegend von Guaymas zuruͤck. Da war er noch, als ich auf dem Schauplatze der erzahlten Ereigniſſe ankam. Die Stadt Guaymas, welche trotz dieſem ſtolzen Titel hoͤchſtens ein Flecken iſt, beſitzt weder eine Kirche noch ein Gaſthaus. Das erſtere hat ſie mit allen Städten M erikos gemein und das letztere theilt ſie mit allen denen des Staa⸗ tes Sonora. Der Fremde oder Reiſende, der da ankommt, muß in dem erſten beſten Hauſe um gaſtliche Aufnahme bitten, die ihn auch nie verſagt wird. Aufrichtiger Dank, wenn der Beſitzer reich iſt, eine Geldentſchaͤdigung, wenn er es nicht iſt, entſchaͤdigen den Wirth, der ihn empfing, fuͤr ſeine Pflege, ſeine Ausgaben und ſeine gute Aufnahme. 58 Mit vollkommenem Vertrauen auf dieſe lobenswerthe Sitte wendete ich mein ziemlich ermuͤdetes Pferd nach dem Hauſe eines meiner Landsleute, dem man mich empfohlen hatte. Da die Pferde in dieſen entlegenen Gegenden ſehr vertrau⸗ lich aufgenommen und ſelbſt mit in die Schlafzimmer genommen werden und auf der Schwelle des Ladens Nie⸗ mand erſchien, ſo zoͤgerte ich nicht, mein Pferd ſo weit hineintreten zu laſſen, daß ſein Kopf uber dem Ladentiſche war und von dieſer hohen Stellung herab ſprach ich mein Geſuch nach der Sitte dieſer patriarchaliſchen Laͤnder aus. Mein Landsmann ſchien ſich uͤber den Vorzug, den ich ihm gegeben hatte, nicht eben ſehr geſchmeichelt zu fuͤhlen und gab mir mit ehrenwerther Freimuͤthigkeit zu verſtehen, daß ſein Haus ſehr klein ſei, daß er aber eines kenne, das ver⸗ miethet werde und daß ich in dieſem nach merikaniſcher Weiſe meublirten Hauſe mit einem Pferdeſattel, den Waſ⸗ ſerwaffen*) und dem Schaffelle mir leicht ein vortreff⸗ liches Bett und das Meublement eines Schlafzimmers herſtellen koͤnne. Nach dieſen Nachweiſungen reichte mir der Landsmann die Hand mit einer Herzlichkeit, welche mir bewies, wie viel ihm daran liege, ſich meiner ſobald als moͤglich zu entledigen und ich begann das mir bezeichnete Haus aufzuſuchen. Ich fand es bald. Es war niedrig und vorn mit einer Halle von vier Saͤulen aus geſchlagener Erde verziert. Die angelweit offenſtehende Thuͤr ließ ein großes Zimmer ſehen, in welchem der ſteinerne Fußboden von den *) Ziegenfelle, die am Sattelknopfe haͤngen und beim Regen die Beine wie ein Sack einhuͤllen.⸗ 59 Pferden zur Haͤlfte zertreten war. Eine andere Thuͤr war gerade gegenuͤber ſo angebracht, daß ſie nach der Gewohn⸗ heit einen ununterbrochenen Luftzug unter dieſem Feuer⸗ himmel hervorbrachte und fuhrte in einen großen Hof. Im Anfange konnte ich alles dies nur undeutlich durch die dichtgedraͤngten Reihen der aufgehangenen blutigen Fleiſchſtuͤcke von drei oder vier Kühen ſehen, welche in lange Streifen geſchnitten waren. Dieſe Fleiſchſtreifen bildeten wie die Lianen in den Waͤldern tauſ end ſeltſame Verſchlin⸗ gungen an den Säulen vorn und auf den zu dieſem Zwecke ausgeſpannten Seilen und gewaͤhrten unter der Sonne, die ſie dorrte, alle Farbennuancen von dem Blutroth, dem verſchiedenen Violet und Blau bis zu dem ſchoͤnſten Gruͤn. In dem Hofe auf einer Menge eingerammter Pfaͤhle waren friſchabgezogene Haͤute ausgebreitet. Schwaͤrme von Flie⸗ gen ſummten umher und die Geruͤche waren nicht die lieb⸗ lichſten. Das war das Aſyl, welches mir mein gefaͤlliger Landsmann angewieſen und empfohlen hatte. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, klein von Geſtalt, ſaß auf einer Art Stuhl von Rohr und rauchte gemaͤchlich mitten unter dieſem Fleiſche eine Cigarre. Seine Haltung und Kleidung hielten die Mitte zwiſchen dem Prieſter und Laien. Da ich unentſchloſſen, ob ich die mir gegebenen An⸗ deutungen benutzen ſolle, vor der Thuͤr hin⸗ und herritt, ſo redete der Mann mich an. „Sie ſind fremd, wie ich ſehe und ſuchen vielleicht ein Unterkommen?“ Allerdings und wenn dieſes Haus zu vermiethen iſt, wie 7 man mir geſagt hat, koͤnnte ich mich wohl darin einrichten.“ —— 60 „So ſteigen Sie ab und nehmen Sie die Gaſtfreund⸗ ſchaft an, die ich Ihnen in dieſem Hauſe meines Freundes anbiete.“ Im Geſpraͤch mit meinem neuen Gaſtfreunde erfuhr ich, daß er Sacriſtan in Guaymas ſei, was ihm ſo wenig Zeit koſtete als Nutzen brachte, da ſeine Kirche erſt noch gebaut werden ſollte. „Bis die Regierung des Staates die Kirche bauen laßt, die er uns verſprochen hat, mache ich mit meinem Freunde Cafillas einige Geſchaͤfte. Er iſt ein junger Mann, dem man forthelfen muß.“ Ehe ich mich in ein Weiteres einließ, wollte ich mich mit dem Manne uͤber die ſchreckliche Ausſtellung verſtaͤndi⸗ gen, welche den Eintritt in das Haus verſperrte. „Daruͤber moͤgen Sie ohne Sorgen ſein“, antwortete mir der Sacriſtan;„ich bin dabei intereſſirt, Sie ſo ſchnell als moͤglich davon zu befreien, denn es iſt eine Speculation, die ich in Abweſenheit Caſillas mache und die ich aus mir bekannten Gruͤnden vor ſeiner Ruͤckkehr beendigen muß, welche binnen zwei Tagen erfolgen wird.“ Nachdem ich über das baldige Verſchwinden dieſer un⸗ angenehmen Nachbarſchaft beruhiget war, wurden wir bald über den Preis einig. Der Sacriſtan war in allen Punkten ſehr nachgiebig. Nur der Tiſch blieb noch zu ordnen und er nannte mir ein kleines Wirthshaus in der Naͤhe des Ha⸗ fens, wo ich meine Mahlzeiten einnehmen konnte.„Die vorzuglichſten Mitglieder der proviſoriſchen Regierung be⸗ ſuchen es ſehr häufig“, ſetzte er hinzu,„und Sie werden da glaͤnzende Bekanntſchaften machen. Und nun“, fuhr er mit gewinnendem Lächeln fort,„wuͤrden Sie meinem Freun⸗ de, der gerade jetzt kein Geld hat, einen großen Dienſt er⸗ zeigen, wenn Sie die Miethe auf vierzehn Tage vorausbe⸗ zuhlen wollten.. Ich nehme das Geld fuͤr ihn in Empfang.“ Abends begab ich mich in das mir bezeichnete Wirths⸗ haus, in welchem bereits eine zahlreiche Geſellſchaft ver⸗ ſammelt war. Das Wirthshaus wurde von zwei jungen Leuten gehalten, welche in Folge des unbeſchraͤnkten Cre⸗ dites, den ſie den Haͤuptern der Verſchworenen gewaͤhrten, in dieſem Augenblicke in großem Anſehen ſtanden. Einer derſelben uͤbernahm es, mich vorzuſtellen. In einem kleinen Saale neben dem Zimmer, in welchem ſich der Schenktiſch befand, ſaßen um eine lange maſſive Tafel herum etwa zwolf Maͤnner, welche tranken oder ſpielten. Einige Talg⸗ lichter mit ſchauerlichen langen Schnuppen verbreiteten ein zweifelhaftes Licht, ließen aber die Ecken voͤllig dunkel. Auf den beiden leergebliebenen Baͤnken lagen geſtickte Maͤntel, tauſendfarbige Sarapes, Hüte mit Goldtreſſen und Strohhuͤte, lange Degen mit eiſernem oder ſilbernem Griffe untereinander. Ein dicker Tabaksrauch wirbelte um die Flammen der Lichter und ſchwebte wie ein Zeltdach üͤber den verbrannten Geſichtern. Der franzoͤſiſche Brannt⸗ wein, der Tafia, der Mescal von Tequila kreiſeten raſch von Hand zu Hand, aber die Trunkenheit begann erſt. Ein hochgewachſener Mann mit ſcharfausgeprägten Zuͤgen und ſchwarzen Augen, deſſen dichter Backenbartſich bis an einen Mund mit blendendweißen Zaͤhnen zog, erhob ſich bei mei⸗ nem Eintritte. „Willkommen, Herr Franzoſe, denn Ihre Nation hat —— 62 keine Servilen in ihrem Schooße; willkommen! Man bringe ein Glas!“ Aus einer Ecke des Saales rief eine brandweinheißere Stimme: „Frankreich iſt eine große Nation und der Kaiſer Na⸗ poleon ein großer Mann. Wie geht es ihm?“ Bei dieſer wunderlichen Frage drehete ich mich um, um zu ſehen, woher die Stimme komme; es war ein alter Ser⸗ geant, der ſich an die Wand gelehnt nnd einen ungeheuern Saͤbel zwiſchen den Beinen hatte. „Sie ſind ſehr guͤtig. Wie es einem großen Manne geht, der ſeit zwanzig Jahren todt iſt.“ Der alte Sergeant druͤckte die Augen zu und hoͤrte wahrſcheinlich dieſe Antwort nicht, denn ſein Kopf ſank ſchwer auf ſeine Bruſt herab. Ignacio Ochva(er hatte mich empfangen) ſchlug auf den Tiſch, als wolle er Ruhe gebieten, dann wendete er ſich gegen mich und ſprach in dem emphatiſchen und ſententioſen Tone, welchen die Bewohner Sonoras von den Indianern angenommen haben: „Ich bin in der Gegend hier entſetzlich verleumdet wor⸗ den, Herr Fremder, wie es dem Armen ergeht. Ich war arm, aber jetzt bin ich maͤchtig. Wer koͤnnte mich hindern, Rache zu uͤben? Niemand. Ochoa kann dahin gelangen, wohin das Feuer dringt; er kann erreichen, was der Wind erreicht. Aber nein, ich werde mich nur durch Wohlthun rächen.“ Nach dieſen Worten ſtieß der kuͤnftige Wohlthäter So⸗ noras kraͤftig ſein Meſſer in den maſſiven Tiſch, daß es alle 63 Flaſchen und die Leuchter erſchuͤtterte und von den Lichtern die rauchenden Schnuppen abfielen. „Wer von uns ware nicht verleumdet worden? Hat man in Arispe nicht geſagt, ich hätte meinen Bruder er⸗ mordet?“ rief mit unheimlichem Laͤcheln ein junger Mann mit krauſem Haar und galliger Farbe aus. „Sie, Guttierrez!“ unterbrach ihn Ochoa mit finſterem Tone.„Gebe Gott, daß es eine Verleumdung iſt!“ „Wie?“ fuhr der junge Mann heftig auf und Leichen⸗ blaͤſſe bedeckte ſein Geſicht,„wollen Sie zu behaupten wa⸗ gen, man habe die Wahrheit geſagt?“ Er riß das Dolchmeſſer Ochvas heraus, das noch in dem Tiſche zitterte. Ochoa wich raſch zuruͤck, umwickelte ſeinen Arm mit dem erſten beſten Mantel, den er fand und nahm, mit dem Degen in der Hand, die Stellung eines zum Angriffe fertigen Stierkämpfers an. Die Umſtehenden blie⸗ ben unbeweglich, ohne daran zu denken, zwiſchen den Strei⸗ tenden einzuſchreiten, als plotzlich ein in einem Winkel kau⸗ ernder Mann eine kleine neben ihm ſtehende Harfe ergriff und ein klagendes Vorſpiel begann. Der Klang dieſes In⸗ ſtrumentes ſchien wie Davids Harfentone den boͤſen Geiſt zu vertreiben. Ochva und Guttierrez ſetzten ſich wieder nieder. In dieſem Augenblicke trat ein junger Mann ein und obwohl ſein Geſicht keine heftige Gemuͤthsbewegung ver⸗ rieth, ſo ſchienen doch ſeine Blaſſe, ſein verworrenes Haar und ſein unordentlicher Anzug ſein Geſicht Luͤgen zu ſtrafen. „Ach, Sie ſind es, Cafillas!“ rief Ochoa aus;„haben 64 Sie meinem Befehle gemaß die Recognoscirung ſo weit als moͤglich ausgedehnt? Wo ſind die Hiaquis?“ Der junge Mann, an den ſich Ochoa wendete, ſammelte ſich einige Augenblicke, ehe er antwortete. „Zum Gluͤck, Herr Capitain, iſt die Gefahr nicht ſo drohend als man fuͤrchtete. Die Hiaquis ſind ruhig und nichts läͤßt ahnen, daß ſie uns ſobald anzugreifen gedenken; wenigſtens“ ſetzte er hinzu,„glaube ich es.“ Der Name Caſillas war mir aufgefallen, denn es war der des Freundes des Saeriſtan und ich beobachtete den Mann aufmerkſam. Er mochte fuͤnf⸗ bis ſechsundzwanzig Jahrealt ſein und hatte ein intereſſantes Geſicht. Die Blaͤſſe ſeiner Stirn, auf die prächtiges Haar ſiel, hob die großen ſchwarzen Augen mit den ſchoͤngebogenen Brauen hervor. Nachdem er Bericht uͤber ſeine Sendung abgeſtattet hatte, nahm er den traurigen Ausdruck wieder an, welcher ſein gewoͤhnlicher zu ſein ſchien. Dann erſchien wieder ein Anderer auf der Schwelle. Er trug in der Hand einen Rohrſtock mit goldenem Knopfe, auf den er ſich ſtutzte. Obgleich er eine ſehr wichtige Miene angenommen hatte, ſo errieth man doch leicht, daß er ſich unbehaglich in der Geſellſchaft fuͤhlte, zu welcher er nicht eingeladen worden war. Ebenſo verhuͤllten einige der Aben⸗ teuerer, die an dem Tiſche ſaßen, ſo gut als moͤglich eine Beſorgniß, die gleichwohl deutlich in ihren Zuͤgen zu leſen war. Nur Ochoa behielt ſeine vollkommene Ruhe. „Nun, was will der Herr Alcade bei uns?“ fragte er, indem er den Neuankommenden mit ſtolzer Geringſchätzung anſah. 65⁵ „Ich bringe ſchlimme Nachrichten, ihr Herren“ ſagte der Alcade;„ich erfahre, daß die Hiaquis gegen den Rancho*) ruͤcken, daß ihre Schaaren die Ebene bedecken und ihre Feuer ſich bis zum Cerro del Huerfano erſtrecken und ich moͤchte mit Ihnen die noͤthigen Maßregeln zur Sicherheit der Stadt beſprechen.“ „Dazu bieten Sie uns wahrſcheinlich den Arm Ihrer Haͤſcher an?“ entgegnete Ochoa.„Die Militairbehoͤrde, die ich hier vertrete“, ſetzte er hinzu, während er aufſprang, „hat von der Civilbehoͤrde weder Rath noch Befehle zu empfangen; ſoll ich Sie an unſere Privilegien erinnern?“ Der Stab der Juſtiz, den der goldene Stockknopf ver⸗ trat, neigte ſich vor dem Soldatenſaͤbel. Der Alcade ſchwieg. „Iſt das alles, was Sie mir zu ſagen haben?“ „Ich habe noch eine andere Nachricht, aber dieſe geht nur Sie an, meine Herrn. Es kommen, wie man ſagt, zwei Regimenter von Arispe her. Der Generalgouverneur ſchickt ſie.“ In den Augen Ochoas blitzte kriegeriſche Begeiſterung und er rief aus: „Sehr gut, Herr Alcade; nur dieſe doppelte Nachricht konnte uns Ihre Ankunft hier angenehm machen. Zweimal alſo willkommen. Barde“, ſetzte er hinzu, indem er ſich an den Harfenſpieler wendete,„ſtimme einen Kriegsgeſang an, beſinge unſern Sieg und das Begraͤbniß unſerer Feinde. *) Der Rancho de San Joſe de Guaymas, ein kleines Dorf in der Nähe Guaymas. Amerik. Reiſenovellen. 5 66 Und Sie, Caſillas, empfangen Sie meinen Dank fuͤr Ihre Nachrichten.“ Caſillas ſtammelte einige Entſchuldigungen, welche der Klang der Harfe bald ubertoͤnte. Ein Schlag an den Fen⸗ ſterladen draußen erſchreckte die ganze Geſellſchaft und eine gellende Stimme rief: „Iſt es wahr, daß mein Freund Caſillas bereits zu⸗ ruck iſt?“ Ich erkannte meinen Wirth, den Sacriſtan, und er war es wirklich. Er ſturzte in das Zimmer herein, waͤhrend der Alcade ſich ſtill entfernte. „Was werde ich erfahren?“ rief der Sacriſtan aus, indem er ſich in die Arme des Caſillas warf.„Aber was haſt Du? Was bedeuten dieſe Blutstropfen da an Deinem Hemdkragen?“ „Es iſt nichts“, antwortete Caſillas, indem er ſich raſch aus der Umarmung ſeines Freundes losmachte. „Es iſt aber doch etwas.. Es ſieht wie ein Stich aus. Biſt Du gefaͤhrlich verwundet?“ „Es iſt nichts, ſage ich Dir“, entgegnete Caſillas, in⸗ dem er ſein Halstuch wieder umband;„ein Dorn hat mich am Halſe geritzt.“ Seine Stimme aber und ſeine Hand ſchienen zu zittern. „Weißt Du“ ſagte er zu dem Sacriſtan,„daß die Hiaquis vor den Thoren ſtehen?“ Bei dieſer neuen Nachricht ſah der Sacriſtan aus wie Jemand, der mit einemmale die lange geſuchte Aufloſung eines Raͤthſels findet und er rief aus: 67 „Ach, Freund, nun erkläre ich mir auch das Verſchwin⸗ den Deiner drei Kuͤhe.“ „Meiner Kuͤhe?“ fragte Caſillas beſorgt. „Ja, weißt Du? der letzten, der einzigen, die wir im Spiele nicht verloren hatten. Jetzt ſehe ich es ein; die In⸗ dianer werden ſie geraubt haben.“ Und als der Sacriſtan, der dieſe Behauptung mit ſel⸗ tener Unverſchaͤmtheit ausſprach, mich bemerkte, begruͤßte er mich und fuhr raſch fort: „Wenn ich Dir ſage, ſie find verloren, ſo iſt das nicht ganz woͤrtlich zu verſtehen. Sobald ich erfuhr, daß ſie ver⸗ ſchwunden waͤren, ſuchte ich ſie auf. Die Spuren waren leicht zu finden, denn eine der Kuͤhe hinkte. Mit einemmale hoͤrten die Spuren auf, zum Gluck ließ mich ſie aber Dein guter Stern in der Nähe wiederfinden, freilich ſchon zer⸗ ſchnitten. So wirſt Du ſie in dem Hauſe als cecina wieder⸗ ſehen, wie es der Herr da geſehen hat“, ſagte er und wieß auf mich. „Die Fliegen haben ſie hoffentlich nicht aufgezehrt?“ fragte Caſillas. „Ah!“ entgegnete der Sacriſtan mit beleidigter Wuͤrde. „Nun“, fuhr Caſillas uͤbelgelaunt fort,„ich furchtete, es ſei mit den Kühen wie mit der Partie Panocha*), die Du mit meinem Gelde gekauft hatteſt und welche die Fliegen in meiner Abweſenheit aufzehrten.“ *) Caſſonade in kleinen Broden, womit in Sonora be⸗ veutender Handel getrieben wird. 5* 68 „Man iſt nicht immer unglucklich“, entgegnete ſenten⸗ tios der Sacriſtan etwas verlegen unter dem lauten Lachen, welches die Erinnerung an die Spitzbuͤberei veranlaßte, welche in ganz Guaymas bekannt war. „Wenn ich Dir einige Dienſte verdankte“, fuhr Caſillas fort,„ſo glaube ich nun quitt mit Dir zu ſein und ich gebe Dir mein Wort, daß ich mich nicht noch einmal betruͤgen laſſe.“ Der arme Cafillas konnte nicht in die Zukunft ſehen. Nachdem der Sacriſtan trotz dieſer feierlichen Erklaͤ— rung ſeinem Freunde nochmals wegen der ſchnellen Ruͤckkehr und wegen des Gluͤckes gratulirt hatte, den Indianern ent⸗ gangen zu ſein, ſchuͤtzte er Geſchaͤfte vor und entfernte ſich, weil er ſich in dieſer Geſellſchaft nicht recht behaglich zu fühlen ſchien. Der Eintritt des Sacriſtans und ſein Geſpraͤch mit Caſillas hatte eine furze Zeit die wichtigen Nachrichten, welche der Alcade uͤberbracht hatte, in den Hintergrund gedraͤngt. Als aber die Thuͤre ſich hinter dem Alcaden ge⸗ ſchloſſen hatte, dachte man wieder an die Gefahr, welche Guaymas und die Verſchworenen bedrohete und es trat eine tiefe Stille ein, die nur durch das Geraͤuſch draußen und das Schnarchen des alten Sergeanten unterbrochen wurde. Erſt als dieſer keinen Laͤrm, kein Glaͤſerklingen mehr um ſich horte, ſchlug er plötzlich die Augen auf. „Sie ſagten mir, glaube ich“, rief er mir mit heiſerer Stimme von neuem zu,„der Kaiſer Napoleon befinde ſich wohl. Caramba! Das freut mich. Er iſt ein großer Mann, gleich nach Santa⸗Anna.“ 69 Und da er ſah, daß alle Anweſenden ſchwiegen, fuhr er fort:„was geht denn hier vor? Iſt kein Mescal, kein Branntwein mehr da?“ Man theilte ihm die erhaltenen Nachrichten mit. „Gut“, antwortete er;„iſt es ein Grund nicht mehr zu trinken, weil ſich die Regierung gegen uns auflehnt und weil die Hiaquis ein Regiment gegen uns ſchicken?“ Er nahm die erſte Flaſche, die er erreichen konnte und leerte mit einem Zuge aus, was noch darin war. Sein Ueberreſt von Verſtand und Kraft verſchwand gleich darauf ebenfalls und er ſank bald klirrend unter den Tiſch. Dieſe unerwartete Epiſode führte die Heiterkeit unter die Anweſenden zuruͤck, welche wieder anfingen zu ſpielen und zu trinken. Nur Ochoa ſchien nachdenkend zu ſein; er uͤberlegte vielleicht, welche Verantwortlichkeit in Abweſen⸗ heit des General Tobar auf ihm laſtete; die Umſtaͤnde wurden ernſtund die Sache konnte fur den Capitain ſchlimm ablaufen; er drehete den Schnurbart ungeduldig und in ſeinen Augen blitzte es unheimlich. Es fehlte dieſem Ban⸗ diten, auf welchem faſt das Schickſal einer ganzen Stadt ruhete, nicht an etwas Großartigem. „Nun, was werden Sie thun?“ fragte Caſillas Ochoa, indem er ihn beſorgt anſah. „Was ich thun werde?“ entgegnete Ochoa.„Der Ge⸗ neral Tobar muß ſogleich von dem Vorgehenden benach⸗ richtiget werden. Will Jemand ſogleich aufſitzen und mit verhängtem Zügel zu ihm reiten?“ Eine tiefe Stille folgte dieſem Antrage und Ochoa ſah mit Stirnrunzeln um ſich. 70 „Ich will hinreiten“, antwortete endlich Zampa Tortas, ein ſanft und beſcheiden ausſehender junger Mann, der noch kein Wort geſprochen hatte. „Ich brauche einen hombre de a caballo, denn der Weg iſt gefahrlich“ entgegnete Ochoa bei dem Anblicke des jungen Zollſchreibers, denn dies war Zampa Tortas. „Ich werde reiten“, antwortete der junge Mann ein⸗ fach,„und bitte nur um die Zeit mein Pferd zu ſatteln.“ „Gott geleite Sie!“ ſagte Ochoa und nahm ihn bei Seite, um ihm ſeine Inſtructionen zu geben. „Nun“, fuhr der Capitain darauf fort,„iſt unſere Pflicht uns vorgezeichnet. Unſer Platz iſt im Rancho, ſobald er angegriffen werden wird. Jetzt iſt es elf Uhr; nach drei Stunden brechen wir auf. Begebe ſich Jeder zur Ruhe, um ſich zur beſtimmten Zeit auf dem Marktplatze einzufinden.“ — Dann wendete er ſich an mich und ſagte in ſeiner pomp⸗ haften Sprache:„Herr Franzoſe, Sie ſind der Sohn eines kriegeriſchen Landes. Wollen Sie ſich uns anſchließen? Wenn Sie zuruͤckkommen, werden Sie Manches geſehen haben, was erzaͤhlt zu werden verdient.“ Ich haͤtte gern, ich geſtehe es, dieſe Ehre abgelehnt, da es aber ebenſo gefaͤhrlich war zu bleiben als vorwaͤrts zu gehen, ſo verwuͤnſchte ich von neuem den Mangel an Gaſtlichkeit bei meinem Landsmannes und nahm den Vor⸗ ſchlag an. „Noch einmal die Glaͤſer angeſtoßen“, rief Ochoa aus, „moͤgen wir uns alle wieder hier beiſammenfinden, um auf unſern Sieg und den Ruhm des mexikaniſchen Volkes zu trinken!“ 71 Die Glaͤſer klangen von neuem aneinander; der alte Sergeant wurde geweckt und jeder entfernte ſich, um ſich zu den Gefahren der Nacht vorzubereiten. Die Kunde von dem nahe bevorſtehenden Angriffe, welchen die Hiaquis beabſichtigten, hatte ſich unterdeß in Guaymas verbreitet und die Beſtürzung war durch die Er⸗ zählung mehrerer Perſonen geſteigert worden, welche den Wilden glucklich entgangen waren und meldeten, die Krie⸗ gerſchaaren der Hiaquis bedeckten die Waͤlder und Ebenen und es wäre um Guaymas geſchehen, wenn der Rancho, der gleichſam die vorgeſchobene Citadelle war, genommen wer⸗ den ſollte. Obwohl es Nacht war, ging doch Niemand zu Bett und da das Dunkel die Furcht ſtets vermehrt, ſo glaubte man jedesmal, wenn in einer der entferntern Straßen ir⸗ gend ein Geraͤuſch entſtand, bereits das Geſchrei der In⸗ dianer zu hören undſie wie entfeſſelte Damonen in die Stadt hereinſtuͤrzen zu ſehen. Die Frauen und die Kinder ſchickten ſich an, eine Zufluchtsſtätte auf den fremden Schiffen und den Kuͤſtenfahrzeugen, um den Hafen herliegen; die Männer dagegen legten ihre Waffen bereit. Um zwei Uhr f platze ein. Der Mon anden ſich alle puͤnktlich auf dem Sammel⸗ d wollte an dem ſternenglanzenden Himmel eben hinter dem Felſenkranze untergehen, welcher uͤber Guaymas hinwegragt; ſeine Strahlen fielen ſchief auf den Hafen, deſſen klares Waſſer ſie beſchienen, das wie voll⸗ kommen ſtillſtehend ausgeſehen haben wurde, wenn die Flut nicht einen weißen Schaum an den Strand getrieben haͤtte. Die ſchwarze Maſſe der vor Anker liegenden Schiffe zeigte wie auf den Inſeln zu ſuchen, welche 72 ſich deutlich unter der Inſel Venado, welche im Schatten einem rieſenhaften geſcheiterten Schiffe glich. Piroguen und Boͤte mit Frauen und Kindern kreuzten ſich auf der Rhede und ließen eine lange leuchtende Spur hinter ſich zuruͤck. Auf den Inſeln leuchteten Feuer uͤber die Wipfel der Palmen hinweg und der Wind trieh große Rauchwolken vor ſich her. Schaaren von Moͤven flatterten unter gellen⸗ dem Geſchreierſchreckt umher, waͤhrend große Pelikane, die wie Hieroglyphen auf einem Beine ſtanden, gleichgiltig auf den ungewoͤhnlichen Lärm ſahen. Als ich auf dem Marktplatze ankam, erblickte ich eine compacte Maſſe von Reitern, deren Pferde ſcharrten und wieherten. Von Zeit zu Zeit beleuchtete der Feuerglanz brennender Cigarren gebraͤunte Geſichter, die bald darauf wieder im Dunkel ver⸗ ſchwanden. Man war zum Aufbruche bereit und wartete nur noch auf die Ruͤcktehr derer, welche ihre Familien in Sicherheit auf die Inſeln gebracht hatten. Die geraͤuſchvolle Bewegung im Hafen hoͤrte allmaͤlig auf und neue Verſtaͤrkungen ſchloſſen ſich nach und nach den auf dem Markte verſammelten Reitern an. Bald zeigte die Rhede auf ihrer Flaͤche keine Boͤte und Piroguen mehr, ihr Waſſerſpiegel wurde wieder ruhig; die Familien waren in Sicherheit auf den Inſeln oder auf den Schiffen. Ehe Ochoa das Zeichen zum Aufbruche gab, ritt er an ſeiner Schwadron hinab, um ſich zu uͤberzeugen, ob alle ſeine Leute zugegen waͤren. Mit einemmale rief er aus:„ich ſehe ja den Caſillas nicht“, und man meldete ihm, daß Caſillas gleich nachdem er das Wirthshaus verlaſſen, ſein Pferd geſattelt habe und fortgeritten ſei, ohne zu ſagen wohin. Der Capitain runzelte 73 unzufrieden die Stirn. Endlich wollte er das erwartete Signal geben, als der junge Mann zuruͤckkam, den er zu dem General Tobar geſchickt hatte. Ochoaritt ihm entgegen, ſobald er ihn erkannt hatte, ſchuͤttelte ihm freundlich die Hand und fragte: „Nun, Zampa Tortas, Sie kommen zu rechter Zeit, um ſich uns noch anzuſchließen. Welche Nachricht bringen Sie mir von dem General?“ „Der General war abweſend; er zieht im Lande um⸗ her, um Unterſtützung fuͤr unſere Sache zu gewinnen; ich habe ihm aber Ihre Meldung durch einen Boten zugeſchickt, um wieder zu Ihnen zuruͤckzukehren.“ „Willkommen!“ ſagte Ochoa.„Nun wollen wir fort.“ „Noch einen Augenblick, Capitain“ entgegnete Zampa Tortas;„ich bin nicht allein zuruͤckgekommen. Ein indiani⸗ der Stadt auf ſicheres Ge⸗ ſcher Bote wartet am Eingange Hauptling der Yoris*) leite von Ihnen, um, wie er ſagt, dem wichtige Nachrichten mitzutheilen.“ „Er hat nichts zu fuͤrchten; holen Sie ihn.“ Zampa Tortas gab ſeinem Pferde die Sporen und kam einige Minuten ſpaͤter mit einem Indianer in Kriegstracht zuruͤck. Dieſer blieb vor Ochoa ſtehen und wartete, daß der Capitain ihn anrede. 3 „Sprich!“ ſagte der Capitain.„Wer ſchickt Dich? Der Hund von Banderas?“ „Banderas iſt ein Hund“, antwortete der Hiaqui;„ich bringe nicht ſeine Botſchaft. U' Sacame ſendet mich und *) Die Weißen. 74 die Worte, die ich dem Haͤuptlinge der Yoris ſagen ſoll, lauten alſo: U'Sacame iſt von Banderas beleidiget worden; man hat ihm ſein Haus niedergebrannt; er iſt der Feind ſeines Stammes geworden. Zweihundert Krieger begleiten ihn. Wenn die Weißen ihm ihre Hilfe verſprechen, das Haus des Banderas niederzubrennen, ſo werden ſich ſeine Krieger gleichzeitig mit dieſen Reitern da in den Rancho begeben.“ Die laut und in ziemlich gutem Spaniſch vorgetragene Botſchaft wurde mit großer Befriedigung angehört, denn Jedermann kannte die Tapferkeit des Nebenbuhlers Ban⸗ deras und dieſe unverhoffte Verſtärkung kurz vor einem ent⸗ ſcheidenden Kampfe war nicht zu verachten. Ochoa nahm die Anträge U' Sacame's an und verpflichtete ſich in ſeinem und ſeiner Begleiter Namen, ihn zu unterſtützen und glön⸗ zende Rache an ſeinem Nebenbuhler zu nehmen. „Und nun, meine Herren“, rief Ochoa aus,„vorwaͤrts!“ Die Schwadron brach auf, waͤhrend der Indianer einen Querweg einſchlug, um wieder zu ſeinem Häuptlinge zu gelangen. In dieſem Augenblicke ſtieß auch Caſillas wieder zu uns. Sein Pferd keuchte wie nach einem ſehr ſchnellen Ritte.„Beſſer ſpaͤt als gar nicht“, ſagte Ochoa in ſpoͤtti⸗ ſchem Tone. Caſillas antwortete nicht. Zwei kleine Stunden trennen den Rancho de San Joſe de Guaymas von Guaymas ſelbſt. Die Straße zieht ſich zum groͤßten Theile uͤber kalkige Ebenen, wo ſelbſt die Kopals und Cactus nur ſehr einzeln wachſen. Der Mond beleuchtete dieſe oͤden ſtillen Ebenen und die Cactus warfen ihre großen Schatten auf die weiße kahle Erde, die kein 75 dumpfen Schall der Tritte unſerer Wir kamen ſchnell uber dieſe Haiden hin, aber in einiger Entfernung vor dem Rancho ſtanden ſtachelige Bäume und Buͤſche an beiden Seiten des Weges. Man ſchien im Dunkel unbewegliche Geſtalten zu bemerken und Ochva ließ Halt machen. „Galopp!“ ſagte er halblaut,„damit wir ſchnell durch dieſen Paß kommen und Feuer nach allen Seiten!“ Dann ſetzte er mit einer Stimme, die in der Stille der Nacht weit hinſchallte, hinzu:„Santiago!“ Bei dieſem Worte, auf das die Pferde fortzuſchießen poegen, erſchuͤtterte ihr Galopp die Erde und unſere Schwa⸗ vren wagte ſich entſchloſſen in den Wald hinein. Wieder⸗ e Schuſſe bezeichneten unſern Durchritt, aber kein Ge⸗ ſchr kein Ruf wurde gehoͤrt. Nur ein Pfeil pfiff, als die Schüſſ ſchwiegen, durch die Luft, ein Pferd bäumte ſich und ein Reiter unterdruckte einen Schmerzenslaut. Dann knall⸗ ten die Schuͤſſe von neuem und man hoͤrte im Dickicht Blaͤt⸗ ter raſcheln und Zweige brechen, Koͤrper nieder, unſere Pferde ſetzten ihren Lauf fort und die Gebiſſe, die Sporen, die Säbel klirrten. Es glich im Dun⸗ tel einer Geſpenſterſchlacht. Nach einigen Minuten waren wir an dieſer gefährlichen Stelle vorüber, welche uns haͤtte verderblich werden können, wenn ſie von der Hauptmacht der Indianer und nicht von einem einzelnen Haufen beſetzt geweſen wäre. In der Ebene wurde wieder Halt gemacht. Einige Pferde und einige Reiter waren verwundet, aber es fehlte Niemand. Ein donnerndes Hurrah der ganzen Schwadron wurde von Echo hatte, um den Pferde zu verbreiten. als falle ein ſchwerer 76 der Beſatzung wiederholt, waͤhrend man die Schlagbaͤume niederließ, um uns einzulaſſen. Der Rancho beſteht aus einem großen Platze und zwei Gaſſen, die ihn in rechten Winkeln durchſchneiden, ſo daß er nur vier Eingaͤnge hat. Dieſe Eingaͤnge waren feſt mit Palmenſtaͤmmen verrammelt, welche dem Feuer faſt ebenſo⸗ gut widerſtehen als dem Beile und ein kleines Geſchuͤtz vermehrte die Vertheidigungsmittel an jedem Thore. Zwei⸗ hundert Mann ohngefaͤhr waren in dem Dorfe bereits ver⸗ ſammelt; theils lagen ſie auf dem freien Platze, theils hatten ſie ſich in den Häuſern verſchanzt und mit denen, die Ochoa brachte, belief ſich die weiße Beſatzung auf ungefaͤhr dreihundert Mann. Bei dem erſten Blicke, den Ochva nach ſeinem Einzuge im Roucho um ſich that, erkannte er, daß U'Sacame ſein Wort gehalten hatte. Seine zweihundert Krieger, die bei⸗ ſammen, von den andern geſondert, um Feuer lagerten, welche ſie angezuͤndet hatten, ſchienen von weitem Marſche auszuruhen. Dieſe Verſtäͤrkung brachte die Zahl der Ver⸗ theidiger auf fuͤnfhundert. Zwei Indianer, die unter ihren lagernden Genoſſen ſtanden, hielten die Zugel eines ſchoͤnen Schlachtroſſes, das zur Haͤlfte mit einer Decke von ſcharlach⸗ rothem Tuche bedeckt, am Schweife mit Baͤndern und an der Maͤhne ebenſo geſchmuͤckt war. Waͤhrend Ochoa das Thier mit Kenneraugen betrachtete, fuhlte er ſich leicht an der Schulter beruͤhrt; er drehete ſich um und U'Sacame ſtand vor ihm. Der Weiße und der Indianer betrachteten einander einen Augenblick neugierig, denn ſie kannten einan⸗ 2 — der noch nicht. Ochoa ſchien uberraſcht zu ſein, U'Sacame in mexikaniſcher Tracht vor ſich zu ſehen. „U'Sacame hat nur ein Wort“, ſagte der Indianer, indem er auf ſeine Krieger an den Feuern zeigte;„haben die Weißen zwei?“ „Nein“, antwortete Ochoa,„die Weißen vergeſſen ge⸗ leiſtete Dienſte nicht; ſie ſind tapfer; die Undankbarkeit iſt das Laſter der Feigen.“ „Gut“ entgegnete der Indianer, den eine lange Ant⸗ wort mißtrauiſch gemacht haben wuͤrde.„Die Zeit iſt nicht fern, da die Weißen zeigen werden, ob ſie ihren Freunden vergelten können; die Zeit naht, da ſie zeigen werden, ob ſie tapfer ſind.“ Der Indianer machte Ochoa aufzwei Punkte am Himmel aufmerkſam und ſetzte hinzu:„Wenn der Mond hinter dieſem Hügel hinabgeht, wenn der Wagen ſich hinter jene Palmen ſenkt, werden die Pfeile pfeifen, aber nicht eher; die Indianer lieben das Licht des Mondes nicht. Der Haͤupt⸗ ling der Yoris und ſeine Krieger werden wohlthun, im Schlafe Kraft zu ſammeln; U'Sacame wacht fur ſie.“ „Nein, die Weiber und Kinder ſchlafen auf den Inſeln von Guaymas, die Maͤnner werden im Rancho wachen“, antwortete Ochoa, welcher ſich deſſelben emphatiſchen Tones bediente, um ſein Mißtrauen vor einem noch nicht erprobten Bundesgenoſſen zu verbergen. Der Indianer drang nicht weiter in ihn, denn ein ſol⸗ cher Kriegerſtolz gefiel ihm und in ſeinem Herzen lag kein boͤſer Nebengedanke. Ohne weiter ein Wort zu ſprechen, gingen die beiden Männer nach dem Thore zu, welches die Straße nach der Seite hin ſchloß, an welcher jedenfalls —————————— 78 der Angriff begann. In einer gewiſſen Entfernung ver⸗ deckte ein Huͤgel die Straße, welche ſich in ein Thal hinab⸗ ſenkte. Dort lagerten die Hiaquis. Die Gegend war ſtill, der Himmel klar, die Strahlen des Mondes fielen auf die Rauchſaͤulen, welche aus dem Lager der Indianer empor⸗ ſtiegen und deren große Anzahl verrieth, daß ſie wenigſtens zweitauſend Mann ſtark waren. Die Stille hatte etwas Schauerliches, ſo daß, die Kuͤhle der Nacht dazu gerechnet, der Muthigſte wohl zittern konnte. „Das offene Auge ſieht den Verrath voraus“, ſagte U'Sacame nach einer langen Pauſe, als denke er noch an die letzten Worte Ochoas, deren geheimen Sinn er wohl errathen hatte.„U'Sacame bürgt für ſeine Leute; kann dies der Pori⸗Haͤuptling auch ſagen?“ „Ich buͤrge fuͤr die Meinigen“, antwortete Ochoa ſtolz; „aber ich wuͤrde auch den Verräther ermorden, wenn ſich einer unter ihnen befaͤnde.“ „Gut“, ſagte der Indianer kalt und beide ſchwiegen von neuem. Der Mond war unterdeß nahe an den Horizont gekom⸗ men und der Wagen erreichte bereis die Wipfel der Pal⸗ men, als alle Vorbereitungen getroffen, die Dächer der Haͤuſer mit Weißen und Indianern beſetzt und die Artille⸗ riſten an ihren Geſchutzen aufgeſtellt waren. Bald begann ein verworrenes Gemurmel langſam von dem Thale her ſich zu erheben und dann verſtärkte es ſich wie das Rauſchen des Meeres in der Ferne. Jeden Augenblick kam das Getoͤſe naͤher, ähnlich einem Sturmwinde, bis Geſchrei und Geheul verrieth, daß dieſer Sturm in der Bruſt von Menſchen tobe. 79 Die Hiaquis, welche auf ihre uberlegene Zahl baueten, vernachläͤßigten die gewoͤhnlichen Vorſichtsmaßregeln und verſchmäheten es, ihre Annäherung zu verheimlichen. Dann erhoben ſich hinter der wellenförmigen Anſchwellung der Ebene, die ſeit dem Untergange des Mondes im Dunkel lag, Koͤpfe in großer Menge, es bildete ſich eine dunkele Maſſe und Pfeile ſchwirrten durch die Luft. Die ſchwarze Maſſe kam naͤher und näͤher, ein Knall folgte einem blen⸗ denden Blitze und Kartaͤtſchen ſchlugen weite Luͤcken, die aber alsbald wieder ausgefullt wurden, in den Haufen. Der Kampf hatte begonnen. Die Indianer, welche das erſte Glied bildeten und von den Nachdraͤngenden vorgeſchoben wurden, ſtießen auf die Barricaden und verſuchten ſie zu erſteigen. Der Kampf wurde Mann gegen Mann unter graßlichem Geheul ge⸗ fuhrt; die Saͤbel, die Meſſer glaͤnzten in dem Aufblitzen der Schuͤſſe und das Blut floß auf beiden Seiten. Leider konnten die Mexikaner, welche die Kanonen bedienten, deren Schlund zwiſchen den Palmenſtämmen hinausragte, im Gedränge nur nach langen Zwiſchenräumen ſchießen. Zu zielen war nicht noͤthig, denn die Hiaquis ſtanden dicht ge⸗ drängt vor der Muͤndung. Von den Haͤuſern in der Naͤhe der Barricaden pfiffen Pfeile und Kugeln hinab und brach⸗ ten Unordnung in die feindlichen Reihen, aber neue Angrei⸗ fende erſetzten immer die, welche fielen oder flohen. Unter den Eifrigſten und Erbittertſten, deren Wogen ſich an den Verſchanzungen brachen, machte ſich im Dunkel eine ſchwarze rieſige Geſtalt bemerklich. Ein ſchweres Beil fiel jeden Augenblick ſauſend nieder und jedem Schlage folgte ein Wehelaut, denn ein Mexikaner fiel oder die Bar⸗ ricaden aͤchzeten unter dem furchtbaren Schlage. „Will denn Niemand dieſen Hoͤllenteufel niederſtrecken?“ rief Ochoa aus.„Guttierrez, einen Piſtolenſchuß auf dieſen Hund oder machen Sie mir Platz!“ Man hoͤrte den Stein auf den Hahn ſchlagen, aber nur Funken ſielen heraus und lautes Lachen antwortete auf den vergeblichen Verſuch. Das Beil fiel von neuem nieder und wenn Guttierrez dem Schlage auswich, ſo fiel neben ihm der alte Sergeant mit dem langen Saͤbel, um nie wieder aufzuſtehen, denn der Kopf war ihm geſpalten. Diesmal knallten mehrere Flintenſchuͤſſe, ohne das Ziel zu treffen, was ſie ſuchten: Hiaquis zwar fielen, aber das Beil glaͤnzte noch immer und von Minute zu Minute verſchwand ein Merikaner aus den Reihen. „Camote lacht uͤber die Kugeln der Weißen und er er⸗ ſchlägt ſie wie Hunde!“ ſchrie der rieſige Indianer. Der Name Camote ging von Munde zu Munde unter ſeinen Feinden. Es war der wohlbekannte Name eines durch ſeine ungewoͤhnliche Koͤrperkraft furchtbaren Hiaqui, der als Zimmermann in Guaymas gearbeitet und unter den Weißen das Beil zu handhaben gelernt hatte, von dem er einen ſo ſchrecklichen Gebrauch gegen ſie machte. Nach dieſer Prahlerei trat der Indianer ſeinen Platz minder Er⸗ muͤdeten ab. Die immer zuruͤckgeſchlagenen und immer wie⸗ der erneuerten Angriffe der Indianer und das Beduͤrfniß der Weißen, ſich gleichſam zu vervielfältigen und überall zugleich zu ſein, begannen indeß beide Parteien zu ermuͤden. Es folgte eine Art Waffenſtillſtand, wenn man einen Kampf 81 ſo nennen kann, der nur noch aus der Ferne fortgeſetzt wurde. Der Tag begann zu grauen, die Schuͤſſe verbreiteten ein minder helles Licht und man konnte die Pfeile in der Luft erkennen; bald fiel ſogar ein Sonnenſtrahl auf den Kampfplatz. Auf der Seite der Hiaquis verriethen nur Blutpfützen die Verwüſtungen, welche die Kugeln angerichtet hatten; kein Leichnam lag am Boden, denn es iſt ein Ehrenpunkt für die Indianer, keinen ihrer Todten auf dem Schlachtfelde zurückzulaſſen. Die Verluſte auf der Seite der Weißen waren nicht minder zahlreich und ſichtbar; ſie hat⸗ ten ja kaum Zeit gehabt, ihre Verwundeten aufzuheben und die Todten hatte man bei Seite geworfen. Die Pfeile und Kugeln pfiffen unabläßig durch den leeren Raum zwiſchen ihnen und den Barricaden. Das war ſchon ein Sieg fuͤr die Weißen. In der erſten Reihe der Feinde ſaß in halber Flintenſchußweite Camote keck da, wie ein ausruhender Holzfäller und hatte ſeine Waffe auf den Knieen. „Die Kugeln der Weißen“ ſagte er, auf die Ungeſchick⸗ lichkeit der Merikaner in der Handhabung der Schießge⸗ wehre deutend,„ſind nur ihren Freunden gefaͤhrlich; einen Freund trifft der Schuß, der einem Feinde beſtimmt war. Das Beil Camotes iſt ſicherer; es macht kein langes Feuer, iſt aber doch von dem Blute der Weißen gefaͤrbt.“ Ein Kugelregen antwortete auf dieſ en kecken Hohn, aber Camote ſchuͤttelte ſein Haupt. „Die Yoris moͤgen ihre Krieger zählen, dieſe Kugeln Amerik. Reiſenyvellen. 6 82 müſſen einige davon getoͤdtet haben“, ſagte er mit einer veraͤchtlichen Geberde. „Wenn die Hiaquis Guaymas genommen haben und die Weißen fuͤr ſie den Mais und die Waſſermelonen bauen, hat uns Banderas befohlen, ihm drei ihrer ſchoͤnſten Frauen zu bringen“ ſagte ein anderer Indianer, der wirklich die⸗ jenigen nannte, welche fur die ſchoͤnſten Frauen in der Stadt galten. Ein Schrei des Staunens erhob ſich unter den Merxi⸗ kanern, als ſie dieſe drei Namen deutlich nennen hoͤrten. Ein anderer Indianer ſetzte ſich neben Camote. Er kauerte ſich wie ein Schneider nieder, legte ſich dann auf den Ruͤcken, ſpannte mit den Fuͤßen einen Bogen, den die gewoͤhnliche Kraft der Arme nicht zu beugen vermocht haͤtte und ſagte: „Der Zapatero(Schuhmacher) wird den Weißen das Maß nehmen.“ Ein Pfeil pfiff, von unglaublicher Kraft geſchleudert, durchbohrte den Hut Ochoas und verwundete ihn am Kopfe. „Da iſt ein anderer“, fuhr der Indianer fort und er ſchoß einen zweiten Pfeil ab, welcher einen Krieger n'Sa⸗ cames durch und durch bohrte. Dann ſchallte die Stimme Camotes uͤber den Laͤrm. „Die Weißen ſind Kinder!“ rief er, indem er ſeinen Spott uͤber die Waffen der Mexikaner fortſetzte;„ihre Flin⸗ ten ſind hohle Binſen, ihre Kugeln garbanzos und ihre Ka⸗ nonen von Baumrinde.“ 1 Und er reizte ſich durch ſeine eigenen Reden auf, ſchuͤt⸗ telte ſeine langen Haarflechten, ſprang auf und lief, von 83 etwa hundert der Seinigen begleitet, unter Wuthgeſchrei herbei und faßte mit beiden Haͤnden die Muͤndung der Kanone. „Reißt die Barricaden nieder!“ rief er, indem er ſein Beil einem ſeiner Cameraden gab, waͤhrend ſeine breite Bruſt die Mündung des Geſchuͤtzes beruͤhrte. Das war die Geringſchäͤtzung der Ungeſchicklichkeit der Weißen zu weit getrieben; der Schuß knallte und die blu⸗ tigen Ueberreſte des Körpers des Indianers wurden nach allen Seiten hin geſchleudert. Gellendes Geheul zerriß die Luft und eine Wolke von Staub wurde von den Indianern aufgeruͤhrt, die ſich platt niederwarfen.. Als der Staub ſich verzogen hatte, war der Raum von neuem leer und die Hiaquis hatten die Flucht begonnen. Der Kampf hatte um funf Uhr begonnen; jetzt war es zehn Uhr. „Zu Pferde, Kinder, zu Pferde!“ rief Ochoa aus.„Wir wollen ſie verfolgen bis an ihren Fluß und keiner entgehe der Schaͤrfe unſerer Saͤbel!“ „Will der weiße Häuptling die Kraͤfte ſeiner Krieger erſchoͤpfen ſtatt ſie ſchonen, um einen neuen Angriff auszu⸗ halten?“ fragte U'Sacame, indem er den Capitain zuruck⸗ hielt.„Moͤgen ſie ausruhen, denn wenn die Sonne ein Drittel ihres Laufes zuruͤckgelegt hat, werden die Hiaquis in groͤßerer Anzahl zuruͤckkehren.“ Der Rath geſiel den Merikanern, die ſich ſeit fuͤnf Stunden tapfer geſchlagen hatten und nachdem die Ver⸗ wundeten ſo gut als moͤglich verbunden waren, dachte jeder nur daran, ſeinen Hunger zu ſtillen und auszuruhen. Un⸗ terdeß muſterte U'Sacame aufmerkſam die Vornehmſten 6* 84 ſeiner neuen Bundesgenoſſen um Ochoa mit aufmerkſamem Blicke und mit einemmale, als er das traurige und blaſſe Geſicht des Caſillas erblickte, blitzte ſein Auge unheimlich, als ſuche er in ſeinem Gedaͤchtniſſe eine halbverwiſchte Spur wieder aufzufinden. Er betrachtete den jungen Mann for⸗ ſchend und dieſer wurde noch bleicher und ſchien ebenfalls nachzuſinnen. Keiner der beiden Maͤnner ruhrte ſich wäh⸗ rend dieſer kurzen Muſterung. Caſillas wandte endlich die Augen ab, um ſie an den Boden zu heften, U'Sacame aber, der bald ſeine Zweifel aufgehellt zu haben ſchien, trat zu Ochoa, beruͤhrte die Bruſt deſſelben mit ſeinem Finger und ſagte: „Moͤge der Haͤuptling der Weißen ſeinen Leuten befeh⸗ len, keinen Schritt von der Stelle zu weichen, auf der ſie ſtehen, denn die Worte U'Sacames ſind fuͤr die Ohren Aller.“ „Bleibt, ihr Herren“, ſagte Ochoa, von dem feierlichen Weſen des Hiaqui-Kriegers uͤberraſcht,„und laßt uns hoͤren, was er uns zu ſagen hat.“ U'Sacame fuhr fort: „Was hat der weiße Häuptling heute fruͤh zu mir ge⸗ ſagt? Er ſtehe fuͤr ſeine Leute?“ „Ja“, antwortete Ochoa noch verwunderter. „Er wuͤrde den Verräther toͤdten, wenn einer unter ihnen waͤre.“ „Ich habe es geſagt.“ U'Sacame that zwei Schritte vorwaͤrts, ſtreckte dann raſch den Arm nach Caſillas aus und ſprach mit ſchrecklicher Stimme: 85⁵ „Dieſer junge Mann muß ſterben.“ Noch hatte er die Worte nicht ganz ausgeſprochen, als ſein Dolch ſchon bis an den Griff in dem Halſe des jungen Mannes ſaß, der mit einem Seufzer zuſammenbrach. Die Hand faſt aller derer, die es ſahen, war von Menſchenblut gerdthet und ein Mord füͤr viele unter ihnen nur ein unbe⸗ deutendes Ereigniß geweſen; aber alle Geſichter druͤckten bei dem Anblicke dieſes unerwarteten Stoßes tiefes Grauen aus und mehr als ein Saͤbel wurde gezogen, um dieſen Mord zu raͤchen. „Halt, ihr Herren!“ rief Ochoa, der ſich zwiſchen ſie ſtellte. Dann wendete er ſich an U'Sacame, der ſein Meſſer in die Erde geſtoßen hatte, um es abzuwiſchen und es nun kaltbluͤtig in die Scheide ſteckte.„Will ſich der Haͤuptling der Hiaquis das Recht über Leben und Tod uͤber meine Leute anmaßen?“ fragte er und ſeine Stimme bebte. „U'Sacame wollte ſeinem Bundesgenoſſen das Henker⸗ amt erſparen; ſein Dolch hat das Wort des weißen Häupt⸗ lings gehalten und vollendet, was der Pfeil U'Sacames begonnen.“ Zur allgemeinen Ueberraſchung der Umſtehenden ent⸗ bloßte er den Hals des Caſillas undzeigte ihnen die Wunde, um die der Sacriſtan ſo beſorgt geweſen war. Er erzaͤhlte ſodann, wie er durch einen der Seinigen, der in dem Stamm Banderas geblieben, erfahren habe, daß ein Weißer die Sache ſeiner Bruͤder verrathe und deren Wachſamkeit durch falſche Berichte einzuſchlaͤfern ſuchen wolle, bis der Haͤupt⸗ ling der Hiaquis den unvermuthet uͤberfallenen Rancho ge⸗ ſturmt habe und dann Guaymas angreife. Er ſagte, dieſer —————— ₰ 6 86 Weiße befehlige das Arſenal und ſolle es den Indianern uberliefern. Dann ſetzte U'Sacame hinzu, er habe am Abende vorher, weil er gewußt, Caſillas hätte eine letzte und entſcheidende Unterredung mit Banderas gehabt, denen, die er um ein Buͤndniß anzugehen Willens geweſen, ein Pfand der Treue geben wollen, indem er ihnen den Ver⸗ raͤther todt oder lebendig ausliefere, aber in dem Augen⸗ blicke, als man ſich des Mannes bemächtigt gehabt, ſei Caſillas durch eine verzweifelte Anſtrengung dem Schickſale entronnen, das ihn erwartet und er habe ihn nur einem Pfeil nachſenden koͤnnen, der den Fliehenden leicht ver⸗ wundet. Der Indianer wartete darauf ruhig auf die Antwort Ochvas. „Nun erklaͤre ich mir ſein ſeltſames Benehmen geſtern Abend“ ſagte der Capitain;„aber wer von Euch kann den Grund dieſer Verrathes vermuthen?“ Alle ſchwiegen. „Er wird ſich haben zum Kaziken machen laſſen wollen“, ſagte Guttierrez lachend. „Gott gebe ihm Frieden!“ ſprach Ochva, indem er Befehl gab, den Leichnam Caſillas zu den andern Todten zu legen. Bald aber wendete die Sorge für die perſoͤnliche Sicher⸗ heit die Aufmerkſamkeit von dieſem traurigen Vorfalle ab. Die Prophezeihung U'Sacames ging buchſtaͤblich in Erful⸗ lung. Die Schildwache auf dem hoͤchſten Hauſe rief:„zu den Waffen! Die Indianer kommen!“ Es war drei Uhr und dieſelben Epiſoden bezeichneten —— W 87 dieſen neuen Kampf, der noch erbitterter war als der erſtere. Gegen ſechs Uhr fielen die Strahlen der Sdune ſchief auf einen Haufen Todter im Rancho; der ſchwer verwundete Ochoa fluchte mit aller Kraft ſeiner erloͤſchenden Stimme; ſeine entmuthigten Leute kämpften nur noch ſchwach, die Indianer dagegen verſuchten, ob ſie gleich große Verluſte erlitten hatten, eine letzte Anſtrengung, um die uͤbrig ge⸗ pliebenen Vertheidiger des Rancho zu erdruͤcken. Banderas, der diesmal in der Mitte ſeiner Schaaren ſichtbar war, ſprach ſeinen Kriegern Muth zu. Er ſaß auf einem Pferde mit rothem Sammetſattel, unbeweglich wie ein orientaliſcher Satrap und nahm an dem Kampfe ſelbſt nicht Theil, denn ſeine Anweſenheit allein ſchien hinzu⸗ reichen. In dem Augenblicke, als die ermuͤdeten Weißen den Muth zu verlieren begannen, erſchallte ein donnernder Kriegsruf hinter ihnen. U'Sacame ſtieß ihn aus. Der Hiaqui⸗Haͤuptling ſchien verwandelt zu ſein; er hatte ſei⸗ nen merikaniſchen Anzug abgelegt, ſaß auf ſeinem ſchoͤnen Pferde, von dem er die Decke abgenommen hatte, nackt vom Kopfe bis zu den Fuͤßen, den Koͤrper mit Oel eingerieben, glänzend wie Bronze und hatte die ganze wilde Majeſtät eines indianiſchen Haͤuptlings wieder angenommen. Seine Hand ſchwang das lange Schwerdt und hinter ihm draͤngten ſich ſeine Krieger, bereit ihrem Fuͤhrer zu folgen. Bei dem Anblicke ſeines Todfeindes Banderas ſchwol⸗ len die Adern ſeiner Stirn auf; ſeine Lippe zog ſich hin⸗ auf, ſo daß man die Zähne ſah;„Platz fuͤr U'Sacame!“ rief er ungeſtuͤm, dann trieb er ſein Pferd an, ſetzte mit ihm über die Barriere und ſtürzte wie ein Jaguar unter die ——— 8⁸ erſtaunten Hiaquis. Ein anderes Pferd folgte dem ſeinigen, das des Zampa Tortas. Dieſe heldenmuthige Unklugheit entging Banderas nicht, der laut Befehl ertheilte, ihn lebendig zu ergreifen, damit er die Strafe des Verräthers erleide, aber der Befehl war nicht leicht zu vollziehen. Ob⸗ wohl U'Sacame von allen Seiten hart gedraͤngt wurde, ſo machte er ſich doch unaufhaltſam Bahn was ſein Schwerdt nicht durchbohrte, wurde unter die Füße ſeines Pferdes ge⸗ treten oder mit Stößen ſeiner ſchweren eiſenbeſchlagenen Steigbuͤgel niedergerannt. Ein anderer Reiter folgte dicht hinter ihm und er ritt die erbitterten Hiaquis nach USacame nieder; ſein Schwerdt traf wie das des Haͤuptlings und die Indianer fielen um ihn her. Es war Zampa Tortas, von dem Niemand ſolche Wunder der Tapferkeit erwartet hatte. „Hunde!“ ſchrie U'Sacame, der ſein bäumendes Pferd mitten in die Menſchenwogen hineintrieb; laſſet U'Sacame ſich mit Banderas meſſen.“ Aber die Hiaquis umringten ihn noch immer. Trotz ſeiner Rieſenkraft und ſeinen verzweifelten Anſtrengungen trat ein Augenblick ein, in welchem man nur noch einen Menſchenhaufen ſah, aus welchem kaum der Kopf eines Mannes und Pferdes hervorragte. Es war faſt um den Häuptling geſchehen, als die Schranke ſich endlich oͤffnete. Seine zweihundert Krieger ſturzten herbei, die durch die⸗ ſes Beiſpiel wieder angefeuerten Weißen folgten ihnen und U'Sacame ragte von neuem, wenn auch blutend und mit keuchender Bruſt, hoch uber die Menge ſeiner erſchrocke⸗ nen Feinde hinweg. Da begann eine entſetzliche Nieder⸗ lage; die Hiaquis fielen wie das Gras unter der Senſe der 89 Maͤher; Banderas riß ſein Pferd herum, ſeine Indianer folgten ihm und ließen diesmal ihre Gefallenen auf dem Kampfplatze zuruͤck. Als die Sonne niederging, war alles voruber. Die Belagerung des Rancho hatte fuͤnfzehn Stun⸗ den gedauert. An demſelben Abende kam ein Mann in Galopp von Guaymas in den Rancho, der Sacriſtan. Lange ſuchte er den Leichnam ſeines Freundes Caſillas und als er ihn erblickte, ſank er auf ihn und hielt ihn lange um⸗ ſchloſſen.„Ach, mein Freund!“ rief er aus,„ich werde Dich alſo nicht mehr ſchuͤtzen konnen, wie ich es immer ſo gern gethan habe.“ Darauf betrachtete er den Todten aufmerk⸗ ſam, als denke er daruͤber nach, welchen Vortheil ihm der Leichnam wohl bringen konnte. Mit einemmale kam ihm ein leuchtender Gedanke in den Sinn. Er nahm ein Meſſer aus der Taſche, ſchnitt mit beſonderer Sorgfalt die bei⸗ den Ohren ſeines Freundes ab und wickelte ſie in ſein Taſchentuch. „Ach, Caſillas!“ rief er dabei aus, ielleicht biſt Du mit einer Todſünde geſtorben und ich will Dir einen Beweis der innigſten Theilnahme geben, die ich immer bei Deinen Lebzeiten fuͤr Dich gehabt habe. Du ſollſt Dich ſelbſt im Tode noch frenen, daß Du einen Freund, wie ich es bin, gefunden haſt.“ Dann ſtieg er wieder zu Pferde und entfernte ſich. Nach den geſchilderten EFreigniſſen vergingen noch ei⸗ nige Tage, in welchen das Geld, das man in der Zollkaſſe gefunden hatte, bis auf die letzte Spur— die Quittung Ochvas nämlich— verſchwendet wurde. Man mußte zu 90 neuen Erpreſſungen ſchreiten, denn die Nachrichten, die man von Arispe erhielt, lauteten immer beunruhigender. Der General Tobar, der ſeinen Landſitz nicht verlaſſen hatte, überließ die Verantwortlichkeit fur dieſe ſtrengen Maßregeln gern ſeinem Stellvertreter Ochoa. Mehrere reiche Ein⸗ wohner von Guaymas ließen ſich anfangs ziemlich gut— muͤthig brandſchatzen, aber alles hat ein Ende und die proviſoriſche Regierung war bald von allen Mitteln ent⸗ bloͤßt. Eines Tages wurde ein großes franzöſiſches Schiff das wahrſcheinlich mit koſtbaren Waaren beladen war, vom Ha⸗ fen aus ſignaliſirt. Das war eine vortreffliche Kunde fuͤr die proviſoriſche Regierung, denn ſie hatte den Zoll von dieſen Waaren zu erheben. Da die Ankunft einer Ladung europaͤiſcher Waaren nicht ohne Einfluß auf die Intereſſen ſein konnte, welche ich in Guaymas vertrat, ſo begab ich mich am naͤchſten Tage bei guter Zeit auf die erwaͤhnte Anhoͤhe, welche ſo nahe von der Stadt liegt, daß man von da aus alles ſehen kann, was in ihr vorgeht. Waͤhrend ich das in der Ferne ſchwankende Schiff aufmerkſam betrachtete, klopfte mich Jemand auf die Achſel. Ich drehete mich um und ſah Ochoa neben mir. Er hatte den Kopf verbunden und trug einen breitkrämpigen Hut, der dichten Schatten auf ſein bleiches Geſicht warf, in welchem die ſchwarzen Augen nur noch blitzender erſchienen. Er hatte ſein Pferd angebunden und ſagte, während er auf das Schiff zeigte: „Der Himmel ſendet es uns zu recht gelegener Zeit.“ Mit einemmale aber entſchluͤpfte ſeinem Munde der graͤßlichſte Fluch, den die ſpaniſche Sprache kennt. 91 „Aber die Hölle miſcht ſich darein!“ ſetzte er hinzu. „Sehen Sie!“ In der Ebene bemerkte man eine Staubwolke, welche die Sonne hell beſchien und in welcher die rothen Faͤhnchen und die Lanzenſpitzen einer Reiterſchaar zu erkennen waren⸗ „Der Generalgouverneur kommt!“ ſagte Ochoa, indem er die Fauſt ballte.„Waͤre er einen Tag laͤnger ausgeblie⸗ ben, ſo haͤtten wir ihn geſchlagen oder— beſtochen.“ Ob ein Courrier dieſe Nachricht nach Guaymas ge⸗ bracht hatte oder was ſonſt die Urſache war, wir bemerkten von der Hoͤhe aus, in welcher wir uns befanden, bald eine ungewoͤhnliche Bewegung in der Stadt. Ochoa blickte ſtier dahin, ohne ſich zu regen⸗ Dann ſtieß er einen Ausruf der Wuth aus. „Die feigen M koͤpfe!“ rief er aus, „da laufen ſie auseinar will er unſere Freunde ſ ammelr davon. Haltet ihn auf!“ ſchrie er in unbeſchreiblicher Wuth, als wenn man ſeine Stimme unten haͤtte hoͤren koͤnnen.— Ah, da kommt auch der muthige Tobar; der wenigſtens wird nicht fliehen. Nein, nein!“ fuhr er fort und ſchlug die Haͤnde zuſammen.„Alles iſt verloren. Er flieht. Die Feigen! Die Verräther! Vor dem Geſetze furchten ſie ſich und vor den heulenden Indianern haben ſie Muth. Aber ich bin noch da!“ ſagte er und ſchlug auf ſeine Bruſt. Er ſchwang ſich auf ſein Pferd und ritt in ſcharfem Trabe den ſteilen Weg mit ſchwindelnder Kuͤhnheit hin⸗ unter. Ich ſah ihm ängſtlich nach, er kam aber glüͤcklich auf emmen! Die Verräther! Die Dumm⸗ indem er den Hut an die Erde warf; nder. Guttierrez beſteigt ſ ein Pferd; 2 Nein; er jagt im Galopp 7 92 dem Marktplatze an. Da ſprang er mitten in die Menge hinein und ich verlor ihn da aus dem Geſichte. Der Platz wurde bald leer. Die Truppen des Gouver⸗ neurs zogen in Guaymas ein und in demſelben Augenblicke, als der Gouverneur auf dem Marktplatze ſein Reiterregi⸗ ment und ſeine mit Bogen und Pfeil bewaffnete indianiſche Infanterie aufſtellte, fuhr ſeltſamer Weiſe das Schiff, nach deſſen Ankunft die Inſurgenten ſich ſo ſehr geſehnt hatten, majeſtätiſch in den Hafen ein. Gleichzeitig verließ auch der letzte der Inſurgenten, Ochoa, die Stadt. Auf meinen fernern Wanderungen durch den Staat Sonora hatte ich Gelegenheit, die vornehmſten Mitglieder der proviſoriſchen Regierung von Guahmas in verſchiedenen kleinen Doͤrfern verſteckt wiederzufinden, mit Ausnahme eines Einzigen, des Capitain Ochoa, fuͤr den ich mich am meiſten intereſſirte. Auch ſeine Freunde hatten weiter nichts von ihm gehoͤrt. Der General Tobar war gluͤcklicher; er ſtand ſo hoch, daß er zu den Leuten gehörte, welche von den politiſchen Stuͤrmen in Mexico nur ſelten beruͤhrt werden. Er erhielt ſein Commando bald zuruͤck und ſein pronun— ciamiento wurde mit ſo vielen andern unter den Erſchuͤtte⸗ rungen vergeſſen, welche Merico beunruhigen und noch lange beunruhigen werden. U'Sacame, welcher den Hiaquis, die um Frieden baten, als Haͤuptling aufgenoͤthigt wurde, legte mit eigener Hand Feuer an die Huͤtte des verbannten Banderas und Zampa Tortas, der Zollſchreiber, ſetzte ſich nach der Aufloͤſung der proviſoriſchen Regierung ſo beſchei⸗ den wieder an ſein Pult, als haͤtte er die Heldenthaten in dem blutigen Kampfe nicht verrichtet, den ich zu beſchreiben 93 verſuchte.— Das bleiche traurige Geſicht Caſillas und ſein tragiſches Ende erſcheinen miroft in meinen Erinnerungen; ein geheimnißvolles Intereſſe knupft ſich in meinem Geiſte an den unbekannten Grund des Verrathes, mit dem er um⸗ gegangen war und der ihm das Leben koſtete. Der Sacri⸗ ſtan vergaß den jungen Mann noch weniger. Er ging mit den Ohren ſeines Freundes von Haus zu Haus und ſam⸗ melte milde Gaben ein, damit er Meſſen fur die Ruhe der Seele leſen laſſen konne. Die Frommen fuhlten bei dem Anblicke dieſer Ueberreſte des Caſillas Mitleid und die Collecte fiel recht reichlich aus; wendete ſie aber der Sacri⸗ ſtan zu dem erwähnten Zwecke an? Man darf daran zwei⸗ feln. Vielleicht handelte er nach dem ſpaniſchen Spruͤch⸗ worte: Los dineros del sacristan Cantando vienen y cantando se van*). 3. Cayetano, der Schmuggler. Erinnerungen von den Kuͤſten des Stillen Meeres. Der Staat Sonora enthaͤlt innerhalb der Grenzen ſeines weiten Gebietes nur drei Städte von einiger Bedeutung; die eine iſt wichtig wegen ihres Hafens, Guaymas; die *) Das Geld des Saeriſtans wird ſingend verdient und ſingend verthan. 94 andere als Stapelplatz des Handels, Hermoſillo, und die dritte als Sitz der geſetzgebenden Gewalt, Arispe. Hermo⸗ ſillo, das ehemalige Pitic und ſonſt die Hauptſtadt des Staates, ehe ihm Arispe dieſen Titel entzog, hat jetzt noch eine Bevoͤlkerung von 7000 Seelen. Dieſe ſonſtige Haupt⸗ ſtadt von Sonora, die auf einer Hochebene erbaut iſt, welche in der Richtung nach Guaymas, d. h. von Norden nach Suͤden, nach dem Meere hin ſanft abfaͤllt, liegt auf dieſer Seite vierzig Stunden von dem Stillen Meere; aber von Oſten nach Weſten iſt ſie kaum füͤnfzehn Stunden von dem Meerbuſen von Californien entfernt. Auf dieſer Seite zieht ſich die Hochebene, ohne abzufallen, bis an das Meer. Steile Ufer, an deren Fuße die Wogen ſich wuͤthend brechen, endigen ſie mit einemmale und dienen ihr gleichſam als Stuͤtze. Ein ſchmaler Kanal trennt das feſte Land von einer kleinen J nſel, welche die Tihuron- oder Haifiſchinſel heißt und an ihrer oͤſtlichen Kuͤſte einen ziemlich gefaͤhrlichen Ankerplatz ge⸗ waͤhrt. Bei dieſer Lage kann Hermoſillo ſeine Lager mit Waaren, die auf geſetzlichem Wege von Guaymas kommen, wie mit denen fullen, welche Schmuggler, die unter Klippen zu ſchiffen gewöhnt ſind, über die ſteile Kuͤſte einzubringen vermoͤgen. Die Schmuggelei beſteht trotz den ſtrengen Verboten des Congreſſes fort, welche an dieſen fernen Kuͤſten immer umgangen werden. Die einzige Reform, welche man im Intereſſe des Schatzes erlangt hat, beſteht darin, daß an die Stelle des Schmuggelns, welches am hellen Tage in großem Maßſtabe gerade von denen betrieben wurde, die es hindern ſollten, die heimliche Schmuggelei getreten iſt. 95 Es gab eine Zeit, in welcher der Zollbeamte eines See⸗ ſtaates ſeine Berichte an den Finanzminiſter in Merxico ſtets in folgender Faſſung abſandte:„Heute iſt ein Schiff, mit Heu beladen, angekommen. Die genannte Ladung hat kei⸗ nen Zoll bezahlt, weil ſie als Futter fur die Maulthiere be⸗ ſtimmt iſt, welche es ausfuͤhren will. Die Paſſagiere an Bord haben erklärt, ſie wären nur der Luftveraͤnderung wegen an unſere Kuͤſten gekommen.“ Braucht man zu ſagen, daß dieſe eine Luftveränderung ſuchenden Paſſagiere eine reiche Ladung begleiteten, welche keine Abgabe an die Staatscaſſe zahlte? Nur die Ankergelder und andere kleinen Gefaͤlle wurden getreulich entrichtet und verrechnet. Der Finanz⸗ miniſter konnte ſich mit Recht uͤber den Geſundsheitsruf verwundern, welcher ſo viele Reiſende in jenen Staat zog; nicht minder aber mußte es ihn in Erſtaunen ſetzen, daß fuͤr die Ausfuhr von Maulthieren, fur deren Ernaͤhrung man Heu aus Europa mitbrachte, gar nichts bezahlt werde. Der hohe Preis der Maulthiere und andere immer unvor⸗ hergeſehene Hinderniſſe vereitelten nämlich regelmaͤßig den Abſchluß der angeblichen Kaͤufe zum großen Nachtheile des Einkommens der Republik, nicht aber der Privatcaſſe des Zollbeamten, den dieſe ſeltſamen Ladungen ſchnell be⸗ reicherten. Zu jeder Zeit hat in Mexico an beiden Meeren der Schmuggelhandel die wichtigſte und faſt einzige Einnahme des Staates zu ſeinem Vortheile benutzt. Dieſe verbreche⸗ riſche Induſtrie iſt dort nicht, wie in Europa, das Monopol einiger kuͤhnen Abenteurer. Jeder Staatsdiener iſt, je nach dem mehr oder minder bedauerlichen Zuſtande der Finanzen, 3 3 4 1½ 1 3 96 beſorgt ſich auf Koſten des Staates zu entſchädigen, der ihn nicht bezahlt. Die Truppen verlangen mit großem Geſchrei ihren Sold und die Civilbeamten machen gemeinſchaftliche Sache mit den Soldaten. Der Staat bleibt, wie man ſich leicht denken kann, taub und jeder ſieht nun, wie er ſich leicht andere Einnahme verſchaffe. Der Zollbeamte giebt den Viſitatoren, die Viſitatoren geben den Zollwaͤchtern und die Zollwaͤchter geben den Trägern unbeſchränkte Vollmacht. Und nun wird je nach der Laune des Praͤſidenten der Re⸗ publik und nach der Strenge der erlaſſenen Geſetze die Schmuggelei am hellen Tage oder in der Nacht in den Haͤ⸗ fen oder an oͤden Kuͤſten betrieben; jeder aber bietet mittel⸗ oder unmittelbar die Hand dazu. Man begreift hiernach, daß in der Zeit, in welcher die Perlenfiſcherei und der Schildkroͤtenfang nicht betrieben werden kann, die Taucher und Fiſcher treffliche Gehilfen fuͤr die Schmuggler ſind. In Folge der Ebbe in der Staatscaſſe ſchließen ſich Soldaten, ſogar Officiere den Straßenraͤubern an, waͤhrend die Civilbeamten ſchmuggeln. Auch die Straßenraͤuberei iſt nur ein Handwerk. Familienvaͤter, die oft von dem Al⸗ caden ihres Dorfes beſchutzt und von dem Geiſtlichen geſegnet werden, verſchmaͤhen es nicht, auf Beute auszuziehen, wenn ihre Spione ihnen einen guten Fang angekuͤndigt haben. Iſt das Unternehmen geſchehen, iſt der Reiſende, der zu widerſtehen verſuchte, unbarmherzig ermordet oder, wenn er ſich ruhig auspluͤndern ließ, mit der groͤßten Artigkeit be⸗ handelt worden, ſo kehren ſie in ihr Dorf zuruͤck und ver⸗ geſſen bei der Theilung weder den Wirth, der ihnen Anzeige machte, noch den Aleaden, der die Erlaubniß zur Fuͤhrung 97 der Waffen gab, noch den Geiſtlichen, der im voraus die Abſolution ertheilte. Die oͤffentliche Meinung iſt hierin ſo duldſam, daß die Diebe und Schmuggler in Mexico keines⸗ weges von der Geſellſchaft getrennt leben und keine beſon⸗ dere Claſſe bilden, die eigene Sitten und Geſetze hat. Wer ſie nicht bei der Arbeit geſehen hat, weiß nichts oder thut als wiſſe er nichts. Ich erwartete deshalb auch keinesweges in Lagen zu kommen, die mich in den Stand ſetzten, meine Beobachtungen daruͤber zu vervollſtändigen, bis mir eine Bekanntſchaft, die ich in Hermoſillo machte, die Gelegen⸗ heit verſchaffte, dieſe Schmuggelei neuer Art in der Naͤhe zu ſehen und mich gewiſſermaßen ſelbſt dabei zu betheiligen. Der Reiſende, der, ehe er ſich von Guaymas nach Her⸗ moſillo begiebt, Erkundigungen uͤber die Gegend eingezogen hat, durch die ihn ſein Weg fuhren ſoll, erwartet durch dürre Einoͤden zu kommen, die nur hier und da eine Ciſterne haben. Bei dem Anblicke der traurigen Vegetation, die er erblickt, der Cactus, der Nopals und der wenigen Baͤume, die allein auf ausgedoͤrrtem Boden wachſen konnen, erkennt er auch, daß er ſich nicht getaͤuſcht hat. Es iſt die Einoͤde, auf die man ihn vorbereitet hat. Eine perpendiculare Sonne ſchießt Strahlen auf ihn herab, deren Glut durch keinen Windhauch gemildert, im Gegentheil durch das Abprallen auf dem dürren zerriſſenen Boden noch unerträglicher ge⸗ macht wird. Ein feiner Staub wirbelt unter den Fuͤßen der Pferde auf. Wenn zufaͤllig einmal ein Luftzug die blaſ⸗ ſen magern Blätter der Eiſenholz⸗ und Gummibaäume und die rothen Trauben des Perubaumes ſchuͤttelt, iſt dieſe Luft gluhendheiß; der Mund vertrocknet unter ihr, die Lippen Amerik. Reiſenovellen. 98 ſpringen auf und die Zunge klebt am Gaumen. Da gedenkt der Reiſende an den friſchen Wind der Kuͤſte, welcher er den Ruͤcken zuwendet und ſchon glaubt er die erſehnten Ciſternen zu erblicken, ſich in das klare Waſſer zu ſtuͤrzen, das man ihm verſprochen hat. Da erſt beginnen die Täuſchungen. Große Schaukelſtangen, ein lederner Eimer an einem Ende derſelben und ein großer Stein am andern erſcheinen am ſtaubigen Horizonte. Von weitem geſehen, ſtrecken dieſe Stangen ihre Arme recht trubſelig aus; die verdorrten zu⸗ ſammengeſchrumpften Ledereimer ſcheinen ſeit einem Jahr⸗ hunderte nicht mit Waſſer in Beruͤhrung gekommen zu ſein. Aber die Hoffnung haͤlt den Reiſenden noch aufrecht. Bald aber, ſchmerzlich in ſeiner Erwartung getauſcht, betrachtet er die ſchwarze Kruſte, welche das Regenwaſſer erſetzt hat, oder den ſumpfigen Boden, die ubelriechende Wiege wider⸗ licher Thiere. Cicaden ſummen um ihn her auf jedem ver⸗ trockneten Grashalme und ſcheinen den Thau der Nacht herbeizurufen. Entmuthiget und ermattet legt ſich der Rei⸗ ſende neben ſeinem Pferde nieder, deſſen keuchende Seiten ſeine Qual verrathen und fragt, die Augen nach dem un⸗ erbittlichen Himmel gerichtet, ob der goͤttliche Fluch auf dieſer vernachlaͤſſigten Erde laſtet. Ich war in Hermoſillo angekommen, nachdem ich unter großen Beſchwerden dieſe gluͤhenden Einoden durchreiſet. Es war kurz vor dem Weihnachtsfeſte und ich hatte mich bereits acht Tage in der Stadt aufgehalten, ohne einen der Briefe abgeben zu konnen, die ich von Guaymas mitge⸗ nommen. Eines Abends, als ich ſie betrachtete, fiel mir die Adreſſe auf einem dieſer Briefe auf und ich konnte mich nicht — 99 erinnern, wer mir denſelben mitgegeben hatte. Es ſtand ganz einfach darauf: Al seor don Cayetano. Ich rief meinen Wirth, bei dem ich abgeſtiegen war, weil er ein Chineſe war und ich den Ruf ſeiner Landsleute als Koͤche und Barbiere kannte. Von ihm hoffte ich uͤber dieſen Caye⸗ tano etwas zu erfahren. „Ich kenne ihn weiter nicht“, antwortete mir der Chi⸗ neſe,„als daß ich oft Crocodileier und Haifiſchfloſſen von ihm kaufe, die ich gern eſſe und die ich Ihnen duch einmal vorſetzen werde, wenn der Herr Cayetano einmal einen Ausflug macht.. Wenn Sie es wunſchen, ſo will ich ihm den Brief zuſchicken.“ Ich nahm das mit Vergnugen an. „Und weiter wiſſen Sie nichts von ihm?“ „Nein“, antwortete der Chineſe,„nichts als eine Son⸗ derbarkeit, von der ich habe reden hoͤren, fur die ich aber nicht burgen kann, da ich erſt ſeit einem halben Jahre in der Stadt wohne. Man verſichert naͤmlich, der Herr Cayetano konne den Ton des Cerro de la Campana(Glockenberges)*] nicht mit kaltem Blute hoͤren; dieſer Ton rege ihn auf und wenn er aufgeregt wird, iſt er.. iſt er ſehr lebhaft. Das iſt alles, was ich weiß.