———— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher un franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und R ückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbefannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt;. für wöe chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.———— auf 1 Monat 1 Mt.— Pf. 1 Ver. 50 f 2 Wer.— Pf. „3 3 5. Auswärtige bonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen venpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſohpers darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Eine Begebenheit unſerer Tage. Aus dem Engliſchen nach der vierten Auflage —— erröthe ich denn nicht? Lieſt denn nicht jedermann auf meiner Wange, Was ich verbrach? Folgt mein Verbrechen mir nicht nach k Leipzig, 1827. Verlag von Carl Focke. Borwort* des ee — Mathilde— nach der vierten Auflage des Sü⸗ ginals uͤberſetzt, erſcheint in Deutſchland voll der Hoffnung, was in England ſo allgemein gefiel, in Deutſchland nicht mißfaͤllig aufgenommen zu ſehn. Allerdings moͤgen in England einige Um⸗ ſtaͤnde obgewaltet haben, die dieſem Familienge⸗ maͤlde ein Anſehn verſchafften, das vielleicht uber⸗ trieben ſein kann. Es hat einen Lord zum Ver⸗ faſſer, deſſen Name mir indeſſen entfallen iſt; es ſchildert das Leben der reichen, aber nichts weni⸗ ger als immer gebildeten Engländer zu Hauſe und auf dem Continent; es gibt vielleicht wohl gar ein VT wahres Ereigniß unter erdichtetem Namen. Dem † ſei, wie ihm wolle, wenn es nur auch unter uns ſich Freunde und Freundinnen erwirbt. Muͤhe hat ſich der Ueberſetzer nicht verdrießen laſſen, bald zu verkuͤrzen, bald das Colorit zu waͤhlen, wie es ihm fuͤr deutſche Leſer am gefaͤlligſten ſchien. Leipzig, im Nov. 1826. Xr 8— F — i r. — 4 Erſtes Kapitel. In Anfange des Julius enthielt der wichtigſte Theil von dem, was die Preſſe täglich ausſendet: Neuig⸗ keiten aus der vornehmen Welt benannt, un⸗ ter vielen andern Nachrichten, die meinen Leſern nicht viel Theilnahme einfloͤßen wuͤrden, wenn ſie auch an ſich von Bedeutung geweſen wären, die zwei folgenden: „Lord Ormsby, bisher Herr Auguſt Arling⸗ ford genannt, iſt nach einer Abweſenheit von Jahren im Hotel Mivart angekommen.“ „Lord und Lady Eatington werden in ihrem vicht tigen Palaſte auf dem Stoßvener Platze ein grobes Mittagsmahl geben.“ Man darf ſich nicht daß dieſe Nachricht allgemeine Aufmerkſamkeit erregte, wenn man bedenkt, wie die vorgerückte Jahreszeit bereits ſolche Auftritte ſeltner gemacht hatte, während ſie durch die Wahl der Buch⸗ ſtaben, womit man ſie ankuͤndigte, in dem Verhältniß größer geworden waren. Manche abweſende Schöne, die * 1 0 zu fruͤh aus den geſchmückten Zimmern auf die gruͤnen Fluren geeilt war, hatte nun keine andere Wahl, als die Freuden zu einem ernſtern Gegen⸗ ſtande des Leſens zu machen. Doch dem ſei wie ihm wolle, genug, gegen acht Uhr Abends ließ ſich, àm bezeichneten Tage, der erſte Wagen raſſelnd auf der Straße hoͤren, die nach dem Etighenſe Palaſte fuͤhrte. Es ſaßen Georg Darford und Heinrich Penryn, zwei junge Lords nach der neueſten Mode, darin. „Mein Vater braucht nachher die Eauipage,“ ſagte Georg„darum muß ich ſo fruͤh vorfahren. Eine halbe Stunde bis zum Eſſen kommt mir vor, wie die Vorrede zu einem Buche. Weg damit!“ „Wer weiß, ob wir ſo fruͤh gekommen wären;“ erinnerte der Andere„„der Kutſcher jagt nur ſo, und wie es um die Ecke dort herumgieng, wäre beinahe ein Kindermädchen mit ihren Kleinen uͤberfahren worden,“ „Ich bin doch neugierig, wen wir bei Eatington's finden werden!“ nahm Georg wieder das Wort„Sie haben das Jahr viel gemeine Leute zugolaſſem „Ja;“ ſtimmte der Andere bei und dafum iſt es um ſo ſchlimmer, daß wir ſo fruͤh kommen Jezt hielt der Wagen. Es ward langs Zeit an⸗ gvonnert; und gewöhnlich läßt ſichn doch kaum der Kleppel horen, als guch die Thuͤren ſich bſſnen. Eine ſolche Aufnahme ſchienihrer Furcht zu fruͤh zu kommen⸗ Beſtätigung zu geben, und als ſie nun einen Bedien⸗ ten langfam daher ſchreiten ſahen, ſchien ihnen ₰ gel ind 3 5 . Schlimmſte wahr zu werden. Mancher arme Suͤnder ſtieg die Leiter mit weniger Schaam und Zerknirſchung hinan, als ſich jetzt auf den Zuͤgen dieſer ungluͤcklichen Modemaͤnper abſpiegelte, wie ſie die mit Teppichen zielin hinaufgingen, und nur nachdachten, ob wohl das unnatuͤrliche fruͤhe Erſcheinen gerechtfer⸗ tigt werden koͤnnte. Ach, Arabiens Wuͤſten wuͤrden ihren Augen minder Schrecken eingefloͤßt haben, als die Leere des Geſellſchaftsſaals, worin ſie buchſtäblich als die Erſten erſchienen. Die Thuͤre ſchloß ſich. Beide ſchwiegen. End⸗ . lich wagte Georg ein Wort. Vor einem Pfeikerſpie⸗ gel ordnete er mit der rechten Hand ein paar Locken, indeſſen die linke am Halstuche arbeitete. 6 „Nun werden wir doch wenigſtens die Leutchen — alle aminelden hören— erfahren, wer alles heute hier eingeſtallt wird!“ ſprach er dabei. Kaum aber hatte er ſich ſelbſt ſo getroſtet, als die . Thuͤre nicht vom gewohnlichen Diener, ſondern von einem untergeordneten Bedienten geöfſnet wurde. Der erſtere war viel zu ärgerlich; Leuten, die ſo fruͤh kamen, Auji warteſ Aber auch der letztere brumgte indeß etwas her, das einem Namen glich, indem e einen jungen Mann hereinſhob, der in tiefer Trauer erſchien. V Unſet Freunde betrachteten ihn mit nichtsſagen⸗ dem Verſhundern. Er vergalt es ihnen in gehoriger 3 Art, indeih er nach einem Sopha im entfernteſten heiſe des Saales ging und⸗ ſich um nichts bekuͤm⸗ ————— ———— 5 4 mernd, ein Zeitungsblatt eigriff. Die jungen Herren blieben im Fenſter, wo ſie, der Langeweile zu entge⸗ hen, Platz genommen hatten. Auch der gleichgultigſte Beobachter häkte in des Fremden Art und Weiſe etwas Beſonderes ſehen muͤſ⸗ ſen. Der jedem, welcher mit der Welt umgeht, zu Theil werdende Takt wuͤrde auch unſere jungen Herren davon ibetzeugt haben. Allein ihr Kopf ließ ſich gar zu gern von dem Schluſſe leiten, daß ſie, die überall geweſen wären, jeden kennen gelernt hät⸗ ten, da ſie ihn. kunnten, auch nicht zu ken⸗ nen onnöthen hätten ie würden lieber zugegeben haben, daß ſchon vor Nnen w Menſchen auf der Erde waren, ehe ſie enge. hätten, daß dieſer eine vor ihrem ui in der großen Welt gelebt habe, welcht gerade vor zwei Jahren ſtattgefunden hatte. Der Denkungsweiſe des Hauſes noch, erwarteten ſie ein⸗ mal, daß die Geſellſchaft gemiſcht ſein werde, und ſo fluͤſterte Penryn dem Lord Georg ins Ohr:„Das iſt wohl der neue Schauſpieler? Ei nun, er ſieht eigent⸗ lich beſſer aus: Ich habe ihn aber nur als Richard III. mit ſeinem Hocker und all den Dingen geſehn!“ „Nein,“ erwiederte Georg,„Es iſt wohl der Componiſt— wie heißt er denn gleich?— Ich ſah ihn einen Augenblick hinter dem Pianoforte etzte Woche vei der Lady L., wie ich ſo halb todhedruͤckt in der Thuͤre ſtand. Wiſſen Sie nicht, daß er hundert Pfund fur einen Abend verkangt?— Run, die Eatingtons hör 5 ſind bekannt— ſie zahlen gern mit Paſteten und Champagner, wenn die Rechnungen eingehn!“ „Jetzt hab' ich's!“ rief der Andere leiſe.„Sehen Sie doch ſeinen ſchwarzen Rock an! Sie koͤnnen ſich darauf verlaſſen. Es iſt der beliebte Prediger! Ge⸗ hoͤrt hab' ich ihn freilich nie, aber ich weiß es ge⸗ wiß, er iſt es!“ Der Leſer wird ohne Muͤhe begreifen, daß dies Geſpraͤch keinen andern Zweck hatte, als gegenſeitig den Witz geltend zu machen, denn ich mochte nicht, daß man ſie für unwiſſend genug hielt, wenn ſie ſich ſchon ſo anſtellten, als ob ſie dem neuen Ankoͤmm⸗ ling in ſeinem Aeußern nicht gleich angeſehen hätten: er ſei von ihrem Stande, mochten ſie ihn auch, auf eine ganz unerblärliche Weiſe, bis jetzt nicht perſonlich kennen gelernt haben. Die Thüren thaten ſich wieder auf. Man mel⸗ dete die verwittwete Herzogin von Dulladone und die zwei Ladys Townlys. Die Lage, in der Lord Georg und ſein Freund geweſen war, ſchien ein Him⸗ mel gegen das Verhältniß, in welchem ſie jetzt ſtan⸗ den. Eiſtlich waren ſie nun der Gefahr ausgeſetzt, von den zwei jungen Damen verſchlungen zu werden, wie ſie ſich gern ausgedruͤckt hätten, denn ihre ſchutz⸗ loſe Lage ſchien ſie dieſem Geſchick oſſenbar preißzuge⸗ ben; dann aber wurde ja ihr Ungluͤck durch das Ge⸗ fuͤhl der Schaam geſteigert: von einer verwittweten Herzogin und ihren zwei unverheiratheten Töchtern auf der That: ſo als die Erſten da zu ſtehn, ertappt 6 worden zu ſein! Und dazu kam nun das Gefuͤhl, hinfort die gerechten Anſpruͤche auf die Bewunderung verlohren zu haben, welche ihnen von dieſer Seite her ſo reichlich gezollt wurde, von den jungen Damen, denen es der wichtigſte Ehrenpunkt war, ſo ſo ſelten, als moglich, puͤnktlich zu ſein! Der Fremde begruͤßte die Herzogin leicht, als ſie vor ihm hinging, und ſie erwiederte ſeine Verbeugung mit einer Artigkeit, der ſich etwas Neugierde bei⸗ miſchte. Der Saal war noch nicht recht erleuchtet; Ihre Herrlichkeit hatten nicht das ſchaͤrfſte Auge. „Wer iſt denn das?“ fragte ſie leiſe den Lord Georg. „Ich kann es in der That nicht ſagen!“ war deſſen Antwort, boshafter Weiſe laut genug gegeben, daß man es hoͤren konnte. Im nehmlichen Augenblick trat der Wirth und die Dame des Hauſes aus einem Nebenzimmer hervor; die Lady Eatington noch mit dem kaum halbangezo⸗ genen Handſchuh beſchäftigt; der Lord ein halb ent— faltetes Taſchentuch zur Naſe bringend; beides druͤckte, ſtatt um Entſchuldigung zu bitten, mehr den Vor⸗ wurf aus:„Sie ſind fruͤher gekommen, als wir er⸗ wartet haben! Doch wir ſtehen— zu Befehl!“ Da wir unſere Leſer in den Palaſt der Eating⸗ tonſchen Familie eingefuͤhrt haben, ſo ſollten wir ſie nun auch billig mit dem Herrn und der Dame des Hauſes bekannt machen. Indeſſen Beide gehörten zu den Leuten, von deren Charakter ſich faſt gar nichts —— ————— — —— —,— K Beſtimmtes ſagen laͤßt. Vielleicht beſtand das Letztere blos darin, daß Seine Herrlichkeit von ihren Landgu⸗ tern Zinſen zogen und in der Stadt manchmal Diners gaben. Uebrigens war er, um zu bezeichnen, wie er nicht erſchien, weder Staatsmann noch Landmann, weder ſchoͤner Geiſt noch Kunſtkenner. Von allen der⸗ gleichen Maͤnnern kamen indeſſen viele in ſein Haus, um die Verdienſte des beſten Kochs uñtußra der in des Lords Dienſt ſtand. Seine Gemahlin war von Natur ſehr einfaͤltig und die bei ihr ſtattgehabte Erziehung hatte ihr nicht Kenntniſſe geſchafſt. Indeſſen langer Verkehr mit der Welt half ihr dieſe Mängel zu verbergen. Selten war ſie kluͤger, als ihre Gäſte, aber geputzt, gleich dieſen, loſte ſie ihre Aufgabe vollkommen. Doch wie erſtaunten unſere jungen Herren und die alte Herzogin, als ſie ſich kaum ſo obenhin be⸗ merkt ſahen, während der Wirth und die Wirthin ihre ganze Aufmerkſamkeit dem Fremden widmeten! Es kamen neue Gäſte und die Unterhaltung gewann mehr Spielraum, das Dunkel ward erhellt, aber nicht zur Zufriedenheit von Lord Georg und Penryn, denn ſie horten ſo im Fluge, wie Lady Eatington der Her⸗ zogin, deren Ohren ſo ſchlecht beſchaſſen waren, wie die Augen, eine lange Geſchichte erzählte, woraus ſie n„Sie muͤſſen ſich doch ſeiner erinnern— Au⸗ guſt Arlingford— lange auf Reiſen— er hatte viet Unannehmlichkeiten— ſein Bruder ſtarb fruh— jetzt iſt er Lord Ormsby— ſehr reich—“ erlauſchen 5 —— konnten, waͤhrend dieſe Worte bei der Herzogin gleich auf der Stelle den Ausruf hervorbrachten:„Entſchul⸗ digen Sie meine blöͤden Augen, Mylord! Letitia— Cecilia! Lord Ormsby iſt dort! Ihr muͤßt Euch doch noch des Herrn Arlingford erinnern! Freilich, ihr war't noch ganz jung— kleine Kinder blos damals!“ Georg und Penryn ſtellten uͤber ihren Fehlgriff eben nicht tröſtliche Betrachtungen an, denn der frü⸗ here Ruf des Auguſt Arlingford trat ihnen in vollem Glanze entgegen. Lord Georg erinnerte ſich recht gut, daß er bei ſeiner erſten Verhandlung mit dem Schnei— der dieſem ſtreng eingeſchärft hatte, Arlingfords Kra⸗ gen vor Augen zu haben; daß ein Theil ſeines Rok⸗ kes, auf den er ſehr viel hielt, von Arlingford den Namen hatte. Auch Penryn kam ein recht unange⸗ nehmer Gedanke in den Kopf. Er hatte, wie er noch im Collegium war, ein Pari zu derſelben Zeit verloren, wo Arlingfords Pferd eine Wette gewann⸗ Beide erinnerten ſich noch recht gut, daß, wie ſie aus dem Collegium kamen, glle Welt von einem gut ge⸗ bildeten jungen Mann zu ſagen pflegte: Er hat viel Aehnliches von Arlingford. Und dieſen nun hatten ſie fuͤr einen verdorbenen Schauſpieler, einen erbärmlichen Saͤnger, einen frommen Prediger genommen! Doch nunmehr ließ der lärmende Kleppel af der Straße keinen Augenblick nach. Immer mehr ver⸗ groͤßerte ſich der Kreis, und jeder Eintretende zeigte“ eine beſondere Art, ſich vorzuſtellen. Bald kam ein junger Sproßling. Er tauchte zum erſtenmale im — S Reiche der eleganten Welt auf. Halb verzweifelnd ſchritt er bis in die Mitte vor und linkiſch genug ſchied er aus derſelben, aͤngſtlich ein ſchuͤtzendes Win⸗ kelchen ſuchend, nichts wuͤnſchend, als einen Blick einiger Umſtehenden, der zu erkennen gaͤb, daß ſeine Hoffnung, ſie kennen gelernt zu haben, erfuͤllt ſei. Dann trat ein Mann, feſt in der Welt ſtehend, auf. Er ſchien die Pflichten der Artigkeit aus den Augen zu ſetzen, bis Tafelfreuden und Kerzenglanz ihm dazu leichteres Spiel gewährten. Ihm folgte der einſt jung geweſene Geck, deſſen Leben nun blätterlos geworden war. Allen freichte er die Hand entgegen. Jeden fragte er: wie geht es? Wo eine zollbreite Bekannt⸗ ſchaft obwaltete, machte er ſie geltend. Zwar ſchuf jetzt die Sonne die laͤngſten Tage des Jahres, aber dennoch war ſie bereits vollig unter⸗ gegangen, als gerade in dem Augenblicke, wo Lord Eatington äußerte: daß man noch auf Sir James und Lady Mathilde Dornton warten muͤſſe, die Thuͤre aufging und der feurigſte Bewunderer dieſer Gottheit des Tages Mathilde Dornton in dem im⸗ mer wachſenden Dunkel, freilich nur mit Muͤhe, er⸗ kannt haben wuͤrde. Doch Einen gab es hier, deſſen Augen keine Nacht die reizende Geſtalt verborgen haͤtte. Jahre hatten den Eindruck derſelben nicht verloſcht, alle Wechſel der Dinge nicht ſeine Theilnahme vermindert. Unter ſo vielen Jungfrauen Lord Ormsby herumwanderte: im⸗ mer ſtand das Urbild der Schoͤnheit in der fruhern & 10 Erinnerung an ſie da, die er in dem Augenblicke ver⸗ laſſen mußte, wo ſich Beide gegenſeitig Treue gelobten, und welche er jetzt— zum erſtenmale als Weib ei⸗ nes Andern ſah. Lady Mathilde hatte bereits fuͤr ihren Gemahl um Entſchuldigung gebeten, weil er zu Hauſe aufgehalten worden ſei. Man that einige gleichguͤltige Fragen an ſie. Da traf Lord Ormsby's Name ihr aufmerk⸗ ſames Ohr. Sie wußte nun, daß der gefuͤrchtete Augenblick da ſei, der fruͤher oder ſpäter, nach ſeiner Ankunft in England, bald eintreten wuͤrde! Manche Leſer, die Lady Mathilde bereits als Heldin ins Auge gefaßt haben, werden vielleicht ſtaunen, daß ſie nicht in Ohnmacht faͤllt; daß ſie ſich nicht auf irgend eine Weiſe als die wahre Heldin zu erkennen gibt. In⸗ deſſen hörte ſie allerdings, um dafuͤr zu buͤßen, in der That kein Wort von Allem, was ihr die Lady Eatington von dem Huſten erzählte, womit ihr klei⸗ ner Sohn geplagt ſei. Das Gewiſſen ſagte ihr, wie ihr Benehmen das dem Lord Ormsby gegebene Ver⸗ ſprechen verletzt habe, wie ihr Herz etwas fuͤhle, was den ihr jetzt obliegenden Pflichten entgegentrete. Ich hätte zwar große Luſt, gerade jetzt ein wenig in die nähern Umſtaͤnde meiner Heldin— denn dies iſt ſie allerdings— einzugehn, ihre Vertheidigung zu uͤbernehmen, und ſie, wo nicht völlig, doch einem Theile nach zu entſchuldigen. Allein eben wird gemel⸗ det, daß angerichtet ſei, und dieſem wichtigen Ereig⸗ niſſe muß jedes andere Ding nachſtehen. Die kleinen 11 Verabredungen, welche gewöhnlich bei dergleichen An⸗ zeige ſtattſinden, wurden auch hier getrofſfen und wa⸗ ren, wie immer, mehr ausweichender als anziehender Art. Man ſuchte die Langweiligen zu vermeiden, den Wittwen aus dem Wege zu gehen, ließ die jungen Maͤdchen paarweiſe ziehn, ohne aber ſich jemanden be⸗ ſonders anzuſchließen— um nicht gegen die Etiquette zu verſtoßen, wo ſelbſt ein jeder, der auf Rang Anſpruch machen konnte, demſelben entſagte. Lady Eatington miſchte ſich bei ſolchen gefährlichen Symptomen gern hinein. Sie gerieth auch diesmal in Angſt und rief daher laut:„Lord Ormöby, geben Sie der Lady Mathilde Dornton den Arm!“ Er ſtand einen Augenblick an und auch die Um⸗ ſtehenden hielten inne. Weiter zu gehn war, dies fuhlte er, unſchicklich. Noch unſchicklicher waͤre es ge⸗ weſen, zuruͤckzutreten. Eine halbe Minute dauerte es, und man ſah Beide Arm in Arm beim ungewiſſen Lichte die Treppe hinabſteigen. Gerade ſo war es vor zwei Jahren geweſen— um eine gleiche Stunde — doch wie anders erſchienen damals die Umſtaände! wie ganz andere Gefuͤhle herrſchten damals in ſeinem Herzen. Den Abend vor ſeiner Abreiſe nach dem fe⸗ ſten Lande war es, wo er ſich von ihr losriß, an der Pforte vom Park! Ihre Blicke ſchienen den dun⸗ keln Abend zu durchdringen, ihre Haͤnde druckten ſich ſanft und das letzte Wort war: wir ſcheiden, um wieder vereint zu werden! Und jetzt waren ſie ver⸗ eint, um ſich auf immer zu trennen— mit abgewen⸗ 12 deten Blicken, die Haͤnde verbunden, um eine Mi⸗ nute den geſellſchaftlichen Pflichten zu genuͤgen; der lederne Handſchuh Mathildens beruͤhrte kaum den ſchwarzen Aermel Ormsby's! Es herrſchte ein Zwang in dieſem Augenblick des Wiederſehns, als ſolle er der Trennung ſpotten, die, ſie fuͤhlten es wohl, fuͤr im⸗ mer ſtatt finden muͤſſe. Aber oft hat ja wohl jeder erfahren, daß, wenn der Korper manchmal von den Banden der Geſell⸗ ſchaft gefeſſelt und umſchlungen iſt, der Geiſt eine ſtolze Unabhängigkeit erheuchelt, um die wildeſten Ausftuͤge durch die ungemeſſenen Regionen vergangener Erinne⸗ rung und die Bilder der Zukunft zu machen. So fuͤhlten auch Ormsby und Mathilde, die wir in der großten Verlegenheit ſehen, wie ihre Gedanken mit einer wahrhaft uͤberraſchenden Schnelligkeit unter den Scenen ihrer Jugend umherſchweiften. Das Bild der Erinnerung ſtand ſehr verwirrt vor ihnen— man⸗ che umſtaͤnde, nichts bedeutend im Augenblicke, wo ſie ſtattfanden, längſt veigeſſen, ſtellten ſich wieder ſo friſch dar, als ſeien ſie geſtern vorgefallen. Von Allem, was ſie umgab, hing nichts damit zuſammen, als daß ſie Beide in jedem derſelben eine Hauptrolle ſpielten. Und Alles floh mit einer ſo unglaublichen Schnel⸗ ligkeit voruͤber, welche der Berechnung der Zeit zu ſpotten ſchien! Denn nur einige Stufen ging es hinab, indeſſen alte Frauen langſam vorausſtiegen und junge Mädchen nachfolgten. 13 Sie traten in den Speiſeſaal und ordneten die zerſtreuten Gedanken. Dem Auge der Welt zeigten ſie jetzt die vollkommenſte Selbſtbeherrſchung. Der aufmerkſamſte Beobachter hätte jetzt bei dem Glanze der Kerzen, welche die Tafel erleuchteten, nichts als ein leichtes krampfartiges Zucken auf Mathildens Lip⸗ pen und Lord Ormsby's Augenbraunen etwas gerun⸗ zelt geſehen. Die Verlegenheit waͤre freilich bei laͤngerm Schwei⸗ gen größer geworden. Zum Gluͤck hatte aber Lord Georg Darford neben Mathilden auf der andern Seite Platz genommen. Es lag ihm ſoviel daran, den Verſtoß von der vorigen halben Stunde auszugleichen, und ſo benutzte er die Bekanntſchaft mit ihr, ein paar Worte aufs Ungefähr hinzuwerfen, die zum Zweck hatten, zwiſchen ihm und Lord Ormsby ein Geſpräch anzuknuͤpfen. Dies hatte den gewuͤnſchten Erfolg. Wenn die Zuruͤckhaltung eines Englanders je mit Erfolg angegriffen werden kann, ſo iſt es in der Zeit, wo die Suppenſchuͤſſel vor ihm ſteht. Lord Ormsby benutzte ebenfalls gern die Gelegenheit, ſich von der verdruͤßlichen Lage, in der er war, zu be⸗ freien. Und ſo wurde ein Trio der Unterhaltung einge⸗ leitet. Die einſt ſich Liebenden ₰ hier erſt als Fremde zuſammengekommen, und! rachen nun mit einander als alte Bekannte. Doch immer blieb ihre Lage, war ſie auch Andern unbemerkbar, ihnen ſelbſt ſehr unbehaglich, bis eine kleine Bewegung der Die⸗ nerſchaft an den Thuͤren das Erſcheinen von Herrn 14 S X James Dornton und Kapitain Coulſon kund that. Herr James Dornton war weder jung noch alt. In ſeinem Aeußern uͤberhaupt ſchien er ein Mann, der an jeder Tafel ſeinen Platz einnehmen konnte, ohne auf die eine oder die andere Art Aufmerkſamkeit zu erregen. Indeſſen ſo dachte er vom Verhaͤltniß eines Mannes, der 50000 Pfund jährlich einnimmt, keines⸗ weges, und mit Schrecken ſah Mathilde, wie er längs dem ganzen Saale aufgeblaſen hinſchwebte, mit vie⸗ len Complimenten die Lady Eatington um Verzei⸗ hung zu bitten. Sie kannte Lord Ormöby's Sucht, das Lächerliche zu bemerken, recht gut, denn naͤchſt der gegenſeitigen Bewunderung, die ſie fuͤr einander hegten, hatte es kein innigeres Band zwiſchen ihnen gegeben, als der ungezugelten Laune zu froöhnen, uͤber Alle zu ſpotten und zu lachen, welche der Zufall in ihren Bereich führte. Den Herrn Dornton hatte Lord Ormsby, wie ſie wußte, vorher nicht gekannt, und ſo war es ihr äußerſt unangenehm, als ſie ſah, wie weit ſich ſeine Augen öffneten, da der Erſtere bei der Lady Eatington ſtand, ſeine runde Geſtalt ſo trefflich zu den nichts ſagenden Zuͤgen paſſend⸗ Jetzt begann er nun eine linkiſche Entſchuldigung in den gewöhnlichſten Redensarten, und Mathilde glaubte in den Boden bei dem Gedanken ſinken zu muͤſſen, daß Auguſt Arlingford ſie die beſ⸗ ſere Hälfte eines ſolchen Mannes nennen hörte! Während deſſen wurde die ganze Aufmerkſamkeit M — 15 durch die Fragen an den Kapitain Coulſon beſchaͤftigt, 1 der ſich gemaͤchlich in einen Lehnſtuhl niedergelaſſen hatte. Was es im Parlamente gegeben habe? wollte . man wiſſen.„Die Stimmen waren getheilt!“ gab er zur Antwort. Etwas mehr wie hundert hatten wirz auf der andern Seite gab's acht und ſiebzig! Ich weiß es, denn ich half ſie zaͤhlen, wie es zu Ende war. Ich machte noch eine Wette mit dem jun⸗ gen Turford, daß er nicht recht gezäͤhlt haͤtte. Den Thuͤrſteher muß er wohl viermal mitgezaͤhlt haben.“ Der Kapitain lachte laut uͤber ſeinen Witz, aber ungluͤcklicher Weiſe ward er durch einen Andern unter⸗ brochen, der ihn fragte: was es denn eigentlich im Hauſe gegeben habe?„Ei, verſetzte er, es galt einen ökonomiſchen Unſinn.“— Der neugierige Frager, damit nicht zufrieden, wendete ſich an Herr James Dornton und dieſer war gleich bereit, ihm eine Vorleſung von Erſparniſſen und dadurch erhohten Einnahmen, von gleichmaͤßiger Ver⸗ theilung der Steuern u. ſ. f. zu halten. Die Suppe wollte freilich, ſo oft er auch loͤffelte, dem Mangel an Gedanken nicht abhelfen. Lady Mathilde, die immer einen verſtohlnen Blick auf Lord Ormsby warf, ſah ſchon das gefurchtete ſpottiſche Lächeln auf den Lippen deſſelben. Doch glucklicher Weiſe kam der 6 aus ſeiner Verlegenheit. Ein gegenuͤberſitzender ſ.„ ſt hatte ſich aus dem Dienſte des Staates zurück⸗ poezogen, die geſammelten Fruͤchte zu genießen. Ihm behagte ein unnuͤtzes Geſpräch der Art nicht. Gerade 6 ——— 16 zur rechten Zeit rief er:„Angeſtoßen einmal, Ba⸗ ronchen!“ Dies gab dem Geſpräch eine andere Wendung. Leider muß ich noch bemerken, daß ſpäterhin die ganze Fete von den Meiſten, welche dabei geweſen waren, ſehr getadelt wurde. Lord Ormöby ſollte auch nicht mehr ſo ein angenehmer Geſellſchafter geweſen ſein, wie fruͤher als Auguſt von Arlingford. Woher das kam, wird wohl dem Leſer etwas klar geworden ſein. Gewiß iſt es, daß gleich nach dem Kaſſee Alles auf⸗ brach und, Langeweile und Verdruß ſpuͤrend, ſich entfernte. —— —————— ——— Zweites Kapitel. „Noja Piu un miglio in dietro, che die- ci in avanti*)!“ So lautet ein italiäniſches Spruͤchwort, das eben ſo gut Anwendung verdient, wenn man eines Buches wegen in Gedanken zuruͤck⸗ gehn muß, wie wenn man im Wagen ſitzt. Und doch muß ich, ſo gern ich es einraͤume, in meiner Er⸗ zäͤhlung ein wenig zuruͤckblicken, um zwei oder drei Nebenereigniſſe aufzugreifen, welche, wenn der Leſer ſeine Reiſe gluͤcklich zu Ende bringen will, nicht ver— geſſen werden köͤnnen. Ich gebe aber mein Wort, daß ich, kommt mir die Geduld des Leſers nur ein wenig entgegen, ihn gewiß nicht lange unterweges auf⸗ halten will. Er ſoll blos zuruͤcktreten, um deſto beſſern Anlauf zu nehmen. Lady Mathilde Delaval, die wir im vorigen Ka⸗ pitel als Gemahlin des Herrn Baron James Dorn⸗ ton einfuͤhrten, war das einzige, durch den Tod bei⸗ der Eltern fruh zur Waiſe gewordene Kind, welches nun der unbeſchraͤnkten Vormundſchaft ihres Onkels an⸗ heim fiel. Es erbte dieſer ſeines Bruders Grafſchaft Wakeſield und das glänzende Gut Delaval. Der eine Meile zurück, iſt verdrießlicher, als zehn vorwärts. .