— — Leihbibliothe deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 M. Pf. 6 2 T 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zur' ckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Herr Lyndſay war weder ſchwach, noch eitel und mit dem Charakter der Miß Pratt zu gut bekannt, um dem, was ſie auch ſagte, viel Gewicht beizulegen. Er wußte, daß ſie ſelten die Wahrheit ſprach, ob ſie ſchon nicht geradezu Unwahrheit erzaͤhlte. Gleich vielen Leuten wiederholte ſie nicht genau das Ge— hoͤrte; nicht ſowohl aus Abſicht, als weil ſich ihre Ideen verwirrten, weil ihre Phantaſie zu lebhaft vor⸗ waltete und kurz, weil irgend eine jener Urſachen da war, welche es ſchwieriger machen, eine ganz einfache Begebenheit zu erzählen, als die verwickelteſte Rech⸗ nungsaufgabe zu loſen. Nicht ſehr gewoͤhnt, auf ihre Worte zu achten, beſaß er jene beneidenswerthe Gabe, ſich uͤber alle ihre II. 1 4 Lockungen hinwegzuſetzen, wenn er ganz in ihren Haͤn⸗ den zu ſeyn ſchien. Indeſſen jene geheimnißvollen Winke, die ſie ihm am Abend verher gab, hatten ihn doch uͤberraſcht. Wie wenig darauf zu bauen ſey, wußte er. Allein mochte auch ihr Gewebe von der eignen Phantaſie geſponnen ſeyn, es mußte doch an irgend Etwas aufgehangen werden, und ſo beſchloß er, dieſe Netze ihrer Einbildungskraft ohne Zeitverluſt zu zerſtoren. Gleich am folgenden Morgen redete er ſie daher an, als ſie unter dem Thore, ihrer Gewohnheit ge⸗ maͤß, friſche Luft einathmete. Ohne ihr zu geſtatten, die Fittige auszubreiten und in irgend einem Geſpräche davon zu fliegen, erſuchte er ſie gleich ganz ernſthaft um Erklaͤrung von dem, was ſie geſtern Abends zu ihm geſagt habe. „Was ich geſagt habe?“ rief ſie etwas ſtau⸗ nend, denn zum erſtenmale in ihrem Leben ward ihr ſo etwas zugemuthet.„Was ich geſagt habe? Nun was geht Ihnen denn das an?“ „Nicht viel; aber, offen geſagt, ich moͤchte gern wiſſen, in wiefern ich meine Karten ſo gut geſpielt habe?“ „Ach, nun weiß ich, wie Sie's meinen! Aber mich uͤberliſten Sie nicht! Nein, mich uͤberliſten Sie nicht! Die Leute ſagen, daß der Tag durch ein klei⸗ nes Loch eindringt, und Liebe und Rauch kann ſich nicht verbergen! Meinetwegen brauchen Sie nicht hinter den Buſch zu gehen, oder ſich zu fuͤrchten. S . he ſt 0 — Bſt! bſt! heißt's bei uns, und fort! fort! Ha ha ha! wiſſen Sie das noch? Bei Ihnen heißt's, glaub' ich, Bſt! Bſt! und bei einem gewiſſen Ober⸗ ſten: Fort! fort! denn der iſt aus dem Felde ge⸗ ſchlagen! Ei, Sie ſind ein feiner Fuchs! Aber was wird denn der Graf und ſein Parlamentsmaͤnnchen ſagen?“ „Es wuͤrde Ziererei ſeyn, wenn ich behaupten wollte, daß ich Ihre Anſpielungen nicht verſtaͤnde, ſo unbegruͤndet und thorig ſie ſind. Aber auf mein Eh⸗ renwort verſichere ich Sie—“ „Kickelkakel! reden Sie mir nicht von Ihrem Ehrenworte in Liebesgeſchichten! Da trau' ich doch lieber meinen Augen und Ohren, als ſolchem Ehren— worte. Ich glaube, Sie ſind ſo ſchlimm, wie Anto⸗ nius Whyte. Ich dachte, der wollte's Land ſtur⸗ men, als man ſagte, daß er Lady Sophie heirathete. Nun, er hatte ihr ein Bischen die Cour gemacht, aber ſo weit ging's nicht, wie die Leute dachten, ob's ihm ſchon genug unter den Fuß gegeben wurde!“ „Da ich aber mir nie angemaßt habe, die Cour zu machen, und eben ſo wenig darauf pochen darf, es ſey mir unter den Fuß gegeben worden, ſo muß noth— wendig jeder Wink der Art aus einem Mißverſtaͤnd⸗ niſſe entſprungen ſeyn und uns beide in ein häͤßliches Gerede bringen!“ „Paperlapap! Wirklich, mein Beſter, wenn es das Maͤdchen nicht laͤugnet, ſo ſteht's Ihnen, glaub' ich, doch auch nicht gut an, daß Sie ſo aus 6 der Haut fahren wollen!— Ja, ſehen Sie mich nur an! Aber ich ſage Ihnen, es iſt ſo! Ach, ſie hat mir's in der vorigen Nacht ſo gut wie geſtanden! — Nun?“ „Geſtanden?— Was denn?“ fragte Lyndſay ſtaunend. „Daß der Oberſt fortgeſchickt iſt!— Ach dar⸗ uͤber freue ich mich!— Und daß ein gewiſſer Je⸗ mand“— ſie machte einen Knix hierbei—„ihr unterthaͤniger Diener ſey!“ „Unmoglich! Ihre Ohren haben Sie getäuſcht!“ „Meine Ohren haben mich getaͤuſcht? Nun ja! Wie waͤr' denn das moͤglich? Sie denken wohl, ich ſey taub? Und wenn ich's waͤre, bin ich doch nicht blind! Ihr Liebesleute glaubt immer, andere Leute haben die fuͤnf Sinne verloren, wie Ihr. Aber die Liebe iſt nur blind, mein Beſter!“ „Miß Pratt, hoͤren Sie mich aufmerkſam an, ich bitte, wenn ich Sie auf die feierlichſte Weiſe ver⸗ ſichere, daß Sie ſich in jedem Betrachte getaͤuſcht ha⸗ ben. Was mich betrifft— eine ſolche Vermuthung kann mich nur ehren. Aber es iſt beleidigend, un⸗ gerecht gegen Miß St. Clair, ſich einzubilden, daß ſie ſchon ihren Blick auf mich geworfen haben ſoll, der ihr noch in der That vollkommen fremd iſt!“ Lyndſay ſprach mit jenem Ausdruck der Wahr⸗ heit, der Aufrichtigkeit, daß er jeden andern uͤberzeugt haben wuͤrde. Doch ſie erwiederte: „Was das betriſſt, braucht man nſcht ein Le— belang zu leben, um ſich zu verlieben. Die ſchnellſte Liebe iſt die beſte. Es hat ſich mancher uͤber Hals und Kopf verliebt, ehe er geſagt hat: guten Tag. Ich ſehe nicht ein, warum Sie ſich's zu Herzen neh⸗ men, wenn das Mädchen dabei ſo ruhig iſt! Ich muß Ihnen aber nur noch mehr ſagen. Ich habe zu⸗ faͤllig geſtern etwas gehort. Ihnen kann ich's ſagen, wie der Kram zuſammenhaͤngt, und damit Sie mich nicht weiter quälen! Ich ging geſtern Abend zufällig durch die Zimmer, um mich ein Bischen abzukuͤhlen. Sieben Robber hatt' ich verloren! Blos weil Ihr guter Onkel ſeinen Kopf aufgeſetzt hatte! Da kam ich in's Vorzimmer, wie Sie's nennen. Die Thure ſtand offen, und da horte ich den Oberſten mit einer Löwenſtimme bruͤllen: Alſo Sie lieben den— den — nun Sie nehmen's nicht uͤbel, Herr Lyndſay!— den Eduard Lyndſay und haben mich betrogen, mich hintergangen? Ich weiß, daß Sie ihm Ihr Herz ge⸗ ſchenkt haben. Aber er ſoll mir Rede dafür ſtehen! und ſo ging er wie toll und beſeſſen fort. Was ſie ſagte, habe ich nicht ſo recht gehort, denn Sie wiſſen ſchon, daß ſie nicht ſehr laut ſpricht; aber ich horte doch von ihr: daß ſie ſolche Zudringlichkeit nicht leiden konne und wolle, und daß er kein Recht habe, ſo mit ihr zu reden. Gerade rief mich da der Lord Roßville, ich ſollte das Spiel noch einmal mit ihm durchſpielen, und außerdem, das wiſſen Sie, haͤtt' ich in keinem Falle ſtehen bleiben und zuhdren mogen!“ „Das gehoͤrt alles nicht hierher!“ rief Lyndſay 0 8 etwas heftig.„Es muͤßte denn ſeyn, daß Sie ſehen, wie wenig Sie auf Ihre Sinne bauen können, da Sie diesmal von ihnen ſo ſchrecklich hintergangen wor⸗ den ſind! Sie werden alſo eine kluge Rolle in Be⸗ treff Ihrer, und eine zarte gegen Miß St. Clair ſpielen, wenn Sie ſich enthalten, noch ferner ſolche Auslegungen zu machen und ſicher glauben, daß Sie dadurch im hochſten Grade lächerlich werden!“ „Herr Jeſus! Haben Sie keine Angſt! Ich werde mir wegen Ihrer Geſchichte nicht den Kopf zer⸗ brechen! Aber uͤberreden ſollen Sie mich auch nicht ſogleich, daß ich meine fuͤnf Sinne verloren habe, weil ich ein Bischen beſſer in die Karte gucke, als die Nachbarn!“ Und mit Zeichen des Zornes wackelte die belei⸗ digte Holde dahin, in ihren Anſichten uͤber dieſen Ge⸗ genſtand mehr beſtaͤrkt, als zweifelhaft geworden. Herr Lyndſay glaubte freilich das meiſte von dem nicht, was ſie ſagte. Aber gleichguͤltig konnte er doch nicht dabei bleiben. Nicht gewohnt, ſeine Nei— gung ſo leicht zu verſchenken, hatte ihn Gertrudens Schoͤnheit und Anmuth, mit ihrer Lebhaftigkeit und Zartheit, mit ihrem ganzen naiven Weſen, ent⸗ zuͤckt. Sie hatte alles, einen Mann von ſolchem Sinne, ſolchem Geſchmacke zu feſſeln, wie er war. Nur eines fehlte noch, ihn vollkommen zu be⸗ zaubern. Feſt in den Grundſätzen der Religion ſuchte er umſonſt entſprechende Gefuͤhle bei Gertruden. Sie hatte Religion— welche trefſliche Seele waͤre ohne dieſelbe— aber ſie beſaß die Religion der Phan⸗ taſie, des Geſchmacks, des Gefuͤhls, des Beduͤrfniſſes, kurz jede, nur nicht die des Chriſtenthums. Er ſah manches zarte Gefuͤhl bei ihr, aber ſuchte um⸗ ſonſt nach dem beherrſchenden Bewußtſeyn der Pflicht. Ihre ganze Seele ſchien eine liebliche, blumige, pfad⸗ loſe Einoͤde. Umſonſt verduͤnſten alle Wohlgeruͤche darauf. Ueberall iſt Anmuth und Ueppigkeit, aber in dem lieblichen Weſen herrſcht das Vergängliche und Hinfaͤllige. Keine Blume, die den Stuͤrmen des Le⸗ bens trotzte, keine des Paradieſes wuͤrdig, bluͤhte hier. Lyndſay war ſcharfſichtig genug, die Hauptzuͤge ſeiner Baſe auch durch den Schleier zu entdecken, den Lord Roßville's Tyrannei und die Kunſtgriffe der Mutter uͤber ſie warfen. Er ſah, daß ſie feurig, le⸗ bendig, empfaͤnglich, aber vorſchnell, voll Einbildung und ohne Grundſaͤtze war. Er fuͤrchtete, ſie ſey, ſelbſt bei ihrer Mutter, in boͤſen Haͤnden. Noch mehr war ihm bange, wenn es dem Oberſten gelaͤnge, ihr Herz zu feſſeln. Dieſe Abſicht vermuthete er bei ihm. Er kannte deſſen Lebensweiſe und Grundſaͤtze, undgglaubte daher feſt, daß dieſer Gertrudens Frieden und Gluͤck vernichten muͤſſe. Seit jenem ſonderbaren, geheimnißvollen Ereig⸗ niſſe im Walde nahm er noch innigern Antheil an ihr und wuͤnſchte wo moͤglich ihre Freundſchaft, ihr Vertrauen zu gewinnen, um ſie vor den Schlingen zu bewahren, die man ihr uͤberall gelegt hatte.— Kurz, Lyndſay's Gefuͤhle fuͤr ſie ſchmolzen in eines zuſam⸗ 10 men, das ſich nicht leicht beſtimmen laͤßt. Es war nicht Liebe, nicht Freundſchaft, wohl aber mit beiden verwandt; es hatte etwas vom Feuer der einen, von der Uneigennuͤtzigkeit der andern.— Als er mit ihr das naͤchſtemal zuſammen kam, war ihre beiderſeitige Verlegenheit nicht geringe. Es ſchien, als haͤtten ſich beide im Stillen beredet, einan⸗ der zu meiden, und gerade darin fand Miß Pratt den unwiderleglichen Beweis, daß zwiſchen ihnen ein voll⸗ kommenes Einverſtaͤndniß herrſche. Indeſſen wurde ſie gewaltig aufgebracht, daß ſie mit allem Beobachten und Lauſchen doch keinen verſtohlenen Blick, kein Fluͤ⸗ ſtern, keinen einſamen Spaziergang, keine geheime Zuſammenkunft, oder ſonſt ſo etwas wahrnehmen konnte, woraus alte Jungfrauen eine Heirath abneh⸗ men und in Ordnung bringen, ehe das Pärchen nur daran gedacht hat. Indeſſen, nicht im Stande, ihre Gedanken da, wo ſie war, laut werden zu laſſen, und noch weniger vermoͤgend, ſie im Innern zu bewahren, benutzte fie die erſte koſtenfreie Gelegenheit, einen Beſuch bei der Lady Millbank abzuſtatten und hier ihre Buͤrde abzu⸗ ſetzen. Wie gewöhnlich gewährte ihre Entfernung al⸗ len eine Erholung. Niemand aber fuͤhlte fich mehr erleichtert dabei, als Gertrude und Herr Lyndſay. Sie konnten doch nun, wenn auch minder unbefangen, doch mit lebhafter Theilnahme ſprechen. Gertrude war fuͤr ſeinen zarten Sinn, ſeine Ruhe, ſeine belehrende Un⸗ terhaltung nicht unempfaͤnglich. Aber doch ließ ſie 11 ihm nicht Gerechtigkeit wiederfahren. Sie ſuchte blos bei Jedem die Langeweile zu vertreiben, welche ihr die Abweſenheit des Geliebten verurſachte. Der Abgott ihres Herzens hatte ſich zum unbeſchränkten Herrn al⸗ ler ihrer Sinne gemacht. Ihn ſchaute ſie nicht mit dem Spiegel der nuͤchternen Wahrheit, ſondern mit dem taͤuſchenden Glaſe der bezauberten Einbildungs⸗ kraft. Die Vollkommenheit ſelbſt konnte ihr entgegen⸗ treten, ihr Herz wäre nicht dadurch gefeſſelt worden! Ihre beiden Vettern ſtanden ihr als zwei Bilder ent⸗ gegen. Das eine reich in Farbenſchmuck und hinrei⸗ ßend; das andere correct, in jedem kleinen Zuge vol⸗ lendet. Das eine feſſelte die Bewunderung im Au⸗ genblick; den Werth des andern erkannte nur ſorgfäl⸗ tige Betrachtung des geuͤbten Auges! Zweites Kapitel. Wie ich, leiden noch viele Andere an der Krankheit: Sie wiſſen nicht, wie ſie ſchreiben ſollen, und können ſich doch nicht des Schreibens enthalten. Erasmus. Eines Morgens wurden Gertruden folgende zwei Briefe eingehändigt. Der erſte, den ſie offnete, hatte im Siegel ein Epheublatt, mit der Umſchrift: Je ue change qu'en mourant. Er lautete: „Es thut mir außerordentlich Leid, wenn ich daran denke, was meine theuerſte Baſe von mir hal— ten muß, daß ich ſo viel Zeit hingehen laſſe, bevor ich einen Briefwechſel beginne, aus dem ich, glauben Sie es mir, das aufrichtigſte und herzlichſte Vergnuͤgen zu erhalten hoffe. Aber, theuere Freundin, Sie, die Sie andere Gegenden zu ſehen Gelegenheit hatten, werden gewiß den Schein von Nachlaͤſſigkeit und Mangel an Freundſchaft verzeihen, deſſen ich mich ſchuldig gemacht habe; der aber, ſeyn Sie verſichert, von mir nicht im Entfernteſten beabſichtigt wurde. Seit wir uns trennten, iſt wirklich kaum ein Tag vergangen, wo ich nicht die Feder nahm, an Sie 13 zu ſchreiben, und es verſuchte, Ihnen einen Begriff, wenn auch noch ſo ſchwach, von alle dem zu geben, was ich geſehen und gefuͤhlt habe, als ich Caledo⸗ nien Lebewohl ſagte. Aber ach, ſo manche gemeine Gegenſtaͤnde des Lebens draͤngen ſich ſelbſt hier In dieſer Wildniß jedem Blick verborgen entgegen und leihen mir wenig Muße, einen Gedanken auszuwechſeln.“ „Waͤren dieſe langweiligen Dinge nicht, und fehlte mir nicht eine gleichgeſchaffene Seele, meine Gefuͤhle auszuſprechen, ſo könnte ich glauben im Pa⸗ radieſe zu ſeyn. A propos, in B. liegt ein Regi⸗ ment. Haben Sie nicht einige Offiziere deſſelben ken⸗ nen gelernt?— Sie werden vielleicht bei dieſer Frage lachen, aber ich ſage Ihnen, es iſt nichts Boͤſes dabei gemeint!“ „Der Major und Bella(oder Frau Majorin Waddel, wie ſie in Zukunft genannt ſeyn will; Bella, glaubt fie, ſey fuͤr eine verheirathete Frau zu ge⸗ mein ¹) ſind, glaub' ich, ein ungemein gluͤckliches Paar. Der einzige Mangel bei ihrem Gluͤcke iſt, daß der Major immer an Gelbſucht leidet. Er ſchreibt es der Sonnenhitze zu und hofft, im Bade von Har⸗ rowgate rechte Erleichterung zu finden. Ich fuͤr meine Perſon werde gewiß manchen Blick der Sehn⸗ ſucht noch auf die Waͤlder und Ufer vom Winander werfen. Ich habe verſucht, einige Anſichten aufzu⸗ nehmen, die Ihnen einen klaren Begriff von den Schoͤnheiten dort geben koͤnnen. Eine en miniature halte ich fuͤr mein Beſtes. Der Major hat mich im⸗ mer aufgezogen, fuͤr wen ich ſie beſtimmt haͤtte. Aber das iſt alles Spaß. Ich ſag' es Ihnen. Ich muß Ihnen aber doch etwas von meiner Reiſe ſchrei⸗— ben, ob ich mir ſchon ſelbſt gelobt habe, Ihnen erſt mein Reiſejournal zu zeigen, wenn wir wieder zuſam⸗ men kommen. Die einzelnen Umſtände muß ich dar⸗ um uͤbergehen und Sie gleich in das Land der Seen verſetzen, wie ich's nenne. Aber wo ſoll ich Worte finden, Ihnen meine Bewunderung zu be⸗ ſchreiben!“ „Eines muß ich Ihnen aber doch bemerklich ma⸗ chen, damit Sie ſich nur einige Begriffe von der Freude machen koͤnnen, die wir hatten, und fuͤr welche wir der Artigkeit und Galanterie des Majors ſehr ver⸗ bunden ſind. Um uns zu uͤberraſchen ſchlug er vor, eine kleine Fahrt auf dem See zu machen, wie er's nannte. Alles war ſtill. Aber nun kam's Signal, und nun denken Sie ſich das Staunen und die Freude der Majorin Waddel, als auf einmal eine Menge Hoͤrner anſtimmten und jedes Echo rings herum rege machten und die entzuͤckende Harmonie aus allen Kluͤften rings um den See wiederhallte. Erſt machte es auf die Frau Majorin zu ſtarken Eindruck, und ſie bekam etliche Kraͤmpfe, aber durch die Zärtlichkeit des Majors und weil er ſagte, ſie ſolle ruhig ſeyn, erholte ſie ſich. Er iſt, ohne Ausnahme, der exem⸗ plariſchſte und gefaͤlligſte Ehemann, den ich je geſehen habe. Doch bekenne ich(das bleibt aber en- ₰ 15 tre nous!) meiner ehelichen Gluͤckſeligkeit wuͤrde der wenige Geſchmack, den er fuͤr die neun Muſen zeigt, einigen Eintrag thun.“ „Wie wir nun das herrliche Concert gehabt hat⸗ ten, ſagten wir den waldigen Hoͤhlen des Ullswater⸗ Sees Lebewohl und gingen auf den Keswick, oder wie er eigentlich heißt, den Wentwater-See, der wohl eine halbe Stunde lang iſt und ganz ſpiegelhelles Waſſer hat und eine Menge Inſeln enthaͤlt. Am Ufer ſtehen auch die herrlichſten Landhäuſer und ſchneeweiße Haͤuſerchen, Kirchthuͤrme. Felder ſind da, und Doͤrfer und Ge⸗ buͤſche, daß kein Sonnenſtrahl durchzukommen ſcheint. Den beruͤhmten Waſſerfall hier wag' ich gar nicht zu beſchreiben; aber denken Sie ſich nur, wenn Sie koͤnnen, einen ſchrecklichen Waſſerfall, der gerade herunter uͤber entſetzliche Felſen und Klippen faͤllt, die ſich alle umſonſt ihm zu widerſetzen ſcheinen!“ Mit Bedauern entriſſen wir uns den ländlichen Schonheiten von Derwent und machten en passant einen Abſtecher nach dem einſamern Grasmeere und Rydall, wo wir endlich an die Ufer des prächtigen Winander kamen.“ „Wenn Sie koͤnnen, ſo malen Sie ſich ſelbſt die fuͤrchterlichen Berge, wie ſie ihre wolkenbedeckten Haͤupter in aller Erhabenheit des Schreckens empor⸗ heben, waͤhrend eine unermeßliche Azurflaͤche die pur⸗ purnen und gelben Strahlen der untergehenden Sonne zuruckwirft, welche uͤber die ruhige gruͤne Fläche unten hinwallen, worin weiße Haͤuſerchen und ſchoͤne Villas 16 und Waͤlder und Wieſen ſich glaͤnzend abſpiegeln! ſeh Wirklich, ich fuͤhlte mich hier begeiſtert, ſo weit wa war meine Phantaſie entzuͤckt, und doch fuͤrchte ich, un wird meine Beſchreibung lange nicht ausreichen, Ihnen einen Begriff von der mir unvergeßlichen Scene zu geben. Doch ich muß Ihnen Adieu ſagen, ſo un⸗ gern ich's thue. Ach, wie viel Gedanken fallen nel mir ein, wenn ich die Feder ergreife! Ich begreife m gar nicht, wie manche Menſchen einen Widerwillen mi gegen das Briefſchreiben haben!“ ze „Ich kann mit ſolchen Leuten ordentlich Mitlei⸗ ſu den haben! Sie gehoͤren gewiß nicht dazu, meine S gute Baſe!— Ich habe ja kaum noch Platz fuͤr die i Frau Majorin, zu einer Nachſchrift gelaſſen. Leben m Sie wohl. Ich bin Ihre zärtliche Lilly!“ ſt Miſtreß Waddel hatte eine Nachſchrift beigefuͤgt: f „Meine theuere Couſine! Sie koͤnnen nicht er⸗ 3 warten, daß ich in meiner Lage, als eine verheira— ſt thete Frau, viel Zeit fuͤr meine Freundinnen an der n Seite eines Mannes habe, der nicht von mir weggeht und dem jeder meiner Gedanken gebuͤhrt. Doch um gegen mich ſelbſt gerecht zu ſeyn, halte ich es fuͤr nö⸗ ſ thig, Ihnen zu melden, daß ich die Glucklichſte mei⸗ 3 nes Geſchlechts bin und in meinem Waddel den edel⸗ i ſten, gefaͤlligſten und bravſten Mann finde. Arabella Waddel.“ ſ Gertrudens Geduld wurde beim Leſen dieſes Brie⸗ fes auf eine harte Probe geſtellt, wie es wohl bei allen, die ihn jetzt geleſen haben, auch der Fall geweſen ſeyn mag. Sie fuͤhlte ſich zum Lachen geſtimmt, war aber doch zu edel, um ihn Andern preis zu geben, und warf Lilly's Traͤumereien geſchwind ins Feuer. Der zweite Brief hatte einen andern Charakter: „Theuerſte Baſe!“ „Ich fuͤhle mich zu der Freiheit, welche ich mir nehmen will, durch Ihr, mir waͤhrend Ihres Beſuchs in Bellevue erwieſenes Wohlwollen ermuthigt, und da mir Ihre Freundſchaft jetzt einen wichtigen Dienſt er⸗ zeigen kann, ſo wuͤrde ich mir ſelbſt Vorwuͤrfe machen, falls mich falſches Mißtrauen abhalten ſollte, gegen Sie mein Herz auszuſchuͤtten. Schon manchmal war ich im Begriff, mich Ihnen zu entdecken; allein im⸗ mer glaubte ich, daß dies ſchriftlich am leichteſten ge⸗ ſchehen koͤnne. Jetzt greife ich zur Feder und wuͤnſchte, fruͤher mit Ihnen geſprochen zu haben, wo ſo manche guͤnſtige Gelegenheit dazu eintrat! Doch warum ſchwankte ich ſo und war ſo thoͤrig, wo ich mit Ver⸗ trauen zu ihm haͤtte blicken ſollen, der mir verheißen hat, uͤber den Pfad des Chriſten zu wachen; der ver⸗ ſprochen hat: Er will keinen verlaſſen, noch vergeſſen, ſo auf Ihn traut und in allen Wegen auf ihn baut? Ich muß nun ſchon auf Ihre Geduld hoffen, wenn ich Ihnen meine Lage ſchildere.“ „Zwiſchen mir und Wilhelm Leslie beſteht nun ſchon ſeit den fruͤheſten Jahren eine gegenſeitige Zu⸗ neigung. Allein er iſt arm, und blos auf dieſen Grund hin billigen ſolche meine Eltern nicht. Sie aber werden II. 2 — 18 natuͤrlich glauben, daß wir nie ein eheliches Buͤndniß ohne ihre Zuſtimmung eingehen wollen. Ich liebe und achte ſie zu ſehr und fuͤrchte Gott vor allen. Doch hoſſe ich wohl, daß ihre Vorurtheile(denn Vor⸗ urtheile muß ich es freilich nennen!) beſiegt wuͤrden, ſobald er ein Amt haͤtte. Wilhelm hatte ſich fruͤh der Kirche gewidmet und ſeine Vorbereitung zu einem Amte iſt ſchon ſeit einiger Zeit vollendet, allein jedes Beſtreben, eine Anſtellung zu finden, bis jetzt umſonſt geblieben. Mein Vater konnte ihn dabei wohl unter⸗ ſtuͤtzen, aber er iſt bei der Sache ſehr lau, wie meine Mutter, und er ſagt, wie ſie beide gar nicht den Ge⸗ danken tragen koͤnnen, mich als Gattin eines armen Geiſtlichen zu erblicken. Doch ich habe erfahren, daß Armuth nur auf Vergleichungen beruht. Ein gerin⸗ ges Vermögen ſcheint manchem Reichthum und dieſer andern nur ein glänzender Mangel. Es iſt wahr, Reichthum wird mir verſagt ſeyn, aber der großere Segen des Friedens und der gegenſeitigen Liebe mit Gottes Willen mein gluͤckliches Loos werden. Selbſt berufen, Leiden und Entbehrungen zu dulden, werden unſere Seelen nicht verzagen, denn mit einem Her⸗ zen, einem Glauben wollen wir fröhlich das Kreuz dieſes Lebens tragen und auf die ewige, unzertrennliche Freude ſchauen, die uns dort kommen ſoll!“ „Beſſer ein kleines Gericht von Kohl, das die Liebe wuͤrzt, als in freudenleerer Langeweile an der Tafel herzloſer Größe eſſen und den bittern Be⸗ indniß liebe allen. Vor⸗ irden, früh einen mſonſt unter⸗ meine 1Ge⸗ oumen 1, daß erin⸗ dieſer wahr, ößere N mit Stlſt werden hen Kreuz nliche as die m der Bl⸗ 19 cher der Langenweile trinken! Ach, meine theuere Baſe, Gott allein kann Freude in unſer Herz gießen, nicht aber irgend ein zeitliches Gut oder die Welt! Iſt Religion in der That die Quelle aller Gluͤck⸗ ſeligkeit, dann darf ich wohl mit Grund hoſſen, daß der Friede, den die Welt nicht geben kann, mir mit dem Manne wird, den ich von meinen erſten Lebensjahren an gekannt und geliebt habe, und deſſen Treue und Tugend die eines Dieners Chriſti ſind!“ „Dieſe Neigung iſt nicht Phantom einer erhitz⸗ ten Einbildungskraft. Unſere Liebe zu einander iſt feſt, ſie kann nicht vertilgt, wohl aber einer ge⸗ heiligtern Pflicht geopfert werden.— Nochmals wiederhole ich, daß ich nie ohne den Willen und den Segen meiner Eltern herrathen werde; aber iſt erſt mein theuerer Wilhelm verſorgt, dann, denk' ich, ihr Stolz wird dem ſtaͤrkern Gefuͤhle der Liebe zu ihrer Jochter weichen. Doch ich ſchaͤme mich beinahe, Sie mit meinen eignen Angelegenheiten ſo lange zu behel⸗ ligen, ob ich ſchon weiß, daß Sie mir helfen, wenn es Ihnen möglich iſt. Die Pfarrſtelle zu Clearburn wird vom Lord Roßville vergeben. Der jetzige In⸗ haber iſt alt und krank. Ein Gehuͤlfe und Nachfolger muß auf der Stelle ernannt werden. Ich bitte Sie nicht, Wilhelm Leslie zu empfehlen, denn Sie duͤrfen zu einem ſo heiligen Amte keinen Ihnen ganz Unbekannten empfehlen. Wollten Sie ihn aber den Lord 2** ₰ Roßvillen nennen, ihn bitten, ſich nach ſeinem Cha⸗ rakter und ſeinen Kenntniſſen bei Leuten zu erkundigen, die ihn zu beurtheilen vermoͤgen, und ihn dann durch Ihr Wort unterſtuͤtzen: ſo werden Sie herzliche Dankbarkeit auflegen Ihrer Sie zaͤrtlich liebenden Anna Black.“ Drittes Kapitel. Ein Kopf, im Stande, die Tiefe des Meeres zu ermeſſen! Fahlen und Handeln war bei Gertruden meiſt eine und dieſelbe Sache; ſelten durfte die Ueberlegung ih⸗ ren kaͤltenden Einfluß einwirken laſſen. Kaum hatte ſie daher den Brief zu Ende gebracht, als ſie zum Lord Roßville flog, ihn um die Verleihung der Stelle zu bitten, uͤberzeugt, ſie gleich zu bekommen. Der Graf war allein in ſeinem Studierzimmer, um⸗ geben mit Papieren, Pergamenten, wo möglich noch ernſter ſehend, als gewöhnlich. „Ich komme, Mylord, Sie zu bitten— um eine Gefälligkeit zu bitten—“ fing ſie an, halb au⸗ ßer Athem, ſo ſchnell war ſie gelaufen, ſo unruhig. „Miß St. Clair— Sie unterbrechen mich al— lerdings; aber— ſetzen Sie ſich!— Setzen Sie ſich und— erholen Sie ſich!— Sie und Alle, welche ein Recht auf meine Zeit, meinen Einfluß oder Beiſtand haben, werden mein Ohr auch immer der Stimme einer geeigneten Bitte zugänglich ſinden. Da⸗ 22 her faſſen Sie ſich, ich wiederhole es, und laſſen Sie dieſe Aufwallung voruͤber gehen, bevor Sie ſich er⸗ klären!“ Nichts trägt wohl weniger zu dem dadurch beab— ſichtigten Zwecke bei, als Aufſorderung, kalt und ruhig zu ſeyn, wo alles Feuer und Aufruhr iſt. Indeſſen das war eine der Arten, wie Lord Roßville ſeine Opfer quälte. Er ſelbſt blieb immer xuhig, wenn ihn auch der Zorn ergriff. Das heißt, er war immer langſam, ſchwerfaͤllig und umſtändlich. Nichts konnte ihn ſo in die Hitze bringen, daß er vergeſſen häͤtte, ſich in langweiligen, hochtrabenden Sentenzen zu er⸗ klaͤren. Gleich vielen andern täuſchte er ſich aber ſelbſt und nahm ſein Phlegma fuͤr Selbſtbe⸗ herrſchung. „Seyn Sie ruhig!“ ſagte er nochmals nach einer Pauſe, als ſeine Einformigkeit immer ſteifer und ſtei⸗ fer wurde. „O, es iſt nichts!“ verſicherte Gertrude.„Ich war nur ein wenig aͤngſtlich, daß Sie denken koͤnnten, ich nähme mir mit meiner Bitte zu viel heraus. Aber— ich glaube, die Bitte ſelbſt wird mehr fuͤr ſich ſprechen, als ich es thun kann!“ Und mit freudigen Vorgefuͤhlen uͤbergab ſie ihm den Brief der Baſe. Lord Roßville las ihn ſchweigend durch. Aber bei jeder Zeile wurde ſein Blick finſterer. Er ſchuͤt⸗ telte das Haupt, oder vielmehr, er bebte, von der er⸗ ſten Zeile an bis zur letzten. —————— iſ um mer ich mi Zi ſia Nen ha zin h w 23 „Ein ſonderbarer, unſchicklicher, gefährlicher Brief iſt dies!“ rief er, als er zu Ende war, und ſuchte umſonſt ſchneller zu ſprechen.„Es macht mir Kum⸗ mer, wenn ich denke, daß ſo ein Brief an Sie ge⸗ richtet ſeyn konnte!— Daß ſo ein Brief von Ihnen mir uͤbergeben werden durfte!“ Se. Herrlichkeit gingen in unruhiger Ruhe im Zimmer auf und ab, während Gertrude bleich und ſtarr da ſtand und die Kirche in der Luft verſchwin⸗ den ſah, wie das grundloſe Gebaͤude eines Traumes. „Iſt es möglich, Miß St. Clair,“ ſing er von neuem an und hob etwas die Hand.„Iſt es mog⸗ lich, daß Sie dieſen Brief durchgeleſen haben — Er zeigte anhaltend mit dem Finger auf das un⸗ gluͤckliche Papier.—„Und wenn Sie ihn geleſen haben, iſt es möglich, daß Sie einem jungen Frauen⸗ zimmer Recht geben, beiſtehen und Huͤlfe leiſten, wel⸗ ches ihre Gedanken mit Widerſpruch gegen den ihr wohlbekannten Willen und die Abſichten der Eltern, gegen die Meinung und die Billigung der Welt uͤber⸗ haupt geltend machen will?“ „Meine Baſe hat zwar das Ungluͤck, uͤber dieſen Gegenſtand eine andere Meinung zu haben, als die Eltern; aber ſie ſagt ja auch, daß ſie ihnen nicht un⸗ gehorſam ſeyn will!“ bemerkte Gertrude furchtſam. „Nicht ungehorſam?— Gott im Himmel!— Miß St. Clair! Was nennen Sie denn Unge⸗ horſam?“— Ein heftiger Huſten unterbrach dieſen würdevollen Anlauf.—„Ich habe länger in der 2 Welt gelebt, mehr Menſchen geſehen, als Sie, und ich ſtehe nicht an, zu behaupten, daß die in dieſem Briefe hier geäußerten Grundſaͤtze, wenn ſie auf das Menſchengeſchlecht uͤberhaupt angewendet wuͤrden,— man kann aber alle Sätze nur auf die Probe bringen, wenn man ſie aufs Allgemeine bezieht!— noth⸗ wendig der gegenwärtigen Ordnung der Dinge aͤußerſt verderblich ſeyn muͤſſen, indem ſie allen kindlichen Ge⸗ horſam und alles alterliche Anſehen uͤber den Haufen werfen!“ Wie Gertrude auf dieſe ſchreckliche Tirade ant⸗ worten ſollte, wußte ſie nicht. Sie fuͤhlte ſich verle⸗ gen, wenn auch nicht uͤberzeugt. Sie ſuchte wieder etwas hervor, ihn zu beſchwichtigen. Aber irgend eines von des Lords Vorurtheilen und eine von ſeinen Meinungen angreifen, hieß ihm auf— die Huͤhner⸗ augen treten, und ward dem gemäß erwiedert: „Ich bekenne, daß ich in Verlegenheit, daß ich betruͤbt bin— Miß St. Clair, einen Brief, gefuͤllt mit ſolchen Grundſaͤtzen, mit ſolchen gefaͤhrlichen Grundſätzen, mit Grundſätzen, welche die gegenwaͤrti⸗ gen Bande zwiſchen Eltern und Kindern vernichten, mit ſolchen wilden, phantaſtiſchen, neumodiſchen, alle Lehren der Religion untergrabenden Grundſätzen, blos berechnet, alle Ordnung in der buͤrgerlichen Geſellſchaft erſt zu ſtoren und dann zu untergraben, von Ihnen vertheidigt zu hoͤren!— Und doch iſt es alſo!— Ich wuͤrde glauben, fuͤr meine Perſon ſelbſt die ſtraf⸗ barſte Rolle zu ſpielen, wenn ich ſolchen Schritten — W 25 den kleinſten Vorſchub, die geringſte Billigung ge⸗ waͤhrte.“— Er ging auf und nieder, und die Schuhe knarrten bei jedem Schritte.—„Herr Black iſt ein einſichtsvoller, wohlunterrichteter Mann. Er ſieht offen⸗ bar die Sache in dem Lichte, worin ich ſie erblicke, und worin ſie alle Menſchen von richtiger Denkungs⸗ art wahrnehmen ſollten. Ein junges Frauenzimmer wagt es, fuͤr ſich zu urtheilen, im Widerſpruche mit den Wuͤnſchen ihrer Eltern, mit der Meinung der Welt, der allgemeinen Stimme der Menſchen! Sie wagt es, die Maske der Religion aufzunehmen, vorzuſtecken, um— um die Stimme der Pflicht zu erſticken! Das iſt klaͤglich!— Das iſt traurig!— Das iſt ſchrecklich!— Was war ſonſt die Urſache, daß in dem benachbarten Lande die eingefuͤhrte Ord⸗ nung der Dinge allmählig untergraben und endlich uͤber den Haufen geworfen wurde? Solche Schritte waren es,“ er ſchlug hier auf den Brief mit den Knoͤcheln—„ daß der Altar und der Thron, die Re⸗ ligion und— und— und die Treue und— und die wahre Moral; daß alles, was man ſonſt fuͤr heilig hielt, dergleichen rebelliſchen Grundſaͤten zum Opfer fiel 1“ Mit aller Kraft eines edlen Zornes warf er den Brief hin. Gertrude konnte ſich kaum enthalten zu lächeln, als ihr einſiel, daß die Heirath von Anna Black Staat und Kirche in Gefahr bringe, und wagte etwas davon zu aͤußern: „Sie verzeihen, Mylord, aber angenommen auch, 26 daß die Heirath meiner Couſine ſtatt fände, ſo kann ich mir keine nachtheilige Folge vorſtellen, die Jeman⸗ den außer ſie ſelbſt traͤfe!“ „Sie koͤnnen ſich nicht vorſtellen?— Nicht die ſchrecklichen Wirkungen vorſtellen, welche ein ſol⸗ ches Beiſpiel auf junge Frauenzimmer in derſelben Lage haben muß? Beſonders wenn es unter meiner Billigung, unter meinen Augen ſtatt fände?— Und ich— ich— ich— ſoll der Beſchuͤtzer rebelliſcher, ungehorſamer Kinder— der Theilnehmer an niedrigen, unſchicklichen, heimlichen Buͤndniſſen ſeyn! Wo iſt das Ende zu ſuchen, wenn einmal ſo ein Ereigniß ſtatt gefunden hat. Sie ſelbſt, ich kann das wohl annehmen, um meine Behauptung zu erläutern, Sie ſelbſt konnten auf meine Zuſtimmung im gegenwaͤrti⸗ gen Falle pochen und ſich fuͤr berechtigt halten, zu waͤhlen, zu wuͤnſchen, und— und— und zu— erklären, daß Sie einen Gatten waͤhlen und wuͤnſchen wuͤrden— nicht doch, daß Sie einen Gatten ge⸗ waͤhlt und gewuͤnſcht hätten; Sie ſelbſt, nicht allein ohne meine Zuſtimmung, ſondern in geradem Wider⸗ ſpruche und Gegenſatze gegen meinen Willen, meinen Befehl. Ich frage, wuͤrde ein ſolches Benehmen von Ihrer Seite nicht— ja, ich ſtehe nicht an, mich ſo auszudruͤcken— ungeheuer ſeyn?“ Auf dieſen Nebenweg war Gertrude nicht gefaßt, allein aus dem ſcharfen Blicke des Lords ſah ſie auch, daß er eine Antwort erwartete. Etwas zitternd er⸗ wiederte ſie: ſen hal ein ge in kel un 27 „Ich hoſſe, nie ſo unglucklich zu ſeyn, uͤber die⸗ ſen Gegenſtand eine von Ihnen verſchiedene Anſicht zu haben. Wenn es aber waͤre—“ Hier ſtockte ſie. „Sie hoffen, nie ſo ungluͤcklich zu ſeyn und eine andere Meinung zu hegen?“ wiederholte der Graf mit ſehr unzufriedener Miene.—„Das iſt eine Art zu ſprechen, Miß St. Clair, die, ich bekenne es, mich nicht zufrieden ſtellt! Ich kenne bei derglei⸗ chen Dingen keine verſchiedene Meinung. Kein jun⸗ ges Frauenzimmer, das auf dem richtigen Wege iſt, darf und kann uͤber einen ſo wichtigen Gegenſtand anderer Meinung, als jene hegen, denen es Gehor⸗ ſam und Achtung ſchuldig iſt!“ Se. Herrlichkeit ſchwiegen hier und ſchienen im Geiſte eine wichtige Sache zu erwägen. Gertrude bebte bei dem Gedanken, wohin dies noch fuͤhren könne. Sie ſtand auf und nahm ihrer Baſe Brief an ſich, im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen. Doch der On⸗ kel winkte mit der Hand, nochmals Platz zu nehmen, und fuhr in feierlichem Tone fort: „Es gehoͤrte zwar nicht urſpruͤnglich zu meinem mit Ihnen vorhabenden Plane, Sie ſchon ſo fruͤhzeitig mit den Abſichten bekannt zu machen, welche ich in Bezug auf Ihre Beſtimmung im Sinne habe. Doch aus dem, was ſich ereignet hat, bin ich zu denken geheigt, daß ich wohl und weiſe handle, wenn ich von meinem erſten Vor⸗ haben abgehe!“ Er erklärte nun mit gleicher Weitſchweifigkeit Gertruden, welch kuͤnftiges Gewebe fuͤr ſie, von Se⸗ Herrlichkeit eigner Hand— oder beſſer, eignem Kopfe — ausgeſponnen und gewoben ſey. Ohne Ueberraſchung, aber nicht ohne Unruhe horte ſie, daß ſie zur Gemahlin des Herrn Robert Delmour beſtimmt ſey, daß er, daß alle Mitglieder der Familie, alle Gutsbeſitzer in der Gegend, ſie aus dieſem Geſichtspunkte betrachteten. Ihr Herz klopfte unwillig bei dem Gedanken, daß ſich Jemand ein Recht uͤber ſie anmaße, ohne ihre Einwilligung. Kaum konnte ſie es aushalten, als der Graf ihr mit den kleinſten Umſtänden, obſchon jedes Wort erwägend, mittheilte, welchen Plan er mit ihr hege. Er ſchien ſich zu fuͤrch⸗ ten, daß er ſie zu gluͤcklich machen, bei ihr zu hohe Erwartungen erregen könne. Als er nun ge⸗ nauer, wie ein Advokat, jeden einzelnen Umſtand— in Betreff ihrer Heirath, aus einander geſetzt hatte, eilte er, ſchnell ſein Werk in demſelben Augenblicke zu vernichten, denn er ſetzte noch hinzu, daß er die Abſicht habe, ſolche Heirath nicht eher ſtatt ſinden zu laſſen, bis Gertrude das zwei und zwanzigſte Jahr vollendet habe— ja vielleicht auch dann noch nicht einmal, weil er kein Freund fruͤher Heirathen, das heißt, zu fruͤher Heirathen ſey⸗„Alles hat ſeine Seit,“ ſchloß er,„und dieſe Zeit haͤngt von den Umſtaͤnden ab. Aber in der Zwiſchenzeit—. „In der Zwiſchenzeit, Mylord!“ rief Gertrude hochſt ergriffen,„muß ich aber annehmen duͤrfen, daß ich mit dem Herrn Delmour in gar keiner Verbindung ſtehe!“ — Der Graf ſah ſie einige Augenblicke mit dem großten Erſtaunen an und ſchien ganz außer Stande zu ſeyn, den Unwillen, der ſeinen Buſen bis zum Er⸗ ſticken fullte, ausdruͤcken zu können. Es war dies ja eine offenbare Rebellion! Endlich fand er Worte, obſchon die Gedanken noch fehlten: „Was ſoll ich von dieſer außerordentlichen Rede denken, Miß St. Clair?“ fragte er etwas muͤhſam. Gertrude wiederholte zwar aͤußerſt beſtuͤrzt, aber ſo ſanft als moglich ihre Worte. „Annehmen duͤrfen, daß mit Herrn Delmour keine Verbindung ſtatt findet! Ein außerordentliches Verlangen zu ſolcher Zeit!— In einem Augen⸗ blicke, wo ſo Vieles auf dem Spiele ſteht! Ein ſehr unſchickliches, unzartes Verlangen in der gegenwaͤrtigen Lage der Dinge!“ Se. Herrlichkeit huſteten, ſchneuzten und raͤuſper⸗ ten ſich, um fortzufahren: „Es kann Ihnen, Miß St. Clair, nicht unbe⸗ kannt ſeyn, welcher wichtige Gegenſtand des Streits jetzt hier im Lande herrſcht— ein Streit, welcher der Macht, der Bedeutung dieſer Familie unmittelbar ans Leben greift, und— ich darf wohl ſagen— das ganze Koͤnigreich uͤberhaupt in gewiſſer Art angeht. Denn in dieſen Zeiten der Anarchie und Rebellion, wo der Thron und die Regierung auf allen Seiten von unruhigen Faktionen und Demagogen beſtuͤrmt werden, iſt es von der äußerſten Wichtigkeit, daß unſere Repräſentanten im Parlamente nuchtern, loyal, * patriotiſch ſind, wenn wir erwarten wollen, daß die Religion, das Recht erhalten und den Nachkommen unverletzt hinterlaſſen werde.“ Er ſchien zu erwarten, daß Gertrude dieſer Ein⸗ leitung Beifall zollen werde, doch dieſe ſchwieg und ſo mußte er fortfahren: „Wahrſcheinlich ſind Ihnen die Beweggruͤnde nicht klar, welche mich beſtimmt haben, meine Plaͤne und Abſichten Ihnen und der Welt uͤberhaupt ſo zu eroͤffnen, wobei ich auch allerdings von meinem urſpruͤnglichen Plane abgewichen bin. Allein bisweilen muͤſſen wir uns von den Umſtänden leiten laſſen, und ich glaube, daß ich Ihnen nur darzuthun habe, wie der Ausgang von dieſem wichtigen politiſchen Kampfe einem ſehr hohen Grade nach durch die Mei⸗ nung bedingt wird: Herr Delmour werde kuͤnftig und aller Wahrſcheinlichkeit nach vermittelſt Ihres Beſitzes der rechtmaͤßige Eigenthuͤmer dieſer Guͤter in unſerer Grafſchaft. Mit einem Worte, ich konnte Herrn Delmour ſchicklicher Weiſe nicht als Repräſentanten dieſer Grafſchaften vorſchlagen(indem er jetzt nur dem Namen nach Antheil nehmen kann), als in ſofern er— aller Wahrſcheinlichkeit nach der beſtimmte Gatte der muthmaßlichen— merken Sie wohl: ich ſage muthmaßlichen, nicht aber geſetzlichen Erbin von Roßville iſt!“ Se. Herrlichkeit waren uͤber die Beredſamkeit, das Glänzende in Dero Vortrage ſo vergnuͤgt, daß Sie beim Weiterſprechen ſich endlich in eine heitere Laune 31 hineinſprachen, und als Sie ſchloſſen, war es beinahe vergeſſen, was Dero Rede herbeigefuͤhrt hatte. Ger⸗ trude blieb ſtill und kämpfte mit ihren Gefuͤhlen. Auf der einen Seite trieb ſie die Furcht, ihre geheime Liebe zum Oberſten zu verrathen; auf der andern peinigte ſie ihr eigner Widerwille, ihr Haß gegen alles, was Doppelſinn und Falſchheit heißt. Endlich behielt die angeborne Wahrheitsliebe und Offenheit die Oberhand. Sie faßte Muth und ſagte: „So weh' es mir thut, Ihnen entgegen zu ſeyn, mein theuerer Onkel, ſo unwuͤrdig muͤßte ich Ihrer Liebe werden, falls ich Sie im Irrthume ließe. Verge⸗ ben Sie—“ ſie ſtockte, ihr Herz pochte, ihre Wange gluͤhte.„Vergeben Sie. Betruͤgen kann ich Sie nicht, und ſo darf ich in die Verbindung, die Sie fuͤr mich beſtimmt haben, nicht einwilligen. Ich kann niemals die Gattin Herrn Delmours werden!“ Dies ging ſo ſehr uͤber die Graͤnzen von des Grafen Faſſungsvermögen, daß er einige Zeit brauchte, ehe er es in ſeinem Gehirne aufnehmen konnte, denn dies war bereits mit eignen Gedanken zu vollgepfropft. Endlich daͤmmerte das Licht durch den dunklen Ver⸗ ſtandesraum hin. Nur nahmen Se. Herrlichkeit lie— ber zu den Worten Gertrudens Ihre Zuflucht, bevor Sie eigne Kraͤfte ins Feld ſchickten. „Niemals die Gattin Herrn Delmours werden!“ wiederholte er auf eine Art, als wiſſe er ſelbſt nicht, ob er ſchlafe oder wache.„Nicht einwilligen in die Verbindung, welche ich fuͤr Sie beſtimmt habe?— — Was— was im Namen des Himmels ſoll ich von ſolcher Rede denken, Miß St. Clair?“ Die Sache ſchien ſo klar, daß Gertrude ſich ſehr verlegen fuͤhlte, wie ſie dieſelbe noch deutlicher darthun ſolle. Er wiederholte die Frage. „Sie entſchuldigen, Onkel, aber Herr Delmour iſt nicht der Mann— ich— ach, ich weiß wirklich nicht, wie ich mich ausdruͤcken ſoll, ohne zu beleidigen. Ich wollte ſagen, daß ich gern frei ſeyn moͤchte, daß ich in ſo einer wichtigen Angelegenheit ſelbſt wählen duͤrfte!“ „Frei ſeyn duͤrfen! Selbſt in einer ſo wich⸗ tigen Sache wählen duͤrfen!— Hm!— Wirklich, Miß St. Clair, ich bin zu ſehr uͤber dieſe— dieſe — dieſe— dieſe— ja, wie ſoll ich es nennen?— dieſe unverantwortliche Leichtſinnigkeit erſtaunt, mit der Sie mir ſo etwas ſagen, um Ihnen zu antwor⸗ ten, wie es ſich gebüͤhrt. Sie wuͤnſchen freie Wahl zu haben! Und das in einer Sache von ſo großer Wichtigkeit, ſolcher das Leben angehenden wichtigen Sache! Wiſſen Sie, in welcher Eigenſchaft fuͤr Sie eine ſchickliche Verbindung geſchloſſen werden muß?— Nicht als Miß St. Clair, Tochter des ehrenwerthen Thomas St. Clair, ſondern als die Nichte des Grafen von Roßville und muthmaßliche Erbin ſeiner Titel und Guͤter, die Baronie Lerchenthal abge⸗ rechnet, welche durch ein Teſtament Alexanders des Erſten, Grafen von Roßville, ein Fideicommiß der muaͤnnlichen Linie bleibt; und da dieſe von Herrn Del⸗ mol ratl wer fall ſt Au gen Ge kan kei hr un ur ich en. ß len 33 mour repräſentirt wird: ſo kann ſie durch dieſe Hei⸗ rath wieder mit dem Hauptſtamme des Erbes vereint werden, ein Plan, der Herrn Delmours ganzen Vei⸗ fall hat. Ich ſage daher auch, daß unter ſolchen Um⸗ ſtänden keine Wahl iſt— keine ſeyn kann! Daß ich aber wohl wiſſen mochte, was Sie unter ſolchem Ausdrucke verſtehen! Ich bin nicht gewohnt, bei jun⸗ gen Frauenzimmern von Stande und Vermoͤgen und Geburt zu horen, daß ſie ſelbſt wählen wollen. Ich kann Ihnen blos ſagen, daß ich ſelbſt— ich ſelbſt keine Wahl hatte!“ Gertrude konnte ſich kaum des Lachens enthalten, als ſie horte, wie Lord Roßville ſich ſelbſt zum Mu⸗ ſter aufſtellte, das eher zu meiden, als nachzuahmen war. Indeſſen der Menſch iſt oft ſo blind, daß wir alle zum Fuͤhrer tauglich zu ſeyn glauben, wenn wir kaum zu Leuchtthuͤrmen brauchbar ſind! „Waͤhlen duͤrfen!“ rief der Graf aufs neue.— Ich— ich bitte Sie, Miß St. Clair, vorausgeſetzt, einen Augenblick nur, daß dem ſo waͤre— ich bitte Sie, wo wollten Sie, wo koͤnnten Sie einen andern Mann finden, wie Herr Delmour iſt?— Von Geburt und Stande, von feiner Lebensweiſe, von An⸗ ſtand, von Talenten, der erſte Kopf, wovon er der Welt bereits unzweifelhafte Beweiſe gegeben hat, indem er zum Mitgliede des Ausſchuſſes fuͤr die Fi⸗ nanzen ernannt wurde; eine Auszeichnung, die ich im Betreff ſeiner Jugend fuͤr etwas Großes halte! Und doch unterwirft er ſich, bei allen dieſen Vorzugen, in II. dieſem Falle blos meiner Leitung, meiner Ver⸗ fuͤgung. Ich frage nochmals, wo konnen Sie einen gleich vollkommenen Mann finden?“ „Ich erkenne Herrn Delmours Vorzuͤge, theuerer Onkel, ſo weit ich nach ſo kurzer Bekanntſchaft dar⸗ üͤber urtheilen kann, aber— vergeben Sie mir, daß ich nochmals wiederhole, wie mir geſtattet ſeyn muß, mich außer allem Verhältniſſe zu ihm zu betrachten!“ „Miß St. Clair!“ rief hier der Graf ganz au⸗ ßer ſich.—„Ich kann blos ſagen, daß— daß, wenn Sie darauf beharren, wenn Sie ſich lieber in der ganzen Grafſchaft als— als— als nicht mit ihm verbunden ausgeſchrien wiſſen wollen, ich—“ Hier ſchien der Puls des Lebens ſtill zu ſtehen. und es machte Natur hier eine Pauſe des Schreckens, Selbſt verkuͤndend das eigene Ende.— Er hob langſam die Hand empor und ließ ſie dann gewaltig auf den Tiſch fallen, wobei er ſtöhnte: „Ich— kann dann fuͤr die Folgen nicht ſtehen!“ Dieſe Drohung bildet trefſlich die Spitze fur je⸗ den Beweis, weil ſie alles ſagt und nichts, und daher ins Unendliche ſtreift. In dieſem Augenblicke trat der in Rede ſtehende Gegenſtand herein, die Haͤnde voller Briefe, mit einer Miene, die nichts als Geſchaͤfte und Arbeiten verrieth, und am wenigſten dazu paßte, ein Maͤdchen von Ger⸗ trudens Phantaſie zu feſſeln. Er brachte erſt eine hofliche, feierliche Entſchuldigung vor, daß er unter— 9e 35 breche. Sie ſtand auf und beantwortete dieſelbe verlegen und verwirrt mit einigen Worten. Dann verbeugte er ſich gegen den Grafen. Gertrude wollte das Zimmer ver⸗ laſſen, allein er fragte fie geſchwind, ob ſie einige Freunde im weſtlichen Theile der Grafſchaft hätte. 6 Leider werde er wohl dahin gleich auf der Stelle ge⸗ hen muͤſſen, und es wuͤrde ihm lieb ſeyn, Ihre Befehle dort vollziehen zu konnen. Gertrude laͤugnete jede Verbindung daſelbſt. Kaum im Stande, die gewoͤhnliche Hoͤflichkeit zu uͤben, ent⸗ fernte ſie ſich ſchnell. Viertes Kapitel. — So wahr iſt meine Liebe, Daß ich ſie nirgends bergen, Doch, wo ſie fehlt, nicht äußern kann. Drydens Alles für Liebe. In jedem zarten Herzen iſt eine Saite, die, wird ſie gehorig beruͤhrt, wohlklingend anſpricht. Trifft eine un⸗ geſchickte Hand dieſelbe, dann allein tont ſie widrig. So war es auch bei Gertruden. Zartlichkeit konnte ſie leiten, Vernunft fuͤhren, bloße Gewalt nie beherrſchen. Nichts mußte daher ihrem unabhängigen Geiſt drucken⸗ der ſeyn, als die Lage, worin ſie ſchwebte. Sie fuͤhlte, daß ſie hier, um Beifall zu finden, aufhoͤren muͤſſe zu handeln, zu denken, zu fuͤhlen, zu lieben, in ſofern ſie nicht dabei vom Willen der Mutter und des On⸗ kels geleitet ward. Mit einemmale ließ ſich ein Geiſt, gleich dem ihrigen, nicht ſo unterjochen. Denn Niemand, der irgend eine treffliche Seite hat, läßt ſich beherrſchen, als wenn ſein eigner Wille, ſein Kopf einwilligt. Was ihren Onkel betraf, ſo ſchien ihr das Recht, uͤber ſie zu gebieten, ſehr zweifelhaft. In der That ——— —— 37 iſt auch das Anſehen eines Onkels zweideutig, und vielleicht erſt verpflichtend, wenn er es von den noch lebenden Eltern erhielt, oder ſchon von Jugend auf die Stelle eines heimgegangenen Vaters vertrat. Mit den Tanten ſteht es anders. Sie ſind nur ge⸗ wohnt, zu befehlen, aber ſelten ſo unvernuͤnftig, Ge⸗ horſam zu erwarten. Liebe und Zärtlichkeit, welche oft der muͤtterlichen nahe kommt, giebt ihnen indeſſen uͤber ein junges, zartes Mädchenherz oft einen Einfluß, wie alle gewaltſam angemaßte Herrſchaft nie bewirken kann. Beide wuͤrden auch bei Gertruden ihre Wir⸗ kung nicht verfehlt haben, aber dieſe ſanften Waſſen waren weder ihrem Onkel, noch ihrer Mutter bekannt. Dort waltete die Macht und hier die Argliſt; ſie ſoll⸗ ten dazu dienen, einen verſchiedenen Zweck bei ihr zu erreichen, die ein entgegengeſetztes Verfahren nachgiebig wie ein Kind und offen wie den Tag gemacht hätte. Ihr Erſtes war, zur Mutter zu eilen und alles zu erzählen, was zwiſchen ihr und Lord Roßville vor⸗ gefallen war. Auf Tadel war ſie gefaßt. Aber Madame St. Clair ſchien bei dieſer Kunde außer ſich zu ſeyn. Sie wurde ganz vom Schrecken uͤber⸗ waͤltigt, als ſie horte, was ſich ereignet hatte. Bevor ſie indeſſen Zeit fand, ihre Gedanken daruͤber laut werden zu laſſen, kam die Botſchaft vom Grafen: ſich eine halbe Stunde auf ſein Studierzimmer zu bemuͤ⸗ hen. Weshalb er es verlangte, ſiel ins Auge. Mi⸗ ſtreß St. Clair gehorchte im Augenblicke. Gertrude wartete voll Ungeduld wohl anderthalb Stunden, ehe die Unterredung zu Ende war und die Mutter zuruͤck kam. Sie las den Verdruß, den Un⸗ willen in allen ihren Zuͤgen, doch war Madame St. Clair zu klug, ihre Gefuͤhle kund zu geben. Sie äußerte blos, daß ſie den Lord Roßville hochſt mißvergnügt wegen ſeiner Nichte gefunden habe. Beim Weggehen ſey er noch unbeweglich im Betreff der beabſichtigten Heirath geweſen. Mehr konnte Gertrude nicht er⸗ fahren. Sie ſetzte ſich nun hin, den unglücklichen Brief zu beantworten, der die unſchuldige Veranlaſſung zu dieſem— Fclaircissement gegeben hatte, und begann mit Klagen, wie ſie jetzt nicht im Stande ſey, ihrer Baſe zu helfen, indem ſie zuletzt die waͤrmſte Verſiche⸗ rung gab, auf ſie Ruͤckſicht zu nehmen, ihr zu helfen, ſollte es je in ihrer Macht ſtehen, ihr gefaͤllig zu ſeyn. Dann ging ſie aber an die Toilette, ſich zum Mittag⸗ eſſen anzukleiden, als ihr folgendes Billet uͤberreicht ward: „Der Graf von Roßville empfiehlt ſich der Miß St. Clair und wuͤnſcht, und erwartet, daß dieſelbe in ihrem Zimmer bleiben werde, ſo lange die Dinge in der unangenehmen jetzigen Lage ſind und kein freund⸗ ſchaftliches Abkommen getroffen worden iſt. Es kann dabei Unpäßlichkeit vorgeſchoben werden. Schloß Roßville, am 29ſten Aug. 18—“ Se. Herrlichkeit hatten, als Sie dieſes Meiſter⸗ ſtuͤck von einer Zuſchrift durchlaſen, ſich freudenvoll eingebildet, ſie werde in die Seele der Nichte ſo viele le 30* Dolche ſtoßen, als Worte darin waren. Er that ſich ſelbſt nicht wenig auf die„Finesse“ zu gute, ſie auf ſo exemplariſche Art zu zuͤchtigen, waͤhrend doch ihr Vergehen zu gleicher Zeit vor der ganzen übrigen Familie ein Geheimniß blieb, denn daß ſeiner Macht ſo getrotzt worden ſey, wuͤnſchte er gar zu gern im Verborgenen zu halten. Gertrude unter⸗ warf ſich dem Befehl, und uͤberließ es der Mutter, ihre Unpaͤßlichkeit zu nennen, wie ſie wolle. Es verging eine Woche und Gertrude war immer noch auf dem Zimmer, die Gefangenſchaft mit großem Muthe ertragend. Eine Zuſchrift, die ſie auf un⸗ vekanntem Wege vom Oberſten Delmour erhielt, velebte die langweiligen Stunden. Es ſchien die⸗ ſelbe dem Aeußeren nach ein Muſikſtuͤck zu ſeyn, enthielt aber einen Brief, der alle Hoffnungen, Klagen und Wuͤnſche, die Verzweiflung und das Entzuͤcken aller Liebesbriefe ausdruͤckte, und es läßt ſich erwarten, daß dadurch Gertrude nicht geſtimmt wurde, ſich nun⸗ mehr in des Onkels Begehren zu fugen. Se. Herrlichkeit kamen nun in eine verdrußliche Lage. Sie wußten nicht, wie weiter einzuſchreiten ſey. Alles aber, was in Dero Perſon von brennba⸗ rem Stoſſe vorhanden war, gerieth' auf einmal in Flammen, und er eilte, ſeine Kraͤfte zu ſammeln, mit ihnen allen ins Feld zu ruͤcken. Die ungebundene Zunge der Miß Pratt hatte naͤmlich im ganzen Lande wie ein Lauffeuer die Rachricht von dem Einverſtänd⸗ niß ſeiner Nichte mit Herrn Lyndſay in Umlauf 40 gebracht, und in allen Winkeln hallte ſie bereits wie⸗ n der, toͤnte ſie wieder, bis das letzte Echo auch das A träge Ohr des Grafen erreichte, dann aber auch mit* aller Kraft eines Donnerſchlages auf ſeine Sinne traf. ge Nicht etwa, daß er gleich einer ſo ungeheue⸗ di ren Behauptung volles Vertrauen mit einemmale ge⸗ ki ſchenkt haͤtte! Es war ja aber ſchlimm genug, wenn ſe man ſo etwas ſagte, oder nur einen Augenblick. glaubte! Kaum hatte er ſich daher ſo weit erholt,. daß er ein Bischen nachdenken konnte, ſo entwarf er auch einen Plan und ließ, als erſte Einleitung dazu, ſeine Nichte rufen. e Einige Minuten lang muſterte er ſie mit einem Blicke, von dem er umſonſt erwartete, daß ſie zu Boden ſinken werde. Der Graf dachte nämlich, er duͤrfe Jemanden nur anſehen, um ihn zu vernichten, wie jener glaubte, die Geiſter kaͤmen, ſo bald er rufe. Indeſſen die verhoffte Wirkung blieb aus und ſo mußten Se. Herrlichkeit Ihre Zuflucht zur Stimme 1 nehmen, gegen deren Kräfte Sie gar nicht eingenom⸗ men waren. Hochdieſelben hatten aber geſehen, welchen Eindruck das ſtumme Spiel eines Garrick, einer Sid⸗ dons, eines Kemble auf der Buͤhne machte, und darum geglaubt, ebenfalls unausſprechliche Dinge dadurch laut werden zu laſſen. Erſt ſollte daher der Blitz ſeines— 3 Auges toͤdten und der Gnadenton der Stimme dann wieder beleben. Das Alles hatte er gewollt. Doch wie oft ſcheitern unſere beſten Pläne! Gertrude wußte von dieſem allen nichts und das 41 lange Anſtarren ihres Onkels war ihr blos ein— Anſtarren, dem ſie, weil es doch unangenehmen Ein⸗ druck machte, durch das niedergeſchlagene Auge zu ent⸗ gehen ſuchte. Indeſſen der Graf hatte geleſen, daß die Weiber auch mit verſchloſſenen Augen ſehen koͤnnen. Er ſchmeichelte ſich daher immer noch, daß ſein durchdringender Blick durch die Augenlieder der Nichte wirken könne, und wartete immer noch ein wenig in der Hoffnung, ſie zu ſeinen Fuͤßen zu ſehen. Endlich ſah ſie auf, aber blos um auszurufen. Sie bemerkte, daß ein Habicht vor dem Fenſter hin einer Taube nachſchoß. Der Graf ſprach nunmehr: „Miß St. Clair, ſehen Sie mich an!“ Gertrude gehorchte— mit einem Blicke, der zu fragen ſchien:„Nun? was denn?“ „Sehen Sie mich an, Miß St. Clair, falls es Ihnen in der That möglich iſt, nach dem, was eben zu meiner Kenntniß gelangte, meinem Auge zu begeg⸗ nen!— Miß St. Clair, es iſt jetzt nicht an der Zeit, zu ſcherzen! Ich will weder Verſtellung, noch Trotz! Ich frage Sie nochmals, und warne Sie, vorſichtig zu ſeyn, wie und in welcher Art Sie Ihre Antwort einkleiden!— Ich frage Sie nochmals: Beabſichtigen Sie wieder in meine Gunſt, in meinen Schutz aufgenommen zu werden, ſich aber auch den Bedingungen, die ich vorſchlug, zu fuͤgen, ſich nament⸗ lich, bereits ſeit einiger Zeit als die Verlobte des Herrn Robert Burlington Delmours, Squire und Parla⸗ mentsmitgliedes, auch maͤnnlichen Erben in der Fami— 42 lie zu betrachten, und Ihre Einwilligung zu geben, daß die Vermählung zu der mir gutduͤnkenden Zeit vollzo⸗ gen werde?“ „Verehrter Onkel— ach wie mich es ſchmerzt, daß ich Ihnen nicht gehorchen kann! Herrn Delmour wuͤn⸗ ſche ich das Beſte. Aber mein Herz—“ ſie ſtockte und wurde feuerroth. Ganz leiſe ſchloß ſie:„kann ich ihm nicht ſchenken!“ Der Graf war bei dieſem kecken Geſtaͤndniſſe ſtumm. Es ſchien dem Blitze zu ſpotten, den er in der Hand hielt, ihn im geeigneten Augenblicke herab⸗ fahren zu laſſen. „Miß St. Clair!“ brachte er endlich hervor. „Werden Sie denn inne, welche Deutung ſolcher Rede gegeben werden kann?— daß dieſelbe, in der gewöhnlichen Weiſe der Welt ausgedruͤckt, ein Be⸗ kenntniß, ein Geſtändniß ganz eigenthuͤmlicher und, ich mag wohl ſagen, unſchicklicher Art enthält?— Miß St. Clair, was ſoll ich aus ſolcher Erklärung ſchließen?— Eine Erklaͤrung, die in den Augen der Welt als ein Beweis angeſehen werden kann, daß Sie ſchon fruͤher ein ungeſetzmäßiges, von mir nicht gebilligtes Buͤndniß eingegangen ſind und dies offen und unumwunden einräumen?“ Gertrude nickte, entweder ihre Rothe zu verber⸗ gen, oder damit Ja zu ſagen. Der Graf fuhr fort: „Miß St. Clair— mein Zartgefuͤhl haͤtte Ih⸗ nen gern dieſes Sie erniedrigende, mich betruͤbende Geſtändniß erſpart. Aber Sie haben die Maske weg⸗ ge geworfen, welche— welche— welche— Doch ich muß Ihnen ſagen, daß ich mit Ihrem hochſt unſchick⸗ lichen, unverantwortlichen, unzurechtfertigenden Schritte wohl bekannt bin; daß ich, als vorlaͤufige Bedingung, Ihnen meine Verzeihung fuͤr ſolche, ich kann wohl ſo ſprechen, unverzeihliche, Beleidigung zu gewaͤhren, vollkommene und gänzliche Verzichtleiſtung auf jeden weitern Umgang mit der ſchuldigen Parthei zur Pflicht machen muß!“ „Mylord,“ erwiederte Gertrude und bemuͤhte ſich, die Thränen zu unterdruͤcken:„Ich kann Ihnen nur wiederholen, was ich bereits geſagt habe.— Ich er⸗ kenne Ihre Guͤtez ich beklage es, daß ich Sie belei⸗ digt habe, aber dem Rechte, fur mich ſelbſt zu waͤhlen, will ich nie entſagen; meine Wahl iſt getroffen! Ach, daß ſie doch mehr Ihren Beifall hätte!“ „Miß St. Clair!“ rief hier der Graf mit einer Heftigkeit, welche in den Jahrbüchern ſeines Lebens, ſeiner Geſpraäche nicht ihres Gleichen hatte,„ ich er⸗ kläre Ihnen hier aufs Beſtimmteſte, daß Sie nicht ferner mehr auf dieſem höchſt unſchicklichen, ſtrafbaren Wege zu ſprechen, zu denken, zu handeln fortfahren duͤrfen! Zu gleicher Zeit werde ich dem andern es betreffenden Theile eröffnen, daß auch er von dieſem Augenblicke an aufhören muß, Sie in einem andern Lichte zu ſehen, als die Blutsverwandtſchaft gewaͤhrt. Ich erkläre hiermit jedwede muͤndliche oder ſchriftliche Zuſicherung oder Verabredung, wodurch dieſe heimliche, 44 mithin ungeſetzliche und unſchickliche Vereinbarung be⸗ kräftigt worden ſeyn mag, fuͤr unguͤltig, und—“ Jo „Nein, Herr Onkel!“ rief Gertrude einfallend, i da ſolche beleidigende Worte auch ihren Zorn rege ne machten,„der Stimme des Herzens können Sie nicht ji gebieten! Ich bin keine Sklavin, welche man kaufen 18 und verkaufen kann!“— Sie ließ hier den lang ſi verhaltenen Thraͤnen freien Lauf. „Miß St. Clair— ſolche Sprache, ſolche Ge⸗ 4 ſinnungen laut werden zu laſſen, ſchickt ſich nicht fuͤr Sieß dieſelben zu hören, nicht fuͤr mich! Ich will von der Art nichts mehr hoͤren! Aber wohl iſt es dien⸗ lich, daß Sie mit dem bekannt gemacht werden, was ₰ Sie zu erwarten haben, wenn Sie in dieſem hart⸗ naͤckigen, thörichten und verderblichen Benehmen ſo, wie Sie bereits begonnen haben, fortwandeln! Erfahren Sie alſo, daß Sie, im Fall Sie bei Ihrer trotzgen, unverantwortlichen Weigerung beharren, jene Verpflich⸗ tung zu erfuͤllen, welche ich mit dem männlichen Er⸗ ben dieſer Familie ſtatt Ihrer eingegangen bin, es mein feſter Entſchluß, mein beſtimmter Vorſatz iſt, augenblicklich mein Antlitz von Ihnen abzuwenden, 3 Ihnen und Ihren Erben jeden Schilling des Vermo⸗ gens, ſowohl des beweglichen, als des unbeweglichen, woruͤber ich verfuͤgen kann, zu entziehen. Es iſt aber viel Grund zu der Vermuthung da, daß ich dem letzten Willen des zweiten Grafen von Roßville, Simon, zu⸗ folge, uͤber alle Laͤndereien und Guͤter beſtimmen kann, wie ich will und Luſt habe. In jedem Falle —— 3. — 45 bleibt mir das Recht, fuͤr eine unbeſtimmte Reihe von Jahren ein Fideicommiß daraus zu machen, und dies ſoll dem vollen Umfange nach ins Werk geſetzt werden. Sie haben daher die Wahl zwiſchen einem jaͤhrlichen Einkommen von 20000 Pfund, von welchem Sie die muthmaßliche Erbin anjetzt ſind, oder zwi⸗ ſchen verhältnißmäßiger Armuth, Dunkelheit und Ver⸗ geſſenheit!“ „Meine Wahl iſt getroffen!“ erklärte Gertrude im Augenblick mit der vollkommenſten Ruhe. „Dann, Miß St. Clair, wiſſen Sie alſo die Folgen und konnen ſich in jedem Betrachte darauf gefaßt machen!“ Gertrude nickte, ihm ſchweigend Recht zu geben. Dann ſtand ſie auf und verließ das Zimmer. Der Graf klingelte mit großerer Heftigkeit, als gewöhnlich. Sie hoͤrte noch, daß er befahl, Herrn Lyndſay im Augenblick zu rufen. Fuͤnftes Kapitel. Kaum lebt ein Menſch, der nicht leichtgläubiger iſt. als er es ſeyn ſolte; der nicht bei manchen Gelegenheiten an Dinge glaubt, welche nicht blos vönig falſch ſind, ſon⸗ dern die ihm bei nur einem ſehr mäßigen Grade von ueberlegung und Aufmerkſamkeit gleich als unwahr er⸗ ſcheinen muften. Adam Smith. Nichts iſt geeigneter, die Nerven zu ſtahlen, den Geiſt zu ermuthigen, als das Gefuͤhl, ungerecht behandelt worden zu ſeyn. Auch Gertrude glaubte daher einige Zeit, durch das dem Geliebten gebrachte Opfer einen großen Sieg erfochten zu haben. Sie jauchzte bei dem Gedanken, ihm ſo die Reinheit, die Große ihrer Liebe bewieſen zu haben. Ihre zärtliche, einfäl⸗ tige Phantaſie ergötzte ſich an der Vorſtellung, daß ihm nun die— ſeinetwegen— arme St. Clair viel theuerer ſeyn werde, als die reiche Erbin von Roß⸗ ville je geworden waͤre. Doch als der erſte Feuer⸗ erguß voruͤber war, ſeufzte ſie auch bei dem Gedanken: „Wie ſuͤß muͤßte doch die Freude ſeyn, ihm alles geben zu konnen, was ich jetzt ſehe! Dieſe herrlichen Wälder, dieſe ſich weitausdehnenden Gefilde! Ich hatte gehofft, ihn davon zum Herrn zu machen! Man ſ 47 ſagt mir, er mache Aufwand. Das heißt, er hat Sinn fur Pracht, er liebt Glanz und Anſehen, Gemaͤlde und muthige Pferde, und alles, was ſchon iſt. Ach! wie gluͤcklich wuͤrde ich geweſen ſeyn, konnte ich dieſe Wuͤnſche befriedigen und ihn ſo glucklich machen! Ach, ſo glucklich, daß ihm deshalb kein Wunſch mehr uͤbrig blieb.