— — N % Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.* Cduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 M f. 1 W 50 Pf 2 „ 3„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ 4 Erbschaft. Ein „V E Familiengemaͤlde aus dem Engliſchen von*r. Si la Moblesse est vertu, elle se perd Par tout ge qui n'est pas vertueux; et si elle n'est pas vertu, o'est peu de chose! La Bruyere. 1. Dritterheil. Leipzig, 1826. F oſcke. — Die Erbschatt. —— Erſtes Kapitel. Eh'r wird die Roſ' im holden Mai Das Lied der Rachtigall verkennen, und, einem niedern Sänger treu, Für ihn mit Feuergluth entbrennen, Als Liebe nicht die Liebe hört, und daß ſie treulos ſey, beſchwört. Lallah Rookh. Während die Liebenden einander ſo viel zu ſagen hatten, brachte die Beredſamkeit, die Leidenſchaft des Oberſten gar bald die ſanftern Klagen der Graͤfin zum Schweigen. Er vertheidigte ſeine Schritte mit allem Feuer der Liebe und berief ſich auf ihr eignes Zeugniß in Betreff der beleidigenden Art, welche er bei Ma⸗ dame St. Clair erfuhr. Doch als er nun ſo weit ging, eine unmittelbare Verbindung als das einzige Mittel vorzuſchlagen, allen Kabalen gegen ihn vorzu⸗ beugen, ſiel ſie ihm ins Wort: „Bringen Sie dieſelbe nicht wieder in den naͤch⸗ ſten zwei Jahren zur Sprache, wenn Sie mich lieben. III. 1 Ich habe meiner Mutter verſprochen, keine Verbindung einzugehen, bis ich zwei und zwanzig Jahre zaͤhle. Dann aber verſpreche ich Ihnen—“ „Dann?— O, das iſt blos Hohn und Spott! Wenn Sie mich ſo liebten, wie ich Sie, Gertrude, ſo wuͤrden Sie nicht ſo ruhig von Jahr und Tag der Zukunft reden. Jeder Tag ſcheint mir eine Ewigkeit, bis Sie mein ſind und das Schickſal keine Gewalt mehr uns zu trennen hat. Jahre! Sagen Sie doch lieber, daß ich nichts mehr zu hoffen habe. Die Ver⸗ zweiflung ſelbſt wär' ja beinahe ein Gluͤck zu nennen, hält man ſie gegen die unerträgliche Qual ſolcher So⸗ gerung!“ „O, Delmour, warum ſind Sie ſo ungerecht gegen ſich und mich und ſprechen ſo? Ich zweifle ja nicht an Ihrer Treue und Beſtaͤndigkeit, warum zwei⸗ feln Sie an der meinigen?“ „Weil Niemand ſo wie ich uͤber alle Maßen lieben kann; Leidenſchaft ohne Leidenſchaft— Liebe ohne Unruhe iſt mir ein unnatuͤrliches Ding, das ich nicht begreife!“ „Und Liebe ohne Vertrauen zu dem geliebten Gegenſtande iſt mir noch unbegreiflicher! Ich zweifle an Ihrer Treue ſo wenig, wie an der meinigen!“ „Aber man wird alles thun, Ihr Vertrauen zu mir zu vernichten! Ihre Mutter iſt voll Ehrſucht, Gertrude; ſie geizt nach einer glänzendern Verbindung. Sie glaubt, ich ſey Ihrer unwerth und hat vielleicht darin auch recht!“ Und verſi Ger Si mer ſhi ſen laſſ Joh lun run wer in ntf A09 und Nu „ liu den 5 „Aber hier muß ich ja meine eigne Wahl haben und ſie weiß, daß ich ſie bereits getroſſen habe!“ verficherte Gertrude errothend. „Doch beſtaͤtigt iſt ſie noch nicht! Ach, Gertrude— wollte Gott, Sie liebten wie ich; daß Sie den Jammer der Trennung fuͤhlten!— Schlim⸗ mer als der Tod iſt es fuͤr mich, wenn ich von Ihnen ſcheiden muß!“ „Wir werden ja einander oft ſehen! Sie muͤſ— ſen den Dienſt aufgeben, nicht wieder Britannien ver⸗ laſſen; nein, nicht wieder! Dann werden die zwei Jahre ſchnell voruͤbergehen!“ „Was kann in der Zeit durch die Vorſpiege— lungen Ihrer Mutter, durch die verſchmitzten Zufluſte⸗ rungen dieſes kaltbluͤtigen Philoſophen Lyndſay möglich werden!“ „Sie thun meinem Vetter durch ſolchen Verdacht in der That unrecht. Er iſt wirklich davon weit entfernt!“ „Hat er nie etwas geſagt, das mich in Ihrer Achtung zu verkleinern beabſichtigte?“ fragte der Oberſt und faßte Sie feſt ins Auge. „Wenn er es gethan hätte, ſo hat er wenig Nutzen davon gehabt!“ verſicherte Gertrude lächelnd. „Aber wirklich, Eduard iſt ſolcher kleinlichen Ver⸗ läͤumdung unfaͤhig!“ „Was ſagte er denn? Er erzaͤhlte Ihnen von den Thorheiten und Ausſchweifungen fruͤherer Tage, wobei er indeſſen ſelbſt Hand in Hand mitging? Er 1* 6 ſchilderte dieſe Thorheiten als Laſter und warnte Sie, ſich vor einem Verſchwender in Acht zu nehmen, der in einer Nacht beim Spiel, ich weiß nicht, wie viel Hundert Pfund verloren habe?“ „Nein, wirklich, von dem allen hat er mir nichts geſagt! Sie thun ihm unrecht! Sie verſtehen ein⸗ ander nicht. Sie müſſen beſſere Freunde zuſammen werden, beſonders da er jetzt mein Vormund iſt „Ihr Vormund?“ rief Delmour, als ſey er vom Donner getroffen.„Was, ums Himmels willen, ſoll das heißen?“ „Nun, daß es ſcheint, als hätte ich ein Paar Vormuͤnder vonnoͤthen, und ſo waͤhlte ich meinen Cou⸗ ſin als einen davon. Er hat ſich mir bereits bei mehr als einer Gelegenheit erprobt, und ihm verdanke ich, glaub' ich, mein Leben. Mithin konnen Sie ſich nicht uͤber meine Wahl wundern!“ „Aber Sie muͤſſen nur bemerken, daß Lyndſay nicht mein Freund iſt, daß ich, oſſen geſprochen, nicht der ſeinige bin. Ueber die meiſten Gegenſtaͤnde haben wir verſchiedene Anſichten und uͤbrigens hat er zu viel Intoleranz, zu viel Frommelei fuͤr mich!“ „Das hab' ich auch nicht gefunden. Im Ge⸗ gentheil muß ich ſagen, daß er in ſeinen Anſichten ſehr freiſinnig und in ſeinen Urtheilen ſehr mild iſt. Er hat, ich ſage Ihnen, viel mehr Nachſicht als ich⸗ Ich wuͤnſchte, daß Sie beide beſſere Freunde wären. Warum ſollte das nicht ſeyn können?“ „Weil ich kein Heuchler bin, Gertrude, und iellei — e chenk Dann Vud wie i jene Ihr men Gertt Nm ling währ ʒ mein ſun ſichet lnge undt iel titt weiß, Sh vielleicht weil ich, ſoll ich meine Schwäche geſtehen? — eiferſuͤchtig bin, daß Sie ihm ſo viel Gehor ſchenken!“ „Eiferſuͤchtig, weil ich Eduard Lyndſay beachte? Dann koͤnnten Sie eiferſuchtig ſcm⸗ haͤtte ich einen Bruder, den ich liebte!“ „Leicht möglich, daß ich es waͤre. Wenn man, wie ich, bis zur Anbetung liebt, dann kann man ſelten jene Liebe theilen, die uns allein zu gehoren ſcheint! Ihr eiskalten Menſchen koͤnnt freilich jeden willkom⸗ men heißen. Allein ich gehoͤre nicht dazu! Ach, Gertrude, das Herz des Weibes gleicht in der That dem Pallaſt eines Koͤnigs. Laßt es nur einen Fremd⸗ ling hinein, welch ſeliges Vorrecht iſt dann dieſem ge⸗ waͤhrt!“ „So wollten Sie das meinige lieber in eine» Selle verwandeln und ein finſterer Moͤnch darin ſeyn?“ „Mir gilt es gleich, was es iſt; wenn es nur mein bleibt, einzig, ausſchließlich mir gehoͤrt!“ „Es gehort Ihnen, ganz Ihnen!“ ſagte die Grä⸗ ſin und wurde bei der Zaͤrtlichkeit, womit ſie dies ver⸗ ſicherte, feuerroth.„Sie werden doch aber nicht ver⸗ langen, daß es gegen die ganze uͤbrige Welt undankbar und ungerecht ſeyn ſoll?— Dann wäͤr' es ja nicht viel beſſer, als der Fielg⸗ auf den jetzt mein Fuß tritt?“ „Tadeln Sie mich nicht, Gertrude, weil ich weiß, daß ich eine Perle beſitze, die koſtbarer, als jeder Schmuck daran iſt, und nun fuͤrchte, daß mir, laß 8 ich den Schatz allen zugänglich, ein Theil davon ent⸗ wendet wird. Gewoͤhnliche Dinge mag man thei⸗ lenz aber wer moͤchte den hundertſten Theil eines ſelt⸗ nen, koſtbaren Edelſteins verlieren, ohne zu fuͤhlen, daß der ganze Werth hin iſt? So geht es mir Ungluͤcklichen mit Ihrer Liebe. Sie ſind mir die ganze Welt. Tag und Nacht denke ich an Siez ich träume nur von Ihnen. Eine verlaſſene Inſel mitten im Ozean, aber Sie darauf, waͤr' mir ein Paradies. Gertrude, wenn Sie meine Gefuͤhle theilten, wie we⸗ nig wuͤrden Sie an Andere denken, um ſie beſorgt ſeyn!“ „Ach, Sie kennen gar nicht— ja, wie ſoll ich Sie davon uͤberzeugen; Sie— zweifeln?— wie weit meine— Thorheit geht! Sonſt wuͤrden Sie nicht auf mich und meine Mutter ſchelten, nicht aus dem Hauſe einen Verwandten und Freund verjagen wollen, dem ich ſo viel verdanke, oder ſoll ich mein Wort brechen, das ich ihm gab, als ich ihn zu mei⸗ nem Vormunde waͤhlte?“ Der Oberſt ſchwieg. „Sie werden doch nicht wollen, daß ich ſo nie⸗ drig ſey und ſo etwas thue? Solche Beweiſe von Zuneigung koͤnnen Sie doch nicht achten?“ Der Oberſt fuͤhlte, daß er jetzt weit genug ge⸗ gangen ſey, daß ſein Einfluß bei der ſanften, zaͤrtlichen Gertrude noch immer viel ſtärfer ſey, als er erwartet habe. Sah er ſich doch mit allem Feuer, aller Offenheit eines jungen, hingebenden Herzens geliebt; aber— — glie fühl noch gelie liche Geh dach Rie ſich pen feu ihn bert rief I wa ſelb we mb 9 geliebt, ohne daß ein Flecken die beſſern, uͤbrigen Ge⸗ fuͤhle des Herzens entweiht hatte. Sie alle bluͤhten noch frei und ſchon empor. Gertrude liebte und war geliebt, und ihr Herz athmete froh unter dieſem froͤh⸗ lichen Genuſſe, und der glaͤnzende Regenbogen mit den Strahlen der Hoffnung, des Gluͤcks, verſchoͤnerte jeden Gegenſtand mit ſeinen himmliſchen Farben. Doch Ver⸗ dacht und Mißtrauen beſchattete darum noch nicht die Ruͤckſeite ihres Gluͤcks. Selbſt die engherzigen, ſelbſt⸗ ſuͤchtigen, vorherrſchenden Gedanken, die eben den Lip⸗ pen ihres Geliebten entſtroͤmten, ſchienen ihr blos ſeine feurige Liebe zu verrathen, und ſo ruhte ihr Blick auf ihn mit allem jenen ruhigen Genuſſe eines gluͤcklichen, vertrauenden Herzens. „Handeln Sie, wie Sie wollen, Gertrude!“ rief der Oberſt endlich.„Mein Schickſal liegt in Ihren Haͤnden. Sie wiſſen, welche Macht Ihnen ward; denn ich ſagte Ihnen, daß ich ſtolz, eiferſuchtig, ſelbſt rachſuͤchtig vielleicht bin, wenn es Sie betrifft! So wie ich aber daſtehe, gelobten Sie mein zu ſeyn. Thaten Sie das nicht?“ „Sobald meine zwei und zwanzig Jahre vorbei ſind; vorausgeſetzt, daß Sie ſich nicht anders beſonnen haben!“ verſicherte ſie ſpottend. „Anders beſonnen?— Nein, Gertrude, Sie werden manches ſonderbare Ereigniß kommen ſehen— dieſer Fluß kann ſeinen Lauf veraͤndern, dieſe Felſen moͤgen ſich zu Ebenen verwandeln: nur mein Herz kann nicht die Liebe zu Ihnen aͤndern!“ 10 Es wurde noch viel in ſolcher Art geſprochen— Liebende, das weiß man ja wohl, treiben das Einerlei mit vielerlei Worten ſagen bis zur groͤßten Vollkom⸗ menheit. Doch endlich mußte Reden und Gehen ein Ende haben, und die Graͤfin kam wieder mit dem Oberſten ins Schloß zuruͤck, ehe ſie ſich den hundert⸗ ſten Theil deſſen geſagt hatten, was ſie auf dem Her⸗ zen trugen⸗ WV deſſen bennt geſen iſti jor? antw Si Zweites Kapitel. und kommt ihr heiß vom Feld zurück, laßt ja Richt eure Glieder ruh'n; trinkt nicht die kalte Quelle, Setzt euch dem Wind nicht aus. Bei allen Thränen Von Wittwen, Schweſtern, Müttern, Tanten, hütet euch! Armſtrong's Diätetik. „ „Wo haben Sie denn den Major gelaſſen?“ rief. deſſen Gemahlin ihnen gleich beim Eintreten entgegen⸗ Gertrude war in Verlegenheit, wie ſie dieſe Frage beantworten ſollte. Sie hatte den Major ſo ganz ver⸗ geſſen gehabt, als ob gar kein ſolcher in der Welt exiſtirte. „Wo, ums Himmels willen, iſt der Ma⸗ ior?“ wiederholte ſie beſtuͤrzt. „Recht huͤbſch in ſeinen Mantel eingepackt!“ antwortete der Oberſt, ſpoͤttiſch laͤchelnd. „Lady Roßville— theuere Baſe— ich bitte Sie— was iſt mit dem Major geworden?“ „Er wird wohl nicht weit ſeyn! Eingeholt hat er uns nicht!“ verſicherte jetzt auch Gertrude. — ——————— — 5 „Mein Gott im Himmel!“ ſchrie die Couſine und wollte in Ohnmacht fallen.„Er hat Sie nicht eingehoit? Ach, dann iſt der Major verloren!“ „Meine theuerſte Frau Majorin,“ redete ihr ge⸗ ſchwind die holdſelige Pratt zu,„ängſtigen Sie ſich nicht; verlaſſen Sie ſich darauf, er wird bald kom⸗ men. Es iſt ja noch huͤbſch helle und da wird er alſo auch Leute im Parke treffen. Wir wollen gleich einige ausſchicken, ihn aufzuſuchen.— Oberſt Del⸗ mour, klingeln Sie doch mal! Es wird ihm ja nicht einfallen, auf den Kraͤhenfelſen zu klettern, und das iſt der einzige Weg, wo es am Ufer ein Bischen gefaͤhr— lich iſt. Lady Roßville— geben Sie mir doch mal Ihr Riechflaͤſchchen!—'s iſt jetzt nicht viel Waſſer im Fluſſe!— Jackſon, geb' Er einmal geſchwind ein Glas Waſſer her! Geſchwind! Und ſchicke er ein Paar Leute aus, ſie ſollen den Major Waddel ſuchen!“ „Und Glocken, Seile und Laternen mitnehmen!“ rief der Oberſt. „Da iſt der Herr Major!“ rief der ſteife Jack⸗ ſon und blickte nach dem Fenſter, ohne den Kopf zu verdrehen. „Wo? Wo denn?“ rief die verlaſſene Gattin, zum Fenſter hinſtuͤrzend.„Gott ſey Dank!“ war ihr Wort, als ſie wieder in den Stuhl ſank. Ja, er war's, der Major in ſelbſteigner Perſon; langſam und aus aller Kraft arbeitete er ſich herbei, dicht bis ans Kinn zugeknoͤpft, aber nahe daran, der Hitze und Ermuͤdung zu erliegen. In der Hand hatte nich fen Um ſter e Fiu zweif Die Man tenin die enthe er, und arme Ma echit bege ſhn ich ſeh imn aber 43 hatte er ein Schnupftuch, das er dann und wann nach dem Geſicht fuͤhrte. Dies letztere leuchtete von fern wie ein Stuͤck polirtes Buchsbaumholz entgegen. Um ſeine Angſt zu vermehren, riß die Pratt das Fen⸗ ſter auf und ſchrie ihm zu: „Kommen Sie, Major! Geſchwind! Ihre gute Frau hat wegen Ihrer Kraͤmpfe bekommen!“ Der arme Major ließ einen Ausruf der Ver⸗ zweiflung hoͤren und ſtrengte ſich aufs außerſte an. Die Falten, Aermel, Zipfel, Kragen und Schoͤße ſeines Mantels waren in Bewegung, wuaͤhrend er ſelbſt mit⸗ teninnen eingehullt arbeitete und keuchte, bis endlich die ganze Maſſe mitten in den Saal verſetzt war. „Ach, Major!“ rief ihm die Gemahlin matt entgegen und bemuͤhte ſich aufzuſtehen. „Du ſuͤße Taube, was iſt Dir denn?“ ſchrie er, einen Theil des faltigen Gewandes zuruͤckwerfend und die Arme wie Klauen ausſtreckend, ſie zu um⸗ armen. „Ich habe Deinetwegen ſolchen Schreck gehabt, Major! Es muß Dir etwas zugeſtoßen ſeyn! Wie erhitzt ſiehſt Du aus! O, ſag' mir, was iſt Dir begegnet? Ich ſehe, es muß Dir etwas begegnet ſeyn?“ „Suͤßes Weſen, ich verſichere Dich, daß mir nichts wiederfahren iſt. Eine Jagd von wilden Gäaͤn⸗ ſen haͤtt' ich freilich lieber mitgemacht. Ich ſuchte immer mein Ziel zu erreichen— die Gräfin hier; aber—“ er wendete ſich hier an den Oberſt und die Gräſin—„ich konnte mich Ihnen nicht hoͤrbar machen und hatte Sie doch immer vor den Augen!“ Der Oberſt mußte bei dieſer Bemerkung laͤcheln und Gertrude wurde ein wenig roth, was Miß Pratt gar nicht gern ſahz es uͤberlief ſie eine Art von Schauder. „Das iſt ja recht albern!“ ſagte die Frau Ma⸗ jorin, die wieder zu ſich kam.„Ich denke immer, Ihr ſeyd alle bei einander!— Ein andermal werde ich Acht haben, mit wem Du ohne mich ſpazieren gehſt!— Ach, Du haſt Dich erhitzt, daß Du den Tod auf der Stelle haben kannſt!— Ich bitte Sie, Miß Pratt, machen Sie das Fenſter zu!— Major, ſetze Dich von der Thuͤre weg und— ich bitte Dich — leg den Mantel nicht ab, bis Du kuͤhler biſt!“ „Gute Bella!“ keuchte der faſt erſtickende Major. „Major, thu' mir den Gefallen!“ „Weiß es Gott, es iſt hier tauſendmal heißer, wie ich's in Bengalen gefuͤhlt habe!“ „Nun, Major, gut! Weißt Du denn noch, wie krank Du wurdeſt, als Du den Mantel einmal im Sommer wegthateſt und auch ſo erhitzt warſt; und wie Du mir da verſprachſt, es nie wieder zu thun?“ „Aber, liebe Arabella, es iſt ja ſo warm, als wenn wir—“ „Nun, Major, ich ſage weiter gar nichts—“ Zum Gluͤck ließ ſich zum erſtenmale der Gong horen. Er gab das Zeichen, daß es Zeit zum An⸗ kleid ſiſ Man b ale iel ber zul 15 kleiden ſey. Die Frau Majorin ſchwankte nun, ob ſie ſelbſt Acht geben ſolle, bis der Major im heißen Mantel und dem heißen Zimmer abgekuͤhlt ſey, oder ob ſie ihre Dreiviertelſtunden der Toilette widme und allen Schmuck des Orients anlege. Die Wahl hatte viel Schwierigkeit; allein endlich ſiegte das Weib uͤber die Gattin. Der Major bekam Erlaubniß, allein zu bleiben, indeß ſie ſich umzukleiden fortging. Drittes Kapitel. Harmonien hör' ich ſingen, Töne ſüßer Himmelsruh! Schiller. Beim Mahle etſchien ſie in einem Gewande, das der Pathe einer Aſchenbroͤdel Ehre gemacht haͤtte. In⸗ deſſen ſelbſt mit Huͤlfe des Karfunkels von Hyder Aly verfehlte es doch, ihr Onkel Adams Kieſelherz zuzu⸗ wenden. Ihre Begruͤßung nahm er noch ſo leidlich hin. Ja, er ließ ſogar ſeine Hand von ihr faſſen⸗ Als ſie dieſelbe aber ſchuͤtteln wollte, ſah ſie, daß eine Kraft dazu gehorte, als gelte es faſt, ein Felſen⸗ ſtuͤck loszureißen. Der Major war von der Laſt des Tages zu erſchoͤpft, um nur eine Beleidigung zufuͤgen zu koͤnnen. Ihn hatte eine vollkommene Gleichguͤltig⸗ keit gegen alles befallen. „Ein recht huͤbſches Weibchen iſt Ihre Nichte, die Frau Majorin!“ wiſperte Miß Pratt dem alten Adam ins Ohr, als ſie wie gewoͤhnlich neben ihm nach der Tafel hintrippelte. „Huͤbſch? Was thu' ich mit dem Huͤbſchen? Mit ſo einem papiernen Geſichte?“ ſi nic ſchen, heich hat n zwe, Und ſ Pelen gekoſte wötde belgle Nnn zuvor ſin ol nehen An hſcho ſch ft ( icht Geri u 46) Munt im So Die III. der In⸗ Ah uzu⸗ blich en⸗ daß ſen⸗ des igen ltig⸗ chte, alten ihm hen „Nun ja, da haben Sie recht! So huͤbſch iſt ſie nicht, wie die Graͤfin. Aber wo wollen Sie eine ſehen, die dieſer gleich kommt? Ach, das iſt ein aus⸗ gezeichnetes Weſen! Sehen Sie ſie mal an? Sie hat nichts in den Haaren, als den kleinen Myrthen⸗ zweig, den ſie aus dem Gewächshauſe mitgebracht hat. Und ſteht er ihr nicht zehnmal beſſer, als die ſchoͤne Perlennadel der Majorin, die manche goldne Rupie gekoſtet haben mag? Ganz klaſſiſch geht die Gräfin, wuͤrde Antonius Whyte ſagen.“ „Sie muͤſſen die beiden gar nicht mit einander vergleichen!“ unterbrach ſie Ramſay voll Ungeduld, denn ſeine Galle ſchwoll, als er das ſtolze, wenn auch zuvorkommende Weſen des Oberſten ſah, der die Graͤ⸗ fin oben an die Tafel hingeleitete und natuͤrlich dann neben ihr Platz nahm. „Sehen Sie mal, da wird Sturm gelaufen! Aber es hilft doch zu nichts!“ bemerkte Miß Pratt, obſchon ihr Herz dabei ein Bischen klopfte. Sie haͤtte ſich freilich geſchämt, dies ſich nur ſelbſt zu geſtehen. Eine Mahlzeit iſt ein langweiliges Ding, wenn nicht ein witziger Kopf die Hauptrolle ſpielt und jedem Gerichte eine reizende Bruͤhe giebt. Hier aber weilte Niemand, der ſich für die Geſellſchaft aufgeopfert haͤtte, als Miß Pratt, und auch ſie war etwas verſtimmt. Manchmal gaben ihr die fuͤnf Guineen einen Stich im Kopfe, dem ſie auf jede Art zu widerſtehen ſuchte. Die gewöhnlichſte Höflichkeit, welche Gertrude gegen bewies, wurde aufgeſtochen und mit Folge⸗ 1I. 2 — rungen begleitet, obgleich er und Gertrude dabei nur Verlegenheit empfanden, waͤhrend der Oberſt kaum ſeinen Unwillen zaͤhmen konnte. Die Gemahlin des Majors glaubte ſich und ihrem Gatten nicht die gehörige Aufmerkſamkeit bewieſen zu ſehen. Sie ſaß mit Hyder Aly's Karfunkel ganz ſteif und ernſthaft da. Er ſchoß finſtere, aber glaͤnzende Strahlen, als theile er ihre uͤble Laune. Nach dem Eſſen ging es etwas heiterer zu, obgleich es immer eine ſchwere Sache blieb, ſo widerſprechende Charaktere, als die, aus welchen die Geſellſchaft beſtand, an ein⸗ ander zu binden. Indeſſen es konnte doch jedes mehr ſeiner Neigung folgen, und wenn Mufik nicht immer die Macht beſitzt, den Ungeſtuͤm der Bruſt zu beſäͤnf⸗ tigen, ſo erwirbt ſie ſich doch mindeſtens das Verdienſt, gebildete Weſen bisweilen in Ordnung zu erhalten⸗ Lady Roßville hoffte eben nicht viel Freude zu finden, wenn Madame Waddel ihre Stimme hoͤren ließ; allein ſie war doch zu artig, um ſie nicht aufzufordern. „O, ſingen Sie doch ein ſchottiſches Lied!“ bat ſie, als die Dame eine italieniſche Arie anſtimmen wollte.„Ich habe mich ganz in die ſchottiſchen Lie⸗ der vernarrt!“ „Schottiſche Lieder?“ wiederholte die Majorin., „Sie werden mich doch nicht fuͤr ſo ganz gemein halten, daß ich ſo etwas ſaͤnge? Wahrhaftig, Cou⸗ ſine, die ſind jetzt aus jedem Cirkel verbannt. Kuͤchen⸗ lieder heißen ſie nur!“ „Moögen fie heißen, wie ſie wollen!“ rief die Grifi letnen . als ei ſingt! beſſett ter, i die g hih ſch l an di fuge gebrat Sech Jemg Majo ſegen umſa — 6 Rcht kecht, rſch ei mr Graͤfin.„Ich muß die Lieder meines Landes ſingen kaum lernen und werde ſie— con amore ſingen!“ „Wenn das iſt, werden Sie mehr darin leiſten, ihem als ein Saͤnger mit aller Kunſt!“ verſicherte Lyndſay. ſen zu„Ich ſage Ihnen aber, Baſe, daß ſie kein Menſch ſ ſte ſingt!“ behauptete die Majorin ungeſtuͤm. inzende„Deſto mehr Schande fuͤr alle!“ rief Gertrude. h den„Fuͤr Jedermann, der ſie ſingen kann!“ ver⸗ immer beſſerte Lyndſay.„Aber ich glaube, es ſey viel ſchwe⸗. aktere, rer, im eignen Lande ein Volkslied vorzutragen, als n ein⸗ die ausdrucksvollſte Muſik in fremder Sprache. Jenes s mehr ſpricht zu Aller Herzen, Aller Gefuͤhlen; dieſe wendet inmet ſich blos ans Ohr, an den Geſchmack und auch wohl heſinf⸗ an die Unwiſſenheit der Zuhoͤrer!“ 8 ienſt,„Sind Sie denn ſchon auf Reiſen geweſen?“ ſolten⸗ fragte ſeine Gegnerin hingeworfen. inden,„Ich habe zwei Jahre auf dem feſten Lande zu⸗ glein gebracht; eines davon in Rom!“ „Wirklich?“ fragte ſie wieder, als ſey ihr die id“ Sache zweifelhaft und der Gedanke unangenehm, daß imnen Jemand an einem Orte geweſen ſeyn ſollte, wo der n Li⸗ Major nicht hingekommen war.„Ich muß Ihnen ſagen, daß ich mich uͤber jeden, der ſich in der Welt worn. umſah und ſchottiſche Lieder verdauen kann, wundere. gmin Du haſt Dir, ſeit Du in Indien warſt, wohl Cu⸗ nicht viel daraus gemacht, Major!“ che⸗„Ich wüßte nicht, was!“ gab ihr der Gatte recht, der kaum eine Trommel von der Pfeife zu un⸗ if de terſcheiden wußte. 2* 1 1 20 „Alles, was in ſeiner Art gut iſt, hab' ich gern!“ behauptete Lyndſay. „Und einige ſchottiſche Lieder ſind ſehr huͤbſch!“ ſtimmte der Oberſt bei, der, ohne ſeinen Widerwillen gegen Madame Waddel, ſie auch in den Bann ge⸗ than haben wuͤrde. „Und hoffentlich bewundern Sie auch die ſcho⸗ nen Ausdruͤcke und Reime?“ fragte ihn die Majorin ſpottiſch. „Manche ſind gewiß anziehend!“ behauptete die Gräfin;„ſo niedlich ausgedruͤckt, ſo huͤbſch gedacht zum Beiſpiel iſt folgendes.“— Sie nahm die Harfe und ſang mit Geſchmack und Gefuͤhl: „Willſt du mein Schaͤtzerl ſeyn, Wenn dich der Kummer betruͤbt? Willſt du mit mir dich freu'n? Wer hat dich je mehr geliebt! In meinen Arm— o, komm her zu mir und fuͤrchte dann keinen Kummer mehr hier!“ „Na, da muß mir's an Geſchmack fehlen! Ich kann nichts Huͤbſches daran finden!“ verſicherte die Frau Majorin mit verächtlichem Tone.„Mein Schätzerl! Welch gemeiner Ausdruck!— Wie wollt' ich Dich anſehen, Major, wenn Du mich Schäͤtzerl riefſt!“ „Ha ha ha! Das iſt huͤbſch! Nein, da iſt doch das Ding charmant, das Du immer ſingſt, meine Theuere: Rosino, mia caro!“ erwiederte der Major halb im Schlafe. „ gehort? Rosino Tant die De Nat, und k Kyfe, Oborſt einige mit d ſch ihm Wett er im cht! „Haben Sie denn ſchon mal De tante pallpete gehort?“ fragte Miſtreß Waddel, maͤchtig uͤber das Rosino cara mio aufgeblaſen. Lyndſay konnte ſich uͤber das verſtuͤmmelte„Di Tanti palpiti“ kaum des Lachelns enthalten; allein die Dame formte gleich die Ellenbogen zu einem Qua⸗ drat, erhob den runden Arm, ſpreizte die Finger aus und krählte nun mit pagodenförmig ſich bewegendem Kopfe, mit rollenden Augen, Roſſini's Arie her. Der Oberſt nahm nur, der Sache ein Ende zu machen, einige italieniſche und franzoſiſche Duette vor, die er mit der Gräfin ſang, während Miß Pratt und Ramſay ſich zum Puffbrett fortſchlichen. Miß Pratt ſuchte ihm bei demſelben noch mal zu beweiſen, daß er die Wette verlieren muͤſſe, und da ſie gewann, ſo dachte er im Stillen:„Na, ich wollte wuͤnſchen, daß ſie recht häͤtte; wie ſie ihre Steine ſetzen ſoll, verſteht ſie!“ Viertes Kapitel. Wenn man einen Narren nicht ganz heilen kann, ſo hilft es nichts, ihn von einer Narrheit zu befreien; denn das heißt blos Raum für eine andere ſchaffen. . Horaz Walpole. Der Madame Waddel gefiel es nicht ſehr in Roß⸗ ville, weil, Lady Eliſabeth und Miß Pratt ausgenom⸗ men, fuͤr ihren ſchoͤnen Anzug Niemand Augen zu haben ſchien. Daß ſich die junge Gräfin ſo einfach kleidete, duͤnkte ihr, einer verheiratheten Dame, nur Beleidigung, und der Major konnte nun vollends mit der Ungezwungenheit des Oberſten, mit deſſen Ge⸗ wandheit nicht im Fernſten Schritt halten. Die Tiſchzeit abgerechnet, ließ ſich der Onkel Adam durchaus nicht beikommen, und vor ſo vielen Leuten konnte ſie doch nicht mit ihm ſprechen. Das haͤtte geheißen, man wolle den armen Mann nur dem Spotte preisgeben, und je weniger man die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ihn hinlenkte, deſto beſſer war es. Was er den ganzen Tag machte, daß man nicht ein Wort unter vier Augen mit ihm ſprechen konnte, ließ ſich fulih beſten, 6 Majo fand Zimm Jinn ſch kalt e ſprech ſt. wiß ich n mhig ih und ſagte i93 wol luft Wag uns hen, thun 23 freilich nicht errathen; aber immer war es doch am beſten, naͤchſten Tages wieder fortzufahren. Das Gluͤck ſchien indeſſen doch die Abſicht der Majorin auf den Onkel beguͤnſtigen zu wollen. Sie fand ihn naͤmlich, blos von ihrem Gatten begleitet, im Zimmer, wo gefruͤhſtuͤckt wurde, ohne daß noch ſonſt Jemand da war. Gleich redete ſie ihn auf die freund— lichſte, ihr mögliche Art an, welche aber freilich ſehr kalt erwiedert wurde, wie gewoͤhnlich: „Es haͤlt recht ſchwer, ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, Onkel, wenn nicht die ganze Geſellſchaft da iſt. Immer ſcheinen Sie beſchaͤftigt. Sie haben ge⸗ wiß etwas Beſonderes vor!“ „Laß mich doch mein Teſtament machen, wo ich will!“ war die Antwort, in hochſt verdächtigem, ruhigem und gutmuͤthigem Tone gegeben. „Nun wahrhaftig, Onkel, jetzt haben Sie nicht noͤthig, daran zu denken. Der Major bemerkte es und ich, daß Sie ungemein munter ausſehen. Du ſagteſt mir erſt geſtern, Major, daß mein Onkel zwan⸗ zig Jahre juͤnger ſcheine, als wie Du ihn das letzte⸗ mal beſucht haͤtteſt!“ „Ja, wirklich, auf meine Ehre, ich glaub' es!“ „Das iſt aber ein Zeichen, wie Ihnen die Land⸗ luft bekommt! Alſo hoff' ich doch, daß Sie im Wagen bei mir und dem Major Platz nehmen und uns nach Thornbank begleiten werden? Ich ſage Ih⸗ nen, daß ich ganz boͤſe werde, wenn Sie das nicht thun. Da Sie hier ſo lange geblieben find, ſo wird es in den Augen der Welt ſehr wunderlich erſcheinen, wenn Sie den Major und mich uͤberſehen; mich obendrein, eine verheirathete Dame! Wenn Sie au⸗ ßerdem wirklich uͤber Ihr Vermögen disponiren wollen, ob ich ſchon denke, daß Sie damit nicht zu eilen ha⸗ ben, ſo wiſſen Sie doch, daß Sie in Thornbank einen Advokaten näher haben, als hier. Der Advokat Streit⸗ hammel hat uns ſo waͤhrend der nächſten Gerichts⸗ ferien einen Beſuch verſprochen, und da koͤnnen Sie leicht mit ihm ſich vorher beſprechen!“ „Ich danke Dir ſchoͤnz aber ich brauche von Niemanden Rath, um mein Bischen Vermögen zu vermachen!“ erwiederte der Onkel und behauptete noch immer eine ſchreckliche unnatuͤrliche Milde.„Ich bin mit meinen Gedanken ſchon in Richtigkeit!“ „Wirklich? Nun, da moͤcht ich wohl wiſſen, wie Sie uͤber das ſo ſchoͤne Blumenpark verfuͤgt haben?“ „Gar weiter nicht. Ich will's einer milden Stiftung vermachen!“ „Blumenpark— einer milden Stiftung?“— wiederholte die Nichte in einem dazu paſſenden Jam⸗ mertone. „Einer milden Stiftung?“ rief der Maior. „Ja, juſtement zu einer milden Stiftung!— Was iſt denn Sonderbares dabei?“ „Nun, ich muß ſagen, Onkel, wenn ich daran denke, wie viel fuͤr die armeren Claſſen geſchehen iſt, ſo dächt' ich, daß jetzt die hohern Stände eher einer — —,—— milden bemih heide möcht Neth dor V den! beide, drück derr in me icht bei de Der( viel ein 1 gdach e5 ein Cine Min 25 milden Stiftung beduͤrfen!“ Sie keuchte hierbei und bemuͤhte ſich umſonſt, ihre Wuͤrde zu behaupten. „Ei, ſo denk' ich auch! Je, da find wir ja beide einerlei Meinung! Das iſt ſchoͤn!“ „Onkel, ich verſichere es Ihnen:— Jedermann mochte ich es nicht ſagen!— der Major hat gerade Noth genug, um auszukommen!“ „Ei, daran zweifl' ich nicht!“ „Es wird ſo vieles verlangt, um ſeinen Rang in der Welt zu behaupten, daß es wirklich kein Spaß iſt!“ „Spaß? Was willſt Du denn mit Spaß?“ „Kurz, Onkel, ich ſage Ihnen, trotz dem Glanz, den wir vor den Augen der Welt machen, fuͤhlen wir beide, ich und der Major, gerade genug, wo der Schuh druͤckt, und er tragt wirklich großes Bedenken, ein an⸗ deres Landhaus zu kaufen, ob uns ſchon Thornbank in mehrerer Hinſicht nicht zuſagt. Das Haus iſt gar nicht anſehnlich. Wir haben blos einen Saal, und bei des Majors Bekanntſchaft iſt derſelbe oft zu klein. Der Garten iſt armſelig; kurz, mir liegt wirklich recht viel daran, daß er einen andern Landſitz findet!“ „Je nun, in Blumenpark kann er vielleicht bald ein Plaͤtzchen ſinden!“ ſagte der Onkel trocken. „Ja, Onkel, wahrhaftig, daran haben wir nie gedacht. Doch Sie ſagten ja wohl vorhin, daß Sie es einer milden Stiftung vermachen wollten?“ „Ja, aber wie Du ſagteſt, für reiche Leute. Eine Stiftung ſoll's ſeyn für ſolche arme, elende Maͤnner, die mit Harpien und Blutigeln verheirathet — ſind, von denen ihnen das ganze Blut ausgeſogen wird!“ Hier war nun Onkel Adam wieder in ſeine ge⸗ wöhnliche Laune gekommen, und es iſt nicht zu be⸗ ſtimmen, wie deutlich er alles noch weiter auseinan⸗ dergeſetzt hätte, wär' er nicht von Herrn Lyndſay un⸗ terbrochen wordenz denn der war der einzige— ſo ſonderbar es ſcheinen mag— vor welchem er eine Art Achtung empfand. Zugleich aber zeigte Lyndſay ſo viel Freundliches, Sanftes und Wuͤrdevolles, daß ſich ſelbſt Adam vor ihm ſchaͤmte, in ſeiner Gegen⸗ wart zu weit zu gehen. Die andere Geſellſchaft trat auch herein. Die Frau Majorin mußte ſchon mit einer rothgluͤhenden Wange Platz nehmen, ohne ein Wort zu ſagen. Sie wurde ſogar ruhiger, als ſie dachte, daß nun einmal die Art des Onkels ſo ſey. Er machte gern derben Spaß. Der Major uͤberlegte einige Minuten lang, ob er wohl den alten Mann fragen ſollte, wie das Ding zu verſtehen ſeyz obwohl darin eine perſoͤnliche Anſpie⸗ lung zum Grunde läge? Allein er konnte nicht mit ſich ins Klare kommen, und ſo ſchluckte er den Aerger mit einer Taſſe Thee hinunter. Als das Frühſtück zu Ende ging, waren aber beide wieder da, gegen den Onkel in die Schranken zu treten⸗ Gertrude hoͤrte kaum, daß ihr Beſuch fort wolle, als ſie alles ſagte, was bei ſolchen Gelegenheiten vor⸗ gebracht zu werden pflegt. Indeſſen war ſie zu oſſen, um etwa ſehr dringend zum Bleiben zu nöthigen. Sie ſch, Obeſt holung Potſte kue Wege L folgte ntüri wiſſen doch ten. Wir eine 2 ſeht aus, d dort 9 Dein zu zeic eine n Du au ſznß berlegt ſah, wie läͤcherlich ihre Verwandten waren und vom Oberſten verachtet wurden. Ihre Entfernung war Er⸗ holung. Miß Pratt verſuchte allerdings lebhaftere Vorſtellungen, aber das Chepaar blieb feſt; nur eine kurze Zeit gab es noch zu. Cäſar erhielt Befehl, den Wagen bereit zu halten. Onkel Adam wollte fort; die Frau Majorin folgte ihm in den Vorſaal nach und hinter ihr kam natuͤrlich auch der Major: „Bevor wir gehen, Onkel, moͤchte ich doch gern wiſſen, was ich etwa fuͤr Sie thun konnte, da Sie doch nicht Luſt zu haben ſcheinen, uns jetzt zu beglei⸗ ten. Haben Sie etwas nach Blumenpark zu beſtellen? Wir kommen ganz nahe vorbei; das wiſſen Sie ja! Ach, Onkelchen, nebenbei, ich wuͤnſchte, Sie gäben mir eine Weiſung mit, daß wir dort Eingang finden. Es ſieht doch in den Augen der Welt ganz beſonders aus, daß der Major noch keinen Fuß uͤber Ihre Schwelle dort geſetzt hat!“ „Ach, meine theuere Bella, Du weißt ja, wenn Dein Onkel eine Urſache hat, ſeine Beſitzungen nicht zu zeigen—“ „Still, ſtill! Quaͤle mich nicht! Das iſt mir eine wahre Pein! Gieb mir mal Feder und Dinte! Du ſollſt ein Papier haben, wenn Du's einmal brauchſt!“ fiel der Onkel ungeduldig ein. Feder, Dinte und Papier waren ſchnell herbeige⸗ ſchafft. Onkel Adam ſetzte ſich mit der groͤßten Ue⸗ berlegung an den Tiſch und entwarf eine Anweiſung. ——— —— ——z——— 28 Kaum hatte aber die Nichte einen Blick hinein⸗ gethan, als ſie ganz roth wurde. „Gott, welche Art zu ſchreiben!“ rief ſie.„Mein Himmel! Koͤnnen Sie denn denken, daß ich auf ſolche Art hingehe? Der Major Waddel und ſeine Frau ſollen eingelaſſen werden!— Frau? Nun, ſo etwas iſt mir doch in meinem Leben nicht begegnet!“ „Was willſt Du denn?“ fragte Onkel Adam mit einer Donnerſtimme.„Biſt Du die Frau des Majors nicht?“ „O, mein Trefſlicher!“ ſuchte ihn der Major zu beſchwichtigen;„Sie wiſſen, es iſt nicht gewoöhn⸗ lich, die Damen von einem gewiſſen Range Frauen zu heißen!“ „Freilich!“ rief die Dame hierbei.„Ich dächte, das muͤßte doch Jedermann wiſſen. Frau! Was hätten Sie denn ſagen koͤnnen, wenn der Major ein Fuhrmann wäre?“ „Was biſt Du denn, wenn Du nicht ſeine Frau biſt?“ fragte er aufs neue. „Muylady muͤßte es ſchicklicher und artiger hei⸗ ßen, mein Trefflichſter!“ wiſperte der Major. „Laddy?“ rief der Onkel mit. höhniſchem La⸗ chen.„Laddy?“ „Freilich!“ ſchrie die Lady mit vieler Wuͤrde. „Da iſt gar kein Zweifel. Ich verſichere Sie, daß ich fuͤr den Major und mich ſelbſt zu viel Achtung habe, um mir den gemeinen Ausdruck Frau gefallen zu laſſen!“ geſeher „Ein Miß ewa von 4 Nime Ehre Nn N der g nahe gemoe ihme hen w Majo chni As 4 uer aume biel Dos ſehen, „Ich habe doch in meinem Leben viel Narrheiten geſehen, aber die uͤbertrifft alle!“ behauptete Adam. „Eine verheirathete Frau will nicht Frau heißen! Ich weiß nicht, was nun folgen ſoll? Willſt Du denn etwa ſeine Maitreſſe heißen?“ „Wirklich, Onkel, ich habe, das muß ich ſagen, von Ihnen viel geduldet; aber es giebt Dinge, die Niemand ertragen kann, und hier muͤſſen wir unſere Ehre in acht nehmen. Wirklich, Sie haben mich und den Major nicht huͤbſch behandelt!“ Die Dame wurde heftiger, der Major aͤngſtlicher. „Beruhige Dich nur, meine Theuere! Ich weiß, der gute Onkel hat nicht die Abſicht gehabt, Dir zu nahe zu treten.— Mit einer Kleinigkeit iſt alles ab— gemacht, mein Trefflicher!“ wendete er ſich an Adam, ihm eine Feder hinreichend.„Wenn Sie ſich bemu⸗ hen wollen, die Zeile in gewöhnlicher Art umzuändern: Major Waddel und ſeine Gemahlin zum Beiſpiel, ſo iſt alles gut!“ „Je, da will ich mir doch lieber den Finger ab⸗ ſchneiden laſſen!“ rief Adam wild.„Wenn ſie nicht als Ihre Frau hingehen will, ſoll ſie keinen Fuß uͤber meine Schwelle in anderer Art hineinſetzen!“ „Nun, liebe Bella, da horſt Du's!“ ſagte der arme Major. „Ja, Major, ich hoͤre es! Aber ich habe zu viel Achtung fuͤr Dich, um mir dies gefallen zu laſſen. Das hieß ja, Dich in den Augen der Welt herab⸗ ſetzen, wenn ich mich mit jeder Bauerfrau in gleiche —————— Linie bringen ließ. Nein, das laß ich mir nicht ge⸗ fallen!“ In ihrer vollen Herrlichkeit zerriß ſie das Papier. Der Onkel ſah aus, als wollte er Feuer und Flam⸗ men ſpeien. Dann aber ſchien er ſie nicht einmal einer Antwort zu achten und ging zur Thuͤr hinaus, indem er ſie zuwarf, daß der Geiſt im Hamlet haͤtte munter werden koͤnnen. „Der alte Herr iſt heute recht grͤmlich!“ be⸗ merkte der Major. „Ich wundere mich nur uͤber Deine Geduld, Major!“ entgegnete die Ehehaͤlfte.„Ich kann mir gar nicht vorſtellen, daß ſich Jemand ſo mit Fuͤßen treten läßt!— Frau! Ich kann's gar nicht aus den Gedanken bringen. Wie hätte er ſich denn aus⸗ druͤcken können, wenn er von unſers Kutſchers Frau geſprochen häͤtte?“ „Das iſt ſehr wahr, mein Liebchen! Das hat mich auch frappirt. Und in politiſcher Hinſicht ver⸗ ſichere ich Dich, daß es Sache jedes angeſehenen Mannes iſt, welcher der Regierung wohlwill und den Beſtand der Dinge zu erhalten, die eingefuͤhrte Rang⸗ ordnung aufrecht zu halten wuͤnſcht!“ „Gerade das mein' ich ja eben⸗ Major! Es iſt durchaus nothwendig, daß der Unterſchied zwiſchen den verſchiedenen Staͤnden bewahrt werde! Frau!— Jeder Bettelmann hat ja eine Frau!“ „Gar kein Zweifel iſt hierbei, meine Theuere. Eine Bettlerfrau iſt doch in der That nicht mehr, nicht 4 weni ten, eino zuf g Lon Ideen feſter jor, „V Acht geich Sie weniger, als die Frau eines Bettlers. In unſern Zei⸗ ten, wo im Volke ſo eine Neigung zu Umtrieben, ſo ein offenbarer Wunſch vorwaltet, die höhern Staͤnde auf gleiche Linie herabzuſetzen, wird es jedem Manne von Rang zur Pflicht, auf ſeine Vorrechte mit eifer⸗ ſuͤchtigem Auge zu wachen!“ „Ich fuͤr meine Perſon gehe gewiß nicht in dieſe Ideen von Freiheit und Gleichheit ein; das iſt mein feſter Entſchluß!“ „Und ich auch nicht, hoſſe ich!“ rief der Ma⸗ jor, von dem Muthe ſeiner Gemahlin fortgeriſſen. „Wahrhaftig nicht, hofſ ich!“ „Wie koͤnnen denn meine Diener mit gehöriger Achtung zu mir heraufblicken, wenn ich mit ihnen auf gleicher Linie ſtehen muß?“ „Du haſt vollkommen recht, meine Treffliche. Sie können nicht!“ „Vollkommen! Eine Frau! Wahrhaftig!“ Fuͤnftes Kapitel. Man ſtreitet in dem Hauſe ſich und ſagt dann: Ich empfehle mich. Quarles, Des eheliche Zweigeſpräch ging eben zu Ende, als Miß Pratt eilig und ſchleunig hereintrippelte. Waͤhrend ſich nämlich in dieſem Zimmer der Sturm mit dem Onkel erhoben hatte, ſprach Madame St. Clair mit Lyndſay uͤber die Bevormundung ihrer Jochter, und dieſe ſelbſt hatte im großen Saale, mit dem Oberſten ganz allein, ſich geſchmeichelt, ein unge⸗ ſtortes vertrauliches Geſpraͤch fuͤhren zu konnen. Doch an den Saal ſtieß ein kleines Cabinet, wo Noten, SZeichnungen, Bilder, Ueberbleibſel aller Arten von Seide, Wolle und kurz ein Mancherlei lag, das die Gräfin noch nicht durchzuſehen Muße gehabt hatte. Miß Pratt kannte keinen groͤßern Genuß, als in den Dingen anderer Leute herumzuſtöbern und zu ſuchen; nicht um etwas geradezu wegzunehmen, allein weil ſie, ihrem Ausdrucke nach, oft auf ein Dingelchen kam, das Niemandem nutzte, aber ihr zu⸗ ſil, Zeit wotin gen. erſue ſie d das konnt Nam nann leſſe zu k verhe aus ſe a ſiten irtli ducht fihre Ihre von i hitte ſen wenn ſch, gende UI 33 ſiel, ſo bald ſie es der Gräſin zeigte. Seit einiger Zeit hatte ſie ſich in eine oſtindiſche Kiſte vertieft, worin eine Menge Reſte von mancherlei Stoffen la⸗ gen. Einige hatte ſie bereits aus geſucht, und ſich erſuchen laſſen, ſie anzunehmen, und eben ſchuͤttelte ſie die Ohren, um das Spinnengewebe loszuwerden, das vielleicht beim Nachſuchen daran gekommen ſeyn konnte, als ſie plötzlich durch den Wiederhall ihres Namens getroffen wurden, den der Oberſt Delmour nannte. Die Gräſin hörte ſie antworten, aber zu leiſe und ſanft, um genau ihre Worte unterſcheiden zu koͤnnen. „Wenn die Pratt Ihnen unangenehm und mir verhaßt iſt, warum ſchicken Sie dieſelbe denn nicht aus dem Hauſe?“ fragte der Oberſt.„So ſehr Sie ſie auch verachten, ſo ſehr kann ſie doch Schaden ſtiften!— Ach, Gertrude!“— Hier ſprach er ſo zärtlich, daß blos unvernehmliche Tone die feſte Thuͤre durchdrangen, welche das Paar von Miß Pratt trennte. Dieſe hatte in ihrem Leben manchen Unfall er⸗ fahren, aber ſo häßlich war's ihr noch nicht gegangen. Ihre Ohren ſpitzten ſich voll Aerger und Wuth, ſo von ihrer Perſon urtheilen zu hoͤren. „Ich wollte, daß Antonius Whyte dies gehoͤrt haͤtte!“ war ihr erſter Gedanke, ob ihr gleich im naͤch⸗ ſten Augenblicke wieder zu ihrer Kränkung beifiel, daß, wenn er es hörte, er nur gelacht haͤtte. Sie bemuͤhte ſich, noch etwas wegzubekommen, wodurch der beleidi⸗ gende Wunſch des Oberſten widerlegt oder genehmigt UI. 3 —.—— S— — 5 wurde; allein„Liebe, Zweifel, Anbetung, Angſt, un⸗ erſchuͤtterliches Herz, ganz mein,“ war alles, was ſie aufſchnappen konnte. Indeſſen ſchon dies blieb zu viel. Das Schwert war auf ſie gefallen— und hatte zwei, vielleicht dreimal getroffen! Man„reſpektirte“ ſie nicht mehr, und das war ihre ſchwache Seite. Ihr Verweilen in einem Hauſe war gefährdet, das ſie ſchon lange als ihr eignes anzuſehen gewohnt war, und die fuͤnf Guineen ſchwebten in der allergroßten Gefahr. Kurz, ſie ſah ſich in der großten Verlegenheit. Das Beſte, was ſie jetzt thun konnte, war gleich: ſich ſelbſt zu beurlauben und zu gehen. „Fortſchicken! Das eigne Blut aus dem Hauſe fortſchicken!“ dachte ſie und ihr Herz tanzte und ſprang bei dem bloßen Gedanken an ſo eine Sache. Aus dem Cabinet fuhrte eine kleine Hintertreppe, und ſo konnte ſie fort, ohne in den Saal gehen und ihren Feinden die Stirne bieten zu muͤſſen. Sie fand nach einigem Suchen den Major und deſſen— Gemahlin, welche ſo eben wieder ins Gleichgewicht gekommen wa⸗ ren. Wenn man einmal erzuͤrnt iſt, gereicht es ſtets zur Freude, Andere in gleicher Stimmung zu finden, beſonders wenn die Urſache als dieſelbe erſcheint. Kein Theil wuͤrde dem andern die Veranlaſſung zu ſeinem Verdruſſe für die ganze Welt verrathen haben, aber beide fuͤhlten jene Art von geheimer Uebereinſtimmung, welche dem Ungluͤcksgenoſſen ein Willkommen zuruft. Miß Pratt hatte zu viel Erfahrung, um ſich zum Beſuch anzubieten, im Wagen einer Freundin mitzu⸗ Nij Luxu Miß ſchne men ſie n und ſii ihrer nun und al bon werd Mar auch liebt mich ahet moh Wo ſit aufn Ein betg fahren, daß ihr dies jetzt gar keine Noth machte. Der Major und deſſen Gemahlin wurden, bei allem ihren Luxus, wenig aufgeſucht. Sie fuͤhlten ſich daher durch Miß Pratts Wunſch ſehr geſchmeichelt und kamen ſchnell uͤberein, daß ſie jetzt mit nach Thornbank kom⸗ men ſollte. Lange aber, verſicherte Miß Pratt, konne ſie nicht bei ihnen bleiben, denn die Ladys Wellwood und Reſtall wuͤrden toll ſeyn, ſobald ſie hörten, daß ſie in die Nachbarſchaft kame, und nicht ruhen, bis ſie ihrer habhaft wären. Kaum war die wichtige Sache ins Reine, als nun gleich die Abreiſe mit allem möglichen Aufſehen und Geräuſch betrieben wurde. Es ſollte ausſehen, als ob ſie von Gott weiß welchem Dinge, nur nicht von dem Oberſten, dem ſtolzen Narren, veranlaßt werde. Klingeln tönten, Bedienten liefen; Lady Betty, Madame St. Clair erfuhr es, und endlich kam ſie auch in den Saal, wo noch die Graͤfin und der Ge⸗ liebte beiſammen waren: „Nun, Gräſin,“ ſchnatterte ſie,„ich komme blos, mich zu entſchuldigen. Es ſchickt ſich freilich nicht; aber Ihre guten Freunde, der Major und deſſen Ge⸗ mahlin, haben mich beredet, ein Plätzchen in ihrem Wagen anzunehmen, und da ich ſo viel Beſuche ſchon ſeit langer Zeit abzuſtatten habe, ſo will ich mich gleich aufmachen! Ach Gott, der Wagen faͤhrt ſchon vor! Ein Fleckchen ſeidnes Zeug hab' ich noch;z ich hab's vergeſſen, Ihnen zuzuſtellen; aber ich bring's mit, wenn ich wieder komme!“ Dieſe letztern Worte 3* ——— 36 ſprach ſie mit einem bitterboſen Blicke auf den Oberſten. „Behalten Sie es nur!“ erwiederte die Graͤfin, etwas verlegen, was ſie ſagen ſollte.„Allein Sie haben ſich ſo ſehr ſchnell entſchloſſen— „Ja, lange Vorbereitungen zu treſſen iſt meine Sache nicht. Viel Abſchied nehmen iſt eine ſchlechte Reiſe! ſagt Antonius Whyte! Der Himmel ſey bei Ihnen, mein Schätzchen, und nehmen Sie ſich in acht,“— dies ſagte ſie mit Nachdruck, wie eine Sy⸗ bille—„nehmen Sie ſich in acht, und wenn Ihnen guter Rath lieb iſt,“ hier fluͤſterte ſie Gertruden ins Ohr—„ſo ſchicken Sie wenigſtens einen Ihrer Liebhaber fort!“ Sie vlickte dabei nach dem Oberſten, der wäh⸗ rend der Zeit mit einer Tabaködoſe beſchaͤftigt war. Dieſe ſpielte einige Arien, die er immerfort toͤnen ließ, als wiſſe er gar nicht, daß die Jungfrau da ſey. Ger⸗ trude ging mit dieſer hinaus, um ihren Gaͤſten die Ehre der Begleitung anzuthun, als Delmour nachrief: „Soll ich in die Ställe gehen und ſehen, wie es darin ausſieht, oder auf Sie hier warten?“ „Ich verſtehe nichts von den Pferdenz das iſt ganzlich Ihre Sache!“ antwortete die Graͤfin fortge⸗ hend, ehe Miß Pratt ein Wort ſinden konnte, ihren Zorn daruͤber zu äußern, daß er nun bereits anfange, ſich in die Wirthſchaft Roßville's zu miſchen. Bald nachher fuhr das Kleeblatt fort und hatte unterweges gegenſeitig viel Unterhaltung, denn jedes hottt Ben und zun ſh zerſt lich. Sit nch No hatte uͤber die Lage der Dinge zu Roßville manche Bemerkungen zu machen. Der Onkel Adam vermißte Miß Pratt bei Tiſche und Madame St. Clair vergaß das zaͤrtliche Lebewohl zu melden, das ſie fuͤr ihn zuruͤckgelaſſen hatte. Lynd⸗ ſay ſchien den Kopf voll zu haben, Gertrude war zerſtreut. Kurz, Adam fuͤhlte ſich nicht mehr behag⸗ lich. Vom Aſtrolog hatte er gerade nur noch zwei Seiten zu leſen, er ſchickte daher in den weißen Bar nach Barnford, daß man ihn am folgenden Tage fruͤh Morgens um ſechs Uhr im Wagen abholen ſolle. Sechstes Kapitel. Was thut ein Weib nicht, welches liebt, Was wäre nicht, das ſie dem Herzen giebt, In welchem alles iſt, was ſie nur liebt! Dryden. Der Saame falſcher Scham war bereits in Gertru⸗ dens Herzen ausgeſtreut! Sie freute ſich im Stillen, daß Onkel Adam fortwolle. Der Abſtand zwiſchen ihm und Delmour war zu groß, eine unuͤberſchreitbare Kluft war zwiſchen beiden, und es that ihr wehe, daß ſie ſich des Onkels wider ihren Willen ſchämen müſſe. „Ich weiß nicht, bei Lyndſays Nähe habe ich dies nicht gefuͤhlt!“ dachte ſie.„Er muß doch nicht ſo feinen Geſchmack haben, als Delmour!“ Mit der ſich ſo ſelbſt gegebenen Antwort zufrieden, drang ſie in den Onkel, nur noch bis zum Fruͤhſtuͤck zu bleiben und in ihrem Wagen heimzufahren. Allein er war in dem, was er ſich vornahm, feſt, wenn es auch im⸗ mer, wie gewoͤhnlich, die groͤßte Unbequemlichkeit mit ſich fuͤhrte. nic tre Fr nie ſ 2 39 „Na, leb' wohl!“ ſagte er mit etwas gutmuͤthi⸗ gem Tone und Blicke.„Du brauchſt doch weiter nichts von mir und alſo nimmſt Du nichts!“ „Nein, guter Onkel, ich brauche nichts!“ er⸗ wiederte Gertrude, zärtlich ſeine Hand ſchuttelnd. „Aber immer werde ich Ihrer Guͤte eingedenk ſeyn, als ich ſie damals nöthig hatte. Könnte ich Sie nur ſo glucklich machen, wie ich— bin Sie laͤchelte und errothete hierbei. Herr Ramſay ſchuͤttelte den Kopf und ließ einen Ton vernehmen, der halb Brummen, halb Seufzen war. „Na, na, wenn's nur lange dauert!“ meinte er.„Aber Thymian und Rauten wachſen beide in einem Garten! Doch mit meinem guten Rathe iſt Dir auch nicht gedient, denn wenn die Leute ſonſt nichts brauchen, horen ſie auf den auch nicht. Alſo — leb' wohl!“ Mit einer Art Händedruck nach ſeiner derben Art trennte er ſich von der Nichte. Es dauerte aber die Freude, ſolche mutterliche Verwandten los zu ſeyn, nicht lange. Am folgenden Tage ſchon gab es allerlei Ge⸗ ſchäfte. Lord Millbank und Alexander kamen als Vormuͤnder. Lange Unterredungen und Verabredungen erfolgten, denen Gertrude meiſtens beiwohnen mußte, ſo langweilig und verdrußlich es ihr und dem Oberſten war. In den Stunden, welche ſie ihm nicht weihen konnte, hatte er blos die Freude, Haus und Felder zu durchſtreifen und koſtbare Entwuͤrfe zu machen, die 40 er ungeduldig ins Werk zu ſetzen ſtrebte. Von Wohl⸗ thätigkeit, von Milde war bei ihm keine Spur. Jeder Gedanke hatte Selbſtgenuß, Pracht und Luxus zum Ziele. Sie allein ſollten ſeine Freude machen. Endlich waren die Geſchafte zum Schluß gekom⸗ men und Gertrude hatte größere Freiheit; denn die Mutter machte zwar manche vergebliche Verſuche, die Leitung der Tochter ganz wieder zu gewinnen, alle Schritte derſelben zu wiſſen. Allein ſie ſah, es ſey umſonſt; ſie muͤſſe die Zuͤgel mit loſerer Hand fuh— ren; die Graͤfin könnte ſonſt verſuchen, ſie ganz abzu⸗ werfen. Nur Lyndſay war noch von allen Gaͤſten allein da und ſchien nicht im Stande zu ſeyn, ſie ganz der Leitung des Oberſten zu uͤberlaſſen. Er wußte, daß ein Herz ſich keinem Weſen lange und ausſchließlich weihen kann, mit dem es nicht einige Verwandtſchaft hat, und bitterlich ſchmerzte es ihn, wenn er dachte, wie Gertrude, noch jetzt bei allen Fehlern ſo rein, ſo edel, ſo großherzig, ſo liebenswuͤrdig, allmählig herab⸗ gewuͤrdigt, verdorben werden muͤſſe, da ſie mit einem ſo niedrigen Genoſſen verkehre. Welch ein ganz an⸗ deres Weſen mußte ſie unter anderer Leitung werden; ſie, die ſo leicht zu leiten war, wenn ihr Liebe den Weg zeigte! Welche Wonne, welch Gluͤck fuͤr ſie und Andere entkeimte dann hier!— Doch irregeleitet, nutzlos, verderblich konnte dies alles unter ſolchem Fuͤhrer werden! Lyndſay, ſich ſelbſt nicht mehr ähnlich, wurde — ——— ſchwe ſollte ihm Eiſte und aus den I0e beſſe zwiſ Si Sie chen Per gene antn vorſ rech der ihn enth Hi don che geſ 41 ſchwankend, unentſchloſſen bei der Rolle, die er ſpielen ſollte. Mit jedem Tage ſchien die Spannung zwiſchen ihm und dem Oberſten zuzunehmen. Indeſſen der Erſtere erſchien ſo ſanft und ruhig, ſo frei von Zorn und Bitterkeit, daß ein Dritter ihr Verhältniß nur aus jenem unterdruͤckten Widerwillen errathen hätte, den der Oberſt gelegentlich aͤußerte. „Wie geht's nur,“ fragte Lady Roßville eines Tages ihren Geliebten,„daß Sie und Eduard nicht beſſere Freunde ſind? Hat denn ein Mißverſtaͤndniß zwiſchen Ihnen beiden ſtatt gefunden, denn ſonſt ſind Sie doch nicht ſtets auf dem Fuße geweſen, als ich Sie kennen lernte? Sie gingen, ritten, ſchoſſen, ſpra⸗ chen mit einander. Jetzt ſcheinen Sie ſorgfaͤltig allen Verkehr mit ihm zu meiden. Mir iſt es ſehr unan⸗ genehm, dies zu ſehen!“ „Und doch ſind Sie allein die Urſache davon!“ antwortete Delmour heftig.„Wie koͤnnen Sie ſich vorſtellen, daß ich einen Mann anzuſehen vermag, der recht gut weiß, in welchem Verhaͤltniſſe wir ſtehen, der aber demohngeachtet Sie zu lieben wagt, weil Sie ihn dazu ermuthigten, und in dieſem Augenblicke Plane entwirft, mich in Ihrem Herzen zu untergraben? Beim Himmel, ich glaube, daß ich zu nachſichtig bin!“ „Lyndſay ſoll mich lieben? Welch ein Ge⸗ danke!“ rief die Gräfin aus. Doch in dem naͤmli⸗ chen Augenblicke beſtuͤrmte eine ganze Reihe halb ver— geſſener, halb begriffener Gedanken ihren Kopf und trieb die Scham auf ihre Wange. Dem Oberſten entging es nicht. „Ja,“ fuhr er fort,„er liebt Sie nach ſeiner kaltbluͤtigen, pietiſtiſchen Weiſe; nicht, wie ich Sie bis zum Wahnſinn, als eine Göttin, anbete. Sein Leben, ſein Geiſt ſind, wie bei mir, mit Ihnen ſelbſt eins geworden. Aber dennoch moͤchte er mich nur gar zu gern verdraͤngen!“ „Dann muß ſeine Liebe in der That von der Ihrigen ganz verſchieden ſeyn!“ verſicherte Gertrude und ſuchte des Oberſten Hitze ſcherzend zu bekämpfen. „Kaum hat er mir je eine Artigkeit geſagt. Eine Schmeichelei von ihm herauszubringen hab' ich mehr⸗ mals verſucht, aber nie iſt es mir gelungen. O, ſeyn Sie nicht ſo boͤſe, Delmour. Wenn Lyndſay auch nicht ſchmeichelt— ſolche gerunzelte Stirn zeigt er ie Doch die Wolke auf des Geliebten Stirn wurde durch dieſe Bemerkung nicht zerſtreut. Er biß im Gegentheil die Lippen zuſammen, als wolle er den Zorn unterdruͤcken. Endlich äußerte er mit gepreßtem Tone:„Geſchmeichelt hab' ich Ihnen nie, wenn Sie unter Schmeichelei nichts als Unwahrheit verſte⸗ hen; wohl aber ſchmeichelte ich mir, daß Sie uͤber die niedrigen Kunſtgriſſe erhaben ſind, durch welche ſo manche Weiber ihren Werth zu erhoͤhen ſuchen. Sie waͤren fuͤr Coquetterie zu groß, Gertrude, glaubte ich. Allein ich ſehe, daß Sie die Huldigungen eines Man⸗ nes beguͤnſtigen, der Sie vor den Augen deſſen zu lirben ne, Künn zwung Sie 0 fin u freun Gido Her ſonſt mer ſchaft ſiegt. nen Sie wild len jur zuk was huf 43 lieben wagt, dem Sie Ihr Wort gaben; eines Man⸗ nes, von dem Sie wiſſen, daß er mein Feind ſey. Koͤnnen Sie ſich nun wundern, daß ich manchmal ge⸗ zwungen bin, ihn zu haſſen, beinahe zu zweifeln, ob Sie mich auch wahrhaft lieben?“ „Das iſt ungerecht, unfreundlich!