* — 18 Mann, dem die Erziehung dieſes liebenswuͤrdigen und huͤlfloſen Mädchens unglurklicherweiſe oblag, hatte die erſte Haͤlfte ſeines Lebens in den Freuden einer unbe⸗ gränzten Zerſtreuung hingebracht und widmete dann die zweite Hälfte dem Ehrgeiz, der Politik. Die feſteſte Geſundheit zu untergraben, war ihm bei ſeiner fruͤ⸗ hern Lebensweiſe gelungen. Jetzt ſetzte ihn nun der Tod ſeines Bruders auch gluͤcklich in den Stand, ein fuͤrſtliches Vermogen zu vergeuden, um dem Siel ſei⸗ nes ſpätern Lebens nahe zu kommen. Als Mathilde in ihr achtzehntes Jahr trat, ſtand ihr Onkel mit einem Fuße im Grabe, und das podagraiſche Bein, das Erbtheil der Jugend, war gehörig mit dem glän⸗ zenden Hoſenbandorden, dem Lohn ſeiner ſchwindenden Jahre, geſchmuͤckt. Mathildens Vater hatte die ganze Zeit uͤber, wo er verheirathet war, außer Landes zugebracht. Von ihrer Mutter wußte ſie wenig; ihr Onkel ſprach nie⸗ mals von derſelben. In der Familie glaubte man, daß ſie eine Fremde von Stande geweſen ſei. In ge⸗ wiſſer Art wurde dies durch Mathildens eigenthuͤmliche Schönheit beſtätigt. Es zeigte ſich bei ihr ein ſeltner Verein jener ausgezeichneten Züge, welche man rein na⸗ tional zu nennen pflegt: die zarteſte engliſche Wan⸗ ge, eine wahrhaft eigne zarte Stirn, von rabenſchwar⸗ zen Locken beſchattet, ein Auge voll italiäniſchen Feuers, das nur minder ſpruͤhte, wenn eine Thräne dem Auf⸗ ruf der Gefuͤhle im zarteſten der Herzen entſprach, wel⸗ ches je in einer weiblichen Bruſt ſchlug. Daß ſie die und die ſbe⸗ die teſte tu⸗ der ein ſei⸗ hide mit Bein, glän⸗ enden „no Pon nie⸗ man, n g⸗ mliche ſeltner in na⸗ Won⸗ chwat⸗ euer, Auf⸗ wel⸗ ſie die 19 Frucht keiner Misheirath geweſen ſei, ging aus jenem unbeſchreiblichen vornehmen Anſtand hervor, der ſich wohl von uns Allen fuͤhlen, aber von keinem be⸗ ſchreiben läßt, und der nie ſtärkern Eindruck machte, als wenn man die unvergleichliche Schoͤnheit Mathil⸗ dens von Delaval ſah. Ob ihre Erziehung ungluͤcklich geleitet wurde, ließ — nicht aus der mit jedem Tage fortſchrei⸗ tenden Entwickelung ihrer Talente abnehinen. Aber es fehlte ihr eine Mutter, deren ſorgſame Leitung den verderblichen Saamen des Irrthums in ihrem ſchuldlo⸗ ſen Herzen erſtickte, welche die heißen Gefuͤhle des Herzens durch ſtrenge Grundſätze herabſtimmte. Kein Beiſpiel des haͤuslichen Gluͤcks hatte ihr mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt, die Gewohnheit gibt, geſagt, wie das Weib im Hauſe ihre Heimath finden muß. Lord Wakeſield hatte ſich bei jeder Gouvernante, die er ihr wählte, damit begnuͤgt, daß ſie ihr Fach verſtand, daß ſie nicht gemein, noch zuruͤckſtoßend war. Als er ſich, wie er ſich ausdruͤckte, aufs Land zuruͤckzog, nachdem Mathilde die Kinderſchuhe abgelegt hatte, wurde ſie von nichts als gewoͤhnlicher Schmeichelei und geckenhafter Bewunderung umgeben. Allerdings gingen ihr einmal beſſere Ausſichten auf. Gleich an Delaval ſtieß das Schloß Ormsby, und die Beſitzerin deſſelben, welche waͤhrend der Minderjährig⸗ keit ihrer Sohne hier wohnte, war eine der beſten Frauen, die jemals gelebt haben. Von ihrem ſanften, Zaͤrtlichen Umgange konnte Mathilde nur Vortheil zie⸗ 2* 20 hen; aus dem Umgange ihrer Tochter Emilie, die in gleichem Alter ſtand, konnte ihr nur Gewinn erwach⸗ ſen. Aber bei den Beſuchen, welche bisweilen die Soͤhne ihrer Mutter abſtatteten, war die Bekannt⸗ ſchaft mit Auguſt Arlingford entſtanden, und daß dieſe nicht die geringſte Rolle bei dem vertrauten Umgange mit ſolcher Familie ſpielte, kann leicht gedacht werden. Zweifelhafter blieb es, ob er auch fuͤr ſie Vor⸗ theil brachte. Mag das geweſen ſein, wie es will, ſo bemerkte doch Lord Wakeſield, der niemals im Rufe der Blind⸗ heit ſtand, wenn es ſeinem Vortheil oder dem eines Mitgliedes aus ſeiner Familie galt, recht gut, wie dieſer Umgang Fortſchritte machte, und ſchien damit nicht unzufrieden zu ſein. Seinem Benehmen dieſe Kichtſchnur zu geben, veranlaßte ihn nicht blos der Um⸗ ſtand, daß Auguſt Arlingford in einem kleinen Seiten⸗ zweige mit ihm verwandt war, ſondern auch die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß bei der hinfälligen Geſundheit des ältern Bruders von Auguſt eine Verbindung zwiſchen dieſem und Mathilden eine hoͤchſt wuͤnſchenswerthe Ver⸗ einigung der aneinanderſtoßenden Beſitzungen zur Folge haben könnte. Der ältere Bruder von Auguſt Ar⸗ lingford war ein ſchwächliches Kind geweſen und ein kraͤnklicher Mann an Geiſt wie am Koͤrper geworden⸗ Er haßte jeden Umgang und war ungemein menſchen⸗ ſcheu. Beides machte es unwahrſcheinlich, daß er hei⸗ rathen werde. Indeſſen gibt es eine Klaſſe von Frauen, wo die in ſch⸗ die knt⸗ dieſe unge den. ekte lind⸗ eines wie amit dieſe Um⸗ eiten⸗ ahr⸗ des ſſchen Ver⸗ Folge tAr⸗ dein orden⸗ ſtu⸗ 7 hei⸗ o die M Schuͤchternheit nicht zu Hauſe iſt und in der er ſich darum ſo wohl befand, daß er am Ende eine zu ſei⸗ ner Gemahlin erhob; eine Ehre, auf welche dieſe wohl nie Anſpruch gemacht hatte, und womit eine Verfuͤ— gung uͤber ſeine Guͤter verbunden war, welche des Lord Wakeſields Wuͤnſchen nichts weniger als ent⸗ ſprach. Die unmittelbare Folge davon war, daß er ſeine Geſinnung gegen den Nachbar aͤnderte. Schon fruͤher war ihm indeſſen in Folge politiſcher Meinun⸗ gen eine Verbindung mit dieſem Hauſe nicht recht angenehm geweſen. Dieſes Ereigniß aͤnderte aber in den Ausſichten des juͤngern Bruders Alles. Daß der neue Ehemann, wie es in der That geſchah, zwei Jahre nach ſeiner Verbindung ſterben werde, konnte er nicht vorausſehen, und ſo beſchloß er: Aller Umgang zwiſchen Mathilden und ihrem Geliebten ſollte ein Ende haben. Die Vermögeüsumſtaͤnde von Auguſt, dem nichts, als das geringe Einkommen eines juͤngern Bruders und mithin zu viel fuͤr ein Handwerk, zu wenig fuͤr ſei⸗ nen Stand blieb, unterſtuͤtzten den Ausſpruch des Lord Wakeſield auf weſentliche Art. Der junge Ar⸗ lingford mußte, ſeine Angelegenheiten zu ordnen, noth— wendig England verlaſſen. Am Thore von Delaval nahm er von Mathilden zärtlich Abſchied, wie wir ſchon erwaͤhnt habefl. Wir muͤſſen hier aber auch noch bemerken, um das, was noch kommen wird, zu erktären, wie Lord Wakeſield zwar ein Schlaukopf war, wenn Einer, der 22 den perſonlichen Vortheil zum Leitfaden ſeines ganzen Handelns allein gelten läßt, dieſen Namen verdient. Allein demungeachtet war es ihm darum doch nicht gelungen, viel einzutragen, weil er in ſeinem Haus⸗ weſen ſo verſchwendriſch geweſen war, wie mit den Geldern der Nation. Zweimal hatte es ihm umſonſt große Summen gekoſtet, den Herrn Simon Tooly als Kandidaten ins Parlament zu bringen, da er keinen andern Verwandten hatte, den er ſtatt ſeiner eine Rolle ſpielen laſſen konnte. Es kam nun die boſe Zeit, wo er ſich in großer Verlegenheit fand, weil die Einkuͤnfte von ſeinen Päch⸗ tern viel geringer ausſielen, ob er ſchon im Parla⸗ mente einen zweiſtundenlangen Beweis fuͤhrte, daß dieſer Fall in England nicht exiſtire. Verpfaͤndungen, Wechſel, Schuldbekenntniſſe und jede Art Geldoblie⸗ genheiten hatten ſich bei ihm gehaͤuft. Da traf es ſich, daß einer der Wucherer, die er am meiſten berei⸗ chert hatte, eine offentliche Rolle zu ſpielen, auch die beſte Erndte von ſeiner haͤuslichen Verlegenheit ziehen ſollte. Es war einer der neugebacknen Lords, die, weil das Eigenthum zum Theil in ganz an⸗ dere Haͤnde uͤbergegangen iſt, die Herrn der alten Haͤupter geworden find. Als nämlich der alte Smithſon ſtarb, hinterließ er alle ſeine Reichthuͤmer, ſeine ausſtehenden Forde⸗ rungen ſeinem Neffen, James Dornton, fuͤr den er kluger Weiſe und ohne Muͤhe eine Baronie er⸗ kauft hatte. Lord Wakeſield wollte beinahe verzwei⸗ lic oh di ſen eht. ſcht us⸗ den onſt 5 inen olle oßer ch⸗ rla⸗ daß en, blie⸗ f e6 erei⸗ auch nheit knen an⸗ lten tecleß orde⸗ t den e er⸗ wei⸗ 23 feln, als dieſer ihn einlud, beiderſeits ein Abkommen uͤber die Summen zu treſſen, welche der neue Baron bei ihm zu fordern hatte. Man urtheile aber auch uͤber ſeine Freude, wie er wahrnahm, daß dieſer ſeine Nichte mit guͤnſtigem Auge betrachtete. Herr James Dornton legte gar bald davon das Bekenntniß ab, denn Geſchaͤfts maͤnner wiſſen in ſolchen Dingen ſchnell' ins Klare zu kommen. Dem Herrn Baron lag näm⸗ lich auch gar viel an Familienverbindungen, obſchon die Schoͤnheit dabei nicht außer Acht gelaſ⸗ ſen wurde; denn welcher Mann uͤberſaͤhe dieſe? Lord Wa⸗ keſield ſchien dagegen auf ſolche Art aus aller Verle⸗ genheit zu kommen. Sein Glaͤubiger heirathete ja nunmehr die Erbin der Guͤter, die dieſem verpfaͤn⸗ det waren! Mit jener unbeugſamen Hartnaͤckigkeit, womit er Alles betrieb, was ſeinen Vortheil förderte, beſchloß er gleich nicht einen Stein auf dem andern zu laſſen, bis ſein Plan durchgeſetzt ſei! Die Ausſichten dazu waren freilich nicht ſehr er⸗ freulich. Der Baron zeigte ſich nicht als der Mann, der eines ſchoͤnen Maͤdchens Herz gewinnen konnte. Was ein reicher Emporköͤmmling von Geldſtolz zu zeigen vermag, Frſtand er; aber der kluge Kopf ging ihm ab, der ihn in den Stand ſetzen konnte, ſelbſt Etwas zu erwerben. So lange er indeſſen ſich nicht geltend machte, war er erträglich und einem Manne gegenuͤber, wie dem Lord, vor dem er ſoviel Reſpekt hatte, zeigte er ſich noch viel minder abſchreckend, als er nachher daſtand. Der Lord war* zu um⸗ 24 ſichtig, denn es galt ja dem eignen Vortheil, um ihn ſelbſt viel reden zu laſſen. Freilich fand auch er, als er im Ton eines Parlamentsgliedes der Nichte den erſten Antrag machte, nichts weniger als eine guͤnſtige Aufnahme. Swar vermied er obſichtlich alle Anſpielungen auf ihre fruͤhere Neigung zu Auguſt Arlingford. Auch hatte er gegen den Baron davon nicht ein Wörtchen geſagt. Allein klar war es ihm, daß in Mathildens Gefuͤhlen eine Umſtimmung gegen den Letztern bewirkt werden muͤſſe, ſonſt gehe die ganze Sache fehl. Der erſte Schritt in der Art fand bald nachher ſtatt, obſchon auf einem Neben⸗ wege und auf keine, wahrſcheinlichen Erfolg verheißen⸗ de Art. namhaften Männer und Frauen des Königreiches zum Beſten gab, las man die Nachricht, wie Auguſt Ar⸗ lingford in Rom mit einer Dame in Verbindung ſtehe, die man nur ſehen duͤrfe, um ſie zu bewundern. Viel⸗ leicht war dies blos ins Blaue hineingeſchoſſen, denn in dieſem Blatte wurde jeder an den Pranger geſtellt und lächerlich gemacht, gegen welchen die Herausgeber aus dem oder jenem Grunde einen Groll nährten⸗ Auch kamen ſie blos der ihres Blattes nach. Allein in Delaval machte die Nachricht davon eine Wirkung, als ſei ſie nicht ohne beſondere Ab⸗ ſicht geſchrieben worden. Ueberhaupt war hier dies Blatt ſtets bei den Gäſten des Lords ſehr willkom⸗ men. Shche Geiſter beduͤrfen gleich dem ſchwa⸗ In einem Blatte, das die Löſterchronik aller hn 7 ſchf g höchſt von N wegen doch do auch v zu ſh truff ei erte ſo ſei ein vetgeſſ De gute, tin ver ander noch ſ hlin eft des mit ih unmig hutung hnnni ne Fia benuht zu bri zum 2 Nchli en hie 25 chen Magen einen unnatuͤrlichen Reiz, und ſo eine ſcharf gepfefferte literariſche Morſelle wurde ſtets mit hoͤchſt unnatuͤrlichem Appetite verzehrt. Die Nachricht von Arlingford ward zwar nicht geradezu Mathildens wegen vorgeleſen, aber man unterhielt ſich doch davon, daß ſie es hoͤrte, und ſprach nun immer auch von den fruͤhern Schwaͤchen, die er ſich hätte zu ſchulden kommen laſſen, was leider auch in Be⸗ treff einiger vollkommen begruͤndet war. Dies dau⸗ erte ſo lange, bis Mathilde in der That glaubte, er ſei ein Ungeheuer von Unbeſtändigkeit; er habe ſie vergeſſen, wie er fruͤher andere vergeſſen hatte. Dem Lord Wakeſield kam dabei der Umſtand zu gute, daß er in einer Madame Mechlin, einer al⸗ ten verſchmitzten Coquette, die zugleich mehr als alle andere Weiber die Kunſt verſtand, das Schlimmſte noch ſchlimmer erſcheinen zu laſſen, eine nuͤtzliche Ge⸗ hulſin vorfand. Auch ſie gehörte zu denen, welche oft des Onkels Haus beſuchten, und Mathilde lebte mit ihr in vertraulichem Umgang, da es Jedermann unmöglich war, ſie oft zu ſehen, ohne von ihrer Unter— haltungsgabe gefeſſelt zu werden. Erfahrung, Welt⸗ kenntniß, gehoriger Takt gaben ihr auf ihre unetfahr⸗ ne Freundin bedeutenden Einfluß, und alles dies wurde benutzt, die Heirath mit James Dornton zu Stande zu bringen. Lady Mathilde, hieß es, käme dadurch zum Beſitze eines bedeutenden Vermoͤgens. Madame Mechlin ſelbſt ſchmeichelte ſich, fuͤr ihre höhern Jah⸗ ren hier einen Zufluchtsort zu finden. Indem alle dieſe Dinge nach und nach ihre Wir⸗ kung thaten, uͤberredete ſich endlich Lady Mathilde ſelbſt, daß ſie unrecht handelte, wenn ſie veraͤchtlich abweiſe, was allen ihren Umgebungen ſo wuͤnſchens⸗ werth ſchien. Vergeſſen durfen wir nicht, daß man ihr ſtets vor⸗ geredet hatte: Heirathen ſei blos eine Art Verſor⸗ gung, eine Art Ruheplätzchen; der Pflichten in der Ehe ſeien wenig, die Einkuͤnfte gewiß. Al⸗ lerdings hatte ſie Auguſt Arlingford mit allem Feuer, aber auch mit aller jener kopfloſen Unbedachtſamkeit der erſten Jugend geliebt. Sie bewunderte ſeine ſchöne männliche Geſtalt, lachte uͤber ſeine Scherze, weinte, wenn er ging, und freute ſich, wenn ſie ihn wieder⸗ kommen ſah. Aber der Augenblick der Trennung war auch der erſte, wo der Gedanke einer Verbindung mit Worten gedacht wurde, und jetzt ſah ſie nun, daß dieſe nicht wöglich ſei. Darf man ſich nun wundern, daß ſie, von ihrer einzigen Freundin uͤberredet: der Geliebte habe ſie verlaſſen, von ihrem jetzigen Anbeter aber— was vielleicht mehr als Alles that— wenig verfolgt, endlich ihre Hand dem Herrn Baron zu geben, ein⸗ willigte? Wer ein wenig die muͤhſelige Bahn des hoͤhern Lebens gewandelt iſt und die Lage, das Benehmen unſerer Heldin für erkuͤnſtelt, für unnatuͤrlich hal⸗ ten ſollte, moge nur einen Augenblick und dann ſag⸗ welche von dieſen urſachen, die hier die WVehl der on Fi zit e große mitbra ihtes daher und dene er, feit b neu 9 C me unter Zimn Lode Mage tes in ſiſſen ſhft ſch nicht anfin „Qu bereu 27 Wahl entſchieden, nicht in dem Leben der einen oder der andern ſeiner Bekanntinnen vorgekommen ſei? Fuͤr den Lord Wakeſield war der Tag der Hoch⸗ zeit ein großer Freudentag. Der Baron zog das große Vermoͤgen in Betracht, das ihm einſt Mathilde mitbrachte, den Antheil, der ihr einſt an den Guͤtern ihres Onkels zufiel, ſobald dieſer ſtarb. Er quittirte daher alle Schuldverſchreibungen des Lord Wakefield, und als dieſer die zu Ehren des Hochzeitfeſtes eingela⸗ dene Geſellſchaft verließ, wo er ſolchen Tag zu fei⸗ ern, die ihm aufgedrungene Gewohnheit der Sparſam⸗ keit vergeſſen hatte, ſo öffnete ſich ihm eine neue Welt des Ehrgeitzes, denn ſeine Geldquellen waren wieder neu geſtaͤrkt worden. Doch nur zwei Stunden gaukelten ſolche angeneh⸗ me Träume um ihn herum. Da wurden alle im Saale unten von einem heftigen Ziehen der Glocke in ſeinem Zimmer aufgeſcheucht, und man fand ihn mit dem Tode ringend, denn das Podagra war ihm in den Magen getreten und nahm trotz aller Kunſt des Arz⸗ tes immer zu. Auf dem Tiſche, an welchem er ge⸗ ſeſſen hatte, lag ein Papier, das ofſenbar ſeine Hand⸗ ſchrift verrieth, und da es von Wichtigkeit ſein konnte, ſah man es durch. Es zeigte ſich, daß es ein nicht vollendeter Brief an den Miniſter war, der ſo anfing: Herr! Ich hoͤre aus guter „Quelle, daß der Geſundheitszuſtand des Lord Snug⸗ borough ſein Leben ſehr“— 28 „— Zweifelhaft macht!“ haͤtte er wahr⸗ ſcheinlich in voller Anmaßung und Vertrauen auf die ſchwache menſchliche Maſchine hinzugeſetzt. Allein die⸗ ſer Schluß konnte nicht von ihm niedergeſchrieben wer⸗ den. Dieſelbe Poſt, welche ſeine nun getäuſchte Hofſ⸗ nung dem Miniſter eröfſnen ſollte, berichtete die⸗ ſem, daß er uͤber die Wuͤrden des hochſeligen Lords ſelbſt zum Nutzen eines ähnlichen ehrgeizigen Bewer⸗ bers verfuͤgen konne, waͤhrend der Lord Snugborough noch heute im Beſitz ſeiner Aemter und Einkuͤnfte iſt. Fuͤr Mathildens fuͤhlendes Herz war der plötzliche Verluſt des einzigen nahen Verwandten, ob er ſchon nie ſehr freundlich geweſen war, ein großer Schlag. Herr James Dornton machte ſeinem Kummer, daß er jährlich dreißigtaufend Pfund mehr einzunehmen hatte, Luft, indem er allen Verwandten den Todesfall auf Pa⸗ pier mit recht breitem ſchwarzem Rande anzeigte. Die Hauptfolge von dieſem Ereigniß war indeſſen, daß ſich das neue Paar ungleich weniger ſah, als wohl ſonſt der Fall geweſen waͤre. Während ihres Aufenthalts in Delaval zeigte Mathilde meiſtentheils Sinn fuͤr die kleinen Aufmerkſamkeiten der Liebe, wo⸗ mit ſie die Lage derer zu beſſern trachtete, die ſie jetzt von ſich abhaͤngig waͤhnte, und ihr Gemahl dage⸗ gen hatte mit vortheilhaften Plänen zu thun, welche den Ertrag der neuen Guͤter mehren ſollten. Endlich mit dem erſten Tage des neuen s kamen ſie nach London. Dex neue Beſitzer von Waktſteid ward ſeinem Koͤnig vorgeſtellt; mit großen Trauermanſchet⸗ — ₰ ten1 Er w men, ſtel fuls men ſtern uls ſchl Sti erft Mat Aeuf der 29 ten und mehrern Orden des Verſtorbenen geſchmuͤckt. Er wurde mit allen den Beweiſen der Gnade aufgenom⸗ men, die der Perſon gilt, wenn dieſe Verdien⸗ ſte beſitzt, und blos von Staatswegen geſchieht, falls es einen Mann betrifft, der ſechs Stim⸗ men zu vergeben hat und— es mit den Mini⸗ ſtern haͤlt. Und von nun an kam der Baron ſeiner Pflicht als Parlamentsmitglied redlich nach. Alle Abende ſchlief er ſeine ſechs Stunden im Hauſe, bis es zum Stimmenſammeln uͤber Fragen ging, die er nicht verſtanden haͤtte, falls er munter geweſen wäre. Mathilde war waͤhrend der Zeit durch Geſtalt und Aeußeres die Bewunderung des Tages, das Muſter der Mode und genoß die Huldigung aller Kenner des Schonen. Drittes Kapitel. Als die Gäſte bei Lord Eatington aufbrachen, ward Lord Ormsby durch die ſchone Nacht— gewiß in England eine der ſeltenſten Verſuchungen!— bewo⸗ gen, auf den Straßen herumzuwandern und gab ſich ganz ſeinen Gedanken hin. Der wunderliche Spazier⸗ gang wurde indeſſen durch eine Equipage wenigſtens einen Augenblick lang unterbrochen. Sie fuhr erſt vor mehrern Paläſten vorbei und blieb endlich raſch anhaltend vor einem ſchonen Gebäude, als er ge⸗ rade auch vor dieſem ſtand. Der Raum vor dem Hauſe war gleich von einem Paar Bedienten eingenom⸗ men, die mit vieler unnothiger Eile der Ceremonie nachkamen, beim Ausſteigen zu helfen. Er blieb da⸗ her unwillkuͤhrlich, während dies ſtatt fand, ſtehen, und da er ſeinen Platz an der Seite gewaͤhlt hatte, wo ihm das launenhafte ſparſame Gaslicht in die Dunkelheit huͤllte, mit der es immer von ſechs Haͤu⸗ ſern fuͤnf begluͤckt, ſo glaubte er, bei dem Licht, das aus der Hausthuͤre hervorſtrahlte, eine liche Ge⸗ ſtalt zu ſehen, in deren Zuͤgen er ſich Richt irren konne. Er hatte recht. Es war Mathilde, die nach huuſt laſſen nach den! dem uͤber als e ten ſeinen tuhe meht der L Et hi guͤck Anſ allen ging dieſe ſamn Inde Rün in De dan nun Mor teit — 31 Hauſe kam und ihren Gemahl bei der Flaſche hatte ſitzen laſſen. Es kam ihm vor, als fahre ſie mit der Hand nach dem Geſicht und wiſche ſich eine Thräne aus den Augen, die eben entſchluͤpfen wollte, ehe ſie ſich dem vollen Lichterglanz preisgab. Eben hatte er ſich uͤberredet, daß dies wohl etwa Einbildung ſein könnte, als einem Diener auf die Frage: ob der Wagen hal⸗ ten ſolle, eine Stimme, bei welcher jeder Ton in ſeinem Herzen wiederhallte und in der ofſenbare Un⸗ ruhe ſprach, die Antwort gab:„fuͤr heute nicht mehr!“ „Gluͤcklich iſt ſie alſo nicht!“ war der Gedanke, der Ormöby's Bruſt ergriff, als er weiter wandelte. Er haͤtte die Welt darum gegeben, wenn er ſie haͤtte glucklich machen können; allein allerdings ließ ihn dieſe Anſicht der Dinge doch mit weniger gallſüͤchtigen Auge allen den Glanz betrachten, der ſie jetzt umgab. Er ging weiter. Oft trat ihm der Gedanke entgegen, daß dieſe ungluͤckliche Lage doch wohl mit dem Zu⸗ ſammentrefſen heut Abend in Verbindung ſtehn möchte. Indeſſen eben ſo oft verwarf er ihn auch als unbe⸗ gruͤndete Zufluͤſterung unwuͤrdiger Eitelkeit, der nichts im ſonſtigen Benehmen Mathildens zum Grunde läg. Die Folge von allen dieſen ſich widerſprechenden Ges danken war, daß er endlich, wie er in ſeiner Woh⸗ nung ankam, gleich Befehl gab, fuͤr den nächſten Morgen den Reiſewagen zur Fahrt nach Ormöby be⸗ reit zu halten. Als Mathilde den Wagen fortgeſchickt hatte, ging ſie in ihr Ankleidezimmer. Unter allen verfeinerten Genüſſen des Luxus, die ſeit ſo manchen Jahrhunder⸗ ten die fortſchreitende Civiliſation erfand, gibt es kei⸗ nen, der denen eines ſolchen Gemachs die Wage hielt. Die glaͤnzende Pracht eines Wohnhauſes, die großte Verſchwendung auf der leckerhafteſten Tafel wird ein Nichts, vergleicht man es mit dem Schonen, was hier vereint iſt und das zarte Weſen der reizenden Be⸗ ſitzerin angenommen zu haben ſcheint. Die Stille, die Einſamkeit ſtrebt gleichſam den Werth des hier aufgehäuften Luxus zu erhoͤhen. Mathildens Simmer B. war ein tadelloſes Urbild der Art. Zwar war der Zugang zu dem Innern dieſes Zaubergemaches et⸗ was verſteckt, wie zu dem der ſchönen Roſamunde*) alten Andenkens. Doch das Labyrinth, durch wel⸗ 1 ches man dahin gelangte, war nur die Frucht des Ue⸗ ¹ berfluſſes von ſo mancherlei Beqvemlichkeiten, einer 1 wohl berechneten allgemeiner Unordnung. Die Toi⸗ letten ſeufzten von Caſſetten, worin Golkonda's Mi⸗ nen ausgeſchuͤttet ſchienen, und glaͤnzten von Gefaͤßen, in welchen Arabiens Weihrauch duftete. Ringsherum waren alle Dinge zur Muſik, zum Zeichnen, und noch viel andere ſogenannte Tändeleien da, die Früchte nichtsſagenden Scharfſinnes in jedem Lande von China bis nach England. Die Spiegel, welche die Mauern — *) Wer dieſe kennen lernen will, örterbuche der Liebe, 2. Th. Leipzig 1 trennte einmal auswi Geiſte ſe, a V des 6 ner K wartet Ziel welche enthalt hiufig Anzu mit i wihlt mit i derte unph Muntt Du ſollte bn, der Fun orden 2 5 trennten, vervielfaͤltigten eine Geſtalt, die ſonſt nur einmal erſchienen wäre. Ein Buöͤcherſchrank mit wohl auswählten Schriften zeigte, daß die Bildung des Geiſtes hier mindeſtens ein eben wichtiger Gegenſtand ſei, als die Ausſchmuͤckung des Aeußern. Wie Mathilde eintrat, ſchien ſie der Schutzgeiſt des Geſchmacks in ſeinem Lieblingstempel. Ihr klei⸗ ner Kobold, die Mademoiſelle Felicie aus Paris, er⸗ wartete ſie bereits mit Ungeduld. Es war nämlich dieſe Nacht ſchon längſt als das Ziel der großen Anſtrengungen anberaumt geweſen, welche in London oft gemacht werden, wenn der Auſ⸗ 6. enthalt der Familien daſelbſt zu Ende geht, der haͤufig mit einem großen Balle ſchließt. Mathildens Anzug mußte neu und glaͤnzend zugleich ſein. Er war mit ihrem gewohnlichen unuͤbertrefflichen Geſchmack ge⸗ wählt und das franzöſiſche Kammermädchen hatte ihn mit ihrer Zauberhand geordnet. Aufmerkſam bewun⸗ derte dieſe ihr Werk und kam ihrer Gebieterin im Tri⸗ umph mit einem Paar der niedlichſten Schuhe von der Welt entgegen, zu welchen ſich Aſchenbrodelchens Pantofſel wie ein plumper Holzſchuh verhalten hätte. Da Mathildens Coſtuͤm eine Chataktermaske ſein 4 ſollte, ſo hatte ſie ſolche ausdruͤcklich von Paris verſchrie⸗ 4 ben, und wie durch ein Wunder kamen ſie an, ehe der Ball vorüber und vergeſſen war. Die kleine Franzoſin verbreitete ſich eben redſelig uͤber die außer⸗ ordentliche Puͤnktlichkeit ihrer Landöleute, als ſie wie 1 3 —— 34 vom Donner geruͤhrt erſchrak, weil ihre Dame er⸗ klärte: ſie fahre dieſe Nacht nicht wieder aus. Erſt nach und nach erholte ſie ſich von dem Schlage.„Mais donc Miladi est malade!“ rief ſie aus und legte auf das Wort dono den deh⸗ nenden theatraliſchen Accent, der es anzeigen ſoll, wie man den Schlüſſel zu einem ſonſt ganz unerklär⸗ baren Dinge gefunden hat. „Nein— ich bin wohl!“ rief Mathilde„ganz wohl! Aber— laß mich— laß mich allein!“ Der beruͤhmteſte Arzt kann ſeinen Kranken mit keinem bedeutungsvollern Kopfſchuͤtteln uͤber den Sitz der Krankheit verlaſſen, als Felicie es that, wie ſie, dem Befehle gehorchend, aus dem Zimmer ging. „Allein— Ja allein ſteh ich in der ganzen Welt!“ dachte Mathilde, als ſie ſich an die Toilette ſetzte, die zarten Fingerſpitzen im ſchoͤnen Haar ver⸗ grub, und die gefällig geordneten Locken ſo gedanken⸗ los auflößte, daß Felicie fuͤr ihre Meinung neue Ge⸗ währ gefunden hätte. Sie barg in den Haͤnden in⸗ deſſen ihr verſchloſſenes Auge. Es ſchien, als wolle ſie jedem Troſte von außen den Zugang wehren. Miß⸗ muthig wanderten ihre Gedanken in vergangene Zeiten zuruͤck. Sie dachte an das, was ſie war und was ſie ſein konnte. Die traurige Gewißheit drang ſich ihr mehr als je auf, daß alle die Knospen des Glücks, die ſie in der Kindheit erwartete, in eben dem Alter verwelkt ſeien, wo ſie ſie zur Reife gebracht zu ſehen hoſſte. Sie fühlte, daß ſeit dieſem Schritte der mun⸗ k k worde hobe fröhli Scht lente die gehe See zoſa Bli mer „ bin 35 tere Sinn abgeſtumpft, das fuͤhlende Herz kalt ge⸗ worden ſei; daß die Zärtlichkeit ein Ende gefunden habe, wo ſie erſt beginnen ſollte. Im Strudel der frohlichen Welt folgte ihr die Bewunderung auf jedem Schritte, den ſie that, doch daheim waren ihre Ta⸗ lente umſonſt, ihre Reize unbeachtet. Wenn ſich hier die frohliche Phantaſie erheben wollte, wurde ihr Flug gehemmt, denn es fehlte ihr eine gleichgeſtimmte Seele. Wenn ihr zärtliches Herz aufwallte, ſank es zuſammen, denn es fehlte ein freundliches Mitgefuͤhl. Von ſolchen Gedanken uͤberwältigt, hob ſie eben das Köpfchen wieder auf, und das Erſte, worauf ihr Blick ſiel, war der Glanz, der mannigfache Schim⸗ mer der Juwelen ihres Schmuckkäſichens. „Mit Euch kann ich nicht ſprechen!“ rief ſie. „Euch kann ich mein Herz nicht entdecken und doch bin ich mit Euch, mit ſolchem kalten, gefuͤhlloſen Schimmer verbunden.“ Der verächtliche Blick ihres Auges verwandelte ſich jedoch, als ſie mitten unter den gläͤnzenden Dingen ein Stuͤck von ungemeiner Einfachheit ſah. Es war ein Halsband, einſt Emilien Arlingford gehoͤrig. Schon lange hatte dieſe es ihrer Freundin gegeben, bevor ſie zum Weibe gereift war, und als die er⸗ ſten Pflichten der Nachbarſchaft eben in die ſuͤße Ver⸗ traulichkeit der Freundſchaft uͤbergegangen waren⸗ In einem Augenblicke der Freude, mit kindiſchem Scherze, nahm ſie es von ihrem Halſe, den Mathildens damit zu ſchmuͤcken. Es enthielt Haare von ihr und ihrem 3½ 36 Bruder Auguſt. Lange hatte es Mathilde nicht be⸗ achtet, denn Felicie hielt es in keiner Art fuͤr werth, es unter dem ſo ſchoͤnen uͤbrigen Schmucke liegen zu ſehen, und verbarg es gewöhnlich unter den glänzen⸗ dern Nachbarn. Doch jetzt griff ſie haſtig darnach und erinnerte ſich, als ſei es Sache von geſtern, des Tages, wo es ihr gegeben ward. Sie konnte es nicht an ihre Lippen druͤcken. Ein gewiſſes Gefuͤhl in der Bruſt hinderte ſie daran. Aber ihr Auge weilte lange darauf, wie durch Zauber gefeſſelt. Endlich ſagte ihr ein Zuſammenraſſen ihrer Kraͤfte, daß nichts verderb⸗ licher, nichts tadelhafter ſei, als in ſolchem nichts be⸗ ginnenden Zuſtande der Schwäche zu verharren— Entſchloſſen fragte ſie ſich, warum denn ihre haͤusli⸗ chen Leiden dieſe Nacht unorträglicher ſeien, als fruͤ⸗ hett Doch die Antwort that ihrem Herzen nichts weniger als wohl. „Nein“ dachte ſie,„durch ſüße Erinnerungen an das, was ich einſt war, durch eitle Klage uͤber das, was ich verlor, darf ich nicht hoſſen, die Kraft zur Eyfuͤllung der uͤbernommenen traurigen Pflichten zu ſinden. Meine beſte Hoffnung beruht auf geduldigem Tragen; mein beſter Schutz iſt Gleichguͤltigkeit gegen Alles!“ Jetzt gelang es ihr, durch die ihr ſchon zur Ge⸗ wohnheit gewordene Anſtrengung, jenen Schein von Faſſung und Ruhe zu erheucheln, der, die Heiterkeit ausgenommen, die gelegentlich von einer zahlreichen Ge den vor die ſei ſch ih in Geſellſchaft herbeigefuͤhrt wurde, ihr Aeußeres ſeit dem Augenblicke ihrer Vermaͤhlung auszeichnete. Kaum war aber die wohlthuende Verwandlung vor ſich gegangen, als das Pochen unten an der Thuͤr die Heimkehr des Gemahls verkuͤndete. Das Kniſtern ſeiner Schuhe auf der Treppe beſtätigte es. Aufge⸗ ſchreckt vom unwillkommenen Schalle, rief Mathilde ihrer Felicie. Sie eilte, jene Ruhe zu zeigen, die in der That bei dem Sturme ihres Herzens keine leichte Aufgabe war- 38 Viertes Kapitel. Als Mathilde am nächſten Morgen zum Fruͤhſtüͤck kam, fand ſie bereits ihren Gemahl an der Tafel, und ſein gewichtvolles Streichen am Kinne verkuͤn— dete deutlich, daß er einen Vorſchlag thun wolle, auf den er nicht wenig Gewicht legte. Wenn dies bei ihm der Fall war, pflegte er den gewöhnlichen Gang der Rede umzukehren. Ganz ernſthaft brachte er eine Menge wichtiger Gruͤnde vor, welche ihn beſtimmten, etwas zu thun, das kein Menſch errathen konnte, bis er endlich mit einem dem Scheine nach unwiderlegli⸗ chen Satze ſchloß. Die Spannung, in welche da⸗ durch Mathilde geſetzt ward, hielt in dieſem Augen⸗ blick um ſo laͤnger an, da des Herrn Gemahls Worte jeden Augenblick von dem Fruhſtuͤck, ſo wie ſie uͤber die Lippen kamen, durchkreuzt wurden. „Ich habe geglaubt,“ murmelte er„daß, da wir nicht vor ein vierzehn Tagen London verlaſſen, und Jedermann gegen ſeine Nachbarn auf dem Lande höf⸗ lich ſein ſoll, es auch die Pflicht der großen Gutsbe⸗ ſizer iſt, indem ich auch nicht viel von der Staats⸗ klugheit eines Mannes halte, beſonders jetzt, wo wir — durch unſere Feſtigkeit die Radikalen niedergeworfen haben,— der Kafſee iſt doch ſo geſchmacklos, als waͤre er von Hunt— die Oppoſition auch ganz ver⸗ ächtlich geworden iſt— noch ein bischen Butter, wenn ich bitten darf—: es doch wohl gut ſein möchte, wenn wir den Lord Ormöby einmal zu Gaſte ladeten.“ Als dieſer unerwartete Schluß kam, rief Mathilde unwillkuͤhrlich:„Nein! Durchaus nicht! Das iſt gar nicht nothig!“ Der Baron ſah ſie einen Augenblick lang an und wunderte ſich oſſenbar uͤber ihren heftigen Wi⸗ derſpruch. „s iſt doch recht wunderlich, daß ich mir nichts ausdenken kann, was Ihnen nicht zuwider waͤre!