nunun 2 — 1 2E [eLun] Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. EEL Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 6 S franz S eng Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— auf 6 Monat: 2 i 30 Fr. r 45 Kr. 9 2„30„ 5 15 [ LEERERE LA hnhnhLhn ——ee Mathilde. Eine K Begebenheit unſerer Tage. Aus dem Engliſchen nach der vierten Auflage von»*r. ———— —— erröthe ich denn nicht? Lieſt denn nicht jedermann auf meiner Wange, Was ich verbrach? Folgt mein Verbrechen mir nicht nach? itere Leipzig, 1827. Verlag von Carl Focke. ——— Erſtes Kapitel. Noch einer ſchlaflos durchwachten Nacht, in der ſich Ormöby damit quaͤlte, daß Mathilde ihm vfſenbar zu verſtehen gegeben habe, wie ſie ihn nie mehr zu ſehen wuͤnſche, ſtand er fruͤher auf, als bei einem feſten Schlafe geſchehen ſein wuͤrde; und fruͤher, als ſelbſt ein gewiſſes Willkommen einen Morgenbeſuch ge⸗ rechtfertigt haͤtte, war er auf den Straßen, welche die Piazza di Spagna von Mathildens Palaſte trennten, der, wie wir ſchon bemerkten, in einem entfernten Theile der Stadt lag. Ganz gleichguͤltig gegen Alles, was er ſah und fand, kam er endlich ſeinem Ziele nahe, als er plötz⸗ lich vom Baron James Dornton angehalten wurde, der ſo fruͤh eines kleinen Geſchaͤfts wegen ausgegan⸗ gen war. „Freue mich, Sie zu ſehn, Milord!“ fing er an.„Bin auch noch fuͤr den Beſuch verbunden, den ———————— 6 Sie mir geſtern Abend abſtatteten. Schade, daß ich gerade mit dem Baron Joulterdoldt aus Hannover in die Oper gegangen war. Hoͤren Sie, ich habe man⸗ che Dinge mit Ihnen zu beſprechen. Sie haben wohl nichts dagegen, wenn Sie mich begleiten. Ich gehe nur zu meinem Buͤchſenſchaͤfter.“ Ormsby nahm einen Augenblick Anſtand. Dies war nun gerade nicht die Urſache geweſen, warum er ſo fruͤh ausging. Er kam ſchon mit einer Entſchuldi⸗ gung:„Ich hatte eigentlich die Abſicht—“ als ihm das Gewiſſen ſchlug, und ihn abhielt, es dem Herrn Dornton zu entdecken, wie er eigentlich habe Ma— thilden einen Beſuch abſtatten wollen. So kehrte er denn mit dem Baron wieder um. Von welchen kleinen, dem Scheine nach gleichguͤltigen Dingen haͤngen oft die wichtigſten Ereigniſſe ab! Die ganz ohne alle Abſicht ſtatt ſindende Wahl zwiſchen zwei gleichguͤltigen Dingen ſcheint ſpäter das Geſchick des Lords und Mathildens beſtimmt zu haben. Der Baron gehoͤrte zu den Leuten, die bei einer Reiſe nach Italien ſich ein Paar aͤchte Mantons*) Piſtolen anſchaſſen, um ihren Mann gleich aufs Korn zu nehmen und ſo gegen ein ganzes Volk von Raͤu⸗ bern geſichert zu ſein, die, greifen ſie ja an, ih— ren Mann hinter einer Mauer niederſchießen, ohne *) Manton, ein berühmter Fabrikant der Art in London. D. Ueb. ſch wit ihne nicht wor Buͤc dem nur was ziſ vom er Nu er q Pel — ſen 90n zu Av dieſ no hin r jt A gel 7 ſich je preißzugeben. Indeſſen der Baron fuͤhlte ſich mit ſeinen Piſtolen ganz ſicher, und weil etwas an ihnen nicht mehr in der Ordnung war, konnte er nicht eher ruhig ſein, bis dem abgeholfen wurde. So war er denn in eigner Perſon zu einem benachbarten Buͤchſenſchaͤfter und Schwertfeger gegangen, der in dem Rufe ſtand, die Feinde des Barons, die Raͤuber, nur mit einem ungleich groͤßeren Kaliber zu bedienen, was aber freilich dem Baron ganz unbekannt war. Mit dem Patois, das in Englands Cirkeln fran— zoͤſiſch heißt, war dieſer ſo ziemlich vertraut. Allein vom Italieniſchen verſtand er keine Sylbe, ohne daß er darum mit ſeiner Unwiſſenheit unzufrieden ſchien. Nun darf man ſich freilich nicht wundern, wenn die⸗ ſer Umſtand, vereint mit der ihm eigenthuͤmlichen Verwirrung aller Begriſſe, Alles, was er dem Buͤch⸗ ſenſchäfter ſagte, der die Piſtolen ausbeſſern ſollte, ganz unverſtaͤndlich bleiben ließ. Indeſſen wo es Geld zu gewinnen giebt, iſt ein Italiener allemal bereit. Auch des Barons unbegreifliche Anweiſungen nahm dieſer mit einem Ah! Capisco bene! Fccellenza— mon pensi! Si, Siguore!— non c'e dubbio eto. hin. Die Piſtolen waren nun in voller Ueberzeugung zu⸗ ruͤckgeblieben, daß dem Fehler abgeholfen wuͤrde, und jetzt wollte er ſie abholen. Lord Ormsby blieb waͤhrend des nun folgenden Auftritts außen vor der Ladenthuͤr, mit dem Ruͤcken gegen dieſe gelehnt, und unwillkuͤhrlich nach der Ecke *— . ——— 8 von Mathildens Wohnung blickend, welche von dieſem Punkte aus ſichtbar war. Seine Gedanken wander⸗ ten, ſtatt bei dem zu verharren, was hier vorging, ganz wo anders hin. So war er denn alſo auch nicht Zeuge von des Barons Zorn, als der Italiener mit einem ſelbſtzufriedenen Fcoole! zwei Dinge hin⸗ gab, die einſt Piſtolen geweſen waren, welche man aber jetzt kaum wiedererkannte. Mantons unver⸗ gleichliche nette Arbeit war zu römiſchen plumpen Zeug umgewandelt! Als ſich Herr Dornton in gebrochenem Franzöſiſch mit Engliſch untermiſcht Luft gemacht und der Ita⸗ liener dies Alles mit unveränderlicher Gleichguͤltigkeit, wahrſcheinlich in der ſichern Erwartung, daß doch die Frage: Was koſtet es? am Ende kommen wuͤrde, angehoͤrt hatte, ſo mußte dieſer doch in voller Ver⸗ zweiflung am Ende ein Combien? hoͤren laſſen. Vermuthlich war dies das einzige franzoſiſche Wort, von welchem der Buͤchſenſchaͤfter eine anſchauli⸗ che Kenntniß hatte, und gleich im Augenblick war mit ganz eigner Unverſchämtheit die Antwort da: ah, come vuole— niente— Solamente dieci scudi!“ „Was der Teufel!“ rief der Baron in reinem Engliſch. „Dieci soudi!“ wiederholte der Italiener, die zehn Finger in die Höhe hebend, mit der Geberde zu Huͤlfe zu kommen. —„ — get. ſei, „ 9 ——— Dem Baron wurde die Erklaͤrung immer ſchwieri⸗ ger. Er dachte, daß Handlung beſſer als viele Worte ſei, und griff nach einer der Piſtolen, um den ſtreiti⸗ gen Gegenſtand in Beſitz zu bekommen. „Ah! questi no!“ rief aber auch der Buͤchſen⸗ ſchaͤfter am andern Ende zugreifend. Dornton hatte gerade nicht das geduldigſte Tem⸗ perament, und war durch dieſen Widerſtand völlig in die Hitze gerathen. Indem er die andere Piſtole glucklich in die Haͤnde bekam, fuͤhrte er mit dem Schafte einen derben Streich nach dem Kopfe ſeines Gegners. Dieſe Gewaltthätigkeit machte aber die Aufmerkſamkeit von einem Dritten rege, einem wild⸗ ausſehenden Bergbewohner, der bis jetzt hinten in der „Bottega“ geblieben und ſich ganz zur unrechten Zeit mit dem Poliren und Schleifen eines Couteau de chasse beſchäftigt hatte, das von einem Kurier einge⸗ liefert war. Er gehörte zu„den Kindern der Sonne, bei denen die Rache eine Tugend iſt,“ und deren Wuth um ſo höher ſteigt, je mehr ſie Widerſtand erfahren. Lord Ormsby ward durch den Lärm veranlaßt, ſich umzuſehn. Er bemerkt, wie jener Wuͤthende von hinten herbeiſtuͤrzt, in der Hand die tödtende Waſſe, welche neu polirt in der Sonne glänzt und doch noch ſeinem funkelnden Auge nachſteht. Schon hat er ſein Opfer gepackt, und der naͤchſte Augenblick haͤtte Dortons Leben fuͤr immer geendet, als der Arm —— 10 des Morders im Herunterfahren plötzlich von der ge⸗ waltigen Fauſt Ormsby's gehalten ward und kraftlos herabſank. Aber gleich wendete ſich der Bube nun gegen den neuen Gegner. Ormsby ſammelte eben Kraͤfte, ihn voller Zorn hinwegzuſchleudern, als jener das Jagd⸗ meſſer mit der andern Hand ergriff und es ihm zwei⸗ mal in den Leib rannte. Der Lord haſchte noch ein⸗ mal krampfhaft nach ihm, dann ließ er unwillkuͤrlich los, ſchwankte und ſiel ohne einen Seufzer auf die Erde, die von ſeinem Blute bedeckt war. Waͤhrend der Baron ihm zu Huͤlfe ſprang, be⸗ nutzte der Mörder dieſe Gelegenheit zu entfliehen. Das Geſchick unſers Helden ſchien verzweiflungs⸗ voll. Ein ſchwaches Athemholen zeigte, daß er noch lebe; allein es ſchien unmöglich, das Leben zu erhal⸗ ten, ſo lange das Blut noch immer aus der Wunde ſtromte. In dieſem Augenblick trat der Kurier herein, deſſen Jagdmeſſer ungluͤcklicherweiſe zum Mordinſtru⸗ mente geworden war, und Dornton erkannte ihn gleich als unſern Freund Peter. Geſchwind bat er ihn um ſeinen Beiſtand, da ihn ſelbſt die Geiſtesgegenwart ganz verlaſſen hatte. Peter beſaß, wie viele ſeines Gleichen, einige wundaͤrztliche Kenntniſſe, und es gelang ihm, bis zu einem gewiſſen Grade das Blut zu ſtillen. Dann rieth er, ihn ſogleich, und ohne ſelbſt nur erſt auf einen Wundarzt zu warten, fortzubringen. Ihn nach ſein gen mit Ku glei zu thig An bra lch am den übe we ihr ah ren Ar un M ſc di fe ——— 11 ſeiner Wohnung auf der Piazza di Spagna zu tra⸗ gen war, wegen der Entfernung, unmoͤglich.„Zu mir! zu mir!“ rief der Baron und uͤberließ es dem Kurier, auf das Fortſchaſſen zu achten, entſchloſſen, gleich auf das Polizeiamt zu eilen und die Kunde zu geben, welche zur Ergreifung des Verbrechers nö— thig ſein konnte; Daß Mathilde auf den unerwarteten Anblick eines Sterbenden, den man in ihr Haus brachte, haͤtte vorbereitet werden ſollen, ſiel ihm frei— lich nicht ein. Dieſe war, in ihrem Sinne mit dem Benehmen am geſtrigen Abend recht wohl zufrieden, aufgeſtan⸗ den. Nebenbei freute ſie ſich doch wider ihren Willen uͤber die Gewißheit, daß ſie den Lord aufs neue ſehen werde. So Manches ging ihr im Kopfe herum, allein ihre angeborne Munterkeit ſpielte doch auf dem heitern Antlitze, als ſie fluͤchtig eine der Marmortreppen her⸗ abſtieg, die, nur von einer Mauer getrennt, aus ih— ren Zimmern in den Hof hinabfuͤhrten. In dieſem Augenblick kam der Trauerzug, Peter an der Spitze, unten mit der dem Scheine nach lebloſen Buͤrde und Mathildens Auge hatte nun den herzzerreißendſten Anblick. Worte vermoͤgen den ganz eigenthuͤmlichen Angſt⸗ ſchrei, der ihr entfuhr, nicht zu beſchreiben. Selbſt die gemeinen Leute, welche den Verwundeten trugen, feufzten mitleidig, wie dieſer Jammerton durch ihre Nerven bebte. Er war heftig genug, den Scheintod⸗ 12 ten, was die Kunſt des Arztes und Wundarztes nicht vermocht haben wuͤrde, fuͤr einen Augenblick ins Leben zurückzurufen. Seine bläulichen Lippen bebten. Er öffnete das verſchloſſene ſtarre Auge, als Mathilde vewußtlos neben ihm zu Boden ſank. Als der herbeigeholte Wundarzt Ormsbys Wun⸗ den den Verband angelegt hatte und nun zu Ma⸗ thilden ging, ihr zu ſagen, daß noch nicht alle Hoſſ⸗ nung verloren ſei, ſah er, daß ſie ſich von dem er⸗ fahrnen Schreck etwas erholte. Doch war in ihrem ganzen Weſen ein Aufruhr, daß ſie feſt verlangte, den Kranken zu ſehn. Der Baron war nicht zu Hauſe. Niemand hatte ein Recht, ihr Gegenvorſtel⸗ lungen zu machen; der Wundarzt fuͤhlte ſich nicht vefugt, es ihr abzuſchlagen. s ſie ins Zimmer trat und Ormoͤby's kalte, feuchte Hand ergriff, als ſie nun dieſe ſtarren Zuͤge ins Auge faßte, wies ſie alle Verſuche, die man ſie zu entfernen machte, mit den einfachen Worten zu⸗ ruͤck:„Nein, nein! jetzt nicht!“ Endlich kamen des Lords Kräfte einigermaßen wieder. Er gab Zeichen des Lebens von ſich. Das Eiſte, was ſein Auge ſah, war die Geſtalt des geliebten Weſens, deſſen großer Schmerz bewies, wie vielen Antheil es an ihm nahm. Die Ueberzeugung hiervon war ihm un⸗ ſchätzbar. Der Preis, den er dafuͤr gezahlt hatte, ſchien ſehr gering zu ſein. Mochte es in Folge„dieſer Arznei fuͤr ein krankes — — 13 ————— Herz,“ oder ſeiner Koͤrperkraft ſein: genug, der Wundarzt erklärte ſich noch, ehe er ging, ganz uner⸗ wartet guͤnſtig, und Mathilde bekam dadurch ihr Ge⸗ fuͤhl fuͤr's Schickliche wieder. Sie uͤbertrug die Pfle⸗ ge des Lords einer beſſer dazu paſſenden Wärterin und hatte ſich, ehe ihr“ Gemahl von dem nutzloſen Wege nach der Polizei heimkehrte, aus dem Zimmer entfernt. Zweites Kapitel. Wir haben die Bekanntſchaft mit der Hobſonſchen Familie recht lange vernachlaͤſſigt, lieber Leſer. Allein ſo ſchwer es ſich auch erwarten laͤßt, daß du gern mit ihr auf einem vertrauten Fuß umgehn willſt, nachdem du ſie genauer haſt kennen lernen, ſo iſt ſie doch einmal mit jemand, an deſſen Geſchick du nach meinem Willen Antheil nehmen ſollſt, in zu genaue Verbindung gekommen, als daß ich ſie ſo ganz aus den Augen loſſen duͤrfte. An dem Morgen, wo ſie in Rom angekommen war, — wir koͤnnen ihn errathen, es war der, wo Peter, ihr Kurier, im Laden des Buͤchſenſchäfters erſchien— hat— ten ſich die weiblichen Glieder derſelben wie gewöhn⸗ lich in einem dunkeln, ſchmutzigen Sale eines alten Palaſtes verſammelt, um, mit Nadeln, Papier, Schee⸗ ren, Tambourinrahmen und andern dergleichen Din⸗ gen bewaffnet, als ächte Amazonen die Zeit zu tod⸗ ten. Doch der alte Saturn kämpfte einen guten Kampf mit ihnen. Unter öfters wiederkehrendem Gäh⸗ nen zeigten ſie, trotz ihrer Anſtrengung, wie ſtark er war, bis ſie endlich durch das Eintreſſen zweier Allür⸗ ——„ 15 ten verſtaͤrkt wurden, welche ihnen ſeit kurzem, wenn es darauf ankam, ein Paar langweilige Stunden los zu werden, viel Nutzen geſchafſt hatten. Es waren unſere Bekannte aus Mailand, der Herr Magiſter Simperton, und ſein Eleve, der junge Herr Holzkopf. Dem Herrn Magiſter lag, wie wir ſchon andeu— teten, gar viel daran, den vertraulichen Umgang mit der Hobſonſchen Familie fortzuſetzen, demnach ihm naͤmlich vollkommen klar geworden war, daß ein Weib mit zwanzigtauſend Pfund Mitgift ſeine jetzige Einnahme, die blos der einer kleinen Lehrerſtelle an einem Collegium entſprach, um ein Ekkleckliches erho⸗ hen koͤnne. Was er jetzt an Zehnten in ſeinem Amte zog, duͤnkte ihm kaum zum Waſchen des Kraägelchens und zum Ankauf der Predigten*) hinreichend. Die Eheſtandspille ſo vergoldet, ſöhnte ihn ſelbſt mit dem Gedanken aus, einen ſo großen Biſſen verſchlucken zu muͤſſen, wie die aͤlteſte Mademoiſelle Hobſon war. Konnte er nun aber ſeinen Eleven dazu bewegen, den Reizen der juͤngern Schweſter, Annchen, ſeine Huldigung zu weihen, ei, welche Ausſichten öſſ— neten ſich ihm da! Wenn er daruͤber blos nachdachte, flatterten reizende Träume vor ſeinen Augen. Da malte er ſich im Holzkopfſchen Schloſſe die feſtliche *) Wir wiſſen ja, daß die Prediger der biſch öflichen Kirche die faulſten Bäuche ſind. Sie kaufen von ganz armen Vikaren die Predigten, welche ſie dann im langweiligſten Tone Sonntags ableſen.. e 16 Tafel. Er beugte ſich uͤber eine wohlgefuͤllte Terrine hin, und die rechte Hand hielt eine Flaſche mit Eischampagner! Ein andermal ſah er ſich im Geiſte auf einem Jagdpferde; im Jagdrocke, aber von ſchwarzem Tuche, und die Knöpfe von Horn. Manchmal ging es, aber in demſelben Gedanken⸗ kreiſe, noch weiter. Er hatte dann hirſchlederne Ho⸗ ſen anz ein kurzes, blaues Jaͤckchen, die duͤnnen, fliegenden Locken unter einer hubſchen Peruͤcke verſteckt. Darf man ſich nun wundern, wenn er, mit ſol⸗ chen Hoffnungen beſchaͤftigt, auf dem Wege noch Hob⸗ ſons Hauſe bei dem Eleven ſeine ganze Beredtſamkeit geltend machte, ihn zu ͤberfuͤhren, wie er einen Ver⸗ ſuch bei Annchen machen muͤſſe? Einen gluͤcklichen Erfolg davon zu hoffen, hatte er Urſache, und ſoweit er auf völligen Gehorſam ſeines Eleven rechnen durfte, ließ ſich auch nichts dagegen einwenden, wenn der Verſuch gleich gemacht werden ſollte. Nur war er leichter beſprochen als gemacht. Herr Holzkopf hatte naͤmlich das Ungluͤck, ſehr blode zu ſein. Nun war zwar in Annchens Weſen nichts, was die Blodigkeit rege machen konnte. Allein es erfahren ſelbſt die keck⸗ ſten Männer eine Art von Scheu, wenn ſie dem Maädchen gegenuber ſitzen, das ihnen eine abſchlaͤgliche Antwort geben kann. Einige Umſtände waren aber in der That recht guͤnſtig, dem Herrn von Holzkopf die Selbſtbeherr⸗ ſchung wieder zu ſchaffen. Die Madame Hobſon hatte nämlich immer in dem ganzen Familienkreiſe am we⸗ ſigſt vorů tigu dos Fn liefe ſil; wen hrin cber meh im wo ſelbſ her Si wur Er! als halb endl ſe unt kop min Per am rt⸗ te 17 nigſten zu thun. Wie einmal die Störung der Reiſe voruͤber war, fand ſie in Rom viel weniger Beſchaͤf⸗ tigung, als in Mancheſter. Schon hatte ſie daher das ganze Haus alle Tage mit einer tuͤchtigen Menge Fragen heimgeſucht, die auf bloße Lappalien hinaus⸗ liefen. Bald wollte ſie wiſſen, ob hier nie Schnee ſiel; bald: ob der Papſt nicht ſterben wuͤrde? Bald: wenn denn Briefe ankaͤmen? Wer nichts zu thun und wenig zu denken hat, bringt mit ſolchen Fragen die Zeit eine Weile hin, aber am Ende blieb der Madame Hobſon ſelbſt nicht mehr ſo eine dergleichen uͤbrig, und ſo war ſie eben im Begriff, auf die Frage: Ich moͤchte nur wiſſen, wo mein Mann waͤre? hinausgegangen, die Antwort ſelbſt zu finden. Herr Magiſter Simperton ward da⸗ her jetzt von der älteſten Tochter mit jener komiſchen Schwatzhaftigkeit empfangen, die allen eifrigen Be⸗ wunderern ſolcher Jungfrauen als Fegefeuer dienten. Er war indeſſen darauf gefaßt, ſich dieſem Schickſal als demuͤthiger Anbeter zu unterwerfen und ließ ſich halb im Scherz halb im Ernſt ausſchelten, bis er endlich ganz zu Gnaden wieder angenommen war und ſie ſich nun in ein Fenſter zuruͤckzogen, wo ſie, ſich unterhaltend, hinausſahen und dem Herrn von Holz⸗ kopf es moͤglich machten, ſeinen Gefuͤhlen ohne den mindeſten Zwang nachhaͤngen zu können. Indeſſen der junge Holzkopf machte umſonſt einen Verſuch. Annchen, die bekanntlich in der Familie am wenigſten zu reden pflegte, kam ihm bei ſeiner I. 2 18 Verlegenheit ebenfalls nicht zur Huͤlfe. Er ſaß am Rande des Sophas, ſah von weitem mit ſeinem Blicke der einformigen Bewegung ihrer Nadel zu, bis er endlich hinter einem dick zuſammengerollten Taſchen⸗ tuche, das er ganz in die Mundhöhle hineingeſtopft, ein:„'s iſt heute recht warm!“ herausbrummte. „Recht warm!“ erwiederte die Holde. „s iſt hier doch wärmer, wie bei mir zu Hauſe!“ — ſtotterte er nach einer kleinen Weile. „Wirklich?“ ward gefragt. „Sie ſind wohl nie bei mir zu Hauſe geweſen?“ erſcholl es wieder. „Das iſt wohl da—“ „Je, ja freilich, das iſt das Dings da!“ unter⸗ brach ſie der Juͤngling gleich, dem nun der Muth an⸗ kam.„Ach, ich wollte— o jemine, wie wuͤrde ich mich freuen!— Na, ich wollte Ihnen ſo gut ſein, wenn— wenn Sie—“ Jetzt klang es nun, als ſollte er zum Ziele kom⸗ men. Allein gerade in dem Augenblicke, wo ſie nun erfahren ſollte, was er wollte, was er wuͤrde, wenn er ihr gut ſein wuͤrde, gerade in dem wichtigen Au⸗ genblicke wurde der junge Holzkopf von Thomas un⸗ terbrochen, der augenſcheinlich in großer Beſtuͤrzung hereinkam. „Na, das iſt eine ſchone Geſchichte,“ rief er! In einem raren Lande leben wir. „Was gibts denn?“ fragte das Paͤrchen auf dem Sopha. de de fru rer 19 5 am„Was iſt denn?“ hallte es von dem Pärchen aus ſeinem dem Fenſter wieder. u, biz„Was es giebt? Schrecklich iſt es! Wir wer⸗ oſchen⸗ den alle todt gemacht! Halb ſind wir ſchon todt ge— ſtopft, macht!“ . Bei ſolcher ſchrecklichen Kunde ließen die Jung— frauen ein Mittelding von Schreien und Qugken hö⸗ auſel“ ren, und die Herren baten die Sache doch genauer zu erzählen. „Na,“ fuhr er fort, der Lord Ormsby und der n Onkel Dornton ſind von verkleideten Banditen hier in der Stadt angefallen worden und den Lord haben ſie niedergeſtochen, der hat fuͤr den Onkel bezahlen unter⸗ muͤſſen. Der Onkel befindet ſich aber auch ſehr uth an⸗ ſchlecht, und wenn Peter nicht zwei mit eigner Hand ude ich„ todtgeſchlagen haͤtte,— ich habe ſelbſt ſein Meſſer ge⸗ t ſein, ſehn, das noch voller Blut war— ſie hätten alle Englaͤnder todtgemacht, die ihnen noch in den Weg kem⸗ gekommen wären!“ ſie mn„Iſt denn wirklich jemand todt?“ fragte der Ma⸗ „nenn giſter, der in der verwirrten Erzählung von Thomas en Au⸗ einige Uebertreibungen zu entdecken glaubte. a un⸗„Ja freilich! der Lord iſt todt, denn ich kam mit türung ein Paar Leuten zuſammen, die davon ſprachen, und der eine Landsmann, der immer mit dem Lord in a! Ju Mailand ſpazieren zu reiten pflegte, ſagte: die Ba⸗ ronie und die Guͤter fielen nun alle ſeiner Schweſter uf dem zuz das wäre ein fetter Biſſen!“ Herr von Holzkopf ſah ſein zärtliches téte à tét⸗ 2* — 20 nun unterbrochen, und die wenigen Ideen, die er mit ſo viel Muͤhe geſammelt hatte, waren nach allen Winden zerſtreut. Er mußte daher ſeinen Antrag ausſetzen. Indeſſen wird der Leſer ſchon mit der Be⸗ merkung zufrieden ſein, daß dieſer einige Tage darauf aufs neue vorgenommen und zu einem glruͤcklichen Ausgang gebracht wurde. Herr von Holzkopf hatte dazu einen ganz einzigen Ort gewählt. Es war in dem achteckigen Kabinett des Vaticans, in welchem der Apollo Belvedere ſteht, wo er ſeine Liebe in Worten ſchilderte, die freilich keine Spur von der himmliſchen Begeiſterung zeigten, welche der Gott der Dichter ein⸗ floßen konnte. Doch Annchen wendete das Auge von dieſem Urbild der maͤnnlichen Schoͤnheit ab, der vier⸗ ſchrötigen komiſchen Geſtalt ihres kuͤnftigen Gatten ei⸗ nen zärtlichen Blick zuzuwenden. Ein Paar Tage darauf nahm der Herr Magiſter Simperton, ächt pro⸗ teſtantiſch die päpſtliche Mummerei ringsherum verach⸗ tend, die Gelegenheit wahr, bei einer Vespermeſſe, welche im St. Peters Dom gehalten wurde, ſein Herz gegen Betty Hobſon auszuſchuͤtten. Es wurde gleich⸗ falls gnädig angenommen, und das Doppelpaar ſah nun gegenſeitig ſeine Wuͤnſche gekront. 21 Drittes Kapitel. Lord Ormsby's Zuſtand war mehrere Tage lang in der groͤßten Gefahr. Er hatte einen langen, zweifel⸗ haften Kampf zwiſchen einer trefflichen Conſtitution und Wunden zu beſtehen, die in den meiſten Fällen entſchieden tödtlich ſind. Mathildens Elend ward nicht wenig erhoͤht, da ſie, bei dem fortdauernden zweifelhaften Zuſtande, alle Tage nach dem Eſſen ihren Gemahl mit Madame Mechlin in der kaltbluͤtigſten Art die Frage erörtern hoͤren mußte, ob er denn wohl mit dem Leben davon kommen werde? Der Baron erlaͤuterte ſeine Mei⸗ nung, wie ihn nichts als ein Wunder retten könnte, durch einige oberflaͤchliche Brocken mediziniſcher Kennt⸗ niß. Madame Mechlin ging mit ihren Plänen weiter in die Zukunft vor. Sie wollte ſchon wiſſen, wer Emiliens Gemahl wuͤrde, wenn er ſtuͤrbe, und be⸗ dauerte, daß Lady Ormsby nicht gerade eine Mutter“ ſei, welche ihre Tochter aufs vortheilhafteſte— zu produziren verſtehe. Den erſten Tag nach dem furchtbaren Ereigniß war gleich ein Kurier an Lady Ormöby und Emilie M nach Genf abgefertigt worden. Sie hielten ſich hier noch auf, dem Ausſpruche der Aerzte zu genuͤgen, welche behaupteten, daß Italiens Luft, beſonders im Sommer, der Lady Geſundheit ſehr nachtheilig ſei. Indeſſen ließ ſich erwarten, daß ſie gleich nach Em⸗ pfang der Nachricht eilen wuͤrden, ihres geliebten Au⸗ guſts zu warten. Die Entfernung erlaubte indeſſen dies nicht ſogleich, und ſo hatte das Geſchick des Kranken bereits eine guͤnſtige Wendung genommen. Zwar war er furchtbar ſchwach, nur der Schatten der maͤnnlichen Geſtalt, die er ſonſt in aller Fuͤlle und Kraft der Jugend darſtellte, aber doch im Stan⸗ de, auf einem Sopha in's naͤchſte Zimmer gebracht zu werden, das von Mathilden zufaͤllig vorher des Morgens benutzt wurde. Der Baron hatte'es nun allmaͤhlig laſtig gefun⸗ den, ſo viel zu Hauſe zu bleiben, wie ihm während der außerordentlichen Gefahr Ormsby's die Pflicht auf⸗ zulegen ſchien. Er wartete mit Ungeduld des Augen⸗ blicks, ſeine unterbrochenen Spaziergaͤnge fortſetzen zu köͤnnen, und Madame Mechlin war dabei ganz auf ſeiner Seite. Durch ihre immer groͤßer werdende Schmeiche⸗ lei ſetzte ſie ſich täglich feſter in ſeiner Gunſt, ſie hatte es beobachtet, wie wenig ekel er in der Art war, und huldigte ihm daher auf eine Weiſe, die ſie fruͤher in keinem Falle gewagt hätte. Indeſſen der Baron ſah doch auch ein, daß er den groͤßten Mangel an Gaſifreundſchaft und im ge⸗ genwärtigen Falle an Dankbarkeit verrathen wuͤrde, chatten tFle 3 Stůn⸗ „ohro Rbi R het des f ſeiner 1„ hmeiche⸗ — wollte er den Lord ganz allein laſſen, und ſo ſiel ihm und ſeiner Freundin als das natuͤrlichſte Mittel dage⸗ gen ein, dieſem Mathilden zur Geſellſchafterin zu geben. Dieſe widerſprach anfangs. Das Gefuͤhl ſagte ihr, wie es in den Augen der Welt unrecht ſcheine und an ſich nicht recht ſei. Allein endlich gab ihr ihre fruͤhere Freundin, wenn auch auf die ſuͤßeſte Weiſe, zu verſtehen, daß man ihres Mitgehens entbehren koͤnne. Daruͤber aͤrgerte ſie ſich ein wenig; Ormöby's huͤlfloſe Lage machte ihr Mitleid nicht minder rege, und ſo wurde ſie unwillkuͤrlich beſtimmt, täglich ſein zu pflegen, den mit dem zärtlichſten Herzen eines Weibes zu warten, der, was ſie zu ihrem Nachtheil entdeckte, durch ſeine Leiden, ſeine Wunden, viel theurer, viel gefährlicher geworden war. Es waren ſo bereits einige Dage hingegangen, als Lady Ormsby und Emilie eintrafen, nachdem der ge⸗ fährlichſte Augenblick gluͤcklich vorͤber war und unſer Held, wenn auch langſam, doch ſicher der Geneſung entgegenging. Sie hatten die Reiſe ſo ſchnell ge⸗ macht, als die Entfernung nur immer zuließ, ſchnel— ler, als der Geſundheitszuſtand der Lady erlaubt hatte. Wie ſie daher von der qualenden Beſorgniß, die ſie unterweges trugen, befreit waren, fuͤhlten ſie erſt fuͤr einige Tage die Folgen der zu großen Anſtrengun⸗ gen, und ſo wurde Ormsby auch waͤhrend dieſer Zeit der Wartung ſeiner bisherigen Pflegerin keines⸗ weges beraubt. Als ſeine Mutter geiſtige und kor⸗ 24 perliche Ruhe gefunden hatte, wuͤnſchte ſie, daß Emi⸗ lie ihren kurzen Aufenthalt beſtens benutzen möchte, Alles zu ſehen, was ihr ſobald nicht wieder geboten werden duͤrfte, denn die Aerzte waren durchaus der Meinung, daß ſie wieder fortreiſen muͤßte, ehe die heiße Jahreszeit einträͤte. So angenehm daher nun das Gefuͤhl Mathildens war, wenn ſie ſo alle Tage des Lords warten konnte, ſo mußte ſie nun doch den Sohn der ſchicklichern Pflege ſeiner Mutter uͤberlaſſen und ihre junge Freundin bei ihren Ausfluͤgen des Mor⸗ gens begleiten. Vieles, was die Lady Dmby von den gerfaͤhrli⸗ chen Fortſchritten einer unerlaubten Neigung zwiſchen Mathilden und ihrem Sohne haͤtte uͤberzeugen koͤnnen, war ihrer Beobachtung allerdings entzogen worden; allein in Ormsby's Benehmen gab es doch mancher⸗ lei, was immer hinreichte, ihr Unruhe und Bedenk⸗ lichkeit einzufloͤßen. Am beſten werden wir dies ab⸗ nehmen, wenn wir das Weſentliche einer Unterhaltung mittheilen, die zwiſchen Mathilden und ihr am Abend vor der Abreiſe aus Rom ſtattfand. Länger hatte ſich die letztere, ſo unangenehm es ihr war, nicht auf— ſchieben laſſen. Sie fuͤhlte, daß die zunehmende Wärme auch ihre vorigen Leiden zuruͤckfuͤhrte, und wußte, wie ihr Leben Emilien zu ſehr am Herzen lag, um einen Augenblick in irgend Etwas Anſtand zu nehmen, was Sur Verlängerung deſſelben dienen konnte. Es war ſpaͤt— Ormöby's noch fort⸗ dau zu Fr Pe thil Ma daß Me fin ich die M ol M Fi W T au ſo e L0 ni tri al 25 dauernde Schwaͤche machte ihm täglich einige Ruhe zu dieſer Zeit noͤthig. Emilie hatte ſich einigen Freundinnen angeſchloſſen, zum letztenmal die St. Peterskirche zu beſuchen. Die Mutter blieb mit Ma⸗ thilden allein. Jene ließ die Arbeit fahren und ſah Mathilden mit einem ſo theilnehmenden Blicke an, daß er endlich die Aufmerkſamkeit derſelben erregte⸗ Mathilde kuͤßte der verehrten Freundin getruͤbte Stirn. „Warum ſehen Sie mich denn ſo mitleidig an?