“ rief die Graͤ⸗ fin und drehte ſich voll Verdruß weg. „Nein, Gertrude, Sie ſind ungerecht und un⸗ freundlich. Mein Herz gehoͤrt Ihnen ganz. Jeder Gedanke und Wunſch geht nur auf Sie. Aber Ihr Herz muß mir ganz und ungetheilt dafuͤr werden, ſonſt iſt meine Liebe nicht zufrieden geſtellt!“ Gertrude ſagte kein Wort, der Oberſt wurde im⸗ mer heftiger. „Ich ſehe, wie die Sache ſteht!“ rief er leiden⸗ ſchaftlich.„Seine liſtigen Zufluͤſterungen haben ge⸗ ſiegt. Aber— er ſoll mir dafuͤr Rede ſtehen!“ Gertrude legte die Hand auf ſeinen Arm. Thrä⸗ nen entfielen ihren Augen. „Ach, Delmour, wenn Sie mich liebten, wie Sie vorgeben, warum kraͤnken Sie mich ſo? Ich wuͤrde die Welt nicht nehmen, Sie mit meinem Wil⸗ len ſo zu betruͤben!“ „Und doch thun Sie's! Sie quälen mich bis zur Verzweiflung und tadeln mich, wenn ich daruͤber zu klagen wage!“ „Sagen Sie mir, was Sie wollen, da alles, was ich Ihretwegen that und duldete, zu nichts half?“ ———————— „Was ich von Ihnen fordere, iſt, daß Sie min⸗ deſtens nicht von mir verlangen: ich ſoll der Buſen⸗ freund eines Mannes werden, der mir Ihre Liebe zu rauben ſucht.— Ich kann nicht der Freund eines Heuchlers ſeyn!“ „Eduard ein Heuchler?— O, Delmour, wie 8 irre fuͤhrt Sie die Leidenſchaft!— Er iſt die Wahrheit und Offenheit ſelbſt! Das iſt er wahrlich!— Wenn ich auf einige Monäte fruͤher zurckblicke und an die Sweifel denke, die ich damals uͤber Ihre Treue und Standhaftigkeit hegen mußte— wenn bisweilen meine eigne beinahe durch ſolche Sweifel erſchuͤttert wurde: o, da hätte Lyndſay, wäre er, wofuͤr Sie ihn halten, geſucht, ſich bei mir in Gunſt zu ſetzen. Und vielleicht — ich weiß es nicht, ich kann es nicht ſagen— hätte er bei mir Eindruck gemacht. Aber in der That, er verſuchte dies nicht, er ſprach nie im Tone der Liebe zu mir. Als Freund bewies er ſich jedoch bei jeder Gelegenheit, und als ſolchen muß ich ihn immer be⸗ trachten. Verbittern Sie mir meinen Frieden nicht durch ſolche thorige Eiferſucht. Die Zeit iſt vorbei,“ — ſie laͤchelte hierbei—„wenn Lyndſay jetzt daran denken will, mich zu lieben!“ „Und doch liebt er Sie. Ich leſe es in der Beſtuͤrzung, welche er bei meiner Ankunft verrieth. Er vermuthete, daß ſein Plan ſcheitern konntez er wußte, daß ich alle heimlichen Wege verabſcheue, daß ich ge⸗ radezu gehe und die Sache zur Entſcheidung bringe. Das iſt geſchehen. Sie haben mir verſprochen, mein u ſiy doch kännte dn a undil welche ih der ich de Pfod Lorzu laſſen Ihret auſor der u woht trude, dies 5 ſite ſir i wie ſhſt icht tacht il⸗ zu es be der ein 45 zu ſeyn. Er weiß es, daß Sie es verſprachen, und doch möͤchte er mich gern uͤberfluͤgeln, wenn er nur koͤnnte. Iſt es aber recht von Ihnen, daß Sie, von dem allen unterrichtet, ſo ihn aufzumuntern fortfahren und ihm Ihre Aufmerkſamkeit ſchenken?“ „Was kann ich aber thun?“ fragte Gertrude, welche allmaͤhlig des Geliebten Heftigkeit nachgab und in der That glaubte, unrecht zu thun.„Was ſoll ich denn, Ihrem Wunſche zufolge, thun? „Mir kommt es nicht zu, Gertrude, Ihnen den Pfad, wie Sie Ihr Benehmen einzurichten haben, vorzuſchreiben. Ich will Ihnen dies Geſchaͤft uͤber⸗ laſſen. Wollte Gott, daß ich Ihnen— waͤr' es nur moͤglich geweſen!— alles verborgen haͤtte, was ich Ihretwegen geduldet habe! Aber wenn Sie mich auffordern, einen Mann als Freund zu betrachten, der trotz unſerer gegenſeitigen Geluͤbde Sie zu lieben wagt—“ „O, das iſt bloße Einbildung!“ „Nein!— Ich ſpreche aus Ueberzeugung! Ger⸗ trude, es iſt unmöglich, daß Sie ſo blind ſeyn und dies nicht geſehen haben koͤnnen!“ „Ich wollte, daß ich blind und taub fuͤr die ſtreitenden Elemente geweſen waͤre, die meinen Frieden fuͤr immer zu behelligen drohen! Ach, wie gluͤcklich, wie ganz gluͤcklich könnte ich ſeyn, waͤren die Leiden⸗ ſchaften und Vorurtheile Anderer nicht! Muͤßte ich nicht zu meinem Grame alle, die ich liebe, in Zwie⸗ tracht ſehen! Wenn dies nothwendige Begleiter des 46 Reichthums und der Größe ſind: o, wie gern wollte ich dieſe dann fuͤr ſtille Ruhe und gegenſeitiges Ver⸗ trauen umtauſchen!“ Die Thraͤnen entfielen ihren Augen, als ſie das Kopfchen in die Hand legte. „Gertrude— theuerſtes, geliebtes Maͤdchen, ver⸗ geben Sie mir, daß ich Sie ſo gekränkt habe! Waͤ⸗ ren Sie mein— dann wuͤrden alle dieſe Zweifel ſchwinden. Aber noch ſteht es in der Macht der Bos⸗ heit, der Tuͤcke, uns zu trennen. Koͤnnen Sie ſich wundern, daß es Ihrer ganzen Liebe bedarf, den Auf⸗ ruhr meines Herzens zu ſtillen? Nennen Sie ihn Verdacht— Eiferſucht, wie Sie wollen; bis Sie einſt mein ſind wird Ihre Vorliebe fuͤr Lyndſay immer die Qual meines Lebens ſeyn!“ „Und ich ſoll alſo ungerecht, undankbar gegen den Mann ſeyn, dem ich ſo viel ſchuldig bin! Ach, Delmour! Um welchen Preis muß ich Sie zufrieden⸗ ſtellen!“ Vo geher het n gemei offene ihten genhe die welch Rwil gene las u mit Stoe ander ware 47 Siebentes Kapitel. Erkenne deine Schwächen, deine Fehler. Du, du allein biſt's, der jetzt anders iſt! Prior. Von dem Augenblicke an war Gertrudens Benehmen gegen ihren Vetter ganz anders. Statt ihn wie bis⸗ her mit ſuͤßem Laͤcheln zu bewillkommnen, wendete ſie gemeiniglich das Auge von ihm weg, und gegen das offene, vertrauliche, unbeſorgte Weſen, das bis dahin ihren Umgang bezeichnete, kam Zwang und Verle⸗ genheit. Lyndſay fuͤhlte die Veranderung und war uͤber die Veranlaſſung dazu nicht in Zweifel. Die Buͤcher, welche ſie mit einander geleſen, die Lieder, welche ſie gewoͤhnlich zuſammen geſungen hatten, wurden nun ge⸗ gen andere, von des Oberſten Wahl, vertauſcht. Sie las und ſang mit dieſem und blos mit dieſem. Alle mit Lyndſay beſprochene Entwuͤrfe kamen nun ins Stocken oder wurden uͤber den Haufen geworfen, weil andere, von ganz entgegengeſetzter Ratur angenommen waren. —————— —————— 48 „Wollen Sie heute mit mir ſpazieren gehen?“ fragte Lyndſay eines Morgens Gertruden, als er ſie zufullig allein fand.„Sie haben ſo lange nicht das Schulhaus geſehen. Sollte es Ihnen denn nicht Freude machen, es einmal in Augenſchein zu nehmen, um zu wiſſen, wie weit es ſeit unſerm letzten Dortſeyn ge⸗ diehen iſt?“ „Ja, ich moͤchte es wohl gern ſehen; aber der Phaeton und die Pferde des Oberſten ſind fuͤr mich bereits da, und ich verſprach mit ihm auszufahren.“ „Nun, Sie nehmen vielleicht den Weg dahin und ich kann da mit Ihnen dort zuſammenkommen?“ „Dies wird ſchwerlich ſeyn, fuͤrchte ich!“— Nach einer Pauſe ſetzte ſie hinzu:„Ich denke, Sie werden mich am Ende fur verſchwenderiſch halten, weil Sie ſagen, daß ich nicht viel Geld zu unnuͤtzer Aus⸗ gabe habe. Aber ich und der Oberſt entdeckten letzt⸗ hin ein ſo liebliches Plätzſchen am Ufer des Fluſſes, gerade da oberhalb des Waſſerfalls, den Sie kennen! Ein kleines Paradies! Gleich traf uns beide der Ge⸗ danke, dort ein Meierhoͤfchen anzulegen; ſo blos im Kleinen; eine Art Liliputlandwirthſchaft! Mit einem Blumengaͤrtchen und allen ſolchen laͤndlichen Dingen. Blumen ſind, wie Sie wiſſen, meine Leidenſchaft. Wir haben verabredet, mit einigen Arbeitern heute dort zu ſprechen, ein Bischen herumzugehen— aber, ich fuͤrchte, daß Sie am Ende denken— 4 Bei allem ihren Laͤcheln ſuchte Gertrude nur die Verwirrung zu verbergen. zu fü Wor Furc ſagte iſt e chen weni heut laſſ ſo wied y, mich nicht Rie Si nur theue und chwi win II ute Nt, die 49 „Sie ſind ja ſonſt nicht gewohnt, ſich vor mir zu fuͤrchten!“ fiel Lyndſay ſanft, aber ernſt ihr ins Wort.„Was habe ich denn gethan, daß ich ſolche Furcht einfloße?“ „Sie wiſſen, daß Sie jetzt mein Vormund ſind!“ ſagte Gertrude mit erkuͤnſtelter Heiterkeit.„Folglich iſt es meine Schuldigkeit, mich vor Ihnen ein Bis⸗ chen zu fuͤrchten, beſonders wenn ich weiß, daß ich ein wenig ſcheel angeſehen zu werden verdiene!“ „Schon! Sie ſollen von Ihrer Furcht noch heute befreit werden. Ich werde Sie heute noch ver⸗ laſſen!“ „O, theuerer Vetter, ich ſprach blos im Scherze ſo!“ rief Gertrude, alle Behutſamkeit vergeſſend und wieder in ihrer gewohnlichen Art auftretend. „Nicht ganz thaten Sie das!“ erwiederte Lynd⸗ ſay, ſchwermuͤthig laͤchelnd.„Doch— Sie mogen mich fuͤrchten oder nicht: ich fuͤhle, daß Sie mich nicht länger als Ihren Freund betrachten können!“ „Wahrlich, Sie thun mir unrecht!“ verſicherte die Gräfin ſehr beſturzt.„Nie kann ich aufhören, Sie fuͤr meinen Freund zu halten. Ach, wenn Sie nur auch der Freund derer ſeyn wollten, die mir theuer ſind!“ „Das iſt nicht moglich!“ behauptete Lyndſay und eine fluͤchtige Röthe uͤberzog ſeine Wange. Er ſchwieg einen Augenblick. Ruhiger ſetzte er hinzu: „Ich weiß, daß ich keines Menſchen Feind bin. Ich wuͤnſche allen Menſchen Gutes. In ſofern darf ich III. 4 ————.— 50 mich den Freund aller Menſchen nennen. Allein wei⸗ ter kann ich mit Einigen nicht gehen!“ Lady Roßville ward feuerroth und konnte kein Wort ſagen. Doch Vlick und Miene zeigten, daß ſie offenbar erzuͤrnt war. „Sie haben Mißtrauen gegen mich! Das iſt ſchlimmer, als wenn Sie Furcht vor mir hegten!“ brach er nach einer kleinen Pauſe das Schweigen. „Ich bin vielleicht gegen Jedermann zu wenig mißtrauiſch. Es liegt nicht in meiner Natur, Boͤſes zu vermuthen, und es wird wohl auch nie meine Sache werden. Sicherlich giebt es wohl andere Merk⸗ male, an denen wir die, welche uns lieben, entdecken koͤnnen, ohne daß fie erſt ein gemeines Mißtrauen zu geben noͤthig hat.“ „O ja, da iſt gleich eines!“ ſagte Lyndſay und nahm aus einer Menge franzöſiſcher Romane vom Tiſche vor dem Sopha ein Buch heraus, das er vor Delmours Ankunft vorgeleſen hatte. Seitdem lag es vergeſſen da.„Hier finden Sie ein Gemaͤlde der wahren, treuen Liebe. Wer dieſes genau ins Auge faßt, wird bald die wahre von der falſchen unterſchei⸗ den koͤnnen!“ Er las eine Schilderung der tugendhaften Liebe mit einer Ruͤhrung vor, welche wohl zeigte, wie tief er ergriffen ſey: „Wir duͤrfen hier nur bemerken, daß keine Liebe gluͤhender und doch minder vergötternd war, als die ſeinige!“— Das Buch ſchilderte den Oberſten Hut⸗ chin Lhe bung furde Reli ſich mek um ſiren duti tun W ord ihre Mir bluc llick en. folh wul gen gel ſe woll Nen im der ge ei⸗ ebe ief ebe die ut⸗ chinſon.—„Er liebte ſeine Geliebte mehr, als ſein Leben; mit unausſprechlicher Zärtlichkeit und Hinge⸗ bung achtete er ſie zugleich im hoͤchſten, vollen Dank fordernden Grade. Aber demohnerachtet galt ihm Ehre, Religion und Pflicht noch mehr, als ſie. Nie ließ er ſich blenden, Unvollkommenheiten der Geliebten unbe⸗ merkt zu laſſen. Nachſichtig aber dagegen, wurde dar⸗ um ſeine Liebe und Achtung nicht gemindert. Nur ſtrengte er ſich deſto mehr an, alle ſolche Flecken zu vertilgen, wodurch ſie der ihr von ihm gezollten Ach⸗ tung minder werth erſcheinen konnte.“ Er legte das Buch hin. Die Graͤfin ſagte kein Wort dazu. Sie beſchaͤftigte ſich einige Blumen zu ordnen, die man ihr gebracht hatte, und ſchien ihnen ihre ganze Aufmerkſamkeit zu widmen. Nach einigen Minuten, waͤhrend welcher Lyndſay ſie nicht zu unter⸗ brechen ſuchte, hoͤrte ſie einen Wagen rollen. Sie blickte auf und ſah den Phaeton vom Oberſten vorfah⸗ ren. Vier ſchone Pferde zogen ihn. Zwei Reitknechte folgten, nicht minder ſchoͤn beritten. Stolz und Freude wurden in ihrem Herzen rege, als der glaͤnzende Wa⸗ gen den Fenſtern gegenuͤber ſtand. Sie riß den Fluͤ⸗ gel auf und jauchzte wie ein Kind. Der Oberſt rief ſie an: ob ſie fertig ſey.„Ja!“ antwortete ſie und wollte hinaus, als Lyndſay ſie aufhielt: „So ſcheiden wir denn auf ſolche Art, nach alle den frohen Tagen, die wir zuſammen verlebt haben?“ Die Graͤfin ſah ihn an:„Sie denken doch nicht im Ernſte daran, uns heute zu verlaſſen?“ 4* 52 „Allerdings!“ „Ach, bleiben Sie doch mindeſtens bis morgen! Es iſt ja eine ſonderbare Eile! Ich bitte; bis mor⸗ gen noch!“ „O) ich wuͤrde Ihnen viele Tage widmen, wenn ich Ihnen nuͤtzlich ſeyn koͤnnte. Aber— dies kann ich nicht!— Seyn Sie nicht böſe, wenn ich Ihnen Verdruß machte, theuere Baſe. Leben Sie wohl. Gott ſegne Sie!“ Gertrudens Herz ſchwoll. Thränen drangen in ihr Auge, als ſie den zärtlichen Druck der Hand des Vetters erwiederte. Doch ſie beherrſchte ihre Gefuͤhle. „Sie kommen doch bald wieder?“ fragte ſie. Lyndſay antwortete nichts, und— ſie trenn⸗ ten ſich. „Ich fuͤrchte, ich habe nicht ſo gehandelt, wie“ ich ſollte!“ dachte Gertrude bei ſich. Doch im näch⸗ ſten Augenblick war der Gedanke hin und ſie ſaß ne⸗ ben dem Geliebten im Wagen. Der letztere war köſt⸗ lich, der Tag ſchoön. Alles athmete Freude und Hei⸗ terkeit. Der Oberſt war entzuͤckender, als gewoͤhnlich und— Lyndſay vergeſſen! ———— E blae Obe 65 Pfe gin ſual Klei auch dem hn Nn den dilt ſin, den he Achtes Kapitel. Der Schwur, immer zu lieben oder nie zu lieben, ſcheint mir doch ein wenig albern. Voltaire. Es gingen mehrere Tage in dieſer Art hin. Jeder brachte einen Plan zu nutzloſer Verſchwendung. Der Oberſt entwarf ihn und die Gräfin fuͤhrte ihn aus. Es mußten neue Ställe fuͤr die groͤßere Menge von Pferden gebaut werden, welche der Oberſt fuͤr unum⸗ gaͤnglich nothwendig erklärte. Der vorhandene Billiard⸗ ſaal war nicht paſſend. Ein neuer konnte nur eine Kleinigkeit koſten. Ein gutes Muſikzimmer fand ſich auch nicht vor, und ohne ein Privattheater war's auf dem Lande nicht auszuhalten. Die jetzige Bibliothek konnte in eine Orangerie und der Wieſenteppich längs dem Fluſſe in einen italieniſchen Garten mit häͤngen— den Terraſſen und marmornen Springbrunnen verwan⸗ delt werden. Er entwarf eine Zeichnung vom Gan⸗ zen, ſo ſchoͤn, daß die Graͤfin ganz entzuͤckt war. Madame St. Clair ſah dies alles mit ganz an⸗ dern Augen an. Allein ſie fuͤhlte, daß der Oberſt bei ihrer Tochter unbeſchränktes Uebergewicht hatte. Sie fürchtete, es konne bei beiden zum Aeußerſten und die Tochter ganz in ſeine Gewalt kommen; ſich von ihm bereden laſſen, ihm trotz dem Verſprechen, daß es jetzt nicht geſchehen ſolle, die Hand zu geben. Sie hatte beiden bemerklich gemacht, wie unſchicklich bei der jetzi⸗ gen Lage der Dinge des Oberſten Aufenthalt im Schloſſe ſey. Aber ihre Worte brachten keinen Er⸗ folg hervor. Als ſie ſah, daß ſie ihn nicht entfernen konnte, entſchloß ſie ſich, die Graͤfin nach London zu fuͤhren. Es ſchien ihr das beſte Mittel, der Tochter den Oberſten aus dem Sinne zu bringen. Lyndſays Worte fielen ihr ein:„Laſſen Sie dieſelbe andere Männer ſehen, die nicht minder anziehend ſind, als er!“ Sie dachte, daß eine Umaͤnderung in Gertru⸗ dens Gefuͤhlen nichts Unmögliches ſey. Zum minde⸗ ſten war es wahrſcheinlicher, daß dies mitten unter den neuen, mannigfaltigen Reizen der Hauptſtadt, als in der romantiſchen Abgeſchiedenheit von Roßville ſtatt ſinden konne. Den Liebenden erregte dieſer Entſchluß ungemei⸗ nen Kummer. Gertrudens junges, feuriges Herz glaubte alle Seligkeit auf dem Punkte vereint, der ſie und den Abgott ihrer Zärtlichkeit trug. Die unbelebten Gegenſtnde der Ratur: Wald, Felſen, Waſſer, ſind an ſich nichts. Aber von Phantaſie und Erinnerung belebt, bekommen ſie maͤchtigen Einfluß auf unſer Herz. Jeder Schritt ins Freie war mit ſuͤßen Gefühlen ver⸗ bunden. In Roßville hatte ihr Herz die mächtigſte Aufregung, bald Freude, bald Trauer gefunden, und jedet mit ſch hing Lorb Jeht heit Rau Sie Sp ent ges he den eig chr wu ſhe nic Ge un d Lie bie 6 jeder Baum, das Ufer, die Blumen ſelbſt, ſchienen mit ihrem Daſeyn verflochten. Wenn das Herz ſich ausſchließlich mit einem Gegenſtande beſchaͤftigt, haͤngt es feſt und zärtlich an allem, was mit dieſem verbunden iſt. „Ach, Mama,“ ſeufzte ſie,„das iſt ja traurig! Jetzt Roßville zu verlaſſen, wo alles in voller Schoͤn⸗ heit aufbluͤhen will! Sich zwiſchen Steine und Kalk, Rauch und Staub von London einzumauern! Sehen Sie doch dieſe Mandelbäume und dort die Pappeln!“ Doch die Mutter brachte ihre Geſundheit ins Spiel.„Dieſe erfordere veränderte Luft, andern Auf⸗ enthalt, Berathung mit den Londoner Aerzten.“ Da⸗ gegen konnte die Tochter nichts ſagen. Der Oberſt nahm an Gertrudens Verdruß An⸗ cheil, obſchon ſein Aerger aus anderer Quelle entſprang, denn ſein Herz war zu ſehr der Welt, dem Glanze ergeben, um an den einfachen, reinen Freuden Ge⸗ ſchmack zu ſinden, welche ſie ſo ergötzten. Aber er wußte, welche Bewunderung Gertrude bei ihrem Er— ſcheinen in London rege machen wuͤrde. Es war ihm nicht gelegen, daß ſie hier aufträte, bevor ſie ſeine Gattin war. Er hatte zwar zu viet Achtung fuͤr ſich und ſie, um einen Nebenbuhler zu fuͤrchten. Doch das Geraͤuſch der Welt konnte nicht die wachſende Liebe fördern. Es gab ſo viel neue Gegenſtände, ſo vielerlei Freuden, ſo vielen Glanz und Flitter und Geraͤuſch, daß ihre Aufmerkſamkeit nothwendig hinge⸗ zogen und jene ausſchließliche Neigung geſchwächt werden — — 56 mit welcher ſie ihm zugethan war. Selbſtſuͤchtig und anmaßend, wie er dachte, fuͤhlte er ſich zuruckgeſetzt, wo er weniger angebetet wurde. Doch indem er murrte und klagte, hoͤrte Ger⸗ trude nur denſelben zaͤrtlichen Schmerz, der ihr eignes Herz uͤber und uͤber fuͤllte, und gerade wegen dieſer Uebereinſtimmung mit ihren Gefuͤhlen liebte ſie ihn um deſto mehr. Der Tag vor der Abreiſe war der Gräfin Wiegenfeſt, allein ſie wollte nichts von der Feier deſſelben wiſſen. „Heut uͤber zwei Jahre,“ ſagte ſie,„ſoll es groß und prächtig hergehen, wenn Sie wollen!, „Soll denn aber dieſer Tag gleich den gewohn⸗ lichen Stunden voruͤberſchleichen?“ redete Delmour darin.„Soll ihn kein einziges Zeichen von andern Tagen unterſcheiden? O, daß ich ſo arm bin, Ihnen nicht das geringſte Andenken zu Füßen legen zu können!“ „Ich will Sie nicht ſo unbarmherzig heimſuchen, wie die Maͤdchen ihre Liebhaber in der alten Zeit; ich will weder eines Drachen Panzer, noch den Kopf einer Hyder, weder ein Glas des ſingenden Waſſers, noch einen Zweig des redenden Baumes. Bringen Sie mir blos eine Roſe in voller Pracht aus dem Gewächshauſe, und ſie ſoll heute meine Freude ſeyn.“ Der Oberſt gehorchte. Lady Roßville zog einen koſtbaren, ſchönen Brillantring vom Finger, den der verſtorbene Graf getragen hatte. „Solche Dinge ſind blos gewöhnliche, hundert⸗ mol w der Ki widche hingieb witd d Sie ſo mi ame haben! ſolte, an ſe ſtecke ihr e bracht len ih ſicht liche ein u S5 „iſt ſe v de g ſiche mein mal wiederholte Erinnerungen der alten Geſchichte, von der Königin Eliſabeth und Graf Eſſex bis zum Milch⸗ mädchen, das den Ring mit:„Da haſt du mich!“ hingiebt!“ erinnerte Gertrude laͤchelnd.„Allein es wird dadurch doch dieſer Tag bezeichnet. Und ſollten Sie einmal widerſpenſtig oder ich Tyrannin werden, ſo muͤſſen Sie mir eine treuere Botin ſenden, als der arme Eſſex. Weiter will ich damit nichts geſagt haben!“ „Wehe der Hand, die ihn zu tragen verſuchen ſollte, ſo lange ich lebe!“ rief der Oberſt, ihn erſt an ſeine Lippen druͤckend und dann an den Finger ſteckend. Als die Graͤfin bei Tiſche erſchien, war die Roſe ihr einziger Schmuck, doch die Hitze in der Stube brachte ſie bald zum vollen Aufbluͤhen, und ſchnell ſie⸗ len ihre Blaͤtter herab. „Es iſt ein Gluͤck, daß mich meine Waͤrterin nicht abergläubiſch gemacht hat!“ erinnerte Gertrude lächelnd und leiſe zu Delmour.„Sonſt wuͤrde ich ein ungluͤckliches Vorzeichen darin erblicken!“ „Das ganze Wunder,“ erwiederte der Oberſt, „iſt blos, wie die Roſe ſchnell vor Neid umkam, weil ſie von Ihnen uͤberſtrahlt wurde, oder Ihr Gäaͤrtner die Blumen zu ſchnell treibt!“ „Das letztere mag wohl die Urſache ſeyn!“ ver⸗ ſicherte auch die Graͤfin lachend.„Doch bleibt es mein eigner Fehler. Ich habe immer nicht Geduld genug, eine Sache gehorig reif werden zu laſſen. Alles ſoll mit einemmale in voller Bluͤthe ſtehen!“ „Da haſt Du wahr geſprochen!“ verſicherte die Mutter, als ſie die letzten Worte aufſaßte, mit Nach⸗ druck.„Die Kunſt ſcheint Dir jetzt alles zu ſeyn. Es iſt gut, daß Du Deine Fehler einzuſehen beginnſt. Der Oberſt biß ſich in die Lippen und der Grä⸗ fin ſtieg das Blut in die Wange. Sie fuͤhlte ſich getroffen und buͤckte ſich, einige der heruntergefallenen Blaͤtter aufzuheben. 59 Neuntes Kapitel. ein Weſen nach der Mode hat keinen Werth, keine Schön⸗ heit, als die von einer flüchtigen Laune abhängen, und dieſe entſteht und vergeht im nämlichen Augenblick. Heut wird es aufgeſucht; die Frauen ſchmücken ſich darnach. Morgen vergißt man ſein und überläßt es dem Pöbel. La Bruyere. Die Abreiſe der Lady Roßville aus dem Hauſe ihrer Ahnen machte die Klagen und Seufzer der Armen rege. Zwar hatte ihre Aufmerkſamkeit gegen ſie et⸗ was nachgelaſſen, ſeitdem der Oberſt da war. Doch unter Lyndſays Leitung war genug geſchehen, ſich bei ihnen vollkommen beliebt zu machen. Die mancherlei Werke, welche angefangen waren, um mit allem Auf⸗ wand die eignen Wuͤnſche zu befriedigen, trugen vor⸗ jetzt zu dieſer Neigung der Armen gleichfalls bei. Sie ſelbſt ſchmeichelte ſich, daß ſie immer noch von Wohl⸗ thaͤtigkeit und Menſchenliebe beſtimmt wuͤrde, obſchon beide unter der Leitung des Geliebten eine ganz andere Richtung genommen hatten, als ſie unter der Bera⸗ thung ihres Vetters zeigten. —— — — ——— —————— 60 Ihren Tanten und der Baſe Anna ſandte ſie mehr glänzende, als brauchbare Geſchenke. Sie gab Befehl, daß den erſtern immerfort die ausgeſuchteſten Fruchte und Blumen von Roßville zugeſchickt wuͤrden. Abzu⸗ reiſen, ohne Lyndſay ein kleines Andenken, einen klei⸗ nen Beweis von Dankbarkeit fuͤr ſeine edle Berathung, ſeine Muͤhe, Freundſchaft und ihr geopferte Zeit zu uͤbermachen— mochte auch alles ſehr ſchlecht benutzt worden ſeyn— war ihr ganz zuwider. Aber ſie fuͤrch⸗ tete, davon etwas gegen den Oberſten Delmour laut werden zu laſſen, wohl wiſſend, wie ſeine eiferſuchtige Hitze erwachen koͤnne. Endlich fiel ihr bei, ihm ein Gemaͤlde von ſeiner Mutter zu ſenden, das unter allen Familienbildern fuͤr vorzuͤglich ſchoͤn galt und bewundert wurde. Dieſe prangte, als ſie ſaß, in allem Reize der Schoͤnheit, und der Kuͤnſtler, der ſie malte, war auf der hoͤchſten Stufe ſeines Ruhms. Das Bild hatte daher als Portrait und als Kunſtwerk gleichen Werth. „In dieſen ſchwarzen Augen iſt ein Ausdruck des Schmerzes, ein Lächeln, etwas von ſeinem mißbilligen— den Blicke!“ dachte Gertrude und ſeufzte dabei, als ſie es noch einmal genau anſah. Ihr Herz ſagte, daß er wohl Urſache habe, ſie zu tadeln!. Sie ſchrieb ein Paar Zeilen. Das Gemälde ſollte eingepackt und mit ihnen fortgeſchickt werden, ſobald ſie abgereiſt ſeyen. Alles war in Ordnung. Sie ſagte Roßville Lebewohl; aber Thraͤnen fuͤllten ihre Augen, als ſie die knospenden Bäume und die nfte zen ſi Erlaul dülftn gegebe darein fame und, wat e ter 1 Dieſ welch natür fillge Lben lald ſen ſ Stun ir d Lerahl fulen ſie ha zu er und laute ſch e ſ ſanften Quellen im Strahle der Fruͤhlingsſonne glaͤn⸗ zen ſah. Madame St. Clair hatte dem Oberſten feſt die Erlaubniß verweigert, ſie nach London begleiten zu duͤrfen und Gertrude in dieſem Punkte der Mutter nach⸗ gegeben. Mit dem groͤßten Unwillen mußte er ſich darein fuͤgen. Da er indeſſen ſchneller zu reiſen pflegte, kam er um einige Tage fruͤher in der Hauptſtadt an und, von Gertruden benachrichtigt, wie nahe ſie ſeyen, war er ſchon in dem fuͤr ſie gemietheten Hotel⸗ Am folgenden Morgen erſchien er mit ſeiner Mut⸗ ter und den Schweſtern, ſie Gertruden vorzuſtellen. Dieſe hatte den Beſuch mit jener Unruhe gefuͤrchtet, welche bei einem Mädchen in ihrem Verhaͤltniſſe ſehr natuͤrlich iſt. Allein ihre Furcht wurde durch das ge⸗ fallige, geſellige Benehmen der Lady Auguſte, der Lebendigkeit und froͤhlichen Offenheit ihrer Tochter gar bald beſchwichtigt. Sie wußten ſo zu feſſeln, ſie ſtie⸗ ßen ſo wenig ab, daß Gertrude ſchon nach einer halben Stunde mit ihnen ganz eins zu ſeyn glaubte. Gleich fuͤr den folgenden Tag ward eine neue Zuſammenkunft verabredet, da ſelbſt Miſtreß St. Clair mehr Ge⸗ fallen an ihnen fand, als ſie ſich geſtehen wollte, denn ſie hatten ihr mehr Aufmerkſamkeit bewieſen, wie ſie zu erfahren gewohnt war. Wäaͤren ſie nicht Mutter und Schweſtern des Oberſten geweſen; ſie hätte lauter zu ihrem Lobe geſprochen. Gertrude aͤußerte ſich uͤber ſie gegen ihren Geliebten mit aller Wärme, die ſie fuͤhlte. Allein dies Lob ſchien ihn wenig zu erfreuen.„Sie ſcheinen gar nicht recht zu fuͤhlen, wie anziehend ſie find! Nicht die Hälfte ſagten Sie von ihrem Lobe!“ behauptete Gertrude, uͤber ſeine Kaͤlte betroffen. „Ich prophezeite Ihnen,“ entgegnete er,„daß Sie in meiner Mutter eine freundliche Dame von Bildung finden wuͤrden. Sagte ich das nicht? Nun, und meine Schweſtern find luſtige, frohliche Mädchen, und uͤbrigens allen andern gleich!“ „Nein, ſie ſind mehr. Lady Auguſte feſſelt und, ihre Schweſter— o, wie viel angenehmer ſind ſie, als zum Beiſpiel die Millbanks?“ „Sind ſie's? Nun, die Millbanks find Schott⸗ laͤnderinnen. Indeſſen— die Maͤdchen bleiben uͤberall dieſelben!“ Das fuͤr Gertruden gemiethete Hotel ſchien der Mutter zu koſtbar, zu prachtvoll. Allein dem Ober⸗ ſten gefiel es; Gertrude bewunderte es, und ſo wurde es behalten. Es kamen nun Wagen, Pferde, Be⸗ dienten, und alles wurde mit jenem Glanze, jenem Geſchmacke beſorgt, bei dem man nie die Mittel zu Rathe zieht. Gerttude glaubte, die ihrigen ſeyen un⸗ erſchöpflich, und der Oberſt kuͤmmerte ſich, bei ſeiner ruͤckſichtsloſen Verſchwendung und ſelbſiſuͤchtigen Ge⸗ nußſucht uͤberhaupt darum nicht. Lady Roßville ſollte in der großen Welt erſchei⸗ nen. Seine einzige Sorge ging demnach nur vorerſt dahin, daß ſie die erſte Rolle darin ſpiele— Er fuͤrch⸗ tete, daß, träte ſie jetzt in einer untergeordneten Sphäre af, ſ hen, ln hei ih füͤhte Inges ſe m und durte gute ſum Sie nicht menz fihr ſhno derken in de mit As n fin n bitte wen in, Sie ine dß von Un, en, der er⸗ rde Be⸗ nem zu un⸗ iner hei⸗ rurſt ich⸗ hane auf, ſie ſpaͤterhin, als ſeine Gemahlin, nicht jenen ho⸗ hen, vorherrſchenden Rang finden koͤnne, der unter al— len Vorzuͤgen in der großen Welt am meiſten gilt. „Ihre Mutter hat ſich freundlich erboten, mich bei ihrer Modehaͤndlerin, ihrem Juwelenhaͤndler einzu⸗ fuͤhren, und wen ich ſonſt nöthig habe!“ ſagte eines Tages Gertrude zu ihm.„Auf den Abend ſoll ich ſie mit meiner Mutter in die Oper begleiten.“ Der Oberſt nahm dieſe Mittheilung ſehr kalt auf und ſchien um eine Antwort verlegen. Endlich erwie⸗ derte er:„Allen Reſpekt fuͤr den guten Willen, das gute Herz meiner Mutter; aber wer fuͤr ſie arbeitet, ſtammt noch aus der Zeit vor der Suͤndfluth her. Sie thun mir einen Gefallen, wenn Sie ſich damit nicht einlaſſen!“ Gertrude war geneigt, dies als Scherz aufzuneh⸗ men; allein ſie ſah doch, daß er es ernſtlich meinte. „Meine Mutter kleidet ſich nicht mit Geſchmack!“ fuhr er fort.„Die Schweſtern— von ihrem Ge⸗ ſchmacke laͤßt ſich uͤberhaupt nichts ſagen. Sie be⸗ decken ſich mit Federn, Blumen und allem, was ihnen in den Weg kommt. Emilie weiß noch allenfalls da⸗ mit umzugehen; aber die arme Georgine ſieht aus, als wenn ihr alles unter einander an den Kopf gewor⸗ fen waͤre!“ „Und doch— wie ſoll ich ſo ein hoͤfliches Aner⸗ bieten abſchlagen?— Außerdem weiß ich ja gar nicht, wen ich rufen laſſen ſoll?“ „Ueberlaſſen Sie mir doch dies, oder meiner 64 Freundin, Lady Arabin; ſie kommt morgen herein und ich werde ſie gleich bei Ihnen einfuͤhren.“— Er ſah, daß Gertrude ſich verwunderte.—„Sie iſt nicht ſo huͤbſch, wie Sie, im Gegentheil ſchon— Passée. Aber den feinſten Geſchmack, den ſicherſten Takt in der ganzen Stadt hat ſie. Ueberall giebt ſie jetzt den Ton an. Wahrhaftig! Eben deshalb wuͤnſchte ich lieber, daß Sie dieſe zur Rathgeberin nähmen, als meine Mutter, ſobald nämlich von Geſchmack und Mode die Rede iſt!“ „Aber ich habe in meiner Poilette einen eignen Geſchmack!“ meinte Gertrude, der es halb unange⸗ nehm war, ſich fremden Ausſpruchen fuͤgen zu muͤſſen. „Und vortrefflichen haben Sie! Doch ohne die Mode hat er keinen Werth. Die Venus ſelbſt, von den Grazien geſchmuͤckt, wuͤrde wund erlich ausſehen, wenn ſie von einer Herzogin eingefuͤhrt wuͤrde, die kein Menſch in der großen Welt kennt!“ „Wer kann denn auf die blinde Bewunderung der Menge Gewicht legen? Ich nicht. Sie zu aͤrn⸗ ten, iſt ein zu erbaͤrmlicher Sieg, um mir deshalb den Kopf zu zerbrechen. Nicht einen Strohhalmen geb' ich fuͤr ſolche Auszeichnung. Der Beifall Ihrer Mutter iſt mir lieber, als der der ganzen großen We „Wie ſprechen Sie von ſich, Gertrude?— Bei⸗ fall iſt an ſich eine ſehr hubſche Sache; es iſt ein gutes Wort in der Schule! Aber Sie, Gertrude, mit Ihren Reizen, Ihren Vorzugen, wollen nur Bei⸗ fall dert, allein alſo Ehrg ſchon Sie ſitte Ihr nicht Fun als zun ſſch in ſch wür Pun beſit und ſih, t ſo in don ich als und nen nge⸗ ſen. die von ſen, kein unh n⸗ holb men hrer ßen Bei⸗ ein Ude, ei⸗ fall finden? Beiſpiel muͤſſen Sie ſeyn, bewun⸗ dert, verehrt, vergoͤttert werden!“ „Ich fuͤrchte, daß mich Ihre Einbildungskraft allein zu einer Goͤttin machen duͤrfte und will mich alſo gar nicht um unſterbliche Ehren bewerben!— Ehrgeizig bin ich nicht, Delmour. Ich begnuͤge mich ſchon mit Ihrer Huldigung und treuen Liebe, wenn Sie mir nicht einmal den Beifall Ihrer Familie ge⸗ ſtatten wollen!“ „Aber ich bin ſtolz, eitel und ehrgeizig, und das Ihretwegen. Und ſo, theuerſte Gertrude, darf ich nicht zugeben, daß Ihre Vorliebe zu mir und meiner Familie dem Glanze ihres Geſtirns Abbruch thue!“ „Ich wuͤnſchte indeſſen doch lieber von ihnen, als von Jemand anderm in die große Welt eingefuͤhrt zu werden!— Wenn Ihre Mutter nicht mit in Ge— ſellſchaft kommt, ſo iſt ja Ihre Tante da, die Herzo⸗ gin von Burlington!“ „Noch ſchlimmer! Lieber wollt' ich, Sie ließen ſich gar miht ſehen, als daß Sie von ihr eingefuͤhrt wuͤrden!“ „Warum denn?“ fragte Gertrude mit einiger Verwunderung.—„Iſt ſie nicht geachtet?“ Der Oberſt konnte bei dieſer Frage kaum ernſt— haft bleiben. „Achtung,“ erwiederte er,„kommt, wie der Beifall, hier nicht in Betracht, giebt dem, der ſie beſitzt, keinen Werth!“ „Nun, welche koſtbare Geſchenke der Natur, III. 5 66 welche Gaben der Kunſt ſind es denn, die in dieſem Zauberkreiſe Werth verleihen?“ „Jenes namenloſe Je ne sais quoi, das alle bewundern und keiner beſchreiben kann, aber ungluͤckli⸗ cherweiſe meine hochachtbaren Verwandten nicht be⸗ ſizen. Die Herzogin iſt in ihrer Art vortrefflich, doch veraltet in ihren Begriffen, kleidet ſich ſchrecklich, giebt Thees, welche mich roth machten, wenn ich verrathen wuͤrde, und muͤßte ich vor den Augen des großen Pu⸗ blikums ihr meinen Arm geben, ſo hielt ich mich fuͤr verloren!“ Er aͤußerte dies mit ſo komiſcher Laune, daß es Gertrude als Scherz nahm. „Ich darf alſo heut Abend wohl kaum erwarten, daß Sie mich erkennen werden!“ erwiederte ſie eben⸗ falls neckend.„Vielleicht wäre es Ihr Verderben, wenn man Sie in der Loge Ihrer Mutter mit einer Baſe aus Schottland ſprechen ſäͤhe!“ Der Oberſt ſah ernſt aus. „Sie werden mich in der That verbicen,“ äu⸗ ßerte er, wenn Sie es ein Paar Tage vermeiden, im Publikum zu erſcheinen. Zwar hab' ich bis jetzt nur alberne Dinge daruͤber geſprochen. Allein ich ſage Ih⸗ nen, daß das erſte Auftreten von größerer Wichtigkeit iſt, als Sie jetzt fuͤhlen mögen!“ „Wichtigkeit?“ wiederholte Gertrude veraͤchtlich. „Wenn ich nicht durch mich ſelbſt bedeutend bin, ſo will ich auch wahrlich es nicht erſt durch die Lady Arabin werden!“ Eint habe heit, 35 wie nen le li⸗ ⸗ bt en . . U 67 „Sie verſtehen ganz falſch, theuere Gertrude. Ich wuͤnſchte, daß Sie gleich beim erſten Erſcheinen den Eindruck machten, den Sie zu erregen ſo viel Recht haben; der Ihnen aber noch mehr durch Ihre Schoͤn⸗ heit, Ihre Reize, als durch Ihren Stand geſichert iſt. Ich kann Ihnen, ſo wenig vertraut mit der Welt, wie Sie ſind, nicht genau auseinanderſetzen, wie lau⸗ nenhaft, vorurtheilsvoll und boshaft die große Welt iſt!“ „Nein, verſuchen Sie dies nicht. Ich ſehe ſchon, daß ich nie der Mode gerecht werde. Ach, Delmour, ſo ſprachen und fuͤhlten Sie in Roßville nicht! Was war uns dort die Welt?“ „Wollte der Himmel, daß wir noch da wären!“ verſicherte Delmour, ihren Seufzer nachahmend.„Aber Sie verſtehen mich falſch, Gertrude. Ich bringe nicht die Welt mit Ihnen in Vergleich. Nur verabſcheue ich den Gedanken, daß Sie mich hoͤher halten und ſich darum im geringſten Grade herabwuͤrdigen. Sie haben alles, wodurch Sie zum erſten Range in der Geſellſchaft berechtigt werden. Aber offen muß ich Ihnen ſagen, ſo thörig es ſcheinen mag, daß meine Familie, ſo hoch ihr Stand, ſo liebenswuͤrdig ihr Cha⸗ rakter iſt, Ihnen in der Art nicht Genuge leiſten kann. Ich ſehe dieſe Dinge alle deutlich ein. Wenn Sie einmal in ihren Zirkel gerathen, ſo werden Sie ewig mit haͤßlichen Bekanntſchaften und Parthien heimge⸗ ſucht, welche die gute Geſellſchaft von Ihnen abhaͤlt. Sie muͤſſen ſich dann einen Umgang mit Perſonen des zweiten Ranges gsfallen laſſen; das darf nicht ſeyn. 5* 66 Nein, Gertrude, fuͤr mich opferten Sie ſchon zu viel auf. Mehren Sie nicht, ſo wahr Sie mich lieben, die Vorwuͤrfe, welche ich mir manchmal ſelbſt mache, blos weil ich Sie ſo viel Opfer bringen ließ!“ „Ein edles Gefuͤhl, ſehr großmuͤthig! Aber doch wohl irrig, glaub' ich!— Indeſſen da Sie ſo be⸗ denklich ſind, will ich Ihnen nachgeben. Machen Sie alſo alles aus mir, nur nicht eine Dame nach der Mode!“ Der Oberſt war voll Entzuͤcken und Dankbarkeit. Er eilte fort, der Mutter zu melden, daß Lady Roß⸗ ville ſich erkaͤltet habe und ihr Verſprechen nicht er⸗ fuͤllen koͤnne. Als ſeine Schweſtern zum Beſuch ka⸗ men, ſchaͤmte ſich Gertrude freilich, die Unwahrheit beſtaͤtigen zu muͤſſen. „Ich vermuthe ſchon halb,“ verſicherte Georgine laͤchelnd,„daß der Herr Friedrich Ihnen geſagt habe: die Mama ſey nicht nach der Mode. Ja, er wird freilich bewundert und geſucht, und giebt ſich alſo ein Anſehen! Aber muntern Sie ihn ja nicht noch mehr auf, ſonſt verderben Sie ihn ganz und gar!“ „Es iſt doch äußerſt beleidigend,“ behauptete Emilie,„daß er Ihnen nicht erlauben will, mit uns zu gehen. Denn ich ſehe es wohl, daß er Sie ab⸗ hielt, heute mit uns zu unſerm Juwelier zu fahren. Und er hat ſo herrliche Sachen jetzt!— Ach, man koͤnnte vor Sehnſucht ſterben!“— Sie ſeufzte da⸗ bei tief. „Nun, wenn's ſo ſteht,“ bemerkte Gertrude lä⸗ chen fahr Mge etwa dann diger könn übor wih ſolc Ef echi gſu chelnd,„ſo iſt es ja ein Gluͤck fuͤr mich, dieſer Ge⸗ fahr entgangen zu ſeyn. Falls Sie ſich ihr in die Augen zu ſehen nicht fuͤrchten, ſo ſuchen Sie beide etwas nach Ihrem Geſchmacke fuͤr mich aus und dann werden wir ſehen, wie wir uns daruͤber verſtaͤn⸗ digen!“ „Wie gluͤcklich muͤſſen Sie ſeyn, waͤhlen zu konnen, was Ihnen gefaͤllt!“ ſeufzten die Schweſtern. „Fuͤr heute will ich denn mein Gluͤck auf Sie uͤbertragen! Vergeſſen Sie nur nicht, blos zu waͤhlen, die Ihnen ſelbſt gefallen!“ Die Schweſtern entfernten ſich, voll Freude uͤber ſolchen Auftrag, nicht ohne geheime Ahnung, welchen Erfolg die Wahl haben werde. Sie irrten nicht; jede erhielt die ſchoͤnen, koſtbaren Juwelen, welche ſie aus⸗ geſucht hatte. Zehntes Kapitel. Die Freude lacht auf allen Wegen, Sie bringt die Kränze froh entgegen. Die Tage ſcheinen Stunden nur Auf dieſer ſchön geſchmückten Flur. Kein Kummer drückt, kein Zweifel plagt, Die Furcht quält nicht; kein Neid hier nagt. Quarles. Villeicht horte noch nie ein Weib ein anderes von dem Geliebten lebhaft preiſen, ohne wenigſtens einen Anflug von Eiferſucht und Neid zu fuͤhlen. Etwas der Art hatte auch bereits in Gertruden gegen die Lady Arabin gekeimt, bevor ſie dieſe ſelbſt ſah. In der Erwartung, daß ſie erſcheinen werde, waltete bei ihr ſo ziemlich die Stimmung eines verzogenen Kindes vor, das die Gouvernante willkommen heißen ſoll, und ohne daß ſie es ſelbſt wußte, drehte ſie den Kopf und biß in die Lippen und war roͤther, wie gewöhnlich, als die Lady mit dem Oberſten gemeldet wurde. Doch gleich der erſte Blick auf die Lady verſcheuchte alle Furcht und vernichtete alle Bilder der eiferſuͤchtigen Phantaſie. Sie ſah eine Dame von mittleren Jah⸗ butt fein Mo ſo wa der neh und lich At durſ nei aus bar di Rn D ren, die nicht auf Schönheit Anſpruch machte, als in ſofern ſie ziemlich regelmäßige Zuͤge hatte, und uͤbri⸗ genð eine zwar zierliche und ſchlanke, aber faſt zu magere Geſtalt zeigte. Ihre Kleidung dagegen ſiel auf, ohne etwa beſonders zu ſeyn; ihr Benehmen zeigte von Ruhe, war aber vollkommen der vornehmen Welt ent⸗ ſprechend. Alles verrieth den Anſtand, den hohe Ge⸗ burt und Bildung gewaͤhren, ob er ſchon zu zart und fein iſt, um beſchrieben und zergliedert zu werden. Man wuͤrde ihn gar nicht beobachten, wenn er nicht ſo vielen Eindruck auf jede Umgebung machte. Gertrude hatte nie gefuͤhlt, daß ihre Mutter et⸗ was Gemeines verrathe, bis ſie das gezierte Prunken derſelben mit dem leichten, anmuthigen, einfachen Be⸗ nehmen der Lady Arabin verglich. Sie ſprach wenig und was ſie ſprach, betraf ebenfalls nur das erbärm⸗ liche Gewäſch des Tages. Aber ihre Stimme, ihre Art zu reden, war ausgeſucht und wuͤrden jeden Wi⸗ derſpruch verſcheucht haben, wenn man ſelbſt dazu ge⸗ neigt geweſen wäre. Sie that den Vorſchlag, mit ihr auszufahren, und Gertrude ſtimmte gern bei, ſo offen⸗ bar aͤrgerlich auch die Mutter deshalb wurde, beſonders da ſie dies nicht auszudruͤcken wagte. Sie empfahl ſich; Gertrude blieb nur einen Au⸗ genblick zuruͤck, der Mutter ein Paar ſchmeichelhafte Worte zu ſagen, und eilte dann nach, ſie einzuholen. Da horte ſie noch, wie die Lady, wahrſcheinlich eine Frage des Oberſten beantwortend, ſagte:„Sie iſt ein Meiſterſtuͤck!“ und Gertrude ward roth, als ſie 72 den bedeutungsvollen Blick gewahrte, den ihr der Oberſt zuwarf. Man beſuchte die Kaufladenz viel ward hier ge— than. Eine Menge koſtbarer Kleider wurden hier be⸗ ſtellt, viel Juwelen dort gekauft. Gertrude fuhr von Gewölbe zu Gewolbe, von Laden zu Laden, bis ihr von den vielen lärmenden Scenen, bei welchen ſie das erſtemal ſelbſt eine Rolle ſpielte, der Kopf ſchwind⸗ lich war. Nicht beim erſten Anblicke ſetzt London in Er⸗ ſtaunen oder Entzucken. Es iſt zu groß, zu mannig⸗ fach, um vom Auge, von der Phantaſie mit einem⸗ male aufgefaßt zu werden. Auch die Mannigfaltigkeit, das Glänzende ſeiner Freuden zu genießen, erfordert einen gewiſſen Unterricht, denn fluͤchtig, unaufhörlich wechſelnd eilen ſie wie der Blitz vor den verwirrten Sinnen voruͤber. Gertrude fühlte dies gleich andern Anfaͤngerinnen. Sie ſeufzte nach der friedlichen, ro⸗ mantiſchen Einſamkeit ihres Schloſſes, wo ſie alles in allem und der Geliebte ihr alles war. Doch wer jung iſt und bewundert, kann nicht lange am Ufer des Freudenſtroms ſtehen und den eignen innern Träu⸗ men lauſchen. Bei allen Gefuͤhlen, aller Schwärme⸗ rei, aller Liebesgluth war auch ſie gar bald in die Zerſtreuungen geſtuͤrzt, welche die große Welt bietet. Wie eine Feder auf den Wellen getragen, ſo wurde ſie fortgefuͤhrt, ohne daß ſie wußte, wohin. Und wohin ſie kam, ſah ſie ſich zu gleicher Zeit als die Göttin jeder— Lieblingsthorheit begruͤßt. Sie war del der G gliche Sinn alle 2 net d Triun e lih a ſigte in di Gege Min weit rer( Alei und Hane men: ton Ren i lunt ich en) Du, ſoch „äuß der Abgott des Tages; ſie athmete nur die Duͤnſte der Schmeichelei, die dem Kopfe, wie dem Herzen, gleiche Gefahr drohen. Unter dieſen Lockungen der Sinne vergaß ſie alles, nur nicht den Geliebten. Wenn alle Blicke nach ihr hingingen, als ſey ſie der Mag⸗ net des glaͤnzenden Gewuͤhles, dann ſuchte ſie ihren Triumph nur in ſeinen Augen zu leſen! Zwar kannte man ihr Verhältniß zu Delmour ziem⸗ lich allgemein, und dieſer benahm ſich ganz als beguͤn— ſtigter Liebhaber. Indeſſen wehrte er keinem, ebenfalls in die Schranken zu treten. Es machte ihm dies im Gegentheil noch mehr Freudez und ſo erklaͤrten ſich— Männer, die dem Oberſten an Rang und Wuͤrde weit uͤberlegen waren, von denen einige ihm an aͤuße⸗ rer Schoͤnheit nichts nachgaben, als ihre Anbeter. Allein Delmour fuͤhlte freilich bei aller ſeiner Eiferſucht und Reizbarkeit, daß er keinen Nebenbuhler in ihrem Herzen zu fuͤrchten habe. Nur einmal kam ſie mit ſeinem Bruder zuſam⸗ men: bei einem Diner, das der Herzog von Burling— ton blos des guten Tons wegen gab, und wo ſie ge⸗ gen ihn nur die gewoͤhnliche Höflichkeit der alten Be⸗ kanntſchaft zu zeigen nothig hatte. Die Mutter frei⸗ lich aͤußerte, als ſie fortfuhren:„Das waͤre fuͤr Dich ein Mann geweſen, Gertrude! Welche Thorin warſt Du, ſo ein glänzendes Ldos zurͤckzuweiſen! Doch noch jetzt—“ „O, Mama,“ ſiel Gertrude geſchwind ein, „äußern Sie keine Hoffnung wieder in dem Betrachte, 74 wenn Sie nicht den Schatten des ganzen Delmour⸗ ſchen Geſchlechts aus dem Grabe heraufbeſchwören wollen. Ich bin froh, daß ich nur ſo ein Blatt auf dieſem edlen Baume ſeyn ſoll. Wie hätte ich das ganze Gewicht der Familienwuͤrde ertragen koͤnnen! Wahrhaftig, ich glaube, daß mir der Hals wehthut, blos weil ich das altmodiſche, diamantene Halsband der Herzogin ſah und daran dachte, wie ſchwer es ſeyn muͤſſe!“ Im Stillen meinte Gertrude, daß der Oberſt ganz recht habe, wenn er ſie von den Zirkeln in ſeiner Familie abhalte. Sie widmete ſich nun eifriger als je den nich⸗ tigen Beſchaͤftigungen und Freuden, welche das ein⸗ zige Tagewerk ſo vieler unſterblichen Weſen ſind; die den nichts weiter denkenden Geiſt verblenden, aber dem Auge der Vernunft und Erfahrung eitel und un⸗ genuͤgend erſcheinen! Umſonſt machte Miſtreß St. Clair Vorſtellungen, umſonſt drohte ſie; ihre Macht war dahin. Nie hatte ſie die Liebe ihrer Tochter beſeſſen, und jetzt war auch ihr Anſehen verloren ge⸗ gangen. Uebrigens ließ ihr die Graͤfin wenig Zeit und Gelegenheit, ihrer uͤblen Laune Luft zu machen. Es lebte die Erſtere in einem ſo unaufhorlichen Strudel, daß die Mutter ſich umſonſt bemühte, gleichen Schritt zu halten. Sie mußte den Verſuch, den ſie machte, aufgeben; die Stunden durchkreuzten ſich; die Einla⸗ dungen beider kamen zu ganz entgegengeſetzten Zeiten iſt nla⸗ iten 75 und Orten. Jede hatte daher eigne Zimmer, beſon⸗ dere Wagen, andere Geſellſchaft, und Gertrude war ſchon froh, daß auch die Mutter dieſe Dinge habe und ſelbſt in des Oberſten Familie gern geſehen wurde, wo ſie ſich mehr, als in andern Zirkeln, zu Hauſe fand. Die Graͤfin brachte den Morgen damit zu, der Haͤlfte aller Bildhauer und Maler, die in London we⸗ ren, zu Buͤſten und Gemälden, in allen moͤglichen Stellungen, zu ſitzen, um den eitlen Geſchmack ihres Geliebten zu befriedigen. Dann ritt ſie in den Park mit ihm, oder fuhr aus, die Gewolbe zu beſuchen und ſonſt einer Thorheit zu opfern. Abends gab es Diners und Geſellſchaften, Opern und Aſſembleen, und alle folgten einander ſo ſchnell, daß ſie kaum wußte, ſie ſey bei einem Feſte geweſen, als ſie ſich ſchon auf einem andern ſah. „Geſtehen Sie, wie dies das Leben genießen heißt!“ ſagte Delmour eines Abends zu ihr, als e ſie aus der frohlichen Geſellſchaft, wo ſie die Bewunde rung aller war, die bewundern konnten, zu einer ander fuͤhrte, wo ihr Erſcheinen dieſelbe Wirkung machte „Was aber fehlt, iſt die Zeit, ſolche Freuden zu ſchmecken!“ antwortete ſie laͤchelnd.„Kaum konn ich ſagen, ob ich dem Vergnuͤgen nachjage, oder ob es mich verfolgt, oder ob wir beide ein Treibjagen anſtellen und zuſammenlaufen!“ —— — ———— 76 „Kommen Sie morgen fruͤh mit mir in den Park; wir reiten huͤbſch langſam darin herum, daß Sie Zeit behalten, dies ins Klare zu bringen!“ „Aber ich habe dem Maler Lorenz zu ſitzen ver⸗ ſprochen—“ „Erſt reiten wir; dann erſcheinen Sie bluͤhend, ſeine Palette in Brand zu ſtecken!“ N Oe ſchien ridon len 1 ſücht hörte Triun nuch, ter de hen ſhu — Eilftes Kapitel. Alle dieſe Unannehmlichkeiten ſind der Liebe eigen: Vorwürfe, Eiferſucht, Streit, Wiederverſöhnung, Krieg und dann Frieden. Terenz. Die Gräfin willigte lächelnd ein und der Oberſt er⸗ ſchien am folgenden Morgen zum Fruͤhſtuͤck. Ein Gue⸗ ridon ſtand mit Karten, Briefen, Billetten, Bittſchrei⸗ ben und Papieren aller Art bedeckt da. Sie ſah einige flͤchtig an, offnete andere und blickte hinein, und hoͤrte zugleich, was der Geliebte ſprach, als er ihr die Triumphe vorlas, welche ſie, der Morning⸗-Zeitung nach, davon getragen hatte.*) Endlich fand ſie un⸗ ter dem Haufen auch einige Briefe, die das Poſtzei⸗ chen trugen.„Ach, die haͤßlichen Briefe!“ rief ſie, ſchaudernd und die Hand zuruͤckziehend. *) Bekanntlich wird kein großes Feſt in London gegeben, das nicht alle Zeitungen aufs umſtändlichſte ſchilderten. Der Schmuck der Damen ſpielt natürlich eine Hauptrolle in ſolchen Nachrichten. Der uUeberſetzer. 78 „Was fuͤr Briefe?“ fragte der Oberſt und zog den Gueridon zu ſich hin.—„O, eine Pfarrangele⸗ genheit; das iſt alles!“ „Predigten der Herren Vormuͤnder habe ich zu erwarten; langweilige Rechnungen meines Haushof⸗ meiſters! Ich bekam erſt vor einigen Tagen einen Brief von ihm, daß der Bau des Schulhauſes einge⸗ ſtellt werden muͤſſe, weil es an Geld fehle!“ „Ein großes Ungluͤck!“ ſagte der Oberſt, ſpot⸗ tiſch läͤchelnd.„Dann haben Sie kein langes, graues, duͤſteres Haus, mit ſteilem, hohem Dache und kleinen gruͤnen Glasfenſtern und dem Abſchaum von Kreti und Plethi, von weißlockigen, ſchmutzigen Knaben und Maͤdchen! Ich glaube, es ſollte im Parke eine huͤb⸗ ſche Vista gewähren? Was man zu ſagen pflegt, meine ich, eine herrliche— Perſpektive?“ „Sie wollen mich mit mir ſelbſt verſohnen, weil Sie nur ſo daruͤber hingehen! Das iſt ſehr gut ge⸗ meint, aber ich fuͤhle, daß ich tadelnswerth bin. Ich habe zu viel Aufwand hier gemacht!“ „In welcher Art denn?“ „In jeder!— Dies Service zum Beiſpiel—“ ſie zeigte auf ein Service von ſtark vergoldetem fran⸗ zoſiſchen Porcellan—„mein Gott, ich zittere, wenn ich denke, wie viel es koſtet!“ „Steingut wuͤrde freilich wohlfeiler ſeyn, und, mit philoſophiſchem Auge betrachtet, iſt Zinn noch veſſer, als Silber! O— Jammerſchade, daß Sie nicht mich, ſtatt der Lady Arabin zu Rathe zogen!“ Soll und den zu m geſeht ſine ſolche ner 2 einer gnz het; Hant inen nge⸗ öt⸗ ues, inen ſreti und hůl⸗ legt weil g⸗ 36 lan⸗ venn und, nch Sie n „Die Lady macht vielen Aufwand!“ behauptete Gertrude ernſt. „Nicht mehr, als andere von ihrem Stande.— Der Lord hat ein großes Vermoͤgen; er erlaubt ihr, es zu gebrauchen, und ſie thut es, ihrem Range Ehre zu machen. Freilich Betbruͤder mochten lieber allen Unterſchied der Staͤnde abſchaffen, Betſtuͤbchen bauen und Spitaͤlern ihr Vermoͤgen vermachen!“ „Einer dieſer Briefe iſt von Lyndſay, wie ich ſehe!“ ſagte Gertrude von neuem ſeufzend. „Sie fuͤrchten ſich ja ordentlich ihn anzuſehen! Soll ich ihn oͤffnen?“ Der Oberſt las den Brief laut— er war kurz und in Eile geſchrieben, und hatte blos zum Zwecke, den plotzlich erfolgten Tod des Pfarrers zu Roßville zu melden, wodurch nun die Graͤfin in den Stand geſetzt ſey, den jungen Leslie zu verſorgen, der ihn um ſeine Fuͤrſprache erſucht habe. „Wer iſt denn der Leslie, der in Lyndſay einen ſolchen Goͤnner findet?“ fragte der Oberſt. „Ein ſehr einnehmender junger Mann, mit mei⸗ ner Baſe, Anna Black, verſprochen. Der Mangel an einer Verſorgung ſtand bis jetzt der Heirath entgegen. — Wie gluͤcklich bin ich, jetzt dies Hinderniß beſeiti⸗ gen zu können. Geben Sie mir mal das Schreibzeug her; ich will auf der Stelle antworten!“ Doch ſtatt zu gehorchen, nahm Delmour die Hand, welche ſie ungeduldig ausſtreckte und ſagte: „Iſt es moöglich, Gertrude? Können Sie im — 80⁰ Ernſte daran denken? Wirklich nur einen Augenblick daran denken, daß Sie Ihre Verwandten in ſo nie⸗ drigem Verhaͤltniſſe und doch ſo in Ihrer Nahe haben? Ueberlegen Sie doch blos, daß das Pfarrhaus dicht an Ihr Schloß graͤnzt; bei Leuten, die auf Sie kein Recht haben, hat dies wenig zu bedeuten. Aber die Graͤfin von Roßville und ihre Baſe, des Pfarrers Frau— ſo in Beruͤhrung gebracht, macht ſchon, wenn man daran denkt, aͤngſtlich!“ Die Graͤfin ſah verdruͤßlich aus, als ſie äußerte: „Meine Baſe iſt ein Weſen, deſſen ich mich nie ſchaͤmen werde!“ „So wie ſie jetzt iſt; aber wie ſie ſeyn wird, wenn ſie als Weib des Pfarrers da ſteht, mit dem kattunenen Kleidchen und dem ſchwarzen Muͤtzchen, ein Heer der halbnackenden Murmelthiere von Kindern hinterdrein, der Pfarrer ſelbſt, Se. Ehrwuͤrden, vor⸗ anziehend, mit glatt gekämmten Haaren, abgetragenem ſchwarzen Rocke, wie ſie nun alle kommen einen Be⸗ ſuch abzuſtatten, vielleicht bei der Baſe, der Grafin, des Mittags zu ſpeiſen!“ „Wenn Sie ſich meiner Verwandten ſchämen, ſo hätten Sie das fruher ſagen ſollen!— Doch auch jetzt iſt es noch nicht zu ſpaͤt!“ ſagte Gertrude, mit ihrem Verdruß kämpfend. „Theuerſte Gertrude, wie koͤnnen Sie meine— Badinage ſo ernſtlich nehmen! Aber Sie muͤſſen doch fuͤhlen, daß, wo zwiſchen den nahen Verwandten ſo großer Unterſchied in Rang und Stand ſtatt findet, die N eihne die: welch fühle Klg Nihe Ih wich nich berſi Me Han ten Perl dieſe theat hitt Sie dieſe Wor meh jei ſchn 1 ick nie⸗ en an kein die ers enn itd, dem zen, ehn or⸗ lem fin, nen, uch mit 4 ſſen dten det, 81 die Nachbarſchaft nicht gar zu nahe ſeyn darf! Ihr eignes richtiges Gefuͤhl, Ihr zarter Sinn muß Ihnen die unvermeidlichen Unannehmlichkeiten darthun, welche daraus erfolgen; die Verlegenheiten, welche Sie fuͤhlen, die Verſtoͤße, welchen Sie nicht entgehen, die Klagen, welche Sie ſich einbilden konnen!“ „Meine Baſe iſt nicht von der Art und ihre Naͤhe wuͤrde mir, das weiß ich, viel Freude gewaͤhren! Ich habe ihre Geſellſchaft gern und wuͤrde ſie oft um mich haben!“ „Das kann jetzt ſeyn, aber, auf mein Wort, nicht immer ſo bleiben. Sie beide muͤſſen ſich in verſchiedenen Sphären bewegen, mit ganz verſchiedenen Menſchen umgehen. Folglich iſt gleiche Denk- und Handlungsweiſe unmöglich. Zum Beiſpiel, Sie ſag⸗ ten mir, daß die Herzogin von Arlington, Arabin, Perley und wer ſonſt noch alles Ihnen einen Beſuch dieſen Sommer in Roßville abzuſtatten und an Ihren theatraliſchen Freuden Antheil zu nehmen verſprochen haͤtten, wenn alles dazu fertig iſt. Wie können Sie nun glauben, daß der Pfarrer und ſeine Frau bei dieſen Freundinnen angenehm ſind oder dieſe bei jenen?“ „Ich habe aber in gewiſſer Art meiner Baſe das Wort gegeben—“ „Doch nicht fuͤr dieſe Stelle?“ „Nein, uͤberhaupt; fuͤr keine ins Beſondere. Aber mehr als einmal hab' ich ihr verſichert, daß, wenn es je in meiner Macht ſtände, ſo wollte ich ihr gefaͤllig ſeyn, und das iſt jetzt nun— 6 —————— ——— ——— 82 „Liebe Gertrude, es ſteht jetzt nicht in Ihrer Macht. Das heißt, wenn ich bei Ihnen den Einfluß habe, den ich mir bis jetzt zu haben ſchmeichelte. In dieſer Hinſicht verſprach ich, als ich mit Harry Mon⸗ teith vor einiger Zeit wegen meiner Verſetzung zu der Garde in Unterhandlung ſtand, daß Sie die erſte Pfar⸗ rei, die Sie, wie man ſagt, zu verleihen haͤtten— auf meine Verwendung heißt dies— ſeinem alten Hof⸗ meiſter geben ſollten; es iſt ein Werk der Barmher⸗ zigkeit, wie er es mir vorſtellte. Verheirathet, Vater einer großen Familie iſt der Mann. Ich vergaß die naͤhern Umſtaͤnde, aber jetzt freilich faͤllt es mir bei, weil es Ihr Herz in Anſpruch nimmt!