“ äußerte er.„Ich dächte, Sie waͤren geſtern Abend recht kalt gegen ihn geweſen. Nun, vergeſſen Sie nur nicht das Spruͤchwort: wer mich liebt, liebt auch meinen Hund!“ Es war etwas ſehr Komiſches in dem Gedanken, wenn man daraus die Folge zog, daß ſie den Lord Ormöby lieben ſollte— wegen— des Herrn James Dornton. Gewiß kam ihr der Gegenſtand ſehr ernſt— haft vor, allein bei ihrem natuͤrlichen lebhaften Sinn furs Loͤcherliche koſtete es ihr doch ein wenig Muͤhe, das Lachen zu unterdruͤcken, als ſie ganz ruhig antwortete, daß ſie den Lord geſtern Abend zum erſtenmale geſehn hätte. Er erwiederte darauf nur: daß ihm Lord Oemsby recht wohl gefallen habe; dieſer komme eben —— —————— — 40 aus fremdem Lande, und koͤnne alſo manche Dinge erzählen, welche er gern wiſſen möchte.„Ich fragte ihn, ſchloß er, ob er die Federn an ſeinem Wagen habe mit Stricken umwinden laſſen, und ob man in Ita⸗ lien Claret haben könne, und da ſah ich gleich aus ſeiner Antwort, daß er ein Mann von Einſichten ſei.“ „Ueber ſolche Dinge möchte er ihm allerdings vollkommenen Aufſchluß geben koͤnnen!“ meinte Ma⸗ thilde. „Ja,“ behauptete der Gemahl noch,„meine Schweſter, Madame Hobſon, iſt eben aus Manche⸗ ſter angekommen. Sie will, um ihren Töchtern die letzte Feile zu geben, auf Reiſen gehen. Wir koͤn⸗ nen ſie gleich an demſelben Tage einladen, und da kann er dann gleich die Sache uns zuſammen aus⸗ einanderſetzen.“ Mathildens Widerwille, den fruͤhern Geliebten als Gaſt in ihrem Hauſe zu empfangen, wurde keines⸗ weges durch die Ausſicht gemindert, eine ganz gemei⸗ ſe Familie zugleich bewirthen zu muͤſſen. Indeſſen ſchien es hier keinen Ausweg zu geben, denn der Ba⸗ ron machte ſich hinweg, dem Lord Hrmsby eine Karte auszufertigen, und uͤberließ es Mathilden, die Fami⸗ lie Hobſon zu empfangen, welche Abends zuvor in London angekommen war, deren Beſuch daher jetzt je⸗ dem Avygenblick erwartet werden mußte. „Meine Schweſter,“ ſagte er,„die Madame Hobſon, haben Sie noch nicht geſehn. Ei, die muß Ihnen gefallen. Eine huͤbſche Frau iſt das. Die — Fir nich ren An ru fer he —————— Familie, in die ſie geheirathet hat, ſteht mir freilich nicht ſo recht an. Ein Wechſelhaus und ein Waa⸗ renhaͤndlet iſt doch ein Unterſchied. So iſt meine Anſicht. Aber Hobſon ſitzt warm! Seine Firma gilt in Mancheſter!“ „Gilt in Mancheſter!“ dachte Mathilde.„Wa⸗ rum blieb er denn nicht in Mancheſter bei ſeinen Pfef⸗ ferduͤten!“ Und ſie machte ſich bereit, die Gäſte zu Betty Dornton war einige Jahre aͤlter, als ihr— und da ſie ihre Reize zu Markte brachte, wo die Ausſichten ihrer Familie noch nicht ſo glänzend waren, als ſie es nachher wurden— denn der alte Onkel Smithſon hatte erſt den Kern zu dem großen Reichthum gebildet, welchen er nachher zuſammen⸗ ſcharrte— ſo fand ihre Verbindung mit dem Kauf⸗ mann Hobſon kein Hinderniß. Er war der erſte Die⸗ ner in einer großen Handlung zu Mancheſter. Nach und nach ruͤckte er zum erſien Buchhalter vor, und das kleine Zimmer, worin er anfangs wohnte, wan⸗ delte ſich am Ende in das größte, ſchoͤnſte Haus zu Mancheſter. Wie ihn Betty heirathete, war ſie ein kleines, plauderhaftes, ungebildetes, aber lebendiges, munteres, obſchon gemeines Maͤdchen. Zwanzig Jahre gingen ſeitdem hin; nur etwas mehr als halb ſoviel Kin⸗ der hatten ihrem feinen Aeußern den friſchen Reiz, geraubt. Aber die Wohlbeleibtheit hielt mi dem zunehmenden Wohlſtande gleichen Schrit 42 und die Geläufigkeit ihrer Zunge hatte nicht das Min⸗ deſte verloren. Mathilde empfand dies nur zu gut, als der Portier die Madame Hobſon, die Made⸗ moiſelle's Hobſon und den jungen Herrn Hobſon an⸗ meldete. Der letztere war ein linkiſches, alber— nes, eben der Schule entlaufenes Buͤrſchchen. Die drei Schweſtern deſſelben einzeln zu ſchildern, will ich gar nicht eher verſuchen, bis der Leſer ihre genauere Bekanntſchaft gemacht hat. In ihrer Kleidung war etwas Schweſterliches, al— len dreien Gemeinſchaftliches. Jede hatte ihren hell— gruͤnen Caſimiroberrock, huͤbſch verbraͤmt, und ihren ſchwarzen Biberhut mit dunkelrothem Taſſet gefuͤttert. Nur die älteſte zeichnete ſich durch recht glaͤnzende ſchwarze Locken aus, die um das roſige Antlitz ſpiel⸗ ten, während Annchen, die in der ganzen Familie die ſchoͤnſte Naſe zu haben behauptete, nur zwei Locken ihres rothen Haares längs den Schlaͤfen her— abwallen ließ, und ſo à la Madonna zu erſcheinen glaubte. Die dritte, Jemina, war noch in den ſchönen Jahren, wo die Haare der Mädchen weder 5 lang noch kurz ſind. 3 Was die Unterhattung betraf, ſo hatten die drei Grazien aus Mancheſter einen gewaltigen Reſpekt vor einer Dame, von welcher, gleich wie Mathilden wieder⸗ fuhr, die Morgenzeitung ſo oft geſprochen hatte. Sie beſchraͤnkten ſich blos ſo auf einzelne Wörtchen, die den Miſchmaſch der Frau Mutter verbeſſern ſellten; eine Sache, welche ihnen die in der beſten Erzie⸗ . hunh Die Lodr flßt war glic uͤber kein nem 6 — 43 hungsanſtalt erworbene Kenntniß ſehr leicht machte. Die Frau Mutter empfand von jenem Reſpekte, den Lady Mathildens Name und Ruf den Toͤchtern ein⸗ floßte, nicht viel. Seit ihr Bruder geheirathet hatte, war ſie der feſten Meinung, daß auch ihr Anſehn in gleichem Maaße gewachſen ſei, und der Dame gegen⸗ uͤberzuſtehn, die ihn gehoben hatte, demuͤthigte ſie in keiner Art. Feſt und muthig ging ſie im ſcharlache⸗ nem rothen Sammtkleid, vor dem ſich die Sonne in den Hundötagen hätte ſchämen mögen, auf Lady Ma⸗ thilde zu, begruͤßte ſie ſchweſterlich, ſah ſie recht feſt an und rief dann:„Na— beſſer hätte mein Bru⸗ der nicht wählen koͤnnen!“ Jetzt ſiel ihr aber auf einmal ein, was in ihrem Gedanken die Hauptrolle ſpielte: die große Reiſe, die nach dem feſten Lande gemacht werden ſollte. „Ach,“ rief ſie wieder„ich denke, in der Frem⸗ de wollen wir wie eine Familie zuſammenleben! Ach Jeſus, wenn mir einfaͤllt, daß ich aus meinem guten England fort ſoll! Aber meine Toͤchter muͤſſen die Avantage haben, wie die vom alten Tomskins, der ſich zum Ritter hat machen laſſen. Iſt denn mein Bruder nicht auch Baron? Von Ihnen will ich gar nichts ſagen! Nachher behauptet Doktor Schnecke, daß Jemina in der Bruſt nicht richtig iſt und die Luft in Italien ihr recht gute Dienſte thun wuͤrde. Ich muß Ihnen ſagen, wenn ich mich nicht vor den Muſkowitern fuͤrchtete, und vor den Bandittern, oder wie die Kerls heißen, die dort über einen heffal⸗ 44 len, ſo moͤcht' ich wohl Italien ſehen und den Pabſt beſuchen und die Venus von Meſſina— was willſt du denn?“ Sie wendete ſich an eine der Tochter, von wel⸗ cher ſie geſtoßen wurde. „Medici, Mama!“ verbeſſerte Anna. „Ja ſo, Medicin! Und dann die heilige Peterskir⸗ che! Na, von der verſpreche ich mir nicht ſehr viel, denn in Mancheſter haben wir auch eine Peterskirche. Und den großen Waſſerfall moͤcht' ich ſehen, bei Ta⸗ bula, oder wie das Ding's heißt. Unſer Nachbar hat ein Bild davon mitgebracht; das wurde bei uns ausgeſtellt. Ach Jemine, da ſieht das Waſſer alle ſo weiß, und die Felſen ſind kohlſchwarz, und die Baͤu⸗ me alle gruͤn. Schoͤne war's, und unſer Nachbar ſaß auf einem dreibeinigen Schemel unten drunter, und das Waſſer plätſcherte ſo um ihn ringsherum. Ja, und den Capitalcoloſſus ſaͤh' ich auch gern, den die alten Roͤmer gemacht haben.“— „Coliſeum, Mama!“ zupfte die aͤlteſte Tochter. „Capitolium!“ ziſchelte ihr Annchen ins Ohr. „Es iſt dies ein Gebaͤude für ſich!“ „Schoͤne, Kinderchen! Ein Gebäude fuͤr ſich? Je! Ich dachte es ſtaͤnde in Rom! Nu, das muß ja Jacob wiſſen; das werden ſie ihm ſchon in der Schule beigebracht haben!“ Der Ideengang bekam dadurch bei Madame Hob⸗ ſon eine andere Richtung, und noͤthigte Mathilden, ihre Aufmerkſamkeit auf einen unangenehmen Gegen⸗ fund ge zr Pern entla Und ohne Ran Bein che Kra klein chen rothe doß abz Mu der. icht t mi ihn ge Ne the 4 ſtand zu wenden, den die bisherigen langweiligen Din⸗ ge zu bemerken verhindert hatten. Nichts Verdruͤßlicheres legt uns die Pflicht der Verwandtſchaft auf, als wenn uns ein der Schule entlaufener, linkiſcher, vorwitziger Knabe langweilt⸗ Und das verdruͤßlichſte Exemplar eines ſolchen war ohne Zweifel der junge Hobſon, wie er jetzt auf dem Rande des Sophas daſaß, die abgenutzten, zu kurzen Beinkleider uͤber die Spindelbeine heraufgezogen, wel⸗ che in faltigen baumwollenen Struͤmpfen ſtaken. Der Kragen en ſchwarzen Rock zeigte allein, daß er eine kleine Anlage hatte, mit der Zeit auch ein Modenärr⸗ chen zu werden. Mit der naſſen Buͤrſte hatte er die rothen Haare huͤbſch nach der Seite zurückgeſtriegelt, daß die viereckigen Locken recht glatt herausguckten⸗ Jetzt war er nur beſchäftigt, die Federn vom Hute abzuleſen, deſſen Form Niemand recht errathen konnte. „Leg' den Hut weg, Jacobchen!“ rief ihm die Mutter zu.—„Er iſt der Pathe von meinem Bru⸗ der. Hören Sie, und er ſieht ihm recht aͤhnlich!“ Mathilde, der dieſe Mittheilung galt, konnte der richtigen Bemerkung nicht widerſprechen⸗ „Es ärgert mich, daß ſein Onkel nicht da iſt. Ich hab' ihn mit hergebracht, weil er nicht die Reiſe mitmachen darf. Und ich wollte doch gern, daß er ihn ſehen ſollte. Es iſt immer gut, wenn ſolche jun⸗ ge Leute wiſſen, mit wem ſie einmal zu thun haben. Mein Bruder wird doch auch etwas fuͤr ſeinen Pa⸗ then thun, fuͤr Jachbchen, wie wir immer ſagen⸗ 46 Vielleicht macht er ihn zu einem Parlamentsmannez das iſt eine huͤbſche Sache! Wenigſtens ſagte es mein Onkel immer. Sechſe kann er hineinſchicken, ins Parlament, ſagen die Leute. Da wird er doch lieber einen von ſeinem Fleiſch und Blute nehmen, wie einen andern? Ja, mit der Zeit kann mein Ja⸗ cob ein Mann werden, ſo groß, wie— je wie hieß denn der, der unſern Leuten ſo höflich dankte, daß ſie die Radikalen todtgeſchlagen hatten?“— „Staatsſectetär!“ beſſerte die aͤlteſte Tochter aus. „Ja! Nun, warum ſollte es denn Jacöbchen nicht erleben, daß er ein ſolcher Secretär wuͤrde? Ich kann Ihnen ſagen, daß wir uns alle Muͤhe gege⸗ ben haben, ihm's Reden beizubringen!— Jacöbchen, laß mal deine Tante horen, was du da ketzthin pro— clamirteſt. Ich dachte, es wäre wie im Hauſe der Gemeinen!“ „Mathilde hatte nichts dagegen. Es war ein klei⸗ neres Uebel, als wenn die Mutter von ihm ſprach. Jacöbchen wollte doch, ſo bloͤde er that, lieber etwas declamiren, wozu er gewöhnt war, als in ſolcher peinlichen Lage, wie bisher verharren. Er hob die Hand ſteif in die Hohe, daß er, wie ein Wegweiſer daſtand, und begann aus einem alten Trauerſpiel mit kreiſchender Stimme Fuß fuͤr Fuß ſcandirend: Gleich einem Strom', der von dem Berge kommt, Stuͤrzt eine Bande Raͤuber von dem Huͤgel, Treibt unſ're Heerden weg— 1 — die Thüre aufging und unſere zwei Freunde voln cyn hnie der nicht ſolch Red denr No der bwi alle Uiſ tirn und ſen Nu bis Hu hatt ſte fn gl der ſo in 47 vom vorigen Abend, Georg Darford und Pen⸗ ryn, hereintraten. Sie pflegten die Zeit in Compa⸗ gnie zu tödten und wollten ein halbes Stuͤndchen bei der Lady Mathilde hinbringen. Natuͤrlich ſtaunten ſie nicht wenig, da ſie dieſe Geſellſchaft fanden und eine ſelche Declamation unterbrachen. Billig haͤtte der Redner noch dazuſetzen ſollen: „Nach Sicherheit und Schutz floh jeder Schaͤfer fort.“ denn alles ſtaͤubte bei ihrem Eintritt auseinander. Madame Hobſon entfaltete dem ſtaunenden Auge der Gäſte, als ſie nach der Thuͤte wanderte, den breiten Umfang des koſtbaren Sammtgewandes, das alle Spuren des ſtaͤten Sitzens und des engliſchen Urſprungs an ſich trug. Die Töchter folgten ſchuͤch— tern zuſammengedrangt, ſich ſchmiegend, fortkriechend, und wie nur ſonſt engliſche Maͤdchen von einer gewiſ⸗ ſen Klaſſe aus einem Zimmer zu entweichen ſuchen. Nur unſer Roſcius bot noch dem Feind die Stirn, bis er, aber freilich nicht ohne Muͤhe, ſeinen formloſen Hut unter den Fuͤßen des Lord Georg hervorgezogen hatte, wäͤhrend ſich dieſer nachlſſig aufs Sopha hin⸗ ſtreckte. Dann empfahl auch er ſich mit einem ſtei⸗ fen Buͤckling, der ihm bei der Declamationsprobe zu— gleich eingelernt war, und verließ das Zimmer. „Nun ſagen Sie mir ums Himmels willen,“ rief der Lord„wer iſt der junge Esquimeau, den ich hier ſo declamiren hörte, und wer waren die Gaͤnschen alle ringsherum?“ „Die alte Dame war die Schweſter meines Gemahls; alle andere ſind ihre Kinder!“ erwiederte Mathilde in einem Tone, der darauf berechnet war, jedem weitern Ausbruche des Spottes vorzubeugen. „Mit unſerer Freude bei Eatingtons war gar nichts!“ Penryn dazwiſchen, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu „Bei einem Quäker wäre mehr Leben geweſen ſtimmte Georg bei. „Auch ich fand wenig Vergnuͤgen,“ verſicherte Mathilde. „Ja, bei einer Tafel ſetzt man in eine Lut⸗ terie. Oft kommt man mit einem Nachbar zu⸗ ſammen, den man unter allen am wenigſten wuͤnſcht. Hab' ich nicht recht?“ fragte Penryn unſere Mathilde- Er hatte dabei nur ſo obenhin geſprochen, ohne daß es ihm eingefallen waͤre, wieviel Ur ſache ſie hatte, ſeiner Meinung beizupflichten. Allein Lord Georg er⸗ ſparte dieſer das Peinliche einer Antwort darauf. Er bezog dieſe Anſpielung auf ſich⸗ „Lady Mathilde antwortete er„wird gewiß nicht einer Behauptung beipflichten, gegen die ich durchaus appelli⸗ ren muß!“ rief er mit einer fluͤchtigen Verbeugung. „Ja, du haſt gut reden,“ verbeſſerte ſich Pen⸗ ryn.„Ich hatte es ganz vergeſſen. Aber deine Nachbarin, unſere Lady Mathilde, hat gewiß gefuͤhlt, in welcher wunderlichen Lage ſie war. So hab' ich mich in meinem Leben nicht getäuſcht, in Lord Ormöby.“ „Wir hielten ihn— einen ſhn jungen mn„ eſe hie Aug Lord ſhul ſcha erin das dach tun wut lege de no die rur hat ni 49 ehe er auf Reiſen ging. Wie er zum erſtenmale in die Welt gukte, konnte keine Fete ſein, wo nicht Auguſt Arlingford dabei geweſen wäre. Der Leſer wird wahrſcheinlich bemerken, daß ſich Lord Georg hierbei einen kleinen Anachronismus zu ſchulden kommen ließ, daß ihm die fruͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit demſelben am vorigen Abend keinesweges erinnerlich war. „Aber,“ fuhr Herr Penryn fort,„bei allem Feuer, das er hatte, zeigte er doch auch einen teufelmäßigen Hang zum Sentimentalen. Bevor er auf Reiſen ging, dachten wir alle, er hätte ein Liebchen auf dem Lan⸗ dez ſo eine Art Clariſſa.“ „Nun wer weiß denn,“ meinte Lord Georg, 46 der treue Schäfer ſie nicht jetzt heirathet. Wie ich zu dir eilte, ſah ich S in ſeinen Reiſewagen ſteigen.“ Lady Mathilden war dieſe zu Ende der Unterhal⸗ tung mitgetheilte Nachricht hoͤchſt angenehMm. Zwar wurde ſie nicht blos von der zunaͤchſt drohenden Ver⸗ legenheit befreit, ihn bewirthen zu muͤſſen, eine Sache, die ſchon durch die Hobſonſche Familie verdrießlich ge⸗ nug war, ſondern es gab auch noch andere Gruͤnde, dies zu wuͤnſchen. Mochte ſie ſich, wenn ſie öffent⸗ lich ſich zeigte, beherrſchen, wie ſie wollte, die Erfah⸗ rung von dem, was ſie am vorigen Abend gefuͤhlt hatte, ſagte ihr doch, daß es deſto beſſer ſei, je we⸗ niger ſie den Lord Ormsby ſaͤhe⸗ 1. ₰ 4 Fuͤnftes Kapitel. Dank ſeinem guten Poſtillion und dem leichten Wa⸗ gen: unſer Held befand ſich ſchon am nächſtfolgenden Abend vor den Pforten ſeines Schloſſes! tnc Die Wohnung unſerer Vaͤter hat beſondere Reize. Der Reiſende fuͤhlt ſie auf allen ſeinen Wegen. Sie gleichen einer Kette, die mit jedem Schritte, den er vorwaͤrts thut, ſchwerer druͤckt. Kehrt— zuruͤck auf den Schauplatz ſeiner Jugend— man ſei ſo alt man wolle; es ſeien die Umſtände, welche ſie wollen: immer wird ein bis dahin unbekanntes ſuͤßes Gefuhl davon die Folge ſein. Doch gleich allen Gefuͤhlen, die den Menſchen eingepftanzt ſind; hängt auch die Entwickelung von dieſem ſehr ab. Es wächſt nach Maaßgabe der Phantaſie, welche dabei ihre Rolle ſpielt. Mag Gall immerhin das Diebsorgan auf dem Schä⸗ del des Vagabunden und des vornehmen Mannes fin⸗ den. Jenen führt es zum Galgen, dieſen macht es blos bei dem Pharao verdächtig, und wenn es einen Staatsſtreich zu verdecken gilt. Eben ſo iſt es mit den Freuden, dit uns die Heimath gewährt. Derjunge Matroſe, der in ſeine hm fann haft al jede St Fr La Zr da ni Eh P 6 ſo V 9 he * 6 51 ärmliche Huͤtte am Stranh der Themſe heimkehrt, kann ſich nur eine ſchwacht Porſtellung von dem leb⸗ haften Gefuͤhl machen, dos Lord Ormsby empfand, als er ſeinen praͤchtigen Gebbort vor ſich ſah. Auf jeder Seite ſtrebten tauſenhe von Eichen in aller Schoͤnheit, die ihnen Jahrhunderte verliehen, in aller Friſche und Lebhaftigkeit, die der Sommer ihrem Laube gab, empor, und winkten mit ausgebreiteten Sweigen ihrem Herrn und Beſitzer Willkommen zu. Anſichten von manchen gruͤnen Gäͤngen beſchaͤftigten das Auge. Hier war es, als ob Berge und Felſen, die nicht zu erſteigen ſchienen, von weitem ihre ſchuldige Ehrfurcht zollten. Der Waldſtroim bruͤllte don fern Willkommen. Kam man ihm näher, ſo lispelte er es, ſich ſanft in einen großen See ergießend. Die Abend⸗ ſonne glänzte durch alle Zweige und ſpiegelte auf der Waſſerfläͤche und zuͤndete unſerm Helden ein natuͤrliches Freudenfeuer an, gegen das alle kuͤnſtlichen, noch ſo groß, wie ſie je ein Sieg oder Partheigeiſt erzeugt hat, erbärmlich und traurig ſchienen⸗ Auf ſolche Art betrat Lord Ormsby ſeiner Väter Haus, das er zum erſtenmal ſein nennen konnte. Mag der Eigenthuͤmer eines Landguts noch ſo ſehr uͤber den geſunkenen Werth deſſelben murren? der reichſte Staatsſchuldenſpeculant kann doch nicht ſeinen luftigen Papierſtreifen den Schimmer einer ſchonen Wohnung, noch einen feſſelnden Namen geben. Das alte Stammſchloß unſerer Ahnen begruͤßt uns jeden Tag aufs neue, wenn wir zuruͤckkommen, ſo friſch 52 und freundlich, wie wi von unſerer Kindheit ſ Seite geſchafſt, ſonder ruͤckließen, und in der verließen. Alle Spuren icht verwiſcht, nicht bei bewahrt, zu⸗ nheit veredelter geworden. Der Staatsmann, der Banden häuslichen Glucks abgeſtreift hat, bekennt ſich doch zu dieſer Neigung gegen ſeinen Stammſitz, und der größte aller Kenner des menſchlichen Herzens läßt den Ehrgeizigſten ſeiner Helden, den Königsmörder— in dem Augen⸗ blicke des Todes klagen: Mein Park— mein Schloß— mein Landſitz, iin ich hatte!.. Was Lord Ormsby von allen dieſen Dingen dachte, konnte er nicht an den Tag legen. Es war erſt der Julius angegangen. Nur Einſamkeit ließ ſich erwarten, denn ſeine Mutter reiſte in fernen Landen, ſeitdem ihr Sohn ſeine ungluͤckliche Heirath geſchloſſen hatte. Sie hatte ſie nicht hindern können und ſuchte ſie zu vergeſſen, ohne ſie aber, weil es 3 die Pflicht gegen ihre Tochter gebot, zu vergeben. ind Am Thor bewillkommte ihn die alte Haushaͤlterin Frau Braun, deren gutes Herz ihm oft in den Kna⸗ benjahren kund geworden war. So manchmal hatte ſie ihm Leckerbiſſen zugewendet und dann ohne Barmher⸗ zigkeit ein Rhabarbertränkchen gegeben, den von ihr verdorbenen Magen gut zu machen. Jetzt zeigte ſie ihm indeſſen nicht den Ausdruck von Zaͤrtlichkeit, den *) Shakespeare. 53 die ihr immer bewieſene Güte ihres Herrn wohl haͤtte erwarten laſſen. Dies kam aber daher, daß die Freude, die das gute Herz der Alten empfand, nicht wenig von dem Verdruß durchkreuzt wurde, als eine alte Haushaͤlterin um einen Tag fruͤher von ihm uͤber⸗ eilt zu werden, als ſie erwartet hatte. Jedoch dies wurde bald beſeitigt. Lord Ormsby verſicherte, daß jeder Mangel an Einrichtung ſeine Schuld ſei, und ſo fuͤhrte ſie ihn ins kleine Geſellſchaftszimmer ſeiner Mutter.„Dies wuͤrde ihm“ meinte ſie„das lieb⸗ ſte ſein, weil es ihn an die alten Zeiten erinnere.“ „Sie werden es noch beinahe finden, wie es war,“ ſetzte ſie hinzu„denn wie Ihr Bruder die ungluͤckli⸗ che Heirath ſchloß und ſie kamen hierher, machte ich die Stube zu. Ich konnte den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß ſo eine Perſon da ſein ſollte, wo meine Dame am liebſten zu ſitzen pflegte.“ Die Misheirath war der armen Frau Braun ein großer Dorn im»Auge geweſen, denn ſie hatte ſich ganz in die Familienwuͤrde verſchmolzen. Ihr von Natur reizbarer Charakter war es dadurch noch mehr ge⸗ worden. Lord Ormöby dachte, er muͤſſe doch etwas ſagen. Ohne gerade daher uͤber dieſen Gegenſtand in ein Geſpraͤch eingehn zu wollen, fragte er nur Frau Braun: ob ſein Bruder hier immer gehaußt habe? „Nein,“ war die Antwort.„Sie brachten den ganzen Anhang mit her, aber nur zwei Rächte blie⸗ ben ſie hier. Der Himmel weiß am beſten, warum?“ Ganz der Wahrheit gemäß lautete dieſe Antwort 54 nicht, denn außer dem mel, wußte auch Frau Braun die Veranlaſſung kecht gut. Sie war ſelbſt die Urſache, denn einer w Lady Ormsby Dienerſchaft hatte ihr kurz angede daß ſie ihre gnädige Frau begleiten ſollte. „Gnaͤdige Frau?“ entgegnete die erzuͤrnte Haushaͤlterin:„Meine gnaͤdige Frau? da wiſſen wohl andere Leute mehr von der gnaͤdigen Frau zu erzaͤhlen!“ Der neuen Beſitzerin ward dies gleich ge⸗ meldet. Sie ſiel dieſe mit einer Heftigkeit an, daß man wohl ſah, die Standeserhebung habe ihrer gemei⸗ nen Zungenfertigkeit keinen Eintrag gethan. Der arme Gemahl konnte den Frieden nicht vermitteln. Es gelang ihm— das einzige Mal vielleicht, wo er ſich ſolches Einfluſſes ruͤhmen konnte— das Schloß zu verlaſſen, und ſie that es um ſo lieber, da ihr ein ländlicher Sitz nichts weniger als angenehm war. Auf dem Wege zum Zimmer ſeiner Mutter wan⸗ derte der Lord und ſeine Fuͤhrerin durch eine lange Gallerie von Familienbildern. Das erſte davon, von Holbein, war ein Weib, mit kleinen grauen Au⸗ gen, rothen, aus den Geſicht zuruͤckgekaͤmmten Haa⸗ ren, und einer ſteifen, eckigen Geſtalt, den Hals in Spitzenkrauſen verborgen. Auf einem Getäfele, das ihre kleinen in die Schuhe eingezwängten Fuße trug, ſtanden die Worte: Lady Mathilde Delaval, erſte Baroneſſe von Ormsby. Sonſt hatte dies oft dem glücklichen Trio, das aus ihren Enkeln und Nichten im zwanzigſten Grade beſtand, viel Spaß gemacht. Viel wurde uͤber die vermeinte Aehnlichkeit zwiſchen dem Bilde und dem luſtigen Maͤdchen geſcherzt, wel⸗ ches den Namen davon fuͤhrte. Man erſchöpfte ſich ſehr in Vermuthungen uͤber das Portrait, welches das naͤchſte Feld gegenuͤber einnehmen wuͤrde. Die mit dieſem Gemaͤlde zuſammenhaͤngenden ſchmerzlichen Er⸗ innerungen beim Lord ſchienen jetzt aber auf Frau Braun zu druͤcken, denn ſie hatte ſchon nach ihrer Art auf den Gegenſtand gedacht, der in dem Bilde gegenuͤber das leere Feld fuͤllen ſollte.„Im Zimmer Ihrer Mutter, Herr Auguſt— ich wollte ſagen: Mi⸗ lord— werden Sie einige Notenſtuͤcke und Zeichnun⸗ gen von Lady Mathilde Delaval— ich wollte ſagen: Dornton— finden. Ich habe damals zugeſchloſſen, ohne nachzuſehen, was darinnen iſt. Vielleicht wiſſen Sie, wie Sie ihr die Sachen wieder zuſtellen konnen. Sie iſt verheirathet— freilich nicht, wie ich ge⸗ dachte-— Sie hielt hier einen Augenblick inne und ließ ſo ein Mittelding von Seufzen und Keuchen hören, welches letztere von der ſteilen Wendeltreppe verur⸗ ſacht, indeſſen jenes die Erinnerung ihrer ewigen Plaudereien und des Trinkens auf die Geſundheit des ſchonſten Paares: Auguſt Arlingford und Mathilde Delaval, ſein konnte. Auf dem andern Ende der Gallerie ſtand, gegen die Wand gelehnt, eine oſſene Kiſte. Sie war von Lady Ormöby, wie ſie jetzt hieß⸗ geſandt, und ent⸗ 56 hielt ihr Portrait im Charakter der Diana; das Schloß Ormsby lag im Hintergrunde. Ob die Aehnlichkeit der Züge ſo treſſend war, wie die Wahl des Charakters, ließ ſich nicht ſogleich eigentlich ſagen. Wo der Kopf ſein ſollte, kam blos ein umgekehrtes wohlgeſtaltetes Bein nackend bis ans Knie zum Vorſchein. Frau Braun hatte nämlich beim Eröfſnen kaum entdeckt, welch ein unwillkomm⸗ Gaſt darin war, als ſie das Bild in dem Zu⸗ ſtand ließ, wie ſie es fand, und es umſtuͤrzte, daß der Kopf auf die Erde, die Fußſohlen in die Luft kamen. Bei der Frau Braun, welche die ſtrengſte Ordnung im Buͤrſten und Aufſtellen jedes Geräths vom Gemälde bis zum Feuerzeug hielt, war ſolche Vernachläſſigung abſichtlich geubt worden. Sie wollte ihrer Meinung nach damit einen rechten Streich ſpielen, und ſo die Anmaßung beſtrafen, ſich unter die unbefleckten Bewohner dieſer Gallerie zu draͤngen. Doch jetzt ließ ſie die Sache mit Stillſchweigen vor⸗ uͤbergehn. Ein andermal wollte ſie ſich an den gnädigen Herrn wenden. Er ſollte dann entſcheiden. Gleich im erſten Augenblick wuͤnſchte ſie nicht einen ſo niedrigen Gegenſtand zur Sprache zu bringen. Als ſie den Lord im Zimmer ſeiner Mutter ver⸗ ließ, ſah dieſer mit Vergnügen, daß Alles noch wirk⸗ lich in dem Zuſtande erſchien, worin er es zum er⸗ ſtenmale ſah. Je herzlicher er ſeiner Mutter und Schweſter zugethan war, deſto mehr zogen ihn man⸗ cherlei ihnen gehörige Dinge an. Am meiſten ſuchte ei thil hat ein ein len wo be bie ze ze 57 er indeſſen nach den Kleinigkeiten, die der Lady Ma⸗ thilde gehorten und wovon ihm Frau Braun geſagt hatte. Das Erſte, was ihm in die Häͤnde ſiel, war ein kleines Zeichenbuch. Er öffnete es und fand eine fluͤchtige Skizze von ſeinen Zuͤgen. Ein auffal⸗ lendes Etwas in der Jagdkleidung, in der er erſchien, war eines Tages von Mathilden und ſeiner Schweſter bemerkt worden. Die Erſtere hatte den Anzug mit vieler Laune dargeſtellt. Nur die Geſtalt war ver⸗ zerrt. Obſchon aber nur Skizze, ſo ſah man doch, daß es das Werk eines Maͤdchens war, das ſaß und zeichnete— Die Augenbraune ſo gebogen, und Das Falkenauge, dieſe ſchwarzen Locken, Sich ſelbſt in ſeinem Herzen eingepragt⸗ Das Ganze war von fuͤnf oder ſechs langen leiſen Strichen verunſtaltet, die ſie mit dem Pinſel daruͤber hinzog, als ſie in einem Augenblick des Muthwillens und der Verlegenheit ihm zeigen ſollte, was ſie ge⸗ malt hatte. Wie unbeſtimmt, wie ungewiß ſind die Wege, welche zum Sitze aller menſchlichen Leidenſchaften fuͤh⸗ ren! Manchmal triſſt der unbedeutendſte Umſtand mit einemmale das Herz, waͤhrend eine regelmaͤßig ge⸗ ordnete Kette von Allem, was dies ruͤhren und bewe⸗ gen ſollte, umſonſt ſeinen Angriff darauf macht. Nichts konnte wohl unwiderſtehlicher, gegen ſeine beſſere Ueberzeugung ſelbſt, die fruͤhern Gefuͤhle in ſeinem Buſen wieder aufregen, als gerade dieſe läppi⸗ 58 ſche Kleinigkeit, die er in der Hand hielt. Aber er ver⸗ glich das muntere Auge des zärtlichen, drolligen M a d⸗ chens, welches dies Papier zeichnete, mit dem thraͤnen⸗ ſchweren Auge des von Kummer gequaͤlten Weibes, das er zwei Tage vorher geſehen hatte! Er verglich das warme, freundliche Haͤndchen, das er in einem Kampfe des Muthwillens abhielt, dies Bild zu zerreißen, mit dem kalten Weſen, womit ſie ſeinen Arm etgriff, als er ſie die Treppe in Eatingtons Palaſte herabfuͤhrte! Arme Mathilde! Wie du die ſchwachen Zuͤge vertilgen wollteſt, die dir ſein Bild auf dem Papier vorſtellten, ſo gabſt du dir auch Muͤhe, es aus deinem Herzen zu reißen! Du haſt ihm den Werth geraubt, es zu der Aufbewahrung untauglich gemacht! Aber trotz deiner Muͤhe blieb der erſte fruͤhere Eindruck mit aller ſeiner Stärke in deinem Buſen zuruͤck! Am naͤchſten Morgen entſchloß ſich der Lord, da ſeine Sachwalter aus der Stadt, mit denen er ſpre⸗ chen wollte, noch nicht da waren, einen Spazierritt zu machen. Er beſtieg ſein Lieblingspferd, und mit ſeinen Gedanken beſchaͤftigt, ließ er zum großen Fheil dieſem die Wahl des Weges. Es benutzte dieſe Frei⸗ heit und trabte uͤber Felder und ſandige Haiden nach Delaval's Schloſſe, wo es Halt machte. Hier zeigte Ormöby zum erſtenmale eine andere Meinung. Allein dem Pferde waren Lord Wakeſields Haberböden noch recht gut im Gedaͤchtniſſe; an Gehorſam war es uͤber⸗ haupt nicht recht gewohnt. In ſeinen beſten Tagen hatte es immer uͤber den Weg, der einzuſchlagen war, — 59 ſeine eigne Meinung gehabt, und im gegenwaͤrtigen Felde glaubte es, nach fruͤherer Erfahrung, vollends unbeſtreitbares Recht zu haben. So hielt es alſo den Widerſtand fuͤr erlaubt. Der Lord war im Ganzen ein gutmuͤthiger, ge⸗ duldiger Reiter. Allein bei dieſer Gelegenheit ärgerte es ihn doch, an einem Orte halten zu muͤſſen, wo er von Mathilden Abſchied nahm. Er zuͤchtigte das Thier mit ungewöhnlicher Strenge. Doch als er es nun zu Recht gebracht hatte, ſchmeichelte er ihm von der entgegengeſetzten Laune getrieben⸗„Armer Orlan⸗ do,“ ſprach er„du und ich muͤſſen ſchon unſern Gedanken eine andere Richtung geben!