8 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe B Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt 8 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: Pf. 1 W 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 4„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladeſpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S— — — —— 0u o/ Feierſtunden. Erzahlungen, Geſchichten und kleine Romane. 6 Herausgegeben von Ludwig Theodor Becker⸗ 3 Zweiter Lheit. Mit einem Kupſer. ¹ Nürnberg. In der Zey'ſchen Buchhandlung. z k, oder Novelle. Dem Engliſchen der Herzogin von Devanſhlere nachgebilbet. Erzaͤhlung von Friedrich Kind. Der RFheinfall. Erzaͤhlung von Auguſt Lafontaine. Mit einem Kupfer. Nuͤrnberg. In der Zeh'ſchen Buchhandlung. oder d ie Sylphide. Novelle. Dem Engliſchen der Herzogin von Devonſhiere nachgebildet. —— On a vu dans les dangers des exemples d'un courage extraordinaire chez les femmes; mais c'est toutes les fois qu'une grande paſsion ou une idée qui les remue vivement les enleve à elles-mémes, Thoma An meine Kinder. * Ein Wort, einſt eurer liebenswuͤrdigen Mutter entſchluͤpft, regte bey euch, gute Kinder, das gluͤhende Verlangen auf, die unſrer Verbindung vorhergegangenen Begebenheiten zu wißen, die ſo entſcheidend auf mein Schickſal einwirkten. Sie erlaubt mirs, und mit Wonne ruf ich die Erin⸗ nerung der glucklichen Jugend⸗Tage zuruͤck, in denen ſich zuerſt jene Gefuͤhle entfalteten, welche die Zeit nur erhoͤht hat, und die mich ins Grab begleiten werden. Theure Maͤdchen! moͤchtet ihr einſt eben ſo dauernde, ſo tief gegruͤndete, ſo reine Empfin⸗ dungen einflößen! und ihr, meine Soͤhne! moͤchte mein Beyſpiel euch warnen, vor den Gefahren eurer Jugend, denen ich beynahe unterlag. 2 Mein Vater war der juͤngere Bruder des Marſchalls D—, an dem er mit der innigſten Freundſchaft hieng. Mein Oheim, ein aͤchter — alter alter franzsſiſcher Edelmann, an Betragen und Geſinnung; in ihm erſtanden wieder die Gues⸗ klins, die Duͤnois, die Bayards, und andere mannhaften Ritter der Vorzeit. Muth und Artigkeit waren ſein Karakter; die Ehre ſein Abgott. Edelmuͤthig gemuͤthlich, ſchweifte ſein Enthuſiasmus fuͤr Tugend ſelbſt hie und da ins Romantiſche uͤber. Mein Vater war gleich reich an Tugenden und guten Eigenſchaften. Beyde Bruͤder lebten zuſammen, bis daß mein Pheim ſich ziemlich ſpät an die ſchoͤne und reiche Erbinn des Haußes Zelve vermaͤhlte. Doch nicht dau⸗ ernd war dieſe Verbindung; der Tod entriß ihm bald ſeine theure Gefaͤhrtin. Graͤnzenlos war ſein Schmerz uͤber dieſen Verluſt; ihn zu mil⸗ dern, zog er ſich mit ſeiner einzigen Tochter, deren Geburt der unvergeßlichen Mutter das Le⸗ ben koſtete, in die herzliche Geſellſchaft ſeines Bruders und deſſen Gattin zuruͤck. Z Ich war einige Jahre aͤlter, als meine Kou⸗ ſine Adelheid. Sie war liebenswuͤrdig, und ich hieng aufs