— Doch dies alles wird er nun fuͤr mich opfern! Er hat ja oft erklaͤrt, daß meine Liebe ihm die ganze Welt ſey! Was iſt denn verlorner Reich⸗ thum fuͤr die, die reich in Liebe um Liebe ſind?“ So ging Gertrude mit ſich ſelbſt zu Rathe. Achtzehn Jahr alt— welch Mädchen hätte nicht auch ſo gedacht? Indeſſen war der Graf doch einigermaßen in Ver⸗ legenheit, wie er mit dem andern vermeinten beleidi⸗ genden Theile, Herrn Lyndſay, verfahren ſolle. Se. Herrlichkeit hatten, ohne es ſelbſt zu wiſſen, jene in⸗ ſtinktartige Achtung fuͤr Ihren Neffen, welche ſchwache Geiſter wider ihren eignen Willen immer gegen die ſtärkern fuͤhlen. Indeſſen trotzte er auf ſeine Gewalt der Sprache und, indem er ſein Aeußeres ſo viel als möglich geltend machte, nahm er eine Stellung an, in welcher Brutus, ſeinen Gedanken nach, das Urtheil uͤber die eignen Soͤhne ſprach. Doch ſeine Blicke ſcheiterten bei Herrn Lyndſay, wie bei Gertruden. Der junge Mann zeigte keine Beſtuͤrzung, mochte auch immer der Graf ihn noch ſo ſtarr anſehen. Der Letztere mußte daher doch wieder 48 zu der gewoͤhnlichen Weiſe zuruͤckkehren und ſich in Worten erklären. Er vertiefte ſich nun in eine Rede, die ſo viel umſchweife und unnuͤtze Abwege machte, daß ſie mit dem beruͤhmten Labyrinth von Creta wetteifern konnte. Der arme Herr Lyndſay arbeitete ſich ihm vergeblich nach und war gar nicht im Stande, zu errathen, wo⸗ hin Se. Herrlichkeit gehen wollten, wohin die gewun⸗ denen Gaͤnge dieſes Vortrags fuͤhren wuͤrden. Endlich trat der Graf aus der Finſterniß hervor, auf welche die Sonne ſeiner Beredſamkeit ſo lange ein duͤſteres Zwielicht ergoſſen hatte, daß zwar nicht ganze Vol⸗ ker, doch einzelne Perſonen darin verhuͤllt wa⸗ ren, und dem dunkeln Auge des Herrn Lyndſay glaͤnzte mit einemmale ein Strahl entgegen. Einen Augenblick lang fuͤhlte er ſich ordentlich entzuͤckt im Herzen, als er hoͤrte, daß er auf alle An⸗ ſpruͤche, auf Herz und Hand der Miß St. Clair ver⸗ zichten ſolle. Allein dies änderte ſich bald. Er erin⸗ nerte ſich, wie verſchieden er und Gertrude dachte und fuͤhlte, und laͤchelte ſpottiſch uͤber ſeine eigne Leicht⸗ gläubigkeit, nur einen Augenblick lang ſo einer Täu⸗ ſchung Gehoͤr gegeben zu haben. „Es iſt mir nicht möglich, ſagte er, auf etwas zu verzichten, was ich nie beſeſſen habe. Auch kann ich mir nicht ſchmeicheln, daß es bei mir ſteht, es in Beſitz zu bekommen. Hier liegt blos eine thörichte Plau⸗ derei der Miß Pratt zum Grunde. Dieſe iſt zu Ih⸗ ren Ohren gekommen, theuerer Onkel; glauben Sie mir; ſie verdient nicht einen Augenblick lang beachtet zu werden!“ Aber ſo zum Grafen zu ſprechen, war vergeblich. Selten fand bei dieſem ein Gedanke Zugang. Hatte er ihn aber gefunden, ſo ließ er ſich auch nicht leicht wieder verdraͤngen. Er ſchien nicht blos in ſeinem Kopfe zu wohnen, nach Willkuͤhr veraͤndert, entfernt werden zu konnen, ſondern ein Theil des Kopfes ſelbſt geworden zu ſeyn. Man hätte, ihn zu vernichten, in gewiſſer Art den Verſtand des Grafen ſcalpiren oder trepaniren muͤſſen. Umſonſt läugnete daher Herr Lyndſay. Der Graf blieb feſt auf ſeiner Behauptung. Er war vom Ganzen vollkommen unterrichtet, aus der Quelle unterrichtet, die keinen Zweifel zuließ, und ſchloß nun, wie bei Gertruden: Mit Verluſt ſeiner Gnade, mit Enterbung— mit Fideicommiß. „Wenn ich,“ erklärte Lyndſay,„die Ehre hätte, von Miß St. Clair geliebt zu werden, ſo wuͤrde ich Ihnen offen ſagen, daß alles, was Sie mir eröfſnet haben, nicht den geringſten Einfluß auf mich uͤbte. Und wer ſo gluͤcklich iſt, ihre Liebe zu gewinnen, wird davon auch nie beſtimmt werden. Dies hoſſe ich mindeſtens. So hoch ich Ew. Herrlichkeit Gunſt und Roßvilles Güter ſchaͤtze, ſo bin ich doch uͤberzeugt, daß ſie Niemand mit Miß St. Clair in Vergleichung ſetzen wird!“ Dies hieß vollends dem Faſſe den Boden einſto⸗ Dreimal ſchritt der Graf im Zimm auf und IM. 4 ab, bevor er ſich getraute, eine Antwort zu geben. Dann begann er: „Ich vermag dieſe Ihre Ausflucht— um es nicht mit einem haͤrteren Namen zu bezeichnen!— nur einem mißverſtandenen, verderblichen Ehrgefuͤhl zu⸗ zuſchreiben. Aber was werden Sie denn ſagen, wenn ich Ihnen eröffne, daß erſt vor einigen Minuten ich, in dieſem Zimmer, auf derſelben Stelle, von den Lippen des jungen Mädchens ſelbſt das offene und un⸗ umwundene Geſtändniß ihrer— ihrer— ja wie ſoll ich es nennen?— ihrer hochſt tadelhaften Neigung zu und des Einverſtaͤndniſſes mit Ihnen erhalten habe?“ „Unmoͤglich!“ rief hier Lyndſay, und in ſeinen Zugen wechſelten eine Menge mit einander kaͤmpfender Gefuͤhle.„Das konnte ſie nicht ſagen— das hat ſie nicht geſagt!“ Lyndſay wußte, daß ſein Onkel ein ſchwacher, langweiliger Mann, von beſchraͤnkten Verſtandeskräften, aber die Wahrheit ſelbſt war. Zum mindeſten beab⸗ ſichtigte er ſtets, Wahrheit zu ſprechen⸗ So eine ganz auffallende Behauptung, wie er jetzt geäußert hatte, mußte nothwendig einigen Eindruck machen, mochte ſich auch ein kleiner Unglaube dazu geſellen. Lord Roßville, voll Mißvergnuͤgen, ſeine Rede in Zweifel gezogen zu ſehen, wiederholte daher erſt die letzten Worte des Neffen voller Zorn, und mehr, als gewoͤhnlich, warf er ſich in die Bruſt, um noch zu bemerken!„Ich wuͤrde mir ſelbſt Schaden thun, in ie l zu ſ, wollte ich noch weiter bei dieſem Gegenſtande verwei⸗ len, und ſo kann ich nur auf das Ehrenwort eines Pairs wiederholen, daß mir Miß St. Clair ihre ge⸗ heime Neigung zu Ihnen geſtanden und alsdann noch verſichert, behauptet hat, daß ſie ſelche Wahl zu treſſen berechtigt ſey.“ „Genug, Mylord!“ brach Lyndſay das Geſpräch ab.„Es wäre vergeblich, auf ſolche Verſicherungen jetzt eine Antwort zu verſuchen. Aber ich werde mich bemuͤhen, in Kurzem Ihnen den Schluſſel zu dem Ge⸗ heimniſſe an die Hand zu geben.“— Schnell ent⸗ fernte er ſich, ohne Hoffnung, vom Lord Roßville Auf⸗ ſchluß zu bekommen. Wie oder wo er dieſen ſinden ſolle, wußte er aber noch weniger, je weniger er die Wahrheit zu errathen vermochte. Niemand war im Hauſe, an den er ſich zu wenden wagte, weil Niemand da war, auf deſſen Scharfſinn und Redlichkeit gerech⸗ net werden konnte. Manchmal fiel ihm ein, daß Ger⸗ trude vielleicht eine falſche Rolle ſpiele und ſeinen Na⸗ men brauche, einen heimlichen Umgang zu bemänteln. Aber mit wem? Mit dem Oberſten Delmour?— In der naͤchſten Minute verwarf er dieſen Gedanken, der ihrer und ſeiner ſelbſt unwuͤrdig ſchien. Mochte ſie Fehler haben, welche ſie wollte, Verſtellung gehörte nicht dazu. In ihren Zuͤgen, ihren Worten, ihrem Weſen war ein Ausdruck der Offenheit, der Wahr⸗ heit, die ſie uͤber jeden kleinlichen Verdacht erhob. Endlich beſchloß er, ſie ſelbſt aufzuſuchen und zu ſehen, ob er nicht das Geheimniß durchdringen könne. 4* Sie ſiand am Fenſter eines der Geſellſchaftszim⸗ mer, welche ſie, beim Fortgehen vom Grafen, hatte durchwandern muͤſſen. Stolz und Bedauern miſchte ſich in ihrem Herzen, als ſie uͤber die liebliche Gegend hinſchaute, die ſich in allen glaͤnzenden Farben des Herbſtes vor ihren Augen ausbreitete. Da wurde ſie durch Lyndſays Eintreten aus ihren Träumen geweckt. Er naͤherte ſich ihr mit der Frage, wie es gehe. Dann kam das haͤßliche Schweigen der Verlegenheit, das jeder einmal empfunden hat. Endlich wollte ſie fort⸗ gehen. „Sie raumten mir einſt das Vorrecht eines Freun⸗ des ein: mit Ihnen Wahrheit zu ſprechen!“ be⸗ gann Lyndſay. „Bis jetzt haben Sie davon wenig Gebrauch ge⸗ macht!“ erwiederte ſie und wurde ſcharlachroth, denn ihr fiel das nächtliche Abentheuer ein.„Freilich darf ich wohl auch nicht mit Recht erwarten, daß Herr Lyndſay etwas uͤbernehmen wird, was ihm die Ver⸗ hältniſſe zu einem ſehr unangenehmen Geſchaͤft gewan⸗ delt haben muͤſſen!“ „Mit ſolcher Vermuthung thun Sie mir und ſich ſehr Unrecht!— So unerklärlich auch manche Dinge ſcheinen moͤgen, ſo geſchwind können ſie oft, das weiß ich ſicher, durch einige wahre Worte ins Klare gebracht werden!“ „Nein!“ rief Gertrude recht erſchuͤttert.„Ich muß Ihnen immer noch unerklaͤrlich vorkommen! Fra⸗ 53 gen Sie mich nicht!— Ich kann, in der That, ich kann Ihre Fragen nicht beantworten!“ „Gertrude,“ nahm Lyndſay hochſt ergriſſen das Wort,„es iſt zu meinem— vielleicht auch zu Ihrem Gluͤcke nothwendig, daß wir uns einander ver⸗ ſtehen!“ Er hielt inne. Sich ſelbſt kraͤftig ermannend fuhr er fort: „Sie werden es Thorheit, Anmaßung, Tollheit nennen, wenn ich Ihnen ſage, daß Lord Roßville, Gott weiß von welcher Täuſchung befangen, mich auf⸗ gefordert hat, allen Anſpruͤchen auf Ihre Gunſt— auf Ihre Hand zu entſagen!“ Er hielt inne. Gertrude, von Staunen und Ver⸗ wunderung uͤberwältigt, ſchwieg. „Haͤtte ich es gewagt, darnach zu trachten,“ ſprach er weiter, mit immer größerer Bewegung,„ſo kenne ich nichts auf Erden, das mich beſtimmen konnte, meinen Anſpruͤchen zu entſagen, aber Gertrude—“ Er wollte ihre Hand ergreifen. Sie ward wie⸗ der ihrer ſelbſt maͤchtig; ſie ſah, daß hier nur ein Weg einzuſchlagen war. Sie mußte auf die Großmuth ih⸗ res Vetters rechnen, ihm das Geheimniß ihrer Liebe zum Oberſt Delmour entdecken. Ihr war bekannt, wie edel, wie uneigennutzig, wie unfähig Lyndſay ſey, ſolch Vertrauen zu mißbrauchen. Halb oſſen, halb verlegen, entdeckte ſie ihm ihre ganze Lage. Mit der innigſten Theilnahme hoͤrte Lyndſay zu, indem ſie das Mißverſtändniß beklagte, das bei dem Onkel entſtanden ſey; indem ſie bekannte, daß ſie nicht mehr ihr Herz zu verſchenken im Stande wär' Doch als ſie nun mit ſtotternder Zunge, mit nieder⸗ geſchlagenem Auge den Oberſt Delmour als Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe nannte, äußerte er lebhaften Kummer. „Das hab' ich gefuͤrchtet!“ rief er.„Ach, Gertrude, haͤtte ich Sie davor bewahren können!“ „Bewahren?“ wiederholte ſie, vor Scham und Aerger errothend und ſich wegwendend. „Vergeben Sie, theuere Baſe! Ich wollte Sie nicht beleidigen!— Ich ſprach zu ſchnell, aber, was ich ſagte, kann ich nicht zuruͤcknehmen! Verſprachen Sie mir nicht, die Wahrheit zu hoͤren und zu dulden?“ „Da wußte ich nicht, daß ich unter dem Namen Wahrheit genothigt ſeyn wuͤrde, Verläͤumdung, Verlaͤumdung gegen Abweſende zu hören!“ Lyndſay ſah ſie mehr mit Kummer, als Verdruß an, indem er antwortete: „Aber wenn Sie nun Jemanden, an dem Sie Theil nehmen, am Rande des Abgrundes gewahr werden, wird dann irgend eine Ruͤckſicht Sie abhalten, ihn vor der Gefahr zu warnen, und ihn, wo möglich, zu ret⸗ ten? Doch— thun Sie mir nicht in dem Grade unrecht, daß Sie annehmen, ich ſey ſo niedrig, Ih⸗ nen Dinge zu ſagen, die ich dem Oberſten Delmour nicht ſelbſt geſagt habe und ihm zu wiederholen bereit bin! Ich habe ihm geradezu eroffnet, daß ich alles thue, was in meinen Kräften ſteht, Sie abzuhalten, je die Seinige zu werden. Wenn dies Verläumdung iſt— „Sey es, was es wolle: ich will nichts mehr hören! Ich habe ſchon zuviel gehört!“ rief Ger⸗ trude aufs neue, und ihre Stimme zitterte vor Un⸗ ruhe.„Zum Lord Roßville will ich gehen; ihn auf⸗ klären uͤber ſeinen Irrthum, mag fuͤr mich daraus ent⸗ ſtehen, was da will!“ Sie wies Lyndſays Beſtreben, ihr entgegen zu treten, zuruͤck, flog zum Grafen und entdeckte ihm mit allem Feuer des verwundeten Gefuͤhls, daß der Oberſt der Gegenſtand ihrer Neigung ſey. Es gehoͤrte einige Zeit dazu, ehe der Graf dieſem neuen„Meer von Licht“ die Augen öfſnen konnte. Als er aber dahin war, folgte ein langweiliger und langdauernder Auftritt. Dies war noch ſchlimmer, ſeiner Behauptung nach! Den juͤngern Bruder zu waͤhlen! Wie ſonderbar! Er zog eine Parallele zwi⸗ ſchen den beiden Bruͤdern, die mit der im Hamlet— wenigſtens nach dem Gefuͤhle Sr. Herrlichkeit— wett⸗ eifern konnte. Umſonſt aber ward ihr Geliebter ver⸗ kleinert. Häͤtte ſie ſelbſt die ihm beigelegten Fehler geglaubt, ſie wuͤrden doch nun zu ſpät entdeckt wor⸗ den ſeyn, ihr Herz verwundet, aber nicht umge— wandelt haben. Endlich ſchloß das Ganze, daß ſie von des Onkels Umgang und Schutz ausgeſchloſ⸗ ſen ſey. Miſtreß St. Clair wurde gerufen. Es folgte 6 eine lange Berathſchlagung. Ihr Aerger, ihr Verdruß li war mindeſtens dem des Grafen gleich, ob er ſchon 16 aus einer ganz andern Anſicht der Sache entſprang. 4 Die nächſte Frage war, wie man das boͤſe Mädchen oh zu behandeln habe. Ihr zu geſtatten, nach dieſem ſe Bannſtrahle Sr. Herrlichkeit noch ferner im Glanze von Dero Strahlenſonne zu weilen, ging gar nicht. Sie aber ins Zimmer zu verbannen oder gaͤnzlich fort⸗ zuſchicken, wuͤrde die Sache zur öffentlichen Kunde gebracht haben. Da er uͤberdies erwartete, am Ende doch noch den Sieg zu behalten, ſo trug er auch großes Bedenken, wie er ſich ausdruͤckte, die Flamme der Emporung noch weiter aufſteigen zu laſſen, denn ihm blieb kein Zweifel, wie ſie doch bald geloͤſcht ſeyn werde. In dieſer Verlegenheit war das Einzige, was Madame St. Clair vorſchlagen konnte, mit ihrer Toch⸗ ter einen Beſuch bei den Schweſtern zu machen. An⸗ fangs machte der Graf dagegen Einwuͤrfe. Als er aber hörte, daß ſie ganz abgeſondert lebten, daß es fuͤr Gertruden eine wirkliche Strafe ſey, dort zu ſeyn, gab er es zu. Unter dem Vorwande, die Luft zu wechſeln, weil Miß St. Clair den Katarrh habe, ward verabredet, daß ſie gleich auf der Stelle reiſen ſollten. Die noͤthigen Vorkehrungen wurden getroffen, den Schein zu retten, und, wie der Graf ſich ausdruͤckte, der Ver⸗ wunderung vorzubeugen, zu welcher eine ſolche ſchnelle 57 Entfernung Anlaß geben könnte. Zu dem Wagen ge⸗ leitete ſie der Graf ſelbſt, indem er der Madame St. Clair hinein half, Gertruden aber blos behuͤlfflich zu ſeyn ſchien, und ſo ſeine Rolle aufs Schönſte, ohne bis zum letzten Augenblicke herausgefallen zu ſeyn, geſpielt zu haben glaubte. Sechstes Kapitel. Man darf nicht glauben, daß das Leben der Chriſten ein trauriges Leben ſey. Freuden giebt man hin, aber nur für andere, größere. Pascal. Far den weltlichen Sinn iſt es ſtets etwas Druͤcken⸗ des, von der Groͤße zum Leben des Mittelſtandes herabzuſteigen. Dies erfuhr Madame St. Clair und ihre Tochter im Augenblick, als ſie die einfache Woh⸗ nung der Miß Blacks betraten. Die Mutter liebte den Glanz, die Genuͤſſe des hoöhern Lebens, die Toch⸗ ter huldigte den Freuden, den Schoͤnheiten deſſelben. Beide hatten den Geſchmack fuͤr den niedrigen Kreis verloren, in welchen ſie jetzt kamen. Die Schweſtern empfingen ſie mit Liebe und Zaͤrtlichkeit, die aus einer beſſern Quelle, als die welt⸗ liche Klugheit gewährt, zu fließen ſchienen. Es war eine Oſſenheit, ein ruhiges, ſanftes Weſen in ihnen, das einnehmen mußte. Allein zu gleicher Zeit wi⸗ chen ſie von den Beſuchenden in Geſchmack, Grund⸗ ſaͤtzen und Beſtrebungen ſo ſehr ab, daß es keine Höf⸗ lichkeit, keine Herzlichkeit, keine Gaſtfreundſchaft gänz⸗ lich ausgleichen konnte. Die Jungfrauen bekannten b in wa un ſich nicht blos zu der Religion, die jeder mit der Lippe zu ehren meint, indeſſen ſein Herz weit davon entfernt iſt. Auch ihre Zeit und ihre Talente, ihre Habe, ihre Herzen waren dem Dienſte derſelben gewetht, und wer Gott ſein Herz weiht, wie mannigfach, wie umfaſſend ſind die Pflichten, die er ſich dann auflegt! Beiden waren verſchiedene Wege gezeichnet, aber beide arbeite⸗ ten in demſelben Weinberge! Tauſende eilen dahin, und uber das Land und die Meere Fliegen ſie ohne Raſt. Doch andere ſtehen und warten⸗ Aber auch ſie dienen!—*) Das Wort des Herrn war die Richtſchnur ihres Glaubens und ihres Lebens. Sie glaubten und gehorchten. So ſehr ſie von den wichtigen göttlichen Wahrheiten uͤberzeugt waren, ſo wußten ſie doch, daß man nicht mit dem Kopfe, ſondern mit dem Herzen an Chriſtus glaubt, daß man ſich be⸗ ſtreben muß, durch ſein Beiſpiel dem Chriſtenthum Freunde zu erwerben, ſtatt uͤber den goͤttlichen Urſprung deſſelben zu ſtreiten. Wie die glaͤnzenden Sterne des Firmaments im ſtillen Buſen eines geraͤuſchloſen Fluſſes im Thale wiederſtrahlen, ſo leuchtete auch ih⸗ nen die göttliche Wahrheit in hellem, wenn auch mil⸗ dem Lichte entgegen, während die Liebe, die ſich nicht ſelbſt ruͤhmt, die ſich nicht erzuͤrnt, und kein Böſes denkt, in dem ganzen Weſen dieſer ihrer Dienerinnen *) Milton. ſichtbar war und einen unbeſchreiblichen Zauber üͤber ihre Unterhaltung breitete. Ohne der Pflicht etwas zu vergeben, ohne ihre Neigung zu opfern, ſuchten ſie doch durch alle ihnen mögliche Mittel ihr Haus den neuen Gäſten ange⸗ nehm zu machen, und wo nicht laute Freude und Ju⸗ bel, doch Unterhaltung und Vergnuͤgen zu bereiten. Aber freilich zeigte ſich bei ihren Schweſtern etwas, das Miſtreß St. Clair ſich nicht aneignen konnte. Sie fuͤhlte, daß ſolcher Glaube, ſolch ein Leben ihr ſelbſt ein Vorwurf ſey, und darum wendete ſie ſich von dem trefflichen Weg, wie der Mond die Strahlen der Sonne flieht, die ihm zu glänzend ſind. Mit Gertruden ſtand die Sache anders. Nicht aufgekläͤrt genug, uͤber eingeſogene Vorurtheile zu herr⸗ ſchen, hatte ſie doch zu viel freien Sinn, zu viel Unbefangenheit, um ihnen treu zu bleiben; und nach wenigen Tagen, die ſie bei ihren Tanten verlebt hatte, war ſie bereits zu der Ueberzeugung gelangt, daß alle religibſe Menſchen keinesweges Narren, Heuchler und Dummköpfe ſind. Die immer ſich gleich bleibende Sanftmuth und Guͤte ihrer Tanten, ihre Liebe gegen Jedermann, ihre Nachſicht gegen junge Leute mußte Gertrudens Herz gewinnen. Zwar fuͤhlte ſie, daß dieſe ganz andere Geſinnungen hegten, als ſie, daß ſie ganz außer der gewöhnlichen Bahn wandelten, doch die Fruͤchte, welche dieſe trug, waren ſo ſchoͤn, daß ſie Pope's oft mißverſtandene Maxime darauf anwen⸗ den mußte: c tn do iſ ze ſie li —cGc— c„— —— ber à6 — Der kann nicht boͤſe ſeyn, der, wie es ſeyn ſoll, lebt! Indeſſen war hier eine Tugend zu ſchauen, die Ger⸗ trude nicht anzunehmen Luſt hatte. Alles, was dieſe davon beſaß, lebte mehr in der Einbildungskraft. Sie entſchloß ſich gern in Gedanken zu ſchwärme⸗ riſchen Handlungen und Beweiſen eines trefflichen Her⸗ zens. Geld und Thränen und Angſt zu opfern war ſie immer bereit. Aber kam ſie nun mit dem menſch⸗ lichen Elend wirklich ſelbſt in Beruͤhrung, dann trat ſie ſchaudernd und voll Ekel vor dem Bilde zuruͤck. Die ſchmutzigen Huͤtten, die gemeine Sprache der Leute, die häßlichen Kinder emporten alle ihre zart geſponne⸗ nen Begriſſe vom ſchoͤnen Wohlthun. Sie wuͤnſchte dann eine Art ſchönes, anmuthiges Elend; einige anziehende Spuren menſchlichen Ungluͤcks zu ent⸗ decken, um die heißen Gefuͤhle ihres edlen, theilneh⸗ menden, aber weltlich geſinnten Herzens ausſtrömen zu laſſen. Kurz, ihre Religion war die Religion des Ge⸗ fuͤhls, des innern Antriebes, und es galt davon, was man ſehr richtig bemerkt hat:„Die Tugend erfordert Gewohnheit, feſten Vorſatz ſo gut, wie zartes Gefuͤhl. Ungluͤcklicherweiſe fehlen die erſtern Be⸗ dingungen manchmal, wo das letztere in größter Vollkommenheit da iſt!“ Ach, die ſchonen, anmuthi⸗ gen Geſtalten, in welchen Malerei und Bildhauerkunſt mit allem Reichthum der Phantaſie die Liebe des Chri⸗ ſten bekleidet haben, ſind leider nicht auf dieſer Erde! Obſchon die beiden Schweſtern, wie man hier zu ſagen pflegt, von der Welt abgeſondert lebten, ſo fand ſich doch bei ihnen eine Geſellſchaft ein, an welcher Miſtreß St. Clair und ihre Tochter Antheil nahmen, ohne ſich deshalb herabgeſetzt zu glauben. Ihre Thuͤren ſtanden allen oſſen: denn gegen Jedermann uͤbten ſie Gaſtfreundſchaft, obſchon nur ſolche, deren Glauben und Leben mit dem ihrigen am innigſten verſchwiſtert war, am liebſten geſehen wurden. Wilheim Leslie, der, unſchuldig, Gertrudens jetzige Ungnade veranlaßt hatte, kam ſehr haͤufig hierher und mußte nothwendig einen guͤnſtigen Eindruck machen. Sein angenehmes Aeußere, ſeine Beſcheidenheit, ſein ſanftes Weſen trugen gleich ſehr dazu bei. Er war ſo zart gebildet, daß er noch juͤnger ſah, als er war. Kaum zwanzig Jahre haͤtte man ihm zugetraut. Ue⸗ brigens war er groß, hatte einnehmende Zuͤge, braunes Haar. Gertrude nahm an ſeiner Liebe zu ihrer Cou⸗ ſine vielen Antheil. Aber die wachſende Leidenſchaft im eignen Herzen hielt ſie freilich ab, zu ſehr an fremde Dinge zu denken. Zu der Unruhe, daß der Geliebte abweſend war, geſellte ſich jetzt eine nicht zu beſchwich⸗ tigende Ungeduld, von ihm neue Verſicherungen der Liebe zu empfangen. Sie zweifelte nicht an ſeiner Treue. Sie glaubte nicht einen Augenblick, daß dieſe durch irgend einen ſie betreſſenden Gluͤckswechſel er⸗ ſchuͤttert werden koͤnnte. Aber wohl wußte ſie, daß ihm der Graf den ganzen Vorfall geſchildert haben mußte, und nun waͤre es ihr wohlthuend geweſen, wenn er geſagt haͤtte, daß ſeine Treue unerſchuͤttert ſey. en, ren ſie ben ert ige el⸗ ben ſen, ſeh⸗ Aus den Zeitungen erfuhr ſie, wie ſein Regiment noch in England ſtand. Vielleicht hatte er im Sinne, ſelbſt zu kommen und ſie vor dem Sturme zu bergen, dem er ſie preis gegeben hatte. Doch Gertrude harrte einen Tag nach dem andern, eine Stunde nach der andern, bis das Warten zum ſchlafloſen Wachen, und das Wachen zum Schmerz der getäuſchten Hoffnung ward! Die Mutter las, was in ihrer Seele vorging, und ſuchte daraus Nutzen zu ziehen. Sie bemuͤhte ſich, ſie zu beſtimmin, daß ſie einem Manne entſagte, der ſie nur einen Augenblick in ſolcher entſcheidenden Stunde uͤber ſeine wahren Geſinnungen zweifelhaft laſſen koͤnne. Doch es dauert lange, ehe ein junges, edles Herz an etwas ſo Ungeheueres glauben kann, wie die Untreue des geliebten Gegenſtandes iſt. Ger⸗ trude wurde von Zweifeln gequalt, aber mit Abſcheu wies ſie dennoch den Gedanken zuruͤck, daß er ihrer unwerth ſey. Umſonſt ſuchten die Tanten ihren Sinn auf beſſere Dinge zu lenken, ihren Geiſt nur fuͤr an⸗ dere Quellen der Beſchaͤftigung zu ſtimmen. Gertrude war dem Einfluſſe einer ungluͤcklichen, beherrſchenden Leidenſchaft preis gegeben und konnte nur auf den Ruf dieſer hoöͤren. Mochten jene noch ſo weiſe, ſo liebevoll zu ihr ſprechen: ſie hoͤrte es nicht. Im Gegentheile wurde ſie uͤber die Ruhe und Sanftmuth, die hier herrſchte, unwillig; ſie ſeufzte im Stillen uͤber das einförmige, traurige Leben bei ihnen. Siebentes Kapitel. Voll Hoffnung zleht der König aus, Voll Hoffnung hält das Weibchen Haus, Voll Hoffnung geht der Kaufmann fort, Von Hoffnung duldet unſchuld dort, Voll Hoffnung ſät der Ackersmann, Von Hoffnung geht der Wandrer d'ran. Drum zage arme Seele nicht, So lange Hoffnung zeigt ihr Licht! Richard Aliſen. Bisher war das Wetter ſchon geweſen, und obſchon ſchoͤnes Wetter in jeder Stadt, beſonders einer kleinen, ſchmutzigen, einſamen, nie von großer Bedeutung ſcheint, ſo war es doch fuͤr Gertruden ein Troſt, allein im kleinen Garten am Hauſe zu ſpazieren, oder auch wohl die benachbarten Felder zu durchſtreifen. Jetzt aber raubte ihr ein zwei Tage anhaltendes Regenwetter auch dieſe Erholung und ſie ſah ſich nun in daſſelbe Zim⸗ mer zu den Tanten, der Mutter gebannt, ohne an ihren Arbeiten, ihren Geſprächen Antheil nehmen zu konnen. Wo ſich die Herzen verſtehen, reicht ein ſehr kleiner Raum fur die Körper hin. Wenn Ge⸗ ſchmack und Neigung aber nicht zuſammen ſtimmen, muß der geſellſchaftliche Umgang nothwendig peinlich, jich den ſell ſie der gen 65 druͤckend werden. Dann ſeufzen wir ſogar nach der freudenleeren Freiheit der Einſamkeit! Auf den engen, ſchmutzigen Straßen des Städtchens gab es nichts An⸗ ziehendes, nichts Schones, und doch ſaß Gertrude faſt den ganzen Tag am Fenſter und ſah hinaus, ohne ſelbſt zu wiſſen, warum. Zu einer andern Zeit wuͤrde ſie ſpoͤttiſch gelaͤchelt haben, auf ſo eine traurige Quelle der Unterhaltung beſchränkt zu ſeyn. Die meiſten Ge⸗ genſtaͤnde, welche ſie erblickte, waren nichts weniger, als feſſelnd. Dort ihr gegenuͤber ſaß ein altes Weib und ſtrickte. Neben an war große Waͤſche. Die Maͤgde kamen mit aufgeſtreiften Aermeln und krebsrothen Armen vor die Thuͤre, die Eimer mit ſchmutzigem Seifenwaſſer auszuſchuͤtten. An einem Fenſter ſuchte eine Waͤrte⸗ rin das ſchreiende Kind zu beſchwichtigen. Neben der Strickerin konnte man zwar wegen der von Staub bedeckten Fenſterſcheiben nichts ſehen, aber ein altes Spinett klimperte unaufhoͤrlich ein eben ſo altes Volks⸗ lied. In einem Kramladen ſtand in der halb geoſſ⸗ neten Thuͤre der Verkaͤufer und ſah mit der langen rothen Naſe uͤberall nach einem Kunden umher. Dann und wann wurde die Straße von einem Paar Holz⸗ pantofſeln belebt; bisweilen trieb man auch eine trau⸗ rig bloͤkende, ſich ſtraͤubende Kuh voruͤber. Selbſt ein Woagen erſchuͤtterte manchmal, rollte er uͤber das hocke⸗ rige Pflaſter, das ganze Haus, und ein heiſerer Bän⸗ kelſaͤnger ſuchte um ſich mit kreiſchender Stimme ein Haͤuflein zu ſammeln, das aber freilich nur am Ende aus 5 66 einem zur Schule gehenden Knaben, oder einem Dienſt⸗ mädchen beſtand, die eilig etwas beſtellen ſollte. Dies waren hoffnungsleere, traurige Toͤne. Aber das Bla⸗ ſen eines Poſthorns— welch harrendes Herz und lau⸗ ſchendes Ohr wird nicht von ihm ergriffen? Gertrude ſtrengte ihr Auge an, von ferne zu erſpähen, was es verkuͤnde. Ein langer Stuhlwagen, mit Reiſenden in Mänteln, von Regenſchirmen bedeckt, fuhr ab. Ihre Furcht kam ſo wenig zu Ende, wie ihre Hoffnung zum Siel. Der Tag ging hin— das Mittageſſen ward auf⸗ getragen. Mit einem tiefen Seufzer wollte Gertrude das Fenſter verlaſſen, als ſich wieder das Rollen eines Wagens horen ließ. Sie ſah geſchwind hinaus— ſie ſah einen Wagen von fern— er kam in jener unſichern Art naͤher, die wohl zeigte, daß der Kutſcher nicht recht wiſſe, wohin. Die Fenſter waren aufge⸗ zogen; wegen des Regens konnte man nicht durch⸗ ſchauen, doch als er einen Augenblick ihr gegenuͤber hielt, erkannte ſie das ihr ſo wohl bekannte Wappen des Delmourſchen Hauſes! Einige Augenblicke ſah— hoͤrte ſie nichts. Alles ſchwirrte um ſie herum. Ihr einziger Gedanke war: Er iſt da! Selbſt hier ſucht er mich auf! Sie ſah von neuem hin. Der Wagen war vor einigen Häu⸗ ſern hingefahren, jetzt hielt er. Nur die Hinterräder konnte ſie noch erblicken, ſonſt nichts, doch ſchien ein kleiner Aufſtand zu werden. Köpfe kamen aus den Fenſtern auf der andern Seite, zwei, drei Leute gin⸗ nſt⸗ Res la⸗ au⸗ ude in hre um uf⸗ ude ines ener cher fge⸗ ſch⸗ über llles ar: ſah † al⸗ äder ein den gin⸗ gen aus ihren Wohnungen uͤber die Straße nach der Kutſche. Jeder Augenblick ſchien Gertruden eine Ewig⸗ keit. Es dauerte einige Minuten, ehe weiter gefahren wurde. Die Kutſche lenkte um— ſie ſah die Pferde wieder— ſchon waren ſie faſt vor der Thuͤre. Kein Zweifel blieb mehr! Bald war es gewiß— jetzt hielt der Kutſcher, ein lautes Pochen an der Haus⸗ thuͤre rief jetzt ſelbſt ihre Tanten. Man hoͤrte, daß Jemand unten ſey. Gertrude aber verſtand nicht, was geſprochen wurde. Vor ihren Augen war ein Flor, vor ihrem Ohr nur verwirrtes Getöſe. Da ging die Thuͤre auf und in einem Augenblicke zerfloß der ganze Traum, wie wenn ein Zauberſchloß verſchwindet; denn — wer wackelte herein?— Miß Pratt! Achtes Kapitel. Es iſt doch ſchön, ein verſtändiges Weſen zu ſeyn, das für ales, wozu es Luſt hat, einen hübſchen Vorwand zu ſinden, zu erfinden weiß. Franklin. Ei, meine gute Miß Black, das iſt wirklich zu viel! Na, laſſen Sie ſich nicht von mir ſtören! Aber was denken Sie denn?— Ach, ich bin in eine ſchone Verlegenheit gerathen, Dank ſey's meinem Mamſell⸗ chen, der Magd!— Nun, Miß Mariechen, ich hoffe doch, mit Ihnen geht's ein Bischen beſſer? Hören Sie, Madame St. Clair, wer jetzt Fluͤſſe hat— das iſt ſchlechtes Wetter!— Na, Miß Gertrudchen, mein Täubchen, ſind Sie denn huͤbſch wohl?— Ach, was ich ſagen wollte, ſo iſt es mir doch in meinem Leben nicht gegangen, wie jetzt! Ich habe doch die ganze letzte Woche beim alten General Crabtree zugebracht. Der arme Mann! Das Podagra hat ſeine uͤble Laune auch nicht verbeſſert! Das Haus iſt klein, und ich ſage es Ihnen gerade zu, ich war recht froh, da ich eine Entſchuldigung fand, daß ich fort konnte. Unſer guter Freund Delmour will ſich nämlich ein Paar ne ſer aar 69 Tage aufhalten, um Stimmen zu ſammeln, und ſchickte den Wagen herein, weil etwas an den Laternen zu beſſern iſt. Da dacht' ich, ich wollte gleich die Gele— genheit mitnehmen, weil ich gerade ſelbſt etwas abzuma⸗ chen habe. Aber was denken Sie denn? Wie ich an mein Haus komme— iſt es hart und feſt zugeſchloſ⸗ ſen und meine Gakgans von Magd iſt zu ihrer kran⸗ ken Mutter, oder ihrem Bruder, der von Oſtindien heimgekommen, oder Gott weiß, wo ſonſt hingegangen, und ich muß fuͤr mich ſelbſt ſorgen, ohne eine Hohle zu haben, wo ich mein Haupt hinlegen kann. Wenn ſie nur ſo viel Verſtand gehabt haͤtte, den Schluͤſſel irgend wo hinzulegen, ſo konnte ich mir doch noch—“ In dieſem Augenblicke trat das Dienſtmaͤdchen von Miß Black mit einem großen Schluͤſſel herein und ſagte, daß er der Miß Pratt gehöre, das Haus zu oͤffnen. Die Kohlgärtnerin habe ihn geſchickt; er ſey von Babby Breitfuß bei ihr zuruͤckgelaſſen worden. „Das iſt mein Schluͤſſel?“ ſagte die Eigenthuͤ⸗ merin, hoͤchſt ſauer dazu ſehend.„Nu, das iſt deſto beſſer!— Freilich eine recht kalte Stube werd' ich ſinden! Wenn man ſo von der Reiſe kommt!“ Miß Black war zu redlich, um unwahre Dinge zu ſagen, Freude zu heucheln, die ſie nicht fühlte. Aber ſie benutzte doch den erſten Augenblick, als Miß Pratt ſchwieg, um den Wunſch zu aͤußern,„daß dieſe bei ihnen bleiben moͤge. Denn auf das, was ſie bieten konnten, ſollte ſie herzlich willkommen ſeyn!“ „Meine gute Miß Black, das iſt wirklich recht 70 huͤbſch! Freunde in der Noth gehen zwanzig auf ein Loth! Aber iſt es denn auch gewiß, daß Sie ſich nicht in Ungelegenheit bringen? Was Sie ſagen, darauf kann man ſich verlaſſen! Doch meinetwegen darf man ſich auch nicht bekuͤmmern. Ich dank' es meinem Schoͤpfer: Ich bin leicht zufrieden geſtellt! Zu den Leuten gehoͤre ich nicht, die nicht außer ih⸗ rem Hauſe ſchlafen können. Ich kann in jedem Bette liegen, das huͤbſch weich, gut aufgeſchuͤttelt iſt, recht viele Kiſſen hat und huͤbſch weiß uͤberzogen iſt! Und nun noch ein Bischen mit der Waͤrmflaſche durchge⸗ fahren und in der Stube erſt ſo ein huͤbſches Feuer⸗ chen angemacht! Na, wenn Sie es einmal ſo haben wollen, ſo will ich mir die Freiheit nehmen, meine ſieben Sächelchen hereinzuſchaffen. Nachher ſind ſie leicht fortzubringen. Willſt Du denn einmal hinaus gehen“— fragte ſie das Dienſtmädchen—„und dem Kutſcher ſagen, daß er alles auspacken ſoll? Er ſoll jemand nehmen, der ihm den großen Kofſer ab⸗ packen hilft! Und ſag ihm, daß er bei dem kleinen nicht das Unterſte und Oberſte unter einander bringt! Ach höre mal, mein liebes Mädchen, trag Du mir mal die Schachtel herein. Es iſt ein gruͤner Bettſack im Wagen; gieb Acht, daß der huͤbſch zugebunden iſt. In der einen Taſche ſteckt ein Paar Schuhe und mein Arbeitsbeutel, in der andern habe ich ein kleines Päck⸗ chen in Zuckerpapier gewickelt. Nachher ſteht in der Ecke ein Körbchen Weiter iſt nichts!“ „Ei das iſt eine rechte Wohlthat!“ fuhr ſie — 7¹— fort und warf ſich in einen Stuhl vor dem Kamin. „Wenn man ſo gerade von der Reiſe kommt!“— Sie zog die Schuhe aus und hielt die Fuͤße gegen das kniſternde Feuer.„Und wiſſen Sie, was noch beſſer iſt? Das Freundſchaftliche, meine liebe Miß Marie!“— Sie druͤckte dieſer recht nachdrucksvoll die Hand, als wollte ſie ſagen:„ Nehmen Sie dies zum Dank dafuͤr.“ Das Dienſtmädchen kam jetzt wieder herein, um zu melden, wie alles aus dem Wagen geſchaſſt ſey und der Kutſcher fragen ließ, ob ſie noch etwas zu erinnern haͤtte? Miß Pratt wußte wohl, daß dies in andern Worten eine Bitte um ein Trinkgeld enthielt, und ſchien daher etwas nachzuſinnen. Da aber das Geben ihre Sache nicht war, antwortete ſie: „Ich habe nichts zu erinnern. Er ſoll nur gleich, wie ſein Herr befohlen hat, zum Sattler auf dem brei⸗ ten Wege fahren und zeigen, was an dem Wagen zu machen iſt, und ihn da ſtehen laſſen und machen, daß er nach Hauſe kommt, und viele Complimente von mir beſtellen!“— Sie ſchien mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen, als ſie noch äußerte:„Wenn ich zu Hauſe wäre, wuͤrde ich ihm doch ein Trinkgeldchen gegeben haben, nicht etwa wegen des Fahrens, es iſt ja kaum lumpige zwei Stunden, ſondern weil es ſo ſchlechtes Wetter iſt!“ Miß Black aber loſte dieſe Zweifel durch den Befehl auf, dem Kutſcher einige Erfriſchungen zu reichen. —— „Nun, das iſt wirklich nobel von Ihnen, meine gute Black!“ rief die geizige Jungfrau.„Aber ich weiß doch nicht, ob's recht iſt, daß man den Dienſt⸗ leuten anderer Menſchen etwas giebt? Geld geb' ich ihnen niemals; das iſt bei mir Grundſatz!“ Sie warf dabei einen Blick um ſich, als wollte ſie fragen: „Hab' ich nicht recht!“ „Wenn man den Leuten Muͤhe verurſacht,“ er⸗ innerte Madame St. Clair, die bei uͤbler Laune und daher in ihren Vemerkungen bitter war,„ſo muß man ihnen auch etwas geben!“ „Hören Sie mal an, meine Beſte, ich kenne manche Leute, die ein rechtes Geſicht machen, wenn man ihren Dienſtboten etwas giebt! Manche kenn' ich! Sie denken, daß ihre Leute dadurch geldgierig und habſuͤchtig werden, und ich denke auch ſo! Wirk⸗ lich, ich ſage immer, es iſt eine böſe Sache, anderer Leute Dienſtboten Geld zu geben. Aber meiner ſcho⸗ nen Magd will ich ein Trinkgeld geben— von ganz beſonderer Art, weil ſie mich ſo aus dem Hauſe ge⸗ bannt hat!“ Das Mittageſſen, durch die Ankunft der Schwa⸗ tzerin aufgehalten, ward jetzt aufgetragen. „Herr Jeſus!“ rief ſie.„Iſt es denn ſchon um dieſe Zeit?“— Sie ſah nach der Uhr.—„Ja wahrhaftig, man ſollte es nicht glauben!“ Sie zog geſchwind die Schuhe an.—„Nehmen Sie's nicht uͤbel, wenn ich im Mantel mich an den Tiſch ſetze. Ich ſage Ihnen,'s iſt mir doch nicht eingefallen, in —— . 3. einem fremden Hauſe heut zu eſſen?“— Sie hatte jetzt ſich an den Tiſch gepflanzt.„Gräupchenſuppe?“ fragte ſie und guckte in die Terrine.„Ei, das iſt eine ſchoͤne Sache, wenn ſie gut gemacht iſt.— Und die iſt ſehr gut— ſo duͤnne, ſo kraͤftig— das iſt meine Leibſuppe!— Miß Mariechen, eſſen Sie von der Suppe!— Nu, Gertrudchen, Sie ſehen ja gar nicht aus, als haͤtten Sie Hunger? Ja, Sie ſind heut nicht ſpazieren gegangen! Ich wollte nur, daß Sie jetzt Antonius Whyte ſehen konnte. Der ſagte immer: Ein elegantes Frauenzimmer muß immer bei Tiſche ausſehen, als bekuͤmmere ſie ſich weder um Eſſen noch Trinken. Ich glaube, dem wuͤrden Sie hier rechten Spaß machen!“ „Das weiß ich, wie ich mich ſelten darum be⸗ kuͤmmere, ob ich bei Tiſche ſitze oder nicht!“ ſagte Miſtreß St. Clair, ob ſie ſchon immer, nebenbei ſey es bemerkt, die beſten Biſſen zu erhaſchen ſuchte. „Meine gute Madame St. Clair, haben Sie es denn ſchon einmal verſucht, zu Mittag nicht zu eſſen?“ „O ja, mehr als einmal; das koͤnnt' ich wohl tragen, denk' ich!“ „Ich bitte um Verzeihung. Da kennen Sie's noch nicht! Ich geb' Ihnen mein Wort— wer's einmal verſucht hat, thut's nicht wieder! Ich ſpreche aus Erfahrung. Ich aß auch einmal zu Mittage nicht, aber glauben Sie mir, daß dies eine häßliche Geſchichte war! Kurz, meine Sache iſt es nicht. Die Leute moͤgen reden, was ſte wollen.— Weißfiſchchen?— Ei, das iſt ein Leibeſſen von Antonius Whyte!— Mit Semmelkruͤmchen daruͤber! Ach und hier ein Kapaunchen! Das iſt fett und ſchoͤn! Ich ſage Ih⸗ nen, mir iſt es ein ordentliches Feſt, bei ſo einer Mahlzeit zu ſitzen; denn die ewigen Schildkrötenſup⸗ pen und das viele Wildpret immer eſſen zu muͤſſen, wird man ordentlich uͤberdruͤſſig.— Ich habe mich ordentlich nach Hauſe mal geſehnt, blos um mich ein⸗ mal mit einem Loöffel guter, ordinaͤrer Fleiſchbruͤhe und einem Stuͤckchen Schoͤpſenfleiſch zu erquicken. Ach wenn ein Paar gute Freunde ſo zuſammen ſitzen, das iſt eine ſchoͤne Sache. Zehnmal beſſer, als die Gaſtereien in großen Häuſern, wo man kein vernuͤnf⸗ tiges Wort reden kann!— Madame St. Clair, ich muß ſchon ein Bischen vorlegen! Mein liebes Ma⸗ riechen ißt faſt gar nicht!— Nu, Gertrudchen, trin⸗ ken Sie ein Tropfchen Wein mit mir? Bei dem ſchlechten Tage heut muß man ſich was zu Gute thun!— Iſt der Wein aus Ihrer Fabrik, Miß Black?— Weiß Gott, der iſt faſt ſo gut, wie bei Antonius Whyte der Frontinak!— Wer nicht da iſt, ſoll leben!“— Hier warf ſie Gertruden einen bedeutungsvollen Blick zu.—„Ach, hören Sie mal, was dachten Sie denn, wie Sie den Delmourſchen Wagen halten ſahen? Ich glaube doch, Sie haben ſich ein Bischen geärgert? Wie?“ Gertrude fuͤhlte ſich zu verſtimmt, um durch ſo einen unzeitigen Scherz geruͤhrt zu werden. Sie ein all hin ſor dr ſchwieg, blieb kalt und unfreundlich. Irgend etwas einer Unterhaltung Aehnliches anzuknuͤpfen, wenn Miß Pratt da war, blieb unmoͤglich, und doch reichte auch alle Geduld und feine Lebensart der Miß Blacks nicht hin, ihr Geſchwätz den ganzen Tag anzuhoren. Um⸗ ſonſt nahm man ſeine Zuflucht zur Muſik, denn ſie drängte ſich dann an eine aus der Geſellſchaft an und fluͤſterte ſo laut, daß es einem zartfuhlenden Ohre noch mehr zuwider war, als wenn ſie geradezu das Wort fuͤhrte. Die einzige Art, ſie mit Erfolg zum Schweigen zu bringen, war lautes Vorleſen. Sie mißbilligte dieſe Art, die Zeit hinzubringen, zwar eben⸗ falls und bemerkte, daß der vorleſende Theil es recht ſatt bekommen muͤſſe; es ſey ja viel leichter, wenn alle ſich zuſammen ſetzten und ein Bischen ſchwatzten Allein man wich kluglich ihrem Einwurfe aus und Miß Marie las eine Erzählung vor, die zu der den Abend beſchließenden Erbauungsſtunde die Einleitung machte. Neuntes Kapitel. Ich ſpanne nach und nach ſo auf die Folter, Die Qual von meinen Worten zu verlängern. Shakespeare. Die heiligen Gefuͤhle, welche in Gertrudens Seele rege geworden waren, hatten, ſo lange ſie vorwalteten, einen balſamiſchen Einfluß auf ihr Herz. Doch ſie ließen nach und dann kam blos das frohe Gefuͤhl: auch dieſer Tag ſey ja voruͤber; jetzt koͤnne ſie nun allein ſeyn! Geſchwind eilte ſie in ihr kleines Zim⸗ mer und nahm den oft geleſenen Brief des Geliebten vor— den einzigen Brief, den ſie erſt von ihm erhalten hatte. Aber wog denn der eine nicht wohl tauſend auf? Alles ſtand darin, was die waͤrmſte, zaͤrtlichſte Leidenſchaft diktiren konnte, jede Verſicherung der treuen, unveränderlichen, ewigen Liebe trat entge⸗ gen, und daran zu zweifeln, wiederholte ſie ſich immer und immer, war ſchlecht, war ehrlos! Doch indem ſie ſich's wiederholte, ſchlich ſich auch, ihr ſelbſt unbewußt, ein unbeſtimmter, peinlicher Zweifel in ihre Seele ein. Sie wurde aus ihrem eele eten, ſie ühl: nun im⸗ Sinnen geweckt, indem Jemand an die Thuͤre klopfte. Ehe ſie noch Herein! rufen konnte, zeigte ſich ſchon der Kopf der Miß Pratt in der Nachtmuͤtze, und rief: „Kann ich denn ein Bischen herein kommen?“— Die Erlaubniß wurde, wie die Leute es gewoͤhnlich zu machen pflegen, vorausgeſetzt und ſie trat im naͤmli⸗ chen Augenblicke ins Stuͤbchen.„Ich dachte es gleich, daß Sie nicht ſo geſchwind ins Bett gehen wuͤrden. Junge Leute bleiben immer gern auf. Ich mache mir auch nicht viel daraus, ſo fruͤh ins Bett zu gehen. Wir wollen noch ein Bischen zuſammen ſchwatzen!“ — Sie loͤſchte ſorgfältig ihr Licht aus.„Das iſt ein rechtes huͤbſches Stuͤbchen. Ach, Sie ſchlafen hier eben ſo gut, wie in dem ſchoͤnen ſeidnen Bettchen zu Roßville. Da wett' ich darauf. Aber hoͤren Sie mal, wie lange iſt es denn nun her, daß Sie das Schloß verlaſſen haben? Und wie kam's denn, daß der Onkel Sie fortließ?“ Ganz gegen ihre gewoͤhnliche Manier wartete Miß Pratt diesmal auf eine Antwort, und Gertrude ſagte, daß ſie ziemlich drei Wochen fort ſey. Dann ſchwieg ſie. „Und Ihr Onkel machte keine Einwendung ge⸗ gen Ihre Fortreiſe? Nun freilich, wenn er es nicht zugelaſſen haͤtte, konnten Sie nicht herkommen! Nicht wahr, Sie bleiben wohl eine Weile hier im Hauſe?“ Gertrude erwiederte, daß die Zeit zur Abreiſe nicht beſtimmt ſey. Miß Pratt ſchien ein wenig ver⸗ legen, doch ſchnell war ſie wieder die Alte und nahm 78 Gertrudens Hand, wobei ſie recht freundlich zu ſehen ſuchte: „Ich frage blos darum, mein liebes Miß Gertrud⸗ chen, weil ich glaube, daß es Ihnen in der Stadt hier nicht gefaͤllt. Sie ſehen gar nicht mehr ſo munter aus, wie ich Sie in Roßville ſah. Ich will wuͤnſchen, daß alles ſo iſt, wie es ſeyn ſoll!“ Sie klopfte Gertru⸗ den die Hand, welche dieſe mit einem unwilligen Blick wegzog. Aber das Eis war gebrochen und Miß Pratt ſprang keck hinein.—„Ich denke mir blos, daß nicht alles hier in rechter Ordnung iſt, weil ich ſeit der Zeit, wo ich Sie geſehen habe, vom Lord Roß⸗ ville einen ganz außerordentlichen Brief bekommen habe— einen impertinenten Brief, ſag ich Ihnen!“ — Sie ſuchte alle Taſchen durch und brachte aus je⸗ der eine ganze Menge Briefe, Rechnungen und Quit⸗ tungen, die ſie einige Zeit durchſtöberte, ohne das in Rede ſtehende Papier zu finden, und rief dann mit unruhigem Blick:„Herr Jeſus, ich will doch nicht hofſen, daß ich ihn verloren habe? Na, das waͤre eine ſchone Geſchichte! Auf mein Wort, den Brief darf nicht Jedermann leſen! Was denkt denn der Mann, daß er mir ſo einen Brief ſchreibt, ſtatt andern Leu⸗ ten? Kurz, er hat mir da geſchrieben, wie er mit unausſprechlichem Kummer und Verdruß— ſo un⸗ gefähr war die Redensart— vernommen habe, daß ich mir anmaßte, das Geruͤcht von einem heimlichen, mithin unerlaubten Liebesverſtändniß in Betreff gewiſ⸗ ſer junger Leute zu verbreiten; welches Geruͤcht— hen rud⸗ hier u, daß lick ratt daß und ſo ging das fort. Sie wiſſen ja ſeinen Stil. Kurz, das Lange und Kurze davon wat, daß ich nichts, weder ſchwarz noch weiß von ſeinen jungen Familien⸗ mitgliedern ſagen, aber allem widerſprechen ſolle, was ich geſagt haͤtte, oder hätte ſagen konnen, oder gehort haͤtte, oder vermuthet häͤtte! Na, ich kann's Ihnen gar nicht beſchreiben, was er alles geſagt hat. Aber was denken Sie denn nun davon?“ Gertrude wußte recht gut, was der Onkel meine, aber erſtaunte uͤber ſeine Thorheit, ihre Neigung ſo be⸗ kannt zu machen und ſchwieg. „Solche Gedanken in den Kopf zu nehmen! Ich ſoll unter allen Menſchen allein ſolche Nachrichten verbreiten! Ich bin's ja gerade geweſen, die der Sache einen Damm entgegengeſtellt hat, denn Sie wiſſen gar nicht, welche unſinnige Geſchichten im Um⸗ lauf ſind. Einer ſagte, Sie haͤtten ſich ganz beſtimmt mit dem Oberſten verſprochen. Ein Anderer ſagte: Sie wuͤrden kommenden 27ſten mit dem Parlaments⸗ maͤnnchen getraut. In Delmours Namen wuͤrden ſchon die Karten zu einem großen Balle fuͤr den 31ſten ausgeſchrieben. Ein Dritter behauptet, daß die Bruͤ⸗ der im Begriff geweſen wären, ſich Ihretwegen zu duelliren. Der Lord habe aber Wind bekommen und beide mit Enterbung bedroht, Sie aber in ein franzö⸗ ſiſches Nonnenkloſter zu ſchicken geaͤußert. Der An⸗ fang dazu ſey damit gemacht worden, Sie hierher zu ſenden. Kurz, ich kann Ihnen nicht beſchreiben, was fuͤr Unſinn da im Umlaufe iſt. Jedermann kam 80 zu mir und wollte wiſſen, wie die Sache ſtuͤnde. Aber von mir bekamen ſie nicht viel heraus. Meine Antwort war, daß ich ganz gewiß wuͤßte: der eine Bruder bekame Sie ſo wenig, wie der anderez; es waͤre eine ganz andere Perſon da, die auf der Wahl ſtänd! Nun urtheilen Sie! Das heißt Geruͤchte verbreiten! Ich ſehe aber ſchon, wie's ſteht. Der Herr Graf hat nicht weiter geſehen, als ſeine Naſe geht, und iſt ganz rappelkoͤpfig geweſen, daß ich mehr in die Karte geguckt' habe, als er! Nun das iſt gewiß, er muß uͤber und uͤber blind geweſen ſeyn, gar nicht zu ſehen, wie es rings um ihn her zuging.— Ach Herr Jeſus!'s ſchlaͤgt ſchon zwolf! Es wird mir ganz angſt! Sie bleiben zu lange auf, mein Laͤmmchen! — Sie ſehen ja weiß wie Kreide aus! Gehen Sie ins Bett, ſo geſchwind, als möglich! Gute Nacht! Gute Nacht, mein Schätzchen!“ Sie brannte ihr Licht an und trippelte fort, als Gertrude unwillig verſicherte: „Ehe Sie gehen, erlauben Sie mir, einmal fuͤr — zu ſagen, daß Sie ſich in Betreff meiner inhnuz⸗ geirrt haben; daß Herr Lyndſay niemals—“ „Die Perſon iſt, die Sie leiden— fiel ihr die Unverbeſſerliche ins Wort.„Das i F Ich weiß alles! Ich glaube alles! Ich. es geſehen, daß Herr Lyndſay Ihnen nicht am— liegt! Nein! Nein!“ Sie ſprach dies und that, wie die Ammen zu thun pflegen, wenn ſie die Kinder beruhigen und be⸗ S füt net reden wollen, falls ſie ein ſchreckendes Bild gewahr wurden. Gertrude drehte ſich zornig um, ohne ein Wort zu ſagen, als Miß Pratt die„Gute Nacht“ wiederholte und die Thuͤre hinter ſich zumachte. Aber geſchwind ſteckte ſie nochmals den Kopf herein: „Ach, hoͤren Sie mal, wegen eines gewiſſen bei der Naſe herumgefuͤhrten Anbeters können Sie ganz ruhig ſeyn. Der iſt fort. Der Bruder hat mir's geſagt! Gluͤckliche Reiſe und gut Wetter auf den Weg! Ich wuͤnſche, daß er ein andermal mehr Gluͤck hat! Na, nun gehen Sie ins Bettchen, mein Schneckchen!“ „Fort!“ wiederholte Gertrude außer ſich, als endlich die Thuͤre hinter ihrer Peinigerin verſchloſſen war.„Fort, ohne ein Wörtchen zu ſagen! Sei⸗ netwegen bin ich aus meines Onkels Hauſe ver⸗ trieben! Fuͤr ihn habe ich Allem entſagt und er ver⸗ gißt, er verlaͤßt mich!“ Sie ließ den lange bekampften Gefuͤhlen freien Lauf und duldete einige Zeit alle den Schmerz, fur den ihre feurige, fuͤhlende Bruſt empfaͤnglich war. Doch ihr Charakter war nicht geeignet, der Verzweif⸗ lung die Oberhand zu gönnen. Den jugendlichen Muth kann nicht der erſte Streich zermalmen, und wenn er noch ſo ſchwer herabfaällt. Erſt dauern⸗ des Elend kann ihn unerträglich machen. So war es bei Gertruden. Als der erſte Eindruck nachließ, ſtieß ſie den ſchrecklichen Gedanken, den ſie vorher mit M. 6 82 hpantaſtiſcher Voreiligkeit genahrt hatte, mit Verach⸗ tung und Hohn zuruͤck. Daß ſie hintergangen werde, war ihr klar, aber nicht vom Oberſten wurde ſie hintergangen! Unmöglich konnte er England verlaſſen haben, ohne ihr zu ſchreiben. Umringt, wie ſie war, von ſeinen Feinden, ließ ſich doch wohl erwarten, daß ſeine Briefe nicht zu ihr gelangten? Lord Roßville und die Mut⸗ ter waren ihm ſo heftig entgegen. Beide handelten in Uebereinſtimmung. Beide ſtanden in ſtetem Brief⸗ wechſel mit einander, obſchon der Gegenſtand deſſelben ihr tiefes Geheimniß blieb. Alle dieſe Umſtände zog ſie in Betracht. Anfangs hatte ſie bloß Verdacht, zu⸗ letzt ſtanden ſie ihr als Wahrheiten da, ſo wahr, wie von der Schrift behauptet. Ihr Herz fuͤhlte ſich nun leicht, als die vermeinte Entdeckung gemacht war⸗ Fruͤh morgens konnte ſie beim Fruͤhſtuͤck erſcheinen mit ge⸗ ſtählten Nerven, mit thraͤnenfreien Augen; denn der Vorſatz ſtäͤrkte ſie, uͤber alle die kleinen Kunſtgriſſe er⸗ haben zu ſeyn, die gegen ſie geubt wuͤrden. Kaum war das Fruͤhſtuͤck voruͤber, als der Miß Pratt die Ruͤckkehr ihrer entflohenen Babby Breitfuß gemeldet wurde, und die Jungfrau eilte daher geſchwind fort, ihr, wie ſie ſich ausdrüͤckte, eine gehorige Lektion zu geben. fil fach⸗ klar, gen! ohne inen riefe Nut⸗ nin tief⸗ lben Zehntes Kapitel. Man ſett die Hebel in Vewegung, Güter zu ſammeln, aber giebt ſich keine Mühe, Herzen zu prüfen. Maſſillon. Wiährend dies ſtatt fand, ward Miſtreß Black ange⸗ meldet, und ſogleich erſchien ſie, bluͤhend, freundlich, heiterer, als gewoͤhnlich, wovon ſie auch gleich nach den erſten Begruͤßungen die Urſache angab. Ihre Tochter Lilly, dies war der Hauptinhalt deſſen, was ſie mittheilte, war mit dem Major und der Frau Majorin im Bade geweſen, und hatte hier eine Ero⸗ berung an einem reichen, jungen Londoner Kaufmann gemacht. Schon habe er bereits Antraͤge gethan und alle Vier ſeyen auf dem Wege nach Hauſe. Morgen erwarte man ſie in Bellevue zum Mittageſſen. An gehörigen Gluͤckwuͤnſchen ließ es Niemand fehlen, doch Gertrude war uͤber dieſe plotzliche Um⸗ wandlung von Lilly's Liebe zu ſehr uͤberraſcht, um den ihrigen in gehoͤriger Form auszudruͤcken. Zum Gluͤck war Madame Black zu ſehr im Innern vergnuͤgt, um nicht anzunehmen, daß es auch jedes andere ſeyn muͤſſe; und ſie breitete ſich nun weitlaͤuftig uͤber die 6* — 84 Vortheile aus, welche bei dieſer trefflichen Verbindung ſtatt fanden. Herr Larkins habe ein gutes Geſchäft, t 1 ſtamme aus gutem Hauſe, ſey ungemein artig, huͤbſch freundlich, denn ſonſt, wenn es anders geweſen waͤre, 1 haͤtten der Major und Arabella niemals ſo eine Sache i zugegeben. Sie wuͤnſchte nur— und dabei ſeufzte ſie tief— daß auch andere auf dem Wege wären, de ſo eine vortheilhafte, vernuͤnftige Heirath zu ſchließen. ze Es war dies offenbar eine Anſpielung auf ihre Tochter Anna, und Miß Black bemerkte ſanft, daß es zwar ſehr huͤbſch waͤre, wenn Eltern und Kinder in ſo einem wichtigen Punkte mit einander uͤbereinſtimm⸗ ² ten; aber wundern muͤſſe man ſich auch nicht, falls beide die Sache ſehr verſchieden anſähen. „Die Eltern,“ ſagte ſie,„klagen oft, daß ihre Kinder ſich durch ſchwaͤrmeriſche Bilder hinreißen und zur Täuſchung verleiten laſſen, während die Kinder trauern, weil die Eltern nur auf Reichthum und welt⸗ liches Gluͤck ſehen, und ich fuͤrchte, daß beide Theile bei ihren Vorwuͤrfen oft nur zu viel Recht haben!“ „Ich ſollte doch denken, daß es allen Eltern n Pflicht wäre, ihre Kinder von einer Heirath abzuhal⸗ t ten, wo ſie blos Bettler werden können!“ d „Das denk' ich auch, aber fuͤrchte nur, daß ʒ weltlich geſinnte Eltern zu oft die Armuth, wie ſie dieſelbe zu nehmen gewohnt ſind, mit Bettelei ver⸗ 1 wechſeln! dung chft, uͤbſch wäre, buche eufzte ten, ießen. ihre daß er in mm⸗ fals ihre und inder welt⸗ heile en!“ ltern uhal⸗ daß ie ſie vel⸗ „Zwiſchen beiden iſt doch wohl kein großer Un⸗ terſchied, ſollt' ich denken?“ „Allerdings. Bettelei ſchließt die Armuth in ſich, aber was von Vielen Armuth genannt wird, fuͤhrt nicht auch nothwendig die Bettelei im Ge⸗ folge. Reichthum ſelbſt iſt oft nicht hinreichend, den ſelbſtſuͤchtigen Verſchwender gegen Bettelei zu ſchuͤz⸗ zen, waͤhrend chriſtlicher Sinn, tugendhafte Geſinnun⸗ gen, ein freier Geiſt auch den Armen bewahren wer⸗ den, Andern zur Laſt zu fallen.“ „Sprechen laͤßt ſich leicht uͤber ſolche Dinge,“ meinte Miſtreß Black mit einiger Bitterkeit.„Aber Jedermann weiß, daß in jetzigen Zeiten eine Familie nicht wenig braucht. Abgaben und Geſindelohn und Erziehung und Ausſtattung der Kinder— iſt eine ſchwere Sache gewerden!“ „Alle dieſe Dinge muͤſſen ſich nach den Mit⸗ teln richten, in deren Beſitz man iſt. Will der Arme gleich dem Reichen leben und ſeine Kinder auf gleichem Fuße erziehen, ſo muß er Bettler, zum mindeſten, was eben ſo viel iſt, abhangig werden. Lebt er aber dem gemäß, was er hat, nicht nach dem, was er ſeiner Anſicht nach haben ſoltte, dann wird die Armuth nicht das ſchreckliche Geſpenſt ſeyn, wie ſie oft dargeſtellt wird!“ „Meiner Meinung nach,“ miſchte ſich hier Ger— trudens Mutter ins Geſpräch,„iſt Armuth das uner⸗ träglichſte Uebel im Leben und hat, ich bin uͤberzeugt davon, auf die Sitte in der menſchlichen Geſellſchaft den nachtheiligſten Einfluß!“ „Armuth laͤßt ſich vielleicht, gleich der Schoön⸗ heit, nicht leicht beſtimmen!“ fuhr ihre Schweſter fort.„Ich glaube, daß die Vorſtellungen, welche man ſich von ihr macht, eben ſo verſchieden ſind, als die Bilder, welche der Geſchmack von den Reizen eines Menſchen entwirft. Einige nennen es Armuth, wenn ſie nicht zwei, drei Equipagen und einige zwan⸗ zig Pferde und Diener erhalten koönnen!“ „Nun das iſt Thorheit!“ rief Miſtreß Black. „Das iſt ein Extrem!“ rief Madame St. Clair. „Nun, wo iſt denn die Grenze, welche Armuth und Bettelei trennt?“ fragte Miß Black.„Was verſtehen Sie nun unter einer armen Heirath?“ Beide Frauen zögerten mit der Antwort, doch Miſtreß Black trat endlich hervor:„Ich wuͤrde glau⸗ ben, daß jede meiner Töchter in armen Umſtaͤnden waͤre, die ſich nicht ſo gut kleiden, ſo gute, reichliche Mahlzeiten geben koͤnnte, wie ſie es in ihres Vaters Hauſe lernte!“ Madame St. Elair konnte unmoglich uͤber die gemeine Einfalt der Frau Schwägerin ein ſpottiſches Laͤcheln unterdruͤcken. „Nun aber nehmen Sie einmal an,“ fuhr die ſanfte Miß Black fort,„daß, weil wir doch nicht alles haben konnen, Ihre Tochter ein einfacheres Kleid tragen, ein Paar Gerichte auf ihrem Tiſche weniger chaft hön⸗ eſter man als eizen uth, van⸗ nuth Wus doch lau⸗ nden liche ater die ſches die nicht Kleid niger 87 haben will, als Sie auf Ihre gaftfreundliche Tafel durch Ihren freigebigen Sinn bringen laſſen: ſie ſoll aber zum Erſatz dafuͤr in den tugendhaften Grundſätzen, den Kenntniſſen, der vernuͤnftigen Liebe des Mannes, den ſie zum Gefährten ihrer irdiſchen Bahn wählte, reich ſeyn; iſt ſie dann auch— 16 „Das klingt alles ſehr ſchon!“ ſiel ihre Schwe⸗ ſter, Madame St. Clair, ins Wort,„und auch ſehr richtig klingt es für jeden, der nicht ſo viel von der Welt geſehen hat, wie ich. Aber ich glaube ſicher, ein junges, gebildetes Weib muß unter Sorgen, Noth und Entbehrungen, die mit der armen Heirath kom⸗ men, vollkommen ungluͤcklich ſeyn. Es giebt ſo man⸗ chen Luxus, zum Beiſpiel, wie man es hier zu Lande nennt, und in Frankreich iſt es erſtes Beduͤrfniß, mit⸗ hin durchaus nothwendig; zum Beiſpiel eine Equipage, Wachslichte, feine Weine, gehoriges Meublement, ſchone Spiegel, Abendzirkel, nicht etwa Geſellſchaft. Alle dieſe Dinge, und noch viele andere der Art, be⸗ trachte ich als durchaus nothwendig zu dem mannig⸗ fachen Weſen, das wir ein gluͤckliches Leben nennen, zum mindeſten bei Perſonen von feinerem Geſchmacke, feinern Sitten!“ „Die giebt ſich einmal ein Anſehen!“ dachte Miſtreß Black.„Feine Weine, Wachskerzen! Und das alle Tage! Nu, ſetze ſie nur auf! Ich mochte doch wiſſen, wie ſie zu den großen Roſinen kam?“ „Sie und meine Schweſter ſind mit der Armuth recht artig umgegangen!“ fuhr die Vertheidigerin der letztern läͤchelnd fort.„Ich glaube faſt, daß man noch nie von dem häßlichen Bilde fruͤher eine ſo huͤb⸗ ſche Zeichnung entworfen hat. Sie—“ zur Ma⸗ dame Black gewendet—„malen ſie, die Backen recht ausgeſtopft, wie bei einem deutſchen Burgemei⸗ ſter; und Du, Sarah, zankſt mit ihr, weil ſie nicht das Weſen, die Artigkeit, die Eleganz eines Epi⸗ curäers hat. Nun— ich bin zwar zu alt, um mir zu denken, daß Liebe, Liebe im Eheſtand wenigſtens, vom Lächeln und von Blumen leben kann, glaube aber doch, daß es eine Liebe giebt, die, ohne alle Tage ſechs Schuͤſſeln zu haben, ohne fremde Schwelgereien, ſelbſt bei geringem Vermögen glücklich ſeyn kann!“ „Von ſechs Schuͤſſeln habe ich nicht geſprochen!“ rief Madame Black etwas bitter.„Aber ich wundere mich, daß, wer ſo alt geworden iſt, wie Sie, und ſo lange die Wirthſchaft gefuͤhrt hat, ſich noch vorſtellt, die Menſchen können von tauben Nuͤſſen leben!“ „Reiche Leute ſind doch mindeſtens von den ge⸗ meinen, erbärmlichen Sorgen des Lebens frei!“ be⸗ hauptete Eliſabeths Schweſter ebenfalls anzuͤglich. „Und, das ſag' ich nochmals, ein Weſen von einiger Bildung muß dieſe als großes Ungluͤck verbannen!“ „Nun, was nennt die nur gemeine, erbaͤrmliche Sorgen des Lebens?“ dachte die Gutsbeſitzerin. „Fuͤr ein Herz,“ gab die edle Eliſabeth zur Antwort,„das Gefühl und Bildung hat, iſt es, glaub' ich, wohl ein viel größeres Ungluͤck, an einen gemeinen, erbaͤrmlichen Geiſt gefeſſelt zu ſeyn, wenn R man hü⸗ Na⸗ cken nei⸗ ücht i⸗ mir ns, ber chö loſt 1 dere ſo l, he⸗ he⸗ ich. ger che zur es, len ſelbſt der Herr deſſelben alles haͤtte, was Rang und Reichthum gewähren kann, als Entbehrungen mit ei⸗ nem ihm entſprechenden Manne zu tragen. Fuͤr ſo eine Seele giebt es Sorgen, welche die Liebe allein verſuͤßen kann!“ „Wo der Wohlſtand fehlt, kann auch nicht viel Zufriedenheit ſtatt ſinden!“ verſicherte Madame Black. „Zum Gluͤck denkt nicht Jedermann, wie Sie, ſonſt muͤßte bald das ganze Land ein Bettlerſchwarm und wir alle aufgefreſſen werden!“ Gertrude mußte laͤcheln, als ſie die runde Ge⸗ ſtalt der Madame ſah und gleich berechnete, wie grund⸗ los dieſe Furcht bei der ihren ſey. „Deswegen wollen wir uns nicht aͤngſtigen,“ antwortete Eliſabeth;„denn Ihre Anſichten ſind aus⸗ gebreiteter, als die meinigen. Uebrigens bin ich nicht ſo unbeſonnen, daß ich verlange, Jedermann ſoll aus Liebe heirathen, er mag wollen oder nicht. Viele Leute, glaube ich, ſind gar nicht im Stande, einer uneigen⸗ nutzigen Liebe zu huldigen und einem Weſen den Vor⸗ zug vor dem andern zu geben, ohne daß irdiſche Ab⸗ ſichten im Spiele ſind: ſchöne Häuſer, feine Kleidung, Equipage, Rang, oder ſonſt eine der tauſend kleinli⸗ chen Lockungen, welche den gemeinen Sinn feſſeln. Mit ſolchen vom groͤßern Werthe der Tugend, des Talentes zu ſprechen, wuͤrde ſo einfältig ſeyn, als ver⸗ langte man vom Blinden, er ſollte ſehen, oder vom Tauben, er ſolle hoͤren. Auf der andern Seite findet man Weſen, die Geſchmack, Gefuͤhl, feinen Sinn, aber keinen Stolz, keine Eitelkeit, keinen Chigeiz ha⸗ ben. Die ärgſte Tyrannei iſt es dann gewiß, wenn man darauf beſteht, daß ſie ihre Gluͤckſeligkeit im Be⸗ ſitze ſolcher Dinge ſuchen und ihre beſſern, reinern Ge⸗ fuͤhle opfern ſollen, dem Stolze, dem Vorurtheile An⸗ derer ein Opfer zu bringen!