“ Dieſen Worten Gewicht zu verleihen, ſeine und Orlando's widerſtrebende Neigung bekaͤmpfend, lenkte er ſeitwaͤrts in die Felder von Delaval ein, mit deren Pfaden er nicht ſehr bekannt war, als er auf einmal einen alten Bekannten, den Forſter vom Lord Wake⸗ ſield, Dick Boulby erblickte. Dick wollte eben bei ihm voruͤber, ohne ihn weiter zu bemerken, als ihm der Lord den Weg verſperrte.„Nun? Dick, kennſt Du mich nicht mehr?“ redete er ihn an. Dick blickte auf.„Wie!“ jauchzte er.„Eher hätte ich mich wollen haͤngen laſſen, eh' ich Sie hier zu ſehn gehofſt hätte! Entſchuldigen Sie es, daß ich Sie nicht erkannte! Ich bin ein bischen zu alt, gleich jeden zu erkennen. Ach, ſeitdem wir uns nicht ge⸗ ſehn haben, ſind böſe Zeiten geweſen!“ „Nun, ſie werden wieder beſſer kommen!“ 60 „Nein! Schlimmer fuͤr mich! Beſſer kann's nicht werden! Sie hätten beſſere herbeigefuͤhrt, das dachte ich mir gleich, wie ich Sie das erſte Mal ſah. Sie ſind der erſte Schutze, den ich je kennen gelernt habe. Aber der Varon kann ja keinen Hahn abdruͤcken und weiß nicht, ob die Kugel oben oder unten aus der Buͤchſe kommt!“ „Ei nun,“ lenkte Ormsby ein, der gern dem Geſpräch eine andere Wendung geben wollte,„ein gu⸗ ter Herr kann er darum doch ſein!— Aber ich habe den Weg verloren. Kannſt Du mir nicht den be⸗ ſten nach Ormsby zeigen. Die Haiden laufen gewal⸗ tig durch einander!“ „Durch einander? Ei jetzt gehen ſie gerade genug! Denken Sie mal, Herr Arlingford, er will durch den Wald eine Straße ziehen laſſen, ſo gerade, wie ſein Vater auf dem Papier unter einer Rechnung machte, und auch ſo ſchwarz! Ein Kohlenweg— weiter doch nichts! Na, was wuͤrde der Großvater von der La⸗ dy, der alte Lord, geſagt haben, wenn ich dem ſo uͤber Zaun und Hecken folgte, und waͤre mit der Naſe an einen Kohlenkarren gekommen!“ „Ich kann auch nicht glauben, daß es ſo ſteht. Gewiß biſt Du falſch berichtet!“— „Mit nichten! s iſt nur zu wahr! Erſt geſtern war ich in unſerm beſten Holze; Sie kennen's jaz wo Federfix, der Secretair des Herrn, beim Hetzen das Pulver auf die Beine ſchuͤttete. Seh' ich da drei Leute, die ich gar nicht kenne, mit Hacken und —— andern Inſtrumenten. Je, das ſind am Ende gar Wilddiebe! dachte ich. Ich gehe auf ſie zu. Wir ſind Feldmeſſer, ſagten ſie. Der Herr hat uns her⸗ geſchickt, die Straße abzuſtecken. Aber nur auf's Parlament muͤßten ſie warten. Und ohne Einwilli⸗ gung der gnaͤdigen Frau dürften ſie nicht anfangen! Na, Gott ſei Dank, dieſe iſt ja die Enkelin von meinem alten Herrn! Vorigen Winter hat ſie viel Gutes gethan. Erſt muß ich's von ihren Lippen horen, bevor ich's glaube. Ach, Herr Arlingford, ſie konnte ſo viel Gutes thun, als ſie thun moͤchte, wenn der erbaͤrmliche Wicht nicht wäre. Aber freilich aus einem Bauer wird im Leben kein Edelmann, wie meine Alte ſagte!“ Der Lord wollte die Vergleichung nicht fortſetzen laſſen, oder den Schein haben, als küͤmmere er ſich um das Thun und Laſſen des Beſitzers von Delaval⸗ Als ihm der alte Freund den beſten Weg gezeigt hatte, gab er ihm etwas zum Andenken, und ſprengte nach Hauſe, wo wir ihn indeſſen laſſen wollen. Sechstes Kapitel. — Der 16te Julius, der Tag, wo die Familie Dorn⸗ ton nach dem feſten Lande abreiſen wollte, war endlich da. Während der Zeit, wo wir ſie nicht ſahen, hatte Herr Dornton ſich damit beſchaͤftigt, eine Men⸗ ge Vorräthe aufzuſtapeln, Alles von der ſchönſten und bequemſten Art, d. h. ganz geeignet, einen Wagen vollzuſtopfen, obſchon nicht zu gebrauchen; alle paten⸗ tirt, und ſo treflich, daß ſie blos vom Erſinder ver⸗ beſſert werden konnten, wenn etwas entzweiging⸗ Endlich ward eines uͤber das andere gepackt, alles ein⸗ geſtapelt, und er nebſt Mathilden nahmen im Reiſe⸗ wagen ihren Platz ein. Den Räckſitz fullte Felicie, das Kammermaͤdchen, mit den Haubenſchachteln. So gewogen ich auch Mathilden bin, ſo ſehr mir daran liegt, den Leſer in ihrer Geſellſchaft verweilen zu laſſen, ſo fällt mir darum doch nicht ein, daß ſie dabei gewonne, wenn er mit ihr und dem Herrn Ge⸗ mahl die Reiſe machte. Lieber thu ich ihm den Vor⸗ ſchlag, ein Plätzſchen im Wagen der Familie Hobſon einzunehmen, die, wie alle Zeitungen berichteten, zwei Tage fruͤher die Reiſe angetreten hatte.* — — 63 Wir muͤſſen ihn nun erſt zu dem Zweck mit ei⸗ nigen Herrn bekannt machen, die wir bis jetzt noch nicht erwaͤhnt haben. Da iſt nemlich erſt Herr Hobſon ſelbſt, der alte Hobſon gewoͤhnlich ge⸗ nannt. Nicht etwa, weil er aͤlter geweſen waͤre, wie viele andere Leute auf der Welt. Aber ſein Rock hatte eine lange Taille und einen niedrigen Kragen. Weite Beinkleider konnte er nicht leiden. Immer trug er Kamaſchen. Den Hemdekragen ließ er nie ſehen, und ſeine Peruͤcke war die ſchlechteſte von allen Hazeln. Außerdem ſah man ihn nie lachen; er re⸗ dete ſelten, und wenn dies geſchah, immer nur halb abgebrochen. Solche Anzeichen von Hinfälligkeit be— weiſen im neunzehnten Jahrhunderte mehr fuͤrs Alter, als viele Jahre ſelbſt. Die Leute wunderten ſich, daß der alte Hobſon nicht vergnuͤgter war. Alles in der Welt war ihm nach Wunſch gegangen. Allein die Sache beruhte darauf, daß die Lage, in der er ſich befand, ihn in einen ſtaͤten Kampf zwiſchen ſeiner Handlungsweiſe und ſeinen Neigungen verwickelte. Er fuͤhlte recht gut, wie er ſein Gluͤck ſelbſt gegruͤndet hatte, und wollte nun durchaus der Welt zeigen, was er dabei fuͤr Ver⸗ dienſte habe, indem er mit Verſtand Aufwand machte. Allein dieſer Wunſch ſtand nun in ewigem Hader mit der Genauigkeit, welche ihm zu ſeinem Reichthum verholfen hatte. Am meiſten fiel dieſer innere Zwiſt bei Kleinig⸗ keiten auf, weil ſie ihn allemal in den Sinn brach⸗ 64 ten, wie wenig ihm dergleichen in ſeinen fruͤhern Jah⸗ ren gekoſtet hatten. So bezahlte er allemal lieber ei⸗ nen Lohnkutſcher, als einen Poſtillion. Bei ſo wich⸗ tigen Dingen, wie jetzt auf dieſer Reiſe, war er, um den vornehmen Mann zu ſpielen, ganz auf Gnade und Ungnade ſeiner Familie Preiß gegeben. Er hatte nur Langeweile unterweges. Das that er aber blos durch Brummen kund. Denn um geradezu einen Einwurf zu machen, oder ſich foͤrmlich zu widerſetzen, fehlte es ihm ſtets an Muth. Weil es aber doch einmal geſchehen mußte, ſo freute es ihn mindeſtens die Luſt zu verderben, ſoviel in ſeinen Kraͤften lag. Dies war alſo das liebenswuͤrdige Weſen, das jetzt, die Ehefrau an der Seite, drei Toͤchter gegen⸗ uͤber, ſeinen Sitz im Reiſewagen einnahm. Auf dem Sitze hinter demſelben waren zwei Weſen eingepackt, die außer England die huͤlfloſeſten Geſchoͤpfe ſind: ein engliſcher Bedienter und ein ſolches Kammermädchen. Die letztere klagte nicht wenig, allein fuͤr alle dieſe vier Frauenzimmer ſorgen zu muͤſſen! Vorn, vor dem Wagen ſaßen zwei andere, aber viel bedeutendere Männ⸗ chen, die zwei ältern Bruͤder unſers Jacöbchens⸗ Der älteſte, Thomas, war ganz ein Juͤngling, wie er ſein ſollte. Er ging ſpazieren und ſchoß ſeinen Ha⸗ ſen; er machte Wettrennen mit und fiel dann vom Pferde, und wenn die Poſtkutſche nach Mancheſter kam, fuhr er ſie die letzte Station hinein. So viel er aber auch vor der Stadt zu thun hatte, um Sper⸗ linge zu ſchießen, auf die Naſe zu fallen und! vi t ſin ſtm gun ein e füͤr hat 65 Poſtknecht zu machen, ſo groß war dennoch ſeine Thä⸗ tigkeit im Geſchäfte ſeines Vaters, inſofern wenigſtens ſein Name auf allen Briefen in großen Buchſtaben ſtand, waͤhrend er indeſſen den angenehmen Beſchäfti⸗ gungen nachging. Thomas, ſo war nun der Plan, ſollte ſich jetzt ein bischen in der Welt umſehn, um Verbindungen fuͤr das Hobſonſche Haus anzuknuͤpfen. Darum allein hatte der Vater in die Mitreiſe eingewilligt. Neben ihm ſaß ein Menſch von ganz anderer Art: Valentin Hobſon, ſein Bruder, darum Valentin benamt, weil er am 14ten Februar, dem Tage, wo dieſer weiſe Heilige verehrt wird, die Welt erblickte. In der Folge ergab es ſich, daß er den Namen mit Recht fuͤhrte, denn das alberne Zeug, die einfälti⸗ gen Herzensergießungen ſeines Geburtstages*) hatten ſich ſeinem ganzen Charakter eingeprägt. Er war unheilbar der Wuth ergeben, Liebesbriefe zu ſchreiben. In den Augen des alten Hobſon war dies die ärgſte aller Vergehungen, und ſo ſchickte er ihn, um ihn zu beſſern, auf die Univerſitäͤt, die Rechte zu ſtudiren. Allein ſo kraͤftig auch dies Mittel ſcheinen mag, ſo wenig wirkte es hier. Deln es trät nicht ein heller Augenblick bei ihm ein, wo er hätte vergeſſen können, *) am St. Palentinßtage iſt in London jeder Liebhaber auf den Veinen, ſeinem Schätzchen zu gratuliren, Liebesbriefe zu ſchrei⸗ ben. Die Pennypoſt muß, ſo viel ſind ihrer, die Briefträ⸗ ger verdoppeln. Schon im Hamlet ſpielt Ophelia in ihrem Wahnſinn darauf an⸗. D. ueb. 5 66 daß ſich auf„ſuͤße Triebe“„holde Liebe“, „dein“ auf„mein“,„ſauge“ auf„Auge“, „Schmerz“ auf„Herz“ u. ſ. w. reime. Der Fall ſchien verzweifelt. Allein man wußte, daß ein Auf⸗ enthalt von vierzehn Tagen in Paris Wunderdinge thut, wenn es einer Geiſteskrankheit gilt, und er war nun Willens, ſich der Cur daſelbſt zu unterziehn. So reiſte er mit der Familie bis Calais. Die Mut⸗ ter liebte ihn außerordentlich, denn, ſagte ſie, einen jungen Menſchen, der die Wiſſenſchaften der Schö⸗ nen verſteht, kann ich gut leiden⸗ So war das Verhältniß aller einzelnen Familien⸗ glieder. Alle hatten ihren Platz eingenommen. Nur Jacöbchen ſtand unter der Thuͤre und trocknete ſich die rothgeweinten Augen. „Na, Jacobchen, leb' wohl!“ rief hn tie aͤlteſte Schweſter noch zu. „Leb wohl, Jacobchen!“ wiederholte Annchen. „Jocöbchen, behalte mich lieb und grüße mir Hannchen!“ ſchluchzte die eine. „Und mein Minchen gruͤße!“ befahl ihm die andere. „Und Arabella'n empfiehl mich!“ bat die dritte. „Lerne lieber das große Einmaleins beſſer!“ brummte der alte Hobſon. Dies war ſein ganzes Le⸗ bewohl. proclamiren! Dann wirſt du ein großer Mann!“ „Und laut reden lerne noch! Recht anbeulich 3 rieth ihm die w ins denn der Shmeh de Rul du ter kle 5 mir 67 des Abſchieds kaͤmpfte mit der vertrauungsvollen Hoff⸗ nung auf die Zukunft. Armes Jacobchen! In dieſem Augenblicke hätteſt du alle Ausſichten und ehrgeizigen Pläne deiner Mut⸗ ter im Vaterlande, ja ſogar die Secretairſtelle fuͤr den kleinſten Winkel im Wagen aufgegeben, der vor der Thuͤre ſtand. „Na! fahr zu!“ hieß es endlich, und der unge⸗ heure Kaſten kam, nicht ohne viel Muͤhe, viele Sto⸗ ße, viel Stolpern und einige Gefahr des Umwerfens in Bewegung, obſchon vier tuͤchtige Pferde vorgelegt waren. Kaum war er aber im Gange, als Madame Hob⸗ ſon ein„Halt! Halt! So haltet doch!“ kreiſchte. „Na, ſo halte doch!“ befahl der alte Hobſon! Beſſer gleich da geblieben, als nachher umgelenkt!“ „Mache nur keinen Spaß!“ wieß ihn die Ge⸗ mahlin zurechte.„Aber ich habe etwas vergeſſen, wo ich nachher wie taub und ſtumm ſitzen muß! Der Madame— na, wie heißt e denn— der Madame ihr Exercice de voyagere.“ „Ach, exerciren kannſt du dich auf der Reiſe noch genug! Morgen wird's ſchon zu exerciren geben im Paketboote!“ brummte der Mann. Doch dies hoͤrte Madame Hobſon nicht, denn ſie hatte, ſo ſehr es möglich war, den Kopf durchs Wa⸗ genfenſter geſteckt, und rief:„Jacobchen! Jacöbchen! Jacdbchen!“ Jacöbchen dachte natuͤrlich, man habe ſeinetwe⸗ 8 5 68 gen angehalten. Er kam fröhlich herbeigeſprungen, war aber entſetzlich getäuſcht, als man ihn nur— wegen eines Buches zuruͤckſchickte. Daß ein ſolcher Bote, zu ſolcher Zeit das Buch nicht ſinden konnte, iſt wohl zu bemerken nicht vonnothen, und ſo mußte, wie zuerſt, der Wagen wieder in Gang gebracht wer⸗ den. Iſt er das einmal, ſo wiſſen wir Alle, daß vier engliſche Pferde, ſei er noch ſo ſchwer, gewiß in einer Stunde zwei und eine halbe zuruͤcklegen, ſobald nur die Poſtillions den gehörigen Geldſporn fuͤhlen und bei ſolcher Gelegenheit ließ es Thomas Hobſon an ber⸗ gleichen Ueberzeugungsmitteln nicht fehlen. Vald ward die Dover Sicherheitskutſche eingeholt, die urſprunglich ihren Namen vom ſchnellen, ſichern Gange hatte, ob ſie ſchon jetzt alle Tage einmal um⸗ wirft. „Je, ſagte Thomas zu ſeinem Bruder, das iſt ja wohl unſer Kurier.“ Er klopfte an's Fenſter.„Ja*) das iſt unſer Kurier!“ rief er. „Wo iſt denn unſer Kurier?“ fragte Madame Hobſon mit dem beſten franzöſiſchen Tone, den das Fxercice de voyageur angab. „Ich habe den Courier noch nicht weg!“ en tete Anne. „Hol doch der Teufel den Kurier!“ fluchte der alte Hobſon.„ *) Leute, die den Donmetſcher für Reiſende aus England nach Frankreich machen und D. Ueb. nahh — 69 „Unſer Kurier iſt das!“ wiederholte Nanny und Johann hinter dem Wagen. „Ei wie erbärmlich ſieht der Kurier aus!“ ftuͤ⸗ ſterte Thomas ſeinem Bruder zu. „Ein armer Schlucker iſt es!“ meinte Nanny. Und in der That nahm er ſich eben nicht ſonder⸗ lich aus, als er hinten in den Wagenkorb hinein⸗ ſprang, daß die kleinen Beine in der Luft oben⸗ herum ſpielten, indeſſen ein Paar alte Weiber ihm unter die Arme griffen und queer uͤber ihn hinſchnat⸗ terten, als ob er gar nicht exiſtirte. Die Poſtillione jagten zu, daß Thomas ſeine herz⸗ liche Freude äußerte. Man kam in Dartfort an, wo die Hofſnungen, welche Thomas bei den Poſtillio⸗ nen erregt hatte, vom alten Hobſon erfuͤllt werden ſollten. Dies war fuͤr den Sohn ein ärgerliches Ding. Was der Vater gab, wurde mit vieler Gleich⸗ guͤltigkeit angenommen. „Wir haben ſo gut gefahren,“ brummten die Po⸗ ſtillione, den Hut kaum luͤftend,„und doch—“ „Gut gefahren?“ ſchnarchte ſie der alte Hobſon an.„Seid froh, wenn ich—“ Thomas zupfte den einen, und machte dem Streit durch eine Gabe aus der Laſche ein Ende. Die neuen Poſtillione bekamen einen bedeutenden Wink von den abgehenden, und ſo ging es wieder ſchnell fort, bis man ohne Abenteuer in Dover anlangte, wo der letzte Abend nach vaterländiſcher Art in England verlebt und in einem fort ohne Aufhoren gegeſſen 70 und Thee getrunken wurde. Thomas hatte beſonders ſeine geiſtige Freude an dem verdorbenen Engliſchen des Kurierö.“ Am naͤchſten Morgen beſtieg man bei guter Zeit das Paquetboot, wo die Damen gleich in die Kajuͤte traten,„ſich fuͤr die Seekrankheit“ vorzubereiten, in⸗ deſſen der Alte unbarmherzig von einer Schaar Pack⸗ träger, Bootsknechte, Zollbeamter und anderer Leute umringt wurde, die alle haben wollten. „Ja, ja,“ brummte er,„ich dachte es wohl, daß das Geld koſten wuͤrde, wenn ich England verließ. Aber die Sache fängt ſchon an!“ Immer mußte er von neuem in die Taſche greifen. Er glaubte ſchon, ſein ganzes Vermogen gehe darauf. Schnell ent⸗ ſchluͤpfte er endlich in einen Winkel, aus dem er nicht eher wieder zum Vorſchein kam, bis man in Calais landete. Und nun begann das betaͤubende Laͤrmen, das wilde Geſchrei, das die Seeleute bei den leichteſten Arbeiten zu erheben pflegen, wie wenn das Schiff zu Grunde geht. Vom Dampfkeſſel toͤnte die Stimme des Kapitains gleich der eines Geiſtes durch die Lucken herauf, wie wenn der Teufel in einer Farce aus dem Loche herauf kreiſcht. Das Zeichen zum Auslegen war gegeben. Mit ſeinen Schaufeln griff jedes Rad in die Fluthen des alten Neptun. Thomas ſetzte ſich dahin, wo das eine zum Theil entblößt war. Et ſah gern das ſchnelle Drehen derſelben.„Immer vor⸗ wärts! Macht zu!“ rief er, bis ſein Kopf mit ihm 4 71 ſo herumlief, wie unten das Rad, und die See ihm ſo zugeſetzt hatte, daß er nicht mehr darauf achten konnte. Sein Bruder Valentin hatte ſich an das andere Rad geſetzt, und träumte. Er hatte eine engliſche Ueberſetzung der Corinna geleſen. Gleich dem Lord Noville hielt er es fur nöthig, von Englands Kreide⸗ felſen einen pathetiſchen Abſchied zu nehmen. Da er indeſſen nur vierzehn Tage in Paris bleiben ſollte, ſo ließ ſich freilich nicht erwarten, daß das Vaterland bei aller Liebe zu ſolchen Kindern den Gefuͤhlen der zahlreichen Familie antworten konnte. Er blieb jedoch unbeweglich, das Geſicht mit der großen Hand be⸗ deckt, und ſuchte vergeblich einen Reim auf„Klip⸗ pe“, denn„Rippe“ und„Schuͤppe“ wollten ſich beide nicht anſchmiegen. Endlich wurde ihm der Kopf ſchwindlich, ehe er mit den Verſen ins Reine war und ſeine Reimſucht wandelte ſich bald in die See⸗ krankheit⸗ Und von dieſer war die ganze Familie heimgeſucht, als ihre Reiſe, wie gewöhnlich, ſchneller als je, das heißt, eine halbe Stunde uͤber die gewöhnliche ver⸗ ſprochene Zeit hinaus, zu Ende ging. Man landete in Calais und gab ſich nun den Blicken der Menge preiß, welche ſich hier immer verſammelt, die eben an⸗ kommenden Schonheiten der Inſel gegenüber zu muſtern. Siebentes Kapitel. Wenn man ein engliſches Wirthshaus zum erſten⸗ male mit einem franzöſiſchen vertauſcht, muß es einem ſein, wie dem Pferde, das ploͤtzlich aus einem warmen, dichten Stall in eine oſſene, leere Scheune kommt. Dort fehlt es oft an Raum, es iſt zu warm, man pflegt und ſtriegelt es nur zu ſehr, man uͤberläßt es ſich nie ſelbſt, und gibt ihm mehr Futter, als es vertragen kann. Hier hat es Freiheit, Luft, Raum zur Bewegung, Niemand bekuͤmmert ſich um daſſelbe, Niemand kommt ihm zu nahe, wenn es nicht zufällig geſchieht, Niemand gibt ihm Futter, als wenn ſonſt nichts zu thun bleibt. Iſt der Vergleich nicht ganz richtig, ſo kam er doch Herrn Thomas Hobſon ſo vor. Er wurde mit ſeiner ganzen Familie in ein großes, leeres Zimmer gebracht. Nicht das Geringſte gab es hier und Nie⸗ mand fragte nach ihnen. Es vergingen mehrere Mi⸗ nuten, welche Stunden ſchienen, und doch gewann es nicht den Anſchein, als nehme man nur Notiz von ihnen. Die Madame Hobſon hatte auf del Paquet⸗ boote genug gelitten und fuͤhlte den furchterlichſten 2. neh grt ha ver mt — 73 Hunger. Sie machte jetzt ihre Stimme geltend, aber — umſonſt. Endlich ließ ſich etwas auf der Treppe horev. Sie erblickte einen Kellner, der ein„Partaut pour la Syrie“ trällerte. Er ging ſeines Weges fort, ohne auf ſie zu achten. Der Hunger gab ihr Muth; ſie ſchrie ihm ganz mit der Redensart ihres Manuel de Voyageur zu, wie ſie meinte:„Je suis femme, il faut me manger!“ Der Kellner gukte ſie einen Augenblick verwundernd an. Der erſte Satz ihrer Behauptung ſchien ihm nemlich gar nicht zu der dar⸗ aus gezogenen Schlußfolge zu paſſen. Er trällerte von neuem: Partant pour la Syrie, und ging wei⸗ ter. Die Sache ſchien eine verzweifelte Wendung zu nehmen, als man auf ein Mal eine gebietende Stim⸗ me hoͤrte, die rechts und links Alles anſchnaubte, in⸗ dem man nur ſo wegbekam: Sacrs non dieu! At- tention! Sacré! Milord Hobson! une des plus ri- ches familles d'Angleterre! Sacré.“ Und zum großen Erſtaunen erſchien der kleine, ſo verächtlich be⸗ handelte— Kürier, indem er den traͤllernden Kell⸗ ner fluchend vor ſich her in's Zimmer trieb. Leon, in: Stille Waſſer ſind betruͤglich kann ſich nicht ſchneller verwandeln, nicht mehr Staunen erre⸗ gen, nicht größern Unterſchied im Aeußern, in ſeinem Weſen zeigen, als er. Wirklich konnte man in die⸗ ſem befehlenden, fluchenden Helden, der jetzt“ einen rothen Rock mit Treſſen und gelbe lederne Beinkleider, ein paar raſſelnde Stiefeln trug, unmöglich den Mann im ſchäbigen Röckchen und ſchmutzigen Hute wiederer⸗ 74 rennen. Er glich dem Napoleon, der aus dem Sous⸗ lieutnant zum Kaiſer geworden war. Auch hatte nunmehr der Herr Peter nach der kurzen Anarchie auf dem Dampfbote ſich die ganz unbeſchränkte Herrſchaft uͤber die Hobſonſche Familie verſchafſt. Von jetzt an konnte nichts ohne ihn ge⸗ ſchehen. Das Kauderwelſch der Madame Hobſon, Allen unverſtändlich, mußte ſeine Genehmigung erhal⸗ ten. Der alte Hobſon konnte nicht Rum und Waſ⸗ ſer bekommen, wenn er nicht wollte. Thomas mußte ſeinem kräftigen Befehl allen Einfluß auf die Poſtil⸗ lione uͤberlaſſen. Selbſt die jungen Damen legten ihr Haupt nicht eher aufs Kiſſen, bis es von ihm zurecht gemacht war, und als die aͤlteſte in ihrem Bett zwei dicke Matroſen zu haben wuͤnſchte, war er es, der ſie von der Gefahr, die ihr durch die Verwechſelung von einem Paar Buchſtaben entſtehen konnte, durch ein Paar Matratzen glcklich befreite. Sein Anſehen ſchaſſte nicht allein ſogleich eine Mahl⸗ zeit herbei, ſondern jeder war auch zufrieden mit der⸗ ſelben. Freilich ſchwor der alte Hobſon hoch und theuer, gleich bei der Suppe:„dies ſei bloßes See⸗ waſſer und ein bischen Meergras ſchwimme darin herum,“ ein Vergleich, der nach dem, was man eben uͤberſtanden hatte, Allen der unangenehmſte war. In⸗ deſſen einige Coteletten à la Maintenon erregten viel Bewunderung. Die Madame Hobſon wunderte ſich, warum ſie in Papier gewickelt ſeien, und Thomas ne die m Fr ſ un 75 meinte, daß man fſie vielleicht wie einen Schinken in die Taſche ſtecken ſollte. Das Eſſen war vorbei, aber es regnete. Man mußte mit Familienfreuden vorlieb nehmen. Die Be⸗ ſchaſſenheit derſelben duͤrfte meinen Leſern nicht viel Freude machen. Die Leutchen mogen ihre Reiſe fort⸗ ſetzen. Wir wollen uns nach wichtigern Perſonen umſehen. Achtes Kapitel. nt Zu fill ein Her Baron James Dornton und Lady Mathilde ein Delaval ließen wir gerade im Begriff eine Reiſe nc⸗ ob dem feſten Lande zu machen, und zum erſtenmale ſeity ei ihrer Vermaͤhlung im Umgange ganz allein auf ſch) ie beſchraͤnkt zu werden. ha La Bruyere ſagt: Die Liebe beginnt und verliert win ſich, wenn man in die Verlegenheit kommt, allein zu⸗„ v ſammenbleiben zu muͤſſen. Dies gilt beſonders von) 5 ſolchen, deren Verbindung in der Laͤnge ganz vom wil⸗ 3 ligen, vom zärtlichen Herzen abhängt, wo die Liebe das Band knuͤpft. Alle, die durch zeitliche Abſich⸗ ten geleitet ſich vereinten, Gutes und Boſes zu tra⸗ de gen, werden leicht bei einem ſteten Beiſammenſein bun) 5 zweiten Theil des angefuͤhrten Satzes nicht blos— deutet, nein, auf die unangenehmſte Art im Herzen bewaͤhrt finden. Sie lieben ſich nun nicht blos ſie können ſich gar nicht lieben. In zahlreichen Familien dauert es oft lange, d dieſe unangenehme Entdeckung gemacht wird. Die e ewige Zerſtreuung in einer großen Stadt trägt dazu. weſentlich bei, ja ſelbſt auf einem Landſitze kann die 2 Furcht, blos auf ſich ſelbſt gegenſeitig beſchränkt zu ſein, bald von einem oder zwei Brüdern, die fröhliche Laune mitbringen, einer unverheiratheten Schweſter, einem beurlaubten Kapitain, einem geſchwätzigen Pfar⸗ rer, oder ſonſt einem Verwandten und Freund lange beſchwichtigt werden. Aber Reiſen iſt ein verzwei⸗ feltes Ding. Täglich immer bei einander ſein, neben einander im engen Wagen ſitzen zu muͤſſen, das iſt 77 de, ein maͤchtiger Hebel, alle Zweifel, alle Taͤuſchungen, 3) ob man den andern Theil liebt oder ungern ſieht, aus einander zu treiben. Wie manche Jugendfreundſchaft, ſch) die der Schule und Uniberſitaͤt die Stirn geboten hatte, ward auf einer ſolchen gelöſt! Alles wechſelt ert) wings umher; auf jeder Station hat der Poſtillion ſ vine andere Jacke. Neue Stäͤdte erheben ſich in der don) Ferne; man koͤmmt an und verlaͤßt ſie. Und dies 4) gibt dem ewigen Gefährten neben uns im Wagen ein be uͤbernatuͤrliches Einerlei! ſch⸗/ Wie traurig war nun die Lage unſerer Heldin, m⸗ der die Erfahrung auf der Reiſe nur die fruͤhere n) Furcht in Betreff ihres Herzens gegen den Mann be⸗ ſtätigte, von welchem ſie auch das Ende dieſer Reiſe nicht trennen konnte! nicht,( Mathilde hatte einen ungemein en Be⸗ . Cobachtungsgeiſt⸗⸗ alleineine ungänderlich tmuth che des Herzens Fereinte ſich damit. de empfindlich ver letzt, denn ſeeb wie der Mann, dem zu ſie gepaart war, auch Sinn hätte. Die letztere dagegen wurde ni t wenig durch das ſtete — 78 Aufwallen einer ganz gemeinen Laune rege gemacht, die, ſonderbar genug, von der Wagenluft beim Reiſen beſonders zu lauten Aeußerungen geſtimmt zu werden pflegt. Am Tage, wo man in Frankreich landete, ver⸗ ſuchte man es noch, nach St. Omer zu kommen. Allein, als ſie anlangten, waren die Thore verſchloſ⸗ ſen. Eine legitime Regierung in großen Staaten folgt dabei nur einer hochſtpreiswuͤrdigen Vorſicht. Wer aber freilich damit nicht bekannt iſt, geraͤth ein wenig in Zweifel, ob vielleicht im tiefen Frieden eine Poſtchaiſe die Regierung uͤber den Haufen werfen oder die Stadt erobern kann, wenn ſie ein Paar Mi⸗ nuten Abends nach Acht Uhr ankommt. Indeſſen hier halfen nicht Vorſtellungen, nicht Bitten. Die Reiſenden ſahen ſich gezwungen, die Nacht in einer elenden Schenke der Vorſtadt zu bleiben, wo, wenn es nicht pechfinſter geweſen wäre, ſie hätten leſen konnen: Hier werden Fußgaͤnger und Reitende be⸗ herbergt. Mathilde, muͤde und niedergeſchlagen, kam in eine lange, enge, ſchlechte Stube, wo nichts, als die vier Waͤnde zu ſehen waren. Die Fenſter ſchloſſen nicht, der Regen ſtürmte dagegen an. Die Thüre ging nicht ins Schloß, mochte ſie von den holzbeſchuhten Maͤg⸗ den beim Kommen und Gehen auch noch ſo heftig geworfen werden. Sie warf ſich auf einen kleinen holzernen Stuhl und ſtüͤtz ſich auf einen von Wuͤr⸗ mern zerfreſſenen Tiſch, das Auge auf ein Paar gruͤne ſn Mäg⸗ heftig einen Wür⸗ gůnt 20 Stuͤcke Holz gerichtet, die mehr dem Waſſer, als dem Feuer zu gehorchen ſchienen, denn ſie ziſchten und ſauſten, ſtatt zu kniſtern und zu leuchten. Nur Rauch verrieth das Daſein von Feuer und der Rauch fullte das Gemach, ſtatt in die Eſſe zu gehn. Mathilde ſah einen Augenblick auf ihren Gatten, der mit ſeiner nichtsſagenden Phyſiognomie daſtand und blos den verſtörten Blick eines Reiſenden zeigte, der aus dem Schlafe durchs Licht geſtort worden iſt⸗ Seine widrige Stimme konnte unmöglich beitragen, Mathilden zu erheitern. Er ſchalt blos auf die Un⸗ achtſamkeit der Bedienten, welche die Cigarren ver⸗ packt hatten und ihn hinderten, den Aufenthalt hier noch widriger zu machen. Sie fuͤhlte wohl, daß ſo ein Gefährte in ſolcher Lage, wenn auch die Bequem⸗ lichkeiten und Genuß das Gluͤck des Lebens an ſich nicht ausmachen, den gänzlichen Mangel derſelben dem, der daran gewohnt iſt, noch viel empfindlicher ſein laſſen. Haͤtte ſich ihr Gemahl auch noch ſo ſehr bemuͤht, die ihm eigenen Fehler zu verbergen, glucklich würde Mathildens Ehe nie geworden ſein. Die Gemeinheit ſprach ſich in ſeinem ganzen Weſen zu ſehr aus. Egoismus herrſchte in ſeinem ganzen Charakter zu ſehr vor, als daß der ſtete Umgang mit ihm einem ſelbſt minder feinfuͤhlenden Weibe nur erträglich ſein konnte. Zwar war der Baron ein ſogenannter guter Mann. Allein mit dieſem Worte ſagt man nicht 80 viel Ruͤhmliches; es ſchließt das Angenehme gaͤnz⸗ lich aus. Ein guter Mann beſitzt alle die kleinen Talente nicht, welche dem täglichen Umgange die Wuͤrze verleihen, und hat keines der hoöhern, welche ungemeine Bewunderung erregen. Sechs lange Tage mußte ſie ſo auf abſcheulichen Wegen an ſeiner Seite aushalten. Wachte er einmal aus dem Schlafe auf, ſo hatte er nichts im Kopfe, als die Schnupftabaks⸗ doſe zu ſuchen, oder uͤber die Menge Dinge zu brum⸗ men, die im Wagen von ihm ſelbſt aufgeſtapelt wa⸗ ren. Wohl nahe an hundert Meilen abſcheulichen Weges in einem Lande, das durch nichts anzog, wurden ſo zuruͤckgelegt. Das ſchöne Frankreich hat ſo wenig Anſpruch auf Schönheit zu machen, wie die meiſten ſeiner Tochter. Gleich den meiſten derſel⸗ ben, hat es nicht einen ſchonen Zug. Aber nicht gleich denſelben thut es nicht einmal etwas, den ſtol⸗ zen Beinamen durch die Kunſt auszugleichen. Die nachläßige Mutter einer fröhlichen Familie zeigt ſich keck in aller ihrer Häßlichkeit, die kein Schmuck ver⸗ ſchoͤnert; im Sommer erſcheint ſie in einem und demſelben gelben Gewande, und im Winter wird dies mit einem braunen vertauſcht. Immer ging es auf endloſen Chauſſeen und grän⸗ zenloſen Ebenen dahin.