“ fragte ſie;„ſo mit dem Blick des Vorwurfs, moͤcht' ich ſagen, wenn ich nur fuͤhlte, daß ich ſolchen ver— diente? Und doch weiß ich, daß unverdienter Vorwurf nie aus Ihrem Auge kommt.“ „Wer Mutterſorge fuͤhlt, ohne das Recht einer Mutter zu haben, wird manchmal mit dem Auge Furcht ausdruͤcken, wo die Zunge nicht zu reden wagt.“ erwiederte die Dame. „Alſo weiß ich nun, daß ich, wenn auch ohne Wiſſen, etwas Unrechtes gethan habe!“ rief Mathilde aus;„Etwas, das ſie hindert, mich zu lieben, wie ſonſt, denn außerdem wuͤrden Sie nicht anſtehn, mir es zu ſagen. Alles Gute, das ich lernte, kam ja von Ihnen!“ „Meine gute Mathilde,“ war die Antwort,„ich muß Sie immer lieben. Die eigne Tochter iſt mir nicht theurer. Worauf ich aber ziele und weshalb ich Allem, was mir wehe thut und mein Gefuͤhl verletzt, trotzen will, iſt ein Gegenſtand, der gerade mir mehr, als jedem Andern, ſchwierig zu ſagen wird. Aller⸗ 26 dings war ich ſonſt Ihre einzige Rathgeberin: Sie werden noch ſich dankbar meiner Dienſte in der Art erinnern. Allein ſo wenig ich mir einen Vorwurf uͤber die Grundſaͤtze machen darf, in denen ich Sie unterwies, ſo muß ich doch ſehr die Nachſicht ta⸗ deln, die ich damals in unſerm Umgange duldete. Ich handelte aus guter Abſicht; aber ohne daß ich es wußte, war doch Selbſtſucht vielleicht die Triebfe— der meines Handelns. Es war der heißeſte Wunſch meines Herzens, daß ich in meinen ſpaͤtern Jahren zwei Weſen mir faſt gleich theuer ſehen möchte, die eins fuͤrs andere geſchaſſen und gluͤcklich vereint waͤren!“ Mathilde antwortete nichts. Nicht einmal ihr zu Boden geſenktes, angewurzeltes Auge erhob ſie. Doch einige Thraͤnen ſtahlen ſich uͤber die brennende Wange herab, und waren die ſtillen Zeugen, wie wenig jene zarten Gefuͤhle in ihrem Herzen vertilgt ſeien. Ohne daß Lady Ormsby auf Mathildens Bewe⸗ gung beſonders acht gegeben hätte, druͤckte ſie ihr nur warm die Hand, und fuhr fort? „Mit dem Auge der Klugheit betrachtet, bin ich vielleicht tadelnswerth, daß ich die erſte Liebe beguͤnſtigte, welche, wie ſich nachher erwies, zur Quelle von Leiden, ſtatt der Freuden werden konnte. Allein es mag mir zur Entſchuldigung dienen, daß ich einſt dies vollkommenſte häusliche Gluͤck ſelbſt kannte. Zwar freilich ward mir daſſelbe nur kurze Zeit vergonnt. Seit lange fuͤhle ich, daß meine Lauf⸗ hahr har alle lebt. gute Rei ſten wur dur ther ney zu Si 7(6 ()— — 7 ihr zu Wanas Vane nig jene ur kurze ne Luf⸗ 27 bahn geſchloſſen iſt. Jede Freude, die mich unmittel— bar beruͤhrte, war dahin mit dem, fuͤr welchen ich allein lebte. Doch wenn ich meinen Auguſt ſah, lebte ſeines Vaters Bild wieder auf, und in Ihnen, gute Mathilde, entdeckte ich zehnmal mehr aͤußere Reize, mehr geiſtige Vorzuͤge, als ich in den ſchon— 9 zuge, ſten Tagen meiner Jugend hatte. Iſt es nun zu ver— wundern, wenn ich eifrig wuͤnſchte, meine alten Tage durch den Wiederſchein des Gluͤckes derer, die mir theuer ſind, verherrlicht zu ſehn? Doch— warum Ih⸗ nen von ſolcher Zeit erzaͤhlen? Iſt es nicht beſſer, ſie zu vergeſſen, als daran Zu erinnern?“ „O nicht doch! Sprechen Sie weiter! Laſſen Sie mich, wo moͤglich, ſie in Gedanken durchleben! Dies wird mein ganzes Gluͤck ſein, das ich noch ken⸗ nen kann!“ „Liebes Kind, ich hatte ganz andere Abſichten, als ich es wagte, mit Ihnen von dieſem Gegenſtande zu ſprechen, der mir ſo ſchwer faͤllt, wie ich ſchon vorhin ſagte. Unnuͤtzes Bereuen ſollte dadurch nicht geweckt werden. Gott weiß, wie ich Auguſt liebe, welchen Schmerz es mir macht, ihn ſelbſt in Klei⸗ nigkeiten entgegenſein zu muͤſſen. Mit welchem Stolze konnte ich jetzt ſein gerechtes Lob ausſprechen. Ich fuͤhle, daß Ihr Daſein ihm das Leben erhalten hat; das fuͤhle ich aber auch, daß— verliert er Sie, ſein Ende kommen kann. Und doch muß ich Ihnen ſagen: Entfernt Euch von einander!“ „O nicht doch, liebe Mutter! Warum ſollen wir 28 uns meiden? Wayrlich, es iſt kein Wort unter uns vorgefallen, das Sie nicht hätten horen konnen! Nicht ein Gefuͤhl beſchlich uns, das Ihnen mißfaͤllig ſen wäre!“ „Fragen Sie Ihr Herz, ob Sie es wagen moͤchten, fuͤr deſſen Gefühle zu ſtehen? Noch ſeid Ihr in Wort und That unſchuldig. Aber ſeid Ihr es auch in Gedanken? Beweiſt nicht dieſer ausnehmende Widerwille gegen Trennung, daß Etwas in Ihrem In⸗ nern fuͤr ihn ſpricht, welches Ihren Pflichten als Gattin entgegenſteht?“ „Als Gattin?“ rief Mathilde.„Ja, dieſe bin ich, und Alles habe ich geduldet, Alles werde ich dulden, als gerechte Strafe dafuͤr, daß ich, die Au⸗ guſt Arlingford liebte, ſich einem Andern vermählen konnte. Vergeben Sie, theuerſte Freundin— es iſt ſehr unrecht, ſo in Ihrer Gegenwart zu ſprechen will nicht uͤber die Folgen meiner eignen Thorheit gen. Aber Sie wiſſen nicht, was ich Alles duldete, bevor ich dahin kam, Auguſt fuͤr treulos zu halten! Die kuͤnſtlich beigebrachten Beweiſe ſeiner angoblichen Unbeſtändigkeit, die Unzufriedenheit meines einzigen Verwandten, die Abweſenheit einer wahren Freundin, und die truͤgeriſchen Verſicherungen einer, die den Schein der Freundſchaft heuchelte, der ich damals ohne Vorbehalt trauete; Alles dies— doch— warum ſollte ich es denn verſuchen, meine Verblendung weit⸗ läuftig zu ſchildern? Entſchuldigung iſt ſchlimmer, als Schweigen. Soll ich noch ſagen, daß ich den wahren Cho wei ſein ben tuf mie gen Red den En die nod mm Au wo ſpr nijf woi ver ſilb gen A au ger nu hul möchten, Iht in es auch nehmende rem In⸗ 5 Gattin es iſt I eit k⸗ duldete, hahen! hichen 29 Charakter deſſen, dem ich mich fuͤrs ganze Leben weihte, nicht kannte; mag ſein eigentliches Verdienſt ſein, welches es will? Ich fuͤhle, daß ich immer le— ben muß, ein Schickſal zu bedauern, deſſen Elend auf mir allein laſten bleibt, wegen deſſen ich nur mich anklagen darf.“ „Nicht ganz! Die, welche ſie erſt ſo hintergin⸗ gen und dann gar ſo uͤberredeten, muͤſſen auch dafuͤr Rede ſtehn. Ich uͤberſehe die Schwierigkeiten nicht, denen Sie bei meiner ungluͤcklichen Abweſenheit aus England preisgegeben waten. Ich bedauere nur, daß die Wahl, welche Sie ſo unbedacht trafen, Ihre Lage noch hundertmal bedenklicher gemacht hat. Doch wa⸗ rum dieſe Seite dieſes ungluͤcklichen Ereigniſſes ins Auge faſſen? Was mir beſonders am Herzen liegt, was mich beſonders veranlaßt, mit Ihnen daruͤber zu ſprechen, iſt, daß ſelbſt in ſo freudenloſem Verhaͤlt— niſſe, wie das Ihrige iſt, Troſt gefunden werden kann, wodurch der Abend Ihres Lebens heiterer zu werden vermag. Er kommt aber aus hoͤhern Quellen, als dieſe Welt gewaͤhrt. Ich ſpreche nicht gern von mir ſelbſt. Es iſt mir das Schmerzlichſte von ſo einem Ge⸗ genſtand zu reden, wie ich jetzt gegen Sie erwaͤhne. Aber auch ich habe meine Leiden gehabt, wenn ſie auch anderer Art und, das will ich gern zugeben, geringer waren, als die Ihrigen. Doch alle wurden nur durch die Kraft der Religion, die mir fruͤh ein⸗ geprägt war, zu tragen leichter. Sie moͤgen gehort haben, wie ich, noch ſehr jung, mit dem armen —————— —.— 30 Ormoby vermaͤhlt war. Er gehoͤrte zu den lebensluſtigſten Maͤnnern. Niemand ward in Geſellſchaften mehr auf⸗ geſucht, aber Niemand auch ſo verrufen, gleich ihm⸗ Er hieß ein Taugenichts, ein ausſchweifender Mann, Alles, was unſtät und fluͤchtig ſein kann. Sie kön⸗ nen ſich vorſtellen, daß meine Verbindung mit ihm von dem ganzen ernſten Theile meiner Familie ge⸗ mißbilligt ward. Doch ich baute auf ſeine Liebe, war Herrin meiner ſelbſt und willigte ein, ſein Weib zu werden. Wollte ich ſagen, daß er mir keine truͤbe Stunde machte, ſo hieß dies die Wahrheit verbergen. Haͤtte ich aber den Weg eingeſchlagen, den manche zu ſtrenge Sittenprediger vorzeichnen, ſo wuͤrde ich wahrſcheinlich nie feſten Einfluß auf ihn gewonnen haben; er waͤre wahrſcheinlich mit dem erſten Auf⸗ wallen der Leidenſchaft entflohen. Deshalb ging ich ganz in ſeinen Geſchmack, ſeine Freuden ein, ohne je eine meiner ernſtern Pflichten zu vernachläſſigen. So bekam ich nach und nach ſein Vertrauen, und es ge⸗ lang mir, ihm zu zeigen, daß gut und frohlich ſein mit einander nicht im Widerſpruche ſtehe. Endlich gewann er mehr Vertrauen zur Religion, mehr Ach⸗ tung fuͤr dieſelbe; ſeine Grundſaͤtze wurden geregel⸗ ter. Da, jetzt in den Honigtagen meines Glücks, raubte mir ein grauſames Figber plötzlich ſein ange⸗ betetes Daſein. Ich hatte nur den Troſt zu denken, daß ſein Geiſt durch mein Beſtreben zum fruͤhzeiti⸗ gen Tode ſo gut bereitet geweſen ſei, wie irgend einer der ſchwachen Sterblichen darauf fuͤr ſich oder Andere hoffe tiger des denn Bio beker riges Leid für ſchr ne ſch kon ſin wu kli de am ſh ich ihm. Mann, Lie kön⸗ manche rde ich ewonnen ging ich „ohne je d es ge⸗ hlich ſein Endlich ehr Ach⸗ geregel⸗ Glückt, ein ange⸗ denken, ftühyiti⸗ gend einet er Andere hofſen kann. Dieſe Anſicht hat mich allein auf der trau⸗ rigen Pilgerfahrt unteiſtatzt, die nun dem kurzen Genuß des Gluͤcks folgen ſollte. Wem aber verdanke ich ihn denn aber, als der Wobhlthat einer fruͤhen religiöſen Bildung? Dieſe Wehlthat ging Ihnen ab, und ſo vekenne ich, daß ich, denk' ich an Ihr beſonders trau⸗ riges Schickſal in der Ehe, an Ormsby's ſtuͤrmiſche Leidenſchaft, an Euer nur zu zärtliches Herz, dann fuͤr meine Kinder zittre!“ „Ach, theure Lady, glauben Sie nicht, daß ich je Etwas thue, was mich Ihrer und Emiliens unwerth machen kann!“ „Geliebtes Kind, ſo warm ich fuͤr Sie fuͤhle, ſo ſehr ich Ihre Neigung zu uns fuͤr aufrichtig und herz⸗ lich achte: wuͤnſchen muͤßte ich doch, daß Ihre Si⸗ cherheit auf feſtern Fuͤßen ruhte. Nicht das Stre⸗ ben, ſich irgend eine Freundin zu erhalten, ſei ſie noch ſo geſchätzt, kann Sie vor ſo drohender Gefahr ſchuͤtzen. Dieſes Schild muß aus höhern Regionen kommen. Daß Sie es zu empfangen immer bereit ſein mogen, ſoll mein ſtetes Gebet ſein!“ Die fernern Vorſtellungen des trefflichen Weibes wurden jetzt durch die noch immer ſchwache Stimme Ormsby's unterbrochen, der im naächſten Zimmer klingelte. Sein gewöhnlicher Schlummer war durch den Wunſch gekuͤrzt worden, ſo viel als noch möglich am letzten Tage ihres Hierſeins ſeine Mutter zu ſehn. Unglcklicherweiſe ward dieſelbe dadurch auch 32 verhindert, noch eine Gelegenheit zu finden, jene Ermahnungen zu wiederholen, die Mathilden ſo heil⸗ ſam ſein konnten. Mit einem eiligen, zaͤrtlichen Le⸗ bewohl, einem Herzen voll nur zu begründeten Schmerzes mußte ſie ſie ihrem Schickſal uͤber⸗ laſſen. 6 Nu ſunde Al dopp etwac die n ſin, alk Ben dem Man hören ten, war. ſchi gefa aus hald nühr Ende u. , jene ſo hil⸗ hen Le⸗ tundeten uͤber⸗ Viertes Kapitel. ———— Nur zu richtig hatte Lady Ormsby die immer wach⸗ ſenden Gefahren von Mathildens Verhältniß geahnt. Als Lord Ormsby allmaͤlig wieder genas, war es doppelt ſchwer, ohne ergriſſen zu werden, das wieder⸗ erwachende Feuer ſeiner ſprechenden Augen zu ſehen, die nur fuͤr ſie zu glänzen ſchienen; ohne geruͤhrt zu ſein, die ſuͤße Stimme zu hoͤren, die nur' wieder die alte Kraft zu gewinnen ſchien, ſeine leidenſchaftliche Bewunderung feuriger auszudruͤcken. Es koſtete Muͤhe, dem Allen zu entſagen, und der albernen Rede des Mannes zu lauſchen, dem ſie allein mit Freuden zu⸗ horen ſollte, den nichtsſagenden Blick deſſen zu beach⸗ ten, den ſie allein mit Liebe zu ſehen, verpflichtet war. Ormsby und Mathilde uͤberließen ſich jetzt einem ſchonen Traume. Aber ſie ſahen weder, wie er an⸗ gefangen hatte, noch wohin er fuͤhren wuͤrde. Doch aus dieſem bezaubernden Rauſche wurden ſie nur zu bald geweckt. Was bis jetzt ihre Wonne ge⸗ nährt hatte, ſagte ihnen nun auch, daß ſie bald zu Ende gehe. Ormöby's Geneſung ließ nämlich oſſen⸗ II. 3 34 bar nun nicht mehr Entſchuldigung fuͤr einen laͤngern Aufenthalt in Dorntons Palaſte hoſſen. Er mußte bald in ſeine eigne Wohnung kehren. Nach den er⸗ ſten Spazierfahrten, die ihm erlaubt wurden, ſollte das Letztere geſchehen. Es ward beſchloſſen, zuerſt einen n Ausflug in die Gaͤrten des Pamphyli Doria zu machen. Die ganze Geſellſchaft wuͤnſchte, vom ſchoͤnen Fruͤhlingswetter ge⸗ lockt, daran Theil zu nehmen. Der Baron Dornton war ſtets aͤrgerlich, wenn er in Kleinigkeiten ein Hinderniß fand, und ſo druͤckte er auch ſeinen Verdruß aus, daß er an einem ſo ſcho⸗ nen Tage auf Mathilden warten mußte, welche dieſen Morgen einem Kuͤnſtler ſaß, der ihre Buͤſte formte. Gleich rieth ihm daher Madame Mechlin, mit ihr und dem Oberſten Canteen die Fahrt unterdeß allein zu machen. Lord Ormsby koͤnne, zumal da er min⸗ der lang im Freien bleiben duͤrfe, Mathilden beim Bildhauer abholen und mit ihnen im Garten zuſam⸗ mentreſſen. Ormsby konnte dazu unmöglich ſchneller bereit ſein, als der Baron. Mathilde, nicht zu Hauſe, ward dabei nicht zu Rathe gezogen. Als der Lord ſie da⸗ her in der Werkſtätte aufſuchte, konnte ſie nicht dar⸗ an denken, zum Scheine etwas gegen eine Verab⸗ redung einzuwenden, bei welcher man nicht ihre Stimme gehoͤrt hatte. Sie fuhren zuſammen hin und hatten Muße, lange allein zu ſein. Es ſchien der letzte Tag, wo ſie ſo ungezwungen plaudern konnten, * pe ih ſen w 5 fuͤhle der de hiltnß wo die ſo beh über e Welt lange nur! Mal Buſa untet Fon leen Aug ſache hatte beſte Grſt ten lich nun ken wah wan wie ihnen durch die jetzigen Umſtände vergoͤnnt gewe⸗ ſen war. Zeit und Ort ſtanden nicht nur mit ihren Ge⸗ fuͤhlen im Einklang, ſondern ſchienen ſelbſt Sinnbil⸗ der der Gefahr zu ſein, die ihnen aus ihrem Ver⸗ hältniß entſprang. Es war einer der herrlichen Tage, wo die Natur neuverjuͤngt erſcheint. Und hier auf ſo beguͤnſtigter Stätte, wo die beſeligende Einſamkeit uͤber alle die Sorgen und Muͤhſeligkeiten der niedern Welt erhebt, lockte die Sonne freundlich lächelnd, tänger zu weilen, wiegte ſie Alles in Vergeſſenheit, nur nicht den Genuß des Augenblicks. Doch ach, der Mal aria tödtliches Gift gährt auch ſelbſt in jedem Balſamluͤftchen, das dort weht⸗ Verderben lauſcht unter der Knospe jeder ſich hier öſſnenden Blume! Mathilde und Ormsby hatten lange bei einer der Fontainen geweilt, welche einige der mannigfachen Al⸗ leen des Gartens ſchmuͤcken. Selbſt in Ormsby's Auge war ſie ihm nie ſo ſchon erſchienen. Der ein⸗ fache Anzug, worauf ſich ihre Morgentoilette beſchränkt hatte, weil er dem Geſchmack eines Bildhauers am beſten zuſagte, war beſonders g geeignet, ihre vollendete Geſtalt wie in einem Luftgewande zu zeigen; ſich ih⸗ ren ſanften Gefuͤhlen uͤberlaſſend, malte ſich die Zaͤrt⸗ lichkeit eines Engels in ihren Zuͤgen⸗ Doch als ſie nun ihr Auge auf ihn heftete, der alle ihre Gedan⸗ ken fuͤllte; als ſie ſeinen leidenſchaftlichen Blick ge⸗ wahr wurde, da fuͤhlte ſie mit einem Mal die Ver⸗ wandlung, welche durch ſeine ſchwere Wunde in ſeiner 3* 36 maͤnnlichen Schönheit vorgegangen war. Da ſiel ihr ein, welchen ſuͤßen Genuß der gegenwaͤrtige Augen⸗ blick gewähre, um deſto lebhafter daran zu denken, wie ſehr die ganze Wiedervereinigung bisher nur Folge des Leidens, der Krankheit geweſen ſei; wie in ſeinem eingeſunkenen Auge, ſeiner blaſſen Farbe, die Spuren des Urſprungs ihrer fluͤchtigen Freuden noch lange den Gewinn uͤberleben wuͤrden, den ſie aus die⸗ ſem unwillkommenen Zufall gezogen hatte. Ergriffen von dieſen Bemerkungen, lehnte ſie an der marmornen Balgſttade, und kaͤmpfte, den Kopf wegwendend, nach Faſſung, waͤhrend ihr einige Thrä⸗ nen, die ſie zuruͤckzuhalten bemuͤht war, entſielen und ſich mit dem ſpielenden Waſſerſtrahle der Fontai⸗ ne miſchten, die unter ihr aufſprang. Ormöby uͤberſah weder ihren Schmerz noch den Ur⸗ ſprung deſſelben. Er druͤckte zaärtlich ihre Hand und bog ſich um, daß er in ihr noch immer abgebendetes Auge ſehn konnte. „Kann Mathilde“ ſprach er„bei ihrem Schmerze Theilnahme in dieſer geſchwätzigen Quelle ſuchen, und dem ihr Vertrauen weigern, deſſen Schweigen doch wohl nicht fuͤr Mangel an Gefuͤhl gedeutet werden kann?“ Sie antwortete nur, indem ſie ſtill ihr thraͤnen⸗ volles Auge auf ihn richtete, den Kopf auf ſeinen Arm legte und bitterlich weinte. Ormösby konnte ſich nicht laͤnger beherrſchen. „Geliebte Mathilde,“ flehte er,„alle Zuridhat⸗ ung i unverſ grifen der di che di heit d ſiht, wird, ebenſo glaubt ich m drücke verlor Glick bracht biſteh chen nicht fühe mußt ſt. nn, einen mein ben lerr, macht habe 37 tung iſt vergeblich. Glauben Sie nicht, daß ich Ihr unverſchuldetes Elend ſo lange ſehen konnte, ohne er⸗ griffen zu werden. Kann der, welcher Sie anbetet, der dieſe Allmacht der bezauberndſten Reize kennt, wel⸗ che die kuͤhnſte Phantaſie nicht in ſolcher Vollkommen⸗ heit dichten konnte, kann der es tragen, wenn er ſieht, wie ſolche Schoͤnheit an einen Mann vergeudet wird, der ihren Werth gar nicht zu fuͤhlen vermag, und ebenſo unwuͤrdig iſt, ſie zu beſitzen? So lang ich glaubte, daß ich allein ungluͤcklich ſei, ſo lange trug ich mein Loos, mochte mich auch der Schmerz er— druͤcken. Doch jetzt ſeh' ich, daß Sie nicht blos dem verloren ſind, der in Ihrem Gluͤck lebt; daß Ihr Gluͤck ſelbſt täglich den Umſtänden zum Opfer ge⸗ bracht wird, welche nie hätten beſtehen ſollen, nicht beſtehen duͤrfen, und nun kann ich dem unwiderſtehli⸗ chen Triebe meines Herzens, der Uebereinſtimmung nicht Widerſtand leiſten, die unſere Herzen von der fruͤheſten Jugend an fuͤr einander beſtimmte. Mein mußt du ſein— mein allein— mein fuͤr immer!“ „Auguſt! Um Getteswillen! Halt ein!“ flehte ſie.„—— Es wäre umſonſt, wollte ich es leug⸗ nen, daß die Liebe, die ich einſt Ihnen weihte, je einem Andern geworden wäre. Das Schickſal hat meine Gefuͤhle, die nie verloͤſcht waren, wieder aufle⸗ ben laſſen. Mein Haus, ſonſt immer freuden— leer, wurde durch Sie aber nun doppelt traurig ge⸗ macht, denn der Friede meines Herzens iſt dahin, ich habe die Achtung fuͤr mich ſelbſt verloren. Um nicht — — —— — ———— —— —— 38 Alles zu verlieren, was mir noch von Troſt und Un⸗ ſchuld blieb, muß ich Sie, ich fuͤhle es, verlaſſen; noch in dieſem Augenblicke. Gehen Sie, ich bitte Sie!“ „Niemals!“ rief der Lord.„Unſere Schuld, wenn es hier eine giebt, komme auf das Haupt de⸗ rer, welche durch niedrige, unwuͤrdige Kunſtigrifſe ſich verſchworen, uns zu trennen— Weſen zu trennen, die durch gegenſeitige Schwuͤre in aller Form mit ein⸗ ander verbunden waren. Die Bande, welche Sie jetzt feſſeln, ſind von Schurkerei geſchmiedet, von niedriger Grauſamkeit, blos aus weltlichen Abſichten! Sie koͤnnen nie Herzen von einander reißen, wel⸗ che die reinſte Leidenſchaft ſchon fruͤher aneinander kettete.“ „Lieber Auguſt!— Nehmen Sie nicht zu Gruͤn⸗ den Ihre Zuflucht, deren kahlen Urſprung ſelbſt mein eingenommenes und williges Herz nicht leugnen kann⸗ Was hilft es, zu denken, wie gluͤcklich wir hätten werden koͤnnen! Dies kommt nicht mehr in Be⸗ tracht! Jetzt bin ich das Weib eines Andern. Kann ich nicht im Geiſte alle die mannigfachen Pflichten meines Standes erfuͤllen, ſo muß ich doch dem Buch⸗ ſtaben nach den eingegangenen Verbindlichkeiten nachkommen. Im Fall ich ſie verabſäumte, wuͤrde und duͤrfte die Welt keinen geträumten Unterſchied gelten laſſen. Glauben Sie, daß ich je es tragen könnte, wenn mein lächelnder Blick dem Spott und Hohn begegnete? Wie wenig koͤnnte ich der Kälte, 39 der Verachtung eines tugendhaften Weibes— ge⸗ ſchweige der kalten und erzwungenen Zuruͤckhaltung ei⸗ nes unfreundlichen Familienzirkels entgegenſetzen! Wie ſollte ich die gerechten Vorwuͤrfe Ihrer einer Heiligen gleichen Mutter, der guten, unſchuldigen Emilie tra⸗ gen! Und wenn ſie noch ſo mild ausgedruͤckt wuͤrden, ſie verwundeten dennoch nicht minder. Nein, Auguſt, ich ſcheue mich, daran zu denken, daß wir ſo lange von ſo einem Dinge geſprochen haben. Glauben Sie mir, nur Trennung buͤrgt unſere Sicherheit.“ „Horen Sie mich erſt einen Augenblick an!“ ſprach der Lord mit einer Heftigkeit, welche ſeine Wange mit Roͤthe uͤbergoß und in ſeinem Auge fun— kelte, daß alle Spuren der juͤngſten Krankheit ver⸗ wiſcht wurden.„Ich kann ſolch einen Ausſpruch nicht uͤberleben.— Du haͤtteſt Mitleid mit mir haben und dieſen letzten Schmerz mir erſparen ſollen. Er uͤber⸗ zeugt mich von der Gefuͤhlloſigkeit, die Dir allein ſo kalte Berechnungen in den Mund geben konnte! Wa⸗ rum war denn nicht der Augenblick, wo ich Dir ver⸗ wundet begegnete, mein letzter? Warum verbirgſt, Du das ſchoͤne Antlitz. Mein Auge, darauf geheftet, hätte ſich in Frieden geſchloſſen! Warum vertilgſt Du die Erinnerung an jenes zärtliche Mitleid, das mir damals den Tod ſelbſt willkommen machte. „Guͤtiger Himmel!“ ſchluchzte Mathilde,„dieſe Heftigkeit wird Sie umbringen l Sie hatte es ſchon verſucht, ihn zu verlaſſen; al⸗ lein die Furcht, als ſeine Leidenſchaft ſo alle Schran⸗ 20 ken durchbrach, hinderte ſie daran. Ihre Unruhe wurde noch größer, wie ſie bei ihm die fruͤhere hohe Roͤthe zur Todtenblaͤſſe werden ſah. Sie ergriff ſeine Hand, gerade als ihn die Bruſtwehr, woran er ſich lehnte, allein vom Hinſinken abhielt. Dies machte ihre ganze Zärtlichkeit aufs neue rege. Sie war nicht im Stande, ihn zu verlaſſen. Alles vermeidend, was ſo ſchmerzliche Gefahr rege machte, ſaßen ſie auf dem Raſenhuͤgel, indeß Mathilde voll Unruhe acht gab, wenn ſeine Wangen wieder belebt wuͤrden. Ueber ihnen war eine Terraſſe, und die uͤbrigen Genoſſen beobachteten ſie jetzt. Der Custode, wel⸗ cher die Wunder des Gartens zeigte, bemerkte ſie zuerſt. Mit jenem dichteriſchen Sinn, der ſelbſt den gemeinen Staͤnden Italiens eigen iſt, begabt, ergriff ihn das ſchone Paar in ſo ſchoͤner Umgebung. „Ah! che coppia bella!“ rief er.„Sembra de- gua d'un tal paradiso!“ „Hm! das ſieht ja aus, wie die Verſuchung im Paradies, und die Schlange lauſcht im Graſe!“ zi⸗ ſchelte Madame Mechlin wie fuͤr ſich hin, aber doch laut genug, daß der Baron Dornton und der Oberſt Canteen das Paar unter ihren Fuͤßen wahrnehmen mußten. „Was iſt das?“ fragte der Baron, der, wie ſchon geſagt, kein Wort Italieniſch verſtand.„Was ſagte der Mann?“ „Ach, nichts!“ rief Madame Mechlin.„Der länd⸗ liche eine Eva 7 mun hiehi 41 Unmhe liche Piſtrucei ward blos von dieſem Eden begeiſterk, 4 he eine Stelle aus Milton zu improviſiren. Adam und ſene Eva ſitzt hier. et ſich— Das lieblichſte Paar, Das je voll Liebe ſich kuͤßte. Mit Citationen komm' ich nicht weit. Es geht 44s nun noch fort ſo uͤber Sohne und Tochter, was nicht nachte, hierher gehört. Aber: 6„ unter dem ſchattigen Laube vom kuͤhlenden Weſtwind dt umſaͤuſelt, * Saßen ſie an der murmelnden Quelle— ibriſen paßt vollkommen auf ſie.“ wel⸗„Das iſt vermaledeiter Unſinn!