W —— —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 MWk.— If. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer c Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſgeſest und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen häben. — 4 ——————,— — Vorwort des Ueberſeters. Der nachfolgende Roman hat in England allgemeinen Beifall gefunden. Er iſt Mo⸗ deroman geworden, wie uns die Corre⸗ ſpondenten im Morgenblatte, im literariſchen Converſationsblatte ꝛc. verkuͤndeten. Dies iſt gerade kein Wunder. Er verlaͤßt die Bahn, welche die W. Scottſche Romanenſchule— wenn man Romanenſchreiber mit Malern vergleichen darf— vorgezeichnet hat. Statt die Geſchichte zum Hintergrunde zu ma⸗ chen, iſt das Leben ſelbſt, wie es ſich in jedem Hauſe, jedem Dorfe, jeder Stadt zeigt, dazu benutzt. Die Menſchen, wie ſie ſind, nicht wie ſie waren, treten auf. Vielleicht macht er alſo auch in Deutſchland Gluͤck. Ich habe 1 wenigſtens mir Muͤhe gegeben, hier und da tuͤchtig die uͤberfluͤſſigen Ranken auszuſchnei⸗ den, um ſo eine gewiſſe Breitè zu vermeiden, und bemerke nur noch, daß faſt gleichzeitig mit dieſem Roman ein anderer, die Heirath, von derſelben Verfaſſerin, Miß Ferriar, im Verlage der Herren Duncker und Hum⸗ blot, ich glaube von Herrn Spieker uͤberſetzt, erſcheint. Leipzig, im November 1825. an welcher die Englaͤnder uͤberhaupt kränkeln, R⸗ Die Prbscrhatt. —— Erſtes Kapitel. — Es iſt doch ſonderbar, daß unſer Blut In Farbe, Wärme und Gewicht, wär' es verſchüttet, Nichts zeigte, was verſchieden iſt, und doch Iſt es ſo ſehr verſchieden. Ende gut, alles gut. Es iſt eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß im menſchlichen Herzen keine Leidenſchaft tiefer eingewur⸗ zelt iſt, als der Stolz. Im Selbſtſtolze oder Familienſtolze, im Stolze auf Thaten, die wir ſelbſt uͤbten, oder auf Thaten, welche die Leute vollbrachten, die hundert Jahre vor uns lebten— uͤberall findet man eine Veranlaſſung, ſeinen Thurm zu Babel zu erbauen. Selbſt die fin⸗ ſtere, ungewiſſe Zukunft oͤffnet dem Auge des Stol⸗ zes ein glänzendes, vielverſprechendes Feld, das, gleich Banquo's blutigem Geiſte, bei der ungewiſſen Ausſicht auf Große der Nachkommen lächeln kann! Als die edelſte Gabe des Menſchen war Fami⸗ lienſtolz in dem edlen Geſchlechte der Roßville ſeit 1 1 ————————— ——— undenklichen Zeiten geſchätzt worden. Alle Mitglieder derſelben waren daher tief und unheilbar verwundet, wie der edle Thomas St. Clair, der juͤngſte Sohn des Grafen von Roßville, ſich mit der niedrig gebornen Miß Sarah Black, einem huͤbſchen Mad⸗ chen von dunkler Herkunft und ohne Vermoͤgen, ver— heiratheke. Bei ſolcher Verbindung mußte jeder Um⸗ ſtand die gereizten Gemuͤther in der Familie Roßville erbittern. Nichts konnte ſie beſchwichtigen, denn Ju⸗ gend und Schoͤnheit allein hatte die junge Frau dem Stolze und Ehrgeize entgegen zu ſetzen. Die ge⸗ wöhnlichen Folgen, welche ungleiche Ehen beglei⸗ ten und wahrſcheinlich immer begleiten werden, tra⸗ ten auch hier ein. Die Anverwandten waren unzu⸗ frieden; es fehlte an Geld; das Lachen der Welt war zu fuͤrchten; kurz, alle die tauſend Uebel zeigten ſich, Die dieſes Fleiſches Erbtheil ſind, wenn es die der Familie ſchuldige Treue bricht. Es giebt Seelen, die ſolchen Dingen entgegen zu treten, ſie zu beſiegen wiſſen, welchen ſelbſt das edle Erbtheil ward, die Ehre fuͤr etwas mehr, als einen angebornen Namen zu halten; welche eine edlere Aus⸗ zeichnung, die ſich Allen öffnet, auf dem Wege irgend einer ehrenvollen Laufbahn zu erwerben ſuchen. Doch ſolche Seelenſtärke hatte Herr St. Clair nicht. Er war ein Mann von ſchwachem Kopfe, traͤge und un⸗ thätig, gerade mit ſo viel richtigem Gefuͤhle, um zu wuͤnſchen, der Armuth, der Verachtung zu entgehen, welche ihm ſeine Verheirathung zugezogen hatte. Zu⸗ —— 3 erſt brachte er einige Zeit in der Hoffnung hin, mit ſeiner Familie ausgeſöhnt zu werden. Als er alle dieſe Verſuche vereitelt ſah, beſchloß er endlich, ſich und den Gegenſtand der Schmach in einen fernen Winkel der Welt unter der Bedingung zu verbannen, ſo lange ſie außer Landes waͤren, eine angemeſſene Rente zu erhalten. Das ungluͤckliche Paar, ſo zu einer unfreiwilli⸗ gen Verbannung genöthigt, zog nach Frankreich und Herrn St. Clairs Stimmung verwandelte ſich bald in den Zuſtand, der nach dem Charakter deſſen, welcher ſie zeigt, den Namen erhält, ſo daß ſie bald Kraft, bald Ergebung, bald Zufriedenheit und bald Unem⸗ pfindlichkeit heißt. Beide Gatten geriethen in die Ver⸗ geſſenheit, welche oft die Lebenden ſo gut triſſt, wie die Todten. Sein Vater ſtarb; es war einige Jahre nachher, aber die Umſtände aͤnderten ſich darum nicht. Das Erbtheil, welches er zu bekommen hoffte, ward auf ſeine Kinder uͤbergetragen, falls er dergleichen be⸗ kam. Ihm blieb nichts, als eine ſpärliche Jahres⸗ rente. Der natuͤrlichſte Wunſch aller menſchlichen We⸗ ſen, der einfältigſten, wie der weiſeſten, ſcheint darin zu beſtehen, der Nachkommenſchaft ein Andenken von ſich zu hinterlaſſen— ſey es irgend etwas! Läßt ſich nicht erzaͤhlen, wie die Väter dachten und kämpf⸗ ten, ſo ſoll es doch zeigen, wie ſie ſprachen und gin⸗ gen. Herr St. Clair und ſeine Gattin theilten dieſen Wunſch, wie andere. Doch ein Jahr nach dem an⸗ 1* dern ging hin und er blieb immer unbefriedigt, wäh⸗ rend er mit jedem Jahre ſtärker druͤckte, denn der Tod ſchien allgemach den Weg zur Nachkommenſchaft zu verſchließen. Als Herr St. Clair heirathete, war er der juͤngſte von fuͤnf Söhnen. Drei ſeiner Bruͤder waren ſeitdem bereits als Opfer von Krieg und Seu⸗ chen gefallen. Nur der jetzige Graf und er lebten noch — beide kinderlos. Endlich, als die Hoffnung faſt ganz verſchwunden war, kuͤndigte Madame St. Clair ſelbſt an, daß ſie Hoſſnung habe, Mutter zu werden. Die Ausgewan⸗ derten beſchloſſen daher, in die Heimat zuruͤckzukehren, damit ihr Kind dort zuerſt das Licht erblicke. Doch bevor dieſer Schritt geſchah, wurde die wichtige Kunde dem Lord Roßville, ſo wie die Abſicht mitgetheilt, un⸗ mittelbar nach Schottland zu kommen, wenn er es genehm ſinde. Auch druͤckten ſie den Wunſch aus, er moͤchte ihnen ſeinen Rath und ſeine Meinung mitzu⸗ theilen die Gnade haben, da ſie ſich ganz in ihren Plänen nach ihm richten wollten. Lord Roßville war ein Mann, der ſich gern zu Rathe ziehen ließ und jeden Plan uͤber den Haufen warf, welchen er nicht ſelbſt entworfen hatte. Herr St. Clair hatte davon geſprochen, ſich in Bordeaux, wo ſie gerade waren, einzuſchiſſen und dann zur See nach Schottland zu gehen. Lord Roßville druͤckte in ſeiner Antwort den entſchiedenen Widerwillen unter und bei den Umſtänden, in welchen Madame St. Clair war, gegen ſo einen Entwurf aus, zumal da es ſtuͤr⸗ 8 7 miſches Winterwetter ſey. Er ſchloß eine Reiſeroute uͤber Paris bei, die er mit eigner Hand entworfen hatte, und wies ſie an, nach ihrer Ankunft in Paris es ihm zu melden, dort zu bleiben, bis er beſchloſſen habe, was dann geſchehen ſolle. Noch ſey er naͤmlich keinesweges weder mit der Schicklichkeit, noch weniger mit der Nothwendigkeit ihrer Ruͤckkehr nach Schott⸗ land einverſtanden. Sein Brief enthielt noch einige An⸗ weiſungen und Briefe an einige ſeiner Freunde zu Pa⸗ ris, welche der Madame St. Clair Dienſte leiſten konnten. Inſofern war alles gut gemeint und verſoh⸗ nender Art. Die Verbannten begaben ſich nach dieſem Aufſchube auf die Reiſe nach der vom Grafen vorge⸗ ſchriebenen Art; doch noch eine Tagereiſe von Paris wurde Madame St. Clair zu fruͤh von Wehen befal⸗ len und gebar in einem unbekannten Döͤrfchen eine Tochter, welche, wie Herr St. Clair hochſt gefuͤhlvoll bemerkte, zwar nicht ſo gut, als ein Knabe, aber doch beſſer, als gar nichts ſey! Da das Saliſche Geſetz in der Roßvilleſchen Familie keine Kraft hatte, ſo war das Geſchlecht des Kindes in der That von geringer Bedeutung, ausgenommen in den Augen derer, welche die großeren Vorzuͤge des Mannes vertheidigen. Die Hauptſache war daher zunaͤchſt, die Geſundheit und Kraͤfte des Kindes zu ſichern. Indeſſen ob es ſchon im ſiebenten Monate geboren war, zeigte ſich's doch, daß das huͤbſche Maͤdchen recht trefflich gedieh, und Ma⸗ dame St. Clair ſchrieb dies, ganz gegen die gewoͤhnliche Sitte der Muͤtter, blos der vortrefflichen Amme zu. 6 Die Eltern waren gluͤcklich genug geweſen, eine Frau aus den hoͤhern Stäͤnden kennen zu lernen, die vor kurzem ihren Gatten, ihr eigenes Kind ver⸗ loren hatte und ſo gern dieſes annahm, ihm den Ueber⸗ fluß an Liebe und Zärtlichkeit zu widmen, welche Am⸗ men gern auf den Pflegling uͤberzutragen pflegen. Ma⸗ dame St. Clair genas ſehr langſam. Ihre Geſund⸗ heit uͤberhaupt ſchien ſo geſchwaͤcht, daß ſie nicht dar⸗ an denken konnte, dem harten nordiſchen Klima ent— gegen zu treten. Statt daher die Reiſe fortzuſetzen, gingen ſie nach Frankreichs Suͤden und ſiedelten ſich nach einigem Hin- und Herkreuzen hier ſelbſt an. Das hatte aber der Graf nicht gewollt. Zwar ſetzte ſich ſein Stolz noch immer gegen die Ruͤckkehr des Bruders nach Schottland; allein zugleich wuͤnſchte er die Familie innerhalb ſeiner Beobachtung und Aufſicht zu haben, beſonders da er vor kurzem von ſeiner Gemahlin getrennt worden war und das Kind ſeines Bruders nun als muthmaßliche Erbin der Familientitel angeſehen werden konnte. Er hatte da⸗ her auch vorgeſchlagen und darauf gedrungen, die kleine Gertrude ihm zuzuſchicken. Sie ſollte das Gluͤck haben, unter ſeinen Augen erzogen zu wer⸗ den. Madame St. Clair mochte indeſſen dazu nicht ihre Zuſtimmung geben. Sie erklaͤrte in der feinſten, aber doch beſtimmteſten Art, daß ſie nie ihr Kind von ſich laſſen werde. Dagegen verſprach ſie, alle wollten nach Britannien kommen, ſobald ihre Geſund⸗ heit wieder hergeſtellt ſey. Lord Roßville ſolle dann, —— — 7 wenn es ihm gefaͤllig wäre, die Aufſicht, die Leitung von der Auferziehung der jungen Erbin haben. Immer ergab ſich indeſſen gegen die Ausfuͤhrung dieſes Planes ein wahres oder vorgeſchuͤtztes Hinderniß, bis endlich Herr St. Clair vom Schlagfluß getroſſen und er außer Stand geſetzt wurde, ſich zu bewegen. Fuͤr alle Freuden des Lebens todt, ſiechte er mehrere Jahre lang; eines der Weſen, die mit menſchlicher Stimme und Geſtalt alle uͤbrige Kraft des Menſchen uͤberlebt haben. Endlich rief ihn der Tod als ſein Eigenthum ab und die Wittwe verlor keine Zeit, dem Grafen das Ereigniß zu melden, um ſeinen Rath, ſeinen Schutz fuͤr ſich und ihre Tochter zu bitten. Es kam ein ſehr hoflicher Brief voller Wendungen vom Lord Roßville, der ſie und ihre Tochter anwies, unmittelbar nach dem Schloß Roßville abzureiſen und dort zu bleiben, bis er Zeit und Gelegenheit gefunden habe, die Pläne ins Reine zu bringen, welche bereits zur Bevormundung ſeiner Nichte entworfen ſeyen. Dieſe Einladung war zu vortheilhaft, um ſie ausſchlagen zu konnen, obſchon die Bedingungen, in welche ſie ſich huͤllte, weder der Mutter noch der Tochter ſehr lockend erſchienen. Mit einer halb frohen, halb traurigen Stimmung eilten ſie, die luſtigen Rebenhuͤgel und Frankreichs warme Sonne gegen Schottlands ſchwarze Berge und kalte Nebel⸗ wolken zu vertauſchen. Zweites Kapitel. — Rach furchtbarer Gewitternacht Scheint die Sonn' in ihrer höchſten Pracht! Lied. Es waren viele Jahre hingegangen, ſeitdem Madame St. Clair ihr Vaterland verließ. Wer ſie gekannt hatte, konnte ſie ſchwerlich jetzt wieder erkennen, ſo durchaus war ihr ganzes Weſen veraͤndert. Das ver⸗ ſchaͤmte laͤndliche Mädchen, ſo linkiſch, mit dem Volks⸗ dialekte, war allmaͤhlig zum ſchoͤnen Weibe umgewan⸗ delt worden, bei dem aus jeder Bewegung Anmuth ſprach. Sie zeigte ſich gebildet, obſchon geſucht in ih⸗ rem ganzen Benehmen. Lange war ihr Mittag dahin; doch noch immer ſchien ſie huͤbſch und einem oberflaͤch⸗ lichen Beobachter ſelbſt gefährlich. Allein alle dieſe Veranderungen hatten nur im Aeußern ſtattgehabt, entſprangen nicht aus angebornem Zartſinn und edlen Beweggruͤnden. Sie waren die Frucht eines feinen Gefuͤhls, der Weltkenntniß, des langen Umgangs mit Fremden. Der Geiſt blieb derſelbe. Die Huͤlle allein hatte ſich gewandelt. In den Tagen ihrer Jugend war Stolz und Ehr⸗ geiz durch eine Verbindung aufgeregt worden, welche ſie fuͤr glaͤnzend hielt. Erſt als ſich der Verſtand hin⸗ länglich ausgebildet hatte, entdeckte ſie zu ihrer Kraͤn⸗ 9 kung, daß hohe Geburt, mit perſoͤnlicher Werthloſig⸗ keit verbunden, dem wahren Gehalte nicht mehr ver— leiht, als ein ſchoner Kranz einem erbaͤrmlichen Wirths⸗ hauſe. Dieſe Taͤuſchung, in einem von Natur ſtol⸗ zen und heftigen Herzen wirkend, brachte die ſchlimm— ſten Eigenheiten ihres Charakters in Thätigkeit. Sie ſah nur die Welt als eine Buͤhne an, auf der alle Männer und Frauen ihre Rolle ſpielen. Ihr einzi⸗ gos Streben war, eine große, eine ausgezeich⸗ nete durchzufuͤhren, die Stellung wieder zu gewinnen, welche ihres Gemahls Kleinmuth verloren hatte. Selten ereignet es ſich, daß ein Menſch, der ſich anders ſtellt, als er iſt, einen andern nach ſich bilden kann. Selten ahmen wir dem nach, den wir nicht lieben. Es iſt etwas in der Natur, das uns von ſol⸗ chen erkuͤnſtelten Weſen mehr, als von Fehlern ſelbſt, zuruͤckſcheucht. Wo ein ſolcher Verſuch mißlingt, bringt der Abſtoß gewöhnlich einen Charakter von ganz ver⸗ ſchiedener Art hervor. Madame St. Clair hatte keine Muͤhe geſpart, ihre Tochter ſo ſehr in das Geheimniß der Verſtellungskunſt einzuweihen, als ſie es ſelbſt war. Allein alle ihre Bemuͤhungen blieben erfolglos. Dieſe blieb, wozu ſie die Natur gemacht hatte— eine Mi⸗ ſchung von Weizen und Spreu, von Blumen und Diſteln. Zwiſchen Mutter und Tochter fand keine Uebereinſtimmung, keine Seelenverwandtſchaft ſtatt. Selbſt von der natuͤrlichen Zaͤrtlichkeit, welche oft den Mangel innigerer Gefuͤhle und ähnlichen Geſchmacks ausgleicht, die oft zur Verbindung von Herzen dient, 10 welche keine menſchliche Bemuͤhung mit einander ver⸗ ſchmolzen haben wuͤrde, war hier keine Spur da. Ohne einige Aehnlichkeit im Charakter, in der Den⸗ kungsweiſe konnte auch nur wenig Austauſch der Vor⸗ ſtellungen ſtattfinden. Wenn Gertrude zu ihrer Mut⸗ ter ſprach, ſo war es mehr Erguß des offenen Herzens, des lebendigen Geiſtes, als Frucht eines gegenſeitigen Gefuͤhles. „Ach ich wollte, ich hätte den Spiegel von Prinz Haſſan!“ rief ſie, als ſie Schottlands Graͤnzen nahe kamen,„daß ich ein Bild von den Leuten bekäme, unter die ich kommen ſoll!— Ein einziger Blick hin⸗ ein ſollte mir doch einen Begriff davon geben, oder doch mindeſtens zeigen, ob es eine Art von Menſchen iſt, die ich zu lieben im Stande bin!“ „Du haſt dir von deinem Scharffinne eine ſehr große und ein bischen anmaßende Darſtellung entwor⸗ fen, wie es ſcheint!“ entgegnete die Mutter mit ver⸗ aͤchtlichem Laͤcheln.„Ich ſollte doch in aller Demuth meinen, daß meine Kenntniß und Erfahrung dir ſo viel nuͤtzen könnten, als alle deine eigenen Beobach⸗ tungen und Vorſtellungen!“ „Verzeihen Sie, Mama, ich wußte ja nicht, daß Sie mit der Familie Roßville bekannt ſind!“ „Perſonlich kenne ich freilich niemand davon. Ich bin nie— ich wäre nie zu ihnen gekommen, wenn du nicht wäreſt! Deinetwegen arbeite ich an einer welche ich ſonſt mit Verachtung abgewie⸗ ſen Ptte, wie man mich verachtet hat!“ .——— ———— —— * — 11 Sie ward hier heftig; doch ruhiger fuhr ſie fort: „Es iſt natuͤrlich, daß du etwas von den Ver⸗ wandten wiſſen willſt, mit denen du nun in Verbin⸗ dung kommſt. Nichts iſt ja angenehmer, als eine vorläuſige Kenutniß von denen, welchen wir gefallen ſollen! Nur aus Erzählungen kenne ich die Fa⸗ milie Roßville, aber auch aus ſolchen Schilderungen kann man ſich ein ziemlich richtiges Bild von dem Charakter der Menſchen uͤberhaupt entwerfen. So ſagt daher das Geruͤcht: Lord Roßville ſey ein vorur⸗ theilsvoller, unruhiger, langweiliger, ſonſt aber es gut meinender Mann; ſeine bei ihm wohnende Schweſter, Lady Eliſabeth, ein träges, harmloſes, neugieriges al— tes Weib. Es ſind Neffen, Söhne von den Schwe⸗ ſtern, da, deren einem du wahrſcheinlich beſtimmt wirſt. Man findet einen Delmour, einen ſchwachen, vollkommenen Sklaven des Parlements, Sohn des Lords Somebody Delmour und Neffen des Herzogs von Burlington; man findet ſeinen Bruder, den Ober⸗ ſten Delmour, einen Modegeck und Spieler ohne Grundſaͤtze. Noch iſt ein Herr Lindſay, eine Art von Quaker, Methodiſt, ein Finſterling; kurz, alle ſind voller Stolz und Vorurtheil. Nichts deſto weniger nimm dich in Acht, Vorurtheilen zu widerſprechen, ſelbſt wenn du weißt, daß es dergleichen ſind, denn die meiſten Leute halten hartnäckiger auf die ihrigen, als auf ihre andern Eigenheiten. Sollteſt du hören, daß ſie uͤber eine Ausſicht, wie dieſe,“— ſie zeigte auf die lange, ſchwarze Linie der ſchottiſchen Kuͤſte— 12 „in Entzucken geriethen: ſo mußt du ſelbſt ſolche be⸗ wundern. Sogar dieſen kalten, kahlen Erdſtrich, dieſe Steinklumpen dort, die dunkle, ſtuͤrmiſche See, wird man dir vielleicht ſagen, und du mußt beiſtimmen, ſind ſchoner, als die Lilienfelder, die klaren Gewaͤſſer von Languedoc!“ Die junge St. Clair ſchwieg einige Augenblicke und ſchaute die Gegend rings umher an. Endlich ſagte ſie:„Wahrhaftig, Mama, ich glaube, es iſt doch auch etwas Schönes in ſolcher Ausſicht. Frei⸗ lich kann ich kaum ſagen, worin der Zauber beſteht und warum man ihn tiefer fuͤhlen muß, als die Bil⸗ der der Schoͤnheit und Groͤße; allein es kommt mir vor, als ſey hier ſo etwas Einfaches und Majeſtäti⸗ ſches— in ſolcher Waſſer- und Erdfläche. Es iſt mir, als ſchaue ich die Natur im Anfang der Scho⸗ pfung, wo blos Meer rocknes Land geſchaf⸗ fen war!“ „Sag lieber; nach dem Fall!“ erwiederte die Mutter bitter lächelnd, und zog den Mantel dichter zuſammen.„Wenigſtens kommt es mir jetzt ſo vor, als ſey ich aus dem Paradieſe vertrieben, ſtatt hinein zu kommen!“ Allerdings war die Gegend traurig, aber doch ge⸗ eignet, in der Phantaſie, die fuͤr alle verſchiedenen Bilder der Natur oſſen iſt, beſonders aber im Herzen eines Mäͤdchens, Empfindungen zu beleben, wo ſchon die Neuheit Reiz genug gewährte, die Bewunderung rege zu machen. Vor ihnen breitete ſich der dunkle, ——— 13 bleifarbige Ocean aus. Seine duͤſiere Graͤnze wurde von herabhäͤngenden Wolken verdeckt. Mit Geſchrei flogen die Seevoͤgel nach der Kuͤſte und verkuͤndeten den kommenden Sturm. Die noch kahlen Felder wa⸗ ren von Kraͤhen ſchwarz, und das heiſere Geſchrei die⸗ ſer miſchte ſich mit dem tiefen, eintoͤnigen Brauſen der Wogen, wenn ſie dumpf rollend nach der Kuͤſte kamen und mit unnuͤtzem Geraͤnſch zerplatzten. All⸗ maͤhlig breitete ſich uͤber alle Dinge ein dicker Nebel aus. Eine unbeſchreibliche Kälte ward von jedem We⸗ ſen gefuͤhlt, das Bein und Fleiſch hatte, ſie zu em⸗ pfinden. Kurz, es kam ein Sturm aus Oſten, und an Schottlands öſtlicher Kuͤſte muß man dieſen erfah— ren, kann ihn aber nicht beſchreiben. „Das iſt ja ſchrecklich!“ rief die Mutter und ihre Zähne klapperten, ihre Haut begann ſich zu kräu⸗ ſeln, wie es bei der ſogenannten Gänſehaut iſt.“ „Sie ſehen krank aus, Mama!— Sie ſind ganz bleich und blau.— Wahrhaftig, auch ich fuͤhle mich, wie noch nie!“ Mit dieſen Worten ließ Gertrude die Fenſter in die Höhe und zog den Mantel um ſich zu⸗ ſammen. Der franzoſiſche Diener außen auf dem Bocke ſah mit jammervollem Geſicht umher, als wollte er fragen: Ou'est-ce que cela? Selbſt der Poſtil⸗ lion ſchien von ſolchem Sinne ergriſſen. Er ließ die Pferde halten, zog einen ſchweren Mantel vor, knöpfte ihn bis an die Naſe zu, und indem er nun eine Miene machte, als böte er dem Wetter Trotz, fuhr er weiter. Die Luft wurde kaͤlter unb kälter, der Nebel 14 dichter und dichter, das Geſchrei der Seevogel immer lauter und lauter, bis— ein ſchrecklicher Hagelſchauer zum Vorſchein kam und mit furchtbarer Gewalt gegen die Fenſter des Wagens ſchlug. Der nnerſchrockene Fuhrmann mußte ſein purpurnes Geſicht wegen des unbarmherzigen Tobens herabneigen, waͤhrend er die Pferde antrieb, ſolchem Toben zu entgehen. „Das iſt Schottland, das iſt der Monat Mai!“ rief Madame St. Clair ſeufzend, als ſie auf die wei⸗ ßen Felder ſah und ihre Phantaſie an den laͤchelnden Himmel, die balſamiſchen Fruͤhlingsluͤfte Languedocs dachte. „Schottland hat uns ziemlich unſanft bewill⸗ kommt, das muß ich ſagen!“ meinte die Jochter. „Doch ich bin zum Gluͤck nicht abergläubiſch, und— ſehen Sie'mal, ſchon laͤchelt uns wieder alles entgegen.“ In wenig Minuten flogen die Wolken dahin— die Sonne brach mit aller Waͤrme, allem Glanze her⸗ vor. Der zarte Weizen glaͤnzte in ſeiner Naͤſſe. Die Lerche erhob ſich jauchzend in die Höhe, die Seevögel breiteten die weißen Fittige aus und ſchwammen auf den blauen Fluthen. Der Poſtillion fuhr Schritt, den großen Mantel abzulegen.— So veraͤnderlich iſt in Schottland das Klima— ſo verſchieden die Gegend zu ſchauen! Drittes Kapitel. Dort meines Vaters Haus? —— O ſende mich nicht hin Entehrt; nein, nur zu Größe, Reichthum aufgehoben! Sophokles. Es war ein lieblicher Abend, als die Reiſenden ihren Beſtimmungsort nahe an Schottlands weſtlicher Kuͤſte erreichten. Die Luft wehte mild; die untergehende Sonne ergoß ihr purpurnes Licht auf die Berge, welche den dunkeln Hintergrund von Roßville's Beſitzungen bildeten. Der Weg dahin wand ſich laͤngs einem Fluſſe, der alle die eigenthuͤmlichen Zuͤge eines ſchott⸗ laͤndiſchen Gewäſſers hatte. Jetzt glitt er langſam da⸗ hin oder ſchien in der cryſtallenen Tiefe eines beſchat⸗ teten Teiches ſtill zu ſtehen. Dann kräuſelte er ſich und ſummte einſchläfernd uͤber ſein kieſiges Bett dahin, waͤhrend die ſteilen Ufer nicht minder die Geſtalten wechſelten. An manchen Punkten war er mit Holz bedeckt, das eben im erſten Glanze des Fruͤhlings prangte. Der Pappel blaſſe Farbe und die Nadeln des Lerchenbaums mit zartem Gruͤn miſchten ſich mit dem roth gefaͤrbten Eichenblatt und den braunen, ſich offnenden Knospen der wilden Feigenbäume. Dort ſchauten die grauen Felſen unter Mooſen und Schling⸗ pflanzen, die ſie wie ein Kleid von mancherlei Farben bedeckten, und unter ihnen glaͤnzte die wilde Roſe mit ihren voruͤbergehenden Knospen. Weiter hin ward das Ufer minder ſteil und all⸗ maͤhlig ſank es zu einer ſanften Höhe, die mit gruͤnem Raſen bedeckt, mit Baͤumen von anſehnlicher Höhe belebt war. Kein Ton miſchte ſich mit dem rauſchen⸗ den Gewäſſer, als der volltönende Geſang der Wach⸗ tel, das klagende Girren der Waldtauben, der abge⸗ brochene, obſchon nicht unmelodiſche Schrei des Ku⸗ kuk's. Gertrude ſah alles mit Entzuͤcken. Ihr Herz erweiterte ſich voll Freude, als ſie dachte, daß dieſe ſchoͤne Gegend zu ihrem Erbe beſtimmt ſey. Ein un⸗ freiwilliges Gefuͤhl von Liebe und Dankbarkeit gegen den Himmel trieb ſie, das Auge zum Geber alles Gu⸗ ten zu erheben. Es ſchwamm in Thraͤnen der Freude. Doch machte ſich hier blos die Ueberraſchung eines jungen, entzuͤckten, enthuſiaſtiſchen Herzens kund. Kein tieferes Gefuͤhl ward rege und verſtanden. Keine Furcht miſchte ſich mit der Freude; keine dunkle Zu⸗ kunft warf ihren Schatten auf den Spiegel, den die Einbildungskraft ihr vorhielt. Nur Bilder der Pracht und Macht, des Reichthums und der Groͤße, Bilder des irdiſchen Gluͤcks ſchwammen vor den Augen, die jetzt von der Erde zum Himmel ſchauten. Sie ward aus ihren Traͤumen durch einen tiefen Seufzer oder beſſer ein Stohnen ihrer Mutter geweckt. Dieſe lehnte im Wagen und ſchien offenbar von einem ſchmerzlichen Gefuͤhle geiſtiger oder korperlicher Art uͤberwaͤltigt. Miß St. Clair war daran gewohnt, die 17 Mutter bei kleinen Veranlaſſungen und manchmal bei gar nichts ſeufzen, und auch wohl ſtöhnen zu horen; allein jetzt war etwas, das den hohen Grad des Lei⸗ dens zu ſehr kund that, um Verſtellung zu erlauben. „Sie ſind krank, Mama!“ rief ſie erſchrocken und ſah ihrer Mutter bleiche, verſtörte Zuͤge. Es vergingen einige Augenblicke, ehe die Mutter zu antworten die Stimme fand. Endlich aͤußerte ſie heftig bewegt: „Iſt es denn ein Wunder, wenn ich in der Naͤhe des Hauſes empfinde, aus dem ich und mein Gatte verbannt— in welches uns ſogar der Eintritt verſagt wurde? Kannſt Du meinen, daß ich bei dem Gedanken unbewegt bleibe: Jetzt die Familie zu ſchauen, von der wir verjagt wurden, die ich nur als meine bitterſten Feinde kennen lernte?“ Ihre Stimme erhob ſich kräͤftiger; ihre Wangen gluͤhten lebhafter, als ſie das erfahrne Unrecht ſchil⸗ derte. „O Mutter!“ redete Gertrude zu,„laſſen Sie Ihre Phantaſie nicht unter den Umſtaͤnden bei ſolchen ſchmerzlichen Erinnerungen weilen. Natuͤrlich muͤſſen duͤſtere Gedanken andere erzeugen, aber— ach da iſt das Schloß!“ rief die junge Erbin und vergaß alles Leiden der Mutter, als das ſtattliche Gebäude ihrem Blick entgegen trat. Aufs neue jauchzte ihr Herz, wie ſie die ſtolzen Thuͤrme und die lange Reihe der gothiſchen Fenſter im goldenen Strahl der Abendſonne glänzen ſah. Noch ein Augenblick und ſie waren — ———————— — unter dem Thor. Eine Reihe reichgekleideter Diener ſtand bereit, ſie zu empfangen. Die Beſtuͤrzung der Miſtreß St. Clair nahm zu. Sie mußte ſtehen blei⸗ ben— ſich an der Tochter halten, welche fuͤrchtete, die Mutter in Ohnmacht fallen zu ſehen. Endlich raffte ſie die Kraͤfte zuſammen. Sie ward wieder ihrer ſelbſt maͤchtig und folgte dem Diener, der ſie zu ſeinem Herrn fuͤhrte. Voll Anmuth ſtellte ſie die⸗ ſem ihre Tochter vor. „Der Großmuth Ew. Herrlichkeit vertraue ich mein vaterloſes Kind an!“ Lord Roßville war eine große, wohlgenährte Ge⸗ ſtalt. In ſeinen Zuͤgen war nichts Ausgezeichnetes, als ein Paar ſchwarze vortretende Augenbraunen, welche jedem Worte einen und denſelben Ausdruck eines feier⸗ lichen Ernſtes gaben. Er ſprach ſehr langſam und hoͤchſt widrig aus. Auch auf dieſe Anrede zu antwor⸗ ten hatte er einige Zeit vonnöthen. Endlich erwie⸗ derte er: „Ich werde, ſeyn Sie verſichert, Madame, mir es zu einem Hauptpunkte machen, eine der wichtigſten Pflichten verwandtſchaftlicher Art, ſo weit meine Kraft und meine Talente ausreichen, zu erfüllen!“ Jetzt begruͤßte er ſeine Schwaͤgerin, ſeine Nichte, nahm von beiden die eine Hand und fuͤhrte ſie zu ei⸗ ner langen, hagern, grauhaarigen alten Dame mit einer ſpitzigen Viſitatornaſe.„Es ſey Lady Eliſabeth St. Clair vor ihnen!“ erklaͤrte er. Lady Eliſabeth erhob ſich aus ihrem Sitze mit et der te, ich der ſie ir⸗ ich nir en ſte, mit eth mit 19 einer Art bedächtigen Geräuſches, das dem Aufſtehen und Riederſetzen alter Damen zu folgen pflegt und die Abſicht haben mag, anzudeuten, wie es bei ihnen kein jederzeit gewöhnliches Ding ſey, ſolche Herablaſ— ſung zu uͤben. Sie nahm ihre Brille ab, und legte ſie auf einen großen Arbeitstiſch, aus welchem ein in Wolle geſtickter Tigerkopf und ein Buch vor guckte. Dann hob ſie ein muſſelines Schnupftuch von einem dicken, ſchläfrigen Mopshunde weg, den ſie auf dem Schooße hatte und auf ein Kiſſen zu ihren Füßen legte. Nun ſchob ſie einen Kammerdienertiſch weg, der wie eine Art Außenwerk da ſtand, und als ſie ſo von allen Hinderniſſen befreit war, bewillkommte ſie ihre Gaͤſte. Nachdem ſie ſie mit bloß Neugierde verrathendem Blicke betrachtet hatte, winkte ſie ihnen ſich zu ſetzen, indem ſie ſelbſt mit noch größerm Ge⸗ räuſche als beim Aufſtehen wieder Platz genommen hatte. So ein Empfang war freilich nicht geeignet, Ge— fühle angenehmer Art hervorzurufen. Gertrude uͤber— lief es bei der Weiſe, die ſo ganz das Gegentheil der zwangloſen Geſelligkeit war, wozu man ſie gewohnt hatte, eiskalt. Ihr Herz ward kleinmuͤthig bei dem Gedanken, mit Leuten zuſammen ſeyn zu muͤſſen, welche ſo ſteif und ungeſellig auftraten. Das Zimmer ſelbſt ſchien den Charakter ſeiner Bewohner zu theilen. Es zeigte weder die gediegene Pracht alter Zeit, noch die geſchmackvolle Verſchwendung unſerer Tage, weder die grotesken Verzierungen der Vorwelt, noch den 2 —— —— — —— 20 das darauf weilende Auge ergotzenden Prunk neumo⸗ diſcher Geräthe. Blos der große Arbeitstiſch Eliſa⸗ beths zeigte, daß das Zimmer bewohnt werde. Sonſt herrſchte uͤberall ſteife Förmlichkeit, glaͤnzende Unbe⸗ haglichkeit. Der Graf und ſeine Schweſter thaten die ge⸗ wohnlichen und noch mehr, als die gewohnlichen Fra⸗ gen uͤber Zeit und Entfernung, Wege und Kutſcher, Gaſthofe und Betten, Wetter und Staub. Miſtreß St. Clair beantwortete ſie alle auf die beſte Weiſe, die, mit welchen ſie ſprach, zu verſbhnen, bis endlich, nach Verlauf einer halben Stunde, Lord Roßville der Meinung war, ſie ſey eine der gebildeteſten, unterrich⸗ teteſten, gefuͤhlvollſten, ächt weiblichſten Frauen, mit denen er je geſprochen habe, und Se. Herrlichkeit war nicht ein Mann, der uͤber jeden Gegenſtand ſchnell eine Meinung faſſen konnte. Lord Roßville gehörte zu denen, deren Eigenhei⸗ ten, ſind ſie auch unbedeutend, doch ſo deutlich vor⸗ treten, als wenn ſie in recht großen Zuͤgen ausgepraͤgt waͤren. So wie aber auch das Vergrößerungsglas den von ihm betrachteten Gegenſtänden weder Macht noch Kraft verleihen kann, ſo wenig wuͤrde ein Bio⸗ graph die kleinen Schwaͤchen ſeines Geiſtes zu Tu⸗ genden haben erheben konnen. Seine vorwaltenden Leidenſchaften waren von der Art, wie ſie oft den, der ſie hegt, in falſchem Lichte erſcheinen laſſen. Sich als Herr zu zeigen, der Wunſch, Beifall zu ſinden, beherrſchten ſeine ganze Seele. Ohne beſonders einem —————— reß mit war nell 21 Laſter ergeben zu ſeyn, hielt er ſich doch fuͤr vollkom— men tugendhaft. In manchem Betrachte bei ſeinen Unternehmungen gluͤcklich, war er vollkommen uͤber⸗ zeugt, daß er vollendete Weisheit beſitze. Mit ſolchen Vorſtellungen von ſich ſelbſt war es freilich kein Wun⸗ der, wenn er es fuͤr die ihm eigenthuͤmliche Pflicht hielt, jedermann, Mann und Weib, Kind und Thiere, welche in ſeine Sphäre kamen, auf die langweiligſte, quälendſte Weiſe zu leiten und zu hofmeiſtern. Der haͤßlichſte Zug in ſeinem Charakter war der Ehrgeiz — jener fatale Duͤnkel Tauſender!— daß er glaubte, Beredſamkeit zu haben, uͤberzeugen zu koͤnnen, und wenn es die gewoͤhnlichſten Dinge des haͤuslichen Lebens betraf. Zu dem Zweck bot er ſtets zehnmal mehr Worte auf, als zur Mittheilung deſſen, was er wollte, vonnöthen waren, und ſtets waren ihm die längſten, die umſchreibendſten die liebſten. Eine an— dere quälende, ihm anklebende Eigenheit war, alles erklären zu wollen. Faſt immer machte er dadurch den einfachſten Gegenſtand dunkel und undeutlich. Indeſſen hatte er auch gute Seiten. Er wuͤnſchte z. B. alle Menſchen ringsumher gluͤcklich zu ſehen, vorausgeſetzt, daß er ihr Gluͤck geleitet hatte, daß ſie genau in der Art, in dem Grade, welche er fuͤr geeignet hielt, gluͤcklich wurden. Er war eine Art kleiner, wohlthätiger Tyrann, und jeder Verſuch, ſeine Begriſſe zu erweitern, ſeinen Verſtand aufzuklären, waͤre vergeblich geweſen! Bereits hatte er den Kopf ſo voll kleiner Gedanken, kleiner Pläne, kleiner Begriffe, ———— kleiner Vorurtheile, kleiner Launen, als er nur faſſen konnte, und nichts als eine Art Wiedergeburt wuͤrde ihn umgewandelt haben. Er hatte ſeine Richtſchnur von dem, was recht war, was ſich ſchickte, was wohl anſtand, alles nach eignen Begrifſen geordnet. Lange hatte er nach Gegenſtaͤnden getrachtet, bei welchen er ſie geltend machen konnte. Madame St. Clair und ihre Tochter waren daher kein kleiner Zuwachs in ſei⸗ ner Familie. Er ſah ſie als zwei ſchone Stuͤcke Wachs an. Jedes war bereit, jeden Eindruck anzu⸗ nehmen, welchen er ihnen zu geben beſchloß. Die demuͤthige Weiſe, womit ihm die Nichte dargeſtellt wurde, hatte gleich der Mutter und Lochter ſeine Gunſit, ſeinen Schutz zugewendet. Lady Eliſabeths Charakter giebt keinen Stoff zu ſolcher langen Schilderung her. Sie zeigte ſich vor⸗ nehmlich durch ihre viele Stickerei in Wolle aus. In Betracht ihres Lebens hatte ſie eben ſo außerordentlich viele, als verdienſtliche Arbeiten geliefert. Jetzt arbei⸗ tete ſie an dem funften Teppich. Pomeranzengelb und himmelblau waren die Hauptfarben. Das Mu⸗ ſter ein gelber Tiger en conchant mit Scharlachflek⸗ ken auf einem azurblauen Grunde. Auch las ſie alle Erzählungen und Romane, welche, ſollte man denken, ausſchließlich zum Beſten bejahrter alter Frauen und müßiger junger Frauen gedruckt worden; wie z. B. das Schloß Montillo, die unſichtbare Hand, die Erben, den Hageſtolzen. Jetzt hatte ſie 23 gerade die Wahl eines Gatten.*) Sie las es zum dritten male, ohne es zu wiſſen, mit nicht verkuͤrztem Vergnuͤgen. Endlich wachte ſie noch ſorg⸗ fältig uͤber einen fetten, dicken, häßlichen Mops, der oft Kraͤmpfe bekam, und that eine Menge nichtsnutzi⸗ ger Fragen, welche eben niemand der Beantwortung werth achtete. Dies waren die anweſenden Glieder der Fa⸗ milie. Doch Lord Roßville trauerte, daß zwei ſeiner Neſſen auf Beſuch in der Nachbarſchaft wären und am folgenden Tage erwartet werden duͤrften. „Nachdem ſie nun,“ wendete er ſich an Ma⸗ dame St. Clair,„wie es nun auch immer ſey, der Familie Roßville einverleibt worden ſind, ſo iſt es wohl ſchicklich und in der Ordnung, daß Sie auch alle Ihre Mitglieder kennen lernen. Ich meine nicht: kennen lernen, wie eine perſoͤnliche Zuſammenkunft zur Folge hat, ſondern jenes Kennenlernen, das durch eine vorher gebildete Meinung zu Theil wird, welche ſich auf die Erfahrung ſolcher gruͤndet, auf deren Ur⸗ theil und Genauigkeit wir uns verlaſſen koͤnnen. Ich werde Ihnen daher eine Kunde in Betracht der juͤn⸗ gern Mitglieder mittheilen, wie ſie mir Beobachtung und Gelegenheit an die Hand gab und welche ſich ²) Ane die genannten Romane— das Hriginal hat andere, mir nicht bekannte— ſind auch ins Deutſche überſetzt und werden hiermit zum Einſchläfern beſtens empfohlen vom Ueberſetzer. 24 alſo, ſchmeichle ich mir ſelbſten, ſowohl nicht unan⸗ nehmbar als auch nicht nutzlos ausweiſen duͤrfte.“ Der Graf hielt inne, huſtete und fuhr fort: „Der aͤltere von den zwei jugendlichen Mitglie⸗ dern der Familie, welchen Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach, im Verlaufe einer ſehr kurzen Zeit vorgeſtellt werden duͤrften, iſt der Obriſtlieutnant Friedrich Delmour, der juͤngſte Sohn des verſtorbenen Lord Georg Delmour, welches der zweite Sohn des Her⸗ zogs Jakob von Burlington, erzeugt mit der Marquiſe von Effenford, war. Dieſelbige war die Wittwe des verſtorbenen Karl Chaloner, Marquis von Eſſenford, welcher ſehr fruͤhe wegſtarb und einen Sohn, den ge⸗ genwaͤrtigen Marquis Auguſt von Effenford, verheira⸗ thet mit der Lady Iſabella Cadrington, Tochter des Herzogs von Lichtfeld, desgleichen eine Tochter, die gegenwärtige ſehr bewunderte Gräfin von Lymington, hinterließ. Auf der andern Seite heirathete der gegen⸗ wärtige Herzog von Burlington die einzige Tochter des beruͤhmten Staatsmannes, Johann, Grafen von Har⸗ leigh, welcher nur einen Sohn, den Marquis von Has⸗ lingden, erzeugte, der jetzt von wegen ſeiner ſchwaͤchli⸗ chen und hinfaͤlligen Geſundheit auf Reiſen iſt. Auf dieſe Weiſe trifft es ſich, und ich hoffe, ſolches hin⸗ länglich deutlich auseinandergeſetzt zu haben, daß man⸗ che Mitglieder dieſer Familie zu gleicher Zeit, entwe⸗ der durch Blutsverwandtſchaft, oder durch Seitenver⸗ wandtſchaft in nicht entferntem Grade, mit vielen— ja faſt moͤchte ich ſagen, mit den meiſten beruͤhmten 25 Familien in dieſem Schweſterkoͤnigreiche verbunden ſind!“ „Meine Schweſter, die Lady Auguſte Delmour, Wittwe des verſtorbenen Lord Georg Delmour, wohnt jetzt in der Hauptſtadt mit ihren drei Toͤchtern, wo⸗ von die eine, wie ich vernehme, im Begriff ſteht, mit dem älteſten Sohne eines Barons, der im Suͤden dieſer Inſel große Guͤter und auch ſonſt viel Vermo⸗ gen beſitzt, eine vortheilhafte und ehrenvolle Che zu ſchließen. Doch davon anjetzt mehr zu ſagen, moͤchte doch nicht ganz angemeſſen ſeyn. Der Obriſt Fried⸗ rich Delmour, der Gegenſtand unſerer unmittelba⸗ ren Betrachtung, iſt an ſich ein Mann von Geiſt, nach der Mode, gut gebildet und von ſehr ausgezeichneter Tapferkeit in ſeiner hochſt ehrenvollen Laufbahn. Er hat bereits die Ehre gehabt, zweimal auf dem Schlacht⸗ felde leicht verwundet und in den Depeſchen des Gra⸗ fen von Marſcham an Se. koͤnigliche Hoheit, den Oberfeldherrn, ehrenvoll genannt zu werden. In die⸗ ſem Betrachte hat die Wuͤrde und die unbefleckte Ehre der edlen Familien, zu welchen er gehoͤrt, durch ſeine Perſon keine Verminderung erlitten. Allein ſeinen àl— tern Bruder— hier wendete er ſich beſonders an Gertrude— ſehen wir, das heißt der Herzog von Burlington und ich— als den Mann an, wel⸗ cher der Familie, womit er ſo genau verwandt iſt, noch groͤßern Ruhm verleihen ſoll. Mit allen den von der Natur gegebenen Vortheilen, Talenten und Kenntniſſen ſeines Bruders, vereinigt er auch noch 26 Gewandtheit und Fähigkeiten der erſten Art, hat auf dieſe Weiſe bereits im Parlamente eine ausgezeichnete Rolle geſpielt und verſpricht einer der erſten, wo nicht der erſte Staatsmann in dieſer, oder viel⸗ leicht in jeder Zeit zu werden.“— Der Graf ſchwieg, als ſey er von den propheti— ſchen Bildern, die ſeinen Geiſt beſtuͤrmten, uͤberwältigt. „Wie ſpät iſt es denn?“ fragte Lady Eliſabeth. Der Graf kam von ſeinem hohen Schwunge zu⸗ ruͤck. Der Gedanke, wie die Zeit vergehe, ſiel ihm ein. Er nahm den Gegenſtand aufs neue vor, doch in minder ſtolzem Tone: „Das juͤngere Mitglied dieſer Familie, welche ich Ihnen nun darzuſtellen habe, iſt Eduard Lynd⸗ ſay, Sheriff von Lynnword, der einzige Sohn des verſtorbenen Eduard Lyndſay von Lynnword und mei⸗ ner juͤngſten Schweſter, der verſtorbenen Lady Jo⸗ hanna St. Clair. Der verſtorbene Herr Lyndſay ſtammte von einer alten, aber höchſt achtbaren Fami⸗ lie her, wurde aber während ſeines Lebens durch man⸗ che Unbeſonnenheiten ſeiner Vorältern in viele Ver⸗ druͤßlichkeiten verwickelt, alſo, daß er ſich am Ende gezwungen ſah, eine Stelle in unſern Colonien anzu⸗ nehmenz wohin ihn Lady Johanna begleitete. Doch beide, leider muß ich es ſagen, ſielen in kurzer Zeit als ein Opfer der peſtilenzialiſchen Wirkungen des Climas, und uͤberließen den jungen Mann, der damals ein Kind von drei und einem halben Jahre war, bloß meinem Schutze, meiner Bevormundung. Wie dieſen Pflichten nachgekommen worden ſey, gebuͤhrt mir nicht zu ſagenz blos zu meiner Rechtfertigung halte ich es fuͤr nothig und ſchicklich, zu bemerken, daß nach Ver⸗ lauf ſeiner Minderjährigkeit das Vermogen deſſelben — ich ſage nichts von der Verwaltungsweiſe und Aufſicht daruͤber; dieſe mogen fuͤr ſich ſelbſt ſpre⸗ chen; blos fuͤr meine Schuldigkeit halte ich es, zu bemerken, daß das Vermogen— damals unverſchul⸗ det war. Wenn es nicht mehr ſo iſt—“ Hier verneigte ſich der Graf und rieb mit der bedeutungsvollen Weiſe die Hände, welche ſagt: „Ich waſche meine Haͤnde in Unſchuld!“ Indeſſen brauchten Se. Herrlichkeit eine lange Zeit zum Hän⸗ dewaſchen, bevor ſie fortfuhren: „Es giebt vielleicht kein großeres und unuͤber⸗ windlicheres Hinderniß zur radikalen Verbeſſerung in der Jugend, und es iſt dies zugleich, leider muß ich es ſagen, eines der ausgezeichnetſten Merkmale der Zeit, worin wir leben, als eine Nichtbeachtung der warnenden Stimme ſolcher, welche mit Ehren, mit Vortheil, mit Wuͤrde, zu der Periode des Lebens gekommen ſind, wo ſie, zum mindeſten, doch wohl einen Anſpruch auf Erfahrung machen koͤnnen. Haͤtte Herr Lyndſay den Pfad verfolgt, welchen ich ihm mit unendlicher Bedachtſamkeit vorgezeichnet hatte, ſo duͤrfte er nun wohl durch die Thätigkeit der großen und edlen Familien, mit welchen er in Verbindung ſteht, auf die hohe Straße zu Ehre, Reichthum, Aus⸗ zeichnung und Selbſtzufriedenheit gekommen ſeyn. So 28 wie es nun einmal ſteht, hat er, gegen meine Em⸗ pfehlung einen großen vortheilhaften Poſten abgelehnt, welchen man ihm in unſern aſiatiſchen Beſitzungen an⸗ bot. Er fuͤhrte den einzigen Grund an, daß er mit dem, was er habe, zufrieden und entſchloſſen ſey, ſich der Verbeſſerung, der Verwaltung ſeiner Guͤter zu weihen. Ein junger Mann in ſolcher Lage des Le⸗ bens, kaum 26 Jahre alt, trefflich erzogen— was ich zu einem Hauptpunkte machte— im Beſitze al⸗ ter Stammguͤter, die zwar nicht groß, und, wie ich ſehr furchte, ſtark verſchuldet ſeyn mogen, ſchlägt eine ſo ehrenvolle Anſtellung, Einnahme, Fuͤrſprache aus!— Herr Lyndſay mag ein guter Mann ſeyn; allein es war mein eifrigſter Wunſch und Wille, mehr aus ihm zu machen! Ich wuͤrde ihn— haͤtte er ſich meiner Leitung, meiner Weiſung unterworfen— ich wuͤrde ihn zu einem großen Manne gemacht haben.“ Das feierliche Schweigen voller Wuͤrde, das nun folgte, wurde glucklicher Weiſe durch die Meldung un⸗ terbrochen: Es ſey angerichtet. Langweilig ſchlich der Abend dahin. Jede Minute ſchien Gertruden ein bleierner Tropfen. Sie war mehr in dem Alter, von der Stimmung, wo man lieber genießen als dulden will. Endlich ging es zu Ende. Halb vergnügt und halb verdruͤßlich begab ſie ſich auf ihr Zimmer. 20 Viertes Kapitel O Leben, fröhlich iſt dein Morgen! Der Jugend Phantaſie kennt keine Sorgen, Sie will der kalten Klugheit nicht gehorchen! Wir ſpringen fort, Mag auch nachher die Mutter ſchelten, Zum Spielplatz dort! Burns. An folgenden Morgen ſtand Gertrude gar fruͤhe auf. Sie war voll Ungeduld, ohne Hinderniß alles uͤber⸗ ſchauen zu können, was ſie bereits fuͤr ihr Eigenthum hielt. Die Reihe gemeinſchaftlicher Zimmer beſchaͤf⸗ tigte ihre Aufmerkſamkeit eben nicht. Bei ihr war ſchon im Stillen beſchloſſen, daß dieſe alle neu mo⸗ blirt werden müßten. Mit dieſem raſchen Vorſatze ging ſie dieſelben ſchnell durch und hielt bloß an, die weni⸗ gen darin befindlichen Gemaͤlde zu beſchauen. Eine offene Thuͤre, ein faſt ganz ſinſterer Gang und eine Wendeltreppe waren endl ich Sporn fuͤr ihre Neugier und beſtimmten ſie, die bisher befolgte gerade Linie zu verlaſſen. Ts war der urſpruͤngliche Theil des Ge⸗ baͤudes, dem einſt eine neumodiſche Vorderſeite ange⸗ ſetzt wurde, und ſo ſah ſie ſich bald im Mittelpunkt einer unendlichen Menge ſinſterer Gallerien, die alle zu nichts fihnen zweier Treppen, die blos da zu ſeyn ſchienen, die Leute fallen zu laſſen; unnu tzer kleinen 30 Zimmer, welche ausſahen, als hätten ſie den Zweck, Verſteckens und Suchens zu ſpielen. Endlich kam ſie auch in eines, das ſie gewiß als Lord Roßvilles Studierzimmer zu finden hoffte. Raſch trat ſie hin⸗ ein. Da ſiel ihr eine altmodiſche Glaöthuͤre in die Augen. Dieſe ging in einen Park, war aber verſchloſ⸗ ſen und ſo ihre Muͤhe, ſie zu oſſnen, umſonſt. Und doch war die Ausſicht ſo lockend und ſie fuͤhlte ſo vie⸗ len Widerwillen, umzukehren. Die Fenſter waren nicht hoch vom Boden. Eines wurde aufgemacht. Der Duft der Veilchen, die unten wuchſen, beſtimmte ſie auf der Stelle, mit leichtem Fuße in den Garten zu ſpringen. Als ſie die friſche Morgenluft athmete, mit den Wohlgeruchen des erſten Sommers geſchwaͤn⸗ gert, die wie die Töne der Muſik kamen und ſchwan⸗ den, und auf die liebliche Landſchaft blickte, welche im erſten Strahle der Morgenſonne in tiefer Ruhe lag, jauchzte ihr Herz, mit aller Freude der Jugend und Geſundheit erfullt, uͤber die Schönheit der Schoͤpfung. Sie wanderte ein großes Stuͤck dahin, bis ſie die Spitze einer Anhöhe erſtiegen hatte. Da ſtand ſie und bewunderte den Eindruck, den einige Huͤtten am gruͤnen Ufer des Fluſſes machten.„Wie doch eine Huͤtte ſo ein pittoresker Gegenſtand iſt!“ dachte ſie. „Wie angenehm ſich der Rauch zwiſchen den Baͤumen erhebt und mit der klaren Luft ringsherum kontraſtirt! Wenn dies einmal mein iſt, laß ich gewiß einige nied⸗ liche Huͤtten im Proſpekt des Schloſſes bauen und hubſche Leute drinnen wohnen, die, wenn ihr Tage⸗ 31 werk vorbei iſt, Abends vor der Thuͤre tanzen! Ach wie leicht muß es ſeyn, Gutes zu thun, wenn man die Mittel hat, Gutes zu thun!“ Sich ſelbſt und die Natur der Menſchen nicht kennend, glaubte Gertrude, daß Wollen und Thun eins ſeyo. Sie wußte noch nicht, daß alle leeren, grundloſen Tugendplaͤne, alle ſchwaͤrmeriſchen, eitlen Traͤume des Wohlthuns eben ſo gut Spinnengewebe der Einbildungskraft ſind, als Luftſchlöſſer menſchlicher Gluͤckſeligkeit auf Liebe, Ruhm, Reichthum und Ehr⸗ geiz erbaut. Der ſchöne Morgen, das Intereſſe an jedem Ge⸗ genſtande, der Geſang der Vögel, der Wohlgeruch der ſich offnenden Bluͤthen, das Murmeln des Fluſſes, alles vereinte ſich, ihre Einbildungskraft in ein ſelbſt⸗ geſchaſſenes Elyſium zu ſetzen. Sie ging verſunken in ihrer Freude uͤber Pläne aus Utopien immer weiter und war endlich an der Thuͤr von einer der Huͤtten, die in der Ferne durch ihr maleriſches Aeußere ſie ſo ergötzt hatten. Naͤher beſehen aber uͤberzeugte ſie ſich bald, daß die Ferne allein denſelben ihren Reiz ver⸗ lieh. Einige häßliche, gelbhaarige, halb nackende Jun⸗ gen mit braunen Aermen und ſchwarzen Füßen ſpiel⸗ ten vor der Thuͤre in einer Goſſe. Etliche große jag⸗ ten einen Dachshund mit ſeinen Jungen, blos um ſich eine Freude zu machen. „Wie Schade, daß die Kinder alle ſo ſchmutzig ſind!“ dachte ſie.„Es muͤßte eine Freude ſeyn, wenn ſie alle huͤbſch gekleidet und von mir unterrichtet * — —————— wuͤrden! Aber man füͤrchtet ſich vor ihnen. Ich konnte ſie nicht gern anſehen!“ Sie uͤberwand den Widerwillen noch in dem Maaße, daß ſie ſie anredete: „Wollt ihr nicht gern geputzt und gewaſchen ſeyn und huͤbſche neue Kleider haben?“ „Jo!“ antwortete der eine Bube in baͤuriſchem Ton und glotzte ſie an. „Und in die Schule gehn und leſen und ſchrei⸗ ben und arbeiten lernen?“ „Naͤ!“ rief der ganze Haufe mit einer Stimme, indem das Spiel in der Goſſe aufs neue mit doppel⸗ ter Lebendigkeit begann. Miß St. Elair machte auf dieſem Punktekeinen weitern Verſuch. Sie ging in die Huͤtte ſelbſt, hubſch jeden Tritt ausmeſſend und die Kleider dicht zuſam⸗ mennehmend, um ſich vor Schmutz zu behuͤten. Der Rauch, der in der Ferne ſo huͤbſch ausgeſehen hatte, machte darin ſelbſt einen ganz andern Effekt. Sie ſtand einige Minuten auf der Schwelle, ehe ſie Muth ſam⸗ meln konnte, ins Innere zu treten. Endlich hatten ſich ihre Augen an die empfindliche Dunkelheit ge⸗ wohnt. Sie ward die Geſtalt eines Mannes gewahr, der am Feuer auf einem hölzernen Stuhle in einem zerlumpten Rocke und mit einer zerriſſenen Nachtmuͤtze ſaß.„Der arme Mann iſt krank!“ dachte ſie und trat ſchnell zu ihm und bot ihm einen guten Morgen. Ehrfurchtsvoll ward der Gruß erwiedert und der Mann 33 bat ſie, ſelbſt einen Verſuch zum Aufſtehen machend, mit vieler Hoflichkeit, ſich zu ſetzen. „Ich fuͤrchte, ihr ſeyd krank?“ ſagte Gertrude, die Einladung ablehnend und mitleidig ſein hageres, bleiches Geſicht betrachtend. „Freilich, Madamchen, recht ſehr krank iſt er!“ rief eine Stimme hinten aus dem Winkel, und eine ſtarke, dickbackige, rothe Frau, in einem ſchmutzigen, blauen Flanelljäͤckchen, in einem kurzen Rocke, trat hervor. Sie wurde von einem Reifen aufgehalten, wie man ihn zum Waſſertragen braucht, und erſt als ſie ſich von dieſem losgemacht hatte, begruͤßte ſie ihren Beſuch, wiſchte einen Stuhl ab und nöthigte zum Sitzen. „Ja, Madamchen, der gute Mann iſt wirklich entſetzlich krank!“ kreiſchte ſie fort.„Ich weiß wirk⸗ lich nicht, was ich mit'm machen ſoll. Erſt war's 'ne rechte Erkältung und nun iſt er in eine Art Ab⸗ zehrung gefallen, und ich denke, es wird nicht beſſer wieder mit'm werden!“ „Habt ihr denn keinen Arzt, der ihn beſucht?“ fragte das Maͤdchen. „Ach Doktor's hat er genug!'s iſt nix an'm geſpart worden! Er hat eingenommen, alles, was nur in der Apotheke zu finden iſt. Aber ich weeß es nicht. Je mehr er nimmt, denk' ich, deſto ſchlimmer wirds!“ „Vielleicht nimmt er zu viel Arzneien?“ . 3 5 34 „Na, das wollt' ich nicht ſagen. Aber Sie haben's weg, Madamchen! Was ſoll er denn aber machen? Er muß doch nehmen, was'm der Dektor ſchickt? Die Sachen können doch nicht weggeworfen werden? Aberſt er hat's verſchworen, noch was ein⸗ zunehmen, ob ich gleich weeß,'s koſtet viel Geld. Wie ich immer ſage— das ſind theure Paſteten!“ „Wenn wir lieber alle Arznei ausſetzten und ſa⸗ hen, was friſche Luft und gute Milch und Suppe thaͤt? Ich will ſorgen, daß er dieſe bekommt!“ „Wiß und wahrhaftig— ſehr verbunden, Ma⸗ damchen! Aber friſche Luft braucht er nicht. Die kann er genug haben, er kriegt ſie, wenn er ſich vor die Thuͤre ſetzt. Aber man kann ihn nicht vom Herde wegbringen. Ja, und Milch und Suppe, ſag' ich, die braucht er auch nicht, denn einer von den jungen Herren hat mit dem Herrn unſertwegen geſprochen und an Eſſen fehlt's'm nicht, wenn er ſonſt eſſen will, wie ich immer ſage; es wuͤrde mancher froh ſeyn, wenn er das zu eſſen hätte!“ „Kann ich euch denn ſonſt mit Etwas dienen?“ fragte Miß St. Clair, ſich an den Kranken wendend. „Habt ihr denn ſonſt etwas zu wuͤnſchen?“ Der Mann zeigte den zerriſſenen Aermel. „Je nun, wenn Ihr' Gnaden einen alten Rock hätten—“ ſagte er mit zitternder Stimme. „'nen alten Rock?“ fiel die Frau ein.„Schau! was ſteckſt dir denn'nen alten Rock in den Kopf? 35 Da daͤcht' ich,'s gäb wohl andere nothigere Dinge, als'nen alten Rock!— Ich will nicht ſagen, daß er nicht'nen Rock braucht, denn er hat nichts, als den Lappen auf dem Leibe und in der Lade da ſeinen Sonntagsrock und ſeinen Hochzeitsrock!“ „Sagt mir nur, was ihr fuͤr euern armen Mann braucht!“ redete Miß St. Clair zu.„Ich mache mir's zur Pflicht, euch zu ſchicken. Etwa eine Fuß⸗ decke zum Beiſpiel?“ Sie ſah auf die feuchten, ſchmutzigen Dielen. „Willſt du denn ein Stuͤcke Zeug unter die Beene, Toms? Die Madam fragt?“ ſchrie ihm die Frau zu, fuhr aber auch gleich fort: „Ach, er weeß ſelber nicht, was er will! Er hat ſo'n Ding im Leben nicht gehabt und wiß und wahrhaftig, es machte'm nur den Kopf verdreht!— Naͤ, ſo brauchte er wohl manches, aber mit ſo einer Decke iſt'm nicht geholfen! Da giebt's wohl andere Dinge, die er noͤthig haͤtte!“ „Einen bequemern Stuhl? Den will ich euch ſenden!“ meinte Gertrude, ihre wohlmeinende Verſuche fortſetzend. „Die Madam will dir'nen andern Stuhl ſchik⸗ ken, Toms!“ bruͤllte die zartliche Ehehälfte hin. Der Mann nickte beifällig.„Er hat aberſt nun ſo lange in dem geſeſſen und's iſt weiter nicht nöthig, daß er nun damit ändert. Ich denke'nen andern Stuhl braucht' er nicht! Je, was! eenen oder een Paar 3 andere Stuͤhle könnten wir ſchon auftreiben, wenn wir nur ſonſt andere Sachen hätten!“ „Es thut mir leid, daß ich vielleicht mich auf nichts beſinne, was euch brauchbar wäre!“ „Ach naͤ, das will ich nicht ſagen, Madamchen!