“ Die Graͤfin wurde bei jedem ſeiner Worte röther und konnte einige Augenblicke lang nichts erwiedern. Sie bekaͤmpfte ihren Unwillen. Endlich aber erwie⸗ derte ſie:„Sie haben ſich eine auffallende Freiheit genommen, wie es ſcheint; eine Freiheit, die ich kaum verzeihen kann!“ In dieſem Augenblick meldete ein Bedienter, daß die Pferde bereit ſtaͤnden. „Sie ſollen fortgefuͤhrt werden! Ich reite heute nicht!“ befahl Gertrude, Lyndſays Brief nehmend, um aus dem Zimmer zu gehen. Delmour war zu böſe, zu uͤberraſcht, als daß er verſucht haͤtte, ſie zu⸗ ruͤckzuhalten. Er blieb geraume Zeit am Tiſche ſitzen und wartete auf ihre Ruͤckkehr. Der ganze Haufen von Zeitungen, Muſik und Buͤchern, welche herum⸗ lagen, wurde durchgeblaͤttert. Er probirte Gertrudens hn zwei eine ßen Gert gen Ara Ged hut beſt wei Harfe, um zu horen, ob ſie geſtimmt ſey, und ſprengte zwei Saiten; er ſchuͤrte das Feuer friſch an, obſchon eine erſtickende Hitze im Zimmer war. Er offnete ein Fenſter und ſchalt den Geruch einer Tuberoſe. Aber Gertrude wollte nicht zuruͤckkehren. Wagen auf Wa⸗ gen kam und mußte wieder fortrollen. Selbſt Lady Arabin wurde nicht vorgelaſſen. Endlich war ſeine Geduld erſchoͤpft. Er ſchrieb: „Theuerſte Gertrude, bei Ihrer Liebe zu mir, nur einen Augenblick!“ Ein Diener mußte es der Gräſin uͤberbringen. Muͤndlich erfolgte die Antwort: wie Ihre Herrlichkeit beſonders zu thun haͤtte. Delmour, zu ſtolz, noch weiter zu gehen, verließ das Haus hochſt aufgebracht. 6* Zwoͤlftes Kapitel. Hat die Ratur den Lauf geändert? Steht das Glas Der SZeit jetzt ſtin und hat ein Schelm Den Zeiger von des Schickſals gleicher Uhr Zurückgeſtelt? Win's nimmer wieder ſchlagen? Iſt denn die träge Zeit vor lauter Alter krank und ſchwach geworden? Quarles. Gertrude war in ihrer Art auch ſtolz und ihr Gefuͤhl zu ſehr verletzt worden. Schon hatte ſie allmählig feinen Takt genug bekommen, um das, was Delmour in Betreff ihrer Verwandten geſagt hatte, fuͤr wahr zu erkennen. Doch blieb es ihr ärgerlich, daß er ge⸗ rade der Mann war, der ihr dieſe unangenehme Ueber⸗ zeugung aufdrängte. So oft erklärte er ja, daß ſie ihm ſeine Welt ſey. Ein Lieblingsſatz von ihm lau⸗ tete: daß Liebe in allem, was zum geliebten Gegen⸗ ſtande gehoͤrte, keine Fehler entdecken könne. Wie oft wiederholte er ihr, wenn ſie lächelnd ſeine Schmei⸗ cheleien ſchalt:„O que les illusions de Pamour sont aimables! Les flatteries sont en un sens des verités! Le jugement se tait, mais le coeur 1 pirl A telkei Mi ihten und deut Freu wollt ab fall und ſant ſie zu Vett daß Sie ſihe die — more Unte Unti — parle!“*) Wie kam's denn nun, daß er ſo ſcharfe Augen zeigte, um jene haͤßlichen Gefuͤhle verletzter Ei⸗ telkeit jetzt zu haben?— Daß er ſich anmaßte, ſeine Macht in eigner Perſon geltend zu machen, und in ihrem Namen, ohne erſt um Einwilligung nachgeſucht und ſie erhalten zu haben, eine Stelle von ſolcher Be⸗ deutung wegzugeben, die ſie, von ihm gebeten, mit Freuden bewilligt hätte, waͤhrend es Schwaͤche ſchien, wollte ſie ſich dieſelbe von ihm abtrotzen laſſen! „So haͤtte Lyndſay nicht gehandelt!“ dachte ſie, als ſie ſeinen Brief durchging und eine Thraͤne darauf fallen ließ. Sie ſtuͤtzte ihr Köpfchen auf die Hand und zum erſtenmale ſeit ihrer Ankunft in London ver⸗ ſank ſie in eine Reihe von Betrachtungen, aus denen ſie blos erwachte, an eine Beantwortung des Briefes zu gehen. Schon war ſie bis:„Mein theuerſter Vetter, ich bin ſo gluͤcklich, beſtimmen zu koͤnnen, daß—“ als des Oberſten Billet hereingebracht wurde. Sie las es und ſchwankte.„Nein, ich will ihn nicht ſehen!“ dachte ſie, ſtolz uͤber den Sieg, den ſie uͤber die bereits zuruͤckkehrende Zartlichkeit erkämpft hatte. —„Aber den Brief an Lyndſay will ich doch erſt morgen vornehmen! Der eine Tag kann ja keinen Unterſchied machen! Es iſt jetzt auch Zeit, zu Lau⸗ rentius zu gehen!“ 8„O, wie angenehm ſind die Täuſchungen der Liebe. Ihre Schmei⸗ cheleien ſind in einem gewiſſen Sinn Wahrheiten. Der Kopf ſchweigt, aber das Herz redet!“ —— ———————— 86 X Sie klingelte und befahl anzuſpannen. Es wurde bei des Oberſten Mutter vorgefahren, um eine der Maͤdchen als Geſellſchafterin mitzunehmen. Wie ſie hinkamen, ritt der Oberſt vorbei und verbeugte ſich blos mit ziemlich ſtolzer Haltung. „Friedrich ſcheint heute auf dem großen Pferde zu ſitzen!“ bemerkte Georgine, ſeine Schweſter, la⸗ chend.„Aber ich ſagte Ihnen ja, daß er ſich gern ein Anſehen giebt.— Es iſt doch wirklich der ſchönſte Mann in der Stadt, und allgemein bewundert, nach⸗ geahmt wird er!“— Sie ſah ihm nach.—„A pro- pos, haben Sie ſchon die Herzogin von St. Jves geſehen? Sie hat, wie ich hoͤre, ſchon das Wittwen⸗ kleid abgelegt, um in aller ihrer Glorie zu erſcheinen. Delmour machte ihr bereits die Cour, wie ſie noch ver⸗ maͤhlt war, muͤſſen Sie wiſſen, die böſe Welt wenig⸗ ſtens ſagte ſo. Sie, das weiß ich, iſt raſend in ihn verliebt und heirathet ihn, glaub' ich, morgen, wenn er ſie haben will. Nehmen Sie ſich in Acht, daß ſie Sie nicht vergiftet oder Ihnen eine Nadel ins Herz ſtoͤßt, wie die Maͤdchen es bei ihren Nebenbuhle⸗ rinnen in unſern alten Balladen thun!“ In dem allen war nichts, das einem Herzen von geradem Sinne wohlgethan hätte; nur ein verkehrter Geſchmack konnte daran Gefallen finden. Doch wie oft werden Leidenſchaften und Vorurtheile auf Koſten von Grundſaͤtzen genaͤhrt! Gertrudens Eitelkeit ward ergotzt, denn ſie hörte, wie der Geliebte geprieſen wurde; iht E Harh warn ſitig an ei chin den jett buhl bei es n Bal ben, thun felte Bem niht wih ſtngt Bu chn de der ſie ich te 87 ihr Stolz wurde aufgeregt, um den Triumph uͤber die Herzogin von St. Jves zu zeigen. Sie war mit ihr zuſammengekommen; Karten waren mit ihr gewechſelt, beide ſuchten einander gegen⸗ ſeitig auf, und doch herrſchte vom erſten Augenblicke an ein Widerwille zwiſchen beiden. Beide waren jung, ſchön, unabhaͤngig, von Stande; beide machten ſich den Vorzug in Aufwand und Prunk ſtreitig. Aber jetzt erſt horte Gertrude, daß ſie auch beide Neben⸗ buhlerinnen ſeyen und ein fluͤchtiger Stich fuhr ihr bei dieſer Entdeckung durch's Herz. Indeſſen lag es nicht in ihrer Natur, eiferſuchtige Furcht zu nähren. Bald verſcheuchte ſie dieſelbe. „Nein,“ dachte ſie,„mag Delmour Fehler ha⸗ ben, welche er will, ſo wuͤrde ich ihm doch Unrecht thun, falls ich an ſeiner Liebe und Aufrichtigkeit zwei⸗ fene Sie erinnerte ſich an einige fluͤchtige, ſpottende Bemerkungen, die er erſt den Abend vorher uͤber die Herzogin geäußert hatte. Als ſie nach Hauſe kam, naͤhrte ſie im Stillen die Hoffnung, der Oberſt werde während ihrer Abweſenheit nachgefragt haben. „Iſt Jemand vorgefahren, ſeitdem ich weg war?“ fragte ſie den Thuͤrſteher, als ſie in den Vorſaal trat. „Ei ja, Mylady!“ antwortete dieſer, auf einen Berg Karten zeigend. „Sonſt Niemand?“ Sie warf die Karten ge⸗ ſchwind aus einander. „Nein, Mylady!“ antwortete der Mann und ——————— 88 wunderte ſich, zum erſtenmale in ſeinem Leben ſo ge⸗ nau ausgefragt zu werden. „Er hat doch wohl nach mir gefragt und der einfaͤltige Patron hat es vergeſſen!“ dachte ſie.„Er wird ſchon wiederkommen. Es iſt ja noch nicht ſpät! — Die franzoͤſiſchen Uhren gehen doch alle ſchlecht! — Sie geben alle falſch an! Es kann kaum ſieben Uhr ſeyn!“ Doch eben trat Madame St. Clair ein und Mutter und Tochter begruͤßten ſich zum erſtenmale heute. Die Erſtere wollte ins Theater. Es machte ihr die größte Freude, eine große Menge Leute vom zweiten Stande zu beguͤnſtigen, die alle auf ſie mit jener Ehrfurcht ſahen, welche Geld und Stand erzeu⸗ gen. Die Mutter ſtaunte, ihre Tochter noch im Mor⸗ genkleide zu finden. Gertrude hatte ſich zur Harfe geſetzt. Schnell aufſpringend ſagte ſie, daß ſie ſich umkleiden wolle.„Indeſſen ich eſſe heut Mittag bei Lady Peverley, und da wird es immer ſpaͤt!“ „Und was machſt Du denn nachher?“ fragte die Mutter. „Dann werd' ich wohl noch mit der Lady Ara— bin in die Oper fahren, oder vielleicht ein halb Stuͤnd⸗ chen bei der Herzogin von Arlington einſprechen!“ „Du bringſt Dich ſelbſt ums Leben; ganz und gar ums Leben!— Recht krank ſiehſt Du aus!— Dem Dinge muß ich ein Ende machen. Wir muͤſſen die Stadt verlaſſen!“ erinnerte die Mutter. „Davon wollen wir morgen ſprechen!“ rief die Grißt aufd Oine walte ſchen von Dah ſch cutr Geg ſe belu ſe Ant klein Lerb Waſ gie Co (ih 0 J W aut ben nd ale hte om mit eu⸗ or⸗ ufe ich bei 89 Gräſin fluͤchtig und eilte ins Ankleidezimmer, nur dar⸗ auf denkend, jede unangenehme Erorterung abzuſchneiden. Sie hoffte halb und halb den Oberſten bei jenem Diner zu finden, aber irrte ſich. In jedem Falle waltete kein Zweifel vor, daß ſie ihn in der Oper ſehen wuͤrde. Dahin eilte ſie mit der Lady Arabin, von einigen Herren nach der Mode begleitet. Doch Delmour war auch hier nicht. Sie achtete auf jede ſich offnende Logenthuͤre, um zu ſehen, ob er etwa eintrate. Ihre ganze Aufmerkſamkeit ging in dieſem Gegenſtande auf. Sie ſah und hoͤrte weiter nichts; ſie merkte blos, daß ihre Geſellſchafter ſich uͤber etwas beluſtigten. Woruͤber— das kuͤmmerte ſie nicht, bis ſie Lady Arabin bei dem Arm faßte und ſagte: „Nehmen Sie doch auch an unſerm Schetze Antheil, ſo ſchlecht er uͤbrigens iſt. Das alberne, kleine, abentheuerliche Ding darf uns doch nicht allein verbleiben. Es iſt gar zu komiſch. Alle ſeine Gri⸗ maſſen und Verneigungen ſcheinen nach unſerer Loge gerichtet.“ „Es iſt wirklich undelicat, daß Niemand dieſe Complimente erwiedern will!“ meinte der eine Herr. „Aber iſt auch nicht leicht abgemacht!“ bemerkte ein anderer.„Es folgt noch eine ganze Armee nach!“ In der That ging das Nicken von neuem los. „Wir muͤſſen loſen!“ nahm der erſte wieder das Wort.—„Sein Kopf häͤlt es freilich am leichteſten aus!“ „Während des Geſpraͤchs hatte auch Lady Roß⸗ 90 ville nach dem angewieſenen Punkte hingeſchaut, und hier mitten im Parterre einen langen, duͤrren Hals geſehen, der einen huͤbſchen, kleinen freundlichen Kopf mit einem ungeheueren Haarputze trug. Griechiſche, Joskaniſche und andere Locken miſchten ſich hier unter einander. Als die Gräfin hinblickte, ſchienen alle in neue Schwingungen zu gerathen. „Das Geſicht hab' ich doch ſchon einmal geſe⸗ hen!“ dachte ſie, indem ſie immer noch gedankenlos hinſah. Auf einmal fuhr es ihr durch den Sinn. Kopf, Geſicht und Nacken waren Veſtandtheile der Frau Baſe, Madame Larkins. Um die Wahrheit zu beſtaͤtigen, drehte ſich der Herr Larkins ſelbſt um, ſeine Buͤcklinge mit dem Nicken der ſchonen Lilly vereinigend; er ſelbſt ein Zerrbild aller herrſchenden Moden⸗ Von ihrer Mutter hatte Gertrude gleich beim Eintreffen in London erfahren, daß dieſe Leutchen auf dem Lande wären und dies ſchien ihr eine Laſt abzu⸗ nehmen. Es war ihr dann kein Gedanke an ſie wie⸗ der in den Sinn gekommen. Und jetzt mußte ſie nun von ihnen vor Aller Augen ſo bewillkommt werden, von ihnen, die ſich nur durch ihre Lächerlichkeit be⸗ merkbar machten! Die Graͤfin wurde bis uͤber die Schlaͤfe roth. Sie klagte uͤber die Hitze im Hauſe und zog ſich in die Loge zuruͤck. „Wie erbaͤrmlich und einfaͤltig bin ich!“ dachte ſie im Stillen.„Meine Verwandten nicht aner⸗ kennen zu duͤrfen, aus Furcht, mich bei zwei oder drei erbaͤrmlichen Leuten lächerlich zu machen, die fuͤr mich nichti Phorhe as ich weile Unwill rin di in St Loge b Doch dame auf. tude ſchluf deeht undt ſen in de gerh auf ſ frei, mout us, ſien bßi Jue beme nichts ſind!— O, ich könnte mir wegen ſolcher Thorheit Schlaͤge geben! Delmour kennt mich beſſer, als ich mich ſelbſt, und ich uͤberwarf mich mit ihm, weil er mich kennt!“— Thraͤnen des Aergers, des Unwillens entquollen ihrem Auge.—„Ich will Her⸗ rin dieſer kleinlichen Gefuͤhle werden!“ ſagte ſie ſich im Stillen und ruͤckte wieder an die Böſchung der Loge vor, entſchloſſen, der Baſe Gruß zu erwiedern. Doch das Ballet eilte zum Schluß. Herr und Ma⸗ dame Larkins richteten ihre ganze Aufmerkſamkeit dar⸗ auf. Dann wurde aufgebrochen; es gab Laͤrm. Ger— trude glaubte ſchon, mit der Ehre, einen ſolchen Ent⸗ ſchluß gefaßt zu haben, loszukommen; doch ſo eben drehte ſich die fröhliche Lilly heiter und lächelnd um, und die Lady nickte auch ihr freundlich zu. Im näch⸗ ſten Augenblick aber gluͤhten ihre Wangen, denn alle in der Loge ſchienen von einem elektriſchen Strahle geruͤhrt und richteten ihre Blicke voller Erwartung nur auf ſie. Schnell ſah Gertrude weg und athmete erſt frei, als ſie wieder im Wagen ſaß. Auch bei der Herzogin von Arlington war Del⸗ mour nicht. Die Lady Arabin druͤckte ihr Erſtaunen aus, ihn nicht an einem ſeiner gewöhnlichen Orte zu finden. Gertrude verſicherte ſo gleichguͤltig als möglich, daß ihr ſein Thun und Laſſen ganz unbekannt ſey. „Wahrſcheinlich iſt er bei der Herzogin von St. Jves; ſie hat einen muſikaliſchen Thee heut Abend!“ bemerkte eine Dame in der Geſellſchaft. Die Graͤfin fand wiederum die Hitze unertraͤglich. ———————— ————— 92 Ihre Geſellſchafterin verließ den Zirkel nebſt ihr, ſo⸗ bald der Wagen herbeigeholt war. Gertrude fuhr heim; den Körper ermüdet, den Geiſt voll Unruhe. Alle Anlagen zum Boſen waren während dieſes Tages rege geworden; Zorn und Neid, Stolz und Eiferſucht hatte getobt. Ein Reſt von dem einen und der andern wogte noch in ihrer Bruſt. „O, wie haſſ' ich mich! Wie häßlich komm ich mir vor!“ dachte ſie und blickte in einen Spiegel.— „Iſt dies ein Genuß? Ach, wie ganz anders waren die ſchonen Tage in Roßville verlebt!— Dort war ich nicht das eitle, einfältige, phantaſtiſche Weſen, das ich hier bin!— Lyndſay hatte recht, als er ſagte: ich wuͤrde nie das Gluͤck in dem finden, was die Welt Freuden nennt!“ Die bewunderte und beneidete Grafin von Roß⸗ ville geſtand ſich jetzt ſelbſt, daß, ſich bewundern laſſen, nur Eitelkeit ſey, und beneidet zu werden nur Unruhe mache! Et wirk Bein von gunſe mout ren ſ⸗ den aren Reid, den nich areh war eſen, te: Welt toß⸗ ſen, he Dreizehntes Kapitel. Mögen alle umkommen, die uns den Witz vor dem Munde wegſchnappen! Donatus. Ein guter Schlaf und die glänzende Mergenſonne wirken wunderbar, ernſte Gedanken zu verſcheuchen. Beim Aufſtehen hatte Gertrude wieder froͤhlichen Sinn von ihrem Gluͤcke, und ihre Schoͤnheit war wieder in ganzer Fuͤlle neu erbluͤht. Sie uͤberlegte, wie Del⸗ mour zu empfangen ſey; aber eine Rolle einzuſtudie⸗ ren war ihr nicht moͤglich. Sie mußte immer von den Umſtänden, vom Zufall getrieben werden, und ih⸗ nen uͤberließ ſie ſich auch jetzt. „Vielleicht find' ich ihn unten im Saale!“ dachte ſie und in dieſer kaum halb bedachten Erwartung eilte ſie zum Fruͤhſtuͤck. „Es iſt doch wohl ein Mißverſtändniß dabei. Die Leute ſind alle ſo einfaͤltig!“ dachte ſie und klingelte. „Ich bin heute fuͤr Jedermann zu Hauſe!“ eroffnete ſie. 94 „Fuͤr Jedermann, Mylady?“ „Ja, fuͤr Jedermann!“ Sie aß einige Biſſen, ſchalt fuͤr ſich, daß die Uhr ſo vorlief, und im Ganzen ſelbſt fuͤhlte ſie doch, wie die Zeit ſo langſam hinſchleiche. Unter andern eingegangenen Briefen war auch einer von Anna Black. Er hatte mit dem von Lyndſay einerlei Abſicht. „Ich bin feſt entſchloſſen,“ ſagte ſie beim Durch⸗ leſen,„daß Wilhelm Leslie die Stelle haben ſoll. Was ich etwa nachgebe, iſt, erſt den Oberſten zu uͤberzeugen, welche Gruͤnde ich dazu habe.— In jedem Falle kann ich jetzt Lyndſays Brief beantworten!“— Sie griff zur Feder.—„Ach ja, jetzt faͤllt mir's ein: ich habe ja ſchon geſtern einen angefangen, den ich im Ankleidezimmer liegen ließ. Ich kann ja lieber ihn zu Ende bringen, ſtatt einen neuen zu ſchreiben!“ Die Mutter trat ein; eine Entſchuldigung mehr, die Antwort aufzuſchieben. Miſtreß St. Clair hatte auf dieſe oder jene Weiſe entdeckt, daß zwiſchen ihrer Tochter und dem Oberſten ein Mißverſtaͤndniß obwaltete. Die Veran⸗ laſſung dazu wußte b nicht. Auch hielt ſie es fuͤr kluͤger, keine Kunde dävon zu nehmen. Sie wollte nicht in den Verdacht kommen, ihre Tochter in boͤſen Abſichten aus London zu fuͤhren. Bevor ſie aber des⸗ halb eine Eroͤffnung machen konnte, reichte ihr Lady Roßville den Brief der Baſe hin: „Ach, Mama, ſo nebenbei, Sie wiſſen doch, daß Herr Bauld, unſer Pfarrer in Roßville, todt iſt? Ich habet Hier 6 „ Gertu Rath hen. iht wiſſen nur 3 ter I pfar ſoll mog unſer eiſchei der 6 wo e Ifel des C uhn ich m lnde ſfen ß die doch, ndern Blac. Much⸗ ſol. n ju jedem — mirs „den lieber en!“ mehr, jene dem zeran für wollte höſen des⸗ Lod „doh 95 habe die Abſicht, dieſe Stelle Herrn Leslie zu geben. Hier iſt ein Brief von Anna deshalb.“ Die Mutter ſah ſehr ernſt aus:„Du vergißt, Gertrude, daß Du deshalb bei Deinen Vormuͤndern Rath einholen mußt!“ „Herr Lyndſay hat mir geſtern deshalb geſchrie⸗ ben. Es liegt ihm ſehr daran. Anna meldet, daß ihr Vater nichts dagegen einwende. Lord Millbank, wiſſen Sie, iſt ein bloßer Namez; folglich duͤrfen Sie nur Ihre Zuſtimmung geben, Mutter!“ „Nein; ich gebe mich nicht dazu her, die Toch⸗ ter Deines Onkels ſo herabzuwuͤrdigen, daß ſie eines Pfarrers Weib wird. Will ſie ſich wegwerfen, ſo ſoll ſie wenigſtens auf einem fernen Dorfe ſeyn. Nur mag ſie ihre Armuth, ihren niedrigen Stand nicht vor unſerer Thuͤr zur Schau tragen!“ „Arm mag ſie ſeyn, aber darum nie verächtlich erſcheinen!“ „Armuth und Verachtung gehen gewoͤhnlich auf der Erde zuſammen. Sie kann ſich nicht ſo ankleiden, wo es Noth thut, um als Deine Baſe an Deiner Tafel erſcheinen zu können, magſie auch als die Frau des Geiſtlichen der Aufmerbfamkeit entgehen!“ „Sie iſt ſo gebildet, ſo gut im Umgange, ſo anſpruchslos im Aeußern, daß ich voraus weiß, wie ich mich ihrer nie zu ſchaͤmen habe.“ „Und hat kaum ſo viel, die Kinder mit Huͤten und Schuhen, geſchweige mit Handſchuhen und Struͤm⸗ pfen zu verſehen! Eine rechte Freude muͤßte dies ma⸗ chen, ſo oft Du zum Schloßthore heraustrateſt, von einem Heer halb nackender Gaſſenjungen verfolgt zu werden, welche ihrer ſchoͤnen Frau Muhme nachliefen!“ „Aber, Mama, ich verſprach—“ „Und haſt jetzt nicht das Recht, es zu erfuͤl⸗ len! Du biſt noch minderjährig, unter Vormund⸗ ſchaft; mußt Dich von Deinen Vormuͤndern leiten laſſen. Warte, bis Du volljährig biſt; dann thu', was Du willſt. Waͤhrend der Zeit wirſt Du eine andere, viel beſſere Stelle zu vergeben haben, denn dieſe iſt eine der aͤrmlichſten!“ Die Unterredung ward unterbrochen, denn ein Wagen hielt vor der Thuͤr, freilich ein wenig anders, als man ſie ſonſt unter der Graͤfin Fenſter zu ſehen gewohnt war. Es war ein⸗ ſchwerer, großer Kaſten, offenbar fuͤr ſechs Pferde gebaut, lachsfarbig angeſtri⸗ chen. Kutſcher und Bedienter trugen gruͤne Röcke mit braunem Aufſchlage. Alles empoͤrte das an die Mode gewohnte Auge. Gertrude ließ einen Schrei des Schreckens hoͤren, als ſie einen Blick auf ihn warf. Er ſchien im buchſtäblichen Sinne von ſo viel Men⸗ ſchen vollgepfropft, als er nur halten konnte. Hut an Hut reihte ſich, und es dauerte einige Minuten, ehe ſich— Herr Larkins aus der Geſellſchaft losmachen konnte. Noch mehrere gingen hin, bevor— Madame frei war. Es folgte noch eine Dame und noch eine, und alle vier waren ſchon im Vorzimmer, ehe die Graͤfin Geiſtesgegenwart genug hatte, gegen den Ueber⸗ fall Vorkehrungen zu treſſen. des und Lilh der ihte zu ſe es be die 2 ſogte Vill geſte wie Oye nicht ten, unſet aber zuru glten ſe Mom Ben hft jung ſem I „bon gt zu ſinl fuͤl⸗ mund⸗ leiten thu, eine denn n ein ndet, ſehen aſten, geſtli⸗ e mit Mode i des waf Men⸗ ut an „che nachen gdame eine, Uebel⸗ 2 Herr und Madame Larkins und zwei Schweſtern des Erſtern wurden gemeldet und traten mit Knixen und Buͤcklingen herein, und die gutmuͤthige, einfaͤltige Lilly ſchien gar nicht muͤde zu werden, der Graͤfin, der Madame St. Clair die Haͤnde zu ſchuͤtteln und ihre Freude auszudruͤcken, wieder ihre Tante, ihre Baſe zu ſehen! Endlich hatten alle Platz genommen und es begannen nun die Entſchuldigungen, nicht fruͤher die Aufwartung gemacht zu haben. „Sie muͤſſen uns fuͤr recht unartig halten,“ ſagte Lilly,„aber wir ſind auf dem Lande in der Villa des alten Herrn Larkins geweſen und erſt vor⸗ geſtern wieder in die Stadt zuruͤckgekommen. Und wie garſtig es war, daß wir uns das erſtemal in der Oper ſahen! Ich merkte es gleich, daß Sie uns erſt nicht erkannten. Aber Auguſt ſagte, er wollte behaup⸗ ten, daß Sie böſe waͤren, weil wir Ihnen noch nicht unſere Aufwartung gemacht haͤtten. Wie ich Sie aber verſichere, ſo ſind wir erſt vorgeſtern in die Stadt zuruͤckgekehrt, und geſtern konnten wir die Kutſche des alten Herrn Larkins nicht bekommen, denn er brauchte ſie ſelbſt; aber heute erhielten wir ſie. Die alte Mama waͤre ſelbſt mitgekommen, aber ſie hat ſich am Bein verletzt und beim Weggehen Schmerzen, und hofft daher, daß Sie dieſelbe entſchuldigen werden!“. „Charmant iſt dies alles!“ aͤußerte hier der junge Gatte, das Zimmer uͤberſchauend. „Ganz charmant!“ verſicherte eine ſeiner Schwe⸗ ſtern. III. 5 98 „Ein charmantes Ding!“ behauptete die andere. „Nun, Mühmchen, im Theäter find Sie doch alſo geweſen?“ fragte der Herr Vetter. Die Gräfin verneinte es. 3 „Muͤhmchen, nein, iſt es möglich? Nun, da haben Sie noch gar nichts geſehen! Aber wir gehen doch einmal Abends ins Drurylanetheater?“ Ein donnerndes Klopfen an der Hausthuͤre mel⸗ dete hier andere Gäſte und Gertrude glaubte in Ohn⸗ macht ſinken zu muͤſſen, als die Herzogin von St. Jves gemeldet wurde. Sie ſtand auf, um ſie in einem andern Zimmer zu empfangen. Aber— es war zu ſpät, ſchon erſchien die Herzogin mitten in der Larkinsſchen Familie. „Wie geht's Ihnen, Lady Roßville? Ich hoͤrte, Sie waͤren bei der Herzogin von Arlington geſtern Abend unwohl geworden und war ganz beſorgt wegen Ihrer. Jetzt ſcheinen Sie aber wieder ganz herge⸗ ſtellt?“ Dies ſprach die Herzogin in jenem inſolenten, ſtolzen, Herablaſſung bezeichnenden Tone, der auf einer Seite beweiſen ſoll, wie gluͤcklich der Sprecher ſey, während er auf der andern Mitleid mit dem ihm ge⸗ genuͤber Stehenden verrathen will. Gertrude ſuchte in gleicher Weiſe zu antworten; allein ſie war in der Verſtellung nicht eingeweihtz ihr Verſuch, ſcherzhaft zu ſeyn, ſchlug fehl, als ſie antwortete: daß ſie blos durch das lange Ballet in der Oper ermuͤdet und durch die gro worden nun d oldnete will i Sache ten be Ih m heie ( trude ſrſt nöthi weſen e Rößen ſcrer hingn hetuhſ Luten fiden lice 6 fn ( hatt hatte lcht dere. doch „da Nhen mel⸗ hn⸗ ſe in - e nder nt ſtern egen erge⸗ nten, einer ſeh⸗ n ge⸗ ſucht der thoft duch 99 die große Hitze in den Zimmern der Herzogin erſchöpft worden ſey. „Da hab' ich's ja recht klug gemacht!“ gab nun die Herzogin hingeworfen zu bemerken.„Ich ordnete meine kleine, ſtille Parthie zu Hauſe an. Doch will ich nur die Wahrheit geſtehen: Es war mehr Sache der Nothwendigkeit. Zwei, drei Freunde hat⸗ ten bei mir geſpeiſt und wollten durchaus nicht gehen. Ich mußte ihnen etwas ſingen, bis ich wflich ganz heiſer wurde!“ Sie ſtellte ſich hier, als muͤſſe ſie huͤſteln. Ger⸗ trudens Wange gluͤhte hoͤher. Ihr Herz klopfte, ob ſie ſchon nichts erwiederte. Ihre Mutter hielt es fuͤr noͤthig, etwas zu bemerken, um nur die andern An⸗ weſenden zu verhindern, das Wort zu nehmen: „Es ſcheint, als ob die Talente Ew. Durchlaucht groͤßern Eindruck machten, als die des Wunders un⸗ ſerer Tage, der beruͤhmten Catalani!“ „O, Theuere, nein!“ erwiederte die Herzogin hingeworfen und faſt veraͤchtlich auf ſolche Complimente herabſehend.—„Aber es macht mir Freude, mit Leuten zu ſingen, die ſich in meinen Geſchmack zu finden wiſſen. So kenn' ich nur einen, der das Fe- lice chi vi mira ſingen kannz das heißt, wie ich es finge!“ Es war dies des Oberſten Lieblingsarie, und oft hatte er ſie mit Gertruden geſungen. Auch gehort hatte ſie von ihm, wie ſie die Herzogin von St. Jves recht hubſch vortrage, obſchon in einem ganz andern 7* Style. Sie fuhlte, daß ihre Unruhe kund wuͤrde, ſo⸗ bald ſie das Geſpräch fortſetzen wolle, und froh war ſie daher ſogar, als ſie mit der Larkinsſchen Familie ſpre⸗ chen konnte, die, von dem glaͤnzenden Einbande einiger Buͤcher auf einem Pfeilertiſchchen gelockt, dieſe aufzu⸗ ſchlagen oder beſſer zu betaſten angefangen hatte⸗ „Das iſt ſchon!“ ſagte die Madame Larkins und zeigte ihren Schwaͤgerinnen einen Kupferſtich. „So was hab' ich noch nicht geſehen. Wie heißt's denn?— Piſche!“— So las ſie den Titel. „Peſyche heißt's, mein Herzchen!“ flͤſterte ihr der Mann ins Ohr und ſchien ſich der ſo verhunzten Piſche zu ſchämen. „Nein, Piſyche iſt das?“ fragte eine Schwe⸗ ſter.„Ein huͤbſches Ding, wirklich!“ Gertrude haͤtte uͤber den Mord der armen Pſyche, der ſo ganz zur Unzeit kam, weinen moͤgen, waͤhrend die Herzogin ein wenig Huſten erkuͤnſtelte, um das Lachen zu verbergen. „Ach, weil wir von Muſik ſprechen,“ bemerkte ſie,„ſo ſagen Sie mir doch, Freundin, iſt denn Del⸗ mour mit Ihnen in einigem Grade verwandt? Ich glaube, er ſagte mir, daß Sie einigermaßen ſeine Baſe wären! Ach Gott, wie herrlich ſingt der Mann das Felice chi vi mira!“ „Ich glaube, der Oberſt iſt mein Couſin!“ er⸗ wiederte die Grafin jetzt, zu einer ſtolzen Gleichguͤltig⸗ keit a heſonh / traut empöt gen! wehen — 6 freut tigen zen) ſch ſchwe beugt Siet tgeſe nd wutde und Kunde ihen n ie e⸗ iget u⸗ ins ch. 3 5 ihr zten e che, lend dao erkte Del⸗ 59) Baſe das el⸗ iltig⸗ keit aufgeregt.„O, er ſingt manches recht huͤbſch; beſonders: Vorrei ahmen per gioco!“ 4) „O, das ſpart er vermuthlich nur fuͤr ſeine ver⸗ trauten Freundinnen auf!“ meinte die Herzogin mit emporendem Laͤcheln.„Bei mir hat er's nie geſun⸗ gen! Wenn ich ihn ſehe, werde ich ihm wahrhaftig wegen ſolcher Untreue Vorwuͤrfe machen! Indeſſen — Guten Morgen, theuere Lady! Ich bin recht er⸗ freut geweſen, Sie ſo wohl zu finden!“ Mit einem Haͤndedruck fuͤr die Graͤfin, einer fluͤch⸗ tigen Verbeugung fuͤr Madame St. Clair, einem ſtol⸗ zen Nebenblick auf die Uebrigen, welche alle ſtanden und ſich mit tiefer Ehrfurcht verbeugten und verneigten, ſchwebte ſie aus dem Saale. Gertrude war zu ge⸗ beugt, um zu horen, wovon nun noch geſprochen wurde. Sie vernahm nur, daß von einer Einladung zum Mit— tageſſen, von einer Spielparthie, von dem Landhauſe und dem kranken Beine der alten Dame geſprochen wurde. Vor Verzweiflung erſchoͤpft gab ſie alles zu und endlich trennten ſich die Beſuchenden, um die Kunde von allem, was ſie geſehen und gehoͤrt hatten, ihren minder vornehmen Bekannten mitzutheilen. *) und wäre es auch nur zum Scherze! Vierzehntes Kapitel. Mein treues Herz vergißt, was ihm dein Sorn erſt lehrte. Denn ſeh' ich dich, fühl' ich nur noch das Glück alein! Maſons Elfride. Gleich Allen, die nur Sklaven ihrer Gefuͤhle ſind, ſah die Gräfin, daß ſie zu einem oder dem andern Aeußerſten ſchreiten, ſich entweder in ihrem Gemache verſchließen und jeden Troſt von ſich weiſen, oder tie⸗ fer in den Strudel der Thorheit, der Pracht ſtuͤrzen muͤſſe, die jedes Nachdenken erſäufen. Wie Viele in gleicher Lage meiſt zu thun pflegen, gab ſie ſich beiden Uebeln hin. Sie weinte erſt bittere Thränen der Ei⸗ ferſucht, des Schmerzes. Dann rief ſie nach dem Wagen, warf den Schleier uͤber und fuhr zur Lady Arabin, um mit ihrem Beiſtande einigen Putz, einiges Geſchmeide zu kaufen. „Ich koͤnnte auch einiges Hausgerathe beſtellen, das ich in Roßville brauche!“ ſprach ſie für ſich⸗ „Ich werde ja bald wieder dort ſeyn!“ Und die Thraͤnen traten ihr in die Augen, als Roßvilles Schloß und alle ſuͤße Erinnerungen daran ihrer Phantaſie vor⸗ ſchwobt an all Einbid A fand ſi kum vorübe gegenſ Bekan ( dem Arab Di Lady geni wahre lang lette allez ſchen eine ſch ſilte ſe ſ und Fut ihle hrie. ein! ind, dern ſche tie⸗ tzen ein iden Ei⸗ dem dh iges llen, ſ6 die hle vr⸗ 103 ſchwebten. Indeſſen ſtrebte ſie, dieſe mit den Gedanken an alle Pracht zu unterdruͤcken, womit ſie jetzt ihre Einbildung zu beſchäftigen ſuchte. Als ſie in das Zimmer der Lady Arabin kam, fand ſie Herren, Kinder, Hunde in Menge darin, und kaum war der erſte Aufſtand des Bewillkommnens voruͤber, ſo erblickte ſie den Oberſten Delmour. Eine gegenſeitige, ſtille Begrußung war alles, wodurch die Bekanntſchaft an den Tag gelegt wurde. Einer der Muͤſſigganger hier entfernte ſich nach dem andern. Die Kinder wurden entlaſſen und Lady Arabin blieb mit der Graͤfin und dem Oberſten allein. Die Graͤſin gab ihren Wunſch zu erkennenz die Lady willigte ein und bemerkte: „Ich habe ein wenig den Schnupfen. Ihr Wa⸗ gen iſt offen. So werde ich mich ein Bischen ver⸗ wahren muͤſſen. Laſſen Sie ſich nicht die Zeit zu lang werden, wenn ich zehn Minuten bei meiner Toi⸗ lette zubringe!“ Mit einem Lächeln verſchwand ſie. Es war nun alles ſtill. Gertrude huͤtete ſich ſorgfältig, dahin zu ſehen, wo Delmour war. Er hätte es ja können fuͤr eine Aufforderung halten, zu ſprechen. Sie fuͤrchtete ſich beinahe Athem zu holen, damit er nicht denken ſollte: ſie habe geſprochen. Im Stillen ſchmeichelte ſie ſich, daß ſie das wahre Bild der Gleichguͤltigkeit und Ruhe ſey; aber der Oberſt ſah ſelbſt durch die Falten ihres Schleiers, zu ſeiner geheimen Freude, wie ihre Lippe bebte und ihr Auge voll Thranen ſtand. 104 Endlich war dieſer Zuſtand doch zu ſchmerzlich, um noch laͤnger ertragen zu werden. Sie ſtand in der Abſicht auf, in das angraͤnzende Zimmer zu gehen, als ihr der Oberſt voller Unruhe, wie es ſchien, ent⸗ gegentrat und ſagte: „Ich haͤtte mich zwar nie unterſtanden, mit der Lady Roßville in Ihrem Zimmer eine Unterredung zu ſuchen, nachdem ich einmal hinausgetrieben worden bin. Allein jetzt die Gelegenheit vorbeizulaſſen, ohne einen Verſuch zu machen, von Ihrer Gerechtigkeit zu er⸗ halten, was ich Ihrer Zärtlichkeit zu verdanken nicht ſehr hoffen darf, vermag ich durchaus nicht!“ — Er hielt hier voll Beſtuͤrzung inne. Gertrude fuͤhlte, wie ihr die Thraͤnen heftiger ausbrechen wollten. Sie erwiederte nichts.—„Um was ich bitte, iſt, daß Sie blos hoͤren, was ich zur Entſchuldigung mei⸗ nes Benehmens vorbringen kann, das Ihnen, bis es einigermaßen aufgeklaͤrt iſt, freilich voreilig und unver⸗ antwortlich erſcheinen mag!“ „Ich hatte unrecht!“ liſpelte Lady Roßville, allen ihren Stolz aufbietend.„Der Schritt, den Sie ge⸗ than haben, war von ſo außerordentlicher Art, daß ich wohl erſt hoͤren mußte, was Sie zur Rechtfertigung deſſelben ſagen konnten!“ So eine anzuͤgliche, raſche Bemerkung kam dem Oberſten unerwartet. Er ſchwieg einige Augenblicke voller Verlegenheit. Endlich bemerkte er: „Ich ſehe, daß ich Ihren Charakter falſch, oder vielmehr nach dem meinigen beurtheilt habe. Wäre ih 5 Stoh Liche theilte hegen die G auch zu wi mou ing bei nen, Wn tel Sach ſolle ſie n Die bin den bene that, glte ſun Vl Wo der en, nt⸗ len g ung em ice oder zite 105 ich Herr der Welt geweſen, dann wuͤrde es mein Stolz, meine Seligkeit ſeyn, daß der Gegenſtand meiner Liebe vom Augenblicke an, wo ich liebte, meine Macht theilte, mochte ſie gehen, ſo weit ſie wollte. Sie hegen andere Geſinnungen, wie es ſcheint!“ „O, ich haͤtte mir es auch zur Wonne gemacht, die Gaben des Glucks zu theilen, von welcher Art ſie auch ſeyn mochten! Aber ſie mir ſo aus den Haͤnden zu winden—“ „Daran hab' ich nie gedacht!“ verſicherte Del⸗ mour ernſt.„Vorlaut und raſch in meiner Sprache, ging ich vielleicht offener zu Werke, als ein Anderer vei groͤßerer Feinheit gethan haͤtte. Ich erzählte Ih⸗ nen, aber vielleicht mit zu wenig Worten, die einfache Wahrheit, daß ich, Ihrem Wunſche gemaͤß, alle Mit⸗ tel aufbot, um in die Garde verſetzt zu werden. Die Sache hatte aber Schwierigkeiten, und— warum ſollte ich Bedenken tragen, es Ihnen zu bekennen— ſie machte Koſten, welche uͤber meine Kraͤfte gingen— Dies Letztere Ihnen zu ſagen, war ich zu ſtolz. Ich bin dafur beſtraft worden! Kurz, um Sie nicht mit den langweiligen, einzelnen Umſtänden zu ermuͤden, bemerke ich kuͤrzlich, daß mir Monteith den Vorſchlag that, mich zu verpflichten, bei Ihnen meinen Einfluß geltend zu machen und fuͤr ſeinen alten Hofmeiſter zu ſorgen, welcher der Familie zur Laſt lebt. Ich dachte — aber verzeihen Sie dieſe Anmaßung— Ihren Wuͤnſchen zu begegnen, und war Narr genug, mein Wort darauf zu geben!“ 106 „O, das nicht allein! Auch das meinige gaben Sie!“ rief die Graͤfin, gegen ihre erwachende Liebe kaͤmpfend. „Vielleicht that ichs— in der voreiligen Hoff⸗ nung, daß, wenn die Zeit kaͤme, mein Verſprechen zu loͤſen, ich bei Ihnen wohl groͤßeren Einfluß haben werde, als ich mir jetzt zu beſitzen ſchmeicheln darf. Doch meine Hoffnung iſt zu Ende. Wie unangenehm es mir auch ſeyn mag, mein Wort nicht halten zu konnen, ſo ſollte mich doch die Schaam deshalb min⸗ der ſchmerzen, als das Ungluͤck, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben!“ „Und Sie konnten doch mit der Herzogin von St. Ives ſingen!“ rief Gertrude im Tone des Vor⸗ wurfs, mit erroͤthenden Wangen und Thraänen, die in vollen Tropfen perlten. „Hab' ich das? Es iſt möglich, denn was ich ſeit vier und zwanzig Stunden that, weiß ich gar nicht mehr.— Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Lord Weſterton noͤthigte mich, mit ihm zu ihr zu gehen. Ich mußte mit ihr eins und das andere ſingen. Was es war, hab' ich vergeſſenz Dinge, die ich ſchon vor der Suͤndfluth mit ihr geſungen habe! Das heißt, zu der Zeit, wo ich noch ihre Schonheit, ihre Stimme bewunderte. Doch— dieſe Tage ſind dahin— ſie kehren nie wieder!“ Gertrude ließ jetzt den muͤhſam zurüͤckgehaltenen Thränen freien Lauf; aber— es waren Thränen der Freude, der Zaͤrtlichkeit. hen zu bo Won ticch. indem denn Ober ſchtiel ſtele ſie mut die auf glück went taub läde ſo wur furt Fru St. du fng en 107 „Delmour,“ liſpelte ſie und reichte das Händ⸗ chen hin.„Wir find beide zu tadeln. Sie waren zu voreilig und ich zu hitzig. Aber Sie ſollen Ihr Wort halten!“— Sie ſetzte ſich an den Schreib⸗ tiſch.—„Wie heißt Ihr Candidat?“ fragte ſie, indem ſie zur Feder griff. Indeſſen ſeuftte ſie doch, denn Wilhelm Leslie trat vor ihre Phantaſie. Der Oberſt wußte den Namen nicht anzugeben⸗ Sie ſchrieb daher blos einige Zeilen, worin ſie die Pfarr⸗ ſtelle zu Roßville auf—— uͤbertrug. Dann gab ſie das Papier dem Geliebten. Er heuchelte Groß⸗ muth und wollte es nicht annehmen. Endlich drang die Gräfin durch und er willigte ein, ſein Wort auf Koſten des ihrigen zu halten!. Noch immer fuͤhlte ſich jedoch Gertrude nicht glucklich. Aber die gewöhnliche Panacee wurde ange⸗ wendet— Geld verſchwendet, das Nachdenken zu be⸗ täuben. Der Oberſt wohnte dem Beſuche der Kram⸗ läden bei und ermunterte jede Grille, mochte ſie noch ſo koſtſpielig ſeyn. Die glaͤnzendſten Hausgeraͤthe wurden fuͤr Roßville beſtellt, um ſo ſchnell als moglich fortgeſchickt zu werden. Um die fluͤchtige, truͤgeriſche Freude zu kroͤnen, fuhren ſie bei der Herzogin von St. Jves voruͤber und Delmour begruͤßte ſie blos durch eine kalte Verbeugung. „Gehen Sie in ihre Aſſemblee heut Abend?“ fragte die Graͤfin ihren Geliebten. „Nur, wenn ich Sie begleiten kann!“ „O, Graͤfin,“ fiel hier die Lady Arabin ein, 108 welche der Herzogin abhold war,„dann bleiben Sie weg. Kommen Sie beide zu mir und nehmen Sie ein frugales Mahl ein. Mein Schnupfen iſt zu ſtark. Ich darf heut Abend nicht ausgehen. Diners finden bei mir nicht ſtatt. Wir ſind blos unſerer vierz auch nicht uͤbel, manchmal!“ Gertrude ſtimmte bei. Der ſtille Abend ward zum Theil mit Geſprächen uͤber einen Ball hingebracht, den ſie geben ſollte, waͤhrend ſie zugleich an den Ge⸗ mahl der Lady Arabin funfzig Guineen im Pcarté verlor. „Was das fuͤr ein haͤßlicher Tag heute war!“ dachte ſie, ſich zu Bette legend.„Und doch hab' ich ſo viel Freude gehabt!“— Sie ſeufzte hierbei, denn alle truͤgeriſche Stimmen des Herzens, alle Schmei⸗ cheleien des Geliebten konnten nicht den Ruf des Ge⸗ wiſſens uͤbertaͤuben und ihr bergen, daß ſie unweiſe und ungerecht gehandelt habe! „Was ſoll ich nun Lyndſayn antworten?“ dies war am folgenden Morgen der erſte ſich aufdringende Gedanke. Sie hatte ſich angekleidet und hörte das ihr wohlbekannte Klopfen Delmours.—„Heute werd' ich wohl nicht Zeit haben, ihm zu ſchreiben!“ dachte ſie und eilte, den Geliebten willkommen zu heißen; froh, eine Entſchuldigung zu haben, das ver⸗ druͤßliche Geſchäft hinausſchieben zu konnen. Der— geſchaͤftige Muͤſſiggang hielt aber unab⸗ läſſig auch noch manche folgende Tage an, bis es end⸗ —— S * den t ald t, je⸗ ies lich zu ſpaͤt war, uͤberhaupt noch an eine Beantwor⸗ tung des Briefes zu denken⸗ Am beſten ſchien es nun, zu warten, bis ſie wie⸗ der in Roßville war. Muͤndlich konnte ſie ja die Sache dort ungleich beſſer auseinanderſetzen, als jetzt noch in einem Briefe. Der Gedanke, wie die hinge⸗ haltene Hoffnung das Herz traurig macht, fiel ihr— bei wie wenigen Großen und Gluͤcklichen geſchieht denn dies?— nicht ein, obſchon das Paar, deſſen ganzes Gluͤck von ihrem Worte abhing, dieſen Schmerz, als ein Poſttag nach dem andern verſtrich und keine Kunde brachte, in vollem Maße empfand. Anna ſchrieb noch einmal, und Scham und boͤſes Gewiſſen trieb der Gräfin das Blut in die Wangen, als ſie den Brief der Baſe in der Hand hielt. Aber alle unbedeutenden Billets erbrach ſie, alle Karten und Zeitungen las ſie; ſie liebkoſte dem Windſpiel und ließ den Dompfafſen pfeifen. Nur das Siegel auf dem Briefe der Baſe zu erbrechen fand ſie keine Zeit! Es war ihr zuwider, ſich mit irgend einem Dinge zu beſchaͤftigen, das kein Vergnuͤgen zu gewaͤhren ſchien— Der einzige Gedanke, den ſie faßt, iſt: Nichts Zu denken! Eine Kunſt, in der ſie jeden Tag größere Fortſchritte machte! Indeſſen fuhr ſie doch mit der Mutter zur Fa⸗ milie Larkins, den Beſuch zu erwiedern. Lilly war voll Wonne uͤber ihre gluͤckliche Lage und drang heftig in die Tante, die Baſe, einen Tag zu beſtimmen, wo 110 ſie beirihr ſpeiſen wollten, denn ihr Auguſtchen wuͤrde ſehr boͤſe ſeyn, wenn ſie das nicht thaͤten. Noch einige Nahverwandte ſollten ſie dann kennen lernen. Einer ſey ſchon Lord-Mayor geweſen. Auguſtchen ſey in der Wahl ſeiner Freunde ſehr eigenſinnig und koͤnne gemeinen Umgang nicht dulden. Die Graͤfin verſprach, um loszukommen, ihre Einladungskarten durchzuſehen, ſobald ſie wieder nach Hauſe ſey, und wäre noch ein Tag unbeſetzt, bevor ſie London verlaſſe, bei ihnen zu ſpeiſen! ide ſige ner nne h, en, nen 111 Funfzehntes Kapitel. O ihr ſchönen Frauen, wie ergötzlich wäre das Leben, wenn es immer ſo fortginge, und wir am Ende mit allen die⸗ ſen Freuden gleich in den Himmel kämen! John Knox. Während deſſen war der zum Balle beſtimmte Tag erſchienen, und ſelbſt in den groͤßten Pallaͤſten macht ein Ball mehr oder weniger Unruhe und Störung. Vergebens hatte die Mutter dagegen Einwendungen gemacht, oder beſſer, Tadel geaͤußert, denn die Kar⸗ ten wurden ausgegeben, ehe man ſie nur befragt hatte, und die Vorbereitungen, nach dem glaͤnzendſten Maß⸗ ſtabe berechnet, wurden alle vom Oberſten und der Gräfin ſelbſt, mit Beirath einiger ihrer Freunde, ge⸗ troffen. Die Letztern wurden eingeladen, fruͤher zu er⸗ ſcheinen, um ihr beim Empfang der Gäſte behuͤflich zu ſeyn. Gertrude war zu gehöriger Zeit im Glanze und jedes Zimmer erleuchtet. Mit faſt kindiſchem Entzucken wanderte ſie durch die Gemächer. Alles war voll Licht, voll Blumen, voll Wohlgeruch, und 112 ihre eigene Geſtalt, in Schoͤnheit und Freude leuch⸗ tend, ſtrahlte auf allen Punkten aus den praͤchtigen Spiegeln, welche das glaͤnzende Bild in faſt unendli⸗ cher Reihenfolge zuruͤckwarfen. Eben war ſie vor einem Spiegel ſtehen geblieben, etwas am Haare zu ordnen, als ſie in dem langen Glaſe einen Herrn hereinfuͤhren ſah, der, ihrer Meinung nach, Delmour ſeyn mußte. Sie drehte ſich um, ihn lächelnd zu bewillkommnen; aber zu ihrem Erſtaunen war es nicht der Geliebte, ſondern der Vormund, Herr— Lyndſay! „Lyndſay, theueres Vetterchen!“ rief ſie, obſchon mehr uͤberraſcht, als voll Freude.„Wie?— Fallen Sie aus dem Monde herab?“ „Mit nichten, theuere Gertrude!“ erwiederte er, ihr zärtlich die Hand ſchuͤttelnd.„Ich habe eine lange Reiſe gemacht, aber ſo lang doch nicht, wie Sie an⸗ geben. Ich komme aus Schottland!“ „Aus Schottland?“ wiederholte die Lady etwas verlegen, denn das Gewiſſen regte ſich bei dem Worte. —„Wie lange ſind Sie denn ſchon in London?“ „Erſt ſeit heut Morgen— das heißt, was ich Morgen nenne; denn bei Ihnen geht da der Tag wohl erſt zu Ende. Ich ließ mich nämlich— ſo ein gemeiner Menſch bin ich!— um neun Uhr bei Ih⸗ nen anmelden und hoͤrte: Sie ſeyen noch nicht auf⸗ geſtanden. So ließ ich meine Karte zuruͤck und kam um drei Uhr wieder. Mylady ſey eben ausgefahren! erfuhr ich. Jetzt, ſcheint es, komme ich nun gerade zu Ihrem Balle!“ tude Scher mache fihren nochpu mit L lezter Ziit, neln! jeden als— weit Sie wonn heftig Liche ich3 genbl kann. Rich gen dli⸗ em en, ren ßte. en; te, hon len et, nge qn⸗ vas rte. 7 Tag ein uf⸗ fam len rade „Wirklich? Sie wollen bleiben?“ rief Ger⸗ trude in ziemlicher Verlegenheit, ob er im Ernſte oder Scherz rede.„Nun, dies wuͤrde mir viel Vergnuͤgen machen; daß Sie aber— Ich habe kein Wort er⸗ fahren: Sie ſeyen da geweſen. Die Karten hab' ich nachzuſehen vergeſſen!“ „Haben Sie ſonſt nichts vergeſſen?“ fragte Lyndſay mit leiſem Anklang von Vorwurf. „Ich will nicht fuͤrchten!“ verſicherte Gertrude mit Laͤcheln und Erröthen. Jenes war erkuͤnſtelt, das letztere— Natur!„Indeſſen— jetzt iſt nicht die Zeit, mich an ſolche etwa vergeſſene Dinge zu erin⸗ nern!“ „Und wann iſt dieſe Zeit?“ „Ach, immer; das wiſſen Sie ja. Jeden— jeden Morgen!“ „Jeden Morgen heißt wohl manchmal ſo viel, als— niemals? Nicht wahr?— Ich bin indeſſen weit hergekommen, um mit Ihnen zu reden, da Sie mir nicht ſchreiben, und ich muß daher wiſſen, wann Sie unbeſchäftigt ſind!“ „Sie ſprechen ganz wie ein Vormund! Wahr⸗ haftig!“ aͤußerte Gertrude mit wiederum erkuͤnſteltem Lächeln.„Aber da Sie es wiſſen muͤſſen, ſo muß ich Ihnen auch oſſen geſtehen, daß ich in dem Au⸗ genblicke unmoͤglich alle meine Einladungen uͤberſchauen kann. Morgen, weiß ich, mache ich eine Parthie nach Richmond. Wir fahren zu Waſſer hinaus. Ich mag M. 8 ——————————— ————— 114 nicht ſehen, wie verſtört es nach dem Balle hier aus⸗ fieht!“ „Und was machen Sie dann?“ „Wahrſcheinlich ſpeiſen wir auch zu Mittag drau⸗ ßen und kommen dann Abends zuruͤck, wo ich an eini⸗ gen Orten verſprochen bin!“ „Und uͤbermorgen fruͤh— kann ich Ihnen da aufwarten?“ „Was haben wir denn da?— Freitag.— Ja, ich ſollte denken— Ach, jetzt fällt's mir einz ich habe dem Maler Tournerelli verſprochen, ganz fruͤh zu ſitzen. Vergeſſe ich's wieder, wie ſchon einmal geſchehen iſt, ſo macht er wirklich eine Gorgone oder eine Meduſe dus mir! Aber— Sie koͤnnen ja morgen die Par⸗ thie nach Richmond mitmachen, und dann ſprechen Sie mit mir uͤber alles. Ich bitte, kommen Sie mit!“ Lyndſay ſeufzte.„Ach, Gertrude,“ ſagte er, „wie haben ſich die Tage geaͤndert, ſeitdem wir ſie in Roßville zubrachten! Dort haͤtte ich mir kaum ein⸗ fallen laſſen, daß Sie ungern eine halbe Stunde Ihre Freuden fuͤr den Freund abkuͤrzten!“ „Sie werden doch nicht wollen, daß ich mein Woet brechen ſoll?“ fragte Gertrude etwas gereizt. „Im Gegentheil wollte ich Sie an das erin⸗ nern, welches mich herfuͤhrte!“ ſprach Lyndſay ſanft, aber ernſt.„Indeſſen ich ſtelle Ihnen frei, das kleinere Uebel zu waͤhlen, das Andern am wenigſten wehe thut. Ihre Freunde aus der großen Welt wer⸗ den, hofſe ich, ſich nicht zu Tode grämen, wenn Sie dieſtlt drre, chen für di 6 ausſe über Ort Zeit! Lynt könn nicht bar ubern beyf erinn Prrſ gen tn Si dhe ſch Ihi aus⸗ drau⸗ eini⸗ en da J, habe ſitzn. en iſi, Reduſe Por⸗ rechen nit!“ te er, ſie in nein⸗ I mein ereizt. erin⸗ ſanft, das igſten wel⸗ Sie 115 dieſelben morgen einmal täuſchen. Aber es giebt An⸗ dere, Gertrude, denen Sie wichtigere Dinge verſpro⸗ chen haben, deren Gluͤck in Ihren Händen liegt, und fuͤr dieſe möcht' ich mich gern verwenden!“ Lady Roßville wurde feuerroth und ſtand auf: „Es wuͤrde doch ſehr laͤcherlich fuͤr mich und Sie ausſehen, wenn man uns hier im Ballſaale ſo ernſt uͤber unſere Pfarrangelegenheiten ſprechen horte. Der Ort waͤre mindeſtens ſo ſchlecht gewahlt, als die Seit!“ So äußerte ſie etwas ſtolz, indem ſie wegging. Lyndſay ſchien zu betroffen, um gleich antworten zu konnen, doch verſicherte er endlich: „Meiner Angelegenheiten wegen wuͤrde i mich nicht an einem Ort eingedraͤngt haben, wo ich offen⸗ bar unwillkommen bin, aber ich habe einen Auftrag uͤbernommen, den ich ausfuͤhren muß. Ich habe mich verpflichtet, Lady Roßville an ihr Verſprechen zu erinnern; noch mehr: es durchzuſetzen, daß ſie ihr Verſprechen haͤlt!“ Die Graͤfin blieb ſtill, aber aus allen ihren Zuͤ⸗ gen leuchtete die innere Unruhe. Endlich ließ ſich un⸗ ten der Klopfer der Hausthure horen. „Sie haben mir verweigert, eine Stunde, wo Sie mich ſehen koͤnnen, anzugeben. Ich will Ihnen daher eine nennen. Morgen um ein Uhr will ich hier ſeyn!“ Gertrude antwortete nicht, ſondern eilte nach der Thuͤre, die Lady Arabin, den Oberſten und eine ganze 8* ——————— in B*— ——— Reihe von Freunden zu empfangen, welche herein⸗ ſtroͤmten. Delmours Erſtaunen, als er Lyndſay ſah, ließ ſich nur mit ſeinem Verdruſſe vergleichen. Beide be⸗ gruͤßten ſich kalt und ohne Annaͤherung. Madame St. Clair erſchien jetzt. Auch die Mutter des Ober⸗ ſten und die Schweſtern deſſelben kamen. Lyndſay wurde von allen Seiten mit Zeichen der Ueberraſchung beſtuͤrmt, ſuchte ſich aber bald loszumachen und ver⸗ ſchwand. „Lyndſay hat Ihnen wohl eine fromme Vermah⸗ nung uͤber den ſuͤndhaften Tanz gegeben?“ fluͤſterte Delmour Gertruden ins Ohr, als er ſie zur Eröffnung des Balls vorfuͤhrte.„Sie ſehen ja ſo ernſt aus, als haͤtten Sie den Kirchenvorſteher vor Ihren Augen!“ Gertrude laͤchelte. Die erheiternde Muſik, alles, was im Gefolge eines glaͤnzenden Balles iſt, ver⸗ ſcheuchte bald die truͤben Gedanken, die Lyndſays Er⸗ ſcheinen rege gemacht hatte. Sie war bezaubert, ſo lange es dauerte, und glaubte gluͤcklich zu ſeyn! Doch der Morgen erzählte ihr eine andere Maͤhr, als ſie nun zum Leben, wie es war, erwachte, die Taͤuſchung verſchwunden und nur Staub und Unord⸗ nung geblieben war. Bald ſchlug die Stunde, wo Lyndſay zu kommen aͤußerte. Aber ſie hatte ihm ja nicht verſprochen, ihn vorzulaſſen. Es war ihr zuwi⸗ der, uͤberhaupt heut Morgen, Jemanden zu ſehen. Das Haupt that ihr weh; das Haus war in Unordnungz die Dienerſchaft hatte den Wein im Kopfe und war vol E undt Komnt nihli tgerw ſoch ſn, trat d unten erſuch Rett ſe ſ erein⸗ „ließ N be⸗ dame Ohet⸗ ndſay chun ver⸗ moh⸗ iſterte fnung aus, en! alles, vet⸗ Er⸗ t, ſo 1 Niht, „ die nold⸗ „wo ja zuw⸗ Das nung; dwar voll Schlaf. Nichts befand ſich, wie es ſeyn ſollte; und um zwei Uhr ſollte es nach Richmond gehen! Konnte ſie ſich ſo uͤbereilen laſſen? Das war nicht möglich; ganz unmöglich! Wer konnte denn vernuͤnf⸗ tigerweiſe erwarten, daß ſie von Geſchaͤften rede, wo noch alles ſo unter einander lag? So ward beſchloſ— ſen, ſich zu entſchuldigen. Doch in dem Augenblicke trat die Zofe herein und meldete, daß Herr Lyndſay unten ſey. Da er keine Eile habe, ließ er Mylady erſuchen, ſich nicht ſtören zu laſſen. So gab es keine Rettung mehr. Halb zoͤgernd und halb eilend bereitete ſie ſich auf die Zuſammenkunft vor. Sechzehntes Kapitel. Ihr denkt wohl Wunder gar, wie weiſo ihr geſprochen; und London ſelbſt von euch zum Schweigen ſey gebracht? James Shudry⸗ Wenn Lyndſay voll Verdruß am vorigen Abend fort⸗ gegangen war, was Gertrude mindeſtens dachte, ſo waren doch alle Spuren davon verſchwunden; nur Ernſt zeigte ſein Blick und Benehmen. Sie bemerkte, daß ſie ihn nicht leichtſinnig behandeln duͤrfe. Offen⸗ bar fuͤhlte ſie ſich verlegen. Sie ſchmeichelte dem Hunde, ließ Chokolade bringen, ſprach zum Vogel, ließ Blumen wegtragen, die zu ſtark dufteten, und an⸗ dere mit Cölniſchem Waſſer beſprengen, kurz, es ſchien, als wollte ſie nur ein Leben um ſich rege machen und jede Möglichkeit zu einem geordneten Geſpraͤche ab⸗ ſchneiden. Lyndſay ſaß ruhig da, bis dies alles vorbei warz und als endlich nun alle ihre Befehle vollzogen waren, ſchämte ſie ſich doch auch endlich ſolcher Klei⸗ nigkeiten. Sie ließ die Diener das Zimmer raͤumen, ohne noch mehr ſolche Jämmerlichkeiten zu befehlen. tin?“ zu ſch ich Si Sie 9 Loh n Sie n nur w Dos i ſchine Dr Das verlei knſt der Einji ſcht trude ſhein ſicht Sih Sti Sie n; ocht! th, fort⸗ e, ſo nur ſerkte, Offen⸗ dem Pogel, nd an⸗ ſchien, n und e ab⸗ porbei lzogen Flei⸗ aumel⸗ len⸗ 119 „Nicht wahr, ich bin eine recht gutmuͤthige När⸗ rin?“ fragte ſie und machte einen Verſuch, munter zu ſcheinen, indem ſie Chokolade ſchluͤrfte.„Laſſe ich Sie heut Morgen vor und weiß doch, wie garſtig Sie geſtern Abend gegen mich geweſen ſind, daß Sie von meinem Ball fortlaufen konnten! Jetzt kommen Sie nun aus den Couliſſen wieder heraus und wollen nur wiſſen, wie haͤßlich wir ausſehen, da es vorbei iſt! Das iſt wirklich nicht huͤbſch!“ „Nun, das Geſpenſt der Freude iſt vielleicht nicht ſchoner, als andere Geſpenſter!“ erwiederte Lyndſay. „Doch ich habe ſo etwas vom Auge eines Zauberers. Das Schauſpiel der vorigen Nacht konnte mich nicht verleiten. Ich lernte laͤngſt zwiſchen wahrem und er⸗ kuͤnſteltem Gluͤck unterſcheiden!“ „Aber mein Gluͤck war, ich verſichere Sie, in der ganzen Nacht nicht etwa eingebildet! Das Einzige, was ich zu bedauern hatte, war? es dauerte nicht ſo lange, als man wuͤnſchen konnte. „Iſt denn Ihr Gluͤck ſo fluͤchtig dahin, Ger⸗ trude?“ „Wie buchſtäblich nehmen Sie jetzt alles! Sie ſcheinen ganz vergeſſen zu haben, was Scherz iſt!“ „Sobald dieſen die Umſtande erlauben, gewiß nicht. Aber jetzt iſt bei mir nicht die Zeit zum Scherzen; dies geſteh' ich!“ „O, wie traurig! Ich bin in keiner ernſten Stimmung. So koͤnnen wir nicht zuſammenkommen, Sie muͤßten denn mit nach Richmond fahren wollen. 120 Kommen Sie! Sie werden es mir doch nicht ab⸗ ſchlagen? Wenn Sie auch meinen Ball als erkuͤn⸗ ſtelte Freude noch ſo ſehr verachten, ſo muͤſſen Sie doch, dieſen Anſichten nach, mein laͤndliches Feſt, ein Stück vom gluͤcklichen Landleben, gut heißen! Alſo ſeyn Sie ja nicht eigenſinnig und ſchlagen Sie es ab. Bequemen Sie ſich, luſtig und zu ſeyn, wie andere Leute!“ „Sind Sie gluͤcklich, Gertrude?“ fragte er ernſt. „Ei freilich— warum zweifeln Sie denn daran?“ „Weil ich immer wahres Glück fuͤr ein edles, uͤberall hinwirkendes Gefuͤhl achte, das darauf ausgeht, ſeinen Segen uͤberall rings herum zu verbreiten. So ſtand es mit Ihnen, Gertrude, in Roßville! Aber jetzt ſcheinen Sie Ihr Gefuͤhl des Gluͤcks in engere Gränzen gezogen zu haben! Jetzt findet es nirgend hin den Weg mehr!“ Gertrude ward roth, indem ſie zu laͤcheln ſuchte und erwiederte: „Ich denke es ganz wieder nach Roßville zu bringen, denn bald hofſe ich zuruckzukehren, und beab⸗ ſichtige, daß ſie dann alle recht gluͤcklich ſol⸗ len, wenn ſie mich ſehen!