“ fluchte der Ba⸗ zuerſt. ron ein wenig aͤrgerlich, daß ſich ſeine Begleiterin meinen uͤber den Anflug von Heftigkeit wunderte, den die das ſcherzende Anſpielung auf eine Kleinigkeit hervorbrachte. Ihr immer Aergerniß ſuchendes Auge hatte dies laͤngſt bra de- ſo klar geſehen, daß ſie gemeint hatte, er ſei, wie es die Mode mit ſich bringe, daruͤber ganz gleichguͤltig. ng im Außerdem wuͤrde ſie, obſchon dem Lord nicht zugethan zi⸗ und gegen Mathilden nicht mehr ſo freundlich geſinnt, r doch wie ſonſt, doch nichts geſagt haben, was leicht einen Oberſt Streit herbeifuͤhren und die Fortdauer eines Verhalt⸗ men niſſes gefährden konnte, wobei ſie ſich ſo wohl befand. Doch iſt die Eiferſucht bisweilen leicht, wie die Luft, ſo laͤßt ſie auch manchmal ihren Urſprung ſo wenig beſtimmen, wie den des Windes. Erſt war der Bäron uͤber den vertraulichen Umgang Mathildens und Ormöby's ganz gleichguͤltig geweſen, und jetzt ſchien auf einmal in ſeinem Innern ein Sturm zu entſtehen, ohne daß eigentlich eine Veranlaſſung da war. Als ſie auf den Huͤgel hinabgekommen waren, und der Baron von Mathilden hoͤrte, wie der Kranke ſich zu ſehr angegrifſen habe und ſchwach geworden ſei, konnte er ſich kaum ſo weit beherrſchen, eine leidlich hoͤfliche Antwort zu geben. Er trieb Mathilden in— deſſen unter dem Vorwande fort, daß es ſpaͤt ſei, daß man ſie ſchon lange erwartet habe; er beſtand darauf, daß Madame Mechlin und der Oberſte ſie nach Hauſe begleiteten. Der Lord Ormsby mußte allein in ſei— nen Wagen ſteigen und— in ſeine einſame Woh⸗ nung fahren. Fuͤnftes Kapitel. Langſam ſchlichen die Stunden hin, als Mathilde, ohne daß Ormsby's Geſellſchaft ihren Zauber lieh, ganz der immer verdruͤßlicher werdenden Laune des Ge⸗ mahls uͤberlaſſen war. Sie fuͤhlte ſich nicht frei von Vorwuͤrfen ihres Gewiſſens uͤber ihre juͤngſten Schritte, und dies machte ihr doppelten Kummer. Gleich am andern Morgen nach dem von uns beſchriebenen Auf⸗ tritte that es ihr mindeſtens doch wohl, daß Mada⸗ me Mechlin abweſend war. Es hatte dieſe einen Ausflug nach Frascati gemacht. Mathilde benutzte die Einſamkeit, in St. Peters Dom der Welt und ſich ſelbſt zu entfliehen. Gerade, wenn in Rom Alles Leben und Geſchaͤf⸗ tigkeit iſt, macht dieſe glaͤnzende Kirche den meiſten Eindruck. Wäͤhrend aller Glanz, den hier die Reli⸗ gion heiſcht, verloſchen iſt, hört man von einem Pfei⸗ ler bis zum andern nichts als das Fluͤſtern des einſa⸗ men Betenden. Mathildens religiöſe Bildung war, wie ich ſchon ſagte, vernachläßigt worden. Ihre Familie war fruͤ⸗ her katholiſch geweſen. Erſt der Onkel entſagte aus 44 politiſchen Gruͤnden dem Glauben ſeiner Väter. In fruͤher Jugend nur ihm uͤberlaſſen, war ſie natuͤrlich in den Grundſätzen der evangeliſchen Kirche aufgewach⸗ ſen. Allein wenn auch der Lord Wakeſield immer mit dem doppelten Eifer eines Bekehrten behauptete, daß Kirche und Staat eins ſein muͤßten, ſo beobachtete Mathilde doch, daß beide in der Wirklichkeit bei ihm nichts miteinander gemein haͤtten. Sechs Tage in der Woche nahm der Staat ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch, aber auch der ſiebente ward der Kirche ge⸗ raubt, und dies mit den vielen Geſchaͤften entſchuldigt, wenn die gebuͤhrende Achtung verletzt wurde. Darf man ſich nun wundern, wenn Mathilde im— mer ſolch Beiſpiel ſah, in keinen beſſern Grundſätzen unterrichtet ward, und nun von den Stunden, die ſie mit der Gouvernante in der Kirche zubrachte, weniger Nutzen zog, als ihr wohl ſonſt erwachſen waͤre? Doch wenn auch bei ſo mangelhafter Erziehung religiöſe Eindrucke nicht ſtark geweſen waren, füͤr ihr Benehmen eine hinlängliche Richtſchnur zu geben, ſo hatten ſie doch einen ſtarken Eindruck auf ihre Einbil— dungskraft gemacht. Nie trat ſie daher auch in dieſen heiligen Tempel, ohne eine gewiſſe Scheu zu empfin⸗ den, nie verließ ſie ihn, ohne daß ihr Herz gereinigter und gelaͤuterter geweſen, ihr Geiſt durch heilſame Er— innerung mehr nach oben gerichtet worden waͤre. Fern ſei es von mir, die eigenthuͤmliche Reinheit un⸗ ſeres evangeliſchen Gottesdienſtes, die einfache aber eindringende Beredſamkeit deſſelben zu tadeln, die alle nich voll nut ale — nichtsſagende Geheimnißkrämerei, alle pracht⸗ volle Mummerei verſchmaͤht, und blos der Ver⸗ nunft, der Wahrheit vertraut. Doch einen Zwei⸗ fel zu hegen, mag geſtattet ſein. Hat der Proteſtantis⸗ mus, indem er alle Beihuͤlfe der Einbildungskraft ver⸗ ſchmaͤht, und ſo die Gefahr verhindert, auf einen Nebenweg zu leiten, nicht auch in Etwas die Mit⸗ tel beſchränkt, auf den rechten zu fuͤhren? Es iſt ein preiswuͤrdiger Gebrauch, wenn ſich in einer proteſtanti— ſchen Kirche die Menſchen zum Gebet und zur An⸗ dacht ſammeln, wo jeder Gebrauch der Vernunft Ge⸗ nüge leiſtet; wo die Menge ſorgfaͤltig und anſtaͤndig gekleidet erſcheint, aber die Kirche ſelbſt ängſtlich jedes äußern Schmuckes beraubt iſt, damit nicht das Auge den Geiſt in ſeiner Aufmerkſamkeit zerſtreue. Doch vielleicht iſt es ein nicht minder erlaubtes Ding, den prachtvollen Tempel des heiligen Petrus immer fuͤr den Aermſten und Geringſten ofſen zu finden. Ohne daß jemand ſeines ſchlechten Gewandes achtet, kann er den nagenden Kummer vergeſſen. Er fuͤhlt ja hier, mit⸗ ten in dem glaͤnzendſten Werke, was Menſchen ſchu⸗ fen, daß er mit den Stolzeſten und Größeſten gleiche Bitten, zu gleicher Zeit, zum Himmel gelangen laſſe. Wenn auch ſolche Denkmäler der Kunſt auf die aͤu⸗ ßern Sinne der Frommen wirken, und die Einbil— dungskraft bei Erregung des frommen Gefuͤhls Antheil nimmt; immer mag die minder reine Quelle, aus der dies dann ſtammt, durch die vielleicht größere Zahl 46 derer ausgeglichen werden, auf welche ſie ihren Ein⸗ fluß uͤbt. Doch begleiten wir unſere Heldin auf ihrem einſa— men Wege. Mit ihren Gedanken beſchaͤftigt, wan⸗ derte ſie in den öͤden Saͤulengängen herum, als auf einmal ihre Aufmerkſamkeit von der Geſtalt eines Moͤnches rege gemacht wurde, der in eifrigem Gebete vor einem Altar lag, uͤber welchem ein Gemaͤlde: die Weiſen aus Morgenland vorſtellend, hing. Kaum wußte ſie, warum ſie auf ihn ſah. In ſeinem Or— denskleide war nichts Beſonderes. Sein ernſter, ſpre⸗ chender Blick, ſein auffallendes Geſicht konnte blos das Vaterland des Alten bezeichnen und ihn ſo fuͤr einen Italiener zu halten geſtatten. Allein es war ſo ein Ausdruck des Leidens in ſeinen Zuͤgen, gemiſcht mit einer Reue, wodurch ſein ganzes Aeußere eine be⸗ ſondere Theilnahme einflößte. Indeſſen war doch Mathilde nur wenig auf den außerordentlichen Eindruck gefaßt, als ſie nach den Stufen, wo er kniete, zuruͤck kehrte, und ihr Auge zum erſtenmal ſeinem Blicke begegnete. In ſeinem ganzen Weſen ging eine Veränderung vor, die ſo etwas Ueberraſchendes und Einſchuͤchterndes hatte, daß ſie es nur einer Art ihm eignen Wahn⸗ ſinnes zuſchreiben konnte. Sie drehte ſich ge⸗ ſchwind um und wollte forteilen, da ſie nicht ohne Zittern bemerkte, daß er ihr mit zunehmender Eile folgte. Noch mehr erſchrak ſie aber, als er ſich mit den ernſten in engliſcher Sprache geſprochenen Worten — E nahte:„Lady, nur einen Augenblick! Mathilde, ich beſchwore Sie!“ Bei allem Schreck hatte ſie doch nicht die Geiſtes⸗ gegenwart verloren. Sie fragte ihn, wie einer ſei⸗ nes Ordens mit ihr zu reden haben koͤnne, wie er, ein Fremder, ihren Namen wiſſe?“ „Wer Ihnen Ihren Namen an jenem Taufbecken gab, muß ihn wohl noch wiſſen!“ antwortete er. „Noch mehr— ſo leid es mir thut, ſo zu reden— Delaval war oder iſt Ihr Familienname? Ich kenne Sie beſſer, als Sie ſich!“ Mathilde war ganz erſtaunt, wie ſie durch ſo hin⸗ geworfene, aber doch ſo uͤberzeugende Worte ein⸗ ſah, daß er ihr und ihrer Familie nicht vollkommen fremd ſei. Sie konnte blos fragen, wenn er ſie fruͤ⸗ her geſehen haͤtte? „Ach, es iſt lange her,“ war ſeine Antwort, daß ich immer umſonſt um das Gluͤck flehte, welches mir in dieſer Stunde zu Theil wird. Endlich ſind meine Bitten erhört worden. Wenn Sie noch ſo rein und frei von weltlichem Stolze ſind, wie damals, wo Sie den Namen empfingen, mit dem ich Sie jetzt zu begruͤßen wagte— wenn Sie noch an Geiſt und Korper vollkommenes Abbild von ihr ſind, die Sie auf ihren Armen trug: dann wird die Kunde von dem, was ich Ihnen ſagen will, Ihr Gluͤck erhoͤhen und mein Elend mindern. Sind Sie aber, wie ich fuͤrchte—“ Doch in dieſem Augenblicke ward der Moͤnch durch 48 einen fernen Chorgeſang unterbrochen. Prieſter mach⸗ ten einen Zug und naͤherten ſich der Stätte, wo ſie waren. Er ſchien zu fuͤrchten, in einem Geſpraͤche uͤberraſcht zu werden, das nach ſeinen Ordensregeln vielleicht verboten war. Noch einen Augenblick zu Mathilden tretend, flaͤſterte er:„Ich darf nicht länger weilen. So ſehr Sie die Gerechtigkeit lieben, ſo ſehr beſchwore ich Sie, Morgen in der Abenddaͤmmerung hierher zu kommen. Welches Ihr Loos jetzt iſt, weiß ich nicht. Giebt es fuͤr Sie Jemand, der ein Recht auf Ihr Vertrauen hat, ſo ſparen Sie es nur einige Stunden lang auf, bis meine ſonderbare Kunde mit⸗ getheilt ward. Schweigen Sie bis Morgen Abend. Sagen Sie Niemand davon! Reinigen Sie Ihr Herz von Stolz und Hoffahrt, denn ich kann geben und nehmen, kann Ihr Herz reich und Ihre Hand arm machen!“ Lange heftete er den Blick auf die ſtaunende Ma⸗ thilde. Dann zog er ſeine Kutte feſter uͤber den Kopf zuſammen und ſchwand in der Menge, die den nahen⸗ den Zug begleitete. Ae ſe Har den ſo1 wen chen et fah lle Au beol mer Si S wa un eu 90 noc 1 49 — Sechstes Kapitel. Als Mathilde langſam aus der Kirche ging, bemuͤhte ſie ſich umſonſt, ſo lange ſie auf dem Wege nach Hauſe war, eine wahrſcheinliche Vermuthung uͤber den Charakter des Fremden zu bilden, der mit ihr auf ſo unerklaͤrliche Art in Verbindung ſtand. Eben ſo wenig gelang ihr dies in Betreff der von ihm verſpro— chenen Aufklärung. Manchmal beredete ſie ſich, daß er ein Wahnſinniger ſei, der zufällig ihren Namen er— fahren, ihre Familie kennen gelernt habe und das Uebrige ſeiner ungeregelten Einbildungskraft verdanke. Auf der andern Seite war die Zuruͤckhaltung, die er beobachtete, auch immer bei ihrem Onkel wahrzuneh— men geweſen, ſo oft eine Frage an ihn uͤber die Schickſale ihrer erſten Jugend an ihn gethan wurde. Selbſt Mathildens dem Verdacht unzugaͤnglichem Sinn war dies auffallend und ungewöhnlich vorgekommen, und immer hatte es dazu gedient, bei ihr die Ueber⸗ zeugung zu nähren, daß man ihr wohl ein Familien⸗ geheimniß verbergen wolle.— Sie beſchloß daher dem Verlangen des Mönches, noch einmal mit ihm zuſammenzukommen, zu willfah⸗ II. 4 3 — — 50 ren, und uͤberlegte eben, wie ſich dies um die anbe⸗ raumte Stunde, ohne Verdacht zu erregen, am beſten machen ließe, als ſie bei der Heimkehr genothigt war, ihren Gedanken eine ganz andere Richtung zu geben. Felicie theilte ihr nämlich eine nicht minder auffallende Kunde mit. „Milady,“ rief ſie entgegen,„um Alles in der Welt! Wer, meinen Sie wohl, iſt angekommen?“ „Nun, wer denn? Madame Hilas mit meinem Kleide? Hat ſie warten muͤſſen?“ „O nein, Milady; denken Sie ſich nur! Der Förſter aus Delaval!“ „Wer? ½ y⸗ mancd mal nennen; Dick Boulby.“ So auffallend dies klang, ſo buchſtaͤblich wahr hatte Felicie geſprochen. Der alte Mann ſah voll Verzweiflung, daß die neue Straße den Wald mit jedem Schritte zu ihrer Vollendung vollig zu vernich⸗ ten drohe, wenn er nicht durch hoͤhere Gewalt, als ihm verliehen war, einſchreiten koͤnne. Seine eigne kleine Wohnung muͤſſe zuerſt ein Opfer der neuen Einrichtungen werden, und doch war er darin gebo⸗ ren. Da faßte er den Entſchluß, ſeinen Herrn und ſeine Herrin aufzuſuchen, ſie moͤchten ſein, wo ſie wollten, ob er ſchon im ganzen Leben nicht aus dem Delavalwalde herausgekommen war, als etwa hoͤch⸗ ſtens in der nächſten Stadt einen Holzdieb an⸗ zuzeigen.„h Der Jaͤger— der Waidmann— wie Sie ihn 9 don ben die neld Na eine gut me m als kur mi hu 51 Seiner Abſicht gemäß, fuhr er demnach nach Lon⸗ don, und wie er horte, daß der Baron in Rom ſei, benutzte er eines der Reiſekomptoire in der Hauptſtadt, die mit einem Federſtrich jeden Reiſenden, der ſich meldet, eben ſo gut aufs nächſte Dorf, wie nach Neapel ſpediren. Einmal aufgeladen, ward er in aller Ordnung von einem Wagen dem andern, wie ein Ballen Fracht, gut uͤberliefert, und jetzt ſtand er nun vor Herrn Ja⸗ mes Dornton ganz wie eben aus dem Walde kom⸗ mend; ſeltſamer fuͤr ein römiſches Auge angethan, als je das Carneval eine Geſtalt brachte: in gruͤnem kurzen Pluͤſchrocke, rother Weſte, und Alles huͤbſch mit Treſſen beſetzt. Blos den dicken, weißen Biber⸗ hut hatte er gegen eine leichte Nankin⸗Reiſemuͤtze ver⸗ tauſcht, weil der ihn mitnehmende Kurier gewaltig uͤber den Geruch klagte, wenn der Förſter neben ihm einſchlief. Wie ſehr der Baron ſtaunte, als der Foͤrſter an⸗ kam, wollen wir weiter nicht beſchreiben; auch nicht des Barons Bemerkung ſoll hier mitgetheilt werden, daß der alte Mann toll geworden ſein muͤſſe, da er ihn uͤber ſolche Sache in ſolcher Entfernung behelligen konne. Allein endlich machte ihn die Vertraulichkeit, mit der Dick Boulby das gottloſe Beginnen ſchilderte, ſo einen alten Wald zu zerſtören, ſo zornig, daß er ihm derb befahl,„ſein Maul zu halten!“ „Mein Maul halten?“ rief der Alte.„Nu, das iſt ſchon! Den weiten Weg hab' ich gemacht und ſoll 4* 52 mein Maul halten!— Mein Maul halten! Und habe zehn Tage lang mich neben einem ſtummen Götzen durchſchuͤtteln laſſen, und immer nur nachgedacht, wie ich mit Ihnen von der Leber wegreden kann— Und am Ende ſoll ich nun's Maul halten! Herr Baron! Herr Baron! Ich dachte gleich, daß nichts Gutes herauskommen wuͤrde, wie Sie meine gute gnädige Frau mit aus England nahmen. Aber ſelbſt hier in der Heidenwelt habe ich doch nicht ſolche Zerſtörung geſehn, wie in Ihrem Walde vorgeht. „Hör' Er mal, Patron,“ rief ihm der Herr Ba⸗ ron entgegen,„wenn ich Ihn in meinem Dienſte be⸗ halten ſoll,— eine Gnade, die Er eigentlich gar nicht verdient— ſo muß Er ſeinen Herrn mit mehr Re⸗ ſpekt behandeln!“ „Ich in Ihrem Dienſte bleiben? Ei, wie kann ich denn das? Wenn Sie nicht mehr einen Forſt haben, wie kann ich denn da der Förſter ſein? Wie kann ich denn Ihr Jaͤger ſein, wenn alle Ihre Hirſche und Rehe und Haſen zu Steinkohlen geworden ſind? Ich habe nun vpn Kindesbeinen an ſechszig Jahr lang im Walde gehauſt. Je, denken Sie denn, daß ich nun klein genug ſein werde, die Pfennige in Ihrem Chauſ⸗ ſeehauſe einzunehmen?— Herr Baron! Herr Baron! Wie haben ſich die Dinge geändert! Ach, wenn meine gnaͤdige Frau“— er ſchuͤttelte hier, von Schmerz uͤberwältigt, den Kopf—„den Lord Ormöby geheira⸗ thet hotte, wie wir alle hoſſten, ſo waͤre dies nie vorgefallen!“ ſchön wir . — 53 „Lord Ormsby?“ fragte der Baron ſchnell.„Was meint Er denn mit dem Lord Ormsby?“ „Nun, wenn Sie reinen Wein eingeſchenkt haben wollen,— als ſie den Lord Ormsby heirathen ſollte, — den Herrn Auguſt Arlingford, wie er damals hieß — da gabs in der ganzen Gegend gewiß nicht zweier⸗ lei Meinung. Alt und Jung flehte Segen auf ihre ſchonen Haͤupter herabl. Aber wie Sie kamen und wir hoörten, daß Sie die Taſchen voll Geld hätten, — denn geſehn haben wir nichts davon!— da ſchuͤt⸗ telten wir die Kopfe und glaubten gar nicht, daß die Sache ſein könnte!“ „Will Er denn, Er grober Bengel, damit ſagen, daß Lord Ormöby je hat meine Gemahlin heirathen ſollen?“ „Soagen? Na das iſt ſchoön! Wiſſen Sie denn das nicht? Je, das weiß ja jeder Eſel.“ Der Baron gerieth uͤber dieſe unerwartete Kunde ſo in Aufruhr, daß er gar nicht Worte ſinden konnte. Er drehte ſich ſprachlos um, als gerade in dieſem Au⸗ genblicke Mathilde hereintrat und, ohne den Baron zu veachten, den alten Freund ihrer Kindheit herzlich willkommen hieß. Die Freude, ſeine angeſtammte Herrin zu ſehn, gab ihm im Augenblick in Etwas die Heiterkeit wieder, welche eben geſtört worden war. „Du mußt recht muͤde ſein, nach einer ſo ent⸗ ſetzlichen Reiſe!“ frogte ſie ihn theilnehmend. „Je nun, ich danke Ihnen, gnaͤdige Frau. Ei ja, die alten Knochen ſind ein bischen derb durchge⸗ 54 — ſchuͤttelt worden. Ich dachte immer, daß ich gar nicht wieder wuͤrde ordentlich auf einem Stuhle ſitzen können. Wenn ich mich nur darauf wage, geht Alles im Kreiſe mit mir herum, wie der Kutſchkaſten, wo ich ſo lange drinnen ſaß.“ Ditk Boulby's Schilderung ſeiner Reiſeabentheuer ward vom Baron unterbrochen, der mit halbunter⸗ druͤckter Wuth Mathilden ins nächſte Zimmer zu kom⸗ men aufforderte. „So! Madame!“ begann er,„Sie ſind ſolange der Entdeckung entgangen, und ſchmeichelten ſich wahr⸗ ſcheinlich die Sicherheit, welche Ihnen ſo wohl thut, immer ungeſtraft genießen zu köͤnnen. Sie glauben, die weſentlichen Vortheile, welche Ihnen mein Rang, mein Reichthum ſchafft, mit— der Befriedigung Ihrer fruͤhern Leidenſchaft zu vereinigen 7“ „Herr Baron,“ erwiederte Mathilde mit Stolz, „ich weiß nicht, wie ich Ihre Aeußerungen nehmen ſoll. Sie beleidigen mich und wuͤrdigen ſich ſelbſt herab!“ „Gut, Madame, Ihre eigne Antwort auf eine oder zwei Fragen ſoll mich beſtimmen. War einſt Lord Ormsby Ihr anerkannter Liebhaber? Und wenn das iſt, warum verheimlichten Sie mir dieſen Um⸗ ſtand? Wie konnen Sie es vertheidigen, daß Sie ihm neuen Muth vor kurzem gegeben haben?“ Ruhig erwiederte Mathilde:„Jetzt, da Sie Fra⸗ gen thun, die, wenn auch an ſich beleidigend, doch nicht in beleidigender Art eingekleidet ſind, will ich . gern nach beſten Kräften antworten. Wahr iſt es, daß kan tet Ge und mic lich wi —— „ 55 daß zwiſchen mir und ihm lange zuvor, ehe ich Sie kannte, eine immer zunehmende Freundſchaft obwal⸗ tete, welche von unſern beiden Familien ermuthigt wurde. Aber es traten Verhältniſſe ein, welche allen Gedanken an eine Verbindung ein Ende machten, und das ernſte Zureden meines Vormundes beſtimmte mich, Ihrer Bewerbung Gehoͤr zu ſchenken. Ausdruͤck⸗ licher Befehl meines Onkels war es fuͤr mich, gegen Sie die fruͤher halb eingegangene Verpflichtung nicht zu er⸗ wähnen. Mag dies recht oder unrecht geweſen ſein, in keinem Falle war es meinen Wuͤnſchen gemäß. In⸗ deſſen ich gehorchte ſeinem Befehl. Urtheilen Sie ſelbſt, ob Sie ſeit unſerer Verbindung je ein unbe⸗ grenztes Zutrauen einfloßen konnten, hinreichend, mich zu beſtimmen, wieder ohne Noth einen Gegenſtand zu beruͤhren, bei dem nicht allein meine, ſondern auch die Verhältniſſe eines Andern in Betracht kamen, ge⸗ gen den ich nicht ganz tadellos gehandelt habe. Was Ihre Beſchuldigung jetzt betrifft: daß ich in dem Lord neue Hoffnung erregt habe, ſo haͤtte Ihnen das Un⸗ ſtatthafte davon einleuchten muͤſſen, falls Sie einen Augenblick nachdachten. Im Gegentheil erinnern Sie ſich daran, wie ſehr ich mich bemuͤhte, ihm aus dem Wege zu gehn; wie dies ſogar Ihre Aufmerkſam⸗ keit rege machte. In Ruͤckſicht des Ereigniſſes, wel⸗ ches jungſt unſern vertraulichen Umgang neu anknuͤpfte, hätte Ihnen ja ganz gewoͤhnliche Dankbarkeit ſagen ſollen, wie wenig die Veranlaſſung dazu von meiner Seite kam!“ 56 Mathilde war, als ſie ſo des aufgebrachten Gemahls Zorn entgegentrat, ſo ruhig, ſie zeigte ſo viel beleidigte Wuͤrde, daß ſein Verdacht beſchwichtigt ſchien. Allein gerade in dem Augenblicke trat ſein Kammerdiener herein, der von Natur ungemein neugierig war. Er hörte jetzt dieſen häuslichen Zwiſt und konnte nicht umhin, die Urſache zu erforſchen. In der Hand hatte er zu ſeiner Entſchuldigung das Skizzenbuch, das Lady Mathilde in Genf verlor, und ſo kam er gera⸗ dezu herein! 5 „Der Bediente von Lord Ormsby, gnädige Frau,“ ſprach er,„hat dieſes Buch von Ihnen nebſt einigen andern Dingen zuruͤckgelaſſen. Angelo behauptet, dað Buch ſei an dem Tage abhanden gekommen, wo Ihre Gnaden mit dem Lord auf der Villa bei Genf zuſam⸗ menkamen, und meint, der Lord habe es aus Unacht⸗ ſamkeit eingepackt!“ u „Was?“ rief Dornton, vor Zorn ſprachlos bei⸗ nahe.„Sie ſind mit dem Lord in Genf zuſammen⸗ geweſen und haben mir nie etwas davon geſagt? Iſt das wahr?“ „Allerdings!“ erwiederte ſie. „Dann iſt ja jeder Verdacht gerechtfertigt!— Machen Sie ſich fertig, Madame, Rom zu verlaſſen, ehe die Son⸗ ne wieder aufgeht!— Clarke, um fuͤnf Uhr Poſtpferde!“ Und damit ging er aus dem Zimmer, ohne daß ihn Mathilde wieder ſah, bis der Wagen vor der Thuͤre ſtand. 7 Der Muth, der bei dieſem ſie ſo auf die Probe . ſtellenden Auftritte ihre Stuͤtze geweſen war, verließ ſie in dem Augenblick, wo er nicht mehr unmittelbar nothig blieb. Sie uͤberließ ſich, ohne weitern Kampf, der ganzen Verzweiflung, welche durch die nun ſo duͤ⸗ ſter gewordenen Ausſichten nothwendig herbeigefuͤhrt zu werden ſchien. Sie hatte mit Recht den Vorwurf zuruͤckgewieſen, fuͤr immer getaͤuſcht zu haben⸗ Auch konnte nur ein Mann ſo etwas im Zorne ſagen, der ihren Charakter ſo wenig kannte, wie der Baron. Da⸗ gegen mochte ſie ſich ſelbſt nicht leugnen, daß der Ver⸗ dacht einer ſtrafbaren Neigung nur zu gegruͤndet war. Sie fuͤhlte, daß unter Allem, was ihr die ſchnelle und demuͤthigende Abreiſe von Rom verhaßt mache, die Trennung von Ormsby das Schmerzlichſte ſei. Ich will ſo wenig als möglich auf die Nebendinge meiner Erzaͤhlung eingehn, und draͤnge daher gleich die Hauptereigniſſe zuſammen. Um fuͤnf Uhr am näch⸗ ſten Morgen fuͤhrte der Baron, hartnäckig ſeinen in der Hitze gefaßten Entſchluß verfolgend, Mathilden von Rom fort, ohne auf die Folgen Ruͤckſicht zu nehmen, die aus ſolcher ſchnellen und unerklaͤrlichen Abreiſe entſtehen koͤnnten; wie Geruͤchte dadurch an Wahyrſcheinlichkeit gewinnen mußten, die ſeinem eignen Rufe ſchadeten. Mathilde erfuhr auf der traurigen Fahrt nach Flo⸗ renz jede uͤble Behandlung und ſelbſt thätliche Belei⸗ digungen, wie nur immer eine gemeine, gefuͤhlloſe Natur im Wahne erduldeter Schmach veruͤben konnte.* 58 Kaum hatte Lord Ormsby entdeckt, daß das Paar Rom ſo geſchwind verlaſſen hatte, als er, ganz außer ſich, folgte, und gerade acht Tage nach der letzten ver⸗ haͤngnißvollen Scene im Garten der Pamphyli Dorias hatte er mit Mathilde eine heimliche Unterredung in der Villa Strozzi zu Florenz. Sie konnte die Barbarei ihres Gatten nicht lnger ertragen. Vielleicht war ſie auch nicht im Stande, länger den ſtuͤrmiſchen Bitten des Geliebten zu widerſtehen. Kurz, mit liſpelnder Stim⸗ me gab ſie ihre Einwilligung zu einer Entfuͤhrung. In wenig Stunden kamen ſie nach Leghorn und ſchifſten ſich hier nach Neapel ein⸗ Als das Schifſ die Kuͤſte verließ, fuͤhlten Beide, daß dies Fahrzeug auf der weiten Waſſerfläche Alles enthielt, was die weite Welt jedem von ihnen noch allein gelaſſen hatte! Soo war in einem unbewachten Augenblick durch einen Schritt eine der tugendhafteſten ihres Geſchlechts, von der hochſten Hohe des Ranges, der Chre, zu den Ungluͤcklichen herabgeſtuͤrzt, welche die Geſellſchaft ver⸗ ſtoßen hat! Statt nun von der ganzen Welt geſucht zu werden, floh ſie nun jede ihrer Freundinnen. Und ihrem zartfuͤhlenden Herzen mußte alle dieſe Schmach zehnfach fuͤhlbarer werden, da ihr der innere Richter ſagte: ſie verdiene ſie! 59 Siebentes Kapitel. ——— Die Wahrheit nöthigt mich indeſſen zu dem Be⸗ kenntniſſe, daß die Selbſtpeinigung, welche ſo oft der Schuld auf dem Fuße folgt, nicht gleich Ormsby und Mathilde auf ihrem Abfalle von der Tugend begleitete. Während der ganzen Reiſe waren ihre Herzen ſo leicht und huͤpften, wie das Fahrzeug, das die Fluͤchtigeu trug. Ihr Gluͤck ſchien ihnen ohne Grenzen, wie des Waſſers Fläche, das ſich vor ihren Blicken aus⸗ breitete. Jetzt hatte die Fahrt ein Ende. Der Zwang, die Einformigkeit, welche der Aufenthalt auf dem Schiſſe mit ſich fuͤhrte, wechſelte nun mit den mannichfachen Spaziergängen in der Umgegend Sor⸗ rento's, denn in dieſem ſchönſten Punkte der ſchoͤnſten Bai auf der Welt hatten ſie fuͤr den Sommer eine Villa gemiethet. Hier wurden ungezählt die Tage zu Wochen, und Weochen bildeten ſich unvermerkt zu Monaten. Ihre Liebe ſchien zu lächeln, wie der Himmel uͤber ihren Häuptern, und bezaubernd reizend, wie die fruchtbare Erde, auf der ſie wandelten. Doch ſo gewiß bald die Jahreszeit ſich wandelte, ſo geſchwind ſollte dieſer ſchone Traum ein Ende nehmen! . —— Was ſie zuerſt aus dieſem ſo weit erweckte, daß ſich den Alles verzehrenden Gefuͤhlen mindeſtens Erin⸗ nerungen und andere Gedanken zumiſchten, war eine Menge eingehender Briefe. Der Kammerdiener brachte ſie vom Banquier des Lords aus Neapel heruͤber. Gleich der erſte war von der Lady Ormöby: „Wenn ich ſo lange nicht geſchrieben habe, ſo kam es im eigentlichen Sinne daher, daß ich nicht anzufangen wußte. Mein Herz iſt zu voll, um von Etwas zu ſchreiben, das ich nicht fuͤhle, und wie kann ich von dem ſchreiben, womit ſich mein Geiſt allein beſchaͤftigt? Wenn Euere Schritte zeigten, wie wenig Einfluß ich auf Euch habe, ſo werde ich ihn durch meine Vorwuͤrfe nicht wieder be⸗ kommen. Wenn Eure Herzen Euch nicht ſagen, was ich wegen Euch gelitten habe, ſo wird mir nicht das Geſtändniß Troſt gewaͤhren, wie ich durch Euch ge⸗ demuͤthigt worden bin. Ich war eine alte, eitle Thorin. Ich liebte die Welt nur, weil ſie Euch ruͤhmte. Könnte ich jetzt ganz auf ſie verzichten und dadurch ihrem Spott entgehen, ſo wuͤrde mir das ein kleines Opfer ſein. Doch eine hohere Pflicht gegen eine Tochter, die Alles von meiner Zaͤrtlichkeit zu fordern hat, hindert mich, dieſen Schritt zu thun, unterſagt mir aber auch, einen re⸗ gelmäßigen beſtandigen Briefwechſel mit Euch zu fuͤhren, ſo lange Ihr in ſolchen Verhaͤltniſſen lebt. Bei dieſer Zuſchrift jetzt hatte ich daher keine an⸗ dere Abſicht, als Euch zu melden, daß Ihr in pu N—— — — 61 Noth und Krankheit immer eine zärtliche Mutter haben werdet an E. Ormsby.