“ ward Gertrude von der Frau ſchnell unterbrochen. „Ach nä, da giebt's manche Dinge, ja, viele Sa⸗ chen, die wir brauchen könnten. Da iſt gleich— aber ich muß mich ſchaͤmen, davon zu reden— und *s iſt nicht meine Schuld, Madamchen, aberſt's macht ſich nu ſo, ens kommt mit'n andern! Ich habe noch nicht einen Faden zu dem Todtenhemde des guten Mannes da fertig! Und nun denk' ich, ſein Ende iſt nahe. Ach, Jeſus, ich kann nicht ſagen, was mir das im Kopfe'rum geht!“ Die Frau ſeufzte hier tief und wiſchte ſich mit dem Schuͤrzenzipfel die Augen aus, indem ſie fortfuhr: „Ach, das iſt eene häßliche Geſchichte und was hatte er fuͤr'nen Troſt, wenn er noch alles ſo fix und fertig und ſchone weiß liegen ſähe, ehe er aus der Welt geht!—'n ſchoͤnes, gutes Todtenhemde, Toms!“ ſchrie ſie ihn an,„nicht wahr, das waͤr' dir lieber, als een neuer Stuhl und een Stuͤck Fries unter die Beene? Was haͤlf dir's denn, wenn du da ſaͤßeſt und eene Decke haͤtt'ſt und'nen weechen Stuhl, und dächteſt, daß du nicht mal ein weißes Hemde hätt'ſt, neingewickelt zu werden?“ Zum Theil war der Galimathias Gertruden un⸗ verſtaͤndlich, doch begriff ſie die Hauptſache und ſchau⸗ derte uͤber die ſchottiſche Gewohnheit, eheliche Zaͤrt⸗ lichkeit ſo kund zu thun. Sie legte etwas Geld hin und entfernte ſich, uͤberraſcht, ſo verſchiedene Arten des Troſtes in verſchiedenen Laͤndern vorwalten zu ſehen, in dem Beſtreben, wohlthaͤtig zu ſeyn, zum großen Theil getäuſcht. Fuͤnftes Kapitel. Wie nennt lhr dieſe Art von Fragen thun? Viel Lärmen um Richts. Die Zeit war unbemerkt vergangen. Mehr Zufall, als Abſicht beſtimmte Gertruden, wieder heimzukehren. Als ſie dem Schloſſe nahe war, traf ſie auf einen Diener, der ihr ſagte: er und mehrere Andere ſeyen fortgeſchickt worden, ſie zu ſuchen. Die Stunde zum Fruͤhſtuͤck habe lange geſchlagen und die Familie ſey ſchon beiſammen. Beſchaͤmt von ihrer Unbedachtſam⸗ keit beſchleunigte ſie ihre Schritte, ohne ſich erſt eine Umkleidung zu geſtatten. Schnell trat ſie ein, beſorgt, ihre Uebereilung zu entſchuldigen. Doch die ernſte, feierliche Stimmung, die auf Lord Roßville's Stirne lag, ließ dieſen Vorſatz nicht zur Ausfuͤhrung kommen. Mit dem Thekeſſel in der einen Hand, machte er mit der andern ein Zeichen, ſich zu ſetzen. Lady Eliſabeth war damit beſchaͤftigt, weiche Semmelſchnitte mit Sahne und Zucker fuͤr ihren kranken Hund einzuruͤhren. Aus der Mutter Zuͤgen leuchtete ein bevorſtehender Sturm entgegen, der indeſſen den Schein eines wuͤrdevollen Mißvergnuͤ⸗ gens annahm. Es kam Gertruden vor, als ſey ſie vor der ganzen Geſellſchaft angeklagt— ohne zu wiſ⸗ 39 ſen, warum, ausgenommen, daß ſie zwanzig Minuten ſpäter zum Fruͤhſtuͤck gekommen ſey. Ein wenig zit⸗ ternd trat ſie endlich mit ihrer Entſchuldigung hervor. Lord Roßville ließ einigemal ſeinen Kirchhofshuſten horen und ſich endlich, als gelte es, uͤber einen Ver⸗ brecher das Urtheil zu fällen, alſo vernehmen: „Ich bin nicht abgeneigt, die Verhandlung von dieſem delikaten und ſchmerzlichen Gegenſtande ſo lange auszuſetzen, Miß St. Clair, bis Sie erſt das Wohl⸗ thäͤtige eines Fruͤhſtuͤcks genoſſen haben!“ Gertrude war beſtuͤrzt.„Mein Gott!“ rief ſie, „ich bin ordentlich aͤngſtlich, daß ein Ungluͤck ſtatt fand!“— Sie ſah ringsumher, als ſuche ſie Auf⸗ klarung. Lord Roßville huſtete, ſein Aeußeres ſchien noch abſchreckender, und dann begann er folgendermaßen: „Sie nehmen ohne Zweifel wahr, Miß St. Clair, daß in allen Ländern, wo die Civiliſation und Vervollkommnung einige bedeutende Schritte gemacht haben, die weibliche Delikateſſe und was ſich ſchickt, immer in der höchſten Achtung und Bedeutung ſtan⸗ den!“ Se. Herrlichkeit hielt inne und da keine Ein⸗ wendung gegen dieſe Einleitung gemacht wurde, fuhren Sie fort: „Sie muͤſſen aber auch, oder ſollten doch, eben ſo gewahr werden, daß es nicht blos dieſe Tu⸗ genden an ſich ſelbſt ſind, welche in einem jungen, zarten, weiblichen Weſen ſorgfaͤltig eingepflanzt und 40 ſorgſam bewacht werden. Denn der Beſitz der Tu⸗ genden an ſich ſelbſt iſt noch kein hinreichender Schild fuͤr den weiblichen Charakter. Es war eine Maxime des Julius Caͤſar, unſtreitig des großten Feldherrn, der je gelebt hat, daß ſein Weib nicht blos fleckenleer an ſich ſelbſt ſey, ſondern daß ſie auch bei keinem an⸗ dern in Verdacht ſtehe; eine Maxime, welche nach meinem Beduͤnken mit goldenen Buchſtaben eingegra⸗ ben werden ſollte, und die dem Herzen eines jungen, zarten Maͤdchens ſicher nicht zu fruͤh, nicht zu tief eingepraͤgt werden kann!“ Se. Herrlichkeit hatten hier die hoͤchſte Spitze erreicht. Sie hielten inne, von der eignen Beredſam⸗ keit uͤberwältigt. Madame St. Clair machte eine Bewegung der tiefſten Aufmerkſamkeit, der innigſten Bewunderung. Er nahm einen neuen Anlauf: „Solches ſind meine Geſinnungen!— Ge⸗ ſinnungen, in welchen ich durch das Zeugniß eines der großten Maͤnner, ſo je gelebt haben, unterſtutzt werde.— Es iſt daher nicht uͤberraſchend, daß ich fuͤhle, daß ich im Innerſten die außerordentliche Unbedachtſamkeit fuͤhle, welche Sie, es thut mir Leid, ſolches ſagen zu muͤſſen, bereits, ſeitdem Sie dieſe Mauern betreten, ſich haben zu Schulden kommen laſſen!“ Gertrude ſaß in ſprachloſer Beſtuͤrzung. Er hielt wieder inne, um mit neuer richterlicher Wuͤrde zu be⸗ ginnen: „Ich wuͤnſchte genau unterrichtet zu werden, zu welcher Stunde Sie dieſen Morgen Ihr Zimmer ver⸗ ließen, Miß St. Clair?“ „Wahrhaftig, das kann ich nicht ſagen!“ ver⸗ ſetzte Gertrude höchſt naiv. Ich hatte vergeſſen, meine Uhr aufzuziehen und hörte keine Glocke ſchlagen. Doch, dem Morgenſchimmer nach, mußte es noch fruͤh ſeyn!“ „Und welcherlei, ſo mag ich wohl fragen, war die Art und Weiſe, Miß St. Clair, welche Sie fuͤr geeignet hielten, mein Haus ſo zur Unzeit und zu ſo ungewohnlicher Stunde zu verlaſſen?“ fragte der Graf mit unterdruͤcktem Zorne. Gertrude ward roth.„Ich fuͤrchte,“ ſprach ſie, „mich einer Uebereilung ſchuldig gemacht zu haben, wegen der ich Sie um Verzeihung bitte. Der ſchone Morgen lockte mich, die ſchoͤne Gegend ringsumher. Ich wuͤnſchte, ſie genießen zu können, und da ich es umſonſt verſuchte, durch eine Thuͤre zu kommen, ward ich veranlaßt, durch ein Fenſter zu gehen.“ Gertrude ſprach ſo einfach, ſo ſuͤß, es war ein Wohllaut, eine Melodie in ihrer Stimme, ihrem Tone, daß jeder Andere, als Lord Roßville, gewuͤnſcht haben wuͤrde, ihr Vergehen großer zu ſehen, um die Verthei⸗ digung laͤnger hören zu koͤnnen. Bei Sr. Herrlichkeit war dies nicht der Fall. Sie beſaßen weder Geſchmack noch Gehoͤr und hatten fuͤr nichts Sinn, als was Ih⸗ nen„ſchicklich“ hieß. Wie die Nichte bekannt hatte, ſpazierte der Graf einigemal im Zimmer hin und her und hielt plotzlich inne: „Werden Sie denn vollkommen die auffal⸗ 42 lende, ja ich mag wohl ſagen, die ſchreckliche Unſchicklichkeit gewahr, welche bei dieſem Schritte ſtatt findet? Und die noch ſchrecklichere Folgerung, welche die Welt daraus ziehen wird? Es darf nur die Thatſache ganz einfach erzählt werden, und man wird einen Schluß, nur einen einzigen daraus ziehen! Sie haben das Ihnen angewieſene Zimmer unter meinem Dache zu einer namenloſen, un— zeitigen, folglich unſchicklichen Stunde ver⸗ laſſen. Sie haben ſich raſch, ohne Ueberlegung und unſchicklicher Weiſe aus einem Fenſter geſtuͤrzt! Und — aus was fuͤr einem Fenſter? Aus dem Fenſter meines Studierzimmers! Ein junges Maͤdchen hat man aus meinem Studierzimmer zu einer namenloſen Stunde des Morgens ſpringen ſehen!— Die Nach⸗ richt verbreitet ſich. Wo, ich bitte, wo bleibe ich?“ „Nun, wo warſt du denn?“ fragte Lady Eli⸗ ſabeth. Madame St. Clair hielt ſich das Schnupftuch vor's Geſicht. „Es iſt mir,“ flehte Gertrude,„leid, daß ich etwas Ihnen Mißfaͤlliges that! Wenn ich Unrecht gethan habe—“ „Wenn Sie Unrecht gethan haben? Gott im Himmel! Aus dieſem Geſichtspunkte betrachten Sie die Sache? Was? Irre ich mich? Wer einen rich⸗ tigen Takt fuͤr Schicklichkeit und Delikateſſe hat; wer fuͤr Charakter und Reputation die gehoͤrige Ruͤckſicht ————— 43 hegt, wie kann der die Sache anders betrachten, als ich?— So ein Schritt!— Zu ſo einer Stunde!“ Se. Herrlichkeit gingen wieder haſtig auf und ab. Mit ihres Onkels Eigenheiten unbekannt, uner⸗ fahren in der Sitte und Gewohnheit des Landes ward Gertrude ſelbſt zu glauben beſtimmt, daß ſie ein viel größeres Vergehen begangen habe, als ſie einſah. Sie gerieth endlich in den Grad von Angſt, welchen der Graf als Beweis ihrer Zerknirſchung fuͤr nothig erach⸗ tete. Erweicht von der Wirkung ſeiner Vorſtellungen, welche er dem trefflichen Stile, worin er ſprach, zu⸗ ſchrieb, nahm er jetzt ſeiner Nichte Hand und redete ſie nun in ſeiner, wie er meinte, tröſtlichen Weiſe an: „Ich habe es fuͤr meine Schuldigkeit— aller⸗ dings fuͤr eine ſchmerzliche, aber nichts deſto we⸗ niger mir obliegende, Pflicht gehalten, Ihnen den unſchicklichen Schritt zu bezeichnen, den Sie— ich hoſſe und glaube es, unabſichtlich gethan haben! Als einem Mitgliede meiner Familie; als einem Mit⸗ gliede derſelbigen, fuͤr deſſen Handlungen die Welt mich natuͤrlich fuͤr verantwortlich halten wird, iſt es nothwendig, daß ich hinfort die gänzliche Beſtimmung Ihrer kuͤnftigen Lebensweiſe und Ihres Benehmens auf mich nehme. Sie, Madame“— hier wendete er ſich an Gertrudens Mutter—„haben mir die Wuͤrde eines Vaters uͤbertragen, und ich wuͤrde ein wichtiges Vertrauen ſchlecht verdienen, ſollte ich von der Erfül⸗ lung deſſen zuruͤcktreten, was die vaͤterliche Pflicht ge⸗ bietet!“ Gertruden uͤberlief es eiskalt, wenn ſie dachte, daß ſie ſolchem Zwange unterworfen ſeyn muͤſſe. Er fuhr fort: „Doch bevor wir dieſen Gegenſtand— ich hofſe, fuͤr immer, bei Seite ſetzen, ſo laſſen Sie mich meine Anſichten in Vetreff junger Frauenzimmer, ſofern die⸗ ſelbigen vor dem Fruͤhſtuͤcke ſpazieren gehen, eine Ge⸗ wohnheit, welche ich, ich kann wohl ſagen, immer ge⸗ mißbilligt habe, Ihnen auseinanderſetzen. Ich weiß zwar, daß dieſe Gewohnheit den Beifall von gar vie⸗ len, hoͤchſt achtbaren Maͤnnern hat, ſo uͤber die weib— liche Moralphiloſophie geſchrieben haben, doch bekenne ich, daß ich es nicht gut heißen kann, wenn junge Frauen von Rang und Familie ihre Zimmer mit den Kammermaͤdchen und Viehmaͤgden zu gleicher Stunde verlaſſen, und zu einer Zeit ohne Begleitung ſpazieren gehen, wo blos die gemeinen Leute zu ſehen ſind. Vor dem Fruͤhſtuͤck ſpazieren gehen, muß ich auch fuͤr eine aͤußerſt rohe Mannesgewohnheit halten, denn der ver⸗ ehrte Edmund Burke bemerkt: daß ein Anſehen von Kraft und Staͤrke der Schoͤnheit hoͤchſt entgegen ſey, das heißt, wie ich ſehr fuͤrchte, der weiblichen Schoͤnheit, während ihr ein Schein von Schwäͤche nicht weniger nothwendig iſt. Und gewißlich kann nach meiner Meinung nichts unſchicklicher, nichts un⸗ weiblicher ſeyn, als wenn ſich ein junges Frauenzim⸗ mer zum Fruͤhſtuck ſo bluͤhend wie eine Viehmagd und mit einem Appetit wie ein Ackersmann, hinſetzt. Zu gleicher Zeit nehme ich aber das fruͤhe Aufſtehen in 45 Schutz, ſintemalen der Arten, wie junge Frauenzim⸗ mer ihren Morgen hinbringen koͤnnen, ohne draußen herumzulaufen, mancherlei ſind; und wenn Sie einen Blick in Ihr Putzzimmer thun, ſo werden Sie finden, wie reichlich ich fuͤr Ihren Unterricht, Ihr Vergnügen, Ihre Erholung, geſorgt habe. Laſſen Sie daher die Morgenſpaziergänge von nun an ein Ende haben!“ Er druͤckte ſeiner Nichte die Hand mit jener Art von Vergebung, die ſo empoͤrend iſt, wenn ſie ein Menſch vom andern erfahrt. Zum Gluͤck wurde Se. Herrlichkeit weggerufen, doch ehe er das Zimmer ver⸗ ließ, aͤußerte er die Abſicht, in einer Stunde wieder zu kommen und den Damen zu zeigen, was im Schloſſe und der Umgegend beſonders bemerkenswerth wäre. Sechstes Kapitel. Wahrhaftig— weiter kann ich nicht. Die alten Knochen thun mir weh. Das iſt ein Labyrinth Von Gängen grad' und krumm. Geduld! Ich muß hier raſten! Der Sturm. Treu wie der Zeiger ſeiner Sonne, Wenn ſie ihn ſelbſt auch nicht beſcheint! Lord Roßville kehrte zur beſtimmten Zeit zuruͤck, um ſein Schloß zu zeigen. Die meiſten Leſer werden ohne Zweifel ſchon das Elend erfahren haben, ein Haus be⸗ ſehen zu muͤſſen, wo nichts zu ſehen iſt, und können alſo ſagen, wie ſchwer es ſey, aus dem erſten Stock⸗ werke bis in den oberſten Boden zu klettern. Ich will alſo nicht ſo unbarmherzig ſeyn, ſie Trepp' auf, Trepp' ab in alle Zimmer zu fuͤhren, und eben ſo wenig dar⸗ auf beſtehen, daß ſie mit Waſch- und Backhaus, Milch⸗ kammer und Eiskeller, Speiſekammer und dem Spar— ofen und allen andern Wunderwerken bekannt werden. Madame St. Clair legte die äußerſte Bewunderung an den Tag. Sie hatte das gluckliche Talent, jedes Ding in dem gewuͤnſchten Lichte zu ſehen und ihre Bewunderung ganz in dem erwarteten Grade, durch alle Zwiſchenſtufen, vom feurigen Entzuͤcken bis zum beredeteſten Erguß des Beifalls zu bezeichnen. Mit ihrer Tochter ſtand die Sache anders. Sie hatte we⸗ 47 der Luſt, in Kuͤchen, Kellern, Speiſekammern herum⸗ zukriechen, noch die Kleinigkeiten des Lebens, welche eben nicht anmuthig ſind, herzählen zu hoͤren. Ihr ſchien es, als werde aller Zauber des Daſeyns zer⸗ ſtort, wenn man die verwickelten Maſchinen ſehen laſſe, durch welche das Leben, das erkuͤnſtelte, unter⸗ halten wird. Voll Freude war ſie, als die Muſterung zu Ende war und nun eine Spazierfahrt in der Um⸗ gegend vorgeſchlagen wurde. Sie ſchmeichelte ſich, doch hier ſich uͤberlaſſen zu ſeynz hier aus dem Fen⸗ ſter des Wagens ſo viel Schoͤnheiten der Natur ſehen zu koͤnnen, als vorhanden wären. Aber Lord Roßville's Kopf kam in keiner Lage zur Ruhe. Immer gab es etwas zu thun oder zu ſehen. Bald mußten die Fenſter aufgezogen, bald her⸗ unter gelaſſen, die Blenden bald vor- bald zuruͤckge⸗ ſchoben werden. Dort mußte man etwas ſehen und hier konnte man etwas nicht ſehen, oder ſah etwas, das nicht ſollte geſehen werden. So quälte er nicht blos ſich ſelbſt, ſondern auch alle, welche das Ungluͤck hatten, ihm Ge⸗ ſellſchaft leiſten zu muͤſſen. Umſonſt breitete die Schoͤpfung ihre Reize aus. Es giebt eine Blindheit der Seele, aͤrger, als die, welche den Kreis des Auges verhuͤllt, und auch fuͤr Lord Roß⸗ ville war die ganze Natur ein leeres Blatt, oder beſſer, eine Art Gedaͤchtnißbuch, worin er alle ſeine Narrheiten eingezeichnet hatte. Hier hatte er trocken gelegt, dort eingedeicht, hier angepflanzt, dort niedergehauen, hier eine Bruͤcke und dort eine Straße gebaut, hier abtra⸗ 48 gen, dort ausfuͤllen laſſen. Daß zu dem allen ſein Kopf den Plan entworfen hatte, fuͤhlte er vollkommen, aber fuͤr die große Pracht des Himmels hatte er we⸗ der Auge noch Ohr, noch Seele, und ſo war es ihm freilich zu verzeihen, wenn er nichts von ihrem Ein⸗ fluſſe ſpuͤrte. Auch Madame St. Clair war eben nicht in dem Betrachte reizbar, doch konnte ſie ſpre⸗ chen, wenn ſie nicht zu fuͤhlen vermochte und ſo ſtaunte ſie und bewunderte, bis Lord Roßville ohne Einſchraͤnkung der Meinung war, ſie ſey das artigſte Weib, das er geſehen habe. „Da Sie ſo eine große Bewunderin der Schön⸗ heiten von der Natur ſind, meine Theuerſte,“ ſagte er zu ihr,„ſo wollen wir doch ein wenig weiter fah⸗ ren, als ich mir vorgenommen hatte, auf daß ich die Freude habe, Ihnen mit einem Ueberblicke den gan⸗ zen Umfang von Roßville's Ländereien zeigen zu kön⸗ nen, indem Sie zugleich einige andere Gegenſtände ſchauen werden, bei welchen ich nicht ganz ohne Gleich⸗ guͤltigkeit bin.— Benjamin!“ rief er dem Kutſcher zu,„auf den Pinnacleberg!“ Die Pferde wurden hingelenkt.—„Der Pinnacleberg,“ fuhr der Graf fort,„iſt ein ſehr beruͤhmter Punkt. Ich habe ihn vor einigen Jahren vom Lord Fairacre erkauft. Von Fremden wird er ſehr beſucht, weil er, mit wenigen Ausnahmen, eine der ſchonſten Ausſichten beherrſcht!“ Madame St. Clair hatte fuͤr ſchoͤne Ausſichten keinen Sinn. Sie verſuchte loszukommen, indem ſie Bedenklichkeiten uͤber Sr. Herrlichkeit koſtbare Zeit und zu große Guͤte äußerte. Doch dies war alles umſonſt. Sie wurden nach dem Berge gefahren, hin⸗ aufgezogen, ſo weit die Pferde es vermochten und ſa⸗ hen ſich dann genothigt, zu Fuß hinauf zu ſteigen. Mit bedeutender Anſtrengung erreichten ſie die Spitze, und als ſie oben waren, drehte ſich der Wind ſchnell nach Oſten; ein dichter Nebel, der gewöhnliche Be⸗ gleiter deſſelben, erfullte alles ringsumher. Lord Roß⸗ ville aber blieb ſelbſt dafuͤr unempfaͤnglich. Sein kör⸗ perliches Gefuͤhl war ſo abgeſtumpft wie ſeine Seelen⸗ kraͤfte. Als er auf der Spitze war, ſchaute er rings herum und ſeinen Freunden gegenuͤber breitete er ſich uͤber alles aus, was zu ſehen und nicht zu ſehen war: „Hier haben Sie eine ſehr weite Ausſicht, oder vielmehr Sie wuͤrden ſie haben, wenn die Atmo⸗ ſphäre etwas lichter wäre. So wie aber ſelbige iſt, kann ich Sie doch in den Stand ſetzen, die Graͤnzen von Roßville's Ländereien ſich vollkommen zu zeichnen. Bemerken Sie den Lauf jenes Fluſſes in der Rich⸗ tung meines Rohres— Sie ſehen ihn hier ganz deut⸗ lich. Dort verſchwindet er im Holze, nun macht er eine Wendung und Sie haben ihn wieder linker Hand.— Sie folgen mir?“ „Vollkommen!“ erwiederte Gertruden's Mutter, ob ſie ſchon nichts, als einen dicken Nebel ſah. „Allerdings, das muß der Fluß ſeyn, den wir da ſehen!“ bemerkte der Lord ſelbſt, doch zweifelnd. „Indeſſen konnen wir in Betreff des Waſſerelements nicht vollkommen ſicher ſeynz es giebt manche Aehn⸗ P 4 5 50 lichkeiten, welche in der Ferne nicht leicht auszumit⸗ teln ſind. Z. B. ein Blachfeld iſt nicht ſelten fuͤr eine Waſſerfläͤche genommen worden und wir leſen von einer ſonderbaren Taͤuſchung, welche in dem Orient der Sand hervorbringt, Mirage genannt!“ „Waſſer iſt allerdings ein trugeriſches Element!“ außerte Madame St. Elair in der Hoſſnung, durch die Zuſtimmung der Streitfrage den Wind abzuge⸗ winnen. „Auf der andern Seite iſt es aber auch ein ſehr nuͤtzliches und unſchätzbares Element. Ohne Waſſer — was waͤre da unſere Schifffahrt, unſer Handel? unſere Wiſſenſchaft? unſere Kunſt? Mit einem Worte: Waſſer kann Britanniens Bollwerk heißen!“ „Ja, das kann es!“ ſtimmte Madame St. Clair zähneklappernd ein.„ Dem Waſſer verdanken wir unſer Daſeyn, als Nation unſere buͤrgerliche Freiheit und die der Religion!“ Sie trat ein Paar Schritte zuruͤck, in der Meinung, die Sache ſey damit erſchöpft. „Verzeihen Sie, meine theuere Madame,“ ſagte der Graf aber, bei ſeinem erſten Satze ſtehen bleibend, dies wäre vielleicht etwas zu weit gegangen! Streng genoinmen, koͤnnen wir nicht ſagen, daß wir eigentlich unſer Daſeyn dem Waſſer verdanken, denn wenn wir keine Inſel, keine hochbeguͤnſtigte Inſel wären, ſo wuͤr⸗ den wir ſicherlich einen Theil des großen feſten euro⸗ paͤiſchen Landes bilden, und mit Ruͤckſicht auf unſere Freiheiten, die Magna Charta, den Stolz Britanniens, † 51 ſo wuͤrde ſie, ich bin uͤberzeugt, auch auf dem feſten Lande entſtanden und immer behauptet worden ſeyn. „Wie erfroren ſehen Sie aus, Mama!“ ſagte Niß St. Clair und hatte mit der von der Kaͤlte lei⸗ denden Mutter Mitleid. „Erfroren?“ wiederholte Lord Roßville uͤberraſcht und unzufrieden.„Unmöglich! Kalt im Monat Mai? Der Tag wäre zu heiß, wenn nicht das kuͤhle Luͤft⸗ chen käme!“ Es wurde immer aͤrger. Madame St. Clair ſeufzte innerlich, denn ſie dachte:„Wie iſt es moͤg⸗ lich, mit einem Manne zu leben, der einen ſchneiden— den Oſtwind ein kuͤhles Luͤftchen nennt!“ Der Lord erhob ſein Rohr und begann aufs neue ſeine Bemerkungen uͤber die Verwuͤſtung, welche der Fluß auf den Feldern ſeines Freundes und Nachbars Boghall angerichtet habe. Madame St. Clair wuͤnſchte, daß dieſe Felder im rothen Meere lägen, ob ſie ſchon vielleicht Lord Roßville auch da hervorgeſucht häͤtte, wie ein Zauberer die Geiſter ſelbſt aus der weiten Tiefe beſchwort, welche ſeine Opfer qualen. „Hier,“ fuhr der Graf fort und nahm ſeine Schwägerin an der Hand, ſie an die aäußerſte Spitze eines ſchwarzen Vorſprungs, wo der Wind recht tobte, fuͤhrend,„hier iſt wieder eine nicht minder reizende Aus— ſicht im andern Stile: Sehen Sie jene Huͤgelreihe!“ „Suͤperbe!“ rief ſie und ſchauderte zuſammen. „Ei— ja! die Huͤgel ſelbſt— ſind ſehr ſchoͤn! Aber— bemerken Sie nichts, meine Theuere, das 4* . ————————— 59 dem Auge den gränzenloſen Strich von Schatten er— ſpart, wie es einer meiner Freunde richtig nennt?“ Madame St. Clair ſtrengte die Augen in der angegebenen Richtung an, ohne etwas ſehen zu koͤnnen. „Ich vermuthe, Sie ſehen etwas zu hoch; ſchauen Sie mehr nach der Baſis und laſſen Sie Ihr Auge in der Richtung meines Stockes gehen. Dort— jetzt muͤſſen Sie es haben.“ „Ja— ich glaube jetzt etwas wegzubekommen!“ rief die Frau Schwägerin hochſt verlegen, ob der weiße Punkt, dem es eigentlich galt, ein Maſtbaum, oder ein Kirchthurm, oder ſonſt ein wunderbarer Gegenſtand der Art ſey, die Leute von weitem Geſicht und edlem Herzen ſo gern mit ihren kurzſichtigen Freunden theilen. „Und nicht wahr— es macht guten Effekt?“ „Bewundernswuͤrdigen! Unnachahmlichen!“ „Ja, die Lage iſt meine Wahl! Es bildete ſich ein Ausſchuß, um den guͤnſtigſten Punkt zu beſtim⸗ men. Alle traten mir gluͤcklicherweiſe in meiner An⸗ ſicht bei und thaten mir bei der Gelegenheit die Ehre an, meine Meinung zu befragen. Ein öfſentliches Denkmal muß ohne allen Zweifel auf dem hoͤchſten, Allen ins Auge fallenden Punkte aufgeſtellt werden. Beſonders wenn dieſer glucklicherweiſe nicht blos auf dem Gebiete des urſpruͤnglichen Beſitzers, des Haupt⸗ erben, ſondern auch des perſoͤnlichen Freundes von dem beruͤhmten Todten liegt, welchem dieſer Tribut be⸗ ſtimmt iſt. Nun bin ich ſtolz darauf, ſagen zu kön⸗ nen, daß unſer beruͤhmter Landsmann, der große Lord —— 53 Penſion Well(gleich dem trefflichen Lord Dunder⸗ head), der Gefaͤhrte meiner Jugendjahre— der Freund meines reifern Alters war!“ „Glucklich iſt das Land!“ rief Madame St. Clair ganz außer ſich,„deſſen Edle das Talent haben, freundſchaftliche Trefflichkeit zu erwägen und National⸗ Tugend auf der breiten Baſis der Privatfreundſchaft fortzupflanzen!“ Sie wußte, daß ſie Unſinn ſprach, wußte aber auch, mit wem ſie ſprach und war ſicher, daß er es durchgehen ließ. Lord Roßville war freilich ein wenig verlegen, ſah jedoch, daß dies ein Kompliment ſeyn ſollte, daß es ein recht wohlgeſetztes Kompliment ent— hielt, und nahm es daher gut auf. Zum Gluͤck fing es jetzt an zu regnen. Alles war vollkommen in Dunſt gehuͤllt und Se. Herrlichkeit mußte nachgeben. Er tröſtete ſich und glaubte auch ſeine Gefährten zu tröſten, mit dem Verſprechen, wenn das Wetter guͤn⸗ ſtiger ſey, die Freude zu wiederholen und vollkommen zu genießen. Siebentes Kapitel. Sehr muſikaliſch, doch ſehr traurig! Milton. Das Mittageſſen ging langweilig voruͤber. Freilich fehlte es nicht an der Anordnung; aber die fröhliche Stimmung mangelte, welche die Wuͤrze der Mahlzeit iſt. Die Abendunterhaltung ging noch ſchlechter, denn Lord Roßville that ſich auf ſeine muſikaliſchen Talente zu gute, und Gertrude, deren Geſchmack und Fertig⸗ keit bei weitem uͤberlegen war, ſah ſich genoͤthigt, die Qual zu dulden, ſich von Sr. Herrlichkeit begleiten zu laſſen. Seine falſchen Grifſe, ſeine uͤbertriebenen Cadenzen, ſein Miſchmaſch von halben und ganzen Toͤnen, trafen ſchmerzlich ihr Ohr. Sie fuͤhlte, daß Muſik und Melodie manchmal ſehr verſchiedene Dinge ſind. Er gab ſich die Miene, als verachte er alle Muſik, die der großen Meiſter ausgenommen, und ſuchte daher Beethovens Paſtoralſinfonie vor. „Hier,“ ſagte er beim Auflegen,„hier bemer⸗ ken Sie, daß alles darauf ankommt, dem Geiſte ge⸗ hoͤrig die Gedanken vorzufuͤhren, welche durch die gro⸗ ßen charakteriſchen Sätze ausgedruͤckt werden ſollen! Wir haben hier zuerſt die Ausſicht! Wir muͤſſen alſo zuerſt annehmen, daß es eine ſchoͤne, reizende 55 Ausſicht iſt, ſo wie wir zum Beiſpiel bei Tagesanbruch haben, welchen der Componiſt ausdruͤcken wollte. Laſſen Sie daher unſern Vortrag anmuthig ſeyn, in der Luft ſchweben, Licht und Schatten, Berg und Thal, Wald und Waſſer bezeichnen! Dann folgt: der Bach. Dieſer muß, ich habe es kaum nothig, Ihnen zu be⸗ merken, durch einen ſanften, murmelnden, klaren, ſpie⸗ lenden Vortrag dargeſtellt werden. Gleich darauf tommt: der laͤndliche Tanz: raſch, luſtig, freudig, ländlich, aber— nicht gemein!— Als ein mäͤchti⸗ ger Gegenſatz gegen dieſe einfachen Scenen bricht nun der Sturm uͤber uns, ſchrecklich erhaben, üͤberwälti⸗ gend aus, wie der Kampf der Elemente! Heulende Winde, herabſturzende Strome, Hagel, Donner, Blitz, alles muß hier hineingelegt werden, oder das Ziel des mächtigen Meiſters iſt in der Geburt vernichtet. Um aber das Gemuͤth nach dieſer ſchrecklichen Entladung des Genies zu beſchwichtigen, beſchließen wir mit dem Geſange der Schäfer, welcher die ſuͤßen Tone des Friedens und der laͤndlichen Unſchuld hat! Und nun beginnen wir da Capo!“ Gertrude hatte wohl Urſache, vor dem, was ge⸗ ſchehen ſollte, zu zittern und ihre Marter war ausge⸗ ſucht, als ſie Ohr, Geſchmack, Gefuͤht, Wiſſenſchaft, alles mit einem Worte, dem Lord, der nickend und tretend den Takt angab, unterworfen ſah. Endlich ward ihr Leiden durch die Meldung: das Abendeſſen ſey bereit, geendigt. Das Eſſen war bereits ziemlich zu Ende, da hoͤrte man Pferde treten, Hunde bellen, Klingeln toͤnen und alle den Laͤrm, welchen die Ankunft eines Ga⸗ ſtes von Auszeichnung macht. Man ward aufmerkſam. Lady Eliſabeth fragte, was es ſey, indem ſie den Lieb⸗ ling auf den Schooß nahm und mit dem Taſchentuche bedeckte, unter welchem er dann und wann engbruͤſtig hervorkräͤchzte. „Oberſt Delmour, Mylady!“ berichtete der Haus⸗ hofmeiſter, der einen Diener fortgeſchickt hatte, um Kunde einzuziehen. „Eine außergewöhnliche und etwas unſchickliche Zeit, ſollte ich—“ Doch Sr. Herrlichkeit Bemerkungen wurden von dem ſie betreffenden Manne, der ſo eben eintrat, un⸗ terbrochen. Nur im Vorbeigehen druͤckte er des On⸗ kels Hand, Lady Eliſabeth bemerkte er kaum, dagegen ging er auf Madame St. Clair und ihre Tochter zu und bezeugte beiden ſeine Achtung mit aller moglichen Ungezwungenheit des Mannes von Stande und Welt. Raſch warf er ſich neben ſeine Couſine auf einen Stuhl, ohne darauf zu achten, daß Lord Roßville ausdruͤcklich einen fuͤr ihn auf die andere Seite der Tafel hatte ſetzen laſſen. Oberſt Delmour war ungemein wohlgebildet und hatte jene angeborne Leichtigkeit, den Anſtand, den Ge⸗ burt und Auszeichnung geben. Vielleicht mochte in ſeinem ſtolzen Weſen etwas Anmaßendes liegen. Durch ſeine heitere Lebendigkeit wurde es aber ſo gemildert, daß es blos das zarte, feſſelnde Gefuͤhl des eignen 57 Uebergewichts zu ſeyn ſchien⸗ fur welches er auch, ohne anmaßend zu ſeyn, nicht unempfindlich ſeyn konnte. Er ſprach viel und gut und in der allgemeinen Art, welche jedem erlaubte, an der Unterhaltung Theil zu nehmen, ohne einem, ſelbſt dem Grafen, zu ge⸗ ſtatten, ihrer allein Herr zu werden. Seine Gegen⸗ wart war jetzt wirklich Sonnenſchein nach dem Froſt. Ein Anſtrich von Fröhlichkeit und Ungezwungenheit folgte nach dem Zwange, der Langenweile, welche bis jetzt vorgeherrſcht hatten. Lady Eliſabeth hatte bereits dreimal gefragt: „Was brachte Sie denn ſo ſpaͤt hierher?“ bevor der Oberſt antwortete. Endlich erwiederte er: „Zwei maͤchtige Beweggruͤnde! Kaum geeignet, zuſammen genannt zu werden. Erſtlich der Wunſch, hier meine Huldigung zu bringen!“— er buͤckte ſich verbindlich gegen Miß St. Clair—„dann aber, um nicht die Ehre zu haben, Miß Pratt begleiten zu muͤſſen.“ „Ich dachte, Herr Lindſay käm mit Ihnen zu⸗ ruͤck?“ fragte der Graf. „Ich bot ihm einen Sitz in meinem Wagen an, und den wollte er an Miß Pratt abtreten. Dieſem Anſinnen jedoch konnte ich unmöglich meine Zuſtim⸗ mung geben und ſo blieb er zurück, ein ſtolzer Ritter, ſie in einem Miethswagen zu begleiten, vielleicht auch einem Conventikel, einem Betſtuͤndchen, oder ſo etwas beizuwohnen. Er ſcheint mir mehr als Zahlmeiſter, denn als Begleiter mit ihr zu ſeyn, denn ſie machte 58 die Entdeckung, es wuͤrde ihr das, ich weiß nicht wie viel Schillinge und Pence koſten. Nun hätte ich die Koſten zwar gern gegeben, allein in der That, ihre Geſellſchaft einige Stunden téte à téte ertragen zu muͤſſen, war mehr, als ſich meine Philoſophie hätte traͤumen laſſen!“ Vieles kommt auf die Art an, wie man die Dinge erzählt, in ſofern ſie auf ein unbefangenes Ge— muͤth Eindruck machen ſollen. Oberſt Delmour hatte immer die Sprache in ſeiner Gewalt, und ein ſo lu— ſtiges Weſen, daß ſein Wort mehr den Schein leicht⸗ ſinniger Unbedachtſamkeit, als ſelbſtſuͤchtiges boͤſes Herz verriethen. Selbſt als er ruͤckſichtslos eine Carrikatur von Herrn Lindſay mit einer großen Bibel unter dem Arme hinzeichnete, wie er Miß Pratt die Hand bot, und dieſe eine große Schachtel trug und ſich in den Wagen heben ließ, konnte Gertrude ſich nicht enthalten, auf ihre Koſten zu lachen. „Morgen kommt Miß Pratt?“ rief der Graf in einem alles, nur nicht Freude ausdruͤckenden Tone. „Das iſt ein etwas unerwarteter—“ Se. Herrlichkeit hielten inne, als gelte es einem Worte, das, um ausgeſprochen zu werden, zu gewagt ſey. Dann wandten Sie ſich an Madame St. Clair, obſchon mit ſehr verſtortem Blicke: „Da aller Wahrſcheinlichkeit nach, Madame, der Beſuch dieſer Lady als Compliment fuͤr Sie und Ihre Jochter beſtimmt iſt, ſo iſt es nothwendig, vor der Ankunft derſelbigen, daß Sie mit dem Grade der Verwandtſchaft bekannt werden, der zwiſchen Miß Pratt und den Mitgliedern dieſer Familie ſtatt findet.“ Lord Roßville's Huſten, Blicke, Bewegungen der Haͤnde, alles, mit einem Worte, kuͤndete eine Erzäh⸗ lung an. Es war nur zu klar, daß er Athem ſam⸗ melte und Erinnerungen zu dem Zwecke ordnete. Daß er jetzt ſchwieg, bedeutete leider nicht das Ende, ſon⸗ dern den Anfang. Allein der Oberſt ſah gleich die bevorſtehende Gefahr und eben als ſein Onkel den Mund aufthat:„Der Groß-Großvater von Miß Pratt—“ ſiel er ein. „Ich bitte um Verzeihung, unmoglich kann ich mir geſtatten, Ihnen die Muͤhe, Miß Pratts Biograph zu ſeyn, auf dem Halſe zu laſſen. Mein ſey die Strafe, ihr Leben zu ſchildern!“ Mit einer Geſchwindigkeit, welche des Grafen Mund immerfort offen ſtehen und den Groß⸗Großva⸗ ter der Miß Pratt auf deſſen Zunge ſchwirren ließ, erzählte er nun: „Alſo Miß Pratt iſt mittelſt Groß⸗Großvaͤter und Groß⸗Großmuͤtter, welche, beilaͤufig geſagt, unter großen Plaudertaſchen aufgefuͤhrt werden konnen, auf die eine und die andere Art die Jungfer Muhme von allen Familien in Schottland, und von dieſer hier durch ortliche Beguͤnſtigung ganz insbeſondere. Ich mache keinen Anſpruch darauf, die mancherlei Abſtufungen darzuthun, in welchen ſie Jungfer Muhme ſeyn kann, ob im erſten, zweiten, dritten Grade und wie weit Zahlen und Grade gehen koͤnnen. Aber— ich habe 60 ſchon einen großen Fehler gemacht! Gleich im An— fange! Ich fuͤhre Miß Pratt ſelbſt auf, ſtatt daß ich Miß Pratt und Antonius Whyte hätte vorſtellen ſollen. Und ohne dieſen wuͤrde ſie doch in der ganzen Belt nicht erkannt werden! Nicht etwa, als ob zwi⸗ ſchen Neſſen und Tante eine beſondere Neigung, gleich⸗ mäßiges Vermoͤgen ſtatt fände, denn Antonius Whyte iſt reich und Miß Pratt arm, er lebt in einem Schloſſe, ſie in einem Häuschen, er hat Pferde und Hunde, ſie Holzſchuhe und Holzpantoffeln. Im Namen ſelbſt iſt etwas Langweiliges, Nichtsverſprechendes, daß—“ hier wendete er ſich an Miß St. Clair—„Sie ſich jetzt kaum bekuͤmmern werden, ob er einer Katze oder einem Manne zukommt und ausrufen möchten: Was thut denn der Name zur Sache? Aber erwarten Sie nicht, lange in dieſem frohen, gleichguͤltigen Zuſtande verweilen zu koͤnnen! Wenn Sie ihn Tag fuͤr Tag, Stunde fuͤr Stunde, Minute fuͤr Minute und bei allen moglichen und unmoͤglichen Gelegenheiten nennen hoͤ— ren, ſo wird er endlich auf Ihre Einbildungskraft ei⸗ nen ſolchen Eindruck machen, daß Sie die wunderbaren Buchſtaben, welche den Namen Antonius Whyte bilden, uͤberall, wohin ſich Ihr Auge richtet, ſehen werden. Sie werden erwarten, ihn aus den hohlen Felſen wiederhallen zu hoͤren und den plaudernden Ge— vatterinnen in der Luft lehren wollen: Antonius Whyte!“ „Was iſt das fuͤr Unſinn?“ rief Lady Eli⸗ ſabeth. 61 „Ich bin blos ein wenig zu weitlaͤuftig uͤber Miß Pratt und ihren Getreuen geweſen, das iſt alles!“ antwortete der Oberſt Delmour leicht hin.„Das iſt alles. Aber nun etwas, den Namen Antonius Whyte aus dem Kopfe zu bringen!“ Er trillerte ein Paar Tone.„Miß St. Clair, vereinigen Sie ſich mit mir, die häßlichen Namen zu verjagen! Ich bitte Sie darum! Sie ſingen? ganz gewiß!“ Gertrude trug Bedenken, einzuwilligen; kein Menſch trat der Vitte bei. Lord Roßville ſah oſſen⸗ bat hoͤchſt mißvergnügt aus. Aber eben ſo deutlich ergab ſich's, daß ſein Reſſe ſich um Niemandes Stim⸗ mung bekuͤmmerte, als in ſofern ihm daran lag, Je⸗ mandem zu gefallen. Bevor man aufſtand, war es ihm gelungen, auf dies einzige Weſen, deſſen Gunſt er zu erwerben bemuͤht war, einen ſehr vortheilhaften Eindruck zu machen. —ů——— 62 Achtes Kapitel. Ihre Zunge läuft wie ein Rad. Ein Wort folgt dem andern. Es iſt kein Ende darin. Ihr würdet euch wun⸗ dern, über was ſie ſpricht, und euch wundern, zu hören, wie ſie ſpricht, wenn ihr hörtet, wovon ſie ſpricht. Das Wunderbarſte iſt nur, wie ſie vom Hundertſten ins Tau ſendſte kommt und doch alles unter einander zuſammen zu knüpfen weiß.“ Richard Fleckno, 1658. In den folgenden zwei Tagen kamen von verſchiedenen Orten her mehrere Gäſte. Alle hatten ohngefähr den⸗ ſelben Beweggrund: die junge Erbin und ihre Mutter aus— dem niedern Stande zu ſehen. Die ausgezeichneteſten darunter waren Lady Mill⸗ bank und ihre Tochter, die in aller Pracht und mit allem Geraͤuſche eines vierſpaͤnnigen Wagens kamen. Die Pferde waren mit reichem Geſchirre bedeckt, Kut— ſcher und Vorreiter in glänzender Livree und alles zeigte Groͤße und Reichthum. Die Damen benahmen ſich ihrem aͤußern Prunke gemaͤß: ſtolz, zuruckſtoßend, hochmuͤthig, verächtlich herabblickend. Sie muſterten Miß St. Clair vom Kopf bis zum Fuße mit keckem Auge, und als ſie einige unbedeutende Bemerkungen gegen ſie geaͤußert hatten, ließen ſie ihr ganzes Ge⸗ ſchuͤtz gegen den Oberſt Delmour los, der ſie mit einer gewiſſen ruckſichtsloſen Vertraulichkeit empfing. 63 Sie ſtach gegen die feine Aufmerkſamkeit, welche er gegen ſeine Couſine zeigte, ungemein ab. „Gott im Himmel!“ rief eines der Mädchen, am Fenſter ſtehend,„da ſehen Sie einmal, Oberſt Delmour!“ Bei dieſem Ausrufe eilte alles ans Fen⸗ ſter, um zu ſehen, was es gabe. Man gewahrte einen Miethswagen von der gemeinſten Art, der den glaͤn⸗ zenden Vierſpaͤnner zu weichen nothigte, zur offenbaren Beluſtigung der ſtolzen Diener, welche unter dem Thore gaffend da ſtanden. „Wer mag denn das ſeyn? Da bin ich neu⸗ gierig!“ fragte Lady Eliſabeth⸗ Madame St. Elair ward bleich vor Schreck. Sie fuͤrchtete, es koͤnne einer ihrer buͤrgerlichen Verwandten ſich vordrängen. „Ich vermuthe, es wird unſere Baſe, Miß Pratt, ſeyn!“ bemerkte der Graf nicht ohne Verlegenheit ge⸗ gen Lady Millbank. Waͤhrend er ſprach, ſah man in der That einen weiblichen Kopf, eine weibliche Hand dem Kutſcher lebhaft winken und Zeichen geben. „Ach, und Herr Lindſay! Ich wette darauf!“ rief Miß Jemima Millbank, indem ſie in theatermäßi⸗ ger Stellung Erſtaunen ausdruckte. Die Miethkutſche, mit ihren ſteifen Bauerpferden, hatte nun das Thor erreicht; die zerbrochenen Wagen⸗ tritte wurden heruntergelaſſen.. Es ſprang ein junger Mann heraus, den die Gaͤſte am Fenſter zum Theil gleich mit lautem Lachen begruͤßten. Er ſah herauf, laͤchelte, ſchien aber eben nicht weiter in Verlegenheit, 64 ſondern wartete geduldig, bis ſeine Geſellſchafterin her⸗ auskommen werde. Dieſe erſchien endlich, ſchuttelte das Stroh von den Fuͤßen und als ſie heruntergehoben war, glaubte man, ihre erſte Bewegung wuͤrde nach dem Hauſe zu ſeyn. Allein wer gedacht hatte, es ſey alles gethan, wenn Miß Pratt am Orte ihrer Beſtimmung ange⸗ langt war, kannte ſie gar wenig. Da blieb ja noch viel zu thun uͤbrig, das ſie weder ihrem Begleiter, noch ihren Leuten anvertrauen wollte. Zuerſt mußte ſie dem Kutſcher derb uͤber ſeinen Wagen und die Pferde den Text leſen. Sie gab zu verſtehen, daß er hart geſtraft werden ſolle. Das Fenſter ſey nicht her⸗ unter geweſen und ſie habe ſich bald den Fuß verrenkt, um darnach zu langen. Dann haͤtte er zwei und eine Viertelſtunde gebraucht, um ſie neun Viertelſtunden weit zu fahren, und zum Beweiſe hielt ſie mit trium⸗ phirender Miene die Uhr vor. Auch mußte ſie mit eignen Augen alles aus dem Wagen ſchaſſen ſehen, was zu ihren Habſeligkeiten gehorte, und deren waren nicht wenige. Unzählbare Weiſungen gab ſie, alle Säcke, Schachteln, Kaͤſtchen fortzutragen, aufzuſtellen und hinzuſetzen. Als nun endlich alles in Ordnung war, nahm Miß Pratt den Arm ihres Begleiters und ging nun huͤbſch nach dem Wohnzimmer zu. Allein Leute, die ihre Augen gebrauchen, haben auf dem Wege von einer Thuͤr zur andern oft viel zu ſehen, und ſo fand Miß Pratt auf dem vom Thore nach dem Zim⸗ mer gar Vieles, was ihre Aufmerkſamkeit feſſelte. 65 Allerdings waren dieſe Gegenſtände ihr alle bekannt, allein wer recht ſieht, iſt nie, wie ein wahres Genie, wegen eines Gegenſtandes in Verlegenheit. Die Dinge konnen beſſer oder ſchlechter ſeyn, als wir ſie das letzte mal ſahen, man hat ſie beſſer oder ſchlechter an an⸗ dern Orten geſehen und kann daher ſie billigen oder tadeln. So drehte ſich der Kopf der Miß Pratt bald dahin, bald dorthin, tauſendmal, ſo wie ſie weiter gingz und tauſend Bemerkungen uͤber Teppiche, Lampen, Stuͤhle im Vorſaale ꝛc., flogen durch ihr Gehirn. Endlich wurde ſie und Herr Lindſay angemeldet, und raſch mit rudernden Schritten, als haͤtte ſie gleich alle begruͤßen wollen, kam ſie herein: „Nun, wie geht's denn? M. Lordchen, doch nicht wieder im Unterleibe ſeitdem was gehabt?— Lady Eliſabeth iſt immer friſch, wie ich ſie letzthin geſehen habe und mein altes Hundchen, meine Flora, iſt ja ſo fett wie ein ſchlanker Aal! Lady Millbank, ich ſchaͤme mich uͤber und uͤber, Sie hier zu finden, ſtatt im eignen Hauſe. Allein dem erſten Beſuche muß alles weichen, zumal unter Verwandten!“ Bei dieſen Worten nahm ſie die Hand der Mi⸗ ſtreß St. Clair, ohne weiter erſt zu warten, bis ſie vorgeſtellt ſey. Waͤhrend Miß Pratt dies und noch mehreres ſchwatzte, war Herr Lyndſay auf der andern Seite des Zimmers mit dem juͤngern Theile der Geſellſchaft zu⸗ ſammen getreten und vom Oberſten Delmour Gertru⸗ den vorgeſtellt worden. Sein Aeußeres zeigte nichts, . 5 66 das unbefangene Auge zu feſſeln und augenblickliche Bewunderung rege zu machen. Doch war ſeine Ge⸗ ſtalt von mittlerer Groöße anziehend, Kopf und Antlitz zart geformt und im Benehmen jene Feinheit, die nicht ins Auge fallt, aber doch ſelten iſt. Damit ver⸗ einte er die ſtille Ruhe, welche der höhern gebildeten Stele eigen wird. Neben dem Oberſten Delmour konnte Herr Lyndſay uͤberſehen werden. Die glän⸗ zende Gewandtheit, welche jenen auszeichnete, ward dieſem nicht zu Theil, wohl aber hatte er das ein⸗ fache Weſen vollkommen, das nichts nachahmt und, wie jemand ſehr richtig bemerkte, fallen wenige Ei⸗ genheiten mehr ins Auge, als gänzlicher Mangel an Kuͤnſtelei. Kaum war er im Kreiſe, als Miß Mill⸗ bank in einem Tone, der Mitleid ausdruͤcken ſollte, aͤußerte: „Wie ſchrecklich muͤſſen Sie ſich heute bei der erbaͤrmlichen Miß Pratt gelangweilt haben! Gott im Himmel! Wie koͤnnen Sie ſich ſo eine Pein aufle⸗ gen. Finden Sie ſich nicht entſetzlich langweilig und ermuͤdend?“ „Langweilig und ermuͤdend in einem gewiſſen Grade, wie jedermann, der unnuͤtze Fragen thut!“ antwortete Herr Lyndſay mit einem Laͤcheln, das zwar recht artig, aber doch nicht ohne Bedeutung war. Indeſſen der kleine Hieb ging bei ſeiner ſchönen Freundin doch verloren. „Aber wie koͤnnen Sie ſich nur mit ihr befaſ⸗ ſen?“ fragte dieſe. 67 „Sie iſt die Freundin und Verwandtin meiner Mutter!“ war die ruhige Antwort. „Solche Erbſchaften ſind die ſchlimmſten!“ be⸗ merkte der Oberſt Delmour. „Was das für ein boͤſer Einfall iſt!“ riefen alle drei Millbanks in einem Athem. „Was iſt denn das fuͤr ein Einfall!“ rief auch Miß Pratt und wackelte mitten in die Gruppe.„Ich weiß ſchon,'s iſt nichts Böſes in der Wirklichkeit hier. Ich habe in meinem Leben noch nicht ſo ein huͤbſches Geſellſchaftchen geſehen.“ Sie guckte dabei ringsherum und klopfte Miß St. Clair vertraulich, um ſie unterm Arm zu nehmen und, wie es ſchien, ſich ihrer, am Fenſter ſtehend, ganz zu bemächtigen. Gertrudens Aufmerkſamkeit war durch Miß Pratt ebenfalls aufgeregt. Es hatte dieſe fur ſie allen Reiz der Neuheit. Zwar giebt es viele Miß Pratts, allein Gertruden war noch keine in den Weg gekommen. Fuͤr Miß Pratt ſchien, glaubte ſie, nichts verbor⸗ gen zu bleiben. Sie hatte kein huͤbſches, kein blen⸗ dendes, kein ſchmachtendes, kein funkelndes, kein ſchmel⸗ zendes, kein durchdringendes Auge. Ihr Auge ruhte nicht und bewegte ſich doch auch nicht, und ſchielte nicht, aber doch war es lebendig, beweglich und wach⸗ ſam; es ſchien, als konnte es von nichts, nicht mal im Schlafe, uͤberraſcht werden. Sie ſah weder bös noch freundlich, weder traurig noch unruhig aus. Im⸗ mer hatte ſie einen Blick, und doch machte ſie auf 5* 68 jeden, den ſie ſah, einen Eindruck: den, daß ihre Augen einen Blick, nicht etwa den vom Sterne jen⸗ ſeits dieſer Welt, ſondern in alle Dinge auf die⸗ ſer Welt that. Ihre uͤbrigen Zuͤge waren nicht aus⸗ gezeichnet, doch konnten die Ohren mit den Augen in eine Klaſſe gebracht werden. Sie hatten etwas Kanin⸗ chenaͤhnliches; waren lang, unruhig, beweglich, immer geſpitzt, immer lauſchend, nie durch's Denken am Ho⸗ ren gehindert. Ihre Stimme druͤckte immer den Ton, den Accent der Menſchen aus, die oft und ſcharfe Fra⸗ gen thun. Uebrigens war ſie eine kleine, gedraͤngte Geſtalt und im Ganzen ein Bild der Lebendigkeit. Miß Clara hatte ſie ein Paar mal ſcharf ins Auge gefaßt, ehe ſie bemerken konnte: „Wiſſen Sie denn, daß ich ganz in Verlegenheit bin, mein Muͤhmchen? Ich weiß ja gar nicht, wem Sie aͤhnlich ſehen? Sie ſind keine Roßville und keine Black! Ach, Herr Jeſus, haben Sie denn ſchon Ih⸗ ren Onkel, den Alexander Black geſehen? Ach, was hat der fuͤr eine huͤbſche Familie zuſammen bekom⸗ men! Ich hoͤrte ja, Oberſt, Sie wären geſtern Abend auf dem Kraͤnzchenballe mit der Lilly Black ganz weg⸗ geweſen? Aber ſo viel Gluͤck haben Sie doch nicht gemacht, wie Antonius Whyte! Der Lord Punme⸗ down hat ihm in der Nacht was recht huͤbſches geſagt. Wie er die zwei Miß Blacks anſieht, ſagt er zu An⸗ tonius und ſchuͤttelt den Kopf: Ach, Antonius, ich denke, die beiden Schwarzkoͤpfchen machen auch mir keinen weißen. Ha ha ha!— Lord Roßville, haben 69 Sie es gehoͤrt? Auf dem Kränzchenballe ſagte Lord Punmedown zu Antonius Whyte und zeigte auf die beiden Miß Blacks: Ich fuͤrchte, die zwei Schwarz⸗ köpfchen machen mir keinen weißen. Nein, Mylord, gab Antonius zur Antwort, denn Sie wiſſen ja wohl, daß ein Mohr nicht weiß gewaſchen werden kann. Ha ha ha! Eine ſehr huͤbſche Antwort! meinte My⸗ lord! Lady Millbank, haben Sie es denn gehort, wie der Lord Punmedown den Antonius Whyte an⸗ gegriſſen hat? Die beiden Miß Blacks—“ „Sie werden noch zu einer Elſter werden, wenn Sie ſo ſchwarz und weiß bleiben!“ fiel ihr gleich Miß Millbank in die Rede. „Ach, Herr Jeſus! das iſt nicht uͤbel! Das muß ich Antonius erzählen! Lieber Gott, Lady Millbank, gehn Sie denn ſchon wieder? Wollen Sie denn nicht erſt ein Paar Biſſen zulangen? Ich bin hier fuͤr die Suppe gut. Ei, mit Ihrer Suppe, Mylord, können Sie es gegen jeden aufnehmen!“ Doch Lady Millbanks achteten der dringenden Einladung von Miß Pratt nicht. Sie und ihr gan⸗ zes Gefolge entfernten ſich. Kaum war ſie fort, als das Fruͤhſtuͤck aufgetragen wurde. „Kommen Sie, meine Gute,“ ſagte jetzt die Quälerin und nahm Gertrudens Arm feſt.„Ich und Sie muͤſſen zuſammen bleiben. Ich muß noch beſſer mit Ihnen bekannt werden. Ich moͤchte nur wiſſen, wem Sie ähnlich ſehen!“ 11 70 Sie muſterte, als ſie ins Speiſezimmer traten, alle Familienbilder. „Wer ein Seitenſtuͤck zu Miß St. Clair finden will, muß hoͤher ſchauen!“ bemerkte der Oberſt Del⸗ mour. Miß Pratt ſchielte nach der gemalten Decke, welche eine Reihe ziemlich dicker, rothwangiger Horen zeigte. „Ach,“ rief ſie aus,„Mylord, haben Sie's denn gehört? Der Oberſt Delmour ſagt, auf Erden ließ ſich mit Miß St. Clair nichts vergleichen. Wir muͤß⸗ ten nach dem Himmel ſehen, wenn wir was aͤhnliches finden wollten. Na, meinetwegen! Göttin oder nicht, nehmen Sie ein Stuͤckchen von dem kalten Lamms⸗ braten! Recht ſaftig und muͤrbe iſt er! Und ich ſage Ihnen, ich halte es mit den Leuten, die behaup⸗ ten, ein Lammsbraten ſieht auf dem Tiſche ſo gut aus, wie auf der Wieſe!“ Jetzt warf ſie auf einmal freudig Meſſer und Gabel hin: „Herr Jeſus, was denk' ich denn? Rein, das hat der Oberſt wirklich gut gegeben! Aber nun hab' ich's weg! eine wundervolle Aehnlichkeit! Na, wer wird es auch noch errathen?“ Alle ſahen einander und dann die Bilder an. Lord Roßville, der lange darauf gewartet hatte, einen Eingang finden zu können, benutzte die Gelegen⸗ heit und mit einem ſeiner lange unterdruͤckten, Hm, hm, begann er folgendermaßen: „Obzwar ich ſchon nicht viel Zeit und Aufmerk⸗ ſamkeit dem Studium der Phyſiognemie gewidmet habe, da ich nicht einſehe, daß ſie viel wohlthätige Folgen fuͤr die Geſellſchaft hetvorbringen dürfte: ſo ſtehe ich doch keinesweges an, einzuraumen, daß eine Aehnlichkeit der Zuͤge vorhanden ſey, welche vielleicht, ja wohl ohne Zweifel, ganz deutlich durch mehrere ein⸗ ander folgender Geſchlechter bemerkt werden kann. Der Familienmund z. B.“ er zeigte auf ein weibliches Bild mit langem Kinne,—„wie er ſich in dieſem äußerſt ausgezeichneten Weibe, der Lady Johanna St. Clair, ausſpricht, hat ſein Vorbild in dem Munde meiner Nichte, während“— ſich zu Gertruden wen⸗ dend—„ein ſorgfältiger Phyſiognome in der maͤnn⸗ lich geformten Naſe Roberts, des Grafen von Roß⸗ ville, die Wurzel—“ „Mein guter Lord Roßville!“ ſiel ihm hier Miß Pratt ins Wort und warf ſich in den Stuhl zuruͤck. „Ich hoffe doch, Sie werden nicht ſagen wollen, daß Miß St. Clair die Naſe von Robbin dem Rothen habe, wie er hieß?— Ein hubſches Compliment! Das iſt eine Naſe! Die muß wie eine Runkelruͤbe geweſen ſeyn, ſagt Antonius Whyte, und was den Mund von der Lady Jannette betriſſt, da ſagt er im⸗ mer: er iſt ſo groß wie der Schlitz in einer Armen⸗ vuͤchſe. Das iſt eine Naſe, wie der Griff an einem Brunnenſtengel!“ „Herr Antonius Whyte bedient ſich gegen die Familie St. Clair ſehr ungeeigneter Ausdruͤcke, wenn er ſich anmaßt, ſolche unverantwortliche, nicht zu recht⸗ 72 fertigende und— ich mag wohl auch ſagen— ſolche unedle Ausdruͤcke gegen eines ihrer Mitglieder zu ge⸗ brauchen!“ entgegnete Lord Roßville, in der Hitze des Zornes ſchneller redend.„Es iſt kraͤnkend, wenn man wahrnimmt, daß einer, welcher mit dieſer Familie ver⸗ wandt iſt, doch ſo weit vergeſſen ſollte, was er ihr ſchuldig bleibt, um dergleichen gemeine, niedrige, ent⸗ wuͤrdigende Vergleichungen zu machen!“ „Nun, die eine iſt ſehr ſchmeichelhaft zu nen⸗ nen;“ bemerkte Herr Lyndſay.„Ich fuͤrchte, daß man ſelten einen Mund als Sinnbild der Naͤchſten⸗ liebe darſtellen kann.“ „Gut geſagt, Herr Eduard!“ rief Miß Pratt, die durch den erhaltenen Verweis nicht aus der Faſ⸗ ſung gekommen war:„Wollen Sie das huͤbſche Rippchen dafuͤr haben? Nehmen Sie ein Bischen Rhabarberpaſtete, Mylord! Miß Diana— hören Sie, meine gute Miß St. Clair! ich muß Sie um Verzeihung bitten, aber ich kann Sie nicht anders, als Diana nennen! Na— ſo eine Aehnlichkeit!— Nein, was haben Sie nur alle gedacht, daß Sie ſie nicht gleich gefunden haben. Miß St. Clair iſt ja ganz und gar die Diana im gelben Thurme!“ Lord Roßville erwiederte darauf ſtaunend und aͤr⸗ gerlich: „Die Diana im Thurme? Unmöglich!“ „Unmöglich oder nicht, ich kann's Ihnen ſagen, s iſt ſo! Haben Sie denn die Diana geſehen, Miß St. Clair?— Kommen Sie mit! Ich will ſie Ih⸗ „ 73 nen zeigen! Kommen Sie, meine Theuere! Sehen Sie ſich als Göttin! Immer kommen Sie! Was man ſieht, das glaubt man, Mylord!“ Und ſo ſprang ſie voller Eile und Freude, die gemachte Entdeckung mittheilen zu konnen, auf. „Miß Pratt!“ rief hier der Graf in einer Art, welche Queckſilber ſelbſt haͤtte zum Stehen bringen kön⸗ nen.—„Miß Pratt, Ihr Benehmen iſt— iſt— von der Art, daß ich es nicht geſtatten kann! Der gelbe Thurm iſt mein Ankleidekabinet, und es iſt ſicher⸗ lich die unſchicklichſte und unverantwortlichſte Frei⸗ heit—“ „Ich bitte zehntauſendmal um Verzeihung!“ unterbrach ſie ihn.—„Ich hatte es wirklich ver⸗ geſſen, daß Sie Ihr Ankleidezimmer veraͤndert haben. Aber ich hätte mir doch in jedem Falle eingebildet, daß Sie zu jeder Zeit jeden Winkel und jede Ecke darin ſehen laſſen könnten. Da iſt das Ankleidezim⸗ mer von Antonius Whyte!— Das iſt immer auf⸗ geraͤumt, ſo nett, ſo niedlich— ach, ſein ſilberner Schuhanzieher konnte in einem Piſitenzimmer glänzen!“ „Miß Pratt, das iſt wirklich— Ich—“ Se. Herrlichkeit hielt inne, weil Sie ganz außer Faſſung waren. „Da wir nicht die Freude haben können, jenen ſubernen Schuhanzieher zu ſehen,“ aͤußerte der Oberſt, „ſo wuͤrde es uns freilich einigen Troſt gewaͤhren, die Gottheit Ew. Herrlichkeit zu ſchauen.— Ich habe das Bild vergeſſen! Lange habe ich es nicht geſehen, 74 aber freilich wuͤnſche ich nun, mich davor zur Erde zu werfen!“ Er warf Gertruden einen Blick bei dieſen Wor⸗ ten zu, der ihr mehr ſagte, als was das Ohr ver— nahm. Der Graf war in großer Verlegenheit. Die un— ehrerbietige und unſchickliche Weiſe, mit welcher Miß Pratt in ſein Ankleidezimmer brechen wollte, hatte ihn aufgebracht. Ihre Hindeutung, daß er es nicht gut konne ſehen laſſen, reizte ihn. Er ſchwankte zwiſchen dem Wunſch, ihre Anmaßung zu beſtrafen und ſeine Ordnungsliebe durch augenblickliches Hineinfuͤhren zu rechtfertigen. Nach reiflicher Ueberlegung entſchied er ſich zu dem letztern Verfahren und erklaͤrte: „Ob ich ſchon ſicherlich keine Vorſtellung davon habe, meine Privatzimmer zu oͤffnen, wenn muͤßige oder zudringliche, oder auch ſelbſt vielleicht nicht geho⸗ rig geleitete Neugier den Wunſch dazu hegt: ſo will ich doch keinesweges entgegen ſeyn, meine eigene Fa⸗ milie, meine Freunde, ja ſelbſt das Publikum uͤber⸗ haupt, mit einem Beſuche deſſelben zufrieden zu ſtellen, wenn die Bitte in geziemender Art, zu ſchicklicher und gehoͤriger Zeit geſtellt iſt. Denn ein jedes Ding hat ſeine Zeit; aber man ſollte auch eben ſo bemerken: ein jedes Ding hat ſeine eigne Weiſe. Und ob ich ſchon glaube, daß das Ankleidezimmer eines Mannes vom Stande nicht das ſchoͤnſte und geſchmackvollſte ſey, was Damen ſehen konnen, ſo werde ich doch bei dieſer Gelegenheit, wenn dieſelben dazu geneigt ſind—“ 75 er verbeugte ſich gegen alle rings herum—„ſo glück⸗ lich ſeyn, Sie in meine Privatzimmer zu fuͤhren.