zaͤrtlichſte an ihr; doch empfand ich nie eine andre, als bruderliche Neigung fuͤr ſie. Ich wußte; daß eine Verbindung mit ihr un⸗ moglich war; denn laͤngſt hatte man ſie einem Prin⸗ —— — 5— Prinzen von Zelve aus ihrer muͤtterlichen Fa⸗ milie beſtimmt. Dieſe Vermaͤhlung ſollte einen wichtigen Rechts⸗Streit enden, ihrem Vater bedeutende Guͤther ſichern, und den vollen Reich⸗ thum des Haußes in ihr vereinigen. Beyde in dieſen Ideen erzogen, konnte unſre Beziehung nie die Graͤnzen zarter Freund⸗ ſchaft uͤberſchreiten; auch ließ man ihr dazu nicht Zeit. Als mein Vater den Geſandſchafts⸗Poſten zu Neapel erhielt, war meine Kouſine zehn Jahre alt. Schmeichelhaft war fuͤr ihn dieſe Auszeich⸗ nung; doch fuͤhlte er den Schmerz der Tren⸗ nung von ſeinem Bruder, und der Entſagung auf unſer ſtilles haͤußliches Gluͤck. Ich folgte ihm nach Italien, wo die Wich⸗ tigkeit ſeiner Negoziationen ihn mehrere Jahre ununterbrochen zu bleiben zwang. Von ſeinen Pflichten gefeſſelt, verſagte er ſich ſelbſt das Vergnuͤgen, der Vermaͤhlung ſei⸗ ner NRichte beyzuwohnen, die fuͤnf Jahre nach ſeiner Ernennung zum Geſandſchafts⸗Poſten er⸗ folgte. Nach franzoſiſcher Sitte trat ich ſchon in meiner Kindheit in die Rang⸗Liſte der Offfziere der Armeen, und beſaß eine Kompagnie im Re⸗ giment meines Oheims, deßen Befehlshaber ich einſt werden ſollte. Da wir mitten im Frieden lebten, — 6— lebten, ſo erhielt mein Oheim leicht fuͤr mich einen unbeſtimmten Urlaub, und ich konnte mei⸗ nem Vater folgen. Indeß ſollte ich nicht meine ſchoͤnſten Jahre in Italien verlieren; nach ſei⸗ nem Wunſche mußte ich alſo mehrere Europaiſche Höfe beſuchen, begleitet von einem alten Pffi⸗ zier, meinem Mentor⸗ 4. Waͤhrend meinen Reiſen krug ſich nichts beſon⸗ ders fur mich zu; ich gleite daher hinweg uͤber die, Juͤnglingen meines Alters, gewoͤhnlichen Abentheu⸗ er. In meinem zwey und zwanzigſten Jahre kehrte ich Anfangs Herbſts, dem Willen meines Vaters gemaͤß, nach Neapel zuruͤck. Er erklaͤrte mir nun, daß, da der Ausbruch eines Kriegs zu erwarten ſtuͤnde, er mich nach Frankreich zuruck⸗ ſenden wolle, damit ich vor meinem erſten Feld⸗ zuge mit meinen Landsleuten in die ſo noͤthige naͤhere Beziehung kaͤme, und Gelegenheit haͤtte, mir das Wohlwollen meiner Obern zu erwerben. Dabey lag ihm dringend an, die Sehnſucht mei⸗ nes Pheims nach meinem Wiederſehen zu befrie⸗ digen. Der Prinz von Zelve war inzwiſchen ge⸗ ſtorben. Meine Koufine ſolite ihr Trauer⸗Jahr im im Kloſter zubringen. Allein war alſo mein Dheim und ſehnte ſich nach mir. Er wuͤnſchte ſelbſt, mich in Paris feſtzuhalten; denn meine Kouſine ſollte nach ihrer Trauer⸗Zeit ſich mit dem jungen Herzog von Vintimille vermählen. Es war eine Reigungs⸗Heurath, die aber vor der Hand, aus Achtung fuͤr das Andenken des Prinzen, tiefes Geheimniß bedecken ſollte. . All' dieß erfuhr ich von meinem Vater. „„Gehe, mein Sohn,— ſezte er hinzu,— „ſchaͤme dich nicht, ſtets deinem Oheim den „zarteſten und ehrerbietigſten Gehorſam zu be⸗ „zeigen. Folge ſeinen Lehren, ahme ſeinen Tu⸗ „genden nach, verdiene ſein Wohlwollen, und „werde das Gluͤck und der Stolz deiner Familie.