“ „Es werden manche dazu Urſache haben; aber während deſſen dulden zwei Liebende nicht blos die Qual der Ungewißheit, auch die Angſt qualt ſie, erzeugt von einem falſchen Geruͤchte. Doch dies letz⸗ fir tele e e mit berh ſprac ihe die Ka wo halt zu Lyn Han J Ver lar ten Due d bih wid ht qb⸗ etkün⸗ n Sie Feße, eißen! n Sie ſch zu denn edles, geht, So Aber engere itgend ſcht le zu heab⸗ nſol⸗ aber die tt ſi let⸗ tere ſcheint mir ſo unglaublich, daß ich beinahe anſtehe, es zu wiederholen. Sonſt halten Sie uns Landleute fuͤr zu leichtgläubig!“ „Laſſen Sie es doch hoͤren!“ befahl die Gräfin mit gedaͤmpfter Stimme. „Man ſagt, daß Sie die Pfarrſtelle zu Roßville vergeben haͤtten, welche Sie dem jungen Leslie ver⸗ ſprachen. Und an wen? An einen abgelebten Bon⸗ vivant im Monteithſchen Hauſe!“. Hier ſtieg die Schamroͤthe der Graͤfin bis uͤber die Schlaͤfe hinaus. Gerade jetzt aber meldete das Kammermaͤdchen: der Wagen Ihrer Herrlichkeit warte. Sie ſprang auf, ſtotterte Einiges von Wort⸗ halten— von der Parthie nach Richmond, ohne ſelbſt zu wiſſen, was ſie ſagte, und eilte nach der Thuͤre. „Ich habe auch ein Wort zu halten!“ ſagte Lyndſay ruhig, aber ſehr ernſt, und nahm ſie bei der Hand, um ſie wieder zu ihrem Stuhle zu fuͤhren. „Ich habe verſprochen, von Ihren eignen Lippen die Verſicherung zu holen, das Geruͤcht ſey falſch!“ Die Graͤfin ſagte kein Wort und bekaͤmpfte offen⸗ bar ihre Unruhe. Scham, Stolz und Furcht ſchwell⸗ ten ihre Bruſt, daß ſie kaum Athem holen konnte. Doch der Stolz ſiegte; während die brennende Wange, das niedergeſchlagene Auge das Bewußtſeyn der Schuld verrieth, antwortete ſie mit ſtolzer Wuͤrde: „Einer Häalfte des Geruͤchts koͤnnen Sie ſicher widerſprechen. Herrn Leslie habe ich die Pfarrſtelle in Roßville nie verſprochen!“ „Aber Sie verſprachen fuͤr ihn zu ſorgen, ſobald es in Ihrer Macht ſtehe!“ „Und das werde ich auch, nur im jetzigen Au⸗ genblicke iſt das nicht der Fall. Sie entſchuldigen alſo, wenn ich jetzt gehen muß!“ „Nein, ſo trennen duͤrfen wir uns nicht!“ be⸗ deutete ſie Lyndſay feſt und doch auch ergreifend, daß die Gräfin betroſſen wurde, ſo ſehr ſie ſich ſtraͤubte. Sie blieb daher, um zu hoͤren, was er noch ſagen wuͤrde.—„Wenn wir uns ſo trennen, ſo werden wir nie in der Art, wie ſonſt, wieder zuſammenkom⸗ men!“— Er hielt inne; nicht ohne Ruͤhrung fuhr er nach einer Pauſe fort:„Bevor ich Ihr Vor⸗ mund wurde, hatte ich mich fuͤr Ihren Freund an⸗ zuſehen gelernt; mir geſchmeichelt, daß das Vertrauen, womit Sie mich beehrten, daſſelbe bleiben wuͤrde. Es hat ſich nicht ſo erwieſen. Ich frage Sie ſelbſt: Iſt es noch daſſelbe?“ Gertrude konnte nicht gleich Worte ſinden. End⸗ lich bekannte ſie: „Meine Geſinnungen ſind noch immer dieſelben; aber Sie muͤſſen doch wohl das Leben in London hin⸗ läͤnglich kennen, um mir einige Vergeßlichkeiten, deren ich mich ſchuldig gemacht haben mag, zu gute zu halten?“ „Das thue— das habe ich!— Ich kenne alle Gefahren, die hier auf ein Mädchen lauern, das feu⸗ rig, vertrauend, reizbar, aber fluchtig iſt, wie Sie. Ich weiß, daß die Schmeicheleien der Welt ein Weih⸗ tauch ſicht Sote Monh Poſch leiche biauch hen) von ſucht mein eini ableg abet fürd weiß ſh gunz ſtte ter G ſh hn len c bald Al⸗ igen he⸗ daß bte. gen den om⸗ fuhr zot⸗ an⸗ Uen, E6 End⸗ ben; hin⸗ eren zu alle ſu⸗ Gie⸗ zeih⸗ rauch ſind, der zu betäubend wirkt, wenn man noch nicht das Leere der irdiſchen Groͤße durchſchaut hat. So tadle ich darum nicht Ihre Vergeßlichkeit, Ihren Mangel an Aufmerkſamkeit, Ihre faſt graͤnzenloſen Verſchwendungen. Alle dieſe Fehler laſſen ſich aus⸗ gleichen; aber nicht gehaltene Verheißungen und gemiß⸗ brauchte Groͤße— o, wer kann hier wieder gut ma⸗ chen?“ „Ich habe,“ rief die Graͤfin mit einer Gebehrde von Ungeduld, womit ſie ihre Beſtuͤrzung zu bedecken ſuchte,„ſchon geſagt, daß ich nichts verſprach. Ueber meine Rechte beſtimme ich. Ich konnte mir nicht einbilden, daß ich Herrn Lyndſay daruͤber Rechnung ablegen muͤßte!“ „Nein, mir duͤrfen Sie keine ablegen; wohl aber einem hoͤhern Richter. Gott ſelbſt muͤſſen Sie fuͤr die Wahl ſeiner Diener verantwortlich ſeyn! Ich weiß wohl, daß die Welt mit Verleihung einer Pfarre ſehr leichtſinnig zu Werke geht. Aber ich habe hier ganz andere Anſichten, und als Ihr Vormund prote⸗ ſtire ich gegen die von Ihnen getroſſene Wahl!“ „Es iſt zu ſpät!“ verſicherte Gertrude mit mat⸗ ter Stimme. „O, es kann noch nicht zu ſpaͤt ſeyn! Sie ſind irregeleitet, auf Koſten eines andern zu einem Verſpre⸗ chen gebracht worden. Wenn Sie mir Erlaubniß ge⸗ ben, will ich Sie davon frei machen!“ „Das iſt unmöglich!“ rief ſie voll Angſt, als ſey ſie vor dem Gedanken erſchrocken, daß der Oberſt ———————— 124 bos werden koͤnne.„Warum qualen Sie mich nur ſo und reden uͤber ſo nutzloſe, ſo unangenehme Dinge? Was ich gethan habe, kann und will ich nicht zuruͤck⸗ nehmen!“ „Gertrude, o, laſſen Sie ſich nicht von einem falſchen Sinne fuͤr Ehre verleiten, alle Ihre beſſern Gefuͤhle zu beſchwichtigen. Wenn kein ſtaͤrkerer Be⸗ weggrund auf Sie Eindruck macht, ſo geſtatten Sie mir mindeſtens, daß ich Sie bei unſerer Freundſchaft in fruͤhern Tagen, bei der Liebe, die Sie zu Ihrer Baſe hegen, die Sie ſo zaͤrtlich liebt, daß ſie nicht an die Möglichkeit glaubt, von Ihnen hintergangen zu werden—“ „Lyndſay— quaͤlen— ach, quaͤlen Sie mich nicht ſo!“ rief Gertrude und bedeckte ſich das Geſicht. „Ich will Ihnen die Qual eines erwachenden Gewiſſens erſparenz darum thu' ich Ihnen wehe! Das Gluͤck eines liebenden, theueren Paares liegt in Ihren Haͤnden! Sie ſind jetzt die einzige, irdiſche Stutze deſſelben. Entziehen Sie ſich ihnen, ſo muß die Täu⸗ ſchung der jungen Leute ſehr bitter ſeynz aber Ihr Herz wird unter noch bitterern Vorwuͤrfen leiden!“ Der Gräfin Herz pochte heftig. Trotz allem Ent⸗ gegenkämpfen brachen Thränen aus ihren Augen. Doch im naͤmlichen Augenblicke hoͤrte ſie Delmour klopfen.*) *) Nämlich unten an der Hausthüre. Durch die Zahl der Schläge giebt ſich der Rang des Klopfenden kund. Wer oft kommt, muß auch durch die Art des Klopfens zu erkennen ſehn. Der Ueberſeter. Sie Jhri jitt ternd meht Lon Nar detſt unte der der Hop fort, allen Fru bebt trud Ger ini mint ii eni ſchl war 125 Sie ſprang auf und eilte fort und wiſchte ſich die Thränen von der Wange und rief:„Laſſen Sie es jetzt gut ſeyn! Ich kann nicht mehr darauf hören!“ Lyndſay verſuchte ſie zuruͤckzuhalten. Seine zit⸗ ternde Hand hielt die ihrige.„Sie muͤſſen noch mehr hoͤren,“ ſagte er,„muͤſſen erfahren, daß ich von nun an meine Vormundſchaft niederlege; ſo den Narren zu ſpielen, vermag ich nicht zu dulden!“ Die Graͤfin erwiederte kein Wort. Tauſend wi⸗ derſtreitende Gefuͤhle kaͤmpften in ihrer Bruſt, aber ſie unterdruckte ſie mit aller Anſtrengung, welche die Frucht der ſelbſtbewußten Schwäche iſt, mit der Ruhe deſſen, der Boͤſes zu thun beſchloſſen hat. Sie gab mit einem Kopfnicken ihre Zuſtimmung. „Sollte die Zeit je kommen,“ fuhr Lyndſay fort,„wo die Gräfin von Roßville bei aller Freude, allem Gluͤck, das ihr jetzt laͤchelt, den Rath eines Freundes oder ſeine Huͤlfe bedarf,“— ſeine Stimme bebte hier; die Grafin ruͤhrte ſich nicht—„Ger⸗ trude— wollen Sie dann an mich denken?“— Gertrude ſah weg; ſie wollte die Angſt verbergen, die in ihrem Herzen tobte.—„Sie werden doch zum mindeſten ein Lebewohl zu mir ſagen?“ „Leben Sie wohl!“ erwiederte Gertrude mit erkuͤnſtelter Gleichguͤltigkeit und ohne ſeinen Blick zu erwiedern. Lyndſay ließ ihre von der ſeinigen um⸗ ſchloſſene Hand fallen. Noch ein Augenblick und er war verſchwunden. Jetzt brachen Gertrudens lange bekämpfte Ge⸗ — —— x —— ——————— ſeyn!“ 126 fühle mit ihrer ganzen Stärke hervor.„Wie un⸗ freundlich, ungerecht, undankbar bin ich!“ rief ſie mit von Thraͤnen der Reue halb erſtickter Stimme.„Ich habe den beſten, treueſten Freund verloren, und er halt mich— o, fuͤr welch kaltherziges, gefuhlloſes Weſen muß er mich halten! Wie muß ich gehandelt haben, wenn Lyndſay, der ſanfte, nachſichtige, uneigen⸗ nuͤtzige Lyndſay, mich aufgiebt!“. Doch aller Kummer, aller Vorwurf des Herzens wurde durch Delmours Eintreten gehemmt. Er hatte ſich ſo lange vor dem Hauſe verweilt, um mit einem Freunde zu ſprechen. Waͤhrend deſſen ging Lyndſay hinaus. Beide redeten nicht mit einander, doch Del⸗ mour ſah aus allen Zuͤgen des Vetters, daß er auf ihn eiferſuͤchtig zu ſeyn nicht Urſache hatte. Allein auch Gertrude fuͤhlte zum erſtenmale nicht Freude, als ſie den Geliebten ſah und ſeine triumphi⸗ rende Miene mit Lyndſays ſanftem, bittendem Blicke, ſchwermuͤthigem Auge verglich. Er redete ſie im Tone des Erſtaunens an. Sie drehte ſich um, denn der Gedanke erwachte:„Er iſt daran ſchuld, daß ich ſo handle!“ /— das heißen?“— Ach, ich wette, Se. Hochwuͤrden, Herr Eduard Lyndſay hat Ihnen eine Puritanerpredigt gehalten! Nun ja, da wurd' ich mich nicht wundern, wenn Sie weinten; ſollte es nur aus Langerweile Theuere Gertrude,“ rief er,„was ſoll denn lih ahleg mich „J0 berge ſch1 er d Ole Kun ville Rich mit Eiſt keit ſichte ſilſt h⸗ e mit „Jh d er loſes undelt eigen⸗ rzens hatte einem dſih Del⸗ er auf nicht mphi⸗ Blicke, one in der ih ſo denn ürden, predigt ndern, eweile Gertrude ſtutzte das ſorgenſchwere Koͤpfchen immer noch mit der Hand und ſeufzte nur. „Beim Himmel!“ ließ der Oberſt leidenſchaft⸗ lich hören,„er ſoll mir fuͤr jede Thraͤne Rechnung ablegen, die Sie ſeinetwegen vergoſſen haben!“ „Mehren Sie nicht den Schmerz, den Sie auf mich bereits brachten, Delmour!“ ſagte Gertrude. „Ich habe viel vergeben und muß vielleicht noch mehr vergeben. Aber nie werde ich's verzeihen, wenn Lynd⸗ ſay meinetwegen beleidigt und gekraͤnkt wuͤrde!“ So ſtolz und uͤbermuͤthig Delmour war, ſo ſah er doch, daß er bei dieſer Gelegenheit nicht leicht die Oberhand behalten duͤrfte. Er aͤrgerte ſich, daß er alle Kunſt und Beredſamkeit aufbieten mußte, Lady Roß⸗ ville zu beſtimmen, ihr Wort zu halten und mit nach Richmond zu fahren. Endlich drang er durch. Aber mit ſchwerem Herzen ſetzte ſie ſich in den Wagen. Erſt nach und nach bezauberten Neuheit und Heiter⸗ keit der Landſchaft, der ſchoͤne Tag, die herrlichen Aus⸗ ſichten längs der Themſe hinauf, die Muſik, die Ge⸗ ſellſchaft ihre Sinne, und— Lyndſay war vergeſſen! ——*— 8 1 Siebzehntes Kapitel. Wie ich ſcheide, wie lch wiederkehre, Das bedenke ich. Metaſtaſio. Der Aufenthalt in London für die vornehme Welt vom Lande ging zu Ende. Die Graͤfin hatte ihre volle Bahn der Thorheit und Verſchwendung durchlau⸗ fen. Als aber die Rechnungen von allen Seiten her⸗ beiſtroͤmten, ſtaunte ſie uͤber die Große der ausgegebe⸗ nen Summen, fuͤr welche ſie nichts, als einige Taͤn⸗ deleien hatte, die in dem Augenblicke, wo die Neuheit ſchwand, kein Vergnuͤgen gewaͤhrten. Sie war recht froh beinahe, daß Lyndſay nicht mehr ihr Vormund hieß, daß er nicht mehr ſehen konnte, wie weit ihre Unklugheit gegangen ſey, denn ſelbſt Delmour war uͤberraſcht, als er hörte, welche Summe in der kurzen Zeit weggegeben wurde. Die Mutter machte kaum dieſe Entdeckung, als ſie, da noch ſo mancher andere Plan vereitelt worden war, einen Anfall von Gelbſucht bekam, wegen des ihr die Reiſe nach Cheltenham verordnet wurde, den Brun⸗ nen di die Li ſoll. ſchine die T Leben Frude fömig eignen der 2 ren, ſich i Stei mehr ſeines ſchein Sin ſo ar Wide die T mnl und wate hutt Nute I ſio. Welt e ihte chln⸗ hert⸗ egebe⸗ Lan⸗ leheit trcht mund it ihre war kurzen g als worden do ih Brllſ⸗ 129 nen dort zu trinken. Bevor ſie hinging, verabredeten die Liebenden, daß auch der Oberſt bald nachkommen ſolle. Anfangs fand Gertrude Freude an dem bunten, ſchoͤnen Gewuͤhle in dieſem Bade; aber bald ſchwand die Taͤuſchung. Den Vergnuͤgungen hier fehlte das Leben und der Glanz, die Abwechſelung der Londoner Freuden. Spaziergaͤnge und Spazierritte waren ein⸗ foͤrmig und langweilig. Sie ſeufzte, wenn ſie ihrer eignen ſchoͤnen Beſitzungen, des Waldes und Vaches, der Blumen, die jetzt vergeſſen und vernachlaͤſſigt wa⸗ ren, gedachte. Dort war ſie Koͤnigin; hier verlor fie ſich im Ganzen und hatte Staub, Hitze, Zwang und Steifheit zum Erſatz dafuͤr. Um ihren Verdruß zu mehren, war Delmour genoͤthigt, in Angelegenheiten ſeines Regiments in London zu bleiben und wahr⸗ ſcheinlich erſt in Roßville mit ihr ſich zu vereinen im Stande. Miſtreß St. Clair haßte den Oberſten noch eben ſo arg, wie fruͤher, aber ſie hatte eingeſehen, daß ihr Widerſtand durchaus umſonſt war, daß jeder Verſuch, die Tochter zu leiten, in nichts zerrann. So ließ ſie nun beide gehen, nachdem noch einige harte Kaͤmpfe und geheimnißvolle, duͤſtere Drohungen vorhergegangen waren, welche die Graͤfin indeſſen zu verachten gelernt hatte. Endlich reiſten beide aus dem Bade fort. Bevor ſie jedoch nach Roßville kamen, war der Sommer be⸗ deutend vorgeruͤckt, oder vielmehr der Herbſt ſchon an⸗ MI. 4 —— ——— gegangen. Freude und Schmerz miſchten ſich, als Gertrude wieder ihr Schloß betrat. Bei jedem wohl⸗ bekannten Gegenſtande huͤpfte ihr Herz. Alles aber ſchien ihr Vorwuͤrfe zu machen, daß ſie ihre Gedan⸗ ken, ihre Neigung, ihr Geld auf werthloſe Taͤndeleien und herzloſe Freuden gerichtet habe. Das Gewiſſen erwachte, als ſie vor einigen alten Huͤtten vorbei kam, die ſie hatte wollen niederreißen und neu, bequem auf⸗ bauen laſſen.„Die Haͤlfte deſſen, was mir die Loge in der Oper koſtete, haͤtte dazu hingereicht!“ ſeufzte ſie.„Und hier die Bruͤcke!“ dachte ſie, als ſie eine erſt halbvollendete wahrnahm.„Eine halbe Stunde muͤſſen die Leute immer noch umgehen, bis mein dia⸗ mantnes Halsband bezahlt iſt!“ Thraͤnen der Reue entfielen ihrem Auge. Anders ſtand es mit dem Schloſſe. Des Ober⸗ ſten Befehle hatten Lyndſays Plane verdraͤngt. Moch⸗ ten die Armen noch ſo ſehr zuruͤckſtehen, ſo war doch hier nichts geſpart worden. Ein großes Geſellſchafts⸗ zimmer und der Garten waren mit ungeheuern Koſten umgewandelt, in den Stand geſetzt, alle Zimmer pracht⸗ voll und mit Geſchmack meublirt, das Theater faſt vollendet. Gertrudens leichtfinniges Herz klopfte jetzt nun wieder voll Stolz und Freude, als ſie dieſe neue Schoͤpfung des Geſchmacks, der Phantaſie ſah und die Freuden ahnete, welche kommen wuͤrden. Doch die Neuheit verlor ihren Reiz, die Stimme des Be⸗ wußtſeyns ließ ſich wieder horen; die Erinnerung an Lyndſay erwachte.„Ob er denn wohl mich hier wie⸗ 5 det wünſ Ihe kam wohl gen word Eintr wem denn ten, lend ſehe moch für Ang in 2 beſti liche Wi ſie Wir werd Wr mel Ihe ners h, als wohl⸗ 5 aber Hedan⸗ deleien ewiſſen i kam, m auf⸗ e Loge ſufhe ie eine Stunde in dig⸗ rReue Obel⸗ Moch⸗ ar doch ſh⸗ Koſten pracht⸗ t fuſ ſte jett ſe neut ah und Duch des Be⸗ ung ir wi⸗ der aufſuchen wird?“ fragte ſie ſich im Stillen und wuͤnſchte und fuͤrchtete ſein Erſcheinen gleich ſehr. Doch Tage ſchwanden, einer nach dem andern, und Lyndſay kam nicht. Und ihre Baſe Anna— wie konnte ſie wohl ihr ohne Scham und Verwirrung unter die Au⸗ gen treten? Doch die Furcht von der Seite her ward zum Theil gehoben. Einige Tage nach ihrem Eintrefſen erhielt ſie naͤmlich folgenden Brief: „Meine verehrte Lady Roßville!“ „Ich weiß gewiß, daß es Ihnen Freude macht, wenn Sie erfahren, daß Wilhelm endlich verſorgt iſt, denn ich denke mir, welchen Schmerz Sie fuͤhlen muß⸗ ten, als Sie nicht im Stande waren, Ihre wohlwol⸗ lenden Abſichten zu ſeinen Gunſten in Erfuͤllung zu ſetzen. Doch was Sie nicht ſelbſt zu bewirken ver⸗ mochten, hat Ihr trefflicher Freund, Herr Lyndſay, fuͤr uns gethan. Er hat ſich ſo edelmuͤthig in dieſer Angelegenheit gezeigt, daß er Wilhelm zu der Stelle in Whinbrae verhalf. Der Candidat, welcher dafuͤr beſtimmt war, hat durch ſeine Vermittlung eine welt⸗ liche Stelle bekommen, die mehr eintraͤgt und ſeinen Wuͤnſchen und Geſinnungen mehr zuſagte. Das ein⸗ zige Hinderniß unſerer Vereinigung iſt nun gehoben. Wir konnen unmittelbar die Wohnung beziehen und werden es daher bald, vielleicht ſchon in der naͤchſten Woche thun. Ihnen, unter dem Beiſtande des Him⸗ mels, danken wir dies Gluͤck. Sie erweckten ja die Theilnahme eines ſo edlen und freundſchaftlichen Gön⸗ ners. So nehmen ſie denn, theuere Lady, den ver⸗ 9* den und verpflichteten Anna Black und Wilhelm Leslie.“ „Edel und freundſchaftlich! Wahrlich!“ rief Lady Roßville, als ſie den Brief las und vor Scham feuerroth wurde.„Er hat mich, ſo weit ihm möglich iſt, vor dem Schein der Zweideutigkeit, vor dem Rufe bewahrt, die Hoffnung derer getaͤuſcht zu haben, denen ich erſt gelehrt hatte, ihr Vertrauen auf mich zu ſetzen!“ Im Erguſſe ihres Herzens ſchrieb ſie gleich an Anna und theilte ihr mit, welchen Antheil ſie an ih⸗ rem Glücke nehme; wie aber Herr Lyndſay allein der Gruͤnder davon ſey. Zu erzahlen, wie eigentlich die Sache ſtand, vermochte ſie freilich nicht. Doch ver⸗ ſicherte ſie immer fort, daß ſie ihm, ihm ganz allein, verbunden waren- Auch an Lyndſay zu ſchreiben, ihm fuͤr ſeine Freundſchaft gegen ihre Verwandten zu danken, hielt ſie fuͤr noöthig. Sie nahm ſchon die Feder zu dem Zwecke auf. Allein nichts, das ihr zu Danke war, kam heraus. Eines war zu kalt und umſtändlich fur ihr fühlendes Herz, das andere zu demuͤthig, zu reue⸗ voll, als daß ſich ihr Stolz ſo herablaſſen konnte. Auch mochte am Ende Delmour böſe werden. „Nein!“ rief ſie und warf die Feder weg.„Ich kann nicht ſchreiben, was ich fuͤhle! Entweder ſag' ich zu viel oder zu wenig. Wenn wir zuſammentraͤfen, einten Dank und das Gebet Ihrer Sie zärtlich lieben⸗ wird alles legen kann duß komn huter vorz gefa Jri nol wei hot. Beg zu einn Reue abre eine kält din 6 gſt alle lieben⸗ und lie.“ ief Schom möglich Rufe denen ich ju ich an an ih⸗ ein der lich di ch ver⸗ gllein, r ſeine „hilt u dem e wal, ich fuͤr reul⸗ konnte⸗ — 6 er ſih ntrifin, wuͤrde es anders ſeyn. Mit ein Paar Worten war' alles abgemacht. Ach, ich wuͤnſchte, er gäb' mir Ge⸗ legenheit, mit ihm wieder ins Reine zu kommen. Ich kann nicht gluͤcklich ſeyn, ſo lange ich denken muß, daß ich ſeine gute Meinung verſcherzte!— Aber er kommt ganz gewiß und wird ſich freuen, daß ich ſeine guten Lehren nicht ganz vergeſſen habe!“ Sie verſuchte wieder die Buͤcher, die Arbeiten vorzunehmen, welche ſie auf ſeine Veranlaſſung an⸗ gefangen hatte; aber es wollte nicht gluͤcken. Die Traͤume der Leidenſchaft, der Eitelkeit flatterten immer noch vor ihren Augenz alles war freudenleer und lang⸗ weilig, was nicht der einen und der andern die Hand bot.„Ich werde,“ ſeufzte ſie,„nach Lyndſays Begrifſen nie gut ſeyn! So iſt es alſo vergeblich, es zu verſuchen. Am Ende wuͤrde ich Delmourn nicht einmal gefallen, wenn ich ſo waͤre!“ Der letztere Grund war wichtig genug, gegen neue Verſuche der Art zu entſcheiden. Des Oberſten Abweſenheit dauerte uͤber die ver⸗ abredete Zeit hinaus. Sein Bruder lag gefährlich an einer Bruſtentzundung darnieder, die Folge einer Er⸗ kaͤltung, als er in einem Ausſchuſſe, in welchem er den Vorſitz fuͤhrte, zu lange geweilt hatte. Jetzt ging es beſſer. Sobald die Geneſung des Bruders es geſtatte, wollte der ungeduldige Liebhaber nach Roß⸗ ville fort. Wäͤhrend deſſen bat er Gertruden, ihm alle Tage, alle Stunden wo moöglich, zu ſchreiben. 134 Es ſey die einzige Erleichterung fuͤr die Qualen der Trennung. So druͤckte ſich der Oberſt gewoͤhnlich aus und ſagte zugleich halb die Wahrheit, halb die Luͤge⸗ Wahrheit war es, daß ſein Bruder gefaͤhrlich darnieder gelegen hatte, aber darum war er nicht zuruͤckgehalten worden. Er fuͤrchtete, ſo ſtand die Sache, ein lang⸗ weiliges Familienleben zu Roßville. So ſehr er naͤmlich liebte, ſo war er doch auch zu ſehr an Un⸗ terhaltung gewoͤhnt, um ſich blos an einen Gegen⸗ ſtand, mochte er ihn noch ſo achten, anſchließen zu koöͤnnen. Gertruden liebte er freilich ſo ſehr, als irgend— etwas; aber er fuͤhlte auch, daß er ihrer Liebe gewiß ſey, daß nicht einmal der Stachel der Eiferſucht, der Ungewißheit ihrem Umgange Wuͤrze verleihen konnte; kurz, das Herz und die Liebe des Oberſten waren ſo egoiſtiſch und gemein, daß einfache Freuden und Ge⸗ fuͤhle ihm jetzt unſchmackhaft und langweilig erſchienen. Lieber wollte er mit ſeinen Freunden einige Monate erſt im Lande herumſchwaͤrmen, als immer den em⸗ pfindſamen Liebhaber ſpielen und blos mit der Lady Eliſabeth und der Madame St. Clair umgehen, oder etwa einen nachbarlichen Beſuch abſtatten. Endlich gewährte die Wiedergeneſung ſeines Bru⸗ ders keinen Grund mehr. Er ſchrieb an Gertruden, daß er gleich fortgereiſt ſeyn wuͤrde, allein einige Freunde und Freundinnen wollten Roßville ſtuͤrmen und haͤtten ihn vermocht, noch ein Paar Tage zu bleiben, um in ihrer Geſellſchaft zu reiſen. Sie wuͤrden, meldete noch eine dehn nhn gekt wung ſung llei men eines etſte ſcha zu dert dro ihn. obtr kam liebt Ma ber and le cuf lich Br ihr — St en der 6 und Luge⸗ tnieder ehalten lang⸗ ehr er nUn⸗ Hegon⸗ ßen ju irgend ewiß t, der onnte; nen ſo d Ge⸗ hienen. Nonate nem⸗ Ladh der „ odel Br⸗ trudeh, reunde hitten um in te wch 135 eine Nachſchrift, den Weg uͤber die Seen einſchlagen, denn die Lady Arabin wolle dort einige Skizzen auf⸗ nehmen und ihr Gemahl gern ein Paar Forellen eſſen. Die Graͤfin fuͤhlte ſich durch dieſen Brief ſehr gekraͤnkt. Er enthielt freilich noch manche Betheur⸗ rungen der Liebe und ſchilderte die Qualen der Tren⸗ nung, das Vorgefuͤhl des Glͤcks vom Wiederſehen; allein er flog doch nicht her zu ihr. Er konnte ſaͤu⸗ men, einer Modedame voller Laune und dem Gaumen eines phlegmatiſchen Gutſchmeckers zu gefallen. Zum erſtenmale traf ein Zweifel ihr Herz: ob ſeine Leiden⸗ ſchaft auch wahrhaft ſey. Doch ſo ein Gedanke war zu ſchrecklich, um ertragen zu werden. Sie ſchau⸗ derte vor ihm zuruͤck, als hätte ſie ein Dolch be— droht.„Zum mindeſten liebt er mich nicht, wie ich ihn!“ dachte ſie, als ſie die hervorbrechenden Thraͤnen abtrocknete, welche wider ihren Willen zum Vorſchein kamen.„Aber welche Närrin bin ich auch! Wer liebte wohl je ſo zärtlich, ſo treu, wie ich? Und Maͤnner lieben nie mit ſolcher Aufopferung wie Wei⸗ ber!— Freilich wuͤnſchte ich wohl, daß Delmour anders, wie ſie alle waͤre! Ich möcht gern ſein Al⸗ les ſeyn und ihn den Meinen nennen!“ Der Stolz folgte der verwundeten Zärtlichkeit auf dem Fuße. Er hatte gebeten, ihm, wie gewohn⸗ lich, zu ſchreiben und die Orte bezeichnet, wo er ihre Briefe zu finden hoffte. Allein ſie beſchloß, ihn durch ihr Schweigen zu bezahlen, mochte auch gleich die Strafe im erſten Augenblicke ſie ſelbſt treffen, da, 136 ihm nicht ſchreiben, zum mindeſten ſo ſchmerzlich war, als keine Briefe von ihm zu empfangen⸗ Gertrude war von Natur offen und mittheilend. Der Mangel an einer Vertrauten ward oft hart von ihr empfunden. Aber nie fand ſie eine, welche ihr zur Uebernahme dieſer untergeordneten Rolle vollkom⸗ men tauglich ſchien. Jetzt fuͤhlte ſie das Alleinſeyn beſonders ſchmerzlich. Es wuͤrde ihr Wonne geweſen ſeyn, konnte ſie zu einer geachteten Freundin uͤber den Geliebten klagen; dieſe hätte ihn vertheidigt, ihr be⸗ wieſen, daß er recht, ſie unrecht habe! Ihre Mut⸗ ter kam als Vertraute gar nicht in Betracht. Sie war am wenigſten geeignet, gegen ſie eine Klage von Delmour hören zu laſſen. Zwiſchen ihr und Gertru⸗ den war eine Art ſtillſchweigender Uebereinkunft, den Namen des Oberſten ſelten zu nennen. In dieſem Zuſtande der Unruhe, des Mißvergnu⸗ gens war es ſchon Erleichterung, etwas, und waͤre es ſelbſt an ſich unangenehm geweſen, vorzunehmen. Sie trat daher dem Vorſchlag der Mutter, einige Familien⸗ beſuche abzuſtatten, recht gern bei. Der Wagen mußte vorfahren. Sie verſuchte im ſchnellen Fluge und Wechſel der Geſellſchaft den Kummer und die Lange⸗ weile zu verſcheuchen. nur nich hatt wie gim ſpre ma ſhr , eilend. rt von he ihr kom⸗ inſehn eweſen er den hr be⸗ Mut⸗ Si ge von ertt⸗ t, den etgnü⸗ zre e Sie milien⸗ mußte e und Langl⸗ Di Achtzehntes Kapitel. Ein Name, jedem Ohr der Volsker nicht ſchön tonend und deinem ganz beſonders rauh.— Shaktespeare. Bellevue war der erſte Punkt, denn ſie konnte ja nun Anna entgegentreten. Ihr Benehmen wurde ja nicht in dem Lichte betrachtet, das ſie zuerſt gefurchtet hatte. Madume Black bewillkommte ſie freundlicher, wie gewohnlich, und ſchickte die Kinder fort, die im Zimmer waren, um ſogleich von Anna's Heirath zu ſprechen. Ein tiefer Seufzer, ein Stoͤhnen vielmehr, machte die Einleitung. „Wir ſind Ihnen,“ fing ſie an,„wahrhaftig ſehr vielen Dank ſchuldig, Mylady, daß Sie ihm Ihre Kirche nicht geben wollten. Ich hoffte nun ſchon vollkommen, daß die Sache ein Ende haben wuͤrde und glaube ganz beſtimmt, daß es ſo gegangen waͤre, wenn nicht Herr Lyndſay ſich hineinmiſchte. Manche Leute machen ſich doch recht unnutze, wenn ſie's noch ſo edel zu meinen glauben, und es wäre eben ſo gut, —— ———— wir nicht. wenn ſolches Dazwiſchenkommen auf der Welt nicht ſo oft ſtatt fände. Wie mein Mann immer ſagt: Laßt doch jedes Schaf in ſeiner Horde! Es haͤtte noch lange darrn koͤnnen, ehe Leslie eine Pfarre be⸗ in der Zeit eintreten konnte, wiſſen kam, und we⸗ Jetzt hat nun mein Mann die Sache ſatt und uͤberdrüͤſſig und darum ſeine Einwilligung gegeben. Nun, was ſollte er denn machen? Es wird alſo nun bald vorbei ſeyn!“ Ein neuer Seufzer ſchloß. „Ich hoffe, ſie werden ein gluͤckliches Paar ſeyn?“ aͤußerte Gertrude. „Ach, das iſt moͤglich! Aber es— iſt doch immer ein erbaͤrmliches Gluͤck, ganz anders wie das ihrer zwei Schweſtern, denen es an nichts fehlt, die ihre Equipage haben. Ich ſage immer, daß ihre Freunde es Herrn Lyndſay nicht viel Dank wiſſen werden!“ Anna's Eintreten ſetzte hier der Mutter Klage ein Ziel, und Gertrude wurde nun genau uͤber alles vefragt, was ſie von Madame Larkins geſehen und ge⸗ hört hatte. Nach der Meinung der Miſtreß Black mußte ſie, denn die Tochter hatte es ſelbſt ſo darge⸗ ſtellt, eine ſehr ausgezeichnete Rolle ſpielen. Die Grä⸗ ſin machte keinen Verſuch, ſie aus dieſem Irrthume zu reißen. Als Gertrude hoͤrte, daß Anna nach Barnford wolle, die Tanten zu beſuchen, bot ſie ihr einen Sitz in ihrem Wagen an, den dieſe ſich gern gefallen ließ. ter Dan ſicht zur nen und zu e fuhr noch hat ſie, ſoll naq Geſ All unt nicht ſaht: hätte tre be⸗ wiſſen he ſutt egeben. ſo nun ehn?“ ſt doch vie das ſt, die ihre wiſſen Flage alles ind g Black dalge⸗ thume arnford n Sit 139 Sie eilte ſogleich fort, ſich umzukleiden und ihre Mut⸗ ter ſprach aufs neue von ihrem, von ihres Mannes Dank fuͤr die verweigerte Pfarrſtelle.„Ich habe gar nicht den Muth,“ ſagte ſie,„von dieſer Heiräth viel zu reden. Gebeten wird Niemand. Die Bruͤder kon⸗ nen kommen, wenn ſie Luſt haben. Daß der Major und ſeine Gemahlin erſcheint, bezweifle ich!“ Gertrude war auf dem Punkte, ſich als Zeugin zu erbieten, doch eben trat Anna wieder ein, und ſie fuhr mit ihr fort. Kaum ſaßen beide allein, als Anna nochmals ihren Dank fuͤr das, was die Graͤfin gethan hatte, wiederholte. „Wenn Herr Lyndſay nicht geweſen waͤre,“ ſagte ſie,„ſo weiß ich nicht, was mit uns haͤtte werden ſollen. Meine Mutter hatte ſchon beſchloſſen, mich nach London zu ſchicken, in der Hoffnung, daß meine Geſinnungen eine andere Richtung bekommen koͤnnten. Allein dies wuͤrde blos dazu beigetragen haben, uns beide ungluͤcklich zu machen; denn Liebe, auf Religion und Tugend gegruͤndet, kann ſich nicht aͤndern!“ „Nein,“ ſagte Gertrude,„ich glaube nicht, daß die Liebe, welche unter irgend einem Umſtande ſich aͤndert, wahre ſeyn kann!“ „Es iſt nur manchmal ſchwer, wahre von fal⸗ ſcher Liebe zu unterſcheiden! Das aber weiß ich, wenn Herr Lynyſqy liebt, ſo liebt er wahr; wen er liebt, wird er immer lieben!“ „Er hat ja eine ſehr feurige Vertheidigerin in Ihnen gefunden!“ ſagte Gertrude laͤchelnd. 440 „O, er verdient mehr, als ich von ihm ſagen kann!— Hätten Sie geſehen, wie warm und freund⸗ lich er ſich unſerer Verhaͤltniſſe annahm, wie fuͤhlend ſich ſein Mitleid bei unſerer Täuſchung zeigte, wie be⸗ kuͤmmert er in Betreff Ihrer ſchien!“ „In Betreff meiner?“ rief Gertrude, halb be⸗ ſchaͤmt errothend.„Nun, was konnte er denn zu meiner Entſchuldigung ſagen?“ „Nicht viel ſagte er. Doch als mein Vater und die Mutter den Schluß machten: Sie wuͤrden die Stelle anders beſetzt haben, weil Sie unſerer Vereini⸗ gung abgeneigt wären, ſo laͤugnete er dieſen Gedanken geradezu und ſagte: Sie haͤtten unvorſichtigerweiſe ein Verſprechen gegeben, das Sie nicht wieder brechen zu konnen glaubten. Allein Sie litten deshalb mehr, als wir ſelbſt, und dies ſagte er in einer Art, die deutlich zeigte, was er fuͤr Sie fuͤhle!“ „So denkt er meiner mit Kummer, nicht mit Zorn!“ dachte Gertrude. Aber es war in dem einen etwas noch demuͤthigerendes, als in dem andern. Sie konnte einige Schritte thun, um ſich mit ihm zu ver⸗ ſoͤhnen, nimmer aber um Vergebung flehen. Und ſo bemuͤhte ſie ſich, ſich gegen die Reue zu ſtählen, welche die Kunde der Baſe in ihrem Buſen rege ge⸗ macht hatte. Anna wollte eben das ihr angenehme Geſpraͤch aufs neue beginnen; doch die Gräfin brach ſchnell ab. Sie waren in der Nähe vor dem Haͤuschen des On⸗ kel Adams, und Gertrude ſchlug einen Beſuch bei ihm 5 vot. den ihm ſhr tigter chens ſie willk den, hatt gon ohn Liet gege ſie e Klei Fen don an. wen fls Rewe wär eine der n ſogen fteund⸗ fuͤhlend vie be⸗ alb be⸗ enn zu er und en die ßereini⸗ donken eiſe ein chen zu hi, als utlich ht mit einen Sie u ver⸗ un tählen, ege ge⸗ eſttich ull ab. Ot⸗ i ihn vor. Anna willigte ſchuͤchtern ein, denn ſie hatte nicht den Muth, ihm unter die Augen zu treten, ſeitdem ihm ihre bevorſtehende Heirath kund gethan worden war. Sie fanden, wie immer, beim Onkel eine ſehr zweideutige Aufnahme. Gertrudens Zuͤge beſaͤnf⸗ tigten gewöhnlich ſeine uͤble Laune, weil ſie ihm Lies⸗ chens Bild ins Gedaͤchtniß zuruͤckriefen; und er hatte ſie ſo lange nicht geſehen, daß er ſie beinahe recht willkommen geheißen haͤtte, wäre ihm nicht geſagt wor⸗ den, ſie wolle den Oberſten Delmour heirathen. Das hatte ihm aber in die Ohren getoͤnt, um gleich die ganze Galle rege zu machen. Gertrude ſah blaß und ohne Leben aus und glich weniger, als ſonſt, ſeinem Lieschen. Er war daher gerade bös genug geſtimmt, gegen ſie anzuglich zu werden, zumal als er ſah, daß ſie eine neue und prachtvolle Equipage hatte und ihre Kleidung beſſer war, als er alle Tage unter ſeinen Fenſtern zu ſehen pflegte. „Ich koͤnnte nicht ſagen, daß Du Dich in Lon⸗ don verbeſſert haͤtt'ſt!“ meinte er und ſah ſie kaum an.„Ich glaube nicht, daß ich Dich gekannt hätte, wenn ich Dir in den Weg gekommen wäre. Nu, falls Du weiter nichts gemacht haſt, wär's beſſer geweſen, daͤcht' ich, wenn Du zu Hauſe geblieben waͤrſt!“ „Viel beſſer, glaub' ich!“ ſagte die Gräfin mit einem unwillkuͤhrlichen Seufzer.„London iſt nicht der Ort fuͤr leichtſinnige Köpfe und leichte Beutel, wie die meinigen!“ S„— Onkel Adam hielt dies fuͤr einen vorlaͤufigen An⸗ griff auf ſeine Börſe und erwiederte dem gemaͤß:„Ja, leichte Koͤpfe machen auch den Beutel leicht. Am beſten iſt es, wenn ſie zuſammengehen!“ Lady Roßville laͤchelte uͤber den Hieb und ſagte dann:„Nun, da Ihnen leichte Koͤpfe und Boͤrſen nicht willkommen ſind, ſo iſt hier ein leichtes Herz, das Ihnen wohl beſſer zuſagen wird!“— Sie zeigte auf Anna, deren bluͤhendes, freundliches Antlitz und einfache Kleidung gegen die blaſſen Zuͤge der Graͤfin, den Gram, den ſie ausdruͤckten, die prachtvolle, modi⸗ che Kleidung gewaltig abſtach. „Ja, ja,“ meinte er,„froͤhliche Herzen ſind leichte Herzen! Aber das iſt von Dir und Deinem Domine vielleicht zu ſehr obenhin geſprochen. Ich weiß nicht, wie Ihr frommen Leute das Ding nennt! Habt Ihr denn ſo einen frommen Namen, wenn Ihr Euch eine Liebeserklaͤrung macht?“ Die arme Anna wurde bei dieſer Rede des On⸗ kels roth und antwortete in einiger Verwirrung: daß ihr Onkel reden koͤnne, wie er wolle. „Wenn ich nu ſagte, daß Ihr beide nicht recht geſcheut ſeyd?“ „Nun, da haͤtten Sie uns blos den rechten Na⸗ men gegeben!“ erwiederte Anna lächelnd. „Na, das klingt wenigſtens huͤbſch beſcheiden!“ aͤußerte Onkel Adam gutmuͤthig.„Aber was dachteſt Du denn nur, daß Ihr Euch ſo lange im Stillen h'rumgefuͤhrt habt? Ich habe ja kein Wort davon urfal Pot zul kohn ſehn Kirc geda ſih ſen huͤb die mit dra Ma keit men We ſhi eiſt wiſ ſhi zeite tz und Gräſin, „madi⸗ en ſind Deinem nennt! nn Ihr e5 On⸗ g dß ht recht en Nu⸗ iden!“ dachteſt Still doon 143 erfahren, bis vorige Woche, wo ich's von Deinem Vater hoͤrte?“ „Ich hielt es fuͤr unnoͤthig, Sie mit einer Sache zu behelligen, die Ihnen keine Theilnahme einflößen konnte!“ „Ei, woher weißt Du denn, ob ich daran Theil nehme oder nicht? Ja, nicht wahr, wenn ich halt'ne Kirche zu beſetzen g'habt haͤtte, da wuͤrdeſt Du wohl gedacht haben, daß ich Theil nehmen konnte?“— Er ſah jetzt nur aufmerkſam nach dem Wagen, der drau— ßen langſam umlenkte.—„Seht mal, das iſt ein huͤbſches Ding fuͤr eine Miniſtersfrau oder ſo eine, die ſo im Lande hin und her faͤhrt in ihrem Phaeton mit vier Pferden und ein Paar Schlingeln hinten drauf!“ Doch in dem Augenblicke kam der Wagen des Majors angerollt und in allem Glanze und Herrlich⸗ keit erſchien— die Frau Majorin. „Das iſt ja recht dumm!“ brummte der On⸗ kel und drehte ſich um.„Nicht mal in ſeinen vier Pfaͤhlen kann man allein ſeyn!“ Die Frau Majorin trat mit feierlichem, langſa⸗ mem, ſchmachtendem Weſen herein, als habe ſie der Weg vom Wagen nach dem Hauſe ganz und gar er⸗ ſchoͤpft, und ſetzte ſich gleich nach dem Eintritte nieder, erſt dem Onkel die Hand reichend, der nichts davon wiſſen wollte, dann der Lady Roßville, ſie ihr zaͤrtlich ſchuͤttelnd, und endlich ihrer Schweſter, aber die Rechte dieſer kaum beruͤhrend. 144 „Heut iſt es zum zweitenmale, daß ich aus⸗ fahre!“ theilte ſie langſam und geziert ſprechend mit, indem ſie ein Riechflaͤſchchen an ihre Naſe erhob. „Und ich bin ganz erſchoͤpft von der Anſtrengung, aus dem Wagen bis hierher gehen zu muͤſſen!“ „O, es thut mir leid, daß ich hoͤren muß, Sie ſeyen unwohl! Es hat doch nichts zu bedeuten?“ aͤußerte die Graäfin. „Mein Gott im Himmel!“ rief die Holde, mit aller Kraft wieder ausgeruͤſtet.„Haben Sie es denn vergeſſen, daß ich entbunden worden bin?“ „O, verzeihen— verzeihen Sie!“ verbeſſerte ſich Gertrude, der eine dunkele Vorſtellung kam, daß ſie von ſo etwas in London gehört habe. „Der Major hat es auch meiner Tante, Miſtreß St. Clair, angezeigt, das weiß ich!“ „Ja, ja, ganz richtig! Aber—“ „Und Sie muͤſſen es in den Zeitungen geleſen haben!— Ich weiß es, der Major hat es in alle Zeitungen einruͤcken laſſen!“ „Er hat halt weiter nicht viel zu thun!“ be⸗ merkte hierbei der griesgramige Onkel⸗ „Welche Zeitung halten Sie denn?“ fragte die Frau Majorin, feſt entſchloſſen, dem Geheimniſſe um jeden Preis auf die Spur zu kommen. „Ich leſe faſt keine, als die Morgenchronik!“ „Und darin hat's nicht geſtanden?“ „Vermuthlich— ſehr wahrſcheinlich! Ich wollte darauf wetten! Allein—“ laſer ch unte hat ter gebo zu n Ihr fahr Un piel zu eine eine ten ſon dies Hen meir im tau ſchö ch aus⸗ nd mit, ethob. engung, ß, Sie uten?“ de, mit es denn beſſette m, doß Niſteß geleſen in ale be⸗ 6 ronik! wolle „Sehen Sie, wenn es darin geſtanden haͤtte, ſo laſen Sie es, ſo uͤberſahen Sie es nicht! Das muß ich gleich dem Major mittheilen! Die Sache muß unterſucht werden! Ich weiß es! In alle Zeitungen hat ers geſchickt! Das weiß ich ganz genau!“ Die Graͤfin erinnerte ſich jetzt, wie ihr die Mut⸗ ter geſagt habe, daß dem Hauſe der Waddels ein Erbe geboren ſey. Um ihren Gedaͤchtnißfehler wieder gut zu machen, fragte ſie geſchwind:„Nun, ich hoffe, Ihr Kleiner befindet ſich wohl?“ „Mein Kleiner?“ rief die nun noch mehr auf⸗ fahrende Dame aus.„Es iſt ja ein Maͤdchen! Und ich ſage Ihnen, daß der Major und ich daruͤber viel mehr Freude haben!— Ach, wir wollten gar zu gern ein Maͤdchen! Denn freilich, wo der Titel einer Familie uͤbergeht, wuͤnſcht man allerdings lieber einen Sohn. Allein wir denken, daß es von der größ⸗ ten Bedeutung iſt, erſt ein Mädchen zu haben. Und ſo machte es uns ungemeines Vergnuͤgen!— Gerade dies fehlte uns allein noch!“ „Sehr richtig! Verzeihen Sie!“ Doch die aufgeregte Mutter wendete ſich nun an Herrn Ramſay: „Nun, Onkelchen, ich komme, Sie im Namen meiner kleinen Tochter zu bitten. Wir muͤſſen nun im Ernſte daran denken, ſie in den nächſten Tagen taufen zu laſſen. Der Major häalt ſich an die bi⸗ ſchöfliche Kirche, und ſo ſoll es in dieſer geſchehen. III. 10 ——— —— 146 Sie werden doch hofſentlich die Guͤte haben, als Pathe zu erſcheinen?“ Bei dieſem Anſinnen ſah Adam ſchwarz, wie die Nacht, und wild, wie zehn Furien aus. Schon ſchien er auf dem Punkte, ein ſchreckliches Anathema hören zu laſſen, als er ſich plötzlich den Zaum anlegte und ganz auffallend gelaſſen ſagte:„Je nu, ich hab' halt weiter nichts dagegen! Aber unter der Bedingung, daß ich den Namen geben kann!“ Die Frau Majorin war beſtuͤrzt. Auf der einen Seite ſchien damit das Kind gleich zu ſeiner Erbin erklärt, auf der andern war doch Adam Waddel ein häßlicher Name für ein Mädchen. Indeſſen es ließ ſich ja noch an Adam ein fuͤgſames Schwänzchen an⸗ hängen. Er konnte ſie Adam und die ganze Welt Adamine, Adamella oder Adamintha nennen! Jetzt freute ſich die Dame im Stillen uͤber die Be⸗ dingung, ob ſie ſchon zugleich beſchloß, den Werth ih⸗ res Zugeſtändniſſes geltend zu machen. „Aufrichtig geſprochen, Onkel,“ ſagte ſie,„ich hatte mir vorgenommen, ſie nach meinem Major zu nennen, ob er gleich erklaͤrte, daß ſie meinen Namen bekommen muͤſſe. Allein ich denke, Andromache iſt ſo ein ſchoner Name, und gar nicht ſo gemein—“ „Ja, Andres Mack iſt ein huͤbſcher Name fuͤr ſie!“ ſtimmte der Onkel ernſthaft bei. „Mein Gott im Himmel! Wie ſprechen Sie denn Andromache aus! Aber— ich will gern jeden Ge lig ved wen gfl das Ad de ch do gle ne 3 Pathe wie die n ſchien a hören gte und ab halt ingun, el einen rEtbin del ein es liß chen ah⸗ z Welt nehnen! die Be⸗ th i⸗ e, ih Najor 0 Namen omache ein— ame fir hen Si eun jeden Gedanken daran fahren laſſen, da Ihnen ſo viel daran liegt, ſie nach Ihrem Namen genannt zu ſehen!“ „Gut dem Dinge!“ erwiederte der Onkel, recht verdaͤchtig läͤchelnd.„Das iſt alſo abgemacht! Denn wenn noch ſo ein kleines Späßchen an den Ramen geflickt wird, daraus machſt Du Dir Doch nichts? Er iſt ein Bischen zu kurz? Nicht wahr?“ „Nun, um ganz offen zu ſeyn, ſo glaub' ich das auch. Ein Zuſatz muͤßte wohl gut thun.— Adamintha zum Beiſpiel?“ „Ich habe gern einen Namen, der was zu be⸗ deuten hat, und der Name, den Du Deinem Maͤd⸗ chen geben mußt, ſoll Adamant heißen; das iſt ver⸗ dollmetſchet: Diamant, denn ich kann Dir und ihr gleich ſagen, daß ihr mich, ſo lange ich lebe, hart wie 'nen Diamant finden ſollt!“ Jetzt trat Onkel Adam ganz auf, wie er war, in ſeiner reinen Natur. „Wirklich, Onkel,“ rief die Majorin und er⸗ kuͤnſtelte ein Lachen, die Verwirrung zu verbergen. „Sie haben doch wunderliche Arten an ſich. Nun, wir wollen daruͤber weiter nicht ſprechen. Der Ma⸗ jor mag die Sache mit Ihnen abmachen!“— Sie wendete ſich an die Gräfin:„Und wenn es ſtatt findet, ſo ſtehen Sie doch auch, hoſſen wir, Gevatter und beehren uns bei der Gelegenheit mit Ihrer Gegen⸗ wart? Ihr Pathchen wird Ihnen, ſchmeichle ich mir, Ehre machen! Mein Accoucheur ſagt, daß ihm noch niemals ein ſo ſchones und großes Kind vorgekommen 10* 148 ſey! Dem Pater iſt ſie wie aus den Augen ge⸗ ſchnitten!“ Gertrude nickte beifaͤllig, ſtand auf, um Abſchied zu nehmen, und gab Anna einen Wink, mitzukommen. „Mein Gott!“ rief die Majorin.„Iſt es möglich, Anna, daß Du in einem offenen Wagen ſo herumkutſchiren kannſt? Fuͤr ſo vergeßlich hätt' ich Dich doch nicht gehalten!— Was ſollen denn die Kirchenvorſteher dazu ſagen?“— Das Letztere ſchien ſie ihr ins Ohr fluͤſtern zu wollen. Anna war zu gutmuͤthig, um darauf zu antwor⸗ ten. Aber der Onkel ſtand ſchon da, ſich der Unter⸗ druͤckten anzunehmen: „Biſt Du denn noch nicht zufrieden, daß Du Deine eigene Karette haſt? Mußt Du denn noch Deine Schweſter beneiden, wenn ſie mit andern Leuten faͤhrt?“ „Beneiden?“ wiederholte die Dame naſeruͤm⸗ pfend.„Ich wuͤßte wahrhaftig nicht, was ich ihr und ſonſt Jemandem beneiden ſollte! Die vier Pferde da— o, die könnte ich auch haben, wenn ich ſonſt wollte. Aber ich lobe mir ein Paar. Alſo wuͤßt' ich nicht, was ich ihr zu beneiden haben könnte!“ Sie ſuchte recht verächtlich zu lachen. „Es iſt doch traurig, daß Du gar nicht ein Bischen neidiſch werden kannſt!“ meinte der Onkel, als er ſein kleines, altes Schreibepult öffnete, woraus er gerade die Note von fuͤnfhundert Pfund langte, en e⸗ Abſchied mmen Iſ es agen ſo ätt' ich enn die ſchien antwor⸗ Unter⸗ ß Du m noch ndern aſerim⸗ ich ihr Re vier venn ich Aſo . haben en. icht ein Onkel woraus langte⸗ welche er juͤngſt von der Gräfin zuruckbekommen hatte⸗ Sie hatte ruhig bisher darin gelegen. „Hier, mein Tochterchen,“ ſagte er,„hier iſt was fuͤr Dich zum Anfange Deiner Wirthſchaft! Na, ſieh's nur an!“ Anna ſah die Note an und war zu ergriffen, um ſprechen zu koͤnnen. Allein eine Röthe ſtrahlte auf ihrem Geſichte und Thraͤnen der Freude ſtanden im milden, blauen Auge und ſprachen mehr, als viele Baͤnde. Der Onkel ſah es, daß ſie ihm vergeblich zu danken ſtrebte. Er klopfte ſie auf die Schulter: „Du brauchſt deswegen halt nicht zu reden! Geh' Du Deinen Weg! Haſt Du denn ein Schreibtäfel⸗ chen, daß Du's h'nein thun kannſt?“ Und er drängte ſie beinahe zur Thuͤre hinaus. Der Frau Majorin war ſchier die Sprache ver⸗ gangen. Sie hatte dem Major erlaubt, einer Ver⸗ ſammlung der Gutsbeſitzer auf dem Rathhauſe beizu⸗ wohnen und ihn hier erwarten wollen. Allein dies war nun nicht möglich. Gleich im Augenblick fuhr ſie fort und ließ den Major aus der Verſammlung rufen, damit er ihre Klagen vernehme und ſie mit ihm berathe, ob es denn nicht möglich wäre, den Onkel unter Vormundſchaft zu ſetzen! In Bellevue und beim Onkel Adam war ſo viel Seit hingegangen, daß die Graͤfin nur wenige Minuten fuͤr ihre Tanten uͤbrig hatte. Sie freute ſich, dieſelben zu ſehen und wahrzunehmen, wie ſo manche der von ihr geſandten Dinge die Freude hier erhöht hatten. 150 Mit den ausgeſuchteſten Blumen und Pflanzen aus Roßville waren die Zimmer gefuͤllt. Einige von ihr gegebene Kupferſtiche, Scenen aus der Bibel vorſtel⸗ lend, ſchmuͤckten die Wände. Ein leerer Raum war mit einem huͤbſchen Buͤcherſchranke beſetzt, in dem gut⸗ gewählte Schriften ſtanden. Sie drang in ſie, nach Roßville auf ein Paar Tage zu kommen, wo ſie mit der Mutter allein ſey, da ſelbſt Lady Eliſabeth einen Ausflug gemacht habe. Doch Tante Marie war zu ſchwach, das Haus zu verlaſſen, und ihre Schweſter ging nicht von ihrer Seite. zen aus von ihr borſtel⸗ um war em gut⸗ e, nach ſie mit h einen war zu chweſter Neunzehntes Kapitel. Das iſt das Loos des Menſchen, der im Glücke Dem ſchnellen Schatten gleicht und luft'ge Schlöſſer In ſeiner Freude malt! Da kommt das unglück her und löſcht mit einem Schwamm, getaucht in Galle, Die ſchönen Zeichnungen ſogleich hinweg! Euripides. Das Wetter wurde regneriſch, alles im Freien düſter, in den Zimmern finſter. Von allem umgeben, was Reichthum und Luxus gewähren konnen, fuͤhlte die Gräfin doch, daß die Veſitzer davon nicht gegen Lange⸗ weile und Ueberdruß geſichert ſind. Delmour hatte ſie vermocht, die Geſellſchaft der Umgegend zu verach⸗ ten. Von jedem Umgange hatte ſie ſich ſeit ihrer Ruͤckkehr zurüͤckgezogen. Jetzt wäre ſie aber recht froh geweſen, hätte irgend Jemand das verdrüßliche Zuſam⸗ menſeyn mit der Mutter unterbrochen. Sie verſuchte alles, ſie ſang, ſie ſpielte, ſie zeichnete, ſie ſtrickte; alles ward gethan und alles wollte weder Unterhaltung noch Freude gewähren, denn ihr glühender, aber ſchlecht geleiteter Sinn ſuchte in jeder Beſchaͤftigung keine Arznei, die verſtimmte Phantaſie zu heilen, ſondern ———— — 152 dieſer Nahrung zu geben. Delmour halte ſich ab⸗ ſichtlich von ihr fern— das war der Gedanke, der ihr Tag und Nacht folgte. Sein Bild zu betrachten — Thränen darauf zu weinen, einen Brief anzufan⸗ gen, um ihm Vorwuͤrfe zu machen, und ihn dann zu zerreißen, das waren die Hauptmittel gegen ihr lang⸗ weiliges Leben. Eben ging der dritte Tag anhaltenden Regenwet⸗ ters zu Ende; Mutter und Tochter ſaßen im großen Saale. Die Graͤfin ſtand auf und offnete ein Fen⸗ ſter— ſeit einer Stunde zum fuͤnftenmale— um zu ſehen, ob der Regen noch nicht nachließ. Aber er fiel noch ſtaͤrker, als je. Alles tropfte; kein Wind ruͤhrte ſich, die ſchwerbelaſteten Bäume von ihrer Näſſe zu befreien. Kein Geſchopf ließ ſich ſehn, etwa einen Vogel ausgenommen, der ſchweigend voruͤberſchoß; kein Laut war zu hören, als das dumpfe Brauſen des Ba⸗ ches, der aus ſeinen Ufern getreten war. Die Graͤfin, ganz verzweifelnd, wollte eben das Fenſter ſchließen, als ſie, im Regen und Nebel kaum erkennbar, einen Wagen kommen ſah. „Das iſt Delmour! In jedem Falle!“ dachte ſie und ihr Herz klopfte vor Freude.„Er hat mich uͤberraſchen wollen!“— Und weg war alle verdruͤß⸗ liche Stimmung, alle Langeweile. „Mama— es kommt— da iſt— es kommt ein Wagen!“ rief ſie voller Freuden, als eine Mieth⸗ kutſche, von vier Pferden gezogen, mit einem Mann dari ver Nie wih Här liche ſem mit 8o we an: jitt auf Gro wah ohn ſtän bun eini zu kon ſch ab⸗ ſke, der etrachten nzufan⸗ dann zu hr lang⸗ egenwet⸗ gtoßen in Fen⸗ — um Aber er nWind er Niſe va einen oß; kein Ns Ba⸗ hen das el kaun dachte at mich erdrüß⸗ fommt Mieth⸗ Man darin, ſchnell um die Einfahrt bog und den Augen verſchwand. Noch ein Augenblick und die Thuͤre ging auf! Niemand ward gemeldet; aber der Kammerdiener ließ — Lewiſton herein! Als ihn Gertrude ſah, ſtand ſie unbeweglich, waͤhrend Madame St. Clair laut aufſchrie und die Häͤnde vor die Augen hielt, als wolle ſie einem ſchreck— lichen Geſichte ausweichen. Er lächelte blos bei die⸗ ſem Empfang, ging auf die Gräfin zu und reichte ihr mit der Ungezwungenheit eines alten Bekannten die Hand hin. Doch Gertrudens Wangen gluͤhten vor Zorn, wie ſie ſich mit ſtolzem Blicke von ihm weg⸗ wendete. Er ſah ſie erſt halb drohend, halb ſpottend an; dann wendete er ſich an Madame St. Clair, die zitternd und bebend den Kopf ſtuͤtzte, als ob ſie nicht aufzuſehen wagte. „Dieſe Zudringlichkeit iſt zu groß!“ rief die Graͤfin und ging, um zu klingeln. Doch mit faſt wahnſinniger Eile ergriff die Mutter ihr Kleid, und ohne den Kopf aufzuheben, aͤchzte ſie in kaum ver⸗ ſtaͤndlichem Tone:„Gertrude! Gertrude! Habe Er⸗ barmen mit mir!“ Sie ſtrengte alle Kräfte an und ſtand auf, um einige Schritte zu Lewiſton mehr hinzuwanken, als zu gehen. Die Hand ihm bietend, hieß ſie ihn will⸗ kommen, aber ihre Zuͤge waren verzerrt. Die Worte erſtarben ihr auf der Zunge⸗ „Na, was heißt denn die ganze Geſchichte?“ ————— 154 fragte er in ſeinem gewohnlichen vertraulichen Tone und nahm ihre Hand.—„Sie ſehen ja aus, als wenn Sie einen Geiſt geſehen haͤtten, ſtatt einen gu⸗ ten Bekannten.— Erſchrecken Sie doch nicht. Ich komme nicht aus der andern Welt. Blos von da druͤben her komm' ich mit meinem guten Männchen hier!“ Er klopfte hier einer großen Dogge auf den Kopf, die wie eine Klette ſich an ihn ſchmiegte. „Verzeihen Sie,“ ſtammelte Miſtreß St. Clair. „Aber die Ueberraſchung— Ich— ich glaubte—“ Ihre Lippen ſchienen ausgedörrt, die Zunge war wie an dem Gaumen geleimt. Sie konnte nicht weiter ſprechen. „Es muß Ihnen doch einleuchten,“ ſagte die Graͤfin ſtolz, ſo ſehr ihr auch das Herz pochte,„daß Ihre Gegenwart hier ganz unvermuthet— unwillkom⸗ men iſt!“ Er ſetzte ſich, indeß ſie ſprach, und lächelte ganz ſpottiſch. Gertrudens Zorn gewann die Ober⸗ hand uͤber die Furcht. „Ich weiß nicht, wer Sie ſind!“ ſagte ſie und wollte aufs neue nach der Klingel greifen.„Gäſte, die ich nicht kenne, nehme ich nicht auf!“ Wieder hielt ſie die Mutter zuruͤck.„Gertrude, theuerſtes Kind,“ rief ſie ihr zu,„ſey ruhig! Alles wird ſich machen!“ „Die Graͤfin will wohl ihre Leute rufen, daß ſie mir die Thuͤre zeigen?“ fragte Lewiſton ſpöttiſch. „Die Muͤhe koͤnnen Sie ſich erſparen, meine Gnä⸗ dige!— Ich habe meine Kutſche fortgeſchickt! Ich hleib er daß Iod dau An ſtan Gri eber hen Jone aus, als einen gl⸗ cht. Ich on de nnchen eauf den te. öt. Clair. bte—“ war wie ht weiter ſagte die te, duß nwillkom⸗ lächelte ie Ober⸗ t ſe u „Giſte Gerttude, l Alles 1 bleibe doch ein Weilchen hier? Nicht wahr?“ fragte er Miſtreß St. Clair. Die Graͤſin machte ſich mit Gewalt von der Mutter los und zog heftig die Klingel. „Willſt Du mich vernichten, Gertrude?“ rief die Mutter mit einem Schrei der Angſt, daß er der Tochter Herz durchfuhr und ſie einhalten ließ. Als der Bediente kam, ſchrie ihm Madame St. Clair gleich entgegen:„Es iſt nichts, Thompſon! Nichts! Laß Niemanden herein! Das iſt alles!“ Gertrude gluͤhte uͤber und uͤber, ſo ſehr kämpften mancherlei Gefuͤhle in ihrer Bruſt. So ſich im eignen Hauſe trotzen, ihren Zorn verſpotten, ihre Macht— fuͤr nichts geachtet, die Mutter vor einem Bedienten, oder mindeſtens vor einem Manne zittern zu ſehen, welcher der Gatte einer Dienerin von ihr war! Es kam ihr vor, als ſey ihr Gehirn in Feuer gerathen. Sprachlos ſtand ſie da, ſo war ſie ergriffen. „Sie haben wohl gedacht, ich ſey Jonas im Wallfiſche?“ fragte Lewiſton, ſich an Madame St. Clair wendend.„In den Zeitungen hab' ich geleſen, daß der Unerſchrockene Schiſſbruch gelitten hat. 's war gerade in dem namlichen Blatte, wo ich den Tod von dem alten Edelmann hier fand. Ja,'s dauert manchmal ein Weilchen, ehe wir es druͤben in Amerika erfahren. Nu, als ich ſah, wie die Sache ſtand, dacht' ich: jetzt iſt's Zeit! Nu mußt du der Gräfin deine Aufwartung machen. Sie hat mich aber eben nicht ſehr freundlich bewillkommt. War's nicht — 156 ein rechtes Gluͤck, daß ich ein anderes Schiff nahm? Ein armer Teufel, Jack Lapslie hieß er, glaub' ich, mußte geſchwind fort. Ich gab ihm alſo meinen Platz und wartete, bis ein anderes abging, die Hebe. Das hieß doch ein geſcheuter Einfall! Ja, ich bin ein geſcheuter Kerl, und daß man geſcheut iſt, macht ſich bezahlt!“ „Wenn das Ihr Freund iſt,“ redete hier die Graͤfin ihre Mutter an, ob ſie ſchon kaum ein Wort herausbringen konnte,„ſo kann dies Schloß nicht laͤn⸗ ger mein Aufenthalt ſeyn!“ Sie klingelte aufs neue. Thompſon, der wohl außen gelauſcht haben mochte, trat gleich herein. Sie befahl, anſpannen zu laſſen und floh, wie der Bediente fort war, auf ihr Zimmer. Hier ließ ſie den Thränen ihres Zorns freien Lauf und weinte, vom unbeſchreiblichen Schmerze überwäl⸗ tigt. In wenigen Minuten kam auch die Mutter. Gertrude ſah ſie kaum, ſo drehte ſie ſich um, als wollte ſie kein Wort hören, das dieſe ihr ſagen möchte. „Gertrude!“ rief Madame St. Clair voll Angſt und leiſe, aber Gertrude ſchwieg. „Gertrude!“ rief ſie noch einmal und hätte gern der Tochter Hand genommen, aber dieſe zog ſie weg. „Gertrude!“ wiederholte ſie zum drittenmale und ſank auf ihre Knie zu Gertrudens Fuͤßen⸗ Die Graͤfin ſprang erſchrocken aufz die Mutter hing ſich feſt an ihr Kleid. „Wende Dich nicht von mir weg!