“ „Mich wundert's, wie ein Frauenzimmer von Ihrer Bildung ſolchen Unſinn ſprechen kann!“ rief die Schwäͤgerin und gab ſich Muͤhe, gelaſſen zu ſchei⸗ nen, ob ſie ſchon vor Verdruß feuerroth war. „Solche Geſinnungen dienen blos dazu, alle rich⸗ tigen Grundſätze uͤber den Haufen zu werfen,“ be⸗ hauptete auch Madame St. Clair,„entehrende Hei⸗ rathen unter dem Stande zu foͤrdern. Das geſchieht dann unter dem hochtönenden Namen: uneigennuͤtzige Liebe, verwandte Seelen, geiſtiges Uebergewicht, und wie die hochtrabenden Redensarten heißen, waͤhrend es nur darauf abzweckt, allen Rang und Stand der buͤrgerlichen Geſellſchaft zu untergraben. Ein ſchwa⸗ ches, ſchwärmeriſches Maͤdchen darf blos eine ver⸗ wandte Seele in ihrem Tanzmeiſter finden, oder ihre uneigennuͤtzige Liebe zum Bedienten des Vaters kund thun, und Deiner Lehre nach hat ſie edel gehan⸗ delt, ſich uͤber die gemeinen Lockungen des Stolzes, des Ehrgeizes und dergleichen erhaben gezeigt. O, das iſt eine herrliche, bewundernswerthe Theorie!“ Madame St. Clair zitterte vom tugendhaften Unwillen ergrifſen. venn Bo Be⸗ An⸗ „Nimm es nicht uͤbel, Sarah,“ ward ihr aber zur Antwort,„Du kannſt gegen ſolche Verbindungen nicht mehr eingenommen ſeyn, als ich es bin. Aber ich nehme an, daß eine arme Heirath und eine nie⸗ drige zwei ganz verſchiedene Dinge ſind, ob ich ſchon vermuthe, daß manche Leute beide nur gar zu leicht verwechſeln können. Ein edles Weib, das edle Ge⸗ fuͤhle und Geſinnungen hat, wird ſich nur mit einem edlen Manne verbinden, mit einem, der die Erziehung, die Sitten, das Benehmen eines ſolchen hat, der ſei⸗ nem Stande gemäß lebt und nur mit ſeines Gleichen umgeht; denn in einer Ehe, wo alle Vorzuͤge der Ge⸗ burt und Bildung auf der einen Seite geopfert wer⸗ den, kann kein Gluͤck entſprießen, und ich bin weit da⸗ von entfernt, denen das Wort zu reden, welche die einmal eingefuhrte Ordnung in den burgerlichen Ver⸗ hältniſſen umſtuͤrzen; die dem den Eltern gebührenden Gehorſam zum Trotz, alles, was dem Herzen theuer und werth iſt, opfern, um nur ihrer ſelbſtſuͤchtigen Leidenſchaft zu huldigen. Im Gegentheil wage ich die Behauptung, daß Ehen, ohne Genehmigung der Eltern geſchloſſen, ſtatt häusliche Gluͤckſeligkeit zu ge⸗ waͤhren, in der Regel mit Unzufriedenheit, Ungluͤck und Kummer verfolgt werden!“ „Nun da kann ich wirklich nicht errathen, wo Sie hinaus wollen!“ rief Madame Black, allein— Miß Pratt kam herein und gab dem Geſpräch nun gleich eine andere Wendung; denn ſie hatte von ihrer huͤbſchen Babby Breitfuß erfahren, daß kein Biſſen 1 92 Brot zu Haus ſey, das Holz naß wäre, und nirgends etwas, bis wieder der Markttag kaͤme, aufgetrieben wer⸗ den koͤnne. Kurz, Miß Pratt hatte gar nichts dage⸗ gen, noch einen Tag als Gaſt hier zu bleiben, bis in ihrem Hauſe alles zur Aufnahme vorgerichtet ſey. Madame Black entfernte ſichz an ſich aber gutmuͤthig, erlaubte ſie ihrer Tochter Anna, den Abend bei den Janten zu genießen, ſelbſt auf die Gefahr hin, hier Wilhelm Leslie zu ſehen, der mit einigen andern Freunden zum Beſuch erwartet wurde. ie ern Eilftes Kapitel. Sprich mit Würde von der Religion, aber zn gehöriger Zeit, denn man hat die Leute nicht gern, welche immer pre⸗ digen. Ganganeili's Briefe. —————— Allerdings wuͤrde der Beſuch der Miß Pratt den mei⸗ ſten andern Leuten zur Unzeit gekommen ſeyn, da die Schweſtern Black einige ihrer Freunde geladen hatten, den Abend bei ihnen zuzubringen, und das Vergnugen aller mußte, wenn auch die Geſelligkeit dabei nicht Eintrag litt, gar leicht Gefahr laufen, von der kecken Schwätzerin geſtört zu werden. Doch beide Mädchen waren zu nachſichtig und gefällig, um irgend eine ſolche Ruͤckſicht bei ihrer Gaſtfreundſchaft vorwalten zu laſ⸗ ſen; ſie wußten recht gut, daß Miß Pratt Jedermann abgeneigt war, der in Religionsangelegenheiten und Meinungen nicht ſo dachte, wie ſie ſelbſt, denn Miß Pratt glaubte, gleich vielen andern, daß ſie allein zu der rechten Fahne des Glaubens und der geiſtigen Voll⸗ kommenheit geſchworen habe, und hatte ein eiſernes Bett fuͤr jede Seele, wie es Procruſtes fuͤr den Kor⸗ per gehabt haben ſoll, nur mit dem Unterſchied, daß ſie lieber gegen jeden Nachſicht zeigte, der dem Maße nicht gewachſen war, als gegen ſolche, die daruͤber hin⸗ ausgingen. Freilich trieb ſie ihre Abneigung nicht ſo weit, daß ſie mit den wunderlichen Leuten, wie ſie die letz— tern nannte, den Umgang aufgehoben und von ihnen keine Gefaͤlligkeit angenommen haͤtte. Im Gegen⸗ theil war es ihr eine wahre Freude, wenn ſie mit ihnen zuſammenkam, wo ſie einen Gewinn von ihnen zu ziehen hoſſen konnte, wäre es auch nur geweſen, daß ſie ihr ein Paar Bettelleute abnahmen, oder ſie bei ihnen Geld, alte Kleider und dergleichen ſammeln konnte, um ſelbſt nichts geben zu duͤrfen. Bei jeder Gelegenheit eiferte ſie demohngeachtet, daß gerade unter dieſen Menſchen die chriſtliche Naͤchſtenliebe fehlte, denn ſie hätten nicht einmal die Amme des Antonius Whyte ins Verſorgungshaus genommen, und das waͤre doch eine reſpektable, achtbare Frau. Indeſſen Miß Pratt trug nicht lange nach, und als ſie jetzt hörte, welche Gäſte man erwartete, zeigte ſie ſehr viel Freude daruͤber und beſchloß, ungewoͤhnlich freundlich und bei der ganzen Sache recht ernſthaft zu bleiben, blos den Miß Blacks zu Gefallen. Madame St. Clair ſchien jeder Zirkel beſſer, als keiner, und Gertruden galt bei ihrer jetzigen Lage jede Geſellſchaft, jedes Ereigniß gleich viel. Sie duldete gelaſſen und freute ſich über nichts. Doch wurde ſie durch den Beſuch des Herrn Robert Delmour und Lyndſay uͤberraſcht. Der letztere veichte ihr die Hand⸗ mit einem Blicke, der zu fragen ſchien:„Haben Sie m ihr 95 mir vergeben?“ Aber ſie errothete gewaltig, drehte ſich weg und ſchenkte ſeinem Begleiter ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit. Robert Delmour freute ſich im Stillen, daß ſie ihm ihr Ohr lieh und jedem Worte, das er ſprach, lauſchte. Sie hoſſte, daß die Unterhaltung auf den Gegenſtand kommen wuͤrde, den ſie allein im Kopfe hatte, ſo wenig er uͤber ihre Zunge ſchluͤpfte. Aber nichts ward geaußert, das die mindeſte Beziehung auf den Oberſt Delmour gehabt hätte, und ſie verrieth in jedem Zuge ihren Aerger, als die Herren ſich zum Gehen fertig machten. Sie wollten einer Verſamm⸗ lung der Gutsbeſitzer in der Stadt beiwohnen, und ſo wurden ſie von Miß Black eingeladen, den Abend bei ihnen zuzubringen, was ſie gern verſprachen. Das ganze Benehmen des Herrn Delmour zeigte klar, daß er von dem Vorgefallenen nichts wußte. Indeſſen Gertrude achtete zu wenig auf ihn. Sie dachte nicht daran, welche ſchmeichelhafte Folgerungen er aus ihrer Aufmerkſamkeit zog. Auf Lyndſay hatte ſie gar nicht hingeblickt; doch nachdem er fort war, fiel es ihr ein, daß er ſtiller, ſein Blick nachdenkender geweſen war, als gewöhnlich. Was ging ihr aber Lyndſay an? Verdruͤßlich und aͤrgerlich hörte ſie, welche Lobſpruche ihm die Tanten zollten⸗ Der Abend kam, und Miß Pratt ſchien in einem dunkeln Kleide, gruͤnen Handſchuhen, ſtolzem Turban und mit einem Blicke, der lauter Ernſt und Klugheit ſprach, zu ſagen: Jetzt will ich Euch zeigen, was 96 ich fuͤr ein vernuͤnftiges, geſetztes, weiſes Subjekt bin. ge Ich will Euch alle beſchämen, oder Ihr ſollt an mich al denken! Wie gewöhnlich ſetzte ſie ſich feſt, als ſey 16 ſie Herrin im Hauſe und ruſtete ſich, bei jedem Gaſte 6 die Wirthin zu machen. Die wenigen ſich hier verſammelnden Freunde ge⸗ d horten zu denen, welche die Religion in guͤnſtigem i Lichte erſcheinen laſſen. Alle hatten ein feines Be⸗ i 1 nehmen, gelaͤuterten Geſchmack, freiſinnige Anſichten. Die Unterhaltung war lebhaft, anziehend, trotz den f Verſuchen der Miß Pratt, ſie in ihren engen Kanal d zu leiten, indem ſie von Dingen erzählte, welche ſie ſ am Morgen bei einigen Gevatterinnen gehört hatte und die ſie jetzt mit ſeichten moraliſchen Betrachtungen wiederkãute. Es wechſelte Muſik, von welcher ſelbſt Gertru⸗ dens ekles Ohr geſtand, daß ſie in ihrer Art ſchon ſeyz 1 denn jeder wußte, was er ſpielte und ſang. Es ver⸗ ſuchte hier Niemand, in einer unbekannten Sprache zu ſingen, oder die Poeſie in der Muſik zu erſäufen. Händels ein- und mehrſtimmige Geſänge wurden mit Geſchmack und Gefuͤhl vorgetragen— beſonders von Maria Black, die mit der Stimme eines Seraphö einen Pſalm vortrug. „Was eine Miß Black ſingt,“ bemerkte in einer Pauſe Herr Delmour mit fader Artigkeit,„muß ent⸗ zuͤcken. Aber wenn ich eine Meinung vorzutragen wagen darf, ſo iſt in ſolcher geiſtlichen Muſik doch zu viel Sektengeiſt. Sie ſollte nur bei feierlichen Gele⸗ bin. mich 5 ſeh Gaſte N ge⸗ ſigem Be⸗ hten. den anal e ſie hatte ungen tru⸗ ſey; ver⸗ rache ufen. mit on raphs einet ent⸗ ragen h zu Gele⸗ 97 genheiten ſtatt ſinden. Wuͤrde der Geſchmack daran allgemein, ſo fuͤrchte ich, daß die Muſik uͤberhaupt leiden koͤnnte. Selbſt jede ſchone Kunſt buͤßte am Ende ein.“ Herr Delmour hatte im Herzen gegen alles, was dem Pietismus aͤhnlich ſah, einen Abſcheu; ob er ſchon uͤbrigens der Kirche, in ſoweit ſie mit dem Staate im Zuſammenhang ſteht, eifrig zugethan war. „Mit Ihrer Erlaubniß achte ich ſolche Furcht fuͤr grundlos!“ erwiederte Eliſabeth.„Gottes Segen, der Beifall der Nachwelt ſcheinen den Ruhm der Gei⸗ ſter, welche ſich mit religioſen Dingen beſchaͤftigten, mehr verewigt zu haben, als den von ſolchen, welche ihre edlen Gaben mißbrauchten, weil ſie dieſelben blos zum Dienſte ihrer Nebenmenſchen benutzten.“ „Zum Beiſpiel?“ fragte Delmour mit unglaäu⸗ bigem Lächeln. „Gewiß haben wir viel Beiſpiele davon!“ nahm Lyndſay das Wort.„Milton iſt ohne Zweifel unſer erſter Saͤnger, und welchen Stoff behandelte er? Er ſang in edlen Verſen Den unausſprechlichen, der uͤber Himmeln thront und uns nicht ſichtbar iſt, als ſchwaches Bild erſcheint Im kleinſten ſeiner Werke.— Der groͤßte Dichter der Deutſchen war Klopſtock, und ſein Gegenſtand der Meſſias. Aber von dieſem unſterblichen Werke hat man mit Recht bemerkt: wenn einſt die Muſik auf den hoͤchſten Gipfel der Kunſt gekommen ſeyn wird, wo wird ſie dann einen II. 6 „——— Text ſuchen, als im Meſſias? Die edelſten Sänger Italiens waren Dante und Taſſo. Metaſtaſio nahm zu ſeinen Opern Stoffe aus der Bibel; Racine be⸗ nutzte ſie zu ſeiner Athalia. Young ſang in ſeinen Nachtgedanken Ihm, der Aus der dichten Finſterniß den Funken rief: Die Sonne; und flehte zu ihm? Die Weisheit auch in ſeiner Seele zu erwecken!“ „Sie werden ja ordentlich beredſam!“ meinte Delmour mit ſpoͤttiſchem Lächeln.„Aber in Ihrem feurigen Eifer haben Sie die unſterblichen Schriftſteller vergeſſen, die zwar nur weltliche Stoffe behandelten, und doch dem Volke bekannter ſind, als die genann⸗ ten alle. Zum Beiſpiel Shakespeare!“ „Shakespeare iſt vielleicht die vorzuglichſte Aus⸗ nahme!“ erwiederte Lyndſay.„Er iſt in der That ein Dichter, den die Natur allein ſchuf. Allein die Schlacken in ſeinen Arbeiten werden täglich in neuen Ausgaben, und ſelbſt auf der Buͤhne mehr ausgemerzt, waͤhrend man den reinern Theil ſeiner Sittenlehre nicht fuͤr untauglich haͤlt, ſelbſt auf der Kanzel benutzt zu werden. Eines Tages wird es mit ihm werden, wie mit den von mir genannten Dichtern. Auch in ihnen findet ſich manches ihrer Feder Unwuͤrdige. Aber ihr Ruhm ſteht in Betreff deſſen feſt, was ſie Reines und Gutes geſchrieben haben. Die gottloſen, aus⸗ ſchweifenden Werke des Lord Byron werden immer nur im Andenken der Gottloſen und Wolluͤſtlinge fort⸗ inger nahm ne be⸗ ſeinen E neinte hrem ſteller elten, nann⸗ That ndie neuen nerzt, nicht t zu wie ihnen Abet eines aus⸗ mmer fort⸗ 99 leben und bald dem uͤbrigen nichtswuͤrdigen Auswurfe beigezählt werden, waͤhrend die Freunde der Tugend in ſeinen Schriften das Gute gleich den Bienen ſam⸗ meln, welche aus giftigen Blumen Honig ſaugen, und hier das Gift im Kelche verderben laſſen. So wird es mit Burns, mit Moore auch ſeyn; und auf die Muſik paßt daſſelbe Verhaͤltniß. Händel hat ſeinen Ruf durch ſeine Oratorien begruͤndet; Haydn's Name wird durch die Schoͤpfung unſterblich bleiben, ein Werk, worin der Geiſt des Componiſten eine Saite beruͤhrte, die in jeder Bruſt, wo Gefuͤhl iſt, dies rege machen muß. Die großen Maler zu nennen, welche einen Theil ihrer Zeit, ihrer Talente heiligen Gegen⸗ ſtanden widmeten, hieße gleich einen ganzen Catalog ableſen, und ich habe ſchon ſo um Entſchuldigung zu bitten, daß ich uͤber dieſen Gegenſtand allein ſprach.“ — Er drehte ſich um, denn ein Geiſtlicher ſtand in ſeiner Nähe und ſchien am Streite lebhaften Antheil zu nehmen.—„ Es giebt hier noch Männer, welche dieſem Gegenſtand beſſer Gerechtigkeit wiederfahren laſſen koͤnnen!“ Der Geiſtliche hatte ein ſanftes, anſpruchsloſes, einfaches Weſen. Wenige wuͤrden in ihm ſeine tiefe Gelehrſamkeit, ſeine mannigfachen und ausgebreiteten Kenntniſſe vermuthet haben. Er wollte jetzt der an ihn ergangenen Aufforderung entſprechen, allein Miß Pratt kam ihm mit der Frage zuvor: „Was ſagen Sie denn zu den zwei großen Schriftſtellern Fielding und Smollet? Ich dächte, 7* von den allen, die Sie genannt haben, wird keiner ſo viel geleſen, als Tom Jones und Humphrey Klin⸗ ker. „Dieſe werden,“ behauptete der Geiſtliche ſanft, „gleich den noch hoheres Talent verrathenden, von Voltaire und Rouſſeau, wie giftiger Thau verſchwin⸗ den.*) Sind auch die Grundſätze der Zeit, worin wir leben, ſo mangelhaft, wie in der vorigen Genera⸗ tion, ſo waltet doch ein beſſerer Geſchmack vor, und Derbheit, Ausgelaſſenheit, Spotterei gelten nicht mehr, als Aushaͤngeſchilder, nach welchen die junge Welt mit Bewunderung hinſchaut. Schriftſteller ohne Sit⸗ ten ſind jetzt meiſt nur Leſern ſolcher Art bekannt; wer Tugend und Talent vereint, iſt allen willkom⸗ men. O welch ein Nachtheil iſt dem menſchlichen Herzen zu Theil geworden, weil man Schriften von Maͤnnern las, deren verdorbene Einbildungskraft die zuͤgelloſe Feder zu ergreifen trieb! Wohl kann man von ihnen ſagen, daß ſie, noch ſo hoch geachtet unter den Menſchen, in Gottes Augen ein Graͤuel ſind. Doch wie wenig achten ſie den erſten aller Grundſatze, der die Feder leiten ſollte! Wie Wenige denken daran, daß ein Werk, ſoll es nuͤtzen, nicht der jugendlichen Hitze, nicht dem Dunſte des Weines entſpringen, nicht *) Ra, na, ſo arg wird es nicht werden. Beſonders wird es mit Voltaire Zeit haben; ſeine mekſten Sachen ſind das beſte Ge⸗ gengift gegen Myſticismus und Pfaffenthum, Ariſtocratie und Despotismus. D. Ueberſ. keiner ſanſt, „von chwin⸗ worin enetn⸗ und mehr, Welt Sit⸗ annt; lkom⸗ hlichen nvon ft die man unter ſind. ſitz, daran, Michen nicht es mit eſte Ge⸗ ſe und mit der Bitte zur Mnemoſyne und ihren Tochtern, den Syrenen, ſondern mit einem demüthigen Gebete zu dem ewigen Weſen beginnen darf, das uns mit Sprache und Weisheit bereichern und ſeine Seraphim mit dem heiligen Feuer von ſeinem Altar ſenden kann, „die Lippen des, an dem er Wohlgefallen hat, zu lãu⸗ tern und zu lehren!“**) Es war ſo viel chriſtliche Sanftmuth in dieſer uͤbrigens ſo feurigen Behauptung, daß man durchaus davon ergriffen werden mußte. Delmour ſchien den Anſichten des Mannes nachzugeben. Das Geſpräch nahm eine andere Wendung. Es foigte Muſik. End⸗ lich trennte man ſich. *) Milton. Zwölftes Kapitel. Laßt uns vom Himmliſchen zum Irdiſchen übergehen! 8 Cicero. Gertrude fuhlte alle Bitterkeit der Täuſchung. Sie hatte auf jede Sylbe, die Robert Delmour ſprach, gelauſcht und Acht gegeben, aber er erwähnte ſeines Bruders nicht einmal, und von aller Furchtſamkeit der Liebe heimgeſucht, fuͤhlte ſie ſich außer Stande, den Namen deſſen, von dem ihr Geſchick abhing, nur zu athmen. Am folgenden Morgen nahm Miß Pratt mit Sack und Pack und vielen Verſprechungen und Be⸗ theuerungen Abſchied. Kaum aber hatte ſie das Haus verlaſſen, als der Onkel Adam Ramſay hereinkam. Da Adams Beſuche gleich denen eines Engels wenig waren und nur in langen Zwiſchenraͤumen wiederka⸗ men: ſo begruͤßte ihn ſeine Nichte, wie die ſeltene Er⸗ ſcheinung es mit ſich brachte. Er ſchien ungewöhnlich gut gelaunt und erwiederte ihre Artigkeit recht leidlich und hoͤflich. Freilich war ſelbſt ſeine Hoͤflichkeit der⸗ ber Natur, und wollte er freundlich ſeyn, ſo geſchah —2 dies oft in einer Art, daß kaum die Bosheit mehr beleidigen konnte. „Nu, was iſt denn mit Dir vorgegangen?“ fragte er Gertruden ſo zärtlich, wie ihm ſein Weſen auszudruͤcken erlaubte.„Du biſt ja ſo blaß und matt und ſiehſt gar nicht aus, als ob Du noch die naͤmliche waͤrſt?“ Er muſterte ſie voll Verwunderung, wenn auch die Schicklichkeit dabei ins Gedrange kam. Seine Bemerkungen machten, daß Gertrude roth wurde. Miß Black ſah, daß ſie nicht wußte, was ſie antworten ſollte. Sie ſchuͤtzte, um ſie aus der Verlegenheit zu bringen, das Wetter vor. Der Onkel Adam aber wollte nichts davon wiſſen, daß das Wetter auf an⸗ dere Dinge Einfluß habe, als auf Erdaͤpfel und Kohlkopfe. „Das Wetter?“ antwortete er veraͤchtlich.„Mir muͤßt Ihr nicht behaupten, daß ein Bischen Regen⸗ wetter die Backen eines jungen Maͤdchens weiß macht und das Feuer in ihren Augen auslöſcht. Aber ich will Euch ſagen, was es iſt! Eure Judenſchule iſt d'ran Schuld, Eure Stiftshuͤtte! Das Singen von geiſtlichen Liedern hier im Hauſe! Das kann freilich einem jungen Maͤdchen das ganze Bischen Muth brechen!“ „Mein guter Onkel—“ wollte Miß Black ihn beſchwichtigen. „Ra, ich mag mich mit Euch nicht in Eure Religionsſtreitigkeiten einlaſſen!“ rief Ramſay und 104 drehte ſich gleich um und hob die Hand auf.„Aber ich muß Dir nur ſagen, was ich im Sinn habe!“ ſagte er zu Gertruden, ſie auf die Schulter klopfend. „Ich will Dich mitnehmen. Da ſollſt Du'was ſehen, was Dir Spaß macht und die dummen Ge⸗ danken vertreibt, die Dir hier in den Kopf geſetzt wor⸗ den ſind.— Mit Euerm dummen Zeuge dem Maͤd⸗ chen ſo den Kopf zu verdrehen!“ rief er den Nichten voll Unwillen wieder zu, um dann Gertruden ſanfter zu ſagen:„Setze Deinen Hut auf, mein Liebchen, und komm Du mit mir! Wie ich hier die Straße heraufkam, ſah ich eine Bude auf dem Markte ſtehen, und ein großes Bild mit einem Rieſen und einem Zwerg aufgehängt. Nu, ich gehe nicht aus der Stube, um alle Rieſen und Zwerge zu ſehen, die in der Welt ſind, aber ich weiß doch, wie junge Leute gern ſo et— was ſehen!— Alſo zieh' Deine ſieben Sachen an. Ich will Dich frei halten!“— Er ſteckte die Hand in die Jaſche und klimperte mit dem Gelde, als wollte er ſagen:„Ich habe Schillinge und Sechspence in Menge, und Du brauchſt nicht Complimente zu ma⸗ chen, daß Du mitgehen willſt.“ Auf der Stirn der Madame St. Clair aber perlten die kalten Schweißtropfen bei dem Gedanken, daß ihre ſchoͤne Tochter, die kuͤnftige Gräfin von Roß⸗ ville, mit dem Pobel einer Landſtadt in einer Bude zuſammenkommen ſollte, um einen Rieſen, einen Zwerg zu ſehen. Was wuͤrde der Graf ſagen! Sie war „Aler abe!“ pfend. wns Ge⸗ wor⸗ Mid⸗ ichten unfter hen, traße ehen, einem ötube, Welt ſo et⸗ an. Hand wollte ce in m⸗ aber nken, Roß⸗ Bude wetg war 105 ganz außer ſich und fuͤrchtete doch, den Onkel Adam durch einen voreiligen Widerſpruch zu erzuͤrnen. „Wir alle fühlen gewiß das Wohlmeinende Ih⸗ res Vorſchlags,“ ſagte ſie mit der einnehmendſten Freundiichkeit,„aber ich fuͤrchte nur, das Mittel wuͤrde Gertrudens Uebel ſchlimmer machen. Sie lei⸗ det an Kopfweh, blos weil ſie einige Tage in der Stube hat zubringen muͤſſen. Die erſtickende Luft in ſo einer Bude wuͤrde ihr aber aͤußerſt nachtheilig ſeyn. Wenn ich ſie hätte können ein wenig ins Freie brin⸗ gen— Aber nun einen Wagen habe ich nicht—“ Der Schluß einer Klage uͤber das Ungluͤck, in der Art von Andern abhängig zu ſeyn, erſtarb nicht ver⸗ nehmlich auf ihren Lippen. „Je, ſo laß Du doch das Mädchen ſelbſt ſpre⸗ chen!“ fuhr ſie der Onkel etwas hitzig an.—„ Sage, was Du am liebſten willſt, mein Trudchen!“ redete er dieſer zu, die froh war, den gegebenen Vorwand benutzen zu können, und daher ſagte, daß ihr friſche Luft am meiſten nuͤtzen werde. Ramſay uͤberlegte eine Weile, immer mit dem Gelde klimpernd. Endlich, als er oſſenbar einen ſauern Kampf gekaͤmpft hatte, ſagte er: „Nun, wenn's ſo iſt, ſo hab' ich auch nichts dagegen. Statt Dich in die Bude zu fuͤhren, will ich einen Wagen nehmen und Dich ſpazieren fahren laſſen. Ich will in den weißen Baͤr gehen und einen beſtellen. Thu' immer Deinen Mantel um. Es koͤn⸗ 106 nen noch drei drin fahren. Da beredet Euch, wer noch mit ſoll!“ Die Mutter war nun in der eigenen Schlinge gefangen. Sie hatte ein Wort von einer Kutſche in der Hoffnung geaͤußert, daß ihres Onkels Liebe zu Gertruden ihn dies beachten laſſen und beſtimmen wuͤrde, blos zu ihrem Gebrauche eine Equipage zu halten. Dies wäre ihr hoͤchlich willkommen geweſen, denn uͤber Lord Roßville's Kutſche konnte ſie nicht ſo oft verfuͤgen, als ſie wuͤnſchte. Jetzt aber erſtarrte ihr Blut beinahe, wenn ſie dachte, daß ſie in einem ge⸗ mietheten Wagen fahren ſollte. Indeſſen es hätte noch mehr Muth gekoſtet, dem zweiten Anerbieten des On⸗ kels zu widerſprechen. Schweigend, aber voll Ver⸗ zweiflung ſah ſie, wie Onkel Adam den kleinen, ſchaͤ⸗ bigen Hut nahm und fortmachte. Ihre einzige Hoſſ— nung war, daß im weißen Bären alles Fuhrwerk fort ſeyn wuͤrde. Allein dieſe ſchwand bald. Onkel Adam kam in wenig Minuten zuruͤck, und ihm folgte ein ſchiefhaͤngender, plumper, abgeriebener Wagen mit einem lahmen und blinden Pferde nach. Ein zerlump⸗ ter Kerl ſaß auf dem hölzernen Bocke. So ſah der Triumphwagen Adams aus, und Boa⸗ dicea konnte, als ſie gefangen den Raͤdern ihres Sie⸗ gers folgte, unmoͤglich ſo bittere Gefuͤhle haben, als Miſtreß St. Clair, wie ſie nun in dieſem Fuhrwerke Platz nehmen ſollte. Sie hätte ſich gar zu gern ge⸗ weigert. Aber das hieß den Onkel ſicher böſe ma⸗ chen, denn der konnte alles, nur nicht das vornehme „wer hlinge he in be zu mmen ge zu weſen, cht ſo te ihr ge⸗ noch On⸗ Ver⸗ chi⸗ k fort Adam te ein mit lump⸗ als werke n ge⸗ e ma⸗ mehne Weſen leiden. Doch einen Mann von ſiebzigtauſend Pfund erzuͤrnen, war eine Sache von Wichtigkeit, be⸗ ſonders bei gegenwärtiger Lage der Dinge. Der eiſerne Fußtritt wurde mit mächtigem Kra⸗ chen herabgeſchlagen, daß ſie hineinſteigen konnten, und als dies mit einiger Muͤhe geſchehen war, ſetzte ſie ſich äußerſt verdruͤßlich und voll ubler Laune hin und ſuchte nur das Stroh wegzuſchaffen, womit der Kaſten aus⸗ gepolſtert war, und das gleich ihren Spitzenbeſatz, die ſeidnen Struͤmpfe behelligte. „Das ſind die Schoͤnheiten der Armuth!“ lis⸗ pelte ſie mit nicht angenehmem Tone der Tochter ins Ohr, wie dieſe ſich zu ihr ſetzte.„Um Gottes willen — ſetze Deinen Hut ins Geſicht, daß Dich Niemand erkennen kann!“ Sie ſelbſt legte ihren Schleier in dreifache Falten. Herr Ramſay ſtieg auch ein und der Kutſcher wartete auf den Befehl zum Fortfahren. „Nun, wo wollen wir denn hinfahren, mein Mädchen?“ fragte er Gertruden.—„Je— das iſt alles einerlei. Es iſt ein Weg, wie der andere! Nimm den beſten und trockenſten!“ rief er dem Kut⸗ ſcher zu. Aber Gertrude hatte von der Mutter einige Winke bekommen. Sie bat: „Wenn es Ihnen nicht mißfaͤllig iſt, lieber On⸗ kel, ſo möchte ich gern Ihr Blumenpark ſehen!“ „Blumenpark?“ wiederholte Ramſay mit au⸗ genſcheinlichem Mißvergnügen.„Was willſt Du denn in Blumenpark machen? Wer hat Dir denn das in den Kopf geſetzt? Da wirſt Du nichts ſehen!“ „Verzeihen Sie,“ miſchte ſich die Mutter ein, denn ſie ſah, daß die Tochter nicht weiter in die Sache dringen wollte.„Aber die ſchoͤne Blume, die Sie Gertruden aus Ihrem Gewächshauſe gaben, hat ihr außerordentliche Luſt gemacht, Ihre Blumen zu ſehen.“ Ramſay ſah ungemein wild aus, allein als er erſt ein wenig zwiſchen den Zähnen gebrummt hatte, be⸗ fahl er endlich dem Kutſcher mit unterdruͤcktem Aerger, nach Blumenpark zu fahren. Die zerbrochenen Fen⸗ ſter wurden in die Hohe gezogen, der Kutſcher ſtieg auf, die Pferde kamen nicht ohne Muͤhe in Bewegung, und die Chaiſe ſchuͤttelte und warf, als ob ſie nie an den Ort ihrer Beſtimmung kommen koͤnnte. Zu ſpre⸗ chen, oder wenigſtens zu horen, war nicht moglich. Alles fuhr daher in tiefem Schweigen auf dem ſchönen Wege fort, bis nach Verlauf von anderthalb Stunden ewigen Schuͤttelns und Werfens ſie endlich an Blu⸗ menparks Thorweg waren. Blumenpark war ein ſchoͤner, ſtattlicher, in neuem Geſchmack angelegter Ort mit einem großen, praͤchti⸗ gen Wohnhauſe, das mitten in einem weiten, aber noch nicht lange angelegten Parke lag, worin einige alte, große Baͤume unter vielen jungen, eben eingeſetz⸗ ten emporſtiegen. Maleriſches, Schönes war gerade nicht zu ſchauen. Aber man fand ſich ſo behaglich, das Haus trat in allen Zimmern, mit den großen Spiegelfenſtern, mit ſeinen Arkaden, Gallerien und — das in er ein, Sache e Sie ht ihr ſhen.“ er erſt e, be⸗ Aerger Fen⸗ ſtieg egung, nie an u ſpr⸗ glich. ſchönen tunden Blu⸗ neuem richti⸗ „aber einige ngeſth⸗ gerade haglich großen n und — einem Gewaͤchshauſe ſo freundlich und heiter entgegen; nach allen Seiten fuͤhrten reinliche, mit weißem Sand gebahnte Wege. Dort war ein reichlich verſorgter Fiſchteich; hier zogen ſich große Treibhaͤuſer hin. Kurz uͤberall ſah man einladende Genuͤſſe und Zeichen des Wohlſtandes. Nur paßte Niemand weniger zum Orte, als der Eigenthuͤmer. Daß Adam Ramſay ihn kaufte, hatte Einige in Verwunderung geſetzt und bei Andern Lachen erregt. Allein die Sache verhielt ſich ganz einfach ſo, daß Ramſay's Vorfahren hier geboren, er⸗ zogen und als geringe Haͤusler ſeit undenklichen Zeiten gelebt hatten. Lieschen Lundie war hier zur Weit ge⸗ kommen. Hier hatte Onkel Adam die ſchoͤnſten Tage ſeiner Jugend verlebt. Hier waren beide auf den Bergeu herumgeklettert, hatten am Teiche gewandelt. Seit⸗ dem war manches Jahr verfloſſen, das Grab verſchloß ſchon lange den Gegenſtand ſeiner erſten Licbe, aber er ſchwelgte immer noch in der ſuͤßen Erinnerung die⸗ ſer alten Heimath. Bevor er aus Indien zuruͤckkam, hoͤrte er, daß der ſchwarze Moor, jetzt Blumenpark ge⸗ nannt, feil ſey. Er kaufte ihn, theils um Geld anzu⸗ legen, das er nicht unterzubringen wußte, theils aus geheimer Liebhaberei, die er freilich Niemanden bekannt haben wuͤrde, und vielleicht ſelbſt nicht einmal inne wurde. Aber allerdings wunderte und aͤrgerte er ſich ge⸗ waltig, als er hinkam und nun die Verwuͤſtungen ſah, welche der gute Geſchmack, der Luxus in den urſpruͤng⸗ lichen Reizen des ſchwarzen Moores angerichtet hatte⸗ —— Wenn wir als Pilgrimme im fremden Lande wandern, wie haͤngen unſere Seelen da feſt an den einfachen Zeugniſſen unſerer fluͤchtigen, kindiſchen, verſchwunde⸗ nen Freuden! Und von allen ſeinen alten Freuden war nicht eine Spur geblieben. Die Moraͤſte, Huͤgel und Teiche waren ausgefuͤllt; der kleine, murmelnde Bach, mit Weiden und Haſelgebuͤſch begraͤnzt, an wel⸗ chem er an ſo manchen Sommertag mit Lieschen Hand in Hand ging, war abgeleitet. Ein wildbewach⸗ ſener Berg, mit Raſen, Geſtraͤuchen, Feldblumen und Gebuͤſchen bewachſen, wo man manches Finken- und Hänflingsneſt fand, war nun ein Erdaͤpfelfeld gewor⸗ den. Kein Veilchen duftete mehr; und wie oft hatte Adam unter Indiens brennender Sonne nach einem Luͤftchen der gewuͤrzigen Himbeerenſtraͤucher hier ge⸗ ſeufzt! Doch das Aergſte von dem Allen war, daß auf demſelben Orte, wo ſeines Großvaters und Vaters Huͤtte mit Moos bedeckt ſtand, wo ihr Krautgaͤrtchen lag, jetzt eine elegante Hundehuͤtte erbaut war. Dieſe mußte im Augenblick weggeriſſen werden. Man ſagt ſogar, er ſey nicht von der Stelle gegangen, bis er ſich von ihrer Zerſtoͤrung uͤberzeugt hatte. Von der Zeit aber war er mit keinem Fuße wieder hergekom⸗ men, bis jetzt, wo er es nun ganz gegen ſeine Nei⸗ gung, Gertruden zu gefallen, beſuchte. Gertrudens Mutter gerieth in Entzuͤcken, als ſie hier alles ſah— das Innere ſo vollkommen, die lange Reihe der Zimmer ſo ſchoͤn, das Hausgeraͤthe ſo pracht⸗ voll! Kein Lobſpruch fehlte, in dem ſie ſich nicht, vandern, infuchen wunde⸗ Freuden „Huͤgel melnde an wel⸗ Lieöchen bewach⸗ ſen und n⸗ und gewor⸗ ft hatte einem ier ge⸗ r, daß Paters ärtchen Dieſe an ſagt bis er on der gekom⸗ 8 e Nei⸗ als ſi e lange prcht⸗ nicht, 11¹ ihre Bewunderung auszudrucken, erſchöpft hätte Doch den Gedanken, der ſich ihr vornaͤmlich aufdrang, wuͤrde ſie um keinen Preis haben wollen laut werden laſſen: „Sollte das Schlimmſte eintreten und Lord Roßville ſeine Nichte enterben, dann gab es noch eine Saite zu ſpannen— in Blumenpark!“ Faſt machte es ihr Freude, die ehrgeizigen Pläne dort fuͤr die glänzen⸗ den Ausſichten hier vertauſchen zu konnen! Indeſſen ihre außerordentliche Freude that bei dem Onkel Adam keine Wirkung. Ihn kuͤmmerte es nicht, was ſie oder ſonſt Jemand von ſeiner Beſitzung dachte, und er folgte vielmehr, ſtatt daß er ſie im Hauſe herumgefuͤhrt haͤtte, mit einer recht haͤßlichen Unge⸗ duld, als hege er blos den Wunſch, wieder heraus zu ſeyn. Seine uͤble Laune wurde auch nicht geringer, als ſich die Kunde von ſeiner Gegenwart verbreitet hatte, denn nun wurde er von einer Menge armer Leute aller Art umringt, die auf ſeinem Grund und Boden wohnten und Tagelöhner, Gaͤrtner, Foͤrſter, Erb⸗ und Zeitpaͤchter waren. Alle kamen, einen Wunſch geltend zu machen, um Abſtellung einer Beſchwerde zu bitten. Alle ſahen mit finſterm Blicke auf die fremden Gaͤſte, weil ſie fuͤrchteten, dieſe könnten hier ſich niederlaſſen und die bis jetzt herrſchende Unord⸗ nung zu Ende bringen. Die Haushälterin wackelte inzwiſchen, ſich ihrer Wuͤrde und unbeſchränkten Macht vollkommen bewußt, vor ihnen her und ſetzte weitlaͤuf⸗ tig auseinander, was ſie gethan, geſagt und angewen⸗ 112 det hatte, das Hausgeräthe in Ordnung zu erhalten, die Fiſchchen, Motten, Nachtſchmetterlinge und andere Inſekten zu vertilgen. „'s iſt nicht alles ſo recht in der Ordnung!“ ſagte der alte Murrkopf, der Gärtner, als er ſie ver⸗ druͤßlich nach dem Gemuͤſegarten fuͤhrte.„Im Treib⸗ hauſe iſt eine furchtbare Hitze! Am beſten thun Sie, Sie gehen nicht h'nein, daß Sie keinen Schnupfen bekommen!“— Er zog den Schluͤſſel zu dem ſich weit hinziehenden Treibhauſe heraus, um höchſt verdruͤß⸗ lich eine Schuͤſſel mit ſeltenen Fruͤchten zu belegen, die er ſonſt viel vortheilhafter untergebracht hätte. Endlich war Ramſay's Geduld erſchöpft. Mit den ſeltenſten Fruͤchten und Blumen beladen, traten alle den Ruͤckweg an. Ramſay hatte nur fuͤr Jasmin und Lavendel Geruch und Geſchmack. Ihm waren daher alle dieſe Blumen nichts, als ein Bischen Un⸗ kraut, das in vornehmen Häuſern waͤchſt. „Na,“ ſagte er zu Gertruden, als ſie nun wie⸗ der im Wagen ſaßen,„ich habe nichts dagegen, wenn Dir das Spaß macht, und, wie ich ſchon geſagt habe, geh' hin, wenn Du willſt und nimm, was Du wilſſt. Du mußt nur nicht ſagen, daß ich mitgehen ſoll, denn ich bin zu alt, um mich mit Graben und Hak⸗ ken und Anpflanzungen und all' dem Zeuge abzugeben. Da kann der Gaͤrtner keinen Apfel auf dem Baume erhalten und dem Foöͤrſter werden alle Faſanen geſtoh⸗ len, und ich bekuͤmmere mich doch wahrlich nicht drum, 9 thalten, andere ung!“ ſie ver⸗ Treib⸗ n Sie, hnupfen em ſih erdruß⸗ Nlegen, e. Nit traten Juömin waren en Un⸗ un wie⸗ wenn t habe, wilſ. n ſoll, . Hak⸗ ugeben. Baume geſh⸗ t dwm, 113 ob ein Apfel oder ein Faſan in der ganzen Inſel iſt, wenn ſie mich nur ſonſt in Ruhe laſſen!“ „Es iſt wohl wahr, daß es dem Orte zum Nuz⸗ zen und Ihnen zur Erholung gereichte, wenn Sie mit Jemanden, der eine vernuͤnftige Aufſicht fuͤhren konnte, hinzogen!“ fing Miſtreß St. Clair an. Allein ein ſinſterer Blick des Onkels zeigte ihr, daß ſie einen gefaͤhrlichen Boden betrete. Sie benutzte das Raſſeln des Wagens, das lebrige verhallen zu laſſen. Dreizehntes Kapitel. — O Gott der Liebe, welch Geſen iſt dies? Du ſchufſt mich, ſo gequält zu werden? Spenſer. Sie fuhren auf einem andern Wege zuruͤck, ſtatt deſſen, den ſie zuerſt genommen hatten, und waren noch nicht weit gekommen, als ſie von einem Fuß⸗ gänger angerufen wurden, der neben der Straße ging. Sie erkannten den Augenblick den Major Waddel. Der Wagen hielt an; man begruͤßte ſich. Als der Onkel wieder fortwollte, machte der Major die lebhafteſten Vorſtellungen, daß ſie vor ſeinem Land⸗ hauſe vorbeizufahren ſchienen, ohne ſich in Perſon nach ſeiner theueren Arabella zu erkundigen. Nur wenig Schritte waren bis dahin, und kaum konnte ſelbſt ein Onkel Adam ſolchen Bitten widerſtehen. So ſchlug der Wagen, vom Major geleitet, den romantiſch ſich windenden Weg nach dem Hauſe ein. Der Schwarze des Majors grinzte ſie, ſich verbeugend, an und eilte, alle bei Maſſa Lady einzulaſſen, die in hochzeitlichem Schmucke bereit ſaß, ihre Gäſte zu empfangen. Sie ner. k, ft d waren m Fuß⸗ ße ging. ddel. h. Abs jo die n Land⸗ ſon nich r wenig elbſt ein ſchlug iſch ſich chware nd eilte, eitlichem n. Sie 115⁵ bewillkommte im vertraulichen Tone Madame St. Clair und ihre Tochter.„Und mein Onkel kommt auch!“ rief ſie.„Nun, das iſt ſchoͤn! Wahrlich, da fuͤhl' ich mich geſchmeichelt, denn ich weiß, wie ſelten der Jemand beſucht!“ Herr Ramſay war eigentlich mit dem heroiſchen Vorſatze gekommen, nicht die Lippen aufzuthun, ſo lange er da ſeyn wuͤrde. Allein er gab doch ſo weit nach, daß ein ſpottiſches Brummen herauskam. Ma⸗ dame St. Clair nahm es indeſſen uͤber ſich, der Nichte zu eroffnen, daß der Beſuch nicht vorher beredet gewe⸗ ſen wäre, daß ſie ihn blos dem zufaͤlligen Begegnen des Majors verdanke. „Um Gottes willen, Major!“ rief Milady ganz erſchrocken.„Iſt es moͤglich? Du biſt herumgelau⸗ fen? Und die Wege ſind ſo ſchmutzig? Warum ſagſt Du mir's denn nicht, wenn Du aus willſt? Ich hätte dann gleich den Wagen kommen laſſen und waͤre mit Dir gefahren, ob ich ſchon glaube, daß eine neuverheirathete Dame der Etiquette wegen noch einige Zeit zu Hauſe bleiben muß!“— Sie ſah hier einen ſchmutzigen Fleck auf des Majors Stiefeln.—„Und nun biſt Du naß geworden? Major, ich bitte Dich ums Himmels willen, geh' gleich und zieh' andere Stiefeln an! Ich ſehe, ſie ſind uͤber und uͤber naß!“ Der Major ſah recht vergnugt uber dieſe eheliche Zärtlichkeit aus, behauptete aber, daß die Stiefeln völlig trocken waren, indem er den Fuß rings herum zeigte. 8* 116 „Wie kannſt Du nur aber ſo etwas ſagen, Ma⸗ jor!“ ſchalt ſie von neuem.„Ich ſehe es ja, daß ſie durchaus naß ſind!— Ich bitte Dich, zieh' ſie gleich aus. Ich bin halb des Todes, wenn ich denke, daß Du mit naſſen Fuͤßen ſitzeſt! Du haſt doch wohl Stiefeln genug?— Ich habe ihm, wie wir in York waren, ein ganzes Dutzend beſorgt, um nur ſicher zu ſeyn, daß er trockne Fuͤße hat!— Geh', mein Maͤnnchen! Laß Dir von Cäſar helfen, daß Du nur dieſe loswirſt. Thu's mir zu Liebe, Major! Ich betrachte es als eine Gefaͤlligkeit, die Du mir er⸗ zeigſt!“ Dem ließ ſich nicht widerſtehen⸗ Der Major ſchritt an's Werk, waͤhrend in ſeinem Kopfe eine Reihe von Gedanken wechſelte, die mit Worten ausgedruͤckt gelautet haben wuͤrden: „Ich bin recht gluͤcklich! Das huͤbſche Weib⸗ chen liebt mich ſo zaͤrtlich! Aber fatal iſt es doch, die Stiefeln allemal ausziehen zu muͤſſen, wenn die Frau einen naſſen Fleck darauf ſieht!“ „Du bleibſt doch nicht lange, Major?“ rief Arabella nach.—„Der Major iſt ſo unbedachtſam. Er ſchont ſich gar ſo wenig. Er macht mich ordent⸗ lich ungluͤcklich.— Wie ſieht er denn jetzt, Ihrer Meinung nach, aus?“ Dieſe Frage war an alle gerichtet und konnte in Verlegenheit ſetzen. „So häßlich, wie möglich!“ dachte Gertrude, die nicht gewußt haͤtte, wie ſie Wahrheit und Aptig⸗ , Ma⸗ ja, daß zieh ſi denke, ſt doch wir in in ſicher , mein Du nur 1 Ich nir er⸗ Majt ne Reihe igedrüct Weib⸗ es doch, wenn die 7 rif achtſam⸗ ordent⸗ Ihret „Ihre omnte in Fertude, d Artig⸗ 117 keit in ihrer Antwort vereinen ſollte. Zum Gluͤck giebt es Leute, die ihre eignen Fragen gleich beant⸗ worten, wenn ſie merken, daß Niemand dazu Luſt hat, und die Frau Majorin fuhr daher fort: „Seitdem er den Brunnen getrunken hat, be⸗ findet er ſich viel beſſer. Wie wir hinreiſten, ſah er recht ſchlecht aus, und ich verſichere Sie, mir war gar nicht wohl zu Muthe!“ „Hat er denn ſchon einmal huͤbſch ausgeſehen?“ wollte uͤber Adam's Lippen; allein durch eine groß⸗ muͤthige Selbſtuͤberwindung hielt er den Einfall zuruͤck und ſchwieg. „Sind Sie denn einmal in Blumenpark gewe⸗ ſen, Onkel?“ fragte Arabella.„Wie ich hore, ge⸗ hen ja da huͤbſche Dinge vor?“ Ramſah machte einen Buͤckling, ſo ungefahr, wie ein Bulle, der ſich ſtoßfertig macht, und brummte et⸗ was in tiefem Baſſe. „Wir kommen eben daher!“ rief Madame St. Clair und gerieth in Entzuͤcken uͤber alles, was ſie ge⸗ ſehen und genoſſen hatte. „Wirklich?“ ſagte die Frau Majorin.„Nun da ſind Sie gluͤcklicher oder haben einen beſſern Stein im Brete beim Onkel, als ich. Denn der Major und ich waren geſtern da und wurden nicht hinein⸗ gelaſſen, was, ich muß es wohl ſagen, ich recht albern fand. Die Leute waren ſo impertinent, uns nicht aufzumachen. Ich muß ſagen, fuͤr einen Mann von ſolchem Range, wie der Major, und für mich, eine 118 verheirathete Dame, war das eine Grobheit, wie ſie mir noch nie vorgekommen iſt. Aber ich ſagte ihnen auch, daß ich Sie davon in Kenntniß ſetzen wollte, Onkelchen!“ „Gehorſamer Diener!“ war deſſen lakoniſche Antwort. „Ich weiß, daß die Leute wegen ihrer Frechheit auf der Stelle fortgeſchickt zu werden verdienen.“ „Weil ſie ihre Schuldigkeit thaten, ſollen ſie fortgeſchickt werden?“ fragte Onkel Adam und machte Miene, loszubrechen. „Das iſt eine wunderliche Schuldigkeit,“ er⸗ wiederte die Lady in gleichem Tone,„Ihre naͤchſten Verwandten nicht ins Haus zu laſſen; mich, eine verheirathete Dame, und einen Mann von ſolchem Range, wie der Major!“ „Ich habe Dir noch nie verboten, in mein Haus zu kommen, Mamſellſchen!“ rief der Onkel, der jetzt alle Zuruͤckhaltung vergaß und ſie nicht einmal bei ih⸗ rem erheiratheten Namen nennen wollte.„Wenn Du aber denkſt, daß ich Dich in meinem Gute nicht will feſtſetzen laſſen, da haſt Du recht. Was haſt Du denn dort zu ſuchen, wenn ich nicht da bin?— Was machſt Du denn da?“ Seine Fragen konnten gewiſſermaßen wie Dau⸗ menſchrauben wirken. „Ich daͤchte, daß dies eine ſehr natuͤrliche Neu⸗ gier wäre!“ fl ei na ſie te r⸗ en u⸗ „Eine natürliche Neugier! Eine huͤbſche Aus⸗ flucht, weiter nichts! So in die Häͤuſer fremder Leute einzubrechen! Ich will nur ſehen, wo Dich Deine naturliche Neugier's naͤchſte mal hinfuͤhren wird!“ „Ich dächte, Sie ſollten's jedem Dank wiſſen, der ſich die Muͤhe giebt, ein Biöchen in dem Hauſe nachzuſehen. Denn das muß ich Ihnen ſagen, On⸗ kel: Sie machen ſich ganz lächerlich, daß Sie ſich von Jedermann ſo pluͤndern und prellen laſſen!“ „Und wenn mir's nun Spaß macht, ſo von den armen Leuten gepluͤndert und geprellt zu werden, ſtatt von den reichen? Wie ſteht's denn da, Mam⸗ ſellchen?“ „Ich wuͤnſchte, Onkel, daß Sie ſich erinnerten, wie ich jetzt verheirathet bin,“ rief die Lady hoͤchſt wuͤrdevoll,„und daß ein Mann, wie der Major—“ Gerade in dem Augenblicke trat der Major hoͤchſt erhitzt und in andern, aber offenbar zu engen Stiefeln herein. „Da ſehen Sie, was Subordination heißt!“ rief er und verſuchte, ſo ſehr die Stiefeln dickten, zu lachen. „Danke Gott, Major,“ ſagte ſeine Gattin, „daß Du Subordination gelernt haſt, denn ich glaube, daß ſich kein Menſch ſo wenig um ſich bekuͤmmert, als Du!— Was denken Sie denn? Geſtern fuͤhrte er die Lady Fairacre mitten im Regen nach ihrem Wagen und hatte keinen Hut auf?— Ich will doch 120 hoſſen, Major, daß Du auch andere Struͤmpfe ange⸗ zogen haſt?“ „Weiß Gott, meine Suͤße, Stiefeln und Struͤm⸗ pfe waren trocken!“ „Nun, Major, wenn Du die Struͤmpfe nicht ge⸗ wechſelt haſt, machſt Du mich ganz unglͤcklich!“ rief die zärtliche Bella und ſchien außer ſich zu gerathen. „Barmherziger Gott! Wenn ich daran denke, daß Du naſſe Struͤmpfe traͤgſt!— Nein, ſo etwas iſt mir noch nicht vorgekommen!“ „Ich ſage Dir, theuerſte Bella—“ „Guter Major, wenn Du die geringſte Liebe fuͤr mich hegſt, ſo bitte ich Dich, zieh' gleich andere Struͤm⸗ pfe an. Ach, ich weiß gewiß, Du haſt ſchon den Schnupfen weg!— Wie heiß Deine Hände ſind!— Nicht wahr, hoͤren Sie, er ſieht feuerroth im Ge⸗ ſichte?— Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf ſteht Deinetwegen!“ Mochte der arme Major im Betreff der Struͤm⸗ pfe betheuern und proteſtiren, wie er wollte— es war umſonſt. Die Furcht der Gattin ließ ſich nicht be⸗ ſchwichtigen. Wiederum mußte er hinaus, die Stie⸗ feln abzuziehen, die mit vieler Muͤhe und Cäſar's, des Schwarzen, Unterſtuͤtzung angezogen worden waren. „Am Ende traͤgt mich meine Frau noch in dem Handkörbchen herum!“ ſagte er, ſpottiſch lächelnd, halb eitel, geſchmeichelt, halb ärgerlich. Gerade wie er hinausging, trat ſein Adjutant, der Schwarze, mit wichtiger Miene herein und bezeich⸗ net etn ent gef den rie ne we ha da K ange⸗ trum⸗ t ge⸗ Crief athen. „deß as iſt e fur trum⸗ nden — Gl⸗ Kopf rum⸗ war t be⸗ Stie⸗ „des . dem elnd, tant, zich⸗ nete in ſeinem kaum verſtaͤndlichen Miſchmaſch, daß etwas an den Federn von Maſſa Ramſay's Wagen entzwei gegangen wäre. Der Kutſcher ſey zum Schmidt gefahren, der aber erklaͤrt hatte, unter zwei Stunden den Schaden nicht ausbeſſern zu konnen. „Na, ich werde den Weg ſchon ſo finden!“ rief Adam.„Zwei Stunden wart' ich nicht in mei⸗ nem Leben auf einen Wagen!“ Es war alles umſonſt, ihn zu halten, um zu warten, bis der Major andere Struͤmpfe angezogen habe. Er beſtand darauf, heimzugehen und ließ Ma⸗ dame St. Clair mit ihrer Tochter zuruͤck. Kaum hatte er den Ruͤcken gewendet, als die Frau Majorin ihren ganzen Groll ausbrechen ließ. „Ich glaube wirklich,“ ſagte ſie zu Gertruden, „daß er noch aͤrger iſt, als ſonſt. Hören Sie mal, es macht Ihnen keine Ehre, wenn Sie ihn nicht bald anders ſtimmen und zu leiten wiſſen. Daß der Ma⸗ jor mit ihm auskommt, glaub' ich nicht. Haben Sie's denn gehoͤrt, wie er mit„Mamſellchen“ gegen mich herumwarf? Gegen mich— eine verheirathete Dame? Wenn der Major da geweſen wäͤre, haͤtte er es muͤſ⸗ ſen uͤbel nehmen!“ Sie hatte endlich ihre Galle ausgeleert und dachte nun daran, ihrem Stolze Nahrung zu geben. Sie zeigte Haus und Hof, breitete ihre Perlen, ihre Klei⸗ der, Silbergeſchirr und alles aus, was den Neid ihrer Gaͤſte rege machen und das dreifache Gluͤck zeigen konnte, Frau Majorin Waddel zu ſeyn. Doch Ma⸗ 122 dame St. Clair hatte zu viel geſehen, uͤber ſolchen Prunk zu ſtaunen, und Gertrudens feiner Sinn fuͤhlte blos Mitleid und Verachtung, daß eine gemeine, ſchmu⸗ tzige Seele das Gluͤck in ſolchen Dingen ſuchen koͤnne. Ueber ſolche Gleichguͤltigkeit bei ihrer Couſine aͤrgerlich, ſagte ſie endlich: „Hoͤren Sie, Baſe, Sie ſehen wohl alle ſolche irdiſche Dinge mit Verachtung an, ſeitdem Sie ſo lange bei Ihren guten Tanten ſich aufhielten? Sie haben da gelernt, die Dinge von dieſer Welt fuͤr nicht beachtenswerth zu halten?“ „Ich habe in jedem Falle beſſer, als ſonſt, die Herzensguͤte ſchaͤtzen gelernt!“ erwiederte Gertrude, ohne zu fuͤhlen, wie ſie durch ihre Gleichguͤltigkeit beleidigt hatte⸗ „Nun, dann ſind Sie ſchon halb bekehrt!— Eine der frommen Damen werden wir nächſtens hier ſehen!“ „Wenn Sie unter den Frommen Leute verſtehen, die meinen Tanten gleichen, ſo fuͤrchte ich, daß es noch lange dauert, ehe mir ſolcher Beinahme zukommt. In Vergleich mit ihnen, glaube ich wenig beſſer, als eine Heidin zu ſeyn. Allein dies hindert mich nicht, ihre Trefflichkeit zu ſehen, zu bewundern. Jemandem ſein Verdienſt ableugnen wollen, weil ich es nicht beſitze, iſt eine Suͤnde, vor welcher mich der liebe Gott be⸗ wahren moͤge!“ „Ach, Sie ſind angeſteckt!“ rief Miſtreß Wad⸗ del und nickte.„Ich weiß ſchon, daß dies Ding an⸗ —— —, en te u⸗ n. — he ie cht die ne igt 123 ſteckt! Ich hoſſe doch, daß Sie mich nicht auch an⸗ ſtecken wollen? Bei einem Mäͤdchen geht ſo etwas; aber fuͤr eine verheirathete Dame paßt es nicht. Der Major hat uͤbrigens fuͤr ſolche fromme Weiber⸗ chen keinen Sinn. Er iſt ganz mit mir zufrieden, ſo wenig ich auch tauge! Nicht wahr, Major?“ rief ſie dem armen Manne entgegen, der wieder neu be⸗ ſtiefelt hereintrat und bei allem Drucke derſelben Lä⸗ cheln erheucheln wollte. Madame St. Clair wußte den innern Verdruß zu verbergen. Dagegen bezeigte Gertrude, angſtlich, den ganzen Tag ſolche Unterhaltung mit dem Major und deſſen Gattin anhoren zu muͤſſen, den Wunſch, einen Spaziergang zu machen. „Ei, meine ſchone Baſe, ſind Sie denn ſo ſelbſt⸗ vergeſſen, daß Sie gehen wollen?“ rief Miſtreß Waddel.„Ich dachte doch, Sie wuͤrden während der Zeit zu delikat geworden ſeyn, um daran zu den⸗ ten! Ich fuͤr meine Perſon weiß beinahe, glaub' ich, nicht mehr, was gehen heißt! Sehen Sie, wenn man ſeinen eignen Wagen hat, giebt's keine Gelegenheit dazu; und gern geht doch Niemand!— Du haſt mich ganz um meine Beine gebracht, Major!“ Gertrude konnte nicht das Compliment abwarten, das ſie auf des Majors Lippe ſchweben ſah. Sie er⸗ wiederte ſchnell: „Da ich nun einmal ſo ſelbſtvergeſſen bin, gern zu gehen, aber nicht ſo unbeſonnen, um Andere dazu 124 zu nothigen, ſo laſſen Sie mich nur allein die Schoön⸗ heiten Ihres Sitzes ſchauen!“ Sie ſtand auf, um fortzugehen. Der Major machte einen lahmen Verſuch, behend zu ſeyn. „Unmöglich!“ rief er. Sie muͤſſen mir die Ehre goͤnnen, Sie zu begleiten!“ „Nun, Majer,“ ſprach ſeine Gattin gleich da⸗ gegen,„da muß ich mein Recht auf Dich geltend machen! Du darfſt heute nicht wieder hinaus! Es iſt heut ein recht neblicher Tag! Ich weiß, Deine Baſe wird Dich entſchuldigen!— Er hat,“ wendete ſie ſich an Gertruden,„die ganze vorige Woche einen ſchrecklichen Schnupfen gehabt! Ich ſage Ihnen, es wurde mir angſt und bange dabei!“ „Ach, dummes Zeug, meine Suͤße!“ rief der Major halb aͤrgerlich und halb ſich freuend.„Außer Dir wuͤrde kein Menſch davon ſprechen!“ „Wie kannſt Du nur ſo reden, Major, da ich's gezählt habe? Siebzehn mal haſt Du in einer und einer halben Stunde genieſt!— Und das nennt er dummes Zeug!“ Gertrude uͤberließ es dem liebenden Paare, den zaͤrtlichen Streit auszugleichen und ſtahl ſich hinaus. „O welche Wonne, allein zu ſeyn, wenn man mit ſolchen Narren in Geſellſchaft war!“ dachte ſie, ſo wie fie ſich vor dem Hauſe befand. m ein doe vo ein iht R W R 3 1 Vierzehntes Kapitel. Nun ruhe aus, mein Leſer, ſetze dich und denke ſchon Im Geiſte über's Feſt, das kommt, hübſch nach. So wirſt du dann, nicht müd', die Freude deſto beſſer, Wenn ſe erſcheint, in vollen Zügen ſchmecken. Dante. Thornbank lag an einem dahinrauſchenden Bache und maleriſche Schoͤnheiten gab es hier in Menge. Es war ein ſchöner, freundlicher Herbſttag; etwas voll Duͤnſte, doch ſchon. Aber die Erde borgte ihren Glanz nicht vom Himmel. Sie zeigte in ihren eignen Farben eine unendliche Abwechſelung vom verbleichenden Grün bis zum purpurnen Roth und glanzenden Gelb; kurz, ihren größten Reichthum, mag er auch ſchon duͤſtere Gedanken wecken. Der ſuͤße, traurige Geſang des Rothkehlchens miſchte ſich allein mit dem Brauſen des Felsbaches. Kurz, alles ladete zu ſuͤßer Schwer⸗ muth, zum Nachdenken ein. Gertrude, jetzt von jedem peinigenden Gegenſtand befreit, ſetzte ſich auf ein Felsſtuͤck, das von halbver⸗ welkten Blumen bekranzt wurde, und uͤberließ ſich nun dem milden Eindruck, welchen der Tag, die Umgebung, 126 auf ſie machte. Allmählig verſank ſie in jene reizenden Träume bei wachen Augen, jene ſchonen Hoffnungen, die eine junge, ſchwaͤrmeriſche Phantaſie ſo leicht ſchaf⸗ fen kann. Allein aus dieſen Freuden der Einbildungs⸗ kraft wurde ſie durch Toͤne geweckt, die mit der Stille rings umher nicht ſehr zuſammenſtimmten. Sie hoͤrte von Zeit zn Zeit kichernd lachen und dann Jemand recht derb ſprechen, und beides kam immer naͤher und näher, bis endlich— Miß Lilly Black am Arme eines kleinen, huͤbſchen, wohlgekleideten jungen Mannes er⸗ ſchien. Sie bezeigte bei dem unvermutheten Zuſam⸗ mentreffen mit ihrer Baſe viel Ueberraſchung, Freude und Zaͤrtlichkeit, und ſtellte den Herrn Braͤutigam, Auguſt Larkins, mit vielem Selbſtgefuͤhl und einer Art Triumph vor. Er war in der That, was man einen huͤbſchen jungen Mann nennt: von regelmaͤßigen Zuͤgen, rothen Backen, ſchwarzen Augenbraunen, nicht ohne erkuͤnſtelten Ausdruck. Sorgfältig nach der Mode gekleidet, ſah er darum doch nicht ſehr nach der Mode aus.— So war der kuͤnftige Herr Vetter, der Ger⸗ truden vorgefuͤhrt wurde. Mit vielen Buͤcklingen und Verſicherungen von Ehre, Vergnuͤgen, ſolche Bekannt⸗ ſchaft zu machen, ging dieſe Ceremonie gluͤcklich vor⸗ uͤber. „Haben Sie denn ganz allein hier geſeſſen?“ fragte Miß Lilly in recht mitleidigem Tone.„Ach, wenn wir doch das gewußt haͤtten! Da waͤren wir eher gekommen! Sie muͤſſen recht Langeweile gehabt haben!“ tu Ein ſchr red ſi ſter Th loc tet Co wi ein die wil fin 127 „Das koͤnnte ich nicht ſagen!“ verſicherte Ger⸗ trude. „Die ſchottiſchen Mädchen ſind alle gern in der Einſamkeit!“ ſchrie Lilly's Geliebter, denn laut reden, ſchreien, war ſeine Art.„Wiſſen Sie die ſchoͤne An⸗ rede der Lady Randolph in dem beruͤhmten Trauer⸗ ſpiele Douglas:„Ihr Waͤlder und Haiden, deren duͤ⸗ ſteres Dunkel zu meinem betruͤbten Sinne ſtimmt und Thraͤnen des Kummers aus meinem brechenden Herzen lockt!“— Ei, hören Sie, das wurde im letzten Win⸗ ter auf dem Drurylanetheater ganz koͤſtlich gegeben! — Sie ſind doch auch in London geweſen?“ Gertrude bejahte es. „Welch Theater gefiel Ihnen denn am beſten? Coventgarden oder Drurylane?“ „Ich habe keines geſehen!“ „Was? Das iſt unmöglich! In London ge⸗ weſen und nicht ins Theater gegangen? Ei, das iſt ein großer Schade! Aber—“ hier winkte er freund⸗ lich Lilly zu—„ich denke, wir wollen ſchon noch die Coufine mit den Lowen bekannt machen; ſo ſagen wir immer, wenn unſere Muͤhmchen vom Lande herein⸗ kommen und von uns ins Theater und dergleichen ge⸗ fuͤhrt werden!“ „Ach, das wird herrlich ſeyn! nicht wahr, Cou⸗ ſine?“ rief auch die alberne Lilly. Aber Gertrude ward nur uͤber und uͤber roth, wenn ſie daran dachte. „Das Theater iſt meine Lieblingsunterhaltung!“ verſicherte Auguſt Larkins. 128 „Und meine auchz ich gehe gar zu gern in die Comoͤdie!“ behauptete Lilly, begierig, bei jeder Gele⸗ genheit ihre Seelenverwandtſchaft darzuthun. „Haben Sie ſchon Young als Romeo geſehen?“ „Nein, von Young hab' ich ihn nicht machen ſehen, aber von einem Andern hab' ich ihn ſpielen ſehen; ich weiß nur ſeinen Namen nicht mehr!“ „Ach, ich habe im vorigen Winter Young wohl zwölfmal als Romeo geſehen! Romeo iſt meine Lieb⸗ lingsrolle. Ich kann ſie beinahe auswendig!“ „Iſt denn dies moͤglich?“ rief Lilly, in zehn⸗ fachem Staunen uͤber ihres Geliebten Talente.„Ach, laſſen Sie doch etwas horen! Der Couſine wird's auch rechten Spaß machen!“ „Sie muͤſſen die Julie lernen, dann mache ich Ihren Romeo! Ei, hoͤren Sie, Sie waͤren eine Ka⸗ pital-Julie. Ihr Haar iſt gerade wie das der Miß Oneit „Wirklich? Ei, Herr Jemine, die Julie möchte ich einmal machen!“ „Warten Sie nur, wenn ich Sie erſt zu Hauſe habe,“— das fruͤſterte er ihr doch leiſer ins Ohr, —„ſo ſpielen wir ein Paar ſchoͤne Auftritte dar⸗ aus!“ „Ei, das wird ſchon ſeyn! Ich habe die Trauer⸗ ſpiele recht gern!“ „Nun, Comodien ſehen Sie doch auch wohl gern?“ wu hr, ⸗ „Ei ja, Comoͤdien und ſolche— ſolche Farcen — ach, die ſehe ich recht gern!“ „Manche ſolche luſtige Nachſpiele haben recht Gluͤck gemacht! Herr Gott, was ſind die Leute nach dem„Midas“ gelaufen! Den ganzen Winter uͤber wurde nur geſungen: Liebes Mädchen, hör' mir zu!“ „Ei: Liebes Mädchen, hoͤr' mir zu! iſt mir's liebſte Lied, das ich in meinem Leben gehört habe!“ verſicherte Lilly und verdrehte die Augen voll Ent⸗ zuͤcken. „Horen Sie, wenn Sie in der Stadt ſind, da werden Sie eine rechte Freude an den Balleten ha— ben! Was war im vorigen Winter fuͤr ein Larmen wegen der verliebten Auſter!“ Lilly kicherte hier. „Weiß Gott! die verliebte Auſter hieß es! Und, unter uns geſagt, es war ein guter Freund von mir, der Muſik und Text und alles gemacht hatte!“ „Ne, Herr Jemine! Wirklich? Erzählen Sie mir doch'was davon!“ „Nun, das Stuͤck faͤngt an mit einer praͤchtigen Ausſicht aufs Meer. Wellen, ſo hoch, wirklich!“— er ſprach dies zu Gertruden—„wie— wie die Baͤume hier, und ſo weiß, ſo weiß, wie Ihr Kleid! Und die bruͤllten nun ſo natuͤrlich, wie'was. Hoͤren Sie, zwei Damen, die gerade nach London hereinge⸗ kommen waren, und die ich mit hineingenommen hatte, wurden ordentlich ſeekrank! Weiß Gott! Ich dachte, ſie wuͤrden ſich uͤbergeben muͤſſen! Es war eben die IM. 9 erſte Vorſtellung und ich war guter Freund vom Ver⸗ faſſer, und da hätte ich das ſchonſte Maͤdchen nicht aus dem Hauſe gefuͤhrt!“ „O Sie Grauſamer!“ kicherte Lilly wieder⸗ „Was wurde denn mit ihnen?“ „Nun, ſie kamen durch ein Biöchen Fau de Cologne und eine Apfelſine wieder zu ſich⸗ Weiß Gott, mir wurde deshalb ganz üͤbel! Nun, als die Wellen aber, die grauskopfigen Ungeheuer, wie ſie Shakes⸗ peare nennt, ſo hin- und hergerollt waren— weiß Gott, ich dachte, ſie wuͤrden ins Parterre kommen!— verſchwanden ſie auf die anmuthigſte Weiſe und ließen am Fuße eines Felſen eine entſetzlich große Auſter zu⸗ ruͤck. Aber das war nun was ganz Schönes—“ hier demonſtrirte er wieder Gertruden vor—„wenn man ſo das Theater anſah. Da müſſen Sie ſich denken, das ſtellte die Kuſte vor und war nun ganz mit Seegras, Muſcheln und Corallen bedeckt. Nun, Sie konnen ſich's nicht vorſtellen, wie natuͤrlich das ausſah!“ „Ei, das hätt' ich ſehen mögen!“ ſeufzte Lilly aus dem Innerſten ihres Herzens. „Ja, nun war alſo die Auſter da, und da hät⸗ ten Sie darauf geſchworen, es ſey eine wirkliche Au⸗ ſter, aber nur eine recht große, am Fuße des Felſens. Nun kam die gottliche Fvote aufs Theater, als Prin⸗ zeſſin gekleidet, mit einer koſtbaren Krone auf dem Kopfe und uͤber und uͤber mit koſtbaren Steinen, aber ſie ſah recht traurig aus und hatte das Schnupftuch Ni ſin und eine das nul ble ein me Au do he we Ar Un He S 6 het N ki ie ht er⸗ in der Hand. Und nun folgte eine ganze Menge Mädchen, alle ſo ſchön, ſo ſchon angezogen. Sie ſangen und tanzten nun die neueſte, ſchonſte Quadrille, und wie ſie ſo tanzen, bewegt ſich die Auſter und thut einen tiefen Seufzer, und nun nehmen alle Reißaus, das heißt, ſie tanzen nach allen Punkten ab und ſchreien nun ſo ſchoͤn im Takte dazu. Die Prinzeſſin aber bleibt und geht näher zu der Auſter hin und ſieht ſie ein Bischen lange an und ſchlaͤgt die Hände zuſam⸗ men, und fallt endlich gar auf die Knie, während die Auſter ſich dreht und ſeufzt und ſtöhnt. Weiß Gott, das war recht ruͤhrend!— Hoͤren Sie, ich ſah man⸗ ches Schnupftuch herauskommen!“ „Na, da waͤr' ich vor Schrecken halb todt ge⸗ weſen!“ verſicherte Miß Lilly. „Gut; nun ſingt die Prinzeſſin die charmante Arie, die Sie kennen: Die Auſter hier iſt meine Welt; Ich will ſie mit der Liebe oͤffnen! Und nun nimmt ſie eine diamantene Nadel aus ihrem Haare und giebt ſich Muͤhe, die Auſter aufzumachen. So wie ſie ein Bischen Luft gemacht hat, kommt die Spitze von einem langen, ſchönen ſchwarzen Barte heraus. Die Prinzeſſin iſt ganz außer ſich, laͤßt die Nadel fallen, nimmt den Bart mit beiden Haͤnden, kuͤßt ihn, benetzt ihn mit Thränen, druͤckt ihn an ihr Herz, kurz, ſie iſt ganz weg vor Entzuͤcken, denn ſie ſieht, daß es der Bart von ihrem Liebhaber iſt!“ 9* „Herr Jemine! Die Arſter iſt ihr Liebhaber!“ ſchrie Lilly. „Warten Sie doch nur! Sie ſollen ja alles gleich hören. Gut; wie ſie nun ſo ihre zärtliche Liebe auf die anmuthigſte Weiſe bezeigt, kommt plötzlich ein großer Drache oder ein Seepferd in die Höhe und nimmt die Nadel und verſchwindet. In dem Augen⸗ blick wird der Himmel, das heißt: auf dem Theater, ganz pechfinſter und es kommt Blitz und Donner, und die See ſteigt mit ſchrecklichem Brauſen in die Hoͤhe und droht in ihren Schlund die Prinzeſſin mit ſammt der Auſter zu verſchlingen!“ „Ach Jemine, wie ſchön muß das ſeyn! So etwas hab' ich noch nie gehört!“ rief Lilly wieder. „Die See kommt nun mit jedem Augenblick näher und endlich ſind ſie ganz umgeben. Da ſchlägt die Prinzeſſin die Augen auf und ſieht den Felſen! Und nun fällt ihr plötzlich ein— Sie bleibt blos ſte⸗ hen, die kleine ſchone Aric zu ſingen: Bei dieſem Bart und ſeinem ſanften Blicke! (Die Arie wurde zweimal da Capo gemacht!) und dann kletterte ſie ſo ſchön und ſo traurig den Felſen hinauf!“ „Wie hoch war denn der Felſen?“ fragte Lilly⸗ „Ich nun, ich laſſe nicht viel von dreißig Fuß ab! Und faſt ganz gerade in die Höhe! Wie ſie ſo hinaufſtieg, ging nun die ſchönſte Muſik. Auf der Mitte war's, als ſey ſie ganz erſchopft. Da ging ſie W me Lie Un ein (01 we tod ge de la es ick igt n! nd auf die Spitze vom Felſen vor und blieb da ſtehen! Weiß Gott, ich glaube, es war kaum ſo breit, wie meine Hand. Und wie ſie nun anhaͤlt, wieder Athem zu ſchoͤpfen, ſang ſie ſo eins von Ihren ſchottiſchen Liederchen, Miß St. Cloin Da unten im Gebuͤſche Mein Liebſter auf mich harrt. Und dabei ſah ſie immer auf die Auſter. Nun wurde ein Spektakel im Hauſe. Der eine Theil rief: an- cora! und der andere: weiter! Endlich konnte ſie weiter kommen, und ſie kam nun auf den Felſen, ge⸗ rade wie eine ungeheuere Welle die Auſter verſchlin— gen wollte.