“ Ich blieb nur wenige Tage zu Neapel. Ungerne verließ ich von neuem meine geliebten Aeltern; doch konnt' ich nicht ohne freudige Un⸗ gedult an die neue, mich erwartende Laufbahn denken. Mein urſpruͤnglich furchtſamer und ro⸗ mantiſcher Karakter hatte meine Jugend verlaͤn⸗ gert; ja, meine Kindheit moͤcht' ich ſagen, erſchiene dieß nicht läͤcherlich, bey einem Juͤng⸗ linge von zwey und zwanzig Jahren. Dieß Dieß bezog ſich indeß nur auf meine Em⸗ pfindungen; in jeder andern Ruͤckſicht war ich ausgebildet; nur mein Herz ſchlummerte noch, oder vielmehr, es bewohnte eine idealiſche Welt⸗ Damals war es, als die Feder des Phan⸗ kaſiereichen Grafen von Gabalis der anmuthigen Dichtung der Sylphen⸗Welt eine Art von Wirklichkeit verliehen hatte. Seine Werke fielen am Beginnen meines ſiebenzehenden Jahrs, mir in die Haͤnde; dem gefaͤhrlichſten Alter fuͤr neue Eindruͤcke. Das Gemuth faßt ſie ſehnend auf; die Vernunft iſt noch zu ſchwach ſeine Enpfaͤng⸗ lichkeit zu zuͤgeln. Mein Herz war beſtochen; meine Vernunft ſchwieg. Von dieſem Augenblick traͤumte ich nur vom Gluͤck, von einem uͤberir⸗ diſchen Weſen geliebt zu werden; dieſes Sehnen, dieſe Hofnung erhielt mich gegen alle irdiſche Schoͤnheiten kalt. In dieſer Stimmung, trat ich meine Reiſen an. Meine Mutter war meine Vertraute; ſie belaͤchelte meine Traͤumereyen; ſie neckte mich damit, ohne ſie vernichten zu wol⸗ len; die gute Mutter ſah darinn vielleicht den Schutzengel meiner Sittlichkeit. Und ſie hatte Recht. Ich verabſcheute alles, was von meinem Zweck mich entfernte. Graf Gabalis behaup⸗ tete: Reinheit des Gemuͤths, Unſchuld der Sit⸗ ten, ſey die weſentliche Vorbedingung der Bezie⸗ huns ziehung mit dem Sylphen⸗Geſchlecht. Ich verbannte alles aus meiner Einbildungskraft, was jene haͤtte beflecken koͤnnen. Oft wurde ich angezogen von ir⸗ gend einer jugendlichen Schoͤnheit, deren ſchlan⸗ ker Wuchs, deren zarte Haut, deren leichter, luͤftiger Gang einem aͤtheriſchem Weſen aͤhnelte; aber bald gewahrte ich in ihr eine Sterbliche; der Zauber und die Gefahr verſchwand. 6. Dieß war bie vortheilhafte Seite mei⸗ ner romantiſchen Grille; indeß verſpaͤtete ſie die Erwerbung der Welt⸗Kenntniß, des Welt⸗Tons, und doch war die hoͤhere Welt der Kreis mei⸗ ner Beſtimmung. Noch hatte keine Sylphide mich gewuͤrdigt, zu mir aus ihrem Himmels⸗ Sitze herabzuſteigen; keine Sterbliche erſchien, meiner Aufmerkſamkeit werth. Abgezogen und einſam leht' ich alſo, ſelbſt in Geſellſchaft. Einzig an meinen Taͤuſchungen haͤngend, war die Wirklichkeit fuͤr mich tod. Indeß ſtrebte ich meinen Geiſt auszubilden, um mich der heiß erſehnenden himmliſchen