“ *) Der Cerro de Campana iſt ein ziemlich hoher Berg am Ende der Stadt und uͤberragt die Häͤuſer, hinter denen er ſich erhebt. Auf ſeiner Spitze liegen ungeheuere Steinbloͤcke, welche bei dem geringſten Schlage daran einen hellen metalli⸗ ſchen Klang geben wie eine gewoͤhnliche Glocke(daher der Name) und den man je nach der Richtung des Windes ſehr weit hoͤren kann. 7* 100 Der Chineſe ſagte das wie ein Mann, der feſt entſchloſ⸗ ſen iſt, kein Wort weiter zu ſagen und ich entließ ihn. Einige Tage nachher, als ich gar nicht daran dachte, brachte mich der Zufall mit dem fraglichen Manne zuſammen. Die Stadt Hermofillo beſitzt keine andere Naturmerk⸗ wuͤrdigkeit als den Cerro de Campana, welchen der Chineſe erwaͤhnt hatte. Ich hatte dieſen Berg beſucht und das Echo da geweckt; bald langweilte mich aber dieſes einfoͤrmige Vergnügen und ich blickte auf die Stadt hinab. Der Tag ging zur Neige und die Hügel um die Stadt her verloren allmaͤlig ihre blaͤuliche Färbung. Es war die Zeit, in welcher die Abendkuͤhle auf die gluhende Tageshitze folgt. Als ich auf den Berg hinaufſtieg, waren die Straßen ſtill und leer wie das Bett des Rio San Miguel; jetzt aber fing Hermoſillo an lebendiger zu werden. Man betrieb eifrig die Vorbereitungen zu dem Weihnachtsfeſte. Einige Racketen beſchrieben leuchtende Bogen in derLuft; der roͤth⸗ liche Schein des harzigen Holzes, das auf eiſernen Drei⸗ fuͤßen brannte, erhellte bereits einige Theile des Fluſſes; man hoͤrte das Rufen der Waſſerverkaufer nebſt dem Sum⸗ men der Volksmenge, dem Klappern der Caſtagnetten und den Mandolineklängen; die Stadt erwachte aus ihrem Schlummer, in welchem ſie ſeit dem Morgen gelegen hatte. Als ich von dem Cerro herunter kam und durch eine Straße in der Näͤhe ging, hoͤrte ich Geld in einem niedrigen Haͤuschen klingen und ich vermuthete, daß ich vor einem Spielhauſe ſtehe.. Auch bemerkte ich durch die hoͤlzernen Staͤbe an den Fenſtern einen gruͤnen Teppich und Spieler, 4— 101 welche ſchweigend um einen ovalen Tiſch ſaßen. Um die Zeit bis zum Abendeſſen hinzubringen, trat ich in das Haus hinein. Alle Spieler ſchienen ihre ganze Aufmerkſamkeit auf das Spiel zu richten, denn Niemand achtete auf meine Ankunft. Zwei Lichter, um welche Tauſende von Motten flatterten, warfen ihr flackerndes Licht auf etwa dreißig Perſonen, die in dem niedrigen Gemache verſammelt waren. Alle Geſichter ſahen ruhig und gleichgiltig aus. Spieler und Zuſchauer rauchten mit gleicher Kaltbluͤtigkeit, ich mochte faſt ſagen mit gleicher Wuͤrde. Nur die Kleidung unterſchied die Leute von einander. Man konnte unter den Spielern Mitglieder aller Claſſen der mexikaniſchen Geſell⸗ ſchaft erkennen; die Zuſchauer aber beſtanden hauptſaͤchlich aus Perſonen, die in grobes Baumwollenzeug gekleidet waren, das Bruſt und Arme nackt ließ; die Meiſten hatten lange Narben an ſich, die Folgen von Wunden in Meſſer⸗ zweikämpfen und die Geſichter hatten faſt ſaͤmmtlich einen Ausdruck, der bei dem ehrlichen Manne Schauern erregen konnte. Als ich eintrat, war die Aufmerkſamkeit auf zwei Spie⸗ ler gerichtet. Der eine, welcher einen Strohhut und ein Jäckchen von ungebleichtem Batiſt trug, ſchien hager zu ſein; der andere kraͤftige rieſenhafte Mann war trotz der Waͤrme mit einem großen Mantel mit breiten Goldtreſſen bekleidet und hatte um den Kopf ein carrirtes Tuch ge⸗ ſchlungen, deſſen Enden unter einem Vigognehute hervor wie die andaluſiſche Reſilla auf die Achſeln fielen. Der erſtere wendete mir den Ruͤcken zu und ich konnte ſein Ge⸗ ſicht nicht ſehen; der zweite, welcher der Thuͤr gegenuͤber 102 ſaß, hatte ein ziemlich regelmaͤßiges Geſicht, das nur durch eine Narbe entſtellt wurde, die von der Stirn aus uber die rechte Wange bis an das Kinn reichte. Dieſer Spieler und der, welcher mir den Ruͤcken zukehrte, ſpielten monte wie uͤberall in Merxico. Es hat dieſes Spiel bekanntlich große Aehnlichkeit mit unſerm Landsknecht. „Erlauben Sie, Herr Senator“, ſagte der benarbte Spieler, indem er die Hand ausſtreckte, um einen Haufen Piaſter denen zuzufuͤgen, welche er bereits auf eine Karte geſetzt hatte.„Wenn es Ihnen recht iſt, mache ich ſelbſt Taille.“ „Mit Vergnuͤgen, mein Sohn“, antwortete der andere, den ich nicht ſehen konnte;„ich bin überzeugt, daß Du mir Gluͤck bringſt.“ Und er uͤbergab das Spiel Karten, das er ſchon in der Hand hatte, ſeinem Gegner. Dieſer legte feier⸗ lich die einzelnen Karten aufeinander, aber ſeine Hand ſchien zu zittern, obgleich ſein Geſicht unverändert blieb. „Fuͤrchteſt Du Dich zufallig, mein Sohn?“ fragte ihn der Senator. Bei dieſen Worten trat ein unglaͤubiges Lächeln auf die Geſichter der Zuſehenden. „Wahrhaftig nicht“, antwortete der Rieſe, der ſeine Unruhe vergebens zu verbergen ſuchte;„aber ich weiß nicht, wer ſich eben das Vergnügen machte, den Cerro klin— gen zu laſſen und jedesmal, wenn ich dieſe Hoͤllenmuſik hoͤre, werden meine Nerven furchtbar angegriffen.“ Dieſe Erkläͤrung ſchien unter allen Anweſenden einen tiefen Eindruck zu machen, denn es bildete ſich ſogleich ein leerer Raum um den Spielenden, der herausfordernd ſich 103 umſah, aber bald ſcheinbar ſeine Ruhe wiederfand. Ich meiner Seits glaubte, daß dieſer Mann kein anderer ſein koönne, als der Crocodileier⸗ und Haifiſchfloſſenlieferant, von welchem der Chineſe geſprochen hatte, mit einem Worte Cayetano. Die angebliche Nervenreizbarkeit bei einem Manne von hereuliſchem Wuchſe konnte meiner Meinung nach nur eine laͤcherliche Einbildung oder wirklich etwas Grauenhaftes ſein, wie der moͤrderiſche Einfluß des Siroco oder levante in manchen Gegenden Andaluſiens. „Da iſt das Pique⸗As fur Sie, Herr Senator; ich habe verloren“ ſagte Cayetano und er nahm die Cigarre, welche er auf den grünen Teppich gelegt hatte, ſo ruhig zur Hand, als gehe ihn der Verluſt, den er erlitten, gar nicht an. Er wollte aufſtehen, als der Senator ihm ungezahlt eine hand⸗ voll Piaſter hinſchob und ſagte: „Da, verſuche Dein Gluͤck von neuem; mach' keine Umſtände und ſpiele weiter.“ Cayetano zählte die Piaſter mit der gewiſſenhafteſten Aufmerkſamkeit. „Mein Gott“, ſagte der Senator dabei,„kuͤmmere Dich doch nicht ſo genau darum, wie viel es iſt.“ „Verzeihen Sie, Herr Senator, das intereſſirt mich mehr als Sie glauben.“ Cayetano ſchien waͤhrend des Zählens uͤber etwas nachzudenken. „Du denkſt wohl uͤber die Nittel nach, Deine Schuld gegen mich abzutragen P „Ich berechne, Herr Senator, daß ich fuͤnfzehn Piaſter mitgebracht habe, daß Sie mir da zweiundzwanzig gegeben —— 104 haben und daß ich alſo noch immer ſieben Piaſter verdiene, wenn ich Ihnen nichts davon zuruͤckgebe.“ Dieſen Worten folgte ein beifaͤlliges Lachen im Saale, in das der Senator freilich nicht recht von Herzen ein⸗ ſtimmte. Cayetano aber ſtand ruhig auf, ſteckte die Piaſter zufrieden in die Taſche ſeiner Sammet⸗ calzoneras und ging fort. Als der Senator, denn das war er, ihm verlegen nachſah, drehete er ſich nach mir um und ich erinnerte mich, ihn in Merico geſehen zu haben. Man weiß, daß jeder Bun⸗ desſtaat einen beſondern Congreß und Senat hat und daß die Abgeordneten dieſer beiden Kammern in der Hauptſtadt der Republik den ſogenannten ſouverainen Congreß aus⸗ machen. Don Urbano(ſo will ich ihn nennen) erroͤthete, als er mich bemerkte, denn er hatte einen gewiſſen Anflug von unſern Ideen der Schicklichkeit und Wuͤrde. Er ſtand raſch auf und trat zu mir. „Es find meine Wähler“ ſagte er nach den gewoͤhn⸗ lichen Complimenten wie zur Entſchuldigung. „Ah, Ihre Wähler!“ antwortete ich und ſah ſehr ver⸗ wundert die Galgenphyſiognomien umher an;„es ſcheinen ſehr achtbare Leute zu ſein.“ „Ohne Zweifel, denn ſie ſind die zahlreichſten“, ſagte Don Urbano. „Das hindert Sie aber nicht, ihnen das Geld abzu⸗ gewinnen?“ „Man muß doch etwas fuͤr ſeine Waͤhler thun“, ant⸗ wortete der Senator.„Sie wiſſen vielleicht nicht, daß mir — — 105 ein gefährlicher Concurrent die Ehre ſtreitig macht, den Staat in dem ſouverainen Congreſſe zu vertreten.“ Der Senator ſprach mit mir noch einige Zeit von ſeinen politiſchen Plaͤnen, dann ſtellte er ſich mir mit der mexika⸗ niſchen Hoͤflichkeit gäͤnzlich zur Verfuͤgung, ſchlug mir vor, einen Spaziergang um den Marktplatz zu machen und ging mit mir fort. Die Esplanade, welche den Rio San Miguel beherrſcht und das ausgetrocknete Bett des Fluſſes ſelbſt hatten ein ſehr lebhaftes Ausſehen. Ich habe bereits er⸗ waͤhnt, daß die Weihnachtsfeſtlichkeiten naheten. Hier und da waren Laubhuͤtten aufgebaut und die Feuer, welche auf den eiſernen Dreifuͤßen brannten, beleuchteten mit ihrem flackernden rothlichen Scheine Haufen von Obſt und Geſtelle mit erfriſchenden Getraͤnken in allen Farben. Die Volks⸗ menge in buntfarbiger Tracht wogte hin und her. Auf der einen Seite tanzten Creolen beim Klange der Caſtagnetten und Mandolinen unzuͤchtige Fandangos; weiterhin fuͤhrten Indianer ihre ſchauerlichen Taͤnze bei den Toͤnen von Fla⸗ ſchenkuͤrbiſſen, die mit Steinen gefullt waren und den melan⸗ choliſchen Geſängen ihrer Saͤnger auf, die abwechſelnd von wildem Kriegsgeſchrei unterbrochen wurden. Im luſtigen Lärme der creoliſchen Tänzer klangen dieſe Toͤne wie Klagen Beſiegter und das Kriegsgeſchrei konnte fuͤr den Ruf der Rache gelten, die in dem Herzen der Urvolker nie erliſcht. Ich ſprach dies gegen Don Urbano aus.„Die traurigen Ueberreſte ſonſt furchtbarer Voͤlkerſchaften“, ſagte er da⸗ gegen,„denken keinesweges daran, eine Unabhaͤngigkeit wieder zu erlangen, die ihre Väter ſogar ſchon vergeſſen hatten. Eine genaue Vorſtellung von dem Indianer in dem — —— 106 ganzen Stolze ſeiner Wildheit konnen Sie ſich nur machen, wenn Sie die Papagos⸗Indianer ſehen. Leider feiern ſie auch ihr Weihnachtsfeſt und wohnen deshalb unſern Feſt⸗ lichkeiten nicht bei.“ „Wie“, fragte ich,„ſie ſind Chriſten?“ „Nein, aber ein ſeltſames Zuſammentreffen ſetzt in ihrem Glauben die Geburt der Sonne an denſelben Tag wie die Geburt unſeres Chriſtus. Ich will der Feier mit einem Fremden beiwohnen und wenn es Ihnen beliebt, uns zu begleiten, will ich Sie ihm vorſtellen; er wird ſich freuen Sie kennen zu lernen. Ich habe ſicheres Geleit von einem Papago⸗Haͤuptlinge erhalten und wir bekommen einen Fuͤhrer, auf den wir uns verlaſſen koͤnnen.“ Die Sache war von der Art, daß ſie meine Neugierde reizte und ich nahm das Anerbieten bereitwillig an. Wir kamen alſo uberein, daß der Senator und ſein Begleiter am andern Tage, am 24. Decbr., mich abholen ſollten und daß wir bei guter Zeit aufbrechen wollten. Dann trennten wir uns und ich begab mich in meine Wohnung. Am andern Morgen bei Sonnenaufgange war ich be⸗ reit zu Pferde zu ſteigen, als drei Reiter an meiner Thuͤr hielten. Der erſte war der Senator, der zweite der Fremde, den er mir als Englaͤnder vorſtellte und in dem dritten er⸗ kannte ich meinen benarbten Spieler vom vorigen Tage. Er war der Fuͤhrer, der uns geleiten ſollte. An dem Fremden fiel mir eine Seltſamkeit auf; er ſprach das Franzoͤſiſche ſehr ſchlecht und radebrechte das Spaniſche in einer faſt unglaublichen Weiſe; das fand ich natürlich; aber er hatte eine ſehr dunkele Geſichtsfarbe und ein ganz ſuͤdlaͤndiſches 107 Weſen, was einen langen Aufenthalt in Laͤndern zu ver⸗ rathen ſchien, deren Sprache der Engländer gleichwohl kaum verſtand. Wir ſchlugen den Weg nach den Lagunen ein. Unſer Führer, der feſt auf einem ſchoͤnen ſehr kraͤftigen Pferde ſaß, das ungeduldig am Gebiſſe kauete, ritt einige Schritte vor uns. „Sie kannten alſo dieſen Mann ſchon 2“ fragte ich den Senator. „Die ganze Gegend kennt ihn“, antwortete Don Urbano; „er iſt ſeinem Gewerbe nach Schildkrotenfaͤnger und hat üͤberall Bekanntſchaften, denn durch ihn erhielt ich den Ge⸗ leitsbrief oder vielmehr die Erlaubniß, der Ceremonie bei⸗ zuwohnen, welche wir dieſe Nacht bei den Papagos ſehen werden, mit denen wir uͤbrigens Frieden haben. Es wuͤrde mich viel zu weit fuͤhren, wenn ich Ihnen alle ſeine Talente aufzählen ſollte“, ſetzte der Senator geheimnißvoll hinzu, „und dann iſt er auch ein einflußreicher Wäͤhler.“ Fuͤr Don Urbano war damit alles geſagt und ich wun⸗ derte mich nun nicht mehr, daß der Senator am Tage vorher das etwas ſeltſame Benehmen ſeines Gegners im Spiele ſo ruhig ſich hatte gefallen laſſen. Auf dem Wege von Hermoſillo nach der Inſel Tiburon fommt man an dem Rio San Miguel hin. Dieſer Fluß iſt je nach der Jahreszeit ein ſchmales Baͤchlein, das faſt un⸗ bemerkt in weitem Bette fließt oder ein ungeſtuͤmes Meer, das keinen Platz in den Ufern findet und ſeine lehmigen Fluten in ungehenere Lagunen ergießt, bevor er einen See naͤhrt, den er auf ſ einem Laufe trifft. Einige dieſer Lagunen 1 1 —————— 108 ſehen aus wie ein Eryſtallſpiegel, andere ſind von Rohr und Schilf und noch andere von einer dicken Kruſte gruͤner Graͤſer bedeckt, welche ihrer beweglichen Oberfläche ein trugeriſches Anſehen von Feſtigkeit giebt. Eine Dunſtdecke ſchwebt gewoͤhnlich ͤber dieſen Sumpfen und üͤber dem Rohr, das ſich immer bewegt, entweder unter dem Hauche des Windes oder unter den Anſtrengungen der Caimans, welche ſich in dem Schlamme tummeln. Den Tag uͤber iſt alles ſtill und oͤde; wann aber die Sonne ſinkt, wann die niedri⸗ gen Huͤgel, welche uber dieſe ſtehenden Gewaͤſſer hinaus⸗ ragen, allmaͤlig in dem Nebel verſchwinden, der ſich erhebt, laſſen ſich hier und da einige Thiere ſehen: ein wildes Pferd jagt in dem Graſe hin, ein Jaguar kriecht auf dem Bauche herbei, um eine Beute zu faſſen; ein durſtiger Hirſch wagt ſich furchtſam an den Rand dieſer Savannen, wittert den Moſchusgeruch der Alligatoren und loͤſcht ſodann aufhor⸗ chend, aͤngſtlich ſich umblickend ſeinen Durſt. Schaaren kreiſchender Voͤgel nur ſtoren noch die Stille dieſer Einöden, ſobald aber die Nacht herabſinkt, kommen ſeltſame Geſtalten an die Oberflaͤche dieſer klaren Gewaͤſſer empor oder arbei⸗ ten ſich durch die dichte Decke dieſer ſchlammigen Seen; ſchauerliche Toͤne dringen aus den gruͤnen Rohrdickichten hervor und dieſe Toͤne, welche bald dem Schreien neugebo⸗ rener Kinder, bald dem Bruͤllen wuthiger Stiere gleichen, je nachdem die Caimans, die ſie von ſich geben, ihre Brunſt, ihre Klagen oder ihren Zorn ausdruͤcken, vermiſchen ſich mit ſchrecklichem Klappen der Kinnladen dieſer haͤßlichen Thiere, die einander antworten oder herausfordern. Kommt man noch weiter, ſo verdraͤngt eine gewaltige Stimme alle dieſe Funken verglomnts Da warf der Ho Umſtehenden ſein ruhigt nach den Ueberreſten des„ licher Stimme eine Rede, die folgt uͤberſetzte: „Wer von uns kann ſagen, wie vt ſind, ſeit der große Geiſt dieſe Sonne an ei erſchaffen hat? Unſere Vater vermochten ſie nid aber wie dieſes Feuer dieſe Baumwolle verzehrte, ſö Sonne die Finſterniß vertrieben, welche die Erde beds während ihre Wärme dem Leben gab, was todt war und ih Licht das Lebende vervollkommnete; durch ſie ſind die Thiere zu Menſchen geworden.“ O. Da nahm der zu ſeiner Linken, kte feierlich die Arme Stimme, welche in der Fen geboten hatte, folgende geſagt: zwei Feinde durfen nicht die uneinigen Indianer werden die kißen; der Haß zwiſchen zwei Papagos iſt ng.“ Haß, welcher die beiden Wilden trennte, mußte heftig ſein, denn keiner machte eine Geberde, eine Be⸗ Segung der Reue. Der Häuptling aber fuhr fort: „Das Dorf der Papagos vom Weſten darf nicht die Huͤtten zweier Feinde enthalten; es iſt zu klein. Beide 119 muͤſſen es verlaſſen; unſere Brüder im Norden werden den einen, unſere Bruͤder im Suͤden werden den andern auf⸗ nehmen. Sie werden gehen, bis dieſe Berge und dieſe Wälder zwiſchen ihrer Feindſchaft liegen. Was unſere Vater gethan haben, war wohlgethan; geht.“ Eine tiefe Stille folgte dieſen Worten, welche die Echos des Waldes wiederholten. Die beiden Feinde beugten das Haupt vor dieſem Ausſpruche der indianiſchen Gerechtig⸗ keit; ſie hatten es vorausgeſehen, daß nach der Sitte der Nation die Verbannung gegen ſie ausgeſprochen werden wurde. Keiner nahm das Wort zu ſeiner Vertheidigung, aber in den Reihen der Frauen vernahm man Schluchzen, denn auch zwei von ihnen ſollten das Dorf verlaſſen, in welchem ſie geboren worden waren. Die Vollſtreckung folgte dem Urtel auf der Stelle. Ein Indianer fuhrte die Pferde der beiden Gegner herbei und uͤbergab ihnen ihre Pfeile, ihren Bogen und ihre Macana(Keule). Außerdem empfing Jeder aus der Hand ves Häuptlings einen ſeltſam bemalten Pfeil, der ihnen als Paß und Einführung in den Stamm dienen ſollte, zu dem er von nun an gehorte; dann winkte der Häuptling mit der Hand und zog zum Zeichen der Trauer die Falten ſeiner Decke uͤber den Kopf. Die beiden Papagos ſtiegen zu Pferde, ohne daß ihre Zuge die Gefuͤhle verriethen, welche ſie bewegen mochten. Sie entfernten ſich langſam in entgegengeſetzter Richtung, wäͤhrend ihre traurigen gehor⸗ ſamen Gefaͤhrtinnen zu Fuß, in der Sonnenglut, den ſo langen und beſchwerlichen Weg in die Verbannung antraten. Die Stille, welche in dieſem Augenblicke unter den beſtürzten Indianern herrſchte, machte es uns moͤglich, ſelbſt das ge⸗ 120 ringſte Geraͤuſch zu hoͤren, welches das Erwachen der ame⸗ rikaniſchen Natur in den Wäldern bezeichnet. Alles trug dazu bei, die Majeſtät dieſes ſeltſamen Auftrittes zu er⸗ hoͤhen. Dieſe einfache von den Vatern ererbte Juſtiz, welche ihre Ausſpruͤche unter freiem Himmel thut, zeigte mir das indianiſche Leben von einer Seite, die ich nach den Mum⸗ mereien in der Nacht nicht geahnet haͤtte. Wir entfernten uns gleichzeitig von unſerm Beobach⸗ tungspoſten und kehrten an die Stelle zuruͤck, wo wir unſere Pferde angebunden hatten. Dann ſchlugen wir den Ruͤck⸗ weg nach Hermoſillo ein. An der Stelle, wo der Pfad, auf welchem wir uns zu den Papagos begeben hatten, ſich mit dem vereinigte, der zu dem Meere und der Inſel Tiburon fuhrt, machte Cayetano Halt.„Ich denke“ ſagte er,„daß die Herren meiner Dienſte nun nicht mehr beduͤrfen und Sie werden mir alſo erlauben, daß ich Sie hier verlaſſe.“ Der Senator ſagte nichts a5 Cayetano aber fuhr zu mir gewendet fort: „Wenn Sie meiner beduͤrfen, die erſte Huͤtte, die Sie hundert Schritte von hier nach dem Meere zu finden, iſt die meinige; dort wohneich, wenn mich die politiſchen Ange⸗ legenheiten nicht wäch Hermoſillo rufen. Als Freund des Don Urbano werden Sie mir immer willkommen ſein; ſagen em Chineſen Vicente, es habe nicht an mir daß ich ihm keinen Crocodilſchwanz mitgebracht „ Leben Sie wohl.“ Cayetano gab ſeinem Pferde beide Sporen und ent⸗ fernte ſich in Galopp. — 121 „Glaubt er denn“ fragte ich Don Urbano, als unſer Fuhrer verſchwunden war,„ich beduͤrfe ſeiner Dienſte, um bei Ihrer Wahl als Coneurrent aufzutreten, oder ich wuͤrde mich an ihn wenden, um Alligatoreier wie mein chineſiſcher Wirth von ihm zu erlangen?“ „Nein“, antwortete mir der Senator,„wenn Sie aber ohne Zollſchein einige Silberbarren zu verſchiffen haben, ſo beſorgt dies Cayetano.“ „Er treibt alſo Schmuggelei?“ „Still!“ entgegnete der Senator lachend,„ſprechen Sie dies Wort im Beiſein eines Mitgliedes des ſouverainen Congreſſes nicht aus. Ich habe mit fur Repreſſivgeſetze ge⸗ ſtimmt. Er treibt, wie Sie ſagen, Schmuggelei und zwar bisweilen in ſehr origineller Weiſe.“ „Ich möchte wohl wiſſen“ fuhr ich fort,„da er jetzt nicht da iſt, warum er den Cerro nicht klingen hoͤren kann, ohne zu zittern.“ Don Urbano wolite den Geheimnißvollen ſpielen. „Ich kann Ihnen nichts Gewiſſes über Cayetano ſa⸗ gen“ antwortete er;„übrigens giebt es Geheimniſſe, die zu kennen gefaͤhrlich iſt.“ „Sie reizen meine Neugierde ineigenthuͤmlicher Weiſe; da Sie aber keine Luſt zu haben ſchetzen, mir etwas zu ſagen, ſo erzählt mir vielleicht Cayetano ſelbſt die Sache.“ Der Senator ſchuͤttelte den Kopf, als ſti er ſeiner Sache ganz gewiß. „Fordern Sie ihn nicht dazu auf, wenn ich Jhnen rathen ſoll“, ſagte er;„ja wenn er von ſelbſt ſich erbon. Ihnen die Sache zu erzaͤhlen, ſo horen Sie ſeine Worte 122 nicht an, denn Cayetano iſt der Mann, das Geheimniß, das er Ihnen anvertraute, auch wieder zuruͤckzunehmen.“ Don Urbano machte eine ſehr bezeichnende Geberde und ſetzte hinzu:„angenommen, daß etwas Geheimniß⸗ volles dabei im Spiele iſt. Wenn Sie ihn in Geſchaͤften beſuchen, gedenken Sie meines Rathes, beſonders aber ver⸗ geſſen Sie nicht, daß ich nichts geſagt habe und auch nichts weiß.“ Ich glaubte nicht weiter in ihn dringen zu dürfen und wir trennten uns in Hermoſillo. Bei meinen Geſchaͤften vergaß ich Cayetano bald trotz der großen Neugierde, welche dieſer ſeltſame Mann in mir erregt hatte. Der Englänber ſeiner Seits fuͤhrte in Hermoſillo ein ſo geheimnjWolles Leben, daß ich ihn in vierzehn Tagen nicht ein lzu Ge⸗ ſicht bekommen konnte. Er hatte einen Lade in welchem er allein, ohne Beihilfe eines Commis, ve kaufte und von Zeit zu Zeit blieb dieſer Laden mehrere! age hintereinander geſchloſſen, ohne daß Jemand Ausk ft uber die Veranlaſ⸗ ſung oder die Dauer der Abweſe heit des Eigenthuͤmers zu geben vermochte. Waͤhrend eizer ſolchen Abweſenheit nahm ich mir an einem Tage der uße vor, meinen Spazierritt, den ich jeden Morgen Whte, bis zur Hütte Cayetanos aus⸗ zudehnen. Der raſhe Caimanfänger war mir wieder in's Gedächtniß gehnmen; ich dachte jetzt aber ohne alle Auf⸗ regung derWhantaſie an ihn. Die Hütte Cayetanos war für michin Wegziel, weiter nichts. Ich hatte bis dahin faſt fuͤn Stunden zu machen, fünf Stunden aber macht man khierländiſchen Pferden recht gut in zwei. Ich wendete mich alſo nach dieſer Seite hin und kam bald bei der Thei⸗ 12³ lung der beiden Wege, an der Stelle an, wo Cayetano von uns Abſchied genommen hatte. Nach einigen Minuten er⸗ blickte ich die Huͤtte des Schildkrötenfängers. Sie hatte ein plattes Dach; die Wände beſtanden aus Palmenſtämmen, deren Zwiſchenräume mit Lehm und Pferdehaar ausgeſtopft waren, an welcher Miſchung ich hier und da große Perlen⸗ muſchelſchalen eingeſetzt ſah, die in den Strahlen der Sonne ſpiegelten und ſchillerten. Zwei Tamarindenbäume bedeck⸗ ten die Huͤtte mit ihrem Schatten. In einiger Entfernung breitete ein See ſein klares Waſſer aus. Die Hutte hätte in dieſer lachenden Einſamkeit unbewohnt ausgeſehen, wenn nicht ein lichter Rauch in bläulichen Ringen zwiſchen den Tamarindenbäumen emporgeſtiegen waͤre. Kein Geräuſch ließ ſich in der Umgegend hoͤren, außer dem harmoniſchen Rauſchen des Rohres im See, den ein kaum bemerklicher Luftzug kraͤuſelte und dem dumpfen Gemurmel eines Pfer⸗ des, das in einer kleinen Einzäunung ſein Mai Ich erkannte das Pfed Cayetanos. Die Thuͤr der Hüt⸗ war nur angelehnt. J die Schwelle ohne abzuſteiger und bezeichnete meine Ankunft mit der gewöhnlichen Begruͤßu⸗asformel: „Ave Maria purissima!“ „Sin pecado concibida“, antnartete eine Stimme, welche die Cayetanos war- Gleichzeitig begruͤßten einander unſere Pferde durch luſtiges Wiehern. Ich ſtieg ab und trat in die Hutte hinein. In einer Ecke des Hauptgemachs, in das ich gelangte, verbrannten vollends einne Holzſtüͤcke. Kuchen von Weizenmehl buken oder verkohlte, vielmehr auf gluͤhenden Kohlen nebſt einigen Stucken Levorrten 124 Fleiſches, welche am Feuer ziſchten. Einige Schritte davon ſaß Cahetano auf einem Bambusſchemel und putzte einige der Harpunen, welche die Leute ſeines Gewerbes fuͤhren. „Ah, Sie ſind es“, ſagte er, ohne ſich in ſeiner Arbeit zu unterbrechen;„willkommen in meiner Huͤtte. Sie finden mich mit meinem Fruͤhſtuͤck beſchaͤftiget. Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, mir Geſellſchaft zu leiſten?“ Ich glaubte dieſes hoͤfliche Anerbieten ausſchlagen zu muͤſſen, das mir nicht eben verlockend erſchien und ich ſagte, daß ich bereits gefruͤhſtuͤckt habe⸗ „Ich hatte Ihnen“ fuhr Cayetano fort,„nur ein ge⸗ ringes Mahl zu bieten, es Geſchah aber mit gutem Her 55 mit Ihrer Erlaubniß werde ich es allein einnehmen Das Innere deyHutte war ärmlich und kghl; unter den Netzen aber, 9 leich denen, welcher ſich di erlenfiſcher bedienen, unter den Harpunen und ander Geraͤthen, die P den Wänven hingen, zog ein Gegpſtand von räthſel⸗ ir GhKtalt meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Es war eine Art Wſte mit Hoſentraͤgern, a elcher in gleichen Ent⸗ ferwungen drei ungeheuere T chen angebracht waren. „Sie werden mir verzeien“ ſagte ich nach einer kurzen Pauſe,„wenn ein Rei nder neugierig iſt und Sie fragt, wozu Ihnen dieſe Harniſch dienen kann.“ „Das will i Ihnen ſagen“, antwortete Cayetano. „Sonſt brachten ir bei hellem Tage, zu jeder Stunde, mit Hilfe der Zoll ſſeher ſelbſt, Silberbarren trotz den Ge⸗ ſezen, welc Wdie Ausfuhr verbieten, auf die Schiffe; jetzt ſinv die 3 Mbenmten nicht mehr ſo nachſchtig und man kunn nicht au ie rechnen. Da brauche ich denn dieſe Weſte. Wenn „ 125⁵ ich in jede der Taſchen eine Barre nehme und meinen Man⸗ tel überwerfe, kann ich vor der Naſe der Zollaufſeher in mein Boot ſteigen, jedem von ihm freundſchaftlich die Hand reichen, ohne daß mich eine Laſt zu hindern ſcheint, unter welcher ein Mann von gewohnlicher Kraft zuſammenſinken wurde. So reichen etwa zehn Fahrten hin, dreißigtauſend Piaſter auf ein Schiff zu bringen, ohne daß ich den Gewinn mit Jemandem zu theilen brauche. Das iſt fur mich eine Vermehrung meiner Einnahmen, fuͤr welche ich dem Herrn Senator Don Urbano zu danken habe.“ „Sie haben in ihm einewaufopfernden Goͤnner“ ſagte ich;„aber wie fonnte er Ihnen dieſen Dienſt erweiſen?“ „In ſehr einfacher und ſeines Charakters wuͤrdiger Weiſe. Er ſprach eines Tages in dent Congreſſe ſo richtig und beredt von der Schmuggelei, welche W unſern Kuſten petrieben werde, daß er großen Eindruck madhte. Niemand iſt in der Sache erfahrener.“* „Vermuthlich hatte er gute Gruͤnde, ſo, duvon zu ſprechen.“ „Er ſprach ſo gut“, fuhr Cayetano fort,„daß der CoK greß ſtrenge Geſetze erließ.“ „Es iſt aber doch ſeltſam, gegen die Schmuggelei zu Gunſten der Schmuggler zu ſprechen“, warf ich ein. „Jedermann war zufrieden“, antwortete Cayetano, „die Mitglieder des Congreſſes, daß ſie einen Mißbrauch beſeitiget, unſer Repräſentant, daß er ſich großern Vor⸗ theil erworben, indem er ſich von der Concurrenz befreit und wir, ſeine Gehilfen, weil wir hoher bezahlt werden. 126 Ja, Herr, man kann ſich glůcklich ſchatzen, ſolche Abgeord⸗ nete zu haben.“ Nachdem er die Ueberreſte ſeines Einſiedlerfrühſtuͤcks mit den Füͤßen von ſich geſtoßen hatte, hing der Schmuggler die Harpune, welche er neben ſich gelegt hatte, neben den Geraͤthen an der Wand auf. Da ſah ich auch zum erſten Male ein Paar blaue Atlasſchuhe, welche ihrer Kleinheit nach den Füßen der Frau, die ſie getragen, zur Ehre gereicht haben mußten. Roſtfarbene Flecke truͤbten freilich den Glanz auf dem einen in kleinen⸗ ropfen, auf dem andern in einer breiten Fläche. In pén Angenblicke, als ich dieſe tigen Erinnerung betrach⸗ tete, hoͤrte ich Pferdege appel nach der Stadt zu und einige Minuten nachher tegen zwei Männer an der Thuͤr der Hütte ab. Beide kraten ein; der eine war mir unbekannt, der andere, deweinen acht Tage alten Bart, ſtaubige Klei⸗ der und eipen langen geraden Degen an der Seite trug, war meiwunſichtbarer Engländer. Cayetano wechſelte bei dem Mnblicke der Fremden die Farbe und ſeine Glieder zitten, als haͤtte er den Ton des Cerro gehoͤrt. Bald jedoch ammelte er ſich wieder. Der Englaͤnder begrüßte mich freundſchaftlich, ohne, wie es ſchien, üͤber meine Anweſen⸗ heit ſich zu verwundern und ſagte zu Cayetano: „Heute muß die Goelette auf der Rhede der Inſel Ti⸗ buron liegen; ich habe Gelder einzuſchiffen und brauche Sie, denn ich muß glauben, daß eine Anzeige gegen mich er⸗ gangen iſt. Vielleicht haben wir mit Zollaufſehern zu thun.“ „Deſto beſſer“, antwortete Cayetano, indem er ſeine kraf⸗ tigen Glieder dehnte,„es fehlt mir ſo etwas an Bewegung.“ 127 Dann nahm er die Weſte mit den großen Taſchen und die Harpune von der Wand und ging heraus, um ſein Pferd zu ſatteln. „Wenn Sie nichts Beſſeres zu thun haben“ ſagte der Englander zu mir,„ſo konnten Sie uns begleiten; Sie wuͤrden, ohne ſich im mindeſten zu gefährden, eine Landſchaft ſehen, die Ihnen noch unbekannt iſt und mir zugleich nutzlich ſein. Ich habe das Loſegeld eines Vicekonigs bei mir.“ Ich hatte ſchon zu viel von den abenteuerlichen Schmugg⸗ lerunternehmungen gehoͤrt, als daß ich das mir gemachte Anerbieten nicht hatte ſofordannehmen ſollen. Wir ſtiegen alsbald zu Pferde. Ein wie es chien ziemlich ſchwer bela⸗ denes Maulthier wurde an den attel des Unbekannten befeſtiget. Der Englaͤnder hatte ſich wußer dem Saͤbel, den er trug, mit einem Paar Piſtolen vesſehen, die in den Holftern ruheten. Ich muß geſtehen, daß e mit dem langen Barte, der ſtaubigen Kleidung und den Whilen kaum zu erkennen war. Wir brachen auf. Es war und efähr füͤnf Uhr Nachmittags, als wir ein dumpfes Gemurdel ver⸗ nahmen. Ob wir gleich in ziemlich weitem Kreiſe dinen Baum bemerkten, ſo war das Geraͤuſch doch nur mit den Rauſchen der Blätter und Zweige, die der Wind bewegt, zu vergleichen; wir erkannten aber bald die eigentliche Ur⸗ ſache. Wir waren in die Nähe des Meeres gekommen und erblickten auch bald ſeine kochenden Wogen und die ſandige Tiburon⸗Inſel, die ſich allmalig zeigte; als wir oben auf der Hoͤhe des ſteilen Ufers ankamen, konnten wir den ſchma⸗ len Canal überblicken, welcher dieſe Inſel von dem feſten Lande trennt. Der Canal iſt kaum eine Stunde breit. 128 Wir ſtiegen ab. Cahetano pfiff ganz gleichgiltig zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen, während der Englaͤnder ein Fernrohr aus der Taſche zog und aufmerkſam den weſtlichen Horizont betrachtete. Es zeigte ſich ihm die Spitze des Maſtes eines kleinen Schiffes hinter Baͤumen, welche die Goelette in der Bucht verſteckten, in welcher ſie lag. Als Cayetano dies hoͤrte, gab er ſeinem Cameraden ein Zeichen, der duͤrres Gras zuſammenlas, daſſelbe anzuͤndeté und dann die hell auflodernde Flamme mit gruͤnem Graſe bedeckte, ſo daß bald ein dicker Rauch in ſchwarzen Wirbeln emporſtieg. „Glauben Sie, daß man Anſer Signal geſehen hat?“ fragte der Englaͤnder den ysch immer pfeifenden Cayetano. „Sie koͤnnen ganzAnbeſorgt ſein“, antwortete ihm Cayetano;„ſelbſt wenn ſie uns ſaͤhen, wuͤrden ſie uns nicht uͤber dies hohlgehende Meer hinuͤberhelfen, wenn ich nicht da wäre. Maw“ muß unter dieſen Klippen geſchifft haben wie ich von Jgend auf, um ſich mit einer ſo reich beladenen Barke dahln zu wagen; jedenfalls muͤſſen ſie uns geſehen haben pend es duͤrfte gut ſein, ſogleich an die Arbeit zu gehen.“ Cayetano lud das Maulthier ab und legte einen gro⸗ n Silberklumpen, der wohl ſiebenzig Pfund wiegen mochte, nebſt einer Menge Ledertaͤſchchen, welche Goldſtaub enthielten und zuſammen gleich ſchwer ſein konnten, an die Erde; dann vertheilte er die koſtbare Laſt in die Taſchen ſeiner ſchon erwaͤhnten Weſte. „Sind wir einer Gefahr ausgeſetzt?“ fragte der Eng⸗ länder, welcher mit Beſorgniß dieſen Vorſichtsmaßregeln zuzuſehen ſchien. Cayetano zuckte die Achſeln zum Zeichen der Unſicherheit und ſagte kurz: 129 „Es iſt beſſer, man macht ſich auf alles gefaßt. Wenn wir unten ſind, legt Pepe die Weſte an und ich uͤbernehme das Uebrige.“ Als Cayetano die letzten Worte mit ironi⸗ ſchem Laͤcheln ſprach, ſteckte er einen ſtarken langen Bind⸗ faden, an deſſen Ende ſich ein Korkſtuͤck von der Große einer Hand befand, in die Taſche. Dann ſtieg der Schmuggler mit ſeinem Gefaͤhrten an dem hohen ſteilen ufer hinunter, um ein flaches Boot zu ſuchen, das gewoͤhn⸗ lich in einer Felſenbucht nuten lag. Ich bewunderte die Kraft und Geſchicklichkeit, mit welcher Cayetano, ohne unter der ungeheueren Laſt zuſdmmenzuſinken, dieſen lan⸗ gen und gefaͤhrlichen Weg machted Der Englaͤnder und ich ſetzten uns bequem oben an der Ruͤſte nieder, ließen die Beine hinunterhaͤngen und wendeten das Geſicht nach dem Meere, um das, was geſchehen wurde, genau zu ſehen. Unſer Beobachtungspoſten ragte wie ein Dadn, un⸗ gefaͤhr funfzig Fuß weit, in das Meer hinaus. VodNns lag die Tiburon-Inſel, umgeben von dem dreifachen GüdX tel ſchwarzer Felſen, die ſpitz und glaͤnzend waren wie die Zähne des Hais, deſſen Namen ſie führt und die bald gedrangt neben einander ſtehen wie Orgelpfeifen, bald einzeln wie Leuchtthuͤrme und die ſaͤmmtlich unter Schaum⸗ wogen bald erſcheinen bald verſchwinden. Das Meer, welches hier zwiſchen der Kuͤſte und jenen Felſen einge⸗ klemmt iſt, hob ſich in langen Wogen, die langſam auf⸗ ſchwollen, dann plotzlich ſich zu Hoͤhlungen bildeten, den Strand wie mit Schneefranſen ͤberzogen, die Klippen in ihren Wirbeln bedeckten und weit daruͤber hinaus blitzende Amerik. Reiſenovellen. 9 130 Garben warfen. Die Seehunde zeigten gelegentlich ihre feuchten Schnauzen und bruͤllten freudig in dieſem ewigen Getoſe, das von der majeſtätiſchen Ruhe des offenen Meeres und der Klarheit des Himmels abſtach. Cayetano und Pepe ſetzten unterdeß ihren gefährlichen Weg an dem Felſen hinunter nach dem Meere zu fort. „Fürchten Sie nicht,“ fragte ich den Engländer, „daß dieſe Leute ſich verſucht fuͤhle das ſich anzueignen, was Sie ihnen ſo ohne weitereg/änvertrauten?“ „Nein,“ antwortete er⸗“„das menſchliche Herz iſt nun einmal ſo, daß der, welcher ſeinen Vater und ſeine Mutter auspluͤndern wuͤrde,„ℳch doch ſcheut einen Tropfen Blut zu vergießen, waͤhwend ein anderer, fur den ein Menſchen⸗ leben nichts iſt„ich ein Gewiſſen daraus macht, ſich das Gut eines WMoern anzueignen. Vertraut man nicht alle Tage nochzehnmal großere Summen unbekannten Maul⸗ thiertxbern an? Und dann,“ ſetzte mein Begleiter hinzu, indæhn er auf Cayetano zeigte,„kenne ich die Geſchichte Meſes Mannes und weiß, mit welchem Fanatismus der ungluͤckliche das vertheidiget, was er die Ehre ſeines Na⸗ mens nennt.“ „Wie? Sie kennen ſeine Geſchichte und wuͤrden ſie mir erzaͤhlen?“ fragte ich, nachdem ich ihm mitgetheilt hatte, daß ich den Chineſen und den Senator nicht haͤtte bewegen konnen mir etwas uͤber Cayetano zu ſagen. „Warum nicht? Er hat ſie mir nicht erzaͤhlt und ich vin nicht der Einzige, der ſie kennt, obgleich er es nicht ahnt. Die Geſchichte iſt ſo blutig als kurz.“ — ie te ch ht ſchuͤtterlich, er habe keine Urſache gehabt ſeine Frau um⸗ 131 „Ich bin begierig,“ ſagte ich. „Vor noch nicht einem Jahre,“ fuhr er fort,„war Cayetano mit einer Frau verheirathet, die er leidenſchaft⸗ lich liebte, die ihn aber hinterging. Das Haus, welches er in Hermoſillo bewohnte, grenzte an den Cerro de Cam⸗ pana, deſſen ſeltſame Eigenthuͤmlichkeit Sie kennen. Ein Freund des Liebhabers der Frau, der auf dem Cerro Wache ſtand, erlauſchte vvn da aus die Ruͤckkehr Cayetano's und machte die Schuldigen darauf aufmerkſam, indem er drei eigenthuͤmliche Schläge that. Auf dieſes Signal ent⸗ ſchluͤpfte der Mann durch eine Hinterthuͤr. Ein gefaͤlliger Freund aber, wie es deren ja ſdwiele giebt, meldete Caye⸗ tano was vorging. Eines Abend nun und das weiß ich von jenem Freunde ſelbſt, erklang des Cerro ſo unheimlich und grauenvoll, daß die beiden Liebender ſich bei dem To⸗ desſchrei entſetzten, der jene Klaͤnge begleidete. Cayetano zerſchmetterte den Kopf des wachehaltenden Mpaſſers an den klingenden Steinen; dann kehrte er ruhig in Kin Haus zuruͤck; ſeine Ehre ſollte vor allem unverletzt ſein. Finen Monat darauf erſchien er mit der ſchrecklichen Narbe Nie Sie an ihm kennen, aber der Liebhaber ſeiner Frau wa nirgends mehr zu ſehen. Einige Tage ſpäter verbreitete ſich das Geruͤcht, die Frau ſelbſt ſei ermordet unter dem Schutte des Hauſes gefunden worden. Cayetano wurde gefaͤnglich eingezogen und vor den Richter geſtellt, ſtatt aber ſich zu entſchuldigen und den Ehebruch zu geſtehen, deſſen Strafe jener Mord geweſen, behauptete er uner⸗ zubringen und geſtand nur, daß ſeine Nerven ſehr gereizt 9* 132 waͤren. Der Richter fand die Sache, wie Sie ſich denken koͤnnen, ſehr ſchlecht.“ „Fuͤr Cayetano? Das begreife ich wohl.“ „Nein, fuͤr ſich ſelbſt,“ entgegnete der Englaͤnder; „Sie wiſſen ja, daß die Armen hier zu Lande ungeſtraft ausgehen. Cayetano war nicht reich und er mochte ver⸗ urtheilt oder freigeſprochen werden, man konnte von ihm kein Loöſegeld hoffen. Deshalb war det Richter ſehr rauh und hart gegen ihn, ſagte in wuͤthigem Tone, eine ſolche Entſchuldigung gebe ihm allerdirgs die Freiheit und entließ ihn, wenn auch mit der Verwärnung, es wuͤrde eine ſolche Entſchuldigung nicht zuhn zweiten Male angenommen werden. Seit dieſer Zeit fuhlen ſich alle, welche von dieſem Morde und Nen Urſachen deſſelben hoͤrten, unbe⸗ haglich, wenn ſig“ben Morder gereizt ſehen, was immer geſchieht, wenWer an die Frau denkt, welche ihn hinterging und ich hahwgute Gründe zu glauben, daß er häufig an ſie denkt. Was Tonen des Cerro hält er immer für eine un⸗ heimhMhe Erinnerung oder für eine unverzeihliche Belei⸗ digung. Cayetano hat ſich ſogar nicht geſchent mit eige⸗ er Hand ſein Haus niederzubrennen, um jede Spur der Vergangenheit zu vernichten.“ „Und ſein gefäͤlliger Freund?“ fragte ich. „Ich weiß nicht,“ entgegnete der Englaͤnder laͤchelnd, „ob das feſte Benehmen des Richters gegen Cayetano ihn einſchuͤchterte öder ob er nur auf eine Gelegenheit wartet, ſeine Rechnung mit ihm in Ordnung zu bringen; ſo viel iſt gewiß, daß er noch lebt, obwohl Cayetano ſo wie ich ihn kenne, gepeiniget von dem verderblichen Geheimniſſe, B — wieder auf das Meer, um neugierig den Helden dieſer 133 das er in Blut erſtickt zu haben glaubt, mir ein unerklar⸗ liches Rathſel bleiben wuͤrde, wenn er den Mann leben ließe, der dieſes Geheimniß mit ihm theilt.“ Der Erzähler ſchwieg und ich wendete meine Blicke blutigen Tragoͤdie zu beobachten als ſaͤhe ich ihn zum erſten Male. Ich ſah, wie er faſt zu unſern Füßen das gebrech⸗ liche Fahrzeug, mit unvergleichlicher Kraft und Gewandtheit handhabte, raſch uͤber das hohlgehende Meer hintrieb. Als ihn ſo die Sonne beleuchtete, welche eben am Horizonte niederſinken wollte und einen rothlichen Nebel uͤber das Waſſer verbreitete, er Pien er wie in einem bluti⸗ gen Dunſte. Mit einem Male ſtieß Rein Gefährte einen Aus⸗ ruf aus und pfiff ſo gellend, daß ich anwillkuͤrlich erbebte. Dann machte er aus ſeinen beiden Haͤnddu eine Art Sprach⸗ rohr, waͤhrend Cayetano auf das erſte Signal ſich um⸗ drehete und rief ihm im reinſten eaſtilianiſchen Dialekte, aber mit einem Ackente, welcher ſogleich den Andaluſier errathen ließ, zu, er moͤge um die Nordſpitze der LWuron⸗ Inſel herum fahren, weil von Suden her ein verdaͤchdiges Boot nahe. Ich mußte nothwendig die plotzlichen ForK ſchritte des Englaͤnders in der ſpaniſchen Sprache bewun⸗ dern; es war dies ein neues Geheimniß fur mich und ich glaubte falſch gehoͤrt zu haben. Cayetano antwortete üͤbrigens auf das Signal des Englaͤnders durch ein ähnli⸗ ches Pfeifen und hielt einen Angenblick an, um die Gefahr zu muſtern. Von demſelben Punkte der Inſel her, welchen Cayetano zu erreichen ſuchte, kam ein Boyot mit fuͤnf Mann, von 134 denen vier an den Rudern ſaßen, während der fuͤnfte das Steuer lenkte, ſchnell auf ihn zu. An der dreifarbigen Flagge— gruͤn, weiß und roth— erkannte man leicht die Nationalfarben der Douane, welche in ziemlicher Ent⸗ fernung einen einzelnen Poſten inne hatte. Nur eine An⸗ zeige konnte, wie es der Englaͤnder gefuͤrchtet hatte, die Aufmerkſamkeit geweckt haben. Im Augenblicke als die Wellen das Boot Cayetano's hoben, konüte er das verdaͤch⸗ tige Fahrzeng bemerken. Er machte da eine verächtliche Bewegung, ſchwang die Harpunewelche er aus dem Boote nahm, über ſeinem Kopfe, bökte ſich uͤber dem Ruder und gab dem Boote einen ſo gewältigen Druck, daß es mit der Schnelligkeit des fliegenen Fiſches, wenn er an der Ober⸗ fläche hingleitet, fo=ſchoß. Cayetano hatte gerade die entgegengeſetzte Mchtung eingeſchlagen. Die Zollbarke konnte trotz derl Anſtrengungen ihrer Ruderer kaum in gleicher EntKrnung von ihm bleiben, viel weniger ihn einholen Mnd dies beruhigte den Englaͤnder. Die Sicher⸗ heit walt indeß erſt dann vollſtändig, als er ein drittes Bon bemerkte, welches plötzlich von der Inſel abſtieß und Nenſelben Weg nahm wie das Zollboot. Es wurde von vier Ruderern pfeilſchnell auf dem Meere hingetrieben. „Das ſind meine Getreuen,“ rief der Englaͤnder aus, indem er ſich die Hande rieb;„ſie haben meine Signale geſehen und mein Metall iſt in Sicherheit.“ Ich benutzte ſeine Freude, um ihn zu fragen, welches Wunder ihm plotzlich die Kenntniß der ſpaniſchen Sprache gegeben habe. „Ich habe mich verrathen,“ ſagte er,„hoffe aber, 135 daß ich von Ihnen nichts zu füͤrchten habe. Ich treibe ein gefaͤhrliches Handwerk,“ ſetzte er hinzu,„nicht weil ich mich mit der Schmuggelei beſchaͤftige, ſondern weil dieſe mir erlaubt, die Waaren wohlfeiler zu liefern als meine Collegen, die mich aus Neid ſchon würden haben ermorden laſſen, wenn ſie ahnen foͤnnten, daß ich ein Spanier bin. Als Englaͤnder bin ich ſicher. Ich beſitze zur Haͤlfte mit Don Urhano die Goelette, welche in der Nähe da liegt und in Folge meiner Liſt) welche der Senator gegen jeden be⸗ ſtätiget, der es horen ill, iſt der ehemalige Stierkämpfer von Sevilla, den Sie in mir ſehen, auf dem beſten Wege ſein Gluck zu machen.“ Die merikaniſchen Zollaufſeher haben an dieſen fernen Kuſten die tiefſte Ehrfurcht vor dedbewaffneten Schmugg⸗ lern. Bei dem Anblicke der neuen erſtäͤrkung, welche Cayetano erhielt, glaubten ſie dem Stadte einen genuͤgen⸗ den Beweis ihrer aufopfernden Thaͤtigkei gegeben zu ha⸗ ben und kehrten mit bewundernswuͤrdiger Ser enruhe um. Nun blieb mir aber das Verhalten Cayetanos u erklaͤrlich.. Er ſteuerte noch immer nach einem Orte zu, den du ver⸗ zweifeltſte Muth, die thoͤrichtſte Tollkühnheit zu erresWen nicht hoffen konnte. Es war dies ein Punkt der Tiburo Inſel, den man in der Glut der untergehenden Sonne noch pemerkte, welche lange rothe Strahlen zwiſchen den dich⸗ ten ſpitzen Klippen hindurch warf. Von Minute zu Mi⸗ nute erloſchen dieſe Strahlen mehr und die Klippen ver⸗ ſchwanden unter den Waſſerwirbeln, welche wallend empor⸗ ſtiegen oder in ſchaͤumenden Cascaden wieder niederfielen. Nur ein Seehund haͤtte da durchkommen konnen. Nach 136 dieſer Richtung hin fuhr aber Cayetano mit einer Schnel⸗ ligkeit, die Schwindel erregte und ohne Noth, da die Feinde ſich zuruͤckgezogen hatten. Nichts glich deshalb auch der Angſt des armen Spaniers. Noch eine Minute und ſein Vermoͤgen konnte verſunken ſein. „Ach,“ rief er aus, indem er die Haͤnde rang,„ich Thor, der ich war! Ich haͤtte das vorausſehen und erwar⸗ ten koͤnnen; der Mann iſt unverſoͤhnlich.“ „Aber welches Intereſſe kann er haben, dieſes ſeltſame Manover auszufuͤhren?“ fragte ich Lerwundert. „Welche Gruͤnde?“ entgegnete der Andaluſier;„der Mann, welcher dieſen Unſligen begleitet, iſt ſein Freund.“ Waͤhrend er dies ſo6te, legte er ſich in das Gras nie⸗ der. Ich nahm das Fernrohr, das ſeiner Hand entfiel und konnte, gebannt v dem gräßlichen Schauſpiele, die Augen davon nicht abyſenden. Noch in einiger Entfernung von den Klippen/in dem gluͤhenden Scheine des Sonnenunter⸗ ganges, Mupfte das Boot Cayetanos von Welle zu Welle wie eiy⸗Hirſch, der ſeinen Anlauf nimmt, um über einen AbgKlund zu ſpringen. Einer der beiden Ungluͤcklichen, ſich darin befanden, richtete ſich gerade auf, dann ſchien er niederzuknieen und zu beten; der andere, und das war Cayetano, machte eine drohende Geberde, worauf der andere in ſich zuſammenſank und die Haͤnde gen Himmel er⸗ hob. Eine Schaumwolke entzog mir einen Augenblick die Fortſetzung dieſes Auftrittes, es ſchien ſich aber ein Schrei der Todesangſt in das entſetzliche Getoͤſe der Wogen zu miſchen, welche zwiſchen den Klippen heulten. Alles dies —)8 e— e 137 geſchah gedankenſchnell. Das Boot ſchien, von einer Welle gehoben, aus dem Waſſer herauszuſpringen, richtete ſich gerade empor, that dann einen Sprung vorwaͤrts und zitterte einen Augenblick zwiſchen zwei dolchſcharfen Spitzen; ich ſah Cayetano den Arm ausſtrecken; es wurde ein Korper uͤber die Klippen geſchleudert und dann ver⸗ ſchwand alles. Einige Augenblicke nachher dreheten ſich in Schaumwirbeln, welche die Sonne nicht mehr mit ihrem blutrothen Scheine überſtrahlte, die Ueberreſte eines Boo⸗ tes umher und unter diefen Truͤmmern erkannte man keine menſchliche Geſtalt. Unter den Tropen tritt dis Nacht plotzlich, ohne Daͤm⸗ merung, ein; das Dunkel wadan die Stelle der Helle getreten; der Canal funkelte von p sphoriſchem Scheine, der Himmel von zahlloſen Sternen und wir, der Spanier und ich, ſaßen noch immer da. Der Zo war übrigens bei meinem Gefährten der Niedergeſchlage Weit gefolgt; der Kaufmann war verſchwunden, um dem S ierkämpfer Platz zu machen und er ſtieß die furchterlichſten Ddhungen gegen Cayetano aus, wenn derſelbe entkommen R Ite. Mit einem Male vernahm ich Geraͤuſch; es ſchienen K Steine unter den Tritten Jemandes abzuloſen, welcher an dem ſteilen Ufer heraufſtieg, dann zeigte ſich ein Kopf in unſerer Naͤhe und an dem Waſſer, das von den Haaren troff, erkannte ich Cayetano; er pfiff den Riego⸗Marſch wie eine halbe Stunde vorher. Ich horte in den Haͤnden des Spaniers, der aufſprang, das Knacken eines cataloniſchen Meſſers. „Still!“ ſagte ich zu ihm;„laſſen Sie ihn erſt reden.“ 138 „Beruhigen Sie ſich,“ ſprach Cayetano, indem er nä⸗ her trat,„Ihr Gold iſt in Sicherheit.“ „Wo?“ rief der ehemalige Stierkampfer in hoͤchſter Freude aus. „Ich habe es dem Pepe uͤbergeben und der huͤtet es.“ „Aber wo?“ rief der Spanier von neuem. „Caramba! Auf dem Boden des Meeres.“ Der Spanier ſtieß eine Art Brullen aus, Cayetano aber, der den Zorn des ehemaligen Stierkämpfers nicht zu bemerken ſchien, welcher ihm voytarf, ohne Noth ſo ge⸗ handelt zu haben, fuhr fort: „Ich habe es fur nothig gehalten, ſage ich Ihnen und bin auch ſchon mehrmalg/durch jene Klippen hindurch ge⸗ kommen. Wenn diesmal das Boot in Stuͤcke ging, ſo tragt Pepe die Scheld, ob er gleich im Fallen auch über die pen herum uRd an der Stelle, wo das Waſſer ruhig iſt, werden Si das Zeichen bemerken, das ich zuruͤckgelaſſen habe, Mmn den Koͤrper des lieben Freundes wieder zu finden „Mein Gold und Silber iſt alſo in Sicherheit?“ ragte der Spanier. „Habe ich Sie jemals getaͤuſcht?“ entgegnete Caye⸗ tano im Gefuͤhle verletzter Wurde.„Aber eilen Sie. Ihre Ruderer erwarten Sie unten und es iſt keine Zeit zu verlieren, wenn Sie nicht wollen, daß die Haifiſche den armen Pepe hindern Ihnen einen letzten Dienſt zu erwei⸗ ſen. Ich meines Theils habe gethan was ich zu thun hatte und ich ſteige zu Pferde um nach Hauſe zuruͤckzukehren. gefaͤhrliche Spitz hinwegkam. Fahren Sie um die Klip⸗ C 5 18 ——— 139 Gute Nacht! Auf Wiederſehn! Aber ich vergaß etwas Wichtiges; in dem Bade, das ich genommen habe, ſind alle meine Cigarren naß geworden undich moͤchte rauchen.“ Cayetano, der pereits auf ſeinem Pferde ſaß, ſtreckte die Hand nach dem Spanier aus und fing von neuem an ſeine Lieblingsmelodie zu pfeifen, allerdings mit einem Scheine von duͤſtern Gedanken, welche ſeine erheuchelte Sorgloſigkeit Luͤgen ſtraften. Bald darauf entfernte er ſich und ſchlug ſich dabei Feuer an, ſo daß die Funken wie Blitze um ihn flogen. Wir ſtiegen raſch an den Strand hinunter, wo der Spanier ſeine Getreuen fand. Wir fuhren ab. Hinter den Klippen, an welchen das Boot zerſchellt war, ſah das Meer wirklich, wie es der Fiſcher geſagt hatte, ruhig und ſchwarz aus. Wir ſuchten einige Zeit ohne das erwaͤhnte Zeichen zu finden und der Spanier glaubte bereits von dem Schmuggler getaͤuſcht worden zu ſein. Die Wogen, welche an die entgegenſtehende Seite der Klippen ſ chlugen, fielen auf die innere in Feuerregen nieder und in dem Phos⸗ phorſcheine, den ſie verbreiteten, bemerkte man einen ſchwimmenden ſchwarzen Gegenſtand, das Korkſtuͤck, das ich in der Hand Cayetano's geſehen hatte. Nun war alles enthüllt; der Spanier jubelte, denn ſein Gold und Silber mußte da liegen. Die ſpitzen Stangen, die man in der Richtung des Bindfadens einſtieß, ſchienen in Schlamm zu ſinken, bald aber traf man auf einen unüberwindlichen Widerſtand und nach tauſend Anſtrengungen brachten die Matroſen mit Stricken den Leichnam Pepes empor. Der Bindfaden, welcher den Kork hielt, war an den Griff einer 140 Harpune befeſtiget und die Spitze dieſer Harpune hatte den Koͤrper durchbohrt, welcher die ſchwere Weſte trug. Der Spanier ſuchte gierig und es fehlte nichts. Nachdem man dem Leichname die koſtbare Laſt abgenommen hatte, ließen ihn die unbarmherzigen Menſchen unbeachtet von neuem in das Meer fallen. Feuerſtreifen, welche plotzlich unter dem durchſichtigen Waſſer nach der Stelle zuſammen⸗ ſchoſſen, wo der Leichnam untergeſunken war, zeigten an, daß die Haifiſche ihn bald verzehren wuͤrden. „Cayetano hat ſeine letzte Rache als ehrlicher Mann vollbracht,“ ſagte der Spanier, indem er die Lederſäckchen zaͤhlte,„ja als kluger Mann; ich bin ihm eine Ehrener⸗ flärung ſchuldig und will mich haͤngen laſſen, wenn der Criminalrichter ihn überzeugen kann, er ſei in dieſem Augenblicke gereizt geweſen.“ Das Gold und das Silber wurden auf die Goelette gebracht und wir ſtiegen dann wieder zu Pferde. „Wollen Sie ihn dieſe Nacht um gaſtliche Aufnahme bitten?“ fragte mich der Spanier als wir in die Naͤhe des Hauschens Cayetano's kamen. „Nein,“ antwortete ich;„ich bin bis jetzt nirgends Stierkaͤmpfer geweſen und habe folglich zartere Nerven als Sie. Mir grauet vor dem Manne, der in einem Jahre drei Mal Menſchenblut vergoſſen hat.“ „Wie Sie wollen,“ ſagte mein Begleiter. Die Gegend um das Haͤuschen her war öde und ſtill. Die Bewohner des Sees ſchliefen im Schlamme und nur das Rohr miſchte ſeine Seufzer unter das Rauſchen der Blaͤtter. Der Galopp unſerer Pferde ſchallte weit hin. tte g. m — W 2 14¹ Als wir in einiger Entfernung von der Wohnung Cayeta⸗ no's vorbeikamen, ſah ich denſelben in der Thuͤr erſcheinen. Er erkannte uns und rief uns zu: „Nun, Herr Engländer, fehlt Ihnen etwa „Nein,“ antwortete der Spanier,„und ich erwarte Sie, um mit Ihnen zu rechnen.“ „Nun,“ entgegnete Cayetano,„eine Oſterkerze ſind Sie mir wenigſtens ſchuldig, denn Ihr Gold iſt mit genauer Noth gerettet worden. Gute Nacht und vergeſſen Sie nicht, daß man bei der Schmuggelei wie im Kriege oftmals in traurige Nothwendigkeit verſetzt wird.“ Ich werde nie den ſpoͤttiſchen Ton dieſer Stimme in der finſtern Nacht vergeſſen. Es lag in der kalten Ironie des Moͤrders etwas noch Schrecklicheres als im Hohngelaͤch⸗ ter. Ich gab demPferde beide Sporen und hatte bald die Hutte aus dem Geſichte verloren, die mir am Morgen ſo lachend und maleriſch vorgekommen war und die mir nun im Dunkel und in der Stille furchtbar und grauenhaft erſchien wie ein verfluchter Hrt. 8 2 Die Gambuſinos. Scenen aus dem Waldleben Südamerikas. Wenn man die Küſten des ſtillen Meeres verlaͤßt, um ſich nach dem Norden Mexicos in der Richtung der weiten Einoden hin zu wenden, welche dieſe Republik von den 142 vereinigten Staaten trennen, ſo bemerkt man bald, daß man in eine neue Welt gelangt, die nicht minder eigen⸗ thuͤmlich iſt als jene, die ich theilweiſe zu beſchreiben ver⸗ ſucht habe. Die Einode hat ihren beſondern Einfluß wie das Meer und die Geſtalten, welche dieſer Einfluß ent⸗ wickelt, ſtehen weder an Kraft noch angwilder Großartig⸗ keit denen nach, die das Meer in ſeiner rauhen Schule bildet. Die dichten Wäaͤlder, die unermeßlichen Savannen und die Berge, von deren Gipfel die Gewaͤſſer Gold bis in die Thaͤler hinunterfuͤhren, bergen wandernde Bewohner, unter welchen man drei deutlich unterſchiedene Gruppen bemerkt. Die Jäger, die Viehzuͤchter(vaqueros) und die Goldſucher(gambusinos) vertreten drei wichtige Indu⸗ ſtriezweige Mericos, den Handel mit Rauchwaaren, den Leder⸗ und Viehhandel und die Ausbeutung der edeln Metalle. Die Gambuſinos beſonders verdienen einen ganz be⸗ ſondern Platz unter dieſen Abenteurern. Man verſteht nämlich unter dieſem Namen in dem Staate Sonora eine Claſſe umherziehender Bergleute, welche einen wunderba⸗ ren Inſtinet zu beſitzen ſcheinen, die Goldlager zu entde⸗ cken, welche in Sonora zahlreicher ſind als in irgend einer andern Provinz Mericos. Da ſie das Geld nicht beſitzen, um die unterirdiſchen Arbeiten zu unternehmen, welche die Bergwerke erfordern, ſo muͤſſen ſie ſich begnuͤgen unter freiem Himmel die faſt an der Oberfläche liegenden Schaͤtze herauszuſchaffen, die ihnen der Zufall oder ihr unvergleich⸗ liches Geſchick zeigt. Allerdings laſſen ſie ſich in ihren Nachforſchungen durch einige allgemeine Zeichen leiten. 143 Das Gold liegt faſt immer in Quarz und Quarzgeſtein pildet bisweilen in einem Raume von einer Stunde und mehr Spitzen und Vorſpruͤnge, die man crestones nennt. Dieſe orestones, die von der Sonne durchglühet und ohne alle Vegetation ſind, erkennt man leicht. Der Gambu⸗ ſino reiſet nie ohne ſeine Barreta, eine Art eiſerner Lanze mit gehaͤrteter Spitze. Hat er ein creston entdeckt, ſo unterwirft er die Steine, welche er mit ſeinem Inſtrumente davon losmachte, einem gewaltigen Feuer und je nachdem das Erz ſich ergiebig zeigt oder nicht, arbeitet er weiter oder ſetzt ſeinen Weg fort. Bisweilen trennt ein Lanzen⸗ ſtoß ein Geſteinſtuͤck ab, in welchem Goldflittern oder Gold⸗ adern in der Sonne glanzen. Allein, fern von jeder Woh⸗ nung, ohne ſich die Zeit zu nehmen, die geſetzliche Anzeige zu machen, bearbeitet da der Gambuſino die Stuͤcke, welche ſein Werkzeug lostrennt, bis die Goldader in die Tiefe der Erde hinabſteigt und die Arbeit im Freien unmoͤglich wird. Dann verkauft er ſeinen Fund an den, welcher ihn kaufen will und zieht ruhig weiter, um ein anderes Erzlager zu ſuchen. Der Goldſtaub iſt wie die Erzgaͤnge fur die Gambuſi⸗ nos der Gegenſtand oft gefäͤhrlicher Nachſuchungen. Der⸗ ſelbe führt ſie an Flüſſen und Wildbaͤchen hin, welche ihre goldgeſchwaͤngerten Gewäſſer von den Bergen in die Thaͤ⸗ ler hinunterfuͤhren. Oftmals gelangt der Goldſucher bis in die Einöde, wo die Indianer unumſchränkt dieſelbe Induſtrie betreiben und faſt immer bezahlt er dann mit ſeinem Leben die Kuhnheit, welche ihn trieb ſich mit dieſen furchtbaren Nebenbuhlern zu meſſen; oder er kehrt, nach⸗ dem er mit Hunger, Durſt und wilden tauſend Gefahren getrotzt, in der Eile placer ausgebeutet hat, mit bedeutendem Ertrage und dem Bedauern, daß er nicht laͤnger in dem fernen Eldorado blei⸗ ben konnte und mit der Erinnerung an tauſend ſchreckliche Abenteuer zuruͤck. Seine Erzäͤhlungen, in denen die Be⸗ ſchreibung fabelhafter Schaͤtze eine Hauptſtelle einnimmt, entzunden immer die Habſucht. Ganze Familien brechen ihrer Seits mit einem Eſel auf, der mit Hacken, bateas und einigen Lebensmitteln (großen hoͤlzernen Sieben) beladen iſt, um ſich denſelben Gefahren in jenen Wildniſ⸗ Nach ſen auszuſetzen, wo ſie häͤuſig nur ein Grab finden. genauen Berechnungen iſt wenigſtens ein Viertel von den zehn Mill. Gold, welche Merico jäͤhrlich in den europaiſchen Handel bringt, der Ertrag der Nachſuchungen der Gam⸗ bufinos. Man weiß nun, worin die beſteht. Der Schauplatz, auf welchem dieſe Induſtrie ge⸗ ubt wird, iſt bald die Seite eines von einem Wildbache ausgehoͤhlten Berges, bald das Thal, in welches ſich die⸗ ſer Bach ſtuͤrzt. Die Waſſermaſſen, welche die Berge nach allen Richtungen durchziehen und die crestones oftmals gaͤnzlich verbergen, reißen Theile des Erzes mit fort, zer⸗ malmen undzerreiben ſie und bringen ſo allmaͤlig die Gold⸗ koͤrner heraus, die ſie enthalten. Dieſe Pepitas, die an⸗ fangs eckig und kantig ſind, wenn ſie von dem Geſtein los⸗ geriſſen werden, runden ſich durch das Reiben ab, werden bisweilen von dem Waſſer in weite Entfernung getragen und zeigen endlich eine ganz glatte Flaͤche. Da ſie indeß Induſtrie des Goldſuchers Thieren gekämpft, ein creston oder ——— 145 mit Sand u. dergl. bedeckt ſind, ſo unterſcheiden ſie ſich, wenn ſie aus dem Waſſer kommen, durch nichts von ge⸗ woͤhnlichen Kieſeln; man muß ſie waſchen, um ihnen ihre Glaͤtte und ihren Glanz wiederzugeben. Das gediegene Gold findet ſich nicht allein in dem Waſſer der Wildbaͤche, ſondern auch in deren ausgetrocknetem Bette und an dem Berghange, der Spuren ihrer Anweſenheit behalten hat. Wie reich muͤſſen manche dieſer Adern ſein, wenn man von dem Umfange mancher dieſer koſtbaren Bruchſtucke ſchließt, die der Zufall Leuten zuwirft, welche ſie nicht ſuchen! Man⸗ ches bedeutende Vermoͤgen ſchreibt ſich von ſolchem wunder⸗ baren Funde her, der an die Feenmaͤhrchen erinnert. Sorg⸗ loſe Abenteurer, welche in der Aſche ihres erloſchenen Lagerfeuers herumſtoͤrten, haben ſchon Goldſtuͤcke von un⸗ geheurer Groͤße gefunden, deren erdige Huͤlle die Hitze abgetrennt hatte. Andere ſahen formloſe Steine zu ihren Fuͤßen ploͤtzlich glaͤnzen, waͤhrend manche Gambuſinos bei fleißigem taglichen Suchen kaum ſo viel finden, daß ſie von dem Ertrage leben koͤnnen. Faſt die ganze Strecke, welche Hermoſillo von dem letzten Preſidio trennt, d. h. ein Strich von 90 Stunden, beſteht aus ſolchem angeſchwemmten Lande, in welchem ſich Gold in Menge findet. Nach den merkwuͤrdigen Be⸗ ſchreibungen des Gold⸗placers, die ich taͤglich in Hermoſillo hoͤrte, glaubte ich meine Muße nicht beſſer verwenden zu koͤnnen, als wenn ich die ganze Gegend ſelbſt beſuchte. Ehe ich meinen Ausflug begann, wollte ich aber doch eine Vorſtellung von dem Lande haben, das ich zu durchwandern gedachte und ich mußte deshalb mit einem Spanier ſprechen, Amerik. Reiſenovellen. 10 ————— der lange in der Provinz lebte und den ich in Hermoſillo kennen gelernt hatte. Der Spanier gab mir ſehr voll⸗ ſtändige Ortsbeſchreibungen, die ich hier nur fluͤchtig anden⸗ ten will. Eine Kette ziemlich hoher Berge beginnt einige Stunden von Hermoſillo und laͤuft von Suden nach Nor⸗ den. Am Fuße der erſten Hoͤhen der Kette, öſtlich von der Stadt, theilt ſich der Rio San Miguel in zwei Arme; der erſte behaͤlt den Namen des Fluſſes, der zweite heißt der Rio de los Uris. Die beiden Arme beſpuͤlen die Thaͤ⸗ ler unter der Kette, die ſichzwiſchen ihnen erhebt; der Rio San Miguel wendet ſich links, der Rio de los Uris rechts, d. h. der erſte nach Weſten, der zweite nach Oſten. Jen⸗ ſeits Arispe, der letzten merikaniſchen Stadt, welche man an dieſer Seite findet, theilt ſich der Uris, verſtarkt durch die Gewaͤſſer, welche von den magnetiſchen Spitzen des cerro herunterkommen, noch einmal in zweiparallele Arme, zwiſchen denen ſich eine letzte Verzweigung der Kette hin⸗ zieht, die fuͤnf und zwanzig Stunden von da, bei den beiden Doͤrfern Nacome und Bacuache verſchwindet. Dieſe bei⸗ den Doͤrfer, die nach den beiden Armen des Uris ſo ge⸗ nannt find und von den Bergen getrennt werden, welche die Kette endigen, liegen fuͤnf Stunden auseinander. Von dem Gipfel dieſer Berge bringen die Wildbaͤche, welche an jedem Abhange herunterſtroͤmen, den Waͤſchern in Na⸗ come und Baeuache Gold zu. Mit Ausnahme einiger armſeliger Huͤtten, die in gleicher Entfernung von Arispe und Bacuache liegen und das Dorf Fronteras bilden, herrſcht in dieſer ganzen Strecke tiefe Einſamkeit. Jenſeits 147 der beiden Doͤrfer findet ſich das Preſidio Tubac und von Tubac an ziehen ſich unermeßliche Wildniſſe bis nach Ore⸗ gon und ſtoßen an die weſtlichen Grenzen Ober⸗Califor⸗ niens. „Von hier bis Arispe,“ ſagte der Spanier zu mir, nach⸗ dem er mir meine Reiſeroute entworfen hatte,„iſt der Weg ſicher und es wird Ihnen weder an Waſſer noch an Feuer mangeln; von Arispe bis Bacuache aber, was meiner An⸗ ſicht nach jetzt der ergiebigſte placer iſt, reiſen Sie nur wohlbewaffnet. Ich habe die Reiſe vor einigen Monaten gemacht und zum erſten Male ein unheimliches Kreuz be⸗ merkt, das gewiß an eine Mordthat erinnert. Der Ort iſt, wie Sie ſehen werden, ganz geeignet ſeinen Näͤchſten auf die bequemſte Weiſe von der Welt auszupluͤndern oder zu ermorden. In jedem Falle werde ich, wenn ich nichts wieder von Ihnen hoͤre, ein Kreuz fuͤr Sie neben dem erſten aufpflanzen laſſen.“ Ich dankte dem Spanier fuͤr ſeinen guten Willen und. ging an meine Vorbereitungen, wobei ich über den Con⸗ traſt dieſer gefaͤhrlichen Ausfluͤge und unſerer Reiſen in Eu⸗ ropa dachte, wo bereits beſchriebene und bekannte Land⸗ ſchaften, wie gleichfoͤrmige Transportmittel das Unerwar⸗ tete von Tage zu Tage ſeltener machen. In Meriko konnte ich mich uͤber das uͤbermaͤßige Gegentheil zu bekla⸗ gen haben. Welche Liſt hat man in Gegenden, wo es Wirthshaͤuſer giebt, aufzubieten, um ſich eine gute Auf⸗ nahme bei dem Wirthe zu verſchaffen, um eine magere Mahlzeit zu erhalten, die oftmals von Maulthiertreibern und Dieben getheilt wird! Und welche diplomatiſche Ge⸗ 10* wandtheit iſt oftmals nothig, um ſich ein Nachtlager in den Staaten zu ſichern, wo die Posada, die meson oder venta unbekannt ſind! Noch weiter hin breitet ſich der despoblado (die Wildniß) vor dem Reiſenden aus„ohne die geringſte Spur von einer Wohnung, nicht einmal eine Schaͤferhuͤtte, zu zeigen. Trotz jenen Entbehrungen haben gleichwohl ſolche Reiſen einen unwiderſtehlichen Zauber. Die pracht⸗ vollen Landſchaften, durch die man kommt, die Lagerplätze im Walde um den hundertjäͤhrigen Baum, der mit koͤnigl. Verſchwendung in ein rieſiges Feuer verwandelt wird, die Menſchen, mit denen man zuſammen trifft, Vertreter einer faſt unbekannten Geſellſchaft, Helden, die ſo rauh und wild find wie die Natur, die ſie umgiebt, alle dieſe ſo ſelt⸗ ſamen und verſchiedenen Vorfälle ſind fuͤr den Reiſenden eben ſo viele Entſchaͤdigungen, uber denen er ſeine Stra⸗ pazen vergißt. Dieſer Reiz des Unerwarteten mag auch der Erzaͤhlung eines Ausflugs in dieſe geheimnißvollen Einoͤden Unterhaltung gewaͤhren. Hier haben mehr als ſonſtwo die Details ihren Werth und die geringfügigſten Umſtände verdienen als eben ſo viele pikante Enthuͤllungen einer von der unſrigen ganz verſchiedenen Welt verzeichnet zu werden. Bis Arispe ſollte ich mit dem Senator Don Urbano reiſen, den dringende Geſchaͤfte in dieſe Stadt riefen. Seine Schwägerin und Frau begleiteten uns und wir woll— ten nur kleine Tagereiſen machen. An dem beſtimmten Tage beſtieg ich mein Pferd, um mich zu dem Hauſe des Senators zu begeben. Es war kaum drei Uhr als ich durch die ſtillen Straßen Hermoſillos ritt. Die Nacht war 149 erſtickend heiß und nach der Sitte in dieſen patriarchaliſchen Gegenden hatten alle Bewohner der Haͤuſer, denen Hoͤfe fehlten, ihre Lagerſtätte auf die Straße gebracht. Wenn das Dunkel minder dicht geweſen waͤre, moͤchte es ein ſelt⸗ ſamer Anblick geweſen ſein, dieſe Schläfer jeden Alters und Geſchlechts theils beiſammen, theils einzeln, aber ſaͤmmt⸗ lich in einem der Waͤrme des Climas angemeſſenen Nacht⸗ anzuge zu ſehen. Nur mit unendlicher Vorſicht gelangte ich zu dem Senator ohne daß mein Pferd Jemanden getre⸗ ten hatte. Etwa dreißig Pferde, die um eine Stute herum ſtan⸗ den, welche ein Glöckchen am Halſe trug, wieherten und ſcharrten vor der Thuͤr. Fuͤnf bis ſechs Diener beluden fluchend eben ſo viele Maulthiere; ein Anderer hielt am Zuͤ⸗ gel drei ſchoͤne Pferde, von denen zwei Damenſattel trugen. Im Augenblicke als ich ankam, offnete ſich die Thuͤre und zwei andere Diener kamen zu Pferde mit einem Stuͤck bren⸗ nenden Kienholzes heraus, welches als Fackel diente. Im Lichte dieſer Fackeln ſah ich Don Urbano auf mich zu kommen. „Reiſen wir denn in einer Caravane?“ fragte ich ihn, indem ich auf die Menge Pferde zeigte. „Keinesweges“, antwortete er;„es ſind die Pferde, die ich auf die Stationen vorausſchicke, denn wir haben täglich 25 Stunden zu machen.“ „Und das nennen Sie in kleinen Tagereiſen reiſen „Allerdings und ich thue es nur der Damen wegen, welche an lange Touren nicht gewoͤhnt ſind.