“ „Na, je eher, je beſſer!“ rief Miß Pratt und die Baͤnder auf ihrem Hute ſchienen mit ihrer Unge⸗ duld im Einklang zu zittern.„Kommen Sie, meine Theuere! Sehen Sie ſich als Goͤttin!“ Mit dieſen Worten nahm ſie wieder Miß St. Clair und wackelte ſchnell voraus⸗ „Da ſteht ein Beſen, der ſollte auch nicht da ſtehen!“ bemerkte ſie, in einen finſtern Winkel guk⸗ kend, vor dem ſie vorbeiging. Dann ſchaute ſie in ein Kabinet:„Ach, ſo viel, wie er redet, ſeine Mägde machen's auch nicht anders, als die der an⸗ dern Leute!“ Neuntes Kapitel. Was haſt du, wenn du noch ſo prahlſt Mit Wappen deiner Ahnen? Wirſt, wenn du ihre Bilder malſt, Den Weg zum Ruhm dir bahnen? Wann ſie zuletzt verſchollen ſind, Was glaubſt du dann zu werden? Biſt du für's Hohe hoch geſinnt: So ſuch's nicht auf der Erden! Der Graf von Weſtmoreland. Als man in das Thurmzimmer kam, war der erſte Gegenſtand, der Miß Pratt in die Augen ſiel, ein kaſierſpiegel. Sie behauptete gleich, daß er weder gehörige Große, noch Geſtalt habe, und ganz von dem verſchieden ſey, welchen Antonius Whyte beſaͤße. Ein Streit war die Folge davon, denn der Graf wollte ſich wegen eines ſolchen Gegenſtandes doch nicht von einem Weibe tadeln laſſen. Plötzlich aber entſchluͤpfte ſie allen ſeinen Demonſtrationen: „Herr Jeſus!“ rief ſie aus,„wir vergeſſen ja ganz die Diana! Und in welchem ſchlechten Lichte haben Sie ſie aufgeſtellt! Ja, Gemaͤlde aufzuhaͤngen will viel ſagen! Antonius brachte allemal einen Mann aus London mit, der ſie aufhing. Ich vergeſſe es nicht, wie ich erſchrak, als er mir ſagte, der Hänge⸗ mann käme! Na, jetzt ſeh' ich Sie von hier aus! 77 Nun, Miß St. Elair, kommen Sie ein Bischen hier her! Noch ein Bischen!— Haben Sie ſchon ſo eine Aehnlichkeit geſehn? „Erſtaunlich!“ rief Madame St. Clair voll Verwunderung. „Solcher Weihrauch iſt Dianen hier nie geſtreut worden!“ bemerkte der Oberſt Delmour. „Die Aehnlichkeit,“ behauptete der Graf offen⸗ bar aͤrgerlich,„wenn eine Aehnlichkeit ſtatt findet, iſt außerordentlich unvollkommen! Das Bildniß ſtellt eine bedeutend ſtaͤrker und groͤßer ſcheinende Perſon dar, als Miß St. Clair iſt. Es zeigt ein keckes, maͤnnliches Benehmen, welches, ich bekenne dies, ich bei jedem Maͤdchen, an welchem ich Antheil nehme, mit Kummer ſehen wuͤrde, da, nach meinem Beduͤn⸗ ken, der weiblichen Liebenswuͤrdigkeit nichts mehr Ab⸗ bruch thut, als das raſche, kecke Auftreten!“ „Mein lieber Lord Roßville, wer, wenn er Au⸗ gen im Kopfe hat, kann die Aehnlichkeit leugnen!“ rief Miß Pratt ihm zu.—„Drehen Sie ſich doch mal ein Bischen um und zeigen Sie ſich, Miß St. Clair!“— Die Letztere hatte ſich erroͤthend umge⸗ wendet und ſprach mit dem Oberſten leiſe. Herr Lyndſay betrachtete das Bild nachdenkend, von Zeit zu Zeit einen Blick verſtohlen auf Gertruden werfend. Er ſagte indeſſen nichts. „Wie erklaͤren Sie denn die außerordentliche Aehnlichkeit?“ fragte Lady Eliſabeth, ihren fetten Mops 78 unterm Arme, das Bild anſtaunend, Gertrudens Mutter. „Ich bin durchaus nicht im Stande— wenn das Bild blos Phantaſie des Malers iſt—“ „Nein, das iſt es nicht! Das kann ich Ihnen ſagen!“ fiel Miß Pratt gleich ein. Das Original war Fleiſch und Blut und eine lebende Perſon, oder ich bin falſch berichtet!“ Sie warf einen fragenden Blick auf den Lord. „Wenn eine, auch noch ſo entfernte Aehnlichkeit in Familien, wie Lord Roßville ſehr richtig bemerkte, manchmal ſelbſt in ſpäter Zeit wieder auflebt, ſo—“ Madame St. Clair konnte nicht ausreden. Die un⸗ ertraͤgliche Schwätzerin, Miß Pratt, tappte gleich wie⸗ der hinein. „Ach, wenn die Diana eine St. Clair geweſen waͤre, ſo duͤrfte man ſich nicht wundern! Das wiſſen Sie! Aber die Sache iſt, daß ſie nichts mehr und nichts weniger, als das huͤbſche Lieschen Lundie, die Tochter vom Förſter war. Ich habe vieles von Lies⸗ chen Lundie gehoͤrt, und es ſind manche huͤbſche Lie⸗ derchen auf ſie gemacht worden, denn ſie war das ſchoͤnſte Maͤdchen in der ganzen Grafſchaft, unter Ge⸗ ringen und Vornehmen. Damals war ſo ein Liedchen mode, das weiß ich noch, wie ich jung war. Lundie hatten ſie aber in Lyndſay verwandelt.“ Miß Pratt ſtimmte mit kreiſchendem Tone: Willſt du in die Berge gehn? Lieschen Lyndſay, ſag' es! ꝛc.“ t 569 Lord Roßville ſchien etwas beſtuͤrzt, daß die nie⸗ drige Abkunft der Diana ſo ſchnell entdeckt war. Er wollte eben darthun, wie Lieschen Lundie, des För⸗ ſters Tochter, Erlaubniß bekommen habe, unter die Edeln des Landes und ſelbſt in ſeinem Privatzimmer aufgeſtellt zu werden, und ging in aller moͤglichen Eile daran, dieſen Verſtoß gegen die Familie zu vertheidi⸗ gen. Schon hatte er dreimal gehuſtet und er be⸗ gann: „Nachdem dieſes Gemälde ſo viel Aufmerkſam⸗ keit erregt und die allgemeine Beobachtung auf ſich gezogen hat: ſo will es ſich ſchicken und in der That vonnothen ſeyn, daß uͤber die Umſtaͤnde, welchen es ſeine Entſtehung verdankt, einiges Licht gegeben werde.“ Er hielt wieder inne, raͤuſperte ſich aufs neue, ſchaute herum, wie ein Pfau, der das Rad ſchlaͤgt und den Kopf nach allen Seiten dreht, bevor er die Broſame aufhebt, die zu ſeinen Fuͤßen hingeworfen wurde, wahrend Miß Pratt, gleich dem muntern Sperling, ſein Drehen und Wenden benutzte, nieder— ſchoß und die Beute wegnahm: „Ach, die Geſchichte iſt bald erzählt! Da giebts kein großes Geheimniß!— Der verſtorbene Lord da—“ ſie zeigte auf einen fetten, dickkoͤpfigen Mann im gruͤnen Rock, mit Jägerhorn und Beutelperuͤcke— „war in ſeinen jungen Jahren ein wahrer Nimrod und ganz raſend auf Pferde und Hunde verſeſſen. Nun brachte er einen großen Maler von wo anders her mit, ich habe den Namen vergeſſen, der ſollte die 80 Beſtien malen. Ha ha ha! Beſonders war eine tuͤch⸗ tige Kuppel da. Der Maler ſah zufällig einmal Lies⸗ chen, wie ſie alle um ſie herum ſtanden. Und da fiel ihm ein, ſie zur Diana zu machen, und das war wirklich ein guter Gedanke, denn ſie iſt das Beſte in dem Gemaͤlde. Antonius ſagte, er gaͤbe hundert Gui⸗ neen blos fuͤr den Kopf und die Schultern!“ Madame St. Clair hatte mehr als einmal die Farbe gewechſelt, waͤhrend dieſe kurze Biographie ge⸗ geben war. Sie ſchien nicht wenig ärgerlich, daß ih⸗ rer Tochter Schoͤnheit nicht hoher ſtehen ſollte, als die eines Jägers Tochter. Nach einer genauern Pruͤfung erklarte ſie daher, daß zwar im Enſemble etwas ſey, wodurch das Auge ergriſſen werde; allein bei genauer Unterſuchung ſähe man, daß die Zuͤge und Miene ganz anders ſeyen. Lord Roßville war entſchloſſen, ſich aus ſeiner Erzaͤhlung nicht heraus treiben zu laſſen. Er begann weitlaͤuftiger die Umſtände aus einander zu ſetzen, wel⸗ chen Lieschen Lundie ihren Nachruhm verdanke, und machte den Schluß damit, daß er eben ſo wenig ge⸗ neigt ſey, noch es fuͤr möglich erachte, die geringſte Aehnlichkeit zu finden, die Farbe des Haares abge⸗ rechnet. Allein um Miß Pratt Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, war die Aehnlichkeit in der That ſehr auf⸗ fallend. Allerdings zeigten ſich Dianens Zuͤge in groö⸗ ßern Umriſſen; ihr Ausdruck hatte minder Sanftes, verrieth weniger Geiſt; ihre Geſtalt war mehr kräftig, 81 als anmuthig; ihre Farbe mehr lebhaft, als zart; ihre Geſtalt mehr kuͤhn, als wuͤrdevoll. Allein uͤbrigens ſah man daſſelbe lang geſpaltene, ſanfte, dunkelblaue Auge, dieſelbe griechiſche Naſe, denſelben Mund, die naͤmlichen ſeidenen, lockigen Haare, die um die Stirn von Elfenbein ſpielten und das ſeltene, eigenthuͤmliche Bild der Schönheit gaben, an welcher der zarteſte Zug doch deutlich ausgedruͤckt und bezeichnet iſt; worin die ſchroſſeſten Gegenſaͤtze des Colorits ſich zum harmoni⸗ ſchen Ganzen geſtalten. „Nun, was ward denn mit dieſer Gottheit?“ fragte der Oberſt. „Ja, das kann ich Ihnen nicht ſagen!“ erklärte Miß Pratt.„Ich denke das Ende vom Liede war, daß ſie ſich mit mehrern Herren in eine Liebſchaft ein⸗ ließ, am Ende aber einen hochlaͤndiſchen Viehhändler heirathete und uͤbrigens beide nicht viel zu bedeuten gehabt haben.“ „Wie emporend!“ rief der Oberſte, immer das Bild im Auge,„daß ſo viel Schonheit fuͤr nichts auf der Welt war! „Woher wiſſen Sie, daß ſie fuͤr nichts war?“ fragte Herr Lyndſay. „Wenn man bedenkt, wie ſelten Schonheit, voll⸗ kommene Schoͤnheit ſey, ſo ſcheint doch die Gabe der⸗ ſelben bei eines Foͤrſters Tochter und Viehhändlers Weibe ganz weggeworfen!“ behauptete Delmour. . 6 82 „Erinnern Sie ſich, Herr Oberſt,“ fragte Miß Pratt,„was der Dichter ſagt: So manche Blume bluͤht, um nicht geſeh'n zu werden; und ihre Schoͤnheit welkt, von keinem nur bemerkt!“ Herr Lyndſay achtete die von Miß Pratt ange— fuͤhrte Stelle nicht und bemerkte gegen den Oberſten: „Ihr Wunſch, ſie blos auf die hoͤhern Stände zu beſchraͤnken, iſt zu anmaßend.“ „Dieſe wiſſen Sie doch beſſer zu wuͤrdigen!“ entgegnete ihm Delmour.„Es gehört doch ein aus⸗ gebildeter, guter Geſchmack dazu, ſolche Schoͤnheit zu bewundern!“— Hier ſah er vom Bilde nach Miß St. Clair.„Wie koͤnnte einer von der Canaille nur im Stande ſeyn, dieſen antiken Ausdruck aller Zuͤge, dieſe klaſſiſche Rundung des Kopfes, dieſen ſchwanengleichen Hals, den unnachahmlichen Guß der Wangen, zu wuͤrdigen! Würden nicht ein Paar runde, helle Augen, ein Paar rothe Bausbacken, eine Stumpfnaſe, ein Mund von einem Ohr zum andern fuͤr ſo einen Viehhaͤndler nicht eben ſo gut geweſen ſeyn? „Ich gebe zu, er wird nicht ſo wiſſenſchaftlich uͤber die Sache reden können, wie Sie, aber bei alle dem ſich ſeines Weibchens ſo freuen und ſo ſtolz auf ſie ſeyn, wie Sie oder ich es ſeyn können!“ „Unmöglich!— Vorausgeſetzt, daß ſie von mei⸗ nem Rang und Stand iſt— ſonſt wuͤrde mich Ve⸗ nus ſelbſt zu keiner Meſalliance beſtimmen können!“ 83 Sie ſich die Jägers-Töchter in Bil⸗ dung und Verſtand ſo trefſlich, wie in ihrem Aeu⸗ ßern—“ „Das iſt ein alberner Ged das!“ unterbrach ihn der Oberſt ungeduldig. „Leute von niederm Stande haben freilich Muͤhe, ihre Sitten auszubilden. Aber warum ſoll ein edler Geiſt dem Bauer nicht ſo gut zu Theil werden, als dem Fuͤrſten?“ „Wie?“ rief der Oberſt hitzig,„glauben Sie denn wirklich, daß die Tochter eines Bauers, eines Handwerkers, Geſchoͤpfe, welche die Welt mit Naͤgel⸗ ſchuhen durchwanderten, oder ihr Leben hinbrachten, die Beine zu kreuzen und mit der Naſe nach der Na⸗ del zu ſehen, eben ſolchen ſtolzen Geiſt erben kann, wie die Kinder der Helden, der erſten Maͤnner? Der bloße Gedanke, von ſolchen Vaͤtern abzuſtammen, muß den Geiſt erheben und ihm ein Bewußtſeyn geben, daß er hoͤher ſteht, als die niedriggebornen Sklaven dieſer Erde.“ „Dann muͤſſen Sie ſich unendlich hohere Gei— ſtesanlagen zutrauen, als Virgil, Horaz, Shakeſpeare, Milton, Spenſer und eine lange Reihe beruͤhmter Maͤn⸗ ner bis auf dieſen Tag hatten, welche, wenn auch nicht geradezu niedrig geboren, doch nicht auf hohe Geburt Anſpruch machen koͤnnen. Ich fuͤr meine Perſon halte es eher fuͤr erniedrigend, als erhebend, wenn ich an die betitelte, unbedeutende Familie hier denke. Seit Jahr⸗ 6* hunderten in Beſitz von Ehren, Reichthum, Macht hat ſie nicht einen Mann gezeugt, der wegen ſeiner Tugenden oder Talente ausgezeichnet geweſen waͤre, und— wenn wir den Malern trauen duͤrfen, auch nicht ein Weib, die durch Schönheit ſich ausgezeichnet haͤtte, wie die Tochter dieſes armen Jägers!“ „Sie ſehen hier eine Göttin, vergeſſen Sie das nicht!“ ſpottelte der Oberſt.„Vielleicht haͤtte ſie im blauen Flanellroͤckchen, bloßen Fuͤßen, einem kattunen Halstuche, wenn ſie den Hunden ihre Mahlzeit gab, fuͤr Ihren edlen Sinn minder Anziehendes gehabt!“ „Es giebt Geſchmack fuͤr das Sittlich-Schone, wie fuͤr das Koͤrperlich-Schoͤne! Beide kann ich wegen ihres innern eignen Werthes ſchätzen, ohne daß es des Schmuckes bedarf! Sie, Herr Oberſt, muͤſſen die Schonheit in der Hofkleidung, mit Sternen und einer Grafenkrone ſehen, doch eine ſolche Schoͤnheit—“ hier ruhte ſein Auge, ohne daß er es wußte, auf Miß St. Clair—„wuͤrde ich, haͤtten Geiſt, Grundſätze und Benehmen ihr entſprochen, auch als Lieschen Lun⸗ die, und vielleicht nur zu ſehr, geliebt haben!“ „Und waͤre des Jägers Tochter ein Engel und eine Gottheit zugleich geweſen— ich haͤtte ſie mir nie als mein Weib vorſiellen koͤnnenz ſchon der bloße Gedanke wuͤrdiget herab!“ Miß Pratt hatte inzwiſchen, wie gewöhnlich, mit den Uebrigen geſchwatzt, ſo, daß Niemand von dieſem Streit horte und an ihm Theil nehmen konnte. Nur — 85 Miß St. Elair war im Stande geweſen, einige Brok⸗ ken aufzufangen und des Oberſten Anſichten gab ſie mit Waͤrme Beifall. „Ich mochte wiſſen,“ rief jetzt die alte Pratt, „was aus Lieschens Familie geworden iſt; denn ich daͤchte immer, ich hätte gehoͤrt, daß ſie eine Tochter gehabt hätte, ſo ſchon, wie ſie ſelbſt! Es iſt mir ſo, als hätte ſie eine Tochter gehabt!— Miſtreß St. Clair, Sie ſind doch wohl?— Herr Jeſus, ſie fäͤllt in Ohnmacht!“ Alle eilten zu Miſtreß St. Clair, welche in der That ohnmächtig zu werden ſchien. Die Fenſter wur⸗ den geöffnet, man brachte Waſſer, Riechfläſchchen— endlich erholte ſie ſich. Mit mattem Laͤcheln ſagte ſie, daß ſie ſchon ſeit einigen Tagen nicht recht wohl ſey und uͤberhaupt leicht ſolche Zufälle bekomme. Lord Roßville hielt ſie mit der groͤßten Sorgfalt, als ſie am ofſenen Fenſter ſaß, denn er nahm in der That Theil an ihr. Sie hatte ihm ja mit nicht zu ermuͤ⸗ dender Aufmerkſamkeit zugehort, und ohne ihn zu un⸗ terbrechen. Dies war ein Entgegenkommen, woran er in ſeiner Familie ſelten gewöhnt wurde. Endlich erklärte ſie ſich vollkommen erholt zu haben. Von ihrer Tochter und dem Lord geleitet ging ſie auf ihr Zimmer. „Die Bemerkung von ungleichen Ehen war recht ungluͤcklich, Oberſt!“ fluͤſterte dieſem Miß Pratt zu. „Ich glaube, daß ſie dies uͤber den Haufen warf. ———— . 86 Freilich vermuthete ich auch, daß Lieschen Lundie ein Bischen mit im Spiele ſteckt. Gewiß iſt da eine Verwandtſchaft dahinter, denn unter uns, die Familie der Blacks iſt gerade nicht weit her! Ja, dies und nachher der Geruch von des Lords Schuhen und Stiefeln hier hat ihr wirklich den Reſt gegeben!“ Indeſſen Miß Pratt konnte jetzt mit ſich ſelbſt ſchwatzen, denn alle Uebrigen waren verſchwunden. Zehntes Kapitel. — Richt kann ich tadeln dich darum, da ich ja ſelbſt Von Müdigkeit ergriffen bin, die ganz Die Sinne mir betäubt. Der Stuürm. Miß Pratt machte jedermann in ihrer Nähe ver⸗ drußlich; zum mindeſten behauptete es jedermann, daß ſie ihm Langeweile machte. Jedermann ſpottete ihrer, und dennoch ward ſie von jedermann geſucht; jeder⸗ mann fragte nach ihr, als habe ſie die Weisheit einer More und das wohlwollende Herz einer Fay. Sie war die wahre Seele der ganzen Grafſchaft. Jede Ader in der Umgegend erhielt von ihr Kraft und Leben. Sie verſorgte alles mit einem Strom von Klatſchereien und Neuigkeiten, indeſſen ſie ſelbſt des Laͤcherlichen und Thorigen in Menge zeigte. Selbſt der aͤrgſte Phlegmatiker wußte von ihr etwas Gutes oder Boſes zu erzählen. *) Miſtreß More iſt eine geſchätzte Schriftſtellerin im Pädagegi⸗ ſchen und Miſtreß Fay hat ſich bekanntlich um die Verbeſſerung der Gefängniſſe unſKerbliche Verdienſte erworben. Der ueberſetzer. 5 ————————— umzuaͤndern, aber vergebens. 88 Fuͤr Niemanden war ſie aber mehr eine wahre Peſt, als fuͤr den Lord Roßville. Se. Herrlichkeit kannten naͤmlich nicht die Langeweile, vielleicht weil Urſache und Wirkung ſelten in einer Perſon zu⸗ ſammen treſſen. Wer Andern Langeweile machen kann, beſitzt in ihnen eine unverſiegbare Quelle der Freude. Der Graf war außerdem von Miß Pratt unabhaͤngig. Er hatte ja einen weiten Spielraum, ſeine nicht zu ermuͤdende Kraft zur Langweile in der ganzen Familie geltend zu machen. Er konnte zu je⸗ der Stunde des Tages den Haushofmeiſter und die Kammerfrau, den Jäger und Kutſcher, den Stallknecht und Gaͤrtner, durch immerfortgehende Aufzahlung der Fehler und Zurechtweiſung langweilen. Vielleicht aber giebt es in der ganzen Welt kein ſo anhaltendes Ver⸗ gnuͤgen, als Fehler auszuſpaͤhen. Der Spieler kann der Wuͤrfel, der Liebhaber ſeines Mädchens, der Gut⸗ ſchmecker des Weins, der Kuͤnſtler ſeiner Arbeit uͤber⸗ druͤſſig werden, doch ſo lange dieſe Welt mit allen ihren Unvollkommenheiten bleibt, wird, wer wahrhaft nach Fehlern ſpaͤht, nicht muͤde werden, Fehler zu finden. Das Auffallendſte bei der Miß Pratt war, daß ſie nie zu uͤberzeugen war, einen Fehler gemacht zu haben. Lord Roßville hätte eben ſo gut dem Bach zu murmeln verbieten, oder den Fliegen eine Vorleſung halten koͤnnen, welche ihm um den Kopf ſummten. Seit vierzig Jahren hatte er ſich Muͤhe gegeben, ſie Wir ſehen alle Tage, 89 daß ſich Vieles thun läßt, die Natur zu beherrſchen und zu überwaltigen. Ein Klepper lernt walzen, der Hund lernt leſen, der Vogel rechnen, die Floͤhe ziehen einen Wagen, allein der Zunge eines Weibes den Zaum anzulegen, iſt ein Werk, das bis jetzt der Kraft des Mannes Trotz geboten hat. Rit ſo vieler Unähnlichkeit bei aller Aehnlichkeit mochten wir ſagen, laͤßt ſich leicht denken, daß Lord Roßville und Miß Pratt nie, bei der größten Einig⸗ keit, doch eher alles, als einig waren— Allein ſie wa⸗ ren einander nur immer entgegen, ohne darum mit einander zu zanken. Das ganze Leben hindurch waren ſie an einander gewöhnt. Sie nahm alle Aus⸗ fälle und Anſpielungen hin und ſchob ſie auf Rechnung ſeiner Galle. Er ertrug ihre Naſeweisheit und ent⸗ ſchuldigte ſie mit ihrem Blute. Das ſanfte, freundliche Weſen der Miſtreß St. Clair machte gegen die den Muͤckenſtichen gleichenden Angriſſe der Miß Pratt aber einen ſolchen Abſtand, daß der Lord ſich jeden Tag mehr zur Geſelſſchaft ſei⸗ ner Schwägerin hingezogen fuͤhlte. Bald ſah ſie ſich in ſeiner Gunſt ſo feſt, daß ſie ihn um die Erlaubniß zu bitten wagte, mit ihrer Tochter die Verwandten be⸗ ſuchen zu duͤrfen, mit welchen ſie jetzt blos Briefe ge⸗ wechſelt hatte. „Gewiß, meine theuere Freundin,“ entgegnete ihr darauf der Lord,„gewiß kann es nichts Schickli— cheres, gleich wie Vernuͤnftigeres geben, als daß Sie 90 wiederum die verſchiedenen Mitglieder Ihrer Familie ſehen und beſuchen, zumal da Ihre Familie aus lau⸗ ter Leuten beſteht, wie ich gluͤcklicherweiſe wohl meinen darf, deren Name unbefleckt iſt, die alle in achtbaren Verhaͤltniſſen des Lebens ſind. Solche Achtbarkeit iſt aber auch auf gutem Wege, noch höher zu ſteigen, indem, wie ich höre, ein Onkel und Bruder von Ih⸗ nen in der Grafſchaft zu dem Beſitze einiger Stim⸗ men gekommen ſind.) Sintemalen aber nun es allen Anſchein hat, als wuͤrde es bei der nächſten Wahl ſehr heiß zu gehen, ſo kann ihre politiſche Stellung, wird ſie gehorig geleitet, nicht anders, als hochſt vor— theilhaft fuͤr Sie ausfallen. Derohalben nun gebe ich meine unbedingte Zuſtimmung dahin, daß Ihr Beſuch bei Ihrer Familie vollkommen ſchicklich ſey, ſobald wir die gehoͤrige Zeit, die Art, die Weiſe, ihn abzu⸗ legen beſtimmt haben. Was jedoch die Tochter des ehrenwerthen Thomas St. Clair betriſſt, ſo muß ich Ihnen, meine theuere Freundin, ofſen bemerken, daß ich daruͤber mit mir noch nicht zu einem feſten Ent— ſchluſſe gekommen bin. Ihr eigner Scharfſinn wird Ihnen ſchon von ſelbſt die ganz eigenthuͤmliche Lage andeuten, in welcher ſich ſelbige beſindet. Miß St. *) Wie bedeutend die Stellung ſolcher iſt, welche eine Stimme zur Wahl eines Parlamentsmitgliedes geben können, deuten wir hier nur an, um eine Menge der folgenden Scenen gleich im gehörigen Lichte erſcheinen zu laſſen. Der ueberſetzer. 91 Clair iſt nämlich gegenwärtig als vermuthliche Erbin der Titel, Wuͤrden und Beſitzungen der Familie zu betrachten. Allein bemerken Sie, daß ſie, obſchon vermuthliche, doch noch nicht geſetzliche Erbin iſt, denn es iſt ein großer, bedeutender Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſen beiden Wortern, welche Ihnen vielleicht ziemlich gleichbedeutend ſcheinen!“ Se. Herrlichkeit ſetzte nun den Unterſchied weit⸗ läuftig aus einander. „Nun aber,“ ſchloß er,„werden Sie, meine Theuere, zugeben, daß in der Lage, von ſolcher eigen⸗ thuͤmlichen Zartheit, jeder Schritt, den Miß St. Clair thut, mit der ſorgfaͤltigſten Genauigkeit und Ue⸗ berlegung abgewogen werden muß, denn was ſich fuͤr die vermuthliche Erbin ſchicken duͤrfte, konnte leicht der geſetzlichen zum Nachtheile gereichen, und was die Haltung der geſetzlichen Erbin verlangt, könnte die Welt als eine unſchickliche Anmaßung bei der vermuthlichen Erbin betrachten!“ Madame St. Clair aͤrgerte ſich allerdings uͤber dieſe ziemlich indirekte Erklärung, daß ihre Familie kaum geeignet ſey, mit der eignen Tochter in Geſell⸗ ſchaft zu kommen. Indeſſen beherrſchte ſie ihren Un⸗ muth, da ſie es eben nicht fuͤr bedeutend hielt, die Tochter bei dem erſten Beſuche mitzunehmen. Auf gute Art gab ſie hier nach. Doch kaum hatte ſie dies gethan, als der Graf, wie es oft bei ihm zu ſeyn pflegte, den Faden auf der Stelle wieder an⸗ 92 nahm und die entgegengeſetzte Anſicht vertheidigte. Die Folge war, daß Mutter und Tochter die Familie auf der Stelle beſuchen ſollten. Des Grafen vier⸗ ſpännige Equipage, mit aller Bedienung dazu, ward aufgeboten. Mit Entzuͤcken ſetzte ſich Miſtreß St. Clair hinein und rollte in allem Glanze des Reich⸗ thums und Standes dahin. 93 Eilftes Kapitel. Gemälde, ſo wie dieſe malen, Erfordert keine Kunſt, Madam, Was läßt ſich damit noch ſehr prahlen? Genug, ſie hängen da im Rahm. Pope. Die natuͤrliche Freude, welche Madame St. Clair fuͤhlte, wenn ſie an das Wiederſehen ihrer Familie dachte, paarte ſich mit unbeſtimmter Furcht. Sie hatte nur einen Bruder, der theils durch Fleiß, theils durch Gluͤcksumſtaͤnde einen großen Strich Lan⸗ des erworben hatte; zwei unverheirathete Schweſtern in der Hauptſtadt der Grafſchaft und einen alten On⸗ kel aus Oſtindien, von muͤtterlicher Seite, der fuͤr entſetzlich reich galt. Als ſie die Heimath verließ, war ihr Bruder ein ungebildeter, roher Burſche; jetzt ein ältlicher Mann, der Gatte eines Weibes, das ſie noch nie geſehen hatte, der Vater einer zahlreichen Fa⸗ milie. Nachdem ſie aus Roßville's Umgebungen kam, nahm die Gegend eine minder maleriſche Ge⸗ ſtalt an. Felſen, Wäͤlder und Bäche wechſelten mit tragbarem Lande, eingehegten Feldern, reichlich gefuͤll⸗ ten Scheunen. Doch ſah man auch große Strecken unangebauten Bodens, der eben umgelegt wurde, Deiche und Abzugsgraͤben bekam. 94 Mitten in dieſem Bilde trat Bellevue her⸗ vor. Es war ein aͤnſehnliches, weiß angeſtrichenes Haus, mit zwei Fluͤgelgebäuden, das eine weite Aus⸗ ſicht beherrſchte. Manche Leute nannten es eine ſchone Ausſicht, alle mindeſtens eine große, wo viel Spuren der Urbarmachung zu beobachten ſeyen. Ein Thorweg öffnete einen gut mit Kies bedeckten Weg, der zum Landhauſe fuͤhrte, vor welchem ein kleiner freund— licher Raſenplatz mit einer huͤbſchen Baumgruppe lag. Auf der einen Seite ſah man einen huͤbſch ſich aus⸗ nehmenden Garten, auf der andern eine Reihe freund⸗ licher Scheuern, Ställe und ähnlicher Gebaͤude. Alles zeigte von der größten Ordnung; alles verrieth den wohlhabenden Gutsbeſitzer. Ein derber, bluͤhender Diener in gruͤner Kleidung oͤfſfnete den Thorweg, und die gelben Locken des Bur⸗ ſchen ſchienen ſich emporzuſträuben, als ihm die glän⸗ zende Equipage vor die Augen trat. Endlich erinnerten ihn die mehrmals wiederholten Fragen, was er zu thun habe, und als er zum drittenmale horte: ob ſein Herr, ſein Gebieter zu Hauſe ſey, gab er die vorſich⸗ tige Antwort, welche den behutſamen, wenn auch be⸗ ſtuͤrzten Diener bezeichnet: daß er es nicht gewiß ſagen könne, aber nachſehen wolle. Nach etwa fuͤnf Minu⸗ ten, waͤhrend welcher man Thuͤren in Menge aufgehen und zuſchlagen hoͤrte, manchen Kopf bald hinter den Vorhaͤngen, bald hinter den Jalouſien vorgucken ſah, kehrte der kluge Will mit der Einladung zuruͤck: die Damen moͤchten ausſteigen. Voraus gehend geleitete 95 er ſie in ein ſehr huͤbſches, aber oſſenbar nicht benutz⸗ tes Geſellſchaftsʒimmer, wo er ſie mit der Verſicherung verließ:„ſeine Madame werde in einer Minute da ſeyn!“ Indeſſen ging gar manche Minute hin, waͤhrend welcher die Beſuchenden Zeit hatten, ſich ſelbſt die Zeit zu vertreiben; eine Sache, die, weil aller Stoff fehlte, nichts weniger als leicht war. Unter ſolchen Umſtaͤnden iſt ein Kaminfeuer eine nie verſiegende Quelle; brennt es ſchlecht, ſo ſchuͤrt man, und brennt es gut, ſo genießt man es. Doch hier brannte keines. Der ſchoͤne, glaͤnzende Kamin ließ ſich blos bewun⸗ dern, inſofern er uͤber und uͤber mit weißen Papier⸗ ſpäͤnen bedeckt war. Der Teppich war mit Leinwand belegt, die Stuͤhle ſah man in ihre Decken gehuͤllt, uͤber dem Kamin ſtanden zwei huͤbſche Armleuch⸗ ter. Doch allerdings hingen zu beiden Seiten zwei Bilder in Lebensgroͤße, aber ſo grob gemalt und derb aufgetragen, daß die Zeit ihre Farben ſelbſt nicht ver⸗ bleichen konnte. Das eine ſchien Herrn Black in ſcho⸗ nem blauen Rock, weißer Weſte, großer Halskrauſe, den Handſchuh in der Hand und recht zaͤrtlicher Miene, darzuſtellen. Das andere, konnte man vermuthen, war wohl Miſtreß Black, unter einem Baume ſitzend, in einem gelben Rocke, einem ſchief ſitzenden Turban, aber aus vollem Halſe lachend. Man ſah es ihnen an, daß ſie ſich alle mögliche Muͤhe gegeben hatten, ihren Zuͤgen den beſten Ausdruck zu geben, um doch fuͤr ihr Geld etwas zu bekommen. 96 Endlich ging die Thuͤre auf und Miſtreß Black trat, von einer Menge Töchter begleitet, in Perſon herein. Sie war wohlbeleibt, von geſunder Farbe, hatte helle blaue Augen, ein offnes, gutmuͤthiges Ge⸗ ſicht; kurz, ſie zeigte ſich, das man zu ſagen pflegt, als ein huͤbſches Weibchen, und das, iſt es manch⸗ mal nicht gerade ſchon, doch oft noch mehr anzieht. Offenbar hatte ſie ſich erſt zu dem Erſcheinen ange⸗ kleidet. Man ſah es den ſteifen Falten des Rockes nur zu deutlich an. Sie bewillkommte ihre Gäſte zwar nicht mit dem Tone der eleganten Welt, aber auch ohne Zwang und Anmaßung. Zuerſt bedauerte ſie, daß ihr Mann nicht zu Hauſe ſey;z ſchon wäre aber nach ihm geſchickt und ſo hofſe ſie, daß er bald aufgefunden werde. Madame St. Clair war entſchloſſen, ſich liebenswuͤrdig zu zei⸗ gen. Sie ſetzte ſich mit ihrer Schwägerin Hand in Hand. Den lebhafteſten Antheil aͤußernd that ſie eine Menge Fragen uͤber ihre Kinder, deren Alter, Beſtim⸗ mung u. ſ. w. Was ſie erfuhr, beſtand in Folgendem: Madame Black war die Mutter von eilf leben⸗ den und zwei todten Kindern. Die älteſte Tochter, welche eben auf einem Spaziergang aus ſey, ſtand im Begriff, verheirathet und die juͤngſte verlobt zu werden. Arabella ſchien eine gute Parthie zu machen, denn der Major Waddel hatte im Dienſt der oſtindi⸗ ſchen Kompagnie ein huͤbſches Vermögen erworben, hatte huͤbſche Familienverbindungen, war mit einem 6 vornehmen Manne verwandt, deſſen Titel er leicht, im Falle er ihn uͤberlebte, erben werde. Freilich war er bedeutend aͤlter, als Arabella, aber in Indien doch huͤbſch geſund geblieben. Auch nicht ſchön ſah er aus, indeß doch recht leidlich. Zum mindeſten hatte er Arabella's Beifall, und das war doch immer etwas. Miſtreß St. Elair wuͤnſchte pflichtſchuldigſt Gluͤck und machte die gewöhnlichen Bemerkungen: wie es angenehm und wuͤnſchenswerth ſey, daß die älteſte Tochter der Familie eine gute Parthie mache, daß die Ungleichheit der Jahre gerade auf der rechten Seite ſey und dergleichen. Sie ſchloß mit dem Wunſche, die Kinder ſehen zu können. Da glaͤnzten die Augen der Madame Black voll Freude und ſie gab gleich Befehl, ſie zu holen, aber freilich bemerkte ſie auch, daß ſie immer viel herum liefen und ſelten im Stande wären, ſich ſehen zu laſſen. Miß St. Clair hatte ſich während der Zeit mit ihren Baſen unterhalten, huͤbſche, gutmuͤthig ausſehende Maͤdchen. Die eine ſprach viel von Bällen, Offizie⸗ ren und Dichtkunſt. Doch jetzt kamen die Kinderchen. Sie ſeufzte und meinte, daß jedes vernuͤnftige Geſpräch zu Ende ſey. Die jungen Leutchen waren offenbar ſchon fuͤr den Zweck herausgeputzt worden; alle zeigten ſich als huͤbſche, derbe, bluͤhende, etwas bloͤde Geſchöpfe. Die Haare waren gerade herunter gekämmt, ſchienen aber ſich mit dem Kamme nicht vertragen zu koͤnnen⸗ Die juͤngſte hatte rothe Augen, bleiche Wangen. Man ſah, daß ſie krank war. Alle aber zeigten ſich, wie . 98 man dies artig ausdruͤckt, als recht liebe Kinder, und alle machten auch ihren Knix und gingen mit einwaͤrts gerichteten Fuͤßen, die Finger im Munde haltend. Die neuen Verwandten liebkoſten ſie, bis Herr Black eintrat und dies der Aufmerkſamkeit einen andern Weg zeigte⸗ Er war der einzige im Hauſe, auf welchen die Erſcheinung eines Staatswagens mit vier Pferden kei⸗ nen Eindruck gemacht hatte. Schlicht gekleidet, er⸗ hitzt, ganz in gewöhnlicher, ſelbſt etwas gemeiner Weiſe trat er herein. Uebrigens ſchien er gutmuͤthiger Art. Madame St. Clair hatte etwas Theatermäßiges erwartet, wenn ſie mit ihm zuſammen kommen wuͤrde. Aber ſie irrte ſich. Er ſchien an ſo etwas gar nicht zu denken. Mit dem Blicke, der Art, dem herzlichen Empfange, der deutlich ausſprach, bei ihm ſey jede feine Aeußerung verloren, bewillkommte er ſie. „Na,“ ſagte er,„'s iſt lange her, Sally, daß wir uns nicht geſehen haben!“— Er ſetzte ſich zu ihr, auf jedes Knie ein Kind.„Du haſt Dich aber huͤbſch erhalten!— Freilich, ſo viel Noth wirſt Du nicht gehabt haben, wie ich!“— Hier ſah er voll Stolz und Freude auf ſeine Kinder, indem er ſich doch ſtellte, als müͤſſe er ſeufzen. Die Schweſter ſchuͤttelte mit dem Kopfe und ſeufzte auch, aber ihr Seufzer kam tiefer aus dem Innern. Er ſagte— ſollte mindeſtens ſagen:„Der Himmel weiß, was ich wegen der Einzigen geduldet habe!“ Madame Black ſchien dies zu verſtehen. Mit einem Blicke des Mitleidens aͤußerte ſie: 99 „Ich weiß gewiß, daß ein einziges Kind ein großes Ungluͤck iſt! Wir koͤnnen dem Himmel ſehr danken, daß ſo viele der unſrigen leben blieben!“— Sie winkte einer Tochter und ſagte ihr etwas leiſe, indem ſie ihr einen Schluſſel gab. Das Mad⸗ chen ging hinaus, doch in wenigen Minuten kam der blondlockige Diener und brachte einen ſilbernen Praͤſen⸗ tirteller voll des beſten Kuchens und des ſtärkſten, ſuͤ⸗ ßeſten Weins. Gertrude nahm den Hut ab, die Ga⸗ ben genießen zu können. Der Onkel betrachtete ſie ernſthafter, als es ſich ſchickte und muſterte dann alle ſeine Kinder. „Ich ſuche eine Aehnlichkeit zwiſchen deiner Toch⸗ ter und meiner Brut heraus zu bekommen,“ ſagte er endlich zur Schweſter,„allein mir ſcheint's, als ſchluͤg' ſie nicht ſehr in die Blackſche Familie ein.“ „Sie ſoll mehr ihres Vaters Familie gleichen, als der meinigen!“ erklaͤrte die Schweſter und ward feuerroth; ſonſt ſah ſie aͤrgerlich. „Von der hab' ich Niemanden geſehen!“ ent⸗ gegnete der Bruder.„Ihr Vater, wenn ich recht mich erinnere, hatte lichtes Haar und eine platte Naſe, und—“ „Da wird man nicht fertig, wenn man ſolche Aehnlichkeiten herauskluͤgelt!“ unterbrach ihn ſeine Schweſter, ſchnell aufſpringend.„Die Zuͤge im All⸗ gemeinen machen oft vielen Eindruck und jeder ein— zelne iſt doch abweichend!“ 74 100 Sie machte Anſtalt zum Abſchiednehmen, als eines der Kinder, das zum Fenſter hinaus ſah, aus⸗ rief:„Da kommt Bella und der Major!“ Unter ſolchen Verhaͤltniſſen fortzufahren, erklaͤrte man, ſey unmoͤglich. So mußte Madame St. Clair, wenn auch uͤber den Aufenthalt noch ſo verdrußlich, doch die Gegenwart des liebenden Paares erwarten. Zum Gluͤck hatte Miß Arabella keine Toilette erſt zu machen, denn des Majors wegen war ſie in einem Kleide ausgegangen, das nach Edimburger Zu⸗ ſchnitt gefertigt wurde, wie man ihn aus London, gleich nach der Ankunft der Puppe von Paris bekommen hatte. Sich vorſtellen zu muͤſſen erregte Arabellen daher keinen Kummer. Feſt vertrauend auf die rich⸗ tige Taille, die breiten Schultern, die gehorigen Fal⸗ veln und den gehorigen Beſatz, trat ſie, von ihrem Verlobten begleitet, keck herein. Sie war in der That ein ſehr huͤbſches Mädchenz nette Geſtalt, niedliches Geſicht, ſchones Haar, ſchoͤne Zuͤge, mit huͤbſchem Hute, huͤbſchem Shawl, huͤbſcher Uhr. Allein uͤber alle dieſe Schönheit ergoß ſich ein unerträgliches Weſen von Ziererei und Albernheit, von Wichtigkeit, das die Wirkung ihrer Reize gaͤnzlich vernichtete. Major Waddel war fuͤr einen Nabob*) ein recht paſſabler Mann. Er hatte bronzefarbige Wangen, *) So nennt man die Engländer, welche in Oſtindien reich gewe den ſind. Dir ueberſonet⸗ 101 gelbe Augen, leidliche Zähne, ein langes, eckiges, reundliches, aſſenartiges Geſicht. „Ei, Bella, wir dachten ſchon, Du waͤrſt mit dem Major davon gelaufen!“ rief der Vater ihr ſcher⸗ zend entgegen. „Das iſt recht häßlich geſprochen, Papa, fuͤr ein Mädchen in meiner Lage!“ ſagte Miß Bella und that, als ob ſie ganz verlegen ſey. „Na, na! Hier ſind ja keine Fremden und alſo bedarf es ja keiner Geheimniſſe! Das iſt ziem⸗ lich bekannt: Wenn Du nicht mit dem Major fort⸗ läufſt, läuft der Major in dieſen Tagen mit Dir ſort Herr Black lachte und die Mutter lachte, und alle die Schweſterchen und Bruderchen lachten laut und lange, indeſſen während des Generallachens die ſchone Braut, wie von Verlegenheit uͤberwältigt, ihre Baſe beiſeite nahm und ihr ins Ohr fluͤſterte: „In eine rechte Verlegenheit ſetzt mich meines Papas Späßchen. Ich hatte wirklich die Abſicht, meiner Tante und Ihnen die Sache, wenn die Zeit da wäre, mitzutheilen, aber nur nicht gerade jetzt⸗ Ich muß Sie daher recht ſehr erſuchen, daß Sie in Roßville nichts davon ſagen. Es iſt ſo häͤßlich, wenn in der ganzen Gegend von ſo einer Sache geredet wird. Und der Major und ich haben beſchloſſen, ſie ſo im Geheimen zu halten, als möglich. Geſtern erſt iſt ſie dem Herrn William Waddel eroͤffnet worden, —— ———— ————— 102 aber der Lord Fairakre und keiner der andern Ver⸗ wandten weiß ein Wort davon!“ Madame St. Clair war ſo voller Ungeduld, fort⸗ zukommen, daß das Liebespaar keine Gelegenheit hatte, ſich weiter zu zeigen. Sie nahm aufs neue Abſchied. Man ſprach viel von einem laͤngern Beſuch, von einem Familienmahle, von einem mehrtaͤgigen Aufenthalte. Miß St. Clair ſollte hier bleiben und ihre Baſen naͤ— her kennen lernen. Kurz, ſie konnte ſich nur durch das Verſprechen losmachen, bei der nächſten Gelegen⸗ heit den Beſuch zu wiederholen. „Mich entſchuldigen Sie,“ nahm Miß Arabella Abſchied und that außerordentlich zuͤchtig,„wenn ich den Beſuch nicht erwiedere, wegen der Lage, worin ich jetzt bin!“ Vom Hausherrn und dem Major begleitet, in⸗ dem die ganze Familie nachfolgte, nahm Madame St. Clair und ihre Tochter wieder den Platz im Wa⸗ gen ein. Bald kamen ſie außer dem Bereiche von Bellevue. Der nächſte Beſtimmungsort war das Haus der Schweſtern von St. Clair in der Hauptſtadt der Grafſchaft, und dahin fuhren ſie ab. Zwoͤlftes Kapitel. In tauſend Zellen des Gehirns verſchloſſen Schläft jede Vorſtellung ganz ruhig ein. Doch wecke eine, gern, oder auch verdroſſen, und Myriaden werden munter ſeyn. und jede formt ihr Bild dem andern gleich, und jede iſt an Luſt und Kummer gleich, Wie ſie der Sinne einen rege macht. Doch jede Fiber in dem Herz erwacht. Die Freuden des Gedächtniſſes. Nur ſelten findet ſich ein ſo verhaͤrtetes Gemuͤth, daß es nichts empfaͤnde, wenn es den Schauplatz ſeiner Jugend wieder beſucht. Mag derſelbe in der volkrei⸗ chen Stadt mitten unter den gewöhnlichen, widrigen Gegenſtänden des gemeinen Lebens, oder im einſamen Thal mit gruͤnen Huͤgeln und hingleitenden Strome liegen: dieſelben Gefuͤhle werden das Herz ſchwellen, ſo wie der Gedanke des Vergangenen daruͤber hinfährt. Denn er ſpricht zu uns von den ſorgloſen Tagen der Kindheit, von den fröhlichen Träumen der Jugend, von den voruͤbergehenden Freuden unſeres reifern Lebens und den ruhigen Genuͤſſen des Alters. Er ſpricht zu uns von den Eltern, die im Staube ru⸗ hen; von den Genoſſen unſerer Spiele im fernen Lande jetzt; von den Gefährten, die ſich verändert, entfremdet haben; von Freunden, die uns kalt ge⸗ 104 worden ſind; von Liebe, die ſich in Gleichgultigkeit verwandelt hat. Er ſpricht zu uns vielleicht von ver⸗ lorner Zeit, von verkehrt angewendeten Gaben, von vergeſſenen Warnungen, von verachteten Segenswuͤn⸗ ſchen, vom verlornen Frieden. Wohl koͤnnen wir ſchönere Punkte geſehen haben, als der iſt, auf wel⸗ chem ſich unſere Augen öfſneten, aber in dieſem ſehen wir nur unbelebte Gegenſtaͤnde der Natur. Sie kon— nen unſere Sinne bezaubern, unſere Einbildungskraft einnehmen. Doch, der tiefe, maͤchtige Eindruck fehlt, der ſich mit unſerm Daſeyn ſelbſt verbindet und uͤber uns ſo umfaſſende Macht uͤbt! Auch etwas Feierliches liegt in dem Gedan⸗ ken: wir kehren in das väterliche Haus zuruͤck! Mo⸗ gen ſich die Arme des Vaters öfſnen, das lange ab⸗ weſende Kind zu unſchließen, oder mag das Auge, das Willkommen gewinkt, die Zunge, welche geſegnet haͤtte, jetzt im Grabe modern! Ach, gar viele der wilden Wogen rollen uͤber das Herz des Menſchen dahin und verwiſchen manchen ſeiner ſchönſten Zuͤge, manche ſeiner ſuͤßeſten Erinnerungen. Aber doch bleibt des Vaters Liebe dem Herzen unverloſchlich eingeätzt! Selbſt wenn es in Schuld verſunken, im Laſter vergraben iſt, ein Punkt, ein kleiner Punkt bleibt doch dem reinſten— dem heiligſten der irdiſchen Gefuͤhle heilig! Mit ſolchen vermiſchten Gefuͤhlen ſtand Madame St. Clair in der Thuͤre des Hauſes, das ſie vor drei und dreißig Jahren verlaſſen hatte! des Hauſes, worin ſie zum erſtenmale das Licht erblickte— werin ihre — 105 Eltern gewohnt hatten, worin ſie dieſelben von einer zahlreichen Familie umgeben verließ! Doch Alle wa⸗ ren heimgegangen— den Bruder ausgenommen, den ſie ſo eben geſehen hatte, und zwei Schweſtern, die das Haus noch jetzt bewohnten! Selbſt der mit aller Verſtellung bekannte Charakter behaͤlt noch einiges na⸗ trliches Gefuͤhl. Als ſie uͤber die Schwelle ihrer einſt gluͤcklichen Heimath ſchritt und der Gedanke an das Vergangene uͤber ſie die Oberhand bekam, rief ſie aufs Aeußerſte ergriffen: „Wollte Gott, ich hätte es nie verlaſſen!“ Sie warf ſich auf einen Stuhl und weinte ohne Ziel und Maß. Die wahre Ruͤhrung macht einen, Ueberzeugung mit ſich fuͤhrenden, Eindruck. Gertrude war an die Ausbruͤche des Charakters ihrer Mutter gewoͤhnt, aber wie tief das jetzige Gefuͤhl ſey, ſah und fuͤhlte ſie. Mit zärtlicher, warmer Theilnahme ſuchte ſie den Kum⸗ mer der Mutter zu beſchwichtigen. Doch mit Blick und Geberde, die nichts, als Abſcheu ausdruͤckten, ſtieß die Mutter Gertruden zuruͤck. Im naͤmlichen Augen⸗ blicke näherte ſich ein weibliches Weſen. Madame St. Clair ſank in ihre Arme, ſchluchzte aber bitterlich, waͤhrend die Thraͤnen der Schweſter ſich mit den ih⸗ rigen miſchten. Die Schweſter gewann zuerſt Faſſung wieder. Mit ſanfter, wenn auch noch etwas zittern⸗ der Stimme ſagte ſie: „Ich habe ſolche Gefühle gern, meine theuere Sarah. Sie ſind ſo natuͤrlich! Du vermiſſ'ſt alle, 106 welche Du verlaſſen haſt— Du denkſt, wie viel ſchoner die Zuſammenkunft ſeyn muͤſſe, hätte es Gott gefallen, ſie uns zu laſſen! Doch, ich hoffe, es iſt ja fuͤr uns noch ein gluͤckliches Wiederſehen aufbe⸗ wahrt!“ „Ach nein! nein!“ ſchluchzte Madame St. Clair in Thränen zerfließend und auf ihrer Schweſter Schul⸗ ter gebeugt. „Liebe, gute Sarah,“ ſagte Miß Black mit zartem Vorwurf, den eine zärtliche Umarmung beglei⸗ tete.—„Komm, laß Dich zu unſerer guten Marie fuͤhren, die Dir nicht entgegengehen kann!“ Madame St. Clair richtete ſich auf und verſuchte es, ſich zu faſſen, indem ſie ſich in ein Simmer bringen ließ, wo ihre juͤngſte, ihre Lieblingsſchweſter war. Als ſie das Haus verließ, ſah ſie ſie als ein lebhaftes, liebenswuͤr⸗ diges Kind von fuͤnf Jahren, mit blauen Augen und blon⸗ den Locken, und dies Bild der ſchoͤnen Kindheit hatte im⸗ mer in ihrem Gedaͤchtniſſe gewuchert, obgleich ihr ſchon der Kopf ſagte, daß es in der Wirklichkeit laͤngſt entflo⸗ hen ſeyn muͤſſe. Doch— die Vernunft kann uns nur unvollkommen jene langſamen, ſtillen Verheerungen der Zeit ſchildern, und als Miſtreß St. Clair ihre Schwe⸗ ſter erblickte, erſchrak ſie, als ſey die Veraͤnderung das Kind eines Augenblicks geweſen, ſtatt daß ſie durch Leiden und Kräfteverfall allmählig herbei⸗ gefuͤhrt war. Die Einbildungskraft konnte freilich kei⸗ nen ſolchen ergreifenden Widerſpruch bilden, wie ſich jetzt mit einem Blicke ergab. Madame St. Clair ge⸗ 107 dachte blos des fröhlichen, roſigen, bluͤhenden Maͤdchens, deren ſchone Geſtalt noch immer vor ihren Augen huͤpfte, oder in kindlicher Freundlichkeit an ihrem Nak⸗ ken zu haͤngen ſchien. Und auf derſelben Staͤtte, wo ſie ſich das letztemal von ihr trennte, ſah ſie nun ein Bild des zu fruͤhen Hinwelkens— bleich, bewegungs⸗ los, gelähmt ſaß Marie da! Einen Augenblick lang trat ſie vor dem halb lebend, halb verklaͤrt ausſehenden Weſen mit dem angebornen Schauder zuruͤck, der die Herzen der Welt vor allem zittern laͤßt, was ihnen ihre ſterbliche Natur verkuͤndet. Ein ſchwacher Anflug von Röthe färbte die bleiche Wange der Schweſter, eine Thräne glänzte im blauen, ſanften Auge derſelben, ihr Herz ſchien zu voll zu werden, vielleicht vergaß ſie ſogar ein wenig die eigne Schwäche. Doch als Mi⸗ ſtreß St. Clair wieder hinblickte, war die fieberhafte Röthe entflohen, die Thraͤne trocken, der Seufzer er⸗ ſtickt! „Gottes Wille geſchehe, Schweſter,“ ſagte ſie mit dem Blicke und Ausdrucke ſanfter, heiliger Erge⸗ bung. Madame St. Clair konnte nicht ſprechen. Sie warf ſich ihrer Schweſter weinend um den Hals. Inzwiſchen ſtand Gertrude in der Ferne. Ihr Herz war voll Kummer, ihr Auge voller Thränen. Sie verglich die Gefuͤhle, welche ihre Mutter gegen die Schweſtern aͤußerte, mit denen, welche ſie von ihr erfahren hatte. Und ihr drängte ſich die ſchmerzliche Gewißheit, daß ſie nicht von ihr geliebt ſey, mit aller der Bitterkeit auf, welche bei ſo einer Entdeckung nur immer erwachen kann. Endlich ließ die Erſchuͤtterung der drei Schwe⸗ ſtern allmaͤhlig nach. Miß Black naͤherte ſich der Nichte und umarmte ſie zaͤrtlich, um ſie zur andern Schweſter zu fuͤhren. „Hier iſt eine Fremde, die bereits zu lange uͤber⸗ ſehen war!“ ſagte ſie.„Doch hat man ſie einmal ins Auge gefaßt, vergißt man ſie nicht ſobald wieder!“ Sie knuͤpfte ihr freundlich den Hut ab und ſah ſie mit Augen voller Zaͤrtlichkeit an. Tante Marie bewillkommte ſie auch. Sie betrachtete die Nichte mit einem Ausdrucke der Liebe und Zaͤrtlichkeit, wie Gertrude, ſie fuͤhlte es wohl, im Auge ihrer Mutter noch nicht geleſen hatte. In der That war zwiſchen dieſer und ihren Schweſtern im Aeußern, wie in der Denkungsweiſe wenig Aehnlichkeit. Eliſabeth, die aͤlteſte unter ihnen, gehoͤrte zu den Frauen, die man nicht huͤbſch, nicht häßlich nennen kann, und fuͤr bei— des manchmal genommen werden. Sie hatte regel— maͤßige Zuͤge, einen ſanften, liebevollen Blick, ſah aber blaß und mager und zeigte, beobachtete man ſie oben⸗ hin, nicht vielen Geiſt. Das letztere war aber eher Folge ihrer feſten, gleichfoͤrmigen Stimmung. Chriſtin in allen Dingen ſprach ſich ihr einfaches, anſpruchloſes Herz in allen Blicken, Worten, Handlungen aus, und gab ihr einen Reiz, den ihr in ihrer Lage keine welt⸗ liche Vollkommenheit verliehen haͤtte. Marie war um viele Jahre juͤnger und trotz der Krankheit, dem Kör⸗ perleiden, bewahrte ſie immer noch Spuren von Schon⸗ heit. Jeder ihrer Zuͤge war vollkommen. Doch das matte Auge, die bleiche Wange, die blaſſe Lippe konnte jetzt nur Mitleid rege machen, ſtatt daß ſie ſonſt Bewunderung verlangten. Weder Pein noch Krankheit hatten den Ausdruck eines Seraphs verban⸗ nen konnen, der wie der Sonnenſtrahl unter Truͤm⸗ mern auf ihrem Antlitze glänzte. Es war der Blick des Weſens, das bereits aller irdiſchen Leidenſchaft ledig iſt, aber noch mit zärtlichem Auge auf die Schwach⸗ heiten ſeiner ſterblichen Genoſſen ſieht! Gertrudens Mutter ſchien fuͤr die Zärtlichkeit, welche die Schweſtern gegen die Tochter bewieſen, nicht ſehr dankbar. Sie blieb verſchloſſen und ſchwieg. Ihr Auge ſchaute nur die Zeugen fruͤherer Tage, denn jedes Ding war in derſelben Ordnung geblieben, wie ſie es verlaſſen hatte; jeder Gegenſtand erzählte eine lange vergeſſene Mahr, oder weckte duͤſtere Gedanken, die geſchlummert hatten. Sie heftete den Blick auf einige fremde Muſcheln, die das Geſims des altmodiſchen Kamins aufputzten. O! welche Reihe von Erinne⸗ rungen wurde durch dieſe ſtummen, unbedeutenden Dinge heraufbeſchworen! Sie waren die Gabe eines Juͤng⸗ lings, der ſie einſt als Mädchen liebte, der ſie ihr aus der Ferne brachte— es war alles, was er bringen konnte!— und ſie hatte viel darauf gehalten, denn damals liebte ſie den Geber! Doch er war ein Ar⸗ mer, eine Waiſe, ohne Freunde, und ſie— wurde das Weib des Sohns von einem Grafen. 110 Jeder mag ſeinen Lebenspfad waͤhlen, doch wer kann ſagen, wohin er leitet? Das Loos iſt in die Urne geworfen, doch der Herr allein verfuͤgt daruͤber! Miſtreß St. Clair den Pfad des Ehrgeizes ein⸗ geſchlagen und dreißig Jahre hatte ſie in Armuth, im fremden Lande, in der Vergeſſenheit zugebracht, waͤhrend der, den ſie verlaſſen hatte, der Pfad der treuen, uneigennuͤtzigen Liebe, ſie auf den Gipfel des Ruhms, des Reichthums, der Ehre geleitet haͤtte! Der arme, verachtete Matroſenknabe hatte ſich naͤmlich durch Tapferkeit und Kenntniß ausgezeichnet, und auf ſeiner ehrenvollen Laufbahn ein großes Vermoͤgen, durch ſich ſelbſt einen Namen erworben, der forterbte. Dies wußte Miſtreß St. Clair, denn ſie hatte von ſeinen tapfern Thaten gehört und den bitterſten Schmerz empfunden, ſich die beißendſten Vorwuͤrfe gemacht, und dieſe Gefuhle breiteten ſich ſinſter jetzt auf ihren Zügen aus, als ſie die Zeugen ſeiner jugendlichen Liebe ſah, als ſie des tapfern, großherzigen Mannes gedachte, den ſie fuͤr einen Schatten der Große vertauſcht hatte. Sie wendete ſich weg und ihr Blick fiel auf die ehr⸗ wuͤrdige Hausbibel. Aus ihr pflegte die Mutter jeden Morgen und Abend der Familie ein Kapitel vorzuleſen. Sie erinnerte ſich, als ſey es erſt von geſtern her, des letzten Abends, den ſie zu Hauſe zubrachte. Die Ge⸗ ſtalt der Mutter ſtand vor ihr— ihrer Mutter Stimme drang zu ihren Ohren! Die Worte derſelben an je⸗ nem Abende fielen ihr ein, wie ſie ihr ſeitdem oft bei⸗ gefallen waren. Sie las da das letzte Kapitel des P 111 Predigers, das an Schönheit und Erhabenheit ſeines Gleichen nicht hat, was auch immer ein Prophet ſprach, ein Dichter ſchrieb, und das mit der rührenden Er⸗ mahnung beginnt: FGbhhie deines Schoͤpfers in den Tagen deiner Jugend, ehe die boſen Tage kommen und die Jahre dazu treten, da du wirſt ſagen: ſie gefallen mir nicht!“ Den Schluß macht die furchtbare Verheißung:„Denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen, die verborgen ſind, ſie ſeyen gut oder boͤſe!“— Unwillkuhrlich ſeufzte ſie tief und ſchloß das Auge zu. „Du ſiehſt vieles, was dich an die vergangenen Tage erinnert, liebe Schweſter,“ ſagte Eliſabeth zärt⸗ lich. Aber wenn der erſte Eindruck voruͤber iſt, ſo wirſt Du alle dieſe Dinge ſo betrachten, wie wir: als Andenken an die, welche uns liebten!“ „Nie! niemals!“ rief ſie aufſpringend und nach dem Fenſter gehend.„Alles ſcheint hier mich quaͤlen zu wollen! Selbſt die Luft erſtickt mich!“ Sie oͤffnete das Fenſter und ſchaute hinaus, doch nur— um andere Zeugen der Vergangenheit wahrzu⸗ nehmen! Hier ſah ſie den kleinen Garten, den Schau⸗ platz manches fröhlichen Kinderſpiels! Er lag in vol⸗ lem Glanze der Mittagsſonne da. Alles war ſchön und heiter. Ein alter Kaſtanienbaum neigte ſeine pur⸗ purnen Bluͤthen auf den laͤndlichen Sitz in der Ecke herab, und die Zeit, wo ſie hier ſaß und ſich hinter ſeinem phantaſtiſchen Laube verbarg, ſchien ihr gar nichts zu ſeyn! Sie erinnerte ſich nur zu ſehr, wie ſie, nach einer langen Kinderkrankheit, der Vater in ſeinem Arme nach dem Garten trug; wie ſie da außer ſich die friſche Luft athmete und den blauen Himmel erblickte und die glänzendſten Blumen ſah.„So ein Tag, wie dieſer, war es!“ dachte ſie.„Die Luft iſt jetzt erquickend, wie damals— der Himmel eben ſo ſchon, die Blumen duften eben ſo ſuß! Aber— mein Vater! Ach, wenn er noch lebte, wuͤrde er, wie er damals that, dem Himmel danken, daß ſein Kind er⸗ halten war?“ Und wiederum entſfielen ihrem Auge bittere Tro⸗ pfen, als ſie traurig den Blick wegwendete. Doch die Saite ihres Gefuͤhls war zu hoch geſpannt, um ohne große Muͤhe wieder die gehörige Stimmung zu finden. Es iſt manchmal leichter, die Kette zu zerbre⸗ chen, als ſie zu luͤften. Madame St. Clair fuͤhlte ſich zu jeder gewöhnlichen Mittheilung verſtimmt und ſo nahm ſie ſchnell von den Schweſtern Abſchied mit dem Verſprechen, wieder zu kommen, wenn ihre Ner⸗ ven ſtärker ſeyen. Schnell durch die Menge ſich drän⸗ gend, welche ſich um die glaͤnzende Equipage verſam⸗ melt hatte, warf ſie ſich hinein, als fuͤrchtete ſie, erkannt zu werden, und rief der Tochter ungeduldig, ihr zu folgen- Die Kutſcher ſchwangen die Peitſchen, die Menge trat zuruͤck, der ſtolze Staatswagen ſauſte glänzend dahin, bis er dem Auge der neidiſchen, ſtaunenden Menge verſchwunden war! 113 Dreizehntes Kapitel. Wer nur Gefühl im Herzen hat— Für ihn iſt nichts verloren. Ihm lächelt jedes grüne Blatt, Er iſt ſtets neugeboren! Lied. Miſtreß St. Clair und ihre Tochter fuhren einige Zeit in tiefem Stillſchweigen dahin. Die Mutter hing duͤſteren Gedanken nach, die Tochter kraͤnkte ſich und trauerte, daß ſie von ihrer Mutter ſo kalt, ſo launenhaft behandelt werde. Was Miſtreß St. Clair zuerſt aus ihrem Sinnen erweckte, war die Anſicht von Roßville, als es ſtolz uͤber die das Schloß umragende Waldung hervorragte. Sie ſah es und allgemach kehrte die hei⸗ tere Stirn, das glaͤnzende Auge, der gewöhnliche Aus⸗ druck zuruͤck. „Gertrude, meine gute Gertrude,“ ſagte ſie, der Tochter Hand nehmend,„ich habe Dich heute bei⸗ nahe ganz vergeſſen. Allein Dein Herz wird Dich ſelbſt beurtheilen laſſen koͤnnen, was das meinige ge⸗ litten hat!