x— Leihbibliochet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2 Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet E wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträht: für neuc 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mrk.— Pf. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. 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Scenen aus dem haͤuslichen Leben, von L. Th. Becker. S 0. —— — = — — — ₰ * * — ₰ = — — 8 . — . ruͤſtige Baſtian Straub hatte ſih ſchon in fruͤher Jugend bei der Inſprucker Schuz⸗ zengilde einſchreiben laſſen, und dann dem hohen Kaiſerhauſe mit alttiroliſcher Dreue lange Zeit als freiwilliger Jaͤger gedient. Da er funfzig Jahr alt war, faßte er den Entſchluß, ſich zur Ruhe zu ſetzen. Indeß beſtand dieſe Ruhe blos darin, daß er nach genommenem Abſchied ein Haͤuschen mit den angraͤnzenden Bergaͤckern kaufte, und eine noch recht huͤbſche kinderloſe Wittwe zum Weibe nahm. Nun ſtellte er ſeiner Margreth und der alten Magd, die von ihr als ein liebgewordnes unveraͤußerliches Erbſtuͤck mitgebracht worden war, die Pfiege der weni⸗ gen Rinder und Ziegen, ſo wie die Beſorgung der kleinen Wirthſchaft gaͤnzlich anheim. Er ſelbſt aber gieng Tag und Nacht der Gemsjagh nach, oder bewaͤhrte, da er zugleich fuͤr eineh der — 4— der mannhafteſten Robler*) galt, ſeine Kraft und Gewandtheit bei Jahrwaͤrkten und andern Volksfeſten. An wenig Beduͤrfniſſe gewoͤhnt, rauh, wie ſeine Felſen, abgehaͤrtet und mit jeder Gefahr laͤngſt vertraut, ſah er dieſe koͤr⸗ perlichen Uebungen nicht fuͤr anſtrengend, ſon⸗ dern fuͤr ein Vergnuͤgen an, welchem man ſich bei herannahendem Alter wohl dahingeben duͤrfe, und zeigte auf ſeinem trotzigen Geſicht nur dann Merkmale von Freude, wenn ihm, nach manchem halsbrechenden Wagſtuͤck, die lang im Auge gehabte Beute doch endlich zu Theil wor⸗ den war, oder ein, beim feierlichen Wettkampfe davon getragener Sieg die Zahl der von ſeinem Hute wehenden Hahnfedern abermals um eine vermehrt hatte. Nach dieſen, ihm zum Bedörfniß geworde⸗ nen Liebhabereien, war es dennauch kein Wun⸗ der, daß er ſie auf ſeinen, von mehrern Kin⸗ dern allein uͤbrig gebliebenen Sohn Ignaz fortzupflanzen ſuchte. Dieſer ſollte, mochten auch die *) Robler ſind Fäuſtkaͤmpfer und Ringer, welche, gleichſam als herausfodernde Kennzeichen, Hahn⸗ federn am Hute, und einen ſchweren zinnernen Ring, Schlag⸗ odet Stoß⸗Ring genannt, am klet⸗ nen Finger der rechten Hand trasen. ———— die au na ge ve ge u in — 5— die beiden Muͤtter— denn dieſe Wuͤrde war auch der alten Elsbeth, wenigſtens der Sache nach, vorlaͤngſt zu Theil worden— noch ſo oft gegen dieſe, wie ſie meinten, wilde und gott⸗ verſuchende Lebensart eifern, ein freier und geachteter Mann, folglich der keckſte Gemsjaͤger und geſchickteſte Robler werden, und der ruͤſtige Knabe gab, ſo fromm und kindlich geſinnt er im uͤbrigen war, die beſte Hoffnung dazu. Kaum zaͤhlte Ignaz zwoͤlf Jahre, als ihm Vo⸗ gelfang und Vogelflinte, als ihm Ballſpiel, Wettlauf und Balgen mit ſeinen Schulkamera⸗ den nicht mehr gnuͤgte, und er die ihm zur Aufſicht üͤbergebenen Kuͤhe und Ziegen oft nur durch das Laͤuten ihrer Glocken wiederfand, weil er, indeß ſie ruhig im Graſe wateten, ir⸗ gend eine Schlucht, irgend einen Bergjoͤcher er⸗ klettert hatte, um einem Geierhorſt nachzuſpuͤ⸗ ren. Und kaum war es dem Vater gelungen, den gleich einer Bergtanne aufgeſchoßten Kna⸗ ben bei einem Freiſchießen mit einzufuͤhren, als der anfangs gering geachtete Schuͤtz nicht nur in ſeinem Gurt einen Gewinn an baarem Geibe, ſondern auch auſſerdem den verwunderten Wei⸗ bern eine blinkende zinnerne Schuͤſſel, als ſelbſt erworbenen Preis, in die Wirthſchaft mitbrachte Bald war es nun in der Regel, daß er, wenn der der Alte in die Felſen gieng, denſelben begleite⸗ te, ja, es fehlte ihm ſogar nichts mehr, als reifere Koͤrperkraft, um als Gemsjaͤger jenem ſelbſt nicht im mindeſten nachzuſtehen. Einſtmals, da Baſtian, weil es ſich eben ſo gefuͤgt hatte, allein auf der Jagd geweſen war, kehrte er, mißmuthiger und finſterer als jemals, ſchon mit anbrechendem Abende in das Berghaͤuschen zuruͤck, und es ward der guten Margreth unmoͤglich, den Grund dieſer auffal⸗ lenden Unruhe von dem ohnedieß ſelten Ge⸗ ſpraͤchigen zu erforſchen. Sie wurde daher von ihrer gewoͤhnlichen Beſorglichkeit dießmal weit ſtaͤrker, als zu andern Zeiten, befallen, hielt dieß Gefuͤhl fuͤr Vorahnung eines, ihrem Man⸗ ne oder Sohne bevorſtehenden Unfalls, und fand am naͤchſten Morgen anfaͤnglich nur darin einigen Troſt, daß der Alte, da er Jagdſtutz und Springſtock zur Hand nahm, den Juͤngling mit barſcher Stimme zuruͤckbleiben hieß. Hatte ſie aber bei Baſtians Weggange etwas freier ge⸗ athmet, weil ihr auf dieſe Art die Gefahr wenig⸗ ſtens getheilt, wenigſtens von einem ihrer Lie⸗ ben abgewandt ſchien, ſo wußte ſie ſich dagegen, da er nun aus ihrem Geſichte kam, kaum vor Angſt zu laſſen. Denn nun hielt ſie es wieder fuͤr ſicherer, haͤtte Ignaz den Vater begleitet; ſie —— ſi ſen S S die ſie glaubte, in Geſellſchaft des Knaben wuͤrde jener weniger gewagt, oder der gute Engel des Sohns wuͤrde uͤber beide ſein ſchirmendes Schild gehalten haben. Doch alle dieſe Gedanken und Beſorgniſſe ka⸗ men ja nun zu ſpaͤt. Jetzt hegte die Beklommene nur noch einen Wunſch, naͤmlich, daß Baſtian dießmal nicht, wie ſehr oft geſchah, zur Nacht aus⸗ bleiben, daß er ſie nicht eine ſo lange, lange Zeit ihrer Furcht uͤberlaſſen moͤge; aber auch dieſer Wunſch gieng nicht in Erfuͤllung. Baſtian kehrte in der erſten, in der zweiten, ja, was noch nie der Fall geweſen war, auch in der dritten Nacht nicht zuruͤck. Jetzt konnte auch der muthvolle Ignaz, der bis dahin die Aengſtlichkeit der Mutter, als eine weibliche Schwaͤche, durch freundliche Zuſprache zu verſcheuchen und hinweg zu ſcherzen geſucht hatte, nicht alle Beſorgniſſe um den Vater unter⸗ druͤcken. Er lief mit der Mutter in das Wald⸗ gebirg, um den Vater aufzuſuchen. Er ver⸗ doppelte ſeine Sorgfalt, als Margreth auf den ſteilen Gaiswegen ihm nicht laͤnger folgen konnte. Er durchſpuͤrte alle Schluchten, wö er fruͤher mit dem Vater geweſen war. Er fragte jeden, der ihm begegnete. Er rief, wo ein Wiederhall war, Baſtians Namen. Er gab mit der Pfeife das be⸗ — 8— bekannte Zeichen. Umſonſt! niemand gab Ant⸗ wort, niemand hatte den alten Gemsjaͤger geſe⸗ hen; nirgends, nirgends war er zu entdecken. Von Kummer und koͤrperlicher Anſtrengung faſt bis zur Entkraͤftung ermuͤdet, kehrte der wackere Knabe erſt mit Nachten zu der Mutter, ohne ihr Troſt zu bringen; mit jeder der naͤchſtfolgen⸗ den Morgenroͤthen machte er ſich von neuem, machten ſich auch einige von Baſtians Freunden und Verwandten auf den Weg, den Verlornen zu ſuchen; doch immer ohne allen Erfolg. Es blieb blos die Vermuthung uͤbrig, daß der kuͤhne Gemsjäger in einen Abgrund geſtuͤrzt ſey, und dort ſeinen Tod gefunden habe; ja, zuletzt wuͤr⸗ de ſelbſt hievon eine Gewißheit der troſtloſen Margareth, die wegen des, von Baſtian in den letzten Tagen bewieſenen nachdenklichen Weſens, zu Zeiten gar noch das Schrecklichere, einen Selbſtmord fuͤrchtete, zur Beruhigung gedient haben. Wie dem aber auch ſeyn mochte,— denn Margareth ſuchte ſelbſt dieſen grauſenvollen Ge⸗ danken aus ihrem Herzen zu verbannen— ſo blieb der frommen Wittwe doch immer die quaͤ⸗ lende Vorſtellung, daß ihr Mann nicht einmal in geweihtem Boden ſeine Ruheſtaͤtze gefunden habe, daß ſein Leichnam, wie der eines Ver⸗ brechers, in irgend einer unzugaͤnglichen Felſen⸗ ſchlucht — ſchlucht unbegraben liege, und dem Wuͤten der Stuͤrme, dem Fraß der Raubvogel preisge⸗ geben ſey. So ſehr auch der gute Ignaz, der, wenn er allein war, noch nach Verlauf von Wochen und Monden den Namen ſeines Baters oft ſo lange laut in den Felſen rief, bis ihm vor Schluchzen die Stimme verſagte, zu Hauſe be⸗ muͤht war, die Trauernde aufzurichten, und ihr durch kindliche Dienſte den erlittenen Verluſt min⸗ der fuͤhlbar zu machen; ſo ſehr Margareth durch ſtilles haͤusliches Wirken und eifriges Gebet ſich ſelbſt zu beruhigen ſuchte; ſo war doch ihr, ohnedieß nicht kraͤftiger Koͤrper durch dieß Un⸗ luͤck außerordentlich angegriffen und geſchwaͤcht worden. Sie verfiel daher, als noch kein Vierteljahr verfloſſen, in ein ſchleichendes Siechthum, ſo daß zuletzt Ignaz, nur von der alten treuen Magd unterſtutzt, die Bewirth⸗ ſchaftung des kleinen Guthes uͤbernehmen mußte. Von nun an gab er ſeine Lieblingsbeſchaͤfti⸗ gung, die Gemsjagd, ſo viel dieſe Entſagung ihm auch anfaͤnglich koſtete, gaͤnzlich auf, blos um ſeine kranke Mutter auf jede ihm moͤgliche Art zu unterſtuͤtzen, ja, es wärde von ihm nach und nach alle Lebensluſt und Freude ge⸗ wichen, er wuͤrde voͤllig in den Zuſtand einer ſehr gu — 10— ſehr mißbehaglichen Ruhe verſunken ſeyn, haͤtte die Redſeligkeit der treuen Elsbeth nicht un⸗ wiſſender Weiſe ſeiner Geiſtesthaͤtigkeit eine auf⸗ richtende Beſchaͤftigung dargeboten. Elsbeth war naͤmlich als ein fruͤh verwaiſtes Kind, in dem Hauſe eines in der Landesgeſchichte ſehr be⸗ wanderten Sacriſtans erzogen worden, und hatte bei dieſer Gelegenheit ihrem Gedaͤchtniſſe einen reichlichen Vorrath tiroliſcher Volksſagen einge⸗ praͤgt, welche ſie nun, ſo oft es ſich thun ließ, nicht ohne ſich auf ihre Gelahrtheit etwas ein⸗ zubilden,„wieder an Mann brachte. Solcherge⸗ ſtalt vergieng faſt kein Abend, an dem ſie nicht, wenn Ignaz von Beſtellung der Aecker, oder mit der kleinen Heerde nach Hauſe gekommen war, bei dem vor dem Krankenlager der Hausfrau be⸗ reiteten Nachteſſen, bald auf Herzog Friedrich mit der leeren Taſche zu kommen wußte, der das goldne Daͤchelchen erbaut habe, bald mit dem verwegnen Maximilian die Martinswand erkletterte, und den vielgeliebten Kaiſer, nach gehorig uͤberſtandener Angſt, durch einen Engel in Schaͤfertracht mitten durch die Felſenwand hin⸗ durchfuͤhren ließ. Ihr Leib⸗ und Prachtſtuͤck, welches ſie immer mit vorzuͤglichem Genuſſe zum Vorſchein brachte, war und blieb jedoch die Lieb⸗ ſchaft des jungen Erzherzogs Ferdinands zu der —̃———— — 11— der ſchoͤnen Philippine Welſerin, die nun, wie ſie einſt mit eignen Augen geſehn habe, in der ſilbernen Capelle zu Insſpruck unter einem weißen Marmor⸗Denkmale ruhe, aber bei Leb⸗ zeiten mit einem ſo zarten Schwanenhalſe begabt geweſen ſey, daß man, wenn ſie getrunken, den roͤthlichen tiroler Wein habe hindurch ſchimmern ſehen. Auch ſchien mit der Zeit ihr einziger Zu⸗ hoͤrer— denn Margareth war groͤßtentheils waͤh⸗ rend des Geſpraͤchs ſanft entſchlummert— ſeine Aufmerkſamkeit von den Schickſalen des kaiſer⸗ lichen Gemsjaͤgers in etwas abzuziehen, und ſie dagegen beſonders der letzten Erzaͤhlung zuzuwen⸗ den, was denn die erfreute Alte nicht allein zu noch oͤfterer Wiederholung vermochte, ſondern ihr auch eine guͤnſtige Vorbedeutung fuͤr gewiſſe andere, in Hinſicht ſeiner gehegte, doch zur Zeit noch zu⸗ ruͤckgehaltene Wuͤnſche ſchien. Hierbei hatte ſie ſich jedoch vor der Hand wohl ein wenig verrechnet. Denn, als nach Verfluß einiger Jahre, auf Elsbeths geheimes Anſtiften, Margareth ihrem Sohn es ans Herz legte, nicht immer ſo einſam zu bleiben, ſondern dann und wann Verwandte und Freunde zu be⸗ ſuchen, und ſich unter ihren Toͤchtern ein Weib zu waͤhlen, ſtutzte der Juͤngling wohl anfaͤnglich, wollte aber bald nichts weiter davon hoͤren, weil ja ja doch keines der Maͤdchen ſeiner Mutter die⸗ jenige Achtung und Vorſorge, die er fuͤr ſie ver⸗ lange, beweiſen, folglich, ſtatt der gehofften Mithuͤlfe und Unterſtuͤtzung, nur Mißmnth und Unfrieden in das Haus kommen werde. Noch weit weniger wollten uͤber dieſen Gegenſtand Elsbeth nach und nach hervortretende Anſpielun⸗ gen bei ihm etwas verfangen, welcher er viel⸗ mehr, ſo oft ſie darauf zuruͤck kam, mit muth⸗ willigem Recken ins Ohr ſang: „Ein Buͤchslein zum Schießen, Und ein'n Stoßring zum Schlagen Muß ein friſcher Bub' hab'n“— das dritte, in dieſem Lieblingsliedchen des Volks erwaͤhnte Erforderniß: „Und ein Dirnlein zum lieben“—*) boͤslicher Weiſe unterſchlagend. Endlich, da Margareths Geſundheitsumſtaͤnde ſich von Tage zu Tage verſchlimmerten, und alle dagegen gebrauchte Kraͤuterſaͤfte und Dele nichts fruchteten, trat Elsbeth mit einem Gedanken her⸗ vor, den ſie ſchon lange in ihrem Herzen gepflegt hatte.„Hoͤr', lieber Ignaz“— ſagte ſie mit der Treuherzigkeit einer im Hauſe mitregierenden Nin Ble⸗ *) Die Melodie findet ſich in Bartholdys:„Krieg der Tiroler Landleute im J. 1209.“ S. 43. ——————— Dienerin—„mußt's am rechten End' anfaſſen, wenn Frau Margreth wieder geneſen ſoll. All' der Rosmarin und Lavendel, und die ſonſtigen heilſamen Pflanzen, ſind auch Gottes Gabe; ich verſchmaͤh' ſie darum nicht; doch ohn' die Vor⸗ bitt' der Heiligen bleibt die Heilkunſt doch eitel Menſchenthun; frag' nur den hochwuͤrdigen Pa⸗ ter Ambroſius, der ſo etwas am beſten verſtehen muß! Nun aber iſt naͤchſten Freitag eine Wall⸗ fahrt zu der benedeiten Mutter Gottes vom blu⸗ tigen Herzen, und wenn du als ein guter Sohn Alles zu Margareths Erhaltung gethan haben willſt, ſo ſollteſt du auch den Weg nicht ſcheuen, ſondern der hochheiligen Helferin deine Noth vor⸗ tragen. Duͤrften wir die Kranke beide verlaſſen, ich wollt' wohl auf den Knien bis zu den Gnaden⸗ ort rutſchen.“ Da die alte Magd alſo redete, duͤnkte es dem frommen Sohne ſchier wunderbar, daß er noch nicht ſelbſt hierauf verfallen ſey. Er bat daher ſeine Mutter um Erlaubniß zu dieſer Reiſe, und, ob dieſe wohl im Stillen vermeinte, ihr Stuͤndlein wuͤrde in kurzem ſchlagen, wollte ſie doch die Huͤlfe der Heiligen eben ſo wenig ver⸗ ſchmaͤhen, als ihren Sohn an Ausfuͤhrung ſeines loͤblichen Vorſatzes hindern. Solchergeſtalt mach⸗ te ſich Ignaz, von den Frauen behoͤrig ausge⸗ ruͤſtet, mit Tagesanbruch auf den Weg, nach⸗ dem dem er Alles im Hauſe theils ſelbſt wohl verſorgt, theils der Obhuth der Magd uͤbergeben, auch von ſeiner Mutter beim Abſchiede, nicht ohne Thraͤnen, den Segen erhalten hatte. Es ward ihm gar wunderſam zu Muthe, da er ſich jetzt zum erſtenmal aus ſeinem Vaterhauſe entfernte, nicht, um ihm wohlbekannte einſame Pfade aufzuſuchen, ſich in Untiefen hinabzuwin⸗ den, und ſteile Felſen zu erklimmen, ſondern um unter einer Menge ihm ganz fremder Menſchen eine Reiſe anzutreten. Sein Herz war eine Zeit lang zwiſchen Gedanken an die zuruͤckgelaſſene Kranke, zwiſchen der auflebenden Luſt, in jenen Gebirgsmaſſen, die jetzt das Morgenroth lieblich beleuchtete, wieder zu jagen, und zwiſchen der Hoffnung, durch dieſen Betgang die Geneſung ſeiner Mutter zu erwerben, getheilt. Als er aber endlich von fern den, uͤber einen Huͤgel langſam daher ſchreitenden Pilgerzug mit ſeinen Fahnen und Kreuzſtaͤben erblickte; als die from⸗ men Geſaͤnge ihm an's Ohr drangen, womit die Wallfahrter ihren Weg kuͤrzten; als er ſich, allen fremd und doch mit allen durch den Glauben be⸗ freundet, unter den Zug miſchte; als ſich ihm endlich nach zwei Tagreiſen die heilige Capelle oͤffnete und in ihr das Gnadenbild ſelbſt zeigte; da verdraͤngten Gefuͤhle der kindlichen Liebe und from⸗ ——.—————— ſto ſuh unt her ſei ſte ſo tra tar wie un the frommer Andacht alle andere, und, wer den jugendlich bluͤhenden Tiroler, mit tiefer Ruͤhrung und Inbrunſt auf ſeine Knie niedergeworfen, bemerkte, der hielt ſich leicht fuͤr uͤberzeugt, daß ſein Gebet dem reinſten Herzen entſtroͤme. Auch ſtand er nach beendigtem Gottesdienſt mit einer ſo ſtaͤrkenden Erhebung, mit einem ſo feſten Ver⸗ trauen zu den Wundern der Gnade auf, daß er kaum den Augenblick erwarten konnte, wo er wieder an das Krankenbett ſeiner Mutter treten, und die Feſtigkeit ſeiner Hoffnung auch ihr mit⸗ theilen werde. Aus dieſem Grunde machte er ſich denn auch noch vor Abend auf den Ruͤckweg, und zwar mit ſolcher Eilfertigkeit, daß er nicht einmal daran dachte, ſich vorher mit Speiſe und Trank zu er⸗ quicken. Als er jedoch, zwar in Geſellſchaft Mehrerer, welche ſich gleich ihm nach ihrer Hei⸗ math begaben, doch um ſie unbekuͤmmert, eine Weile gewandert war, erinnerte ihn der Durſt, ſich nach einer Quelle umzuſchauen; und ſiehe! er erblickte in kurzem einen Waldbrunnen, wel⸗ chen mehrere Pilger aus gleicher Abſicht umlager⸗ ten. Auf einer der Stufen aber ſtand ein ſchlan⸗ kes, zwiſchen Kindheit und Jungfraͤulichkeit mit⸗ ten innen ſchwebendes Maͤdchen in gewoͤhnlicher, doch ſehr feiner, Tirolertracht, das, den Stroh⸗ hut — 16— hut nachlaͤſſig am Arme, und mit klaren hell⸗ braunen Augen um ſich her ſchauend, aus einem ſteinernen Waſſerkruge die durſtigen Wanderer labte. Das ganze Weſen des holden Dirnleins war ſo unſchuldvoll und lieblich, daß Ignaz ſeines Durſtes eine Zeit lang vergaß, und, ganz in An⸗ ſchauen verloren, mit weit geoͤffneten Augen nach ihr hinſtarrte. Er wußte ſelbſt nicht, wie ihm geſche⸗ hen war. Ihr wie Seide glaͤnzendes, lichtbrau⸗ nes Haar, wenn man Braun mit Gold durch⸗ ſchienen alſo nennen darf, umſpielte in leichten Ringellocken die reine Stirn, die mit blaſſem Roſenhauch uͤberlaufenen Wangen, und floß in zierlich geflochtenen Zoͤpfen auf den Ruͤcken her⸗ ab: jeder ihrer Blicke, jede ihrer Bewegungen, die Aemſigkeit, mit der ſie ſich zum Schoͤpfen herabbeugte, die Freundlichkeit, mit der ſie den Durſtenden, ohne zu ermuͤden, den Krug dar⸗ bot, gewaͤhrte den reizendſten Anblick; was aber den ehrlichen Ignaz mehr noch, als alles uͤbri⸗ ge, bezauberte, war ihr hochgerundeter, milch⸗ weißer Hals, den hellrothe Granaten, bis zum Rande des knappen Mieders in einzelnen zarten Schnuren herabfallend, und jede einzeln auf die Lilienhaut einen Strahlenbogen werfend, nur noch blendender zeigten. Gleich einem Son⸗ ———————— n Bl Ve Sonnenblick durchzuͤckte es den jungen Tiroler. „Wie Philippine Welſerin!“ klang es im Tief⸗ ſten ſeines Innern. Was lange, ihm ſelbſt un⸗ bewußt, als das Hoͤchſte weiblicher Anmuth ſei⸗ nem Herzen vorgeſchwebt hatte, ſtand jetzt ath⸗ mend in der Wirklichkeit vor ihm. Und ſchon fieng es an, leerer um die freund⸗ liche Mundſchenkin zu werden, als ſie ſelbſt Ig⸗ nazens gewahrte, und, ſeinen auf ſie gerichteten Blick dahin auslegend, mit dem lieblichen Röſen⸗ mund, der zwei klare Perlenreihen zeigte, mit einer Stimme, in welcher Herzensguͤte und Schalkheit ſich vereinten, ihm zurief:„Willſt du auch noch trinken, du Laurer?“ „Wohl bedarf ich deß, ſchmuckes Maidl!“ erwiederte er, wie aus einem Traum erwa⸗ chend.—„Biſt du hier zu Haus?“— ſetzte er dann treuherzig hinzu, ſich dem labenden Kruge naͤhernd. „Wallfahrterin, wie du!“ antwortete das Maͤdchen leicht, indem es ihn trinken ließ. „Welch Anliegen brachte dich hieher?“ „Liebe zu einer Mutter— und dich?“ „Liebe zu einem Vater!“ „Du biſt gluͤcklich, daß du noch einen Vater haſt!“ „Ach! wuͤßt' ich das!“ verſetzte ſie, und B hob — — 18— hob traurig das helle Augenpaar gen Himmel— „Ich erinnere mich ſeiner nur wie eines Traum⸗ geſichts. In finſtrer Schwermuth iſt er eines Morgens ausgegangen und nicht wieder zuruͤck⸗ gekehrt. Darum betete ich jetzt fuͤr ſein unge⸗ wiſſes Schickſal, oder fuͤr ſeine Ruhe im Grabe.“ „Sonderbar; daſſelbe iſt mein Schickſal““— „So ſind wir ja Ungluͤcksgeſchwiſter. Nun hab ich dir noch einmal ſo gern zu trinken ge⸗ reicht!“— Mit dieſen Worten brach ſie das Geſpraͤch ab, und wandte ſich zu einigen Pilgern, die ſie gleichfalls um Waſſer a geſprochen hatten. Aber Ignaz konute ſeine Augen noch nicht von ihr wenden, und wurde zugleich gewahr, daß ihr Strohhut unbeachtet auf dem Rande des Brunnens lag. Er ſchlich leiſe hinzu, wand ſein eigenes gruͤnes Hutband darum, und nahm dagegen einige, mit Blumen von Goldfaden durchwundene Rosmarinzweiglein von dem Stroh⸗ hute. Da rief aus der Ferne eine Stimme. Das Maͤdchen ſprang ihren, ſchon eine Strecke vorausgeeilten Verwandten oder Nachbarn eilig nach, und verſchnand unter dem Getuͤmmel. Als die liebliche Geſtalt ſich ſeinem Geſicht eine Weile entzogen hatte, ſtand er noch immer und unt liel lan fuͤ da — 19— und ſah in die leere Luft vor ſich hin.„Ein liebliches Kind!“ ſagte er dann halblaut vor ſich.„Ja wohl, ein Kind noch!“ ſetzte er langſam hinzu. Dennoch ſchaute er, ſelbſt im Weiterwandern, immer von neuem nach der Stelle zuruͤck, wo er ſie aus den Augen ver⸗ loren hatte, beſchleunigte von Zeit zu Zeit ſeine Schritte, wenn er in der inmer mehr einbre⸗ chenden Daͤmmerung eine Aehnlichkeit von ihr zu entdecken glaubte, und guckte unter alle Strohhuͤte der eingeholten Maͤdchen. Doch un⸗ ter keinem derſelben, obwohl aus ſo manchem recht muntere Augen und friſche Wangen her⸗ vorlauſchten, ſchimmerten die goldbraunen Flech⸗ ten, bluͤhte das Roſengeſichtchen, leuchteten die Glutgranaten auf dem Alabaſterhalſe ver fuͤr ihn wieder erſtandenen Herzogsbraut, alſo, daß er auch, als es Nacht ward, ſchier miß⸗ muthig in idie naͤchſte Herberge einkehrte, und daſelbſt nach kurzer Friſt eine Lagerſtatt ſuchte. Er hatte ſich vorgeſetzt, noch am folgenden Tage ganz gewiß in ſeiner Heimath einzutreffen. Als er nun nach ſeiner Gewohnheit mit der Mor⸗ gendaͤmmerung aufſprang, war es ihm wieder ganz friſch und frei um das Herz. Eilig mach⸗ te er ſich auf den Weg. Der Gedanke an ſeine Mutter befluͤgelte, wie ſein Herz, ſo ſeine Ba Schrit⸗ Schritte; das Gezwitſcher der Voͤgel hallte freu⸗ dig in ſeinem Innern wieder; das Gruͤn der Baͤume, das er ſo ſehr liebte, und bald der Anblick der befreundeten Felſen noch in weiter, wolkenhoher Ferne, erweckten in ihm die ange⸗ nehmſten Empfindungen; Alles duͤnkte dem jun⸗ gen Wanderer heute ſo lachend und ſchoͤn, als er es kaum je geſehen! Daß vielleicht das Bild des jungen Maͤdchens, an das er in der fri⸗ ſchen Morgenluft, in der frommen Erhebung ſeines kindlichen Gefühls, nur noch wie an eine liebliche, ſchnell wieder verſchwundene Er⸗ ſcheinung dachte, alle dieſe Gegenſtaͤnde ihm vergolde und mit hellerer Morgenroͤthe umgebe, davon kam ihm ſchwerlich auch nur der entfern⸗ teſte Gedanke ein. Mit Troſt noch heute zu ſeiner Mutter zu kommen! das war es, was der junge Tiroler jetzt einzig im Sinne trug, und ehe es noch vollig nachtete, trat er in die Thuͤr ſeines Berghaͤuschens. Er fand ſeine Mutter etwas beſſer, als er ſie verlaſſen hatte, ſey es nun, daß der neue Beweis ſeiner zaͤrtlichen Sohnes⸗ liebe, oder die Hoffnung auf die Wunder der Gnade auch ſie geſtaͤrkt, oder daß die Mutter Gottes in der That ſein frommes Gebet erfull⸗ hatte. Auch war dieſer Zuſtand nicht blos vor⸗ uͤber⸗ ib na ni uͤbergehend, ſondern Margareth ſchien nach und nach voͤllig zu geneſen, ſo, daß die gute Elsbeth auf den von ihr gegebenen Rath ſich nicht we⸗ nig einbildete— zumal da Ignaz, als ſie ihn einſt auf einem nahen Bergrücken beim Weiden der Rinder belauſchte, das bewußte Liedchen vollſtaͤndig vor ſich hin ſang. Doch auch dießmahl ſchien ſich die gute Alte betrogen zu haben. Es verfloſſen abermals ei⸗ nige Jahre ohne alle Aenderung, waͤhrend de⸗ ren Ignaz ſchon wieder dann und wann auf die Jagd gieng, und es, ſo oft er einen Gemsbock oder ſonſt etwas von Wildpret nach Hauſe brachte, von neuem anhoͤren mußte, daß es doch nach⸗ gerade Zeit werde, auf Einfuͤhrung einet Schwiegertochter zu denken. Doch das lag ihm jetzt noch viel weiter, als jemals. Er dachte dann wohl fluͤchtig an das Ebenbild der ſchͤnen Welſerin, zugleich aber fiel es ihm ein, daß er das ſchmucke Dirnl vermuthlich zum erſten und letzten Male in ſeinem Leben geſehen habe, daß außer ihr keine Schwiegertochter die Mutter, wie ſichs gebuͤhre, ehren und pflegen werde, und kurz und gut, daß es nun im Rathe des Schickſals nicht alſo beſchloſſen ſey. Jetzt wurde unvermuthet die Ruhe und all⸗ tagliche Ordnung des kleinen Hausweſens un⸗ ter⸗ terbrochen. Margareth erkrankte ploͤtzlich von neuem, und gefaͤhrlicher, als je. Am dritten Tage war ſie verſchieden. Nach ihrem Begraͤb⸗ niſſe fuͤhlte ſich der gute Ignaz wie von der uͤbrigen Welt voͤllig abgeſchnitten. Er uͤberließ daher der alten Dienerin die ganze Wirthſchaft, und ergab ſich wieder, theils, weil es ihm zu Hauſe ſo od' war, theils auch aus erwachender Neigung, der freudigen Gemſenjagd, beſuchte auch wohl zu einiger Abwechſelung die benachbar⸗ ten Freiſchießen, wie er meinte, um doch auch manchmal unter Menſchen zu kommen, doch im Grunde mehr in der Hoffnung, das Maͤdchen vom Brunnen einmal wieder zu finden. Aber jugendlich heiter und froͤhlich, wie in den erſten Juͤnglingsjahren, da ſein Vater noch lebte, ward er nie wieder; ein wuͤſter, unſtaͤter Geiſt ſchien ſich mit der neubelebten Jagdbegier ſei⸗ ner bemaͤchtigt zu haben; es teieb ihn immer raſtlos in die Ferne, ohne daß er ſich ſelbſt ein Ziel davön angeben konnte. Eines Tags, da er wider Gewohnheit meh⸗ rere Stunden lang nichts von Wild gefunden, nicht einmal einen Raubvogel in den Wolken ge⸗ ſehen hatte, zeigte ſich ihm endlich, auf dem entgegen ſtehenden ſchroffen Abſatze eine Gemſe, welche die Schlauheit und ſchuͤchterne Gewandtheit ih⸗ — ———.—— —— ihrer Gattung mit einer ganz beſondern Nett⸗ heit der Geſtalt und Schoͤnheit der Farbe ver⸗ einigte. Er ſprang, um ſie mit den Schuß erreichen zu koͤnnen, von Platte zu Platte, von Zacke zu Zacke; aber ſie wurde ihn ſtets mit ihren hellen Augen augenblicklich gewahr, wußte ſich, faſt neckend, ſeinen Nachſtellungen ſehr geſchickt zu entziehen, und verlockte ihn auf die⸗ ſe Weiſe immer weiter und weiter, ja, zuletzt in eine ihm ganz unbekannte Gegend. Wurde er nun ſchon hierdurch immer gereizter und auf dieſe Beute erpichter, ſo verdoppelte ſich noch ſeine Begier, als er zuletzt der Gais ziemlich nahe kam, und an ihrem Halſe ein zierliches Halsband mit einem Gloͤckchen gewahr ward. Auch glaubte er, ſich ihrer nun ganz gewiß zu verſichern, als ſie, eben da er anlegte, einen kurzen Anlauf nahm, und ſich wie ein Pfeil in eine Vertiefung der Felſen hinabſtuͤrzte. Auch Ignaz, noch immer von der Verfol⸗ gung nicht ablaſſend, klimmte mit an Vermeſ⸗ ſenheit graͤnzenden Muthe auf ſteilem, pfadlo⸗ ſem Steige herab, und gelangte auf dieſe Wei⸗ ſe zu ſeiner Verwunderung in ein weitlaͤufiges, lachendes Thal, das, rings von Felswaͤnden umſchloſſen, von der uͤbrigen Welt voͤllig abge⸗ ſonbert ſchien. Nur dieſes hohe, in den Wol⸗ ken ken ſich verlierende Geſtein, nur die ſchraͤg ſte⸗ henden, vom Sturm entwurzelten Tannen„und die Ruinen alter, laͤngſt verfallener Burgen, die abwechſelnd die aͤußerſten Spitzen begraͤnz⸗ ten, erinnerten an die umliegenden rauheren Gegenden; uͤbrigens wehte in dieſer Niederung, weil ſie durch die Berge vor den Winden ge⸗ ſchuͤtzt ward, eine faſt ſuͤdliche Luft; alle Baͤume, worunter ſich ſogar Maulbeerbaͤume und Wein⸗ ſtoͤcke befanden, glaͤnzten mit den friſcheſten, uͤppigſten Gruͤn, alle Straͤucher und Blumen mit den buntfarbigſten und gefuͤllteſten Kronen; einige kleine Waſſerfaͤlle, im Strahl der ſchon ſinkenden Sonne Regenbogen bildend, plaͤtſcher⸗ ten hie und da herab, und aus einer niedrigern Deffnung des Felſens ergoß ſich ein ſilberner, durchſichtiger Bergquell, der, unter Lerchbaͤumen und Weiden dahin gleitend, das ganze Thal durchſchlaͤngelte, dann mit dem Waſſer der höhe⸗ ren Fäalle ſich vereinigte, und ſo, mit jenen zu⸗ gleich, zuletzt in einer grottenartigen Höle ver⸗ ſchwand. Doch indem noch Ignaz alle dieſe Gegen⸗ ſände nicht ohne Ueberraſchung betrachtete„ ge⸗ wahrte er unter einem der aͤlteſten Baͤume das Gemslein, das hier ruhig und nichts fuͤrchtend ous der Quelle trank. Die lang geſuchte Beu⸗ te ke ter ab de z li — 25— te erblicken, ſcharf auf ſie anlegen, und abdruͤ⸗ cken war eins. Aber, noch nie war dem geuͤb⸗ ten Schuͤtzen das begegnet! die Pfanne brannte ab, der bewaͤhrte Jagdſtutz verſagte. Verwun⸗ dernd, faſt erſchrocken, blickte er pfeilſchnell nach dem Baumſtamme; ein weißes Crucifix zeigte ſich ihm uͤber dem Kopfe der Gemſe; ein lichter, gleich einer Engelserſcheinung glanzum⸗ floſſener Schatten ſchien ſich uͤber die Gemſe herab zu beugen; die Erſcheinung, und bald darauf auch die Gais, waren verſchwunden. Ignaz, mit der Hand ſchon wieder am Pul⸗ verhorn, um neu aufzuſchuͤtten, und ſonſt nie gewohnt, zu beben, bebte jetzt, von unwillkuͤhr⸗ lichem Schauder ergriffen. Er erinnerte ſich des auch von Elsbeth vorgenommenen Jagdbe⸗ gegniſſes des edlen Herzogs Hubertus, dem einſt zwiſchen dem Geweih eines Edelhirſches das Bild des Gekreuzigten ſich offenbarte, und glaub⸗ te faſt, ihm ſey ein aͤhnliches Geſicht zu Theil worden. Mit leiſem Grauen ſetzte er die Buͤch⸗ ſe in Ruhe, und faßte den Entſchluß, dem Prt, wo die lichte Geſtalt ſich gezeigt hatte, naͤher zu gehen. Noch aus weiter Entfernung bemerkte er nun, daß das ſichtbar gebliebene Crucifix nicht, wie er erſt geglaubt in freier Luft ſchwebe, ſon⸗ .———————— ſondern am Stamme eines hoch bejahrten Caſta⸗ nienbaumes befeſtigt ſey; es war mit ſchlichter, einfacher Kunſt aus Lindenholze geſchnitzt und ſchon ſehr veraltet; mancherlei verdorrte Kraͤnze ſchlangen ſich wie eine Laube darum. Ein Meh⸗ reres war, ſo ſehr er ſich nach allen Himmels⸗ gegenden umſchaute, nirgends zu erblicken. Auch ſchien die Landſchaft voͤllig einſam und verlaſſen; alles war ſo ſtill und heimlich; nicht einmal ein Zweig ruͤhrte ſeine Blaͤtter. Da es ſolchergeſtalt unmoͤglich war, zu einer weitern Entdeckung zu gelangen, und der Mond ſich bereits uͤber die Gipfel der Felſen erhob, ſo ſchien es dem noch immer nachſinnenden Schuͤtzen am gerathenſten, fuͤr jetzt den Weg nach der Heimath anzutreten, wo er denn auch nach manchem ſauern Schritt um Mitternacht eintraf. Aber ſo ermuͤdet Ignaz war, das Wunder⸗ bare der erlebten Begebenheit ließ ihn nicht ein⸗ ſchlafen. Sollte er, da das Crucifir kein blo⸗ ſes Luftbild war, da es vermuthlich nur ein hier vorgefallenes Ungluͤck, eine hier veruͤbte Mordthat bezeichnete, im uͤbrigen an ein himm⸗ liſches Geſicht glauben? ſtand die Gemſe unter dem beſondern Schutz eines Heiligen? oder— der Gedanke verſetzte ihn in die ſchaudervoll⸗ ſte ſte Unruhe— waͤr' er vielleicht in Gefahr ge⸗ weſen, ein menſchliches Weſen durch ſeinen Schuß zu toͤdten? War aober dieſes, welche unſichtbare Macht hatte es gefuͤgt, daß gerade dießmal ſein ſonſt nie fehlendes Gewehr verſag⸗ te? und blieb mithin, ſelbſt eine lebendige Beſchuͤtzerin der Gemſe angenommen, nicht im⸗ mer eine hoͤhere Einwirkung, nicht immer die Leitung der Vorſehung unverkennbar? Als kaum der Morgenſtern wieder erblaßte, machte er ſich mit ſeinem Jagdgerath abermals auf den Weg, weniger dießmal, um ſeiner Lieblingsbeſchaͤftigung nachzugehen, als um jene, ihm ſo wichtig gewordene Gegend nochmals auf⸗ zuſuchen, und ſich, wo moͤglich, eine Erlaͤute⸗ rung zu verſchaffen. Allein, er hatte bei der geſtrigen Beſtuͤrzung und in der eingetretenen Daͤmmerung vollig unterlaſſen, auf den Weg zu achten, oder ſich wohl gar Merkzeichen zu ſtecken. So eifrig er ſich daher auch beſtrebte, uͤber Klippen und Un⸗ tiefen wieder zu dem Thale zu gelangen, ſo war doch alle ſeine Muͤhe vergeblich, und er mußte ſowohl an dieſem, als an dem folgenden Tage, unverrichteter Dinge nach Hauſe kehren. Schon ſchweifte er am dritten Tage mit faſt aufgegebener Hoffnung in ſehr entfernten Gegen⸗ den den umher, als er einen Waldbach rauſchen hoͤrte, und, ihm ſich naͤhernd, nicht ohne Er⸗ ſtaunen bemerkte, daß auf deſſen Wellen friſch bluͤhende Roſen und andere Blumen ſchwammen. Dieſer hier unerwartete Anblick erinnerte ihn alsbald an die Kraͤnze des alten Caſtanien⸗ baums, an den Quell, der ſein Bett unter der Steinwand durchgegraben zu haben ſchien. Er entſchloß ſich daher alsbald, ſtromaufwaͤrts zu gehen und ward in kurzem inne, daß ſich das Waſſer in der That aus der Tiefe hervorſtuͤrze, und von da uͤber einen ſanften Abhang herab⸗ fließe. Hoͤchſt wahrſcheinlich kam es blos darauf an, den Felſen zu umgehen, oder aͤußerſten Falls zu erklimmen. Doch ward das letztere nicht noͤthig, da Ignaz, als ein erfahrner Berg⸗ wanderer, die Richtung der Gebirgslagen ziem⸗ lich zu errathen wußte, und, kaum nach Ver⸗ fluß einer halben Stunde, befand er ſich aber⸗ mals in dem lachenden Thale. Aber auch jetzt war weder Menſch, noch Thier, in dieſer reizenden Einoͤde zu finden; nur der Umſtand, daß der Baum und das Crucifir mit Kraͤnzen aus Goldflittern und den ſchoͤnſten Roſen geſchmuͤckt waren, gab zu erkennen, das Thal ſey nicht ſtets ſo verlaſſen. Unbefriedigt und mißmuthig ging Ignaz nur mit geringem Eifer 6i n S gr Eifer ſeinem Geſchaͤft nach, ward aber an ei⸗ nem der naͤchſten Tage durch Neugier und Sehnſucht aufs neue nach der bluͤhenden und gruͤnenden Gegend gezogen. Dießmal ſchien ſein Forſchen nicht ganz fruchtlos bleiben zu wollen. Denn er entdeckte, als er kaum das Thal betreten hatte, vor dem, an dem Caſtanienbaume befeſtigten Crucifixe ei⸗ nen Einſiedler auf den Knieen, der inbruͤnſtig betete, und ſich oft im Feuer ſeiner Andacht mit der Stirn auf den Erdboden warf. Er un⸗ terfieng ſich nicht, die Andacht des Eremi⸗ ten zu unterbrechen, wohl aber ſchlich er ſich ihm zur Seite, um ihn genauer zu beobachten. Als er hinzu nahe genug war, erblickte er einen Greis, deſſen bleiches ſtarres Geſicht we⸗ niger Frommes, als Furchbaren, an ſich trug. Der Einſiedler ſchlug ſich zu mehrern Malen mit der Fauſt vor die Bruſt, und kniete nicht blos vor, ſondern auch auf einem Crucifire, welches? letztere von dicken, knotigen Aeſten in einander gefuͤgt, und daher ohne Zweifel zu einer Art Bußuͤbung und Kaſteiung beſtimmt war; er gieng barfuß und trug eine haͤrene Kutte; ſeine dunkeln Augen ſtarrten finſter un⸗ ter buſchigen Augbraunen hervor; alle ſeine Geſichtszuͤge waren ſcharf und eckig, ſeine grau⸗ en — 30— en Haupt⸗ und Baarthaare wild verworren, ie ſeine gefaltet aufgehobenen Haͤnde ſtalk knochig, pin 6 doch abgemagert. unb Als der Alte endlich ſein Gebet vollendet und das ſchwere zackige Kreuz, unter der Laſt faſt fn 1 erliegend, ruͤckwaͤrts auf die Schultern geladen jn 3 hatte, trat Ignaz mit dem Gruß: Gelobt ſey Lu 1 Jeſus Chriſt! auf ihn zu, und ſuchte ihm Rede Ein abzugewinnen. Aber, obwohl der Eremit das: un In Ewigkeit, vor ſich hin murmelte, und ſogar ſtei dem Gruͤßenden mit der Hand den Segen ertheil⸗ des te: ſo gieng er doch mit großen Schritten an ihm voruͤber, rief mit rauher Stimme:„Hebe Ci dich weg von mir, Gemsjaͤger! Du treibſt ein n ruchloſes Handwerk. Gehe in dich noch in jun⸗ In gen Jahren!