“ Faſt in derſelben Zeit gab Don Urbano das Zeichen 27 * zum Aufbruche und Pferde, Maulthiere und Diener ſetzten ſich im Galopp in Bewegung, wodurch ein gewaltiger Lärm in den Straßen entſtand, zum großen Verdruſſe der Schlaͤ⸗ fer. Als der Laͤrm verklungen war, brachen wir ſelbſt mit den Fackeltraͤgern auf, die vor uns ritten und im Dunkel tauſend Funken umherſpruͤhten. In einer Entfernung von ſechs Stunden holten wir die caponera ein, wie man eine gewiſſe Anzahl ausgeſuchter Pferde nennt, welche fuͤr den Gebrauch des Eigenthümers bereit gehalten werden. Kaum nahm man ſich die Zeit, die von Schweiß triefenden Sattel abzunehmen und ſie auf friſche Pferde zu legen,— dann ging es wieder weiter. Dieſe Pferde, welche immer frei gelaſſen werden, ſind un⸗ ermüdlich und gelten für friſch, wenn ſie funfzehn bis zwanzig Stunden ohne Reiter zuruckgelegt haben. Erſt als wir noch ſechs Stunden weiter gekommen waren, wurde die Hitze unertraglich und wir machten Halt, um auszuru⸗ hen und Sieſta zu halten. Nach einem zweiſtuͤndigen Schlafe im Schatten ſetzten wir unſere Reiſe fort und ein dritter Ritt brachte uns gegen fuͤnf Uhr Abends an einen Ort, der puerta del Cajon hieß. Wir hatten die fuͤnf⸗ undzwanzig Stunden zuruͤckgelegt und wir ſollten hier die Nacht verbringen. Die puerta del Cajon heißt ſo, weil an dieſer Stelle der Uris genannte Arm des Rio San Miguel zwiſchen der Sierra und einem Felſenamphitheater ſich einzuklemmen anfaͤngt. Das ſandige Bett des Fluſſes wird in der tro⸗ ckenen Jahreszeit ein angenehmer und bequemer Weg. Der Fluß fullt ſein weites Bett nicht mehr aus wie in der 151 Regerzeit und ſchlängelt ſich in tauſend Kruͤmmungen uber Kies und Kieſel hin. Auf dieſem tauſendfach geſchlaͤn⸗ gelten Wege beſpult er auch den Fuß der Weiden und Zit⸗ terpappeln, die ſich über ſein Bett neigen. Das Rauſchen ihrer fortwaͤhrend bewegten Blätter kommt kaum dem leiſen Gemurmel des klaren durchſichtigen Waſſers gleich. Von Zeit zu Zeit miſcht ein Waſſerfall, der ſich in eine entfernte Schlucht ſtuͤrzt, ſeine ferne Harmonie mit dem Rauſchen des Uris. Die bläulichen Gipfel der Bergkette, welche ihn auf der einen Seite einſchließt, ſteigen ſteil unter dichten Wipfeln der Baͤume empor, die ſich amphitheatraliſch erhe⸗ ben. Auf dem Felſen des entgegengeſetzten Ufers breiten ſich gleich einem beweglichen Vorhange gruͤne Pflanzen und blühende Lianen aus, die ihre Zweige in dem Waſſer küh⸗ len, welches ſich bald nach dieſem, bald nach jenem Ufer wendet. In der Regenzeit aber gewährt der Uris ſtatt dieſes lachenden Bildes nur einen grauenhaften Anblick. Das ganze Bett des Fluſſes wird mit einem Male von truͤ⸗ bem Waſſer gefuͤllt, das ſchäumt, brauſet und die Gipfel der Baͤume beugt, deren Fuß es ſonſt beſpuͤlt. Entwur⸗ zelte Bäume und todte Thiere ſchwimmen auf den gelbli⸗ chen Wogen hin. Die Echos wiederholen donnernd das Brullen des Uris und die Felſen ſenden einander das kla⸗ gende Geſchrei der Voͤgelſchaaren zu, welche uͤber dem Waſſer ſchweben oder auf einem todten Koͤrper ſitzen und mit demſelben fortſchwimmen. Von dem Gipfel und von den Seiten der Sierra, die zu dieſer Zeit von undurchdring⸗ lichen Nebeln verhuͤllt ſind, ſteigen ſchauerliche Tone zum Himmel empor; Felſenſtuͤcke, die von ihrem Lager los⸗ ——— geriſſen wurden, rollen von Abgrund zu Abgrund, die Baͤume krachen unter ihrem Anprallen und die dicken Ne⸗ bel ſcheinen unter ihrem Mantel den Kampf der Geiſter der Gewaͤſſer gegen den Geiſt des Gebirges zu verhuͤllen. Mit der Ruͤckkehr der erſten Wärme reinigt ſich das trube Waſ⸗ ſer von neuem, indem es ſich zugleich verringert, die Zacken der Sierra treten blau aus den Duͤnſten hervor, die Baum⸗ wipfel ſchuͤtteln die Lehmtheilchen und die Pflanzenanhaͤng⸗ ſel von ihren Zweigen und Blättern, die Landſchaften des Uris erhalten von neuem ihre idylliſchen Reize, der Sand birgt eine neue Goldernte, welche das Waſſer von den unzugaͤnglichen Hoͤhen herabgeſpuͤlt hat und die Natur hat in ihren Kämpfen der Habſucht der Menſchen neue Beute hingeworfen. Die Diener des Senators hatten unſere zweiſtuͤndige Sieſta benutzt, um unſern Lagerplatz bereit zu machen. Die Wahl des Ortes machte ihrem Geſchmacke Ehre. Die erſten Hoͤhen der Berge trugen an dieſer Stelle geſenkte Baͤume, welche eine gruͤne Laube uͤber dem Fluſſe bildeten. An dem entgegengeſetzten Ufer fuͤhrte ein ſanfter Abhang zu einer Felſenesplanade, deren Riſſe und Spruͤnge dicht bewachſen waren. Auf dieſem Amphitheater war alles fuͤr den Nachtaufenthalt vorbereitet. An einem großen Feuer, das in einiger Entfernung brannte, briet ein hal⸗ bes Schaf auf zwei Gabeln von Eiſenholz. Auf dem Graſe waren Lebensmittel in Gefaͤßen aufgeſtellt. In einer Quelle, die am Fuße der Felſen hervorſprudelte und ihr eiskaltes Waſſer mit dem Fluſſe miſchte, wurde der Wein in den Schlaͤuchen abgekhlt, eine unſchätzbare 153 Vorſicht nach einem Ritte von zwolf Stunden in einer At⸗ moſphaͤre, in welcher ein Thermometer, den ich bei mir hatte, im Schatten 950 Fahrenh. zeigte. Nach der Mahl⸗ zeit trat die Nacht faſt eiskalt ein. Es wurden Matratzen fuͤr den Senator und deſſen Familie neben einem neuen Feuer in der Mitte des Platzes ausgebreitet, nachdem die Diener ſorgfaͤltig mit ihren Peitſchen in die Büſche umher geſchlagen hatten, um die Schlangen zu verſcheuchen. Ich hatte zu lange das Bett entbehrt als daß ich nicht eine Matratze fur hoͤchſt uberfluͤſſig haͤtte halten ſollen und ſtreckte mich deshalb auf dem weichſten Raſen aus, den ich fand und bei dem Rauſchen des Uris in dem Felſenbette und des Windes in den Blaͤttern, bei dem klagenden Ge⸗ heule der Schakale, die ſich in der Nähe und Ferne hoͤren ließen, bei dem Klingen des Gloͤckchen der Stute und den tauſend geheimnißvollen Toͤnen der wilden Natur ſchloß ich bald die muͤden Augen, denn im Walde braucht man nicht lange auf den Schlaf zu warten. Die cabrillas(die Gruppe der Plejaden), die Uhr des Reiſenden in der Wildniß, deuteten kaum auf die dritte Stunde, als mich die Vorbereitungen zum Aufbruche weck⸗ ten. Das Dickicht knackte auf allen Seiten unter den Tritten der Pferde, die man nicht ohne Muͤhe der vom Nachtthau erfriſchten Weide entriß. Die Diener riefen und antworteten einander. Das neu angeſchuͤrte Feuer warf ſeinen hellen Schein bis in die tiefſten Fernen des Waldes und gab den ſchwarzen Gewaͤſſern des Uris eine rothliche Farbe. Bald vernahm ich auch die Stimme des Senators, der mich aufforderte, Chocolade mit ihm vor —— † dem Aufbruche zu trinken. Ich verließ demnach mein Graslager. Die Frauen waren noch nicht aufgeſtanden und auf ihre Einladung, die mit der anmuthigen Ruͤck⸗ ſichtsloſigkeit der warmen Laͤnder geſchah, ſetzten wir uns auf ihrem Lager nieder, um ein leichtes Fruͤhſtuͤck einzu⸗ nehmen. Es war ein neues Bild fuͤr mich, die jungen Frauen mitten im Walde, weich auf die Spitzen ihrer Kiſ⸗ ſen geſtutzt, in dem gruͤnen Gemach zu ſehen, deſſen glan⸗ zende Decke der geſtirnte Himmel bildete. Ich haͤtte dieſe Augenblicke gern verlaͤngert, aber nach Beendigung des Fruͤhſtuͤcks, als alles bereit war, mußten wir die Pferde wieder beſteigen. Wir folgten dem Bette des Fluſſes, erhielten, wie am Tage vorher, an gewiſſen Stellen friſche Pferde und gelangten zu dem kleinen Dorfe Banamiche. Die nicht zahlreichen Bewohner deſſelben, die vor ihren Thuͤren ſtan⸗ den, ſahen uns neugierig an, namentlich ſchien uns ein Mann, der eine bis an den Guͤrtel aufgeſchürzte Franzis⸗ kanerkutte und Reiterſtiefeln mit ungeheuern Sporen trug, mit ganz beſonderm Intereſſe zu beobachten. Die Schoͤn⸗ heit der Donna J.., der Frau des Senators, die aller⸗ dings uͤberall Aufſehen machen mußte, beſtimmte den Moͤnch uns anzureden und uns aufzufordern, unter ſeinem Dache auszuruhen. Eine gar nicht uͤble Haushälterin kam uns mit einem halben Dutzend Kindern entgegen. „A quien Dios no dio hijos le dio ahijedos*), ſagte der padre hieto, ſo hieß unſer Wirth und wahr⸗ *) Wem Gott Kinder verſagt hat, dem gab er Pathen. 15⁵ ſcheinlich wegen der väterlichen Furſorge für ſeine Pathen gaben ihm die Kleinen einen zaͤrtlichern Namen als Pathe. Nachdem wir dem wuͤrdigen Manne für ſeine wohl⸗ wollende Gaſtlichkeit gedankt hatten, ſetzten wir unſern Weg bis Arispe fort, wo wir Abends ankamen. Von Puerta del Cajon bis zu dieſer Stadt waren wir immer dem Bette des Uris gefolgt und achthundert Mal uͤber ſei⸗ nen geſchlängelten Lauf gekommen. Ueber Arispe ſelbſt werde ich wenig ſagen. Es iſt die letzte Stadt, die ich vor den Wildniſſen treffen ſollte, welche ich durchwandern wollte und ich hielt mich da nur ſo lange auf, als zum Ausruhen gerade nothwendig war. Ehe die geſetzgebende Macht des Staates nach Arispe verlegt wurde, war die Stadt ein unbedeutender Flecken. Noch jetzt iſt ſie weniger be⸗ voͤlkert als Hermoſillo und kommt der letztern Stadt an Groͤße nur in Folge der großen Gaͤrten oder huertas gleich, von denen jedes Haus umgeben iſt. In dieſen huertas gewaͤhren Granataͤpfel-, Birnen⸗ und Pfirſichbäume zu jeder Zeit kuhlen Schatten und zur Bluͤthezeit die ange⸗ nehmſte Miſchung von rothen und weißen Bluͤthen. Die Pfirſiche, Quitten und Granatäpfel von Arispe ſind in dem ganzen Staate Sonora beruͤhmt. Wie alle Städte der Republik und im allgemeinen die ſpaniſch⸗amerikaniſchen Städte, hat Arispe ſchnurgerade einander in rechten Win⸗ keln durchſchneidende Straßen. Die Haͤuſer von geſchla⸗ gener Erde, die gleichfoͤrmig mit einer Gipsſchicht überzo⸗ gen ſind, beſtehen nur aus einem Erdgeſchoſſe. Fenſter in gleicher Flaͤche mit dem Boden gewaͤhren, wenn ſie auch mit dicht nebeneinander ſtehenden Holzſtäben verſehen ſind, ———— S—— 2 — 156 einen Einblick in die Hauſer. So erſcheint die Stadt am Tage belebt, trotz der geringen Anzahl Perſonen, die in den Straßen gehen und in der Nacht herrſcht, weil das Licht aus den Stuben auf die Straße fällt, trotz dem Man⸗ gel aller offentlichen Beleuchtung, eine genuͤgende Helle. tit Ausnahme des von behauenen Steinen erbauten Ge⸗ faͤngniſſes, deſſen gewoͤlbte Kerker fortwährend leer ſind, zieht kein oͤffentliches Gebaͤude die Aufmerkſamkeit des Reiſenden auf ſich. Die Stadt iſt nur bemerkenswerth als letzter Punkt der Civiliſation an der Grenze der weiten Wildniß im Norden. In Arispe hoͤrt die Civiliſation auf nach Norden weiter zu gehen und ſie wird da ſtill ſtehen bis ſie mit dem Einfalle der Nordamerikaner zuſammen trifft, welche die Civiliſation von Norden nach dem Süden weiter tragen. Obgleich die Gaſtlichkeit des Senators mir den kurzen Aufenthalt in Arispe ſehr angenehm machte, ſo gehoͤrte ich doch zu der ſehr zahlreichen Claſſe jener undankbaren Reiſenden, welche in ihrem ruheloſen Wandertriebe die freundlichſte Aufnahme vergeſſen und nicht beſſer dankbar dafur zu ſein wiſſen, als wenn ſie in weiter Ferne daran denken. Ich nahm alſo Abſchied von der Familie des Don Urbano, um mich auf den Weg nach dem placer von Ba⸗ euache zu machen.„Ich will Sie durchaus nicht aͤngſtlich machen uͤber die Reiſe, welche Sie unternehmen,“ ſagte der Senator,„kann Sie aber auch nicht in trugeriſcher Sicher⸗ heit gehen laſſen. Seit einiger Zeit ſpricht man von Raubzuͤgen der Indianer in der Umgegend von Arispe wie von Uebelthaͤtern, welche ſich auf den Wegen aufhalten, 157 dem Sie folgen wollen; ſehen Sie ſich alſo vor und handeln Sie vorſichtig. Ich ſtelle Ihnen einen meiner Diener zur Verfuͤgung, einen Mann von Entſchloſſenheit und Ge⸗ ſchick, der Ihnen im Nothffalle nuͤtzlich ſein koͤnnte. Leben Sie wohl und reiſen Sie gluͤcklich!“ Der Senator umarmte mich herzlich und ich ſtieg zu Pferde, nachdem ich ihm fuͤr ſeine wohlwollende Furſorge gedankt hatte. Es war drei Uhr Nachmittags als ich Arispe verließ. Nach der Reiſeroute, die mir entworfen worden war, ſollte ich in einer Entfernung von ſechs Stun⸗ den im Walde ſchlafen, meine Reiſe am naͤchſten Wege in Fronteras ſchließen und am folgenden Tage Baruache erreichen. Ich geſtehe, daß ich mit ziemlich truͤbſeligen Gedanken aufbrach. Die ſchnelle und angenehme Reiſe, die ich von Hermoſillo bis Arispe gemacht hatte, ließ mir meine Ein— ſamkeit nur um ſo peinlicher erſcheinen. Und doch wie viele Hunderte von Stunden hatte ich bereits allein oder uur mit einem Fuͤhrer gemacht! Einige Stunden des Glu⸗ ckes hatten mich ſo ganz verweichlichet. Gut war es, daß dieſer Eindruck ſchnell voruͤber ging und daß nach einer Stunde bereits der berauſchende Duft der Unabhaͤngigkeit, den die Luft der Wildniß mit ſich bringt, meine traurigen Gedanken verſcheucht hatte. Wir folgten von Arispe aus noch immer dem Bett des Uris; Waſſeerfälle ſtuͤrzten ſich auf allen Seiten mit murmelndem Geräuſch nieder, waͤh⸗ rend die großen Baͤume, die ſich uͤber das Waſſer neigten, die bluhenden Lianen, welche ſich im Winde ſchaukelten, ihre Zweige mit gleichem harmoniſchen Rauſchen ſchuͤttelten. Die Ufer des Fluſſes ſandten einander in hallenden Echos die unendlichen estribillos zu, welche mein Fuͤhrer ſeit unſerer Abreiſe ſang. Er zog mit der Sorgloſigkeit eines Mannes voran, fur welchen die oͤden Wildniſſe nichts Geheimnißvolles mehr haben. Ich verlor ihn nicht aus den Augen und ſah ihn auf dem geſchlaͤngelten Wege bald verſchwinden, bald wieder erſcheinen, während er ſeinen Geſang nur unterbrach, um mit der Reitpeitſche den haͤn⸗ genden Kopf einer Liane abzuſchlagen. Eine Stunde vor, dem Sonnenuntergange ſchwieg er endlich in dem Augen⸗ blicke als die großen Felſen, die auf dem Wege vorruͤckten, ihn noch einmal meinen Blicken entzogen. Bald indeß bemerkte ich ihn von neuem, wie er eben ſein Pferd an einen Baum band und ich ſchloß daraus, daß wir die Nacht da verbringen ſollten. Weiden, die dicht umherſtanden, verdeckten das Ufer des Fluſſes; langs dieſer Weiden hin zog ſich ein gruͤner Raſenteppich, der mit weißen Flocken beſtreut war, welche der Wind von den Baumwollenbäumen ſchuͤttelte, die hinter den Weiden wuchſen und hochſtammige Baume ſchutzten den Raſenplatz nach der entgegengeſetzten Seite hin. „Was kann man Beſſeres wunſchen?“ ſagte mein Füh⸗ rer zu mir, indem er den Zuͤgel meines Pferdes ergriff. „Waſſer fuͤr uns und Gras fuͤr unſere Thiere, Holz in Menge und vor allem, ſetzte er hinzu, indem er auf Büſchel dicker Lianen mit blauen Blumen deutete,„dieſe huaco, das ſicherſte Mittel gegen den Schlangenbiß? Bewundern Sie es nicht auch,“ fuhr er fort, während er die Pferde abſattelte,„wie Gott uberall das Heilmittel neben das —— Leiden gebracht hat? Ueberall, wo dieſe Lianen wachſen, kann man Klapperſchlangen in Menge erwarten. Sehen Sie da oben dieſen Vogel*), der einem Faſan gleicht und uͤber uns ſchwebt und den andern von der Groͤße einer Taube mit ſchwarzem Gefieder**), mit gelben Federn un⸗ ter dem Schwanze? Das ſind die beiden gefuͤrchtetſten Feinde dieſer Schlangen und Gott hat ihnen den bewun⸗ dernswuͤrdigſten Inſtinet zur Bekaͤmpfung derſelben gege⸗ ben. Ihre Anweſenheit hier beſtaͤtiget noch mehr was ich ſage, daß ſich nämlich viele Schlangen hier finden muͤſſen.“ „Warum wollen wir dann hier bleiben?“ fragte ich. „Weil,“ entgegnete Anaſtaſio(ſo hieß mein Fuͤhrer), wir ſicherlich uberall dieſelben Unannehmlichkeiten, wahr⸗ ſcheinlich aber nicht dieſelben Vortheile finden wurden.“ *) Der choyero. Man nennt choya eine Art Nopal, de⸗ ren Koͤrner eine Art runder Kugel mit Stacheln bilden, welche ſo ſtark ſind, daß ſie durch das dickſte Leder ſtechen. Dieſe Koͤrner loͤſen ſich in großer Menge ab und fallen auf den Bo⸗ den; ſie dienen dem Vogel choyero, der ſeinen Namen von der Pflanze hat, als Waffe. Wenn der Vogel eine Schlange rund zuſammen geſchlungen ſchlafend daliegen ſieht, umgiebt er ſie mit einem doppelten oder dreifachen Guͤrtel dieſer furcht⸗ baren Stacheln und ſchlägt ſie dann mit den Fluͤgeln. Die Schlange, die ſich raſch entrollt, ſticht ſich dieſe Stacheln in den Leib und in dieſem Zuſtande beſiegt ſie der choyero leicht. **) Der huaco, ſo genannt von dem Schrei, den er aus⸗ ſtößt. Wenn er in dem Kampfe mit einer Klapperſchlange fuͤhlt, daß er gebiſſen worden iſt, frißt er als Gegengift einige Blätter der Liane, der man ſeinen Namen gegeben hat. Die Blätter ſind, gekauet und auf die Vißwunde gelegt, ein unfehl⸗ bares Heilmittel. 160 Bei dieſen Worten nahm er unſern Pferden die ſchwe⸗ ren Sattel ab und legte die zaleas(Schaffelle) und Waſ⸗ ſerwaffen auf die Erde. Ein Sattel, der als Pfuͤhl dienen ſollte, vervollſtändigte das nicht eben bequeme Bett. „Legen Sie ſich daher,“ ſagte er,„während ich unſere Pferde traͤnke und irgendwo anbinde, wo der Raſen recht dicht iſt, damit ſie ihn in Bequemlichkeit abweiden koͤnnen dann wollen wir an unſer Abendeſſen denken.“ Ich folgte dieſem Rathe und das Murmeln des Waſ⸗ ſers in der Naͤhe brachte mich bald in eine Art Schlummer, in welchem ich mit Entzuͤcken alle die unbeſtimmten Töne der Wildniß vernahm, welche ebenfalls entſchlummerte. Nach etwa einer Stunde weckte mich eine Stimme; ich ſchlug die Augen auf; die Nacht war angebrochen und in dem Lichtſcheine des neben mir brennenden Feuers ſah ich Anaſtaſio neben mir ſtehen. In der Hand hielt er ein kleines Felleiſen oder ein laͤngliches Säckchen, in der andern einen mit Waſſer gefullten halben Flaſchenkurbiß. „Eſſen Sie den pinole lieber duͤnn oder dick?“ fragte er. „Dick,“ antwortete ich,„denn ich habe großen Hunger.“ Anaſtaſio ließ das gewürzte Mehl aus dem Säckchen in den Flaſchenkuͤrbiß laufen und ruhrte die pinole genannte Miſchung mit einem Holzſtuͤcke zu einer Art Brei zuſammen. Dann reichte er mir den Flaſchenkuͤrbiß mit ſo großer Ehr⸗ erbietung als waͤre er das goldene Gefaͤß, das auf die Ta⸗ fel irgend eines Millionärs geſtellt werden ſollte und blieb unbeweglich, mit unbedecktem Haupte neben mir ſtehen. —.———— ————— ——,— 161 Waͤhrend ich reſignirt das frugale Mahl verzehrte, rich⸗ tete ich einige Fragen an Anaſtaſiv. „Ich brauche Sie wohl kaum zu fragen,“ ſagte ich, „ob Sie ſchon in Bacuache waren?“ „Wer wäre in ſeinem Leben nicht wenigſtens einmal in Baeuache geweſen?“ antwortete mir Anaſtaſio, der uͤber eine ſo naive Frage zu lächeln ſchien. „Und haben Sie ſich nicht auch verſucht gefuͤhlt, Gold zu ſuchen?“ „Nein,“ antwortete er mir traurig;„es iſt bisweilen ein ſchreckliches Handwerk und meine Lehrzeit hat es mir fuͤr immer verleidet.“ Es war mir nicht unangenehm eine Erzaͤhlung von einem der abenteuerlichen Ausfluge zu hoͤren, von denen ich bereits ſo viel vernommen hatte und ich bat deshalb Anaſtaſio mir die Umſtände zu erzaͤhlen, auf die er anſpielte. „Ich war kaum funfzehn Jahre alt, ſagte er, und jetzt bin ich fuͤnfunddreißig, als mein Vater, der ein unter⸗ nehmender Gambufino war, auf die Anzeige eines ſeiner Freunde von der Entdeckung eines reichen placer mich mit meinen beiden Bruͤdern zur Aufſuchung der Goldader mit⸗ nahm. Damals beſtand das Dorf Bacuache noch nicht und die Schilderungen des Freundes meines Vaters ent⸗ flammten unſere Einbildungskraft dermaßen, daß wir uns unterwegs gar nicht aufhielten. Nach ſechs Tagereiſen kamen wir in dem Grenzpreſidio an und nachdem wir eine Meſſe von dem Caplan hatten leſen laſſen, wagten wir uns in die Wildniß, d. h. in Apacheria(das Land der Apachen⸗ Amerik. Reiſenovellen. F——————— Indianer) hinein. Der placer, den wir ſuchten, befand ſich an dem Bette eines kleinen Fluſſes, der noch gar keinen Namen hat und um dahin zu kommen, mußten wir durch waſſerloſe Ebenen ziehen. Eines Abends als wir in einer arenal(Sandwuſte) lagerten, verdurſteten wir faſt und wir hatten fuͤr uns fuͤnf nur noch einen Waſſerſchlauch. Dieſer Durſt peinigte uns ſo, daß wir uns um das Waſſer ſchlugen. Bei dem Kampfe gab es auch Meſſerſtoͤße und mein Vater empfing einen ſolchen von ſeinem Freunde. Bei dem Anblicke des Blutes, das aus ſeiner Wunde floß, ſtuͤrzte ſich mein aͤlterer Bruder, um den Vater zu raͤchen, auf den Moͤrder und ſtieß ihn ebenfalls nieder. Wir be⸗ muͤheten uns um den Vater, der im Schmerz nach Waſſer verlangte. Ich griff nach dem Schlauche, der in unſern Haͤnden geblieben war, aber bei dem Hin— und Herziehen war er zerriſſen worden, ſo daß er keinen Tropfen mehr enthielt. So überſiel uns die Nacht und ſo lange ſie waͤhrte, ſtörten die Jammerklagen unſeres Vaters, der mit immer ſchwaͤcherer Stimme um Waſſer bat, die tiefe Stille der Einöde. Wir liefen wie wahnſinnig umher und wußten nicht was wir thun ſollten, um ihm Linderung zu ver⸗ ſchaffen, denn ſo weit das Auge reichte, ſahen wir nichts als duͤrren Sand. Endlich horte das Winſeln auf; mein Va⸗ ter war geſtorben. Ich weinte die ganze Nacht neben ihm. Als es Tag wurde, beſchien die Sonne zwei im Blute lie⸗ gende Leichen. Neben unſerm Vater glaͤnzten Goldkörner im Sande mitten in einer Blutpfutze. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß Niemand von uns die Hand an dies von Vaterblut benetzte Gold zu legen wagte. Wir beriethen — 163 uns unter einander, aber unſere Wanderung hatte nun kein Ziel mehr; wir hatten den Mann getodtet, der allein uns bei den Nachſuchungen haͤtte leiten können. Wir kehrten deshalb um und ließen den Leichnam des Moͤrders auf dem Sande bleichen. Deshalb iſt mir das Gewerbe des Goldſuchers fuͤr immer verleidet worden.“ „Und Ihre Brüder?“ fragte ich Anaſtaſio, als er die traurige Geſchichte erzaͤhlt hatte. „Der ältere hat wie ich das Goldſuchen aufgegeben, Pedro aber, der zweite, ſetzt ſein erſtes Gewerbe fort und ich habe gehoͤrt, daß er in Bacuache ſei, wo wir ihn ohne Zweifel treffen werden.“ Am andern Morgen früh ſchwebte ein dicker Nebel uͤber den Baumwipfeln und loſete ſich in reichlichen Thau auf; der Mond ſtand noch glaͤnzend am Himmel als wir wieder aufbrachen. Nach einigen Stunden verließen wir das Bett des Uris, um uns zu dem des Bacuache zu wenden. Wir waren ſo oft durch das Waſſer geritten, daß die Hufe unſerer Pferde, die nach Landesſitte nicht beſchlagen waren, weich geworden waren und auf dem Kies ſich abloͤſeten. Wir kamen deshalb auch nur langſam weiter und als die Nacht 1 uns uͤberfiel, obgleich wir nur eine Stunde Mittags aus⸗ geruhet hatten, waren wir noch ziemlich weit von dem kleinen Dorfe Fronteras entfernt. Die Landſchaft erhielt allmaͤlig eine ſchauerliche Färbung. Die Bergkette, an welcher wir von Hermoſillo an hingezogen waren, zeigte nicht mehr ein maleriſches Waldamphitheater, ſondern dürre ſteile Felſenzacken, auf denen dichte Nebel wie flat⸗ 3 ternde Gewaͤnder im Winde ſchwebten; auch der Pflanzen⸗ 11* ——z—z——— QrM 164 wuchs war an den ſandigen Ufern des Fluſſes mager und große Wirbel feinen Sandes zogen in der Entfernung hin und fielen rauſchend wie Regen in das Waſſer. Bald ge⸗ langten wir an eine Stelle, wo der Weg ſich zwiſchen zwei dicht neben einander ſtehenden ſteilen Haͤngen hinzog, die auf der einen Seite von dem Gebirge, auf der andern von einer Felſenwand mit duͤrren Pflanzen, ſtacheligen Cactus und Aloen, gebildet wurden. Einige gruͤne Eichen und Tannen erhoben ſich hier und da unter dem Gebuͤſch und auf ihren Zweigen oder in den Ritzen ihrer Rinde bewegten ſich im Winde Schlangenhaͤute. Das Waſſer murmelte nicht mehr, es fing an gewaltig zu rauſchen; mit einem Worte ich hatte nie eine melancholiſchere Landſchaft geſehen. Seit einiger Zeit hoͤrte ich auf der rechten Seite ein Geraͤuſch wie von zerbrochenen Zweigen und ich ſchrieb es einem wilden Thiere zu, als ich an einer Stelle, wo die Felſen ganz kahl waren, in geringer Entfernung hinter mir einen Mann bemerkte, der in gleicher Geſchwindigkeit mit meinem Pferde zu gehen ſchien. Ein großer ſchwarzer Hut beſchattete das bleiche hagere Geſicht. Eine uͤber⸗ flochtene Flaſche, wie ſie die Tradition den Pilgern giebt, hing an einem Bindfaden an ſeinem Halſe. Eine frazada (grobe Decke), aus welcher die Sonne und der Regen jede Spur von Farbe entfernt hatten, lag auf ſeinen Ach⸗ ſeln. Ich konnte mit einem Worte bei dem Anblicke des Mannes zwiſchen Mißtrauen und Mitleid nicht zoͤgern. Anfangs achtete ich nicht ſehr auf dieſe Begegnung, bald aber konnte ich nicht zweifeln, daß der Mann ſich bemuͤhete, mit meinem Pferde Schritt zu halten. Um mich ganz zu 165 uͤberzeugen, trieb ich mein Pferd ſchaͤrfer an und er ſchien ebenfalls raſcher zu gehen. Ich ließ es langſamer ge⸗ hen und der Reiſende blieb ebenfalls zuruͤck, um ſchaͤrfer zu gehen ſobald ich trabte. Dieſe Ausdauer mußte mich wohl in Verwunderung ſetzen. An einer Stelle endlich, wo der Berghang ſich in eine Ebene ſenkte, in welcher ich ankam, hielt ich mein Pferd an, feſt entſchloſſen Auskunft uber dieſe Spioniererei zu verlangen. Der Unbekannte ſchien anfangs zu zoͤgern, dann entſchloß er ſich an mich heranzukommen. Anaſtaſio ritt immer voraus. „Heda, Freund!“ ſagte ich zu ihm,„wenn Ihre Ab⸗ ſichten die ſind, welche ich vermuthe, ſo werden Sie an mir nicht viel gewinnen, das ſage ich Ihnen im voraus.“ Der Unbekannte war in dieſem Augenblicke nahe an mir und ich konnte ihn genau betrachten. Er mochte vier⸗ zig Jahre alt ſein, aber die Ermattung oder der Kummer ſchienen ihn vor der Zeit alt gemacht zu haben. Schon begannen einige graue Haare ſich unter die ſchwarzen zu miſchen, die auf ſeine Schultern fielen. Bei der Geberde, die ich machte, indem ich auf meine Piſtolen zeigte, ſpielte ein trauriges Laͤcheln uber ſeine Zuͤge; ohne zu antworten griff er an ſeinen Hut, zog mit der andern die Falten der Decke zuruͤck, die ihm als Mantel diente und zeigte mir ſchweigend ſeine graͤßlich verſtuͤmmelten Finger. Bei dem Anblicke dieſer verunſtalteten Hand wich mein kampfluſtiger Eifer dem Mitleiden und ich ſchickte mich an dem Ungluck⸗ lichen ein Almoſen zu geben. Der Unbekannte errieth ohne Zweifel meine Abſicht, denn eine leichte Rothe uberflog ſein Geſicht. —— 166 „Ich brauche nichts, Herr,“ ſagte er zu mir z„ich bitte Sie nur, daß Sie mir erlauben Ihnen in einiger Entfer⸗ nung zu folgen, um durch dieſe Schlucht zu kommen. Ich hatte gehofft, dies ungeſehen thun zu können, will Sie aber lieber bitten, Ihr Pferd etwas langſamer gehen zu laſſen, denn die Ermattung und die Angſt haben mich ſchwach gemacht.“ Bei dieſen Worten wiſchte der arme Teufel mit der Decke ſeine ſchweißbedeckte Stirn ab und ich ſah, daß ſeine nackten Füße blutige Spuren in dem Sande zuruͤckließen. „Ich will Halt machen,“ ſagte ich voll Mitleid zu ihm;„Ihre Fuͤße bluten und Sie konnen ſo nicht weiter gehen.“ „Um Gottes und der heiligen Jungfran willen, thun Sie es nicht; ich muß ſchnell durch dieſe Schlucht kommen.“ „Kennen Sie den Weg nicht?“ fragte ich. Der Unbekannte machte eine Geberde des Erſchreckens. „Ich kenne ihn nur zu gut; von hier an bis eine Vier⸗ tel Stunde weit giebt es wenige Kieſel, die nicht von mei⸗ nem Blute gefaͤrbt worden waͤren und— mit noch koſtba⸗ rerem Blute,“ ſetzte er mit bewegter Stimme und mit einem tiefen Seufzer hinzu. „Alſo vorwaͤrts!“entgegnete ich.„Auch wird es be⸗ reits dunkel und wir ſind noch weit von unſerm Nachtlager entfernt.“ Bei dieſen Worten ließ ich mein Pferd weiter gehen, ob ich aber gleich langſam ritt, ſchien mein Gefaͤhrte mir doch nur mit Anſtrengung folgen zu koͤnnen. Der Fluß 167 drängte ſich von neuem zwiſchen zwei ſchauerliche Felſen⸗ waͤnde. Die Gipfel der Fichten, die ſich rechts und links erhoben, wurden noch von der Sonne beleuchtet, aber ſchon fiel ihr dichter langer Schatten wie ein dunkeler Schleier auf das Waſſer und die Nacht bedrohete uns mit ihrem ganzen Dunkel hier zu uberfallen. Ich rief deshalb Ana⸗ ſtaſio, damit er dem Unbekannten vorſchlage, hinter mir auf das Pferd zu ſteigen, denn wenn auch das Mißtrauen in mir noch nicht ganz verſchwunden war, ſo machte mir es doch die Menſchlichkeit zur Pflicht, einen Reiſenden in der Noth nicht zu verlaſſen und daß unſern Begleiter die Kraͤfte faſt verließen, war offenbar. Er nahm mein Anerbieten mit dem innigſten Danke an und in dem Augenblicke als er mit Muͤhe auf mein Pferd ſich ſchwang, kam Anaſtaſio an uns heran. Einige Minuten ſetzten wir unſern Ritt ſchweigend fort. Bei dem Anblicke der großen Baͤume, welche an dem Himmel phantaſtiſche Bilder darſtellten und bei dem Rauſchen der Blätter im Abendwinde ſchien mein Gefaͤhrte die hoͤchſte Angſt zu empfinden und nur leiſe ſagte— er von Zeit zu Zeit zu mir, indem er auf die dunkeln Maſ⸗ ſen zeigte oder auf die klagende Harmonie lauſchte:„Jeſus Maria, ſehen Sie nicht, daß ſich da unten etwas regt? Haben Sie nichts gehoͤrt?“ Ich lauſchte unwillküͤrlich und meine Augen ſuchten den Schatten zu durchdringen, welcher bereits den Horizont erfüͤllte, aber ich hoͤrte nur den Schrei des Kaͤuzchens, das von Baum zu Baum flatterte und das einformige Rauſchen des Waſſers; ich bemerkte nur die dunkeln Schatten, welche die Buͤſche auf den Weg warfen. 2 2 2— 168 „Sind wir noch weit von dem Kreuze, von dem man mir erzaͤhlt hat?“ fragte ich Anaſtaſio. Mein Gefaͤhrte erbebte bei dieſer Frage. „Da iſt es,“ ſagte er mit erſtickter Stimme und ich hoͤrte ihn leiſe ein Gebet murmeln. In einiger Entfernung bemerkte ich wirklich auf dem Gipfel eines Abhanges das ſchauerliche Kreuz und wir er⸗ reichten es bald. „Herr,“ ſagke da der Fremde zu mir,„Sie wuͤrden Ihre Guͤte vollenden, wenn Sie an dieſem Kreuze einen Augenblick anhalten wollten.“ „Warum?“ fragte ich verdrießlicher, als ich mir merken laſſen wollte, da der Ort ſo verdaͤchtig war. „Nur einen Augenblick,“ wiederholte der Verſtuͤm⸗ melte mit flehendlicher Stimme,„nur ſo lange, daß ich dem, welchen das Kreuz bedeckt, ſagen kann, ſein Tod ſei geraͤcht.“ Ohne meine Antwort abzuwarten glitt er von dem Pferde herunter und kletterte mit einer Behendigkeit, die ich von ihm nicht erwartet hatte, mit Hilfe der Wurzeln, die an dem Felſen hingen, an der Hoͤhe hinauf. „Kennen Sie den, der da begraben liegt?“ fragte ich ihn erſtaunt. Er kniete nieder und antwortete dumpf mit ſchmerzli⸗ chem Schluchzen: „Mein ermordeter Sohn ſchlaͤft in dieſem Grabe.“ Ich entbloͤßte mein Haupt vor dieſem Kreuze und wartete. Als der Verſtummelte ſein Gebet verrichtet ———— 169 hatte, riß er einige Blumen ab, ſteckte ſie in ſeinen Buſen und ſtieg wieder auf mein Pferd. „Das arme Kind,“ ſagte er,„war ſchwaͤcher als ich; es ſtarb bei dem zehnten Meſſerſtiche, denn ich habe die ſeinigen gezählt, während ich die meinigen nicht zählte. Dieſe Haͤnde, welche mir bei ſeiner Vertheidigung ver⸗ ſtuͤnmelt wurden, ſchienen mir jede Hoffnung auf Rache zu verſagen, nicht wahr? Und doch reichten ſie hin, die Rache zu vollbringen.“* „So ſind Sie der Gambuſino Rivas?“ fragte ihn Anaſtaſio. „Ja,“ antwortete er mit einem gewiſſen Stolze,„ich bin der Gambuſino Rivas, welcher zuerſt den placer von Bacuache entdeckte. Das Gold, welches ich vor einem Jahre von da zuruͤckbrachte, wurde die Urſache des Todes meines Sohnes. Ich kam mit ihm eines Abends hierher als drei Moͤrder, welche das Geſicht mit ſchwarzen Tuͤchern verbunden hatten, uns hinterruͤcks uberfielen. Wie ich auch rief:„Gnade fuͤr meinen Sohn!“ ſie zerhackten mir die Haͤnde, die ich ausſtreckte, um ihn zu ſchuͤtzen. Die Moͤr⸗ der haͤtten wenigſtens nicht ſprechen ſollen, denn an ihrer Stimme habe ich ſie ſpaͤter wieder erkannt; durch ihre Stimme hat Gott ſie meiner Rache uberliefert.“ Anaſtaſio machte ein Zeichen des Zweifels.„Waren Sie auch gewiß, daß Sie die wahren Moͤrder trafen?“ „Horen Sie mich an. Vor drei Monaten befand ich mich mit denen, welche ich an der Stimme erkannte, in den Hoͤhlen von Subiate und verſtopfte die Hoͤhlung, die mit ——————————— ——— 170 Pulver gefuͤllt war und das Geſtein*) ſprengen ſollte, in welchem eine reiche Ader hinlief. Da ſagte ich zu mir: ein Funke, den ich mit der Spitze meiner Lanze hervorlocke, kann uns alle in die Luft ſprengen; wenn es die Moͤrder meines Sohnes ſind, werde ich es daran erkennen, daß ſie allein ſterben und ich entkomme; ſind ſie es nicht, ſo ſterbe ich mit ihnen und dann wird Gott mir wie ihnen verzeihen. Ich zoͤgerte nicht. Sie ſahen eben, daß ich der Angſt faſt erlag, die in mir dieſer ſchreckliche Ort erregt, an welchem ich mein Kind ermorden ſah; waͤren Sie nicht geweſen, ſo hätten mich vielleicht grauenhafte Erinnerungen getodtet, ehe ich meinem Sohne ſagen konnte, daß er gerächt ſei und doch zitterte meine Hand nicht, als ich mit dem Eiſen an das Geſtein ſtieß und der Funken herausſpruͤhete und daß Gott mir die Moͤrder meines Sohnes uͤberlieferte, wird da⸗ durch bewieſen, daß ich wohlbehalten und unverletzt blieb, waͤhrend ihre blutigen Ueberreſte auf mich fielen. War das nicht ein Gottesurtheil?“ fuhr er nach kurzer Pauſe fort.„Wuͤrde er dieſes Wunder gethan haben, wenn die Mäͤnner unſchuldig geweſen waͤren?“ Anaſtaſio zuckte von neuem unglaͤubig die Achſeln, aber er ſchwieg und wir ſetzten unſern Weg fort. Eine Stunde ſpaͤter hoͤrten wir das Bellen herumlaufender Hunde, welche die Nähe der Doͤrfer in Merico verrathen. „Nach einigen Minuten,“ ſagte der Diener,„werden *) Die merikaniſchen Bergleute bedienen ſich zur Verſto⸗ pfung des Pulvers ihrer Werkzeuge und man muß ſich wun⸗ dern, daß äͤhnliche Ungluͤcksfälle nicht haͤufiger vorkommen. 171 wir die Feuer von Fronteras ſehen. Hier werden Sie eine beſſere Mahlzeit halten und wenigſtens unter einem Dache ſchlafen koͤnnen.“ Das Bellen der Hunde wurde immer deutlicher, aber noch glanzte kein Licht durch die Baͤume. Wir verließen das Bett des Fluſſes, um einem Wege zu folgen, der zu einer kleinen Ebene fuͤhrte, auf welcher ſich eine Anzahl Haͤuſer in einiger Entfernung zeigte. Dieſe Haͤuſer ſahen wie verlaſſen aus; kein Geraͤuſch, kein Licht verrieth die Anweſenheit von Bewohnern. „Nun,“ ſagte Anaſtaſio, indem er von ſeinem Pferde ſtieg,„ich will die Schlaͤfer wecken, denn unſere Pferde werden gern ein quartillo Mais verzehren und ich fuͤr mei⸗ nen Theil hoffe einige Huhner fur unſer Abendeſſen zu finden.“ Anaſtaſio klopfte derb mit ſeinem Säbel an die Thuͤr des erſten Haͤuschens, das er traf, aber nur das Echo ant⸗ wortete ihm. „Soll mich der Teufel holen, wenn ich das begreife!“ murmelte mein Führer, indem er noch ärger Laͤrm machte. Unſer Staunen wuchs als wir bemerkten, daß auch die an⸗ dern Haͤuſer, von denen einige offen ſtanden, ganz leer waren. Wir zaͤhlten ſo zwanzig. „Hoͤren Sie mich an,“ ſagte Anaſtaſio, der nachzu⸗ denken ſchien,„da muß der Teufel die Haͤnde im Spiele haben und ich werde die Sache aufklaren. Aber klug! Kehren Sie mit dem Gambuſino an das Bett des Fluſſes zuruͤck; wegen der Felſen, die ihn einſchließen, wird das Feuer, das wir anzuͤnden muͤſſen, um die Nacht zu 172 verbringen, nicht weit geſehen werden; ich gehe auf Ent⸗ deckungen aus und werde Ihnen dann melden, was ich von der Sache halte. Wenn Sie Feuer anmachen, nehmen Sie ſich in Acht, keine Zweige von dem palo hediondo ²*) hineinzuwerfen. Rivas wird es Ihnen zeigen.“ Aus dieſer Empfehlung ſchloß ich, daß unſere Lager gefaͤhrlich werden konnte. Anaſtaſio hatte eine Cigarre von Maisſtroh angezuͤndet; bei dem Lichtſcheine, den ſie verbreitete, ſo oft er daran zog, ſah ich, wie er ſich buckte und ſo auch den Weg beleuchtete. Bald verlor ich ihn aus den Augen. Ich blieb allein mit dem Gambufino, der mir Holz zuſammenleſen half und bald hatten wir ein Feuer angezuͤndet, das uns in der Kuͤhle der Nacht unentbehrlich war. Es verging beinahe eine Stunde, in welcher der Verſtuͤmmelte kein Wort ſprach. Ich hatte keine Luſt das Schweigen zu unterbrechen. Endlich kam Anaſtaſio zuruck und ich ſah, daß ſein Geſicht keinen eben freudigen Ausdruck hatte. Er warf zwei Huͤhner hin, die er im Schlafe uber⸗ rumpelt und denen er den Hals umgedreht hatte. „Nun?“ fragte ich ihn. „Nun,“ antwortete er, waͤhrend er ſich am Kopfe kratzte,„laſſen Sie ſich durch das, was ich Ihnen zu ſagen habe, nicht ängſtigen, aber ich furchte einen zu kühnen Schwur gethan zu haben.“ „Wie ſo? Erklären Sie ſich naͤher.“ *) Stinkholz. Der Geruch dieſes Holzes, wenn es brennt, iſt widerlich und verraͤth den Lagerplatz, deſſen Flamme man nicht ſehen wuͤrde, weit hin. — 173 „Ich habe mich gegen meinen Herrn, den Senator, fuͤr Sie verbuͤrgt, nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Ich furchte mehr verſprochen zu haben als ich werde halten koͤnnen. Ich habe in einiger Entfernung von dem Dorfe die Spuren der Indianer geſehen und die Bewohner des Dorfes da ſind ohne Zweifel durch die Furcht vertrie⸗ ben worden. Ich weiß freilich nicht, ob die Apachen auf⸗ gebrochen ſind, um nie wieder zu kommen. In jedem Falle koͤnnen wir nicht an die Flucht denken; unſere Pferde ſind ganz und gar despeados und koͤnnen kaum noch laufen; es iſt alſo meiner Meinung nach am beſten hier zu bleiben, denn es waͤre vielleicht gefaͤhrlicher heute Abend noch nach Ba⸗ euache zu ziehen, wenn es uͤberhaupt moͤglich waͤre. Ueb⸗ rigens werde ich in jedem Falle Ihr Schickſal theilen, da ich fuͤr Sie ſtehen ſoll. Mehr kann man von mir nicht verlangen. Was meinen Sie, Herr Rivas?“ Der Gambuſino antwortete nicht. „Nun,“ fuhr Anaſtaſio fort,„in jedem Falle verthei⸗ digen wir uns ſo gut als moͤglich.“ Und mit der kaltblü⸗ tigen Ruhe, von der er mir bereits Beweiſe gegeben hatte, fing er an die beiden Huͤhner zu rupfen. Ein Stuͤck Eiſen⸗ holz, das in Menge um uns wuchs, diente als Bratſpieß. Ich war, wie man ſich leicht denken kann, nicht ſehr ge⸗ neigt, mit großem Appetit an das Eſſen zu gehen; wie indeß die Furcht anſteckt, ſo thut es auch der Muth und die ruhige Haltung dieſes Dieners gab mir endlich auch das noͤthige Selbſtvertrauen wieder. Nichts deſto weniger lauſchte ich beſorgt auf jedes Geräuſch, das man Abends in den Wäldern vernimmt. Das Rauſchen des Waſſers an den Felſenſtuͤcken, das Knacken der Buͤſche unter den Tritten unſerer Pferde, das Summen der zahlreichen In⸗ ſecten, welche der Abend mit ſich zu bringen ſchien, das Knarren der abgeſtorbenen Baume, die der Wind bewegte, tauſend Stimmen, die mich unter andern Umſtänden wuͤr⸗ den in den Schlaf gelullt haben, erklangen jetzt wie Droh⸗ ungen in meinem Ohr. In dem Augenblicke als unſer Braten, dem Anaſtaſio ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, bereits einen ſehr lockenden Geruch ver— breitete, aͤnderte ſich dieſes Gerauſch plotzlich und wir horchten. Anaſtaſio nahm indeß bald ſeine gewoͤhnliche Sorgloſigkeit wieder an.„Nur die Weißen gehen ſo,“ ſagte er;„obgleich der Gang dieſer ziemliche Aehnlichkeit mit dem der Indianer hat. Jetzt kann man ſich nicht mehr taͤuſchen.“ Und in der That ließen ſich bald Stimmen hören, wir vernahmen deutlich den Schall von Fußtritten und in dem Scheine unſeres Feuers zeigten ſich bald zwei Perſo⸗ nen. Es war einmal eine Nacht unerwarteter Abenteuer und die beiden Ankoͤmmlinge paßten vortrefflich zu dem unproviſirten Drama, deſſen Vorſpiel der vergangene Reiſetag geweſen zu ſein ſchien. Der erſte war ein Mann von hohem Wuchſe, mit dichtem blonden, faſt rothem Barte. Eine Muͤtze, in der Geſtalt eines abgeſtumpften Kegels, von der Haut irgend eines Thieres, die nur einige ein⸗ zelne Haare behalten hatte, bedeckte das ſtruppige Haar von der Farbe des Bartes. Eine Jacke von grobem grauem Tuche mit großen Schoͤſſen und weiten Taſchen, arg geflickt 175 und eine Art Hoſen von gegerbter Hirſchhaut, die um die Beine durch Riemen feſtgehalten wurden, machten ſeine ubrige Kleidung aus. Riemen, die ſich uͤber der Bruſt kreuzten, trugen eine große lederne Jagdtaſche, die vorn auf dem Bauche hing und ein Pulverhorn. Eine lange Buͤchſe mit kupfernem Rohr hing uͤber ſeiner Achſel. Der Anzug des andern Mannes beſtand in einer zie⸗ gelrothen Lederjacke(gamuza), die man über den Kopf ſteckt wie ein Hemd und die uͤber und uͤber mit Knoͤpfen von weißem Metall beſetzt war und in langen Bein⸗ kleidern ebenfalls von Leder, die fruͤher mit ſilbernen Treſ⸗ ſen beſetzt geweſen ſein mochten. Der Mann trug eben⸗ falls ein Gewehr, aber das Rohr deſſelben war blau und aus Lütticher Fabrik. Außerdem trug er auf dem Ruͤcken ſtatt des Reiſeſackes einen ſchweren mexicaniſchen Sattel. Als die beiden Unbekannten am Rande der Boͤſchung anlangten, an welcher wir uns niedergelegt hatten, blieben ſie einen Augenblick unbeweglich ſtehen. „Das beweiſet uns,“ ſagte der Mann in der Leder⸗ jacke, indem er ſich an ſeinen Begleiter wendete,„daß wir weiter als Sie glaubten, von denen ſind, welche wir ſuchen, denn dieſe Reiter wuͤrden ſich nicht ſo ruhig hier auf⸗ halten.“ „Das werden wir ſehen, wenn das Feuer Licht verbrei⸗ tet,“ ſagte der Andere mit fremdem Accente,„ich behaupte noch immer, daß wir nicht weit von ihnen find.“ „Von wem ſprechen Sie?“ fragte ich. „Von einer Schaar indianiſcher Pluͤnderer, die wir ſeit mehreren Tagen verfolgen,“ antwortete der Mann in 176 der Lederjacke,„und deren Spur wir heute Abend im Dun⸗ kel verloren haben. Wir bemerkten Ihren Lagerplatz bei dem Suchen und wenn Sie es erlauben, wollen wir einige Stunden in Ihrer Geſellſchaft ausruhen.“ Bei dieſen Worten legte er mit einem Seufzer der Erleichterung den Sattel ab, den er zu tragen hatte. „Recht gern,“ antwortete ich, erfreut uͤber dieſe unver⸗ hoffte Verſtäͤrkung,„und hier iſt auch Einer, der Ihnen Nachricht uͤber die Indianer geben kann,“ ſetzte ich hinzu, indem ich auf Anaſtaſio zeigte. Die beiden Fremden ſetzten ſich ohne Umſtände nieder. „Und die Hunde haben mich boucaniren laſſen.“*) Dieſe Worte, welche der Mann mit dem blonden Barte franzoͤſiſch und mit dem eigenthuͤmlich ſchleppenden Accente der Normandiebewohner ſprach, erfreuten mich ungemein, denn ich erkannte, daß ich endlich einen aͤchten canadiſchen Jäger, einen Abkoͤmmling des alten Norman⸗ nenſtammes, einen der Waldlaͤufer(coureurs de bois) vor mir ſaͤhe, von deren Wunderthaten ich ſchon ſo viel gehoͤrt hatte. „Willkommen Freund,“ ſagte ich ebenfalls franzoͤfiſch. „Was?“ rief der Canadier aus,„Sie ſind ein Fran⸗ zos? Schlagen Sie ein!“ ſetzte er hinzu, indem er mir ſeine große Hand mit ſichtbarem Behagen entgegenhielt; „es iſt lange her, daß ich meine Sprache nicht gehoͤrt habe. Hol mich der Teufel, wenn ich erwartete hier einen Lands⸗ *) Im Canadiſch⸗Franzöſiſchen heißt boucan die Pfeife und boucaner rauchen. 177 mann zu finden, mit dem ich nicht Spaniſch zu radebrechen brauche.“ Während wir einige Worte wechſelten, theilte Ana— ſtaſio ſeine Entdeckung dem mexicaniſchen Jäger mit. „Habe ich Recht?“ rief der Canadier mit triumphiren⸗ der Miene aus. „Ich will mich gern geirrt haben,“ antwortete der Merxicaner, der ſich dann an Anaſtaſio wandte und fortfuhr: „Haben Sie unter den Spuren, die Sie bei dem Dorfe gefunden, nicht auch die eines Pferdes bemerkt, deſſen rechter Vorderfuß etwas groͤßer iſt als der linke?“ „Nein,“ ſagte mein Fuͤhrer,„gewiß iſt aber, daß die Schaar, welche dieſe Spuren zuruͤckgelaſſen hat, ſchon lange auf dem Marſche iſt.“ „Seit vierzehn Tagen,“ entgegnete der Mericaner, „ſeit ſie eine Nachläſſigkeit von unſerer Seite benutzten und uns, dieſem canadiſchen Herrn und mir, den Ertrag einer einjährigen Wanderung wie ein Pferd abnahmen, das ich wie ein Kind liebte.“ Bei dieſen Worten erbebte der Gambuſino ſchmerzlich und verbarg ſein Geſicht im Schatten. „Ich verliere beſonders ungern eine prächtige Samm⸗ lung Otterfelle, deren geringſter Werth 30 Piaſter war,“ ſetzte der eanadiſche Jaͤger hinzu;„aber Geduld, wer zuletzt lacht, lacht am beſten.“ „Es iſt auch meine Schuld,“ fuhr der Mericaner fort, „denn ſeit dem Tage, an welchem ich meinen Schwur gegen die Seelen im Fegefener nicht gehalten habe, geht mir alles ungluͤcklich.“ Amerik. Reiſenovellen⸗ — ———— 178 Dieſe Worte wurden mit einem Tone der Reue geſpro⸗ chen, uͤber den ich lachen mußte. „Sie meinen alſo,“ fragte ich,„die Seelen im Fege⸗ feuer waͤren Ihrem Unfalle nicht fremd? Ich moͤchte wohl wiſſen, wie Sie dieſelben ſo ſchwer beleidigen konnten. Erzaͤhlen Sie uns dies waͤhrend des Eſſens.“ „Recht gern,“ entgegnete der Mexicaner, indem er einen behaglichen Blick auf die beiden Huͤhner warf, welche Anaſtaſio von dem Spieße nahm. Wir waren mit Aus⸗ nahme des Gambuſino Rivas, wie man ſich erinnert, alle mehr oder weniger hungerig und es ging der Mahlzeit eine feierliche Stille vorher. Die Flamme des Feuers beleuch⸗ tete da eine der ſeltſamſten Gruppen, die mir die Erinne⸗ rung erhalten hat; ſie ließ die muskuloͤſen Formen des ca⸗ nadiſchen Waldlaͤufers hervortreten, warf ihren rothen Schein auf das ſtarkgebräunte Geſicht des mexicaniſchen Jaͤgers und gab dem verſtoͤrten Geſichte des Gambuſino ein noch trubſeligeres Ausſehen. „Ihr Amerikaner*),“ ſagte der mericaniſche Jäger, nachdemer ſich fromm bekreuziget hatte,„glaubt an nichts, ich bin aber, wie ich bereits zu ſagen die Ehre hatte, nichts deſto weniger uͤberzeugt, daß die Seelen im Fegefeuer Schuld an meinem Mißgeſchicke ſind. Schon ehe ich mich mit dieſem canadiſchen Herrn verband, war die Jagd mein Hauptgewerbe. Ich habe viele Naͤchte auf dem Anſtande auf Hirſche zugebracht, deren Haut ich vortheilhaft ver⸗ *) In Sonora heißt jeder Fremde Amerikaner. Im Sü⸗ den Mexicvs gilt dagegen jeder Fremde fuͤr einen Englaͤnder. 179 kaufte, oder an Traͤnken im Walde den Tigern und Loͤwen aufgelauert, fuͤr deren Kopf die hacenderos(Plantagen⸗ beſitzer) mir zehn Piaſter bezahlten, waͤhrend ſie mir uͤber⸗ dies das Fell ließen. Von einem kleinen Theile dieſes Gewinnes ließ ich Meſſen fuͤr die Seelen im Fegefeuer leſen und ich kann ſagen, daß meine Geſchaͤfte ganz gut gingen. Dann verband ich mich mit dieſem canadiſchen Herrn und ließ das Wild, welches ich bis dahin gejagt hatte, in Ruhe, um mit ihm Jagd auf Ottern und Biber zu machen. Eines Tages nun, als ich allein dieſen un⸗ ſchuldigen Thieren auflauerte, bemerkte ich das Geweih von zwei praͤchtigen Hirſchen, die an einem Bache unter einem ziemlich dichten Gebuͤſch ihren Durſt loͤſchten. Ich gedachte an meine erſten Jagdpartien und konnte dem Wunſche nicht widerſtehen, dieſe beiden Hirſche zu ſchießen. Das war, wie Sie denken koͤnnen, nicht leicht, aber ich hoffte es zu bewirken, wenn ich recht andaͤchtig zu Gott betete. Ich that deshalb bei mir das Geluͤbde, daß, wenn ich beide mit einem Schuſſe niederſtreckte, die Haut des einen fuͤr mich und die des andern fuͤr die Erloͤſung einiger Seelen aus dem Fegefeuer ſein ſollte. Dabei ließ ich zwei Kugeln in mein Gewehr laufen und dann ſchoß ich.“ „Und Sie fehlten beide?“ fragte ich. „O nein, aber als ſich der Rauch verzogen hatte, be⸗ merkte ich zu meinem Schmerze, daß nur mein Hirſch gefallen war und jener der Seelen im Fegefeuer davonlief.“ „Nun, dieſer Gewiſſensfall war doch wohl leicht zu loͤſen,“ ſagte ich und ich bemuͤhete mich ernſthaft zu bleiben. „Wenn ich weniger fromm gegen dieſe heiligen Seelen 12* —TRj—jz—————— 180 geſinnt geweſen waͤre, wuͤrde ich keinen ſo tiefen Schmerz empfunden haben, als ich ihre Meſſe mit gleichen Beinen davon laufen ſah; erſt ſeit mir mein Pferd geſtohlen wor⸗ den iſt, habe ich daran gedacht, daß ich eigentlich meine Hirſchhaut mit ihnen hätte theilen ſollen, aber,“ ſetzte der Jager hinzu und ſein Blick wurde drohend,„ ich habe nun ein anderes Gelubde gethan und dies werde ich halten. Seit vierzehn Tagen und vierzehn Nächten folgen wir der Spur dieſer verfluchten Apachen und hier erneuere ich mein Geluͤbde.“ Der Jäger ſtand auf, ſtreckte die Hand gegen den Himmel aus und rief mit funkelnden Augen und einer Stimme, welche die Echos nach ihm wiederholten: „Ich gelobe, allein oder in Begleitung, dieſe Hunde uͤberall anzugreifen, wo ich ſie treffe, und ſie im Nothfalle bis in ihr Dorf zu verfolgen. Ich gelobe, auf meinem Ruͤcken dieſen Sattel zu tragen, den das arme Thier trug, welches ſie mir ſtahlen, und ihn erſt abzulegen, wenn ich ihn einem dieſer Teufel aufgelegt habe. Ich gelobe, ihre verfluchten Kinder als Selaven zu verkaufen und diesmal den Ertrag dieſes Verkaufes fur die Seelen im Fegefener zu verwenden Moͤgen ſie mir beiſtehen!“ „Und haben Sie auch ein ſolches Geluͤbde gethan?“ fragte ich den Canadier. „Ich,“ antwortete dieſer,„habe meinem Freunde nur verſprochen, ihm uͤberall hin zu folgen und zu thun, was er thun wuͤrde.“ Dann gab er dem Mexicaner ein Zeichen, worauf die⸗ 181 ſer wieder aufſtand, den Sattel auf den Ruͤcken nahm und zu mir ſagte: „Wir haben nun genug ausgeruhet; empfangen Sie meinen Dank fuͤr Ihre gaſtliche Aufnahme; es iſt Zeit, daß wir die verlorene Spur wieder aufnehmen, denn wenn man ein Geluͤbde gethan hat wie ich, ſchlaͤft und ruht man ſo wenig als moͤglich. Wenn der Zufall Sie zur hadienda de la Noria fuͤhrt und ich bin noch in dieſer Welt, ſo wer⸗ den Sie finden, daß ich gegen die Seelen im Fegefeuer quitt bin. Leben Sie wohl.“ Der Canadier gab mir einen tuͤchtigen Handſchlag, warf ſein Gewehr uͤber und folgte ihm. Ich ſah erſtaunt den beiden unerſchrockenen Abenteurern nach, die allein einen Volksſtamm zu verfolgen wagten und nur auf ihren Muth zahlten, um ein ſo gefaͤhrliches Beginnen zu Ende zu fuͤhren. Die beiden irrenden Ritter verſchwanden bald in dem Dunkel der Nacht und ich hoͤrte nicht mehr das Ra⸗ ſcheln des Graſes, das ſie auf ihrem Wege niedertraten. „Sie ſind beide verloren,“ ſagte ich zu Anaſtaſio. „Wer weiß?“ antwortete mir phlegmatiſch mein Fuͤh⸗ rer, indem er ſich am Feuer ausſtreckte. Der Schlaf, der ſtärker war als die noch nicht ganz verſchwundene Beſorgniß, ſchloß mir bald die Augen, waͤh⸗ rend ich noch uͤber dieſes ſeltſame Zuſammentreffen nach— dachte. Am andern Morgen verſchwand eben der Mond hinter den Bergen, als wir unſern Weg nach Bacuache fortſetzten. Wir kamen wie am Tage vorher nur mit Muͤhe unſerm Ziele naͤher; unſere Pferde konnten kaum gehen, ſo abgerieben waren ihre Hufe. Rivas folgte uns dieſer — —— Langſamkeit wegen ohne Anſtrengung zu Fuße und wir bil⸗ deten ſo ein ziemlich truͤbſeliges Kleeblatt von Reiſenden. Als indeß der Tag anbrach und unſer Gefährte von Zeit zu Zeit Halt machte, blieb er bald zuruͤck und an der Bie⸗ gung eines Weges verloren wir ihn endlich ganz aus den Augen. Ich rief ihn mehrmals, aber meine Stimme ver⸗ lor ſich in der allgemeinen Stille und Niemand antwortete meinem Rufe. „Denken Sie nicht mehr an ihn,“ ſagte Anaſtaſio zu mir;„er ſucht wahrſcheinlich irgend einen creston, denn wir ſind hier auf goldreichem Boden und ſo allein und ver⸗ einzelt er auch iſt, wird doch ſein Inſtinet wieder die Ober⸗ hand behalten haben. Er iſt wie mein Bruder ein ge⸗ borner Gambuſino; nichts wird ihn von dieſem Gewerbe abbringen und er ſtirbt ſicherlich wie er geboren wurde. Uebrigens glaube ich nicht,“ ſetzte Anaſtaſio hinzu,„daß er ganz bei Verſtande iſt. Seit dem Tode ſeines Sohnes, von dem ich ſchon hatte ſprechen hören, hat ſich eine ge⸗ wiſſe Sucht ſeiner bemaͤchtiget. Er glaubt uͤberall die Stimme der Moͤrder ſeines Kindes wiederzuerkennen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach hat die ſchreckliche Rache, welche er geübt, Unſchuldige betroffen und er wird es lei— der nicht dabei bewenden laſſen.“ Ich dachte nochmals mit Bedauern an den armen Ver⸗ ſtuͤmmelten, aber bald verdraͤngten die neuen Gegenſtände, die man bei jedem Schritte auf der Reiſe trifft, die Erin⸗ nerung an den Gambuſino aus meinem Gedaͤchtniſſe. Nach einem achtſtundigen beſchwerlichen Ritte gelangten wir endlich an eine Stelle, wo bereits einige Gruppen zer⸗ — ———— —.——— 183 lumpter Goldwaͤſcher, die uns von der Seite anſahen, ihr Gewerbe betrieben. Einige Schritte weiterhin, an einer Biegung, wo der Weg hinter einer dichten Baum⸗ maſſe verſchwindet, erblickte ich in einer langen ſchmalen Schlucht Huͤtten von Baumzweigen oder gruͤnem Bambus, die von weitem von den Fichten an den Berghaͤngen kaum zu unterſcheiden waren. Das war Bacuache. Ehe ich zum letzten Male durch das Bett des Fluſſes ritt, aus dem ich erſt einige Minuten vorher gekommen war, hielt ich auf dem freien Platze an, den das weſtliche Ufer bildet, um mit einem Blicke den placer zu uͤberſchauen. Vor mir offnete ſich das enge Thal, das auf drei Seiten von ſteilen waldbewachſenen Hoͤhen begrenzt war. Graue Felſen ragten aus den Erdriſſen hervor und ſtachen von dem dun⸗ keln Gruͤn der umliegenden Wälder ab. Von dem Gebirge, das den Grund dieſes Thales bildete, ſturzte ſich ein Bach zwiſchen den Baͤumen herunter, hier und da in rauſchenden Cascaden. Die Gipfel des Gebirges waren in dichten Nebel gehuͤllt. Der Bach ſchlaͤngelte ſich in der Schlucht hin wie einige andere, welche von rechts und links herab⸗ kamen und in der Regenzeit wohl arge Verwuͤſtungen an⸗ richteten, wie die ausgeriſſenen Baͤume bezeugten, die noch umherlagen. An den Ufern dieſer Bäche nun und in den⸗ ſelben, ſo wie auf dem Sande des Thales durchwuͤhlten Menſchen, gebuͤckt wie Schnitter in der Ernte, den Boden mit ihren barretas oder zogen mit Netzen in dem Waſſer umher. Von Zeit zu Zeit erſchallte eine Erploſion, welche Felſenſtuͤcke umherwarf, in dumpfen oder hallenden Echos, die in der Ferne verklangen. Dann miſchten ſich verwor⸗ ——————————— 3 rene Stimmen, Fluͤche und Freudenrufe in dieſes Getoſe, das von kurzen Pauſen unterbrochen wurde, in denen man nur das Rauſchen der Waſſerfaͤlle hoͤrte. Wenn man bedenkt, daß keine Behoͤrde die Benutzungs⸗ rechte jeder pertinencia regelt, daß der Boden hier nicht dem Zuerſtankommenden, ſondern dem Staͤrkſten gehoͤrt, ſo begreift man, daß jeder Ankommende das Mißtrauen dieſer Durchſucher der placeres erregen muß. Deshalb trieb ich denn auch mit einem gewiſſen Herzklopfen, nachdem ich die wilde Gegend gemuſtert hatte, mein Pferd hinab, um durch den Fluß zu reiten. Anaſtaſio folgte dicht hinter mir und wir naͤherten uns einer Gruppe von Perſonen, welche die bateas, die ſie in der Hand hielten, mit Sand fullten. Anaſtaſio redete einen der Männer an, um zu fragen, ob er vielleicht zu⸗ fällig Don Pedro Salazar kenne, den wir ſuchten. Bei dieſer Frage, welche Anaſtaſio mit ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Freundlichkeit that, unterbrach einer der Goldwä⸗ ſcher ſeine Arbeit, hielt die mit Sand gefullte Hand zwi⸗ ſchen ſeine Augen und die Sonne und antwortete: „Ich kann nicht ſagen, ob der, welchen Ihr ſucht, noch in dieſer Welt iſt. Lebt er noch, ſo muß er am ufer des Baches ſein, den Sie von dem Berge da herabkommen ſehen.“ Er zeigte dabei auf den Bach, von dem ich geſprochen habe und der am entgegengeſetzten Ende des Thales ſich herabſtuͤrzte. Wir folgten der von dem Goldwäſcher ange⸗ denteten Richtung und in dem ziemlich tiefen Bette des Baches trafen wir auf einen hochgewachſenen Mann. Ein 185 geſatteltes und gezäumtes Pferd war an einem Baum⸗ ſtamme angebunden. Am Sattelbogen hing ein bloßer Degen. Der Mann ſelbſt ſtand bis an den Guͤrtel im Waſſer und ſchichtete Steine auf Steine. „Er iſt es,“ ſagte Anaſtaſio zu mir. Es fand zwiſchen den beiden Bruͤdern eine Seene herzlichen, faſt feierlichen Wiedererkennens ſtatt, denn ſie hatten einander ſeit vielen Jahren nicht geſehen. „Ich bin eben beſchaͤftiget, dieſen Bach abzuleiten,“ ſagte Pedro, als die Reihe der in ſolchen Fällen gewoͤhnli⸗ chen Fragen und Antworten erſchoͤpft war. „Das iſt ein gutes Zeichen,“ entgegnete ihm der Bru⸗ der,„aber iſt die Vergangenheit nichts fuͤr Dich,“ ſetzte er hinzu,„da Du Dein gefaͤhrliches Gewerbe noch immer betreibſt?“ „Jeder folgt ſeinem Berufe,“erwiederte Pedro;„der meinige will, daß ich unaufhörlich mit den Gefahren einer Beſchaͤftigung kampfen ſoll, die ich jeder andern vorziehe, vielleicht gerade wegen der Gefahren, die ſie bietet. Wir ſind hier ſogar in feindlichem Lande und Du ſiehſt es, ich habe den Degen da bei der Hand.“ Und er wieß auf das in der Naͤhe angebundene Pferd. „Warum?“ fragte Anaſtaſio;„es ſcheint ja die tiefſte Ruhe hier zu herrſchen.“ „Ja, es ſcheint,“ ſagte Pedro,„aber in der Wirk⸗ lichkeit beneiden mich doch alle um den Beſitz dieſes Baches. Ich habe ſchon mehrmals das Meſſer zur Hand nehmen muͤſſen, um meine Rechte gegen meine Cameraden und ſelbſt gegen die Waſcher von hacome zu vertheldigen, welche ———————— — 186 behaupten, der Bach entſpringe an einer Stelle der Sierra innerhalb der Grenzen ihres Gebietes. Ich habe den Leuten von Bacuache Schweigen geboten, wir haben aber auch ein Gefecht mit denen von hacome gehabt, in wel⸗ chem mein Genoſſe verwundet wurde und wir erwarten jeden Augenblick wieder angegriffen zu werden; deshalb ſind wir auf unſerer Hut.“ Trotz dieſem Uebelſtande mußten wir uns entſchließen einige Tage in Bacuache zu bleiben, damit die Hufe unſe⸗ rer Pferde wieder feſt wuͤrden und Anaſtaſio fragte ſeinen Bruder, ob er uns aufnehmen koͤnnte. „Dort unten ſteht meine Huͤtte,“ antwortete Pedro, „und ich biete ſie dem Herrn gern an; vielleicht hindert ihn freilich jetzt das Winſeln des armen Teufels, der darin liegt, am Schlafen, wenn er an dieſe Muſtk nicht gewoͤhnt iſt.“ Anaſtaſto ſah mich fragend an und da ich nickte, nahm er das Anerbieten ſeines Bruders an. Ich ſtieg alſo ab und ſetzte mich, waͤhrend er unſere Pferde fortfuͤhrte, neben dem Gambufino nieder, der ſeine Arbeit fortſetzte. „Sie ſcheinen ſich da,“ ſagte ich, um ein Geſpräch anzuknuͤpfen,„eine unnöthige Muͤhe zu geben, denn wenn der Bach ſo reich an Goldſand iſt, daß er ſo viel Neid er⸗ regt, reicht es wohl hin ſein Bett zu durchſuchen.“ „Das habe ich auch gethan,“ antwortete mir Pedro. „Von dem Waſſerfalle an, den Sie dort ſehen, iſt jeder Kieſel und jedes Sandkorn durch meine Hand gegangen; das Reſultat uberſtieg auch meine Hoffnung und eben wegen 187 dieſes unerwarteten Erfolges muß ich die Arbeit da unter⸗ nehmen.“ „Dieſe Nothwendigkeit ſehe ich nicht recht ein,“ ſagte ich. Pedro laͤchelte. „Herr Fremder,“ entgegnete der Gambuſino, indem er aus einem Lederſaͤckchen, das er unter dem Hemde ver⸗ ſteckt trug, ein ſcharfkantiges Goldſtuͤckchen von der Große einer Haſelnuß nahm,„was wuͤrden Sie von dem placer meinen, wenn ſie eine ſolche pepita faͤnden?“ „Daß das Goldlager in der Nähe ſein muͤſſe, weil die pepita ſich noch nicht hat glatt reiben koͤnnen.“ „Und wenn oberhalb eines gewiſſen Punktes Ihre ſonſt überall einträgliche Arbeit fortwaͤhrend unergiebig waͤre?“ „So wuͤrde ich ſie aufgeben.“ „Daran würden Sie Unrecht thun, denn die Goldader, von der dieſe Stuͤcke kommen, koͤnnte wohl unterhalb des Punktes liegen, wo Ihre Arbeit nutzlos war. Mit einem Worte,“ fuhr er leiſe fort,„der Hang, von dem der Bach kommt, den ich ableiten will, muß die Quelle eines Thei⸗ les des Goldes ſein, das man in dieſem Thale findet.“ „Und fürchten Sie nicht, daß Ihre Cameraden, wenn ſie Ihr Gluͤck ahnen, Ihnen einen ſchlimmen Streich ſpielen?“ „Das erwarte ich, füͤrchte ich aber nicht. Ich bin ſeit meiner Kindheit an die Gefahren meines Gewerbes gewohnt. Ich lernte die Klugheit zugleich mit der Kuͤhn⸗ heit und habe bereits einen Theil meiner Beute in Sicher⸗ 5 188 heit gebracht. Im Falle des Ungluckes entdecke ich meinem Bruder Anaſtaſio meinen Schatz.“ Dann ſah er aufmerkſam auf das Ufer, das allmaͤlig von dem Waſſer aus emporſtieg und ſagte: „Glauben Sie nicht, daß die Habſucht mich ſtachelt, nein.. Aber ſehen Sie den Widerſpruch. Neben gluhen⸗ den Einoͤden, wo jeder Andere alles Gold der Welt fuͤr ein Glas Waſſer hingeben wurde, habe ich oftmals den letzten Waſſertropfen, der mir geblieben war, nutzloſen Verſuchen geopfert und wie oft wiederum verkaufte ich reiche Adern füͤr eine Cigarre! Ich folge einem unbeſieglichen Inſtincte, indem ich mein Leben bei dieſen abenteuerlichen Nachſu⸗ chungen wage. Ich bin wie der Wildbach, dem Gott ge⸗ bietet, das Gold in der Ebene zu verſtreuen. Enthuͤllt nicht auch Gott dem Menſchen durch ſichtbare Zeichen die Anweſenheit des Goldes, das im Innern der Erde ver⸗ borgen liegt?“ Wäͤhrend der Gambuſino ſo ſprach, baute er den Steindamm weiter, deſſen Zwiſchenräume er mit Gras ver— ſtopfte, das er in großer Menge neben ſich aufgehauft hatte. Allmaͤlig ließ das von ſeinem Laufe abgeleitete Waſſer den Boden frei, der von beiden Seiten von Bergen eingeſchloſ⸗ ſen war und lief in einer andern Richtung hin. Ich nahm lebhaften Antheil an dieſer Arbeit und vergaß meine Muͤ⸗ digkeit daruber.„Wenn ich mich in meiner Berechnung nicht getaͤuſcht habe,“ ſagte der Gambuſino,„ſo muß ſich zwanzig Schritte von hier die Goldader finden, von der ich Stuckchen aufgeleſen habe und dann wird mein Suchen von dem Damme an bis zu jener Stelle fruchtlos ſein.“ 189 um gleich einen Verſuch zu machen, nahm der Gam⸗ buſino die batea, die neben ihm lag und griff mit beiden Haͤnden in das wenige Waſſer, welches den Boden kaum noch bedeckte. Er brachte Erde und Sand heraus, die er in die Mulde legte und ſorgſam auswuſch; aber es zeigte ſich nichts von Gold. Derſelbe Verſuch, mehrmals wie⸗ derholt, hatte immer daſſelbe Reſultat. Bei der letzten Probe indeß glänzten einige kaum bemerkliche Goldkoͤrnchen in dem Sande, den er gleichſam zwiſchen den Fingern rei⸗ nigte; aber dieſe leichten, glatten, abgerundeten Koͤrnchen kamen offenbar von einem viel weiter entfernten Lager als das ſein mußte, das der Gambufino ſuchte. Nachdem Pedro ſo hinreichend uber die Richtung aufgeklaͤrt war, welche er ſeinen Nachſuchungen zu geben hatte, nahm er aus der Taſche ein etwa vier Zoll langes hohles Rohr, dop⸗ pelt ſo dick als eine Gaͤnſefeder. Nach etwa einer Viertel⸗ ſtunde fuͤllte er es zur Haͤlfte an und verſchloß beide Enden mit Wachs. Dann verließ er die Stelle, die er ausbeuten wollte und forderte mich auf mit ihm zwanzig Schritt wei⸗ ter hinunter zu gehen. Hier fullte er ſeinen hoͤlzernen Teller von neuem und mit der zufriednen Miene eines Pro⸗ feſſors, der einen Verſuch gelingen ſieht, zeigte er mir unter dem ſchlammigen Ueberbleibſel kleine eckige Gold⸗ koͤrner. „Dieſe kommen aus großerer Naͤhe nicht wahr?“ ſagte er;„das Lager, das ich ſuche, beſindet ſich alſo zwiſchen der Quelle und dem Ende des Baches. Dort oder hier,“ ſetzte er hinzu, indem er mit dem Fuße an das Ufer trat. „Das iſt unbeſtreitbar,“ antwortete ich verwundert uͤber das Treffende dieſes Schluſſes. Das Waſſer verlief ſich aus dem Bette und ſo kam an der rechten Seite eine Aus⸗ tiefung zu Tage, welche der Bach ausgehoͤhlt hatte und uͤber welchem ſich die Wurzeln kreuzten. Der Gambuſino un⸗ terſuchte aufmerkſam die Tiefe dieſer Hoͤhlung, welche zum erſten Male zum Vorſchein kam, aber in ſeinem ruhigen Geſichte konnte man durchaus die Gedanken nicht erkennen, die ihn bewegten. Er unterbrach ſeine Unterſuchung, indem er aus dem Flußbette herauskam, um ſeinen Spieß zu holen, den er am Ufer gelaſſen hatte. Die erſten Stoͤße, welche er gegen die Uferſeite richtete, trafen nur einen leh⸗ migen Boden, in welchen die barreta ohne Widerſtand eindrang. Etwas weiter hin ſtieß das Eiſen, das von neuem gebraucht wurde, auf einen Felſen, den der Gambufino ſehr ſchnell bloß legte, indem er die Erde davon wegraͤumte. Es war ein eckiger ſo feſter harter Stein, daß erſt bei dem dritten mit kraͤftigem Arme gefuͤhrten Stoße ein Stuͤck da⸗ von abſprang. Der Goldſucher pruͤfte von neuem auf⸗ merkſam das entbloͤßete Geſtein, waͤhrend ich allen ſeinen Bewegungen mit einer leicht begreiflichen Theilnahme folgte. Dann legte er einen Finger auf den Mund, als wolle er mich auffordern zu ſchweigen und ſpielte wie ein vollendeter Schauſpieler den Getaͤuſchten, waͤhrend er das abgeſtoßene Ouarzſtück in die Taſche ſteckte. Darauf ſtieß er den Steindamm, den er aufgebaut hatte, wieder ein und das Waſſer folgte von neuem ſeinem gewoͤhnlichen Bette. „Ich hatte mich in meinen Erwartungen getäuſcht,“ ſagte der Gambuſino laut,„in jedem Falle mag es fuͤr 191 heute genug ſein; ich bin muͤde; wenn es Ihnen Recht iſt, wollen wir in meine Wohnung gehen.“ Ich ſtand auf, um ihn zu begleiten. Unterwegs ver⸗ rieth durchaus nichts an ihm ungewoͤhnliche Aufregung. Erſt als wir in ſeine Huͤtte getreten waren und er die Thuͤre ſorgſam zugemacht hatte, warf er Anaſtaſio das Quarzſtuck zu, das er aus der Taſche nahm und ſagte: „Wie Du eben ſagteſt, ich rechne die Vergangenheit fuͤr nichts; was aber muß die Zukunft fuͤr den Beſitzer einer ſolchen Ader ſein! Noch mehr Gold, das an das Ta⸗ geslicht kommen und von Hand zu Hand gehen wird,“ ſetzte er begeiſtert hinzu. Wäaͤhrend Anaſtaſio mit Bewunderung das Quarzſtuͤck betrachtete, an welchem man an manchen Stellen dichte ge⸗ äderte Flittern, an andern leichte Goldgeflechte ſah, ließ ein Mann, der in einem Winkel der Huͤtte lag, der Ver⸗ wundete, von welchem der Gambufino geſprochen hatte, ein halblautes Aechzen hoͤren. Er verſuchte ſich auf ſei⸗ nem Rohrlager umzudrehen, konnte aber nur die Hand ausſtrecken und mit ſchwacher Stimme ſagen: „Gieb her, daß ich es auch ſehe, obgleich meine Augen ſehr trube ſind.“ Anaſtaſio reichte ihm das Steinſtuͤck. „In dem Waſſer haſt Du die Ader gefunden, nicht wahr?