“ „Ach Jemine, das muß ſchrecklich ſeyn!“ jam— merte die mitleidige Lilly. „Nun, was hätten Sie nun wohl gemacht?“ „Ja, das weiß ich wahrhaftig nicht!“ „Sehen Sie, die Prinzeſſin ging nun ganz an den Rand des Felſens vor! Weiß Gott, ich erſchrak und wurde ein Bischen ſchwindlich, wie ich ſie ſo ſah. Sie nahm die Krone ab, band ihr Haar los und legte ſich nun mit dem Kopfe auf den Felſen, daß das Haar gerade bis dahinunter reichte, wo die Auſter lag 4 „Was, ihr eignes Haar?“ „Die ſeidnen Locken eines Mädchens heißen doch auch eignes Haar!“ „O Sie ſind recht garſtig!“ „Gut, alſo ihr Haar faßt die Auſter, oder die Auſter das Haar an, das kann ich nun nicht ſagen, und ſo zieht ſie dieſelbe in die Hohe— immer höher, immer höher! Da haͤtte man eine Nadel fallen ho⸗ ren konnen, wie das ſo in die Höhe ging! Endlich hatte ſie die Auſter oben auf dem Felſen. Nun brach das ganze Haus los und es wurde geklatſcht, daß alles erſchuͤtterte!“ „Das iſt gar kein Wunder— Ich begreife nur gar nicht, wie ſie das machen konnte.— Wie groß war denn die Auſter?“ „Je nun— doch ſo, wie ein Waſſerfaß!“ „Und mit ihren Haaren ſie ſo in die Höhe zu ziehen!— Haben Sie ſchon ſo etwas gehört, Cou⸗ ſine?“ „Nein!“ erwiederte Gertrude. „Aber was kam denn nun? Erzaͤhlen Sie doch!“ „Jetzt entſtand ein Kampf mit dem Drachen und einem Wallfiſch. Und der Wallſiſch warf ein ſchoͤnes diamantnes Auſtermeſſer zu den Fuͤßen der Prinzeſſin hinauf. Sie nahm es in die Hand— Ratt— Tatt— Pratt in die Schale. Die Schalen gehen gleich auseinander mit einem entſetzlichen Kra⸗ chen und nun ſpringt ein Krieger heraus in völliger Ruͤſtung aus Perlmutter, mit einem langen, ſchoͤnen, ſchwarzen, ſpitzigen Barte, der eben aus der Schale herausgeguckt hatte. Er beſiegt den Drachen. Die See wird glatt wie ein Spiegel; Venus kommt auf ein lan ſic nic za — ——— ß . 135 einem Wagen von zwei Tauben mit einer Roſenguir⸗ lande angeſpannt und von zwei kleinen Cupido's—“ „Das iſt köſtlich! Nun wurden ſie vermählt, nicht wahr?“ „Ach, ohne ſolchen Ausgang waͤr' ja ihr Gluͤck nicht vollkommen geweſen!“ ſchrie Herr Larkins im zärtlichſten Tone. „Es muß ſpät ſeyn!“ ſagte Gertrude aufſtehend. „Bald muͤſſen wir zu Tiſche gehen!“ „Die Liebe, mit der Binde vor den Augen ſelbſt, Wird ohne Augen doch den Weg noch immer finden! Wo eſſen wir denn wohl?“ rief Herr Larkins in theatermäßiger Art.„Sie wiſſen doch, daß das aus Romeo iſt?“ „Aus Romeo?— Das hab' ich vergeſſen! Aber ſchon iſt es!“ verſicherte die gefaͤllige Lilly. Herr Larkins deklamirte auf dem ganzen Wege, indeſſen ſeine Schone kickerte und ſtaunte. „Nun, Cruſine,“ ſagte ſie bei der erſten Ge⸗ legenheit zu Gertruden.„ Wie gefaͤllt Ihnen mein Auguſt? Iſt er nicht charmant? So artig, luſtig und doch ſo empfindſam? Er hat immer unterweges einen Dichter bei ſich. Und die Flote blaͤſt er wun⸗ derſchon! Auch auf dem Lande iſt er gern. Er ſagte mir, daß er mich alle Sonntage aus der Stadt ja⸗ gen wuͤrde!— Ich möchte nur wiſſen, wie Bella ſich in den Major verlieben konnte!— Der hat nicht den geringſten Geſchmack an Verſen. Und An⸗ 136 dreas— was das fuͤr ein garſtiger Rame iſt! Nicht wahr, ich bin recht gluͤcklich mit dem Namen geweſen? Hoͤren Sie, einen Auguſt triſſt man ſelten! Und Larkins iſt auch recht huͤbſch. Nicht wahr?“ Doch jetzt ſtanden ſie an der Thuͤre des Salons, wo geſpeiſt wurde, und an der Tafel hatte jede ſolche Mittheilung ein Ende. Die Frau Majorin ſpielte die Lady eines Nabobs vortrefflich, als ſey ſie dazu ge— boren. Sie ſprach nur von Madera und der vſtindi⸗ ſchen Compagnie. Ihr Silberzeug war ſchon, und um eine Schnepfe zu zerlegen, zog ſie erſt mehrere Ringe ab. Kurz, nichts konnte beſſer berechnet ſeyn. Aber doch aͤrgerte ſie ſich im Stillen, wie das eng⸗ herzigen Leuten oft geht. Niemand ſchien uͤber den Glanz rings umher gehoͤrig zu ſtaunen, und der unar⸗ tige Herr Larkins ſprach nur immer von der Schild⸗ kroͤtenſuppe, dem Lachſe Londons. Beim Thee war es noch ſchlimmer. Hier ſchien er alle Vernachlaͤſſi⸗ gung an Lebensart fuͤr die erſte Anforderung der Mode zu halten. Er ſtreckte ſich der Länge nach aufs ſchöne Sopha aus. Endlich ward gemeldet, daß der Wagen ange⸗ ſpannt ſey. Madame St. Clair und ihre Tochter empfahlen ſich. Der Major wollte ſie begleiten. „Ach, Major, Du wirſt doch nicht ohne Hut hinausgehen wollen?“ rief ſeine Gemahlin.„Und jetzt, am Abend! Nun, Du willſt mich ganz elend mach ſchn jor! mun nen Aug ſteig an 2437 machen. Ich bitte Dich, Major— Herr Larkins, ſeyn Sie ſo gut!“ Die zärtliche Ehehaͤlfte bekam Kraämpfe, der Ma⸗ jor mußte bleiben und Herr Larkins ſtatt ſeiner gehen. „Ach, ſetzen Sie doch den Hut auf!“ ſeufzte nun auch Lilly, die Schweſter nachahmend, als er ſei⸗ nen Tituskopf keck der Abendluft preis gab. Aber Auguſtus deklamirte, wie er den Damen beim Ein⸗ ſteigen behuͤlflich war: „Wie ſuͤß das Mondenlicht auf dem Geſtade weilt. Hier laß uns ſitzen und die ſuͤßen Toͤne In unſer Ohr einſchleichen!“ Funfzehntes Kapitel. Man hat hier recht viel Langeweile! Voltatre. Lange konnte das Verhaͤltniß der Dinge nicht ſo fort— gehen. Madame St. Clair ward ungeduldig. Sie fuhlte im Innern, wie ihr die Schweſtern uͤberlegen waren. Das einfache Leben hier ward ihr bald zur Laſt. Sie froͤhnte gern dem Luxus und ſo blieb hier alles fuͤr ſie freudenleer. Gertrude wuͤnſchte vor lauter Unruhe und Unge⸗ wißheit ebenfalls wieder in Roßville zu ſeyn. Dort konnte ſie doch an den Orten weilen, die Delmour's Bild belebte, und Freude ſelbſt in den duͤſtern Erinne⸗ rungen finden. Indeſſen der Lord Roßville harrte, während Mut⸗ ter und Tochter ſo dachten, nicht weniger auf die Ruck⸗ kehr der Nichte. Nicht etwa wegen des Reizes, der Verſchonerung, die ihr Umgang gewährte. Aber ſie ſie war ja ein Gegenſtand, den er leiten und beherr⸗ ſchen konnte! Der Beweis von Rebellion, die ſie ſich hatte zu ſchulden kommen laſſen, hatte frei⸗ lch! ſchaft Gen weiſe Auße den winn man tigte ſchick hißl halt ihre Art ſein wih unte in um ſe nicht ſich ſim hein ger Gre fort⸗ Sie legen zur hiet nge⸗ Dort ½ ouro inne⸗ Nut⸗ Ruck⸗ „der r ſſe her⸗ „die frei⸗ 139 lich das Vertrauen geſchwaͤcht, das er zu ſeiner Herr⸗ ſchaft hegte. Allein er ſchmeichelte ſich, daß dies eine Gewitterwolke geweſen ſey, welche nun durch ſeine weiſen, kräftigen Maßregeln bereits verſchwunden waͤre. Außerdem haͤtte Gertrudens längere Abweſenheit in den Augen der Welt einen beſondern Schein ge⸗ winnen, Verdacht erregen köͤnnen. Man konnte mancherlei ſagen! Selbſt wie das Stimmenſammeln alles beſchaf⸗ tigte, hatte doch Herr NRobert Delmour geaußert, es ſchicke ſich nicht, daß Miß St. Clair lange in ſo einer häßlichen kleinen Stadt bleibe und ſich zu Leuten halte, die in ihrer Art gut ſeyn möchten, aber nicht ihrem Range zuſagten, und in keinem Falle von der Art waͤren, daß er ſie in vertrautem Umgange mit ſeiner kuͤnftigen Gattin ſehen moͤchte. Auf der andern Seite hatte Miſtreß St. Clair waͤhrend ihres Briefwechſels mit dem Grafen nicht unterlaſſen, einen Wink zu geben, daß Adam Ramſay in hohem Grade fuͤr die Tochter eingenommen ſey und am Ende hoͤchſtwahrſcheinlich darauf beſtehen werde, ſie ganz bei ſich zu behalten, wenn Se. Herrlichkeit nicht bald Befehl zur Heimkehr ertheilten. Der Be⸗ ſuch in Blumenpark beſtaätigte dieſen Wink und be⸗ ſtimmte ihn zu der Nothwendigkeit, die Nichte ſogleich heimzurufen. Ein äußerſt muͤhſam zuſammengeſetzter und lan⸗ ger Brief erging daher an Miß St. Clair, worin der Graf jedem Gedanken entſagte, ihr je wieder ſeine 140 Gunſt zu ſchenken, bis ſie ihr feh bereut habe. Aber zu gleicher digte er ihr an, wie er ſie wieder unter ſein nmen der ſichern Hoffnung leben wolle, daß ſie gar bald die abſolute Nothwendigkeit, ingleichen die gebieteriſche Pflicht, ſeinem lange entworfenen, durchaus uͤberlegten und feſt beſchloſſenen Plane uͤber ihre Beſtimmung nachzukommen, einſehen werde. Se. Herrlichkeit ging nun daran, auseinanderzuſetzen, wie Sie die größten Rechtsgelehrten in Betreff eines Teſtaments befragt haͤtten und drei derſelben der Meinung geweſen ſeyen: es koͤnne das ganze Vermögen aufs rechtskraͤftigſte veraͤußert, vererbt und ſonſtig daruͤber disponirt, Miß St. Clair aber gänzlich als naͤchſte Erbin ausgeſchloſ⸗ ſen werden. Da dem nun alſo ſey, ſo habe er den feſten Vorſatz und unbedingten Entſchluß gefaßt, die⸗ ſem Ausſpruch gemaͤß zu handeln und a dato in drei Monaten ein Teſtament niederzulegen, wenn nicht vor Ablauf dieſer Zeit Miß St. Clair es geeignet fände, ſeinem Plane ſich zu fuͤgen und den Weg einzuſchla⸗ gen, den er ihr vorgezeichnet habe.— Dies war der 6 Benehmen Inhalt des faſt ſieben enggeſchriebene Seiten fuͤllenden Briefes. „Es thut mir weh, recht weh,“ ſagte Gertrude ſeufzend, als ſie mit Leſen fertig war,„daß ich dem Grafen ſo viel Noth mache. Vielleicht wäre es beſſer, wenn ich gar nicht wieder nach Roßville käme, ſtatt ihm neue Hoffnungen zu erregen, die ich nie erfullen kann deln ken, te Abe von Ach Wo wäl Um An ich bet ich, unw ßor En D dor nig wi hei nen ihr und die ſche ſten un ing ten agt ſte Riß den die⸗ drei vor de, Ma⸗ det den dem ſſet, tatt len 141 kann.— Wie er es haben will, kann ich nicht han⸗ deln! Meine Geſinnungen kann ich nicht aͤndern!“ „Aber mindeſtens fuͤr Dich behalten und beden⸗ ken, wie viel auf dem Spiele ſteht!“ rief die Mut⸗ ter heftig.„Wir wollen alles außer Betracht laſſen. Aber ich glaube, ſchon das Zartgefuͤhl verlangt dies von Dir. Zum mindeſten wuͤrde ich mich ſehr in Acht nehmen, eine Neigung zu geſtehen, die aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht mehr— falls ſie es je war— erwiedert wird!“ „Und wenn das wäre,“ erklaͤrte Gertrude, ihre Unruhe bekaͤmpfend, indeſſen die bebende Stimme die Angſt bei ſolcher Vorausſetzung verkuͤndete,„und wenn ich betrogen wäre: ſo will ich doch nicht Andere betruͤgen! Aber mag es Lord Roßville wiſſen, daß ich, wieder in ſein Schloß einkehrend, unveraͤndert and unveraͤnderlich wiederkomme!“ „Nimm Dich in Acht, mich nicht aufs Aeu⸗ ßerſte zu treiben, Gertrude! Aber ich bin in meinem Entſchluſſe dieſelbe, und bleibe dieſelbe! Nie ſollſt Du die Beute dieſes Mannes werden!— Ich habe darauf mein Wort gegeben!“ „Ihr Wort gegeben?“ wiederholte Gertrude zor⸗ nig.—„Wer hat ein Recht, dies zu verlangen?“ „Einer, der das Recht hat und geltend machen wird!“ antwortete die Mutter etwas verlegen.„Das heißt indeſſen von der Sache abkommen! Du haſt mir verſprochen, vor Ende des zwei und zwanzigſten Jahres keine Verbindung einzugehen. Auf dies Ver⸗ ſprechen baue ich; waͤhrend der Zeit Herlange ich von Dir nichts, als was Du Dir ſilbſt ſchuldig biſt! Alſo laß mich die Sache mit dem Grafen verhan⸗ deln und bleib fuͤr den Augenblick ganz leidend!“ „O, ich erliege bereits jenem ewigen Vermitteln, jenem geheimnißvollen Weſen!“ rief Gertrude ent⸗ muthigt und in Thränen ausbrechend.„Ich bin faſt der Welt ſatt! Eine Puppe, eine Sklavin, ach nein, die Sklavin einer Sklavin bin ich! Einem ganz ge⸗ meinen Mann muß ich, ſcheint es, unterthan ſeyn! Aber länger will ich dieſen Schatten der Größe mit ſolcher Herabwuͤrdigung verbunden nicht dulden!“ Wenn Gertrudens Gefuͤhl erregt war, zeigte es ſich in einer Staͤrke, in einem Umfange, einem Grade, daß die Mutter nicht dagegen ankampfen konnte. Sie fuhlte manchmal ſelbſt, daß ihr der Sieg blieb, wenn ſie ſcheinbar nachgab. Auch bei dieſer Gelegenheit be⸗ muͤhte ſie ſich, wie bei vielen andern, auf ihrer Toch⸗ ter Herz zu wirken, und es gelang ihr dadurch, ſie ihren Wuͤnſchen gemaͤß umzuſtimmen, in ſo fern nur nicht von ihr verlangt wurde, auf des Lords Plan ſelbſt einzugehen. Am folgenden Tage kam des Grafen Equipage und Bedienung. Wiederum jauchzte das Herz der Madame St. Clair, als ſie den ſtolzen Poſtzug ſah, der das ganze Staͤdtchen Barnford an die Fenſter gelockt hatte. Nicht ohne Ruͤhrung ſagte Gertrude ihren Tanten Lebewohl. Auch dieſe waren ſehr be⸗ wegt. Sie ſahen, daß das Mädchen nicht glucklich ſch, Pert ſte a daß ehne aber We Du tuhie Anfi ale Ger äuß glc noch leere Lod trude hen allen hatt hina Luf Per und 14133 ſey, und hatten doch zu viel zarten Sinn, ſich in ihr Vertrauen zu drängen. „Leb' wohl, mein Liebchen!“ ſprach Maria, ſie an ihre Bruſt. druͤckend,„und denk' immer daran, daß es unmöglich ſey, auf dieſer Welt ohne Schmerz, ohne Kummer und außer Gefahr zu leben! Doch aber, theuerſtes Mädchen, es giebt auch in dieſer Welt eine Ruhe des Herzens! Ach, gebe Gott, daß Du ſie ſuchſt, wo ſie allein zu finden iſt!“ Indeſſen jungen lebhaften Geiſtern ſcheint ein ruhiges Herz am wenigſten wuͤnſchenswerth. Ihrer Anſicht nach iſt dies mit der gaͤnzlichen Vertilgung aller edlen, zaͤrtlichen, feurigen Gefuͤhle verbunden. Gertrude erſchrak vor dem Wunſche, den die Tante aͤußerte. „Nein,“ dachte ſie,„mag ich auch noch ſo un— gluͤcklich ſeyn! Meine Gefuͤhle, wenn ſie mich auch noch ſo quälen, will ich doch nicht fuͤr jenen freuden⸗ leeren Frieden geben, der mir wie der Schlaf der Todten vorkommt!“ Durch die Ruͤckkehr nach Roßville wurde Ger⸗ trudens Truͤbſinn nicht gemindert. Nur wenig Wo⸗ chen waren vergangen, ſeitdem ſie es in aller Pracht, allem Schmucke eines anfangenden Herbſtes verlaſſen hatte. Die Natur ſchien kaum uͤber die Bluͤthenzeit hinaus; Leben war im Blatte; erfriſchend wehte die Luft; die Waͤlder glaͤnzten hell in mannigfaltigem Perlenſchmuck; uͤber ihnen ſtrahlte der blaue Himmel und die unbewoͤlkte Sonne. Jetzt war es kaltes, reg⸗ 144 neriſches, finſteres Novemberwetter. Die Natur ſchien ein leeres Blatt; ganz mit dem Empfange zu ſtim⸗ men, den Gertrude bei ihrem Onkel fand. Kalt, un⸗ freundlich, ſteif nahm er ſie auf. Jedes Wort ſiel wie ein verſteinerter Waſſertropfen auf ihr Herz. Der Graf war nie ſehr freundlich mit ihr umge⸗ gangen. Es lag gar nicht in ſeinem Charakter, mit Jemanden freundlich umzugehen. Allein die noch gro⸗ ßere Steifheit, Feierlichkeit und Pedanterie, welche er annehmen zu muͤſſen glaubte, waren wirklich abſchrek⸗ kend und erregten bei dem Maͤdchen ein Gefuͤhl, wie es alle Weſen bei einem nahenden Ungewitter em⸗ pfinden. Umgang gab es nicht; nichts konnte die rauhe Außenſeite hier glätten; ſelbſt die gewöhnliche Geſell⸗ ſchaft fehlte. Kein Menſch war ſonſt noch da, als Lady Eliſabeth mit ihrem Mops und Romanenbuche. Die hier herrſchende Langeweile läßt ſich denken, aber nicht beſchreiben. hien tim⸗ un⸗ iel nge⸗ mit gr⸗ eer rek⸗ wie em⸗ uhe ſel⸗ als che. aber Sechzehntes Kapitel. Haſt du auch ſchon den Fuß hineingeſetzt— über den Rubicon geh' nicht! Thomas Brown. Mcehrere Tage gingen ſo in freudenleerer Einförmig⸗ keit hin, als eines Tages, wo die Frauen mit ih⸗ ren verſchiedenen Arbeiten im ungeſelligen Kreiſe be⸗ ſchaͤftigt waren, an Miſtreß St. Clair ein Brief kam. Kaum hatte ſie ihn aufgemacht, als Gertrude ſah, wie ſich der Mutter Farbe veraͤndere und ſie augenſchein⸗ lich Beſtuͤrzung verrieth. Der Diener ſagte: daß vom Ueberbringer des Briefes Antwort erwartet werde. Offenbar in Unruhe ſtand ſie auf und ging hinaus. Miß St. Clair konnte ſich nicht des natuͤrlichen Wun⸗ ſches enthalten, den Inhalt eines Briefes kennen zu lernen, der eine ſo auffallende Verwandlung bewirkte. Sie ſaß geraume Zeit und wartete umſonſt der Ruͤck⸗ kehr. Endlich konnte ſie ihrer Unruhe nicht mehr ge⸗ bieten; ſie legte ihre Arbeit weg und eilte in der Mut⸗ ter Zimmer. Hier fand ſie dieſelbe. Sie ſaß am Tiſche, M. 10 146 Schreibematerialien vor ſich, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt, oſſenbar in tiefem Nachdenken verſunken. „Ich dachte, es waͤre etwas vorgegangen!“ ſagte Gertrude leiſe naͤher kommend. „Laß mich!“ rief die Mutter höchſt unruhig. „Laß mich, ſag' ich!— Ich will nicht geſtort ſeyn!“ „Mama, kann ich denn in nichts behuͤlflich ſeyn?“ fragte Gertrude, zögernd ihrem Befehl gehorchend. „Viel, viel kannſt Du thun!“ ſprach Miſtreß St. Clair und ſeufzte tief.„Aber jetzt,“— hier machte ſir wieder ganz den gebietenden Ton geltend— „jetzt will ich, Du ſollſt gehen!“ Gertrude ſah ſich, obſchon höchſt ungern, gend⸗ thigt, nachzugeben. Unruhig und voller Angſt konnte ſie durchaus nicht zu einer gewöhnlichen Arbeit Faſſung gewinnen.— Daß etwas vorgefallen ſey, wodurch die Mutter in Verlegenheit kam, ſah ſie. Sie wuͤnſchte es aber auch zu wiſſen, um wo möglich ihren Kum⸗ mer lindern zu können. Nach einer kleinen Weile ging ſie wieder zu ihr. Wiederum ward ſie argerlich abgewieſen. Da ſie ſah, wie ihre Gegenwart nur den Zorn rege machte, wagte ſie keinen neuen Verſuch. Sie benutzte im Gegentheil einen blaſſen Sonnenſtrahl, der aus dem bleichen, fin⸗ ſtern Himmel herauskam, einen einſamen Spaziergang zu machen, da nichts, als friſche Luft und Bewe⸗ gung, ihr Ruhe verleihen konnte. Langſam wandelte ſie im blätterloſen Walde, wo ſie nichts als den eignen Fußtritt im gefallenen Laube 3 ſi and gte ig. reß hiet nd⸗ mnte ung die hte m⸗ ihr. ſih, te heil fin⸗ ang we⸗ wo ube und das einfoͤrmige Rauſchen des angeſchwollenen Ba⸗ ches hoͤrte. Doch jeder Schritt brachte ihr traurige, obſchon ſuͤße Erinnerungen. Felſen, Bäume und Flu⸗ then ſchienen nur Blaͤtter zu ſeyn, die des Geliebten Schwuͤre bezeugten. In jedem ſchweigenden Denk⸗ mal glaubte ſie einen lebenden Buͤrgen ſeiner Treue zu ſehen. Ihren ſuͤßen Betrachtungen nachhaͤngend, war ſie ſo eine geraume Zeit fortgegangen, als ſie plotzlich gewahr wurde, daß der Himmel ſich gänzlich verfinſterte. War es Folge der ſchon ſo ſpaͤten Stunde, oder Vorbote eines nahenden Sturmes: ſie konnte es nicht genau entſcheiden. Mochte es aber ſeyn, was da wollte, in jedem Falle verſcheuchte es plotzlich alle ſchwaͤrmeriſche Gedanken, ſie wuͤnſchte blos ſicher nach Hauſe zu kommen. Sie war mehr, als eine halbe Stunde vom Schloſſe entfernt. Konnte ſie indeſſen uͤber den Bach kommen, ſo hatte ſie einen naͤhern Weg von kaum zehn Minuten. So wanderte ſie noch ein Stuͤckchen weiter, um eine Reihe Steine zu ſu⸗ chen, die, im Bache liegend, ſtatt einer Bruͤcke dienten. Indeſſen hatte es in der vorigen Nacht ſtark ge⸗ regnet. Der Bach war ſo angeſchwollen, daß ſie kaum die ſchwarzen Steinblöcke entdecken konnte, auf welchen ſie häͤuſig das klare Gewäſſer uͤberſchritt, wenn es kaum die Wand derſelben beſpielte. Jetzt ſah man nur noch ihre breiten Häͤupter mit der Waſſerflaͤche in gleicher Hoͤhe. Indeſſen unterſcheiden konnte man ſie doch noch. Dem nicht ſchwindlichen Kopfe, dem feſten Schritte vertrauend, ſetzte ſie, aber doch etwas 10* 148 zagend, den Fuß auf den erſten Stein.„Es kommt nur auf den erſten Schritt an!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Allein trotz dieſes tröſtenden Sprichworts ſtand ſie doch einige Minuten an, ehe ſie Muth bekam, den zweiten Schritt zu thun. Indeſſen der Himmel wurde immer ſchwaͤrzer, und bereits ſielen große Regentropfen. Beſchämt uͤber ihre Unentſchloſſenheit, wollte ſie vorwärts ſchreiten, als ſie hoͤrte, daß Jemand rief, ſtehen zu bleiben. Gleich darauf ſah ſie auf dem andern Ufer Herrn Lyndſay in vollem Jagen zu Pferde herbeieilen. In einem Augenblick trieb er das Pferd in den Bach. Die Stromung war aber ſo ſtark, daß es nur mit der größ⸗ ten Muͤhe ans Ufer konnte. „Iſt es moglich,“ rief Lyndſay, abſpringend, „daß Sie jetzt uͤber das Waſſer zu gehen wagen?“ „Ich denke nicht blos es zu wagen, ſondern auch zu vollenden!“ antwortete ſie, als wenn ſie den Muth im hochſten Grade zunehmen fuͤhlte, weil ſie Gele⸗ genheit hatte, ihn zeigen zu können. Sie wollte eben weiter ſchreiten. Er nahm ihre Hand: „Sie wiſſen die Gefahr nicht! Der Bach iſt hoher, als gewöhnlich, das ſehen Sie. Er ſieigt mit jedem Augenblicke. Es iſt ein ſtarker Regen gefallen. Neue Fluthen werden ſogleich herabkommen!“ „Ich habe blos unter zwei Uebeln zu wählen: ſo naß zu werden, oder auf eine andere Art!“ meinte Gertrude, da der Regen nun in Menge ſiel. „Ich ſage Ihnen, auf dem gewöhnlichen Wege ſi —— mt ſich and den , ber al eich ſoy em Die nd, 7 uch uth ele⸗ ben iſ mit len. len: t icl. zege 149 naß zu werden, iſt das kleinſte Uebel!— Nehmen Sie Rath an!“ Gertrude glaubte es aber dem Oberſten Delmour ſchuldig zu ſeyn, Lyndſay'n nicht nachzugeben. Sie hatte gegen ihn einen, wie ſie meinte, gerechten Wi⸗ derwillen, und beharrte daher auf ihrem Entſchluſſe. „Ich wuͤnſche gar nicht des Herrn Lyndſay's Beiſtand!“ ſagte ſie verächtlich.„Er wird gehen, wie es ihm beliebt, und ich, wie ich will!“ Lyndſay erwiederte darauf kein Wort. Allein ſchnell riß er ſie von dem Steine weg, worauf ſie ſtand. Und eben jetzt hoͤrte man ein Rauſchen und Brauſen wie von vielen Gewaͤſſern; ſchaͤumend ſtuͤrz⸗ ten ſie herbei. In der naͤchſten Minute waren die Steine mit den Wogen bedeckt. Einige Augenblicke blieb Gertrude ohne Bewe— gung und ſtarrte nur auf die truͤben Waſſerberge, wie ſie dahin rollten, bis ſie endlich durch das Geſchrei, den Kampf eines lebenden Weſens aufgeſchreckt wurde, das ſchnell wie der Blitz verſchwand und in den wuͤ⸗ thenden Wogen begraben war. Schaudernd drehte ſie ſich um. Lyndſay wollte ihren Arm nehmen und ſie fortfuͤhren. Allein ergriſfen von ihrer Ungerechtigkeit gegen ihn, rief ſie aus:„ Nicht von der Stelle, bis ich meine Unbeſonnenheit, meine Thorheit bekannt habe!— Sie wagten Ihr Leben, das meinige zu retten, waͤhrend ich— ungerecht, undankbar—“ „Mir ein ſolches Bekenntniß abzulegen, waͤre —50 unnoͤthig, theuere Baſe!“ ſagte Lyndſay ſanft.„Dan⸗ ken ſie Gott! Nur Freunde laſſen Sie uns ſeyn!“ Gertrude gab ihm die Hand.„Wie kann ich aufhoren, Sie als meinen Freund zu betrachten! Sie — der mich vom Verderben rettete!“ Lyndſay aber antwortete nicht. Still gingen ſie fort, bis der Regen, der bis jetzt nur dann und wann, in nicht gleichem Grade gefallen war, jetzt nun ſtrom⸗ weiſe ſich ergoß. Weder Felſen noch Baͤume boten ein Obdach. Aber ſie hatten einen Pavillon vor ſich, und dahin flohen ſie. Lyndſay blieb außen, ſein Pferd anzubinden; er wollte es hier ſtehen und von einem Bedienten holen laſſen. Gertrude ſtüuͤrzte hinein. Vom Regen ganz blind geworden, merkte ſie nicht gleich, daß bereits Jemand Beſitz vom Zimmer ge⸗ nommen habe und mit ſichtbaren Zeichen der Unge⸗ duld darin auf⸗ und abging. Bei ihrem Eintritte drehte er ſich geſchwind um. Sie ſah das widrige, häßliche Geſicht— Lewiſton's. „Ei, das iſt ja mehr, als ich erwartet habe!“ grinzte er ſie freundlich und verwunderungsvoll an. „Das iſt ſchoͤn. Das iſt, wie ich's habe haben wol⸗ len! Kommen Sie, meine kleine Botin! Setzen Sie ſich! Fuͤrchten Sie ſich nicht!“ Doch ſo ſanft und beſchwichtigend er dies ſagte, es war ohne Wirkung. Beim erſten Augenblicke ſtand Gertrude vor Staunen ſprach- und bewegungslos. Aber wie er ſie zum Sitzen noͤthigen und ſich neben ihr ſetzen wollte, bekam ſie ihre Beſinnung wieder. Sie rief ſein gen tr 1 ich e 151 Sie fuchte ſich aus ſeinen Haͤnden leszumachen und rief laut:„Lyndſay! Retten Sie mich!“ Doch Lyndſay hatte ſich einige Schritte entfernt, ſein Pferd unter ein vorſpringendes Felsſtuͤck zu brin⸗ gen, und das Bruͤllen des Baches fing alle Tone auf. „Naͤrrin!“ rief Lewiſton, als er ihre beiden Hände druckte, daß ſie ihr faſt wehe thaten.„Seyn Sie doch ſtill! Still, ſag' ich! Sie haben nichts zu fuͤrchten! Aber böſe machen duͤrfen Sie mich nicht! Sonſt— beim Himmel! ſollen Sie den Tag bereuen, wo Sie zuerſt das Licht ſahen!“ Er zwang ſie hierbei zum Niederſetzen. Gertrude häͤtte gern geſprochen, aber die Worte erſtarben ihr auf den Lippen. Sie ſaß bleich und zitternd da, ohne eines Lautes fähig zu ſeyn. „Das iſt ja dummes Zeug!“ ſchalt er, obſchon in freundlicher Art.„Recht dummes Zeug!— Hab' ich Ihnen denn nicht ſchon geſagt, daß Sie ſich vor mir nicht zu fuͤrchten haben? Daß ich Ihnen nur zu gut bin?— Daß Dich das Maͤuschen! Können Sie denn nicht ſtille ſeyn?“— Gertrude rief voll Ver⸗ zweiflung nach Lyndſay.—„Was? Kamen Sie denn her zu quäken, albernes Mädchen?— Warum iſt ſie denn nicht mitgekommen? Und wo iſt denn's Geld? Antwort will ich haben!— Ach, da kommt ja noch Jemand!“ rief er, als jetzt Lyndſay eintrat. —„Was wollen Sie hier?“ Lyndſay ſtaunte und war uͤberraſcht, als er Ger⸗ truden neben dem Manne ſah, den er gleich fuͤr die Perſon erkannte, von welcher er ſie ſchon einmal be⸗ freite. Ihre Todtenbläͤſſe, der Schrecken, der in allen ihren Zuͤgen lag, zeigte, was ſie hier gelitten habe. Die grobe Frage wurde aus einem kräftigen Tone be⸗ antwortet. Selbſt Lyndſay's gewoͤhnliche Ruhe war hier beinahe geſcheitert. Doch beherrſchte er ſeinen Zorn in ſoweit, daß er blos erwiederte: „Mir liegt hier ob, dieſe Dame gegen Beleidi⸗ gungen und Zudringlichkeiten zu ſchuͤtzen!“ Er ging zu Gertruden, um ſich neben ſie zu ſetzen. „O, laſſen Sie uns gehen!“ rief dieſe aufſprin⸗ gend und ſeinen Arm ergreifend. Doch zitterte ſie, daß ſie kaum ſtehen konnte. „Sie konnen jetzt nicht gehen!“ redete ihr Lynd⸗ ſay zu.—„Da Ihre Gegenwart Miß St. Clair zu beunruhigen ſcheint,“ bedeutete er Lewiſton,„ſo muß ich bitten, daß Sie ſich entfernen!“ „Wer giebt Ihnen denn ein Recht, ſich zwiſchen dieſe Dame und mich zu drängen?“ fragte der Fremde wild. „Ich weiß, daß Sie kein Recht haben, eine ſolche Frage zu thun!“ „Sie wiſſen, daß ich kein ſolch Recht habe? Ei, was wiſſen Sie denn von mir und meinen Rechten?“ Lyndſay's Blut ward bei der ſtäten Grobheit heiß. Er bemuͤhte ſich nochmals, ſeiner Hitze Herr zu werden. „Sie haben Recht!“ erwiederte er.„Ich kenn ſind, Si wen chelt Rec Sie könn ſch 3 niß ſie ben be⸗ allen be. wat inen ten. rin⸗ ſie, ynd⸗ lair „ſo n emde eine 153 kenne Sie nicht. Aber ich weiß, daß Sie nicht befugt ſind, Miß St. Clair Unruhe zu erregen. Wenn Sie ein Recht haben, ihre Guͤte in Anſpruch zu neh⸗ men, ſo iſt es weder Zeit noch Ort dazu!“ „Ihre Guͤte?“ wiederholte Lewiſton und lä⸗ chelte haͤmiſch.„Nun, meinetwegen! Ich habe ein Recht auf ihre Guͤte und Sie werden wohl thun, wenn Sie gehen, daß wir unſere Sache allein abmachen koͤnnen!“*5 „Nein, nein!“ ſchrie Gertrude, ſich an Lynd⸗ ſay's Arm feſthaltend.„Verlaſſen Sie mich nicht! Ich habe nichts mit ihm zu reden!“ Doch ſie dachte an das geheimnißvolle Verhaͤlt⸗ niß der Mutter zu dieſem Mann und zitterte, indem ſie ihn gar nicht zu kennen behauptete. „Fuͤrchten Sie ſich nicht!“ ſagte Lyndſay, ſie beruhigend.„Sie haben hier blos Grobheit zu fuͤrch⸗ ten, und gegen dieſe will ich Ihnen Schutz geben, wenn der Herr mit mir nur ein Paar Minuten hinausgehen will!“ „Ich habe Ihnen ja ſchon geſagt, daß ich mit Ihnen nichts zu thun habe!“ erwiederte dieſer.„Sie ſind grob, weil Sie ſich ſo in meine Angelegenheiten miſchen!— Kommen Sie,“ ſprach er zu Gertruden. „Machen Sie ſich von dem Hitzkopf los.— Ich moͤchte ihm nicht'was zu Leide thun. Sagen Sie's ihm, wie's ſteht, und daß er gehen ſoll!“ So hart war Lyndſay im Leben nicht auf die Probe geſtellt worden. Doch aber blieb er feſt genug, an ſich zu halten. „Ich habe nichts mit Ihnen abzumachen!“ ver⸗ ſicherte Gertrude mit matter Stimme, denn ihr ſiel der Brief ein, den die Mutter fruͤh bekommen hatte. „Der Zufall allein fuͤhrte mich her!“ Lewiſton faßte ſie ins Auge: „Iſt das auch wahr? Huͤten Sie ſich, daß Sie mich betruͤgen wollen! Ihre Hand darauf!“ Gertrude trat unwillkuͤhrlich zuruͤck. „Wie können Sie ſich deſſen unterſtehen!“ don⸗ nerte Lyndſay zornig. Allein vom Schrecken uͤberwäl⸗ tigt, reichte Gertrude die Hand hin. Lewiſton ſchlug unverſchämt triumphirend ein. „Nun, das iſt Ihr Gluͤck! Sonſt, wenn Sie nicht gefolgt hätten, bei allen Heiligen! mußten Sie in der Sekunde darauf auf Ihren Knien vor mir liegen!“ „Frecher Schurke!“ rief Lyndſay, der ſeiner nicht mehr maͤchtig war und ihn mit einer Kraft beim Kragen faßte, daß er taumelte.„Die Gegenwart dieſer Dame allein hindert mich, Dich nicht ſo zu ſtrafen, wie Du es verdienſt!“ Gertrude kreiſchte laut auf, denn Lewiſton zeg einen Dolch aus dem Spazierſtocke. „Sehen Sie denn das?“ rief er teufliſch la⸗ chend.„Wie leicht könnte ich nun eins Ihrer ſcho⸗ nen Augen ausſtechen, oder Ihnen eine Ader offnen und ein Bischen von Ihrem heißen Blute weglaſſen! Allei Schl gith eiſt trude drehe mein mich minde hin, Clai geh nom einen vetſch ſih, dieſe Obe der G ſt zun Sie könn Sie Jar nug, vel⸗ ſiel atte. don⸗ wäl⸗ hlg Sie Sie mit einer beim wart i 9 l⸗ ⸗ ffüen ſtu! 155⁵ Allein ich halte Sie wegen der Keckheit nicht fuͤr den Schlimmſten und will Ihnen blos den kleinen guten Rath geben: Ehe Sie von ſtrafen reden, ſehen Sie erſt zu, daß Sie die Mittel in Händen haben!“ „Sehr verbunden!“ erwiederte Lyndſay, Ger⸗ truden hinausfuͤhrend und in der Thuͤre noch ſich um⸗ drehend, gemaͤßigter zurufend:„Ich komme wieder, meinen Dank abzuſtatten. Warten Sie hier auf mich!“ Der Regen hatte nicht aufgehört, doch war er minder heftig. Beide gingen einige Zeit ſchweigend hin, bis ſie in demſelben Augenblicke Madame St. Clair entdeckten. Sie war in einen großen Mantel gehuͤllt. Kaum ſchien ſie die jungen Leute wahrge⸗ nommen zu haben, als ſie ſich umkehrte und auf einem der vielen Wege, die den Park durchkreuzten, verſchwand. „Ach!“ rief Gertrude, bei der das bittere Ge⸗ fuͤhl, von dem geheimen Verkehr ihrer Mutter mit dieſem Manne einen neuen Beweis zu haben, die Oberhand bekam.„Ach, daß mich die Fluth, aus der Sie mich erretteten, mit fortgeriſſen hätte! Beſ⸗ ſer war es, ſtatt jetzt ſolche Herabwuͤrdigung tragen zu muͤſſen!“ „Gute Baſe,“ troſtete ſie Lyndſay,„uͤberlaſſen Sie ſich nicht ſolchen ſchrecklichen Gedanken. Sie könnten ja kaum in groͤßerer Verzweiflung ſeyn, wenn Sie ein Verbrechen begangen haͤtten! Und dann ſo⸗ gar duͤrften Sie nicht ſo zagen!“ 156 „Ein Verbrechen muß hier im Spiele ſeyn!“ fuhr Gertrude mit gleicher Heftigkeit fort.„Woher ſonſt dies geheimnißvolle Weſen? Warum waͤr' ich ſonſt den Beleidigungen dieſes Mannes ausgeſetzt?“ Wiſſen Sie denn, wer und was er eigentlich iſt?“ „O, fragen Sie mich nicht!“ antwortete ſie, in Thränen ausbrechend. „Verzeihen Sie. Ich machte einen Fehler. Bei Ihnen durfte ich dieſe Auskunft nicht ſuchen!“ „Suchen Sie dieſelbe bei Niemanden! Ueber⸗ laſſen Sie mich meinem Schickſale— erniedrigt, entwuͤrdigt, wie ich bereits Ihren Augen erſcheinen mußte!“ „Wie wenig kennen Sie mich, wenn Sie glau⸗ ben, daß Sie durch Umſtände, uͤber welche Sie offen⸗ bar keine Macht haben, in meinen Augen verlieren konnten!— Die Miſſethaten Anderer können Ihre Seele nicht beruͤhren! Sie duͤrfen auf Ihren Sinn keinen Einfluß haben! Nur wer ſelbſt ſuͤndigt, wuͤr⸗ digt ſich herab!“ „Aber nur Ihrem edlen Zutrauen verdanke ich es ja, daß ich nicht verdaͤchtig, verächtlich erſcheine!“ „Der Verdacht ſelbſt nur könnte Sie in Ver⸗ dacht haben! Sie verachten? Denken Sie nicht ſo irrig, ſo kleinlich von ſich ſelbſt und bilden Sie ſich nicht ein, daß Jemand es wagen wuͤrde, Sie zu ver⸗ achten! Ich fuͤrchte, es iſt hier etwas Böſes im Spiele. Sie ſind in keinen guten Händen. Aber vertrauen Sie auf Gott, gute Baſe. Bewahren Sie Ihr e ins Ihne ren dies ein. Art genſe Ihr eignes ſchuldloſes Herz und alles wird zu ſeiner Zeit Boher ich ſt?“ e, in chler. en!“ leber⸗ drigt, einen glau⸗ offen⸗ lieten Ihre Sinn . wi⸗ e ich ne!“ Ver⸗ nicht ie ſih vel⸗ in Aber Si ins Reine kommen. Während deſſen— wenn ich Ihnen nuͤtzlich ſeyn kann— ſehen Sie mich als Ih⸗ ren Freund, Ihren Bruder an!— Wollen Sie mir dies verſprechen?“ Gertrude willigte, etwas ruhiger geworden, gern ein. Lyndſay ſprach in beſaͤnftigender und erhebender Art ſo fort, bis ſie am Schloſſe waren und mit ge⸗ genſeitiger Theilnahme und Achtung ſich trennten. Siebzehntes Kapitel. Wer iſt ſo weiſe und ſo klug, Die Lüge zu erſpähen? Sie hat der Masten ſtets genug, Wie Wahrheit herzugehen: Die Feenkönigin. Kaum hatte Lyndſay Miß St. Clair ſicher ins Schloß gebracht, als er auch im Augenblick nach jenem Pa⸗ villon zuruͤckging, um, wo moöglich, von dem geheim⸗ nißvollen Fremden herauszubringen, in welchem Ver⸗ hältniſſe er zu ihr ſtehe. Er hatte bei jenem mitter⸗ naͤchtlichen Auftritte im Walde behauptet, ein Recht uͤber ſie zu haben. Dies läugnete nun zwar Ger⸗ trude mit faſt an Wahnſinn gränzendem Ungeſtüͤm ab. Allein die Mutter hatte es doch ſchweigend ein⸗ geraͤumt, da ſie es nicht geradezu zuruͤckwies. Bei der kurzen Unterredung, welche er gleich nach jenem Vor⸗ fall mit Madame St. Clair hatte, flehte ihn dieſe mit Thränen an, doch ja davon zu ſchweigen. Sie hatte ihm in einzelnen Worten und unbeſtimmt zu verſtehen gegeben, daß der Mann mit ihrem Gatten in mancherlei Geldgeſchaͤften geſtanden habe, die ſie aus ten n er ei dehne über Erzi St. in ih ſch ſolche empf Roß das Nich Bit daß ſihen Sac beige die dihen icht Ni gewe ſc ſho chloß d⸗ eim⸗ Pet⸗ ittet⸗ Recht Ger⸗ eſtum ein⸗ ei der Por⸗ dieſt Sie nt z zatten je ſie 159 aus Achtung fuͤr den Verſtorbenen gern geheim gehal⸗ ten wiſſen wollte. Auf dieſen Grund fußend, behaupte er ein Recht auf Gertrudens Vermoͤgen zu haben, und dehne dies unverantwortlicher Weiſe ſo weit aus, daß er uͤber ihre Hand beſtimmen wolle. Auf Lyndſay machte dieſe zerſtuͤckelte und thörige Etzaͤhlung keinen Eindruck. Allein er kannte Miſtreß St. Clair zu wenig und glaubte ſich nicht berechtigt, in ihre Angelegenheiten einzugreifen. So begnuͤgte er ſich blos, ſie freundlich aufmerkſam zu machen, daß ſolche heimliche Zuſammenkuͤnfte unſchicklich ſeyen, und empfahl ihr, die Anſpruͤche des Mannes dem Lord Roßville zu eroͤffnen, welcher zunächſt verpflichtet ſey, das Andenken ſeines Vruders und das Beſte ſeiner Nichte in Obacht zu nehmen. Indeſſen gab er den Bitten der Madame St. Clair doch in ſo fern nach, daß er verſprach, uͤber das Vorgefallene kein Wort zu ſagen, während ſie feierlich verſicherte, wie die ganze Sache auf dem Wege freundſchaftlicher Ausgleichung beigelegt werde und ſie kraͤftige Mittel angewendet habe, die Zudringlichkeit des Mannes fuͤr immer zu been⸗ digen. Es ſchien jetzt aber klar, daß dies Verſprechen nicht gehalten wurde. In ſeiner Gegenwart war Miß St. Clair neuen Zudringlichkeiten preis gegeben geweſen und nun glaubte er ſelbſt ein Recht zu haben, ſich ins Mittel zu ſchlagen. Mit dieſem Vorſatze ging er raſch zuruͤck und war ſchon bald wieder dem Pavillon nahe, als ihm Ma⸗ 160 dame St. Clair entgegenkam. Man ſah ihr die Be⸗ ſtuͤzung an. Noch glänzten Thraͤnen in ihren Augen. Indeſſen ſchien ſie ihm nicht ausweichen zu wollen. Sie blieb im Gegentheil ſtehen, reichte ihm die Hand und ſagte:„Gerade Sie wuͤnſchte ich am liebſten zu ſehen. Geben Sie mir Ihren Arm. Wir wollen zuſammen zuruͤckkehren. Ich habe Ihnen ſehr viel zu ſagen!“ „Allein dort iſt Jemand, dem ich viel ſagen muß! Ich kann Sie nicht begleiten, bis ich erſt mit ihm geſprochen habe!“ Er wollte vorbei. Miſtreß St. Clair nahm ihn bei dem Arme: „Ich weiß, wen Sie ſuchen!“ ſagte ſie.„Ge⸗ ben Sie ſich aber keine Muͤhe. Er iſt fort!“ „Wohin? Welchen Weg nahm er? Doch ich muß mich ſelbſt uͤberzeugen!“ Schnell eilte er dem Pavillon zu. Er war leer. Zwar ſah er nach allen Gegenden hin, ohne aber eine Spur wahrzunehmen. So mußte er denn wieder um⸗ kehren. Bald holte er Madame St. Clair ein: „Alſo Sie wollten mir nicht glauben!“ ſagte ſie mit dem Tone des Vorwurfs. „Jetzt will ich Ihnen glauben, wenn Sie mir entdecken wollen, wo ich wohl den Patron ſinde, den ich vor einem halben Stundchen hier verließ?“ „Ich kann es Ihnen nicht ſagen— wuͤrde es vielleicht nicht einmal ſagen, wenn ich es könnte. Gu⸗ tes käm' nicht aus Ihrem Zuſammentreſſen. Sie win weiß entf zu f vie anz aus und En der wo ſie Pr⸗ ugen ollen. Hand bſten ollen iel zu ſagen t mit leet reine rum⸗ ſagt ie mit „de „ den de 63 Gi⸗ Sie 161 wuͤnſchen mir und meiner Tochter zu dienen; das weiß ich, und glauben Sie mir, daß ich weit davon entfernt bin, den Werth eines ſolchen Freundes nicht zu fuͤhlen! Aber kommen Sie mit. Ich habe Ihnen viel zu eroͤffnen, viel wegen meiner theuern Gertrude anzuvertrauen!“ Die Hyperbeln, worin Madame St. Clair ſich ausdruckte, beleidigten ſtets Lyndſays guten Geſchmack und richtiges Gefuͤhl. Indeſſen jetzt war etwas ſo Emporendes darin, ſo ein ofſenbares Beſtreben, je⸗ der Erklärung zuvorzukommen, daß er ſich mit allem moͤglichen Mißtrauen gegen die Luͤge waffnete, welche ſie gegen ihn geltend machen wuͤrde. „Ein andermal will ich Ihnen recht gern zuhö⸗ ren, wenn Sie mir von Miß St. Clair erzählen!“ ſagte er kalt.„Jetzt wuͤnſchte ich nur, Ihnen einige Fragen uͤber den Mann—“ „Erlauben Sie; ich weiß alles, was Sie ſagen wollen, theuerſter Freund. Sie muͤſſen mir aber ge⸗ ſtatten, Ihren Fragen zuvorzukommen. Ich will Ih⸗ nen naͤmlich eine vertrauliche Eroͤffnung thun. Ich weiß ja, auf Ihr Ehrenwort, Ihre Verſchwiegenheit kann ich unbegraͤnzt bauen. Ich erſuche Sie daher auch gar nicht erſt, dies zu verſprechen!“ „Ich wuͤrde Ihnen auch ſicher nichts eher ver⸗ ſprechen konnen, bis ich weiß, wie weit Ihr Geheim⸗ niß mit der Ehre vertraͤglich iſt!“ Madame St. Clair ſtellte ſich, als ob ſie dieſen M. 11 beleidigenden Zweifel nicht gehoͤrt habe. Sie fuhr fort: „Sie haben ja nun Gelegenheit gehabt, mit mei⸗ ner Tochter bekannt zu werden. Sie haben ſich von ihrem Charakter eine Vorſtellung machen, ihre Reize und Talente— verzeihen Sie der muͤtterlichen Eitel⸗ keit!— ſchatzen lernen können. Aber welcher Schatz ihr Herz, ihre Seele iſt, das wiſſen Sie nicht: das kann nur eine Mutter wiſſen!“ Miſtreß St. Clair hielt ſeufzend inne. Lyndſay war bei ſolcher Eroöffnung uͤberraſcht und wußte nichts zu erwiedern. Sie fuhr fort: „Urtheilen Sie nun ſelbſt von meinem Schmerze, meinem Kummer, wenn ich ſehe, daß dieſes reichbe⸗ gabte Weſen, dieſer Abgott meiner Zaͤrtlichkeit durch die Kunſtgriffe eines Mannes gefeſſelt werde, der ih⸗ rer in jeder Art unwerth iſt. Ihnen weiht ſie ihr Herz— „Verzeihen Sie,“ fiel Lyndſay ein,„aber ich habe durchaus kein Recht, der Vertraute von Miß St. Clair's Geheimniſſen zu ſeyn, als wenn ſie mich dazu auffordert! Entſchuldigen Sie es, wenn ich davon nichts mehr hören will! Ich wuͤnſche blos zu wiſſen, wo der Mann wohl zu finden ſey, der ſie in meiner Gegenwart zweimal beleidigt hat!“ „Dies kann ja nur geſchehen, wenn Sie mich geduldig anhoren; wenn Sie mich nach meinet Art die Umſtande erzahlen laſſen, wie ich Sie am beſten damit bekannt zu machen hoffe! Ich müͤßte mich dot Ne wa gre mit ſir 163— ſch doch ſehr irren, wenn ich Ihnen von der ungluͤcklichen Neigung meiner Tochter erzaͤhle und Sie dadurch et⸗ mii⸗ was Neues erfahren! Doch wuͤrde ich noch mehr fehl⸗ on greifen, wenn ich glaubte, daß Sie ihr kuͤnftiges Gluͤck Reize mit gleichguͤltigen Augen anſehen!“ Eitel⸗ Lyndſay ſagte nichts. Er merkte blos, daß Mie öchatz ſtreß St. Clair ihn mit einem Gewebe umſtrickte. das Doch konnte er es nicht uͤber ſich gewinnen, die Fä⸗ den deſſelben zu zerreißen. Er ließ ſie weiter reden. ndſoh„Ich will es nicht verſuchen, Ihnen meinen nichts Kummer zu malen, als ich entdeckte, daß der Oberſt Delmour durch Raͤnke und Liſt die Liebe meines un⸗ nerze, ſchuldigen, argloſen Kindes gewonnen hatte. Ich ichbe⸗ weiß, Sie wiſſen es: Er iſt ein ſelbſtſuͤchtiger, hab⸗ nurh ſuͤchtiger Mann, ohne Grundſaͤtze, gar nicht im Stande, ein Weſen, wie Gertrude, zu ſchaͤtzen. Wie hätte ſie ihm ihre Liebe ſchenken koͤnnen, einem Manne von ſolcher Art, ware ſie nicht von der Phantaſie ge⸗ er ich täuſcht und falſch geleitet worden! Doch im ſiebzehn⸗ ten Jahre— wo iſt da Verſtand und Ueberlegung! er ih⸗ e ihr Ach, im ſieben und zwanzigſten werden ſie zu ſpät dabon kommen, denn lange vorher ſchon wird ſie, iſt ſie iſu Gattin vom Oberſten, das ungluͤcklichſte der Weiber! nint Gewohnt, das Gluͤck blos in dem Geliebten zu ſinden, edel, großmuͤthig, aufrichtig, redlich, was wuͤrde nih ſie fuͤhlen, wenn dieſem Abgott ihrer Phantaſie die At Maske entfaͤllt, wie ſie fallen muß, und ſie ihn nun tri in ſeiner natůrlichen Haͤßlichkeit erblickt! Nein, ehe nic ich ſie als Gattin des Oberſten ſehe— da ſey der 11* Himmel mein Zeuge!— lieber will ich ſie in ihrem Sarge ſehen!“ So uͤbertrieben das alles klang, ſo war doch im⸗ mer einige Wahrheit und richtiges Gefuͤhl darin. Un⸗ merklich vergaß Lyndſay ſeinen Verdacht und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit ihrer weitern Erzählung: „Dem Lord Roßville ſag' ich gar nicht alles, was ich fuͤhle; denn was er mit meiner Tochter beab⸗ ſichtigt, kann ich ebenfalls nicht billigen! Gertrude hat zu viel Geſchmack und Gefuͤhl, zu viel Herzliches, zu viel Verſtand, um dem Familienſtolze, den politi⸗ ſchen Zwecken geopfert zu werden. Wirklich, wenn ihr Gluͤck in Betracht kommt, iſt die Wahl unter beiden Bruͤdern nur die Wahl unter zwei Uebeln. Aber ich kenne einen“— ſie ſtockte hier—„ einen kenn' ich, dem ich mit Stolz und Freuden den theuer⸗ ſten Schatz anvertrauen wuͤrde, und wo ich gewiß waͤre, daß ihre Liebe, ihre Achtung gegen ihn zunäh⸗ me, ſobald ihr Verſtand reifte!— Warum aber ſollte ich meinen Wunſch vor Ihnen verbergen?“ Sie hielt inne, ſah jedoch Lyndſay in einer Art an, die ihm ein Mißverſtaͤndniß unmöglich machte. Dies hatte er nicht erwartet. Das ging weit uͤber alle ſeine Berechnungen. Er verlor hier die fruͤ⸗ here Selbſtbeherrſchung. Seine Zuͤge verriethen, wie er hingeriſſen wurde, ob er ſchon kein Wörtchen ſagte. Es folgte eine lange Pauſe. Endlich nahm Madame St. Clair wieder das Wort: „Es wird die Zeit kommen, wo der Schleier ihten im⸗ ln⸗ rchte lung: alles, beab⸗ trude iches, oliti⸗ wenn unter beln. einen ellet⸗ wiß mih⸗ ſollte Nt k⸗ weit fr⸗ wie gte⸗ dame 165 vor meiner Tochter Augen ſinkt. Wie die Vernunft reift, wird die Phantaſie abnehmen. Schon merke ich, daß dies der Fall iſt. Die Zeit wird das Uebrige thun. Aber ſollte ſie eine heimliche Ehe ſchließen, dann iſt meine Hoffnung, mein Gluͤck auf ewig da⸗ hin!— Wenn ich nun auf der andern Seite durch ein Opfer, durch eine Liſt ſie davor bewahren kann, konnen Sie mich denn tadeln, daß ich es verſuche, mag es noch ſo außer der Regel und verzweifelt aus⸗ ſehen?“ „Ich werde gewiß kein Opfer tadeln, mag es auch immer vergeblich ſeyn. Wohl aber mißbillige ich ſtets die Liſt, und wenn ſie ſelbſt Erfolg haͤtte. Beide zuſammen zu vereinen ſcheint mir unmoͤglich!“ Madame St. Clair wurde fuͤr einen Augenblick durch dieſe Bemerkung außer Faſſung gebracht. Aber ſchnell ſich beſinnend, erwiederte ſie: „Doch die eine kann ja wohl Folge des andern ſeyn?— Jhllichte, das iſt bei mir der Fall gewe⸗ ſen. Was ich fuͤr eine erlaubte Liſt hielt, meine Tochter zu retten, koſtete mir, was ich am meiſten ſchaͤtze: die gute Meinung, die Achtung des Herrn Lyndſay's!“ „Es hängt nur von Ihnen ab, jeden unguͤnſti⸗ gen Eindruck, den ich bekommen haben mag, zu be⸗ ſeitigen. Sie duͤrfen nur einige Worte ſagen!“ „Ich fuͤhle, daß Sie mich tadeln werden; daß Sie den Schritt, welchen ich that, verdammen!“ ſagte Miſtreß St. Clair in augenſcheinlicher Verwir⸗ 166 rung.„Er muß Ihnen ſo ſeltſam, ſo niedrig, unna⸗ tuͤrlich vorkommen. Aber Sie kennen nicht meine ſchwierige Lage: Gertrude voreilig, nicht zu leiten— Lord Roßville unbeweglich und herriſch. Heirathet ſie den Oberſten Delmour, ſo iſt ihr Vermoͤgen und ihr Gluͤck zugleich dahin. Um ſie dagegen zu ſchutzen, zum mindeſten— um Zeit zu gewinnen, können Sie mich da wohl tadeln, wenn ich den Vortheil benutzte, den mir die ungebuͤhrlichen Anſpruͤche dieſes Mannes auf ihr Vermoͤgen boten, um ihr die Meinung einzu⸗ floßen, daß dieſer Mann auch uͤber ihre Hand zu verfuͤgen berechtigt ſey, und daß— Ach Gott!“ rief ſie, als ſie nun mit einemmale das Schloß vor ſich hatten.„Es muß ſchon recht ſpaͤt ſeyn! Ich ſehe Licht im großen Saale. Die ganze Familie iſt bei⸗ ſammen. Wenn ſie mich vermiſſen— Morgen wollen wir weiter von der Sache ſprechen. Ich muß jetzt fort!“ Sie wollte ihren Arm von Lyndſay losmachen, doch dieſer hielt ſie feſt: „Nein!“ ſagte er,„bevor wir ſcheiden, verſpre⸗ chen Sie mir feierlich, die ganze dunkle Verhandlung vorzulegen. Seltſame Gedanken haben ſich meines Gehirns bemeiſtert. Ich will nicht laͤnger dieſen Schleier dulden!“ Es war ſchon zu dunkel geworden, um zu ſehen, wie aͤngſtlich Madame St. Clair war. Aber wohl fuͤhlte er, wie ihre Hand zitterte. „Nun, morgen, morgen!“ ſtotterte ſie,„mein gute dab vot nich gen nal ſter mo nn⸗ neine 1— t ſie ihr itzen, Sie utte, nnes Rzu⸗ zu rief ſch ſehe hei⸗ ollen jetzt chen, ſpre⸗ lung ines ieſen hen, wohl mein 167 guter Herr Lyndſay! da ſollen Sis mehr erfahren; das verſpreche ich Ihnen!“— Ihre Stimme wurde vor Angſt jetzt ganz matt.— Aber ſagen Sie nur nichts davon! Ich beſchwore Sie! Gertrudens we⸗ gen ſchweigen Sie!— Ach, halten Sie mich nicht — Horen Sie nicht, wie geläutet wird?“ Sie eilte nach dem Schloßthore mit ſchnellem Schritte. Hier drehte ſie ſich noch einmal um und nahm Lyndſay's Hand, indem ſie ganz athemlos flü⸗ ſterte:„Gertrudens wegen alſo ſchweigen Sie bis morgen! Das verſprechen Sie mir!“ „Bis morgen— ja! So ſey es!“ antwortete er. Sie druͤckte ihm nochmals, zum Beweis ihrer Freundſchaft, die Hand und floh die Treppe hinauf, ſich umzukleiden. Lyndſay nahm voller Gedanken den Weg in ſein Zimmer.„Ich glaube, ſie hat mich doch uͤberliſtet!“ dachte er.„Indeſſen morgen wird ſich's ja zeigen!“ Achtzehntes Kapitel. So tief von Porwurf iſt ihr Zitternd Herz ergriffen. Es iſt der That, die Ehre nicht erlaubt, ſich wohl bewußt. Euripides. Ooſchon Herr Lyndſay ſich mit aller moͤglichen Schnel⸗ ligkeit umgekleidet hatte: dennoch fand er, daß ihm Madame St. Clair zuvorgekommen war. Die lebhaftere Roͤthe ihrer Wangen abgerechnet, war keine Spur von Unruhe und Beſtuͤrzung bei ihr wahrzunehmen Sie hatte ſich huͤbſch und ganz der Ordnung gemaͤß gekleidet. Der gewöhnliche Beobach⸗ ter wuͤrde ihr Benehmen fuͤr ungezwungen und feſſel— frei gehalten haben; und ſo war ſie zugleich ganz das Gegentheil ihrer Tochter, die bleich, gedankenvoll, muth⸗ los, mit einem Blick neben ihr ſaß, der zu ſagen ſchien, daß ſie ſich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, habe ſchmücken laſſen. Als Herr Lyndſay eintrat, hörte er Madame St. Clair dem Lord Roßville auf eine Bemerkung des Letztern antworten: „Ich war wirklich in Angſt und thoͤrig genug, weg gen nun und Ihr ſein nen ſchl ſic gebt mi da fe ric hat bro w ſte wä ken hnel⸗ ihm hnet, iihr der huch⸗ eſſel⸗ das uth⸗ ien, icken 169 wegen Gertrudens Abweſenheit in dem entſetzlichen Re⸗ gen in Furcht zu gerathen. Darum ſuchte ich ſie nun ſelbſt auf. Aber wir gingen beide einander fehl und treſſen nun erſt wieder vor dem herrlichen Feuer Ihres Kamins zuſammen!“ Lord Roßville hatte es gar zu gern, wenn man ſein Feuer lobte, denn ſeine Kamine waren nach eig⸗ nen von ihm erfundenen Muſtern gebaut und folglich ſchlecht. Aber Madame Sr. Clair wußte dem Wall⸗ fiſch eine Tonne hinzuwerfen; ihr zu rechter Zeit an⸗ gebrachtes Compliment brachte das Geſpraͤch auf Ka⸗ mine, Oefen, Steinkohlen, und endete endlich damit, daß die ganze Geſellſchaft in eine Kohlenmine des Gra⸗ fen kam, aus der ſie erſt die Meldung: es ſey ange⸗ richtet, herausbrachte. Robert Delmour war wieder zuruͤckgekommen und hatte eine Reſerve von politiſchen Nachrichten mitge⸗ bracht. Miſtreß St. Clair ging in alles, was geſprochen wurde, con amore ein und feſt glaubten daher die miei⸗ ſten Anweſenden, in ihr ein gebildetes, unterrichtetes, reizendes Weib zu ſehen, das keiner Dame nachſtand, wahrend ihre Tochter, die ſchweigend und in Gedan⸗ ken ganz wo anders, fuͤr alles, was hier vorging, gleichgultig war, fuͤr kalt, ſtolz, leblos, wenn auch immer ſchon, angeſehen wurde. Madame St. Clair fluͤſterte ihr gleich nach der Tafel ins Ohr, auf ihr Simmer mitzukommen. Kaum waren beide darin, als die Mutter die Thuͤre mit Hef⸗ — tigkeit verſchloß und ſich fuͤr den bis jetzt angethanenen Zwang entſchadigen zu wollen ſchien. „Gertrude!“ rief ſie und ließ ihre ganze Angſt ſichtbar werden.„Du ſiehſt mich jetzt wieder in Deinen Haͤnden! Wieder hängt mein Schickſal von Deinem Ausſpruche abl! Wieder hängt es von Dir ab: mich zu vernichten oder zu retten!“ Gertrude konnte nicht ſprechen— ihr Herz erlag dem Jammer, den ſie ſchon kommen ſah. „Ich will indeſſen nicht wieder denſelben Weg, wie das letztemal, einſchlagen. Ich ſage Dir blos, daß ich von Deiner Gnade abhaͤnge. Ich bitte nicht — ich befehle nicht! Ich laſſe Dich entſcheiden. Sprich mein Urtheil und fuͤrchte deshalb keine Vor⸗ wuͤrfe von mir!“ Gertrude war nahe daran, ohnmächtig hinzuſin⸗ ken, denn ihr kam der furchtbare Gedanke in den Sinn, daß ſie, um der Mutter Leben zu retten, am Ende gar das Weib des ſchrecklichen Lewiſtons werden ſollte. Sie ſank ihr zu Fuͤßen. In einzelnen Tönen flehte ſie, damit verſchont zu werden. „Beruhige Dich,“ redete die Mutter ihr zu, welche plotzlich ſelbſt mehr Faſſung gewann, als ſie ſo heftig die Tochter erſchuͤttert ſah.„Ich ſage Dir ja, von mir haſt Du nichts zu fuͤrchten! Mein Wort geb' ich Dir: keinen Einfluß auf Dich geltend zu machen. Alles, was ich verlange, iſt: Ja oder nein zu hoͤren!“ „Ach— ſparen Sie mir dieſe furchtbare Wahl! Lid Krat ſteht lch hore Toc eihe ſu wir hal die ich geſ von län hat ihn S ich fuͤ Mehen Anſt er in lvon Dir erlag Weg, blos, nicht eiden. Por⸗ zuſin⸗ den „m verden Tonen zu, ö ſi eDir Wort nd z nein Wohl 171 Tödten Sie mich, aber retten Sie mich vor ihm!“ Krampfhaft umſchlang ſie der Mutter Knie. „Gertrude, Du biſt wahnſinnig! Bei Dir ſtehts, mich von dem Manne zu befreien— hoffent⸗ lich fuͤr immer!— Komm, ſetz' Dich zu mir und hore!“ Sie ſetzte ſich an einen Schreibtiſch, und die Tochter mußte an ihrer Seite Platz nehmen. Nach einer Pauſe, während der ſie mit mancherlei Gefuͤhlen zu kämpfen ſchien, fuhr ſie wieder fort: „Gertrude, ich kann es Dir nicht verbergen, daß wir beide in der Hand eines Schurken ſind! Ich habe Dir ſchon geſagt— und wiederhole es nochmals: die Umſtaͤnde, welche mich dahin gebracht haben, will ich nur in meiner Todesſtunde entdecken, wenn es ja geſchehen ſoll! Wie bald dieſe Stunde kommt, haͤngt von Deinem Ausſpruch ab!— Ich kann es Dir nicht länger verbergen, daß er allerdings Rechte über Dich hat— ſey doch ſtill und hore mich!— Aber er will ihnen entſagen, wenn ich binnen vier und zwanzig Stunden fuͤnfhundert Pfund ſchaſſen kann. Dies muß ich bewerkſtelligen, oder mein Verderben, Dein Ungluͤck fuͤrs ganze Leben iſt unvermeidlich!“ Gertrude ſchoͤpfte bei dieſer unerwarteten Ausſicht neuen Athem. „Wenn er,“ ſprach die Mutter weiter—„dieſe Summe erhält, ſo macht er ſich anheiſchig, das Ko⸗ nigreich zu verlaſſen, ach, und ich wuͤrde mit einer Welt, wenn ich ſie hätte, ſeine Entfernung erkaufen!“ „Aber von welcher Art ſind denn die geheimniß⸗ vollen Rechte, die der Mann auf mich hat? Warum bringt er ſie nicht offen zur Sprache? Laſſen Sie dieſelben doch im Angeſicht der Welt laut werden! In dieſem Lande der Freiheit— in meines Onkels Hauſe — was habe ich zu fuͤrchten?“ „So ſehr Du auf Deines Vaters Andenken, auf meine Ruhe, mein Leben hältſt, ſo ſehr laß den ganzen Vorgang mit Stillſchweigen begraben ſeyn! Wenn ein Weg zur Rettung moͤglich wäre, wenn es nur moͤglich waͤre, uns vor ihm zu retten, kannſt Du denn da wohl glauben, daß ich geduldet haͤtte, was ich duldete, daß ich mich herabließ, mich vor mei⸗ nem eignen Kinde zu demuͤthigen?“ Sie vergoß hier einige Thraͤnen. „Aber wo ſoll denn ſo eine Summe aufgetrieben werden?“ fragte die Tochter, denn ihr ſiel ein, daß ſie ſich ſchon von allem, was ſie Eigenthum nennen konnte, entbloßt habe.„Ich habe ja nichts mehr in meinen Haͤnden?“ „Nichts mehr kannſt Du geben, daß weiß ich. Aber Du darfſt nur bitten, und wirſt es erhalten. Mein Onkel kann Dir nichts abſchlagen, und fuͤr die kuͤnftige Erbin von Roßville iſt es eben nicht ſo große Sache, von einem Manne, dem das Geld ſo gut, wie gar nichts iſt, fuͤnfhundert Pfund zu borgen. Hier!“ ſagte ſie, Papier hinlegend.„Du darfſt nur ſchrei⸗ ben, ich werde Dir's diktiren!“ kam abw ſtte iht ſagt Si ich we ſch dik wiſ mu wo ſeh ein G ſie Hauſe enken, ß den ſehn! nn es kannſt hätte, rmel⸗ triehen „doß lenneh ehr in iß ich. halten⸗ ur die großt t, wi ier!“ ſchri⸗ 2 Die Feder entfiel aber Gertrudens Hand⸗ „Nein!“ ſchluchzte ſie,„ſolcher Niedrigkeit kann ich mich nicht ſchuldig machen! Es iſt zu her⸗ abwuͤrdigend!“ Die Mutter machte keinen Verſuch, dagegen zu ſtreiten, oder Vorwuͤrfe hoͤren zu laſſen. Sie winkte ihr mit der Ruhe einer Verzweifelnden zu gehen und ſagte blos: „Ich habe nun meine Antwort— laß mich!“ „Ach, Mutter!— Geben Sie das Papier her! Sie ſollen Gehorſam ſehen! Sagen Sie mir, was ich ſchreiben muß!“ Madame St. Clair ließ bei dieſer Nachgiebigkeit weder Freude noch Dankbarkeit blicken, ſondern fing ſogleich an, einen Brief an Herrn Adam Ramſay zu diktiren, den die Tochter niederſchrieb, ohne kaum zu wiſſen, wie die Worte lauteten. Bei kaͤlterer Stim⸗ mung wuͤrde ſie von der Doppelzuͤngigkeit, dem krie⸗ chenden Weſen, wovon jede Zeile Seuge war, emport worden ſeyn. Allein ſo ergriffen, wie ſie jetzt war, fehlte ihr alle Kraft zum Denken. Sie war blos ein leidendes Werkzeug, das die Mutter handhabte. Endlich war der Brief zu Ende. Miſtreß St. Clair ſiegelte ihn und ſah nach der Uhr: „Gerade noch Zeit fuͤr den Briefbeutel! Aber laͤnger durfte es nicht dauern! Wir muͤſſen in den 4 Saal hinunker und im Vorzimmer ſtecken wir ihn hinein.“*) „Ich kann nicht wieder mitgehen!“ verſicherte die Tochter.„Nach dem, was hier ſtatt gefunden hat, tauge ich fuͤr keine Geſellſchaft.— Verſtellen kann ich mich nicht!“ „Du kannſt doch hoffentlich Dich ein wenig ſelbſt beherrſchen und wirſt doch nicht geſtatten, daß jedes neugierige Auge gleich auf Deinem Geſichte leſen und deuten kann, was es will?— Wiſche nur die Thraͤnen abl!“ Sie trocknete der Tochter Augen mit dem eignen Schnupftuche.„Siehſt Du, nun iſt nichts mehr zu ſpuͤren! Komm! Ich beſtehe darauf!“ Gertrude ließ ſich mit hinabfuͤhren. Das einzige Weſen, zu dem ſie ſich noch einiger⸗ maßen hingezogen fuͤhlte, war Lyndſay. In ſeiner Gegenwart fuͤhlte ſie einigen Schutz. Darum war ſie gern ihm nahe. Es ſchwebte irgend ein unbekanntes Uebel uͤber ihr, von dem er ſie allein retten zu können ſchien, und als er nun ins Zimmer und zu ihr kam, hieß ſie ihn mit dem erſten frohen Blick willkommen, der heute ihre Zuͤge erheitert hatte. Lyndſay durchſchaute recht gut den wahren Cha⸗ rakter ihrer Mutter; er ſah aber darin, daß ſie wich⸗ *) Große Familien in England haben, auf dem Lande lebend, einen Beutel, in welchen die einzelnen Briefe der Mitglieder kommen, um dann auf der nächſten Poſt abgegeben zu werden. Auf gleiche Art fertigt ſie die Poſt ihnen zu. D. ueb. Al ihn — herte nden ellen eni duß leſen die mit iſt ſ. igen einer t ſie mtes nen kam, men, Cha⸗ vich⸗ einen men Auf t. tige Urſache zu dem Wunſche habe, ihn irre zu leiten. Allein einigen Eindruck hatten ihre Worte doch auf ihn gemacht. Daß ſie bemuͤht war, ihre Tochter vom Oberſten Delmour zu befreien, glaubte er vollkommen. Dagegen zweifelte er, ob der Wunſch aufrichtig ſey, ſie ihm ſelbſt zu geben. Gertrude liebte, von ſchwaͤr⸗ meriſcher Leidenſchaft im hochſten Grade getaͤuſcht. Dies ſah er. Gleich vielen jungen enthuſiaſtiſchen Maͤdchen folgte ſie der Phantaſie, ſtatt dem Herzen. Sie vor den Folgen ſolcher Verblendung zu bewahren, wuͤrde er jedes Opfer gebracht haben, doch war ſein Sinn zu edel, um eine Liſt zu geſtatten. Mit ſolchen Gefuͤhlen ging er zu Gertruden hin⸗ Allein Madame St. Clair hatte die Vorſicht gebraucht, ſich mit der Tochter ſo feſt zwiſchen Lady Eliſabeth, ihren Näͤhtiſch, ihren Kammerdienertiſch und den fet⸗ ten Mops einzuzwängen, daß es unmöglich war, mit Gertruden ein abgeſondertes Geſpraͤch zu fuͤhren. Er konnte mit ihr nur reden, indem er, uͤber die Lehne ihres Stuhles gebeugt, von allgemeinen Dingen ſprach. Indeſſen auch ihnen wußte er ſo viel Reiz zu geben, daß Gertrude dabei Unterhaltung fand und ſich um nichts weiter im Zimmer kuͤmmerte, bis ſie Robert Delmour zu einem ſeiner Freunde ſagen hörte: „Ganz gewiß; auf meinen Bruder Friedrich konnen wir rechnen. Er wird wahrſcheinlich in ein Paar Monaten wieder zuruͤck ſeyn. Es war ihm ganz unerwartet, daß er mit dem Regimente abſe⸗ geln ſollte, denn die Verabredung lautete fruͤher: der 176 Oberſte Brookes uͤbernehme das Commando. Warum es nun mein Bruder bekam, iſt mir ein Räthſel ge⸗ blieben. Aber ich hoͤre, daß der Oberſte gleich nach⸗ gereiſt iſt, und dann iſt keine Frage: Friedrich be⸗ kommt Urlaub. Auf ihn koͤnnen wir alſo rechnen!“ So wie Delmours Name genannt wurde, hatte auch Gertrude den Sinn fuͤr alles andere verloren, und kaum wagte ſie, indeß Robert fortfuhr, Athem zu holen, aus Furcht, eine Sylbe von ſo einem wich⸗ tigen Gegenſtande zu verlieren. Ihre ganze Seele hing an Roberts Worten, ſo unbedeutend ſie waren. Als er endete, uͤberflog eine Purpurröthe ihre Wange und ihr Auge klaͤrte ſich auf. „Alſo wird er kommen und ſich von allem Ver⸗ dacht reinigen!