“— Sie ſeufzte tief. „Ja,“ antwortete Gertrude in einiger Beſtür⸗ zung.„Ich begreife wohl, wie Sie viel litten. Aber nur kann ich mir nicht enträthſeln, warum— ach . 114 Mutter— was hatte ich denn gethan, daß Sie mich wie ein giftiges Gewuͤrm zuruͤckſtießen?“ „Meine gute Gertrude! Welch' ein Gedanke! Das hat Dir blos Deine Phantaſie eingefluͤſtert! Wie kannſt Du nur zugeben, daß Dich die Phantaſie ſo weit fuͤhrt? Komm, meine Theuere, laß nicht ſolche alberne Vorſtellungen unter uns herrſchen! Nein, wirklich—“ hier ofſnete ſich das Thor zum Parke, um ſie herein zu laſſen—„das waͤre wohl ſonder— bar, die ſchoͤne Erbin von ſolcher fuͤrſtlichen Beſitzung wie ein Gewuͤrm wegzuſtoßen!“ Doch mochte es ſonderbar ſeyn, ihre Tochter fuͤhlte, es ſey ſo und ſchwieg. Die Mutter begann aufs neue: „Ach, bei der Gelegenheit, Gertrude, wenn Du Herrin von Roßville biſt, mußt Du mir an jenem ſchoͤnen, gruͤnen Ufer ein Huͤttchen bauen laſſen, wo ich ruhig, demuͤthig leben kann, indeſſen Du die große Dame ſpielſt.— Geſchwind, verſprich es mir, daß ich ein Häuschen von Dir bekomme, ein Gemuͤſegart⸗ chen, Weide fuͤr eine Kuh!“ Es war etwas ſo Gewaltſames, ſo Unnatuͤrliches in der plotzlichen Fröhlichkeit der Mutter, daß Miß St. Clair, an den ſchnellen Wechſel ihrer Launen ge⸗ wöhnt, ſich doch dabei ſcheute und uͤbrigens nicht zu antworten wußte. „So willſt Du mir ſelbſt nicht eine duͤrftige Unabhaͤngigkeit im Alter zuſichern, Gertrude?— Ha, vielleicht haſt Du Recht, ſo vorſichtig zu ſeyn! Lear's Tochter ſprachen mit ihrem Vater freundlich, und als⸗ dann warfen ſie ihn zur Thuͤr hinaus. Ach, warum ſollte ich denn von Dir mehr erwarten?“ „Ach, Mutter!“ rief Gertrude in Thränen aus⸗ brechend,„toͤdten Sie mich doch nicht mit ſolchen grauſamen Worten!“ „Alſo iſt es grauſam, wenn eine Mutter von der Guͤte ihres Kindes eine ſolche Kleinigkeit verlangt?“ „Grauſam iſt es, zu zweifeln, daß ich Ihnen alles gäbe!— Ja, waͤre dies morgen alles mein, ſo koͤnnte ich nicht mehr Herrin deſſelben werden, als Sie es ſeyn ſollten!“ „So denkſt Du jetzt, aber Du kennſt nicht die Veraͤnderlichkeit des menſchlichen Herzens!— Du wirſt andere Bande knuͤpfen, andere Verbindungen ein⸗ gehen— wirſt heirathen und Deine Mutter wird ver⸗ geſſen— vielleicht verlaſſen ſeyn!— Du wirſt heirathen!“ rief ſie mit ſteigender Heftigkeit—„Hei⸗ rathen wirſt Du und ich bleibe dem Mangel Preis gegeben! Du wirſt die Beute des verfuͤhreriſchen Oberſten Delmour, eines Verſchwenders, eines Tauge⸗ nichtes! Ich ſehe ja ſchon, wie er der kuͤnftigen Er⸗ bin den Hof macht, und biſt Du erſt das Weib des eigennutzigen, wohlrechnenden Mannes, dann haſt Du nichts mehr zu ſchenken!“ Staunend, erſchuͤttert von ſolcher Heftigkeit ſuchte Miß St. Clair die Mutter durch das Verſprechen zu beſchwichtigen, daß ſie ſich irre, wenn ſie bei dem 8* ———— 116 Oberſten ſolche Abſichten muthmaße. Doch ſchnell fiel ihr die Mutter in die Rede: „Nun denn, ſo verſprich mir, nie ſein Weib zu werden?“ Einem oſſenen Herzen iſt es einigermaßen empo⸗ rend, ſich durch Verſprechungen feſſeln zu laſſen. Allein bei Gertruden war noch etwas mehr, als dieſer angeborne Widerwille, um ſich zu weigern, ſo dem Verlangen der Mutter zu genuͤgen. Sie antwortete nicht, aber die hohe Roͤthe ihrer Wangen ſprach be⸗ redtſamer, als Worte. Miſtreß St. Clair betrachtete ſie mit durchdringendem Blicke. Dann rief ſie im Uebermaße des Zornes: „Und es iſt ſo!— Und alles, was ich gethan und geduldet habe, iſt—“ hier hielt ſie plötzlich inne. Sanfter ſetzte ſie hinzu:„Gertrude, mein Wunſch iſt, Dich vor den Gefahren zu ſichern, von denen Du be⸗ reits umgeben biſt!— Verſprich mir zum mindeſten, daß Du vor dem zwei und zwanzigſten Jahre nicht heirathen, daß Du nicht ohne meine Einwilligung hei⸗ rathen willſt, und bis Du fuͤr mein Alter geſorgt haſt!“ „Mutter,“ erwiederte Gertrude ruhig und mit der, feſten Entſchluß verkuͤndenden, Selbſtbeherrſchung: „Ich verſpreche Ihnen, daß ich vor dem zwei und zwanzigſten Jahre ohne Ihre Einwilligung nicht hei⸗ rathen will, und vorher fuͤr Sie ſorgen werde, wie es eine Mutter verlangen kann. Mehr aber— kann ich, darf ich— willich nicht verſprechen!“ 117 „So muß ich mich dabei begnuͤgen!“ ſagte Mi⸗ ſtreß St. Clair und der Wagen hielt am Schloß⸗ thore. Sie ſtieg aus und ging in das Gebaͤude. Ger⸗ trude blieb einige Minuten auf der freien Anfahrt. Sie athmete die ſuͤßen, kuͤhlenden Weſte ein, die mit dem balſamiſchen Geruche ſich öffnender Knoſpen und Bluͤthen geſchwaͤngert waren. Unmerklich ging ſie wei⸗ ter. Der unangenehme Auftritt, den ſie eben mit der Mutter gehabt hatte, trat allmaͤhlig zuruͤck, als die Reize der Natur ihren beruhigenden Eindruck gel⸗ tend machten, und ſie den klaren, wolkenleeren Him⸗ mel, den ſäͤuſelnden, hinfließenden Bach, die glänzenden gruͤnen Baͤume, in aller Herrlichkeit des erſten Som⸗ mers ſah. Sie wanderte hin, bis ſie auf einen noch nicht geſehenen, etwas einſam gelegenen Punkt kam. Auf der Spitze eines gruͤnen Huͤgels, der allmaͤhlig ſich am Fluſſe erhob, ſtand ein Theil eines alten Gebaͤudes in unregelmäßiger, aber maleriſcher Geſtalt und meiſt mit Epheu bewachſen. Einige wilde Kirſchbaͤume dicht in der Naͤhe, weiß mit Bluͤthen bedeckt, bildeten den ſchonſten Gegenſatz mit den Bildern des Alters, des Verfalls, zu denen ſie ſich geſellt hatten. Das Land zwiſchen der Ruine und dem Fluſſe ſchien urſprunglich ein Garten geweſen zu ſeyn. Man ſah noch einige alte Aepfelbäume, deren bemoßte Stämme und ver⸗ kruppelte Aeſte ihre Jahre beurkundeten, indeſſen hier und da eine dichte Menge purpurrother Bluͤthen zeigte, daß —— † 118 „Leben war im Blatt, Und in der Bluͤthenpracht Das Gruͤn des Baumes lacht.“ Einige alte Trauerweiden tauchten ihre ſilbernen Blätter in das dunkle Gewaͤſſer, das langſam und ſchweigend darunter hinzog. Kurz das Ganze gab dem denkenden Geiſte Stofſ, uͤber den traurigen Wechſel der SZeit und der Dinge, und der Menſchen, wie ſie waren und wie ſie ſind, uͤber alle ihre Freuden und Leiden nach⸗ zuſinnen. Die jugendliche Einbildungskraft konnte ſich ein Paradies hier denken, wie es erſt zu erwarten iſt. „Ach,“ dachte Gertrude,„wie gern wollt' ich allem Glanze der Groͤße entſagen, um hier in ſtiller Zaͤrtlichkeit mit einem Weſen zu wohnen, das mich liebte, das ich wieder lieben koͤnnte! Wie ſeltſam iſt es, daß ich, die den Wurm, der zu meinen Fuͤßen kriecht, lieben mochte, kein Weſen habe, dem ich die Gedanken meines Herzens ausſchuͤtten kann! keinen habe, dem ich die ſuͤßeſte Neigung deſſelben ſchenken kann!“ Sie blickte, das Auge voller Thraͤnen, zum Him⸗ mel auf, doch nur mit dem dichteriſchen Feuer des Gefuͤhls, nicht mit dem ruhigen Geiſte des from⸗ men Sinnes. Ploͤtzlich hörte ſie, erſchreckend, Je⸗ mand kommen. Der Oberſt Delmour bahnte ſich den Weg durch einiges Gebuͤſch und eilte, dem Scheine nach ſehr erfreut, herbei. Als ſie ihn ſah, gedachte ſie der Warnung ihrer Mutter. Die von ihr bezeugte Unzufriedenheit, den Verdacht, welchen ſie nahrte, das 1¹9 Verſprechen, das ſie verlangte. Alles ſchien ihm in ih⸗ ren Augen einen unerklärlichen Reiz zu geben. Sie errothete und daß ſie dies fuhlte, machte ihre Verle⸗ genheit noch größer. „Ich habe um Entſchuldigung zu bitten,“ rief der Oberſt von weitem,„daß ich mir ſo in buchſtäb⸗ lichem Sinne den Weg zu Ihnen erzwinge. Lyndſay und ich ſchoſſen nach der Scheibe, als ich Sie ent⸗ deckte. Sie aber ſehen und nicht zu Ihnen hinfliegen, war unmöglich, und wenn der Rieſe Briareus im Wege geweſen waͤre. So ließ ich Eduard das Feld, ich be⸗ flägelte meine Schritte zu Ihnen, wie einen meiner Bolzen— doch ich fuchte, ich habe Sie geſtort?“ Gertrude glaubte, ihrer Mutter geradezu ungehor⸗ ſam zu ſeyn, wenn ſie ſo zufaͤllig mit dem Manne zuſammen kam, der ihr eben ſo ſchlecht geſchildert wor⸗ den war. In großer Verlegenheit bat ſie ihn, wieder an ſeinen Zeitvertreib zu gehen und wollte fort, als der Oberſt ſie bei der Hand nahm und leiſe ſagte: „Gehen Sie nicht fort; Sie muͤßten denn wuͤn⸗ ſchen, von Miß Pratt beobachtet zu werden. Sie dreht ſich hier herum. Ich ſah ſie, als ich hier her⸗ kam. Allein ich hoffe, ſie ſoll die Spur verlieren. Bleiben Sie, bis die Geſtalt voruͤber iſt!“ Miß St. Clair wuͤnſchte, nie der Miß Pratt in den Weg zu kommen, und jetzt am wenigſten. Sie ließ ſich vom Oberſt Delmour auf eine Raſenbank fuhren. Er warf ſich ins Gras zu ihren Fuͤßen. ————,— W. „Dies ſey Ihr Thron,“ fluͤſterte er,„und ich Ihr Unterthan.“ Er blickte ſie zärtlich an und dekla⸗ mirte: Le premier jour, qu'on aime, on se plait en sécret, A mettre au rang des Rois I'objet, que l'on adore. Et s'il étoit un rang plus éclatant encore, Ce seroit lä celui, que le coeur choiseroit!“*) Miß St. Clair ſuchte in ſcherzendem Tone dar⸗ auf zu antworten, aber die Silben erſtarben ihr auf der Zunge. Sie wurde wieder verlegen und ſchwieg. Endlich erſchien Herr Lyndſay, doch ehe er noch Zeit zu gruͤßen hatte, ließ ſich Miß Pratt's gellende Stimme hoͤren und im Augenblicke trat ſie herbei: „Herr Jeſus, da ſind Sie ja alle hier? Wahr⸗ haftig, hier kommen ja alle guten Freunde zuſammen! Da fällt mir ein Ding aus der Komödie ein, wo die Liebhaber alle zuſammen kommen, die huͤbſche Anne Page zu entfuͤhren. Die einen ſchreien Bſt Bſt, und die andern fort, fort!“ „Das ſind zwei huͤbſche Worte!“ erwiederte der Oberſt höchſt ärgerlich.„Wenn Sie ſie verſtehen, ſo reden Sie nicht und gehen!“ „Ein Paar recht impertinente Worte ſind's, meiner Meinung nach!“ ſagte Miß Pratt, ſich ge⸗ *) Vom erſten Tage an, wo man ein Mädchen liebt, Giebt man ihr gar zu gern des erſten Königs Thron. und klagt, daß außerm Thron es nichts noch Größ'res giebt, und gäb's ihr gar zu gern, wird nur ihr Herz der Lohn! laſſen neben Gertruden ſetzend. Ich mache mir, auf⸗ richtig geſagt, nicht viel aus Ihrem Bſt, Bſt! Da iſt eine Familie in der Grafſchaft, ſo zungenfaul, Laß ſie Antonius nur immer das ſtille Haus nennt! Nun horen Sie mal, Herr Eduard, Ihnen braucht man eben auch nicht Bſt Vſt zuzurufen, denn ſeit kurzem ſind Sie auch ganz ſtill geworden! „Ein Beweis von größerer Weiöheit vielleicht,“ antwortete dieſer lachend.„Jenem großen Mann zu⸗ folge, der, ich glaube, die Meinung hegte, daß die meiſten Menſchen ſpraͤchen, weil ſie nicht zu ſchwei⸗ gen verſtaͤnden.“ „Das hat ein dummer, träger Narr geſagt!“ rief der Oberſt, augenſcheinlich aufgebracht⸗ „Ja, Oberſter, das denk' ich auch,“ ſtimmte Miß Pratt bei.„Jedermann kann wohl ſeine Zunge halten, aber nicht jedermann kann reden!“ „Nicht jedermann wenigſtens ſo reden, wie er ſollte, und daß man ihn anhoören konnte!“ er⸗ wiederte der Oberſte, ſich verächtlich umdrehend und Gertruden ein Paat franzoſiſche Worte zufluͤſternd. Aber Miß Pratt durchkreuzte ſie: „Ach Herr Jeſus, da hab' ich mir ein Loch in meinen Rock geriſſen! Das Ungluͤck verfolgt ordent⸗ lich den Rock! Ich darf ihn nicht anziehen, ohne daß ich einen Unfall damit habe! Das hab' ich nun davon, Euch jungen Leuten nachgelaufen zu ſeyn!“ Im nämlichen Augenblick war ein Etui heraus, 1 909 —— der Fingerhut am Finger, die Nadel durchfuhr die Luͤfte, den Schaden wieder gut zu machen. „Ja, wovon ſprachen wir denn? Richtig! wie die Leute nicht reden ſollen! Ja, ich wollte, die Vo⸗ gelchen hielten auch ihren Schnabel. Ich bin ganz taub von ihrem dummen Piep Piep!“— Sie ſchlug mit dem Paraſol nach einem Finken.—„Meine Meinung iſt, die jungen Leute ſollten huͤbſch ſtill ſeyn und warten, bis ſie gefragt wuͤrden! War das ein Fiſch, der im Waſſer jetzt aufſprang?'s iſt doch Schade, daß Niemand eine Angelruthe mithat, ſtatt der dummen Armbruſt und Bolzen. Das waͤre doch ein Bischen Spaß, wenn man ſo einen huͤbſchen drei⸗ pfuͤndigen Lachs hängen ſähe!— Alte Leute ſollten ſich auch in Acht nehmen, ſo viel zu reden. Manch⸗ mal reden ſie, daß ſie gar kein Ende finden. Sie wiſſen ſchon, wen ich meine. Ich kann's gar nicht mit anhoͤren!— Herr Jeſus, wie der Wind die Bluͤ⸗ then herabwirft! Ich bin ganz bedeckt davon!“ „Nun, ſo hören Sie, was ich ſage,“ nahm Herr Lyndſay das Wort und hob eine Bluͤthe auf. „Ich will ſie mit ein Paar huͤbſchen Verſen beſingen: Ihr Kinder von dem ſchoͤnen Baum, Was ſterbt ihr denn ſo hin? Durchlieft ihr ſchon den kurzen Raum? Ergoͤtzt noch unſern Sinn! O duftet ſuͤß und bluͤhet noch! Wozu ſchuf euch Natur? Zum ſchnellen Tod! O weh! und doch Deckt ihr die gruͤne Flur! Ihr ſchoͤnen Bluͤthen deutet an: Wie ihr, faͤlt alles ab! um uns iſt's, wie um euch gethan, Nichts bleibt uns, als das Grab!“ Miß Pratt aͤußerte, während er dieſe Zeilen vor— trug, die lebhafteſte Ungeduld. Doch der Zweck war erreicht, die Zeit, während ſie das Loch ausbeſſerte, vergangen; ſich vor mehr Verſen fuͤrchtend, die ſie wie den Tod haßte, war ſie gern bereit, als Miß St. Clair heimzukehren vorſchlug. „Ich kann Ihnen auch was ſagen, mein Schätz⸗ chen,“ fluſterte ſie Gertruden ins Ohr.„Das Bſt Bſt muß hier aber unſere Parole heute ſeyn⸗ Eine gewiſſe Perſon“— ſie winkte auf den Oberſten— „iſt nur der juͤngere Bruder! Den brauchen wir nicht! Er kann ein huͤbſches Männchen ſeyn, wenn es ihm zu ſeyn beliebt, aber verlaſſen Sie ſich darauf: der fuͤhrt die Braut nicht nach Hauſe!— Ach, Herr Jeſus, ich dachte gar nicht daran, daß es ſchon ſo ſpät iſt, und ich muß noch vor dem Eſſen eine Falbel auf meinen Rock ſetzen!“ Fort floh ſie nach ihrer Toilette und Gertrude ging auf ihr Zimmer, uͤber die Ereigniſſe des Tages nachdenkend. — — — ——— Vierzehntes Kapitel. So liebe mich ſtets treu, Und wiß es nicht: warum! Dann liebſt du mich ſtets neu, Bleibt deine Lieb' auch ſtumm! Altes Lied. Wenn ein Maͤdchen uͤberlegt, iſt ſie ſchon halb verloren! Dieſe Bemerkung iſt ſo oft be⸗ waͤhrt, daß zwar unzählige Weiber uͤberlegt haben mo⸗ gen, wie ſie ſich ſchuͤtzen können, allein ſobald ein Liebhaber vermuthet, der Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche uͤberlege: ob er lieben, oder nicht lieben ſolle, kann er ziemlich ſicher ſeyn, der Entſchluß werde zu ſeinen Gunſten ausfallen. So mindeſtens dachte der Oberſte, als er die ge⸗ dankenvolle Stirn Gertrudens ſah, wie dieſe vor dem Eſſen ins Geſellſchaftszimmer kam. Wohl hatte ſie den Tag uͤber mehr nachgedacht, als ihr ganzes Leben vorher, ohne daß aber ihre Gedankenreihen eine be— ſtimmte Geſtalt angenommen hätten. Von Natur zaͤrtlich und liebend geſtimmt, hatte ſie doch etwas Stolzes und ungeduldig fuͤgte ſie ſich ungerechten Be⸗ ſchränkungen. Die Lage, worin ſie ſich jetzt befand, war aber gerade geeignet, jede verborgene Triebfeder oh be⸗ ein nn en —2 ihres Charakters in Thätigkeit zu bringen.„Es giebt,“ ſagt ein Franzoſe,„im Laufe des Lebens ſo theuere Freuden, ſo zarte Verbindungen, daß der Wunſch, ſie mochten uns erlaubt ſeyn, ſehr natuͤrlich iſt, ſobald man ſie uns verbietet.“ So konnte auch Gertrude ſich nicht des Wun⸗ ſches enthalten, daß ihr doch ihren Vetter zu lieben nicht verboten worden ſeyn moͤchte. Zwar hatte er noch nicht geradezu ſeine Liebe geſtanden, aber doch mehr, als genug geſagt, ſie von ſeiner heißen Liebe zu uͤberzeugen; das Gluͤck ſeines Lebens hing von ihrer Entſcheidung ab. Gedachte ſie des Vorurtheils der Mutter gegen ihn, des ungerechten, unerklaͤrlichen Vor⸗ urtheils, ſo ſchien es ihr unmoglich, unentſchloſſen blei⸗ ben zu konnen. Entweder mußte ſie den Rath der Mutter befolgen, ihn haſſen, fliehen, ihm entſagen, oder der eignen Neigung nachgeben, ihn horen, auf ihn ſchauen, ihn lieben! So in Verlegenheit gebracht, wäre es wohl jedem der Verſtellung unfaͤhigen Maͤdchen, wie ſie war, un⸗ moͤglich geweſen, das, was in ihrem Innern vorging, zu verbergen.— Doch die, welchen am meiſten daran lag, ſie zu beobachten, deuteten ihre Zuͤge jedes nach den eignen Wuͤnſchen. Als ſie ſich ſo gezwungen zeigte, und die Augen wegwendete, indem der Oberſt Delmour mit ihr ſprach, ſchmeichelte ſich die Mutter, die Beweiſe von dem Mißtrauen, dem Mißfallen wahr⸗ zunehmen, das ſie ihr einzuimpfen bemuͤht geweſen war. Der Oberſt dagegen fuͤhlte ſich vollkommen zufrieden geſtellt. Er glaubte zum mindeſten kein Gegenſtand der Gleichguͤltigkeit zu ſeyn. Doch lange ſeinen Gedanken nachhängen, wenn Miß Pratt zugegen war, blieb unmöglich. Dieſe uͤber⸗ ließ ſich ihren Gedanken nur ſo lange, bis ſie die Klei⸗ der der Gaͤſte, die Gerichte auf der Tafel beſehen hatte. Kaum war die Muſterung der erſtern vorbei, als ſie ſich gleich an Gertrudens Mutter wendete: „Ich dächte, Sie wären heut recht bald wieder nach Hauſe gekommen! Sie muͤſſen Ihren Beſuch recht nach der Mode eingerichtet haben!— Freilich in dem Hauſe Ihrer Schweſtern laͤßt ſich's nicht lange aushalten!— Die arme Miß Marie! Was die ſonſt für ein huͤbſches Mädchen war! Munter wie ein Aal! Jetzt hat ſie ſo etwas Frommes angenommen! Ja, wenn die Leute nicht die Beine brauchen koͤnnen, was ſollen ſie da machen! Wir wollen dem lieben Gott danken, daß wir alle unſere Kräfte beiſammen haben!“ „Mit Ausnahme der Kraft: fromm zu ſeyn!“ bemerkte Herr Lyndſay lachend. „Ei, bis zu einem gewiſſen Grade fromm zu ſeyn, iſt recht ſehr gut!“ antwortete Miß Pratt recht ernſthaft;—„allein es kann auch uͤbertrieben werden. Ich meine damit nichts Boͤſes von den Miß Blacks geſagt zu haben, denn ich verſichere Sie, fuͤr dieſe habe ich große Achtung!— Nun, der alte Herr Ram⸗ ſay? Wie fanden Sie denn den? Doch wohl in einer leidlichen Stimmung?“ 127 „Ich fuͤrchtete, Mylords Roßville's Guͤte zu ſehr in Anſpruch zu nehmen, wenn ich ſeine Leute, ſeinen Wagen ſo lange behielt, und ſo verſchob ich den Be⸗ ſuch meines Onkels bis auf eine andere Gelegenheit!“ war die Antwort⸗ „Dies war außerordentlich wohl uͤberlegt! In der That!“ begann der Lord hierauf, aber wie ge⸗ woͤhnlich unterbrach ihn Miß Pratt ſogleich: „Herr Jeſus, wozu ſind denn Wagen und Be⸗ diente da, als zum Warten? Wenn Sie Ihre Kar⸗ ten gut haͤtten ausſpielen wollen, mußten Sie erſt zu Ihrem Onkel fahren!— Ein alter Mann in der Nachtmuͤtze, ſeine ſiebzigtauſend Pfund werth, muß nicht hinten an geſetzt werden, ſagt Antonius Whyte! Ach, da lärmt der Gong.*) Lord Roßville, Sie ſoll⸗ ten ſich wirklich eine Eßglocke anſchaffen! Ich ſage Ihnen, man kann vor dem Laͤrm ſein eignes Wort nicht hören. Oder— was meinen Sie denn zu einer Trompete? Glocke und Gongs ſind ſo gemein gewor⸗ den, daß Antonius Whyte ſich eine Trompete an⸗ ſchafſen will!“ „Nun, da er bereits einen Trompeter hat, ſo iſt es ganz recht, daß er ſich auch eine Trompete zulegt!“ bemerkte der Oberſt. „Ja, wenn wir an die mörderiſchen Abſichten den⸗ ken, die wir bei Tiſche hegen,“ ſagte Hert Lyndſay, ———————— *) Ein kupfernes Becken, das mit einem hölzernen Hammer ge⸗ ſchlagen wird. Der ueberſeter⸗ 128 „ſo glaube ich ſelbſt, daß ein kriegeriſches Inſtrument ein geeigneteres Sinnbild ſey, als die nuͤchterne, fried⸗ fertige, den Tag verkuͤndende Glocke!“ Freundlich bot er der Miß Pratt den Arm, als dieſe, uͤber des Oberſten Stichelei ärgerlich, allein nach dem Speiſe⸗ ſaale zu eilen Miene machte. Zum Gluͤck konnte ihr Verdruß nicht länger anhalten, als ein Regenſchauer. Bevor noch die Gerichte entgegen dufteten, war ſie wieder— Miß Pratt geworden. „Oberſter!“ rief ſie dieſem zu,„was ſteht denn da vor Ihnen? Das ſieht ja aus, wie fricaſſirte Huͤhner? Schicken Sie mir doch etwas herunter!“ Der Oberſt erfuͤllte ihren Wunſch, aber mit der gleichgultigſten Art von der Welt, und, immer mit Miß St. Clair ſich unterhaltend, gab er eine Portion hin, die ihrem Geſchmacke nicht zuſagte. „Das nehm' Er nur gleich wieder weg und mach' Er dem Oberſten mein Compliment! Er ſollte mir ein Flugelchen ſchicken!“ wies ſie den Bedienten zurecht.—„Oberſter, wiſſen Sie denn nicht, wie jetzt die Mode iſt?— Wenn jetzt Wildpret oder Ge⸗ flugeltes auf den Tiſch kommt, wird gefragt: laufen Sie gefälligſt, oder fliegen Sie? Das heißt, wollen Sie Bein oder Fluͤgel? Ach, da war ein huͤbſcher Auftritt bei Antonius Whyte, wie einmal die Lady Pufſſendorf dort ſpeiſte— Sie kennen ſie doch? Sie iſt ſo engbruͤſtig, daß ſie kaum gehen kann— Jetzt wollte ſie von einem Huͤhnchen. Laufen Sie, oder fliegen Sie? fragte Antonius. Na, da war ein nent ied⸗ dlich des eiſe⸗ ihr mer. ſie enn ſitte 1 der mit ttion und ſolle nten wie Gr⸗ ufen ollen ſcher Ladh Sie Jeht oder en 129 ſchones Geſiele in der ganzen Geſellſchaft! Haben Sie's gehört, Lord Roßville? Oberſt Delmour, ver⸗ geſſen Sie es nicht: Ich fliege!“ „Es freut mich ſehr, Ihnen zur Flucht be⸗ huͤlflich zu ſeyn!“ antwortete er ſpöttiſch laͤchelnd. „Wann koͤnnen wir denn wohl darauf rechnen, daß Miß Pratt Fluͤgel nimmt?“ „Horen Sie mal? Das ſoll wohl ein Schuß mit Armbruſt und Bolzen ſeyn? Ich dachte doch, Sie ſaͤhen aus, als konnten Sie heute eher Herzen, als Hirſche verwunden! Verſtehen Sie, was das heißt, Miß St. Clair?“ Dieſe ward roth. Antworten konnte ſie nicht. Auch der Oberſt ſchien beſtuͤrzt. „Zerbrechen Sie ſich den Kopf nicht!“ ſchwatzte ſie fort.„Bſt, Bſt, iſt heute die Loſung! Ich rathe nur allen Maͤdchen, denen ihr Herz lieb iſt, den Männern mit Armbruſt und Bolzen zuzurufen: fort! fort!“ Lord Roßville's Gedanken konnten, zum Gluͤck, mit der Zunge von Miß Pratt nie gleichen Schritt halten. Er war ihr erſt bis zu dem: Laufen oder fliegen Sie? nachgekommen und bereitete nun ge⸗ ſchaͤftig aus allen Kräften eine Proteſtation gegen den Gebrauch ſolcher ſpitzigen Redensarten vor, die mit einem Citate aus Lord Cheſterfield anfangen, und mit einer vollſtändigen Darlegung ſeiner eignen Anſichten uͤber dieſen Gegenſtand begleitet ſeyn ſollte. Kurz, er machte in der Art ohngefähr Anſtalten, als brächte J. 9 ———— man ein Feldſtuͤck heraus, eine Fliege niederzudonnern. Sie hat ſich inzwiſchen an die Muͤndung der Kanone geſetzt, ohne an das ſchreckliche Geſchuͤtz zu denken, das gegen ſie aufgepflanzt ward; dann fliegt ſie fort. „Soll ich Ihnen ein Bischen Spargel geben?“ fragte ihn Miß Pratt querfeldein und legte ſich ſelbſt recht reichlich vor.„Er iſt recht zart, obſchon die Zeit vorbei iſt! In Whytehall wird ſchon lange kei⸗ ner mehr gegeſſen! Aber wer ſoll denn Spargel mit ſolchen Gabeln eſſen? Antonius Whyte ſagt, wenn es ihn je trifft, ins Parlament zu kommen, ſo thut er es blos, um drei Bills zum Beſten der Reichen einzubringen. Eine: die Spargelgabeln abzuſchaſſen; die andere: es als Majeſtätsverbrechen zu erkläͤren, wenn ein Koch die Beine beim Federviehe kreuzt und den Truthahn zwingt, den Kopf unter den Fluͤgel zu ſtecken; die dritte—“ Hier aber uͤberwaͤltigte bei Lord Roßville der Zorn alle gute Lebensart, und bevor noch die dritte Vill des Antonius Whyte eingereicht werden konnte, rief er aus: „Antonius Whyte eine Bill ins Parlament brin⸗ gen?— Miß Pratt? Haben Sie denn den minde⸗ ſten Grund zu der Vermuthung, zu der Aeuße⸗ rung, daß Herr Whyte nur den entfernteſten Schatten von Hoffnung hat, einen Sitz im Parla⸗ mente zu erhalten? Wenn er ſolchen Schatten hat, ſo muß ich geſtehen, daß ich groblich getäuſcht worden bin. Hat er denſelbigen aber nicht, ſo iſt es hochſt unſchicklich ſowohl von Ihnen, wie von jedem Ihrer Freunde und Verwandten, welche die Welt natuͤrlich in ſeinem Vertrauen eingeweiht glaubte, eine ſolche Vermuthung zu aͤußern. Es iſt eine ernſthafte Sache, eine ſehr ernſthafte, den Namen eines Man—⸗ nes von Stande in ſolche Dinge, beſonders bei unſern jetzigen partheivollen und raͤnkeſuͤchtigen Zeiten, zu miſchen.“ Die feierliche Art, wie ſich ſein Unwille darthat, machte ſelbſt Miß Pratt einen Augenblick lang verle— gen. Aber ſchnell faßte ſie ſich wieder und fluͤſterte Herrn Lyndſay ins Ohr:„Er hat heute mal ſeine uͤble Laune. Die Augen ſehen wie gekochte Stachel— beeren aus. Der arme Mann!“— Dem Lord ſelbſt entgegnete ſie:„Herr Jeſus, man ſollte denken, ich hätte Hochverrath geſprochen und ich machte doch blos Spaß. Das kann ich Ihnen ſagen, Herr Antonius hat Grund genug, an einen Sitz im Parlamente zu denken. Wenn ihm daran laͤge, waͤre er laͤngſt drinnen. Ich weiß es aus guter Quelle, er könnte Abgeordneter der Grafſchaft werden, ſobald er wollte.“ Hier blieb dem Grafen der Mund ofſen ſtehen, denn er wußte nicht Worte zu ſinden, die lang und ſtark genug waren, ſolche Anmaßung der Miß Pratt und ihres Neſſen zu dämpfen. Sie fuhr fort: „Ich kann es Ihnen verſichern, daß der Lord Punmedown und Thomas Turnabout exſt vor kurzem recht ernſthaft daruͤber mit ihm geſprochen haben. An⸗ tonius, ſagte der Lord, wenn Sie einen Sitz haben 9* wollen, ſo brauchen Sie blos aufzuſtehen. Nun, mehr kann man doch wohl nicht ſagen? Ich will mich lie⸗ ber niederlegen! gab er aber zur Antwort. Das war hubſch geſagt! Nicht wahr? Ja, Antonius hat im⸗ mer gleich die Antwort auf der Zunge. Ich verſichere Sie, wenn er im Parlamente wäre, da wuͤrde man ſeinen Mann an ihm finden!“ „Iſt denn von Jemanden die Rede, der unſerm Robert Delmour entgegengeſetzt werden ſoll?“ fragte der Oberſt, als habe er Miß Pratt gar nicht der Auf⸗ merkſamkeit werth geachtet.„Ach, ich habe heute fruh einen Brief von ihm erhalten!“ „Wirklich?“ rief der Graf mit großem Ernſt. „Ich wundere mich, wie ſo eine wichtige Kunde nur auf ſo gelegentliche Weiſe mitgetheilt wird! Ich habe ſchon einige Tage lang ſehnlich auf Briefe von Del⸗ mour gewartet!— Was ſagt er denn von dem Par⸗ lamente? Zeigt er nicht an, wenn er ungefaͤhr kommt?“ „Ich habe blos einen Blick in ſeinen Brief ge⸗ than!“ war Delmours gleichguͤltige Antwort.„Er iſt, wie gewöhnlich, blos mit Politik gefullt, und ein Politiker bin ich nicht.— Sie ſollen es gleich erfah⸗ ren!— Smith! auf meinem Schreibtiſche wirſt Du einige Briefe finden. Bring' ſie her!“ befahl er dem Bedienten. „Sie werden doch Ihre Liebesbriefe nicht ſo her⸗ umliegen laſſen?“ fragte die unverbeſſerliche Pratt. „Ich ſage Ihnen, wenn ich ein junges Mädchen wäre, ich wuͤrde mich in Acht nehmen, an Sie zu ſchreiben! Sie ſind nicht, wie Antonius Whyte Der hebt ſeine Briefe wie Gold und Juwelen auf!“ Der Bediente brachte die Briefe; der Oberſt ſuchte den ſeines Bruders heraus und las, nach fluͤch⸗ tigem Ueberblicke, abgeriſſen: Lebhafte und lange De⸗ batten— vortreſſliche Reden— zwei und eine Vier⸗ telſtunde auf den Beinen geweſen— ungeheuerer Bei⸗ fall— Stimmenmehrheit 197. Chrenvolles Reſultat — die Oppoſition gänzlich aus dem Felde geſchlagen, u. ſ. f., bis er endlich ordentlich vortrug: „Sey ſo gut, und melde dem Grafen, daß es keinem Zweifel mehr unterworfen iſt, wie in der naͤch⸗ ſten Seſſion das Parlament aufgelöſt wird. Lord P. und Sir J. T. wollen uns die Stimmen ſtreitig machen, wie ich hoͤre, und einige von ihren Kandida⸗ ten ins Spiel bringen. Allein ich habe deshalb wenig Furcht. So wie die Bill wegen der Straßen einge⸗ reicht ſeyn wird und die Auswechſelung der Bankno⸗ ten feſt ſteht, reiſe ich ab. Der Onkel kann mich alſo in einigen Tagen erwarten, und ich ſchmeichle mir, daß wir eine hübſche Zahl Stimmen fuͤr uns haben. N. S. Ich ſehe, daß ein Major von Waddel Anſpruch gemacht hat, unter die Waähler aufgenom⸗ men zu werden. Weißt Du denn etwas von ihm 740 „Major Waddel?“ wiederholte der Graf und legte die Hand an die Stirne in nachdenkender Art, als ſuche er ſich ſeiner zu erinnern. „Majer Waddel,“ bemerkte ihm Miſtreß St. Clair in der einſchmeichelndſten Weiſe,„iſt ein reicher Mann, erſt ſeit kurzem aus Indien zuruͤckgekommen und im Vegriſſe, ſich mit einer Nichte von mir zu verheirathen. Seine Stimme— da bin ich ſicher—“ Zum Gluͤck ſiel Miß Pratt ins Wort, ehe Ma⸗ dame St. Clair ſich und die Stimme des Majors verpfaͤnden konnte: „Ja, Miß Arabella Black wird mit dem Major Waddel verheirathet. Weiß Gott, der iſt es recht gegluͤckt. Ei, da wird ſich manche verrechnet haben! Ich ſage Ihnen, der Major iſt das große Loos in der Lotterie! Ich kenne drei Mädchen, von denen man dachte, er ginge auf ſie aus. So weit trieb er's, daß er der einen eine praͤchtige Feder von einem Paradies⸗ vogel ſchenkte! Das weiß ich; das iſt wahr, denn ich war gerade im Hauſe, wie die Feder ankam, und nun wurde gewaltig geſtritten, ob ſie duͤrfe angenom⸗ men werden, ehe er den Heirathsantrag gemacht habe! Ja, ich habe auch gehört, daß Miß Arabella letzthin in Geſellſchaft geſagt hat: ſie wuͤrde nie heirathen, wenn ihr der Mann nicht ein ganzes Silberſervice ſchenken könnte. Er iſt genau bekannt mit— warten Sie mal!— Seine Mutter war eine Bog und der Vater ein Waddel aus der Familie Waddel⸗Mains. Ei, von beiden Seiten her iſt er aus guter Fa⸗ milie.“. Das alles klang der Miſtreß St. Clair gar lieb⸗ lich ins Ohr. Es gab ihrer Familie Gewicht und ihr ſelbſt ſchaſſte dies Vortheil. Miß Pratts Gickelkakel ſchien ihr Muſik und waͤhrend ſie ganz Aufmerkſamkeit dafuͤr war, verſuchte der Oberſt, ſeine Unterhaltung nicht minder angenehm fuͤr die Tochter zu machen, bei welcher die Gedanken, wie die Zweifel des Othello, all⸗ muͤhlig eine beſtimmtere Geſtalt annahmen. Denn in der Liebe, wie bei der Eiferſucht, beobachtet man mei⸗ ſtens, daß, zweifelt man erſt, der Glaube nicht lange außen bleibt. Als die Frauen aufſtanden, rief der Graf Miß Pratt zuruͤck, als ſie eben ſchon die Thuͤre erreicht hatte. Bis ſo lange hatte er angeſtanden, einen aus⸗ geſuchten Gedanken zur Sprache zu bringen. „Miß Pratt,“ ſagte er und gab ſich Muͤhe, eine Anwandlung des Lachens zu erkaͤmpfen.„Miß Pratt, ich glaube, Ihre Freundin, welche vom Major Wad⸗ del eine Feder zum Geſchenk erhielt, wird ſich gerade nicht ſehr damit ſchmuͤcken konnen, denn nach Ihrer Erzählung kann ſie ſie nicht auf den Hut ſtecken!“ Zu viel auf ſeinen Witz ſich zu gut thuend, lachte er ſelbſt ziemlich laut und entſetzlich lange. Miß Pratt lachte mit ihm um die Wette.„ muß ich Antonius Whyte und dem Lord Punmedown wieder erzählen! Das iſt allerliebſt! Die arme Kitty Fanſyfläme! Ja, die hat jetzt keine große Feder auf Das 136 dem Hute nothig! Das arme Ding das! Haben Sie es denn gehoͤrt, Lady Eliſabeth?“— Sie nahm hier Gertruden bei dem Arme und ſagte ihr ins Ohr: „Antonius Whyte ſagt immer, wenn Lord Roßville einen Spaß macht, iſt das eine ſehr ernſthafte Sache! Der gute Mann! Ha ha ha! Das iſt hubſch!“ Und mit vollem Lachen verließ ſie den Saal. 137 Funfzehntes Kapitel. Vom Winde ſpricht der Lootſe gut, Vom Vieh der Bauersmann. Von Schafzucht nur der Hirt voll Muth, Den Krieg der Krieger ſchildern kann. Arioſt. Die erwartete Aufloͤſung des Parlaments beguͤnſtigte die wachſende Leidenſchaft zwiſchen dem Oberſten und Gertruden. Die letzte verſuchte zwar, oder glaubte doch mindeſtens, es zu verſuchen, die Aufmerkſamkeit des Oberſten zu vermeiden. Allein bei tauſend kleinen und faſt unmerklichen Vorfaͤllen, welche unter den Be⸗ wohnern deſſelben Hauſes jeden Tag vorfallen, fand er Gelegenheit, ſeinen Eifer, ſeine redliche Leidenſchaft in einer ſo zarten und tadelloſen Art zu aͤußern, daß es geradezu Koquetterie geſchienen hätte, wenn ſie ſeine Aufmerkſamkeit zuruͤckwies. Lord Roßville war, oder— was eben ſo viel hieß— glaubte ſo ſehr mit Geſchäften uͤberhaͤuft zu ſeyn, daß er ganz gegen ſeine gewoͤhnliche Sitte jetzt immer gleich nach dem Thee auf das Studier⸗ zimmer ging, um die Karte von der Grafſchaft, die Liſte der Wähler durchzugehen und ein Cirkularſchrei⸗ 138 ben zu entwerfen, das alle bei aͤhnlichen Gelegenheiten verfaßten uͤbertreffen ſollte. Miſtreß St. Clair hatte ebenfalls viel im Kopfe. Sie uͤberlegte, wie ſie mit Bruder und Onkel zu han⸗ deln habe, ſich ihrer Stimmen zu verſichern. An den Letztern hatte ſie, auf des Grafen Verlangen, geſchrie⸗ ben, wie ſie ihn naͤchſten Tages beſuchen wuͤrde. Lady Eliſabeth ſaß, wie gewoͤhnlich, an ihrem Stickrahmen, bei ihrem Romane, den fetten Liebling auf dem Schoße. Miß Pratt ſtrickte und ſchwatzte. Herr Lyndſay las. Der Oberſt und Gertrude allein ſchienen unbeſchaͤftigt. Doch wie viel haben oft ſolche zu thun, welche die Welt muͤßig zu ſehen glaubt! „Sie ſind heut Abend ungewohnlich ruhig!“ ſagte Lyndſay zu dem Oberſten, ſein Buch weglegend und aufſtehend.„Weder Muſik, noch Billiard, und doch— keine Langeweile! Höchſt wunderbar!“ „Etre avec les gens, qu'on aime, cela suffit; rever, leur parler, ne leur parler point, auprès d'eux tout est égal!«“*) antwortete er, einen Blick auf Gertruden gerichtet; die Worte galten indeſſen der Miß Pratt.„Iſt dem nicht ſo, Miß Pratt?“ ſetzte er hinzu.. „Wenn ich es gerade heraus ſagen ſoll, Ober⸗ ſter,“ gab dieſe etwas bitter zur Antwort,„ſo mache *) 6s reicht ſchon hin, wenn man mit denen, die man liebt, zu⸗ ſammen iſt. Träumen, mit ihnen reden, nicht reden, iſi, in ihrer Nähe, gleich!“ ich allemal den Schluß, daß die Leute, welche fran⸗ zöſiſch zu mir reden, dummes Zeug zu Markte brin⸗ gen! Es giebt genug Worte in unſerer Sprache, daß man alles ſagen kann, was man ſagen will!“ „Ach— ſie klingen zu gemein! Das habe ich dagegen zu erinnern. Denn Sie geben mir gewiß zu:“— er ſchielte wieder nach Gertruden—„com bien de choses, qu'on n'appergoit que par senti- ment, et dont il est impossible de rendre rai- son!*) Nun, die Sprache der Franzoſen iſt die des Gefuͤhls; die der Engländer Sprache des Ko⸗ pfes, folglich iſt es ſehr unrecht von Ihnen gehan⸗ delt, meine theuere Miß Pratt, wenn Sie verlangen, ich ſoll meine Gefuͤhle auf eine deutlichere Art aus⸗ druͤcken. Aber da Sie ſelbſt geſtehen, daß Sie fuͤr Gefuͤhl gefuͤhllos ſind, ſo wollen wir ſehen, ob wir Miß St. Clair bewegen können, ſich hören zu laſſen!“ „Muſik!“ rief Miß Pratt.„Solch' Gedu⸗ dele! Herr Jeſus, wenn man eine Nacht nur Ruhe hätte. Ich ſage, Lord Roßville arbeitet wie ein Holz⸗ hacker alle Tage damit! Aber freilich—'s iſt jetzt uͤberall ſo! Da iſt kein Haus, wo man nicht Je⸗ manden von der Familie muſikaliſch fänd. Ich kenne eine Familie, wo fuͤnf Toͤchter aufgewachſen ſind, und alle ſpielen die Harfe. Nun, da iſt ein Geſtimme, ein Geſpiele, ein Geklimper, daß ich ſage, ich werde *) Wie viel Dinge giebt's, die man nur durch's Gefühl wahrnimmt, ohne daß man den Grund davon angeben kann. — 140 ganz dumm! Und das iſt noch nicht alles. Antonius Whyte ſagt: Sonſt ſah man die Gefahr, wenn ein Klavier oder eine Violine im Hauſe war, jetzt aber iſt Muſik in allen Geſtalten und Zierrathen. Da giebt's muſikaliſche Spiegel, muſikaliſche Uhren, muſikaliſche Schnupftabaksdoſen und fogar muſikaliſche Nadelbuͤch⸗ ſen. Ich war einmal bei der Lady Reſtall und brauchte ſchnell einen Faden, und nahm ihre Nadel⸗ vuͤchſe. Halt, halt! rief ſie. Ich will Ihnen etwas Beſſeres geben. Und da dreht ſie an dem Dinge und brachte es in Gang, und wahrhaftig, ich dachte, es naͤhme kein Ende. Stuͤckchen auf Stuͤckchen. Iſt das nicht ein huͤbſcher Walzer? ſagte ſie. Iſt das nicht eine huͤbſche Quadrille? Na, dacht' ich, wenn du mein wär'ſt, ich wollte dir bald's Handwerk legen und dich lehren, wozu du geſchaffen biſt!“ „Nun, Sie bekamen aber doch einen Faden?“ fragte Lady Eliſabeth. „Freilich, zuletzt bekam ich ihn! Aber iſt es denn nicht ſchrecklich, daß man keinen ſeidnen Faden in die Nadeln zichen kann, und wenn das Leben da⸗ von abhänge, ohne erſt ein halb Dutzend Stuͤckchen hören zu muͤſſen? Doch das war noch nicht das Lä⸗ cherlichſte. Ich habe, ſagte ſie, fuͤr meinen Gemahl aus Paris einen Spazierſtock verſchrieben— nun Sie wiſſen doch, ohne Stock kann er nicht eine Zehe er⸗ heben?— der ſpielt drei Walzer, zwei Quadrillen, einen Matroſentanz und einen Marſch mit Janitſcha⸗ renmuſik. Das wird eine Freude ſeyn, wenn er mit 141 ſeinen Freunden ſpazieren geht und den Stock in Be⸗ wegung ſetzt. Na, dacht' ich, lieber iſt es mir, er läßt ihn ganz ruhig, wenn ich dabei bin!— Miß St. Clair, haben Sie denn nicht ein Bischen feine, kleine Arbeit, die wir beim Plaudern vornehmen könnten?“ „Mit Recht werfen Sie mir meinen Müßiggang vor!“ verſetzte dieſe, etwas zu ſuchen. „Ach, wie haſſe ich dieſe gemeine Betriebſamkeit der arbeitenden Frauen!“ ſagte der Oberſt.„Kom⸗ men Sie! Laſſen Sie ſich in das Muſikzimmer fuͤh⸗ ren!“ Er nahm ihre Hand. „Was wollen Sie denn ſpielen?“ fragte Lady Eliſabeth. „Den Vogelfaͤnger!“ rief Miß Pratt dazwi⸗ ſchen.„Miß St. Clair, haben Sie den Vogelfaͤnger ſchon gehört?“— Und mit ihrer kreiſchenden Stimme ſang ſie das beruͤhmte Liedchen. Der Oberſt Delmour fuͤhrte aͤrgerlich Miß St. Clair ſchnell in das andere Simmer und ließ Miß Pratt der Lady Eliſabeth und ihrem dicken Mops vorſingen. Es iſt von der Gewalt der Muſik viel geſagt worden. Wer Herz und Ohren hat, wird auch ge⸗ ſtehen, daß der leidenſchaftlichſte Freund derſelben nicht zu viel behauptete. In jedem gefühlvollen Herzen zog die Natur eine Saite auf, die, gehoͤrig beruͤhrt, den ſtol⸗ zern oder ſuͤßern Gefuͤhlen des Geiſtes Luft ſchaffen; mag ſie der majeſtätiſchen Orgel, dem Klagen der RNachtigall, der laͤrmenden Trommel entſprechen. Auch der Oberſt war leidenſchaftlicher Freund der Mußik. ————-—-———— Er ſang mit Geſchmack und Ausdruck, doch ließ ſich daran zweifeln, ob: Sein Geſang auch in der Seele lebte. Bei den verſchiedenen Liebſchaften, in welche er bis jetzt verwickelt geweſen war, hatte ihm die Muſtk viel genutzt. Sie war das ſicherſte, angenehmſte Mittel, ſeine Lei⸗ denſchaft auszuſprechen. Er nahm allemal, das blieb ihm Regel, die Verſe, die Worte Anderer, ſtatt der eignen, und im Franzoſiſchen oder Italieniſchen erklaͤrte er ſeine Liebe beſonders gern. In beiden Sprachen hatte er die leichtern Schriftſteller geleſen. Ein gutes Gedaͤchtniß, ein ſchneller Ueberblick ſetzte ihn nicht leicht in Verlegenheit, wenn es fuͤr irgend einen Fall ge⸗ eigneter Worte galt. Jetzt brachte er das ſchone Rondo vor: Felice, chi vl mira Ma piu lelice, chi per voi sospira:*) Als Miß Pratt mit einem„Bſt, Bſt!“ hereinſtuͤrzte. „Da kommt Jemand,“ rief ſie,„der gleich ein ganz anderes Lied anſtimmen wird!“ Und in dem Augenblick rollte ein Wagen mit vier ſchaumbedeckten Pferden herein. Man ſah gleich am Wappen, daß er Robert Delmour gehoͤrte. Alles ge⸗ rieth nun in Lärm und Aufſtand. Die ganze Fami⸗ lie, Lord Roßville ausgenommen, war nach und nach 6 zie glücklich, wer dich ſehet! ) P Doch glücklicher, der für dich glühet ꝛc. ch 143 ins Muſikzimmer gekommen, wo auch Robert Del⸗ mour eintrat. Er war, wuͤrden Viele geſagt haben, ein wohl— gebildeter Mann, ſchlank, gerade, mit regelmaͤßigen Zuͤgen, und uͤbrigens an Ausdruck und im Aeußern Lord Roßvillen nicht unaͤhnlich. Seine Begruͤßungen zeigten mehr von der vornehmen Steifheit der alten Schule, als von dem feſſelfreien Weſen der jetzigen Mode. Es fehlte ihm ganz jene Aufmerkſamkeit ge— gen Miß St. Clair, wodurch ſich ſein Bruder gleich im erſten Augenblicke ausgezeichnet hatte. In der That ſchien er ſich um die ganze Familie nicht ſehr zu bekuͤmmern. Er ſah im Gegentheil nach einem wichtigern Gegenſtande umher und fragte unruhig, wo der Graf ſey? Doch ehe er Antwort bekam, trat dieſer ein und Onkel und Neſſe waren uͤber die Wie⸗ dervereinigung gleich ſehr erfreut. „Ob ich ſchon, bei gewohnlichen Gelegenheiten, wie ich wohl geſtehe,“ begann der Lord,„nicht gern die ſogenannten Freuden der Ueberraſchung habe, ſo bekenne ich doch, mein theuerer Robert, im gegenwär⸗ tigen Augenblicke recht gern, daß meine Freude uͤber Deine Ankunft durch Dein unerwartetes Erſcheinen keineswegs vermindert worden iſt. Zu gleicher Zeit wuͤrde es aber vielleicht nicht uͤbel geweſen ſeyn, wenn Du mir bei dem wichtigen Zeitpunkte von Deinen Abſichten vorher Kunde haͤtteſt zukommen laſſen.“ „Unmoͤglich!“ verſetzte Robert Delmour raſch. „Ganz unmoöglich! Ich machte wirklich gleich fort, 144 wie das Haus ſeine Sitzung ſchloß. Es war am Frei⸗ tag fruͤh um halb fuͤnf Uhr, nach einer äußerſt lebhaf⸗ ten Debatte uͤber die Auswechſelung der Banknoten. Ich habe die Freude gehabt, Ihnen zu melden, daß wir eine Mehrheit von fuͤnf und achtzig Stimmen hatten.“ „Bravo!“ rief der Graf.„Und die Straßen⸗ Bill?“ „Iſt durchgegangen!— Aber wie ſtehts hier in der Grafſchaft? Haben Sie uͤberall an den Puls ge⸗ griſſen? Ich hoͤre, von einer Seite her werden Ka⸗ balen geſpielt? Lord Wishton gab mir einen Wink. Der beſtimmte mich eben, keine Minute länger außen zu bleiben!“ „Daran haſt Du wohl, wie auch weiſe gehan⸗ delt!— Aufſchub iſt ſiets gefaͤhrlich, beſonders bei Gelegenheiten, wie ſie jetzt ſind!“ „Es iſt die hochſte Zeit, alles aufzubieten, wenn Sie gewaͤhlt ſeyn wollen! Das kann ich Ihnen ſa⸗ gen!“ kam hier Miß Pratt dazwiſchen und warf einen vielſagenden Blick auf den Oberſten und Gertruden, welche etwas entfernt ſtanden. Wenn man nach dem Rothwerden und dem Laͤcheln urtheilen konnte, das manchmal des Mädchens Geſicht verſchoͤnerte, die ſei⸗ nem Gefluͤſter das Ohr lieh, ſo mußte das Geſpraͤch wohl anziehender ſeyn, als das, welches Onkel und Neſſe hier fuͤhrten. 145⁵ Allein die Bemerkung der Miß Pratt ruͤhrte die Letztern nicht. Robert bemerkte: „Ich hoͤre, unſere Gegenparthei ſprengt aus, ſie koͤnne bereits auf zwei und neunzig Stimmen rechnen. Das iſt— glaub' ich, eine Kriegsliſt! Indeſſen be⸗ weiſt es uns immer die Nothwendigkeit, unmittelbar in das Feld zu ruͤcken!“ „Vollkommen meine Gedanken!“ rief der Graf voller Entzuͤcken.„Hier iſt, wie Du ſehr richtig be⸗ merkſt, kein Augenblick zu verlieren!“ „Vielleicht koͤnnte manches noch heute Nacht gethan werden!“ meinte Robert, nach der Uhr ſehend. „Einiges iſt bereits gethan!“ erwiederte Se. Herrlichkeit mit der wichtigen Miene des Selbſtbe⸗ wußtſeyns.„Doch anjetzt iſt es Zeit zum Speiſen. Du wirſt von der langen, ſchnellen Reiſe ermuͤ— det ſeyn. Und ſo muß ich auf Vertagung an⸗ tragen!“ Da der Bediente gerade jetzt meldete, daß an⸗ gerichtet ſey, ſo machte der Graf dem Neuangekom— menen bemerklich: wie er Miß St. Clair den Arm geben moge. Der Oberſt mußte ſich zu ſeinem ſchmerzlichen Verdruſſe darein fuͤgen. Sie ſah es nicht weniger ungern, und ihr Aerger ward nicht vermindert, als ſie bei der Tafel zwiſchen Onkel und Neſſen kam, um immer das politiſche Geſpraͤch fort⸗ zuhoren, mochte auch bisweilen Miß Pratt dazwiſchen . 10 146 plaudern. Ihre Phantaſie weilte mit Entzuͤcken auf den ſuͤßen Toͤnen und den feurigen Gefuͤhlen, die vor⸗ her ihrem Ohre geſchmeichelt, zu ihrem Herzen den Weg gefunden hatten. Und im Stillen rief ſie aus: „Ach, wie unmoglich wäre es, einen Mann zu lie⸗ ben, der blos von Stimmengeben, Sitzungen, Wäh⸗ lerliſten und dergleichen ſpricht!“ Sechszehntes Kapitel. Gewiß iſt es der Himmel auf der Erde, wenn man jeman⸗ den ſieht, der gern wohlthut, der Vorſehung vertraut und auf dem Pfade der Wahrheit wandelt. Bacon. „Nun, was denken Sie denn von dem Parlaments⸗ mitgliede?“ fragte gleich Miß Pratt unſere liebe Ger⸗ trude, als ſie dieſelbe am naͤchſten Morgen ſah, um zum Fruͤhſtuͤck zu gehn. Ohne aber eine Antwort ab⸗ zuwarten, fuhr ſie gleich fort:„Ich dächte, Sie haͤtten geſtern Abend recht verdruͤßlich geſehen. Das iſt kein Wunder, demn ich ſage, mein Ruͤcken iſt fuͤr ihre Politik nicht breit genug. Ich meine, und den⸗ ken Sie's nicht auch, als Parlamentsmitglied mag er gelten, ſo viel er will, aber im Hauſe taugt er nichts. Ha ha ha! Das muß ich Antonius Whyte ſagen! Dem wird dies Spaß machen! Kom⸗ men Sie!“— ſie nahm Gertrudens Arm—„es iſt noch zu fruͤh zum Fruͤhſtuͤck. Wir wollen einen Spaziergang machen in— der Morgenluft, wie der Geiſt im Hamlet auf dem Theater ſagt. Aber Sie ſollten etwas auf den Kopf ſetzen! Die ſchone weiße Haut muͤſſen Sie nicht von der Sonne brennen laſſen! Na, wir wollen blos bis an die Pforte ge⸗ 10* ——————,— hen!— Ich guckte in das Zimmer,“wie ich vorbei ſtrich. Es war noch Niemand darin, als Lord Roß⸗ ville. Er bewachte die Theemaſchine, wie eine Glucke die jungen Huͤhner.'s iſt ein rechtes Leiden, daß er den Thee ſelbſt aufgießen will! Ich erſticke allemal beinahe, bevor ich einen Tropfen habe. Der arme Mann iſt zu bedauern! Er denkt, daß Niemand es ſo gut machen kann, als er.— Ach, da kommt Eduard Lyndſay vom Spaziergange her. Ich glaube, der hat ſchon irgend etwas Gutes gethan! Guten Morgen, Herr Eduard! Wo ſind Sie denn heut Morgen ſchon herumgeſtrichen? Ein ſchoͤner Morgen, dieſer Morgen! Miß St. Clair und ich ſchwatzen hier ein Bischen zuſammen in der Sonne, bis das Fruͤhſtuͤck bereitet iſt, denn, wie Antonius Whyte ſagt, ich halte es nicht mit dem leeren Raume. Was meinen Sie denn dazu? Miß St. Clair meint, unſer Parlaments⸗ mitglied waͤre eben fuͤr die Familie kein beſonderes Mitglied; uͤbrigens konnte er fuͤrs Land ſo viel werth ſeyn, als er wollte! Iſt das nicht recht huͤbſch ge— ſagt? 2 Gertrude wollte ſich eben von dieſem Witz los⸗ ſagen, allein Herr Lyndſay erſparte ihr die Muͤhe. „So gut geſagt,“ entgegnete er,„daß ich mich wundere, wie Sie den Ruhm Jemand anderm zu⸗ geſtehen können! Miß St. Clair iſt nicht im Stande, ſo eine Bemerkung zu machen!“ „Iſt das ein Compliment fuͤr Sie oder fuͤr mich?“ fragte Miß Pratt.—„Ich möchte doch bei 149 wiſſen, Herr Eduard, warum Sie Miß St. Clair ſo einen Witz nicht zutrauen konnen?“ „Weil ich als Kenner der Phyſiognomie behaupte, daß Miß St. Clair unfaͤhig ſey, ſo eine bösartige Aeußerung uͤber Jemanden laut werden zu laſſen, von welchem ſie ſich noch keinen Begriff zu machen Gele⸗ genheit hatte.“ „Nun, und was nennen Sie denn Außerungen? Ich dächte doch, dieſe waͤre ſo boͤsartig, wie ich nur je eine gehört habe?“ „Sie wuͤnſchten die Wahrheit zu horen! Meine Schuld iſt es nicht, wenn ſie Ihnen nicht angenehm toͤnt!“ erwiederte er laͤchelnd. „Wenn ich Ihnen die Wahrheit ſagen ſoll, ſo merken Sie ſich nur, daß man ſich nicht immer Freunde macht, falls man ihnen bei jeder Gelegenheit die Wahrheit ſagt. Ich habe noch Niemanden geſehen, der ſich nicht zwanzig Feinde gegen einen Freund ge⸗ macht haͤtte, blos weil er die Wahrheit ſprach. Ich kenne Niemanden, der ſich gern die Wahrheit ſagen ieß. Wiſſen Sie Jemanden, Miß St. Clair?“ „O ja,“ antwortete dieſe.„Ich glaube, daß mir es ſehr angenehm wäre, wenn ich von einem lie⸗ benswuͤrdigen Menſchen Wahrheit hoͤrte. Der Grund, warum ſie ſo unangenehm iſt, mag wohl ſeyn, weil die Leute, wenn ſie ſogenannte Wahrheit reden, ſo derb ſind, daß es ſcheint, ſie benutzen ſie bloß zum Deckmantel ihres böſen Willens, ihrer Laune und kau⸗ ſend anderer Gebrechen.“ 150 erneuertem Feuer abhandelte. —————— lichkeit nennt.“ 13 meinte Gertrude. gegen ihre Nachaͤffung!“ „Ja, wenn aber jeder dem andern gerade heraus „Nun, auf mein Wort,“ fiel Miß Pratt ſchnell ein.„Wenn Sie geneigt ſind, Wahrheit zu horen, 7 ſo konnten Sie in keine beſſern Hände fallen, als die Ihres lieben Vetters vor Ihnen.— Da klingt der 13 abſcheuliche Gong ſchon wieder! Wir muͤſſen wirklich 3 hin, denn ſonſt verliert der Graf alle Geduld!“ Und damit eilte ſie fort, es den Gefäͤhrten überlaſſend, ihren ſchnellen Schritten zu folgen. Nie⸗ mand war bereits an der Tafel, als Lord Roßville und Robert Delmour, der die bevorſtehende Wahl mit Miß Pratt ſah kaum, daß der Graf ſehr vertieft ſey, als ſie geſchwind die Theemaſchine eroberte und ſich unter der Hand ihre Taſſe füllte. Herr Lyndſay ſetzte ſich an Gertrudens Seite. Hier ſaß gewöhnlich der Oberſt. Sie ſchien etwas verdruͤßlich, das Plätzchen von einem andern eingenommen zu ſehen. Doch er that nicht, als merke er es, ſondern fuhr leiſe in dem Geſpräche ſort: 1„Ich ſtimme Ihnen in dem, was Sie vom Ge⸗ brauch, wie von dem Mißbrauche der Wahrheit ſagen, vollkommen bei. Doch meine ich auch, ſie ſey nicht „ gewöhnlich Artigkei „Harte Worte fuͤr ſehr angenehme Dinge!“ „Ich habe nichts gegen die Dinge ſelbſt, ſondern er von ihm dächte, ſo ſollte ich ten einander alle die Augen aus⸗ „ ſagen wollte, was meinen: wir muͤß kratzen!“ „Wenn wir nicht die Liebe häͤtten, welche nichtö h Boſes denkt!“ 4 „Das heißt, wenn wir alle Engel wären?“ „Nein, wenn wir alle Chriſten waͤren!“ Gertrude ſah ihn etwas verwundernd an, denn en hatte ſic von den Chriſten keine andere gleich Viel y, der ge⸗ Vorſtellung, als daß jeder ſo zu nennen ſe tauft iſt, die Lehren des Chriſtenthums kennt und dann und wann in die Kirche geht. „Ich ſchmeichle mir doch auch eine Chriſtin zu ſeyn, aber kann mich nicht enthalten, viele Leute in der Welt fuͤr ſehr langweilig, ſehr boshaft, ſehr widrig zu nehmen. Nun denke ich darum nicht, es ſey Chri⸗ ſtenpflicht, ihnen dies ſelbſt zu ſagen!“ „Allerdings nicht; Sie konnen das alles von ihnen denken. Doch wenn es zugleich in chriſtlichem Sinne, mit chriſtlichem Wohlwollen geſchieht, ſo wer⸗ den Sie mit ihren Unvollkommenheiten Nachſicht ha⸗ ben und nicht geneigt ſeyn, ihre Gefuͤhle zu reizen, in⸗ dem Sie ihnen Fehler vorwerfen⸗ die Sie nicht beſ⸗ ſern konnen!“ „Aber wenn ich nun gefragt wuͤrde?— Neh⸗ men Sie einmal an, ich bät' Sie, mir meine Fehler —*— zu ſagen?“ „Das wuͤrde ich gewiß nach meinen beſten Kraf⸗ ten zu thun ſuchen!“ . 15² „Gut, ich bitte; mir ſoll es lieb ſeyn, meinen Charakter nach chriſtlicher Art gezeichnet zu ſehen!“ „Gern. Ich muß Sie nur einigemal ſitzen laſ⸗ ſen, bevor ich ans Werk gehe. Ich bin keiner von den ſchnellen Malern, die ein Portrait in fuͤnf Minu⸗ ten hinwerfen!“ „Deſto beſſer! Dies ſind immer häßliche Produkte! Aber— wie viel Zeit nehmen Sie ſich denn, ein vollkommenes Bild in Lebensgröße von mir zu entwerfen? Ich moöchte mich doch in meiner wahren Geſtalt erblicken, als blos Sterbliche aber, nicht als Goͤttin!“ „Bei mir fuͤrchten Sie dies nicht; auf mein Wort! Was aber die Zeit betrifft— das haͤngt von Umſtänden und Gelegenheiten ab. Vielleicht in einem Jahre!“ „In einem Jahre? Ach Himmel! Ich ſterbe vor Ungeduld, ehe ein Monat vergeht! Ein Jahr, ehe ich einen Fehler von Ihnen erfahre?“ „Das hab' ich nicht geſagt. Sie wiſſen, Feh⸗ ler ſchwimmen gleich Stroh oben auf. Dieſe werde ich in Menge aufzufiſchen im Stande ſeyn und ohne, wie ich vermuthe, viel Zeit nöthig zu haben. Einer oder ein Paar, glaube ich, ſind mir ſchon kund gewor⸗ den. Sie werden doch aber nicht wollen, daß ich deshalb uͤber Ihren Charakter darnach urtheile? Es konnen ja Perlen von großem Werthe darunter ver⸗ borgen liegen!“ „Ach, dieſe werden Sie leider nie aufſinden! Und on he dann kann mein Bild, furchte ich, nicht fertig werden, bis ich eingeſchrumpft, alt und häßlich bin, ohne daß Sie ein einziges Edelſteinchen haben, mich damit ſchmuͤcken zu koͤnnen!