“ fuhr er fort. „Ja,“ antwortete Pedro;„freue Dich, daß Du Dein Blut bei der Vertheidigung deſſelben vergoſſen haſt.“ Der Verwundete ſagte nichts darauf, aber Freude leuchtete einen Augenblick aus dem bleichen Geſichte, dann 5 — E — 192 ſchloß er die Augen, als wolle er ſeine Gedanken durch dieſen zauberiſchen Anblick nicht zerſtreuen. Pedro trat zu ihm. „Wir beuten die Ader mit einander aus, ſobald Du geſund geworden biſt,“ ſagte er zu ihm;„ich warte nur auf Dich; ich habe auch die Kraft gehabt, auf meinem Geſichte meine Freude nicht ſehen zu laſſen. Sei unbeſorgt; das Waſſer bedeckt die Ader ganz und Niemand ahnet meine Entdeckung.“ Man hoͤrte das keuchende Athmen des Verwundeten deutlicher, er verſuchte noch mehr zu ſprechen, brachte aber nur die Worte:„Jeſus, wie durſtet mich!“ heraus und ſo leiſe, daß wir ſie kaum verſtanden. Man beeilte ſich ſei⸗ nen Durſt zu loͤſchen, worauf die beiden Bruder nach dem in ganz Sonora allgemein verbreiteten Vorurtheil, das jeden Fremden füͤr einen Arzt oder Uhrmacher erklärt, mich erſuchten, die Wunde zu beſehen, welche der Gambufino nach der Landesſitte verbunden hatte. Ich war ſchon zu oft in gleichen Fällen zu Rathe gezogen worden, als daß ich mir noch die Muͤhe haͤtte nehmen ſollen, meine Unkennt⸗ niß zu betheuern und willigte deshalb ein das Verlangte zu thun. Der Goldſucher nahm darauf den Verband ab, den ich natuͤrlich fuͤr vortrefflich halten mußte.*) Ich *) Dieſe von den Indianern entlehnte Verbindungsme⸗ thode iſt höchſt ſeltſam und verdient beſchrieben zu werden. Es wimmelt im Lande von ungewoͤhnlich großen Ameiſen, deren Biß aber gar nicht giftig iſt. Man ſammelt nun eine gewiſſe Anzahl derſelben in einem tiefen Glaſe und wenn man das — N —— 193 verordnete ſogar, um mein Gewiſſen zu beruhigen, ihn oͤf⸗ ters zu erneuern. Die beiden Bruͤder waren ganz meiner Meinung und wuͤnſchten ſich aufrichtig Gluͤck, mich zu Rathe gezogen zu haben. Dieſer muͤhſame Tag war nun zu Ende, die Nacht kam und die Goldwaͤſcher ſtellten ihre Arbeiten ein. Alles war ſtill in und außer der Huͤtte, aber das Winſeln des Verwundeten verſcheuchte den Schlaf, wie Salazar voraus⸗ geſehen hatte. Ich lag quer vor der offen gebliebenen Thuͤr und horchte auf das Rauſchen der Fichten, das ſich mit den Klagen des Verwundeten verband und betrachtete den dunkeln begrenzten Horizont des an Gold ſo reichen Thales, des Schauplatzes ſo vieler blutigen Kaͤmpfe. Der Gipfel der Sierra, auf welcher der Bach entſprang, deſſen Rauſchen ich hoͤrte, war mit einem Nebeldach bedeckt, durch das hier und da der Mond ſchimmerte. Dieſer leuchtende Nebel in dieſer ſtillen Natur erſchien mir wie ein geheim⸗ nißvoller Schleier, welchen Gott uͤber die Quelle dieſer Schätze gebreitet habe, deren Vertheilung ſein Wille dem Laufe des Waſſers anvertraut. Eine Fichte erhob ſich ſchlank an dem durchſichtigen Himmel, wie der geheimniß⸗ Blut geſtillt hat, das aus der Wunde fließt, bringt man die Ränder ſorgſam an einander und ſetzt ſie dem Biſſe der Amei⸗ ſen aus. Haben die Zangen, die ſie am Kopfe tragen, von beiden Seiten eingebohrt, ſo trennt man mit den Nägeln den Vorderleib des Inſektes ab; die Ameiſe bohrt im Sterben ihre Zangen noch tiefer ein und dieſe bleiben nun an den Wun⸗ denlippen ſitzen. Zerquetſchte aromatiſche Krauter dienen zur Minderung der Entzuͤndung. Amerik. Reiſenovellen. volle Huͤter dieſes Ortes. Unter ihr ſah ich eine Cascade des Baches wie eine ſilberne Cataracte auf dieſes Goldland fallen. Allmaͤlig wurden die Gegenſtände minder undeut⸗ lich vor meinen Augen, welche die Muͤdigkeit ſchloß und ſchon ſchwebte mein Geiſt zwiſchen Schlummer und Wachen als ich in der Ferne halberſticktes Geſchrei zu hoͤren und einen unbeſtimmten Schein wie Irrlichter auf der Hoͤhe zu erblicken glaubte. Der Schlaf erhielt indeß gleichwohl das Uebergewicht und ich weiß nicht wie lange ich geſchla⸗ fen haben mochte, als ich in plotzlicher Helle von neuem die Augen offnete. Ich erblickte ein ſeltſames Schauſpiel; das ganze Thal war hell erleuchtet und Flammenwellen ſchlugen von dem untern Ende der Fichte, die uͤber den Bach ragte, bis zu den hoͤchſten Zweigen hinauf. Rauch⸗ wolken wirbelten zum Himmel empor, der davon verdunkelt wurde. Die Gipfel der benachbarten Baͤume erſchienen in gluͤhend rother Farbe. Einzelne Aeſte des brennenden Stammes fielen herunter und ließen Feuerſtreifen zuruͤck. In der Helle des Feuers liefen Menſchen hin und her und Töne erklangen von allen Seiten; bloße Schwerter, Lan⸗ zen und Meſſer gläͤnzten in den verſchiedenen Gruppen. „Nacome! Nacome!“ rief man auf allen Seiten. Ich drehete mich um, Anaſtaſio und deſſen Bruder zu wecken und ſah ſie in dem Lichtſcheine, der bis in die Hutte herein⸗ fiel, bereits beiſammen ſtehen und gleichſam Rath halten. Der Verwundete bewegte ſich ruhelos auf ſeinem Schmer⸗ zenslager. „Nun,“ ſagte ich zu dem Gambuſino,„die von Na⸗ eome ſcheinen uns wirklich angreifen zu wollen.“ Der Gambufino ſchuͤttelte den Kopf. Sein Geſicht war bleich und ſorgenvoll; eine Angſt, von der er ſich keine Rechenſchaft geben zu koͤnnen ſchien, beherrſchte ihn offenbar. „Nein, nein,“ antwortete er endlich;„die Goldwaͤ⸗ ſcher von Nacome wuͤrden dieſe Hoͤllenfackel nicht angezuͤn⸗ det haben, wenn ſie uns angreifen wollten. Auch ein Rei⸗ ſender kann dieſen Baum nicht angezuͤndet haben, denn wenn unbekannte Gruͤnde ihn gezwungen haͤtten da ſein Nachtlager aufzuſchlagen, wuͤrde ihm auch die Klugheit gerathen haben ſich nicht zu verrathen. Wenn es nicht..“ Er ſprach nicht weiter, aber das Zeichen des Kreuzes, das er machte, vervollſtaͤndigte ſeine Gedanken, dann fuhr er fort: „Glauben Sie nicht auch, Herr Fremder, daß, wenn der Satan durch die Macht des Goldes herrſcht, eine Gegend, die deſſen ſo viel erzeugt, mehr als eine andere unter dem Fuͤrſten der Finſterniß ſtehen muß?“ Das Schauſpiel, welches ſich uns darbot, trug aller⸗ dings etwas Diaboliſches an ſich, was wohl aberglaͤubi⸗ ſche Gedanken wecken konnte und ich fand, ich muß es ge⸗ ſtehen, keine Gruͤnde Pedro zu beruhigen. „Ave Maria!“ rief Anaſtaſio aus;„haſt Du nicht ein Aechzen gehoͤrt wie das unſeres Vaters als er in der ſchreck⸗ lichen Nacht ſtarb, in welcher wir alles verloren? O, das Goldſuchen iſt ein ſchreckliches Gewerbe.“ Wir ſchwiegen, hoͤrten aber nur das Ziſchen der Flammen, das Krachen des Holzes, das im Feuer zer⸗ ſprang und das ſchwere Athmen des Verwundeten. ————— 196 „Folge meinem Beiſpiele, Pedro,“ fuhr Anaſtaſio fort,„entſage Deinem Gewerbe, denn fruͤher oder ſpater wirſt Du ein Opfer deſſelben werden.“ „Ich entſage ihm nie,“ entgegnete der Gambuſino, der feſt entſchloſſen zu ſein ſchien und forderte ſeinen Bruder auf, mit ihm hinaus zu gehen, damit ſie ermittelten, was es eigentlich gebe. „Ihr wollt mich ſo verlaſſen?“ rief da der Verwundete angſtvoll aus.„Um der Liebe zu der heiligen Jungfrau willen, bleibe Einer bei mir.“ „Sie, Herr Fremder, koͤnnen hier bleiben,“ ſagte Pe⸗ dro zu mir;„vor allem aber hoͤren Sie eine feierliche Em⸗ pfehlung.“ „Sprechen Sie,“ entgegnete ich,„und glauben Sie, daß ich bereit bin zu thun was Sie verlangen, wenn es in meiner Macht ſteht.“ „Ich weiß nicht, was mir da oben vorbehalten ſein kann,“ erwiderte er;„gebe es Gott, daß ich nur irdiſche Feinde da finde; ſollte ich aber nicht zuruͤckkehren, ſo verſpre— chen Sie mir vor ſechs Tagen von hier nicht fortzureiſen. Bis dahin wird der arme Cirilo(er zeigte auf den Ver⸗ wundeten) geſtorben oder wieder geſund geworden ſein. Es waͤre ſein Tod, wenn man ihn jetzt verließe. Wenn er vor dieſer Zeit ſtirbt und wir, ich und mein Bruder, kommen nicht zuruͤck, ſo will ich Ihrer Redlichkeit ein Ge⸗ heimniß anvertrauen, das Sie benutzen moͤgen. Haben Sie die Sterbegebete neben der Leiche Cirilo's verrichtet und ihm ein chriſtliches Begraͤbniß gegeben, wenn es Ih⸗ nen moͤglich iſt, ſo graben Sie an der Stelle nach, wo er 197 jetzt ruhet, einen Fuß tief in der Erde werden Sie das Gold finden, das ich in dieſem placer geſammelt habe; es iſt ziemlich viel. Ich habe Niemanden, dem ich es hin⸗ terlaſſen koͤnnte und ich goͤnne es Ihnen ſo gern als einem Andern.“ Nachdem er mir dieſes Geheimniß enthuͤllt hatte, wollte er hinaus gehen, aber nach einigem Ueberlegen ſetzte er die ſeltſame Empfehlung hinzu, in welcher ſich der Charak⸗ ter des Gambuſino vollſtaͤndig enthuͤllte: „Wenn Sie zufaͤllig ſich furchten ſollten die Erbſchaft anzunehmen, welche ich Ihnen hinterlaſſe, weil man ver⸗ ſuchen koͤnnte, Ihnen dieſelbe abzunehmen, ſo ſtreuen Sie das Gold lieber herum als daß Sie es vergraben laſſen, denn iſt das Gold einmal der Erde entriſſen, ſo ſoll es dem Menſchen zu Gute kommen; ſo will es Gott.“ Faſt ſogleich nach dieſen Worten gingen Pedro und Anaſtaſio mit dem Degen in der Hand hinaus. Ich blieb auf der Schwelle der Huͤtte und verlor ſie im Dunkel des Thales aus den Augen. Noch lange verbreitete der bren⸗ nende Baum ein blendendes Licht bis die Flammen auf⸗ hoͤrten empor zu wirbeln. Da verengerte ſich der beleuch⸗ tete Kreis allmaͤlig; der brennende Stamm brach bald in ſich zuſammen und erloſch in dem Wildbache mit unheimli⸗ chem Ziſchen, worauf alles wieder finſter wurde. Ich glaubte noch immer die Goldwaͤſcher von Nacome wollten die von Bacuache uͤberfallen, aber in der Stille der Nacht rechtfertigte dieſe Befuͤrchtung nichts. Ich ſtrengte mich deshalb vergeblich an die Urſache dieſes ſeltſamen Laͤrmes ——„———— —— 198 zu errathen, bis ich einen Mann faſt kriechend auf mich zukommen ſah. „Wer da?“ rief ich dem Unbekannten zu. „Still! Ich bin es, Rivas,“ ſagte der Mann leiſe und ich erkannte wirklich die Stimme des Verſtümmelten. Ich fragte ihn haſtig uͤber die Urſache der nachtlichen Ruheſtorung und er antwortete mit einem ſo ſeltſamen La⸗ chen, wie nur ein Verruͤckter lachen kann. Ich dachte da an die Worte Anaſtaſio's. Rivas kauerte ſich neben mir nieder und ſagte mir ſo leiſe, daß nur ich es hoͤren konnte: „Ihr Fuͤhrer hatte Recht, ich hatte mich geirrt. Die, welche ich in die Luft ſprengte, wie Sie wiſſen, waren nicht die Rechten; aber diesmal, ich weiß es gewiß, habe ich ihre Stimme erkannt; leider waren es nur zwei und es fehlt mir noch einer, aber ich werde ihn auch noch finden. Deshalb habe ich das große Feuer angezuͤndet und dann ſah ich die, welche ich in dieſen Abgrund hinuntergeſtuͤrzt hatte, die zerbrochenen Glieder bewegen; da war ich zu⸗ frieden. Die von Subiate ſtarben zu geſchwind.. Iſt das nicht auch ein Gottesurtheil? Auf Wiederſehen; ich ſuche den Dritten.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich der Wahnſinnige eilig, ehe ich ihn zuruͤckhalten konnte. Ich war noch ganz betaubt von ſeiner Mittheilung, als ich die Stimmen der beiden Bruͤder hoͤrte, die zuruͤckkamen. „Nun,“ rief ich ihnen zu,„was habt Ihr entdeckt?“ „Nichts,“ antwortete Anaſtaſio,„nur zwei Leichen, die wir in der Schlucht unten fanden, aber wenn ſie der 199 Teufel heruntergeſturzt, hat er zweien der ſchlechteſten Burſchen im Lande, wo dergleichen haͤufig genug ſind, ihr Recht widerfahren laſſen. Ich geſtehe, daß mir eine Laſt vom Herzen genommen iſt, aber ich frage noch immer, wer wohl den Baum anzuͤndete.“ Ich erzählte ihm was Rivas geſagt hatte. „Diesmal kann er nicht Unrecht gehabt haben,“ ſagte Anaſtaſio,„nichts deſto weniger werde ich ihn morgen ſu⸗ chen; er iſt ein zu gefäͤhrlicher Narr.“ Alle Nachforſchungen, die wir in den ſechs Tagen, welche ich in Bacuache blieb, anſtellten, waren vergeblich; der verſtümmelte Wahnſinnige hatte ſich wahrſcheinlich nach der großen Wildniß zu entfernt und man hat ſeit jenem Tage nichts wieder von ihm gehoͤrt. Anaſtaſio hatte un⸗ terdeß mein Pferd gegen ein anderes vertauſcht, das in beſ⸗ ſerm Zuſtande war und wir kamen uͤberein, noch weiter mit einander zu reiſen. Ich hatte die Abſchiedsworte des merxicaniſchen Jägers nicht vergeſſen und nahm mir vor einen oder zwei Tage in der Hacienda de la Noria zu verbrin⸗ gen. Ich wollte eine ſo koſtbare Gelegenheit nicht ver⸗ ſäumen, eine neue Seite dieſes mexicaniſchen Lebens ken⸗ nen zu lernen, das immer den Reiz eines Romanes fuͤr mich hatte. Später erfuhr ich, daß die reiche Goldader, welche Pedro Salazar gefunden hatte, immer ergiebiger geworden ſei, daß er ſie aber verkauft habe, erſtlich weil es ihm an Gelde fehlte, ſie in die Tiefe zu verfolgen und dann weil er nicht gebunden ſein und andere aufſuchen wollte, die ohne ihn vielleicht unbekannt blieben. Der Gambufino 3 200 blieb alſo der innern Stimme treu, welche ihn nach neuen Entdeckungen trieb; ſein Beruf, wiederholte er, ſei der des Fluſſes, welchem Gott befiehlt, das von den Felſen abgeriſſene Gold in das Thal zu tragen und er wartete mit volliger Ergebenheit unter taglichen Anſtrengungen und Gefahren auf den Augenblick, in welchem er wie der Wildbach am Ziel einer ſtuͤrmiſchen Laufbahn in einer un⸗ bekannten Einoͤde ſterben ſollte. Die Harienda de la Uoria. 1. Der Pferdebandiger. Scenen aus dem Waldleben Mexicos. Baruache war nicht das alleinige Ziel meines Aus⸗ flugs in die nordlichen Einoͤden Mericos; ich wollte bis zur Grenze der Wuͤſte gelangen, d. h. bis zum Preſidio Tubac. Mein Fuͤhrer Anaſtaſio, den ich über die neue Reiſe zu Rathe zog, forderte mich dringend auf umzukehren. Den redliche treue Diener hatte ſeinem Herrn verſprochen, m geſund und wohlbehalten zuruͤckzubringen und er wol ſein Verſprechen halten. Dennoch gelang es mir ſe Widerſtreben zu beſiegen. Baeuache liegt ungefaͤhr zwa zig Stunden von Tubac. Obgleich Anaſtaſio keinen T 201 zu verlieren hatte, in Arispe die Goldader anzumelden, welche ſein Bruder entdeckt hatte, ſo wollte er doch wenig⸗ ſtens einen Theil des Weges mit mir machen und mich ſo nahe an die Grenze des Preſidio bringen, daß ich es ohne Gefahr erreichen koͤnnte. Ich meiner Seits verſprach, ge⸗ wiſſenhaft der Reiſeroute zu folgen, die mir mein Fuͤhrer vorgezeichnet und von den gebahnten Wegen oder doch von den Wegſpuren mich nicht zu entfernen. Demzufolge gab ich meinen Beſuch der Hacienda de la Noria auf, weil ich ihret⸗ wegen einen langen und gefaͤhrlichen Umweg hatte machen muͤſſen. Nachdem alles verabredet war, beſchloſſen wir vor Tagesanbruche uns auf zu machen, um am zweiten Tage bei guter Zeit an die Stelle zu gelangen, wo Ana⸗ ſtaſio mich verlaſſen und den Weg nach Arispe wieder ein⸗ ſchlagen koͤnnte. Noch herrſchte das tiefſte Dunkel als wir das Dorf der Gambuſinos verließen. Wir ritten ſtill durch den Rio de Bacuache und ich ſah mich noch einmal um, einen letzten Blick auf den placer zu werfen, von dem ich Abſchied nahm. Noch glaͤnzten einige Feuer durch die Ritzen der Bambus⸗ huͤtten. Der Gipfel der Sierra, welcher durch den Brand ſeine gruͤne Krone verloren hatte, trat kahl und rauh an dem ſternenloſen Himmel hervor. Wir gaben unſern Pfer⸗ den die Sporen und hatten bald den placer aus dem Ge⸗ ſicht verloren. Als der Morgen zu grauen begann, erkann⸗ ten wir vor und hinter uns einen neuen Horizont. Duͤrre waſſerloſe Ebnen hatten wir zu durchziehen. Außer dem pinole, das ſich in dem Mantelſacke Anaſtaſio's befand, war jeder von uns mit einem vollen Schlauche verſehen — 3 3 — 202 und darin beſtanden, wie ich wenigſtens glaubte, unſere Lebensmittelvorraͤthe. Als es aber ganz hell wurde, ſah ich mit nicht geringer Verwunderung einen friſch abge⸗ ſchnittenen Hammelkopf an dem Sattel Anaſtaſios hängen und ich fragte ihn deshalb, was er damit anzufangen gedenke. „Er iſt die Hoffnung unſeres Fruͤhſtuͤcks morgen,“ ant⸗ wortete mir der Fuͤhrer.„Es wird das letzte Mahl ſein, das wir mit einander genießen und Sie ſollen mir ſagen, ob Sie je etwas Saftigeres gegeſſen haben als einen Ham⸗ melkopf mit Gewuͤrz und Branntwein. Ich habe alles Noͤ⸗ thige in einer meiner mochilas*) bei mir.“ Je weiter wir kamen, einen um ſo ganz andern An⸗ blick erhielt die Landſchaft. Bis dahin hatten einige kaum gebahnte Wege unſern Ritt durch dieſe Eindde geleitet; dieſe Wege fuͤhrten zu unermeßlichen Savannen, baum⸗ und buſchloſen Wieſen, die mit hohem Graſe bedeckt waren, deſſen duͤnne Stengel ſich bei dem geringſten Lufthauche bewegten und inmitten ihres Guͤrtels von blaͤulichen Hügeln wie ein bewegtes Meer ausſahen. Hier und da erhoben ſich gleich Duͤnen einige ſandige Huͤgel oder es ragten ver⸗ dorrte Baumſtämme uͤber dieſe gruͤnen Wogen wie Maſten eines Schiffes. Vergebens aber trieben wir unſere Pferde an; die Huͤgel am Horizonte ſchienen ins Unendliche vor uns zuruͤckzuweichen. Bald warf die untergehende Sonne *) Ledertaſchen, die einen Theil des Geſchirrs in dieſen Gegenden ausmachen, wo man die Lebensmittel bei ſich ha⸗ ben muß. 203 ihre letzten Strahlen auf das hohe Gras und in der Sa⸗ vanne, die von dem Abenddämmerungsſcheine beleuchtet wurde, erinnerte alles an das Meer. Ein Buͤffel, der ſich verſpaͤtiget hatte und zu ſeiner fernen querencia zuruck⸗ kehrte, zeigte wie ein Wallfiſch ſeinen braunen Ruͤcken uͤber der Grasflaͤche; ein Hirſch ſprang von Duͤne zu Duͤne und verlor ſich in der Ferne wie ein Blasſiſch, der ſich uͤber das Waſſer erhebt, um gleich darauf wieder in die Tiefe zu fin⸗ ten. Endlich als der Mond an dem reinen Himmel zu glänzen begann, zitterten ſeine Strahlen auf den bewegli⸗ chen Wogen, die abwechſelnd durch Schatten verſchleiert und von filberhellem Lichte beleuchtet wurden, waͤhrend Schwaͤrme von Feuerfliegen nach allen Richtungen hin leuchtende Streifen zogen gleich den leuchtenden Funken der Wellen. Wir ritten immer weiter, die Augen auf den Polarſtern gerichtet, der uns als Compaß diente. Bald wurde dann der Pflanzenwuchs minder dicht und glich nur noch einzelnen Waſſerpfuͤtzen, bis wir endlich ſandige Haiden erreichten. Da erſchienen die Baͤume wieder und wir machten Halt in einem kleinen Walde, der ſein Dickicht nach rechts und links ausſtreckte. Nachdem unſer einfaches Abendeſſen genoſſen war, dachte Anaſtaſio an das Fruͤhſtuͤck am andern Morgen. Die Vorbereitungen, mit denen er ſich beſchaͤftigte, verdie⸗ nen wohl erwaͤhnt zu werden. Er nahm ſein Meſſer aus der Scheide, grub in dem lockern Boden ein Loch, das etwa einen Fuß tief und etwa eben ſo breit war und fullte daſſelbe mit trockenem Graſe, das er anzuͤndete, waͤhrend er von Zeit zu Zeit eine Hand voll duͤnnen Reißholzes beifugte. .—— 204 Als er ſo eine ziemlich ſtarke Glut hervorgebracht hatte, fullte er das Loch mit ſtarkem Holze an, das bald ebenfalls in Flamme gerieth und endlich bedeckte er alles mit einem Steinlager. Die Steine wurden heiß und gluͤhend und da das darunter liegende Holz allmaͤlig verbrannte, ſanken ſie nach kurzer Zeit bis auf den Grund des Loches, deſſen Waͤnde ebenfalls erhitzt worden waren. Anaſtaſio legte da den unabgezogenen Hammelkopf hinein und deckte das Loch von neuem mit gruͤnen Zweigen zu, auf die er die aus⸗ gegrabene Erde breitete, die er zuletzt feſt trat. Als dies geſchehen war, kuͤndigte er mir an, daß wir weiter nichts zu thun haͤtten als bis zum andern Morgen zu ſchlafen. Sobald die Sonne am Morgen erſchien, ſattelte Ana⸗ ſtaſio unſere Pferde zum letzten Male. Nachdem er ſie in unſerer Naͤhe angebunden hatte, nahm er die leider ſchon kleiner gewordenen Schlaͤuche aus dem Gebuͤſche, in das er ſie gelegt hatte und ſtellte ſeine Brandweinflaſche in die Naͤhe. Es war nun nur noch das Loch wieder aufzumachen, in welches er den Hammelkopf gelegt hatte. Kaum hatte das Meſſer die Erde leicht beruͤhrt, als ſich ein aromatiſcher Geruch aus dem Boden erhob, wie aus einer Flaſche, die man aufſtoͤpſelt. Der Kopf ſah mir nicht eben appetitlich aus, denn es war eine verkohlte unfoͤrmliche Maſſe; Ana⸗ ſtaſio entfernte aber vorſichtig die verbrannten Theile, brachte das purpurne Fleiſch hervor, das unter dieſer ſchwaͤrzlichen Schale verborgen lag und ich muß geſtehen, daß unſer Abſchiedsmahl das wohlſchmeckendſte war. End⸗ lich erſchien der Augenblick der Trennung. Anaſtaſio hielt mir noch einmal den Steigbuͤgel. Ich druckte ſeine Hand 205 wie die eines Freundes und dann ſagten wir einander mit vollem Herzen und ſtummen Lippen, um eine wohl zu ent⸗ ſchuldigende Schwachheit nicht zu verrathen, nur mit einer Geberde Lebewohl. Ich zog dem Norden zu, Anaſtaſio wendete ſich nach Suͤden und bald war er mir aus den Augen geſchwunden. Ueber den Weg, dem ich zu folgen hatte, konnte ich nach den Mittheilungen, die mir Anaſtaſio gegeben hatte, nicht zweifelhaft ſein; ich brach deshalb entſchloſſen auf. Mein Pferd konnte nach der Mäßigkeit dieſer Thiere in Merico noch den ganzen Tag aushalten, ohne zu trinken. Dann ſollten wir an einen kleinen Fluß gelangen. Mein Schlauch war halb voll; ich hatte noch zehn Stunden Sonne auszuhalten; aber die Sonne, die mich beſchien, durchgluhete auch die Einoͤde. In dem Maße, wie ſie am Himmel hoͤher heraufſtieg, erhob ſich von dem Boden auf⸗ waͤrts eine faſt unerträgliche Glutluft. Der Hauch des Rittags vertrocknete meine Lippen, denn ich athmete nicht Luft, ſondern Feuer ein. Neben mir knackte duͤrres Holz wie in einem Ofen. Ich ritt ſo ſeit etwa zwei Stunden als mich ein ſeltſames Uebelbefinden befiel; ein Schauer uͤber⸗ lief meinen Körper und dann zitterte ich vor Kaͤlte mitten in dieſem Feuermeere. Es half nichts, daß ich mich in meinen Mantel hullte. Ich erkannte die Ruͤckkehr des kalten Fiebers, das ich mir in San Blas geholt hatte, wo es ſo arg wuͤthet. Nachdem ich einige Augenblicke gegen die Erſtarrung angekämpft hatte, die ploͤtzlich meine Glieder lahmte, ſtieg ich ab und legte mich am Boden nieder. Ich befand mich auf einem gebahnten Wege in einem dich⸗ ———————— 6 6 ——— 206 ten Walde und hoffte auf dem heißen Sande mich zu er⸗ waͤrmen. Auch folgte bald eine verzehrende Glut der Kaͤlte, in welcher ich gezittert hatte und in der Fieberhitze trank ich, ohne an die Zukunft zu denken, das Waſſer aus, das ich noch beſaß. Die Sonne ſtieg hoͤher und hoͤher. Der Durſt quaͤlte mich von neuem unter dem erſtickenden Hauche des Windes, der traurig in den Blättern rauſchte; aber ich befand mich in einem der Augenblicke, in welchem das koͤrperliche Unwohlſein den Verſtand betäubt; ich horchte auf das Rauſchen der Bläͤtter, das ich fuͤr Waſſerrauſchen hielt und dieſe Taͤuſchung beſaͤnftigte fuͤr den Augenblick meinen Durſt. Auch ſchien der Fieberanfall abzunehmen und ich empfand nach einigen Augenblicken nur noch außer⸗ ordentliche Schwaͤche. Ich wollte endlich wieder zu Pferde ſteigen, aber ich ſank vor Ermattung muthlos wieder auf den Sand. Gleich⸗ zeitig kehrte der Durſt brennender als je zuruͤck. Mein Schlauch lag ohne einen Tropfen, bereits vertrocknet, neben mir. Neue Verſuche, den Weg fortzuſetzen, hatten keine andere Folge, als daß ſie mir meine Ohnmacht noch deut⸗ licher zeigten. Endlich verſank ich in eine Art Schlummer, als ich in der Ferne ein Geraͤuſch hoͤrte, als ob eine Saͤbel⸗ ſcheide an eiſerne Sporen ſchlage. Auch hielt wirklich bald ein gutbewaffneter Reiter vor mir. Ich ſchlug die Augen auf. „Heda, Freund!“ rief er mir mit rauher Stimme zu; „was thun Sie hier?“ Mein langer Bart, meine von Staub bedeckten abge⸗ nutzten Kleider konnten wohl dieſe kurze barſche Anrede — 207 einigermaßen rechtfertigen. Gleichwohl verletzte ſie mich und ich antwortete deshalb eben ſo barſch:„Sie ſehen es ja, ich bin eben dabei.. zu verdurſten.“ Der Fremde laͤchelte. Ein voller Schlauch hing an ſeinem Sattelbogen und dieſer Anblick, der meinen Durſt verdoppelte, gebot meinem Stolze Schweigen. Ich bat des⸗ halb den Unbekannten demuͤthig, daß er mir den koſtbaren Schlauch reiche. „Gott verhuͤte, daß ich ihn verſage,“ antwortete er mir in ſanftem Tone. Ich ſtreckte begierig die Hand aus, der Reiter aber, der mir wohl anſah, daß ich ihm keinen Tropfen Waſſer ubrig laſſen wurde, fuͤllte einen Flaſchen⸗ kuͤrbiß, den er mir reichte und deſſen Inhalt ich mit einem Zuge leerte. Als ich mich etwas erquickt hatte, fragte mich mein Retter, wohin ich reiſe. „Nach dem Preſidio Tubac,“ antwortete ich. „Nach dem Preſidio Tubae!“ wiederholte er erſtaunt; „Sie kehren ihm ja den Ruͤcken zu.“ Im Fieber hatte ich die Weiſung des armen Anaſtaſio vergeſſen und mich im Wege geirrt; der, welchem ich folgte, ging nach Weſten, wie ich an dem Stande der Sonne ſah. „Hoͤren Sie mich an,“ ſagte da der Unbekannte, in⸗ dem er mir von neuem zu trinken gab, aber ſo ſparſam wie das erſte Mal;„Sie koͤnnen vor Sonnenuntergang in die Hacienda de la Noria gelangen. Folgen Sie meinem Rathe; gehen Sie in die Hacienda; Sie werden gut auf⸗ genommen werden.“ 208 Ich machte auf meine Schwaͤche aufmerkſam. Der Unbekannte dachte nach und ſagte ſodann: „Ich kann nicht auf Sie warten, um Sie dahin zu fuhren; gebieteriſche Gruͤnde noͤthigen mich, mit Sonnen⸗ untergang weit weg von hier zu ſein. Nicht minder trif⸗ tige Grüͤnde ſollten mir vielleicht den Beſuch der Hacienda verbieten; da mich aber mein Weg dicht voruber fuͤhrt, ſo werde ich da einſprechen, um Ihnen ein friſches Pferd und Waſſer zu ſchicken, denn da Sie und Ihr Pferd ſehr ermat⸗ tet zu ſein ſcheinen, ſo werden Sie allein nicht ankommen und in dieſen waſſerloſen Einoden, unter einer ſo gluͤhenden Sonne kommt man auch morgen nicht an, wenn man heute nicht anlangt. Suchen Sie ſich indeß etwas zu erholen und ein wenig weiter zu kommen; wenn Sie langſam der Spur meines Laſſo folgen, den ich im Sande nachſchleppen laſſen will, werden Sie ſich nicht noch einmal verirren.“ Ich dankte dem Manne freundlich fur ſeinen guten Willen.„Und nun noch etwas,“ ſagte er;„ſagen Sie ja, nur der Zufall fuͤhre Sie in die Hacienda.“ Bei dieſen Worten entrollte der Reiter das Buͤndel, welches ſein geflochtner langer Lederriemen bildete, ent⸗ fernte ſich in ſcharfem Trabe und ließ eine leichte Furche hin⸗ ter ſich im Sande zuruͤck. Die Hoffnung, bald an einer menſchlichen Wohnung anzulangen, und das Waſſer, das meinen Durſt etwas geloͤſcht hatte, gaben mir einige Kraft wieder. Zum erſten Male erkannte ich da auch meine Lage wie ſie wirklich war und ich ſtieg wieder auf mein Pferd; aber das arme Thier hatte nicht gleich mir ſeinen Durſt lo⸗ ſchen koͤnnen und es ſchleppte ſich mehr hin als es ging, — ——— ——— 209 trotzdem daß ich die Sporen haͤufig brauchte. Vergebens ſtachelte ich ihm die Weichen blutig; es gelang nicht, das arme Pferd zur Beſchleunigung ſeiner Schritte anzutreiben. Von Zeit zu Zeit hielt ich an und ſuchte die kaum ſichtbare Spur des Laſſo im Sande zu erkennen, weil ich hoffte die, welche ich erwartete, zu ſehen oder zu hoͤren, aber alles blieb ſtill. Nur der warme Wind, der gluͤhende Wuͤſten⸗ hauch, ſtrich wie ſeufzend uͤber die Einode hin. Da ſetzte ich meinen beſchwerlichen Ritt fort und wiederholte unwill⸗ kuͤrlich die Worte des Fremden:„Wenn man heute nicht anlangt, kommt man auch morgen nicht an.“ Schon fiel der Schatten der Eiſenholzbaͤume lang geſtreckt auf den Sand, der, den ganzen Tag uͤber von der Sonne durchgluͤhet, ringsum unerträgliche Hitze verbreitete; Schwärme von Muͤcken, die Vorlaͤufer der Daͤmmerung, ſummten in der Ferne; alle Zeichen, welche den Anbruch der Nacht ver⸗ kuͤndigten, ſtellten ſich allmaͤlig ein und Niemand kam. Zu der Seelenangſt geſellte ſich der korperliche Schmerz; meine Zunge ſchien aufzuſchwellen und mein Gaumen zu vertrock⸗ nen. Mit einem Male wieherte mein Pferd und fing faſt raſch zu laufen an, als waͤre ihm auf den Fluͤgeln des Windes eine geheimnißvolle Kunde zugekommen. Ich ſelbſt glaubte in dem Augenblicke, in welchem die Sonnen⸗ ſcheibe an dem Waldrande am Horizonte unterzuſinken be⸗ gann, das ferne Gebruͤll von Rindern zu hoͤren. Kein Zweifel mehr, ich mußte in der Naͤhe eines rancho ſein. Nach einer halben Stunde erreichte ich die Baͤume, hinter denen die Sonne untergegangen war. Da breitete ſich eine unermeßliche Ebene vor mir aus und meine Augen erblickten Amerik. Reiſenovellen. 14 ———————— „ — 2 210 das ſtrahlendſte Schauſpiel, ein Schauſpiel, deſſen Reiz und Majeſtät ich gern beſchreiben moͤchte, von dem ſich aber nur diejenigen eine Vorſtellüng machen koͤnnen, welche die Qualen des Durſtes in gluͤhenden Einoden empfunden ha⸗ ben, deren Ausdehnung ſie nicht kannten. Ein breiter Teppich gruͤnen glaͤnzenden Graſes, in dem von den Fuͤßen der Menſchen und Thiere krumme Wege getreten waren, bedeckte dieſe Ebene. Zahlreiche dicht gedrängt ſtehende Gummibaume erſetzten durch ihre in ein⸗ ander geſchlungenen Zweige die Magerkeit ihrer Blaͤtter und ſchutzten den Raſen mit ihrem Schatten. Die feuchte friſche Luft, welche mein Geſicht umſpielte als ich aus dem Walde herauskam, den ich hinter mir ließ, verrieth mir, daß uberall unter einer leichten Erdſchicht Waſſer befindlich ſein und dieſen herrlichen Raſen befruchten muͤſſe. Und wirklich fullte inmitten dieſes gruͤnen Teppichs und unter dem Schatten ſchoͤner Eſchen eine reichliche Quelle eine große Ciſterne. Ein großes Rad, das durch ein Paar Maulthiere in Bewegung geſetzt wurde, leerte und fullte abwechſelnd die hundert Ledereimer, welche an ihm hingen und goß in rieſige ausgehoͤhlte Baumſtaͤmme ein klares reines Waſſer, welches perlend und lockend in den Strah⸗ len der untergehenden Sonne glaͤnzte. Das Waſſer, das ſich in tauſend kleinen Rinnen verbreitete, traͤnkte die Wur⸗ zeln der Gummibaͤume und theilte ſelbſt ihren aͤußerſten Spitzen eine belebende Friſche mit. Tauſende von Thie⸗ ren aller Art loͤſchten ihren Durſt in den holzernen Troͤgen, ohne daß die fruchtbare Quelle verſiegte, die ſie fullte. Weiterhin mitten in einer von dem goldnen Sonnenlichte —— 211 durchſtrahlten Staubwolke galoppirte eine unermeßliche Heerde von Pferden mit weit offenen Nuͤſtern und flatternder Maͤhne. Das Getoͤſe der Hufe, welche auf den Boden ſchlugen, klang wie ferner Donner. Das rauhe Wiehern der Hengſte und das Bruͤllen der Stiere uͤbertoͤnte von Zeit zu Zeit dieſen furchtbaren lebensvollen Tumult. Bis⸗ weilen brach ein zahlreicher Haufe aus der Pferdegruppe hervor und ſtuͤrzte ſich mit flammenden Augen zu der ge⸗ meinſamen Tränke. Die Schafe ſprangen dann bei Seite, während die Rinder das feuchte ſchwarze Maul empor hielten und die Andringenden mit den Hoͤrnern zuruͤckzu⸗ weiſen ſich anſchickten. Schakale und andere in der Nacht umherſchleichende Thiere, welche auch der Durſt trieb und die vergaßen, daß die Sonne noch glaͤnzte und der Menſch in der Naͤhe war, zeigten in der Ferne ihre duͤnnen Schnau⸗ zen und ihre funkelnden Angen, ohne die Ruͤcktehr des Dun⸗ kels abwarten zu können, um Theil an der noria*) zu nehmen, die wie die Vorſehung dieſer Wuͤſte allen ohne Unterſchied den Schatz ihres Waſſers bot. So muͤſſen die Ciſternen in der bibliſchen Zeit geweſen ſein, an denen die Patriarchen ihre Zelte aufſchlugen und die reiſenden Engel gaſtlich bewirtheten. In einem Augenblicke begannen wir, Pferd und Reiter, zu trinken, als wollten wir die noria austrinken. Wir mußten aber doch inne halten um Athem zu ſchoͤpfen und da glaubte ich ganz in der Naͤhe *) Noria nennt man ein Schöpfwerk, mit dem man das Waſſer aus einem Brunnen oder einer Ciſterne hebt und dann den Brunnen und die Ciſterne ſelbſt. 14* —— —— E 5 —— — d.— 212 ſprechen zu hoͤren. Ich horchte und vernahm folgendes Geſpraͤch, denn eine Gruppe Eſchen hinderte mich, die Sprechenden zu ſehen. „Juan, ich glaube es iſt nun Zeit aufzubrechen, denn ſeit faſt vier Stunden gebe ich dir Revanche und der Rei⸗ ſende, nach dem man mich ausgeſchickt, hat lange Zeit gehabt zu verduͤrſten.“ „Du biſt ſo eilig, weil Du gewinnſt, Joſe und jetzt nur ſo menſchlich, weil Du mit dem Gewinne fortwillſt. Dein Reiſender lebt jetzt lange nicht mehr und finden wirſt Du ihn bald genug.“ „Du ſchwatzeſt ins Gelag hinein. Ich bleibe einen Augenblick ſtehen, um den Schlauch zu fuͤllen, den ich einem armen Teufel bringen ſoll, welchen man halb todt am Wege gefunden hat und Duwillſt mir einen„unfehlbaren“ Kunſtgriff zeigen,— deshalb verlierſt Du nun ſeit vier Stunden unausgeſetzt. Das muß aufhoͤren. Ich mag Deinen Dolman nicht noch gewinnen.“ Faſt in demſelben Augenblicke ſah ich die beiden Spie⸗ ler aus einem Gebuͤſch kommen, wo ſie ſich verſteckt gehal⸗ ten hatten. Ich erkannte den Verlierenden an dem Dolman, den er in der Hand hielt, gleichſam um die Begehrlichkeit ſeines Gegners zu reizen. Der andere Spieler hielt ein Pferd am Zuͤgel und fragte mich, ob ich nicht einen Reiſen⸗ den geſehen haͤtte, der bewußtlos am Wege liege. „Wenn Sie mich meinen,“ antwortete ich,„ſo koͤnnen Sie immerhin den Dolman des Cameraden gewinnen, denn ich habe, Gott ſei Dank, nicht auf Sie gewartet.“ „Weiß es Gott, das freut mich,“ rief der ungluͤckliche 6 213 Spieler aus.„Freund Benito, jetzt kannſt Du meinen Einſatz nicht verſchmaͤhen.“ Auf dem Geſichte Benitos zeigte ſich ein Ausdruck ube⸗ ler Laune; es war ihm offenbar gar nicht gelegen, daß ich nicht verdurſtet war und meine Wiederaufſtehung ihm den Vorwand nahm, ſeinen Gewinn nicht wieder zu wagen. Juan dagegen ſah ganz erfreut aus. Ich fuͤhlte es wohl, daß ich durch einen ploͤtzlichen Umſchwung in dem Manne, der mich der Hoffnung auf eine Revanche hatte opfern wollen, einen Freund, und in dem, welcher eben meine Sache ſo warm vertheidiget, einen Feind gefunden hatte. Ich ließ die beiden Maͤnner weiter ſpielen und ging, mein Pferd am Zuͤgel fuͤhrend, nach der Hacienda zu. Ich war noch ziemlich von ihr entfernt und ſchon lagerte ſich die Daͤmmerung uͤber der Landſchaft, als ich große Ein⸗ zaunungen(toriles) rechts und links von meinem Wege bemerkte. Die eine war leer; in der andern wurden dicke Staubwolken aufgetrieben. Auch hoͤrte ich einige Male. halberſticktes Brullen. Ich hatte mich dieſer Einzäunung genaͤhert und erblickte zwiſchen den Pfaͤhlen hindurch einen ſich ſtraͤubenden Stier und auf dem Stier einen Mann mit einem Meſſer, waͤhrend ein anderer Mann die Beine des Thieres mit Stricken feſt zuſammenhielt. Der Mann mit dem Meſſer ſchien die Hoͤrner des Thieres zu ſpitzen, das ſich vergebens frei zu machen verſuchte. Als endlich der Stier ſtill lag, benetzte der Mann vorſichtig in einem Flaſchen⸗ kurbiß eine Art Bauſch, mit dem er mehrmals an den Hoͤr⸗ nern des Thieres hinfuhr, um ſie mit einer Flaͤſſigkeit zu beſtreichen. Als dies geſchehen war, wurde der Stier von ſeinen Banden befreit und als er wuͤthend wieder aufſprang, hatten die beiden Maͤnner eine Thuͤr an der entgegenge⸗ ſetzten Seite erreicht und mit ſtarken Querhoͤlzern verram⸗ melt, worauf ſie ſich eilig entfernten. In dem Manne, der auf dem Stiere ſaß, hatte ich den Reiter erkannt, deſſen Waſſerſchlaͤuche und Nachweiſungen mir einige Stunden vorher ſo nuͤtzlich geweſen waren. Was hatte den Mann in der Hacienda zuruͤckgehalten, da er ſich in derſelben nicht gern zu zeigen ſchien? Ein anderes noch unerwarteteres Wiederſehen gab meinem Gedanken bald eine andere Rich⸗ tung. Die Geſtalt und Haltung eines Reiters, der im Galopp an mir voruͤberſauſete, erinnerte mich an einen Mann und an eine ſchreckliche Scene, die ich nach einem halben Jahre noch nicht vergeſſen hatte; ich meine den Schmuggler Cayetano. Nicht ohne Muͤhe uberwand ich den unangenehmen Eindruck, den ſein Erſcheinen in mir hervorbrachte, indem ich mich zu uͤberreden ſuchte, daß eine gewiſſe Aehnlichkeit mich tauſche. So gelangte ich mit eige⸗ nen Gedanken an der Thuͤr der Hacienda an und ich trat in den Hof hinein, den ich zu meiner großen Verwunderung leer fand. Ehe ich die Auftritte beſchreibe, deren Zeuge ich in der Hacienda war, muß ich erſt erzäͤhlen, worin die Meiereien beſtehen, welche dieſen Namen in Merico fuͤhren. In den Mittelgegenden der Republik ſind die Haciendas gewiſſer⸗ maßen Feſtungen, ob ſie gleich weder Zugbruͤcken, noch Graͤben und Thuͤrme haben. Da ſie von Bruch— oder ge⸗ brannten Steinen gebaut ſind, ſo koͤnnen ſie mit ihren ge⸗ zackten Terraſſen, ihren maſſiven Thüren und den Eiſen⸗ 2¹⁵5 ſtüben an den Fenſtern leicht vertheidiget werden. Die Geſchichte der Buͤrgerkriege Mericos ſeit einigen Jahren iſt reich an Beiſpielen von regelmaͤßigen Belagerungen, welche dieſe Art Feudalſitze beſtanden haben. Dieſer Aus⸗ druck iſt vollkommen bezeichnend, obgleich es ſich um eine Republik handelt; denn die Paͤchter dieſer Haeiendas find eigentlich nur Vaſallen, um nicht zu ſagen Leibeigene. Da ſie in weiten Einoden erbaut find, ſo ſchließen ſich um fie her viele umherziehende Familien an, die ſich gluͤcklich ſchaͤtzen in kritiſchen Augenblicken eine Zuflucht innerhalb der Mauern der Meierei, Arbeit auf den Feldern derſel ben und religiöſen Troſt in ihrer Kapelle zu finden. Der Zuſtand dieſer Leute iſt gewiß ein ſchlimmerer als der der Neger in den Colonien, denn ſie konnen ihre Freiheit nicht wie dieſe durch ihre Arbeit erkaufen. Die Grundbeſitzer vezahlen ſie allerdings mit Geld, aber nach einigen Tagen wird der freie Arbeiter Mericos, der alle Gegenſtaͤnde des Verbrauchs von ſeinem Herrn kaufen muß, der ſie zum fuͤnffachen Preiſe des Werthes verkauft, ein ſo ganz zah⸗ lungsunfaͤhiger Schuldner, daß er ſich durch ein ganzes arbeitsvolles Leben nicht wieder frei machen kann, ſo wenig entſpricht der Lohn, den er erhaͤlt, der Ausgabe, zu welcher ihn das Monopol zwingt. Was von den Centralgegenden der Republik gilt, laßt ſich auch auf die entfernten Landſtriche anwenden, wie auf den, in welchem die Hacienda de la Noria liegt. Nur haben hier die Haciendas, da ſie nicht von den Spa⸗ niern gebaut wurden, das großartige Ausſehen nicht, das alle Arbeiten der Eroberer Mericos auszeichnet. Die — — ——— Hacienda de la Noria war ein Gebaude von geſchlagener Erde, mit Kalk beworfen. Die Gebaͤude bildeten ein großes längliches Viereck, in welchem ſich die Wohnungen des Herrn und die der zahlreichen Gäſte befanden, die auf⸗ genommen werden konnten. Weiterhin ſtanden Gebände fuͤr die Diener aller Art. Dagegen ſah man gar keine Ställe. Außer den weitlaͤufigen Einzaunungen, in denen die Schafe und Ziegen die Nacht uber gehalten werden, werden die Pferde, die Maulthiere, Stiere und Kuͤhe dem wilden Zuſtande uͤberlaſſen. Dieſelbe Sorgloſigkeit be⸗ merkt man in den Landbeſtellungsarbeiten; der Menſch kommt der Natur nur wenig zu Hülfe, um die Weideplaͤtze zu befruchten, auf denen dieſe zahlloſen Heerden ihr Futter finden ſollen. Jedes Jahr vor der Wiederkehr der Regen⸗ zeit, wenn achtmonatlicher Sonnenſchein das Gras der Ebenen und Huͤgel vergilbt hat, zundet er die vertrockneten Halmen an, um dem neuen Graſe Platz zu machen. Da ſieht der Reiſende oftmals Abends die Huͤgel in Flammen ſtehen, den Horizont rothen und Licht weit hin in die Ein⸗ öden verbreiten, die er durchwandert. Das ſind mit gerin⸗ gen Ausnahmen die alleinigen Spuren einer Landbauin⸗ duſtrie, welche er in dieſen Gegenden bemerkt. Alle Jahre wird eine recogida oder Treibjagd auf dem ganzen Gebiete der Hacienda vorgenommen und Tau⸗ ſende von Pferden, Maulthieren und Rindern werden dann in die toriles getrieben. Die Fuͤllen und jungen Rinder, welche nun zu dem Reichthume der Eigenthuͤmer hinzugekom⸗ men find, werden von den vaqueros*) mit ihren Laſſo *MReiter oder woͤrtlich vielmehr Kuhhirten. ——— 217 niedergeworfen und mit dem Eiſen der Hacienda gebrannt. Die fuͤnf Jahre alten Pferde werden gebaͤndiget, d. h. zwei oder drei Mal geritten(quebrantados), worauf man alle wieder entläßt, damit ſie in ihren querencias*) die Schmach vergeſſen, welche der Sattel ihren jungfraͤulichen Weichen aufgedruckt hat oder das Zeichen der Knechtſchaft, das ihnen das gluͤhende Eiſen aufdruͤckte. Sie warten ſo auf den Augenblick, in welchem ein Verkauf ſie ihren Ein⸗ oͤden entzieht und ſie in die Ställe des Innern, bringt. Hier gewöhnen ſich die Pferde auf die Gefahr der Beſitzer oder Voruͤbergehenden an den Anblick der Häuſer, an das fur ſie ganz neue Rollen der Wagen undſelbſt an die Anwe⸗ ſenheit des Menſchen. Unter den derben mexicaniſchen Reitern und den Stoͤßen der bei denſelben gebräuchlichen eiſernen großen Sporen, deren Räder ſechs Zoll im Durch⸗ meſſer haben, erfolgt dieſe zweite Schulung ſo raſch als die erſte. Das Beiwort quebrantados(gebrochen), welches man den ſo gezaͤhmten Pferden beilegt, iſt vollkommen richtig und bezeichnend. Oftmals haben dieſe Thiere nach dreijaͤhriger gaͤnzlicher Unabhängigkeit, in denen ſie die Anweſenheit des Menſchen nicht an den Schimpf erinnerte, den ſie erlitten, die ſchrecklichen vaqueros noch nicht ver⸗ geſſen, die ihren Stolz brachen. Der vaquero wurde von Kindheit auf zum Reiten ab⸗ gerichtet; kaum koͤnnen ſeine Beine ein Pferd druͤcken, als ſein Vater ihn mit einem Tuche auf den Sattel bindet und mit ihm uͤber Berg und Thal jagt. So waͤchſt er heran *) Die Stätten, wo die Heerden ſich gewoͤhnlich aufhalten. und es kommt die Zeit, in der ſeine Beine nach den Seiten des Pferdes ſich gekruͤmmt haben und ſein ganzer Koͤrper an die aͤngſtlichen Spruͤnge des Thieres gewoͤhnt iſt. Der Vaquero lernt dann auf ſeinem Ritte den Laſſo werfen und die Erde kennen(Ssaber la tierra), d. h. mit dem Verſtande des Menſchen den Inſtinet des Pferdes verbinden, das in einer Entfernung von zwanzig Stunden den Geruch der Pflanzen, uber die es zu gehen gewohnt iſt, wie den Duft der Baume wittert, die es jeden Abend ſchuͤtzen und in ge⸗ rader Linie uͤber die Ebenen, die Berge und die Fluͤſſe ſeiner Lieblings⸗querencia zujagt. Inmitten der Einoͤden, in denen er ſein Leben verbringt, ohne gebahnte Wege, ohne die Orte zu kennen, zu denen ihn eine hitzige Verfolgung bringen kann, zoͤgert der Vaquero nie in der Wahl des Weges, den er eingeſchlagen hat; das Moos der Baͤume, der Lauf der Fluͤſſe oder Baͤche, der Stand der Sonne, die Neigung des Graſes und das Wehen des Windes ſind eben ſo viele Stimmen und Zeichen, welche die Wuͤſte zu geben ſcheint, um ihm den Weg anzudeuten. Mit dieſem ſchar⸗ fen Erkennungsvermoͤgen verbindet der Vaquero eine ſeltne Maͤßigkeit; Brocken von tortillas*), ein Stuck gedörrtes Fleiſch, ein Granatapfel, eine Cigarre von Maisſtroh rei⸗ chen fuͤr ihn auf einen ganzen Tag hin; Tuͤmpfel eines roͤthlichen Waſſers, das die Sonne in der Vertiefung ver⸗ geſſen hat, die der Fuß eines Buͤffels oder Pferdes hinter⸗ ließ, loͤſchen ſeinen Durſt; die Kuͤhle der Nacht und die Waͤrme des Tages finden ihn gleich unempfindlich. *) Kuchen von Mais, die auf einer eiſernen Platte geba⸗ cken werden und faſt uberall die Stelle des Brodes vertreten. — S 2¹9 Wenn er irgend ein Thier verfolgt, haͤlt ihn nichts in ſeinem Jagen auf, weder Schluͤnde noch Wildbaͤche noch Wälder. Er iſt vom Kopfe bis zum Fuße mit Leder be⸗ kleidet und galoppirt unerſchrocken in den Waͤldern wie in den Ebenen. Bald neigt er ſich rechts bald links von ſei⸗ nem Pferde wie ein Korper ohne Knochen, bald legt er den Oberfoͤrper vor auf den Sattel oder den Kopf ruͤckwaͤrts auf das Kreuz des Thieres, um einen Zuſammenſtoß mit den dicken Aeſten zu vermeiden, die ihm den Kopf zer⸗ malmen wuͤrden und nie hemmt er ſeinen ungeſtuͤmen Lauf. Hat ſein unvermeidlicher Laſſo das Thier erfaßt, das er ver⸗ folgt und das er baͤndigen will, ſo kommt die Unerſchrocken⸗ heit der Gefuͤgigkeit und Kraft zu Huͤlfe. Dann wird die Rolle des Vaquero gefäͤhrlich. Nach einem hoͤchſtens zwei⸗ ſtundigen Kampfe aber, in welchem das Pferd ſeine Un⸗ terthänigkeit füͤhlte, kommt es mit Schweiß bedeckt mit matten Augen, fügſam, gelehrig und gezähmt zuruck. Bis⸗ weilen freilich bringt es leblos den Reiter zuruͤck, den es an einem Felſen zerſchmetterte; aber der Vaquero iſt ge⸗ ſtorben wie er ſterben muß, ohne aus dem Sattel gehoben worden zu ſein. Ich bin oͤfters auf meinen Wanderungen durch Merxico einzelnen dieſer Vaqueros begegnet und hatte Vergnuͤgen an ihren Geſprächen, an der einfachen Erzählung ihrer wilden Heldenthaten; niemals aber war mir eine Gelegen⸗ heit geworden ſie wirklich in Thätigkeit zu ſehen. In der Hacienda de la Noria kam ich dagegen unter den guͤnſtig⸗ ſten Umſtänden an, ein Schauſpiel zu betrachten, das ich mir ſo lange ſchon gewuͤnſcht hatte. Ich war durch den oͤden Hof gegangen und naͤherte mich einer Saulenhalle, welche den Haupteingang des Gebäu⸗ des ſchuͤtzte als ich eine Stimme eintoͤnig Gebete ſprechen hoͤrte, die durch Antworten von andern Stimmen im Chor unterbrochen wurden. Es war ein Sonnabend⸗Abend und die Bewohner der Hacienda beteten zum Schluß der Woche nach der alten ſpaniſchen Sitte in Gemeinſchaft den Roſen⸗ kranz. Ich band mein Pferd an eine Saͤule und trat in den Saal hinein, in welchem ziemlich viele Perſonen, Herrn und Diener, knieten. Die Stimme, welche ich gehoͤrt hatte, war die des Kaplans der Hacienda. Ein Mann von etwa funfzig Jahren, welcher der Eigenthuͤmer zu ſein ſchien, verbeugte ſich gravitatiſch bei meinem Eintritte, welcher die Beſchaͤftigung der Anweſenden nicht unterbrach; er winkte mir unter denſelben Platz zu nehmen und ich kniete wie die andern nieder, während ich verſtohlens mir die Anweſenden betrachtete. Der zum gemeinſamen Gebete gewaͤhlte Ort war ein großer vierſeitiger Saal mit einfach geweißeten Waͤnden, die man mit Arabesken in Waſſerfarben verziert hatte, in welchen man die unſtäte Phantaſte und die wenig geuͤbte Hand irgend eines umherziehenden Kuͤnſtlers erkannte. Die Balken, welche die Decke bildeten, waren Palmen⸗ ſtumme, die man ſo ſorgfaͤltig behauen hatte als es die Haͤrte ihres Holzes geſtattet. Das ſchwache Licht, welches eine einzige Kerze in dem Saale verbreitete, ließ die kraͤf⸗ tigen und gebraͤunten Geſichter dieſer kuͤhnen Bewohner, welche ſich furchtlos an den Grenzen der Indianer nieder⸗ laſſen, im Dunkel; meine Aufmerkſamkeit wurde aber vor⸗ zugsweiſe von einer Gruppe zweier kniender Frauen in An⸗ ſpruch genommen. Leider verhuͤllten rebozos*) von blauer und weißer Seide ſie vom Kopfe bis zum Guͤrtel ſo eng, daß nur ihre Augen zu ſehen waren. Dieſe Augen waren groß und ſchwarz wie die aller Mericanerinnen. Eine Stimme, die man unter allen fur lieblich und harmo⸗ niſch halten durfte, ſelbſt in einem Lande, wo die Frauen im Allgemeinen ein verführeriſches Organ beſitzen, ver⸗ rieth mir, daß wenigſtens eine von ihnen jung ſein muͤßte. Als ich ſie eben mit Aufmerkſamkeit betrachtete, traten zwei Maͤnner auf den Fußſpitzen in den Saal und ich erkannte in ihnen die Spieler, welche ich ihre Partie hatte beendi⸗ gen laſſen. Die Karten waren ohne Zweifel dem Juan guͤnſtig geweſen, denn er trug noch den Dolman mit den Gloͤckchenknoͤpfen. Er gruͤßte mich bei dem Eintreten freundlich, während ſein Cammerad Benito, der mir aller Wahrſcheinlichkeit nach noch immer grollte, mich keines Blickes wurdigte; allerdings richteten ſich ſeine Augen gleich nach ſeinem Eintritte auf diejenige der beiden Frauen, welche die juͤngſte zu ſein ſchien, um ſie nicht wie⸗ der zu verlaſſen. Nachdem ich alle dieſe Bemerkungen gemacht hatte, wuͤnſchte ich nichts ſehnlicher, als das end⸗ loſe Beten aufhoͤren zu ſehen und mit großer Befriedigung ſah ich nach dem letzten ora pro nobis alle Knienden ſich erheben. *) Schaͤrpen von Seide oder Baumwolle, die im Lande ver⸗ fertiget werden und mit denen man Geſicht und Schultern verhuͤllt. E—— 5 Die Diener zuͤndeten die Lichter in den Glasglocken an und bei der Helle, die ſie verbreiteten, konnte ich den zier⸗ lichen Wuchs einer der beiden verſchleierten Damen erken⸗ nen, die ebenfalls aufſtanden; ich konnte auch eine kleine weiße Hand die Falten des ſeidenen Schleiers kokett ord⸗ nen ſehen, aber das war auch alles, denn die beiden Da⸗ men, wahrſcheinlich Mutter und Tochter, verſchwanden alsbald. Ich mußte alſo meine Aufmerkſamkeit nothge⸗ drungen wieder auf die ſeltſame Geſellſchaft richten, unter die mich der Zufall gefuͤhrt hatte. Alle Gegenſtaͤnde, die ich ſeit meiner Ankunft in der Hacienda erblickt, hatten, ich muß es geſtehen, außer einem gewiſſen Charakter bäu⸗ erlichen Feudalweſens und patriarchaliſcher Einfachheit etwas Geheimnißvolles, das mir ſehr wohl zuſagte. Das Abendeſſen, zu dem ich geladen wurde, widerſprach dem Uebrigen nicht. Eine lange Tafel, die ſo ſchmal war, daß ein jeder von dem Teller des ihm Gegenuͤberſitzenden bequem haͤtte eſſen konnen, war mit allen Speiſen beſetzt, mit denen die mericaniſche Kuͤche einen europaͤiſchen Gaſt erſchrecken kann. Am obern Ende der Tafel ſaßen der Hausherr, der Don Ramon hieß, der Kaplan der Hacienda und ich. Die beiden Damen, deren Anweſenheit ich bei dem Gebete be⸗ merkt hatte, erſchienen bei dem Abendeſſen nicht wieder. Die Menge der Diener und Dienerinnen, welche die meri⸗ caniſche Sitte an die Tafel des Herrn fuͤhrt, ſaßen am an⸗ dern Ende. Mit Ausnahme eines ſchoͤnen Wildpretbra⸗ tens konnten die zahlreichen in Menge aufgetragenen Gerichte nur Verwunderung oder Widerwillen erregen. neberall erblickte man Huͤhner, die hier in Stuͤcke geſchnit⸗ 22³ ten waren, welche in einem Ocean von Bruͤhe mit rothem Pfeffer ſchwammen, den ein Neuling fur Liebesaͤpfel haͤtte halten konnen und dort unter einem Berge von Reis ver⸗ graben waren, der einen entſetzlichen Safrangeruch ver⸗ breitete und aus dem hier und da langer gruͤner Pfeffer hervorragte. Weiterhin zeigte ein Hahn das ſchreckliche Gemiſch von ranzigen Oliven, Roſinen und Zwiebeln, mit denen er gefuͤllt war. Ein Gericht von grünen Maiskör⸗ nern mit weißer Sauce gehoͤrte zu einem andern von gebrat⸗ nen Maisähren. Endlich ſtanden garbanzos wie Gemuͤße ohne Namen und Farbe um ung eheuere halbkalte Rindfleiſch⸗ ſtücke umher. Die Genußſucht der Tiſchgenoſſen Don Ra⸗ mons ergotzte ſich gleichwohl an dem Anblick dieſer Wunder. Merkwurdig war mir der Mangel jeder Fluͤſſigkeit bei die⸗ ſer Menge von Speiſen. In Mexico trinkt man aber erſt nach dem Eſſen. Ich beantwortete die Fragen meines Wirthes uͤber Arispe durch einige Angaben, die ihm bei ſeiner Unkennt⸗ niß, der nothwendigen Folge ſeines einſamen Lebens, von großem Werthe waren. Als ich ſo ſeine Neugierde befrie⸗ diget hatte, glaubte ich ihn auch meinerſeits fragen zu dur⸗ fen; ich wollte näͤmlich wiſſen, ob es wirklich Cayetano geweſen, den ich an der Thuͤr der Hacienda geſehen, aber der Name des Schmugglers ſchien meinem Wirthe wie allen ſeinen Tiſchgenoſſen unbekannt zu ſein. Als die zahlreichen Eſſer ihren Appetit geſtillt hatten, ſtand Einer der Diener auf und brachte zwei ungeheuere Glaͤſer, die mehrere Kannen faſſen konnten, wie die Hum⸗ pen in der alten Zeit; jeder der Anweſenden loſchte ſeinen 224 Durſt aus dieſen Gläſern, die man herumgehen ließ, wor⸗ auf die Tafel aufgehoben wurde und man ſich fuͤr die Strapazen des naͤchſten Tages vorzubereiten ſuchte, denn Don Ramon hatte mir fuͤr den folgenden Tag einen der jährlichen herraderos*) angekuͤndiget. Zu Ehren die⸗ ſes Feſtes hatte das große Abendeſſen gegen den Gebrauch ſtattgefunden, nach welchem das Abendeſſen nur in einer Taſſe Chocolade beſteht. Dieſer Umſtand erklaͤrte mir auch die Abweſenheit der Damen vom Hauſe. Als ich bei Tafel den Namen Cayetano ausgeſprochen, hatte ich in dem Auge Benitos einen Ausdruck finſtern Mißtrauens bemerkt; ich glaubte da meine Fragen nicht wiederholen zu duͤrfen und ich hoffte, es wuͤrde ſich mir bald eine Gelegenheit darbieten, meine Zweifel aufzuklaͤren. Auch taͤuſchte ich mich nicht. Als ich aus dem Speiſeſaale hinaus ging, trat an der Thuͤr zu mir mein neuer Freund Juan oder Sprungriemen, um den Spitznamen zu brauchen, den ihm ſeine Cameraden gegeben hatten. „Benito,“ ſagte er,„hat errathen, daß Sie gegen Don Ramon von dem Manne mit der Narbe ſprechen wollten.“ „Wie kennt ihn Benito?“ fragte ich Juan. „Das geht mich nichts an; find Sie zufaͤllig ein Freund Cayetanos?“ „Nein, ich bin nicht der Freund dieſes Mannes.“ „Um ſo beſſer. So ſind Sie vielleicht ſein Feind?“ *) So nennt man die Tage, an welchen man jedes Jahr das Vieh zählt und zeichnet. 22⁵ „Auch nicht.“ „Um ſo beſſer,“ ſagte Juan noch einmal. „Es ſcheint alſo,“ entgegnete ich, durch dieſe Fragen neugierig gemacht,„als haͤtte ich dem Zufalle zu danken, daß ich weder der Freund noch der Feind Cayetanos bin.“ „Wer weiß!“ erwiederte Sprungriemen mit geheim⸗ nißvoller Miene.„Manche Leute ſehen, wenn ſie einen Mann haſſen, nicht blos deſſen Freunde, ſondern auch die Feinde mit Uebelwollen an; der Haß hat wie die Liebe ſeine Eiferſucht. Ich ſage dies in Ihrem Intereſſe; Sie ſind hier fremd, allein und es ſollte mir Leid thun, wenn Sie ein Ungluͤck betraͤfe. Jetzt leben Sie wohl; ich will mein Gluͤck benutzen; Benito iſt wuͤthend gegen Sie, denn ich habe bereits wieder einen Aermel meines Dolman ge⸗ wonnen. Ich danke dem Himmel, daß Sie bis zur Hacienda kommen konnten.“ Nach dieſen Worten ſchluͤpfte der Mann ſo ſchnell hin⸗ weg, daß ich keine Frage uͤber den ehemaligen Schildkroͤ⸗ tenfuͤnger an ihn thun konnte. Abends in dem Zimmer, das man mir angewieſen hatte und deſſen Waͤnde voͤllig kahl waren, dachte ich uͤber die Ereigniſſe des Tages nach, waͤhrend ich auf das letzte Geraͤuſch horchte, das allmaͤlig ſich verlor, wie die Diener ſich in die Haͤuſer begaben. Bald herrſchte in dem ganzen Raume dieſes weitläufigen Gebaͤudes tiefe Stille, die nur durch das ferne Gemurmel der Thiere geſtort wurde, die ſich von den Trogen der Noria entfernten, welche jetzt den Waldbewohnern über⸗ laſſen waren. Ich wollte ebenfalls einſchlafen als ich durch die Eiſenſtabe an meinem Fenſter hindurch das Amerik. Reiſenovellen. 15 Geraͤuſch von Tritten hoͤrte. Da ſich mein Zimmer zu ebener Erde befand, ſo ſah ich von meinem Lager aus deutlich zwei Perſonen in einiger Entfernung hingehen, die ſo leiſe ſprachen, daß ich nur das Wort endemoniado (verteufelt) verſtehen konnte, welches ſich mehrmals wieder⸗ holte. Dann entfernten ſich die beiden Maͤnner mit einem Lachen, das in mir keinen Zweifel uͤber denjenigen zuruck⸗ ließ, von welchem es ausgegangen war; es war Cayetano, es war das höhniſche Lachen, das mir ſchon in einer andern Nacht aufgefallen. Die Anweſenheit dieſes Mannes in der Hacienda ſchien mir nichts Gutes zu verheißen. Kaum war der Tag angebrochen, als ich am andern Morgen aufſtand, ohne noch etwas von der Muͤdigkeit vom vorigen Abende zu fühlen und ich begab mich wieder in den Saal(asistencia), wo man gebetet hatte. Don Ramon, ſeine Tochter Maria Antonia und der Kaplan befanden ſich bereits da. Ich konnte da die Schoͤnheit des Maͤdchens betrachten, die ich am Abende vorher nur errathen hatte. Der rebozo, welcher ihr Geſicht bei dem Gebete verhuͤllte, iel jetzt nachlaͤſſig auf ihre Schultern. Ihr Anzug beſtand in einem einfachen geſtickten Hemd mit kurzen Aermeln, das trotz den Falten des Rebozo unter der Spitzengarni⸗ rung den Buſen und die Achſeln nur halb verhuͤllte. Ein ſeidener Rock, durch einen Gürtel von ſcharlachrothem Crépe de Chine um die Taille zuſammengehalten, die nie ein Corſet zuſammenſchnuͤrte, deutete die ſchoͤnen Umriſſe ih⸗ rer Huͤften an, reichte bis an den Knoͤchel und ließ unter durchbrochenen Struͤmpfen einen der Fuße mit hoher Biege, einen der kleinen niedlichen Fuße völlig frei, welch W 227 geſchaffen zu ſein ſcheinen, nur auf Wolle zu gehen und mit Atlas bekleidet zu werden. Obgleich Maria Antonia eigentlich nur die Tochter eines reichen Bauers war, ſo hatte doch das andaluſiſche Blut in ihr die ganze Reinheit bewahrt und die familienſtolzeſte Frau wuͤrde weder ihre 3 anmuthigen Zuͤge noch ihre weißen Haͤnde verſchmaͤht ha⸗ 6 ben. Als ich eintrat, ſpielte ſie mit den goldnen Trod⸗ 3 deln eines Maͤnnerhutes, den ſie in der Hand hielt, wor⸗ aus ich ſchloß, daß ſie zu Pferde ſteigen wolle. Es erwarteten uns wirklich Pferde im Hofe. Man trug Chocolade auf und wir brachen auf um uns zu der recogida zu begeben. Als wir den Eingangshof verlie⸗ ßen, bemerkte Don Ramon mit dem Herrnblicke, dem nichts entgeht, in dem toril den Stier, den ich am Abend vorher hatte bearbeiten ſehen und fragte, warum er da ſei. „Es iſt der Stier des Haushofmeiſters,“ antwortete Juan, den ſein Amt in unſerer Naͤhe hielt. Wir kamen um die Umfaſſungsmauer herum und erreichten einen dichten Wald, der ſich in einiger Entfernung hinzog. Von da ſollte die recogida herauskommen. Wir machten am Waldſaume Halt. Ein dachdicker Dunſt ſchwebte uͤber den Wipfeln der Baͤume; der Wald lag im Schatten und es herrſchte die tiefſte Stille, welche bald durch gellendes, wenn auch noch fernes Geheul unterbrochen wurde; dann ließ ſich ein dumpfes Geraͤuſch hoͤren, die Erde erbebte, der Lärm wurde lauter und kam naͤher; Vaqueros ſtuͤrzten aus allen Ausgaͤngen des Waldes ungeſtuͤm in die Ebene hervor und wir hatten nur noch Zeit auf die Seite zu eilen. Eine dicht gedraͤngte Schaar ſturzte ſich mit don⸗ 15* 2²8 nerndem Getoͤſe, wiehernd und in toller Flucht hinter ih⸗ nen her vor etwa zwanzig andern Reitern, welche ihre Laſ⸗ ſos in der Luft ſchwangen. Dieſe Reiter jagten ruͤckſichts⸗ los und blindlings mitten in dieſen Strom hinein, warfen die Nachzugler nieder, ſtuͤrzten ſich wuͤthend auf die Wi⸗ derſtrebenden und glichen in den Staubwolken, welche un⸗ ter dieſem Thierungewitter emporwirbelten, Menſchen, die vom Schwindel ergriffen ſind. Unſere Pferde hoben ſich unter uns und wurden durch dieſen Tumult wie trunken. Der Kaplan warf ſeine Kapuze auf den Nacken zuruͤck und war der erſte, welcher der Jagd folgte. Maria Antonia ließ ebenfalls als wuͤrdige Tochter eines haciendero, als wurdige kuͤnftige Frau eines dieſer Centauren, ihrem Pferde die Zugel ſchießen und jagte dem Kaplan nach, während die langen Flechten ihres Haares auf den Schultern ſich aufloſeten. Sie war ſehr ſchoͤn, bewundernswuͤrdig wild⸗ſchoͤn. Don Ramaon ſeiner Seits trieb ſein ungedul⸗ diges Pferd an und ich mußte wohl oder uͤbel folgen. Nach einigen Minuten erreichten wir die Barriere der toriles, die ſich hinter der gefangenen Heerde ſchloſſen. Einige Augenblicke herrſchte da eine unbeſchreibliche Verwirrung, der furchtbarſte Tumult, der ſich denken laͤßt. Die Ein⸗ zaunung erzitterte unter fuͤrchterlichem Anprallen und ein crescendo von Wiehern und Brällen ließ gleichzeitig das Echo des Waldes wiehern und bruͤllen. Endlich legte ſich der Tumult, der ohnmaͤchtige Zorn beruhigte ſich und man ſchritt zum herradero. Auf Dreifüßen brannte durres Holz an dem Eingange der toriles; die Eiſen, welche man in dieſe Glut legte, wurden bald rothgluͤhend und die 229 Vaqueros, welche einen Augenblick ausgeruhet hatten, ſchickten ſich zu ihrer beſchwerlichen und gefaͤhrlichen Arbeit an. Ich weiß nicht, ob blos der Zufall Maria Antonia zu einem Vaquero gebracht hatte, der ſich vor allen durch ſeine Thaͤtigkeit ausgezeichnet hatte und einen Augenblick Athem ſchoͤpfte. Dieſer Vaquero war kein anderer als Benito. Die ſchlechte Laune, welche am Abend vorher auf ſeinem Geſichte gelegen, hatte einem Ausdrucke unerſchrockenen Adels Platz gemacht, der mir zum erſten Male auffiel. Der Stolz des ſpaniſchen Blutes verband ſich in ihm mit der rohen Willenskraft der Indianer, der erſten Beherr⸗ ſcher dieſer Einsden. Eine olivenbraune Geſichtsfarbe, ein duͤnner Bart, leicht gelocktes Haar, das auf ſeine Stirn fiel und ein ſchlanker geſchmeidiger Koͤrper gleich einem Bambusrohr verriethen in ihm eine durch Kreuzung vervollkommnete Race. Benito bemerkte das Maͤdchen bald, die unter ſeinem Feuerblick erbebte. Gleichzeitig fuͤrbte ſich das Geſicht Antonias mit hoher Rothe und ſie verhuͤllte zuchtig mit ihrem rebozo die Haarflechten und die bloßen Schultern, aber ſie entfernte ſich nicht. Ich nahm von dieſem Augenblicke an ein lebhafteres Intereſſe an dieſem laͤndlichen rohen Feſte und an dem ſtummen leiden⸗ ſchaftlichen Zwiegeſpraͤche zwiſchen einem halbwilden, un⸗ beugſamen Manne, der hart war wie Eiſenholz und einer unerſchrockenen Amazone, welche von dem Weibe nur die Schoͤnheit und die Zuͤchtigkeit behalten zu haben ſchien. Zwei Sumachbaͤume mit ihren Bluͤtentrauben warfen einen dichten Schatten einige Schritte weit von den beiden 230 Einzuunungen und eine plumpe Erhoͤhung ſtand unter ih⸗ rem Blaͤtterdache. Don Ramon fragte, wem man dieſe Galanterie verdanke. „Dem Benito Goya,“ antwortete Juan, indem er die Hand an ſeinen Hut legte. Don Ramon runzelte die Stirn, als mißbillige er dieſe Huldigung, die nicht ihm allein galt, aber er ſetzte ſich nichts deſtoweniger auf der Erhoͤhung neben ſeiner Tochter und dem Kaplan nieder. Ich meiner Seits zog es vor, mir meine freie Bewegung zu erhalten und dankte fuͤr den Platz, den man mir bot. Die Vaqueros ſchwärmten außen um die toriles herum. Wenn ihre geuͤbten Augen ein Pferd, ein Rind oder eine junge Kuh bemerkten, welchen das Zeichen der Hacienda noch nicht aufgebrannt war, drehete ſich ihr Laſſo eine Secunde lang in der Luft und erreichte ſicherlich mit⸗ ten unter dieſem Walde von Hornern und Koͤpfen das be⸗ zeichnete Thier. Dann offnete ſich das Gedränge vor den aus der Einzaͤunung herausgezogenen Thieren. Es kam ein zweiter Vaquero herbei, warf nachlaͤſſig ſeine Schlinge hin, zog ſie ſchnell empor, gab ſeinem Pferde die Sporen und das Pferd oder der Stier, der nach zwei entgegenge⸗ ſetzten Richtungen hin gezogen wurde, fiel, ehe ein Wider⸗ ſtand möglich geweſen war, ſchwer zu Boden. Im naͤch⸗ ſten Augenblicke ziſchte dann das gluͤhende Eiſen auf ſeinem Fleiſche; eine kleine Rauchwolke wirbelte von dem Thiere empor, das ſchmerzlich zitterte, dann von den Banden, die es nicht mehr feſthielten, ſich frei machte und mit dem Zeichen des Beſitzers den Wald oder die Ebene wieder erreichte. 231 Bald ſchwebte ein dicker Dampf um uns, in dem man nur noch undeutlich auf dem Sande zuckende Koͤrper, gebraͤunte Geſichter und den Schein des rothgluͤhenden Eiſens er⸗ kannte. Von Zeit zu Zeit verbreitete ein ungeheuerer Sprung uberall Verwirrung,— es war ein Vaquero, den ein noch ungebaͤndigtes Pferd mit fortriß, das ſich vergeb⸗ lich unter dem Schmerze der Brandwunde und unter dem Drucke ſeines Reiters ſträubte. Die Gefahr fur den Vaquero begann in dem Augen⸗ blicke der Baͤndigung des Pferdes, bei welcher man in folgender Weiſe zu verfahren pflegt. Iſt das junge Pferd niedergeworfen und gezeichnet, ſo haͤlt man es am Boden feſt oder läßt es wieder aufſtehen, je nach der Kraft des Widerſtandes, den es leiſtet. Es wird ein Lederſtreifen ihm über die Augen gelegt. Das Thier, welches nicht ſehen kann, läßt ſich faſt immer gefugig ſatteln und zäu⸗ men. ueber die Naſe wird ein Strick von Pferdehaar ſo gebunden, daß er gleichzeitig eine Art Kappzaum bildet, der bozal heißt und einen Zugel zum Lenken des Thieres. Hat ſich der Vaquero uberzeugt, daß ſich der Sattel nicht dreht, ſo legt er ſeine langen Sporen an und läßt ſich, je nach dem das Pferd liegt oder ſteht, entweder von ihm mit emporheben oder ſpringt raſch in den Sattel und reißt die Lederkappe von den Augen. Das Pferd zoͤgert einen Augenblick, bald aber entreißen ihm der Anblick der Sa⸗ vannen, die es frei zu durchſtreifen gewohnt iſt, der Geruch der heimathlichen Wälder und die Laſt, die es zum erſten Male druͤckt, ein zorniges Wiehern und ſein Zoͤgern ſchwin⸗ det. Zuerſt verſucht es den Sattel abzuſchuͤtteln, aber der Gurt bildet an ſeinem Bauche eine breite tiefe Furche. Es ſucht die Fuße des Reiters zu beißen, aber der bozal, der ihm die Nuͤſtern zuſammenſchnuͤrt, wird gewaltſam nach der entgegengeſetzten Richtung hingezogen. Es ver⸗ ſucht ſich frei zu machen, indem es verzweifelt ausſchlägt und faſt gerade auf den Hinterbeinen ſich emporrichtet und dann mit einem tollen Satze vorwaͤrts ſpringt. Alles um⸗ ſonſt Der Mann, der bis dahin unerſchutterlich im Sattel geſeſſen hat, blieb ganz ruhig; nun erſt greift er ſeiner Seits an. Zwei gewaltige Spornſtiche entreißen dem Pferde einen heißern Schrei der Ueberraſchung und des Schmerzes. Das wüthende Thier ſetzt ſich auf ſeine kraͤf⸗ tigen Feſſeln, die ſich dann wie eine doppelte Stahlfeder anſpannen; es thut einen ungeheuern Sprung und bleibt dann plotzlich ſtehen, aber der Vaquero hat inſtinktmaͤßig ſeinen Koͤrper zuruckgelegt und ſein Korper bleibt in wun⸗ derbarem Gleichgewichte. Seine Sporen druͤcken ſich von neuem in die Weichen des Pferdes, das wiederum fort⸗ ſpringt ohne ſtehen zu bleiben, weil die Spornräder in ſei⸗ nen Seiten arbeiten und die cuarta ſein Kreuz ſchlaͤgt. Nach dieſem neuen Laufe laſſen endlich die Nuͤſtern des Thieres, welche der Kappzaum zuſammendruͤckt, nur einen pfeifenden Athem durch; ſeine Weichen rauchen und bluten. Wenn das Pferd im Uebermaße ſeiner Angſt und Wuth ſich ſelbſt an einem Baumſtamme vergebens zu zerſchmettern verſuchte, um ſeinen Reiter zu zermalmen, giebt es ſich fuͤr überwunden und gehorcht dem Drucke des Koͤrpers, dem Sporn, der Stimme, es iſt mit einem Worte gezähmt. Der Vaquero ſeiner Seits ſchoͤpft Athem, zundet ſich eine —— ——————— 233 Cigarre an und legt ſeinen noch feuchten Sattel auf den Ruͤcken eines andern Thieres. „Haben Sie viele Maͤnner dieſer Art in Ihrem Lande?