Freun⸗ dinn zu naͤhern. Mein Mentor, meine Lehrer, Maͤnner von Einſicht, waren zufrieden mit meinem beharrli⸗ chen Fleiße in den Wiſſenſchaften, ohne deſſen Triebfeder zu kennen. Ich — Ich frchtete die Spottereyen, uͤber einen mir ſo heilig⸗ und ehrwuͤrdig erſcheinenden Ge⸗ genſtand, und bewahrte meine Anſichten in tie⸗ fem Schweigen. So uͤbt' ich mich denn in einer geheimniß⸗ vollen Ruͤckhaltung, die ſelbſt die aͤngſtlichſte Syl⸗ phide befriedigt haͤtte, und erwartete ungedultig den ſeeligen Moment, wo irgend ein nur dem Eingeweyhten verſtaͤndliches Zeichen, mir ihr Nahen verkuͤnden wuͤrde. Oft pochte laut und heftig mein Herz, wenn ein Lichtſtrahl des Monds durch die Laͤden meines Zimmers, ein leichtes Geraͤuſch, oder die Töne einer ſernen Muſik, oder das leiſe Wehen, des meine Vorhaͤnge bewegenden Winds, zu meinen Ohren drang. Ich richtete mich auf; ich lauſchte; alle Kraͤfte meiner Seele waren ge⸗ ſpannt. Meine Imaginazion erhoͤhte auf einige Augenblicke dieſe Taͤuſchung; war ſie zerſtört, mußte ich uͤber meinen eignen Irrthum erroͤthen; und troͤſtete mich mit meiner Jugend. Ich be⸗ ſchloß an Tugenden, am Vertrauen zu wachſen; ſie wird endlich erſcheinen; auch keinem Schat⸗ ten von Zweifel will ich Naum geben! dann nahm ich meinen theueren, von mir unzertrenn⸗ lichen Graf Gabalis, und naährte mich mit dieſer dieſer Thorheit, die bis in mein zwanzigſtes Jahr wuchs. Von dieſer Zeit an erhob ſich bisweilen die Stimme einer indeß ausgebildeteren Vernunft; ich wurde mehr oder weniger, weiſe; meine Sehnſucht, meine Ideen ſchweiften nicht mehr ununterbrochen in den idealiſchen Regionen: ich begann zu gewahren, daß ein Weib, auch ohne transparente Fluͤgel, und ohne aͤtheriſchen Stoff, reizend ſeyn koͤnne. Fragte mich indeß meine Mutter laͤchelnd, ob ich eine Sylphide gefunden habe? ſo fuͤhlte ich ein Erroͤthen, und daß dieſes einzige Wort die ſo tief gewurzelten Ideen zu lebendig aufregte; ich antwortete durch einen allgemeinen Scherz. — Noch am naͤmlichen Abend vor dem Ent⸗ ſchlafen, las ich wieder einige Seiten in Ga⸗ balis Werk, das ich ſeit Monaten nicht geoͤfſ⸗ net hatte. Ich loͤſchte hierauf mein Licht aus, und ſuchte im Schlafe Vergeßenheit dieſer ſüßen, ſo lebendig wieder erwachenden Taͤuſchung. Schlaf war nicht das Mittel ſie zu unterdruͤcken. Im Schlafe ruft die Imaginazion die Gegenſtaͤnde hervor, mit denen ſie ſich am lebhafteſten beſchaͤf⸗ tigt, denn ſie bewegen ſich in leichten fantaſti⸗ ſchen Draͤumen, mitten in den Reihen der Syl⸗ phiden; phiden; unter denen mir die Wahl blieb. Schwere Wahl! denn jede war reizender als die andre. So, im Vollgenuße des anmuthigſten Trau⸗ mes ſchwebend, weckte mich plötzlich ein glaͤnzen⸗ des Licht, dem Blize aͤhnlich, begleitet mit ei⸗ nem unbeſchreibbaren Geraͤuſche. Ich richte mich auf; ich zi⸗he den Vorhang hinweg; ich ſohe nichts. Tiefe Finſterniß! das