“ ſchrie ſie heftig,„und ſag' mir— Kann ich mehr thun, Dich Bo iuß ner ſf nahm? laub' ich, o meinen ie Hebe. ich hin ſt, macht hier die ein Wort nicht ln⸗ ufs neue. nmochte, zu laſſen Zimmer⸗ eien Luf ſbewäl⸗ Muttel⸗ um, al n michte voll Anhſi hitte gen male und e Mutter ſchtie ſt un, di 157 zu beſänftigen?— Auf meinen Knien bitte ich Dich, erbarme Dich meiner!“ „O!“ jammerte Gertrude ſchaudernd und be⸗ muͤhte ſich, die Mutter aufzuheben. „Nein, ich muß zu Dir um mein Leben fle⸗ hen; meine Ehre ſteht in Deiner Hand!“ „O, das iſt zu ſchrecklich!— Wenn Sie mich! nicht zur Verzweiflung treiben wollen, ſo ſtehen Sie auf!“ „Willſt Du mich hören?“ „Ich will— alles willigen, nur nicht Sie ſo ſehen!“ Die Mutter ſprang auf.„Gertrude!“ rief fie, „Du kannſt mich noch tiefer hinabſtuͤrzen, als Iu mich jetzt ſaheſt. Ins Grab kannſt Du mich ſtuͤr⸗ zen! Ach, daß ich ſchon in dieſem laͤge!“ Sie weinte bitterlich. „Sagen Sie— ſagen Sie mir, was dieſes ſchreckliche Geheimniß bedeuten ſoll!“ flehte Gertrude und bemuͤhte ſich, ruhig zu ſprechen.„Sagen Sie mir, wer der Mann iſt, der mich ſo, wie er es thut, zu behandeln wagt?“ „Ach, laß dies! Deinetwegen, mir zu Liebe — frage nicht darnach!“ Die Gräfin blickte einige Minuten ſtier nach dem Boden. Allmaͤhlig ward ſie uͤber und uͤber roth; dann äußerte ſie mit erkuͤnſtelter Kälte, welche blos den in⸗ nern Kampf ausſprach, ſehr ruhig: „Bin ich denn die Tochter des S5 von St. Clair?“ Sie verbarg das Geſicht in den kleinen Haͤnden und druͤckte dieſe ſo feſt an die Stirn, als wollte ſie das Toben des Gehirns beſchwichtigen. Die Mutter ſah ſie mit wildem, verzerrtem Blicke einz ihre Lippen erbleichten. Ihr ſchienen alle Kraͤfte entflohen zu ſeyn. Plotzlich raffte ſie ſich zuſammen. Czanz roth geworden, antwortete ſie in bitterem Tone: „Auch dieſe Demuͤthigung will ich dulden! So gewiß ich auf den Himmel hoſſe— treues, redliches Weib war ich ſtets! Das weiß der Himmel!“ Sie ſprach ſo feierlich, ſo feurig, daß ſie uͤber⸗ zeugen mußte. Die Gräfin ſuchte Luft zu gewinnen. Es folgte eine Pauſe. Nach einigen Minuten hatte ihre Mutter Kraſt gewonnen, zu eroffnen: „Umſonſt wirſt Du den geheimnißvollen Schleier aufzuheben ſuchen, der mein Verhältniß zu Lewiſton verhuͤllt, der ſich ſelbſt uͤber Dich hinzieht. Eben ſo vergeblich muß aber auch der Verſuch ſeyn, uns von ſeiner Macht zu befreien!— Höre mich, Gertrude! — Hoͤre mich! Du haſt verſprochen, mich zu horen! Wenn es moͤglich waͤre, wenn es in menſchlicher Kraft ſtaͤnde, kannſt Du wohl Dir nur einen Augen⸗ blick einbilden, daß ich mich dem preisgeben wuͤrde, was Du geſehen haſt?“— Thraͤnen des Schmerzes entſanken ihren Augen. „Noch weniger kann ich mir aber irgend eine ich wele der Grä für und verſt wel Het und ober gan dam Abe Ma Dro nie day zuſe eint 5 von St. n Händen wollte ſi tem Blicke alle Krüfte zuſammen. em Tone: den! So „ roliches nel!“ ß ſi übe⸗ Es folte hre Mutter nSchleiet u Leriſtn Elen ſ „uns n Germe! ſ hörn! nnſchlche en Augen⸗ ben würde⸗ Shn ne itgend Urſache erdenken, welche Sie zu ſolchen Erniedrigungen bringt. Und daß ich ſie dulde, iſt ganz unmoöglich; ich will und kann es nicht, moͤgen die Folgen ſeyn, welche ſie wollen!“ So eben kuͤndigte das Kammermaͤdchen an, daß der Wagen warte. Der Regen fiel in Stroͤmen. „Es iſt gut! Er ſoll halten!“ befahl ihr die Graͤfin, welche im Sturme des Herzens alle Gefuͤhle fuͤr Thiere und Menſchen vergaß. Die Zofe ging fort und war mit dem Diener Thompſon vollkommen ein⸗ verſtanden, daß hier etwas ganz Beſonderes vorgehe, welches ihnen zu errathen unmoͤglich ſey. Der fremde Herr hatte ſich einen Inbiß bringen laſſen. Er aß und trank nach Herzensluſt, waͤhrend die Herrſchaften oben in Thränen eiſoſſen„Das iſt was Eignes, ganz Eignes!“ Kaum war dieſe Unterbrechung beſeitigt, als Ma⸗ dame St. Clair ausrief:„So geh'— geh' denn! Aber— auch ich gehe! Nicht wie Du, in meinem Wagen, ſondern, wie ich bin, zu Fuß, allein, keinen Mantel, mich einzuhuͤllen!— Das iſt nicht leere Drohung! Feierlich ſchwore ich hier, daß, verläßt Du heute dies Haus, auch ich daraus gehe, um nie wieder zu kommen!“ Es gehorte kein tiefes Gefuͤhl kindlicher Pflicht dazu, um vor ſolchem Auswege mit Schrecken zuruͤck⸗ zuſchaudern, zumal da ſich alle Umſtaͤnde damit ver⸗ einten, dem Gemälde friſche Farben zu verleihen. Die Mutter war erſt vor kurzem von einer ſchweren Krank⸗ heit geneſen und lange nicht vollkommen geſund. Jetzt ſollte ſie aus der Tochter Hauſe getrieben— dem gan⸗ zen Ungeſtuͤm des Wetters preis gegeebn werden? Zu ſchrecklich war dies, um daran zu denken!— Der Graͤfin kam es vor, als wollten ſie ihre Sinne ver⸗ laſſen. Selbſt nichts mehr wiſſend, kraftlos, ſagte ſie: „Thun Sie, was Sie wollen!“ Miſtreß St. Clair ergriff heftig Gertrudens Hand, druckte ſie mehr als einmal an ihre Lippen und gab ihr alle mogliche koſende Beinamen; allein Gertrude ſaß ohne Theilnahme da und ſchien gar nichts von den an ſie verſchwendeten Liebkoſungen zu wiſſen. Die Mut⸗ ter klingelte und befahl dem Maͤdchen, daß wieder ausgeſpannt wurde. Sie ſollte einige ſtärkende Trop⸗ fen holen, weil die Gräfin beim Erſcheinen eines alten Freundes von ihrem Vater zu ſehr ergriffen worden ſey. Beide flößten Gertruden einige davon ein und als dieſe ſich matt auf ein Sopha, um zu ruhen, hin⸗ legte, ging ſie, die Tochter der Pflege des Kammer⸗ maͤdchens anvertrauend, in den Saal zu ihrem Gaſt hinab. und. Jetzt dem gan⸗ tden? Zu — S öinne ver⸗ ſgte ſie ens Hand, d gab ihr ttrude ſoß on den on Die Mut⸗ uß wieder ende Trop⸗ eine alten en worden ein und uhen, hin⸗ Kammer⸗ hrem Guf Zwarzigſtes Kapitel. N O ſüßer Augenblick, vom Schrecken ſo vergiftet! Voltaire's Alzire. Es war die Zeit zum Eſſen da. Als Madame St. Clair wieder in der Tochter Zimmer kam, lag dieſe noch immer, wie ſie dieſelbe verlaſſen hatte, taub fuͤr alle Anſpielungen der gewandten Maſham, daß es Zeit zum Umkleiden ſey. Die Letztere bekam einen Wink, ſich zu entfernen. Mit ſchmeichelndem Tone redete Madame St. Clair Gertruden zu:„Du wirſt doch zum Eſſen kommen, mein gutes Mäͤdchen?— Ich habe mit Lewiſton eine lange Unterredung gehabt. Er hat mir verſprochen, mit ſeinem derben amerikani⸗ ſchen, offenen Weſen Dich nicht zu beleidigen. Aber Du mußt da Nachſicht haben. Er iſt unabhängiger Buͤrger einer Republik, in der, wie Du weißt, alles Freiheit und Gleichheit athmet. Böſe meint er's da⸗ mit nicht. Er will ſich Muͤhe geben, ſich mehr nach unſern Begriffen von Schicklichkeit zu richten, ſo lange er hier bleibt. Das wird ja wohl nicht lange dauern!“ III. 11 162 „So lange er hier bleibt, werde ich in meinem Zimmer verweilen!“ erklärte Gertrude, ohne aufzu⸗ ſtehen. „Das iſt unmoglich!“ rief die Mutter höchſt beſtuͤrzt.—„Das läßt er nimmermehr zu! Das iſt— das kann er nicht geſtatten! Liebſte Ger⸗ trude, wenn Du mich nicht wieder auf meinen Knien ſehen willſt, ſo ſteh' auf und komm' mit!“ Die Graͤfin ſeufzte tief und gehorchte. „Du wirſt Dich von der Maſham ein wenig umkleiden laſſen?“ „Nein! Ich will heute nicht prunken!“ er⸗ klaͤrte Gertrude feſt. „Zum mindeſten laß Dir doch die Haare ein Bischen in Ordnung bringen, mein gutes Kind!“ „So wie ich hier bin, will ich gehen, oder— gar nicht!“ erwiederte ſie eigenſinnig. Die Mutter ſah, daß ſie nichts ausrichten koͤnnez ſie gab nach und von der Tochter begleitet ging ſie ins Speiſezimmer. Lady Roßville paßte wenig zu dem Glanz, dem Putz, dem vornehmen Weſen, das ſie hier umgab⸗ Ihr Kleid war in Unördnung, das Haar aufgelöſi, die Wange, worauf ſie gelegen hatte, glühte und die andere war leichenblaß. Zwar ſchritt ſie ſtolzer ein⸗ her, als gewöhnlich, aber ohne nur einmal das Auge vom Boden zu erheben⸗ „Na, Ihro Gnaden ſind doch nun hoffentlich wieder reſtaurirt?“ redete ſie Lewiſton an, als ſie ſich einem aufz⸗ hchſt Dos Ger⸗ Knien wenig er⸗ re ein konne; ing ſie „dem mgob. gelift nd die tein⸗ Aug nilch ſi ſch 163 an die Tafel ſetzte. Er verſuchte es wirklich, artig zu ſeyn. Allein in ſeiner Sprache war etwas ihrem Ohre Wehethuendes. Sie erſchrak gleich, wenn er redete. Eine matte Röthe uͤberflog ſie. Sie nickte blos, ſtatt zu antworten. „Ich fand die Gräͤſin ſchlafend, als ich in ihr Zimmer kam!“ nahm geſchwind die Mutter ſtatt ihrer das Wort.„Es ſcheint aber nicht, als ob ſie das häßliche Kopfweh verſchlafen haͤtte. Nun, wir ſind ja hier ſo ganz unter uns, daß ich ſie doch beredete, am Tiſche Theil zu nehmen!— Daß Du viel reden ſollſt, mein Engel, wollen wir Dir nicht zumuthen. Aber iß nur etwas.— Die Suppe iſt ſehr gut. Brumeau hat ſich ſelbſt ubertrofſen!“ „Sie haben ſo'nen franzoſiſchen Koch?“ fragte Lewiſton.„Na, das koſtet verflucht viel Geld!“ „Nicht zu viel fuͤr eine Graͤfin von Roßville!“ ſagte Madame St. Clair, uͤber die Geimeinheit ihres Freundes in Verlegenheit geſetzt, denn ſelbſt die Be⸗ dienten laͤchelten ſpöttiſch. „Na, man kann's Geld doch beſſer los werden! — Geben Sie mir derweile noch einen Teller voll— Je, Sie koͤnnen mir gleich zwei hergeben!— Sol! — Wollen Sie denn mal mit mir anſtoßen, Ihro Gnaden?“ „Ach, die Gräfin iſt eine ſchlechte Weintrinke⸗ rin!“ vermittelte wieder die Mutter.„ Nehmen Sie lieber mich als ihre Stellvertreterin!“ „Na, da wollen wir alle drei zuſammen trinken! 11* Kommen Sie, Gräͤſin, ein Gläschen, die Grillen zu vertreiben bei dem neblichen Wetter!“ Gertrude konnte kaum die Qualen erdulden, cbet doch ſaß ſie unbeweglich, den Blick auf den Teller ge⸗ heftet, ohne nur einen Biſſen von dem anzuruͤhren, was ihr die Mutter vorgelegt hatte. „Was haben Sie denn da Schones?“ ſtnhit Lewiſton, als er ein Gericht entdeckte, das er noch nicht geſehen hatte⸗ „Blanquette de Poularde!“ belehrte ihn der nfelbecker. „Blank Billiard?“ niderhoſtt er.—„Soll ich Ihnen ein Bischen geben, Gräͤfin? Kommen Sie; laſſen Sie ſich zureden!“ Mit Muͤhe ſtotterte Gertrude ein„Nein!“ her⸗ aus; doch die Mutter war gleich bei der um ihre Einſylbigkeit auszugleichen: „Ich weiß ſchon, Du ißt ſelten, bis der zweite Gang kommt, mein Engel. Es wird wohl noch et⸗ was aufgetragen werden, das Dir zuſagt.— Was ſchmeckte Dir denn vor einigen Tagen ſo gut? Weißt Du es noch?“ „Ich erinnere mich nicht mehr!“ erwiederte Ger⸗ trude ſeufzend und als ſey ſie mit andern Dingen be⸗ ſchaͤftigt., „Jourdan— Er muß huͤbſch acht geben, was Mylady gern ißt!— Es iſt doch einfältig, daß ich nicht darauf falle, was Dir ſo gut ſchmeckte!— Waren es nicht Rebhuͤhner mit Truͤffelſauce?“ Att ſunt hne mein man Reſe hena ſigt Ma 6 * hätt ſe lache piel etwo dahe berh duf hiſ Pn Si Pa geſ Llh en zu ber r g⸗ ihren, fragte noch n der „Soll mmen her⸗ um weite ch et⸗ Wos Weißt Get⸗ n be⸗ „ma ic 165 „Es iſt möglich!“ aͤußerte Gertrude mit einer Art, die eher Verdruß, als Dank fuͤr dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit ausdruͤckte⸗ Während des aß und Lewiſton mit allem Appetit eines Hungrigen und allem Weſen eines ge⸗ meinen Mannes.— Er koſtete alles— blos, wie man ſah, aus Neugier. Man merkte wohl, daß ihm dieſe Lebensweiſe ganz etwas Neues war; allein er benahm ſich ſo ganz ohne Zwang, als ſey er zu Hauſe⸗ „Na, damit wollen wir's?mal gut ſeyn laſſen!“ ſagte er.„In Amerika aber hieß das kaum eine Mahlzeit. Nicht wahr, mein Maͤnnchen?“ ſprach er zu ſeinem Hunde.„Ja, ein Anderer, als ich, haͤtte ein boſes Geſicht dazu gemacht. Ich habe gern ſo etwas Derbes auf dem Tiſche!“ Madame St. Clair ſtellte ſich, als wollte ſie lachen, indem ſie erwiederte:„Die Graͤſin und ich ſpielen ein Paar armſelige Figuren bei Tiſche, wenn etwas Solides erſcheint. Unſere Mahlzeiten ſchwinden daher in ſo eine Art Feentafel. Aber— Jourdan, vergeſſ' Er es nicht! Morgen muß etwas Solides auf die Tafel!“ „Was meinen Sie denn ſo zum Beipient von einem hubſchen, ſaftigen, kraͤftigen Stuͤck Rindfleiſch, dreißig Pfund ſchwer, mit Bohnen? Oder ſo einer huͤbſchen Schweinskeule mit Erbſenpudding? Oder ſo einem Paar fetter Gänſe, recht mit Zwiebeln und Knoblauch geſpickt, in Aepfelſauce ſchwimmend? Das iſt mein Leibeſſen!“ —— ———— —————— —. 166 Er rieb ſich die Hände, daß einem angſt wurde. Eine Erleichterung gewaͤhrte es, als die Mahlzeit vor⸗ bei war und die Dienerſchaft ſich entfernte. Es war doch nun Niemand mehr Zeuge, als die Bilder der Roßvilleſchen Familie, welche aus ihren Rahmen mit finſterer Stirn auf den rohen Plebejer herabblickten, der ihren Platz gewaltſam eingenommen zu haben ſchien. Gertrude hatte ſich mit Geduld bewaffnet; allein ſie immerfort zu behaupten, koſtete alle ihre Seelen⸗ ſtärke. Tauſendmal war ſie im Begriff, ihren Gefuͤh⸗ len freien Lauf zu laſſen und den gehäſſigen Auftritt durch ihr Fortgehen zu enden. Allein ſie ſah, wie das Auge ihrer Mutter um Erbarmen flehte, und ſo hielt ſie an ſich.„Diesmal,“ dachte ſie,„will ich alles tragen, aber um die ganze Welt nicht laß ich mich verſuchen, mich dieſem noch einmal zu unterwer⸗ fen!“ Wie ein Marmorgebilde duldete ſie alles und doch ſchien jeder ihrer Nerven, jede Muskel auf die Folter geſpannt. Gleich allen gemeinen Menſchen er⸗ zählte Lewiſton ſo vielerlei Geſchichten, die ihn betra⸗ fen, und redete ſo laut, und lachte ſo derb, daß er jedes andere Wort zum Verſtummen brachte. Man hatte daher ein kleines Gerauſch im Vorzimmer über⸗ hort, das von einem Neuankommenden erregt wurde. Plotzlich trat ein Diener herein und meldete der Grä⸗ fin:„Herr Oberſt Delmour iſt angekommen!“ Kaum hatte er es geſprochen, als Delmoyr eilig ſelbſt in den Saal trat. Gertrude ſprang auf, voll Freude im Auge, ihn willkommen zu heißen; alles An⸗ dete des dus erk Na Obe mein ſcolz aber übe der von ſein daß grol zum ſchö ſeh frei Me die Erſ DN bh un un do ulde. bo war der nmit ikten, chien. allein eelen⸗ zefüh⸗ uſtritt wie ind ſo ilich ich twel⸗ und f die en et⸗ hetra⸗ duß e Mon ber⸗ vurde⸗ r elli ol E dere war jetzt vergeſſen. Doch der erſte Augenblick des Wiederſehens war dahin und gleich darauf folgte das ſchmerzliche Bewußtſeyn der ſonderbaren, nicht zu erklärenden Geſellſchaft, worin er ſie getroſſen hatte. „Herr Lewiſton, mein trefflicher Freund!“ ſprach Madame St. Clair in athemloſer Beſtuͤrzung zum Oberſten, den Erſtern vorſtellend.„Es iſt ein Freund meiner Familie!“ ſetzte ſie hinzu, als ſie die kalte, ſtolze Verbeugung des Oberſten wahrnahm. Bevor aber Lewiſton nur den Mund offnete, zeigte ſchon ſeine uͤbertriebene Gemeinheit, ſein zuverſichtliches Weſen, der Schnitt des Rockes, auf den erſten Anblick dem Oberſten hinlänglich, daß dieſer Familienfreund nicht von Stande ſey. Delmour ſelbſt wußte ſchon bei ſeinem Auftreten ſich ſo entſchieden geltend zu machen, daß ſelbſt der Amerikaner bei aller Derbheit, allem groben Weſen einen Augenblick lang eingeſchuͤchtert, zum mindeſten zum Schweigen gebracht ſchien. Schon ſchöpfte Gertrude Athem. Sie hoſſte, ihr Geliebter ſey gekommen, ſie von den haͤßlichen Banden zu be⸗ freien, an welche ſie durch die Mutter und dieſen Mann gefeſſelt war. Beide Letztere ſchienen durch die Ankunft des Oberſten außer Faſſung zu ſeyn⸗ Erſt als Gertrude wieder Platz genommen hatte, ſah Delmour, wie ihr Aeußeres ſo ſehr gegen alle Umge⸗ bungen abſtach. Sie, des Abends immer ſo ſchoͤn und freundlich geſchmuckt, hatte noch das Morgenkleid an. Ihr Haar, ſelbſt in der Unordnung reizend, war doch in Unordnung. Nichts konnte ihr die Schonheit — ———— —————— —. 168 und Anmuth rauben, allein ſie ſah bleich aus, war in Verlegenheit, glich ſich ſelbſt nicht mehr! „Sie ſind nicht wohl geweſen, Gertrude?“ fluͤ⸗ ſterte ihr der Oberſt italieniſch zu, und muſterte ſ mit der größten Theilnahme. „Ach— es iſt nichts— blos ſeit heute Mor⸗ gen!“ antwortete ſie. „Und was iſt denn da vorgefallen— heut Mor⸗ gen?“ fragte er in gleicher Sprache, einen fluͤchtigen Blick auf den Fremden werfend. „Welch Bild von den allen hier koſtet wohl das meiſte Geld?“ fragte jetzt Lewiſton in verdorbenem Franzoͤſich Madame St. Clair, und wiegte ſich auf dem Stuhl, indem er nach den Portraits zeigte. Miſtreß St. Clair ward feuerroth, als ſie er⸗ klaͤrte, daß ſie ſich nicht auf Gemälde verſtehe. Ger⸗ trude wuͤnſchte, daß Delmour nicht gekommen ſeyn mochte. Da ſie gar nicht wußte, wovon ſie ſprechen ſollte, fragte ſie, ob er ſchon geſpeiſt habe. „Ja!“ antwortete Delmour.„Ich mußte we⸗ gen mangelnder Pferde in Darleton Halt machen und eine Hammelrippe vornehmen. Ich trank eine Bou⸗ teille ſchlechten Portwein, um die Zeit hinzubringen. Am Ende bekam ich zwei elende Kracken—“ „Da kam ich beſſer weg, Herr!“ nahm der Fremde das Wort.„Vier Pferde bekam ich in Darleton! Beim Jupiter, mit vier Pferden— ei, wie geht das!“ Er machte die Pantomime des Fah⸗ rens und Kutſchirens. Gebel die N walen halten fugt Doch den Stg antwe Fami ſhen gauh Ungl von tenl Mor⸗ tigen dos enem auf e er⸗ Ger⸗ ſehn chen we⸗ und Bol⸗ ngeh der h in - e, ßoh⸗ 169 „Das iſt doch zu viel!“ ſagte die Gräfin auf⸗ ſtehend und keinen Wink der Mutter mehr beachtend. —„Da Sie gegeſſen haben, Oberſt, iſt es unnöthig, noch zu verweilen!“ Sie nahm ſeinen angebotenen Arm. Mit ſtolzer Gebehrde ließ ſie ſich von ihm hinausbegleiten, indeſſen die Mutter und Lewiſton beſchaͤmt da ſaßen. Kaum waren ſie fort, als die Erſtere den Framden zu unter⸗ halten ſuchte. „Um Gottes willen, was bedeutet das alles?“ fragte Delmour, als die Graͤfin und er allein waren. Doch Stolz, Scham und Unwillen hinderten Gertru⸗ den am Sprechen. „Es iſt hier nicht alles, wie es ſeyn ſoll!— Sagen Sie mir, wer der Mann iſt?“ Gertrude ſuchte ihr Gefuͤhl zu beherrſchen, als ſie antwortete: „Ein Amerikaner!“ „Das kann er ſeyn, aber nur iſt er nicht von Familie!“ „Ein alter Bekannter meines Vaters, wie es ſcheint!“ „Alſo haben Sie ihn ſchon fruͤher geſehen?“ „Jaz aber er iſt heute erſt gekommen und wird, glaub' ich, morgen ſchon wieder fortreiſen. Es iſt ein Ungluͤck, daß Sie gerade kommen mußten, wo wir von ſo einem Beſuche gequaͤlt werden!“ „Sie glauben doch nicht, daß ich zu fruh erſchie⸗ nen bin?“ fragte der Oberſt laͤchelnd. 170 „Immer fruͤher, als ich Sie zu erwarten hoffen durfte, wenn ich der anziehenden Geſellſchaft gedenke, an der Sie Theil nahmen!“ erwiederte Gertrude, welcher beifiel, wie ſie vom Geliebten vernachlaͤſſigt worden war. Delmour vertheidigte ſich etwas ver⸗ legen: „Alſo haben Sie ſich wirklich durch meine Ent⸗ ſchuldigungen fangen laſſen, ſo lahm ſie waren? Die Sache iſt, daß ich zu der Zeit, wo ich ſchrieb, unwohl war. Mir galt es gleich, was ich Ihnen ſchrieb. Nicht wahr, ich meldete Ihnen— weiß ich es doch wirklich nicht mehr— daß ich mit Arabins Fiſche fan⸗ gen wollte?“ „O, das gilt mir gleich viel, wenn es nicht ſo iſt, wie Sie ſchrieben! Lieber waͤr' mir es jedoch ge⸗ weſen, haͤtten Sie gleich die Wahrheit gemeldet!“ Allerdings verhielt es ſich aber ſo, wie er erſt geſchrieben hatte. Jedoch wurde er entweder unruhig, als er von der Gräſin keine Briefe mehr bekam, oder er war der Geſellſchaft der Lady uͤberdruſſig, oder es ergriff ihn ſonſt eine Laune, kurz, er verließ ſeinen Zirkel plötzlich und reiſte nach Roßville, mochten ſie ihm nachkommen, wann ſie wollten. Gertrudens Herz füͤhlte die Hälfte der Buͤrde weggenommen⸗ Delmour liebte ſie ja wie immer und war nun da, ſie zu ſchuͤz⸗ zen. Was hatte ſie noch zu fuͤrchten? Aufs neue erhob ſich der feurige Muth in ihrem Herzen und ſpruͤhte aus ihren Augen. „Nun,“ ſagte ſie,„Sie werden doch den häß⸗ lichen gen duinh kinne chte fenk chtli Patr ihm gusf mels Sie gehen die1 Kerl dame lize duß etin mit len die hoffen gedenke, ertrude, chlſſigt as ver⸗ ne Ent⸗ 7 Die unwohl ſchrich. es doch ſejw⸗ nicht ſo doch ge⸗ det!“ er erſt untuhig, m, oder oder es eß ſtinen chtet ſi ens Her Delmoul zu chüß ufs wee tzen und 17¹ lichen Amerikaner dieſe Nacht hier weilen laſſen? Mor⸗ gen wird er fortreiſen. Aber er iſt ſo roh und zu⸗ dringlich, daß ich fuͤrchte, wie Sie ihn kaum dulden konnen. Verſprechen Sie mir, ihn gar nicht zu be⸗ achten. Ich fuͤrchte, daß Sie ſich mit ihm uͤberwer⸗ fen koͤnnten!“ „Ueberwerfen?“ wiederholte Delmour mit ver⸗ aͤchtlichem Laͤcheln.„Nein; ich rechne eher darauf, daß ich Spaß mit ihm haben will. Mich mit ſo einem Patron uͤberwerfen!“ „Nun, er iſt nicht von der Art, daß man mit ihm ſcherzen darf! Roh und heftig zeigt er ſich; her⸗ ausfordern darf ihn Niemand! Alſo— ums Him⸗ mels willen, treiben Sie kein Spiel mit ihm!“ „Was hat denn ſo einen Kerl nur hergebracht!“ „Dies kann ich nicht ſagenz aber— verſprechen Sie mir, daß Sie ihn dieſe Nacht, wie er nun ⸗ gehen laſſen wollen!“ Delmour verſprach es, laͤchelte aber auch uͤber die Umſtaͤnde, welche ſie mit ſo einem unbedeutender Kerl mache. Sonſt ließ ſich nichts ſagen, denn Ma⸗ dame St. Clair trat eben herein, und auf ihrem Ant⸗ litze las man noch die Angſt. Gertrude erwartete, daß die Mutter ihr ſchnelles Weggehen vom Tiſche erinnern wuͤrde; allein dieſe ſprach nicht; ſie ſetzte ſich mit erkuͤnſtelter Gelaſſenheit hin und wollte einige Per⸗ len anreihen, die zu einem Armbande gehörten; aber die Hand zitterte und die Gedanken waren offenbar wo anders. Nach einigen Minuten ſtand ſie auf und klingelte.„Sind Cigarren zu Hauſe?“ fragte ſie den eintretenden Thompſon. „Das weiß ich nicht!“ verſetzte er, denn ſein Geſchaͤft war, Stuͤhle zu ſetzen, aber nicht Pfeifen zu ſtopfen, und er ſchien durch die kalte, ſteife Antwort zu zeigen, wie ihn die Frage beleidige. „So fragt und gebt mir gleich Nachricht!“ „Alſo iſt der Herr Lewiſton, außer daß er noch andere ſchoͤne Eigenſchaften hat, auch ein Raucher?“ fragte die Graͤſin, welche von der Entweihung ihres ſchoͤnen Zimmers aufgebracht war. Doch gleich that es ihr weh, was ſie geſagt hatte. Die Mutter ant⸗ wortete nur mit einem ſo tiefen Seufzer, daß er aus dem Innerſten des Herzens zu kommen ſchien. Es vergingen einige Minuten, als ſie wieder klingelte: a„Hat Herr Lewiſton Cigarren bekommen?“ Kaum hatte ſie ein„Ja“ darauf gehoͤrt, als ſie freier Athem zu ſchöpfen ſchien. „Nun,“ meinte die Tochter,„waͤhrend der Herr Uehaglich ſchmaucht, will ich mich umkleiden. Beſſer ſpät, als gar nicht, kann ich heut Abend ſagen!“ Sie hatte in den Spiegel geſehen und ſchämte ſich uͤber das von ihm zuruͤckgegebene Bild. „Die beſte Entſchuldigung fur meine Stiefeln!“ rief der Oberſt. Beide eilten, ihre Toilette zu machen. Be Gert einan gen S gſtü eintre in de dem und ich des e ſie n ſein fen zu ntwort r noch her ihres h thet r ant⸗ er aus 6 e ſih feln“ uchen⸗ Einundzwanzigſtes Kapitel. Was er verſah, geſchah mehr in Folge von Rohheit und Mangel an Beurtheilungskraft, als aus böſer Abſicht. Hayward. Btii der Ruͤckkehr in den großen Geſellſchaftsſaal fand Gertrude den Oberſten und die Mutter weit getrennt, einander gegenuͤber ſitzen. Er langweilte ſich an eini⸗ gen Bilderbuͤchern; ſie hatte den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, ganz in Gedanken vertieft. Als die Tochter eintrat, ſahe ſie in die Höhe. „Haben wir denn Cafſee getrunken?“ fragte ſie in der Art, daß man SZerſtreuung abnahm. Doch in dem Augenblick kam Lewiſton mit allem Geräuſche und Lärm eines gemeinen Mannes herein, der ein Bischen zu viel getrunken hat, und nun ſchien ihr gleich die Beſinnung wiederzukehren. Sie zeigte auf das Sopha, wo ſie ſaß; er ſollte Platz nehmen. Sein Auge war aber immer auf die Gräfin geheftet, die er, weil ſie umgekleidet war, nicht gleich wieder erkannte. Als ihm dies klar wurde, rief er:„Je, beim Ju⸗ 174 piter! Ich kannte Sie ja gar nicht. Sie haben ſich ſo aufgetakelt. Nu— was ſoll denn nun paſſiren? Daß dich das Maͤuschen! Ich dachte ſchon ans zu Bett gehen!“— Er gaͤhnte; Lady Roßville erröthete, aber ſie blickte nach der Mutter und fluſterte zu Del⸗ mour: „Thun Sie, als ob Sie nichts wahrnehmen!“ Ganz ernſtlich unterhielt ſie ihn uͤber einige Kupfer⸗ ſtiche, die er vor ſich hatte, während Miſtreß St. Clair zu Lewiſton aͤußerte: „Wir haben noch Londoner Uhren hier auf dem Lande, aber muͤſſen ſchon eine Reform machen!“ „Ja, Reform, das iſt's rechte Wort!“ rief der Fremde.„Das Wort: Reform hab' ich gern. Reform— Reform!“ wiederholte er.„Das Ding klingt huͤbſch! Nicht wahr, Graͤfin? 85 will nun gleich hier's Feuer reformiren!“ Er ſtorte auf die häßlichſte Weiſe in den Kohlen umher, warf dann die Feuerzange mit ſchrecklichem Geräuſche hin, ruͤckte einen Stuhl ans Feuer, ſetzte die Fuͤße faſt mitten auf den Roſt und verunreinigte mit der Aſche das ganze Kamin und den Teppich⸗ Lady Roßville wollte aufſtehen und fort; allein Mi⸗ ſtreß St. Clair ging bei ihr voruͤber, ſie ſtellte ſich, als wollte ſie ein Gemälde beſehen, und druͤckte der Tochter Hand in bedeutender Weiſe. Ganz leiſe ſprach ſie fluͤchtig zu Delmour franzöſiſch: „Ich muß Sie fuͤr amerikaniſche Sitte um Nach⸗ ſicht bitten. Sie werden mich dadurch verbinden!“ Dell Perk lihe leß tinde der C einer Stü dann Art ſö Mer in j fini hen i ſchwi — chen ſon, hir Gin hör n ſich ſiren s zu thete, Del⸗ nen!“ uyfer⸗ St. f dem rief gern. Din nun Kohlen lichem „ſehle einigte ipyich n Ne te ſich te de ſn Mc⸗ nden“ 175 Zum erſtenmale hatte Madame St. Clair zu Delmour ohne Zwang und freundlich geſprochen. Ihr Verkehr war bis jetzt ſtets durch Steifheit, durch feind⸗ liche Stimmung bezeichnet. Jetzt und ſo plötzlich ließ ſie ſich herab, ihm das Wort zu gonnen! Ger⸗ trude konnte kaum ihren Sinnen trauen, und ſelbſt der Oberſt ſchien uͤberraſcht. Er antwortete blos mit einer Verbeugung. Lewiſton ſaß einige Minuten da, pfiff ſich ein Stuͤck und klatſchte mit der einen Hand aufs Knie; dann ſtand er auf und ſchob den Stuhl in jener rohen Art zuruͤck, die alle ſeine Handlungen bezeichnete, um ſich vors Feuer hinzupflanzen, als ſolle kein anderer Menſch dazu. Dem Oberſten, der Graͤfin, die beide in jeder Bewegung, jeder Aeußerung ſo zart und fein⸗ finnig fuͤhlten, war dies eine wahre Qual und ſie ſa⸗ hen ſich nur immer einander an, als wollten ſie ſagen: „Läßt ſich ſo etwas aushalten?“ Die Mutter nahm es wohl wahr und ge⸗ ſchwind: „Wie wollen wir denn den Abend hinbringen?“ — Gertrude, mein ſuͤßes Kind, willſt Du ein Bis⸗ chen ſingen?— Haben Sie gern Muſik, Herr Lewi⸗ ſton, oder ſpielen Sie lieber Karten?“ „Ich kann alles beides leiden, Wadamchen! Ich hoͤre gern ein Liedchen— nur nicht das italieniſche Gequake! Und mache auch gern ein Spielchen. Ach, hören Sie, Graͤfin, können Sie denn Dame ziehen?“ „Nein!“ war Gertrudens lakoniſche Antwort. „Das iſt ſchade!— Ich wills Ihnen lehren! — Ein Damenbret haben Sie doch?— Je, da iſt ja gleich ſo ein Tiſch; das iſt noch beſſer! Kommen Sie, Gräfin!“ Er nahm ſie beim Arm; der Oberſt ſchien ihn durchbohren zu wollen. „Entſchuldigen Sie!“ wies ihn die Gräfin zuruͤck. „Na, na, kommen Sie! Fuͤrchten Sie ſich nicht! Sie ſollen's ſchon lernen!“ rief er, ſie wieder faſſend. „Die Gräfin iſt nicht daran gewöhnt, ſo behel⸗ ligt zu werden!“ erklärte Delmour mit vor Zorn be⸗ bender Lippe. „Hat die Gräfin etwa Sie zu ihrem Dollmet⸗ ſcher vonnothen?“ fragte Lewiſton wild. „Oberſt— Herr Lewiſton!“ rief die Mutter in heftiger Angſt dazwiſchen.„Ich bitte Sie; ich flehe— Herr Lewiſton, ich werde mir's zum Ver⸗ gnuͤgen machen, mit Ihnen eine Dame zu ziehen. Die Graͤfin kann nicht ſpielen; wirklich nicht!“ „Deſto beſſer! Das iſt deſto beſſer. Ich lehre gern den Leuten, was ſie— zu thun haben!“ Er laͤchelte dabei höchſt beleidigend, den Oberſten anſehend. „Ein andermalz heut Abend nehmen Sie mit mir vorlieb!“ bat die Mutter. „Ne, ne, ich will die Gräfin haben!“ erklaͤrte der Amerikaner mit aller Feſtigkeit eines unbeſiegbaren Eigenſinnes. gſu ßerte Ann, das ſe ſih ih u ſcg laut ſter,! ich be ſon Lepiſ nen d Sie; Sie 5 Mutt ſie be Sel men kun di ehren! mmen en ihn Gräſin ſe ſih wieder hhil un be⸗ ollmet⸗ Muttet z ich n Pel⸗ jichen⸗ h lhre Et ſchond. ie mit llät eghn 177 „Der Mann iſt entweder betrunken oder nicht geſcheut! Fuͤr Sie iſt er kein Geſellſchafter!“ aͤu⸗ ßerte der Oberſt und nahm, aufſtehend, der Graͤfin Arm, ſie wegzufuͤhren. „Ha, ich bin weder trunken, noch nicht geſcheutz das ſollen Sie ſehen!“ rief Lewiſton und pflanzte ſich ihnen in den Weg.„Ich habe Ihnen aber etwas zu ſagen—“ „Lewiſton!“ kreiſchte hier Miſtreß St. Clair laut auf.„Ums Himmels willen! Gertrude, Ober⸗ ſter, was iſt denn das? Wie wunderlich! Gertrude, ich befehle Dir, als meiner Lochter, mit Herrn Lewi⸗ ſton Dich zur Dame hinzuſetzen!“ „Das iſt recht!— So iſt's recht!“ jauchzte Lewiſton. Die Wangen der Graͤſin gluͤhten und Thrä⸗ nen des Stolzes, des Zornes ſtanden in ihren Augen. Sie zauderte. „Sie duͤrfen nicht!“ ſagte Delmour heftig. Sie werden nicht ſpielen!“ „Um Gottes willen, folge mit!“ lispelte die Mutter in Todesangſt der Tochter ins Ohr und nahm ſie bei der Hand, um ſie zum Tiſche hinzufuͤhren. „Setze Dich, mein gutes Kind!“ ſagte ſie ihr leiſe. „Ich werde fuͤr Dich ziehen. Gertrude, hab' Erbar⸗ men mit mir!“— Sie druͤckte der Tochter Hand krampfhaft, als dieſe ſie zuruͤckziehen wollte. „Und Sie laſſen ſich ſo zwingen?“ rief der Oberſt mit faſt wahnſinniger Wuth, als der Gedanke IMI. 12 bei ihm rege war, daß eine ſchone Graͤfin mit ſo einem gemeinen, niedrigen Unbekannten Dame ſpielen ſolle. „Ja, ja,“ antwortete Gertrude, von Mitleiden bei der Mutter Aufruf ergriffen.„Ich will es ein⸗ mal verſuchen!“ Sie nahm Platz; die Mutter ſetzte ſich dicht ne⸗ ben ſie. Lewiſton war zufrieden, durchgedrungen zu ſeyn und die Lady mit ihm ſpielen zu ſehen— Er hatte nichts dagegen, daß die Mutter fuͤr ſie zog. Dagegen aͤußerte er eine kindiſche, laute Freude, rieb die Hände, ſchnippte mit den Fingern, ſchwor beim Jupiter und bei der Juno, und wenn er eine Dame bekam, beſtand er feſt darauf, daß die Gräfin ſie auf⸗ ſetzen mußte. „Ich verlange meine Honneurs von Ihnen!“ ſagte er lachend.„Alle, alle mit einander! Sie muͤſſen den Stein auf die Dame ſetzen! Nicht wahr, das muß ſie?“ fragte er die Mutter, welche ein Bild des Jammers ſchien, ob ſie ſchon ſeiner ungezugelten Luſtigkeit zu entſprechen ſuchte. „Er iſt wirklich nicht im Kopfe richtig!“ dachte die Lady und war bereits aͤngſtlich. Sie ſah ſich nach Delmour um; dieſer aber hatte das Zimmer verlaſſen und ſie hoͤrte ihn in der Nebenſtube Billiard— fuͤr ſich allein ſpielen.— Eine Dame nach der andern wurde gezogen und von Lewiſton mit unvermindertem Feuer und Vergnügen gewonnen, bis endlich Gertru⸗ dens Geduld es nicht laͤnger aushalten konnte und ſie mit einem Ausrufe des Ueberdruſſes aufſtand. tion nen Geld und ſumn wire chen tität gen ein daß gen ſie inde füſt rich ſcho M il, Ge thu ſo ſo einem ſolle ſitleiden es ein⸗ icht ne⸗ ngen zu n. Er ſie zoh. de, rieh or beim e Dame ſie auf⸗ hnen!“ Sie ſt wah ein Bid ezigelten dacht ſch mi gerloſſen fi nden inderten Gerttl uſ „Na, fuͤr einen Abend haben Sie'ne gute Lek⸗ tion bekommen! Wir wollen mal ſehen, was*6 Ih⸗ nen gekoſtet hat?“ ſagte er und zaͤhlte das gewonnene Geld zuſammen; dann nahm er es in die hohlen Haͤnde und ſchuͤttelte es mit einer Laune und Luſtigkeit zu⸗ ſammen, die unter andern Umſtaͤnden ſpaßhaft geweſen waͤre. „Na, ſingen Sie uns doch mal'was!— Ma⸗ chen Sie, Madamchen! Laſſen Sie mal Ihre Auto⸗ ritaͤt ſehen! Ich muß nun ein Liedchen hoͤren. Sin⸗ gen hab' ich Sie noch nicht gehoͤrt, und ich kann ſelber ein Bischen ſingen!“ „Die Graͤfin hat mir ſo viel zu Gefallen gethan, daß ich weiß, ſie wird mir dieſe Bitte nicht abſchla⸗ gen!“ ſagte die Mutter in flehendem Tone, indem ſie Gertrudens Hand nahm und ſie zaͤrtlich druͤckte. „Ich kann nicht ſingen!“ verſicherte Gertrude, indeß ihre Stimme im Kampfe mit ihren Gefuͤhlen faſt erſtickte. „Warum denn nicht? Iſt's in der Kehle nicht richtig? Ach, davon ſprechen Sie nicht.'s wird ſchon gehen!“ „Die Nacht iſt ja ſchon weit vorgeruͤckt!“ redete Miſtreß St. Clair beſänftigend und leiſe der Tochter zu, indeß Lewiſton endlich des Klimperns mit dem Gelde muͤde, dieſes in einen großen ſeidnen Beutel zu thun beſchaͤftiht war.—„Thu' es doch; Du kannſt ſo Streit verhuͤten!“ „Ach, wollte Gott, daß dies zu Ende wäre!“ 12* nete, gleich wieder hinausgegangen. 180 ſeufzte Gertrude, als die Mutter ihre Hand nahm, ſie ins Muſikzimmer zu fuͤhren.„Nie unterwerfe ich mich dem wieder, was ich heute gethan habe!“ Thraͤnen entfielen ihren Augen, wider ihren Willen. „Je, Sie ſehen ja recht matt aus, Mylady?“ meinte Lewiſton und grinzte ſie an.„Na, warten Sie, ich will Ihnen was vorſingen, wenn Sie mir nicht ein Liedchen zum Beſten geben wollen. Ein's Ihrer ſchottiſchen Liederchen ſollen Sie hören!“ Und er ſtimmte mit einer Kraft, welche das Echo aller Waͤnde rege machte, ein: Schotten, die mit Wallace kämpften, ꝛc. an. Indeſſen mußte man einräumen, daß er eine huͤbſche, kraͤftige, deutliche Stimme hatte; im ge⸗ meinen Volkston gut ſang, viel Handlung hineinlegte, durch Bewegung der Hände, das Stampfen der Fuͤße Nachdruck gab. Es folgte ein amerikaniſches Volks⸗ lied und wieder eins, und wieder eins, denn ſeine Lun⸗ gen ſchienen nicht zu ermüden; mit gleichem Feuer, gleicher Stärke ſang er ganze Baͤnde ab, bis Miſtreß St. Clair und ihre Tochter vom Zuhören beinahe ganz erſchopft waren. Die Erſtere hatte ihm Beifall gezollt und dadurch neuen Muth gemacht. Sie hielt zugleich der Tochter Hand und nöthigte ſie, durch Blick und Gebehrden, wider ihren Willen, zu bleiben. Um den Verdruß zu mehren, war auch Delmour, durch das Schreien angelockt, hereingekommen, aber mit einem Blicke, der ſeinen Unwillen, ſeine Verachtung bezeich⸗ Grä der kom jad ſede m, ſe ih Pilen dy warten ie mit Ein Echo r eine m ge⸗ nlegte, Füße Bolks⸗ eLun⸗ Feuer Niſtreß e gan gezolt ugleich ck und m den ch da einen eeic⸗ 181 „Nun, ich hab' meine Sache gemacht!“ rief Lewiſton.„Hab' ich nicht meine Sache gemacht? Na, nun kommen Sie, nun ſingen Sie! Ich muß nun auch was hoͤren! Ich habe in meinem Leben nicht nachgegeben! Ich habe halt einen trotzizen Kopf; das heißt, ich beſtehe auf meiner Sache.— Ich be⸗ ſtehe darauf, daß Sie ſingen muͤſſen!“ „Dieſe Grobheit iſt nicht zu ertragen!“ rief die Gräfin aufſpringend und ſuchte ihre Hand aus der der Mutter loszumachen, um aus dem Zimmer zu kommen. Doch dieſe hing ſich an ſie an, indeſſen jeder Zug Todesangſt und Furcht ausſprach. „Ich will meine Diener rufen!“ ſagte Gertrude. „Hoͤre mich nur das einzige Mal! Es iſt meine letzte Bitte!“ flehte die Mutter leiſe.„Wegen ſo einer Kleinigkeit willſt Du mich dem Verderben opfern? O, ich werde zeitig genug verloren ſeyn! Nur jetzt— jetzt nur rette mich noch!“ Lewiſton hatte bisher ein Stuͤckchen gepfiffen. Jetzt ſprach er auch darein: „Na, ein huͤbſches Tochterchen haben Sie; bei der Juno!“ Die Graͤfin ſtand, das Geſicht abgewendet. Ihre Haͤnde waren, trotz aller Muͤhe, ſie loszumachen, in denen der Mutter. „Komme was da will!“ rief Gertrude;„Ich laſſe mich darum unbekuͤmmert! Der Mann muß mein Haus verlaſſen! Ich befehle es!“ „Ja, das iſt leichter geſagt, als gethan; nicht 182 . wahr, mein Männchen!“ etwiederte Lewiſton mit her⸗ ausfordernder Kälte und ſeinen Hund hinter den Oh⸗ ren kratzend.—„Kommen Sie, ſingen Sie ein Bis⸗ chen!—'s wird nun ſpaͤt!“ Er wollte ſie eben beim Arm nehmen und zur Harfe führen, als ſie ſich mit plötzlicher Anſtrengung aus der Mutter Hand losmachte, in ein Nebengemach ſturzte, ſich hier auf einen Stuhl warf und den bitter⸗ ſten Gefuͤhlen freien Lauf ließ. Deutlich hoͤrte ſie Lewiſtons Stimme, als zanke er, der Mutter Stimme, als flehe dieſe. Indeſſen ihre Qual konnte nicht mehr geſteigert werden. Nach einigen Minuten kam auch die Mutter in der heftigſten, wildeſten Un⸗ ruhe. „Gertrude!“ ſchrie ſie hereinſturzend.„Ich bitte nicht länger um Deine Geduld, Dein Mitleid! Es hilft zu nichts; das ſeh' ich!“ Sie rang die Haͤnde in Todesangſt.„Morgen muß es enden! O, daß die Erde mich bedeckte, ehe es Tag wurde!“ Heftige Leidenſchaften haben ſtets die Folgen, daß geringere Grade der Unruhe darin aufgehen, davon vernichtet werden. Als die Gräfin die Verzweiflung der Mutter ſah, beſchwichtigte ſich das eigne Herz all⸗ mählig. Sie wollte ſogar dieſe zu beruhigen ſuchen. Doch gerade in dem Augenblicke trat Lewiſton herein und that, als ob gar nichts vorgefallen ſey. „Na, Sie haben einen ſchoͤnen Spektakel ge⸗ macht!“ ſprach er zu Gertruden.„Und warum denn das alles? Weil ich Sie bat, ein Bischen zu ſingen! c Ihr gen, gen all ſie Un ſto ſih de au bit — 3 — it her⸗ Oj⸗ Bis⸗ nd zur engung gemach bitter⸗ tte ſie utter fonnte inuten en Un⸗ ch bite E Hände , d en, diß dabbh veiflun er l⸗ ſiche he el g in dint ſnn Sie müſſen verflucht kitzlich ſeyn, daß Sie deswegen wie eine Hexe im Sturme davon fliegen! Viel lernen muͤſſen Sie noch, das verſichere ich Ihnen!“ „Sie wird noch alles zeitig genug lernen!“ ſiel Miſtreß St. Clair duͤſter ein.„Morgen!— Laſſen Sie nur die Nacht voruͤber!“ „Nu, doch nicht ohne ein Bischen Abendbrot? Ihr Bißchen Blank Billiard fuͤhl' ich nicht im Ma⸗ gen, das verſichere ich Ihnen!“ Er lachte aus vollem Halſe uͤber ſeinen Witz. Gertrude klingelte, um einige Erfriſchungen brin⸗ gen zu laſſen und ſo dem verhaßten Abend ein Ende zu machen. So eben trat aber auch Delmour mit allen Zeichen einer uͤblen Laune herein. Indeſſen war ſie nur froh, ihn zu ſehen, gleichviel unter welchen Umſtänden. Sie nahm an ſeiner Weiſe keinen An⸗ ſtoß; er gewaͤhrte doch Schutz. Heiterer wurde ihr Blick, die Thränen ſchwanden, als er ſich ſo zu ihr ſetzte, daß ihr Lewiſton aus den Augen kam, der auf der andern Seite des Zimmers mit dem Hunde tobte. „Sie haben ja einen recht lärmenden und alſo auch fröhlichen Abend gehabt!“ aͤußerte Delmour mit bitterm, ſpottiſchem Lachen.„Einer Ihrer Gaͤſte darf mindeſtens uͤber Mangel an Artigkeit nicht klagen!“ „Ach, Delmour,“ ſeufzte Gertrude mit dem Tone des Schmerzes,„mehren Sie mein Ungluͤck nicht durch Ihre Vorwurfe! Das iſt unfreundlich, da Sie mich in ſolcher Lage ſehen!“ Ihr Herz wollte ſpringen. ————— 184 „Erniedrigend iſt es fuͤr Sie und fuͤr mich, dies zu ertragen!“ ſagte er leidenſchaftlich.„Doch im Augenblick will ich der Sache ein Ende machen und den Patron aus Ihren Augen ſchaſſen!“ Er ſtand auf, um auf Lewiſton loszugehen. Gertrude ergriff ihn. „Nein— nein! Laſſen Sie ihn noch die kurze Zeit! Morgen iſt es zu Ende! Wenn er morgen nicht das Schloß verlaͤßt—“ Hier hielt Gertrude inne. Eine ſchwache Rothe uͤberflog ihre Wange; dann gab ſie dem Oberſten die Hand und ſetzte hinzu: „Dann ſollen Sie mich von hier entfernen!“ „Nun, ſo mag er bleiben, wenn Sie auf dieſe Bedingung mit mir gehen wollen!“ Gertrude ſeufzte blos; allein es war ihr feſter Entſchluß, ſich unter den Schutz ihres Vormundes, Lord Millbank, zu begeben, falls dies Geheimniß nicht geloſt wuͤrde und Lewiſton nicht das Haus verließ, dort aber, da ſie ſich dann von jedem Verſprechen ge⸗ gen die Mutter entbunden hielt, ihre Vermaͤhlung mit dem Oberſten zu feiern. Delmour hegte ſeiner Seits den Verdacht, daß Madame St. Clair heimlich mit Lewiſton verheirathet ſey. Zwar empoͤrte ſich ſein Stolz wegen ſolcher Ver⸗ wandtſchaft; allein ſein Vortheil. konnte dabei doch viel gewinnen. Die Graͤfin mußte dann ſogleich der Herrſchaft ihrer Mutter ledig ſeyn; ihm das Recht werden, ſie zu beſchuͤtzen; das Paar ſelbſt ließ ſich leicht entfernen, indem man ihm eine Summe unter der ohn ſh tn, ver unſ ſch und Gle 6 che dal unt mu Fie hol der De S wo ſen ich, die och in hen und r ſtand riff ihn. ie kutze morgen hertud Wange; hinzu: rfefter nundes, ß nicht erließ, hen ge⸗ ng mit t, dß eirathet r Vel⸗ i doch ich der Recht eß ſih unter der Bedingung auswerfe, ſie in Amerika zu verzehren, ohne wiederzukommen. Eben brachte der Diener eine Schuͤſſel mit Spei⸗ ſen, wie ſie Gertrude und die Mutter zu genießen pfleg⸗ ten, allein der Amerikaner aͤußerte ſehr großes Miß⸗ vergnuͤgen. „Ei, das Zeug geben wir uͤberm Waſſer druͤben unſern Schweinen!“ rief er veraͤchtlich, einen Butter⸗ ſchnitt zulangend.„Und Euere franzöſiſchen Weine und Liqueure— bei der Juno— da iſt mir ein Glas Grog lieber, als ein Dutzend Glaͤſer davon!— Höre mal, Freundchen,“ ſagte er zum Bedienten, „Du thuſt mir einen Gefallen, wenn Du ein Bis⸗ chen eine Serviette aufdeckſt und Deinem Koche ſagſt, daß er mir einen tuͤchtigen Riegel Speck heraufſchickt und ein Mandel Eier darauf ſchlaͤgt. Aber der Speck muß wenigſtens zwei Finger dick ſeyn. Ach, hoͤre, Freundchen, wenn Du mir eine Bouteille aͤchten Wach⸗ holder heraufholteſt? Der iſt meine Sache! Doch ich will nur lieber ſelbſt in die Kuͤche und ſehen, wie der Speck abgeſchnitten wird! Wo haſt Du denn Deine Kuͤche?“ Beide gingen. „Wir wollen zu Bett gehen!“ ſagte Miſtreß St. Clair im Tone der unterdruͤckten Qual und als wolle ſie die Gelegenheit benutzen, ſich in ſeiner Abwe⸗ ſenheit zu entfernen. Gertrude ſtand auf, ihr zu fol— gen; allein ſie weilte noch einen Augenblick, um Del— 186 mour zu ſagen:„Sie werden doch, hoff' ich, nicht hier bleiben?“ „Nein, ich will den Fleiſcher ſein Meſſer am Specke probiren laſſen und in mein Zimmer gehen. — Wahrſcheinlich wird er noch ein Paar Abende hin⸗ ter einander hier ſoupiren?“ ſetzte er ſpottend hinzu. Gertrude ſchuͤttelte mit dem Kopfe und ſeufzte; dann folgte ſie der Mutter nach dem Garderobe⸗ zimmer. „Ich ſage nichts heut Abend!“ rief Madame St. Clair, als ſie die Tochter eintreten ſah.„Laß mich alſo, laß mich!“ „Zum mindeſten laſſen Sie mich doch ein wenig bei Ihnen verweilen!“ „Nicht einen Augenblick— laß mich!“ rief ſie aufs neue voll Ungeduld.„Was verlangſt Du noch außer meinem und Deinem eignen Untergange? Den haſt Du, dies ſagte ich Dir ſchon, beinahe vollendet!“ „So ſey's denn! Kein Untergang kann die Schande, das Elend uͤberwiegen—“ „Ruhig! Du wrillſt mich zum Wahnfinn trei⸗ en Sie legte die Hand gedankenlos an die Stirn. Gertrude wollte ſie umarmen, ward aber von ihr zu⸗ ruͤckgeſtoßen. „Morgen kann mir Deine Liebkoſung von Werth ſeyn!“ rief ſie.„Dieſe Nacht nuͤtzt ſie mir nichts! Sie iſt ſchlimmer, als nichts!“— Sie wehrte die Fge Loe rief aus hine trut hör als zu wo me la we zu „nicht et am gehen. de hin⸗ hinzu. ſeufzte; derob⸗ ladame / L wenih rif ſi u nch Den ndet!“ nn die n trei⸗ Stitn. ihr zu⸗ Wett nicht hite de 6 Tochter ab.—„Laß mich, ich befehle es Si rief ſie nochmals heftig. Gertrude mußte gehorchen. Kaum war ſie hin⸗ aus, ſo hoͤrte ſie, daß das Schloß verriegelt wurde⸗ Als das Kammermaͤdchen zur Madame St. Clair hinein wollte, ward ihr der Zutritt verweigert. Ger⸗ trude erſchrak; ſie lauſchte lange vor der Thuͤre und hörte, wie die Mutter auf- und abging und ſeufzte, als ſey ſie außer ſich. Sie klopfte an, ſie ſprach ihr zu— gleich war die Mutter ſtill und gab keine Ant⸗ wort. Da ihr Zimmer mit dem der Mutter zuſam⸗ menhing, ſo ſtand ſie verſchiedene Mal auf, um zu lauſchen. Immer vernahm fſie daſſelbe. Der Morgen war weit vorgeruͤckt, ehe Gertrude ruhig genug war, zu entſchlummern. ——————— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. O eitle Vorſicht! Hätt' ich doch gelebt, nichts von Der Zukunft ahnend! Dann hätt' ich nur meinen Theil Des Leidens ſelbſt getragen! Milton. Als Lady Roßville erwachte, fuͤllte ſich ihre ganze Seele mit einem Gedanken, der alle uͤbrigen aus⸗ ſchloß. Ihrer Baſe Anna Hochzeit war heute. Sie hatte verſprochen, dabei zu ſeyn; allein nicht einmal erinnerte ſie ſich daran. Ihre volle Aufmerkſamkeit war nur auf die Entdeckung geſpannt, welche ſtatt fin⸗ den ſollte, und wenn ſie nicht erfolgte, mit den ſtren⸗ gen Maßregeln beſchaͤftigt, zu denen ſie, in Betreff ihrer ſelbſt, entſchloſſen war. Gleich nach dem Aufſtehen eilte ſie nach dem Zimmer ihrer Mutter, allein— die Thuͤre war noch feſt zu. Sie pochte— alles blieb ſtill. Ihr klopfte das Herz im Buſen. Sie ſtand im Begriff, laut hineinzurufen. Da fiel ihr aber ein, daß eine Hinter⸗ treppe in das Zimmer der Mutter fuͤhre und ſie wohl mittelſt dieſer hineinkommen koͤnne. Sie irrte ſich dem Gert öffn Am vori gan neb ſer ſo, des ſich We ſie Ge ſie ſlc eini Be Jo Zu Theil lton. gane au⸗ Sie einmal amkeit t fin⸗ ſtren⸗ Betrff den tnoch kloyfte laut inte⸗ wel e ſih 189 auch nicht. Die Thuͤre war oſſen; ungehindert kam ſie hinein. Aber das Zimmer war finſter; nur hier und da fiel ein glaͤnzender Sonnenſtrahl auf den Bo⸗ den. Die Kerzen hatten die ganze Nacht hindurch ge⸗ brannt und verbreiteten noch einen blaſſen Schein, in⸗ dem ſie ſich noch in ihren Huͤlſen vollends verzehrten. Gertrude eilte geſchwind nach den Fenſtergardinen; ſie oͤffnete einen Laden. Jetzt ſah ſie die Mutter in einem Armſtuhl ſchlafend, aber noch in der Kleidung vom vorigen Abend, die mit ihrer gegenwaͤrtigen Lage, ihrer ganzen Geſtalt ſonderbar kontraſtirte. Ein Flaͤſchchen, mit Opium bezeichnet, ſtand neben ihr auf dem Tiſche. Sie verdankte ofſenbar die⸗ ſer Arznei, nicht der Natur, den Schlaf. Aber auch ſo, wie dieſer war, gewaͤhrte er ihr nicht den Genuß des Schlummers, denn ſie zeigte ſich unruhig, bewegte ſich heftig, ſeufzte ſchwer, murmelte unverſtändliche Worte, wie von großer Angſt gepeinigt; manchmal ließ ſie Gertrudens Namen hell aufſchreiend horen. Gertrude erſchrak, als ſie ihre Mutter von ſolchem Gefuͤhle des Elends ſelbſt im Schlafe verfolgt ſah; ſie fuͤhlte, es ſey Pflicht der Menſchlichkeit, ſie aus ſolchem Zuſtande zu erwecken, und dies gelang ihr nach einiger Zeit. Madame St. Clair oͤffnete die Augen. Bevor ſie aber wieder zur Beſinnung kam, ehe ihr die Tochter verſtaͤndlich machen konnte, wo und in welchem Zuſtande ſie war, verging einige Zeit. „Sie haben, furchte ich, zu viel Opium genom⸗ —— men!“ ſagte Gertrude unruhig, nach dem Glaͤschen ſehend. „Zu viel und— doch nicht genug!“ war die mit einem Seufzer gegebene Antwort. „Laſſen Sie mich zum Arzte ſenden!“ rief die Graͤfin in zunehmender Beſtuͤrzung.„Sie ſind krank, Mama; wahrhaftig!“— Die brennende Hand der Mutter lag in der ihrigen. „Es wird ſchon beſſer werden!“ erwiederte Ma⸗ dame St. Clair und ſeufzte tiefer.„Welche Zeit iſt denn?— Ich habe geſchlafen, glaub' ich— wir muͤſ⸗ ſen zu Tiſche gehen, nicht wahr?“ Sie muſterte jetzt mit verſtortem Blick ihren Anzug. „Ach, Mutter— laſſen Sie ſich entkleiden und ins Bett bringen!“ „Nein— ich will— ich will zum Fruͤhſtuͤck gehen! Nicht wahr?— Ja, jetzt fällt es mir ein, zum Fruhſtuͤck!“— Sie ſah nach der Morgenſonne und dann in einen Spiegel.—„Wird denn mein Anzug gehen?“ Gertrude war zu ergriffen, um antworten zu kon⸗ nen, denn der Abſtand zwiſchen der erkuͤnſtelten Hei⸗ terkeit, der huͤbſchen Kleidung und den ausgedorrten Lippen, den eingefallenen Wangen, den weiten Augen zeigte ſich zu auffallend. „Die friſche Luft wird Ihnen wieder neues Le⸗ ben geben!“ redete ſie endlich der Mutter zu und fuͤhrte ſie an ein Fenſter, das geoͤffnet war. Die lieb ſie als K und Ger a hin ſe, die riy den tuf woh geſ thu ſpr ten ſit V läöchen war die rief die d krant, and der te Ma⸗ Zet ſi vit müß ihren den und rihſtück nir ein, genſnne miin zu kh en he⸗ edörten Auh ues L zu und Di 191 liebliche Landſchaft aber ſchien zu lächeln, als ſpotte ſie ihrer. Alles ſah friſch und heiter und neu belebt aus. Die Mutter ſaß einige Zeit am Fenſter, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt. Endlich blickte ſie auf und ſprach hingeworfen: „Roßville macht Dir wohl noch viel Vergnuͤgen, Gertrude?“ „O, es iſt mir ein Paradies!“ rief die Gräfin, als ſie auf die wolkenanſtrebende Waldung und weit hingedehnten Felder ſah.„Aber warum fragen Sie ſo, Mutter?“ „Du willſt Dich alſo nie davon trennen?“ rief dieſe heftig fragend⸗ „Nie!— Niemals!“ erwiederte Gertrude feu⸗ rig; dann richtete ſich ihre Aufmerkſamkeit wieder auf den Zuſtand der Mutter.„Soll ich nicht Liſetten rufen, daß dieſelbe Sie entkleidet? Es wird Ihnen wohl thun!“ redete ſie ihr ſanft zu. „Und was ſoll dann ſeyn?“ ſiel ihr die Mutter geſchwind ins Wort.„Aber ich weiß, was ich zu thun habe! Ja, ich muß erſt nochmals mit dem Manne ſprechen!— Vielleicht— ja, klingle mal nach Liſet⸗ ten!“— Sie riß nun mehr die Kleidung vom Leibe, ſtatt dieſelbe auszuziehen.—„Jetzt geh'— laß mich! Was ſtehſt Du und ſiehſt mich an?“ Die Tochter zerfloß in Thränen.„Es zerreißt mir das Herz, Mutter, Sie in ſolchem Zuſtande zu ſehen und zu denken, daß ich vielleicht die Ur⸗ ſache bin!“ —— —— 102 „Vielleicht!“ wiederholte Miſtreß St. Clair bit⸗ ter.„Hier iſt kein Vielleicht! Du biſt die Urſache! „Sagen Sie nur wie? Entdecken Sie mir die Art? Vertrauen Sie mir, und ich will alles thun—“ „Alles, nur nicht, was ich von Dir verlange! Alles, nur nicht Pflicht und Gehorſam; alles, nur nicht Liebe und Zaͤrtlichkeit zeigen!— Antworte mir, alſo— einmal für allemal! Zum letztenmale thu' ich dieſe Frage an Dich! Die Folgen fallen auf Dein eignes Haupt! Kannſt Du— willſt Du Dich in Deinem Benehmen gegen Lewiſton von mir leiten laſſen? „Das— kann ich nicht!“ „Dann geh'!“ rief die Mutter und zog heftig an der Klingel, ihr Maͤdchen zu rufen.—„Kein Wort weiter!— Wenn Dein Schickſal verſiegelt iſt, dann mache mir keine Vorwuͤrfe!“ Liſette trat ein. Die Mutter winkte nochmals Gertruden zum Gehenz dieſe entfernte ſich aus Furcht, ſie durch Widerſpruch noch mehr aufzubringen. „Welch ſchreckliches Geheimniß kann hierbei zum Grunde liegen?“ dieſe Frage ſtellte ſich ihr natuͤrlich dar, ſobald die erſte Beſonnenheit wiederkehrte. Aber freilich ſchwand der Gedanke bald in der Menge von Vermuthungen. Am öfterſten ſchwebte ihr die Mei⸗ nung vor, daß die Mutter fruher mit Lewiſton verhei⸗ rathet geweſen, und in der Meinung, er ſey tod, das wat will wie hie ha de S ſt die mir alles lange! „nur mir, hu' nauf Dich leiten heftig „Kein tt iſt, hna ucht, i zun türlich Aber e bon Mii vethe⸗ , d 193 Weib des St. Clair geworden ſey. Aber ſein noch junges Aeußere paßte zu der Vermuthung ſehr ſchlecht, ſchien ſie im Gegentheil ganz unmoͤglich zu machen, und ſo ward dieſe Anſicht wieder verworfen, um an⸗ dern, noch unwahrſcheinlichern, Platz zu machen. „Was es auch ſey,“ dachte ſie,„der heutige Tag muß es zu Ende bringen!“ Sie ging durch den Vorſaal und in dem Augen⸗ blick begegnete ſie dem Gegenſtande ihrer Furcht, ihrer Unruhe. Er ſah erhitzt aus; die Kleidung war in Unordnung, als habe er eine Rauferei gehabt. Ehe es Gertrude gewahr wurde, hatte er ſie bei der Hand genommen und ſah ihr ernſt ins Geſicht, auf dem noch alle Beſtuͤrzung ſich malte. „Sie ſind bei der Alten geweſen, ſeh' ie ſagte er.„Nun, hat ſie die Katze aus dem Sacke herausgelaſſen, oder hat ſie dieſelbe mir aufgehoben?“ Einige Bedienten kamen gerade herein und die Graͤfin ging, ohne zu antworten, in den Saal. Hier hofſte ſie Delmourn zu findenz allein er war nicht da. Lewiſton folgte nach und nahm wieder das Wort: „Was?'s iſt noch alles im Finſtern?— Nu, was denkt denn die alte Frau? Beim Jupiter! Ich will mich nicht noch einen Tag ſo behandeln laſſen, wie mir's von Ihnen und Ihren verfluchten Schuften hier gegangen iſt!