“ fragte mich Don Ramon, indem er mir ein halbes Dutzend dieſer Vaqueros zeigte, welche zwiſchen dem einen und dem andern Kampfe ihre ſchweißtriefenden Geſichter abwiſchten. Ich vermied es auf dieſe Frage zu antworten, denn der Vergleich zwiſchen unſern Kunſtreitern und dieſen kuͤhnen Pferdebaͤndigern war fur die Eitelkeit eines Europaͤers zu demuͤthigend. Ich fragte dagegen Don Ramon, ob man nicht manchmal bei dieſen Reitkraftſtuͤcken Ungluͤcksfäͤlle zu beklagen haͤtte. „Ja wohl, auch das geſchieht bisweilen,“ antwortete er mir mit faſt zufriedener Miene;„da iſt z. B. der Ende- moniado, den meine Leute wohlweislich nicht mit zum heradero gebracht haben.“ Die Vaqueros proteſtirten einmuͤthig dagegen und Einer entſchuldigte ſich damit, daß ihn Niemand geſehen habe. „Wer oder was iſt der Endemoniado?“ fragte ich Don Ramon.„Ich erinnere mich, Cayetano in der vori⸗ gen Nacht dieſen Namen nennen gehoͤrt zu haben.“ „Es iſt ein Pferd, das nur zwei Mal geritten wurde und das meine Vaqueros nicht gern zum dritten Mal rei⸗ ten moͤgen.“ „Warum?“ „Der erſte, der es ritt, wurde in Stucke zerriſſen und dem zweiten wurde an dem aſtloſen Baume da unten der Kopf zerſchmettert.“ „Warum haben Sie ein ſo gefährliches Thier nicht toͤdten laſſen?“ „Ah, es ſind meine Vaqueros und meine Pferde; die Sache geht in der Familie vor; Pferde und Vaqueros haben vollſtändig das Recht einander zu tödten, ohne daß ich etwas dazu zu ſagen habe.“ Ein rohes Beifallsgelaͤchter empfing dieſe ſeltſame Be⸗ theuerung von Unparteilichkeit, welche die Maͤnner, die ſo wenig Werth auf ihr Leben legten, ſehr ſpaßhaft fanden, aber die Luſtigkeit wahrte nicht lange. Bei dem Anblicke eines Mannes, der unerwartet ankam und unter tauſend⸗ fachen Anſtrengungen ein Pferd nachzog, trat allgemeines Staunen an die Stelle des Lachens, welches die Erklärung des Herrn hervorgerufen hatte. Jener Mann war Caye⸗ tano, das Pferd der endemoniado. Ein Ausdruck wilder Befriedigung machte das hagere Geſicht des ehemaligen Schmugglers noch häßlicher, der wie ein unheimliches Ge⸗ ſpenſt unter denen erſchien, deren Arbeiten er ſeit einigen Tagen unter einem angenommenen Namen theilte. Ich trat unwillkuͤrlich bei Seite, um von Cayetano nicht geſe⸗ hen zu werden, ohne ihn indeß aus den Augen zu verlie⸗ ren. Eine Schleife, mit welcher er die Oberlippe des Pferdes zuſammengeſchnuͤrt hatte, zwang den endemoniado zum Gehorſam. Die Lippe war aufgeſchwollen und zeugte von dem Widerſtande des Thieres, welches ſeinen Namen vollſtändig rechtfertigte. Es war ein Brauner mit weißen Flecken an den Beinen. In ſeinen Augen, die zur Häͤlfte von einem Buͤſchel der Mähne verdeckt wurden, welcher auf die Stirn fiel, lag ein unheimlicher Glanz. Seine —— 235 Ohren ſtanden ſpitz nach vorn; ſeine lange Maͤhne flat⸗ terte verworren umher und ſeine harten ſpitzigen Hufe ga⸗ ben jedesmal einen metalliſchen Ton auf den Kieſeln, wenn es ſich auf Cayetano ftuͤrzte, der es mit einem Schlage ſeiner mit Blei angefullten Reitpeitſche zuruͤcktrieb. Mit einem Worte das Pferd ſah noch entſetzlicher aus als ſein furchtbarer Fuͤhrer. „Ihre Vaqueros werden mir es gewiß Dank wiſſen, daß ich Ihnen dieſes ſchoͤne Thier zufuͤhre,“ ſagte Cayetano zu Don Ramon, während ein hoͤhniſches Lächeln um ſeine Lippen ſpielte,„um ſo mehr, da es nicht ohne Muͤhe ge⸗ ſchieht, denn ich verfolge es ſeit zwei Tagen.“ „Ich wunderte mich allerdings Dich nicht hier zu ſe⸗ hen,“ entgegnete Don Ramon.„Nun, Kinder, wer will den Endemoniado reiten? Zur Ehre der Hacienda darf ſich dieſes Pferd gegen die uͤbrigen nicht ruͤhmen koͤnnen, Euch alle in Angſt und Schrecken geſetzt zu haben.“ Niemand antwortete auf dieſe Aufforderung, denn Niemand wagte das Unmogliche zu verſuchen⸗ Waͤhrend der Haciendero ſich unzufrieden umſah, ſchien Cayetano mit den Augen Einen zu ſuchen, den er nicht bemerkte; mit einem Male aber, bei dem Anblicke Benitos, der un⸗ willkurlich wieder in die Naͤhe der Erhoͤhung gekommen war und Antonia ſtumm entzuͤckt anſah, ſagte er: „Don Ramon, da iſt Einer, der ſich nicht weigern wird, in Ihrer Gegenwart den Endemoniado zu reiten.“ Und er warf dem jungen Manne einen wilden Blick zu, den dieſer alsbald erwiederte. „Wenn Sie glauben,“ ſagte Benito, indem er zu Don Ramon trat,„daß ich mein Leben aufopfern muß, um die Ehre der Hacienda aufrecht zu erhalten, ſo bin ich bereit zu thun was Sie mir befehlen.“ Wie der in den Tod gehende vor Caͤſar ſich verbeu⸗ gende Gladiator, neigte ſich Benito grazios vor dem Ha⸗ ciendero, der aber zu zoͤgern ſchien, als er dem bittenden Blicke ſeiner Tochter begegnete. „Ich habe nicht das Recht,“ antwortete er,„Dir zu befehlen Dein Leben fuͤr mich zu opfern, wenn Du aber das Abenteuer verſuchen willſt, gebe ich Dir die Erlaubniß dazu.“ „Ich werde den Endemoniado reiten,“ erwiederte Benito. „Wenn Du Dich furchten ſollteſt,“ ſetzte Cayetano mit veraͤchtlichem Hohn hinzu,„will ich ihn fur Dich reiten.“ „Bleibe Jeder bei ſeiner Rolle. Du ſollſt, wie ge⸗ ſtern verabredet worden iſt, dem Stier, welchen uns Don Ramon leihet, den erſten Garrocha⸗Stoß*) geben.“ „Auch den letzten Degenſtoß, wenn man es verlangt,“ antwortete Cayetano mit lautem Lachen. „Nein,“entgegnete der Eigenthuͤmer;„ich leihe Euch einen Stier zur Unterhaltung, nicht um ihn zu toͤdten.“ Man beſchaͤftigte ſich nun damit, den Endemoniado zu ſatteln, was nicht leicht war, denn man mußte ihn dabei auf den Beinen erhalten und er fing ſofort an wuͤthend *) Lanze mit ſehr kurzer Spitze, die uͤberdies eine Art Kiſſen hat, welches es unmoͤglich macht, den Stier toͤdtlich zu verwunden. —— 237 auszuſchlagen, als errathe er den Plan der Vaqueros. Es wurde ein Laſſo unter der Feſſel des linken Hinterbeines herumgeſchlungen und ſtark auf dem Bug des Pferdes zu⸗ ſammengezogen, ſo daß der Schenkel an den Bauch herauf⸗ fam. Der rechte Vorderfuß wurde auf hnliche Weiſe zu⸗ ſammengezogen und der ſo im Gleichgewichte gehaltene Endemoniado mußte unbeweglich bleiben. Benito ergriff den ſchweren Sattel am Knopfe und warf ihn auf den Ruͤ⸗ cken des Pferdes, das zitterte als es die Laſt fuͤhlte und die großen holzernen Steigbuͤgel an ſeine Weichen ſchlugen. Der Gurt wurde ſodann ſtark unter dem Bauche angezogen und der Vaquero ſetzte ſich im Sande nieder, um die Rie⸗ men ſeiner Sporen an die Fuͤße zu binden. In dieſem Augenblicke ſah ich auf die Erhoͤhung. Maria Antonia hielt ſich unbeweglich, aber ihre großen weitaufgeriſſenen ſchwarzen Augen blitzten in dem bleichen Geſichte und das Wogen ihres Buſens verrieth ihre Angſt. Don Ramon ſelbſt ſchien erſchrocken zu ſein und eine kurze Zeit hoffte ich, er wuͤrde die Erlaubniß zuruͤcknehmen, welche den— muthigen jungen Mann einem faſt gewiſſen Tode ausſetzte; aber es geſchah nicht. Als Benito ſeine Sporen angelegt hatte, wurden die Feſſeln, welche die Beine des Pferdes hielten, geloͤſet und die Lederbinde auf die Augen gelegt. Obgleich aber das Seil die Lippe zuſammenſchnuͤrte, ſprang der Endemoniado ſo wuͤthig umher, daß der Reiter nicht in den Sattel kommen konnte. Man mußte ihn zum Nie⸗ derknieen zwingen und zwei Vaqueros, die ihn in die Ohren biſſen, hielten ihn eine kurze Zeit in dieſer Stellung. Benito ſprang in den Sattel. —— 238 „Laßt los!“ rief er mit feſter Stimme. Die beiden Vaqueros ſprangen zuruͤck, waͤhrend der Endemoniado ſich aufrichtete, als waͤre er durch eine ver⸗ borgene Springfeder emporgeſchnellt worden. Wegen der Lederbinde, die ihn blendete, ſtand er anfangs zitternd da. Benito benutzte dieſe kurze Ruhezeit, um ſich feſt im Sat⸗ tel zu ſetzen, buckte ſich nach vorn und nahm das Leder hin⸗ weg, das auf den Augen des Endemoniado lag. Nun be⸗ gann ein wahrhaft bewundernswuͤrdiger Kampf zwiſchen dem Pferde und dem Manne. Das feurige kraͤftige Thier, das von dem hellen Tageslichte erſchreckt wurde, welches ploͤtzlich ſeine mit Blut unterlaufenen Augen blendete, ſchuͤttelte die verworrene Maͤhne, ſtieß ein ſchreckliches Wiehern aus und ſprang ſich zuſammenbiegend nach einan⸗ der nach allen vier Himmelsgegenden zu, als wolle es den Wind wittern. Benito, den dieſe ungeſtuͤmen Bewe⸗ gungen nicht zu erſchuͤttern ſchienen, hielt ſich noch auf der Defenſive und ſtieß gewaltſam mit dem Fuße die ſcharfen Zaͤhne zuruͤck, die ihn in die Beine zu beißen verſuchten. Der Endemoniado, der ſich ſo in ſeiner Hoffnung getaͤuſcht ſah, ſtieg ploͤtzlich kerzengerade empor. Vergebens ent⸗ riſſen ihm die Sporen, die ſeine Weichen bearbeiteten, ein ſchmerzensreiches Bruͤllen, er fiel nicht wieder auf die Fuͤße, ſondern auf den Ruͤcken. Alle Zuſchauer ſchrieen laut auf, aber nur der Sattelknopf hatte den Boden be⸗ ruͤhrt; Benito, der vorausgeſehen, was folgte, war raſch aus dem Sattel geſprungen. Bald erblickten die Zu⸗ ſchauer in Verwunderung mitten in einer Staubwolke den Pferdebaͤndiger, wie er, gegen alle Reiterregeln, von der ——— 239 andern Seite in dem Augenblicke wieder in den Sattel ſprang, als das Pferd erſtaunt ſich aufrichtete und von neuem wieherte. Der Vaquero ſchien nun ſeiner Seits wuͤthend zu ſein. Er war zum erſten Male in ſeinem Le⸗ ben aus dem Sattel gehoben worden und um dieſe Schmach zu raͤchen, hielten ſeine Beine fortwaͤhrend ſich im engſten Schluß, ſo daß die Sporen blutige Streifen an dem Bauche des Thieres zogen und ſeine Arme ließen das Haarſeil nur los, um hageldichte Hiebe mit der Reitpeitſche auf die ſchon wunde Haut des Endemoniado fallen zu laſſen. Der Vor⸗ theil war jedoch noch immer weder auf der einen noch auf der andern Seite und nach einigen Augenblicken dieſes erbitterten Kampfes blieben die beiden Gegner einen Augenblick unbeweglich. Von allen Seiten erſchallte Ju⸗ bel und um die Bewunderung dieſer Centauren zu verdie⸗ nen, mußte gewiß mehr geleiſtet werden, als dem Men⸗ ſchen zu leiſten gegeben iſt. Der Vaquero aber benutzte dieſen Waffenſtillſtand, um ein ſcharfes Meſſer aus ſeinem Stiefel zu ziehen, entweder weil er zu denen gehoͤrte, welche durch die Gefahr und den Beifall gleichſam berauſcht werden oder weil er ſich fuͤr faͤhig hielt noch mehr zu thun. „Was?“ rief da Don Ramon aus, der am wenigſten gleichgiltig bei einem Kampfe war, in welchem es ſich offenbar um das Leben eines Pferdes handelte,„will der Burſch den Endemoniado erſtechen?“ Ein Blitz des Unwillens leuchtete aus den ſchwarzen Angen Antonias bei dieſer Andeutung, daß ein Mann, den ſie ausgezeichnet hatte, ein Feigling ſein koͤnnte, und gleich darauf zog ein ſtolzes Laͤcheln uber ihre Zuͤge als ſie 240 ſah, daß Benito in Tollkuͤhnheit den Kappzaum des Pfer⸗ des zerſchnitt und ſich ſo zuͤgellos dem unbaͤndigen Thiere uͤberließ. Sobald der Endemoniado von dem bozal befreit war, der ihm die Nuͤſtern zuſammengedruͤckt hatte, zog er geraͤuſchvoll die Waldluft ein, ſchuͤttelte ſeine goldfarbige Maͤhne und jagte nach dem abgezweigten Baume zu. Sein Lauf war ſo ungeſtuͤm, daß man nicht zweifeln konnte, das Thier werde ſich ſelbſt an dem Hinderniſſe auf ſeinem Wege den Kopf einrennen. Nichts alſo ſchien den Reiter dem Schickſale entziehen zu koͤnnen, das ihn erwartete. Der Endemoniado war nur noch einige Schritte von dem Baum⸗ ſtamme entfernt als Benito mit einer eben ſo raſchen als unerwarteten Bewegung ſeinen breitkraͤmpigen Hut nahm und in dem Augenblicke, da ein letzter Satz dem Kampfe ein Ende machen ſollte, dieſen Hut dem Pferde vor die Au⸗ gen hielt. Es prallte erſchrocken zur Seite. Wir ſahen nun einen Reiter ohne Zuͤgel ein ungebändigtes Pferd nach ſeinem Willen lenken, das ſich nach der oder jener Seite wendete, je nachdem der Hut ihn vor das rechte oder linke Auge gehalten wurde. So kam der Endemoniado, ſchäu⸗ mend vor Wuth wieder an der Erhoͤhung voruͤber, wo Ma⸗ ria Antonia dem Vaquero durch einen einzigen Blick fuͤr ſeine gluckliche Tollkuͤhnheit belohnte. Der Siegerſtolz, welcher die kraͤftige männliche Schoͤnheit in ihrem ganzen Glanze erſcheinen ließ, rechtfertigte die Wahl des Mäd⸗ chens vollkommen. Benito trieb dann das keuchende Pferd, das bei dieſem unerwarteten Widerſtande die Faſſung zu verlieren ſchien, von neuem an und nach dem Walde zu. Bald verloren wir ihn da aus den Augen. Einige Reiter 241 jagten ihm nach, aber der Endemoniado flog ſo ſchnell da⸗ hin, daß ſie die Verfolgung aufgeben mußten und bald zu⸗ ruͤckkamen. 3 Ich will die Reden und Vermuthungen nicht wiederho⸗ len, welche das Verſchwinden Benitos veranlaßte. Einige 3 hielten ihn fuͤr verloren trotz ſeinem erſten Siege, denn 4 ein Opfer des Endemoniado war auch dem Baume ent⸗ 4 gangen und man hatte ſeinen verſtuͤmmelten Leichnam in großer Entfernung von der Hacienda gefunden. Die An— dern erwarteten etwas Beſſeres von der Gewandtheit des jungen Vaquero. Die Ankunft des„Sprungriemen,“ der ein Buͤndel Lanzen in der Hand hielt, machte den Vermu⸗ . thungen uͤbrigens bald ein Ende, indem er daran erinnerte, daß der Haushofmeiſter(Cayetano war zu dieſer Wuͤrde befoͤrdert worden) den Stierkampf beginnen werde. Die toriles waren leer; nur ein Stier befand ſich darin, der naͤmlich, welchen ich am Abende vorher hatte nieder⸗ werfen ſehen. Cayetano, in deſſen Geſicht ſich noch die Leidenſchaften ſpiegelten, nahm eine der garrochas und ritt allein auf den Kampfplatz. Der Stier wurde von den . Feſſeln geloͤſet, die ihn an Pfählen feſthielten und er 65 brauchte nicht gereizt zu werden, um ſich dem Dilettanten⸗ Toreador entgegenzuſtuͤrzen. Cayetano vermied als vol⸗ lendeter Reiter die erſten Angriffe und wartete auf den guͤnſtigen Augenblick, um das Thier zu ſtechen. Die Gelegenheit bot ſich bald dar. Als der Stier den Kopf ſenkte, um ſich von neuem auf ſeinen Gegner zu ſtuͤrzen, 2 drang die Spitze der garrocha an dem Schultergelenke ein und der kraͤftige Arm Cayetanos hielt ihn ſo zuruͤck als er Amerik. Reiſenovellen. 16 242 ſich aber triumphirend umſah, zerbrach die garrocha in ſeiner Hand und er konnte im erſten Augenblicke der Ueber⸗ raſchung dem Stoße des Stieres nicht ausweichen. Caye⸗ tano griff ſogleich nach ſeinem Schenkel und einige Blut⸗ tropfen fuͤrbten ſeine weißen Leinwand⸗calzoneras roth. Ein Fluch, den ihm mehr die Demuͤthigung als der Schmerz entriß, entſchluͤpfte ſeinen Lippen, worauf er eine zweite garrocha verlangte, während er an das entgegen⸗ geſetzte Ende des Kampfplatzes ritt. Es vergingen einige Augenblicke, ehe ſein Verlangen befriediget werden konnte; endlich ſtellte er ſich dem Stier von neuem gegenuͤber. Aber ein ſeltſames Zoͤgern zeigte ſich in ſeiner ganzen Haltung; ich wußte, daß Cayetano ein ſehr muthiger Mann war und daß ſeine Unruhe alſo nicht eine Folge von Furcht ſein konnte; ich hatte ihn in weit gefaͤhrlichern Lagen ruhig und kalt geſehen. Bald folgte die⸗ ſer Unſchluͤſſigkeit ein Ausdruck der Ermattung, die noch un⸗ erkläͤrlicher war, denn das Blut floß nicht aus ſeiner Wunde. In dem Augenblicke endlich, als er mechaniſch zum zweiten Male die garrocha in die Hoͤhe des Buges des Stieres erhob, baͤnmte ſich ſein erſchrockenes Pferd und prallte zu⸗ ruͤck; auch ließ ſich Cayetano ohne Widerſtand zur allge⸗ meinen Verwunderung aus dem Kampfplatze hinaustra⸗ gen. Geſchrei, Geſpoͤtt und Pfeifen begleitete die Flucht des Stierkämpfers, der gleichgiltig gegen dieſe Beſchim⸗ pfungen wie ein Betrunkener im Sattel wankte. Sein Geſicht ſah todtenbleich aus. „Den Kaplan! Den Kaplan!“ riefen Einige ſpoͤttiſch; „os iſt ein Chriſt in Todesgefahr.“ Und das Pfeifen ver⸗ 243 folgte von neuem den Haushofmeiſter, den Gegenſtand eines einmuͤthigen Haſſes. Der Kaplan, welcher an dem Schauſpiele lebhaftes Intereſſe genommen hatte, ſchien ſeinen Platz auf der Erhoͤhung nicht verlaſſen zu wollen und nahm die Aufforderung, die man an ihn richtete, nicht ernſtlich; erſt auf einen Wink Don Ramons ſtieg er ungern zu Pferde und folgte dem Fluͤchtigen. Der Stier benutzte die Verwirrung und dem offen gebliebenen Ausgang, um nach dem Walde hin zu enttliehen und Niemand dachte daran ihn zu hindern. Dieſe Entwickelung gefiel den Va⸗ queros gar wenig, welche ſich von dem Stierkampfe ein ziemlich lange dauerndes Vergnugen verſprochen hatten. Sie uberließen ſich nun ihren Reiterkunſten, die mich ſehr gefeſſelt haben wuͤrden, wenn meine Gedanken ſich nicht wieder auf den Helden des Tages gerichtet haͤtten. Benito bußte vielleicht in dieſem Augenblicke einen kurzen Triumph mit einem ſchmerzlichen Tode fern von jeder menſchlichen Hilfe. Auf dem Geſichte der Tochter des Hacendero ſprach ſich ebenfalls die tiefſte Betrubniß aus. Vergebens for⸗ derte ihr Vater ſie auf die Erhoͤhung zu verlaſſen, weil alles voruͤber ſei; ihre Blicke ruheten fortwaͤhrend auf dem Horizonte, wäͤhrend ihre Hand krampfhaft die Sumach— bluͤten zerpfluͤckte. Die Sonne ſtieg langſam empor und begann die Gegend mit ihrer Glut zu erfuͤllen, ohne daß irgend etwas die Ruͤckkehr Benitos verkuͤndigte, obgleich bereits eine Stunde vergangen war. Endlich wand ſich ein langer Seufzer aus der Bruſt des Maͤdchens und ihre Lippen erhielten die roſige Farbe wieder; eine unbeſchreib⸗ liche Freude ſtrahlte von ihrem Geſichte, denn es zeigte ſich 16* 244 am Horizonte eine leichte Staubwolke und ihr Herz ſagte ihr, dieſer Staub ruhre von dem her, welchen ſie erwar⸗ tete. Der Pferdebaͤndiger kam auch wirklich an, raſch wie die Wolke, welche der Sturm jagt. Die Vaqueros unter⸗ brachen ihre Spiele und hatten nur Zeit, ſich zu beiden Seiten aufzuſtellen, um ihren ſiegreichen Cameraden zu empfangen. Ein Blick ſagte uns allen, daß der unbaͤn⸗ dige Endemoniado endlich gezähmt ſei. Man ſah es leicht an den keuchenden Seiten, an den erloſchenen Augen, an der Staubdecke, die auf dem ganzen von Schweiß triefen⸗ den Koͤrper lag, daß das gefurchtete Thier nur noch dem Schrecken gehorchte, den es vor ſeinem Reiter fuͤhlte. Das Geſicht Benitos gluhete und war hier und da zerkratzt, ſein Haar hing verworren um den Kopf, ſeine Kleider wa⸗ ren zu Fetzen zerriſſen, kurz man ſah es ihm an, daß er den Sieg mit großer Anſtrengung hatte erkaufen muͤſſen. In dem Augenblicke als ſeine Sporen den Endemoniado mit den letzten Sätzen an die Erhoͤhung trieben, warf ſich Benito raſch nach vorn und ſtieß einen Schrei aus; das Pferd blieb ſofort ſtehen; die Stimme ſeines Reiters reichte hin, den Endemoniado zu lenken. Da erhob ſich ein all⸗ gemeiner Hurrahruf unter den Vaqueros. Mit einer Anmuth, der ſich der vollendetſte Weltmann nicht zuſ chaͤmen gebraucht hätte, verbengte ſich Benito im Sattel, als wolle er die Huldigung ſeines Sieges zu den Fuͤßen Ma⸗ ria Antonias niederlegen. Es erhob ſich neuer Jubel, waͤhrend das Geſicht des Madchens ſich mit gluͤhender Rothe bedeckte und ein Blüthenbuͤſchel der Sumachbaumes in die Hand Benitos fiel. Der junge Mann konnte da ſeine 245⁵5 Verwirrung nicht bergen; er erbleichte, ſtammelte und ſchien ſogar zum erſten Male in dem Sattel zu wanken. Ich trat zu ihm, um ihm Gluͤck zu wuͤnſchen. Mein Leben hatte in dieſem Augenblicke fuͤr ihn einen unſchätzbaren Werth; war ich nicht Zeuge des glorreichſten und ſuͤßeſten ſeiner Siege? Auch ſchloß er mich in ſeiner Freudentrunken⸗ heit und wahrſcheinlich auch um ſeine Verlegenheit zu ber⸗ gen, lebhaft in ſeine kraͤftigen Arme. Benito Goya hatte mir verziehen. Einige Stunden nachher, als ich allein in die Ha⸗ cienda zuruͤckkehrte, begegnete ich einem der untergeordne⸗ ten Helden des Tages, Juan, dem gluͤcklichen Beſitzer des Dolman, den er am Abende vorher wieder gewonnen hatte. Er ſchien trotz dieſem Gluͤcke recht betrübt zu ſein und da ich ihn nicht gleich fragte, redete er mich ſelbſt an. „Geſtehen Sie, Herr,“ ſagte er,„daß Benito Goya ein gluͤcklicher Menſch iſt, denn wenn ich mich nicht irre, werden wir in kurzer Zeit in ſeiner Perſon einen neuen Herrn der Hacienda haben.“ „Das ſcheint ganz in der Ordnung zu ſein,“ antwor⸗ tete ich,„denn er iſt ſo ſchoͤn als muthig; macht dies Sie ſo traurig?“ „Ach nein; es iſt wegen des armen Mayordomo.“ „Cayetano?“ „Ja wohl,“entgegnete Juan;„er iſt todt.“ „Er war ja kaum verwundet.“ Juan nahm eine geheimnißvolle Miene an und ſagte: „man hatte, wie es ſcheint, die Hoͤrner des Stieres mit 246 dem Safte des palo mulato*) benetzt und der Tod des Armen iſt ſo ſchrecklich als ſchnell geweſen. Sie haben gewiß den Mann nicht vergeſſen, der Sie unterwegs traf, als ſie faſt verſchmachtet waren und der Benito auffor⸗ derte, Ihnen Huͤlfe zu bringen. Es war Feliciano, der Bruder des ehemaligen Freundes Cayetanos. Dieſer Freund, welcher ein Geheimniß kannte, das ihm Cayetano mit dem Leben entreißen wollte, hatte ſeinem Bruder mit dem verderblichen Geheimniſſe die Beſorgniſſe wegen des wohlbekannten Charakters Cayetanos mitgetheilt. Dieſe Beſorgniſſe waren nur zu wohl begruͤndet. Der Brude Felicianos befand ſich eines Tages mit Cayetano auf den Meere und ſeitdem hat man ihn nicht wieder geſehen. Fe⸗ liciano errieth, daß ſein Bruder ermordet worden ſei und ſuchte den Moͤrder auf. Sodald er erfuhr, Cayetano ſei unter uns, erſchien er in der Hacienda, wo er gerade zu rechter Zeit ankam, um ihn ſterben zu ſehen. Er ſprach da mit ihm von laͤngſt vergangenen Ereigniſſen und dieſe Enthuͤllungen brachten in dem Sterbenden eine ſchreckliche Criſis hervor. Er fluchte und laͤſterte Gott wie ein Heide, bis ſchreckliche Kraͤmpfe ſeinen Leiden ein Ende machten. Er iſt gewiß auch im Zuſtande der Todſuͤnde geſtorben, da er nicht beichten wollte.“ „Ja, ja,“ ſagte der Kaplan„der zu uns getreten war *) Eine Art Giftſumach. Es iſt ein großer Baum mit gelblicher Rinde, uͤber welcher eine roͤthliche Schale liegt, die ſich immer abblättert. Der milchige Saft giebt ein ſehr ſtar⸗ kes Gift. ———— 247 und paſſender als richtig nach der Bibel hinzuſetzte:„der Herr hat geſagt, wer mit dem Schwerte toͤdtet, ſoll durch den Stier umkommen.“ „Amen,“ ſetzte Juan hinzu und verneigte ſich demuͤ⸗ thig vor der Autoritat ſeines Geiſtlichen,„aber wer zum Teufel vergiftete die Hoͤrner des Stieres?“ Wenn man ſich an die ſeltſame Operation, welcher ich am Abende vorher beiwohnte, ohne geſehen zu werden und des Antheils erinnert, den Feliciano daran genommen, ſo wird es nicht ſchwer werden auf dieſe Frage zu antworten, nter welcher Juan kluglicher Weiſe eine gefaͤhrliche Mit⸗ uld verſteckte. Harienda de la Uoria. 2. Bermudes el Mataſiete. Scenen aus dem Waldleben Amerikas. Einen Flintenſchuß weit von der Hacienda dienten etwa dreißig Huͤtten als Wohnungen der peones oder Ta⸗ geloͤhner. Das Ausſehen dieſer Haͤuſer verrieth keine Armuth; die Natur ſchien mit Wohlgefallen den Schleier einer uͤppigen Vegetation uͤber die Bambus⸗ und Stab⸗ wäͤnde gebreitet zu haben, welche unter den breiten Blat⸗ tern und den kletternden Stengeln der Flaſchenkuͤrbiß⸗ pflanzen mit goldenem Kelche verſchwanden. Jede Huͤtte 248 ſtand in einem Raume, der von einer lebendigen Cactus⸗ hecke geſchloſſen war, welche Volubilis mit vielfarbigen Glockenblumen mit ihrem dichten Geflecht bedeckten; aber das Innere der Wohnungen entſprach dieſem lachenden Aeußern gar nicht. Alles verrieth da die ſchreckliche Ar— muth, welche das Loos des peon iſt. Auf dem Boden, den man ihm gewaͤhrt, kann jeder Arbeiter eigentlich fur ſich nur das Beet Piment und Tabak bebauen, welches ihm der Beſitzer bewilliget und die Zeit, welche die Beſtellung die⸗ ſes Erdfleckens verlangt, muß er ſeinen Ruheſtunden ent⸗ ziehen. Ein unbarmherziges Monopol zwingt ihn in der Hacienda das Getraide, den Mais und die Gegenſtaͤnde zu kaufen, die er braucht und deren Preis ſeinen maͤßigen Lohn weit uberſteigt. Der freie Arbeiter einer Hacienda kauft alſo faſt alles auf Credit und der Grundbeſitzer bleibt ewig ſein Glaͤubiger. Deshalb iſt auch der dia de raya(der Lohntag) auf dieſen Haciendas ein Tag des Schreckens, nicht, wie uberall, ein Tag der Freude, denn jede Woche fügt der ſchon ſo ſchweren Laſt, die auf dem peon ruhet, noch eine neue Buͤrde hinzu. Die Lage dieſer Lohnarbeiter iſt, wie man ungeſcheut behaupten kann, ſchlimmer als die der Neger in den Scla⸗ venſtaaten und doch wendet die Philanthropie ihrem trau⸗ rigen Schickſale nie etwas von dem Mitleide zu, welches ſie ſo oft minder großem Elende ſchenkt. Der Neger⸗ ſelave hat ſeine Huͤtte, in welcher er nach ſeinen Arbeits⸗ ſtunden ausruht, deren Zahl das Geſetz beſtimmt. Eine reichliche Gabe geſalzenen Fiſches, ſeines Lieblingsgerichtes, ſtärkt ſeine Kraͤfte und wenn er krank wird, fehlt ihm nie . 249 ärztliche Pflege. Die Sorgloſigkeit des Herrn laßt dage⸗ gen den peon ſchutzlos der Krankheit und dem Hunger aus⸗ geſetzt. Der ſchwarze Selave darf auf den Augenblick hoffen, in welchem er ſeine Freiheit erkaufen kann, mit welcher er allerdings nichts anzufangen weiß, an der er ſich aber doch erfreut; der freie Arbeiter dagegen hat eine end⸗ loſe Selaverei vor ſich, denn ſein Lohn wird immer gerin⸗ ger ſein als die Schulden, die er wegen des Monopols ma⸗ chen muß. Der Einfluß des ehemaligen ſpaniſchen Joches druckt noch immer, wie man ſieht, auf einen Theil der mexi⸗ caniſchen Bevoͤlkerung faſt ſo ſchwer wie am Tage der Ero⸗ berung; die Republik hat gewiſſenlos das Werk des Abſo⸗ lutismus fortgeſetzt. Ich ging oftmals nach dieſen Hütten der Peons hin. Der Laden, welcher die Lebensmittel und andere Verbrauchs⸗ gegenſtaͤnde enthielt, befand ſich in der Mitte des Dorfes. Eines Morgens war ich vor demſelben ſtehen geblieben, um die verſchiedenen Geſchaͤfte und Verhandlungen zu beo⸗ bachten, deren Schauplatz er war. Jeder Peon nahm aus ſeiner Taſche ein ſechs Zoll langes Rohr, in welchem zwei zuſammengerollte Papierſtreifen lagen, deren einer das Soll, der Andre das Haben bezeichnet. Dieſe Schriften ſind patriarchaliſch einfach. Ein horizontaler Streifen, der von einem Ende des Papieres zum andern geht, iſt die Grundlage der Rechnung. Auf dieſer Laͤngenlinie bezeichnen andere mehr oder weniger lange perpendiculaͤre Striche(da⸗ her das Wort raya oder Lohn), Nullen und halbe Nullen die Piaſter und halben Piaſter, die Realen und halben Rea⸗ len. Unter den Kaͤufern, die erſt nach langem Feilſchen 250 uͤber die Preiſe ſich entfernten, bemerkte ich bald einen Mann, der bleicher und hagerer war als die andern, zoͤgernd umherging und begehrliche Blicke auf den Laden warf. An der Ausdauer, mit welcher er eine Cigarre nach der an⸗ dern rauchte, ließ ſich leicht erkennen, daß der arme Peon die lauten Anforderungen ſeines hungerigen Magens zu beſchwichtigen ſuchte. Endlich ſchien er einen heroiſchen Entſchluß zu faſſen und trat an den Laden, um ein cuartillo Mais zu verlangen. „Zeige Deine Rechnung,“ ſagte der Commis. Der Peon nahm ſein Rohr aus der Taſche und aus dem Rohr ſein Hauptbuch, aber wie die horizontale Li⸗ nie des Habens wenig mit Hieroglyphen bedeckt, ſo war die Soll⸗Linie mit Zeichen aller Art uͤberladen. Der Com— mis weigerte ſich hartherzig ihm bis auf neuen Befehl et⸗ was zu verkaufen und gab ihm die Rechnung zuruͤck. Der Peon hatte aller Wahrſcheinlichkeit nach dieſe Antwort vor⸗ ausgeſehen und die Ergebung in ſein Schickſal haͤtte ihm alſo leicht werden muͤſſen; aber in ſeinen Zugen ließ ſich ſchmerzlich getaͤuſchte Erwartung leſen und mit zitternder Hand verſuchte er das Papier, das er krampfhaft zuſam⸗ menrollte, wieder in das Rohr zu bringen. Ich konnte dem Mitleide nicht widerſtehen und bezahlte dem Commis die beſcheidene Anleihe, welche der arme Arbeiter vergebens erbeten hatte. Der Peon bezeigte mir ſeine Dankbarkeit dadurch, daß er auf der Stelle ſich von mir noch einen Real erbat und mich erſuchte, ihn in ſeine Huͤtte zu begleiten und ſeine Frau geſund zu machen, die ſchon ſeit langer Zeit krank ſei. Auf dem kurzen Wege dahin erfuhr ich, daß 251 eben dieſe Krankheit ihn ſo weit zuruͤck und in Schulden ge⸗ bracht habe und man ihm nun neuen Credit verweigere, den er nothiger brauche als zu irgend einer Zeit. Ich fand in der Huͤtte des Peon die Armſeligkeit, welche ich erwartete. Einige Gefäße von gebrannter Erde und zwei oder drei gedorrte Ochſenkopfe, die als Stuͤhle dienen mußten, machten das ganze Geraͤthe aus. Zwei nackte Kinder mit aufgetriebenem Unterleibe, dürren Gliedmaßen und herumhaͤngendem Haar liefen um die Frau herum, de⸗ ren bleiches abgemagertes Geſicht das letzte Stadium einer abzehrenden Krankheit verrieth. Sie ſaß oder lag viel⸗ mehr unter einem Schuppen, der in dem Hofe ſtand und wiegte mit ſchwacher Hand mittelſt eines Aloefadens eine kleine an den Pfaͤhlen des Schuppens ſchwebende Haͤnge⸗ matte, in welcher ein kleines Kind in der Sonne ſchlief. Es war ein trauriges Bild. Ich ſuchte den Vater zu be⸗ ruhigen und rieth ihm, ſtatt des Piments und der Cactus⸗ fruͤchte, von denen die ganze Familie lebte, andere Nah⸗ rungsmittel zu gebrauchen, welche ſich fur den Zuſtand ſeiner Frau beſſer eigneten, aber ich verheimlichte mir auch nicht, daß mein Rath von den Armen, denen es an allem man⸗ gelte, nicht befolgt werden koͤnnte. Der Vater hoͤrte mich indeß die Hände reibend an und gab auf alle Weiſe ſeine Zufriedenheit zu erkennen, die ich freilich keineswegs als Wirkung meiner Reden anzuſehen wagte. Auf die Fra⸗ gen, die ich wegen dieſer plotzlichen und ſeltſamen Freude an ihn that, antwortete er mir, die heilige Jungfrau habe ihm eben einen Gedanken eingegeben und der Ueberfluß wurde bald wieder in ſein Haus zuruckkehren. Waͤhrend 252 er ſo ſprach, ſah er eine alte verroſtete Buͤchſe an, die in einer Ecke der Huͤtte lehnte. Vergebens fragte ich ihn, was er damit zu machen gedenke; der Peon antwortete mir nicht und wiederholte nur, daß er eine vortreffliche Idee habe. Ich verließ ihn alſo, ohne ihm ſein Geheimniß ent⸗ locken zu konnen, doch mit dem beruhigenden Gedanken, daß das verroſtete Gewehr keinen großen Schaden werde thun koͤnnen. Nach zwei Tagen 3 ich fruh zu dem Beſitzer der Ha⸗ ciendia und fand ihn hoͤchſt erzuͤrnt neben einem armen Teufel, der, die Buͤchſe unter dem Arme, geſenkten Haup⸗ tes daſtand und den Hut in der Hand drehete. Ich er⸗ kannte den Peon. „Welchen Unfall haben Sie erfahren?“ fragte ich den Haciendero. „Meine Leute(Gott verzeihe mir!) verbinden ſich mit den Jaguars zum Verderben meines Viehes. Wieder habe ich ein Fohlen durch die Ungeſchicklichkeit dieſes Men⸗ ſchen verloren. Die verfluchten Jaguars richten ſeit eini⸗ ger Zeit jeden Abend neue Verheerungen unter meinen Heerden an. Geſtern fruͤh kam der Mann da zu mir, um mir eine Idee mitzutheilen, die ihm die heilige Jungfrau in meinem Intereſſe geſandt hätte.“ „Ich glaubte es,“ unterbrach ihn demuͤthig der An⸗ geklagte. „Er wollte dem Jaguar an einer Stelle auflauern, die er mir bezeichnete und ihn durch ein Fullen anlocken. Er ſchien ſeiner Sache ſo gewiß zu ſein und ſo gewiß die Praͤmie von 10 Piaſtern zu gewinnen, daß ich thoͤricht 253 genug war, ihm ein halbjähriges Fuͤllen anzuvertrauen. Was haſt Du mit dem armen Thiere gemacht, Menſch? Wie iſt die Sache zugegangen?“ „Herr,“ antwortete der Peon ſchuͤchtern,„ich lag ſeit zwei Stunden in einem Dickicht; das Fuͤllen war zehn Schritte von mir angebunden und ſchrie nach ſeiner Mut⸗ ter. Mit einem Male bemerkte ich im Dunkel zwei blitzende Augen; ich zielte in dieſer Richtung hin, empfahl meine Seele Gott und druckte mit abgewandtem Geſichte ab.“ „Und ſtatt des Tigers erſchoſſeſt Du das Fuͤllen.“ „Herr, ich habe es nur lahm geſchoſſen.“ „Tod oder lahm, iſt das nicht einerlei?“ ſchrie der Haciendero.„Geh zum Teufel, vorher laſſe ich Dich aber auf acht Stunden in den Bock(cepo) ſpannen.“ „Es war aber doch ein gluͤcklicher Gedanke,“ ſagte traurig der arme Peon, welcher den Ueberfluß ſchwinden ſah, von dem er getraͤumt hatte, dann ging er mit geſenk⸗ tem Kopfe und ergebener Miene hinaus, obgleich zwei Thraͤnen üͤber ſeine abgehaͤrmten Wangen floſſen. Mit leeren Händen ſollte er in ſein Haͤuschen zuruͤckkommen und überdem hatte er eine Strafe von acht Stunden verdient, indem er ſein Leben ausſetzte, das nur durch einen wun⸗ derbaren Zufall gerettet worden war. Ich kannte die große Armuth des Ungluͤcklichen und hatte ſeine Hoffnung ge⸗ theilt, ob er gleich ein Geheimniß aus ſeinen Plaͤnen ge⸗ macht hatte. Eine ſo traurige Entwickelung betrübte mich tief. „Wenn Bermudes hier waͤre,“ ſagte Don Ramon, 254 „wuͤrde ich nicht ſo viele Verluſte zu beklagen haben. Mö⸗ gen Gott und der heilige Joſeph erlauben, daß Bermudes bald zuruͤckkehre!“ Dieſer Bermudes, genannt el Matasiete(buchſtaͤb⸗ lich: der Siebentoͤdter) war derſelbe Jäͤger, welchen ich in Geſellſchaft eines eanadiſchen Waldlaͤufers bei meinem Ausfluge nach Bacuache geſehen und der mich, wie man ſich vielleicht erinnert, aufgefordert hatte in die Noria zu kommen. Das inbruͤnſtige Gebet war gewiß vom Himmel erhoͤrt worden, denn in dem Augenblicke als Don Ramon die Worte ausſprach, trat ein Mann in das Zimmer, in wel⸗ chem wir uns befanden und in dieſem Manne, den die Vor⸗ ſehung in die Hacienda zu fuͤhren ſchien, erkannte ich Ber⸗ mudes el Mataſiete. Ein earrirtes Tuch, uͤber und uͤber mit Blut befleckt, war ſeine alleinige Kopfbedeckung. Die Metallknoͤpfe und die freilich verſchoſſenen Silbertreſſen, welche einigermaßen ſeine Jacke und ſeine ledernen Bein⸗ kleider geſchmuͤckt hatten, waren verſchwunden. Hemde⸗ fetzen ſahen aus den Loͤchern der Jacke heraus und die Ze⸗ hen ſchauten aus den durchgelaufenen Schuhen ins Freie. Das Geſicht indeß hatte noch immer den Ausdruck ritterli⸗ cher Unerſchrockenheit, der mir ſchon fruͤher aufgefallen war. Nur hatte die Sonne ſeine Wangen noch dunkeler gebraͤunt. „Biſt Du es wirklich, Mataſiete?“ rief Don Ramon, indem er ihm entgegentrat, gleich als wolle er ſich überzen⸗ gen, ob ihn kein Trugbild täͤuſche. „Mataſiete! Sie koͤnnen ſagen Mataquince(Funfzehn⸗ 255 toͤdter),“ entgegnete der Jaͤger, indem er eine theatrali⸗ ſche Stellung annahm;„Jja ich bin's, ob Sie gleich viel⸗ leicht geglaubt haben mich nicht wieder zu ſehen.“ „Ich geſtehe,“ ſagte ich zu ihm,„daß ich zu fuͤrchten anfing, Sie nicht wieder zu erblicken.“ Als ich vor vierzehn Tagen im Walde den merxicaniſchen Jager und deſſen Gefährten, den Canadier, traf, hatte das maͤnnliche Geſicht und die entſchloſſene Haltung der beiden Abenteuerer einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. unſere Begegnung hatte fuͤr ſie in ihrem Waldleben ein ganz gewoͤhnliches Ereigniß ſein muͤſſen, das ſich bald ver⸗ gißt. Ich erinnerte alſo Bermudes an den Abend, den er in meinem Nachtlager in dem Walde von Fronteras zuge⸗ bracht, als er die Spuren eines Indianerhaufens ſuchte. Ich erinnerte ihn daran, daß dieſe Raͤuber ihm den Ertrag einer gefaͤhrlichen Wanderung und ſein Pferd außer dem Sattel genommen und daß er in meiner Gegenwart das Geluͤbde gethan habe, die Wilden bis in ihre Einoͤden zu verfolgen, den Sattel ſeines Pferdes ſo lange auf dem Ruͤ⸗ cken zu tragen, bis er ihn Einem von ihnen aufgelegt, ſie überall wo er ſie treffe, anzugreifen und zu todten, ihre Kinder als Selaven zu verkaufen und den Ertrag des Verkaufes den Seelen im Fegefener(animas benditas) zu widmen. Bermudes hatte, wie man ſieht, mit dieſen Seelen eine ſchwierige Rechnung auszugleichen. Seine Antwort bewieß mir indeß, daß er dieſe Ehrenſache fuͤr ab⸗ gethan anſehe; auch erinnerte er ſich ſehr wohl an unſer Zuſammentreffen, denn dieſe Waldmenſchen vergeſſen nie den Mann, den ſie auch nur einmal fluͤchtig geſehen ha⸗ 256 ben. Leider mußte ich es mir verſagen, in dieſem Augen⸗ blicke die Erzahlung der abenteuerlichen Wanderung Ma⸗ taſietes zu hoͤren, denn ich bemerkte, daß der Jäger unter vier Augen mit Don Ramon zu ſprechen wuͤnſche und ich verſchob deshalb die neue Frage auf eine gelegenere Zeit. Nachdem ich Mataſiete verlaſſen hatte, ging ich faſt unwillkurlich nach dem Orte hin, wo ich die Fußbloͤcke und die andern in der Hacienda gebraͤuchlichen Strafinſtru⸗ mente geſehen hatte. Es war die Zeit, in welcher der Peon die Strafe fuͤr ſeine Ungeſchicklichkeit erleiden ſollte. Man weiß, daß der cepo oder Fußblock aus zwei Holzſtuͤ⸗ cken beſteht, die uͤber einander liegen. Eine halbmond⸗ foͤrmige Vertiefung in jedem dieſer Stuͤcke dient dazu, die Beine oder den Hals des Suͤnders aufzunehmen. Dieſe Holzſtucke werden ſo gelegt, daß die Beine höher liegen als der Kopf, der ſich in einer anfangs nicht eben laͤſtigen, nach einigen Stunden aber unertraͤglichen Stellung auf den Nacken ſtuͤtzt. In einem kleinen Hofe befanden ſich ein halbes Dutzend ſolcher cepos unduͤber ſie hinaus ragte ein Pranger, der indeß nur bei beſonders feierlichen Gelegen⸗ heiten benutzt wurde. Der Unfall des Peon hatte mich ſehr geruͤhrt und ich war entſchloſſen ihm einige Unterſtuͤtzung zu gewaͤhren, die Vorſehung aber, welche die gewoͤhnlichſten Mittel be⸗ nutzt, um den Beduͤrftigen zu Huͤlfe zu kommen, hatte meinen Schuͤtzling bereits reichlicher eutſchaͤdiget als ich es zu thun gedachte. In einem dieſer cepos lag ein Mann in den gluͤhenden Sonnenſtrahlen; er ſtutzte ſich bald auf die Ellenbogen, bald ſchutzte er mit den Haͤnden die Augen vor dem blendenden Sonnenſcheine. Mit unbeſchreibli— cher Verwunderung erkannte ich an der Stelle des Peon meinen Freund Sprungriemen. „Durch welches ſeltſame Abenteuer,“ fragte ich,„find Sie in dieſe unangenehme Lage gekommen?“ „Ach, Herr, nur durch mein gutes Herz und meinen Unſtern, auch etwas durch den Schutz meines Freundes Benito, des neuen Haushofmeiſters.. Da Sie aber der Zu⸗ fall zum Zeugen meines Ungluͤcks macht, ſo verlangt es meine Ehre, daß Sie die Veranlaſſung erfahren.“ Ich hoͤrte die Rechtfertigung an. „Die Veranlaſſung iſt eine der ehrenwertheſten,“ ſprach er.„Als ich erfuhr, daß einer meiner Cameraden acht Stunden in dem Blocke zubringen ſollte, meinte ich, er wuͤrde eine Zerſtreuung nicht ungern ſehen; ich kam deshalb mit einigen Piaſtern und einem Spiel Karten in der Taſche zu ihm. Mein Kamerad hatte ungluͤcklicher Weiſe kein anderes Kapital zur Verfuͤgung als ſeine acht Stunden Haft und da ich ihn ſonſt als ſehr zahlungsfaͤhig kannte, machte ich ihm den Antrag zuerſt um zwei Realen gegen ſein Wort zu ſpielen. Er nahm es an. Ich ſpielte mit ſo wenig Gluͤck, daß ich die zwei Realen und endlich mein ganzes Geld verlor. Da ſchlug mir mein Camerad zur Entſchaͤ⸗ digung vor, um ſeine acht Stunden Haft zu ſpielen, von denen indeß bereits eine während des Spieles vergangen war. Freilich mußte auch der Haushofmeiſter die Aende⸗ rung genehmigen und er iſt, wie Sie wiſſen, mein Freund. Ich verlor und meine Ehre machte es mir zur Pflicht um die Genehmigung zu bitten, um ſo mehr da..“ Amerik. Reiſenovellen. 17 — 258 „Um ſo mehr,“ unterbrach ich ihn,„da Sie hofften, daß er ſie verſagen wuͤrde.“ „Er ſie mir verſagen!“ fiel der Mann beleidiget ein. „Benito gewaͤhrte ſie mir vielmehr mit einer Artigkeit, mit einer Bereitwilligkeit, fur die ich ihm ſehr dankbar bin, fuͤr die er aber auch. buͤßen ſoll.“ Ich beſaͤnftigte den Unwillen des Eingeſperrten, indem ich ihm den Piaſter gab, den ich fuͤr den Peon beſtimmt hatte. In dem Augenblicke als der reuige Spieler mir feierlich verſprach, dieſen Piaſter fuͤr eine beſondere wich⸗ tige Gelegenheit aufzuſparen, trat Bermudes zu uns. „Sie werden mir verzeihen,“ ſagte er zu mir,„daß ich auf Ihre Fragen nur ausweichend antwortete, aber ich hatte mit Don Ramon uͤber die Veraͤußerung gewiſſer Waaren zu ſprechen, die fuͤr mich von großem Werthe ſind, weil ich mein Leben wagte, um in den Beſitz derſelben zu gelangen.“ „Das iſt das einzige, was ich noch nicht auf eine Karte geſetzt habe,“ fiel Juan ein;„es muͤßte aber eine ſchoͤne Partie ſein.“ „Die Du aber wahrſcheinlich nie ſpielſt,“ entgegnete Bermudes.„Wenn Sie alles genau erfahren wollen,“ ſetzte er zu mir gewendet hinzu,„ſo werden Sie mich heute Abend zur Zeit des Gebetes bereit finden, Ihnen alles mit⸗ zutheilen; ich werde bei dem Ojo de agua ſein, wohin mich meine Geſchaͤfte rufen.“ Als der Abend kam, begab ich mich an die Stelle, welche jenen Namen fuͤhrte. Es war eine kleine Quelle, eine Viertelſtunde von der Hacienda, in hoͤchſt maleriſcher Gegend. Am Fuße eines niedrigen Hanges, welchen ein — Amphitheater kleiner Huͤgel begrenzte, fullte die Quelle ein bereits rundes Becken, an deſſen Oberflaͤche Waſſer⸗ pflanzen ihre glaͤnzenden breiten Blatter ausbreiteten. Am Hange ſtand eine Ceder und ihre untern Zweige benetzten das Moos, das an ihnen wucherte, in dem friſchen Naß. Mahagonibaͤume mit knorrigem Stamme, Sumachs, palos mulatos mit abgeblatterter Rinde erhoben ſich in dichten Gruppen uͤber der Ceder. An der entgegengeſetzten Seite bildete eine Lichtung von etwa dreißig Schritten im Durch⸗ meſſer einen freien Platz. Hier erwartete mich der meri⸗ caniſche Jäger. Er lag im Mooſe ausgeſtreckt im Schat⸗ ten am Eingange einer der Gange, die auf die Lichtung führten. Neben ihm lag ſeine blau angelaufene Buͤchſe. Ich wuͤnſchte Bermudes Gluͤck, zu unſerer Zuſammenkunft eine Stelle gewaͤhlt zu haben, deren wilde Schoͤnheit der Erzählung ſeiner Abenteuer neuen Reiz gewaͤhren muͤßte. „Es freut mich,“antwortete er mit einem Lächeln, deſſen Ironie ich anfangs nicht ganz verſtand,„daß der Ort Ih⸗ nen gefaͤllt, Sie werden aber binnen kurzem ſehen, daß er noch beſſer gewählt iſt als Sie jetzt glauben.“ Ich hatte den eanadiſchen Jager nicht vergeſſen und fragte, was aus ihm geworden waͤre. „Sie werden ihn ſogleich ſehen,“ antwortete Bermudes; „er beſchäͤftiget ſich mit einigen Vorrichtungen fuͤr unſer Beiſammenſein heute Abend.“ Wirklich erſchien der canadiſche Rieſe bald, der in der einen Hand eine Buͤchſe trug, mit der andern ein Fuͤllen nachzog, das ſehr bedeutend hinkte und durchaus nicht fol⸗ gen wollte. 17* 260 „Nun, Dupont(ich erkannte dieſen franzoͤſiſchen Namen mit Muͤhe und Noth unter der mexicaniſchen Ausſprache deſſelben), ſind die Feuer um die Noria her in Ordnung?“ fragte Bermudes. Der Canadier bejahete dies und nachdem er das Fuͤl⸗ len mit einem langen ſtarken Stricke an den Stamm der Ceder gebunden hatte, welche ſich uͤber die Quelle neigte, ſtreckte er ſich neben uns im Graſe aus. Ich wußte nicht, was man mit dem Fuͤllen beabſichtigte und was die Feuer um die Noria her bedeuten ſollten und als ich mich erkun⸗ digte, antwortete Mataſiete, es geſchehe, um die wilden Thiere zu verſcheuchen. Ich verlangte eine beſtimmtere Antwort und der Jäger fing an zu lachen. „Sie errathen es wirklich nicht?“ fragte er. Wein.“ „Nun, caramba! Sie ſind mit uns auf dem Anſtande gegen den Tiger, der Don Ramon aͤngſtiget.“ „Auf dem Tiger⸗Anſtand?“ wiederholte ich.„Sie ſcherzen.“ „Gewiß nicht und ich werde es Ihnen beweiſen, daß es ſo iſt.“ Nach dieſen Worten erhob ſich Mataſiete, forderte mich auf ihn zu begleiten und fuͤhrte mich an den Rand des Quellbeckens. Ich bemerkte da in dem feuchten Boden furchtbare Fußtapfen. „Dieſe Fährten ſind von vorgeſtern,“ ſagte der Jäger. „Der Tiger hat ſeit vierundzwanzig Stunden nicht getrun⸗ ken. Da es nun zwanzig Stunden weit kein Waſſer giebt außer in der Noria und an dieſer Quelle, ſo wird der Tiger unfehlbar heute Abend hierher kommen, weil ihn auf der einen Seite die Feuer erſchrecken und auf der andern der Durſt und das Fuͤllen hier ihn anlocken.“ Dagegen ließ ſich durchaus nichts ſagen und ich war, wie er ſchien, plotzlich in einen Tigerjager verwandelt ohne irgend eine Waffe bei mir zu haben. Ich ſetzte mich wie⸗ der auf dem Mooſe nieder und fragte mich einen Augenblick, ob nicht irgend eine gebieteriſche Nothwendigkeit meine Anweſenheit in der Hacienda erfordere; aber die Eitelkeit trug den Sieg davon und ich blieb, ob mir es gleich ſelt⸗ ſam genug vorkam, als Dilettant Tiger zu jagen und gar keine Waffe dazu zu haben. Die beiden Genoſſen machten es ſich unter einem Baume ſo bequem, als verließen ſie ſich ihrer Sicherheit wegen ganz und gar auf mich. Der Canadier ſtreckte gemaͤchlich ſeine kraftigen Glieder auf dem Raſen aus und ich bewunderte unwillkuͤrlich dieſen Letzten einer erloͤſchenden Abenteurer⸗ art in ſeiner heroiſchen Nachläͤſſigkeit. „Setzen Sie ſich zu mir,“ ſagte Bermudes;„ich will Ihnen erzählen was mir ſeit dem Abende begegnet iſt als Sie uns gaſtlich an Ihrem Lagerfeuer aufnahmen. Wir ha⸗ ben Zeit vor uns, denn die wilden Thiere erwachen erſt wenn der Menſch ſchlaͤft; die Finſterniß verdoppelt ihre Staͤrke und ihre Wildheit. Es iſt kaum ſieben Uhr und vor elf Uhr werden wir ſchwerlich den Beſuch des Jaguars zu erwarten haben.“ Ich hatte alſo vier Stunden in einer Erwartung hin⸗ zubringen, die zwar beſchwerlich war, aber doch die Neu⸗ gierde nicht ganz unterdruckte, welche der mericaniſche Jager und deſſen Gefährte in mir geweckt hatten. Die Er⸗ zählung des Bermudes mußte mir eine Epiſode aus dem Kampfe der Grenzbewohner mit den Indianerhorden bie⸗ ten, aus dem unablaͤſſigen Kampfe, in welchem ſie bald angreifen, bald angegriffen werden und, ohne es zu ahnen, den endlichen Sieg der Civiliſation vorbereiten. Es wurde um die Menſchen an den Grenzen der Einoͤde bald geſche⸗ hen ſein, wenn die Vorſehung nicht bisweilen jene furcht⸗ baren Buͤchſen- und Meſſerbruͤder unter ihnen er⸗ ſtehen ließe, welche den Schrecken des Namens der Wei⸗ ßen bis in die Hütte des Wilden tragen. Zwei Abenteue⸗ rer dieſer Art hatte der Zufall mir zwei Mal entgegenge⸗ fuͤhrt. War das Geluͤbde Matafietes geloͤſet worden? Durch welches Wunder von Liſt und Kuͤhnheit war es moͤg⸗ lich geworden? Die Erzaͤhlung des Jägers ſollte mir ies offenbaren und zwar unter ſeltſamen Umſtänden, denn der rauhe Mann hatte, gleichſam als maleriſche Zugabe, die Wirklichkeit einer gegenwaͤrtigen Gefahr der Erinnerung an ſeine überſtandenen Gefahren hinzugefuͤgt. Ich war gekommen um zu hoͤren und jeden Augenblick konnte an die Stelle des Erzählens das Handeln treten muͤſſen. „Nachdem wir von Ihnen Abſchied genommen hatten,“ begann der Jaͤger,„brachten wir zwei Tage zu, die Spuren der Apachen aufzufinden, denen wir dann aber leicht folg⸗ ten trotz der tauſend Umwege; ich fand ſogar unter den zahlreichen Spuren, die unſere Nachſuchung erleichterten, die meines Pferdes. Eine aufmerkſamere Beſichtigung ſagte mir, daß das arme Thier unter einer Laſt hinke, die wahrſcheinlich fuͤr ſeine Kraͤfte zu groß ſei. Das machte mich noch zorniger. Bald vermiſchten ſich zahlreiche Fuß⸗ ſpuren von Pferden und Maulthieren mit denen meines eigenen Pferdes, woraus wir ſchloſſen, daß neue Raͤube⸗ reien begangen worden. Am Ufer eines der Arme des Rio Grande endlich verloren wir ploͤtzlich die Spur der Fluͤchtigen. Es war dies am dritten Tage nach unſerm Zuſammentreffen. Wie wir auch mehrmals an dem Fluſſe hinauf und hinunter und uͤberall ſuchten, der Kies, welcher die Ufer eine lange Strecke weit bedeckte, hatte keine Spur von den Indianern zuruͤckgelaſſen. Der Abend uͤberfiel uns nicht weit von dem Fluſſe und wir waren ſehr ermuͤdet. Der Canadier hatte Wache zu halten und ich ſchlief feſt, als mein Camerad mich weckte. „Was giebt's?“ fragte ich.„Haſt Du endlich etwas eneckt?“ „Sieh,“ ſagte er, nach ſeiner Gewohnheit im Walde ſo wenig als moͤglich zu reden. Ich rieb mir die Augen und bemerkte hinter uns einen rothen Schein am Horizonte. „Man brennt das Gras an einem Huͤgel ab,“ ſagte ich. „Du ſchlaͤfſt noch,“ entgegnete mein Gefaͤhrte. Ich rieb mir die Augen noch einmal und erkannte da, daß der Schein in der Ferne nicht durch eine Flammen⸗ maſſe hervorgebracht ſein konnte, ſondern durch mehrere Feuer dicht neben einander. Auch war der Rauch nicht ſchwarz wie der von gruͤnem Graſe, das unter duͤrrem mit verbrennt; er ſtieg in ſchmalen Säulen zum Himmel em⸗ por. Die Flammen wurden endlich unten von einem Guͤr⸗ tel von Duͤnſten umgeben, die ſich weit in die Ebene hinzo⸗ gen. Dieſer Nebel bezeichnete den krummen Lauf des Fluſſes und die Indianer mußten ihr Lager auf einer der Inſeln aufgeſchlagen haben, die er umſchließt. Mein Camerad hatte Recht.“ „Vorwaͤrts!“ ſagte ich zu ihm. „Vorwaͤrts!“ wiederholte der Canadier und wir kehr⸗ ten dahin zuruͤck, von wo wir gekommen waren, gingen aber behutſamer und vorſichtiger als bisher, denn das Land war offen und wir mußten fuͤrchten, daß die Indianer Wa⸗ chen ausgeſtellt hatten, ob ſie gleich in Vertrauen auf ihre Zahl keine Vorſicht zu brauchen ſchienen, um uns ihre Spur zu verbergen. Wir hatten uͤber zwanzig verſchie⸗ dene Fußtapfen hinter einander bemerkt. Jeder Indianer tritt, wie Sie wiſſen, immer gleichſam in die Fußtapfen des Vorangehenden und wir konnten die Zahl unſerer Feinde wohl zu dreißig annehmen. Zum Gluͤck gelangten wir ohne bemerkt zu werden an das Ufer des Fluſſes. Wir hatten uns in unſern Vermuthungen nicht getaͤuſcht. Auf einem von Baͤumen umgebenen Inſelchen waren hier und da Feuer angezuͤndet und wir konnten die rothen Koͤrper dieſer hungerigen Hunde erkennen, welche zwiſchen den Baͤumen im Feuerſcheine glänzten. So viel ich ſehen konnte, trugen alle am linken Handgelenke das Lederarm⸗ band*), welches den indianiſchen Krieger von den feigen *) Dieſes Armband und eine Art Daumenleder, welches die linke Hand umgiebt, ſind die Auszeichnungen der indianiſchen Krieger. Das erſtere mildert den Schlag der Bogenſenne, wenn ſie zuruͤckſchlaͤgt und das zweite ſchuͤtzt die Hand vor Ver⸗ letzung durch die Pfeile. Raben unterſcheidet, die man allein von Zeit zu Zeit in den Wildniſſen trifft. Ich hatte es alſo mit Gegnern zu thun, die meiner wuͤrdig waren.“ Bermudes machte hier eine Pauſe und wir hoͤrten das Schnarchen des Canadiers, welchen die Erzahlung des mericaniſchen Jaͤgers in tiefen Schlaf gelullt hatte. Das rauhe, phlegmatiſche Weſen dieſes Nordlaͤnders ſtach grell von dem des Suͤdlaͤnders ab, auf den alles leicht Eindruck machte und das mit vollgepruͤftem Muthe etwas wahrhaft Gascogneſches verband. „Zwanzig Mal,“ fuhr der Abenteurer fort,„legte ich meine Buͤchſe an, um dem unwiderſtehlichen Verlangen nachzugeben, einen dieſer rothen Teufel niederzuſchießen,⸗ aber zwanzig Mal druͤckte mir mein Gefaͤhrte das Rohr nieder. Ich willigte endlich ein, den Rath der Klugheit anzuhoͤren und vergaß meinen ungeduldigen Eifer, was mir freilich ſchwer genug wurde. Denken Sie daran, daß wir den Wilden ſeit ſiebzehn Tagen folgten und Sie werden einſehen, daß jetzt, als wir ſie erreicht hatten, von einem Zuruͤckweichen die Rede nicht ſein konnte. Nur der Augen⸗ blick des Angriffs war zu waͤhlen und die Klugheit rieth uns, vor dem Beginne der Feindſeligkeiten erſt die Oert⸗ lichkeit zu unterſuchen. Das thaten wir. Um uns her wa⸗ ren die Ufer, mit Ausnahme eines Kranzes von Weiden und Baumwollenbaͤumen, bald bewaldet, bald frei. Etwas weiter hin im Fluſſe lag, halb unter dem Mor⸗ gennebel verſteckt, eine andere kleine Inſel, etwa zwei Buͤchſenſchuͤſſe von der, auf welcher unſere Raͤuber lager⸗ ten. Die Spitzbuben hatten da einen Poſten gewaͤhlt, der nicht uͤberrumpelt werden konnte. Der Mond beſchien das Waſſer hell, welches ihre Inſel umgab, ſo daß man deut⸗ lich die kleinen ſchaͤumenden Wirbel ſehen konnte, welche die Stroͤmung an einigen großen Steinen bildete, die im Flußbette lagen; man erkannte ſogar die Blätter der Waſſerpflanzen. An dieſer Stelle mußte das Waſſer zu durchwaten ſein. Wir entfernten uns leiſe von dieſer Furt, welcher die Indianer wahrſcheinlich gefolgt waren und bei Tagesanbruche wieder folgten, wenn ſie die Inſel verließen. Wir verſteckten uns deshalb in einiger Ent⸗ fernung unter den Weiden. Hier berathſchlagten wir leiſe. Wir kannten die Ge⸗ wohnheiten der Indianer ſo gut, daß wir annehmen konn⸗ ten, ſie wurden dieſe Inſel gewählt haben, um einen Tag jagend da zuzubringen und zu dieſem Zwecke in kleinen Gruppen ſich zerſtreuen. Nur dieſer Umſtand, wenn er gegruͤndet war, konnte uns an's Ziel füͤhren. Da ich einige Minuten geſchlafen hatte, ſo forderte ich den Canadier auf, auch ein wenig zu ſchlafen und ich ſetzte mich neben ihm nieder. Er ſchnarchte bald wie in dieſem Augenblicke, wäͤhrend ich durch das dichte Gebuſch hindurch, das uns barg, den Feind fortwaͤhrend beobachtete. Der Fluß rauſchte leiſe und ich haͤtte, glaube ich, der Schlafluſt nachgegeben, wenn nicht die Stille der Nacht von Zeit zu Zeit durch das Geheul der Indianer unterbrochen worden wäre.— Ja, ja, ſagte ich, heult nur vor Freude, Halun⸗ ken, bis Euch unſere Buͤchſen lehren vor Schmerz zu heulen. — Endlich ſchienen ſie auch zu ſchlafen, denn ich ſah, wie ſie ſich an ihren Feuern niederlegten und hoͤrte dann nur noch das Murmeln des Fluſſes und das Rauſchen der Blaͤtter. Die Stunden vergingen ziemlich langſam. Bei Tagesanbruche mußte ſich unſer Geſchick entſcheiden. In dieſen Augenblicken ſchatzt man ſich wirklich glucklich, Herr Fremder, Niemanden zu hinterlaſſen. Ich konnte mich einer gewiſſen traurigen Ahnung nicht erwehren als ich das dumpfe Knarren der Baͤume und vas Geſchrei der Eule in dem großen Walde hoͤrte, der ſich hinter uns ausdehnte. Ich fing auch an in dem Nebel zu froͤſteln, der ſich uͤber mir verdichtete, als ich in dem erſten Lichtſchimmer des an⸗ brechenden Tages eine gewiſſe Bewegung auf der Inſel zu bemerken glaubte. Ich weckte meinen Cameraden, nachdem ich Gott, die heilige Jungfrau und die heiligen Seelen im Fegefeuer angerufen hatte mich zu beſchutzen und mir bei⸗ zuſtehen. Einige Raben begrußeten bereits den Anbruch des Morgens. Bald erkannten wir, daß das Waſſer bewegt wurde und ſahen dann in einem Boote erſt einen, dann zwei, dann drei Indianer, welche vorſichtig uͤber den Fluß ruder⸗ ten und ſich dem Ufer naherten, wo wir verſteckt lagen. Der Canadier druͤckte ſtark meinen Arm; wir ließen uns beide auf ein Knie nieder, nachdem wir friſches Pulver auf die Pfanne geſchuͤttet hatten, um ſogleich zu ſchießen, wenn der Zufall die Wilden zu uns fuͤhre und warteten in der ſchrecklichſten Spannung.“ In dieſem Augenblicke wurde Bermudes unterbrochen; das Fullen bäumte ſich plötzlich und in dem Gebuſch raſchelte es ſo unheimlich, daß ich wirklich zu zittern begann. ————— 268 „Haben Sie kein Geheul gehoͤrt?“ fragte ich Ber⸗ mudes. Der Jäger ſchuͤttelte lächelnd den Kopf. „Wenn Sie ein einziges Mal das Brullen des Tigers gehoͤrt haben werden,“ antwortete er,„ſo verwechſeln Sie es gewiß nie wieder mit dem Summen der Muͤcken. Nach einigen Stunden werden Sie in dieſem Stuͤcke ſo klug ſein wie ich.“ Es war falſcher Laͤrm und der Jager erzaͤhlte weiter: „Sie koͤnnen ſich denken, daß es um uns geſchehen war, ſobald wir entdeckt wurden, denn wir hatten dann alle dieſe Teufel auf einmal auf dem Halſe. Der Augen⸗ blick, als ſie an's Land ſtiegen, war alſo ein angſtvoller fuͤr uns. In den wenigen Minuten, in denen ſie ſich mit einander beriethen, hielten wir den Athem an. Glucklicher⸗ weiſe gingen ſie in entgegengeſetzter Richtung hin, an dem Fluſſe aufwarts. Ich hatte noch immer den verfluchten Sattel bei mir, den ich in einem Augenblicke der Erbit⸗ terung auf den Körper eines dieſer Raͤuber zu legen gelobt hatte. Ich verbarg ihn im Gebuͤſch und wir ſchlichen nun den Indianern nach. Der Indianer kroch trotz ſeiner Rieſengroͤße geſchickt und raſch wie eine Schlange und ich folgte ihm ſo gut ich konnte. Wir hatten ſo kaum hundert Ellen zuruͤckgelegt, als wir einen praͤchtigen Hirſch vor uns auftrieben, der nach unſern Feinden hinlief. Das Pfei⸗ fen der Senne eines Bogens zeigte uns an, daß er geſehen worden war und er kam zuruͤck, um etwa zwanzig Schritte von uns zuſammenzuſinken. Ihm folgte der Indianer, der ihn verwundet hatte. Der Hirſch wehrte ſich noch und warf ſeinen Gegner nieder. Ich ſah noch ſtaunend zu als der Canadier, den ich neben mir ſuchte, ſchon dicht bei dem Indianer war und ihn mit der einen Hand das Meſſer in die Bruſt ſtieß, waͤhrend er ihn mit der andern an der Kehle packte, ſo daß er nicht ſchreien konnte. Wir horchten mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit und hoͤrten die fernen Stimmen der Indianer, welche ihren Cameraden riefen. Der Canadier antwortete auf dieſen Ruf, indem er den Schrei des Jägers nachzuahmen ſuchte, welcher den Hirſch verfolgt. Ein zweiter Ruf aus noch groͤßerer Ferne deutete uns an, daß die beiden Indianer ihrem Freunde Gluͤck wuͤnſchten und dann hoͤrten wir nichts mehr von ihnen. Alles dies war in kurzerer Zeit geſche— hen als ich jetzt zum Erzaͤhlen brauchte und die Dämmerung wich noch nicht. Nur im Schutze dieſes Halbdunkels konn⸗ ten wir die beiden andern Apachen zu überfallen hoffen und wir mußten alſo eilen. Da wir uns von der Inſel entfernten, auf welcher die Indianer lagerten und wir nun zwei gegen zwei waren, ſo hatten wir weniger Vorſichts⸗ maßregeln zu brauchen und gingen ſchneller in der Richtung hin, in welcher wir die Stimme gehoͤrt hatten. So gelang⸗ ten wir an einen Bach, der ſich in den Fluß ergoß und an. ſeinem Ufer gingen wir eine Zeitlang ſchweigend hinauf. Der Jägerinſtinkt ſagte mir, daß die Hirſche fruh hier ihren Durſt loͤſchen muͤßten und verſelbe Inſtinkt mußte unſere Indianer geleitet haben, welche wahrſcheinlich einen Jagdausflug gemacht hatten. Wir hatten uns auch nicht getäuſcht, wie Sie finden werden. Es verlohnt ſich wohl 270 die Muͤhe, daß ich Ihnen ſage, was mir bemerkten; Sie werden daraus erkennen, wie pfiffig dieſe Menſchen ſind. Der Bach, an deſſen Ufer wir hingingen, bildete an ſeiner Quelle einen kleinen Teich in einer Lichtung, die von Gebuͤſch und dicht ſtehenden Baͤumen umgeben war. Wir hatten uns dieſem geſchuͤtzten Platze ſo vorſichtig genaͤhert, das Geraͤuſch unſerer Tritte glich ſo ganz dem Raſcheln der Zweige, welche der Wind bewegt, daß zwei ſehr große Hirſche, welche ganz in der Naͤhe ſtanden, keinen Verdacht witterten. Wir bemerkten bald auch zwei andere Hirſche, welche in einiger Entfernung von den erſtern ſtanden und ſich neugierig umſahen, wenn auch mit einigem Mißtrauen, denn bald gingen ſie einen Schritt vor, bald zwei Schritte zuruͤck. Obgleich in der Morgendaͤmmerung die Gegen⸗ ſtaͤnde noch nicht deutlich zu erkennen waren, ſo konnten wir doch eine ſeltſame Verſchiedenheit zwiſchen dieſen bei⸗ den Hirſchpaaren bemerken. Bei den erſtern waren die ſtieren Augen ſo wie etwas Haſtiges und Plotzliches in den Bewegungen eben ſo viele Zeichen, welche die Verwunde⸗ rung und die Furcht der zweiten rechtfertigten. Gleichwohl ſchien die Neugierde den Sieg uͤber die Furcht davon zu tragen und ſie wagten endlich ſchuͤchtern einen Schritt nach der Mitte der Lichtung hin zu thun. Da wichen die beiden Hirſche, welche wir zuerſt geſehen hatten, ein wenig zuruck. Dieſe Bewegung brachte ſie naͤher an uns heran, ſo daß wir ſie erreichen konnten. Wir ſtanden, das Meſſer zwi⸗ ſchen den Zähnen, unbeweglich. Mit einemmale knackte das Gebuͤſch, das uns umgab, denn die ſtarke Hand des Canadiers hatte einen dieſer Hirſche ergriffen; das Thier 271 oder vielmehr der verkleidete Indianer*) ſtieß den letzten Schrei aus, als ich mich auf den Ruͤcken des zweiten ſchwang und ausrief:„Warte, Hund, ich reite Dich ohne Sattel.“ Ich drückte ihn mit meinen Schenkeln zuſammen und hob das Meſſer, aber er wich mit verzweiflungsvoller Anſtren⸗ gung dem Stoße aus, wapf den erborgten Kopf weit von ſich und machte ſich unter mir los. Vergebens erfaßte ich ihn am Beine; ein Stoß warf mich ſo gewaltig nieder, daß ich, als ich mich aufrichtete, mich umſah, ob nicht das Bein in meiner Hand geblieben ſei, denn ich konnte es gar nicht glauben, daß der Indianer meinem feſten Griffe ſo leicht ſollte entkommen ſein. Mit einem Sprunge aber war er mir entkommen. Ich verfolgte ihn mit der Buͤchſe in der Hand, aber der Teufel lief wie ein verſcheuchter Hirſch und ich erkannte bald, daß ich ihn nicht wurde errei⸗ chen koͤnnen. Doch legte ich das Gewehr wuͤthend an, druͤckte ab und der Indianer ruhrte ſich nicht wieder. Ein Echo ſandte dem andern den Knall des Schuſſes in der all⸗ gemeinen Stille zu. Was haſt Du gethan? rief der Canadier aus.„Das ganze Lager wird aufmerkſam geworden ſein. Der Hund haͤtte ſeinen Cameraden doch auch alles er⸗ zählt und es iſt immer beſſer, meine Buͤchſe iſt ihm zuvor gekommen. Alles Reden war vergeblich; der Canadier antwortete *) Unter ſolcher Verkleidung lauern die Indianer den Hir⸗ ſchen auf und können die ſchönſten, an die ſie ſich ſo hinange⸗ ſchlichen haben, als Opfer auswählen. nicht und ging zu dem Indianer, den ich niedergeſchoſſen hatte, um zu ſehen, ob er wirklich todt ſei, wovon er ſich denn auch leicht uberzeugte. Jetzt muſſen wir daruber nachdenken, wie wir uns aus der ſchlimmen Lage befreien, ſagte er; drei wenigſtens thun uns keinen Schaden mehr. Kennſt Du das Sprich⸗ wort: ein todter Hund.. Er ſchwieg.. Seit langer Zeit hatte er nicht ſo viele Worte auf einmal geſprochen; aber das war ſein Sieges⸗ lied. Wir berathſchlagten dann zum zweiten Male und famen uͤberein uns womoglich bis gegen Abend verſteckt zu halten, um dann in der Nacht der Spur der Indianer zu folgen. Nur das Verſteck blieb noch zu waͤhlen. Der Wald bot uns allerdings ein ziemlich ſicheres Aſyl, aber wenn die Apachen uns da entdeckten, konnten ſie uns von allen Seiten umringen, wenn ſie nicht gar vorzogen, den Wald in Brand zu ſtecken und uns darin zu verbrennen. Als wir noch berathſchlagten, erhob ſich von allen Seiten ein furchterliches Geheul, gegen welches das Bruͤllen, das Sie dieſen Abend hoͤren werden, nur Muͤckengeſumme iſt. Mein Schuß hatte die Indianer ſonach wirklich aufgeſchteckt und die Spuͤrhunde hatten unſere Fußtapfen ausfindig ge⸗ macht, die wir nicht zu verheimlichen geſucht. So viel Muth ich auch beſaß, ſo erſtarrte doch bei dieſer Hollenmu⸗ ſik das Blut in meinen Adern. Zu zögern war nicht mehr. Die Stimmen unſerer Feinde zeigten uns an, daß ſie noch ſo weit von dem Fluſſe entfernt waren, daß wir wohl das ufer erreichen konnten ohne geſehen zu werden. Wir flogen mehr als wir gingen und hofften das Boot der Indianer, die wir getoͤdtet hatten, noch an der Stelle zu finden, wo es von ihnen angebunden worden war. Nach einigen Augenblicken verdoppelte ſich das Geſchrei; die Indianer hatten wahrſcheinlich den Sattel entdeckt, den ich im Gebuͤſch verſteckt hatte; dann hoͤrte jeder Laͤrm auf und an die Stelle deſſelben trat eine Stille, die noch viel grauenhaf⸗ ter war als das wilde Geſchrei vorher. Nur Trauergeheul unterbrach drei Mal dieſe Stille; drei Mal hatten die In⸗ dianer einen todten Krieger gefunden. Gott wollte nicht, daß unſere Hoffnung uns taͤuſche. Das Boot lag noch an derſelben Stelle und zwar neben einem weit groͤßern, in welchem wahrſcheinlich die zweite Abtheilung der Indianer heruͤbergekommen war. Dieſes war indeß zu ſchwer, als daß wir beide es gehoͤrig haͤtten benutzen koͤnnen. Schon waren wir in das kleine geſtiegen und ſuchten das große mit uns fortzuziehen, um unſern Feinden die Verfolgung unmoͤglich zu machen, als neues Geheul uns anzeigte, daß wir entdeckt waäͤren. Ein Hagel von Pfeilen fiel um uns nieder und ohne weiter zu zoͤgern, ruderten wir mit aller Kraft, um das zweite Inſelchen zu erreichen, das ich erwaͤhnt habe und das allein uns eine Zuflucht gewaͤhren konnte. Wir hatten einen bedeutenden Vorſprung vor unſern Feinden und der Arm des Fluſſes war ſo breit, daß wir von den Pfeilen nicht viel zu furchten hatten. Unſer Boot flog unter dem kraͤftigen Ruderſchlage des Canadiers raſch dahin. Ach, ſagte er mit Bedauern zu mir, wenn Du gleich mir rudern koͤnnteſt, wurde ich dieſe Spitzbuben zu einer Waſſerpromenade reizen, die ih⸗ nen alle ihre Krieger nacheinander koſten ſollte, aber wie Amerik. Reiſenovellen. 18 5 ———,————————— 274 Du ruderſt, wuͤrden ſie uns bald einholen.