„Wenn,“ dachte ſie,„mein Lebensweg ſo ohne Veränderung, ohne Abwechſe⸗ lung iſt, gleich dieſem, ſo mogen mir die Gegenſtän⸗ de ringsherum auch keine beſſern Reize darbieten, und * — * der hi ni — e——— 3 mich eben ſo wenig verſuchen, von der geraden Linie der Pflicht abzuweichen!“ Zuletzt ging es immer kleine Anhohen hinauf und hinab, wie die Wogen der See, welche zwar an ſich nicht drohen, doch einen nahenden Sturm verkuͤnden. Auch dieſe Bergruͤcken wurden allmählig ſchaͤrfer und ſteilet, die majeſtatiſchen Alpen traten bereits aus ih⸗ ren Wolken hervor und zeigten ſich den zu ihren Pfor⸗ ten kommenden Reiſenden. Mahleriſch, wenn auch nicht erhaben, iſt die Ge⸗ gend um Moray, ein kleines Dorf am Fuße des Jura. Es bildet mindeſtens eine ſchone Einleitung zu jenen großen Grundpfeilern der Schopfung. Als ſie ins Dorf hinabfuhren, wo ſie die Nacht zu bleiben beſtimmt hatten, ſah Mathilde zum erſten⸗ male wirkliche Berge, denn was in England dafuͤr gehalten wird, ſind nur runde Kegel. Sie war vor Bewunderung außer ſich, waͤhrend ihr Gemahl nur bemerkte:„hier ſei es teufliſch ſteil und gefaͤhrlich!“ Es war zu fruͤh, um zu raſten, und zu ſpät, uͤber den Jura zu fahren. Zum erſten Mal freute ſie ſich nun auf das Vergnuͤgen, das ihr ſo lange gefehlt hatte, den Bleiſtift in der Hand, einen einſqmen Spaziergang zu machen. Der Baron wollte indeſſen fuͤr das Eſſen ſorgen und eine Cigarre ſchmauchen. Jetzt aber oͤfſneten ſie die Thuͤre des Wirthshauſes, und ein halb Dutzend Stimmen ließen ſich hören, mit denen Mathilde zwar nicht vertraut war, deren ſie ſich aber doch recht gut erinnerte. 6 „ „Herr Jeſus!“ rief es entgegen,„das iſt der On⸗ kel und meine Tante!“— Je, Onkelchen, wie geht es denn?— Lady Mathilde, was machen Sie denn? — Nu, Bruder, wie geht es?— Denke nur, un⸗ ſere Wagenfeder iſt geſprungen und Thomas hat ganze Geſicht geſchunden, und der dumme Schmied hat es ſchlimmer gemacht, wie es war, nemlich die Feder. Hier mein Mädchen hat ſich den Knöchel ver⸗ treten. Es ſieht ganz dicke aus, ſagt der Papa, nehmlich die Feder, aber darum taugt ſie doch nichts!“ Dieſe anfochel Darſtellung vieler Ungluͤcksfälle er⸗ klärte Mathilden, warum die Familie hier war, ohne daß ſie darum mit dem Zwange verſohnt worden waͤre, ihren einſamen Spaziergang aufgeben zu müſſen. Sie 82 wußte, daß der Baron jeden Mangel an Aufmerkſam⸗ keit ihrer Seits gegen dieſelbe mit hoöchſtempfindlichem Auge betrachtete. Es war dies eine ſeiner kitzlichen Seiten. Eines Tages hatte eine Freundin Mathil⸗ dens das linkiſche Weſen der Familie Hobſon verſpot⸗ tet und ſich gewundert, daß ſie eine Reiſe machen wollte. Mathilde außerte, nicht Acht auf ſich ge⸗ bend, dabei, dem Benehmen und der Kleidung nach kämen ihr die Leutchen wie Weiber mit dem Querſacke vor, die mit Lumpen aus Mancheſter auf den Trödel herumzoͤgen. Ohne Zweifel hätte ihr die Phantaſie etwas Beſſeres eingefluͤſtert, wenn⸗ ſie es bedachte, ehe ſie ſprach. Sie haͤtte mindeſtens uͤber ſo einen zarten Gegenſtand geſchwiegen. Au 8 Mathib verſpot⸗ 83 die Freundin wiederholte den Witz unbeſonnen genug gegen den Baron als etwas Unübertrefliches, und dieſer war dadurch ungemein beleidigt worden. Er ſelbſt wechſelte in ſeinem Umgange mit ihnen jeden Augen⸗ blick, je nachdem er bald ihnen Achtung einfloßen, bald aber Reſpekt fuͤr ſie von andern Leuten erpreſſen wollte. Kein Stolz hat mehr Einfluß auf unſer ganzes Benehmen, als der des Geldes. Der Stolz uͤber⸗ haupt kennt kein anderes Ziel, als Andern zu zeigen, wie weit ſie unter uns ſtehn. Um dies zu bewirken, muß der Beutelſtolze es immer laut den Leuten ſa⸗ gen, daß er reich ſei. Familienſtolz kann ſich im Stillen mit ſeinen ſechszehn Ahnen durch das Wap⸗ pen auf dem Wagen bruͤſten, oder ein Wappenbuch aufgeſchlagen zu Hauſe hinlegen, daß Jedermann ſe⸗ hen kann, was geſehen werden ſoll. Ein neugebak⸗ kener Adliger kann ſich mit einem Briefſiegel, oder einein lakirten Blech an ſeiner Thuͤre kund thun. Der Beutelſtolze dagegen hat viel mehr Noth, viel mehr Beleidigendes. Daß er Reichthum beſitzt und dies durch Aufwand darthut, giebt ihm wenig Zufrieden⸗ heit, denn immer machen den letztern auch eine Men⸗ ge Verſchwender, die waͤhrend ihres Eintagelebens eben ſoviel Glanz um ſich breiten, als er. Nur durch Prahlen, durch vorlautes Pochen in allen Cir⸗ keln kann er ans Ziel gelangen, indem er ſo zugleich Allen zuwider wird. Indeſſen iſt unter den Leuten, bei welchen dieſer 6* 84 Stolz herrſcht, noch ein anderer Zug vorwaltend. Es findet ſich nemlich Subordination unter ihnen. Ein Mann von Stande hat Urſache genug, ſich je⸗ dem andern von Rang gleichzuſtellen, obſchon der Stufen deſſelben mehrere ſind. Dagegen beruht der Stolz des Reichen nur auf Berechnungz er iſt ſo ſehr Sache von Zahlen, daß der, welcher jaͤhrlich Zehn⸗ tauſend zu verzehren hat, zwar gewaltig den von Zweitauſend jährlichen Einkuͤnften uͤber die Achſeln an⸗ ſieht, ſich aber gleich vor dem buͤckt, welcher Funf⸗ zigtauſend verzehrt, denn er wuͤrde ſonſt glauben, den Unterſchied von beiden Summen nicht faſſen zu kön⸗ nen, wenn er ſie auf dem Papier ſähe. Aus dieſem Grunde hatte auch der alte Hobſon gar gewaltigen Reſpekt vor dem Gemahl Mathildens. Stolz darauf, durch ſein Schaſſen und Thun einen huͤbſchen Geldklumpen aufgehäuſt zu haben, ſah er doch bewundernd auf das erſtaunliche Vermögen des Letz⸗ tern, im Miſtbeete des Betrugs zu ſo widernatuͤrlicher Größe geſteigert. Indeſſen ſo lebhaft dies Gefuͤhl bei ihm war, ſo ſelten äußerte es ſich doch auf die Art, daß der Baron darin den ihm gebuͤhrenden Reſpekt zu ſinden glaubte, und bei der Gelegenheit jetzt ver⸗ gaß er denſelben ganz und gar. Mathilden hatte er nemlich noch nie geſehen. Nun macht aber bekannt⸗ lich uͤberwiegende Schönheit manchmal auf den unem⸗ pfindlichſten Klotz einen blitzſchnellen Eindruck. Sein griesgramiges Geſicht entfaltete ſich daher zu einer Art Bewunderung, wovon ſeine Gattin bei ihm, ſelbſt in L ———— dn ſhn unn mar ſtu ihr Kri klei Hi dr au 85 den ſchonſten Tagen ihrer Jugend, kein Beiſpiel ge⸗ ſehn hatte. Vom Stuhle aufſpringend, rief er dabei unwillkuhrlich füͤr ſich hin:„Superfein* Die Herrn verabredeten bald mit einander, daß man, da im Wirthöhauſe nur ein Saal war, gemein⸗ ſchaftlich ſpeiſen wollte. Mathilde entfernte ſich in ihr Zimmer, um nur für einen Augenblick dieſem Kreiſe zu entgehn. Sie gab vor, ſich zum Eſſen um⸗ kleiden zu wollen. Dies nahmen die Toͤchter Herrn Hobſons wortlich und beſchloſſen daſſelbe zu thun. Das ungluckliche Kammermädchen ward gerufen. Alle dreie requirirten ihre Dienſte, fuͤr Tante Mathilde aufgeputzt zu werden. Die, welche ſich den Fuß verrenkt hatte, fand jetzt bei näherer Unterſuchung, daß die Sache doch nicht ſo ſchlimm ſei, und half daher den uͤbrigen treu⸗ lich mit, ſo daß, wie Mathilde eben in den Saal durch die eine Thuͤre eintrat, die drei Schweſtern in der andern erſchienen. Jene hatte ihr huͤbſches pariſer Oberrockchen behalten und blos ihren Hut gegen ein einfaches Mätzchen umgetauſcht. Dieſe kamen in ſeidnen Kleidern mit kurzen Aermeln, weißen Schu⸗ hen und großen Spitzenkragen. Gleich nach ihnen erſchien unſer Freund Thomas, deſſen Antlitz durch eine Menge ſchwarz unterlau⸗ fener Flecke, die Folge ſeines Falles, keinesweges ge⸗ wonnen hatte. Dagegen prangte ſein Hals, auf den er viel Sorgfalt wendete, mit einem dicken ſchneewei⸗ ßen, ſteifgeſtärkten Tuche. Schon einmal hatte er 86 Mathilden geſehn, als er ihr in London einen Beſuch abſtattete. Allein ſeine Einführung war nicht ganz gluͤcklich abgelaufen. Der Kammerdiener Ihrer Herr⸗ lichkeit, der nicht viel Beſcheid wußte, hatte ihn nem⸗ lich als den jungen Mann vorgeſtellt, der ſo ſchön declamire.„Bringen Sie denn Ihr Fabelchen mit?“ rief ihm daher gleich Mathilde entgegen, und gewahrte erſt ihren Irrthum, als er erwiederte:„Sie verwech⸗ ſeln mich wohl mit meinem Bruder Jacob?“ Man nahm am Tiſche Platz, und die Madame Hobſon eröffnete die Unterhaltung.„Herr Jeſus!“ ſagte ſie,„s iſt doch hubſch auf der Reiſe, wenn man ſo ſieht, wie die Leute ſo geſchwind franzoſiſch ſprechen. Und die Landſtraßen ſind alle ſo gepflaſtert, ſo gerade, wie in einer Stadt, aber nur ohne Häu⸗ ſer. In London iſt das ganz anders, da werden's ganze Jahr*'nur Haͤuſer gebaut. Pumpelmann ſagte zu meinem Manne, daß er jetzt ſein Haus in der Stadt von ſeinem Landhauſe nicht mehr unterſcheiden koͤnnte. Es wäre eins nun ſo verbaut und duſter, wie das andere. Nicht wahr, Lady Mathilde,'s ge⸗ fällt Ihnen auch ſo zu reiſen?“ „Daß mir die ſo ſchnurgerade hinlaufenden Land⸗ ſtraßen ſehr gefallen hätten, daß ich durchs Wagen⸗ fenſter in Frankreich viel Schoͤnes geſehn haͤtte, könnt' ich nicht ſagen. Aber was ich heute geſehn habe, machte mir viel Freude!— Ohne Compliment!“ Sie lächelte und freute ſich der Schmeichelei, die ohne 6 d ſe d konnte⸗ „u. de ſche!“ „n, dich aus gehan, Dich w ſihſt, k Di ſo ein Munde nach me Hobſon fuhr g nicht. Jet „N —„L Prene? All ſcunen ln wei wich So et ſchtig beobac die dre an ein 87 daß ſie dieſelbe beabſichtigte, daraus gefolgert werden konnte. „Na, mir gefällt Alles, was ich in der Frem⸗ de ſehe!“ verſicherte Madame Hobſon. „Ja, und jemehr dir's gefällt, deſtomehr lachen ſie dich aus!“ brummte ihr Gatte.„Du haͤtteſt beſſer gethan, wenn Du in London geblieben warſt. Fuͤr Dich wär's gut genug dort. Wenn Du dort was ſiehſt, kannſt Du Dich doch auch ſehen laſſen!“ Die ganze Familie horte mit ſtummem Staunen ſo ein an Galanterie gränzendes Wort aus dieſem Munde kommen, wenn er damit nicht ſeinem Tadel nach mehr Bitterkeit hatte geben wollen. Madam Hobſon ſchien ſich indeſſen nicht zu verwundern; ſie fuhr gelaſſen fort:„Zerbrich Dir daruͤber den Kopf nicht. Gieb mir lieber noch einen Löſſel Suppe!“ Jetzt ſah ſie die Kellnerin hinter ſich ſtehn. „Na, was ſteht denn das Ding da?“ rief ſie. —„Iei! wie nennt man Sie denn?— gargon, prenez mon plat!“ Allerdings mußte das aufwartende Maͤdchen wohl ſtaunen, denn ſie konnte nicht das Auge von den vie⸗ len weißen Haͤlſen und rothen Aermen wegwenden, welche die jungen Frauenzimmer hier ſehen ließen. So etwas war ihr noch nie vorgekommen, und ſcharf⸗ ſichtig, wie eine Franzöſin, jedes Thun und Weſen beobachtend, koſtete es ihr ſpäter nicht wenig Muͤhe, die drei Schreckensgeſtalten zu ſchildern, welche an einem und demſelben Tiſche mit einem ſo ſchönen 88 Weibe, gleich Mathilden, geſeſſen hätten; Letztere habe man gleich auf den erſten Blick„mise à mer- veille“ gefunden. Daß ſie die Reiſe zufällig zu⸗ ſammengebracht habe, ſei ihrer fruͤhern Erfahrung nach gar nicht zu glauben, denn ſie habe es geſehen, wie zwei Engländer einzeln angekommen ſeien. Der eine habe dann lieber vor Hunger ſterben und im Bette bleiben wollen, ehe er ſich in den Saal geſetzt und mit dem andern zugleich gegeſſen hätte. Die Berechnungen der Kellnerin hatten indeſſen auf einmal ein Ende, denn der Baron ſchickte ſie zum „Kurier.“ Er ſollte die engliſchen Saucen und Eſ⸗ ſenzen bringen. Freilich paßten ſie nur eigentlich zu Fiſchſpeiſen, und man kam in einige Verlegenheit, wie ſie mit den„fricandeaux, Fricassés, päté melées und poulets rotis“ ſchmecken wuͤrden. Doch ſchon der bloße Anblick ſolcher vaterländi⸗ ſchen Produkte gab dem Patriotismus der Madame Hobſon Veranlaſſung, eine Parallele zwiſchen beiden Ländern zu ziehn. Ihre Meinung bildete ſich ſo ſchnell, wie die Form, in der ſie ſie ausdrückt. Wenn ſie nur reden konnte, ſo war auch das Fuͤr und Wider leicht entſchieden. „Ach!“ rief ſie,„Es geht nichts uͤber Alt⸗Eng⸗ land! Da iſt Alles gut, wenn's auch ein bischen theuer iſt. Wohlfeil iſt es hier, aber was hat man auch fuͤr's Geld? Da waren wir juͤngſt in der Stadt— wie heißt ſie denn gleich?— Je, ſie haben ja zehn —— Jihre d gführt! „Ri mon das Nenke do unſ ne ein wie a u*5 den! ben zu bei uns ſie nun Wiin, „ Zochtet „J eins! trinken Da bs re ſoll in ihr war, ſchaft Rerlich 89 Jahre da wegen eines liederlichen Weibsbildes Krieg gefuͤhrt! ſie haͤtten ſich ſchämen ſollen!— „Meinen Sie Troja?“ fragte Mathilde lächelnd. „Richtig! Ja Troja oder Troyes— nu, da ſah man das ganze Lauſeweſen in der Champagne. Ich denke doch, der Portwein muß da gar nichts koſten, und ſo fordere ich Portwein, um meinem guten Man⸗ ne ein Glas Biſchoff zu machen; er trinkt ihn ſo gern, wie als Kind die Muttermilch. Ja, Sie ſehn mich an?»s iſt aber wirklich wahr! Nun, was meinen Sie denn? Ich mußte bezahlen, wie ich in meinem Le⸗ ben zu Hauſe den theuerſten Wein bezahlt habe, wenn bei uns die groͤßte Gaſterei war. Und was nennen ſie nun hier alles Wein! Geſtern Abend gaben ſie uns Wein, Saint Cither hieß er, glaub' ich!—“ „Saint Peray! Mama!“ füͤſterte ihr die älteſte Jochter zu. „Na, meinetwegen Birnen oder Cither, iſt all' eins! Aber ſo gut iſt er nicht, wie wir ihn zu Hauſe trinken!“ Da Madame Hobſon zu den Leuten gehört, die vlos reden, weil ſie eigentlich nichts zu reden haben, ſo will ich nur bemerken, daß unſere Heldin ſich fruͤh in ihr Zimmer verfuͤgte, und mehr als je uͤberzeugt war, wie das Streben, ſolche aufgezwungene Geſell⸗ ſchaft zu tragen, mehr angreife, als die großte kor⸗ perliche Anſtrengung. Neuntes Kapitel. — Am naͤchſten Morgen meldete der Kurier Peter, daß es der Kunſt des Schmiedes gelungen ſei, die Feder nun ganz unbrauchbar zu machen. Bevor man in Genf ankomme, laſſe ſie ſich nicht wiederherſtellen. Hier war keine Rettung. Die Dorntonſche Familie mußte ſich ſchon erbieten, die Fraͤulein Hobſons in ihren Wagen aufzunehmen, während Thomas mit Fe⸗ licie in den andern kam. Thomas hatte anfangs gar viele Freude über die neue Reiſegefährtin, denn er war lange genug auf Reiſen geweſen, um in dieſer Franzoͤſin etwas zu finden, das fuͤr Schönheit gelten konnte. Ungluͤckli⸗ cherweiſe machte er nur nicht ähnlichen Eindruck auf ſie. Sein Geſicht war zu ſehr verunſtaltet worden, und das Kammermaͤdchen wurde von ſeinen ſchwarzen Augen viel weniger getroſſen, als er von den ihrigen⸗ Uebrigens hatte ſie in England ihre Mutter ſprache ge⸗ gen ein engliſches Kauderwelſch vertauſchen muͤſſen. Gleich bei der Reiſe davon loszukommen, nahm ſie ſich vor, das Engliſche bei den alten Hauben und Huͤten ihrer Herrſchaft bis zur Ruͤckkehr in laſſen. Fhemtsk puiſtündl Untechalt ſondets h ſilſchafter mit dem und glei ein Wo dos ihm gute ſich wor nun ihrem 6 Fanilie. Die freulch brſonder det Sp die Sn Ausſcht vergliche Von wigem mut ſ al det deſſen dahing und ge wihren Thomas konnte ſich nicht durch Blicke und Worte verſtäͤndlich machen, und ſie wollte es nicht. Die Unterhaltung war daher nicht ſehr anziehend. Be⸗ ſonders hatte Thomas die ganze Gunſt der neuen Ge⸗ ſellſchafterin gleich beim Einſteigen verſcherzt. Er war mit dem Fuße in eine dez Haubenſchachteln gerathen, und gleich ließ ſie etwas von„gaucherie“ horenz ein Wort, das Thomas zwar nicht recht verſtand, das ihm aber ſein Bein recht gut erklaͤrte. Er är⸗ gerte ſich nun ſeinerſeits auch und das Téte à Teéte war nun ſo einſilbig, wie das zwiſchen Mathilden und ihrem Gemahl bis zur Vereinigung der Hobſonſchen Familie. Die Reiſe den Jura hinauf, welche nie ſehr er⸗ freulich iſt, ſchien allen jetzt daran Theilnehmenden beſonders langweilig. Doch nachdem das letzte auf der Spitze liegende Poſthaus verlaſſen war, machte die Straße eine Wendung, und nun zeigte ſich eine Ausſicht, welche an Schoͤnheit und Größe mit nichts verglichen werden konnte. Von fern ſah man die Spitzen der Berge mit ewigem Schnee bedeckt, als wollten ſie das Firma⸗ ment ſelbſt durchbohren In der Tiefe unten glaͤnzte, als der Morgennebel wich, der ſpiegelhelle See, uͤber deſſen glatte Flaͤche manch kleines Segel ohne Furcht dahingaukelte und die Ufer waren mit Allem belebt und geſchmuͤckt, was eine Landſchaft nur immer ge⸗ währen kann. Mathilde ſchlug, von ſchweigender Bewunderung 92 ergriffen, die Haͤnde zuſammen. Selbſt wenn ſie uͤber Ohren zu befehlen gehabt hätte, die ihre Gefuhle verſtanden, es wuͤrden ihr die Worte gemangelt haben. „Wie ſchon! Wahrhaftig!“ rief die älteſte von Hobſons Töchtern. 1 Ihr Gemahl hatte ſich nicht ohne Muͤhe nach dem Rande ſeines Sitzes vorgearbeitet. Er ließ bedäͤchtig das Fenſter herunter, ſteckte den Kopf hinaus, und mit dem breiten Ruͤcken bald nach den Damen, bald nach der Landſchaft gekehrt, beobachtete er nur mit ungetheilter Aufmerkſamkeit das 6— des Hemmſchuhes. Peter war beim Wagen des Herrn Hobſon gebli⸗ ben, um den Hemmſchuh hier anzulegen. Er ſah, daß ſein Herr zum Fenſter herausgukte, und ſo machte er ihn auf eine ihm dafuͤr geltende Hauptſchönheit die⸗ ſer Straße aufmerkſam:„Sehen Sie mal; Sie, das iſt eine ſchone Ausſicht! das ſind Berge, ſchreckliche Berge— ganz entſetzliche! und lä bas— eine la⸗ chende Landſchaft; eine Landſchaft— trés riant!““ „Lachend?“ erwiederte bedaͤchtig der alte Hobſon⸗ „Ach— ich will Ihm was ſagen,— da hier iſt, denk' ich, kein Spaß, ſo wenn man hinunterkollert! Alſo geh Er huͤbſch vorſichtig zu Werke!“ Seine Frauenzimmer wurden durch dieſe eben niht leiſe geſprochenen Worte keinesweges dem ſanften Schlummer geweckt, in welchen ſie das langſame Hin⸗ auffahren gewiegt hatte. Dagegen der letzten Station wegen mangelnder gihel (6 1 dern Sch Sie deſt nig chen Art nich Ste aus wo ſtil ält Ge wel Vſ rei 93 gehalten, und freute ſich nun, als jetzt ſein Poſtillion es verſuchte, die erſten Wagen bergab einzuholen, dermaßen, daß er nicht ein Auge von deſſen runden Schultern verwendete. Mamſell Felicie hatte von fern Genf erblickt. Sie gab nun auf ihren Reiſegefährten nicht im min⸗ deſten acht. Wohl aber begann ſie, freilich ein we⸗ nig zu fruͤh, die Lockchen zu ordnen, das Haͤub⸗ chen zu ſeñ und tauſend kleine Vorbereitungen der Art zu treffen. Sonſt ereignete ſich indeſſen fuͤr die Reiſenden nichts, bis ſie etwa noch eine halbe Stunde nach der Stadt hatten. Hier rief die eine Tochter Hobſons aus:„Was fuͤr ein huͤbſcher Wagen und zwei Da⸗ men, die Engländerinnen gleichen! Wenn unſere Po⸗ ſtillione ſie nur nicht uͤber den Haufen fahren!“ Mathilde ſah eine Char à banc, auf der eine altliche und eine junge Dame ſaß. Bei aller ihrer Gewandtheit im Lenken ſchienen ſie in einiger Gefahr, welche eben angedeutet wurde, denn ſie waren im Leſen eines Briefes vertieft. Der Poſtillion bog in⸗ deſſen aus, um dies zu vermeiden. Mathilde konnte die Fremden ins Geſicht faſſen, und ſie erkannte die reizenden, ſchonen Zuͤge ihrer Jugendfreundin Emilie Arlingford, die von mehr als gewöhnlichem Feuer er⸗ glänzten, als ſie, gleich wie die Wagen voruͤberrollten, Mathilde erkannte! „Guke Emilie!“ dachte dieſe.„Sie iſt noch im⸗ mer dieſelbe! liebt mich noch wie fruͤher!“ Sie 94 verlor ſich in Erinnerungen der Vergangenheit und ergoͤzte ſich ſchon an den Bildern der neuen Freude, die ihre Geſellſchaft hier geben wuͤrde, wo auch der Stolz eine kleine Rolle ſpielte, denn ſie wollte ih⸗ ren Stand beſtens geltend machen. Kaum merkte fie es, daß ſie in Genf war, als ſie bereits vor dem Gaſthof hielt. Zehntes Kapitel. Das erſte Fruͤhſtuͤck in Genf war eingenommen, und Mathildens Gemahl entfernte ſich, eine Parthie mit ſeiner Schweſter zu machen, die in demſelben Gaſt⸗ hofe abgeſtiegen war, als man im Vorſaale eine Stimme hoͤrte:„Laſſen Sie mich doch! Sie wird mich gewiß nicht abweiſen!“ Und in demſelben Au⸗ genblick ſtuͤrzte Emilie Arlingford in die Arme ihrer Jugendfreundin. Die Mutter folgte:„Ich muß auch meinen Antheil erhalten,“ rief ſie,„wenn ich auch nicht ſo geſchwind laufen kann. Meine Fuͤße ſind alt und ſteif, aber die Arme noch friſch!“ Sie ſchlang ſie um den Nacken unſerer Heldin. Die alte Lady Ormsby hatte mehr als bloße Ue⸗ berbleibſel der Schönheit aufzuweiſen. Die Zeit hatte ihre Spur minder tief bei ihr eingedruͤckt, als auf manche andere Großmutter, welche demohnerachtet noch als Nebenbuhlerin der Toͤchter ihrer Tochter in die Schranken tritt und ihre Batterien gegen eine dritte Generation von Liebhabern richtet. Sie hatte offenbar ſchon lange allen Anſpruͤchen auf Schoͤnheit entſagt. Ihre Kleidung war zwar nicht 96 vernachläßigt, ſiel aber nicht in die Augen. Sie wollte ſich lieber zuruͤckziehen, als ſchimmern, und ge⸗ rade darum galt ſie uͤberall als ein gutmuͤthiges, ge⸗ bildetes, angenehmes Weib. In der That hatte ſie ſchon lange keinen andern Wunſch, als im erborg⸗ ten Lichte zu glaͤnzen, nur die Bewunderung zu er⸗ regen, die aus dem Lobe ihrer Kinder auf ſie hinü⸗ berſtrahlte. Die großte Quelle des Kummers war ihr nach dem Tode ihres Gatten das ungeregelte Leben ih⸗ res aͤlteſten Sohnes. Dagegen ſah ſie auf ihren zweiten, den Lord Ormsby, mit einem Stolze, einer Liebe, die faſt an Anbetung graͤnzten. Leider war er nur ein Planete außer ihrer Bahn. Nur gelegentlich durch⸗ kreuzte er dieſelbe, ſie zu erfreuen, zu entzuͤcken. Ihr eigentlicher Polarſtern war Emilie, die Tochter. Auf ihr beruhte ihre ganze irdiſche Hofſnung.. Und nie verdiente ein Maͤdchen es mehr, das Herz ihrer Mutter zu feſſeln, nie war eine ſo reine Vereinigung auf Erden vollkommener, denn ſie wurde von Ehrfurcht ohne Zwang, von Liebe ohne Blindheit gebildet. Als die erſten Erguſſe der Freude, welche die lange getrennten Freundinnen fuͤhlten, voruͤber und viele kleine Dinge verſprochen worden waren, aͤußerte Lady Ormsby:„Nun, verſprechen muͤſſen Sie, uns kuͤnf⸗ tigen Donnerſtag auf unſerer kleinen Villa zu beſuchen. Ich habe nicht das Vergnuͤgen, Ihren Gemahl zu kennen, kann mir aber nicht den als Frem⸗ den zu betrachten, der mit Ihnen rbunden iſt. Ue⸗ § 97 brigens ſtehen wir Engluaͤnder auf dem feſten Lande auf einem andern Fuße, als es in London gewöhnlich iſt, wo ſich die Freundſchaft gegen fuͤnfhundert Freun⸗ de zu gleicher Zeit mit einer Charte des Inhalts äu⸗ ßert: Theure, es thut mir leid u. ſ. w. Wir neh⸗ men hier nicht einen wie den andern. In dem frem⸗ den Lande iſt der Umgang einem Fernrohr ähnlich⸗ Man kann jeden Gegenſtand ins Auge faſſen, und ſich dann den aneignen, der uns am meiſten gefällt!“ „Ja,“ ſetzte Emilie hinzu,„und man hat mit den verdruͤßlichen Pflichten der vornehmen Welt nichts zu thun. Wer uns Hyfaͤllt, wird mit dem ſpitzigen Ende des Glaſes beſehn. Wer uns nicht anzieht, wird von der andern Seite aus betrachtet, bis er uns ganz aus den Augen iſt.“ Mathilde faßte, bei dem Gleichniß mit dem Fern⸗ rohr, die ihr wohlthuende, aber freilich truͤgeriſche Vorſtellung auf, daß ſie Alle aus den Augen verlie⸗ ren mochte, die das Geſchick mit ihr in zu nahe und angenehme Verbindung gebracht hatte.„Ach,“ rief ſie,„ſäh' man doch nur, was man wuͤnſcht zu ſehn!“ „Nun ſo will ich meine Augen nicht von Dir wegwenden!“ ſprach Emilie zärtlich.„Geſtern hatte ich kein Glas bei mir, wo ich es wahrlich nicht daran fehlen ließ, von Dir uͤberfahren zu werden. Wir ka⸗ men aber gerade von der Poſt, und worauf hätte ich wohl ſonſt noch die Augen wenden ſollen, als auf den Brief, den ich von meinem—“ Sie brach plötzlich in dem begeiſterten Tone, den 1 7 98 ſie angenommen hatte, ab, und ſetzte hinzu:„von meinem England erhalten hatte.“ Ihr Auge ſchweifte, ihr ſelbſt unbewußt, von der Freundin auf einen daliegenden dem Baron gehörigen gut gebuͤrſteten Hut, aus dem ein Paar Handſchuhe hervorgukten. Mathildens Blick folgte dem ihrigen⸗ Die unwillkommene Erinnerung an ſolche erlaubte Vertraulichkeit ſtach zu ſehr gegen die fruͤhern Ver⸗ haͤltniſſe ab. Beider Munterkeit war dahin. Endlich fuhr Emilie fort:„Ich glaube, du hält'ſt mich fuͤr eine vollkommene, ganz ſchreckliche Amazone, die ihr Pferd ſelbſt leitet und ihre Mutter ohne männlichen Beiſtand fährt?“. „Wie ſollte ich das?“ entgegnete Mathilde.„Er⸗ innerſt Du Dich doch wohl, wie ich ohne Umſtände von Delaval nach Ormsby zu reiten pflegte?“ Sie unterdruͤckte einen Seufzer, denn wohl fiel ihr ein, weſſen Gegenwart ihr den Muth zu ſolchem Wagſtuͤcke einfloßte, und daß alle ihre Furcht hin war, wenn er ihr Geſellſchaft leiſtete. Lady Ormöby wuͤnſchte dem Geſpraͤch eine andere Wendung zu geben.„Viel Ihren bekannte Leute“ bemerkte ſie,„ſind nicht hier. Die Zugvögel, welche hier zuſammenkommen, haben ihren Flug aus Norden noch nicht begonnen. Allein Ihre Ankunft zeigt doch, daß die Sommerzeit naht, wie eine Schwalbe doch mindeſtens den Anfang machen muß. Indeſſen zwei neue Gaͤſte werden Sie doch auch ſchon in unſerm Land⸗ hauſe treſſen: den Oberſt Canteen und Herrn Tynte. 99 Den Oberſten muͤſſen Sie ſchon geſehn haben. Er iſt dafuͤr bekannt, daß er lebt, um zu eſſen, ſtatt daß er äße, um zu leben. In meiner kleinen Haus⸗ haltung iſt er ein furchtbares Weſen. Ich haͤtte es gewiß nicht gewagt, ihn zu laden, wenn nur ſonſt ein Platzchen in der Stadt füͤr ihn waͤre. Uebrigens iſt er uͤberall zu Hauſe, kennt Jedermann, iſt gut⸗ muͤthig, und mag er kommen, wenn er will, Nie⸗ mand gibt auf ihn Acht.“ „Und geht er, ſo vermißt ihn Niemand, nicht wahr?“ ſagte Mathilde,„denn dies iſt gewohnlich bei einem Mann der Fall, von dem ſich nichts ſagen läßt!“ „Von größerer Bedeutung,“ fuhr Emilie fort, „iſt ſein Reiſegefaͤhrte, der ehrſame Herr Tynte. Du mußt von ihm gehort haben; er ſoll Kenner und Di⸗ lettant im Malen ſein. Ihm gemäß folgt die Kunſt nicht der Natur, ſondern dieſe der Kunſt. Die ſchon⸗ ſte Ausſicht wuͤrde ihn nicht feſſeln, wenn ſie nicht in guter Art componirt wäre. Es iſt die Frage, ob er ſelbſt Dich nicht ohne Bewunderung anſehen konnte, wenn Du ihn nicht zum Gluͤck an einen beruͤhmten Guido und wohlbekannten Titian erinnerteſt.“ „In jedem Falle muß man alſo mindeſtens ſeine Gunſt mit dem huͤbſchen Kleide theilen, das man trägt!“ ſcherzte Mathilde⸗ „Und noch einen wirſt Du kennen lernen,“ ſchloß Emilie;„einen recht wackern Freund unſers Hauſes: den Graf Santelmo, einen unglucklichen italieniſchen — 7 100 Fluͤchtling. Du mußt ſeinen Charakter von meiner Mutter zeichnen laſſen, denn Du weißt, wie ſie für die Liberalen eingenommen iſt!