“ „Das fuͤrcht' ich nicht! Sie ſagten ja, daß Sie Wahrheit und Aufrichtigkeit liebten. Dies ſind Juwelen an ſich ſelbſt. Ihr Glanz wird wohl mein dunkles Auge— denn dafuͤr ſcheinen Sie es zu halten— mehr entdecken laſſen! Doch um nicht im Bilde zu reden, ganz offen zu ſeyn—— Da wir beide ſagen: die Wahrheit iſt uns lieb, warum verab⸗ reden wir nicht, ſie gegen einander zu ſprechen?“ „Von ganzem Herzen! Doch einige Punkte muͤſſen wir deshalb im Voraus feſtſetzen; ein Geſetz⸗ buch entwerfen, ſchworen: es zu bebbachten! Erſtlich alſo— wir verpflichten uns feierlich, bei allen Gele⸗ genheiten Wahrheit, und nichts als Wahrheit, es koſte, was es wolle, zu ſagen. Zweitens muß nichts ſo ge⸗ ſagt werden, daß der eine oder der andere Theil da⸗ durch groblich beleidigt wird. Drittens koͤnnen wir von einander noch ſo etwas Unangenehmes denken, wir machen es uns doch zum Geſetz, es auf die artigſte und chriſtlichſte Weiſe, wie ſich nur denken läßt, zu aͤußern. Viertens—“ „Bewahre!“ fiel Lyndſay ſchnell ein.„Weg mit allen Verbindlichkeiten! Es gehört, ſagt Baco, viel Kraft und Umſicht dazu, die Wahrheit zu ſagen. Laſſen Sie alſo gegenſeitig unſere Klugheit herrſchen und gegenſeitiges Vertrauen Buͤrge ſeyn!“ Er hielt die Hand hin und Gertrude ſchlug ein. Zum erſtenmale ſah ſie, welchen ſchoͤnen, wohlwollen⸗ den Ausdruck ſeine Zuͤge zeigten. „Ich kann mich nicht vor Ihnen fuͤrchten!“ ſagte ſie läͤchelnd. Doch dies Geſpräch hatte jetzt ein Ende. Die uͤbrige Familie trat herein. Oberſt Delmour kam zu⸗ letzt und ein Schatten des Mißvergnügens lagerte ſich auf ſeine Augenbraunen, als er das Plätzchen, wo er ſonſt immer ſaß, von einem andern eingenommen ſah. Gertrude bemerkte den Verdruß. Sie fuͤhlte ſich im Stillen geſchmeichelt. Der einzige Stuhl war neben Miß Pratt. Dieſe hatte bis jetzt ihre Zunge, zum Vortheil der Ohren, im Zaum gehalten. Beide letz⸗ tere hatten vollauf zu thun. Das eine ſpitzte ſich, einige politiſche Bemerkungen aufzufaſſen; das andere ſuchte ſich auf der entgegengeſetzten Seite von dem Kunde zu ſchaffen, was Lyndſay und Gertrude be⸗ ſprachen. Wunderbar kamen die Ohren ihren verſchiedenen Obliegenheiten nach, wobei freilich das Hauptverdienſt der Beſitzerin derſelben gebuͤhrte, denn dieſe hatte ſie gleich treuen Dienern zu ſolcher Vollkommenheit in ihrem Beruf gebracht, daß jedes einzelne Ohr den Dienſt, ja noch mehr, von jedem andern Paar Oh⸗ ren im Koͤnigreiche auf ſich nehmen konnte. Was das fleißige Ohr ſammelte, verarbeitete das Gehirn ge⸗ ſchwind und die ſchnelle Zunge brachte es in Umlauf. „Nun, Oberſter,“ redete ſie ihren Nachbar an, 155 „Sie ſehen ja heut Morgen recht ernſthaft aus? Ich wollte, Sie waͤren ein Bischen eher hier geweſen. Es wuͤrde Ihrem Herzen recht wohlgethan haben, wenn Sie die ſchone Liebesgeſchichte geſehen und gehort hät⸗ ten, die hier auf dem Tapet iſt!“— Sie blinkte nach der entgegengeſetzten Seite hin.—„Ich kann Ihnen ſagen, Herr Eduard und ein gewiſſes hubſches Mädchen haben recht zärtliche Blicke mit einander ge⸗ wechſelt!'s iſt ſeine Sache ſelten, daß er den Lieb⸗ haber ſpielt, aber es macht mir wirklich Freude, wenn ich ſehe, daß ſolche fromme Leute doch auch manch⸗ mal gern bei einer ſchönen Nachbarin ſind und dann eben ſo um ſie herum gehen, wie andere Leute. Was denken Sie denn wohl?“— Sie fluͤſterte hier noch leiſer.—„Sie will ihm ſitzen, daß er ſie abmalt in Lebensgroße, mit Perlen im Haare?— Und was ſa⸗ gen Sie denn dazu— er will ihr mit Perlen ein Praͤſent machen? Ich denke, es werden die von ſeiner Mutter ſeyn, denn ich weiß, daß die eine ſchone Schnur davon hatte. Unter uns geſagt, er ſchien eben nicht geſonnen, ſie ſobald wegzugeben, denn ich hoͤrte ihn von einem Jahre ſprechen. Allein ſie meinte, und da lachte ſie ſo freundlich und einnehmend dazu: was hilfts denn, die Dinge zu behalten, bis man alt und kahl und zahnlos iſt und ſie nicht mehr genießen kann? Ja, ſehen Sie, das iſt ſo die franzöſiſche leichte Ma⸗ nier. Wer koͤnnte denn das vermuthen, wenn man ſie ſo ſieht?— Herr Jeſus, Oberſter, ſehen Sie denn, was Sie gemacht haben? Sie haben ja die 156 ganze Taſſe auf mein neues, ſchones Kleid ausgegoſ⸗ ſen? Wie haben Sie nur das angefangen?— Je, jetzt wollen Sie mir ja die ganze Sahne auf den Schoß ſchuͤtten!“— Sie ſchob aͤußerſt geſchwind den Stuhl zuruͤck.—„Wahrhaftig, man ſollte denken, Sie hätten es mit Fleiß gethan!“ Der Oberſt verſuchte es nicht, eine ſolche Be⸗ ſchuldigung abzulehnen. Er kehrte der beleidigten Jung⸗ frau den Ruͤcken zu und las in der Morgenzeitung, als habe er ihr Daſeyn ganz vergeſſen. Verachtete er ſie aber auch zu ſehr, um ſeinen Unglauben bei ihrer Mittheilung laut werden zu laſſen: immer ſchien er doch durch das gute Vernehmen gereizt, das zwiſchen den zwei Verwandten zu herrſchen ſchien. Er hatte eine zu hohe Meinung von ſich, um Lyndſay als Ri⸗ val zu fuͤrchten, aber ſeine beſondern Gruͤnde, ihn zum mindeſten ſo lange entfernt zu halten, bis er ſich Ger⸗ trudens Liebe in einẽde der keinen Zweifel zu⸗ ließ, verſichert haͤtte. Uebrigens gehoͤrte er zu den Leuten, denen jede Beruͤhrung des ihnen gehoͤrigen Ge⸗ genſtandes, ſey er Pferd oder Hund, oder Mädchen, unangenehm iſt. Die zunehmende Vertraulichkeit ſchnell zu hemmen, die erſte Gelegenheit zu ergreifen, wo die Sache zur Entſcheidung gebracht werden konnte, war ſein feſter Vorſatz. Wenn der Oberſt und Miß Pratt zugegen wa⸗ ren, konnte Herr Lyndſay ſelten ſeinen Werth gehorig bemerkbar machen, denn er pflegte dann meiſtentheils zu ſchweigen. Nicht die Achtung fuͤr ihre Mittheilun⸗ ſ⸗ , en en n, 157 gen beſtimmte ihn dazu, die Rolle eines Zuhorers zu ſpielen. Im Gegentheile achtete er wenig auf das, was ſie ſagten. Allein er war nicht gewohnt, zu un⸗ terbrechen, eine Pauſe in Acht zu nehmen und auf ſonſt eine Art die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf ſich zu lenken. Die ſtillen Geiſtesgaben des jungen Mannes feſſelten die Phantaſie minder, als die blen⸗ denden Talente des Oberſten. Von Lyndſay ließ ſich mit Wahrheit ſagen: er gab das Beiſpiel jeder ſitt⸗ lichen Tugend ohne ſtolz zu ſeyn, und alles ließ er, ohne falſche Scham zu fuͤhlen, wahrnehmen, was einen Chriſten zieren kann. Doch Gertrude— ſah von dem allen nichts. Sie bemerkte nur die Wolken, welche uͤber des Ober⸗ ſten Stirn lagen. Gern haͤtte ſie dieſelben verjagt und wuͤrde zu dem Zweck laͤnger geblieben ſeyn, als die Uebrigen, um ihm Gelegenheit zu ſchaffen, ſeine Unruhe auszudruͤcken, allein die Mutter rief ſie hinweg. Sie ſollte ſich zu einem Beſuche bei ihrem Onkel, Herrn Adam Ramſay, bereit machen. ——— Siebzehntes Kapitel. John Tod iſt ein gar döſer, Iſt gar ein böſer Mann! Er zankt im Haus, er zankt vor der Thür, Er keift auf dem Wege mit dir und mit mir! John Tod iſt immer ein böſer, Iſt gar ein böſer Mann! Altes Lied⸗ Der Tag war heiß zum Erſticken. Mutter und Toch⸗ ter hatten indeſſen zu angenehme Gedanken fuͤr ſich, um uͤber Hitze, Staub und Weg zu klagen. Die er⸗ ſtere ſuchte den Plan zu entwerfen, wie ſie den Onkel Adam und ſeine ſiebzigtauſend Pfund durch einen Hand⸗ ſtrich gewinnen könne. Sie hatte ſich vorläufig des⸗ halb mit einer franzoͤſiſchen Tabaksdoſe und einem Dutzend geſtickter, ſchoner Taſchentuͤcher verſehen. Doch ſie kannte den Mann, welchen ſie durch ſolche Opfer gewinnen wollte, nur wenig! Adam Ramſay war ein braver, hochſt verſtän⸗ diger, aber ſehr wunderlicher Mann, von nicht gefaͤlli⸗ gem Umgange. Er hatte viel Scharfſinn, allein dieſer diente ihm, wie es oft der Fall iſt, nur dazu, ihm das ganze Geſchlecht der Menſchen zu verleiden. Die Heimath verließ er in den Jahren der Jugend, ohne 159 einen Heller, ſein Gluͤck in der Welt zu verſuchen. Funfzig Jahre hatte er gearbeitet, geſchwitzt und war nun in das ihm fremd gewordene Land zuruͤckgekom⸗ men, beladen mit Reichthum, und ohne den Wunſch, ihn zu genießen! Er fuͤhlte, daß er um ſonſt gelebt habe! Niemand hatte er, den er liebte; Niemand, mit dem er ſein Vermogen gern getheilt haͤtte; der einzige Troſt, der noch in den letzten Tagen des Lebens heiter machen kann. Fuͤr einen alten kinderloſen Mann iſt großer Reichthum faſt größere Pein, als große Armuth! Doch gab es auch gute Seiten in ſei⸗ nem Charakter. Wäre er Gatte und Vater gewe⸗ ſen, hätte ſein Herz ſich an den zarten Freuden des Lebens erwärmen konnen: vielleicht waͤre er wohl ein liebenswuͤrdiger Mann uud ein angenehmer Geſellſchafter geworden. Von Natur beſaß er viel Zartgefuͤhl, das zwar lange geſchlummert hatte, aber nicht vertilgt war. Man ſagte, in ſeiner fruͤhern Jugend habe er ein Mädchen geliebt und ſey von ihr geliebt worden, die eben ſo arm und huͤlflos, aber noch etwas unter ſei⸗ nem Stande geweſen waͤre. In der Hoffnung, ſie zu erhalten, hatte er die See durchſchnitten und im frem⸗ den Lande Vermogen geſucht. Dech— vielmals täu⸗ ſchen wir uns, ehe unſere Hoffnungen erfuͤllt werden. Manche Jahre rollten dahin und Herr Ramſay war noch ſo arm, wie vorher. Er verzweifelte an der Ruͤck⸗ kehr, an der Heimholung ſeiner Braut. Er ſchrieb 160 ihr, daß er ihr das Wort: ihn zu erwarten, zuruck⸗ gebe. Endlich hatte er Vermogen, aber— zu ſpät! Der ſchoͤne Traum der Jugend war fuͤr immer ent⸗ flohen! Seine Geliebte hatte geheirathet, war todt, der feurige, kuͤhne Juͤngling zum mißmuthigen Men⸗ ſchenhaſſer und Greiſe geworden! Meiſtens lebte er allein, mit allen Eigenheiten eines Einſiedlers, allen kleinen Gewohnheiten, wie bei den Hageſtolzen in einem gewiſſen Alter gewohnlich ſind. Beſonders mißfiel es ihm außerordentlich, wenn man ihm die ſorgfältige Aufmerkſamkeit bewies, die manchmal reiche, kinderloſe Leute ſo oft erfahren. In dieſer Hinſicht konnte Timon ſelbſt nicht mißtrauiſcher ſeyn, als Onkel Adam, und alle, welche er in Ver⸗ dacht hatte, daß ſie auf ſeine Habe Jagd machten, ſo gern fortjagen, als dieſer. Das von ihm jetzt bewohnte Haus war nur fuͤr die naͤchſte Zeit bezogen worden, als er ankam. Nun hatte er zwar ein ſchoͤnes Gut mit den dazu gehoͤrigen Gebaͤuden, ganz nahe an der Stadt, gekauft und ſich alle Tage vorgenommen gehabt, es zu beziehen; allein jeder Tag fand ihn in demſelben Hauſe, demſelben Stuhle, derſelben Stimmung. Vor ſeinem kleinen Hauſe hielt jetzt die ſchone Equipage des Grafen von Roßville. Es war ein klei⸗ nes Gebaͤude, mehr einer Huͤtte ähnlich, roth ange⸗ ſtrichen; vor ihm ein kleiner Raſenplatz mit einigen ganz gemeinen Blumen eingefaßt, wenn man ſie nicht lieber Unkraut nennen wollte, denn an Neſſeln ent⸗ Neh⸗ elen ich enn — die In cher vel⸗ ſo für Run igen ſich llein lben öne klei⸗ igen ſcht ſilh 161 darunter fehlte es nichtz uͤbrigens waren ſie mit Staub bedeckt, da ſie von der Straße blos ein Holzgegitter ſchied. Miſtreß St. Clair ſchaͤmte ſich, als ihr Bediente an die kleine Thuͤre pochte und ſie die verächtliche Miene deſſelben wahrnahm; eine Klingel, ein Flopfer war nicht zu ſehen. Schnell flog die Thuͤre ſo weit auf, als es möglich war. Eine bausbackige, barfuͤßige Magd im Flanellrock zeigte ſich, um in der größten Eiligkeit die Gaͤſte zu bewillkommen. „Welche Wohnung fuͤr einen Mann von ſieb⸗ zigtauſend Pfund!“ rief Madame St. Clair. Allein ſie hatte nicht Zeit lange Beobachtungen anzuſtellen. Im naͤchſten Augenblicke war ſie in dem kleinen Zim⸗ mer des Onkels. Es war außerordentlich eng. Die Sonne erleuchtete es von allen Seiten und ließ My⸗ riaden von Sonnenſtäubchen tanzen, indeſſen unzählige Fliegen ſummten und ſich in der Hitze güͤtlich tha⸗ ten. Ein verloſchendes Kaminfeuer, mit Rauch und Aſche, wie gewöhnlich, verbunden, ſchien eben der Macht des Tagegottes weichen zu wollen. Ein kleiner Tiſch, ein Paar mit Roßhaarenzeug uͤberzogene Stuhle längs der Wand hin machten das ganze Gerathe. Dort ſah man Maß und Gewicht und alte Zeitungen und alte Pergamente mit rothem Band umwickelt auf ei⸗ nem Pfeilertiſchchen. Sie machten die Zierde, den Schmuck des Stuͤbchens. Es glich dem Gemache eines Wirthshauſes von der ſchlechteſten Art, wo man fuͤnf Minuten verweilt, um die Pferde zu wechſeln, I. 11 ———— ———————————— 162 ohne daß man gelockt wird, länger zu bleiben, ſelbſt wenn man erſchoͤpft iſt. Herr Ramſay ſaß bei dem verloſchenden Feuer und beobachtete die Funken, die Aſche, welche auf dem Roſte lag, ſchien aber doch den Beſuch, wenn auch aͤrgerlich, erwartet zu haben⸗ Er war ziemlich lang; die Schultern ſtanden in die Hoͤhe, die Ellenbogen nach hinten. Die kleinen Augen wur⸗ den von dicken weißen Braunen bedeckt. Eine ge⸗ ſtreifte Nachtmuͤtze war abgelegt, um einer großen, ge⸗ puderten Peruͤcke mit langem Zopf und Locken Platz zu machen. Um das Bild vollkommen zu malen, be⸗ merken wir, daß er die linke Hand gebrauchte und ſo jeder ſeiner Bewegungen ein eigenthuͤmliches ſteifes An⸗ ſehen gab. Halb herzlich, halb linkiſch, bewillkommte er Mi⸗ ſtreß St. Clair. Er ſchien es gut meinen zu wol⸗ len, ohne zu wiſſen, wie er dies anzufangen habe. Sie beſaß zu viel Lebensart, ihm deswegen einige Ver⸗ legenheit zuzuziehen und druͤckte herzlich ſeine etwas ſich ſträubende Hand, lächelte aufs freundlichſte, ſagte tauſend angenehme, ſuͤße Dinge, indeſſen er beinahe den Kopf umgedreht hatte, bis ſie endlich inne hielt, weil ſie ſah, daß alles umſonſt ſey. Endlich faßte er Gertruden ins Auge. Er ſah ſie mit offenbarer Be⸗ wegung an und ſchien an ſonſt nichts mehr zu denken. „Wer iſt denn das?“ fragte er endlich mit zit⸗ ternder Stimme. „Verzeihen Sie, theuerer Onkel,“ antwortete Miſtreß St. Clair.„In der Freude des Wieder⸗ ſehens vergaß ich, daß auch meine Tochter Ihnen fremd iſt!“ „Deine Tochter?— Das iſt unmoͤglich!“ „Wie ſo, lieber Onkel?“ fragte Madame St. Clair lächelnd und in der Erwartung, eine rechte Schmeichelei uͤber ihr eigenes jugendliches Anſehen zu hoͤren. „Sie iſt ja das wahre Abbild von—— Lies⸗ chen Lundie. Das gute Lieschen Lundie wirſt Du freilich nicht gekannt haben!“ Er ſeufzte tief und es trat eine Pauſe ein. Die Träume fruherer Tage ſchienen des alten Mannes Sinn zu umzingeln. Er ging auf und ab mit ſich ſelbſt redend: „Als ich, kunftige Martini wird es funfzig Jahr, von hier wegreiſte, hätte ich nicht gedacht, daß ich Lieschen das letztemal ſähe! Und eben ſo wenig haͤtt' ich gedacht, als ich hörte, daß ſie todt ſey, wie ich ſie je wieder ſehen konnte! Freilich, wie Lieöchen ſelbſt iſt ſie nicht!“ Eine Thräne glaͤnzte, ſchien es, in ſeinem Auge, indem er das Bild ſeiner Jugendträͤume zu betrachten fortfuhr. Gertrude war in einer Art gekleidet, daß ſeine Phantaſie Nahrung fand. Wegen der großen Hitze hatte ſie den Hut abgethan; das Band, womit ihr Haar zuſammengehalten wurde, gab dieſem einen Schein von dem Neße, das bei den Mädchen zu Lies⸗ chens Zeiten Mode war. Ihr Hals war blos. Der ganze Umriß des Kopfes trat ſo mit aller einfachen 11* ———— 164 Schoͤnheit der Natur hervor. Schwerlich hätte ſie durch etwas erhoͤht werden koͤnnen. Gertrude ſah, durch ſolche oſſene Bewunderung verwirrt, die Mutter an und erſchrak, als ſie die Tod⸗ tenblaͤſſe dieſer gewahr wurde. „Mutter!“ rief ſie aus,„Sie ſind nicht wohl!“ Und ſchon ſank Madame St. Clair athemlos, faſt ohne Leben, in Gertrudens Arme. „Luft! Luft!“ war alles, was ſie ſprechen konnte. Und allerdings bedurfte man derſelben in Onkel Adams Zimmer, denn es war zum Erſticken heiß. Thuͤre und Fenſter wurden gleich geoͤffnet. Ger⸗ trude hielt der Mutter blaſſen Lippen ein Glas Waſ⸗ ſer vor, der Onkel druͤckte ihr die Haͤnde. Endlich kam ſie wieder zu ſich, um Verzeihung bittend und ſie gewaͤhrend. Die ungewoͤhnliche Hitze ward angeklagt und das enge Stuͤbchen nicht ganz vergeſſen. Die große, ſchwerfaͤllige Magd brachte einige Er⸗ friſchungen, obſchon nicht von ausgeſuchter Art. Herr Ramſay trank auf die Ruͤckkehr ſeiner Nichte und „auf das ſchoͤne Kind,“ das ſie mitgebracht habe. Er heftete wieder das Auge auf Gertruden. „Nun, bei alle dem,“ meinte er,„iſt die Sache nicht unmoͤglich! Lieschen war eine Verwandte von uns; freilich— eine weitlaͤuftige! Laßt doch mal ſehen! Lieschens Vater und mein Vater waren Ge⸗ ſchwiſterkind— nein, das iſt nichts, denn das war von der andern Seite her, von meinem Vater!“ Miſtreß St. Clair wurde feuerroth und ſchien von mal Ge⸗ war hien mit ihrem Innern zu kaämpfen. Endlich verſuchte ſie es, ihrer Herrin zu werden. Mit erkuͤnſteltem Scherze äußerte ſie:„Ich ſehe wohl, es muß meiner Tochter ſehr ſchmeichelhaft ſeyn, daß Sie ſo eine Aehnlichkeit ſinden. Allein— theuerer Onkel, Sie wiſſen, es giebt manche Vorurtheile, Anſichten, die dieſer und je⸗ ner hat. Kurz, die Sache kann wohl unter uns be⸗ ſprochen werden, und es iſt mir aͤußerſt ſchmeichelhaft, wenn Ihnen meiner Tochter Zuͤge Freude machen. Aber ich ſage es offen— ich wuͤrde aͤngſtlich ſeyn— ich wollte nicht gern, daß ſo eine Aeußerung der Fa⸗ milie Roßville hinterbracht wuͤrde. Sie ſieht meine Tochter als ein Mitglied an und ihr Stolz koͤnnte da⸗ bei leiden, das wiſſen Sie; es konnte ein Vorurtheil rege werden, das Gertruden den groͤßten Nachtheil braͤchte!“ „Sie ſollen zum Teufel gehen mit ihrem Stolze!“ ſchrie Herr Ramſay, indem alle ſanften Ge⸗ fuͤhle dem Zorne wichen.„Ihr Stolz konnte lei⸗ den, wenn man dies Maͤdchen mit Lieschen Lundie vergleicht?— Ha! unter allen Roßville's und allen St. Clair's war keine, die je Lieschen Lundie den Schuh aufzubinden verdiente! Die Koͤnigin auf dem Throne hätte ſich's zur Ehre geſchätzt, Lieschen an die Seite geſtellt zu werden!“ Das kleine Gemach ſchien ihn und ſeinen Zorn nicht beherbergen zu koͤnnen. Er ging auf und ab, die Haͤnde auf dem Ruͤcken. Aller Swang, alle Ver⸗ legenheit war in der Hitze verſchwunden. Er ſtand in —————.— 166 ſeinem eigenthümlichen Charakter da. Plötzlich hielt er inne: „Und was waͤre denn mit Euch, waͤre Lieschen geworden, was ich aus ihr machen wollte?— mein angetrautes Weib? Wos haͤtten denn Deine Roß⸗ ville's dagegen zu ſagen? Hieltet Ihr's dann auch fur ein Ungluͤck, daß Deine Tochter dem Weibe Deines Onkels aͤhnlich ſey?“ „Das iſt zu viel!“ rief Miſtreß St. Clair und brach in Thraͤnen aus. „Was iſt zu viel?“ polterte er auf- und abge⸗ hend und ſehr aufgebracht. Dann hielt er plötzlich inne. Die Aengſtlichkeit ſeiner Nichte beſchwichtigte ihn.„Sey ſtill!“ redete er ihr zu.„Was iſt denn nun weiter? Du mußt in der Welt nicht viel Noth geduldet haben, wenn Dich ein hitziges Wort von ei⸗ nem alten Manne gleich ſo uͤber den Haufen werfen kann!— Du ſollſt ſchon mit der Zeit mich beſſer kennen lernen und dann wiſſen, wie ich's meine!“ Gertrude hing an der Mutter Halſe. Er klopfte ſie ſanft auf die Schulter.„Du haſt uns verunei⸗ nigt!“ rief er,„Du mußt uns auch wieder zuſam⸗ men bringen!“ Gertrude legte der Mutter Hand in die des On⸗ kels. Er nahm ſie herzlich. Miſtreß St. Clair hatte kaum wieder den Gebrauch der Stimme, als ſie flehte: „Entſchuldigen Sie, theuerer Onkel! Ich ſchäme mich meiner Schwachheit, aber meine Nerven ſind jetzt ſo ergriſſen, ich habe ſo eine ſchwere Rolle zu d ſpielen, daß es kein Wunder iſt— Kurz ich bin von den Verwandten dieſer Tochter abhaͤngig, und da ihre Lage mir ſo ſehr am Herzen liegt— konnen Sie ſich wundern, wenn ich manchmal einen Schritt thue — aͤngſtlich bin, wenn ich—“ Sie wußte nicht, wie ſie zum Schlüſſe kommen ſollte. Der Onkel erſparte ihr die Muͤhe.„Ja, ja,“ meinte er,„Du haſt mit einer ſtolzen Meute zu thun, ich glaube Dir's wohl!“ „Nun ſo wiſſen Sie auch, lieber Onkel, warum ich wuͤnſche— 2 „Freilich— freilich! Meinetwegen fuͤrchte Dich nicht. Aber wahrlich— wunderbare Aehnlichkeit iſt da; ganz wunderbare Aehnlichkeit!“ wiederholte er⸗ als er Gertrude ſo zwei, drei mal wiederum angeſehen hatte.„Seit ich Lieschen Lundie Lebewohl ſagte, ſah ich kein Weib, das ich des genauern Blicks fuͤr werth gehalten haͤtte!“ In dieſem Augenblicke trat eine ſchlanke, weibliche Geſtalt beſiedert und befalbelt in den kleinen Vorplatz und ging aufs Haus zu. „Da iſt eine von dem häßlichen Geſchlechte!“ rief er,„meine gute Nichte, Miß Arabella Black! Nie hab' ich das Geſchöpf geſehen, ohne den Wunſch zu fuͤhlen, blind und taub und bettelarm zu ſeyn!“ Und in dieſem Augenblick erſchien Miß Arabella. 7 ———————— — Achtzehntes Kapitel. Er benahm ſich mürriſch, ſeine Zunge war ungewöhnlich frei und voll bittern Spottes. Livius. „Na, was bringt Dich denn her?“ toͤnte ihr ſein Gruß entgegen. Allein ſie war zu ſehr daran gewöhnt, um eingeſchuͤchtert zu werden. Erſt ſchuͤttelte ſie allen die Hand, um dann ein kleines Korbchen vorzuziehen: „Ein Paar huͤbſche Erdbeeren hab' ich Ihnen gebracht, Onkel. Es ſind die erſten im Garten und ich ſage Ihnen, ich habe rechte Noth mit den Kindern Ihretwegen gehabt!“ Mit der gehoͤrigen Wichtigkeit legte ſie ein halbes Schock ziemlich duͤrftiger Erdbeeren hin. „Na, ſo mußt Du nicht viel zu thun gehabt haben!“ erwiederte er.„Ich gebe fuͤr alle Erdbeeren in Deinem Garten keinen Pfifferling. Du kannſt ſie wieder hintragen, wo Du ſie hergeholt haſt. Oder laß— weil Du nun einmal Deine Bruͤder und Schweſtern darum brachteſt, die armen Dinger. Da iſt des Barbiers Kind, zwei Haͤuſer davon, das wird eine Freude daruͤber haben. Es hat die Maſern!“ „Nun wahrhaftig, Onkel!“ rief hier Arabella ſehr aͤrgerlich,„ich habe wohl mehr zu thun, als fuͤr des Barbiers Rangen Erdbeeren zu ſuchen! Wahr⸗ haftig—“ Doch der Onkel ging an die Thuͤr, rief die Magd und gab ihr die Veeren, ſie dem armen Kinde des Barbiers hinzutragen und zu fragen, wie es gehe. Arabella that kluglich, als hore ſie es nicht und vertheidigte ſich mit allen Waſſen der Beredtſamkeit, in wie fern ſie Madame St. Clair und Gertruden noch nicht beſucht habe.„Aber aufrichtig geſprochen,“ ſagte ſie mit erkuͤnſtelter Beſcheidenheit,„in meiner Lage kann vom Beſuchen gar nicht die Rede ſeyn. Wenn ich an einen Ort gehe, muß ich uͤberall hingehen, und der Major hat ſo viel Verwandten und Freunde in der Gegend, die alle erwarten wuͤrden, daß ich käme. In meiner Lage, da die Sache ſo bekannt iſt, muͤßte mir das aͤußerſt unangenehm ſeyn. Ich ſage Ihnen, das iſt der einzige Ort, wo ich her gehe, weil ich es fuͤr meine Pflicht halte—“ hier ſprach ſie leiſer—„meinem Onkel, dem armen Manne, Aufmerkſamkeit zu bezeugen. Ich bin die einzige in der ganzen Familie, die ſeine Art kennt und mit ihm umzugehen weiß!“ Herr Ramſay hatte den Widerwillen, den er ge⸗ gen die Nichte hegte, durch die Art, wie er die Erd⸗ beeren fortſchafſte, fuͤr den Augenblick ausgeglichen. So kam er zu guter Laune wieder. „Nun, Miß Bellchen,“ ſagte er,„was haſt Du 170 denn aus Deinem Nabob, Deinem Schaͤfer, Deinem Liebhaber und wie Du ihn ſonſt nennſt, gemacht?“ „Wenn Sie den Major meinen,“ erwiederte Arabella wuͤrdevoll,„ſo ging dieſer mit mir in die Stadt, um ein Paar Wagenpferde anzuſehen, die ge⸗ rade im weißen Baͤren verkauft werden ſollen. Er wird, denk' ich, bald herkommen!“ Es fuhr ein Wagen vorbei und ſie trat erſchrok⸗ ken vom Fenſter weg: „Wenn Sie hier bleiben wollen, Onkel,“ eiferte ſie,„ſo muͤſſen Sie nothwendig Jalouſien machen laſſen. Jeden Menſchen ſieht man-ã hier in der Stube, und in meiner Lage iſt es, das kann ich Ihnen verſichern, eben nicht angenehm, von jedem, der vorbeigeht, geſehen zu werden! Die vorbeifahrende Equipage war von Boghalls, und ſie muſſen mich fuͤr recht albern halten, wenn ſie mich hier ſitzen ſahen. Ich habe eine Einladung morgen zum Mittagseſſen bei ihnen unter dem Vorwande abgeſchlagen, daß ich nirgends hinginge!“ „Nun was kommſt Du denn hierher, wenn Du Dich nicht darfſt ſehen laſſen?“ „Wirklich, theuerer Onkel,“ redete hier auch Madame St. Clair, froh, ihre Meinung deshalb äu⸗ ßern zu koͤnnen, darein.„Dies Haus ſcheint nicht recht paſſend.“ „Was fehlt denn dem Hauſe?“ fragte er hitzig⸗ „Sie entſchuldigen, wenn ich vielleicht falſch be⸗ venn auch äu⸗ nicht ihig be⸗ Wh nachrichtigt bin. Aber man ſagte mir, daß Sie der Veſitzer eines reizenden Landſitzes in der Nähe ſind?“ Dies erwiederte er aber in ſo wunderlicher Art, daß Miſtreß St. Clair den Muth verlor und nicht weiter zu reden wagte. Anders ſtand es mit Arabella: „Kann man ſich's denn vorſtellen, daß ein Menſch in dem kleinen, elenden, erbaͤrmlichen Neſte lebt, wenn er ein Haus leer ſtehen hat, wie Blumenpark iſt? Weiß Gott, Onkel, in den Augen der Welt ſieht das recht albern aus!“ „Nun, Miß Arabella Black, Du weiſes, gefuͤhl⸗ volles, wohlgelahrtes Frauenzimmer, das alle Dinge kennt, willſt Du mir denn wohl zu ſagen die Gewo⸗ genheit haben, was die Augen der Welt, und wo dieſe zu finden ſind? Ich habe ſo viel von den Augen der Welt gehoͤrt, und bin noch nie im Stande geweſen, ſie zu ſehen!“ Herr Ramſay faßte ſie dabei feſt ins Auge und trat ihr ganz nahe und ſtemmte die Haͤnde auf die Knie, ſo daß es ſchien, als wollte er ſagen: antworte mal, wenn du kannſt! Arabella ſtand ein wenig an.„Ich kann Ihnen ſagen,“ gab ſie dann zur 4„daß der Lord Fairakre ganz erſtaunt war, als ihm der Major ſagte, Sie waͤren noch nicht nach Blumenpark gekommen. Er meinte: nun das ſey etwas ganz Außerordentliches, wie Sie in einem Hauſe bleiben koͤnnten, das kaum zu einem Hundeſtalle gut genug ſey. Boghall war dabei und ſagte: das ganze Haus ſey wohl kaum ſo groß, als ſeine Kuͤche. Der Major ſelbſt denkt auch, dies weiß ich—“ „Alſo das ſind die Augen der Welt!“ rief Herr Ramſay mit bitterm Lachen.„Huͤbſche Augen, wahr⸗ haftig, um einen Mann aus ſeinem eigenen Hauſe zu jagen! Der eine iſt ein Taugenichts, der andere ein Leckermaul, der nur an den Bauch denkt, und der dritte— Aber wie kommt's denn, daß die Welt blos drei Paar Augen hat? Kannſt Du denn nicht noch ein viertes finden?— Ach, nimm's nicht uͤbel, das vierte wird wohl Dein eignes ſeyn, und das iſt das rechte, denn Du kannſt nun der Welt gleich zwei Ge⸗ ſichter geben. Fairakre und Boghall ſind auf dem einen, Du mit Deinem Major auf dem andern!“— Er ſprach hier leiſer fuͤr ſich:„Taugenichtſe und Schwelger auf der einen Seite, und Narrheit mit der Dummheit auf der andern; das iſt das wahre Bild von der Welt!“ Jede Andere, als Arabella hätte ſich hier gefuͤgt, allein dieſe gehoͤrte zu den Sterblichen, die von den Pfeilen des Neides, der Bosheit, des Haſſes, wenn es der Vortheil heiſcht, nicht verwundet werden. Sie ſah zwar einige Minuten verlegen und erhitzt aus, ſammelte ſich aber geſchwind und meinte wieder: „Ich ſage Ihnen, Onkel, denken Sie, was Sie wollen, aber die Meinung der Welt muß man nicht verachten!“ „Miß Bella Black,“ eiferte dieſer fort:„Ich m ſo uch, Hen aht⸗ ezu eein dder blos noch das das Ge⸗ dem und t der Bild figt, den wenn Sie au, Sie nicht Ich — 173 habe länger in der Welt gelebt, als Du, und mehr geſehen, als Du vielleicht in Deinem Leben ſehen wirſt, und doch gaͤb' ich nicht ſo viel dafuͤr hin—“ er ſchnippte mit den Fingern—„ſie mag Gutes oder Boſes ſagen. Sie kann nicht ſagen, daß ich unter mir Stehende gedruͤckt haͤtte, oder vor dem gekrochen ſey, der uͤber mir war; daß ich Jemanden um einen Pfennig Unrecht gethan, oder behauptet hätte, was ich nicht fuͤr wahr hielt, und wenn Du oder Deine Welt denken, daß ich mir in meinem Hauſe befehlen laſſe, irrt Ihr Euch!“ „Gut, Onkel, ſo kann ich blos ſagen, daß ich es fuͤr ein rechtes Leiden halte, wenn ſo ein ſchoͤner Ort, wie Blumenpark, leer ſteht. Wenn Sie nun einmal entſchloſſen find, nicht ſelbſt dort zu leben, ſo iſt mancher, der es Ihnen abnähme, ich verſichere Sie. Der Major hat ein Luͤſtchen auf Elmgrote; aber ich glaube, das iſt mit Blumenpark nicht zu vergleichen!“ „Wie meinſt Du das?“ fragte der Onkel. „Ach,'s iſt weiter nichts. Ich hatte nur meine Gedanken, wenn Sie es ablaſſen wollen— es iſt ſo ein Paradies auf Erden—“ „Und ich ware nicht in Verlegenheit, einen Adam und eine Eva hineinzuſetzen? Zum Beiſpiel Dich und Deinen Nabob?— Na, ſo lange ich da bin, das ſag' ich Dir, ſollt Ihr mir keine Poſſen drinnen treiben!“ Arabella ſah ſehr verdruͤßlich aus. „Der Major,“ meinte ſie,„macht ſich nicht viel daraus; er bekuͤmmert ſich blos darum, ob ich zufrie⸗ den geſtellt bin. Wie viel es einträgt, kommt nicht in Betracht. Ich ſinde es nur ſchwierig, einen Ort zu beziehen, der in jeder Hinſicht paßt!— Ach, da iſt ja der Major!“ Er trat wirklich herein. Herr Ramſay empſfing ihn ziemlich höflich. Miſtreß St. Clair wuͤnſchte die Stimme deſſelben bei der naͤchſten Wahl zu bekom⸗ men und ſuchte ſich durch freundliche Unterhaltung den Weg zu bahnen. Allein Arabella ließ den Major, wenn ſie zugegen war, mit Niemandem reden, auf Niemanden ſehen, auf Niemanden hören. Gleich rief ſie ihm zu:„Nun, Major, haben Sie die Pferde angeſehen? Was ſagen Sie denn dazu?“ „Es ſcheinen gute Thiere zum Fahren, nicht ge⸗ rade beſonders ſchon—“ „Von welcher Farbe denn?— Ein Glas Waſ⸗ ſer, Major, haͤtt' ich gern!“ „Ein Paar Tropfen Wein hinein?“ „Einen Tropfen! Alſo Sie denken, daß ſie gut ſind?— Ach! nicht ſo viel Wein!“ „Ich habe nichts daruͤber zu entſcheiden!“ aͤu⸗ ßerte der Major mit einer anmuthigen Verbeugung, welche lächelnd hingenommen wurde.„Wollen Sie ſie nicht ſelbſt beſehen?“ „Ach Gott— in meiner Lage? Ich kann kaum daran denken, in den weißen Baͤr zu gehen! Major, ſetzen Sie doch das Glas weg!“ fie⸗ nicht Ort „do ſing e die kom⸗ den ajor, auf rief ferde t ge⸗ Waſ⸗ egut au⸗ ung, Sie kann ehen! „Nun ſo mag ſie der Hausknecht hier herbrin⸗ gen. Es iſt ja kaum ein Paar Schritte—“ „Niemand ſoll mir ſeine Pferde herbringen laſ⸗ ſen!“ rief hier Herr Ramſay dazwiſchen.„ Dann heißt's in der ganzen Stadt, daß ich Wagen und Pferde anſchaſſe. Ein ſchoͤnes Geſchwätz gaͤbe das!“ Er ging bei dem bloßen Gedanken daran unruhig auf und nieder. „Verzeihen Sie, mein Theuerer—“ redete der Major ihn anz allein der Alte unterbrach ihn gleich; „Ihre Pferde duͤrfen nicht her!“ „Gott bewahre, Onkel!“ rief Arabella,„ich dächte doch, Sie koͤnnten ſich leicht die Rede gefallen laſſen, daß Sie ſich Equipage halten!“ „Schoͤne Rede! Sich nachreden zu laſſen, daß man ein alter hoffaͤrtiger Narr iſt!“ „Solch albernes Zeug! Aber Onkel, ich dachte, Sie bekuͤmmerten ſich nicht darum, was die Welt ſagt?“ „Dachteſt Du? Ei was berechtigt Dich denn, das zu denken? Aber es bedarf keiner Worte mehr! Die Pferde werden nicht hergebracht! Wenn Ihr Pferde braucht, geht auf den Pferdemarkt, wie andere Leute: Mein Haus ſoll kein weißer Baͤr werden!“ „Mein Theuerer—“ wollte der Major anfan⸗ gen. Allein Arabella unterbrach ihn: „In meiner Lage wuͤrde es ſich doch vor den Leuten nicht ſchicken!“ Madame St. Clair legte ſich hier ins Mittel. Sie erbot ſich, ihre Nichte mit ihrem Wagen nach dem Baͤr zu bringen, weil ſie hoſſte, durch des Ma⸗ 1 jors Stimme fuͤr die Artigkeit bezahlt zu werden. Nach kurzer Siererei ward das Anerbieten genehmigt. Der 1 Major ging hinaus, vorfahren zu laſſen. „Ich daͤchte, Sie koͤnnten nun auch mit Einhei⸗ zen aufhören!“ bemerkte Arabella und ſtand auf, um zu gehen. „Konnte ich denn nicht mit ſonſt etwas aufho⸗ ren?“ fragte der Onkel mit einem Blick und Tone, der einer Schildkrote Fluͤgel geben konnte. Nur Ara⸗ ii vella blieb ruhig; ſie hoffte, ihre Feſtigkeit zu zeigen, 1 ihren Einfluß auf den Onkel und deſſen ſiebzigtauſend Pfund darzuthun. „Nun Onkel, wann ſehen wir uns denn in Belle⸗ 3 vue?“ fragte ſie. 3„Ich muͤßte eigentlich erſt um einen Beſuch bit⸗ ten,“ ſiel Miſtreß St. Clair auf die einnehmendſte Art laͤchelnd ein.„Allein Lord Roßville beabſichtigt, Ihnen ſelbſt einen abzuſtatten—“ „Um meine Stimme zu bekommen!“ unterbrach ſie Herr Ramſay ungeduldig.„Dieſe Muͤhe kann er ſich erſparen. Ich laſſe mich nicht durch Eure Wahl⸗ hunde aus meiner Ordnung bringen! Meine Stimme bekommt, wem ich ſie geben will, oder ich behalte ſie fuͤr mich ſelbſt. Das kann ich Dir ſagen: wer ſie haben will, bekommt ſie nicht!“ Miſtreß St. Clair nahm den Hieb ſchweigend hin, allein Arabella ſchoͤpfte, indem ſie ſolche Verle⸗ —————————— ——— ———— ———— nach Ma⸗ Nuch Der nhei⸗ „um ufhi⸗ Lone, Arn⸗ igen, uſend elle⸗ bit⸗ ndſte htit, kann ahl⸗ imme te ſi r ſi igend berle⸗ 177 genheit ſah, friſchen Muth. Sie faßte den Onkel an dem Rocke vorn an der Bruſt, fuͤhrte ihn bei Seite und redete leiſe, als wollte ſie nicht weiter gehoͤrt ſeyn: „Ach, bei der Gelegenheit, Onkel, weil wir vom Stimmengeben reden, da iſt eine Sache, die mir auch am Herzen liegt. Sie und der Major ſollten doch Ihre Stimme gemeinſchaftlich geben. Es ſchickte ſich doch gar nicht, wenn Sie verſchiedene Partheien bildeten. Das ſaͤh' doch wunderlich vor der Welt aus!“ Mochte Onkel Adam denken, was er wollte: ſein Blick verkuͤndete einen bevorſtehenden Sturm. Allein Gertrude naͤherte ſich ihm und wuͤnſchte ihm guten Morgen. Da klaͤrten ſich ſeine Zuͤge auf und die ſin— ſtere Stirn glaͤttete ſich. Ein Lächeln kam zum Vor⸗ ſchein. Er lispelte: „Vor der Welt! Ach ich gaͤb' einen Blick aus Deinen ſchoͤnen Augen fuͤr die Augen der ganzen Welt nicht hin! Laß Dich nicht, Du theueres Maͤdchen, durch die Welt um Dein Gluͤck bringen, wie ſie mich darum gebracht hat! Leb' wohl, mein Kind! Ich ſage Dir, was ich nicht Vielen ſage: es ſoll mir lieb ſeyn, wenn ich Dich wieder bei mir ſehe! Komm, wenn Du willſt! Leb wohl!— Guten Morgen, Miß Bella! Nimm die Augen der Welt auf Dei⸗ nem Ruͤcken mit. Sie werden Dir gute Dienſte thun!“ Mit ſpottiſchem Lachen ſah er ſeine Gäſte fort⸗ fahren und ging in das kleine, heiße Zimmer zuruͤck, I. 2 178 ſtolz uͤber den Sieg, der Welt und ihren Augen ge⸗ trotzt zu haben! Doch muͤſſen wir bemerken, daß er nicht der ein⸗ zige iſt, der es gewagt hatte, hinzuwandern, als ſey er vom Joche der gefurchteten Macht, welche man die Augen der Welt gemeiniglich nennt, frei! Leider ſind nur Wenige dahin gelangt, ſich ganz von ſolchem Ein⸗ fluſſe unabhaͤngig zu machen, den die Welt mehr oder weniger uͤber alle uͤbt. Er ſchmeichelte ſich, einer der wenigen zu ſeyn. Allein der arme Mann, das Joch lag immer noch auf ihm! Seiner Kette unbewußt ruͤhmte er ſich der Freiheit. Er kuͤmmerte ſich nicht darum, daß ihn die Welt einen Geizhals, Menſchen⸗ haffer nannte, daß ſie uͤber ſeine duͤrftige Wohnung, ſeinen ſchaͤbigen Hut, ſeine altmodiſche Peruͤcke redete. Aber wohl lag ihm daran, daß die Welt wiſſe, er kuͤm⸗ mere ſich nicht um ſie; daß ſie nicht ſage, er ſey eitel, ſtolz, hoffaͤrtig, verſchwenderiſch. Und darum ver⸗ ſagte er ſich manche kleine Freude, manchen unſchul⸗ digen Wunſch, den er mit der von ihm ſo verachteten Welt gemein hatte! Der Menſch iſt nicht geboren, frei zu ſeyn! Hat er ſich aller Ketten entledigt, ſo wird ihm ſein Herz ſelbſt noch häßlichere anlegen! Nur der Chriſt gelangt zur Freiheit. Er allein kann ſagen:„Ich fuͤrchte Gott und ſcheue Nie⸗ manden!“ Neunzehntes Kapitel. Ein fröhlicher Ausgang hat eine traurige Heimkehr, und ein ſchöner Morgen einen traurigen Abend zur Folge. Thomas von Kempis. Während der Fahrt nach dem weißen Baͤr entſchaͤ⸗ digte ſich Miß Arabella fuͤr die erfahrne Kränkung durch Aeußerungen des größten Mitleids, der Verach⸗ tung. „Der arme Mann,“ ſagte ſie.„Ich nehme wirklich Antheil. Sie muͤſſen wiſſen, daß ich ſein Liebling bin. Das iſt ausgemacht! Und unter ſol⸗ chen Umſtänden muß man freilich viel nachſehen. Ich fuͤr meinen Theil, ich kenne nun einmal ſein Tempe⸗ rament und da mag er ſagen, was er will, mich be⸗ leidigt das weiter nicht. Aber, oſſen geſprochen, we⸗ gen des Majors hab' ich manchmal Angſt. Einen Mann von ſeinem Stande darf man nicht auf die Probe ſetzen. Ach, der hat ſolchen Stolz, daß man's nicht beſchreiben kann, wie uͤbel er es nehmen konnte, wenn mir etwas Unangenehmes vorkäme. Allein ich weiß, daß mein armer Onkel es nicht boͤſe meint. Es iſt nun einmal ſeine Art ſo. Hinter meinem Ruͤcken hat er, wie ich gehoͤrt habe, alles Gute von mir ge⸗ 1 180 ſagt. Nun, wenn das iſt, muß man es nicht ſo genau mit dem nehmen, was uns ins Geſicht geſagt wird. Aber freilich, in meiner Lage iſt es immer unangenehm, und wenn ich erſt verheirathet bin, muß der Sache ein Ende gemacht werden.“ Hier wurde ſie von Madame St. Clair durch⸗ kreuzt, welche den Hauptgedanken, den der Wahl, zur Sprache brachte und ihre Nichte bat, bei dem Major ihren Einfluß bei der Gelegenheit aufzubieten. Doch Arabella hatte, gleich allen Narren, Verſchlagen⸗ heit und Gefuͤhl von Wichtigkeit genug. Sie merkte recht gut, daß der Major, und dadurch ſie ſelbſt, um ſo bedeutender wuͤrde, je mehr Zweifel und Schwie⸗ rigkeiten ſie an ſeine Stimme knuͤpfe, und erwiederte daher: „Ja, gute Tante, um ganz aufrichtig mit Ihnen zu reden, der Major hat da eine ſchwere Rolle zu 16 ſpielen. Ich ſage Ihnen, daß er und ich recht behut⸗ ſam auftreten muͤſſen, um nicht da oder dort anzuſto⸗ ßen. Bei ſeiner Verwandtſchaft mit der Familie Fai⸗ rakre und Boghall faͤllt es auf, wenn er ſeine Stimme der entgegen geſetzten Parthei giebt. Freilich weiß ich 3 wohl, daß ich nur ein Wort zu ſagen nöthig habe, um meinen Verwandten die Stimme zu verſchaffen. Aber ich habe es ihm ſchon geſagt, die Welt redet dann wieder, daß ich in ſo wichtiger Sache meinen Einfluß geltend mache. Außerdem kann ich nicht re⸗ den, bis der Major vom Lord Roßville einen Beſuch erhalten und ſeine Familie die gehörige Aufmerkſamkeit 181 erfahren hat. Ich ſollte denken, es waͤre recht gut, wenn Sie ſich bei ſeiner Schweſter, Miſtreß Fair⸗ bairn, vorſtellen ließen. Ein ſehr liebes Weib iſt dieſe. Sie lebt nicht weit von hier!“ Doch hier hielt der Wagen vor dem weißen Bäͤren, ohne daß ſich der Major und die Pferde ſehen ließen. Man mußte unter einer Menſchenmenge halt machen, die vor dem Hauſe gaffend daſtand. „Das iſt recht unangenehm!“ eiferte Arabella. „Ich wundere mich, wie ſich der Major einfallen laſ— ſen kann, jemanden in meiner Lage ſo den Menſchen preiszugeben. Lieber wollte ich von ſeinen Pferden gar nichts wiſſen, als aller Augen hier auf mich zie⸗ hen!— Da iſt dort ein Mann, der ſieht heruͤber— wahrhaftig; ich weiß nicht, wie ich mich drehen ſoll! Ich moͤchte wiſſen, was er wollte? Wirklich, er koͤnnte doch wohl wo anders hinſehen!— Iſt es et⸗ wa einer von Ihren franzoͤſiſchen Herren, Baſe?“ Madame St. Clair und ihre Tochter blickten jetzt in der Richtung, welche Arabella angab, und beiden ſiel der bezeichnete Mann, oder beſſer, ſein ernſter, ſpaͤhender Blick auf, womit er ſie alle muſterte. Zwar war er wohlgebildet, hatte aber in Kleidung und Ge⸗ ſtalt nichts Beſonderes, nichts, was nur den Stand, zu welchem er gehorte, anzuzeigen vermochte. Er ſchien ein Dreißiger zu ſeyn, konnte aber auch mit ſeinem ſonneverbrannten Geſichte, blondem Haare, der Adler⸗ naſe, dem muntern blauen Auge, fuͤr etwas älter gel⸗ ten. Einzeln genommen zeigte keiner ſeiner Zuͤge et⸗ 182 was Beſonderes. Dagegen machten ſie zuſammen ei⸗ nen eigenthuͤmlichen, obſchon unangenehmen Eindruck. „Ich habe dies Geſicht ſchon einmal geſehen!“ bemerkte Madame St. Clair und ſuchte ſich des Wann und Wo zu erinnern. „Nun, das unſtige vergißt er gewiß nicht!“ ſagte Arabella,„denn ich habe in meinem Leben keine ſolche Unverſchaͤmtheit geſehen, mit welcher er herſchaut! Und wie ſchaͤbig ſieht er aus! Ganz mit Staub be⸗ deckt! Ich wollte wetten, er iſt eben vom Kutſchbocke herunter geſtiegen!— Na, wenn der Major ihn ſo frech herblicken ſähe, ich wette darauf— ach da kommt er mit den Pferden! Sehen ſie nicht huͤbſch aus?“ „Nun, Arabella, wie gefallen Ihnen Ihre Klep⸗ per?“ rief der Major von weitem. „Mein ſind ſie nicht; Sie wiſſen, ich habe dabei nichts zu ſagen. Was denken Sie denn da⸗ von?“ war die Antwort. Waͤhrend beide mit einander ſchale Complimente wechſelten, fragte der Fremde, der immer auf demſelben Punkte blieb, den einen Diener und nachdem ſein Blick bald auf dem einen, bald auf dem andern Gegen⸗ ſtand geruht hatte, verweilte er endlich auf Gertruden mit einer Miene, die eben ſo wenig zu verſtehen, als zu beſchreiben war. Sie ſprach nicht Bewunderung, nicht Freude, nicht Neugier, nicht eine der Bewegungen aus, die bei einem Fremden zu vermuthen ſind. Nach und nach aber kam ein eben ſo ſonderbares, als belei⸗ digendes Lächeln des Uebermuthes zum Vorſchein. Gertrude war uͤber die rohe, anhaltende Muſterung etwas boͤſe und wollte den Vorhang herunter laſſen, als er plotzlich herbeikam und die Hand auf den Kut⸗ ſchenſchlag legte. „Was iſt denn das fuͤr eine Frechheit?“ rief ihre Mutter. Der Fremde blickte ſie einen Augenblick vitter und veraͤchtlich laͤchelnd an und ſagte dann: „Ich wollte mit Ihnen reden!“ „Nun ſo redet— ſagt, was ihr wollt!“ ant⸗ wortete ſie etwas ungeduldig. „In Gegenwart der Damen mochte ich es doch nicht gern!“ verſetzte er recht vertraulich in Blick und Benehmen. Arabella war mit Geiſt und Seele auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite beſchaͤftigt, wo ſie, hinausgelehnt, mit dem Major ſprach. Madame St. Clair antwor⸗ tete daher ſehr ſtolz: „Was Ihr mir auch zu ſagen habt— meine Tochter kann es hoͤren!“ „Wirklich?“ rief er ſpottend.—„Hm— Iſt ſie denn—“ Da neigte ſich Miſtreß St. Clair unwillkuͤhrlich nach ihm hinaus und er fluſterte ihr das Uebrige leiſe ins Ohr, als ſie mit halb erſticktem Schrei, bleich, zitternd und bebend zuruͤckſank. „Was giebt's denn?“ rief Arabella ſich um⸗ drehend. „Der fremde Mann hat der Mutter ſolchen Schreck eingejagt!“ ſagte Gertrude leiſe. 184 „Seh' man einmal an!“ eiferte Arabella. „Solch dummes Zeug! Sich von einem Menſchen einſchuͤchtern zu laſſen, wenn der Major dabei iſt!“— Sie ſprach lauter—„Major! fragen Sie doch ein⸗ mal den Mann, was er will!“ „Um's Himmels willen nicht!“ rief Madame St. Clair und ſprang plötzlich in der äußerſten Be⸗ ſtuͤrzung auf.„Ich kenne ihn— ich habe ihn ſchon geſehen! Ich— ich muß mit ihm reden!“ Ganz athemlos winkte ſie, daß der Schlag geöſſ⸗ net wuͤrde. „Mutter— das ſind Sie ja nicht im Stande!“ redete ihr Gertrude zu und faßte ihre zitternde Hand. „Laſſen Sie mich doch—“ Aber die Mutter ſchien ſie nicht zu horen und mit Huͤlfe der Bedienten ſtieg ſie aus. Mit wanken⸗ dem Schritte ging ſie zu dem Fremden, der ſie einige Schritte ſeitwaͤrts fortleitete. „Mein Gott,“ bemerkte indeſſen Arabella gegen ihre Baſe,„ich ſehe, meine Tante erſchrickt vor dem Gedanken, den Major mit dieſem Fremden in Streit zu verwickeln; ich ſage Ihnen, wahrhaftig, wenn er nur geſehen haͤtte, wie der Mann mich anſah, er haͤtte ihn wahrlich niedergehauen. In ſofern iſt es freilich beſſer, daß ſie ſelbſt mit ihm ſpricht, denn ich ſtehe jetzt doch gewiſſermaßen unter ihrem Schutze!“ Gertrude erwiederte nichts und Arabella war zu ſehr mit den Wagenpferden beſchaäftigt, um noch wei⸗ ter fuͤr dieſe Sache Sinn zu haben. Als Miſtreß 185 St. Clair mit dem Fremden einige Worte gewechſelt hatte, kam ſie in den Wagen zurück. Auf ihren Zü⸗ gen las man große, innere Unruhe. Sie gab Befehl zum Fortfahren. „Mein Gott, wir fahren?“ rief Arabella,„und der Handel wegen der Pferde iſt noch nicht in Rich⸗ tigkeit? Und wo iſt denn der Major?— Major! Major! Kutſcher, halt doch, bis der Major kommt!“ Und ſein olivenfarbiges Antlitz zeigte ſich am Schlage. „Ich kann nichts mit dem Kerl anfangen!“ ſagte er zur Miſtreß St. Clair keuchend, da er hinter dem Wagen hergelaufen war.„Es ſcheint ein infa⸗ mer frecher Hund zu ſeyn! Waͤr' ich Friedensrichter, ſo ließ ich ihn wahrlich einſperren!“ „Das wäͤre recht geweſen!“ meinte ſeine Braut. „Wahrhaftig, Tante, Sie waren zu gut mit ihm!— Was ſagte er denn zu Ihnen, Major?“ „Ach er war unverſchaͤmt grob und haͤtte ich mein Bambusrohr gehabt, ſo waͤr' es auf ſeine Schul⸗ tern gekommen!“ „Wirklich Tante, es war beſſer, daß Sie aus⸗ ſtiegen und mit ihm ſprachen, als daß ihn der Major vorgenommen haͤtte. Das ſagte ich gleich. Aber ver⸗ dient häͤtte er es. Und waͤre es auch nur wegen der Unverſchaͤmtheit geweſen, wie er mich anſah!— Aber — Sie ſagten ja, daß Sie ihn kennten, Tante?“ Waͤhrend des Geſpraͤchs hatte ſich Miſtreß St. Clair mehr als einmal entfärbt und Gertrude las die 186 Qual ihres Innern in jeder Miene, jedem Blicke. Mit einer Stimme, der ſie umſonſt Feſtigkeit und Ruhe zu geben ſuchte, erwiederte ſie: „Ich habe ihn geſehen— ein einziges mal, un⸗ ter dem ungluͤcklichen Verhaͤltniß, als mein Mann—“ Sie war zu ſehr ergriſſen, mehr ſagen zu koͤnnen und Arabella und ihr Geliebter waren keine ſcharfſich— tigen Beobachter. Sie ſchrieben die Beſtuͤrzung der einzig rechtmaͤßigen Quelle zu, aus welcher Wittwen— Thranen fließen: der Erinnerung an den verſtorbenen Gatten, und da ſie eben nicht geſtimmt waren, bei ſolchem traurigen Gefuͤhl Antheil zu nehmen, ſo ſchlug Arabella vor, auszuſteigen, mit dem Geliebten nach Hauſe zu gehen. Die Tante war es ſehr zufrieden. Sie wuͤnſchte dem gluͤcklichen Paare einen guten Mor⸗ gen und der Wagen jagte blitzſchnell davon. Natuͤrlich erwartete Gertrude, daß ihr die Mutter naͤhern Aufſchluß uͤber den unerwarteten, geheimniß⸗ vollen Auftritt geben wuͤrde, der ſo eben ſtatt gefun⸗ den hatte. Doch beſaß ſie zu viel zarten Sinn, um einige Neugier deshalb zu aͤußern. Aber die erſtere blieb ſtill und in Gedanken vertieft, ſo lange die Fahrt dauerte. Erſt als der Wagen vor dem Schloſſe hielt, erwachte ſie aus ihrem Sinnen: „Schon zu Hauſe?“ rief ſie und ſchaute, wie aus einem Traume geweckt, umher; dann wendete ſie ſich an Gertruden. Mit matter, unterdruckter Stimme ſagte ſie ihr:„Ich bin nicht wohl— aber ich brauche keine Pflege. Sie hilft mir zu nichts!“ Der Oberſt Delmour hatte mit ſeinen Hunden auf der Allee gewartet und eilte herbei. „Gertrude,“ fuhr ſie fort und druckte ihre Hand, „ſchweige uͤber die Ereigniſſe dieſes Tages, ſo lieb Dir mein Leben iſt!“ Gertrude ſchauderte, doch im naͤchſten Augenblicke lag ihre Hand in der des Oberſten, als er ihr beim Herausſteigen half, und die ſchrecklichen Worte der Mutter entflohen bereits bei der Freude, welche er uͤber ihre Ruͤckkehr aͤußerte. Es toͤnte zu angenehm, was er ſagte, als daß ſie nicht gelauſcht und auf der Treppe einige Augenblicke geweilt hätte. „Iſt es moglich,“ dachte ſie,„daß ein Weſen, ſo freundlich, ſo gewinnend, gleich ihm, zu dem Ge⸗ ſchlecht gehort, das einen Onkel Adam und einen Ma⸗ jor Waddel zeugte?“ Der Oberſt ſah, daß er durch ihre Abweſenheit nichts verloren hatte. Als die Mut⸗ ter rief, wagte er, ihr etwas von ernſterm Gehalt ins Ohr zu fluͤſtern. Gertrude errothete, aber lächelte und ging. Zwanzigſtes Kapitel. Was Schweigen birgt, das weißt du wohl? Dante. Als Gertrude die Mutter im Zimmer traf, ging dieſe auf und ab; ein Zeichen von großer innerer Unruhe. Sie ſchien in Gedanken verloren. Endlich blieb ſie plotzlich ſtehen. „Gertrude,“ fragte ſie hingeworfen,„erinnerſt Du Dich denn noch Deiner Amme?“ „Ach Mutter, konnte ich ſie wohl vergeſſen?“ erwiederte Gertrude und die Thraͤnen traten ihr in die Augen, als ſie der Sorge, der Zärtlichkeit gedachte, welche ihr die Getreue bewieſen hatte. „Ich weiß es, Du hingſt ſehr an ihr; ſie auch an Dir.— Gut. Der Fremde, welcher mir ſolchen Schreck einjagte, war ihr Gatte!“ „Ihr Gatte? Ich glaubte, er ſey ſchon vor ei⸗ nigen Jahren geſtorben?“ „Das dacht' ich auch! Unglucklicherweiſe iſt er es nicht!— Ungluͤcklicherweiſe, ſag' ich. Er wird uns wahrſcheinlich eine beunruhigende Laſt wer⸗ den! Solche Leute haben keinen Verſtand! Er ſcheint 189 zu glauben, daß die Pflege und Aufmerkſamkeit ſeines Weibes gegen Dich ihm ein Recht auf unſere Dank⸗ barkeit geben, dem ich nicht leicht entſprechen zu kön⸗ nen fuͤrchte, kurz er ſcheint ein geiziger, habſuͤchti⸗ ger Mann, der Geld braucht. Dies hab' ich nicht und doch bin ich in Verlegenheit, wie ich es abſchla⸗ gen ſoll!“ „Freilich iſt es wohl meine Pflicht, etwas fuͤr ihn zu thun, allein— Sie wiſſen, ich habe nichts mein rigen zu nennen. Was ich thun kann, iſt, mit dem Onkel ſeinetwegen zu reden.“ „Nein, nein! das geht nicht!“ rief die Mutter und ging wieder hin und her. „Warum ſoll ich denn den Onkel nicht fuͤr ihn bitten?“ fragte Gertrude etwas uͤberraſcht.„Ohne Zweifel hat doch der Gatte meiner Amme, eines Wei⸗ bes, das ich ſo zärtlich liebte, ein Recht, von uns et⸗ was zu erwarten?“ „Etwas, freilich; etwas! Aber— was heißt dies Etwas?— Wie viel Geld haſt Du jetzt, Ger⸗ trude?“ Gertrude gab eine kleine Summe an. „Guͤtiger Gott, was ſoll ich machen!“ rief die Mutter mit dem Blicke, dem Tone der Verzweiflung. „Wie ſoll ich je im Stande ſeyn, die nothige Summe aufzubringen?“ „Liebe Mutter, warum aͤngſtigen Sie ſich denn deshalb?— Laſſen Sie mich doch mit dem Onkel reden!“ —— 8— 3 2—— 190 „Gertrude, Du treibſt mich zum Wahnſinn!— Hab' ich Dir nicht geſagt, daß es mein Tod iſt, wenn eine Sylbe von dem Vorfalle uͤber Deine Lippen kommt?“ „Ihr Tod iſt es, Mama?“ wiederholte das Maͤdchen voll Staunen und Schrecken uͤber der Mut⸗ ter Heftigkeit. „Bring mir alles Geld, was Du haſt! Jeden Pfennig!— Frag' nicht! Bald vielleicht, wirſt Du alles erfahren! Sie warf ſich in einen Stuhl, erſchoͤpft, wie es ſchien, von dem heftigen innern Kampfe. Dann ſprang ſie wieder auf, da Gertrude eben das Zimmer, ihrem Willen nachzukommen, verlaſſen wollte. „Und Deine Kleinodien bring' mit! Alle!— Geſchwind! Rede kein Wort!“ Sie winkte ihr ungeduldig zum Fortgehen. Ger⸗ trude mit den befehlenden Worten der Mutter zu gut bekannt, um eine Gegenrede zu verſuchen, konnte doch nicht Herrin des Staunens, des Widerwillens werden, womit ſie dem Geheiße Folge leiſtete. Bald kam ſie mit ihrem wenigen Gelde und Geſchmeide zuruͤck: „Ich daͤchte doch, Mutter, dem Manne meine Ohrringe und Armbaͤnder hinzugeben, ſey nicht nöthig! Das Geld mag er nehmen, aber ich bin Kind genug, dieſe Saͤchelchen gern zu behalten!“ „So behalte ſie!“ rief Miſtreß St. Clair und ſchob ſie veraͤchtlich hin.„Behalte die Lumpereien, nd en, 191 da Dir das Opfer zu groß iſt, ſie mit einer Mutter zu theilen!“ „Ach Mutter, welche grauſamen Worte! Ich ſchwatzte ja nur! Nehmen Sie! Nehmen Sie alles, was ich habe!“ Sie zog die Ringe von den Fingern und löſte die im Ohr beſindlichen. „Nein! nein! Behalte Deinen koſtbaren Tand! Deine Perlenſchnur um den Hals gaͤbſt Du gewiß nicht hin, mich vom Untergange zu retten! Ach, das wäre freilich zu viel!