“ Der andere Brief hatte ein ganz verſchiedenes Ge⸗ präge. Er war aus Florenz von Madame Mechlin: „Liebe Mathilde! Wie konnten Sie ſo einen unklugen Schritt thun. Sie haben mit dem Ba⸗ ron gar nicht umzugehn gewußt? Schmeicheln mußtem Sie ihn, aber nicht brusque ſein. Bei gehdriger Bearbeitung wäre ſo ein Gemahl blind geweſen, wie die Liebe ſelbſt, und der Schutz eines Mannes iſt unter allen Verhaͤltniſſen doch ein gu— tes Mittel. Man ſagt, daß der Baron nicht Luſt hat, auf Scheidung zu dringen. Ihr Vermögen iſt namlich ſo ganz eigen geſtellt, daß die Advoka⸗ ten ihm ſagen, er koͤnne durch die Aufhebung der Ehe darum kommen, waͤhrend es ihm auf der an⸗ dern Seite geſichert bliebe. Heinrich Wordsworth, der jetzt hier iſt und immer dummen Scherz treibt und wie ſonſt ſich afſectirt benimmt, ſagt, daß der Baron der gluͤcklichſte Mann auf Erden ſei. Die meiſten Maͤnner, welche reiche Mädchen heiratheten, haͤtten ein ganz anderes Geſchick. Sie behielten die Frau und kämen um's Vermoͤgen. Eine Freude wird es Ihnen machen, wenn Sie erfahren, daß die Weibé hier Sie alle todtmachen moͤchten, weil Sie den Ormsby mitgenommen haben. Er hatte eine Schoͤnheit, che ha fatto furore, wie er zu⸗ letzt hier war. Sprechen Sie mit Niemand da⸗ 4 62 von, daß ich Ihnen geſchrieben habe. Sie wiſſen, daß es mir bei manchen Leuten Schaden thun konnte. Klugheit iſt mein Wahlſpruch zu jeder Zeit. Allein darauf können Sie ſich verlaſſen: was Ihnen wichtig ſein kann, ſollen Sie allemal von mir erfahren. Ach, nebenbei, lange muſſeline Aermel ſind jetzt ſehr in Mode. Schleier werden immer noch getragen. Wordsworth ſagt: daß man eine huͤbſche Frau mit ihren ſteifen Locken und ſtarren Aermeln jetzt kaum von einem Biſchof unterſchei⸗ den koͤnnte. Immer die Ihrige Caroline Mechlin.“ Der erſte dieſer Briefe war an Ormöby addreffirt. Er dachte nur darauf, ihn vor Mathilden zu verber⸗ gen. Wußte er doch recht gut, wie unangenehm er ihr ſein wuͤrde, ihr, die ſo empfaͤnglich fuͤr jeden Ta⸗ del war, der von einer ſo hoch geachteten Frau, wie ſeine Mutter, kam! Als er daher mit dem Briefe fer⸗ tig war, ehe Mathilde der Madame Mechlin minder lesbare Zuſchrift durchlaufen hatte, that er ihn wieder in die Taſche, ohne ein Wort daruͤber zu äußern. Spaͤter fragte ſie allerdings darnach; doch da war er bereits mit Briefen beſchaͤftigt, die minder wichtig waren, deren uͤberladenes Couvert blos zeigte, daß ſie von Rom nach Florenz und von Florenz wieder nach Neapel gewandert waren⸗ Der eine kam von ſeinem Geſchaͤftsträger. Es meldete dieſer, daß ſein Vortheil gewaltig leiden wuͤrde, falls er nicht wichtiger Ange⸗ legenheiten wegen vor Trinitatis ſelbſt nach England ge. nd ——— 63 kaͤme. Der andere war von ſeinem Pachter, der den Contrakt erneuern und Erlaubniß zum Niederſchlagen eines Waldes haben wollte, ehe der Saft einträte. Ein dritter war von einem Geſellſchaftsklubb und mel⸗ dete, was in dieſem vorgefallen war. Doch alle dieſe und noch manche andere Nachrichten konnten auch nur einen Augenblick lang mit dem Al⸗ les uͤberwiegenden Gluͤck verglichen werden, das ihm Mathildens Beſitz gewaͤhrte. Der Mann opfert gern die Welt und alle ihre Reize, ohne Anſtand zu neh⸗ men, wenn er die Wahl hat. Das Weib vergißt ſich gern, aber fuͤhlt mit Schmerzen die Wechſel des Gluͤcks, wenn es den Geliebten trifft. Ormsby hatte in fruͤher Jugend den Freuden und Zerſtreuungen gelebt. Sie verlieren den Reiz, wenn man ſie oft genießt. Doch er gehoͤrte nicht zu denen, die eine kurze Entſagung fuͤr völlige Verzichtleiſtung auf dieſelben nehmen. Der Zufall ließ ihn Mathil⸗ den wiederſinden, die er nie zu lieben aufgehoͤrt hatte. Die erſte Leidenſchaft war wieder mit dem ganzen Feuer erwacht, das in der vollen Jugendkraft ſpruͤhte. Es ſchien unmöglich, zum Ziel ſeiner Wuͤn⸗ ſche zu gelangen, und dies beſtimmte ihn um ſomehr, jede andere Ruͤckſicht zu opfern, ſich nur ſeiner Liebe hinzugeben. Die Gerechtigkeit verlangt es, ihm und Mathil⸗ den das Zeugniß zu geben, daß der etrungene Beſitz, ſtatt ihre Liebe zu ſchwaͤchen, nur ihr Feuer mehrte. Wäre ihnen das Loos gefallen, auf ehrenvolle Art in 64 den Augen der Welt vereint zu ſein, ſo hätte kein Paar ſelbſt die Flitterwochen, geſchweige drei Monate, in ſo gegenſeitiger Seligkeit verlebt, keines wuͤrde ſolche Ausſicht auf die fernere Dauer derſelben gehabt ha⸗ ben. Doch ein Weib, gleich Mathilden, die Alles fuͤr den Geliebten geopfert hat, iſt nicht mehr fuͤr die Welt und eben ſo wenig fuͤr die Einſamkeit geeig⸗ net. Sie wird von Allem geflohen, ſie ſelbſt flieht Alles. So eine Ungluͤckliche iſt mit Banden an den, fuͤr den ſie Alles that, gebunden, die ſtaͤrker ſind, als alle in der Ehe. Das tugendhafte Weib macht das Gluͤck des Mannes, wenn er im Geräuſch der Welt lebt, und ſchmuͤckt ſeine Einſamkeit. Aber die Gefallene nothigt ihn, allen Freuden der Welt zu entſagen, und vermag nicht alle haͤusliche Pflichten zu erfuͤllen. Ihr Schuͤtzer hat ſo viel ſich widerſprechen— de Laſten auf ſich, daß es ihm faſt unmoͤglich wird, jeder zu genuͤgen. Sie muß ihm Alles in Allem ſein, oder er iſt weniger als nichts fuͤr ſie. Und ſo war bisher Ormöby's Verhältniß zur Ge⸗ liebten. Allein kaum hatte er dieſe Briefe geleſen, und was er der Welt ſchuldig war, trat ihm mit aller der Gewalt entgegen, die er fruͤher, wie ſich's ge⸗ buͤhrte, anerkannt hatte. Und doch fuͤhlte er, wie unmoglich es jetzt in ſeiner Lage ſei, dieſen Pflich⸗ ten zu genügen. So ward die heitere Wonne, die er jetzt genoß, getrubt. Er verdankte ſie ja nur der Vergeſſenheit aller Dinge, die nicht unmittelbar zu ſeinem Gluͤck gehoͤrten. ein 65 Sie wanderten wie gewöhnlich durch die Wein⸗ berge, wo ſich die reifen Trauben uͤber die Geländer herabbeugten, daß ſie die Fluthen beruͤhrten. Mathil⸗ de ſah, wie er in ſich vertieft war. Endlich brach ſie das ungewöhnlich lange dauernde Schweigen: „Wie haß' ich doch alle Briefe! Wahrhaftig kaum einer hat mir je Freude gemacht. Es mag ſonderbar klingen, aber ich glaube, daß ich in mei⸗ nem Leben nicht einen von Dir empfangen habe, Ormöby!“ „Nun, wuͤnſcheſt Du, daß ich bald Gelegenheit habe, Dir dies Vergnuͤgen aus Erfahrung kennen zu lehren?“ erwiederte der Lord lächelnd⸗ „O, ſprich nicht ſoz ſelbſt nicht im Scherze. Ich kann ſo ein Ereigniß ſelbſt nicht in dem Gedanken da⸗ ran tragen. Und außerdem iſt, nach meiner Mei⸗ nung, mit dem Empfange eines Briefes niemals ei⸗ gentlicher Genuß verbunden. Er mindert hoͤchſtens den Schmerz der Entfernung, iſt ein kuͤmmerlicher Erſatz fuͤr die lebende Gegenwart. Denkt man an den immer wechſelnden Austauſch unſerer Gefuͤhle, wenn man beiſammen iſt, wie wenig iſt es dann, wenn das Herz blos klopft, ſo oft der Briefträger regelmäßig an unſere Thuͤre pocht? Welche Sicherheit haben wir denn, daß in der Zeit, die zwiſchen der ſchriftlichen Mittheilung verſtrich, nicht alles Gute, was ſie uns bringt, zertruͤmmert worden iſt, daß die Liebe ſchwand, die Geſundheit verloren ging, während wir voll Freu⸗ 1I. 5 66 de auf die Verſicherung bauen, daß Alles noch vor⸗ handen ſei?“ „Wohl wahr! Zwar tragen Sie den Seufzer vom Indus bis zum Pole!“ ſagte Ormsby;„doch was iſt ein ſolcher Seufzer gegen den in der Wirklichkeit, der ſeinen reichen Bal— ſam in unſer Herz träufelt und wie ein ſuͤßer Wohl⸗ laut in unſere Ohren tönt!“ „Und die zärtlichſten Töne verlieren die Haͤlfte ih⸗ res Zaubers,“ fuhr Mathilde fort,„während die Vorwuͤrfe der Geliebten wachſen, wenn ſie auf ſolche Art uns treſſen, denn kein zärtlicher Blick, keine Geberde mindert ſie, kein beſänftigendes Wort, keine Demuth vermag ſie zu verlöſchen. Die Unzufrie⸗ denheit des Freundes, ſchriftlich ausgedruͤckt, iſt dop⸗ pelt mächtig!“ „Jawohl!“ pflichtete Ormsby bei und ließ zugleich den Brief der Mutter los, den er noch in der Taſche hatte, ſelbſt nicht wiſſend, ob er ihn Mathilden ge⸗ ben ſollte. „Die häßlichen Briefe machen es allen widrigen Zudringlichen möglich, uns mit ihren Anſichten zu be⸗ ſtuͤrmen, wenn wir auch allenfalls ihre Perſon losge⸗ worden ſind.“ „Nun zum mindeſten können wir doch der papier⸗ nen Verfolgung entgehen, ohne einen Mord zu uͤben!“ rief der Lord.„Giebt der Auguſt hier in Neapel nicht Feuer dazu her, um ſolch Papier hineinzuwer⸗ fen, ſo haben wir mindeſtens doch Waſſer!“ M S gle ſch der hat ſor g —— — ——— So nahm er Mathildens Brief und alle, den der Mutter ausgenommen, zerriß ſie, und warf die Stuͤcke ins Meer. Auf der glatten, ſanften Flaͤche gleiteten der Madame Mechlin nichtswürdiges Ge⸗ ſchwätz, der ſteife Curialſtyl des Advokaten, und was der Pachter, der Vorſteher des Clubbs geſchrieben hatte, bruͤderlich vereint dahin. Unter allen den lieblichen Punkten der herrlichen Gegend hier war der, wo das kleine Ereigniß ſtatt fand, der reizendſte, und aus dieſem Grunde ſehr oft fuͤr beide das Ziel eines Abendſpaziergangs. Die ſchonen Ufer der kleinen Bucht, an der ſie jetzt ſa⸗ ßen, waren mit Myrthen und Acacien und andern ſuͤß duftenden Pflanzen geſchmuͤckt, und unwiderſtehlich lockten dieſe im doppelten Genuß ihres gewuͤrzigen Schattens zu weilen. Auf der andern Seite fuͤhrte ein ſchmaler Weg durch die Weinberge, den nur die fröhlichen Land⸗ leute benutzten, wenn ſie von ihrer Arbeit, ein lu⸗ ſtiges fröhliches Lied in ihrem Nationaldialekt ſin⸗ gend, Abends heimkehrten. Das Ganze ward dadurch lebendig, ohne daß der Einſamkeit ihr Reiz geraubt worden wäre. Gegenuͤber am Horizonte warf die un⸗ tergehende Sonne einen Feuerſtreifen auf die Gewaͤſ⸗ ſer, wie ihn keine Feder ſchildern, nur Claude's Pin⸗ ſel malen kann. Ob die Stille in der Luft, oder die ungewöhnlich ſpiegelhelle Flaͤche des Meeres davon Urſache war— die letztere trägt den Schall in faſt unglaubliche Ent⸗ 5* fernung— weiß ich nicht; doch aber war es zum er⸗ ſten Male, daß Ormsby bemerkte, wie ſie das Ge⸗ ſumme der Menſchen, das Rollen der Wagen von der Abendpromenade Neapels horen könnten. Er hatte in Ton und Miene, als er dies äußerte, etwas Eig⸗ —— 8—— 3——————— nes. Mathildens feiner Berbachtüngsgabe duͤnkte darin der Wunſch zu liegen, dort zu ſein. „Ormsby,“ ſprach ſie,„Du wuͤnſcheſt den Aufent⸗ halt zu verändern? Ich fuͤr meine Perſon, der Him⸗„ 1 mel weiß es, koͤnnte mit Dir auf ewig in dieſem in irdiſchen Paradieſe bleiben, das heißt ganz und voll⸗ an kommen, dem Geiſt und Koͤrper nach mit Dir ver⸗ ſil eint. Doch laß Dich nie von falſchverſtandener Scho⸗ 1 nung verleiten und verbirg nie einen Wunſch, den Du de 1 haben magſt. Biſt Du gluͤcklich, dann gilt mir jeder ju 11 Ort gleich. Ich kann keinen Wunſch, keine Hofſ⸗ ke nung haben, als Dir zu gefallen. Meine großte 6 Furcht iſt, Deinen Neigungen Zwang anzuthun. d Ormsby erwiederte mit Waͤrme, daß er kein th Verlangen hege, wo anders zu ſein, daß Niemand, ſt glücklicher ſei, als er. Jrtzt in dem Augenblicke ſ 1 füͤhlte er noch ſo. Doch nach einer Woche waren ſie ſ 1— in Neapel! 1 C n d ſie Achtes Kapitel. „So ein Spaziergang auf der Villa Reale iſt mir unerträglich!“ äußerte Mathilde gegen Ormsby gleich an einem der erſten Abende nach ihrer Ankunft da⸗ ſelbſt. „Theuerſte Geliebte,“ antwortete er,„laß Dich doch bewegen, nicht ſo einer thörigen Vorſtellung nach⸗ zuhaͤngen. Du wirſt mich uͤber die Maßen kraͤn⸗ ken, wenn Du dich ſo ganz abzuſondern fortfaͤhrſt. Es gehort ja blos anfangs ein wenig Entſchloſſenheit dazu. Behaupte nur gegen Alle, die aus Vorur⸗ theil Dich meiden duͤrften, die Gleichguͤltigkeit, die Du ſonſt hegteſt. Alle, deren Umgang Dir wirklich wuͤn⸗ ſchenswerth ſcheinen kann, werden die beſondern Um⸗ ſtnde in Betracht ziehen, in die Du gerathen warſt. Biſt Du einmal mein Weib, ſo wirſt Du auch, hoffe ich, den Zirkeln wieder angehdren, die Dich als glän⸗ zendſte Zierde ſahen. Bleibſt Du auf der andern Seite feſt entſchloſſen, ſo zuruͤckgezogen zu leben, Du machſt mich dann ſo elend, wie Dich ſelbſt!“ „Guter Ormsby— uͤberzeugt bin ich nicht durch deine Gruͤnde. Ich glaube: Du ſeiſt im Irt⸗ 1 70 thum. Aber die Folge, mit der Du drohſt, be⸗ ſtimmt mich. Du kannſt davon leicht urtheilen. Ich ſoll Dich ungluͤcklich machen? Nein, mit meinem Willen werde ich nichts thun, das ſolche Wirkung hätte! Wenn es ſein muß, ſo gehen wir auf den Chiajaplatz!“. Ormsby dankte fuͤr die Nachgiebigkeit, war voller Leben, und bemuͤhte ſich nur, die Verlegenheit zu be⸗ ſiegen, die Mathilde fuͤhlte, als ſie die ihrem Erſchei⸗ nen folgende Bewunderung ſah. Der Spätſommer, der Anfang des Herbſtes iſt gerade die Zeit, wo in Neapel die wenigſten Englän⸗ der ſind. Sie waren von einem bis zum andern Ende gegangen, ohne vielen ihrer Landöleute oder nur einem Bekannten zu begegnen. Doch auf einer Bank am fernſten Ende der Allee entdeckte Ormsby eine Ge⸗ ſtalt, die ſich ohne Umſtände lang hingeſtreckt hatte, und eine engliſche Zeitung verſchlang. Er ſah gleich daß es ein alter Bekannter war: Heinrich Wordsworth. Madame Mechlin hatte ja ſchon Mathilden von ſeiner Ankunft Nachricht gegeben⸗ Heinrich Wordsworth gehörte zu denen, deſſen allgemein bekannter Einfluß in den Kreiſen des geſell⸗ ſchaftlichen Lebens ſich ſchwerlich erklären ließ. Er war der juͤngere Bruder einer nicht ſehr angeſehenen Familie, lebhaft, angenehm, ohne ſchön zu ſein. Da⸗ mit zeigten wir abet beinahe auch ſchen alle ſeine Vorzuͤge an, die er in der That hatte, ob es ſchon nic lic ₰ nemn 459 den be⸗ iſt nicht der hundertſte Theil deſſen iſt, was ihm gluck⸗ licher Weiſe zugeſchrieben wurde. Arm, gleich den meiſten juͤngern Bruͤdern, ver⸗ ſagte er ſich keinen Aufwand, that er, wie er ſelbſt geſtand, nichts, was ihm nicht Vergnuͤgen machte, galt aber fuͤr den beſten Mann von der Welt. Bei aller Oberflͤchlichkeit, bei allem Mangel an Kenntniß, wußte er doch von Allem zu reden. Ohne Zartgefuͤhl, ohne Einbildungskraft machte er oft derben Spaß und galt doch fuͤr einen unterhaltenden Geſellſchafter. Ein einſchmeichelndes huͤbſches Weſen brachte ihn bei den Weibern in den Ruf, nur zu liebenswüͤrdig zu ſein⸗ Nun— und wie konnte er denn ſoweit vom Schauplatz alles ſeines Ruhms zu ſolcher gar nicht modemäͤßigen Zeit verſchlagen werden? Das mag er uns, ſo weit es ihm gut duͤnkt, ſelbſt erkläͤren. Ormöby hatte ihn das ganze Leben hindurch ge⸗ kannt, und immer gewohnt, ihm ſo viel Beweiſe von Freundſchaft zu geben, als ſich mit der Gleichguͤltig⸗ keit vertrug, die Einer gegen den Andern fuͤhlte, re⸗ dete er ihn gleich an:„Heinrich, wo kommen Sie her? Was bringt Sie hierher?“ Er ſprang auf:„Ormöby, alter Bruder, wie geht's?“ Jetzt wendete er ſich an Mathilden, die er ein wenig kennen gelernt hatte. Den Ton aufs artigſte umſtimmend und mit einem langen zärtlichen Hände⸗ druck äußerte er ſeine Freude, ſie zu ſehen⸗„Nun, Ormsby,“ rief er dann wieder und hielt die Zeitung * empor, in der er geleſen hatte.„Sie haben ja bald den St. Leger am Ende todtgemacht?“ „MNon capisco!“ erwiederte Ormsby, ob ich ſchon vermuthe, daß Sie in Bildern ſprechen, weil Sie uͤberhaupt dieſe Gewohnheit lieben!“ „In Bildern? Mit nichten. Ich ſpreche buch⸗ ſtaͤblich, wie ein Buch. Zum Beweis werde ich auf Ihren Comus gegen jeden wetten.“ „Sprechen Sie doch wohl zum erſten Wale pier, in der Villa Real, wie ein alter Roßkamm in Lon⸗ don. Ich habe ganz vergeſſen, daß ich eine Stute Conius habe. Seit ſie in meinem Park frei heriti⸗ lief, hab' ich nicht wieder an ſie gedacht.— Was haben Sie denn von ihr gehört? „Dinge, die mich zur Verzweiflung bringen. Der verdammte Derby hat mich durchaus niedergeworfen. In York iſt das erſte Pferd von ihr beſiegt worden. Doch— hoͤren Sie, was hier in der Zeitung ſteht. er Comus, Stute des Lord Ormsby's, flog vor⸗ aus, machte mehrere Gaͤnge, wurde nicht ſcheu, und gewann ohne Muͤhe, ein oder zwei Minuten fruͤ— her ans Ziel kommend, als der Allerweltsteufel des Herrn Leggin, der gleich anfangs zuruͤckblieb— Na, laſſen Sie den Allerweltsteufel zum Teufel gehn! Aber Ihr Comus bringt mich eder nach England— Presso! wie ſie hier ſagen. Verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf! Doch welch' ein unwuͤrdiges Schooßkind des Gluͤcks ſind Sie! Denken nicht einmal, daß Sie einen Comus haben. Nun, wenn ſie den Leger aus⸗ * — ——— 73 — ſticht, muͤſſen Sie ſie Mathilde taufen, dann ha⸗ ben Sie keine Entſchuldigung mehr, falls Sie ſie 6. wieder vergeſſen! wel Im letztern Scherze lag Etwas, das dem Herzen Mathildens und des Lords, beſonders aber der erſtern uch⸗ ſehr wehe that. Der Gedanke, in folcher Lage ihren auf Namen ſo gemein weiden zu ſehn, empoͤrte ſie⸗ Wordsworth hatte allerdings nur ſo ins Blaue hinein⸗ et, geſprochen. Nicht aus Verlegenheit war es gerade en⸗ geſchehen, denn dieſe konnte ihm im ganzen Leben nicht ſchuld gegeben werden. Er hatte nur nicht ge⸗ rade gewußt, wie er mit dem Lord ſtehe, und kaum bemerkte er nun, daß Mathildens Name hier unguͤnſtigen Eindruck gemacht hatte, als er fortfuhr: Der Sie leben ſo viel außer Landes, daß Sie am Ende fen. ganz London vergeſſen und aller ſchonen Maͤdchen oben⸗ den. drein, die dort aufknospen!“ ſeht. Mathilde wuͤnſchte wieder nach ihrem Wagen. ror⸗ Der Lord und Wordsworth trennten ſich, ohne da. und jener uͤber das Zuſammentreſſen ſehr erfreut geweſen fri⸗ waͤre. Wordsworths Eigenthuͤmlichkeiten hatten den des Lord nie angeſprochen— und jetzt waren Sie ihm ſo h, unerwartet in den Weg gekommen, außer Verbindung ebnl mit den Verhältniſſen, unter denen ſie früher ertraͤg⸗ ₰ lich ſchienen! dur⸗ Am naͤchſten Morgen ging Ormsby aus. Mathil⸗ des de beſchäftigte ſich mit Muſik. Wordsöworth ſteckte Sie den ſchwarzen Lockenkopf zur Thuͤre herein, die halb oſſen ſtand. — E 74 „Zu Hauſe, ſchoͤne Frau?“ fragte er in dem vertraulichen zwangloſen Tone, als wollte er vielmehr ſagen:„Hier bin ich. Sind Sie denn auch da?“ Mathilde wußte ſich ſtets ſo zu benehmen, daß die Zudringlichkeit in Schranken gehalten wurde. Gewiß hatte Sie auch ihren Ernſt nie weniger geltend ge⸗ macht, als bei dem téte à téte, das nun ohne wei⸗ tere Erlaubniß von ihrer Seite erfolgte. Doch ihr kaltes Weſen ſcheiterte bei dieſem Zudringlichen, der ſich Alles erlaubte, gänzlich. Er ſtreckte ſich ihr zur Seite aufs Sopha, er plauderte uͤber gleichguͤltige Dinge. Gelegentlich heftete er das Auge mit dem Ausdrucke unverhohlner Bewunderung auf ihr ſchoͤnes Antlitz, dann nöthigte er ſie wieder mit uͤbertriebenem Feuer, weiter zu ſingen und ihn zu entzuͤcken, und als ſie nun, ſtatt ſeiner Unterhaltung zuzuhoren, am Ende lieber darein willigte, lehnte er ſich uͤber ſie hin, die Haͤnde um ihren Stuhl geſchlungen, in einer Art, die ihr eben ſo vertraulich als beleidigend ſchien— Vieles von dem Allen war ihm zur Gewohnheit geworden, weil er, wie man ſagt, nirgends Umſtaäͤnde machte. Aber Mathilde wurde uͤberraſcht davon, denn ſie wußte nichts von ſeinem Weſen uͤberhaupt. Es ſchien ihr demnach perſonlich zu gelten, Mangel an Achtung zu ſein, der ihre gegenwärtige Lage begleite. Dieſer Gedanke machte bittere Empſindungen bei ihr rege. Ihr ganzes Nervenſyſtem ward in ſo hohem Grade verſtimmt, daß ſie bereits nicht ohne einige Muͤhe jenen Schein von Ruhe behaupten konnte, an — — =— 2— S der ihr ſo viel lag, als Ormsby's Ruͤckkehr ſie von der peinlichen Lage befreite. Wordsworth entfernte ſich bald nachher, nachdem er ſich ganz gelaſſen als Gaſt auf den naͤchſten Mittag angeſagt hatte. Ormsby war voller Leben.„Ich ſagte Dir ja, Mathilde,“ berichtete er,„wie gar kein Zweifel ob⸗ walte, daß Du— wenn es nur ſonſt Dein Wille iſt— bald wieder geſellſchaftlichen Umgang haſt. Es herrſcht noch Verſtand genug in der Welt, um fuͤr Deine eigenthuͤmliche Lage Entſchuldigung zu ſinden. Iſt die Scheidung vorbei, da wirſt Du bald allge⸗ mein wieder aufgenommen ſein!“ „Noch habe ich in der That nichts geſehen, lieber Ormsby, das meine Meinung daruͤber aͤndern koͤnnte, ſelbſt wenn ich mir damit zu ſchmeicheln geneigt waͤre!“ „Nun laß Dir nur erzählen, was mir dieſen Mor⸗ gen begegnet iſt. Ich weiß nicht, ob ich je einer meiner Baſen gegen Dich erwähnt habe— Madame Laceby? Sie iſt die Gemahlin des Admirals Laceby, der bei Iſchia unſere Flotte kommandirt. Ungemein ſtrenge Grundſätze hat ſie, wie ich immer hoͤrte. Jede chriſtliche Tugend ſoll ſie uͤben, und nicht chriſtliche Nachſicht. Einſt ſtritt ſie mit meiner armen Mutter, denn ſelbſt dieſe hat, bei aller ihrer Trefflichkeit, gegen die Vorurtheile der Dame angeſtoßen. Nun denke mein Erſtaunen, als ich ihr heute Morgen begegne und ſie unmittelbar auf mich zukommt. Geſtern, ſprach ſie, bin ich erſt gelandet, und zufällig erfuhr ich, daß weibliche Verwandte meiner Familie hier ſind.— Hier hielt ſie einen Augenblick inne. Es ſchien, als wollte ſie Deinen Namen nicht gern nen⸗ nen. Doch endlich ſchloß ſie: Verwandte muͤſſen das Vorgefallene vergeſſen. Sie fragte, wo ich wohnte, und nahm mit dem Verſprechen Abſchied, daß ſie mor⸗ gen vorfahren werde!“ „Vermuthlich war ſie es, von der Wordsworth ſprach, daß er ſich wundere: wie ich und eine ent⸗ fernte' Verwandte hier nicht zuſammenhielten. Wer ſte war, wollte er nicht ſagen. Er lachte nur und äußerte: Sie wird ſchon, denk' ich, bei Ihnen ein⸗ ſprechen!“ Die Schilderung, welche Ormöby von Madame Laceby entworfen hatte, war freilich nicht ſehr ge⸗ eignet, Mathilden von ſolchem Umgange viel Freude zu verſprechen. Indeſſen ſchien doch eine Aufmerk⸗ ſamkeit, wie der beabſichtigte Beſuch zeigte, Balſam füͤr ihr, durch Wordsworth vermeinte Zudringlichkeit, veleidigtes Gefuͤhl zu ſein. S 1* vernehmen, wie einer dem andern folgte, wenn ſie Neuntes Kapitel. Ormöby hatte ſich am Morgen darauf anheiſchig ge⸗ macht, ein Haus zu beſehen, deſſen Lage beſſer ſchien, als die der jetzt gemietheten Wohnung. Mathilde blieb daher allein, den erwarteten Beſuch der Admiralin zu empfangen. Irgend einen Zwang, eine Verlegenheit hatte Ma⸗ thilde im geſellſchaftlichen Umgange nie gekannt. Es war dieſe Unbefangenheit natuͤrliche Folge der freien Erziehung des gewoͤhnlchen Verkehrs mit der großen Welt. Doch ihre Lage hatte ſich geändert und da⸗ mit auch ihr Gefuͤhl. Selbſtvertrauen kann man zwar erkuͤnſteln, allein es iſt nie vorhanden, wo die eigne Achtung fehlt! Mathildens Fehltritt war noch zu neu. Ihr Gefuͤhl der Schaam war noch zu ſtark, als daß ſie mit Erfolg jenen Schein der Unbefangen— heit heucheln konnte, die ſie nicht fuͤhlte. Im eigent⸗ lichen Sinne des Wortes, hate ſie ſich die peinlich⸗ ſte Nervenſchwaͤche zugezogen, indem ſie von einem Augenblick zum andern den gefuͤrchteten Beſuch erwar⸗ tete. Sie horchte nur, den erſten Laut der Wagen 78 uͤber das glatte Lavapflaſter hinrollten. Es ſchien, als ob alle mit unnatuͤrlicher Geſchwindigkeit nach ihrem Hauſe vorwäͤrts eilten, und wenn einer nun wirklich vorubergeeilt war, athmete ſie, obſchon kaum ihren Ohren trauend, allemal leicht auf. „Wie bin ich im Stande,“ dachte ſie,„ihr un⸗ ter die Augen zu treten, einem Weibe, das, wie Ormsby ſagt, jede Tugend, nur nicht Nachſicht kennt? da gerade die Ausuͤbung dieſer Tugend die Gegenwart eines gefallenen Weſens, gleich mir, allein ertraͤglich machen konnte? Ich werde mich vor der verachtenden Herablaſſung einer Frau beugen muͤſſen, die wegen ei⸗ niger Familienruͤckſicht mich zu bemerken geruht. Immer wird ſie es an den Tag legen, wie unangenehm ihr ſo eine Zuſammenkunft ſei, indem ſie mich das Unan⸗ genehme fuͤhlen läßt! Ich glaube ſie ſchon vor mir zu ſehn, zuſammenfahrend, als wuͤrde ſie befleckt, wenn ich ihr um einen Schritt näher komme! O, ich kann mir dieſe ernſte Stimme, dieſe ſteife Geſtalt, dieſe gezwungene Unterhaltung ſchon vorſtellen! Wäre es doch voruͤber!“ Und indem ſie dieſe unangenehmen Bilder beſchwor, hielt wirklich ein Wagen vor der Thuͤre. Nach einer Pauſe, welche Mathilden kein Ende zu nehmen ſchien, trat ihr italieniſcher Servitore herein, und meldete eine Dame an, deren Namen er, ſagte er, nicht aus⸗ ſprechen konnte, aber der dem des Lords ſehr aͤhn⸗ lich ſei. „So iſt ſie endlich da!“ dachte ſie und ſtand auf, den ſu ſch da i wir ins ge den gefuͤrchteten Gaſt zu empfangen. Doch wie er⸗ ſtaunte ſie, als ſie ſtatt der ſteifen Geſtalt, der ab⸗ ſchreckenden Zuͤge, die ſie der Madame Laceby zuge⸗ dacht hatte, eine vielleicht nur etwas zu ſtarke Figur ſah, mit huͤbſchen nur etwas markirten Zuͤgen, mit wirklich bluͤhenden Wangen, wenn keine Kunſt dabei ins Spiel kam; gekleidet, daß wehl etwas Buntſchecki— ges zu bemerken, das Ganze aber vortheilhaft war. Kaum hatte Maäthilde Zeit, dieſe Bemerkungen uͤber die neue Bekannte zu machen, als dieſe, ſtatt mit kaltem, zuruͤckſtoßendem Weſen aufzutreten, ihr beide Haͤnde entgegenſtreckte und ihre Wange mehr herzlich als artig kuͤßte. Anfangs wußte Mathilde nicht, ob ſie den eignen Augen trauen, oder in Ormsby's Beruf Etwas zu ſchildern, ein Mißtrauen ſetzen ſollte. Sie war nicht abgeneigt, hier ein Mißverſtändniß zu ver⸗ muthen. Allein die Dame benahm ihr alle Furcht. „Ich wußte, daß Sie zu Hauſe ſein wuͤrden,“ begann ſie,„ſobald man Ihnen ſagte, daß ich vor⸗ gefahren ſei. Ich hatte mir einmal vorgenommen, bei Ihnen einzuſprechen, weil ich mit Ihrer Lage Mitleid habe. Wir ſind ja einmal verwandt mit einander, und ſo hab' ich mir vorgeſetzt, Ihnen die Hand zu reichen. Mag ich auch noch ſo ärgerlich ſein, wenn ich dran denke, wie mir Ihr Lord Ormsby und ei— nige von der Familie mitgeſpielt haben, ſo iſt doch mein Motto: Vergeben und Vergeſſen. Wenn ich Ihnen einigermaßen dienen kann, ſo befehlen Sie ——— 80 ———,—— uͤber mich. Ich werde Sie in jeder Geſellſchaft ein⸗ fuͤhren, die ich kenne, wenn Sie Luſt haben!