— Wir waren nicht weit mehr von der Inſel, als unſere Feinde in ihr Boot ſprangen und uns nachruderten. Der Canadier ruhete einen Augenblick aus und ſagte zu mir: Verhalte Dich einmal ruhig hier, ich kann dem Wun⸗ ſche nicht widerſtehen, den hungerigen Hunden eine Ku⸗ gel zuzuſchicken. Ich nahm das Ruder, der Canadier zielte auf die Gruppe, druͤckte ab und einer der wilden Ruderer fiel uͤber Bord, ſo daß er das Fahrzeug beinahe zum Umſchla⸗ gen gebracht haͤtte. Ich will es nicht zu beſchreiben ſuchen, in welche Wuth unſere Feinde geriethen, die ihrerſeits aufhoͤrten zu rudern und uns von neuem ihre unſchaͤdlichen Pfeile zuſandten. Einige weitere Ruderſchlaͤge brachten uns an das Ufer; wir ſtiegen an das Land, nahmen das kleine Boot auf den Schultern mit uns und traten in das Dickicht hinein, welches die Inſel bedeckte. Hier verſteck⸗ ten wir das Boot, dann ſuchten wir eine Stelle, wo wir uns vertheidigen koͤnnten, ohne daß die Feinde uns zu um⸗ ringen vermoͤchten. In der Naͤhe des Ufers, wo wir ge⸗ landet waren, ſtieg ein kleiner Berg, auf deſſen Gipfel große Baume ſtanden, ſteil, nach der Inſel zu in ſanftem Hang empor. Dieſen Poſten wählten wir. Das Rudergeraͤuſch ſchien ſich uns indeß nicht zu naͤ⸗ hern; ich vermuthete eine Liſt und ſah vorſichtig hinter einem dicken Mahagonibaume hervor, der ſich etwas nach dem Fluſſe zu neigte. Das Boot legte wirklich nicht da an, wo wir ans Land geſtiegen waren, ſondern glitt an der Inſel hin, um um dieſelbe herumzufahren. Die Spitzbuben wollten ſich alſo jedenfalls vor unſern Buͤchſen ſichern, und in großer Entfernung landen, damit wir ſie nicht daran hindern koͤnnten und ſich dann an uns heranſchleichen. Zum Gluͤck ſicherte uns unſere Stellung auf der An⸗ hoͤhe vor einem Handſtreiche von Hinten und erleichterte auch den Angriff von vorn aus nicht ſehr. Nachdem die Indianer ans Land gegangen waren, herrſchte einige Au⸗ genblicke die tiefſte Stille. Wir hatten nur noch unſere Seelen Gott zu empfehlen und unſer Leben ſo theuer als moglich zu verkaufen. Unſere Pulverhoͤrner waren gefuͤllt und unſere Kugeltaſchen voll; auch hatten wir ſo viel pinole und cecina bei uns, um eine Belagerung von vier und zwanzig Stunden aushalten zu koͤnnen und uberdies floßte ich meinem Gefaͤhrten ein unerſchuͤtterliches Vertrauen ein, wie ich, was ich gern geſtehe, mit Recht auch ganz auf ihn rechnete. Nach einigen Minuten, die uns in unſerer Lage wohl lang vorkommen durften, erſchienen endlich ein Dutzend dieſer Schakale an dem Waldſaume, in einer Entfernung von etwa einer Buͤchſenſchußweite. Sie ſahen mit ihren roth und gelb bemalten Geſichtern, ihrem langen gefloch⸗ tenen Haar und den Riemen, die ſie um ihre Arme und Beine gebunden hatten, wie Teufel aus. Ein großer Kerl beſonders befand ſich unter ihnen, der mir gleich von An⸗ fange an ſehr widerwaͤrtig war. Sie blieben alle gleich⸗ zeitig ſtehen und ſchienen Rath zu halten, worauf der große Teufel einige Schritte vortrat und uns gebieteriſch winkte, zu ihnen zu kommen. „Soll ich ſchießen?“ fragte ich den Canadier. ——— 276 „Noch nicht,“ antwortete er mir;„ſie ſind noch zu weit und in unſerer Lage muß jede Kugel treffen.“ „Gut, ſo warte ich noch,“ erwiederte ich. Eine neue Aufforderung von ihrer Seite hatte keinen beſſern Erfolg als die erſte; ſie kamen deshalb naͤher und der Canadier ſchoß; ein Apache fiel und eine Minute ſpaͤ⸗ ter folgte ihm ein anderer, den ich traf, als ich auf den großen Indianer zielte. Unſere Feinde warfen ſich da auf den Bauch nieder, es erhob ſich eine gewaltige Staubwolke und wir ſahen gar nichts mehr; nur einige Pfeile pfiffen uns um die Ohren, waͤhrend andere uns in die Beine tra⸗ fen. Wir gaben zum zweiten Male Feuer und mit Erfolg, ſo viel ſich wenigſtens nach dem Geheul urtheilen ließ, das unſern Schuͤſſen folgte. Fortwaͤhrend neu aufgeruͤhrter Staub entzog uns die Indianer und als er ſich verzog, ſtie⸗ gen ein Dutzend dieſer wuͤthenden Teufel an dem Huͤgel herauf, auf dem wir uns verſchanzt hatten. Ihre entſetz⸗ lichen beſchmierten Geſichter waren jetzt ganz nahe an den unſrigen und wir fuͤhlten auf unſerer Stirn ihren warmen Athem. Der Canadier ſchoß einen dicht vor ſich nieder, worauf er einem andern den Schädel mit dem Flintenkol⸗ ben zerſchlug; mit einem Male aber ſah ich meinen Ge⸗ fahrten mit drei Indianern den Berg hinunterrollen, waͤh⸗ rend er mir mit erſtickter Stimme zurief: „Feuer! Feuer! Wenn Du mich auch mit erſchießeſt.“ Ich hatte ſchon zu thun genug, um die fuͤnf andern durch meine Buͤchſe in der gehoͤrigen Entfernung zu halten und einen Augenblick fühlte ich die furchterlichſte Angſt bei dem Anblicke dieſer Schlangen, welche ſich um den Cana⸗ dier geſchlungen hatten, der, allein gegen drei, vergebens ſein Meſſer zu faſſen verſuchte, ſie einen Augenblick mit Rieſenſtärke emporhob und dann von neuem ſchwer mit ihnen niederfiel. Bald zerſchmetterte der Kopf des einen der drei Indianer dumpf an einem Steine und ein anderer ließ los; auf den dritten ſtuͤrzte ich mich mit dem Meſſer in der Hand, aber ein furchtbarer Keulenſchlag entriß mir einen Schmerzensſchrei und warf mir das Meſſer aus der Hand. Ich kehrte mich um und ſah mich dem großen Apa⸗ chen gegenuͤber, der mir gleich von vorn herein mißfallen hatte. Vor der Buͤchſe, die ich wie eine Keule ſchwang, wich der Indianer zuruͤck und ich konnte, nachdem ich das Meſſer wieder aufgehoben hatte, bis auf den Gipfel des Huͤgels zuruͤckkehren, um Raum zu gewinnen und Feuer zu geben. Mein Feind, der ſich unterdeß von ſeiner Ueber⸗ raſchung erholt hatte, kam auf mich zu und ehe ich auswei⸗ chen konnte, ſiel mir ſeine Keule auf den Kopf. Ich ver⸗ lor das Gleichgewicht und ſank bewußtlos nieder. Aus die⸗ ſer Erſtarrung riß mich ein Gefuͤhl ungewoͤhnlicher Friſche; ich war in den Fluß gerollt, der unten an dem Huͤgel hin⸗ floß.“ Hier veranlaßte mich das Aechzen des Fuͤllen den Er⸗ zähler von neuem zu unterbrechen, obgleich ſeine Geſchichte mich ſehr zu intereſſiren anfing. „Sind es auch wieder Muͤcken, welche das arme Thier zu dieſem aͤngſtlichen Aechzen treiben?“ „Vielleicht nicht,“ antwortete Bermudes;„wir wollen horchen.“ „Sehen Sie da unten,“ ſagte ich und zeigte auf eine junge Pappel, deren Wipfel uber die gruͤne Woͤlbung auf den benachbarten Hoͤhen hinausragte;„ unmoͤglich kann der Wind den Baum bewegen, da doch die andern ganz ruhig ſind.“ Der Jäger horchte. Die Pappel bewegte noch immer unregelmuͤßig ihren vom Mond beſchienenen Wipfel und es war leicht genug unter dem Raſcheln ihrer Blaͤtter das Reiben eines Körpers an dem Stamme zu unterſcheiden. Es konnte ein wilder Stier ſein, aber eigenthumliche Zei⸗ chen ließen mir keinen Zweifel uͤbrig. Ein dem Katzen⸗ geſchlechte eigenes dumpfes Knurren, dann der Ton von ſcharfen Krallen an der Baumrinde ließen ſich nicht ver⸗ kennen. „Es iſt der Jaguar,“ ſagte Mataſiete. „Soll ich den Canadier wecken 2 fragte ich. „Noch nicht. In dieſem Augenblicke trotzt das Thier noch auf ſeinen Muth, aber ſeine Stunde iſt gekommen und bald wird es ſich mehr fuͤrchten als wir.“ Die Sache ließ ſich nicht beſtreiten, aber mein Geſicht mußte einen hohen Grad von Ruhe ausdruͤcken, denn der Jaͤger bemerkte: „Sie wurden doch Unrecht thun, wenn Sie die Jaguar⸗ jagd für ganz gefahrlos hielten. Sie werden ſich bald uͤberzeugen, wie viel wilder dieſer geworden iſt, wenn er noch eine Stunde gedürſtet hat. Ich habe mehrmals einen unerſchrockenen Mann bei dem entſetzlichen Brullen dieſer Thiere erbleichen ſehen. Haben Sie ſchon den Tiger gejagt?“ „Es iſt das erſte Mal, wenn Sie dies Tigerjagd nennen,“ antwortete ich, indem ich auf meine waffenloſe Haͤnde zeigte,„und ich habe gute Gruͤnde, ſie auch fuͤr die letzte zu halten.“ 2 „Wenn der rechte Augenblick kommt,“ ſagte der Jäger, „werde ich an Sie denken und Ihnen eine ſichere Waffe geben, die in meinen Haͤnden ihren Zweck nie verfehlt hat. Sie ſollen zufrieden ſein.“ Nach dieſem Verſprechen athmete ich wieder freier und auf den Wunſch des Jäͤgers horte ich ihn weiter erzahlen: „Was mich verderben ſollte, rettete mich,“ fuhr er fort;„die Friſche des Waſſers gab mir den Gebrauch meiner Sinne wieder, die mich faſt verlaſſen hatten. Als ich nach einigen Augenblicken wieder an die Oberfläche em⸗ por kam, konnte ich meinen erbitterten Feind ſehen, der mit roher Luſt mich beobachtete, mit der einen Hand die Keule ſchwang, die mich betäubt hatte und mit der andern mein Meſſer, das mir entfallen war. Als er ſah, daß ich mit aller Kraft nach dem Lande zu ſchwamm, um wieder zu meinem Cameraden zu gelangen, ſtieß er ein wuͤthen⸗ des Geheul aus und ftuͤrzte auf mich zu. Ich verdoppelte meine Anſtrengung, um mich zu entfernen, aber der In⸗ dianer ſchwamm ſchneller als ich, da ich durch den Blut⸗ verluſt geſchwaͤcht war. Von Zeit zu Zeit ſah ich mich aber um, damit ich erkenne, wie weit er noch von mir ſei und jedesmal glaͤnzte in ſeinem bemalten, haͤßlichen Ge⸗ ſichte und zwiſchen zwei Reihen ſcharfer Zaͤhne das Meſſer, das mich treffen ſollte, näher an mir. In dieſem Augen⸗ blicke warf ich einen verzweiflungsvollen Blick nach dem ufer, das vor mir zu fliehen ſchien. Mein armer Came⸗ rad, der ſich zwar von ſeinen Gegnern frei gemacht hatte, befand ſich in der gefährlichſten Lage. Nur ſeine Buchſe, von der er einen ſo fuͤrchterlichen Gebrauch gemacht hatte und die er angelegt hielt, bannte die Apachen von ihm, die wie Hunde heulten, welche einen Stier packen moͤchten. Ich hatte die Kraft nicht mehr, einen Nothſchrei zu unter⸗ druͤcken. „Ach, bei dem Leben Deiner Mutter, willſt Du mich vor Deinen Augen ermorden laſſen?“ Der Canadier drehete ſich raſch herum, ohne die Buchſe abzuſetzen. Bei dem Anblicke des Indianers, der bereits den Arm ausſtreckte, um mich zu faſſen, ſiegte ſein Mit⸗ leiden uͤber die Sorge für ſeine eigene Sicherheit, er dre⸗ hete ſich um und zielte eine Secunde lang. Der Schuß fnallte, ich horte die Kugel pfeifen und das Waſſer faͤrbte ſich roth neben mir. Der toͤdlich verwundete Indianer verdrehete die Augen furchterlich und in dem Augenblicke, als er zum letzten Male die Glieder zuckte, entriß ich ihm das Meſſer, um es ihm zwei Mal in den Hals zu ſtoßen. Dann ſah ich mich nach meinem braven Cameraden um; er war verſchwunden. Aber,“ ſetzte Bermudes hinzu, „er ſelbſt wird Ihnen beſſer erzaͤhlen konnen, was in die⸗ ſem Augenblicke geſchah.“ „Das iſt ſehr einfach,“ ſagte der Canadier, der ſeit kurzem erwacht war.„Nachdem ich mein Gewehr abge— ſchoſſen und meinem Cameraden dieſen kleinen Dienſt gelei⸗ ſtet hatte, glaubte ich, daß er ſich bemuͤhen wuͤrde zu mir zu gelangen. Ich benutzte alſo das Staunen der India⸗ ner uͤber den Tod ihres Haͤuptlings und da ich mein Gewehr nicht wieder laden konnte, ſchlug ich mit demſelben um mich herum, unter die Halunken hinein, die mich umringten und von dem Dutzend, welche uns angegriffen hatten, noch allein ubrig waren. Ich war bereits außer dem Bereiche ihrer Pfeile, ehe ſie ſich von ihrem Staunen erholten. Da wendete ich mich ruͤckwaͤrts nach dem Fluſſe zu. Sie wer⸗ den wiſſen, daß es nicht unmoͤglich iſt, einen Pfeil mit der Hand zu pariren. Die Spitze geht gerade auf das Ziel los, aber das andere Ende, das mit Federn verſehen iſt, dreht ſich ſo, daß es in der Luft einen weißen glaͤnzenden Kreis beſchreibt. Man kann ſich alſo buͤcken, um dem Pfeile zu entgehen oder ihn ſelbſt mit der Hand bei Seite ſchlagen. So gelangte ich an die Stelle, wo mein Camerad ans Land ſtieg. Ich war nur leicht an drei oder vier Stellen ver⸗ wundet.. Die Baͤume hatten meinen Ruͤckzug gedeckt.. Jetzt wird Ihnen Bermudes das Letzte erzaͤhlen,“ ſetzte der ehrliche Canadier hinzu, den es zu verdrießen ſchien, daß er ſo viele Worte geſprochen hatte. „Als uns die Indianer von neuem vereiniget ſahen,“ fuhr Bermudes fort,„erſchoben ſie ihre Rache auf eine gelegenere Zeit, da ſie durch den Verluſt ihrer Gefaͤhrten entmuthiget waren.. Wenn das Gluͤck ihnen nicht guͤnſtig iſt, halten ſie es keineswegs fuͤr eine Schande zu entfliehen, ſelbſt vor einem der Zahl nach ſchwaͤchern Feinde. Ich war der Meinung ſie bis an ihr Lager zu verfolgen und auch die Krieger noch zu bekaͤmpfen, die wahrſcheinlich als Reſer⸗ vecorps, vielleicht zwoͤlf Mann ſtark, bei ihrer Beute ge⸗ blieben waren; aber mein Freund theilte dieſe Anſicht nicht. Er meinte, die Spitzbuben duͤrſteten zu ſehr nach unſerm Blute, als daß ſie nicht in großerer Anzahl zuruck⸗ tommen ſollten, wir hätten hier eine gute Stellung und ein Boot bei der Hand und wir koͤnnten immer in demſelben zu ihnen hinfahren, wenn ſie uns nicht aufſuchten. Da ich von dem Schlage, den ich erhalten hatte, noch halb betaͤubt war und das Blut reichlich aus meinen Wunden floß, ſo gab ich meinen erſten Plan bereitwillig auf. Wir ließen deshalb die Indianer an der Stelle das Boot betreten, wo ſie ans Land gegangen waren und dachten an weiter nichts als auszuruhen und unſere Wunden zu verbinden. Wir unterſuchten unſere Lebensmittel und fanden noch einige Stücke trockenen Fleiſches; mein Pulver war freilich im Waſſer verdorben, aber in dem Horne meines Cameraden befand ſich noch genug. Wir hatten alſo eine Belagerung nicht zu fürchten. Wir hielten den ganzen Tag gute Wache und nichts ſchien einen neuen Angriff anzudeuten; dann kam der ſtille friedliche Nacht. Gleichwohl waren unſere Feinde nahe bei uns und es iſt immer ein ſchlechter Augenblick, wenn das Dunkel den Hinterhalt dieſer blutdurſtigen Soͤhne der Finſterniß verbirgt. Diesmal brannte kein Feuer. Die große Inſel ſchien ſo oͤde zu ſein wie am erſten Scho⸗ pfungstage und nur einige entwurzelte Bäume, die lang⸗ ſam auf dem Fluſſe herabſchwammen, ſtoͤrten die Stille. Dieſe Unbeweglichkeit um uns her verkuͤndete uͤbrigens nichts Gutes; die Indianer rechneten ohne Zweifel auf das Gelingen einer Liſt, um uns den Garaus zu machen. Wir nahmen uns endlich vor, uns von ihren Abſichten zu überzeugen. Wir brachten mit der äußerſten Vorſicht unſer Boot in den Fluß und fuhren nach der Inſel zu. Dieſelbe 283 Stille und Unbeweglichkeit. Wir waren beide die alleini⸗ gen lebendigen Weſen auf dieſem Waſſer. Was bedeutet dies? fragte ich den Canadier. Daß die Wilden warten bis der Mond untergeht, um uns anzugreifen und irgend einen teufliſchen Plan auszu⸗ führen, den ich jetzt nicht errathe. Wir horchten von neuem, um wo moͤglich einen Ton zu erkennen oder irgend ein Geraͤuſch. Mit großer Auf⸗ merkſamkeit und Geduld glaubten wir endlich ein Waſſer⸗ ſchlagen zu erkennen, das minder regelmaͤßig und etwas ſtaͤrker war als das Anſchlagen des Fluſſes an die Ufer; auch ſchien der Ton von den Ufern her und auf uns zuzukommen. Wir wollen auf unſern Poſten zuruͤcktehren, ſagte ich zu dem Canadier. Wir kehrten ſo vorſichtig als moͤglich zu unſerm Inſel⸗ chen zuruͤck und hoͤrten das verdaͤchtige Platſchern noch im⸗ mer. Wir horchten alſo von neuem mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit, weil wir uͤberzeugt waren, daß die Nacht nicht vergehen wuͤrde, ohne daß unſere Feinde einen neuen An⸗ griff verſuchten. Wenn wir Feuer anzuͤndeten, ſagte ich zu meinem Ge⸗ fahrten, wurden die Wilden ſehen, daß wir uns nicht ver⸗ ſtecken und wir entdeckten vielleicht auch die Schlinge, die ſie uns legen wollen. Mein Rath wurde angenommen und der Widerſchein der Flamme erhellte bald einen Theil des Fluſſes. Die Zeit verging indeß und meine Ungeduld erregte in mir eine Un⸗ behaglichkeit, die mir das Warten unertraͤglich machte. Wir beide, der Canadier und ich, hatten uns an einen und 284 denſelben Baumſtamm gelehnt, aber einer nach der, der andere nach jener Richtung hin, ſo daß wir jeden Zugang zu unſerer Stellung beobachten konnten. Mein Gefaͤhrte ſah nach dem Innern des Inſelchens, ich nach dem Lager der Indianer zu. Wir hatten uns den Tag über ſo ange⸗ ſtrengt, daß uns die Augen vor Muͤdigkeit zufallen wollten. Alles war ſtill um uns her, die Blaͤtter in der Luft, die Inſecten unter dem Thau, der Fluß unter dem Nebel und unwillkuͤrlich ſchloſſen ſich bisweilen auch meine Augen. Um mich wach zu erhalten, ſah ich den Baͤumen zu, welche auf dem Fluſſe herabſchwammen. Bald war es ein abge⸗ aſteter Stamm, dann ein Baum mit einem Theile, ſeiner Blätter wie eine ſchwimmende Laube; alle legten ſich ſtill an die Spitze des Inſelchens. Allmäͤlig verlor ich das Bewußtſein des wirklichen Lebens; mein Koͤrper ſchlief und nur die Augen blieben offen. Einmal war es mir, als ſchwimme die ganze Inſel herbei, auf welcher die In⸗ dianer ſich gelagert hatten. Anfangs ſchrieb ich das ſelt⸗ ſame Bild dem Schlafe zu und ſchuͤttelte mich, um ganz zu erwachen. Meine Augen, die aufmerkſam auf den Fluß gerichtet blieben, ſahen da deutlich eine dunkele compacte Maſſe, welche auf uns zuzukommen ſchien. Ich traͤumte alſo nicht; ein Haufen Staͤmme, Zweige und Blaͤtter ſchwamm auf dem Fluſſe herab.“ An dieſer Stelle wurde die Erzaͤhlung des Jägers noch einmal unterbrochen. „Horcht!“ ſagte er leiſe. Ich lauſchte und hoͤrte in der Ferne ein dumpfes Knurren. „Das iſt die erſte Anmeldung,“ ſagte der mexicaniſche Jaͤger zu mir und bald darauf ließ ſich ein zugleich klägli— ches und drohendes Bruͤllen horen. „Ich habe mich geirrt,“ ſagte Bermudes. „Wie ſo?“ fragte ich ihn. „Ich glaubte, es waͤre ein Tiger.“ „Nun?“ „Nun es ſind zwei.“ Diesmal weckte ich raſch den Canadier, der ſchon wie⸗ der ſchlief. „Zwei Tiger,“ ſagte ich ihm ins Ohr. „Zwei Tiger!“ wiederholte der Canadier gaͤhnend. „Der Teufel!. macht zwanzig Piaſter.“ Der phlegmatiſche Waldlaͤufer ſah in der Verdoppe⸗ lung der Gefahr nur eine Verdoppelung des Gewinnes, weiter nichts. „Schlaf ruhig,“ ſagte Bermudes zu dem Canadier, „die Thiere geben nur ihre getauſchte Erwartung und ihren Unwillen zu erkennen, da ſie ihren Trinkplatz beſetzt finden. Es iſt noch nicht ſo weit, daß der Hunger und beſonders der Durſt ſie treiben uns anzugreifen.“ „Sie bleiben alſo dabei, daß es zwei ſind?“ fragte ich den Jäger. „Ich koͤnnte mich nur in einer Art irren.“ „Daß es drei waͤren, nicht wahr?“ „Sind wir nicht auch drei? Aber nein. Wenn es nicht das Maͤnnchen mit dem Weibchen iſt, wird das eine Thier dem andern den Platz abtreten, denn zwei maͤnnliche Jaguars greifen nie mit einander an. Im Gegentheile 286 wird uns eine doppelte Ankuͤndigung aufmerkſam machen, denn Gott, welcher der gefaͤhrlichſten Schlange Klappern gegeben hat, damit ſie dem Menſchen ihre Ankunft melde, hat den wilden Thieren Augen gegeben, welche in der Nacht leuchten und bruͤllende Stimmen, die ſich vor dem Angriffe hoͤren laſſen.“ Dieſe Belehrung war nurzur Haͤlfte beruhigend, jeden⸗ falls aber war auch die Gefahr noch entfernt und der Augen⸗ blick, wie der Jäger geſagt hatte, noch nicht gekommen, in welchem der Durſt die unwillkuͤrliche Furcht uͤberwinden wuͤrde, welche den Thieren die Anweſenheit des Menſchen einfloͤßt. Alles wurde ſtumm und ſtill in dem Walde, den der Mond erhellte. Die beiden Jäger verſanken wieder in ihre nachlaͤſſige Haltung, nur lehnte ſich der Canadier, ſtatt ſich von neuem im Mooſe auszuſtrecken, an einen Baum⸗ ſtamm, nahm ſeine Buͤchſe zwiſchen die Knie und ſtopfte ſeine Pfeife, um den Schlaf zu verkreiben. Ich hatte den Lauf der Sterne ziemlich genau kennen gelernt, um am Himmel leſen zu koͤnnen, daß die Stunde nahe, in welcher die Geheimniſſe der Wildniß ſich zu enthuͤllen beginnen. Auch hoͤrte ich gar nicht ungern die Klaͤnge der menſchlichen Stimme die feierliche Stille der Nacht unterbrechen und erſuchte deshalb Bermudes, ſeine Erzählung fortzuſetzen, wenn er dazu Zeit zu haben glaube. „Wir haben,“ antwortete er mir,„wenigſtens noch eine Stunde vor uns und ſo viel brauche ich nicht, um zu Ende zu kommen.“ Dann fuhr er fort: „Ich ging an das Feuer, nahm einen Brand und warf ihn in das Waſſer. In der Helle, welche er einen Augen⸗ 287 blick verbreitete, ehe er in dem Waſſer erloſch, glaubte ich undeutlich menſchliche Geſtalten zu erkennen. Ich wen⸗ dete mich raſch zu dem Cänadier; er ſtand. Schnell in das Boot, ſagte ich leiſe zu ihm; die rothen Teufel ſind auf der Inſel. Kaum hatte ich die Worte zu Ende gebracht als ein Pfeil durch die Mütze des Canadiers fuhr, der noch zögerte. Geheul, welches die Echos der Ufer wiederholten, zerriß unſer Ohr. Wir eilten nach der Pirogue hin. Drei In⸗ dianer fturzten ſich uns entgegen und einen derſelben warf ich mit einem Meſſerſtiche nieder; der Canadier brachte den andern zu Boden und während der dritte zu ſeinen Gefaͤhrten lief, ſtreckte ihn meine Kugel nieder. In einigen Augenblicken hatten wir das Boot erreicht und auf den Fluß gebracht. Im Dunkel abgeſchoſſene Pfeile trafen uns nicht. Sobald wir aus dem Bereiche der Indianer waren, erzaͤhlte ich meinem Cameraden, wie ein Theil unſerer Feinde auf Bäumen im Fluſſe zu unſerm Verſtecke gelangt waͤren. Ich zeigte mit dem Finger auf das Floß, welches den Reſt der Schaar trug. Wir wollen nun auf ihre Inſel, ſagte ich und ihnen die Beute abnehmen, die ſie zuruͤckgelaſſen haben als ſie uns aufſuchten. Späͤter, antwortete er mir; erſt will ich ein Wort mit denen reden, welche unter dieſem Gebuͤſch verſteckt ſind. Als wir in Flintenſchußweite gelangt waren, legte der Canadier das Ruder hin und ſchoß auf das Floß. Wir hoͤrten bald mehrere Körper ins Waſſer ſpringen. Da legte auch ich auf dieſe dunkeln Geſtalten an, die in der Finſterniß ————— — .— 288 kaum zu erkennen waren. Dann gaben wir ihnen noch eine Ladung, aber alle waren untergetaucht oder hatten die Inſel erreicht, denn wir ſahen nichts mehr. Nur das Ge⸗ heul dieſer Heiden verrieth uns ihre Wuth und unſern Sieg. Wir hatten die Partie gewonnen, die ſie ſchmaͤh⸗ lich verloren. Nun auf die Inſel! ſagte mein Gefaͤhrte und er ruderte kraͤftig darauf los. Als wir an's Land geſtiegen waren, ſtanden wir einen Augenblick unentſchloſſen da und ſuchten im Dunkel irgend einen Anhaltepunkt zu entdecken, der uns nach dem Lager der Apachen leite. Ich rief dann Santiago! und klatſchte in einer beſondern Art mit der Zunge, denn ich wußte, daß mein Pferd dem Rufe folgen wuͤrde, wenn es ſich mit da befaͤnde. Wirklich ließ ſich nicht weit von uns ein Wiehern hoͤren und wir gingen darauf zu. Nach einigen Schritten trafen wir auf eine Anzahl enggefeſſelter Maulthiere und Pferde. Neben den Thieren lag ein Haufen Sattel, Zeuge, Decken und andere Dinge, welche die Spitzbuben geraubt hatten. Ich ſtieß mit dem Fuße den ganzen Haufen um, unter welchem ich auch unſer Packet Otterfelle bemerkte. In dem Augenblicke als ich mich buͤckte, um es aufzuheben, glaubte ich unter einer wollnen Decke eine kaum bemerkliche Bewegung zu bemerken. Ich hob ſie empor und ſah dar⸗ unter einen jungen Indianer, der die Beute wahrſcheinlich bewachen ſollte. Der junge Wolf, der wohl ſah, daß er nicht entwiſchen konnte, blieb ganz ſtill, zeigte aber in ſei⸗ nen Augen eher Zorn als Furcht. Ich wickelte ihn ohne Umſtande in eine Decke und rief meinen Cameraden, der 8 289 als Wache an dem Ufer geblieben war. Ein Schuß ant⸗ wortete mir und dann kam der Canadier herbei. Ich habe noch einen zu den andern geſchickt, ſagte er und die Spitzbuben werden uns nun noch einige Augen⸗ blicke in Ruhe laſſen; aber wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren. Ich uͤberließ meinen jungen Gefangenen dem Cana⸗ dier und ſchnitt mein Pferd los. Nach zwei Minuten wa⸗ ren zwei Pferde wohl oder uͤbel geſattelt. Aufgeſeſſen! ſagte ich zu dem Canadier; nimm Du unſere Felle, ich uͤbernehme den Burſchen da, der es wohl nicht ahnt, daß er die Ehre haben wird, einige Seelen aus dem Fegefeuer zu befreien. Uebrigens ſei unbeſorgt; mein Pferd gehorcht meiner Stimme und das Deinige wird ihm folgen. Ich ſchnitt die Feſſeln der andern Thiere durch, denn ich glaubte, die Indianer wuͤrden eine ziemliche fuͤr uns koſtbare Zeit brauchen, um ihre Beute wieder zuſammen⸗ zubringen, dann ſchwang ich mich in den Sattel und trieb die Thiere nach der Furt zu, die ich am vorigen Abende bemerkt hatte. Die befreiten Pferde und Maulthiere wie⸗ herten vor Freude und die Indianer heulten wie eine Schaar Woͤlfe, welche vor einem Jaguar fliehen; wir ant⸗ worteten mit einem Triumphgeſchrei und die Echos des Fluſſes wiederholten ein wahrhaft hoͤlliſches Getoͤſe. Als wir an das entgegengeſetzte Ufer des Fluſſes gekommen waren, brachte uns ein ſcharfer Ritt bald in Sicherheit vor jeder Verfolgung und ſo kamen wir dieſen Morgen in der Hacienda an, nachdem wir unſere Beute und mein Amerik. Reiſenovellen. 19 290 Pferd wieder erlangt, auch einen jungen Indianer gefan— gen hatten, den ich ſo kheuer als moͤglich verkaufen werde, denn man wird ihn mir abkaufen, um ihn zum Chriſten*) zu machen und mit dem Gelde loͤſe ich mein Geluͤbde gegen die Seelen im Fegefener.“ Die Erzählung des Jaͤgers war beendiget und nach einer kurzen Pauſe, in der er ſehen mochte, daß ich mehr an meine eigene Gefahr als an ſeine Abenteuer dachte, ſetzte er hinzu: „Jetzt iſt es Zeit, auch an Sie zu denken.“ „Der Augenblick iſt alſo gekommen?“ fragte ich. „Er nähet wenigſtens,“ entgegnete der Jaͤger.„Be⸗ merken Sie nicht, daß es immer ſtiller um uns her wird? Merken Sie nicht, daß der Geruch der Pflanzen ſich faſt ganz verändert hat und daß ſie in der Nacht neue Duͤfte ausathmen? Wenn Sie lange in der Wildniß werden gelebt haben, ſo werden Sie auch erfahren, daß jede Stunde der Nacht wie des Tages ihre Bedeutung und ihren eigenthuͤm⸗ lichen Charakter hat. In jeder Stunde ſchweigt eine Stimme und eine neue laͤßt ſich hoͤren. Jetzt begruͤßen die wilden Thiere die Finſterniß, wie morgen fruͤh die Vögel den neuen Tag begruͤßen werden. Wir ſind nahe an der Zeit, in welcher der Menſch die Zaubermacht verliert, die Gott auf ſeine Stirn gelegt hat, denn in der Nacht erloͤſcht *) Obgleich die Selaverei in Mexico nicht eriſtirt, ſo ge⸗ ſtattet das Geſetz doch ſolche Kinder unter dem ſcheinbaren Vor⸗ wande zu kaufen, ſie zu Chriſten zu machen und dieſe Nachſicht des Geſetzes begünſtiget haͤufig ſehr gehaͤſſige Speculationen. 291 ſein Auge, während das der Thiere hell wird und durch das tiefſte Dunkel blickt; der Menſch iſt der Koͤnig des Tages, der Jaguar der Koͤnig der Nacht.“ Waͤhrend der Jäger dieſe Worte mit aͤcht ſpaniſcher Emphaſe ſprach, ſtand er auf und nahm da, wo er geſeſſen hatte, ein Packet auf, das er aufwickelte; es waren zwei Schaffelle mit der Wolle daran; dann nahm er ſein Meſſer aus der Scheide. „Da ſind Ihre Waffen.“ „Was zum Teufel ſoll ich damit anfangen?“ antwor⸗ tete ich ihm.„Ich hoffte, daß Sie mir wenigſtens ein Gewehr geben wuͤrden.“ „Ein Gewehr?“ entgegnete Bermudes;„glauben Sie, ich häͤtte mehr wie eins? Und wenn ich auch nicht zweifele, daß dies da in Ihren Haͤnden ganz wohl aufgehoben ſein würde, ſo duͤrfte es in den meinigen doch noch beſſere Dienſte thun, denn es gehort zu allem Uebung und Sie ſind, wie Sie ſagen, zum erſten Male auf der Tigerjagd.“ Mataſiete blieb dabei, dies ja gen zu nennen. „Ich will Ihnen wenigſtens erklaͤren, wie Sie dieſe Waffen gebrauchen,“ fuhr er fort.„Sie wickeln dieſe beiden Felle um Ihren linken Arm und faſſen mit der rech⸗ ten Hand das Meſſer; das rechte Knie druͤcken Sie auf die Erde und den unwickelten Arm ſtutzen Sie auf das linke Knie. So wird der Arm Ihre Bruſt und Ihren Kopf ſchutzen, während das Knie den Leib deckt, denn die Tiger haben die ſchlechte Gewohnheit, ihrem Feinde mit einem Krallenſchlage womoglich den Leib aufzureißen. Wenn Sie angegriffen werden, ſo halten Sie den Arm vor und waͤh⸗ 19* —— rend die Zaͤhne des Thieres ſich in die Wolle druͤcken, rei⸗ 1 ßen ſie ihm den Bauch von unten nach oben zu auf.“ „Das kommt mir unbeſtreitbar vor,“ ſagte ich,„ich will aber doch lieber glauben, daß zwei Jäger wie Sie einen Tiger nicht fehlen werden. Mein Entſchluß iſt gefaßt; ich 6 jage mit den Händen in den Taſchen, das iſt jedenfalls ori⸗ gineller.“ „Wenn es aber zwei ſind?“ „Sie ſind ja auch zwei. Wie Sie ſelbſt ſagten, grei⸗ fen die Tiger nur in dem einzigen Falle in Geſellſchaft an, wenn es Maͤnnchen und Weibchen iſt. Mehr als zwei Tiger haben wir alſo in keinem Falle zu bekämpfen, es muͤßte ſich denn in dieſer Nacht, um Sie Lugen zu ſtrafen, ein gegen alle Geſetze laufender Fall von Zweiweiberei zeigen.“ Da ich die Schaffelle ablehnte, ſo drang der Jaͤger 1 doch darauf, daß ich mich mit dem Meſſer waffne und dies nahm ich. Es war eine lange ſpitzige Klinge mit einem Horngriff und dicken Kupfernägeln darauf. Dann ſchutte⸗ 6 ten die beiden Jäger friſches Pulver auf die Pfanne und wir ſprachen kein Wort weiter. So lange der Mond nicht an dem Himmel heraufgeſtiegen war, hatten ſeine ſchiefen Strahlen hier und da zwiſchen die Baumſtaͤmme Licht ge⸗ worfen; als aber die Vorbereitungen der beiden Jaͤger zu Ende waren, goß der Mond ſein Licht gerade herunter und der Wald blieb am Boden dunkel, waͤhrend der Platz an der Quelle hell beſchienen wurde. Wir waren hinter einem Baume verſteckt, deſſen niederhangende Zweige eine ziemlich große Laube bildeten. Etwa zwanzig Schritt von 293 uns hatte ſich das Fuͤllen, das angebunden war und deſſen Inſtinet die Jaͤger leitete, neben der Quelle niedergelegt. Bald ſah ich es den Kopf aufrichten und aͤngſtlich werden. Dann gab es kurz abgeſtoßene Toͤne von ſich und verſuchte ſich loszureißen; da dies nicht gelang, blieb es unbeweglich ſtehen, aber es zitterte am ganzen Leibe. Mit einem Male weckte ein hohles Gebruͤll auf einer Anhoͤhe in der Naͤhe alle Echos umher. Das arme Thier barg ſeinen Kopf im Graſe. Es folgte eine tiefe Stille. Die beiden Jaͤger ſchlichen gebuͤckt aus dem Verſteck hervor und ich hoͤrte das Knacken des Hahnes an ihren Buͤchſen. „Bleiben Sie zuruͤck,“ rief mir der Canadier leiſe zu. „Nein, ich bin lieber zwiſchen Ihnen,“ ſagte ich.. „Glauben Sie, daß es zwei find 7“ In dem Augenblicke als mir der Canadier durch ein Zeichen der Ungewißheit antwortete, zitterte ein Baum dicht an der Quelle von den unterſten Aeſten an bis zum Gipfel unter ſcharfen Krallen, die an ihm hinaufliefen. „Zwei,“ ſagte der mericaniſche Jäger. „Weiter nichts?“ „Vor der Hand nicht.“ Ein ſchreckliches Brullen, das dicht neben mir die Luft erſchuͤtterte, hinderte mich mehr zu ſagen. Ich ſah einen fahlen und weißen Koͤrper auf das Fuͤllen fallen, das platt auf den Bauch niederſank, horte ein Knacken von zerbroche⸗ nen Knochen und gleich darauf einen Schuß. Der Meri⸗ caner hatte geſchoſſen. 3 „Dein Meſſer!“ ſagte er zu dem Canadier, indem er — — zu dieſem zuruͤckſprang, welcher ſich ebenfalls fertig machte zu ſchießen.„Fuͤr Dich da oben!“ Ich blickte in der Richtung empor, welche Bermudes angegeben hatte, der das Meſſer ergriff. Oben auf der Ceder, welche ſich uͤber die Quelle neigte, ſah ich zwei große Augen, die wie gluͤhende Kohlen blitzten und alle unſere Bewegungen beobachteten. Es war der zweite Jaguar, deſſen Schweif die Blaͤtter peitſchte und abgeriſſene Moos⸗ flocken umherwarf. Der Canadier, der unbeweglich neben ſeinem Gefaͤhrten ſtand, verlor die glaͤnzenden Augen nicht aus dem Geſicht und folgte ihren Bewegungen mit ſeiner Buͤchſe. Der von Bermudes verwundete Jaguar hatte ſich ihm unterdeß mit einem Sprunge genaͤhert und der Mond beſchien nun das ſchreckliche Thier vollſtndig. Eine ſeiner Pfoten, welche durch die Kugel des Jaͤgers von der Schul⸗ ter faſt abgetrennt war, blutete ſtark. Das Thier hatte ſich zuſammen gekauert, um einen letzten Sprung zu ver⸗ ſuchen, ließ den Kopf haͤngen und kroch bruͤllend heran. Seine gluͤhenden Augen wurden ungeheuer groß. Bermu— des, der ſich ruhig hielt, ſah ihn unverwandt an und ließ die Klinge ſeines Meſſers vor ihm blitzen. Endlich nahm der Jaguar ſeine Kraͤfte zuſammen und ſprang, aber ſeine durch die Kugel zerriſſenen Muskeln waren ſchwach gewor⸗ den und er fiel an der Stelle nieder, welche der Jäger durch einen Seitenſprung verlaſſen hatte. Mich trennte nichts mehr von dem Tiger als er, von dem Dolchmeſſer des mu⸗ thigen Mataſiete zwei Mal getroffen, ein letztes furchtba⸗ res Bruͤllen ausſtieß, ſich wand und verſchied. Die Klinge hatte ihm das Herz durchbohrt. 295 „Nun, das iſt eine ſchaͤndlich zerfetzte Haut,“ ſagte Bermudes;„aber ich meine nicht die meinige,“ ſetzte er hinzu, indem er ſeinen Arm zeigte, auf dem man einen langen Krallenriß bemerkte. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als man nach der Ceder hin ein zweites Bruͤl⸗ len hoͤrte; ihm folgte ein Knall und das Knacken und Ra⸗ ſcheln von zerbrochenen Aeſten, wie ein ſchwerer Fall verrieth einen jener vortrefflichen Schuͤſſe, die man nur von einem nordiſchen Schuͤtzen erwarten kann. Der Canadier hatte zwiſchen die beiden Augen ſeines Feindes gezielt. Als die beiden Jäger den Körper des zweiten Jaguar gefunden hatten, verrieth mir ihr Siegesruf, daß der Canadier nicht gefehlt hatte. Nicht ohne Mitleid trat ich zu einem andern Opfer des Menſchen und des Tigers, nämlich zu dem geo⸗ pferten Füllen. Das arme Thier lag bewegungslos da. Ein blutiger Flecken oben auf dem Kopfe und ein anderer am Maule, ſo wie der gaͤnzliche Bruch der Halswirbel be⸗ wieſen, daß der Tod unmittelbar eingetreten war. Der erſte Jaguar lag bereits ebenfalls kalt und ſtarr neben ihm und ich maß ihn noch mit den Augenund in ziemlicher Ferne als die beiden Jäger herankamen, welche das Weibchen mit dem zerſchmetterten Schaͤdel herbeiſchleppten. Diesmal war das Fell unverletzt geblieben. „Wiſſen Sie, daß Sie ein ganz tuͤchtiger Jaguarjäger ſind?“ ſagte Bermudes zu mir. „Ich wurde ja gezwungen!“ „Wie ſo gezwungen?“ „Konnte ich denn fortgehen? Was wuͤrden Sie geſagt haben, wenn ich mich geweigert haͤtte bei Ihnen zu bleiben?“ „Ich wuͤrde geſagt haben, daß Sie ſich furchteten.“ „Und was ſagen Sie nun?“ „Daß Sie ein Mann von Muth ſind.“ „Sie irren ſich doch,“ antwortete ich;„ich habe mich gefuͤrchtet, ſehr gefurchtet ſogar und bin doch geblieben.“ Die beiden Jaͤger hatten Luſt die Nacht bei der Beute zu verbringen, die ſie gemacht hatten. Ich meines Theils konnte nur gewinnen, wenn ich den harten Boden meines Zimmers mit einem weichen Mooslager vertauſchte, wil— ligte alſo ein auch da zu bleiben, wenn man ein Feuer an⸗ zuͤnde. Dies geſchah; unſer Feuer verbreitete bald ſeinen hellen Schein uͤber die ſchoͤnen Bäume, welche die Quelle beſchatteten und wir ſchliefen nach kurzer Zeit ein. Am andern Morgen fruh als ich erwachte, waren meine beiden Gefaͤhrten bereits beſchaͤftiget den beiden Jaguars das Fell abzuziehen. Als dies geſchehen war, nahmen ſie dieſe Felle auf die Achſeln und wir kehrten alle drei nach der Hacienda zuruͤck. Zahlloſe Gluͤckwuͤnſche begruͤßten uns da, ſelbſt die ſchoͤne Maria Antonia brachte die ihrigen dar; freilich bekam ich, wie man ſich leicht denken kann, nur einen geringen Antheil davon. „Aber mein Sohn,“ ſagte Don Ramon zu Bermudes, nachdem er ihm die zwanzig Piaſter fur die beiden Jaguar⸗ koͤpfe gezahlt hatte,„jeder will den jungen Heiden haben, den Du mitgebracht haſt, weil alle eine Gelegenheit be⸗ nutzen wollen ein verdienſtliches Werk zu verrichten und den Krallen des Teufels eine Seele zu entreißen. Hoffentlich biſt Du in Deinen Forderungen nicht unverſchaͤmt.“ 297 Bermudes kratzte ſich hinter den Ohren, fuhr mehr⸗ mals mit der Hand durch ſein Haar und antwortete: „Ich habe das Gelubde gethan, das was ich fuͤr den Heiden bekomme, fuͤr die Seelen im Fegefeuer zu verwen⸗ den. Da wir nun alle etwas Verdienſtliches thun wollen, ſo kann ich keinen Preis verlangen, der zu hoch waͤre, wie Sie nicht Geld genug zahlen koͤnnen, um Gott angenehm zu ſein.“ Das war Don Ramon ſehr unangenehm und er zog es vor, die Sache auf eine guͤnſtigere Zeit zu verſchieben. Er begab ſich in das Haus und ließ Bermudes auf die zahl⸗ reichen Fragen antworten, die man von allen Seiten an ihn richtete. Unter den Anweſenden ſchien ein einziger die allgemeine Neugierde nicht zu theilen. Er ſtand bei Seite, warf einen Piaſter, den er in der Hand hielt, empor und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen: „Niemals habe ich um einen Indianer geſpielt und das ware doch eine ſchoͤne Partie.“ Dann trat er zu mir— man wird ihn ſchon erkannt haben— und ſagte leiſe zu mir: „Ich habe Ihre Empfehlung nicht vergeſſen; da iſt Ihr Piaſter noch, den ich zu einer beſonders feierlichen Gele⸗ genheit aufzuſparen verſprach und ich werde Wort halten.“ Als es Abend geworden war, dachte ich in meinem Zimmer daruͤber nach, wie nutzlos mir ein laͤngerer Auf⸗ enthalt in der Hacienda ſein wuͤrde, in welcher mich nichts mehr zuruͤckhielt. Da klopfte man an meine Thuͤr und herein trat der mericaniſche Jaͤger, der ſehr betruͤbt ausſah.* — —— 298 „Herr,“ ſagte er,„Sie ſind ein ſo guter Tigerjaͤger, wollin Sie uns nicht auf die und auf die India⸗ nerjagd begleiten?“ „Dieſe Sache verdient in Ueberlegung gezogen zu wer⸗ den,“ antwortete ich.„Ich bin mit meiner Tigerjagd zufrieden und gegen eine Otterjagd habe ich nichts einzu⸗ wenden, aber Indianer jage ich nicht mit.“ Bermudes ſeufzete tragiſch. „Ich muß leider auf dieſe Heiden noch immer Jagd machen.. Ich habe geſpielt und meinen Indianer verlo⸗ ren.. Die Seelen im Fegefeuer muͤſſen mir alſo meinen Credit nochmals verlaͤngern.“ Nachdem ich den armen Jäger ſo gut als moͤglich zu troͤſten verſucht hatte, willigte ich ein, die Hacienda am andern Tage mit ihm und dem Canadier zu verlaſſen. Der Salteador. Bilder aus der Wildniß und dem merieaniſchen Leben. 1. Es nahete nun fur mich der Augenblick dem Leben in der Wildniß Lebewohl zu ſagen, doch wollte ich nicht nach Hermoſillo zuruͤckkehren, ohne das Preſidio Tubae beſucht zu haben. Das war das Ziel meines langen Ausflugs in ———— 299 den mericaniſchen Einoͤden. Was mir da begegnet war, hatte meine Neugierde nicht ermuͤdet und am Tage der Ab⸗ reiſe war ich wiederum bereit und geneigt neuen Gefahren und Strapatzen zu trotzen. Nur eines bedauerte ich,— ſoll ich es geſtehen? daß ich die Gegend, die ich durchrei— ſen ſollte, ſchon zu gut kannte. Das Unerwartete war bis⸗ her der groͤßte Reiz meiner abenteuerlichen Wanderungen geweſen und ſollte mir das Unerwartete nun fehlen? „Sonora hat mir nichts Neues mehr zu bieten,“ dachte ich bei mir, aber ich irrte mich. Der Zufall ſollte mir noch zwei neue Seiten einer Welt zeigen, deren Geheimniſſe ich zu kennen glaubte. Nach einem Beſuche in den Prairien, die Cooper bekannt gemacht hat und in welchen ich das wilde Leben in ſeiner ganzen ſtolzen Unabhaͤngigkeit bewun⸗ dern konnte, ſollte ich in einer kleinen Stadt, die naͤher bei den Mittelprovinzen liegt, auf dem Jahrmarkt von San Juan de los Lagos, den Kampf der Rohheit und der Civi⸗ liſation betrachten, die da, wie zu haͤufig in Merico, durch ihre traurigſten Mißbraͤuche und ihre unreinſten Elemente vertreten ſind. Ich ſollte die Reiſe von der Hacienda de la Noria bis zum Preſidio Tubae in Geſellſchaft des mericaniſchen Jaͤ⸗ gers Bermudes Mataſiete und des canadiſchen Waldlaͤufers machen. Die beiden Abenteurer begaben ſich nach dem Prairien, zu denen ſie ihr wilder Haß gegen die Indianer trieb, aber auch der unwiderſtehliche Reiz zog, den die Wildniß fuͤr den Jaͤger hat wie das Meer fuͤr den Seemann. Die Otterjagd war, wohl verſtanden, nur ein Vorwand. Da ich entſchloſſen war, die beiden Jager erſt an der Grenze 300 der Prairien zu verlaſſen, ſo nahm ich wohlgemuth von dem Beſitzer der Hacienda, Don Ramon, Abſchied, nach— dem ich aus ſeiner casonera zwei ſchoͤne Pferde ausgewaͤhlt hatte, die ich ihm anſtaͤndig und ohne zu handeln mit 6 Thalern das Stuͤck bezahlte. Wir brachen dann auf und ein zweitaͤgiger Ritt brachte uns nach Tubac, das man einen plumpen Abſteckpfahl nennen kann, den eine zweifelhafte Civiliſation an der Grenze der Republik und der Wildniß aufgeſtellt hat. In geringer Entfernung von Tubac, jen⸗ ſeits des Fluſſes San Pedro, beginnen die Prairien. Ich folgte den beiden Jagern bis an den Fluß. Da trennten wir uns und nicht ohne Ruͤhrung ſah ich ſie jene Einoden betreten, in welchen bereits ſo viele unerſchrockene Maͤnner ihr Grab gefunden haben. Erſt nachdem meine beiden Reiſegefaͤhrten in dem ho⸗ hen Graſe ganz verſchwunden waren, wendete ich meinen Blick auf die Landſchaft, deren Pracht ich bisher nur fluͤch⸗ tig hatte betrachten koͤnnen. Die Prairien, die an dem San Pedro endigen, finden in der entgegengeſetzten Rich⸗ tung erſt an dem Miſſouri ihre Grenzen. Das war alſo die Einoͤde, von welcher ich ſo viel gehoͤrt, an die ich ſo oft gedacht hatte. Jenſeits des Fluſſes zogen ſich in unab⸗ ſehbarer Ferne wellenfoͤrmig gruͤne Savannen hin. Zu meinen Fuͤßen breitete ein kleiner See, der von dem San Pedro durch eine ſchmale Landzunge getrennt war und wahrſcheinlich ſonſt zu dem Fluſſe gehoͤrt hatte, ſein ſum⸗ pfiges Waſſer aus. Auf den breiten Blaͤttern der Waſ⸗ ſerpflanzen ſonnten Waſſerſchlangen in haͤßlichen Geflech⸗ ten verſchlungen ihre ſchluͤpfrigen Koͤrper. Ueber dem See 301 flatterten Schaaren von Kranichen, welche durch dieſe zahl⸗ reichen Reptile angelockt wurden. Lange Caravanen von Buͤffeln zogen uber die ſtille Ebene. Andere weideten in Gruppen oder paarweiſe das uͤppige Gras ab oder lagen am Hange der Hugel und ſahen ruhig auf ihr weites Gebiet hin. Weiterhin fuͤhrten dieſe wilden Thiere erbitterte Kaͤmpfe mit einander und ihr dumpfes Gebrüll drang zu mir wie das ferne Rauſchen des Meeres und als muͤßte ſelbſt in der Wildniß der Menſch ſeine Gegenwartzeigen, ſchwamm eine Anzahl Jaͤger von einem befreundeten Indianerſtamme auf Floſſen, die von großen Rohrbundeln und leeren Fla⸗ ſchenkurbiſſen gemacht waren, auf dem San Pedro herab. Eine recua von Maulthieren, die mit Silberbarren bela⸗ den waren und von ihren Fuͤhrern geleitet wurden, zeigte ſich in langer Reihe am Horizonte. Lange betrachtete ich entzuckt dieſes feierliche Schauſpiel und horchte auf die me⸗ lancholiſche Harmonie der Gloͤckchen jener Maulthiere und auf den Geſang der Indianer, welche allmaͤlig verklingend die Stille der Einoͤde ſtoͤrten. Jene Silberbefoͤrderung unter der Aufſicht einiger arrieros haͤtte allein hingereicht, mich daran zu erinnern, daß ich mich auf patriarchaliſchem Boden befand. Im In⸗ nern der Republik iſt oftmals ein ganzes Regiment ein un⸗ zureichender Schutz fuͤr dieſe reichen Caravanen, an ge⸗ wiſſen Grenzen dagegen konnen unermeßliche Summen durch Städte und Doͤrfer von Maͤnnern gebracht werden, die eben hinreichend ſind, die Maulthiere an den Haltplaͤtzen abzuladen und wieder zu beladen. Nach einem bemerkens⸗ werthen Contraſte wird das Privateigenthum nirgends mehr geachtet als in dieſem abgelegenen Staate, wo die in die Preſidios Deportirten, der Abſchaum der großen Städte, den erſten Kern der Bevoͤlkerung bildeten. Die Verbre— chen, welche da begangen werden, zeugen mehr von dem Aufbrauſen der Leidenſchaften als von der kalten Berech— nung der Habſucht. Jeder lebt hier ſo zu ſagen im Freien; der haͤusliche Heerd hat keine Geheimniſſe und wird von der oͤffentlichen Redlichkeit beſchirmt. Leider ſuchen faſt täͤglich Diebe und Moͤrder, welche den Gefaͤngniſſen oder dem Schwerte der Gerechtigkeit entflohen, eine Zuflucht in dieſen Einoͤden und unter dieſem ſchlechten, immer thaͤtigen Einfluſſe verſchlechtern ſich die Sitten auch in Sonora. So dringt die Sittenverderbniß der Mittelſtaaten(tierra aden- teo) allmaͤlig nach den Grenzen der Republik ſelbſt vor und man kann die Zeit vorausſehen, in welcher Sonora fuͤr ſeine alten Sitten nur die Laſter und die Armuth, die von halber Civiliſation immer unzertrennlich ſind, gewonnen haben wird. Ich ſetzte den Weg nach Tubae fort. Nachdem ich einige Stunden geritten war, bemerkte ich, daß die Sonne, die dem Untergehen nahe war, nur noch ſchiefe Strahlen auf die Prairien warf und ich wunderte mich, daß ich das Preſidio noch nicht erreicht hatte. Ich ritt indeß weiter, konnte aber bald an der ſchrecklichen Gewißheit nicht mehr zweifeln. Ich hatte mich getauſcht, durch die unendliche Aufeinanderfolge gruͤner Huͤgel, vollſtändig verirrt. Um mich zu orientiren, ritt ich auf die hoͤchſte der Anhoͤhen um⸗ her, aber ſo weit mein Auge reichte, ſah ich vor mir nichts als die unermeßlichen Savannen, die ſich baum⸗, haus⸗ —— 303 und obdachlos unbegrenzt vor mir ausdehnten. Der Fluß, der mich allein haͤtte leiten konnen, war eben ſo unſichtbar wie das Preſidio. Zwei Schuͤſſe, die ich als Nothzeichen abfeuerte, weckten kein Echo. Ich war alſo genoͤthiget, die Nacht in der Einoͤde zuzubringen und nicht ohne ängſtliche Beſorgniß ſah ich die Nacht hereinbrechen, in welcher dieſe unermeßlichen Ebenen, die ſo viele gefaͤhrliche Bewohner bergen mußten, von der Finſterniß umhuͤllt ſein wuͤrden. Eine kleine graue Wolke, die von dem verblaſſenden Purpur des Horizonts abſtach, gab mir plotzlich einige Hoffnung wieder. Dieſe Wolke, welche die Erde zu beruͤhren ſchien und die oben breiter und durchſichtiger war als unten, mußte der Rauch eines Feuers in der Savanne ſein. Ich wendete mich alſo raſch nach dieſer Seite hin und fragte mich dabei, wen ich wohl an dieſem Feuer treffen wurde. War es ein Lager von Jägern, ein Bivouac wilder India⸗ ner oder ein Haltplatz von Maulthiertreibern? Ich dachte wieder an den Silbertransport, den ich am Vormittage bemerkt hatte und das beruhigte mich. Das Dunkel nahm indeß zu und bald bemerkte ich auch die Wolke nicht mehr. Es vergingen einige Augenblicke in ſchmerzlicher Ungewiß⸗ heit, als aber die Nacht vollſtändig eingetreten war, ſchim⸗ merte der Glanz des Feuers hell und deutlich durch das Dunkel. Ich konnte meinen Weg fortſetzen. Je weiter ich kam, um ſo groͤßer wurde der Flammen⸗ kreis und endlich erkannte ich die dunkeln Geſtalten zweier Maͤnner, die neben einem Lagerfeuer ſaßen. Zwei unge⸗ heuere Hunde, die mit wuͤthigem Gebell auf mich zu kamen, ließen mir die Zeit nicht, Beobachtungen anzuſtellen, ehe 304 — ich mich noch mehr naͤherte. Eine rauhe Stimme rief zum Gluͤck die Doggen zuruͤck, die langſam umkehrten und ſich wiederum am Feuer niederſtreckten. Trotz dieſer fried⸗ lichen Aeußerung hatte das Ausſehen meiner beiden kuͤnf⸗ tigen Genoſſen durchaus nichts Beruhigendes an ſich. Selbſt das gutmuͤthigſte Geſicht erhaͤlt etwas Drohendes, wenn es vom Feuer beſchienen wird. Die Kleidung von weißer Leinwand, welche die beiden Maͤnner trugen, war buchſtäblich durch eine dicke Kruſte geronnenen Blutes ſtarr und ſteif gemacht und als ich in den Kreis des Lichtes hin⸗ ein ritt, bemerkte ich auch Blutſpuren an dem Haar der beiden Doggen, die mich knurrend anſahen. „Kommen Sie ohne Furcht naͤher,“ ſagte Einer der beiden Maͤnner;„wir haben die Stimme eines Chriſten gehoͤrt und Sie haben nichts zu fuͤrchten. Vor allen Din⸗ gen ſteigen Sie ab, denn die Hunde ſind abgerichtet, nur in einem Reiter einen Feind zu ſehen; die Apachen gehen nie zu Fuße.“ „Recht gern,“antwortete ich, indem ich abſtieg,„aber ich will nicht zudringlich ſein und Sie nur nach dem Wege nach Tubae fragen, dem ich doch ſehr nahe ſein muß.“ „Wenn Sie ein halbes Dutzend Stunden fuͤr nichts rechnen, ſo find Sie allerdings ganz nahe,“ ſagte ziemlich barſch der Mann. Als er aber mein Erſtaunen ſah, ſetzte er hinzu:„Wenn Sie, wie es Ihre Frage und Ihre Ueber⸗ raſchung beweiſen, ſich verirrt haben, ſo wird es viel beſ⸗ ſer ſein, Sie verbringen die Nacht hier am Feuer, denn Sie wuͤrden ſich von neuem verirren ohne hoffen zu duͤrfen, 305 wieder ein Feuer zum Wärmen und ein Stuͤck Buͤffelfleiſch zu finden.“ Der letztere Grund ſchien ſchlagend zu ſein; ich hatte ſeit dem Morgen nichts gegeſſen und nahm deshalb mit Vergnuͤgen die beſcheidene Gaſtfreundſchaft an, welche der Ort und die Zeit mir ſo werthvoll machten. Nachdem ich den Hunger und Durſt geſtillt und mich beruhiget hatte, ſah ich mich auch minder zerſtreut um. Im dunkeln Schat⸗ ten, nur zur Haͤlfte von der auflodernden Flamme be⸗ leuchtet, lag ein Dritter nicht weit von dem Feuer. Er ſchlief entweder feſt, oder war in tiefe Gedanken verſunken, denn er ſchien weder das Gebell der Hunde, noch das Ge⸗ raͤuſch meiner Ankunft gehoͤrt zu haben. Sein Geſicht war im Dunkel nicht zu ſehen und was ich von ſeinem Anzuge erblickte, unterſchied ſich von dem nicht, was ich ſelbſt trug. Ein Pferd, das mittelſt eines Riemens an einen Pfahl in der Erde gebunden war, wei⸗ dete das Gras rund herum ab. Weiterhin bewieſen Felle, die am Boden ausgebreitet waren, ein friſch abgezogenes Thier nebſt Geraͤthen und Waffen aller Art, daß meine beiden Wirthe das gefaͤhrliche und beſchwerliche Gewerbe der Buͤffeljager trieben. Dies beruhigte mich; ich band mein Pferd an, ohne es abzuſatteln und legte mich nieder. Meine Wirthe beſchaͤftigten ſich mit den Vorbereitun⸗ gen zum Abendeſſen, das in einem Stuͤck gedämpften Buͤffel⸗ fleiſches beſtehen ſollte. Das Waſſer zum Trinken holten ſie aus einem Fluß in der Naͤhe, welcher, wie ich mit Ver— wunderung hoͤrte, der San Pedro war, von dem ich ſo ent⸗ fernt zu ſein glaubte und dem ich mich wieder genaͤhert hatte Amerik. Reiſenovellen. 306 ohne es zu ahnen. Alles war endlich bereit, aber der Mann, der dalag, ſchien ſich nicht im mindeſten um dieſe ſo wichtigen Vorbereitungen zu kuͤmmern; es giebt freilich einen gewaltigen Unterſchied zwiſchen dem Europaͤer und dem Mexicaner, indem der letztere Hunger und Durſt we⸗ nig beachtet und im Ueberfluß zu leben glaubt, wenn der erſtere ſchon verhungern zu muͤſſen fuͤrchtet. Auf die Auf⸗ forderung unſerer Wirthe(denn er war gleich mir ein Frem⸗ der) ſchien er endlich ſeine Erſtarrung abzuſchuͤtteln und ſetzte ſich auf, um ſeinen Theil der Wuͤſtengaſtfreundſchaft in Empfang zu nehmen. Die Statur des Fremden, der ſogleich große Neugierde in mir erregte, verrieth Kraft und Gewandtheit; ſein Ge⸗ ſicht war finſter und impoſant und ſeine harten, ſtark aus⸗ gepraͤgten Zuͤge deuteten auf eine vielleicht noch groͤßere moraliſche als koͤrperliche Kraft. Die erſten Worte, welche er ſprach, indem er eine Art Tiſchgebet murmelte, waren von der fehlerhaften Ausſprache nicht geſchaͤndet, welche die Bewohner des Staates Sonora auszeichnet; man er⸗ kannte in ihm vielmehr leicht einen Mann aus den Mittel⸗ ſtaaten der Republik. Als unſer Abendeſſen beendigt war, ergriff ich das Wort und ſagte, zu den beiden Jaͤgern gewendet:„Es iſt herkoͤmmlich, daß der, welcher gaſtliche Aufnahme findet, den Fragen zuvorkommt, die ſein Wirth an ihn thun koͤnnte; ich werde Ihnen alſo ſagen, wer ich bin, woher ich komme und wohin ich reiſe.“ Ich hatte bald alle Einzelnheiten uͤber mich gegeben und muß geſtehen, daß ſie meine Zuhoͤrer nicht eben ſehr zu — 307 intereſſiren ſchienen. Erſt als ich von der Silber⸗condueta ſprach, welche ich am Morgen geſehen hatte, glaubte ich zu bemerken, daß der Unbekannte mir mit geſteigerter Auf⸗ merkſamkeit zuhoͤrte. „Eine conducta!“ rief er aus, als ich meine Erzaͤh⸗ lung beendigt hatte.„Woher kann ſie in dieſe Einoͤde kommen?“ „Natuͤrlich von Santa Maria oder von Chihuahua,“ entgegnete ich;„ſie macht dieſen Umweg nur, um den Comauchen aus dem Wege zu gehen. Sind Sie erſt ſeit ſo kurzer Zeit in dieſen Gegenden, daß Sie dies nicht wiſſen?“ „Ich bin allerdings fremd hier,“ antwortete der Un⸗ bekannte,„und da Sie mir mit gutem Beiſpiel vorange⸗ gangen ſind, ſo werde ich auch Ihre Neugierde befriedigen, obgleich meine Mittheilungen gefaͤhrlicher ſein koͤnnten als die Ihrigen.“ Bei dieſen Worten richteten die beiden Buͤffeljaͤger auf den Unbekannten Blicke, in denen man Ueberraſchung und das lebhafte Intereſſe erkennen konnte, welches unter ge⸗ wiſſen Umſtaͤnden die Erzaͤhlung von Abenteuern bei den Wilden ſo gut wie bei den Civiliſirten erregt. Der Fremde fuhr dann fort:„Dieſe Hand, welche ich jetzt zum Himmel emporhebe, iſt bisher rein von Menſchenblut geweſen. Doch wurde ich wie ein Moͤrder behandelt, ja man hat einen Preis auf meinen Kopf geſetzt.“ „Welchen Preis hat man auf Ihren Kopf geſetzt?“ fragte einer der Buͤffeljäger. „Wollt Ihr ihn verdienen?“ 308 „Nein,“ antwortete der Jäger einfach;„Ihr Kopf, und wäre er zwanzigtauſend Piaſter werth, wuͤrde mir hei— lig ſein als der Kopf eines Gaſtfreundes; ich moͤchte nur wiſſen, wie hoch man das Leben eines Mannes in der tierra adentro anſchlaͤgt.“ „Fuͤnfhundert Piaſter.“ „Das iſt viel fuͤr das Leben eines Mannes; wir, ich und mein Camerad, ſetzen das unſrige jeden Tag für eine Haut auf das Spiel, die nur fuͤnf Piaſter werth iſt. Was haben Sie denn gethan?“ „Eine gute That. Vor einem halben Jahre war ich Viehhaͤndler und kam von einer Hacienda bei Guadalarxara zuruck, wo ich in Geſchaͤften geweſen war. Einige Stun⸗ den von der Stadtfand ich an der Straße einen Ermordeten. Aus Mitleid und weil ich zu bemerken glaubte, daß der Mann noch lebe, ſtieg ich vom Pferde, um eine große Wunde zu verbinden, die er am Halſe hatte, aber es war zu ſpaͤt und der Reiſende ſtarb in meinen Armen. Ich ſetzte meine Reiſe fort und nahm das Pferd des Ermordeten mit mir, weil ich hoffte, daß durch daſſelbe der Verungluckte erkannt werden koͤnnte; kaum aber war ich eine Stunde weit ge⸗ kommen, als eine Anzahl Dragoner, die' mir im Galopp folgte, uͤber mich herfiel und mich als Moͤrder des Mannes feſtnahm, deſſen Wunde ich verbunden hatte. Wie ſehr ich auch meine Unſchuld betheuerte, einer der Dragoner band mir die Haͤnde mit ſeinem Saͤbelgurt und ſo brachte man mich nach Guadalarara. Der Ermordete war ein Senator geweſen und die von der Familie des Opfers er⸗ kaufte Juſtiz ſetzte ihr Werk der Ungerechtigkeit fort und 309 ich wurde in das Gefaͤngniß der Stadt geworſfen. Nach ziemlich langer Haft erſchien ich vor dem Criminalrichter. „Sie behaupten unſchuldig zu ſein,“ ſagte er dann,„aber Sie werden wohl nicht zweifeln, daß ich Ihren Worten nicht eben viel Glauben ſchenke.“— Ich merkte, wohin der Mann zielte.—„Haben Sie Zeugen Ihrer Un⸗ ſchuld?“— Ich uͤberrechnete ſchnell die wenigen Mittel, die mir geblieben waren und antwortete:„Ich will ſo⸗ gleich tauſend Zeugen zuſammenbringen, die für mich ſpre⸗ chen werden.“—„Das iſt etwas,“ entgegnete der Rich⸗ ter,„aber die Familie des Ermordeten hat zweitauſend Zeugen gegen Sie; Sie ſehen, daß die Partie nicht gleich ſteht.“— Ich ſah ein, daß ich verloren war, beugte mein Haupt vor dem Urtel, das mich verurtheilte, und appellirte nur an mich ſelbſt und an Gott.“ Der Unbekannte ſchwieg einige Augenblicke und grub dabei mit ſeinem Meſſer in der Erde. Mir war in ſeiner Rede ein offenbarer Widerſpruch aufgefallen. „Sagten Sie nicht,“ fragte ich,„daß Sie allein waren, als Sie den Ermordeten trafen? Wie wollen Sie alſo tauſend Zeugen Ihrer Unſchuld finden?“ Der Unbekannte laͤchelte uͤber meine naive Frage. „Wiſſen Sie nicht, daß fuͤr die Juſtiz in unſerm Lande tauſend Zeugen tauſend Piaſter ſind und daß die Summe, welche ich bot, die Opfer einer maͤchtigen Familie nicht aufwiegen konnte, welche das Gewiſſen meines Richters mit baarem Gelde erkaufte? Da ich mit Gelde nichts ausrichtete, mußte ich mich auf meine Geſchicklichkeit ver⸗ laſſen. Ich entfloh aus dem Gefaͤngniſſe, werde ſeit dieſer 310 Zeit durch die Juſtiz von einem Staat in den andern ver⸗ folgt, bin endlich in dieſer Einoͤde angekommen und denke an nichts mehr als an Rache. Ich habe in dieſer Einoͤde Anhänger und Freunde gefunden. Wenn meine Maß⸗ regeln gut ſind, iſt vielleicht die Zeit nicht mehr fern, in welcher dieſe feile Juſtiz von der Kuͤſte des Atlantiſchen Ozeans bis an die des Stillen Meeres vor mir zittert.“ Das Bellen der Doggen unterbrach in dieſem Augen⸗ blicke den Erzaͤhler. Wir horchten und vernahmen ein Geraͤuſch von Tritten in dem hohen Graſe. Die Hunde jagten wuͤthend in der Savanne hin und bald hoͤrten wir eine klägliche Stimme die Worte ſprechen: „Jeſus Maria, ſoll ich von den Hunden zerriſſen werden, nachdem ich kaum der Tatze des Baͤren entgangen bin?“ „Abſteigen! abſteigen! ſonſt ſind Sie verloren!“ rief einer der Jäger, welcher vergebens ſeine beiden Hunde zuruͤckrief, die auf ſeine Stimme nicht hoͤrten; aber die Hunde jagten an dem Ankommenden voruͤber, ohne auf ihn zu achten und bellten wuͤthend einige Schritte weiter hin. Unterdeſſen hatte der Reiter, deſſen Nothruf wir ver⸗ nommen, ſich uns naͤhern koͤnnen und bald ſahen wir nahe an unſerm Lagerfeuer einen blaſſen, zitternden Mann ab⸗ ſteigen, der ſich furchtſam umſah und Vaterunſer vor ſich hin murmelte. Das Pferd ſchien eben ſo angſtlich zu ſein wie der Reiter, denn es zitterte uͤber und uͤber und ſah ſtier vor ſich hin. Da wir hieraus erriethen, daß uns eine Gefahr bedrohe, ſtanden wir Alle auf, ohne den Fremden erſt auszufragen. Die beiden Buͤffeljager ergriffen ihre 311 Buͤchſen, der Verbannte ſchwang ſich in den Sattel und zog das lange Schwert, das an ſeinem Sattelbogen hing. Da ſchien der Neuangekommene wieder Muth zu faſſen und ſtammelte mit erſtickter Stimme die Worte:„Da unten! Jeſus Maria!“ Wir brauchten nur in der angedeuteten Richtung hin⸗ zublicken, um die Loſung des Räthſels zu finden. Ein wenig außerhalb des Lichtkreiſes, den unſer Feuer verbreitete, wiegte ſich eine ſchauerliche Geſtalt mit dumpfem Gebrumme und fuͤrchterlichem Zaͤhneknirſchen heruͤber und hinuber. Die beiden Doggen ſtanden mit geſträubtem Haar vor dem Thiere, das in dem Dunkel eine rieſenhafte Groͤße zu haben ſchien; es war ein grauer Baͤr, der Schrecken der Prairie, offen bar der furchtbarſte Bewohner des amerikaniſchen Feſt⸗ landes. Er hat die Große eines gewoͤhnlichen Stieres, beſitzt eine ungeheure Kraft und ſeine Wildheit ſteht mit ſeiner Stärke in gleichem Verhaͤltniſſe. Eine Wunde, die ihm wegen des dichten Pelzes ſchwer beizubringen iſt, macht ihn wuͤthend und wehe dem Jäͤger, deſſen Kugel ihn nicht in das Auge, in den Kopf oder das Herz trifft, denn dann ſtuͤrzt er ſich auf ſeinen Gegner und der Ungluckliche wird unfehlbar erdruͤckt, hätte er auch die Stärke eines Buͤffels. Der graue Bär, der ſich in den Hoͤhlen und Lochern ver⸗ borgen hält, die er ſich ſelbſt graͤbt, erfaßt den ſtärkſten Buͤffel, der voruberlaͤuft, und zieht den todten dann in ſeine Hoͤhle, um ihn in Bequemlichkeit zu verzehren. Das war der unerwartete Feind, der uns zu belagern ſchien und dem nur ein gut berittener Reiter entfliehen zu konnen hoffen durfte. 312 „Alle zu Pferd!“ ſagte der Jäger leiſe. Der Reiſende ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Ich konnte dem Rathe nicht ſo ſchnell folgen, denn mein Pferd hatte ſich, obſchon gefeſſelt, ſatzweiſe immer weiter von un⸗ ſerm furchtbaren Gaſte entfernt und war im Dunkel ver⸗ ſchwunden. Mein Gewehr hatte ich uͤberdies am Sattel gelaſſen und ſo befand ich mich zum zweiten Male zu Fuße und ohne Waffe einer faſt unvermeidlichen Gefahr gegen⸗ über. Wie ſehr wuͤnſchte ich da den muthigen Mataſiete oder deſſen Gefährten herbei, deſſen Buͤchſe uns unfehlbar befreit und eine Kugel in das Auge geſandt haͤtte, das in der Finſterniß zu leuchten ſchien. Zum Gluͤck verkuͤrzte der Inſtinet meines Pferdes ein gefaͤhrliches Suchen nach ihm. Ich war kaum einige Schritte weit gegangen, als mich das kluge treue Thier bemerkte und ſtehen blieb, um mich zu erwarten. Einige Augenblicke ſpaͤter ſaß ich im Sattel und wendete mich, mit dem Gewehr in der Hand, zu meinen Gefaͤhrten. Das rieſige Thier befand ſich noch immer an derſelben Stelle, wo es durch den Feuerſchein und die Zahl ſeiner Feinde zuruͤckgehalten wurde. Es ſchien ſich mit dem ſeiner Art eigenthuͤmlichen gravitätiſchen Weſen zu fragen, ob es uns angreifen, oder die Belagerung aufheben ſolle, obwohl das faſt krampfhafte Knirſchen ſeiner Zaͤhne heftigen Hun⸗ ger andeutete. Wir unſrer Seits hielten uns auf der De⸗ fenſive und unſerer Ungewißheit und Unentſchloſſenheit konnte nur der Angriff oder die Flucht des Thieres ein Ende machen. In den wenigen Minuten, die wir in banger Erwartung verbrachten, wagte unſer neuer Gefaͤhrte, der 313 ſich ein wenig erholt hatte, uns den Reſt ſeiner nächtlichen Reiſe mitzutheilen. Er hatte ſich genoͤthiget geſehen, noch in der Nacht eine Stunde weit uͤber Tubac hinaus zu rei⸗ ten, um zu dem Silbertransport zu gelangen, und war ſeit zwei Stunden hartnaͤckig von dem Baͤr verfolgt worden, den wir nun vor uns ſahen. Sein Pferd, das mit einem Sacke Gold am Sattel hatte galoppiren muͤſſen, war vor Mattigkeit beinahe zuſammengebrochen, als ihm der Schein unſres Feuers wie ein rettender Leuchtthurm erſchienen war. Man wird es gern glauben, daß wir dieſe Erzaͤhlung ſehr zerſtreut anhoͤrten. Der Baͤr hoͤrte nicht auf, dumpf zu athmen. und witterte nach allen Seiten hin, dann fing er an, mit der Tatze große Raſenſtuͤcke aufzureißen, gleich als wolle er ſeine Staͤrke pruͤfen. Unſre Lage wurde kritiſcher; die Hunde waren aͤngſtlich zuruͤck an das Feuer gekommen und der Verbannte fing an, große Ungeduld zu zeigen, wie wenn jede Minute, die vergehe, ein Lebensjahr fuͤr ihn ſei. Er lief mit dem Degen in der Hand auf und ab wie ein Stier— kaͤmpfer in der Kampfbahn. „Nun, meine Herren,“ ſagte er endlich,„wollen Maͤn⸗ ner von Muth ſich auf die Gnade oder Ungnade eines un⸗ reinen Thieres verlaſſen? Geben Sie Feuer auf das Vieh, ich verſetze ihm dann den Gnadenſtoß.“ Die beiden Buͤffeljager ſchienen mit einander ſich zu berathen. „Wir haben allerdings vier Schuͤſſe fuͤr ihn und, wie der Reiſende ſagt, fuͤnf Maͤnner durfen nicht ſo unthatig vor dem Thiere bleiben, wie wild es auch ſein mag.“ „Geduld!“ antwortete ihm ſein Gefaͤhrte,„laß mich 314 erſt ein friedliches Mittel verſuchen; wenn dies nicht ge⸗ lingt, greifen wir den Baͤr an und empfehlen unſere See⸗ len Gott. Der Geruch des friſch abgehaͤuteten Buͤffels haͤlt das hungrige Thier hier feſt. Zwei von uns moͤgen den Baͤr zuruͤckhalten, waͤhrend die drei Andern den todten Buͤffel vom Feuer wegſchleppen. Der Baͤr wird ſich dann auf die Beute ſtuͤrzen koͤnnen, nach der er ſich ſehnt, und wir werden von unſerm Gegner befreit ſein.“ Dies Auskunftsmittel des Buͤffeljagers wurde einſtimmig angenommen und wir theilten uns in zwei Parteien. Die beiden Jäger ſchlangen um den abgehaͤuteten Buͤffel den Laſſo des Reiſenden, welcher das andere Ende an ſeinen Sattelknopf befeſtigte, und die ſchwere Maſſe glitt bald auf dem Raſen hin. Der Unbekannte und ich waren an der fruͤhern Stelle geblieben, um den Baͤr zu bewachen, der ſeinerſeits uns nicht aus den Augen ließ, aber auch keinen Schritt that. Nach einigen Minuten kamen die beiden Jaͤger und der Reiſende zu uns zuruͤck. „Es iſt geſchehen,“ ſagte der eine,„wenn wir auch un⸗ ſern Vorrath dem Hunger des ungebetenen Gaſtes ungern aufopfern.“ „Das Uebrige uͤbernehme ich,“ ſetzte der Verbannte hinzu. Ohne von dem Pferde zu ſteigen, bog er ſich bis auf den Boden herunter, nahm von dem Feuer einen Brand und ritt, die Zuͤgel zwiſchen den Zaͤhnen, den Feuer⸗ brand in der einen, den Degen in der andern Hand, gerade auf den Baͤr zu. Es war dies ein ſchrecklicher Augenblick fuͤr uns Alle. Als der Baͤr den Reiter herankommen ſah, der ſein keuchendes zitterndes Pferd mit Sporenſtichen 315 vorwärts trieb, ſtieß er eine Art Bruͤllen aus, richtete ſich auf die Hinterbeine empor und ſchlug mit den Vordertatzen um ſich. Bald aber, entweder weil ihn die unerſchrockene Haltung ſeines Gegners einſchuͤchterte, oder weil er ſich vor dem Feuerbrande furchtete, ließ er ſich wieder auf alle Vier nieder und fing an zuruͤckzuweichen. Endlich ſah ich ihn mit unbeſchreiblicher Herzenserleichterung einen großen Bogen um uns herum beſchreiben und in der Finſterniß verſchwinden. Wir verhielten uns einige Minuten ganz ſtill und horchten auf das Raſcheln im Graſe, hoͤrten auch bald in der Richtung, welche der Baͤr eingeſchlagen hatte, ein lautes Athmen, ein behaͤbiges Knurren und den Ton, als wuͤrde ein ſchwerer Koͤrper auf dem Boden hinge⸗ ſchleppt. Der Baͤr hatte ſeine Beute ergriffen und ſchleppte ſie in ſeine Hoͤhle, um ſie dort gemächlich zu verzehren. Die Belagerung war alſo aufgehoben und der Weg durch die Savanne frei geworden. Der Verbannte ſteckte ſeinen Degen wieder ein, ritt dann zu den beiden Jaͤgern, welche ihren Platz am Feuer wieder eingenommen hatten, und ſagte zu ihnen: „Ich habe Euch, lieben Freude, nur noch fur die gaſt⸗ liche Aufnahme zu danken, die ich bei Euch fand; ich werde ſie nie vergeſſen. Jetzt wende ich mich dahin, wohin mich mein Schickſal ruft.