“ Miſtreß St. Clair wußte recht gut, wie ſie das edle, aufwallende Herz der Fochter fuͤr ihre Abſichten zu behandeln habe. Von ſolchen Vorwuͤrfen ergriſſen brach das Maͤdchen in Thränen aus. Sie flehte um Vergebung, bat, die Juwelen anzunehmen, bis ſie end⸗ lich durchdrang und, was ihr unter andern Umſtaͤnden ein Opfer geduͤnkt hätte, erſchien ihr jetzt als ein Vorrecht. „Damit Du ſiehſt, daß ich nichts von Dir for⸗ dere, was ich nicht ſelbſt opfere,“ ſagte die Mut⸗ ter, zu ihrem Schmuckkaͤſtchen gehend,„ſo gieb Acht— auch ich muß mich von allem trennen, was ich habe!“ Sie nahm alle ihren Schmuck heraus und legte ihn mit dem der Tochter zuſammen. Ger⸗ trude half guten Muthes mit. Sie war noch in auf— geregtem Zuſtande. Sie ſah alle die ſchonen, modi⸗ ſchen Juwelen, die geliebten Zeichen der Erinnerung, die kleinen Geſchenke von entfernten Freundinnen und . 192 Gefaͤhrtinnen empfangen, einwickeln und fuͤhlte blos in dem Gedanken Freude, daß ſie ſich wegen ihrer Mut⸗ ter davon trenne. Doch einen Seufzer konnte ſie nicht unterdruͤcken, als ſie eine altmodiſche Haarnadel, in Form eines Herzens ergriff, die mit Granaten be⸗ ſetzt war.„Das iſt ein Geſchenk meiner theuern Amme,“ ſagte ſie furchtſam,„ich verſprach ihr, mich nie davon—“ „Zu trennen?“ fuͤgte die Mutter hinzu.„Gut; halte Dein Verſprechen und behalte das Andenken, Gertrude. Es hat wenig Werth und kann keinen Un⸗ terſchied machen. Deshalb wird er gewiß nicht auf Dich boͤſe werden.“ „Er?“ wiederholte die Tochter unwillig.„Sei⸗ netwegen thu' ich es nicht. Es geſchieht um Jh⸗ retwillen! Aber— warum—?“ Sie hielt inne und ſah der Mutter fragend ins Auge. „Freilich muß die Neugier bei Dir durch alles rege werden, was Du geſehen und gehört haſt, und die Zeit wird— zu bald vielleicht— kommen, wo ſie befriedigt ſeyn kann. Aber wann es geſchieht— ich ſage Dir: es kommt— Dann koſtet es mir mein Leben. Jetzt ſprich, frage, was Du willſt! Ich werde Dir antworten, aber dies iſt die Bedingung dabei!“ „Ach Mutter, fuͤr wie bösartig halten Sie mich!“ rief Gertrude ſchluchzend.„Schelten Sie mich ungehorſam, trotzkopfig, eigenſinnig, aber ſolche Reden verdiene ich nicht! Ich wollte Ihre Sorge 193 theilen, mögen ſie Namen haben, wie ſie wollen, falls ich ſie nur durch Theilnahme mindern konnte!“ Die Mutter ſchuͤttelte mit dem Haupte und ſeufzte tief. „Ich glaube es Dir, meine Tochter— ich weiß, Du biſt uͤber die kleinliche Neugier erhaben, und denke, auf Deine Liebe kann ich bauen. Kann ich nicht?“ Gertrude antwortete, indem ſie in der Mutter Arme ſank. Miſtreß St. Clair druͤckte ſie mit heißerer Zärtlichkeit an ſich, als ſie je geäußert hatte. Wie ſie wieder Faſſung gewann, fuhr ſie fort: „Jetzt, liebe Tochter, verſtehen wir einander. Du ſiehſt, daß meine Zuruͤckhaltung nicht aus Miß⸗ trauen gegen Dich entſpringt. Ich fuͤhle, daß Deine Beſorgniß die Frucht der Liebe zu mir iſt. Alles, was Du hinfort zu thun haſt, iſt, Deinen aufrichtigen Sinn durch Schweigen an den Tag zu legen. Du darfſt mir blos verſprechen, nie zu entdecken, wovon Du Zeugin warſt, wovon Du noch vielleicht Zeu⸗ gin ſeyn wirſt, was Dir in meinem Benehmen ſeltſam und geheimnißvoll vorkommen mag nie ent⸗ decken willſt, was ich Dir von jenem Manne ſagte. Weder ſein Name, noch Verhaͤltniß zu uns darf je uͤber Deine Lippen kommen, ſo lieb Dir mein Le⸗ ben iſt!“ Gertrude verſprach es— verſprach es feierlich und die Mutter erklaͤrte, ſie zärtlich umarmend, wie ſie zufrieden ſey: 13 194 „Ach Du weißt nicht, welche Laſt Du meinem Herzen nimmſt, daß ich Dich ſo klug, ſo folgſam, ſo vertrauend, ſo theilnehmend an meiner Unruhe ſehe; wie Du Zartſinn genug haſt, alle unnuͤtze Neugier zu unterdruͤcken; mich liebſt, um mir in meiner Noth bei⸗ zuſtehen!— Moge der Himmel es Dir belohnen— alles, was Du gethan haſt und thun willſt, Ger⸗ trude!“ Das Paͤckchen war nun in Ordnung gebracht: „Jetzt will ich Dir nun einen noch ſtaͤrkern Be⸗ weis von dem Vertrauen geben, das ich gegen Dich hege!— Dies Päckchen muß heut Nacht dem, wel— chem es beſtimmt iſt, uͤbergeben werden. Ich habe verſprochen, mit ihm am Tempel, unten an der Lin⸗ denallee, zuſammenzukommen; gleich am Hirſchparke, um eilf Uhr. Du mußt mich begleiten. Die Fami⸗ lie wird bei der Tafel ſeyn. Ich werde Kopfſchmerz vorſchuͤtzen— ach leider— kein leerer Vorwand!“— Sie druͤckte die Hand der Tochter an die heiße Stirn— „um in mein Zimmer gehen zu koͤnnen. Natuͤrlich wirſt Du mich begleiten und dann haben wir keine Muͤhe, uns unbemerkt davon zu ſchleichen. Ich weiß alles, was Du ſagen kannſt, Gertrude!“ rief ſie ſchnell und ungeduldig, als ſie der Tochter Unzufriedenheit in der entgluͤhenden Wange las,„aber es iſt keine Wahl mehr! Es muß ſo ſeyn. Doch— bereuſt Du Dein Verſprechen: wohl, ich entbinde Dich deſſel⸗ ben, obſchon mein Verderben dann kommen muß. Sprich— willſt Du entbunden ſeyn?“ 195 Gertrude konnte nicht ſprechen. Zum Zeichen ihres Gehorſams reichte ſie die Hand hin. Schau⸗ dernd drehte ſie ſich um. Die Mutter liebkoſte ſie aufs neue: „Sey ruhig, liebe Tochter! Es wird alles gut werden! Wir wollen uns zum Eſſen umkleiden!“— Das Maͤdchen trat herein, bei der Toilette zu helfen. Miſtreß St. Clair fluͤſterte noch der Tochter ins Ohr: „Syuche huͤbſch heiter zu ſehen! Vergiß nicht: Blicke können ein Geheimniß ſo gut verrathen, als Worte! Stecke einige Blumen in die Haare und ſuche minde⸗ ſtens meinetwegen munter auszuſehen. Thu' das, mein Kind!“ Gertrude ſeufzte. Sie trennten ſich. 13* Einundzwanzigſtes Kapitel. Mehr Wind, als Gehalt. Seneca. Es muͤßte gegen Gertruden böſen Verdacht erregen, wenn ſie der Mutter Lehren häͤtte gehorchen und ſcheinen koͤnnen, was ſie nicht war. Zeit und Noth kann uns lehren, unſere Gefuͤhle zu unterdruͤcken, aber ein junges, unerfahrenes Herz wird mit Muͤhe lernen, ſie zu verbergen. Der offenherzigſte, der rechtlichſte Sinn kann Selbſtbeherrſchung uͤben, aber nur der niedrige, der argliſtige wird zur Ver⸗ ſtellung ſchreiten. Gertrude ſuchte, unruhig und beſtuͤrzt, umſonſt, ruhig und ſorglos zu ſchei⸗ nen. Der bloße Verſuch ſchon diente dazu, dies Ziel zu vereiteln. Jemehr ſie uͤber der Mutter geheimniß⸗ volles, ſeltſames Benehmen nachdachte— und an was konnte ſie ſonſt denken?— deſto mehr vertiefte ſie ſich in das Labyrinth ihrer Phantaſie. Endlich ver⸗ zweifelte ſie, ſich vor den eignen Gedanken in der Einſamkeit zu retten. Sie ſuchte die Selbſtherr⸗ ſchaft unter den Menſchen zu gewinnen. Schnell ſich ſelbſt ankleidend eilte ſie in das Geſellſchaftszimmer. 197 Es koſtete keinen großen Scharfſinn, um zu ent⸗ decken, daß in ihrem Innern etwas Ungewöhnliches vorgegangen ſey. Ihre wechſelnde Geſichtsfarbe, ihre umduͤſterte Stirn, ihr gedankenvoller, unſtäter Blick, alles ſo verſchieden gegen den offenen, ſchlichten Aus⸗ druck in ihren Zuͤgen ſonſt, zeugte oſſenbar den Sturm ihrer Gefuͤhle. Im ernſten Geſpräch ſaßen der Graf, Robert Delmour und Miſtreß St. Elair am andern Ende des Saales. Die Letztere ſchilderte ihnen den Beſuch beim Onkel Ramſay und ihre Zuſammenkunft mit dem Major Waddel, wie es ihrem Zwecke entſprach. Weitlauftig ließ ſie ſich uͤber die Schwierigkeit aus, die Stimmen derſelben zu Rwinnen, wie wichtig die⸗ ſelben ſeyen, wie man es wohl anfangen muͤſſe, ſie zu erhalten. Zum mindeſten gluͤckte es ihr, was freilich keine ſehr große Aufgabe war, einen ihrer Zuhoͤrer irre zu leiten. Den Lord Roßville überzeugte, den Neffen deſſelben uͤberredete ſie, daß der ganze Erfolg der Wahl von ihr und ihrer Familie abhaͤnge. „Ich habe,“ äußerte ſie,„mit wunderli⸗ chen, hartnaͤckigen Menſchen zu thun, hoffe aber doch, mit einiger Gewandtheit und gehöriger Aufmerkſamkeit werden wir durchdringen.“ „Bei einer ſolchen Gelegenheit,“ hob der Graf hier an,„darf weder jene, noch aber auch dieſe, fehlen, meine theuere Freundin! Ich ſchmeichle mir ſelbſt, daß die erſtere Eigenſchaft keinem von uns ab⸗ geht, und die letztere iſt ja ganz unſer Werk. Mor⸗ 198 gen werde ich und mein Neſſe es uns zur Pflicht ma⸗ chen, denen von ihren Verwandten einen Beſuch ab⸗ zuſtatten, welche—“ Robert Delmour zog hier eine Brieftaſche heraus und ſchrieb die Namen des Major Waddel, des alten Ramſay, des Herrn Black unterm Datum des folgen⸗ den Tages ein.„Ich wollte,“ ſagte er zu Madame St. Clair,„wir könnten Ihren Onkel gewinnen! Wie ich höre,“ wendete er ſich an den Grafen,„ſo hat er die Herrſchaft Blumenpark gekauft, und dieſe zerfiel ſonſt in mehrere, vielleicht fuͤnf Theile. Wenn wir dieſe Stimmen auf unſerer Seite haben, ſo iſt die ganze Sache gemacht! Meinen Sie nicht auch ſo?“ „Der menſchliſchen Wahrſcheinlichkeit nach, aller⸗ dings!“ meinte Se. Herrlichkeit.„Zu gleicher Zeit muͤſſen wir uns aber doch huͤten, bloße Wahrſchein⸗ lichkeiten fuͤr unbedingte Gewißheit gelten zu laſſen, oder anzunehmen. In allen ſolchen Faͤllen ſind näm⸗ lich Zufälligkeiten, welche man entweder gar nicht, oder doch mindeſtens mit außerordentli⸗ cher Muͤhe vorausſehen und abwehren kann. So iſt es bei mir noch Gegenſtand des Zweifels, ob Herr Ramſay auch bereits mit den Nebenbeſitzungen be⸗ lehnt ſey. Aller Wahrſcheinlichkeit nach bringen un⸗ ſere Gegner aͤhnliche Mittel zur Anwendung, um auch ein ſolches— Corps de Reserve ins Feld zu ſtellen. Auch höre ich, daß bei der letzten Verſammlung der Gutsbeſitzer zwei neue Anmeldungen vorgetragen wur⸗ den, um ſtimmfähig fuͤr andere Beſitzungen zu werden. 199 Wir koͤnnen daher mit Grund vermuthen, daß die Liſte der Gegenparthei ebenfalls vergroͤßert wird— das heißt, wenn es ihnen möglich iſt!“ Während dieſe Unterredung noch lange fortging, ſaß Lady Betty im andern Theile des Saales in vol⸗ ler Staatskleidung auf dem Sopha mit ihrem Mops, und der Oberſt Delmour hatte einen kleinen Streit mit Herrn Lyndſay. Gertrude ſuchte fern von allen ein Plätzchen und ſetzte ſich an ein Fenſter. Doch im naͤmlichen Augenblicke geſellten ſich die Vettern zu ihr. Der Oberſt bemerkte zu ſeiner geheimen Freude die Unruhe in Blick und Bewegung. Er ſchrieb ſie blos der Erklärung zu, welche er gewagt hatte. Sie gab zu einigem Streit zwiſchen Mutter und Tochter Ge⸗ legenheit, meinte er, und dieſer, davon war er uͤber⸗ zeugt, mußte ſich zum Portheil des Liebhabers enden. Doch daß jetzt gerade ſeine Abſichten verrathen wuͤrden, lag nicht in ſeinem Plane. Vielmehr wuͤnſchte er Miß Gertrudens Unruhe dem Beobachter zu ent⸗ ziehen. Während er hinter ihrem Stuhle lehnte, machte Herr Lyndſay einige Bemerkungen, die ſie, abweſend und beſchaͤftigt, kaum zu hoͤren ſchien. „Wuͤnſchen Sie, daß ich heute anfange, Ihr Portrait zu zeichnen?“ fragte er lächelnd. „Nein— heute nicht!“ antwortete ſie etwas beſtuͤrzt. „Und warum nicht? Wenn man nach der Na⸗ tur zeichnen will, muß man ſie in allen Arten und Anſichten nehmen.“ —— — . „Aber ich habe ſtuͤrmiſche Gemälde mit Wolken nicht gern!“ ſeufzte Gertrude. Der Oberſt blickte ſie vorwurfsvoll an und fluͤ⸗ ſterte ihr ins Ohr:„Sonderbar, daß der Tag, wel⸗ cher mir der ſchoͤnſte meines Lebens ſchien, Ihnen be⸗ wölkt erſcheint— Ach, Gertrude, warum ſehen wir ihn nicht mit einerlei Augen an?“ Gertrude erroͤthete uͤber und uͤber, aber antwortete nicht. „Welche Zeit haben wir denn?“ fragte Lady Eliſabeth. „Sieben Minuten fehlen noch an ſechs!“ rief Miß Pratt, welche hereintrat, bei der Lady Eliſabeth vorbei trippelte und ſich der Gruppe im Fenſter nä⸗ herte.„Giebts denn etwas Reues hier? Sie haben ſich ja ganz umgeändert, Oberſt? Vor dem Eſſen ſchon im Zimmer zu ſeyn? Wir ſahen Sie ja ſonſt immer erſt, wenn ſchon Suppe und Fleiſch weg war?“— Jetzt wurde Gertrude vom Scheitel bis zum Fuße gemuſtert:„Was iſt denn mit Ihnen vorgegangen? Sie ſehen ſich ja nicht mehr aͤhnlich? Horen Sie, Sie haben wohl zu viele Paſſions⸗ blumen auf dem Kopfe? Heute muͤſſen Sie Ihr Muͤhmchen nicht malen, Herr Eduard, wenigſtens muß ſie erſt ein Paar Paſſionsblumen herunternehmen. Ich glaube wirklich, ſie ſtehen Ihnen nicht. Laſſen Sie mich doch einmal eine herausziehen.“ Schon war ſie im Begriff, zuzulangen, allein der Oberſt Delmour nahm ſie bei der Hand. n in „Herr Jeſus, Oberſter,“ ſchrie ſie,„ſeyn Sie doch nicht ſo hitzig! Ich werde doch gewiß nicht der Miß St. Clair den Kopf abreißen! Wahrlich, man kann ſie Paſſionsblumen nennen, denn Sie ſcheinen wirklich eine rechte Paſſion davon bekommen zu haben! Mir den Spitzenaͤrmel ſo zuſammenzudruͤcken und den einen Finger ſo zu quetſchen!“ Der Oberſt ſchaͤmte ſich, ſo dem Zorne nachge⸗ geben zu haben; er erkuͤnſtelte ein Lachen, indem er die Hand der Miß Pratt losließ und außerte ſcher⸗ zend: „Verzeihen Sie, in der Hitze meiner Paſſion druͤckte ich Ihnen die Hand zu— zu zärtlich! Schrei⸗ ben Sie den Fehler—“ „Ach, ich weiß alles, was Sie wollen, Oberſt!“ rief die zornige Jungfrau laut, indem ſie den Spitzen⸗ aͤrmel ſtrich und den ſchmerzenden Finger druͤckte, aber aͤußerſt boͤs ausſah.„Das weiß ich, Sie haben mir die Proben in allerliebſter Art gelaſſen. Ich hatte noch nicht erfahren, ob der Kopf von Miß St. Clair Ihnen gehoͤrt, ſonſt wuͤrd' ich wahrlich nicht daran gedacht haben, darnach zu greifen. Das aber weiß ich, falls ſie klug iſt, ſo ſieht ſie ſich vor, wenn ſie Ihnen ihre Hand giebt, denn nun hat ſie geſehen, wie Sie mit der meinigen umgegangen ſind!“ Sie hielt den ſchmerzenden Finger empor und zeigte auf den Aermel.—„Und nun ſehe eines nur den Aermel ö „Was iſt denn mit Ihrem Aermel?“ fragte ———-—-———————— — Lady Cliſabeth. aus?“ „Huͤbſch? Freilich war er mehr als huͤbſch. Aber der Oberſt hat ihn aus der ganzen Fagon ge⸗ bracht und ich muß ihn ganz ausplatten laſſen.“ „Hoͤren Sie mal, Miß Pratt,“ ſchritt der Oberſt nun ein,„da Sie mich als Zerſtörer Ihres Spitzenbeſatzes anklagen— ſo vergeſſen Sie, daß hier eine Handlung ſtatt fand, fuͤr welche mir der Dank aller frommen, ſittſamen Menſchen uͤberhaupt und der Kirchenvorſteher insbeſondere gebuͤhrt. Ich las in die⸗ ſen Tagen eine Geſchichte der Spitzenmoden, welche meine ganze Seele in Aufruhr brachte und mein jun⸗ ges Blut zu Eis erſtarrte. Ich verſichere Sie, ſeit⸗ „Ich daͤchte, er ſaͤhe recht huͤbſch dem ich mit dem ſchrecklichen Geheimniſſe der Spibent kloͤppelei bekannt bin, iſt Hamlets Furcht, als er den Geiſt ſeines Vaters ſah, nichts gegen die meinige. So bald ich eine ſteife Spitzengarnitur ſehe, ſo denke ich auch gleich an Pferdefuß und Horn, an Pech und Schwefel.“ Er ging nach dem Buͤcherſchranke und langte ei⸗ nen alten Folioband heraus. Mit verſtelltem, ſcherz⸗ haftem Schrecken und Staunen las er erſt den Titel: „Die Anatomie der Mißbräuche, enthaltend eine Entdeckung oder kurze Darſtellung von ſolchen allbekannten Laſtern und Gebrechen, wie anjetzt in vielen Gegenden der Welt ſtatt haben. Von Philipp Stubbes, 1583.“ Dann kam aus dem Texte: „Sie haben große und monſtroͤſe Beſatze, von 203 Cambrick, Spitzen oder ſonſt andern feinen Stoſſen gemacht, wie man ſie nur fuͤrs Geld bekommen kann. 0 Manche davon ſteigen wohl eine Viertelelle, ja noch tiefer herab, ſo, daß ſie eine volle Viertelelle und wohl mehr uͤber den Nacken gehen und wie ein Schleier uͤber den Schultern haͤngen. Aber wiſſet ihr, was das iſt? Der Teufel iſt es in aller ſeiner Boösheit, der zuerſt ſolche Spitzenverbrämung erdacht hat. So hat er ſich nun auch zwei große Pfeiler aufgerichtet, welche ſein Reich des Stolzes tragen und ſtuͤtzen. Der eine Pfeiler, worauf das Reich der großen Spitzenver⸗ braͤmungen ruht und laſtet, iſt eine Art feiner, fluſſiger Materie, Staͤrke genannt, worin der Teufel die Spitzen wohl waſchen und dann trocknen laͤßt, daß ſie ſteif und unbeweglich um den Nacken ſtehen. Der andere Pfeiler iſt eine Art Draht, zu dem Zweck mit Sei⸗ dengarn und dergleichen uͤberſponnen. Solches heißt der Boden. Außer dieſem allen haben ſie noch andere Spitzen, die auch nicht ſchlecht ſind, namentlich drei oder vier Lagen kleineren Beſatz, die uͤber einander weggehen, alles unter des Meiſter Spitzenteufels Schutz und Schirm. Manchmal ſind ſie—“ „Was das fuͤr dummes Zeug iſt!“ rief Miß Pratt.„Ich habe davon in meinem Leben nichts ge⸗ hoͤrt. Mich wundert's nur, wie Sie das mit anhoren konnen, Lady Eliſabeth. Ich glaube, Miß St. Clair hat zu viel Verſtand, um deshalb zu lachen. Horch, der Gong toͤnt! Der verdient mehr Aufmerkſamkeit!“ Weg war Miß Pratt und ihr Spitzenbeſatz. 204 Auch die Politiker brachen auf und Miſtreß St. Clair verſicherte den Lord Roßville nochmals, daß ſie alles aufbieten wuͤrde, ihm die Stimmen ihrer Familie zu verſchaſſen. Gertrude ſaß zwiſchen dem Grafen und deſſen Neffen, Robert Delmour. Der Letztere aͤnderte öfters den Gegenſtand der Unterhaltung, aus Ruͤckſicht fuͤr ſie. Er ſprach von ſchoͤnen Gegenden, Pferderennen, dem Wetter und ähnlichen Dingen, welche weiblicher Faſſungskraft zuſagen. Aber man ſah es ihm an, daß er ſich Zwang anthat, und Gertrude fuͤhlte ſich beleidigt, daß er ſich ſolche unnuͤtze Muͤhe gab. Nach dem Eſſen winkte ihr die Mutter, mit ihr zu gehen. 205 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. —— Nie kämpfte Mangel an der Kunde, Mit Drang nach Kenntniß ſo in meiner Bruſt, Wie jetzt in dieſem Augenblick! Doch wag' Ich nicht zu fragen— ſelbſt entdecken kann ich nichts! Cary. „Du kannſt Dich nicht gut verſtellen, Gertrude!“ begann Miſtreß St. Clair ſogleich, die Thuͤre verſchlie— ßend und lauſchend, ob alles ruhig ſey.„Dein Aeu⸗ ßeres hat bereits der Familie verrathen, daß etwas vorgefallen iſt. Selbſt die einfaͤltige Lady Eliſabeth fragte mich bei Tiſche, ob Dir nicht ganz wohl waͤre? Es iſt klar, daß Du verſtimmt oder unwohl ſeyn mußt, koͤrperlich oder geiſtig unwohl! Heut Abend wirſt Du alſo die Rolle der Kranken ſpielen!“ Sie ſah, daß Gertrude ſolche Täuſchung mißbil— ligte, und fuhr darum fort: „Das kannſt Du ja leicht thun. Du darfſt blos auf dem Zimmer bleiben und es mir uͤberlaſſen, Deine Abweſenheit zu entſchuldigen.“— Sie ſeufzte tief:„Mir thut beides, Kopf und Herz wehe! Gott weiß es! Wenn Du nur das eine ſtatt meiner zum 206 Schein dulden willſt, ſo erleichterſt Du mir das an⸗ dere!“ Gertrude fuͤhlte, daß ſie blos ein Werkzeug in der Mutter Haͤnden, daß es vergeblich ſey, zu ſtreiten. Schweigend willigte ſie alſo ein, den uͤbrigen Theil des Abends in ihrem Zimmer zu bleiben. Die Vermuthungen, welche Miſtreß St. Clairs Nachricht: ihre Tochter ſey unwohl, erregte, waren mancherlei, und die vorgeſchlagenen Mittel unzahlig. Der heiße Tag, das Fahren, die Straße, der Staub, das Eſſen, Onkel Adam und ſeine heiße Stube, alles und mehr noch ward als Urſache des Uebels angege⸗ ben und vom Kölniſchen Waſſer bis zu Eliſabeths doppeltem Lavendelſpiritus alles empfohlen und dank⸗ var angenommen. Der Graf machte gar einen Ge⸗ genſtand von Leben und Tod daraus. Ein Fieber fängt, meinte er, mit Kopfweh an. Er fragte, ob Schauder, Durſt, Hitze, bitterer Geſchmack da ſeyz wie Zunge, Augen, Puls beſchaffen waͤren? Ein Biöchen Blut weggelaſſen, duͤrfte vielleicht das beſte Gegenmittel ſeyn. Kurz Madame St. Clair hinderte ihn, der ſich doch ſelbſt einiger ärztlichen Kenntniſſe ruͤhmte, mit Muͤhe, in eigner Perſon zu verſchreiben, indem ſie ihm das Wort darauf gab, daß Gertrude gern haͤtte ſchlafen wollen und gebeten habe, nicht ge⸗ ſtort zu werden. Morgen fruͤh aber ſollte ſie, falls es nicht beſſer waͤre, ganz ſeiner Behandlung anver⸗ traut werden. Der Oberſt vermuthete, es ſey hier ein Betrug Us 3 im Spiele und ihm koſtete es, wie er dachte, keine Muͤhe, den Faden zu ſinden. Sein Verhaͤltniß zu Gertruden konnte von der Mutter errathen worden, Gertrude deshalb von dieſer angegriffen worden ſeyn. Er fuͤhlte deshalb wenig Unruhe. Die Natur des Menſchen war ihm bekannt genug, um zu wiſſen, daß bei dem ſchwaͤrmeriſchen Sinne, wie Gertrude hatte, ein kleiner Widerſtand wohlthaͤtig wirke; daß es of⸗ ters, um fuͤr Jemanden Theilnahme zu erwecken, der ſicherſte Weg iſt, Vorurtheile gegen einen Andern zu erregen. Waͤhrend der Zeit ſaß der Gegenſtand dieſer Unruhe am Fenſter und harrte des kommenden freund⸗ lichen Abends. Es war die liebliche Jahreszeit, wo Tag und Nacht ſich ſo unmerklich in einander verlie⸗ ren, daß die Nacht nur ein ſuͤßerer, milderer Tag ſcheint. Die praͤchtigen Wolken, welche gewoͤhnlich den glänzenden Untergang der Sonne begleiten, fehl⸗ ten. Der Himmel war rein und frei von Duͤnſten. Der ſilberne, junge, ſanfte Mond leuchtete hier am Himmel, indeſſen der goldene Strahl der Sonne dort verbleichte. Wenn mit dem letzten Sonnenſtrahl Des Abends Dunkel bricht herein: Wer fuͤhlte dänn wohl nicht einmal, Daß Luſt und Weh beiſammen ſein? Und nun kam die dunkelblaue, ſchweigende Nacht her— auf mit dem Geſange der Nachtigall und den glaͤnzen⸗ den Sternen. —2— 208 Doch Gertrude, ſinnend uͤber dieſe geweihten Ge⸗ genſtaͤnde, ward von der eintretenden Mutter geſtört. Dieſe warf ſich tief ſeufzend auf einen Stuhl. Dann ſprang ſie wieder auf: „Nun, Gertrude, mache Dich fertig! In wenig Minuten muͤſſen wir fort! Thu' Deinen gruͤnen Rei⸗ ſemantel um; er wird Deine Kleidung vollkommen verbergen, Deine Geſtalt verhuͤllen, wenn wir ja— Gott verhuͤte es! ungluͤcklicherweiſe Jemandem begegnen ſollten!“ Gertrude that, wie ihr geheißen ward. Die Mut⸗ ter verhuͤllte ſich auf aͤhnliche Art. Zitternd erwarte⸗ ten beide das Zeichen zum Fortgehen. Endlich tönte der Gong, man hoͤrte Stimmen, wie die Familie zum Abendeſſen ging. Die Thuͤren ſchlugen— dann war alles ſtill. „Jetzt iſt es Zeit!“ ſagte die Mutter, ſo, daß man ſie bei ihrer Angſt kaum verſtehen konnte.— „Warte!— Sollte durch ein unvorgeſehenes Ereig⸗ niß es ja zu des Grafen Ohren kommen, daß wir zu ſo ungewohnlicher Stunde das Haus zuſammen ver⸗ ließen— ach nein! Das wird nie der Fall werden! Aber doch— Gertrude, Du mußt vorausgehen! Ich will folgen!“ „Nein, nein!“ rief dieſe vor Schrecken erblei⸗ chend.„Warum wär' denn dies vonnothen? Das macht doch wahrlich keinen Unterſchied!“ „Keinen, der Sache nach, aber in der Form! Daß Du Dich wegſchleichſt, um beim Mondenlicht herum zu wandern, mag zwar einfältig, aber nicht un⸗ wahrſcheinlich heißen, und wenn ich Dir nachgehe, ſo wuͤrde das ſehr natuͤrlich ſcheinen; dagegen iſt es gar nicht zu vertheidigen, wenn wir zuſammen ge⸗ hen! Das darf nicht ſeyn! Alſo geſchwind!“ „Ach Mutter— verlangen Sie nicht, ich flehe darum, verlangen Sie nicht, daß ich allein gehen ſoll! Ich kann nicht! Wahrhaftig, ich kann es nicht!“ Sie ſank auf einen Stuhl. „Das iſt zum Lachen!“ rief die Mutter mit unterdruͤcktem Zorne.„Wovor fuͤrchteſt Du Dich denn?“ „Ich weiß es nicht!— Ich kann es nicht ſa⸗ gen!— Aber ich gehe, ohne zu wiſſen, wohin; Je⸗ manden zu finden, ohne zu wiſſen, wen, und das um Mitternacht! Nein, ich kann nicht— ich will nicht gehen!“ Sie riß den Mantel ab und warf den Hut vom Kopfe. Jede Geberde druͤckte Zorn und Ungeduld aus. „Trotziges, gefuͤhlloſes, undankbares Geſchöpf!“ ſchalt Miſtreß St. Clair nur ihrer Leidenſchaft gehor⸗ chend.„Fuͤr Dich dulde ich, daß— Ach, warum gebe ich Dich nicht Deinem Schickſale mit einemmale preis! Warum— Aber ich will Gehorſam haben! Ich befehle es⸗Dir, auf Deine Gefahr hin, mir zu gehorchen!“ Gertrude warf ſich zur Erde, der Mutter zu Fuͤßen. „Toͤdten Sie mich, treten Sie mich mit Fuͤ⸗ I. 14 — ———-————— 210 ßen!“ rief ſie voll Verzweiflung.„Aber mein Geiſt ſchaudert vor dieſen Geheimniſſen zuruͤck! Ach, meine Mutter,“ ſchluchzte ſie,„Sie konnen mir befehlen, mich ſo aus meines Onkels Hauſe wegzuſtehlen? Um Mitternacht— verkleidet— allein, um mit einem gemeinen, habſuͤchtigen, verzweifelten Manne zuſammen zu kommen?“ Madame St. Clair ſchwieg einige Augenblicke, als kaͤmpfe ſie mit ihren Gefuͤhlen. Dann ſprach ſie mit einer unnatuͤrlichen Gelaſſenheit: „Nun ſo mag's ſeyn! Meine Vorſtellungen, meine Bitten, meine Befehle ſind umſonſt! Der Wuͤrfel liegt durch Deine Hand! Mein Schickſal iſt entſchieden!— Ich ſagte Dir, wie mein Leben von Deinem unbedingten Gehorſam abhaͤngt.— Die Schuld ſoll bezahlt werden!“ Gertrude ſah, wie in dem Antlitze der Mutter jeder Zug von machtiger, ſchrecklicher Leidenſchaft be— wegt war. Alle andere Gedanken waren nun dahin. Sie ſah nur die Mutter todt, ſich ſelbſt die Urſache des Todes! Alle Furcht fuͤr ſich, alles ſtolze Selbſt— gefuͤhl entfloh. Die rechte Saite war geruͤhrt und die ganze Seele hallte davon wieder. Sie umſchlang der Mutter Knie; ſie flehte um Verzeihung; ſie weihte ſich zu ungemeſſenem Gehorſam; der treuſten Ergeben⸗ heit in ihren Willen. Sie rief den Himmel zum Zeugen an, daß ſie hinfort alles, was von ihr verlangt werde, thun wolle; ſie bat, noch einmal, nur noch einmal auf die Probe geſtellt zu werden, und ſprach ſo innig, ſo aufrichtig, ſo bewegt, daß die Mutter neue Faſſung gewann und mit natuͤrlicherm Tone ſagte: „Ich vergebe Dir, Gertrude; ich vergebe Dir Deine Zweifel, Deine Furcht, ſo ſehr ſie mich auch beleidigen!— Nun ſo geh! Aber vorher uͤberlege, was Du unternommen haſt. Vergiß es nicht: un⸗ bedingten Gehorſam haſt Du mir gelobt! Hier giebt es keinen Mittelweg! Du retteſt mich, oder vernichteſt mich!“ Sie ſchenkte ein Glas Waſſer ein und reichte es Gertrudens bebenden Lippen. Dann fuhr ſie fort: „Jetzt hore auf meine Weiſung! Schnell und leiſe gehſt Du, bis Du an die Treppe des ſuͤdlichen Thurmes kommſt. Steige behutſam hinab und nimm den Weg im alten Gange bis zu der Thuͤre nach Abend zu. Sie iſt ſelten verſchloſſen. Biſt Du da, ſo haſt Du nur den Vorplatz zu uͤberſchreiten; halte Dich dann am Ufer und an der Epheubruͤcke erwarte mich. Fuͤrchte Dich nicht. Ich komme gleich im Augenblicke nach!“ Gertrude verhuͤllte ſich aufs neue in den Mantel und ging mit klopfendem Herzen ſo ſchnell, als Angſt und Schrecken zuließen. Sie ſuchte fuͤhlend nur den Weg, die kleine Wendeltreppe hinab und in dem fin⸗ ſtern Gange, der in einem alten Nebengebaͤude auf den freien Platz vor dem Hauſe nach dem Parke zu fuͤhrte. Hier war alles vom klaren Monde beleuchtet. Der Himmel war wolkenfrei, alles ſtill. Faſt ent⸗ ſank ihr aller Muth, als ſie ihren eignen dunklen, ge⸗ 14* ——————— —————— 212 ſtaltloſen Schatten ſah, wie fie den ſilberhellen Pfad verfolgte. Bald erreichte ſie das Ufer des Fluſſes. Hier im duͤſtern Dunkel der Baͤume und Felſen fuͤhlte ſie ſich, wo nicht vor Gefahr, doch gegen Entdeckung geſichert. Noch einige Schritte und die Bruͤcke war da, wo ſie die Mutter erwarten ſollte. Zu einer andern Zeit wuͤrde die ſchoͤne Scene, das Romantiſche derſelben, ſie entzuͤckt haben. Felſen, Baͤume, der Waſſerfall, alles glänzte im blaſſen, zitternden Strahle des Mondes. Kein Blättchen ruͤhrte ſich. Nur das Rauſchen des Fluſſes, das Kraͤchzen der Eulen unterbrach die Stille. Doch Ger⸗ trudens Herz ſtand nicht in Einklang mit derſelben. Kaum wagte ſie zu athmen; jeder Augenblick ſchien ihr ein Menſchenalter, bis ſie die Mutter raſch und aͤngſtlich kommen ſah. „Es iſt ſpaͤt!“ fluͤſterte ſie.„Laß uns eilen!“ Sie nahm der Tochter Arm und beide gingen ſchweigend ein großes Stuͤck fort, bis ſie einen Tem⸗ pel, eben am Ufer gelegen, erreicht hatten. „Hier habe ich verabredet, mit ihm zuſammen zu kommen!“ ſagte ſie leiſe, und im naͤmlichen Au⸗ genblicke ſah man Jemanden nahen.„Warte hier, Gertrude,“ liſpelte ſie und winkte der Tochter, zuruck⸗ zubleiben, als dieſe ſich an ihr anklammerte.„Ich ſtelle mich, daß ich Dich ſehen und rufen kann. Geh' ja nicht weg von hier und erinnere Dich Deines Ver⸗ ſprechens!“ Sie machte ſich von ihr los und haſtig eilte ſie 213 dem Fremden entgegen. Wer wuͤrde nicht in dieſem Augenblicke die großte Neugier gefuͤhlt haben? Auch Gertrude empfand ſie in nicht geringem Grade, als ſie die Mutter mit dem geheimnißvollen Manne ſah⸗ Swar konnte ſie, zu entfernt, nicht horen, was geſprochen wurde. Doch jede Geberde ſagte ihr, daß es von Be⸗ deutung ſey. Als einige Minuten in ernſtem, anhal⸗ tendem Geſpräche verfloſſen waren, ſah ſie, wie Mi⸗ ſtreß St. Clair ihm ein Packet gab, das, wie ſie wußte, das Geld und Geſchmeide enthaͤlt. Der Mann wies es verächtlich zuruͤck und drehte ſich um, indeſſen Miſtreß St. Clair in ihn zu dringen ſchien. Das ſtille Spiel dauerte einige Minuten. Endlich riß er es ihr aus der dargebotenen Hand und warf es zur Erde, und that einige Schritte nach Gertruden hin. Jetzt faßte ihn Miſtreß St. Clair bei dem Arme. Sie ſchien ihm Vorſtellungen zu machen, ihn zü bit⸗ ten, zu beſchwören. Dann ſchlug ſie die Hände zu⸗ ſammen, als ſey ſie in Verzweiflung; ſie hob ſie em⸗ por, als rufe ſie feierlich den Himmel an und Ger⸗ trude horte ſie im Tone der ſchrecklichſten Angſt rufen. Endlich ſchien ſie doch durchzudringen. Als ſie das Packet, welches er ſo veraͤchtlich hinwarf, aufgehoben hatte, bot ſie es noch einmal an, und jetzt nahm er es. Beide kamen nun bis auf einige Schritte in Gertrudens Naͤhe. Hier verließ Miſtreß St. Clair den Mann und trat vollends zu der Tochter. Der Schatten von den Baͤumen bedeckte ihr Geſicht, aber was ſie ſagte, verrieth die ſchrecklichſte Unruhe: „Meine gute Gertrude,“ ſagte ſie ihr leiſe ins Ohr,„Lewiſton wuͤnſcht Dich zu ſehen, mit Dir zu ſprechen. Da er der Gatte Deiner Amme und ge⸗ wiſſermaßen vertraut in der Familie iſt, ſo glaubt er auch ein Recht zu haben, mit Dir nach ſeiner eignen Art zu reden. Ich darf es ihm nicht abſchlagen. Er will mit Dir allein reden!“ Gertrude wollte voll Unwillen eine abſchlägliche Antwort geben. Miſtreß St. Clair legte ihr, es er⸗ rathend, ſchnell die Lippen auf den Mund: „Gertrude, theuerſtes Maͤdchen! So lieb Dir mein Leben iſt— ſo ſehr Dir Dein eigenes Wohl am Herzen liegt: reize ihn nicht! Ich bin in ſeiner Gewalt! Ein einziges voreiliges Wort; ein ver⸗ ächtlicher Blick, kann mich vernichten. Ach Gertrude, bei Deiner Liebe zu mir— bei der Liebe, die Du zu Deiner Amme hegteſt, bei dem Himmel beſchwor' ich Dich: ſey ruhig, dulde! Sprich— Sag' mir, kann ich mich auf Dich verlaſſen?“ Sie fuͤhrte ſie einige Schritte dem Fremden ent⸗ gegen. Gertrude war vor Schrecken leblos, als der Mond auf das Antlitz ihrer Mutter leuchtete und ihr die wilden, faſt geiſterartigen Zuͤge, entſprungen aus ſolcher entſetzlichen Unruhe, zeigte. „Beruhigen Sie ſich, Mutter,“ flehte ſie.„Ich will ja gern— alles thun, was Sie wollen!“ Mehr zu ſagen, mangelte ihr die Zeit. Der Fremde, ungeduldig, daß es ſo lange dauerte, war her⸗ bei gekommen. Mit einer gewiſſen Vertraulichkeit 21¹5 reichte er Gertruden die Hand hin. Bei dieſer ward der Zorn rege; ſie haͤtte beinahe die Behutſamkeit ver— geſſen. Ein Blick der Mutter allein erinnerte ſie dar⸗ an. Mit dem Erröthen des verwundeten Stolzes ließ ſie die ihrige nehmen. Miſtreß St. Clair entfernte ſich. Er faßte ſie einige Minuten lang, ohne ein Wort zu ſagen, ins Auge. Ihre Wangen brannten. Ihr Herz klopfte vor Scham uͤber die unwuͤrdige Be⸗ handlung. Endlich fragte er hingeworfen: „Erinnern Sie ſich denn noch Ihrer Amme?“ „Vollkommen!“ „Wie alt waren Sie denn, als ſie ſtarb?“ „Neun Jahr!“ „Waren Sie ihr denn recht gut, oder nich „Ich liebte ſie als meine Mutter!“ „Das iſt ſchoͤn! Nun, ſehen Sie, ich war ihr Mann und alſo kann ich auch auf Ihre Liebe in ge⸗ wiſſer Art Anſpruch machen. Glauben Sie denn, im Stande zu ſeyn, mir davon einen Beweis geben zu t2 können?“ Gertrude wollte bei der Frechheit des Fremden auffahren. Sie bekämpfte ſich indeſſen. Kaltblütig antwortete ſie: „Gern werde ich Euch, als dem Gatten meiner Amme, beiſtehen, ſo weit ich es vermag, aber jetzt gehen meine Kraͤfte noch nicht weit.“ „Ja— das iſt wahr. Aber nun— es wird die Zeit kommen, wo Sie mehr haben?“ „Wenn dieſe da iſt,“ antwortete Gertrude, ——— —————————— welche gern das Geſpräch zu Ende bringen wollte, „ſo ſoll der Gatte meiner Amme gewiß nicht vergeſſen werden!“ Sie wollte fortgehen. „Halt!“ rief er.„Nicht ſo ſchnell! Die Anſpruͤche vom Manne Ihrer Amme ſind nicht ſo ge⸗ ſchwind abgemacht, wie Sie zu denken ſcheinen. Ich will blos ein Paar Fragen erſt an Sie thun, ehe wir aus einander gehen. Erſtens, wer giebt mir denn die Gewißheit, daß Sie es immer in Ihrer Gewalt haben werden, mir in der Welt fortzuhelfen?“ „Gewißheit kann ich Euch nicht geben. Alles, was ich ſagen kann, iſt: wenn es in meiner Gewalt ſteht, Euch zu helfen, ſo werde ich, Euerer Gattin wegen, es gern thun!“ „Alſo blos meiner Frau wegen? Hm, hm! Wir wollen ſehen, wie das geht, wenn die Zeit da iſt. Ob ich da nicht vielleicht etwas auch von mei⸗ netwegen zu ſagen habe!“ Schweigend drehte ſich Gertrude ſtolz um. Aber er faßte ſie beim Mantel: „Na,“ fuhr er fort,„das wollen wir ein an⸗ dermal mit einander abmachen. Allein wenn Sie Ihre Karten gut ſpielen, werden Sie ſchon einmal es zu etwas bringen, oder der Teufel muͤßte drinnen ſitzen! Das Schlimmſte iſt nur: es kann noch eine Weile dauern. In der Zeit ſterben Ihre Freunde vor Hun⸗ ger. Ihr Onkel iſt freilich ein ziemlich alter Burſche und Sie beerben ihn ganz gewiß!“ 217 Gertrude kaͤmpfte mit dem bitterſten Gefuͤhle. Er ließ ſich nicht ſtören: „Was haben Sie denn nun ſo fuͤr ein Plänchen in die Zukunft?“ „Ich pflege meine Plaͤne keinem Fremden mit⸗ zutheilen!“ antwortete ſie ſtolz. „Aber ich habe ein Recht, Ihre Pläne zu wiſ⸗ ſen!“ rief er wild.„Ich will Antwort haben. Was haben Sie denn fuͤr Plaͤne in die Zukunft?“ Gertrude zitterte. Halb ohnmächtig erklrte ſie, daß ſie ihn gar nicht verſtehe. „Ich meine: wenn Ihr Onkel ſtirbt, was ma⸗ chen Sie denn da? Heirathen Sie da, oder bleiben Sie ledig? Oder hat Ihre Mutter Sie ſchon fuͤr Jemanden einzunehmen geſucht? Antworten Sie mir mal darauf! Will ſie denn, daß Sie heirathen ſol⸗ len, oder nicht? Sagen Sie—“ „Darauf zu antworten, iſt mir unmöglich! Ich kann nichts ſagen!“ antwortete Gertrude, dem Schrek⸗ ken, dem Aerger, die mit einander bei ihr kämpften, faſt erliegend. „Hören Sie: iſt das auch wahr? Iſt denn nicht ein Oberſt Delmour im Hauſe, der gern die Erbin aus ihren Beſitzungen herausſchwindeln moͤchte? Na, das geht doch nicht! Sie muͤſſen ſich aber in Acht nehmen und ſich nicht verplämpern; geben Sie Acht, daß Sie ſich nicht ſo tief etwa einlaſſen. Sonſt — weiß Gott! Horen Sie mal, ich muß wiſſen, wie die Sache ſteht! Ich muß wiſſen, wie Sie mit den 218 Gluͤcksrittern, die alle hinter Sie drein gucken, daran ſind!“ Er wollte ſie ſo eben recht vertraulich bei der Hand nehmen, allein dies brachte ſie ganz um ihre Beſonnenheit. Sie ſchrie hell auf, daß es im Parke wiederhallte, floh ſchnell davon und ſtuͤrzte in der Mutter Arme. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Biſt du gehalten von des Schickſals Banden, So unterwirf dich, kannſt du ſie nicht ſprengen Aeſchylus. Als Gertrude am folgenden Morgen aus einem ven ſieberhaften Zufaͤllen und Träumen beunruhigten Schlafe erwachte, zeigten ſich ihrem Geiſte nur verwirrte, ent⸗ ſtellte Bilder, wie in einem zerbrochenen Spiegel, und umſonſt ſuchte ſie dieſelben zu ordnen, in Einklang zu bringen. Schreckliche Träume hatten ſich mit nicht minder abſcheulichen Ereigniſſen gepaart und ihre Be⸗ ſtuͤrzung wurde größer, als ſie beide ſcheiden wollte. Endlich ſchlug ſie die Augen auf und ſah ihre Mutter am Bette ſitzen. „Ach, Mutter!“ rief ſie,„ſagen Sie mir! Erzaͤhlen Sie mir!— Was iſt in der letzten Nacht eigentlich vorgefallen? War es— ach— war denn alles ein Traum?“ „Beruhige Dich, Gertrude!“ redete Miſtreß St. Clair ihr zu.„Was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Denke nicht mehr daran! „Unmöglich! Ich kann an nichts anderes den⸗ ken! Ich muß wenigſtens wiſſen— Ich beſchwore ——— 220 Sie, mir wenigſtens dies zu ſagen— Lyndſay— ſprechen Sie, rettete er mich in der vergangenen Nacht nicht aus den Klauen—“ „Gertrude!“ fiel ihr die Mutter höchſt beſturzt ins Wort,„wozu hilft es denn, von vergangenen Dingen zu reden, daran zu denken? Du machſt Dir dadurch Unruhe und mir auch!“ „Alſo war es ſo?— Ich erinnere mich jetzt an alles; an ihre drohenden Worte, an ihren Streit— Der fremde Mann—“ „Still, Gertrude, ſtill! Du weißt nicht, was Du ſagſt!“ unterbrach ſie die Mutter wieder. „O ja! ich weiß alles! Er war ſo unver⸗ ſchämt und ſagte, daß er ein Recht uͤber mich habe. Er! der Gatte meiner Amme, iſt keck genug, zu ſa⸗ gen, er habe ein Recht auf mich!“ Sie konnte nicht weiter ſprechen. Der Gedanke, ſo erniedrigt worden zu ſeyn, uͤberwaͤltigte ſie. End⸗ lich fuhr ſie fort: „Doch, Mutter, dies hab' ich doch wohl— dies muß ich nur geträumt haben? Aber freilich— er be⸗ rief ſich ja auf Sie! Und Sie— Sie ſagten, daß dem ſo wäre?— Ich muß dies blos getraͤumt haben?“ Wild und fragend ſah ſie der Mutter ins Ge⸗ ſicht. Dieſe ſchwieg. „Ach— Sie haben gewiß nicht— Sie konn⸗ ten nicht von Pflichten, von Verbindlichkeiten und dergleichen ſprechen!— Und doch hallen dieſe ſeltſamen, acht . urzt Ren Dir 21 furchtbaren Worte immer noch in meinem Herzen wieder!— Sagen Sie— Sagen Sie mir nur, ob es ein Traum war?“ „Gertrude, Du quälſt Dich und mich! Unter⸗ druͤcke doch um Gottes willen dieſe Gefuͤhle!“ „Gern! gern!“ rief die Tochter mit ſteigender Angſt.„Sagen Sie nur, daß Sie mich nicht ſo verrathen, daß Sie nicht ſo den ſchrecklichen Frevel ge⸗ heiligt haben, der mich ſo erniedrigte, ſo herabwuͤrdigte! O, wie beugt es mich, es nur ſagen zu muͤſſen: ich ſey ſo einem Manne verpflichtet!“ „Beruhige Dich doch! So lange Du ſo auf⸗ geregt biſt, kann ich ja nicht mit Dir ſprechen!“ „Nun, ich bin beruhigt!“ rief ſie, ſich alle Muͤhe gebend, es zu ſcheinen, obſchon jedes Glied bebte. „Sagen Sie nur, Mutter, daß Sie mich nicht ſo verlaͤumdet haben! Sie konnten es ja nicht!— Und doch—“ Hier erwachte der Sturm der Leidenſchaft aufs neue—„Es iſt kein Traum! Ich habe alles gehort! Sie, Mutter, Sie ſagten auch, der Mann habe ein Recht auf mich! Und— ich glaube, ich habe meine Sinne verloren gehabt— warf ich mich nicht meinem Retter zu Fuͤßen? Flehte ich ihn nicht um Rettung an? Hing ich mich nicht in Todesangſt an ihn, als der Mann mich von ihm losreißen wollte?“ „Gertrude, ich haͤtte Dir ſo gern die Erinnerung an Deine Thorheit, Deinen Unſinn, ſo gern haͤtte ich Dir die traurige Erinnerung geſpart, wie Du Deinem Verſprechen untreu geworden biſt und gegen mich be⸗ — leidigendes Mißtrauen geäußert haſt. Ich warnte Dich vor den Folgen, wenn Du meine Winke, meine Be⸗ fehle unbeachtet ließeſt. Alle haſt Du uͤbertreten. Welch Recht bleibt Dir, mich zu ſchelten, daß ich Dir die Wahrheit ſagte?“ „Nein, Sie haben mir nicht die Wahrheit ge⸗ ſagt! Sie ſagten mir nicht, daß Sie mich der Schande, der Herabwuͤrdigung entgegen fuͤhrten!“ „Sag' nicht, daß ich es that! Ohne Deinen Stolz, Deine Thorheit waͤr' alles gut gegangen! Haͤt⸗ teſt Du meiner Warnung gedacht, den Mann nicht gereizt— denn Dein Vortheil, wie der meinige, iſt es, ihn im Guten zu erhalten— ſo waͤr' von alle dem nichts erfolgt. Aber Dein albernes Schreien kam zu Lyndſay's Ohren, den unglucklicherweiſe die ſchone Nacht veranlaßt hatte, im Mondlicht zu ſpazieren. Er eilte herbei, gerade in dem Augenblicke, wo auch der Fremde Dir nachlief. Doch das Schlimmſte iſt voruͤber. Herr Lyndſay iſt ein edler Mann, von ihm haben wir nichts zu fuͤrchten. Er hat mir verſprochen, nie davon zu ſprechen!“ „Aber was— was muß er von mir denken!“ rief Gertrude vom tiefſten Schamgefuͤhl ergrifſen. „Nichts Nachtheiliges! Verlaß Dich darauf!“ „Aber der fremde Mann behauptete doch, daß ihm mein Vater ein Recht auf mich uͤbertragen habe? — Nein, ich will und kann keinen Augenblick dieſen Schimpf ertragen! Ich muß Herrn Lyndſay aufſu⸗ chen, ihm ſagen, daß dies alles falſch ſey!“ ge⸗ der inen t⸗ icht es, dem acht eilte mde ber wir von 223 Sie verſuchte aufzuſtehen, ſank aber von den heftigen Anſtrengungen erſchoͤpft auf ihr Kiſſen zuruͤck. „Ums Himmels willen, Gertrude, uͤberlaß Dich doch nicht ſo Deinen Leidenſchaften! Es iſt ja nun alles beigelegt! Der Gegenſtand Deiner Furcht iſt viele Meilen bereits fort. Ich glaube, er kommt nie wieder zuruͤck. Wer wird denn bei Dingen ſtehen bleiben, die voruͤber ſind, wenn es weiter keinen Nutzen ſchafft? Komm, mein Maͤdchen, meinetwegen gieb Dir Muͤhe, alles dies zu vergeſſen!“ „Vergeſſen? Vergeſſen, daß ich beſchimpft, her⸗ abgewuͤrdigt wurde? Und zwar durch meine Mutter! Dies kann ich nie vergeſſen!“ „Nein! vergiß es nicht!“ rief hier Miſtreß St. Clair und brach in Thraͤnen aus.„Bewahr' es treu in Deinem Herzen auf! Laß alle meine Liebe und Sorge und Zaͤrtlichkeit vergeſſen ſeyn, alle Deine Pflicht, Deinen Gehorſam, Dein Verſprechen laß ver⸗ geſſen ſeyn! Nur nicht dieſes ungluͤckliche Ereigniß komme aus Deinem Herzen! Denke daran, thue es kund und dann laß mich mein elendes Daſeyn enden! — Soll ich den Lord und die ganze Familie zuſam⸗ men rufen?“ fragte ſie mit erkuͤnſtelter Heiterkeit und griff nach der Klingel,„damit ſie Deine Anklage ge— gen die Mutter hören?“ Es war eine Zeit geweſen, wo ſo ein Wort auf Gertruden gehorige Wirkung gethan haͤtte, allein ihr Gefuͤhl ſchien bereits aufs Aeußerſte erregt. Sie fuͤhlte ſich ſelbſt zu unglucklich, um mit der Urheberin ihres 224 Schmerzes Mitleid zu fuͤhlen. Und darum ſchwieg ſie. Miſtreß St. Clair wiederholte die Frage. „Ich habe dies nicht verdient,“ antwortete die Gebeugte kalt,„aber doch will ich Ihnen gehor⸗ chen.— Was verlangen Sie von mir? Madame St. Clair umarmte ſie und haͤtte ſie gern geliebkoſt, ihr geſchmeichelt, aber ſie wies dieſe Zeichen der Zaͤrtlichkeit zuruͤck und fragte nochmals kalt: was ihr zu thun obliege? „Ich ſaͤhe es gern, daß Du beim Fruͤhſtuͤck er⸗ ſchienſt, wenn es nur möglich wäre! Kommſt Du nicht, ſo beſteht Lord Roßville darauf, aͤrztliche Huͤlfe zu holen und wird dann ein Gerede, einen Lärm ma⸗ chen, der Verdacht und Aufmerkſamkeit erzeugt. Am beſten iſt es, dies alles jetzt zu vermeiden. Du wirſt mich daher recht verbinden, mein gutes Mädchen, wenn Du Dir alle Muͤhe giebſt, wie gewoͤhnlich zu ſehen und Dich zu benehmen. Ich gehe. Kleide Dich an, waͤhrend ich ebenfalls mich anziehe. Ich habe die ganze Nacht an Deinem Bette geſeſſen und bei Dir gewacht. Es war ja nicht das erſtemal!“ Dieſer Beweis von muͤtterlicher Sorge ruͤhrte Gertruden. Sie erinnerte ſich aller der fruͤhern Zeu⸗ gen muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit, aus den Tagen des er⸗ ſten Lebens. Die neue Gedankenreihe brachte neue, zärtlichere Gefuͤhle hervor. Dem augenblicklichen Ein⸗ drucke gehorchend, ließ ſie ſich von der Mutter umar⸗ men und neue Verſohnung beſchloß den Auftritt. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wo keine Einſicht, iſt keine Rettung. St. Phereſe. Mutter und Tochter gingen ins Zimmer zum Fruͤh⸗ ſtuͤck hinab, doch als es der erſtern einſiel, wie ſie nach dieſem Ereigniß mit Herrn Lyndſay gleich wieder zu⸗ ſammen kommen werde, wurde ſie faſt ihrer bewußt⸗ los. Sie ſetzte ſich an den Tiſch und wagte nicht aufzublicken. Der Fragen deshalb waren mancherlei, doch wie gewoͤhnlich gewannen die Bemerkungen der Miß Pratt die Oberhand⸗ „Ich fuͤrchte, meine Schone, hier iſt nicht blos ein gewohnliches Kopfweh. Sie erinnern mich, wie Antonius Whyte das Katarrhalfieber bekam. Da hatte er gerade ſo einen kleinen rothen Fleck auf den Backen und das ganze uͤbrige Geſicht war weiß, wie das Tiſchtuch, und die Augen ſo gläſern, gerade wie Sie ſie haben. Zwei Tage lang brachte er den Kopf nicht in die Höhe!“ Der kleine rothe Fleck war durch die Bemerkun⸗ gen der Miß Pratt bedeutend größer geworden; doch als Miß St. Clair ein wenig aufzuſchauen wagte, be⸗ . 15 ————————— 226 gegnete ſie nicht dem gefuͤrchteten Blick des Herrn Lynd⸗ ſay, ſondern des Oberſten, der ſie unruhig und prü⸗ fend beobachtete. Lyndſay war nicht zugegen; kein Platz war fuͤr ihn aufbewahrt. Miß Pratt ſchien zu leſen, was in Gertrudens Kopfe vorging: „Sie ſehen wohl, daß Sie einen von Ihren Galanen verloren haben?— Ja, Herr Eduard iſt, glaub' ich, heut Morgen fortgegangen. Es muß ihm ſchnell eingefallen ſeyn, denn geſtern ſagte er noch kein Wort davon. Ach, was iſt denn nach dem Eſſen ge— ſtern Abend mit ihm geworden? Ich glaube, am Ende hat er auch Kopfweh bekommen, denn manch⸗ mal iſt die Sympathie im Leibe, wie im Herzen. Glauben Sie das nicht auch, Oberſt?“ „Ich habe nicht recht gehoͤrt, was Sie geſagt haben!“ „Hoͤren Sie mal, es iſt ein altes Sprichwort: Niemand hoͤrt ſchwerer, als wer nicht hoͤren will. Das iſt wohl manchmal auch der Fall bei Ihnen!“ Miß Pratt aͤußerte dies ziemlich ärgerlich, ob ſie ſchon dabei zu lachen ſuchte. Zufällig ward jetzt der Briefbeutel hereingebracht und dieſer zog ihre Aufmerk— ſamkeit ab. Lord Roßville hatte das beneidenswerthe Vorrecht, denſelben zu öfſnen und die Briefe an die verſchiedenen Adreſſen zu befördern, eine Einrichtung, die mit den queckſilbernen Neigungen der Miß Pratt gar nicht zuſammen ſtimmte. Trotz dem, daß der Lord ſich bemuͤhte, die Oeffnung ſo eng zuſammen zu halten, als möglich, immer wagte ſie doch, ihr Auge nd⸗ Wl⸗ kein en iſi, hm kein ge⸗ am 227 bis auf den Boden ſtreifen zu laſſen und den Inhalt zu errathen, ehe der Augenblick dazu da war. Gleich allen Leuten, die ſich gern bei Kleinigkeiten wichtig ma— chen, gab ſich der Lord gern ein Anſehen, mochte die Gelegenheit und Sache ſeyn, wie ſie wollte. Auch dieſe lederne Taſche hielt er gleich dem Jupiter, wenn er den Blitz faßt, und öffnete ſie, als ſey ſie Pando⸗ rens Buͤchſe. Zwar pflegten Se. Herrlichkeit täglich, ja wohl ſtundlich, zu erklären, daß Sie ſich nicht gern treiben ließen, daß Sie Zeit brauchten. Allein wäh⸗ rend der Aeußerung ſelbſt fuhr Miß Pratt immer fort, den Grafen anzutreiben, was natuͤrlich die entgegenge⸗ ſetzte Wirkung that: es ging noch langſamer. Dies⸗ mal ſchien es zweifelhaft, ob die Briefe gar zu Tage gefordert wuͤrden; denn Miß Pratt bemerkte, es waͤre beſſer, wenn gar keine ſolche Brieftaſche exiſtire. Die Leute bekaͤmen dann ihre Briefe mit einemmale und wuͤrden dann nicht ſo auf der Folter gequält. Da ſchloſſen Se. Herrlichkeit den Briefbeutel, um dagegen Ihren Mund aufzuthun und eine ſehr ausgearbeitete Rede uͤber das Unſchickliche, Unregelmaͤßige und Un— paſſende einer ſolchen Verfahrungsweiſe zu halten. End⸗ lich war Miß Pratt beſchwichtigt. Nur ſo ganz ſtill ſagte ſie dem Nachbar ins Ohr:„Mit einem Manne, der den Schlüſſel zur Bieftaſche habe, duͤrfe man nicht ſtreiten.“ Der Inhalt ward nun gehorig vertheilt. Auch ſie bekam etwas und dies brachte ſie einige Au⸗ genblicke zum Schweigen. Gertrude zitterte, als ihr ebenfalls ein Brief zu 15* 228 Theil ward. Indeſſen beruhigte ſie ſich gleich. Sie erkannte in der Handſchrift eine zarte Frauenhand. Das Siegel zeigte ein Herz mit einem Pfeile durch⸗ ſtochen. Ringsherum ſtand: La peine est douce. Der Inhalt entſprach den aͤußern Symbolen. Bellevue, den— Juli⸗ Meine theuere Baſe! Nach dem, was Sie ſelbſt geſehen haben, wer⸗ den Sie, wie ich vermuthe, nicht ſehr erſtaunen, wenn Sie erfahren, daß Jemand, den ich nicht nen⸗ nen will, ſeinen Zweck erreicht hat. Ich habe mich endlich uͤberreden laſſen, den kommenden Donners⸗ tag als die Zeit zu beſtimmen, wo ich ein neues Leben beginnen will. Fh bien! mein gutes Bäschen! Ich denke, Ihre Stunde wird auch kommen, und wenn ſie eintritt, ſo will ich von Herzen wuͤnſchen, daß Sie dann in Ihrer Wahl ſo gluͤcklich ſeyn mo⸗ gen, wie ich in der meinigen bin. Der Major iſt alles, was ich wuͤnſchen kann und weit mehr, als meine geringen Gaben verdienen. Ich muͤßte mich fuͤr die undankbarſte der Frauen halten, wenn ich mich nicht fuͤr die gluͤcklichſte meines Ge⸗ ſchlechts hielt. Deshalb fuͤhl' ich auch weniger, als ſonſt der Fall ſeyn wuͤrde, wie wichtig und feierlich der Schritt iſt, den ich thue. Die Gewiß⸗ heit, daß ich mich einem Manne hingebe, der in je⸗ dem Betrachte meiner waͤrmſten Achtung, Be⸗ wunderung und Liebe werth iſt, unterſtutzt mich dabei! Glauben Sie mir nur, liebe Vaſe, dies iſt das Ein⸗ e nd 1 be Kl⸗ en, en⸗ ſich ⸗ es en⸗ und en, ei 229 zige, was bei ſolchen Augenblicken Muth verleihen kann. Ach, wie ſehr verdienen die Mitleid, welche ſolche Gewißheit nicht haben! Ohne dieſe, glau⸗ ben Sie es mir, ſind ja alle Guͤter, welche Geburt und Reichthum geben, nichts; und ohne ſie wuͤr⸗ den mich, das verſichere ich Ihnen, des Majors Rang und Vermögen ſo wenig beſtimmt haben, als ſeine Familienverhaͤltniſſe und ſein Benehmen! Bei ſol⸗ cher Lage der Dinge nun wuͤnſchte ich aber doch recht ſehr, ma chère cousine, daß Sie meine Gefuͤhle theilten und ſich daraus eine Lektion abnaͤh⸗ men, wenn einmal auch Sie das Schickſal uͤber⸗ raſcht. Ich erſuche Sie daher, wie um eine be⸗ ſondere Freundſchaft, uns die Freude zu gewähren, die Tage bis dahin bei uns zuzubringen und bei einer gewiſſen Gelegenheit die Brautfuͤhrerin zu ma— chen. Der Major tritt meiner Bitte bei, und ſo wäre es doppelt verdruͤßlich, wenn Sie abgehalten wuͤrden. Auch Papa und Mama wuͤnſchen, daß meine Hochzeit? durch Ihre Gegenwart beehrt wuͤrde. Der Major iſt orboͤtig, Sie jeden Tag in ſeinem Whiskey ab⸗ zuholen— à propos, er hat auf Sie ein rechtes Auge, aber ich bin nicht eiferſuͤchtig!— allein ich muß ſagen, daß ich glaube, die Sache werde da⸗ durch nur publik. Außerdem, ſoll ich Ihnen denn meine Schwäche geſtehen? Ich bin jetzt ordentlich aͤngſtlich, wenn ich denke, daß der Major ſelbſt faͤhrt. Stellen Sie ſich nur meine Lage vor, wenn ihm ein Ungluͤck begegnete! Ich denke, Sie werden wohl Gelegenheit ſinden und ich alſo bald die Freude ha⸗ ben, Sie hier zu ſehen, wo Sie denn meinen Herrn und Meiſter naͤher kennen lernen ſollen. Addio mia Cara. Arabella. N. S. Ach, um Vergebung! Haben Sie denn etwas Naͤheres von Ihrem Unbekannten erfahren? Der Major meinte, es muͤſſe ein Spion ſeyn. N. S. Entſchuldigen Sie die Eile; aber der Major ſitzt bei mir und ſagt, er wolle ſich gleich mit Ihnen zanken, weil Sie ſo ſehr meine Zeit wegnaͤhmen. A. C. B. Gertrude ärgerte ſich uͤber die gemeine, erkuͤnſtelte Vertraulichkeit und gab den Brief ſchweigend ihrer Mutter, feſt im Stillen entſchloſſen, die Einladung kurz abzuſchlagen. Anders dachte die Mutter. Sie fand dieſelbe ſehr paſſend. Ihr Wunſch war, die Jochter der Beobachtung im Hauſe ſo lange zu ent⸗ ziehen, bis dieſe wieder ihre gewöhnliche Stimmung gefunden habe, und nichts ſchien ihr dazu tauglicher, als ein anderer Aufenthalt. Es konnte freilich vielleicht Muͤhe koſten, die Einwilligung des Grafen zu erhalten. Allein bei dem jetzigen Verhaͤltniſſe war dies nicht zu ſchwierig. Als ſie ſich alles ausgedacht hatte, ſteckte ſie den Brief in den Strickbeutel. Miß Pratt theilte mit, was ihr geſchrieben wor⸗ bl⸗ 231 den war. Man hatte ſie eingeladen, einige Tage in einer benachbarten Familie zuzubringen. „Auf ſolche Weiſe,“ rief der Graf mit dem Tone angenehmer Ueberraſchung und voller Freude im Antlitze,„ſcheint es, als ſollten wir Sie verlieren?