“ dachte ſie, und wie der entzuckende Gedanke ihr durch den Sinn flog, blickte ſie mit freu⸗ digem, glaͤnzendem Auge nach Lyndſay auf. Allein ſie begegnete hier einem ſo ernſthaften, dem ihrigen ſo wenig zuſagenden Blicke, daß ſie auf der Stelle fuͤhlte, wie ſeine Geſinnungen mit den ihrigen gar nicht uͤbereinſtimmten. Ein kleiner Anflug von Miß⸗ vergnuͤgen uͤberſchattete ihr Geſicht. Sie drehte ſich um. Er ſagte nichts, ging aber fort, und nun nahm Robert ſeine Stelle ein, deſſen fadem Gewäſch ſie mit unermuͤdeter Aufmerkſamkeit lauſchte, weil ſie im⸗ mor hoffte, noch mehr von dem Geliebten zu hoͤren. Doch nichts kam mehr zur Sprache. Der Abend ging, als Lyndſay fort war, traͤge und langſam hin. —.————— 1 we Fe Ar bre ſie un He wr D Poum ſel g⸗ nach⸗ ch be⸗ nen!“ hatte rloten, Athen wich⸗ Serle waren. Wange n Vrr⸗ ückende t freu⸗ Allein ihrigen Stele en gat Mß⸗ te ſih nahm ſch ſe ſie in⸗ hören. Abend m h⸗ Neunzehntes Kapitel. Ich bin kein Anwald, der ſeine Zunge für Geld oder den Beifall der Welt verkauft. John Knoy. Am folgenden Morgen mußte Madame St. Clair wegen eines heftigen Schnupfens und Rheumatismus, Folgen des Abentheuers im Parke, das Bett huͤten. Sie und Gertrude warteten in lauter Angſt auf die Antwort von Ramſay. Doch der Poſtbote kam und brachte nur ein Billet von der luſtigen Lilly, worin ſie den Tag ihrer Verheirathung anzeigte und Tante und Baſe einlud, der Feier beizuwohnen. Da indeſſen Herr Larkins keine— Stimme zu vergeben hatte, wurde dies gleich auf der Stelle hoflich abgeſchlagen. Der Verdruß, ſo getaäuſcht zu ſeyn, ging bald voruͤber, denn der Gedanke ergab ſich von ſelbſt, daß der On⸗. kel Adam nicht fuͤnfhundert Pfund dem Poſtboten an⸗ vertrauen wollte und lieber einen beſondern Mann ab⸗ fertigen werde. Dem Wunſche der Mutter gemaͤß, ſtellte ſich nun Gertrude ans Fenſter, um den Mann in Acht 1 zu nehmen, der wahrſcheinlich den wichtigen Brief I. 12 3 178 bringen werde. So ängſtlich konnte die Schweſter von Blanbarts Gemalin nicht hinabblicken, ſo oft konnte ſie nicht nach dem gefragt werden, was ſie ſähe. Endlich entdeckte ſie die alte röthliche Kutſche aus dem weißen Bären. Sie kam den Weg herauf, und Blaubart ſelbſt, das Schwert in der Hand, hätte nicht mehr Beſtuͤrzung veranlaſſen können! Auf die⸗ ſen Uebelſtand hatte Madame St. Clair nie gerechnet. Mit dem furchtbaren Onkel Adam ſelbſt unterhandeln zu muͤſſen, war ihrer Phantaſie nicht eingefallen und ein zu ſchrecklicher Gedanke geweſen. Als nun der Be⸗ diente meldete, daß Herr Ramſay mit Miß St. Clair allein zu ſprechen wuͤnſchte, unterlag ſie bald ihrer Angſt. Gertrude zitterte ſelbſt und doch ſuchte ſie die Mutter zu beſchwichtigen. Immer und immer wieder verſprach ſie ihr, nichts zu verrathen, alle Verantwort⸗ lichkeit auf ſich zu nehmen. Sie ſolle ihr geſtatten, der Aufſorderung zu genuͤgen. Doch als ſie an der Thuͤr des Zimmers ſtand, wo man ihn eingefuͤhrt hatte, entfiel ihr der Muth. Einige Minuten hielt ſie das Schloß, ehe ſie das Herz bekam, es umzu⸗ drehen. Endlich trat ſie hinein. Allein dem ſauer⸗ topſigen Geſichte in die Augen zu ſehen, wagte ſie doch nicht. Auch ohne hinzublicken, wußte ſie vollkom⸗ men, wie bitterboſe der Mann ſeyn werde. Sie ver⸗ ſuchte einige Worte von Unruhe und Freundſchaft zu ſtammeln, aber in der Beſtuͤrzung konnte ſie keinen vollſtaͤndigen Satz herausbringen. Sie zitterte ſelbſt, als ſie ihn zum Niederſetzen nöthigte. Doch ſtatt dies ju ta de ql hweſt ſo eft as ſte ſutſche herauf, „hätte f die⸗ echnet. undeln n und er Be⸗ Clair deihrer ſie die wieder ſtwort⸗ atten, an der gführ n hielt umt⸗ ſahet⸗ gte ſi llkom⸗ ie vel⸗ haft zu keinen ſelbſt, tt dies 179 zu thun, zog Herr Ramſay eine alte lederne Brief⸗ taſche aus dem Rocke und aus ihr nahm er Gertru⸗ dens Brief. „Haſt Du denn das geſchrieben?“ fragte er, auf ihre Unterſchrift zeigend. „Allerdings!“ antwortete Gertrude, aber kaum hoͤrbar. „Und das von freien Stuͤcken und mit Ueber⸗ legung?“ Sie konnte nicht antworten. Verwirrt, ohne zu ſprechen, nickte ſie blos. „Fuͤnfhundert Pfund alſo brauchſt Du?“ Gertrudens Roth ward hier gluͤhendes Feuer. Leiſe lispelte ſie ein„Ja!“ Kamſay ließ hier ein Mittelding von Hm und Ach horen, indem er aus der Mitte ſeiner alten Taſche ein Papier zog, das er hingab. Aber geſchwind zog er es auch wieder zuruͤck und ſah ſie ernſt an, indem er fragte: „Du willſt doch nicht aus dem Lande fortlau⸗ fen?— Rede mal die Wahrheit!“ Gertrude ward bei dieſer demuͤthigenden Frage noch beſtuͤrzter; doch, ohne ein Wort zu ſagen, lag et⸗ was in ihren Zuͤgen, ihrem Weſen, das des alten Mannes Verdacht gleich niederſchlug. „Hier haſt Du's Geld!“ ſagte er in einem bitterboͤſen Tone. Gertrude fuhr unwillkuͤhrlich vor der widerwillig 12* 180 ausſehenden Hand zuruͤck, die ihr nur ein wenig nahe kam. „Nimm's!“ rief er in noch zornigerer Weiſe. „Nimm's! Aber das kannſt Du auch gleich mit⸗ nehmen: Ich haͤtte lieber fuͤnftauſend, ja, fuͤnf mal fuͤnftauſend Pfund einbuͤßen, als ſo einen Brief von Dir bekommen wollen!“ Er zerriß den Brief bei dieſen Worten und warf ihn in's Kamin. „O, ſprechen Sie nicht ſo!“ flehte Gertrude hoͤchſt ergriſſen und ihn bei der Hand faſſend, denn er wollte das Zimmer verlaſſen. „Was ich auf dem Herzen habe, muß ich h'raus⸗ ſagen. Zu den Leuten, die anders denken, als ſpre⸗ chen, gehor' ich nicht. Ich habe mich in Dir geirrt „Wenn Sie wuͤßten— wenn Ihnen die Um⸗ ſtaͤnde— Er ſchuͤttelte mit dem Kopfe. Ja, ſo heißt's immer!“ meinte er.„Das iſt ſo die Redensart! Das muͤſſen aber ſchlechte Um⸗ ſtaͤnde ſeyn, die ſolch Verſteckens ſpielen vor der eignen Mutter noͤthig machen!“ „Vielleicht kommt die Zeit,“ rief hier Gertrude mit ſteigender Angſt,„wo ich Ihnen beweiſen kann, daß ich nicht tadelnswerth bin! Wäͤhrend deſſen— wenn Sie mir das Vertrauen ſchenken—“ „Du mußt nicht denken, daß ich mich um das Geld bekuͤmmere. Die fuͤnfhundert Pfund ſind ſo ich 2 5 M m A werig Weiſt mit⸗ f mal f von werf rtrude denn raus⸗ Dir — Das „Da Um⸗ eignen ttrude kann, en— nd ſi —251 viel, wie fuͤnfhundert Kieſelſteine. Aber was mir am Herzen liegt, will ich Dir ſagen. Du liegſt mir am Herzen, und daß Du wahr und offen redeſt, und vrav biſt, liegt mir am Herzen und— darin hab' ich mich geirrt!“ „O, richten Sie nicht ſo hart uͤber mich! Die Zeit wird kommen, wo Sie beſſer von mir denken!“ „Ein Mann von ſiebzig Jahren hat nicht viel Zeit mehr uͤbrig.— Den bekommt man vielleicht nicht wieder zu ſehen!— Aber ehe wir uns trennen, muß ich Dir doch was ſagen!— Glaube mir's! Mit Geld kannſt Du keine treuen Freunde, keine wahre Liebe, keine wahre Gluͤckſeligkeit, noch ſonſt'was erkaufen. Alſo bitte und borge und gieb weg, wie Du willſt, denke nur huͤbſch an das, was ich ſagte!“ „Ach, verlaſſen Sie mich doch nicht ſo im Aer— ger!“ rief Gertrude, von den Thränen uͤberwaltigt, wie er gehen wollte. „Ich bin nicht ärgerlich auf Dich. Blos ver⸗ drußlich. Es kraͤnkt mich; ich habe mich geirrt. Ich hatte ſo meinen Gefallen an Dir. Aber wie das alte Lied ſagt: Trafſt du auch wohl ein Herz dir treu, Dann kommt das Geld als Feind herbei und raubt das Herz dir, noch ſo treu! Geld hat mich von ihr gebannt, die mir die ganze Welt warz nun freute ich mich, daß Du ihr ſo ähn⸗ lich ſahſt und war Dir darum gut. Aber das Geld 182 — das Geld hat uns nun auch wieder von einander gebracht!“ Auf Onkel Adams Zorn war Gertrude gefaßt geweſen. Doch in ſeinen Klagen und ſeinem Schel⸗ ten war etwas, das zum Herzen ging. Es liegt etwas unausſprechlich Peinigendes darin, wenn man auf einen betagten Mann neuen Kummer, auf ſein graues Haupt neue Kraͤnkungen haͤuft. Auch der gluͤcklichſte Menſch mußte auf der langen, muͤhſamen Pilgerſchaft des Le⸗ bens manchen bittern Tropfen trinken. Wehe der Hand, die von freien Stuͤcken friſche Galle in die kuͤmmerliche Neige ſeines Bechers miſcht! So ein Gedanke ungefaͤhr fuͤllte Gertrudens Herz. „Mein theuerer, guter Onkel!“ flehte ſie und hielt ſeine Hand und druͤckte ſie mit Ehrfurcht an die Lippen und ließ heiße Thraͤnen darauf fallen.„Ach, daß Sie in meinem Herzen leſen könnten!“ Ramſay hielt es fuͤr noͤthig, gleich allen zaͤnki⸗ ſchen Leuten, boͤſe zu ſcheinen, wo er ſchon fuͤhlte, daß es ihm weicher ums Herz wurde. „Vielleicht,“ meinte er,„ſtecken da beſſere Worte darin, als in Deinem Briefe! Aber davon wollen wir weiter nicht reden. Was vorbei iſt, iſt vorbei!“ „Doch koͤnnen— wollen Sie mir denn ver⸗ geben?“ „Ich habe nichts zu vergeben! Ich ſage Dir, daß mir's Geld nicht mehr am Herzen liegt, als der Koth unter meinen Fuͤßen! Aber ärgerlich bin ich— gen Uir be R an m h w nander gefußt Schel⸗ etwos einen Haupt Renſch es Le⸗ e der n die zůnki⸗ fühlte, beſſere dabon iſt el⸗ Di, ſ der ch— s kränkt mich, daß Du ſchon zu folchen Streichen genothigt biſt!“ „Schieben Sie nur, ums Himmels willen, Ihr Urtheil auf!“ „Das kann ich nicht! Mein Urtheil aufſchie⸗ ven!— Ja, das iſt ſo eine von Euern neumodiſchen Redensarten! Ihr denkt, ein Mann kann ſein Urtheil an die Wand hinhaͤngen, wie ſeinen Hut! Ich kann mir nicht helfen, was ich ſehe, daruͤber muß ich ur⸗ cheilen, und da urtheile ich, daß ein Maͤdchen wie Du, wenn es fuͤnfhundert Pfund braucht, ohne daß ihre eigne Mutter und ſonſt ein Verwandter darum weiß, nicht auf dem rechten Wege iſt. Das iſt unmoglich! Da muͤßte ich ja gleich von Haus aus ein Eſel ge⸗ weſen ſeyn, wenn ich das nicht beurtheilen könnte!— Und Dein Brief— Ei, da hätt' ich doch lieber die Erde umgraben wollen, um's Bischen Brot zu haben, als ein Papier vollſchmieren und um Geld betteln!“ Er nahm ſeinen ſchaͤbigen, formloſen Hut und ging fort. Gertrude ſah mit Schmerz, daß ſie ſich in ſeinen Augen umſonſt rein zu erſcheinen bemuͤhte. Offenbar hatte ihm eben ſo ſehr die Bitte mißfallen, als ihn die Art verdrußlich machte, in welcher ſie ein⸗ gekleidet war. In dem Grade, wie er das Geld ſelbſt verachtete, ſchien er auch die zu verachten, welche einigen Werth darauf legten, und indem er ſeine Boͤrſe buchſtablich als Plunder anſah, ſetzte ihn doch nichts ſo ſehr in Zorn, als ein Angriff, auf dieſelbe unter⸗ nommen. „Ich bin recht ungluͤcklich!“ ſeufzte das Mäd⸗ chen, ganz troſtlos ſprechend,„daß ich Ihre gute Meinung verlor. Aber nie werd' ich Ihre Guͤte vergeſſen, mein guter, theuerer Onkel! Möge Gott Sie ſegnen!“ Ramſay antwortete nicht. Sein Herz ward von dem Bilde des geliebten Lieschens ergriſſen. Er ſtand auf dem Punkte, Gertruden nicht etwa an ſein Herz zu druͤcken, denn dies waͤre eine Schwaͤche geweſen, uͤber die er, nur den Gedanken faſſend, roth werden konnte. Aber die kalte, duͤrre Hand hinreichend, wollte er ihr Vergebung zuſichern. Doch der Gedanke, wie groß das Vergehen ſey, wie er dann noch mehr dazu aufmuntere, ſchreckte ihn ab. Es war ja ſeiner Mei⸗ nung nach das ſchrecklichſte Verbrechen im Spiele. Mit einem halbunterdruͤckten:„Na,'s iſt ſchon gut!“ ging er fort, ohne ſeine Ruͤhrung zu verrathen, und ſtieg in ſeine alte Miethkutſche, recht zufrieden, das Unrecht ſo abſcheulich wie moglich geſchildert zu haben. Gertrude war tief ergriſſen, daß ſie das geringe Maß von dieſes alten Mannes Freuden verbittert und fuͤr immer, wie ſie furchtete, ſeine Liebe und gute Meinung verloren hatte. W Mad⸗ e dute Guͤte e Got ud von r ſtand in Her eweſen, werden wollte e, wie e dazu rMei⸗ Spiele. gut!“ und , das haben. geringe eut und d gute Zwanzigſtes Kapitel. Ein wahrer Freund— o, welch ein füßes Gefühl! La Fontaln Madame St. Clair war indeſſen nicht von der Art, daß ſie mit der Tochter Gefuͤhlen haͤtte uͤbereinſtim⸗ men koͤnnen. Ihre Freude, Geld zu haben, ſchien jede andere Betrachtung zu verdraͤngen. „Nun haſt Du noch etwas zu thun, mein Ger⸗ trudchen, mein Maͤdchen!“ ſagte ſie.„Ich habe ver⸗ ſprochen, heute mit Lyndſay eine Zuſammenkunft zu haben. Aber Du ſiehſt, wie mein Beſinden iſt, wie ich nicht im Stande dazu bin. Stelle ihm dies alſo vor und verſichere ihm meinen Entſchluß, morgen mit ihm zuſammenzukommen, coute qu'il coute!“ Sie las in der Tochter Blicken das Erſtaunen derſelben, und darum fuͤgte ſie in ſeierlichem Tone hinzu:„Gertrude, was Dir in meinem Benehmen gegen Dich ſonderbar und geheimnißvoll erſcheint, will ich ihm anvertrauen. Wirſt Du damit zufrieden ſeyn?“ 186 „Iſt es moͤglich!“ rief Miß St. Clair üͤber⸗ raſcht und freudig.„Dann wird gewiß alles gut ge⸗ hen, das weiß ich!“ „Lyndſay ſcheint in Deiner Gunſt raſche Fort⸗ ſchritte gemacht zu haben!“ bemerkte die Mutter mit Mißvergnuͤgen. Geſtern ſchienſt Du kaum mit ihm reden zu wollen.— Nun, ich bewundere keinen Pla⸗ toniker, noch weniger glaube ich an ſein Daſeyn. In⸗ deſſen Ausnahmen kann es geben, zumal wo From⸗ melei dazu kommt. Wenn Du willſt, kannſt Du im⸗ mer eine fromme Auswechſelung der Herzen ſtatt ſinden laſſen, ob ich ſchon immer glaube, die beſte Freundin eines Mädchens iſt die Mutter. In jedem Falle ſieht ſich aber eine Tochter vor, wie ſie von ihrer Mutter redet, und hoͤrt, wie von ihr geſprochen wird. Du haſt alſo blos meinen Auftrag auszurich⸗ ten und Dich aller Bemerkungen zu enthalten.— Jetzt gieb mir Schreibmaterialien. Zuͤnde das Licht an und geh'!“ Gewöhnt daran, daß ihre Mutter bei den klein⸗ ſten Geſchäften gern krumme Wege einſchlug, fuͤrchtete Gertrude, daß auch hier dem vorgeblichen Vertrauen eine Unwahrheit zu Grunde liegen möchte. Sie konnte nicht des ſchmerzlichen Verdachtes Herrin werden, alles ſey planmaͤßig angelegt, ſie zu taͤuſchen, zu hintergehen. Indeſſen ſuchte ſie doch Herrn Lyndſay auf, ihren Auftrag zu beſorgen. Nicht ohne einige Verlegenheit that ſie es. Sie glaubte in der Art, wie er die Mel⸗ dung aufnahm, Zweifel und Mißtrauen zu leſen. Ohne daß ſih in N über⸗ gut ge⸗ Fort⸗ et mit it ihm n Pla⸗ . In⸗ Fröm⸗ Mu im⸗ ſtatt e beſte jedem ſie von prochen zurich⸗ Licht klein⸗ irchtete tralen konnte „alle gehen⸗ ihte gahli Mi⸗ Ohne daß beide ſich gegenſeitig ihre Gedanken mittheilten, fuhlten ſie doch ſelbſt, was in des andern Seele vor⸗ ging, ohne daß es erſt dazu der Worte bedurft haͤtte. Morgen kam, wie es ſo oft erſchienen war, und es wurden, wie auch ſo oft der Fall iſt, nicht die Hofſnungen von geſtern erfuͤllt. Die Unpäßlichkeit der Miſtreß St. Clair ſchien naͤmlich einen ernſthaftern Charakter anzunehmen. Es wurde ein Arzt geholt, der die Krankheit fuͤr Entzuͤndung und Nervenſieber erklärte, und behauptete, daß, ob es ſchon nicht bos⸗ artig ſey, die Geneſung doch langſam erfolgen werde. Hinterliſt lag hierbei nicht zum Grunde. Gertrude war ganz auf das Zimmer der Mutter gebannt. Lynd⸗ ſay ſah, daß ſeine Gegenwart zu nichts diene. Er beſchloß, auf ſein Gut zu gehen. Vorher ſuchte er aber noch einmal mit Gertruden zu ſprechen. „Ich ſchmeichelte mir,“ ſagte er zu ihr,„ daß ich, bevor ich Ihrer Geſellſchaft beraubt werde, die Freude haͤtte, mit der Beſchaffenheit der Gefahren be⸗ kannt zu werden, womit Sie bedroht ſind! Die Krank⸗ heit Ihrer Mutter macht dieſer Hoffnung jetzt ein Ende. Nun hoffe ich mindeſtens, Sie in Sicherheit zuruckzu⸗ laſſen. Lange bleibe ich nicht weg. Aber wenn in meiner Abweſenheit etwas vorfällt, das Ihnen Unruhe macht, ſo verſprechen Sie mir, auf der Stelle zu ſchreiben!“ Er ſah, daß ſie Anſtand nahm. Schnell ſetzte er noch hinzu: „Ich will Sie nicht etwa zu einem geheimen 188 Briefwechſel zu verleiten ſuchen, denn alles, was ſo heimlich geſchieht, iſt mir verhaßt, wie Ihnen.— Aber— ſoll— ich es ſagen?— Sie beduͤrfen eines Beſchuͤtzers!“ „Ich habe ja meine Mutter, meinen Onkel!“ ſagte ſie leiſe, denn ſie fuͤhlte, daß ihre Lippen Un⸗ wahrheit ſprächen, als ſie die Mutter nannten, und bebte vor dem Gedanken zuruͤck, den Onkel zum Hel⸗ fer zu haben.„Außerdem hat mir meine Mutter fuͤr gewiß geſagt, daß jener Mann Schottland, wahrſchein⸗ lich fuͤr immer, verlaſſen hat!“ ſetzte ſie noch hinzu, obſchon in einer Art, die wohl zeigte, daß ſie auf der Mutter Wort wenig baute. „Was ich denke, kann ich nicht gegen Sie aͤu⸗ ßern! Aber verſprechen Sie mir, daß Sie bei der leiſeſten Ahnung, wieder mit dieſem unverſchaͤmten Manne zuſammentreffen zu muͤſſen, gleich Lord Roß⸗ ville's Schutz angehen wollen! Das verſprechen Sie mir!“ Sein ſanftes, wohlwollendes Auge bekam hier neues Feuer. Gertrude wagte nichts zu verſprechen; ſie ſchwieg. „Wenn es ſo ſteht,“ fuhr er fort,„ſo weiß ich kaum, ob ich recht gethan habe, ihm zu verber⸗ gen, wovon ich Zeuge war!“ „O, das thun Sie nicht! Ja nicht, Herr Lyndſay! Ich bitte Sie! Keine Sylbe von dem, was vorgegangen iſt, laſſen Sie gegen den Grafen oder ſonſt Jemand laut werden! Meinetwegen thun Sie es nicht!“ 5 7) —— 8) — was ſt — en eines kel!“ en Un⸗ en, und m Hel⸗ tter füt ſchein⸗ hinzu, auf der Sie äu⸗ hei der chmten d Roß⸗ en Sie am hier ſchwich ſo weiß verber⸗ „Hen n den, Grafe wehel — „Ihretwegen werde ich gern viel thun!— Alſo— Sie geben mir Ihr Wort?“— „Dringen Sie nicht in mich! Warum ſollten Sie ſich in Verlegenheit, vielleicht in Gefahr bringen, um— meinetwillen? Sie haben bereits Ihr Leben gewagt, um das meinige zu retten!— Nein, uͤber⸗ laſſen Sie mich meinem Schickſale, wie es auch wer⸗ den mag!“ „Ich haſſe das Wort: Schickſal, ſo wie das? Zufall. So leicht iſt dies Wort geſprochen, aber es iſt auch nur ein Wort. Ich will Sie einem ſolchen unbeſtimmten, unbekannten Dinge nicht anvertrauen. Den Zweikampf liebe ich fuͤr meine Perſon nicht. Dieſer Mann ſcheint mir auch nicht von dem Stande zu ſeyn, der ihn, wie man ſagt, berechtigt, Genug⸗ thuung zu fordern. Alſo ſeyn Sie uͤberzeugt, daß Sie an mir einen blutloſen Kämpen finden. Aber ohne ein Wort von Ihnen laſſe ich Sie nicht ſo un⸗ beſchuͤtzt zuruͤck!“ Gertrude gab ihm die Hand. „Mein theuerer, edler Vetter!“ rief ſie, durch ſeine Theilnahme tief geruͤhrt,„ich verſpreche Ihnen, daß, wenn ich je in Verlegenheit gerathe und von Ih⸗ nen Beiſtand erhalten kann, ich gewiß— mehr kann ich nicht, will ich nicht verſprechen!“ „Dann muß ich mich damit begnuͤgen.— Se⸗ hen Sie mich fuͤr Ihren Freund, fuͤr Ihren lieben Vetter an und das Uebrige uͤberlaſſen Sie dem Him⸗ mel. Leben Sie wohl!“ Seine Abweſenheit verurſachte Gertruden eine Leere, die ſie umſonſt auszufullen ſtrebte. Einem zaͤrt⸗ lichen Herzen und zarten Sinne kann den Mangel an grſellſchaftlichem Umgange nichts erſetzen. Iſt er nicht die wahre Seelenſpeiſe? Nichts kann trauriger ſeyn, als ſolch ein Leben zu fuͤhren. Die einzige Ab⸗ wechſelung, die ſie hatte, waren die Klagen und Vor⸗ wuͤrfe der Mutter, die wortreichen Reden des Grafen, die ſinnloſen Fragen der Lady Eliſabeth und die faden Complimente Robert Delmours. „Heißt dies Leben?“ ſeufzte ſie.„Ach, wie ſehr iſt es von dem verſchieden, wie ich es mir ge⸗ malt habe! So bin ich getaͤuſcht! Dies iſt Leben!“ Gertrude fuͤhlte, was Jedermann von feinem Ge⸗ fuͤhl in gleicher Lage gefuͤhlt hätte: Niemanden ſich anſchließen zu koͤnnen iſt ſo viel, als nicht da ſeyn! en eine en zirt Mangel Iſt er trauriger ige Ab⸗ nd Por⸗ Grafen, ie faden h, wie mir ge⸗ Leben!“ em Gl⸗ den ſich ſchn! Einundzwanzigſtes Kapitel. Hinweg mit dir! Aus meinen Augen! Die Erde ſon dich bergen! Makbeth De traurige Oede des Winters und Schnees herrſchte nun in ihrer ganzen feierlichen Duͤſterheit. Die Na⸗ tur rings umher war in ein gemeinſchaftliches Gewand gehuͤllt. Weder Himmel noch Erde boten dem muͤde werdenden Auge eine Abwechſelung dar. Kein Laut ließ ſich hören. Alles war eins und daſſelbe, alles todt. Es war, als ob der Puls des Lebens ſtill ſtaͤnd, der Strom der Zeit gefroren waͤre. Wenn einmal ein Ton das traurige Schweigen rings umher unter⸗ brach, war es jener duͤſtere Wiederhall, der die mit Duͤnſten geſchwängerte dicke Luft bezeichnete. Ger⸗ truden entſfiel der Muth unter der erſtickenden Finſter⸗ niß rings umher.„Wirkliches Leiden,“ dachte ſie, „muß dieſem Stocken aller Freuden vorzuziehen ſeyn.“ Gegen Abend, an einem Tage, an dem der Schnee in einem fort gefallen war, aber nun etwas nachließ, ſtand Lord Roßville am Fenſter des Zimmers. Er betrachtete den Zug der Wolken und prophezeihte eine 192 Veraͤnderung des Wetters. Plötzlich that er einen lauten Ausruf, der die ganze Familie an ſeine Seite rief. Ein ſchwarzer, großer Koͤrper, den man kaum in der Dunkelheit unterſcheiden konnte, bewegte ſich lang⸗ ſam nach dem Schloſſe auf der Anfahrt heran. Was er aber eigentlich war, konnte man wegen des Schnee⸗ geſtobers immer noch nicht beſtimmen. Plotzlich hort es mit Schneien auf. Die Wolken zertheilen ſich, ein rother, glänzender Strahl der Abendſonne faͤllt auf das bewegliche Ungeheuer, und man erkennt nun— einen ſtattlich aufgeputzten Leichenwagen. Wie er ſich ſo den Weg durch die Schneemaſſe bahnte, mit ſeinen geſtickten Todtenkopfen, die in der bleichen Abendſonne nickten und grinzten, und wie ſein ſchwar⸗ zes Behänge gegen den weißen Schnee abſtach, machte einen eben ſo maleriſchen, als erſchreckenden Eindruck⸗ Alle ſtanden vor Staunen und Verwunderung wie eingewurzelt. Endlich kam das Wunderding ganz nahe. Zwei Leute zu Pferde folgten. Es fuhr vor dem Schloſſe auf, die Dienerſchaft des Grafen ſam⸗ melte ſich rings herumz einer von den zwei Reitern offnete die kleine Thuͤr— den Eingang zu dieſer Schwelle des Todes. „Was— was iſt denn—“ rief der Graf angſtlich und ſuchte das Fenſter aufzumachen, um der Dienerſchaft zuzurufen. Aber das Fenſter war ver⸗ quollen. Ehe Se. Herrlichkeit ein anderes Mittel anwenden konnte, kehrte ſich Dero Zorn von dem Lod nam ſihl ſchei Ann blieb zu nem und duß Kor No mili len duf und man könn der wuß mith Nonz ſhp genb nom lich Gra U tt raf der tel m 193 Todten zu den Lebenden, denn nicht ein lebloſer Leich⸗ nam ward herausgefoͤrdert, ſondern die queckſilberne, fuͤhlende, lebende, nur manchmal hochſt zur Unzeit er⸗ ſcheinende Geſtalt der— Miß Pratt. Jedes der Anweſenden rief laut auf. Nur Lord Roßville's Zunge blieb am Gaumen gefeſſelt. Umſonſt ſuchte er Worte zu finden, wie ſie zu dieſem Ereigniß paßten. Ob man einer Ladung des Leichenwagens in ſei⸗ nem Schloſſe die Aufnahme geſtatten duͤrfe, war an und fuͤr ſich eine ſo ſchwer zu beſtimmende Frage, daß ſie in dieſem Augenblicke jede ſeiner Geiſtes- und Korperkraͤfte uͤberwältigte. Gewiß wurde es eine harte Maßregel geweſen ſeyn, einem Mitgliede aus der Fa⸗ milie, einer Verwandtin von ſeiner Seite, von ſo vie⸗ len edlen Familien die Aufnahme zu verweigern. Doch auf der andern Seite ſo alle Schicklichkeit zu verletzen und dergleichen doch gut zu heißen, zu dulden, daß man ſo die Lebenden aus den Augen ſetze, vergeſſen könne, was den Todten gebuͤhre, Jemanden zuzulaſſen, der eben aus dem Leichenwagen gekommen ſey? Wer wußte denn, welche anſteckende Krankheit Miß Pratt mitbringe? Der letztere Einfall aber entſchied die ganze Sache. Se. Herrlichkeit drehte ſich um, ge⸗ ſchwind nach der Klingel zu greifen, allein in dem Au⸗ genblicke hatte ihn Miß Pratt bei den Händen ge⸗ nommen. Vom Blitze getroffen werden iſt wahrſchein⸗ lich nur ein ſchwacher Vergleich, wenn man, was der Graf jetzt bei dem Druck der Holdſeligen fuhlte, dage⸗ M. 13 1½ gen hält. Alle ſeine Faſſung floh bei ihrem kräftigen Schuͤtteln der Hand. „Nun, Mylordchen, was denken Sie denn von meinem Reiſewagen?— Von meiner Jeruſalems⸗ Kutſche, wie Antonius Whyte das Ding nennt? Weiß Gott, Sie muͤſſen große Stuͤcke auf mich hal⸗ ten! Das war eine ſchoͤne Afſaire, hierher zu kom⸗ men! Ich kann wohl ſagen: Durch Dick und Duͤnn bin ich gewatet, Sie zu ſehen! Wahrhaftig, einmal dacht' ich doch, Sie wuͤrden mich nur im Sarge wie⸗ derſehen! Nun, Gott ſey's Dank geſagt:'s iſt blos im Leichenwagen! Na, ich bin wohl zuerſt auf den Gedanken gekommen, es fuͤr ein Gluck zu halten, wenn man da ein Plaͤtzchen findet. Aber huͤbſcher iſt es noch, wenn man wieder munter und geſund heraus iſt! Ha ha ha!“ „Miß Pratt!“ ſtohnte der Graf und ſeine Bruſt ſchien hier wie durch einen Hebebaum geluͤftet zu werden. „Ach, Sie ſollen alles kurz und klein hören! Ich muß Sie nur erſt bitten, daß Pferd und Wagen fuͤr die Nacht untergebracht werden.'s iſt keine Mög⸗ lichkeit, noͤch einen Schritt zu fahren. Ich habe es auch den Leuten verſprochen, daß, wenn ſie mich gluͤck⸗ lich hetbrächten, ſie bei Ihnen ein gutes Nachtquartier ſinden ſollten. Die armen Leute, die!“ Ein ſolches Verſprechen ging nun vollends uͤber ae Belechnungen des Grafen. Seine Worte ſteckten nun in der Kehle, wie Kieſelſteine. Er ſtrebte und . ſir kec In gew ben ſch in bes wi — —2 au der wi nn 195 ſtrebte umſonſt, ſie in die Höhe zu bringen und den kecken Kinnladen der Miß Pratt entgegenzuwerfen. In der That wuͤrden alle gewöhnlichen Worte, jede gewöhnliche Sprache, ſeinem Zwecke nicht genuͤgt ha⸗ ben. Nur eine maͤchtige, Schrecken einflößende Be⸗ ſchwoͤrungsformel, ein Zauberſpruch, eine Rede, die ſie in die Erde finken ließ, die ihr die Geſtalt eines Wei⸗ bes geraubt und dafuͤr die eines Inſekts gegeben haͤtte, wuͤrde dem, was er fuͤhlte, entſprochen haben. In⸗ deſſen aber Se. Herrlichkeit ſo kaͤmpfte, als ob Sie der Alp druͤckte, um etwas zu ſprechen, rief Miß Pratt einem der eintretenden Bedienten zu: „Jackſon, ſey Er mal ſo gut und ſehe er nach den Leuten unten, daß ſie ordentlich verſorgt werden! Biſchoff wird doch den Pferden ein gutes Futter ge⸗ ben? Den armen Thieren! Und—“ „Miß Pratt!“ brach endlich der Graf heraus. „Miß Pratt— dieſes Benehmen von Ihnen iſt ſo außerordentlich, und hat ſo wenig ſeines Gleichen in der Natur, daß—“ „Ja, da haben Sie wohl recht, Mylordchen! Nicht ſeines Gleichen! Ach, wenn Sie erſt alles wuͤßten!“ „Acht Pferde ſind's und vier Menſchen?“ ſagte hier Lady Eliſabeth, die ſich ein ſtilles Vergnuͤgen ge⸗ macht hatte, alle zu zaͤhlen.„Wer iſt denn begra⸗ ben worden?“ „Je, der große Branntweinbrenner Schnapps⸗ mann! Herr Jeſus, ich bin ihm vielen Dank ſchul⸗ 13* 196 dig! Wenn der arme Mann nicht begraben worden wäre, mußte ich geradewegs erfrieren.“ Miß Pratt zog hier die naſſen Ueberſchuhe aus und drehte die Fuͤße dem Feuer zu. „Miß Pratt!“ rief der Graf aufs neue, alle Kraͤfte zuſammennehmend.„ Es iſt mir eben ſo un⸗ begreiflich, als unerklaͤrlich, wie Sie, oder ſonſt Jemand, möglicherweiſe das, was Sie ſich ſelbſt und mir ſchuldig ſind, in dem Maße vergeſſen können, in mein Haus auf eine ſo noch nie dageweſene, ſo un⸗ verantwortliche, ſo platterdings nicht— nicht— nicht zu rechtfertigende Weiſe zu kommen. Ich ſage, wie iſt dieſe Anmaßung zu— zu— zu—“ Miß Pratt aber lachte gerade weg und unter⸗ brach ſeine wohlgeſetzte Rede: „Mein gutes Grafchen! Nehmen Sie mir's nicht uͤbel! Aber ich muß lachen! Sie reden von An⸗ maßung. Nun ja, im Leichenwagen fahren! Das kann ſich mancher herausnehmen duͤrfen und er thut's doch nicht! Ich ſage Ihnen, ich fuͤhlte mich demuͤthig genug, als ich hineinkroch!“ „Anmaßung iſt es! wiederhole ich nochmals!“ rief der Graf, der nun glücklich in den Strom der Beredſamkeit gekommen war.„Anmaßung iſt es, in mein Schloß Pferde und Wagen und Leute von — von— von der traurigſten Vorſtellung zu bringen! Anmaßung iſt es, zu erwarten, daß ich dem Leichen⸗ wagen von dem Schnappsmann, dem Branntwein⸗ brenner, dem demokratiſchen Branntweinbrenner, Ble dig! Na her Je den ſieht nicht weil gefü moch mach Ehrf cher Fal woh ht 12 a5 197 mit acht Pferden und vier Leuten erlauben werde, das Schloß Roßville in— in— in eine— eine Schenke, eine— eine Carawanſerie der niedrigſten Art, in eine — eine Kneipe, eine— eine Remiſe fuͤr Wagen zu verwandeln, welche zum niedrigſten, widrigſten, unan⸗ genehmſten Zwecke dienen!— Jackſon, ſag' Er den Leuten, daß ſie, ohne einen Augenblick länger zu wei⸗ len, mit ihrem Wagen und Pferden meinen Grund und Boden verlaſſen!“ „Herr Jeſus! Mein guter Lord Roßville!— Bleib' Er mal hier, Jackſon!— Gott ſey mir gnaͤ⸗ dig! Sie werden doch nicht die Menſchen in ſolcher Nacht preisgeben? Je, ſehen Sie doch, wie's gerade herunterfaͤllt! Und der Himmel iſt ſchwarz, wie Pech? Je Menſchen und Vieh können ja die Nacht nicht den Weg finden?— Jackſon, ich weiß gewiß, Er ſieht's auch ein, daß ſie in ſolchem Wetter den Weg nicht finden koͤnnen!“ Jackſon hatte, wie ſeine Herrſchaft, die Lange⸗ weile während dieſer Witterung in hinreichendem Maße gefuͤhlt, und der Gedanke, daß Fremde da waren, mochten ſie ihm auch an Rang und Stand nachſtehen, machte ihm Freude. Er pflichtete daher mit gehoͤriger Ehrfurcht der Behauptung von Miß Pratt bei, ohne aber viel auszurichten. „In jedem Betrachte, und was auch immer der Fall ſeyn moͤge,“ erklaͤrte der Graf,„koͤnnen ſie doch wohl und müͤſſen ſie die Straße zuruͤck, auf der ſie gekommen ſind!“ 198 „Je nun, da konnten ſie eben ſo gut heimfliegen, als fahren! Na, einen ſchoͤnen Flug haͤtten ſie zu machen! Ich wollte nur, Sie hatten's mit ange⸗ ſehen. Bis an den Bauch wateten die Pferde manch⸗ mal im Schnee, und jetzt ſchneit's noch zehnmal aͤr⸗ ger! Nun, uͤberlegen Sie doch mal ſelbſt, ob ſie in der Nacht noch drei Stunden zurückfahren können!“ Hier trat Jackſon wieder herein und berichtete, wie die Leute des Leichenwagens eine halbe Stunde, und mehr noͤch, unter dem Verſprechen umgefahren wären, hier Nachtquartier zu finden; es ſey nun un⸗ moͤglich, fortzukommen!“ „Das wäre eine ſchone Hiſtorie, wenn ich da in einen Prozeß verwickelt wuͤrde!“ rief Miß Pratt in großer Beſturzung, als der Graf ſeinen Befehl wie⸗ derholen wollte.„Na, das wird eine ſaubere Erzaͤh⸗ lung in der Grafſchaft geben! Das ſag' ich Ihnen!“ Delmour war hinabgegangen, die Sache zu un⸗ terſuchen. Er kam eben herein und bemerkte, daß man es fuͤr eine nicht populaͤre Maßregel halten werde. Beſ⸗ ſer ſey es, die Leichenbegleitung des Herrn Schnapps⸗ manns in der Nacht unterzubringen, ihr aber ſtrenge anzubefehlen, mit der Daͤmmerung fortzufahren. Der Graf ſtimmte denn dieſer Meinung, obſchon mit groͤß⸗ tem Widerwillen, endlich bei. get tin zu Gle ein Ge Be ſ gen 199 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Raſch tritt der Tod den Menſchen an, Es iſt ihm keine Friſt gegeben. Es ſtürzt ihn mitten in der Bahn, Es reißt ihn fort vom vollen Leben! Bereitet oder nicht zu gehen— Er muß vor ſeinem Richter ſtehen! Schiller. Miß Pratt hatte ihren Zweck erreicht, ſich ſelbſt aber getrocknet, gewaͤrmt, ausgefuͤttert und auf alle Art ge⸗ haͤtſchelt. Jetzt fing ſie denn nun an, ihre Abentheuer zu erzaͤhlen, welche, wie ſie ſelbſt ſagte, nicht ihres Gleichen hatten. Es giebt indeſſen zweierlei Arten, eine Sache zu erzaͤhlen, und ſo iſt auch Miß Pratts Geſchichtsſchreiber und ſie ſelbſt keinesweges uͤber die Beweggruͤnde einerlei Meinung, welche ſie zu einem ſo außerordentlichen Wagſtuͤck beſtimmten. Miß Pratt behauptete, in Skinflint aͤußerſt an⸗ genehm gelebt und außerſt freundſchaftliche Behand⸗ lung gefunden zu haben. Aber da ſey ihr ſo eine Sehnſucht angekommen, ihre guten Freunde in Roß⸗ ville zu ſehen. In der Nacht zuvor habe ſie einen 200 großen Traum von ihnen gehabt und nun nicht ruhen koͤnnen, bis ſie dieſelben alle erblickt hätte. Sie hätte die Kutſche in Skinflint genommen und ſey mit Le⸗ bensgefahr fortgefahren, aber die Pferde wären im Schnee ſtecken geblieben. Dagegen berichtet ihr Geſchichtſchreiber, daß Miß Pratt auf ihren Wanderungen in Skinflint eingekehrt ſey, welches ihr aber nur immer als eine Art Wirths⸗ haus, nicht als bleibende Stätte galt; der Schnee und Sturm habe ſie indeſſen in dem kleinen Hauſe, das voll Kinder war, die an Maſern, Keuchhuſten, Schar⸗ lachfieber krank lagen, eine Woche zuruͤckgehalten. Kurz, es war hier ein Plätzchen fuͤr die uns wohlbe⸗ kannte Miß Becky Duguids, und man war dieſer ſo benöthigt, daß die Familie den Entſchluß faßte, ſie eigends im Wagen holen zu laſſen, zumal da man die Hoffnung hatte, auf dieſe Weiſe Miß Pratt los⸗ zuwerden. Der Weg fuͤhrte nämlich nach Roßville, und ſie konnte wohl die Gelegenheit zur Abreiſe be⸗ nutzen. Ein Paar ſteife, verhungerte, alte Pferde wurden vor die ſchwere Familienkutſche geſpannt, und trotz dem Sturme ſetzte ſich Miß Pratt freudig hin⸗ ein. Aber ihre Lage war auch ganz zum Verzweifeln. Es war ihr zu verſtehen gegeben worden, daß der kleine Junge, der den Keuchhuſten habe, ganz in ſie vernarrt ſey und bei ihr ſchlafen wolle. Sie hatte ihm nämlich in einem ungewöhnlichen Anfalle von Großmuth einen Pfefſerkuchen mitgebracht. man aus voll wir 201 Die alten Pferde trabten mannhaft auf dem Schneepfade fort, bis ſie an eine Hohlung kamen, wo alle ihre Anſtrengungen ſcheiterten. Es blieb, nach⸗ dem alles vergeblich gethan war, dem Kutſcher und Miß Pratt nichts uͤbrig, als abzuſpannen, die Pferde zu beſteigen und nach der nächſten Wohnung zu rei⸗ ten. Aber der Schnee fiel immer dicker und dicker. Miß Pratt konnte nicht auf dem bloßen ungeſattelten, ſteifen, magern Ackergaule ſitzen. Jede Bewegung drohte ſie herunter zu werfen oder zu Brei zu ſtoßen. Ihr muthiger Geiſt erlag doch dem Schrecken dieſer Noth, als ſie, eben wie ſie daruͤber jammerte, zum guten Glucke den Leichenwagen kommen ſah, gezogen von ſechs ſtarken Pferden, die in Schnappsmanns reichlich gefuͤlltem Stalle zwei Tage bei Heu und Haber ſich guͤtlich gethan hatten. Nach kurzer Un⸗ terhandlung und vielen Verſprechungen ließen ſich dieſe Leute, da ſie keine Ladung hatten, bereden, einen Nebenweg einzuſchlagen und Miß Pratt in Roßville's Schloß abzuſetzen. Indeſſen dieſe Erzaͤhlung vermochte doch nicht, den Aufruhr in des Grafen Bruſt zu ſtillen. Einen Leichenwagen, den des Radikalen, des Schnapps⸗ manns, in ſeinem Hauſe zu haben, war ihm ein un⸗ ausſtehlicher Gedanke. Der Tod in ſeiner wuͤrde⸗ vollſten Geſtalt, mit allen ſeinen ſtolzen Trophaͤen, wuͤrde ihm ein furchtbares Schauſpiel geblieben ſeyn. Jetzt kam er nun gar in gemeiner, faſt burlesker Form, und war nun ganz unerträglich. Der Tod mag ausſehen, wie er will, ein häͤßliches Ding bleibt er immer. Der Koͤnig der Schrecken giebt erſt an⸗ dern Dingen die Macht zu ſchrecken. Das Rollen des Donners, das Leuchten des Blitzes, das Beben der Erde, das Bruͤllen der Wogen— alles dies wird erhaben und fuͤrchterlich durch— den Tod. Sie alle aber ſind nur Werkzeuge ſeiner unwiderſtehli⸗ chen Macht. Vor ihren und auch vor ſeinen gewöhnlichen Dienern glaubte Lord Roßville ſicher zu ſeyn. Da⸗ gegen hatte ſich ſeiner eine heimliche Furcht bemäch⸗ tigt. Er konnte ſich nicht einer Reihe von Vorſtel⸗ lungen erwehren, die rege geworden waren, ſeitdem er in ſo ſchrecklichem Gewande den Todeswagen uͤber ſeine Schwelle fahren ſah. Er brachte die Nacht ſchlaflos hinz er dachte an das, was das Land ſagen und was er den Leuten ſagen werde; er uͤberlegte, ob es ſich wohl rechtfertigen ließ, wenn er Miß Pratt auf ewig aus dem Hauſe wies. Als der erſte Morgenſchimmer da war, klingelte er und fragte, ob der Leichenwagen fort ſey. Eine Menge in der Nacht neugefallenen Schnees hatte aber Schloß und Wagen in eine Art Belagerungszuſtand verſetzt. Er ſtand auf und offnete das Fenſter, um zu ſehen, ob dies auch wahr ſey. Man konnte nichts vor dem Schneegeſtober unterſcheiden. In Schlaf⸗ rock und Pantoffeln ging er daher ſelbſt hinunter. Nh ſch ſonde einka Leiec da, 203 Richtig; der Schnee lag ſechs Fuß hoch. Er legte ſich wieder ins Bette, aber nicht um zu ſchlafen, ſondern, als der Kammerdiener nach einiger Zeit her⸗ einkam, fand er ſeinen Herrn als— entſeelten Leichnam. Woher der Tod?— Wer kann es ſagen? Iſt er da, ſo frage Niemand:„Woher und Warum?“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. und fühl' ich, Tod, nicht Freude, dein gedenkend? Young. Gertrude war nun— Gräfin von Roßville. Wie oft hatte ihr Herz bei dem Gedanken daran ge⸗ huͤpft! Das Leben und der Tod eines Menſchen, an den uns keine Bande der Liebe feſſeln, ſcheinen uns unbedeutende Dinge, ſobald wir blos an das Seyn und Nichtſeyn denken und der Tod mit ſeinen furcht⸗ baren Bildern nicht unſern Sinnen ſelbſt entgegentritt. Aber wie duͤſter, wie feierlich erſcheint uns das gänz⸗ liche Verloͤſchen der Menſchheit, wenn wir Zeugen des letzten Kampfes, ſelbſt bei ganz Fremden, ſind! Als die junge Gräfin die kalte Huͤlle ihres On⸗ kels ſah, vergaß ſie alle Traͤume der Eitelkeit. Von wahrhafter Traurigkeit ergriffen, weinte ſie, wenn ſie dachte, wie viel ſchmerzlichen Verdruß, welche Unruhe und Sorge ſie dieſem, nun lebloſen, nichts mehr füͤh⸗ lenden Manne verurſacht habe. Ach, wie bitter ſind die Beweiſe, die zu uns von den Lippen der Todten Wer ſam ſtat das wire Ein nicht aufge Rarb fol icht lege Lu ſchw biel le. an uns hn ht⸗ itt. n⸗ des n⸗ zon uhe ſn Mn 205 ſprechen! O, daß der Lebende die zu ſpäte Reue fruͤher geahnt haͤtte! Tadeln konnte ſich Gertrude nicht. Aber Kum⸗ mer machte es ihrem warmen, unverſtellten Herzen, daß ſie je das bleiche, friedliche, nun vor ihr liegende Bild gekraͤnkt habe. Doch Thraͤnen, noch ſo ernſtlich vergoſſen, werden oft umſonſt geweint! Es bleibt vom Flug der Voͤgel keine Spur zuruck, Die Fluth verraͤth des Schiffes Lauf nicht unſerm Blick; In unſerm Herzen bleicht des Todten Bild. Wenn nämlich das letztere nicht durch der Liebe Bal⸗ ſam aufbewahrt wird. Das Leichenbegängniß fand mit aller der Pracht ſtatt, die, konnte irgend etwas Irdiſches dies bewirken, das ſtarre, kalte Auge des Todten verklärt haben wuͤrde, waͤre es Zeuge davon geweſen. Der Graf hatte keinen letzten Willen hinterlaſſen. Ein fruͤher von ihm entworfenes Teſtament war ver⸗ nichtet; ein anderes, von ganz anderem Geiſte, bereits aufgeſetzt, wuͤrde, waͤre er am Leben geblieben, aus⸗ gearbeitet worden ſeyn. Lady Roßville ſollte, ihm zufolge, gänzlich enterbt werden, in ſo fern ſie ſich nicht mit Robert Delmour vermaͤhlte. Gertrude wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als eine Ge⸗ legenheit, mit dem Letztern ſich verſtaͤndigen und eine Taͤuſchung beendigen zu koͤnnen, mit der er offenbar ſchwanger ging. Allein in ſeiner Unterhaltung war ſo viel ſteife Höflichkeit, ſo wenig Feuer der Leidenſchaft — wahrzunehmen, daß ſie wohl fuͤhlte, es ſey einer Vor⸗ eiligkeit aͤhnlich, falls ſie ihn als Anbeter zu betrach⸗ ten, den Schein annähme. So ſah ſie ſich genothigt, ſeine kleinliche, zärt⸗ liche Aufmerkſamkeit zu dulden. Aber ganz uner⸗ wartet ward ſie ganz ſchnell davon befreit. Einige Tage nach dem Leichenbegäͤngniſſe kam namlich ein Bote mit der Nachricht an, daß Robert Delmours Vetter, der Marquis von Haslingden, an einem zerriſſenen Blutgefaͤße geſtorben ſey und ihn zum Erben aller Guͤter eingeſetzt habe. Seine Gegenwart war an Ort und Stelle nöthig. Augenblicklich traf er Anſtalten zur Abreiſe, doch vor derſelben ſuchte er um eine Unterredung mit Lady Roßville an, um ihr ſein Bedauern auszudrüͤcken, ſie in ſo einem Augen⸗ blicke zu verlaſſen, und ihr die Verſicherung zu geben, daß er wiederkomme, ſo geſchwind die traurigen Um⸗ ſtände, die ihn abriefen, es erlauben wuͤrden. Er aͤu⸗ ßerte zugleich die Hoffnung, daß ſeine ſchone Baſe die Abſichten des beklagten, verſtorbenen Onkels erfullen, die Achtung fuͤr die Wuͤnſche des Todten darthun und die Hoffnung des Lebenden kronen werde, ſo bald es der Anſtänd erlaube. Gertrude hatte ſo lange auf dieſe Gelegenheit, ſich zu erklaͤren, gewartet. Aber jetzt fuͤhlte ſie doch, was jedem zarten Herzen in gleicher Lage bemerklich werden muß, daß es ein häßliches, peinliches Ding iſt, Jemandem ins Geficht zu ſagen: e die illen, und des doch cklich Hinh Ich liebe, Häͤnschen, ich liebe dich nicht: Warum? Mein Haͤnschen, das frage mich nicht! Doch lieb' ich, mein Haͤnschen, ich liebe dich nicht! Denn, mag man das Ding ausdruͤcken, wie man will, in der Hauptſache liegt es jedem Körbchen zum Grunde. Geſagt mußte es indeſſen ſo oder ſo werden. Sich zuſammennehmend, bedauerte ſie daher mit jener Selbſt⸗ beherrſchung, die deutlicher, als Worte, ſpricht, daß ein ſolches Mißverſtändniß ſo lange ſtatt gefunden habe, und verſicherte ihm, daß dem Grafen ihre Ge⸗ ſinnungen laͤngſt bekannt geweſen ſeyenz nur machten dieſe es unmoͤglich, den Abſichten ihres Onkels Ge⸗ nuͤge zu leiſten. So weltklug Delmour war, ſo wenig konnte er bei dieſer Eröffnung ſein Staunen, ſeinen Verdruß bergen! Er hatte ſeine Verbindung mit der Erbin von Roßville ſchon lange fuͤr eine ausgemachte Sache ge⸗ halten, ſie immer als ſeine beſtimmte Braut betrach⸗ tet. Zum Gluͤck war ſie ſehr ſchön, bezaubernd, fuͤr die Welt gebildet, und ihm erwuchs daher die Pflicht, artiger, aufmerkſamer, als gewoͤhnlich, zu ſeyn. Und jetzt, in dem Augenblick, wo er die Hand ausſtreckte, den Preis zu ergreifen, ſah er, daß er, wie ein zweiter Irion, nur nach einer Wolke haſchte. Mochte er aber auch bei dieſer Gelegenheit fuͤh⸗ len, was er wollte, ſo beſaß er doch zu viel Stolz, uimn mehr, als Staunen, uͤber das! wirklich häßliche und unbegreifliche Mißverſtändniß zu ͤußern, welches beide Theile zu ſo einer unangenehmen Erklärung genöthigt habe. Daß Gertrude durch ihre veraͤnderte Lage ihre Geſinnung zu verändern beſtimmt worden ſey, konnte er ihr nicht Schuld geben. Seine Gluͤcksumſtände waren jetzt glaͤnzender, als im Anfange ihrer Be⸗ kanntſchaft. Doch ſah man, wie er von ihr ungerecht behandelt zu ſeyn glaubte, und ſo ſagte er ſehr kalt und ſteif ein Lebewohl. Als Gertrudens Mutter von dem ihm gegebenen Korbe Kunde erhielt, war ihr Zorn nicht minder hef⸗ tig, als unerklaͤrlich. „Du biſt zu meinem Ungluͤck geboren!“ war ihr erſter Ausruf.„In der Lage, worin Du jetzt biſt, eine Verbindung mit dem Manne zu verſchmähen, der Dich gegen die Möglichkeit— Du weißt nicht, was Du gethan haſt! Thorin, die Du biſt!“ Mit verſtoͤrtem Blicke ging ſie im Zimmer auf und nieder. Gertrude war an ihr wunderliches Weſen zu ſehr gewöhnt, um darauf beſonderen Werth zu legen. Sie ließ ſchweigend den Sturm voruͤberziehen. Indeſſen wie gewöhnlich bei ungerechtem Zorne gerieth auch der ihrige auf ſolche Abwege, und aͤußerte ſich in ſo mancherlei Geſtalt, daß es umſonſt geweſen waͤre, dieſem Labyrinthe ihrer uͤblen Laune nachſpuͤren zu wollen. Madame St. Clair blieb in der That ein nicht leicht zu loͤſendes Räthſel. Sie war nicht Heuch⸗ lerin genug, um zu behaupten, daß ſie uͤber des Gra⸗ fen Tod untroſtlich ſeyz man ſah aber doch deutlich, daß ſie auf nicht gewöhnliche Art davon erſchüttert wurd man 6ht ſchie zu he duß Inn wan Imn eine higt ihte nnte inde Be⸗ echt kalt enen hef⸗ 209 wurde. Daß ihre Tochter ſo hoch ſieige, war ſo manches Jahr hindurch der einzige Gegenſtand ihres Ehrgeizes geweſen. Jetzt war das Ziel erreicht und ſchien— den ganzen Werth in ihren Augen verloren zu haben. Es ſchien nichts bei ihr zu bewirken, als daß ſie heftiger, reizbarer, launenhafter wie je auftrat. Immer blieb ſie auf ihrem Zimmer; unter dem Vor⸗ wande von Kränklichkeit ließ ſie Niemanden zu ſich. Immer unruhig, mißvergnugt, zeigte ſie, daß irgend eine geheime Angſt auf ihrer Seele laſte. * 1 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „ . —————— Lzebe! Es iſt kein Geiſt auf Erden, der mit, ſolcher Täuſchung wirkt. BAn Johnſon. —. * Wo ein Teſtament fehlt, müſſen Viele, die dalauf warteten, getäuſcht werden. Niemand fühlte wehl bei dem jetzigen Vorfalle deshalb mehr Verdruß, als Miß Pratt. Zwar war ſie mit dem Grafen ziemlich von gleichem Alter. Aber, viel lebhafter und lebendiger, hatte ſie ſich immer fuͤr mindeſtens zwanzig Jähre juͤnger gehalten, und in ihrem Kopfe ſtand es döher feſt und ſicher, er muͤſſe lange vor ihr ſterben. Da ſie erſt die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte⸗ daß er ihr ein kleines Legat ausſetzen werde, ſo knuͤßfte ſie nachher gar bald die Wahrſcheinlichkeit daran er werde ihr ein recht huͤbſches vermachen und endlich loͤſte ſich jeder Zweifel in die ausgemachtt Gewißheit auf, wie er ihr ſeiner Ehre wegen etwas Anſehn⸗ liches teſtiren werde. Um ihr aber Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laſſen, muͤſſen wir bemerken, daß ſie dicht ſow An jih Gei geſt Ha abz Teſ unt alnf bei Miß en Jähre düher Da in ßfte et ndlih ißhet ihn⸗ tni⸗ ſicht 211 ſowohl ſelbſt reicher zu werden, als vielmehr ihrem Antonius Whyte mehr zu hinterlaſſen wuͤnſchte, denn dieſer war, meinte ſie, bei ſeinen dreitauſend Pfund jaͤhrlicher Einkuͤnfte genug in der Klemme. Miß Pratt konnte ſich daher gar nicht mit dem Gedanken verſohnen, daß der Graf ohne Teſtament geſtorben ſey. Den ganzen Tag brummte ſie im Hauſe herum und aͤußerte ihr Erſtaunen, das, ſtatt abzunehmen, immer größer zu werden ſchien: wie das Teſtament— denn es muͤſſe eines daſeyn— fehle; und in der Nacht träumte ſie, es ſey gefunden wor⸗ den!„Das Teſtament wuͤrde ſich ſchon noch finden!“ ſagte ſie.„Niemand habe den armen Lord ſo gut gekannt, als ſie. Wie Bruder und Schweſter hatten beide miteinander gelebt! Niemand, der den edlen, wohlwollenden Mann gekannt habe, werde glauben, daß er aus der Welt ſcheiden und alles Kopf uͤber, Kopf unter gehen laſſen werde. Seinen aͤlteſten Freun⸗ den und nächſten Verwandten nicht einmal etwas zu einem Traueranzuge ausſetzen, ſey ganz unmöglich! Sie wuͤnſchte nur, in ſeinem Schreibpulte ſuchen zu koͤnnen. Da werde ſie bald etwas finden! Und wäre es nur ein Papierchen, ein Briefchen, oder ſonſt et⸗ was, woraus ſich ſeine Meinung abnehmen ließe.“ Gertrude zweifelte nicht im mindeſten, daß von den dazu beauftragten Maͤnnern gehoͤrig nachgeforſcht worden ſey und beſaß zu viel Achtung fuͤr des Grafen Denkungsweiſe, wie er ſie beim Leben geaußert hatte, um der Miß Pratt zu erlauben, ſein Schreibpult nach 14* 212 dem Tode zu uͤberfallenz allein die ſtäten Anſpielun⸗ gen auf ſeinen Schreibetiſch beſtimmten ſie eines Ta⸗ ges, plotzlich, ſowohl dieſen, als einen andern Behaͤl⸗ ter von Papieren ihres Onkels zu unterſuchen. Sie ging zu dem Zweck in des Grafen Zimmer und legte hier die Verlaſſenſchaft des Verſtorbenen mit einem feierlichen Gefuͤhle auseinander, ohne aber eine Spur von einem letzten Willen, oder nur eine Hindeutung dafuͤr, zu finden. Nur Rechnungen und Briefe waren in dem Fache, wo Miß Pratt ihr Gluͤck verborgen waͤhnte. Schon wollte die Grafin ihn wieder zuſchie⸗ ben, als ſie noch ein Packet Briefe anſah. Es war uͤberſchrieben: Correſpondenz mit dem Oberſten Delmour, Privatangelegenheiten betreffend, No. 4. „Waͤre dies wohl,“ dachte ſie,„der Briefwech⸗ ſel, von welchem das Gluͤck meines Lebens abhaͤngt?“ Sie ward bald blaß, bald roth, je nachdem die Furcht oder die Hoffnung ihr Herz ergriff. „Und habe ich denn das Recht, ſo die Geheim⸗ niſſe des Todten zu entwenden?— Iſt es erlaubt? Iſt es der Ehre gemaͤß?“— Sie hielt inne.— „Aber mein Wohl und Weh ſteht auf dem Spiele! — Warum ſollte ich anſtehen?“ Mit zitternder Hand faltete ſie das Conzept zu einem Brief auseinander, den der Graf, wie es ſchien, bei der erſten Entdeckung ihrer Liebe geſchrieben hatte. Er war heftig, ſehr wortreich, und der Inhalt lief darauf hinaus, daß ſein Neſſe aufgefordert wurde, au⸗ ih 9o bei we ien, tte⸗ lif genblicklich allen Anſprüͤchen auf Miß St. Clairs Hand zu entſagen; daß er ihm erlaubte, jedes etwa zwiſchen ihnen beſtehende Verſprechen augenblicklich aufzuheben, bei Strafe, ſich ſein ernſteſtes Mißfallen zuzuziehen. Gertrudens Herz klopfte heftig, als ſie in der ihr wohlbekannten fluͤchtigen, aber huͤbſchen Handſchrift die Antwort des Geliebten erkannte. Sie war kurz, druckte den tiefſten Schmerz aus, ſich ſeines Onkels Mißfal⸗ len zugezogen zu haben, fuͤhrte die uͤbergroße Leiden⸗ ſchaft als einzige Entſchuldigung an, erklaͤrte aber in den beſtimmteſten Ausdruͤcken, daß es ihm unmöglich ſey, den Befehlen Sr. Herrlichkeit nachkommen und den Gegenſtand aufgeben zu können, der ihm theuerer, als ſein Leben ſey. Thraͤnen der Freude entſielen Gertrudens Augen, als ſie ſo ſah, wie entſchieden er ſeine unveränderliche Liebe erklaͤrte. „Wie konnte ich mich ſo erniedrigen und je an ihm zweifeln! Wie unedel war ich da!“ So war ihr erſter Ausruf. In einem Augenblicke des Ent⸗ zuͤckens glaubte ſie, daß die ganze Welt ihr Vertrauen nicht mehr erſchuͤttern koͤnnte. Indeſſen es gab noch mehr Briefe. Der naͤchſte war wieder Copie von einem des Grafen. Er wiederholte zum Theil, was ihr der Onkel ſelbſt geſagt hatte, als er ihr erklärte, daß er ſie enterben und alles Herrn Robert Delmour vermachen wollte. Allein im Briefe war dies noch feſter ausgedruͤckt, noch genauer nachgewieſen. Er ſchloß mit dem Anerbieten, augenblicklich alle Schulden des Neſſen zu bezahlen und ihm zehntauſend Pfund zu teſtiren, ſobald er ſein Wort gebe, niemals Miß St. Clair zu heirathen!“ „Dies iſt die Probe!“ dachte Gertrude. Mit klopfendem Herzen offnete ſie den andern Brief, von der Handſchrift des Oberſten, und las: „Mein theuerer Onkel!“ „Erſt bei meiner Ruͤckkehr am vorigen Abend fand ich Ihren Brief und brachte eine ſchlafloſe Nacht hin, da mir die herzzerreißende Wahl, die Sie mir laſſen, nicht aus dem Sinne kam. Stäaͤnde bloß mein Intereſſe auf dem Spiele, ſe wuͤrde ich nicht einen Augenblick anſtehen. Aber der Gedanke, den angebe⸗ teten Gegenſtand meiner Liebe an den Bettelſtab zu bringen, das Werkzeug zu ſehn, ſie der Guͤter ihrer Ahnen zu berauben und um Ihre Gunſt zu bringen, iſt ſo uͤberwältigend, daß ich mich ganz außer Stand fuhle, gleich zu einem Entſchluſſe zu kommen. Der Himmel weiß, was ich fuͤr ſie dulden koͤnnte! Aber mir wird der Gedanke eine Qual, daß ſie je ſo viel für mich opfern ſollte! Indeſſen ihr auf immer zu entſagen, fuͤhrt mich zur Verzweiflung. So iſt es mir unmoglich, gleich mit einemmale einen Entſchluß zu faſſen, wo das Gluͤck meines Lebens auf dem Spiele ſteht. Erlauben Sie mir guͤtigſt, einige Tage daruͤber nachzudenken, und glauben Sie mir, daß es mein ernſtlichſter Wunſch iſt, Ihnen auf allen möglichen Wegen gefaͤllig zu ſeyn. Mein Rehiment ſoll eben nach Gibraltar abgehen, allein ich hoſſe, daß der Obriſt⸗ lieu und vli ich den den ſih daß Se Fund Miß Mit von lbend icht mir mein einen gebe⸗ b zu gen, tand Der Aber biel zu es hluß piele ruͤber mein ichen eben 21¹5 lieutenant Brookes das Commando uͤbernehmen wird und ich die Erlaubniß bekomme, jetzt in England zu vleiben. Sie werden ſogleich von mir horen, wenn ich zu dem Entſchluſſe reif bin, den Wuͤrfel entſchei⸗ den zu laſſen. Bis dahin werden Sie alſo wohl je⸗ den weitern Schritt einſtellen und uͤberzeugt ſeyn, daß ich, theuerſter Onkel, ſtets ſey ꝛc. N. S. Auf meine Verſchwiegenheit können Sie ſich verlaſſen, und ich bin mit Ihnen einverſtanden, daß es beſſer iſt, wenn Robert jetzt mit der ganzen Sache unbekannt bleibt.“ Hier war nun fuͤr das edle Vertrauen und Herz der Grafin ein Zeugniß, ſtark, wie das der heiligen Schrift! „Ja! Ihretwegen trug er Bedenken! Ihres Gluͤcks wegen war er verſucht, das ſeinige zu opfern! — Ach, wie wenig kannte er ſie, wenn er glaubte, daß Reichthum und Größe je mit ſeiner Liebe aufge⸗ wogen werden konnten! Dieſe war der einzige Schatz ihrer Seele, dies die Perle von Werth! Das Ue⸗ brige— war es mehr als Plunder? Was galt ihr Stand und Reichthum ohne Liebe? Doch beide mit dem Gewählten ihres Herzens zu theilen— ſie dem Geliebten zu ſchenken— o, das war ſeliges Vor⸗ recht! Bei dem Gedanken glänzte ihr Auge, wie der erſte Strahl der goldnen Morgenröthe! Voll Ungeduld, die Ehre des Geliebten zu raͤchen, cilte ſie in der Mutter Zimmer. Sie fand ſie in der Stimmung, welche dieſelbe ſeit des Grafen Tode ſo 216 oft zeigte: Am Schreibtiſche— den Kopf auf die eine Hand geſtuͤtzt, in der andern eine Feder, nachden⸗ kend, wie ſie einen Brief beginnen wollte, von dem aber noch nichts zum Vorſchein kam. Mit gluͤhenden Wangen, mit vor Freude und Entzucken funkelnden Augen gab ihr Gertrude die Vriefe. „Leſen Sie, Mama!“ ſagte ſie jauchzend, und wenn Sie je einen Zweifel gehabt haben, ſo muͤſſen Sie nun zufriedengeſtellt ſeyn. Madame St. Clair nahm— las— ſchlug die Papiere wieder zuſammen und antwortete mit ſpötti⸗ ſchem Lächeln: „Ja, allerdings, meine Zweifel ſind vernichtet.— Ich weiß nun gewiß, was ich lange vermuthete: Oberſt Delmour liebte Dich gleich vom erſten Augen⸗ blick an als Erbin von Roßville, und ohne Zweifel wird er Dich als Graͤfin anbeten!“ Gertrude war ganz betäubt. Ihre Mutter fuhr fort: „Mir iſt es klar— fuͤr Jedermann, der bei Sinnen iſt, wird es klar ſeyn, daß ſein Kampf hier bleß vom Selbſtvortheil erzeugt wird! Wie viele an⸗ dere Leute zweifelten, ob Lord Roßville auch wirklich das Recht hatte, Dich zu enterben. Er umgeht alſo die ſtreitige Frage, bis dieſer Punkt ausgemittelt iſt. Er wuͤrde ja ſein Recht fuͤr ein Linſengericht hingege⸗ ben haben, verzichtete er auf eine Erbin von zwei und zwanzigtauſend Pfund jaͤhrlicher Einkuͤnfte fuͤr ein er⸗ baͤrmliches Legat von zehn tauſend Pfund uͤberhaupt und auf Ro war geh bed neh wo nic zw 9e9 der gur blo OQ bet ſtu etn den tiefe. und iſſen die tti⸗ bei hiet ſn⸗ klich alſo iſt. e0e und 217 und die Bezahlung ſeiner Schneiderrechnung! Aber auf der andern Seite—“ „Ich mag weiter nichts hören!“ rief hier Lady Roßville mit gluͤhender Wange und als ob ſie gekränkt wäre. Sie nahm die Briefe zuſammen und wollte gehen. „Nein, Gertrude, Du mußt noch mehr hören!“ bedeutete ſie die Mutter und nöthigte ſie, Platz zu nehmen.„Setze Dich und hore mir zu, mit Ruhe, wenn auch nicht mit Achtung.— Unterbrich mich nicht.— Du mußt mich hoͤren!“ Die Tochter ſaß ſchweigend, aber offenbar mit ſich ſelbſt kämpfend. „Ich kann Dich nicht, wie jetzt der Fall iſt, von einem hinterliſtigen Manne ohne Grundſaͤtze be⸗ truͤgen ſehen, ohne mindeſtens es zu verſuchen, die Gefahren Deiner Lage Dir klar zu machen. Frei⸗ lich muß ich wohl ſagen, daß ich faſt daran ver⸗ zweifle, denn ich ſehe, wie Du Deine Augen abſichtlich gegen alles Licht verſchließeſt, das jedem Menſchen, der nicht Sklave ſeiner Verblendung waͤre, Ueberzeu⸗ gung gewaͤhrte! Es iſt klar, wie der Tag, daß Du blos als Erbin von Roßville der Gegenſtand von Oberſt Delmours Liebe biſt. Er ſteht an, den ange⸗ beteten Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft in Armuth zu ſtürzen! Er verzweifelt bei dem Gedanken, Dich der Guͤter Deiner Ahnen zu berauben! O— wer nur etwas den Charakter des Mannes kennt, wird keinen Augenblick zu glauben bedenklich ſeyn, daß er die ganze 218 Welt opfern wuͤrde, koͤnnte er ſeinen Vortheil damit fordern! Gertrude, ich will Dir nicht unnothigerweiſe peinliche Gefuͤhle erregen.— Aber ich halte es fur meine Pflicht, Dich vor den Schlingen zu ſichern, die er Dir legt; warum willſt Du mir mißtrauen? Welchen Vortheil kann ich haben, wenn ich Dich hin⸗ tergehe, liebes Kind?“ „Ich weiß es nicht— ich kann es nicht ſagen! Aber— mißtrauiſch bin ich doch!“ Sie hielt inne und die Mutter ſah und horte es, welch ein Vorwurf darin lag. „Sie haben mich dahin gebracht, willſt Du ſagen.— Mir kannſt Du mißtrauen, Deiner Fuͤh⸗ rerin, Leiterin, Freundin, Deiner Mutter?“— Mi⸗ ſtreß St. Clair's Stimme bebte hier.„Aber einem Manne, der noch vor ein Paar Monaten Dir gänzlich fremd war, kannſt Du nicht mißtrauen!“ „Doch in dieſen wenigen Monaten— was hab' ich da nicht alles gelernt? Genug, um manchmal am Daſeyn meiner eignen Sinne zweifelhaft zu werden! — In jedem Falle mehr als zu viel, um gegen meine Mutter mißtrauiſch zu ſeyn!“ Miſtreß St. Clair errothete. „Mein Gott!“ rief ſie heftig.„Wie forderſt Du mich heraus! Ich will aber keine ſolche Vor⸗ wuͤrfe, keine ſolche Flecken dulden! Freilich kannſt Du, als Gräſin von Roßbille, wohl zu vergeſſen wuͤnſchen, was Du mir, als Deiner Mutter, ſchuldig biſt! Aber ich will mein Recht auf Dich, als meine Tochter, nicht auf imm nicht hin Lau zu belli nicht Ich ken wei als ver Kin Rei Mu alle Po ſp di die Ph amit weiſe für „die ten? hin⸗ gen! Du Fih⸗ Mi⸗ inem lich hab am doh rdenl meine rderſ Por Dr, ſchen, Aber nicht aufgeben! Ich will Gehorſam haben!“— Sie wurde immer heftiger.—„Ich befehle Dir von nun an, nicht mehr an den Mann zu denken!“ „Da befehlen Sie mir etwas, das nicht geſche⸗ hen kann!“ erwiederte die Graͤfin, ihren Thräͤnen freien Lauf laſſend.„O Mutter, warum bringen Sie mich zu ſo grauſamer Wahl! Warum muß ich als Re⸗ bellin, als Ungehorſame erſcheinen? Warum kann ich nicht ſo ſehen, wie Sie, nicht ſo denken, wie Sie? Ich rufe den Himmel zum Zeugen auf, daß ich Ih⸗ nen ſo gern kindliche Achtung und Ehrfurcht be⸗ weiſen moͤchte, aber ich kann— ich kann Ihnen nicht als Sklavin unterthaͤnig ſeyn!“ „Und wo iſt ein Kind, das ſeiner Mutter mehr verdankt, als Du mir ſchuldig biſt? Wo beſitzt ein Kind eine ſolche Erbſchaft— ſolchen Rang, Stand, Reichthum, ſolche Schoͤnheit, ſolche Talente, deſſen Mutter nicht gleich mir zagen wuͤrde, wenn ſie das alles der Habgier eines argliſtigen Mannes ohne Grund⸗ ſätze geopfert ſähe?“ „Weil ich ſolche Vorzuͤge beſitze, ſoll ich dem Vorrechte des ärmſten, niedrigſten Maͤdchens entſagen? — Welchen Werth—“ hier konnte ſie kaum noch ſprechen, ſo ergriffen war ſie—„haben denn alle dieſe Guͤter, wenn ich ſie nicht mit denen theilen kann, die ich Kebe? Lieber wollte ich ſie alle vergeſſen!“— „Als Deiner ſchwachen, verkehrten, kindiſchen Phantaſie entſagen!“ ſchrie die Mutter zornig dazwi⸗ ſchen.„Das iſt nicht auszuhalten! Wie ſoll ich 1 220 Dir nur die Binde von den Augen wegreißen?