“ und winkte ihm zornig, ihn nicht er aufzuhalten. Richt wenig uͤber dieſe unfreund⸗ ti liche Sitte verwundert, folgte ihm Ignaz nur ſih von weitem, und ſah, daß er ſich in einer Hoͤh⸗ ge le verlor, die, von vorn nur durch wenige Vi Strohſchauben und Schilfdecken gegen Sturm u und Regen geſchuͤtzt, mehr zum Schlupfwinkel wilder Thiere, als zum Aufenthalte eines menſchlichen Weſens geeignet ſchien. So heilig e der alte Mann ſeyn mochte, ſo hielt es doch Sſ Ignaz weder fuͤr wuͤnſchenswerth, noch fuͤr moͤglich, mit dieſem rauhen und menſchenfeind⸗ 11 lichen — 31— lichen Eremiten genauere Bekanntſchaft anzuknuͤ⸗ pfen, ſondern kehrte vielmehr auch dießmal unverrichteter Sache in ſeine Heimath zuruͤck. Aber er ließ ldeshalb ſeinen Muth nicht ſinken, und am vierten Tage ſchienen ſich ihm, zum Lohn fuͤr ſeine Beharrlichkeit, weit beſſere Ausſichten zu oͤffnen. Denn ſchon, als ersden Eingang des Duellenthals betrat, ward er an dem aufwirbelnden Staube in der Ferne eine treibende Heerde gewahr, und kaum rauſchte das unterirdiſche Bergwaſſer weniger betaͤubend vor ſeinem Ohr, als er in der Naͤhe des alten Caſtanienbaums eine ſanfte laͤndliche Muſik ver⸗ nahm. Bald darauf aber traf er auf einen Trupp froͤhlicher Hirten, die, friſche Alpenkraͤu⸗ ter und Feldblumen auf den Schaͤferhuͤten, und friedlich um den Baum gelagert, ſich abwech⸗ ſelnd mit Jodeln und dem Klang ihrer Schwe⸗ gel*) und Maultrommeln ergoͤtzten, indeß das Vieh theils weidete, theils auch aus dem ſilber⸗ klaren Quell trank. Mit dieſem heitern und gutmuͤthigen Volk⸗ chen hoffte er ſchon eher in vertrauliches Ge⸗ ſpraͤch zu kommen. Er trat daher, ſie freund⸗ lich Schwegel, auch Schwoͤgl, eine Art kleiner, in Tirol uͤhlicher Queerpfeifen. — 32— lich begruͤßend, mitten unter ſie, und erkun⸗ digte ſich, was das Crucifix und die Kraͤnze, womit es jetzt taͤglich friſch geſchmuͤckt werde, zu bedeuten haͤtten. „Ja, Bruder Gemsjaͤger!“ erwiederte der Aelteſte, der uͤber die andern eine Art von Pberherrſchaft zu fuͤhren ſchien—„ganz gehau und von vorn herein wiſſen wir ſelbſt nicht viel hievon, doch was wir wiſſen, das wollen wir dir ſagen. Darum lehne getroſt deinen Naͤhrvater“) hier an den Baum; ſetz' dich zu uns, iß von unſerm Haberbrot, trink' von unſerer Milch, und hoͤre: Schon von alten Zeiten her hat ſich's von Kind auf Kindeskind fortgepflanzt, daß dieß ein heiliger oder gar ein Wunderbrunn ſey. Es iſt auch daran nicht zu zweifeln, da er der St. Appollonias⸗Quell heißt, da unſere Heerden immer beſſer gedeihen, als alle andere, und da wir ſelbſt immer geſund und mit unſerm Schick⸗ ſale zufrieden ſind. Ob aber die Heilige dieſes Waſſer insbeſondere beſchuͤtzt, oder was es ſonſt damit fuͤr Bewandniß hat, mag vielleicht dem alten Einſiedler am beſten bekannt ſeyn, der ſich nun ſchon ſeit langer Zeit in jener Felſen⸗ ſchlucht *) Ndhrvater, ſo heißen die Gemsjager iheen Jagdſtutzi ſch ſil au lic ſchlucht birgt, und nicht allein dieß Crucifir ſelbſt an den Baum befeſtigt haben ſoll, ſondern auch taͤglich davor betet und ſich geißelt. Dagegen koͤnnen wir dir uͤber die neueſte Zeit, und warum jetzt das Crucifir taͤglich mit Rauſchgold und friſchen Blumen bekraͤnzt iſt, vollſtäͤndige Auskunft geben. Es wohnt naͤm⸗ lich dort hinter der fruchtbaren Alpe eine junge Dirne, die ſehr wohlhabend und ein Engel an Herzensguͤte und leiblicher Schoͤnheit iſt. Auch ſie fuͤhrt den Namen Appollonia, und mag wohl ſchon deshalb zu dieſer Quelle ein beſon⸗ deres Zutrauen hegen, wie ſie denn auch ſehr oft hier herum anzutreffen und die einzige iſt, welche der menſchenfeindliche Waldbruder nicht von ſich zuruͤck weiſet. Unter andern Tugenden, welche das ſchmucke Maidl beſitzt, iſt auch die des Mitleids, nicht allein gegen Menſchen, ſondern ſogar gegen die unvernuͤnftige Creatur Gottes, keine der ge⸗ ringſten. Sieh, Bruder Gemsſchuͤtz, ſo hoͤrt ſie denn einmal, da ſie ihr Pfad dort oben uͤber die Berge führt, in einer der Schluchten etwas winſeln, und ob es gleich ſchon ſehr dunkel iſt, auch ihre Begleiterinnen aus Furcht vor Ge⸗⸗ ſpenſtern und boͤſen Geiſtern davon laufen, ſo uͤberwindet ſie doch aus Erbarmen alle Bangig⸗ C keit keit, und klimmt noch etwas hoͤher, um in den Felſenkeſſel hinab ſehen zu koͤnnen. Da erblickt ſie nun tief, tief in der Kluft ein Gaislein, das durch einen Fall, oder auch von einem Jaͤger verwundet, ſich klaͤglich im Blute win⸗ det, und immer aufſchauet, als ſolle ihm von oben Huͤlfe kommen. Appollonia kann den Jam⸗ mer nicht unbewegt anſehen, läuft augenblicklich heim zu den Juͤnglingen und Maͤnnern ihrer Bekanntſchaft, und verſpricht dem, der ihr die Gemſe heraufhole, ein goldenes Kettlein, das ſie von einer Taufpathin geerbt hat. Nun, Gold lockt. Alſo machen ſich, von ihr gefuͤhrt, flugs Einige mit Kienfackeln, Stangen und Stricken auf, und laſſen beim Schein der Fackeln den Beherzteſten in den dunklen Abgrund hinab, der zuletzt auch das winſelnde Gemslein glucklich herauf bringt. Daruͤber hat nun das Maidl eine unmaͤßige Freude, reißt ſich augen⸗ blicklich das Kettlein ab, und will es dem kecken Mann geben; aber— da ſiehſt du, wie gut ſie ſeyn muß, und wie gut ſie auch alle macht, die ſie nur ſehen— nein! der ſagt, daß er fuͤr Goldeswerth nicht ſein Leben daran ge⸗ Jetzt habe, ſondern blos, weil ſie ihn darum gebeten, ſchuͤttelt ihr die Hand, und geht davon; und nun ſchaͤmen ſich auch alle die andern, das Kett⸗ —— Kettlein zu nehmen, und keiner mag es von dem ganzen Haufen. Zuletzt iſt ſie ordentlich verlegen geweſen, das Kettlein behalten zu muͤſſen und zugleich das Gemslein zu haben. Weil es jedoch nun einmal ſo war, trug ſie die junge Gais, wie einen großen Schatz, nach Hauſe, und verband ſie taͤglich mehreremal, bis das Thier endlich— du weißt, ſo ein Ding hat ein zaches Leben— die zerbrochnen Glied⸗ maßen wieder ausgeheilt, und gleichſam zum Dank ſeine ſcheue Natur ganz abgelegt hat, ſo daß es ſeitdem dem Maidl folgt, wie ein zah⸗ mes Huͤndlein, und zu ihm aus der Wildniß immer zuruͤckkehrt. Doch dieß alles hat ſich nun ſchon vor drei, vier Jahren zugetragen. Aber in vergangener Woche ſteht einmal Appollonia hier unter dem Baume, und das Gemslein, das ihrer gewahr wird, will freudig auf ſie zuſpringen. In dem⸗ ſelben Augenblicke aber ſieht die Dirn' auch in der Ferne hinter den Tannen einen Jaͤger ſte⸗ hen, der auf das Gemslein zielt, vergißt in der Angſt die eigne Lebensgefahr, und ſtreckt, ſtatt ſich ſelbſt ſchnell zu fluͤchten, vorbittend die Haͤnde gegen ihn aus. Kannſt du es glauben, der Ruchloſe druͤckt dennoch die Buͤchſe ab. Aber die Allmacht Gottes laͤßt den Frevel C 2 nicht — 36— nicht zu; das Pulver brennt von der Pfanne. Nun entflieht Appollonia, und die Gemſe laͤuft ihr nach. Toͤdtlich erſchrocken kommt das Maͤd⸗ chen nach Hauſe, iſt aber dennoch durch alles Zureden nicht zu bewegen, das Ausſehen des Wildſchutzen zu beſchreiben. Warlich ſein Gluͤck! Kennte ihn jemand von den Nachbarn, oder auch von uns allen, ſeine Bosheit wuͤrde ihm uͤbel bekommen!— Seit dieſer Zeit nun hat die Dirte, weil ſie behauptet, unter dieſem Baume einmal einen wunderbaren Traum gehabt zu ha⸗ ben, und daher auch dem Crucifix oder dem Schutz der heiligen Appollonia ihre Lebensret ung zuſchreibt, nicht, wie ſonſt, nur zuweilen, ſon⸗ dern jeden Morgen den Baum friſch bekraͤnzt, auch Straͤußer und Blumen in die Quelle ge⸗ worfen. Sieh, Bruder, dieß iſt, weil wir auf der entgegengeſetzten Seite des Thals wohnen und Appollonia nur von Anſehen kennen, alles, was wir durch Hoͤrenſagen von der Sache wiſſen.“ Es laͤßt ſich leicht denken, daß Ignaz dieſer Erzaͤhlung aus mehreren Gruͤnden ſehr aufmerk⸗ ſam zugehoͤrt hatte, aber auch durch ſie immer noch nicht befriedigt war. Als daher der Hirt von der Raſenerhöhung aufſtehen wollte, faßte er ihn, nicht ohne innere Beklommenheit, bei der Hand, lo Hand, und bat ihn um Auskunft, wem Appol⸗ lonia angehoͤre? Da maß der Alte ſeinen Gaſt einigemal mit den Augen, und ſprach dann mit ſchlauen, doch gutmuͤthigem Laͤcheln:„Kommſt du mir doch ſonderbar vor, ſchlanker Bube! Was geht dich das Maidl an? Auch iſt es bei uns keineswegs Sitte, jungen Fremdlingen, die ſich nach den Dirnen unſers Sprengels erkundigen, freundlichen Beſcheid zu geben, und haben wir Manchem, der ſich in unſer Geheg verlaufen, das Haingartlen*) wacker verſalzen. Indeß, da du mir gefaͤllſt, und dir doch auch wohl ſo gut, wie unſern jjungen Burſchen, dieſe Trauben viel zu hoch haͤngen, ſo hoͤre, was mir ſelbſt hieruͤber geſagt worden. Appollonia's Va⸗ ter wohnt dort jenſeits der gruͤnenden Alpe, und iſt fruͤher auch nicht reicher und vorneh⸗ mer geweſen, als ein anderer, aber durch Ar⸗ beitſamkeit und Fleiß ſo in die Hoͤhe gekommen, daß man ihn nur den reichen Fabrikherrn Martin nennt. Liegt dir nun noch genauere Nachricht gar zu ſehr am Herzen, ſo mußt du ſuchen, mit ihm ſelbſt bekannt zu werden, oder auch der ſchoͤ⸗ «) Haingartlen, Haingartlen 3 Nachten⸗ nachtliche Zuſammenkuͤnfte zwiſchen kiebenden, dle auch in Lirol, und, wie man verſichert, unbe ſchadet der Sittlichkelt, uͤblich ſind⸗ — 38— ſchoͤnen Dirn einmal aufpaſſen, die gegen jeder⸗ mann freundlich und liebreich iſt.“ Allerdings hatte der ehrliche Ignaz gerade genug gehoͤrt, um auf Appollonia's Bekannt⸗ ſchaft ſehr begierig zu ſeyn, aber auch genug, um zu wiſſen, daß er unmoͤglich gut bei ihr an⸗ geſchrieben ſtehen koͤnne. Da es ihm uͤberdieß wieder einfiel, wie ungluͤcklich er geweſen ſeyn wuͤrde, wenn er ein ſo gutes, von allen ſo hoch geprieſenes Maͤdchen durch ſeine Kugel getoͤdtet hatte; ſo wurde er immer kleinlauter, dankte halb wehmuͤthig dem Hirten fuͤr die gaſt⸗ freie Aufnahme, und ſchlich, in Gedanken ver⸗ tieft, abermals, ohne an Jagdbeute zu denken, nach ſeinem Berghuͤttchen. Auch hatte er in den naͤchſtfolgenden Tagen nicht den Muth, das ihm ſo liebwordene Thal aufs neue zu betreten. Wohl aber erglimmte er bald einen der es begraͤnzenden Felſen, um herab zu ſehen, ob jemand in der Naͤhe des heiligen Brunnens zu entdecken ſey, oder ging an den Ausfluß des unterirdiſchen Wildbachs, angelte ſich, wenn es ſich gerade ſo traf, einige der darauf ſchwimmenden Blumen, und befe⸗ ſtigte ſie, halb wie traͤumend, an ſeinen Hut. Faſt zwei Wochen lang wollte es ihm nicht gluͤcken, irgend etwas an dem Quelle zu erſpaͤ⸗ hen, hen, und er wuͤrde zuletzt jeden weitern Ver⸗ ſuch aufgegeben haben, haͤtte ihm nicht haupt⸗ ſaͤchlich das wehe gehan, von irgend jemand, waͤr es auch unbekannter Weiſe, fuͤr einen Ver⸗ aͤchter der Heiligthuͤmer, fuͤr einen Ruchloſen, der auf vorſaͤtzlichen Mord gedacht, gehalten zu nyrden. Hieruͤber wuͤnſchte er ſich jeden Falls zu rechtfertigen, und ſollte er auch ſeine Entſchuldigungsgruͤnde blos den Hirten vortra⸗ gen, und dieſen ſeine weitere Vertheidigung uͤberlaſſen. Er beſchloß daher endlich, einmal ganz in der Naͤhe des Thals zu uͤbernachten, um ſich gleich mit Tagesanbruch auf ſeine hohe Warte zu verfuͤgen. Kaum erhellten die erſten Sonnenſtrahlen die Spitzen der Tannen auf dem Hochgebirg, als er mit ſeinem Jagdſtutz, doch dießmal keinem Wild auflauernd, auf einem Felshang ſtand, und kaum hatte das Gloͤcklein des Waldbruders zum Fruͤhgebet ermuntert, als er eine hohe Jungfrau ſchlank und leicht im Thale daher kom⸗ men ſah, die einen Korb mit Blumengewinden auf dem Kopfe, einen mit Lebensmitteln am linken Arme trug. Das Maͤdchen nahm von dem Caſtanienbaume die verwelkten Blumen ab, hieng friſche dafuͤr auf, und betete, andaͤchtig vor vor das Crucifix niedergeworfen, ihren Ro⸗ ſenkranz. Je laͤnger Ignaz der ſchoͤnen Andaͤchtigen zuſah, deſto unruhiger ſchlug ihm das Herz. War ſie gleich nur laͤndlich gekleidet, und we⸗ gen der kuͤhlen Morgenluft in ein weites blaues Tuch gehuͤllt, ſo ſchienen doch uͤber die hie und da ſich vordraͤngenden caſtanienfarbnen Locken unſichtbare Engel eine Krone zu halten; ihre Augen, von Glut des Gebets nur noch ſtrah⸗ lender, glaͤnzten wie freundliche Sterne, ihre Wangen, wie Roſen im Wiederſchein der Mor⸗ genroͤthe; ihre blendende Bruſt ſtieg und fiel in dem ſchwarzen Mieder, wie im Gartenbeet die Lilie zittert, wenn ſich im erſten Strahl der Sonne ihre Blaͤtter entfalten. Doch jetzt erhob ſie ſich wieder, ſtuͤrzte den Korb mit den welken und den Reſt der friſchen Blumen uͤber den Bach um, ſah ihnen ſinnig nach, und warf dann einen Blick gen Himmel, in dem Unſchuld, Sehnſucht und Liebe ſich abſpiegelten. Jetzt konnte der feurige Juͤngling nicht laͤn⸗ ger einen ſtummen Beobachter abgeben; er klet⸗ terte thalwaͤrts, und rief ihr noch von der ziem⸗ lich gefaͤhrlichen Steile ſein: Gelobt ſey Jeſus Chriſt! zu. Appol⸗ Appollonia— denn ſie war es in der That— ſtutzte, ſah nach der Hoͤhe, wo die Stimme her⸗ komme, und erkannte in ihm augenblicklich den Gemsjaͤger, deſſen Rohr ihr Leben bedroht hatte. Ein Schauer uͤberlief ſie; ſie verbarg ſich zuruͤck⸗ tretend hinter einer Tanne, lehnte die Stirn an den Stamm und ſah beklommen zur Erde. Ignaz wiederholte ſeinen Gruß, doch mit furchtſamerer Stimme; denn es konnte ihm nicht entgehen, daß ſie ſich ſeines Aeußern erinnere und ſeinen Anblick ſcheue. „In Ewigkeit!“ erwiederte Appollonia nicht ohne Aengſtlichkeit.—„Was ſuchſt du hier?“— ſetzte ſie dann hinzu—„Haſt du dich verirrt, ſo will ich dir gern den Weg zeigen; brauchſt du Le⸗ bensmittel, ſo nimm von dieſen; willſt du mich aber tödten, die dich nicht kennt, die dir nie ein Leid zugefuͤgt hat, ſo bedenk', daß die Strafe den Ruchloſen zu finden weiß, auch wenn kein menſchlich Auge die That ſah!“ Da lehnte Ignaz ſeine Buͤchſe an einen Stein, zog ſeinen Hut ab, ſtrich ſich die krau⸗ ſen Locken von der Stirn, legte ſeine Hand aufs Herz und erwiederte mit dem frommen Ernſt eines Schwoͤrenden:„Fuͤrchte nichts von mir! Die Thalhirten haben mir verkuͤndet, welchen Argwohn du gegen mich hegſt. Aber ſo wahr Gott — 42— Gott und ſeine Heiligen mir am Lebensend' ihr Auge zuwenden ſollen, ich habe kein Boͤſes ge⸗ gen dich im Sinne getragen. Nur die wilde Jagdluſt konnte mich verleiten, daß ich auf das Gemslein unterm heiligen Baume zielte. Doch ſobald ich das Crucifir und deine Geſtalt er⸗ blickte, die mir damals nur ein Engelsſchatten ſchien, erſtarrte vor Angſt Hand und Herz. Wenn ich dich toͤdtlich getroffen, haͤtte ich ja ver⸗ zweifeln, und mein Rohr gegen mich ſelbſt keh⸗ ren muͤſſen!“ Nach dieſen Worten erhob Appollonia freier aufathmend die lieblichen Augen, und legte die Hand auf die pochende Bruſt; nicht allein die feine Rede des Juͤnglings, ſondern noch mehr ſeine Froͤm⸗ migkeit, machten ſie ihm geneigt; ſie zog die Hand vom Herzen, bot ſie ihm zur Verſoͤhnung dar, und ſprach:„Wenn dem ſo iſt, junger Schuͤtz, ſo ſey dir alles vergeben. Vergieb auch mir meinen Argwohn und die Haͤrte mei⸗ ner Worte!“ Aber Ignaz, in deſſen Innern ſich jetzt, we⸗ gen dieſer Freundlichkeit, zu der gleich beim erſten Anblick erwachten Liebe auch ein Strahl von Hoffnung geſellte, wollte ſich mit der dar⸗ gereichten Hand, als Beweis des geſchloſſenen Friedens nicht begnuͤgen, ſondern bat um die Er⸗ laub⸗ u gle ton lo o L laubnis, die Dirn' eine Strecke Wegs zu be⸗ gleiten, ja wohl auch oͤfter in das Thal zuruck⸗ kommen zu duͤrfen. Laͤchelnd meinte Appollonia: ſie koͤnne ihm Beides nicht wehren; ſie gehe jetzt zum Einſiedler, dem ſie taͤglich Lebensmittel bringe, und die Thalſtraße ſey breit; Morgens und Abends komme ſie gewoͤhnlich an die Quelle, und jeder koͤnne daſſelbe thun; aber es lag in ihrem ganzen Weſen und Tone wohl etwas Mehreres, und da ſie ihn vollends beim Weitergehen erinnerte, auch die, von jedem Jaͤger ſo hoch gehaltene Buͤchſe nicht zu vergeſſen, die er vor Freuden faſt haͤtte ſtehen laſſen, da ward ihm gar leicht im Gemuͤth, alſo daß er ſie auch waͤhrend des Gehens, ſo viel ſich dieß ſchicken wollte, nach ihrem Herkommen, nach ihrem Aufenthalt, zuletzt auch nach ihrer beſondern Zuneigung zu der heiligen Quelle fragte. „Gnuͤgt es dir nicht, guter Gemsjaͤger,“— verſetzte ſie freundlich—„daß ich Appollonia heiße, mithin die Schutzheilige dieſer Quelle auch die meinige iſt und wohl mein Leben durch Abwendung deines Schuſſes gerettet hat, ſo will ich dir auch noch andere Gruͤnde nicht ver⸗ ſchweigen. Ich weidete einmal vor Jahren hier einige Laͤmmer, legte mich, laß vor Hitze unter den — 44— den Schatten dieſes Baums, und dachte— an Mancherlei. Zuletzt war ich eingeſchlafen, und erblickte im Traume uͤber mir in den Zweigen eine himmliſche Jungfrau'ngeſtalt; ich weiß ſelbſt nicht, war es St. Appollonia, oder die Hochge⸗ benedeite; doch glaube ich eher das letztere, weil ich zu Maria eben gebetet hatte. Die ſchoͤne Heilige beugte ſich uͤber mich und ſprach:„Sey getroſt, junge Hirtin! ich kenne deine geheim⸗ ſten Gedanken, und was zu deinem Frieden die⸗ net, werden die Wellen des Baches zu dir geleiten!— Hierauf verſchwand das Geſicht, und ich erwachte. Von dieſer Zeit an liebe und ehre ich die Quelle noch mehr, ob ich gleich nicht begreifen kann, wie ſie, die aus dem Fel⸗ ſen hervorſtroͤmt, mir mit ihren Wellen die Ge⸗ waͤhrung irgend eines Wunſches aus der Tiefe herauffuͤhren ſoll.“ Durch dieſe Worte ward Ignaz hoͤchlich er⸗ freut, und erzaͤhlte, das Drakel insgeheim auf ſich deutend, mit zaghaftem Lauſchen, wie er lange vergeblich den abermaligen Eingang in's Thal geſucht, und nur durch die Blumen, wel⸗ che ſich auf dem unterirdiſchen Ausfluſſe des Waldbachs gewiegt haͤtten, den Weg wieder ge⸗ funden. Zum Beweis zeigte er ihr die Blumen auf ſeinem Hute. Aber — —— — —*— N Aber Appollonia maß ihn ſchweigend mit den Augen, ſchuͤttelte dann betruͤbt den Kopf und beugte ſich traurig zur Erde, daß nun die reichen dunkelbraunen Locken, ihre Lilienhaut nur noch mehr erhebend, uͤber Hals und Schul⸗ tern herabwallten. Dann ſagte ſie leiſe mit halb⸗ wehmuͤthigem Laͤcheln:„Du biſt ſchlau, Gems⸗ jaͤger! ſcheinſt wohl auch ein wackerer Purſch, mit dem ein Maͤgdlein nicht ſchlecht fahren wurde— aber, an was ich damals gedacht hatte, muß ich ſelbſt am beſten wiſſen— und damit du dir nichts einbildeſt, du biſt das nicht! du kannſt das nicht ſeyn, was zu meinem Gluͤck dienet.“ „Doch iſt jetzt auch nicht die Zeit“— un⸗ terbrach ſie ſich ſelbſt—„laͤnger hievon zu reden. Siehe, dort iſt die Hoͤhle des Eremiten, und der wuͤrde es ungern ſehen, wenn du mit mir käͤmſt. Denn, wie er uͤberhaupt die Menſchen fliehet und meidet, ſo ſind ihm die Gemsjaͤger vor allen andern verhaßt, weil er dieſe fuͤr die boshafteſte, ruchloſeſte Menſchenart haͤlt. Du haͤtteſt nur hoͤren ſollen, was er ſagte, als ich ihm von der uͤberſtandenen Gefahr erzaͤhlte; nun will ich ihn eines beſſern deshalb belehren. So zieh' denn deines Wegs, guter Schuͤtz, und ge⸗ lange wohlbehalten in deine Heimath.“ Dieß Dieß geſagt, reichte ſie ihm nochmals mit gut⸗ muͤthiger Traulichkeit zum Abſchiede die Hand, und uͤberließ ihn ſeinen Gedanken.„Du biſt's nicht! du kannſt's nicht ſeyn! ſprach er leiſe vor ſch, und legte die Hand an die Stirn—„du biſt's nicht! und doch klingt in meinem Herzen der Ruf, ſie wuͤrde mein Gluͤck werden!“— Im⸗ 1 mer fortſinnend, und zuletzt ſehr niedergeſchlagen, ſchlug er den Weg nach ſeinem Berghauſe ein, und wiederhohlte ſich noch oft in der Nacht und . am fruͤhen Morgen die Worte:„Nein, du 1 biſt's nicht!“ Aber ſo ſehr jede Hoffnung von ihm gewi⸗ chen war, ſo konnte er es ſich doch nicht ver⸗ ſagen, faſt an jedem der kuͤnftigen Tage, wenn er auf die Jagd ging, den Weg nach der Quelle einzuſchlagen, wo er denn auch zuweilen die rei⸗ zende Dirne bald allein, bald in Geſellſchaft anderer Maͤdchen antraf. Sie bewies ſich ihm jedesmal hoͤflich und freundlich, ja ſogar vor allen andern Anweſenden ihm am meiſten geneigt, aber ſo oft er allein mit ihr ſprach, und etwas von ſeiner ge⸗ heimen Liebe verrieth, antwortete ſie mitleidig: „Nein! Es koͤnnte wohl ſeyn, aber es iſt nicht.“ Da nun Appollonia immer von dieſer Ant⸗ wort nicht abgehen, und eben ſo wenig einen ge⸗ nauen Grund angeben wollte, wurde Ignaz taͤglich ſchwer⸗ auc gan Lan dar Lät da ent ſin von chi au ve Fu kei ſchwermuͤthiger in ſeinem Innern, ſo daß zuletzt auch der guten Altmutter Elsbeth ſein jetzt ſo ganz veraͤndertes Weſen nicht mehr entgieng. Lange wollte es ihr nicht gelingen, die Urſache davon zu erforſchen, weil er vielmehr alles ins Läugnen ſtellte, oder wohl gar, wenn ſie laͤnger in ihn drang, ſeinen Unwillen bezeigte. Endlich, da er einmal, um ſich der Liebesgedanken zu entſchlagen, wieder ſein altes Welbſiuͤcklein an⸗ ſtimmte, und, ohne es zu wollen, die Stelle von dem zum Gluͤck eines friſchen Purſchen nöͤ⸗ thigen Liebchen nicht nur zweimal ſang, ſondern auch dann ſchwieg und recht tief ſeufzte, da verſpuͤrte Elsbeth in ihrem Herzen ſtatt des Kummers eine geheime Freude, faßte ihn bei der Hand, ſah ihm unter die Augen und ſprach: „Es muß heraus! Du haſt keinen Vater und keine Mutter mehr, haſt keine Schweſter und keinen Freund; wem kannſt du dein verborgnes Leid entdecken, armer Purſch! als deiner Alten, die dich von Kindesbeinen an mit erzogen, und mehr wohl, als andere den eignen Sohn, ge⸗ liebt hat? Ich weiß es laͤngſt, wo es dir ei⸗ gentlich fehlt, naͤmlich im Herzen, und kann das noch dazu nicht einmal fuͤr ein Ungluͤck an⸗ ſehen. Darum, wenn ich dir von Kindheit auf Treue und Liebe bewieſen, ſo vergilt ſie mir jetzt — jetzt mit wenig Worten, und ſag' an, was dich ſo bekuͤmmert?“ Dieſe Rede drang dem wackern Ignaz, der ja in der That einer theilnehmenden Seele be⸗ durfte, maͤchtig ans Herz, und er entſchloß ſich daher, Elsbeth alles zu erzaͤhlen, wie er an⸗ faͤnglich bei der Betfahrt ein junges Maͤdchen geſehen, und wegen dieſer ſpaͤterhin nie von einer Frau habe hoͤren moͤgen; wie er deß ungeachtet nunmehr eine zweite Dirn' gefunden und ihr ſeine ganze Liebe zugewandt habe; wie aber leider! nach allem Anſcheine fuͤr ihn nicht die mindeſte Hoffnung uͤbrig bleibe. Elsbeth ward durch dieſe Geſtaͤndniſſe, die ſie durch Ausdruͤcke der Verwunderung, ſo wie durch neugierige Fragen, bis ins Einzelne zu vervollſtaͤndigen wußte, immer mehr erfreut und ſah die Sache bei weitem nicht fuͤr ſo verzwei⸗ felt an, als Ignaz ſie darſtellte. Das Maidl, meinte ſie, moͤge auch ſagen, was es wolle, es ſey ihm dennoch nicht gram; er ſey auch kein Purſch dazu; habe Appollonia uͤbrigens Vermo⸗ gen, wo ſtecke da das Ungluͤck? Sey er auch nicht reich, doch ſey er kein Bettler! Kurz, er ſolle nur ihr folgen, friſchen Muth faſſen, ſich des eheſten im beſten Staate zu dem reichen Vater und Fabrikherrn auf den Weg machen, und und mit klaren Worten um die Dirn anhalten. Dieſe ſowohl als der Vater muͤßten ja keine Augen und kein Herz haben, wenn ſie am Ende nicht zuſchluͤgen. Durch ſolche, ſo oft moͤglich, wiederholte Vorſtellungen brachte ſie den Juͤngling, dem die Liebe immer heftiger zuſetzte, zu dem Ent⸗ ſchluſſe, ſein Heil zu verſuchen. Beſſer ſey es doch immer, dachte er bei ſich ſelbſt, im ſchlimm⸗ ſten Falle zu wiſſen, woran man ſey, als noch laͤnger zwiſchen Hoffnung und Zweifel ſich hin⸗ zutreiben, und das Leben in erſchlaffender Un⸗ thaͤtigkeit zu verbringen. Kaum hatte Ignaz der gutgemeinten Alten das Verſprechen gegeben, ihr zu gehorchen, als dieſe mit zu ihrem Leidweſen lang entbehrter Geſchaͤftigkeit alles herbeiſchafte, was ſie fuͤr nothwendig hielt, der Geliebten ihres Lieblings die Augen zu oͤffnen. Die lang in der Truhe verwahrt gelegene veilchenblaue Jacke, das Bein⸗ kleid von ſchwarzem, knapp anſchließendem Gem⸗ ſenfell, wurde eifrig gebuͤrſtet, Knopf und Buk⸗ kel des Leibgurts aufs blankſte geputzt; dem weißen Strumpf durfte der gruͤne Zwickel, dem grüͤnen Hute das Band mit goldner Franze, die Pfaufeder und ſonſtige Zierath nicht fehlen. D Alſo — 50— Alſo ſtattlich geſchmuͤckt enkließ ſie ihn eines Morgens, nicht ohne reichliche Freudezähren. Auch mußte ſie wohl, nicht bloß von muͤtterli⸗ cher Eitelkeit beſtochen, von ſeinem Aeußern ſich ſo guten Erfolg verſprochen haben; denn Alle, die den rauhen Gemsſchützen ſonſt wenig bemerkt hatten, blieben jetzt, da der maͤnnlich ſchoͤne Freier mit den blitzenden Augen, mit den bluhenden Wangen, mit dem ſchwarzen, von der Bergluft leicht gekraͤuſelten Haar, keck und leicht wie ein Edelhirſch, an ihnen vorbei ſchwebte, verwundert ſtehen, und bekannten einmuͤthig, einen ſo feinen, ruͤſtigen Juͤngling noch niemals geſehen zu haben. Nur ihm ſelbſt, der jetzt der Entſcheidung ſeines Gluͤcks entge⸗ gen gieng, war wieder aller Muth entſunken; er uͤberhoͤrte die Stimmen der richtenden Maͤn⸗ ner und Frauen, pfiff ſich verlegen die Weiſe ſeines Waldſtuͤckchens, und dachte dabei:„Ach, du biſt's doch nicht, den ſie meint!“ Rit jeder Viertelſtunde, mit der er ſich der gruͤnenden Alpe, mit jeder Minute, mit der er ſich der genau erforſchten Wohnung des reichen Martins mehr und mehr naäherte, ward es ihm immer baͤnger und heißer ums Herz. Als er aber nun von fern das Haus, als er davor eine Menge zierlicher Dirnen, mit Strohflechten und und Garnſpinnen beſchaͤftigt, als er zuletzt gar in ihrer Mitte Appollonia ſelbſt erblickte, die in reizender Stellung ſtickte, indeß das Gemschen zahm zu ihren Fuͤßen ruhte; da entgieng ihm vollends aller Muth, und er wußte kaum, ob er wieder umkehren, oder das Wageſtuͤck be⸗ ginnen ſolle Doch ſchon ward er gewahr, daß ihn Appol⸗ lonia ſcharf ins Auge gefaßt hatte, und mit ſtarren Blicken der Verwunderung nach ihm hinſah. So ſchritt er denn zagenden Herzens aufs neue vorwaͤrts. Appollonia, hold und ſchoͤn wie ein Altarengel, erhob ſich von ihrem Sitze, breitete weit die Arme gegen ihn aus, rief:„Du biſt's! du biſt's doch!“ und blieb dann erſchrocken ſtehen. Auch Ignaz ſtand, von wunderbarer Ahn⸗ dung beruͤhrt. Dann faßte er die Fingerſpitzen der hocherroͤthenden Jungfrau, und fragte leiſe: Da wies Appollonia auf die Rosmarin⸗ zweiglein mit Goldfaͤden durchflochten, welche Elsbeth unter anderer Zierath des Huts nicht vergeſſen hatte, fragte ihn mit hochathmender Bruſt:„Warſt du nie bei dem Gnadenbilde zum blutigen Herzen?“— und es bedurfte kei⸗ ner weitern Erlaͤuterung unter ihnen, daß ſie D 2 in —— — 32— in dem rauhen Gemsjaͤger den ſanften frommen Juͤngling am Brunnen nicht wieder erkannt hatte, daß das liebliche Kind, deſſen goldbraune Locken der Verfluß einiger Jahre die reizendſte Caſtanienfarbe verliehen hatte, und die herrliche, einem Engelsbild gleiche Jungfrau, Eins war⸗ Hiermit war denn eine Felſenlaſt von Igna⸗ zens Herzen gewaͤlzt, und er konnte nun, um nur ſein ganzes Schickſal baldigſt entſchieden zu ſehen, den vorher ſo gefuͤrchteten Augenblick kaum erwarten, wo er dem Vater der Gelieb⸗ ten ſein Anliegen wurde vortragen koͤnnen. So ruͤſtig daher, auf Appollonia's Wink die Maͤd⸗ chen hin und her eilten, um den ſchoͤnen Fremd⸗ ling nach Landesart mit Honigſchnitten und Kirſch⸗ geiſt gaſtfrei zu bewirthen, ſo erfuͤllte er doch blos die Pflichten der Hoͤflichkeit, und fragte Appollonia mit ſanftflehenden Blicken:„Kann ich deinen Vater nicht ſprechen?“ „Meinen Vater?“— verſetzte ſie traurig— „Martin iſt nur mein Oheim; aber fruͤh ver⸗ waiſt, bald nach dem Tode meiner Mutter, der meine Geburt das Leben koſtete, ihm uͤbergeben, und ſtets von ihm als Tochter gehalten, habe ich ihn immer Vater genannt. Auch weiß er' ſchon von meiner Neigung zu dem jungen Wall⸗ fahrter, und wird ſich nicht wenig verwundern, die⸗ dieſen mit dem eifrigen Gemsjaͤger vereint zu finden.“ Appollonia gieng hierauf in das Haus, kam bald wieder zuruͤck, und fuͤhrte dann Ignaz durch mehrere Werkzimmer zu Martin, der den ſtattlichen Brautwerber mit treuherziger Bieder⸗ keit empfieng und mit beſonderm Wohlgefallen betrachtete. Auch hoͤrte er im Ganzen ſeinen Antrag mit Zufriedenheit an, ſiußte nur bei Ignazens Namen auf ſonderbare Weiſe, ließ ſich von ſeiner Habe genauen Beſcheid ertheilen, rech⸗ nete ihm dann getreulich Appollonia's Mitgift vor, und ſchloß, nicht ohne einige Unruhe dabei zu aͤußern, mit der Verſicherung:„Wenn es der Heiligen und Appollonia's Wille iſt. Du gefaͤllſt mir, junger Purſch; ja, faſt ſcheint mir hiebei eine hoͤhere Einwirkung im Spiele. Alſo, vor mir in Gottes Namen! Doch eins duͤr⸗ fen wir nicht uͤbergehen. Der alte Eremit aver hat ſich von jeher Appollonia's auf das redlichſte angenommen; ſie darf daher einen ſo wichtigen Schritt nicht ohne deſſen Beirath un⸗ ternehmen; wendet euch denn beide an dieſen; von ſeiner Zuſtimmung haͤngt auch die meinige ab. Ignaz, obwohl uͤber dieſe Erklaͤrung etwas erſtaunt, war dennoch damit zufrieden. Er konnte konnte ſich nicht denken, daß die Einwilligung des Einſiedlers ſo ſchwer zu erlangen ſeyn werde. Etwas weniger ruhig hiebei ſchien jedoch Appol⸗ lonia, ob ſie gleich eingeſtand, daß ſie ſich ſelbſt faſt fuͤr verpflichtet halte, Taver wegen dieſer Angelegenheit zu Rathe zu ziehen. „Weißt du was, Ignaz?“— ſagte ſie zu dieſem, als er ſich nach einem laͤndlichen Mahle, erfreut uͤber den erhaltenen Beſcheid, wieder ent⸗ fernen wollte—„laß mich zuerſt mit Faver ſprechen; du kennſt ſchon ſeine wunderbare Ab⸗ neigung gegen die Gemsjaͤger; dieſe muß ich zuvor zu bekaͤmpfen ſuchen, und das ſoll noch heute geſchehen. Harre alſo meiner an der heili⸗ gen Quelle; dort will ich dich abrufen.“ Ignaz trennte ſich alſo an dem heiligen Baume von der Geliebten, und harrte dort ſehn⸗ ſuͤchtig auf ihre Zuruͤckkunft. Endlich ſah er ſie wieder durchs Gebuͤſch kommen, aber langſamen Schrittes und die Hand vor den Augen. „Wir ſollen nicht gluͤcklich werden!“— ſagte ſie weinend zu Ignaz—„wir muͤſſen uns zu vergeſſen ſuchen, wenn von dem Willen des Eremiten unſere Vereinigung abhaͤngig iſt. Nicht einmal anhoren wollte er mich. Mit unbeſieg⸗ barem Starrſinn bleibt der Greis dabei, ich ſolle, wem ich wolle, ſey es auch dem aͤrmſten Hirten, nur ——— ———„——— — nnr keinem Gemsjager, meine Hand geben; mit einer Heftigkeit, wozu ihm kein Recht zu⸗ ſteht, droht er mir widrigenfalls ſelbſt mit ſeinem Fluche!“ Indem ſich die Liebenden noch daruͤber be⸗ ſprachen, naͤherte ſich der Eremit ſelbſt, im auf⸗ gehenden Mondſchimmer einem umgehenden Geiſte nicht ungleich. Er trat auf ſie zu, und ſprach zu Ignaz mit dumpfer Stimme:„Klage mich nicht des Eigenſinns an, Gemsjaͤger! Appollonia hat mir berichtet, daß du ein from⸗ mes Herz in der Bruſt traͤgſt, daß du nicht die Abſicht hatteſt, ſie zu tödten und das Zei⸗ chen des heiligen Kreuzes zu entweihen. Aber die Lebensart der Gemsjaͤger iſt rauh und gott⸗ los; lange Gewohnheit kann auch den beſien verhaͤrten; ſie kann ihn zum Kain machen!“ „Du urtheilſt zu hart, Vater!“ fiel ſowohl Ignaz, als Appollonia, ein. „So hoͤre denn meine eigne Geſchichte, jun⸗ ger Purſch, und vernimm, was nach ſo langen Jahren, nach ſo harten Buͤßungen, noch immer mein Gewiſſen quaͤlt— hier, ſetzet euch beide zu mir, ich will euch die ungluͤcksgeſchichte er⸗ zaͤhlen, was es mich auch koſte. Noch ehe ich Juͤngling ward, faßt' ich eine ſchier bruͤderliche Zuneigung zu einem Knaben glei⸗ gleichen Alters. Wir durchſtrichen mit einander Waͤlder und Felſen, und wurden nimmer froh, waren wir nicht beiſammen. Als wir heran⸗ wuchſen, verließ er ſeine Heimath; ich blieb daheim und ergab mich der Gemsjagd. Endlich, nach langen Jahren, kehrte er zu⸗ ruͤck. Als wir uns beide, nun ſchon hochbe⸗ jahrte Maͤnner, auf einen ſteilen Felſen zum erſten Mal wieder ſahen— o es ſchien, als waͤr' die ganze Zwiſchenzeit vor uns verſunken, als lebte die Jugend wieder vor uns auf! Wir fielen einander um den Hals; wir herzten und kuͤßten uns; es ſchien uns beiden bis dahin etwas gemangelt zu haben, das uns mim erſt wiedergegeben ſey. Die Jagd ſelbſt hatte nun groͤßeren Reiz fuͤr uns, weil wir ſie oft verei⸗ nigt betrieben, oder uns doch trafen und ein⸗ ander von unſern Abenteuern erzaͤhlten; wir nannten die Gegend, die jeder von uns zu be⸗ gehen pflegte, anfaͤnglich im Scherz, zuletzt aber wohl ernſtlich, eines Jeden Revier. So verlief eine geraume Zeit; wir wurden älter, finſterer, muͤrriſcher; wir ſprachen weni⸗ ger mit einander, aber wir hatten uns darum nicht minder von Herzen lieb. Endlich ſtreute der boͤſe Feind Unkraut unter den Waizen. Als i ——— Als ich naͤmlich meinem alten Freund ein⸗ mal begegnete, erzaͤhlte er mir von einem gro⸗ ßen Hirſche, den er in meinem Revier aus⸗ geſpuͤrt habe.—„Haſt du ihn ſchon?“— fragte ich halb hoͤhniſch.—„Du wirſt mir ihn doch nicht nehmen!“— verſetzte er kurz. Wir ſchieden das erſte Mal in laut ausgeſpro⸗ chenem Unfrieden. Den naͤchſtfolgenden Tag ſtand ich fruͤhzeitig auf der Lauer. Der Hirſch wechſelte voruͤber; ich ſchoß; in demſelben Augenblicke fiel ein zweiter Schuß; ich ſprang auf meine Beute zu, und gab ihr vollends den Fang. Aber, da der Hirſch eben verendete, kam auch mein Camrad herzu, behauptete, den Hirſch geſchoſſen zu ha⸗ hen, und forderte ihn als ſein Eigenthum. Wir ſtritten daruͤber hitzig, und geriethen immer mehr in Heftigkeit; von Hader kam es zum Fauſtkampf. Mein Gegner, mir an Staͤrke uͤberlegen, uͤberwaͤltigte mich, nahm mir meine Buͤchſe, warf ſie in einen Abgrund, lud die ſeinige vor meinen Augen, ſetzte den Fuß auf den Hirſchwanſt, und fragte mich nun, ob ich noch des Hirſches begehre? Trotzig gieng ich meines Wegs mit der Drohung: Wir treffen uns ſchon!“ Wirk⸗ Wirklich trieb mich auch der boͤſe Feind, ihm mehrere Tage aufzupaſſen. Er kam endlich, hatte meine Buchſe wieder zu erlangen gewußt, und trug jetzt die ſeinige in der Hand, die meinige uͤber der Schulter. Hatte ich ſchon vorher Rache beſchloſſen, jetzt ward mein In⸗ grimm zur Wuth. Ich druͤckte mein Gewehr ab; mein Camrad ſtuͤrzte.—„Du war'ſt, Bruder?“— rief er roͤchelnd.—„Es reute mich laͤngſt; ich wollte dir eben dein Gewehr wieder bringen, wollte dir anbieten, dir den Schimpf naͤchſten Sonntag vor der Kirchthuͤr abzubitten.