“ „O gar nicht!“ antwortete Mathilde.„Dies darf ich weder erwarten noch wuͤnſchen. Doch kann ich Ihnen ſagen, daß ich fuͤr dieſe Aufmerkſamkeit dankbater bin, als meine Worte es auszudruͤcken ver⸗ mögen. Ich kann, das iſt mir wohl bewußt, dies nur den wohlwollenden Gefuͤhlen zuſchreiben, die Ormöby bei allen nur einigermaßen mit ihm Verbun⸗ denen rege macht!“ Mathilde war zwar darauf vorbereitet, Madame Laceby von der Lady Ormsby mit Unwillen ſprechen zu hoͤren, mochte es auch nur Folge des fruͤhern Streites, des unverſohnlichen Sinnes ſein, welchen Ormsby ihr zuſchrieb. Doch ſie konnte ſich der Ver⸗ wunderung nicht enthalten, als ſie eine ſolche Frau eine Methodiſtin nennen horte. „Es thut mir leid,“ bemerkte hier Mathilde,„daß Sie mit ihr einen kleinen Zwiſt gehabt haben, mit ihr in Streit gerathen ſind!“ „Ich mit ihr in Streit gerathen? O nein! Sie zankte mit mir! Gott bewahre. Mich kann man wie einen Handſchuh umdrehen!“ „Zum mindeſten iſt die Dame nicht fei dachte Mathilde. Sie begnuͤgt ſich mit dem Rufe, hohere Tugenden zu beſitzen, und vernachläßigt ſo die kleinern Pflichten der Geſellſchaft. Indeſſen ihr ganzes Benehmen gegen mich iſt zwar etwas raſch, aber doch nf ungl durf dahi nebe Klei laul das mir — m rechen e echen Mr⸗ Frau Rufe, ſo die 1 ungleich entgegenkommender, als ich haͤtte erwarten duͤrfen!“ Die Fremde verließ jetzt den Stuhl, den ſie bis dahin eingenommen hatte, und warf ſich aufs Sopha neben Mathilden.„Was fuͤr ein wunderhuͤbſches Kleid haben Sie denn, meine Theure?“ rief ſie.„Er⸗ lauben Sie, daß ich mein Kammermaͤdchen herſende, das Muſter abzunehmen. Ich ſage Ihnen, es verdreht mir ganz den Kopf.“ Mathilde machte große Augen. Dieſe Stolze hatte nicht nur mit ihr bekannt zu werden geſucht? Sie wollte ſelbſt ihre Kleidung zum Muſter nehmen? „Nun ſehn Sie mich nicht ſo an, Liebe!“ fuhr die Dame fort.„Als ob ich etwas ganz ungewohnliches verlangte? Ich will ja nicht behaupten, daß ich dann ſo ſchon ausſehn werde wie Sie! Ja nun wollen Sie ſagen, daß Sie es nicht ſo gemeint haͤtten? Nein, nimmermehr geb' ich zu, daß Sie ſo Ihr Geſicht Luͤ— gen ſtrafen! Jetzt muß ich Sie verlaſſen, aber ich fuͤhre Sie uͤberall ein, wo ich hier zu Hauſe bin! Engliſche Familien kenn' ich nicht viel, ein Paar Herrn ausgenommen, aber mit der Comteſſa Franea Pita will ich Sie bekannt machen, mit der Marcheſa Bellochi und einigen andern italieniſchen Cirkeln. Viel ſchone Herrn darf ich mir nicht entgehn laſſen, ſonſt wuͤrde ich Sie in mein Haus einladen. Aber dieſe ſchoͤnen Augelein unter den langen dunkeln Wimpern, würden Sie mir alle bezaubern,— das weiß ich!“ II. 6 82 ————— Mit dieſen Worten, mit einem Kuß, ſo feurig wie beim Eintreten, war ſie zur Thuͤr hinaus! „Wie ſeltſam, wie unerklärlich!“ rief Mathilde jetzt.„Ich habe oft gehort, daß der Aufenthalt in fremden Ländern ungewöhnliche Veränderungen im Cha⸗ aber daß ſie bis zu dieſem Grade rakter erzeugt, In kei⸗ gehn koͤnnten, hätte ich doch nicht geglaubt. ner Art gleicht ſie der Schilderung von Ormsby, den eingewurzelten Widerwillen gegen ſeine Mutter ausge⸗ nommen. Sie iſt mir ſehr zuwider, mein ich, aber nur nicht in der Art, wie ich erwartete. Lieber hätt' ich von einem ſolchen Weibe getadelt, als gekoßt ſein wollen!“ Ormsby kam zuruͤck. Sie ſuchte aber nicht mit ihm von dem Vorgefallenen viel zu ſprechen, da ihr die eue Bekanntſchaft zu mißfällig war, um ihrer mit Vergnuͤgen zu erwähnen. Ormsby ſchien viel daran zu liegen, den vertraulichen Umgang mit ſeiner Ver⸗ wandten fort geſetzt zu ſehn, und ſo ſuchte ſie den einzigen Gegenſtand, uͤber den ſie eine andere Anſicht hatte, zu vermeiden. Heinrich Wordsworth ließ ſich eben ſo ohne Um⸗ ſtaͤnde in Betreff des Mittagseſſens entſchuldigen, wie er ſich eingeladen hatte. Ormsby und Mathilde mach⸗ ten daher nach einem kurzen Mahle einen langen Abendſpaziergang, und kehrten erſt im ſpäten Dunkel heim, als der Kammerdiener dem Lerd ein Billet übergab, das, wie ſich nach dem Erofſnen zeigte, von ——„—— e Um⸗ en, wie de mach⸗ lengen Dunkil n Billet ne, von Jie, Madame Laceby war. Er konnte gar nicht aus dem Inhalte klug werden. „Lady Laceby,“ begann es, bezeugt dem Lord Ormsby ihre Achtung, hält es aber kaum fuͤr nöthig, ihm zu melden, daß nur ein Mißverſtaͤndniß ſie be⸗ ſtimmte, nach ſeiner Wohnung zu fragen und zu verſprechen, bei ihm vorzufahren. Sie hielt eine Weibsperſon, welche ſich Lady Ormsby nennt, fuͤr die verwittwete Lady Ormsby. Madame Laceby entſchuldigt dieſen auffallenden Irrthum um ſo weni⸗ ger, da ſie uͤberzeugt iſt, daß richtiges Gefuͤhl Lord Ormöby abgehalten haben muß, auch nur einen Au⸗ genblick zu vermuthen: Madame Laceby's Achtung fuͤr ihren eignen Werth konne ihr erlaubt haben, von einem Weibe Notiz zu nehmen, das jetzt unter ſeinem Schutze lebe!“ „Wen, ums Himmelswillen, haſt Du denn die⸗ ſen Morgen bei Dir geſehn?“ fragte endlich der Lord, theils aufgebracht, theils ungeduldig uͤber den uner⸗ 1 warteten Inhalt. „Die Dame, welche dieſen Morgen hier war, wartet mit Herrn Wordworth im Saale oben!“ mel⸗ dete jetzt ſein Diener. Der Lord eilte vor Mathilden die Treppe hinauf, und als er die Thuͤre aufriß, fand er die unbefleckte Wittwe— ſeines Bruders, Arabella Lady Ormöby, mit Heinrich Wordsworth auf dem Sopha liegend. Er war ein alter Bekannter von ihr, bevor ſie noch ⸗ 6* 84 ſo tief, wie damals geſunken war, wo ſie plotzlich zur großen Dame wurde. „Sieh da, Herr Bruder!“ rief Wordsworth ſo⸗ gleich.„Sie kommen ſehr ſpät. Wir haben ſehr lan⸗ ge auf Sie und eine Taſſe Thee gewartet! Jetzt buͤ⸗ ßen wir die Oper ein!“ Der Lord kam fuͤr einen Augenblick ganz außer Faſſung. Die Lage war zu ſeltſam. Doch gleich be⸗ ſann er ſich wieder.„Wollten Sie mir eine Minute lang unter vier Augen Gehor geben!“ ſprach er zur ſchoͤnen Arabella.„Es wird für Sie, wie fuͤr dieſe Dame, Schonung ſein!“ Er zeigte auf Mathilden, welche eben auch eintrat. „Na, mit Familienangelegenheiten geb' ich mich nicht ab!“ rief Wordsworth.„Ich gehe in die Oper! Signora— a PTivederla!“ ſprach er zu Ma⸗ thilden und verließ das Zimmer. Ormsby drang noch immer in ſeine Schwägerin, ihm in's Nebenzimmer zu folgen. Mathilde blieb allein. Sie wußte nicht wer die Dame war, und ſo blieb ihr die ganze Sache fremd. Doch jetzt las ſie das Billet der Lady Laceby, das Ormöby auf dem Tiſche hatte liegen laſſen. Sie ſah, wie hier irgend ein wunderliches Mißverſtändniß herrſchte, welches aber mmer mit Kränkung für ſie verbunden ſein mußte. Lange blieb ſie nicht in Zweifel. Die artige Arabella kam in heftigem Zorne in den Saal zu⸗ ruͤck.„Sie durfte ſich ja blos vorher erkundigen, mit wem ſie zu thun habe!“ ſchrie ſie.„Ich daͤchte, dara davt Sch auf eine We ſten ſilt Ihr ven eir ko eeßer leich be⸗ Win Minute er zur ür dieſe hilden, h mich in die ju Ma⸗ * 85⁵ daran haͤtte ſie denken koͤnnen, ehe ſie mit Ihnen davon lief! Ich werde ihr wahrlich nicht ſo viel Schaden thun, wie Sie! Verlaſſen Sie ſich dar⸗ auf! Ich dächte doch, Sie erinnerten ſich, das ich eine Frau von Stande bin und meinen Rang in der Welt habe! Wiſſen mocht' ich, wen hier am mei⸗ ſten das alte Spruͤchwort träͤfe: Gleich und gleich ge— ſellt ſich gern! Ich war die rechtmaͤßige Gemahlin Ihres Bruders, und wenn ich Kinder bekam, wa⸗ ren Sie ausgemerzt worden. Was wird denn aber einmal aus Ihrer Brut, wenn Sie dergleichen be⸗ kommen?“ Lord Ormsby machte dieſer Tirade ein Ende, in⸗ dem er ſie ganz artig aber ernſt, nach der Thuͤr fuͤhrte und ihren Wagen rief. 3 „Schon!“ ſagte ſie und eilke fort.„Sie werden's bereuen! Sie und Ihre Dame, die hier heult. Ich will mich nicht ſo klein machen und ihr den Namen geben, den ſie verdient!“ Macthilde fuͤhlte bitterlich zum erſtenmale die Kraͤn⸗ kungen, der ſie durch ihre ungluͤckliche Lage auch in weltlicher Hinſicht beſtändig preiß gegeben war. „ — Zehntes Kapitel. Unſonſt bemuͤhte ſich Ormsby, den demuͤthigenden Eindruck zu vernichten, der in Mathildens gefuͤhlvol⸗ lem Herzen von dieſem Auftritte zuruͤckgeblieben war. „Wie kannſt Du nur,“ ſagte er,„Dich von der gemeinen Aufwallung einer ſo haͤßlichen Creatur hin⸗ reißen laſſen? Daß eine Perſon ihrer Art blind ge⸗ gen den auffallenden Unterſchied zwiſchen einem faſt durchaus verzeihlichen Fehltritt und dem zur Gewohn⸗ heit gewordenen Laſter ſei, darf nicht Wunder neh⸗ men. Eben ſo wenig muß es uͤberraſchen, wenn ſie ſich Muͤhe giebt, Dich und ſich auf gleiche Linie zu bringen. Es ließ ſich erwarten, daß ihr Zorn erwa⸗ chen werde, ſobald man ſie auf den Unterſchied zwi⸗ ſchen Dir und ihr brachte. Ihr verdorbenes Herz hin⸗ dert ſie denſelben wahrzunehmen, oder ihre Unver⸗ ſchaͤmtheit laßt ſie glauben, daß ihn andere nicht ſehen.“ Mathilde ſchuͤttelte ihr Haupt.„Es gibt,“ ſeufzte ſie,„manchmal ſonderbare Inſtrumente, um uns das Auge uͤber die wahre Lage zu öſſnen, in der wir ſchweben, den Schein zu entfernen, mit dem unð wa nu un gle genden ühlvol⸗ war. von der r hin⸗ nd ge⸗ m faſt ewehn⸗ et neh⸗ venn ſie inie zu ewa⸗ ed jwi⸗ etz hin⸗ Unver⸗ re nicht „ſtufzte um uns n der mit dem 87 und Fendẽſchaft blendet, daß wir uns ſelbſt nicht im wahren Lichte ſehn. Ach Ormsby— was dies ge⸗ häſſige Weib in ihrer emporenden Art vorbrachte, iſt nur zu— nur zu ſehr wahr!“ „Wie kannſt Du ſo ſprechen?“ rief dieſer halb unwillig.„Von ihr, die ſich anmaßte, einen Ver⸗ gleich, mit ihrem ſchaͤndlichen Selbſt— denn ich ſage Dir, daß ſie einſt ſo verworfen und niedrig war, wie jedes der ungluͤcklichen Weſen, die auf den Straßen Hungers ſterben— und einem zarten, gebildeten Ge⸗ ſchopfe gleich Dir zu ziehen, das nur Schutz gegen unerträgliche Tyrannei unter den Fittigen des Mannes ſucht, der Dir ſeine erſte Treue verpfändete, von dem Du nur durch niedrigen Betrug getrennt wurdeſt, mit dem Du bald wieder durch unauflosliche Bande ver⸗ eint ſein wirſt? Wie kannſt Du da ſo ſprechen?“ „O waͤre dieſer Tag ſchon da! Gern wollte ich mich der peinlichen Oefſentlichkeit preiß geben, die mit einer Eheſcheidung verbunden iſt, koͤnnte ich mit ge⸗ duldigem Tragen, der Schande, der Suͤnde ſelbſt ent⸗ rinnen! Ja, guter Augnſt, ſo lange Dein ſchoͤnes Auge mit Liebe auf mich blickt, ſo lange iſt meine ſchuldbefleckte Freude— ich bekenne es— groß. Doch in den wenigen Augenblicken, die mir Deine heiße Zärtlichkeit zum Nachdenken laͤßt, fuͤhle ich bit⸗ tere Vorwuͤrfe und ſie ſagen mir, daß wir in Suͤnde mit einander leben! Dies Weib ſprach nur zu wahr! Ihre jetzige Lage iſt viel achtbarer, als die meinige!“ „Ich kann Dich gar nicht von ſolcher Thorheit 88 reden hoͤren!“ rief Ormsby etwas ärgerlich.„Wie kannſt Du Achtung und ſie zuſammenbringen? Du weiſt nichts davon, wie ſchändlich ſie meines ar⸗ men Bruders Vertrauen mißbrauchte, und ich ſage Dir, daß, waͤre es der Muͤhe werth darnach zu for⸗ ſchen, ihr jetziger Lebenslauf eben ſo ehrlos iſt!“ „Das mag ſein! Wenn ſie die Stellung, in welche ſie unwuͤrdig verſetzt wurde, ſchaͤndet, da ver⸗ dient ſie um deſtomehr Vorwurf. Allein kannſt Du es mir wehren, wenn ich es bitter empfinde, daß ich ihr zugeben muß: ich ſei in einer Lage, wo ihr An⸗ erbieten, mir Freundin zu ſein, nicht fuͤr Beleidigung gelten kann? Kannſt Du uͤber ſolch' Gefuͤhl böſe ſein?“ j „Nimmer bin ich auf Dich böſe!“ erwiederte Ormsby mit einem Male beſänftigt.„Wenn ich mich ein wenig lebhaft benahm, ſo geſchah es nur, weil Du ſo hartnäckig Dir ſelbſt gerecht zu ſein, Anſtand nimmſt. Sieh wieder heiter aus, dann gibſt Du auch mir die Heiterkeit zuruͤck!“ „Ach, am Beſtreben heiter zu ſcheinen, fehlt es mir nie! Ich kann ja fuͤr die großen Opfer, die Du mir brachteſt, nicht unempfänglich ſein, nicht die An⸗ ſpruͤche vergeſſen, die Du deshalb auf mich haſt: ich will es Dir mit ſo viel häuslicher Freude vergelten, als ein armes ſchuldbeladenes Weſen gewaͤhren kann, an dem der Krebs des boͤſen Gewiſſens ununterbrochen nagt!“ Ormsby wußte nicht mehr, was er ſagen ſollte. Er tra ind ihr hlt es Du ie An⸗ ſtm ich en, als brochen ſollte. 89 Er ging einige Mal haſtig im Saale auf und ab, trat einen Augenblick auf den Balkon hinaus, ohne zu wiſſen, ob er ihr Troſt und Ruhe ſchaffen ſollte, indem er noch ferner dagegen ſprach, oder indem er ihren Vorwuͤrfen Gerechtigkeit wiederfahren ließ. Endlich nahm ſie freundlich ſeine Hand, indeſſen ſie die Thränen zu unterdruͤcken bemuͤht war.„Ver⸗ gib mir!“ ſprach ſie,„wenn ich Dich betruͤbe. Al⸗ lein dies Weib ſprach etwas, was tief in mein Herz eingriff. Meine Schande endigt nicht mit meinem un⸗ gluͤcklichen Selbſt. Ach Auguſt!— Ich kann nicht den Gedanken ertragen, daß ich nur lebe, die Un⸗ ſchuld zu brandmarken! Daß ich in wenig Monaten ein lebendes Weſen gebähre, meine Schuld auf im⸗ mer zu bezeugen!— Laß mich dann, ſo lange ich kann, mit aller Zärtlichkeit einer Mutter dieſe willen⸗ loſen Liebkoſungen genießen, die ich von ihm empfan⸗ ge, ſo lange es ein unwiſſendes Weſen iſt. Das erſte Aufdämmern ſeiner Vernunft wird meinem Kinde ſagen, daß es fuͤr die, von der es das Leben hat, errothen muß!“ Dies war ein Gegenſtand, der auf den Lord ſeine Wirkung nicht verfehlen konnte. Er hatte einigen Familienſtolz; es graͤnzte dieſer ſogar, ohne beleidi⸗ gend und anmaßend zu werden, doch an einige Schwachheit. Oft war er in der Goallerie ſeines Schloſſes auf und abgegangen, mit einer ſeltnen Freude, der, alle Denkmäler ſeines Hauſes zu muſtern, mit denen ſie geſchmückt war; die vielen Glieder zu * 90 zählen, durch welche unbefleckt die Baronie Jahr⸗ hunderte hindurch vom Vater auf den Sohn vererbt ward. Sein Zorn hatte, als der Bruder eine Misheirath that, keine Graͤnzen gehabt. Und ſo war es unmoͤglich, ein ſeine Gefuͤhle emporenderes Bild rege zu machen, als daß ſein und Mathildens erſter Sprößling, weil er nicht ebenbuͤrtig und ein nicht an— erkannter Fremdling war, aus dem Hauſe ſeiner Ah⸗ nen geſtoßen wuͤrde, indeſſen ſein eigner Name, ſeine Familie mit ihm zu Grabe ging, und das alte Stamm⸗ ſchloß auf Seitenverwandte erbte! Der Gedanke quaͤlte ihn ſo, daß er, bei allem Streben Mathildens Jammer zu lindern, nicht wußte, was er anfangen, welchen Troſt er geben ſollte, denn der Schmerz tobte in ihm ſelbſt in vollem Maaße. Schweigend biß er in die Lippen, und ließ ſie unun⸗ terbrochen fortreden: „Habe ich irgend etwas auf der Welt beneidet, ſo war es der Stolz Deiner Mutter auf Dich und Emi⸗ lien. Oft wuͤnſchte ich, daß ich einſt in meinem Al⸗ ter ſo einen Sohn, ſolche Tochter haben möchte⸗ Sollte ich nur Mutter eines Kindes werden, ſo wuͤßte ich nicht, war mein Gedanke, was ich lieber wün⸗ ſchen ſollte: die ſtete Sorge, Achtung und Auf⸗ merkſamkeit einer treu mir anhängenden Tochter zu genießen, oder mein Ohr an dem weitverbreiteten Lobe eines geliebten, bewunderten Sohnes zu weiden. Doch jetzt habe ich nur zwiſchen dem Ungluͤck zu waͤhlen, ob mein Sohn alle Kraͤnkungen einer verlornen Größe, „ eine gen der hel O 91 einer ungewiſſen Lage, eines beſtrittenen Namens tra⸗ gen, oder meine Tochter tauſend bittere Beleidigungen, dem Verdachte, dem Mangel an aller Verbindung preiß gegeben werden ſoll, und beide muͤſſen wiſſen, daß ſie Alles, was ihnen ihr Daſein traurig macht, der Suͤnde und Schande ihrer Eltern verdanken!“ „O das iſt zu viel, liebe Mathilde! Den Ge⸗ danken trag' ich nicht! Doch— es iſt ja mög⸗ lich, daß dies Ungluͤck verhuͤtet wird, taglich er⸗ warte ich von London die Nachricht, daß die vorlaͤufi⸗ gen Schritte zur Scheidung gethan ſind. Nur des Barons ſchmutziger Widerwille, ſich von Deinem Ver⸗ moͤgen zu trennen, hat es ſo lange aufgehalten. Die Sache iſt zu zarter Art, um in Guͤte auseinander zu kommen, ſonſt hätte ich gern ihren Fortgang durch Beſeitigung ſeines Einwurfs beſchleunigt. Ein verwor⸗ renes Teſtament hat Dein Onkel gemacht!“ „Allerdings!“ erwiederte dieſe, froh daruͤber, daß ſie ihrem aufgeregten Herzen einen andern Gegenſtand bieten, und ſo Faſſung gewinnen konnte.„Und ſon⸗ derbar, geheimnißvoll ſcheinen einige Ereigniſſe meines fruͤhern Lebens geweſen zu ſein. Ich habe ſchon ge⸗ legentlich zu Dir von einer ſeltſamen Zuſammenkunft mit einem fremden Mönch geſprochen, die den Tag vor meiner ſchnellen Abreiſe aus Rom Statt fand. Seine halbhingeworfenen Winke uͤber meine Familie, die er, als wir geſtort wurden, am andern Toge zu vervollſtän⸗ digen verſprach, machten großen Eindruck auf mich, ob ſie ſchon durch die nachfolgenden Ereigniſſe wieder ver⸗ 92 drängt worden ſind. Wie ſehr ich es jetzt bedauere, die, ich fuͤrchte, fuͤr immer verlorne Gelegenheit nicht benutzt zu haben, einige wichtige Aufſchluͤſſe uͤber mei⸗ ne Familie zu erhalten, kann ich nicht ſagen. Ohne einen ordentlichen Grund angeben zu konnen, habe ich immer eine ſonderbare Ahnung gehegt.“ „Meinſt Du nicht, daß gerade dieſe Neigung, dieſe Stimmung der Phantaſie, die Du eingeſtehſt, Dich der Liſt eines Betruͤgers zugänglich machte, der eine kleine Kunde von Deiner Familie benutzte, um durch Deine Leichtgläubigkeit fuͤr ſeinen Zweck zu ar⸗ beiten?“ „Ich gebe zu, daß dies der Weg ſei es erkläret) daß der geſunde Menſchenverſtand jeden, der nicht Au⸗ genzeuge war, dies vermuthen laſſen kann. Allein es gibt einen Stempel der Wahrheit, den man ſehen muß, um ihn zu glauben, und er war es, der mir die Ueberzeugung gewährte. Hätteſt Du ihn von meiner Mutter ſprechen hören, ſo wuͤrdeſt Du gefuͤhlt haben, daß hier kein Zweifel obwalten koͤnne;„wir haben ſie gekannt und geachtet,“ ſprach er; ſie, deren Gegenwart ihrer unwuͤrdigen Tochter geraubt war, be⸗ vor dieſe ihr unwiderbringliches Geſchick kannte.“„Wenn Sie noch rein ſind, wie die, in deren Armen ich Sie zum letztenmale ſah!“ ſagte er ferner.„Ach das war ich damals! Doch daran darf ich nicht den⸗ ken!— Genug, er ſchien mir etwas entdecken zu wollen, was in ſeiner Macht lag, aber von mir, wenn nich r nicht Kraft es zu tragen, doch Uneigennuͤtzigkeit, um es dankbar zu erfahren forderte.“ „Recht vielen Dank wollten wir ihm wiſſen, wenn er einen Fehler in Betreff Deiner Erbſchaft darthaͤte, der im Stande waͤre, Alles aus dem Wege zu raͤu⸗ men, was die Scheidung erſchwert. Ganz haſt Du meinen Unglauben noch nicht beſiegt. Der ſonderbare Abentheurer mag eine Liſt erdacht haben. Doch muß ich zugeben, daß wenn ich einige Bemerkungen mei⸗ ner Mutter, daran ich mich aus der Jugendzeit erin⸗ nere, mit dem zuſammenhalte, was die Nachbarn nach dem Tode Deines Vaters ſagten, ſie die Mei⸗ nung, daß ein Geheimniß auf Deiner Geburt ruhe, allerdings zu beſtätigen ſcheinen. Es iſt nie genau bekannt geworden, wer Deine Mutter war; das Einzige ausgenommen, daß man ſie fuͤr eine Auslän⸗ derin hielt, die Dein Vater waͤhrend des Aufenthalts in der Ferne, als ihm ein mildes Clima zur Herſtel⸗ lung ſeiner Geſundheit empfohlen war, liebgewonnen hatte. Man wunderte ſich auch einigermaßen, hoͤrte ich, als Dein Onkel um dieſe Zeit ſo plotzlich und unerklärlicherweiſe England verließ, beſonders wie es kund ward, daß er ſeinen Bruder waͤhrend der letzten Krankheit nicht beſucht habe. In der ganzen Nach⸗ barſchaft wurde damals hieruͤber viel geſchwatzt. Man verglich noch andere Umſtände damit, die ich ſeitdem vergeſſen habe. Ich war zu jener Zeit gerade in dem Alter, wo man Kindern Alles zu horen geſtattet, weil man irrigerweiſe meint, ſie konnen es nicht verſtehen. 94 ———.— Und doch faſſen ſie jedes Ereigniß nicht blos in ſeiner urſpruͤnglichen Geſtalt, ſondern ſelbſt in der zweiten Auflage, die ſo gern die Geſindeſtube, verſchönert und vermehrt, beſorgt.“ Was daruͤber geſprochen worden war, machte die Erinnerung an alte Zeit rege und beruhigte Mathil⸗ den mindeſtens in ſoweit, daß ſie die Gäſte empfan⸗ gen konnte, welche eben eintraten: Heinrich Words⸗ worth und den Oberſten Canteen. hi Eilftes Kapitel. Erſt ſeit Kurzem war der Oberſt in Neapel ange⸗ kommen und hatte gleich beim erſten Spaziergange Heinrich Wordsworth getrofſſen, von dem er eine Art alter Bekannter war. In England hatte ſich dies darauf beſchränkt, ſchweigend auf der Straße den Hut zu ziehn, im Kaſſeehauſe uͤber Zeitungen zu ſprechen. Hier fuͤhrte es zu einem ſteten Beieinanderſein. Der Oberſt hatte von ihm gehort, wo Ormöby und Ma⸗ thilde wohnten und gleich vorgeſchlagen, zuſammen hinzugehn. Er war, wie wir ſchon andeuteten, ein eben ſo großer Schwätzer als Gutſchmecker, eben ſo erfinde⸗ riſch, wenn es einer Luͤge, als einer Sauce galt, und immer bemuͤht, bei einer Klatſcherei, wie bei ei⸗ ner Paſtete, die Hand im Spiele zu haben. Indeß war er auch ein Mann von Stande und ſehr aͤngſt⸗ lich, ſich als ſolchen zu zeigen; manchmal ſchien er ſelbſt ein Stuͤck alter Hofmann. Wie er daher jetzt mit Mathilden ſeit ihrer Ent⸗ fuͤhrung zum erſtenmale zuſammen kam, war er bis zum Kleinlichen artig, und fuͤr ihr Zartgefuͤhl bildete 96 dies Benehmen, verglichen mit der ungezwungenen nichts beachteten Vertraulichkeit des Heinrich Words⸗ worth einen erfreulichen Gegenſatz. Der Oberſt drang ſehr darauf, daß ſie am naͤch⸗ ſten Abend ins San Carlo-Theater mitfahre, eine neue Oper von Roſini zu horen, die von einem ſelte⸗ nen Vereine der Talente hier ausgezeichnet gegeben wurde. Heinrich Wordsworth ſtimmte eifrig bei, ſein ſchmach⸗ tendes Auge auf ſie geheftet, und ein gedehntes:.„Ich bitte Sie!“ ſeufzend. Trotz ſolcher Lockung aber, lehnte ſie es anfangs entſchieden ab; ſie ſcheute ſich offentlich zu erſcheinen. Endlich aber kam auch Ormöby den Gäſten zu Huͤlfe. Er gab ofſen zu er⸗ kennen, daß er ſich ärgere, wenn ſie es nicht thue⸗ Sie konnte nun nicht mehr widerſprechen und wil⸗ ligte ein. So ſehr ſie auch Freundin der Muſik war, ſo hatte es ſich doch nicht getroffen, daß ſie ſeit der Ab⸗ reiſe von Mailand eine Oper in einem Haupttheater geſehn hatte. Als ſie dort zum erſtenmale das La Scala⸗Theater beſuchte, war ſie, wie man ſich erinnern wird, von der Darſtellung in einem Grade ergriffen, der ſie lange die Bewunderung wahrzunehmen hinderte, die ſie bei Allen erregte, welche mit der verhaͤltnißmäßigem Dun⸗ kelheit einer italieniſchen Buͤhne beſſer bekannt waren⸗ als ſie. San Carlo war eben ſo duͤſter. Doch kaum trat ſie hinein, als ſie ſich nicht der Vorſtellung erwehren ſonute uf fi ſtelun „ Olnsk uch Graz leben gehen Age ihr! wied Ote gem die der wa auf the len Theater „von ſie lange ſie bei m Dun⸗ nt waren, um trat ewchren tonute„ daß man in jeder Loge mit höhniſchen Finger auf ſie zeige, daß jedes Fluͤſtern, waͤhrend der Dar⸗ ſtellung die, Kunde von ihrer Schande verbeite. „Ei da ſind ja meine alten Freundinnen, die Olinskas!“ ſagte Ormöby.„Madame Olinska ſieht doch noch ſo jung, wie ihre Tochter. Die polniſchen Grazien nennt man ſie nur! Sie kleiden ſich und leben wie drei Schweſtern! Ich muß doch hin⸗ gehen!“ Mathilde folgte ihm mit ſorgenvollem Auge in die Loge. Eiferſuͤchtig konnte ſie nicht ſein. Aber es that ihr nicht wohl, daß er ſich ſo freute, irgend ein Weib wieder zu ſehen. Noch weniger gefiel ihr, daß der Oberſte Canteen und Wordöworth ihn in ihrer Ge⸗ genwart ſo feurig das Lob einer Familie preiſen horte, die, nach ſeiner eignen Verſicherung nicht ſo außeror⸗ dentliche Achtung verdiente.— Was er geſagt hatte, war ohne Zweifel leichthin geäußert, allein ihr ſchwer aufs Herz gefallen.— Ihre Loge lag ſo ungluͤcklich, daß ſie dazu verur⸗ theilt ſchien, den ganzen Abend nur Kränkungen zu fuͤh⸗ len. Otmsby hatte ſie nämlich kaum verlaſſen und ſie hing noch dem unangenehmen Gedanken daruͤber nach. Der Oberſt Canteen erzaͤhlte ihr eine Geſchichte, der ſie aufmerkſam zuzuhören ſchien. Heinrich Words⸗ worth ſaß auf der andern Seite und ließ ſein Per⸗ ſpektiv herumwandeln, als aus der naͤchſten Loge gleich hinter ſeinem Stuhle ein ungeheurer Hut mit unend⸗ lich vielen Federn uͤberladen herauskam und Mathilde II. —— 16 98 1 deutlich die ſchwarzen Augen der Lady Arabella Wie . Ormöby erkannte, die mit vollem Feuer auf ſie ſahen. zes . 1 Im nächſten Augenblick zeigte ſich ein ſchoͤn gerundeter bein 1 Arm, mit einem Dutzend Bracelets umgeben, um 2 den nichts gewahrenden Wordsworth auf die zuge⸗ Sin kehrte Schulter zu tippen, und die Beſitzerin deſſel⸗ en ben ſprach zu ihm:„Heinrich— Du biſt in einer gil 11 falſchen Loge, mit meiner ſogenannten Schwaͤge⸗ ſin, ² 3 rin, denn vor der Hand iſt ſie es nicht im Herzen it . und im Kirchenbuche.