— Aber einem Ihrer Bedienten hab' ich einen Denkzettel gegeben! Ein Bischen auf den Kopf hab' ich ihn getippt, daß er weiß, was ſeine Schuldigkeit iſt!— Einen nach dem Andern nehm' IM. 13 ich vor! Die faulen, groben Kerle, die blos ſaufen und freſſen! Sonſt haben Sie ja Niemanden. Und ſo ein gemeiner Kerl wollte ſich gegen einen Mann, wie ich bin, ein Anſehen geben!“ „Das uͤberſteigt meine Geduld!“ rief Gertrude und vor Scham, vor Zorn, weil ihre Diener ſo belei⸗ digt waren, gluͤhte ihr Geſicht:„Ich befehle Ihnen, im Augenblick mein Schloß zu verlaſſen, oder meine Diener ſollen Sie dazu zwingen!“ Sie wollte ſchon nach der Klingel greifen; Lewi⸗ ſton aber kam ihr geſchwind zuvor und ſah ſie mit einem Auge an, daß ſie, trotz allem ihren Zorne, er⸗ bebte. „Wiſſen Sie denn, mit wem Sie ſo reden?“ fragte er⸗ „Das weiß ich nicht und mag es auch nicht wiſſen!“ verſetzte die Graͤfin, indem ihr Herz klopfte, als ob es zerſpringen wollte. Lewiſton ſchwieg eine Minute, dann fragte er hingeworfen, aber doch in einiger Unruhe: „Wenn ich nun Ihr Vater waͤre?“ Gertrude ſtaunte ihn wie verſteinert an; ihre Lippen waren geoffnet, aber kein Wort kam uͤber die⸗ ſelben. „Ja— das iſt wahr! Fragen Sie mal die alte Frau! Sie nennen ſie halt Ihre Mutter; fra⸗ gen Sie dieſelbe mal, ſo wird ſie's Ihnen geſtehen! Sagen wird ſie Ihnen, daß Sie ſo wenig Gräfin von ſaufn n. Un Mann, Gertrude ſo bele⸗ Ihnen, r mein 5 Lwi⸗ ſie mit vne, e⸗ reden!“ ch nicht klopfte, ieg eine doch in nz iht ber di⸗ mol di er; eſehen äſin on 195 Roßville ſind, als ich! Sie ſind die Tochter von Jakob Lewiſton hier, und Ihre Amme—“ Doch Gertrude horte nichts mehr; ſie war in Ohnmacht gefallen. „Je, daß dich das Daͤuschen!“ rief er, etwas beſtuͤrzt uͤber den unvermutheten Ausgang. Ei ich haͤtte doch lieber die Alte ihren Weg gehen laſſen ſol⸗ len!“— Er zog an der Klingel und befahl einem Bedienten, der Madame St. Clair hubſch ſäͤuberlich zu melden, daß die gnaͤdige Gräfin in Ohnmacht ge⸗ fallen ſey. Im Augenblick ward die Kunde allgemein und das ganze Haus in Aufſtand. Kapitel. Wie? Wenn ſich ſolche Spur, wie ich geboren ward, Mir 6 ſoll ich ſie nicht verfolgen? Das ſey fern! Sophocles. Lange dauerte es, ehe Gertrude im Stande war, die Augen aufzuſchlagen; ehe die an Wahnſinn graͤnzenden Ausrufungen des Geliebten in ihr Ohr drangen, als er, an ihrer Seite kniend, ſie ins Leben zuruͤckzurufen bemuͤht war. Der Freude erſter matter Strahl glaͤnzte auf ihrer Wange, ſprach aus ihrem Auge, als ſie ſei⸗ nem Blicke voll Angſt begegnete. Alles war fuͤr einen Moment vergeſſen, oder beſſer, es ſchien ihr ein häßli⸗ cher Traum. Delmour kniete neben ihr mit allem Ausdruck der Furcht, der Liebe— dies war das ein⸗ zige vor ihr ſtehende Bild! „Na, hoffentlich gehts ja nun wohl beſſer!“ ſagte Lewiſton, jetzt auch näher tretend. Doch als ſie ſeine Stimme hoͤrte, breitete ſich wieder Todtenblaͤſſe auf ihrem Antlitze aus und ihre Sinne ſchwanden aufs neue. tih hen zur iſt ſie ward, fen! hotles⸗ war, di ränzenden gen, al ckzuufin glänjte z ſi ſi⸗ fir eine in hifl⸗ it allen das ein⸗ beſer!“ als ſi dtenbliſt chw jagen!“ rief Delmour heftig einigen Dienern zu, die mit Gläſern und Arzneiloffeln geſchäftig herumſtanden. „Nein— nein!“ kreiſchte Miſtreß St. Clair und ſtuͤrzte ſich zwiſchen ſie und Lewiſton.„Auf Eure Gefahr geht's, wenn Ihr ihn anruͤhrt!“ „Holt doch den Arzt!“ donnerte Delmour hef⸗ tig, als Gertrudens lebloſe Hand, in der ſeinigen ru⸗ hend, immer kälter wurde.„Geſchwind— geſchwind zum Doktor Bruce, zum Doktor Smith! Wer da iſt! Was ſteht ihr hier! Ums Himmels willen— ſie ſtirbt!“ Er griff nach jedem Wiederbelebungsmittel, das die Kammermaͤdchen, die Diener in Bereitſchaft hiel⸗ ten, und wollte es anwenden. Noch einmal ſchlug Gertrude das matte Auge auf, und ihr Blick ruhte auf dem Geliebten. „War dies alles— ein Traum? War's nicht ſo?“ fragte ſie mit matter, leiſer Stimme. „Ach, unſere Gräfin iſt wieder zu ſich gekom⸗ men!“ rief Lewiſton laut und mit einem Tone, der ſagen zu wollen ſchien:„Laßt Euch nichts merken!“ „Schuͤtzen Sie mich!“ lispelte Gertrude, krampf⸗ haft Delmours Hand druͤckend und ſank wieder in eine todtenähnliche Ohnmacht. „Ums Himmels willen! Entfernen Sie ſich doch!“ flehte Miſtreß St. Clair zu Lewiſton, denn ſie fuͤrchtete, daß ein heftiger Streit erfolge, ſobald ſich Delmour von Gertruden losmache, die ihn, be⸗ „Will denn Niemand dieſen Wahnſinnigen fort⸗ wußtlos, feſt bei der Hand hielt.„Nur ins nächſte Zimmer, bis es vorbei iſt, falls Sie—“ dies ſagte ſie ihm leiſe ins Ohr—„eine Entdeckung verhindern wollen!“— Sie fuͤhrte ihn ſelbſt hinaus und riegelte hinter ihm zu. Nochmals zeigte Gertrudens Marmor⸗ bild Spuren des ruͤckkehrenden Lebens. Aber ſie ſprach nicht, ſie oͤffnete die Augen nicht; unbeweglich lag ſie da, als wollte ſie nicht wieder von einer Stimme, einer Geſtalt, oder ſonſt etwas erſchreckt werden, das den todtenaͤhnlichen Schlaf, worin ſie lag, ſtoͤren konnte. „Theuere Tochter!“ rief die Mutter und ſuchte ihre Hand zu faſſen; doch kaum redete ſie, als Ger⸗ trudens ganzer Koͤrper bebte und ſie von der Beruͤh⸗ rung ſchaudernd zuruͤckfuhr. „Gertrude— mein gutes Kind! Laß Dich doch von der Robert und Maſham ins Ankleidezimmer bringen; dort wirſt Du ruhiger ſeyn. Es ſoll Nie⸗ mand hinein, den Du nicht ſehen willſt. Niemand ſoll hinein, wirklich, mein Engel!“ Ein krampfhaft ausgeſtoßener Seufzer war die ganze Antwort. „Gertrude— ſprechen Sie doch mit mir!— Sagen Sie, wer Sie ſo außer ſich brachte— ſagen Sie mir, was Sie wuͤnſchen, und es ſoll geſchehen!“ rief Delmour, von Schmerz und Zaͤrtlichkeit ergriffen, daß es ihr Herz durchdrang.„Soll ich anſpannen laſſen, um Sie zum Lord Millbank zu bringen?“ fragte er leiſe. do nichſt Res ſuhte ethinden Nriegelte Marmot⸗ ſie ſprach h log ſe Stimme, en, dos nkonntt. nd ſuchte als Ger⸗ Berüh⸗ aß Dich wimmet oll Nie⸗ ſiemand war die mit!— — ſihen hehen! etgtifih⸗ nſpanne ingn!“ 199 „Nein! O nein!“ kreiſchte ſie und ſchlug die Haͤnde vors Antlitz⸗ „Oberſt, ich muß Sie erſuchen, die Lady nicht ſo in Unruhe zu bringen!“ bedeutete ihn die Mutter lebhaft.„Fuͤr ſolche Fragen iſt jetzt nicht die Zeit und nicht der Ort. Wenn ſie erſt ein wenig in ih⸗ rem Zimmer ſich erholt hat— „Nicht aus den Augen laß ich ſie wieder, bis ich ſie in beſſern Haͤnden weiß, als hier!“ antwortete der Oberſt heftig. „Das iſt zu viel!“ ſchrie Madame St. Clair und kaͤmpfte, um Faſſung zu gewinnen. Jeden Au⸗ genblick fuͤrchtete ſie, daß die Entdeckung— denn daß dieſe ſtatt gefunden habe, ſah ſie auf den erſten Blick — uͤber Gertrudens Lippen kommen werde, ſobald der Oberſt darauf beharre, mit ihr zu ſprechen.„Doch ich gebe nach!— Laſſen Sie ſie nur in ihr Zim⸗ mer bringen, die Kammerfrau und das Kammermaͤd⸗ chen ſollen bei ihr bleiben, bis ihre Nervenzufaͤlle nach⸗ gelaſſen haben. Ich ſelbſt will hier weilen, bis der Arzt kommt!“ Gegen dieſe Vorkehrung konnte Delmour nichts ſagen, denn die Kammerfrau war eine beſonnene acht— bare Perſon in ihrer Art und, nebſt dem Kammer⸗ maͤdchen, ihrer Gebieterin treu ergeben. Er wrilligte ein; Gertrude ward hinuͤbergebracht und der Pflege der zwei treuen Dienerinnen uͤberlaſſen, welche die ſtrengſte Weiſung erhielten, mit ihr nicht zu ſprechen. Madame St. Clair wußte nun gewiß, daß Gertrude, 200 einen Anfall von Irrereden abgerechnet, ſich nicht verra— then wuͤrde, und ließ ſie in dieſem Zuſtande ein Wort der Wahrheit fallen, ſo galt es fuͤr Wahn eines Fie⸗ bers. So blieb nun Gertrude in dem dunkeln, ge⸗ rauſchloſen Zimmer allein, während ihre Mutter und der Oberſt ſich gegenſeitig im Stillen vorgenommen zu haben ſchienen, einander nicht aus den Augen zu laſſen. Er war mehr als einmal entſchloſſen, in die— ſem Augenblick eine Aufklaͤrung uͤber das Geheimniß zu erzwingen, das ſo einen Mann, wie Lewiſton, und zwar nicht in gewohnlicher Art, mit den Familienver⸗ hältniſſen der Gräfin in Verbindung brachte. Raſch zog er an der Klingel und befahl dem Bedienten, Herrn Lewiſton, der im nächſten Zimmer war, zu ſagen, daß man ihn hier zu ſprechen wuͤnſche. Die Mutter ward bei dieſem Befehl todtenbleich; ſie zitterte, ſie ſprang vom Stuhle auf, ſie haͤtte gern dem Bedienten das Gegentheil befohlen, allein ſie wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. Bevor ſie ſich entſchließen konnte, trat Lewiſton herein, und ihr Vertrauen kehrte wieder, als ſie ſah, wie ungezwungen und keck er war. „Nu,“ ſagte er ganz ohne Umſtände, zur Ma⸗ dame St. Clair hinſchreitend,„Sie ſehen, ich gehe und komme, wie Sie's haben wollen!— Was haben Sie denn mit der Graͤfin gemacht?“ „Sie ſind nicht hier, Fragen zu thun, ſondern zu beantworten!“ erklärte ihm der Oberſt, wobei ſeine Lippen vor Leidenſchaft bebten.„Ich will durchaus wiſ gedi Si wi eine iſt lich um wa erſt ten t bert⸗ nWort ſes Fie⸗ ln, ge⸗ tet und nommen igen zu in di⸗ heimniß on, und ilienver⸗ Raſch dienten, ur, ju nbleich; te gern wußte chlirßen kehrte er wal⸗ r Me⸗ gehe haben ſondein ei ſeint urchol 201 wiſſen, mit welchem Rechte Sie ſich in dieſes Haus gedraͤngt haben?“ „Na, da muß ich doch erſt wiſſen, welch Recht Sie haben, ſo eine Frage zu thun?“ gab jener keck zur Antwort. „Oberſt!“ rief Miſtreß St. Clair ſchnell da⸗ zwiſchen, als ſie ſein Feuer ſpruͤhendes Auge ſah und eine Handlung des Zorns fuͤrchtete.„Herr Lewiſton iſt ein Freund des Hauſes— iſt mein Freund! Das iſt hinreichend—“ „Ihr Freund?“ wiederholte Delmour veraͤcht⸗ lich.„Das iſt hinreichend, vollkommen hinreichend, um fur die Graͤfin einen andern Schutz zu ſuchen!“ — Er riß wuͤthend an der Klingel.—„Der Reiſe⸗ wagen der Graͤfin und meine Reitpferde ſollen auf den erſten Wink bereit ſeyn!“ donnerte er dem Bedien⸗ ten zu. „Hore Du, Männchen, Du brauchſt Dich nicht ſo zu übereilen!“ ſchrie aber auch der unerträgliche Lewiſton nach.—„Wir muſſen erſt ein Paar Wört⸗ chen daruber mit einander ſprechen! Beim Jupiter!“ Der Diener achtete offenbar ſeiner nicht, gab Delmourn zu erkennen, daß er gehorchen werde, und ging. „Was ſoll das heißen, Oberſt?“ fragte die Mut⸗ ter faſt außer ſich. Delmour verſuchte kaltbluͤtig zu ſeyn, als er antwortete: „Wir, die Graͤfin und ich, haben geſtern Abend 1 202 verabredet, daß, ſo lange der unbekannte Freund von Miſtreß St. Clair hier iſt, dies Schloß nicht ſchickli⸗ cher Aufenthalt fuͤr ſie ſeyn kann. Sie vertauſcht es daher gegen den Schutz ihres Vormundes, des Lord Millbank. Wenn Doktor Bruce kommt, ſoll er ſie, meiner Abſicht nach, begleiten!“ Er ſah dabei ſo feſt entſchloſſen und gleichguͤltig aus, wie ein Mann, deſſen Ausſpruch durch keine Um⸗ ſtaͤnde veraͤndert werden kann. „Das iſt doch das ſonderbarſte Verfahren, Oberſt!“ erwiederte Madame St. Clair bleich und zitternd.„Sie haben kein Recht, ſo in meine, in — der Graͤfin Lage einzugreifen, ſie aus meinem Hauſe, aus meinem Schutze zu nehmen! Das darf nicht geſchehen!“ „Nein; wahrhaftig— beim Jupiter! Nein! Nicht einen Fuß ſoll ſie heute aus dem Hauſe ſetzen!“ rief Lewiſton.„Und niemals ſoll ſie h'rausgehen, ohne Erlaubniß von Leuten, die der Jungfer Graͤfin mehr zu befehlen das Recht haben, als Sie, Herr!“ Er nickte der Madame St. Clair zu, als wolle er ihr Muth zuſprechen. Delmours Hitze war aufs Hochſte geſtiegen; er konnte ſie nicht laͤnger beherrſchen. „Welch Geheimniß der Höolle iſt hier?“ rief er der Madame St. Clair zu.„Wer erlaubt es einem ſolchen Manne, ſo zu ſprechen?— Ich will dies wiſſen! Hier liegt etwas zum Grunde! Wenn—“ es ſchien ihm ſchwer anzukommen, weiter zu ſprechen ka 9e V het ſi nic M cul fie we eund voh t ſchicl⸗ tauſcht des Lun Al et ſi, leichglt eine Un⸗ zerfahren, leich un neine, in meinen Das darf Nein ſehen!“ ausgehen er Grift Her!“ al wl war uft cherſchtn rief e es einen will di zen— uſnh —„Wenn dieſer Mann, wie ich vermuthe, Ihr Gatte iſt—“ „Nein, nein!“ kreiſchte Miſtreß St. Clair heftig. „Nu, wenn ich nun der Madame ihr Mann wäre?“ fiel der Fremde ein.„Was waͤr' denn nun da? Was haben Sie denn dagegen zu ſagen? Der Jungfer Gräſfin ſtolzer Magen kann mich nicht, wie es ſcheint, als ihren Vater verdauen; aber was geht's Ihnen denn an. Sie find ihr Mann noch nicht, und mein Recht iſt ſo gut, als das Ihrige!“ „Oberſt— Ach nein— helfen Sie mir! Ich kann nicht— Ich—“ jammerte Miſtreß St. Clair verzweifelnd, ſich in ſolchen ſchrecklichen Netzen gefan⸗ gen zu ſehen. Lewiſton aber fiel gleich wieder ins Wort: „Stille— ſtille! Was hilft's denn, zu laͤug⸗ nen? Die Sache iſt nun vorbei. Die Graͤfin wird ſich ſchon wieder erholen, wenn ſie ſieht, daß ſie's nicht aͤndern kann. Ich ſagte Ihnen ja—“ Hier meldete ein Bedienter, daß die Graͤfin ihre Mutter ſprechen wollte. Delmour war in wilder Un⸗ ruhe auf und nieder gegangen- Er hielt inne und fragte, wer dies gemeldet hatte. „Die Kammerjunsfer Maſham!“ war die Ant⸗ wort. „Dann ſagt dieſer, daß ſie ſelbſt kommt und der Graͤfin Auftrag kund thut!“ befahl barſch der Oberſt. Nicht ohne Furcht und Zittern gehorchte das Mädchen. Schnell verließ er das Zimmer, um uͤber den Corridor —— 204 nach dem der Gräſin zu eilen und außen darauf zu ſehen, daß ſonſt Niemand hineingehe. Kaum erblickte Gertrude ihre Mutter wieder, als alle ihre Schrecken zuruͤckkehrten und mehrere neue Ohnmachten erfolgten, aus welchen ſie von ihren Die⸗ nerinnen mit Muͤhe wieder zu ſich gebracht wurde. Endlich wurde ſie ruhiger, entweder in Folge von Schwäche, oder von Selbſtbeherrſchung. Mit matter Stimme fragte ſie nach der Mutter, welche, ſich wohl bewußt, welchen Eindruck ſie auf das Opfer ihrer Schuld gemacht habe, zuruͤckgetreten war. „Miſtreß St. Clair iſt hier!“ fluͤſterte die Kam⸗ merfrau. „Dann laß mich, gute Roberts! Maſham, geh' — Ich will klingeln, wenn ich Euch brauche!“ Beide zoͤgerten: „Oberſt Delmour hat uns verboten, Sie aus den Augen zu laſſen, unter keinem Vorwande, bis Doktor Bruce kommt!“ „Oberſt Delmour!“ ſeufzte Gertrude und Thraͤ⸗ nen traten in ihre Augen, die erſten, welche ſie ver⸗ goß. Der Schmerz minderte ſich einen Augenblick. Mit einiger Schwierigkeit entfernte ſie ihre treuen Die⸗ nerinnen. Madame St. Clair ſtand wieder vor ihr. Viele und bittere Thraͤnen wurden auf beiden Seiten vergoſſen, ehe beide eine Sylbe ſprechen konnten. End⸗ lich ſagte Miſtreß St. Clair: „Kannſt Du mir vergeben, Gertrude?“ Gertrude aber drehte ſich um und weinte noch meht; hemm nen. Lien mich Jhrän Sogo detun PVate nahe. bon und auf ſ. er, a e nee Di⸗ wurde e e matter weh ihre Kam⸗ n, gh ie aus e, bi hri ie vit enblit⸗ Di⸗ 0r ihr Seiti En⸗ e ſoh 205 mehr; dann blickte ſie plötzlich in die Hoͤhe und hemmte durch eine gewaltſame Anſtrengung ihre Thraͤ⸗ nen. Sie perlten aber noch im Auge und die bleichen Lippen zitterten, als ſie ſprach: „Sagen Sie mir alles!“ „O, nein— jetzt nicht! Schone Dich— mich—!“ rief Madame St. Clair und eine neue Thraͤnenfluth entſtroͤmte ihren Augen. „Hier iſt nichts— nichts mehr zu Sagen Sie, daß er nicht— daß er nicht—“ wie⸗ derum ſchien ſie, als der Gedanke, daß Lewiſton ihr Vater ſey, ihr in den Sinn kam, einer Ohnmacht nahe.—„Sagen Sie mir alles! Ich muß— ich will alles wiſſen!“ Und Miſtreß St. Clair war genothigt, ihr Kunde von den fruͤhern Tagen zu geben, die oft abgebrochen und von Thränen begleitet war. Vierundzwanzigſtes Kapitel. O Sonne, laß mich deine Strahlen nicht mehr ſchauen! Ich muß ſie Eltern nennen und kann doch ihnen Für dieſes Daſeyn nimmer danken! Sophocles. Sie weilte bei dem beleidigenden, erbitternden Verfah— ren, das die Familie Roßville gegen ſie bewieſen habe und ſuchte gleichſam in dem Benehmen dieſer eine Beſchoͤnigung, mindeſtens eine Verringerung der eignen Schuld. Sie ſprach von ihrem Cxil, von der Ar⸗ muth, in welcher ſie viele Jahre ein freudenleeres Da⸗ ſeyn fuͤhren mußte, wie ihr Gatte enterbt worden⸗ welch hofſnungsleeres, niedriges Loos ihnen beiden zu⸗ gefallen ſey, in ſo fern ſie ausgeſtoßen und ein kin⸗ derloſes Paar blieben, waͤhrend ihnen ein glaͤnzendes Geſchick auf der andern Seite zu lächeln ſchien, ja Ehre und Reichthum ihrer harrten, ſobald ſie Kinder hatten. „Zu dieſer Zeit gerade,“ fuhr die ungluͤckliche Erzählerin von ihrer Schuld fort,„machte mich der Zufall mit Mariane Lamotte bekannt—“ wor Chi Gut den zufah Lundi Juge ihrem dem ſ hind kani den der ſ gegan ich N am 2 die( ihren komn nich Kinde wulh Han heab auen! hoeles Perfuß en hob ſer en eigne der ris D wordon iden j. in kin⸗ inſon ſien,. ſit „ 0 nich 207 „Mit meiner Mutter? Nicht wahr? Sie war es?“ ſiel Gertrude angſtvoll ein. Madame St. Clair konnte nur mit einem Thraͤnenſtrome antworten. Gertrude huͤllte ſich in das Kiſſen des Sopha's, auf dem ſie lag; ohne weiter aufzuſchauen, bat ſie: fort⸗ zufahren. „Ich erfuhr, daß ſie die Tochter von Lieschen Lundie ſey, deren Name und Umſtaͤnde mir in meiner Jugend ſehr bekannt geweſen waren Sie war mit ihrem Manne nach Amerika gegangen und hatte nach dem Tode deſſelben einen Franzoſen, in Canada an⸗ ſaßig, geheirathet. Mariane war das Kind dieſer Ver⸗ bindung, aber bereits elternlos und mit einem ameri⸗ kaniſchen Handelsmann, Jakob Lewiſton, verheirathet, den ſie nach Bordeaux begleitet hatte. Sie lebten in der ſchrecklichſten Armuth, denn ſein Schiff war unter⸗ gegangen und die ganze Ladung verloren. Eben, wie ich mit ihnen bekannt wurde, bekam er eine Stelle am Bord eines Kaufſahrers und ging wieder zur See; die Gattin ließ er in ſchwaͤchlicher Geſundheit zuruck, ihren Unterhalt, wie es gehen wollte, bis er wieder komme, zu erwerben. Um ihr Elend vollkommen zu maͤchen, ſah ſie dem Augenblick entgegen, wo ſie einem Kinde das Leben ſchenken ſolle!“ Hier konnte ſie nicht weiter ſprechen; ihr Gefuͤhl wurde zu maͤchtig. Plotzlich ergriff ſie Gertrudens Hand und rief: „Gertrude! Gott weiß es, daß ich nichts Böſes beabſichtigte! Wahrlich nicht! Aber als ſie mich 208 nun, auf ihren Knien liegend anflehte, ihrem Kinde, falls ſie, eine Fremde, im fremden Lande ſterben wuͤrde, Mutter zu ſeyn— o, da uͤberwaͤltigte mich die Ver⸗ ſuchung—“ „Waͤr' ich doch geſtorben, ehe ich das Licht er⸗ blickte!“ rief Gertrude im hoͤchſten Jammer. „Zerreiß mir das Herz nicht, Gertrude; noͤthige mich nicht, Dir alles zu ſagen, was zu nichts dienen kann. Was hilft es mir, Dir zu ſchildern, was ich dachte, fuͤrchtete, wie ich mit mir ſelbſt kaͤmpfte, welche Bitten und Vorſtellungen ich bei ihr, bei meinem Gat⸗ ten aufbot, um ſie zu beſtimmen, in meinen Plan einzugehen. Genug, wenn ich Dir ſage, daß es in Ordnung kam, daß wir Bordeaux unter dem Vor⸗ wande verließen, nach Schottland zu gehen, daß Du in Bagnolet als Erbin von Roßville die Welt betra⸗ teſt und dieſe Erbin noch biſt, da Niemand um das Geheimniß weiß, als Du ſelbſt und diejenigen—“ „Stille!“ rief Gertrude wild und zuſammen⸗ fahrend aus. „Es iſt unmöglich, die Sache zu entdecken, wenn Du nicht ſelbſt—“ „Sie haben mir noch nicht alles geſagt!“ unter⸗ brach ſie Gertrude haſtig. „Gertrude, ich konnte die Schande, die Schmach nicht uͤberleben—“ „Sagen Sie mir alles, nur ſchnell! Warum verließ er ſie? Warum iſt er ſo lange— Alles, was ihn betrifft, will ich wiſſen!“ ſin A natirl ſch ſo win och in denn ſi Pß ſi 7 lich iſ muß! weiter taume ſie de es wu Deine geugn Ihm Perſr wit R ſon L ſm Dir n kan, lecht afen IM Kine wirde, ie Prr icht e nöthih dienen was ich „welch m Git⸗ en Pl e i m Por daß Di t betr⸗ um do — omm n, wen Wunte⸗ Schmt Warl U 209 „Von dem Tage an, wo er ſie verließ, bekam ſein Weib keine Nachricht wieder, und ſo ſchloſſen wir natuͤrlich daraus, daß er auf dem Meere umgekommen ſey. Aber freilich, vollkommne Gewißheit, daß dem ſo waͤre, hatten wir nicht. Sie ſelbſt ſchmeichelte ſich noch immer mit der Hoffnung, ihn wieder zu ſehen, denn ſie liebte ihn, Gertrude; wahrhaft liebte ſie ihn!“ Gertrude weinte deſto heftiger, wenn ſie dachte, daß ſie ihren Vater nicht lieben koͤnne! „Deine Mutter— Ach, Gertrude, wie ſchreck⸗ lich iſt es fuͤr mich, daß ich eine Andere ſo nennen muß!“— Sie konnte vor Schluchzen lange nicht weiter ſprechen.—„Deine Mutter war ſchon ge⸗ raume Zeit von der Auszehrung bedroht worden. Als ſie den Tod vor Augen ſah, hatte ſie, ohne daß ich es wußte, einen Brief geſchrieben, der das Geheimniß Deiner Geburt enthielt. Ihr Beichtvater fuͤgte ſein SZeugniß bei.(Du weißt, daß ſie Katholikin war!) Ihm vertraute ſie das Papier unter dem feierlichen Verſprechen an, den Inhalt Niemandem zu entdecken, mit Niemandem davon zu ſprechen, als Jakob Rux⸗ ton Lewiſton zu Port-Amboy in Neu⸗Jerſey!“ „Einige Jahre nachher ging dieſer Mann als Miſſionär nach Amerika, und hier mußte er, zu un⸗ ſerm Ungluͤck, Deinen Vater finden!— Ich darf Dir wohl kaum ſagen, daß dieſer ſogleich nach England bam, um Dich zuruͤckzufordern! Du mußt Dich noch recht qut erinnern, wie wir zuerſt mit ihm zuſammen⸗ trafen, welcher geheimnißvolle Verkehr darauf folgte. MI. 14 210 Er wollte Dich gleich ſelbſt damit bekannt und ſein Recht auf Dich geltend machen; allein ich überredete ihn, ſeine Anſpruͤche mindeſtens bis zu des Grafen Tode ruhen zu laſſen. O, haͤtte er Dich ſo gekannt, wie ich, er wuͤrde es nie gewagt haben, ſich zu ent⸗ decken. Doch— Gertrude, Du wirſt, Du kannſt nicht ſo thörig ſeyn!— Er iſt Dein Vaterz als ſol⸗ cher kann er auf Deinen Gehorſam, Deine Nachgiebig⸗ keit rechnen—“ „Nichts— jetzt nichts mehr davon!“ rief Ger⸗ trude und verhuͤllte das Geſicht mit beiden Händen. „Gertrude, ſag' nur, daß Du nicht ſo unſinnig ſeyn willſt— ums Himmels willen, verſprich mir das!— Er droht, Dich mit nach Amerika zu neh⸗ men, ſobald Du einen Wink fallen läßt, daß Du— Ach, um Gottes willen— Denk' an Deine Mutter, Gertrude! Du liebteſt ſie! Ihretwegen alſo—“ „Meine Mutter! O— wie konnte ſie ihr Kind verkaufen!“ ſchluchzte Gertrude und rang die Hände verzweifelnd. „Sie verkaufte Dich nicht, Gertrude! Nie liebte eine Mutter ihr Kind ſo zaͤrtlich, wie die Deinige an Dir hing! So lange ſie lebte, das mußt Du ja wiſſen, kamſt Du nicht aus ihren Augenz eine Welt wuͤrde ſie nicht gelockt haben, ſich von Dir zu tren⸗ nen, und könnte ſie jetzt ſehen, wie hoch Du geſtiegen biſt—“ „Ach, daß ſie mich als Bettlerin gelaſſen hätte, wozu ich geboren war!“ nich wird ſelbſt ncht! E bes S erabſc dent liebte! mit ſ Wilſſ ( erinne funge wieder 7 wenn fand waren ihe9 et u funſt nd ſih ertedet Guſ kann zu en⸗ famf als ſi hoieh ef Gln nden. nſinn ich mi zu n Du— Mutteh hr Hint Hit ie ich nige 00 Duſ Wi z tn geſich nhil „Sprich doch nicht ſo, gute Gertrude, wenn Du mich nicht toͤdten willſt! Faſſe Dich doch nur— es wird ja alles gut gehen, gewiß wird es! Dein Vater ſelbſt—“ „O, nennen Sie ihn nicht! Nennen Sie ihn nicht! Gott— Gott vergebe es mir, der Elenden!“ Sie ſchien außer ſich, ſo ergriff ſie das Gefuͤhl des Schreckens vor ſich ſelbſt, ſeinen Namen ſo zu verabſcheuen.. „Nun, Deine Mutter, theures Maͤdchen— denk' doch nur an ſie, denke daran, wie ſie Dich liebte! Haͤtte ſie gelebt, ſo wuͤrdeſt Du ja ſie nicht mit ſolcher Entdeckung in Schande gebracht haben! Willſt Du denn Schmach auf ihr Andenken bringen?“ Gertrude weinte ſanftere Thraͤnen, als ſie ſich erinnerte, welche Beweiſe zarter Liebe ſie von ihr em⸗ pfangen hatte. „Wie konnte ſie das nur thun!“ rief ſie endlich wieder von Schmerz ergriffen. „Ach, Gertrude, kannſt Du Dich wundern, wenn die Verſuchung zu ſtark war, um ihr Wider⸗ ſtand zu leiſten? Ueberlege, in welcher Lage wir beide waren. Du konnteſt ihr nur noch mehr Noth machen, ihre Armuth vergroͤßern, mir ſchafſteſt Du Reichthü⸗ mer und Ehrez verdamm' uns nicht! Gertrude, ſag', kannſt Du mir vergeben?“ Gertrude war zu erſchuͤttert; ſie ſchwieg. „Gertrude— Gertrude!“ jammerte Miſtreß St. Clair und hielt ihre Haͤnde feſt.„Hab' ich nicht 14* 212 als Mutter an Dir gehandelt? Willſt Du nicht ſa⸗ gen, daß Du mir vergiebſt?“ „Ich kann nicht!“ war die Antwort, mit halb erſtickter Stimme gegeben, indem ſich die Ungluͤckliche umdrehte. Das Kammermaͤdchen trat ein, um zu melden, der Arzt ſey gekommen, und Oberſt Delmour erwarte, daß Ihre Herrlichkeit ihn gleich vorlaſſen wurde. „Die Graͤfin wird klingeln, wenn ſie dazu bereit iſt!“ gab Madame St. Clair in heftigter Unruhe zur Antwort. Kaum war die Maſham hinaus, als ſie fortfuhr:„Gertrude, Du wirſt Dich doch nicht ge⸗ gen den Doktor verrathen? Verſprich es mir— um Gottes willen, Dein Wort darauf!“ „Gegen ihn?— Nein! Ich will ihn gar nicht ſehen! Warum denn?— Sie treiben Spott mit mir! Laſſen Sie mich allein! Laſſen Sie mich!“ Doch die Kammerjungfer kam wieder, zu melden, wie der Oberſt aͤußerſt ungeduldig darauf beſtehe, daß Ihre Herrlichkeit den Arzt vorlaſſe; und indem ſie ſo ſprach, horte man Delmours Stimme außen. Als die Worte des Geliebten tonten, bluͤhte ihre bleiche Wange wieder etwas auf, ihr Auge bekam neuen Glanz. Doch im naͤchſten Augenblick ließ ſie wieder in hoffnungsloſer Verzweiflung das Haupt ſinken und — der Arzt trat herein. Madame St. Clair kam allen ſeinen Fragen zu⸗ vor, indem ſie ihn bei Seite nahm und aufrichtig, wie ſie ſich ausdruͤckte, eroffnete, daß die Grafin einen hefti nicht wor At empft ohuſt St. dieſen ſiifte rinn hen ſelden, watte, bereit he zur als ſi ht g⸗ — un t nicht tt mit ich!“ nelden, e, d ſi ſt bleihe nel wiede en un en neinen heftigen Anfall von Kraͤmpfen bekommen habe, mithin nichts, als etwas Beruhigendes nothig ſey. Gertrude war ſo jeder Frage und Antwort uͤberhoben. Der Arzt unterſuchte den Puls, verordnete einige Tropfen, empfahl Ruhe und entfernte ſich, Delmourn Bericht abzuſtatten, der ihn mit Ungeduld erwartete. Miſtreß St. Clair eilte wäͤhrend der Zeit zu Lewiſton, um dieſen wo moͤglich abzuhalten, noch mehr Nachtheil zu ſtiften. Gertrude war wieder der Pflege ihrer Diene⸗ rinnen uͤberlaſſen, welche ſie ruhig und ſtill liegen ſa⸗ hen und darum glaubten, ſie ſchliefe. ——— —————— —————— Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. O Schickſal, welche Laſt des Elends bürdeſt du mir auf, Mich zu erdrücken!—— Mit ſolchen Flecken brandmarkt mich die rachevolle Macht, Die den Gedanken überſteigt. Was mir vom Leben bleibt, Muß nun nur Jammer ſeyn! Ein Meer des Elends Kommt über mich, daß ich empor nicht kann! Ich kann Die Quele dieſes Wehes nicht verſtopfen! Euripides. Doch Gertrudens Augenlieder floh der Schlaf, und ſo viel Gedanken auch um ſie herumſchwirrten, ſo ſehr fuͤhlte ſie doch, daß ſie nie wieder Ruhe finden wuͤrde. Ihr Herz war zerriſſen, ihr Gehirn zerrüttet, denn ſie dachte dem ſchrecklichen, ihr vor Augen liegenden Schick⸗ ſale nach. Von ihrer Hoͤhe ſo tief herabzuſtuͤrzen, ſo erniedrigt zu werden! Statt Erbin eines machtigen Hauſes, Tochter einer edlen Familie, jetzt eine Bettle⸗ rin, eine Betruͤgerin, das Kind eines Mannes zu ſeyn, gegen den ſich ihr ganzes Weſen emporte! Und doch — dies ſelbſt von freien Stuͤcken der Welt kund zu thun, da zu ſtehen und mit ſpottendem Finger auf ſich zeigen zu laſſen, von dieſem verlacht, von jenem becht Lichſ zu l In Kum hſch oſſe Cinſ hleibe ſu6 will ihr mo Heu iber bell gebe daß köm den folg anbe un Ge hin ric uf, Nacht, bleibt, 6 hkann ipidei, und ſo ſeht würde enn ſt Schic⸗ en, ichtgen Bettſ⸗ ſehn, d duh und il er uf jeun 249 verhoͤhnt zu werden, alles hinzugeben, was ihr das Liebſte geweſen war, hinausgeſtoßen, in der Fremde zu leben— konnte ſie dies und— leben? Nein. Im Stillen wollte ſie ſich entfernen, ihre Tage in Kummer und Reue hinbringen, allem entſagen und abſchworen, alles fliehen, was ſie gern gehabt und ge⸗ noſſen hatte! Wohnen wollte ſie in Finſterniß und Einſamkeit; wenige traurige Tage konnten ihr ja nur bleiben. Aber als Gräfin von Roßville wollte ſie zu Grabe gehen; und faſt duͤnkte ihr der Selbſtmord willkommener, als das Leben, denn was hatte daſſelbe ihr noch Gutes und Schoͤnes zu gewähren? Del⸗ mour?— Ach, bei dem Gedanken zitterte ihr Herz⸗ Heute hatte ſie die Seinige zu werden gelobt!— In demſelben Augenblicke wurde ihr ein Billet uͤbergeben. Delmour hatte es außen abgereicht und verlangt, es gleich hineinzutragen: „Ich fordere Sie auf, Ihr Wort zu halten, an⸗ gebetete Gertrude. Doktor Bruce iſt der Meinung, daß Sie ohne Gefahr nach Millbank geſchaſſt werden koͤnnen. Wenn Sie es wuͤnſchen, will er Sie nebſt dem Kammermaͤdchen begleiten. Ich werde zu Pferde folgen. Sagen Sie nur Ja, mein Engel, Ihrem Sie anbetenden FD Hier ſchien eine neue Woge des Jammers die ungluckliche Gertrude zu uͤberwältigen. Die Hand des Geliebten ſchien den Becher des Glucks ihren Lippen hinzureichen, und ſie ſelbſt mußte ihn fuͤr immer zu⸗ ruͤckweiſen. Arm, aus niedrigem Stande, entehrt, wie ſie war— wie konnte ſie Braut des ſtolzen, hochfah⸗ renden Delmours ſeyn? „Und Delmour— wuͤrde er mich wohl verach⸗ ten und zuruͤckſetzen, wenn er alles wuͤßte?“ dachte ſie, einen Augenblick das Antlitz mit beiden Händen verhuͤllend und dem Gefuͤhle, wie geſunken ſie ſey, nachgebend.„Nein,“ hoffte ſie, aber ein Dolchſtich fuhr durch ihr Herz,„wenn wir uns trennen muͤſſen, ſoll es auf edle Art geſchehen! Er ſoll alles von mir ſelbſt erfahren.— Er liebt mich, er wird mich immer lieben, er muß mich auch jetzt, als eine Ausgeſtoßene, als eine Bettlerin lieben!“ Sie befahl dem Mädchen, den Oberſten in die Bibliothek zu fuͤhren, wo ſie mit ihm ſprechen wolle. Die Thränen trocknend, das Haar ordnend, die Spu⸗ ren des Schmerzes, der Angſt ſo viel wie möglich in ihren Zuͤgen beſeitigend, ſtand ſie auf. „Ich will nicht weinend und flehend vor ihm erſcheinen! Nichts will ich ſeinem Mitleiden verdan⸗ ken!“ dachte ſie, und jedes aufſteigende ſchmerzliche Gefuͤhl unterdruͤckend, trat ſie ruhig, ſtolz in das Zim⸗ mer, wo der Geliebte ſchon harrte. Doch welche Veraͤnderung war in den wenigen Stunden des ſchrecklichen Leidens mit ihr vorgegangen! Statt des laͤchelnden Blicks ſah ſie ſtier und bleich wie ein Marmorbild! Die Augen, die lieblichen Au⸗ gen, die ihm ſo oft lächelnd begegneten, die alles, was ſie ſahen, mit Liebe zu erfuͤllen ſchienen, waren matt und ver f fe ſe mel leit ih jid „ Nr ka ſe berach⸗ dacht Händen ſi ſch chſich müſſeh, on mit immet ſtoßene, in die wolle S⸗ lich in or ihm verdan⸗ ſliht Zin⸗ wenige nn bleic en M⸗ 6, w . ſt und duͤſter und von den geſchwollenen Augenliedern verhuͤllt. „Gertrude— meine Einzige— mein Engel!“ rief Delmour, als er ihre willenloſe Hand faßte und ſie auf einen Seſſel fuͤhrte.„Sprechen Sie, Theure! Es koſtet mir das Leben, Sie ſo zu ſehen!“ Gertrude oͤffnete die Lippen, aber umſonſt ſuchte ſie nach Worten. Die Zunge ſchien ihr an dem Gau⸗ men zu kleben. „Das iſt ſchrecklich!— Es wird Sie umbrin⸗ gen, bleiben Sie laͤnger in dieſem Hauſe. Sie muͤſ⸗ ſen wirklich, Theure— der Wagen wartet ſchon! Laſſen Sie mich Befehl zum Vorfahren geben!“— Er wollte klingeln. Gertrude legte die Hand auf ſei⸗ nen Arm; ſie verſuchte aufs neue zu ſprechen, aber ein Seufzer, ſo tief, ſo ergreifend, entwand ſich al⸗ lein dem Herzen, als wollte er den ganzen Jammer ihrer Seele ſchildern. „Gertrude! Mein Leben!“ rief Delmour er⸗ ſchrocken, weil er ihre Hand kaͤlter werden fuͤhlte und jeder Muskel in ihrem Geſichte unbeweglicher wurde. „Um Gottes willen, ſprechen Sie doch!“ Und ſie ſprach, aber ihre Stimme war ſo verän⸗ dert, daß Delmour vor ihrem Tone ſchauderte: „Sie lieben mich, Delmour, ich weiß es!— Und ich— doch darauf kommt nichts an— ich kann nie die Ihrige ſeyn!— Ich habe Ihnen eine ſeltſame, ſchreckliche Kunde mitzutheilen.— Ich— ——— —————— 218 ich bin nicht, was ich ſcheine!— Ich bin nicht die Graͤfin von Roßville!— Ich bin eine Bettlerin!“ Sie verhuͤllte ihr Antlitz, indeſſen Delmour zu ſehr erſtaunte, um antworten zu koͤnnen. Nach eini⸗ gen Augenblicken fuhr ſie fort: „Es iſt wahr!— Man hat mir alles geſagt! Alles— Alles— Alles!— Ich bin ſeine Tochter! Er iſt mein Vater!“ Ihre Stimme wurde heftiger, indem ſie verſuchte, ruhiger und gefaßter zu ſprechen. „Theuerſte Gertrude!“ redete jetzt der Oberſt zu.„Sie nehmen die Sache als zu ſchrecklich. Ihre Mutter hat eine Mißheirath gethan, die aber Sie nicht auf ſolche Art ergreifen darf. Auf Ihre Rechte hat dies keinen Einfluß; meine Liebe zu Ihnen kann dies nicht mindern. Warum alſo—“ „Ach, Delmour, Sie irren ſich! Sie iſt nicht meine Mutter! Aber ſeine Tochter bin ich! Die Tochter von Jakob Lewiſton! Unrechtmaͤßige Beſitze⸗ rin dieſer Guͤter war ich, ohne es zu wiſſen!“ Jetzt leuchtete Delmourn die ſchreckliche Wahr⸗ heit mit aller Gewalt und Schnelligkeit eines Blitz⸗ ſtrahls ein, und vom Schreck uͤberwaͤltigt, unterlag er dem Schlage. Einige Minuten lang ſprach er kein Wort. Doch Gertrudens Bruſt hob ſich vor Angſt, die ſie nicht verrathen wollte, und ihre Augen ſtreng⸗ ten ſich an, die Thraͤnen zuruͤckzuhalten. „Guter Gott!“ rief endlich Delmour, und ſchlug ſich verzweifelnd vor die Stirn.„Theure Gertrude!“ beii ohne No Sie ben Si dern den ht die rin!“ ur zu eini⸗ eſat! ochter! ſuchte, Oheſt Ihr Sie Rechte kann nicht Die eſiht⸗ Waht⸗ Blit⸗ lag“ t kein Anhß ſtreng⸗ ſchl Ude! — Er nahm ihre Hand.—„Nein, das kann nicht ſeyn! Sie ſind die Meinige, mein Eigenthum—. „Nicht mehr, Delmour!“ antwortete die Un⸗ gluͤckliche, deren Herz brach, indem ſie ſich bemuͤhte, bei dieſer Entſagung ruhig zu ſcheinen.„Jetzt nicht mehr! Sie ſind frei!“ ſetzte ſie mit der Stimme der Verzweiflung hinzu. „Frei? O, Gertrude, mein Leben!“ Er ging, ohne ſelbſt zu wiſſen, was er thun ſollte, auf und ab⸗ Plötzlich blieb er ſtehen.„Nein; Sie muͤſſen— Sie ſollen die Meinige ſeyn! Ich will es nicht glau⸗ ben!— Sie— beim Himmel, es iſt nicht wahr!— Sie, die Tochter dieſes—“ „Ach, er iſt mein Vater!“ rief Gertrude ſchau⸗ dernd. „Nein, hier liegt ein hölliſches Bubenſtüͤck zum Grunde! Es muß ans Licht kommen!“ Schnell ſprang er nach der Thuͤr. Gertrude rief ihn zuruͤck: „Bleiben Sie, Delmour, Sie ſollen alles hören! Ich will nicht, daß Sie von Andern erfahren, wie Sie eine Betruͤgerin, eine Bettlerin liebten!“ Mit der Kraft der Verzweiflung gab ſie ihm alle Beweiſe von ihrer Geburt, wie Miſtreß St. Clair ſie dargeſtellt hatte. Als ſie zu Ende war, ſagte Del⸗ mour kein Wort, aber er huͤllte ſein Geſicht ins Schnupftuch, von Schmerz uͤberwaͤltigt; auch Gertru⸗ dens erzwungene Standhaftigkeit ſchwand ebenfalls bei⸗ nahe ganz, als ſie ſah, wie der Geliebte ſo uͤberwältigt . 220 war. Sie fuͤhlte, daß ſie nicht laͤnger den Auftritt auszuhalten im Stande ſey und ſchloß daher: „Jetzt hab' ich Ihnen alles geſagt, Delmour.— Ich bin nicht mehr, was ich war. Von dieſer Stunde an laſſen Sie meine Schande, mein Ungluͤck kund werden und— uns trennen!“ „Thun Sie das nicht, Gertrude, wenn Sie mich nicht zur Verzweiflung bringen wollen!— O, Sie wiſſen nicht, wie ich Sie liebe, wie ich Sie anbete!“ Er druͤckte ihre Haͤnde an ſeine Lippen, und Ger⸗ trude fuͤhlte die darauf fallenden brennenden Thränen. Es war ihr, als ſey jeder Tropfen ein Tropfen des eignen Lebens aus ihrem Herzen. „Gertrude!“ rief er leidenſchaftlich.„Sie ha⸗ ben nie geliebt, wie ich; ſonſt koͤnnten Sie nicht ſo ohne Theilnahme ſeyn!“ Ein mattes Lächeln des Schnerſes ſpielte anf Gertrudens blaſſen Lippen und eine einzelne Thräne ſtahl ſich langſam an der blutleeren Wange herab. Wieder folgte ein langes, ſchmerzliches Schwei⸗ gen. Delmour hielt noch immer ihre Haͤnde um⸗ ſchlungen und ſchien von den mannichfachen unter einan⸗ der kaͤmpfenden Gefuͤhlen zu leiden. Plötzlich ließ ſich Lewiſtons laute Stimme hoͤren. Er gab in ſeinem gewoͤhnlichen befehlshaberiſchen Tone mehrere Weiſun⸗ gen. Delmourn ſchoß das Blut ins Geficht. Er ſprang auf, ließ die Hände Gertrudens los, die er noch einen Augenblick zuvor feſt umſchloſſen hielt. Auch Gertrude ſtand auf. Kalter Schweiß perlte auf ihre ver Si und Lin Lor noch ten 22¹ ihrer Stirn; ſie zitterte an allen Gliedern, aber mit lifti verzweifelter Anſtrengung gewann ſie die Thuͤre.— Sie glaubte ihren Namen von Delmourn mit Liebe. und Verzweiflung ausſprechen zu hören, doch tauſend 5 Toͤne klangen in ihr Ohr, tauſend Geſtatlen tanzten vor ihren Augen. Blos in ihr Zimmer konnte ſie 4 noch gelangen. Da ſchwanden alle Tone und Geſtal⸗ ten und ſie ſank in Ohnmacht! „Sie bete!“ dGet⸗ hränen en de nicht ſ te af Jhrin ab. öchwe⸗ e u eina⸗ ieß ſih ſeineh Briſun . 6 ſoe ii u —— —————— — — ——— Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Was kann das Leben kummervoller machen, als wenn nach Süßigkeit das Bittere erſcheint? Wenn, ſtatt daß, wie ſonſt, Freud' und Friede lachen, ett Qual und Noth ſich feſt und feſter eint? Auf ſolchen Säulen baut Fortuna ſich den Tempel, So plötzlich dreht ſich oft ihr Rad. Der Brief, den ſie uns giebt, trägt falſchen Stempel! Sie iſt von Tücke, boshaft, von Verrath! Thomas Churchyard⸗ Delmours ganze Seele war ein Chaos ſtreitender Lei⸗ denſchaftenr Daß er liebte, war nicht zu bezweifelnz aber ſeine Liebe nahm mehrere Beſtandtheile auf: Stolz und Eitelkeit, Ehrgeiz und Egoismus. Und alle dieſe letztern waren nun unter den Waffen, ſich allen reinern, edlern Gefuͤhlen zu widerſetzen, welche in ſeinem Herzen Platz gefunden haben wuͤrden. In dieſem aufgeregten Zuſtande ſuchte er Ma⸗ dame St. Clair auf, welche von dem, was in ihrer Abweſenheit vorgefallen war, noch kein Wort wußte. Doch Delmours zerſtörter Blick, ſeine unzuſammenhan⸗ genden, auffallenden Worte thaten ihr bald dar, daß — weis doch der dem ſeine Gel keit ſc dem Kop denſ ſine konn Ent We muß ſe ein tuſ Ne ſo Ge jtt lachen, npel! hyord er Le⸗ veifeln e auf un n, ſh elche i N in ih wlßte nelhin r 223 alles entdeckt ſey. Sie fuͤhlte, es ſey umſonſt, zu läugnen, ihn irre leiten zu wollen. Die Schreckniſſe der Schuld, der Scham laſteten auf ihr. Schande und Verderben hatten ſie gefaßt. Hier war nicht mehr von Vermuthung, von Verdacht die Rede; der Be⸗ weis war da. Sie ſelbſt hatte ihn gegeben. Und doch— ihr Geiſt erlag der Laſt des Verbrechens, aber der ſtolze Sinn verſchmaͤhte ſich vor dem Manne zu demuͤthigen, den ſie haßte. Auf alle ſeine Vorwuͤrfe, ſeine Beſchuldigungen antwortete ſie blos, daß er jetzt Gelegenheit habe, die Aufrichtigkeit, die Uneigennuͤtzig⸗ keit ſeiner Liebe zu beweiſen. Heftiger gereizt, als je, eilte Delmour von ihr, ſich in ſeinem Zimmer zu verſchließen. Außer ſich bei dem Gedanken an das ihn trefſende Ungluck, war ſein Kopf ein Spiel des Wirbelwindes, mit dem alle Lei⸗ denſchaften auf ihn einſtuͤrmten. Gertruden entſagen— ſeiner ſchoͤnen, verlobten Gertrude— der Gedanke konnte zur Verzweiflung bringen. Und doch— die Enkelin eines Jägers, die Tochter dieſes Lewiſtons zum Weibe nehmen— dieſe Herabwuͤrdigung nur zu traͤumen mußte zum Wahnſinn fuͤhren! So unſchuldig, wie ſie an ſich war— immer haftete doch an ihrem Namen ein Flecken, der nicht vertilgt werden konnte! Ausge⸗ tauſcht— die Tochter des Elends und Betrugs! Nein— nie konnte er ſich und ſeine Familie durch ſo eine Verbindung entehren! Allein nun ſtand wieder Gertrude in allem Reichthum ihrer Schonheit, die zärtliche, vertrauende, edel gefinnte Gertrude vor ihm und ſchien uͤber den kleinlichen Stolz zu ſpotten, der ſie von dannen trieb! Er brachte eine ſchlafloſe Nacht hin und am Mor⸗ gen— war er entſchloſſen, Gertruden fuͤr immer zu entſagen. Aber wie dies anfangen— darin lag die Schwierigkeit. Sie nochmals zu ſehen, war unmog⸗ lich. Er verſuchte es zu ſchreiben, und konnte nicht. Er fuͤhlte, daß er im Begriff ſtehe, ein Herz zu durch⸗ bohren, welches nur fuͤr ihn ſchlug, und ſeine Hand fuhr vor dem barbariſchen Unternehmen zuruͤck. Etwas aber mußte gethan werden. Unmoͤglich konnte er und Lewiſton unter einem Dache bleiben. Schandernd bei dem Gedanken, mit ihm zuſammenzukommen, mit ihm, dem Vater Gertrudens, mit dem Manne, der, hätte ſie geſchwiegen, jetzt nun ſein Schwiegervater ſeyn konnte!— Doch ihn hinauszuweiſen, hieß auch Ger⸗ truden aus dem Hauſe treiben, das ſie geſtern noch fuͤr das eigene anſah; und dies war doch auch fuͤr Delmours ſelbſtſuͤchtiges Herz zu grauſam. Die Frucht aller dieſer Berathſchlagungen war, daß er die Dinge laſſen wollte, wie ſie waren, daß er nach London rei⸗ ſen, mit ſeinem Bruder berathſchlagen wollte, was zu thun ſey. Kaum war dieſer Entſchluß gefaßt, als er Gertruden ſchrieb: „Theuere, Angebetete!“ Ihnen zu ſchildern, was ich duldete, ſeitdem die ungluͤckliche Entdeckung ſtatt fand, will ich nicht verſuchen. Wollte der Himmel, daß es in meiner Macht ſtaͤnde, Sie auf den Gipfel zu n von dem ſiün mit in thum Ungl freiw theu dod Mei do iebe ch wei Lerſt wen bleib mit gege deckt Hab anbe 6ch wild ſe Do hin en, he Mn mer lag de unmi⸗ te nicht u durh⸗ e Hand Etwes et und ernd be nit ihn, , hitt tet ſehn h Glt⸗ in noh uch fi eFuch e Ding don r wa. „a ſithn ich nih en, dem Sie ſanken, oder beſſer, ſich ſelbſt ſo edel herab⸗ ſtuͤrzten!— Doch, Geliebte, wollte ich Ihr Schickſal mit dem meinigen jetzt vereinigen, ſo wuͤrde ich Sie in noch großeres Elend bringen. Ich beſitze nicht Reich⸗ thum, nicht Macht, dieſe hereinſtuͤrmende Fluth des Ungluͤcks zu uͤberwaͤltigen. Aber Sie zu verlaſſen— freiwillig Ihnen zu entſagen, die Sie mir tauſendmal theurer ſind, als das eigne Leben— nein, Gertrude— das kann ich nicht! Ich verzichte nicht auf Sie. Mein ſind Sie— mein durch die Liebe! Sind Sie das nicht, Gertrude? Sie koͤnnen nie einen Andern lieben, und welches Mädchen ſollte ich ſo lieben, wie ich Sie anbetete? Mein Gehirn ſteht in Feuer. Ich weiß kaum, was ich ſchreibe; aber Sie werden mich verſtehen, Theuerſte, Geliebteſte!— Es iſt beſſer, wenn wir uns nicht ſehen. Ich werde fortreiſen. Sie bleiben fuͤr den Augenblick hier im Beſitz. Ich will mit meinem Bruder ſprechen. Bis dahin laſſen Sie gegen Niemanden Etwas von der herzzerreißenden Ent⸗ deckung kund wetden. Leben Sie wohl, Theuerſte— Haben Sie Mitleid mit dem verzweifelnden, aber Sie anbetenden F D“ Gertrude hatte waͤhrend der Zeit jenen duͤſtern Schmerz geduldet, der viel furchtbarer iſt, als der wildeſte Ausbruch des Jammers. Sie ſprach nicht, ſie weinte nicht. Duldend und ſchweigend lag ſie da. Das Auge ſtarrte gedankenlos in den leeren Raum hinaus, und das Ohr war ſich keines Tones bewußt. Als ihr Delmours Papier gebracht wurde, ver⸗ IM. 15 ———————— 26 ſchloß ſie die Augen und drehte ſich weg.„Es iſt Alles vorbei— er hat mich zuruͤckgeſtoßen!“ dachte ſie. „Vom Oberſt Delmour!“ ſagte die treue Ma⸗ ſham, nochmals zuredend, denn ſie glaubte, es ſey eine Uneinigkeit zwiſchen den Liebenden vorhanden.„Er mochte gar zu gern horen, wie Ihre Herrlichkeit ſich heut Morgen befinden!“ Gertrude ſchwieg noch immer. „Recht krank ſieht der Oberſt aus, Mylady.— Ich glaube gewiß, daß ihm das Herz bricht, wenn Ihre Herrlichkeit nicht das Briefchen annehmen!“ Gertrude ſeufzte tief. Die Maſham nahm dies fuͤr ein gluͤckliches Zeichen und baute darauf fort: „Wenn Sie den Oberſten ſehen ſollten, ſo glaube ich, daß Sie ihn nicht wieder erkennen. Weiß, wie Ihr Taſchentuch, ſieht er aus! Und die ſchoͤnen Au⸗ gen— feuerroth geweint. Ach Gott, Mylady, ich konnte mich kaum enthalten, ſelbſt zu weinen, als ich ihn ſahe!“ Im Vertrauen auf dieſe beredte Schilderung machte das Maͤdchen noch einen Verſuch, ihrer Gebie⸗ terin den Brief zu geben, aber Gertrude wies ihn wieder zuruͤck. „Was ſoll ich denn nur machen, Mylady?“ fragte die Maſham.„Daß Sie den Brief nicht ha⸗ ben annehmen wollen, kann ich dem Oberſten nicht ſagen, denn das hieße ein Meſſer in ſeine Bruſt ſto⸗ ßen. Gerade das hieß es! Smith ſagte mir, er ſey die au ſi Di frö big hri ihn je la ih „6 ſtoßen!“ eue M ſch eine 6 hleit ſch lady.— t, wenn en hm die ort: ſo gaule eiß, wit nen A⸗ ady, it „als ih hildeuun r Gebie wies ih eyl“ nicht ho en ith wuß ſe⸗ 227 die ganze Nacht nicht zu Bett gekommen, ſondern im Zimmer auf und abgegangen und habe das Haar ſich ausgeriſſen, und Smith meinte, daß er noch den Ver⸗ ſtand verlieren koͤnne, wenn nicht was gethan wuͤrde!“ Die Maſham ſeufzte dabei recht tief, denn Delmours frohliche Laune, ſein freundlicher Blick, ſeine Freige⸗ bigkeit hatten ihm ihre ganze Gunſt erworben. „Wayrlich,“ verſicherte ſie von neuem,„er bringt ſich oder ſonſt Jemanden ums Leben, wenn Sie ihn zuruͤckweiſen!“ Der ſchreckliche Gedanke, daß Delmour mit ihrem Vater in tödtlichen Streit kommen koͤnnte, erſchuͤtterte jetzt Gertruden. Sie nahm den Brief, riß ihn auf, las ihn und die Thraͤnen fanden wieder den Weg zu ihren Augen. „Wie vorſchnell— ungerecht, falſch urtheilend ich bin!“ dachte ſie.„Er verläßt mich nicht— er will es nicht!— Mich noch tiefer ins Ungluͤck ſtuͤr⸗ zen, wenn er ſein Schickſal mit dem meinigen vereint! Ach nein, nein! Ich wuͤrde ihn in mein Ungluͤck verwickeln. Ja— ſein bin ich, ſein durch die Liebel“ Die unnatuͤrliche Anſpannung, unter welcher ſie jetzt ſo gelitten hatte, loͤſte ſich allmaͤhlig in ſanftere Gefuͤhle auf. „Doch— er liebt mich und— verlaͤßt mich jetzt?“ Zweifel und Furcht erwachten wieder. Auf der an⸗ dern Seite lag aber ſo viel Zartſinn darin, die Entdeckung 155 228 geheim zu halten, bis er Vorkehrungen getroffen habe, die, daran zweifelte ſie nicht, den Schlag mindern ſoll⸗ ten. Feurig faßte ſie aufs neue Vertrauen zur Ehr⸗ liebe, zur Aufrichtigkeit des Geliebten. Haͤtte ſie dem gefolgt, was ihr das eigne Herz dictirte, im Augenblick wuͤrde ſie ſich vor der ganzen Dienerſchaft erklaͤrt ha⸗ ben. Doch Delmour bat ſie; es nicht zu thun. So ſchwer es ihr ward— ſeinetwegen wollte ſie ſich dar⸗ ein fugen, die Tauſchung noch eine kurze Zeit beſtehen zu laſſen. Aber nicht erſcheinen, Niemanden ſehen wollte ſies in der Einſamkeit verſchloſſen wollte ſie bleiben. Schon bei dem Gedanken, Miſtreß St. Clair und Le⸗ wiſton zu erblicken, ward ſie wieder halb außer ſich⸗ Seit jener Entdeckungsſcene hatte ſie Erſtere nicht ge⸗ ſehen. Madame St. Clair war gleich in ihr Zimmer geeilt. Von Schuld und Scham und Leidenſchaft be⸗ ſtuͤrmt, hatte ſie hier den Reſt von Opiumtinktur ge⸗ nommen, der in dem Glaſe war. Er reichte nicht hin, ihr den Schlaf der Todten zu ſchaffen, aber ſie in einen krampfhaften, betäubten Zuſtand zu verſetzen, aus welchem man ſie nicht erwecken konnte. Doktor Bruce hatte Abſchied genommen, nachdem Gertruden Etwas verſchrieben war, denn er ſah bald, daß ihre Krankheit Seelenleiden und daher außer dem Bereich ſeiner Kunſt ſey. So konnte nun Lewiſton ſchalten und walten, wie er wollte. Zu gemein denkend, um einen ſo zartfuͤhlenden Charakter, wie der Gertrudens war, beurtheilen zu können, lachte er bei der Vorſtel⸗ lu ei un del ihr habe n ſol⸗ Chr ie den enbl ut hn SO0 h da⸗ eſtehen wolt eiben nd L⸗ er ſich cht g⸗ imme aft be⸗ tur ge e nicht er ſt erſehen, Ooktt truden aß ihe Beui ſchliu d un md unſ lung, daß ſie Thoͤrin genug ſeyn wuͤrde, ihr eignes Geheimniß zu verrathen, und ſo ſiel es ihm gar nicht ein, welch ein Sturm uͤber ihn hereinzubrechen drohe. Indeſſen war er doch immer auf den Beinen und lauſchte, was vorgehe, und ſo gelangte er bald zu der Kunde, daß Delmour abreiſen wolle. Er hoͤrte dieß mit großer Freude und glaubte mun ſchon freies Feld zu haben. Seine gemeine Neugier beſtimmte ihn daher, wie gewohnlich, mitten unter die Leute ſich zu miſchen, welche den Wagen aufpackten, die Be⸗ dienten zu fragen, die Pferde zu unterſuchen. Er wartete, bis Delmour kam, dem er raſch entgegen⸗ trat: „Na, Sie wollen fort? Ein ſchoͤner Morgen! Die Braunen der Lady werden Sie ſchon fortbringen. Sie fahren aber doch nur bis Barnford damit, nicht wahr? Ich hatte ſo eine Idee, heute die Madame's hier ein Bischen herum zu kutſchiren! Je nu, neh⸗ men Sie ſie! Die Grauſchimmel ſind fuͤr uns auch gut genug! Nehmen Sie ſie!“ Delmour konnte ſich mit Muͤhe enthalten, ihm die Wege zu weiſen, aber er beherrſchte doch ſein aufwallendes Blut und ſagte nur im Vorbeigehen: „Nehmt Euch in Acht! Mißbraucht nicht die Nach⸗ ſicht, die Euch im Namen des Grafen von Roßville bewieſen wird, weil Jemand da iſt—“ Mehr konnte er nicht ſprechen. Er nurf ſich in den Wagen, der fortfuhr. In ſeinem Blicke, ſeiner Stimme war etwas ſe 230 Befehlendes, ſo Ernſtes, und doch ſo Duͤſteres, Schwer⸗ muͤthiges, daß Lewiſton aͤngſtlich wurde.„Der Graf von Roßville? Was Teufel iſt denn das?“ rief er aus, indem er ſich umdrehte und ins Haus ging. „Sollte denn Jemand gepapelt haben? Madame St. Clair doch nicht? Und das Maͤdchen noch weni⸗ ger! Es iſt ja Beider Vortheil, zu ſchweigen? Ach, das iſt unmoͤglich! Aber ſehen muß ich ſie doch!“ Er ſchickte gleich zur Madame St. Clair und verlangte, ſie zu ſprechen. In großer Beſtuͤrzung ant⸗ wortete ihm das Kammermaͤdchen, die Dame ſey mit der größten Muͤhe aus einer Betäubung erweckt wor⸗ den; ſie ſchiene ihrer nicht bewußt, ſie rede irre, der Arzt muͤſſe geholt werden! „Geht— geht mir weg mit Euern Doktors!“ rief Lewiſton.„Das iſt einfältiges, nichtsnutziges, ſchwindelhaftes Pack! Was hat denn der großmaͤulige Patron geſtern bei der Gräfin gemacht? An den Arm gegriſſen— ein Glas Waſſer gegeben und— Ja, und fuͤnf Guineen dafuͤr in die Taſche geſteckt! Daß dich das Maͤuschen! Ein Mann kann ja hier zu Lande zu Grunde gehen, wenn er jedem dummen Zeuge der Weiber nachgiebt! Ich doktere ſelbſt ein Bischen, laßt mich ſie mal ſehen!“ Er nahm das Mädchen beim Arm und, mochte ſie reden, was ſie wollte, ſo ging er dennoch mit aufs Zimmer der Madame St. Clair. Doch ſie war, wie das Maͤdchen ſagte, außer Stande, eine Frage zu beantworten, Geſellſchaft zu öchwen r Gref rief er ginh ſadame wen⸗ Ah, h!“ it und ng ont⸗ ſeh mit kt wor⸗ re, der tors!“ uhiges, näulige n Anm — Iy Duß hier j ummen bſt e mocht it uf an ft K 231 empfangen. Ihr ganzer Kopf war irre. Selbſt Lewie ſtons Gegenwart machte keinen Eindruck auf ſie. Da ſie das Geheimniß nicht zu verrathen im Stande ſchien, war es ihm leichter ums Herz. Sie ſprach nur immer einige halbverſtändliche Worte von ihrer Foch⸗ ter und wiederholte manchmal unaufhörlich das Wort Tochter ſelbſt. „Sie wird ſchon wieder zu ſich kommen, wenn Ihr ſie allein laßt!“ ſagte Lewiſton und ging hinaus, um nun zunächſt ſeine Tochter ſelbſt aufzuſuchen. —————— ⸗.