“ „Wir ſahen,“ nahm hier die Lady Ormsby das Wort,„wir ſahen ihn, wo uns Familienverhältniſſe hinderten Ausfluͤge zu machen, und ich glaube, daß unſere Geſellſchaft viel dazu beigetragen hat, ſeine Schwermuth und Verbannung zu mindern. Er iſt meiner Meinung nach ein Mann, der, haͤtte ihn ſein Geſchick in England oder als Buͤrger eines freien Staates geboren werden laſſen, Europa mit ſeinem Ruhm erfuͤllt hätte. Doch ſein launenvolles Schickſal iſt mit dem des ungluͤcklichen Italiens vereint, und hier lebt er, ein wandernder Fremdling, von dem un⸗ ſichern Schutze dieſes kleinen Freiſtaates abhängig! Noch der Art, wie Emilie von mir geſprochen hat, konnten Sie denken, ich ſei fuͤr meine Perſon, nach meinen Grundſaͤtzen ihm zugethan, allein in meinem Alter klingt wohl das Lob nie zweideutig,“ Mathilde hatte keinen ſolchen Schluß d nri ge⸗- zogen. Dagegen herrſ ſcht unter den Frauen eine Art Freimaurerei, welche ſie in den Stand ſetzt, ihre Gefuͤhle gegenſeitig durch uns unmerkliche Zeichen zu entdecken, und waͤhrend die Mutter das Lob Santel⸗ mos verkuͤndete, lag in Emiliens Zuͤgen etwas, das Mathilden die Vermuthung einfloßte, wie ſie wenig⸗ ſtens im gegenwärtigen Falle von der Mutter die Vorliebe fuͤr einen Liberalen geerbt habe. Und dieſe Anſicht fand ſogar noch Beſtätigung, als Emilie p — — — 101 hinzuſetzte: Es iſt recht ſonderbar, Mathilde, und zeigt, wie manche Aehnlichkeit ſtatt finden mag, ohne daß von gleichen Verhältniſſen, Verwandſchaften und Ver⸗ bindungen die Rede iſt; aber beim Graf Santelmo findet ſich etwas vor, das mich unwillkuͤhrlich an Dich erinnert. Wenn Du laͤchelſt, wie jetzt gerade, ſo gleicht es ihm! Und wenn er den Alfieri uns laut vorlas, brachte mir ſein Ton ganz Dein Bild und das Deines Lieblings, des Shakeſpeare, ins Ge⸗ daͤchtniß. Freilich ſo laut wurdeſt Du nicht, wie er manchmal wird!“ Mathildens Antwort hierauf wurde durch die Ruͤckkehr ihres Gemahls unterbrochen, den ſie nun in gehöriger Form vorſtellte. Nicht ohne Furcht ſah ſie ſchon, daß er zu einer Rede Anſtalt machte, die denn auch in gehoͤriger Art gehalten wurde, und das Vergnuͤgen ausdruͤckte, welches ſeiner Gemahlin, in⸗ gleichen auch ihm ſelbſt durch die Geſellſchaft des Lord Ormsby zu Theil geworden ſei. Die Lady Ormsby und Emilie geriethen in eini⸗ ge Verlegenheit, und da Mathilde begriff, daß ſie ſich dabei etwas mehr, als den Austauſch einiger Worte während eines zufälligen Zuſammentrefſens bei einem Mittagsmahl denken wuͤrden, ſo erroͤthete ſie wi⸗ der Willen ein wenig, als ſie ſchnell, obſchon in fe⸗ ſtem Tone verſicherte: daß ſie nur einmal bei einem Gaſtmahleim Hauſe des Lord Eatington zuſammen⸗ gekommen ſeien. Es war eine Probe für Mathilden. Zum erſten⸗ 102 male mußte ſie mit Gleichguͤltigkeit den Mann in Ge⸗ genwart von ſolchen erwähnen, die ſo genau wußten, in welchem Verhaͤltniſſe ſie zu ihm ſtand. Doch ſol⸗ che Zauberkraft hat ein Name! Der Titel Lord Ormöby ging ſo leicht uͤber die Lippen, als ſei er ihr ganz fremd. Der Name Auguſt, und ſelbſt Ar⸗ lingford, wäre ihr auf den Lippen erſtorben. Die Sache war gleich abgemacht; das Ge⸗ ſpräch nahm nun unter dem Einfluſſe des Barons ei⸗ nen ganz gewöhnlichen Gang. Außer andern Dingen, entdeckte man, daß die Rhone ins Bläuliche ſpiele, der Sommer feucht ſei, Genf wohlfeile, aber nicht ächte Bijouterien habe, und als dieſe wichtigen Dinge alle berichtigt waren, trennte man ſich. Mathilde ver⸗ ſprach, und der Gemahl gab ſeine Beſtätigung dazu, daß man kuͤnftigen Donnerſtag auf der Villa der Lady Ormsby eſſen wolle. ℳ ———— —— — e Eilftes Kapitel. Als der genannte Tag gekommen war, ſammelte ſich die ganze Geſellſchaft dort. Mathilde wurde nicht we⸗ nig vom ganzen Weſen, von dem Aeußern des jun⸗ gen Grafen Santelmo uͤberraſcht, obſchon die Gegen⸗ wart ſo vieler Fremden, die Schwierigkeit, ſich in ei⸗ ner andern Sprache auszudruͤcken, ihn abhielt, zu der allgemeinen Unterhaltung viel beizutragen. Der Oberſt Canteen huͤtete ſich wohl, blos an dem geiſtigen Mahle Jheil zu nehmen. Wir koͤnnen dies den Aeußerungen der Lady Ormöby zufolge wohl er⸗ warten. Indeſſen, wenn er auch die Tafel als die Hauptſache anſah, ſo gab er doch ſo manche Anek⸗ dote als eine Zwiſchenſpeiſe zum Beſten, und mit dergleichen war er immer wohl verſorgt. Er hatte Kunde von einem Paar neuen Vermaͤhlungen mitzuthei⸗ len; er gab Mathildens Gemahle aus der beſten Quelle die Nachricht, daß an eine Aufloͤſung des Parlaments jetzt nicht g cht würde, und erzählte der Lady Ormsby, wie ihr Sohn aus London auf— ſein Schloß gereiſt ſei, was ihr freilich längſt be⸗ kannt war. k. 104 —— Mathilde war indeſſen mit ihrem Nachbar, Herrn Tynte, ſehr vergnuͤgt, denn ſeine Eigenheiten zeigten von einem hochgebildeten Geiſte. Sie griff ſcherzend ſeine Vorliebe zur Kunſt auf Koſten der Natur an, und er vertheidigte ſich mit einer ungemein unterhal⸗ tenden Laune, mit einem E wahren, halb etkuͤn⸗ ſtelten Feuer. „Ich bin nicht verbunden,“ ſagte er,„meine Bewunderung auf die Gränzen deſſen zu beſchränken, was Jedermann ſieht: daß die Sonne hell ſcheint und ein gruͤnes Feld friſche Farbe zeigt. Das Auge eines Malers kann ſich uͤber die verſchrobenen Zuͤge eines alten Burgemeiſters freuen und einer Gruppe betrunkener Bauern Haltung geben. Es gibt kein Ding, mag es zu noch ſo niedrigem Gebrauche die⸗ nen, das in unſerer Hand nicht mittelſt des Farben⸗ reizes ein Mittel zum zarteſten Genuſſe fuͤr den Ge⸗ ſchmack werden kann. Ich wuͤnſchte jetzt aber, ſetzte er noch hinzu und hob eine Bouteille Bordeauxwein empor, keine beſſere Farbe auf meiner Palette zu haben, als dieſe!“ Der Oberſt hatte auf der andern Seite der Tafel ſein Platzchen, und da er in dem letztern Betrachte den Geſchmack des Malers theilte; da ihm der Wein der Wittwe ebenfalls ſo angenehm mundete, rief er: n1 iſt er gut! Wahrhaftig: Eine ſchoͤne Farbe hat er!“ „Eben dieſe bewundere ich auch. Mit einigen an⸗ * dirn fiio 4* 105* dern Flaſchen vermiſcht, muͤßte es eine Eunzn ſition geben!“ „Was? Compoſition?“ rief der Otert erſchrok⸗ „Ei, ſein Verdienſt iſt, daß hier. Coms poſition ſtatt ſindet!“ „Lieber Oberſt,“ erwiederte der Maler;„der Ge⸗ ſchmack iſt verſchieden. Das haben Sie uͤberſehn!“ „Na, ich lobe mir ein Stuͤck Mahagoniholz, ſtatt des beſten gefirnißten. Ein Mädchen im ſimpeln wei⸗ ßen Kleide iſt mir lieber, als das im bunten!“ be⸗ hauptete jener. Mathilde und Tynte ſprachen noch mehreres uͤber Natur und Kunſt, allein der Oberſt wurde des Ge⸗ genſtandes uͤberdruͤßig, der gar nicht nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke war. Er wuͤnſchte dem Geſpraͤche eine Rich⸗ tung zu geben, die beſſer zur Tafel poßte.„Ich daͤchte,“ wendete er ſich an die fremden Herrn,„unſer Freund Arlingford habe auch einmal im Rufe geſtan⸗ den, Kuͤnſte und huͤbſche Weiber zu lieben. Seine Bewunderung fuͤr eine kalte Marmorſtatue ſoll ſich ja auf einmal in eine gluͤhende Leidenſchaft fuͤr ein le⸗ bendes Original verwandelt haben. Die Venere vincitrice hat ihn einmal, ſagte man, dergeſtalt beſiegt, daß er England und Alles, was darin iſt, vergaß.“ Dies war ein Gegenſtand, den Lady Ormsby nie horen konnte, ohne die Geduld zu verlieren, ob ſie ſchon wußte, daß alles Erdichtung ſei! Wärmer als gewöhnlich, etwiederte ſie darum:„Dieſem liegt nicht * * 106 die geringſte Wahrheit zu Grunde! Es iſt die ſcheuß⸗ lichſte Erdichtung, welche je die Boöheit erfand und die Albernheit verbreitete! Mein armer Auguſt! Aus von England nichts vergeſſen hatte. Es wäre gut weſen, wenn er es hätte!“ Als ſie die letzten Worte, vom innigen Gefuͤhl ergriffen, ſprach, begegnete ihr Blick unwillkuͤrlich dem Mathildens⸗ Beide laſen in dem, was ihr Auge unwillkürlich zeigte, gar Vieles von dem, was jeder gern verborgen hätte. Der Lady. Ormsby that es weh, eine⸗ Saite berührt zu haben, die ihrer jungen Freundin als ein Vorwurf erſcheinen mußte. Mochte ihn dieſe auch noch ſo gut verdient haben, ſo ſagte ihr doch der zarte Sinn, daß er nicht von ihr ausgehn muͤſſe. Doch wie der Fehlgriff wie⸗ der gut zu machen ſei, wußte ſie nicht. Das Mahl hatte ein Ende. Sie gab das Zeichen, es nufzu⸗ heben. Doch in Mathilden ſchien plötzlich ein neues Licht aufzugehn! Auguſt Arlingford, von aller Welt be⸗ wundert, alle Mädchen erobernd, war ihr immer treu geblieben, und duldete durch ihren unbegreiflichen Wan⸗ kelmuth! Dies Bild war ihr nicht der fernſten Mog⸗ lichkeit nach erſchienen. Jetzt lag es oſſenbar in den Worten ſeiner Mutter und wurde durch die Verwir⸗ rung, den Schmerz, den ihr Auge verkuͤndete, noch mehr beſtätigt! Der erſte Eindruck, den dieſe Sneun auf ſie machte— ſie konnte ihm freilich nur die Zeit gön⸗ ſeinen Briefen wußte ich damals am beſten, nen von Sie auc Ge ang Ni Si Mahl Licht be⸗ — —— nen, welche zu einem Spaziergange vor dem Hauſe vonndthen war— zeigte ſich von ſehr gemiſchter Art. Sie fuͤhlte etwas Wohlthuendes. Aber ſie begriff auch, daß es ihr mehr als je, vonnöthen ſei, Auguſts Geſellſchaft zu vermeiden. Indem ſie nach Hauſe kehrte, dachte ſie uͤber die angenehme Geſellſchaft nach, welche ſie verlaſſen hatte. Nicht etwa befriedigte Eitelkeit war dabei im Spiele. Sie hatte ja keine Gelegenheit gehabt zu glänzen. Wohl aber ſprach das Gefuͤhl des eignen Werthes. Sie hatte hier mit Weſen verkehrt, die ihr in Sinn und Aeußerm verwandt waren. Vielleicht kam freilich — ich möchte es nur bekennen— auch eine Erinnerung hinzu, welche dieſem wohlthuenden Gefuͤhle noch mehr Nachdruck gab. Die Worte, die Blicke der Lady Ormsby hatten ihr die Ueberzeugung gewaͤhrt, daß Auguſt Arlingford ſie nie mit gleichgültigem Auge betrachtet habe. Umſonſt verſuchte ſie es, ſich des unwillkuͤrlichen Genuſſes zu erwehren, den ſie aus dieſen Worten gezogen hatte.„Darf ich mich denn einer ſolchen Entdeckung freuen?“ dachte ſie.„Mag das Loos meines Lebens nicht ganz nach freier Wahl gefallen ſein, ſo bin ich doch mindeſtens allein dafuͤr verantwortlich. Fuͤhle ich, zu ſpaͤt, die Buͤrde, wel⸗ che ich auf mich geladen habe, iſt es mir darum Troſt, daß ich weiß: blos an mir ſelbſt hat es gelegen, wenn nicht Alles nach meines Herzens Wunſch gegangen iſt? Gebe ich wider meinen Willen bisweilen un⸗ nützer Klage Raum, muß ich es dann nicht bedauern, 108 daß ich weiß, wie auch ein Anderer ſie theilt, der ein beſſer Schickſal verdient hätte?“ Sie bemuͤhte ſich, ſo ſelbſt zu der Ueberzeugung zu kommen, daß ſolche Gruͤnde, von der Vernunft gehoben, die Gefuͤhle des Herzens beſchwichtigt hätten. Ihrem Gätten gegenüber ſuchte ſie, wie ſonſt, Alles aufzubieten, ihm gefaͤllig zu ſein, ihn zu feſſeln, ihn zu ſtimmen, die eben verlaſſene Geſellſchaft recht an⸗ genehm zu finden. on Das Letztere war indeſſen keine leichte Sache. Der Baron ſchien gar nicht geneigt, mit einem der Gäſte zufrieden zu ſein. In einer Geſellſchaft, wo man den Werth eines Mannes nach dem Kopfe, aber nicht nach dem Beutel beſtimmte, fuͤhlte er ſich gar nicht einheimiſch. Nun war aber keiner derer, die er dort fand, ein Verehrer des goldnen Kalbes. Herrn Tynte's Phantaſie nahm viel zu hohen Flug, um an ſo irdi⸗ ſche Dinge, wie Pfunde und Schillinge zu denken. Ja, wenn eine Gemäldeſammlung verſteigert worden wäre, dann hätte er den Baron beneidet, der ohne alle Ruͤckſichten beſchriebenes Papier fuͤr gemalte Lein⸗ wand hingeben konnte. So, wie er ihn jetzt kannte, ſah er ihn mitleidig als einen Mann ohne Geſchmack an. Der Oberſt Canteen hatte fuͤr keine Einkuͤnfte, als ſolche Sinn, die jede Woche zur Haushaltung nothig ſind. Er haͤtte einen Mann am liebſten nach dem Be⸗ trag der Fleiſcher- und Bäckerrechnung geſchätzt. Allerdings hatte ſich der Baron zwei⸗- oder dreimal Muͤhe gegeben, ſeinen Werth bei der Wirthin vom Hauſe 6 und Spe liche regt chel mer Sti Di 109 und ihrer Tochter geltend zu machen, und deshalb von Speculationen, von Intereſſen und dergleichen gewohn⸗ lichen Dingen geſprochen, allein dieſe Bemuͤhungen er⸗ regten bei Emilien ein mit Mühe unterdruͤcktes Lä⸗ cheln. Mathilde hatte dies demohnerachtet einmal be⸗ merkt, und kraͤnkte ſich zwar daruͤber, mußte aber im Stillen zugeben,— ſo wahrhaft komiſch war das Ding— daß ſie unter andern Umſtaͤnden an dem Spotte ſelbſt Theil genommen haͤtte. Gerade aber dies merkte ihr Gemahl doch am Ende, und darum war er mit der ganzen Geſellſchaft in Genf nicht zufrieden. Er benutzte gleich eine am folgenden Tage ſich darbietende Gelegenheit, auf eine kurze Zeit einen Ausflug nach dem Chamounithal zu machen, bei welchem er aber Mathildens Theilnahme doch nicht fur nothig hielt. 110 Zwoͤlftes Kapitel. Es war einer der ſchönſten Sommermorgen, wo er ſeine Fahrt anttat. In Genf iſt der Sonnenſchein, wie das Lächeln, in den Zügen einer beruͤhmten, aber ſinſterſehenden Schönen doppelt von Werth. Er kommt ſelten vor, und die Pracht der Gegenſtände, wel⸗ che er beleuchtet, wird um ſo groͤßer; man genießt dann dort, was allein der Vollkommenheit abgeht. Der ſchone Tag hatte Lady Ormsby und ihre Toch⸗ ter veranlaßt, den Graf Santelmo unmittelbar nach dem Fruhſtuck bei einer Fahrt auf dem See zu. begleiten. Noch war es nicht Mittag, als ein engliſcher Reiſewa⸗ gen, der mit dem Staube jedes Landes bedeckt ſchien, andeutete, daß der darin Sitzende auf dem Wege nicht geſäͤumt habe. Er bog aus der Landſtra e nach dem Landhauſe ein, das am See lag, und nachdem mehremale ſein hbſcher Kopf in einer Rei ſemute zum Fenſter herausgegukt hatte, als ſehe er ſich forſchend um, ſo hielt der Wagen endlich am Thore vor Lady Ormöby's Villa. Der Reiſende ſprang heraus, und war ſchon im Hofe, ehe der alte Haushofmeiſter Wilſon, nach Anſtaunen, rufen konnte:„Je gei erſ ne 9e im et nen 6 y aber [⸗ wel⸗ nießt — Herr Gott! Mylord? Nun wer haͤtte denn geglaubt, daß Sie uns ſo uͤberfallen wuͤrden, möcht' ich wohl ſagen!“ Wilſon hatte in fremden Landen auch ge⸗ lernt, ein wenig witzig zu ſein. Allein jetzt kam er in einen andern Ton.„Doch kein Ungluͤck wider⸗ fahren?“ fragte er theilnehmend. „Nein, Alter!“ rief Ormsby,„es iſt nichts vor⸗ gefallen. Ich bin nur geſchwinder fortgeeilt, als ich gedacht habe. Das iſt alles. Wo iſt denn aber mei⸗ ne Mutter?“ „Ei, Ihro Gnaden ſind eben fort, um eine kleine Promenade zu machen, vermuth' ich. Wenn Sie aber warten wollen, will ich ſie gleich ſelbſt auf⸗ ſuchen.“ Der Lord war es zufrieden, da er mit den Seinigen nicht auf einem öffentlichen Spazierwege zu⸗ ſammentreſſen und ſich hier dem Zwange preißgeben wollte. Er blieb daher im Geſellſchaftszimmer, das gleich an das Arbeitskabinet ſtieß. „Wie gluͤcklich lebt man hier!“ dachte er, als er erſt das Zimmer und dann die tauſend kleinen An⸗ nehmlichkeiten muſterte, womit es von der Inhaberin geſchmuͤckt war.„Nichts iſt zwecklos da!“ fuhr er im Stillen fort, als ſein Auge die mancherlei Werk⸗ zeuge weiblicher feiner Arbeit beſah, und endlich an ei⸗ nem Fluͤgel ſtehn blieb. Auf dem Pulte lag ein Heft. Er ſtaunte ein wenig. Auf dem Litelblatt ſeiner Lieb⸗ 4 112 lingsarie: Ombra adorata aspetta*), ſah er„Ma⸗ thilde Delaval“ geſchrieben. Er erinnerte ſich des Abends recht gut, wo ſie in Ormöby dies Notenſtuck ſelbſt bezeichnet hatte; wie ihm dies zur ſcherzhaften Bemerkung Gelegenheit gab, daß ſie ſich auf ſolche Weiſe eine Arie zueignen zu muͤſſen glaube, die wohl Niemand nach ihr zu ſingen wagen werde. Wär' es möglich, daß ſie ſo nahe iſt? Moglich, daß ſie auf dieſer Stelle, wo er jetzt ſtand, vielleicht einige Augenblicke vorher ſeine Familie mit den Tonen erfreut habe, denen er nie, ohne entzuckt zu ſein, gelauſcht hatte? Nein; er uͤberredete ſich ſelbſt, daß dies blos leere Täuſchungen, die Kinder ei⸗ ner erhitzten Einbildungskraft ſeien. Schien es doch viel natuͤrlicher, daß dieſes Notenblatt, gleich vielen andern kleinen Dingen, die er in Ormsby gefunden hatte, von ihr liegen geblieben und von ſeiner Schwe⸗ ſter benutzt worden ſei. Schon hatte er ſich ziemlich uͤberzeugt, daß dem wohl ſo ſein möge, als er zuföllig auf einem andern Tiſche ein Buch mit Skizzen in die Hand nahm. Er kannte den Bleiſtift zwiſchen den Blättern ſehr gut, und fand eine Ausſicht aus dem Fenſter, wo er eben ſtand, halb vollendet. Hier war kein Irrthum möglich. Ihr Bleiſtift lag ſtets in dieſem Buche. Freilich war der Umſtand ſo klein, daß nur eines Lie⸗ benden Gedächtniß ſich daran erinnern konnte. Doch *) Aus Romeo und Julie von Zingarelli. Arie des Romeo. D. ueb.. „ die ſih mit in dieſe hat ſolc hab di ni der Sl ter gle un ein Er 6 A i — 113 die Ausſicht auf den See ſprach dafuͤr, und als er ſich nun mit der Zeichnung an's Fenſter ſtellte und ſie mit den Augen verſchlang, rief er:„ſie iſt wirklich in Genf.“ Nur konnte er ſich nicht erklären, warum ihn dieſe Entdeckung nicht mehr uͤberraſchte. Sich ſelbſt hatte er nie eingeräumt, daß die Moglichkeit eines ſolchen Zuſammentreſſens den geringſten Einfluß ge⸗ habt habe, als er die Reiſe beſchloß. Mutter und Schweſter ſehn zu wollen, war ja ſo natuͤrlich, daß dieſer Grund allein der ſtrengſten Selbſtpruͤfung Ge⸗ nuͤge leiſtete. Während er noch immer die Skizze, die er in der Hand hielt, betrachtete, machte ihn ein leiſes Klopfen an ein entfernteres Fenſter, das in den Gar⸗ ten ſehen ließ, ſtutzig. Aus dem Garten konnte man gleich ins Arbeitszimmer kommen. Er drehte ſich um, und ſah eine weibliche Geſtalt durch die Glasthuͤre eintreten. Faſt in demſelben Augenblick hörte er beim Eröffnen des Geſellchaftsſaales eine wohlbekannte Stimme:„Liebe Emilie, mein Mann iſt nach dem Chamounithale. Ich kann bei dir ſein!“ Und im naͤchſten Augenblicke ſtand— Mathilde ſtumm vor Ueberraſchung, vor ihm. Beide empfanden in dieſem Augenblick den reinſten Erguß des Herzen, ſie hätten jetzt eben ſo wenig den Ausſpruͤchen vorher uͤberlegender Klugheit gehorchen können, wie das Genie den Lehren der Kunſt. „Auguſt!“ entfloh Mathildens Lippen, und der . 8 „ 114 Ton davon hallte auf jeder Saite in Ormsby's Her⸗ zen wieder. Alles, das Gegenwaͤrtige und die Ver⸗ gangenheit war vergeſſen; nur die gluckliche Zeit ſtand vor ihm, wo dieſer Name von ihren Lippen ſo ohne Zwang geſprochen ward. Bei ihr war der Ausruf ein Kind des augenblicklichen Selbſtvergeſſens, das aber eben ſo ſchnell ſchwand, als es gekommen'“ war. Seit ihrer Vermaͤhlung hatte ſie ſich dergeſtalt zur Her⸗ rin ihrer Gefuͤhle gemacht, ſie ſo immer unter ſtrenger Leitung gehabt, daß ſie mit dem bloßen Willen den Schein der Ruhe wieder zu gewinnen wußte. Nicht daß ein Eindruck auf ihr Herz ſo ſchnell dahinſchwand; daß er nicht länger haftete, als er ſichtbar warz aber ſie glich einem Felſen, der ins ſtille Meer hinabſtuͤrzt. Er wird nur auf der Flaͤche deſſelben eine Bewegung verurſachen. Während er immer tiefer und tiefer ſinkt, kommt die Ruhe wieder auf dieſer zum Vor⸗ ſchein. So beherrſchte auch Mathilde jeden ihrer Zuͤ⸗ ge bei einem Zuſammentreſſen, das nicht ohne Einfluß auf ihr kuͤnftiges Geſchick bleiben ſollte. Mit vollkommen erkuͤnſtelter Ruhe fragte ſie nur jetzt: woher die unerwartete Ankunft des Lords kom⸗ me? Doch dieſer war weniger Herr ſeiner Gefuͤhle. Mathildens Ausruf, das Errothen ihres lieblichen Ant⸗ litzes, auf dem ſich ihr ganzes Herz abſpiegelte, hatte ſie zu ſehr aufgeregt.— Umſonſt bemuͤhte er ſich gewohnliche Antworten zu finden, zu ſagen, warum et da ſei; ein Compliment über das Zuſammentrẽffen mit ihr, uͤber die Zeichnung zu ſtottern, die er noch ich ti ge 11⁵5 in der Hand hielt.„Es iſt vergebens!“ rief er end⸗ lich„Zu Hauſe kann ich Entſchluͤſſe faſſen, im Ge⸗ tuͤmmel der Welt kann ich ihnen treu bleiben. Doch Sie ſo wieder zu ſehen, erlaubt mir nur, mich zu zei⸗ gen, wie ich bin! Verzeihen Sie dieſe Sprache, die⸗ ſen unerlaubten, doch unwillkuͤrlichen Angriff auf Ihre Ruhe! Schenken Sie mir Ihr Mitleid, und vergeſſen Sie mich!“ Er drückte ihre Hand an ſeine Lippen, und floh in den Garten. Der ganze Auftritt hatte ſo viel Eindruck gemacht, machte ſo viel Theilnahme rege, war ſo ganz unver⸗ muthet gekommen, alles war ſo ſchnell voruͤber und zu Ende gegangen, daß Mathilde, ohne ſelbſt es zu wiſſen, forteilte und ſich in ihrem Wagen befand, ohne es eher gewahr zu ſein, bis der Bediente fragte: wohin? Es kam ihr vor, als ſei ſie aus ei⸗ nem verwirrenden Traume erwacht. Haſtig rief ſie: nach Hauſe! nach Hauſe! Sie druͤckte ſich in den Wagen. Eine ſchreckliche Unruhe beſtuͤrmte ihre Sinne, die ihr ſagten: es ſei wahr, was ſie geſehn habe. Je mehr ſie ſich vorher bekämpft hatte, mit deſto großerer Gewalt machten ſich jetzt ihre Gefuͤhle Luft. Ohne Jemanden zu begegnen, kam ſie in ihrer Wohnung an und nun mußte ſie den fuͤr den Tag getroffenen Verſprechungen genuͤgen; ein ſchwieriges, ahir unerläßliches Geſchäft. Sie hatte ihr Wort ge⸗ geben, bei der Lady Ormöby zu ſpeiſen, und ſelbſt 8* 116 * ihr Kammermaͤdchen dahin geſendet, dort die Toilette zu machen. Daß ſie oft genothigt ſein wuͤrde, den Lord Ormsby als gewohnlichen Bekannten zu ſehen, war ihr freilich klar. Aber ihn in Abweſenheit des Gatten im Familienzirkel zu ſprechen, kam ihr eben ſo druͤckend, als vielleicht unrecht und nach dem, was dieſen Morgen vorgefallen war, unmöglich vor. Endlich ſchrieb ſie an die Lady Ormsby ein Paar Zeilen mit der Meldung, ſie ſei von ihrem Gemahl angewieſen worden, den Tag bei deſſen Schweſter zu⸗ zubringen. Noch mehr, ſie beſchloß großmuͤthig, ihrer Entſchuldigung gemäß zu handeln, und ſo in der That zu büßen, was ſchon durch die Entbehrung beſtraft war. Nur wer es fühlte, wie ein gefoltertes und ge⸗ beugtes Herz durch ermuͤdende gemeine Seelen ge⸗ martert wird, kann dieſe Selbſtzuͤchtigung in vollem Maaße wuͤrdigen. eilette 117 Dreizehntes Kapitel. Am nächſten Morgen wurde Mathilde von einem ſehr unvermutheten Beſuche des Oberſten Canteen uͤber⸗ raſcht. Es war ihr klar, daß er, waͤhrend er erſt von ganz gewoͤhnlichen Dingen ſprach, mit einer Klät⸗ ſcherei ſchwanger ging, auf welche er nicht wenig Ge⸗ wicht legte. Endlich ruͤckte er heraus damit:„Ich glaube, Sie waren zugegen, wie mich die Lady Ormsby ſo gewaltig angriff, weil ich auf den Um⸗ gang ihres Sohnes in Italien anſpielte. Na— wiſ⸗ ſen Sie denn wohl, daß alles wahr iſt? Jetzt muß ſie ſelbſt zugeben, daß die Sache hinlaͤnglich beſtaͤtigt worden ſei. Er iſt hier geweſen und ſchon wieder fort!“ Foſt?“ rief Mathilde, welche nur das letzte Wort gehoͤrt hatte. „Jaz fort iſt er. Allein ich glaubte, Sie wuͤr⸗ de ſich vielmehr wundern, daß er angekommen ſei, denn dies war ja doch ganz unerwartet. Jammer⸗ ſchade, daß Sie ihn geſtern verſehen haben. Indeſſen, oſſen geſagt, er war nicht ganz wie gewohnlich. Wie konnten Sie Sich nur den Hobſons aufopfern?“ 118 Mathildenz Antwort wurde durch das Eintreten der Lady Ormsby und ihrer Tochter unterbrochen. Sie ſah es ihnen gleich an, daß ſie ganz niedergeſchla⸗ Wahrſcheinlich haͤtte es ihnen einige Muͤhe gekoſtet, den Gegenſtand, der ſie vorzugsweiſe veſchaftigte, zur Sprache zu bringen. Allein der Oberſte war, wie der Baron ſchon geſehn hat, zwar durchaus auf falſcher Faͤhrte, aber ſtolz auf ſeinen ver⸗ Faſt im Augenblick fing er daher an: „Nun ſehen Sie, Lady; ich hatte wohl recht. Der Vogel iſt wieder in ſeinen Käſig gegangen. Wir ha⸗ gen waren. meinten Sieg. ben ihn wieder verloren. Ich ſagte Ihnen gleich: ſo lange der Simplon offen iſt, duͤrfen wir nicht hof⸗ fen, ihn zuruͤckbehalten!“ Lady Ormsby kannte den Oberſten ſeit zu langer Zeit und war mit ſeinen Eigenheiten zu vertraut, um je boͤſe zu werden, wenn er ſich irgend eine Freiheit nahm, die blos aus dem Wunſche entſtand, in alle kleinen Geheimniſſe der großen Welt eingeweiht zu ſcheinen. Sie verſicherte ihn daher auch ganz ruhig: „Ich ſelbſt bin uͤber die ſchnelle Abreiſe meines Sohnes erſtaunt. Er wollte nicht mit der Sprache daruͤber heraus, und ſchien es nicht einmal gern zu ſehn, wenn man nach der Urſache davon fragte. Marſchall, ſein Kammerdiener, ſagte der Dienerſchaft, doß er laͤnger zu bleiben beabſichtigt habe.“ „Wie?“ unterbrach ſie der Oberſt. wohl nicht ſo eine Art Don Juan, der ſeinen Lepo⸗ Frello zum Vertrauten macht?— Ich ſage Ihnen, daß „Er iſt doch ich ein läng Wi ſehn ihm hitt wi treten chen. eſchla⸗ einige b n der t n ver⸗ 119 ich allein den Schluͤſſel zum Räthſel habe. Es war ein Magnet dorten, der ihn mehr anzog. Wenn er länger hätte bleiben wollen, was hinderte ihn denn? Waäͤhrend ſeiner Anweſenheit hier hat er Niemand ge⸗ ſehn, als mich und Santelmo, die wir geſtern mit ihm ſpeiſten. Und wer von uns hat ihn denn, ich bitte zu betrachten, weggeſcheucht?“ Mathilde ſchien mehr als je mit ihrer Arbeit be⸗ ſchaͤftigt zu ſein; allein unter der Hand warf ſie im⸗ mer einen verſtohlnen Blick auf die Lady Ormsby und war froh, daß ſie auf ihrem Geſichte keine Spur von Verdacht las. Im Gegentheil erwiederte die gute alte Dame gleich dem Oberſten:„Er ſah wirklich nicht recht wohl aus. Wenn Sie ihn geſehn hätten,“— wendete ſie ſich an Mathilde—„Sie wuͤrden ihn ungemein verändert gefunden haben.“ Hieraus ging klar hervor, daß Ormsby des Zu⸗ ſammentreffens mit ihr am Morgen gegen die Familie nicht erwähnt hatte. Daß dieſe auch ſonſt nichts da⸗ von erfahren hatte, war nicht zu verwundern. Ma⸗ thilde war ja durch den Garten hineingegangen, und die Bedienten der Lady hatten ſich alle fortgemacht, ſie von ihres Sohnes Ankunft zu unterrichten. In⸗ deſſen ſah ſich Mathilde, als ihr die völlige Unkunde der Lady klar wurde, in großer Verlegenheit, was ſie weiter beginnen ſollte. Auf der einen Seite war ſie zu offnen Sinnes, um nicht alles Verheimlichen zu vereiden; auf der andern ergab es ſich deutlich, daß DOrmöby gewünſcht hatte, ſeine Mutter und Schwe⸗ —— ſier uͤber die Macht, die ſie auf ſeinen Beſchluß uͤbten, in Unwiſſenheit zu laſſen. Sollte ſie denn nun nicht einige Ruͤckſicht auf ſeine Gefuͤhle nehmen, und einen Umſtand verbergen, der ihrer Eitelkeit ſo ſchmeichel— haft war? Beide Meinungen wuͤrden ſich einander ſo die Wage gehalten haben, daß ihre Entſcheidung zweifel⸗ haft geblieben wäre. Allein die Gegenwart des Ober⸗ ſten beſtimmte ſich, ſich fuͤr die Verſchwiegenheit zu erklären. In ſeiner Hend, das wußte ſie wohl, wuͤr⸗ de ſo eine Mittheilung nur Gegenſtand des Argwohns, der Nachforſchung geworden ſein, und dazu die Hand zu bieten, fuhlte ſie ſich nicht geſtimmt. Emilie hatte im andern Theile des Zimmers etwas zu thun, ſie nahm nun ebenfalls am Geſpräche An⸗ theil.„Mathilde,“ ſprach ſie,„heute Morgen habe ich Dein Skizzenbuch geſucht; ich wollte die juͤngſt auf⸗ genommene Anſicht copiren, um nach dem Verluſte unſers armen Auguſts etwas zu thun haben. Aber ich konnte es im ganzen Hauſe nicht finden, und hier ſeh' ich es auch nicht.“ Mathilde erinnerte ſich wohl, in weſſen Händen ſie es zuletzt gelaſſen hatte; allein ſollte die Zuſam⸗ menkunft verſchwiegen bleiben, ſo durfte auch dieſes beſondern Umſtandes nicht gedacht werden.„Ich habe es,“ antwortete ſie daher,„hier im Hauſe geſehn, wie ich das letztemal hier war.