— ſohz. 3 Wenn Du mir nicht glaubſt, willſt Du dann dem hoben Zeugniſſe Deines Freundes, Deines Rathgebers, Dei⸗ Ihn . nes Platoniſchen Bewunderers, Lyndſay's, trauen?“ Eim „Ich achte und ſchätze ihn, aber ſeine Vorurtheile ſwei 3 laſſ' ich darum nicht gelten!“ ich „Willſt Du der Stimme der Welt glauben?“ ich 15„O, was dieſe ſagt, weiß ich ſchon. Sie wird ende mir erzählen, daß der Oberſt unbeſonnen, unklug iſt, nun nicht Maß und Ziel hält, dumme Streiche macht! nicht 1 O ja, das kann manchmal geweſen ſeyn; aber er ſelbſt wir hat mir es geſagt. So war er einſt, bis— er liebte!“ ſe 16 Die Mutter ſeufzte: „Nun, welch Zeugniß wirſt Du gelten laſſen, ſi wenn Du das meinige, das von Lyndſay, das von der es ganzen Welt verwirfſt?“ Dei 3„Ich laſſe keines gelten!“ verſicherte Lady Roß⸗ bert ville ſanft, aber doch feſt.„Er mag ſich Mißgriſſe, ppät vielleicht ſelbſt Fehler haben zu ſchulden kommen laſſen, 1 daß ich aber an ſeiner Liebe zweifelte, geſchieht erſt, Wi 1 wenn er mir es ſelbſt ſagt!“ den 11„Dann biſt Du verloren!“ rief Miſtreß St. Clair aͤußerſt heftig.—„Doch, Du darfſt— Du daß ſollſt es nicht ſeyn. Du darfſt nicht ohne meine Zu⸗ che ſtimmung heirathen; nicht ohne Zuſtimmung von—“ in ¹ Sie brach hier ab.—„Ich ſage Dir—“ krn „Wenn hier Jemand uͤber mich Gewalt haben be kann, iſt es bloß meine Mutter!“ ſagte Gertrude ver ſtolz.„Sonſt hat und kann Niemand das Recht haben, mich in dieſem Punkte zu leiten!— Ich habe Ihnen ſchon einmal verſprochen, daß ich ohne Ihre Einwilligung keine Verbindung eingehen wuͤrde, bis ich zwei und zwanzig Jahre alt ſey— dies wiederhole ich gern noch einmal. Allein in der Zwiſchenzeit muß ich frei ſeyn! Jetzt, Mutter, laſſen Sie den Streit enden. Es iſt ſchon ein Ungluͤck, daß ich andere Mei⸗ nung hege, als Sie. Aber laſſen Sie uns darum nicht boͤſe ſeyn. Lieben wir uns gegenſeitig, wenn wir auch verſchieden denken!“ Sie wollte ihre Mutter umarmen, aber dieſe ſtieß ſie von ſich. „Solch Verſprechen iſt Spott und Hohn!“ ſagte ſie bitter. Aber ich bin des Streitens ſatt!— Mag es ſeyn, wie es will; fuͤr den Augenblick muß mir Dein Wort genug ſeyn. Wir wollen dem Himmel vertrauen, daß Deine Täuſchung ſchwindet, ehe es zu ſpaͤt iſt!“ „Wenn ich mich taͤuſche, ſtimme ich Ihrem Wunſche bei!“ verſicherte die Gräfin, aber mehr mit dem Tone ſtolzer Sicherheit, als demuͤthiger Bitte. Der ganze Streit mit der Mutter diente blos dazu, Gertruden noch feſter in ihrer Meinung zu ma⸗ chen; Widerſpruch bewirkt ja das immer! Es war in der Ungewißheit ſelbſt etwas, das ihrer Einbildungs⸗ kraft ſchmeichelte, wodurch das jugendliche Herz mehr bezaubert wurde, als die Gewißheit zu thun vermocht haͤtte! 222 Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. Veim Hageſtolz— ei, wie geht anes ſchlecht! Was mache ich denn nun? Heirath' ich? Häng' ich mich? Horaz. Einer Obliegenheit nachzukommen lag Gertruden be⸗ ſonders am Herzen: Die Schuld bei Herrn Ramſay mußte abgetragen werden. Sie ſchaſſte ſich eine An⸗ weiſung, ließ eines Tages anſpannen, war gluͤcklich der neugierigen Lady Eliſabeth und der wachſamen Miß Pratt entgangen und fuhr nun allein in der ſuͤßen Hoffnung fort, wieder mit dem Onkel ins Reine zu kommen, zum mindeſten ſich von der Geldverbindlich⸗ keit frei zu wiſſen⸗ Es war eben Thauwetter eingetreten und darum alles duͤſter, naßkalt, unangenehm, wie allemal, wenn feuchte, kalte Luft herrſcht. In dem kleinen Raume vor Adams Hauſe war viel Schmutz, und der Schnee lag zwiſchen der Thuͤre und dem kleinen Garten, wo⸗ durch das Haus von der Straße getrennt war. Kein Menſch hatte daran gedacht, einen Weg hier zu bah⸗ nen. Ein Schneeſturz, der vom Dache herabgekom⸗ men war, lag noch unberuͤhrt auf den Stufen und hiel den der äde dieſ deſſ ger mit lan beſ mich n be⸗ amſoy e An⸗ h det Ni ſüßen ne zl dlich⸗ darun wenn aume chne w⸗ Heiß boh⸗ 23 hielt in der That die Thuͤre verſperrt. Alles ſah, mit den nettgekehrten, mit Sand beſtreuten Pfaden auf der andern Seite der Straße verglichen, ſo wuͤſte und öde, daß Gertrude, ſie wußte ſelbſt nicht was, von dieſem verwilderten Aeußern zu fuͤrchten begann. In⸗ deſſen hatte ihr Bedienter ſich gluͤcklich, aber mit eini⸗ ger Muͤhe, den Weg bis zur Thuͤr gebahnt. Er pochte mit aller Kraft, die Grobheit und uͤble Laune geben, lange und derb an. Aber— es kam keine Antwort. Es folgte neues Klopfen, derb genug, den ſchläfrigen Nachtwächter Makbeths zu ermuntern, ohne daß es beſſern Erfolg gehabt haͤtte. „Da iſt Niemand d'rin, Mylady!“ berichtete er endlich, in Verzweiflung zum Wagen tretend. Doch gerade in dem Augenblick fiel Gertruden die hintere Seite von des Onkels Peruͤcke in die Au⸗ gen; der Sopf hing nämlich mit ſchweigender Be⸗ redſamkeit uͤber eine Stuhllehne herab. Indeſſen er blieb immer in gleicher Richtung, daß es ſchien, als ob ein elektriſcher Schlag vonnöthen waͤre, um zu wiſſen, ob er auf einem todten oder lebenden Schädel hafte. Ueber die Unbeweglichkeit dieſes Anhaͤngſels von Onkel Adams Kopfe erſchreckend, ließ Lady Roßville gleich den Kutſchenſchlag öffnen. Ohne ſelbſt zu wiſ⸗ ſen, was ſie wollte und konnte, ſprang ſie heraus und arbeitete ſich durch den Schnee hindurch. Kaum hatte ſie die Thuͤre erreicht, als dieſe zu ihrem Erſtau⸗ nen aufſprang, als ſey ſie von einer unſichtbaren Hand 224 beruͤhrt. Indeſſen dieſe hatte nichts gethan, denn On⸗ kel Adam ſtand in hoͤchſt eigner Perſon mit ſeiner Zopfperuͤcke und blau erfrornen Fingern da. „Komm h'rein! komm h'rein!“ rief er in nicht ſehr einladendem Tone, wie Gertrude, einen Augenblick uͤber ſeine plötzliche Erſcheinung ſtaunend, ſtehen blieb. „Das iſt kein Wetter, ſo in der Thuͤre zu bleiben!“ Heftig warf er ſie zu, nach ſeinem Zimmerchen gehend. Hier brannte kein Feuer— Nur Aſche war auf dem Heerde zu ſchauen. Die Ueberbleibſel eines erbärmlichen Fruͤhſtuͤcks zeigten allein Spuren, daß es bewohnt war. „Ich dachte, es waͤre ein Ungluck vorgefallen!“ ſagte Gertrude, als ſie eintrat.„Mein Bedienter klopfte mehr als einmal, ohne daß Antwort erfolgte. Nun, ich freue mich, daß ich mich umſonſt beunruhigt habe und ſo glucklich bin, Sie wohl zu finden, guter Onkel! Ramſay brummte: „Je nu ja, Du kannſt wohl ſehen, daß was vorgefallen iſt, ſonſt wuͤrde nicht alles ſo noch jetzt herumſtehen!'s iſt Niemand im Hauſe, als ich, und den großen faulen Schlingeln in ihren Treſſenrök⸗ ken— er zeigte auf den Bedienten der Nichte, der vor dem Fenſter auf und ab ging,„wollte ich die Ehre nicht anthun. Ich ſehe uͤberhaupt Nie⸗ mand gern kommen, der nicht ſelbſt anklopft.— Nar⸗ ren ſind's, die ſolche Kerls klopfen laſſen!“ brummte er fur ſich hin. Als er indeſſen ſeiner uͤbeln Laune — gon imn voll auc Ker . Flö doi c Jh gen Ro Au ta de n A entet Agte. uhigt zuter was jett und mok⸗ ichte, eich Nie⸗ Nat⸗ mmie aune 225 durch die beißenden Zunamen Luft gemacht hatte, die der Nichte und ihrem Bedienten galten, ſchien er doch ein Bischen ſanfter zu werden. Gertrude war ſehr in Verlegenheit, wie ſie ſich zu benehmen habe. Es fiel ihr ſchon ſchwer, ſeinen ganz eignen, breiten, derben und verdorbenen Dialekt immer zu verſtehen. Bei dieſer Gelegenheit kam nun vollends vieles nur halblaut heraus. Sie fragte daher auch gar nicht weiter, wer„die Narren“ und„die Kerls“ ſeyen, ſondern that ihm nur in den ſuͤßeſten Floͤtentönen kund: „Ich komme, Ihnen meine Schuld zu bezahlen; das heißt, das Geld; denn Ihr edles Vertrauen, Ihre Guͤte, kann ich nie erwiedern. Lieber Onkel, wollen Sie meinen waͤrmſten, meinen heißeſten Dank fur Ihre Guͤte annehmen?“ Sie gab ihm eine Brieftaſche, von eigner Hand gearbeitet, hin, welche die Anweiſung enthielt. „Was ſoll ich denn damit machen?“ fragte Ramſay, das„Souvenir““ eben nicht mit guͤnſtigen Augen betrachtend. „Es iſt eine Brieftaſche, die ich fuͤr Sie ſtickte. Ich hoffe, Sie werden ſie meinetwegen annehmen!“ „Na, das kann ich wohl! Ob's ſchon dummes Zeug iſt, mir ſo eine Narrenspoſſe zu geben!“ Er zog die Anweiſung heraus, wickelte die Brief⸗ taſche ſauber in Papier, öffnete einen alten Schrank, der in der Ecke ſtand, und legte ſie in einen kleinen Schubkaſten. Wie er ſorgfältig zugeſchloſſen hatte, II. 15 kehrte er wieder zu ſeinem Stuhle:„Ja, gleich nach nß dem Nichtborgen kommt's gute Bezahlen. Na, klein ich freue mich, daß Du ſo viel Einſehen haſt!“ gleic 1 1 Seine Zuͤge bekamen allmählig ein freundlicheres ime Anſehen. Er zog ſeine Brille heraus, um die Anwei⸗ Dir ſung zu leſen. Auf einmal war wieder gewöhnlicher duß Sturm und Hagelwetter. WVe „Was iſt das?“ rief er.„Wo ſind denn die chel . Intereſſen fuͤr mein Geld?“ Gertrude entſchuldigte ſich, uͤber ſolche Frage höchſt und beſtuͤrzt, ſie hatte daran gar nicht gedacht, war mit Si 1 Geldgeſchäften nicht bekannt und hatte dieſen Theil ihrer Schuld ganz außer Acht gelaſſen. ſm „Ich daͤchte doch,“ ſagte er darauf,„daß Ge 3 Du einmal das lernteſt; Du haſt zeitig genug durch⸗ Se 1 bringen und borgen gelernt!— Ich für meine Perſon ſon mache mir nichts daraus, aber ich ſehe's doch gern, mir t wenn ſich die Leute darum bekuͤmmern und ihre Schul⸗ digkeit thun!“ mi Er nahm eine alte abgeſtumpfte Feder und rech⸗ der nete nun auf der Ruͤckſeite der Anweiſung den Betrag der Zinſen aus. ile „Da ſteht's, was ich noch von Dir bekomme! Si Ich ſage Dir, daß ich's nicht brauche. Ich will aber nur, daß Du lernſt, was Du zu thun haſt!“ bil 1 Gertrude gab zu, daß ſeine Bemerkung gegruͤndet n iſit ſcy. Sie dankte ihm dafuͤr und war nun wieder wohl⸗ vie gelitten. Aber lange dauerte es auch jetzt nicht. D „Du haſt Dir doch nicht die Fuͤße im Schnee h V, chere nwei⸗ ichet nn die höchſt r mit Yiil „daf durch⸗ Perſon gern, öchul⸗ rech⸗ Bettuh mme l aber ünde woh⸗ —— naß gemacht?“ fragte er freundlich und ſah auf ihre kleinen ſeidnen Schuhe. Aber hier ward ſeine Galle gleich aufs neue rege:„Huͤbſche Schuͤchelchen, um im Schnee herum zu waden! Wahrhaftig! Ich haͤtte Dir doch ein Bischen mehr Verſtand zugetraut, als daß Du mit ſolchen papiernen Dingern in ſolchem Wetter herkommen wuͤrdeſt. Das ſind ja Tanzſchuͤ⸗ chelchen, aber nicht ordentliche Schuhe zum Gehen!“ Und hoͤchſt aufgebracht ging Onkel Adam hin und her, indeſſen ſeine derben Lederſchuhe bei jedem Schritte knarrten. „Ich dachte gar nicht, daß ich's ſo finden wuͤrde, ſonſt hätt' ich mich anders vorgeſehen!“ verſicherte ihn Gertrude lächelnd.„Indeſſen ich bin nicht ſo zum Schnupfen geneigt. Seyn Sie meinetwegen unbe⸗ ſorgt. Wenn Ihre Magd kommt, kann ſie die Schuhe mir ein Bischen am Kuͤchenfeuer abtrocknen!“ Na, da kannſt Du eine Weile ſitzen, eh' Du meine Magd ſiehſt!— Ich habe keine Magd und in der Kuͤche iſt's Feuer ausgegangen!“ „Keine Magd? Kein Feuer!“ rief Lady Roß⸗ ville erſchrocken.„Mein Gott, in welcher Lage ſind Sie? Wie iſt denn das zugegangen?“ „Wie iſt's zugegangen? Die unverſchaͤmte Spitz⸗ buͤbin iſt nun zwei Jahr bei mir und dachte, ſie wollte einen ſchuftigen Dragoner heirathen, den ſie erſt ſeit vier Wochen kennen gelernt hat. Na— was denkſt Du denn nun von ſolcher Frechheit? Sagt mir das unverſchaͤmte Menſch gerade ins Geſicht geſtern Abend, 15* 228 daß ſie auf der Stelle aus dem Hauſe ginge, wenn ich ihrem Manne nicht den Abſchied kaufte, ihn in meinen Dienſt nähme und ihr jährlich auf Lebenszeit etwas ausſetzte! Na, ich glaube, ſo'was iſt noch nicht dageweſen!“ „Sehr keck war dies! Sie haͤtte doch minde⸗ ſtens bleiben ſollen, bis Sie eine andere Magd gehabt haͤtten!“ „Bleiben ſollen? Je, denkſt Du denn, daß ich mich ſo einer Spitzbͤbin und ihrem guten Willen preisgebe? Ich nahm ſie bei der Achſel und zeigte ihr die Thuͤre. Das war meine Antwort! Jaͤhrlich was ausſetzen! Ja, eine tuͤchtige Ruthe alle Tage ein Paarmal! Einen Dragoner in meinen Dienſt nehmen! Lieber wollt' ich doch den Henker anneh⸗ men!“ „Welch Bild des einſamen Alters!“ dachte Ger⸗ trude.„Der Gnade einer gewinnſuͤchtigen, gemiethe⸗ ten Magd preisgegeben— ſelbſt von der Nothwendig⸗ keit des Lebens entblößt! Wie traurig!“ Seine ungluckliche Sonderbarkeit, die ihn von allem Umgange abſchnitt, betrachtete ſie, und das mit Recht, als einen Zuwachs dieſer traurigen Lage. Sie fuͤhlte den Wunſch, ſeinen ungluͤcklichen Zuſtand auf jede Weiſe zu erleichtern. Ihm aber zu ſagen, daß alles von einer Kochin und ihrem Feuer auf dem Heerde abhaͤnge, waͤre nur eine Beleidigung geweſen, die er gleich geahnet haben wuͤrde. „Sie muͤſſen mit mir nach Roßville kommen!“ ſigt ßeſi hein den Sie daß jeht kein zwe Di ode an ei, net ſin in a hen ein ein V wenn ihn in benitit t nh minde⸗ gehabt daß ich Willen zeigte öhrlich e Tae Dient annch⸗ e Ger⸗ miethe⸗ wendi⸗ hn vo us mit Si d af n, doß f den weſn mel ſagte Gertrude mit dem freundlichſten Blicke, dem ſuͤ⸗ Feſten Tone, und nahm ſeine Hand. „Ich nach Roßville?“ rief Ramſay und erſchrak beinahe.„Ne, das thu' ich nicht. Was ſoll ich denn in Roßville?“ „Mich beſuchen!— Mir die Freude machen, Sie in meinem Hauſe zu ſehen! Sie wiſſen doch, daß Sie mich auch einmal beſuchen muͤſſen? Nun, jetzt iſt ja gerade die Gelegenheit da, daß Sie gar keine Entſchuldigung haben.“ „Ich glaube, Du denkſt, ich kann nicht vier und zwanzig Stunden allein leben?— Aber da irrſt Du Dich, wenn Du glaubſt, daß ich von Jemand, Mann oder Weib, abhaͤnge. Und nachher iſt da gleich neben an ein Schneider und ſeine Frau, recht huͤbſche Leute; ei, die machen mir alles, was ich brauche. Alſo mei⸗ netwegen darfſt Du Dir den Kopf nicht zerbrechen!“ „Ich bin uͤberzeugt, daß Sie Menſchen in Menge finden, die Ihnen dienen. Denn von Ihren Leuten in Blumenpark will ich gar nichts ſagen. Meine Tanten zumal— gewiß, wenn die Ihre Lage ken⸗ nen— „Meine Lage!“ fiel der Alte gleich anzuͤglich ein.„Was iſt denn mit meiner Lage! Das iſt eine rechte Lage, freilich, wenn man eine unverſchämte Spitzbuͤbin fortſchickt, die mir die Taſche ausleeren will. — Ich danke dem Himmel, daß ich ſie los bin! Was ſprichſt Du denn von meiner Lage? Wenn mir die Kehle abgeſchnitten waͤre, was wollteſt Du denn da ſagen?“ „Ich bitte Sie um Verzeihung. Meinem Miſch⸗ maſch muͤſſen Sie ſchon vergeben. Sie wiſſen ja, daß ich nicht ſo ſchottiſch ſpreche, wie ich denke. Aber gerade das iſt wieder ein anderer Grund, warum Sie mit nach Roßville kommen ſollen: Schottiſch ſpre⸗ chen muͤſſen Sie mich lehren. Ich muß mit den ge⸗ meinen Leuten auf meinen Guͤtern reden lernen.“ Schmeichelnd hing ſich Gertrude an ihn an, daß ſelbſt Adams kieſelherzige Natur zu ſchmelzen begann. „Was willſt Du denn mit mir in Deinem ſcho⸗ nen Schloſſe unter Deinen vornehmen Leuten machen? Ich bin nicht an Euer vornehmes Leben gewoͤhnt und will nun nicht erſt neue Moden lernen. Alſo— quale mich nicht. Ich will mich nicht in meinen alten Ta⸗ gen zum Narren machen laſſen!“ „Ich ſage Ihnen, daß wir jetzt in Roßville keine Leute nach der Mode haben. Nicht einen Menſchen. Und wirklich, lieber Onkel, auch ich kann die Men⸗ ſchen nach der Mode, wie Sie dieſelben nennen, eben ſo wenig leiden. Wir ſind ein einfaches, ſtilles, alt⸗ modiſches Voͤlkchen. Alles geht bei uns nach der Uhr. Außerdem, wenn Sie uns, und wer ſonſt da iſt, nicht leiden konnen, ſo ſteht es Ihnen ja frei, ganz Ihrer Neigung zu folgen. Sie koͤnnen auf Ihrem Zimmer fruͤhſtuͤcken, Mittags und Abends ſpeiſen, wenn Ihnen dies gefällig iſt; können ganz wie zu Hauſe ſeyn. von do un ha mi —— — „— daß cgann. nſchb⸗ achen! nt und uäle Ja⸗ N4 nſcheh. Men⸗ hon eben , alt⸗ Uhr. „nicht Ihre imme ſehl⸗ 231 O, ſchlagen Sie mir es nicht ab; ich bitte Sie darum!“ „Daß nachher Liederchen auf mich gemacht und von Alt und Jung abgeſungen werden? Ich glaube, daß es in der ganzen Stadt herumgänge, wie ich die unverſchaͤmte Spitzbuͤbin, meine Magd, keinen Tag haͤtte entbehren koͤnnen. Nein, nein! Die ſoll mich mit ihrem Dragoner nicht aus dem Hauſe jagen!“ Gertrude wußte nicht zudringlich zu ſeyn. Sie verzweifelte an dem Erfolg ihrer Bitte und war ſchon aufgeſtanden, um fortzugehen. Doch ihr Herz brach bei dem Gedanken, den alten, freudenloſen Mann ſo ſeiner Einſamkeit und Verlaſſenheit preis zu geben.— In ſo hohem Alter, bei ſo häßlichem Wetter ganz al⸗ lein! Ein ſchrecklicher Gedanke. Sie machte daher doch noch einen Verſuch und endlich drang ſie durch. Sie warf naͤmlich eine Lockſpeiſe hin, gegen die er nicht Stand halten konnte. „In Roßville,“ erzaͤhlte ſie ihm,„werde er das Gemälde des Mädchens ſehen, das er ſo treu geliebt habe.“ Jetzt war die rechte Saite geruͤhrt. Ein ſeidnes Faͤdchen haͤtte den Onkel Adam durch die halbe Welt geleitet, wenn Lieschen Lundie daran zeg. Seine kleinen Vorbereitungen waren bald zu Ende. Die Schneidersfrau wurde gerufen und mit der Sorge fuͤr's Haus beauftragt. Ramſay ſtieg in den Wagen. Freilich ſchaͤmte er ſich und war ganz verlegen, daß er ſo ein Narr war und ſich wie ein Kind leiten ließ. Die Ohren ließ er bis auf die Schultern herabhängen. Gertrude ſuchte ihn aufzumuntern, allein er blieb im⸗ mer verſtort und niedergeſchlagen, bis der Wagen an dem Schloßthore hielt und der alte Mann nun her⸗ ausplatzte: „Ich hätte wohl Luſt, wieder ſo zu gehen, wie ich gekommen bin!— Alter Eſel, der ich war! Wie ein dummer Junge nach Bilderchen zu laufen!“ Es war zu ſpaͤt. Wenn die vornehmen Leute winken, geht alles ſchneller, als man denken kann. Onkel Adam war kaum am Ziele, als er in der Halle des Schloſſes von einer ganzen Menge Bedienten um⸗ geben war. Es blieb ihm nichts uͤbrig, als ſie, mit⸗ ten hindurch gehend, recht finſter anzublicken. Sie waren aber alle zu gut eingeuͤbt, um uͤber ſo eine Er⸗ ſcheinung zu lachen oder Staunen zu äußern, und trotz ſeinem Widerwillen wurde er in den großen Ge⸗ ſellſchaftsſaal, mit allen gewöhnlichen Zeichen der Hoch⸗ achtung, gefuͤhrt. Er war leer. Lady Roßville ſetzte den Onkel an ein hellloderndes Feuer und ſuchte ihn umſonſt zu bereden, mit ihr eine kleine Erfriſchung zu genießen. Sie ließ ihn daher ein wenig allein; die neueſten Zeitungen konnten ihn vielleicht tröſten, waͤh⸗ rend ſie zur Mutter eilte, ſeine Ankunft zu melden. en an 1 het⸗ wie Wie Lute kann. Halle um⸗ mit⸗ Sie e Er⸗ und Ge⸗ ſette e ihn ng zu die wih⸗ Aden. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. So hört mir zu und laßt mich ſprechen hübſch, Ich will was Neues euch erzählen. Shakespeare. Als Gertrude am Morgen ihre Mutter verließ, war dieſe, wie gewöhnlich, mißmuthig, kalt, duͤſter geweſen. Wie ſtaunte ſie, als ſie dieſelbe im Verlaufe ſo weni⸗ ger Stunden ganz anders fand. Sie war ſo heiter; faſt freudig ſah ſie aus. Noch zeigte ſich zwar eine Spur von Unruhe, aber ofſenbar war dieſe nicht pein⸗ licher Art, denn das Ganze bewies, wie ſie die Sorge, die Furcht abgeſchuͤttelt habe. Eben ſaß ſie an der JToilette, die ſeit des Grafen Tode von ihr nur zu ſehr vernachlaͤſſigt worden war. Beim Eintreten der Toch⸗ ter ſchickte ſie gleich das Kammermädchen hinaus. „Komm, mein Kind!“ rief ſie und ſtreckte ihr die Arme entgegen, Gertruden zaͤrtlich umarmend. „Ach, ich bin vor Langerweile faſt geſtorben Deinet⸗ wegen! Wo biſt Du denn geweſen, mein Maͤdchen?“ Gertrude erzaͤhlte ihr, nicht ohne uͤber dieſen ploͤtz⸗ lichen Erguß von Liebe und Zaͤrtlichkeit ſich zu wun⸗ 234 dern, alle die einzelnen Umſtände von ihrem Beſuche beim Onkel und deſſen Folgen. „O, beſſer konnte nichts eingeleitet werden!“ rief Miſtreß St. Clair.„Heut kommt er gerade ganz à propos! Ich will bei der Mittagstafel erſchei⸗ nen und das kann nun gleich als Compliment fuͤr ihn gelten!“— Ihr Ton nahm hier gleich wieder ein ernſtes, feierliches Weſen an:„Seit ich Dich dieſen Morgen geſehen habe, meine Theuere, iſt mir eine Nachricht zugekommen, die mich ſehr ergriffen hat. Es ſiel mir eine Zeitung in die Haͤnde— zufällig— Meine Nerven ſind ſeit einiger Zeit ſo ſchwach gewor⸗ den!“— Sie zog ſeufzend ein Riechflaͤſchchen her⸗ aus.—„Doch es iſt unmöglich, von ſo einem Er⸗ eigniß nicht ergriſſen zu werden!— Gertrude, Du haſt nun nichts mehr von dem Elenden zu fuͤrchten! — Er iſt ums Leben gekommen!“ Sie war einen Augenblick lang heftig bewegt. Gertrude erſchrak unwillkuͤhrlich. Es iſt immer etwas Emporendes in der Fröhlichkeit, die aus dem Tode eines Nebenmenſchen ihren Urſprung nimmt. Einen Augenblick lang wandte ſie ſich ſeitwärts, um nicht die wilde, unnatuͤrliche Freude zu ſehen, die aus dem Auge ihrer Mutter ſtrahlte. „Was ging mich das Leben oder der Tod dieſes Mannes an?“ rief ſie plotzlich.„Indeſſen iſt doch nun alſo ſicher der Augenblick gekommen, wo ſie mir alles ſagen werden?“ „Noch nicht, mein gutes Kind! Quaͤle mich Nſuche en!“ gerade ſchei⸗ ir ihn r ein dieſen eine 9— ewor⸗ het⸗ n Et⸗ Du hten! wegl. etwas Igde Aoe Einen nicht dem 235 nicht. Die Zeit wird ſchon kommen, wo ich kein Ge⸗ heimniß vor Dir habe. Aber jetzt kann es zu nichts dienen, als mich zu beaͤngſtigen und beſtuͤrzt zu ma⸗ chen. Vielleicht haͤtte ich Dir den unangenehmen Vor⸗ fall gar nicht mittheilen ſollen. Allein ich furchtete, es koͤnnte Dir unvermuthet uͤber den Hals kommen und Du möoͤchteſt Dich dann verrathen. Das ſoll aber doch nicht ſeyn! Denn wenn Du davon geleſen hätteſt, wärſt Du ſicher erſchrocken! Fuͤr den Augen⸗ blick ſteht es blos im Barnforder Tageblatte. Aber natuͤrlich muß es bald in die Londoner Zeitungen kom⸗ men, und da es dann von Allen geleſen und beſpro⸗ chen wird, iſt es immer beſſer, daß Du es von mir erfährſt. Vorher gewarnt iſt vorher bewacht!“ Sie nahm das Blatt und zeigte eine Spalte hin, mit der Ueberſchrift:„Ungluͤcklicher Schiſſbruch.“ In der gewöhnlichen Art wurde ausfuͤhrlich der Unter⸗ gang des Unerſchrockenen, eines amerikaniſchen Paquetbvotes, erzählt, das an der Kuͤſte von Irland geſcheitert und mit Mann und Maus untergegangen war. Mehrere Ueberbleibſel vom Wrack, mehrere Leich⸗ name der ungluͤcklichen Menſchen darauf waren an die Kuͤſte geworfen und bis aufs Kleinſte beſchrieben. Un⸗ ter andern auch der Leichnam eines Mannes von etwa einigen dreißig Jahren, lang, wohlgebildet, blondes Haar, blaue Augen, lange Naſe, die Wäſche mit J⸗ L. gezeichnet. Man fand eine Uhr, eine kleine Summe Geldes und eine Brieftaſche bei ihm. Lretztere enthielt Pa⸗ piere und Wechſel, doch ſo vom Waſſer verdorben, daß die 236 Schrift ganz verloſchen war. Nur auf einer von den Anweiſungen konnte man die Buchſtaben S lair her⸗ ausbringen. Andere Merkmale, die Perſon des Un⸗ glücklichen zu bezeichnen, fanden ſich nicht. „Es iſt recht traurig, ſich uͤber ein Ereigniß zu freuen, das mit ſo viel Ungluͤck verknuͤpft iſt!“ ſeufzte die junge Gräfin, nachdem ſie geleſen hatte. „Daß Du Dich freuen ſollſt, verlange ich nicht!“ verſicherte die Mutter feierlich.„Gott bewahre mich davor! Ich wuͤnſchte blos, daß Du ſäheſt, wie hier in dem Punkte nichts mehr zu fuͤrchten ſteht!“ „Aber bei alledem, Mama, wie konnen Sie denn ſicher ſeyn, daß der Ungluckliche gerade der von Ihnen vermeinte— Lewiſton ſey?“ „Weil ich unter der Hand erfahren habe, daß er in jenem Schiffe ſeine Reiſe angetreten hat; weil es durchaus unwahrſcheinlich iſt, daß zwei Leute am Bord eines ſo kleinen Fahrzeuges in jedem einzelnen Umſtande ſo vollkommen aͤhnlich ſeyn ſollten, und weil, wenn es auch der Fall wäre, beide gleiches Loos ge⸗ theilt haͤtten!— Jetzt laſſ' uns nicht mehr davon reden; eben ſo wenig von irgend etwas, das darauf Bezug hat. Sollte die Sache den beiden langweiligen Närrinnen, der Lady Eliſabeth und Miß Pratt, ent— gehen, ſo iſt es gut. Merken ſie darauf und beſpre⸗ chen ſie dieſelbe, ſo biſt Du alſo vorbereitet und be⸗ nimmſt Dich, wie jedes andere.“ au nden het⸗ Un⸗ ß zu ufzte ht“ mich hier denn hnen daß weil am enen weil ge⸗ abon rauf igen ent⸗ ſpre⸗ be⸗ 237 „Aber Lyndſay?— Ihm werden Sie doch alles auseinanderſetzen?“ „Ich habe bereits genug auseinandergeſetzt!“ rief Madame St. Clair ärgerlich.„Ich weiß nicht, was er verlangen koͤnnte!“ „Aber Sie haben ihm ja verſprochen, das Ganze offen darzulegen?“ „Das Ganze hat nun aber ſein Ende erreicht und ich fuͤhle mich nicht verbunden, alte, verdrußliche Geſchichten wieder aufzuwaͤrmen, blos um ſeine Neu⸗ gier zu befriedigen!“ „Um ſich gerecht zu werden, um mir Gerech⸗ tigkeit wiederfahren zu laſſen, duͤrfen Sie nicht einen Augenblick anſtehen, wo moͤglich alles aufzuklären, was in Ihrem und meinem Benehmen unrecht ſcheint!“ „Um mir gerecht zu werden, will ich nicht meine Gefuͤhle aufregen, meine Geſundheit gefährden, indem ich wieder ſo etwas Verdruͤßliches und Beunruhigendes vornehme! Was Herr Lyndſay zu wiſſen nöthig hat, weiß er. Will er mehr wiſſen, ſo kannſt Du ihm ſagen, daß die Graͤfin von Roßville in ihrem eignen Schloſſe und unter dem Schutze ihrer Mutter weder ſeinen Rath, noch ſeine Huͤlfe nothig hat!“ „Nein, das ſoll er von mir nicht hoͤren! Herr Lyndſay kann hintergangen worden ſeyn; doch be⸗ leidigen laſſe ich ihn unter meinem Dache nicht, ſo lange ich die Kraft, es zu verhuͤten, habe!“ 238 „Solche Sprache muß ich jetzt von Dir hoͤ⸗ ren? Bin ich durch Deine Erhoͤhung ſo herabgewuͤr⸗ digt, daß ich auf mich ſticheln laſſen muß?— Und das von Dir?— Nimm Dich in Acht! Lewi⸗ ſton iſt todt, aber ſeine Macht lebt noch!“ Gertrude ſagte darauf nichts, aber Thraͤnen ent⸗ ſchluͤpften ihrem Auge. Endlich erwiederte ſie: „Ich bin kein Kind mehr, das ſich vor einem Popanz fuͤrchtet. Entweder ſagen Sie mir, wer dieſer Mann wirklich war und welche Gewalt er uͤber mich hatte, oder nennen Sie ſeinen Namen nie wieder zwi⸗ ſchen uns. Bereits—“ rief ſie, allem ihren Un⸗ willen Luft machend und in heftigem Tone fortfah⸗ rend—„habe ich meine Gefuͤhle zum Opfer bringen muͤſſen; mein Ruf iſt in Gefahr gekommen, bei einem Manne wenigſtens zweideutig geworden, dem Sie die Erklaͤrung verweigern, welche ihm und mir gebuͤhrt!“ Miſtreß St. Clair ſchien mit ihrem Zorne zu kämpfen. Endlich wurde ſie Meiſterin deſſelben. In ſchwachem, kraftloſem Tone äußerte ſie: „Ich kann nicht mit Dir ſtreiten, Gertrude. Du biſt hier Herrin und darfſt, wie es ſcheint, ſelbſt Deiner Mutter befehlen. Aber da ich durch lange, gefaͤhrliche Krankheit erſchoͤpft bin, meine Nerven er⸗ ſchuͤttert find, mein Kopf ſo ſchwach iſt, konnteſt Du mich wohl ein Bischen ſchonen.— Doch was weinſt Du? Lady Roßville, die alles hat, was die Welt verleihen kann? Ich daͤchte doch, die Thränen kör Un che Gl im wüt⸗ Und ewi⸗ n ent⸗ einem dieſer mich jwi⸗ Un⸗ tfuh⸗ ringen einem ie die hrt!“ ne ju In trude. ſelbſt lange, n er⸗ 1Dr weinf d „an räne 239 könnteſt Du Deiner Mutter laſſen, der Abhaͤngigen, Unterthaͤnigen! Gertrude, ich bin nicht in der Lage, Deinem Willen zu widerſtreben— mit dieſem ſchwa⸗ chen Koͤrper, dieſem muthloſen Geiſte, von Deiner Guͤte mein taͤgliches Brot erwartend!“ Gertrude war daran gewöhnt, daß ihre Mutter immer nur wie auf dem Theater ſtand, aber doch konnte ſie keinen ſolchen Vorwurf von ihren Lippen ohne den bitterſten Verdruß und Kummer horen. Jetzt fuhr ihr jedes Wort wie ein Dolch durchs Herz. Ihre Aufmerkſamkeit war von dem eigentlichen Gegen⸗ ſtande kuͤnſtlich abgeleitet worden. Sie ſah ſich nur in dem Lichte einer Tochter, welche die alte, ſchwache, arme Mutter niederbeugt! Mit ihrer gewoͤhnlichen Heftigkeit gab ſie ſich daher wieder der Gewalt der Mutter hin und flehte um Vergebung. Der ganze Auftritt endete, wie ge⸗ wöhnlich, mit einem Triumphe fuͤr Miſtreß St. Clair. Freilich fuͤhlte dieſe, daß ſie nur fuͤr' den Augenblick geſiegt habe, wie es mit einem Siege, der blos das Herz trifft, immer iſt. Zum Schweigen hatte fie die Tochter gebracht, ohne aber ihr Herz gewonnen zu haben, denn ſie hatte dieſelbe nicht uͤberzeugen können. Wie aber auch der Gewinn war: er diente doch fuͤr den Augenblick. Es ward in der Eile Ver— ſohnung geſtiftet. Beide kamen uͤberein, daß Lewiſton jetzt vergeſſen ſeyn ſollte. Madame St. Clair werde nichts uͤber ihn ſagen, bis ſie ſich ſelbſt dazu geeignet fuͤhle, und Lady Roßville nicht durch das Nennen ſeines Namens beleidigt werden, da er, ihrer Vor⸗ ſtellung nach, mit ſo vieler Schande fuͤr ſie verbun⸗ den ſey. Madame St. Clair klingelte wieder dem Kam⸗ mermaͤdchen, mit dem Putze fortzufahren, und die Graͤfin ging in den Saal zu ihren Gaͤſten. Nennen k Phr erbun⸗ Kam⸗ nd die Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Das Auge thut mir weh. Der Hof, die ganze Stadt, — Für mich der eine, wie die andre, Gift nur hat. Mir wird gleich ſchwarz und gelb, wenn ich die Menſchen ſehe, Wie jeder lebt für ſich. Am beſten iſt's: Ich gehe! Hier bleiben kann ich nicht; hier würde ich noch tol. Drum ſage auen ich gleich derb ein Lebewohl! Moliere. —— We Gertrude hineintrat, erſtaunte ſie nicht wenig, als ſie den alten Ramſay und Miß Pratt in rechter Vertraulichkeit zuſammen ſitzen ſahe. Sie hatte vor der Zuſammenkunft zweier ſo ganz verſchiedener Geiſter Furcht gehabt und gemeint, es moͤchte nicht viel mehr Uebereinſtimmung hineingebracht werden können, als zwiſchen Fidel und Dudelſack. Statt deſſen ſah ſie, daß beide ihren Geſchmack, ihr Urtheil zu einem ſchö⸗ nen Ganzen verſchmolzen hatten. Allein dieſe außerordentliche Annaͤherung zweier ſo ganz entfernter Planeten ließ ſich leicht berechnen. Sie wurde nicht durch den Einfluß einer himmliſchen Kraft bewirkt, denn dafuͤr waren dieſe Leutchen nicht empfunglich. Sie war blos Folge einer gehörigen II. 16 242 Menge gut geſagter, wohl angewendeter Verlaum⸗ dung, die vielleicht für alle Weltkinder das ſtärkſte Gift iſt. Wir wiſſen bereits, wie Onkel Adam, gleich einem der gluͤcklichen Abentheurer in den Mährchen der Tau⸗ ſend und einer Nacht, in einem prachtvollen Zimmer zuruͤckblieb, wo ihn zwar nicht ſingende Schoͤnen mit Sorbet in goldnen Bechern bedienten, aber ihm doch eine noch groͤßere Freude bereitet war: Stille— Ungezwungenheit, Zeitungen. Ein anderer in ſeiner Lage wuͤrde ſich wohl im Zimmer umgeſehen, ſeine Bequemlichkeiten in Erwä⸗ gung gezogen haben. Doch ſo ein Mann war er nicht. Ihn kuͤmmerten die ſchonen Sachen rings herum wenig. Er ſah gar nicht, welcher Unterſchied zwiſchen dem ſcharlachnen und damaſtenen geſtickten Stuhl, den er hier einnahm, gegen den kleinen, mit roßhaarnem Zeuge uͤberzogenen zu Hauſe war. Eben ſo wenig wunderte er ſich uͤber die vielen Lampen, die ihr glaͤnzendes Licht umherwarfen und gegen ſeine langen, duͤnnen, laufen⸗ den Talgkerzen gewaltig abſtachen. Das helle, kni⸗ ſternde Feuer im Kamin machte freilich zu viel Ein⸗ druck, um es uͤberſehen zu können; allein er ließ doch nur einen einſylbigen, finſtern Ausruf hoͤren, als er den Stuhl, weil es zu warm machte, zuruͤckſchob. Endlich ſuchte er nach ſeiner Brille, um zu ſehen, wie die Staatspapiere ſtaͤnden. Ja— da war keine Brille zu finden. Er durchfuhlte jede Taſche— und deren hatte er manche!— und ſtieg in ihre Tiefe làun⸗ ſtiriſt einen r Tal⸗ Zimme en mit m doch tile— oh im Erwi⸗ et nicht weni en den den e Zeuge ounderte es Lich laufer⸗ e, kn⸗ ſel Ein ieß doch ob. u ſchoh ar ken — 1nd t i — hinab, aber— umſonſt. Das Futteral von Chagrin, ei ja, das fand er, als ob es ihn hätte foppen wollen, denn es war leer. Endlich fiel ihm, zu ſeinem un⸗ endlichen Verdruſſe, ein, daß er den koſtbaren Inhalt auf dem kleinen Pfeilertiſchchen zu Hauſe gelaſſen habe. Wie aͤrgerlich iſt es, mit dem innern Auge den Gegenſtand, den wir haben wollen, auf dem Platze liegen zu ſehen, wo ihn unſere Hände hingelegt haben. Es iſt, als ob wir ihn wegnehmen koͤnnten und doch peinigt uns die Entbehrung deſſelben. Wer das empfunden hat, wird mit der Qual des Onkel Adams Mitleid haben. Er ſah ſeine Brille, daß er nur dar⸗ nach greifen konnte, und doch ſah die Brille ihn nicht! „'s geſchieht mir ſchon recht wegen meiner Dumm⸗ heit— an ſo einen Ort zu gehen!“ rief er in Ge⸗ danken aus, wie er nach dem Fenſter hinſchlich, um zu ſehen, ob's noch nicht zu finſter ſey, ſich auf den Weg nach Hauſe und zu ſeiner Brille zu machen. Doch gerade in dieſem entſcheidenden Augenblicke ging die Thuͤre auf und gleich der Fee Fanferluſche trat Miß Pratt herein. Sie hatte ſeine Ankunft wahr⸗ genommen, und da bei verſchiedenen Gelegenheiten uͤber ſeinen Charakter, ſeine Eigenheiten viel geſprochen wor⸗ den war, konnte ſie gehörig vorbereitet mit ihm zuſam⸗ mentreffen. Gleich vielen andern Leuten hatte Miß Pratt eine angeborne Achtung fuͤr jeden reichen Mann, wenn ſie ſelbſt nicht die geringſte Ausſicht hatte, daß ſie 16* von ihm etwas gewinnen werde. So ging ſie denn auch Herrn Ramſay mit der größten Ehrfurcht und Artigkeit entgegen und druͤckte ihre Freude aus, ihn in Roßville zu ſehen, verhoſſend, daß er wohl etwas zu ſich genommen haben werde, denn es dauere noch lange bis zur Mittagstafel; kurz, ſie machte alle— Honneurs, als ſey ſie die Herrin des Schloſſes. Onkel Adam wußte nicht, mit wem er's zu thun hatte, ſah aber doch die Theilnahme, welche ihm von einer Fremden bewieſen wurde, nicht ungern und lehnte ihr hofliches Anerbieten auf die feinſte, ihm mögliche Art ab, indem er aͤußerte, daß er zwiſchen Frühſtüͤck und Mittageſſen nie etwas genieße. „Eine goldne Regel iſt das!“ verſicherte Miß Pratt im wärmſten Tone.„Fuͤr jeden eine goldne Regel, der ſie halten kann. Ich ſage immer:'s wird zu viel, zu viel gegeſſen und getrunken, heut zu Tage, beſonders unter den jungen Leuten. Was iſt die Folge davon? Man hört blos vom Unterleibe, Unterleibe, Unterleibe reden. So klagen die Alten, ſo klagen die Jungen! Horen Sie, ich glaube, der arme Lord Roß⸗ ville hat ſich durch ſeine Art zu eſſen viel Schaden gethan. Ich will nicht ſagen, daß er keine Mäßigkeit in der Hauptſache gehabt haͤtte. Aber aufrichtig ge⸗ ſprochen— der liebe Gott iſt mein Zeuge! ich kann mir nicht helfen— bei der ſchönen, fetten Haſenpaſtete auf der Tafel, wie er das letztemal aß, hat er ſich wohl Schaden gethan! Der arme Mann!“ „Ich thue mir keinen!“ erwiederte Ramſay, im e den n ihn in enoch — ſſes. u thun in von lehnte Schaden ßigket ſig g⸗ ch kan npoßet ſih in 245 Bewußtſeyn, auf ſolche Art nicht unzeitig ſterben zu muͤſſen. „Ihrer jungen Graͤfin hab' ich deshalb auch einen Wink gegeben. Ich denke wirklich, daß es hier in der Kuͤche ein Bischen anders werden muß. Es iſt erſt geſtern geweſen, daß ich ihr ſagte: Bei allen ih⸗ ren Koͤchen, die ſie haͤtte, und bei alle den großen Sachen, die ſie auf die Tafel ſchickten, zweifelte ich doch, ob ſie einen faͤnd, der eine gute, einfache Graͤup⸗ chenſuppe kochen oder Schoͤpskopf und Schoͤpsfuͤße zu⸗ bereiten koͤnnte. Da lachte ſie und ließ Philipps, den Kuͤchenmeiſter, holen. Sie will alle Tage ein ſchotti⸗ ſches Gericht auf der Tafel haben. Na, ich ſehne mich aber nicht nach einem ſchottiſchen Gerichte, das aus den Händen eines franzoͤſiſchen Kochs kommt!“ „Na, an Feuer fehlt's dem Koche nicht!“ ſagte Adam und zeigte auf das reichlich verſorgte Kamin. „Das brennt ja hier, als ob man einen Ochſen bra⸗ ten wollte. Man kann gar nicht nahe hingehen!“ „Da haben Sie recht. Da bin ich ganz Ihrer Meinung, mein Herr Ramſay. Ein altes Sprichwort ſagt: Waͤrmt euch lieber beim Kohlentoͤpfchen, ſtatt daß ihr euch beim großen Feuer verbrennt!'s iſt eine Suͤnde, ſo ein Feuer zu ſehen! Ja und ſo iſt es im ganzen Hauſe. In jedem Zimmer Feuer und Lampen! Ich ſage Ihnen, es iſt mir, als ob mir die Augen aus dem Kopfe ſpringen ſollten. Aber Lady Roßville hat's gern helle. Sie kann's nicht helle genug ſehen. Ja, ſie hat noch junge, gute Au⸗ — 246 gen. Aber ſie wird es ſchon einmal einſehen, wenn ſie die Augen ſchätzen lerit, wie Sie und ich, Hert Ramſay!“ Miß Pratt wußte recht gut, daß ihr kräftiges, unermuͤdetes Auge mit dem kleinen, ſchwachen, matten des Gaſtes nicht in Vergleich gebracht werden konnte. Allein wenn die Leute einmal ſchmeicheln wollen, muͤſ⸗ ſen ſie große Opfer bringen. Ganz ging das Compli⸗ ment nicht verloren, wenn es auch nicht aufs freund⸗ lichſte erwiedert ward. Mit einem ihm gewöhnlichen eſſigſauren Lächeln verſetzte er: „Auf meine Brille halt' ich jetzt mehr, wie auf meine Augen, denn wenn ich die Brille nicht habe, helfen mir die Augen auch nicht viel. Ich hab' die Brille zu Hauſe vergeſſen, und nun kann ich kein Wort von den Zeitungen leſen, die mir meine Nichte da gelaſſen hat.“ „Ei, das iſt wirklich fatal!“ rief Miß Pratt und äußerte das groͤßte Mitleid.„Aber wiſſen Sie was, Herr Ramſay, Sie haben nicht noͤthig, deswe⸗ gen zu ſorgen. Der arme Lord Roßville hat ein Paar, ach, ich glaube, ein ganzes Schock hinterlaſſen. Er ließ immer andere Gläſer einſetzen. Ich glaube, er hat ſich damit viel Schaden gethan. Ich wollte ſie gleich holen, allein Lady Roßville hat die Schluͤſſel zu ſeinen Commoden, und dieſe iſt bei ihrer Mutter. Warten Sie nur, bis ſie wiederkommt; wollen Sie mir's aber erlauben, ſo will ich Ihnen die Zeitungen vorleſen, denn ich habe ſie ſelbſt noch nicht geſehen⸗ ftiges, matten konnte. . „miß⸗ ompli⸗ reund⸗ lichen ie auf habe, ab' die h kein Nichte Pratt n Sie deswe⸗ Pat, . Et be, et lite fi chlüſel Nuttet n Sie tunge eſehe — Es hat ſie Jemand heute Morgen, ehe ich ſie nur anſehen konnte, weggenommen. Ich glaube, daß es einer von den Bedienten geweſen iſt, denn die ſtrecken ihre Haͤnde nach allem aus. Lady Roßville hat einen erfahrnen, klugen Freund noͤthig, der ein Bischen die Aufſicht fuͤhrt, denn ſie nehmen ſich gar zu viel her⸗ aus. Ich weiß nicht, was aus den Dienſtboten wer⸗ den ſoll; es iſt kein Auskommen mit ihnen. Ich habe nur eine Magd. Nun, was denken Sie denn, wel⸗ chen Streich ſie mir geſpielt hat? Ich gehe nicht oft aus meinem Hauſe, denn ich gehoͤre zu den Leuten, denen es nirgends beſſer, als in ihren vier Pfählen gefaͤllt. Aber nun, Sie wiſſen wohl, manchmal muß man doch ein Opfer bringen. Ich bin alſo auf einen Beſuch weggeweſen und komme nun in einer ſchreckli⸗ chen Nacht muͤde und marode zuruͤck und hatte mich unterweges immer damit getroͤſtet: Nun findeſt Du ein Täßchen warmen Thee und legſt Dich in Dein Bett. Ach, du lieber Gott— was denken Sie denn? Feſt zugeſchloſſen iſt mein Haus! Wo iſt denn der Schluͤſſel? Kein Menſch weiß es und meine Mam⸗ ſell iſt, Gott weiß, auf welchem Tanzboden! Was war die Folge davon? Itch hätte muͤſſen auf der Straße liegen bleiben, wenn Ihre guten Nichten, die Miß Blacks, nicht zufälligerweiſe von meiner Lage ge⸗ hoͤrt und darauf beſtanden hätten, daß ich zu ihnen käme. Nun denken Sie ſich aber: Ich muß ſie noch ſechs Monate behalten oder ihr Lohn und Koſtgeld geben!“ 248 Das war Oel und Honigſeim fuͤr Onkel Adams Wunde. Die Frevelthaten ſeiner Magd ſchienen, ſo groß ſie waren, doch kleiner zu werden, wenn er dies noch viel ſchrecklichere Vergehen der Jungfer Breitfuß dagegen hielt. Er hatte doch die Genugthuung gehabt, ſeine Suͤnderin aus dem Hauſe zu jagen, ſtatt den Schimpf zu dulden, von ihr ausgeſchloſſen zu werden. Wenn er auch mit Miß Pratt in ahnlicher Art be⸗ leidigt war, ſo war doch ſeine Stellung ungleich hoͤher und er mußte ſelbſt ein Bischen lachen, als er das Ungluͤck ſeiner neuen Freundin größer, als das eigne fand. Miß Pratt nahm die Zeitungen vor. „Ich habe eben ein Bischen die Staatspapiere durchgeſehen. Viel hab' ich nicht damit zu thun, aber Sie wiſſen ſchon, wir wollen alle gern wiſſen, wie der Haſe laͤuft.— Ei, ſehen Sie mal! Wieder ge⸗ fallen! 80, während der Börſe bis 81 ½, aber zum Schluſſe nur 80 ½!“ „Das ſind die Dreiprocentigen!— Wie ſtehen die Actien der oſtindiſchen Compagnie?“ „Oſtindiſche— 64 bis 631 Miß Pratt durchlief in einem Augenblicke den ganzen Courszettel und zeigte eine Kenntniß von allen Papieren, als wäre ſie ein geborner Stockjobber. Der alte Adam ſtaunte daruͤber. Er hatte von Weibern geleſen, die in Luftballons aufſteigen und in Glocken auf den Boden des Meeres fahren. Aber daß ein Weib in das Sanctum Sanctorum der Börſe einge⸗ Adnz ſen, ſ er diez reitfuß gehabt, att den werden. Art be⸗ h höher er das s eigne ipapiere n, abet n, wie der ge⸗ er zun ſtehen e den n allen Det Peiben Glocken ß en eing⸗ 249 treten ſey und den Unterſchied zwiſchen Dreiprocentigen bis zum Bruche berechnen und das Omnium, die Ac⸗ tien aller Handelscompagnien, verſtehen könne; davon hatte ſich ſeine Philoſophie ſo wenig träumen laſſen, daß Miß Pratt fuͤnf volle Procent in ſeiner Achtung ſtieg. Die Staatspapiere waren zu Ende. Sie nahm die verſchiedenen Annoncen vor und aͤrgerte ſich nicht wenig, daß zur Subſcription auf einen Kupferſtich fuͤr zwei Pfund eingeladen wurde und die Niederkunft von der Gattin eines Lieutenants angezeigt ſtand. Ein Verſtorbener, der bis in die Wolken erhoben wurde, machte nun vollends ihre ganze Galle rege: „Am 13ten dieſes ſtarb im väterlichen Hauſe Nathaniel Laub, Beutler und Handſchuhmacherz nach einer langwierigen Krankheit, die er mit heldenmuͤthi⸗ ger Geduld und chriſtlicher Ergebung trug. Mit dem reinſten Wohlwollen, der aller großten Froͤmmigkeit und der eifrigſten Vaterlandsliebe vereinte derſelbe die voll⸗ kommenſte Rechtlichkeit, die ausgezeichneteſte Herab⸗ laſſung—“ Hier konnte Adam nicht umhin, loszubrechen: „Herablaſſung! Das Wort hab' ich in meinem Le⸗ ben nicht leiden koͤnnen, und bei ſo einem vollends nicht! Herablaſſung! Nun mochte ich wiſſen, wer bei einem Handſchuhmacher die Herablaſſung ſuchte! Aber ſo gehts jetzt in der Welt! Ein penſionirter Lieutenant heißt ein Held, der Schulmeiſter läßt ſich malen, als ob er der König wäre, und in den Zei— tungen lieſt man von Leuten, die kein Menſch kennt! Ich will nur ſehen, wo das noch hinaus will!“ „Ja, da bin ich ſelbſt neugierig, denn ich glaube, daß jetzt die Welt ganz confus geht. Ach, horen Sie, wenn die Leute nur weiter nichts thaͤten, als ihre Todten in den Zeitungen auszupoſaunen! Was ſagen Sie aber dazu? Vor ein Paar Tagen hab' ich bei⸗ nahe zwei Schillinge Briefporto bezahlen muͤſſen, und wofuͤr? Fuͤr die Anzeige, daß eine Frau geſtorben iſt, die nicht mit einem Blutstropfen Verwandte von mir iſt, und von der ich, aufrichtig geſagt, dachte, ſie ſey ſchon ſeit zwanzig Jahren todt!“ Das war wieder eine Nuß fuͤr den alten Adamz denn er kaute auch noch immer an dem Verdruſſe, fuͤr eine aͤhnliche Höflichkeit einen Penny bezahlt zu haben, und dachte eben darauf, wie er Erſatz, oder wenigſtens Genugthuung dafuͤr bekommen könne. Miß Pratt fuhr fort: „Aber wie Antonius Whyte— das iſt mein Neffe, Whyte von Whytehall, Ihnen zu dienen— habe ich nun den Befehl gegeben, keinen ſchwarzgeſie⸗ gelten Brief von der Poſt anzunehmen. Solche Din⸗ ger koſten allemal Geld oder erregen traurige Gedan⸗ ken, und manchmal iſt beides zuſammen!“ „Das haben Sie gut gemacht!“ aͤußerte Adam recht innig. „Und mit dem Leichenbegleiten— was denken Sie denn? Dreimal in einer Woche iſt Antonius m ein kent 1 glaube, n Sie, As ihre ö ſogen n, und ben iſt, on mir ſie ſeh Adamz erdruſſe, ahlt zu „ oder Niß ſt mein nen— arzgeſi⸗ e Din⸗ Gedan⸗ Adn denku ntenili 251 Whyte dazu gebeten worden! Zweimal bei Leuten, mit denen er keinen Biſſen Brot gegeſſen hat!“ „Na, da waͤr's ja am beſten, man wuͤrde gleich ein Leichentraͤger!“ rief hier Adam heftig. Allein die Unterhaltung der zwei gleichgeſtimmten Seelen hatte hier ein Ende, denn die Lady Roßville trat herein. „Hoͤre mal, das iſt ein recht geſcheutes Weibs⸗ bild!“ fluͤſterte der Onkel Gertruden ins Ohr, als Miß Pratt in eine Ecke wackelte, fuͤr die Graͤfin ein Fußſchemelchen zu holen. „Hoͤren Sie mal, ich habe eine rechte Freude uͤber Ihren Onkel gehabt!“ ziſchelte Miß Pratt der Lady ins Ohr, als ſie dieſelbe ein wenig bei Seite gezogen hatte.„Ein alter, huͤbſcher Mann iſt das! Alles weiß er. Dem ſoll Niemand eine Naſe drehen wollen. Er weiß alles!“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Wenn Jemand artig und yöflich mit Fremden umgeht, ſo zeigt er, daß er Weltbürger iſt; daß ſein Herz keine von andern Ländern getrennte Inſel, ſondern feſtes, zu dieſen gehöriges Land iſt. Bacon. ——— Gertrude war nicht ohne einige Unruhe, wie die Zu⸗ ſammenkunft ihrer Mutter— die erſte ſeit des On⸗ kels Tode— mit Herrn Lyndſay ablaufen wuͤrde, als ſie, mit allem gezierten Weſen einer Wiedergeneſenden, auf der Tochter Arm geſtuͤtzt, in den Geſellſchaftsſaal kam. Der junge Mann begruͤßte ſie gluͤckwuͤnſchend. Ihre Wange roͤthete ſich und ſie ſchlug vor ſeinem ſanften, aber doch forſchenden Blick die Augen nieder. Doch ſchnell bekam ſie ihre Faſſung. Sie dankte in der umſtaͤndlichſten Weiſe fuͤr ſeinen Gluͤckwunſch und gab ſo gleich zu erkennen, auf welchem Fuße ſie in Zukunft mit ihm verkehren wolle. Lyndſay hatte zu viel Takt, um nicht gleich zu wiſſen, was hierbei gemeint ſey. Der Schluß, den er daraus zog, war: uͤber das Vergangene von ihr keine Erklärung erwarten zu duͤrfen. Des Grafen Tod die Zl⸗ es On⸗ neſenden, hoftöſunl ünſchend. x ſeinen n nieder e dank ſchwunſt n Fuf gleich jl uß, du Lon iht f1 20 aſeh. 283 hatte ihn der einzigen Macht beraubt, die er bei ihr geltend machen konnte. Niemand war mehr da, der mit ſeinem Anſehen aufzuſchreiten berechtigt war. Ue⸗ berhaupt war er zwar Feind von Vermittelung, doch bei dieſer Gelegenheit ſchien es ihm Pflicht zu ſeyn, eine entſcheidende Rolle zu ſpielen, und er be⸗ ſchloß, den erſten guͤnſtigen Augenblick zu ergreifen, ſich mit Miſtreß St. Clair uͤber jene geheimen Unter⸗ redungen zu verſtaͤndigen. Die junge Grafin hielt es fuͤr nothig, gegen ihren Vetter einiges uͤber die Veranlaſſung zu äußern, die eine ſo abſtoßende Geſellſchaft, wie ihr Onkel war, in's Haus gebracht hatte. Doch Lyndſay gehörte nicht zu den eklen Menſchen, welche Niemand leiden kön⸗ nen, der nicht mit ihnen auf gleicher Linie der Bil⸗ dung ſteht. Zwar war zwiſchen ihm und Herrn Ram⸗ ſay eine große Luͤcke der Art und Denkungsweiſe nach, allein fern blieb es von ihm, den Alten darum zu ver⸗ achten. Im Gegentheil begrüßte er ihn mit jener Hoͤflichkeit, die aus dem Herzen kommt, und darum nie verfehlt, Eindruck zu machen; mit jener Unge⸗ zwungenheit, jener Einfachheit, die unter allen Umſtän⸗ den am meiſten anzieht. Zwar kannte er alle Eigen⸗ heiten des neuen Gaſtes gar nicht, noch weniger konn⸗ ten ihm mehrere derſelben behagen. Allein ſein Zart⸗ gefuͤhl ſicherte ihn ſtets, daruber zu lächeln; im Ge⸗ gentheil wußte er, ſtatt Onkel Adams Schwaͤchen Nahrung zu geben, das Geſpraͤch ſo zu leiten, daß er immer zu ſeinem Vortheil erſchien. 254 Nur wohl unterrichtete Menſchen ſind im Stande, Andere dahin zu bringen, ihre Kenntniſſe zu zeigen. Wir wuͤnſchen oft etwas uͤber einen Gegenſtand zu erfahren, ohne aber Andere deshalb gehorig befragen zu konnen. Denn oft iſt unſere Unwiſſenheit zu tadeln, ſtatt daß wir Andern Einfalt vorwerſen. So aber ſtand es nicht um Lyndſay. Ohne es ſelbſt zu wiſſen, entwickelte er ſeine Kenntniſſe, nach Belehrung ſuchend. Er brachte die verborgenen Schaͤtze des Herrn Ramſay ans Tageslicht und machte ihn zu ſeinem un⸗ terhaltendſten, wie belehrendſten Geſellſchafter. Onkel Adam war kein Othello, hatte aber doch in ſeinem Leben manchen argen Unfall, manche Ge⸗ fahr zu beſtehen gehabt, manche wuͤſte, verlaſſene Einöde durchwandern muͤſſen und war dem Tode oft nur um ein Haar entgangen. Nun wuͤrde er zwar immer es verſchmäht haben, von allem, was er ſah und er⸗ trug, eine regelrechte Erzählung zu geben, aber durch gehöriges Fragen ließ ſich ein großer Theil davon herauslocken, wenn er ſie auch nur in ſeiner Art darſtellte. Während deſſen war das Pferdefuͤßchen der Miß Pratt dem ſcharfſichtigen Auge des alten Ramſay doch auch ſichtbar geworden. Erſt kamen ihm nur flüͤchtige Gedanken deshalb in den Kopf. Allein es bedurfte nur einiger Zeit und Gelegenheit, um ihnen feſten Grund und Boden zu geben. Es war ihm doch ſo, als habe ſie immer ſo viel geſprochen; als miſche ſie ſich in ſo viel Dinge; als eſſe ſie von ſo vielerlei — — Stnde, u zeigen ſtand befragen enheit zu ſen. Sl ſelbſt z Belehrunz es Hern inem un bet doch nche Gl⸗ verlaſſen de oft m ar imme und et⸗ en, obe heil dovon inet A dr Ni nſuh dh bedut un fiſ doch ſ hielet 255⁵ Speiſen, ſtatt daß er nur eine zu ſich nahm und dies fuͤr eine ſeiner Cardinaltugenden hielt. Dann war's ihm auch fatal, in ſeiner Nichte Hauſe von ſo einer Fremden zum Eſſen genothigt zu werden, denn er, das wußte er ja, hatte doch wohl eher Recht, hier zu eſſen und zu trinken, als dieſes Weibsbild? Beſon⸗ ders aber hatte es ihn aufgebracht, daß ſie ihn auffor⸗ derte, bei Tiſche ein Glas Madera mit ihr zu trinken. Das war eine Frechheit, die er nicht begreifen konnte. Zu ſeiner Zeit galt es fuͤr eine ernſte, gar wichtige Sache, wenn ein junger Mann eine Dame bat, mit ihm anzuſtoßen. Und hier war das Ding gerade um⸗ gedreht worden! Der alte Adam wurde ordentlich roth uͤber ſolch Anſinnen, denn, dachte er, was wird ſie denn nun haben wollen? Freilich hatte ſie, gleichſam die haͤßlichen Dinge auszugleichen, ihn in einem Augenblick mit einer Brille verſorgt, die ordentlich fuͤr ihn, wenn er es nicht fur die Brille war, gemacht ſchien. Einen Schöpskopf hatte ſie auch fuͤr die nächſte Mittagstafel beſprochen und dem Monſieur Morelle in der Küche angewieſen, wie er ihn zuzubereiten habe. Im Puff hatte ſie ihn auch ſieben Striche gewinnen laſſen und ihm dafuͤr drei und einen halben Pence ausgezahlt, freilich mit augenſcheinlichem Widerwillen, aber gerade dies macht den Gewinſt zehnmal angenehmer. Kurz, im Ganzen hatte Onkel Adam Luſt, ſein Urtheil noch aufzuſchie⸗ ben und, ſtatt ſie gleich mit einemmale zu verdammen, vor der Hand nur als eine„zweideutige Perſonage“ zu betrachten. Lady Roßville hatte fuͤr ihn ein Zimmer im gel⸗ ben Thurme einrichten laſſen, worin ſich das Bild ſei⸗ ner Gottheit befand. Hier ſollte er ſein Sanctum Sanctorum ſinden. Sie fuͤhrte ihn deshalb des fol⸗ genden Tages ſelbſt hinein. Er ſollte ohne Hinderniß ſeinen Gefuͤhlen nachhängen und ſo wollte ſie gleich wieder fort. Allein er rief gleich: „Nu, wo iſt denn das Bild, das Du mir zei⸗ gen wollteſt?“ „Hier!“ antwortete Gertrude, auf Diana zei⸗ gend. „Das hier?“ rief er erſtaunt und aͤrgerlich. „Das ſoll Lieschen Lundie ſeyn? Je, wer das ſagt, muß keine Augen im Kopfe haben!“ Er ging im runden Zimmer hin und her, wie ein Pferd in der Roßmühle. „Das iſt doch ſonderbar!“ redete ihm Gertrude zu.„Der Lord Roßville und Miß Pratt ſchienen ſo genau mit der Geſchichte des Bildes bekannt, daß ich gar keinen Zweifel deshalb hegen konnte. Ich bin wirklich recht betrubt, wenn Sie ſo damit getaͤuſcht wurden!“ „Getaͤuſcht?“ faßte er das Wort auf und ſah ganz braun vor Aerger.„ Ich bin mehr als getaͤuſcht. Ekel macht es mir!“— Er blickte aufs neue hin. „Lieschen Lundie,“ rief er,„war eine ſittſame, weiſe, verſchämte Creatur, wie je eine zu ſinden iſt, und ſie Ha Pe der — 57 ſo mit einem Haarkopfe und einem Monde auf dem Kopfe und einem großen Bogen und Pfeilen in der Hand darzuſtellen!“ Mit neuem Ingrimm drehte er ſich wieder weg. „Aber, lieber Onkel, das ſind ja blos zufaͤllige Verſchonerungen. Sie ſehen, daß ſie im Charakter der Diana dargeſtellt iſt!“ „Je, was hatten ſie denn noͤthig, ſie wie ſo ein Ding abzumalen?“ Lady Roßville fuͤhlte, daß ſie auf dieſe Frage zu antworten nicht vermochte. Kluͤglich ſuchte ſie ihr durch eine andere auszubeugen:„Alſo Sie entdecken keine Aehnlichkeit?“ „Aehnlichkeit?— Wie kann denn da eine Aehn⸗ lichkeit ſeyn? Wer hat denn Lieschen in ſolcher un— natuͤrlichen tollen Art geſehen? Sie ſieht ja hier wie eine Comoͤdiantenpuppe, aber nicht wie eines ehrbaren Mannes Tochter aus. Das iſt gerade, als wenn Du mich— mich als— als Apollo malen laſſen wollteſt!“ Die Idee, daß Adam mit ſeiner langen Zopf⸗ peruͤcke und ſeinem dreieckigen Geſichte den Gott der Sonne darſtellen ſollte, ergriff Lady Roßville dermaßen, daß ſie geradezu lachte. Er aber blieb immer ernſt und verzog keine Miene und ſchien das Komiſche eines ſolchen Vergleichs gar nicht zu fuͤhlen. „Nun,“ ſagte die Grafin endlich und faßte ihn ſanft bei der Hand, um ihn hinauszufuͤhren,„wenn Ihnen das Bild nicht gefaͤllt, ſollen Sie ſich nicht II. 17 — 25— weiter daruͤber aͤrgern. Sie ſollen ein anderes Zim⸗ mer bekommen und muͤſſen nur nicht in Gedanken hierher gehen!“ Indeſſen der Onkel ſtellte ſich der Konigin der Jagd gegenuͤber, und als die Brille gehörig abgewiſcht und zurechtgeſetzt war, betrachtete er ſie einige Zeit lang, ohne ein Wort zu ſagen. Endlich geſtand er ſeufzend: „Ich will nicht ſagen, daß das Geſicht keine Aehnlichkeit hätte, wenn man's ſo anſieht!— Da iſt die Augenbraune, die ſchone Augenbraune.— Hier wurde er jedoch gleich wieder hitzig.—„ Aber wer hat denn nur je auf ihren Augenbraunen ſolch dummes Zeug geſehen?— Ihre Augen— nun ja, die konnte freilich Niemand malen! Das iſt gerade, als hätte einer zwei Diamanten malen ſollen!— Der kleine Mund iſt auch gar nicht unaͤhnlich. Aber ihr ſuͤßes Laͤcheln fehlt!“ Und der Onkel ſah und machte Bemerkungen, bis am Ende der Mond und der Bogen und jedes Attri⸗ but der Waldgottheit ſchwand und er blos das Bild ſeines langgeliebten Lieschens ſah⸗ Von dieſem Augenblicke an war der Thurm ſein Lieblingsaufenthalt, und da ihn hier kein Menſch ſtörte und er ganz ſeinen Gedanken nachhängen konnte, ohne ſelbſt von Miß Pratt unterbrochen zu werden, ſo be⸗ fand er ſich recht leidlich darin. Freilich machte er alle Tage Miene, aufzubrechen und nach ſeiner freu⸗ denleeren Wohnung zu wandern, aber alle Tage ließ Zin⸗ Wnken n det wiſcht Zeit und er keine Da „Aber ſolch un ja, gerade, Der er ihr n, bi Attri⸗ Bld m ſein ſtorte ohne ſo he⸗ chte e t frel⸗ ge liß 259 er ſich von Lady Roßville anders ſtimmen, die mit jedem Tage großern Einfluß uͤber ihn gewann, ohne daß er das Geringſte davon wahrnahm. Der bloße Gedanke, von etwas anderm, als vom eignen Willen abzuhängen, wuͤrde ihn aufgebracht haben. Indeſſen es war auch noch ein anderes Reizmittel, laͤnger zu bleiben, und dies zu geſtehen, hätte er ſich noch mehr geſchämt. Als eines Tages ſchlecht Wetter war und ihn einmal die Langeweile plagte, nahm er nämlich den erſten Theil des Aſtrologen vor, ohne eben Unter⸗ haltung oder Belehrung darin finden zu wollen. Wie er aber huͤbſch hinein geleſen hatte, ſah er ſich, mochte er wollen oder nicht, genoͤthigt, fortzufahren, ob es gleich ganz heimlich und verſtohlen geſchah. Onkel Adam hatte in ſeinen jungen Jahren nicht Romane geleſen. Romanleſen und nichts im Kopfe haben, wa⸗ ren bei ihm, wie bei manchen trefflichen, aber irrege⸗ fuͤhrten Leuten, unzertrennliche Gedanken. Romanen⸗ ſchreiber galten ihm als geborne Dummkopfe, und Romanenleſer betrachtete er als noch tiefer ſtehende Menſchen. Er ſchäͤmte ſich alſo, ſo ſehr er nur konnte, als ihn die Mag Merrilies und der Dominie Samp⸗ ſon ſo unwiderſtehlich anzog. Freilich las er nicht ſo geſchwind, wie jetzt die Mode heiſcht. Im Gegentheil las er vielleicht nicht halb ſo geſchwind, als die Seiten geſchrieben worden waren, denn er gehoͤrte zu den ſoli⸗ den, ordentlichen Leſern, die, was ſie vor ſich haben, ſich zu eigen machen; er las und las noch einmal, 17* 260 hielt inne, dachte nach, blaͤtterte zuruͤck, ſchlug aber nicht vorwaͤrts nach, und wenn ihn die Neugier, wie es werden wuͤrde, auch noch ſo ſehr plagte. Ge⸗ nug, ſein ganzer Geiſt war in der ihm neuen Welt gefeſſelt, während er vor ſich ſelbſt uͤber die Schwaͤche erröthete, ſich den Kopf mit ſolchem thörigten Krame anzufüllen. Hätte ihn Jemand mit dem Romane in der Hand getroffen, er hätte nie wieder den Kopf in die Höhe bringen konnen. aber ugier, Ge⸗ Welt viche rame ne in ſn Neunundzwanzigſtes Kapitel. O Tag des Glücks, du ſcheinſt ſo ſchön Nur denen, die nicht nach dir ſeh'n. Cowley. Bilder der irdiſchen Glückſeligkeit— der Pracht, der Macht, der Freude, flatterten nun nach und nach vor den Augen, die kaum von den Thraͤnen trocken gewor⸗ den waren! Doch Gertrude hatte nicht ſo viel Zeit, wie fruͤher, den eitlen, ſchwaͤrmeriſchen Träumen nach⸗ zuhaͤngen. Ihre Lage hatte ſich geändert. Die Laſt der Groͤße druͤckte auf ſie. Ihre Zeit, ihre Talente, ihre Aufmerkſamkeit wurden ſchnell und unaufhörlich in Anſpruch genommen, ohne daß ſie daran gedacht hatte. Zu ihrem Verdruſſe, ihrem Staunen ſah ſie, daß die unbeſchraͤnkte Freiheit, die ſie im Geiſte als Begleite⸗ rin der Macht zu ſehen hoffte, ferner ſey, als je. Das Wollen ſtand ihr frei. Aber wie viel Hinder⸗ niſſe ſtellen ſich dem Vollbringen des unbeſchraͤnk⸗ teſten Menſchen entgegen! Hinderniſſe, welche das Gewiſſen als Schranken gegen die Selbſtſucht und die angebornen Wuͤnſche aufſtellt, die einigen duͤnne, 262 wie die Luft, andern diamantene Felſen zu ſeyn ſcheinen! Indeſſen Lady Roßville hatte noch eine Stimme zu hoͤren, welche lauter, als das Gewiſſen ſelbſt ſprach. Es war die des Herrn Lyndſay.„Eine Frau,“ ſagt ein franzoſiſcher Satyriker,„iſt leicht zu regieren, wenn ſich ein Mann nur die Muͤhe damit giebt.“ Und Gertrude ſchien fuͤr ihre Perſon die Wahrheit dieſes Satzes recht huͤbſch zu beſtätigen. Lebhaft und feurig von Natur, und darum immer ge⸗ neigt, zu Extremen zu ſchreiten, fuͤhlte ſie ſich von ihrem Vetter abhängig, weil ſie ſich auf ſein Urtheil, ſeinen geraden Sinn verlaſſen konnte. Allmählig wäre es wohl bei ihr zu einer Art Gewohnheit geworden, ſeinen Anſichten und Meinungen beizupflichten, nicht weil ſie davon uͤberzeugt war, denn ihre Gedanken gingen oft ganz verſchiedene Wege. Aber gleich vielen Leuten ließ ſie ſich gern in Dingen gängeln, wo ihre Neigung nicht ins Spiel kam. Gern opferte ſie ihr Urtheil auf, wenn es nur nicht in ihren Geſchmack eingriff. Indeſſen bei allen ihren Fehlern— und es wa⸗ ren mancherlei!