kicht war verſchwunden; kein Geraͤuſch mehr. Toden⸗Stille! Nun hielt ich es fuͤr die Folge eines Traums und ich verſuchte, ihn wieder anzuknuͤpfen, als zwey meiner Sinnen— ſtatt des Sehens und Hoͤrens— mich uͤberzeugten, daß etwas außer⸗ ordentliches mich umgab,— der Geruch; das Gefuͤhl. Ein koͤſtlicher Geruch erfuͤllte mein Zimmer; und etwas ſehr ſanftes, dem Scheine nach ein kleines Haͤndchen, druͤckte ſich auf meine Lippen, mir Schweigen zu gebiethen ſcheinend. Mein Herz ſchlug laut; All' meine alten Ideen erwachten. Nun, ſo dacht' ich, nun iſt der Zeit⸗Punkt erſchienen, wo eine reizende Luft⸗Geſtalt mit mir in Verbindung treten will. Ich verſuche, die Hand zu faßen, die noch auf meinen Lippen ruht; aber meine Haͤnde wa⸗ ren durch etwas leichtes gefeßelt, das ihre Be⸗ wegung hemmte. Indeß ich leiſe dieſe zu loͤßen ſtrebte, ſtrebte, hatte ſich das Weſen entfernt, deßen Beruͤhrung ich vorhin fuͤhlte. In meinem Nacht⸗Tiſche war Phosphorus; ſchnell zuͤndete ich meine Kerze an, und gewahrte dann, daß ich durch eine Kette der wohlduftendſten Blumen gefeßelt geweſen war. Sie lagen noch zerſtreut auf meinem Bette, und verbreiteten den anmuthigſten Wohlgeruch. Uebrigens bemerkte ich in meinem Zimmer durchaus nichts, das den Eintritt eines Men⸗ ſchen verrathen haͤtte. Meine Thuͤre hatte ich vor dem Niederlegen von innen verſchloßen; ſie war es noch, ſo wie ein enger Durchgang, der mittelſt meines Vorzimmers, mit dem meiner Mutter zuſammen hieng. Ihr geſtriger Scherz fiel mir ein; ich ah⸗ nete, ſie haͤtte ihn fortſezen wollen. Aber wo war ſie herein und wieder hinausgekommen? Dies blieb mir dunkel. Gewißheit wollt' ich, um die Taͤuſchung vollends zu zerſtoren, welche von neuem meine Vernunft truͤbte. Schnell warf ich meinen Schlafrock um; das Licht in der ei⸗ nen, die reizende Blumen⸗Kette in der andern Hand, verſchloß ich ſogleich mein Zimmer, und gieng in das meiner Mutter, die ich noch außer Bett zu finden, und ihr fuͤr ihre artige Necke⸗ rey zu danken hoffte. Sachte — Sachte trat ich in ihr Zimmer, nur von einer Nacht⸗Lampe beleuchtet. Durch die halb⸗ ofſenen Bett⸗Vorhaͤnge von Gaze erblickte ich die gute Mutter in ſanftem und tiefem Schlafe; einige Spuren von Thraͤnen auf ihren Wangen. Schweigend betrachtete ich ſie; ſchon uͤber⸗ zeugt, daß ſie nicht in meinem Zimmer ge⸗ weſen war. Eine ihrer Kammerfrauen ſchlief im Ka⸗ binet. Sie hatte mein Licht geſehen, hatte mich gehen hören, offnete erſchrocken ihre Thuͤre, und laͤchelte bey meinem Anblick. Sie nahte ſich auf den Fuß⸗Spizen und ſagte mir leiſe: „Sie haben mich recht erſchreckt, Herr Graf; „aber erwecken Sie ja die gnaͤdige Frau nicht, „ſie bedarf Ruhe. Sie weinte dieſen ganzen „Abend, bey dem Gedanken an Ihre nahe „Abreiſe. Erſt ſeit einer Stunde entſchlief ſie./“ 8. Eine Stunde! und noch war es keine Vier⸗ telſtunde, daß eine Hand auf meinen