“ Bald darauf trennte man ſich. Als Mathilde al⸗ lein war, konnte ſie ſich der Unzufriedenheit mit ſich ſuhſ mit die den dem durs kun ford ſich wi ſu gwo 9 gal de lot — ſelbſt nicht enthalten, inſofern ſie die Zuſammenkunft mit Ormsby verſchwiegen hatte, ſo unſchuldig auch die Beweggruͤnde dabei waren. Sie hegte ja blos den Wunſch, die Gefuͤhle eines Mannes zu ſchonen, dem ſie jedes Opfer gebracht hätte, und der bis jetzt durch ihre Schuld nur Leiden gefuͤhlt hatte! Einem ofſenen, geraden Sinn iſt die Unterdruͤk⸗ kung der Wahrheit gegen ſolche, die Vertrauen zu fordern berechtigt ſind, eben ſo zuwider, als die ab⸗ ſichtliche Verdrehung derſelben gegen irgend einen ge⸗ wöhnlichen Bekannten. Und wer mit der Verlegenheit, in welche ſo ein abſichtliches Verſchweigen einer That⸗ ſache bringt, nicht bekannt iſt, geraͤth oft in eben ſo großen Nachtheil, als wer oſſenbar Unwahrheit ſprach. Die boͤſeſte Folge von dieſem ungluͤcklichen Man⸗ gel an Offenheit war, daß ſie Mathilden Gelegenheit gab, zum erſtenmale das Bild von Ormsby mit dem Schweigen zu vereinen; daß ſie nun unausſprechlichen Zauber den Erinnerungen verleihte, welche biöher, ſtatt den Stempel der Schuld zu tragen, eben ſo flecken⸗ los als ſchmerzlich geweſen waren⸗ Vierzehntes Kapitel. Als ihr Gemahl aus dem Chamounithale zuruͤckkehrte, klagte er, wer weiß wie ſehr, den Lord Ormsby ver⸗ fehlt zu haben, und erklärte geradezu, wie er gewiß die erſte Gelegenheit zu genauer Bekanntſchaft mit ihm benutzen wollte. Es ſchien unmöglich, daß er dazu blos durch den Wunſch beſtimmt werde, Mathil⸗ den etwas Unangenehmes zu thun. Im Gegentheil muß man ihm Gerechtigkeit wiederfahren laſſen und vemerken, daß die wahre Urſache hierbei der Eifer war, mit dem er das Anlegen einer großen Straße durch ſeinen Wald betrieb. Sie ſollte, erwartete er, mit der Zeit ihm noch einmal ſoviel Einkuͤnfte gewäh⸗ ren, und um dieſen Plan zu fördern, war Lord Ormsbys Zuſtimmung, weil er als naͤchſter Nachbar daſtand, in gewiſſem Einer ächt ge⸗ meinen Denkungsart gemäß, meinte er, durch Artig⸗ keit und Aufmerkſamkeit könne er ihn ſo weit ſtim⸗ men, daß die Schwierigkeit, ihn zut Einwilligung zu bewegen, ſehr gering werde. Die kleine Geſellſchaft in der Villa der Lady Ormsby kam nach einigen Tagen wieder auf ihren Lord Nat be, was den die ſon 123 gewöhnlichen Kreis zuruͤck, der von der Erſcheinung des Lords nur einen Augenblick unterbrochen zu ſein ſchien. Kaum iſt es zu bemerken nothig, daß das Skizzenbuch nicht wieder gefunden wurde, und des Lords ſchnelle Ankunft, ſchnelles Verſchwinden Allen, Mathilden ausgenommen, ein Räthſel blieb. Selbſt des Oberſten Canteen zuverſichtlicher Glau⸗ be, die Sache ganz durchſchaut zu haben, ward et⸗ was zweifelhaft, als er von ſeinen vielen Correſpon⸗ denten aus Rom die Nachricht bekam, daß der Lord dieſe Stadt nicht zu ſeinem Aufenthalte zu waͤhlen ge⸗ ſonnen ſei. Mathilde nahm täglich mehr Antheil an den kuͤnf⸗ tigen Ausſichten und Schickſalen des jungen Santel⸗ mo. Fortſchreitender vertraulicher Umgang machte ſie. mit ſeinem Charakter genauer bekannt; ſie theilte mit Waͤrme ſeinen Kummer, und wurde ſelbſt von dem Feuer ergriffen, mit welchem er ſich der Sache der Freiheit weihte. Allerdings war ſie uͤberraſcht, als ſie bemerkte, daß er ihren Umgang eifriger ſuchte, als den Emiliens. Die Urſache davon aber ward ihr in einem ihrer Geſpräche klar; ſie ſah, daß Emilie daruͤber klagen konnte, ohne daß ihr jedoch Unrecht geſchah⸗ „Ich kannte den Reiz,“ ſagte er,„welchen Frauen dem Umgange gewähren, noch gar nicht, bis mir die Auf⸗ nahme in dieſem Hauſe bei meinem Ungluͤcke einen un⸗ erwarteten Troſt gewahrte. Allerdings hat er in mir — Hoffnungen darf ich nicht ſagen, doch Wuͤn⸗ ſche rege gemacht, die nicht erfuͤllt werden konnen. N 124 Mein Schickſal iſt mit dem Fluche des Alleinſeins, der Verlaſſenheit gebrandmarkt. Meine Pflicht heiſchte, aller Verſuchung zu entgehen, ganz beſonders darauf zu achten, daß Mitleiden nicht das ungluͤckliche Loos eines andern Weſens durch die Gedanken an mein ungluͤck beſchatte.“ „Sie ſchlagen nicht Ihren vollen Werth an,“ redete ihm Mathilde zu.„Statt daß ſie ihr Schick⸗ ſal dem Mißmuth preißgibt, ſollte, daͤcht' ich, Nie⸗ mand geeigneter ſein, als Sie, ein gluͤcklicher Privat⸗ mann zu ſein.“ „Sie betrachten mich nicht aus dem Geſichts⸗ punkte der Leidenſchaft, Mathilde, der ich fuͤr eini⸗ ge Zeit nicht widerſtehen konnte,“ rief Santelmo. „Aber meine Hauptleidenſchaft iſt Vaterlandsliebe. Mein Schickſal iſt mit dem Schickſal meines ungluͤck⸗ lichen Vaterlandes verbunden. Wie könnte ich nur daran denken, mich in hausliche Feſſeln zu ſchlagen? Wie darnach trachten, eine Familie zu bilden? Die Pflichten eines Vaters und Gatten zu übernehmen? Ich, der nur immerwährende Verbannung zur Wohn⸗ ſtaͤtte, einen Kerker zur Ausſtattung und Sklaverei ſtatt Erbſchaft bieten kann?“ „Aber warum ziehen Sie blos die Schattenſeite der Frage in Betracht?“ erwiederte Mathilde;„der Zeitgeiſt arbeitet ja jetzt zu Ihrem Gunſten; die Wuͤnſche aller Guten und Freiſinnigen aller Läͤnder ſtehen auf Ihrer Seite. Für Italien ſind lange Tage des Gluͤcks und der Freiheit aufgeſpart!“ gen⸗ terſt mit enff zu bres mei c Ito här geb weit ift terl der mi —— „Ich will es nicht bergen, daß ſo eine im Stillen genaͤhrte Hofſnung dieſes ſonſt ſo muͤhſelige Leben un⸗ terſtutzt. Allein nur wer, wie ich, die ganze Seele mit dieſer Ahnung genaͤhrt hat, ſieht auch ein, wie entfernt dieſe Tage noch ſind! Doch— ich gerathe zu ſehr in die Politik hinein!“ rief er, ploͤtzlich ab⸗ brechend. „O nein, fahren Sie fort,“ bat Mathilde.„Seit meinen Kinderjahren habe ich immer Theilnahme fuͤr Italien gefuͤhlt und Alles, was damit zuſammen— haͤngt. Ich kann ſelbſt den Grund davon nicht an⸗ geben!“ Santelmo, hierdurch ermuthigt, erorterte nun weitläuftiger ſeine und ſeines Vaterlandes Ausſichten, ofters von Mathildens Fragen und Bemerkungen un⸗ terbrochen. Ihr Scharfſinn, ihre Bildung fand zu dergleichen, bei einem Gegenſtande, der ihr Herz ſo mächtig ergriff, mannigfachen Anlaß. Ich will indeſſen, des Zuſammenhangs wegen, Santelmo's Bemerkungen ununterbrochen geben. Der Leſer muß nur nicht vergeſſen, daß es die An⸗ ſichten eines Italieners ſind, der noch obenein fuͤr ſeinen Gegenſtand enthuſiaſtiſch eingenommen war. „Italia bella!“ ſagte er.„Nie haſt Du viel⸗ leicht ſo ausſchließlich die Liebe eines Deiner Söhne gefunden, denn nie lernte ich die Liebe einer andern Mutter kennen! In meiner erſten Kindheit hatte ich die Erlaubniß, um den Palaſt meines Vaters her⸗ umzuſchwaͤrmen und die milde, guͤtige Natur Ita⸗ 12 liens vertrat mir die Stelle der verlornen Eltern. Beim Lächeln der Sonne erfreute ſich zuerſt mein Herz. Die balſamreiche Luft kuͤßte mir die Fhränen der Kindheit von den Wangen. Jahre vergingen⸗ mich ſelbſt unterrichtend wuchs ich auf, und fullte mein Gedaͤchtniß mit den Sagen des fruͤhern Ruhms, der vergangenen Große Italiens, mit den Vorzuͤgen, die ihm die Dichter geben. Von kindlicher Liebe und Dankbarkeit verblendet, von ſeiner Schonheit bezau⸗ bert, wußte ich noch nicht, wie tief es jetzt herabge⸗ wuͤrdigt wat. Es ſtand damals unter dem Schutze des maͤchtigen Genius, der Europa's Schickſale lenkte. Aeußerlich nahm man damals nicht wahr, wie ſehr es erniedrigt iſt. Er verbarg ſelbſt, mit wohlberech⸗ neter Freundlichkeit es ſchuͤtzend, die Demuͤthigung deſſelben, und ſchmeichelte ſeiner kleinen Eitelkeit. Nichts ſparte er, um es im Aeußern zu ſchmuͤcken, zu verſchonern. Er geſtattete ihm ſelbſt, was fuͤr daſſelbe noch mehr werth war, an ſeinem Ruhme Antheil zu nehmen. Hatte es aufgehoͤrt Achtung zu verdienen, ſo war es doch noch geachtet!“ „Doch wie änderte ſich das PVerhaͤltniß, als das geliebte und gekoßte Kind eines Maͤchtigen nun zum verkauften Sklaven gemeiner, ſchmutziger Weſen her⸗ abſank; ein bloßes Spielwerk ihrer Luſt, gepluͤndert, verhöhnt, verachtet, gemißhandelt wurde! Da fühlte ich die Schmach ſeiner Herabwuͤrdigung, und wie ſeine Schönheit von rohen Fremdlingen geſchändet ward! Da war es, wo beſſere Hoffnungen erwachten. Stlbſ tunge heit ker ſchu hen! land ſin der Völ dur tann mod Gf Tro hlof wo ten, N Ku 127 Selbſt das geachtete England hatte ja truͤgliche Erwar⸗ tungen rege gemacht: ſein Ungluͤck könne in Vergeſſen— heit begraben, es koͤnne wieder in die Reihe der Völ— ker aufgenommen werden. Doch die bittere Täu⸗ ſch ung ſollte folgen, ſein Elend vollkommen zu ma⸗ chen!“ „Ich gerieth außer mir uͤber dieſe meinem Vater⸗ land bewieſene Schmach. Wie ſein Sohn fuͤhlte ich ſein Leiden. Willig ſchloß ich mich an Alle, welche der Freiheit des Menſchen und der Unabhaͤngigkeit der Voͤlker zugethan waren. Ungluͤcklicherweiſe wurden durch Unbeſonnenheiten, eine Folge willkuͤhrlicher Ty⸗ rannei, zu fruͤhe und darum fruchtloſe Verſuche ge⸗ macht, und ſie ſelbſt haben dazu geholfen, daß der Erfolg weit in der Ferne zu ſuchen iſt. Der einzige Troſt bleibt uns, daß unter einer Regierung, wo der bloße Verdacht, im Stillen, im Geheimen gewiſſe Meinungen zu hegen, ein ofſenbares Verbrechen iſt; wo der bloße Beſitz Volksliebe gewinnender Eigenſchaf⸗ ten, ſelbſt wenn ſie nicht Staatsabſichten verrathen, die Sicherheit des Thrones gefaͤhrdend erſcheint, keine Klugheit und Vorſicht den Einzelnen geſchuͤtzt hätte.“ „Bei einigen unſern Freunden, wie bei unſern Feinden, hat das Mißlingen ſolcher unzeitigen Auf⸗ ſtaͤnde den Glauben rege gemacht, daß wir zur Frei⸗ heit untauglich ſind. Dieſe Anſicht iſt aber, mein' ich, zu ſchnell, zu leichthin aufgegriffen worden. Man hat nicht auf die beſondern Schwierigkeiten ge⸗ achtet, unter denen wir ſeufzenz nicht auf die Macht —.——— ohne Gleichen, der wir entgegentraten. Wo läßt ſich ein Beiſpiel aufſuchen, daß ein Volk ſeine Freiheit im erſten Kampfe errang? Und iſt es denn nichts, ge⸗ gen die Willkuͤhr von Jahrhunderten aufgeſtanden zu ſein, welche die Unwiſſenheit des Volkes erzeugte und beſiegelte, wodurch dies eben außer Stand geſetzt wurde, die Vortheile eines beſſern Zuſtandes der Dinge zu ſchätzen, wodurch eben Urſache und Wir⸗ kung, den geſellſchaftlichen Zuſtand zu hemmen, vere⸗ wigt wurde? Selbſt in glücklichern Laͤndern war die Wiedergeburt derſelben nicht Werk eines Augenblicks⸗ Sogar England, das ſpäterhin durch eine ohne Blut gelungene Revolution ſo beruͤhmt wurde, mußte erſt die wilde, ſtuͤrmiſche, gewaltthäͤtige Zeit eines Cromwells ertragen, und war zur Zeit der Wiedergeburt in einen Zuſtand der Herabwuͤrdigung und Knechtſchaft geſun⸗ ken, bis endlich ſeine Stunde gekommen war. Frank⸗ reich, immer ſchwankend, immer nur dem Aeußerſten zugethan, vom Reiz der Neuheit ergriſſen, ſuchte erſt, unbekuͤmmert uͤber die Mittel, durch welche es zum Siele kommen wollte, Utopiens vollkommene buͤr⸗ gerliche Freiheit, von der ihm jetzt nach dem Belieben der Bourbons blos ein Schatten geſichert blieb. Iſt es ohne Werth, daß wir, gebrandmarkt mit dem Na⸗ men der Meuchelmörder, bezuͤchtigt, uns durch die fei⸗ erlichſten Eide zum allgemeinen Blutvergießen verbun⸗ den zu haben, bei allen unſern Verſuchen nicht eine Ausſchweifung begangen, nicht ein Fropfen Blu⸗ tes vergoſſen wurde? Kein Ludwig ſiel unter der Re mi ter ge 129 Guillotine, kein Karl kam auf's Schafott. Wo will man unſere Schritte beurtheilen? In einem Lande des politiſchen Fanatismus, wo Sands Dolch mit dem Stempel der Vaterlandöliebe bezeichnet ward*)? Oder ſoll die Achtung fuͤr Koͤnige von halbwilden Sklaven eines Selbſtbeherrſchers getadelt werden, wel⸗ che, wenn die Tyrannei alle Graͤnzen uͤberſteigt, den Mord deſſelben verſuchen, ſtatt ſeinem Willen Grän⸗ zen zu ſetzen? Vielleicht war dieſe zu weit getriebene Milde, die Sittlichkeit derer, welche in dieſer Revo⸗ lution die Hauptrolle hatten, eine Urſache, daß ſie ſcheiterte. Doch dies iſt ein lobenswerther Irr⸗ thum, den man nie bereuen darf. Aber das Volk hat nun hinreichende Warnung bekommen, nie ſeinen Fuͤrſten zu vertrauen. Wenn einmal Spaniens und Italiens Herrſcher die Folge ihrer Treuloſigkeit tragen, ſo kommt das Blut alsdann auf ihre eigenen Häupter! Der Himmel verhuͤte dies Ungluͤck!“ „Ich habe die Schwierigkeiten, die ſich uns ent⸗ gegenſtellten, viel zu gering angeſchlagen, als ich ſie mit denen verglich, welche fruͤher bei irgend einem Kampfe zwiſchen aufgeregter Volkskraft und hergebrach⸗ ter Staatsgewalt obwalteten. Zum erſtenmale trat gegen uns eine Schaar von Fuͤrſten, ein Bund von Vertheidigern der unbeſchränkten Gewalt auf, wie man noch nie geſehn hatte. Sie hatten ſich vereint, die *) Daran hat in Deutſchland wohl Niemand gedacht, als der unglückliche ſelbſt. D. Ueb. T. 9 130 freie Thätigkeit der Menſchen zu erſticken, dieſelben zu Maſchinen herabzuwurdigen, welche ein Druck ihres Fingers in Bewegung ſetzt. Der letzte Schimmer der Freiheit muß unter der zetmalmenden Kraft einer Mil⸗ lion Krieger ſchwinden.“ „Dies Alles kann unſere Hoffnung niederſchlagen, aber doch nicht die Muthloſigkeit rechtfertigen. Denn in eben dem Maaße, als die phyſiſche Kraft, welche man uns entgegenſetzt, größer iſt, als je, in demſel⸗ ben wird auch die geiſtige auf unſerer Seite immer mehr entwickelt. Der Zeitgeiſt ſchwebt über unſern Häup⸗ tern und ſtreut in allen Laͤndern, wo die Aufklärung gepflegt wird, den unvergänglichen Saamen der kom⸗ menden Freiheit aus. Doch dieſes Geſchlecht wird leider weggemaͤht, ehe ſie reift⸗ Aber in eine Sache ver⸗ wickelt, wie dieſe, deren Ausgang ungewiß, deren jetzige Gefahr allein ſicher iſt, kann ich da geeignet ſein, huͤus⸗ liche Bande zu knüpfen? Rein! Mein Weib ſoll nicht verdammt ſein, in die Fußtapfen der Gonfalonieri zu treten! Sie floh zum Sitze der Gnade, aber fuͤr den Schmerz eines Weibes fand ſich hier kein Gefuhl. Das Urtheil ihres Mannes ward zwar ſo gemildert, daß nicht der Tod erfolgte, ob man ſchon damit nicht ſa⸗ gen konnte, daß das Leben geſchenkt wurde. Aber ihr verſagte man den Troſt, nur dieſe Milderung zu er⸗ fahren. Ihr Jammer wurde noch durch die Angſt ge⸗ mehrt, daß ſie zu ſpät komme, und ſo mußte ſie in Wien den noch traurigern Ruͤckweg antreten, wahr⸗ ſhiin ner iſt Hof der nicht will Olagin, Denn welche 131 ſcheinlich als Strafe, ſo heldenmuͤthig der Pflicht ei⸗ ner Gattin nachgekommen zu ſein. Nein! mein Loos iſt geworfen, mein Schickſal entſchieden! Haus und Hof habe ich verlaſſen, Herz und Seele der Sache der Freiheit geweiht! So lange ich kämpfe, darf ich nichts haben, das mich zerſtreut. Wenn ich falle, will ich keinen hinterlaſſen, der mich beweint!“ 92 Funfzehntes Kapitel. Der Genuß, den Mathilde auf der kleinen Villa fand, war ſchon lange geſchwunden, denn immer unruhiger wurde ihr Gemahl. Zwar wußte er ſelbſt nicht ge⸗ nau, was er wollte. Aber an den Ort, wo er war, fuͤhlte er ſich nicht gefeſſelt, er wollte an einem andern ſein, ohne darauf zu achten, ob es an dieſem vielleicht minder angenehm ſei. Seitdem die Schweſter deſſel⸗ ben mit ihrer Familie fortgereiſt war, hatte ſich dieſe Ungeduld noch gemehrt. Es fehlte ihm nemlich die tägliche Doſis von Schmeichelei und Aufmerkſamkeit, welche ihm in ihrem Hauſe zu Theil ward. Thomas Hobſon hatte gleich von Anfang an uͤber Langeweile in Genf geklagt. Seine Schweſtern ſtimmten bei. Die Mutter wünſchte von etwas Neuem reden zu kön⸗ nen, und obſchon der alte Hobſon, gar kein Freund von Ortsveränderungen, am liebſten geblieben waͤre, wo es nun gerade ſein mochte, ſo wiſſen wir doch ſchon, daß er in Familienangelegenheiten viel reden, aber nichts thun konnte. Mathilde hatte zwei Einwendungen gegen die Fort⸗ reiſe. Sie wollte nicht gern die Lady Ormsby ver⸗ laſſen Alei verge Loch welch Anth freu nen, eint uͤber Ban Ahe Pirl im lich heit nach ppät Wen bald And ſc beg chelt ſine nach ju kön⸗ Frund n wire, reden, 133 laſſen und nicht gern der Madame Hobſon folgen. Allein der Baron ſprach ſich ſo aus, daß Widerſpruch vergeblich ſchien. So nahm ſie denn von Mutter und Tochter zartlich Abſchied, und ſagte Santelmo, fuͤr welchen ſie, wie ſie nachher ſelbſt geſtand, doppelten Antheil, obſchon ziemlich ſchmerzlicher Art fuͤhlte, freundlich Lebewohl. Sie mußte ſich von ihm tren⸗ nen, den ſie vorher ſo gern mit ihrer Freundin ver⸗ eint zu ſehn glaubte! Unſere Reiſenden gingen von Genf nach Mailand uͤber den Simplon. Er gehoͤrt zu den mancherlei Banden, mit welchen Napoleon die wilden, trotzenden Alpen ihrer Mutter Erde unterthaͤnig gemacht hat. Vielleicht beſtimmte ihn der Sieg, den er einigemal im Kampfe mit den Elementen erfocht, und nament⸗ lich gegen dieſes ihr ſtärkſtes Bollwerk, zu der Thor⸗ heit, Rußlands eiſigen Steppen zu trotzen, die ihm nachher Reich und Leben koſtete. Doch trotz ſeiner ſpätern Niederlage erkennt man hier ſeine Macht. Wenn das Geſchlecht, das ihm bald ſchmeichelte und bald Hohn ſprach, längſt dahin ſein wird, lebt ſein Andenken noch in dem gigantiſchen Denkmal, das er ſich in den feſten Alpen ſetzte! Bei dem Herabſteigen nach dem Duomo d'Ossola vegrußt uns Italien nicht gleich mit ſeinem ſuͤßen Lä⸗ cheln. Es ſcheint beim erſten Betreten ſeines Bodens ſeine Reize noch verborgen zu halten. Erſt wenn man nach Borgo Boveno am Ufer des Lago maggiore 134 kommt, tritt es mit dem Glanze ſeiner ganzen unver⸗ gleichlichen Schonheit hervor. Die Familie Dornton kam ſpät in Baveno an. Mathilde ließ ihrem Gemahl im Zimmer ſeine Ci⸗ garre ſchmauchen und uͤber die Waͤrme brummen, indeſſen ſie auf den Balcon heraustrat, wo der Som⸗ merabend die Ausſicht nur lieblicher, aber nicht dunkel machte; wo der Reiz der Natur nicht verborgen, ſon⸗ dern erhoht wurde, denn der ſilberne Mond glänzte darin. Eine Stunde zuvor waͤr' das Auge von der Helle geblendet worden. Jetzt glänzte Alles minder, um auch den andern Sinnen Genuß zu goͤnnen. Die ſaͤuſelnden Luͤftchen ſtrichen uͤber die Waſſerfläche hin, gerade genug, den Strahlen des auftauchenden Mon⸗ des mannigfache Bewegung zu geben, und mit den ſuͤßeſten Wohlgeruͤchen des ſchonſten Gartens, Iſola Bella, geſchwängert. Das Ohr ergötzte ſich indeſſen an den fernen Tonen der Volkölieder aus dieſem Lan⸗ de der Myſik. Mathildens Auge wanderte bewundernd bald in die Höhe, bald auf der Tiefe umher, und das Johannis⸗ wuͤrmchen ſchien mit den Sternen unter dem blauen Himmel zu wetteifern, um die Erleuchtung allgemein zu machen. „Sonderbar,“ dachte ſie,„daß mich dies Alles als neu überraſchen ſollte, und doch ſchwebt mir eine dunkle Erinnerung vor, als hätte ich es ſchon einmal geſehn! In Kleinigkeiten neckt uns allerdings das Ge⸗ dächtniß mit einem ſchwachen Schatten früherer Erin⸗ nerun engen beſch dem tur Gefi zuke Zuſt wal ben Hu ge der far ge der mir eint n einmal s Ge⸗ u Eiin —1— nerungen; doch daß ich, deren erſte Bilder auf die engen, fern von hier gelegenen Gränzen von Delaval beſchränkt blieben, jetzt, ſtatt, wie ich erwartete, von dem ungewohnten Zauber einer neuen glaͤnzenden Na⸗ tur uͤberraſcht zu werden, nun das noch wohlthuendere Gefuhl erfahre, mit einer alten Freundin zuſammen⸗ zukommen— iſt ſehr ſonderbar!“ Sie bemuͤhte ſich eben umſonſt, den unwillkurlichen Zuſtand aufzuhellen, als ſie plötzlich von ihrem Ge⸗ mahl zum Abendeſſen geladen ward. Der gute Mann bewunderte Er klagte blos uͤber Wärme und Hunger! Den Tag darauf waren beide in alle dem Gedraͤn⸗ ge und Lärm von Mailands volkreichen Straßen. Als der Baron die Hobſonſche Familie aufgeſucht hatte, fand er einen andern Bekannten daſelbſt, den die jun⸗ gen Mädchen fuͤr einen großen Fang hielten. Es war Herr Walter Holzkopf, in ein Paar Monaten muͤndig und dann Beſitzer eines ſchoͤnen Gutes in der Grafſchaft Cheſter, ein wahres Urbild des neuen Böotiens, huͤbſch wohlbeleibt, huͤbſch dickkopſig, huͤbſch einfältig, gerade weiſe genug, ein Stuͤck Kreide von einem Stuͤck Käſe zu unterſcheiden, üͤbrigens aber reich, wie irgend einer ſeiner Nachbarn. Bei Hobſons war er durch ſeinen Hofmeiſter eingefuͤhrt worden, den ehrwuͤrdigen Hertn Simperton, den die Damen ſchon fruͤher auf den Baͤllen in Buxton und andern Orten bei ihren Ausfluͤgen aus Mancheſter als Ceremonien⸗ meiſter kennen gelernt hatten. Er reiſte jetzt mit ſei⸗ nem Zögling, und war ſo ziemlich noch das einzige Beiſpiel des alten Erziehungsſyſtems. Vormuͤnder und Eltern haben endlich eingeſehn, daß es eben nicht die beſte Art ſei, einen jungen Mann mit einem zweimal ältern in die Welt zu ſchicken, der nicht einmal ſo⸗ viel davon weiß, wie ſein Zoͤgling. Wenn aber auch Herr Magiſter Simperton ſei⸗ nem Amte nachkam, ſo erinnerte er doch nicht etwa durch Pedanterei und Strenge auf die fernſte Art an die verſchollene Klaſſe der zu der er gehorte. Er wollte nicht etwa wie ein Muͤhlſtein an ſeines Zöglings Nacken hängen, ſondern nur ein huͤbſches Halsgloͤckchen ſein, das bei den kleinen Albernheiten des davon Geſchmuͤckten mit aller Leben⸗ digkeit klingelte, und die ſchwere Maſſe, an welcher es jetzt befeſtigt war, ſchien ſo eine erheiternde Be⸗ gleiterin gar nöthig zu haben. Die vierzig waren beim Herrn Magiſter voruͤber. Allein eine aufmerkſa⸗ me Beobachtung des Aeußern that das Ihrige, dieſen Umſtand beim erſten Blicke zu verbergen. Als die Dorntonſche Familie eintrat, gab er ſei⸗ nem Zoͤgling das Zeichen, den Morgenbeſuch zu endi⸗ gen, und man hätte ihn leicht fuͤr den juͤngern Mann von beiden gehalten, wenn das hellgraue Kleid, das er dem ſchwarzen theologiſchen Rocke un⸗ tergeſchoben hatte, nicht an die graue Miſchung ſei⸗ ner Haare erinnert hätte. Uebrigens waren die Löck⸗ chen deſſelben bewundernswuͤrdig gekräuſelt und Rock und Schopf ſtimmte in der Att meiſterlich zuſammen. it hatt den als dem St nes wo nic kra Ten von Ge gen hih dei S we un ein Ne 137 einzige„Denken Sie nur,“ rief Madame Hobſon Ma⸗ und thilden entgegen,„was die Maͤdchen fuͤr eine Freude ht die hatten, als ſie ihren alten Freund Simperton wiederfan⸗ weimal den! Ich konnte ja auch kaum meinen Augen trauen, a ſ⸗ als wir ihn zum erſtenmale ſahen, wie er da auf dem Majorſee in einem Leinwandjaͤckchen und einen Strohhut auf dem Kopfe herumruderte!“ Daß die Bekanntſchaft des Hrn. Simperton und ſei⸗ nes Eleven den jungen Damen hier ſehr wichtig geworden war, ſahe man klar. Die aͤlteſte konnte freilich jetzt ſtein nicht den ſchoͤnen Umgang theilen. Sie war ernſtlich m ein krank. Ihr feuriges Auge verrieth das Feuer ihres Temperaments, und ſo litt ſie mehr, als die andern, von Italiens Hitze. Ihr zu begegnen, hatte ſie mehr Gefrornes, mehr Sorbet, Limonade und dergleichen genoſſen, als dem Magen gut war. waren Bei ſo bewandten Umſtänden beſchloß der Baron, merkſt⸗ eine ſeiner andern Nichten einzuladen, und Anne war dieſen ſo glucklich, Mathilden beim erſten Beſuche des La Scala⸗Theaters Geſellſchaft zu leiſten. La Scala und das Leben ſelbſt ſind in Mailand ziem⸗ lich eins. Freilich ſpricht es nicht zu Gunſten der Kraft, des Geiſtes eines Volks, wenn eine Oper ausſchließliches Ziel iſt, ſtatt als gelegentliche Erholung zu dienenz wenn es den Schein der Wirklichkeit vorzieht uund ſelbſt im Theater lieber Tone als Weſen hat, einen Alfieri fuͤr Roſſini hingibt. Doch mag man dies auch bedauern, wundern darf man ſich nicht dar⸗ uͤber, denn ſelbſt ein Fremder fuͤhlt, wie unter Ita⸗ 138 liens Himmel Etwas iſt, das der Muſik einen beſon⸗ dern Reiz gibt. Dieſelben Sänger, dieſelben Töne haben, hoͤrt man ſie anderswo, nicht dieſelbe Gewalt. Ja, dieſes Lied, es ſo ſtirbt ſo leiſe hin. Es trifft mein Ohr gleich einem ſußen Luͤftchen, Das uͤber eine Flur von Veilchen weht und den geraubten Balſamduft mir gibt! Mathilde war ganz Aufmerkſamkeit fuͤr eine der vol⸗ lendetſten Darſtellungen, die man auf dieſem Theater ohne Gleichen gab. Die Oper ging daher zu Ende, ehe ſie es bemerkt, daß ſie ſelbſt Aller Augen der zahl⸗ reichen Geſellſchaft auf ſich gezogen hatte. Ihr Auge war nicht an die verhaͤltnißmäßige Dunkelheit darin gewoͤhnt, und konnte nur unvollkommen einen Gegen⸗ ſtand erkennen, während die damit Vertrautern ſie alle ſahen und ſich untereinander nach der ſchoͤnen, ausgezeichneten fremden Dame fragten. Sie uͤberließ ſich der unwillkürlichen Freude uͤber die allgemeine Bewunderung, als ſie plotzlich in einer entgegengeſetzten Loge, welche im Innern hell erleuch⸗ tet war und alle darin Befindlichen genau ſehn ließ, einen Gegenſtand erblickte, der ihr nicht wenig Beſtuͤr⸗ zung einflößte. Es war ein Herr, deſſen Augen eine Dame durch alle mögliche Kunſt auf ſich zu ziehen ſuchte, während er ſie nur fuͤr Mathilden zu haben ſchien. Gut blieb es fuͤr ſie, daß ſie ſich nur hatte ein wenig faſſen können, denn als das Ballet zu Ende wir, trat Wr Unr Lich Grr dei woh dieſ wu gan mer um wi ihn ka Lel vei⸗ 139 war, ging die Thuͤre ihrer Loge auf und der Baron trat— mit dem Lord Ormsby herein. Eine Theaterloge iſt unter allen Orten auf der Welt am beſten dazu geeignet, die Verlegenheit und Unruhe bei einer Zuſammenkunft zu bergen. Das Licht iſt täuſchend, die Aufmerkſamkeit getheilt, das Geraͤuſch verwirrt; Alles unterſtuͤtzt im hochſten Gra⸗ de die Rolle, kuͤnſtliche Gefuͤhle zu heucheln und die wahren zu verſtecken. Doch ſo ſehr auch Mathilde dieſen Vortheil benutzte, ſo ſehr ſie etwas ruhiger wurde, als ſie ſah, daß der Lord ſelbſt gefaßt und ganz anders war, als da, wo ſie ihn zuletzt ſah; im⸗ mer mußte ſie doch alle ihre Kraft zuſammennehmen, um ſich nicht zu verrathen, wie ihr Gemahl begann: „Ich habe es dem Lord Ormsby geſagt, Mathilde, wie ſehr Sie es, gleich mir, bedauert haben, daß Sie ihn, als er durch Genf gereiſt iſt, nicht zu ſehn be⸗ kamen.“ Blos aus Ruͤckſicht auf den Lord hatte ſie ein Geheimniß aus der Zuſammenkunft mit ihm gemacht. Aber fuͤr die ganze Welt nicht ſollte er wiſſen, daß ſie ſo gehandelt hätte. Sie glaubte einem Mann von ſolchem Charakter, wie der Baron hatte, ſo ein Vertrauen zu ſchenken, nicht verpflichtet zu ſein; allein immer fuͤhlte ſie ſich nun eines abſichtlichen Verſchwei⸗ gens ſchuldig. Allein ſo verlegen ſie dadurch wurde, immer gelang es ihr doch, von einer Erwiederung loszukommen, denn der Baron fluͤſterte ihr ziemlich vernehmlich zu:„Wollen Sie ihn denn nicht zum 140 Eſſen einladen?“ Und faſt ohne daß ſie es wußte, entſprach ſie dieſem Wunſche. Das Ballet war zu Ende;z der Baron gab ſeiner Nichte den Arm, und uͤberließ es Ormsby, Mathilden zu dem Wagen zu geleiten. Beim Heruntergehn aus der Loge fluͤſterte er ihr zu:„Berauben Sie mich nicht ganz Ihres Umgangs; ich verſpreche es Ihnen, mich ſeiner wuͤrdiger zu machen, als in Genf geſchah. Aber um Himmels willen laſſen Sie mich nichts der gezwungenen von Ihnen nur nachgeſprochenen Einladung verdanken! „O kommen Sie ja!“ ſagte Mathilde ſchnell. „Ich habe Ihnen ſo viel von Ihrer Mutter und Emilien zu ſagen!“ 3 Und ſo war der Anfang zur frühern Vertraulichkeit wieder gemacht. V ſelt int meh l. zum hend neu Fan 141 Sechszehntes Kapitel. „Man kennt die Narren beſſer, als ſie ſich ſelbſt kennen!