— gehorte Gertrude doch nicht zu den ſelbſtſuͤchtigen Weſen, die nur fuͤr ihre eigene Freude ſorgen. Sie dachte groß. Sie hatte Edles im Sinne. Nur war ihre Tugend bloßer innerer Antrieb und ihre Großmuth neigte ſich zur Verſchwendung hin. Ueberall wollte ſie Gluͤckliche machen. Sie glaubte, blos mit freigebiger Hand Geld verſchwenden zu duͤrfen, um die „e— wu⸗ inne⸗ ihre etul mit 263 Fruͤchte davon: Friede, Liebe, Freude, Tugend, auf⸗ bluͤhen zu ſehen. Gleich allen enthuſiaſtiſchen Schwär⸗ merinnen gingen ihre Pläne ins Weite hinaus, und mit Verdruß ſah ſie, wie das bodenloſe Gebäude vor dem einfachen, aber von Erfahrung und Gruͤnden ge⸗ leiteten Thun des Herrn Lyndſays zuſammenſank. Die einzige Anordnung, wozu er ihr die Hand bot, waren Schulen. Doch ſelbſt hier glaubte ſie bei ihm zu kleinliche Gedanken wahrzunehmen. Ein einfaches Schulhaus ſchien ihr ein häßliches, erbärmliches Ding. Es ſollte mindeſtens ſchoön, wenn auch nicht koſtbar, ſeyn. Die Kinder muͤßten huͤbſch gekleidet gehen. Sie entwarf eine Zeichnung zum Hauſe, erſann eine Kleidung fuͤr die Schuͤler, beide ſo einzig und ſchön, daß ſie vor lauter Ungeduld es nicht erwarten konnte, bis dieſe Kinder des Geſchmacks und der Phantaſie ins Leben treten wuͤrden. Ein anderer Gegenſtand, den ſie gern durchgeſetzt haͤtte, war, das Gluͤck von Wilhelm Leslie und Anna Black zu gruͤnden, indem der erſtere eine Pfarre be⸗ kam. Die, welche ſie indeſſen beim Lord Roßville erbeten hatte, war bereits vergeben. Erledigung einer andern ließ ſich jetzt nicht gleich erwarten. Hier konnte ſelbſt Lyndſay nicht rathen, ſo ſehr er auch Antheil nahm und, gleich ihr, gern einem jungen Mann ge⸗ holfen haͤtte, den liebenswuͤrdiger Charakter, chriſtlicher Sinn, gewinnender Umgang beſſer empfahlen, als Rang und Schoͤnheit haͤtten thun konnen. So ſtand die Lage der Dinge, als Anna eines 264 Tages ihren Vater und die Mutter bei einem Beſuche begleitete, den dieſe, ihr Beileid zu bezeigen, in Roß⸗ ville abſtatteten. Miß Pratt unterhielt ſich, wie ge⸗ woͤhnlich, mit den aͤltern Anweſenden. Lady Roßville nahm daher ihre Baſe auf die Seite, um mit ihr uͤber jenen Gegenſtand zu ſprechen; denn das Maͤdchen war zu beſcheiden, vertraute ſich zu wenig, um ſelbſt anzufangen. Allein in ihrem truͤben Blicke zeigte ſich eine Niedergeſchlagenheit, die nicht zu verkennen war. Gleich beim erſten Worte geſtand ſie offen, daß ihre Muthloſigkeit blos von dem gänzlichen Mangel an aller Hoffnung auf eine Stelle herruͤhre. „Iſt denn aber blos der Mangel an dieſer das Hinderniß Ihrer Vereinigung?“ fragte Gertrude. „Leider nein! Mein Vater, meine Mutter und eigentlich meine ganze Familie iſt mehr als je dagegen, weil meine Schweſtern in hoͤhere Verhältniſſe gekom⸗ men ſind. Alle ſprechen von der Schande, die ich ihnen durch eine ſo geringe Verbindung mache. Manch⸗ mal bin ich dahin gebracht, ſie voll Verzweiftung auf⸗ zugeben. Ich thät' es auch, ſtände blos mein Glück auf dem Spiele. Dieſes wollt' ich ihnen gern op⸗ fern. Aber Wilhelm liebt mich ſo treu, hat mich ſo lange geliebt! Schon, als wir noch Kinder waren! Ihn jetzt aufzugeben, hieß ſicher, unſer beider Her⸗ zen opfern!“ Anna vergoß einige Thraͤnen, aber trocknete ſie ſchnell und ſetzte noch beruhigter hinzu: „Ich thue unrecht, ſehr unrecht, daß ich ſolchen niet tes ſch wit geſ ſch ße füͤ die zu bi m ſcht ge⸗ ville ihr hen ſelbſt ſch war. ihre an 265 niederſchlagenden Gedanken nachhänge. Wenn es Got⸗ tes Wille iſt, werden wir zur gehorigen Zeit gluͤcklich ſeyn. Findet er das Gegentheil fuͤr gut, ſo hoffe ich, wir werden von Herzen ſagen koͤnnen: Sein Wille geſchehe!“ Einen Augenblick lang war Gertrude von der Ver⸗ ſchiedenheit uͤberraſcht, womit ihre Baſe ihre Liebe aͤu⸗ ßerte, wie ſie ſich ſanft dem Willen des Himmels fgte; dieſe ſtille Ergebung ſchien ein Vorwurf fuͤr die verkehrten Gefuͤhle des eignen rebelliſchen Herzens zu ſeyn. Doch ſchnell verſcheuchte ſie dieſe Gewiſſens⸗ biſſe.„Sie kann nicht lieben, wie ich!“ dachte ſie. „Sonſt konnte ſie nicht ſo daruͤber reden. Tugend mag hier ſeyn, aber nicht Liebe!“ Dreißigſtes Kapitel. Dein Haus und fröhlich Weib. Horaz⸗ Der Schnee war nun verſchwunden, die Waſſer ver⸗ rannen, die Luft wurde mild, der dunkle Himmel klärte ſich mit weißen Wölkchen auf; neues Leben zeigte, daß der Winter vorbei ſey und Wenn die Sonne wieder lacht, Iſt der Fruͤhling da, gebt acht! Selbſt der ſchwächſte Hauch des Lenzes bringt Freude in alle Herzen, die nicht verſteinert, und in alle Körper, die nicht von Erz find. Es iſt uns, als ob unſer Leben neu erwache. Der helle Himmel ſcheint uns anzulächeln, wie in den Tagen unſrer Jugend, und ſein milder Einfluß ſchleicht ſich in alle unſere Sinne ein. Wir ſenden die Sorgen und Muͤhen des Lebens den Stuͤrmen und Wolken des Winters nach. Kurz, die Holde Hoffnung, Kind des Himmels, Steigt auf unſre Flur herab! Doch nicht Jedermann fuͤhlt dieſe wiederkehrenden ein Or ple lo ver⸗ nmel eben eude alle ob heint end, ſete des ch⸗ nden Freuden auf gleiche Art. Madame St. Clair wollte den Fruͤhling in allem ihren Glanze genießen und machte eine Spazierfahrt in der ſtattlichen Equipage. Lady Eliſabeth ging der Sonne nach, um die fette Flora beſcheinen zu laſſen, die deshalb gleich ausgetra⸗ gen wurde. Miß Pratt hatte bis jetzt jeden Winkel im Hauſe durchſucht und nahm nun den Vortheil mit, ein wenig vor den Thuͤren herumſchnopern und ſehen zu konnen, was fuͤr Fehler wohl da zu entdecken ſeyen. Onkel Adam hatte ſeinen Dandie Dinmont und Dum⸗ ple gluͤcklich heimkehren ſehen, machte nun ſeinen Aſtro⸗ logen zu und ſchlich, die Hände auf dem Ruͤcken, ebenfalls ins Freie, einen Spaziergang zu machen. Die junge Graͤfin ſelbſt nahm Lyndſays Arm, um, wie ſchon bei ſchlechtem Wetter öfters geſchehen war, zu ſehen, wie weit ihre Anordnungen gediehen waͤren, um wo möglich mit ihrer Ungeduld den Bau des Schulhauſes zu betreiben und die Huͤtten der Armen zu beſuchen, mit deren Beduͤrfniſſen ſie nach und nach genauer bekannt geworden war. Dankbarkeit, Achtung und Segen aͤrntete ſie in der That darin, denn wie leicht iſt es den Großen, ſich bei den Armen beliebt zu machen— wie wohlfeil können ſie die ſchoͤnſten Gefuͤhle der Menſchlichkeit er⸗ kaufen! Fuͤr Gertruden war die Wonne des Wohl⸗ thuns noch etwas Neues. Ihr Herz wollte ſpringen, ihr Auge fuͤllte ſich mit Thränen, wenn die zitternde Hand des Alters zum Himmel ſich erhob, Segen auf ihr Haupt herabzuflehen. Beinahe machte es ihr ſchon 268 Freude, wenn ſie die Kinder erblickte, welche durch ihre Guͤte gekleidet waren, ob ſie ſchon freilich häßlich aus⸗ ſahen und ein wahres Kauderwelſch redeten. Auf einem dieſer Spaziergänge kam ſie an die Thuͤr der Huͤtte, welche ſie an jenem merkwuͤrdigen Morgen nach ihrer Ankunft beſucht hatte. Sie war ein wenig neugierig, wie es wohl darin ausſehen moͤge, und wollte eben eintreten, als in dem nämlichen Au⸗ genblicke der Onkel Adam herbeiſchlich. Er wurde er⸗ wartet und eingeladen, ihr und Lyndſay Geſellſchaft zu leiſten, was er denn auch nach einigem Brummen und Summen zugeſtand. Die Thuͤre war hart und feſt verſchloſſen, allein nach einigem Klopfen von der uns ſchon bekannten ſchmutzigen Dame geoͤffnet. Gleich im Augenblick er⸗ kannte ſie auch Gertruden wieder und hieß ſie recht herzlich willkommen: „Je, gnaͤdiges Mamſellchen, ſind Sie's denn? Ich bitt' Sie halt recht ſchoͤn, ſeyn Sie nit bös! Ich kannte Sie wiß und wahrhaftig nit, wie Sie das erſtemal da waren! Steigen Sie h'rein, gnaͤdi⸗ ges Mamſellchen! Immer kommen Sie!“ Die Thuͤre wurde feſt zugemacht. Sie leitete ihren Beſuch in die Mitte der dunſtigen, raͤuchrigen Huͤtte. Ein Bette, mit einem Fetzen blauer Leinwand verhaͤngt, zeigte, daß der arme Kranke ſeinen Stuhl am Heerde mit dem Liegen darin vertauſcht habe, denn dieſer ſtand mit dem Ruͤcken nach dem Feuer und wat ſoll Gr geh gar au im we 269 war mit Waͤſche behaͤngt, welche getrocknet werden ſollte. „Was macht denn Euer Mann?“ fragte die Graͤfin. „Je nun, mein gnädiges Mamſellchen, er iſt ganz herunter!“ antwortete die Dame weinerlich und zeigte aufs Bett'.„Er ſtirbt nu ſo ſachte hin!“ „Liegt er immer im Bette?“ erkundigte ſich Lyndſay. „Ne, er liegt nit immer im Bett'! Manchmal geht er ein Bischen h'raus. Daran iſt mir aber halt gar nix gelegen, denn ich ſag' immer, was ſoll er denn außen? Anruͤhren kann er nix; da iſt er mir alſo im Bette mehr aus'm Wege hier, als wenn er ſonſt wo h'rumkriecht!“ „Aber auch außer'm Wege, zur Geſundheit wie⸗ der zu gelangen!“ erinnerte Lyndſay. „Geſundheit! Ach, Jeſus! Geſund wird er nit wieder, ſo lang' er lebt! Er ſchleppt ſich nun hin, kuͤnftige Martini wird's ein und drei Vierteljahr. Na, das kann ich ſagen, ich habe eine ſchlimme Zeit mit ihm gehabt und kann nicht'nen Augenblick von ihm weggehen. Im Hauſe geht alles zu Grunde. Ich ſchaͤme mich vor mir ſelber!“— Sie ſah ſich hier in allem ihrem Schmutze vom Kopfe bis zum Fuße genauer an.—„Und die Kinder, die armen Dinger, die gehen in lauter Lumpen, denn ich kann keinen Stich an ihren Rockchen thun!“ 270 Hier ließ ſich die Stimme des Kranken horen. Er rief matt nach ſeinem Weibe. „Sehen Sie, ſo geht's den ganzen Tag, mein gnaͤdiges Fraͤuleinchen! Da liegt er und quakt, quakt und quakt immer nach mir.— Was willſt Du denn wieder?“ ſchrie ſie ihm im kreiſchendſten Tone zu, ſich uͤber's Bette hinneigend.—„Trinken willſt Du? Ich wundere mich nur, daß Du nicht mehr Verſtand haſt und jetzt trinken willſt. Die gnaͤd'ge Herrſchaft iſt ja hier und Herr Lyndſay iſt da und wollen wiſſen, was Du machſt?“ Lyndſay nahm eine Schale Waſſer, die auf einer Kiſte am Bette ſtand und reichte ſie dem Munde des Kranken hin, allein das Weib fuͤhlte den ſtillen Vor⸗ wurf nicht. Sie verſtand ihn im Gegentheil ganz falſch: „Ich bitt' Sie gar ſchoͤn! Machen Sie ſich nicht ſo viel Muͤhe! Ich muß mich ja ſchämen! Er iſt wie ein kleines Kind. Bald will er dies, bald will er das. Und ſein Bischen Verſtand hat er ganz ver⸗ loren.— Schaͤmſt Du Dich denn gar nicht, Mann? Siehſt Du denn nicht, was Du den Leuten fuͤr Muͤhe machſt?“ Lyndſay hatte inzwiſchen des Kranken Puls un⸗ terſucht und that einige Fragen, ſeine Krankheit be⸗ trefſend, an ihn. „Hat Er Durſt?“ fragte er. „Ach jemine,'s ganze Weltmeer traͤnk er aus, hinn. mein quakt denn ne zu, wilſſ mehr nid ge und feiner de des Von gn e ſich Er d wil n ven Nam! en für ſs un⸗ eit be⸗ er auh 271 wenn man's zuließe!“ antwortete die zärtliche Hälfte ſtatt ſeiner. „O, laſſe Sie ihn doch ſelbſt reden!“ verwies ihr Lyndſay und that die Frage noch einmal an den Kranken. Aber dieſer war mit ſolcher Beguͤnſtigung ſo wenig vertraut, daß er in Verlegenheit gerieth, wie er ſie benutzen ſollte. „Hat Er denn Kopfſchmerzen?“ „Ich mein' halt nit, daß'm der Kopf wehthut, ob er gleich manchmal d'ruͤber lamentirt. Ich wollte nur, ſag' ich oft, daß er meinen Kreuzſchmerz hätte. Mir thut's jetzt in den Schultern weh—“ rief die treue Gattin, den kräftigen, breiten, fetten Ruͤcken hin und her rollend. „Ich werde, was Ihr fehlt, ein andermal horen, wenn Sie nur jetzt ein Bischen ſtill ſeyn wollte!“— ſagte Lyndſay und wandte ſich wieder an den Kranken, mit der Frage, ob er in den Beinen Schmerz oder Schwäche habe, die ihn am Aufſtehen hinderten? „Ich weiß nit, wie das mit ihm ſteht!“ nahm die Unverbeſſerliche gleich wieder das Wort.„So was, das auf wäre, iſt's gewiß nit, denn er hat nit ein Bläschen an ſich. Ne, ne, mein Herrchen, ſeine Haut iſt geſund, wie beim Fiſch, und das iſt ein gro⸗ ßes Gluͤck! So iſt er freilich recht krank. Aber nun— was kann's helfen?“ „Kann Sie denn Ihren Mann nicht ſelbſt reden laſſen?“ fragte Lyndſay, der nicht wußte, ob er uͤber die Unerträgliche lachen oder ſich aͤrgern ſollte. „Ei nu, mein Herrchen, er kann ja reden! Ich will's ihm nit wehren! Aber nun, er weiß ja nit, was er ſagen ſoll und was'm fehlt?— Hore mal, Toms,“ brullte ſie ihm ins Ohr,„'s gnädge Mam⸗ ſellchen will wiſſen, ob Du reden kannſt! Bedanke Dich doch fuͤr den huͤbſchen Rock und das Geld, wel⸗ ches ſie Dir geſchickt hat!“ „Wolltet Ihr denn nicht lieber ein Bischen auf⸗ ſtehen?“ fragte Gertrude, um zu ſehen, ob ſie eine Antwort erzielen könne. Allein gleich, ehe er Zeit zu erwiedern hatte, nahm die Mundtrompete das Wort: „'s dem Bett' hrrausſteigen? Je ja, gnäd'ges Mamſellchen. Immer ſchreit er; Ich will h'raus! Ich will h'raus! Und wenn er nun außen ſitzt, kraͤchzt er wieder: Ich will h'nein! Ich will h'nein! Ei, das wär' eine ſchöne Sache, wenn ich'n den gan⸗ zen Tag da ſitzen haͤtte!“— Sie zeigte auf die Waͤ⸗ ſche, die uͤber dem Stuhle des Trocknens wegen hing. „s Bischen Feuer brauch ich fuͤr ſein Todtenhemde. Ich hatt's ein Bischen ans Freie gehängt, aber da iſt's ſo naß geworden. Die Luft iſt ſo feucht. Und lange kann's doch nicht dauern, da braucht er's. Heut iſt's ein recht huͤbſcher Tag, dacht' iſt. Bei der Sonne und am Feuer muß es charmant trocknen!“ Onkel Adam hatte bis jetzt ſein kaltes Blut in einem Grade geltend gemacht, wie es kaum in ſeinem ganzen Leben der Fall geweſen ſeyn mochte. Allein er hatte auch gleich, wie die holde Dame ihre Lippen offnete, wahrgenommen, daß Worte, ihr zu begegnen, nu 6l wi di fü ſ Ir ein Ich nit mnl, Nam⸗ danke wel⸗ auf⸗ eine it zu ort: raus! Ei, gan⸗ hing. ende e do Und Heut Zonne lut in ſeinem Allin Liypen egnen 273 nur ſchwache Waffen ſeyn moͤchten und in der Fauſt allein das Mittel läͤge, ſeinem ganzen Unwillen Recht wiederfahren zu laſſen. Zum Gluͤck konnte er ſie in dieſem Momente nicht packen, denn ſonſt ſtand zu fuͤrchten, daß ſein Zorn ſich nicht mit leerem Schalle, ſondern in derben Schlaͤgen Luft gemacht haben wuͤrde. Indeſſen auch unter ſolchen Hinderniſſen brach er wie ein Vulkan los und donnerte: „Das Todtenhemde Deines braven Mannes trock⸗ neſt Du, und er athmet noch? Du biſt ſo unver— ſchaͤmt, einen Mann, der noch lebt, wie eine Leiche zu behandeln und ihm ſein eignes Haus zu einem Kirchhofe zu machen? Wie kannſt Du ihm denn wehren, ſich ein Bischen am Feuer zu wärmen, um Deine Lumpen zu trocknen?“ Und damit ergriff er die Paraphernalia, wie ſie in ihrer Pracht da hingen, und warf alles mit einander ins Feuer.„Da, nun wird's trocknen genug!“ rief er, wie ſie aufloderten, indeß er zur Huͤtte hinausging. „Ach du mein lieber Gott und Vater! Das ſchoͤne Hemde, das ſo viel Geld koſtete!“ jammerte die Frau und machte einen vergeblichen Verſuch, es aus den Flammen zu retten.„Was iſt denn das fuͤr ein alter Satan, der eines ehrlichen Mannes Tod⸗ tenhemde ſo ſchlecht macht?“ Die Gräfin war beſtuͤrzt, denn ſie hatte nur un⸗ vollkommen das Gepoltere ihres Onkels gehort und fand die Handlung ſo anmaßend, wie ſie es in der That war. Ihre Boͤrſe oͤffnete ſich im Augenblick, II. 18 — den Friedensbruch gut zu machen. Doch Lyndſay konnte ſich uͤber den tragikomiſchen Auftritt kaum des E Lachens enthalten. Er kannte den ſchottiſchen Land⸗ mann und die Denkungsweiſe deſſelben. Ihn uber⸗ raſchte die Vorſorge des Weibes daher keinesweges, und waͤhrend dieſes mit dem Verſuch beſchäftigt war, ein Paar Fetzen aus dem Feuer zu retten, benutzte er die Gelegenheit, mit dem Manne zu ſprechen. „Wie ich ſehe, bemuͤht ſich Sein Weib nicht, Ihm die Gefahr zu verbergen?“ ſagte er. „Ne, das thut ſie nicht!“ erwiederte der Kranke. —„Nun, warum ſollte ſie denn das thun?— Es waͤr' ein ſchlechter Freund, der dem Menſchen die Ge— fahr nicht ſagen wollte. Wir ſind ſchon ſelbſt immer geneigt, die Augen zuzudruͤcken und vergeſſen, was wir unſerer unſterblichen Seele ſchuldig ſind!“ „Hat Er denn den Geiſtlichen geſprochen? Ver— muthlich?“ „Ei ja! Das iſt ein braver Mann. Er kommt dann und wann herein. Und recht erbaut hat er mich!“ Er rief jetzt ſeine Frau und troſtete ſie, als ob ihr Sonntagsrock verbrannt wäre. „Ein emporendes Weib!“ rief Gertrude, als ſie wieder im Freien waren.„Welche ſchreckliche Gefuͤhlloſigkeit, die Kleidung fuͤr den todten Mann zu beſorgen und ſie ſo vor ſeinen Augen auszubreiten!“ ndſ ndes Land⸗ uͤber⸗ beges, wor, ßte er nicht, ranke. —6 e Ge⸗ immer wir ommt at e s ob als ikliche Mann ten!“ „Freilich giebt ſie keine guͤnſtige Vorſtellung von ſchottiſchen Hausfrauen,“ erinnerte Lyndſay;„allein ich habe die zärtlichſten Weiber vom Tode des Gatten ſprechen horen, indeſſen ſie ſeine Beduͤrfaniſſe mit der großten Sorgſamkeit befriedigten. Dieſe hier ſind nur minder umſichtig in der Wahl ihrer Gegenſtände, als wir es ſind. Sie wuͤrden es fuͤr großes Unrecht hal⸗ ten, in ſolchen Stunden zu taͤuſchen!“ „Doch wie emporend, wenn man hoͤrt, daß der Tod nicht zu vermeiden ſey?“ „So meinen ſie's nicht. Bei Gott, denken ſie, ſind alle Dinge moöglich. Sie ſchicken nach dem Arzte, wie nach dem Geiſtlichen, bitten den Himmel, daß die Mittel anſchlagen, und ſtellen das Uebrige in Gottes Hand. Ich habe an manchem ihrer Sterbe⸗ betten, unter verſchiedenen Umſtaͤnden, geweilt, und immer gefunden, daß ſie daran gewöhnt ſind, vom Tode, von der Ewigkeit zu hoͤren, mit Geiſtli⸗ chen und frommen Leuten davon zu ſprechen. In der Regel ſehen ſie dem Tode ruhig und gefaßt ent⸗ gegen.“ „Ich kann mir freilich leicht einbilden, daß der Arme, den wir eben verlaſſen haben, zum Himmel mit großem Wohlgefallen aufblicken muß. Er wird ja ſeine Quaͤlerin und die rauchige Huͤtte los!“ „Rauch und ein keifendes Weib gelten freilich immer fuͤr das Mon plus ultra des menſchlichen 18* 276 Elends, aber nur bei reichen Leuten iſt das der Fall. Wenn Sie mehr Arme beſuchen, werden Sie finden, daß es noch größere Uebel bei ihnen giebt. Sie ſind erſt Anfaͤngerin in der Kenntniß des menſch⸗ lichen Elends!“ Schweigend wandelten fſie heim. Einunddreißigſtes Kapitel. Sie hat vergeſſen, welche Qual Sie für ihn mußte leiden. Denn er iſt da! Bleibt eine Wahl? Sie fühlt nichts, als der Liebe Freuden! Spenſer. Wenn man ſich in einem unfreundlichen Clima von einem ſchoͤnen Tage trennen muß, glaubt man einem lange entbehrten Freunde Lebewohl zu ſagen. Mit ſchmerzlichem Bedauern ſehen wir den letzten Strahl der Abendſonne ſchwinden, als wollten wir den Schritten eines geliebten Freundes trauernd mit den Augen fol⸗ gen, denn lange kann es dauern, ehe wir ihn wieder ſchauen. „So muͤde ich bin, doch muß ich den ſchoͤnen Tag bis zum letzten Augenblick genießen!“ ſagte die Gräſin, wie ſie am Schloſſe waren und ſetzte ſich auf eine Gartenbank auf dem Raſenplatze.„Es iſt doch ganz anders, hier zu ſitzen und dem klagenden Ton der Nachtigall zu lauſchen, als mit der Eliſabeth und Miß Pratt im Saale verſchloſſen zu ſeyn.“ „Viel angenehmer iſt es mindeſtens!“ ſtimmte N8 Lyndſay, ſich ebenfalls ſetzend, bei:„obſchon es auch einigermaßen gefaͤhrlich iſt. Ich bin ſeit einiger Zeit mißtrauiſch gegen mich!“ „Seit wann denn?“ „Seit ich Sie kenne!“ Unwillkuͤhrlich ſchienen ihm dieſe Worte ent⸗ ſchluͤpft zu ſeyn, ſtatt mit Ueberlegung geſagt zu werden. In der Art, wie er ſie ſprach, war etwas, das Gertruden Schrecken erregte. Ein Verdacht ſtieg in ihr auf, daß ſie Lyndſay wohl lieben mochte; doch kaum hatte ſie Zeit, dieſe Idee aufkommen zu laſſen⸗ Schnell war ſie verjagt. Als ſie ihn anſah, war der ernſte Blick, den er auf ſie heftete, entflohen. Heiter ſetzte er hinzu: „Ich ſchmeichelte mir, um endlich weiſer, beſſer, achtungswerther zu ſeyn, als ich nun ſelbſt jetzt wahr⸗ nehme, denn ich fuͤhle allmaͤhlig, wie ich unter Ihrem Einfluſſe immer weicher, ſchwermuͤthiger, ſchwärmeri⸗ ſcher werde. Wenn ich länger bei Ihnen weile, muß ich mir eine Floͤte anſchaffen und einen Schäferrock, und dann—“ „Was dann?“ fragte Gertrude lachend. „Dann muͤſſen Sie mir verſprechen, mich recht aufmerkſam zu hoörenz ich will dann unter Ihrem Fenſter die ganze Nacht ſtehen oder ſitzen und Liebes⸗ lieder ſpielen!“ „Nun, den Schäferrock und die Flote will ich beſorgen!“ „O, das iſt nur ein kleiner Anfang. Ich muß auch Zeit 279 auch im Stande ſeyn, bei jeder Gelegenheit und ſelbſt, wenn keine Gelegenheit dazu iſt, Sonnette auf Sie zu dichten. Ich muß die genaueſte Aehnlichkeit zu treffen wiſſen, wenn ich Sie male, ohne daß Sie ein⸗ mal ſitzen—“ „Es wird Zeit, daß Sie einmal damit anfan⸗ gen! Wiſſen Sie, wie lange es her iſt, daß Sie mich zu malen verſprachen? Fangen Sie endlich an, ich bitte Sie. Jetzt hab' ich nichts zu thun. Die liebliche Abendſonne wird mich mit ihren Strahlen ſchmuͤcken und alle meine haͤßlichen Zuͤge verſtecken. Sie ſehen ja, in ihrem Glanze nimmt ſich alles huͤbſch aus!“ „Aber Sie wiſſen doch, daß ich Ihnen voraus ſagte, wie ich in meinen Bildern nie ſchmeichelte. Ich gebe Wahrheiten, trockne, kalte Fas Similes, ohne eine Tinte des Claude Lorrain!“ „Dies thut nichts. Laſſen Sie mich ſehen, wie ich bin, oder mindeſtens meinen Freunden erſcheine!“ „Gut! Erſchrecken Sie nur nicht gleich beim erſten Umriſſe. Mir kommt es vor, muß ich Ihnen ſagen, daß Sie die Wahrheit lieben, daß Sie dieſelbe aufrichtig ſuchen, aber ein Bischen Stolz und Trotz beſitzen und ſie darum nicht zu Ihnen kommen kann. Dann iſt Ihre Phantaſie zu lebendig, um den rechten Weg immer zu finden, und ſo lange Sie unter dem Einfluſſe dieſer ſtehen, werden Sie nie richtig urtheilen koͤnnen!“ „Nicht ſehr ſchmeichelhaft!“ ſagte die Gräſin 280 und bemuͤhte ſich zu lachen.„Sie ſind nicht gerade häßlich und nicht gerade eine Naͤrrin! Das iſt das Reſultat Ihrer Lobrede. Fahren Sie fort; ich bitte darum!“ „An Scharfſinn fehlt es Ihnen nicht, aber Sie faſſen zu ſchnell eine Meinung; man wird Sie der Unbeſtändigkeit, der Laune beſchuldigen, aber mit Un⸗ recht. Sie laſſen ſich nur manchmal tauſchen!“— „O, nun ſeh' ich, daß ich eher einem Propheten, als einem Maler in die Haͤnde gefallen bin!“ rief Lady Roßville, etwas gereizt, aus.„Nun, Prophe⸗ zeihungen hör' ich nicht gern, wenn Sie mir nichts Gutes verheißen. Nichts mehr von ihnen! Das iſt eine unnuͤtze Kunſt. Kuͤnftige Dinge ſollen mich nicht in Schatten ſtellen! Kommen Sie, fuͤr eine Sitzung iſt das genug. Morgen ſollen Sie eine andere haben. Vielleicht zeichnen Sie mich da, wie ich bin, nicht wie ich ſeyn könnte!“ „Morgen muß ich Sie verlaſſen!“ „Sprechen Sie mir nicht vom Fortgehen! Was ſollte denn mit mir werden, wenn Sie fort ſind? Ich habe ja dann keinen Menſchen, mit dem ich umgehen, Niemanden, mit dem ich ſprechen, leſen, ſingen, ſpa⸗ zieren gehen koͤnnte; Niemanden, der mir nuͤtzliche Dinge lehrte. Nein, theuerer Vetter, ſagen Sie, daß Sie mich nicht verlaſſen wollen!“ Lyndſay ſchuͤttelte mit dem Kopfe. „Komm, Zoe,“ fuhr Gertrude fort und koſte ein . Ge rie be S ni za Fi iſ tre V S ge bli R— 281 einem kleinen Windſpiele, das zu ihren Fuͤßen lag, „vereinige deine Bitten mit den meinigen!“ Sie ließ ihn aufwarten. Der Hund war ein Geſchenk von Delmour. Lyndſay ſah weg. „Ich muß gehen!“ ſagte er. „Sagen Sie doch lieber: Ich will gehen!“ rief die Graͤfin böſe aus.„Daß ein Muͤſſen hier⸗ bei ſtatt faͤnde, glaub' ich nicht. Sie ſind Ihr eigner Herr, haben die Freiheit zu gehen, zu bleiben, wie Sie Luſt haben!“ „Wenn dem auch ſo waͤre— ſo ſeyn Sie doch nicht ſo ungerecht, Gertrude, mit Ihrem Freunde zu zanken, daß er beſitzt, was alle Maͤnner, manche Frauen ſogar, haben: ſeinen eignen Willen!“ „Aber ich habe den meinigen Ihnen, es iſt nicht lange her, mehr als einmal aufgeopfert!“ erinnerte Gertrude kalt. „Wenn ich auch meinen Willen opfern wollte, ſo muͤßte ich dann auch noch mein Gewiſſen hin⸗ geben, oder beſſer, um die Wahrheit zu geſtehen, es iſt hier ein kleiner Zwieſpalt bei mir rege. Ein Ding treibt mich zu bleiben, das andere ruft mir zu: geh!“ „Das Gewiſſen kann manchmal ſo gut, wie der Wille, falſch verſtanden werden, und diesmal moͤchte es bei Ihnen der Fall ſeyn; ſonſt wuͤrde es Ihnen geſagt haben, wie gut Sie thäten, wenn Sie hier blieben!“ „Nein, ſolche Schmeicheleien hat es mir noch nie geſagt. Dies iſt Gegenſtand der Hoffnung, der 282 Einbildung und manchmal waͤr' ich beinahe ſchwach genug geweſen, den Traͤumereien dieſer zu lauſchen!“ — Er hielt inne und ſah einen Augenblick Gertruden feſt an. Haͤtte er bei dem, was er ſagte, einen ver⸗ ſteckten Gedanken äußern wollen, ſo waͤr' er ihr doch entgangen, denn in ihren lebhaften Zuͤgen zeigte ſich nicht die geringſte Veraͤnderung.„Könnte ich glau⸗ ben, Ihnen wirklich einen Dienſt zu leiſten, ſo wuͤrde ich hier bleiben, wenn es auch auf Koſten meines—“ „Herzens“ ſchwebte auf ſeinen Lippen, aber er brach ab und verwandelte es in:„meiner Zeit geſchehen ſollte. Allein in die einzige Angelegenheit, wo ich Ih⸗ nen nuͤtzen konnte, mich zu miſchen, hab' ich kein Kecht und ſo noch eine unbeſtimmte Zeit lang die Handlungen Anderer zu beobachten, kann ich mir nicht laͤnger geſtatten. Des Schutzes beduͤrfen Sie, das weiß ich. Sie ſind jetzt in der Lage, ihn in Anſpruch nehmen zu muͤſſen. Wählen Sie ſich Ihre Vormuͤn⸗ der, oder laſſen Sie das Geſetz dieſelben ernennen!“ Denken und Sprechen war gewöhnlich bei Gertru⸗ den Eines; ſogleich rief ſie aus: „Nun, dann muͤſſen Sie einer von meinen Vormuͤndern werden!“ „Ich?— Das iſt unmoglich!“ „Warum nicht? Ich wuͤßte keinen, den ich ſo gern zu meinem Vormunde hätte! Sie werden, das weiß ich gewiß, nicht mit mir je zanken, mir vorpredi⸗ gen, und wenn ich noch ſo garſtig bin! Nein, ſchla⸗ gen Sie mir ja nicht einen von Ihren alten Spieß⸗ — birg ßen, yfun t, aber heri nen fall anſ ohr det neh nic hn ſ ſchwach ſchen!“ rtruden en ver⸗ hr doch gie ſich h glar⸗ wide r brach ſchehen 5. ich kein ung die ir nicht e, das nſpruch ormün⸗ en“ Gettr⸗ meinen nich ſ n, do own ſchl Syiq⸗ 283 buͤrgern, mit einer Stutzperucke, den breiten Rockſcho⸗ ßen, den ellenlangen Taſchen vor, die uͤber jede Fuͤnf⸗ pfundnote, welche ich ausgabe, eine Rede halten!“ „Schwerlich duͤrfte man, außer auf dem Thea⸗ ter, jetzt ſolche Vormuͤnder noch finden!“ „Vielleicht ſind Peruͤcken und Rockſchoͤße weg, aber die langen Geſichter und Predigten, fuͤrcht' ich, herrſchen wohl noch uͤberall. Nein, ich muß erſt mei⸗ nen Mann kennen, ehe ich mir ſolche Abhängigkeit ge⸗ fallen laſſe!“ „Sie ſind wohl in groͤßerer Abhängigkeit!“ Die Graͤfin errothete. Sie fuͤhlte, worauf er anſpielte. Erſt nach einer Pauſe bemerkte ſie, nicht ohne einige Unruhe: „Die Gefahr, in welcher Sie mich wähnen, fin⸗ det nicht mehr ſtatt. Der Mann, deſſen freches Be⸗ nehmen gegen mich Sie zweimal geahndet haben, lebt nicht mehr. Er iſt auf dem Meere umgekommen.“ — Sie erzählte ihm hier die Umſtände des Schiff⸗ bruchs und was die Mutter von Lewiſtons Tode ge⸗ ſagt hatte. „In ſofern verlaſſe ich Sie alſo mit leichtem Herzen! Von dem Punkte her droht demnach keine Gefahr mehr. Wenn es noch Gefahren giebt—“ Doch in dem Augenblick fuhr ein Poſtzug mit vier ſchaumbedeckten Pferden die Allee in vollem Ja⸗ gen herauf. „Wer mag das ſeyn?“ rief die Lady Roßville, denn der Gedanke blitzte durch ihren Kopf: es ſey der 4 284 Oberſt vielleicht. Sie ſprang auf; ihr Herz klopfte gewaltig, ihre Farbe wechſelte. Sie waͤre gern ins Haus gegangen, aber die Beſtuͤrzung war ſo groß, daß ſie auf die Bank zuruͤckſank, indeß ihr Auge im⸗ mer nach dem Wagen hinſah. Er fuhr vor dem Schloßthore auf, als der darin Sitzende die Thuͤre oͤffnete. Der Oberſt Delmour ſelbſt ſprang mit einer Heftigkeit heraus, daß man kaum einen einzelnen Blick auf ihn werfen konnte, als er ins Schloß hinein flog. Doch dies war hinreichend. Gertrude ſtand von neuem auf; ſich ihrer Beſtuͤrzung ſchaͤmend, konnte ſie das Auge nicht aufſchlagen, ſonſt wuͤrde ſie geſehen haben, daß Lyndſay nicht weniger ergrifſen war, als ſie ſelbſt. Nur den angebotenen Arm nahm ſie an und ſchwei⸗ gend gingen beide ins Schloß. Als ſie in den Vorſaal traten, horte man einen Bedienten, der gefragt worden ſeyn mochte, ſagen: „Ihro Gnaden ſind bereits ſeit einigen Stunden ſchon mit Herrn Lyndſay ausgegangen. Im naͤmlichen Au⸗ genblick ſchoß der Oberſt aus dem Geſellſchaftsſaale in voller Unruhe heraus. Freude, Furcht, Zweifel, Ver⸗ druß, Liebe und tauſend verſchiedene Gefuͤhle kämpften in Gertrudens Buſen. Sie verſuchte ſich aus Lynd⸗ ſay's Armen loszumachen, allein ſie hing nur um ſo hulfloſer an demſelben, denn ſie fuͤhlte, wie ſie kaum die eigne Laſt tragen konnte und fuͤrchtete, zu Boden zu ſinken. „Lady Roßville iſt vom Spaziergang erſchöpft!“ ſagte Lyndſay, ſich an den Oberſten wendend, und be⸗ „ kim ſh. dem Por wie Gro und ſun gan ziem ſh Ge Di leid leh erti 6n war ſch du ſie wa ten die oyſte ern its op ige im⸗ or dem hire it eine en Blic in flog. neuem ſe das haben, e ſelbß. ſchwei n einen ſagen: nſchon en ⸗ ſaul in 1, PVel⸗ zmpften Lynd⸗ um p e kaun Bode iyft. uid b⸗ 285 kämpfte die eigne Unruhe, als er die von Gertruden ſah.„Geſchwind ein Glas Waſſer her!“ rief er dem halben Dutzend Bedienten zu, die muͤſſig im Vorſaale herumſtanden und jetzt auseinander ſtaͤubten, wie es der wichtige Befehl mit ſich brachte. Die Gräfin gewann, ſo ſehr ſie ſich ihrer Schwäche ſchaämte und deshalb aͤrgerlich war, doch einigermaßen ihre Faſ⸗ ſung wieder. Ihr Herz klopfte zwar noch ſtark, ihr ganzer Korper zitterte noch. Aber doch ſagte ſie mit ziemlich feſtem Tone: „Ich muß mich beim Oberſten Delmour ent⸗ ſchuldigen, daß ich ihn jetzt ſo unartig empfange!“ Im nämlichen Augenblick nahm Lyndſay das Waſſer, von einem Diener dargereicht, und gab es Gertruden in der Art eines Mannes, der ſolche kleinen Dienſte zu leiſten das Recht hat. „Mein Wagen ſoll warten!“ ſchrie Delmour leidenſchaftlich hinab, als die Equipage umlenkte. Lady Roßville hatte jetzt Kraft genug zur Selbſt⸗ beherrſchung gefunden. Ihr Stolz war beleidigt; ſie errothete deshalb und ging in den Saal, wo Lady Eliſabeth ſaß und ſich mit oſſenem Munde wunderte, warum der Neffe ſo geſchwind gekommen ſey und ſo ſchnell wieder fort wolle. Lyndſay's Unmuth war durch die Rohheit, die Heftigkeit rege geworden, wie ſie der Oberſt jetzt bewieſen hatte. Allein der Zorn war bei ihm nur voruͤbergehendes Gefuͤhl. Kaum wa⸗ ren ſie in den Saal getreten, als er ihm fteundlich die Hand reichte. Der Oberſt drehte ſich aber raſch um und ging bald ſchnell, bald langſam auf und nie⸗ der. Endlich näherte er ſich Gertruden: „Ich wuͤnſchte mit Lady Roßville unter vier Au⸗ gen zu ſprechen!“ Die Graͤfin ſtand einen Augenblick an. Die Bitte war ſo uͤberraſchend. Ihr Stolz emporte ſich uͤber die Art, wie ſie geaͤußert wurde. Aber ſie ſtand doch auf, und mit dem Kopfe nickend, ging ſie in ein Nebenzimmer. Der Oberſt folgte ihr nach und ſchloß ſogleich die Thuͤre zu. „Gertrude!“ rief er und ergriff ihre Haͤnde, in⸗ deſſen die ſeinigen vor heftiger Unruhe bebten.„Jetzt ſprechen Sie mein Urtheil— von Ihren Lippen will ich es hoͤren! Sagen Sie nur ein Wort! Sagen Sie? bin ich betrogen, vergeſſen, verſtoßen!“ „O nein, nein! Niemals!“ verſicherte Gertrude und ließ ihren Thränen freien Lauf, da ihr Unwille ſchwand, als ſie die Angſt des Geliebten ſah. „Drucken Sie ſich aus, wie Sie wollen! Qua⸗ len Sie mich nur nicht durch Zweideutigkeit! Ich habe bereits Ihretwegen Qualen geduldet, die ich der ganzen Welt wegen nicht tragen möchte. Die Ver⸗ zweiflung wäre Seligkeit, mit ſolchen zerfleiſchenden Zweifeln verglichen!“ „Ich habe wohl Urſache zu zweifeln gehabt!“ ſchluchzte die Gräfin, ſich an den Tiſch ſetzend, und bedeckte die Augen mit der Hand, denn ſie ſchaͤmte ſich der Thränen, die ſie um den Mann vergoß, nach deſſen Treue ſie zu fragen wohl Grund hatte. me un tů au wil we me bot ſie E und nit viet Au .Di irte ſich ſie ſin ie in e d ſchloß ude, in⸗ 6, „Jeht pen wil Spn Gertie Unwils 1 Q i⸗ it! Ji e ih die Vo iſchende — ghobt“ * end, U e ſhin , u 3 „Sie haben Urſache zu zweifeln gehabt?“ fragte der Oberſt voller Ungeſtuͤm.„Konnten Sie denn an mir zweifeln?“ „Hatte ich keine Veranlaſſung? In ſolcher Zeit verlaſſen zu ſeyn, wo ein einziges Wort von—“ „Von mir Sie auf ewig zur Armuth, zur Nie⸗ drigkeit verurtheilt hätte? Iſt es nicht ſo? Sie wuͤrden die Meine geweſen ſeyn, wenn ich niedrig, ſelbſtſuͤchtig genug geweſen waͤre, Ihr Gluͤck dem mei⸗ nigen zu opfern!“ „O, welchen erniedrigenden Maßſtab legen Sie meinem Gluͤcke an, wenn Sie glauben, daß Glanz und Reichthum je ein gebrochenes Geluͤbde, ein ge⸗ taͤuſchtes Herz entſchädigen koͤnnten! Sie wollten alſo auf mich Verzicht leiſten?“ „Nein, beim Himmel, das wollt' ich nicht! Das will ich nicht! Und doch— ja, Sie haben Recht, Gertrude, ich wollte— ich will auf Sie verzichten, wenn ich dadurch Ihr Gluͤck gruͤnden kann. Ob das meinige zu Grunde geht, kommt nicht in Betracht!“ Lady Roßville ſprach nicht. Ihr Herz pochte vor Unruhe. Der Oberſt betrachtete ſie, am Kamine ſtehend, einige Augenblicke, ohne ein Wort zu ſagen. Endlich nahm er ihre Hand, die ſich nicht ruͤhrte, und ſetzte ſich zu ihr aufs Sopha. Mit zärtlicherm, ru⸗ higerm Tone ſagte er: „Gertrude, es war eine Zeit, wo, wenn mir ein Engel geſagt haͤtte, daß mich etwas auf Erden beſtim⸗ men koͤnnte, dieſe Hand aufzugeben, ich es nicht ge⸗ 288 glaubt haben wuͤrde. Und ſelbſt jetzt können Sie mir nicht Worte entreißen. Aber ſind Sie ſchwach und treulos— warum ſollte ich Sie dann noch feſtzuhal⸗ ten ſuchen?“ „Laſſen Sie mich los, Oberſt!“ rief die Grä⸗ ſin mit halb vor Angſt erſtickter Stimme.„Dies hab' ich nicht verdient. Ich will ſolche Aeußerungen nicht läͤnger hören!“ Sie bemuͤhte ſich ihre Hand frei zu machen. „Hoͤren Sie mich noch einen Augenblick. Mein Schickſal hängt von Ihren Lippen ab. Sagen Sie mir, daß unſer Geluͤbde gebrochen iſt, und damit un⸗ terſiegeln Sie mein Urtheil!“ Gertrude erwiederte nichts. „Gertrude— trotz allem mir das theuerſte, das geliebteſte Weſen!— ich kann nicht auf Sie verzich⸗ ten, als mit meinem letzten Athemzuge! Warum le⸗ gen Sie mir ein ſo grauſames Opfer auf?“— Er ließ die Hand los, womit er die ihrige umſchloſſen hatte— warum laſſen Sie einen Augenblick Ihre Hand in der meinigen?— Gertrude, Sie ſind frei!“ Die Gräfin zog langſam ihre Hand weg, dann hob ſie das Köpfchen in die Hoͤhe und trocknete die Thraͤnen, welche in ihren Augen perlten. Sie blickte ihn an, daß ſich die ganze vertrauende Liebe ihres Herzens ausſprach. Wieder ihre Hand in die ſeinige legend, drehte ſie ſich um, die Roͤthe auf ihren Wangen zu verbergen. ———— —— 3) ie mir ch und tzuhal⸗ ſir eGra⸗ — Dies nungen n. Mein n Sie nit un⸗ ſte, do verjich⸗ um le⸗ — G chloſſen Ihle „dann rocknete Sie e Liebe in die f ihren Zweiunddreißigſtes Kapitel. O Jupiter, du läßt verfälſchtes Gold erkennen, Doch Herzen, treulos, zu errathen, gabſt du Keine Zeichen! Euripides. Lyndſay war waͤhrend der Zeit in einer Art Fieber, das ſeiner ſo gleichmaͤßigen Stimmung ſonſt ganz fremd blieb. Er konnte ſich nicht laͤnger bergen, daß er Gertruden liebe. Allein ſeine Liebe war nicht jene heftige, eigennuͤtzige, welche ſich blos mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt. Er hatte ein edleres Ziel, eine reinere Triebfeder. Nicht zur Abgötterei artete ſeine Zaͤrtlich⸗ keit aus. Eben ſo war ſie von Selbſtſucht frei. Ger⸗ trudens Herz hatte er nicht zu beſtricken geſucht. Er wollte ihm einen weiteren Kreis anweiſen, es dadurch uͤber die engen, vergaͤnglichen Schranken der irdiſchen Liebe erheben, und hoſſte, eine ſo reine, ſtolze, edle Seele, wie die ihrige, könnte noch von der Liebe zur Tugend ergriſſen, und ſo vor dem Ungluͤck bewahrt werden, ſich mit einem, ihrer Liebe ſo unwerthen We⸗ ſen zu verbinden. Und jetzt ſtand alles auf dem Spiele. Von die⸗ ſer Unterredung ſchien ihr Schickſal abzuhängen. Daß 19 200 ſie von Delmours Erſcheinen ſo ergriſſen war, zeigte, welche Gewalt er noch über ſie behauptete. Aber dieſe konnte auch leicht gemißbraucht werden. Indeſſen— Gertrude fuͤhlte, wie ein Weib. Sie war ſanft ge⸗ ſtimmt; und doch hatte ſie hohen Sinn. Gegen jeden gewaltſamen Eingriff, gegen Ungerechtigkeit lehnte ſie ſich gleich auf. So konnte ja auch wohl das Band mit dem Oberſten durch deſſen Heftigkeit zerriſſen wer⸗ den, während es die zartere Hand nicht verletzt haben wuͤrde. Furcht und Hoſſnung wechſelten in Lyndſay's Herzen auf ſolche Art, als er, vor Ungeduld ganz au⸗ ßer ſich, den Ausgang dieſer Zuſammenkunft erwartete und unbeweglich ſein Auge auf die Thuͤr des Neben⸗ zimmers ſtarrte. Sonſt ſah er immer ſo freundlich und mild aus; jetzt war er ſinſter und beſtuͤrzt und jede Frage der Lady Eliſabeth ging unbeachtet ſeinem Ohr voruͤber. Endlich öffnete ſich die Thuͤre und der erſte Blick zeigte ihm ſchon, daß ſein und Gertrudens Schickſal entſchieden ſey⸗ Ihr Auge war noch von Thränen feucht. Allerdings; aber ein Lächeln ſpielte um ihre Lippen; die Freude roͤthete ihre Wangen; leicht huͤpfte ſie daher. Ihre ganze Geſtalt ſchien eine geiſtigere Anmuth gewonnen zu haben, die von ver⸗ ſohnter Liebe ſprach und zu laͤcheln ſchien, als ſey die Seligkeit in ſterblicher Hülle erſchienen. Alles war ausgeglichen; was Delmour geſagt hatte, galt ihr, wie das Wort der Bibel. Welch unvollkommene Be⸗ weiſe ſind vonnothen, wenn das Herz ſie zu glauben zeigte, er dieſe ſen— ft ge⸗ jeden nte ſie Band en wer⸗ n au⸗ wartete Neben⸗ undlich it und ſeinem nd der tudens ch bon pielte anen en eine vel⸗ ſeh di es war t ihe ne Be⸗ b glau 291 willig iſt! Der Oberſt hatte ſein Leiden geſchildert, erzäͤhlt, welche tödtende Wahl ihm gelaſſen worden ſey, um ſie zur Seinigen zu machen, aber ſie damit auch aus dem Hauſe ihrer Väter zu jagen, in Dunkelheit und Armuth zu ſtuͤrzen. Er erzählte ihr von ſeinem innern Kampfe, ſeiner Verzweiflung, ſeinen ſchwanken— den Entſchluͤſſen, welche am Tage die Phantaſie be⸗ ſchäftigt und ſeine Ruhe vernichtet hätten; von ſeinen ſchrecklichen Träumen, den Schreckgeſtalten, die ſein Lager in der Nacht umſchwärmten, bis endlich die Natur dem Kampfe unterliegen mußte und ein heftiges Fieber erfolgte. Kaum war er einigermaßen wieder hergeſtellt, die Reiſe anzutreten, ſo habe er, außer Stande, dieſe Ungewißheit länger zu dulden, noch we⸗ niger faͤhig, einen Entſchluß zu faſſen, ſie erſt zu ſehen ſich vorgenommen, nach England zuruͤckzukehren und, mochte folgen, was da wollte, zu erproben, wie weit ihre Liebe zu ihm gehe, den Ausſpruch von ihren eig⸗ nen Lippen zu hoͤren. Die Reiſe war langweilig und gefährlich, und gleich nach der Landung ſey er nach London gereiſt. Erſt hier habe er des Grafen Tod er⸗ fahren und von ſeinem Bruder gehort, daß ihm Ger⸗ trude den Korb gegeben habe; dagegen ſey ihre Ver⸗ mählung mit Lyndſay als ausgemachte Sache erzaͤhlt worden. Sie ſolle ſtatt finden, ſobald— es der An⸗ ſtand erlaubte. Faſt raſend uͤber dieſe Nachricht, habe er ſich in den Wagen geworfen, ſey Tag und Nacht gereiſt, bis er ankam und ſeine ſchlimmſte Furcht wäre gleich durch die Antwort auf ſeine erſte Frage, wie 19* 292 durch die Vertraulichkeit beſtätigt worden, in welcher ſie mit Lyndſay umzugehen ſchien. So ſchilderte Delmour die Verhaͤltniſſe, und ſie waren vollkommen richtig, bis auf die Triebfedern dabei. Wohl kann man nachweiſen, was wir thun, aber wer fuͤhrt eine Handlung bis auf ihren Ur⸗ ſprung zuruͤck? Wer ermißt die Tiefe des menſch⸗ lichen Herzens und entdeckt die geheimen Quellen, welche zwar das Waſſer lauter und klar zu Tage for⸗ dern, aber den Pforten des Lebens, des Todes glei⸗ chen? Der Oberſt hatte ein in allen Umſtänden wah⸗ res Gemaͤlde gegeben, und doch war das Colorit falſch. Was er der uneigennuͤtzigen Liebe zuſchrieb, war nur aus Selbſtſucht entſprungen. Doch Gertrude ſah von dem allen nichts. Sie zollte ihm ihre Thränen, ihre Treue, ihre Liebe, denn ſie dachte, er verdiene mehr, als dies alles. Sein Aeußeres ſchien ſeine Worte zu beſtätigen, denn er ſah blaß, hager und unruhig aus. Doch als die Spuren der Leidenſchaft, die ſeine ſchoͤnen Zuͤge entſtellten, ver⸗ ſchwunden waren, gab ihm gerade dieſe Blaͤſſe in ihren Augen einen Reiz, der den Mangel von viel mehr feſſelnden Schönheiten ausgeglichen haben wuͤrde. Auch Gertrude haͤtte gar viel erzählen konnen. Doch das Loos des Weibes heiſcht Duldung, der Mann hat bei ſolcher Gelegenheit das Vorrecht zu ſprechen. Waͤhrend der Oberſt ſeine Gefühle mit aller feurigen Beredſamkeit ſchilderte, ſah man deutlich, daß er in ihrem Herzen eine entſprechende Saite getroſſen, welcht nd ſie dern hun, Ur⸗ nenſch⸗ uellen, e fül⸗ glei⸗ wah⸗ falſch. „wor Sie „denn Sein er ſih öputen , vel⸗ nihren mehr nnen. per 3, det cht zu t aller h, deß wffin daß ſie nur zu ſehr alles erduldet habe, was er er⸗ zählte. Aber jetzt war der Sturm voruͤber; der Sonnenſchein ging in beider Herzen auf, nur prangte er verſchieden, wie es ihre Seelen ſelbſt waren. Als Lyndſay die Freude in Gertrudens Zuͤgen leuchten ſah und dann wieder den ſtolzen, triumphirenden Blick des Oberſten erblickte, verſchloß er ſein Auge, als wenn er auch ſein Herz gegen die Ueberzeugung haͤtte verſchlie⸗ ßen koͤnnen, wie Gertrude fuͤr ihn verloren ſey; fur das hoͤhere, edlere Geſchick verloren ſey, das er fur ſie ſo wohlwollend berechnet hatte! „Warum wollen Sie denn ſo ſchnell wieder fort, Friedrich?“ fragte Lady Eliſabeth und legte ihre Brille, ihr Buch weg, als er mit Gertruden aus dem Neben⸗ zimmer kam. „Ich kam mit Extrapoſt, will aber nicht wieder ſo fortjagen!“ antwortete er, bedeutungsvoll zur Graͤ⸗ fin laͤchelnd. Er klingelte und befahl, abzuſpannen. „Wo kommen Sie denn heute her?“ fragte Eliſabeth wieder. „Das kann ich wirklich nicht ſagen. Seitdem ich in Falmouth landete, bin ich Tag und Nacht ge⸗ reiſt, und ſo ſind die Orte, wo ich anhielt, weder in meinem Gedaͤchtniſſe, noch in meiner Phantaſie ge⸗ blieben!“ „Was trieb Sie denn ſo? Hatten Sie es er⸗ fahren, daß Ihr guter Onkel geſtorben war?“ fragte die Langweilige wieder. 294 „In London erfuhr ich's, wo ich mich eine halbe Stunde aufhielt!“ „Haben Sie Ihren Bruder geſehen? Sagte er Ihnen, daß er auf die Wahl verzichtet hat?“ . Alles!“ „Nun, was trieb Sie denn ſo ſchnell herzu⸗ jagen?“ „Ich wollte gewiſſen albernen Anmaßungen ein Ziel ſetzen!“ antwortete der Oberſt, indem er einen beleidigenden, verachtlichen Blick auf Lyndſay warf. „Denken Sie denn, daß Ihnen dies gelingt?“ Der Oberſt lächelte nur noch einmal verachtlich; Lady Roßville wurde roth und Lyndſay aͤußerte, ihn feſt ins Auge faſſend, ganz ruhig: „Ich habe von keinen albernen Anmaßun⸗ gen gehört, wenigſtens von Niemanden, der nicht auch berechtigt geweſen wäre, ſeine Verdienſte geltend zu machen, wenn er es fuͤr ſchicklich geachtet haͤtte!“ Bevor der Oberſt die hoͤhniſche, ihm auf den Lippen ſchwebende Antwort geben konnte, ging die Thuͤr auf und Onkel Adam trat herein— mit der Zopf⸗ peruͤcke, den kurzen blauen Hoſen, denn er hatte ſich bereits eingerichtet, das Haus zu allen Stunden des Tages zu durchſtreichen. Die Ankunft eines neuen Gaſtes war er nicht gewahr gewordenz ſonſt hätte er ſich wohl ſo lange als möglich verſchloſſen gehalten, falls er nicht gleich nach Barnford geeilt waͤre. Der Oberſte muſterte ihn einen Augenblick vom halbe gte er her⸗ ngen m er ndſah g tich; ihn ßun⸗ auch nd zu f den hir Zoyf⸗ te ſich n des neuen tte er halten, on 295 Kopf bis zum Fuße, mit unverſtelltem Erſtaunen, in⸗ deſſen die Lady Roßville denſelben als ihren Onkel vorſtellte. Sich ſchnell faſſend begruͤßte ihn jetzt Del⸗ mour mit ein Paar Buͤcklingen, die ſo tief und artig waren, daß ſie gegen das linkiſche, trockne, derbe We⸗ ſen Adams den lächerlichſten Abſtand bildeten. Er hatte zu viel Takt, um nicht gleich zu wiſſen, worauf dieſe ſtolze Höflichkeit ſich gruͤnde und die Galle wurde ihm daher ſo von neuem rege, wie bei dem Todten⸗ hemde der holden Dame in der Hutte. Zum erſten⸗ male ſchaͤmte ſich die Gräfin ihres Verwandten, und weil ſie ſich ſchämte, ihre Schwachheit ſehen zu laſſen, brachte ſie geſchwind jene Scene in der Huͤtte in Er— innerung, ohne daß ſie aber eine Antwort abgewartet hätte.„Ich muß Ihnen die Geſchichte ausführlicher erzählen,“ ſagte ſie zum Oberſten.„Mein Vetter Lyndſay wird das Kauderwelſch noch beſſer behalten haben.“ Mit ihrer Flötenſtimme, ihren ſuͤßen Toͤnen ahmte ſie das letztere nach. Doch als ſie nun das Ende mittheilte, brach der Onkel aus:„Die Spitz⸗ buͤbin! Sie verdiente, gleich mit dem Hemde ver⸗ brannt zu werden!“ Der Oberſt wußte durchaus nicht, was er ma⸗ chen ſollte, und das wollte bei einem Manne, wie er, viel ſagen. Die Gräſin, ebenfalls beſtuͤrzt, verſuchte zu lachen, doch der Gedanke, daß Delmourn der On⸗ kel zuwider ſeyn koͤnne, war ihr noch fataler. Zum Gluͤck trat jetzt das Kammermädchen herein, um zu melden: Madame St. Clair iſt ſo eben vom Spa⸗ ziergang zuruͤck und wuͤnſcht augenblicklich mit Ihro Herrlichkeit zu ſprechen!“ Die Gräfin ſtand auf, dem Wunſche zu gehor⸗ chen. Der Oberſt begleitete ſie an die Thuͤre, druͤckte ihre Hand, fluͤſterte ihr ein ſuͤßes Nichts ins Ohr, das ſie lächelnd und erroͤthend beantwortete; und wäh⸗ rend ſie zur Mutter eilte, rief er ſeinen Bedienten, ſich umzukleiden. t Jho gehot⸗ drückte Ohr, dwäh⸗ ienten, moglich, daß der Oberſt Delmour die Frechheit hat, in dies Haus zu kommen? Iſt es moglich, daß Du ihn nach dem, was vorging, unter Deinem Dache aufnimmſt?“ „Ich wuͤßte nichts, wodurch mir der Oberſt ein unwillkommener Gaſt ſeyn, warum er nicht Aufnahme finden ſollte?“ antwortete die Graͤſin und bemuͤhte ſich feſt, aber ruhig zu ſprechen. „Weißt Du denn nicht mehr, daß er die arme, abhaͤngige Gertrude St. Clair verachtete, verlaͤug⸗ nete und gewiſſermaßen zuruͤckſtieß? Und jetzt fliegt er zur Gräfin von Roßville herbei, verehrt Dich und will Dich heirathen! Iſt es nicht ſo? Und hab' ich nicht geſagt, daß es ſo kommen wird?“ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Das ganze Leben gleicht, man meint, Den Tagen im April! Vald regnet's, bald die Sonne ſcheint, Rie geht es, wie man will. Shakespeare. muß ich hoͤren?“ kam Gertruden, als ſie die Stimme der Mutter entgegen.„Iſt es — „Wenn wir des Oberſten Schritte in ſo ver⸗ ſchiedenem Lichte ſehen, koͤnnen wir uns unmoglich verſtaͤndigen! Ich bitte Sie, Mutter, ſprechen Sie nicht mehr davon. Ich bin zufrieden, vollkommen zu⸗ frieden, daß er blos nach den edelſten und uneigen⸗ nuͤtzigſten Beweggruͤnden handelte!“ „Wie hat er dies bewieſen? Wer iſt ſo leicht⸗ gläͤubig, daß er ihm traut, wenn er von uneigennuͤtzi⸗ ger Liebe ſpricht? Warum ſoll man dies glauben? Welch Recht hat er, ſolche entſetzliche Leichtgläubigkeit zu verlangen?“ „Das Recht, das jede edle Seele auf die Treue, das Vertrauen des andern uͤben zu koͤnnen meint!“ „Du ſprichſt wie ein Kind, Gertrude, wenn nicht wie eine Närrin! Wer ſonſt könnte ſchwach ge⸗ nug ſeyn, Worten zu glauben, die durch alles, was der Mann that, widerlegt werden!“ „Immerhin!“ rief die Gräfin, die ſich vergeb⸗ lich Muͤhe gab, ihre Faſſung zu behaupten. Ich will ein Kind, eine Närrin ſeyn, denn ich glaube, daß Delmour Wahrheit ſpricht und ein Chrenmann iſt! Die ganze Welt ſoll mir dieſe Ueberzeugung nicht zweifelhaft machen!“ „Und was ſoll nun die Folge dieſer Tollheit ſeyn? Willſt Du meinem mütterlichen Befehle wider⸗ ſtreben und ihn gegen meine Einſtimmung heirathen?“ So rief die Mutter, ſich ganz ihrer heftigen Hitze wieder einmal uͤberlaſſend. Gertrude ſchwieg. „Sprich!“ fuhr ſie daher immer heftiger fort. ſo be⸗ möglich n Si uen zl⸗ weigen⸗ leicht⸗ enntz⸗ auben? ubigkeit Treue, nt! wenn ach ge⸗ 5, was vetgeb⸗ be, doß nn iſt! gniht Lollheit widet⸗ then!“ n Hih et fort 200 „Ich verlange es! Ich frage noch einmal: willſt Du es wagen, ihn gegen meinen Willen zu hei⸗ rathen?“ „Ich gab Ihnen zweimal feierlich das Verſpre⸗ chen, daß ich nicht heirathen will, bis ich zwei und zwanzig Jahre zaͤhle!“ „Wenn Du willſt, daß ich darauf bauen ſoll, ſo entlaſſ' ihn, bis dieſe Zeit vorbei iſt! Noch heute laß ihn forteilen, damit Du frei biſt. Das thu' und ich will glauben, daß Du es aufrichtig meinſt!“ „Unmoglich!— Wie können Sie nur verlan⸗ gen, daß ich ſo handeln ſoll?“ „Ueberlaß es mir. Ich tauge am beſten dazu, ſtatt Deiner hier einzuſchreiten! Ich ſelbſt will mit dem Oberſten deshalb reden!“ Sie eilte nach der Thuͤre, allein Gertrude nahm ihren Arm und ganz roth vor Zorn rief ſie:„Wenn meine Freunde in Gefahr ſtehen, unter meinem Dache hinausgejagt zu werden, dann iſt mein Haus kein Auf⸗ enthalt mehr fuͤr mich. Dann muß ich eine andere Heimath— andern Schutz ſuchen!“ Die Mutter ward bleich vor Wuth, mit bei⸗ nahe unterdruͤckter Stimme ſagte ſie: „So befehl' ich Dir, bei dem Gehorſam, den Du mir ſchuldig biſt, auf Deinem Zimmer zu bleiben! Denke nicht daran, meiner Macht trotzen zu wollen! Noch hab' ich ſie in Haͤnden und will Gebrauch da⸗ von machen!“ Es giebt Graͤnzen, uͤber welche die Leidenſchaft nicht gehen darf, ohne ſich ſelbſt entgegenzuarbeiten. Kaum hatte Madame St. Clair dieſe Worte geau⸗ ßert, als ſie einſah, daß ſie zu weit gegangen ſey, um Gehorſam zu finden. Die Gräfin war gleich ruhig geworden. Aber ſie zeigte nicht die Ruhe der Furcht, der Unterwerfung, ſondern einer feſten Entſchloſſenheit. Schweigend nickte ſie, als wolle ſie gehorchen. Ohne nur eine Sylbe zu außern, wollte ſie hinaus. „Bleib'— wohin— was willſt Du?“ rief die Mutter und hielt ſie an der Thuͤre zuruͤck. „Ihnen gehorchen!“ antwortete Lady Roßville ruhig. „Gertrude, warum— warum treibſt Du mich ſo zum Aeußerſten?“ „Ich werde zum Aeußerſten getrieben; Gott ſteh' mir bei!“ jammerte Gertrude, in Thraͤnen aus⸗ brechend. „Sage mir, was Du vor haſt? Was Du thun willſt?“ ſchrie die Mutter aufs Heftigſte er⸗ grifſen. Die Graͤfin antwortete nicht ſogleich. Als die Frage wiederholt wurde und ſie gekampft hatte, wieder Faſſung zu gewinnen, ſagte ſie:„Dies Haus und alles, was ich mein nenne, ſteht zu Ihrem Befehle. Aber mein Herz, meine Freiheit laſſen ſich nicht beherrſchen! Heute werde ich mir's gefallen laſſen, in meinem Schloſſe Gefangene zu ſeyn. Morgen be⸗ gebe ich mich unter den Schutz der Landesgeſetze. Bei beiten. e geit⸗ ſeh, un ruhi Fucht, ſſenheit. Ohne rief Roßville M mich Gitt en aus⸗ as Du gſte e⸗ As di wieder us und Befehle ch nicht laſſen, gen be⸗ ze. Be dieſen werde ich Gerechtigkeit finden. Sie ſollen mir Vormuͤnder ernennen!“ Miſtreß St. Clair ward von Beſtuͤrzung ergriſſen. Sie ſah den begangenen Fehler ein, daß ſie der Toch⸗ ter Muth ſo rege gemacht hatte. Es blieb nur ein Weg, ſich aus der Verlegenheit zu bringen, in welche ſie durch ihre Heftigkeit gerathen war. Freilich war es der alte Weg, der aber bisher immer gluͤckte und immer zu ihrem Swecke beſſer, als ein anderer paßte. „Nein, Gertrude!“ behauptete ſie.„Wenn Du wuͤnſcheſt, daß wir uns trennen ſollen, ſo kommt es mir zu, eine andere Heimath zu wählen! Laß mich nur dieſe Nacht noch hier bleiben. Morgen ſollſt Du mich fuͤr immer loswerden. Ich fuͤhle, daß ich weder zu Deiner Groͤße, noch Deinem Gluͤcke etwas beitragen kann. Doch alle Anſpruͤche, die ich auf Seelenruhe, auf Ehre machen darf, liegen in Deinen Haͤnden! Spare mir zum mindeſten das Elend, das Ungluͤck, in die Welt durch die Tochter hinausgeſtoßen zu werden, fuͤr welche ich ſo viel that und duldete!“ Miſtreß St. Clair weinte hier ungeheuchelte Thraͤnen. In dem Augenblicke klopfte das Kammer⸗ maͤdchen, um zu melden, daß die Tafel ſervirt ſey. Schon toͤnte der Gong, ihre Kunde zu beſtätigen. In einem Augenblicke waren alle höͤheren Gefuͤhle ver— ſchwunden: „Mein Gott!“ rief ſie, als ſie ſah, daß ihre Joilette kaum in einer Stunde gemacht werden konnte. „Was iſt nun zu machen? Wie haben wir uns ——— ——— 302 denn ſo verſaͤumen koͤnnen? Ich kann unmoͤglich hin⸗ untergehen. Fehlen wir beide, ſo muß dies ungemein auffallen.— Gertrude, Du mußt an der Tafel er⸗ ſcheinen! Mach' geſchwind!“— Dieſe ſtand an.— „Wenn Du mir gut biſt, ſo gehorche mir jetzt. Laß uns gegenſeitig vergeſſen, gegenſeitig trauen! Geh', mein Maͤdchen!“ Sie kuͤßte ſie auf die Stirn. Um weitern Streit zu verhuͤten, eilte Gertrude in ihr Zimmer, ſich etwas umzukleiden und ſo gefaßt als moglich zu erſcheinen. lich hin ngemei afel e⸗ an.— t. Laß Geh, nStreit h etwas cheinen. Vierunddreißigſtes Kapitel. Mein Liebchen, ſey geduldig Sprich, wenn das End' iſt da. Quarles. Doch in ihrem Simmer war keine Fee, ihre Thraͤnen zu trocknen, ſie vom Kopf bis zum Fuße, durch eine Beruͤhrung mit ihrer Ruthe zu verwandeln. Es war nur ein ſterbliches, aber gewandtes Mädchen, das ſich den Kopf gewaltig zerbrach, als ihre Herrin zu dem wichtigen Geſchaͤfte des Tages, denn dafuͤr hielt ſie es, gar nicht kommen wollte. „Ich habe Ihnen Ihr ſchwarzes Spitzenkleid her⸗ ausgeſucht!“ ſprach gleich die Kammerjungfer Ma⸗ ſham, als Gertrude eintrat,„und Ihre Perlen und Ihre—“ „O, quäle mich nicht, Mädchen!“ fiel ihr die Graͤfin gleich ſo abſchreckend in's Wort, wie ſonſt gar nicht ihre Art war. „Was iſt Ihnen denn?“ fragte die Staunende. „Sag' Jourdan, er ſoll melden, daß die Geſell⸗ ſchaft nicht auf mich warten duͤrfe: ich wuͤrde bei dem — zweiten Gange erſcheinen!— Setze mir— ach, es iſt gleich!— Nur nicht das ſchwarze Kleid! Daß mir das nicht wieder vor die Augen kommt!“ „Flor ſteht Ihnen beſſer, aber Seidenzeug eignet ſich doch, wie Sie wiſſen, vornämlich zur Demi- saison!“ Die Gräͤſin warf ſich ſeufzend auf einen Seſſel und ließ ſich zum erſtenmal ganz nach der Laune ihres Mädchens ſchmuͤcken. „Was das fuͤr eine ſchreckliche Friſur iſt!“ war aber Gertrudens Dank, als ſie ihren Lockenkopf im Spiegel beſah. Doch that es ihr gleich weh, ſo hart geſprochen zu haben;z darum ſetzte ſie hinzu:„Ich glaube, es kommt von meiner verdruͤßlichen Miene her „Verdruͤßlich? Ach, gnaͤdiges Fräulein, das iſt nur blos ſo eine Einbildung! Als ob Sie je verdruͤß⸗ lich ſeyn könnten! Und Ihre Locken ſehen ganz char⸗ mant aus!“— Indeſſen die Graͤfin zerſtörte doch einen Theil des von der Jungfer Maſham aufgefuͤhr⸗ ten Prachtgebaͤudes, ehe ſie in den Speiſeſaal kam. Hier hatte Miß Pratt freilich gleich dahin ent⸗ ſchieden, daß Lady Roßville's Botſchaft gehorcht werden ſollte, und laut geaͤußert: es ſchicke ſich gar nicht, wenn die Anweſenden nicht zulangten, ſobald die Graͤfin es ſelbſt befohlen habe. Indeſſen der Oberſte hatte eben ſo feſt das Gegentheil behauptet und vor der Hand wieder abtragen laſſen. Er ging aus dem Zimmer und in die Gallerie, durch welche Gertrude h, es ſſt Daß mi g eihnet Demi- n Seſſl une ihres war kopf im „ſo hurt n Miene „dus iſ Lerdruß⸗ nz cha⸗ rte doch ufzefüht⸗ l kam. hin ent⸗ t werden ar nicht bald di rObert und tt gus den Gern kommen mußte, um ſie hier zu erwarten und zur Ta⸗ fel zu leiten. Der alte Kampf zwiſchen ihm und der Miß Pratt hatte durch ſeine Abweſenheit nichts verloren. Mit denſelben feindſeligen Gefuͤhlen kamen ſie wieder zuſam⸗ men. Sie hatte ſo laut als moͤglich ihr Staunen ausgedruͤckt, daß ſie ihn wiederſehe.„Nicht im Traume habe ſie ſich's einfallen laſſen, ihn zu ſehen; immer geglaubt, er ſtecke in Gibraltar bei ſeinem Regimente.“ Der Oberſt dagegen wuͤnſchte ihr veraͤchtlich Gluͤck dazu, daß ſie in der Oekonomie zu Roßville eine An⸗ ſtellung gefunden habe. Alle ihre Freunde waͤren doch nun ſicher, immer zu allen Jahreszeiten, zu allen Zei⸗ ten, wenn auch immer zur Unzeit, ihre angenehme Geſellſchaft zu genießen! Kaum hatte er jetzt den Ruͤcken gewendet, als ſie und der Onkel Adam die Koͤpfe zuſammenſteckten, denn durch den Oberſten war ein neues Band um ſie geſchlungen. „Was ſagen Sie denn zu dem neuen Gaſte, Herr Ramſay?“ fluͤſterte ſie ihm zu, indem ſie zu ihm in das Schmollwinkelchen eilte, das er gewöhn⸗ lich in Befitz nahm. Onkel Adam konnte das Fluͤ⸗ ſtern nicht leiden, und haͤtte er damit das Capitol retten koͤnnen. Er brummte daher nur recht nach— drucksvoll, aber beifaͤllig genug, um die Freundin zur Fortſetzung zu ermuntern. „Was denken Sie denn davon? Läßt das Eſſen wieder forttragen und die Gräfin hatte befohlen, daß II. 20 wir eſſen ſollten! Ich mache mir nicht ſo viel dar⸗ aus, als ein Stecknadelkopf beträgt, aber ſagen muß ich, daß es impertinent von ihm iſt, ſich ſo ein An⸗ ſehen zu geben; denn unter uns, es iſt Jemand im Hauſe, der ihn nicht im Geringſten leiden kann!“ „Das wundert mich nicht!'s iſt ja ein ſtolzer, anmaßender Narr!“ „Stolz? Ich wollte nur, Sie haͤtten ſeinen Stolz, ſein impertinentes Weſen weg, wie ich!“ „Na, ich hab' halt genug davon geſehen! Sah'n Sie's denn, wie er ſich verbeugte, als ob er der Prinz von Wallis wäre?“ „Gerade wie Antonius Whyte reden Sie; mei⸗ nen Neſſen, den Antonius Whyte von Whytehall, meine ich! Der ſagt, er könne alles leiden, nur kein Compliment vom Oberſten Delmour, denn er mache einen Buͤckling, wie ſein Schuhmacher! Ei, mein Neffe kann ihn zehnmal auskaufen und ſeine ganze Sippſchaft obendrein! Ich fuͤr meine Perſon danke's ihm uͤbrigens, daß er mich mit ſeinen Artigkeiten ver⸗ ſchont!“ „Was hat ihn denn eigentlich hergefuͤhrt?“ fragte Onkel Adam, der Hauptſache näher ruͤckend. „Ach, das kann ich Ihnen nicht ſagen; er muͤßte denn ſehen wollen, ob er mit der Graͤfin beſſer fer⸗ tig wird, als mit der Erbin. Das iſt aber nicht ſehr zu hoſſen, oder ich muͤßte mich ſehr irren!