“— Er zuckte noch einigemal, und war dahin. Welche Angſt mich nun befiel, können Worte nicht ſchildern. Ich verſcharrte den Leichnam hier unter dem Baume, wo den al⸗ ten Herzensfreund meine Kugel traf. Aber mein Gewiſſen ließ mich von nun an nirgends raſten. Ich uͤbertrug meinem Bruder, der mein einziges Kind ſchon vorher zu ſich genom⸗ men hatte, die Sorgfalt dafuͤr und meine Guͤ⸗ ther, und begab mich ins Kloſter der Buͤßer. Aber auch da fand ich keine Ruhe, und erhielt endlich die Erlaubniß, hier als Einſiedler zu leben. Doch noch immer erſcheint mir das Bild des Getödteten in meinen Traͤumen.— Treuer — — — „ , i, ie o n⸗ Lreuer Baſtian, laß ab, laß ab, mich zu verfolgen! Baſtian?“— ſchrie Ignaz. „Baſtian Straub;“— erwiederte Taver mit hohlem Tone—„hoͤrteſt du jemals von ihm?“ „Verruchter! Moͤrder! Moͤrder meines Va⸗ ters!“ rief der Juͤngling mit wilder Bewegung. Der Einſiedler zitterte, warf ſich in halber Ver⸗ zweiflung mit dem Geſicht auf die Erde, ſtoͤhnte und bethete laut. Dann erhob er ſich ein wenig, und ſprach noch auf ſeinen Knieen:„Gott kann vergeben; vergieb auch du, junger Mann! Meine Kugel traf deinen Vater; die deinige zielte auf die Bruſt meiner einzigen Tochter, und nur ein Engel wandte die Blutſchuld von dir ab.“ Kaum hatte Appollonia dieß gehoͤrt, als auch ſie neben dem Einſiedler nieder ſank, und ihre Haͤnde bittend zu Ignaz aufhob, deſſen Herz jetzt zwiſchen Schrecken und Freude ge⸗ theilt war. Er kniete mit zu ihnen nieder; alle drei erhoben ihre Haͤnde zum Lenker im Himmel, und umarmten ſich dann mit Thraͤnen. Nach einigen Monden ſeegnete der Eremit ſelbſt die Liebenden ein, und kehrte dann, aller Bitten ungeachtet, in ſein Kloſter zuruͤck. Der reiche Martin uͤbergab als ein redlicher Vor⸗ mund 66„ mund Appollonia's Habe in Ignazens Haͤnde, und fuͤgte noch von dem Seinigen Manches hinzu. Das ganze Thal hallte von Freuden⸗ ſchuͤſſen wieder, als Ignaz, der aus Liebe zu ſeinen Aeltern das Berghaus nicht verlaſſen wollte, die reizende junge Frau nach ſeiner Heimath fuͤhrte, und die Gemſe, die er fruͤher hatte toͤdten wollen, folgte huͤpfend nach. Die geſchaͤftige Elsbeth wußte ſich vor Freuden nicht zu laſſen, als in der von ihr braͤutlich einge⸗ rrchteten Wohnung die ſchoͤne und reiche Appol⸗ lonia anlangte, und die gutmuͤthigen Waldhir⸗ ten, obwohl von Zeit zu Zeit auf Ignaz ſchel⸗ tend, daß er ihnen die Roſe des Thals entfuͤhrt habe, brachten den jungen Eheleuten am Abend des Einzugs ein Staͤndchen. Kind. es n⸗ ſ ſen ſet er ie ht n⸗ ⸗ Eine Eheſtandsgeſchichte. it⸗ el⸗ rt nd Von F anny Tarno w. Mu ernſtbewoͤlktei Blick ſtieg Caͤcilie in den Wagen, zu dem ſie der Kanzleirath Boyſen fuͤhrte, und der Kuß, den er zum Abſchied ſo bedeutend auf ihre Hand druͤckte, und der, bei der zum Sprichworte gewordenen Bedaͤchtlichkeit des guten Kanzleiraths, allen Umſtehenden fuͤr eine ofſicielle Erklaͤrung ſeiner Abſichten auf jene Hand gelten mußte, machte ihr Auge noch tuͤber, ihr Herz noch ſchwerer. Deſto freund⸗ licher nahm ihre Mutter Abſchied von Boyſen, der ihr in jeder Hinſicht als ein lieber und will⸗ tommener Schwiegerſohn erſchien. Caͤcilie war 26 Jahr alt, liebenswuͤrdig ohne eigentlich huͤbſch zu ſein, geiſtvoll, haͤuslich und gut; dabei aber arm und ohne Ausſicht fuͤr die Zu⸗ tunft, weil ſie, ohne eigenes Vermoͤgen, mit ihrer Mutter nur von einer Penſion lebte, die mit dem Tode der letztern aufhoͤrte. Durch ſich ſelbſt eine zu bedeutende Erſcheinung, um in dem Kreiſe ihrer maͤnnlichen Bekannten unbemerkt Pleiben zu können, war Cäcilie oft ausgezeichnet wor⸗ worden; doch die aͤußern Umſtaͤnde hatten nie ein ernſteres Verhaͤltniß beguͤnſtigt, und ſie war mit ſeltener Kraft dem Vorſatze treu geblieben, nie die Liebe und die Bewerbung eines Mannes gutzuheißen, oder auch nur zu dulden, der nicht in der Lage ſei, ihr ſeine Hand anbieten zu koͤnnen. Keine Liebelei hatte je die Wahrheit ihres Ge⸗ fuͤhls entweiht und die Tiefe deſſelben abgeflacht, und ihr Beruhen auf der Wuͤrde ihres ſtillen Selbſigefuͤhls war zu edel und zu feſt, als daß ſie je die Gattin eines Mannes zu werden ver⸗ mocht haͤtte, deſſen Karakter nicht Achtung ge⸗ bot. Die Mutter ehrte das Herz der Tochter, und die Freyheit ihrer Wahl; doch war ſie voll banger, ſchmerzlicher Sorge fuͤr Caͤciliens kuͤnf⸗ tiges Schickſal, wenn ſie ſich, nach ihrem Tode, unverſorgt und hulflos dachte. Natuͤrlich mußte ihr daher die Bekanntſchaft des Kanzleiraths Boyſen angenehm, und die Auszeichnung, mit der er ihre Tochter behandelte, um ſo willkom⸗ mener ſein, als er allgemein fuͤr einen rechtli⸗ chen, geachteten und dabei wohlhabenden Mann galt. Seit Jahren ſchon war er, wie man wußte, mit der Wahl einer Gattin beſchaͤftigt; aber der ganze Mann war ſo diplomatiſch, be⸗ hutſam und foͤrmlich, ſo aͤngſtlich und miß⸗ trauiſch, daß er, der das Ganze ſeines Lebens⸗ wie nie ar en, nes en. e⸗ ht, len ß e⸗ Re⸗ er⸗ oll de, te 5 wit lli⸗ unn n 3 he⸗ iß⸗ nö⸗ wie wie den unbedeutendſten, ſtuͤndlich wiederkehren⸗ den Vorfall des Tages, der Berechnung und der Vorſchrift ſeiner Vernunft unterwarf, den Umgang mit jedem Hauſe, wo ſich erwachſene Tochter befanden, mied, aus Furcht, man moͤge ihm eine ſolche Abſicht unterlegen, und er koͤnne, ehe er es wolle, ſich von Schicklichkeit und De⸗ corum ſo umſponnen ſehen, daß er nicht, ohne ſich dem Tadel und dem Gerede auszuſetzen, wieder zuruͤckzuſchleichen vermoͤge. Dieſe Furcht hielt ihn immer in den Grenzen einer oberfläͤch⸗ lichen Bekanntſchaft, bis ein Zufall ihn mit Ca⸗ cilien zuſammenfuͤhrte. Er hatte ſie in ihrem ſechzehnten Jahre gekannt, und damals ſehr huͤbſch und liebenswuͤrdig gefunden; allein er hatte beſchloſſen, nicht eher zu heirathen, als bis er das zu ſeiner haͤuslichen Einrichtung noͤthige Geld von ſeiner Einnahme eruͤbrigt ha⸗ ben wuͤrde, da ſein Vermoͤgen ihm nicht hinrei⸗ chend ſchien, dieſe ſtandesmaͤßig zu beſor⸗ gen, und er es fuͤr vernuͤnftiger hielt, noch einige Jahre unverheirathet zu bleiben, als ſich der Gefahr auszuſetzen, mit ſeiner Frau auf einem andern als auf einem Mahagoniſopha ſitzen zu muͤſſen. Auch zog ihn fuͤr ſeine Grund⸗ ſaͤtze ſeine Neigung damals zu maͤchtig zu Caci⸗ lien, da er entſchieden hatte, nur ſeine Ver⸗ E nunft ——— nunft duͤrfe ihn, unbeſtochen vom Herzen, in der Wahl einer Gattin leiten. Er vermied des⸗ halb jedes Zuſammentreffen mit ihr, und da beide in Geſellſchaftszirkeln lebten, die ganz ab⸗ geſondert von einander waren, ſo hatten ſie ſich in den letztern Jahren nur ſelten geſehen und noch ſeltener geſprochen. Boyſen mußte— d. h. er hatte es geleſen— daß die Bildung des Mannes ohne Frauenumgang unvollendet bleibe, und da er nun einen großen Werth darauf ſetzte, gebildet zu erſcheinen, und doch, aus dem ſchon angefuͤhrten Grunde ihrer Ver⸗ faͤnglichkeit, die Annäherung an unverheirathete Frauenzimmer mied, ſo bemuͤhete er ſich um den Platz eines Hausfreundes in einigen toͤchterloſen Haͤuſern, und erhielt ihn, ohne je die Eifer⸗ ſucht der Maͤnner zu reizen, weil man es all⸗ gemein anerkannte, daß ſich ſeine Anſpruͤche in ſolcher Eigenſchaft auf ein ſehr unverdaͤchtiges Cicisbeat einſchraͤnkten. Das Hageſtolzenweſen, das er nach und nach im Laufe der Jahre an⸗ nahm, war mit ſeiner Selbſtthuͤmlichkeit zu uͤbereinſtimmend, um ihm druͤckend zu werden, und unfaͤhig in ſeiner vereinzelten Lebensweiſe etwas zu entbehren und ſein Gemuͤth durch ihre Genuͤſſe unbefriedigt zu fuͤhlen, waͤre es ihm voͤllig recht geweſen, ſein Daſein ſo zu be⸗ K. des⸗ da ſe hen ung det rth h, er⸗ hete den ſen — 67— ſchließen, wenn er es nicht fuͤr ſtaatsbuͤrger⸗ liche Pflicht gehalten haͤtte, ſich zu verheirathen. Durch das Zuſammentreffen verſchiedener Um⸗ ſtaͤnde ward er belehrt, daß es Zeit werde, mit Ernſt an die Ausfuͤhrung ſeines Entſchluſſes zu denken, als er zufaͤllig in einer Geſellſchaft Caͤcilien traf. Sie erſchien ihm an dieſem Tage ganz beſonders verſtaͤndig und beſonnen, und da ihre Bildung, ihre Wirthſchaftlichkeit und ihr unbeſcholtener Ruf ihr, auch nach vergeſſener jugendlicher Zuneigung, ſeine Achtung erhalten hatten, ſo ſuchte er den Zutritt in ihrem Hauſe. Er ward, da er ihn erhalten hatte, bald taͤgli⸗ cher Gaſt in demſelben, und war im Verlauf einiger Monate Cäciliens Verehrer in einer Sichtlichkeit, die nicht bloß allen ſeinen genau⸗ ern Bekannten— Freunde hatte er nicht— ſondern auch dem Publikum fuͤr einen ſichern und zuverlaͤſſigen Beweis ſeiner ernſtlichen Ab⸗ ſichten auf Cäciliens Hand galt. Nie hatte ſich ſein Vorſatz deutlicher offen⸗ bart, als gerade an einem Tage, wo ſich eine zahlreiche Geſellſchaft zu einer Landparthie ver⸗ einigt hatte. Mit ungeduldiger Sehnſucht er⸗ wartete er, da er fruͤher angekommen war, Caͤcilien, und eilte ihrem Wagen entgegen. Ihr bot er beim Ausſteigen den Arm, obgleich ſo⸗ E 2 wohl — wohl ihre Mutter als noch andere verheirathete Frauen mit ihr gekommen waren; ihr Begleiter blieb er waͤhrend des Spazierganges, ihr Nach⸗ bar bei Tiſche, und das alles mit einer ſo be⸗ deutenden, ſich ſelbſt zur Schau ausſtellenden Gefliſſenheit, daß es dadurch bei ihm, deſſen Stolz und Streben darauf gerichtet war, ſich nie von irgend einer Wallung des Gefuͤhls zu einer unbedachten Aeußerung, zu einem nicht genau abgewogenen Worte hinreißen zu laſſen, einem nur zu deutlich beſtimmten Karakter annahm. Cäcilie ſelbſt fuͤhlte dieß mit tiefem, wehmuthi⸗ gem Ernſt; ihr Sinn und Weſen hatten ſich, wie es in ihren Jahren und in ihrer Lage auch nicht anders ſeyn durfte, allmählig einer ſtillen und ſchmerzloſen Reſignation zugewandt und, da ſie ſich beſtimmt glaubte, unverheirathet zu blei⸗ ben, war ſie ſich ſelbſt in dem klar, was ſie noch vom Leben fordern duͤrfe und von ihm zu erwarten habe, um mit dem Leben und ſich ſelbſt im frommen Frieden eines ſchuldloſen Gemuͤths einig zu bleiben. Daher uͤberraſchte es ſie nicht wenig, als ihr nun ganz unerwartet das Bild andrer Lebensverhaͤltniße ſo nahe geruͤckt wurde. Sie konnte es nur als eine ehrenvolle Auszeich⸗ nung empfinden, daß ein Mann, wie Boyſen, ſie waͤhlte; aber eben dieſe Anerkennung ſeines mora⸗ hele iter ch⸗ be⸗ nden eſſen ſch zu ſicht ſſen, hm. hi⸗ ſich, auch llen blei⸗ ſie nſ elbſt ichs nicht Sild rde. eich⸗ ſen, ines ora⸗ moraliſchen Werthes machte ihren Zweifel, ob er mit ihr, ſie mit ihm glucklich werden wuͤrde, ſo ſchmerzlich. Ihrer Mutter entging der Kampf in ihrem Gemuthe nicht„und wenn ſie es aus Zartgefuͤhl vermieden hatte, mit ihrer Tochter von Boyſens Betragen gegen ſie zu reden, ſo lange dieſes nur die Maoͤglichkeit einer ernſteren Annaͤherung verrieth: ſo glaubte ſie ſich doch nach den heutigen Ereigniſſen berech⸗ tigt, Caͤcilien auf den Antrag vorzubereiten, von dem ſie vorausſah, daß er in den naͤchſten Ta⸗ gen erfolgen wuͤrde. Mit dem Ernſt und mit der ruͤhrenden, herz⸗ erſchuͤtternden Innigkeit der Mutterliebe und Muttertreue beſchwor ſie Caͤcilien, der Vernunft jetzt die erſte Stimme und ihr im Tode die Be⸗ ruhigung zu goͤnnen, ſie unter dem Schutze ei⸗ nes achtungswerthen Mannes, geſichert gegen die Schreckniſſe der Vereinzelung und der Duͤrf⸗ tigkeit, zuruͤckzulaſſen. Mit ſanften Thraͤnen zuͤßte Caͤcilie die Haͤnde der geliebten Mutter— ach! dieſe ahnete nicht, daß die Sorge um ſie das Herz der Tochter im bitterſten Schmerze beaͤngſtigte, da Caäcilie es ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen wußte, daß die Erſchoͤpfung aller Staats⸗ taſſen die Auszahlung der Penſionen fuͤr das naͤchſte Jahr ummoͤglich machte, und die Duͤrf⸗ tig⸗ — 5— tigkeit, deren Bild bei dem Plicke auf Cäciliens Zukunft das Mutterherz ſo beaͤngſtigte, ſchon jetzt ihr beiderſeitiges, unvermeidliches Loos war, wenn ihre Verbindung mit Boyſen ſie nicht da⸗ vor ſchuͤtzte. Vier Wochen ſpaäter ſchrieb Caͤcilie an eine aͤltere, von ihr verehrte Freundin fol⸗ genden Brief: „Dieſes Blatt, theure Henriette, bringt Ihnen eine Nachricht, die ſie befremden wird, wie ſie mich noch oft befremdet, wenn mir gleich ſchon Wochen geworden ſind, mich mit ihr be⸗ kannt zu machen. Ich bin verlobt, Theuerſte, und moͤchte Ihnen das gerne mit der ernſten Ruhe ſchreiben, mit der ich mich, es zu denken, bemuͤhe. Dieſe unerwartete Umaͤnderung meines Schickſals iſt in meinen Jahren ſchon an und fuͤr ſich proſaiſch, und nun auch in dieſem Falle ſo proſaiſch herbeigefuͤhrt, daß ſich wenig davon erzaͤhlen laſſen wird. Und doch, Henriette, wuͤnſch⸗ te ich dieſen Brief ſchon vollendet zu haben! Nicht ohne Urſache habe ich es geſcheut, ihn zu ſchreiben; ich bin ſonſt ſo feſt und heiter, und nun, da ich mich zu Ihnen wende, wird es mir ſo bange um das Herz, und ſo truͤbe vor den Augen. Gegen Sie war ich ſtets ſo offen; meine ganze Seele war immer ohne Ruͤckhalt, ohne Falte, wenn ich mit Ihnen ſprach, und nun iſt es — — ſens chon war, da⸗ icilie fol⸗ ingt ird, leich be⸗ rſie, nſten ken, ines mir hen eine hne iſt 8 E es wohl zum Letztenmal, daß ich dies Gluck ei⸗ nes unbedingten Vertrauens genieße, ja viel⸗ leicht iſt meine OPffenheit jetzt ſchon Unrecht. Wenn ich mich kuͤnftig nicht glucklich fuͤhle, iſt es ja meine Pflicht, Allen zu verbergen, daß ich's nicht bin.— Mein Verlobter iſt der Canzleirath Boyſen; und in Hinſicht auf Stand und Einkommen das, was man eine gute Parthie zu nennen pflegt. Er iſt ein gelehrter Juriſt, ein vortrefflicher Staatsbuͤrger, ein allgemein wegen ſeines Flei⸗ ßes, ſeiner Kenntniſſe und ſeiner ſtrengen Recht⸗ lichkeit verehrter Richter. Ernſt, bedaͤchtig und abgemeſſen im Reden, Denken und Thun wie im Wollen und Empfinden verletzt er gewiß keine Pflicht; ſeine Tugend, ſeine Moral, ſeine Grund⸗ ſätze, Alles iſt bei ihm zur poſitiven Rechtslehre geworden und er erſchien mir ſchon vor zehn Jahren, als ich ihn kennen lernte, wie der perſonificierte kategoriſche Imperativ, von dem in jener Zeit unter den Gelehrten viel Redens war. Damals machte er mir den Hof— da⸗ mals ſtaunte ich ſo willig bewundernd ſeinen Geiſt, ſeinen Ernſt und den Ruf ſeiner Gelehr⸗ ſamkeit an, die dem ſechsundzwanzigjaͤhrigen Mann— Juͤngling iſt er nie geweſen— das Gewicht und das Anſehen eines bewaͤhrten und geach⸗ geachteten Staatsdieners geben;— damals haͤtte ich mich, ſo jung, ſo biegſam und ſo beſchraͤnkt in meinen Lebensanſichten, durch ſeine Wahl hochgeehrt gefunden und mit recht herzlicher Freudigkeit und Hoffnung ihm meine Hand gereicht, und wie Vieles waͤre denn auch anders als jetzt! Ich haͤtte ihn geliebt und er mich vielleicht auch— aber ſein Widerwille ge⸗ gen poetiſch geſtimmte Frauenzimmer entfernte ihn wahrſcheinlich in jener Zeit von mir.— Jetzt nach zehn Jahren findet er mich verbluͤht, gealtert und erkaͤltet wieder und bietet mir ſeine Hand, nicht weil er mich liebt— das muß ich ja fuͤhlen und wiſſen— ſondern aus wahrer Hochachtung, und der in ihm tief begruͤndeten Ueberzeugung, daß ich, als ſeine Frau, meine Pficht ſtrenge erfuͤllen werde.— Liebe Hen⸗ riette, welch eine zum Erfrieren vernuͤnftige Ehe wird das werden! Weiß ich doch jetzt ſchon als Braut beſtimmt, was wir vom erſten bis zum letzten Tage derſelben vergoͤnnt ſeyn wird zu thun und von meinen Gedanken und Em⸗ pfindungen zu aͤußern! Iſt doch unſre ganze Le⸗ bensweiſe im Voraus ſo feſt geregelt, daß ſie keinen Einfluß von Geiſt und Herz auf den Mechanismus ihres Triebwerkes geſtattet!— Ich verkenne das Gute einer ſolchen wie von Töp⸗ fer⸗ — ——— ne ine e ferhand abgezirkelten Form des haͤuslichen Lebens nicht, wo der Vorſchrift Alles unterworfen und der Neigung, und der Freiheit ſelbſtthuͤmlicher Entwickelung gar kein Spielraum vergoͤnnt iſt; aber ich frage mich doch noch zuweilen mit ſtil⸗ ler Wehmuth: darf denn nur der Mann ſein Leben zum Kunſtwerke adeln, und muß das Weib ſich durchaus darauf beſchraͤnken, das ſei⸗ nige wie ein zunftmaͤßiges Handwerk zu trei⸗ ben?— Schelten Sie mich nicht, Henriette; ich fuͤhle, wie Ihnen der Ton, in dem ich ſpreche, mißfallen muß; aber wuͤßten Sie es ganz, wie ich dieſe Verbindung anſehe, Sie waͤren doch mit mir zufrieden. Boyſen ſoll gluͤcklich werden, ſich glucklich fuͤhlen, und in mir ganz die Frau nach ſeinem Sinne finden; das habe ich mir mit der ganzen Kraft meines Willens gelobt und ich ſetze mein Leben an dies Geluͤbde. Ich kann dabei vergehen, aber ge⸗ wiß nie dieſen Vorſatz untreu werden, und wie koͤnnte ich mich ſelbſt achten, wenn ich ohne die Sicherheit eines ſolchen Entſchluſſes die Hand dieſes Mannes angenommen haͤtte? Daß ich es abe bei dieſer, zu jeder Selbſtverleugnung entſchloſſenen Reſignation wehmuͤthig empfinde, daß ich, um Boyſen gluͤcklich zu machen, ſo wenig meines Herzens, als der beſten und ei⸗ gen⸗ genthuͤmlichſten Eigenſchaften meines Gemuͤths beduͤrfen werde— welche Moral kann mir das verbieten? Sie werden fragen, warum ich dann ſeine Hand angenommen habe, und ich antworte Ihnen, weil ich mich wahrhaft durch den Be⸗ ruf geehrt finde, in dem achtungswerthen Staatsbuͤrger den Menſchen zu begluͤcken und dadurch in ihm das rein Menſchliche zu be⸗ wahren— weil ich unverheirathet mein Leben wohl hoͤher an Gluͤck, aber nie ſo hoch an treuer, Gott wohlgefaͤlliger Pflichtuͤbung hätte ausbringen können, und weil dieſe Verbindung meiner Mutter ein ſorgenftreies Alter ſichert. Dieſe wird kuͤnftig bei uns wohnen und Boy⸗ ſens Charakter gewaͤhrt mir die Sicherheit, daß er ein guter Sohn gegen ſie ſein wird. So ruht denn ein ſchoͤner Segen auf dieſer Ent⸗ ſcheidung meines Schickſals— er wird nicht unerfuͤllt bleiben. Geben Sie mir auch den Ihrigen, und die Freundſchaft meiner Henriette verhuͤlle ſanft und heilend die wunden Stellen meines Herzens.“ Cäcilie. Caciliens Verbindung verzogerte ſich noch um einige Monate, weil Boyſen, im Auftrag ſeiner **=„*— X . ſeiner Regierung, eine Reiſe machen mußte. In dieſen Zeitraum traf der Durchmarſch eini⸗ ger engliſchen Regimenter durch ihren Wohnort, die, in Stralſund gelandet, jetzt durch die noͤrdlichen Provinzen Deutſchlands nach Holland zogen. Auch in Caͤciliens Wohnung ward Quartier fuͤr einen Major und einen Lieute⸗ nant angeſagt. Es war ein truͤber regnichter Novem⸗ bertag, als ſpaͤt am Abend die angekuͤndigten Gaͤſte vor das Haus geſprengt kamen. Cacilie ging ihnen entgegen und hoͤrte ſich, zu ihrer Freude, mit einigen gebrochenen deutſchen Wor⸗ ten angeredet, welche die Bitte enthielten, den Damen des Hauſes ſeine Aufwartung machen zu duͤrfen, ſobald der Sprecher vom General zuruͤckkomme, der ihn zu ſich beordert habe. Dieſe Worte wurden flchtig geſprochen, flͤch⸗ tig beantwortet, und Caͤcilie wandte ſich um, ihrem Maͤdchen zur Aufnahme der Bedienten noch einen Auftrag zu geben, als jetzt, da ſie in das Zimmer zuruͤcktreten wollte, ein dem Anſchein nach zehn bis elfjähriger Knabe, in vollem militaͤriſchen Anzug, mit der Grenadier⸗ muͤtze und dem Gewehr uͤber der Schulter vor ihr ſtand, und ſittig gruͤßend, in ſehr ge⸗ laͤufigem Deutſch fragte, wo er denn bleiben ſolle? Gehoͤren Sie auch zu den Dienern des Ma⸗ —— Majors? fragte ſie.— Ich, ich bin Pfficier, antwortete der Kleine erroͤthend, und hier iſt mein Billet. D mein Herr Lieutenant, ſagte Caͤcilie laͤchelnd, verzeihen Sie meinen Irr⸗ thum und treten Sie hier herein. Sie oͤffnete das Zimmer und ſtellte den kleinen bluͤhend huͤbſchen Gaſt ihrer Mutter vor, die bald er⸗ fragte, er heiße James Scott, ſei ein Sohn des Majors, und mache den Feldzug als Frei⸗ williger mit. Der Thee wurde gebracht, und James fuͤhlte ſich in der erſten Viertelſtunde ſehr erfreut, wie zu Hauſe. Caͤcilie hoͤrte ſei⸗ nen Erzaͤhlungen mit Vergnuͤgen zu, da ſie ſein Vaterland— er war ein Schotte, in Ar⸗ gyle geboren— liebte und der aufblitzende Muth des Knaben und ſein Natianalſtolz ihn auch wirklich in einem Alter, das man ſonſt, derb aber wahr, die Bengelfahre zu nennen pflegt, zu einer intereſſanten Erſcheinung mach⸗ ten. Caͤcilie ſprach von der engliſchen Armee, die ſich damals in Spanien unſterblichen Ruhm ecwarb. So muͤſſen Sie nicht ſagen, Miß, ſagte er ihr, unwillig erroͤthend. Es giebt ſo wenig eine engliſche Armee, als eine ſchottiſche, ſondern nur eine brittiſche, zu deren ausgezeich⸗ neteſten Regimentern das unſtige gehort. Sie haben doch, fuhr er, wieder freundlich wer⸗ dend, dend, fort, von unſerm großen Feldherrn Wel⸗ lington reden hoͤren?— Wer haͤtte das nicht!— Und auch von der Schlacht bei Vit⸗ toria?— Ja wohl; aber ich höre doch ſehr gern davon reden, erzaͤhlen Sie uns nur recht ausfuͤhrlich, wie es dabei herging.— Er be⸗ gann nun die Taſſen und das Theezeug auf dem Tiſche zu ordnen, um ihr die Stellung der Armeen zu verdeutlichen, und erzählte dann wie Wellington, der das Regiment, worunter er(James) jetzt diene, beſonders liebe, es auch in jener Schlacht auf den entſcheidenden Punkt zur Unterſtuͤtzung herbeizufuͤhren, beordert habe. Der Ton des Knaben ward immer ernſter, ſein Blick feuriger, ſeine Farbe lebhafter, und wie er nun an tas Ende des Kampfes kam, es ſchilderte, wie tapfer ſein Regiment ſich ge⸗ halten habe, und mit den Worten ſchloß: 17 Officiere von unſerm Regiment lagen todt auf dem Wahlplatz, und nur 4 blieben unverwun⸗ det, aber wir hatten auch Vittoria,— da fuͤll⸗ ten ſich ſeine Augen mit Thraͤnen, und Caͤcili⸗ ens Blick ruhte mit inniger Ruͤhrung und ach⸗ tungsvoller Liebe auf ihm, als ſich die Thuͤre öffnete, und ſein Vater, der Major Scott, hereintrat. Der ſeelenvolle Ausdruck ihrer Zuͤge in dieſem Augenblick, dieſe Verklaͤrung liebe⸗ voller voller Theilnahme, mit der ihr Auge auf ſei⸗ nem Sohn ruhte, machten einen tiefen Eindruck auf ihn, den die frohe Kindlichkeit, mit der ſich James, bei der Freundlichkeit beider Frauen, ſchon ganz zwanglos und einheimiſch in ihrer Wohnung fuͤhlte, noch verſtaͤrkte. Major Scott war in ſeiner aͤußern Erſchei⸗ nung groß und edelgeſtaltet, und aus ſeinen dunkelblauen Augen ſtrahlte mit dem Helden⸗ muth des Kriegers zugleich die Reinheit ſeiner ſchoͤnen Seele in der Klarheit eines ganz unbe⸗ woͤlkten milden Feuerblicks. Ein Hochlaͤnder von Geburt, hatte er auf ſeinen Feldzuͤgen in Dſtindien, Irland und Holland keine Gelegen⸗ heit verſaͤumt, ſeine Kenntniſſe zu erweitern. Der Anblick großer Naturſcenen hatte ſeinen angebornen poetiſchen Sinn entwickelt und ge⸗ läͤutert, und die Entfernung von dem bunt ver⸗ flochtenen Treiben unſter Weltklugheit ſeinem Karakter das Gepraͤge einer ganz unbeſchreib⸗ lichen Einfachheit und Treuherzigkeit, ſeinem Herzen eine noch ſeltnere Wahrheit und Guͤte erhalten. Was Caͤcilien in ihm beſonders anzie⸗ hend erſchien, war ſeine Leidenſchaft fur des Vater⸗ landes Ruhm, des Vaterlandes Glorie! Wie funkel⸗ te ſein Auge, wie hob ſich ſeine Bruſt, wie raſch ſprach er, wenn es Britanniens Verherrlichung und den Preis Preis ſeiner Conſtitution galt! Dieſer freie Sohn eines freien Landes wurde fuͤr Caͤcilien in der Waͤrme ſeiner Begeiſterung, in der Tiefe und der Poeſie ſeines Gemuͤthes, und dem ſonſt wehmuͤthigen und ſtillen Anklang der Liebe und des Kummers, der ſo ruͤhrend in ihm anſprach, zu einer ganz neuen Erſcheinung, die mit allen Bildern ihres bisherigen Lebens in keinem Zuſammenhang ſtand. Nie hatte ſie ſich ſo angenehm unterhalten gefuͤhlt, nie war ſie ſelbſt mittheilender und liebenswuͤrdiger gewe⸗ ſen, als an dieſem Abend. Das Regiment hatte in dieſer Stadt einen Raſttag, und ſo blieb denn noch der ganze fol⸗ gende Tag einer Unterhaltung gewidmet, die mit jeder Stunde an Reiz und Gehalt gewann. Man ſah es Scott an, wie glucklich er ſich in dieſer Umgebung fuͤhlte, und eben ſo wenig verhehlte er den Eindruck, den Cacilie auf ihn machte, und der ſich wie ein reines, inniges Wohlwollen und Gefallen an ihrem Sein und Weſen, wie eine herzliche Freude an ihrer Un⸗ terhaltung ausſprach. Am Abend dieſes zweiten Tages riefen haͤusliche Geſchaͤfte die Mutter ab; Caͤcilie blieb mit Scott allein, und er er⸗ zaͤhlte ihr aus ſeinem fruͤheren Leben, und nannte ihr den Namen ſeiner vor einigen Jah⸗ ren — 80— ren verſtorbenen, von ihm innig geliebten Frau, welcher der Gram der langen Trennung von ihm das Herz ſchon gebrochen hatte, als er nach vieljaͤhriger Abweſenheit zu ihr zuruͤckkam. Jamens war ſein aͤlteſter Sohn; die Geburt des zweiten koſtete der von Gram und Kummer ermatteten Mutter das Leben. Seit ihrem Tode lebte Scott ganz einſam.— Sein Re⸗ giment bekam wenig Monate nachher Befehl, ſich von neuem einzuſchiffen, und da es ihn un⸗ moglich duͤnkte, ſich von dem Schmerzenskinde, dem juͤngſten Sohn, zu trennen, ſo ließ er die⸗ ſen entwoͤhnen und nahm ihn mit. Den Krie⸗ ger, den Mann, den Vater ſchreckte nicht das Bild der mohſamen, unermuͤdeten Sorgfalt, die die Pflege eines ſo kleinen Kindes erfordert', und Gottes Segen lohnte dieſe ſeltene Vater⸗ treue; der kleine Edward wuchs bluͤhend und kraͤftig heran, zur Freude aller die ihn ſahen. Jetzt aber, da das Regiment den Befehl er⸗ hielt, ſich nach Deutſchland einzuſchiffen, einem Lande, das Scott ganz fremd war, und deſſen Sprache er nicht verſtand, drang alles in ihn, Edward in England zuruͤckzulaſſen. Er gehorchte dem Zureden ſeiner Freunde und der Vernunft, und nahm dafuͤr James mit ſich. Edward blieb bei ſeiner Großmutter, deren Zaͤrtlichkeit und Sorg⸗ ——— —— n⸗ ie⸗ ie⸗ — 81— Sorgſamkeit Scott kannte; allein 4 Wochen nach ſeiner Ankunft in Stralſund erhielt er die Nachricht von dem Tode des bluͤhenden Kindes. Ein Fall von der Treppe hatte es getodtet. Das Weſen, dem man ſolche Schmerzen ver⸗ traut, vor dem man ſolche Thraͤnen vergießt, wie Caͤcilie ſie waͤhrend dieſer Erzaͤhlung in Scotts Augen ſah, hoͤrt auf uns fremd zu ſein, und iſt es eigentlich wohl nie geweſen, da nur der Zug einer geheimen innern Verwandſchaft ein ſolches Vertrauen zu erzeugen vermag. Scott und Caͤcilie wenigſtens fuͤhlten es ſeit dieſer Unterredung, daß ſie ſich beide unvergeß⸗ lich geworden waren. Scott ſprach nur wenig deutſch, da er erſt ſeit wenigen Monaten in Deutſchland war, und nicht in ſo ununterbrochenem und vielfachem Verkehr mit den Einwohnern gelebt hatte, als James, der in Stralſund die Schule beſucht und ſich die fremde Sprache mit der leichten Faſſungsgabe ſeines Alters angeeignet hatte. Eben ſo gebrochen ſprach Cäcilie engliſch, doch eben dieſe Unvollſtändigkeit der wirklichen Mittheilung ward ihrer Unterhaltung zum neuen Reiz, da ja das was nicht geſagt und doch verſtanden und beantwortet wird, immer F das — 82— das Beſte in jeder Unterhaltung iſt. Am an⸗ dern Morgen mußte man ſcheiden. Alle waren bewegt. Scott ſprach die Hoffnung aus, in der naͤchſten Provinz mehrere Wochen mit dem Re⸗ giment weilen zu duͤrfen, und bat um Erlaub⸗ niß, dann zum Beſuch wieberzukommen. Es iſt zu weit, lieber Major, antwortete ihm Cä⸗ cilie, und unſre hieſigen Wege im Winter ſo ſchlecht, daß wir es uns wahrlich nicht erlauben duͤrfen, auf die Erfuͤllung dieſes Verſprechens zu rechnen.— Weit) Miß, wenn ich wieder hier kommen ſoll? dreißig Meilen ja nur, und ich die wol in einem Tag reiten will, um Sie zu ſehen, und bis dahin ich alle Tage deutſch ler⸗ nen, viel lernen will, um mit Ihnen viel ſpre⸗ chen zu koͤnnen; ich Ihnen jetzt nicht ſo ſagen tann, wie ich meine hier;— er legte die Hand auf ſein Herz— aber Caͤcilie war zu ſehr daran gewoͤhnt, den Ausdruck des Gefuͤhls durch Wortformeln entſtellt zu ſehen, als daß er ihr jetzt in ſeiner einfachen Wahrheit, in der Tiefe ſeiner Bedeutung haͤtte offenbar werden ſollen. Sie entließ ihn mit freundlicher ach⸗ tungsvoller Theilnahme, und ſprach nach ſeiner Abreiſe noch oft und gern von ihm mit ihrer Mutter, die es gleichfalls mit wohlwollender Ruͤhrung anerkannte, wie einfach gut und un⸗ be⸗ ren der ub⸗ Es Ci ben ns ier z ler⸗ ne⸗ en und ehr hl beſchreiblich wahr und herzlich ſich ihnen der Fremdling gezeigt habe. Nach wenig Tagen kam ein Brief von ihm, den Caͤcilie beantwortete, und dem bald mehrere folgten, die ſie, durch die Schnelligkeit ſeiner Fortſchritte in Erlernung unſrer Sprache, in Erſtaunen ſetzten. Der Inhalt derſelben war aber durch ſeinen geiſtigen Gehalt ſo anziehend, daß ohne jrgend eine geheimere Beziehung, ſich das Intereſſe dieſes Briefwechſels daraus er⸗ klaͤren ließ. Scott kannte die Literatur ſeines Vaterlandes ſehr genau und umfaſſend; er ſelbſt war ein von den Britten geſchaͤtzter Dichter, und dabei voll der regſten Werthſchaͤtzung und des lebendigſten Sinnes fuͤr die Nationalitaͤt der deutſchen Lite⸗ ratur, mit der er ſich zu befreunden ſtrebte, und ſich dazu Caäriliens Rath und Anweiſung erbat. Boyſen, der einige Wochen ſpäter zu⸗ ruͤckkam, las Scotts Briefe, und da er ſie als eine Sprachuͤbung nuͤtzlich fuͤr Caͤcilien hielt, hieß er dieſen Vriefwechſel nicht allein gut, ſondern ermunterte ſeine Braut ſelbſt zur Fort⸗ ſetzung deſſelben. Wenige begreifen es aber viel⸗ leicht, wie ſich aus den Schriftzuͤgen dieſer Briefe ein unſichtbares, geheimnißvolles Band webte, das zwei fuͤr einander geſchaffene Herzen F 2 unauf⸗ unaufloslich mit einander verband. Im tägli⸗ chen Leben und der täglichen Unterhaltung ſind die Veranlaſſungen zu ſolchen Geſpraͤchen, in denen ſich die eigenthuͤmliche Richtung des Ge⸗ muths und des Sinnes offenbart, immer nur ſelten, und man lernt oft in Monaten ſolches Zuſammenſeins ſich doch nur oberflaͤchlich ken⸗ nen. Allein bei der ſchriftlichen Mittheilung ſeiner Ideen und Empfindungen iſt das ganz anders, und die Weltlichkeit der Bildung reicht wohl fuͤr die Unterhaltung, aber gewiß fuͤr keinen Briefwechſel hin, aus deſſen Schriftzei⸗ chen ſich oft wie ein feiner Duft die klarſte geiſtige Anſchauung entwickelt. Einige Wochen ſpäter war Caͤcilie bei einer Freundin zum Beſuch, als ihre Mutter ihr ſagen ließ, eilig zu Hauſe zu kommen. Es überraſchte ſie nicht wenig, als ſie bei ihrem Eintritt in das Zimmer Scott erblickte, deſſen Beſuch ſie ſo wenig mehr erwartet als eigent⸗ lich auch gewuͤnſcht hatte; doch jetzt, da ſie es ſah, wie gluͤcklich er ſich fuhlte, ſie wieder zu ſehen, that ihr ſeine Freude wohl und ruͤhrte ſie durch die einfache Herzlichteit ihrer Aeuße⸗ rung.“Der Thee wurde gebracht, und mit un⸗ verkennbarem Behagen nahm der Major ſeinen alten Platz neben der lieben, ehrwuͤrdigen Mut⸗ Mutter, Cäcilien gegenůber, wieder ein. Boy⸗ ſen war den Abend in eine Maͤnnergeſellſchaft eingeladen, und man war alſo ganz allein. Sie koͤnnen es nicht glauben, ſagte Scott bewegt, wie gluͤcklich es mich gemacht hat, wieder zu Ihnen zu kommen! ich habe vor Freude in den zwei letzten Naͤchten nicht geſchlafen, immer, immer habe ich an Sie gedacht!— Caͤcilie fuͤhlte ſich durch dieſe Worte wehmuͤthig bewegt. Es vereinte ſich ſo vieles, ihnen Eingang in ihr Herz zu verſchaffen; ſie waren ſich ſeit ihrer Trennung ſo viel bekannter und wie ſie nun wohl fuͤhlte, auch lieber geworden, und ſie las es nun mit ſo himmliſcher Gewißheit in dem herrlichen Blick ſeines ſeelenvollen Auges, wie er ihr nur ſein wahrſtes Gefuͤhl ohne irgend eine Uebertreibung oder irgend einen Zuſatz von Galanterie ausſpreche. Auch hatte ſie nie eine Schmeichelei, nie eine Aeußerung von ihm uͤber ihre Geſtalt gehort; jetzt aber wo er, ihr gegenuͤber ſitzend, ſie mit ſo frohem Vertrauen, mit ſo vor inniger Freude leuch⸗ tenden Blicken anſah, fiel das Geſpraͤch auf eine wegen der Schoͤnheit ihrer Augen in England beruͤhmte Dichterin(Mrß Dpie). Liebſte Miß, ſagte er, ſo ſchoͤne Augen, wie Sie, hat ſie doch nicht. Wenn ich noch uoch ſo betruͤbt waͤre und Sie mich anſaͤhen, freundlich und gut wie Sie immer ſind, ich wuͤrde es hier fuͤhlen— er legte die Hand auf ſein Herz— und Troſt haben. Dann wuͤnſchte ich, antwortete Cacilie, Ihnen ſtets, wenn Sie ein Leiden trifft, troͤſtend erſcheinen zu koͤnnen. Sie ſind auch immer bei mir„ fiel er ihr bewegt ein, wo ich auch bin, was ich auch thue, ich denke immer an Sie und ſehe Ihre Augen vor mir. Sein Ausdruck war dabei ſo einfach, daß dieſe Aeußerungen Cacilien nich verwirren konnten, ſondern ſowol von ihr als von ihrer Mutter eben ſo unbefangen aufge⸗ nommen, als von ihm geſagt wurden. Cacilie blieb nach Tiſche zufaͤllig mit ihm allein. Sie lobte ihn wegen ſeiner Fortſchritte in der deutſchen Sprache, und er holte ſich triumphirend ein Buch, ihr daraus vorzuleſen. Sie mußte, da er ſich neben ſie ſetzte, mit einſehen, um den Worten, die er las, folgen zu können, und wer es ſich je verſucht hat, mit Jemand aus einem Buche zu leſen, der weiß auch um alle die kleinen damit verbunde⸗ nen Umſtaͤnde, die, wie es faͤllt, bald Konve⸗ nienzen, bald Inkonvenienzen genannt werden koͤnnen. Scott las langſam, doch ohne Anſtoß und ſo richtig, daß man fuͤhlte, er verſtehe, was wos er leſe, und Cacilie lobte ihn verdienter⸗ maßen; nun kam aber ein langes, ſchweres Wort— zweifelnd und fragend blickte er zu ihr auf; ſie belaͤchelte ſeine augenblickliche Ver⸗ legenheit muthwillig; aber dieſem Laͤcheln und dem Augenblick ſelbſt wich ſeine ſonſtige eben ſo zarte, als ehrerbietige Scheu, er bog ſich ſchnell zu ihr uͤber und kuͤßte ihre Wange. Cãcilie erröthete, und war trotz ihrer ſechsund⸗ zwanzig Jahre aͤngſtlich verlegen; doch ſchnell ſich ſammelnd ſagte ſie ihm ernſt gebietend, wenn gleich bange vor ſich niederblickend: Le⸗ ſen Sie weiter. Gehorſam ſah er wieder ins Buch, aber zu leſen vermochte er nicht. Er ſtotterte einige Worte unrichtig her, dann aber ſtieß er das Buch von ſich und Caͤciliens beide Hoͤnde faſſend, fragte er haſtig aͤngſtlich: Um Gott, theuerſte Miß, ſind Sie mir boͤſe? bin ich denn ſehr unartig geweſen? ich ſelbſt nicht weiß, aber ich konnte nicht anders— ach, liebſte Miß, koͤnnte ich Ihnen doch ſagen, wie lieb, wie ſehr und viel lieb ich Sie habe?— Er druͤckte ihre Haͤnde an ſein Herz, und da ſie, zu uͤberraſcht und zu bewegt, nicht zu ant⸗ worten vermochte, fuhr er fort: viel und an⸗ ders lieb, als Alles in der Welt, lieber als meinen Sohn, lieber als meine Mutter, lieber als — 88— als Alles, Alles. Ich nie ein andres Frauen⸗ zimmer ſo lieb gehabt, und das gleich, und ach Gott! ſo ſehr, ſo ſehr! Und nun ſind Sie mir boͤſe!— Hier begegnete Cäciliens Blick dem ſeinigen, aber ſie ſchlug ihr Auge leiſe errsͤ⸗ thend, ſchnell nieder. Ich bin nicht mehr boͤſe, ſagte ſie ihm. Ach, liebſte, liebſte Miß, hub er ſtockend und bewegt an, wenn ich Sie et⸗ was fragen dürfte, aber Sie mir auch verge⸗ ben und freundlich bleiben wollen?— Fragen Sie, antwortete Caͤcilie, ein ſo braver Mann, wie Sie, kann nichts fragen, was ich nicht beantworten duͤrfe.