“— ſagt ein Sprichwort, das aber in der neuern Zeit denen, welchen es gelten ſoll, oft mehr Ehre macht, als urſpruͤnglich dabei zum Grunde lag. Wenn z. B. ein Mann, der etwas bekannt iſt, zum erſtenmale in eine ihm etwas an Range nachſte⸗ hende Geſellſchaft kommt, findet er nicht, daß ſeine neuen Freunde mit allen ſeinen kleinen Lebens- und Familienverhaͤltniſſen vollkommen bekannt ſind? Daß man ihm von allen Seiten ſagt, wie ſich die Ver⸗ wandten ſo wohl befinden, an deren Daſein er ſo⸗ gar gezweifelt haͤtte? Erinnert man ihn nicht an Dinge aus ſeinen Kinderjahren, die er lnsſt vergeſ⸗ ſen hat? Nun mehr ſolche Angriffe erfuhr wohl Niemand, als Lord Ormsby, da er zum erſtenmale bei dem Baron Dornton erſchien, und hier, Mathilde außer, die Madame Hobſon mit ihrer Tochter Anne, ihren lieben Thomas, nebſt dem Herrn Hublopf und Sim⸗ perton fand. Die älteſte Tochter des Hobſonſchen Hauſes war 142 noch nicht im Stande, zu erſcheinen, und der alte Herr Hobſon hatte ihre Noth aufs hochſte getrieben, denn er blieb unter dem Vorwande zu Hauſe, ihr Geſellſchaft zu leiſten- Dem Baron blieb noch viel im Speiſezimmer mit Anordnung der Tafel zu thun. Denn ſo bekannt war er noch nicht mit der Welt, daß er einſah, wie man in Italien in einem Goſthof fur ein fuͤnf Litrſtuck das Couvert nicht ſo fein bekommen kann, als in London, wenn es drei Wochen vorher beſtellt iſt. Als Ormöby ins Zimmer ttat, ſah eben Herr Walter Holzkopf und Thomas Hobſon zum Fenſter heraus, und beide bekrittelten die Gewohnheit der Mailaͤndi⸗ ſchen Kutſcher, weil ſie eine andere Art zu fahren hatten, als die Londoner. Madame Hobſon und Ma⸗ thilde unterhielten ſich auf dem Sopha, wenn man es eine Unterhaltung nennen kann, wo der eine Theil nur immer redet und der andere geduldig zuhort. Herr Simperton flüͤſterte der jungen Anne ſuͤße Din⸗ ge, aber nicht etwa fuͤr eigne Rechnung, ſondern zum Beſten ſeines Eleven zu. Er wuͤnſchte nemlich aus Gruͤnden, welche ſpäter klar werden, zwiſchen ihm und ihr ein gutes Einverſtaͤndniß herbeizufuͤhren, und entwickelte zur Beförderung dieſes Planes eine Ge⸗ wandtheit, die ihre Wirkung wohl bei einem Mad⸗ chen von feinerm Geſchmack nicht verfehlt haͤtte. Statt nemlich ſeines Eleven Schoͤnheit zu preiſen, lobte er die ſeiner Beſitzungen, ſtatt von der Cul⸗ turi bon thid ſumn ihre den keit ihre PVet leic ſch ihm Se Re er „ das nen mei wo beſ wa ihr wa al d preiſen⸗ du Cul von der ſeiner Laͤndereien. Hite!“ tur des Geiſtes deſſelben zu ſprechen, redete er nur Zwei verwandte Seelen, wie Ormsby und Ma⸗ thilde, in einem ihnen ſo wenig zuſagenden Zirkel zu⸗ ſammentreffend, wuͤrden unter gewöhnlichen Umſtänden ihre beſte Erholung, ihre ſicherſte Schutzwehr gefun⸗ den haben, wenn ſie ſich nur gegenſeitig Aufmerkſam⸗ keit bewieſen haͤtten. Allein dieſes wurde ihnen durch ihre eigenthuͤmlichen, ſie in Verlegenheit bringenden Verhaͤltniſſe ſchwer gemacht. So ward der Lord eine leichte Beute fuͤr den Herrn Magiſter Simporton, der ſich mit ſuͤßem Lächeln von ſeinem Sitz erhob und ihm zuliſpelte:„Es iſt hier eine wahre tropiſche Aus Ton und Antwort des Lords auf die gezierte Rede abnehmend, daß Ormöby nicht wiſſe, von wem er angeredet werde, fuhr er mit gleichem Lächeln fort: „Mein Name iſt Simperton von Sydney. Ich hatte das Vergnuͤgen, Ihre Herrlichkeit in Cambridge ken⸗ nen zu lernen, als ſie noch in Statu pupillari bei meinem werthgeſchätzten Freund, dem Doctor Droning wohnten. Waͤr er nicht ungluͤcklicher Weiſe in eine beſſere Stelle gekommen, ſo wuͤrde er jetzt wer weiß was Großes geworden ſein. Wir verloren viel an ihm, Ihre Herrlichkeit und ich!“ Lord Ormöby laͤchelte uͤber den großen Verluſt, war aber kaum ein wenig von dieſem Angriſſe los, als ihm Madame Hobſon zu Leibe ging:„Darf ich denn ſo frei ſein und fragen, Milord, ob Sie noch in Ihrem Schloſſe die Jetty deuse,— ſie wollte ſagen: Jets d'eaux— haben? Wir ſahen ſie, als wir einmal in der Gegend waren- Ei, das ſah ſchön aus! Mein Mann aber konnte ſie nicht leiden. Der Gäͤrt⸗ ner machte ihn bis auf die Haut naß. Thomas ſagte, er habe es gethan, weil er nur einen Schilling Trinkgeld bekam; allein ich weiß, daß Sie ſo etwas nicht erlauben wuͤrden.“„ Ohne auf des Lords Antwort zu harren, der eben gegen jede Kenntniß von dem Durchwäſſern des alten Hobſon proteſtiren wollte, fuhr ſie fort:„Höoren Sie, vielleicht erinnern Sie ſich noch daran, wie Sie in die Bibliothek kamen, als wir die Bilder beſahen. Meine Betty ſagte, Ihr Bildniß wäre das ſchönſte. Na, ich mag Sie nicht ſtolz machen. Ja, wie wir fortgingen, ſahn wir Sie mit einer fremden Dame reiten. Thomas ſaß außen auf dem Bocke und ſagte zum Poſtillion, daß er recht zufahren ſollte. Das geſchah auch, und wir kamen Ihnen auf den Hals, und der Weg war ſo enge, und das Pferd der Da⸗ me ſing an zu bäumen. Herr Jeſus, das war ſchreck⸗ lich anzuſehn! Und Sie wurden auf den Poſtillion ſo wild! Er ſagte uns nachher, daß es nicht Ihre Schweſter geweſen wäre. Ich moͤchte doch wiſſen, wer's geweſen ware. Erinnern Sie ſich denn nicht mehr daran?“ Eine ordentliche Antwort bekam ſie darauf nicht. Es war von ihr ein Umſtand beruͤhrt worden, der dem Gedaͤchtniſſe des Lords nicht entfallen war. Er und 7 wiſen J ſich a zu ſeh mit d gewan Erm Cinen gut! ich de öb ſi ven Mat der Ber digu wie Vug ticht ſih, chen lieni Nach Euti für und Mathilde wußten recht gut, wer die Dame ge⸗ weſen war! Jetzt kam auch Thomas Hobſon und verſuchte es, ſich auf eine nicht minder originelle Weiſe in Gunſt zu ſetzen- „Ei,“ rief er,„das war ein ſchoͤnes Stuͤck Pferd, mit dem Sie das letzte Pal in Mancheſter die Wette gewannen. Ich ſprach ſit Ihrem Reitknechte daruber. Er meinte es gleich, daß ſich die Sache machen ließ. Einen tuͤchtigen Kerl haben Sie. Ich bin ihm recht gut!“ „Wirklich?“ fragte der Lord halb lachend., Weiß ich doch kaum, wofür ich Ihnen mehr verbunden bin, ob für die Freundſchaft gegen mein Pferd oder mei⸗ nen Reitknecht.“— Aber koͤnnen ſolche Menſchen Mathildens Verwandte ſein? dachte er im Augenblicke der Erholung, die ihm noch bis zum Erſcheinen des Barons blieb. Dieſer begann mit hundert Entſchul⸗ digungen üͤber die Tafel und aͤußerte nur die Furcht, wie ſchlecht ſie ſein wuͤrde. Tauſendmal bat er um Vergebung, daß er nicht ſein eignes Haus hier einge⸗ richtet habe. Umſonſt ſagte ihm der Lord, daß er ſich, mindeſtens im Betreff ſeiner, nicht Sorge ma⸗ chen ſolle. Er ſei mehr, als alle Andere, an eine ita⸗ lieniſche Tafel gewohnt. Mathilden fiel natuͤrlich das Loos, Ormsbys Nachbarin zu werden. Seit der Zeit, wo ſie bei Eatington dieſen Platz gehabt hatte, war, was ſie fuͤr einander fuͤhlten, nicht geſchwaͤcht worden, aber I. 10 die Verlegenheit des Beiſammenſeins hatte ſich ſehr gemindert. Was bei Tiſche geſprochen wurde, betraf nur allgemeine Dinge, und bald unterhielten ſie ſich, zwanglos wie ſonſt, wenn auch nicht mit der Ver⸗ traulichkeit fruͤherer Tage, mit einander allein. Zu Ende des Mahles war dies aber nicht mehr moglich, denn der Baron war von manchen bodenlo⸗ ſen feurigen„Bicchiere““ Champagners begeiſtert, und zeigte nun ſich ganz als den gemeinen Geiſt, der 3 zwiſchen Steifheit und Vertraulichkeit keinen Mittel⸗ 3 weg kennt. Wir ſahen, wie er erſt ängſtlich um Ent⸗ ſchuldigung für ſeine Tafel bat, und jetzt machte er nun gar keine Umſtände. Er ſcherzte mit ſeinen Gä⸗ ſten auf eine Art, die ein Mann von Welt nur bei der genaueſten Bekanntſchaft gebilligt hätte. „Hören Sie, wie wir uns in London*s erſtemal ſo geſchwind wieder auf Reiſen gehn wuͤrden.“ „Ich furchte, daß ich Ihnen davon keine Urſache angeben kann!“ erwiederte der Lord.„Wir Anglo⸗ Italiener können, gleich ächten Trunkenbolden, nicht aufhören. Jemehr man nachgibt, deſtomehr wurzelt ſo etwas ein!“ „Ja, das habe ich gleich geſagt. Allein es iſt auch wohl noch etwas Anderes im Hintergrunde. Wir wiſſen es wohl, was ſie noch über die Alpen zieht. Wir haben von der Dame gehört, die ihte Hände im Spiel hat!“ 6* ſahen,“ begann er,„hätte ich nicht gedacht, daß Sie D ihn wenn beabſit wiſſe, das Leute ſugte „M „Jch Lelze nicht Mu wegl hatt icht wil kann Ber et1 wor gem din wiſe erli 147 Der Lord ſtdunte. Der Baron hatte ja, wie ihm ſein Gewiſſen ſagte, etwas Wahres getroffen, wenn auch ſchon in einem ganz andern Sinne, als er beabſichtigte. Er erwiederte blos,„daß er gar nicht wiſſe, worauf hier angeſpielt ſei.“ „Nun, Mathilde,“ nahm der Baron wieder das Wort„Sie erinnern ſich doch noch, was die Leute uͤber Lord Ormösby und die Dame in Rom ſagten?“ Mathilde behauptete nichts mehr davön zu wiſſen. „Na, das iſt doch wunderlich!“ rief ihr Gemahl. „Ich weiß doch, wie ichs erſtemal nach Delaval zu Lebzeiten Ihres Onkels kam, horte man von gar nichts Anderm ſprechen. Jeder hatte das Ding im Munde. Ich fuͤr meine Perſon konnte es gar nicht wegbekommen, warum ſie nur alle damit zu thun hatten!“ Da ging dem Lord, als er dies hoͤrte, ein neues Licht auf, und that um ſo mehr Wirkung auf ihn, weil er den Charakter des verſtorbenen Wakefield kannte, die oſſenbare Verlegenheit Mathildens bei des Barons Anſpielung auf jene Zeit ſah. Jetzt wurde er uͤberzeugt, daß das ganze Märchen nur erfunden worden ſei, ihm Mathildens Herz zu entwenden. Die gemeine Zudringlichkeit des Barons war ihm aller⸗ dings verdrießlich, aber doch mußte er es ihm Dankt wiſſen, daß er ohne ſeinen Willen die anſcheinend un⸗ erklärbare Treuloſigkeit ſeiner Geliebten erklaͤrt hatte. 148 Und dieſe Kenntniß ſollte für Beide ungluͤckliche Folgen haben. Seine Phantaſie kam dadurch auf den Gedanken, Mathilden nicht als wankelmuͤthig, ſondern als das Opfer vollendeter Liſt zu ſehen. Sie erſchien ihm nun wieder in ihrer urſpruͤnglichen, fleckenloſen Schonheit, und ſo ſank die einzige ſchwache Scheide⸗ wand, welche ſeine Vernunft der täglich wachſenden Macht unwiderſtehlicher Leidenſchaft entgegenzuſetzen vermochte, ob er ſchon immer vergeblich gegen dieſelbe zu kämpfen ſtrebte. Der Baron hätte gedacht, ſein Geburtsrecht als ächter Engländer zu verlieren, wenn et unter irgend einem Verhaͤltniß die feinſte und artigſte Sitte Eng⸗ lands vergeſſen hätte; ſie, womit man taͤglich dem ſchoönen Geſchlecht beweiſt, daß man, gilt es eine Wahl, den ſauerſten Wein der ſchonſten Geſellſchaft vorzieht. Allein ein kleiner italieniſcher Narcheſe, den der Baron irgendwo aufgefunden hatte, ohne ein Wert an ihn zu richten, und ohne daß dieſer eine Sylbe von dem verſtand, was Andere mit ihm ſpra⸗ chen, folgte den Damen, weil er es nicht anders wußte, als dieſe von der Tafel ſich entfernten, die Männer trinken zu laſſen, und Lord Ormsby benutzte den Mißgriff deſſelben; auch er eilte bald fort, da er ſich nicht geſtimmt fühlte, mit dem Baron und Herrn Magiſter Simperton zu kannegießern, oder mit Thomas und ſeinem Freund Holzkopf zu ſcherzen⸗ So blieben denn blos der Baron und der Magi⸗ ſter, als die zeitlichen und geiſtlichen Pfeiler Englands, liſ ſize chen ſtin Hie Fin geg wa u gůl le hrin ma ickliche uf den itgend Eng⸗ dem es eine ſelſſchaft ſcherzen · Magi⸗ nglund, 149 beiſammen, um ihre Staats- und kirchlichen Grund⸗ fätze gegen einander auszuwechſeln, bis das laute La⸗ chen ihrer juͤngern Genoſſen ſie endlich ebenfalls be⸗ ſtimmte, aufzubrechen und zu den Damen zu gehen. Hier fanden ſie den Lord, der ſich erſt allen albernen Fragen der Madame Hobſon und ihrer Tochter preis⸗ gegeben hatte, aber endlich doch ſo glͤcklich geweſen war, ſich ruhig neben Mathilden ans Pianoforte ſetzen zu konnen. Die Worte eines Liedes ſind in der Regel gleich⸗ guͤltig. Sie dienen nur als Huͤlle fuͤr die Muſik; gleich dem Wagen, der unſern Freund zum Mahle bringt, erregen ſie ſekten unſere Aufmerkſamkeit. Wie manches Mädchen ruft ihrem Lehrer ein„Ben mio! Unica speme della vita mia!“ zu, ohne daß ſie es ſelbſt weiß, wie zaͤrtlich ſie ſich ausdruͤckt. Bei den meiſten Sängern kann man auch der Aus ſpra⸗ che nach nicht wiſſen, ob ſie italieniſch oder hebräiſch ſingen, während der Ausdruck nicht verräth, ob das Zärtlichſte oder Gleichguͤltigſte vorgetragen wird. Doch aber hat die Sprache der Liebe, kommt ſie mit der Tonkunſt zuſammen, und triſſt ſie ein Ohr, das dafuͤr empfaͤnglich iſt, ein Herz, das ſie verſteht, unwiderſtehlichen Reiz. Dies fuͤhlte Lord Ormöby, als er jedem Tone Mathildens mit Entzuͤcken folgte. Sie ſang mit ihm beſonders zuſagendem Ausdrucke, ganz wie es ihre Fertigkeit erlaubte. Als er in einem leidenſchaftlichen Duett die zweite Stimme uͤbernahm, fühlte er Wonne, auch nur im Geſang jene Ergießun⸗ gen des Herzens auszuſprechen, die er in Proſa, fuͤr ſeine Perſon, nicht zu liſpeln wagte! Mit einem Worte, heute war der Tag, an dem er hinfort alle Verſuche aufgab, einer Leidenſchaft zu widerſtehen, die, hoffnungslos, blos ſein Ungluͤck fordern konnte, und fand ſie Erwiederung, das gaͤnzliche Ver⸗ derben des Gegenſtandes herbeifuͤhren mußte, deſſen Wohlfahrt ihm, wie er ſagte, theurer, als die eigne war. Siebzehntes Kapitel. Tage vergingen und Wochen ſchwanden, und immer beſuchte Ormsby Lady Mathilden des Morgens und ihre Loge im Theater des Abends. Auch war bei dieſem Umgange, der kein Hinderniß fand, nichts von der Art, daß die Aufmerkſamkeit Anderer rege oder Mathildens Gewiſſen unruhig geworden wäre. In jenem Lande iſt unter den Fremden die lobliche Sitte, daß alle auf gleichem Fuße ſtehen, daß man mehr Muͤhe hat, ſich zu meiden als zu finden. Natuͤrlich aber nimmt das Vertrauliche des Umgangs immer zu, wo ihm kein Hinderniß in den Weg tritt. Er ge⸗ deiht, wie die Pflanzenwelt unter jenem gluͤcklichen Himmelsſtriche ſelbſt. Doch wenn auch die Sitte des Lebens in ihrem Kreiſe Mathilden abhielt, etwas Unſchickliches in dem Genuſſe zu finden, daß ſie blos täglich den Lord ſahz immer traten doch einige Umſtaͤnde ein, die ihr die Au⸗ gen offneten, in wiefern es und ob es klug war, ſolche Nachſicht zu gewaͤhren. Unwillkuͤhrlich entdeckte ſie, daß ſie am liebſten die Stuͤcke ſpielte, die er am 152 —— meiſten bewunderte; daß, wäͤhrend ſie glaubte, nichts Mittelmaͤßigeres zu ſingen, jeder noch ſo gleichguͤltige Zuſchauer bemerken mußte, wie vollkommen ſich dabei ihre Fertigkeit und ihr Geſchmack darthat. Ohne dar⸗ auf zu achten, uͤberraſchte ſie ſich ſelbſt, wie ſie im⸗ mer und nur ein Miniaturbild von ihm copirte, ſtets der Meinung, daß ſie den wahren Ausdruck verſehen habe, ob es ſchon die treueſten Zuͤge wiedergab. Daß bei Mathildens Erziehung der Einfluß feſte Grundſatze fuͤr's Leben nie beruͤckſichtigt worden wai⸗ habe ich ſchon geſagt. Sie folgte nur dem Eindruck, dem Herzen, dem innern angebornen Sinn fuͤr Recht. Ihr Schild war das zarteſte Gefuͤhl, das einem Weibe werden kann. So fuͤhlte ſie ſich alſo auch ver⸗ ſtimmt, ob ſie ſchon durchaus nicht ſich etwas Boſes, auch nur dem Gedanken nach, vorwerfen konnte. Ihr Gemahl munterte in der Zwiſchenzeit zu die⸗ ſem vertraulichen Umgange immer mehr auf. Es ſchmeichelte dieſem, wenn er einen ſo ausgezeichneten Mann, wie den Lord, als ſeinen Geſellſchafter zeigen konnte. Ueberdies verlor er nie. die großen Vortheile aus den Augen, die aus der genauen Freundſchaft mit ihm daheim erwachſen ſollten. Mathilde wuͤnſchte indeſſen weiter zu reiſen.“ Der lärmende Haufen der Engländer floh ſuͤdlicher. Auch der Baron willigte gern ein, nach Rom zu gehn. Wer würde die Gefuͤhle ſchildern wollen, die Rom erregt? Sie ſind einzig, nicht zu beſchreiben. Selbſt 1 wer Ped geg ſind ſtul Hee heit iſ ein nen wer wer w ſit ſt jet in nichtz iltige dahei e dar⸗ eim⸗ ſtets iſthen feſter wat, ndruck, Recht. einem h ve⸗ Biſs, 3 u die⸗ Es chneten zehen rtheile ſhiſt 1 Der Auch n. eon Sollſt wer noch ſo ſehr uͤber den erkuͤnſtelten Eifer eines Pedanten zu lachen geneigt iſt, kann ſich nicht dage⸗ gegen ſchuͤtzen. Rom bleibt Rom. Die Kardinäle ſind keine Conſuln mehr; der letzte Strahl der er⸗ ſterbenden Geiſtestyrannei glüht noch auf dieſem Heerde, wo die erſten Funken der huͤrgerlichen Frei⸗ heit angezundet wurden, aber die ewige Stadt iſt es doch immer! Und warum? Warum machen dieſe Dentnile einer alten Zeit, hier geſehn, einen Eindruck, wie er ſonſt nirgends iſt? Die ortlichen Verhältniſſe kon⸗ nen hierbei nichts thun. Ruinen ergreifen am meiſten, wenn ſie allein und abgeſondert liegen. Hier aber werden ſie vom Schmutze einer anekelnden Menge alle Tage beſudelt. Gedanken, die dadurch rege werden, ſind es eben ſo wenig. Denn genau genommen, was bewundern wir denn eigentlich hier? Das Coliſeum? Dies Rieſenwerk gebaut, blos um wilder Barbarei und thieriſcher Grauſamkeit fröhnen zu koͤnnen?— Tempel, dieſe Lieblingsplaͤtze der Unwiſſenheit, des Götzendienſtes? Baͤder? geſchaffen von Männern, welche nur durch ihre geiſtige Unfaͤhigkeit, durch ihre ſittliche Verworfenheit bekannt ſind, und ſich durch Erbauung dieſer Denkmäler ihrer Ausſchweifungen un⸗ ſterblich machten? Doch wer ſogar mathematiſch beſtimmen wollte, daß jedes von Rom erregte Gefuͤhl thorig ſei, wuͤrde nicht im Stande ſein, ſelbſt während er rechnete, ſich da⸗ gegen zu ſchutzen, ſobald er nur zum erſtenmale St. Peters Dom erblickte. Der Menſch iſt einmal ein Weſen voll Wider⸗ ſpruͤche. Nichts Beſtaͤndiges iſt in ihm. Alle jene von mir erwaͤhnten Hinderniſſe machen nur den Ein⸗ druck größer und die Wirkung ſtärker. Rom laͤßt ſich mit nichts vergleichen. Selbſt ſolche, die von ſeinem fruͤhern Glanze nichts wiſſen, denen die erſte Seite einer lateiniſchen Grammatik das Thule ih⸗ rer klaſſiſchen Gelehrſamkeit iſt, die blos nach Ver⸗ gnügung trachten: ſie Alle werden doch in Rom be⸗ ſonders angezogen. Des Morgens iſt es hier weit feſſelnder, in den beſten Sammlungen das Auge an dem Schonſten zu weiden, was die von dem Genie unſterblich gewordenen Gallerien bieten, als im Kaffee⸗ hauſe zu ſitzen, oder uͤber die alltäglichen Dinge des Lebens zu ſchwatzen. In der Nacht— wie ſuͤßer iſt es da, den ſilbernen Mond— und ſein ungewiſſes Licht zu ſchauen, der zum Theil die ſo maleriſchen Umriſſe des Coliſeums erhellt, ſtatt die blendenden Lampen im dicken Dunſte eines Vauxhalls anzuſtaunen! Doch von allen Reizen Roms iſt keiner, der auch 1 ſpaͤterhin eine ſo angenehme Erinnerung zuruͤcklaͤßt, als der eigne Zauber, den das Klima oder ſonſt etwas nicht zu Beſtimmendes dem geſellſchaftlichen Umgang verleiht. Hier bſt ſich jede kalte Zuruckhaltung auf, alle politiſche Vorurtheibe ſchwinden, alle Gefühle der di n 5 d 1 — — ———— — Widt⸗ le jent n Ein⸗ m läßt die von ie erſte le ih⸗ tom he⸗ r wit luge an Genſe Kuffee⸗ inge Nes ſüßer it ngewiſſs aleriſchen endenden ſnunen! det ach wöcklüßt, ſt etwus Umgen ung u, fiht Ner 15⁵ Freundſchaft werden gepflegt, und von ſelbſt gedeiht die Vertraulichkeit. Mathilden war das Letztere ſehr wilkemmen Sie ſchien zur Zierde eines vertraulichen Kreiſes geſchaffen zu ſein. Seit ihrer Verheirathung hatte ſie, den Aufenthalt in Mailand und Genf abgerechnet, blos immer die Wahl zwiſchen dem Strudel Londons und der freudenleeren Langenweile des ungeſelligen Man⸗ nes daheim gehabt. Hier ſah ſie ſich von bewundern⸗ den Hausgenoſſen umringt, die eben ſo wenig von der Langenweile des Muͤßiggangs, wie von der ſtäten Unruhe wußten, in welche ſich Londons Geſellſchaft theilt. Hier fand ſie namentlich gebildete Männer, welche mit dem Grundſatz einverſtanden waren, Alles zu vermeiden, was ihnen und Andern zuwider ſein konnte, welche nur uͤber die Oberflaͤche des Lebens hin⸗ gleiteten, und uͤberall Stoff zur Unterhaltung fanden, den ihr feiner Geſchmack zu wuͤrdigen wußte. In ſolchen Kreiſen konnte die Erſcheinung eines ſo hoch begabten Geiſtes, wie Lady Delaval, nicht gleichguͤltig betrachtet werden. Bald ward ihr Haus daher der ſichere Vereinigungspunkt eines Abendzirkels, obſchon den Englaͤndern in Rom dies eine ſchwere Probe war, denn der Baron brauchte, ſeinem Stan⸗ de Ehre zu machen, ein groͤßeres Haus, als ſich gleich auf der Piazza di Spagno, wo die meiſten Eng⸗ länder in Rom wohnen, finden ließ. Er mußte da⸗ her einen Palaſt in einem entferntern Theile der Stadt . 11 miethen, und hierhin wanderte nun der beſte Theil von Englands Söhnen in Rom jeden Abend, ihre neue Gottheit anzubeten⸗ t n Was ſich in Rom von ausgezeichneten Männern vorfand, kam in Mathildens Zimmern zuſammen, die dadurch nicht, wie in London, vollgepfropft und ge⸗ ſtopft waren, gleich einem Walde Amerika's. Sie glichen nur einem heitern Garten, wo ſich die beſten Pflanzen jedes Klima's mit Sorgfalt geordnet und in ihrer ſchonſten Zierde zeigen⸗ n n Eine Dame war aber namentlich immer hier, die Mathilde gern entfernt geſehen hätte. Der Leſer wird ſich einer Madame Mechlin erinnern, die als Päte Geſellſchafterin des Lord Wakeſield angeführt ward, welche hauptſächlich Mathildens Vermählung mit dem Baron bewirkt hatte. Sie war, um dahin zu gelangen, in ihren Behauptungen ruͤckſichtlich des Lords Ormöby nicht ſehr ängſtlich geweſen. Neuere Umſtände hatten Mathilden aber genauer die wahre Lage der Sachen ſehen laſſen, und ſo kann man ſich denken, daß ſie ſich der Madame Mechlin fuͤr ihr Benehmen damals nicht ſehr verbunden waͤhnte. Doch ſie hatte ſie von Kindheit auf gekannt⸗ Sie konnte vielleicht auch von ihren Umſtänden gedrängt worden ſein. Alles dies beſtimmte unſere Heldin, bei ihrer unerwarteten An⸗ kunft in Rom, die Dame viel herzlicher zu bewill⸗ kommen, als ſie wohl verdient gehabt hätte. ¹) Madame Mechlin hatte die Reiſe in der Abſicht F 7. hur we heil ihe nnern en, die nd ge⸗ . Sie e beſten und in iet, die ſr wicd ls ſöte dwald, mit dem gelangen, Ormölh de hatten Sichen Ni ſie damals ſie von guch bon lles dits tten An⸗ ſcht 157 unternommen, durch Mathildens Abweſenheit nicht ein ganzes Jahr lang der Vortheile beraubt zu werden, welche ſie aus ſo einer glänzenden von ihr geſtifteten Heirath zu ziehen hoffte. Wie ſie indeſſen es möglich machte, eine ſo langwierige und koſtſpielige Reiſe zu beſtreiten, blieb ein Geheimniß; denn man wußte, daß ſie nur durch außerordentliche Huͤlfsmittel, durch Beſuche, welche zehn Monate des Jahres wegnahmen, die noch uͤbrigen zwei in London mit dem nothigen Aufwande zu durchleben vermochte. Das Ende des Junius wußte ſie in der That immer mit dem An⸗ fange des naͤchſten Mais durch eine lange Kette von Verwandten auf dem Lande an einander zu fügen. Mathildens Gemahl war immer der Schmeichelei zugaͤnglich und fuͤr ihr einnehmendes Benehmen em⸗ pfänglich; bald wurde er daher von ihr gaͤnzlich ge⸗ feſſelt, und ſie verſtand es meiſterhaft, ſeine Gunſt ganz zu ihrem Vortheil zu benutzen. Mathilde knuͤpfte freilich nicht die innige Freundſchaft wieder an, die ſie in der erſten Jugend gegen ſie gehegt hatte. Aber ſie machte ſich beinahe ſelbſt Vorwuͤrfe, daß ſie ihr nicht traute; und die bezaubernde Weiſe, der lebendige, leichte Verkehr mit ihr machte ſie am Ende doch zu einem nicht unwillkommenen Zuwachs in jedem klei⸗ nen Hauskreiſe. Eines Tages, nachdem die gnpie etw ein kierzehn Tage in ihrem Palaſte eingerichtet 11* 158 war, bildeten die täglichen Freunde derſelben einen abendlichen Kreis. Es verband ſich hier Schönheit und Talent. Mancher Stern prangte in vollem eignen Lichte, doch alle wurden von unſerer Heldin verdun⸗ kelt, wenn ſie im Glanze ihrer Reize in dieſen Kreis trat. Ungezwungen und freundlich ſcherzte hier der conſtitutionelle Spanier aus Cadix mit dem willigen Sklaven aus der Krimm. Alle vergaßen, was in der Ferne lag, und nur angenehm war die Freude des Augenblicks zu genießen⸗ Auf einem Sopha ſaßen Mathilde und Madame Mechlin, und an ihrer Seite hatte ſich der Oberſt Canteen einen Stuhl gewählt. Wir kennen ſchon dieſen Schwätzer von Genf her. Er war Abends zu⸗ vor angekommen. „Ich moͤchte doch wiſſen, was mit Ormsby ge⸗ worden waͤre!“ ſprach er⸗„Seitdem er in Genf war, hab' ich kein Wort von ihm gehört. Freilich hab' ich nicht viel erfahren koͤnnen. Ich komme uͤber Genua und Florenz, Tynte bekam das Fieber, als er die Bai aufnahm, und hielt uns vierzehn Tage auf. Ich war gleichſam angenagelt, obſchon ich ſagen muß, daß die Fiſche in der Bai von La Speizia ganz deli⸗ kat ſind. Indeſſen begreif' ich nur nicht, wo der Lord ſteckt.“ „In Mailand ſahen wir ihn oft!“ erwiederte Mathilde. 20 neit nen Un⸗ reis der gen in ude ame berſt hon v⸗ wor, nich ena e 3ch muß, Neli⸗ det ederte 159 S „Na, ich wollte, daß er bald hier wäre und uns erklärte, warum er in Genf ſo griesgramig war.“ „Ich glaube eben nicht,“ nahm Madame Mech⸗ lin das Wort,„daß Lord Ormsby uns viel Freude machen kann. Er iſt eben nicht mein Favorit. Das ganze Leben hindurch iſt er ein Griesgram, wie ſie ihn zu nennen belieben. Einmal wollte er ſeine Reize bei einer zu wichtigen Gelegenheit geltend machen.“— Sie faßte hierbei Mathilden ins Auge.—„Wer meinen Lieben unrecht thut, iſt mein Freund nicht. Ich wuͤrde mich aͤrgern, wenn ich ihn ſaͤhe.“ Und kaum hatte ſie das Wort geſprochen, als die Thuͤre aufging. Der römiſche Bediente hatte ſich be⸗ muͤht, einen Namen herauszubringen, welcher engliſch klingen ſollte, ob er ſchon eben ſo gut der eines wil⸗ den Indianers ſein konnte. Da trat indeſſen der Ge⸗ genſtand des Geſpraͤchs ſelbſt herein. Mathilde ging ihm entgegen, zwar wahrlich nicht mit Gleichguͤltigkeit, vielleicht nicht ohne innern Kampf, aber doch ohne Verlegenheit äußerlich zu zeigen. Die gewöhnlichen Fragen brachten die ge⸗ wöhnlichen Antworten hervor; er war Nachmittags angekommen, hatte ihre Wohnung ausgekundſchaftet, und war hergeeilt, ihr ſeine Ehrfurcht zu bezeugen. Jedes weitere Geſpräch zwiſchen Beiden, das ſie nur in Verlegenheit geſetzt hätte, da alle Augen auf den Fremden gerichtet waren, wurde von der Ma⸗ 160 dame Mechlin unmöglich gemacht, denn mit dem ſuͤße⸗ ſten Lächeln trat dieſe herbei:— „Theuerſter Lord! Wie freue ich mich, Sie zu ſchen! Wie lange iſt es her, daß wir zuſammen waren! Ich habe ſo eine Freude jet Und dieſe Freude war nicht voͤllig erkuͤnſtelt, ſo ſehr ſie auch gegen die Aeußerungen abſtach, die wir eben uͤber ihn hörten. Seit langer Zeit hatten ſie ſich in der That nicht geſehn, und den Eindruck, daß er ungemein ſchön ſei, konnte ſie nicht zuruͤckweiſen. Ein Weib aber, das, wie Madame Mechlin, immer noch Bewunderung rege zu machen trachtet, und alle Tage zu fuͤrchten Urſache hat, ſie nicht mehr lange zu genießen, muß natuͤrlich gleich ihre Rechte auf eine neue Eroberung geltend zu machen ſuchen. Mathilde benahm ſich gegen den Lord in keiner Art ſo, daß der gleichguͤltige Zuſchauer etwas Auffal⸗ lendes hätte ahnen koͤnnen⸗ Allein er fuͤhlte doch, daß ſie ſich Muͤhe gab, kälter, zuruͤckhaltender gegen ihn zu ſcheinen, als es gegen einen gewoͤhnlichen Bekannten der Fall geweſen ſein wuͤrde, der eben ſo unvermuthet gekommen wäre. Dieſe erzwungene Kälte iſt ſo ganz ächt weiblicher Art, und doch ſo wenig zweideutig, um die wachſende Theilnahme zu bezeichnen, beſonders wenn ein Gefuͤhl der Pflicht da⸗ mit ins Spiel kommt und die unwiderſtehliche Lei⸗ den N nu bei zuu der wo we Ei de ſi ße⸗ iner fu⸗ och, egen hen eben gene e z ⸗ Li⸗ 6 denſchaft beſiegt. Aber ſie wird gewöhnlich vom Manne, den ſie zum Gegenſtand hat, ſonderbar ge⸗ nug, falſch verſtanden. Dieſen Erfolg hatte ſie auch bei Ormsbyz er verließ Mathilden mit der Ueber⸗ zeugung, daß er aus Gleichguͤltigkeit gemie⸗ den wuͤrde, und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen et⸗ was von einer„kalten, nichts fuͤhlenden Koquette,“ wobei eine gewiſſe, ihm freilich nicht klar werdende Eiferſucht erwachte, die ihm das nichtsſagende Lächeln des Einen, den afſektirten Haͤndedruck des Andern, das ſtudirte Compliment des Dritten und die ofſenbare Bewunderung Aller ins Gedaͤchtniß rief. (énde des erſten Theils.) colour& S ̃ð Blue Cyan Sreen Nellow Red Magenta