—————— Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Nein, niemals werd' ich Theil an dem Verbrechen nehmen! Racine. Gertrude hette neues Vertrauen zu dem Geliebten gefaßt und dadurch neue Seelenſtaͤrke gewonnen. Sie erholte ſich ſogar bereits einigermaßen von dem furch⸗ terlichen Schlage, der ſie getroffen hatte, als die Meldung, daß Lewiſton ſie ſprechen wolle, die wenige errungene Faſſung wieder vernichtete. Sie wurde da⸗ durch ſo erſchuͤttert, daß die Maſham voller Angſt die Kammerfrau herbeirief. Beide waren darin einverſtan⸗ den, daß es das Leben der Graͤfin aufs Spiel ſetzen hieß, wenn ſie Jemand ſähe, der ihr jetzt nicht will⸗ kommen ſey. Die Kammerfrau eröffnete dies dem Fremden ſelbſt, der in Folge einiger Winke, die er heute Morgen gegen die Bedienten hatte fallen laſſen, ſo ziemlich als Gatte der Madame St. Clair und folglich als Stiefvater der Lady angeſehen wurde. Die plötzliche Abreiſe des Oberſten hatte dieſer Vorſtellung noch mehr Gewicht verliehen. Er fand in dieſer Be⸗ ziehr geſch Ab hotte, Ldy liche Schl Mis komn Gelb ein noch die fran knorp ihm hen! Schr hera Sie ettr vertr ihte bei dann wart der ſitw hmen! iebten Si fürch⸗ s die Nnige e da⸗ ſt di ſſtan⸗ ſeze wil⸗ dem ie e aſſel, und Die lun Bl⸗ ziehung Gehorſam und Aufmerkſamkeit, ſtatt, wie ſonſt geſchehen waͤre, verachtet und ausgelacht zu werden. Als er bei der Meldung jetzt erſt einigemal geflucht hatte, aͤußerte er endlich: „Na, Frauchen, da ſorg' Sie huͤbſch fuͤr Ihre Lady! Geb' Sie ihr huͤbſch zu eſſen! Eine ordent⸗ liche Mahlzeit und was zu trinken dazu! Nicht Euern Schlipp⸗Schlapp— Euern Gerſtentrank und Euer Muͤschen, Eure Hafergruͤtze und Brotwaſſer. Ich be⸗ komme ordentlich ſelbſt Kräͤmpfe, wenn ich an das Geloͤffele denke! Hör' Sie, Frauchen, wenn etwa ſo ein huͤbſches, fettes Spanferkel da iſt— jetzt wär' noch gerade Zeit— ſo laßt's gleich abſtechen und fuͤr die Gräfin zurechtmachen. Und— hoͤre Sie, dem franzöſiſchen Koch ſag' Sie, daß er die Ohren huͤbſch knorplich braten ſoll, ſonſt, bei der Juno, ſchneid' ich ihm die Ohren ſelbſt ab!— Warte Sie mal, Frau⸗ chen!—“ Die Kammerfrau wollte voll Angſt und Schreck fort und ſagte kein Wort. Er zog die Uhr heraus.—„Na, geh' Sie mal zur Graͤfin und ſag' Sie ihr: ich ſey ein guter, raiſonnabler Mann und vertruͤg' mich immer, wenn ſich die Leute mit mir vertruͤgen. Vier und zwanzig Stunden hätte ſie Zeit, ihre Gedanken, das heißt ihren Kopf, und was ſonſt bei ihr confus wäre, in Ordnung zu bringen. Aber dann— auf die Minute muͤßte ſie da ſeyn! Ich warte darauf, daß ſie thut, was ihr zukommt. In der Stube hier und gerade um die Stunde jetzt, mei⸗ netwegen auch noch eher, und huͤbſch munter und friſch muß ſie da ſeyn. Aber nicht eine Minute ſpäter, wenn's zum zweitenmale zwolf geſchlagen hat! Nicht eine Sekunde! Nu geh' Sie, Frauchen! Vergeß Sie's Spanferkelchen nicht. So ein Dreiwochen⸗ ſchwein wird's Beſte fur die Gräfin ſeyn!“ Die Kammerfrau ſtellte vor, daß man doch arzt⸗ liche Huͤlfe ſuchen mochte, aber kurz abgefertigt wurde ſie mit einem: „Beim Jupiter! Wenn einer von Euern Dok⸗ tors ins Haus kommt, weiſ' ich ihm den Weg zum Fenſter hinaus. Kein beſſerer Doktor, als Eſſen und Trinken!“ Ein gemeines Matroſenlied ſingend, ging er hin⸗ aus, ließ ſich alle Pferde vorfuͤhren, vorreiten, ritt ſelbſt einige umher, befahl einen Wagen mit vier Pfer⸗ den anzuſpannen und zwei Vorreiter aufſitzen zu laſſen, als wenn es eine lange Fahrt geben ſollte; allein er fuhr blos die Schloßallee auf und ab, und als er es uͤberdruͤſſig hatte, ſchob er mit den Bedienten— Kegel. Gertrude dankte dem Himmel fuͤr den bewilligten Aufſchub und beſchloß, wo möglich, gehorſam zu ſeyn, mit ihm zuſammenzukommen, aber auch gleich zu er⸗ offnen, was ſie gethan habe, ob ſie ſchon bei dem Ge⸗ danken an Alles, was dann folgen wuͤrde, zitterte. Sollte er auf ſeine Drohung beſtehen, ſie mit nach Amerika zu nehmen, was wuͤrde dann wohl mit ihr? Wer konnte ſich aber wohl zwiſchen den Vater und ſein Kind eindrängen?— Wer konnte— ach, wer ätur, ſicht etgeß hen⸗ äet⸗ vurde Dok⸗ zum und hin⸗ „ritt ⸗ ſſen, in er er e — ligten ſehl zu n nGo tterte⸗ tnc tihr un „m wollte ſie wohl retten? An keinen Menſchen konnte ſie ſich wenden, denn kein Weſen gab es, mit dem ſie verwandt zu ſeyn behaupten durfte, als er, dem ſie ihr Leben ſchuldig zu ſeyn bekannte. Wo war denn Delmour in dieſem entſcheidenden Augenblick? Warum hatte er ſie verlaſſen? Seine Stimme haͤtte ihr Frieden in die Seele athmen konnen, ſein Arm konnte ſie leiten und ſchuͤtzen, aber er— die einzige Rettung— hatte ſie verlaſſen!“ In dem ſie uͤberwaͤltigenden Gedanken, wie ſie ſo gaͤnzlich huͤlflos ſey, welches ſchreckliche Schickſal ihrer wohl warten moͤge, wurde ſie von der unermu⸗ deten Maſham geweckt, welche mit den freundlichſten Worten die Störung zu vergeben bat. Es ſey aber eben aus London von der Madame Delmour eine Sendung der neueſten Moden angekommen; die herr⸗ lichſten Sachen, eine Prinzeſſin koͤnne ſie tragen; Ihre Herrlichkeit moͤchten ſo gut ſeyn, nur einen Blick dar⸗ auf zu werfen:„Sehen Sie dies Deshabille! Wenn Sie aufſtehen wollten, wie muͤßte Sie dies kleiden!“ Es hatte eine Zeit gegeben, wo Gertrudens Auge funkelte, wenn ſie ſolche ſchöne Kleider ſah, wie dieſe jetzt. Doch ſchaudernd drehte ſie ſich weg und ver⸗ langte, ſie fortzuſchaffen. „Das war fuͤr die Graͤfin von Roßville!“ dachte ſie, und ein Stich fuhr ihr durchs Herz.„Ich, eine Betruͤgerin, eine Bettlerin, ſoll ich es wagen, je wie⸗ der als ſolche zu erſcheinen?“ Sie verbarg das G'⸗ M— 6 ſicht mit beiden Händen und ſeufzte tief. Dann rief ſie, wie ſchnell von einem Gedanken ergriffen, das Maͤdchen: „Maſham, ich mochte gern ein Kleid haben, aber ganz in entgegengeſetzter Art von dieſem. Vom gröb⸗ ſten Zeuge ſoll es ſeyn, wie die armen Leute, die Waiſenmaͤdchen tragen!“ Sie hielt inne, um die uͤber ihre Wangen rollen⸗ den Thränen zu trocknen. Die Maſham ſtand mit ſprachloſem Erſtaunen da.—„Ganz grobes Zeug, ganz einfach muß es ſeyn, und gleich mußt Du Dich nach einem ſolchen umthun!“ „Nun, doch nicht fuͤr Sie ſelbſt?“ rief die ſtau⸗ nende Maſham, und wußte nicht, ob ſie ihre Sinne verloren habe oder die Gebieterin. Doch die Letztere wiederholte den Befehl in ſo beſtimmter Weiſe, daß ſie nicht daruͤber zu ſtreiten wagte, ſondern ſich ſogleich entfernte, demſelben, ſo ſonderbar und ſeltſam er ſchien, zu gehorchen. Gertrude hatte nach Madame St. Clair gefragt und erfahren, daß ſie noch immer das Zimmer huͤte⸗ Sie erkundigte ſich nicht mehr. Den Namen zu nen⸗ nen, koſtete ihr zu viel. Er ſchloß ſich an alle die Demuͤthigung, das Verderben an, das auf ſie gehaͤuft worden war. So langſam auch die Zeit in Thraͤnen und der Einſamkeit verſtrich, immer kam doch die Stunde nä⸗ her, die von Lewiſton bezeichnet war. Er hatte ſich ſchon mehrere mal erkundigen laſſen, zwar derb und gerad nend. der 9 und ches Wide Liebe wnd auge Die matt ſonde um und onder wollt Unte het f gſchl ſe je ten ſ ihtes en Eut war, vtf dos aber gröl⸗ „die llen⸗ mit Zug, Dich ſtau⸗ Zinne ehtete daß gleich chien, ftht hitt nel⸗ le die häuſt d de e ni⸗ e ſih b 2 geradezu, aber doch einige Theilnahme dadurch bezeich⸗ nend. Seine Vorſtellungen von Liebe ſchienen von der gemeinſten Art. Er legte ſie blos mittelſt Eſſen und Trinken an den Tag. Darum ſchickte er man⸗ ches wohlſchmeckende Gericht Gertruden, die ſich mit Widerwillen von ſolchen gemeinen Beweiſen väterlicher Liebe abwendete. Gertrude zog das aͤrmliche, fuͤr ſie beſorgte Ge⸗ wand an, doch ihre Schoͤnheit war zu anſprechend, zu ausgezeichnet, um von Nebendingen abhängig zu ſeyn. Die regelmaͤßigen Zuͤge, ihr ruͤhrender Schmerz, das matte, taubengleiche Auge, die blaſſe Wange ſtach ſonderbar zu den ſchwarzen Locken ab, welche nachlaͤſſig um die Stirn ſpielten, zu dem herrlich gebildeten Kopfe und Halſe, die um ſo mehr Eindruck machten, da alles andere, die Aufmerkſamkeit Feſſelnde fern war. Sie wollte nicht den Schein haben, als laſſe ſie ſich zur Unterredung mit dem Voater zwingen, und erſchien da⸗ her fruͤher im Saale, als feſtgeſetzt war. Mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und klopfendem Herzen, mit nichts beſchaͤftigt, als mit dem Gedanken an den Mann, dem ſie jetzt zum erſtenmale als ihrem Vater entgegentre⸗ ten ſollte, und welcher ſo lange Gegenſtand ihrer Furcht, ihres Abſcheues geweſen war, trat ſie ein. Doch wie erſtaunte ſie, als ihr beim Oeffnen der Thuͤre der ihr Entgegentretende, der ſie Bewillkommende, kein Anderer war, als— Lyndſay. Er nahm ſchnell ihre Hand. „Gertrude, theuere Gertrude!“ rief er, als er — ——————— 3 —— 238 ſie blaß und traurig ſah.„Wie elend ſehen Sie aus! Hier iſt Etwas nicht richtig!“ Es fiel Gertruden ein, wie ihre letzte Unterredung mit ihm geweſen ſey. Ihr Herz fühlte aufs neue, wie tief ſie gefallen war, und die Scham uͤberzog ihr ganzes Antlitz⸗ „Ich habe gehoͤrt,“ fuhr Lyndſay fort,„und dies brachte mich eben hierher, daß der Mann, den Sie ſo ſehr zu fürchten Urſache haben, ein Bewohner Ihres Hauſes geworden iſt, zum mindeſten glaube ich, daß er es ſey. Sagen Sie mir, Gertrude— iſt dem ſo?“ „Sie werden alles zeitig genug erfahren! Laſſen Sie mich— laſſen Sie mich jetzt!“ erwiederte ſie mit matter, erſtickter Stimme. „Nein, niemals— Gertrude, bis ich Sie in Sicherheit und gluͤcklich ſche!— Ich bin Ihr Vetter, Gertrude, Ihr Freund, Ihr Bruder— wenn Sie wollen. Sprechen Sie alſo zu mir als ſolchem. Wo⸗ mit kann ich Ihnen nutzlich ſeyn?“ Gertrude antwortete blos mit Thraͤnen, bis ſie wiederholen konnte: „Laſſen— laſſen Sie mich!“ In dieſem Augenblicke trat Lewiſton mit aller Unverſchaͤmtheit eines Mannes herein, der gern zeigen will, daß er zu Hauſe ift. Als er Lyndſay ſah, ſtutzte er und war augenſcheinlich betreten. Doch ſchnell faßte er ſich und ſagte mit ſeiner gewohnlichen Keck⸗ heit: ½ Sie Hu Si ßen Jun We ong ſchr ſpre Fre en der Stt eini waf ſten ſcha dab hei wie der er die mit Sie dunh neu, g iht „unh den ohner ich, 3 ſ aſſen te ſi ie in etter, Sie Wo⸗ is ſi all zeige ſtuht ſchl Fu⸗ „Nun, ſehen Sie mal! Ich haͤtte nicht gedacht, Sie hier zu finden. Ich habe eben ein Paar jungen Hunden die Ohren abſchneiden laſſen.— Na, ſetzen Sie ſich!“ Er ging zu Gertruden hin, welche ihn zu begruͤ⸗ ßen aufſtand, und nahm ihre Hand, die er ſchuͤttelte. „Nun, Graͤfin, wie geht's denn? Bei der Juno,“ rief er, als er ihre Kleidung muſterte,„Ihr Weiber ſeyd doch immer oben auf! Sie haben ſich angeputzt, wie ein Waiſenmaͤdchen in der Sonntags⸗ ſchule!“ Lyndſay war zu ſehr in Verlegenheit, um zu ſprechen. Er hatte ſo von weitem erfahren, daß ein Fremder, von dem Niemand wußte, wer er ſey, woher er kam, bei den Damen in Roßville ſich aufhalte, daß der Oberſt Delmour das Schloß ſchnell wegen eines Streites mit ihm verlaſſen habe. Hierzu kamen noch einige einzelne andere Umſtände, die theils falſch, theils wahr waren und unter der Dienerſchaft herumkrei⸗ ſten, von wo aus ſie bald zu den Ohren ihrer Herr— ſchaften gelangten. Kaum vernahm Lyndſay Etwas davon, als Gertrudens Undankbarkeit und unfreundli⸗ ches Weſen vergeſſen war. Er dachte nur darauf, wie er ihr dienen koͤnne, und machte ſich gleich auf der Stelle nach Roßville. Nur einen Augenblick vor ihrem Eintreten war er angekommen und der erſte Blick auf ſie ſagte ihm die ganze Reihe von Leiden und Qualen, welche ihn mit Kummer und Staunen fuͤllte. Die fröhliche, 240 ſtolze, glaͤnzende Graͤfin von Roßville war verſchwun⸗ den. Die traurige, demuͤthige, gebeugte Gertrude ſtand da und duldete mindeſtens, wenn ſie auch nicht dazu ſelbſt aufforderte, die Vertraulichkeit, von welcher ihr ſtolzer Sinn fruͤher empört worden wäre. Einen Augenblick ſah er ihr ſchweigend zu. Der Todtenbläͤſſe, welche bei Lewiſtons Eintreten ihre Wangen uͤberzog, folgte bald wieder ein feuriges Roth der Scham. Sie verhuͤllte die Augen, als wollte ſie ſich ſeinem Blick entziehen. „Na,“ ſagte Lewiſton zu Lyndſay und ſetzte ſich auf ein Sopha, Gertruden neben ſich hinziehend, da er ihre Hand immer noch feſthielt.„Wir kom⸗ men ja nicht's erſtemal zuſammen! Aber— laſſen Sie das gut ſeyn! Sie ſind ein Vetter von der Gräfin, wie ich höre? Nicht wahr? Nu, das iſt genug! Setzen Sie ſich!“ „Sie haben mir den Vortheil einti Lyndſay, Gertrudens wegen ſein heißes Blut beherrſchend.„Es ſcheint, daß Sie mich kennen⸗ Wer Sie ſind, muß ich erſt erfahren!“ „Alles zu ſeiner Zeit!— Wollen Sie ein Gläs⸗ chen trinken nach Ihrem Ritte, oder ein Bischen kalte Kuͤche zulangen?'s iſt noch ein huͤbſches Spanferkel⸗ chen da, das ich geſtern für die Gräfin zum Mittags⸗ eſſen braten ließ. Sie wollte nichts davon wiſſen, glaub' ich, und ſo ließ ich's mir zum Fruͤhſtuͤck auf⸗ heben! Ei, das iſt fett, wie ein Aal, und zart, wie lan ſich if Putthenne. Ich geb' Ihnen mein Wort darauf! Ich habe ſelbſt beim Braten Acht gehabt!“ In Gertrudens Zügen ſprach ſich nichts als Kum⸗ mer aus. Lyndſay bemerkte es. Er wuͤnſchte, den ſonderbaren Auftritt zu enden, und erwiederte daher ge⸗ laſſen:. „Die Gräfin ſcheint zu unwohl, um an ſolchen Unterhaltungen Geſchmack zu finden. Wenn Sie mich in ein anderes Zimmer begleiten wollten—“ „Von Herzen gern!“ rief Lewiſton aufſpringend. „Sie haben recht! Die Grafin iſt ein Bischen ner⸗ venſchwach und ſo und dergleichen. Allein ſie wird ſchon druͤber wegkommen!“ Er winkte dabei auf Gertruden hin. Dieſe war aufgeſtanden und bald blaß, bald roth geworden; ſie ſuchte Luft, als drohe ihr Erſtickung. Endlich gelang es ihr nach heftigem Kampfe zu ſagen: „Gehen Sie, Lyndſay, aber erinnern Sie ſich: — Er iſt mein Vater!“ Lyndſay ſtand ſprachlos, und einen Augenblick lang war Lewiſton voller Beſtuͤrzungz allein dirſer faßte ſich geſchwind: „Na, kommen Sie nur mit, Sie ſollen Alles erfahren!“ Lyndſayn feſthaltend, wollte er ungedul⸗ dig hinaus, aber dieſer hatte nur das Auge auf Gertruden, welche bewegungslos vor Scham und Angſt da ſtand, das Haupt gebeugt vor Erniedrigung, kalte Schweißtropfen auf der Stirn. Er flog zu ihr hin. II. 16 —— 2 ——— —————— 2 —— 242 „Gertrude,“ rief er heftig,„was meinen Sie damit? Ihr Vater? Sprechen Sie!“ „Na, da die Katze einmal aus dem Sacke h'raus iſt,“ trat Lewiſton auf,„ſo konnen Sie auch darnach haſchen! Ich habe der Gräfin Mutter geheirathet; und alſo bin ich's. Iſt denn das nun ſo was Wun⸗ derbares?“ Er warf Gertruden einen wilden, drohenden Blick zu. „Verhält ſich die Sache ſo, Gertrude?“ fragte Lyndſay.„Dann kann dies für Sie kein Aufenthalt ſeyn!“ „Daß dich das Mäuschen!“ rief Lewiſton wild. „Was haben Sie fuͤr Recht, ſich zwiſchen Vater und Tochter zu miſchen?— Ich bin ihr Stiefvater und habe das erſte Recht, uber fie zu wachen!“ Er wollte ſie bei der Hand nehmen und fortfüh⸗ ren, allein Lyndſay trat dazwiſchen. „Lady Roßville,“ erklaͤrte er,„waͤhlte mich einſt zu ihrem Vormund. Als ſolchen wird ſie mich jett anerkennen.— Das werden Sie, Gertrude, nicht wahr? So vertrauen Sie ſich alſo mir! Ich will Sie in Sicherheit bringen!“ „Ach, er iſt mein Vater— mein leiblicher Va⸗ ter!“ ſchrie Gertrude im Tone der Verzweiflung. „Freilich— freilich!“ verbeſſerte Lewiſton ge⸗ ſchwind,„Ich bin der Mann ihrer Mutter, ihr eig⸗ ner Vater— ja, ſie hat recht, freilich, das bin ich!“ „Nein, nein! Sie iſt nicht meine Mutter! Ale teſ bero ſch ju, will Ger flus Lyn Gel ſei ich an Ent von iſ as F Ih ig Si Se hiau nach athet; Wun⸗ ſenden fiagte enthalt wild⸗ er und t und ttfüh⸗ nih e mih niht wil er P g. on 9 r ei⸗ nich! Nutn 243 Alles hat ſie mir erzählt! Aber er iſt mein Vater!“ kreiſchte die Arme mit uͤbernatuͤrlicher Heftigkeit. „Sie iſt nicht geſcheut! Den Verſtand hat ſie verloren!“ ſchrie Lewiſton. „So habt Ihr ſie dahin gebracht!“ rief Lynd⸗ ſay heftig.„Theuerſte Gertrude,“ redete er dieſer zu,„beruhigen Sie ſich, entfernen Sie ſich! Ich will—“ „Er iſt— ja er iſt mein Vater!“ wiederholte Gertrude krampfhaft. „Hol' Dich der Teufel und Deine Dummheit!“ fluchte Lewiſton wild, und haͤtte ſie geſchlagen, wäre Lyndſay nicht ihr Schuͤtzer geweſen. „Retten Sie mich, ſchuͤtzen Sie mich!“ flehte Gertrude, ſich an Lyndſays Arm haͤngend.„Aber mein Vater iſt—“ „Ich werde Sie ſchuͤtzen! Fuͤrchten Sie ſich nicht!“ redete Lyndſay ihr zu. Dann wendete er ſich an Lewiſton. Mit erzwungener Ruhe, aber feſten Entſchluß in ſeiner Stimme verrathend, erklaͤrte er: „Sie irren ſich, wenn Sie glauben, als Gatte von Madame St. Clair ein geſetzmaͤßiges Recht uͤber dieſe Dame erhalten zu haben. Nehmen Sie dies aus anderm Grunde in Anſpruch, ſo muͤſſen ſie erſt Ihre Beweiſe vorbringen und anerkennen laſſen, bevor Ihr Anſpruch feſtſteht. Bis dahin iſt die Lady unter meinem Schutze. Ich bin ihr Freund, von ihren eignen Lippen will ich hören, was ſtatt gefunden hat. Sie werden alſo wohl thun, wenn Sie ohne Wider⸗ 16* rede dieſes Zimmer verlaſſen. Sonſt mochte es Ihnen Unannehmlichkeiten verurſachen!“ „ Nein— nein!“ rief hier Gertrude von Schrek⸗ ken ergriffen.„Er iſt mein Vater! Handeln Sie nicht hart gegen ihn!“ „Hören Sie denn nicht, wie fie meine Autorität reſpektirt? Was haben Sie denn fuͤr ein Recht, ſich hineinzumengen, Sie verwuͤnſchter Brauſekopf, Sie?“ ſchrie Lewiſton. „Gertrude, wollen Sie hier einige Minuten ins Nebenzimmer gehen?“ bat Lyndſay und fuͤhrte ſie hinaus. „Ja, ja, geh' nur!'s iſt allemal beſſer, wenn die Weiber fort ſind, wo's was abzumachen giebt!“ befahl auch Lewiſton. „Ich laſſe Sie nicht!“ flehte Gertrude bleich und zitternd, ſich an Lyndſay haltend. „Und ich befehle Dir, daß Du—“ „Sprecht noch ein Wort zu der Dame,“ fiel Lyndſay ein, auf dem Punkte, alle Selbſtbeherrſchung zu verlieren,„ſo ruf' ich im Augenblicke die Be⸗ dienten, um Euch fottzuſchaffen!“ „Verfluchter Kerl!“ ſchrie Lewiſton wüthend. Lyndſay'n ſtieg das Blut zum Kopfe. „Eduard— guter Eduard!“ jammerte Ger⸗ trude.„Halten Sie einz er iſt mein Vater!“ „Ich kenne Sie hier nur als Lady Roßville und will mit Ihnen allein als ſolcher ſprechen!“ rief Lyndſay und klingelte. Als der Bediente erſchien, be⸗ eine 5 tuff jl, guf Ihnen chrek⸗ Sie orität t, ſih ie n ins te ſie wenn ebt!“ hleich ſil ſchun eB⸗ end. Ge⸗ lr un uni n, fahl er ihm ruhig, aber feſt, den fremden Herrn in die Bibliothek zu fuͤhren. Er winkte Lewiſton auf eine Art, die Gehorſam forderte, und ſetzte hinzu: „In einer halben Stunde werde ich Sie dort treffen!“ Lewiſton warf Gertruden einen drohenden Blick zu, brummte einige Fluche gegen Lyndſay und mußte auf dieſe Weiſe hinaus. —————— ———— Achtundzwanzigſtes Kapitel. Nur Tugend giebt der Seele Adel, Verleiht der Armuth hohen Rang! Wer ſie herabſetzt, dieſen treffe Tadel, Er bleibt ein Bube lebenslang! Dryden. Doch nur mit Muͤhe konnte Gertrude beſtimmt wer⸗ den, gegen Lyndſay Alles zu wiederholen, was ſie Del⸗ mourn ſo zuvorkommend geſagt hatte. Damals war ſie in aufgeregtem Zuſtande geweſen, dem Alles hatte weichen muͤſſen. Es war ihr damals, als muͤſſe fie um Leben und Tod wuͤrfeln, und von der Kraft, welche Verzweiflung giebt, aufgeregt, erzahlte ſie mit dem Feuer der Beredſamkeit, welches jede Ruͤckſicht ver⸗ ſpottet. Jetzt war kein ſolcher Antrieb mehr da. Sie bebte vor dem Gedanken zuruck, die gehaͤſſigen, ſie mit Scham bedeckenden Umſtaͤnde ihres Ungluͤcks zu wie⸗ derholen. Es hieß, ſich zu ſehr dem Mitleid, dem Erbarmen eines Mannes preisgeben, von dem ſie nichts zu erwarten berechtigt war; eines Mannes, den ſie in den Tagen des Gluͤcks mit Kaͤlte und Undankbarkeit N wor ein Ele Ho me ner ne her er mit Lor nu ha ne den⸗ t wel⸗ eDel⸗ 6 war hatte iſe fi wilche it dem bet⸗ Sie ſi mit wie⸗ „den nichti ſie in klerket 247 behandelt hatte. Die heiße Stirn in die Hand legend, ſuchte ſie ſich gegen die freundlichen, zärtlichen Bitten Lyndſays zu ſtaählen, durch welche er ihr Vertrauen zu gewinnen hoffte. Endlich lockte er ihr doch ſo viel einzelne Umſtande ab, daß er ſich das ganze ſchwarze Netz zeichnen konnte, wodurch ſie unglucklich geworden war. Eine Zeit lang war er zu ſehr ergriffen, um ein Wort ſagen zu konnen. Gertrude ſaß da, die Ellenbogen auf dem Tiſche und ihr Geſicht in den Haͤnden verbergend. Allein Lyndſay ſtrebte immer mehr, den Schmerz Anderer zu mindern, als den eig⸗ nen Gefuͤhlen nachzuhaͤngen, und ſo wurde er bald ſei⸗ ner Beſtuͤrzung Herr, um deſto beſſer Gertruden beruhigen zu können. Doch bebte ſeine Stimme, als er ihr zuredete: „Liebe Gertrude, ich weiß, daß es umſonſt iſt, mit Ihnen in den erſten Augenblicken des Schmerzes von Troſt ſprechen zu wollen. Aber— könnten Sie nur darin die Hand ſehen, welche Sie ſo gezuchtigt hat, zum Himmel aufblicken und ſagen: So iſt mei⸗ nes Vaters Wille!“ „Das thu' ich!“ rief Gertrude mit erſtickter Stimme. Allein nur ſchwach lebte dies Gefuͤhl in ihrer Bruſt.—„Alles aber haͤtt' ich eher, als dies ertragen können! Schande, Erniedrigung—“ Sie konnte vor Jammer nicht mehr ſprechen. „Nein, Gertrude, ſeyn Sie nicht ungerecht gegen ſich ſelbſt, nicht undankbar gegen Gott und knuͤpfen Sie an das, was Sie traf, ſolche Gedanken von per⸗ — 248 ſonlicher Erniedrigung. Wahr iſt es, daß Sie keinen Titel mehr haben, keinen leeren, nichtsſagenden Litel, keinen Reichthum bis zum Uebermaß mehr befitzen. Aber um wie viel edler ſtehen Sie jetzt hier, da Sie ſich ſo durch Selbſterniedrigung freiwillig erheben und reicher an allen Gaben find, die Sie vom Schoͤpfer in größerem Maße erhielten, als je das beguͤnſtigſte Kind der Welt. Ach, Gertrude, konnten Sie doch die Sache mit meinen Augen anſehen!“ „Aber eine Betruͤgerin, im unrechtmaͤßigen Be⸗ ſitze geweſen zu ſeyn!“ „Welchen verkehrten Kummer machen Sie ſich, Gertrude? Sie waren es nicht! Sie waren ja das Opfet des Betrugs! Ihr eigner Name iſt rein und fleckenlos. Er iſt noch mehr! Allen, welche die Tu⸗ gend zu ſchaͤtzen wiſſen, wird er wohltönender ins Ohr klingen, als irgend einer, den die Wappenkunſt verlei⸗ hen kann. Wie armſelig iſt es, ſich der Vorfahren zu ruͤhmen, wenn man es mit dem ſtolzen Gefühle der Ehre vergleicht, das Sie beſtimmte, alle jene Lok⸗ kungen mit Fuͤßen zu treten, an welchen die Seele noch im Augenblicke des Entſagens haͤngt! Dies iſt Größe!“ „Aber wer wird mich ſo beurtheilen?“ „Jeder Freund der Tugend! Jeder, der Sie liebt, Gertrude!“ „Mich lieben? Ach—“ hier erwachte der Schmerz mit neuer Kraft—„wer koͤnnte mich lie⸗ ben, erniedrigt, verworfen, herabgeſturzt, wie ich bin!“ als lieb I ſhi gen wele lieb inne Ge itel, en. Sie und pfet igſte doch ſch, do5 und J 6 Ohr rlei⸗ hen ihle Lok⸗ eele z iſt her li⸗ „Gertrude,“ fragte Lyndſay, faſt ſo ergrifſen, als ſie ſelbſt,„fragen Sie in der That, wer Sie lieben könnte?“— Gertrude antwortete nicht. Ihre Gedanken waren mit Delmourn allein be⸗ ſchaͤftigt. Lyndſays Unruhe wuchs:—„Sie fra⸗ gen mich, wer Sie lieben konnte, Gertrude? Der, welcher Sie einmal liebte, wird Sie immer wahrhaft lieben, mehr lieben, als je!— Ich—“ Er hielt innez zwei, dreimal ging er ſehr unruhig auf und ab. Gertrude bemerkte wenig, was in ſeinem edlen Herzen vorging, denn, von Schmerz uͤberwaͤltigt, nahm fie ſeine Worte nur in Beziehung auf den Geliebten. Nach einigen Minuten war Lyndſay wieder gefaßt. Er nä⸗ herte ſich ihr, ergriff ihre Hand und ſagte: „Sie find nicht im Stande, dem Sturme, der Sie traf, die Stirn zu bieten. Sie muͤſſen auf Ihr Zimmer gehen. Laſſen Sie mich ſtatt Ihrer handeln. Ich verſpreche Ihnen, mich von keiner Heftigkeit hin⸗ reißen zu laſſen. Ich gebe mein Wort, daß ich Alles tragen will!“ „Sie haben bereits zu viel meinetwegen getra⸗ gen!“ erwiederte Gertrude mit einem Thraͤnenſtrom. „Mein beſter— mein einziger Freund!“ ſetzte ſie noch mit bebender Stimme hinzu. „Sie wollen mich alſo fuͤr Ihren Freund, Ihren Vormund— Ihren Bruder halten?— Nicht wahr, Gertrude?— Nun, das und Alles will und werde ich Ihnen ſeyn, ſo wahr mir Gott helfe!“ Gertrude konnte nicht mehr ſprechen. Sie druͤckte ——— —— 250 ſeine Hand, welche die ihrige hielt, mit dankbarem Gefuͤhl an ihr Herz. Auf ſein Wort bauend, da ſie wußte, daß ſie dies konnte, willigte ſie endlich ein, daß er mit ihrem Vater allein verhandle. Sie wollte den Erfolg davon erwarten⸗ Als Lyndſay ſah, daß ſie ſich etwas beruhigt hatte und gefaßter geworden war, ging er in die Bi⸗ bliothek. Lewiſton, ſahe er, ſuchte umſonſt ſeine Wuth zu verbergen. Es that derſelbe ſehr beſchäftigt, indem er kaltblütig in Buͤchern zu blättern ſchien, an denen er offenbar ſeine Wuth ausließ. Von Lyndſays Ein⸗ treten nahm er keine Kenntniß. Aus einem ſchoͤnen Foliobande riß er die Blaͤtter, daß ein Bibliothe⸗ kar haͤtte ohnmaͤchtig werden konnenz dann pfiff er ſich ein Liedchen, das ihm aber nicht recht vom Herzen gehen wollte. Lyndſay ließ einige Minuten ſo hingehen und ſprach dann: „Ich habe da eine ſonderbare Geſchichte ge⸗ hoͤrt—“ „Haben Sie? So?“ fragte Lewiſton, auf einen Kupferſtich das Auge geheftet, als ob ihn dieſer ſehr beſchaͤftigte.„Haben Sie?— Nun was denn?“ „Nun moͤchte ich aber gern von Ihnen die Sache erzählt horen!“ „Mochten Sie? Na, da muß ich Sie bitten, ſie mir zuerſt zu ſagen, damit wir einander auch recht verſtehen!“ Lyndſay wiederholte, was Gertrude ihm eroffnet ha la i an ren ſi ein, ollte hist Bi⸗ uth dem enen Ein⸗ önen othe⸗ ff e een und ge auf dieſtt n?“ n di itten, wh hatte, und ſetzte hinzu:„Es iſt alſo umſonſt, noch laͤnger Etwas verheimlichen zu wollen. Die Wahrheit muß bekannt werden!— Allein wegen der jungen Dame, die ich bisher blos als eine theure Verwandtin anſah, hätte ich gern geſehen, daß der Schlag minder heftig fiele, als—“ „Hol' ſie doch der Teufel!“ rief Lewiſton wuͤ⸗ thend und warf erſt das Buch zur Erde und dann ein Schreibzeug um. Seinen Stuhl wegſchiebend und Alles bei Seite ſtoßend, ſchritt er ein paarmal hin und her und nagte am Daumen, wie Einer, der nicht weiß, was er thun, wie er ſeine Leidenſchaft auslaſ⸗ ſen ſoll. Lyndſay hatte zu viel Einſicht, um ihn zu ſtören. So widrig ihm das Schauſpiel der unbeherrſchten Lei⸗ denſchaft war, ſo fuͤgte er ſich doch ſchweigend Ger⸗ trudens wegen darein. Endlich hielt Lewiſton inne und fragte hingeworfen: „Hat denn die Gackgans ſonſt noch Jemandem etwas geſagt, oder ſind Sie allein ihr Beichtvater?“ „Ob ſonſt noch Jemand um die Entdeckung weiß, kann ich nicht ſagen!“— Delmours Name war in der Unterredung mit Gertruden nicht vorge⸗ kommen.—„Aber das kann auch nicht viel auf ſich haben. Es muß ja bald kund werden!“ „Na, da muß ſie auch fuhlen fuͤr ihre verfluchte Dummheit!— Sie ſcheinen aber das Maͤdchen gern zu ſehen, ſo eine arge Naͤrrin ſie auch iſt?“— Er ſchien mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen:—„Huͤbſch 252 iſt ſie, ſehr huͤbſch! Ich wuͤßte nicht, daß ich ſo ein Weibsbild geſehen hätte! Die wird'mal in Neu⸗ Jerſey ein Aufſehen machen! Die muß gut ab⸗ gehen!“ Lyndſay verſuchte es, ruhig zu bleiben, ſelbſt bei dem Gedanken, daß die ſchoͤne, hochherzige Gertrude nach Amerika mitgenommen und dort von ſo einem Wilden verhandelt, verkauft werden ſollte. Er ſagte blos:„Wenn Sie wirklich der Mann ſind, fuͤr welchen Sie ſich ausgeben, ſo folgt daraus nicht nothwendig, daß dies ungluckliche Mädchen gezwungen waͤre, bei Ihnen zu leben!“ „Na, was ſoll denn mit ihr werden?“ „Dieſe Frage jetzt zu erdrtern, iſt nicht an der Zeit. Aber ſeyn Sie verſichert, daß ſie Freunde be⸗ ſitzt, deren Einfluß und Vermögen nicht unbedeutend iſt und zu ihrem Dienſte bereit ſteht!“ „Das heißt wohl, Sie wollen ſie heirathen, ſo wie ſie iſt? Nu, wenn Sie Gefallen an ihr finden — Ich will Ihnen was ſagen: falls die Sache nicht weiter gegangen iſt, und das denk' ich doch, denn ſonſt waͤr' der andere Starmatz nicht ſo geſchwind ab⸗ geſegelt— und Sie find ihr gut, ſo geb' ich meine Einwilligung. Sie ſollen ſie haben, auf die Bedin⸗ gung, daß Alles unter uns bleibt. Sie wird doch wieder zu Verſtande kommen und dann in Angſt fitzen, daß ſie albern geweſen iſt. Aber auch außerdem will ich mich anheiſchig machen, wieder nach Amerika zu S ein kel⸗ hei ude nem agte füͤr ſicht nen der he⸗ tend nden che denn ab⸗ neine cdin⸗ doch ihen, wil 253 gehen, wenn Sie mir ein huͤbſches Stuck Geld geben⸗ Das iſt der beſte Ausweg. Wir paſſen nicht zuſam⸗ men, alſo wollen wir auf verſchiedenen Ufern leben. Was meinen Sie dazu?“ „Daß Ihr ein Schurke ſeyd!“ entfuhr hier Lyndſays Mund.„Ich muß klaren, unwiderleglichen Beweis haben, daß Ihr der Mann ſeyd, welcher Ihr zu ſeyn vorgebt, eher glaub' ich Euch nicht! Ich glaube nicht, daß Ihr Gertrudens Vatet ſeyd!“— Er faßte ihn dabei ins Auge, als wollte er das In⸗ nerſte ſeiner Seele durchſpaͤhen. Das Blut ſtieg Lewiſton ins Geſicht. Einige Minuten ſchwieg erz dann nahm er ſich zuſammen und ſagte in ſeiner gewöhnlichen Weiſe: „Das moͤgen Sie glauben oder nicht— ich bin doch— ich— bin Jakob Ruxton Lewiſton aus Porth⸗ Amboy in Neu⸗Jerſey. Das werden Sie finden, wenn Sie wollen ſo gut ſeyn und die Papiere hier durchgehen!“ „Das mag ſeyn; aber es kann mehr als einen Jakob Ruxton Lewiſton geben!“ „Habe ich denn nicht den Brief von meiner Frau hier?“ rief er triumphirend, ſein Taſchenbuch herausziehend.„Hab' ich nicht das Zeugniß des Prie⸗ ſters, der dabei war? Er lebt noch und ſtellt ſich, wenn's noͤthig iſt, und hatte geſchworen, es blos in die Haͤnde ihres Mannes zu geben? Und iſt denn die Alte hier nicht gleich da ſelbſt genöthigt, es in ———— ————— 254 meiner Gegenwart zu beſchworen, wenn ſie wieder zu ſich gekommen iſt? Was der Teufel plagt Sie denn, Herr?“ „Das Alles reicht hin— „Sie gehen vielleicht nach meinem Ausſehen?— Ja, ich habe mich gut gehalten. Ich ſage es Ihnenz aber meine acht und dreißig zähle ich dennoch. Im neunzehnten heirathete ich— dumm genug war's!“ „Was Ihr noch ſagen konnt, mindert meine Zwei⸗ fel nicht im Entfernteſten!“ „Ich bekuͤmmere mich den Teufel um Ihren Glauben! Behalten Sie Ihre Zweifel und Ihr Willkommen fuͤr ſich. Mir gilt es gleich!“ „Das werd' ich, bis ich beſſere Beweiſe, als Eure eignen habe.— Ich werde einen Mann, auf deſſen Treue und Klugheit ich vollkommen rechnen kann, nach dem Orte ſenden, aus welchem Ihr ge⸗ vüͤrtig zu ſeyn behauptet. Er ſoll dort die Beweiſe fuͤr die Aechtheit Eurer Perſon ſammeln. Wenn er mit ihnen wieder zuruͤckkommt, konnt Ihr auf Eure Tochter Anſpruch machen. Bis dahin aber nicht! Bis dahin bin ich ihr Vormund und werde fuͤr ihren Schutz Sorge tragen!“ Lewiſton ergoß ſich hier in eine Fluth der ge⸗ meinſten Schimpfreden und Verwuͤnſchungen, aber Lyndſay blieb ganz kalt und entſchloſſen und ſagte blos: „Unter ſolchen Umſtänden iſt hier fuͤr Sie kein — 255 Bleibens; das werden Sie einſehen. Sie werden alſo wohl thun, ſich ſobald als moͤglich zu entfernen. Wenn es Ihnen an Mitteln zur Abreiſe fehlt, will ich Ihnen gern das Nothige vorſchießen!“ Er ging eilig zu Gertruden, welche ihn mit Furcht und Zittern erwartete. 1 3 —————— Neunundzwanzigſtes Kapitel. Was auch noch ſo klar geſponnen, Kommt doch endlich an die Sonnen! Mit Vorſicht theilte Lyndſay Gertruden ſeinen Ver⸗ dacht mit; allein ihrem ſo feurigen Geiſte war die leiſeſte Ahnung hinreichend, die Hoffnung in ihrer Bruſt rege zu machen. Gewiß war es, daß ſie nicht länger Gräſin von Roßville ſeyn konnte. Aber nicht die Tochter dieſes Mannes zu ſeyn, nicht ſchaudern und beben zu muͤſſen wegen des Mannes, dem ſie ihr Leben verdankte, ſchien doch beinahe Seligkeit. Es ſiel ihr aber ein, wie ſchwer die Herbeiſchaffung der Beweiſe in ſo großer Ferne ſeyz darum entſank ihr Muth aufs neue und ſie rief:„Wie unmöglich iſt es fuͤr mich, ins Klare zu kommen! Wie unſicher und unbefriedigend wird dies ſeyn!“ „Ueberlaſſen Sie das mir, theuere Gertrude!“ redete Lyndſay zu.„Ich werde mit dem erſten Schiffe Jemanden hinſenden, der die Verhältniſſe dieſes Man⸗ — — Pel⸗ rdie ihrer nicht nicht udern ie iht 6 9 der k ih i ſicht de! zhif nes aufs genauſte erforſchen wird, auf deſſen Nach⸗ richt ich vollkommen bauen kann. Ich wuͤrde ſelbſt hinuͤberreiſen, wenn Ihnen dies mehr Beruhigung gaͤbe und ich Sie an einem ſichern Orte ſähe!“ „Ach, Lyndſay!“ rief hier Gertrude und Thraͤ⸗ nen ließen ſie einen Augenblick nicht weiter ſprechen. Heftig bewegt, ſetzte ſie dann noch hinzu:„Sie ſchuͤtzen— Sie retten mich, waͤhrend ich—“ Sie ſeufzte hier, als ſey ihr Herz gebrochen, und ſagte kein Wort mehr. So ſehr auch Gertrude von ſchwaͤrmeriſcher Liebe verblendet war, ſo konnte ſie doch nicht umhin, den Unterſchied zu erkennen, der zwiſchen dem Benehmen des Geliebten und Lyndſays war, und die Ueberzeugung davon wirkte fuͤr einige Zeit ſo bitter auf ihr Herz ein, daß jeder andere Gedanke in den Hintergrund trat. Nicht minder ergriffen, als ſie ſelbſt, forſchte Lyndſay jetzt, ob Gertrude das Geheimniß noch ſonſt Jemandem entdeckt habe. Sie hatte einige Augen⸗ blicke nothig, um ihre Faſſung wieder zu gewinnen; dann erklaͤrte ſie: „Ja, Jemandem, den es mehr angeht, als irgend Einen. Ich warte jetzt nur auf ihn, um zu erfahren, wann ich meine Schande der ganzen Welt bekannt machen ſoll!“ „Wie unrichtig— wie weltlich ſind Ihre Be⸗ griſſe von Schande, theuere Gertrude!“ erwiederte Lyndſay.„Indeſſen will ich jetzt nicht die Zeit ver⸗ III. 17 lieren, ſie zu bekaͤmpfen. Sagen Sie, was Sie jetzt gern gethan ſähen? Welchen Plan haben Sie?“ „Der Oberſt Delmour wuͤnſcht, ich ſoll hier bleiben, bis ich von ihm Nachricht erhalte!“ ſagte Gertrude zagend. „Wohlan! Aber vergeſſen Sie es nicht: Sie haben eine Heimath, wenn Sie dieſelbe anzunehmen wuͤrdigen. Mein Haus ſteht zu Ihren Dienſten. Meine Tante iſt jetzt in Schottland; ſie wird mit Ihnen dort wohnen. Gewiß lieben Sie dieſelbe, ſobald Sie ſie kennen; denn ſie iſt gut und edel, und weiß, was Un⸗ gluͤck heißt. Ich werde vielleicht fuͤr einige Zeit auf Reiſen gehen oder— doch das kommt nicht in Be⸗ tracht; verſprechen Sie alſo, daß, wenn—“ „Nein, nein! Nie will ich von Ihrer Guͤte ab⸗ haͤngen! Arbeiten will ich, betteln! Ach, Lyndſay, wie zerreißen Sie mein Herz!“ Sie weinte bitterlich. „Vergeben Sie, theuerſte Gertrude, wenn ich Ihnen weh that! Gott weiß, wie fern mir der Ge⸗ danke daran war!— Laſſen Sie ſich alſo jetzt bewe⸗ gen, auf Ihr Zimmer zu gehen. Sie werden dort vor Zudringlichkeit ſicher ſeyn. Alles andere vertrauen Sie mir. Seyn Sie uͤberzeugt, daß keine Gewaltthätigkeit ſtatt findet. Er ſoll als Ihr Vater behandelt, wenn auch noch nicht als ſolcher anerkannt werden!“ „Aber ſoll ich ihn denn nicht noch einmal ſehen? Ach, Lyndſay! Wenn ich meinen Vater aus dem Hauſe getrieben ſähe!— Nein, ich kann nicht! Laſ⸗ ſen Sie ihn hier bleiben! Er iſt— er muß mein ———— ———— Sie hmen Meine dort ie ſie U⸗ t guf Be⸗ te b⸗ noſoh, erlich nich Ge⸗ bew⸗ t bot Si tigke wen ſhu don E wi Vater ſeyn! Sie koͤnnte er doch nicht getaͤuſcht haben!“ „Nach einer ſo langen Zeit iſt es doch ſehr moͤg⸗ lich! Aber— theure Gertrude, verlaſſen Sie ſich auf mich; ich werde nicht hart handeln! Nur unter demſelben Dache konnen Sie nicht bleiben. Es koſtete Ihnen das Leben. Gut behandelt ſoll er werden! Mein Wort darauf!“ Gertrude, durch dieſe Verſicherungen beruhigt, willigte endlich ein, ſich in ihrem Zimmer zu verſchlie⸗ ßen und Lewiſton abzuweiſen, ſelbſt wenn er darauf beſtände. Lyndſays naͤchſtes Geſchaͤft war nun, Ma⸗ dame St. Clair aufzuſuchen, weil er hoffte, von ihr einige Aufklaͤrung zu erhalten. Allein er erſchrak uͤber die Lage, in welcher er ſie fand, und ſchickte gleich nach einem Arzte, ſo wie zu Herrn Black und ihren Schweſtern, mit der Bitte, ſobald als moglich nach Roßville zu kommen. Kaum hatte er dies beſorgt, als Lewiſton halb verlegen, halb trotzig in das näm⸗ liche Zimmer trat. „Na, Sie wollen's ganze Land in Aufſtand bringen!“ rief er.„Zwei Leute ſind fortgeſprengt, als wenn der Teufel hinter ihnen auf dem Pferde ſaͤß! Was ſoll denn das Alles heißen?— Ich muß jetzt meine Tochter ſehen!“ „Sobald Sie Ihr Recht als Vater dargethan haben, ſollen Sie es. Bis dahin, hab' ich Ihnen ſchon geſagt, handle ich als ihr Vormund, und als dieſer gebe ich nicht die Erlaubniß zu ſolcher Zuſam⸗ 173 menkunft. Haͤtten Sie die Gefuͤhle eines Vaters, ſo würden Sie ſelbſt das Schickliche dieſer Maßregel ein⸗ ſehen!“. „Gefuͤhle? Beim Jupiter— meinen Gefuͤhlen iſt hubſch mitgeſpielt worden, ſeitdem ich unter Euch hier bin! Die Haut will ich mir abziehen laſſen, wenn mir's je ſo gegangen iſt! Gefuͤhle! Bei der Juno! Ich ſage, daß meine Gefuͤhle teufelmäßig ge⸗ mißbraucht worden ſind! Ich werde daran denken!“ Er ging in großer Unruhe auf und ab. „Die, welche Sie Ihre Tochter nennen, wird nie vergeſſen, was Sie Ihnen zu danken hat; allein, meinem Rathe gehorchend, verweigert ſie jede Zuſam⸗ menkunft, die nur dazu diente, ihr Unruhe und Ver⸗ legenheit zu verurſachen. Dagegen wuͤnſcht ſie recht ſehr, daß Sie mit Achtung behandelt werden, jede Bequemlichkeit und Fuͤrſorge finden, welche Sie er⸗ warten koͤnnen, und ich werde mir daher es zur Pflicht machen, Sie gehorig unterzubringen!“ „Was will Sie denn mit alle dem Gepapel ſagen? Verſteht ſie unter Bequemlichkeit und Fuͤr⸗ ſorge eine runde Summe Geld?— Wenn's das iſt — gut! Gebt mir Geld! Auf mein Wort, dann will ich ſchon Bequemlichkeit ſinden und mich ver⸗ ſorgen!“ „Sie muͤſſen einſehen, daß ſie als Ihre Tochter nichts geben kann! Aber ich beſitze die Mittel dazu, und wenn ich weiß, daß Sie mir Wahrheit geſagt haben, ſev es nun ſo oder anders, denn Wahrheit iſt Alles, was ich von Ihnen verlange, ſo werden wir vielleicht im Stande ſeyn, uns zu vergleichen!“ Lewiſton dachte einige Minuten nach; dann fragte er: „Hat denn die Gans noch ſonſt mit Jemandem geklatſcht? Das muß ich wiſſen!“ „Der Oberſt Delmour iſt mit allen Umſtaͤnden bekannt und fortgereiſt, mit ſeinem Bruder, der jetzt Graf von Roßville iſt, zu uͤberlegen, was zu thun ſey! Bei dieſen Maͤnnern, ſeyn Sie verſichert, werden Sie wenig Nachſicht finden!“ Lewiſton ergoß ſich hier in Fluͤchen gegen Del⸗ mourn und Gertruden. Beiden gab er die aͤrgſten Schimpfnamen, dann ſtimmte er auf einmal einen an⸗ dern Ton an: „Hören Sie, es koſtet Ihnen etwas, Jemanden nach Neu-Jerſey zu ſchicken! Es koſtet Geld! Das kann ich Ihnen ſagen!“ „Ich habe Ihnen ſchon erkläͤrt, daß ich gern einen anſehnlichen Preis zahle, die Wahrheit zu wiſſen, laute ſie, wie ſie wolle!“ „Was? Selbſt in dem Falle— ich ſetze hier nur den Fall, muͤſſen Sie wiſſen— wenn ich nicht des Mädchens Vater wäre?“ „Vielleicht wär' ich geſonnen, fuͤr dieſe Ent⸗ deckung noch mehr, als fuͤr jede andere, zu bezahlen!“ erklärte Lyndſay und bemühte ſich, ſeine Aufwallung zu verbergen.„Ja, noch einmal! Wahrheit, Wahr⸗ heit allein iſt es, was ich ſuche⸗ Fruͤher oder ſpäter — das weiß ich— gelange ich zu ihr. Ein Paar Monate werden mir Kunde ſchafſen!“ „Ich ſage Ihnen, es koſtet Geld! „Und ich werde es gern zahlen!“ „Na— wie viel denken Sie denn wohl an⸗ zulegen?“ „Um Betrug und Schurkerei zu entdecken, ſo viel es koſten mag; ſie zu belohnen, nichts!— Ich thue vielleicht unrecht, zu irgend einem Vergleiche mit Ihnen die Hand zu bietenz allein die Achtung fuͤr die Ruhe eines Weſens, das durch Ihre Schurkerei leidet, beſtimmt mich—“ „Wollen Sie tauſend Pfund geben?“ „Nein— aber noch mehr, wenn es nöthig iſt, die Wahrheit zu entdecken. Den Betrug lohne ich nie in ſolchem Maße!“ „Der Teufel hole Ihre Bedenklichkeiten!— Wollen Sie fuͤnfhundert geben?— Bei der Juns— davon laſſe ich keinen Pfennig nach!“ „Unter der Bedingung, daß Ihr feierlich ſchwort, die völlige Wahrheit zu entdecken, thue ich noch mehr fuͤr Euch, als ich vielleicht thun ſollte! Die Unkoſten Eurer Reiſe aus Amerika hierher und wieder zuruͤck will ich tragen, eine Rente will ich Euch auswerfen, funfzig Pfund jährlich, unter der Bedingung, daß Ihr mir den Brief aushandigt und nie wieder mit einem Fuße Englands Boden betretet!“ „Ich haͤtte doch lieber gleich eine runde Summe mit einemmale! Ich brauche—“ Paar an⸗ , ſo 35 mit die leidet, wrt mehr koſten zuit erfen, einem umm 263 „Wir haben nicht nöthig, daruͤber noch etwas zu ſagen! Wollt Ihr eine Stunde zur Ueberlegung haben, ſo geb' ich ſie; das iſt aber Alles. Gleich auf der Stelle werde ich die noöthigen Schritte thun, und leicht möglich, daß Ihr es bereut, mein Anerbie⸗ ten ausgeſchlagen zu haben, wenn es zu ſpaͤt iſt!“ Lyndſay wollte fortz Lewiſton faßre ihn am Arm. „Na— wollen Sie mir denn ſchwarz auf weiß geben, was Sie verſprochen haben?— Dann wollen wir ſehen!“ Lyndſay nahm gleich die Feder und gab ſein Ver⸗ ſprechen ſchriftlich. Lewiſton nahm das Papier— guckte hinein— räuſperte ſich, wechſelte die Farbe, war verlegen, endlich raffte er ſeine Unverſchämtheit zuſammen und ſagte: „Na— alſo— ich bin nicht der Vater von dem Mädchen! Das iſt ſo wahr, als mich Gott er⸗ ſchafſen hat!“ Bei dieſem Bekenntniß hüpfte Lyndſays Herz vor Entzuͤcken und kaum konnte er ſich enthalten, mit der freudigen Nachricht zu Gertruden zu fliegen⸗ Lewiſton fuhr fort:„Aber von der Familie bin ich und, unter uns geſagt, der einzige Stammhalter noch! Und den Namen hab' ich!— Ich war der Vetter von ihrem Vater, und wie der alte Schwätzer von Prie⸗ ſter nach Perth-Amboy kam und nach Jakob Rupton Lewiſton herumfragte, mußte er natuͤrlich auf mich treſſen. Je nu, erſt gab ich mich zum Spaße blos fur den Mann aus, der ſchon beinahe zwanzig Jahre —————————— —— 264 im Waſſer lag. Aber nu, als ich merkte, wie die Sache ſtand und lag— Na, nu wiſſen Sie Alles! Lange Litaneien kann ich nicht leiden, und ſo wie ich das hier—„er zeigte aufs Papier—„in gehöriger Ordnung habe, wuͤnſche ich gleich recht wohl zu leben!“ „Aber wie konntet Ihr denn ſo leicht ſelbſt Mi⸗ ſtreß St. Clair einſchuͤchtern?“ fragte Lyndſay be⸗ ſorgt, Gertrudens wegen Alles genau zu erforſchen. Sie hat doch den Mann geſehen, fuͤr den Ihr Euch ausgabt?“— „Freilich hat ſie ihn geſehenz doch das waren beinahe zwanzig Jahre her. Wir muͤſſen einander ahnlich geweſen ſeyn, denk' ich. Aber nu— ich hatte den Brief! Der ſtopfte ihr's Maul. Ihr konnte es ziemlich gleich ſeyn, ob ich des Mädchens Vater war oder nicht. In meiner Hand hatte ich ſie immer!“ Wie Lyndſay üͤber Alles, was ihm noch nöthig war, Kenntniß eingezogen hatte, blieb ihm nur der Wunſch, ſo einen nichtsnutzigen Bewohner des Hauſes fortzuſchafſen. Er hielt ihm eine Predigt uͤber das Unrechtliche ſeines Verfahrens, gab ihm einen Brief an ſeinen Geſchaͤftsfuͤhrer, das Geld auszuzahlen und eine Acte uͤber die jaͤhrliche Rente aufzuſetzen, dann wartete er blos noch, bis er ihn aus dem Schloſſe ent— fernt ſah, und theilte nun erſt Gertruden das gluckliche Reſultat mit. eie e! e ich rige Me b chen Euch waren ande hatt ſte öthi der uſei do Brif mund dunn e en⸗ lih Dreißigſtes Kapitel. Je jünger wir ſind, deſto weniger Ergebung haben wlr; denn in der Jugend rechnet man immer auf Glück und glaubt ein Recht darauf zu haben und wird bei dem Gedanken empört, wenn man es nicht erlangt. Fr. von Stael. Einige Zeit glaubte Gertrude wieder in dem Beſitz aller verlornen Guͤter zu ſeyn, ſo viel Freude machte es ihr, nicht als die Tochter des Mannes dazuſtehen, den ſie ſo im Innern verabſcheute. Alles Elend ſchien ihr einen Augenbick lang leicht, wenn ſie es mit dem verglich, welchem ſie ſo eben entgangen war. Sie konnte nicht Worte ſinden, Lyndſay'n fuͤr ſeine edle Vermittlung zu danken, obſchon die letztere ihr nur zum Theil bekannt war. Aber ihr Blick, ihre Thraͤnen, ihre halb erſtickten Ausrufungen ſprachen das Gefuͤhl ihres Herzens deſto maͤchtiger aus. Indeſſen der erſte Rauſch der Freude war voruͤber und mancher bittere Gedanke tauchte nun auf. Sie war doch im⸗ mer das gefallene, geſtuͤrzte, abhaͤngige Weſen, ohne Heimath, ohne einen Freund, als ihn, ihn, dem ſie . 266 Alles ſchuldig war, und Delmour!— Doch an Del⸗ mour wollte ſie nicht denken. Warten wollte ſie mit aller jener unnatuͤrlichen Gelaſſenheit und Geduld, welche darum nichts von Ergebung in das Schickſal weiß, bis ſie Nachricht von ihm erhalten wuͤrde. Dann— ach, ihr Herz erbebte, wenn ſie dachte, was dann daraus hervorgehen möchte! Lyndſay ſchien zu errathen, was in ihrem Herzen vorging, und darum ſagte er nicht ohne einige Verle⸗ genheit: „Muͤſſen nicht auch Andere, welche gleich Ihnen hinter das Licht gefuͤhrt wurden, aus dem Irrthume geriſſen werden! Soll ich dieſe Pflicht ſtatt Ihrer uͤbernehmen! Soll ich ſchreiben—“ Er hielt inne. Gertrude wußte wohl, wen er im Sinne hatte. Jetzt wuͤnſchte ſie, daß Delmour in der That Nachricht bekame, wie ſie nicht die Tochter des ſchrecklichen Lewiſtons ſey; aber im naͤchſten Au⸗ genblick verwarf ſie wieder den Gedanken. „Nein,“ dachte ſie,„ich will nicht den Schein haben, als bettle ich um Nachricht. Als Erbin von Roßville ſuchte ich meinen Ruhm darin, es laut zu ſagen, daß ich ihm den Vorzug gebe. Die arme, hei⸗ mathloſe Gertrude muß er nun ſuchen. Brechen mag mein Herz, aber kriechen ſoll es nicht! Ich will war⸗ ten— ihm Alles ſeyn oder nichts!“ Doch kaum konnte ſie Athem ſchopfen, als ſie Lyndſay'n auch ſagte:„Ich will warten!“ Aber nach einer kleinen Del⸗ te ſi duld, ickſal irde. we lzen zerle⸗ Ihnen thum Ihrer ven e ut in ochter Al⸗ Zchein n boh ut ſ e hi⸗ nmh lwa⸗ kaun a kleiot Weile ſetzte ſie noch hinzu und ward feuerroth:„Ma⸗ chen Sie es, wie Sie es fuͤr's beſte halten!“ Und Lyndſay's edler, uneigennuͤtziger Sinn, nur von dem gewichtigen Satze geleitet: handle gegen An⸗ dere, wie ſie gegen dich ſelbſt, nach deinem Wunſche, handeln ſollten! eilte gleich zu ſchreiben, Delmourn mit der ganzen Sache bekannt zu machen. Er wußte gewiß, daß Delmour nie mit Gertruden eine Verbin⸗ dung geſchloſſen haben wuͤrde, inſofern ſie Lewiſtons Tochter war. Ob er aber nun ſeine Verpflichtung eingehen wuͤrde, wie jetzt ihre Stellung war, blieb noch eine ungewiſſe Frage. In jedem Falle war man ſchuldig, ihn aus dem Irrthume zu bringen. Zwar begriff und billigte er den zarten Sinn, der Gertru⸗ den zu ſchweigen gebot, aber deſto mehr lag es ihm ob, die Wahrheit zu enthuͤllen. Er ſchrieb alſo ganz einfach und kurz den ganzen Vorgang auf, ohne auf irgend Etwas anzuſpielen, irgend eine Einzelnheit zu bemerken. Als der Brief fort war, harrte er auf die Antwort faſt eben ſo unruhig, als Gertrude ſelbſt. Wäͤhrend der Zeit war Doktor Bruce, die Schwe⸗ ſter und der Bruder der Madame St. Clair ange⸗ kommen und Lyndſay hatte das ſchmerzliche Geſchäft, den beiden Letztern die ſtrafbare Handlung zu entdecken, was er in der ſchonendſten, zarteſten Weiſe that. So ſehr er aber auch ihre Gefuͤhle zu ſchonen bemuͤht war, immer blieb es ihm doch unmöglich, die ungluckliche That ganz zu mildern. Sie wirkte wie ein Donner— ſchlag auf ſie. Beide wurden, obſchon nach Maßgabe 268 ihrer Geſinnungen und Gefuhle verſchieden, erſchuͤttert. Als der erſte Eindruck voruͤber war, traf man die Ver⸗ abredung, daß Miß Black in Roßville bleiben und vorerſt die Pflege ihrer Schweſter uͤbernehmen ſolle, denn der Zuſtand der Letztern war ſchlimm genug, jede feindſelige Geſinnung zu entwaffnen, haͤtte auch eine ſolche im Buſen ihrer Schweſter Platz gefunden. Die Letztere ſprach mit Betrübniß, nicht voll Bitterkeit von dem Ungluͤck, das ihrer Familie wieder⸗ fahren ſey. Lyndſay hoffte, ihr ſanfter, ſtiller Sinn koͤnne Gertrudens heftigern Schmerz befiegen, allein dieſe wollte ſie nicht vorlaſſen. „Nein,“ rief ſie Lyndſay'n heftig entgegen, daß ihre ganze Huͤlle dabei erſchuͤttert war,„verlangen Sie nicht von mir, daß ich die Schweſter von der— ſehen ſoll, die mich— nie verlangen Sie das!“ Sie konnte nicht weiter ſprechen. „Aber Sie vergeben ihr doch, Gertrude?“ fragte Lyndſay.. Gertrude ſchwieg einige Augenblicke; dann brach ſie wieder heftig aus: „O, es iſt ſchrecklich, ſo gegen die Natur ge⸗ kampft, immer geſtrebt zu haben, ſie als Mutter zu lieben, die meine bitterſte Feindin war! Sie hat die Bande zerriſſen, welche Gott ſelbſt geknuͤpft hatte!— Meine Mutter!— Nie lernte ich ſie als ſolche ken⸗ nen. Sanft und ohne Murren war ſie, und ich be⸗, handelte ſie als meine Magd!— O, Gott mag ittt. e Pr⸗ n und ſole, gen e ac funden ſt vol wieder⸗ Sinn alli eR, dii rlane der— das!“ fraht n bnh tur 9 utter ji het i ite— che ſi⸗ ich 269 mir vergeben, aber verlangen Sie nicht, daß ich ihr vergeben ſoll!“ „Gertrude, ach, ſo ſprach der nicht, der uns be⸗ ten lehrte: vergieb uns unſere Schuld!“ Gertrude antwortete nur mit heißen Thraͤnen. „Theueres Maͤdchen, Sie waren eine Heldin! Wollen Sie nicht auch verzeihen? Laſſen Sie mich nicht glauben, daß Sie mehr Herzens große, als Herzens guͤte haben!“ „Fuͤr Sie koͤnnte ich viel thun— ſelbſt dieſes wuͤrde ich thun, wenn ich— es vermöchte! Aber ich bin es nicht im Stande!— Nennen Sie— nein, nennen Sie mir ihren Namen nicht!“ xief ſie und preßte heftig ihre Bruſt zuſammen, als wollte ſie den Aufruhr in ihrem Innern unterdruͤcken.„Sie war es, die mich zu dem elenden, herabgewuͤrdigten, un⸗ glucklichen Weſen machte, das ich jetzt bin und immer ſeyn werde!“ „Wie tauſchen Sie ſich, gute Gertrude!— Ich hatte mir geſchmeichelt, daß jene Seelengröße, die Sie beſtimmte, Alles hinzugeben, was Ihnen das Werth⸗ vollſte auf Erden ſchien, Ihnen zu gleicher Zeit die Nichtigkeit aller dieſer blos irdiſchen Gegenſtände dar⸗ gethan häͤtte!— Undankbare— die Sie ſind! Welche von allen den Gaben, mit denen Sie der freigebige Schoͤpfer ſchmuͤckte, wuͤrden Sie wohl fuͤr alle jene leeren Auszeichnungen opfern, die ein Menſch dem andern beilegt?— Wuͤrden Sie Ihre Schonheit fuͤr den Adel, Ihre Talente fuͤr Reichthum, Ihre Seelen⸗ größe füͤr Macht— und wuͤrden Sie fuͤr alle dieſe Dinge Ihre unſterbliche Seele tauſchen?— Ach, Gertrude, was kommt denn darauf an, mit welchem Namen wir auf der kurzen irdiſchen Pilgerfahrt be⸗ zeichnet ſind?— Sind wir hier auf Erden, um uns zu einem unſterblichen Leben vorzubereiten, das ich fuͤr das alleinige Ziel unſeres Daſeyns halte: dann iſt auch Alles, was wir hier dulden, nur ein Mittel fuͤr dieſen Zweck! Schreiben Sie daher dieſe Leiden, ſo hart ſie auch ſeyn mogen, nicht auf Rechnung eines Weſens, wie Sie ſelbſt ſind. Sehen Sie dieſelben als Werkzeuge in der Hand Gottes an, der Sie viel⸗ leicht dadurch auf den Weg zu ſich leiten will! Selbſt auf dieſer Erde noch, Gertrude, koͤnnen Sie es erle⸗ ben, wie Sie mit Freuden erndten, was Sie in Thrä⸗ nen ſaͤeten, ſobald Sie nur das Gluͤck da ſuchen, wo es allein zu finden iſt!“ Gertrude ſchüttelte das Haupt und weinte immer fort; aber ihre Thränen wurden wohlthuender, ihr Schmerz tobte minder. Lyndſay wußte nichts von dem unbeſonnenen Un⸗ geſtuͤm, der aus irrigem Eifer das Rohr zerbricht und den glimmenden Funken erſtickt. Er wollte nicht den Boden zu gleicher Zeit gepfluͤgt, den Samen einge⸗ ſtreut, die Erndte gehalten ſehen. Wehl aber baute er darauf, daß Gottes Wahrheit Frieden der Seele ſchafſen werde, die noch unter der Laſt, welche ihr auferlegt war, beinahe erlag; daß ein Herz, jetzt von Gott gezuͤchtigt, uͤber den Wechſel der Vergaͤnglichkeit le dieſ U velchen hrt be⸗ m un ich fir ann iſ ttel fü Nn, ſ g eine ieſelben ie viet Selht es erl⸗ n Zhi⸗ en, wo imm er, ih nen lM icht u icht do eing⸗ er haut rSte che i ſü —27 erhaben aufſtehen werde, wenn es ſich zu den Fuͤßen ſeines Thrones niederwerfe und Ihn in allen ſeinen Werken erkenne! 6 „O Tugend,“ dachte er,„wenn dieſe irdiſche Herrlichkeit nicht mehr iſt, wenn aller Unterſchied ver⸗ ſchwand, den nicht du und Religion geben, wenn der Mond nicht mehr eine Leuchte bei Nacht, noch die Sonne bei Tage iſt: dann wirſt du den Untergang der Welt uͤberleben und gleich deinem großen Meiſter in vollkommener Schoͤnheit ſtrahlen. Unvermindert wird dein Glanz, und unvernichtet dein Ruhm bleiben!