“ ir. 1 Sie ruckte dichter an ihn und ſetzte dem Scheine ſi 1 ¹ nach fluͤſternd, aber laut genug hinzu, daß Mathilde es der hoͤren konnte, obſchon italieniſch, das ſie, gewaltig damit nq großthuend, oberflächlich dahinſchnatterte: Che sia il ſ tuo dovere di far geloso quello mio maledetto Pe fratello.“ „Tace! Tace!“ erwiederte Heinrich, deſſen ſonſt unbeſiegbare Ungezwungenheit ſich doch verlor, als er ſolche Unverſchämtheit von ſeiner Freundin erfuhr. So 6 wahr iſt es, daß ein Mann in ſolcher Art nie ſo tief 6 finkt, als ein ſchamloſes Weib! Der Beweiß lag hier vor Augen. Wordsworth mußte, um noch beßre Rathſchläge zu meiden, ſeine Lege verlaſſen. Der Oberſt nahm ſogleich ſeinen Platz ein, ſah aber, daß Mathilde in keine Unterhal⸗ 3 tung einging. Er war froh, einen Ort zu haben, 14 wo er das ganze Haus uͤberſehen konnte. In die naͤchſte Loge hineinblickend, die der, wo die lebenslu⸗ ſtige Wittwe ſaß, gegenuͤbet war, rief er plotzlich: Aubell e ſahen. rundeter n, um ze ezoge „ einer m cwäge⸗ Heten Scheine thilde es i9 domit sia il aledeuo ſen ſonſt „els et br. So ſo tief tdẽworth , ſeine 9 ſeinen Untechal⸗ u haben, In die lebenöli⸗ ptlih: 99 „Wie? Wohrhaftig, das iſt ja der Admiral! Wie geht's, Admiral? Wenn ſind Sie angekommen? Wie befindet ſich Ihre Gemahlin?“ Dieſe Fragen wurden von einer offenbar weiblichen Stimme beantwortet:„Sind Sie allein hier, Oberſt?“ Ein duͤrrer langer Hals, der ſich nicht zum buͤcken gewoͤhnt zu haben ſchien, bemuͤhte ſich in die Loge zu ſehn, und ein höchſt eckiges Geſicht zu zeigen, das mit einem ſtreng mathematiſchen Kopfputze geſchmuͤckt war. Doch nur einen Augenblick dauerte die Erſchei⸗ nung, denn da begegneten die kleinen grauen Augen der Madame Laceby denen Mathildens, welche ſich nach Möglichkeit zu verbergen ſuchte. Die ſtrenge Sit⸗ tenrichterin fuhr erſchrocken zuruͤck, und zog dichter die Vorhänge der Loge hochſt beleidigend zu, als wolle ſie ſich vor der Gefahr ſchuͤtzen, mit ſolcher Nachbarſchaf in Beruͤhrung zu kommen. „Ich muß doch fort und mit dem Admiral ſpre⸗ chen!“ ſagte der Oberſt.„Seit ſo langer Zeit hab' ich ihn nicht geſehn! Lady Mathilde— entſchuldigen Sie einen Augenblick!“ Und mit dieſen Worten verließ auch er die Loge. Als unſere Heldin ſo allein ſaß, bemuͤhte ſie ſich umſonſt, das Auge auf die Buͤhne zu heften und der Muſik ihre Aufmerkſamkeit zu widmen. Sie konnte ſich nicht enthalten, von Zeit zu Zeit einen Blick in die Loge der Olinöka's zu werfen, wo Ormsby von der Mut⸗ ter und den Toͤchtern herzlich bewillkommt zu werden ſchien. Sie konnte auch ſehen, daß er ſich alle Muͤhe 7X N ————————————— 100 gab, hier recht angenehm zu erſcheinen. Auch war es ihr unmöglich, alle einzelne Bruchſtuͤcke der Unterhal— tung zu vermeiden, wenn ſo die Worte bei ihrem Ohre rechts und links voruͤber gingen— In der einen Loge ſchien namentlich ſie nichts anzugehn; die junge Wittwe ſcherzte hier mit einigen jungen Italienern, welche ſie anzubeten ſchienen. Da⸗ gegen machte ſich in einzelnen Pauſen das Geſpräͤch auch in der andern Loge laut, und ſie konnte die grelle, widrige Stimme der Lady Laceby horen, wel⸗ che, hoͤchſt aufgebracht, ihren Namen mit einem recht veraͤchtlichen Tone ausſprach, und immer nur verſi⸗ cherte: wie ſo eine unverſchaͤmte Creatur— öffentlich erſcheinend— keinen Begriff von Schaam habe. Be⸗ hauptungen, gegen welche der Oberſt Canteen umſonſt zu proteſtiren ſtrebte. Madame Laceby gehoͤrte buchſtaͤblich zu denen, welche ſich an den Fehlern der Nachbarinnen weiden. Entdeckte ſie einen Fehler an Andern, ſo galt er ihr fuͤr eine eigne Tugend ſelbſt. Stolz auf ihren unta⸗ delhaften Lebenswandel verdammte ſie die Schwächen Anderer und glaubte, vollkommen berechtigt zu ſein, alles Liebenswuͤrdige im Umgange zu vernachläßigen, die Tugend verhaßt und ihr Haus recht peinlich zu machen. So lange ſie unbarmherzig auf Alle ſchalt, welche die Leidenſchaft verleitete, die weiblichen Pflich⸗ ten zu brechen, ſo lange glaubte ſie auch das Recht zu haben, ihren Mann täglich zu dem Wunſche zu ——— ſimme nur in Au hörte, und 3 dins Agen zweffel dem l itgend den v E wurde nur ſ mache ſein wurt dem ihr e Schi duß ſchle Hi Mi not ſch ſlo o1 ſtimmen, daß ſie daſſelbe Beiſpiel befolgen und ihn nur in Ruhe laſſen mochte. Aus Allem, was Mathilde dieſen Abend ſah und hoͤrte, ſchloß ſie nur zu deutlich, in welcher Lage ſie und Ormsby lebte. In jeder Hinſicht waren ſie aller⸗ dings bereits ein Paar. Sie hatte auch nicht einen Augenblick lang Urſache gehabt, an ſeiner Liebe zu zweifeln. Im Gegentheil ſchien ſeine Neigung mit dem laͤngern Beiſammenſein zu wachſen. Doch ſollte irgend ein Zufall dieſe Verbindung loſen, wie verſchie⸗ den war dann ihr Verhaͤltniß und das ſeinige! Sie ſah, wie er von den Olinska's aufgenommen wurde, und ſo ward ihr klar, daß er dann nicht nur ſeinen Rang in jeder Geſellſchaft wieder geltend machen koͤnnte; daß er vielmehr noch geſuchter ſein werde, als in ſeiner jetzigen Abſonderung⸗ Was wurde aber im Gegentheil dann aus ihr? Nach dem, was ſich dieſen Abend rechts und links neben ihr ergeben hatte, zeigte ſich ihr klar, daß ſie, ſeines Schutzes beraubt, jeder Schmach ausgeſetzt ſein muͤſſe, daß ſich die Frauen auf den Endpunkten ihres Ge⸗ ſchlechts, in Allem verſchieden, doch mindeſtens im Haß gegen ſie vereinen wuͤrden, und daß ſie bei den Männern nur zwiſchen Verachtung und Hohn, oder noch mehr emporender Aufmerkſamkeit zu wählen habe. Dieſe Dinge alle gaben ihren Gedanken ſo viel zu ſchaffen, daß die Zeit nichts weniger, als ſchnell ver⸗ floß. Ungeduldig erwartete ſie Ormöby's Ruͤckkehr. Cs that ihr noch beſonders weh, wie er es ſo ſpät be⸗ 102 merkte, daß ſie allein war. Vorn in der Loge der Olinska hatte ſie ihn nicht mehr geſehn. Schon glaubte ſie daher, daß er auf dem Ruͤckwege ſei. Alle Augenblicke erwartete ſie, daß die Thüre ſich öffnete. Da ſah ſie, daß Madame Olinska noch lebhaft mit einem Manne im Hintergrunde der Loge ſpreche, und als dieſer ſich einmal etwas vorbeugte, gewahrte ſie auch, das ſei Ormsby, der immer noch hier weilte. Dieſe Entdeckung war fuͤr ihr ſo gefoltertes Herz faſt unerträglich, beſonders da nun der Vorhang fiel, ehe Ormsby kam und er dann ſagte:„Wie kurz das Ballet war! Ich dachte nicht, daß es ſo geſchwind endigen wuͤrde, ſonſt waͤr' ich fruͤher zuruͤckgekommen!“ „Kurz kommt es Dir vor?“ ſeufzte Mathilde. „Ach, mir ſchien es eine Ewigkeit!“ „Biſt Du allein geweſen? Ich ſah doch den Ober⸗ ſten bei Dir, als ich eben vor einer halben Stunde zuruͤck wollte. Allein Madame Olinska beſtand dar⸗ auf, daß ich ſie nicht ſo geſchwind verlaſſen ſollte, und alle ſind ſo unterhaltend!“ Mathilde fuͤhlte ſich nicht im Stande, in dieſem Augenblick dieſe Lobrede zu erörtern, denn eben ſtie⸗ gen Beide die dichtgedrängte Treppe hinab. Doch als ſie nun nach Hauſe fuhren, begann Ormsby auf's neue:„Wahrhaftig, ich wuͤßte nicht, wo ich ſo an⸗ genehme Geſellſchafterinnen geſehen haͤtte, wie dieſe Olinskas!“ „Guter Ormsby,“ antwortete jetzt Mathilde mit halb von Schmerz erſtickter Stimme,„biſt Du denn guch ge den D ne arn tend er chen S befunge ſo abg werden C liches, Liebe nem Kreiſe den j zuh genth Vorn Und nachl „daß Wel chen eine meh mer —— 103 auch gewiß, daß Dich nicht der Contraſt ſo denken läßt, den Dein bisher gefuͤhrtes Leben bildet? Gegen Dei⸗ ne arme Mathilde wird Dir jedes Weib unterhal⸗ tend erſcheinen. Ich kann nicht mehr auf den frohli⸗ chen Sinn Anſpruch machen, der die Frucht des un⸗ befangenen Herzens iſt, und noch iſt mein Gefuͤhl nicht ſo abgeſtumpft, wie es vielleicht fruͤher oder ſpäter werden kann!“ Es war in dieſem Benehmen etwas ſo ſchmerz⸗ liches, daß es Ormsby maͤchtig ruͤhrte. Lebhaftigkeit, Liebe zum Umgange, erneuerte Bekanntſchaft mit ei⸗ nem angenehmen, wenn auch nicht ſchaͤtzenswerthen Kreiſe, hatte ihn einen Augenblick verleitet, Mathil⸗ den zu vernachläßigen. Doch das Feuer ſeiner Liebe zu ihr war unvermindert geblieben. Er war im Ge⸗ gentheil auch immer noch beſonders geneigt, ſich ſelbſt Vorwuͤrfe zu machen, wenn er andern wehe that. Und ſo gab ihm die Ueberzeugung, daß ſie ſich ver⸗ nachläßigt ſah, ungemeinen Kummer. „Kannſt Du denn vermuthen,“ troſtete er ſie, „daß die fluͤchtigen Scherze aller Olinska's in der Welt mir einen Augenblick verguͤten konnten, in wel⸗ chem ich meiner Mathilde Kummer bereitete?“ Dies war aus dem Herzen geſprochen; er ſah es als eine Warnung an, und war von dem Augenblick an mehr als je beſorgt, nur gegen ſie ausſchließlich auf⸗ merkſam zu ſein! ſie ein baten gen d Zwoͤlftes Kapitel. Gun von* nu Man könnte unſerer Heldin den Vorwurf machen, daß ſie das Herabwuͤrdigende ihrer Lage nur gefuͤhlt habe, mnu ſeitdem ſie der Verachtung der Welt ſelbſt preißgege⸗ eiſch ben war. Fruͤher möge ſie doch gluͤckliche Augenblicke und genoſſen haben. Aber man vergeſſe nicht, wie lange„Fa ihr zu Hauſe alle Beweiſe von Liebe und Aufmerk⸗ Hyf ſamkeit fremd geblieben waten; wie ſie ſich er— beſi griffen fuͤhlen mußte, als ihr jetzt ausſchließlich von R einem Manne gehuldigt wurde, der nur darauf ſann, Me ihr ihre ganze Lage, das Gefuhl geliebt zu werden ma allein ausgenommen, zu verbergen. Doch mit je⸗ von dem ſolchen Ereigniſſe, wie ſie jetzt gekommen waren, gen erwachte ihr beſſerer Sinn. Das Gefuͤhl der Schaam, nich das Gewiſſen, regte ſich immer lebhafter, und die da⸗ ſtir mit wechſelnden Blicke des Frohſinns wurden duͤſterer, don ſeltner. den Ormoby wuͤnſchte ſo ſehr, das Peinliche ihrer Lage zu mildern und ihre Aufmerkſamkeit von den Kraͤn⸗ 6 kungen abzulenken, die jeden Augenblick wieder in Ru Geſellſchaft ihr Geſchick ſein konnten. Er ſchlug des⸗ let halb einen Ausflug nach Päſtum vor. Gern willigte ₰ Fr F. 4 ſie ein, auch der Oberſt Canteen und Wordsworth baten, Begleiter ſein zu duͤrfen. Die Fahrt von Neapel war ſehr angenehm. Durch die Jahreszeit wurde ſo ein Beſuch vorzuͤglich beguͤnſtigt. Die Re⸗ gen des Septembers waren voruͤber, der wolkenleere Glanz des Himmels prangte wieder, die Luft, fruͤher von der Hitze und Trockenheit erſtickend, war wieder neu erfriſcht. Eine Spazierfahrt in Italien läßt nicht, wie oft in unſern Gegenden, eine T erſehnte Morgen mit dem Fallen des Wetterglaſes und dicken Wolken beginnt, und ein zweifelhaftes? „Fahren wir oder nicht?“ am Ende die geweihten Opfer derſelben zum Beharren bei ihrem Enſchluſſe veſtimmt. Aber die Sonnenſchirme wandeln ſich in Regenſchirme; der Sonntagsrock muß mit dem dicken Mantel vertauſcht werden. Mit blaſſen Wangen tritt man die peinliche Waſſerfahrt an, das naſſe Element von oben und unten erwartend, und uͤberzeugt, durch⸗ geweicht zu werden, wenn man glucklicher Weiſe nicht ertrinkt. In Italien regnet es dagegen zu be⸗ ſtimmter Zeit, thut da ſeine Schuldigkeit, und iſt dann nicht mehr Gegenſtand der Berechnung, der Be⸗ denklichkeit und Verſicht. Kaum war man in Päſtum, als Mathilde eine Skizze zu entwerfen eilte und die Männer in den Nuinen herumirrten. Doch die Aufmerkſamkeit der letztern, wurde bald auf die Ueberbleibſel eines derben Fruͤhſtuͤcks geleitet, das wohl zeigte, wie noch eine äuſchung fuͤrchten, wo der 1 — — — — 106 andere Geſellſchaft hier ſei. Nach einigen leeren Por⸗ terflaſchen zu urtheilen, waren es Engländer. „Man kann die Spuren unſerer Landsleute gleich den Lagern der Indianiſchen Volkerſtämme nach den Knochen ihrer Schlachtopfer verfolgen!“ ſagte Ormsby und zeigte auf einige gut abgenagte Rippen und Fluͤgel! „Wir ſind ein furchtbar wanderndes Volk gewor⸗ den!“ ſtimmte Wordsworth ein.„Alle unſere Lands⸗ leute vertauſchen jetzt die Themſe mit dem Nil, gehen uͤber die Waſſerfälle deſſelben, ſtatt uͤber die Londoner Bruͤcke, und fruͤhſtuͤcken am Fuße der Pyramiden, ſtatt auf Lloyds Kaffeehauſe. Dies Haͤuflein muß, nach der Niederlage hier zu urtheilen, eine wahre Raubthiernatur haben! Seht'mal den koſtbaren Ein⸗ band, aus welchem dieſe Blaͤtter geriſſen ſind!“ Er ſammelte, ſie mit den Fingerſpitzen haltend, eine ganze Menge Blätter von Galignanis Wegweiſer, der zum Einwickeln der Bratenſtuͤcke gedient hatte. „Erinnern Sie ſich denn noch,“ bemerkte Orms⸗ by,„wie bitter Johnſon uͤber das Herz eines Man⸗ nes urtheilt, deſſen Vaterlandsliebe auf der Ebene Marathons, deſſen Mitleid unter den Truͤmmern Scio's nicht erregt wuͤrde? Was muͤßte der nun von Leuten halten, die unter den Saͤulen des Tempels in Pä⸗ ſtum Huͤhnerknochen abnagen koͤnnen?“ 2 „Nun, aller Wahrſcheinlichkeit nach: daß ſie die Art Philoſophie haben, welche das wahre Gluͤck aus⸗ macht. Jener Franzoſe ſagt ja:„Wer das Leben ge⸗ 107 nießen will, muß einen guten Magen und ein ſchlech⸗ tes Herz haben!“ erwiederte Wordsworth. „Das iſt Alles recht ſchon,“ nahm der Oberſte das Wort, der bis dahin geſchwiegen hatte, ohne des⸗ halb minder Acht auf ein Geſpräch zu haben, in welchem das Eſſen eine Hauptrolle ſpielte.„Indeſſen es wird doch Niemand verlangen, daß man bei den Steinen verhungern ſoll? Dieſe Säulen möchten ſchwer zu verdauen ſein, und wenn man noch ſo lange daran kaute.“ In dieſem Augenblick kuͤndigte ein fernes Schwat⸗ zen und Kickern die Ruͤckkehr der Geſellſchaft an, de⸗ ren vorläufige Spuren die Neugier ſo rege gemacht hatten. Aus der, dem Punkte wo unſere Freunde ſtanden, entgegengeſetzten Gegend, in der Nähe des Or⸗ tes wo Mathilde ſaß und zeichnete, kamen eine Menge Frauen und Herrn, deren luſtiger Gang, ſcher⸗ zendes Tonverwirrtes Geſchnatter, anzudeuten ſchien, daß ſie ganz jene Luſt und Freude theilten, die ein Engländer nur nach einer ächten Mahlzeit fuhlt. Auf Mathilden machte es beſonders einen unange⸗ nehmen Eindruck, das ſie hierbei Stimmen hoͤrte, die ihr ſchon fruͤher vorgekommen waren, und dies wurde ihr bald zur Gewißheit. Sie unterſchied die mehr als jede andere gellende Stimme der— Madame Hobſon: „Meinetwegen moͤgen ſie ſagen was ſie wollen, aber der Tempel hier, oder das Gebäude, das Peſt⸗ haus, und wie ſie es ſonſt heißen, iſt blos fuͤr die 1403 Lazarether gut. Die haben keine andern Mavern, als ihr Kopfkiſſen! Die koͤnnen hier leben!“ Holz „Paͤſtum, Mama!“ ſagte Madame Simper⸗. ton rechts.„Sie meinen die Lazaroni's!“ fluͤ⸗ ſam fluͤſterte Madame Holzkopf links.„ „Und die Lazaroni's,“ beſſerte nun auch Tho⸗ und mas, haben Mauern zum Kopfkiſſen, aber nicht ſchme die Kopfkiſſen zur Mauer!“ wege Mathilde ſchlug bei dieſem unwillkommenen Toͤnen verla den Schleier auf der ihnen zugekehrten Seite hinab, wie und fuhr mit ihrem Skizzenbuche lebhafter fort. Doch And in demſelben Augenblicke rief die kleine Jemina, die gefu ein bischen vorwitzig und noch in dem unſchuldigen Alter war, wo man eine gluͤckliche Unbekanntſchaft Holſ mit dem Sitten und Gebraͤuchen wenigſtens voraus⸗ F ſetzt, lebhaft aus:„Ach ſehen Sie mal! Hier ſitzt lege eine Dame und zeichnet! Ich muß hin und ein bis⸗ gen chen hineingucken!“ gege Und huſch war ſie den Berg hinauf zu Mathilden. ihm „Ach Herr Jemine! Es iſt Tante Mathilde!“ rief ſie. Dieſer entſiel bei der herbeigefuͤhrten Erkennungs⸗ gu ſcene der Bleiſtift, indeſſen ſie den Kopf ganz ins gen Buch verbarg. „Was?“ kreiſchte Madame Hobſon.„Ich bitte Dich, komm gleich her, Mädchen!“ u „Wirſt Du gleich herkommen!“ ſchrie Madame Simperton.„ kei —— 109 „Im Augenblick komm' her!“ grohlte Madame Holzkopf. Und dahin liefen alle Frauen von ihren aufmerk⸗ ſamen maͤnnlichen Genoſſen begleitet. „So weit iſt es alſo gekommen dachte Mathilde und bebte an allen Gliedern.„Ich muß mein Haupt ſchmerzvoll verbergen, weil ein Weib daſteht, das ich wegen ſeiner gemeinen Sinnesweiſe, ſeiner Albernheit, verlachen und verachten ſollte! Doch es geht gerade, wie es muß! Wo die eigne Achtung hin iſt, folgt das Andere von ſelbſt! O mein Gott! wie tief bin ich gefallen! wie ſehr herabgewuͤrdigt!“ Sie brach in eine Fluth von Thraͤnen aus. Die Hobſonſche Familie kam an dem Lord und ſeinen Freunden vorbei, und dadurch allerdings in einige Ver⸗ legenheit. Herr Magiſter Simperton blieb einen Au⸗ genblick ſtehen, denn ſeine angeborne Unterwuͤrſigkeit gegen jeden großen Mann kämpfte mit dem, was ihm ſchicklich duͤnkte. Zaudernd redete er den Lord an:„Ich hoſſe Ew. Gnaden werden in unſerm Beneh⸗ men nichts abſichtlich Reſpektwidriges, oder eine beleidi⸗ gende Verachtung ſehen. Ew. Gnaden werden im Ge⸗ gentheil bedenken, daß Leuten in meinem Kleide eine beſondere Ruckſicht auf den Wohlſtand Pflicht wird!“ Einen Augenblick lang muſterte der Lord, vom Kopf bis zum Fuße, das Wohlſtandsmaͤnnlein, das bei⸗ nahe fuͤnfhundert Meilen von ſeiner Pfarre entfernt war. Auch ließ es ſich gar nicht ausmitteln, ob das Amts⸗ kleid im breiten weißen Biberhut, oder dem blauge⸗ wuͤrfelten Halstuche, der duͤnnen Nankingjacke, oder den weiten Pantalons und rindöledernen Stiefeln zu. ſuchen war. „Sie haben ganz recht, wenn Sie auf den Wohl⸗ 5 ſtand nach Ihrer Art halten.“ ſprach er endlich voll Verachtung und ging, ihn ſtehen laſſend zu Mathil⸗ 6. den, den Freunden baldige Rückkehr verſprechend. Er ℳ ſtellte ſich ſchon vor, daß ſie durch das ſchnelle Zu⸗ 6 ſammentreffen mit dieſer Familie beſtuͤrzt worden ſei, Mod und wuͤnſchte daher nicht, Wordsworth und Canteen 6½ zu Zeugen ihres Kummers zu machen. Die Familie Hobſon eilte indeſſen, fortzufahren⸗ ſ Der Alte war nicht dabei. Er hatte darauf beſtan⸗ ſhen den, in Neapel zu verweilen, ob er ſchon ganz ſich ei ſelbſt uͤberlaſſen blieb. Wenn er aber in Mancheſter Ve ſeine Geſchaͤfte trieb, pflegte er allemal jede Parthie auszuſchlagen, die aufs Land hinaus gemacht wurde. dar Der Herr Holzkopf hatte ſeine liebe junge Frau nich in den neuen Phaͤton gehoben, den er ihr zur Hoch⸗ zeit geſchenkt hatte. Thomas machte ihm die Ehre mer ſtreitig, wer der beſte Kutſcher ſei, und hatte ſich als do ſolcher für Herrn Magiſter Simperton und die übrige iſch Familie aufgeworfen. Sie alle ſaßen in einer Cara⸗ ſen tella, die mit zwei muthigen aber ſchlechteingefahrnen 9 Kalabrefiſchen Kleppern beſpannt war. Mo Thomas ſchien etwas ärgerlich uͤber die ſchnelle Abfahrt. Seine Begriſſe vom Schicklichen waren trf nicht ſo ſtreng. Er hätte die ganze Familienaͤngſtlich⸗ keit, die Alle, Mathilden zu meiden trieb, fuͤr die znelle rortn — — 2. —— Freude hingegeben, ſich als Kutſcher bei einem der fremden Herrn bemerklich zu machen, eine Auszeich⸗ nung, die ihm um ſo wichtiger war, da er ſie fuͤr die erſten Modemaͤnner hielt. „Gott ſei Dank, daß wir ſo fortkamen!“ rief Madame Simperton.„Herr Gott, was wuͤrden ſie in der Pfarre ſagen, wenn ſie wuͤßten, daß Jemina mit ihr ſo geradeweg geſprochen hat! Ich glaube, die Madam Theekeſſel hätte kein Wort wieder mit mir geredet! Hab' ich nicht recht, Magiſter?“ „Hotti!“ brummte Thomas, auf den Kutſchbock ſteigend, um ſeinem Freunde Holzkopf nachzujagen, der ſchon voraus war. Er ließ ſeinen Unmuth mit der Peitſche an den Kalabreſen aus, die aber gleich mit Wiehern, Bäumen und Ausſchlagen antworteten. „Um Gotteswillen, Thomas, ſieh' Dich vor!“ warnte Madame Simperton.„Du wirſt mich doch nicht in den Umſtänden, worin ich bin, erſchrecken?“ Doch Thomas hatte ſtählerne Nerven. Ihm kuͤm⸗ merte die kindiſche Furcht nicht, mochte fie kommen von wem und woher ſie wollte! Ohne auf die pathe⸗ tiſche Warnung zu achten, fuhr er fort, die wider⸗ ſpenſtigen Klepper zu zuͤchtigen, daß auch alle Uebrigen gar bald die nicht etwa erkuͤnſtelte Angſt der jungen Magiſterin theilten. Mathilde war durch dies unerwartete Zuſammen⸗ treffen ganz außer Faſſung gekommen und die Freude der Geſellſchaft dahin. Ormsby wuͤnſchte daher heim⸗ zukehren, und als Heinrich Wordsworth nebſt dem 112 Oberſten Canteen den Wagen herbei geholt hatten, wie nicht 9 die Hobſonſche Familie fort war, fuhren ſie auf der zu liſ nämlichen Straße nach. Doch nur in geringer Ent⸗ dem 9 fernung von Päſtum bemerkte Wordsworth, daß die„ Spur des fruͤher abgefahrnen Wagens, ſtatt mitten in ale in der Straße fortzulaufen, hin und her, ſchlangenar⸗ Nun tig, rückwärts, vorwärts, wie die Kritzeln auf einem ſhine Popier hinlief! Kaum hatte er dieſe Bemerkung mit⸗ mich getheilt, als die Poſtillione ein ſchallendes Gelaͤchter D horen ließen, als ob ſie ihre Freude uͤber etwas haͤt⸗ wie w ten. Man kam an eine Stelle, wo die Straße genp ſchmal, der Graben aber breit war, und hier— lag ſtellen die ganze Hobſonſche Familie. Mathildens Poſtillione ben ti jagten im Gallop voller Jauchzen Loruͤber, doch ſie fllen rief aus:„Halt! Halt! Um's Himmelswillen! Es kann ja Jemand um's Leben gekommen ſein!“ aufge Indeſſen ließen ſich die Poſtillione nicht gleich chen im Augenblicke aufhalten, doch als es geſchehen war, thilde erſuchte ſie den Oberſten zuruͤckzugehn und zu forſchen, als e ob Jemand Schaden genommen habe. Waͤre es, ſo gen ſolle er den Wagen des Lords anbieten, ſie in das lehten nächſte Haus zu bringen. Der Oberſt unterzog ſich der Sache gern. Er benachrichtigte den Herrn Magi⸗ ſter, der zwar am ſchlimmſten weggekommen war, aber die meiſte Faſſung zu haben ſchien: daß die Da⸗ me, mit welcher er fahre, ihn ſende, ihre Theilnahme an dieſem Unfalle auszuſprechen, aber auch hoffe, daß man ihren Wagen annehmen werde, um ihnen deſto ſchnellere Huͤlfe zu ſchaſſen; daß ihre Lage der Dame . 113 wie nicht geſtatte, ſelbſt zu erſcheinen und huͤlfreiche Hand ſM zu leiſten, wuͤrden ſie einſehen, ſonſt thaͤte ſie mit Ent⸗ dem großten Vergnuͤgen.“ di„Was?“ kreiſchte Madame Hobſon, als ſie ſich tten in aller Wuͤrde aus dem Graben erhob:„Was? nat⸗ Nun wahrhaftig! Sagen Sie ihr, daß ich mich nicht em ſchäme, mein Antlitz zu zeigen. Ich habe nicht nöthig t mich weiß zu waſchen. Meine Haͤnde ſind rein!“ ichtet Der Oberſt mußte herzlich lachen, denn er ſah, hät⸗ wie wenig ihr jetziger Zuſtand zu dieſen Verſicherun⸗ naße gen paſſe. Denſelben kann man ſich am beſten vor⸗ leg ſtellen, wenn man ſich daran erinnert, daß der Gra⸗ liene ben tief und der Regen noch kurz zuvor in Menge ge⸗ h ſie fallen war. Der gebildete Mann äͤrgerte ſich aber doch 8 uͤber die rohe Art, wie ſeine wohlgemeinte Sendung aufgenommen wurde. Er ſah, daß Niemand ernſtli⸗ eich chen Schaden genommen hatte und eilte daher zu Ma⸗ thilden, der er von der Antwort nur ſoviel mittheilte, chen als einem Manne von Welt in hoͤflicher Weiſe zu ſa⸗ 3, ſo gen möglich war. Mathilde hatte die Familie zum das letztenmale geſehen! 4 — — * K — — deſio Dame M. 8 Dreizehntes Kapitel. — Einige Tage nach der Spazierfahrt beſuchte Mathilde Abends einen einſamen Ort in der Naͤhe des Kamal— dulenſerkloſters, wo ſie, fern von Ormsbys Troſtun⸗ gen, ſich ihren bittern Betrachtungen ungeſtört uͤber⸗ laſſen konnte. Es machten ihr dergleichen ſeit Kur— zem beſondere Freude. Sie ſtellte ſich an eine nie⸗ drige Mauer, uͤber die ſie eine der ſchonſten und ab— wechſelndenſten Ausſichten hatte. Allein aller Glanz, aller Reiz der Natur ging fuͤr ſie verloren. Ihr Auge ſtarrte hinaus, denn im Herzen blieb es duͤſter und traurig. Endlich wollte ſie wieder heimkehren, als der erſte Gegenſtand ihre Aufmerkſamkeit feſſelte, und der Moͤnch aus der St. Peterskirche vor ihr ſtand. Er ſchien keinesweges ſchnell das lange Schweigen brechen zu wollen, das der Wiedererkennung folgte. Endlich be⸗ gann er: „Ich habe etwas von der Sache gehoͤrt und viel Furcht gehabt! Wäaͤrſt Du, als ich Dich juͤngſt ſah, in dem Verhaͤltniß geweſen, worin ich Dich jetzt ſehe, ich wurde Dich unbeachtet haben gehn laſſen. Glück⸗ ich ſh teſt Di ſehn. nie!“ 5 nie ſol I /— weiß n chet J Rue Furch Dich die ich Oyfer ihret „ genei darun fallen ſil— hegeh Dir traut bin; ( Troſ — Ich große — 115 lich ſchienſt Du freilich auch damals nicht, ſonſt hät⸗ teſt Du nicht Deiner leidenden Mutter ſo ähnlich ge⸗ ſehn. Doch ſo gebeugt, wie Dich jetzt, ſah ich dieſe nie!“ „O gewiß, ich hoſſe es zu Gott, hatte ſie auch nie ſolchen Schmerz!“ ſeufzte Mathilde. „Das iſt wahr!“ verſetzte der Moͤnch,„denn ich weiß nur zu gut, woher ſolcher verſtorter Blick, ſol⸗ cher Jammer entſpringt. Wer die Fruͤchte der bittern Reue geſchmeckt hat, weiß auch, welche entſtellende Furchen ſie zuruͤckläßt! Doch, ſo gefallen, wie ich Dich jetzt ſehe, kann ich da hoffen, daß die Kunde, die ich Dir geben will, die ein hochgeſinntes, zu Opfern willfähriges Herz fordert, nicht von Deinem, ihrer unwerthen, Ohre zuruckgewieſen worden?“ „Fuͤrchtet nichts!“ rief Mathilde.„Ich bin nicht geneigt, mein Verbrechen zu entſchuldigen, aber denkt darum nicht, daß irgend ein irdiſches Opfer mir ſchwer fallen duͤrfte! Wuͤßtet ihr mein ungluͤckliches Schick⸗ ſal „Halt!“ fiel ihr der Moͤnch ins Wort.„Ich begehre nicht Dein Vertrauen! Meine Pflicht fordert, Dir das meinige aufzudringen! Warum ſollte ich der traurigen Kunde von Deiner Schuld zuhdren? Ich bin zu alt, eitler Neugier zu frohnen; zu ungluͤcklich, Troſt zu gewähren, zu gering, um Rath zu geben! — Doch laß mich kurz ſein, die Hauptſache ſagen. Ich komme, Dir zu eroffnen, daß Delaval und ſeine großen Guͤter nicht Dein rechtmäßiges Erbe ſind!