— D mein Gott! ſagte er innig, warum kann ich nicht ſagen, wie ich wollte; aber gewiß mein Herz iſt treu und wahr, in meinem Herzen iſt kein Falſch und es wird Sie lieben, bis ich todt bin— Cäcilie, konnten Sie mich wohl lieb gewinnen? Koͤn⸗ nen Sie, wollen Sie meine Frau werden? Caͤcilie erblaßte; ein ſtummer, aber gewalti⸗ ger Schmerz bemaͤchtigte ſich ihrer Seele und ihres Lebens, und zwei ſchwere, ſchwere Thraͤ⸗ nen rollten langſam uͤber ihre Wangen. Mit unbeſchreiblicher Wehmuth hob ſie ihr Auge zu ihm auf. Ich glaube, ſagte ſie ihm leiſe und langſam, daß ich Sie in andern Verhältniſſen ſehr —— ſehr lieb hätte gewinnen koͤnnen; aber ich bin Braut.— Das Wort wand ſich ſchwer und gepreßt aus ihrer Bruſt, und als habe ſich ihre Kraft erſchopft, es auszuſprechen, ſenkte ſie ihr blei⸗ ches Geſicht auf ihre Haͤnde nieder. Auch ward ihr erſt in dieſem Augenblick die oͤde Frauden⸗ loſigkeit ihrer Zukunft recht anſchaulich. Boy⸗ ſen liebte ſie nicht; das wußte, das fuͤhlte ſie, und welches Weib kann ohne die ſchmerzlichſte, ohne die herzzerreißendſte Reſignation auf im⸗ mer von der Hoffnung geliebt zu werden, von dem Gluͤck ſelbſt zu lieben, ſcheiden!— Und Cäciliens Herz war nicht erſchoͤpft, nicht abge⸗ ſtorben; Scotts Werth und ſeine Liebe hatten in dieſem Herzen eine Fuͤlle des Lebens, ein Beduͤrfniß des Gluͤckes geweckt, wie ſie es fruͤ⸗ her nie empfu den hatte. Braut! wiederholte Scott dumpf und ſchmerz⸗ lich, ach, das iſt ja unwiderrufliche Entſcheidung! Als ſolche ſind wir verpflichtet ſie zu ehren, mein Freund, ſagte Caͤcilie, und darum laſſen Sie uns durch kein Wort mehr unſer Gefuͤhl da noch tiefer ergruͤnden, wo der Wille und das Leben der Pflicht unwiderrufſich zu eigen gege⸗ ben ſind. Scott Steott ſtand tief erſchuͤttert auf. Sie haben Recht, Miß, aber was mich dies Wort aus⸗ ſprechen koſtet, errathen Sie nicht. Kein Aus⸗ druck meiner Liebe ſoll Sie je wieder verletzen, doch mein Herz bleibt Ihnen eigen, ſo lange es ſchlaͤgt. Denken Sie zuweilen an mich, und Gott mache Sie ſo gluͤcklich, als Sie es zu ſein verdienen. Er hielt ſich und Cäcilien Wort. Am an⸗ dern Morgen ſchon ſchied er und nur die Blaͤſſe ſeines Geſichts, nur der truͤbe Ernſt ſeines Bli⸗ ckes verriethen ſeinen Schmerz und ſeinen Kampf. Auch Caͤcilie bewaͤhrte in der Minute ihres Abſchieds die Kraft ihres Charakters— allein die Hoffnungsloſigkeit ihrer Zukunft ward von Beiden tief empfunden, wenn gleich nicht ausgeſprochen. Scott ſchrieb nicht wieder, und nur aus den Zeitungen erfuhr ſie nach einigen Wochen, daß ſein Regiment Befehl erhalten habe, nach den Riederlanden aufzubrechen. Die ſtille Trauer ihres Herzens und ihr Kampf wurden nur von dem treuen Mutterherzen erkathen, von ihrem Verlobten durchaus nicht beachtet, da er, ohne Sinn fuͤr jede innigere auf Vertrauen und Wahlverwandtſchaft gegruͤndete Verbindung, ſeine Forderung an ſeine kuͤnftige Gattin allein auf auf die äußere Form ihres Betragens, Gefaͤl⸗ ligkeit, Nachgiebigkeit und eine gewiſſe aus dem Gefuͤhl der Abhängigkeit und Unterwuͤrfigkeit entſpringende Achtſamkeit beſchraͤnkte, ſo wie ſeine Erwartungen vom haͤuslichen Gluͤck auf einen Zuſatz von Bequemlichkeit in ſeiner Le⸗ bensweiſe und eine groͤßere Sparſamkeit in Fuͤhrung des Haushalts. Cäciliens Hochzeitstag naͤherte ſich jetzt, und ſie ſah ihm mit demſelben Gefuͤhl entgegen, mit dem ſie als Nonne vielleicht dem Tage ihrer Einkleidung entgegengeſehen haͤtte. Sie blieb freilich in der Welt, aber ein heiliges Geluͤbde und ernſte Pflichten trennten ſie doch nun auch von ihrem bisherigen Leben, von ihrer Jugend und der Fuͤlle des eigenen Herzens. Sie konn⸗ te und durfte ſich ja keine Geſpraͤche auf ein von Boyſens Neigungen und Gewohnheiten unabhaͤngiges Daſein vorbehalten; ſie mußte ja geloben, nur fuͤr den Gatten, nur nach ſeinen Inſichten und Wuͤnſchen leben zu wollen, und feſt war ihr Entſchluß, die uͤbernommene Verpflichtung treu und mit der ſtrengſten Ge⸗ wiſſenhaftigkeit zu erfuͤllen. Ach, ſie ahnete nicht, welche ſchmerzhafte Pruͤfung das Schick⸗ ſal ihr noch vorbehalten hatte. Am Morgen ihres Hochzeittages erhielt ſſie die Nachricht, Scott — 92— Scott ſei bei dem moͤrderiſchen naͤchtlichen Ue⸗ berfall von B. gefallen. Geheime Verſtaͤndniſſe in der belagerten Feſtung oͤffneten den Englaͤn⸗ dern ihre Thore; Verrath ſchloß ſie hinter ih⸗ nen. In der engen Straße eingekeilt, vor und hinter ſich einen uͤberlegenen Feind, blieb den beiden ſo eingeſchloſſenen Regimentern nur die Wahl zwiſchen Gefangenſchaft und Tod. Sie wählten den letztern. Scott fiel an der Seite des Generals G., der ſein Freund war ⸗ und ihn nur um wenig Minuten uͤberlebte. Der**ſche Geſandte hatte in der Racht einen Eilboten mit dieſer Nachricht erhalten, und da er oft in Caͤciliens Haus kam, und zu den ge⸗ ladenen Hochzeitsgaͤſten gehoͤrte, brachte er am Morgen der Braut einen ſchoͤnen, zum Schmuck dieſes Tages fuͤr ſie beſtimmten Blumenſtrauß, und theilte bei dieſer Veranlaſſung den aus⸗ fuͤhrlichen Bericht jenes Vorfalls, als die Neuigkeit des Tages, mit. Huͤte ſich doch ja jeder ſorgfaͤltig vor dem Wahn, das Haͤrteſte was ihn treffen kann ſchon erlebt, das Herbſte ſchon beſiegt zu haben! Das Schickſal hat eine furchtbare Gewalt die⸗ ſen Wahn zu beſtrafen, und faſt nie bleibt ſie von ihm ungenutzt. Der Menſch kann entſetz⸗ lich luh viel tragen und Gräßliches überſtehen, und hochſt ſelten nur ſind ſolche Pruͤfungsſtunden, in denen wir wahrhaft das Maß unſerer Kraft zu ergruͤnden lernen. Auch Cäcilie hatte am Morgen jenes Tages, wo Scott von ihr ſchied, gewaͤhnt mit dem Leben fertig zu ſein, und ih⸗ ren ſchwerſten Kampf mit demſelben gekaͤmpft zu haben, und ach! der Schmerz jenes Mor⸗ gens war Wonne gegen den, mit dem ſie jetzt ringen, und ihn vor aller Augen verbergen mußte. Doch auch ſie bewies, daß das Weib, trotz ſeiner Schwaͤche, durch ſeine Kraft im Dulden den Heldenmuth des Mannes zu er⸗ reichen vermag. Sie vermochte es an dieſem verhaͤngnißvollen Tage, ihre aͤußere Faſſung zu bewahren, und die tiefe gewaltige Bebung, in der ihr Herz unter dem Drucke ihres unendli⸗ chen Schmerzes aufzuckte, blieb nur von Gott geſehener Jammer. Graͤßlich war für ſie der Augenblick, wo ſie mit Boyſen an den Altar trat, und der geliebte Schatten, bleich, blutend, unbeweglich vor ihr ſtand.— Die geheimniß⸗ vollſte Macht der Liebe und des Herzens zog ſie vom Leben ab zu ihm in ſein Grab; aber ſie bezwang ſich und ihre Phantaſie— doch litt ſie mehr als die Erinnerung jener Tage aufzu⸗ bewahren vermochte. Boy⸗ Boyſen war zu ſehr Freund des Herkoömm⸗ lichen und Gebraͤuchlichen, als daß er nicht haͤtte wuͤnſchen ſollen, ſeine Verbindung durch eine lange Reihe von Familienſchmaͤuſen gefeiert zu ſehen; und ſo verſtrichen die erſten vierzehn Tage, ohne daß ſie ihm und Caͤcilien eine Stunde haͤuslicher Einſamkeit gebracht haͤtten. Der gewaltige Zwang und die peinliche An⸗ ſtrengung, womit ſich Caͤcilie dieſem Geraͤuſch hingab, erſchoͤpften ihre Kraft, und ſie fuͤhlte ſich oft bis zur Ohnmacht ermattet. Sie war in einem immerwaͤhrenden fieberhaften Zuſtande, der ihr, vorzuͤglich gegen Abend, eine erhoͤhete Lebhaftigkeit der Farbe und der Sprache gab, die es ihr moͤglich machte, Alle uͤber ihre wahre Stimmung zu taͤuſchen. Eines Morgens war ſie bei einer Freundin,— der Frau des Com⸗ mandanten der Stadt, in der ſie lebte— zum Beſuch, als ſie einen Pfficier in der Uniform des ſchottiſchen Regiments, in dem Scott ge⸗ dient hatte, in das Haus treten ſah. Dieſer Anblick erſchuͤtterte ſie namenlos. Sie wuͤnſchte ſehnlichſt naͤhere Nachrichten von Scotts Tode und von dem Schickſal ſeines Sohnes, und ließ den BPfficier bitten, nach Veendigung ſei⸗ nes Geſchaͤfts hinauf zu kommen, weil eine Dame ihn zu ſprechen wuͤnſche. Sie vermocht⸗ es es uͤber ſich, ihn, mit dem ſie ſich allein gelaſ⸗ ſen ſah, mit ruhiger Faſſung zu empfangen und durch eine Frage nach dem Schickſal der Gene⸗ ralin G., deren Gatte an Scotts Seite gefal⸗ len war, ein Geſpraͤch uͤber die naͤhern Umſtände jenes Gefechts einzuleiten. Der Pfficier beant⸗ wortete ihre Fragen eben ſo geſittet als um⸗ ſtaͤndlich, und nannte ihr nicht nur die Zahl, ſondern auch die Namen der gebliebenen Pffi⸗ ciere.— Und der Major Scott? fragte ſie.— Sein Sohn, ein hoffnungsvoller Fnabe, iſt geblieben; allein er ſelbſt ward ſchwer verwun⸗ det gefangen genommen, iſt aber jetzt ſchon außer Gefahr, ausgewechſelt und wird gleich nach ſeiner Geneſung nach Spanien zu der Armee des Feldmarſchalls Wellington gehen.— Der Eindruck dieſer Worte auf Cacilie iſt ein Geheimniß, unausſprechlich, wie das Raͤthſel des Daſeins ſelbſt. All der Muth, all die Kraft, die ſiefuͤr den Schmerz gehabt hatte, verließ ſie in dieſem Augenblicke. Mit hoch⸗ ſchlagendem Herzen, zitternd und fliegend ſant ſie auf ihre Knie nieder, und ihre Thraͤnen er⸗ goſſen ſich ſo unverſiegbar, als wolle ſich ihr ganzes Leben in ihnen aufloͤſen.— Mit edler, feinfinniger Zartheit wußte der Fremdling das Veprauen zu ehren, daß er der Gewalt dieſes Augen⸗ Augenblickes uͤber ſie zu danken hatte. Er war Scotts Freund, und die Schwermuth, die auf dieſem ſeit einigen Monaten als duͤſtrer Ernſt laſtete, ward ihm nun durch Caͤciliens leiden⸗ ſchaftlichen Antheil erklaͤrt. Unaufgefordert theilte er ihr daher jetzt auch bis in die klein⸗ ſten Einzelnheiten Alles mit, was ſie in Bezie⸗ hung auf Scotts Schickſal zu intereſſiren vermochte. Alle leidenſchaftlichen Empfindungen der menſchlichen Seele verlieren ſich in eine Tiefe, die unſer Blick nicht zu ergruͤnden vermag. Welcher Menſch z. B. hat ſich nicht irgend ein⸗ mal in ſeinem Leben gefreuet, und doch wie Wenige, Wenige haben je an ſich und andern die aͤngſtigende Macht dieſes Gefuͤhls uͤber das menſchliche Gemuͤth erfahren, wenn es wie ein verzehrender Blitz unſer ganzes Weſen, durch und durch, bis in ſeine tiefſte Innerlichkeit durch⸗ dringt! Eine ſolche Freude iſt ein himmliſches Gefuͤhl, aber warlich kein frohes, und gewiß das Lebenangreifendſte, was es giebt. Man fuͤhlt es, daß ſie ein Fremdling hienieden und unſere korperliche Organiſation keinesweges darauf ein⸗ gerichtet iſt, ihren Bebungen und Erſchuͤtterun⸗ gen widerſtehen zu koͤnnen. Nur im Kummer, nur im hoffnungsloſeſten Gram bewährt ſich die Elaſti⸗ ie ⸗ Elaſticitãt unſers Weſens— die Saiten, die uͤber unſer Gemuͤth geſpannt ſind, erſchlaft der Schmerz nur, aber die Freude ſprengt ſie entzwei. Am Abend dieſes Tages lag Caͤcilie an einer Bruſtentzuͤndung gefaͤhrlich krank darnieder. Die ganz unbeſchreibliche Heftigkeit mit der die Krank⸗ heit plotzlich ausbrach, machte ihren Zuſtand faſt hoffnungslos, und ſie war 48 Stunden in dro⸗ hender Gefahr; doch eben ſo ſchnell und dem Arzt unerwartet begann und vollendete ſich ihre Geneſung, ſo daß ſie nach wenigen Tagen ſchon ihre Wirthſchaft ſelbſt uͤbernehmen und ſich mit der Ordnung ihres haͤuslichen Lebens befreun⸗ den konnte. Denn Ordnung, Ordnung hieß das Princip, das Boyſen, als die hoͤchſte praktiſche Nutzlich⸗ keit, zum Triebwerk ſeines ganzen Daſeyns er⸗ waͤhlt hatte, voll des entſchiedenſten Wider⸗ willens gegen Alles, was die Gleichmaͤßigkeit und die Einfoͤrmigkeit eines nach der Uhr abge⸗ theilten Lebens zu unterbrechen vermochte. Die ſchoͤnſte Mondnacht, der laueſte Sommerabend voll Nachtigallgeſang und Blumenduft hätten es nicht vermocht, ihn bei ſich ſelbſt zu entſchuldi⸗ gen, wenn er ihnen zu Liebe zehn Minuten ſpaͤter, als mit dem ein fuͤr allemal feſtgeſetzten Giockenſchlage, zu Bette gegangen waͤre. Sein 6 Le⸗ Leben war daher auch nur ein Skelett des Lebens, da er alles Anmuthige, alles Schoͤne, alles Freie in demſelben fuͤr unnuͤtz hielt, und fuͤr alle Ge⸗ fuͤhle, alle Empfindungen, fuͤr den ganzen in⸗ nern Reichthum des Herzens nur ein Maß, naͤmlich das eines ſtrengen Imperativs“ der Brauchbarkeit fuͤr das thätige Leben, kannte. Was nicht voͤllig in dieſes Maß paßte, war ihm vom Uebel, und wäre es die Frucht der erhaben⸗ ſten und edelſten Begeiſterung, der liebegollſten Auf⸗ opferung geweſen. Alle geiſtige Faͤhigkeiten, die ihm fehlten, hielt er fuͤr Krankheit, und er kannte durchaus keine Vernunftmaͤßigkeit der Anſichten, wenn dieſe von den ſeinigen verſchieden waren. Dabei war er ein arbeitſamer, redlicher, ge⸗ lehrter Mann, dem kein Zweifel einkam, daß Caͤ⸗ cilie ſich mit ihm glucklich fuͤhlen muͤſſe, da er von den Anſpruͤchen, die Geiſt und Herz an das Leben machen, keinen Begriff hatte, und von der Gewalt des Mannes und der Unterwuͤrfigkeit der Frau, als Rechtsverhaͤltniß beider, zu feſt uͤberzeugt war, um nicht Caͤciliens Gefuͤgigkeit in ſeinen Willen vorauszuſetzen. Er ſagte ihr, ohne irgend eine Ruͤckſicht auf ſie ſelbſt zu verrathen, wie er es mit der Einrichtung ihres Hausſtandes und ihrer Lebensweiſe gehalten wiſſen wollez welche Summe ſie woͤchentlich zur Fuͤhrung der Wirth⸗ e⸗ e d⸗ er 46 it eſt ne n, es ez e Wirthſchaft erhalten werde, und in welcher Art er wuͤnſche, daß ſie ihm von der Verwendung derſelben Rechnung ablege, und da er ſich als Hageſtolz an das Eingehen in hundert Kleinigkei⸗ ten gewoͤhnt hatte, die ſonſt dem Manne fremd bleibeh, weil ſie nicht nur klein, ſondern auch kleinlich ſind, ſo erſtreckten ſich ſeine Verfuͤgun⸗ gen ſo ins Einzelne, daß Cäcilie als Frau ſich dadurch in ihrem angewieſenen Wirkungskreiſe peinlich becgt fuͤhlte. Da ſie ſich aber in allen Anordnungen ganz nach ſeinen Wuͤnſchen fuͤgte, und mit der ſtrengſten Punktlichkeit über die Er⸗ fuͤllung derſelben wachte, pries er ſie als ein Muſter der Frauen, und ohne irgend etwas in ihrem Betragen als Gattin zu vermiſſen, ohne irgend einen unbefriedigten Wunſch von ſeiner Seite, hatte er auch keine Ahnung davon, daß irgend ein Wunſch ihres Herzens, irgend ein Beduͤrfniß ihres Geiſtes uͤber die enge Beſchraͤn⸗ kung eines ſolchen Lebens hinausreichen, und ihr ganzes Daſein auf freudenloſe Reſignation begrundet ſein koͤnne. und doch war dies der Fall. Sie war zu weiblich, um nicht mit Herz, Seele und Gemuͤth die Abhängigkeit des Weibes anzuerkennen und als Naturbeſtimmung zu ehren, aber ihr hatte die rohe Tirannei/ mit der die mehrſten Maͤnner G 2 das das Recht des Staͤrkern und Gebietenden in der Ehe geltend machen, von jeher eine bange Furcht vor Frauenſchickſal und Frauenpflicht eingefloͤßt. Und welches denkende und gefuͤhlvolle weibliche Weſen muß dieſe nicht auch empfinden?— ſind unſre Reize und ſelbſt unſre Tugenden bei den einmal beſtehenden buͤrgerlichen Verhaͤltniſſen, in der Ehe mehr, als Mittel einer Sklavin, um die Haͤrte des Gebieters zu entwaffnen? Wir haben ja vor dem Geſetz und der Meinung keinen Schutz gegen Mißhandlung; unſtre ganze Beſtimmung iſt es ja, ſtumm zu dulden und zu tragen, dahingegen der Mann, der ſein Weib mißhandelt, immer noch geachtet und geehrt vor der Welt daſtehen kann, und ves auf ſein aͤu⸗ ßeres Leben faſt nie Einfluß hat, ob er ein treues weibliches Herz bricht oder nicht. Da⸗ rum kuͤmmert ſich ja Keiner, und wahrlich, es wird uns oft ſchwer gemacht zu glauben, daß wir ſo gut, wie die Maͤnner, Kinder Eines Vaters ſind, da dieſer unſer Schickſal und un, ſer Herz hienieden ſo ſchutzlos ihrem Unwerth preisgegeben hat. Caͤcilie haͤtte, wie jede edle Frau, es nicht ertragen, den Gatten mit ſich unzufrieden und durch ihre Schuld mißvergnuͤgt zu wiſſen, da ſie nur in ſeinem Gluͤcke das ihrige finden * konn⸗ — 101— konnte und durfte. Es waͤre ſo leicht geweſen, ſie zu begluͤcken, und gewiß auch belohnend; doch Boyſen war nicht der Mann, mit dem das Schickſal ſie haͤtte vereinigen muͤſſen. Von allen hoͤhern Beduͤrfniſſen abgeſehen, fehlte ihm auch jene Zartheit, jene Großmuth, die ein weibliches Weſen ſo ſchoͤn und milde mit der Abhäͤngigkeit ſeines Berufs zu verſuͤhnen weiß. So ließ er es z. B. Cacilien nicht an Putz und Kleidung fehlen; aber es war ihm natuͤrlich, ſie auch hierin in ſtrenger Abhaͤngigkeit von ſich zu erhalten. Man beachtet es nicht genug, wie wichtig dieſer Punkt fuͤr die haͤusliche Zufrie⸗ denheit iſt und wie einflußreich auf den Karak⸗ ter der gewoͤhnlichen Frauen. Es iſt nicht mehr als billig, daß die Frau dem Manne von der Verwendung des ihr zur Wirthſchaftsfuͤhrung anvertrauten Geldes Rechnung ablegt, und jede verſtaͤndige Frau wird von ſelbſt ſuchen, ihr Haushaltungsbuch in ſolcher Ordnung zu fuͤh⸗ ren, daß die Ueberſicht ihrer Ausgaben klar und leicht aufgefaßt werden kann; eben ſo we⸗ nig iſt es zu fordern und zu wuͤnſchen, daß der Mann die Frau in Anſehung ihres Taſchen⸗ geldes ſo unabhaͤngig mache, daß ihm nicht die Macht bleibe, ſie durch ein Geſchenk zu er⸗ freuen und zu verbinden; aber viele Maͤnner des — 102— des Mittelſtandes haben die Gewohnheit, ſich entweder das Geld zu den taͤglichen Ausgaben einzeln abfordern zu laſſen, was denn die Frau durchaus zur Magd erniedrigt, oder ſie ſetzen auch wohl ein beſtimmtes Wochengeld aus, hal⸗ ten es aber fuͤr klug, die Frau in Hinſicht der Ausgaben fuͤr ihre perſoͤnlichen Beduͤrfniſſe ganz von ſich abhaͤngig zu erhalten. Beide Hand⸗ lungsweiſen ſind eben ſo unwuͤrdig als ver⸗ derblich, und fuͤhren die Frau auf den Punkt der Nothwendigkeit, den Mann zu uͤberliſten, und daran die Freude zu finden, die der Un⸗ terdruͤckte immer empfindet, wenn er den Un⸗ terdruͤcker bevortheilen kann. Sehet immerhin das weibliche Geſchlecht als Euch untergeordnet und nur fuͤr Euch geſchaffen an, Ihr hoffaͤrti⸗ gen Maͤnner; aber beweiſet doch wenigſtens in Euren Verhaͤltniſſen zu demſelben, daß ihr die Menſchenwuͤrde auch in dieſem Geſchlechte zu erkennen und zu ehren vermoͤgt, und zwingt Eure Frauen zu keiner ſtlaviſchen Erniedrigung, die dieſe ſchaͤndet! Beſtimmt Eurer Gattin ir⸗ gend eine Summe zu ihrer Kleidung und zu ihrem Taſchengelde, und zahlt ihr dieſe unauf⸗ gefordert und regelmaͤßig aus, ſei ſie dann auch ſo klein ſie wolle; nur verdammt ſie zu keiner kindiſchen Unmuͤndigkeit, zu keiner Abhaͤngigkeit, die — 103— die Euch erſt abliſten und abſchmeicheln muß, was ſie zu erhalten wuͤnſcht. Entzieht ihr nicht gaͤnzlich die Mittel dem Hange ihres Herzens folgen und hie und da im Stillen eine Wohl⸗ that ſpenden zu können, die ſie wirklich als von ſich erzeigt und mit Entbehrung erkauft, fuͤhlen kann. Boyſen ſchenkte Caͤcilien viel; er ließ es ihr auch eigenelich nicht an Gelde fehlen; allein die Ungewißheit und Unbeſtimmt⸗ heit dieſer Einnahme war fuͤr ſie ſehr druͤckend, da ſie ihr keine regelmaͤßige Eintheilung ihrer Ausgaben erlaubte, und ſie zu ſtolz zum For⸗ dern und auch zu edel war, ſich von dem er⸗ haltenen Wirthſchaftsgelde etwas zuzueignen. Eben ſo war es mit den Wohlthaten, die ſie erzeigte. Boyſen hatte jaͤhrlich eine gewiſſe Summe fuͤr Arme beſtimmt, und faſt nie bat ihn Cacilie vergebens, wo es Milderung frem⸗ der Noth galt; aber ſie durfte doch nicht geben, ohne gebeten zu haben; es war in dem Ver⸗ haͤltniſſe, in dem ſie mit ihrem Gatten ſtand, doch immer nur fremdes Geld, was ſie gab, und Boyſens Denkweiſe legte auch hier ihr Herz in Feſſeln, die den freien Schlag deſſelben laͤhmten. So verging ein Jahr. Caͤciliens Ehe galt fuͤr eine der gluͤcklichſten, und wahr iſt es auch, daß daß in dieſem Zeitraume nie zwiſchen ihr und dem Gatten eine Uneinigkeit, nie ein Mißver⸗ ſtaͤndniß, nie ein Streit entſtand; aber Keiner wußte es, mit welcher ſchmerzlichen, geiſt⸗ und ſeeletodtenden Verleugnung Caͤcilie ihr Geluͤbde loͤſete, Boyſen gluͤcklich machen zu wollen. Ihre Mutter ſtarb in dieſem Jahre ihrer Verbindung und ihre Ehe blieb kinderlos. Ganz ungetheilt mußte ſie ſich daher dem Gatten widmen und fuͤr ihn leben. Treu erfuͤllte ſie auch alle For⸗ derungen, alle Erwartungen deſſelben; ſie war ihm eine treue Hausbaͤlterin, eine gehorſame Dienerin, eine gefaͤllige Genoſſin ſeines geſell⸗ ſchaftlichen Lebens; aber daß ſie ihm noch mehr ſeyn und werden könne, daß der edelſte Schatz ihres Herzens, die ſchoͤnſte Eigenthuͤmlichkeit ihres Weſens, ihr Geiſt, ihre Talente, ihre zarte Weiblichkeit, ihr ſeelenvolles Gemuͤth, die Fuͤlle ihrer Liebe, der Adel und die Treue ihrer Geſinnung jetzt fuͤr ſie und ihn nur ein todtes Capital waren, und jeder Tag ſie dem Vergeſſen der Zeit zufuͤhrte, wo ſie, ſich und andern zur Freude, ſich im Beſitz und der Ent⸗ wickelung jener Himmelsgaben gluͤcklich gefuͤhlt hatte, das ahnete er nicht. Caͤcilie hatte ſich die Ehe mie idealiſirt— ſie wußte, wie viel Fremdartiges und Ungeziemliches man dieſem ebel⸗ edelſten und begluͤckendſten aller menſchlichen Verhaͤltiſſe aufgeladen hat, um es zu tragen; aber ihr Herz ſagte ihr auch, daß es viel tra⸗ gen koͤnne, und doch noch begluͤckend und edel zu bleiben vermoͤge. Sie fand ſchon unverhei⸗ rathet recht heitres Gefallen an der tuͤchtigen Thätigkeit einer wackern Hausfrau, und war in allen Obliegenheiten derſelben wohl erfahren; allein ſie hoffte auch dereinſt, wenn dieſer Be⸗ ruf der ihrige geworden ſeyn wuͤrde, als Haus⸗ frau der Biene gleichen zu duͤrfen, die ja bei aller Nuͤtzlichkeit und Geſchaͤftigkeit ein befluͤgel⸗ tes mit Blumen befreundetes Weſen bleibt; doch Boyſen durfte ſie, um ihm fuͤr eine brave und verſtaͤndige Frau zu gelten, nur als Amei⸗ ſe erſcheinen. Und jener Traum ihres Maͤdchen⸗ lebens, wie der kuͤnftige Gatte in ihr die zu⸗ verlaͤſſige Freundin, die heitre, geiſtvolle Ge⸗ ſellſchafterin, die innigſte Vertraute ſeines Her⸗ zens lieben wuͤrde— und jener noch ſchoͤnere und geliebtere Traum gegenſeitiger geiſtiger, auf den gemeinſchaftlichen Fortgang ſittlicher Veredlung gegruͤndeter Wechſelwirkung— ach, wie ſehr mußte ſie der Erfuͤllung dieſer Ju⸗ gendtraͤume entſagen! Ihr Geiſt war gelaͤhmt, ihr Herz erſtarrt, ihr Leben ermattet, und es ſchien ihr unvermeidliches Loos zu ſein, ohne Tod — 106— Tod und ſichtbare Wunde, aber an Geiſt und Herz bis zur Unkenntlichkeit entſtellt, durch das Leben als ein Schatten, als ein Grabmonu⸗ ment deſſen, was ſie einſt war, zu ſchleichen. Richts entſtellt eine weibliche Seele ſo, nichts beraubt uns ſchneller alles Reizes, aller An⸗ muth, als ein Herz⸗ und geiſtloſes eheliches Verhaͤltniß, und es iſt unglaublich, welche Rohheit und Haͤrte ſich auch ſonſt gute Maͤnner gegen ihre Frauen zu uͤben erlauben. Wem iſt je ein Mann vorgekommen, der durch die gnaͤ⸗ dige Erlaubniß, fuͤr ihn zu leben und ihn zu begluͤcken, in ſo weit ſich dies mit ſeinen an⸗ dern Neigungen vertraͤgt, nicht ſeine ganze Pflicht gegen die beſte Frau erfuͤllt zu haben glaubte?— Welcher Mann hat je nach den Flitterwochen und in der unausbleiblichen Er⸗ kaͤltung des ungeſtoͤrten Beſitzes noch den Wunſch empfunden, fuͤr das Gluͤck und die Zufriedenheit ſeiner Gattin zu leben, wie ſie mit ihrem ganzen Herzen fuͤr ihn lebt?— Unſte Cultur ſpottet des Wilden, der ſeine Frau wie ein zahmes Hausthier erkauft und behandelt; aber wahrlich unſre Maͤnner ſind nur cultivirt, um uns mit deſto ſinnreicherer Grauſamkeit zu mißhandeln. Im Leben des Mannes iſt die Ehe nur die Ueberſchrift eines Capitels; bei uns — 167— uns Frauen der fortlaufende Inhalt des ganzen Buches. Des Mannes Gluck iſt auf eine Ambe, eine Terne, eine Quaterne geſetzt; Frauengluck nur auf einen einfachen Auszug. Der Mann iſt noch immer etwas anders als Gatte, er ge⸗ hoͤrt immer in irgend einer Beziehung dem Staate an; aber die Frau iſt nichts als Gattin, als ſein Eigenthum und er ihr ſichtbar gewor⸗ denes Schickſal, und je beſſer ſie iſt, je wahr⸗ haft weiblicher in ihrem Thun und Weſen, je weniger wird ſie noch irgend etwas anders ſein wollen und ſein koͤnnen. Warum ſind denn die Maͤnner ſo ſelten gerecht und großmuͤthig gegen uns?— Warum dieſe grauſame, über⸗ muͤthige, herriſche Nichtachtung unſers Werthes und unſrer Herzen? Gott allein weiß um die vielen blutigen Thraͤnen, die ſo viel edle weib⸗ liche Weſen, nur von ihm geſehen, weinen, da unſre Pflicht uns befiehlt, vor der Welt gluck⸗ lich und zufrieden zu ſcheinen, wenn auch Gram und ſtummer Jammer unſer Herz brechen. Trotz des truͤben Einfluſſes, den Boyſens Sinn und Weſen auf Cäcilie aͤußerte, war doch ihre Ehe nicht ungluͤcklich zu nennen. Die Gewohnheit des Zuſammenlebens und die Gemeinſchaft des Intereſſes in der Ehe ver⸗ mag uͤber das menſchliche Herz ſo viel, daß ſich — 108— ſich in ihr, auch ohne alle ſympathetiſche Ver⸗ wandtſchaft, ohne alle innere und tiefere Eins⸗ werdung zweier Herzen und zweier Leben, doch zwiſchen zwei nur nicht moraliſch ſchlechten Men⸗ ſchen haͤufig eine Zuneigung entwickelt, die das Leben in allen ſeinen aͤußern Erſcheinungen eben ſo feſt gebunden haͤlt, als ſei ſie durch das Mark des wahren Daſeins genaͤhrt. Dies war auch bei Caͤcilien der Fall. Sie empfand wahre Anhaͤnglichkeit und treues Wohlwollen fuͤr ihren Gatten; allein wenn dieſe ſie auch allmaͤhlig im Lauf der Zeit mit den Entbehrun⸗ gen ihres Lebens züu verſoͤhnen vermocht haͤtten, ſo konnte ſie doch nie dadurch vor jenem fei⸗ nern Selbſtmord ihrer Verdienſte und Kraͤfte geſchuͤtzt werden, der das unausweichliche Schickſal jeder nicht gluͤcklich verheiratheten Frau iſt. Wie vielen Beiſpielen ſolcher geheimen, ſtillen und langſamen geiſtigen Selbſtverzehrungen begegnen wir nicht im Leben! O what a noble mind is here o'erthrown! the courtier's soldier's eye, tongue, sword, th' expectancy and rose of the fair state, the glass of fashion, and the mould of form, th' observ'd of all observers, quite, quite down.— Now Now see that noble and most sovereign reason, Like sweet pells jangled out of tune, and harst, that unmatch'd form and stature of blown Vouth, Blasted with extasie.— Rach Verlauf eines Jahres ward Boyſen krank, und trotz Caͤciliens treuer und ſorgſamer Pflege ward ſein Uebel todtlich. Er ſtarb wie er gelebt hatte, d. h. mit ruhiger Gleichmuͤthig⸗ keit, ohne daß er das Beduͤrfniß empfunden haͤtte, ſich durch die Erhebung religioͤſer Ideen gegen die Schreckniſſe des Todes zu waffnen. Sein letztes Wort war noch Dank an Caͤcilien, der er das Zeugniß gab, ſie ſei eine Frau ganz nach ſeinem Herzen und nach ſeinem Willen ge⸗ weſen, und er habe ſich in ihrem Beſitze ſo gluͤcklich gefuͤhlt, als es nur hienieden dem Menſchen irgend vergonnt ſei. An ſeinem Grabe floſſen Caͤciliens Thraͤnen ſtill und wehmuͤthig, und wenn ſie ſich gleich fruͤher ihre Ergebung in ſeinen Willen, und ihr Einfuͤgen in den Bau ſeiner Lebensweiſe, nie fuͤr ein Opfer, nie fuͤr ein Verdienſt angerechnet hatte, und es auch noch nur als eine Pflichtverbindlichkeit anſah, deren Nichterfullung ſie vor Gott, vor dem Ver⸗ Verſtorbenen und vor ihrem eigenen Herzen ſtrafbar gemacht haͤtte, ſo ward ihr doch in dieſer dankbaren Anerkennung des Sterbenden fromme Verſoͤhnung mit ihrem Schickſale, Sie war jetzt frei und unabhaͤngig; allein es war fuͤr ſie nicht leicht ſich der wiedererhaltenen Freiheit bewußt zu werden. Wenn man eine geraume Zeit, eng und zwaͤngend eingepreßt, muͤhſam geathmet hat, ſo erhaͤlt man, auch nach geloͤſeten Banden, nur allmaͤhlig das Vermoͤgen zuruͤck, ſich frei regen zu koͤnnen. Auch knuͤpfte keine Hoffnung und kein Wunſch ſie an die Zukunft; ſie war eines ſelbſiſtaͤndigen Daſeins ſo ungewohnt geworden, daß ſie ſelbſt in ihrer haͤuslichen Lebensweiſe nicht darauf verfiel, manches jetzt ihrer Neigung gem ger einzurich⸗ ten, und in allen aͤußern Verhaͤltniſſen den Ge⸗ wohnheiten ihres bisherigen Lebens treu blieb. Boyſen hatte eine Schweſter, die in Hamburg verheirathet war, in den erſten Monaten ſeiner Verbindung mit Caͤcilien ihn beſucht und einige Wochen in ſeinem Hauſe verlebt und die neue Schweſter ſehr lieb gewonnen hatte. Dft und viel hatte ſie den Bruder um Exwiederung die⸗ ſes Beſuchs gebeten; auch war dieſe mehrere⸗ male verheißen, allein durch Zufaͤlligkeiten im⸗ mer verhindert worden; jetzt aber, nach bald zu⸗ — 115— zuruckgelegtem Trauerjahr konnte Cäcilie dieſen, mit der freundſchaftlichſten Herzlichkeit wieder⸗ holten Einladungen nicht widerſtehen. Von der Jahreszeit beguͤnſtigt trat ſie die Reiſe an, und der Wechſel der Gegenſtaͤnde, der Reiz der Neu⸗ heit und der angenehme und gebildete Ton, den ſie in dem Hauſe ihres Schwagers und in dem Zirkel ſeines Umgangs herrſchend fand, erweckten ſie aus ihrer bisherigen Einſchlaͤfe⸗ rung, und ſie erbluhete von Neuem recht an⸗ muthig zu ſtiller Heiterkeit und geiſtvoller Mit⸗ theilung. Die Verbindungen des Hauſes, in dem ſie lebte, fuͤhrte viele Fremde in daſſelbe und vor⸗ zuͤglich viele Englaͤnder. Wie ward dadurch Scotts Bild in Caͤciliens Herzen wieder lebendig! Sie hatte ihn nie vergeſſen— aber zwei Jahre waren verſtrichen, in deren Verlauf ſie nichts von ihm erfahren und ſich auch keine Nachfrage nach ihm erlaubt hatte. Jetzt aber, in der Geſell⸗ ſchaft ſeiner Landsleute gewann das Andenken an ihn eine Gewalt uͤber ſie, welche die Schuͤch⸗ ternheit ihres Gefuͤhls beſiegte, und ſie erlaubte es ſich, nach ihm ſich zu erkundigen. Allein die mehrſten ſeiner Landsleute, die ſie ſah, waren Kaufleute; es gab mehrere Officiere ſeines Na⸗ mens in der brittiſchen Armee, und da ſie nicht wuß⸗ — 112— wußte, in welches Regiment er bei ſeiner An⸗ tunft in Spanien eingetreten war, ſo vermochte ſie auch nicht, ihn naͤher zu bezeichnen. Sie hatte ſich ihn fruͤher oft als todt gedacht, und dieſe Ahnung ſeines Schickſgls erwachte jetzt in ihr ſo maͤchtig, daß die Lebendigkeit derſelben ihr fuͤr eine Buͤrgſchaft der Wahrheit galt. Mit der innigſten Wehmuth gedachte ſie ſeiner als des einzigen Mannes, den ſie geliebt hatte, und von dem auch ſie ſich am mehrſten und in⸗ nigſten geliebt gefuͤhlt hatte. In ſtiller, ein⸗ ſaner Nitternacht floſſen ſeinem Schickſal und ſeinem Verluſt oft ihre Thraͤnen, und ihr Blick und ihr Geiſt erhoben ſich dann liebend zu jenen Welten, wo die Sehnſucht des armen Menſchenherzens das Gluck zu finden hofft, das ihm die Erde und das Leben verſagen. Eines Mittags ſandte der Herr vom Hauſe, turz vor Tiſche, ſeinen Diener hinauf, die Frau zu benachrichtigen, daß er einige Gaͤſte mitbrin⸗ gen werde. Wer ſchildert aber Caͤciliens Ueber⸗ raſchung, als ſie bei ſeinem Eintritt, in ſeinen Begleitern Scott und neben dieſem den Pfficier erblickte, der ihr einſt die Nachricht ſeines Le⸗ bens brachte, und den jener Augenblick zum Vertrauten ihres Herzens und ihrer Schwaͤche gemacht hatte! Es bedurfte fur ſie nur eines Blil⸗ Blickes, um Scott, trotz der veraͤnderten Uni⸗ form die er trug, trotz des dunkler gefaͤrbten Colorits ſeiner edlen Zuͤge und der tiefen Narbe, die ſeine Stirne ſchmuͤckte, wieder zu erkennen. Sie war aufgeſtanden, um die ein⸗ tretenden Gaͤſte zu begruͤßen; aber ſie war ſo uͤberraſcht, daß ſie tzitternd ſich an das Fenſter, vor dem ſie ſtand, lehnen mußte, um nicht um⸗ zuſinken. In dieſem Augenblick wandte ſich Scott von der Wirthin, die er begruͤßt hatte, zu der fremden Dame— ſein Blick auf ſie war ein Blitz des freudigſten Erkennens. Erroͤthend und mit einem Himmel der Liebe und der Treue in ſeinen Augen wollte er auf ſie zuei⸗ len, als der Wirth des Hauſes ſie ihm mit den Worten vorſtellte: meine Schwaͤgerin, die Fanzleiraͤthin Boyſen. Scott erbleichte vor die⸗ ſen Worten noch ſchneller, als er erroͤthet war, und unſicher, in wie fern er', ohne ſie in Ver⸗ legenheit zu ſetzen, ihres fruͤheren Verhaͤlt⸗ niſſes in dieſem Augenblick und in der Gegen⸗ wart ihres Gatten, den er auch anweſend glaubte, erwaͤhnen duͤrfe, begruͤßte er ſie ehrer⸗ bietig, aber ſtumm. Caͤcilie wollte ihn will⸗ kommen heißen, wollte ihm ſagen, wie ſie ſich ſeines Wiederſehens freue, aber als ſie die Hand hob, ſie ihm zu reichen, fiel ihr Blick H auf auf ben Pfficier, der ihn begleitete und der in dieſem Augenblick auch ſie erkennend, und ihre Bewegung bemerkend, laͤchelnd und bedeu⸗ tend auf ſie und Scott blickte. Sie ward glü⸗ hend roth, und zog die dargebotene Hand ſo raſch zuruͤck, daß Scott in dieſer Bewegung nur eine Wirkung ihrer Furcht, von dem Gat⸗ ten mißverſtanden zu werden, erblickte, und ſcheu und verduſtert ſich abwandte. Sein Be⸗ gleiter dagegen ſcheuete es nicht, Cäcilien auf eine ehrerbietige Art daran zu erinnern, daß ihm, wenn er nicht irre, das Gluͤck werde, eine in⸗ tereſſante Bekanntſchaft zu erneuern; aber er ehrte Caͤciliens Erroͤthen und die Bitte, die ihr Blick ausſprach, und vermied jede genauere Er⸗ waͤhnung ihres ehemaligen Zuſammentreffens. Indeſſen war der Eindruck den Caͤcilie und Scott gegenſeitig empfanden, als ſie ſich erblick⸗ ten, zu ſichtlich geweſen, um nicht in allen An⸗ weſenden die Ahnung einer innigern Beziehung zwiſchen ihnen zu erwecken, und zu tief, als daß ſie beide ſchnell geſammlet und in ruhiger Faſ⸗ ſung zu erſcheinen vermochten. Man ging zu Tiſche; Scott bot Caͤcilien ſeinen Arm und erſt jetzt bemerkte ſie, daß er den linken unbeweglich und gelähmt trug. Ihr Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnen; er ſah es und ihre Hand an ſein Herz — 115— Herz druͤckend, fragte er leiſe, ob ſie dem treuen Freunde einige Theilnahme an ſeinem Schickſal bewahrt habe? Gewiß, ſagte ſie in⸗ nig, und hob ihr Auge zu ihm auf. Dieſer eine Blick verſtaͤndigte ihre Herzen und der ſchmerzlichen Ungewißheit des erſten Augenblicks folgte jetzt in Caͤciliens Seele das himmliſche Ge⸗ fuͤhl eines ganz ungetruͤbten Gluͤckes. Sie war zu ſanft, zu innig bewegt um froh ſein zu koͤn⸗ nen; aber eine ſelige Heiterkeit ſtrahlte aus ih⸗ ren Blicken Friede und Freude in jedes Herz. Roch lebhafter vielleicht empfand Scott das Gluͤck, ſie wiederzuſehen; aber ihm fehlte zum ungetruͤbten Genuß deſſelben die Ahnung, daß ſie ſein ſei, und frei, dies vor Gott und Men⸗ ſchen, wie in ihrem innerſten Herzen, zu werden. Er ward aber bald inne, daß ihr Gatte nicht anweſend ſei, und dieſe Gewißheit reichte hin, ihn den Zauber der Naͤhe der Ge⸗ liebten immer inniger und freudiger empfinden zu laſſen. Und als er nun noch am Abend die⸗ ſes Tages im Geſpraͤch mit ihrem Schwager er— He fuhr, — 116— fuhr, ſie ſei Wittwe und frei; da verklaͤr⸗ ten ſich ihm die Erde und das Leben, und ſein reines, treues Herz oͤffnete ſich der ſeligſten aller Hoffnungen. Er ſchied von ihr ohne Worte fuͤr ſeine Hoffnung, aber mit einem Blicke, der, wie eine ihre ganze Zukunft um⸗ faſſende Frage, von ihr in ſeiner Bedeutung unausſprechlicher Liebe gefaßt wurde; und als er von ihr ſcheidend, mit dem