“ „Ja, es ſchickt ſich freilich nicht, ſo davon zu laufen mir nichts, dir nichts,“ entgegnete die Hold⸗ ſelige.„Aber ich habe es den Leutchen lange ver— ſprochen. Und die Lady M' Caw iſt eine gute Frau. Ich mag ſie doch nicht taͤuſchen, zumal da ſie ſo gut iſt und mir morgen fruͤh den Wagen herſchickt. Aber ich werde Sie ſchon wieder beſuchen, und wenn ich Antonius Whyte angeln kann, ſo bring' ich ihn auch mit her!“ Da truͤbte ſich des Grafen Antlitz wieder. Wie hatte er ſich geſehnt, Miß Pratt's Beſuch beendigt zu ſehen, um einigen der angeſehenſten nachbarlichen Gro⸗ ßen ein Diner zu geben; eine Sache, die, ſo lange Miß Pratt bei ihm war, nicht gut anging. Ihr ewi⸗ ges Dazwiſchenplaudern raubte ja ſeinen wohlgeſetzten Reden jeden Zuſammenhang. Ihre voreilige Vertrau⸗ lichkeit verminderte allen ihm eignen wuͤrdevollen Ernſt. Es war ihm ſo wenig möglich, den Mann vom Stande zu ſpielen, wenn Miß Pratt zur Seite ſaß, als wenn ihn eine Biene auf der Schulter geſtochen haͤtte! Indeſſen hatte er doch ſchon viel gewonnen, jetzt freies Feld zu haben. Mit einiger Umſicht ſchmei⸗ chelte er ſich, ſie ſo lange los zu ſeyn, bis ihm die Umſtände erlaubten, ſie wieder aufzunehmen. Ganz gegen ſeine Gewohnheit, aber dem Sprichworte treu, beſchloß er das Eiſen zu ſchmieden, weil es heiß war. Noch in dem Augenblicke begann er Karten zu ſchrei— ben. Miſtreß St. Clair fand bei ſeiner frohen Stim⸗ mung es nicht ſchwer, fuͤr Gertrudens Fahrt nach Bellevue die Erlaubniß zu bekommen. Sie ging ihn darum in einer Art an, die ſehr vortheilhaft wirkte. Sie ließ etwas von Stimmen laut werden, was dem Grafen ſogleich einleuchtete. Auch er erklaͤrte ſeine und Robert Delmours Abſicht, der wuͤrdigen Familie in Bellevue einen Beſuch am folgenden Tage abzuſtatten, und Gertruden nebſt Miſtreß St. Clair ſelbſt dahin zu fuͤhren, um dann die erſtere als Braut⸗ fuͤhrerin ihrer Baſe dazulaſſen, eine Gefaͤlligkeit, welche bei der jetzigen Lage der Dinge der muthmaßli⸗ chen Erbin von Roßville nicht als nachtheilig ausge⸗ legt werden konnte. Der Oberſt ſchien anfangs mit dieſer Anordnung unzufrieden. Doch er fand bei weiterm Nachdenken, daß ſeine Abſichten dabei gewinnen konnten. Der Gegenſtand ſeiner Huldigung war ſo eine Zeit lang der Wachſamkeit jedes Spähers entzogen. Im Stil⸗ len beſchloß er, täglich einen Beſuch in Bellevue ab— zuſtatten. Gertrude gab, ſo ſehr ſie anfangs dagegen geweſen war, den Bitten der Mutter nach, denn ihr war jene Selbſtſucht fremd, welche auf Kleinigkeiten beſteht. ung en, Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. Wer dich liebt, damit du ſeinen Zwecken förderlich ſeyſt, liebt dich weniger, als ſein Mittagsmal. Haßt er dich aber darum, ſo haßt er dich mehr, als der Teufel. Wesley. Die ganze Blackſche Familie war augenſcheinlich auf den Beſuch ihrer Gaͤſte vorbereitet. Alle hatten die freundlichſte Miene und den beſten Rock. Freilich wäre das nicht gerade nöthig geweſen. Bei Lord Roßville und ſeinem Neffen hätten ſie doch Gnade gefunden. Beide ſahen in den hier verſammelten Men⸗ ſchengeſtalten, bis zum Kinde herab, nichts, als eine — Stimme, oder ein Stuͤckchen von einem Stimm⸗ chen. Der Graf richtete daher zuerſt eine lange Rede an die gute Miſtreß Black, welche ihm mit geziemen— der Ehrfurcht und Bewunderung zuhorte. Waͤr' der Sprecher ein alter Nachbar geweſen, ſo hätte ſie ihn vielleicht fuͤr langweilig gehalten. Allein Miſtreß Black ſtand noch in dem goldnen Zeitalter der Unſchuld. Ihr fiel nie ein, daß ein Graf ſo langweilig ſeyn konne, als ein gemeiner Mann. Deshalb hing ſie ganz entzuͤckt an des Grafen Toͤnen. Als er aber ſich herabließ, das eine Kind auf den Schoß zu nehmen 234 und die Geſundheit der ganzen Familie in einem Glaſe Wein zu trinken, den er fuͤr den beſten Madeira er— klärte, wie er ihn je gekoſtet habe: da war Miſtreß Black vollkommen gewonnen, und ſie gelobte ſich in ihrem Herzen, Tag und Nacht, in Gutem und Bö⸗ ſem, nicht zu ruhen, bis ſie die Stimme ihres Man— nes gewonnen habe. Uebrigens ſchien ja auch der Graf von allen ſo ſehr eingenommen, daß ſich gar nicht daran zweifeln ließ, wie Bob durch ihn eine Kompagnie erhalten und Davidchen bei einem Advo⸗ katen ankommen koͤnne. Von ſolchen glänzenden Trau⸗ men belebt ſchaute Miſtreß Black freundlich auf den Graf und er fand hier eine Aufmerkſamkeit, wie er ſie bei ſeinen Zuhorern ſelten zu genießen pflegte. Auch der Neſſe, Herr Robert Delmour, war ſeinerſeits nicht muͤßig. Er ſprach mit dem Haus⸗ herrn von Fetten Trifften, gruͤnen Saaten, und wie die Kuͤh' im Klee tief waten. Er machte ſich mit dem Stuͤckchen Stimme zu thun, das in der huͤbſchen Lilly Black zu erobern war. Sie hatte ſchon einige ſchwache und darum unwirkſame Verſuche gemacht, um zu erfahren, ob er Verſe ſchrieb. Endlich trat ſie kuͤhner auf und platzte mit der Frage heraus, ob er nicht etwas in ihr Stammbuch ſchrei⸗ ben wolle. Vollkommen der Wahrheit gemäß verſi⸗ cherte Herr Delmour, in ſeinem Leben keinen Vers geſchrieben zu haben. Um aber die Pille zu verſil⸗ bern, ſetzte er noch mit verbindlichem Blick und Buͤck⸗ 235 ling hinzu, daß, wenn er je häͤtte begeiſtert werden konnen, es diesmal ſeyn müͤſſe. Miß Lilly wurde darob roth und zweifelte nicht, der Vetter ſey bis uͤber die Ohren bereits in ſie verliebt, denn in einem Ro⸗ mane aus der nahen Leſegeſellſchaft hatte ſie geleſen, daß ſo etwas oft Sache eines Augenblickes ſey. Die kuͤnftige Frau Majorin Waddel war die einzige in der Familie, welche nicht erſchien.„In meiner Lage,“ meinte ſie,„ſey es doch aͤußerſt unange— nehm, von Fremden geſehen zu werden. Da Lord Roßville und ſein Neſſe wußten, in welcher Lage ſie wäre, ſo wuͤrden ſie wohl auch leicht begreifen, warum ſie bei der gegenwärtigen Gelegenheit die Zu⸗ ſammenkunft vermeide.“ Eigentlich ſchmeichelte ſich aber Arabella im Stillen, daß ihre Abweſenheit zu ſehr auffallen wuͤrde, um mit Stillſchweigen hingehen zu konnen, der Lord werde es zu einer Hauptſache ma⸗ chen, ſie zu begruͤßen. Als daher der Beſuch, Ger⸗ truden ausgenommen, fort war, aͤrgerte ſie ſich nicht wenig. Voller Hoffnung, daß faſt blos von ihr ge⸗ ſprochen worden ſey, kam die erwaͤhlte Braut ins Zim⸗ mer. Die Mutter verſuchte alles wieder zu erzaͤhlen, was der Lord Roßville von dem neuen Kanale in der Nachbarſchaft geſagt habe, indeſſen der Vater ein Paar ächte Merino's ſo gut wie ſchon im Stalle wahnte. Herr Delmour hatte ihm verſprochen, dieſe vom Her⸗ zog Burlington zu verſchaſſen. Auch Miß Lilly fragte ſich verwundernd Gertruden, ob Herr Delmour wirk⸗ —2 lich keine Verſe machen könne? Und die Kinder zank⸗ ten mit einander wegen des uͤbrig gebliebenen Kuchens. „Nun, ich will doch nicht hoffen, daß auf mich und den Major angeſpielt worden iſt?“ fragte endlich Miß Bella, als ſie ſah, daß Niemand von ihr aus freien Stuͤcken anfangen werde.„In meiner Lage wuͤrde mir ſo etwas ſehr unangenehm ſeyn!“ „Nein, Arabella, von Dir iſt gar nicht die Rede geweſen!“ war die einſtimmige Antwort. „Nun, wirklich, da bin ich ſehr froh!“ äußerte ſie offenbar aͤrgerlich, was ſie aber weislich verbarg, indem ſie die laͤrmenden Kinder zur Thuͤr hinaustrieb. Gertrude fuͤhlte allgemach das Unangenehme, Lang⸗ weilige ihres Aufenthalts unter Menſchen, die ſie nicht verſtand— von denen ſie nicht begriſſen wurde. Die ganze Seele dieſer Familie war aus einem andern Tone geſtimmt. Gedanken und Gewohnheiten und Genuͤſſe konnten ſich nie, das fuͤhlte ſie, mit den ihri⸗ gen verſchwiſtern. Miß Lilly brachte endlich— ihr Stammbuch herbei. Die Baſe ſollte es bewundern und ſich dadurch unterhalten. Ein Blatt nach dem andern ward umgewendet. Hier ſtand ein waſſerſuͤch⸗ tiger Cupido mit einem blauen Schuͤrzchen um die Lenden, dort glaͤnzten ein Paar Tauben, die fuͤr Geier gehalten werden konnten. Schoͤne Roſen, Vergißmein— nicht, verbleicht, wie in Lethe's Quell gewaſchen, wechſelten auf andern und alle wurden von Verſen kommentirt, oder wenigſtens von Worten, welche Verſe bedeuten ſollten. Dort ſtand unter einer ant⸗ en. mich Nich aus g Lage 237 verbleichten Roſe, das heißt einer, uͤber welche mit einem Schwamme druͤber hingefahren war, ſo klein, daß man es kaum leſen konnte, geſchrieben: Eine Roſe iſt verbleicht Durch den Regenſchauer. Und ein Veilchen ward begruͤßt: Du ſuͤßes Bluͤmchen hauſeſt ungeſehen ꝛc. Allein ein Vergißmeinnicht hatte einen ganz andern Erguß von Originalpoeſie zur Folge gehabt: Vergeſſen dein! nein, nimmer, ſuͤßes Maͤdchen! Dein Bild bleibt meinem Herzen neu. Gleich wie am Rocken dort das hanfne Faͤdchen, Bleib ich mit meinem Herzen treu! Der Mond ſteigt auf, die Sonne ſinket nieder, Der Weſtwind ſaͤuſelt um den Bach. Der Schaͤf'rin klopft der Buſen unterm Mieder: Biſt du, wie ſie, fuͤr mich auch wach? Vergeſſen dein? Wer ſah den blauen Himmel, Wer deine klaren Aeuglein je? Dein goldnes Haar? Im— „Ach nein! weiter duͤrfen Sie nicht leſen!“ rief Miß Lilly und hielt die Hand, ſich zierend, auf das Blatt.„'s iſt dummes Zeug! Der Lieutenant O'brien's hat's geſchrieben!“ „Ach laſſen Sie mich doch fortleſen!“ bat Ger⸗ trude, der die tollen Reime Spaß machten. „Nein! Ich darf nicht!“ war die Antwort, ganz beſchaͤmt gegeben. 23 60 „Ich moͤchte nur gern ſehen, wie der blaue Himmel wegkommt!“ „Nein, nein! Das duͤrfen Sie nicht!“ „Ich ſage Ihnen,“ miſchte ſich hier die Mutter ein,„der Kapitain hat recht große Anlagen zum Poeten.“ „Sehr große!“ verſicherte auch Miß Lilly und ſeufzte dazu.„Letzthin ſtand in den Zeitungen ein Gedicht auf den Mond; das war gewiß auch von „Wer keine Gedichte kaufen kann, der muß frei⸗ lich ſelbſt dergleichen ſchreiben!“ erläuterte Arabella die Verſicherung mit veraͤchtlichem Blicke.„Der Ma⸗ jor hat Byrons Werke gekauft, in rothem Maroquin gebunden. Sie ſind zu ſchoͤn zum Leſen, glaub' ich. Aber er meinte, ſie ſollten auf meinem Tiſche vor dem Sopha liegen, und ſo konnte ich nichts dagegen haben.“ „Weiter iſt nichts darin zu leſen!“ behaup⸗ tete Miß Lilly, als ihr Baͤschen weiter blaͤtterte. „Von meiner albernen Tante Marie iſt hier etwas hineingeſchrieben. Ich habe beinahe Luſt, es heraus⸗ zureißen.“ Sie wollte in der That die Drohung verwirkli⸗ chen. Doch Gertrude bat erſt, die anſtoßigen Zeilen leſen zu duͤrfen: „Schau ich zuruͤck auf meiner Jugend Pfade, und wie ſo oft mein Herz geſuͤndigt hat: nd in on . 1⸗ Dann fuͤhl' ich ganz, o Himmel, deine Gnade, und trauernd denk' ich mancher boͤſen That. Ich flehe reuevoll im Staube: Laß mich der Suͤnde nicht zum Raube.“ „Die Verſe ſind huͤbſch!“ ſagte Gertrude ſeuf— zend.„Manches fluͤſtert mir zu, daß ich ſie auf mich ſelbſt anwenden kann!“ „Gott bewahre!“ rief Miſtreß Black.„Gott bewahre uns doch vor ſolchen Verſen! Ich ſehe nicht ein, warum man den jungen Leuten ſolche Gedanken in den Kopf ſetzt!— Horen Sie, wenn Sie aber Ihren Hut abnehmen wollen, ſo wird es Zeit!“ „Ach da kommt der Major!“ rief Arabella. —— —— . Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wenn uns Leute, die über uns ſtehen, kalt und unartig be⸗ handeln, ſo haſſen wir ſie. Ein Gruß, ein Lächeln der⸗ ſelben verſöhnt uns wieder. La Bruyere. Am folgenden Tage kam der Oberſt Delmour. Ger⸗ trude beobachtete nicht ohne einige Unruhe, welchen Eindruck ihre Verwandten auf ihn machen wuͤrden. Allein er war auf ſeiner Hut. Nur ein feiner Beob⸗ achter wuͤrde in ſeinem gewandten, und doch ſtolzen Weſen die veraͤchtliche Miene entdeckt haben. Doch mancher weiß ſich zwanglos zu benehmen, und Andere fuhlen ſich nichts weniger in ſeiner Nähe unheimlich. So ging es dem Oberſten. Es fehlte ihm jenes un⸗ gekuͤnſtelte Weſen, das den Edlen, Offenherzigen auszeichnet. Er benahm ſich immer als Mann, der ſich ſeiner Ueberlegenheit bewußt iſt. Und ſo ſcheuchte er die Herzen der ganzen Familie, von dem älteſten bis zum juͤngſten Gliede, zuruͤck. Niſtreß Blacks Fragen, wie ſich Lord Roßville befande, wurden kalt und gleichguͤltig beantwortet. Ara⸗ bella fuhlte, daß all' ihr Stolz an ihm ſcheiterte. Sie ließ den Strickhaken mit dem Diamantring fallen, ein BGeſchenk des Majors, und der Oberſt ruͤhrte ſich nicht, ihn aufzuheben. Lilly blaͤtterte vergebens im Stamm⸗ buche, und als ſie wie gewöhnlich auch ihn fragte, ob er Verſe machte, verneinte er es ſo kurz und beſtimmt, daß ſie kein Wort mehr daruͤber zu wechſeln wagte. Die einzige, welche deshalb nicht verdruͤßlich wurde, war Anna, die dritte Tochter, ein gefuͤhlvolles, ſanft⸗ muͤthiges Maͤdchen, gelaſſen und anſpruchslos, aber darum auch meiſtens uͤberſehen. Sie allein blieb in ihrer gewöhnlichen Weiſe und bekuͤmmerte ſich nicht darum, ob man ſie beachte oder vernachlaͤſſige. In der That hatte der Oberſt keine Muͤhe noͤ⸗ thig, ſich bei der Familie in Gunſt zu ſetzen. Er ſah mit einem Blicke, daß ſolche Leute ſchwerlich bei Ger⸗ truden etwas vermoͤchten. Er hatte alſo auch keinen Grund, ihre Gunſt zu wuͤnſchen. Am ärgerlichſten war es ihm, mit Gertruden nicht einen Augenblick allein ſeyn zu können. Als der Major noch die Ge⸗ ſellſchaft vermehrte, fand ſein Verdruß keine Gränzen mehr. Halb lachend und nur obenhin empfahl er ſich. „Nun, Baͤschen,“ bemerkte Arabella, als er fort war,„ich koͤnnte eben nicht ſagen, daß mich der Oberſt ſehr angezogen hatte. In meinem Leben hab' ich keinen ſo ungezogenen Mann geſehen!“ „Nun, das will ich gerade nicht behaupten, Ara⸗ bella,“ verwies die Mutter;„unbeſcheiden war er gerade nicht, und wir muͤſſen ihm ſchon etwas nach— ſehen; denn ſieh', wir ſind fuͤr ihn fremd. Er war 16 alſo ein Biöchen bloͤde und furchtſam. Das wird ſich ſchon geben!“ „Das iſt aber recht wunderlich! Er kann keine Verſe leiden und iſt doch ſo huͤbſch!“ erinnerte Lilly. „Nun, mit dem huͤbſchen Ausſehen iſt's nicht viel! Er iſt viel zu lang!“ behauptete Arabella, den Mojor ins Auge faſſend, der ihrer Meinung nach ein Apollo Belvedere und nur einen Kopf kleiner war. „Mir kommt es vor, als habe er ſich nicht ſehr in der Welt umgeſehen. Er weiß faſt von nichts zu re⸗ den. Auf Reiſen iſt er gewiß nicht geweſen!“ „Seyn Sie ſtill!“ ſagte der Major, das bron⸗ zene Geſicht emporhebend, das vor Freude in gelbem Wiederſcheine glaͤnzte.„Sie richten zu ſtreng! Der Oberſt iſt wohlgebildet, und von den Damen, wie ich hore, wohlgelitten.“ „Nun, Major, Sie werden doch Ausnahmen geſtatten? Allein vielleicht hab' ich einen ſchlechten Geſchmack!“ aͤußerte die Geliebte mit ſelbſtgefälligem Lächeln. „Das fuͤrchte ich in der That!“ erwiederte jener hell auflachend.„Ja, das fuͤrcht' ich!— Was mei⸗ nen Sie dazu, Mama?— Glauben Sie nicht, Miß St. Clair, daß Ihre Baſe bei der Wahl mancher Dinge einen ſchlechten Geſchmack verraͤth?“ Gertrude fand bei den albernen, gemeinen Scher⸗ zen die größte Pein. Die Frau vom Hauſe merkte dies, errieth aber nicht die Urſache. „Sie muͤſſen unſere Freiheit ſchon entſchuldi⸗ ſch ne on⸗ em gen,“ ſprach ſie.„Sie ſehen, daß wir Sie nicht als fremd betrachten. Sie gehoͤren zur Familie, und da vergeſſen wir denn manchmal, daß Ihre Freunde und Verwandten nicht die unſrigen ſind. Aber etwas kann ich Ihnen doch ſagen!“— Sie ſprach hier leiſe und laͤchelte bedeutend.—„Der Oberſt iſt nicht ſo einnehmend, wie ſein Bruder, allein wir halten doch etwas auf ihn und freuen uns alle, wenn wir denken — nun Sie verſtehen ſchon!— Ich ſage Ihnen, mein Mann haͤlt große Stuͤcke auf ihn. Er ſagt: es ſey wirklich ein huͤbſcher, guter, braver, unterrichteter junger Mann!“ Zum großen Staunen der guten Frau kläͤrte ſich Gertrudens Stirn nicht auf. Gleich vielen trefflichen Weibern dachte ſie, daß ihres Mannes Meinung das großtmoͤglichſte Gewicht mit ſich fuͤhre und Miß St. Clair ſich geſchmeichelt fuͤhlen muͤſſe, wenn ihr ver— meinter Liebhaber Herrn Blacks Beifall finde. Der Graf hatte, um ſeinen Lieblingsplan zu fördern, einige geheim⸗ nißvolle Winke uͤber die beabſichtigte Verbindung zwiſchen ſeinem Neffen und ſeiner Nichte fallen laſſen, die nun Madame Black gleich zur nahe bevorſtehenden Heirath machte. In Verlegenheit, was ſie von Gertruden und der kalten Art, wie ſie des vermeinten Geliebten Lob anhoͤrte, denken ſollte, that ſie den Vorſchlag, die jun— gen Leutchen moͤchten einen Spaziergang machen und ihrer Baſe doch die Gegend von Bellevue zeigen. Wenn auch vielleicht die Stimmen, welcher Weg genommen werden ſoll, ſelten ganz eins ſind, ſo wußte ſie doch 16* — diesmal Arabella geſchwind zu vereinen. Sie machte dem Major bemerklich, daß ſie ſeine Schweſter ſo lange nicht geſehen habe, und ſo mochte ſie, wenn die Baſe nichts dagegen hätte, wohl bis Holm gehen. „Ihren kleinen Pathen hab' ich auch nicht ge— ſehen, Major,“ erinnerte ſie,„ſeitdem er die Maſern hat! Ach und ich ſehne mich ordentlich nach ihm! Der huͤbſche kleine Junge!— Es verſteht ſich,“— ſie wendete ſich hier an Gertruden—„daß ich in meiner Lage nirgends wohin gehe. Aber nun die Schweſter des Majors macht eine Ausnahme, und ſie iſt uͤbrigens ſo eine gute, häusliche Frau, daß ſie kaum vor die Thuͤre kommt! Wenn man die Frau mit ihrem Manne ſieht, thut's einem ordentlich wohl!“ Der Major war voller Freude und Dankbarkeit uͤber dieſen Vorſchlag, und die Theilnahme an ſeinem kleinen Namensvetter, das der Familie gezollte Lob ſchmeichelte ihm ungemein. Gertruden galt es gleich, wohin ſie ging. Wenn man ſich nicht behaglich fuͤhlt, hoſſt man von jeder Veränderung das Beſte. Der Weg hatte wenig Abwechſelung. Es ging durch manches Erbſen-, Bohnen- und Kartoſſelfeld und uͤber die Schaftrift. Kleine Huͤgel wechſelten mit Heide und Geſträuche. An den wilden Roſen hingen die Floͤckchen, die ſie den weidenden Lämmern geraubt hatten. Die Luft war rein und erquickend. Gertrude fuͤhlte ſich heiterer geſtimmt. Der Major ging mit Arabella voraus. Lilly war auf einen Berg geſtiegen, der ſie die Stadt von fern ſehen ließ, wo der Lieut⸗ n eld nit gen ubt ude nit en, nant O'brien im Quartier lag. Gertrude ging mit der Baſe Anna allein. „Hier ſollten Rehe huͤpfen, ſtatt daß Schafe bloken,“ meinte Gertrude, und verſuchte ein Liedchen zu wiederholen, das ſie von Anna ſchon gehört hatte. Sie bat dieſe, es nochmal zu ſingen, welche es that: Komm, liebes Maͤdchen, komm mit mir Auf jene gruͤnen Fluren, Sieh' dort der ſchoͤnen Blumen Zier Und folg' der Rehe Spuren. Sie huͤpfen froh am klaren Quell, Bewacht von Mutterliebe, und Voͤglein zwitſchern klar und hell: Ach, wenn es ſtets ſo bliebe! Weil' Liebchen hier, auf weichem Moos, Ich ſuche Veilchen, Roſen, und ſchuͤtte ſie dir in den Schoos, Dann laß uns froͤhlich koſen. Ich winde dir den ſchoͤnſten Kranz, Du kuͤßt mich, ſuͤße Kleine. Dann huͤpfen wir den Reihentanz Beim ſtillen Mondenſcheine. „O dieſe Liebe!“ rief Gertrude.„Wer moͤchte nicht ſo geliebt ſeyn!“ „Ja,“ ſeufzte Anna,„wenn die Armuth in der Wirklichkeit wäre, wie ſie im Liede ſich zeigt, dann waͤr' die Welt ein Paradies und jeder Menſch gluͤcklich!“ „Alſo halten Sie Armuth fuͤr das einzige Uebel in der Welt?“ 246 „Das gerade nicht! Das war albern geſpro⸗ chen! Aber—“ ſie ward roth. Ihr Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnen. Leiſe lispelte ſie:„Es iſt das Einzige, das ich kenne!“ Sie drehte ſich weg, als ſchäme ſie ſich, ſo viel geſagt zu haben. Gertrude wußte nicht, was ihre Baſe meinte. Doch vermuthete ſie gleich, daß Anna einen Juͤngling liebe, und Armuth entgegentrete. Sie haͤtte gern wei⸗ ter geforſcht, doch der Major und Arabella waren um⸗ gekehrt, die Zuruͤckgebliebenen aufzuſuchen. Bald wa⸗ ren ſie in Holm. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Thorheiten zu ſchildern hat vornehmlich den großen Nutzen, daß man ſieht, wie weit menſchliche Einfalt gehen kann. Das Bild davon muß daher nothwendig treu entworfen werden. Johnſon. Holm gewaͤhrte einen ſehr einladenden Anblick. Es war ein großes Gebaͤude, in einem ſchoͤnen Parke ge⸗ legen, an einem breiten, ſtillen Fluß. Ruhe und Ab⸗ geſchiedenheit traten uͤberall entgegen und fullten die Seele mit Bildern der Ruhe, des Friedens. Hell und ſchoͤn geleitete eine Treppe hinauf. Doch als man ſich dem Wohnzimmer naͤherte, ſchwanden gleich alle Gedanken von Ruhe, welche die Gegend erregt hatte, bei den widrigen Tönen, die aus dem Innern entgegen hallten, und als der Bediente die Thuͤre oſſ⸗ nete, verſuchte er es umſonſt, den Beſuch anzukuͤn⸗ digen. Alle Stuhle waren in der Stube zuſammenge⸗ tragen, um für die kleinen Jungen und Maädchen eine Kutſche und Pferde zu bilden. Ein ungezogener Junge ſaß vorn und klatſchte mit der Peitſche, was er konnte. Ein anderer ſtand hinten als Bedienter. Ein dritter ging in der Nachtmuͤtze und der Flanellkappe in ein⸗ ſamer Wuͤrde auf und ab und brummte. Er ſchien mit den uͤbrigen ſich gezankt zu haben. Miſtreß Fair⸗ bairn, des Majors Schweſter, ein ſtilles, huͤbſches, gutmuͤthig ſehendes Weib ſaß auf dem Sopha, neben ſich ein ſchreiendes Kind von etwa drei Jahren, welches Papier zerriß, um den Teppich zu beſtreuen, der be⸗ reits mit kopfloſen Puppen, ſchwanzberaubten Pferden und Wagen ohne Raͤder bedeckt war. Madame ſtand auf und das Kleine ſchrie. „Ich gehe nicht weg, Charlotte, nein, mein Herz⸗ chen, fuͤrchte Du Dich nicht!“ redete ſie dem Kinde mit unbeſchreiblicher Guͤte zu. „Du ſollſt nicht aufſtehen! Du ſollſt nicht ge⸗ hen!“ ſchrie aber Charlottchen, die Mutter mit aller Gewalt am Kleide haltend. „Nun, laß mich nur mit dem Onkel reden, mein Engelchen! Mit dem guten Onkel, der Dir immer ſo huͤbſche Sachen mitbringt! Weißt Du noch?“ Waͤhrend dieſer Kapitulation hatte ſich der Be⸗ ſuch den Weg zu der beaͤngſteten Mutter gebahnt. Mit einiger Muͤhe brachte der Bediente Stuͤhle frei und ſtellte ſie rings um die Frau vom Hauſe auf, denn außer dem waͤre bei dem Laͤrm, der uͤberall herrſchte, nicht leicht eine Frage und Antwort zu ver⸗ ſtehen geweſen. „Sie finden uns recht in Unordnung,“ bewill⸗ kommte Madame die Gaͤſte laͤchelnd.„Allein es iſt heute Sonnabend, und die Kinder ſind ſo aufgeweckt und wollten durchaus nicht von mir weichen!— Hein⸗ rich, mein gutes Kind, klatſche doch nicht ſo derb!— Ach's iſt ein guter Junge! Die neue Peitſche hat ihm der Vater von London mitgebracht. Da thut er ſich was darauf zu gute!— Wilhelmchen, denkſt Du denn nicht, daß wir Dein Trommeln ſatt haben? Ich dächte, Du hoͤrteſt nun einmal damit auf!— Alexan⸗ der, Deine Trompete macht aber noch aͤrgern Laͤrm! Die eine Mademoiſelle hier hat Kopfſchmerzen! Warte, bis Du draußen biſt! Du biſt mein guter Junge. Da bläſt Du die Kühe an und die Schafe. Und die erſchrecken! Ei, die werden ſich fuͤrchten!“ „Ne, ich blaſe nicht die Kuͤhe an! Ich will die Pferde anblaſen. Die ſollen denken, die Poſt kommt!“ Er wollte fort, indeſſen Heinrich vom Kutſchbocke herunter ſprang. „Ne, er ſoll die Pferde nicht mit ſeiner Trom⸗ pete erſchrecken. Ich will ſie mit meiner Peitſche er⸗ ſchrecken! Mutter, nicht wahr, die Pferde muͤſſen ſich vor der Peitſche fuͤrchten!“ Sie balgten ſich. „Ja, mein Söhnchen! Na, zankt Euch nicht, Ihr ſollt ſie alle beide erſchrecken!“ rief die Mutter. „Ne, er ſoll ſie nicht erſchrecken! Ich will ſie erſchrecken!“ ſchrien beide und liefen zur Thuͤre hin⸗ aus, indem der kleine Tambour Miene machte, nach⸗ zufolgen. „Wilhelmchen, mein gutes Kindchen!“ rief ihm die Mutter zu,„gehe Du nicht mit den garſt'gen —— —.—.— — ————— 250 Jungen! Du weißt ja, ſie ſind immer häßlich gegen Dich. Weißt Du noch, wie ſie Dich nicht mit Dei⸗ ner Trommel in die Kutſche hineinnehmen wollten?“ Hier fing Wilhelmchen an zu ſchreien. „Na, weine nur nicht wieder darum! Du ſollſt Deine eigne Kutſche haben! Eine ſchonere Kutſche, als dieſe hatten! Ich wuͤrde in ihre häͤßliche, alte Kutſche ſteigen! Nein, Du ſollſt—“ Hier ſagte ſie ihm etwas ins Ohr, das wohl troſtlicher Natur ſeyn mochte, denn Wilhelmchen ward ſtill und ſogar bewogen, die Trommel gegen die elfen⸗ beinerne Nadelbuͤchſe der Mutter zu vertauſchen; frei⸗ lich lagen die Nadeln bald alle auf der Erde zerſtreut. „Ach, die Jungen ſind ohne Hut hinausgelau⸗ fen!“ rief Madame voller Angſt.„Elischen, mein gutes Kind, klingle doch mal, daß Sarah die Huͤte nachtraͤgt!“ Sarah eilte damit hinweg, und weil nun die Peitſche, die Trompete und die Trommel ſchwieg, ſo folgte nun eine Art Ruhe, pie wir, denn lange wird ſie nicht dauern, geſchwind penutzen wollen, uns mit der Familie Fairbairn etwast genauer bekannt zu ma⸗ chen. Madame Fairbairn gehoͤrte zu den Frauen, die von dem Augenblicke an, wo ſie Mutter werden, alles andere zu ſeyn aufhören. Alle Pflichten, Freu⸗ den, Genuͤſſe, Geſchaͤfte des Lebens liefen in dieſem großen Punkte zuſammen. Jeder Gegenſtand, den das Leben darbietet, wurde nur durch dieſes Glas be⸗ gen el⸗ 7 ollſt alte vohl vard fen⸗ tei⸗ eut. lau⸗ nein Hüte die ſ wird mit ma⸗ 251 trachtet. Ihre eigne Mutter war ihr nicht mehr Mutter, ſondern Großmutter der Kinder; ihre Bruͤ⸗ der und Schweſtern waren Onkel und Tan⸗ ten geworden. Selbſt ihr Gatte trat ihr nicht mehr als Gatte entgegen, ſo bald er einmal Vater ge⸗ worden war. Er hatte nicht mehr Anſpruch auf ihre Zeit, ihr Andenken, ihre Liebe, ihre Talente. Er war Herr Fairbairn, ein männliches Weſen, Namens Fair⸗ vairn und— der Vater ihrer Kinder. Zum Gluͤck hatte Herr Fairbairn nicht eben fein Gefuͤhl und zar⸗ ten Geſchmack. Erſt war es ihm freilich nicht recht, daß die Kinder vorgezogen wurden. Allein mit der Zeit gewöhnte er ſich daran und endlich ſah er in ſei⸗ ner Gattin das Muſter aller Muͤtter. Er ward der Vater einer Familie von recht huͤbſchen Kindern, wie Madame Fairbairn die Mut⸗ ter. Beide thaten ſich gewaltig viel darauf zu gut, daß ſie ſo ihre Kinder liebten, als ob dies ein nur ihnen eignes Gefüͤhl ſey, das ſie nicht mit der gemein⸗ ſten, niedrigſten Familie theilten! Doch gleich den meiſten der letztern verſchwendeten ſie alle Liebe und Sorgfalt nur gegen den Leib ihrer Kin⸗ der. Der unſterbliche Theil, die Bildung ihres Geiſtes, die Bewahrung ihres Herzens, ward wenig beach⸗ tet, zum mindeſten nicht im Vergleiche zu dem Aeu⸗ ßeren, zu ihrem körperlichen Wohlbefinden. „Ich bin recht tadelnswerth,“ ſagte jetzt Miſtreß Fairbairn zur Arabella, mit ſuͤßem, klagendem, faſt kindergleichem Tone,„daß ich ſo lange nicht nach ——— —-.—.— ——— 22 Bellevue kam. Aber die kleine Charlotte hat mit den Zähnen ihre Noth. Ich konnte nicht daran denken, ſie allein zu laſſen. Ach, ſie iſt mir ſo zugethan! Zu keinem Menſchen will ſie gehen! Sie ſchreit, wenn ſie das Mädchen nur aufheben will. Nicht ein⸗ mal zum Voater will ſie gehen!“ „Wirklich?“ fragte der Major. „Ich verſichere Dir's, Bruder,*s iſt ein rechtes eigenſinniges Kind manchmal!“— dabei ward dem Kinde ein langer Kuß voll Entzuͤcken gegeben.„Wer ſchlug denn den Papa, weil er ſie in der letzten Nacht von der Mutter wegnahm?— Na, ſchrei' nur nicht! Nein, nein! Charlotte iſt es nicht geweſen!— Jedes Wort verſteht ſie, das man zu ihr ſagt! Und das war gleich, wie ſie's erſte Jahr uͤberlebt hatte.“ „Das iſt wunderbar!“ behauptete Arabella. „Aber wie geht's denn mit meinem Liebling, dem Andreas?“ „Er iſt noch nicht recht munter, der gute kleine Kerl. Wir muͤſſen recht auf ihn Acht haben!“— Sie bemerkte gegen Miß St. Clair:„Sehen Sie, der kleine Andreas hat die Maſern gehabt und da wiſ⸗ ſen Sie wohl, wie die Nachfolgen oft ſchlimm, ſchlim— mer, als die Maſern ſelbſt ſind!— Andreas— An⸗ dreaschen, mein Engelchen, komm doch her und rede mit den Damen!“ „Und Andreaschen kam, in der Nachtkappe, ein Steckenpferd reitend, herbei. Da er vom Major ein Namensvetter war, ſo hielt es Arabella in ihrer vollen Zaͤrtlichkeit fuͤr's Beſte, den kleinen Andreas auf den Schooß zu nehmen, zu liebkoſen und ihm ſogar die Uhr aufzumachen, damit er doch eine Freude haͤtte. „Ach nun ſeh' ich, wer den kleinen Andreas ver⸗ hätſchelt!“ rief die entzuͤckte Mutter. Der Major laͤchelte und Arabella widerſprach⸗ Andreaschen war nun die Hauptperſon. Alle Flecken von den Maſern wurden ſorgfaͤltig aufgeſucht und alle ſeine Leiden und Reden getreulich wiederholt. Endlich wurde Charlottchen boͤſe, daß ſie ſo in Schatten ge⸗ ſtellt war und fing aus vollem Halſe an zu ſchreien, zu heulen. „'s ſind die Zaͤhne! Das gute, arme Kind!“ ſagte die Mutter liebkoſend. „Freilich,'s ſind die Zaͤhne, das arme, gute Kind!“ ſtimmte Arabella bei. „'s iſt gar keine Frage, daß es die Zaͤhne ſind! Das arme, gute Kind!“ verſicherte der Major. „Fuͤhlen Sie mal ihr Zahnfleiſch an!“ ſagte Madame Fairbairn in einer Art, daß es Allen rings herum galt, indeſſen ſie ſelbſt den Finger in des Kin⸗ des Mund brachte.„Da werden Sie fuͤhlen, wie heiß es iſt!“ Niemand beeilte ſich gerade, zuzugreifen, bis end⸗ lich der Major kam, mit ſeinem Zeigeſinger im Munde der kleinen Charlotte herum ging und dann ſeine ent⸗ ſchiedene Meinung dahin abgab, daß ein Zahn ihm wirklich die Haut verletzt habe. In dem Augenblicke trat Herr Fairbairn ein und 254 brachte auf ſeinem Arme einen andern Familienzweig, einen fetten, ſauertöpfigen, aber aufgeweckten, am Fin⸗ ger ſaugenden Jungen. Kaum hatte er gegruͤßt, als er ausrief: „Das ſind ein Paar Beine!“ Er zeigte die dicken, purpurrothen Unterthanen des Kleinen, mit rothen Schuhen bekleidet.„Horen Sie, Miß St. Clair, ſolche haben Sie in Frankreich wohl noch nicht geſehen? Ja, das ſind engliſche Milchbeine; nicht wahr, Bobby?“ Bobby aber nutſchte, in feierlichem Schweigen verſunken, immer an dem Finger fort. „Willſt Du mir was ſagen, Bobby?“ fragte Arabella, ſich nach dem liebenswuͤrdigen, holden Amor neigend. Doch derſelbige blieb ſtumm. „Der Kleine nimmt ſich Zeit, ehe er ſprechen lernt!“ bemerkte der Vater.„Wir ſagen immer, die Beine ſind mit der Zunge fortgelaufen!“ „Wie alt iſt er denn?“ fragte der Major. „Faſt neunzehn Monate und zehn Tage!“ ant⸗ wortete die Mutter.„Da iſt noch nichts eingebuͤßt. Mir iſt's lieber, wenn ein Kind huͤbſch zunimmt und gedeiht, als daß es ſo altklug iſt!“ „Keine Frage iſt da!“ rief der Major und Arabella in einem Athem. „Es iſt mit den Kindern ein großer Unterſchied, wenn ſie ſprechen lernen!“ fuhr die Mutter fort. „Alexander lernte erſt reden, wie er zwei und ein Vierteljahr alt war. Heinrich dagegen hatte eine Menge Wörter aufgefangen, als er noch nicht ſiebzehn Monate alt war! Elischen und Charlotte ſagten Mama ſo deutlich wie ich, gleich mit dem erſten Jahre. Aber Maͤdchen lernen immer eher reden, als Knaben. Wilhelmchen und Andreaschen ſind Swillinge und ha⸗ ben mit den Zaͤhnchen ſo viel Noth gehabt; darum hat es da länger gedauert, ehe ſie ſprechen lernten, als ſonſt geſchehen wäre. Ach Gott, ich habe kein Kind ſo viel ausſtehen ſehen, als den kleinen Andreas. Der Beſuch machte Miene, aufzubrechen. „Ach, Sie duͤrfen nicht eher gehen, bis Sie mein Kleinſtes geſehen haben!“ rief Madame.„Liebes Maͤnnchen, willſt Du zweimal klingeln, daß die Kleine gebracht wird?“ Herr Fairbairn klingelte zweimal, die Kleine aber erſchien nicht. „Sie wird wohl ſchlafen!“ belehrte Madame. „Aber ich will Sie in die Kinderſtube hinauffuͤhren und ſie Ihnen in der Wiege zeigen!“ Ein ſolches geſchah und in Ausrufungen:„Ge⸗ rade fuͤnf Monate!— Ein ganz außerordentlich ſchö— nes Kind!— Ein kleines, rundes Ding! Sehen Sie die niedlichen Händchen! Das kleine Maͤulchen!“ bewunderte man des Herrn Fairbairn's Ebenbild. Ger⸗ trude ſchmeichelte ſich, daß die Schaugebung voruͤber war und wollte ſich aufs neue beurlauben, als die Helden von der Peitſche und Trompete hereinſauſten und meldeten, es regne gerade herunter. So mußte denn ſchon das Mittagsbrot getheilt werden. — Die Kinder der gluͤcklichen Familie waren mit bei Tiſche, und was und wie ſie aßen, machte die Unterhaltung. Alexander aß keine Kartoſſel und An⸗ dreaschen keine Suppe. Elischen konnte den Fiſch nicht leiden und Wilhelmchen nahm ihn recht gern zu ſich. Der lieben Kinder wegen war das Mahl ſehr einfach und der Nachtiſch fehlte ganz, denn Bobby konnte kein Obſt vertragen. SZum Erſatz dafüͤr ging Eliſens Strickſtrumpf und Heinrichs und Alexanders Schreibebuch herum; Andreaschen aber deklamirte eine Fabel und Wilhelmchen ließ ſich bewegen,„den Konig ſegne Gott“ herzugrohlen, womit er aber Beifall ärn⸗ tete, wie kaum der erſte Bravourſaͤnger. Der Abend heiterte ſich auf. Wie froh war Gertrude, als es nach Bellevue zuruͤckging! rie zu Li be Achtundzwanzigſtes Kapitel. Nur Wenige gewinnen, wenn man ſie näher kennen lernt, La Bruhere⸗ „Ach, was Sie fur eine herrliche Schweſter haben!“ rief unterweges Arabella, welche jeden mit dem Major zuſammenhaͤngenden Gegenſtand in der Farbe der Liebe ſah. „Ich freue mich, daß ſie Ihnen gefaͤllt!“ ant⸗ wortete der Geſchmeichelte,„und hoffe, daß Sie ſie bei naͤherer Kenntniß noch mehr liebgewinnen werden!“ „Das iſt nicht zu bezweifeln!“ „Soo werden Sie ſie immer finden!“ „O das iſt herrlich! Und die lieben Kinder! Es iſt eine wahre Wonne, das verſichere ich Ihnen, ſie zu ſehen! Ich wuͤßte nicht, wann ich ſo einen vergnuͤgten Tag gehabt haͤtte!“ „Mein Wort darauf, Sie ſollen noch mehr dergleichen genießen! Ich ſchmeichle mir, daß Sie und meine Schweſter Schweſtern werden!“ Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs verſuchte Gertrude Anna wieder auf den Gegenſtand zu bringen, wovon dieſe am Morgen ſprach. Allein ſie ſchaͤmte ſich ent⸗ I. 17 258 weder, oder bereuete es, ſo viel geſagt zu haben und wich jedem Worte daruͤber aus. Gertrude dachte des⸗ halb nichts Boͤſes von ihr. Sie billigte den Zartſinn, der es vermied, ſich einer Fremden, wenn ſie auch Verwandte war, anzuvertrauen. „Liebe Baſe,“ ſagte ſie,„es wuͤrde thorig ſeyn, mit Verſprechungen, daß ich Ihnen beiſtehen will, groß zu thun. Ich bin nicht alt, nicht weiſe genug, Rath zu geben; ich bin ſo arm und huͤlflos, wie Sie es ſeyn können. Aber wenn ich kluͤger bin und mehr Mittel in Haͤnden habe— beides wird freilich nicht mein Erbtheil werden!— Dann verſprechen Sie mir, das Räthſel zu loͤſen und zu ſagen, warum Armuth das größte Uebel auf der Welt iſt!“ Die Kinder des Blackſchen Hauſes hatten ſie zum Fenſter heraus kommen ſehen und ſtuͤrzten ihnen jetzt mit der Nachricht entgegen, daß Bob und David zum Beſuch da waären. Noch einige Schritte und beide Herren erſchienen ſelbſt, ihre Baſe zu bewillkommnen. Kaum war dies letztere geſchehen, als beide wieder ihre Rolle fortſpielten. Bob war ein Soldat. Er ſprach alſo nur von Paraden, Muſterungen, Offiziertafeln, Cpauletten, waͤhrend David, der Schreiber bei einem Advokaten, nur vom Schauſpielhauſe in Edim⸗ burg, von den ſchonen Mädchen dort, von den Ballen und neuen Quadrillen ſprach. „Den 27ſten haben wir große Revue!“ ſagte Bob zu Gertruden.„Guſtown iſt nur zehn Stun⸗ den von hier gelegen. Ich hoſſe doch, daß Sie uns 259 die Ehre anthun und Zuſchauerin ſeyn werden? Wir geben hernach einen Ball, ein Souper. Meine Mut⸗ ter und die Schweſter werden auch dort ſeyn.— Bella, kommſt Du denn auch mit? Doch wohl?“ „Ich wundere mich, wie Du eine Perſon in meiner Lage ſo fragen kannſt!“ verwies Arabella ſolche Keckheit mit gehoriger Wuͤrde. „Ach was fuͤr verfluchten Spaß haben wir im vorigen Winter zu Edimburg gehabt!“ rief David. „In einer Nacht war ich oft auf drei Baͤllen. Ihr tanzt doch auch Quadrillen? Contretaͤnze ſind in Edimburg jetzt ganz aus der Mode. Sie heißen dort nur Kuͤchentänze. Dort wird nichts als Walzer und Quadrille getanzt. Ach, ſo nebenbei, ich dächte, wir konnten hier auch eine Quadrille zuſammen bringen! Bella, tanzeſt Du auch Quadrille?“ „Ich habe doch nie gehoͤrt, daß eine Perſon in meiner Lage getanzt hätte!“ ward ihm peraͤchtlich zur Antwort gegeben. „Weiß Gott, wenn die Mädchen einen Mann bekommen, werden ſie auch entſetzlich dumm!— Nein, meine Frau ſoll mir nicht ſo einen Ton annehmen, das kann ich Dir ſagen! Ich mache es gleich aus, daß ſie alle Nächte tanzt!“ Gertrude mußte von den beiden jungen Maͤnnern beſonders viel dulden. Sie belagerten ſie; beide woll⸗ ten den Liebhaber ſpielen. Allein ihre Aufmerkſamkeit wurde ſo kalt, ja beinahe ſo ſtolz erwiedert, daß ſie endlich entdeckten, wie ihre Cecilie und Clementine 17* 260 doch huͤbſchere Maͤdchen waͤren, und ſich an dieſe zu halten beſchloſſen. Des Ortes, wie der Bewohner herzlich ſatt, ſehnte ſich Gertrude nach dem Hochzeittage, um nach Roßville gehen zu koͤnnen. Sie fuͤhlte wegen ihrer Mutter, wenn ſie an das Geheimniß dieſer dachte, viel Unruhe und befand ſich darum hier in um ſo peinlicherer Lage. Ohne es ſelbſt zu wiſſen wuͤnſchte ſie das gefuͤrchtete Dunkel zu durchſchauen, wenn auch die natuͤrliche Sorgloſigkeit und Heiterkeit der Jugend ſie oft von den Gedanken daruͤber abbrachte. Wenn ihr der Oberſt Delmour Geſellſchaft lei⸗ ſtete, war freilich jede ſolche peinliche Erinnerung ver⸗ ſchwunden. Sie gab ſich dann ganz dem Zauber ſei⸗ ner glaͤnzenden Unterhaltung und der in mancherlei Geſtalt erſcheinenden Kunſt zu gefallen hin. Alle Dinge vergaß ſie dann, nur das Bewußtſeyn blieb ihr, zu lieben und geliebt zu werden, indem ſich das Auge gegen den Glauben daran verſchloß. Seine Beſuche wiederholten ſich oft. Sie hätten Aufmerk⸗ ſamkeit erregen können. Doch alles war mit den Vor⸗ bereitungen zur Hochzeit beſchaͤftigt. Arabella glich einem glanzenden Geſtirne, das den Mittelpunkt einer Menge Planeten macht, die ſich alle um daſſelbe dre⸗ hen. Leider haͤlt nur Niemand ſeinen Becher, mag dieſer ſchaͤumen, wie er will, eher fuͤr voll, bis er uͤberzulaufen droht. Auch Arabella's Becher ſchien bis an den Rand gefuͤllt, aber es haͤtte immer noch etwas hinein gehen können. Von Freunden und Ver⸗ 261 wandten waren ſo viel Hochzeitgeſchenke eingegangen, daß ihr Zimmerchen mit dem Schrein einer Heiligen wetteifern konnte. Allein unter allen dieſen Gaben war keine vom— Onkel Adam. Und doch hatte ſie ſich's in den Kopf geſetzt, daß der Onkel Adam es gar nicht vermeiden koͤnne, ihr ein huͤbſches Geſchenk in Silberzeug, Juwelen, oder Geld, zu geben. Sie wußte nur nicht, von welcher der drei Arten es ſeyn wuͤrde. Indeſſen die Zeit war da; der Onkel ließ ſich blos in ſeiner gewoͤhnlichen Manier ſehen, die Haͤnde in den Taſchen, mit einem Geſicht, ſauer ge⸗ nug, alle Hoffnung abzuſchneiden. Noch blieb Ara⸗ bella'n die Erwartung, daß Onkel Adam ſie nach ſei⸗ ner rauhen Weiſe eines Tages querfeldein uͤberraſchen werde, ehe ſie daran denken koͤnne. Das Letztere hätte aber doch ſchwer fallen ſollen, denn es kam kein Tag, wo ſie nicht auf die Ueberraſchung vollkommen vorbe⸗ reitet geweſen wäre. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Sag ihnen, ſie ſolen den Tiſch decken, das Mahl auftragen. Wir wollen dann gleich zum Eſſen kommen. Shakespeare. Am Tage vor der Hochzeit ſtieg die Unruhe in Belle⸗ vue und rings umher zu jenem hohen Grade, der alle großen Ereigniſſe begleitet, wenn ſie ihrem Ende na⸗ hen. Man erwartete den Onkel Adam, Herrn Fair⸗ bairn und ſeine Gemahlin zum Eſſen, und Miß Black aus der Stadt. Mancherlei Gerichte breiteten ihre lieblichen Duͤnſte bis in die entfernteſten Zimmer aus. Fuͤr Gertruden war die Geſchaͤftigkeit, die ein ſolches Mahl veranlaßte, etwas Neues. Alles war im Hauſe umgedreht. Thuͤren flogen auf und fuhren krachend zu. Es ging Trepp' auf, Trepp' ab und endlich ver⸗ lor Madame Black gar die Schluͤſſel und hatte jeden in Verdacht, daß er ſie entwendet habe, bis ſie ſich endlich an einem Orte fanden, wo ſie gar Niemand vermuthen konnte. Das Kindermaͤdchen war zum Beiſtande der Kochin kommandirt und die Kinder wur⸗ den einem Mädchen anvertraut, das ſie nicht im Zaume halten konnte. Der erſte Gaſt, welcher ſich einfand, war— der Onkel Adam, und Niemand zeigte ſich, ihn zu em⸗ pfangen, als Gertrude. Sie war, als er eintrat, im Geſellſchaftszimmer, und die eſſigſauere Miene ſeines langen, dreieckigen Geſichts milderte ſich doch zu einer Art von Laͤcheln, als er ſich neben ſie ſetzte und in ein Geſpraͤch mit einer Freundlichkeit einließ, wie ſie bei ihm nicht ſehr gewöhnlich war. Gertrude faßte Muth bei ſeiner guten Laune. Sie bewunderte eine ſchoͤne Hortenſia, die er an die Bruſt geſteckt hatte. „Ich kann mir eben nichts aus ſolchen Dingen machen!“ ſagte er und machte ſie ſchnell aus dem Knopfloche, als ſcheute er ſich, etwas zu tragen, das bewundert wurde. Er gab ſie ihr in die Hand:„Da, nimm Du ſie, mein Kind! Sie iſt von da her!“— Er zeigte in der Richtung nach Blumenpark.„Ich weiß nicht, warum ſie mir ſie geſchickt haben.— Wie heißt ſie?“ Gertrude wiederholte den Namen. „'s iſt eine dumme Blume; riecht nach nichts! Da iſt mir der Lavendelſtengel lieber!— Aber's ſind viel dorten! Ich brauche ſie nicht. Wenn Dir's Spaß macht, geh' hin und hole Dir ſo viel Du willſt!“ Gertrude dankte ihm. Als ſie die Hortenſia am Kleide befeſtigen wollte, fiel die alte Granatennadel, jetzt ihr einziger Schmuck, heraus, und der alte Mann vuͤckte ſich, hochſt galant, ſie aufzuheben. Doch kaum 264 hatte er ſie in der Hand, als er ſtaunend ausrief und ſie um und um drehte, und mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit unterſuchte: „Wem gehoͤrt die Nadel?“ fragte er. „Mir!“ verſetzte Gertrude etwas uͤberraſcht. „Dir?— Dir! Und woher haſt Du ſie be⸗ kommen? Sag' mir die Wahrheit! Woher bekamſt Du ſie?“ „Von meiner Amme! Sie gab mir ſie auf dem Sterbebette und ihretwegen habe ich ſie getragen.“ „Und ſagte ſie nicht, woher ſie ſie hatte?“ „Ich glaube, ſie hatte ſie von ihrer Mutter!“ „Von ihrer Mutter? Sie gehoͤrte einſt mei⸗ ner Mutter. Sie war mein! Ich gab ſie Lieschen mit eigner Hand, als wir uns trennten. Sie ver⸗ ſprach mir, ſie zu behalten, bis ſie einſt ſterben wuͤrde! Hier— hier ſind unſere Anfangsbuchſtaben,“— er zeigte ſie—„und das Jahr, wo wir von einander ſchieden!“— Es folgte eine lange Pauſe—„Wie hieß Deine Amme und woher war ſie?“ „Ihr Familienname war Mariane Lamotte. Der Mann hieß Jakob Lewiſton. Sie kam aus Amerika, ihr Vater war ein Franzoſe, ihre Mutter aber, glaub' ich, eine Schottländerin. Zum mindeſten ſang ſie mir gemeiniglich ein ſchottiſches Liedchen vor, das ſie von ihr gelernt zu haben verſicherte.“ „Ich kann daraus nicht klug werden!— Doch, es hat nichts zu bedeuten. Wenn ich auch koͤnnte, es braͤchte mir weder Zeit noch Leben wieder!“ — — —— 265 Seufzend gab er ihr die Nadel:„Nimm ſie, Gertrude, Du ſcheinſt mehr Recht darauf zu haben, als ich. Ich ſchätzte ſie blos wegen meiner Mutter. Dir ſcheint ſie noch theureres Andenken und ſo trenn' ich mich gern von ihr.“ Gertrude wollte ſie nicht wieder nehmen. „Nein, nein!“ rief er.„Was ſollte ich damit machen? In Deinen Jahren putzeſt Du Dich gern mit ſolchen Taͤndeleien. Ich aber bin zu alt, um noch Freude daran zu haben. Die junge Welt kann ſich an ſolchem Schmucke ergötzen. Ihr freut Euch, wenn Ihr einmal ins Leben zuruͤckſchaut, denn Ihr habt nicht weit zu ſehen. Aber wenn die ſiebzig vor⸗ bei ſind, dann gewaͤhrt die Straße, die wir wander⸗ ten, einen langen, truͤben Anblick! Nein, fuͤr alte Leute iſt ſo ein Augenblick nicht angenehm. Ihnen kehrt damit nicht die Zeit und das Herz der Jugend zuruͤck, und beide ſind allein die Perlen des Lebens!“ Dagegen konnte Gertrude nichts erinnern, doch aus einem gewiſſen Zartgefuͤhl fuͤr die unangenehme Erinnerung des Onkels that ſie die Nadel weg und beſchloß, ſie nie wieder in ſeiner Gegenwart zu tragen. Selten kann man auf dieſer wunderlichen Erde, wo die widerſprechendſten Gefuͤhle beſtaͤndig mit ein⸗ ander in Beruͤhrung kommen, wo in der Seele immer Ebbe und Fluth iſt, einer Stimmung, welche die gewoöhnliche Gränze uͤberſchritt, lange nachhängen. Herrn Ramſay's menſchenfeindliches Herz war be⸗ ſchwichtigt, alle ſeine beſſern Gefuͤhle ſchienen aufge⸗ 266 weckt, als er das Pfand ſeiner Jugendliebe ſah und die traurigen Erinnerungen an das, was ihr folgte, rege wurden. Aber dieſe ſanftere Stimmung ſeiner Seele wurde gar bald durchkreuzt. Mehrere Glieder der Familie, wie ſie eben den Putztiſch verlaſſen hat⸗ ten, kamen herein. Später, wo nicht zu allerletzt, erſchien auch der Gegenſtand ſeines ganz beſondern Widerwillens, Arabella. Sie drängte ſich zwiſchen ihn und Gertruden auf das Sopha.„Ei, welche ſchoͤne Blume haben Sie da, Couſine!“ rief ſie. „Der Onkel hatte die Guͤte, ſie mir zu geben!“ ſagte dieſe. „Wirklich? Wahrſcheinlich aus Blumenpark, Onkel?— Sie haben dort herrliche Gewächshäuſer, wie ich hore. Das iſt mir eben ſo fatal bei Thorn⸗ bank. Sie wiſſen doch, daß der Major es waͤhrend der Zeit gekauft hat? Aber er wird gewiß nicht ſeine Rechnung finden. Es ſind keine Treibhaͤuſer dorten und er iſt ſo an die ſchoͤnen, indiſchen Fruͤchte ge— wöhnt. Ja, ich fuͤrchte, er wird ſeine Ananas gar zu ſehr vermiſſen!“ „Nun, es ſind wohl gute Ruͤben da? Ruͤben ſind ſo gut, wie Zucker, er kann eine auskauen, wenn er Appetit hat!“ Arabella wurde roth, that aber, als hoͤrte ſie es nicht und kam zu ihrem Hauptzweck: „Thornbank iſt nicht weit von Blumenpark, 267 Onkel. Es iſt blos ein Spaziergang, ſollt' ich den⸗ ken? „Ich hab' es nicht ausgemeſſen!“ war die la⸗ koniſche Antwort. Es ſchien nicht, als ob uͤber Blumenpark der Weg in des Onkels Taſche gehe und Arabella machte daher einen unmittelbaren Angriff. „Wiſſen Sie, Onkel, daß ich faſt boͤſe auf Sie werden könnte? Die Baſe hat von Ihnen ſo eine ſchone Blume, und ich nicht ein Blatt?“ Herr Ramſay verbeugte ſich ſpoͤttiſch und lachte dazu und uͤberreichte ihr einen Lavendelſtengel, den er noch in der Hand hatte. „Gut, Onkelchen, ich werde ihn gewiß recht werth halten und zu meinen andern Hochzeitgeſchen⸗ ken legen!— Ach, hören Sie, ich habe Ihnen noch gar nicht alle die huͤbſchen Sachen gewieſen, die mir meine lieben Freunde und Freundinnen verehrt haben. Die gute Madame Waddel hat mir eine herrliche ſil— berne Schale in antiker Art geſchenkt. Ich glaube, ſie hat ſie gekauft, wie der Major getauft wurde.“ „Dann muß ſie freilich alt genug ſeyn!“ „Meine guten Tanten haben mir eine ſehr hub⸗ ſche Theemaſchine geſchenkt—“ „Ein Narr und ſein Geld ſind bald getrennt! Sie wußten wohl ſelbſt nicht, warum ſie dies gethan haben!“ 268 Nun, Onkel, Sie wiſſen doch wohl, daß man „ M, Leuten, die in meiner Lage ſind, Geſchenke macht? Das iſt in der ganzen Welt ſo!“ „Miß Arabella Black, ich habe ein Bischen mehr von der Welt geſehen, als Du, und ich kann Dir ſagen, daß es auf der Welt Dinge giebt, wo⸗ von Du nichts weißt. In Rußland zum Beiſpiel iſt es gewoͤhnlich Mädchen, die in Deiner Lage ſind,—“ „Ums Himmels willen!“ fiel Arabella ein, denn ſie dachte unwillkuͤhrlich an die Knute.*)„Sie werden uns doch nicht dieſe Bären zum Muſter auf⸗ ſtellen? Ich daͤchte doch, die Sitte unſers Landes konnte bei dergleichen Dingen das Maß ſeyn!“ „Eine unſinnige Sitte iſt hier zu Lande, denk' ich! Es heißt, die Perlen vor die Saͤue werfen, wenn man einem Weibe Geſchenke bringt, das auf dem Gipfel der menſchlichen Gluͤckſeligkeit und Größe iſt. Jetzt waͤr' die Reihe an Dir, Geſchenke zu machen, ſolchen armen Maͤdchen zum Beiſpiel, die keinen Ma⸗ jor Waddel haben, der ſie mit Shawls, Karfunkeln und Federn ausputzt! Ach— Jemine! Ich weiß gar nicht, mit wem ich Dich vergleichen ſoll! Mit *) Vor Zeiten bekam der Bräutigam dieſe ſelbſt vom Schwiegerva⸗ ter für die junge Frau. unter den gemeinen Ständen iſt die Sitte vielleicht noch. Der ucberſetzer. — 269 einer Goͤttin? Nun ja, mit welcher denn? Juno? Ach nein, die Venus paßt beſſer!“ Onkel Adam Ramſay hatte uͤber ſeinen Witz eine Freude und lachte, daß ihm das Waſſer uͤber die Wange lief. Der Spaß war indeſſen auch fuͤr Ara⸗ bella zu derb. Sie ging, ohne ein Wort zu ſagen, aͤrgerlich fort. Dann kam er wieder zu ſich. Er zeigte hinter ihr drein und ſagte zu Gertrude: Die Narrheit dieſes Geſchoͤpfes iſt wie Staub. Klopft man ihn hier aus, ſo ſetzt er ſich wo anders hin!“ Die Schweſter von Madame St. Clair kam jetzt. Gertrude haͤtte gern mit der ſanften, ſtillen Jungfrau ſich unterhalten, ſtatt mit dem finſtern, aus Galle und Eſſig zuſammengeſetzten, Onkel Adam. Allein der Laͤrm der Kinder, das Schwatzen des Herrn Bob und David, verſchloſſen jeder Unterredung den Weg. Kaum daß ſie die Tante begruͤßen konnte. Man erwartete jetzt die Familie Fairbairn. Drau⸗ ßen harrte ihrer Herr Black, in dem Zimmer Madame Black. Jener war hungrig und dieſe fuͤrchtete, der Braten konne verbrennen, der Reis zu Muße werden. Wie Blaubarts Gemahlin ſaß ſie da und ließ ein Kind nach dem andern hinaus ſchauen und ſehen, ob ſie kaͤmen. Endlich ward ihre Kutſche geſehen und laut gemeldet. Die Glocke wurde ſogleich gezogen, die Mahlzeit aufgetragen. Bob und David mußten zwei W0 Armſtuͤhle räumen, die ſie eingenommen hatten. Mi⸗ ſtreß Black ſtrich die Falten aus dem Rocke und nahm eine recht ceremoniöſe Miene an, indeſſen der Mann hineilte, mit gehörigem Reſpekte die nahen Ver⸗ wandten willkommen zu heißen. Doch— Miſtreß Fairbairn war nicht zu ſehen. Statt ihrer kam ihre Verwandte, Miß Becky Du⸗ guid. Ihre Abweſenheit gruͤndete ſich, wie gleich ge⸗ meldet wurde, auf den Eigenſinn der kleinen Charlotte. Alle Tage hatte die Mutter geglaubt, einen Zahn durchkommen zu ſehen, und das Kind wollte durchaus nicht von der Mutter laſſen. Indeſſen Herr Fairbairn dies getreulich aus einan⸗ der ſetzte, entſchuldigte ſich Miß Becky wegen ihrer Unbeſcheidenheit. Allerdings muͤſſe ſie ſich ſchamen, meinte ſie, in ſolchem Anzuge zu erſcheinen. Allein ſie haͤtte nicht daran gedacht, zu kommen, denn es ſey ausgemacht geweſen, daß ſie bei Charlotten bleiben und Miſtreß Fairbairn fahren ſolle. Charlotte habe auch die Mama wollen gehen laſſen, und dieſe ſey ſchon angekleidet und zum Einſetzen bereit geweſen. Aber wie der Wagen vorfuhr, fing ſie an zu ſchreien und die Mutter war nun genothigt, ihren Plan auf⸗ zugeben und zu Haus zu bleiben, und nun hätte Herr Fairbairn darauf beſtanden, daß ſie, Miß Becky, wie ſie ging und ſtand, mitfahren ſolle. Man proteſtirte gegen alle ſolche Entſchuldigungen, als ganz unnöthig, da hier lauter gute Freunde ſeyen. Allein allerdings 271 bedurfte die Kleidung der holdſeligen Jungfrau gar vieler Nachſicht; denn auf dem Kleide ſah man die Finger von Kindern abgedruͤckt; die Muͤtze ſah aus, als habe ſie ſchon mehrmals gedient. Der Shawl ſchien einen Zulp abgegeben zu haben. Kurz man ſah, daß Miß Becky das Muſter einer alten, jungfraͤuli⸗ chen Tante war! Dreißigſtes Kapitel. Wie glücklich iſt der tadelloſen Sonnenjungfrau Loos! Pope. Miß Becky Duguid hatte, allein ſtehend, um⸗ ſonſt erwartet, den Sorgen und Unruhen im Eheſtande zu entgehen. Sie hatte ſo viel Proben von der Gleich⸗ guͤltigkeit, der boͤſen Laune der Ehemänner, der Un⸗ ruhe und der Noth mit Kindern geſehen, gehort, und glaubte, doch davon frei zu bleiben.