“ 8* „Willkommene Mittheilung!“ rief Mathilde, de⸗ ren Gedanken auf die Folge verſielen, welche aus die— ſer Entdeckung fuͤr den Scheidungsprozeß entſpringen konnte. „Ich freue mich, von Dir ſolchen Ausruf zu hoͤ⸗ ren!“ fuhr der Monch fort.—„Auf dieſe Art darf ich nur die Außenlinien meiner Kunde mittheilen, und Dir gleich alle Beweiſe der Wahrheit in die Haͤn— de geben. Du biſt ja, ſcheint es, geneigt, ſie dankhar zu empfangen!— Von mir viel zu ſagen, wäre wohl unnothig, ausgenommen, daß ich Mor⸗ timer heiße; daß ich von einer alten katholiſchen Fa— milie Englands abſtamme, deren beſchraͤnkte Lage Ver⸗ anlaſſung gab, mich auf einer auswaͤrtigen Univerſi⸗ tät erziehen zu laſſen. Als ich von dieſer heimkehrte, und keine andere Ausſicht zu meiner Verſorgung vorhan— den war, beſtimmte man mich zum Prieſterſtande. Nichts konnte wohl in dem Maaße mit meinen Geſinnungen minder Uebereinſtimmendes gedacht werden. Doch die Religion ſchloß mich von jeder thaͤtigen, ehrenvollen Laufbahn im Vaterlande aus. Die Liebe zu dieſem hielt mich ab, gegen daſſelbe zu dienen. Familien— ſtolz ließ mich das Maͤkeln eines Kaufmanns verach— ten. Und ſo ſchien hier kein Auskunftsmittel zu blei⸗ ben. Als ich die nothwendige Weihe empfangen hatte, wurde ich nach einiger Zeit als Hausprieſter und Beichtvater im Hauſe Deines Großvaters angeſtellt. Nicht Eitelkeit beſtimmt mich zu der Mittheilung, daß ich bald ein großer Liebling der ganzen Familie ward. Alein! welche verſtorb uͤberin der Bo Summ duß er, tifere Rei fi „ und tr ſein n Genoſſ röthen ner H Brude nig ve lindiſe auf, wurde der H blieb keinen nunge einen mir h er dre ting 1 117„ Allein mit Schaam bekenne ich, daß in der Stellung, welche ich hatte, der ausſchweifende Charakter des verſtorbenen Lord Wakeſield ganz mit dem meinigen bereinſtimmte. Ich war ſein fruͤher Gefaͤhrde. Auf der Bahn der Verſchwendung wurde ich ihm große Summen ſchuldig. Allein nebenbei ſah' ich bald ein, daß er, wo er noch ſo ſinnlos zu verſchwenden ſchien, tiefere Pläne näherte; daß der Ehrgeiz ſelbſt da ſchon Reiz fuͤr ihn hatte.“ „Die ſchwache Geſundheit Deines liebenswuͤrdigen und trefflichen Vaters ſchien ihm Ausſichten zu öfſnen, ſein weites Ziel zu verfolgen, und ich wurde zum Genoſſen auf ſeiner letzten Reiſe gewaͤhlt. Mit Er⸗ roͤthen bekenne ich's, daß ich ein geheimer Spion ſei⸗ ner Handlungen und nur dem Intereſſe des juͤngern Bruders ergeben war!“ „Als der Lord Wakeſield, der mit der Welt we⸗ nig verkehrte, ſich in die ſchone Tochter eines Mai⸗ ländiſchen Hauſes verliebte, bot ich alle Kunſtgriſſe auf, die Verbindung zu hindern. Aber umſonſt. Sie wurde nur im Stillen und heimlich geſchloſſen, denn der Haß der Familie gegen den Lord als Engländer, blieb unuͤberwindlich, ob er ſchon, in dieſem Fall, durch keinen Religionsunterſchied genaͤhrt ward. Die Hofſ⸗ nungen meines Gonners ſchienen durch dieſe Heirath einen tödtlichen Schlag erlitten zu haben. Er ſchrieb mir heftig: daß ich ſeinen Vortheil vernachlaͤßigt hätte; er drohte mir, mich zu verderben, was ihm der Be⸗ trag meiner Schuldverbindlichkeiten zu jeder Zeit leicht * 118 machte. Doch während der Schwangerſchaft Deiner Mutter, erkrankte der Lord Wakefield, der vollkom⸗ men hergeſtellt zu ſein ſchien, plotzlich an einem Fie⸗ ber. Gleich beim erſten Eintreten deſſelben zweifelte man an ſeinem Leben, und nun wurde jenes Teſta⸗ ment gemacht, das Alles, was ihm gehoͤrte, nichts ausgeſchloſſen, ſeinem Sprößling, gleichviel ob maͤnn⸗ lich oder weiblich, zuſicherte. War es ein Mädchen, ſo ging freilich nothwendig der Titel verloren. Die Vormundſchaft wurde der Mutter, wenn ſie leben blieb, und dem Onkel im Falle ihres Todes uͤber⸗ tragen.“ „Kaum hoͤrte der Onkel von ſeines Bruders Tode, als er herbei eilte, ſich zwar verborgen hielt, aber in ſteter Verbindung mit mir blieb, waͤhrend die un⸗ gluͤckliche Wittwe, aus ihrem eignen Hauſe verwieſen, ihrer Entbindung harrte.“ „Doch als zur gehörigen Zeit die arme Roſalie von Zwillingen entbunden wurde, war ich das vom Lord Wakeſield benutzte Werkzeug, wodurch der Um⸗ ſtand, daß ein Knabe lebend zur Welt gekommen war, verborgen blieb. Nur Dich gab ich in die ver⸗ langenden Arme Deiner Mutter.“ „Nicht lange blieb ihr ſelbſt dieſer Troſt. Einige Monate nachher ſank ſie mit gebrochenem Herzen in ein zu fruͤhes Grab und Du bliebſt nun der ausſchließ⸗ lichen Obhut Deines Onkels uͤberlaſſen!“ „Von dieſem Augenblick an nahm er ein ganz an⸗ deres Weſen gegen mich an. Er haßte mich, wie 119 ————————— ² mir duͤnkt, fur die ihm geleiſteten Dienſte. Als ich nach einer Abweſenheit von zwei oder drei Jahren zu⸗ ruͤckkehrte, wollte er von meiner Geſellſchaft gar nichts wiſſen. Er warf mir einen Jahrgehalt aus, machte aber die Bedingung, daß ich in Italien bleibe und darauf ſehe, den rechtmäßigen, einem Bauer zur Erzie⸗ hung uͤbergebenen Erben nicht entdecken zu laſſen.“ „Der Krieg brach aus. Mein Jahrgehalt wurde unregelmaͤßig und am Ende gar nicht mehr ausgezahlt. Nur die Furcht vor der Schande, welche jede Ent⸗ deckung von meinem Antheil an dem Verbrechen be⸗ gleitet haben muͤßte, hinderte mich nach England zu gehn, den Lord mit Vorwuͤrfen zu uͤberhäufen, und das Ganze bekannt zu machen.“ „Doch wenn ich auch dies nicht zu thun wagte, immer konnte ich doch nicht das edle Weſen, das zu ſo ganz anderm Geſchick geboren war, durch gemeine Arbeit herabgewurdigt zu ſehn. Was ich nicht voll⸗ kommen zu entdecken Muth genug hatte, theilte ich doch zum Theil ſeinem Großvater von muͤtterlicher Seite, dem Grafen Santelmo mit, von welchem er mit Freuden anerkannt wurde. „Von wem ſagſt Du?“ rief Mathilde außer ſich. „Vom Grafen Santelmo!“ „Guͤtiger Himmel! Er iſt mein Bruder! So gibt es doch Einen auf Erden, den ich ohne Suͤnde lieben kann!“, „Alſo kennſt Du ihn! Dann eile, ich beſchwore 120 Dich, ihm Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, ihm zuruͤckzugeben, was ihm gebuͤhrt, damit dieſe leere Reue, dieſe nichtigen Klagen, die Jahrelang mein ein⸗ ſames Leben im Kloſter verbitterten, endlich durch wahr⸗ hafte Genugthuung ausgeſohnt werden! Dann darf ich hoſſen, mein Auge in Frieden zu ſchließen. Und gibſt Du ihm freiwillig, was durch die Beweiſe erhaͤrtet, welche ich Dir geben will, die Geſetze bald fordern moͤchten, ſo werden auch Deine Suͤnden ven und Deine Fehler vertilgt werden!“ „Ich hoſſe“ verſicherte Mathilde,„daß ich untet keinen Umſtänden durch Liſt zu behalten wuͤnſche, was mir nicht gehört. Doch in dieſem Falle maaße ich mir nicht einmal das Verdienſt an, ein Opfer zu bringen. In der Lage, worin ich bin, gereicht es mir eher zum Troſte, von der Buͤrde dieſes Erbes be⸗ freit zu werden. Was ich einem Fremden gern zu⸗ ruͤckgeben wuͤrde, werde ich mit Freuden dem entgegen⸗ bringen, deſſen Gluͤck, irre ich mich nicht, bedeutend wachſen wird.“ „Ich habe nur unvollkommen von den unangeneh⸗ men Ereigniſſen ſeines ſpatern Lebens gehoͤrt,“ fuhr der Mönch fort,„und dies trieb mich immer, mich der kummervollen Entdeckung zu entladen. So lange er ruhig das ihm von ſeiner Mutter Seite her zuge⸗ fallene Vermoͤgen genoß, eilte ich weniger mit der Störung, die nothwendig aus der Ruͤckgabe des, was ihm gebuͤhrt, erfolgen muß. Allein ich kann den Ge⸗ danken nicht ertragen, daß er, ein unbekannter Ver⸗ was eh⸗ uhr nich unge uge⸗ der was Ge⸗ zer⸗ — —,— 121 wieſener, herumirrt, da es doch in meiner Macht ſteht, ihm Vaterland und Vermögen zuruͤckzugeben, das ihm durch mich ungerechter Weiſe geraubt ward. Hier leg' ich nun ohne Bedenken die Beweiſe, daß ich Wahr⸗ heit ſprach, in Deine Hände. Du wirſt ſie in die⸗ ſen Briefen finden, die zwiſchen mir und Deinem On⸗ kel gewechſelt wurden. Seine Handſchrift kennſt Du. Ich gebe ſie Dir— nochmals wiederhole ich es— mit dem vollkommenſten Vertrauen. Nach den wenigen Augenblicken, in denen ich Dich ſah, zweifle ich nicht, daß Du den Gebrauch von ihnen machſt, den die Ge⸗ rechtigkeit verlangt. Mein Geluͤbde, mein einſames Leben, wuͤrden mich nicht dazu eignen, ſelbſt die Hand an's Werk zu legen. Waͤren aber noch weitere Nach⸗ weiſungen vonnothen, ſo bin ich alle Morgen um dieſe Stunde zu ſinden!“ Und langſam wanderte er fort, indeſſen Mathilde eilte, die wunderbare Entdeckung dem Lord Ormsby mitzutheilen. Vierzehntes Kapitel. Als der Lord von Mathilden die unerwartete, auffal⸗ lende Kunde bekam, fuͤhlte er das lebhafteſte Verlan⸗ gen, die Sache bis auf den Grund zu erforſchen und wo moͤglich vom Moͤnche noch fernere Beweiſe zu er⸗ halten. Demzufolge beſchloß er, ſich ſelbſt am näch⸗ ſten Morgen an den Ort der ſtattgefundenen Zuſam⸗ menkunft zu begeben, und es gelang ihm hier, noch einige andere handſchriftliche Dokumente vom verſtor⸗ benen Lord Wakeſield zu bekommen, welche der Mönch, zur eignen Rechtfertigung, zuruͤckbehalten hatte. Auch erfuhr er den Namen, den Wohnort des Landmanns in Genua's Nachbarſchaft, auf deſſen Landgute der junge Santelmo in Verborgenheit die erſten Jahre des Kindesalters verlebte, bis er in ſeines Großvaters Fa⸗ milie kam. Selbſt der Prieſter wurde ihm nachge⸗ wieſen, der die geheime Ehe ſeiner Verwandten ein⸗ ſegnete. Er war jetzt Prior in einem Kloſter auf der piemonteſiſchen Seite der Alpen. Endlich gab es noch verſchiedene Familien von Bedeutung, die Mortimer an den Graͤnzen Piemonts und Mailands ehemals ken⸗ nen gelernt hatte, und in deren Nachbarſchaft Santel⸗ inn Nez wan ſein alle Beſ zu tel 2 123 mos Guͤter lagen. Lebten ſie noch, ſo mußten ſie ſich mancher Umſtände erinnern, welche mit der Hei⸗ rath und dem nachher erfolgten Tode der ungluͤcklichen Graͤfin Roſalie verbunden waren. Ormsby hatte Erfahrung genug, daß dieſe und noch mehr Beweismittel vonnöthen ſein wuͤrden, jene innere Ueberzeugung, die ihm aus Mortimers Kun⸗ de zu Theil ward, in die vor Gericht nothige zu wandeln, welche dem Graf Santelmo allein von Nutzen ſein konnte. Die Liebe zur Gerechtigkeit, welche unſer Lord in ſo hohem Grade beſaß, wuͤrde ihn veranlaßt haben, alle Muͤhe und Sorge gering zu achten, die mit dem Beſtreben einem benachtheiligten Manne ſein Erbtheil zu ſichern, verbunden waren, ſobald ihm nur das Schickſal die Mittel anvertraut zu haben ſchien, mit⸗ telſt derer dies zu erzielen blieb. Allein auch andere Triebfedern hatten einen Antheil hierbei. Es ſchritt der Baron Dornton ſehr langſam zur Eheſcheidung und zwar aus dem ſchmutzigen Grunde: aus einigen Speculationen, die er mit den Delaval⸗ ſchen Guͤtern gemacht hatte, ſeinen Gewinn zu ziehen, ehe er genöthigt war, ſie zuruͤckzugeben. Nun ſchien es zwar keinem Zweifel unterworfen, daß, da die Ent⸗ fuͤhrung allgemein bekannt war, auch die Scheidung früͤher oder ſpäter erfolgen mußte. Allein Ormsby lag ungemein viel daran, daß ſie bald und nicht ſpaͤt zu Stande kam. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, ſie nicht verwirklicht zu ſehen, wenn das — 124 Kind, mit dem Mathilde ſchwanger ging, geboren war, und dies mußte in einigen Monaten die Welt erblik⸗ ken. Mit Schrecken dachte er daran, daß ſo ein ewi⸗ ger Stein des Vorwurfs mitten in ſeiner Familie fort⸗ gepflanzt werden, ſein erſtes, ſein liebſtes Kind viel— leicht ein Baſtard, und von den ſpäter erzeugten verdraͤngt ſein ſollte! Von ſeinem Bruder, juͤnger dem Alter, groͤßer dem Range nach! Von dieſem Gedanken ergriffen, den ſein zartfuͤh⸗ lendes Herz und der Familienſtolz noch peinlicher zu machen ſich vereinten, ſah er auch, daß nur der Anſpruch eines Andern auf die Guͤter des Delaval⸗ ſchen Hauſes dargethan werden durfte, um die Schei— dung im hoͤchſten Grade zu beſchleunigen. Sollte aber das Recht des Grafen ſchnell ins Licht geſetzt ſein, ſo mußte er perſoͤnlich ſelbſt ohne Verweilen einſchreiten, und alle Beweiſe ſammeln, welche der Moͤnch ihm noch angedeutet hatte. Dies vollkommen fuͤhlend konnte er ſich doch nicht entſchließen, Mathilden in ihrer jetzigen Lage zu ver⸗ laſſen. Sie mußte allen ihren Einfluß aufbieten, alle Beweggruͤnde, die ihre uneigennuͤtzige Sinnesart als die beſten bezeichnete, geltend machen, um ihn zu dieſem Entſchluß zu ſtimmen. „Ich haͤtte,“ ſprach ſie,„bisher niemals geglaubt, daß unter irgend einigen Umſtänden mir der Gedanke an Deine Entfernung erträglich ſein koͤnnte, noch we⸗ niger glaubte ich je, Dich dazu treiben zu koͤnnen. Doch es iſt jetzt Zeit, alle ſelbſtſuͤchtigen Wuͤnſche aufß recht thu rer ufi diger der Alle ſiche dau wal laß dem gan lir doe mie gen gen nen bli we wi de gel geſ die A, — 125 aufzugeben. Es gibt Menſchen, denen wir großes Un⸗ recht thaten, und denen wir endlich eine ſpaͤte Genug⸗ thuung ſchuldig ſind! Denke nur daß wir, unſe⸗ rer Leidenſchaft frohnend, uns nicht allein Nachtheil zufuͤgen. Deiner trefflichen Mutter, Deiner unſchul⸗ digen Emilie, haben wir Schande und Kummer ſtatt der Freude bereitet, die ihre Zärtlichkeit verdiente. Allein noch ſteht es in unſerer Macht, ihr Gluͤck zu ſichern. Oft hab' ich gegen Dich die Neigung be— dauert, welche zwiſchen Emilien und Santelmo ob— waltet und bei ſeiner Lage ohne Hofſnung iſt. So laß uns keinen Augenblick verlieren, das Einzige aus dem Wege zu raͤumen, was die Vereinigung zweier, ganz fuͤr einander geſchaſſener, Weſen hindern kann.“ „Dir duͤrfte ſo ein Ziel nicht mehr am Herzen liegen, als mir ſelbſt!“ entgegnete Ormsby.„Allein doch iſt damit nicht ſo große Eile verbunden, daß ſie mich deswegen von Dir losreißt. Sie ſind einander gewiß. Was ſoll alſo ihrer Vereinigung zur gehöri⸗ gen Zeit im Wege ſtehn?“ „Ach Ormsby,“ antwortete Mathilde,„wir koͤn⸗ nen am wenigſten gegen die Gefahren der Zögerung blind ſein. Haͤtten nicht Hinderniſſe in der Außen— welt uns von einander getrennt, wie ganz anders waͤre dann unſere Lage jetzt! Und wenn Emilie nicht den boͤſen Raͤnken preißgegeben iſt, die uns zu trennen, geltend gemacht wurden, ſo mußt Du nur nicht ver— geſſen, daß Santelmos Lage hoſſnungsloſer iſt, als je die Deinige; ein Verbannter, der auf der Erde her⸗ — um irren muß, ohne daß ihn Vaterland oder Familie kettet! Mit einem traurigen Herzen, vom Gefuͤhl des Unrechts beſtuͤrmt, das ihn anerl oder lang zu ei⸗ ner verzweifelten Unternehmung hinreißen kann! Soll⸗ ten wir alſo nur einen Augenblick verlieren, ihn vor dem drohenden Untergang zu bewahren, ihn in jenes gluͤckliche Verhaͤltniß zur Geſellſchaft zu ſetzen, das ihm mit Recht gebuͤhrt, in welchem ſeine Liebe zur Freiheit ein weites, aber friedliches Feld entdeckt, ſeine Kraͤfte zu uͤben, indeſſen ſeine zärtlichern Gefuͤhle volle Erwiederung ſinden?“ Durch ſolche Beweggruͤnde und vom eignen Wunſch beſtuͤrmt, kein Mittel unverſucht zu laſſen, die Scheidung ſo ſchnell als möglich zu betreiben, gab Ormsby zu, daß er ſich, käme es auch wie es wolle, bemuͤhen muͤſſe, alle nöthigen Beweiſe von der Geburt ihres Bruders herbei zu ſchaſſen. Beiden leuchtete aber auch ein, daß ſie jetzt nicht im Stande war, ihn auf einer langen und beſchwerlichen Reiſe zu begleiten, daß eine kurze Trennung nöthig ſei. Allein in Nea⸗ pel zuruͤckzubleiben, behagte ihr indeſſen keinesweges. Der unaufhörliche Lärm, das uͤbermäßige Toben hier, ſagte ihrer jetzigen Stimmung am wenigſten zu. Den ruhigſten Aufenthalt ſchien ſie in Nizza zu ſinden. Hier konnte ſie ſeine Ruͤckkehr abwarten, und da ſich zu⸗ fällig gleich eine Gelegenheit, zur See hinzukommen, vorfand, ſo benutzten ſie ſie mit voller Freude⸗ Mathilde verließ das ſtolze Neapel nicht nur ohne Bedauern, ſondern ſelbſt mit Widerwillen, wenn ſie an ſt ihr hatt ( in ei Pilla verm Sch geſch Wa aus richt ju glou Bor dar St vor Ma eine mo ihr me * lich wie Rö ilie an ſo manche Unannehmlichkeiten dachte, denen ſie der, ihr ſo wenig zuſegende Aufenthalt hier preißgegeben hatte. ol⸗ Bevor Ormsby von Nizza abreiſte, wurde Mathilde vor in einer kleinen, einſamen, ohnfern der Stadt liegenden ne Villa eingemiethet. Beide wuͤnſchten die einmal un— das vermeidliche Trennung nun nicht länger zu verſchieben. zur Schon hatte der Lord an ſeinen Geſchaftstraͤger in London eine geſchrieben, und die Copien von des verſtorbenen Lord volle Wakeſields Briefen beigelegt und Aufſchluͤſſe uͤber die dar— aus hervorgehenden Entdeckungen gegeben. Er benach⸗ un richtigte ihn ſogleich von den uͤbrigen Beweiſen, welche er ſen, zu ſammeln im Begriſſe ſtehe. Nicht ohne Hoffnung gob glaubte er, daß alle dieſe Umſtaͤnde, den Rathgebern des olle, Baron Dornton auf eine feine Art beigebracht, dieſen burt darauf denken laſſen wuͤrden, die Scheidung, ſeinen htrte Stand zu ſchonen, fruͤher Statt finden zu laſſen, be— ihn vor dieſe Verhaͤltniſſe kund wuͤrden, und es dann den iten, Schein gewonne, als beſtimme ihn der Verluſt von Ne⸗ Mathildens Vermoͤgen dazu. ge. Ormsby verabredete mit Mathilden, daß er in hier, einer Felucke nach Genua und von da nach Santel⸗ Den mos Guͤtern reiſen wollte, um hier die Beweiſe von Hir ihrer Mutter Heirath und der Swillingsgeburt zu ſam⸗ — was ihm, nach Mortimers Anleitung, wohl moͤg⸗ mn, lich war. Dann wollte er, wenn es anging, ehe er ube. wieder nach Nizza kam, Santelmo ſelbſt ſehn. ehne Zu ſagen, weſſen Schmerz bei der Trennung am ſe großten war, wuͤrde ſchwer geworden ſein. Allein wer von . — — 128 beiden demſelben am längſten preißgegeben blieb, konnte minder zweifelhaft bleiben. Ein doppelt hartes Loos triſſt bei jeder Trennung den Zuruͤckbleibenden. Die immer neuen Gegenſtaͤnde arbeiten bei dem einen Theile unwiderſtehlich derauf hin, den Schmerz geſchieden zu ſein, zu mindern, zu vertilgen. Die immer ſich gleichbleibende Umgebung, das ſtete Einerlei aller Gegenſtaͤnde ringsherum, dienen bei dem andern nur dazu, das Bild des Geſchiedenen, der uns allein auf Erden theuer iſt, zu erhalten, zu be⸗ leben!. Doch in Mathildens Lage gab es immer noch ei⸗ nige Umſtaͤnde, welche ihre immerwachſende Unruhe uͤber Ormsbys Abweſenheit mehrten. Umſonſt ſuchte ſie ihr ſtetes Sinnen durch den Genuß zu zerſtreuen, den ihr die ſchoͤne Natur bot. Ihr Herz war fuͤr dieſe ſtets beſonders empfaͤnglich, und in dieſer Gegend gab es viele Abwechſelung, ſelbſt wenn ſie nur einen einſamen Spaziergang machte. Aber der Gedanke an Ormsby's Entfernung erfullte ihre ganze Seele.„Er hat mich verlaſſen und ich bin allein!“ ſagte ſie ſich nur immer, und jeder Verſuch, di orſtellung zu vertreiben, blieb umſonſt.„Wie iſt meine Lage von der eines tugendhaft eibes! Sie mag mit zärtlicher Liebe die kurze Abweſenheit des Gatten bedauern. Doch troſtet ſie ſich mit dem Be⸗ wußtſein ihre häuslichen Pflichten zu erfuͤllen, und mit Gewißheit ſieht ſie ſeiner Ruͤckkehr entgegen. Welches Recht habe ich, mich mit ſolcher Sicherheit zu tro⸗ ſen? Umar füͤr, iſt? mich ihn d ſine legun zu be ich b ſen? eine berbe werde mein licht der nnte oo en dem nerz Die ei⸗ tuhe chte Uen, für gend einen ean „Er ſch „ n iſt Sie des — ſten? Wahr iſt es, er verließ mich mit der langen Umarmung gluͤhender Liebe, aber wer buͤrgt mir da— fuͤr, daß ſeine Zärtlichkeit bei der Ruͤckkehr dieſelbe iſt? Verlaſſen wird er mich nie: dieſe Furcht peinigt mich nicht. Sein gutes Herz, ſein Ehrgefuͤhl wird ihn davon abhalten. Doch hab' ich nicht Urſache, ſeine Entfernung zu fuͤrchten? Kann nicht die Ueber⸗ legung ſich verſchworen, das Trugbild der Leidenſchaft zu beſeitigen? Wird er dann nicht in mir ſehen, was ich bin: ein armes, gefallenes, ſchuldbeflecktes We⸗ ſen? Umſonſt wuͤrde ſein Zartgefuͤhl ſich abmuͤhen, eine ſolche Folge unſerer ungluͤcklichen Trennung zu verbergen. Schnell wie der Blitz, wuͤrde ich gewahr werden, daß er mich minder liebte, und das waͤre mein Tod. Doch— wuͤrde meine Furcht verwirk⸗ licht, ſo bleibt mir doch die Hofſnung, daß mir der Schmerz der Ueberzeugung davon erſpart werde!“ —————————— 1. 9 Funfzehntes Kapitel. Ein ſonderbar wehmuͤthiges Gefuͤhl entſteht, wenn man im fremden Lande einen engliſchen Begraͤbnißplatz beſucht. Hier ſieht man ſo manche, deren Lauf⸗ bahn plötzlich mitten auf ihrer Luſtreiſe abgeſchnitten wurde: die beſte Erlaͤuterung, wie ungewiß unſere ganze Pilgerfahrt auf Erden iſt! Und nun die ganze Reihe der Todten, die einſt voller Jugend und Hoff⸗ nung hier ein Aſyl gegen den Ausgang einer heimtuͤcki⸗ ſchen Krankheit ſuchten*)! Da zeigt ſich, wie nichtig alle Anſtrengungen ſind, dem Willen eines höhern Weſens zu entgehen. Die Vernunft tritt dem Ge⸗ danken entgegen, daß der edlere Theil des Menſchen, ſeines Fleiſches entkleidet, welches um das Leben ge⸗ blaſſen werde, 5 webt iſt, daß der freie Geiſt ſich he einen Blick auf den Punkt der Erde thun, wo der Staub zum Staube kehrt. Aber unſere ſchwache, un⸗ vollkommene Natur kann ſich oft noch im letzten Au⸗ *) Die Schwindſucht. In Nizza, im ſüdlichen Frankreich, ſuchen die reichen Engländer dieſer zu entgehen, ſobald ſich Spuren davon zeigen. D. ueb. wenn ißplatz Auf⸗ hnitten unſere ganze ntück⸗ nichtig höhern Gl⸗ ſſchen, n ge⸗ werde, wo der e, un⸗ n Au⸗ ſuchen Syuren eb. 131 genblick der Sorge uͤber die Beſtattung der Ueberreſte nicht erwehren. Selbſt die Edelſten, die Beſten ha⸗ ben bekanntlich dieſer Schwaͤche nachgegeben. Der Wunſch, daß wir bei unſern Vaͤtern ruhen möͤchten, iſt ſo allgemein, daß wir eben darum den Fremden— kirchhof, wo unſere Landsleute liegen, nicht ohne eine Art Mitleid beſuchen koͤnnen, wie wenn ſie zu einer ewigen Verbannung verurtheilt waͤren! Mathildens Stimmung verleitete ſie, traurige Ein⸗ druͤcke eher zu ſuchen, als zu meiden. Oft war ſie auf den engliſchen Kirchhof gegangen. Ein Gefuͤhl, daß ſie der Welt ſo fremd ſei, wie Alle, die rings⸗ herum ruhten, beherrſchte ſie, wenn ſie die in Stein gehauenen Beweiſe der Achtung von der Welt, von der ſie vergeſſen war, die Lobſpruͤche fuͤr erfullte Pflicht las, welche ſie verſäͤumt hatte! Auf einem dieſer traurigen Spaziergaͤnge begegnete ſie ziemlich unvermuthet einer engliſchen Dame in tie⸗ fer Trauer, welche im Vorbeigehn ſich Muͤhe zu geben ſchien, ob ſie Mathilden erkennen könne. Auch dieſe erinnerte ſich ihrer Zuͤge, ohne aber gleich auf ihren Namen zu fallen. Die Dame war jung, nicht regel— mäßig ſchon, aber freundlich, obſchon bekuͤmmert und ungewöhnlich roth. Als ſie voruͤber war, erinnerte ſich Mathilde plotzlich, wer ſie war, wo ſie dieſelbe ge⸗ ſehn hatte. „Es iſt Madame Sydney!“ ſagte ſie zu ſich. „Ich kam mit ihr ein Jahr vor meiner Heirath zu⸗ ſammen. Sie geſiel mir damals ſo außerordentlich, 9* 132 obſchon mein Onkel, wegen ihrer truͤben Stimmung, behauptete, daß ſie in Geſellſchaften unerträglich ſei. Immer galt ſie als Muſter jeder Tugend. Selbſt damals hatte ich ſchon eine Scheu vor ihr. Und jetzt muß ich taͤglich ihrem tadelnden Blicke preißgegeben ſein! Ich hatte nur den einen Troſt noch: hier min⸗ deſtens vollkommen unbekannt, in meiner Einſamkeit ungeſtort ſein zu koͤnnen!“ Dieſe und andere aͤhnliche Gedanken hatten ſie, als ſie am andern Morgen wieder ſpazieren ging, mehr herabgeſtimmt, als gewöhnlich. Das erſchöpfte Herz ſuchte ſich in Thraͤnen zu erleichtern. Da ward ſie ſanft am Arm ergrifſen, ſie ſah ſich um und erblickte Madame Sydney, die freundlich zu ihr ſprach: „Wir ſind hier die einzigen mit einander bekann⸗ ten Weſen, Lady Mathilde. Es waͤre hart, wenn wir uns nicht bemuͤhten, gegenſeitig unſern Kummer zu theilen und zu mildern!“ S Anfangs war Mathilde von der unerwarteten und ungewohnten freundlichen Anrede ſo uͤberwältigt, daß ſie kaum jene Antwort zu geben wußte, die ſie dem Weibe ſchuldig glaubte. Von ihr bemerkt zu werden, ſchien blos Folge der Unbekanntſchaft mit ih⸗ rer gegenwärtigen Lage zu ſein. Endlich entgeg— nete ſie: „Als wir uns das letztemal ſahen, war ich es nicht werth, von einem ſo edeln Weibe bemerkt zu werden, wie Sie ſind. Wie unendlich weniger ich es . iel gebe Lſſ und Lag deſſ für Wi ſelle Si mung, h ſi. Selbſt d jeßzt egeben min⸗ mkeit e, als mehr Her d ſe blickte ekann⸗ wenn unmet teten iltigt, die ſie rkt zu nit ih⸗ entgeg⸗ ich es kt zu ich e ———— 133 ſeitdem geworden bin, kann Ihre Herzensguͤte, falls Sie nicht ſchon davon gehört haben, wohl nicht ahnen!“ „Was ich gehort habe— was ich jetzt ſehe, iſt: Sie ſind ungluͤcklich. Und weiter zieh' ich nichts in Betracht. Es kann ja fuͤr eine, die gleich mir ſo viel Schmerz im Leben erfuhr, kein innigeres Band geben, als das des Ungluͤcks!“ „Und doch— Sie wiſſen gewiß nicht Alles! Laſſen Sie ſich erbitten, das Schlimmſte zu glauben, und erſparen Sie mir den Schmerz meine jetzige Lage zu ſchildern! Es iſt unmöglich, daß ein Weib, deſſen Begrifſe— vergeben Sie, wenn ich ſo ſpreche! — unſern jetzigen geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen nach, fuͤr zu ſtreng und ernſt gehalten wurden, mit vollem Wiſſen ſich einer Verworfenen, wie ich bin, zuge⸗ ſellen ſollte! Ihr fleckenloſer Ruf leidet ſchon, wenn Sie mein verpeſtender Arm beruͤhrt!“ „Deshalb bin ich unbeſorgt!— Die Mode beſtimmte mich nie, mich vor dem triumphirenden Laſter zu beugen. Aber die Welt und ihr unbeſtaͤndiges Ur⸗ theil ſoll mich auch nie verleiten, mich einem Weibe zu entziehen, dem ich nuͤtztich ſein kann! Mögen Sie eine Suͤnderin ſein! Verhaͤrtet ſind Sie gewiß nicht!