Freunde, von dem er, ſeit beinahe zwei Jahren entfernt ge⸗ lebt, und ihn nun am Morgen dieſes Tages wieder gefunden hatte, unter den Sternenhim⸗ mel heraustrat, und don ihm erfuhr, wie ſie einſt ſeinen Tod beweint habe, und wie von der Nachricht ſeines Lebens dies reine, feſte, von ihm nur errathene, nie enthuͤllte Herz aufgelo⸗ ſet worden ſei in Thraͤnen und einem fuͤr die Erdenbruſt zu großen Entzuͤcken, da fuͤhlte er, er ſei geliebt und Gott habe ihm die Macht verliehen, die Geliebte zu begluͤcken, wie er durch ſie begluͤckt werden wuͤrde. We⸗ — 117— Wenig Wochen darauf fuͤhrte der Oberſt Scott ſeine Cäcilie zum Altar, wo der Segen des Predigers zwei unaufloͤslich in einander ge⸗ ſchlagene Haͤnde, zwei durch Liebe eins gewor⸗ dene Herzen und Leben fuͤr Welt und Ewigkeit einſegnete. Der Verluſt des linken Armes hatte Scott gezwungen, ſeinen Abſchied zu nehmen, und Cäcilie folgte ihm auf ſeine Guͤter in Ar⸗ gyle. Nur im Heiligthum der Liebe und des Herzens laͤßt ſich das herrliche Daſein begreifen, welches dieſe beiden, edel gebornen und edel gebildeten Menſchen, auf ewig mit einander verbunden, ſich erſchufen, und wie ſie, in der ſuͤßeſten Harmonie mit allem Edlen und Schoͤ⸗ nen, das ihr reiner Sinn inniger denn je umfaßte, die Herrlichkeit der Natur, die Selig⸗ keit der Liebe, den Frieden der Tugend im klarſten Verſtaͤndniß des Lebens empfanden und genoſſen. Frei von aller Leidenſchaft und un⸗ entweiht durch ihre“ vergaͤnglichen Taͤuſchun⸗ gen, war die Liebe, die ſie verband, eine reine, erquickende Flamme, und wird daher unerloſchen flam⸗ — 118— flammen, bis ſie einſt die Treuverbundenen ſie⸗ gend in das Land einer noch reineren Vereini⸗ gung, einer noch ſchoͤneren Liebe emporhebt. Srzählung von Kähler. — Auf dem Mittelpunkt des Jura, wo Frank⸗ reich und die Schweiz ſich ſcheiden, liegt ein Doͤrfchen, im Keſſel eines engen Thals, nur von ſieben Huͤtten. Da wohnte ſeit uralten Zeiten ein Hirtenvolkchen, nuͤchtern, froͤhlich, vertraulich in ſeinen Sitten. Selten ſtieg einer uͤber die Berge ins benachbarte Waadtland nach Frankreich hinein; denn was ſie bedurften, gab das Thal, und ihr treuherziger Sinn wurde verletzt durch das unruhige, unbeſcheidene, oft ſpoͤttiſche Weſen der Nachbarn. Einen Herrn hatten ſie nicht, denn ſchon vor alter Zeit ſtrit⸗ ten die Waadt und Frankreich um das Herren⸗ recht; es war unentſchieden geblieben, weil guͤtlich keiner nachgeben wollte, und das arme kleine Voͤlkchen des Ernſtes nicht werth ſchien. Dort lebten zwei Bruͤder, Klaude, und Felir Lammont. Fruͤhzeitig war der Vater, unlaͤngſt die Mutter geſtorben; beide waren in herzlicher und unzertrennlicher Freundſchaft auf⸗ — 122— aufgewachſen. Felir, ſtark an Leib, und groß an Geiſt, beſorgte das Ackerland, welches ſich im ſchmalen Thal an einigen Berglehnen hin⸗ aufzog; Klaude huͤtete die Heerde. Im Winter ſchnitzte Felir zunſtliche Sachen von Holz, wel⸗ che jaͤhrlich ein Refftraͤger aus der Schweiz fuͤr eine Kleinigkeit holte; Klaude aber hatte die Gabe des Geſanges und der Muſik empfan⸗ gen, und ſtrich in der umliegenden Gegend umher, um dort mit dem, was er im Sommer ausgedacht und geuͤbt, die Leute zu vergnuͤgen, und einige Sous zu erwerben. Dem leichten Muſenguͤnſtling gefiel der bunte Wechſel. Im Fruͤhjahr, wenn die Matten ſich mit Gruͤn uͤberzogen, und die Plpenglocken er⸗ toͤnten, zog er froͤhlich mit Horn und Guitarre nach den Bergen, um nicht eher ins Thal zu⸗ ruͤck zu kehren, bis der Schnee ihn verdraͤngte. Da lag er unter Blumen in Schatten des Ge⸗ buͤſches, waͤhrend ſeine Rinder gefahrlos auf den Anhoͤhen herumkletterten, unter ſich die be⸗ wohnte Welt, uͤber ſich den unermeßlichen dun⸗ kelblauen Himmel, bei Nacht die freundlichen terne. Bald rief er auf dem Horn des Kuh⸗ reihns lockende Toͤne ins Thal, oder beantwor⸗ tend andern Hirten auf fernen Bergesſpitzen zu; bald ergriff's ihn innerlich, und hob ihn, als — 123— als ſollt' er der blauen Hoͤhe zufliegen, und er ſang die Schoͤnheit der Blumen der Gebirge, des Himmels und der Hirtinnen, und griff mit kuͤnſtlicher Hand auf der Guitarre liebliche Weiſen dazu. Da lauſchten ihm in der Ferne die Hirten und Hirtinnen; aber ihm ſelbſt nah⸗ ten ſie nicht, denn wenn ſie ſcherzten und lach⸗ ten, blieb er ſtumm und ernſt, und achtete ih⸗ rer wenig, und blickte mit erglaͤnzenden Augen in die Weite. Darum nannten ſie ihn den Himmelsſchaͤfer; doch ſo laut ſie im Kreiſe bei Spiel und Tanz des bloͤden, kalten Juͤnglings ſpotteten ſo fuͤhrte doch ſo manche Jungfrau, wie von ohngefaͤhr, ihre Heerde in ſeine Naͤhe, um ihn zu ſehn und zu hoͤren. Doch wenn der draͤngende Winter allmaͤhlig die Heerden immer tiefer ins Thal, und end⸗ lich in den Stall trieb, und die Bewohner des Doͤrfchens ſich zum haͤuslichen Heerde verſam⸗ melten, um in kuͤnſtlichem Schnitzwerk den traͤ⸗ gen Flug winterlicher Zeit zu beſchleunigen, und einige Franken oder Nothpfennige zu ver⸗ dienen, da nahm Klaude ſeine Guitarre, und ſeine Schallmei, und eilte auf fluͤchtigen Soh⸗ len uͤber das Gebirge in die breiten und reichen Thaͤler Hochburgunds. Der ſuͤße Traum ſchoͤ⸗ ner Tage ſchien dann fuͤr immer vertilgt aus ſei— ſeiner Seele. Jene ſinnende Begeiſterung, wel⸗ che ſein ſtarres und doch ſanftes Auge gen Himmel hob, wich dem froͤhlich ſchalkhaften Blick eines Franzoͤſiſchen Burſchen, der nur fuͤr Liebe, Wein und Tanz lebt, und das Ver⸗ gnuͤgen gleich Schmetterlinge jagt. Wo eine ausgelaſſene Jugend ſich durch ſchmetterndes Gelaͤchter verrieth, dahin eilte Klaude, und ſang zu huͤpfenden Weiſen die Lieder muthwil⸗ liger Liebe, oder lockte mit der Schallmei zum fluͤchtigen Tanz. Fleißig that er dem oft dar⸗ gebrachten Becher Beſcheid; und wenn Mitter⸗ nacht kam, warf er oft Guitarre und Schall⸗ mei wit Geſchaͤfligkeit in den Winkel, um ſich gleich dem ganzen tollen Voͤlkchen traͤllernd mit einer braͤunlichen Jungfrau im Kreiſe zu drehn. So entflog ihm der Winter. Aber noch eh die ergruͤnenden Matten deſſen Abſchied verkuͤnde⸗ ten, eh noch die erhebende Sonne den Schnee von den Berglehnen zehrte, viel eher empfand Klaude die Naͤhe des Lenzes. Schwermuͤthig wurde ſein Blick, langſam ſehnſuͤchtig klagend ſein Spiel und Geſang, der Becher mundete ihm nicht mehr, Scherz und Gelaͤchter erweck⸗ ten ſein ſchlummerndes Ohr nicht. Ein Fenſter ſucht' er, wo er die blauen Gebirgesgipfel ſei⸗ ner Heimath ſah; darauf heftete er ſein Auge un⸗ unverwandt, waͤhrend die Finger mechaniſch in die Saiten griffen. Und plotzlich, als haͤtte ein Geiſt ihn auf Fluͤgeln hinweggefuͤhrt, war er fort, und vergebens ſuchte die tummelſuͤch⸗ tige Jugend in der ganzen Nachbarſchaft nach dem geliebten Spielmann. Eines Jahres war der Fruͤhling nah; und wie eine Schwalbe zum Flug, bereitete ſich Klaude zur froͤhlichen Heimkehr. Da erſcholl Waffenruf durch ganz Hochburgund; Freiheit, Freiheit, Kampf fuͤr die Freiheit, Sohn des Vaterlandes, riefen die Maͤnner den Juͤnglin⸗ gen, die Juͤnglinge den Knaben zu. Mannig⸗ faltig bewehrt flog die erhitzte Jugend in die Reihen ſchnellgebildeter Kohorten, begieriger ſich zum Kampfe zu uͤben, als ſonſt zum Tanz; und die Jungfrauen ſammelten ſich, die jungen Helden zu muſtern, und ſich ihres Anblicks wehmuͤthig zu erfreun. Aber Klaude ſtand ſcheu von fern; nie hatte der friedliche Sohn des Thales von Waffenkampf gehoͤrt; Natur und Liebe, und Freude hatten ſeinen ſanften Sinn erzogen. Wunderbar ſchien ihm die neue Raſe⸗ rei ſeiner vormaligen muntern Geſellen; und, ſchon der Heimat zufliehend, feſſelte ihn die Neugier noch einige Tage, um das Ende des neuen Beginnens zu ſehn. Einſt — 126— Einſt bei der Muſterung nun, als er, an einen Baum gelehnt, die Guitarre wie zum Spiel gerichtet im Arme, zuſah, erſchaute ihn der Befehlshaber der neuen Kriegsſchaar. Ein Schlaͤchter war es aus Lons le Saunier; bren⸗ nend vor Begierde, das oft gefuͤhrte Meſſer mit geuͤbter Hand in Tyrannenherzen zu ſtoßen. Einen gemaͤſteten Gaul ritt er, ſtoͤhnend im erd⸗ erſchuͤtternden Galoppz; an der Seite erklirrte drohend das in eiſernen Ketten haͤngende Schlacht⸗ ſchwert; in ungeheuern Spruͤngen folgte ihm die groͤßte Dogge, die je ein Schlaͤchter in Lons le Saumier gefuͤhrt hatte. So ſtuͤrmte der Gewaltige auf Klaude zu, und fragt' ihn donnernd, wer er ſey. Der Juͤngling antwor⸗ tete bebend; ein Spielmann aus Point le Jou⸗ gars.„Was, ein Nichtswuͤrdiger? rief der Krigesfuͤhrer— der den hohen Muth der Freiheit in dieſen Helden erſchlafft! Und du ſchaͤmſt dich nicht, die Guitarre zu ſpielen, waͤh⸗ rend ſie ſich zum Kampfe uͤben? Buͤrger Ka⸗ meraden, ergreift ihn, und ſtuͤrzt ihn in den Ain, wenn er ſich nicht entſchließen will, in die Bataillone der Kinder des Vaterlandes zu treten. Die Burſche ſprangen herbei, und faßten Klaude, deßen Arm die Guitarre entſank. „Barm⸗ B der tet Jih Ko Na Kol und ſtan war Sa rie er jetz Nu na die me me ſch ten der Geſ der ift — 127— „Barmherzigkeit, Freunde, rief er mit klagen⸗ der Stimme, bei den Freuden der Jugend toͤd⸗ tet mich nicht!“— Sey kein Narr, ſagten die Juͤnglinge lachend, wir todten nur Ariſtokraten. Komm, guͤrte, und waffne dich, und ſey ein Mann wie wir! Der eine heftete ihm eine Kokrade an den Hut; andere brachten Buͤchſe und Saͤbel herbei, und noch zitternd vor Furcht ſtand der arme Klaude in einen Helden umge⸗ wandelt da. Wehmuͤchig blickt' er nach ſeinem Saitenſpiel; einige Jungfrauen hatten es in Sicherheit gebracht.„Nun Buͤrger Kamerad! rief ihn des Schlaͤchters Donnerſtimme an, als er an den Reihen voruͤberſprengend ihn anſah; jetzt ſiehſt du aus, wie ein Mann von Ehre. Nur vierzehn Tage Uebung, und du ziehſt mit nach Straßburg, um gegen die Tyrannenknechte, die Deutſchen Hunde, zu kaͤmpfen. Drob entſetzte ſich der Juͤngling nur noch mehr, und in ſeinem Herzen, wo bisher im⸗ mer lichte Freude gewohnt, laſtete Gram, wie ſchwarze Wetterwolken. Vergebens ſchmetter⸗ ten um ihn Kriegsgeſaͤnge, vergebens wanderte der troͤſtende Becher im Kreiſe kriegsluſtiger Geſellen; die Toͤne klangen nicht an ſein Herz, der Wein beſchwerte ſeinen Kopf ſtatt ihn zu erfreuen. Tag auf Tag ſchlich matt und aͤngſt⸗ lich, — 128— lich, und doch zu ſchnell voruͤber; denn ſchon war der Abzug beſtimmt, und niemals, niemals ſollte der arme Klaude die herzigen Bewohner ſei⸗ ner Heimat, die ſonnigen Hoͤhen ſeines Dhales wieder ſehen! Da rief, als er Tages vor dem Abmarſch tiefbetruͤbt vor ſeiner Wohnung ſaß, eine lang nicht gehoͤrte wohlbekannte Stimme ſeinen Na⸗ men. Zu maͤchtig ergriffen von Wonne, um ſich klar zu denken, wer es ſey, aber innerlich gewiß, es ſey ein Freund, ein Retter, wandt' er ſich um; da ſtand ihm zur Seite Felix, ſein Bruder Felix, und er hielt ihn in ſeinen Ar⸗ men, und weinte laut an ſeiner Wange, eh er noch den theuern Namen uͤber die Lippen hatte bringen koͤnnen. Felir hatte dem geliebten Bruder vergebens zu der Zeit entgegen geſehen, wo er jaͤhrlich wieder kam, um die harrenden Rinder auf die wieder gruͤnen Gipfel zu fuͤhren. Beſorgt fuͤr den Juͤngling, der, unbekannt mit Gefahr und zutraulich gegen jeden, ſich ſelbſt zu ſchuͤtzen un⸗ faähig war, eilte er uͤber das Gebirge ihn zu ſuchen. Bald fand er ſeine Spur; die Jung⸗ frauen, welche ſein ſuͤßer Geſang ergoͤtzt, kann⸗ ten alle und beklagten das herbe Schickſal des ſanf⸗ ſunft die her ſen dig ken ſtror guf Pru wer Hi mei heil mei aus Nh das kel be ſin ju reif will — 129— ſanften Spielmannes. Sie gaben em Bruder die gerettete Guitarre, und wieſen ihn hin. Klaude, als er ſich ſatt an dem Bruder ge⸗ herzt, erſah die lang entbehrte Guitarre in deſ⸗ ſen Hand. Heftig entriß er ſie ihm, und freu⸗ dig zitternd irrten ſeine Finger in den verſtimm⸗ ten Saiten. Aber ploͤtzlich ſtuͤrzte ein Thraͤnen⸗ ſtrom aus ſeinen Augen, er legte die Guitarre auf den Boden, und lehnte ſich klagend an die Bruſt ſeines Bruders!„Ach Felix, rief er, wer iſt ungluͤcklicher als ich! Nie werden die Hirtinnen mehr meinen Liedern zuhoren, nie meine bewegte Seele in den blauen Luͤften, auf heitern Sonnenſtrahlen ſchwaͤrmen, waͤhrend meine Hand die Toͤne der Liebe und der Freude aus den Saiten lockt! Nie wird von ferner Alpe das Horn der Freude mir antworten, nie das melodiſche Gelaͤut meiner Rinder im Dun⸗ kel des Abends um mich ſummen! Wie die Gemſe auf wilder Jagd erzitternd vor Furcht dem Jaͤger, ſo werde ich entruͤſteten Feinden begegnen, und in der Bluͤte meiner Jugend ſinken, weil ich nicht den Muth hatte, andre zu toͤdten!— D klage nicht ſo, bat Felir innigſt, du zer⸗ reiſſeſt mir das Herz. Ich will hingehen, ich will dich loͤſen von der Kriegspflicht. Point le c Jo⸗ 130— Jougars gehört nicht zu Frankreich; wir haben nie Steuern gezahlt, nie hat ein Hirte unſers Thals die Waffen getragen. Du wirſt frey ſeyn, Klaude, und morgen in die Heimat zuruͤcktehren!— Glaubſt du? rief Klaude entzuͤckt— morgen ſchon!— Doch es iſt unmoͤglich! geh nicht theuerer Felix, geh nicht; der wilde Lieutenant wird dich auch greifen laſſen, wie mich— o geh nicht, und laß mich hinziehen und ſterben; und wenn ich todt bin, dann nenne manchmal freundlich meinen Namen. Denn um deine Huͤtte und im Thale meiner Geburt wird mein Geiſt ſchweben in leiſen und lauten Luͤftchen um die Blaͤtter der Baͤume ſpielend; ſanfter werden die Glocken erklingen; o merke darauf, Felix, und denke dann, daß mein Blut gefloßen iſt, und daß ich niemand auf Erden je geliebt wie dich! denn nie hat mein Herz geſchlagen fuͤr eine Jungfrau, aber dein eigen war es, ſeit der Name Felix uͤber meine Lippen kam!— Laß mich gehn, Bruder— ſagte Felir, und liebkoste ihn mit Thraͤnen— ich fuͤrchte mich nicht; harte Worte, ja ſelbſt die Fauſt eines Unbeſonnenen erſchuttert nicht meinen Muth. Ich werde dich befreien!— Er ter nen er die zah ſein Ge bei fre wo — 131— Er ging hin zum Lieutenant, dem Schlaͤch⸗ ter aus Lons le Saunier... Sie haben mei⸗ nen Bruder zum Kriegsdienſt gegriffen; ſagte er zu ihm, feſt, doch beſcheiden. Er hat nicht die Ehre ein Sohn Frankreichs zu ſeyn. Point le Jougars hat nie an Frankreich Steuern ge⸗ zahlt, oder Soldaten gegeben. Ich bitte um ſeine Befreiung, und erwarte ſie von Ihrer Gerechtigkeit. Der Lieutenant ſtaunte. Es war ihm nicht beigefallen, nach des Juͤnglings Vaterland zu fragen. Freundliche Nachbarſchaft mit der Schweiz war altes, zum Charakter gewordnes Geſetz der Franzoͤſiſchen Graͤnzbewohner. Er war geneigt ihn los zu laſſen. Da trat aus den umſtehenden Nationalgarden einer vor. Buͤr⸗ ger⸗Lieutenant, ſagte er, dieſer Menſch ſpricht nicht die Wahrheit. Frankreich hat ſtets die Herrlichkeit von Point le Jougars behauptet, wenn auch die Waadt dagegen ſtritt; man hat von den Bewohnern nichts gefodert, weil ſie arm und an Zahl gering ſind. Es iſt nothig, daß die große Nation auch die Rechte ihrer Graͤnzen bewahre; der Soldat aus Point le Jougars darf um ſo weniger losgelaſſen werden da man es unter dem Vorwand zu erlangen J2 ſucht, — 132— ſucht, ſein Geburtsort ſey kein Theil von Frankreich.“ Dies machte den Lieutenant unbeweglich. Vergebens ſtellte Felix vor, ſein Bruder ſey zu weich, um das Schwert ſelbſt gegen die Feinde der Freiheit mit einigem Eifer zu fuͤh⸗ ren.„Er hat nie Streit gehabt, ſagte er; in dem erſten Blutkampf wird er vor Schmerz und Furcht erſtarren ſtatt zu fechten.“ Der Schlaͤchter lachte mit freundlichem Grimm uͤber den Gedanken, daß eine ſolche Blutſcheu in einem Menſchen wohnen koͤnnte.„Nun, rief Felix endlich, wenn meine Bitten Sie nicht ruͤhren, ſo nehmen Sie mich ſtatt ſeiner. Ich habe Kraft und kenne keine Furcht; er mag die vaͤterliche Huͤtte und Wirthſchaft ſtatt meiner verſorgen. Nur bitte ich, daß ihm ſeine Frei⸗ heit unbedingt angekuͤndigt werde; denn ſein treues Herz wuͤrde den Gedanken nicht ertra⸗ gen, mich ſtatt ſeiner Gefahren Preis gegeben zu ſehn, deren Groͤße er nach ſeiner Empfin⸗ dung mißt; und ſeine Liebe wuͤrde mir das ein⸗ zige Mittel zu ſeiner Rettung rauben!“ Mit Vergnuͤgen nahm der Lieutenant ſein Erbieten an. Felir ſchrieb noch einige Zeilen, und ging dann in Begleitung einiger National⸗ garden zu ſeinem lange angſtlich harrenden Bru⸗ der. der. es hab erſt das Br ter war lſ zc ſch mi ſeil der.„Klaude, ſagte er, du biſt frei. Aber es hat Muͤhe gekoſtet. Eile heim, denn ich habe einen Gang nach Klairveaur, und kann erſt morgen Abend wieder kommen; verſorge das Haus. Und meiner Nanon gieb dieſen Brief, ſie war beſorgt um dich und mich.“.. Klaude blickte ihn zweifelnd an; die Beglei⸗ ter beſtaͤtigten ſeines Bruders Rede. Jauchzend warf er ſchon ſein Gewehr weg, und umarmte kuͤſſend ſeine Guitarre; da flog durch ſeine ent⸗ zuͤckte Seele eine finſtre Ahnung von Felir Ent⸗ ſchluß.„Felir, rief er, du betruͤgſt mich! Biſt du frei wie ich?—„Frei wie du, erwiederte mit verſtellter Heiterkeit der Bruder, indem er ſeinen Begleitern einen Wink gab; zweifle nicht daran, und um dich recht zu uͤberzeugen, will ich dich bis dort, wo der Bergſteig anhebt, be⸗ gleiten.“.. Iſt es wahr, iſt es moͤglich?— o Bruder, Bruder, wie will ich jauchzen, wie will ich ſingen, wenn du und Nanon Hochzeit machen— o komm, komm, hier brennt der Boden, ich werde uͤber die Berge fliegen!“ Er faßte den Bruder, und zog ihn fort. Seine Begleiter ließen ihn gehn; ſie trauten dem offnen Geſicht und dem feſten Wort des Mannes. Bis auf des Berges Haͤlfte geleitete Felir den Bruder; dann ſchloß er ihn zum Ab⸗ ſchied — 134— ſchied freundlich in ſeine Arme; Flaude ſchritt muthig und ſingend die Hoͤhe hinan, er ſelbſt ging gebuͤckt, oft ſeufzend, und in ſich gekehrt, langſam den Pfad hinab, dorthin, von wo er morgen mit Tagesanbruch in die Ferne zum Blutkampf ziehen ſollte. 2. Klaude kam Tages darauf gegen Mittag an. Er beſchickte die bruͤderliche Wirthſchaft, welche Felir waͤhrend ſeiner Abweſenheit einem alten Hirten vertraut hatte, und ging dann mit dem Briefe zu Nanon, der ſchoͤnen Nanon, die in wenig Wochen ſeine Schwaͤgerin werden ſollte. Sie jauchzte laut auf, als er vor ſie trat, und fiel lhm herzend um den Hals; denn der ſanfte Bruder war ihr werth und oft hatte ſie an Fe⸗ lir Seite das Fluͤſtern der Liebe uͤberhoͤrt, um den lieblichen Weiſen zu folgen, in welche ſich im Halblicht des Abends ſeine aufgeregte Seele ergoß. Aber wo iſt Felix? fragte ſie. Klaude gab ihr den Brief.„Sorge nicht, liebe Na⸗ non, ſchrieb Felix, wenn ich morgen Abend nicht wieder kommen, und vielleicht in einem Monat nicht. Ich habe eine weite Reiſe vor, und will den Tag der Ruͤckkehr nicht beſtimmen; es 41 wůͤr nich fern den von an laut die ſchb det glal will ſch we ein ne rie bo ſug ar der es kann einem ſo vielerlei zuſtoßen, und du wuͤrdeſt dich nur vergeblich graͤmen, wenn du mich erwarteteſt, und ich bliebe aus. Rah und fern fruͤh und ſpaͤt, bin ich dein eigen.“— Was iſt das? rief ſie, und reichte Klaude den Brief. Er las, erſtarrte. Lang hing ſein, von Thraͤnen aufquellendes Auge, unverwandt an dem Maͤdchen, die bleiche Lippe zitterte lautlos. Endlich ſank er lautweinend ihr in die Arme.„DO das edelmuͤthige Herz! rief er ſchluchzend— o ich unglucklicher! ach ich ahn⸗ dete es wohl, aber er betrog mich— Nanon, glaube mir, nimmermehr haͤtte ich darein ge⸗ willigt.. Nanon verlangte Erklaͤrung, und nur zu tief ſchnitt, was ſie erfuhr, in ihre Seele. So weinten und klagten Beide troſtlos, und doch eins das andere mit zaͤrtlichen Worten troͤſtend. Klaude ging in ſeine Huͤtte, tief in truͤbes Sin⸗ nen verloren, wankend. Aus jedem Winkel riefs ihm: Felir! entgegen, er ſchauderte wie von Geſpenſtern umgeben und horchte auf den Athem in ſeiner Bruſt. Phne ein Wort zu ſagen, ergriff er ſeinen Stab, hing die Gui⸗ tarre uͤber, und wanderte uͤber das Hebits⸗ den Bruder zu ſuchen. Na⸗ — 136— Nanon harrte den ganzen Tag auf ſeine Ruͤckkehr. Sie hatte ihn ſo viel wegen Felir zu fragen; der Schmerz hatte ihm nicht erlaubt ihr, mehr als kurze Andeutungen zu geben. Die Sonne ſchied; Abends kömmt er gewiß, dachte ſie; doch allmaͤhlig ſtieg ein Stern nach dem andern am Himmel auf, und Klaude kam nicht. Sie ging in ſeine Huͤtte; der alte Hirte war da, und wußte nichts, als daß Klaude fortgegangen ſey; den Weg nach Frank⸗ reich. Traurig ging ſie zuruͤck; ſetzte ſich ein⸗ ſam unter eine breitſchattende Linde, und ſchaute in das immer dichtere Dunkel der Nacht, hor⸗ chend ob ſie nicht Wanderers Fußtritte vernehme. Doch keiner der Wanderer kam, die ihr Herz verlangte. Wochen gingen voruͤber, und weder der Geliebte, noch der Bruder kehrten zuruͤck. Wie ein Todtenhaus ſtand der Bruͤder Huͤtte da; ihre Heerde hatte Nanons Vater zu der ſeinigen genommen; ihre kleine Habe in einer Kammer verwahrt; hohes Gras wuchs auf den Schwellen, Winde rankte ſich um die Fenſter empor, und die Straͤucher ungepflegt, wuchſen wild und buſchig durch einander. Verſtohlen, denn der Vater ſchalt, wenn ſie weinte, ſchlich ſich Nanon im Dunkel zuweilen in die wuͤſte Wohnung. Unheimlich knarrte die Thuͤr in den An⸗ Angeln, ihr hallender Fußtritt toͤnte wieder im oden Gemach. Da rief ſie in Schmerz verge⸗ hend, leiſe, bald Felix, bald Klaude,— denn ihr Herz betruͤbte ſich gleich uͤber Beide— und wenn ein Holzwurm zu nagen begann, oder ein Inſekt an die Fenſter flog, ſchrak ſie zuſammen, als wuͤrde einer der Gerufenen erſcheinen. Aber ploͤtzlich ergriff ſie Angſt und ſie floh ſchnell zu⸗ ruͤck in Vaters Huͤtte, um in einſamer Kam⸗ mer ſich ſatt zu weinen. So ging ſie eines Abends; der Mond ſchien hell, und ſtreute ſein falbes Licht in die Aeſte der Buchen und Linden des Dorfs; und das Dach der bruͤderlichen Huͤtte blickte aus den ſchimmernden Wipfeln der ringsum gruͤnenden Obſtbaͤume in ſanftem Glanz hervor. Von Ferne ſah ſie es, und in ihrem Herzen regte ſich wehmuͤthiges Vergnuͤgen.„D wie ſchoͤn, dachte ſie, wuͤrde es ſich dort wohnen!“ Sin⸗ nend ſtand ſie, und betrachtetete das holde Bild; ſie zogerte hinzugehen, um laͤnger in der ſuͤßen Daͤuſchung ihrer Traͤume zu leben. Lang⸗ ſam naͤherte ſie ſich endlich, leiſ' auftretend, als koͤnnte das Geraͤuſch ihrer Fußtritte den Zauber, der ſie anlockte, verjagen. Ploͤtzlich ſteht ſie, mit ſchon vorgeſetztem Fuß; ihr Athem ſtockt; ihre Augen heften ſich ſtarr auf Einen Punkt; Punkt; ein Mann ſitzt auf der Bank, der Huͤtte gegen uͤber; den Ruͤcken an die Buche lehnend, ernſt und ſchwermuͤthig gen Himmel ſchauend. Klaude, ſchreit ſie laut auf, und als ſie aus freudig beklommner Bruſt zum zweitenmale ſei⸗ nen Namen zu rufen vermag, liegt der Bruder ſchon in ihren Armen, und druͤckt ſie an ſein Herz. Als ſie ſich nun ſatt geherzt und gekuͤßt, und in kurzen Worten begruͤßt hatten, da ſetz⸗ ten ſich beide hin unter die Buche, und Nanon nahm des Bruders Hand, und bat ihn zu er⸗ zaͤhlen. Aber Klaude erſeufzte tief.„Ach, Na⸗ non, ſagte er, wie hat mich das Leben ge⸗ druͤckt, als ich Schmerz und Gram ſo lange einſam in meinem Herzen umtrug. Mir war immer, als zoͤgen mir zwei mit gewaltigen Faͤu⸗ ſten in der Bruſt daran hin und her, daß es jedem Augenblick zerreiſſen muͤßte; und jetzt erſt laſſen die Qualen nach, und an deiner Seite athme ich zum erſtenmal frei.“.. „Ich ging um Felir zu ſuchen, und ihn zu zwingen, daß er mich dem Schickſal uͤberließe, welches ſein Edelmuth, ſich ſelbſt fuͤr mich op⸗ fernd, von mir abwenden wollte. Als ich hin⸗ kam, wo ich von ihm geſchieden, war er ſchon fort, nach Lyen, wie mir einige ſagten. Ei⸗ nige ſige kom geb Do — fin fin nal wie wa an J de — nige Tage wanderte ich auf der Straße, und konnte ſnirgends erfragen, daß Truppen durch⸗ gegangen waͤren. Rechts und links ſuchte ich in Doͤrfern und Staͤdten, ohne eine Spur zu finden.“ „Da kehrte ich zuruͤck nach Arbois, und fragte abermals, und erfuhr, daß die Natio⸗ nalgarden nach Straßburg abgegangen waͤren, wie gleich anfaͤnglich beſchloſſen war. So boͤſe war Felix in ſeiner Guͤte geweſen, daß er Leute angeſtellt hatte, die, wenn ich kaͤme ihn zu ſu⸗ chen, mich von ſeiner Spur abwenden ſollten. Jetzt verhehlten ſie mir die Wahrheit nicht, denn es wuͤrde, meinten ſie, nun doch nicht mehr moͤglich ſeyn, ihn zu finden. Die Deut⸗ ſchen ſtaͤnden am Rheine, und wer immer die Waffen fuͤhren koͤnnte, eilte entgegen, ſie ab⸗ zuhalten“... „Doch ich konnte nicht zuruͤck bleiben, es trieb mich dem Bruder nach; wie haͤtt' ich dich wieder ſehen koͤnnen, und dieſe Huͤtte, ohne in Verzweiflung langſam zu vergehn! Ich wan⸗ derte nach Straßburg; Spiel und Geſang ge⸗ wannen mir die Gunſt der Leute, daß ſie mir Zehrung gaben. Da trat ich in die große ungeheure Stadt, und fragte vergebens nach den Garden von Arbois. Waffen klirrten uͤber⸗ all, — 140— all, geruͤſtete Schaaren zogen aus und ein; und zu Fuß, zu Roß, zu Wagen, brauſte die un⸗ geſtuͤme Menge an mir voruͤber, wie wenn der Winterſturm heulend mit den Wipfeln der Tan⸗ nen kaͤmpft. Mir bebte das Herz vor Furcht und Gram; auf einen Stein an einem großen Hauſe ſetzt' ich mich, und weinte. Und weil mir die Seele uͤberging in Kummer und Thraͤ⸗ nen, war mir's, als legte jemand mir die Gui⸗ tarre ſanft in den Arm, und ich griff in die Saiten, und ſang zu trauriger Weiſe ein klagen⸗ des Lied.“.. „Da oͤffnete ſich dicht uͤber mir ein Fenſter; und eine wunderſchoͤne Frau beugte ſich heraus, und blickte mich freundlich an, und als ich ver⸗ wundert ſie anſah, lud ſie mich zu ihr hinauf. Sie ſah ſo gut und treu aus, und ich ver⸗ langte ſo ſehr nach Freundestroſt. Als ich nun in ihr Zimmer trat, wurde mir ganz bange, uͤber allem Glanz und Reichthum, und ich blieb demuͤthig an der Schwelle ſtehn.“ Doch ſie kam mir entgegen— o Nanon, ſie war ſo ſchoͤn und gut wie du— und fragte mich freundlich nach meiner Heimath, und was ich in der Stadt ſuchte. Da erzaͤhlte ich ihr alles, von Felir, von dir, und von mir. Ihre ſchoͤnen Augen quollen von Thraͤnen, ſie legte die Hand auf auf mei ale mi lie ſi m ihr „)„„—— — 141— auf meine Schultern, und horchte ſtill auf meine Worte.„ Setz dich, ſprach ſie, als ich alles geſagt hatte, und erquicke dich; ich will mich erkundigen nach deinem Bruder... Sie ließ mir Wein bringen, und zu eſſen, und ſetzte ſich zu mir, und fragte viel nach meiner Hei⸗ math, und verlangte zu wiſſen wie du ausſaͤhſt. Ich ſprach zu ihr, wie ich zu dir ſpreche, ich hielt ihre Hand wie ich Deine halte, und ihre from⸗ men klaren Augen laͤchelten ſanft zu meiner Rede.“ „Nach einer Stunde kam ein Diener, den ſie ausgeſandt, mit einem Zettel.„Geh, ſagte ſie, nachdem ſie den Inhalt geleſen, und fuͤhre dieſen Menſchen dahin, wie hier geſchrieben ſteht. Dort gieb den Zettel dem wachthabenden Of⸗ fizier; das uͤbrige wird ſich finden. Du aber, lieber Freund, wandte ſie ſich zu mir, vergiß nicht, mich wieder aufzuſuchen, und nimm dieß zum Andenken an ein theilnehmendes Herz, wel⸗ chem du Vergnuͤgen gemacht haſt.“ „Sie gab mir dieſe gruͤne Boͤrſe mit Gold; ich weigerte mich beſtuͤrzt ſie zu nehmen.“ Nimm, ſagte ſie, fuͤr mich hat das Vergnuͤgen dir zu geben mehr Werth, als zehnmal mehr Gold, und fuͤr Nanon iſt auch etwas darin.— Sieh dieſes goldne Kreuzchen mit Edelſteinen— Das war es Nanon, und oft hab' ich es ſtill —— ſtill betrachtet, und mich des Augenblickes gefreut, wo ich es in deine Häͤnde liefern könnte.“ „Ich ging mit dem Diener; er fuͤhrte mich durch viele Straßen zu einem großen Gebaͤude, wo viele Schildwachen ſtanden, und aus allen Fenſtern Soldaten ſahn. Der Diener ſuchte einen Pffizier, und gab ihm den Zettel. Der Pffizier rief einen Soldaten, und ſagte ihm: fuͤhre dieſen Buͤrger zu Felix Lammont, aus Point le Jougars. Ach Nanon, wie erzitterte ich bey vieſem Namen! Es ſchien mich in die Luͤfte zu heben, und meine Augen flogen pfeil⸗ ſchnell von einem zum andern, um in der Menge luſtig wirthſchaftender Kameraden den Bruder heraus zu finden! Wie konnte ich glauben, daß Felir von ſeiner Nanon und ſeiner Huͤtte getrennt, da dauern koͤnnte, wo Geſchwaͤtz und ftöhlicher Geſang ihn in ſchmerzlich ſuͤßen Traͤumen ſtörten! Wie er einſt mich fand, fand ich ihn, einſam in entfernter Zelle, in ſich gekehrt, fuͤr die Auſſenwelt todt. Ja, ich ſah ihn, Nanon, ich rief ſeinen Namen, ich ſtuͤrzte zu ihm hin, ich flog in ſeine Arme; ſo hab' ich ihn an meine Bruſt gedruͤckt, ſo an ſeiner Bruſt geweint, voll unausſprechlichem Schmerz, voll unausſprechlicher Freude!“— „Ach du, mein Bruder! rief er aus, und um⸗ ſchlang Lr gu we er — 143— ſchlang mich feſt, und ſchwieg, denn wie die meinige, rang ſeine Seele mit Schmerz und Wonne zugleich. Was macht Nanon? fragte er endlich leiſe. Da erzaͤhlt ich ihm, was ich wußte. Arm in Arm ſaßen wir, und planderten, und konnten des Redens nicht ſatt werden, und dachten end⸗ lich nicht mehr daran, daß alles anders war, als es ſeyn ſollte.“ Da wirbelte drauſſen die Trommel. Ach Gott! rief Felix, und ſprang auf, und ergriff das in der Ecke lehnende Ge⸗ wehr. Was giebts, frug ich. Lebe wohl, ſagte er, muͤhſam ſich zwingend, gruͤße Nanon. Er wollte fort, auf den Gaͤngen taumelte alles durcheinander. Ich fiel auf meine Knie, ich umfaßte die ſeinigen, daß er nicht los konn⸗ te, ich umklammerte mit der Linken den Schaft ſeines Gewehres.„Felir, rief ich, ich laſſe dich nicht, du ſollſt nicht fuͤr mich bluten, du ſollſt nicht fuͤr mich ſterben! Dieſes Gewehr iſt mein, ich bin berufen es zu tragen. Geh, und lebe mit Nanyn, und denke meiner.“ Laß mich, ſagt' er ſanft kopfſchuttelnd, und ſuchte ſich los zu machen. Aber ich wich nicht, und rief immer lauter, und beſchwor ihn bei den abgeſchiedenen Eltern, er ſollte heimkehren, und mich ziehen laſſen, wie mir das Loos geſallen war. Da traten vier Mann mit einem Unter⸗ offi⸗ offizier herein.„Was giebts? welcher Laͤrm?— rief der Unteroffizier.— Was zoͤgerſt du, Buͤr⸗ ger, deiner Pflicht zu gehorchen? Wer iſt der Menſch?—„Ich wollte reden, ich wollte bit⸗ ten, wild gebot er mir Schweigen.„Er iſt mein Bruder, ſagte Felir, ſeine Zaͤrtlichkeit ver⸗ fuͤhrt ihn zu allzu lebhaften Aeußerungen; ver⸗ zeih ihm, Buͤrger Unteroffizier, ich bin bereit zu folgen.„Er riß ſich von mir los, kuͤßte mich, und ging. Ich wollte folgen, ſeine Be⸗ gleiter ſtießen mich zuruͤck.“ „Auf den Platz ſtellten ſich die Bataillone in Reihen. Im Gewuͤhl verſchwand mir der Bru⸗ der, vergebens ſuchten ihn meine Augen aus der Ferne. Ploͤtzlich erſcholl das gebietende Marſch! die Trommeln ſtuͤrmten durcheinander, Zug auf Zug eilte an mir voruͤber. Da flog aus einer Reihe ein winkender Gruß in meine umherirrenden Augen; ſchnell, wie der Glanz einer vorbeiſchießenden Taube, verſchwand er, indem er kam; ach es war der Letzte; der Bru⸗ der war fuͤr mich verloren. Traurig wanderte ich dem Zuge nach. Wenigſtens pflegen wollt' ich ihn, und im bruͤderlichen Geſpraͤch ihn er⸗ heitern. Ich fand ihn nicht, er war im Vor⸗ tab, und bald verkuͤndigte Geſchuͤtzesdonner des Feindes Naͤhe. Das Herz im Buſen erzitterte . mir ſir und Flu kon jau N0 gef dur die geg in Ho fre ein Se ger rie da ich hi ſe we ſch he wir bei dem Anblick des entſetzlichen Kampfes, und wie ein ſchuͤchternes Wild trieb mich's zur Flucht; doch blieb ich, denn von dem Bruder konnte ich nicht laſſen. Die Unſrigen ſiegten) jauchzend trieben ſie die Deutſchen vor ſich her⸗ Ach, da hab ich gefuͤhlt, Nanon, was Sieges⸗ gefuͤhl ſey, und wie das Herz in blutigem Rach⸗ durſt entbrennt; denn auch ich jauchzte, als ich die fliehn ſah, die meinem Felix als Feinde gegenuͤberſtanden, und ſehnte mich zum erſtenmal in meinem Leben nach einem Schwerdte fuͤr die Hand, die bisher ſich nur die Saiten zu ruͤhren freute. Ich folgte nach; nicht lange, ſo kam ein Trupp Gefangener, ich erkannte unter den Begleitern einige meiner Freunde aus der Ge⸗ gend von Arbois. Was macht mein Bruder? rief ich den einen an! Ach, Nanon!“—— „Er iſt todt? rief Nanon— Flaude, ſprich! das edelmuͤthige Herz! D Klaude, ich bitte dich, ich beſchwoͤre dich, iſt er todt?“— Doch der gebeugte Bruder konnte nur kopf, nickend die entſetzliche Antwort geben.— Der Schmerz verſchloß ihm den Mund. Er verbarg ſeine Augen in beiden Haͤnden, und weinte laut; waͤhrend Nanon an ſeiner Seite in herzdurch⸗ ſchneidenden Klagen das Loos ihres Geliebten bejammerte. Endlich fand er Kraft zu reden, K ſie, ſie, ihn anzuhoren. Er erzaͤhlte, daß nach Ausſage der Garden von Arbois, ſein Bruder als ein Held gekaͤmpft, und bei dem Erſtuͤr⸗ men einer feindlichen Batterie zuerſt auf der Bruſtwehr Platz gefaßt haͤtte; da habe ihm ein feindlicher Reuter den Kopf geſpalten. Er habe ſeinen Leichnam geſucht, aber nicht gefunden; und ſich mehrere Tage in der Umgegend erkun⸗ digt, doch ohne Erfolg. Zoͤgernd und traurig wanderte Klaude zuruͤck. Er ſetzte ſich in Straßburg wieder auf den Stein am Hauſe ſei⸗ ner Wohlthaͤterin; aber kein Fenſter oͤffnete ſich; und niemand im Hauſe wußte etwas von ihr; denn es war ein Gaſthaus, und ſie mochte nur einige Tage auf der Durchreiſe verweilt haben. So nahm er den Weg nach ſeiner Heimath. „Aber je naͤher ich kam, Nanon— ſprach er — um ſo ſchwerer wurde mir um's Herz. Rie, ſprach ich zu mir ſelbſt, als ich von der Spitze zuerſt dieſes geliebte Thal und meine Huͤtte er⸗ blickte, nie werde ich ihn wiederſehen! Nie wird ſein freundlicher Gruß, und ſein biederer Haͤndedruck mich willkommen heißen; niemand wird, wenn ich die Heerde heimbringe, ſie mit Lob und Freude zaͤhlen; die Klaͤnge meiner Lie⸗ der werden in den ſtummen Waͤnden verhallen, und, wenn die ſuͤße Luſt gebußt iſt, wird kein Freund ffn ſo abe ſch ihn nen als ſitt Se ken ſch fi ße Freund mit traulichem und klugem Geſpraͤch die offne Seele erheitern! D Felix, Felix! er war ſo gut, ſo feſt, ſo verſtaͤndig; mein Bruder, aber in Wahrheit mein Vater! was werde ich ſeyn ohne dich!— So klagte Klaude, und Nanon theilte mit ihm die ſchmerzliche Genugthuung, den Verlor⸗ nen zaͤrtlich und ehrerbietig zu ruͤhmen. uUnd als ſie ſich an dem Troſt dieſes Andenkens ge⸗ ſaͤttigt, trennten ſich beide; aber ihre bewegte Seele fand keine Ruhe auf naͤchtlichem Lager. 