“ Er bog ſich dabei über den Sattel und reichte den bei⸗ den Buͤffeljägern die Hand, die ſie lebhaft mit ihren ſchwie⸗ ligen Fauſten faßten.„Gebe Gott,“ ſagte der Eine gleich⸗ zeitig,„daß Sie uͤberall wie hier eine ſichere Zuflucht und eine ſo herzliche Aufnahme finden!“ — N ——— 3 316 Auch ich wollte meine Theilnahme fuͤr den Verbannten ausſprechen, aber der Reiſende mit dem Goldſacke kam mir voraus, denn dieſem lag viel daran, fuͤr die Nacht ſich der Geſellſchaft eines unerſchrockenen Mannes zu verſichern. „Duͤrfte ich Sie,“ ſagte er ſtammelnd,„wohl fragen, nach welcher Gegend Sie ſich zu wenden gedenken?“ Der Unbekannte zeigte nach einer Seite des Horizon⸗ tes, wo man ſeit einiger Zeit eine Flammenſaͤule in leichten Wirbeln durch das Dunkel emporſteigen ſah. War dies ein Signal, welches dem Verbannten einige Gefaͤhrten gaben, welche in der Ferne uͤber ihn wachten? Eine Frage, die ich daruͤber wagte, fand nur eine ausweichende Ant— wort. Der Verbannte hielt ſeine Hand gegen den Himmel ausgeſtreckt, an welchem die Sterne des„Wagens“ bereits ihren elliptiſchen Lauf begannen. „Dieſe Sterne leiten mich,“ ſagte er zu mir.„Wenn ich in dieſer Richtung hin reite, muß ich das Praͤſidio Tubae erreichen.“ „Welch gluͤcklicher Zufall!“ fiel der Reiſende ein. „Dringende Angelegenheiten rufen mich gerade auch dahin und obgleich, Gott ſei Dank! das Land nicht mehr durch die salteadores(Straßenräuber) unſicher gemacht wird, ſo werde ich meinen Weg doch gern mit einem ſo muthigen Manne, wie Sie es ſind, fortſetzen. Ich buͤrge uͤberdies fuͤr eine bedeutende Summe, die mir anvertraut wor— den iſt.“ „Fuͤr die Summe, welche in dieſem Sacke enthalten iſt?“ fragte der Verbannte, welcher den Reiſenden mit einem eigenthuͤmlichen mitleidigen Blicke anſah. 317 „Ja, dreitauſend Piaſter in Gold.“ „So warten Sie lieber den Tag hier ab. Die Nacht iſt finſter, mein Pferd läuft ſchnell und vielleicht koͤnnen Sie mir nicht folgen. Ich rathe Ihnen, hier zu bleiben.“ Der Reiſende blieb dabei, ihn zu begleiten; er waͤre, ſagte er, ſchon zuruͤckgehalten worden und eine dringende Pflicht noͤthige ihn, ſchnell zu dem Silbertransporte zu ge⸗ langen, welcher bei Tubac halte. Der Verbannte ließ ſich endlich erbitten und willigte, wenn auch mit ſichtbarem Widerſtreben, ein, ihn als Begleiter mit ſich zu nehmen. Er ſtieg ab, ſchnallte den Gurt ſeines Pferdes feſter und ſagte dann zu mir:„Herr Franzoſe, wenn der Zufall wollte, daß wir einander noch einmal begegneten, ſo ver⸗ geſſen Sie nicht, mich daran zu erinnern, daß wir an ei⸗ nem Lagerfeuer geruhet haben.“ Dieſer ſeltſame Abſchied uͤberraſchte mich und ich be⸗ ſann mich noch auf eine Antwort, als die beiden Reiſenden bereits im Galopp davon jagten. „Das Lamm und der Jaguar,“ ſagte einer der beiden Buffeljäger, indem er geheimnißvoll und feierlich den Kopf ſchuttelte,„das Lamm und der Jaguar gehen nicht lange mit einander.“ Dann ſchob der Jäger die zerſtreuten Feuerbraͤnde zu⸗ ſammen und legte ſich nieder, die Fuͤße dem Feuer zuge⸗ kehrt. Wir, ſein Gefaͤhrte und ich, thaten daſſelbe. Die uͤbrige Nacht verging ruhig und nur der ſtarke Thau eines amerikaniſchen Morgens konnte uns wecken. Der Baͤr hatte zum Gluck unſer Fruhſtuͤck nicht mitgenommen; einige Fleiſchſtreifen, die letzten Ueberreſte des Buͤffels, den er 318 verzehrt hatte, ziſchten bald auf den Kohlen und ich konnte mich zum zweiten Male überzeugen, daß die Reiſenden den Wohlgeſchmack des Buͤffelfleiſches nicht uͤbertrieben haben. Die Sonne ſtieg unterdeß am Horizonte empor, waͤhrend wir mit ächtem Jaͤgerappetite fruͤhſtuͤckten und das Schau⸗ ſpiel, das ihre Strahlen vor unſern Augen enthuͤllten, indem ſie die Nebel der Ebene zerſtreuten, verkuͤndete uns einen an Abenteuern wenigſtens eben ſo reichen Tag, als es die ver⸗ gangene Nacht geweſen war. Die grünen Anhöhen der Savanne bedeckten ſich mit langen Büffelreihen. So dicht gedraͤngte Heerden von vorn anzugreifen, wurde mehr als tollkühn von den beiden Jägern geweſen ſein. Es giebt nur ein Mittel, einen oder zwei Buͤffel ohne zu große Gefahr zu toͤdten,— naͤmlich ſie von der Heerde zu trennen; das Uebrige thut die Gewandt⸗ heit und die Geſchicklichkeit des Jaͤgers. Gegen die Er— wartung meiner beiden Gefährten zogen die cibolos bruͤl⸗ lend parallel mit dem Fluſſe hin und keiner wagte ſich in unſere Naͤhe. Der erſte Europäer, welcher einen Buͤffel ſah, muß meiner Meinung nach im hoͤchſten Grade erſchrocken ſein. Der Buͤffel iſt großer als der gewoͤhnliche Stier; eine dichte ſchwarze oder roſtfarbene Maͤhne bedeckt ſeinen Hals, ſeine Schultern und ſein Bug und fuͤllt bis auf die Beine herunter. Der Hintertheil des Thieres von dem Hoͤcker auf den Schultern an iſt mit kurzem ſtarren Haar bedeckt wie bei dem Loͤwen und wird auch wie bei dieſem ſtets von einem kraftigen Schweife gepeitſcht. Sein ſchwerer Lauf erſchuͤttert den Boden, ſein Brullen zerreißt die Luft; ſeine Augen, die nur dumme Wildheit ausdruͤcken, und die ſchwarzen ſpitzen Hoͤrner auf der breiten Stirn machen ihn vollends zu einem Gegenſtande des Schreckens. Einer der beiden Jaͤger, welcher nicht ohne Verdruß die Bewegungen dieſer rieſenhaften Heerde beobachtete, muſterte mit Kenneraugen gleichzeitig mein Pferd, das er im Dunkel noch nicht hatte bemerken koͤnnen. „Caramba!“ ſagte er,„dieſer breite Bug, die duͤnnen Beine, die offenen Nuͤſtern und der langgeſtreckte Leib ver⸗ rathen einen nicht gewoͤhnlichen Laͤufer.“ „Mein Pferd,“ antwortete ich mit Beſitzereitelkeit, „wetteifert in Schnelligkeit mit dem Hirſch und in Ausdauer mit dem Maulthier.“ „Wohl auch an Raſchheit mit einem Buͤffel,“ unter⸗ brach mich der Jaͤger.„Herr Franzoſe, ohne viel Worte, Sie koͤnnten mir einen Gefallen thun.“ „Reden Sie.“ „Sie ſehen dort die Heerde der Buͤffel, die uns zu ver⸗ meiden ſcheinen. Da Ihr Pferd ein ſo guter Laͤufer iſt, ſo galoppiren Sie doch bis an die Furchtſamen und ſchießen Sie ein Paar Mal ſo nahe als moͤglich auf ſie; Sie wer⸗ den wenigſtens einen verwunden. Dann verfolgt Sie die ganze Heerde, aber Sie werden ſich leicht von ihnen ent⸗ fernen; nur die gewandteſten, folglich die ſtaͤrkſten, werden Ihnen naͤher kommen und ſich ſo von der Heerde trennen. Wir haben dann, was wir brauchen.“ „Sprechen Sie im Ernſt?“ fragte ich. Der Jäger ſah mich verwundert an.„Und wenn mein Pferd ſtuͤrzte?“ „Es wird nicht ſtuͤrzen.“ S— 320 „Wenn es aber ſtuͤrzte!“ „Dann haben Sie allerdings wenig Ausſicht zu ent⸗ kommen. Man hat freilich ſo etwas ſchon geſehen.. Fuͤr den Fall, daß Sie ſo ruͤhmlich fallen ſollten, werde ich, das verſpreche ich Ihnen, ein fuͤrchterliches Blutbad unter den Buͤffeln anrichten.“ „Tauſend andere Gefaͤlligkeiten,“ antwortete ich, „wuͤrde ich Ihnen viel lieber erzeigen als dieſe; ich habe bereits ganz ohne meinen Willen am vorigen Tage an einer Tigerjagd Theil genommen; in der vergangenen Nacht hatten wir den Baͤr und jetzt ſehne ich mich gar nicht nach der Buͤffeljagd. Viel lieber will ich Ihnen mein Pferd leihen.“ „Ich wagte es nur nicht, um dieſe Gunſt zu bitten,“ ſetzte der Jäger gutmuͤthig hinzu,„ich glaubte Ihnen auch⸗ ein Vergnuͤgen zu machen, wenn ich Ihnen dieſe Unter⸗ haltung anboͤte.“ Ich dankte ihm fuͤr ſeine gute Abſicht und ubergab ihm ſeufzend die Zuͤgel meines Pferdes, doch ziemlich froh, auf dieſe wenn auch gaskogniſche Weiſe mich aus der Schlinge zu ziehen. Der Jäger ſattelte es vor allen Din⸗ gen ab, legte die Decke, welche ihm als Mantel diente, vierfach zuſammen und befeſtigte ſie ſo mit einer langen Schaͤrpe, die er um den Leib trug, auf dem Ruͤcken des Pferdes, dann zog er ſeine calzoneras, ſeine Stiefelchen von Hirſchhaut und ſeine Jacke aus und ſtand nun barfuß, in kurzen Hoſen und in Hemdaͤrmeln da. „Da die Partie, welche ich ſpielen will, nicht eben ſehr zart iſt, ſo kann ich mir ſelbſt und dem Pferde nicht Freiheit 321 genug in den Bewegungen geben und Sie werden ſehen, wie man da ein Thier benutzen kann.“ Nachdem er einen ſpitzen und ſcharfen Stoßdegen an ſei⸗ nen Sattel gehangen hatte, ſprang der Jäger auf das Pferd und uberzeugte ſich, daß die Schaͤrpe ihm im Nothfalle als Steigbuͤgel dienen und die ganze Laſt ſeines Koͤrpers tra⸗ gen koͤnne. Dann nahm er mit einer Gewandtheit, welche jener der alten Numidier wenigſtens gleich kommen mußte, ſein Pferd zuſammen, trieb es vorwärts, hielt es zurück, rollte in ſeiner linken Hand den cabestro zuſammen, deſſen Ende er hielt, jagte wie ein Pfeil davon und kam mit der⸗ ſelben Schnelligkeit zu mir zuruͤck. „Sie wiſſen nicht, was ein ſolches Pferd werth iſt!“ ſagte er zu mir,„ich zuͤrne mir faſt, daß ich Ihnen eine Ge⸗ legenheit entziehe, ſelbſt zu erfahren, welchen Schatz Sie in ihm beſitzen.“ Ich geſtehe, daß mein Pferd, von dieſem wilden Rei⸗ ter geritten, nicht mehr daſſelbe Thier zu ſein ſchien, doch empfahl ich dem Jäger dringend, es den Hoͤrnern der Buͤf⸗ fel nicht zu ſehr auszuſetzen. „Ich theile die Gefahr mit ihm,“ ſagte er lachend, dann gab er uns ſeine Inſtructionen. Wir ſollten uns, mit der Flinte in der Hand, an den Abhang am Fluſſe dort auf den Bauch niederlegen und durch das hohe Gras hindurch die Bewegungen der Thiere beobachten, welche er auf uns zu treiben wuͤrde. „Uebrigens,“ ſetzte er hinzu,„haben Sie Zeit, Herr Franzoſe, vorher ein Wettrennen mit anzuſehen, das Sie nicht leicht erblicken duͤrften. Ich will Ihnen zeigen, was Amerik. Reiſenvvellen. 21 322 man von einem guten Pferde erwarten kann, das ein guter Jäͤger reitet.“ Faſt gleichzeitig jagte er in geſtrecktem Galopp nach der Buͤffelheerde hin, deren Gebrull uns der Wind aus der Ferne zutrug. Ich blieb am Flußufer ſtehen, um von dem intereſſanten Schauſpiel, das mir verſprochen war, nichts zu verſäumen. Der Jäger machte zuerſt einen ziemlich großen Umweg und ſetzte mit unveraͤnderlicher Leichtigkeit über die ſtacheligen Nopals und die Bodenunebenheiten hin⸗ weg, mit denen die Ebene bedeckt war. Das Pferd ſchien mehr zu fliegen als zu laufen und wieherte froͤhlich; dann verſchwand der Reiter hinter einem ziemlich hohen Huͤgel. Der Gefaͤhrte des Jagers hatte unterdeß eine Weidenruthe mit einem rothgeſtreiften Tuche aufgeſteckt und ich fragte ihn, ob das ein Signal füͤr ſeinen Cameraben ſei. „Nein,“ antwortete er mir;„die Buͤffel ſind wie die Stiere, die rothe Farbe reizt ſie. Wenn Joaquin einen oder zwei von der Heerde abſondert, wird ſie das Tuch un⸗ fehlbar hierher locken und wir können ſie ganz in der Nahe niederſchießen. Zielen Sie gut auf die Schnauze, ſobald ſie ſich auf uns ſtuͤrzen.“ „Iſt es denn durchaus nothig,“ fragte ich⸗„daß wir ſie gerade hierher locken?“ „Es iſt mein Gewerbe,“ antwortete mir der Mann, der, wie Mataſiete, vergaß, daß ich kein Jäger von Pro⸗ feſſion war. Kaum hatte er ausgeſprochen, ſo konnten wir eine Art Beben und Unruhe in den Reihen der Buͤffel⸗ heerde bemerken, welche den Abhang des Huͤgels bedeckte, hinter welchem Jpaquin verſchwunden war. Der aben⸗ 323 teuernde Jager war von der andern Seite hinaufgeritten. Oben auf dem Gipfel ſtieß er ein gellendes Geſchrei aus, auf welches langgedehntes Gebrull antwortete, dann ftuͤrzte er den Hügel hinunter wie ein Felſenblock und verſchwand unter dem Walde von Hörnern und ſchwarzen Mäͤhnen. Die Heerde prallte auseinander und machte eine beunruhi⸗ gende Schwenkung nach uns zu, bald aber zerſtreute ſie ſich in zahlreichen Gruppen nach verſchiedenen Seiten hin. Dann ſah ich Jvaquin von Neuem wohlbehalten in den geoffneten Reihen galoppiren. Zwei ungeheure Buͤffel ſchienen die Führer einer der Colonnen der Hauptheerde zu ſein und gegen dieſe beiden rieſenhaften Thiere ſchien der Jäger ſeinen Angriff zu lenken. Joaquin, der an den Sei⸗ ten der Heerde mit einer wahrhaft wunderbaren Leichtig⸗ keit und Kühnheit hin und her jagte, erſchien und verſchwand abwechſelnd, ohne daß ſich die beiden Führer von ihren Gefährten trennten. Endlich entſtand ein kaum bemerk⸗ licher leerer Raum zwiſchen der kleinen Heerde und den ſie fuhrenden beiden Buͤffeln. Blitzſchnell wendete ſich der Jäger dahin, ich ſah aber mit Angſt, entweder weil er von der Gewandtheit des Pferdes zu viel verlangt hatte, oder weil es eine Liſt ſeiner wilden Gegner geweſen war, die einen Augenblick getrennte lebendige Fluth ſich wieder ſchließen, ſo daß der Unglückliche verloren zu ſein ſchien. Ich vergaß das Pferd, um nur an den Mann zu den⸗ ten, und wechſelte einen beſorgten Blick mit dem Gefaͤhr⸗ ten des armen Joaquin. Die gebraͤunte Wange des Jaͤ⸗ gers hatte ſich mit einer toͤdtlichen Bläͤſſe uͤberzogen und er ſtand auf dem Punkte, mit der Buͤchſe in der Hand 21* 324 dem Freunde zu Hilfe zu eilen, als er plotzlich einen Freu⸗ denruf ausſtieß und ſtehen blieb. Joaquin hatte ſich, als er gewaltſam zwiſchen die Hörner der beiden Buͤffel ge⸗ drängt war, die ſich endlich von der Schaar ſonderten, deren Fuͤhrer ſie waren, auf das Pferd geſtellt, welches durch die dicke wollene Decke, mit welcher es bedeckt war, gegen die Hörnerſpitzen geſchuͤtzt wurde. Waͤhrend die dicht ge⸗ draͤngte Gruppe, ohne auseinander zu weichen, auf uns zu kam, zog der Reiter ſeinen Stoßdegen, ſtellte einen Fuß auf die behaarte Schulter des Buͤffels, ſtieß die moͤrderiſche Klinge ihm ins Genick und ſprang raſch herunter, als das Thier die letzten Anſtrengungen machte, nicht ohne Rache zu ſterben. Es war Zeit, denn in demſelben Augenblicke war mein armes Pferd, das der Buͤffel auf die Stirn ge⸗ nommen hatte, gewaltſam niedergeworfen worden. Aber gerade das rettete es; es entkam dadurch dem Andraͤngen ſeiner beiden Gegner, ſprang dann ſogleich auf und ent⸗ floh, verfolgt von den beiden Buͤffeln. Joaquin lief neben dem Pferde hin, deſſen Zuͤgel er nicht losgelaſſen hatte, naͤherte ſich ihm allmälig mehr, faßte die Mähne, ſchwang ſich empor und ſetzte ſich mit einem Hurrarufe wieder feſt. „Nun kommt die Reihe an uns,“ ſagte der Jäger, der bei mir geblieben war, indem er ſich wieder ſo ſtellte, daß ihn die beiden Buffel ſehen konnten, die in der Verfolgung des Reiters auf uns zu kamen, waͤhrend die Heerde, ihrer beiden Fuͤhrer beraubt, nach dem Huͤgel hin entfloh. Wir legten uns an dem Flußufer platt auf den Bauch nieder und warteten auf die beiden Buͤffel, die einen Augenblick entmuthiget ſtehen blieben, wuͤthend bruͤllten und mit den Hoͤrnern die Erde aufwuͤhlten. Der Jäger bewegte da das rothe Tuch an der Ruthe ſtark. Bei dem Anblicke der verhaßten Farbe ſchienen die beiden Thiere mit wilder Freude ein Ziel zu begrüßen, das vor ihren Angriffen we⸗ nigſtens nicht zurückwich. Sie kamen auf uns zu. Jvaquin hatte ſich zur Seite gewendet, denn ſeine Aufgabe war ge⸗ loͤſet. Schwerlich kann man ſich eine richtige Vorſtellung von dem entſetzlichen Ausſehen des wuͤthenden und verwun⸗ deten Buffels machen. Bei jeder ſeiner Bewegungen ſloſ⸗ ſen Stroͤme von Blut an ihm herunter und fuͤrbten ſeine ſchwarze Mähne roth und blutiger Schaum ſtand vor ſei⸗ nem Maule. Der andere Buͤffel kam ihm zuvor und ſtierte mit ſeinem wilden dummen Auge auf das Tuch, welches jetzt nur der Wind bewegte, denn der Jäger hatte gleich mir die Buͤchſe in der Hand. Noch eine Minute und wir hatten uns gegen dieſe beiden gereizten Thiere zu ver⸗ theidigen. Zum Gluck ſtürzte einige Secunden darauf der verwundete Buͤffel ſchwer nieder und verendete.„Feuer!“ rief der Jäger. Von drei Kugeln in den Kopf getroffen, blieb der andere Buͤffel ſtehen und fiel faſt dicht am Fluß⸗ rande nieder. Joaquin kam in kurzem Trabe friſch und lächelnd heran wie ein Reiter, der in einer Reitbahn die Vorzuge ſeines Pferdes hat bewundern laſſen. Er be⸗ trachtete den zuletzt gefallenen Buffel und ſagte: „Bei Gott, Sie haben ihm Ihre beiden Kugeln in den Kopf gebracht; fur einen Anfänger gar nicht ſchlecht. Ich werde von nun an die Buͤffel nur zu Pferde jagen.“ „Nur nicht mit dem meinigen hoffentlich,“ antwortete 326 ich ſehr geſchwind,„denn es iſt ein Wunder, daß das arme Thier den Hoͤrnern entgangen iſt.“ „Bei der erſten Gelegenheit, daß ich mir ein gutes Pferd verſchaffen kann, thue ich es. Und. die Vorſehung ſcheint ſogleich meinen Wunſch zu erfuͤllen, denn da ſchickt ſie mir wahrhaftig ein geſatteltes und gezäumtes Pferd.“ Wir ſahen wirklich ein geſatteltes und gezäumtes Pferd, das faſt ſo ſchnell als fliehe es vor einer Buͤffel⸗ heerde nach dem Fluſſe zu galoppirte. Die großen hoͤlzernen Steigbuͤgel, die es an die Seiten ſchlugen, trieben es zu immer ſchnellern Laufe an. Nach dem Schaume und Schweiße, womit es bedeckt war, mußte es ſchon lange ſo gelaufen ſein. Der Reiter, der offenbar aus dem Sattel gehoben worden war, befand ſich wahrſcheinlich nicht weit von uns. „Wenn ich mich nicht irre,“ ſagte Jvaquin,„ſo iſt es das Pferd des Reiſenden, welcher uns den Beſuch des Baͤ⸗ ren ankuͤndigte.. Es muß ihm ein Ungluͤck in der Sa⸗ vanne zugeſtoßen ſein, denn ob er gleich nicht eben viel Muth hatte, ſo ſchien er doch ein zu guter Reiter zu ſein, als daß er ſich ſo bald aus dem Sattel habe heben laſſen. Sie erlauben mir wohl, mich noch einmal Ihres Pfe bes zu bedienen, um mir jenes zuzueignen.“ Mit dieſen Worten loͤſete der Jager die reata, welche um den Hals meines Pferdes geſchlungen war, machte einen leichten Knoten am Ende des Strickes und jagte dem flie⸗ henden Pferde nach. Mit der Geſchicklichkeit, welche die merikaniſchen Reiter auszeichnet, hatte er ſeine Schleife ſchnell uͤber das Pferd geworfen, das ſogleich ſtehen blieb 327 und ſich ohne Widerſtand fortfuͤhren ließ. Nach dem Aus⸗ ſehen des Sattels konnten wir auf das Schickſal des un⸗ glucklichen Reiſenden nicht mit Sicherheit ſchließen. Ein tiefer friſcher Ritz im Leder aber, der oben am rechten Steig⸗ bugel anfing, konnte wohl andeuten, daß der Reiter mit Ge⸗ walt herabgeriſſen worden ſei und daß ſein Sporn im Falle dieſen Riß gezogen habe. Ueberdies waren die Riemen, welche ſein Felleiſen hielten, durchgeſchnitten und nicht zer⸗ riſſen oder aufgeknuͤpft und man wird ſich vielleicht er⸗ innern, daß dieſes Felleiſen einen Sack mit Gold enthielt. Die beiden Jäger ſchuttelten den Kopf. „Ich habe immer den Leuten aus der tierra adentro nicht getraut,“ ſagte Joaquin.„Da Sie, Herr Franzoſe, Ihr Weg nach Tubae führt, ſo werde ich Sie begleiten; das Pferd kommt von dem presidio her und ich moͤchte wohl etwas mehr von der Sache wiſſen.“ Ich nahm den Vorſchlag des Jägers gern an, badete mein Pferd, um die blutigen Spuren von der Reiter⸗ geſchicklichkeit Joaquins zu entfernen, ſattelte es wieder und der Jager band die beiden Hunde los, welche er an ein Paar Weiden gebunden hatte. Nachdem ich von ſei⸗ ne Fameraden Abſchied genommen hatte, brachen wir auf, ich auf meinem Pferde, Joaquin auf dem, welches ihm der Zufall zugefuͤhrt hatte. Zweihundert Schritte von da ſahen wir im Graſe die armas de agua liegen, welche die raſche Bewegung von dem Sattel abgeloͤſet hatte.„Vielleicht,“ ſagte ich zu Joaquin,„finden wir auch den Goldbeutel des Reiſenden.“ Der Jäger antwortete mir nur mit unglaͤubigem Laͤcheln. 328 Wir ritten noch eine Stunde in ſcharfem Trabe. Etwa eine Stunde von Tubae ſchlugen die Hunde an und ſpran⸗ gen in ein kleines Thal hinein, wohin wir ihnen folgten. Es erwartete uns da ein entſetzlicher Anblick. In einer Blutpfuͤtze, das Geſicht der Erde zugekehrt, lag der Un⸗ gluͤckliche, den wir einige Stunden vorher mit dem Ver⸗ bannten hatten abreiſen ſehen. „Das Sprichwort hat Recht,“ ſagte der Jager traurig; „der Jaguar und das Lamm bleiben nicht lange bei ein⸗ ander. Der arme Teufel!“ ſetzte er mit mitleidiger Miene hinzu,„er brauchte nur von hinten geſchlagen zu werden, und ſehen Sie da die Spur des Jaguar. Das iſt der Ab⸗ druck ſeines Fußes, wie ich ihn in der Aſche unſeres Lager⸗ feuers bemerkt habe; aber andere Spuren ſind dabei, die ich nicht kenne.“ Der Jäger unterſuchte die noch friſchen Fußtapfen mit der ſorgſamen Aufmerkſamkeit, mit welcher ſeine Lands⸗ leute bei dergleichen Pruͤfungen zu Werke zu gehen pflegen. Voll Vertrauen zu dem faſt ſicher ahnenden Inſtincte des Prairiejägers hoͤrte ich mit lebhafter Theilnahme zu, als Joaquin, nachdem er den Boden betrachtet und gruͤndlich uberlegt hatte, zu mir trat und im Ton unerſchutterlicher Ueberzeugung ſagte:„Hoͤren Sie, was ich vor Gott und vor den Menſchen verſichern wuͤrde, ſelbſt wenn dieſer todte Koͤrper der meines Bruders ware: der Mann, den ich im Verdacht hatte, iſt unſchuldig an dieſem Morde; das Ver⸗ brechen iſt gegen ſeinen Willen vollbracht worden. Hier Er zeigte auf den Eindruck von Knien) hat der Reiſende um Gnade gebeten; der Mann aus der tierra adentro 329 hat ihn mit ſeinem Leibe geſchuͤtzt, wie es die Spuren der Ferſe dicht neben denen der Knie beweiſen, und da,“ ſetzte er hinzu, indem er auf die Spur der Fußſpitze deutete, „hat den Unglucklichen, den ſein Begleiter vertheidigte, ein Schakal von hinten erſchlagen. Der Schakal wird auch erſchlagen worden ſein. Amen.“ Es war das erſte Mal, daß ich einen Mexikaner von dem Tode ſo feierlich ſich ausſprechen hoͤrte. Ich druͤckte ſchweigend die Hand Joaquins. Einige Stunden ſpäter trennte ich mich von ihm und noch ergriffen von dem trau⸗ rigen Schauſpiele kam ich in Tubac an, wo ich mich wohl hutete, von dem ſchauerlichen Vorfalle zu ſprechen. Alles war ubrigens an dem Orte in Aufruhr, denn merkwuͤrdiger⸗ weiſe war in der vergangenen Nacht eine Silbercondurta angegriffen und von Unbekannten eine anſehnliche Summe entwendet worden. Dies war auch mir ſo vollkommen er—⸗ klaͤrlich, wie es fuͤr den Buͤffeljager die Umſtaͤnde bei der Ermordung des ungluͤcklichen Reiſenden geweſen waren. II. Der Zweck meines Ausfluges nach Tubac war erreicht. Ich hatte die letzten Spuren der urſpruͤnglichen Sitten, welche ſich in einigen Theilen der Republik erhalten haben und welche die Baſtardeiviliſation, deren Sitz Mexico iſt, mehr und mehr zu erreichen ſtrebt, in der Naͤhe geſehen. Ich mußte nun daran denken, jene Gegenden der Mitte wieder zu erreichen. Einige Tage nach meiner Ankunft in Tu⸗ bac ſollte eine Caravane Maulthiertreiber nach dem Suͤden — 330 aufbrechen, ich ſchloß mich ihnen an und glaubte, nun mit dem Abenteuerleben zu Ende zu ſein. Ich irrte mich aber, als ich mir einbildete, ich wuͤrde von nun an nur noch in mei⸗ nen Erinnerungen einige Vertreter jener ſo offen rohen Ge⸗ ſellſchaft ſehen, die ſich in Merico trotz der angeblich eiviliſir⸗ ten Bewohner erhält. Unter den ſeltſamen Muſterbildern, die ich kennen gelernt hatte, befand ſich eines, der salteador oder Straßenraͤuber, der ſich mir nur im Halbdunkel ge⸗ zeigt und den ich nun gleichſam bei hellem Tageslichte ſollte beobachten koͤnnen. Der Mann, welcher mir am Lager der Buͤffeljäger ſeine Kaͤmpfe mit der Juſtiz erzahlt, hatte mich belehrt, wie inMerico das Leben eines Raͤubers beginnt; der⸗ ſelbe Mann ſollte mir nach einigen Tagen das Beiſpiel geben, wie es endiget. Nicht etwa am Galgen, wie man zu glau⸗ ben verſucht ſein koͤnnte. Wer zuerſt gegen die Richter ge⸗ kaͤmpft hat, vereinigt ſich gewoͤhnlich zuletzt friedlich mit ih⸗ nen, ja ſchreibt ihnen wohl gar Geſetze vor. Das iſt die komi⸗ ſche Entwickelung von mehr als einer ſchauerlichen Tragoͤdie. Vor Allem muß ich einige Worte uͤber einen Reiſe⸗ gefaͤhrten, einen Landsmann, ſagen, den der Zufall mir abſichtlich zu ſenden ſchien, um mir nach Beendigung der Strapazen meines gewagten Ausflugs Gefahren anzu⸗ zeigen, die ich nicht geahnet hatte. An unſerem dritten Reiſeabende lagerten wir nicht weit von einem kleinen Fluſſe, der ſich mit dem Rio Baeuache verbindet. Lautes Lachen hatte mich an das Ufer dieſes Fluſſes gelockt, wo einige Maulthiertreiberfrauen die Beinkleider ihrer Maͤn⸗ ner wuſchen. Ein Mann, in deſſen von der Sonne ge⸗ bräͤuntem Geſichte der Ausdruck einer ganz franzoͤſiſchen „ 331 Heiterkeit lag, ſchaͤkerte mit den Waͤſcherinnen und das Pariſer Zungenanſtoßen, das er in die mericaniſche Ausſprache miſchte, rechtfertigte vollkommen die allge⸗ meine Lachluſt. Wie ſchnell wir, der Pariſer und ich, mit einander bekannt wurden, kann man ſich leicht denken. Herr D. durchwanderte Merico zu Fuß und zwar reiſete er ſo aus beſonderer Neigung; da er aber wußte, daß man in dieſem Lande Jeden verachtet, der nicht Reiter iſt, ſo hatte er ſich ein Pferd gekauft, das er indeß nur beſtieg, um durch die Städte und Doͤrfer hindurch zu reiten. Sodann fuͤhrte er das Pferd. Mein neuer Bekannter war der Sohn eines Fabrikanten in Paris, hatte die Anſtalt des Vaters uͤberneh⸗ men und eine reiche Ehe ſchließen ſollen, aber am Tage vor der Hochzeit die groͤßte Angſt vor ihr bekommen. Er hatte Paris verlaſſen, um nicht ſeine Freiheit zu verlieren, und ſeit ſechs Jahren war er in Nord- und Suͤdamerika mit einigen Waaren umher gewandert, die er von Haus zu Haus feil bot und von deren Ertrage er lebte. Maͤßig, geduldig, ergeben und muthig genug, um allein von einem Ende Amerikas bis zum andern zu reiſen, nach dem ge⸗ mächlichen Leben ſich nicht zuruͤckſehnend, begabt mit einer Seelenſtärke, welche der ſeiner unermuͤdlichen Muskeln gleichkam, zu ſtolz, um in der Noth zu betteln und freigebig genug, um im Gluͤcke Bedurftige zu unterſtuͤtzen, das war der Mann, mit dem mich der Zufall in der mexicaniſchen Eindde zuſammenfuͤhrte und der mit dem ritterlichen We⸗ ſen der Franzoſen die beſchränkten engherzigen Handels⸗ anſichten verband, die man ſeinem Volke zum Vorwurf macht. Uebrigens ſind ſolche Maͤnner in Amerika nicht *——„ 332 ſo ſelten als man wohl muthmaßet. Als ich D. traf, war er mit einem franzoſiſchen Hauſe in Verbindung, das ſeine praktiſche Geſchaͤftskenntniß zu benutzen gewuͤnſcht hatte. Sein Auftrag führte ihn auf die beruͤhmte jahrliche Meſſe von San Juan de los Lagos und da dieſer Weg mit dem meinigen zuſammentraf, kamen wir uͤberein, mit einander zu reiſen. Ich ſtellte nur die eine Bedingung, daß er zu meinen Gunſten von ſeiner Reiſeart abweiche und reite. Er nahm die Bedingung gern an und am Tage nach un⸗ ſerm Zuſammentreffen brachen wir auf, nachdem wir von den Maulthiertreibern Abſchied genommen hatten. In Geſellſchaft des Herrn D. ſah ich Arispe, Hermoſil⸗ los und Guaymas wieder, wo ich mich von Neuem einſchiffte. Ich begruͤßte von dem Verdecke des Schiffes aus, das mich forttrug, die Kuͤſte Californiens, die mir wie ein blaͤulicher Dunſt erſchien; ich ſah die Wogen an den Klippen der Inſeln Cerralbo und Espiritu Santo wieder ſchäͤumen und warf von den Hoͤhen von San Blas einen Abſchiedsblick auf das Purpurmeer, das ich zum letzten Mal durchſchifft hatte und deſſen Flaͤche die erſten Hauche des cordonazo und die erſten Octoberwolken aufzuregen begonnen. Zu meinen Fußen bogen heftige Windſtöße, die Vorläufer der Stuͤrme, welche in dieſem Golfe wuͤthen, die Wipfel der Baume. Die Sonne ſog in langen Zuͤgen die Duͤnſte an, welche ſich bald in Platzregen herabſtuͤrzen ſollten. Die Krankheit und der Tod ſchickten ſich än, die Stadt zu überfallen, die trauriger und oͤder denn je war, denn bei der Annäherung der Regenzeit war die Stunde der periodiſchen Wanderung der meiſten Einwohner bereits gekommen. S— 8 W W— 8 — ——— W— 333 Bald erreichten wir Tepic, eine Stadt von etwa 20,000 Einwohnern, die ſich unter einer lauen Temperatur wie eine grüne, immer friſche Platform über der heißen Küͤſte von San Blas erhebt. Wir legten in drei Tagen die ſechszig Stunden zuruͤck, welche Tepi von der Hauptſtadt des Staates Jalisco, Guadalarara, trennen die 125,000 Bewohner zählt und in der ganzen Republik durch ihre Fabriken und die Geſchicklichkeit ihrer Kinder in der Hand⸗ habung des Meſſers beruͤhmt iſt. Dann zogen wir gleich⸗ ſam querfeldein nach San Juan. Auf dieſem neuen Wege aͤndert ſich die Scene; man fieht nicht mehr blos einzelne Reiſende in langen Zwiſchen⸗ räumen inmitten von Wildniſſen, ſondern endloſe Reihen von Maulthieren erfuͤllen die Straßen; ſchwere Wagen, deren Achſen knarren, zerreiben den Staub zum feinſten Pulver; die unter ihren ſeidenen Tuͤchern halbverhuͤllten Salteadores lauern auf die Beute, welche ihnen bezeichnet worden iſt und wechſeln mit den Reiſenden ohne Gepaͤck uneigennützig höfliche Gruße. Man fuͤhlt, daß das Leben unter den einzelnen Gliedern des großen Körpers, welcher die Republik ausmacht, raſcher kreiſet; aber man wird auch von noch unbekannten Gefahren bedrohet. Hier und da ſtehen Kreuze an Stellen, wo ein Mord begangen wurde; in den Wirthshäuſern erzählt man ſchauerliche Geſchichten und der Erzähler, der den Reiſenden belauſcht, ſucht je nach dem Geſichtsausdruck deſſelben zu beurtheilen, ob er ihn den Banditen, mit denen er in Verbindung ſteht, uber⸗ liefern ſoll oder nicht, und endlich hat man die mericaniſche 334 Gafifreundſchaft mit ihrem unvermeidlichen Gefolge von Elend und Schmuz zu ertragen. Alle dieſe eben aufgezählten Unannehmlichkeiten ſchie⸗ nen ſich vereint in der Venta zu finden, in welcher wir am Tage vor unſrer Ankunft in San Juan de los Lagos abge⸗ ſtiegen waren. Gegen fuͤnf Uhr Abends, nachdem wir unter einem Platzregen zwoͤlf Stunden zu Pferde verbracht, hatten wir durch einen Nebelſchleier hindurch die weißen Mauern und die rothen Ziegel dieſer einzeln liegenden Venta er⸗ blickt. D. eilte ſogleich voraus, um uns da ein Abend⸗ eſſen und ein Obdach zu ſicherm— Bei dieſer Gelegenheit ein Paar Worte uͤber die Foͤrmlichkeiten der Einfuͤhrung in den posadas Merxicos. Man gelangt zuerſt ohne Hinder⸗ niß in einen großen vierſeitigen Hof, in welchen die fur die Reiſenden beſtimmten Gemaͤcher im Erdgeſchoß gehen. Meiſt hoͤrt der Beſitzer des Wirhshauſes, der huesped, der entweder abweſend oder in einem entfernten Stalle be⸗ ſchaͤftiget iſt, auf die Stimme nicht, die ihn ruft. Der Rei⸗ ſende hat deshalb nichts Beſſeres zu thun als in allen Ge⸗ maͤchern herumzureiten, deren Thuͤren offen bleiben, und er waͤhlt das, welches ihm am beſten behagt. Eine Wahl iſt bald getroffen, denn die Ausſtattung iſt in allen dieſelbe: eine Bank, ein Tiſch und ein gemauertes Lager, weiter nichts. Auch der Preis iſt nicht verſchieden; er be⸗ trägt einen Real des Tages. Man ſattelt dann ſein Pferd ab und wartet auf den huesped, der endlich auch erſcheint und daruͤber brummt, daß man ihn nicht gerufen hat; dar⸗ auf beſchaͤftiget man ſich mit dem Futter fuͤr das Pferd und endlich denkt man an ſich ſelbſt und verlangt etwas zu eſſen. P 335 Wenn der Wirth üble Laune hat oder das Benehmen des Reiſenden ihm mißfallt, ſo bekommt er entweder gar nichts, oder nur den Abhub von den Speiſen, welche man vorräthig hat. In den Städten, wo die Wirthshaͤuſer zahlreich ſind, treibt man dieſe Ruckſichtsloſigkeit allerdings nicht bis uͤber gewiſſe Grenzen, in den Ventas aber, welche keine Con⸗ currenz zu fuͤrchten haben, wird ſie zur unertraͤglichen Willkur. Eben als ich nach vielen Bitten ein mittelmaͤßiges Abendeſſen erlangt hatte, entſtand eine ungewoͤhnliche Be⸗ wegung in dem Wirthshauſe. Ein mit acht Maulthieren beſpannter ſchwerer Reiſewagen war in den Hof gefah⸗ ren. Der durchlocherte Kaſten und das halb zerbrochene Geſtell deſſelben ſchienen das Ziel der Buͤchſen der Straßen⸗ räuber geweſen zu ſein. Ein Reiter, deſſen Pferd ſtark blu⸗ tete, ritt voraus und ein halb todter Reiſender wurde mit Muͤhe aus dem Wagen gehoben. Der Huesped, der pfei⸗ fend im Hofe umher ging, empfing die Ankommenden. Da die Nacht bereits einbrach, ſo waren die Thuͤren der Venta mit einer Kette geſchloſſen, und ich konnte von dem Reiter, der den Wagen begleitete, die Aufloͤſung des Raͤthſels erfah⸗ ren. Sein Herr, der ſterbende Reiſende, den man in ein an⸗ ſtoßendes Zimmer gebracht, hatte Merico verlaſſen, um in San Juan eine Spielbank zu errichten. Dreißigtauſend Piaſter in Silber und Gold fullten die Kaſten des Reiſe⸗ wagens. Einige Stunden von dem Wirthshauſe war er von Raubern angehalten, verwundet und gepluͤndert wor⸗ den. Wenn man dem Erzählenden glauben wollte, waren Spieler, die ſich oft an der Bank ſeines Herrn in Mexico 336 eingefunden und den Zweck ſeiner Reiſe gekannt hatten, ihm von Venta zu Venta gefolgt und hatten ihn an die Straßenraͤuber verrathen.—„Ich theile Ihnen dies unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mit,“ ſetzte er hinzu,„denn es fann uns noch ein anderes Ungluͤck treffen, wenn die Nach⸗ richt von unſerm Unfalle der Juſtiz zu Ohren kommt; das Einſchreiten der Alcaden wird uns vollends ruiniren.“ Dieſe Beſorgniß uͤberraſchte mich nicht, denn die me— ricaniſche Juſtiz floßt allen Denen, die ſie ſchuͤtzen will, große Angſt ein. Ich verſprach dem Erzähler deshalb Stillſchweigen und er entfernte ſich, um ſeinen Herrn zu pflegen. D., welcher bei dem Geſpräche zugegen geweſen war, hatte ſeinen Unwillen kaum unterdruͤcken können. Ich hatte durch meinen langen Aufenthalt in der Republik Er⸗ fahrung genug geſammelt und bemuhete mich, ihm begreif⸗ lich zu machen, daß die Richter, welche von der Regierung keinen Gehalt beziehen, auf Koſten der Klagenden leben müſſen, welche natürlich wenig Luſt haben, die eigennuͤtzi⸗ ge Juſtiz in Anſpruch zu nehmen. Leider war dies nicht der einzige Beweis von der mericaniſchen Gerechtigkeitspflege, den mir D. geben ſollte. Dieſes Zuſammentreffen in dem Wirthshauſe bildete nur das Vorſpiel zu minder tragiſchen Scenen, in welchen D. nicht blos Zeuge ſondern unwill— fuͤrlich thatig ſein ſollte. Die Stadt San Juan de los Lagos, in welcher wir nach einer zehntaͤgigen Reiſe ankamen, liegt in einem ſo tiefen runden Keſſel, daß man von weitem kaum die Spitzen der beiden Thuͤrme ihrer Kathedrale erblickt. Die Stadt ſelbſt ſieht man erſt von dem Gipfel des ſteilen Gebirges 337 aus, das ſie von allen Seiten einſchließt. Ihre Einwoh⸗ nerzahl belaͤuft ſich in der Wirklichkeit nur auf einige Tauſende, jedes Jahr im December aber ziehet die be⸗ ruͤhmte Meſſe ungefaͤhr 30,000 Fremde dahin, die woh⸗ nen wie es eben geht. Die meiſten lagern auf den die Stadt uͤberragenden Anhoͤhen, denn drinnen werden die Läden, die Wirthshauſer, ſelbſt die Buden in den vierzehn Tagen, welche die Meſſe währt, zu unerhoͤrten Preiſen ver⸗ miethet. Die Meſſe hat eine rein kirchliche Entſtehung. Die Madonna von San Juan be los Lagos ſtand in großem An⸗ ſehen wegen der Wunder aller Art, die ſie verrichtete, ſo⸗ wohl durch Heilung der hartnaͤckigſten Gebrechen als auch durch Beruhigung der verzweiflungsvollſten Gewiſſen. Eine Pilgerfahrt nach San Juan nebſt reichen Opfergaben reichte indeß im letzteren Falle nicht hin, das gewuͤnſchte Reſultat zu erlangen. Der Buͤßende mußte außerdem auf den Knien an der ſteilen Seite herabrutſchen, die zum Marktplatze fuͤhrt, uͤber dieſen ſelbſt hinweg und die zwolf Stufen der Kathedrale hinauf; hier wartete er in der Vorhalle mit blutenden Knien, daß der Prieſter ſeine Gabe in Empfang nehme und ihm die Abſolution ertheile. Noch jetzt ſieht man, obgleich der kirchliche Charakter der Meſſe faſt ganz verſchwunden iſt, mehrmals des Tages Ungluckliche in die⸗ ſer Weiſe Vergebung fuͤr Verbrechen erkaufen, mit denen ſie ſich befleckt haben. Dieſe Buͤßung muß, wie man leicht einſieht, das Gewiſſen endlich ſo hartſchwielig machen wie die Knie. Gleichwohl nimmt die mexieaniſche Bevolkerung ein lebhaftes Intereſſe an Denjenigen, welche ſich dieſelbe Amerik. Reiſenovellen. 22 338 auferlegen und breitet, um ſie ihnen zu erleichtern, T eppiche, Mäntel und sarapes vor ihnen aus. Wie ſich mit der Zeit die Pilgerfahrt nach San Juan in eine Meſſe verwandelte, iſt leicht zu erklaͤren. Es fan⸗ den ſich bald Handelsleute ein, um Geſchaͤfte mit den Buͤ⸗ ßenden zu machen, deren Zahl ſehr groß war; der Kauf⸗ leute wegen kamen dann die Spieler und die armen Indianer brachten ihre Pferde und Hunde nach San Juan, um ſie ſegnen zu laſſen. Endlich erſchienen auch die Diebe, um die Buͤßenden, die Handelsleute, die Spieler und die India⸗ ner auszubenten, und ein Schwarm leichtfertiger Frauen und Mädchen ließ ſich wie ein Heuſchreckenzug da nieder. Das war die Entſtehung der jetzigen Meſſe. Unter dieſem Ge⸗ miſch von Dieben, Spielern und Freudenmaͤdchen werden unermeßliche Geſchäfte gemacht, aber die Gefahr iſt immer ſo groß, daß die Handelsleute buchſtäblich das Piſtol in der einen Hand und die Waare in der andern halten muͤſſen. Die Umgegend der Stadt, die von allen Seiten von rate- ros*) und salteadores durchzogen wird, gewährt keine größere Sicherheit und wehe den kleinen Handelsleuten und den einzelnen Wanderern, welche ihr Unſtern waffenlos dieſen hungrigen Schakalen uberliefert! Abends nach dem Gebet werden die Läden und Buden ſorgſam verrammelt ind während die Kaufleute ihre Einnahme berechnen, bleibt eStadt in den Haͤndenhder Spieler, Freudenmaͤdchen und *) Kleine Diebe, Diebe zu Fuß, im Gegenſatz zu den Sal- teadores. 339 Diebe, welche ſich in dieſem fanatiſchen Lande ſelbſt vor dem Kirchenraube nicht ſcheuen. Das war die Stadt, in welcher ich wegen eines ſelt⸗ ſamen Abenteuers meines Begleiters länger verweilen mußte. Ich habe erwaͤhnt, daß D. jetzt im Auftrage eines großen Handelshauſes reiſete. Leider hatte er noch nicht Zeit gehabt, mit ſeiner neuen Rolle ſich vertraut zu machen, und er brachte nach San Juan eine Auswahl kleiner Waa⸗ ren, die er vortheilhaft zu verkaufen gedachte. Er hatte ge⸗ wiſſe Staaten Mericos noch nicht beſucht, in denen trotz den Bemühungen der europaiſchen Diplomatie der Detailverkauf den Fremden unterſagt iſt und wußte deshalb auch nicht, daß in San Juan dieſes laͤſtige Geſetz beſteht. Er hatte bald einen guten Theil ſeiner Waaren zu guten Preiſen ver⸗ kauft. Als er mir das Reſultat des erſten Tages erzaͤhlte, machte ich ihn auf die Gefahr aufmerkſam, der er ſich aus⸗ ſetze; aber es war bereits zu ſpät. Man hatte ihn ſchon angezeigt und die ſpaniſche Juſtiz verurtheilte ihn mit einer der vrientaliſchen Laͤnder wuͤrdigen Schnelligkeit, ohne ihn ſelbſt zu horen, zur Confiscation ſeiner ſämmtlichen Vor⸗ räthe und zu achtzehnmonatlicher Zwangsarbeit zu Laguna de Chopala und erließ einen Verhaftsbefehl gegen ihn. Das Beſte, was hier geſchehen konnte, beſtand darin, der Habſucht der Juſtiz ſo viel als moͤglich zu entziehen, um ſich eine Art perſoͤnliche Sicherheit erkaufen zu koͤnnen. Ich ſtellte mich dem armen D. zur Verfuͤgung, um die no⸗ thigen Schritte fuͤr ihn zu thun. Mein Reiſegefaͤhrte hatte auf meinem Pferde einen Boten an den Aſſeſſor in Bara, einer kleinen Stadt 40 Stunden von San Juan, ge⸗ 340 ſchickt, um ſich den unumgaͤnglich nothwendigen Geleits⸗ brief holen zu laſſen. Die Freiheit und das Vermoͤgen des armen D. hingen von der Treue des Boten ab und ich ging jeden Tag ſelbſt auf die Straße hinaus, um ſeine Ruͤckkehr zu erwarten. Endlich kam er und uͤbergab mir das Papier, unglucklicher Weiſe war aber grade an dieſem Tage, als ich in die Stadt zuruͤckkam, D. zur Haft gebracht worden; der Geleitsbrief war eine Stunde zu ſpaͤt ange⸗ kommen. Ich mußte mich nun an den Alcaden von San Juan wenden, um die Freilaſſung meines Landsman⸗ nes zu erlangen. Ich hatte ſchon mehrmals mit mexicaniſchen Alcaden zu thun gehabt und war jedesmal von dem Unerwarteten ihrer Entſcheidung, von der Naivetät ihrer Urtel und von der Gutmöthigkeit ihrer Ungerechtigkeit uͤberraſcht worden. Ich geſtehe aber, daß ich bei dem Alcaden von San Juan doch die neuen Enthuͤllungen nicht erwartete, welche mir dieſes Geſpraͤch von den mericaniſchen Sitten geben ſollte. In dem Augenblicke, daß ich in den Schuppen trat, wel⸗ cher als Gerichtsſaal diente, ſprach bereits Jemand mit dem Alcaden. Der Fremde ſaß nachlaͤſſig auf einer Butaca*) in der reichen und maleriſchen mexikaniſchen Tracht**) von Gold, Sammet und Seide. Seine geſtickten Reiterſtiefeln allein waren vielleicht hundert Thaler werth und das Uebrige paßte vollkommen dazu. Man wird ſich — *) Lederner Schaukelſtuhl. ) Der vollſtändige mexicaniſche Anzug mit dem Pferde⸗ geſchirr koſtet 3 bis 4000 Thlr. 341 meine Ueberraſchung denken konnen, als ich in dem ſo praͤch⸗ tig gekleideten Manne den geheimnißvollen Verbannten aus den Savannen von Tubac erkannte. Ich vermochte meinem Staunen keine Worte zu geben, hielt aber an mich und wartete, ob der Bandit mich erkennen werde; aber er ließ ſich ſo wenig merken als ich. Der Alcade und er rauch⸗ ten Cigarren und ſie waren offenbar die beſten Freunde. Nur ſaß der Alcade, wahrſcheinlich zu Ehren ſeines Gaſtes, auf einem einfachen Rohrſtuhle. „Herr Alcade,“ ſagte ich,„ich habe die Ehre, Ew. Gnaden Hand zu kuͤſſen und Sie zu bitten, Kenntniß von dieſem Papier zu nehmen; aber vielleicht bin ich in dieſem Augenblicke laͤſtig, ſo dringend auch meine Angelegen⸗ heit iſt?“ „Keineswegs,“ ſagte der Alcade, indem er mir die Hand reichte,„wir ſprachen nicht von Geſchaͤften.“ Der Alcade uberlas den Geleitsbrief und gab ihn mir nach einigen Minuten mit den Worten zuruͤck: „Es thut mir leid, aber Sie kommen zu ſpaͤt; der Herr, deſſen Namen das Papier nennt, befindet ſich bereits im Gefaͤngniſſe.“ „Ich weiß es,“ antwortete ich,„aber mit Unrecht.“ „Seit wann irrt ſich die Juſtiz?“ fragte der Alcade in feierlichem Tone. Ich erkannte in meiner Antwort die Unfehlbarkeit der mericaniſchen Juſtiz an, drang aber auf die Freilaſſung meines Landsmannes. „Dies iſt nicht moͤglich,“ entgegnete der Beamte hart⸗ nͤckig.„Der Geleitsbrief kommt nach der Verhaftung 342 Ihres Landsmannes“ der Letztere iſt legal in Haft und ich kann Sie nicht an ſeine Stelle bringen. Aber was ich Ihnen zu Gefallen zu thun mag, iſt, daß ich Ihnen er⸗ laube, ihm Geſellſchaft zu leiſten.“ Ich bemuͤhete mich, dem Alcaden den Zweck meines Schrittes begreiflich zu machen, als der Mann im glaͤnzen⸗ den Anzuge mir gefallig zu Hilfe kam. „Herr Alcade,“ ſagte er,„Sie irren ſich in der Ab⸗ ſicht dieſes Herrn; er wuͤnſcht ſeinen Landsmann zu be⸗ freien, nicht aber ſeine Stelle im Gefaͤngniſſe einzunehmen oder zu ihm dahin zu gehen. Es iſt dies wieder ein Ver⸗ ſehen Ihrer Alguazils, denen Sie den Lohn entziehen muͤſſen.“ „Ja,“ ſagte der Alcade,„ ins Gefaͤngniß kann ich die Leute bringen laſſen, aber herauszugehen darf ich Nieman⸗ dem erlauben. Meinen Alguazils habe ich die Vollmacht ertheilt alle Die einzuſtecken, welche ihnen verdaͤchtig vor⸗ fommen, und da jeder Gefangene täglich einen Piaſter zahlt, ſo machen ſie während der Meſſe ganz gute Geſchaͤfte. Dieſe Bezahlungsart habe ich ſelbſt erfunden,“ ſetzte der Alcade ſtolz hinzu. Das Geſicht des Verbannten ſchien ſich zu verduͤſtern. „Ah,“ ſagte er,„Sie haben dieſe Erfindung gemacht? Dann wundere ich mich auch nicht, daß ſie den Zurdo und Santucho verhafteten, waͤhrend Sie ihre Andacht verrich⸗ teten.“ „Wie?“ ſtammelte der Alcade;„dieſe beiden Maͤnner ſind Bekannte von Ihnen?“ „Ja wohl und ich wollte von ihnen ſprechen, als der Herr da erſchien. Darf ich fragen, welches Vergehens ſie ſich ſchuldig gemacht haben?“ „Ich wurde in Verlegenheit kommen,“ ſagte der Al⸗ cade, der ſich zu rechtfertigen ſuchte,„wenn ich ihre Thaten beſtimmt angeben ſollte; aber ſolche Burſche..“ „Nun?“ fiel der Verbannte ein, indem er den Alcaden mit kaltem Laͤcheln anſah. „Meine Algnazils haben mit Recht geglaubt, daß zwei Maͤnner, die alle Tage auf den Knien von dem Berge herabrutſchen, nur Verbrecher ſein koͤnnten und deshalb haben ſie dieſelben verhaftet.“ „Um zwei Piaſter zu verdienen. Herr Alcade, der Zurdo und der Santucho find weiß wie Schnee.“ „Freilich,“ meinte der Alcade, welcher nur der Form wegen opponirt zu haben ſchien,„wir befinden uns in einer Stadt, die durch ihre Wunder beruͤhmt iſt.“ „Der Erſte,“ fuhr der Salteador fort,„hat ſchon ſeit langer Zeit alle Bußubungen gethan, welche wegen ſeines früͤhern Lebens noͤthig waren und ſein Knierutſchen hat feinen andern Zweck, als ſich im voraus Abſolution zu verſchaffen. Santucho macht damit nur eine einträgliche Speculation, um die Suͤnden für Andere abzubuͤßen. Sie werden hoffentlich nichts dagegen haben, daß ich Maß⸗ regeln ergreife, um zwei ſo empfehlenswerthe Buͤßende in Freiheit zu ſetzen.“ „Durchaus nicht,“ entgegnete der Alcade,„es wird mir im Gegentheil ſehr angenehm ſein.“ „Wenn Sie, Herr Fremder,“ wendete ſich der Ver⸗ bannte zu mir,„meinen Schutz in Anſpruch nehmen wollen, 344 ſo werde ich auch fuͤr Ihren Landsmann etwas thun kön⸗ nen.“ Ich glaubte nach dem Beiſpiel des Alcade durch eine artige Verbengung antworten zu muͤſſen. „Unter einer Bedingung jedoch; die Freilaſſung wird hundert Piaſter koſten. Ja oder nein; überlegen Sie ſich die Sache. Es iſt der Preis einer Reiſe zu dem Aſſeſſor; wenn Sie damit einverſtanden ſind, ſo kommen Sie heute Abend um zehn Uhr zu mir, um mir Ihre Antwort mitzu⸗ theilen.“ Ich glaubte den Antrag nicht ſogleich annehmen zu durfen, verſprach aber meinem furchtbaren Beſchuͤtzer ihn an dem Orte, welchen er mir bezeichnete, aufzuſuchen, wenn ich mich entſchließen konnte, das Opfer zu bringen. Der Verbannte entfernte ſich gleich darauf. „Iſt er ein vornehmer Herr?“ fragte ich dann den Al⸗ eaden, weil ich hoffte, uͤber die neue Stellung des Flucht⸗ lings von Tubae etwas zu erfahren. „Er iſt ein Viehhaͤndler,“ antwortete der Alcade laut und nach einer Pauſe ſetzte er leiſe hinzu,„bei Gelegenheit auch der Anführer einer Bande.“ „Was fuͤr einer Bande?“ „Caramba! einer Bande Straßenräuber. Ich ſage Ihnen das, weil Sie es heute Abend ſelbſt erfahren wer⸗ den und weil es kein Geheimniß iſt, ſonſt wurde ich durch das Ausplaudern das Wohlwollen verlieren, welches er mir bewieſen hat; denn er behandelt mich, wie Sie geſehen haben, ganz wie ſeines Gleichen.“ „Viel Ehre fuͤr Sie, Herr Alcade.“ — ———— Ich betrachtete den Beamten, der ſich das Wohlwollen eines Straßenraubers als Verdienſt anzurechnen ſchien, mit dem groͤßten Staunen. Allerdings kommt bei der Ohnmacht der Iuſtiz in Merico eine ſolche Anomalie gar haͤufig vor. Eine längere Unterredung war nutzlos, der Richter vermochte nichts zu thun, Alles hing von dem Räu⸗ ber ab. Ich grußte alſo den Alcaden und ging wieder. In meiner Wohnung fand ich ein Schreiben, das mir D. aus dem Gefaͤngniſſe hatte zukommen laſſen. Mein armer Reiſegefaͤhrte ſprach von geheimnißvollen Antraͤgen, die ihm gemacht worden und daß man ihm fuͤr hundert Piaſter die Freiheit verſprochen habe. Ich erkannte dar⸗ aus das Einſchreiten des Freundes des Alcaden und da ich entſchloſſen war, die Antraͤge im Intereſſe des Gefan⸗ genen anzunehmen, nahm ich mir vor zu dem Salteador zu gehen. Es war endlich Nacht geworden als ich uber den Marktplatz ſchritt, um an den Ort zu gelangen, den mir der angebliche Viehhaͤndler bezeichnet hatte. Auf einem Berge uber der Stadt in der Naͤhe der Kathedrale hatte der Raͤuber ſein Zelt aufgeſchlagen. Ich war gut bewaffnet und der Weg nicht weit. Bald hatte ich die geraͤuſchvolle Menge der Spazierengehenden hinter mir und ſchritt den Berg hinan, auf welchem hier und da Feuer brannten. Bald gelangte ich auch zu dem mir bezeichneten Zelte, das an einer langen weißen Fahne daruͤber leicht kenntlich war. Eine Menge Buden ſtand um das Zelt her und viele Maulthiere, welche in den Gaſſen zwiſchen den Zelten und Buden ſtanden, verriethen den Lagerplatz von Maulthiertreibern. Kuͤchen und Spieltiſche unter 1. 346 freiem Himmel zogen viele Leute an und man fand hier im Kleinen die ſeltenen Bilder, welche die Stadt San Juan ſelbſt gewaͤhrte. Zu meinen Füßen, unter einem Dache von Rauch, deſ⸗ ſen Wirbel bis zu mir emporſtiegen, ſchien ſich in der alten Stadt eine neue zu erheben, die aus Bretbuden, aus Zweig⸗ huͤtten und Zelten mit bunten Farben beſtand. Wenn der Wind den Rauch vertrieb, ſah ich auf den Spielzelten die Flaggen mit den Aufſchriften in großen weißen Buch⸗ ſtaben: Aqui ha partida wehen. Alle Fruchte der Tropen⸗ laͤnder waren an gewiſſen Stellen in Pyramiden aufge⸗ thuͤrmt, um den Appetit der Vorubergehenden zu reizen. Neben dieſen vielfarbige Pyramiden zeigten ſich rieſenhafte Rettiche, die kunſtlich in Bouquets, in Sonnen, in Federbuͤ⸗ ſche ausgeſchnitten waren, über den Pfannen und Keſſeln, in denen namenloſe Ragouts in ziſchendem Fett kochten. In den Gaſſen und auf den Plätzen wanderten die leperos, die mericaniſche Lazzaroni, die im Leben nichts thun als ſtehlen, ſpielen, auf der Mandoline klimpern und gelegentlich den Dolch brauchen, ſtolz in ihre Lumpen ge⸗ hullt umher. Einige, die im Kreiſe um eine auf der Erde ausgebreitete Decke ſaßen, verſuchten das Gluͤck im Mon⸗ denſchein unter der Aufſicht eines benarbten Bankhalters, immer bereit, ausdauerndes Ungluͤck mit dem Dolche zu raͤchen, wahrend andere ſich an dem Eingange der bevor⸗ zugten Buden draͤngten, in denen ſich der Klang des Gol⸗ des mit den Toͤnen eines ohrzerreißenden Orcheſtere miſchte. Die betreßten Maͤntel der rancheros rieben ſich an den zerriſſenen Decken der Maulthiertreiber und Gruppen 347 halbnackter Indianer zogen ſchweigend unter der lärmen⸗ den Menge umher. Weiterhin in den dunkeleren Straßen glänzten im Schatten das Gold, die Flitter und die Seide der Freudenmaͤdchen, waͤhrend einige Schritte von ihnen die bloßen Klingen der bezahlten Beſchuͤtzer dieſer leicht⸗ fertigen Damen blitzten. In den oͤden und ganz dunkelen Straßen endlich in der Nähe der Kathedrale erſchienen und verſchwanden abwechſelnd die Laternen der Nacht⸗ waͤchter und die Fackeln der berittenen Wache. Tgnſend ſeltſame und verworrene Toͤne, Schuͤſſe, Geſchrei, Geſang, Kaſtagnetenklang, Angſtruf und Freudenjubel drangen aus der Stadt empor, die einige Tage dem Diebſtahle, dem Morde und der Ausſchwifung gaͤnzlich uberlaſſen war. Vor dem Zelte, in welchem mich der Salteador er⸗ wartete, waren ein Dutzend Pferde geſattelt und gezaumt an Pfaͤhlen angebunden. Ein Mann, der auf einem Steine dicht am Eingange ſaß, legte die Guitarre, welche er in der Hand hielt, bei Seite und unterbrach die melancholiſche Romanze, die er laut ſang, um mich zu fragen, ob ich mit dem Inhaber des Zeltes Geſchaͤfte häͤtte. Aufmeine bejahen⸗ de Antwort hob er einen ledernen Thuͤrvorhang empor und forderte mich auf einzutreten. Ich mußte allerdings, um mich zu beruhigen, in dieſem Augenblicke meine ganze Kenntniß der mericaniſchen Sitten und die Sorgloſigkeit zu Hilfe nehmen, die ich in einem abenteuerreichen Leben erlangt hatte. Der Salteador war allein und trank ſeine Chocolade. „Ich erwartete Ihren Beſuch; vielleicht haͤtten Sie 348 ihn im Intereſſe Ihres Freundes ſchon eher machen ſollen,“ ſagte er.„Willkommen!“ Ich dankte ihm fuͤr ſeine Artigkeit. „Ich frage Sie nicht nach den Gruͤnden Ihres Beſuches in San Juan,“ fuhr er fort;„ich haͤtte Sie ſchon fruher darnach fragen koͤnnen.“ „Wo?“ „Nun, in der Ebene von Tubac. Erkennen Sie mich nicht?“ „Ob ich gleich Ihren Worten nach ſchon das Vergnuͤ⸗ gen gehabt habe, Sie zu ſehen, ſo bemuͤhe ich mich doch vergebens, Ihrer Zuͤge mich zu erinnern und werde ſie ſicherlich morgen wieder vergeſſen haben.“ „Das iſt eine kluge Antwort und Sie werden wohl thun, wenn Sie immer ſo vorſichtig handeln; aber eine lange Verſtellung von Ihrer Seite wurde beleidigend für einen alten Bekannten ſein,“ ſetzte er in herzlichem Tone hinzu.„Sie koͤnnen mich jetzt ohne Gefahr wieder er— kennen.„Haben Sie nicht geſehen, daß ich der Juſtiz in deren eigenem Hauſe trotzte?“ Ich mußte unwillkurlich bei der Erinnerung an den Auftritt vom Vormittage laͤcheln und der Salteador fuhr in geringſchätzigem Tone fort: „Was will es aber auch ſagen, einen erbaͤrmlichen Dorfalraden ins Bockshorn zu jagen? Maäͤchtigere Rich⸗ ter werden ſich noch vor mir fuͤrchten. Ich habe Ihnen aber geſagt, daß Sie ſich vielleicht einmal gluͤcklich ſchätzen wurden, mich daran zu erinnern zu koͤnnen, daß wir an einem Lagerfeuer ruheten; muß ich Ihrem Gedaͤchtniſſe zu Hilfe kommen, daß dieſer Tag erſchienen?“ Ich erinnerte nun den Salteador an ſein Verſprechen vom Vormittage und erklaͤrte mich bereit, ſeine Vermitte⸗ lung zu Gunſten meines Freundes fuͤr 100 Piaſter anzu⸗ nehmen, die ich zahlen wuͤrde, ſobald Herr D. wieder bei mir ſei. Der Salteador ließ mich mit einem Laͤcheln aus⸗ reden, das zu bedeuten ſchien, daß ich ihm nichts Neues ſage. Als ich geendiget hatte, ſagte er: „Ich kenne die ganze Geſchichte, vielleicht beſſer als Sie. Nur ein Formfehler hat die Juſtiz bisher verhindert, die Waaren Ihres Freundes mit Beſchlag zu belegen. Die⸗ ſem Formfehler verdankt er den Geleitsbrief des Aſſeſſors, aber das Hinderniß kann jeden Augenblick gehoben werden. Selbſt angenommen, daß Ihr Freund heute aus dem Ge⸗ fangniſſe kommt und ſich dem Urtel, das ihn verurtheilt, durch die Flucht entzieht, ſo iſt er doch noch immer nicht in Sicherheit, denn ein Haftbefehl wird ihn verfolgen und ihn am andern Ende der Republik erreichen. Es kommt alſo alles darauf an den Gang der Juſtiz bei Zeiten zu hemmen. In dem Augenblicke, da ich mit Ihnen ſpreche, iſt ein Bote unterwegs, welcher den Befehl der ſofortigen Beſchlagnahme uͤberbringt; nur eine Perſon kann dieſen Boten aufhalten.“ „Welche?“ „Ich,“ antwortete der Rauber,„naturlich gegen Geld.“ „Sie? Mir fehlt es leider an Geld.“ Ich wagte es nicht, das Mißtrauen gegen die Voraus⸗ 350 zahlung zu ſehr merken zu laſſen. Der Salteador errieth aber meine Gedanken. „Um Ihnen einen Beweis von meiner Eyhrlichkeit zu geben,“ ſagte er,„werde ich mich mit Ihrem Worte begnuͤ⸗ gen; Sie bezahlen mich, wenn Ihnen die Beweiſe eines gänzlichen indulto vorliegen und geben der Perſon, die Ihnen dieſelben uͤberbringt, ſiebenhundert Piaſter. Die Sache,“ fuhr er fort,„iſt faſt die meinige. Der Mann, welcher Sie verrathen hat, gehoͤrt zu meiner Schaarz er iſt eben der Elende, Santucho, den ich dieſen Morgen dem Alcaden nannte. Er hat dadurch, daß er der Juſtiz das von Ihrem Landsmanne begangene Vergehen verrieth, die Geſetze der Salteadors uͤbertreten. Wir ſind bewaffnete Raͤuber, aber keine Denunzianten, die ſich im Dunkel ver⸗ bergen. Uebrigens habe ich noch eine andre Rechnung mit ihm abzumachen. Sie haben vielleicht den Reiſenden ver⸗ geſſen, der, von einem Bär verfolgt, bei den Buͤffeljägern uns um Schutz anging. Nun, dieſer Ungluͤckliche iſt ge⸗ gen meinen Willen unter den Streichen meiner Bande ge⸗ fallen, die durch den Santucho aufgereizt worden war. Zwei Mal alſo hat der Elende mir offen getrotzt. Sagen Sie Ihrem Freunde, daß er mir nicht blos ſeine Freiheit, ſondern auch vollſtändige Rache verdanken werde.“ Ich hatte dem ſeltſamen Manne, der die Geſetze ſeines Vaterlandes, welche er beſſer als ein Richter zu kennen ſchien, ſo tief verachtete, die Geſetze der Straßenraͤuber aber ſo hoch hielt, nur eine Antwort zu geben. Mein Goͤn⸗ ner zeigte ſich freundlich und ich mußte ſeine Gefaͤlligkeit benutzen; ich willigte alſo ein, daß D. 700 Piaſter an den⸗ jenigen zahle, welcher ihm an einem beſtimmten Orte die officielle Freigebung ſeiner Perſon und Habe überreiche. Nachdem dieſe Bedingungen angenommen waren und da ein Mitſchuldiger des Salteador unſer Geſpraͤch unterbrach, ſo glaubte ich meinen Beſuch nicht weiter ausdehnen zu durfen und verließ das Zelt. Die Nacht war bereits weit vorgeruckt und die Stille dem Laͤrme gefolgt, der einige Stunden vorher in der Stadt herrſchte. Die Nachtwaͤch⸗ ter ſchliefen, in ihre Maͤntel gehullt, neben ihren rauchen⸗ den Laternen. ungluckliche, welche ihren letzten Real verſpielt hatten, mit dem ſie ihr Nachtlager hätten bezahlen konnen, lagen auf den Stufen der Kathedrale, die ihnen eine unentgeld⸗ liche Aufnahme gewaͤhrten. Nur einige geheimnißvolle Lichter bewegten ſich auf den Hohen hin und her; uͤberall hatte das geſchaͤftige Treiben aufgehoͤrt und das letzte To⸗ nen der Glockenſchläͤge, welche elf Uhr verkundiget hatten, hallten noch mit ernſter Feierlichkeit nach, vermiſcht mit dem ſchauerlichen Rufen der Serenos, als ich ganz mit dem Ge⸗ danken an meine beiden Beſprechungen den Tag uͤber nach Hauſe kam. Der Alcade hatte mir die Juſtiz in ihrer Ohnmacht und Beſtechlichkeit, der Salteador die Räuberei als Dictatur gezeigt, welche Geſetze vorſchrieb und ſich faſt großmuͤthig benahm. Dieſer Contraſt ſagte mir mehr als lange Unterſuchungen uber den Verfall der mexicani⸗ ſchen Geſellſchaft. Am andern Morgen bei guter Zeit klopfte D. in Be⸗ gleitung eines Mannes aus der Bande des Geaͤchteten an die Thur und dieſer Begleiter, Zurdo, hatte den Auftrag 352 das verabredete Loͤſegeld in Empfang zu nehmen. Der Hauptmann hatte ſein Wort gehalten underinnerte mich an das meinige. Der lange Bart, der beſchmuzte Anzug, und das abgemagerte Geſicht meines ungluͤcklichen Lands⸗ mannes ließen mich die ſchlimme Behandlung errathen, die er zu erdulden gehabt hatte. Der Zurdo verließ uns mit dem Verſprechen, daß der Mann, welcher D. in den un⸗ angenehmen Conflict mit der Juſtiz gebracht habe, erem⸗ plariſch beſtraft werden ſolle. Dieſe Verſicherung gewaͤhrte uns freilich nur geringen Troſt. Die Hauptſache war nun die ungeſtoͤrte Abreiſe und wir mußten dazu die Nacht ab⸗ warten. Der Tag verging, ohne daß ein Mann des Ge⸗ ſetzes in unſerer Wohnung erſchien. In der Nacht ließen wir noch die erſten Stunden vergehen, bis das Grauen des Morgens uns erlauben wuͤrde den Weg fortzuſetzen, ohne daß wir zu fuͤrchten brauchten uns zu verirren. Endlich hellte ſich der Himmel etwas auf; wir ſattelten ſchweigend unſere Pferde und verließen ohne Bedauern eine Stadt, in welcher uns ſo manches Unangenehme be⸗ gegnet war. Wir athmeten erſt frei als wir eine Stunde von San Juan entfernt waren und ritten im Galopp in dem friſchen Schatten der Baͤume hin. Wir ahneten nicht, daß das kleine Drama, in welchem wir unwillkurlich hatten mit⸗ ſpielen muͤſſen, vor unſern Augen ſeine Entwickelung fin⸗ den ſolle. Eine klaͤgliche Stimme, welche mit einem Male durch die Stille der Nacht drang, entzog uns in un⸗ angenehmer Weiſe die halbe Sicherheit, die uns der ſcharfe Ritt gegeben hatte.„Raſch weiter!“ ſagte ich zu D.;„wir find geſehen worden und ein Augenblick der Zoͤgerung kann uns verderben.“ Wir trieben unſere ſchon keuchenden Pferde noch mehr an, aber ſie baͤumten ſich und weigerten ſich trotz den Sporenſtichen weiter zu gehen. Sie ſchienen ſich vor etwas Entſetzlichem zu ſcheuen. Da bemerkten wir, indem wir uns nach den Seiten hin umſahen, einige Schritte vor uns ſechs Maͤnner unbeweglich vor Baumſtaͤmmen ſtehen. Es konnte eine neue Schaar von Salteadores ſein, die auf uns warteten, um uns auszupluͤndern, aber das Klagen und Jammern der Leute, das wir bald deutlicher hoͤrten, beru⸗ higte uns. „Um Gottes Willen,“ ſagte der Eine,„verlaßt mich nicht, ohne mir beizuſtehen.“ „Im Namen der heiligen Jungfrau,“ ſagte der Andere, „helft mir.“ Wir ſahen nun, daß alle dieſe Ungluͤcklichen, die wir für Raͤuber gehalten hatten, an die Baume feſt angebunden waren und daß ſie uns um Erloͤſung baten. Sie waren wahrſcheinlich Handelsleute, die bei ihrer Abreiſe von San Juan von rateros ausgepluͤndert worden waren. Wir be⸗ rathſchlagten, was wir fuͤr ſie thun ſollten. Ich ſchlug vor ſie zu befreien, mein Gefährte erinnerte mich aber an das Abenteuer Don Quirotes, der von den Straͤflingen, deren Ketten er geloſet hatte, mit Steinwuͤrfen verfolgt worden war. Ich ſtimmte der Anſicht meines Begleiters bei als ein durchdringendes Geſchrei meine Aufmerkſamkeit auf einen Mann lenkte, der am aͤrgſten gemißhandelt worden zu ſein ſchien. Ich konnte einem Gefuͤhle des Mitleids Amerik. Reiſenovellen⸗ 23 354 nicht widerſtehen, ſtieg ab und hatte bald die Stricke durch⸗ geſchnitten, mit denen der Ungluckliche gebunden war. Ohne ſich die Zeit zu nehmen mir zu danken, lief er an der Anhoͤhe an dem Wege empor und erſt von da richtete er ſeine Galgenphyſiognomie nach mir. „Ach, Herr,“ ſagte er,„Sie haben mir einen ſehr großen Dienſt erzeigt, indem Sie mir den Vorzug vor mei⸗ nen Ungluͤcksgefaͤhrten gaben. Die Leute, welche Sie da ſehen, ſind ehrliche Handelsleute, die wir, meine Camera⸗ den und ich, aus Vorſicht banden, nachdem wir ihnen die Taſchen ausgeleert hatten. Meine Freunde fanden es lei⸗ der auch ſpaßhaft mich ebenfalls anzubinden. Leben Sie wohl und möge Ihnen der Himmel Ihren Scharfblick ver⸗ gelten! Und Sie Herr,“ ſetzte er gegen D. hinzu,„erin⸗ nern Sie ſich an das Schickſal, das die Detailverkaͤufer auf der Meſſe zu San Juan erwartet.“ Im naͤchſten Augenblicke verſchwand Santucho, denn er war es, den ich aus chriſtlicher Liebe befreit hatte, in dem Gebuͤſche, wäͤhrend wir, D. und ich, einander verbluͤfft anſahen. „Wir wollen weiter,“ ſagte D. nach einer Pauſe;„die Leute da mögen zuſehen, wie ſie ſich aus ihrer unangeneh⸗ men Lage herausfinden. Sie haben heute eine zu ungluͤck⸗ liche Hand.“ In dieſem Augenblicke fielen zwei Schuͤſſe, welche mich hinderten auf dieſen Vorwurf zu antworten, den ich aller⸗ dings verdient hatte. Faſt gleichzeitig traten zwei Maͤn⸗ ner auf den Weg heraus. Der eine blies ruhig in das Zuͤndloch ſeines Gewehres und der andere hing das ſeinige ruhig an den Sattel. Ich erkannte die beiden Mitglieder der Bande meines Freundes des Salteadors. „Valga me Dios!“ ſagte Einer der beiden Männer zu mir;„wer haͤtte glauben koͤnnen, daß Sie unter ſo vie⸗ len ehrlichen Leuten gerade den Santucho waͤhlen wuͤrden, um ihn zu befreien? Wir hatten ihn da angebunden bis wir ihn erſchießen ſollten, wie es der Hauptmann befohlen hatte. Wir mußten der vorgeſchriebenen Stunde vorgrei— fen, um Ihre Ungeſchicklichkeit wieder gut zu machen.. Merken Sie ſich dieſe Lehre!“ Hinter den Banditen, die ſich entfernten, kam ein Reiter, der uns bald einholte. Der Anzug deſſelben war eben ſo reich als elegant. Ein breitkraͤmpiger Hut mit Wachstuchuͤberzug, eine toquilla von venetianiſchen Perlen und ein Tuch⸗Dolman, deſſen reich mit Seide geſtickte Aermel man unter den Falten der violetten Manga hervor⸗ ragen ſah, machten das maleriſche Coſtuͤm aus. Ein Pferd, deſſen ſich ein Paſcha nicht zu ſchaͤmen gebraucht haͤtte, den Schweif mit rothen Baͤndern verziert, brachte durch jede ſeiner Bewegungen eine lange biegſame Klinge, deren zier⸗ lich eiſilirte Scheide an ſeiner Seite hing, ins Schwingen. An der andern Seite des Sattels hing ein kurzes Gewehr. Die Banditen warteten nicht, bis der Reiter die Falten der manga fallen ließ, welche zum Theil ſein Geſicht ver⸗ deckte, um ihr Haupt zu entbloͤßen und ihren Hauptmann zu begruͤßen. Sie berichteten ihm dann in reiner eaſtilia⸗ niſcher Sprache was geſchehen war. „Schon gut,“ antwortete der Salteador kalt;„holt den todten Koͤrper da, wo ihr ihn habt liegen laſſen.“ Shnnee Einer der Banditen entfernte ſich und kam bald zurück, den Leichnam Santuchos am Lazo nachſchleppend. Der ungluckliche lebte noch, obgleich ihn zwei Kugeln getroffen hatten. „Durchſucht ihn!“ gebot der Hauptmann. Einer der Männer ſtieg vom Pferde und der Santucho ſchien eine Bewegung zu machen, um ſich zu vertheidigen; aber man bemerkte ſie kaum. Haͤnde voll Piaſter und Realen wurden aus ſeinen Taſchen geholt,— der Ertrag der Nachtdiebereien, die ihm ſo theuer zu ſtehen kamen. Der Mann, der ihn durchſuchte, ſah ſeinen Hauptmann fragend an. Auf einen Wink deſſelben band er dann die Gefangenen los, welche die Angſt gelähmt zu haben ſchien. Auf einen andern Wink warf der Bandit die Piaſter hin, welche er in den Taſchen ſeines Cameraden gefunden hatte. Als die Kaufleute daruber herſielen, machte Santucho eine krampfhafte Bewegung, dann blieb er ſtarr und ſteif; er war verſchieden. „Nehmt den Leichnam auf Euere Schultern,“ ſagte der Hauptmann zu den Kaufleuten, die noch immer im Sande nach Geld ſuchten„und uͤberbringt ihn in meinem Namen dem Alcaden. Er wollte ihn lebendig haben; ich ſchicke ihn todt; er mag nun ſeine Juſtiz mit der meinigen vergleichen.“ Die Handelsleute gehorchten und waͤhrend ſie ſich lang⸗ ſam entfernten, ſagte der Salteador mit faſt hochmuͤthigem Lächeln zu mir: „Ich hatte geſchworen den Elenden zu ſtrafen und die Richter dieſes Landes in Furcht zu jagen, wo man mit der Gerechtigkeit feilſcht; Sie ſehen, daß ich meinen Schwur gehalten habe. Einen andern Schwur kennen Sie,“ ſetzte er zu D. gewendet hinzu,„und ich wuͤnſche, daß Sie Ihr Wort ſo treu halten wie ich das meinige halten werde.