“ Sie druͤckte, indem ſie dies ſprach, Mathildens Hand zaͤrtlich und ſah ihr freundlich ins Auge, indem ſie ſie durch eine kleine Pforte in den zu ihrem Land⸗ hauſe gehorigen Garten fuͤhrte. „Find' ich denn wirklich eine Freundin? Und —————— ———— 134 eine ſolche Freundin!“ rief Machilde ergriffen, in— dem ſie den Druck ihrer Hand erwiederte. „Glauben Sie nicht,“ bemerkte jene,„daß ich etwa keck genug waͤre, ohne Grund der Welt zu trotzen, weil ich mich ſo veraͤchtlich uͤber das gerechte Urtheil derſelben ausſpreche, wo es gilt, eine Pflicht zu uͤben. Aber ich bin auf die haͤrteſte Probe geſtellt worden, welche dem Weibe aufgelegt werden kann und glaube, ſelbſt die vielzuͤngige Laͤſterſucht hat mich nie des Leichtſinns beſchuldigt!“ „Gewiß nicht!“ verſicherte Mathilde.„Ihr Le— ben ward ſtets als untadelhaft zum Beiſpiel aufgeſtellt, und das ſelbſt von ſolchen, deſſen Lob nicht ohne ei— nen Anſtrich von Spoͤtterei blieb.“ „Und alſo kann ich jetzt nicht durch zu große Sorge fuͤr meinen Ruf abgehalten werden, Ihnen Troſt zu geben, nuͤtzlich zu werden. Ihr Sinn fuͤr Recht und Pflicht iſt ſicher noch nicht abgeſtorben, und daher fällt es mir nicht ein, noch anzuſtehn, zei⸗ tig Ihre Reue zu erregen. Denn ich habe bereits Alles verlohren, was das Leben ſchaͤtzenswerth machen kann. Ich ſehe, ohne es zu bedauern, voraus, daß ich nur noch einen Augenblick am Rande des Grabes zu weilen habe!“ Mathilde erſchrak bei ſer Aeußerung. „Es iſt nur zu gewiß!“ fuhr die neue Freundin ruhig fort und zeigte auf die Bruſt.„Ich fuͤhle es hier nur zu ſehr, und Sie können es hier wahr⸗ nehmen!“ Sie machte die glänzende Röthe der —————— Wo Bluͤ ndin es ahr⸗ der . 8 Wange bemerklich, die, bei näherer Prüfung, nicht fuͤr Bluͤthe der Geſundheit zu nehmen war. Mathilde ſeufzte, ſie konnte die Gefahr, welche der Edeln drohte, nicht verkennen. „Aber auch zu wahr iſt es,“ ſetzte dieſe noch hin⸗ zu,„daß ich nicht Urſache habe, es zu bereuen. Das einzige Band, welches der Tod noch nicht auflößte, hat Gefuͤhlloſigkeit zerriſſen und vernichtet!“ „So ſind Sie in Ihrer Ehe ungluͤcklich geweſen?“ ſiel Mathilde ein.„Sie wurden mit Jemandem ver⸗ bunden, der nicht zu Ihnen ſtimmte?“ „Im Gegentheil! Wenn wir den Trugbildern der Leidenſchaft folgen, entſpringt oft ſo viel Jammer, als wo nur weltliche Ruͤckſicht genommen wird. Meine Che ſchloß die Liebe. Mein Gatte hatte Alles, was ein junges unerfahrnes Maͤdchen feſſeln kann. Doch als Mann war er darum doch nicht achtungswerth. Sein Muth widerſtand nicht den immerwachſenden Bedrängniſſen eines zugemeſſenen Einkommens, und ſeine Eitelkeit konnte nicht den Raͤnken einer der ge⸗ wandteſten unſers Geſchlechts widerſtehen. Er verließ mich, einer reichern und ſchönern zu huldigen. Seit⸗ dem hat mich mancher grauſame Verluſt in meiner Fa⸗ milie zur Erbin gemacht, und was ich dadurch erhielt, ſtellte ich, dem groͤßten Theile nach, zu ſeiner Verfuͤ⸗ gung. Doch ſehne ich mich nicht mehr nach ſeinem Umgange. Zaͤrtlich meiner Familie zugethan, genoß ich einige Zeit den ſuͤßen Troſt, auch von ihr wieder geliebt zu werden. Allein eines nach dem andern, je⸗ der, der mir das Leben lieb machte, iſt dahin. Ich blieb allein in der Welt! Ach, Lady Mathilde, unter den mancherlei Truͤbſalen, denen die menſchliche Natur preißgegeben iſt, iebt es wohl wenig größere, als wenn man ſo alle ſeine nächſten und theuerſten Freunde als Opfer der grauſamen Krankheit fallen ſieht, die in unſerm Körper unter dem Schimmer von Wohlſein und Schoͤnheit herumſchleicht, und am lieb— ſten ihre Opfer unter ſolchen wählt, denen Jugend und glänzende Hoffnung das Leben beſonders ſchätzbar machen. Ich ſtamme aus einer Familie, wo die Schwindſucht erblich iſt. Von einer trefflichen Mut— ter ward ſie auf uns uͤbergetragen, fruͤh verlohren wir ſie— bald nachher den Vater, der bei der Armee ſtand, und im Anfang des franzoſiſchen Kriegs um— kam. Wir alle ſahen voll Liebe und Achtung auf un⸗ ſern Bruder, als den Schutz des Hauſes. Er war ein ſchöner, muthiger, lebhafter Juͤngling mit feurigem Herzen, wie es bei dieſer Krankheit eine nicht ungewöhnliche Erſcheinung iſt. Mitten im vertrauungs⸗ vollen Verfolg kuͤnftiger Plaͤne fuͤr uns und ſich ſiel er, wieder ein Opfer dieſer Krankheit, faſt ohne es zu wiſſen. Doch wozu weiter hiervon ſprechen? Meine letzte, liebſte Schweſter, mir im Alter am naͤchſten, ſtand auf demſelben Orte, wo Sie jetzt ſind, es ſind noch nicht zwei Monate her, und hoffte noch, nach England heimkehren zu köͤnnen. Geſtern, wie ich Ihnen begegnete, hatte ich eben an ihrem Grabe geweint!“ Sel Es gen! woð ich e hoſſ auch woh daß ler Sie den in ret kan Sy wur fih mer na zeic net wit we Fr Wa h m Madame Sydney hielt inne, um ſich zu erholen. Es dauerte einige Zeit, dann fuhr ſie fort? „Sie werden vielleicht glauben, daß mich der Selbſtvortheil veranlaßt, mich Ihnen aufzudrin⸗ gen? In meiner Einſamkeit, dem Tode ſo nahe— was gilt mir da die Welt und ihre Vorurtheile, wenn ich eine Freundin finden kann? Indeſſen ſo ſehr ich hoſſe, bei Ihnen Beiſtand zu ſinden, ſo ſehr hoffe ich auch im Stande zu ſein, Ihnen einigen Troſt zu ge⸗ währen. Vergeben Sie mir, Theure, wenn ich ſage, daß ich die Zeugen Ihrer Reue uͤber begangene Feh⸗ ler herzlich willkommen heiße, denn ich hoſſe, daß Sie dadurch Ihren Sinn auf jene Quelle richten wer⸗ den, die mir wahren, ſteten, und den einzigen Troſt in meinen Leiden gab, aus der allein Huͤlfe fuͤr Ih— ren Kummer, Segen fuͤr Ihre Reue entſprießen kann.“ Seit dieſem Tage waren Mathilde und Madame Sydney unzertrennliche Freundinnen. Unſere Heldin wurde keinesweges durch den Umgang mit einer Ge— fahrtin verſtimmt, welche ſo viel Urſache zum Kum⸗ mer hatte. Im Gegentheil gelang es ihr, nach und nach jene ruhige Faſſung zu ſinden, die ein ausge— zeichneter Zug ihrer Freundin war. Ihr Herz öſſ⸗ nete ſich wieder den Schoͤnheiten der Naturz ſie fuͤhlte wieder Luſt, Bleiſtift und Zeichnenbuch vorzunehmen, wenn die eigne Stimmung und die Schwaͤche ihrer Freundin ſie auf dem Spaziergange eine Pauſe zu machen nothigten. — 138 Waͤhrend deſſen gereichte es ihr auch zur Echei— terung, daß ſie immer von Ormsby die beſten Nach⸗ richten von ſeinen Forſchungen nach Santelmo be⸗ kam. Sie erfuhr zugleich, daß der Scheidungsprozeß begonnen habe, und ohne Aufſchub fortſchreite. Sechszehntes Kapitel. Ormsby's Abweſenheit hatte ſich aber unerwarteter Weiſe verzoͤgert, weil das Herbeiſchaſſen der ofſenba— ren Beweiſe von Santelmo's Geburt aus ſo verſchie⸗ denen Orten und in einem fremden Lande, die Aner⸗ kennung ſeiner Perſon in den verſchiedenen Perioden des kindlichen Alters viel Schwierigkeiten fand. End⸗ lich bekam Mathilde von ihm die frohe Kunde, daß ſeine uneigennuͤtzigen Bemuͤhungen zum gluͤcklichen Ende gediehen ſeien; daß die aufgebrachten Beweiſe in keinem Gerichtshofe Widerſpruch finden koͤnnten. Er meldete noch, wie er, um auf die ſchnellſte Art zu— ruͤckzukommen, in Genua eine Felucke nehmen und ſo die unausſprechliche Freude haben werde, ſie gleich unmittelbar den Tag nach Eingang dieſes Briefes zu umarmen. Zum Schluſſe wuͤnſchte er ſich noch Gluͤck. Von England war ihm die Kunde geworden, wie des Baron Antrag auf Scheidung bereits in beiden Kammern durchgegangen ſei, und er alſo gleich nach der Ruͤckkehr die Erlaubniß habe, ſie unwiderſprechlich ganz ſein zu nennen. „Ich weiß,“ machte Madame Sydney bei dieſer 140 Nachricht ihrer Freundin bemerklich,„daß manche achtbare Leute große Zweifel uͤber das Schickliche ſolcher Ehen erregen. Meiner geringen Meinung nach aber wäre es doch gegen die wohlwollenden Vor⸗ ſchriften unſerer Religion, wollte ihnen jemand die Gelegenheit rauben, aus einem ſtrafbaren Verhältniſſe herauszutreten. Ich habe ja manche gekannt, die aus demſelbem kamen, und als Weiber, als Muͤtter untadelhaft waren. Was Sie beſonders betrifſt, hoffe ich ganz gewiß, daß Ihre Einſamkeit, in Reue ver⸗ lebt, Ihr Herz gelaͤutert hat, und Sie ſo gewiß be— reitet ſind, die neuen Pflichten zu uͤbernehmen!“ Mathilde neigte demuͤthig das Haupt- Am Morgen des folgenden Tages, wo Ormsby erwartet wurde, war es ſehr ſchoͤn und heiter; es zeigte ſich ein ungewohnlicher Aufſchwung der Natur, wel— cher in jenem herrlichen Himmelsſtriche die Rechnung die Kalenders zu Spott macht, und mitten im Win⸗ ter in den Genuß des Sommers wiegt. Mathilde hatte die Freundin beredet, bis auf den aͤußerſten Rand der Terraſſe zu gehen, welche die Ausſicht auf die See hatte. Hier heftete ſie auf den heitern, glänzenden Horizont lange das Auge, und bemuͤhte ſich, den erſten Schein des erſehnten Fahrzeuges zu erſpähen. Doch auf der ganzen weiten Waſſerfläche war auch nicht eine weiße Welle zu ſehn, die nur ei⸗ nen Augenblick fuͤr ein ſchimmerndes Segel gelten konnte. Noch war es fruͤh und die freundlichen Worte der Madame Sydney, ihre Ungeduld zu be⸗ ſan ef —— ſchwichtigen, blieben nicht ganz ohne Erfolg. Doch Stunde verging auf Stunde, und nech kam er im⸗ mer nicht. Endlich verbarg ſich die Sonne, die ſo lange auf der kräuſelnden Flaͤche geſpielt hatte, um nur noch auf den ſchneiigen Spitzen der Alpen hinter ihnen zu glaͤn⸗ zen und der Huſten der Madame Sydney, von der kuͤhlen Luft reger geworden, erinnerte Mathilden, wie nachtheilig es ſei, wenn ſie der ſelbſtſuͤchtigen Freude zu Gefallen, ſie länger zuruͤckhielt. Sie beſtand dar⸗ auf, daß Madame Sydney unmittelbar heim gehe und ſie verlaſſe. Natuͤrlich aber wuchs r Ungeduld, ſobald die Freundin fort war. „Der Wind geht ſo guͤnſtig,“ dachte ſie.„Er koͤnnte laͤngſt hier ſein.“ Kaum hatte ſie es fuͤr ſich geſprochen, als ſie zu⸗ ſammenfuhr. Es echob ſich ein Wind. Er trieb das gefallene Laub und fuͤhrte es, wirbelnd, in bedeuten⸗ de Ferne hin. Bei ihrer jetzigen Nervenſchwaͤche konnte auch ſo ein kleiner Umſtand einen Augenblick das Ge⸗ fuͤhl gluͤcklich zu ſein durchkreuzen, das ſie ſchon öf⸗ ters zu unterdruͤcken bemuͤht geweſen war, ob ihr gleich das Gewiſſen ſagte, wie alle Freude, die ſie bereits fuͤhle, verboten und ſtrafbar ſei. Doch die unvermu⸗ thete Bewegung der Luft hoͤrte auf, und damit ent⸗ floh auch ihre vorubergehende Bangigkeit. Noch hing ſie der unerſchutterlichen Hoffnung nach, bald den Er⸗ warteten zu ſehn. —————————— 142 Immer neugierig, ganz dieſe Freude zu genießen, und ſich allein uͤberlaſſen, ſuchte ſie das fernſte Vor⸗ gebirge auf, von wo aus ſie das Meer, in der Richtung woher er kommen mußte, noch weiter uͤberſchauen konnte. Endlich kam ſie auf die Hoͤhe. Wild und weit genug nahm ſich die Flaͤche aus, die vor ihr lag, aber ganz anders als ſie gehofſt hatte. Nur wer die furchtbare Art, wie, ohne da⸗ min⸗ deſte Vorzeichen naher Gefahr, im Mittellaͤndiſchen Meere ſich ſchreckliche Stuͤrme mit einem Male erhe⸗ ben, aus Erfahrung kennt, kann ſich eine gehorige Vorſtellung von der faſt wunderbaren Veränderung machen, welche jetzt in allen Dingen ringsherum ent— ſtand, von den Schreckniſſen, die ſich immer mehr und mehr haͤuften, und dem ängſtlichen Auge Ma⸗ thildens ſo unvermuthet entgegentraten. Dicke Wolken zogen daher und ſammelten ſich auf allen Seiten. Die letzten Strahlen der Abendſonne kaͤmpften dagegen an, und machten ihre Finſterniß, ihre Schwaͤrze noch auffallender, denn umſonſt ſtrebten ſie durch das immer zunehmende Dunkel zu dringen⸗ Als ſie den ſo begierig aufgeſuchten Felſen erſtie⸗ gen hatte, ließ ſich kaum noch die große Waſſer⸗ flaͤche entdecken. Nicht wie eine Stunde vorher, kräuſelten ſich die glatten Wellen; jetzt wälzten ſie ihre Haͤupter daher, als wollten ſie den vom Himmel herabſinkenden Wolken entgegen. Einen Au⸗ genblick ſtand Mathilde wie eingewurzelt. Der Sturm tobte auf dieſem Felſen mit beſonderer Wuth, doch . 1 ſie! ihre dert Hoff unbe hohle Ohr. endli war See dem gni leic auf die pu ein wel ten, Bot⸗ ung uen und lag, nin⸗ chen che⸗ rige ung ent⸗ nehr No⸗ auf onne niß, bten ſtie⸗ ſſer⸗ ther, ten vom turm doch 143 ſie ruͤhrte er nicht. Ein kalter Schauer lief durch ihre Adern. So ſchnell Alles ringsherum ſich verän⸗ dert hatte, ſo ſchnell wandelten ſich auch die ſuͤßen Hoffnungen, mit ſo viel Vertrauen genährt, in eine unbeſiegbare Ahnung kommenden Ungluͤcks. Das ferne hohle Rollen des Donners drang wie Todesruf in ihr Ohr. Sie legte die Hand auf ihre Bruſt und eilte endlich wild nach dem Ufer hinad. Ganz bewußtlos war ſie; nicht fuͤhlte ſie vor dem Sturme in ihrer Seele, was der Koͤrper litt. Ohne auf die Zeit zu achten, wanderte ſie an dem traurigen Geſtade auf und ab. Nur weil ihre Angſt fuͤr ihn ſtieg, in dem ihr ganzes Weſen aufging, fuͤhlte ſie den Regen, der ihr leichtes Gewand durchnaͤßte. Nur weil der freie Blick auf den gränzenloſen Ozean gehemmt war, ſah ſie die Fluth, die immer gegen ihre zarten Glieder herauf⸗ ſpritzt. — Doch endlich tauchte aus der Finſterniß vor ihr ein fluͤchtiges Segel auf. Das war kein Trugbild, in welches ſich die immer wandelnde Fluth kleidete, keine Schoͤpfung ihrer aufgeregten Phantaſie. Sie ſah es ſchon im erſten Augenblicke, wie es mit dem Sturme kämpfte; wie es endlich uͤber den Häuptern derer hin⸗ hinflatterte, di i ehr in ihrer Gewalt hatten. Noch eine Min er letzte Schrei nach menſch⸗ licher Hülfe tra it dem heulenden Sturme gepaart! Und ſie, deren Laufbahn ſo plotzlich geendet wurde — 144 wußten eben ſo wenig, was ſich nach dem letzten Seuf⸗ zer ihrer Todesangſt ereignete, als die arme Dulderin, welche das Geſchick zur Zeugin gemacht hatte! Denn leblos, vom Regen durchnaͤßt, die Arme ausgeſtreckt nach dem Meere, lag ſie an dem Ufer. So fand ſie die beſorgte Freundin, welche bis jetzt umſonſt, gleich vom Anfange des Sturmes an, ſie geſucht hatte, wohl wiſſend, wie geeignet er ſei, ihre begruͤndete Furcht wegen der Sicherheit des Mannes rege zu machen, von dem ihr ganzes Gluͤck abhing. Mit der größten Muͤhe wurde Mathilde, als ſie wieder zu ſich gekommen war, bewogen, den Ort zu verlaſſen. Ihre Sinne hatten von dem, was ſich er⸗ eignet hatte, zu ſehr gelitten. Nur zum Theil kam ihr die Beſonnenheit wieder, die Wehen einer unzeiti⸗ gen Niederkunft zu empſinden. Lange und zweifelhaft war dieſelbe. Erſt am folgenden Tage druͤckte die, ſic ihrer faſt nicht bewußte, Mutter ein Mädchen ar gebrochenes Herz⸗ Doch die zu frühe Geburt, da längeres Daſein, als ſich bei der augenſcheinlich m dem Tode kämpfenden Gebährerin erwarten ließ. ſchwächliche Ausſehn deſſelben, verſprachen ihm eip it A. gen er ſein du ihre abe euf⸗ erin, enn reckt d ſie leich wohl ucht chen, t zu h er⸗ kam iti⸗ elhaft „ſih n ihr das nkein mit Siebenzehntes Kapitel. An demſelben Tage, wo Ormsby, ſeiner Meldung gemaß, ſich in Genua hatte einſchiſſen wollen, bekam er einen Brief von ſeiner Mutter, mit der er während ſeiner Forſchungen nach Santelmo in ſteter Verbin⸗ dung geweſen war. Sie meldete ihm, wie ſie und ihre Tochter mit Santelmo in Turin angekommen, aber weiter zu reiſen nicht im Stande ſei, und ihn doch ſo gern ſehen moͤchte. Dies beſtimmte ihn, ſei⸗ nen Plan abzuändern und erſt nach Turin, dann aber uber den Col de Tende nach Nizza zu gehn. Er hm ſich vor, die unmittelbare Rüͤckkehr zu Ma⸗ en durchaus nicht unnothiger Weiſe zu verſchieben, hoffte ſogar, durch ungewöhnliche Eile, wenn er für den ganzen Verkehr mit ſeiner Familie in Turin nur einen Tag beſtimme, in Nizza ſo geſchwind anzu⸗ kommen, als auf die fruͤher angegebene Art geſchehn konnte, da der Ee zu Lande viel ſichrer war. Allerdings e ſich hier getäuſcht. Er war genöthigt eben. Doch ſein gutes nwillig werden. Er hatte ja dad hen koͤnnen! unmittelbaren Verbindung 10 —, ———— ——— 146 Santelmos und Emiliens eingeleitet und die Verabre⸗ dung getroſſen, daß die Mutter ihm folgen ſolle, Ma⸗ thildens Entbindung beizuwohnen, ſobald das einzige ſie davon noch abhaltende Hinderniß, beſeitigt ſei. In Turin hatte er bereits Nachricht bekommen, daß die Scheidung endlich durchgegangen wäre, und ſo fuͤhlte er ſchon im Voraus die Freude, wie Mathilde durch die Kunde davon, die er ihr mitzutheilen im Stande war, uͤberraſcht ſein werde. Jetzt ſtieg er den letzten Berg ins Varthal hinab und konnte ſich nicht enthalten herumzuſchauen, voll Erwartung, ſie von fern kommen zu ſehen. Daß ſie ihn auf der der ganz entgegengeſetzten Seite zu erblik⸗ ken hoſſen mußte, war ihm entfallen. Ehe noch der Wagen das Landhaus erreichte, ſuchte ſein Auge begierig nach den wohlbekannten Fenſtern. „Mein Gott im Himmel!“ rief er.„Sie ſi verſchloſſen! Was bedeutet das 20 Er ſprang nach der Hausthuͤr, und hier trat i Madame Sydney entgegen, die er zwar noch ni kannte, in deren ängſtlichen Zugen er aber die Beſtä⸗ tigung ſeiner ärgſten Furcht las. Sein Herz bebte voll ſchrecklicher Ahnungen. Mathildens Namen nen⸗ nend, wollte er gleich in ihr i dringen. Doch Madame Sydney hielt ihn „Gort ſei Dank, daß „Allein ſo willkemmen 8 ſo allmählich muͤſſen Si davon ab, daß Sie nicht zu haͤngt abre⸗„Ums Himmelswillen, quälen Sie mich nicht laͤn⸗ Ma⸗ ger!“ flehte der Lord.„Was iſt meiner Mathilde nige widerfahren?“ ſii. Von dem Sturme ſeiner Gefuͤhle uͤberwaͤltigt, ſank daß er in einen Seſſel, und verhuͤllte, wie ein Kind wei⸗ d ſo nend, das Geſicht mit beiden Haͤnden. hide„Beruhigen Sie ſich! Ich bitte Sie datum!“ nim redete ihm die Freundin zu.„Sie iſt beſſer— viel beſſer! Wenn Sie aber jetzt ſelbſt ſo ergriffen ſind, hinab. wie koͤnnen Sie es dann tragen, ſie zu ſehen?“ voll„Zu ſehen?“ rief Ormöby aus und ſprang auf. ß ſie„In dieſem Augenblick will ich ſie ſehen. Welch' ein Ublik⸗ Narr ich bin! Hier zuzuhoͤren und einen Augenblick zu verlieren, wo ich der Geliebten nahe ſein kann! ſuchte— Nein! Haben Sie Mitleid! Sagen Sie mir das n. Schlimmſte. Was iſt vorgegangen?“ Madame Sydney hielt ihn wieder ſanft beim Arm bruͤck. Doch mußte ſie ſich oft unterbrechen laſſen d der Lord ſtand Todesangſt aus, ehe die traurige unde von dem, was den Abend zuvor ſich ereignet hatte, ihm nach und nach mitgetheilt ward— Doch ſelbſt in dieſem Augenblicke des heftigſten Schmerzes n⸗ war ſein edles, dankbares Herz fuͤr alle die wahre Doe Freundſchaft ingic die Madame Sydney be⸗ wieſen hatt ch das Elend gleich Liebe in weckt, die an uns Antheil bebte te ſie. ſichtig, ſtitgt Freundin ſind Sie gewe⸗ ———,— —— —— 148 Mathilden— laſſen Sie mich ihr ſagen, daß ihr ar⸗ mer Auguſt noch lebt und ihr wiedergegeben iſt!— O haͤtte mich doch lieber der bodenloſe Ozean ver⸗ ſchlungen!— Es wäre beſſer fur mich geweſen! Doch — nein! es kann nicht ſein! Sie iſt ſo jung— ſo geſund! Sie wird wieder geneſen! Sprechen Sie— Nicht wahr, Sie glauben es?“ Madame Sydney druckte ſchmerzlich ſeine Hand und nur bemuͤht, eine andere Richtung ſeinen Gedan⸗ ken zu geben, die von dem unerwarteten Auftritte dieſes Morgens ganz in Unordnung gekommen waren, zeigte ſie auf das Bett im entgegengeſetzten Theile des Zimmers, wo das Kind ſchlief. „Mein armes Kind!“ rief er.„Wie muß ich Dich auf dieſer Welt des Kummers zum erſten Male willkommen heißen! Der Himmel ſchuͤtze Dich vor dem Elend, das, ich fuͤrchte es nur zu ſehr, Dein ſiches res Erbtheil ſein wird!“ Als Madame Sydney in Mathildens Gemach treten war, fand ſie dieſe aufſitzen, von Kiſſen geſtuͤtz die Fenſter weit ofſen, die Hände wie zum Gebet ge⸗ faltet; Thraͤnen folgten eine der andern uͤber die bleichen Wangen. „Theuerſte Freundin!“ liſpelte ſie. matt geweſen— recht matt S bald wieder ſehn, den ich li be — Sie legte die Hand at Gefuͤhl des Todes— thi mich nicht ſo an! Ich werde „Ich bin recht verd' ich ihn Ze li e 66 m ni k at⸗ verr Doch —ſo (— Hand edan⸗ tritte ren, e des ich Mole F 149 —— barmherzig! Ein gebrechllih gebeugtes Herz wird er nicht verwerfen!“ „Gute Mathilde—“ fiel ihr die Freundin ein, „ Sie ſolchen gaͤulenden Gedanken an den Tod nicht Raum. Ich weiß, Sie haben nichts zu fuͤrch⸗ ten. Sie werden den Lord ſehen und das bald!—“ „Er iſt hier— er lebt? Iſt nicht verlohren? Ich leſe es in Ihren Augen! Ormsby mein Leben! Ach Gott, laß mich leben, ihn wieder zu ſehn!“ ſo rief Mathilde, bis ſie, erſchoͤpft von ſolcher Anſtrengung, hnmäͤchtig hinſank. In Ormsby's Armen kam ſie zum Bewußtſein zuruͤck. Aus ſeinen zitternden Haͤnden empſing ſie die Stärkung 2 welche ihr matter Korper verlangte. Selbſt die mitleidloſe Hand des Todes ward fuͤr ei⸗ nen Augenblick durch die erneute Kraft gehemmt, wel— che die ſtaͤrkſte aller Leidenſchaften einfloͤßte. Einige eit lang fuͤhlte ſie nichts, als die uͤberwaͤltigende Se⸗ 18 gkeit des Wiederſehens. „Mein Kind— unſer Kind, Ormsby, haſt Du es geſehn?“ ſagte Mathilde, als Madame Sydney es an ihre Seite legte. „Das theure Weſen!“ rief der Lord, es kuͤſſend. „O Mathilde, welch ein Schatz wird es uns ſein. Wie wird unſer it ihm zugleich wachſen!“ „Unſer Ormöby— ſchaſſt mir Luft p o— Verlaß mich nicht!“ „Dih uſn 1 * 5 ß ich Dich nie verlaſſen — haͤtte! Wie konnte 3 der ganzen Erde etwas vereden, mich nur einen Augenblick von Dir, vom Einz'gen, was ich habe, loszureißen!“ „Sprich nicht ſo!— Bereue es nicht, Gelltr! Ich hoffe, daß Gutes aus dem Böſen entſprang! Au⸗ guſt— ich fuͤhle es, daß ich jetzt mehr zum Tode vereitet bin!— Nein! Erſchrick nicht! Haͤtt' ich im⸗ mer im Sonnenſchein Deiner Gegenwart gelebt, ſo manche ernſte, aber heilſame Gedanken wären für mich verloren, verſchwunden! Und dann erinnere Dich a die gute Emilie— ihr wohlverdientes Gluͤck iſt ſelbi mit meinem Tode wohlfeil erkauft!“ „Iſt denn keine Huͤle!— Ich bitte Dich—“ flehte Ormöby.„Du greifſt Deinen ſchwachen Koͤr⸗ per zu ſehr an! Solche Gefuͤhle ſind zu ſtark fuͤr — Er hatte wahr geſprochen. Sie war gänzlich ſchopft, doch oſſenbar nicht von den freudigen Erſchüͤt⸗ terungen, die ſie zuletzt erfahren hatte. Hätte irgend etwas ihr fliehendes Leben erhalten können, ſo waͤr' es die Seligkeit geweſen, die ſie jetzt empfand. Aber ihr Geiſt wanderte ſchon am Rande der Ewigkeit; nur — wenig Stunden noch— dann ſollte er den un⸗ vermeidlichen Flug aufwärts nehmen.. „Gibt es denn keine völlkommne Lietr auf Erden?“ ſeufzte Madame Sydney.„Müͤſſen auch dieſe Guten ſich trennen, eben jetzt, ſie in Unſchuld leben und begangene Fehler bereuen konnen? Dech— dein Wi ſo e lebe e wo me ſich zu ſolc tret die er, dü ſeu jig twas vom in Au⸗ Vode h im⸗ t, ſo mich ich a ſilbſ ch e⸗ ichit irgend wir Aber tz nur en un⸗ rden!“ Guten en und — dein . — 151 Wille geſchehe! O daß ihrer ein Weſen, ſo einſam und elend wie ich, auserwaͤhlt iſt, ſie uͤber⸗ leben!“ Während des Abends gab es einige Augenblicke, wo Mathildens Auge ſo viel Feuer zeigte, ihre Stim⸗ me ſo ſuͤß toͤnte, daß Ormsby und Madame Sydney ſich feſt mit der Hofſnung ſchmeichelten, ſie gerettet zu ſehn. Doch der Arzt hielt es fuͤr ſeine Pflicht, ſolcher thorigen, unnuͤtzen Meinung in den Weg zu treten. Auf ſein Wort verſicherte er,„daß ſie kaum die Nacht durchleben werde, und auch das Kind fuͤrchte er, konne ſie nicht uͤberleben.“ Mathilde vernahm zum Theil dieſe Worte. Sie vrückte das bewußtloſe Weſen an ihr Herz.„Ach, ſeufzte ſie,„es iſt ſelbſt von der unendlichen Barmher⸗ zigkeit zuviel gehofft, daß nicht blos meine Suͤnde mir vergeben, daß ich auch mit dieſem Engel der Unſchuld vereint werde!“ „O!“ ſprach Madame Sydney ihr Troſt zu. „Erinnern Sie ſich mit Vertrauen, daß dieſelbe Quelle, aus der wir lernen, wer im Himmel eingeht, uns auch ſagt, wie uͤber einen reuigen Suͤnder die groͤßte Freude iſt!“ Die ganze traurige Nacht hindurch wurde Mathil⸗ dens Leben nur durch ſteten friſchen Luftzug im Zim⸗ mer erhalten. Doch als draußen die Dunkelheit ſchwand und es allmälig tagte, ſenkte ſich der Schatten des Todes immer dichter auf ihr goſunkenes Haupt. Um⸗ ſonſt ſpielte das erquickende Licht des erſten Morgen⸗ ſtrahls um ihre blaſſen„ die ſich nur noch öſſ⸗ neten, dem letzten Athemzuge Raum zu machen, der mit der Luft, ſuͤß wie er, ſich noch einmal nhi⸗ ſollte. Die erſten Strahlen der aufgehenden e ſchwanden ungeſehn vor ihrem ſtarren Auge hin. Es war gegen das belebende Licht des Tages geſchloſſen— fuͤr immer geſchloſſen. Die Dulderin und ihre Leiden waren nicht mehr! Wie Ormsby aus der drüͤckenden Verzweiflung zum vo en Gefuhl des Verlaſſenſeins erwachte, ſah er, daß ℳ das hulfloſe Kind ſein ſchnelles Daſein ge⸗ endet hatte, daß er nun ſo jeder Spur auf Erden, jedes lebenden Zeugens ſeiner ſuͤndigen Verbindung br⸗ ⁰ raubt ſei. Einige Zeit nachher ſuchte er Troſt im Kampfe füͤr die Griechen. Doch ſo thatenvoll auch manches Mal nachher ſein Leben war, das Bild der armen Mathilde, mit gebrochenem Herzen und ſchmerzlicher Reue, wie er ſie am Abend vor dem Tode geſehen hatte, der ihn allein auf der Welt ließ, wich nie von ſeiner einſamen Lagerſtatte! (ende des zweiten und letzten Theils.) — ₰ 90 re. en— iden d. — — S. ampfe armen licher eſehen e on —————— ——————————————————— 2 ci S Srey Cortròl Green vellow