3. Am folgenden Morgen erzaͤhlte Nanon ih⸗ rem Vater, was ſie von Klaude gehoͤrt. Den ſchmerzte ſehr der Verluſt des braven und flei⸗ ßigen Schwiegerſohns; doch, wie dem Alter ei⸗ gen, er hielt ſich nicht auf bei unnuͤtzen Kla⸗ gen, ſondern fand und aͤußerte gleich die leichte Auskunft, durch eine Verbindung mit Klaude die gewuͤnſchte Verwandtſchaft dennoch zu knuͤ⸗ pfen. Dhnehin wuͤrde, meinte er, die wirth⸗ ſchaftliche Auseinanderſetzung jetzt ſchwer ſeyn. Nanon hatte daran nicht gedacht, und ſchwieg; doch Klaude und Felir vermiſchten ſich in ihren Gedanken ſo wunderbar zu einem Bilde, daß ſie nicht mehr vermochte, ſich uͤber jenen ohne K2 Be⸗ truͤbniß zu freuen, uͤber dieſen ohne Troſt zu betruͤben. Verlegen daruͤber ſuchte ſie ſich Bei⸗ der zu entſchlagen; doch ihr Herz pochte, ſo wie ihr Vater den Namen Klaude ausſprach, und eine unbeſchreibliche Verwirrung ergriff ſie, als ſie den Juͤngling hinter den Baͤumen vortreten, und auf ihre Huͤtte loskommen ſah. Schnell floh ſie aus der Stube, und ſuchte den ein⸗ ſamſten Winkel auf, ſich zu verbergen. Dort weinte ſie uͤber Felix, und konnte doch nicht hindern, daß ihre Thraͤnen oft plotzlich bei dem Andenken an Klaude verſiegten, und holde Traͤume mit magiſcher Gewalt ihre erſchuͤtterte Seele an ſich zogen. Auch Klaude erfuhr vom Vater ſchnell und offen, was er bei dem ſo trautigen Geſchick fuͤr das Beſte hielte. Auch er erroͤthete, und ſchwieg, denn er hatte, ſo wenig als Nanon, daran ge⸗ dacht. Doch wo innige Freundſchaft einen Juͤng⸗ ling und eine Jungfrau verkettet, da iſt die Liebe, gleich einem Schmetterling in der Puppe, darin verborgen; und mit dem Gedanken der Maglichkeit ſich zu lieben, entbrennt die Leiden⸗ ſchaft in voller Glut. Klaude fuͤhlte zum er⸗ ſtenmal, um es nie wieder zu vergeſſen, daß Nanon ſchoͤn und liebenswuͤrdig ſey. Doch eine unnennbare Wehmuth erfullte ihn, daß der Tod dod ſolle hra nich uͤbe doc ſta ſchi en U Tod ſeines Bruders ihm eine Braut geben ſolle. Als daher der Vater wieder anfing, da brach er ſchnell ab, und meinte, noch ſey er nicht gefaßt, an dergleichen zu denken, und wiſſe uͤberhaupt nicht, ob er bleiben, oder wieder gehen ſolle. Er zogerte, in Hoffnung Nanon zu ſehen, doch war ihm das Herz entfallen, nach ihr zu fragen. Sie kam nicht. Endlich nahm er Ab⸗ ſchied, und ging tiefſinnig zuruͤck. Es war ihm eng' und bange in ſeiner Huͤtte. So viel war darin zu ordnen; er begann das Werk; aber im Dienſt der Muſen, und beim Hute der Heerde hatte er das Talent der Arbeit vektdren, und ſein beklommenes Herz beſas nicht die Staͤrke, durch den Willen zu erſetzen, was ihm an Ge⸗ ſchicklichteit fehite. Er ſehnte ſich nach Ver⸗ trauen, nach Liebe, Ranon, und nichts als Nanon war ſein Gedanke; ſie konnte ihm ge⸗ ben, was er ſuchte, und doch verbot ihm ein unuͤberwindliches Gefuͤhl, es bei ihr zu ſuchen. Der Sommer ging hin; Klaude und Ranon trauerten ſtill. Sie entfernte ſich ſtets, wenn ſie ihn kommen ſah; Klaude ſah ihr ernſthaft nach, und hieß ſie niemals bleiben. Selten und immer ſeltner kam er in ihres Vaters Huͤtte. Der Vater ſpielte nicht mehr auf ihre Ver⸗ Verbindung an, wie er anfangs manchmal ge⸗ than; er konnte nicht begreifen, wie es zuginge, daß, nach ſeiner Meinung, die Beiden ſich nicht leiden koͤnnten. Er gab ſeine Gedanken auf; und die Bewohner von Point le Jougars, welche gleiche Gedanken wegen des jungen Paa⸗ res gehabt hatten, uͤberzeugten ſich wie er, es ſey alles vorbei. Schon nahte der Herbſt; die Sonne ſank immer ſchneller hinter den Jura; die Blaͤtter wurden bund; die Heerden weideten tiefer am Bergesruͤcken. Da ſaß eines Abends Klaude vor ſeiner Huͤtte, einſam und ſang zur Gui⸗ tarre, wie er pflegte. Denn das ſuͤße Lieder⸗ ſpiel war der einzige Troſt ſeines wunden Her⸗ zens geblieben. Der Mond brach in vollem Glanze durch den zerriſſenen Schleier weiſſer Wolken; die weithin ſchweigende Natur ſchoͤn in ſeinem Licht vergeiſtert; gewaltig ergriff Klaude das Gefuͤhl deſſen, was er verloren, und er ſang zu einfach trauriger Weiſe das ein⸗ fach traurige Lied. Da ſchnitt ein Schmerzens⸗ ton durch die Luͤfte in ſeine Ohren— er horchte ſchweigend.— Deutlich vernahm er in der Naͤhe das Wimmern eines die Seele uͤberwaͤl⸗ tigenden Jammers— er ſteht auf, und ſucht, und ſieht Nanon, die an einem Baum gelehnt, das bi ſic ein im we ge⸗ e, ſch ken ter en ſer n if in⸗ n hte der äl⸗ ht, nt, das Geſicht in beiden Haͤnden verborgen/ ihn nicht ſieht, nicht hoͤrt, und ſich dem Ausbruch eines Schmerzens uͤberlaͤßt, den ſie ſo lange ſtill im Buſen herum getragen.— Sie war bei einer Freundin geweſen, zu welcher der Weg bei Klaudes Huͤtte vorbei fuͤhrte. Eben darum nahm ſie gewoͤhnlich einen umweg; heute wollte das Schickſal, daß. ſie eine ihr ſelbſt peinliche Vorſicht im lebhaften Abſchiedsgeſpraͤch vergaß; ſie war noch zwanzig Schritt von Klaudes Huͤtte entfernt, als ſein Spiel und ſein Geſang erklang. Sie ſtand freudig erſchrocken ſtill; wie lange hatte ſie die⸗ ſen Wohllaut nicht vernommen, einſt den hol⸗ den Gefaͤhrten, und jetzt den Erinnerer ſchoͤne⸗ rer Tage. Sie konnte nicht fliehn; es wurde ihr die Bruſt immer enger, das Herz klopfte immer gewaltiger, ihre Augen verdunkelten ſich von aufquellenden Thraͤnen; langſam wankte ſie naͤher, und barg ſich hinter dem breiten Stamm einer uralten Ulme. Da drang, von einem We⸗ heruf der Saiten begleitet, der Name Felix zu der Horchenden, es uͤbermannte ſie plotzlich; aufſchreiend rief ſie aus, wie es in ihrem Her⸗ zen nachklang, und weinte, durchdrungen von unausſprechlicher Wehmuth. Der leiſe melodi⸗ ſche Ruf ihres eigenen Namens weckt ſie; ſie blickt blickt auf, der Juͤngling, den ſie liebte, den ſie floh, er ſteht vor ihr, ſein Athem beruͤhrt ſie, ſeine bittende Hand ſpricht zu ihr ſich wen⸗ dend den Wunſch aus, den ſeine von inniger Zaͤrtlichkeit ſtrahlenden Augen verrathen. Richt lange ſinnt ſie; ſie liegt in ſeinen Armen; kaum mehr athmend, halb von Schmerz, halb von Entzuͤcken gelaͤhmt, vermag ſie nur mit dem zarteſten Accent der Liebe leiſe den geliebten Na⸗ men zu fluͤſtern, den ſo lange kaum das ſchuͤch⸗ terne Herz in ſich ſelbſt, nie die Lippe auszu⸗ ſprechen wagte! O meine Nanon, rief der gluͤckliche Klaude, o Gott ſey gelobt! nun werde ich wieder leben. Ich werde vertraulich an deiner Seite plau⸗ dern; ich werde meine Schmerzen und Freuden in deinen Buſen ausſchuͤtten; ich werde Lieder fuͤr dich erfinden, und ſie dir vorſingen; ich werde vom Schnee die Alpenroſe pfluͤcken, und dein frohes Laͤcheln wird mich belohnen! Na⸗ non, wie war es moͤglich! wie konnteſt du vor mir fliehn als wie vor einem Moͤrder? Ach, Klaude! ich waͤre geflohn? war nicht dein Blick ſo duͤſter, wandteſt du nicht die Au⸗ gen ſo ſchnell und zornig von mir ab? D wie wanche Nacht hab' ich ſchlaflos und mit Thraͤ⸗ nen hrt en⸗ ger icht — 153— nen zugebracht, weil ich nicht laſſen konnte dich zu lieben!— Immer unbegreiflicher fanden Beide, wie ſie ſo lange haͤtten entfernt bleiben koͤnnen. Ihre unſchuldigen Seelen, von dem Uebermaaß des lang' entbehrten Freundſchaftsgenuſſes bewegt, erinnerten ſich in dieſem Augenblick jener zarten Gefuͤhle nicht, welche der Grund ihrer Trennung geweſen waren. Hand in Hand gingen ſie zu Nanons Huͤtte; der Vater war zu Hauſe; es uͤberraſchte ihn, beide ſo vertraut und ſo innig heiter eintreten zu ſehn. Den Grund zu erra⸗ then fiel ihm nicht ſchwer;„nun, das iſt recht, Kinder, rief er ihnen entgegen; todt iſt todt; dein Bruder, Klaude, war ein braver Mann; daß du ſeine hinterlaß'ne Braut heiratheſt, wuͤrde er ſelber loben, wenn die Todten reden koͤnn⸗ ten. In Gottes Namen, mweinen Seegen habt ihr.. Mit dieſen Worten nahm er beider Haͤnde, und legte ſie in einander. Beide uͤberfiel ein ſchreckhafter Schauer bei dieſen Worten, und als ihre Haͤnde ſich in ſo feierlicher Bedeutung beruͤhrten. Was ſie uͤber ihrer Freude aus den Augen verloren, regte ſich im Hintergrunde ihrer Seelen wieder gewaltig. Der Vater ging hinaus, um die Liebenden nicht zu ſtoren. Sie ſtanden eine zeitlang ſchuͤch⸗ — 154— ſchuͤchtern, doch feſt ſich bei der Hand haltend; Nanon ſah tiefſinnig vor ſich nieder; Klaude be⸗ trachtete ſie ernſt. Nanon! rief er endlich halb laut— ſcheu wandte ſie die Augen auf ihn, ſie fuͤrchtete darin den finſtern Ernſt der Vergan⸗ genheit zu finden. Doch des Juͤnglings Augen ſprachen nur Liebe und die Heiterkeit aus, wel⸗ che nach kurzer Pruͤfung ſein Herz im Bewußt⸗ ſeyn unſchuldiger Sinnesart gefunden. Nanon, ſagte er, Gott weiß, ich wollte, Felix lebte, und du wuͤrdeſt ſein Weib. Gott hat ihn weg⸗ genommen, und ich darf und will dich lieben wie Er! und ſo druͤck' ich dich im Namen Gottes an mein Herz!“— Ueberſeelig ſank ſie ihm an das redliche Herz. Ihre Zweifel waren geloͤſet; ſie durfte ſich jetzt wieder Gefuͤhlen uͤberlaſſen, die ſie ſo lange gegenſeitig erfullt und begluͤckt hatten; ſie thaten es ohne Leidenſchaft; ihre unſchuldigen Wuͤnſche waren in der Gemeinſchaft befriedigt, die ihnen wieder gegeben war; Klaude lebte fuͤr Nanon, Nanon fuͤr Klaude; nie gab es in Point le Jougars ein Paar, ſo vertraut und ſittſam, ſo ſchoͤn und ſo liebenswuͤrdig, daß die Juͤngern es ſo ganz ohne Neid, die Aeltern mit billigender Freude betrachteten; und die ganze kleine Gemeinde freute ſich diesmal dop⸗ pelt pelt des Fruͤhjahrs, wo Klaude und Nanon mit dem auflebenden Thale zugleich im braͤut⸗ lichen Gewande erſcheinen ſollten. 4. Fruͤhjahr kam; immer hoͤher zur ſchwinden⸗ den Schneedecke hinauf trugen die Berge den gruͤnen Mantel; die Baͤche floßen luſtig in den wieder bluͤhenden Ufern; die Baͤume warfen allmaͤhlig dichtere Schatten; und die Rinder im Stall bruͤllten ungedultig nach der Stunde, die ſie in genußreiche Freiheit fuͤhren ſollte. Wie die Alpenroſe im Schnee, bluͤhten immer freu⸗ diger Nanons Wangen. So zart und leicht ſchwebte ſie auf dem Pfade zu Klaudes Huͤtte, daß die Juͤnglinge, an denen ſie voruͤber eilte, ihr ſtaunend nachſahn, wie der Erſcheinung ei⸗ nes Engels. Nicht mehr beredt, wie ſonſt, wa⸗ ren ihre Lippen; doch ſuͤße Worte ſchienen da⸗ rauf zu ſchweben wie Schmetterlinge auf einem Blumenkelch, und der wonnebegeiſterte Blick ih⸗ rer Augen ſprach den Sinn dieſer Worte aus. Traͤumend ſtand ſie oft an Klaudes Seite vor der Huͤtte, wo ſie nun bald mit ihm wohnen ſollte; ihre Augen irrten umher, emſig und froͤhlich ſuchend; oft hafteten ſie, gleichſam trun⸗ trunken von Anſchauen; und wenn Klaude die holde Braut fragte, was ſie ſo ſtumm und in ſich verloren ſinne; da ſchmiegte ſie ſich läͤchelnd mit einem Blick inniger Liebe dichter an ihn, und fluͤſterte ſanft—„„wie gluͤcklich wir hier beide ſeyn werden!“ So ſtand ſie eines Tages mit Klaude in ſeinem Garten unter einem Apfelbaum, deſſen Knospen ſich ſchon zu roͤthen anfingen; ſie lag in ſeinen Armen, und ihre Lippen hingen an den ſeinigen. Da rauſchte es wie Mannstritt in der Naͤhe, und wie Degengeklirr; ſie blick⸗ ten auf; ein franzöſiſcher Pffizier ſtand vor ih⸗ nen; der linke Arm hing in einer Binde, und ſchien verkuͤrzt; das braune Geſicht entſtellte eine blutrothe Schmarre. Stumm und ernſt⸗ haft, doch freundlich ſchaute er ſie an. Klaude ließ Nanon gehn; es wandelte ihn Eutſetzen an, die Uniform, die ihm ſo viel Leid gebracht, zu ſehen; er betrachtete verwundert den Unbekann⸗ ten. Wer ſind Sie, fragte er endlich, nach ei⸗ nigen Sekunden ſtummer Pruͤfung. Ein Freund! war die maͤnnlich doch ſanft toͤnende Antwort. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen und ſchreiend vor Ueberraſchung und Entzuͤcken, und den geliebten Namen rufend, fiel er dem Bruder, der vor ihm ſtand, an die Bruſt, und beide — m beide hielten ſich ſchweigend in langer feſter Umarmung! Doch Nandn ſtand dabei und zitterte. Tief in den Boden, wo ſie ſtand, haͤtte ſie einſin⸗ ken moͤgen, daß die verſoͤhnende Erde ihr Herzeleid hebe und ihre Beſchaͤmung verbaͤrge⸗ An Felir band ſie die verheiß'ne Treue, deren Gewicht ſie mit der Gewalt einer herzlichen Frömmigkeit fuͤhlte; von Klaude, das ſprach ihr Herz laut, von Klaude konnte ſie nicht laſ⸗ ſen. Bebend vor Angſt ſah ſie dem Augenblick entgegen, wo die Bruͤder aus dem halb be⸗ wußtloſen Rauſch zaͤrtlicher Freude erwachen, und eines ſo grauſam zwiſchen ſie tretenden Verhaͤltniſſes gedenken mußten. Felix ermannte ſich zuerſt. Zaͤrtlich blickte er die Zagende an, noch in des Brubers Ar⸗ men liegend. Und du, meine Ranon! rief er, und reichte ihr uͤber Klaudes Schultern die Hand. Sie gab ihm die Ihrige, in Thraͤnen ausbrechend; dieſelbe zaͤrtliche Anrede, welche ihrem Schmerz die ſtumme ruhrende Sprache gab, erinnerte Klaude an alles, was er uͤber der Freude den Bruder zu umarmen, vergeſſen hatte. Schnell wandte er ſich, erbleichend, und ſein Blick voll Schmerz und Sorge traf mit einem gleichen don Nanon zuſammen. Beide ver⸗ — verſtummten, und hefteten traurig ihre Augen auf den Boden. Felir betrachtete ſie einige Zeit mit pruͤfen⸗ dem Ernſt. Kinder, ſagte er endlich, wozu ſol⸗ che Bewegungen des Herzens. Wir wollen uns freuen, daß uns das Schickſal noch einmal in dem holden Frieden dieſes Thales zuſammen fuͤhrte. Mein Herz lebt wieder auf nach ſo viel Scenen des Jammers, ſo viel drohender Gefahr! D kommt beide an meine Bruſt; noch nie in meinem Leben war mir ſo feierlich, und doch ſo wohl!— Die ſanften Worte ſoͤhnten das bange Ge⸗ fuͤhl der Liebenden aus; er war es, der alte, treue, edelherzige Felir! Und ſo umſchlangen ihn beide, und legten zaͤrtlich ihre Wangen an die ſeinige; und alle drei erneuerten im Herzen fuͤr die Ewigkeit den Bund heiliger Liebe, ohne ein betheuerndes Wort zu ſprechen oder zu be⸗ duͤrfen. Kommt, ich will euch ſagen, wie mir es ergangen iſt, ſagte Felix. Sie ſetzten ſich un⸗ ter einen Baum; er erzaͤhlte ſein Schickſal: In jenem Treffen, welches Klaude mit angeſehn, wurde anfangs das Korps, bei welchem Felir ſtand, von feindlicher Reuterei uͤberfluͤgelt. Ein gewaltiger Hieb uͤber das Geſicht ſturzte ihn gen ſol⸗ uns lin nen ſo der och und Ge⸗ lte, en zen ne he⸗ ihn ſinnlos zu Boden. Der Angriff ging wei⸗ ter uͤber ihn weg; er kam wieder zu ſich; Nach⸗ ruͤckende faßten ihn auf, und ein menſchlicher Offizier ließ ihn als Gefangenen vom Schlacht⸗ felde wegbringen. So lag er in einem Dorfe unter andern Bleſſirten in feindlicher Gewalt; nach mehrern Tagen wurde das Dorf von Fran⸗ zoſen uͤberfallen, die ihn und ſeine Kameraden befreiten. Nach geheilter Wunde ging er wie⸗ der vorwaͤrts, hielt ſich wacker, wurde Pffi⸗ zier, verlor den linken Arm, lag lange ohne Hoffnung, und erhielt endlich als Verſtuͤmmel⸗ ter ſeinen Abſchied. Unfaͤhig ferner fuͤr die Freiheit zu ſtreiten, fuhr Felir fort, beſchloß ich endlich ihr zu le⸗ ben. Ich ſehnte mich, wieder zu ſehn, was meinem Herzen das Theuerſte iſt; Gott ſey Dank, ich habe euch gefunden, und dieſe Huͤtte ſoll wieder wie ehemals der Schauplatz eines ruhigen Gluͤckes fuͤr mich werden.“— Zaͤrtlich doch wehmuͤthig, blickten ihn Na⸗ non und Klaude an. Es ruͤhrte ſie tief, den ehemals herrlichen Juͤngling in ſolcher Geſtalt vor ſich zu ſehen; ſie empfanden beide im Stil⸗ len, daß jedes Ppfer, welches ſie bringen koͤnnten, ihm gebuͤhrte. Mit Augen voll Thraͤ⸗ nen horchten ſie ſeiner Worte; keines ſprach da⸗ — 160— dazwiſchen, um nicht in erbebender Stimme die innere Bewegung zu verrathen. Als er geen⸗ digt, entfernte ſich Nanon ſchnell, und Klaude ging mit dem Bruder in die Huͤtte. 5. Darin war alles ſinnig und feſtlich, mit der Erfindungskraft einer gluͤcklichen Liebe geordnet⸗ Bald hatte Nanon, bald Klaude Gelegenheit gefunden, dem Geſchmack des geliebten Herzens irgendwo ein zaͤrtliches Denkmal zu ſtiften; und ſo ſprach das Ganze in zahlreichen, aber einem feinfͤhlenden Herzen leicht zu faſſenden Raͤth⸗ ſeln ſich als die Wohnung eines zaͤrtlichen Paa⸗ res aus. Felix ſtand und betrachtete mit ange⸗ nehmer Verwunderung; die laͤndliche Rettigkeit, die auch er geliebt, hatte, ich weiß ſelbſt nicht, welchen Glanz gewonnen, den eine feine Einbil⸗ dungskraft auch uͤber das Unſcheinbarſte auszu⸗ gießen vermag. Der Umgang mit der hoͤhern Welt hatte ſein Urtheil geſchaͤrft; es fiel ihm nicht ſchwer, den Grund der ihn uͤberraſchenden Erſcheinung zu errathen. Laͤchelnd wandte er ſich zu ſeinen Bruder, der augenſcheinlich mit ſich ſelber kaͤmpfte; denn er war entſchloſſen Felix alles zu ſagen, und ie ht, bil z erit hi deh er, Mn en un — 161— und doch konnte er das Wort nicht finden, es zu thun. Endlich hob er die Augen zu ihm auf; der freundliche Blick des Bruders ermu⸗ thigte ihn. Eben wollte er ſagen, Felir, Nanon iſt dein; und ich trete dir ſie gern wieder ab.— Da erſchreckte ihn das Wort des Bruders— „es ſieht ſo braͤutlich hier aus, Klaude; wen haſt du dir denn erkohren? werden ſich auch die Schwaͤgerinnen vertragen?“— Das fiel ihm auf's Herz daß der Bruder gar nichts ahnete; ſeine Schuld duͤnkte ihm ploͤtzlich ungeheuer, und er warf ſich in des Bruders Arme, und⸗ weinte laut. Vergebens troſtete dieſer. „Vergib Felix, bat endlich Klaude; und zuͤrne nicht auf Nanon, nicht auf mich. Der Vater iſt ſchuld, der redete uns beiden zu, und weil du todt warſt nach unſerer Meinung, glaubten wir endlich, wohl recht zu thun. Aber Nanon iſt dein; ich habe keine Braut, will auch keine haben; du haſt fuͤr mich geblutet, jetzt will ich hingehn und ſtatt deiner fechten; denn das Le⸗ ben iſt mir bitter geworden, ſeit es mich ſo viel gekoſtet hat. Es ſtieß der Juͤngling Worte des Schmer⸗ zens aus; bruͤderliche Zaͤrtlichkeit, Dankbarkeit, und die gluͤhendſte Liebe zerriſſen wechſelnd ſeine Seele. Klaude, ſagte Felix, nachdim er ihm L lan⸗ — 162— lange zugehoͤrt, ich bin nicht gekommen, um das Gluͤck deines Lebens zu ſtoren; das hieſſe das meinige vernichten. Als ich fuͤr dich in den Kampf ging, brachte ich dir ein groͤßeres Opfer, als heute, wo ich meine Rechte auf Nanon dir uͤbergebe. Das Schickſal hat mich Erfahrungen machen laſſen, die ſich nicht mit dem ſtillen Gluͤck dieſer Wohnung mehr vertragen. Ich kann es genieſſen, als einen Balſam brennen⸗ der Wunden, ich vermag es nicht mehr zu ſchaffen. Nanon iſt dein; in dieſem Augenblick ſegne ich euren Bund; Euer Gluͤck wird das meinige ſeyn!— „Nein Felir, rief Klaude immer heftiger weinend, nimmer mehr! Ich will dir dienen, du ſollſt mein Herr, Nanon meine Gebieterin ſeyn. Du ſollſt die Fruͤchte meiner Arbeit ge⸗ nieſſen; du haſt fuͤr mich tödtlichen Kampf ge⸗ ſtritten; es iſt billig, daß Ruhe und Freude dein großmuͤthiges tapferes Herz erquicke. Na⸗ non wird die Deinige ſeyn, und wie vormals werden meine Geſaͤnge den Reiz der Stunden erhohen, wo du mit der Geliebten traulich koſeſt!“— So ſtritten ſich beide immer ernſtlicher. Die Nacht kam heran. Felix legte ſich ermuͤdet zur Ruhe; Klaude eilte zu Nanons Huͤtte. Sie wag⸗ — ——— 6— ſen en⸗ — 163— wagte nicht wie ſonſt den Geliebten mit zärtli⸗ cher Umarmung zu begruͤßen; ſchuͤchtern legte ſie ihre Hand in die ſeinige, als er ſie ihr darbot, und beide blickten ſich einige Zeit wehmuͤthig an. Doch nicht lange ſchwieg Klaude; ſich erman⸗ nend ſagte er ihr, was ihm auf dem Herzen laſtete. Daß Felix ihr entſagen wolle, daß er ſie ſo unendlich mehr verdiene) als er ſelbſt, das ſprach er vor ihr mit einer Beredtſamkeit aus, welche das Gemuͤth der Jungfrau ent⸗ flammte) und endlich vermochte, mit ihm das feierliche Geluͤbde abzulegen, daß ſie des Bru⸗ ders Gattin werden, und jeder auf die Ver⸗ muthung ſeines Todes gegruͤndete Wunſch durch⸗ aus vergeſſen ſeyn ſolle⸗ Spaͤt nach Mitternacht kam Klaude zuruͤck. Behutſam ſchlich er uͤber die knarrende Diele, daß er den ſchlafenden Bruder nicht weckte. Er ſelbſt konnte nicht ſchlafen; Freude und Schmerz hielten ihn wechſelnd wach. Schon leuchtete der Morgen ins Schlaſgemach; Felir ruͤhrte ſich nicht. Da erhob ſich Klaude leiſe, um die Wirthſchaft zu beſorgen, und blickte verſtohlen nach dem Schlummernden. Er ſieht niemand— er reibt ſich die Augen— er tritt naͤher— er fuͤhlt die Decke an— Felir iſi verſchwun⸗ den! Sollte er ſchon drauſſen ſeyn?— er 2* durch⸗ durchläͤuft den Hof, den Garten, er durchſucht ſ 1 die Staͤlle— nirgends Felir!— er geht zum Nachbar, der weiland oft zu Felix auf ein d 1 Abendgeſpraͤch uͤber Wirthſchaft und Politik ſ kam; er ſpringt zum andern, zum dritten— nirgends Felir!— athemlos koͤmmt er endlich zu Nanon's Huͤtte;„Dort muß er ſeyn; es kraͤnkt ihn innerlich, ihn nicht gleich da geſucht t zu haben; in der Tiefe der Seele ſchmerzt es ihn leiſe, daß Felit ihm zuvorgekommen iſt; 3 Großmuth aus Liebe mag fuͤr die Freude, welche ſie gewaͤhrt, ſo gern ſich durch ihren Anblick belohnen; und doch— iſt es nicht be[ ſer, daß er Nanon durch ſie ſelbſt erhaͤlt?—— er tritt ein, Nanon ſteht am Tiſch, mit haͤus⸗ licher Arbeit beſchaͤftigt, mit tiefen verweinten Augen; verſtoͤrt, zitternd fragte er nach Felix; der Name preßt ihr neue ſchnelle Thraͤnen aus— Felix iſt nicht da, nicht da geweſen! Da brach dem frommen treuen Klaude das Bruderherz; er warf ſich an die Bruſt der Ge⸗ liebten, und weinte bitterlich, und klagte un⸗ troſtlich. Dem, welchen er mehr als ſich ſelbſt liebte, der boͤſe Geiſt geworden zu ſeyn, der ihn um Freiheit, Geſundheit gebracht haͤtte, 1 und jetzt um die Geliebte bringen, ja aus der 1 ſtilen Heimath verjagen ſollte, das fiel ihm zu . ſchwer. ſchwer. Vergebens troͤſtete ihn Nanon, zaͤrt⸗ lich liebkoſend mit den beweglichſten Worten; er druͤckte ſie an ſein Herz, er gab ihr die ſuͤſſe⸗ ſten Namen, doch' ſeinen Schmerz zu beſaͤnftigen gelang ihr nicht. Erſchoͤpft, doch nicht beruhigt ſetzte er ſich endlich in einen Winkel, und bruͤ⸗ tete ſchweigend uͤber dem Gram, der ſein Inn⸗ res zerſchnitt, Nanons Vater kam; er ſchuͤt⸗ telte den Kopf, doch hatt' er laͤngſt begriffen, daß ſeine ehrenveſte Klugheit hier nicht hin⸗ reichte, und ſchwieg. So ſaß Klaude ſtumm und unbeweglich; er dankte freundlich, als ihm Nanon anbot, was ſie ſelbſt zubereitet hatte, aber er aß und trank nicht. Schon brach die Daͤmmerung ein; der Vater wurde unruhig; Nanon petrachtete den Ge⸗ liebten mit ſteigender Angſt. Pft nahte ſie ihm flehend, mit leiſem zaͤrtlichem Wort; da erhob er zu ihr ſeine Augen mit unausſprechlicher Liebe, aber auch ſchmerzlich um Schonung bittend⸗ Immer dunkler wird es, immer gewaltiger draͤngt die Angſt in ihrem Buſen, ſie zuͤndet eine Kerze an, weil ihr graut. Truͤbe brennt im ſtillen Zimmer das ſpaͤrliche Licht; und, als zuͤrnten ſie, ſichen alle drei, weitentfernt, und ſenken das Haupt, in finſtre Betrachtungen ver⸗ loren, zur Erde. Da —* — 166— Da ſcholl plotzlich durch die Nacht laut und wild das Gebell des Hofhundes. Der Vater ſtutzte; Nanon ſprang auf— der Hund bellte heftiger— ploͤtzlich war er ſtill, und gab freu⸗ dig winſelnd zu erkennen, daß ein Bekannter da ſey. Sie hoͤren Tritte; eine zarte Frauen⸗ ſtimme ſpricht, eine Maͤnnerſtimme antwortet. Die Thuͤr oͤffnet ſich— und Felir tritt eini an ſeinem Arm haͤngt eine Frau in Gang und eleidung majeſtaͤtiſch wie eine Fuͤrſtin, und dennoch reizend und liebfordernd wie der juͤngſte und zarteſte Engel paradieſiſcher Sterne. Noch ſah Klaude nicht auf, da hoͤrt er ſei⸗ nen Namen— da blickt' er auf— und ſchneller als ein Gedanke hing er an des Bruders Halſe, und umſchlang ihn bruͤnſtig, als wollt' er ihn an ſich ketten fuͤr die Ewigkeit. Nur daß er ihn wieder hatte, nur die Freude ſtuͤrmte jetzt in ſeiner Seele; er dachte in dieſem Augenblicke Nanons nicht, er bemerkte die Unbekannte nicht. Nanon ſtand ſchuͤchtern von fern, als ſie die glaͤnzende Fremde ſah. Doch dieſe ging zu ihr hin, faßte ſie freundlich in ihre Arme, kuͤßte ſie, ihr die Wangen ſtreichelnd, und nannte ſie ihr gutes holdes Kind, ihre liebe Schweſter, die ſie ſchon lange im Herzen getragen haͤtte, und nun endlich zu umermen ſo gluͤcklich waͤre. Felix⸗ 1h ter llte el⸗ ter len⸗ ini und und ſte ſei⸗ ellet Aſe, ihn er jetzt licke icht die iht ißte ſie ſter, tte, te elit Felir, halb erſtickt von der wilden Liebe und Freude ſeines ſonſt ſd ſanften Bruders, ſah uͤber deſſen Schulter das Schauſpiel, das ihn ſo lange im Geiſt entzuͤckt hatte, und doch jetzt in der Anſchauung unendlich mehr entzuͤckte.. Klaude, Herzensbruder, ſagte er, ſieh dich doch einmal um.. Er that es— und kaum hat er Zeit, ſich uͤber die ſchweſterliche Freundſchaft der beiden Frauen zu verwundern, ſo fliegt ein neuer Blitz des Erſtaunens durch ſeine Seele, ſo leuchtet ſein Auge vor dem milden Schimmer einer neuen Freude. Felir fuͤhrt ihn bei der Hand zu der Fremden hin; ſie läͤßt Ranon los, und kehrt ſich gegen die Bruͤder; und während Klaude freundlich verlegen zaudert, ob er ihr zu Fuͤßen, oder in die Arme ſinken ſoll, ſagte ſie— ja Klaude, hier bin ich, um deine Nanon zu ſehn; deine Nanon, Klaude— denn Felir kann nur der Tod, oder ſein Wille von mir ſcheiden!— und zugleich umfaͤngt ſie den dop⸗ pelt Glucklichen mit ſchweſterlicher Liebe. Ja ſie war es— die in Straßburg, durch Klaudes molodiſche Klagen bewegt, ihn zu ſich rief, und die Geſtaͤndniſſe ſeines kindlichen Ge⸗ muͤths mit ſo viel Ruͤhrung aufnahm, die dem Verlaßnen zur letzten bruͤderlichen Umarmung half! die den Namen Felir und das Bild ſei⸗ ner ner großen Seele ſo unvertilgbar im eignen edlen Herzen trug, bis das Schickſal ihn ſelbſt dieſem Herzen als theures Eigenthum zufuͤhrte! Sie war es, die ſchoͤne, die großherzige Ade⸗ laide von Vermanton, ſeit einem Monat Felir Gattin!) Vier ſelig Liebende umſchloß die Huͤtte nun; doch— keine Feder vermag die Wonne dieſer Gluͤcklichen zu ſchildern. nen elbſt Nte! Ade⸗ Felir die die Emma oder die Huͤtte im Thal. Soon tauchte die Sonne ihre letzten purpur Strahlen in den Spiegel des Sees, und ſenkte ſich hinter die hohen Gebirge, die das Thal Lanzo von Maurienne trennten, als deren friedlichen Bewohner zu des alten Vertrands, niedlichen Hůt⸗ te zueilten, um durch trauliche Geſpraͤche, von ihren landlichen Arbeiten ermuͤdet, den Abend in ergözender Heiterkeit zuzubringen. Der gute Alte ſchloß ſich jederzeit mit munterer Laune in ihren freundlichen Cirkel ein, weil er wußte daß ſich Jeder mit herzlicher Liebe an ihm draͤngte. Seine einzige Tochter, ſchoͤn und ſittſam, die ſiebzehn Fruͤhlinge zaͤhlte, erfreuke die guten Leute durch ihren zauberiſchen Geſang dem ſie noch tieferes Gefuͤhl durch ihre meiſterhaft ſpielende Guitarre einzuhauchen wußte. Von allen Seiten ward dem vergnuͤgten Alten uͤber dies theur Pfand ſeiner Liebe — 173— diebe, gluͤckliche Wuͤnſche zugeruffen. Und wa⸗ rum, ſagte er, ſollte ich nicht ſtolz auf meine Emma ſeyn, wuͤrde wohl ſo leicht jede Andere, mit gleichen Talenten und Zartgefüͤhl den ergoͤzenden Vergnuͤgungen der brauſenden Welt entſagen, um ihren alten Vater in einem friedlichen Doͤrf⸗ chen zu pflegen, wie ſie? Ihr Geiſt empfing die gebildeſte Kultur, und ihr Herz das Gepraͤg reiner unſchuld. Eine traurige Scene bereitete ſich dieſen Abend fuͤr die Bewohner des friedlichen Thales vor. Ein immer verſtaͤrkenderes Geraͤuſch erregte die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft, und dieſes verurſachte eine Saͤnfte, die von fremd gekleide⸗ ten Maͤnnern an der nakten Felſenwand herbei getragen wurde, denen mehrere Hirten des Dor⸗ fes, zur Begleitung dienten. Bertrand der einen Un⸗ gluͤcklichen darinnen vermuthete, ging ſogleich dieſem kleinen Zug mit ſeiner Emma, und den Uebrigen, entgegen. Das innigſte Mitleiden, mahlte ſich im Geſichte der Beyſtehenden, als man einen ſchoͤnen jungen Mann, bleich und ohne Bewegung, aus der Saͤnfte hob. Es war ein Englaͤnder, der die Schweiz bereißte, und der ſich durch einen gefaͤhrlichen Sturz vom Pferde, das er nach dem wohlmeinenden Rath der Gebirgsbewohner gegen ein Mau⸗ thier wa neine dere, nden örf die einer lbend oör. e die ieſes leide⸗ erbei Dor⸗ nUn gleit und we und von nde Nou thiel thier haͤtte umtauſchen ſollen, todtlich vertun⸗ det hatte. Man fürchtete fuͤr ſein Aufkommen und Emma empfand ſogleich uͤber das Schickſal dieſes halb mit dem Todt ringenden jungen Man⸗ nes, das ſchmerzlichſte Bedanern, das ſie ſich auch bemuͤhte dem Leidenden durch ihre mitlei⸗ digen Blicke zu erkennen zu geben. Ihren mit⸗ theilenden Empfinduggen that es aͤußerſt wohl, als ihr Vater vorſchlüg, den ungluͤcklichen Frem⸗ den in ſeine Huͤtte zu bringen, denn dies war ihr ſtiller Wunſch. Er wurde zu Bette gebracht, und Emma ſuchte mit der liebenswuͤrdigſten Em⸗ ſigkeit, einige Linderung fuͤr ſeinen Schmerzen auszufinden und ſein mattes Leben in neue Kraft zu bringen. Dieſe wohlthaͤtige Sorgfalt hatte den gluͤcklichſten Erfolg; matt oͤffnete er die Au⸗ gen, und waͤhnte zu traͤumen, als er ſich in einer Huͤtte verſetzt und von einem ſchoͤnen Maͤdchen umgeben ſah, die aͤngſtlich auf ſein Erwachen lauſchte, und ihn mit feuchten Augen anlaͤchelte, Dankbar druͤckte er ihr die Hand, und ein ſanfter Blick mit einem himmliſchen Laͤcheln begleitet, wa⸗ ren Emmas Antwort. Schuͤchtern fragte ſie nach ſeinem Namen, und ſie erſuhr nun) daß der Fremde Adolph hieß. Adolph! rief ſie mit Feuer, Adolph, welch ſchoͤner Name, und er⸗ roͤthend uͤber dieſen warmen Ausdruck, ſchlug ſie ver⸗ verlegen die Augen nieder. Die Arzneyen wur⸗ den ſelbſt von ihr zubereitet, und mit heißen Dank nahm Adolph die Huͤlfe ſeiner ſchoͤnen Pflegerin an. So vergingen einige Wochen, nach wel⸗ chen er das Bett verlaſſen, und von Emma ge⸗ führt, in dem kleinen Garten der an die Huͤtte ſtieß herumwandeln konnte. Auf dieſe Art verging ihm in muntern Geſpraͤchen die Zeit; Em⸗ ma veranſtaltete ein kleies ländliches Feſt an dem Tag, wo er wieder zum erſtenmale aus⸗ gehen konnte; die ſchoͤnſten Blumen, und die beſten Fruͤchte wurden gepfluͤckt, um ſein Zim⸗ mer zu ſchmuͤcken, und ſeine Tafel zu zieren. SeineLieblingsſpeiſen ſchienen ihm von dem beſten Koch in England zubereitet. Dieſes liebens⸗ wuͤrdige Zuvorkommen, mit ſo vieler Geſchick⸗ lichteit verbunden, ſetzten Adolph nicht wenig in Erſtaunen und ließen ihn nicht genug Worte finden, ſeine dankbaren Gefuͤhle an dem Tag zu legen. Emma empfand uͤber das Lob des Fremden, ein freudiges Wohlwollen, und ihr guter Vater ſprach bei dieſer Gelegenheit mit leuchtenden Augen, und vaterlichen Stolz, von der hohen Bildung ſeiner Tochter. Die beſcheidene Emma erroͤthete, und griff zu ihrer Guitarre, um dieſes Geſpraͤch zu endigen, und Adolph zu erheitern. Stau wüt Dan gerit wel a ge⸗ Hutt An En ſt e au d die Zit ieren beſten bens ſchi weni Woſte Lu b de no ih ehel liche ochtel guf ſprit Sti Staunend hoͤrte er ihr zu, und ihre melodiſchen Toͤne wiederhallten tief in ſeiner Seele. Ganz von ſeinen Phantaſien hingeriſſen, mußte ihn Emma zur naͤchtlichen Ruhe mahnen, und ſeuft zend bot er ihr gute Nacht, und ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Adolph fand wenig Schlaf auf ſeinen wei⸗ chen Lager, denn noch immer toͤnte Emmas lieblicher Geſang vor ſeinen Bhren. Bei den erſten Strah⸗ len der Sonne, ſchlich er ſich voͤllig angeklewet aus ſeinem Zimmer um in der reinen freyen Natur einige Zerſtreuung zu ſuchen. Ange⸗ nehm war er uͤberraſcht, als er Bertrand unter einen dichten Kaſtanienbaum ſizen ſah, dem er ſich wit leichten Schritten naͤherte, und jetzt auch neben dem Alten Emma erblickte, der bis⸗ her ein dichtbelaubter Baum umhuͤllt gehabt hatte. Erſt nach einem heitern zugeruffenen guten Morgen, ward ſie ihm gewahr; durch dieſe Ueberraſchung entfiel ihr das Buch, und ſchnell ſtund ſie mit dem Bedeuten auf, daß ſie das Fruͤhſtuͤck bereiten wolle. Adolph nahm das Buch in die Hand und ſah mit Verwun⸗ derung, daß es ein Werk von Racine iſt. Nun fragte er den Alten wie es moͤglich war, daß Emma, in dieſer Einſamkeit, ſich ſo vieler Talente eigen machen konnte, die ſelbſt Frauen zim⸗ —— zimmern vom Stande, Ehre machen wuͤr⸗ den. Freund, begann Bertrand, beſizt meine Emma Geiſt und Bildung die vielleicht manche ihres Geſchlechts von gleichem Alter, vermiſſen mochten ſo hat ſie es nicht mir, ſondern einem glucklichen Zufalle zu danken. Macht es Ih⸗ nen Vergnuͤgen, ſo will ich Ihnen gern mit ihrer fruͤheren Erziehung bekannt machen. Adolph bat darum, und Bertrand begann: In der Nacht, da mir der Himmel Emma geſchenkt, ſuchte eine angeſehene Dame, gegen ein unge⸗ woͤhnlich ſtarkes Ungewitter, bei mir Schutz, den ich ihr auch mit aller Bereitwilligkeit ge⸗ währte. Die freundſchaftliche Aufnahme die ſie bei uns genoſſen, ruͤhrte ſie, und da wir keine geldliche Belohnung annehmen wellten, ſo vettrat ſie Pathenſtelle bei meiner Emma. Als ſie uns verließ, bat ſie uns dringend, ihren Beiſtand im Anſpruch zu nehmen, ſo bald wir ihn für nuͤzlich halten ſollten. Meine Emma war noch nicht volle fuͤnf Jahre alt, als ſie ihre liebevolle Mutter, und ich eine gute treue Gat⸗ tin durch eine ſchwere Krankheit verlor, die da⸗ mals viele Menſchen aus unſerem Dorfe wegge⸗ raft hatte. Kaum hatte unſere gefuͤhlvolle Freun⸗ din dies Umgluͤck vernommen, ſo erſchien ſie bei mir, und bat mich, meine Emma ihren Haͤn⸗ wüt⸗ neine nche iſſen inen mi chen. In hentt, unge⸗ chut wit u, ſt Ab ihren d wit Emm ie ihte eGat⸗ die du veg rell ſie b ihre hin Haͤnden ſo lang anzutrauen, bis ihre Erziehung vollendet waͤre. Wie konnte ich dieſer Bitte widerſtehen, da das Gluͤck meines Kindes dabei zum Grunde lag?