“ „Sie wird doch wohl mehr Verſtand haben, hoff' ich?“ „Den hat ſie. Ich will damit nicht ſagen, als ſäͤh' ſie es ungern, wenn ihr ein Bischen der Hof gemacht und nach ihr hingeguckt wird, denn Sie wiſ⸗ ſen ja, wie's alte Sprichwort ſagt: Die Katze läßt das Mauſen nicht, die Weiber naſchen gern! Und ſie hat ja eben nicht nothig, ſich zu uͤbereilen!“ „Na, ich ſeh' auch nicht, daß aus dem Warten was herauskommt!“ meinte der alte Adam und ſeufzte tief, denn er fuͤhlte, wie lange er umſonſt gewartet habe.„Aber was Sie mit dem Naſchen ſagen wollen, verſteh' ich nicht. Hat ſie denn ſchon was auf dem Korne? Ich habe doch, dächt' ich, noch nichts geſehen!“ „Mein guter Herr Ramſay! Iſt es denn moͤg⸗ lich? Ich haͤtte doch gedacht, daß Sie hellere Augen haͤtten! Haben Sie alſo nicht geſehen, was hier vor⸗ geht?“ Ihre Augen zeigten jetzt dahin, wo Lyndſay in einem Buche las, oder mindeſtens zu leſen ſchien, denn ſeine Gedanken waren ganz anders beſchaͤftigt. Der alte Adam ſchuͤttelte mit dem Kopfe. „Nun, Herr Ramſay, wenn Sie daran zwei⸗ feln, koͤnnen Sie an allem zweifeln. Ja, die Lady Eliſabeth, welche doch nicht leicht weiter ſieht, als ihre Raſenſpitze geht, fragte mich vor ein Paar Tagen: „Werden wir denn nicht bald eine Hochzeit haben?“ Hören Sie, ich ſage Ihnen, die ganze Sache war ſchon abgemacht, ehe der arme Lord Roßville ſtarb. Ob er aber ſeine Zuſtimmung gegeben haͤtte, will ich 20* —508 nicht behaupten. Ich ſpreche blos von dem, was ich gewiß weiß!“ Herr Ramſay ſchien aber noch immer unglaͤubig. „Nun, warum zweifeln Sie denn daran? Es iſt ja gar nichts Unwahrſcheinliches dabei? Freilich, wie ich ſchon geſagt habe, was das Vermogen betriſſt, iſt Eduard Lyndſay keine Parthie fuͤr ſie. Aber ſie hat ja ſelbſt fuͤr ſich und ihn genug. Und er iſt ein huͤbſcher, wohlgebildeter Mann, und wenn ich gleich denke, daß er uͤber manche Dinge zu viel Umſtände macht, ſo weiß ich doch auch, daß er ſo artig und brav iſt, wie irgend Jemand auf der Welt. Sie wird ihn ſchon umandern. Verlaſſen Sie ſich darauf! Sie wird ihn drehen und wenden, daß er denkt, wie ſie; das dauert nicht lange!“ „Na, meinetwegen! Wir werden's ja ſehen! Die Zeit wird's lehren!“ meinte Ramſay, immer noch kopfſchuͤttelnd, was oft mehr die Hitze erregt, als offenbarer Widerſpruch⸗ „Was weiß denn der alte Uhu von ſolchen Din⸗ gen!“ dachte ſie und aͤußerte laut:„Sehen? Wahr⸗ haftig, Herr Ramſay, ich daͤchte, wir haͤtten genug geſehen, um zufrieden zu ſeyn. Und gehort haben wir obendrein! Zum Beiſpiel, was wollen Sie denn nur ſagen, wenn ich Ihnen verſichere, daß ich zufaͤlliger⸗ weiſe in die Lage kam, hoͤren zu muͤſſen, denn ich hatte nicht die geringſte Idee zu horchen, das bleibt aber unter uns: wie ſie unſerm guten Freund, dem Oberſten, einen Korb gab, und zu gleicher Zeit er⸗ wab ich gläubig 6 Freilch, betriſſt, Aber ſi iſt ein h gleich mſtände tig und Sie wid f! Sie wie ſie; ſchen! ner noch gt, a en Di⸗ Wahr ngenuh aben wir enn n filin⸗ denn ih gs bleit d, don Zeit( 309 klaͤrte, daß ſie mit Eduard Lyndſay verſprochen ſey? — uUnd das hab' ich mit eignen Ohren gehoͤrt!“ Miß Pratt hatte dieſe Geſchichte ſo oft erzahlt, daß ſie ihr unter den Händen in die Höhe gewachſen war, und ſich ihrem Gedaͤchtniſſe ſo feſt eingedruͤckt hatte, um ſie nun mit aller Kraft der Wahrheit zu erzählen. Onkel Adam war beſiegt.„Na, wenn Sie das wiſſen,“ meinte er,„ſo brauch' ich weiter nichts da⸗ von zu ſagen. Aber ich haͤtte doch nicht gedacht, daß ſie in ihn verliebt wäͤre, wenn mir's gleich manchmal vorkam, als ob der junge Herr ein Bischen angeſchoſſen ſey. Na, meinetwegen, wenn's ſo iſt, wie Sie ſagen, ſo haͤtte ſie's beſſer, ſie hätte es aber auch ſchlimmer ma⸗ chen koͤnnen. Das Schlimmſte dabei iſt, daß ſie nicht ſo recht verliebt zu ſeyn ſcheint!“ Das letztere aͤu⸗ ßerte Onkel Adam mit einem tiefen Seufzer, denn er gedachte ſeiner Jugend. „Ich will Ihnen'was ſagen, Herr Ramſay, die Liebe iſt jetzt ganz anders, als in den Tagen unſerer Jugend. Der liebe Gott bewahre mich! Ich glaube, daß ich lieber in die Erde geſunken waͤre, ehe ich ſo ent⸗ gegenkäm', wie die junge Gräfin! Was dieſe fuͤr Um⸗ ſtände mit— dem Vetter Lyndſay hier und mit dem Vetter Lyndſay da macht! Weswegen beſucht ſie denn das Bettelvolk und baut Schulen, und macht ſolch dummes Zeug? Sie will ihm gefallen! Aber ſonft iſt ſie eine huͤbſche, ſittſame Creatur, und wenn ſie gleich ein Biöchen flüchtig ift, ſo wird ſie darum doch 2 nicht zu frei.— Da ſehen Sie mal!“— Sie ſtieß ihren Verbuͤndeten mit dem Ellenbogen, denn die Graͤ⸗ ſin trat herein, vom Oberſten Delmour begleitet.— „Haben Sie denn ſchon ſolche Unverſchämtheit geſe⸗ hen? So ordentlich Jagd auf ſie zu machen? Das arme Kind! Sie ſieht ganz roth aus! Ich glaube, ſie hat geſchrien!“ Lady Roßville bat um Entſchuldigung fuͤr das lange Außenbleiben. Es ward zum zweitenmale auf⸗ getragen. Sie erſuchte die alte Lady Eliſabeth, den Ehrenſitz einzunehmen, und winkte dem Oberſten, ihr den Arm zu geben; aber dieſer trat mit einem Prinzen Wallis⸗Complimente, wie es der alte Ramſay nannte, ſolche Ehre an Lyndſay ab und ergriff, triumphirend lächelnd, die Hand der Gräfin. „Ich denke doch, Sie haben die ganze Geſchichte geſehen?“ fluͤſterte Miß Pratt ihrem Vertrauten zu, wie ſie hinter einander hinwackelten. Denn er wuͤrde ihr eben ſo gern ſeinen Kopf, als ſeine Hand oder gar ſeinen Arm gegeben haben.—„Aber's iſt ein altes Sprichwort: Angeblaſenes Feuer und gezwungene Liebe taugen nichts! Gewiſſe Leute werden nicht lange ſo groß thun!“ Durch das Benehmen der Graͤfin bei Tiſche wa— ren Miß Pratts Ideen noch mehr beſtätigt. Sie ſah, daß Gertrude wenig auf den Oberſten achtete und lie⸗ ber mit andern, als mit ihm ſprach. Onkel Adam bemerkte dies auch, zog aber eine andere Schlußfolge daraus. Er erinnerte ſich naͤmlich ſeiner Verſchamt⸗ ge M V e V we 31¹ heit, wenn ſonſt ſein Lieschen Lundie zugegen war. Auch entging ihm keinesweges Eduard Lyndſay's ge⸗ dankenvolles, duͤſteres Weſen, ganz im Gegenſatze von dem eines beguͤnſtigten Liebhabers, und um ſo auffal⸗ lender, da ſein Nebenbuhler ſo luſtig, ſo fröhlich war. Wie er ſich das alles ſo uͤberlegte, hatte er doch, trotz der vertraulichen Zuſicherungen der Miß Pratt, ſeine eignen Bedenklichkeiten. „Da wollt' ich wetten, um wie viel Sie wollen, daß Sie fehlgeſchoſſen haben!“ ſagte er kopfſchuͤttelnd. „Eingeſchlagen!“ ward geſchwind zur Antwort gegeben, denn nach einer Erbſchaft und bei einer Wette griff Miß Pratt begierig zu.„Wie hoch ſoll's gehen?“ „Meinetwegen eine Krone!“ „Eine Krone? Ach, fuͤnf Guineen wett' ich!“ „Fuͤnf— Guineen? Ei, das iſt eine ſtarke Wette! Na, meinetwegen! Ich bekuͤmmere mich weiter darum nicht!“ Und beide ſchlugen ein. „Ich moͤchte doch wiſſen, was Sie mit meinem Onkel auszumachen haben? Erſt ſteckten Sie die Koͤpfe, und jetzt legen Sie die Hände zuſammen!“ rief die Graͤfin lächelnd hinuͤber. Herr Ramſay ward uͤber und uͤber roth, als er ſich ſo entdeckt ſah. Aber Miß Pratt erwiederte, nicht im mindeſten beſchaͤmt, mit bedeutendem Blicke: „Ei, Sie koͤnnten eher darnach fragen, als irgend 312 Jemand! Aber's wird ſchon die Zeit kommen! Ende gut, alles gut!“ „Selbſt wenn ein Mann einer Dame die linke Hand giebt?“ fragte der Oberſt.„Ich haͤtte ge⸗ dacht, Miß Pratt wuͤrde ſo ein Verſprechen kaum ein⸗ gehen!“ „'s ſucht Niemand hinterm Buſche, als wer ſelbſt dahinter geweſen iſt!“ kam's ihm entgegen. „Ich fuͤr meine Perſon nehme die linke Hand von einem braven Manne alle Tage lieber, als die rechte von einem Taugenichts! Nimm damit denn meine Hand! Nimmer will ich von dir laſſen! Das war ein huͤbſches Liedchen, wie wir jung waren; nicht wahr, Herr Ramſay? Jetzt wird's freilich nicht mehr geſungen werden! Na, wir haben's noch nicht vergeſſen!“ Miß Pratt hatte nur ſo ins Blaue hineingeſchoſ⸗ ſen. Allein bei dem Oberſten machte ſie die Galle rege. Er ſchaͤmte ſich. Kluͤglicherweiſe unterdruͤckte er aber beides und wußte die Unterhaltung auf ſchottiſche Lieder zu leiten, wo er denn bald auf italieniſchen Ge⸗ ſang zu reden kam. Der letztere gab ihm Gelegenheit, manches zarte Gefuͤhl laut werden zu laſſen und doch außer dem Bereich ſeiner Feindin zu ſeyn, denn dieſe hatte nur eine Sprache in der Gewalt: die Mutter⸗ ſprache. Als der Nachtiſch aufgetragen wurde, kuͤndigte das gewöhnliche Geraͤuſch das Erſcheinen der Madame ſe ne St. Clair an, denn ein ſeltener Glanz begleitete ſie jetzt auf jedem Schritte. Sie kam in einer Art her⸗ ein, wie eine Theaterkoͤnigin auftritt. In der That nahm ſie ſich gut aus; prachtvoll gekleidet, mit ſtol⸗ zem Anſtand machte ſie vollkommen Eindruck. Sie erſchien, wie ſie ſo gern zu erſcheinen wuͤnſchte: als eine verwittwete Graͤſin! Der Oberſt ſtand auf und ging ihr mit jener Zuvorkommenheit entgegen, die er durchaus nicht fuͤhlte. Aber ſie nahm ſeine angebotene Hand nicht an. Mit einem kleinen Kopfnicken ward ihm fuͤr ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit gedankt, indeß ſie zu dem Stuhle ging, den er neben Lady Roßville eben verlaſſen hatte. „Ich hoffe doch, Niemandem zu nahe zu treten, wenn ich hier Platz nehme? Ich ſitze hier meiner Tochter und dem Kamin am naͤchſten!“ ſagte ſie. Die junge Graͤfin erroͤthete, daß ihre Mutter ſo den offenbaren Krieg erklaͤrte. Der Oberſt biß ſich in die Lippe, die ſpoͤttiſche Erwiederung nicht laut werden zu laſſen, welche ihm auf der Zunge ſchwebte. Miß Pratt huſtete und ſtieß Herrn Adam mit dem Ellen⸗ bogen. „Du ſiehſt ja ganz matt aus!“ redete Madame St. Clair freundlich die Tochter an.„Du biſt heute zu viel herumgelaufen. Ich glaube wahrhaftig, drei Stunden biſt Du heut auf den Beinen geweſen! Herr Lyndſay, ich werde Ihnen meine Tochter nicht wieder anvertrauen! Ißt Du denn ein Bischen? Sie legen doch Gertruden etwas Gutes vor Lady Eliſabeth? — Ach, warte, ich will Dir die Ananas ſchaͤlen, wie Du ſie ſonſt gern hatteſt!“ Der Handſchuh ward abgezogen, der volle, weiße Arm glaͤnzte mit Spangen und Ringen. Die Ana⸗ nas wurde geſchaͤlt, daß alle ihre elegante Kunſt in die Augen ſprang. Lady Roßville fuͤhlte, daß alle dieſe erheuchelte Zaͤrtlichkeit nichts beabſichtige, als die Geſellſchaft uͤber ihr Verhaͤltniß zur Mutter zu taͤuſchen. Sie konnte blos es ſchweigend gehen laſſen, als dieſe immer fort⸗ fuhr, ſie mit zaͤrtlichen Worten und quaͤlenden Ge⸗ fälligkeiten zu beſtuͤrmen, ohne daß ſie eine hätte er— wiedern oder zuruͤckweiſen koͤnnen. Gleich nach aufge⸗ hobener Tafel floh ſie auf ihr Zimmer. „Geben Sie mir auf die zwei Leutchen Ach⸗ tung!“ fluͤſterte Miß Pratt dem alten Ramſay zu, auf Lyndſay und Delmour deutend.„Ich ſehe, daß Jemand die Windmuͤhlen fuͤr Rieſen hält!“— Sie entfernte ſich ebenfalls.*) Kaum waren die Damen hinaus, als der Oberſt ſich vor das Kamin ſetzte und, ſo gut auch das Feuer brannte, mit einer Gewalt hineinſtörte, daß es kniſterte, flackerte und loderte, und Onkel Adam auf ſeinem Stuhle gebraten zu werden fuͤrchtete. Und demohner⸗ achtet rief Delmour, daß es kalt ſey, und klingelte und befahl, gleich einen tuͤchtigen, gewuͤrzten, gluͤhenden *) Rach engliſcher Sitte, zufolge der die Perren noch allein zu⸗ ſammenbleiben, um zu trinken. D. Ueb. un berſt euer erlt, nem ner⸗ und ndeh 315 Wein heraufzubringen. Sich vor das Kamin hin⸗ pflanzend, brummte er eine Opernarie und ließ dann und wann einen großen franzoſiſchen Pudel ſeine den Andern beſchwerlichen Kuͤnſte machen. „Mit dem Rarren in einem Hauſe zu leben, iſt mir unmöglich!“ dachte Adam und uͤberlegte be⸗ reits, wie er am folgenden Morgen ſeinen Abzug neh— men wolle. Allein weil ihm der Aſtrolog einſiel, wurde ſein Vorſatz doch wieder ſchwankend. Ihn lie— gen laſſen, konnte er nicht; ihn zu borgen, haͤtte er ſich geſchaͤmt; ihn mitzunehmen, kam ihm gar nicht in den Sinn, denn in ſeiner Jugend war es noch nicht, wie jetzt, Mode geweſen, fremde Buͤcher zu— entwenden. Leihbibliotheken gab es in Barnford. Aber einen Roman dort holen zu laſſen! Ins Gerede zu kommen: er ſey ein Romanenleſer! Der bloße Gedanke konnte ihn zur Verzweiflung bringen. Ei, da hätten ja alle Maͤnner und Frauen im Aſtrologen eher ſterben koͤnnen, als daß er ſo einen Schritt that! Und doch wollte er gern das Ende von dem Spitzbu⸗ ben, dem Gloſſin ſehen, den er gern mit eignen Haͤn⸗ den aufgeknuͤpft haͤtte, wenn ein Strick nicht fuͤr ihn zu wenig geweſen waͤre! Er dachte ſchon daran, beim Eſſen etwa Miß Pratt zu ſondiren, wie das Ding zu Ende gehe; allein der Muth fehlte ihm doch auch wieder. Es war zu viel mit einer Frau gewagt. Dann wollte er wieder bei Herrn Lyndſay auf den Buſch ſchlagen und das Ende heraushorchen. Aber er hatte in ſeinem ganzen Leben nicht auf den Buſch ———————— ———— 316 ſchlagen gelernt und war wieder in großer Verlegenheit, wie er jetzt das Ding anfangen muͤſſe. Bevor er da⸗ her mit dem allen im Reinen war, ruͤckte die Stunde heran, wo ſich die Bewohner des Schloſſes im ge⸗ meinſchaftlichen Saale zuſammenfanden; allein er ſchlich ſich auf ſein Zimmer, um zu ſehen, ob vielleicht das naͤchſte Kapitel die Sache aufklaͤre. 307 Fuͤnfunddreißigſtes Kapitel. umſonſt iſt ales dies! Was ich geſagt, das bleibt! Curipides. Madame St. Clair wußte ihre Gewalt ſo trefflich geltend zu machen, daß die Liebenden, außer den ge⸗ woͤhnlichen Redensarten, den ganzen Abend kein Wort zu wechſeln im Stande waren. Immer konnte dies freilich nicht ſo fortgehen. Sie fuͤhlte, daß ſie ihr Anſehen aufs Spiel geſetzt habe; entweder mit Nach⸗ druck und Feſtigkeit fortfahren, oder den ganzen Ver⸗ ſuch aufgeben muͤſſe. Das erſtere war bei einem Maͤdchen von Gertrudens hohem Sinne ein gefaͤhrli⸗ ches Wagſtuͤck, und das andere empoͤrte zu ſehr das Blut, als daß ſie es gern gethan haͤtte. Fruͤher oder ſpaͤter mußten doch aber fuͤr ihre Tochter Vormuͤnder ernannt werden, und ſie beſchloß daher, gute Miene zum boͤſen Spiele zu machen, ſelbſt zuerſt dieſe Maß⸗ regel vorzuſchlagen; freilich nicht ohne Hoffnung, ſo dem Scheine nach die Zuͤgel aufzugeben, aber ſie in der Sache ſelbſt nur feſter zu ergreifen. Als man ſich Abends trennte, nahm ſie der Tochter Arm und 318 fuͤhrte ſie auf ihr Zimmer.„Gertrude,“ ſprach ſie hier, als das Kammermaͤdchen fort war,“ es iſt viel⸗ leicht zum letztenmale, daß ich mit Dir in Deinem Hauſe reden kann—“ „O, Mutter!“ rief die Gräſin und ergriff ihre Hand,„ich bitte Sie, kommen Sie nicht wieder auf dieſen Gegenſtand zuruͤck! Dies Haus gehört Ihnenk Sie duͤrfen es nicht verlaſſen, und ich will Sie eben ſo wenig verlaſſen!“ „Gertrude, ſey ruhig und höre mich—“ „Nein, Mama, erſt laſſen Sie mich ſprechen. Alle Ihre Vorſtellungen helfen zu nichts. Keine Ruͤck⸗ ſicht wird meinen Entſchluß wankend machen. Das Recht, frei zu waͤhlen, geb' ich nie auf!“ Die Gräfin ſprach ſo ruhig, und die letzten Worte ſo betont, daß ſich wohl ergab, Widerſtand ſey hier unnuͤtz. „Ich habe nicht die Abſicht, mit Dir zu ſtreiten, Gertrude!“ begann die Mutter wieder ſeufzend, „denn ich ſehe nun vollkommen, wie wenig Einfluß ich auf Dich habe. Aber ich wuͤnſchte Dich unter dem Schutze, der Leitung von Maͤnnern, die zwar nicht wie eine Mutter lieben, allein doch bald mehr Einfluß, als dieſe, haben werden. Sag' mir, wen mochteſt Du zum Vormund haben?“ „Sie ſelbſt, Mutter, einerſeits; Lyndſay als einen zweiten. Waͤr' noch ein dritter nöthig, ſo kon⸗ nen Sie und er ihn bezeichnen!“ Miſtreß St. Elair war wie vom Donner geruͤhrt, alt ſie da ih 1 bil⸗ nem ihre iten, end, fluß unter zwar nehr wen al kön⸗ ihrt, 310 als dieſe ſchnelle Antwort kam. Nur ſtaunend konnte ſie antworten: „Lyndſay Dein Vormund? Welch ein Ge⸗ danke!“ „Nun, etwas Voſes liegt doch darin nicht? Wen ſoll ich denn ſonſt nennen?“ „Aber ganz ungewöhnlich iſt es, einem ſo jungen Mann ſolche Pflichten zu uͤbertragen!“ „Lyndſay kennt meine Verhaͤltniſſe. Ich bin ihm auf mehr als eine At verbunden, daß ich es nie abzutragen vermag. Wir ſind in einer Art verſchie⸗ dener Meinung—“ hier wurde ſie roth—„aber das hindert mich nicht, ihm in der Hauptſache Gerech⸗ tigkeit wiederfahren zu laſſen. Ich achte und ehre ihn als Freund, als den Mann, der mich zweimal von der Schande und einmal vom Tode rettete. Es macht mir Freude, wenn ich ihm den einzigen, vielleicht mir uͤbrigen Beweis von Dank abſtatten kann, daß ich mich unter ſeine Aufſicht begebe. Nach den Auftrit⸗ ten, die er ſah, bin ich es mir ſelbſt ſchuldig, ihn zu meinem Vormund zu machen.“ Madame St. Clair ſchwieg einige Zeit. Sie uͤberlegte das Fuͤr und Wieder. Auf der einen Seite mißſfiel ihr der Gedanke, mit einem Manne von Eduard Lyndſays Einſicht, unbeugſamen Grund⸗ ſatzen und hoher Rechtlichkeit verkehren zu muͤſſen; zumal da er von einigen ihrer Verhaͤltniſſe zu viet wußte und ſich alſo von ihrem Charakter keine guͤn⸗ ſtige Vorſtellung machen konnte. Auf der andern 80 Seite aber war er offenbar kein Freund des Oberſten Delmour. Sie konnte ſicher auf ſeinen Beiſtand bei jedem Plane rechnen, der Gertruden ſichern ſollte, ein Opfer von deſſen Raͤnken zu werden. Ihr war be⸗ kannt, daß Lyndſay fuͤr ihre Tochter mehr, als ge⸗ woͤhnlich fuͤhle, und ſie zweifelte nicht, daß ſie das Spiel in Haͤnden habe, uͤber ihn durch dieſe Neigung die Oberhand zu bekommen. Es ſtand nebenbei nicht zu furchten, daß Lyndſay den Oberſten uͤberfluͤgeln werde. Auch konnte ſie ia deshalb auf ihrer Hut ſeyn. In jedem Falle mußte alles aufs Spiel geſetzt werden, Gertruden nur erſt aus dieſen Haͤnden zu be⸗ freien. Eine bittere Pille blieb aber, ſelbſt von der Seite aus betrachtet, dabei doch zu verſchlucken. Ge⸗ dankenvoll und unentſchloſſen ſtand ſie da. Endlich außerte ſie: „Du ſprichſt von Verbindlichkeiten, die Du zu erfuͤllen haſt. Glaubſt Du denn, daß Du Lyndſay'n einen Gefallen thuſt, wenn Du ihn zum Vormund wählſt? Weißt Du, daß ihm dies eben ſo viel Muͤhe, als Verantwortlichkeit aufbuͤrdet? Daß Du die große Schuld, welche Du bei ihm haſt, noch ver⸗ mehrſt?“ „Mein Vetter wird es nicht in dieſem Lichte be⸗ trachten. Und wenn er es thut, will ich lieber ihm, als ſonſt Jemand verbindlich ſeyn!“ „Es giebt aber doch Andere, an die Du gleiche Anſpruͤche machen kannſt, und die von der Welt fuͤr paſſender gehalten werden duͤrften!“ wi vo lic ja ei W ſten bei „ein be⸗ ge⸗ das gung nicht igeln Hut eſeht be⸗ der Ge⸗ wich u zu ſayn nund iel Du bel⸗ be⸗ ihm, leiche fir 32¹ „Ich weiß nicht, auf wen Sie zielen, Mutter!“ „Mir kommt es nicht zu, ſie anzudeuten!“ er⸗ wiederte Madame St. Clair mit erkuͤnſtelter Wuͤrde. „Wenn Sie den Onkel Adam meinen, ſo kann von ihm nicht die Rede ſeyn. Er iſt zu wunder⸗ lich!“— „Ich meine nicht meinen Onkel. Du haſt ja naͤhere Verwandte!“ Die Graͤfin errothete, als ihr Alexander Black einfiel. Es war ihm eine gewiſſe, gutmuͤthige Ver⸗ traulichkeit eigen, die ſie nicht vertragen konnte, am wenigſten fand ſich ihr ſtolzer Sinn darein, ihm un⸗ terwuͤrſig ſeyn zu muͤſſen. Sie antwortete nicht. „Es giebt noch Jemanden, den ich Dir mit ge⸗ ringerer Bedenklichkeit nenne. Wie waͤre es mit dem Major Waddel, mit dem Lord Millbank, mit—“ „Major Waddel?“ rief die Graͤfin.„Nein, meinen Sie denn das im Ernſte? O, das iſt doch zu geringſchaͤtzig!“ „Du thuſt Dir auf Deinen neuen Rang viel zu gute, wenn Du Dir herausnimmſt, ſo von einem Manne zu ſprechen, der adlich von Geburt und mit den erſten Familien verwandt iſt. Vielleicht kommt die Zeit, wo Du erfaͤhrſt, was Geringſchätzung iſt. So ſehr Du jetzt meine Familie verachteſt, ſo leicht kannſt Du— Doch nichts mehr von ſolcher Thor⸗ heit. Ich habe Dir genug genannt, die alle, ohne Ausnahme, taugen!“ „Wenn ich denn unter Vormundſchaft kommen ll. A 322 muß, ſo moͤgen Sie und Lyndſay ein ganzes Regi⸗ ment aufſtellen, aber nur den Major Waddel nicht. Uebrigens halte ich mich an Sie und meinen Vet⸗ ter!“— Auf dies Wort legte die Graͤfin beſondern Nachdruck.—„Und nun, Mama, laſſen Sie mich gehen. Ich ſterbe faſt vor Muͤdigkeit!“ „Und ich vor Sorgen!“ ſeufzte die Mutter. „O, ſprechen Sie nicht ſo, wir wollen, ſeyn Sie uͤberzeugt, beide nach unſerer Weiſe recht glucklich ſeyn!“ Gertrude gab ihr einen Kuß und ging dann auf ihr Zimmer. So ungern Madame St. Clair auch daran ging, ſo ſehr fuͤhlte ſie doch, daß hier keine Wahl ſey. Manchmal dachte ſie daran, Roßville zu verlaſſen und die Tochter mitzunehmen. Allein wohin konnten ſie gehen, ohne daß der Oberſt mitkommen werde? Ge⸗ we tſame Maßregeln zu ergreifen, hieß nur, das ſah ſie wohl, die Graͤfin zum Aeußerſten treiben, vielleicht das Uebel vermehren, welchem ſie ſo aͤngſtlich zu be⸗ gegnen hoffte. Kurz, nach einer Nacht, mit ſtater Ueberlegung verträumt, kam ihr die kränkende Ueberzeugung entge⸗ gen, daß ſie ſich der Tochter Beſchluſſe diesmal fuͤgen und den Weg einſchlagen müſſe, den dieſe zu befolgen entſchloſſen war. Beſonders unangenehm war ihr das Verhaͤltniß, in welchem ſie ſelbſt mit Lyndſay ſtand. Noch war ihm ihr Wort verpfändet, den geheimniß⸗ vollen Auftritt zu loͤſen, von dem er Zeuge geweſen war. Allein ſie hatte keine Luſt, ihr Wort zu halten nicht. Pet⸗ ſehn icklich dann ging, ſc und n ſi Gl⸗ s ſah lleicht u be⸗ legung enthe⸗ fign fogn r de ſtand mni⸗ eweſin zalten d 323 Die Zeit war hingegangen; zu fuͤrchten blieb ihr bei ihm nichts, und wieder ein Ding zu beruͤhren, das ſie lieber in Vergeſſenheit begraben hätte, war ihr ganz entgegen. Trotz dem allen aber mußte ſie ſich entſchließen, und beſſer war es, muthig von freien Stuͤcken daran zu gehen, als zu warten, bis ſie gezwungen der Toch⸗ ter Willen erfuͤllte. Gleich am folgenden Morgen ließ ſie daher ſehr fruͤhe ihre Tochter ins Ankleidezimmer rufen. Dieſe ſtaunte nicht wenig, als ſie die Mutter bereits geſchmuͤckt fand, wie ſie es ſeit Roßville's Tode nie geweſen war. Immer pflegte ſie ſonſt ſpaͤt auf⸗ zuſtehen und dann den groͤßten Theil des Tages auf ihrem Zimmer zu bleiben. „Ich moͤchte gern wiſſen, Gertrude,“ redete ſie dieſe in feierlichem Tone an,„ob Du noch bei den Anſichten beharrſt, welche Du geſtern Abend aͤußer⸗ teſt? Iſt es noch Dein Entſchluß, das muͤtterliche Joch abzuwerfen und Dein Mißtrauen gegen mich oͤfſentlich kund zu thun?“ „Mein Entſchluß iſt,“ erfolgte zur Antwort, „in allen Dingen, die mit der Pflicht gegen mich ſelbſt verträglich find, meiner Mutter zu gehorchen, und der Welt gebe ich den beſten Beweis von meiner Den— kungsweiſe, wenn ich mich Ihrer Aufſicht unterwerfe. Aber auch Eduard Lyndſay muß mein Vormund ſeyn!“ Die Graͤfin ſprach noch entſchloſſener, als am vorigen Abend, und die Mutter ſah, daß hier alle 21* 324 Verſuche, dieſen Entſchluß wankend zu machen, frucht⸗ los ablaufen mußten. „Nun, ſo ſey's denn!“ rief ſie.„Beſſer iſt jedes andere Verhaͤltniß, als das bisherige. Gieb mir Deinen Arm! Ich will einmal unten mit fruͤh⸗ ſtuͤcken!“ Sie gingen in den Geſellſchaftsſaal, wo bereits eben Adam und Miß Pratt zuſammengekommen wa⸗ ren. Beide ehrenwerthe Leutchen hatten ein hitziges Geſpräͤch, das ſie beim Eintreten der zwei Damen ſchnell auf eine auffallende und verdaͤchtige Weiſe ab⸗ brachen. Adam wackelte mit herabhaͤngenden Ohren nach dem Fenſter hin; Miß Pratt, die erſt außer Faſſung war, ſuchte dieſe wieder zu gewinnen. Das wichtige Geheimniß lief aber auf nichts hin⸗ aus, als daß die große Wette vom juͤngſten Abend aufs neue ſtipulirt war, wobei Miß Pratt nicht ohne Hoffnung blieb, daß ſie Herrn Ramſay bei der Fluth von Beweiſen, die ſie uͤber ihn ausgoß, vollkommen uͤberzeugen und ihn— ſo ſchmeichelte ſie ſich— am Ende dahin brin⸗ gen wuͤrde, ſeine fuͤnf Guincen aufzuzäͤhlen. Denn bereits ſah ſie dieſe fuͤr ihr Eigenthum an und fuͤhlte eine gewiſſe Ungeduld, ſich den rechtmaͤßigen Beſitz verwehrt zu ſehen. Indeſſen nahmen ſie ſich beide wie ein uͤberraſch⸗ tes Liebespaͤrchen aus, und Miſtreß St. Clair's Wi⸗ derwille gegen Miß Pratt ward zehnmal ſtaͤrker, als ihr der Gedanke in den Sinn kam, daß ſie wohl gar damit umgehe, den Onkel Adam und ſeine ſiebzigtau⸗ ——— ch⸗ hin⸗ ung cſſen, und hrin⸗ Deyn fühle Wi⸗ al 0 igtal⸗ 325 ſend Pfund zu einer Heirath zu verleiten; eine Sache, die ſie im hoͤchſten Grade aufbringen mußte. Indeſſen die Liebe der Leutchen war jetzt nur eine Nebenſache. Sie ließ ſie jetzt unbemerkt hingehen, hatte aber den ſchoͤnen Vorſatz, in nicht gar langer Zeit ſie in der That zu durchkreuzen. Das Fruͤhſtuͤck wurde ein ſehr langweiliges Ding. Alle, die da waren, mußten ſich ofſenbar Feſſeln an⸗ legen. Selbſt Miß Pratt achtete mehr als gewöhn⸗ lich, wie ſich ihre Wette anlaſſe, ſtatt wie ſonſt ihr ewiges Gewaͤſche zu geben. Madame St. Clair be⸗ hauptete die ſtolze Zuruͤckhaltung gegen den Oberſten, welche dieſer nicht gewahr wurde, oder nicht zu wer⸗ den ſchien, denn ſeine Blicke, ſeine Worte waren alle auf Lady Roßville gerichtet. Miß Pratts Nach⸗ denken dauerte indeſſen doch ſelten lange. Sie ſah zufaͤllig nach Herrn Lyndſay und rief plotlich:„Herr Jeſus! Mein Beſter, warum ſehen Sie denn heute ſo boͤſe aus?“ „Ich daͤchte doch nicht, daß ich boͤſer ausſaͤhe wie gewöhnlich?“ „Boͤſer? Ei, Sie Loſer, das iſt wunderlich ge⸗ ſprochen. Ein anderes iſt: krank ausſehen, und ein anderes: boͤſ'! ſagt Antonius Whyte. Ach, da giebt's viel Leute, die es fuͤr ein Compliment aufnehmen, wenn man ihnen ſagt: ſie ſehen boͤſe aus, denn das bewies doch, daß ſie manchmal auch gut ausſähen. Wenn ich ſage, daß Sie boͤs ausſehen, muͤſſen Sie —5 ſich alſo geſchmeichelt fuhlen! Hab' ich nicht recht, Graͤſin?“ „Herrn Lyndſay iſt mit Schmeicheleien nicht leicht beizukommen, vermuthe ich!“ antwortete Ger⸗ trude.„Ich verſuchte geſtern alle meine Kuͤnſte von der Art, aber ich kann mich nicht ruͤhmen, daß ich gluͤcklich geweſen waͤre!“ „Sie geſtehen alſo huͤbſch, daß Sie mir blos Schmeicheleien ſagen wollten!“ verſetzte er, ſich zum Lächeln zwingend.„Ja ja, ſo halb und halb hab' ich das vermuthet, und um Sie fuͤr Ihre Unwahrheit zu ſtrafen, werde ich ſicher noch mindeſtens einen gan⸗ zen Tag hier bleiben!“ „Ach,“ nahm die Mutter ſcherzend das Wort, „dann werden Sie den Fehler eher fordern, als beſ⸗ ſern. Damit aber Herr Lyndſay nicht etwa daran denke, unſere Offenheit durch ſeine Entfernung zu be⸗ ſtrafen, ſo bitte ich ihn, mit mir einmal in die Bi⸗ bliothek zu kommen.“ Lyndſay wunderte ſich etwas, ſtand aber bereit⸗ willig auf. Madame St. Clair gab ihm ihren Arm und ging aus dem Saale. Doch, als hätte ſie etwas vergeſſen, rief ſie die Tochter. Mit ihr ſprechend, ge⸗ lang es ihr, ſie durch die ganze Reihe der Zimmer zu fuhren, bis fie im letzten, an die Bibliothek gränzen⸗ den waren. „Warte hier, mein Mädchen, nur ein Paar Mi⸗ nuten!“ ſagte ſie.„Ich will erſt mit Herrn Lynd⸗ —— ſay allein ſprechen; Du wirſt jedoch gleich im Augen⸗ blick zu uns kommen!“ Die Graͤfin fuͤhlte, daß ſie blos hierher gefuͤhrt ſcy, um dem Oberſten entruͤckt zu werden. Sie lä⸗ chelte ſpottend uͤber die kleine Liſt ihrer Mutter. „Nun?“ rief Miß Pratt voller Muth zum On⸗ kel, als die drei genannten fortgingen. „Nu? Was denn?“ fragte er in ſeiner ge⸗ wohnten Art. „Das heißt doch gerade heraus mit der Sprache gehen!“ fuhr ſie fort und zeigte auf die leeren Plaͤtze, indem ſie zugleich einen Blick auf den Oberſten warf, der bis jetzt, ohne ein Wort zu ſagen, bitterboſe lä⸗ chelte, nun aber mit Leuten, wie Lady Eliſabeth, On⸗ kel Adam und Miß Pratt, allein an der Tafel, gleich aufſprang, einige Ueberreſte des Fruhſtuͤcks ohne Ruͤck⸗ ſicht ſeinem Hunde gab, ein franzöſiſches Liedchen pfiff und mit ſeinem gewoöhnlichen, vornehmen, nichts beachtenden Weſen fortging. „Die Weintrauben ſind ſauer!“ wiſperte Miß Pratt dem alten Adam ins Ohr. „Na, ich weiß es noch nicht ſo recht!“ war die Antwort, als er aufſtand, zu Lieschen Lundie und Mag Merrilies im Thurme zu ſchleichen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Es iſt nichts ſo fein geſponnen, Es kommt doch endlich an die Sonnen! Sprichwort. Die Faſſung der Madame St. Clair ſchwand beinahe ganz, als ſie Lyndſay'n allein gegenuͤber ſtand. Es war zum erſtenmale ſeit jenem Auftritte im Parke. Indeſſen der Gedanke, daß das Geheimnißvolle dabei fuͤr immer in den Fluthen und, was noch unergruͤnd⸗ licher blieb, in ihrem Herzen verſchloſſen war, gab ihr die Selbſtbeherrſchung wieder. Ohne weiter Furcht und Verlegenheit zu äußern, begann ſie? „Ich muß Ihnen ohne Zweifel in ſehr ſonder⸗ barem Lichte erſcheinen. So lange Zeit ließ ich hin⸗ gehen, die Aufklaͤrung zu geben, die Sie von mir na⸗ tuͤrlich erwarten durften!“ „Die Sie mir verſprochen hatten!“ ſagte Lyndſay mit Nachdruck. „Richtig; das that ich. Allein meine Krankheit, die nachher eintretenden Ereigniſſe in der Familie mach⸗ ten die Erfullung eives ſolchen Verſprechens einige Zeit ahe 6 rke. hei nd⸗ ihr echt der⸗ in⸗ na⸗ 9te eit, ſch⸗ 829 lang unmoglich, und ſpäterhin iſt es ganz unnothig geworden. Der Mann, welcher ſo viel unnütze Angſt mir und meiner Tochter verurſachte, lebt nicht mehr. Er iſt auf dem Meere umgekommen. Sie muͤſſen in einem der letztern Zeitungsblaͤtter die einzelnen Um⸗ ſtaͤnde von dem Schiffbruche geleſen und ſo ſelbſt den Schluß daraus gezogen haben, daß der trotzige, anma⸗ ßende Patron, der uns ſo in Verlegenheit ſetzte, ſein Ende erreicht hat. „Ja, dieſe Vermuthung habe ich ſelbſt gehegt. Allein Sie werden doch nicht verlangen, daß ich uͤber die Umſtaͤnde, welche Lady Roßville und Sie ſo ganz in die Gewalt eines ſolchen Mannes gaben, auch nur Vermuthungen hegen ſoll?“ „Gewiß giebt es nicht viele Maͤnner, auf deren Rechtlichkeit, freie Anſichten und Theilnahme ich ſo bauen koͤnnte. Nicht den Schatten eines Zweifels, den ich zu beſeitigen im Stande bin, mocht' ich uͤbrig laſſen. Und doch, wenn ich auf der andern Seite uͤberlege, wie unangenehm es iſt, vergangene Dinge zu beruͤhren, die Aſche der Verſtorbenen zu beunruhi⸗ gen, meine eignen Gefuͤhle aufzuregen, um die unver⸗ diente Verachtung, Armuth, den Mangel zu ſchildern, denen mein Gatte preisgegeben war, weil er ſich un⸗ gluͤcklicherweiſe mit mir verbunden hatte: kann und darf ich da wohl die Hand reichen, den Schleier weg⸗ zuziehen, in welchen dieſe Schreckbilder fuͤr immer eingehuͤllt find? Auf der andern Seite— was habe ich denn von einem ſo edlen und redlichen Herzen, wie S das Ihrige, zu fuͤrchten? Sie ſind ja, glaub' ich, eben ſo unfähig Böſes zu denken, als zu thun.“ „Ich fuͤrchte, daß Sie mir mehr Tugenden zu⸗ trauen, als ich verdiene; denn oſſen muß ich Ihnen † ſagen, daß ich Zeuge von zu unguͤnſtigen Verhältniſſen war, um bei aller meiner Gutmuͤthigkeit den Ver— dacht entfernt zu halten. Gewiß ſind Sie den Le—⸗ benden Gerechtigkeit ſchuldig, ſo ſehr Sie auch die Todten lieben moͤgen!“ „Wohl haben Sie recht, beſonders wenn meine Jochter dabei in Ihrer Achtung einbuͤßen ſollte!“— Sie ſeufzte hier und hielt inne.„Aber ich ſchmei⸗ chelte mir, daß Sie nun tauſendmal Gelegenheit ge⸗ habt haben wuͤrden, ihren Charakter durchaus kennen zu lernen; ihren faſt kindlichen, offenen Sinn zu ſehen; daß Sie ſelbſt aus eigner Kenntniß, die unendlich ſicherer iſt, als was eine Mutter empfehlen kann, in den Stand geſetzt ſeyn wuͤrden, ſie von jeder Theil⸗ nahme an jenem ungluͤcklichen Vorfalle loszuſprechen, mag er auch noch ſo zweideutig ſcheinen!“ „Mein Verdacht trifft nicht im mindeſten Lady Roßville! Mein Leben ſetze ich für ihre reine Seele, ihre Tugend ein, aber—“. „Aber Sie haben gegen mich Mißtrauen?— Wohlan, da meine Tochter nicht leidet, bin ich zu⸗ frieden geſtellt. Laſſen Sie mich immer verdaͤchtig ſcheinen, wenn ich nur das Andenken meines Gatten vorwurfsfrei erhalten kann!“ „Ich bin nicht ſehr im Stande, meine Geſin⸗ 331 , nung zu verbergen; und bei der gegenwaͤrtigen Un— terredung tritt ſie, glaube ich, nur zu deutlich hervor. Entſchuldigen Sie mich alſo, wenn ich ſage, daß ich kaum begreife, wie irgend ein Grund wichtig genug ſeyn kann, eine Mutter zu veranlaſſen, ihre und ihrer Tochter Ruhe zu gefährden. Zweimal ſah ich, wie e Lady Roßville gemißhandelt wurde.— Haͤtte ich die Macht gehabt, ſie waͤre laͤngſt unter andere Obhut geſtellt worden!“ Madame St. Clair wurde feuerroth. Sie hatte mehrere Augenblicke nothig, um Faſſung zu gewinnen. e⸗ Endlich konnte ſie fortfahren: ⸗„Ich bemerkte wohl, daß Sie dieſe Meinung en hegen. Allein, ſo kränkend ſie iſt, ich werde doch kei⸗ nz nen Verſuch machen, ihr jetzt eine andere Richtung zu ch geben. Späterhin werden Sie mir vielleicht Gerech⸗ in tigkeit wiederfähren laſſen. Während deſſen habe ich i beſchloſſen, die Aufſicht uͤber meine Tochter andern n, Haͤnden anzuvertrauen. Es iſt mein Wunſch, wie der der Lady Roßville, daß Herr Lyndſay dieſe Auf⸗ dy ſicht fuͤhre, der ſtärkſte Beweis, den wir ihm wohl e, von unſerer Achtung, wie von unſerm Vertrauen, un⸗ ſerer hohen Meinung von ihm geben können!“ 2 Lyndſay fuͤhlte ſich uͤberraſcht, und dem durch⸗ 5 dringenden Auge der Madame St. Clair entging dies ig nicht. Sie hoffte im Stillen, er wuͤrde den Antrag en ablehnen. Allein nach einer kurzen Ueberlegung erwie⸗ derte er: „Ich nehme Ihren Auftrag an und hoffe, ihm 33. — treulich entſprechen zu koͤnnen; doch ich kann die ganze Verantwortlichkeit eines ſolchen Verhaͤltniſſes nicht auf mich nehmen. Es muͤſſen noch Andere mit ernannt weiden!“ „Meine Tochter beſteht darauf, daß ich in dieſer Eigenſchaft zugleich mitauftrete; ob ich ſchon gewuͤnſcht haͤtte, dieſe Pflicht geſetzlich an Andere zu uͤbertragen, zum Beiſpiel an meinen Bruder, meinen Neſſen, den Major Waddel, oder ſonſt Jemand von Stande in der Gegend, den Sie waͤhlen konnte. Doch ſie iſt in dieſem Punkte nicht zu bewegen. So haben wir dem⸗ nach ſpaͤterhin zu berathſchlagen, wer ſonſt noch etwa zu waͤhlen ſeyn duͤrfte. Mittlerweile erlauben Sie mir, Sie bereits als wirklichen Vormund meiner Toch— ter anzuſehen, der als ſolcher nur darauf denkt, fuͤr ihr Beſtes mit mir zugleich zu arbeiten!“ Sie kam hier ſehr gewandt wieder auf' den ſchon fruͤher beſprochenen Gegenſtand zuruͤck und ſchilderte das Ungluͤck, das ſie fuͤrchtete, wenn eine Verbindung zwiſchen Gertruden und dem Oberſten erfolge. Sein zweideutiges Benehmen juͤngſthin habe ihre Unruhe nur noch gemehrt. Endlich ſchloß ſie: „Wäre er nur noch einige Monate laͤnger außen geblieben, ſo wäre dieſe kindiſche Phantaſie voruͤberge⸗ gangen; eine vernünftige, dauerhaftere Neigung haͤtte Wurzel gefaßt. Schon ſchmeichelte ich mir, dies ſey der Fall!“ Sie ſeufzte und blickte hierbei Lyndſay an, deſſen hon elte ung JelR 333 Zuͤge und wechſelnde Farbe die Gefuͤhle verriethen, welche er für die ganze Welt nicht verrathen hätte. „Was iſt aber nun zu machen?“ fuhr ſie fort. „Getrennt muͤſſen ſie werden, und das ohne Aufſchub, denn ſo lange ſie hier zuſammen find, wird ſein Ein⸗ fluß jeden andern uͤberwiegen. Schon iſt es klar, welch Uebergewicht er hat. Jeder Tag, jede Stunde, die ſie mit einander verleben, wird blos dienen, es zu erhoͤhen.— Mein Anſehen allein wird nicht vermoͤgen, dagegen zu wirken. Doch— Sie beſitzen Gewicht und Einfluß bei Gertruden—“ „Die ich jetzt geltend zu machen weder die Nei⸗ gung noch das Recht habe. Ungeſtuͤm und Gewalt dienen nur dazu, den Widerſtand zu ſteigern. Ver⸗ laſſen Sie ſich auf das Verſprechen der Gräſin, nicht zu heirathen—“ hier bebte ſeine Stimme etwas— „bis ſie volljährig iſt. Gehen Sie während der Zeit oſſen und vertrauungsvoll mit ihr um, dies giebt ſtaͤr⸗ kere Bande bei Maͤdchen ihrer Art, als Riegel und Schloſſer ſind. Laſſen Sie ihren Geiſt entwickeln, ihren Verſtand zur Reife kommen, langſam, aber im⸗ mer mehr mit ihrem Herzen vertrauter werden, viel⸗ leicht Andere beobachten, welche Gaben beſitzen, wie der Oberſt; laſſen Sie dieſelbe ein Urtheil daruͤber fallen, Schluͤſſe nach ihrer Art ziehen. Vielleicht, wenn ſie ihn beſſer kennt, wird ſie ihn minder ſchaͤtzen. Allein jeder Verſuch, ſo einen Geiſt, wie ſie hat, ge⸗ gen die eigne Neigung zu zwingen, wird mißlingen. Boͤſe, unwillig werden Sie ihre Stimmung machen, 50 aber ihre Natur nicht umaͤndern, und am wenigſten veredeln. Ich werde zu ſolchen Maßregeln nie meine Einwilligung geben!“ Dies war ganz das Gegentheil, was Miſtreß St. Clair vermuthet hatte. Er werde, ſchmeichelte ſie ſich, begierig an die ausgeworfene Angel beißen und ihr gern bei jedem Plane die Hand bieten, den ſie zur Trennung der Liebenden vorſchlagen wuͤrde. Aber Lyndſay hatte zu viel Edelmuth und Seelengroße, um ſolche ſelbſtſuͤchtige Gedanken nur einen Augenblick auf⸗ kommen zu laſſen, und wenn die Verſuchung auch noch ſo groß war. Keiner niedrigen Leidenſchaft hul⸗ digte er. Neid, Eiferſucht und Rache blieben ihm fremd. Immer waren daher ſeine Entſchluͤſſe gerecht und ſtreng ſittlich. Ganz anders ſtand es mit der Miſtreß St. Clair, ob ſie gleich jetzt, uͤberzeugt, ihm und der Graͤfin nicht die Spitze bieten zu koͤnnen, unwillig nachgeben mußte. Sie rief nun die Tochter, an der Berathung Theil zu nehmen, und es wurde beſchloſſen, neben der Mutter, neben Herrn Lyndſay, noch den Lord Millbank, den Gutsbefitzer Alexander Black zu Vormuͤndern be⸗ ſtellen zu laſſen. „Geheimniſſe giebt es unter uns nun nicht mehr!“ ſprach die Mutter mit ihrem ganzen gezierten Weſen und zeigte auf Lyndſay.„Ich kann Dir alſo offen ſagen, daß ich mit Herrn Lyndſay verabredet habe, wie der Oberſt jetzt noch hier bleiben kann, ver⸗ ſteht ſich, gleich jedem andern Gaſt. Wir haben zu — — nigſta weine e ſich, nd ihr ſie zu Aber e, um k auf⸗ auch t hul⸗ nihm guecht it der , ihm önnen, athung en der lbenk, n be⸗ nicht jierten it alſo abredet vel⸗ ben z 335 Deinem Gefuͤhl fuͤrs Schickliche und zu Deiner Ein⸗ ſicht Vertrauen.“ Die Graͤſin erröthete uͤber und uͤber bei ſolcher ſonderbaren Mittheilung. Ihre und Lyndſays Blicke ſuchten einander auszuweichen. „Es waͤre eine ſonderbare Anmaßung, wenn ich in meinem neuen Verhaͤltniſſe gleich der Lady Vor— ſchriften in der Wahl ihrer Gäſte machen wollte,“ aͤußerte Lyndſay und verließ das Zimmer. „Welche Laſt iſt mir vom Herzen gewälzt!“ rief Gertrudens Mutter mit einem Seufzer, der die Worte Luͤgen ſtrafte.„Jetzt, Gertrude, mein liebes Kind, laß den Wagen anſpannen; oder ſoll ichs? Wir muͤſſen einige Beſuche abſtatten; namentlich bei meinem Bruder. Lyndſay will heut Morgen zum Lord Millbank reiten und mit ihm die Sache ins Reine bringen. Er iſt ein einfaͤltiger Mann, aber doch Dein Verwandter, mit dem Gange der Dinge bekannt und alſo gewiß dazu tauglich. Was meinen Bruder betrifft, ſo erfordert es die Schicklichkeit, ihm ſelbſt einen Beſuch abzuſtatten. Du biſt ja nicht in Bellevue geweſen, ſeitdem der Lord geſtorben iſt? „Ach, der Morgen iſt ſo ſchon. Es wäre eine Suͤnde, ihn mit der albernen Fahrt nach Bellevue zu verderben, beſonders da eines die Sache vollkommen abmachen kann und ich hier tauſend Dinge heute zu beſorgen habe. Ich muß ſehen, wie weit meine laͤnd⸗ liche Bruͤcke iſt, ob die Lerraſſen angefangen ſind; wie's mit meiner Laube ſteht, ob meine Spaliere an⸗ gebunden worden ſind. Ach, Mutter, welcher Man⸗ gel an Blumen und Sttaͤuchen iſt hier! Ich muß eine Menge beſorgen laſſen, keinen Tag darf ich ver⸗ lieren! Von allen Seiten ſollen mir die Roſen ent⸗ gegenkommen und ihre Balſamduͤfte verbreiten!“ „Sey keine Närrin, Gertrude, oder mindeſtens erinnere Dich, daß alles ſeine Zeit haben muß— ſelbſt die Narrheit. Dieſer Augenblick gehort wichti⸗ tigern Dingen, als Blumentöpfen und Gartenan⸗ lagen!“ „Nun, Mama, machen Sie das, wie Sie wol⸗ len; allein geſtatten Sie mir nur, heut ſpazieren zu gehen!“ „Und wer wird Dich denn bei der wichtigen Muſterung begleiten?“ Die Graͤfin wurde roth und ſtockte. Ganz leiſe erwiederte ſie endlich: „Niemand, Mutter!“ „Aber die Lady Roßville wird doch nicht mit dem erſten beſten herumſtreifen? Heimliche Zu⸗ ſammenkuͤnfte leide ich nicht; das merke Dir „Heimliche?— O nein! Mit meinen Gaͤſten und Verwandten heimliche Verabredungen zu tref⸗ fen, hab' ich wohl nicht vonnoͤthen!— Meine Abſicht war, mit dem Oberſten zu gehen. Da Sie aber meine Begleitung wuͤnſchen, ſo will ich mitfahren!“ Sie wollte klingeln und Befehl zum Anſpannen geben. Doch in demſelben Augenblick hörte man einen Wagen uͤber den Kiesweg zum Hanptthore heranrollen. „Ach, meine Tanten kommen!“ rief fie.„Ich ſchrieb ihnen geſtern und bat ſie, mich zu beſuchen. So geſchwind hoſſte ich ſie aber nicht zu ſehen. Ich muß ihnen entgegen und ſie bewillkommnen!“ Im naͤchſten Augenblicke war ſie auf den Stu⸗ fen vor dem Schloſſe, beim Ausſteigen zu helfen. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Dieſe indianiſchen Weiber Heben bis zut Rarrheit und könn⸗ ten den Arria's und Portia's des alten Roms wohl die Wage halten. Dryden. Doch als der Kutſchenſchlag aufging, ſtieg— der Major Waddel heraus, mit einem großen Soldaten⸗ mantel bekleidet, der von Treſſen ſtrotzte. Er ſtellte ſich an die eine Seite der Kutſchenthuͤre, indeſſen ſein Neger, Caͤſar, nicht minder pomphaft aufgeputzt, ge⸗ genuͤber Platz nahm, bis nun nach einer kleinen Zie⸗ rerei die Frau Majorin Waddel in aller ihrer Herr— lichkeit erſchien. Gleich einem Meteer flatterte ein rarer, koſtbarer Spitzenſchleier ihrem Haupte nach; ein reicher, weiter Atlasmantel huͤllte ſie vom Kopfe bis zum Fuße ein. Schnupftuch, Hut, Federn, Strick⸗ beutel, alles war in der vollkommenſten Art; ſie konnte vom Scheitel bis zur Sohle ihres Fußes als Titel⸗ kupfer eines Modejournals gelten. Auf jeden der Daſtehenden die Hand ſtutzend, ſtieg ſie die Stufen der Kutſche mit vieler bedächtigen Wuͤrde herunter und dann gab ſie, als werde ſie vom könn ohl die — dor daten⸗ ſtelte nſein „9l⸗ Fie⸗ te ein F ein Ztick⸗ konnte Litel⸗ hend, chtigen vom 339 Gewicht ihrer ganzen Herrlichkeit erdruͤckt, den Fächer an Caͤſar ab, indeſſen ſich der Major allmaͤhlig ihres Strickbeutels bemaͤchtigte und ihr beim Hinaufſteigen ins Schloß behuͤlflich war, waͤhrend oben die Gräſin ihrer harrte, aber ſich im Stillen aͤrgerte, ſo eilig her⸗ beigeſprungen zu ſeyn und nun ſolchen unerwarteten Beſuch zu ſehen. „Das iſt doch ſchon, liebe Baſe, wirklich ſchoͤn!“ rief die Frau Majorin.—„Ja, aber da ſehen Sie, was es heißt, ohne Herrn und Meiſter zu leben. Der meinige hier wuͤrde in Ohnmacht fallen, wenn ich ſo vor dem Hauſe nur eine Minute ohne Hut daſtehen wollte!“ „Du mußt aber auch nun der Lady Roßville erzählen, wer mir geſtern zwei Halstuͤcher umband!“ Doch Lady Roßville konnte der luſtigen Anklage des Majors nicht zuhoren. Sie unterbrach ihn mit der Bemerkung etwas ernſt: „Ich glaubte, daß meine Tante Marie kaͤme, und da ich weiß, wie ſchwach ſie iſt, eilte ich herbei, um ſie ordentlich bedient zu ſehen. Doch meine Freunde ſind mir alle willkommen!“ Sie fuͤhrte ſie, dies in ihrem gewohnlichen ſanften Tone ſprechend, in den großen Saal. Der Lady Eliſabeth und Miß Pratt war die Frau Majorin eine willkommene Erſcheinung. Beide freu⸗ ten ſich, ſchoͤn geputzte Leutchen zu ſehen. Und bei der Miſtreß Waddel gab's ja ſo vieles, und ſo viel Neues, und ſo Geſchmackvolles, und ſo Koſtbares zu 22 4 ſchauen. Indiſcher Muslin und indiſche Shwals, indiſche Juwelen und andere Koſtbarkeiten waren mit nichts ſparender Hand an ihr verſchwendet, daß es ein wahres Feſt blieb, neben ihr zu ſitzen und dies alles zu muſtern. Miß Pratt ging noch weiter und ſpeeu⸗ lirte ſchon auf ein halbes Stuͤck geſtreiften, indiſchen Muſſelin, von der Art, wie der Unterrock der Frau Majorin war, den ſie aus allen Kraͤften bewunderte. Nebenbei hatte ſie die Abſicht, ſich bei ihr in Gunſt zu ſetzen und einen feſten Fuß im Hauſe des Majors zu faſſen. Denn, dachte ſie ſo bei ſich, es verſteht ſich Niemand ſo aufs gute Leben, als ſolche Nabobs. Gewoͤhnlich haben ſie mit der Leber und mit'dem Un⸗ terleibe zu thun, und da muͤſſen immer Leckerbiſſen da ſeyn. In jedem Falle kann man immer rechnen, einen guten Madera auf ihrem Tiſche zu ſinden, und einem alten Magen thut dieſer ein vierzehn Tage lang und ſo etwas d'ruͤber immer recht gut. Miß Pratt ſchwaͤn⸗ zelte daher um die Frau Majorin mit noch viel mehr Behendigkeit herum, als gewoͤhnlich. Sie ließ ſich nicht abhalten, ihr mit eigner Hand den Mantel ab⸗ zunehmen und die ganze Schoͤnheit deſſelben zu erlaͤu⸗ tern; ſie beſtand darauf, ſelbſt ein Fußſchemelchen her⸗ beizutragen, und legte noch ein Paar Kiſſen des So⸗ pha's gehorig zurecht, um es noch bequemer zu ma⸗ chen. Eine Taſſe Chocolade empfahl ſie mit einer Art, der ſich nicht widerſtehen ließ. Nur als Ma⸗ dame St. Clair hereinrauſchte in aller ihrer gebieten⸗ den Hoheit, und den Beſuch mit jener herablaſſenden mit ein lles cl⸗ hen rau unſt 015 eht Un⸗ da Men ſem und n⸗ ſeht ſch ab⸗ al⸗ 341 Hoheit willkommen hieß, nur da mußte ſie ein wenig nachſtehen und ihre kleinlichen Ruͤckſichten in nichts verwandelt ſehen. Madame St. Clair dachte klein genug, ſich fuͤr den Beſuch der Nichte verbunden zu halten. Ihr Wagen war ſchoͤn, ihre Kleidung koſtbar, nach der Mode, ſie ſelbſt huͤbſch, der Major hatte Rang und gute Verbindungen. Mochten auch beide Narren ſeyn, ſo iſt doch ein Narr in Seide ein anderes Ding, als der Narr in einem Kittel, und wird demnach anders behandelt. „Ich ſehe,“ ſprach ſie daher,„daß Ihr Wagen, Nichte, noch nicht abgeſpannt iſt. Sie und der Ma⸗ jor werden doch nicht ſo weit gekommen ſeyn, blos einen Morgenbeſuch abzuſtatten?— Gertrude, Du mußt der Baſe zureden—“ „Ach,'s beſte Zureden iſt, gleich die Pferde weg⸗ nehmen laſſen!“ rief Miß Pratt.„Das hilft gleich. Nicht wahr, Herr Major?— Ich will gleich klingeln, Lady Roßville?“ „Nun, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen,“ er⸗ klaͤrte die Frau Majorin,„ſo hatte ich beſchloſſen, wenn wir Sie hier ganz allein faͤnden, ohne Geſell— ſchaft, ſo wollten wir nichts dagegen haben, einen oder zwei Tage— en famille zu bleiben. Aber da ich jetzt nirgends hingehe, muß ichs zur Bedingung machen, daß es ganz incognito geſchieht!“ 342 Madame St. Clair bereute ſchon ihre Einladung und Gertrude konnte blos erwiedern:„Wir ſind jetzt auf uns beſchraͤnkt!“ „Nun, ſo muͤſſen wir wohl bleiben, Major! Du thäteſt wohl am beſten, mit Robert wegen der Pferde zu ſprechen und Caͤſarn zu ſagen, daß alles ordentlich aus dem Wagen geſchafſt wird!— Da ich nicht wußte, ob ich hier bleiben wuͤrde, dachte ich nicht daran, das Kammermädchen mitzunehmen.— Ach, hoͤre Major, in einer der Taſchen muß mein Flacon liegen!— Wenn man in ſeinem eignen Wagen reiſt, ſo wiſſen Sie ja wohl, wie man alles unter einander wirft und liegen laßt? Meine Kutſche iſt faſt eine ordentliche Garderobe!“ „Eine ſchone Equipage, ſehr ſchon!“ ſagte Miß Pratt, als der Wagen unter den Fenſtern hinfuhr. „Sehr einfach!— Aber der Major und ich lieben das Einfache außerordentlich!“ Die Einfachheit ſprach ſich hier uͤbrigens in einem glänzenden blauen Kaſten, großen rothem doppelten Wappen der Blacks und Waddels aus, wozu nun noch koſtbares Behaͤnge, Beſchläge und ſonſtige Pracht kamen. „Ach, nebenbei geſprochen, ich höre ja recht ſon⸗ derbare Dinge von meinem armen Onkel!“ bemerkte die Majorin, als der Wagen aus dem Geſichte war. „Mir wurde geſagt, daß Sie ihn halb todt im Hauſe gefunden und ohnmaächtig mitgenommen hätten. Wir ng Du e lich ſcht icht ch, ton iſt, der ine Rß lem lten nun cht on⸗ rkte var. uſe Wir waren damals nicht daheim; wir hatten beim Lord Fairacre einen Beſuch abgeſtattet und erſt zwei Tage nachher etwas davon erfahren, wie wir zuruͤckkamen. Ich haͤtte ſonſt gleich darauf beſtanden, den armen Mann zu beſuchen! Nun, bettlägerig iſt er doch nicht, hoſſe ich?— Weiß er, daß wir hier ſind?“ „Ich ſelbſt werde es ihm zu wiſſen thun!“ ver⸗ ſetzte die Gräſin, welche gleich vermuthete, daß, wenn der Onkel unvorbereitet die Gegenwart dieſer Gäſte erfuͤhre, ihn weder Schloß noch Mauer halten werde. Sie eilte daher, ſelbſt froh, dieſe Geſellſchaft verlaſſen zu können, in den gelben Thurm. Verſchiedene mal klopfte ſie an: Niemand antwortete. Sie lauſchte: nichts ruͤhrte ſich. Langſam machte ſie die Thuͤre auf: kein Menſch bemerkte es. Sie guckte hinein und— da ſaß der Onkel Adam mit der Brille auf der Naſe und ſo vertieft in ein Buch, daß alle ſeine Sinne in dieſen Blaͤttern gefangen ſchienen. Gertrude huſtete; aber umſonſt. Sie ſprach— als haͤtte es den Wän⸗ den gegolten. Sie ging ganz nahe zu ihm hin, aber — er ſah ſie nicht. Endlich wagte ſie es, ihm die Hand auf die Schulter zu legen und— da lag der Aſtrolog auf dem Boden! „Sie ſcheinen ja recht vertieft in Ihren Stu⸗ dien!“ ſagte die Lady, als ſie ſich buͤckte, das Buch aufzuheben. Herr Ramſay gluͤhte vor Scham, wie er gleich⸗ guͤltig zu antworten bemuͤht war: „Ach— ich— hm— es iſt albernes Zeug! — Ich war gerade— ach, wer ſolch dummes Zeug ſchreibt, muß nicht viel zu thun haben!“ „Nun, daß der Verfaſſer gewohnt waͤre, ſich ſo beurtheilt zu ſehen, hab' ich nie gehört. Man hat nicht noͤthig, ſich zu ſcheuen, wenn man die Theil⸗ nahme geſteht, die man an ſeinen wundervolleu Arbei⸗ ten nimmt.“ „Theilnahme!— Hm! da giebt's wohl andere Dinge, woran man in der Welt Theil nehmen kann. Ich moͤchte nur wiſſen, ob Wahres daran iſt? Daß ein Menſch dies alles erdichten kann, glaub' ich gar nicht. Den ſchlechten Kerl, den Gloſſin, kann ich nicht leiden. Tauſend Pfund gaͤb' ich darum aus meiner Taſche, wenn ich den Kerl gehängt ſaͤhe; aber's Haͤngen iſt noch zu gut fuͤr ihn!“ „Nun, daruͤber können Sie rubig ſeyn; es geht ihm noch ſchlimmer!“ „Nu, das freut mich! Wenn der Spitzbube ſo haͤtte hingehen und das Gut behalten koͤnnen, ich hätte, weiß Gott, das Buch ins Feuer geworfen!'s iſt aber,“ ſetzte er hinzu, als ſchäme er ſich ſeines Eifers, „doch dummes Zeug und ich will mir nun nicht mehr den Kopf damit zerbrechen!“ Die Graͤſin machte ihn jetzt auf die beruhigendſte Weiſe mit der Ankunft ihrer Gäſte bekannt. Allein es blieb doch immer eine Sache, die alle böſe Laune beim Onkel rege machte, wenn er gleich einige Minu⸗ ug! en ſich hat heil⸗ bei⸗ dere mn. Jr ich aus dſte llein mne in⸗ 345 ten lang nichts ſagte, ſondern blos rund herum im Thurme ging und die Stirn rieb, als wuͤßte er nicht, was er beginnen ſollte. Endlich blieb er ſtehen und ſagte: „Ich weiß wohl, was ſie hergebracht hat!— Die Perſon iſt, bei aller ihrer Narrheit, liſtig wie der Satan! Du kannſt ihr aber nur von meinetwegen ſagen: mit mir faͤngt ſie nichts anz von mir bekommt ſie keinen Heller. Das kannſt Du ihr ſagen!“ Gertrude verſuchte ihre Baſe gegen ſolchen ernie⸗ drigenden Verdacht zu rechtfertigen, ward aber kurx abgewieſen: „'s iſt gut; wenn Du's ihr nicht ſagen willſt, thu' ich's. Ich laſſe mich nicht ſo auf Tritt und Schritt verfolgen, daß ich mich nicht umdrehen kann, ohne den Herrn Major und die Frau Majorin auf dem Halſe zu haben!“ Er begann hier wieder ſeine Wanderung, als wollte er die Worte durch ſeine Handlungen Luͤgen ſtrafen.„Ich weiß nur nicht recht,“ meinte er, „ob ich gleich aus dem Hauſe hier gehe, oder ob ich warte, bis dieſe Perſonagen fort ſind!“ Doch hier ſah er erſt auf Lieschen Lundie und dann auf den Aſtrologen und lächelte und aͤußerte: „Ich will ihnen doch nicht die Freude machen, daß ſie denken, ſie haͤtten mich h'nausgejagt! Ich glaube, das fehlt ihr noch. Re, ich bleibe, wo ich bin 1 346 Als dieſer großherzige Entſchluß gefaßt war, ver⸗ ſuchte Lady Roßville ihn zu bereden, mit in den Saal zu kommen und den Beſuch zu begruͤßen. Das war indeſſen umſonſt. Vevor das Eſſen auf dem Tiſche ſtehe, erklärte er, ruͤhre er ſich nicht von der Stelle. Die Graͤfin war zu klug, um ſeinen Trotz gleich ge⸗ radezu zu bekämpfen; ſie mußte ihn ſchon allein laſſen und ſein Richterſcheinen beſtens entſchuldigen. Kaum hatte ſie ſich aber aus dem Zimmer entfernt, als Herr Ramſay die Thuͤre verſchloß und verriegelte, um nicht wieder ſo geſtort zu werden. Er ſah ein Paar mal nach Lieschen Lundie; die Galle ſetzte ſich und nun griff er mit ungeſchwächtem Feuer zum Buche. Waͤhrend Gertrude weg geweſen war, hatte ſich der Oberſt und Lyndſay eingefunden. Sie fuͤhlte einige Scham, als ſie ſah, wie ihr Geliebter ſich gegen ihre Verwandten ſo ſtolz benahm, waͤhrend der Major zehn⸗ mal alberner und ſeine Gemahlin zehnmal gezierter wurde, um mit dem Oberſten gleichen Schritt zu halten. Lyndſay allein eignete ſich beſſer fuͤr ſie. Er brachte Niemanden durch Anmaßung und Zuruͤckhal⸗ tung in Verlegenheit. Allein ſeine Pferde waren ſchon beſtellt. Er machte einen Spazierritt nach Millbank. „Weißt Du, daß mir Herr Lyndſay recht huͤbſch, und ſein Benehmen recht charmant vorkommt?“ ſagte die Majorin zu ihrem Gatten, als ob ihr Ausſpruch der Sache mit einemmale das Siegel aufdruͤckte. ber⸗ aal war ſche lle. R⸗ ſſen um her icht wal nn ſich inige ihre chn⸗ ertet t zu Er thal⸗ ren nach ſch, ſahlte puch 347 „Er ſitzt herrlich zu Pferde!“ erwiederte dieſer. „Ich moͤchte wiſſen, ob er unter den Dragonern ge⸗ dient hätte?“ „Spazieren Sie heute ein wenig, Lady Roß⸗ ville?“ fragte der Oberſt hingeworfen. Da aus dem Beſuche nach Bellevue nichts ge⸗ worden war, ſo antwortete ſie darauf bejahend und bat Madame Waddel, mit Antheil zu nehmen. „O, da muͤſſen Sie erſt meines Herrn und Meiſters Erlaubniß einholen?— Major, was denken Sie denn wohl, wenn ich heute ſpazieren gehe?“ Sie warf auf alle Anweſenden einen boöhaften Blick. Der Major ſprach verlegen: „Du weißt, Arabella, daß Du, bei dem letzten Herumlaufen, als Du Lord Fairacre's neues Treib⸗ haus beſaheſt, Dir einen tuͤchtigen Katarrh holteſt. Erinnerſt Du Dich noch, was die Lady Fairacre am Morgen darauf bemerkte? Wie Deine Augen ſo auf⸗ gelaufen waren? Ich glaube, daß Du noch jetzt blaß davon ausſiehſt!— „Da haben wir's. Ich wußte gleich, was kom⸗ men wuͤrde! Sie ſehen, ich ſtehe ganz unter ſeinem Befehle!— Indeſſen bitte ich, ſich ja nicht von einem ländlichen Ausfluge mit Ihrem— Galan ab⸗ halten zu laſſen.“ Das letztere fluͤſterte ſie Gertru⸗ den ins Ohr, welche beſchaͤmt, der unertraͤglichen Al⸗ bernheit uͤberdruͤſſig, ſich zum Gehen bereitete, indem ſie jeden, der Luſt hätte, zur Theilnahme einlud. 348 „Major!“ rief dieſem Madame St. Clair in ihrem vollen befehlenden Tone zu, als es fortging, „erinnern Sie ſich, daß ich die Lady Roßville blos Ihrer Aufſicht anvertraue!— Du wirſt Dir ſchon die Muͤhe geben muͤſſen, Gertrude, dem Major alle Schoͤnheiten Deines Parks zu zeigen und ſeine Mei⸗ nung uͤber Deine Anlagen hoͤren!“ „Da, ſiehſt Du, was Du Dir aus lauter Sorge fuͤr mich uͤber den Hals gebracht haſt!“ rief des Ma⸗ jors Gattin, der dieſe Anordnung gar nicht recht war, weil es in ihre Vorrechte einzugreifen ſchien. Die Graͤfin und der Oberſt waren uͤber die Be⸗ gleitung zu entruͤſtet, um etwas zu ſagen, und der letztere uͤberlegte ſchon im Stillen, wie man ſie los⸗ werden ſolle, ſobald ſie nicht mehr geſehen wuͤrden, waͤhrend Gertrude ſich uͤberhaupt beſann, ob ſie nur unter ſolcher Aufſicht einmal vor dem Schloſſe hin⸗ und hergehen ſolle. Doch indem ſie durch den Hof ſchritten, hoͤrten ſie die Stimme der Majorin. Sie rief laut ihren Mann zuruͤck, indem ſie voller Angſt ſelbſt herbeigeſtuͤrzt kam. „Nein, Major,“ kreiſchte ſie,„iſt es denn mög⸗ lich, daß Du wirklich ohne Deinen Mantel fortgehen kannſt? Du weißt doch, wie heiſer Du heute fruh warſt? Ich konnte ja kaum hören, was Du ſagteſt!“ „Ach, ums Himmels willen, ſey doch ruhig, edles Weſen!“ fluͤſterte ihr der Mann ins Ohr. „Nein, Major, das iſt unmoglich, wenn Du nicht den Mantel umthuſt!“ ir in J, s ſchon alle Mii⸗ öorge Ma⸗ war, 349 „Aber ich ſage Dir, daß ich mich im Mantel leichter erkaͤlte, als ohne ihn. Es iſt ja faſt ſo heiß, wie in Bengalen. Ich ſage Dir, der Mantel wird mir zur Laſt!“ „Nun, Major—“ „Na, na, mein Schatz, ſag' nichts weiter! Be⸗ ruhige Dich nur, ich bitte Dich!— Aber der Man⸗ tel iſt ſo entſetzlich ſchwer! Fuͤhle nur einmal!“ „Gut, Major—“ „Stille, rede nicht, mein Kind! Dir zu Liebe thu' ich alles!“ Der arme Major legte ſeine Ruͤſtung an, die Frau zog ihm den Kragen in die Höhe, kettelte ihn vorn zuſammen und zog die weiten Falten um ihn herum, daß er bereits faſt hätte erſticken mögen. „Nun, Major, huͤlle Dich alſo huͤbſch ein. Mache den Kragen ums Himmels willen nicht auf! Das verſprichſt Du mir?“ „Ach, gute Arabella—“ „Nun, Major, ich kann Dir blos ſagen—“ „Sey doch nur ſtille!'s iſt gut; ich verſpreche Dir's!“ keuchte der Major. „Jetzt bin ich zufrieden!“ verſicherte die Zaͤrt⸗ liche und brachte den Mantel vollends in Ordnung. „Ach, wollte Gott, ich koͤnnte auch ſo reden!“ dachte der Major, als er langſam fortſchlich und die Lady mit dem Oberſten von fern ſah, welche dieſen zaͤrtlichen ehelichen Zwiſt benutzt hatten, fortzueilen. „Die Leutchen ſind mir nun voraus!“ 350 Er ſchritt zu, ſo viel die kurzen Beine und der ſchwere Mantel geſtatteten. Doch gleich der Zeit keuchte er hinter den Fluͤchtigen her. Ihre ſchlanken Geſtalten, ihr leichter Schritt ſpotteten aller ſeiner An⸗ ſtrengungen, mochte er ſich noch ſo erſchoͤpfen, um ſie einzuholen. Das Empſindlichſte dabei blieb, daß er ruderte, keuchte, wackelte, ohne nur einen Schritt Vor⸗ ſprung zu bekommen. Immer ſah er ſie ganz gelaſſen hinwandern, ohne daß ſie ſein häuſiges Rufen hörten. Ende des zweiten Theils. rten. Leipzig, gedruckt bel Georg Waret M ek. E. Grey Gontrol Chart 0 em