“ —— 8 — Einunddreißigſtes Kapitel. Der Streich, der deine Hoffnung hat vernichtet, Schmerzt vielleicht mehr, als einer nur; Denn wer auf Hoffnung hat verzichtet, Sieht nichts, als der Verzweiflung Spur! Barton. Gettrude empfand nun alle Qualen der Ungewißheit in ihrem ganzen Umfange. Unruhig und ohne Raſt ging ſie in ihrem Zimmer auf und ab und fuhr bei jedem Schalle zuſammen und hielt inne, mit gehemm⸗ tem Athem zu lauſchen, dann druckte ſie wieder das klopfende Herz, als hätte ſie durch die darauf liegende Hand den Sturm darin ſtillen konnen! „Warum dulde ich dies? Warum unterwerfe ich mich der Qual?“ fragte ſie ſich, als ſie zur Erde niederſah, denn ſie ſchämte ſich der Thränen, wo⸗ mit ſie eben das Bild des Geliebten betrachtet und befeuchtet hatte.„Er hat mich verlaſſen und— zu welcher Zeit!— Nein, ich will nicht warten, bis er mich zuruckſtößt, mich verwirft, gleich einem gemeinen, ur! ton wißhet e Rſt uhr hei hemm⸗ er de iegende uwert ſie ſu n w⸗ et und — bö weineh 273 nutzloſen Dinge! Ich will gehen und muͤßte ich das Brot erbetteln!“ Und fuͤr einen Augenblick faßte ſie den verzwei⸗ felten Entſchluß, Roßville heimlich zu verlaſſenz wohin ſie fliehen wollte— darum kuͤmmerte ſie ſich nicht. Einen Ort hoffte ſie wohl zu finden, wo ſie das muͤde Haupt hinlegen könne, bis der Tod ihre Augen ſchließen wuͤrde. Doch dann bebte ſie vor dem unſin⸗ nig entworfenen Plane zuruͤck. Sie fuͤhlte, daß ſie ſich nicht unter den gemeinen Troß miſchen konne. Jung, ausgezeichnet, zart erzogen— wo konnte ſie einen Zufluchtsort ſinden? Lyndſay hatte ihr freilich eine Heimath angeboten; aber ihr Geiſt erlag ſchon der Buͤrde des Dankes, den ſie ihm ſchuldig war. Mit jener Ebbe und Fluth der Gedanken, die immer nach heftiger Anſtrengung zu kommen pflegt, erwachte wieder der Glaube an Delmour. Ja, aus Liebe zu ihr mußte er ſo fortgetrieben worden ſeyn! Nicht jene Selbſtſucht war ihm eigen— tauſendmal hatte er es ja geſagt!— daß er den Gegenſtand ſeiner Liebe in ungluckliche Armuth ſtuͤrzen wuͤrde. Und arm war er, das wußte ſie; ſelbſt Schulden hatte er. Unmoglichkeit war es fuͤr ihn, ſie als ſein Weib auftreten zu laſſen; aber zum Bruder war er des⸗ halb gegangen, daß dieſer für beide ſorge, und kom⸗ men wuͤrde er nun— Ja, kommen und ſie die Sei⸗ nige nennen! So ſprach Gertrude mit ſich ſelbſt, bald eine Beute der Verzweiflung, bald in leeren, phantaſtiſchen III. 18 —— ——————— ——— Träumereien verloren. Ihnen nachzuhaͤngen, ſelbſt wenn ſie verwirklicht wurden, blieb Thorheit. Aber ihre Unruhe verminderte ſich ſogar dann nicht, als ſie am dritten Morgen nach Delmours Abreiſe erfuhr, daß ſein älterer Bruder— geſtorben ſey. Gertrudens richtiges Gefuͤhl war nicht ſo abge⸗ ſtumpft, um dies Ereigniß ohne eine Miſchung von Schmerz und Kummer zu erfahren. Die Lehre, welche ſich daraus ergab, traf zu ſehr ihr Herz. Mit Thrä⸗ nen kam ſie jetzt zur Ueberzeugung, wie eitel alle Pracht der Welt, alle ihre Eitelkeit, aller Ahnenſtolz iſt. Kniend flehte ſie jetzt zum Himmel, mit aller Demuth eines zerknirſchten Geiſtes, eines erwachten Herzens. Lyndſay unterließ nicht, die Gelegenheit zu be⸗ nutzen und der feierlichen Lehre noch mehr Kraft zu verleihen, welche ihren beruhigenden Einfluß in Ger⸗ trudens zerriſſenes Gemuͤth ergoß. Es bedurfte ja jetzt in der That keines hohen religiöſen Sinnes, um in ſolchem Augenblicke zu fuͤhlen, wie nichtsbedeutend alle menſchliche Groͤße ſey, um laut zu ſagen, daß alle Groͤße eitel Dunſt, alle Freude der Erde Taͤuſchung, alle ihr Verſprechen Falſchheit iſt, da der, an dem ſie nun Alles, was die Welt beſaß, verſchwendet hatte, nun da lag, als habe ſie mit ihm ihren Spott ge⸗ trieben! Doch ſolche heilſame Gedanken waren in Ger⸗ trudens Herzen nur wandernde Fremdlinge. Kaum war die erſte Erſchuͤtterung voruͤber, ſo daͤmmerten „ſilſt e als ſie erfuhr, o abe⸗ ing von „welche tel al nenſtel it alle wachten zu be⸗ ft zu in Ge⸗ um i end all daß al uſchuh dem ſi t hate, ott g⸗ n Gr⸗ Kaun nmerte 275 glaͤnzendere Vorſtellungen aus der Aſche des Todten ſelbſt auf⸗ Selbſt jetzt, wo Gram und Schmerz ſich ſo vereint, Die Wahrheit ſchrecklich vor ihr ſtand; Sie einen fremden Geiſt zu ſehen meint, und an die Welt ſich jeder Sinn neu bannt. Es irrt ihr Fuß herum in Labirynthen, Kann in der Thorheit Bahn ſich nicht zurecht mehr ſinden. Ihr Herz huͤpfte aufs neue, denn ſie dachte, daß ihr Geliebter jetzt Graf von Roßville, daß er alſo im Stande und— konnte ſie denn daran zwei⸗ feln?— willig ſey, ihr Alles zu erſtatten, was ſie verloren hatte? Sie haͤtte fuͤr ihn Allem entſagt; ſie hatte die Probe beſtanden und tauſend, ja zehn⸗ tauſendmal hoͤrte ſie ihn ja den Wunſch äußern, daß es in ſeiner Macht liegen moͤge, ihr die Uneigennuͤtzig⸗ keit ſeiner Liebe auch ſeinerſeits zu beweiſen! Jetzt war der Ungewißheit kein Spielraum mehr vergonnt. Hatte er nicht gewuͤnſcht, ſie in die Ent⸗ behrungen und die Leiden der Armuth zu verwickeln, ſo konnte er ja nun jauchzen und ſie wieder zu der Höhe erheben, von welcher ſie herabgeſtiegen war! Heitere und eitler Ehre volle Traͤume ſchwebten wieder vor denſelben Augen, die noch von Thränen der Reue uͤber fruͤhere Thorheiten feucht waren! Jetzt wurde die Zoͤgerung zur kaum erträglichen Ungeduld, denn Tage zahlte ſie und die Stunden, welche noch vergehen mußten, ehe ſie Gewißheit von des Geliebten Treue hatte. Aber— endlich war die 18* 236 Zeit da, wo ſie von ihm hoͤren konnte, und— es kam kein Brief. Ein Tag verging und wieder einer und noch einer, und jeder Augenblick eines ſolchen war ein Menſchenalter fuͤr Gertrudens klopfendes, gequaͤltes Herz, denn ein Meer von Zweifeln ſtuͤrmte wieder darauf ein und die ſinkende Hoffnung ſchlich wie Gift durch ihre Adern! Doch wer kann das Klopfen des einſamen Herzens zaͤhlen! Wiederum hatte ſie am Fenſter des ankommen⸗ den Poſtbotens gewartet, wieder hielt ſie den Athem an, um dem Fußtritt zu lauſchen, mit dem ihr der Brief gebracht werden ſollte, von welchem ihr Daſeyn abzuhaͤngen ſchien, doch eine lange, duͤſtere Pauſe folgte. Endlich wurde dieſe von Lyndſay zu Ende gebracht⸗ Er ließ um eine Unterredung bitten. Es iſt ein Ungluͤck vorgefallen!“ dachte ſie.„Er iſt todt oder—“ Sie konnte den Gedanken nicht einmal im Bilde vollenden. Bleich, zitternd, nach Luft haſchend, ſchwankte ſie in die Bibliothek, wo er ſie ſeiner Anmeldung nach erwartete. Ihre Erſchuͤtterung war zu heftig, um die von Lyndſay bemerken zu koͤnnen, der ihr, ſie zu bewill⸗ kommnen, entgegenging und gern mit ihr geſprochen haͤtte, waͤhrend ihm die Worte auf den Lippen erſtar⸗ ben. Gertrude ſah ihn endlich an— Schmerz mel⸗ dete ſich nicht in ſeinen Zuͤgen und— doch auch nicht Freude. Es war ein ſonderbarer Ausdruck, der ſeine ſonſt gewoͤhnlich heitere Miene bewegte, und ſie bemuͤhte ſich umſonſt, ihn zu deuten. Jetzt nahm er ihre Hand, d— der eine hen wn eguälte wiede vie Gift pfen des ommeſ⸗ Athen ihr der Daſih ſe fot gebcht je.„6t en nich d, n „wo die bo) nbewil eſproch nerſi etz m uch nih der ſint bemiht hin aber mit einer groͤßern Achtung, mit einem viel be⸗ ſcheidnern Weſen, als er ſonſt gegen fie zu zeigen pflegte, da er bisher immer auf dem vertraulichen Fuße eines Freundes geſtanden hatte. „Sie wiſſen es— Sie wiſſen es, Lyndſay?“ rief Gertrude, aber mehr konnte ſie nicht herausbringen. „Ich weiß Alles!“ antwortete er mit einer Un⸗ ruhe, die er vergeblich zu beherrſchen ſuchte.—„Ger⸗ trude, theuerſte Gertrude!“— Er drehte ſich weg und ging verſtoͤrt einigemal im Zimmer auf und ab. Gertrude konnte keinen Schritt thun, bleich und ſprach⸗ los ſtand ſie da. Plötzlich kam er wieder zu ihr und ſteckte einen Brief in ihre Haͤnde, die er feſt in den ſeinigen umſchloſſen hielt. Mit bebender Stimme ſagte er: „Ich kann Ihnen nicht ſchildern, was ich jetzt fuͤhle. Koͤnnen Sie aber jetzt uͤberhaupt einen Gedan⸗ ken an mich faſſen, ſo halten Sie mich fuͤr Ihren treueſten, feſteſten Freund, der jedes Ihrer Gefuͤhle theilt!“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Ger⸗ trude wußte kaum, was er geſprochen hatte, denn ein Blick des Auges ſagte ihr gleich, der Brief ſey— von Delmourn. Er war offen und adreſſirt an Lynd⸗ ſay. Mit dem Muthe der Verzweiflung ſchlug ſie ihn auseinander und las nur anfangs mit klopfendem Her⸗ zen, mit zitternder Hand; aber wie ſie fortfuhr, wurde jeder Nerve, jede Fiber wie in Stein verwandelt. Es lautete der Brief: „Theuerer Lyndſay!“ „Die traurige Kunde von meines beweinten Bruders Tod wird Sie wohl ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen erreicht haben. Dies und der herzzerreißende Auftritt, den ich in Roßville erlebte, war beinahe zu viel fuͤr mich, und mag mir zur Entſchuldigung dienen, daß ich Ihren Brief zu beantworten ſo lange anſtand. Vielleicht hatte aber auch ein ande⸗ rer, noch maͤchtigerer Grund dabei die Hand im Spiele. Ihnen denſelben zu eroͤffnen, ſtehe ich nicht an. Es iſt mein herzlichſter Wunſch, ihr Gerech⸗ tigkeit widerfahren zu laſſen, welche mir noch immer theurer iſt, als das Leben. Es braͤchte mich der Gedanke, ſie verlaſſen zu muͤſſen, zur Verzweiflung; und dennoch wage ich es fuͤr den Augenblick nicht, ſie mein zu nennen. Daß ſie mein iſt und im⸗ mer in meinem Herzen bleibt, weiß der Himmelz wie ich ganz in dem ihrigen lebe, iſt mir wohl bekannt. Aber unter den Umſtaͤnden, in wel⸗ chen wir jetzt beide ſind, ware es Thorheit, wäre es Tollheit— kurz, Sie muͤſſen einſehen, mit wel⸗ chen Hinderniſſen ich jetzt zu kaͤmpfen habe. Es iſt Ihnen bekannt, und ich ſtehe gar nicht an, dies Bekenntniß abzulegen, wie ich Geburt als die wich⸗ tigſte Auszeichnung betrachte. Ich mache auch, glaube ich, in meiner Anſicht von dieſem Gegen⸗ ſtande keine beſondere Ausnahme; zum mindeſten weiß ich, daß mein Onkel, der Herzog, den ich ein⸗ mal daruͤber auszuforſchen bemuͤht war, ſeine Mei⸗ veinten en ⸗ eißende beinaht digun ten ſ ande⸗ nd in h nicht Herech⸗ imme ich de iftung; nicht d in⸗ mmel wohl we „win it we⸗ n di uic⸗ auch Gegl ndeſi il⸗ Mi⸗ nung noch beſtimmter ausſprach. Es zeigt derſelbe jetzt eine ſehr hinfällige Geſundheit. Da er nun großen Einfluß hat, mag ich, offen geſagt, jetzt mit ihm nicht in Streit kommen. Sie wiſſen auch, daß die Guͤter von Roßville, ſo bedeutend ſie ſind, ſich im letztern Jahre doch nicht ergiebig genug zeig⸗ ten, um den Glanz einer Familie zu ſichern, daß deshalb auch bedeutende Schulden gemacht wurden. Ich bin weit entfernt, nur im mindeſten damit et⸗ was gegen den theuern Gegenſtand meiner Liebe andeuten zu wollen, denn wenn hier ein Tadel zu äußern wäre, ſo wuͤrde er vielleicht mit groͤßerm Rechte mich treffen. Sie lebte blos, wie es ihr Rang mit ſich brachte, und wie ich ſelbſt verlangen wuͤrde, wenn ſie meine Gemahlin waͤre. Aber ich erwaͤhne es, um Ihnen zu zeigen, daß ich jetzt weit entfernt bin, unabhängig zu ſeyn. Schon meine Schulden— unter andern ſelbſt die, welche ich bei Ihnen abzutragen habe, theuerer Lyndſay!— ſind von einiger Bedeutung.“. „Beides zuſammengenommen, laſſen mir uͤber das, was ich zu thun habe, wenn ich nur einiger⸗ maßen verſtändig ſeyn will, wenig Wahl uͤbrig. So ſchmetzlich es auch fuͤr mich iſt, ſo ſehe ich mich doch genöthigt, fuͤr den Augenblick die Hoff⸗ nungen fahren zu laſſen, welche ſo lange das Gluͤck meines Lebens bildeten, und die ich immer, trotz dem Geſchick jetzt, pflegen will. Es kann ja 260 3 wohl, hoffe ich, die Zeit kommen, wo ſolche herzzer⸗ reißende Wahl nicht nöthig ſeyn wird.“ „Waͤhrend deſſen aber liegt mir aͤußerſt viel daran, daß Alles, was zur Beruhigung, zum Troſte meiner angebeteten Gertrude geſchehen kann„ aufge⸗ boten wird. Ich erſuche Sie daher, ſie zu be⸗ ſtimmen, daß ſie in Roßville bleibt. Meine Abſicht iſt, fuͤr ein oder zwei Jahre auf Reiſen zu gehen. O, es wird weſentlich zu meiner Ruhe beitragen, wenn ich weiß, daß ſie noch hier Herrin und im ſ Beſitze aller der Genuͤſſe iſt, die ſie, wie ich weiß, ſo hoch ſchätzt. Ich muß ſchon Ihre guͤtige Ver⸗ mittlung in Anſpruch nehmen, daß Alles auf dieſen Fuß abgeſchloſſen wird. Laſſen Sie ihr die Wahl, 1 wer noch bei ihr ſeyn ſoll, und wäre ſie geſonnen, einen andern Aufenthalt vorzuziehen, ſo machen Sie dies auf die freigebigſte Art ab. Ich lege einen Creditbrief von Goldſmith beiz Sie koͤnnen alſo für meine Rechnung ziehen, ſo viel Sie brau⸗ chen. Nur laſſen Sie es an Nichts fehlen, was in 11 irgend einer Art ein Leben verſchonern kann, das leider, gleich dem meinigen, ich furchte es nur zu ſehr, ſehr ſchmerzlich ſeyn wird! Ihnen, theuerer Lyndſay, uͤbergebe ich meinen Schatz; auf Ihre Freundſchaft ſetze ich mein ganzes Vertrauen. Ich weiß, daß ſie mich liebt, daß ihr Herz ganz mein iſt, und ich— doch wer hätte Gertruden geliebt und könnte eine Andere lieben— ich will mich be⸗ muͤhen, ihr ſelbſt zu ſchreiben, wenn meine Nerven i vil Troſe aufge⸗ zu be⸗ Alſcht gehen. ragen, nd im weiß, e Per⸗ dieſen Wehl, onnen, nachen lee önnen hrau⸗ vö in „dos ur 3 euetet F 35 mein gelilt h b⸗ ſerbo wirder einige Kraft bekommen haben. Jetzt können Sie aus meiner unleſerlichen Handſchrift am beſten urtheilen, in welcher Stimmung ich bin. Schrei⸗ ben Sie mir, lieber Lyndſay, ich bitte Sie darum, melden Sie mir, wie ſich meine theuere Geliebte benimmt. Mit umgehender Poſt ſchreiben Sie mir — melden Sie Alles und rechnen Sie auf Ihren zaͤrtlichen Roßville.“ „N. S. Mein Advokat wird die nothwen⸗ digen Maßregeln beſorgen, meine Rechte anerkennen zu laſſen. Bemuͤhen Sie ſich, bei der Gelegenheit, das Herz der armen Gertrude ſo viel als möglich zu ſchonen.“ Zweiunddreißigſtes Kapitel. —— Weg! Weg! Hat Leben Noch einen Reiz für mich! Kein Vaterland, Kein Haus blieb mir, dem Elend zu entrinnen! Euripides. So lautete der Brief, und als Gertrude zu Ende war, ſah ſie mit wehmuthsvollem Blicke zum Himmel auf, leiſe ſprechend: „Fuͤr ihn, mein Gott, hätt' ich Alles aufgeopfert. Du weißt es, daß ich es wollte!“ Wie ſie den Jammer, der ihr Herz zerriß, haͤtte nennen ſollen, waͤr' ihr unmöglich geweſen. Aber mit Ruhe in ihren Zuͤgen, die brennende Wange, die be⸗ bende Lippe allein abgerechnet, ging ſie in das anſto⸗ ßende Zimmer, wo Lyndſay mit der geſpannteſten Un⸗ ruhe erwartete, welchen Eindruck ſeine Mittheilung machen wuͤrde; Gertrude gab ihm den Brief zuruͤck, blos das Haupt ein wenig neigend. Allein er ſah, wie thraͤnenleer ihr Auge war, wie ſie ſtolzer auftrat, als ſie ſonſt zu thun pflegte. Sie ging nach der auf der — u Ee Hinm gebpfirt ß, hitn Abet mi die l⸗ s anft⸗ ſen Un thein fz juii ſch, n trat/ i aufd del andern Seite beſindlichen Thuͤre, welche zur Reihe ih⸗ rer Zimmer fuͤhrte. Lyndſay machte keinen Verſuch, ſie zuruͤckzuhalten. Als ſie ſchon das Schloß in der Hand hatte, kam ſie noch einmal zuruͤck, trat vor Lyndſay, nahm ſeine Hand, druͤckte ſie feſt zwiſchen die ihrigen und ſagte: „Mein theuerer— mein einziger Freund! Möge Gott Sie ſegnen!“ „Warum ſprechen Sie jetzt ſo?“ rief Lyndſay, denn er wußte ſelbſt nicht, was von der unnatuͤrlichen Ruhe in ihrem Weſen zu fuͤrchten war. „Weil— weil mir dies mein Gefuͤhl eingiebt!“ erwiederte Gertrude ſeufzend, als ſey ihr Herz ge⸗ brochen. „Und ich— kann ich denn Alles ſagen, was ich fuͤr Sie fuͤhle?“ „Nein!— Warum ſollten Sie meinetwegen unruhig ſeyn! Aber nie werde ich vergeſſen, wie gut Sie es mit mir meinten!“ Mit einer ſonderbaren Ruhe gab ſie dieſe Ant⸗ wort. Eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als ſie ſich entfernte; Lyndſay verſuchte ſie zuruͤckzuhalten und rief: „Sprechen Sie— ſagen Sie nur, was Sie von mir zu Ihrem Beſten gethan wuͤnſchenz was ich thun ſoll, Sie ſicher zu ſtellen?“ Gertrude machte ſich ſanft von ihm los. „Ich bleibe nicht hier,“ erklaͤrte ſie feſt,„aber ich muß noch einige Anordnungen treffen, bevor ich gehe. Suchen Sie nicht, mich zuruͤckzuhalten!“ „Wo wollen Sie hin, Theure?— Mein Haus iſt das Ihrige und meine Tante—“ „In Ihr Haus gehe ich nicht, Eduard!“ war die Antwort, aber mit zitternder Stimme gegeben. Sie ſuchte aufs neue ihre Faſſung wieder zu gewin⸗ nen. Schnell ſetzte ſie hinzu:„Ich weiß nicht, wo⸗ hin ich gehen werde.— Ich muß Zeit haben— Vorkehrungen treffen— hier kann ich keine Luft mehr finden!“— Sie ſuchte Athem zu ſchoͤpfen, dann winkte ſie nach einmal, Abſchied nehmend, und ſchnell verſchwand ſie im andern Zimmer. Noch verließ Gertruden, als ſie ſolche Vorberei⸗ tungen traf, die Kraft nicht. Aber ſie nahm fuͤr Standhaftigkeit, was an ſich ſelbſt blos See⸗ lenangſt war. Sie war von einer unnatuͤrlichen Spannung belebt. Nur für einen Gedanken war ſie beſeelt: verlaſſen von ihm zu ſeyn, fuͤr den ſie die ganze Welt geopfert haͤtte, den ſie durch jede Ver⸗ pflichtung, jedes Gebot der Ehre, jedes Gefuͤhl des Herzens unauflöslich an ſich gekettet waͤhnte. Er hatte es gewagt, ſie zu kraͤnken— zu vermuthen, daß ſie bereit ſeyn werde, ihm eine Unterſtuͤtzung zu verdanken! Er hielt ſie nicht werth, ſein Weib zu ſeyn, und konnte verlangen, daß ſie ſein Almoſen nehmen würde!— Von ſeiner Barmherzigkeit zu le⸗ ben! Gekleidet, geſpeiſt zu werden von ihm! Ab⸗ hängig zu leben auf dem Schauplatze, den ſie in der or ich Haus wat egeben. gewin⸗ t, wo⸗ en— tmehr donn ſchnel orhetei⸗ fir Ser⸗ iulchen war ſi ſie de e Vet⸗ hl de Et muthen, ung eib moſen zu e⸗ in d 285 vollen Mittagsſonne des Gluͤcks geſehen hatte!— Das konnte ſie nicht! Was ihr zu thun bleibe, zog ſie ſo wenig in Betracht, als wohin ſie gehen wolle. Es galt ihr gleich, kam ſie nur aus Roßville fort. Sie wollte arbeiten— betteln, verhungern, nur nicht ein erbaͤrmliches Gnadenbrot eſſen! Doch ach— Gertrude kannte das Leben und ſeine Verhaͤltniſſe nicht, als ſie ſolchen Gedanken nach⸗ hing. Sie wußte nichts von den mancherlei Arten und Graden, wodurch jedes menſchliche Weſen, ſelbſt das von dem ſtolzeſten Gefuͤhle der Unabhäͤngigkeit be⸗ ſeelte, an Andere mehr oder weniger gekettet iſt. Sie ſehnte ſich nur, der Demuͤthigung zu entgehen, die ſie fuͤhlte. Jeder andere Gedanke ging in dieſem ein⸗ zigen auf. Doch als ihre Vorkehrungen zu Ende waren, trat das furchtbare Gefuͤhl des Alleinſeyns ihr entgegen. Krampfhaft druͤckte ſie die pochenden Schlaͤfe zuſam⸗ men, als ſie den Kopf auf die Hand legte und ſich umſonſt auszudenken bemuͤhte, wohin— zu wem ſie gehen ſollte. Die ganze Welt lag ihrer Wahl offen, denn ſie hatte kein Recht auf irgend ein ein⸗ zelnes Weſen; und wer nahm wohl ſie, die Herab⸗ geſtuͤrzte, Gedemuͤthigte, Erniedrigte in Anſpruch? Nie⸗ mand als der edle, großherzige Lyndſay. Aber er war der Letzte, zu dem ſie ihre Zuflucht nehmen mochte. Sie konnte es nicht ertragen, daß er ſie in ihrer Ar⸗ muth ſaͤhe; er wußte, wie ſie zuruͤckgeſtoßen, ver⸗ ſchmaht war. Er hatte geſehen, wie ihr Herz, einſt 2 66 ſo heiß geſucht, mit ſo viel Gefuͤhl des Stolzes ge⸗ wonnen, jetzt wie ein nichtswuͤrdiges Ding weggewor⸗ fen wurde. Sie ward in dieſem innern Kampfe durch ihr hereinkommendes Maͤdchen geſtört, welches ihr meldete, daß Herr Ramſay im Saale ſey und mit ihr ſprechen wolle. „Ich mag ihn nicht ſehen— Niemanden will ich ſehen!“ Doch aufs neue traten ihr alle Schreck⸗ niſſe entgegen, daß ſie nicht weiter konnte. „Meine Gnaͤdigſte—“ rief die Maſham. „Nenne mich nicht ſo. Ich bin nichts mehr! Wenn ich fort bin, wirſt Du Alles erfahren!— Fort bin? Aber wohin? Zu wem?“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt. Plötzlich entſchloß ſie ſich, Herrn Ramſay zu ſehen. Er wuͤrde ſie doch von Roßville mit fortneh⸗ men. Wohin, war gleich. Lange nachzudenken wagte ſie nicht. Schnell eilte ſie in den großen Saal, von den heftigſten Gefuͤhlen beſtürmt. Ramſay war von Herrn Black mit der Entdek⸗ kung, welche ſtatt gefunden hatte, bekannt gemacht worden. Eine Zeit lang blieb der Zorn gegen Ma⸗ dame St. Clair die einzige Leidenſchaft, welche in ſei⸗ ner Bruſt Platz fand; allein als ſie nun etwas nach⸗ ließ, erwachte allmaͤhlig doch das Mitleid gegen das Opfer ihrer Schuld und endlich wandelte ſich ſogar dies ſeltene Gefuͤhl— denn zu ſolcher Schwäche war ⁴Onkel Adam eben nicht geneigt— in eine Art von Freude. Er dachte nämlich daran, wie alſo die, ſes ge⸗ gewor⸗ ich iht neldete, ſprechen en will öchteit⸗ . mehr! — Furt zu ſch nſuh zu fortneh⸗ wahte l, von Entdek⸗ gmht M in ſi⸗ z nh⸗ gen das ſn he wor Att bon ſ ih 287 welcher er immer gut war, weil ſie ſeiner erſten und einzigen Geliebten aͤhnlich ſah, wirklich von dieſer ab⸗ ſtamme. Dieſe Aehnlichkeit wurde vor dem Auge ſeiner Phantaſie jetzt noch zwanzigmal ſtärker. Er fuͤhlte, daß er nun mit viel groͤßerer Theilnahme die Enkelin von Lieschen Lundie betrachten koͤnne, als ihm je bei der Graͤfin von Roßville möglich geweſen war. Sie erſchien ja nun als ſeine nächſte Verwandte, denn Lieschen und er waren ja Geſchwiſterkinder, die Kin⸗ der von Bruder und Schweſter geweſen, waͤhrend er mit der Blackſchen Familie nur erſt im dritten Grade verwandt blieb. Das Alles hatte Onkel Adam von allen Seiten bedacht, wie er in ſeiner kleinen Stube hin und her ging und nicht wußte, was er machen ſollte. Endlich war er freilich immer noch zu keinem feſten Entſchluſſe gekommen, aber er nahm doch die Chaiſe im weißen Bär und fuhr nach Roßville hinaus und kam, als ob es der Himmel ſo geleitet haͤtte, gerade in dem Au⸗ genblicke an, wo ſeine Erſcheinung ein Werk der Vor⸗ ſehung zu bedeuten ſchien. Zum erſtenmale reichte er von freien Stuͤcken ſeine Hand entgegen und faßte die Gertrudens mit einer Heftigkeit, welche ſeine Waͤrme und aufrichtige Geſinnung darthat. Beide ſchwiegen einige Augen⸗ blicke, denn ſelbſt der alte Onkel ſchien zu ſehr ergrif⸗ fen. Endlich brachte dieſer heraus: „Du brauchſt mir nichts weiter zu ſagen!— Ich mag gar nichts mehr davon horen!— Sag' mir 288 nur, was ich Dir zur Liebe thun kann!— Willſt Du denn mit mir gehen?“ „Ja! Ja! Nehmen Sie mich von hier fort! Nehmen Sie mich mit!“ rief Gertrude. „Nu, warte nur! Biſt Du denn wirklich ſo entſchloſfen dazu?“ erwiederte Ramſay, bei dem Alles ein wenig bedachtſam ging, und der uͤbrigens, ſo redlich auch ſein Anſinnen war, doch nicht erwartet hatte, es ſo ſchnell in Gang kommen zu ſehen⸗ Außerdem war er doch auch nicht vollkommen ſicher, ob ſie einander vollig verſtaͤnden, und dachte, daß wohl eine kleine Erklärung vorausgehen muͤſſe. Gern haͤtte er nun freilich ſeine Fragen in eine zarte Geſtalt eingekleidet. Aber Jemanden auszuhorchen war nie ſeine Sache ge⸗ weſen, und ſo mußte er ſchon wieder zu ſeiner eignen Katechiſirmethode greifen, welche darin beſtand, ge⸗ radezu zu fragen. Dies that er denn auch in ſeiner gewöhnlichen Derbheit: „Weißt Du denn, wohin Du eigentlich willſt?“ Dieſe Frage war fur Gertrudens Herz ein Dolch⸗ ſtich. Sie wurde bald ohnmaͤchtig, ſo ſehr wirkte das Gefuͤhl der Verlaſſenheit auf ſie. Sprechen konnte ſie nicht. Sich umdrehend, verbarg ſie die brennenden Tropfen, welche ihren Augen entfielen. „Ich habe keine Heimath!“ ſagte ſie mit be⸗ bender Stimme:„Ich bin eine Bettlerin!“ „Na, das freut mich! Gerade das wollt' ich haben!“ rief der Onkel mit Waͤrme.„Ich freue mich, daß Du der ſtolzen Bande hier nichts mehr zu Loldonken Schroche ich Oit neine E gel füegt pen Bopf Wi nicht an Jochter als On hatte, in ihm Mann, Doch ſ zu fühl nehmen ſie ſter 7 etwa Romſ . dch; Frun hoben lii eilte redur ſchaf Il ich eue verdanken haſt.— Nu, komm Du mit mir, mein Schneckchen; Du ſollſt an nichts Mangel haben, was ich Dir geben kann. Lieschen Lundies Enkelin iſt meine Enkelin! Alſo komm Du! Mit einem Fluͤ⸗ gel fliegt ſichs ſchlecht; aber Du ſollſt ſchon wieder den Kopf hoch tragen koͤnnen, trotz dem Volke hier!“ Waͤhrend ihrer Beſtuͤrzung hatte Gertrude gar nicht an die Verwandtſchaft gedacht, wodurch ſie, die Tochter des Jakob Lewiſton, mit ihm, den ſie blos als Onkel der Madame St. Clair kennen gelernt hatte, verbunden war. Jetzt leuchtete ihr ein, daß ſie in ihm den naͤchſten Verwandten hatte, den einzigen Mann, auf den ſie Anſpruͤche der Art machen konnte. Doch ſie war zu ergriffen, um uͤber die Entdeckung Freude zu fuͤhlen. Sie dachte an nichts, als daß er ſie mit⸗ nehmen, ihr ein Obdach geben werde. Dort wollte ſie ſterben; nichts ſollte mehr von ihr gehoͤrt werden. „Iſt denn Niemand mehr da, den Du noch etwa erſt ſehen moͤchteſt, eh' Du gehſt?“ fragte Ramſay, wie ſie ſo ungeduldig zum Gehen nothigte. „Niemand— Niemand!“ rief ſie ungeduldig; doch plotzlich hielt ſie inne.„Ja, ich habe noch einen Freund, dem ich nochmals Lebewohl ſagen moͤchte!“ Es ſiel ihr ein, daß Lyndſay gewiß eine Freude haben werde, wenn er ſie ſo in Sicherheit wiſſe. Sie ließ ihm ſagen, daß ſie ihn zu ſprechen wuͤnſche. Gleich eilte er herbei und wurde mit der getroffenen Verab⸗ redung bekannt gemacht, ob ihm gleich die Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen Ramſay und ihr fremd blieb, denn Ger⸗ III. 19 ——, 2 —— — — — —————— — trude hatte bei ihrer heftigen Unruhe ſchon wieder die Gedanken daran verloren, und Onkel Adam wollte, einem gewiſſen Zartgefuͤhle nachgebend, nicht in die einzelnen Umſtande eingehen⸗ Er war nun zwar nicht gerade der Mann, deſſen Haͤnden Lyndſay Gertruden vorzugsweiſe anvertraut hätte. Bei der jetzigen Lage der Dinge indeſſen war des Onkel Adams Haus doch beſſer, als ſonſt eines, zumal, da er Lyndſay recht freundſchaftlich einlud, ihn ſo oft zu beſuchen, als er wollte. „Es iſt noch Jemand hier, den ich wohl, Ihrem Wunſche gemaͤß, ſehen ſollte. Ich mochte es nicht; doch will ich, ehe ich ſcheide, ihre Schweſter ſehen!“ erklärte Gertrude heftig bewegt, wie ſie ſchon auf der Schwelle ſtand⸗ Kaum war der Wunſch der Miß Black mitge⸗ theilt, als dieſe ſich beeilte, ihm zu willfahren. So wie Gertrude dieſelbe ſah, fuhr ſie etwas zuſammen. Sie ſprach kein Wort, ſie weinte auch nicht. Zwei heiße Kuͤſſe gab ſie ihr, dann ſetzte ſie ſich in den Wagen und ſagte Roßville auf ewig Lebewohl. Ma⸗ dame St. Clair wurde noch am naͤmlichen Tage in das Haus ihrer Schweſtern gebracht. 291 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Wenn ſich der Schmerz nur mäßig zu der Freude miſcht, Erquickt er ſie, wie Thau die holde Lilie; Doch kommt ein uebermaß, dann ſinkt die Hoffnung hin, Vei allem Troſt vermögen wir es nicht, Das Haupt zu heben.— Maſſinger. Doch lange konnte der Zuſtand von uͤbermaͤßig auf⸗ geregten Gefuͤhlen nicht dauern. Umſonſt kämpfte Gertrude gegen die verzehrende Vorſtellung, wie elend und ungluͤcklich ſie ſey. Umſonſt unterdruͤckte ſie jeden Seufzer in der Geburt und jede Thraͤne, ehe ſie noch zum Vorſchein kam und ſpottete ſtolz der Schwaͤche, welche dadurch verrathen worden waͤre. Umſonſt ſagte ſie ſich tauſendmal, daß ſie ruhig ſey, daß ſie ſich wohl befaͤnde. Das tobende Gehirn, das ſchmerzende Herz gab eine andere Kunde und ſie mußte endlich dem Fieber unterliegen, welches ſchon einige Zeit lang ſich ihr bemaͤchtigt hatte. Jetzt war die Beſinnung hin. Mehrere Tage zweifelte man an ihrem Leben. Der arme Onkel 19* . Adam kam, wie ein treuer Wächter, nicht von dem Bette weg, das ſeinen einzigen Schatz, den neugefun⸗ denen, enthielt, und duldete allen Schmerz mit dem Ernſte, der Verſchloſſenheit des Alters. Lyndſay war, den Arzt ausgenommen, der einzige, den er ſehen wollte. Nur gegen ihn machte er dem Herzen Luft, das ſo lange gegen jedes ſanftere Gefuͤhl verſchloſſen geweſen war, und Lyndſay, ſelbſt von Gram erfullt, ſuchte den alten, troſtloſen Mann aufzurichten, zu ermuthigen. Doch der Gegenſtand ihres Kummers wurde ih⸗ nen wiedergegeben. Das Fieber entſchied ſich— Ger— trude erwachte wieder zum Selbſtbewußtſeyn. Erſt jetzt erfuhr ſie, in welcher Gefahr ſie geſchwebt hatte. 33 Bewußtlos war ſie durchs Thal des Todes gewandert, ¹ die Pforten der Ewigkeit hatten ſich ihr aufgethan, ohne daß ſie dieſelben wahrnahm. Noch jetzt, nur an den Grenzen dieſer Welt weilend, fuͤhlte ſie, wie leer und eitel die Freuden derſelben ſind. Ihre Träume der Große, ihre Hoffnung auf Gluͤck, die frohverlebten Tage, die feſtlichen Nächte— wo waren ſie jetzt?— Dahin!— Und was ſie zuruͤckließen, waren Scham, Taͤuſchung und Vorwuͤrfe! Allen irdiſchen Glanz hatte ſie beſeſſen. Welche Rechnung von ſolchen Gaben konnte ſie Gott ablegen? Auf welchen Theil davon konnte ſie die Hoffnung bauen, jetzt vom Ewigen auf⸗ genommen zu werden? Auf welchen Theil konnten ſich jetzt ihre Hoffnungen ſtutzen, ewig gluͤcklich zu werden? O trauriger Troſt, den ſie alle geben! Eine tiefe Schwermuth bemächtigte ſich jetzt Ger— — trudens Seele. Gleich allen leidenſchaftlichen und feurigen Gemuͤthern, ging ſie von einem Aeußerſten zum andern uͤber. Was ihr fruͤher als Fehler er⸗ ſchienen war, trat ihr jetzt als Verbrechen entgegen, das nur durch ein Leben der Reue und Buße verſoͤhnt werden konnte. Sie blieb immer in ihrem Gemache, verweigerte jedem, ſelbſt Lyndſay'n, den Zutritt und brachte ihre Zeit in der Einſamkeit, in Thraͤnen hin. Umſonſt ſuchte der Onkel Adam dieſe Fluth des Jam⸗ mers zu hemmen, die ihr zerriſſenes Herz uͤberwaͤltigt hatte. Sie erkannte mit Thraͤnen, mit Dank, wie gut er es meine. Wenn er es aber verſuchte, ihr Vorſtellungen zu machen, oder gar darauf drang, Je⸗ manden zu ſehen, ſo wurde ſie heftig erſchuͤttert und antwortete blos:„Falls Sie mich lieben, ſo laſſen Sie mich— ach, laſſen Sie mich in Frieden ſter⸗ ben!“ Ihrem Schmerze ſo nachzugeben, war ihr ſchon eine Art von unnatuͤrlichem Genuß geworden. Sie ſaß gern Stunden lang und bruͤtete uͤber ihren Kum⸗ mer, haͤufte ihn wie einen Schatz im Herzen an und haͤtte nimmer zugegeben, daß ein Anderer daran Theil nehme. Es that ihr wohl, daß Niemand einen Theil davon tragen konnte, daß ſie allein in der Welt ſtand: ein ungluckliches, verlaſſenes, einſames Weſen! Lyndſay hatte ihr einigemal geſchrieben und ge⸗ fleht, gebeten, ihn vorzulaſſen. Er benutzte jeden Grund, ſie aus ihrem uͤbermäßigen Grame zu reißenz 2 doch wenn ſie ſeine Briefe las, weinte ſie blos und wuͤnſchte, daß er nur nicht mehr an ein ſo ungluͤckli⸗ ches, elendes, herabgewuͤrdigtes Weſen, wie ſie ſey, denken moͤge. Der arme Onkel Adam war ganz hin, als dieſer Jammer Gertrudens ſo anhielt. Er hatte ihr zehnmal geſagt, daß Alles ihr gehöre, was ſein wäre; daß ſie nach Blumenpark gehen und dort herrſchen, und Alles haben ſolle, was Geld und guter Wille thun können, um gluͤcklich zu machen. Aber Gertrude rief nur aus: „Nein! Nein! Ich hatte einſt Macht und Reich⸗ thum, und wie habe ich ſie gemißbraucht! Laſſen Sie mich die Bettlerin bleiben, welche ich bin! Ich habe es verdient, eine zu ſeyn!“ In dieſem Gemuͤthszuſtande war ſie, als eines Tages die Thuͤre leiſe geoͤffnet wurde und langſam Anna Leslie eintrat. Unwillig uͤber ſolche Zudring⸗ lichkeit, ſah Gertrude weg, aber Anna nahm ihre Hand und kuͤßte ſie ehrfurchtsvoll und ließ ihre Thraͤnen dar⸗ auf fallen. Gertrude war einige Augenblicke unent— ſchloſſen, dann aber warf ſie ſich in Anna's Arme und rief im Tone des Schmerzes aus: „Sie haben auf Gott vertraut und Er hat Sie nicht verlaſſen. Ich— ach, ich—“ Mehr konnte ſie nicht ſprechen. Das Gewiſſen ſprach zu ſtark. „Aber Sie werden nun auch noch auf Gott vertrauen und er wird Freude in Ihr Herz gießen!“ redete Anna zu und trocknete die Thränen auf dem nd i⸗ it 205 heitern Geſichtchen, aus dem der Friede und die Ruhe des Himmels ſtrahlten. „Nein— niemals— ich verdiene es nicht, glcklich zu werden!“ ſchluchzte Gertrude. „O— wer hat denn je gluͤcklich zu ſeyn ver⸗ dient? Wenn du, o Gott, mit uns ins Gericht gehen wollteſt, wer konnte da beſtehen? Alle ſind wir ſchwache Suͤnder. Wer von uns ſollte es wagen, das Auge zum Himmel aufzuheben, und ſagen: Wir ver⸗ dienen deine Gnade!“ „Doch ich hatte Macht und mißbrauchte ſie! Ich beſaß Reichthum und verſchwendete ihn! Ich hatte mir einen falſchen Gott geſchaffen und dich— im Himmel, vergeſſen!“ „O— wer kann ſeine Handlungen ſelbſt in die Wagſchale legen? Sind Ihre Mißgriffe auffallender, als die meinigen, ſo hatten Sie auch großere Verſu⸗ chungen zu beſtehen! Nur wer die Herzen geſchaffen hat, kann darüber urtheilen. Nur er weiß, welche Verſuchungen Sie beſtanden!“ „Er weiß, daß mein Herz in den Tagen des Glucks nicht an ihn dachte!“ „Und darum hat er dieſe eiteln Freuden vernich⸗ tet, denn ſie hatten eine Seele in Beſitz genommen, die er fuͤr ſich ſelbſt haben wollte. O, ſehen Sie Gott doch nicht blos als beleidigten Richter, deſſen Antlitz Sie nicht ſchauen konnen, ſondern als zaͤrtlichen Vater an, der Sie einladet, zu ihm zu kommen. Er . 6 — wird Ihnen Ruhe und groͤßere Freuden gewaͤhren, als Sie je genoſſen haben!“ „Freuden?— Mein Herz iſt dagegen auf ewig verſchloſſen!“ „Sprechen Sie nicht ſo! Gott kann einem Herzen, das allen irdiſchen Freuden verſchloſſen iſt, himmliſche Ruhe gewaͤhren!“ Gertrude fuͤhlte die Wahrheit dieſer einfachen Troſtgruͤnde. Allmaͤhlig tauchte ihre Seele aus dem finſtern Traume auf, in dem ſie ſo lange begraben ge⸗ weſen war. Unter dem wohlthuenden Einfluſſe der Religion, die nur Liebe und Frieden athmet, wurde ihr Herz beruhigter, gefaßter. Sie ſah, wie ſie ſich in Taͤuſchungen verirrt habe, welche nun verſchwunden waren. Neues Leben ward in ihr rege. Sie war, wo nicht zu Freuden, doch zu minderm Schmerze, geringern Leiden erwacht. Reuig demuͤthigte ſie ſich vor Gott. Nicht glänzende Ausſichten bot ihr die Welt dar; aber ruhig war ſie, denn der Him⸗ mel lag vor ihren Blicken. * Du trockneſt unſ're Thraͤnen ab! Wie duͤſter waͤr' es hier, Wenn er, den Liſt, Betrug umgab, Nicht Rettung faͤnd' bei dir! Se lange uns die Sonne ſcheint, Sind unſre Freunde nah, 297 Doch wenn der Winter boͤſ' es meint, Iſt auch nicht einer da! Wer Thränen weint, weint nicht allein, Denn du zaͤhlſt ſie, o Gott! und traͤufelſt ihm ins Herz hinein, Den Balſam, quaͤlt die Noth! Vierunddreißigſtes Kapitel. Der Beleidigte kann oft verzeihen; wer das Unrecht that, wird's ſelten thun. Dryden. Heftig ergriffen war ſowohl Gertrude, als auch Lynd⸗ ſay, wie ſie wieder zuſammenkamen. Beide erſchraken vor der Veraͤnderung, welche in Beiden ſtattgehabt hatte. Lyndſay ſah aus, als habe er in der That an allen ihren Leiden Antheil genommen. Es that ihr jetzt wirklich wohl, daß ſie ſo ſelbſtſuͤchtig dem Schmerze nachgehangen hatte, ohne daran zu denken, welch ein edles Herz ihn theilen werde. Doch wenn der Glanz ihrer Schoͤnheit durch den Sturm, der ſie traf, ge⸗ ſchwäͤcht ſchien, ſo war ſie dagegen nur noch in den Augen der ſie Liebenden anziehender geworden. — Denn ihre bleiche Wange glich Der weißen Roſe, die zu heiß der Strahl der Sonne traf. Das Auge war auch wohl von Thraͤne feucht. Auf ihren Lippen wohnte noch das ſuͤße Lächeln, Doch war's die laute Freude nicht, und Alles ſprach: — Daß hier auf glatter Srirn der Jugend ſchon Der Kummer ſeine Furchen eingegraben. Gertrude nahm zuerſt das Wort: „Ich habe Sie gern ſehen wollen, um Ihnen die grenzenloſe Dankbarkeit zu bezeigen, welche ich Jh⸗ nen fuͤr Ihre Freundſchaft ſchuldig bin. Dann— Sie baten mich einſt, ihr zu verzeihen, die mich ſo beleidigt hat. Ich wollte es nicht, denn damals war ich ſtolz, leidenſchaftlich, rachſuͤchtig. Jetzt mochte ich wohl zu ihr gehen und ihr vergeben, wie ich hoſſe, daß auch mir verziehen ſey!“ „Theure Gertrude!“— rief Lyndſay geruͤhrt. „Wie gluͤcklich machen Sie mich; aber demuͤthigen Sie mich nicht, indem Sie von Dankbarkeit gegen mich ſprechen. Weniger zu thun, als ich gethan habe, da ich die Mittel dazu hatte, waͤre ſtrafbar geweſen. War ich im Stande, Ihnen zu dienen, ſo iſt dies mehr, als hinreichende Belohnung. Ich habe eine ſehr eigennuͤtzige Rolle bei Ihrer Rettung geſpielt. Ihr Gluͤck machte das meinige. Umſonſt ſuchte mein Herz ein verſchiedenes Intereſſe zu denken. Es kann es . nicht!“ 3„Sprechen Sie nicht ſo, theurer Freund!“ „O, Gertrude, ich habe ſo lange geſchwiegen! Geſtatten Sie, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie vom ne erſten Augenblick an geliebt habe—“ „Nein, nein!“ fiel ihm Gertrude mit ſteigender Aengſtlichkeit ins Wort.„Seyn Sie mir Alles, was 300 Sie mir bisher waren, Freund, Vormund, Bruder, aber—“ Sie ſeufzte; wider ihren Willen rollte eine Thräne ihre Wange herab. „Ich will ſchweigen!“ entgegnete Lyndſay aus Furcht, die Bande zu zerreißen, welche er enger zu knuͤpfen bemuͤht war.. Gertrude begab ſich ins Haus der Schweſtern von Madame St. Elair. Sie wurde mit zaͤrtlicher Freundſchaft und dankendem Blicke empfangen. Ma⸗ dame St. Clair hatte ſich von den Folgen des ge⸗ nommenen Opiums wieder erholt und war entſchloſſen, ihr uͤbriges Leben außer England zuzubringen. In wenig Tagen wollte ſie abreiſen. „Einige Zeit lang,“ ſagte die eine ihrer Schwe⸗ ſtern,„hatte ſie viel von Ihnen geſprochen und ge⸗ ſagt, daß ſie nicht in Frieden ſterben könne, bis ſie Ihre Vergebung habe. Allein jetzt, da ihre Geſund⸗ heit wieder hergeſtellt iſt, hegt ſie, fuͤrcht' ich, minder ernſte Gedanken und erwähnt Ihrer faſt gar nicht mehr. Vielleicht will dieſelbe Sie nicht einmal gern ſehen!“ Sie meldete Gertrudens Gegenwart. Es dauerte einige Minuten, ehe ſie wiederkehrte und berichtete, daß die Schweſter von dem Gedanken, Gertruden ſehen zu muͤſſen, heftig ergriſſen worden ſey, und es anfangs ab⸗ geſchlagen habe, ſie vorzulaſſen. Jetzt ſey ſie ruhiger und willige ein, ſie zu empfangen, vorausgeſetzt, daß ſie allein käme. —— * 301 Gertrude wurde in ein ſehr dunkles Zimmer ge⸗ fuͤhrt, wo aber Alles eine ausgeſuchte Anordnung, eine Art von eleganter Einſamkeit verrieth. Man erſah gleich hieraus, daß die Bewohnerin noch unverandert ſey. Keine Spur von Reue zeigte ſich. Gekleidet in ein modiſches„Deshabil16“ ſaß ſie auf einem Fau teil“; Sopha, Fußſchemelchen, Blumen, Secretair, Parfumerien, Arbeiten, waren alle ſo geordnet, wie Gertrude ſie bei ihr ſtets zu ſehen gewohnt geweſen war. Madame St. Clair ruͤhmte ſich ſelbſt, ein Mu⸗ ſter franzöſiſcher Eleganz und engliſcher Bequemlichkeit zu ſeyn. Einen Augenblick fuͤhlte Gertrude ein aufwallen⸗ des Mißvergnuͤgen, als ſie die herzloſe Selbſuͤchtigkeit da ſtehen ſahz allein ſie unterdruͤckte dieſen Unmuth, reichte ihr die Hand und ſagte ſanft: „Ich komme, Ihnen meine Verzeihung zu ver⸗ ſichern, die ich Ihnen fruͤher verweigerte. Gott hat beſſere Gefuͤhle in meinem Herzen rege gemacht. Von Herzen verzeihe ich Ihnen, wie ich hoffe, daß auch mir verziehen worden ſey.“ „Ich daͤchte, ſelbſt Etwas vergeben zu können!“ war die anzuͤgliche Antwort.„Die grauſame Verach⸗ tung, die unnatuͤrliche, unbeſiegbare Heftigkeit habe ich zu vergeben, womit Sie ein Weib behandelten, das in jeder Beziehung, die Bande der Natur abgerechnet, Ihnen eine Mutter war!— Alles hatte ich gethan, 30 Sie zu erheben. Aus der Armuth und Dunkelheit hatte ich Sie zur Größe und zum Reichthum gefuͤhrtz und Sie haben mich in Schande, in Elend, in Ar⸗ muth geſtuͤrzt! Habe ich alſo wohl Etwas zu verge⸗ ben? Ich demuͤthigte mich in den Staub vor Ihnen und Sie waren taub fuͤr meine Bitten! Ich ſagte Ihnen, daß mein Leben in Ihren Haͤnden ruhe, und wenn ich nicht Ihr unbeſonnenes, unmenſchliches Be⸗ nehmen damit buͤßte, ſo iſt dies keinesweges Ihr Verdienſt. Habe ich alſo nichts zu vergeben? Aber — ich verzeihe Ihnen!“ ſchloß ſie und reichte die Hand, welche ſie bis jetzt zu geben verweigert hatte, mit einer ſtolzen, herablaſſenden Miene dar.„Mir iſt ſehr viel Unrecht geſchehen, viel Beleidigung an⸗ gethan worden. Doch— ich vergebe ſie!“ Gertrude bebte mit Schaudern vor dem Weſen zuruͤck, das noch immer ſo verkehrten Sinn zeigte, deſſen Seele noch mehr verdorben, ſtatt durch das Gericht, dem ſie anheimgefallen, gelaͤutert worden war. Doch ſanft faßte ſie die dargebotene Hand und ſagte: „Wenn Menſchen vergeben, iſt es nichts; gluͤcklicher ſind die, welche verzeihen, als ſich verzeihen laſſen; doch ich flehe zu Gott, zu dir, der mein Ge⸗ bet erhört, daß mir vergeben ſey, wie Sie jetzt ſagten!“ Sie drehte ſich um und verließ das Zimmer. Den Schweſtern that ſie nicht durch Mittheilung des Vorgefallenen weh. Aber ihr Herz ſelbſt fuͤhlte ſich leichter, weil ſie im Stande war, mit auf⸗ richtigem Herzen um himmliſche Vergebung auch fuͤr die zu flehen, welche alle ihre Leiden begruͤndet hatte. Fuͤnfunddreißigſtes Kapitel. Gut ſey der Anfang, gut das Ende; Vorübergehend Weh' ſich zu dem Beſten wende! Southey⸗ Am folgenden Tage ſtand ein einfacher, aber hub⸗ ſcher Wagen mit Zubehör, wie es dazu paßte, vor Onkel Adams Thuͤre! Erſt ſchamte ſich der Alte; aber nach einiger Verlegenheit und Verwirrung gab er Gertruden doch zu verſtehen, daß dies zu ihrer Ver⸗ fugung ſey, und ſchlug vor, gleich einen i zu⸗ ſammen zu machen. Noch hatte ſich Gertrude, den Leſuch bei Mi⸗ ſtreß St. Clair abgerechnet, nicht öffentlich ſehen laſ⸗ ſen, ſeitdem ſie in Herrn Ramſay's Haus gekommen war. Tauſend ſchmerzliche Gefuhle ſtuͤrmten bei dem Gedanken auf ſie ein, ſich allen Augen preiszu⸗ geben— in einer kleinen geſchaͤftsloſen, klatſchenden, boshaften Landſtadt. Sie ſtand deshalb ſogar auf dem Punkte, ihre Unluſt laut werden zu laſſen; aber 305 es fiel ihr ein, wie unfreundlich, undankbar es ſeyn wuͤrde, wenn ſie den Beweis ſolcher Liebe, von einem Manne, der ſeine Laune ſo weit beſiegt hatte, fuͤr ſie eine Equipage anzuſchaſſen, nicht mit Freude anzuneh⸗ men ſchien. Gern willigte ſie nun einz Beide fuh⸗ ren aus. Aber Gertrude war noch nicht genug Herrin ihrer Gedanken, um den wechſelnden Scenen rings herum, durch welche ſie kamen, viel Aufmerkſamkeit widmen zu koͤnnen. Kaum konnte ſie die Gegend, wo ſie fuh⸗ ren, noch was ſie ſah, beurtheilen, als ſie die Thore — Blumenparks erblickte. Sie gingen hinein. Ein recht reſpektabler Haushof⸗ und Kellermeiſter nebſt Un⸗ terbedienten ſtand da, ſie zu bewillkommnen. „Na, da habt Ihr Eure Herrſchaft!“ ſagte On⸗ kel Adam und ſtieß Gertruden ein wenig vorwaͤrts, ſie einzufuͤhren.„Fuͤhrt Euch huͤbſch geſcheut auf, und wenn Ihr was wiſſen wollt, ſo geht zu ihr, denn ſie verſteht mehr von den Geſchichten, wie ich!“ Das hieß bei Onkel Adam eine Rede, und als er ſie beendigt hatte, ging er in einen Saal des Erdgeſchoſſes, wohin ihm Gertrude folgte. „Mein theuerer Onkel,“ ſprach das Mädchen, denn noch immer nannte ſie ihn ſo,„wie uͤberwältigt mich Ihre Guͤte! Ich kann Ihnen nicht ſagen, was ich fuͤhle!“ „Das iſt halt gut!“ entgegnete er ungeduldig. „Deswegen brauchſt Du Dir nicht den Kopf zu zerbrechen! Den beſten Dank, den Du mir geben III. 20 306 kannſt, iſt, wenn ich wieder Deine Backen roth und Deine Augen lächeln ſehe, wie früher. Dann will ich glauben, daß ich Dir eine Liebe erzeigt habez aber eher nicht!“ Zärtlich klopfte er ſie auf die Schulter, was bei Onkel Adam nichts Kleines war. Alles war oſſenbar in der Art eingerichtet, Ger⸗ trudens Herzen und Geſchmacke zu willfahren. Schön⸗ heit und gute Anordnung zeigte ſich in allen getroffe⸗ nen Vorkehrungen; aber freilich, ſo gern Gertrude wollte, dem Onkel Adam konnte ſie dies unmöglich zuſchreiben. Das war ſicher Lyndſay's Werk. Lyndſay's, der ihre Gewohnheiten, ihre Neigungen kannte und Alles aufgeboten hatte, ihnen entgegen zu kommen, ſie zu befriedigen, und das Alles blos im Allgemeinen, ohne ſich mit den lieben Kleinigkei⸗ ten einzulaſſen, deren Anordnung dem Weibe vorbe⸗ halten bleibt. Bald verbreitete ſich die Nachricht in der ganzen Nachbarſchaft, wie Herr Ramſay uͤber Blumenpark verfuͤgt habe, und gar bald kam auch das Geruͤcht zu den Ohren der Frau Majorin Waddel, bei der da⸗ durch aller Neid und Zorn rege wurde⸗ Mitten un⸗ ter ihren Genuͤſſen war ſie doch nicht gluͤcklich, denn Gertrude, als Erbin des Onkel Adams, war ihr ein Dorn im Auge, ein Wermuthötropfen in ihrem Be⸗ cher, ein Geſpenſt in ihrem Simmer, ein Mardochai vor ihrer Pforte!— So wirkt jede niedrige Leiden⸗ ſchaft, beſonders wenn ſie in ſchwachen Seelen thätig will gbe; bei Gel⸗ hön⸗ fft⸗ rude glich erk. ngin nzu im keie orbe⸗ nen on h de⸗ ⸗ denn r ein Be⸗ dochti iden⸗ hit iſt. So ſchwierig iſt es, das irdiſche Gluck nach den— aͤußern Glanze zu meſſen! Ihre einzige Hoffnung war, den Beweis zu füh⸗ ren, daß Onkel Adam bei dieſer Schenkung aberwitzig geweſen ſey. Gern haͤtte ſie zu dem Zweck zwiſchen Thornbank und Blumenpark eine Kette von Lauſchern eingerichtet, aber Onkel Adams Wachſamkeit vereitelte alle ihre Pläne. Nichts blieb, ihrem böſen Sinne Nahrung zu geben, uͤbrig, als, wenn ſie mit Gertru⸗ den zuſammenkam, jede Gelegenheit zu ergreifen, oder beſſer, herbeizuziehen, wo ſie auf den Unterſchied po⸗ chen konnte, den Geburt, Familie, Verwandte und andere ſolche zufällige Glücksumſtände verleihen. Schwa⸗ che Seelen legen einen Werth darauf, um ſich in den Augen derer wichtig zu machen, die ſchwaͤcher ſind, als ſie, um ſich ſo blenden zu laſſen. Indeſſen Onkel Adam trat ihr auch hierbei in den Weg, denn er bewachte Gertruden auf allen ihren Wegen, wie der getreue Schäfer ſorglich das ihm an⸗ vertraute Schäflein huͤtet, und jetzt fuͤhlte er ſich zu gluͤcklich, um von der Majorin in ſeiner guten Laune geſtört zu werden. Er hatte nun etwas gefunden, woran er mit Liebe hängen konnte; dies hatte ihn in ſeinem Leben noch gemangelt. Er nahm unter Ger⸗ trudens wohlthuendem Einfluſſe ein ſanfteres, freund⸗ licheres Weſen an. Als die erſte Unbehaglichkeit vor⸗ bei war, welche ein veränderter Aufenthalt mit ſich fuhrt, gewann er ſogar einigen Geſchmack an laͤndlichen Arbeiten, nur machte er zur Bedingung, daß ihm Nie⸗ 20* 5 mand von den zahlreichen Unannehmlichkeiten reden ſolle, welche mit großen Guͤtern unzertrennlich ſind, als boͤſe Paͤchter und ſchlechtes Wetter, Felddiebe und ungetreues Geſinde, und wie die tauſend Uebel heißen, die unſers Reichthums Erbtheil ſind und welche Reiche und Arme ungleich mehr auf eine Linie ſtellen, als man gemeiniglich zu glauben pflegt. Wer zuerſt beinahe der neuen Erbin von Blu⸗ menpark die Aufwartung machte, war— Miß Pratt. Wir muͤſſen ſchon den Leſern, welche an ihr Antheil nahmen, Nachricht geben, wo ſie ſo lange weilte, war⸗ um ſie ſo lange nichts von ſich hoͤren ließ. Auf Ko⸗ ſten ihres alten Freundes und Verbuͤndeten, Peter Wellwoods, hatte ſie ſich in einem Bade vergnuͤgt und erquickt, und war gerade wieder nach Hauſe ge⸗ kommen, um das Geruͤcht Luͤgen zu ſtrafen, daß Ger⸗ trude von ihrem Geliebten verlaſſen worden ſey, weil er ihre Herkunft entdeckt habe. Dies, hatte ſie be⸗ hauptet, ſey geradezu ſo wenig der Fall, daß ſie mit' eignen Ohren gehoͤrt habe, wie ſie ihm immer und immer wieder den Korb gab. Ihr ſey es ja längſt bekannt geweſen, wie Gertrude Lyndſay'n ihr Herz ſchenkte. Die kleine Epiſode in dem Cabinette, wo ſie Fleckchen ausſuchte, machte freilich hierbei einen kleinen Querſtrich; allein daruͤber war Miß Pratt auch gluͤcklich ins Reine gekommen, denn ſie hatte ſich uͤberredet, daß es ihr den ganzen Tag in den Ohren geſauſt habe und ſie ſo verhindert worden ſey, genau zu hoͤren, was vorging. — 309 reden Natürlich forderte ſie nun auch keck und muthig ſind, ihre fuͤnf Guineen, um welche ſie mit Onkel Adam und gewettet hatte. Sie konnte freilich nur ziemlich un⸗ ißen, ſichere Anſpruͤche darauf machen, und es ließ ſich uͤber iche die Sache gar viel ſtreiten. Onkel Adam wuͤrde zu al einer andern Zeit eher fuͤnf Finger, als die fuͤnf Gui⸗ neen, gegeben haben; aber jetzt war er nicht geneigt, Blu⸗ uͤber ſo eine Kleinigkeit zu zanken. Er zahlte gleich Ntt. bei dem erſten Anſinnen und nahm ſich nur auf alle ntheil Art in Acht, nicht etwa einen Schilling mehr zu be⸗ wr⸗ zahlen. ⸗„Nun, mein Schätzchen,“ ſagte ſie zu Gertru⸗ Piter den und klimperte mit dem Gelde,„nun ſehen Sie nigt doch, daß ich ein Liedchen bei Ihrer Hochzeit ſingen ſe g⸗ kann? Ha ha ha! Ja, und außerdem, wiſſen Sie Grr⸗ denn die Neuigkeit? Ein gewiſſer abgeſetzter Liebhaber well iſt jetzt auf dem Punkte, ſein altes Schätzchen zu e be⸗ heirathen, die Herzogin von St. Ives. Sie ſind emit Beide nach Paris gereiſt, glaub' ich. Die Sache iſt rud ſo gut, wie abgemacht. Na— viel Gluck auf den lingt Weg! Daß ſie zuſammen paſſen, glaub' ich; aber hr wie lange es dauern wird, iſt eine andere Frage!“ „w Nicht ohne einigermaßen ergriffen zu werden, einen konnte Gertrude dieſe Kunde vernehmen; aber bald Punt ging es voruͤber. Nach einigen Monaten las ſie die hut pomphafte Schilderung von der Vermählungsfeier in n dn den Zeitungen, doch ihrem Herzen blieb Neid und nſ Kummer fern. Noch weniger hätten dieſe rege wer⸗ den duͤrfen, konnte ſie vorausſehen, welch ein Ende dieſer Verbindung nach wenigen Jahren folgte. Nicht die Tugend hatte ſie geknuͤpft, und bald loſte das Laſter die Bande. Der Graf von Roßville, von einem treubruͤchigen Weibe getauſcht, verrathen, kaͤmpfte, ſeine beleidigte Ehre zu räͤchen, und ſank im Duell. Doch lange vorher hatte Lyndſay's Tugend, ſeine heiße, uneigennuͤtzige Liebe, unmerklich auch warme Erwiederung in Gertrudens Herzen gefunden. Nicht mehr ergoß Schwaͤrmerei ihre glänzenden Strahlen auf Gertrudens Lebenskreis, aber die frohe Heiterkeit, welche Tugend und frommer Sinn verbreiten, leuchtete immerfort und erhellte ihr gluͤckliches, dem Wohlthun geweihtes Leben. Gertrude, das Weib Eduard Lynd⸗ ſay's, athmete nur, den Tag zu ſegnen, der ihr die irdiſche Groͤße geraubt hatte. Doch Lord Roßville war ohne Kinder geſtorben. Lyndſay erbte nun ſeine Guͤter. Zum zweitenmale kam ſie in ihten Befitz, aber wußte nun auch, wie Macht und Reichthum wahrhaft angewendet werden muͤſſe. — O, daß ſo ſtets am Ende Das Boͤſe, gut geleitet, ſich zum Gluͤck hiu⸗ wende! Richt das oon hen, k im ſeine ame ſicht hlen keit, htete thun yud⸗ die bille ſeine eſiß, hum hil⸗ Anzeige fuͤr Gebildete. Di Gallerie auserleſener Familiengemaͤhlde wird fortgeſetzt, und die nächſten Baͤnde enthalten: Mathilde, aus dem Engliſchen, 2 Theile. Die Heirath, aus dem Engliſchen, 3 Theile. Auch dieſe beiden Romane machen, wie„die Erb⸗ ſchaft“, durch treue Charakterſchilderung und geiſtreiche Behandlung des Stoffes, auf den Beifall der gebildeten Leſewelt gerechte Anſpruͤche. Ferner erſcheinen: Erzaͤhlungen von Amalia Schoppe, geb. Weiſe. Erſter Theil, mit einem Titelkupfer. Antonie oder end Enſagong Ein Roman von Derſelben. Auch dieſe beiden neueſten Werke aus derſelben Feder, welche uns durch: die Eugenia, die neue Ar⸗ mida, die Verwaiſten, Gluͤck aus Leid, u. a. m. bereits erfreute, werden den zahlreichen Verehrern der geiſt⸗ reichen Verfaſſerin giwiß eine hoͤchſt willkommne Gabe ſeyn⸗ Gegenwart und Vergangenheit. Leſebuch für die Jugend Als Jugendſchviftſtellerin hat ſich Amalia Schoppe bereits einen wohlverdienten Ruf erworben, und dieſes Leſebuch auf Veranlaſſung eines hoͤchſt verdienten und erfahrnen Schulmannes, des Herrn Hofrath Fid⸗ ler in Schiffbeck bei Hamburg— dem ſie es auch zugeeignet— geſchrieben. Es werden davyn zweierlei Aus⸗ gaben, die eine mit illuminirten, die andere mit ſchwarzen Kupfern, erſcheinen. Letztere iſt zum Schulgebrauche be⸗ ſtimmt, und der Preis wird deshalb moͤglichſt billig geſetzt Erzahlungen aus der Ein nuͤtzliches und unterhaltendes von Derſelben. lben Ar g. w. geiſtt ſehn. 5 . Oour g Sre Sorre Sſari Gyan Sreen vllow Red Magenta