— Emma wurde mit den Kin⸗ dern der Graͤfin erzogen; ihre ſchlummernden Talente entwickelten ſich, ihr Fleiß ſie auszu⸗ bilden, erwarben ihr Bewunderung und die Liebe aller die ſie kannten. Glanz, Reich⸗ thum, und Vergnuͤgen hielt ſie umwunden. Ich hatte noch einen Sohn, die Stuͤtze meines Al⸗ ters, und dieſer ward mir ploͤtzlich aus meinen Armen geriſſen, um den Ruf des Vaterlands zu folgen. Traurend ſchrieb ich es ihr, und kurz darauf kehrte ſie zu ihren liebenden Vater zu⸗ ruͤck. Gott hat ihre kindliche Liebe geſegnet, kein Kummer truͤbt ihre Seele, heiter und froh huͤpft ſie durch das Leben. Der Himmel wird ihr einſtens einen Gatten zufuͤhren, der ihrer wuͤrdig iſt, und freudig werde ich dann in ihren Armen ſterben! Adolph vermochte kaum einige Worte zv ſtammeln, ſtand auf und eilte fort ins weite Feld. Finſtere Gedanken durchkreuzten ſeine Seele, und alle junge Maͤnner die ihm be⸗ gegneten, wurden kalt und faſt veraͤchtlich von ihm behandelt, weil er in Jeden den fuͤr Emma von ihrem Vater beſtimmten Gatten, zu ſehen glaubte. In dieſer finſtern Stimmung, verging M die * die Stunde zum Fruͤhſtuͤck, und erſt gegen Mit⸗ tag kam er von ſeinen Streifereien zuruͤck. Em⸗ ma ſuchte ihn zu erheitern, ſie ſang und ſpielte die Romanze, die den Abend vorher ſo maͤchtig auf ſeine Gefühle gewirkt hatte. Aber verge⸗ bens, ſeine Traurigkeit fand dabei groͤßeren Stoff, und trieb ihn hinaus ins Freie unter den großen Kaſtanienbaum, wo er bis tief in die Nacht verweilte. Bei ſeiner Ruͤcktehr in die Huͤtte, nahm ihn Emma bei der Hand und fragte ihn mit bewegter Stimme, mit was ſie ihm be⸗ leidigt haͤtte? Thraͤnen entgingen dabei ihren ſchoͤnen Augen, und Adolph fuͤhlte ſich durch die⸗ ſes ſanfte Zuvorkommen innig bewegt, und ver⸗ gaß bald ſeinen Kummer. Sie lehrte ihm die Volksgeſaͤnge ſingen, die er ſo gerne hoͤrte, und die er ſo bald mit Meiſter Kunſt auffaßte. Zuwei⸗ len begleitete er ihre ſchöne Stimme auf der Violin, und der gute Alte, der auch gerne an dieſen muſikaliſchen Ergoͤtzungen einen thätigen Antheil nehmen wollte, blies die Floͤte dazu. Die Bewunderung von Adolph ſtieg ſtufen⸗ weis, als ihm der Alte eine Sammlung von Landſchaften nach der Natur gezeichnet, vor⸗ legte, die Emma in muͤßigen Stunden verfertigt hatte; es waren die ſchoͤnſten Gegenden des Lan⸗ des. Nun vergingen ihm die Tage wie Stun⸗ den, Nit En⸗ ielte chtig elge⸗ ßeren r den die die ragte m be ihren h die⸗ er⸗ m die und wei⸗ iolit, dieſen nhei ufen⸗ von bor⸗ ertiht Lan⸗ St den⸗ den; ſie wurden in Zeichnen, Muſik, Spazie⸗ rengehen, und traulichen Geſpraͤchen eingetheilt. Hielten Emma haͤußliche Geſchaͤfte von Adolph entfernt, ſo fand ſich dieſer nicht heiter, und alles ſchien ihm oͤde, in ihrer Abweſenheit.— Adolph ſuchte ſich die Gefuͤhle ſeines Her⸗ zens zu erklaͤren, die er glaubteauf bloſe Dankbar⸗ keit hindeuten zu duͤrfen. Sollte er ſich dieſer ſuͤßen Pflicht verſagen, weil ſeine Wohlthaͤte⸗ rinn jung, ſchoͤn, und mit ausgezeichnetem Geiſte begabt war? Er glaubte ſie wie ein Bruder zu lieben, wenn gleich, bey Annaͤherung je⸗ den jungen Mannes, ſein Gebluͤt in heftigere Bewegung kam; er ſah keine Eiferſucht dabey, ſondern bloße Beſorgniſſe, daß Emma unwuͤr⸗ digen Haͤnden zufallen moͤchte. Er wußte, daß ſich eiſerne Vorurtheile zu einer Verbin⸗ dung mit Emma entgegen ſtellten, und eben die ſes Bewußtſeyn, oͤffnete ihm das Geheimniß ſeines Herzens, er ſah und hoͤrte nur ſie, und in ihrem Umgang allein, empfand er ſuͤße Wonne. Eines Abends kehrte er von einem Spazier⸗ galig zuruͤck, und fand Emma nicht in der Huͤtte. Doch bald zeigte ihm der Ton einer Laute, ihr Befinden im Garten an, und ſchnell eilte er da⸗ hin, um den lieblichen kuͤhlen Abend in der M 2 jetzt — 180— jezt bluͤhenden Natur, an ihrer Seite zuzubrin⸗ gen. Schweigend nahte er ſich ihr und hoͤrte mit geſpannter Aufierkſamkeit, die ſchwermuͤ⸗ thigen Toͤne ihres Saitenſpiels zu. Warum heute ſo wehmuͤthig, meine theure Emma, fragte Adolph zaͤrtlich, warum dieſe traurige Romanze? Ach verſezte Emma, dieſe Romanze kenn Nie⸗ mand als mein Vater, es iſt der Trauergeſang meiner verewigten Mutter den ich zu ihrem Andenken gewidmet, und ihn faſt unwilltuͤhrlich ſpiele, ſo bald ich mich mismuthig fuͤhle. „Emma, Du haſt Kummer, und verhehlſt ihn deinem Freund, der ihn ſo gerne tragen und wo moͤglich heilen moͤchte?“— „D mein Adolph, konnte ich ein Geheim⸗ niß vor Dir haben? meine ſchoͤnſten Tage ſind voruͤber, mein Vater. „Du erſchreckſt S ich bitte dich, vollende.. „So hoͤre nun. Der Sohn von dem Ju⸗ gendfreund meines Vaters, kommt heute bey uns an, nachdem er den Abſchied von ſeinem Regi⸗ ment, unter welchem er diente, erhalten hatte, und dies iſt der Mann, den mir mein Vater von Kindheit an, zum Gatten beſtimmt hat.“ „Und wirſt Du ſeine Gattin werden?“— Nim⸗ hich 6n m J un Reh halte Vale at.“ — Ni 181— „Nimmermehr! ich ſollte einen Mann heura⸗ then, ten ich nie liebte, den ich nie lieben koͤnnte?“ „O meine Emma! dieſe Empfindung macht mich gluͤcklich!.. „Aber mein Vater... „Dein Vater! wird er wohl das Gluck ſei⸗ nes Kindes aufopfern wollen? O hoͤre mich, meine theure Emma, ich liebe Dich, ich bete Dich an! eher wuͤrde ich mich ſelbſt von dieſem Felſen in den grauenvollſten Abgrund ſtürzen, als Dich in den Armen eines Andern, fuͤr den Dein Hekz nie ſchlug, nie ſchlagen wird, un⸗ glucklich zu wiſſen. Ich wage alles fuͤr Dich, und kein Dpfer ſoll mir zu groß ſeyn, das ich nicht zu leiſten bereit wäre!“ Weinend warf ſie ſich in ſeine Arme, ihre Thraͤnen vermiſchten ſich mit den ſeinigen, und ſie ſchwuren ſich feyerlich ewige Treue, ja ſelbſt die hoͤchſten Proben zu beſtehen, die ihre Liebe zum Wanken bringen koͤnnte. Heiterer gingen ſie in die Huͤtte zuruͤck, und frendige Bilder der Zukunft umſchwebten Emmas fanften Schlaf. Den andern Morgen, als Emma, ihren Vater und Adolph das Fruͤhſtuͤck brachte, erſchien ein junger ſteifer Mann, den Adolph ſogleich fuͤr Emmas beſtinmten Bräutigam er⸗ kannte⸗ — 132— kannte. Emma erblaßte, und Bertrand ging ihm ſogleich entgegen, bot ihn freundlich die Hand zum Gruß und ſtellte ihn Adolph als ſeinen kuͤnftigen Schwiegerſohn vor. Nach ei⸗ nigen ſehr ungeſchickten Verbeugungen, gegen Adolph und Emma, ſetzte er ſich neben Letztere hin; ſie fuͤhlte ſich uͤber dieſen Beſuch ſo zer⸗ ſtreut, daß ſie ihr Stuͤckrahm umwarf, Taſſen zerbrach, und endlich ihrem beklemmten Herzen durch lautes Schluchzen Luft machte. Bertrand zog Adolph bei Seite, und bat ihn, da er ſo viel bey Emma vermag, daß er verſuchen moͤchte, ſie zu ſeinen Abſichten geneigt zu machen. Mit welchen Empfindungen Adolph dieſen Auftrag angenommen, laͤßt ſich leichter denken als be⸗ ſchreiben. Bertrand lies ſich darauf von ſei⸗ nem kuͤnftigen Schwiegerſohn die Begebenhei⸗ ten ſeines Feldzuges erzaͤhlen, und Emma ging hinaus ins Freye, um ihren tiefen Schmerz an dem nahen Uſer des ſtillen Sees unter den hohen ſchattigten Baͤumen auszuweinen. Adolph folgte ihr, und fand ſie, in tiefen Kummer, auf einer gruͤnen Raſenbank, nachlaͤßig hinge⸗ ſtreckt. Er nannte ihren Namen, und freudig erhob ſie ſich von ihrem Sitz, als ſie den Ge⸗ liebten ihrer Seele vor ſich ſtehen ſah. Emma, ſagte er mit ſanfter Stimme, trockne Deine ——— Thraͤnen, die Augenblicke ſind uns jetzt Beyden koſtbar. Hoͤre mich! in acht Tagen wirſt Du die Gattin von Lindau ſeyn!.. „D Gott! warum ſo bald?“ „Dein Vater hat ſich ſo eben beſtimmt daruͤ⸗ ber erklaͤrt; alle meine Worte blieben frucht⸗ los, mein Fluch ſoll ſie treffen, ſagte er, wenn ſie es wagen ſollte, ſeine Hand auszuſchlagen.— „O mein Adolph! was wird nun aus mir werden?“ „Liebſt Du mich wirklich ſo innig, ſo treu, als Du mir ſchwurſt?“— „Zweifelſt Du daran? Du kannſt beſſer die Gefuͤhle in meinem Herzen leſen, als ich ſie Dir ausdruͤcken koͤnnte.“ „Nun wohlan! ſo laß uns dieſer Sclaverey entfliehen!“ „Und wohin willſt Du mich führen?“ „An einem Ort, wo Dich keine Gewalt aus den Armen Deines Geliebten reißen kann!— In mein Vaterland!“— „Aber, Gott! mein Vater!“— „Er iſt es nicht mehr; er verſpottet Deine Gefuͤhle, und will Dich ſeinem Ehrgeitze auf⸗ opfern“— „Ich ſollte ihn verlaſſen, und dem Todte nahe bringen?“— Du „Du haſt mich nie geliebt, wenn Du zau⸗ berſt mir zu folgen!“— „Meinen alten Vater verlaſſen? Nein, nein! niemals!“ „Niemals? nun Emma, ſo lebe wohl! Dieſe Worte mit bewegter Stimme geſprochen und mit einem ſchmerzlich zaͤrtlichen Blick beglei⸗ tet, drangen dem guten Maͤdchen durch die Seele. Sie wollte ſeine Hand ergreifen, ſich an ſeine Bruſt werfen, aber leblos ſank ſie zu Voden, als er ſchon aus ihren Augen verſchwunden war. Schon hatte ſich die Sonne majeſtaͤtiſch hin⸗ ter den Gebirgen verborgen, als ſie wieder zu einiger Faßung kam. Mit ſchwachen Schritten trat ſie den Ruͤckweg zu ihrer Huͤtte an, wo ſie Niemand als Adolphs Bedienten traf, der ihrer harrte, mit dem Bedeuten, daß ſein Herr ſie auf der Landſtraße erwarte, um ihr das lezte Lebewohl zu ſagen. Eine todtenaͤhn⸗ liche Kaͤlte duschlief ihre Glieder, und auf den Armen dieſes Mannes geſtuͤzt, folgte ſie ihm mechaniſch, ohne zu wiſſen wohin.— Adolphs Wagen hielt am Fuße des Berges; bald erſchien er ſelbſt, naͤherte ſich Emma, und ſagte mit beklemmter Stimme: Sey gluͤcklich Emma, der ſchwere Augenblick unſerer Tren⸗ nung iſt da, wir ſehen uns nie wieder, ſey gluck⸗ ul⸗ ein, lich gluͤcklich in den Armen jenes Mannes den Dir Dein Vater zum Gatten beſtimmt. Ver⸗ zweiflungsvoll werde ich den Todt herbeyruffen, der weniger grauſam ſeyn wird als Du. Bey den lezten Worten lag Emma ohn⸗ maͤchtig in ſeinen Armen. Aber wie groß war ihr Erſtaunen, ſich bey ihrem Erwachen in ei⸗ nem Wagen zu erblicken, der mit Blitzesſchnelle dahin rollte. Adolph hielt ſie zaͤrtlich umfaßt, und war mit Freude beſeelt, als ſie ihre Augen gegen ihn aufſchlug.„Wo ſind wir? fragte ſie mit ſchwacher Stimme.„Auf dem Wege des Gluͤcks, verſezte er zaͤrtlich.“ In wenigen Tagen erreichten ſie Genua, und ſchifften ſich kurz darauf nach England ein. Emma fand ſich nun ganz ihrem Geliebten uͤbergeben, und ob ſie gleich mit gluͤhender Lei⸗ denſchaft an ihm hing, ſo waren dennoch ihre Gedanken ſtets bey ihrem alten Vater. Sie ſah wie er nach ihr die Gebirge durchſuchte, und hoͤrte ihn jammernd nach ſeiner Tochter rufen. Adolph fand ſie oft in einer Ecke des Schiffes ruhend, mit thraͤnenden Augen, und ſtillen Blick auf das Meer geheftet, aber nie entging der geringſte Vorwurf ihren Lippen. So bald Adolph in ſein Vaterland angelangt war, brachte er ſeine Geliebte auf eines ſeiner Land⸗ — 136— Landgüter, welches an den Grenzen von Schott⸗ land lag; dort ward ſie von ihm, und allen ſi die ſie umgaben, als ſeine Gemahlin behandelt. Ihre Lieblings⸗Unterhaltungen, Buͤcher, Muſik, Mahlereyen, kurz alles ward herbeigeſchafft, woran ſie nur halbweg Gefallen haben konnte. Die⸗ ſes feine Zuvorkommen ihrer geheimſten Wuͤnſche ward zwar lebhaft gefuͤhlt, konnte aber nicht das Bild ihres Vaters nur auf wenige Augen⸗ blicke aus ihrer Seele verdraͤngen. Selbſt Adolph konnte, ob er gleich das 16 volle Maaß ſeiner Wuͤnſche erreicht hatte, den 16 unglüͤcklichen Bertrand nicht vergeſſen, und ſandte ihm zu ſeinem Unterhalt eine große Summe Geldes; der Alte nahm es aber nicht ſ an, trat das Gold mit Fuͤßen, und veranderte ſeinen Auffenthalt gegen ein Dorf in Savohen: 6 wo er ſeine Lebenstage zu beſchließen dachte. Adolph war anfaͤnglich unentſchloßen ob er Emma dieſen Vorgang mittheilen ſollte oder nicht. Doch da er ſich immer mehr von der zarten An⸗ haͤnglichkeit womit ſie an ihm hing uͤberzeugt hatte, ſo machte er ihr ſpaͤterhin kein Geheim⸗ niß daraus. Sie litt den tiefſten Schmerz uͤber dieſe Nachricht, und bald fuͤrchtete er fuͤr den Verſtand dieſes guten Maͤdchens. Heiße Thraͤ⸗ nen t⸗ en lt. ßi, ran Re⸗ che en⸗ den nd ße cht rte nen rollten unaufhoͤrlich uͤber ihre Wangen, und ſchwere Melancholie bemeiſterte ſich ihrer Seele. Die ſchönen Ruinen der Abtey Palsgrave die ſich am Eingang des Waldes anreihen, wa⸗ ren faſt täglich Emmas Spaziergaͤnge; denn dieſe wilde Natur ſtand in vollkommener Harmonie mit ihrem Gemuͤthe. Eines Abends, als ſie in der Kirche an den Stufen des halb verfallenen Altars in tiefes Nachdenken verſunken ſaß, wekten ſie auf einmal melodiſche Toͤne, deren Wiederhall aus den veroͤdeten Gaͤngen wo ehe⸗ mals eine Brgel ſtund, zu kommen ſchien. Sie horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit, und er⸗ kannte endlich Melodien bey denen ſie oft in ihrer fruͤhen Jugend ſo vielen Genuß empfun⸗ den hatte. Ehrwuͤrdiger Schatten meines ver⸗ klaͤrten Vaters! rief ſie tief erſchuͤttert, biſt du es!— o ſo verzeih deiner ungluͤcklichen Tochter. Ein Schauder durchlief ihren gonzen Koͤrper, ſie fuͤhlte ſich zu kraftlos um zu entfliehen, und exſchöpft ſank ſie auf einen Grabſtein nieder. Bald darauf vernahm ſie Schritte hinter ſich; der Schleyer der ihr Geſicht bedeckte, ward ſanft hinweg gezogen, und eine bekannte Stimme nannte ihren Namen.— Es war Adolph. Zärt⸗ lich hob er Emma auf, welche ihn nun feſt um⸗ ſchlungen mit Heftigkeit aus den Ruinen zog, wo wohin ſie von Zeit zu Zeit furchtſame Blicke zu⸗ ruͤckwarf. Liebe Emma, begann Adolph, als ſie in das Schloß zuruͤckgekehrt waren, ich kenne die Ur⸗ ſache deines Kummers und ehre ihn; demohn⸗ geachtet ſollte dich meine zärtliche Liebe in einen ruhigern Zuſtande bringen. Dieſe wilden Ge⸗ genden, und dieſe duͤſtern Ruinen machen uns ſchwermuͤthig; London biethet uns alle die Zer⸗ ſtreuungen dar, die wir ſo ſehr beduͤrfen, und Morgkn wollen wir alſo dahin abreißen. Schon mit Tagesanbruch befanden ſie ſich auf dem Wege nach London. Adolph beſaß darinnen ein praͤchtiges Haus, wohin er aber nicht gleich Emma brachte, weil er ſie noch nicht ſeiner Familie vorſtellen wollte; er miethete daher einſt⸗ weilen füͤr ſie eine ſehr ſchoͤne geraͤumige Woh⸗ nung in einem andern Viertel der Stadt. Die ausgeſuchteſte Pracht ward hervorgeſucht, um ſeine Emma zu erheitern, aber dies gelang ihm nur halb, denn ſobald ſie ſich allein ſah, hing ihre ganze Seele in ſchmerzhaften Erinnerungen an ihrem Vater. Adolph konnte nicht umhin bey ſeinen beſten Bekannten Beſuche abzuſtatten und welche anzunehmen; ein großer Theil des Tages ging dabey verlohren, und nur mit Muͤhe konnte er ſich dieſen fuͤr ihn nun laͤſtig gewor⸗ denen das Ur⸗ tohn⸗ ihen unt Zet⸗ und ſch eſuß aber iner inſ⸗ Boh⸗ Die ihn hilt nhe ſhin atten des doͤhe wol⸗ enen denen Geſellſchaften entreißen, um in die Arme ſeiner Emma zu eilen. Er fand in ihren ein⸗ fachen Geſpraͤchen mehr Witz und Verſtand, als in den glaͤnzendſten Zirkeln und laͤrmenden Tanz⸗ ſaͤlen, und machte bey ſeiner Geliebten die tref⸗ fende Bemerkung, daß ſo manche Frauenzimmer bey den glaͤnzendſten Naturgaben, durch ſchlechte Erziehung in dem Wahne ſtuͤnden, als ſey es Mode ſich mit Laſtern zu ſchmuͤcken. Ich erinnere mich noch ſehr wohl, ſagte Emma, jener Stro⸗ phen von einem vortreflichen Dichter, dek dieſe Art Frauenzimmer ſehr paſſend in folgenden Worten ſchildert; Leichtſinnige Vergnuͤgungen verſchlingen ihre Jugend, an den Spieltiſchen werden ſie alt, und lernen betruͤgen, ohne Zweck und Nutzen; von Schmeichlern und ſeichten Koͤpfen beherrſcht, ſieht ſich ihr Stolz oft ge⸗ demuͤthigt; Freunde und Geliebter werden zuletzt verachtet; im Leben lacht man uͤber dieſe Thoͤ⸗ rinnen, und im Todte ſind ſie bald vergeſſen. D meine theure Emma! rief Adolph mit Feuer, lebhafter als je fuͤhle ich heute was ich in dir beſitze. Entſag mit leichtem Herzen dieſer großen Welt, vor der ich dich verberge, und die nicht wuͤrdig iſt dich zu beſitzen. Erwochte auch zuweilen bey Adolph der Ge⸗ danke ſich mit Emma zu verehelichen, ſo ſagte er — 190— er zu ſich ſelbſt: Welchen Vortheil koͤnnte ſie daraus ziehen? wuͤrde der Titel als meine Ge⸗ mahlin ihre Zaͤrtlichkeit erhoͤhen, und wuͤrde ich ihr theurer ſeyn, wenn ich als Mann laͤcherlich wuͤrde?— Hatte ſie jemals in ihrer Unbefan⸗ genheit ſich erlaubt, meine Plaͤne nachzuforſchen, oder hatte ſie mir einige Unruhe gezeigt, die mir haͤtte misfallen koͤnnen? Die beyden Liebenden ſaßen eines Abends in der Laube am Ende des Gartens, als ſich auf der Straße Lauten⸗Toͤne hoͤren ließen. Emma horchte, und ſprang vor Freude auf, als ſie Geſaͤnge ih⸗ res Landes vernahm. Adolph waren ebenfalls dieſe Melodien nicht fremd, und ließ daher den Lauten⸗ ſpieler hereintreten. Er kam und ſpielte einige laͤnbliche Taͤnze, die Emma ihre froͤhliche Kindheit zuruͤckriefen; aber wer kann ihr Erſtaunen ſchildern, als der nemliche Geſang darauf folgte, der ſich in den Ruinen der Abtey hoͤren ließ. Sie druͤckte Adolphs Hand, und fiel weinend an ſeinen Bu⸗ ſen. Auf einmal verſtummte die Laute, trauriger und klagender wurden die Toͤne, es war der Trau⸗ ergeſang von Eihma den ſie zum Andenken ihrer Mutter geweiht hatte. Sie ſchrie laut auf, und wankte der Gartenthuͤre zu, aber ploͤtzlich fuͤhlte ſie ſich feſt umſchlungen, und eine durchdringende Stimme rief ihr zu: Emma, kennſt du mich noch? Adolph e ſt ende o Adolph lief herbei aber verſtummt blieb er ſtehen, denn vor ihm ſtand Bertrand, und Emma lag ohnmaͤchtig zu deßen Fuͤßen. Keine Vorwuͤrfe ſollen uͤber meine Lippen kommen, ſagte der Alte bewegt, denn was koͤnnte ich erwaͤhnen, das nicht ſchon mein Herz verrathen haͤtte, wenn nicht tiefe Leidenſchaft, die Stimme der Ehre und der Natur in euch erſtickt hat? Ich wollte mein Kind noch einmal ſehen, und ihr meine Verzeihung bringen ehe ich ſterbe. Nach vie⸗ len triebſeligen Tagen hat endlich der Himmel mein heißes Flehen erhoͤrt, und meine Schritte hieher geleitet. Ich habe keine bleibende Staͤtte mehr auf Erden, ich verließ meine friedliche Huͤtte, wo ich die Augen zu ſchließen dachte, und die mi? durch Undank und Verrath verhaßt gemacht wor— den iſt. Verzeihung, ungluͤcklicher Greis, Verzeihung mein Vater, rief Adolph, indem er ſeine Haͤnde ergriff, und ſie mit hellen Thraͤnen benezte, alles was ich euch entriſſen, will ich hundertfach zuruͤck⸗ geben, Emma ſoll euch nicht mehr verlaſſen, ein heiliger Ort kettet mich an ſie, allein der Prt, Zeuge meines Fehlers, ſoll auch Zeuge meiner Reue ſeyn. In Gegenwart der friedlichen Ge⸗ birgsbewohner, will ich dem liebenswuͤrdigſten und tugendhafteſten Geſchoͤpf ewige Treue geloben! Ber⸗ — 162— Bertrand druͤckte ſeine Tochter mit warmer Inbrunſt an ſein Herz, die vor Freude faſt un⸗ terliegend, dankvolle Blicke zum Himmel richtete, um ihn fuͤr dieſen ſeligen Augenblick, ihre tiefen Gefuͤhle anzudeuten. An ſeiner Hand betrat ſie wieder mit ihrem Geliebten ihre heimathlichen Fluren, und ihre ſtille ruhige Huͤtte, wo ſie das hoͤchſte Gluͤck genoßen. Der gute Alte ward je⸗ doch bald dieſem gluͤcklichen Paar durch einen ſanften Todt entriſſen. Emma ward ſtets als die ſchoͤnſte Zierde ihres Geſchlechts von allen die ſie kannten, geprießen, aber auch Adolph liebte ſie innig, und machte ſich fortdauernd ihrer gan⸗ zen Liebe wuͤrdig. Seenen einen lö die dem haäußlichen Leben liebte ho aus voh 1. Th. Becker. r. Der Schluͤßel. wackere Tiſchlermeiſter Starke in der kleinen Reichsſtadt Aehrenthal ſtand hinter ſei⸗ ner Arbeitsbank und arbeitete mit fröhlichem Eifer. Nicht weit von ihm ſaß Philippine ſein ſunges Weib und beſſerte an einem Kleidungs⸗ ſtuͤck des vierjaͤhrigen Carls der zu ihren Fuͤßen ſpielte, gegen ihm uͤber ſeine Schwiegermukter, auf ihrem Schooſe ihre Pathe die kleine Sabine, mit einem Schluͤßel, den ſie mehrmals auf die Erde warf, und doch immer wieder darnach verlangte, und die gute Großmutter hob ihn Uezeit mit Beſchwerlichkeit aber doch willig wie⸗ der auf, und gab ihn dem kleinen ihr ſo lieben Plagegeiſt.— Lange ſah Starke dieſem Spiele zu, da nun ober das Befriedigen jeder eigenwilligen Laune ſeiner Kinder, nicht in ſeinem Erziehungsplan kugte, ließ er einen Augenblick den Hobel ru⸗ hen, und ſagte mit einem ernſten Blick doch N 2 aber eber ſanfter Stlmme:„Liebes Muͤtterchen Sie machen ſo das Kind ſtarrkoͤpfig und trotzig.„ Die Alte wartete nicht weiter ab, was Starke ſagen wollte, ſtand vom Schemel auf, hieng den Schluͤßel etwas unſanft an die Wand, und ging einige Worte vor ſich hinſprechend in das ans Haus ſtoßende Gaͤrtchen.— Kaum hatte die Mutter die Stube verlaßen als Philippine das Wort nahm: aber Conrad wie magſt du meiner Mutter immer dieſe kleine Freude mit Sabinen verderben. Du weißt ſie liebt ſie ſo herzlich und thut ſo viel an ihr und an Carl.— Gute Philippine, entgegnete Con⸗ rad, du thuſt mir unrecht, wenn du glaubſt ich ——————————— mißgönnte der braven Alten dieſe gemuͤchliche Freude, du weißt wie ſehr hoch ich ſie ſchaͤtze, und wie gerne ich ihre Tage zu frohen Tagen machen zu koͤnnen wuͤnſche, auch bin ich nicht undankbar, nein ich erkenne es dankbar wie viel Gutes wir, und unſre Kinder aus ihren Haͤnden erhalten, doch liebe Philippine glaube mir, dies ſtete Nachgeben iſt dem Kinde ſchaͤdlich, boſe Eigenſchaften aber wurzeln gleich Giftpflanzen im Menſchen fort.— Nimm einen Baum— es iſt ein altes aber wahres Sprichwort— def jung gebogen ſteht im Alter gerade, die junge Pflanze vie man vor jedem rauhen Lüftchen be⸗ n Sie wit el auf, Van, endi rlaßen Conteh eklene eißt ſ te Cy ubſt i ichlich ſpit Tohl h iith wie vi Hime r d üi pfon — — 5 jn bewahrt, verwelkt wenn ſie auch ſchon ſtärker iſt, bei kleinem Zugwind.— Philippine war nicht nur ein gutes, ſondern auch ein ſehr vernuͤnftiges Weib, ſie ſah ein, daß ihr Mann vollkommen Recht habe, es gab auch oft Stunden wo ſie ſelbſt dies allzunach⸗ giebige Benehmen ihrer Mutter gegen die Klei⸗ nen nicht billigte) einlenkend entgegnete ſie ihm daher:„Nur zanke nicht mit ihr, meine Mutter hat gewiß ein gutes Herz.“— „Das iſt eben, ſagte Conrad und reichte ſei⸗ nem Weibe freundlich die Hand, was mich bei der ganzen Sache ruhig macht, da ich weiß daß die fromme Frau, Sabinen gewiß gute Grund⸗ ſaͤtze beibringen wird, die ihren Willen auch auf's Gute lenken aber eine Erinnerung bis⸗ weilen kann doch nicht ſchaden.“ Die Mutter kehrte jetzt mit Sabinen auf dem Arm, zwar noch ein wenig ernſt, aber im Herzen wieder verſoͤhnt zuruͤck. Starke warf einen freundlichen Blick auf ſie und fragte heiter: Sind Sie mir boͤſe? Ich meine es herzlich gut, ſehen Sie, das Kind weiß mit zehn Jahren und ſpäter noch, wie in ihrer fruͤheſten Jugend ſein Wille geleitet wurde, und— ſucht den alsdann auch geltend zu machen. Lieber Gott! erwiederte ſie lachend, wie kann das —— das Kind nach zehn Jahren noch wißen was B ſie heute wollte? D gewiß fuhr Starke fort, ſie werden ihr noch in ihrem zwanzigſten Jahre den Schluͤßel geben, das heißt ihren Willen thun muͤßen. Laͤchelnd wiegte ſie uͤber dem was Conrad ihr ſagte den Kopf, aber ſie erfuhr bald, nur geſtand ſie es nicht, daß Conkad Recht hatte. Es wurde ihr doch oft bei all' ihrer Gat⸗ muͤchigkeit gegen ihren Liebling ein wenig laͤſtig wenn ſie bei brennender Sonnenhitze laͤnger als ſie wollte auf das freundliche aber dringende 1 Bitten der Kleinen mit ihr im Garten ver⸗ 1 weilen mußte⸗ Je mehr Sabine heranwuchs um deſto öfter fiel ihr ein, was ihr Schwiegerſohn geſagt fi hatte, aber ihre Liebe fuͤr Sabinen ſo wie das 11 Gefuͤhl Unrecht gehabt zu haben verhinderte ſie ſolches zu geſtehen. In demg Staͤdtchen wo Starke wohnte fing auch allmahlich der Lurus an zu ſteigen. Die 3 niedern Staͤnde ſuchten den hoͤhern in der Kleidung ſich zu naͤhern. Die Großmutter war zwar nicht mehr fuͤr „ dieſe glaͤnzende Außenſeite geſtimmt, aber es lag doch in ihren Wuͤnſchen ihre Tochter moͤchte auch eine kleine Veraͤnderung in der Kleidung der was e fort, Johre Vile Conti d, ni te. Git laͤſiß get l ngene nber öfte geſuhl ie das rte ſe e fit Di in de hr fül es lu můch eidin der r2jährigen Sabine vornehmen. Starke und ſein Weib waren nicht damit zufrieden, und ſo oft die gute Alte ſagte:„Sehen Sie doch lieber Sohn, traͤgt ſich doch Nachbar Hochmanns Marie anders, und Hochmann ſteht wahrhaftig nicht beſſer als ſie, warum ſoll dann ihre Toch⸗ ter die einzige bleiben die ihre alte Tracht nicht ablegt?“ Conrads Antwort aber war:„Laſſen Sie das gute Mutter, ich denke immer, Klei⸗ der tragen nichts zur Bildung des Herzens bey.— Haätte nicht Sabine hier ihren Eltern gleich gedacht, haͤtte ſie nicht wann jene im ermunternden Tone fragten— ſieh doch wie ſchoͤn Marien die neue Tracht ſteht? Mit zu⸗ friedner Miene entgegnet:“ Steht mir meine runde Haube mit rothen Baͤndern auch gut? wuͤrde ſie gewiß nach dem Willen der guten Alten der Mode gefolgt ſein, aber die Grosmutter mußte ihr den Schluͤßel, das heißt den Willen laſſen und ſo blieb es wie es war. Starke der immer mehr Arbeit bekam nahm ſich einen Geſellen zu Hilfe, dieſer war ein Buͤrgersſohn aus dem Staͤdtchen von nicht rei⸗ chen aber braven Eltern, er ſelbſt bieder und fleißig. Starke liebte ihn herzlich nicht nur wegen ſeines Fleißes auch wegen ſeines ſtillen eingezogenen und rechtlichen Charakters. Drei Drei Jahre war der brave Friedrich in Starkens Hauſe als Sabine ihr fuͤnfzehntes Jahr ſchloß. In dieſem Zeitpunkt ſah oͤfters als ſonſt der fleißige Juͤngling uͤber ſeine Ar⸗ beit hinweg nach Sabinen. Conrad mußte ihm oft zurufen:„Friedrich was iſt das? Sabinens Augen glitten uͤber ihr Nähzeug hin auf Frie⸗ drich, ſetzte den Hemdermel verkehrt ein, und trennte ihn wenn die Mutter lachend fragte:“ Sabine wo warſt du? mit hochrothen Wangen wieder aus. Starkens Liebe zu Friedrich nahm immer mehr zu, dieſer blieb Sonntags gern zu Hauſe las einige Seiten aus der Tugendſchule vor, und hoͤrte den Erzaͤhlungen ſeines Mei⸗ ſters von ſeinen Reiſen aufmerkſam zu.„Jetzt iſts Zeit ſagte Starke endlich daß auch du in der Welt dich verſuchſt. Bleibe brav ſo wie du jetzt biſt und eben ſo fleißig, und du kannſt dann auch, als Meiſter dich hier redlich naͤhren. Nun war zwar der Gedanke das Haus ſeines Meiſters und ſeine ſchoͤne Tochter verlaſſen zu muͤſſen, Friedrich ſchmerzlich, aber er begriff die Nothwendigkeit wenn er anders weiter kom⸗ men wollte in fremden Laͤndern die Werkſtaͤtten geſchickter Meiſter zu beſuchen. Einige Tage vor ſeiner Abreiſe war er mit Sabinen allein. Er trat furchtſam naͤher zu ihr ich in ehntes öfters ne r⸗ te ihn binens f Fri⸗ „ud agte Panget hneht gern ndſchle 8 Mei⸗ „t den wie knt nihre ſint aſſen beyrf er len riſtitn war ähet — 201— chr hin, faßte ihre Hand und ſahe ihr babey ſo freundlich in die Augen, indem er ſagte, werdet ihr auch wenn ich in der Fremde bin noch an mich denken? Ich bin euch ſo herzlich gut, wie wollte ich Gott danken wenn ihr mich auch lieb haͤttet und einſt mein Weib werden wolltet! Mit zur Erde geſenkten Blick ſagte Sa⸗ bine:„Ich bin euch recht gut Friedrich, ja wenn ihr mich nicht vergeßt und kommt zuruͤck, und des Vaters und der Mutter Wille iſts, ſo will ich euer Weib werden.“— Am Abend ehe Friedrich abreißte, gab er ihr einen herzlichen Kuß und ſchenkte ihr ein ſilbernes ſchoͤn vergoldetes Herz an einer blau⸗ ſeidnen Schnur zum Halsſchmuck. Sie aber reichte ihm eine Blume, ſo ſie am Buſen juſt ſtecken hatte, und ſo ſchieden ſie ohne weitere Verabredung. Drei Jahre waren bereits ſeit Friedrichs Auswanderung verfloßen, als der Pberſchreiber im Amte des Staͤdtchens mit Starkens hekannt wurde, und das Haus des gebildeten redlichen Buͤrgers in Erholungsſtunden beſuchte, Sabi⸗ nen kennen lernte. Die gute ehrwuͤrdige Gros⸗ mutter bemerkte die aufkeimende Leibenſchaft des jungen Mannes zuerſt, und es ſchmeichelte ihrer Eitelkeit, Sabinen ſich als Frau Ober⸗ ſchrei⸗ — 202— ſchreiberin oder gar als Frau Amtmaͤnnin zu denken. Sie laͤchelte immer ſo freundlich wenn der Pberſchreiber kam, brachte ihm den Stuhl, und trank auch einmal mit einem Seitenblick auf Sabinen ſeine Geſundheit. Aber ſchon wieder mußte die gute Grosmutter ihrer En⸗ kelin den Schluͤßel geben. Pbgleich der Ober⸗ ſchreiber beguͤterte Aeltern und die Ausſicht einer baldigen Verſorgung hatte, ſo konnte doch das gute ſchlichte Maͤdchen ihm keine Liebe ſchenken, ſie vermied ihn ohne unartig zu ſeyn wo ſie konnte.„Ich weiß nicht ſagte die Großmutter oftmals verdrieslich, was Sa⸗ bine will daß ſie den Herrn Pberſchreiber nicht freundlich begegnet.“ Ich denke meinte aber der Vater laͤchelnd, ſie glaubt es heißt, bleibe nicht nur im Lande, ſondern auch bei deinem Stande und naͤhre dich redlich.— Der Bberſchreiber welcher ſah, daß er ſei⸗ nen Zweck nicht erreichte, llieb bald ganz aus, die Großmutter maulte, und Saline war froͤh⸗ lichen Herzens. Bald darauf kam Friedrich brav wie er abgereißt war zuruͤck, er hatte ſich etwas wäh⸗ rend dieſer Zeit erſpart, und zeigte ſolches ſei⸗ nem lieben Meiſter vor.— Er wurde bald Meiſter, und ſuchte durch Fleiß enn uhl, blic chon her⸗ ſicht nnte keine artig ſagte St⸗ ſicht aber eibe nen ſei⸗ aus, frih⸗ et wih⸗ ſei⸗ uuch leif Fleiß das Zutrauen ſeiner Mitbuͤrger zu er⸗ halten.— Eines Abends kam er zu Starke,„ lieber Meiſter, ſagte er, er kennt mich, eure Tochter kennt mich auch und— liebt mich, nähren kann ich mit Gottes Seegen, Gattin und Kin⸗ der, ich bitte gebt mir Sabinen zum Weib, vertraut mir ihr Gluͤck. Beide ſaaten freudig, ja! Sabine wieß das vergoldete Herz„Fried⸗ rich ich bin dir treu geblieben, und nun o wie gern will ich dein ſeyn! Als zwei Monate hernach beim froͤhlichen Hochzeitmahl die gute Großmutter an Starkes Seite ſaß, als alle ſo froh waren, die brave Alte ihre Enkeltochter im braͤutlichen Schmucke vor ſich ſah, alle die wakre Sabine und den fleißi⸗ gen Friedrich lobten, und erzaͤhlte, daß der Pberſchreiber viel Ausſchweifungen begangen und ſchon harte Verweiſe vom Amte erhalten habe, ſtieß ſie mit ihren Arm an Starke und ſagte leiſe:„Lieber Sohn ſehen Sie nun daß es gut war, daß ich der kleinen Sabine den Schluͤßel gab, ſo kam es daß ſie ſich nicht an Welt und Luxus, nicht an einem wie nun offenbar iſt, werthloſen Menſchen hieng, und ſich zu unſer aller Freude dem frommen fleißi⸗ gen Friedrich“— das kam fiel Conrad ein, von — 2 54— von Gott und von den guten Grunbſaͤtzen die Sie dem Herzen Ihrer Enkelin eingeprägt haben. „Gebet Gott die Ehre!“ ja ſo heißt es aber der Schluͤßel lieber Sohn——— Starke wollte ihr den frohen Tag nicht verderben, er druckte ihr laͤchelnd die Hand und ſchwieg. Am achtzigſten Geburtstag trug man ihren erſten Urenkel zur Taufe. Nach der feierlichen Handlung hiengen der edlen Urgros⸗ mutter Blicke fragend an Starke, war es nicht gut daß ich der kleinen Sabine den Schluͤßel gab? Starke wollte der geliebten Mutter den vollen Sieg ihrer Behauptungen goͤnnen, er umarmte ſie zaͤrtlich vor der ganzen Verſamm⸗ lung mit den Worten:„Ja theuere Mutter es war gut, recht gut, daß Sie der kleinen Sabine den Schluͤßel gaben; auch Sie werden einſt Ihrem Carl den Schluͤßel geben! entgeg⸗ nete ihm dieſe frohlich, Recht erhalten zu haben⸗ Ein Jahr ruhte ſchon die fromme Sabine im Grabe als Carl nicht ganz zwei Jahre alt auf dem Schooß ſeines Grosvaters ſpielte, er griff nach ſeiner Taſchenuhr, und dieſer reichte vſie ihm. Der muntere Knabe warf ſie bald an die Erde, das Glas war entzwei. Gutwillig hob ſie Starke von der Erde und gab ſie ſei⸗ nen tes nicht dand trug der gros⸗ nicht luͤßel den mm⸗ utter einen erden Rgeß⸗ aben ſe in luf guf eſe d a willh e ſeb neb nem Weibe, ſetzt aber laͤchelnd hinzu, die Mutter hatte Recht als ſie ſagte, ich wuͤrde einſt Carl den Schluͤſſel geben. Ja ſo iſt die Liebe der Groseltern. Friede, ſanfter Friede uͤber ihre Aſche, o moͤchte ich auch Carl das Herz geben koͤnnen, das deine Mutter unſerer Sabine gab. An einem naͤchtigen Herbſtabende trat Treu⸗ mann der emſige Rechnungs⸗Reviſor im Rent⸗ amt zu R** in die Mitte ſeiner ſehr ſtarken Familie. Er fand ſie bei einem ſparſamen Mahle, an dem er auch noch Antheil nehmen ſollte, verſammelt. Sein Blick ruhte ernſt auf dem Angeſicht ſeiner arbeitſamen und braven Frau, auf dem die Sorgen fuͤr den morgenden Tag leicht zu leſen waren, er blickte auf die Kinder die mit Eiſer die Teller leerten, und ein Seußzer ſchwebte uͤber ſeine Lippen. Als dieſe nun endlich zu Bette gebracht waren, und er nun mit der ſorgenden Gattin allein ſich befand; da oͤffnete ſich ſein Herz.—„Liebes Weib„ſagte er“ bei all unſern Fleiß ſteigt un⸗ ſere Noth immer mehr, vielleicht entgiengen dir meine Empfindungen nicht, aber ich kenne nur ein Mittel mit dem wir unſere ſorgenvolle Tage nicht ganz veraͤndern, doch weniger be⸗ ſchwerlich machen koͤnnen. Sind gleich meine Arbeiten viele, ſo habe ich doch jetzt mehr Fer⸗ men men auf aven nden die und Als wen, ſch ebes un⸗ ngen enne volle hbe⸗ ſeine nehr — Fe⸗ — 207— Fertigkeit ſie mit wenigen Zeitaufwand zu vol⸗ lenden, in dieſen mir uͤbrigen Stunden will ich verſuchen meine Anſichten uͤber das Leben des Menſchen, und die Abſichten der ewigen Vorſicht mit ihren Empfindungen der Welt mitzutheilen. Gelingt es mir auch nicht auf dieſe Art unſern Glucksſtand zu verbeſſern, ſo finde ich doch neuen Muth, wenn ich mein Inneres ausſprechen kann.— Dankbar und liebevoll warf ſeine Marie ſich in ſeine Arme; und ich will heiter, auf meinen Weg mit gleicher Freudigkeit, das heiße mit gleicher Geduld fortſchreiten, wenn auch der Verſuch nicht gluͤcken ſollte. Treumanns Schriften erhielten Beifall; ſeine Verleger ho⸗ norirten dieſelben ohne Geiz, ſeine Lage beſ⸗ ſerte ſich immer mehr, nach einem Zeitraum von ſechs Jahren hatte Treumann ſeine Schul⸗ den getilgt, ſein Hausweſen eingerichtet, ſein Weib, ſeine Kinder waren beſſer gekleidet, es wurde nicht geſchwelgt, aber man genoß mehr von den ſchuldloſen Suͤßigkeiten des Lebens als vorher. Dieſer erhoͤhte Wohlſtand der Treumanni⸗ ſchen Familie blieb nicht unbeachtet, man kannte die Quelle nicht, und bald ſieng man an ihn zu verlaͤumden. Treu⸗ Treumann wurde jetzt mit ſeiner Familie ein Gegenſtand der geſellſchaftlichen Unterhaltung. „Man ſpeißt jetzt bey Treumann beſſer als ſonſt“ hieß es, und wie Madame und Kinder ſich kleiden? er ſoll“ ſagt ein von Wein gluͤ⸗ hender Forſtbeamter, Sonntags ſogar ſein Glas Wein trinken.“ Hm! ſagte die acht und ſechszig jaͤhrige Kammerraͤthin die Frau iſt ja noch jung! Alles dies hatte auf die Ruhe des wackern Lreumanns und ſeiner Familie nicht den gering⸗ ſten Einfluß. Heiter erwiederte er, wenn ihm ſo etwas zu Ohren kam: Sie ſollen mir nach⸗ ahmen. Bald aber ſah er ſeine und der Sei⸗ nigen Ruhe aufs ſchmerzlichſte geſtoͤrt, ſeine Ehre ſchimpflich gekraͤnkt. Eines Morgens trat er ins Buͤreau, und fand das ganze Perſonale im hoͤchſten Grabe beſturzt, mit Einer Stimme rief man ihm zu, die fuͤrſtliche Kaſſe iſt um 2000 fl. beſtohlen. Treumann ließ ſich den Vorfall erzaͤhlen, er horte ihn im vollen Bewuſiſeyn ſeiner Unſchuld mit Ruhe an. Der Rentamtmann fand als er mit dem erſten Rechnungsreviſor ins Buͤreau beynahe zu gleicher Zeit trat, ein Fenſter deſ⸗ ſelben vffen, am eiſernen Gitter nichts verſehrt. Die erſte Thuͤr welche aus dem Buͤreau in das milie tung als indet gl⸗ ſei t und iſt ja ackern ering⸗ nihn nach⸗ Sei⸗ ſeine un Grabe hn jl ſohlen n 4 nſihb als e Füre er b ſeht au i bo — 209— das Vorzimmer fuͤhrte war angelehnt, die Leiſte am Schloß gewaltſam abgeſprengt. Die Thuͤr des Kaſſe⸗Zimmers war verſchloſſen, die Kaſſe ſelbſt offen. Sonderbar war es daß von 10o0oo fl. nur 2000 fl. fehlten und 8000 fl. unberuͤhrt in derſelben lagen. Der Rentbeamte der uͤber niemand grundloſen Verdacht aͤußern wollte und ſeine Untergebene als treue Diener kannte, dachte an keine Maasregeln die der Ehre derſelben ſchaden konnten. Er berichtete den Vorfall an die Regierung, befahl ſeinem Perſonale in der Stille, auf jeden welcher Verdacht gegen ſich ergeben wuͤrde, genau zu achten, in Hinſicht ihres Benehmens mit dem Gelde. Der Diebſtahl ſchien zwar gewaltſam veruͤbt zu ſeyn, aber wie oft truͤgt nicht der Schein. Die Regierung verordnete die gerichtliche Un⸗ terſuchung aufs Strengſte fortzuſetzen, jedoch aber mit Vorſicht zu Werke zu gehen. Jetzt erhob ſich auf einmal die alte Rede von Treumanns unerklaͤrbarer Verbeſſerung ſeines Vermoͤgens, man ſprach immer dreiſter, immer lauter, und da man ihn haßte weil er ein ſtiller wenig Umgang pflegender Mann war, ſo brachte man ſogar Zeugen vor, daß Treu⸗ mann mit Gold bezahlt habe.