„Ich kann ge⸗ hen, wohin ich will, ich kann thun, was ich will und leben, wie ich will; von allen Sorgen bin ich frei!“ So dachte ſie. Aber bald ſah ſie, daß dem nicht ſo ſey. Bruͤder und Schweſtern heiratheten, Neffen und Nichten kamen auf allen Seiten zum Vorſchein und alle erwarteten von der guten Tante ihre Gabe, waͤh⸗ rend alle Verwandten aufs Unbarmherzigſte die Zeit und Talente derſelben in Anſpruch nahmen. „Die Tante wird mir das ſchon geben! Du weißt ja, ſie braucht kein Geld!“ hieß es hier. „Die Tante wird dies ſchon machen. Dieſe hat Zeit genug!“ hieß es dort! „— 2 „Die Tante wird ſchon den Weg machen. Sie geht gern ein Bischen weit!“ horte man am dritten Orte. Doch alle ſolche Buͤrden waren nichts gegen die Aufträge, womit ſie die Welt uͤberhaupt, das heißt, alle ihre Bekannten, uͤberhaͤuften.— Eine einzelne Per⸗ ſon habe nichts zu thun, als ihren Freunden gefällig zu ſeyn, dachten alle. War ſie in der Stadt, ſo hatte ſie blos Aufträge vom Lande herein zu vollzie⸗ hen, Mägde zu miethen, ſich nach Gouvernanten zu erkundigen, und dergleichen. Immer kamen Briefe des Inhalts: „Meine theuere Miß Becky!“ „Ich ergreife dieſe Gelegenheit, Ihnen zu mel— den, daß wir uns ſo ziemlich wohl befinden und hof— fen, wie auch Sie ſich Ihrer gewöhnlichen guten Ge⸗ ſundheit erfreuen werden. Ich ſende hierbei Ihnen den zuletzt erhaltenen Thee zuruͤck. Wie Alle ſagen: er iſt weit ſchlechter, als wie Sie ihn ſonſt geſchickt haben und da die Preiſe eher gefallen ſind, ſo kann die ſchlechtere Farbe unmöglich davon herruͤhren. Wenn der Kraͤmer Ihnen nicht einen viel feinern geben kann, ſo wuͤnſchte ich: Sie gaͤben ihn zuruͤck und ver⸗ ſuchten es in einem andern Laden und ließen ſich nicht wieder mit ihm ein. Eliſe und Jeannette gruͤßen Sie von Herzen und benutzen die Gelegenheit, ihre alten, ſchwarzen Sammtkragen mitzuſchicken. Sie wuͤnſchen, daß Sie zum Faͤrber gingen und mit ihm redeten. Sie haben gehoͤrt, daß ſchwarzer Sammt auf Gras⸗ I. 18 274 gruͤn oder Scharlachroth gefärbt werden kann. Wenn der Fuaͤrber fuͤr die Farbe einſteht, ſo hätten ſie lieber tuͤchtig ſcharlachroth; wo nicht, ſo ſoll er nur huͤbſch gruͤn aufſetzen.“ „Es thut mir Leid, daß ich Ihnen melden muß, wie die Hanne, welche Sie ſo gelobt haben, ganz aus der Art geſchlagen iſt. Sie iſt träge, faul, ſchmutzig, hort nicht, trotzt, kurz, ſie iſt gar nicht die Perſon, wie Sie ſie mir geſchildert hatten. Ich muß Sie daher ſchon bemuͤhen, mir eine andere zu beſorgen. Sie wiſſen, ich verlange von meinen Maͤgden nicht viel. Aber Einiges iſt durchaus unerläßlich. Alſo zum Bei⸗ ſpiel muß ſie mäͤßig, ehrlich, gewiſſenhaft, Wahrheit ſprechend und in jedem Betrachte in der Moral feſt ſeyn. Sie muß thaͤtig, munter, reinlich, höflich, ruhig, ordentlich, freundlich, im Arbeiten geſchickt ſeyn und nichts zerbrechen. Ich verlange weiter nichts, als daß ſie ganz gut mit der Nadel umzugehen, zu wa⸗ ſchen und zu platten weiß, und was uͤberhaupt einer guten, brauchbaren Magd zukommt. Einer ſol⸗ chen will ich gern im erſten halben Jahre ein Pfund geben, was jede bekommt, und wenn ſie in jedem Betrachte meinen Forderungen vollkommen ent⸗ ſpricht: ſo kommt es mir auf etwas Weniges mehr nicht an, und den Thee ſoll ſie auch haben. Marga⸗ rethe gruͤßt Sie recht zärtlich, und wenn Sie Zeit haben, bittet ſie Sie, von der Putzmacherin ein Paar Schnuͤrbruͤſte zu beſorgen. Sie braucht ſie nothwen⸗ dig und ſchickt eine als Muſter mit, aber ſie paßt enn ſie uß, u wie on en, ber eit al ch, ehn nicht. Sagen Sie ihr nur, daß ſie zu eng und zu kurz iſt. Die Schulterbäͤnder ſind um eine ganze Strohhalmsbreite zu eng. Margarethe glaubt, daß das Fiſchbein in der alten Schnuͤrbruſt wieder bei der neuen gebraucht und dieſe, wenn das nicht geht, gegen eine neue vertauſcht werden kann.— Da der Buͤchſenmacher Flint nicht weit von Ihrer Putzmache⸗ rin wohnt, ſo wuͤrden Sie meinen Mann recht verbin⸗ den, wenn Sie bei ihm einſprächen und ſagten, daß er bald eine Büchſe zur Reparatur bekommen wuͤrde, er ſollte ſie aber ja vollkommen wieder repariren und ſo bald als möglich, weil die Jagd bald aufginge. Wenn ſie fertig wäre, koͤnne er ſie Ihnen zuſchicken, und ein Paar Pfund Pulver und einen Beutel Schrot Nummer 5 beipacken. Die Feiertage kommen nun auch bald und da muͤſſen wir unſere Jungen aus der Schule zu Haus erwarten. Wenn es Ihnen nicht unangenehm iſt, ſo wären Sie wohl ſo gut und lie⸗ ßen Ihr Maͤdchen an der Poſt ſtehen, wenn die Kutſche kommt; ſie kehrt im blauen Bär einz und behielten ſie bis Montag bei ſich. Sie thaͤten uns damit einen neuen Gefallen. Aber Achtung geben muͤſſen Sie auf ſie, denn Sie wiſſen, was es fuͤr tangen ſind. Beſonders geben Sie Acht, daß ſie dem Pulver nicht zu nahe kommen. Vor dem Loſten glaub' ich nicht in die Wochen zu kommen. Wenn Sie es nun einrichten können, daß Sie zwiſchen dem 20ſten und dieſem Datum eintreffen, ſo ſoll es uns ſehr lieb ſeyn, das verſichere ich Ihnen.— Ich 18* 276 hoffte ſchon, Sie diesmal weiter nicht incommodiren zu duͤrfen. Allein wie Thomas horte, daß ich an Sie ſchrieb, ſo bat er mich, Ihnen zu melden, daß er ei⸗ nige Angelhaken von jeder Sorte, mit guten Regen⸗ wuͤrmern, Ameiſeneiern und jeder andern Fuͤtterung haben mochte. Er meint, Sie duͤrften nur zum Fi⸗ ſcher Hecht gehen, oben in der breiten Straße, die fuͤnfte Thuͤre, oben zwei Treppen hoch, linker Hand. Es iſt leicht zu ſinden, denn es haͤngt ein großer Kar⸗ pfen heraus. Ein Paar Angelleinen und einen guten Hechthaken braucht er auch. Sollten Sie etwa Ihre Freundin, die Modehaͤndlerin Muͤtze, ſehen, ſo ſagen Sie ihr nur, daß der Turban, den Sie fuͤr mich bei ihr beſorgt hätten, gerade ſo ausſähe, wie einer, den ſie vor drei Jahren fuͤr mich machte und den ich nie haͤtte leiden können. Ich habe ihn blos einmal auf⸗ geſetzt, zweimal hochſtens. Vielleicht macht ſie keine Umſtände und nimmt ihn wieder an und ſchickt ein hubſches, neumodiſches Mützchen dafuͤr. Ach Gott, Sie werden uns fur recht beſchwerlich halten. Aber ich weiß, daß Sie nicht boſe werden, wenn Ihnen Ihre Freunde eine kleine Muͤhe machen. Mein Mann und die Kinder gruͤßen Sie alle aufs Beſte, und ich bin Ihre aufrichtigſte Freundin N. N“ „N. S. Eliſe und Jeannette erſuchen Sie, ihnen doch ein Paar Proben von ſeidnen Sommer⸗ zeugen zu ſchicken. Sie ſollen nicht zu hell und auch nicht zu dunkel gemuſtert, aber einfach und in verſchiednen Breiten und Preiſen ſeyn— 2 Und dann ſollten Sie ſich doch erkundigen, wie der niedrigſte Preis von den ſchönſten Straußen⸗ federn iſt. Wenn Sie etwa einige recht huͤbſche Guirlanden ſehen, ſo ſollten Sie doch auch nach den Preiſen fragen, denn ſie ſind noch nicht einig, ob ſie Federn oder Blumen nehmen. Die Sie letzthin geſchickt haben, ſind ganz verſchoſſen und ſehen wie getragen aus. Mein Mann benutzt die Gelegenheit, ein Paar Barbiermeſſer beizulegen. Sie ſollen ſo gut ſeyn, ſie bei dem Schleifer in der Muͤhle, draußen vor dem Thore, abzugeben. Er muß ſie aber gleich ab⸗ ziehen, denn das iſt eine Sache, die er nicht lange entbehren kann. Wenn Sie etwa beim Sattler Gurt⸗ mann vorbeigehen, ſo erſucht Sie mein Mann um die Gefälligkeit, anzufragen, was er denn naͤhme, einen Sattel neuaufzuſtopfen und eine Kutſche zu beledern? Ich denke doch, am beſten iſt es, Ihnen den Turban mitzuſchicken, daß Sie bei der Modehändlerin verſuchen konnen, ihn umzutauſchen. Ich bin erſtaunlich boſe, wenn ſie es nicht thun will, denn es waͤre eben ſo gut, als ob ich das Geld zum Fenſter hinaus wuͤrfe. Auf meinen Kopf kommt er nicht wieder! Ich bin immer die Ihrige. W. „N. S. Ich ſehe ſchon, daß ich die kleine Ariadne zum Zahnarzt Packan hinein ſchicken muß, um einige Zähne heraus nehmen zu laſſen, die ihr ſolche Noth machen. Nun fuͤhr' ich ſelbſt gern mit, aber ich kann ſo etwas nicht gut mit anſehen und ſo bitte ich Sie um die Gefaͤlligkeit, mit ihr zu gehen 278 und dabei zu bleiben. Es wird eine häßliche Ge⸗ ſchichte ſeyn! Das arme Kind! Drei Zähne muſſen mindeſtens heraus, und was fuͤr Raffzähne ſind's! Es iſt nicht jedermanns Sache, ſo einer Geſchichte mit beizuwohnen. Aber ich weiß, bei Ihnen kann man ſicher ſeyn, Sie mogen unternehmen, was Sie wollen. Wenn die Modehandlerin den Turban gegen ein Muͤtz⸗ chen vertauſchen will(ich denke doch, daß ſie's thun wird), ſo ſeyn Sie doch ſo gut und ſagen Sie ihr, daß ſie es mehr nach vorn einrichtet, und daß es nicht ſo weit von den Ohren abſteht, wie das letzte, welches ſie mir gemacht hat und das ich nie habe leiden können. Wollten Sie denn wohl bei der nichtswür⸗ digen Schuhmacherin nachfragen, ob die Kinderſchuhe bald fertig wären? Die Ihrige in aller Eile. N R.“ Manchmal begab ſich Miß Becky aufs Land. Allein wenn ſie hier auch die Einſamkeit fand: Ruhe ward ihr nur ſelten. Wollte ein fröhlicher Gatte einmal aus dem Hauſe, ſo wurde ſie eingela⸗ den, der kränklichen, verdruͤßlichen Frau Geſellſchaft zu leiſten, ſo lange er weg war. Wuͤnſchte einmal ein junges Weibchen ſich außer dem Hauſe zu er⸗ freuen, ſo wurde die gute Vecky Duguid geholt, mit dem alten, griesgramigen Ehemanne— Mariage zu ſpielen. Wenn Mann und Frau ſpazieren gingen, bat man ſie, auf die Kinder zu ſehen und die Mägde hbſch zu beobachten. Immer und immer kamen Ein⸗ ladungen, aber immer nur zu langweiligen, verdruͤßli⸗ 9 chen Dingen. dan erwartete ſie bei jeder Nieder— kunft, jeder Taufe, jedem Begraͤbniſſe. Aber wo es eine Hochzeit, ein Vergnuͤgen gab, wurde ſie ſelten eingeladen.„Ach ihr fehlt es an dergleichen nicht,“ hieß es da.„Sie kommt lieber, wenn wir ſo ſtill fuͤr uns ſind!“ Manchmal ſagte, oder dachte mindeſtens Miß Becky:„Ich kenne freilich nicht die Sorgen der Ehe, aber wohl weiß ich, wie viel Noth und Unruhe auf einer Unverheiratheten haften, wie ich bin! Iſt es nicht ſo gut, als wär' ich die Frau von allen al⸗ ten Männern, da ich ihnen Geſellſchaft leiſten muß? Iſt es nicht, als wär' ich die Mutter von vielen Kindern, da ich die aller Verwandten und Bekannten im Auge haben ſoll?“ Indeſſen Miß Becky fuͤhlte ſich gar nicht wohl, wenn ſie einmal ruhig ſitzen konnte, und weder ihre Zeit, noch ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch genom⸗ men war. So viel thut die Gewohnheit! Nie war ſie gluͤcklicher, als wenn ſie einmal einen ganzen Zet⸗ tel uͤbertragener Auftrage endlich abgemacht hatte. Gerade jetzt auch hatte ſie darum bei Tiſche ziemliche Langeweile, und froh war ſie, als die Tafel aufgeho⸗ ben wurde. Einunddreißigſtes Kapitel. Luſtig, luſtig, liebes Mädchen, Luſtig! dreh' dich, wie ein Rädchen! Tanze, ſpringe, hopſaſa, Biſt mein Bräutchen, hei di da! Luſtig laß die Geigen klingen, Lerchen Hochzeitlieder ſingen; Täubchen girren zärtlich dort, Schmolle nicht und komm' mit fort! Ram ſay. Glänzend begann Arabella's Hochzeitmorgen. Alles verkundete Gluͤck. Alles war bereit. Der Geiſtliche erſchien. Nur die ſchone Braut fehlte noch. Endlich kam ſie in indiſchem Muſſelin, mit Perlen, Spitzen, Blumen geſchmuckt, und die Feierlichkeit begann. Bald ſtand Arabella auf dem Punkte, Majorin Waddel zu werden, und natuͤrlich mußte dies wohl allgemeine Ruͤhrung hervor bringen. Leute von vielem Gefuͤhl vergießen bei ſolchen Gelegenheiten Thraͤnen, andere von derberem Herzen denken, daß ſie ſich ſo ſtellen muͤſſen. Auch hier ging es ſo. Arabella ſchluchzte laut; ſie ging ſo weit, daß ſie ſich ſchneuzte, obgleich die aͤltern Bruͤder meinten, daß ſie nichts— in der Naſe gehabt habe. 281 Miſtreß Waddel empfing Gluͤckwuͤnſche von allen Seiten und entfernte ſich, ihr hochzeitliches Ge— wand mit einem Reiſekleide zu vertauſchen, das in einem blauen Reitrocke beſtand. Der Major liebte dieſe Farbe vorzugsweiſe. Sie hatte einen ſchwarzen Biberhut mit Federn, gelbe Stiefelchen, eine goldene Uhr, eine Nadel angethan, die mit Perlen beſetzt war und Haare vom Major verſchloß. Freundlich glaͤnzte ſie und doch wuͤrdevoll in ihrem neuen Verhaͤltniſſe. Das Stampfen der Roſſe und Raſſeln der Ra⸗ der kuͤndigte an, daß der Wagen des Brautpaares vorfuhr. Der Major und ſeine Gemahlin und Miß Lilly, welche ſie begleiten wollte, brachen auf. Die beiden erſtern waren ſchon in dem Wagen. Lilly wuͤnſchte noch Gertruden zu verſichern, daß ihr, Briefe mit derſel— ben zu wechſeln angenehm ſeyn wuͤrde, allein der Vater ſchalt ſie aus, weil ſie die jungen Leute im Wagen warten ließ.„Fahr' zu!“ rief der Major und hin ſauſte der Wagen mit vier Roſſen. Gertrudens Mut⸗ ter war froh, bei der Gelegenheit dem Major die Stimme abgeſchwatzt zu haben. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Du willſt den Helden der Novelle machen, Und wer dich hört, mit einem ganzen Buch ermüden. Viel Lärm um nichts. Freudig begruͤßte Gertrude die ſtattlichen Thuͤrme von Roßville, als ſie dieſelben hinter dem dicken Walde, der ſie umgab, emporſteigen ſah. Voll neuer Freude huͤpfte ihr Herz, als ſie dachte:„Dies alles iſt eines Tages mein und ich kann es theilen—“ Sie vollendete den Gedanken nicht. Doch das Bild des Oberſten belebte ſich vor ihren Blicken und ſie füͤhlte, daß auch das glaͤnzendſte, ſie erwartende Geſchick arm und freudenleer ſeyn wuͤrde, wenn er es nicht theilte. Ihre Mutter eilte unmittelbar aus dem Wagen zum Lord, ihm den glucklichen Erfolg ihrer Unterhandlung zu melden, und Gertrude wanderte, ſie wußte ſelbſt nicht, wie ſie hingekommen war, gar bald am Fluſſe neben dem Oberſten. Nichts iſt an ſich anziehender, als das Geſprach zweier Liebenden, und nichts langweiliger, als ein ſol⸗ ches im Einzelnen mitzutheilen. Der Wohigeruch der Roſe wird fade und matt, wenn man ihn bergen und aufbewahren will! Gewiß war Delmour verliebt, in ſofern es ſein Charakter zuließ. Doch wie manche ſchaͤdliche Dinge miſchen ſich zu dem, was man öfters Liebe nennt! Stolz und Eitelkeit, Ehrgeiz und Habſucht, alles dies theilte ſich in die Bewunderung, welche der Oberſt Gertrudens Reizen und Schönheit zollen zu muͤſſen ſich eingeſtand. In jeder Lage des Lebens wuͤrde ihn ſein Geſchmack beſtimmt haben, ſie zu bewundern. Aber ſein Stolz allein hätte ihm erlaubt, die Erbin von Roßville zu lieben. Doch er wußte wohl, welche Hinderniſſe ſeinen Wuͤnſchen im Wege ſtanden, und hielt es fuͤr das Kluͤgſte, ihnen keinen Widerſtand oſſen entgegen zu ſetzen. Der Haß entging ihm nicht, der ihn traf, ſtand er als Neben⸗ buhler ſeines Bruders auf. Er wußte ſchon lange, daß dieſer Bruder der Erbin von Roßville zum Gat⸗ ten beſtimmt war. So ging denn ſeine Abſicht da⸗ hin, ſich Gertrudens Liebe im Stillen zu verſichern und es dem Bruder zu uͤberlaſſen, ſeine Anträge öf⸗ fentlich zu machen. Wenn ſie zuruͤckgewieſen waren, wollte er vortreten und ſein Recht gelten laſſen. Frei⸗ lich ſetzte dieſes„Manövre“ Gertruden dem gan⸗ zen Unwillen ihres Onkels aus und mußte ſie wahr— ſcheinlich einer großen Verfolgung preis geben. Allein ein Charakter, wie der ihrige, mußte in ſeiner Neigung dadurch nur noch ſtaͤrker wurzeln und er war viel zu ſelbſtſuͤchtig, das Gluͤck von irgend Jemandem, ſelbſt das des von ihm geliebten Weibes, dem ſeinigen vor⸗ zuziehen! Er berechnete, daß er den andern Tag Roß⸗ ville nothwendig verlaſſen mußte, und ſo aͤußerte er denn die heftigſte Verzweiflung bei dem Gedanken, von einem Weſen ſcheiden zu müſſen, das ihm tau⸗ ſendmal lieber ſey, als ſein eigenes Selbſt. Der ein⸗ zige Troſt, welcher den Schmerz der Trennung mil⸗ dern koͤnnte, laͤg, ſagte er, in dem Glauben, daß ſeine Leidenſchaft verſtanden ſey; in der Hoffnung, daß ſie Erwiederung faͤnde. Gertrude antwortete nicht. Aber in ihrer Bruſt war ein heftiger Kampf. Das Vorurtheil der Mut⸗ ter, der Plan des Onkels, zeigten ihr alle Gefahren, alle Hinderniſſe fuͤr ihre Neigung, und doch dienten ſie, dieſelbe zu erhöhen. Der Oberſt bemerkte, was in ihrer Seele vorging; er ſah, daß er die Sache zur Entſcheidung bringen muͤßte. Mit aller kaltblutigen Sophiſtik, in der er Mei⸗ ſter war, bemuͤhte er ſich, von Gertruden, wenn ſie ſich auch nicht geradezu ausſprach, doch das Bekennt⸗ niß zu erhalten, daß er ihr nicht gleichguͤltig ſey, und dann machte er ſogleich die Nothwendigkeit geltend, wie ſie ihre Neigung jetzt noch ſorgfaͤltig zu verbergen habe. „Sollte dies auch recht ſeyn?“ dachte Gertrude und das Gewiſſen ſprach„Nein“ dazu. Doch jeder Verſtellung, jedem Betruge abhold, war ſie auch fuͤr jeden niedrigen Verdacht unzugaͤnglich. Gegen den Mann, welchen ſie liebte, Mißtrauen zu haben, waͤr' ihr ganz unmoglich geweſen. Liebe und Verdacht wa⸗ en ren in ihrem Herzen Widerſpruͤche. Schnell verbannte ſie den kleinen Zweifel, der erwacht war. Zwar konnte ſie nicht ſo leicht ſich mit dem Gedanken befreunden, daß ſie eine hinterliſtige Rolle ſpiele, wenn ſie der Mutter nicht ſage, was geſchehen war, und ſie dadurch hintergehe. Allein der Oberſt flehte ſo ernſtlich, jetzt noch das Geſtändniß geheim zu halten, und ſie fuͤrch⸗ tete ſo ſehr, der Mutter Zorn und Vorurtheil rege zu machen, daß ſie vielleicht ſelbſt nicht böſe war, unter einem Vorwand den jungen Traum walten laſſen zu konnen. Waͤre Miſtreß St. Elair immer die Freun din ihrer Tochter geweſen, Gertrude haͤtte anders gehandelt, denn ſie war von Natur arglos und ohne Verſtellung. Jede Art von Verheimlichung und Doppelſinn blieb ihr verhaßt. Allein Sturm und Ungewitter haben auf die phyſiſche Welt minder nach⸗ theiligen Einfluß, als Tyrannei und Anmaßung in der ſittlichen, um alle zarten Saiten des Herzens zu zerſtö⸗ ren, mit welchen ſie in Beruͤhrung kommen. Als die Liebenden nach dem Schloſſe kamen, fehlten nur wenig Minuten an der Zeit, wo das Mit⸗ tagsmahl aufgetragen wurde. Gertrude floh in ihr Zimmer. Hier wartete ſchon die Mutter auf ſie. „Wo bleibſt Du ſo lange?“ rief ihr dieſe eben nicht ſehr freundlich entgegen. Der Graf hat wenig⸗ ſtens ſchon zwolfmal nach Dir gefragt und Niemand konnte ihm Auskunft geben!“ „Ich bin ein Wenig am Fluſſe ſpazieren gegan— gen, Mutter!“ antwortete Gertrude etwas beſtuͤrzt. 286 „Ich wuͤnſchte, Du unterließeſt Deine albernen Spaziergaͤnge. Der Graf hat vollkommen Recht. Je weniger Maͤdchen vom Stande allein gehen, deſto beſ⸗ ſer iſt es!“ „Ach, Mutter, ich war nicht—“ „Allein“ haͤtte Gertrude noch hinzugeſetzt, ob⸗ ſchon etwas bebend, aber ſchnell fiel ihr die Mutter ins Wort: „Komm, komm, hier iſt nicht Zeit, lange Ent⸗ ſchuldigungen zu ſtammeln, Du kommſt ſo zuletzt und darum mache geſchwind. Du mußt es nur wiſſen, daß heute Geſellſchaft hier iſt, der Dich der Graf vor⸗ ſtellen will. Vielleicht iſt eine kleine politiſche Ab⸗ ſicht im Spiele. Nun, das thut nichts. Er iſt ein großmuͤthiger Mann, wenn er auch Eigenheiten hat. Er wollte Dich gern aus zwei Gruͤnden ſehen, die ich Dir nun eroffnen ſoll. Erſtlich ſollteſt Du Deine Aufmerkſamkeit ausſchließlich dem Herrn Robert Delmour widmen und Dich dann zweitens mit dem koſtbaren Geſchenke hier ſchmuͤcken. Zum Gluͤck haſt Du heute gerade eine Miene, die zu dem Schmucke paßt. Da ſieh, welch' Geſchenk Dir der Graf macht!“— Sie offnete ein Kaͤſichen, das eine koſtbaren Perlen⸗ ſchnur enthielt. Es gab Gertruden einen Stich ins Herz.„Wuͤrde er ſie mir geſchenkt haben,“ dachte ſie,„falls er wuͤßte, daß ich ſeinen Wuͤnſchen ganz entgegen bin? O daß ich gezwungen werde, die Rolle einer Heuchlerin zu ſpielen!“ 287 Sie ſeufzte, ſie fuhr zuruͤck, als ſie ihre Mutter mit der Pracht des Orients ſchmuͤcken wollte. „Nun, Gertrude, was heißt denn das?“ fragte dieſe, ſie mit Staunen betrachtend. Jetzt, wo ich Dich mit Perlen ſchmuͤcke, auf welche die kuͤnftige Graͤſin von Roßville ſelbſt ſtolz ſeyn kann, iſt doch nicht die Zeit zu ſeufzen?“ Geduldig ließ ſich Gertrude den koſtbaren Schmuck umlegen, und ihre Mutter wußte nicht, daß, wer eben ſein Herz verlor, ſelbſt Golkondas Minen arm und glanzlos finden wuͤrde. Gertrude fuͤhlte in dieſem Au⸗ genblicke, wie alle Schaͤtze und Ehren doch nur ge⸗ malte Scherben ſind!— Dreiunddreißigſtes Kapitel. Iſt denn noch Platz in Ihrem Herzen, den Namen Des, der Sie auch liebt, mit Ehren einzuſchreiben? Altes Schauſpiel. Während die Wagen ſich ſchnell hinter einander folg⸗ ten und Lord Roßville uͤber der Nichte Verweilen un⸗ willig war, bewillkommte er doch ſeine Gäſte mit äußerer Heiterkeit. Er fuͤhlte, daß er ſich und ſein Benehmen in der Gewalt habe. Alle die Artigkeit, die Wuͤrde, wegen welcher er beruͤhmt zu ſeyn glaubte, glänzte in vollem Lichte, da Miß Pratt nicht da war. Er trat feſter auf; die Bruſt ſchien breiter, die Naſe hoher, die Sprache ausgeſuchter, jede Bemerkung län⸗ ger, jeder Satz gerundeter. Schon hatte er manche feine und ſogar witzige Bemerkungen geaußert, ſo wie er einen Gaſt bewill⸗ kommte. Jetzt nahm er alle Gedanken zuſammen, be⸗ ſonders witzig den Herrn Peter Wellwood zu empfan⸗ gen. Doch— wie unſicher ſind die beſten Pläne menſchlicher Weisheit, wenn es zur Ausfuͤhrung kommt! O Schreck der Schrecken, wer kam mit ihm?— Miß Pratt! Ach, wer malt den Grafen, wie er e— —— —— jige ill⸗ bl⸗ fun⸗ läne mt vor Staunen verſteinert da ſteht? So ſtarrte jener Ritter nicht, als ſeine Geliebte zum Skelett verwan⸗ delt war, wie jetzt Se. Herrlichkeit beim Entgegen⸗ huͤpfen der Miß Pratt! Der halbe Witz erſtickte auf ſeinen Lippen. Matt und undeutlich durchſchwirrte eine Idee davon ſein verſtörtes Gehirn. Es war et⸗ was von Quell und Wald und Wald und Quell. Doch des Grafen Witz hatte ſich im Walde verirrt und er haͤtte gewuͤnſcht, daß Miß Pratt in eine Quelle verwandelt worden wäre. Umſonſt verſuchte er, ein Willkommen zu ſtammeln. Der Blick mußte die ge⸗ lähmte Zunge vertreten. Miß Pratt war ſeit funfzig Jahren nicht aus der Faſſung gekommen, ſie kuͤmmerte ſich daher jetzt wenig um ſeinen Schreck und begann gleich mit der gewoͤhnlichen Weiſe: „Sehen Sie, Graf, ich bin beſſer, als mein Wort. Ich ſagte, heut' duͤrften Sie nicht denken, daß Sie mich ſehen wuͤrden und, aufrichtig geſprochen, ich dachte es auch ſelbſt nicht. Aber Herr Wellwood und ſeine Frau Gemahlin ſprachen im Vorbeifahren bei der Lady M' Caw ein und waren ſo gut, mir einen Sitz anzubieten, und ich dachte, ich koͤnnte nicht beſſer thun, als Ihnen und Ihrer ganzen werthen Ge⸗ ſellſchaft meinen noch ſchuldiggebliebenen Beſuch abzu⸗ ſtatten.“ Es toͤnte der Gong und Miſtreß St. Clair legte die letzte Hand an der Tochter Putz, um ins Geſell⸗ ſchaftszimmer zu eilen. Als ſie mit Gertruden eintrat, kamen ihr alle Augen entgegen. Der Graf ward von I. 19 der Schoͤnheit ſeiner Nichte uͤberraſcht. Er ſuchte ſie in ſeinen Perlen. Aus dem Kreiſe, worin er ſtand, heraustretend, kam er auf ſie zu, ergriff mit her⸗ ablaſſendem Stolze ihre Hand und fuͤhrte ſie der Ge⸗ ſellſchaft vor. Eben wollte er ſie einer verwittweten Marquiſe nennen, fuͤr die er beſonders Hochachtung fuͤhlte, als aus einer entgegengeſetzten Thuͤre Herr Lynd⸗ ſay herein trat. Seit jener ſchickſalsſchweren mitter⸗ naͤchtlichen Begebenheit im Parke begegneten ſich ihre Blicke zum erſtenmale wieder. Gertrude ward ver⸗ wirrt. Das Blut faͤrbte ihre Wangen bis hoch in die Schlaͤfe und ſie ſtammelte auf die Bewillkomm⸗ nung der Marquiſin, ſie wußte ſelbſt nicht was. Fuͤh⸗ lend, wie beſtuͤrzt ſie ſey, wurde ſie noch beſturzter. Sie ſahe, daß Aller Blicke ſich auf ſie hefteten. Die des Oberſten waren ihr die peinlichſten. Der Graf brachte die Verlegenheit ſeiner Nichte blos auf Rechnung der Ehrfurcht und Achtung gegen ſich und ſeine Gaͤſte und ſuchte ihr Muth und Ver⸗ trauen auf eine Art einzufloͤßen, dir ihre Verwirrung zehnmal groͤßer machte. Zum Gluͤcke ging es zu Tiſche. Wäͤhrend deſſen alle mit einigem Geräuſche die ihnen beſtimmten Platze einnahmen, fand Gertrude Zeit, ſich zu faſſen. Allein Miß Pratt lehnte ſich im Vorbei⸗ gehen hinter ihrem Freunde, Herrn Peter Wellwood, uͤber den Stuhl und fluͤſterte ihm vertraulich zu: „Ei, das ſind ſchöne Perlen! Wahrhaftig! Nun, da muß ein gewiſſer Jemand rechte Eile gehabt haben. Ja, die Liebe iſt wie der Blitz. Sie kann ſich nicht icht verſtecken! Ha ha ha!“ Sie winkte dabei auf ſo unerträgliche Weiſe mit dem Faͤcher, und ihr Auge blinkte ſo boshaft, indem ſie vorbei wackelte, daß Ger⸗ trude vor Scham umkommen zu muͤſſen glaubte. Der Oberſt Delmour hatte alles gehort. Zufaͤllig vielleicht trat er auf den Spitzenbeſatz vom Kleide der Miß Pratt, daß der ganze Saum herabgeriſſen wurde. „Herr Jeſus! Hat man ſo etwas im ganzen Leben geſehen?“ rief ſie gluͤhend vor Zorn.„Mein ſchones Spitzenkleid!— Sehen Sie denn, Oberſt, was Sie gemacht haben?“ Aber der Oberſt gab ſich gar nicht die Muͤhe, den Schaden, den er verurſacht hatte, in Augenſchein zu nehmen, und fuͤhrte eine Miß Millbank zur Tafel. Miß Pratt hatte blos den Troſt, Herrn Peter Well⸗ woods Mitleiden in Bewegung zu ſetzen. Sie ſetzte ihm alles aus einander, was er ihr juͤngſt und jetzt wieder zu Leide gethan hatte, und that, als fluͤſterte ſie ihm zu:„Das ſey uͤbrigens gar kein Wunder, denn er habe Jemandem den Hof gemacht, aber ein Bischen zu ſpaͤt.“ Uebrigens hatte der Ungluͤcksfab doch den guten Vortheil, daß Miß Pratt fuͤr einige Zeit ganz ſtill war und dem Grafen erlaubte, ſich in der Laͤnge und Breite auszuſprechen, ohne daß ſie ihn einmal unterbrach. kiemand in der Geſellſchaft ſchien es darauf an⸗ zulegen, die erſte Rolle zu ſpielen. Gertrude war vom Herrn Robert Delmour in Beſchlag genommen. Er bezeugte ihr viel Aufmerkſamkeit und ſagte ihr einige 19* Artigkeiten, die aber etwas gezwungen ſchienen. Der Bruder ſaß gedankenvoll, mißvergnuͤgt, ſchweigend auf der andern Seite. Er vergaß ſelbſt die gewöhnlichen Pflichten der Hoflichkeit zu uͤben. Herr Lyndſay hatte den Platz gegenuͤber. Er forderte Gertruden auf, mit ihm zu trinken. Schnell faßte ſie der Oberſt ins Auge und wieder ſah er ſie gewaltig erroͤthen. Vielleicht war dies die Folge da⸗ von, daß der Stolz, vom Gedanken, in Verdacht zu ſtehen, beleidigt, ſein Spiel trieb. Vielleicht war die Roͤthe ein Kind der Scham, die jeder offenen Seele eigen iſt, wenn ſie ſich von Geheimniſſen und Still⸗ ſchweigen abhaͤngig ſieht. Genug, der Oberſt nahm die Wirkung wahr, mochte ſie entſtanden ſeyn, wo⸗ her ſie wollte. Er drehte ſich mit verbiſſenem Zorne um und ſprach auch nicht ein einziges Wort mehr, ſo lange die Tafel dauerte. Gertrude ſetzte ſich, als ſie aufgehoben war, fern von Jedermann im Geſellſchaftsſaale an ein oſſenes Fenſter. Man haͤtte meinen ſollen, ſie ſchaue nach den Strahlen der untergehenden Sonne, wie ſie die Huͤgel vergoldeten und durch das dunkle Laub der Bäume glänzten. Doch ſtatt deſſen ſann ſie uͤber die Ereigniſſe des Tages und die unangenehme Lage nach, in welcher ſie ſich Herrn Lyndſay gegenuͤber ſah⸗ Da ward ſie aus ihren Träumereien von Je⸗ manden geweckt, der ihr die Haͤnde vor die Augen hielt, und die gefuͤrchteten Toͤne der Miß Pratt hall⸗ ten in ihrem Ohre wieder, als ihr dieſe zuſchmetterte: „An mein Liebchen dachte ich! Ja, ich glaube es; es muß eine wahre Erholung fuͤr Sie geweſen ſeyn, als Sie vom Tiſche wegkamen!“ fuhr ſie fort, einen Stuhl neben Gertruden pflanzend, worauf ſie ſich ſetzte und dieſe freundlich, theilnehmend, vertrau⸗ lich bei der Hand faßte.„Ich habe wirklich alles mit Ihnen gefuͤhlt, denn ich kenne den Herrn, wenn er bei uͤbler Laune iſt, aus Erfahrung. Haben Sie es denn geſehen, wie er mich lieber heut in Stuͤcke zer⸗ riſſen haͤtte, blos weil ich dahinter gekommen bin, wie es zwiſchen Ihnen und noch Jemandem ſteht? Da, ſehen Sie mal mein Spitzenkleid an! Ich ſage Ih⸗ nen, ich war ordentlich erſchrocken, als ich dachte, Sie wuͤrden ſich von ihm fangen laſſen, denn das ſahe ich, daß er auf Sie Jagd machte, und, wenn er will, kann er ſich recht einſchmeicheln. Aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, er iſt eine impertinente Perſon, ungezo⸗ gen und uͤbellaunig obendrein!“ Gertrude wußte den Verdruß, die Verwirrung kaum zu verbergen. Sie hörte ſchweigend, wie dem Geliebten Boͤſes nachgeſagt wurde, weil ſie nicht im Stande war, ein Wort aufzubringen. Als Miß Pratt zu Ende ſchien, verſuchte ſie es, loszukommen, aber es war, wie gewöhnlich, umſonſt. Miß Pratt nahm wieder die Hand, welche ſchon frei geworden war, druͤckte ſie mit Bedeutung und fuhr fort: „Sie brauchen ſich nicht vor mir zu fuͤrchten, meine Gute. Was ich von Ihnen weiß, bleibt ſicher bei mir. Aufrichtig geſprochen, ich habe das Ding lange vermuthet. Ich haͤtte nur gewuͤnſcht, daß Sie erſt ein Bischen ſich umgeſehen haͤtten. Antonius Whyte haben Sie noch gar nicht geſehen. Herr Je⸗ ſus, wenn der auf den Gedanken gekommen wäre, zu heirathen, was waͤre das fuͤr ein Mann geworden! Der iſt ein ganz anderer Menſch, als der Oberſte! Das verſichere ich Ihnen. Das Weib, welches den Oberſten heirathet, hat manche truͤbe Stunde, und mit ſeinem Girren hat er ſchon Mancher truͤbe Stun— den gemacht, denn wenn er nicht in die oder in eine Andere verliebt iſt, ſie mag nun Frau oder unverhei⸗ rathet ſeyn, ſo geht's gar nicht, denkt er.“ „Miß Pratt,“ rief hier Gertrude ganz außer ſich, indem ſie ſich Muͤhe gab, fortzukommen.„Ich kann unmöglich ſolche Dinge hören, wenn—“ „Ei das iſt ſchoͤn! Das freut mich von Ihnen, daß Sie doch ſeine Parthei nehmen!“— Sie gab ihr einen Schlag mit dem Fächer auf die Schulter. „Wenn die Mädchen einen Liebhaber fortſchicken, thun ſie das ſelten! Aber es iſt doch immer gut, wenn Sie wiſſen, wem Sie eigentlich entgangen ſind!“— Sie ziſchelte ihr jetzt geheimnißvoll ins Ohr:„Um Ih⸗ nen nur einen einzigen Zug mitzutheilen, von dem ich weiß, daß er wahr ſey— was meinen Sie denn dazu, daß er an Eduard Lyndſay ſiebentauſend Pfund fuͤr Spielſchulden reſtirt?— Dafuͤr bin ich Ihnen gut. Ich war damals mit beiden in demſelben Hauſe. Ich beſuchte die Lady Auguſte in London und war immer da und konnte alles ſehen, was da vorging und ſah mehr, als ſie gedacht haben mogen. Cduard Lynd⸗ ſay war eben volljährig geworden. Er ward eingela⸗ den, den beiden Delmours vorgeſtellt zu werden. Ich dachte gleich: hier iſt ein Plan, Eduard fuͤr eines ihrer Mädchen aus der Familie zu gewinnen. Allein das ging nicht ſo. Na, kurz, der Oberſt fuͤhrte ihn in mehrere vornehme Haͤuſer ein und an die Spielbank, wo er auch etwas verlor. Aber was ſagen Sie nun dazu, daß er fuͤr ſiebentauſend Pfund gut ſagte, die der Oberſt in einer Nacht verlor, ohne einen Schil⸗ ling bezahlen zu können? Er wäre ein verlorner Mann geweſen, wenn nicht Lyndſay das Geld vorſchoß, und ich wette darauf, er hat ihm noch keinen Pfennig In⸗ tereſſen oder Kapital bezahlt. Aber woher kommt es denn? Er lebt weit beſſer, als ſeine Einkuͤnfte zu⸗ laſſen. Das ſicht ja Jedermann an ſeinem Wagen und den Pferden, ſeinen Dienern und Reitknechten. Wäͤhrend der Mann, dem er alles ſchuldig iſt, keine Equipage hält, und ohne einen Bedienten uͤberall hin⸗ reitet, kann der Herr Oberſt nicht bis zum Nachbar kommen, ohne ein Gefolge mitzuhaben, wie ein Fuͤrſt hat. Das Aergſte dabei iſt nur, daß der Lord Roß⸗ ville und viele andere Leute ſchreien, wie Eduard ſein Geld vertändle und Poſſen treibe und nicht lebe, wie ſich's gebuͤhre und keine Perſon mache. Ich weiß doch, daß er alles zuſammen nimmt und ſpart, um 296 ſein Gut von den Schulden frei zu machen, welche er fuͤr ſeinen lieben Vetter aufgenommen hat. Ich gab einſt dem Grafen einen Wink, wie der Haſe lief. Aber er iſt ſo von den Delmours eingenommen, daß ich dachte, er wuͤrde aus der Haut fahren. Den Ober⸗ ſten kann er eigentlich nicht leiden, aber er thut doch groß mit ihm, weil er einmal nach der Mode iſt und eine Perſon ſpielt, und ſo ſagt er Jedermann, was fuͤr ein Wunder die Delmours ſind. Ich ſage Ihnen, daß ich manchmal recht an mich halten muß. Allein den Oberſten mag ich doch nicht gern boſe machen. Was denken Sie denn? Er war grob genug, mir ins Geſicht zu ſagen, daß, wenn ich mich in ſeine Angelegenheiten miſchte, er Antonius Whyte bei der Naſe nehmen wolle! Ich ſollte nur ſehen, daß er meinen Antonius mit dem Finger anruͤhrte! Aber da haben Sie gleich ſo ein Stuͤckchen von ihm. O es iſt ein anmaßender, hitziger, eigennuͤtziger Patron!— 's iſt Ihnen wohl nicht recht wohl?“ Gertrude hatte mehrere Verſuche gemacht, den Fluß der Rede von Miß Pratt zu dämmen, allein dies war ſo wenig moͤglich, als ein Schiff mit Segeln oder einen Renner auf der Laufbahn anzuhalten. End⸗ lich gelang es ihr, ſich loszureißen und aus dem Zim⸗ mer zu kommen. Gewöhnlich war in dem, was Miß Pratt er⸗ zählte, Wahres und Falſches zuſammen gemiſcht. Diesmal aber machte ſie eine Ausnahme, wenn — nd ir 207 auch vielleicht die einzige. Ohne aufzuputzen hatte ſie eine Sache mitgetheilt, die ſie nicht vermuthete, ſon— dern wirklich wußte, und wobei ſie allein die Summe ein wenig uͤbertrieb. Sie verſtand nämlich auf eine oder die andere ihr am beſten bekannte Art, einen Brief vom Oberſten ſich anzueignen, der ihr das ganze Geheimniß des Geldgeſchaͤfts verrieth; ein Geheimniß, das der eine aus Scham und Stolz, der andere aus Zartgefuͤhl und Ehre immer bewahrt haben wuͤrde. Umſonſt ſuchte Gertrude auf ihrem ſtillen Zim⸗ mer den Sturm in ihrem Buſen zu beſchwoͤren. Tauſendmal ſagte ſie ſich umſonſt im Stillen:„Wie kann ich nur einen Augenblick dem erbaͤrmlichen Ge⸗ ſchwätz dieſer verächtlichen Plauderin lauſchen? Wie kann ich ſo unrecht handeln und den Mann belei⸗ digen, den ich liebe, indem ich ſolchen Verläumdun⸗ gen nur einen Schatten von Glauben ſchenke?— Nein, ich will— ich will nichts glauben! Ich ſchaͤme mich, nur darauf gehort zu haben! Falſch, habſuͤchtig, Betruͤger, Spieler ſollte er ſeyn? Nicht moöglich!“ Gertrude hielt es fuͤr unmoglich, weil— ſie liebte, weil ſie alle Gefuͤhle eines warmen, ed⸗ len, vertrauungsvollen Herzens an das Abbild ihrer Einbildungskraft vergeudete, und dies mit jedem Zuge der Vollkommenheit ſchmuͤckte!— Doch die Ver⸗ blendung der Liebe geht weit. Hätte ſie ihn ſich 208 ſelbſt ohne die Anmuth, die Tugenden vorſtellen kon⸗ nen, womit ihn ihr ſchwaͤrmeriſches Herz ſo reichlich zierte— ſie wuͤrde ihn auch dann noch geliebt ha⸗ ben! Was duldet nicht das Herz, ehe es freiwillig den großen Schatz ſeiner Liebe den kalten Aus⸗ ſpruͤchen der Vernunft, dem finſtern Gebot der Pflicht zum Opfer bringt! ( llig cht 209 Vierunddreißigſtes Kapitel. Wie haſt du ſo mit Eiferſucht die ſüße Liebe Vergällt? Shakespeare. Es dauerte lange, ehe Gertrude Faſſung fand, wie⸗ der zur Geſellſchaft hinabzugehen. Als ſie wieder ein⸗ trat, waren bereits auch alle Herren zugegen.*) Noch immer etwas verlegen, nahm ſie den erſten Platz ein, der ihr geboten wurde. Der Zufall brachte ſie ſo auf ein Sopha, das eine Miß Millbank einnahm. Hinter demſelben ſtand Herr Lyndſay, was ſie erſt gewahr wurde, als ſie ſich geſetzt hatte. Um ihre Verlegen⸗ heit zu mehren, kam Miß Pratt von der entgegenge⸗ ſetzten Seite her und ſetzte ſich ebenfalls zu ihr. „Ich wollte mich eben nach Ihnen umſehen!“ ſagte ſie ihr ins Ohr, aber laut genug, daß man es uͤberall hoͤren konnte.„Ich dachte ſchon, Sie wären nicht recht wohl und ſagte es Miſtreß St. Clair. Die *) Die Damen hatten ſich nach engliſcher Sitte früher von der Tafel entfernt. Jetzt hatten auch die Herren dieſelbe verlaſſen. Der ueberſeser. 300 meinte aber, ſie moͤchte beinahe behaupten, daß Sie eine Abendpromenade machten, denn Sie gingen gar zu gern im Mondenſcheine, wie manche andere Leute auch es machen!“ Sie lächelte pfiffig auf Herrn Lyndſay und Ger⸗ truden ward ganz heiß, denn ſie ſah auf und ihre Quaͤlerin faßte ſie ſo forſchend und feſt ins Geſicht, daß dadurch nur neue Verlegenheit entſtand. Kaum wiſſend, was ſie ſage, klagte Gertrude uͤber die Hitze im Zimmer. „Iſt es Ihnen ſo heiß, meine Schoͤne?“ fragte Miß Pratt und zog einen Fäͤcher aus dem Strickbeu⸗ tel.—„Da hier haben Sie was zu thun, Herr Eduard! Setzen Sie ſich her und fächeln Sie Miß St. Clair! Das heißt, ich will nicht etwa Kaͤlte zwiſchen Sie beide bringen!“— Das Letztere ſprach ſie halb leiſe, doch ſo, däß es bis zum Oberſten drang, der in einiger Entfernung Kaſſee genoß.—„Ich ſage aber, das Zimmer iſt nicht heiß. Es kommt Ihnen nur ſo vor, weil Sie draußen herum gelaufen ſind!— Horen Sie mal, Eduard, Sie könnten der ſchonen Lady eine Vorleſung uͤber die Spaziergänge im Mondenſcheine halten!“ „Es iſt unerträͤglich heiß!“ rief Gertrude, welche die ungelegenen Aeußerungen der Miß Pratt nicht länger ertragen konnte. „Sehr heiß iſt es!“ ſagte auch Herr Lyndſay, nicht viel weniger verlegen.„Wollen wir am Fen⸗ ſter ein kuͤhleres Luͤftchen athmen?“ Er fuͤhrte Ger⸗ ſah, Fen⸗ Het⸗ 1 truden hin und öffnete es. Gertrude wurde dadurch eher noch aͤngſtlicher. „Ach— was muͤſſen Sie von mir denken?“ rief ſie, indeß die Angſt ſie kaum ſprechen ließ. „Wenn ich es Ihnen ſagen ſoll,“ erwiederte Lyndſay,„ſo fuͤrchte ich, Sie werden mich fuͤr ſehr anmaßend halten!“ „Unmöglich!“ verſetzte Gertrude mit ſteigender Furcht, da ſie im Begriff war, jenes gefaͤhrliche Er⸗ eigniß zu beruͤhren.„Ich fuͤhle, daß ich immer—“ Da trat ihr die Warnung der Mutter, ihr Verſpre⸗ chen vor die Augen. Fuͤhlend, daß ihre Unvorſichtig⸗ keit ſie bald jenſeit der vorgeſchriebenen Graͤnzen ge⸗ leitet haͤtte, hielt ſie inne. Beide ſchwiegen. Lyndſay hielt noch ihre Hand und ſah auf Gertruden mit nicht gemeiner Theilnahme. Indeſſen Robert Delmour naͤ⸗ herte ſich. Dies brachte ihn auf andern Sinn. Er machte einige Bemerkungen uͤber die Hitze, welche Miß St. Clair zu arg gefunden habe. „Sie iſt es nur im Kreiſe meiner ſchoͤnen Baſe ſelbſt!“ aͤußerte Delmour, mit einem Laͤcheln ſich verbeugend.„Das Feuer in ihren Augen zuͤndet faſt allemal, wo dieſe ſich zeigen, eine Flamme an!“ Gertrude hörte kaum dieſe abgenutzte, fade Schmeichelei. Wohl aber fuͤhlte ſie den bittern Spott, als nun auch der Oberſt naͤher trat und anzuͤglich be⸗ merkte: 302 „Solch Feuer iſt oft nur das Leuchten eincs Irrlichtes. Es ſcheint, um uns zu taͤuſchen!“ „Ein grauſamer Spott auf die Augen eines Mädchens und eines Johanniswuͤrmchens!“ wies ihn Lyndſay zu recht.„Beide können leuchten, und thun es auch gewiß oft, ohne daß ſie ſolche boſe Abſicht haben!“ „Was machen Sie denn alle in dem finſtern Winkel da?“ fragte Lady Eliſabeth, mit der dicken Flora auch herbei tretend. „Wir wollten uns ein wenig abkuͤhlen,“ ant⸗ wortete Herr Lyndſay.„Es war uns allen ſo warm geworden.“ „Das iſt ja recht ſonderbar!“ meinte die Dame.— Hat denn Jemand von Ihnen bereits den zweiten Theil vom Kavalier nach der Mode*) geleſen?“ „Laſſen Sie doch mal den Vorhang herunter!“ rief Miß Pratt hier dazwiſchen.„Ich glaube, es iſt mit Ihnen allen hier nicht richtig? Wir muͤſſen hier bald vor Langeweile umkommen. Setzen Sie ſich doch ein Bischen da weg, Herr Wellwood. Ihre Mondſcheinnächte und die meinigen ſind vorbei. Na, ich habe, wie Antonius Whyte ſagt, im Monde nie etwas wegbekommen koͤnnen, als ein dickes Geſicht und ein kleines Maͤnnchen!“ *) Aus dem Engliſchen, Leipzig, 1824. D. ueberſ. —— ines ines ihn hun icht ſern cken nt⸗ am die den e*) r“ hiet ſich Ihre Na, nie ſiht ber Sie ging zu Herrn Lyndſay, ſtrich an ſeinem Ellenbogen an und winkte ihm, ein Bischen bei Seite zu kommen: „Na! Ich gratulire Ihnen! Die Katze iſt h'raus aus dem Sacke! Aber nehmen Sie ſich nur vor einem Jemand in Acht!“— Sie blinkte nach dem Oberſten hin.„Er moͤchte Ihnen gar zu gern die Naſe abbeißen! Weiß es Gott, Ihr ſtillen Leute ſpielt Eure Karten beſſer, als irgend Jemand.“ Mit einem freundlichen Schlag auf die Schulter wackelte ſie fort und war im nächſten Augenblicke mit Herrn Peter Wellwood und dem Grafen in vollem Whiſtſpiel. Dies anzuordnen galt ſtets als ein Gegenſtand, der viel Ueberlegung und Muͤhe nöthig machte. Der Graf ſpielte gern und Miß Pratt nicht weniger. Seit faſt dreißig Jahren hatten ſie gelegentlich nur mit einander, aber in gänzlich verſchiedener Art, geſpielt. Miß Pratt ſpielte ſchnell, wie der Blitz; der Graf erwog jedes Blatt, als ob das Leben daran hing. Was ausgeſpielt, was noch in der Hand war, hatte Miß Pratt treulich im Gedächtniſſe. Der Graf, ein wenig verlegen, machte manchmal einen kleinen Fehler und ohne Ausnahme ward dieſer aufgeſtochen, von Miß Pratt laut bemerkt, mochte ſie mit ihm, oder gegen ihn ſpielen. Bald ſeufzte ſie, bald huſtete ſie, bald ſchuttelte ſie den Kopf, bald rief ſie: Herr Je⸗ ſus! Ja— um die ganze Impertinenz derſelben zu bezeichnen, ſo ging ihre Anmaßung ſo weit, daß ſie 304 — die Tricks einnahm! Nun ſo etwas uͤberſchritt doch gewiß alle Gränzen! Indeſſen ſo die ältern Glieder der Geſellſchaft ſich an die Spieltiſche vertheilten, gingen die juͤngern in das Muſikzimmer. Gertrude wurde von allen an⸗ gegangen, zu ſingen, den Oberſten abgerechnet, der ein finſteres Schweigen beobachtete. Sie gab endlich nach, ſetzte ſich zur Harfe und praͤludirte. „Friedrich!“ fragte Robert Delmour ſeinen Bru⸗ der,„wirſt Du Miß St. Clair begleiten?“ „Miß St. Clair hat gefunden, daß ich ein ſchlechter Begleiter bin!“ antwortete der Oberſt in einer Art, die Gertrude allein verſtand.„Fuͤr Jemanden, der ſo richtig, ſo frei von jedem Falsetto ſingt, muß es freilich eine harte Pein ſeyn, ſich mit mir horen zn laſſen, der in dieſer, wie in jeder Kunſt, ein Neuling iſt!“ „Ich will lieber allein ſingen!“ ſagte Gertrude und verſuchte es umſonſt, ihre Unruhe bei dieſen bei⸗ ßenden Bemerkungen zu beſiegen. „Es iſt wirklich traurig, daß ich ſelten, oder nie angegangen werde, zu ſingen!“ fiel hier Herr Lyndſay ſcherzend ein, und zog die Aufmerkſamkeit auf ſich.„Ich weiß nicht, wem ich dieſe Gleichgultigkeit Schuld ge⸗ ben ſoll? Allein ich bin entſchloſſen, nicht länger im Stillen ſolche Schmach zu tragen. Miß St. Clair wird mich unter ihren Schutz nehmen. Meine Feh⸗ ler ſollen dieſe Nacht in vollem Glanze ſtrahlen. Doch wo werd' ich einen Text ſinden, der meine Wuͤnſche ern an⸗ der Mich zru⸗ ein erſt Fir tto mit der rude hei⸗ ſoy Ich R⸗ im lait och ſche ausdrüͤckte?“— Er blätterte umher. Endlich waͤhlte er das ſchone Solo: So lange dort noch Flora Die Blumen zaͤrtlich kuͤßt; Am Morgen ſie Aurora Mit friſchem Thau begießt: So lange Maͤdchen, ſuͤße,—— So lange ich dich kuſſe, So lange liebe, liebe, lieb' ich dich! „Wird die Gebieterin erlauben, daß Ihr Schuͤler fuͤr ſich und Sie wählen darf?“ Gertrude konnte nur mit einem beifaͤlligen Nicken antworten, war aber zu ſehr befangen, ihm und ſich zu Danke zu begleiten. Kaum konnte ſie wahrneh⸗ men, wie ſchoͤn und geſchmackvoll er ſang. Eben ſo fuͤhlte ſie nicht, wie ſonderbar es war, daß ſie ſo lange in einem Hauſe mit ihm gelebt und nicht erfah⸗ ren habe, welche Kenntniſſe der Muſik er beſitze. Die Meiſten wuͤrden mit ſolchem Talente geglänzt und ge⸗ ſucht haben, es geltend zu machen, doch Lyndſay that nichts, um zu glänzen, er machte ſeine Talente nur geltend, wenn er Andern nuͤtzen konnte. Fuͤr Gertruden ſchwand alles. Sie ſah nur, daß der Oberſt weggeeilt war, daß Lyndſay bei ihr ſtand. Kaum war der Geſang zu Ende, als ſie ihren Platz einer andern Dame uͤberließ. Es fuhren die Wagen auf, die Gaͤſte heimzubringen, und ſogleich benutzte ſie die Gelegenheit, in ihr Zimmer zu eilen. Sie I. 20 306 kam durch eine Reihe Gemaͤcher. In einem der letz⸗ tern fand ſie den Oberſten, der, verſtort im hochſten Grade, auf und ab ging. Gern wäre ſie umgekehrt, allein ſchnell kam er ihr entgegen und nahm ihre Hand. In der fruͤhern kalten, ſpottiſchen Weiſe bat er, Miß St. Clair möchte ihm die Ehre gönnen, ihn einige Augenblicke anzuhoren. „Ich weiß nichts, was mir der Oberſt Delmour zu ſagen hätte, er muͤßte denn ſein Benehmen ent⸗ ſchuldigen wollen?“ entgegnete ſie etwas unwillig⸗ „Entſchuldigen?„ wiederholte er heftig.— „Nein, das iſt mein Wille nicht. Miß St. Clair muͤßte ſich erſt herablaſſen, das ihrige zu erklaͤren. Doch dies iſt unmöglich. So wenig ich auch An⸗ dern Vertrauen ſchenke, meinen Sinnen kann ich doch nicht das Zeugniß ſtreitig machen!“ „Ich weiß nicht, was Sie meinen!— Solchen phantaſtiſchen Aeußerungen kann ich nicht zuhoͤren!“ — Sie ſuchte ihre Hand losʒumachen. „Phantaſtiſch? Ja wohl bin ich ein Narr, eine Erklärung von Ihnen zu fordern, die ich von einem Andern fordern darf und fordern will!“ „Ums Himmels willen, ſagen Sie, was Sie wollen! Wie komme ich dazu, ſolche heftige, beleidi⸗ 17 gende Dinge, und von Ihnen zu hoͤren! Ihre Augen fullten ſich mit Thränen. Der 307 Oberſt betrachtete ſie einige Minuten ſchweigend. Et⸗ was ruhiger, tief ſeufzend, fuhr er fort: „Erſt vor wenig Stunden wuͤrden Thränen in Ihrem Auge mein Herz zum Bluten gebracht haben! — Selbſt jetzt, ſo getäuſcht und beleidigt ich bin—“ Er konnte vor Leidenſchaft nicht ſprechen. Endlich fand er Worte dafuͤr:„Aber Sie fragen: Wie Sie dazu kommen, ſolche Rede zu horen?— Ihr eignes Herz hätte Ihnen die Frage erſparen ſollen!“ „Ich habe dies nicht verdient und— ich will es auch nicht leiden!“ rief Miß St. Clair und ver⸗ ſuchte wieder, aus dem Zimmer zu kommen. „Nun dann— warum habe ich es denn ver⸗ dient, warum muß ich es denn dulden, mit Hofſ⸗ nungen getäuſcht, gefoppt zu werden, die Sie unwahr zu machen gedenken? Ja, dieſer kalte, berechnende Kopfhaͤnger Lyndſay wagt es, Sie zu lieben. Und Sie— doch er ſoll mir dafuͤr Rede ſtehen!“ Einen Augenblick betrachtete ihn Gertrude mit einem Blicke des ungekuͤnſtelten Erſtaunens. Endlich ward ſie feuerroth, aber nicht vor Scham, vor Be⸗ ſtuͤrzung, ſondern vor Zorn. Mit allem Gefuͤhl be⸗ leidigter Wuͤrde ſagte ſie: „Wenn Sie mich nach dem, was heute unter uns vorging, für faͤhig hielten, einen Andern zu lieben, ſo hatten Sie wohl Urſache, mich ſo, wie es 20* 1 ——. — jett geſchah, zu behandeln. Aber was ſoll ich denn von Jemandem halten, der auch nur einen Augenblick mich einer ſo niedrigen, ſolcher abſcheulichen Zweideu⸗ tigkeit faͤhig halten kann? „Gertrude!“ rief der Oberſt in großer Beſtur⸗ zung.„Gertrude, ich bin verloren, wenn Sie— Aber warum errotheten Sie ſo? Warum waren Sie ſo verlegen, als Sie ihn erblickten?— Woher dieſes Einverſtändniß, wenn Sie mit ihm reden?— Hoͤrte ich nicht ſelbſt, als Sie mit ihm nach dem Fenſter gingen, wie Sie ihn fragten: Was er von Ihnen denken muͤſſe? Wie? Wie kann Ihnen daran ge⸗ legen ſeyn, was er von Ihnen denkt, wenn Ihr Herz das Meinige iſt?“ Gertrude war faſt in Verzweiflung, weil ſie die Unmöglichkeit ſah, ſich vom Verdachte zu reinigen, den er mit nur zu vielem Rechte gegen ſie nähren mußte. Sie ſchwieg, indeſſen der Oberſt kein Auge von ihr wendete und mit der geſpannteſten Unruhe ſie anſah. Endlich erwiederte ſie mit einem tiefen Seufzer: „Es iſt ein unangenehmes Verhältniß zwiſchen mir und Herrn Lyndſay. Ich leugne dies nicht. Aber es kommt dabei eine dritte Perſon in Betracht und ſo habe ich nicht den Muth, es ſelbſt Ihnen zu entdecken. Dies, nur dies allein iſt die Urſache von der Verlegenheit, die Sie an mir wahrnahmen, — der Worte, die Sie horten. Mehr kann ich nicht ſagen, mehr wage ich nicht zu ſagen. Ich bin verpflichtet, zu ſchweigen!“ „Von ihm?“ fragte der Oberſt ungeſtuͤm. „Nein! Von Jemand anderm, den ich aber nicht nennen mag!“ Der Oberſt lächelte zweifelnd. Endlich fragte er: „Und wie lange ſoll dieſes geheime Verhaͤltniß bleiben?“ „Der Himmel allein weiß es! Aber— fragen Sie nicht mehr! Ich bitte!“ Sie ſah zur Erde. Die Perlenſchnur um den Hals kam dadurch mehr zum Vorſchein. Der ſchwan— kende Verdacht erhob ſich aufs neue. Er erinnerte ſich, was Miß Pratt davon geſagt hatte. „Und dieſe koſtbaren Juwelen?“ rief er ver⸗ ächtlich hinzeigend.„Bilden ſie auch ein Glied der geheimnißvollen Kette, die Ihr Schickſal ſo unauflös⸗ lich an das des Herrn Lyndſay gefeſſelt hat?“ „Ich ſehe, Sie hegen Zweifel; Sie glauben mir nicht! Es iſt herabwuͤrdigend, ſo ausgefragt zu werden!“ Mit Unwillen, wie er ihr ſonſt nicht eigen war, wollte ſie entfliehen. „Gertrude!“ rief der Oberſt,„Sie wiſſen nicht, Sie können es nicht wiſſen, wie ſehr mein Herz gequaͤlt, gefoltert iſt. Ich will— ich muß meine Zweifel enden, auf eine oder die andere Art, ehe wir— vielleicht fuͤr immer— Sagen Sie mir: ſind dieſe Perlen nicht ein Geſchenk von ihm— von Eduard Lyndſay?“ „Ein Geſchenk von Eduard Lyndſay?“ wieder⸗ holte Gertrude, ganz außer ſich vor Staunen.„Welch ein Gedanke!“ Sie laͤchelte.„Die Perlen erhielt ich erſt vor einigen Stunden vom Lord Roßville. Ich dachte kaum daran,“ bemerkte ſie mit einer ungekuͤn⸗ ſtelten Zärtlichkeit, die ſelbſt den Oberſten uͤberzengte, „denn ich war eben erſt von Ihnen fortgegangen.“ „Gertrude, theuerſte Gertrude, können Sie mir verzeihen!“ flehte der Oberſt, in die heftigſten Vor⸗ wuͤrfe gegen ſich ausbrechend, die wieder mit Betheue⸗ rungen wechſelten, welche gewiß ſtets Verzeihung zu Wege bringen. Er erzaͤhlte, was zwiſchen ihm und Miß Pratt wegen der Perlen vorgegangen ſey und er⸗ reichte damit einen doppelten Zweckz er ward ſo auch von den Beſchuldigungen gereinigt, welche Miß Pratt ge⸗ gen ihn vorgebracht hatte. Gertrude ſah naͤmlich, wie wenig man ſich auf ihre Nachrichten verlaſſen könnte. Sie fuͤhlte, daß ſie ſelbſt eine Ungerechtigkeit gegen den Geliebten begangen habe, als ſie den boöhaften Einfluͤſterungen derſelben lauſchte. Zwar etwas uͤbellaunig, aber im Ganzen nicht boſe, freute ſie ſich, gleich vielen Maͤdchen, uͤber das 311 unangenehme Mißverſtaͤndniß. Solche Eiferſucht iſt mehr ein Kind der Liebe, als der Gleichgüͤltigkeit. So werden ihre Mißgriffe leicht vergeben. Kurz, es war ein Streit zweier Liebenden, und obendrein der erſte. Er diente mehr dazu, die wechſelſeitige Nei⸗ gung zu mehren, als zu mindern. Delmour mußte am naͤchſten Morgen fruͤh auf⸗ brechen. Gertrude nahm von ihm Abſchied und floh in ihr Zimmer, die deshalb fließenden Thraͤnen zu verbergen. Ende des erſten Theils. gedruckt bei Georg Maret. ₰ — 8 ₰ Grey Control Shart Cyan Sreen Nellow Hed Magenta