“ Mit dieſen Worten ritt der Verbannte fort und er ver⸗ ſchwand uns bald aus den Augen. Acht Tage nach dieſer eiligen Abreiſe ſahen wir in der Sonne den ewigen Schnee der beiden Vulkane glaͤnzen, die uber Merxico hinausragen und beinahe haͤtten die Freunde, die mir entgegen kamen, den Reiſenden uͤbel empfangen, der in zerriſſenen Kleidern, ſtaubbedeckt, mit wirrem Bart und verbranntem Geſichte vor ihnen erſchien. Ich hatte Merico vor vierzehn Monaten verlaſſen und in dieſer Zeit zu Pferde im Innern der Republik mehr als vierzehnhundert Stunden zuruͤckgelegt. Als ich in das civilifirte Leben wieder eintrat, legte ich meinen Reiſeanzug ab und behielt davon nur die langen Sporen, die ich ſo lange getragen und die Sarape, die mich in ſo vielen kalten Nächten vor dem Thau, wie vor der Sonne in den heißen Tagen geſchuͤtzt hatte. Nach weitern zwei Monaten erſchienen mir meine Wanderungen in den Wildniſſen von Sonora nur noch wie ein Traum, als mich etwas wieder lebhaft daran erinnerte. Ein Unbekannter brachte D. ein indulto nach allen Regeln und empfing einen bald faͤlligen Wechſel von 700 Piaſtern auf eines der erſten Handelshaͤuſer in Merico. Der Sal⸗ teador hatte auch ſein letztes Verſprechen getreulich gehalten. Perico el Baragate. Bilder aus dem mericaniſchen Leben. 4 Die Jamaica und der Monte Parnaſſo. Von allen Staͤdten, welche die Spanier in der neuen Welt gebauet haben, iſt Merico ohne Zweifel die ſchoͤnſte und wenn Europa ſie zu den ſeinigen zählte, konnte es ſtolz darauf ſein. Wer das prachtvolle ſeltſame Panorama der Hauptſtadt von Merico in ſeiner ganzen Herrlichkeit ſehen will, braucht nur bei Sonnenuntergang auf einen der Thurme der Kathedrale zu ſteigen. Nach welcher Seite er auch die Blicke wendet, er ſieht am Horizonte die Zacken der Cordilleras, des rieſenhaften blauen Guͤrtels, der eine Ausdehnung von ſechzig Stunden hat. Im Suͤden erheben die beiden Vulkane, welche uͤber die Sierra hinausragen, majeſtätiſch ihre mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel, welche die ſchiefen Strahlen der Sonne mit purpurnem Roth fuͤrben. Der eine, der Popoecatepetl(der rauchende Berg) ſtellt ſich als ſpitziger Kegel an dem ſchon dunkeln Blau des Himmels dar; der andere, der Iztaczihuatl(die weiße Frau) hat die Geſtalt einer liegenden Nymphe, welche ihre Eisſchultern den letzten Liebkoſungen der Sonne darbie⸗ tet. Am Fuße der beiden Vulkane blitzen wie Spiegel drei Lagunen, in denen die Wolken ſich ſpiegeln und die Schwane ——————— ſchwimmen. Im Weſten breitet ſich der Palaſt von Cha⸗ pultepec, der Sommerpalaſt der Azteken⸗Kaiſer und ſpaͤter der ſpaniſchen Vicekonige, mit ſeinen impoſanten Linien aus. Um den Berg her, auf welchem er erbaut iſt, wogt ein gruͤner Wald von zehnmalhundertjährigen Cypreſſen⸗ Von dem Gipfel dieſes Berges ſturzt ſich der Strom hinab und uberſchreitet die Ebene auf den hundert Bogen ſeiner Waſſerleitung, um den Durſt der volkreichen Stadt zu lo⸗ ſchen. Rechts und links und auf allen Seiten ragen Doͤr⸗ fer, Thuͤrme und Kuppeln aus dem Thale empor. Staubige Wege kreuzen einander und ziehen ſich wie goldene Baͤnder in dem Gruͤn oder an dem Waſſer hin. Der Perubaum, die Trauerweide des Sandes, neigt im Windhauche ihre Zweige, ihre wohlriechenden Blätter, ihre Trauben von rothen Beeren und Palmen ſtrecken hier und da ihre Stämme uͤber die Dickichte von Olivenbaͤumen mit blaſſem Gruͤn empor. Dies ſind indeß nur die Fernen und die Hauptlinien des Bildes. Man wende die Blicke nun auf die Stadt ſelbſt, man ſchaue zu ſeinen Fußen hinunter. In der Mitte des Schachbretes, das die Terraſſen der Haͤuſer bilden und unter den Blumen, mit denen dieſe Terraſſen geſchmückt ſind, wird man wie aus einem rieſigen Bouquet die Thuͤrme, die Kirchen mit ihren Kuppeln von gelbem und blauem Porzelan, die Haͤuſer mit ihren buntfarbigen Mauern und die mit Drell bedeckten Balcone hervorragen ſehen. Die Kathedrale nimmt die eine Seite des Hauptplatzes(plaza mayor) ein und ragt mit ihren Thürmen uͤber den Praͤſiden⸗ tenpalaſt hinweg, ein gedruͤcktes Parallelogramm, das die 360 ſieben Miniſterien, ein Gefängniß, einen botaniſchen Gar— ten, eine Caſerne und die beiden Kammern in ſich ſchließt. Das ayuntamiento(Rathhaus) bildet mit dem Palaſt einen rechten Winkel, den das Portal der Las Flores und der Parian, große Handelsanſtalten, fortſetzen. So iſt die geſetzgebende und vollziehende Gewalt, das Rathhaus, der Handel, die ganze mericaniſche Organiſation in einigen Gebaͤuden dicht bei einander, welche die Kirche mit ihrem Schatten zu ſchutzen ſcheint. Auch das Volk zeigt ſich da, denn die Hauptſtraßen der Stadt ergießen auf den Marft⸗ platz eine immer erneuete, immer bewegliche Flut und man braucht ſich nur einige Augenblicke in dieſe Menge zu miſchen, um die mexicaniſche Geſellſchaft in ihren ſeltſam⸗ ſten Contraſten von Laſter und Tugend, von Glanz und Ar⸗ muth kennen zu lernen. Zur Zeit des Angelus zumal bilden Reiter, Fußgän⸗ ger und Wagen auf der Plaza Mayor eine compaete viel⸗ farbige Menge, in welcher das Gold, die Seide und die Lumpen in der ſeltſamſten Weiſe ſich vermiſchen. Die In⸗ dianer kehren zu ihren Doͤrfern zuruͤck, der Poͤbel wendet ſich zu ſeinen Vorſtädten. Der ranchero reitet mitten un⸗ ter den Spaziergaͤngern, die nur langſam bei Seite treten; der aguador(Waſſerträger) der ſein Tagewerk beendet, ſchreitet gebeugt unter ſeinem chochocol von poroͤſer Erde uͤber den Platz; der Officier geht nach dem Kaffee⸗ oder Spielhauſe, in welchem er den Abend verbringen will; der Unterofficier macht ſich Platz mit dem Rebenſtuͤcke, welches das Zeichen ſeines Standes iſt. Der rothe Rock der Frau aus dem Volke ſticht von der saya und ſchwarzen Mantille der modernen Dame ab, die ſich hinter ihrem Faͤ⸗ cher vor dem letzten Strahle der Sonne birgt. Moͤnche in allen Farben wandern in jeder Richtung durch die Menge. Hier ſtoßt der padre mit ſeinem großen Baſilio⸗Hute an den Franziskaner in der blauen Kutte, dem Gürtel von Seide und dem großen weißen Filzhute; dort geht der Dominika⸗ ner in ſeiner ſchauerlichen Tracht in Weiß und Schwarz, die an Torquemada, den Stifter der Inquiſition, erinnert; weiterhin ſticht die braune Kutte des Kapuziners von dem weißen weiten Gewande eines Andern ab. Schauſpiele und mannichfaltige Vorfaͤlle folgen in dieſer bunten Menge unaufhoͤrlich auf einander und theilen ſich in die Aufmerk⸗ ſamkeit. Bald laͤßt ſich die Trommel der Kaſerne horen, die Pforten des santuario offnen ſich, ein von Gold blitzen⸗ der Wagen rollt heraus, die Klaͤnge einer Glocke miſchen ſich mit den Trommelwirbeln und die ganze Menge entblößt das Haupt, kniet nieder und verbeugt ſich vor dem heiligen Sacramente, das man irgend einem Sterbenden bringt. Wehe dem Fremden, der ſich weigern wollte ſeine Knie zu beugen! Bald ſieht man eine Abtheilung von drei Solda⸗ ten mit ſechs Officieren und zwoͤlf Muſikern auf dem Platze erſcheinen;— die oberſte Behoͤrde entfaltet zur Be⸗ kanntmachung einer Verordnung dieſen Lurus von Muſik und geſtickten Uniformen. Das iſt vor der oracion das allgemeine Ausſehen der Plaza Mayor, eines ächten Fo⸗ rum, auf welchem das Volk von Merico, das ſouveraine Volk(wie ſeine Schmeichler es nennen), alle ſeine Lum⸗ pen zur Schau trägt und immer einen neuen Herrn ſucht, den es dem letztern opfern koͤnnte, ſonſt wenig um Politi 362 ſich kuͤmmert, die Unordnung fuͤr Freiheit haͤlt und nicht ahnt, daß die vielfaͤltigen Angriffe der Anarchie eines Ta⸗ ges das wurmſtichige Gebaͤude der ſeltſamen Republik um⸗ ſtuͤrzen koͤnnte, die bereits nach einem fuͤnfundzwanzigjaͤh⸗ rigen Beſtehen den Einſturz drohet. Jeden Abend aber bei den erſten Toͤnen des Angelus hoͤrt wie durch Zauberei jedes Geraͤuſch auf der Plaza Mayor auf. Die Menge bleibt ſtehen und ſchweigt und erſt wenn die Glockenklaͤnge verhallt ſind, entſteht die Be⸗ wegung von neuem. Das Gedraͤnge verlaͤuft ſich nach allen Seiten hin, die Wagen rollen, die Reiter galoppiren und die Fußgaͤnger treten bei Seite, aber nicht immer ſchnell genug, um ſich dem Degen oder dem Laſſo kuͤhner Raͤuber zu entziehen, welche ihre auserleſenen Opfer bis⸗ weilen am hellen Tage und vor den Augen Aller ermorden oder auspluͤndern. In der Nacht iſt der Platz oͤde; nur wenige Perſonen gehen im Mondenſcheine auf dem Trottoir hin, das ſich vor der Kirche befindet; andere ſitzen oder ſchaukeln ſich nachlaͤſſig auf den Ketten, welche die Prell⸗ ſteine mit einander verbinden. Der Tag iſt zu Ende, die naͤchtlichen Scenen beginnen und die leperos werden auf einige Stunden die Herrn der Stadt. Der lepero iſt eine der ſeltſamſten Erſcheinungen in der mexicaniſchen Geſellſchaft. Nur wer Mexico nicht blos in der heitern Luſt vor der oracion, ſondern auch in der ſchauerlichen Stille der Nacht geſehen hat, kann ſagen, was Seltſames und Furchtbares in dem Charakter dieſes merica⸗ niſchen Lazzarone liegt. Der lepero, der gleichzeitig muthig und feig, ruhig und ungeſtuͤm, fanatiſch und unglaͤubig, ein ewiger Spieler, aus Charakter zankſuchtig, aus Inſtinkt ein Dieb, von einer Maͤßigkeit iſt, die nur ſeiner Unmaͤßigkeit gleich kommt und an Gott gerade nur ſo viel glaubt, um eine heilſame Furcht vor dem Teufel zu haben, weiß ſeine Faulheit und ſeine Launen jeder Lage anzupaſſen. Er iſt überall, bald Laſttrager, bald Mau⸗ rer, bald Steinſetzer oder Pferdefuͤhrer. Ueberall betreibt er ſein ihn vorzugsweiſe anſprechendes Gewerbe, in den Kirchen, bei den Prozeſſionen, bei den Schauſpielen und immer zum Nachtheile der Anweſenden; ſein Leben iſt des⸗ halb auch immer ein langer Kampf mit der Juſtiz, die ſelbſt vor ſeinen Diebereien nicht ſicher iſt. Verſchwenderiſch im Reichthume, iſt der lepero nicht minder gefaßt und muthig in der Armuth. Hat er fruh ſo viel verdient, daß er allenfalls ſeine Beduͤrfniſſe den Tag uͤber beſtreiten kann, ſo ſtellt er ſofort jede Arbeit ein. Oft aber findet er ſelbſt ſeine ſo precären Hilfsmittel nicht. Da legt er ſich, ruhig und ohne Furcht vor den Dieben, in ſeine zerriſſene Decke gehullt, an der Ecke eines Trottoirs oder auf der Schwelle einer Thuͤr nieder, klimpert auf ſeiner jarana(kleinen Man⸗ doline), betrachtet mit ſtviſcher Seelenruhe die pulqueria (Wirthshaus), in der er keinen Credit hat, horcht zerſtreut auf das Ziſchen in der nahen Kuͤche, zieht den Strick feſter zuſammen, den er um ſeinen Leib gebunden hat, fruͤhſtuͤckt von einem Sonnenſtrahle, erſetzt das Abendeſſen durch eine Cigarre und ſchlaͤft ein ohne an den andern Tag zu denken. Ich geſtehe meine Schwäche ein; meine Aufmerkſam⸗ keit vernachlaͤſſigte unter der traͤgen und geraͤuſchvollen Menge, die mich jeden Abend auf die Plaza Mayor lockte, 364 gern die vornehmen Spaziergaͤnger, um ſich den zerlump⸗ ten Gruppen zuzuwenden, welche mir einen zwar traurigen, aber auch wahren Ausdruck der mericaniſchen Geſellſchaft gewährten. Ich hatte z. B. nie einen lepero in der male⸗ riſchen Zerriſſenheit ſeines Anzugs geſehen, ohne den Wunſch zu fuͤhlen, dieſe Menſchenelaſſe näher kennen zu lernen, die mich an die ſeltſamſten Helden der Raͤuberro⸗ mane erinnerte. Es reizte mich dieſe unreinen Soͤhne der großen Städte mit den rohen Abenteurern zu vergleichen, die ich in den Waͤldern und Savannen gefunden hatte. Gleich in der erſten Zeit meines Aufenthaltes in Merico gelang es mir auch, durch die Vermittelung eines mir be⸗ freundeten Franziskanermoͤnchs einen ächten Lepero naͤher kennen zu lernen, der Perico el Zaragate*) hieß. Leider war unſere Bekanntſchaft kaum angeknuͤpft als ich aus ſehr triftigen Gruͤnden ſie bereits wieder abzubrechen wuͤnſchte; ich hatte nämlich erſt ſehr unbedeutende Mittheilungen uͤber das Leben des Leperos erlangt und ſchon belief ſich die Zahl der Piaſter, die mir Perico abgelockt, auf eine an⸗ ſehnliche Summe. Ich war feſt entſchloſſen, dieſe ſo koſt⸗ ſpieligen Lectionen einzuſtellen, als ich eines Morgens den wuͤrdigen Moͤnch Serapio, durch den ich Perico hatte kennen lernen, in meiner Wohnung erſcheinen ſah. „Ich komme, um Sie zu den Stieren auf dem Necatit⸗ lanplatze abzuholen; eine jamaica und ein monte Par- nasso werden den Kampf noch intereſſanter machen.“ „Was iſt eine jamaica und ein monte Parnasso?“ *) Zaragate, ein Taugenichts der ſchlimmſten Art. „Das werden Sie ſehr bald erfahren. Kommen Sie; es wird elf Uhr ſchlagen und wir werden kaum noch einen guten Platz finden.“ Einem Stiergefechte wurde ich nie haben widerſtehen foͤnnen und in der Geſellſchaft des Bruders Serapio fand ich uͤberdies den Vortheil, ſicher durch die Vorſtadte gehen zu konnen, die einen furchtbaren Guͤrtel um Merico bilden, beſonders da es auf dem Necatitlanplatze faſt immer ge⸗ faͤhrlich iſt in europaͤiſchem Anzuge zu erſcheinen und ich immer mit einem gewiſſen Unbehagen allein hindurch ging. Die Moͤnchskapuze ſollte jetzt den Pariſer Frack ſchutzen. Ich nahm alſo das Anerbieten Serapios ſofort an und wir machten uns auf den Weg. Zum erſten Male betrachtete ich mit ruhigem Blicke die ſchmuzigen Straßen ohne Trot⸗ toirs und Pflaſter, die zerſprungenen ſchwarzen Haͤuſer, die Wiege und das Verſteck der Raͤuber, welche die Wege un⸗ ſicher machen und oft ſelbſt die Hauſer in der Stadt pluͤn⸗ dern. Eine Menge einaugiger und von Meſſerſtichen zer⸗ fetzter Leperos tranken, pfiffen und ſchrieen in den Wirths⸗ hauſern und huͤllten ſich dabei in ihre ſchmuzigen Baumwol⸗ lentͤcher. Kaum mit häßlichen Lumpen bedeckte Frauen ſtanden auf der Schwelle der Häuſer unter nackten Kindern, die ſich ſchreiend im Schmuze wälzten. Der Criminalrich⸗ ter murmelt ein Gebet, der Aleade bekreuziget ſich, der Gerichtsdiener druͤckt ſich an den Mauern hin und der ehr⸗ liche Menſch ſchaudert, wenn er durch dieſe ſchrecklichen Gaſſen geht; der Moͤnch aber ſchreitet mit ungebeugter Stirn und lächelnd hindurch und das Rauſchen ſeiner Kutte iſt geachteter als das Klappern des Saͤbels; ja die Bandi⸗ 366 ten entbloßen oft bei ſeinem Anblicke das Haupt und küßen ihm die Hand. Der Necatitlanplatz bot ein ſeltſames mir ganz neues Schauſpiel dar. Auf der einen Seite goß die Sonne eine blendende Helle auf die paleos de sol*) und hinter den Decken und ausgeſpannten rebozos, durch die man ſich Schatten zu verſchaffen ſuchte, ergoͤtzte ſich die in bruͤllen⸗ den Pyramiden aufgethuͤrmte Menge an einem abſcheulichen Concert von Schreien und Pfeifen. Auf der Schattenſeite bildeten die Federbuͤſche der Officiere und die buntfarbigen Seidenſhawls einen Anblick, welcher fuͤr das Elend und die Bloͤße in den Sonnenlogen einigermaßen entſchaͤdigte. Ich hatte dieſes Schauſpiel ſchon hundert Mal beobachtet, die durch die Metzelei ermuͤdete aber nicht geſaͤttigte Volksmaſſe haͤufig geſehen, wenn gegen Abend nach Beendigung der Kaͤmpfe nur noch heiſere Toͤne aus den Kehlen drangen, wenn die Sonne lange Strahlen durch die ſchlechtgefuͤgten Breter des Amphitheaters warf und der Blutgeruch Schaa⸗ ren hungeriger Geier anlockte; nie aber hatte ich den Kampf⸗ platz ſelbſt ſo ausgeſtattet geſehen wie an dieſem Tage. Zahl⸗ reiche hoͤlzerne Geruſte erfuͤllten die ganzen ſonſt den Kaͤmpfen gewidmeten Raͤume und da ſie mit Gras, Blumen und wohlriechenden Zweigen bedeckt waren, gewährten ſie das Bild eines großen gruͤnen Saales oder eines friſchen Haines mit ſchattigen lauſchigen Gängen. Die Buden in dieſem gruͤnen Haine waren eben ſo viele Aſyle der me⸗ ²) So nennt man die der Sonne ausgeſetzten Logen des Cireus. —— ricaniſchen Gutſchmeckerei, eben ſo viele Kuͤchen oder Waſ⸗ ſerverkaufsläden. In den Kuͤchen gab es wie gewoͤhnlich den ausſchweifenden Lurus von namenloſen Ragouts, deren Grundlage Gewuͤrze und Schweineſchmalz iſt; in den Waſſerläden dagegen glaͤnzten unter Blumen rieſenhafte Gläͤſer voll rother, gruͤner, gelber und blauer Getränke. Das Volk in den paleos de sol berauſcht ſich an dem wider⸗ lichen Fettgeruche, waͤhrend andere Gluͤcklichere, die in dieſem improviſirten Paradieſe ſaßen, in grünen Lauben ſich an dem Fleiſche wilder Enten labten. „Das,“ ſagte der Franziskaner, indem er auf die vie⸗ len Leute zeigte, die an Tiſchen auf dem Kampfplatze ſaßen, „das nennt man eine jamaica.“ „Und wie nennt man dies?“ fragte ich meinen Beglei⸗ ter, indem ich auf einen vier bis fuͤnf Klaftern hohen Baum zeigte, der mit allen ſeinen Aeſten und Blaͤttern mitten auf dem Kampfplatze ſtand und uͤber und uͤber mit groben bun⸗ ten Tuͤchern behangen war. „Das iſt der monte Parnasso,“ antwortete der Fran⸗ ziskaner.„Und die Leperos werden ihn zu erſteigen ſuchen.“ Als der Moͤnch mir dieſe Antwort gab, wurde das Ge⸗ ſchrei: toro! toro! von der Gallerie aus, welche die Sonne beſchien, immer laͤrmender und lauter; die Kuͤchen und Schenkbuden waren in einem Augenblicke verlaſſen und die neberreſte der gruͤnen Buden bedeckten den Boden unter dem ungeſtümen Anprall einer Schaar Leperos, die ſich an ihren Decken von den hoͤchſten Logen herabließen. Ich wunderte mich nicht, unter den Unfinnigen, welche ſchrien, 368 umherſprangen und die Lauben zerſchlugen, meinen alten Bekannten Perico zu ſehen. Ohne ihn ware doch das Feſt nicht vollſtändig geweſen. Der monte Parnasso mit ſei⸗ nen baumwollenen Tuͤchern ſtand bald allein unter dieſen Truͤmmern und wurde der alleinige Zielpunkt der Blicke und Anſtrengungen des Volkes. Alle verſuchten um die Wette hinaufzuklettern, um Tuͤcher ſich davon herunterzuho⸗ len; aber der Eifer des einen hinderte, wie das immer der Fall iſt, den des andern und der Baum ſtand da, ohne daß einer der Bewerber ihn umſpannen konnte. In demſel⸗ ben Augenblicke ertoͤnte die Trompete in der Loge des Alca⸗ den, die Thuͤr des toriloͤffnete ſich und ließ den prächtigſten Stier heraus, den die benachbarten Haciendas hatten lie⸗ fern koͤnnen. Leider(nach der Anſicht der Anweſenden, welche die Leperos im Kampfe mit einem furchtbarern Geg⸗ ner zu ſehen hofften) war der Stier ein embolado“). Die, welche den Baum zu erklettern ſuchten, zeigten gleichwohl einige Zoͤgerung und blickten erſchrocken nach dem Stierſtalle hin. Der Stier, der eine Zeit lang unentſchloſſen dage⸗ ſtanden hatte, ſtürzte endlich auf den Baum zu. Einige leperos entflohen und die andern, die nun nicht mehr ge⸗ hindert waren, konnten nach einander an dem Baume hin⸗ aufklettern. Aber eine Kataſtrophe ſtand nahe bevor; der Stier, der an dem Baume angekommen war, auf wel⸗ chem die leperos hingen, ſtieß wuͤthend daran. Der Baum, *) D. h⸗ mit einer Kugel am Ende jedes Hornes. Das iſt bei allen Stiergefechten das Thier, welches man dem Volke Preis giebt. deſſen Wipfel ſo ſehr belaſtet war, neigte ſich bald auf die Seite und in dem Augenblicke als Perico ſich eben eine große Anzahl Tuͤcher zueignete, ſtuͤrzte er mit allen darauf haͤn⸗ genden verſchlungenen Leperos nieder. Tolles Gelaͤchter und begeiſtertes Jubeln erhob ſich unter den zwoͤlftauſend Zu⸗ ſchauern bei dem Anblicke der Ungluͤcklichen, die ſich gegen⸗ ſeitig von einander und unter den Aeſten loszumachen ſuch⸗ ten. Der Stier ſteigerte die Verwirrung noch mehr, indem er mit den Hoͤrnern unter dem Menſchenknäul herumwuͤhlte und ich hatte den Schmerz den ungluͤcklichen Perico, der zehn Fuß hoch in die Luft empor geſchleudert wurde, bewe⸗ gungslos niederfallen zu ſehen. In demſelben Augenblicke als Perico hinausgetragen wurde, riefen hundert Stimmen gleichzeitig nach einem Prieſter. Serapio druͤckte ſich in eine Ecke der Loge, aber er konnte ſich doch nicht lange der Pflicht entziehen, die ihm der Volkswille auferlegte. Er erhob ſich deshalb mit einem Ernſt, welcher ſein lebhaftes Bedauern den Augen des Publicums verdeckte und ſagte leiſe zu mir: „Folgen Sie mir, ich gebe Sie fuͤr einen Arzt aus.“ „Sie ſcherzen,“ antwortete ich. „Nein, nein, wenn der Menſch noch lebt, findet er einen Arzt und einen Beichtiger von gleicher Befaͤhigung.“ Ich begleitete den Moͤnch mit gleich gravitaͤtiſchem Weſen und waͤhrend wir auf der Treppe hinuntergingen, verrieth uns das Lachen der Zuſchauer, daß das Publicum einen ſo ganz gewoͤhnlichen Vorfall bereits vergeſſen hatte. Wir wurden in ein kleines dunkeles Gemach im Erdgeſchoſſe gefuͤhrt, in das man den armen Perico gelegt, nachdem Amerik. Reiſenovellen. 24 370 man ihm vorher die eroberten Tuͤcher abgenommen hatte. Darauf verließen uns die Anweſenden, halb aus Ehrfurcht vor der Kirche und der medieiniſchen Facultat, die gleich gut vertreten waren, um von dem Schauſpiele nichts zu verſuͤumen. Der Lepero, der kein Lebenszeichen mehr gab, ſaß mehr an der Mauer als daß er lag; ſeine haͤngenden Arme und ſein leichenblaſſes Geſicht verriethen deutlich, daß wenn das Leben nicht ſchon ganz von ihm gewichen ſei, doch nur noch ein ſchwaches Fuͤnkchen davon uͤbrig ſein konnte. Wir, der Franziscaner und ich, ſahen einander verlegen an. „Ich glaube,“ ſagte ich zu dem Moͤnch,„daß Sie ihm fuͤr jeden Fall die Abſolution geben koͤnnen.“ „Absolvo te!“ ſprach darauf Bruder Serapio, indem er mit dem Fuße den Lepero ſtieß, der endlich dieſes Zeichen der Theilnahme zu bemerken ſchien und mit halbgeſchloſſe⸗ nen Augen murmelte:„ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den heiligen.. Da haben mir die Spitzbuben doch meine Tuͤcher genommen. Sennor padre, ich bin ein verlorner Mann!“ „Noch nicht, mein Sohn,“ antwortete der Moͤnch; „aber vielleicht bleibt Dir nicht viel Zeit zum Beichten Deiner Suͤnden und Du wuͤrdeſt wohl thun ſie zu benutzen, damit ich Dir die Pforten des Himmels oͤffnen koͤnnte.. Ich habe keine Zeit.“ „Iſt der Stierkampf noch nicht voruͤber?“ fragte der arme Perico.„Wenn ich es recht bedenke,“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſich befühlte,„ſteht es am Ende mit mir doch nicht ſo ſchlecht als Sie glauben..“ Als Perico mich erblickte, ſchloß er die Augen wieder, — —. als wandele ihn von neuem eine Ohnmacht an und er fuhr mit gebrochener Stimme fort: „Ich fuͤhle mich freilich ſehr ſchlecht, ſehr ſchlecht und wenn Sie meine Beichte anhoͤren wollen..“ „So fange an, mein Sohn.“ Der Moͤnch kauerte ſich neben dem Kranken nieder, an dem man aͤußerlich keine Spur von Verletzung ſah. Pe⸗ rico hielt ſeinen Mund an das Ohr des Moͤnches und ich trat bei Seite, um den Lepero nicht zu unterbrechen, der alſo begann: „Zuerſt klage ich mich an, daß ich das freundliche Zu⸗ vorkommen des Herrn da mit dem ſchwaͤrzeſten Undanke vergolten habe, indem ich ihm ſo oft als möglich Geld ab⸗ nahm— und doch weniger als ich wuͤnſchte.. Ich bitte ihn, daß er mir deshalb nicht zuͤrne, denn im Grunde war ich ihm ſehr zugethan.“ Ich nickte zuſtimmend. „Auch klage ich mich an, daß ich dem Criminalrichter Sayoſa, als ich das letzte Mal vor ihm erſchien, die gol⸗ dene Uhr geſtohlen.“ „In welcher Weiſe, mein Sohn?“ „Der Herr Sayoſa beging die Unvorſichtigkeit in mei⸗ ner Gegenwart nach der Uhr ſehen zu wollen und ſich zu beklagen, daß er Uhr und Kette vergeſſen habe. Da dachte ich bei mir, es ſei ein gutes Geſchaͤft zu machen, wenn ich nicht gehangen wuͤrde und weil ich nicht wußte, was mir vorbehalten war, theilte ich die Sache einem Freunde mit, den man eben frei ließ. Nun muß manwiſſen, daß ein Trut⸗ hahn die bekannte ſchwache Seite des Herrn Richters war..“ 24* 372 „Ich verſtehe Dich nicht, mein Sohn.“ „Sie werden mich bald verſtehen. Mein Camerad kaufte einen praͤchtigen Truthahn und uͤberbrachte ihn der Frau des Herrn Sayoſa mit den Worten, ihr Mann habe ihm aufgetragen, ihr den ſchoͤnen Braten zu uͤberbringen; auch laſſe er ſie zu gleicher Zeit erſuchen, dem Ueberbringer die goldene Uhr mit der Kette zu uͤbergeben, die er vergeſ— ſen haͤtte. So geſchah es, daß die Uhr..“ „Das iſt ein ſchwerer Fall, mein Sohn.“ „Ach, ich habe noch mehr gethan; am Tage darauf ſtahl ich der Frau des Richters, waͤhrend ihr Mann im Amte war.. „Was, mein Sohn?“ „Den Truthahn, Herr Pater.. Sie koͤnnen ſich den⸗ ken, daß man eine Auslage nicht gern einbuͤßt,“ ſagte Pe⸗ rico mit klaͤglicher Stimme. Der Moͤnch konnte kaum das Lachen verbeißen. „Und was, mein Sohn,“ fuhr er mit nicht ganz feſter Stimme fort,„hatte Dich vor den Herrn Criminalrichter Sayoſa gebracht?“ „Eine Kleinigkeit.. Ich hatte mich verbindlich gemacht, fuͤr einige Thaler der Rache eines Bewohners dieſer Stadt zu dienen(der Name thut nichts zur Sache). Man zeigte mir den Mann, den ich erſtechen ſollte. Es war ein jun⸗ ger ſchoͤner Herr, der ſich beſonders durch eine lange duͤnne Narbe uͤber dem rechten Auge auszeichnete. Ich verſteckte mich an der Thur eines gewiſſen Hauſes, in welchem der junge Herr jeden Abend nach dem Gebete zu erſcheinen pflegte. Auch ſah ich ihn in das mir bezeichnete Haus hineingehen. Es wurde eben dunkel und ich wartete. Es vergingen zwei Stunden; es war niemand mehr in der ſtillen Straße und der, auf welchen ich wartete, kam nicht heraus. Ich wollte mich uͤberzeugen, was ihn wohl ſo lange zuruͤckhalte. Die Wohnung befand ſich zu ebener Erde und ich ſah alſo durch die Stäbe eines Fenſters hin⸗ ein, das man halb offen gelaſſen hatte, wahrſcheinlich we⸗ gen der großen Hitze.“ Perico ſchien entweder aus Schwaͤche oder aus irgend einem andern Grunde bei der Fortſetzung ſeiner Beichte nur mit Widerſtreben dem Einfluſſe nachzugeben, welchen der Moͤnch Serapio auf ihn ausuͤbte; man haͤtte ihn mit einem der Somnambulen vergleichen koͤnnen, die ihre Ge⸗ danken nur mit Sträuben unter dem ſie beherrſchenden mag⸗ netiſche Fludium enthuͤllen. Ich ſah den Moͤnch fragend an, ob ich mich entfernen ſolle, aber er winkte mir zu bleiben. „Unter einem Bilde der heiligen Seelen,“ fuhr Pe⸗ rico fort,„ſchlummerte eine alte Frau, die ſich bis an die Augen in ihren rebozo gehuͤllt hatte. Der ſchoͤne junge Herr, den ich erkannte, ſaß auf einem Sofa und vor ihm kniete, den Kopf auf ſeine Knie geſtuͤtzt, eine junge ſchoͤne Frau, die ihn mit Liebestrunkenheit anzublicken ſchien. Der Mann zerpfluͤckte eine Roſe, welche von dem Kamme in dem Haar der Frau gehalten wurde. Da ſah ich wohl ein, warum ihm die Zeit nicht lang wurde und vielleicht wird mir das Mitleid, das ich fuͤhlte, da oben zu gute ge⸗ rechnet, denn ich wurde ganz traurig daruͤber, daß ich den Faden eines ſo lieblichen Romans zerreißen ſollte.“ 374 „Du haſt ihn ermordet, Ungluͤckſeliger?“ fragte der Moͤnch. „Ich ſetzte mich im Schatten auf dem Trottoir dem Hauſe gegenuͤber nieder und war ſo muthlos geworden, daß ich auf meinem Poſten ſogar einſchlief. Erſt das Geraͤuſch von einer Thuͤr, die man aufmachte, weckte mich; es kam ein Mann heraus. Da ſagte ich zu mir ſelbſt, ein gege⸗ benes Wort muͤſſe heilig ſein und es ſei jetzt nicht die Zeit auf mein gutmuͤthiges Herz zu hoͤren.. Ich ſtand alſo auf. Eine Seecunde ſpäter war ich dicht hinter dem Unbekannten. Faſt gleichzeitig hoͤrte man die Toͤne eines Pianos hinter dem Fenſter, das geſchloſſen worden war. Man fühlte, daß unbeſchreibliches Gluͤck die Gelenkigkeit der Finger verdoppeln mußte, welche uͤber die Taſten eilten.„Arme Frau!“ dachte ich;„Dein Geliebter ſoll ſterben und Du ſingſt!“— Ich ſtieß zu und der Mann fiel..“ Der weichherzige Perico ſchwieg und ſeufzete. „Hatte der Schmerz meine Augen geſchwächt?“ fuhr er nach kurzer Pauſe fort.„Ein Mondenſtrahl fiel in die⸗ ſem Augenblicke auf das Geſicht deſſen, den ich verwundet hatte. Es war nicht mein Mann und das freute mich. Ich war für einen Mord bezahlt worden, hatte meine Pflicht gethan und da mein Gewiſſen alſo mir keine Vor⸗ wurfe machte, fing ich an dem Unbekannten einen Buͤſchel Haare abzuſchneiden, um dem, welcher mich bezahlte, irgend einen Beweis von der Ausfuͤhrung des erhaltenen Auftrags zu bringen. Alle Haare ſind einander gleich, dachte ich, aber ich irrte mich wieder. Der Mann, den ich ermordet hatte, war ein Engländer und hatte rothes Haar. Der junge Unbekannte lebte noch. Da läſterte ich in meiner Verzweiflung den heiligen Namen Gottes und deſſen klage ich mich an, Herr Pater.“ Perico ſchlug ſich auf die Bruſt, während ihm der Franziscaner das Schreckliche dieſes letzten Verbrechens vorhielt, ſehr leicht aber über das erſte hinging, denn das Leben eines Menſchen, eines ketzeriſchen Englaͤnders na⸗ mentlich, hat in den Augen der minder aufgeklaͤrten Claſſe des mericaniſchen Volkes, zu welcher der Lepero und der Moͤnch gehoͤrten, ſehr wenig Gewicht. Bruder Serapio beendigte ſeine Ermahnung damit, daß er Perico eilig die Abſolution in einem Lateiniſch ertheilte, das ſich nicht ſcho⸗ ner in den Luſtſpielen Molières findet; dann fuhr er in gu⸗ tem Spaniſch fort: „Jetzt bleibt Dir nur noch üͤbrig, dieſen Herrn da um Verzeihung zu bitten, daß Du ihn ſo haͤufig um Geld ge⸗ bracht haſt und er wird Dir dies um ſo leichter vergeben, da Du es nicht leicht noch einmal wirſt thun koͤnnen.“ Der Lepero wendete ſich zu mir und ſagte mit der kläg⸗ lichſten Miene, die er annehmen konnte: „Ich bin ein großer Suͤnder und werde nicht vollſtän⸗ dige Abſolution erhalten zu haben glauben, wenn Sie mir nicht alle unwurdige Streiche verzeihen, die ich Ihnen ge⸗ ſpielt habe. Ich werde ſterben, Herr, und habe nichts, daß man mich begraben laſſen könne. Meine Frau muß jetzt ſchon Nachricht haben und es wuͤrde ein großer Troſt für ſie ſein, wenn ſie in meiner Taſche einige Piaſter faͤnde. Gott wird es Ihnen vergelten!“ „Dieſen Dienſt,“ ſagte der Moͤnch,„können Sie dem 376 armen Teufel kaum verſagen; es werden die letzten Piaſter ſein, die er Sie koſtet.“ „Gott gebe es!“ ſagte ich, ohne zu bedenken, daß ich einen faſt moͤrderiſchen Wunſch ausgeſprochen, und leerte meine Boͤrſe in die Hand aus, die mir Perico reichte, der dann die Augen ſchloß, den Kopf zuruͤckſinken ließ und nicht weiter ſprach. „Requiescat in pace!“ ſagte der Moͤnch.„Das Stiergefecht muß ſchon weit vorgeruͤckt ſein und ich habe hier nichts mehr zu ſchaffen.“ Wir gingen hinaus. Im Ganzen, dachte ich, als ich den Circus verließ, hatte ich von dem Zaragate auch noch keine werthvollen Mittheilungen und Eroͤffnungen erhal⸗ ten und erſt ſeine Beichte hat mich gewiſſermaßen entſcha⸗ diget. Ueberdies war dieſe Lection die letzte, die der Le⸗ pero mir geben konnte und deshalb fuͤhlte ich faſt Mitleid mit ihm. Gleichwohl irrte ich mich, wie man ſehen wird; meine Rechnung mit Perico war noch nicht ausgeglichen. 2 Die Alameda.— Der Paſeo de Bucarelli. Es giebt wenige Staͤdte in Merico, die nicht ihre alameda*) haͤtten und die von Merico iſt unſtreitig die ſchoͤnſte, wie es ſich der Hauptſtadt ziemt. Sie bildet ein längliches Viereck, das von einer etwa zwei Ellen hohen Mauer umgeben iſt, welche ſich an einem tiefen Graben *) Alameda, Pappelplatz, von alamos; Name der öffentlichen Promenaben. hinzieht, deſſen ſtinkendes Waſſer allein den ſonſt untadeli⸗ gen Platz verunzieret. Ein Gitter in jeder Ecke laͤßt die Wagen, die Reiter und Fußgaͤnger ein. Pappeln, Eſchen und Weiden bilden ein gruͤnes Laubdach über dem Haupt⸗ wege, der für die Wagen und Pferde beſtimmt iſt, welche ſich geräuſchlos auf ebenem Boden da bewegen. Gaͤnge, welche zu großen gemeinſamen Mittelpunkten zuſammen⸗ laufen, die mit Springbrunnen verziert ſind, bringen ihr Gebuͤſch von Myrthen, Roſen und Jasmin zwiſchen die Wa⸗ gen und Fußgaͤnger, deren Auge durch den duftigen Schat⸗ ten hindurch den praͤchtigen Equipagen und den feuerigen Pferden folgen kann. Das von dem Sande der Tagen gedaͤmpfte Gerauſch der Räder hoͤrt man kaum bei dem Murmeln der Fontainen, bei dem Rauſchen des Windes, der das ewige immer junge Grun bewegt und bei dem Summen der Bienen und Colibris. Vergoldete Carroſſen freuzen ſich unablaͤſſig mit den europaͤiſchen modernen Wa⸗ gen und das glänzende Geſchirr der mexicaniſchen Pferde tritt in ſeiner ganzen Pracht neben dem engliſchen Sattel hervor, welcher unter dieſem wahrhaft orientaliſchen Lurus ſehr armſelig ausſieht. Die vornehmen Damen haben zur Promenadezeit die Saya und Mantille abgelegt und mit franzoſiſchen Moden vertauſcht, die aber immer ein halbes Jahr hinter den eben geltenden zuruͤck ſind. Sie liegen nachläͤſſig auf dem Wa⸗ genkiſſen ausgeſtreckt und laſſen den Fuß, der ihr Stolz, der Gegenſtand der Bewunderung der Europaͤer iſt, in einer leider oft zu nachläſſigen Bekleidung ruhen. Zum. Gluͤck ſieht man wegen der Wagenfenſter nur ihr Diadem von 378 ſchwarzem Haar mit natuͤrlichen Blumen, ihr verfuͤhreriſches Lächeln und ihre Geberden, bei denen die Lebhaftigkeit ſich anmuthig mit der Nachlaͤſſigkeit verbindet. Der Fä⸗ cher bewegt ſich und ſpricht ſeine geheimnißvolle Sprache. Auch die Menge der Spaziergaͤnger gewaͤhrt einen nicht minder pikanten Anblick, nur miſcht Europa ſeine truͤbſeli⸗ gen Trachten in minderer Anzahl unter die buntfarbigen Amerikas. Nach einer gewiſſen Anzahl Fahrten verlaſſen die Wagen die Alameda und die Reiter folgen ihnen; die ganze Menge zieht gleichgiltig an einem vergitterten Fenſter vor⸗ uͤber, das auf das Trottoir ſieht, auf welchem man hinge⸗ hen muß, um zu einer Promenade zu gelangen, welche zu dem Paſeo Bucarellis*) fuͤhrt. Man wird nicht errathen, welche haͤßliche Ausſtellung die verroſteten Gitter jeden Tag zwei Schritte von der glaͤnzendſten Promenade Mericos bergen. Dieſes Fenſter iſt das der Morgue, wo man die Todten ausſtellt. Die Sorgſamkeit der Juſtiz beginnt erſt von dieſem Augenblicke an und die Leichname von Männern und Frauen werden halb nackt, noch blutend unter einander geworfen; jeden Tag erhaͤlt dieſe Morgue neuen Zuwachs. Der Paſeo hat keinen andern Schmuck als eine doppelte Baumreihe, ſteinerne Baͤnke fuͤr die Fußgaͤnger und drei Fontainen mit abſcheulichen allegoriſchen Statuen. Von hieraus uͤberblickt man dieſelbe Landſchaft wie von der Ka⸗ thedrale aus. ²) Von dem Namen des Vicekoͤnigs, der die Promenade anlegte. Auch am Abende des Tages, an welchem ich den Stier⸗ kämpfen beigewohnt, hatte ich mich unter die Neugierigen gemiſcht, welche gewöhnlich den Platz zwiſchen dem Paſeo und der Alameda bedecken. Die Nacht begann den Tag zu verdrängen; die Laternen wurden angezuͤndet und die Pro⸗ menirenden eilten nach ihren Wohnungen zuruͤck. Es war ein Sonntag. Das Lauten des Angelus, das von den zahl⸗ loſen Glocken der Kirchen und Klöſter wiederholt wurde, übertoͤnte das Geſumme der Menge, von welcher ein Theil ehrerbietig ſtehen blieb, waͤhrend ein anderer fortſturzte wie ein Strom, den kein Hinderniß aufhalten kann. Das Licht, welches ſeine letzten Strahlen durch die Gitter der Morgue warf, erhellte nur noch ſchwach die Opfer, die ne⸗ ben einander auf einem Steinlager ruheten. Die Frauen, die vergebens von den Soldaten zuruͤckgedrängt wurden, jammerten vor dem Gitter und ſtießen Schmerzenstone aus. Ihr Geſchrei zog die Voruͤbergehenden an; einige beklag⸗ ten ſie, andere blickten ſie nur neugierig an. Neben einem der Gitter kniete ein Mann, entbloͤßten Hauptes, der ein reich geſchirrtes Pferd am Zuͤgel hielt, und betete andaͤchtig. An ſeiner Kleidung erkannte man leicht, daß er der wohl⸗ habenden Claſſe der Bewohner der tierra afuero*) ange⸗ hoͤrte, welche mit gleichem Abſcheu die Moden und Ideen Europas von ſich fern halten. Der maleriſche Aufputz paßte uͤbrigens vollkommen zu den maͤnnlichen ausgezeich⸗ neten Zugen. Ueber dem rechten Auge des Unbekannten ²) Ausland, wie man in Sonora und andern Grenzen Inland(tierra adientro) ſagt. Me A —— 380 zog ſich eine lange ſchmale Narbe weiß auf der Stirn hin. Ohne Zweifel war es der ſchoͤne junge Mann, den mir Perieo geſchildert hatte. Dankte er Gott, daß er der Ge⸗ fahr entgangen war oder dankte er ihm dafuͤr, daß er liebte oder geliebt wurde? Die Sache blieb mir zweifel⸗ haft und die Andacht, die zu dieſen Vermuthungen Anlaß gab, wurde auch ploͤtzlich unterbrochen. Ein Pferd, das durch das Wagengeraͤuſch erſchreckt wurde und den Bemuͤh⸗ ungen ſeines Reiters widerſtand, ſtieß an die Leiter, auf welcher ein Nachtwaͤchter ſtand und eine Laterne an der Mauer der Caſerne La Acordada anzuͤndete. Der Mann ſiel etwa funfzehn Fuß hoch herab und blieb bewegungslos auf dem Pflaſter liegen. Die Beſtuͤrzung des ungluͤcklichen Reiters bei dem Anblicke des bewußtlos und vielleicht todt daliegenden Mannes wuͤrde ich leicht beſchreiben koͤnnen, denn leider war ich dieſer Reiter ſelbſt; ich will aber lieber das Nachfolgende erzaͤhlen. Man kennt die wohlwollende Gewohnheit des Poͤbels der großen Städte gegen die, welche aus Ungluck ſich ſolche Ungeſchicklichkeiten zu Schulden kommen laſſen, wird ſich aber nicht leicht eine richtige Vorſtellung von der Haltung eines ſolchen Poͤbels in Mexico machen koͤnnen, beſonders einem Fremden gegenuͤber, den er immer fuͤr einen natuͤr⸗ lichen Feind halt. Mein Pferd, das trotz ſeinem Ungeſtuͤm in einem Gedraͤnge von Leperos zuruͤckgehalten wurde, die ſich nur uͤber die Strafe beriethen, welche dem Urheber eines ſolchen Verbrechens zuerkannt werden ſolle, war fuͤr mich voͤllig nutzlos und ich beneidete einen Augenblick das Schickſal des Verungluͤckten, welcher wenigſtens nichts — — — fühlte. Zum Gluck ſchickte mir der Zufall zwei Bundesge⸗ noſſen und auf einen derſelben hatte ich am allerwenigſten gerechnet. Der erſte war ein Alcade, der ſich mit vier Soldaten bis zu mir Bahn brach und mir ſagte, daß ich in ſeinen Augen überfuͤhrt ſei, den Tod eines mexicaniſchen Buͤrgers veranlaßt zu haben. Ich verbeugte mich ſchwei⸗ gend. Auf den Befehl des Beamten legte man den noch immer unbeweglichen Sereno auf eine Art Bahre; dann forderte mich der Alcade hoͤflich auf abzuſteigen und der Bahre zu Fuße in den Juſtizpalaſt zu folgen, wo ich natur⸗ lich ganz in der Nähe des Gefangniſſes ſein wuͤrde. Natuͤr⸗ lich gab ich der Aufforderung nicht ſogleich nach und bemuͤhete mich dem Alcaden begreiflich zu machen, daß er in dem Falle, in welchem ich mich befaͤnde, kein Recht zu einem ſolchen Verfahren haͤtte. Leider beſaß der Aleade wie faſt alle Seinesgleichen eine unerſchutterliche Zaͤhigkeit und er antwortete auf alle meine Gruͤnde weiter nichts, als daß er bei ſeinem Verlangen bleibe. Ich ſah mich nun unter den Anweſenden nach Jemanden um, der ſich fur mich verbuͤr⸗ gen koͤnnte und meine Augen wendeten ſich nach der Stelle, wo ich den knienden Reiter erblickt hatte; aber er war ver⸗ ſchwunden. Sollte ich alſo genothiget ſein, mich der ge⸗ haͤſſigen Formlichkeit zu unterwerfen, die der Alcade for⸗ derte? In dieſem Augenblicke erſchien der zweite Retter, den ich erwaͤhnte. Derſelbe hatte ſich majeſtätiſch in einen Tuchmantel von brauner Farbe gehuͤllt und ein Zipfel deſ⸗ ſelben verdeckte das Geſicht faſt ganz. Durch die zahlrei⸗ chen Loͤcher des Mantels hindurch konnte man eine Jacke von nicht minder zweideutigem Tuche erkennen. Als dieſer —— 382 Mann mit Anſtrengung ſich durch die Menge bis zu dem Alcaden durchgedraͤngt hatte, ſteckte er den Arm durch ein Loch ſeines Mantels und konnte ſo, ohne ſein Geſicht zu enthuͤllen, an die Truͤmmer des Hutes greifen, die ſein Haupt bedeckten. Er entbloͤßte daſſelbe hoͤflich, waͤhrend in ſeinem ſchwarzen wirren Haar einige Cigarren, ein Lot⸗ terieldoos und ein Bild der wunderthaͤtigen Madonna von Guadalupe haͤngen blieben. Ich erkannte mit nicht gerin⸗ ger Verwunderung in dieſem achtungswerthen mericaniſchen Buͤrger meinen Freund Perico, den ich für todt gehalten hatte. „Herr Alcade,“ ſagte Perico,„der Herr hat Recht. Er hat den Mord unfreiwillig begangen, darf alſo nicht mit gewoͤhnlichen Uebelthaͤtern verwechſelt werden; uͤbri⸗ gens verbuͤrge ich mich fuͤr ihn, denn ich habe die Ehre ihn genau zu kennen.“ „Und wer burgt fuͤr Dich?“ fragte der Alcade. „Mein fruͤheres Verhalten,“ entgegnete der Zaragate beſcheiden,„und der Herr da,“ ſetzte er hinzu, indem er auf mich zeigte. „Aber Du buͤrgſt ja erſt fuͤr ihn?“ „Nun ja, ich buͤrge fuͤr den Herrn und der Herr buͤrgt fur mich; es find zwei Buͤrgſchaften fuͤr eine und etwas Beſſeres kann der Herr Alcade nicht finden.“ Ich geſtehe, daß ich zwiſchen der Juſtiz des Alcaden und dem gefaͤhrlichen Schutze Perico's eine Zeit lang ſchwankte. Der Alcade ſeinerſeits ſchien durch die Worte Perico's nicht uberzeugt worden zu ſein und ich glaubte die Verhandlungen beendigen zu muͤſſen, indem ich mich zu dem Ohr des Aleaden neigte und ihm heimlich meine Adreſſe gab. „Nun wohl,“ ſagte er, indem er zuruͤcktrat,„ich nehme die Buͤrgſchaft Ihres Freundes in dem braunen Mantel da an und begebe mich ſogleich in Ihre Wohnung, wo ich Sie zu treffen hoffe.“ Der Alcade und die Soldaten hatten ſich entfernt, die Menge blieb ſo zahlreich und drohend wie fruher, ein gel⸗ lendes Pfeifen und ein Paar Luftſpruͤnge hatten aber Pe⸗ rico den Leuten ſeiner Caſte bald bekannt gemacht, die ſich eifrig vor ihn ſtellten. Der Lepero nahm nun mein Pferd am Zuͤgel und ich entfernte mich ſo aus den unheimlichen Gruppen ſehr beſorgt wegen der Entwickelung meines Abenteuers und betrübt uber das ungluͤckliche Ereigniß, welches die Veranlaſſung dazu war. „Wie kommt es, daß ich Dich ganz wohlbehalten wie⸗ der finde?“ fragte ich meinen Führer, als ich mich wieder etwas geſammelt hatte.„Ich geſtehe, daß ich glaubte, Du hatteſt in dieſer Welt nichts mehr zu ſchaffen.“ „Gott hat ein Wunder zu Gunſten ſeines Dieners ge⸗ than,“ antwortete Perico, der dabei andaͤchtig die Augen zum Himmel empor ſchlug;„aber meine Auferſtehung ſcheint Ihnen gar nicht angenehm zu ſein.. Sie ſehen ein, daß ich trotz meinem Wunſche Ihnen gefällig zu ſein.. „Keineswegs, Perico, keineswegs; ich freue mich, Dich wieder wohl zu ſehen; aber wie iſt dieſes Wunder ge⸗ ſchehen?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete der Lepero;„aber es ging ſo ſchnell, daß ich meinen Platz in dem Circus wieder einnehmen und ſogar noch einmal auf den Baum zu klet⸗ tern verſuchen konnte. Ich war friſch abſolvirt und das gab alſo eine einzige Gelegenheit mein Leben zu wagen ohne die Seele zu gefaͤhrden; ich wollte ſie benutzen und es hat mir Gluͤck gebracht, denn ob mich gleich der Stier auf die Hörner nahm und empor ſchleuderte, fiel ich doch auf die Beine zum großen Jubel des Volkes, das mir ganze und halbe Realen zuwarf. Da, vorzugsweiſe durch Sie, mein Beutel gut geſpickt war, ſo konnte ich endlich auch meine Vorliebe fur ſchoͤne Kleider befriedigen und ich kaufte mir den Anzug da, in welchem ich gewiß ſehr anſtäͤndig aus⸗ ſehe. Sie haben geſehen, wie mich der Alecade behan⸗ delte.. Kleider machen Leute.“ Ich ſah ein, daß der Menſch noch einmal mich zum Beſten gehabt hatte und daß ſein erheuchelter Todeskampf wie ſeine Beichte nichts geweſen waren als ein Mittel mir einige Piaſter abzulocken. Ich geſtehe jedoch, daß mein Zorn in dieſem Augenblicke von der komiſchen Wuͤrde ent⸗ waffnet wurde, mit welcher ſich der Lepero in ſeinem zer⸗ löcherten Mantel blähete, während er dieſe ſeltſamen Reden fuͤhrte. Ich dachte nur daran mich von einer mir endlich läſtig werdenden Geſellſchaft zu befreien und ſagte alſo lä⸗ chelnd zu Perico: „Wenn ich recht rechne, haben mich die Krankheit Deiner Kinder, die Niederkunft Deiner Frau und Dein Begräbniß ungefäͤhr hundert Piaſter gekoſtet; damit, denke ich, wird der Dienſt, den Du mir eben geleiſtet haſt, an⸗ ſtändig bezahlt ſein. Ich kehre ſogleich in meine Wohnung zuruck und danke Dir alſo nochmals.“ ———— „Ihre Wohnung, Herr? Was denken Sie!“ rief Perico aus;„in dieſem Augenblicke wird Ihr Haus von der bewaff⸗ neten Macht umſeellt ſein. Man ſucht Sie bei allen Ihren Freunden; Sie wiſſen nicht, mit welchem Alcaden Sie zu thun haben.“ „Kennſt Du ihn?“ „Ich kenne alle Alcaden und zum Beweiſe, wie ſehr ich den Beinamen verdiene, den man mir gegeben hat, kennen mich keineswegs alle Alcaden. Der aber, welcher Sie verfolgt, iſt von allen der ſchlaueſte, der habſuͤchtigſte und der verteufeltſte.“ Obwohl ich Grund zu glauben hatte, daß dieſe Schil⸗ derung uͤbertrieben ſei, ſo war mein Entſchluß doch einiger⸗ maßen erſchuͤttert. Dann ſtellte mir Perico in wahrhaft pathetiſchen Ausdruͤcken das Gluͤck ſeiner Frau und ſeiner Kinder vor, wenn ihr Wohlthaͤter ſie fuͤr eine Nacht um gaſtliche Aufnahme erſuchte und da ich zwiſchen zwei gleich eigennuͤtzigen Beſchuͤtzern zu waͤhlen hatte, ließ ich mich von dem bereden, deſſen Habſucht die mindeſttraurige Außenſeite hatte und entſchloß mich, dem Lepero von neuem zu folgen. Die Nacht ruͤckte weiter vor; wir kamen durch verdäch⸗ tige Gaſſen, uͤber oͤde Platze und durch Straßen, die mir vollig unbekannt und gaͤnzlich finſter waren. Die Serenos (Nachtwaͤchter) zeigten ſich immer ſeltener und ich ſah mich nach jenen Vorſtädten fortgezogen, in welche die Juſtiz ſelbſt ſich nicht wagt; ich war unbewaffnet und der Gnade und Ungnade eines Mannes uͤberlaſſen, deſſen entſetzliche Beichte ich mit angehört hatte. Bis dahin hatte mir allerdings der Zaragate keineswegs durch ſeine ſo frech ein⸗ Amerik. Reiſenovellen. 25 386 geſtandenen Verbrechen vor einem durch die Unwiſſenheit, die Armuth und die Buͤrgerkriege demoraliſirten Volke ſich auszuzeichnen geſchienen, aber zu dieſer Zeit und in dieſem Gewirr von finſtern Gäͤßchen, mitten in der Stille der Nacht gab meine Phantaſie dieſem Manne phantaſtiſche und rieſenhafte Dimenſionen. Meine Lage war jedenfalls kri⸗ tiſch; es war gefährlich in dieſer Stadtgegend einen ſolchen Fuͤhrer plotzlich zu verlaſſen und nicht mindere Gefahr ſchien es zu bringen ihm zu folgen. „Aber wohin zum Teufel fuͤhrſt Du mich?“ fragte ich Pericv. Der Lepero kratzte ſich ſtatt aller Antwort hinter den Ohren; ich aber wiederholte die Frage. „Wenn ich die Wahrheit geſtehen ſoll,“ antwortete er end⸗ lich,„ſo durfen Sie ſich nicht wundern, daß ichziemlich uͤber⸗ all zu Hauſe bin, weil ich keine beſtimmte Wohnung habe.“ „Und Deine Frau, Deine Kinder, das Nachtquartier, das Du mir anboteſt?“ „Ich hatte vergeſſen,“ entgegnete Perico mit unver⸗ anderlicher Keckheit,„daß ich meine Frau und meine Kin⸗ der geſtern nach.. Queretaro geſchickt habe; das Nacht⸗ quartier aber..“ „Soll ich das auch in Queretaro finden?“ fragte ich, als ich zu ſpaͤt erkannte, daß die Frau und Kinder des Lepero eben ſo wie das Nachtquartier nur in der Einbildung exiſtirten. „Das Nachtquartier,“ entgegnete Perico mit gleicher Ruhe,„iſt daſſelbe, das ich mir verſchaffen werde und das ich immer finde, wenn meine M ittel mir nicht erlauben eine Woh⸗ nung zu miethen, denn der Himmel ſchickt uns nicht immer Stiergefechte und ähnliche einträgliche Gelegenheiten. Sehen Sie,“ ſetzte er hinzu und er zeigte auf einen fernen flackernden Schein auf dem Granittrottoir,„dort iſt es.“ Wir naͤherten uns dieſem Lichtſcheine und ich bemerkte bald, daß er von der Laterne eines Sereno kam. Dieſer Nachtwaͤchter hatte ſich in einen gelblichen Mantel gehuͤllt, der nicht in beſſerem Zuſtande war als der Pericos, kauerte auf dem Trottvir und ſchien mit melancholiſchem Blicke den großen Wolken nachzuſchauen, die am Himmel hinzogen. Er blieb auch als wir ihm nahe kamen in ſeiner nachläſſi⸗ gen Haltung. „Heda, Freund,“ fragte ihn Zaragate,„kennſt Du kein velorio in der Naͤhe?“ „O ja, einige Haͤuſer von hier an der Bruͤcke werdet Ihr eins finden und wenn ich nicht die Ronde des Herrn Regidor furchtete oder wenn irgend Jemand meinen Man⸗ tel nehmen und meine Laterne bewachen wollte, wuͤrde ich ſelbſt mit dahin gehen.“ „Sehr verbunden,“ ſagte Perico. Der Sereno ſah mich verwundert an, da meine Klei— dung von der Pericos ſehr abſtach. „Leute wie der Reiter da finden ſich freilich an ſolchen Orten ſelten ein,“ſagte er. „Noth kennt kein Gebot, der Herr hat eine Schuld ſich zugezogen, die ihn hindert heute Abend nach Hauſe zu gehen.“ „Das iſt etwas andres,“ meinte der Sereno;„manche Schuld bezahlt man gern ſo ſpaͤt als moͤglich.“ Dann horchte er auf die Klaͤnge einer Uhr in der Ferne und rief, ohne ſich weiter um uns zu kuͤmmern, mit ſchauerlicher Stimme: „Es iſt neun Uhr und ſtuͤrmiſch.“ Darauf verſank er wieder in ſeine fruͤhere Haltung, waͤhrend ferne Stimmen von Serenos ihm nach einander in der Stille der Nacht antworteten. Ich ſchritt melancholiſch weiter hinter Perico her und fuhrte mein Pferd, denn nach den Polizeibeſtimmungen darf nach dem Gebete Niemand in den Straßen von Me⸗ rico reiten und ich hatte keine Luſt noch einmal mit den Alca⸗ den anzubinden. Ich will es auch geſtehen, daß mich die Neu⸗ gierde abhielt, meinen Führer zu verlaſſen. Ich wuͤnſchte zu wiſſen, was ein velorio ſei und die Vorliebe fuͤr das Unbe⸗ fannte und Unerwartete, die man in Merico uͤberall befrie⸗ digen kann, entriß mich nochmals der Langenweile. Wir waren noch nicht zehn Minuten gegangen als wir eine Brucke erreichten, die uber einen ſchmalen Canal fuͤhrte. Armſelige Häuſer ſtanden an dieſem ſchlammigen Waſſer. Eine Lampe, die truͤbſelig vor einem Bilde der Seelen im Fegefeuer brannte, warf einen bleichen Schein auf das ſtehende Canalwaſſer. Auf den a?oteas(Ter⸗ raſſen) heulten Hunde den Mond an, der bald ganz ver⸗ huͤllt war, bald durch eine dunne Wolkenſchicht hindurch ſah. Außer dieſem Geheul war alles ſtill wie in den andern Gaſſen, durch welche wir gekommen waren. Die Fenſter im erſten Stockwerke, dem erwähnten Bilde gegenüber, waren hell erleuchtet und ſtachen deshalb grell von der dop⸗ pelten Reihe dunkeler Gebaͤude ab. Perico klopfte an der Thuͤr des erleuchteten Hauſes an. Es dauerte ziemlich lange ehe Jemand kam; endlich wurde die Thuͤr geoffnet, aber nur halb, da ein Fluͤgel nach der Gewohnheit durch eine Kette zuruͤckgehalten wurde. „Wer iſt da?“ fragte eine maͤnnliche Stimme. „Freunde, welche fuͤr die Todten beten und mit denLeben⸗ digen ſich freuen wollen,“ antwortete Perico ohne Zoͤgern. Wir traten ein, ſchritten im Lichte der Laterne des Thuͤrſtehers durch das Vorhaus und gelangten in einen Hof. Der Fuͤhrer zeigte Perico einen an der Mauer befe⸗ ſtigten Ring; da band ich mein Pferd an. Dann ſtiegen wir etwa zwanzig Stufen hinauf und ich gelangte hinter Perico in ein ziemlich hell erleuchtetes Zimmer. Ich ſollte endlich erfahren, was ein velorio ſei. 3. Das velorio. Die Geſellſchaft, in welche mich Perico gefuͤhrt hatte, gewaͤhrte einen hoͤchſt ſeltſamen Anblick. Maͤnner und Frauen aus dem gemeinen Volke, etwa zwanzig an der Zahl, ſaßen im Kreiſe, ſchwatzten, ſchrien und geſticulir⸗ ten. Ein ekelhafter leichenartiger Geruch, der mit Muͤhe von dem Cigarrenrauche und dem Dunſte des Keresweines und des chinguirito(Branntwein von Zuckerrohr) nie⸗ dergehalten wurde, erfuͤllte den Raum. In einem Winkel ſtand ein Tiſch mit Lebensmitteln aller Art, Waſſer, Fla⸗ ſchen und Glaͤſern. An einem noch entferntern miſchten Spieler in das Klappern von Kupfergeld alle Kunſtaus⸗ druͤcke des monte und ſtritten ſich mit großem Eifer um Haufen von cuartillas und tlacos(kleine Geldmuͤnzen). Die Orgie, zu welcher ich ſo kam, ſchien unter dem dreifa⸗ chen Anreize des Weines, der Weiber und des Spieles außerordentlich raſch ſich weiter zu entwickeln; am meiſten aber ſiel mir der Gegenſtand auf, um den ſich die Anweſen⸗ den am wenigſten zu kümmern ſchienen. Ein Kind, das kaum ſieben Jahre alt zu ſein ſchien, lag auf einem Tiſche. An ſeiner bleichen Stirn, die mit in der heißen Luft ver⸗ welkten Blumen bekränzt war, an den glaſigen Augen, an den bleifarbigen, eingefallnen Wangen, die ſich bereits vunkelblau zu färben anfingen, konnte man leicht erkennen, daß das Leben von ihm gewichen war und daß es vielleicht ſchon ſeit mehrern Tagen den ewigen Schlaf ſchlief. Der Anblick des todten Kindes inmitten des Geſchreies, des Lachens, des Spieles, des lärmenden Geſchwaͤtzes, unter den Frauen und Männern, die lachten und ſangen, hatte etwas Grauenhaftes. Die Blumen und Schmuckſachen, die es bedeckten, nahmen dem Tode keineswegs das Schau⸗ erlich⸗Feierliche, ſondern machten ihn vielmehr nur noch haͤßlicher— und das war das Nachtquartier, welches mir die ſinnreiche Sorgſamkeit Pericos verſchafft hatte. Eine allgemeine Stille folgte unſerm Eintritte. Ein Mann, in welchem ich bald den Hausherrn und Vater des todten Kindes erkannt hatte, ſtand auf, um uns zu em⸗ pfangen. Sein Geſicht druͤckte keineswegs Traurigkeit aus, ſondern ſtrahlte von Befriedigung und mit ſtolzer Miene zeigte er uns die zahlreichen Gaͤſte, die verſammelt waren, um mit ihm den Tod ſeines Sohnes zu feiern, der fuͤr eine Gunſt und Gnade des Himmels angeſehen wurde, weil Gott das Kind vor dem Alter des Verſtandes zu ſich gerufen hatte. Er verſicherte uns, daß wir in ſei⸗ nem Hauſe willkommen wären und daß die Fremden an einem ſolchen Tage Freunde für ihn ſein muͤßten. Durch die Geſchwätzigkeit Pericos war ich bald der Zielpunkt aller Augen geworden und ich hatte eine ſchwere Rolle zu ſpie⸗ len, da Perico allen denen, die ihn hoͤren wollten, ver⸗ ſichern zu muͤſſen geglaubt hatte, man foͤnnte die Leute unmoglich graziöſer und anſtaͤndiger ermorden als ich es gethan häͤtte. Um mich zur Hoͤhe meiner Rolle zu erhe— ben, ſteckte ich die Handſchuhe in die Taſchen und nahm eine gewiſſe freie Keckheit an, weil ich aus Erfahrung wußte, daß man immer am beſten thut, wenn man mit den Wolfen heult. „Wie gefallt Ihnen das Nachtquartier?“fragte mich Pe⸗ rico, indem er ſich die Hände rieb;„iſt das nicht eben ſo gut wie jenes, welches ich Ihnen hätte bieten koͤnnen? Außerdem erfahren Sie auch, was ein velorio iſt und erwerben durch mich Anſpruch auf die ganze Dankbarkeit dieſes wuͤrdigen Fa⸗ milienvaters, deſſen Kind vor dem ſiebenten Jahre geſtorben und nun ein Engel im Himmel iſt.“ Und um ſich wahrſcheinlich auch einen Theil der An⸗ ſpruͤche auf die Dankbarkeit zu ſichern, ergriff er ohne weite⸗ res ein ungeheueres Glas chinguirito, das er auf einen Zug leerte. Ich war zum erſten Male Zeuge dieſer barbariſchen Sitte, welche einen Familienvater nothiget, ſeine Thraͤnen zu unterdruͤcken, ſeinen Kummer unter laͤchelnder Miene zu ver— ſtecken, den erſten beſten Landſtreifer freundlich aufzunehmen, der bei ihm erſcheint, um vordem Leichname ſeines Kindes zu eſſen und zu trinken und Aufwand zu machen, welcher gar oft fuͤr den naͤchſten Tag Mangel nach ſich zieht. Nachdem die einen Augenblick geſtörte Orgie wieder in Gang gekommen war, fand ich einige Ruhe und ſah mich um. Ich bemerkte da in einem Kreiſe von Frauen, die es ſich zur Pflicht machen, nie eine ſolche Todtenwache zu verſaͤumen, eine bleiche Stirn, einen Mund, dertrotz den thranenden Augen zu laͤcheln ſuchte und erkannte leicht in dieſem Opfer eines plumpen Aber⸗ glaubens die Mutter, welcher ein Engel im Himmel den En⸗ gel nicht erſetzte, der ihr auf der Erde fehlte. Alle dieſe Frauen, die ſich um ſie draͤngten, verdoppelten wetteifernd durch ungeſchickte Reden den Schmerz der Armen. Die Eine erzählte von der Krankheit und den Leiden des jungen Ver⸗ ſtorbenen; die andre rechnete die unfehlbaren Heilmittel her, die ſie angewendet haben wuͤrde, wenn man ſie bei Zeiten zu v——— 392 Rathe gezogen haͤtte, unter andern St. Nicolauspflaſter und Abkochungen von Kraͤutern, die durch ein Stuͤck Moͤnchskutte filtrirt worden und die arme leichtglaubige Mutter wendete oft das Geſicht ab, um ihre Thraͤnen zu trocknen, weil ſie uͤberzeugt war, daß jene Mittel ihr Kind gewiß gerettet haben wuͤrden. Der Tereswein und die Cigarren kreiſeten raſch waͤhrend dieſer Geſpraͤche; dann brachte man alle die unſchuldigen Spiele in Vorſchlag und zur Ausfuͤhrung, welche in dem ſpaniſchen Amerika gebraͤuchlich ſind, waͤhrend ermuͤdete Kinder in allen Winkeln des Zimmers zum Schlafen ſich hinlegten. Ich ſaß in der Bruͤſtung eines der Fenſter nach der Straße zu und beobachtete ziemlich beſorgt alle Bewegungen Pericos. Es ſchien mir, als muͤſſe der Schutz, den er mir aufgedrungen hatte, irgend einen Hinterhalt bergen. Auch verriethen meine Zuͤge wahrſcheinlich meine Gedanken, denn der Lepero trat zu mir und ſagte troͤſtend: „Sehen Sie, Herr, es iſt mit dem Morden wie mit jeder andern Sache; nur der Anfang iſt ſchwer. Uebri⸗ gens wird es Ihr Sereno vielleicht wie mein Engländer machen, der ſich jetzt ganz vortrefflich befindet. Die Ketzer haben ein zaͤhes Leben. Ach, Herr,“ ſetzte er ſeufzend hinzu,„ich habe es immer bedauert, daß ich kein Ketzer geworden bin.“ „Um auch ein zähes Leben zu haben?“ „Nein, um die Ketzerei abſchwoͤren und damit Geld verdienen zu koͤnnen. Leider ſteht mein Ruf als guter Chriſt zu feſt.“ „Glaubſt Du aber, daß der Herr noch lebt, den Du toͤdten ſollteſt?“ fragte ich Perico, da ich mich des me⸗ lancholiſchen jungen Mannes erinnerte, den ich an der Morgue hatte knieen ſehen. Perico ſchuͤttelte den Kopf. „Am andern Tage hat ihn ſeine thoͤrichte Leiden⸗ ſchaft vielleicht das Leben gekoſtet und ſeine Geliebte wird ihn nicht uberleben.. Ich wollte nicht zwei Opfer auf einmal bringen und gab die Sache auf.“ — —— 393 „Dieſe Geſinnungen gereichen Dir zur Ehre, Perico.“ Er wollte auch ſogleich von dem günſtigen Eindrucke, den ſeine Antwort auf mich gemacht hatte, Gewinn ziehen und ſagte: „Ohne Zweifel. Man ſetzt ſeine Seele nicht ſo wegen eines Piaſters in Gefahr. Bei den Piaſtern fällt mir ein,“ fuhr er fort, indem er mir die Hand hinhielt,„daß Ihre Börſe vielleicht noch gut verſehen iſt und daß ich jedenfalls jetzt Gluͤck habe; wenn ich die Bank ſprenge, verpflichte ich mich, Ihnen die Haͤlfte des Gewinnes zu zahlen.“ Ich hielt es fuͤr gerathen, dieſem neuen Verlangen feine Weigerung entgegen zu ſetzen. Das Spiel befreiete mich doch jedenfalls eine Zeit lang von der Geſellſchaft, die mir läſtig wurde. Ich druͤckte ihm alſo einige Piaſter in die Hand. Faſt in demſelben Augenblicke ſchlug es Mitternacht. Einer der Anweſenden erhob ſich und rief mit feierlicher Stimme: „Es iſt die Stunde der Seelen im Fegefener; laßt uns beten.“ Die Spieler ſtanden auf, die Spiele wurden unter⸗ brochen und alle Anweſenden knieten ernſthaft nieder. Das Gebet begann mit lauter Stimme und wurde nur in ungleichen Zwiſchenräumen von den Antworten unter⸗ brochen. Man ſchien ſich zum erſten Male des Zweckes der Anweſenheit zu erinnern. Man denke ſich die Maͤnner mit trunkenen Augen und die halbnackten Weiber um einen blumenbekraͤnzten Leichnam her; man laſſe uͤber der knie⸗ enden Menge dicke Duͤnſte ſchweben und man wird eine Vorſtellung von der ſeltſamen, graͤßlichen Scene haben, der ich beiwohnen mußte. Nach dem Gebete begannen die Spiele von neuem, aber mit geringerm Eifer. Es tritt in den naͤchtlichen Geſellſchaften immer ein Augenblick des Unbehagens ein, in welchem das Vergnuͤgen mit der Schlafluſt kämpft; iſt aber dieſer Augenblick voruͤber, ſo wird die Freude noch geraͤuſchvoller; es iſt dies die Stunde der Orgie und dieſe Zeit ſollte nun kommen. 394 Ich nahm meinen Platz am Fenſter wieder ein und um der Schlaftrunkenheit wie der ſtinkenden Luft mich zu entziehen, oͤffnete ich das Fenſter halb und ſchauete hin⸗ aus. Bald hoͤrte ich Tritte und Gemurmel. Ich lehnte mich in die Ecke, um nicht geſehen zu werden. Etwa ein halbes Dutzend Maͤnner kam aus einem Gaͤßchen dem Hauſe gegenuͤber heraus. Der Vorangehende trug einen kurzen Mantel(esclavina), welcher die Scheide ſeines Degens nur halb verdeckte. Die Andern trugen bloße De⸗ gen in der Hand. Ihrem ſchuͤchternen Gange nach würde ſie ein Europaer, der noch nicht lange im Lande gelebt hat, füͤr Uebelthaͤter gehalten haben; meine Erfahrung ließ ſich aber nicht täuſchen; nur die Juſtiz konnte ſo furchtſam auftreten und ich erkannte, daß die Patrouille aus einem Regidor, einem Hilfsalcaden und vier celado- res beſtand. „Voto a brios!“ ſagte der Mann im kurzen Man⸗ tel, ohne Zweifel einer der Hilfsbeamten, die zugleich Alcaden und Schenkwirthe ſind, bei Tage die Uebelthaͤ⸗ ter beherbergen und in der Nacht ſie verfolgen;„was denkt der Herr Praͤfect, daß er uns in dieſen Stadttheilen pa⸗ trouilliren laßt, in welche die Juſtiz nie gedrungen iſt? Ich wollte, er haͤtte das Amt ſelbſt uͤbernommen.“ „Er wuͤrde Schießgewehre mitgenommen haben, die er uns verweigert,“ ſagte ein andrer, welcher der Ge⸗ faßteſte zu ſein ſchien,„denn die Uebelthaͤter fuͤhren nicht blos blanke Waffen wie wir und der, welchen wir ſchuͤtzen ſollen, macht dieſe Erfahrung in der heutigen Nacht vielleicht auf ſeine Koſten.“ Sie gingen in dieſem Augenblicke an der Lehne des Canals hin und der Vorausgehende ſtolperte im Dunkel. Sogleich ſprang ein Mann empor. „Wer biſt Du?“ fragte der Alcade. „Was geht das Euch an? Kann man in den Stra⸗ ßen der Stadt nicht einmal ruhig ſchlafen?“ „Man ſchlaͤft zu Hauſe— wenn es moͤglich iſt,“ entgegnete der Alcade ziemlich eingeſchuͤchtert. —— Der Aufgeſtorte pfiff gellend, ſtieß den Alcaden zu⸗ ruͤck und entfloh in das naͤchſte Gäßchen hinein. Die Patrouille verfolgte ihn nicht, ſondern zog in entgegen⸗ geſetzter Richtung weiter. Faſt gleichzeitig legte ſich eine Hand auf meine Schulter und ich drehete mich erſchrocken um. Perico und der Wirth, dem er mich vorgeſtellt hatte, ſtanden vor mir. „Das Pfeifen ſchien von meinem Freunde Navaja zu kommen, der irgend etwas vorhaben mag,“ ſagte der erſte, indem er ſich an das Fenſter ſtellte, waͤhrend der zweite mit trunkenen Augen und wankenden Fuͤßen mir ein volles Glas reichte, das er kaum noch halten konnte. „Schaͤmen Sie ſich der armen Leute hier, Herr?“ ſagte er;„Sie ſpielen nicht, Sie trinken nicht und doch ſind bei manchen Gewiſſensangelegenheiten das Spiel und der Branntwein treffliche Heilmittel. Sehen Sie, ich habe gegeſſen und getrunken und beſitze keinen tlaco mehr in der Welt. Wenn Sie wollen, ſpiele ich mit Ihnen um den Leichnam meines Kindes. Es iſt ein Einſatz, denk' ich, ſo gut als ein anderer, denn ich kann ihn noch und theuer an irgend einen velorio-Liebhaber vermiethen. Das geſchieht alle Tage. Es hat nicht Jeder das Gluͤck, einen Engel da oben zu beſitzen und die Leiche des lieben Kleinen bringt Gluͤck.“ Ich machte mich ſo gut es gehen wollte von dieſem zärtlichen Vater los, um wieder auf die Straße hinaus zu ſehen, aber alles war wieder ſtill und oͤde geworden, freilich unr ſcheinbar, wie ich bald bemerken konnte. Ich glaubte bald den Sand in einem der Gäßchen unter un⸗ ſichern Tritten kniſtern zu horen und fuͤrchtete jeden Augen⸗ blick einen Angſtſchrei zu vernehmen. Lautes Geſpraͤch zog indeß meine Aufmerkſamkeit wieder in das Zimmer zuruͤck, dem ich den Ruͤcken zukehrte. Die Orgie hatte den hoͤchſten Grad erreicht. Der Zaragate, der von einer drohenden Gruppe umgeben war, welcher ſein andauern⸗ des Gluͤck im Spiele verdaͤchtig vorgekommen ſein mochte, bemuͤhete ſich vergebens ſtolz ſich in die Fetzen ſeines brau⸗ 396 nen Mantels zu huͤllen und von allen Seiten fielen die aͤrgſten Schimpfworte hageldicht auf ihn. „Ich bin ein anſtändiger Mann,“ ſagte der Menſch keck,„ſo wahr Ihr mir einen der ſchoͤnſten Maͤntel zer⸗ riſſen habt, den ich je beſaß.“ „Unverſchämter Spitzbube,“ fiel Einer der Spieler ein;„Dein Mantel war ſo zerlochert wie Dein Gewiſſen.“ „An jedem andern Orte wuͤrdet Ihr mir fuͤr dieſe doppelte Beleidigung Genugthuung geben muͤſſen,“ ant⸗ wortete Perico, der nach der Thuͤre zu zu kommen ſuchte. „Herr Fremder,“ rief er mir zu,„buͤrgen Sie fuͤr mich wie ich mich fuͤr Sie verbuͤrgt habe. Die Haͤlfte meines Gewinnes gehort Ihnen; es iſt redlich verdientes Geld.“ Ich verwunſchte nochmals meine Bekanntſchaft mit Perico, als ein ernſteres Ereigniß zum Gluͤck dem Vor⸗ falle eine andere Richtung gab. Ein Mann ſtuͤrzte mit einem Male aus einem der entlegenſten Gemächer des Hauſes herbei und ihm folgten ein anderer mit einem Meſſer in der Hand und eine ſchreiende Frau mit auf⸗ geloͤſetem Haar. „Will man mich ſo ermorden laſſen?“ rief der Ver⸗ folgte kläglich aus;„giebt mir Niemand ein Meſſer?“ „Laßt mich den Ehrenraͤuber niederſtoßen!“ ſchrie der beleidigte Ehemann dagegen. Die Frauen fingen ſogleich an zu jammern und traten zwiſchen die beiden Gegner, waͤhrend dem Beleidiger ein Freund heimlich ein großes Meſſer zuſteckte. Dann trat er dem Nebenbuhler keck entgegen. Das Geſchrei der Weiber verdoppelte ſich; es war ein Hoͤllenlaͤrm. Die beiden Feinde boten ihre ganze Kraft auf, um durch die dichten Gruppen hindurch ſich Bahn zu brechen. Dabei wurde der Tiſch umgeſtoßen, auf welchem das todte Kind lag und die Blumen, mit denen es bekraͤnzt war, fielen am Fußboden umher. Alsbald oͤffnete ſich ein weiter Kreis um den entweihten Leichnam her und die Mutter ſturzte ſich mit einem herzzerreißenden Schrei auf ihren todten Liebling. Ich hatte bereits zu viel aeſeben und trat nochmals k — —— 4