— Gold wa D mit —— — 210— mit unter dem geraubten Gelde.— Der Rent⸗ amtmann konnte nun nicht anders, er mußte auf dieſe laute Stimme achten und im Verein mit dem Gerichte Treumann daruͤber vernehmen. Er richtete es ſchonend fuͤr den doch moͤglich Schuldloſen ein, das Gericht nahm ihn in ſei⸗ ner Gegenwart ins Verhoͤr. Man drang, ob⸗ wohl mit Schonung, in ihm die Urſache der Ver⸗ beſſerung ſeines Hausſtandes, die Quelle aus welcher ſie herfloß anzugeben. Freudig holte Treumann die Briefe ſeiner Verleger herbei, legte ſeine Schriften deren Verfaſſer er war vor, und zeigte ſo den Erwerb von 800 fl. nach. Man erwaͤhnte noch endlich des Goldes, und er bat einen der Briefe den er aus den uͤbrigen hervorſuchte, noch einmal zu leſen, man fand daß ſein Verleger ihn wirklich vor weni⸗ gen Wochen 6 Louisdor als Honorar geſendet habe. Er holte auch die noch uͤbrigen fuͤnf und ſeine ganze Baarſchaft herbei, und legte ſie den Gerichten und ſeinem Vorſtand vor. Nun war zwar der brave Treumann für jetzt gerechtfertigt, aber man erſuchte ihn, bis die Antwort auf den zweiten erſtatteten Bericht von der Regierung erfolgt unter irgend einem Vorwand vom Amte wegzubleiben. Die⸗ Rent⸗ nußte etein hmen. niglich in ſei ob rPer⸗ e aus hole herbei r wel 0o f. Foldes us den man weni⸗ eſenbe inf un ſie do mn ſit n, it Perihl einen Di S Dieſer zweite Bericht befriedigte aber nun keineswegs den Fuͤrſten, der erzuͤrnt uͤber das Geheimnißvolle der Unterſuchung, und den Ver⸗ luſt einer Summe, welche er zur Erleichterung einer beſtehenden wohlthaͤtigen Anſtalt beſtimmt hatte, in den Haͤnden eines pflichtvergeſſenen Dieners vielleicht zu wiſſen, befahl eine beſon⸗ ders ernannte Commiſſion hiezu, welche ſich nach R. begeben, an deren Spitze der Regie⸗ rungspraͤſident ſelbſt ſtehen und die Sache mit möglichſter Strenge unterſuchen ſolle. Die Com⸗ miſſion erſchien. In Gegenwart des Rentbeam⸗ ten, allen Pffizianten, wurde zuerſt noch ein⸗ mal eine allgemeine Unterſuchung des Lokale an⸗ geſtellt. Noch einmal ließ ſich der Präſident alles beſtimmt vortragen, die beſchaͤdigte Thuͤr zeigen, man kam zur Caſſe, eroͤffnete ſie, das Schloß wurde in ſeiner Gegenwart vom Schloßer unterſucht und ohne Schaden befunden. Ver⸗ drießlich gar keine Spur zu finden, fragte er was die alte neben der Caße ſtehende Kiſte ab der zwei ſtarke Schloͤſſer hingen, enthalte. Man ſagte ihm es laͤgen alte abgeſchloßne Abrechnun⸗ gen darin, er befahl ſie zu oͤfnen. Eigenhaͤn⸗ dig ſchob er einige zuſammengebundene Papiere die von ihrer Lage herabgefallen waren, zuruͤck. Was iſt das? rief er erſtaunt, und zog einen D 2 ihm — 212— ihm ins Auge fallenden Sack mit Geld hervor, indem er auf einem zweiten hindeutete. Jetzt fiel dem Rentbeamten ein, woran er in der Beſtuͤrzung nicht mehr gedacht hatte, daß man am Tage wo der Diebſtahl vorge⸗ fallen war, dieſes Geld, weil an dem ſchab⸗ haften Schloſſe der Caſſe etwas ausgebeſſert wurde, einſtweilen in jene Kiſte hinterlegt habe⸗ daß er aber in der Meinung, es ſey von einem Unteroffizianten wieder in die Caſſe gelegt worden, und daß wahrſcheinlich der unbeſonnene junge Mann das Herabrollen der Papiere auf die beiden Saͤcke nicht bemerkt habe, alles in der Caſſe geglaubt, und der Rentamtmann auf dieſe Art die Caſſe verſchloſſen habe.— Man sffnete die Saͤcke, die Rollen waren von des Rentbeamten Hand uͤberſchrieben, man zaͤhlte das Geld und fand die 2000 fl.„gut, ſagte der Praͤſident, ich will dies glauben, denn Sie ſind mir und dem Fuͤrſten als ein unerſchuͤttert treuer Diener bekannt, aber nun erklaͤren Sie mir, wie wurde die Leiſte an der erſten Thuͤre abgeſprengt? warum das Fenſter, warum die Caſſe ſelbſt gesffnet? „Gott! ſagte der Rentbeamte und reichte Treumann die Hand, wie ungluͤcklich hätte Sie ſchuldloſer Mann ein Zufall machen koͤn⸗ nen. ſt nen. Herr Praͤſident, jetzt kann ich es auf⸗ klaͤren. Am Abend des Tages wo der ſchein⸗ bare Diebſtahl vollzogen wurde, war ich al⸗ lein im Bureau, ich zaͤhlte noch einige Nol⸗ len Geld nach, eben als ich ſie zu den uͤbri⸗ gen legte, hoͤrte ich die Stimme des Gehei⸗ menraths im Vorzimmer, und im gleichen Augenblick trat derſelbe herein, ich eilte ihm entgegen, ohne nochmals nach der Caſſe zu ſehen. Die erſte Thuͤr machte ich zu, die zweite lehnte ich vielleicht nur an, indem er mir ein dringendes Geſchaͤft ertheilte und eilig am Arm zum Buͤreau hinausfuͤhrte. Kaum ließ er mir Zeit jene erſie Thuͤre abzuſchließen, indem ich dieſe aber abſchloß, er⸗ innere ich mich einen ſchmetternden Schlag im Innern gehoͤrt zu haben, wahrſcheinlich war das Fenſter offen, durch das ſtarke Zuwerfen der Thuͤr gab es Zugluft die dieſe aufrieß und wieder zuſchlug, die Leiſte abſprengte ohne das Schloß zu beſchaͤdigen. „Herr Rentamtmann ſagte der Praͤſident ernſt, Vorſicht war immer noͤthig, beſonders wo es das Gluͤck eines braven Mannes gilt, dem Staate haͤtten ſie faſt einen treuen Diener, einem braven Weibe ihren Gatten entriſſen, Sie — 214— Sie hätten vielleicht mutterloſe Waiſen ge⸗ macht!!“ Geruͤhrt wandte er ſich nun zu Treumann. Sie ſind ein treuer Diener meines Fuͤrſten, vergeſſen Sie das vorgefallne, ſie werden Er⸗ ſaz erhalten.— Doch dieſer eilte in die Mitte ſeiner Familie, freut euch rief er, das Geld iſt da Marie! Deines Gatten, Kinder, euers Vakers Ehre iſt gerettet! O bleibt ehrliche Men⸗ ſchen, der Ewige wacht fuͤr euch, wenn ihr euch auch ganz verlaſſen glaubt. Kurze Zeit nachher kam ein Reſcript des Fuͤrſten— es hieß unter andern, die 2000 fl. hatte ich zur Unterſtutzung alter Diener beſtimmt, meine Ab⸗ ſicht wird zum Theil ſchon erfuͤllt, wenn die Haͤlfte dieſer Summe fuͤr das Erdulden eines grundloſen Verdachts, an den unſchuldig gekraͤnkten zweiten Caſſa⸗Reviſor Treumann ausbezahlt wird. Ein Jahr ſpaͤter erhielt Treumann einen bedeutenden Poſten.„Siehe, ſagte er zu ſeinem Weibe, als er dieſe Stelle antrat, ſo lohnt Gott, ſo ein guter Fuͤrſt, treue Dienſte, ver⸗ laͤumdete Unſchuld!“ ge⸗ n. en, Er⸗ itte iſt ſer den Zei e zur die ines ten ine nen ohn bel z. Der Wildſch uͤtz. Edel aber unerbittlich ſtreng war der Pberfoͤr⸗ ſter Wilke, eiſern war ſein Sinn, koſtete ihn auch der Gehorſam den er ihn leiſtete oft eine unbemerkte Thräne. Dieſe unerbittliche Strenge trug'er auch in ſeinen Dienſt⸗Verhaͤltnißen hinein.„Das iſt Landesgeſetz“ ſagte er, ich hab dieſes nicht gemacht, aber daß es nicht verletzt werde, darum bin ich da, wer ſie uͤbert: itt wird geſtraft, er weiß er ſoll es nicht thun, ich bin nicht Herr nur Diener.“ So ſprach, ſo dachte, ſo handelte Wilke. In Wilkens Forſt gab es keine Wilddiebe, alle furchteten den Strengen und Uner⸗ bittlichen, fuͤr den, den er nicht lebend habhaft wer⸗ den konnte, hatte er eine Kugel bereit. Wilkens Forſt blieb rein. Wilke that ſich nicht wenig darauf zu gut, wenn ſeine Kollegen uͤber Verheerungen klagten, laͤchte Wilke und ſprach;„ Bey mir nicht! Wenn ſie ihn fragten:„Wie bewirkſt du das? Da ſagte er kalt:„Ich heiße Wilke.“ Flo⸗ — 816— Florentin ein armer aber braver Jaͤgerburſche aus der Nachbarſchaft, liebte Johanne die ſanfte herrlich aufbluͤhende Tochter des ſtrengen Wilken. Tauſendmal erneuerten ſie den Schwur ihrer immer treuen Liebe, tauſendmal fragte Florentin ſeine Johanne, wirſt du mir treu bleiben im Leben und Tod? Tauſendmal fragte Johanne dies ihren Florentin und immer toͤnte ein Ja ehe noch die Frage ganz ausgeſprochen war von den Lippen der beiden Liebenden. Aber ſie hatten beide geringe Hoffnung ſich einſt vereint zu ſehen. Aber was fragen Liebende nach der Zukunft, wenn die Gegenwart fuͤr ſie guͤnſtig iſt. In ſich vollendet iſt ihr Weſen durch die gegen⸗ ſeitige Zuneigung. Ein Johr ſchlich voruͤber, ein geſchwaͤtziger Nachbar belauſchte die Liebenden. Wilte erfuhr das Geheimniß und lachte. „Johanne ſagte er am andern Tag„die Leute ſagen du liebſt den Florentin, ſieh wie die Leute luͤgen!“ Johanne ſagte kein Wort. Ge⸗ laſſen nahm Wilke ſeine Flinte von der Wand. „Wenn's wahr iſt“ ſagte er, ſo gehoͤrt die er⸗ ſte Kugel dem Florentin. Auf heute Abend mein Leibgericht, Erbſen und ein junges Huhn. Adje Johanne. Johanne kannte ihren Vater und war troſtlos. Abends ſuchte ſie ihren Freund auf. „Florentin ſagte ſie“ guter Florentin wir muͤſſen uns +„ ₰ c—— he ie en r rel ge nie it 6 uns trennen. Ruhig Johanne, ſprach Florentin, ich rede mit dem Vater.„Willſt du ſierben fragte Hannchen ſchmerzhaft.“ Ja fuͤr dich! aber ſey unbeſorgt ich ſterbe nicht. Am Morgen kam Florentin unter einem nichtswerthen Vorwand zum Oberfoͤrſter. Die Kleinigkeit war bald abgethan, nun ſagte er mit gefaßten Freimuth„Herr Pberfoͤrſter ich habe Ihnen etwas vorzutragen, ich bitte mich ruhig anhoͤren zu wollen.„Rede mein Sohn.“ Ich liebe Ihre vortrefliche Tochter, und ſie liebt mich. Ich bin arm aber brav, armer Leute Kinder wenn ſie brav find, koͤnnen auch was in der Welt werden, wollen Sie wenn ich Johannen ernähren kann, ſie mir zum Weibe geben? ſagen Sie Ja, ſo knie ich vor Freuden zu Ihren Fuͤßen, ſagen Sie Nein, ſo ſpreche ich mit Johannen kein Wort, keine Sylbe mehr, Sie ſind dann Herr Wilke und ich Florentin. „Kennſt du mich Florentin? Ja. „Ich ſage Nein! „Leben Sie wohl Herr Pberfoͤrſter. „Der Spaß hat ein Ende“ ſagte Wilke, wenn Florentin ſein Wort haͤlt, wo nicht, ſo halte ich meines von geſtern. Flo⸗ — 2178— Florentins Liebe fuͤr Johannen, die er durch Biltens eiſernen Sinn auf ewig zerſtört ſah, erfüllte ſeinen Buſen mit dem Gefuͤhl gluͤhen⸗ de Rache zu nehmen. Floventin wußte wie ſtolz Wilke darauf war, daß ſein Forſt rein von Wilddieben blieb. Er fing an und haußte fuͤrch⸗ terlich in Wilkens Forſt. Da das Wild nicht weggetragen, ſondern nur getoͤdet wurde, ſo ſah Wilke bald mit wem er es zu thun haite. „Der Schurke“ ſagte er„ſoll mich nicht uͤber⸗ liſten. Ganze Nachte lauerte Wilke, aber dann blieb es ruhig. Ruhte er eine Nacht, ſo ging in dieſer wieder dreimal mehr verloren. Wilke knirſchte und ſagte„iſt der Kerl erſt mein, ſo ſchieß ich ihn nicht einmal, ich ſchieß ihn neun⸗ mal todt. Hannchen zitterte fuͤr das Leben dieſes Menſchen.„Er ſei wo er wolle“ ſprach ſie „ich will ihn aufſuchen, ich will ihn bitten bei ſeinem Leben, ich will ihn retten. „Vater“ ſprach ſie einſt, dieſe Raͤubereien in Ihren Forſt machen Ihnen viel Verdruß, dies kann Johanne nicht mehr ſehen, wachen Sie noch zwei Naͤchte, die dritte ſey mein, vielleicht komme ich dem Boͤſewicht auf die Spur. „Johan⸗ rch ſh, e⸗ ſolz von icht ſo ute. ber⸗ an in ile un eiet u chet eilh hi h „Johanne„ ſagte Wilke, das wollteſt du? In der dritten Nacht wanderte Johanne zum Forſt, ſie ging weit hinein, es fiel ihr nahe ein Schuß, ſie wollte rufen, ſie wußte nicht was ſie rufen ſollte, ihr Herz war noch ſo voll von ihrem Florentin, ſie rief in der Angſt„Florentin! Kaum hatte ſie ausgerufen, ſo ſtuͤrzte Florentin mit der Flinte in der Hand aus dem Dikicht zu ihren Fuͤßen.„Du Ungluͤcklicher, rief ſie„ du in meines Vaters Forſt, o ich flehe zu dir bei unſerer Liebe entferne dich von hier.„Hannchen ſagte Florentin warm aber feſt„Wilke muß wißen, Florentin iſt ſo eiſern wie Wilke, geh Hannchen man koͤnnte dich finden, und weg war Florentin.— Nun lag zweifacher Schmerz auf dem Herzen des ungluͤcklichen Maͤdchens. Am Mor⸗ gen fragte der Vater?„Nichts geſehen?“ Nein, ſagte Hannchen. Ich wollte dir auch nur deinen Willen laſſen, ſagte der Vater. „Vielleicht erwiederte Johanne mit brechender Stimme entdecken ſie ihn doch bald.„Das gebe Gott!“ verſetzte Wilke fuͤrchterlich kalt Sterben— ſterben ſagte ſich Hannchen am Abend dieſes Tages muß der arme Florentin doch; ſie hielt ſich beide Haͤnde vor die Augen als laͤge er ſchon da— ſo mag ich den armen Flo⸗ —— Florentin nicht wieder ſehen, er⸗ will fuͤr mich, ich kann fuͤr ihn ſierben. Eine ſtuͤrmiſche Novembernacht brach herein. Johanne ſtahl ſich mit ihrer Flinte fort, ſie wußte daß ihr Vater auf der Lauer war. Kaum zwarzig Schritte im Forſt brannte ſie los. Beym Blitz des Pulvers ſah Wilke ihren Stand⸗ ort, auch er drückte los. O Jeſus!„ſchrie es.„Hab ich dich,“ rief Vilke, und laͤrmte in's nahe Ort.„Fakeln, Lichter, ich habe den Schurken. Er eilte den Laͤrmenden vor,„ein Weib rief er„ein Weib hat mich geaͤfft, mit Grimm wand er das er⸗ bleichte Antlitz der Gefallenen dem Schein der Fakeln entgegen,— und es war ſeine Johanne. riej elu, den Beib der nnt. Nicht wahr, ſagte der General und gefuͤrſtete Graf von OX* zu Julien ſeiner holden Toch⸗ ter,„nicht wahr der Lieutenant Horſt iſt ein guter Geſellſchafter? Julie ohne ihr Engels⸗ köpfchen vom Stickrahm aufzuheben ſagte halb leiſe:„Wohl auch mehr lieber Vater.“ „Glaubſt du das?— was waͤre er noch mehr? Ein ſehr geſitteter veruuͤnftiger Geſellſchaf⸗ ter, ein Mann, der unſere uͤberſuͤßen Herr'chen anffallend beſchaͤnt, ein Mann deſſen Herz und Kopf gleich edeln Schritt halten,— ich ſehe ihn gerne um mich, lieber Vater. Nur keinen Roman, Julchen, oder willſt du vielleicht einen ſpielen? iſt vielleicht der Faden ſchon angeſponnen? bei Gott wenn es der dichteſte Knoten waͤre, ich zerhieb ihn. „Sie irren ſich in den braven Horſt,— wenn ich auch ſo ſchwach waͤre, oder beſſer, Sie laſſen es mich ausſagen wenn ich auch mei⸗ nen — 222— nen Herzen folgen wuͤrde,— Horſt wuͤrde ge⸗ wiß da er ſeine Armuth und ſeinen Stand, Ihren Reichthum und Ihren Fuͤrſtenhut, ſeine Aufnahme hier durch Sie, ſein dankbarer Sinn gegen Ihnen mein Vater als ſeinen Wohlthaͤter nie erlauben, mir ein Geſtaͤndniß ſeiner Ge⸗ fuͤhle zu machen, beſonders da er weiß, wie theuer ich Ihren Herzen bin, nie dem Manne mit Undank lohnen, der ihm ſo viel Gutes er⸗ zeigte. Sterben, ſetzte ſie mit ſtaͤrkrer Stimme hinzu,„ſterben glaube ich koͤnnte er fuͤr mich, aber nie unedel an Ihnen handeln. Ich moͤchte ihm doch nicht den Vorſchlag machen, mit dir und deinen Juwelen ein frem⸗ des Land zu ſuchen, gewiß er wuͤrde nicht an ſein Lieutnantspatent, und meinen Fuͤrſtenhut, nicht an die Stunde wo ich ihn nach ſeines Vaters Tode hier aufnahm, nicht daran denken, wie unheilbar er das Vaterherz verwunden wuͤrde! Ein edles Gemuͤth muß ſich nie, auch nur auf einen Augenblick einer Leidenſchaft uͤberlaſſen, die an ſich nicht unedel, aber wohl dieſes durch die Verhaͤltniſſe ſeyn wuͤrde.—„Ich ſagte es Ihnen ja, ſterben kann er fuͤr mich aber nicht unedel an Ihnen handeln.— Dieſes feſte Behaupten machte ihn neugierig dieſe Probe zu verſuchen. Soll ich es ihm in dei⸗ nen ——— „—. he⸗ nd, ine jiun tet Ge⸗ wie nne et⸗ ume ich hla em⸗ ſein icht tert wie rde ah ſen eſe „ 4 u0 erl de 90 — 333— nen Namen wiſſen laſſen?— Ja, mein Va⸗ ter.„Aber wenn er kommt! Dann?“ Julie entſprang jubelnd ihrem Sitze, klopfte ihres Sieges gewiß in die Haͤndchen„er kommt nicht! rief ſie. „Eigenſinnige!“— aber wenn—— „Lieber Vater ſagte Julie flehend, kein Wenn. „Welchen Preis ſetzeſt du, wenn ich meine Wette gewinne?“ „Ihre Liebe.“ „Kennſt du dieſen Preis?“ „Ja mein Vater, denn er iſt mein Alles.“ „So ſetze dich Trozkopf und ſchreibe. Lieber Lieutenant! Rein nicht dieſen Namen— Geliebter, nur weiter, weiter, ſagte Julie. „Liebe Julie, ich bin ſchon uͤber funfzig; ich habe dieſe Formeln verlernt, ſchreib ihm was du willſt, mir gieb das Billet.“ Julie ſchrieb eine Einladung voll der innig⸗ ſten heiſeſten Liebe, ſah uͤber alle moͤglichen Hin⸗ derniſſe ihres Planes mit dem Auge der Liebe hinweg; der dritte Tag wurde zur Ausfuͤhrung ſeſtgeſetzt. Der Fuͤrſt erhielt das Billet aus Juliens Haͤnden, las es durch, ſiegelte es ſelbſt, und ſandte damit einen vertrauten Be⸗ dien⸗ dienten zu dem Lieutenant, die Antwort ſoll er in des Fuͤrſten Händen abgeben.— Am Abend fragte Julie:„keine Antwort lieber Va⸗ ter?“ Der General blieb verſchloßen wie das Grab. Julie wagte es nicht noch einmal zu fragen. Beym Auskleiden fluͤſterte die Zofe dem Fraͤulein zu:„Lieutenant Horſt iſt arretirt.“ So? ſagte Julie und zitterte ſo, daß ſie ihrer Zofe faſt in die Arme geſunken waͤre. Julie weinte die ganze Nacht. Guten Mor⸗ gen liebe Julie ſagte der Vater am andern Tag,„du haſt rothe Augen.“ Ich habe nicht geſchlafen,“ antwortete ſie leiſe.„Ich nuͤn⸗ ſche, ſagte er im hingeworfenen Tone, daß du heute Nacht ſchlafen moͤgeſt, morgen haben wir, wie du weißt Asſemblée, und da moͤchte ich doch(ihr unter das Kinn greifend) Julien ohne rothe Augen ſehen. Julie ſchlief nicht, ſie hauchte des Nachts wohl tauſendmal in die Haͤnde um nur keine rothe Augen zu haben. Endlich kam der Tag. Julie ſah viel, ſah alles in ihm. Der ganze Hof war beyſammen, nur der Fuͤrſt nicht. Die Thuͤren flogen auf, der Fuͤrſt trat ein, an ſeiner Hand der Lieute⸗ nant Horſt.„Lieber Horſt“ ſagte er, ich habe ſie unſchuldig arretiren laſſen, Sie haben Fein⸗ mel uf jelt hih hob — 225— Feinde, ich habe ſie entdekt, ich bin Ihnen Satisfaction ſchuldig. Sie ſitzen heute zwiſchen mir und Julien, Sie ſind— ſetzte er laͤchelnd hinzu, ja ſeit geſtern ohnehin an dem Arreſt gewoͤhnt. Alles war uͤber dieſen Vorgang erſtaunt, ſie konnten keine Urſache ſich erdenken, warum dem armen Lieutnant ſolche Ehrenſtelle wurde. Sie behandelten ihn in dieſer Ungewißheit auf eine zuvorkommende Art, die jedem Unbefange⸗ nen wuͤrde laͤcheln gemacht haben. Rach einigen Augenblicken nahm der Fuͤrſt das Wort.„Meine Herrn und Damen“ ſagte er,„ich ſehe Sie ſaͤmmtlich uͤberraſcht, und da ich die wahrſcheinliche Urſach davon er⸗ rathe, ſo will ich Ihnen die Auftlaͤrung geben.“ „Ich habe“ fuhr er fort, vorgeſtern mit meiner lieben Julie eine Wette eingegangen, nicht wahr Julie? Ja lieber Vater ſtotterte Julie—„und Julie“ ſagte der Fuͤrſt hat ſie gewonnen, darum ſitzt heute Lieutnant Horſt zwiſchen uns beiden. Ich habe ihn nach dem Hinſcheiden ſeines braven Vaters immer als meinen Sohn angeſehen, er ſelbſt iſt brav, und ich liebe ihn auch vaͤterlich. Horſt findet meine Tochter gut und ſchoͤn, Julie ihn edel. Ich behauptete gegen Julie die Liebe wuͤrde ihn un⸗ N 2 danh — 226— dankbar, pflichtvergeſſen machen, Julie das Ge⸗ gentheil. Julie oͤffnet ihm auf meinen Befehl die lachendſten Ausſichten, hier, und damit gab er ihr Horſts Antwort, hier lies, lies laut.— Julie ſah kaum die Buchſtaben und las doch⸗ „Edle Tochter meines Wohlthaͤters! Bwiſchen mir und Ihnen liegt ein Fuͤrſten⸗ hut, meine Liebe fuͤr Sie hat ihn laͤngſt uͤber⸗ ſchritten; aber zwiſchen Ihren großen und guten Vater und mir, liegt eine unzaͤhlbare Summe von Wohlthaten, daruͤber wegzuſchreiten bin ich nicht faͤhig. Lieben durfte Sie Horſt in heiliger Stille, aber nie darf der Lieutnant Horſt nach ihren Herzen, nach den Rechten Ih⸗ res Vaters greifen, aber auch er vermag nicht unedel zu handeln. Sterben aus Liebe fuͤr Julien kann ich, aber mit der Schande des Undanks bedeckt, vermag ich nicht an ihren Buſen zu ſchwelgen.— Empfangen ſie jetzt die Verſicherung meiner grenzenloſen Liebe— und mißkennen Sie nicht das Gefuͤhl ſo mich beſtimmt. Lieutnant Horſt. „Damit nun“ fuhr der Genergl fort, ohne auf Juliens Vewirrung zu achten, der junge Herr in jenen Augenblicken, nicht irgend einen Schpitt der Aufmerkſamkeit erregen koͤnne, zu thun Ge⸗ fehl gab doch ber⸗ uten nme bi ſt in mant nicht füͤ des hret einet nicht thun im Stand waͤre, ließ ich ihn arretiren Lieutenant Horſt kann meine Tochter nicht ehe⸗ lichen— aber— hier zog er ein Majors⸗Pa⸗ tent unter dem Teller hervor— Major Horſt von nun an ganz meiu Sohn kann es, da Ju⸗ lie! du haſt deine Wette gewonnen.„Nicht wahr“ ſagte Julie und hieng dankend an ihres Vaters Halſe„Horſt iſt ein edler Mann? Laͤrmend brachen jetzt von allen Seiten Gluͤckswuͤnſche aus. Die edelmuͤthige Handlung hatte auf einen Augenblick alle uͤbrigen Leiden⸗ ſchaften verſtummen gemacht. Die Matronen fanden die Belohnung in etwas zu groß fuͤr die That, die juͤngern Damen fanden es aͤuſ⸗ ſerſt ruͤhrend, weil Horſt ein ſehr ſchoͤner Juͤngling war, die jungen Herrn wuͤnſchten ſich an ſeiner Stelle, indem ſie ihm Gluck wuͤnſch⸗ ten, und die aͤltern— nun die ſuchten durch aufmerkſamer Galanterie ſich gefaͤllig zu machen, ober an der LTafel fuͤr das lange Warten zu entſchaͤdigen.„Ich waͤre gekommen“ ſagte ein junger Faͤhnderich zu einem feiſten Domainen⸗ Nath,„zum Eſſen?“ erwiederte der liebe Mann,— ei freilich. Denn er ſchlug ſich waͤh⸗ rend dieſer ganzen ruͤhrenden Verhandlung mit einer Auſternpaſteten herum.— ———————————— 5. Die Vergeltung. De reiche aber ſehr harte Pachter Martin zu Steinhof, ſchickte ſeine achtjaͤhrige Tochter mit einem Auftrag auf das zwei Stunden davon liegende Dorf Hochenlinden. Ihre Wegzeh⸗ rung die er ihr mitgab beſtand in einem Dreier und einer Semmel, wenn du raſch fortgehſt, kannſt du bis Mittag zuruͤckſeyn, ſezte er zu dieſer reichen Gabe hinzu. Zufrieden und gehorſam ſprang die Kleine fort. Sie war nur noch eine halbe Stunde von Hochenlinden entfernt, und bisher hatte ſie noch keinen Gebrauch von ihrem Gelde gemacht, als eine etwas bejahrte Frau ihr begegnete.— Sie trug ihren rechten Arm in einer Binde, und ob ſie gleich Marien um keine Gabe an⸗ ſprach, ſo ſah ſie doch ihren bleichen Geſicht, ihren langſamen matten Gang, ihrer reinlichen aber ärmlichen Kleidung es an, daß ſie deren bedurftig ſey. Sie gab ihr den Dreier.„Hier“ ſagte ſie„gute Frau nehmt dies.„Gutes Maͤd⸗ chen, ſagte das von der Wohlthaͤtigkeit der Klei⸗ nen — 229— nen geruͤhrte Weib, ich danke dir gewiß herz⸗ lich, du haſt mir alles gegeben was du hatteſt. daria fiel ihr ins Wort, und fragte ſie im ſanfteſten mitleidsvollſten Ton;„Ihr moͤgt wohl recht hungrig ſeyn? Ja liebes Kind, ich habe heute noch keinen Bißen genoſſen, es hungert mich ſehr, doch nun kann ich mir ein Stuͤck Brod erkaufen! Ohne ſie ganz ausreden zu laſſen fuhr Marie in die Taſche„da“ ſagte ſie indem ſie ihr die Semmel hingab„nehmt dies Wenige,“ ach warum habe ich nicht mehr euch zu geben. D du gutes Kind ſagte das Weib, und hielt die Semmel mit reinem dankbaren ſegnenden Blick auf Marien in ihrer gefaltnen Hand. Gott ſeegne dich fuͤr deine Gaben, ich war nicht immer arm, mein ſeeliger Mann und ich lebten mit unſern wenigen zufrieden, aber nun bin ich ſechs Jahre Wittwe, auch da gieng es noch, aber ſeit einem halben Jahre iſt mein rechter Arm gelaͤhmt, nun geht es freilich ſchlimm, und ob ich wohl von wanchem guten Menſchen im Orte unterſtuͤtzt werde, ſo ſehe ich mich doch genothigt, auswaͤrts um Allmoſen zu bitten, aber du frommes Kind ſage mir dei⸗ nen Namen! Ich heiße Marie, und bin des Paͤchter Martin zu Steinhof Tochter. Trifft euch manchmal der Weg dahin, ſo kommt ge⸗ —— 2n getroſt zu mir, aber wißt, mein Vater hat viele Geſchaͤfte, die ihn manchmal muͤrriſch ma⸗ chen, meine Mutter iſt kraͤnklich, ſeht euch nur nach mir um, gegen Mittag trefft ihr mich im⸗ mer im Hof, und hoͤrt: zu den Nachbarn Klaus und Niclas dürft ihr auch gehen, es ſind brave Maͤnner, ſie geben auch gewiß gern. Gebt mir eure Hand darauf daß ihr es thun wollt. Ge⸗ ruͤhrt gab die Alte ihre Hand hin, und ſo trennten ſie ſich. Marie verdoppelte ihre Schritte, war in ei⸗ ner halben Stunde zu Hochenlinden, richtete ih⸗ ren Auftrag aus und kehrte ohne ſich aufzuhal⸗ ten nach Steinhof zuruͤck. Als ſie eine Stunde gegangen war fuͤhlte ſie Muͤdigkeit, Hunger und Durſt— ſie uͤberwand alles, denn ſie dachte an die Worte der armen Wittwe, ach wie wird mich dieſe Semmel erquiken, und kam muͤde hungrig und durſtig nach Hauſe.— Die Wittwe hielt Wort, beſuchte Marien bisweilen, und gieng nie leer von ihr, ſie blieb mit einmal aus, und Marie erfuhr bald, ſie ſey geſtorben.— Martins Vermoͤgens⸗Umſtaͤnde litten um dieſe Zeit eine traurige Veraͤnderung. Es gab Mißwachs und er verlohr merklich. Er uͤber⸗ lies es nicht der Zeit, welche ihm vielleicht Er⸗ ſitz in e⸗ te ih⸗ uhal tunde und achte wild müd atiet ſi hal n 0 ite ſit — 231— fatz gegeben haͤtte, er wollte ſchnell, wollte mehr ge⸗ winnen, ſuchte durch raſche Unternehmungen den verlohrnen Wohlſtand zu erſetzen, ohne je⸗ doch die noͤthige Vorſicht zu beobachten; und verlohr eine noch betraͤchtlichere Summe, nicht gewarnt durch dieſen ungluͤcklichen Verſuch, wagte er einen andern, und war noch ungluck⸗ licher. Der Pacht den er zu geben hatte war groß, ſein Pachtherr, dem ſeine hinkenden Ver⸗ moͤgensumſtaͤnde nicht unbekannt blieben, furcht⸗ ſam, als die Pachtzeit aus war nahm der Pachtherr das Gut in eigene Verwältung. Martin wandte den Reſt ſeines Vermoͤgens an, ſich ein Haus mit einer Schmiede und den darauf haftenden Schmiedtrecht, und einigen Hufen Landes zu kaufen. Er nahm einen Pachtſchmiedt zu ſich und haͤtte wenn er ſeine Begierde, wieder ſchnell reich zu werden, haͤtte entſagen koͤnnen, ein ruhiges und ſorgen⸗ freies Leben ſich machen können. Aber er wollte immer das Verlohrne ſchnell erwerben, und unter⸗ nahm noch immer manches, was ihm Verluſt zu⸗ zog, ſeine Frau ſtarb. Seine Unternehmungen fuͤhr⸗ ten ſeinen gaͤnzlichen Ruin herbey. Er ent⸗ lehnte Geld, die Intereſſen druckten ihn, er ſah zu ſpaͤth ſeine verkehrte Handlungsweiſe, Kummer und Sorgen untergruben ſeine Ge⸗ ſund⸗ —..———— — 232— ſundheit, und er folgte in kurzer Zeit ſeiner Frau ins Grab. Verſtaͤndige Maͤnner im Ort riethen Ma⸗ rien, welche wegen ihrer Sanftmuth, ihres Fleißes und ſittſamen Wandels allgemein geliebt war, alles zu verkaufen, ihres Vaters Schul⸗ den zu tilgen, das uͤbrig bleibende ſicher anzu⸗ legen, in Dienſte zu treten, und bei fernern Fleis, frommen und unbeſcholdenen Betragen, ihr kuͤnftiges Gluͤck von der guͤtigen Vorſehung zu erwarten. Marie folgte dieſem Rath, behielt nichts als einige Mobeln und Kleidungsſtuͤcke zuruͤck, und war doch noch als alle Schulden ihres Vaters getilgt waren, Beſitzerin von ein paar hundert Gulden.— Juſt, der Sohn der Wittwe, welcher Marie einſt ſo viel Gutes that, ſtand im frem⸗ den Militairdienſt als Feldſchmied, er erhielt ſeinen Abſchied, kehrte in ſeine Heimat nach Hochenlinden zurück, fand ſeine Muttek todt, aber die Hochenlindner freuten ſich den guten ſo lange Jahre entfernten Juͤngling wieder zu fehen, verhießen alles zu thun ihm ſein Fort⸗ kommen zu erleichtern. Juſt war in ſeinem Dienſte puͤnftlich, fleißig und ſehr ſparſam, da⸗ her er bei ſeinem Abſchied vom Regiment, ein ar⸗ net Na⸗ res iebt hul⸗ ni⸗ tern en, ung chts ich, res wat ertiges Sämmchen beſaß. Ueberdieß hatte er ſich in ſeinen arbeitsfreien Stunden, durch Le⸗ ſung dahin abzweckender Bucher ſchoͤne Kennt⸗ niſſe in der Thierarzneikunſt erworben, und da er die letzten Jahre, von dem nun beendigten Krieg, immer am nemlichen Brt geſtanden hatte, ſo war er bald von dieſer Seite in der ganzen Gegend bekannt und gebraucht, und da er faſt immer in feinen Curen gluͤcklich war, auch reich gelohnt worden; ſo kam er denn jetzt um ſeine Mutter, da er hörte ſie ſey unfähig mehr zu arbeiten, zu unterſtuͤtzen, in ſein Va⸗ terdorf zuruͤck, und fand dieſe nicht mehr. Seine Anverwandten wuͤnſchten er mochte ſuchen Meiſter zu werden, und verſprachen ihm dabei huͤlfreiche Hand zu leiſten, eine Schmiedte einſt⸗ weilen zu pachten, und ſo den Grund zu ſeinen kuͤnftigen ehrlichen Fortkommen zu legen. In Hochenlinden war keine, aber man er⸗ fuhr daß in Steinhof taͤglich eine gepachtet wer⸗ den koͤnne. Er wurde Meiſter, gieng mit ſchoͤ⸗ nen Zeugniſſen vom Regiment, ſeinem Meiſter⸗ brief, und einem Vorſchreiben des Gerichts und der Gemeinde zu Hochenlinden nach Steinhof, und entdeckte der dortigen Gemeinde ſein Vor⸗ haben. Er bat daß ſie ihn in ihre Mitte auf⸗ nehmen möchten; alle willigten gerne ein, da ſie e 2 — 234— ſie ſeit Jahren, ſchlecht oder gar nicht bedient, mit Zeitverluſt und Koſtenaufwand an fremden Orten das ſuchen mußten, was ſie bei einem braven Mann im Ort haben konnten;— auch mit dem Eigenthuͤmer des Hauſes und der Schmiedte ſah ſich Juſt bald im Reinen.— Die gute Arbeit die er fertigte, ſein Fleiß, ſein ſtilles eingezogenes Leben, ſeine Kenntniße, ſeine Geſchtcklichkeit bei erkrankten Vieh, ge⸗ wannen ihm bald die Liebe Aller War er gleich nicht reich, ſo konnte jeder vernuͤnftige Vater leicht berechnen daß bei Juſtens Fleiß, Drd⸗ nungsliebe und Geſchicklichkeit, ſeine Tochter als ſein Weib nicht verlieren wuͤrde. Juſt war ein junger ſchoͤner kraftvoller Mann, auch von der Seite ſah er ſich gewuͤrdigt, ja man, ſprach ſchon in der Stille davon, daß er des reichen Schulzen im Ort einzigen Tochter zur Frau be⸗ kommen wuͤrde. Als Juſt von dem Amte zu Hochenlinden ſeinen Pachtbrief erhielt, ſagte ihm der Beamte „Lieber Meiſter, wir haben noch etwas von euch in Handen, was bisher im Gewirr der Geſchaͤfte vergeßen war— das was eure ſeelige Mutter an einigen Hausgeraͤthe hinterließ— es iſt wenig, aber doch eéuer, wir wollen es euch-ohne Koſten ausliefern.— —*86— Dankbar nahm Juſt das kleine muͤtterliche Erbe hin. Er hatte ſeine Mutter herzlich ge⸗ liebt, er trug ihr Andenken noch in guten kind⸗ lichen Herzen.— Es beſtand in einem Bett, Tiſch und Stuhl, aus einer Bibel und einem Gebetbuch.— Am nachſien Sonntag ging Juſt, der nicht uur guter Staatsbuͤrger, der auch frommer Chriſt war, mit offnen von Dank für die Vorſehung erweichten Herzen) fröhlich zur Kirche. Der Geiſtliche trat duf. Sein Satz war:„Das Gluͤck des Chriſten dem die goͤttliche Vorſehung den Weg zeigt das Gute was ihnen oder den Ihrigen wiederfahren dem Wohlthaͤtern mit glei⸗ chem Bute zu vergelten“ Sein Vortrag war eindringend, alle Zuhoͤrer geruͤhrt. Beſonders tief drangen die Worte des Schlußes in aller Herzen:„O Chriſten, o Freunde, ſagte der watre Prediger“ verlaßt dieſen Tempel nicht ohne den ſchoͤnen feſten Entſchluß zur Ausübung dieſer theuern Pflicht zu faßen, zu lohnen ſo weit ihr koͤnnt, denen die Eurer oder det Eu⸗ rigen Thraͤnen trockneten! Manchen liegt viel⸗ leicht die Gelegenheit nahe, v nutzt ſis, bringt Freudeé in Euer, Freude in des Wohlthaͤters Leben. Streut ße ſorgſam aus dieſt ſchne Saat, —————— Saat, ſie traͤgt euch Fruͤchte im beßern loh⸗ nenden Leben!“ Juſt ohne zu ahnden wie nahe ihm dieſer Weg lag, faßte ſchon in der Kirche den Ent⸗ ſchluß jeden Ungluͤcklichen in ſo ferne es in ſei⸗ nen Kraͤften ſtuͤnde, zu unterſtuͤtzen, zu dem der fromme Geiſtliche ſeine Zuhorer ermunterte. Er faßte ihn feſt, und dachte zu Hauſe erſt nach, wie aufmerkſam er wohl auf den Wink der Vor⸗ ſehung zur Ausuͤbung dieſer Pflicht durch gluͤck⸗ liche Gelegenheit, ſeyn wollte? Mechaniſch fielen ſeine Blicke auf das Geſimſe, wo die von ſeiner Mutter geerbten Buͤcher lagen, er nahm das Gebetbuch herab, er oͤffnete es und fand auf das weiß eingebundene Blatt folgendes von der Hand ſeiner vollendeten Mutter geſchrieben. „Im Jahr des Herrn 1779. am 13. Mah „als ich von Hochenlinden nach Steinhof um „mein Brod zu ſuchen gehen wollte, gab mir „Marie die achtjaͤhrige Tochter des Pachters „Martins zu Steinhof, ohne mein Begehren „einen Dreier, und ſagte mit einem mitlei⸗ „digen Blick„ich habe ſelbſt nicht mehr, ſie „fragte mich, ob mich hungerte? Auf meine „bejahende Antwort gab ſie mir eine Sem⸗ „mel alles was ſie eßbares bei ſich hatte, „und lud mich ein nach Steinhof zu kommen⸗ 13 1 lh⸗ dieſer Ent⸗ n ſei in der . Et nach Vbt⸗ glůc oniſch ie von naht fan 8 vol eben Pe of Un eh ui chte gehr willi hr, mel hal wn 1 — 237— „zu ihr und ihrem Nachbar Claus und Niklas, „ich erhielt auch von ihr und ihren Nachbaren „vieles. Gott ſegne das gute Kind, und „laſſe ſie gluͤcklich werden. Margaretha Muͤllerin. Mit klopfenden Herzen legt Juſt, als er die⸗ ſes geleſen, das Geſangbuch vor ſich hin.„Ja ſagte er“ gute Marie ich will dir vergelten was du an meiner hilfloſen Mutter thateſt, o wenn du noch ſo gut waͤreſt,— ſetzte er hinzu— „dich wuͤrde ich mir zur Gattin heimhohlen.“ Aber nun war die Frage,„wo iſt dieſe Marie?“ Bald ſah ſie ſich ihm aufgeloſt. Er wurde zu einem Bauersmann der ein Stuck krankes Vieh hatt) gerufen. Es war Mariens Dienſtherr, er fand ſie hier ohne ſie zu kennen. Er bemerkte ihre liebliche Geſtalt, ihren reinli⸗ cher Anzug und ſein Herz ſchlug dem freundli⸗ chen ſanften Maͤdchen entgegen. Er konnte der Neugierde nicht widerſtehen mehr von ihr zu wiſſen, und fragte nach ihren Namen.— „Lieber Meiſter“ ſagte der Bauer, es iſt die Waiſe des verarmten Pachter Martin, aber ſie hat ſein hartes Herz und ſeinen verfehrten Sinn nicht geerbt, ſie iſt gut und fleißig und wohl⸗ thatig. Juſt wußte genug, mit einer dankvol⸗ len Freude verließ er das Haus, aber nur um D am ———————— am Abend wiederzukehren und um Mariens Hand zu werben. Erröthend ſtand Marie vor dem edlen Mann, als er ſie bei dem ihn heiligen Andenken ſeiner Mutter bat, ſeines Hauſes Segen und ſeines Lebens Gefaͤhrtin zu werden, ihr Herz neigte ſich zu ihm, das ſich zeigende Pflichtgefuͤhl er⸗ warb ihm ihre ganze Achtung, ſie willigte ein⸗ In Monatsfriſt ſtand ſie mit dem braͤutlichen Kranz geſchmuͤckt mit Juſten am Altar. Mit Thraͤnen im Auge ſegnete der ehrwuͤrdige Pfar⸗ rer ihren Bund, er wuſte von Juſten alles, wußte daß jene Predist das Band das ſie knuͤpfte, geworden war. Segen des vergeltenben Himmels folgte dem jungen Ehepaar, ſie wurden glaͤcklich durch ſich, Aeltern wohlgerathener Kinder, jaͤhrlich mehrte ſich ihr Wohlſtand, wer ſie kannte verehrte ſie als Muſter der haͤuslichen Tugend. Kein Armer ging traurig und leer von ihrer Thuͤr.„ Laßet uns Gutes thun und nicht muͤde werden, ſagten ſie dann zu ihren Kindern, oft reift ſchon hier die ſchoͤne und reiche Erndte.“ iens an, einer einet peigte er ein, lichet vfur⸗ alles ſi e de h ſch mehrl rte ſi Imt E ſahté h —