Lippen lag, daß ein unſichtbares Weſen mich mit Blu⸗ menketten feßelte! und meine Mutter, meine gute, zaͤrtliche Mutter ſchlief damals, nachdem ſie die nahe Abreiſe ihres Sohnes beweint hatte! Sie dachte an keine Reckerey. O Im „———— —+— —+„ c— — 5— Im Nachdenken verlohren„ wollte ich zu⸗ ruͤckkehren; aber Pauline, das Kammermaͤbchen war entzuckt, beym Anblick der Blumenkette und bat, ſie bewundern zu duͤrfen. Nie, erklaͤrte ſie, aͤhnliche geſehen zu haben. Wirklich waren, außer einigen Roſengebinden, Arabiſchen Jas⸗ min, Tuberoſen und Pomeranzenbluͤthen, die uͤbrigen Blumen mir unbekannt. Sie glichen weder an Form noch Farbe, den mir bekannten. „Wahrſcheinlich, ſagte Pauline, wollten „ſie dieſe Blumen der gnaͤdigen Frau zeigen. „Das verdienten ſie wohl. Man ſollte glau⸗ „ben, ſie muͤßten dem Himmel entſproßen ſeyn. „Dies ſind keine irdiſchen Pflanzen.“ Ich fuͤhlte mein Erroͤthen; dieſe Vermuthung war fuͤr mich Wahrheit. Sie erboth ſich, ſie ins Waſſer zu ſtecken. Ich weigerte es; ich konnte mich nicht davon trennen. Ich nahte mich wieder dem Bette meiner guten Mutter, Sanft kuͤßte ich ihre auf der Bettdecke ruhende Hand; ich fuͤhlte wohl, es war nicht die naͤmliche, deren Druck ich vor wenig Augenblicken auf meinen Lippen gefuͤhlt hatte. Ich trat in mein Zimmer. Unbegreiflich war mir dieß ſonderbare Abentheuer; aber im Grund —————— — Grund doch uͤberzeugt, dieß ſey endlich das himmliſche, lang erſehnte Weſen. Als ich vorhin mein Schlafzimmer verließ⸗ hatte ich es ſorgfaͤltig verſchloßen, und den Schluͤßel abgezogen; auch fand ich bey meiner Zuruͤckkunft die Thüre verſchloßen. Ich trete herein; ich ſehe nichts ungewoͤhn⸗ liches; kein Licht, als das ich in Haͤnden hielt. Ich gieng umher, unterſuchte alles ſorgfaͤltig; die aͤußere Thuͤre war von innen verſchloßen. Ohne die Blumen⸗Kette haͤtte ich geglaubt, ge⸗ traͤumt zu haben. Aber ſie war ein entſchei⸗ dender Beweis der Wirklichkeit einer Erſcheinung, und bald blieb mir kein Zweifel. Ich nahte mich dem Bette; ich ſezte das Licht auf den Nacht⸗Tiſch; ich legte mich, und wollte noch einige Seiten in meinem theuren Gabalis leſen; ich nehme das Buch. Wel⸗ ches Erſtaunen! An der Stelle, wo ich ſtehen blieb, waren zwey Blaͤtter loß; ſie waren vom ſchoͤnſten/ ſanfteſten Himmelblau. Einige goldne glaͤnzende Sternchen, gleich einem Geſtirn ge⸗ ordnet, dienten zum Titel⸗Blatt. Das Papier war ſo zart, ſo durchſichtig, daß man es fuͤr Flor haͤtte halten koͤnnen. Anfangs ſah ich nichts darauf; aber bey aufmerkſamer Anſicht, entdeckt' ich ſo feine, zarte Buch⸗ ⸗ er e ur e te ch⸗ — 17— Buchſtaben, daß ohne ihre Regelmaͤßigkeit, ich ſie nur mit Muͤhe haͤtte leſen koͤnnen. Bieſe Schrift hatte nichts irdiſches. Sie war vollendet ſchoͤn, und leicht las ich folgen⸗ des: Alize, Sylphide der Leyer. An ihren Freund, Karl von L. „Karl! vergebens alſo wache ich, ſeit ſechs „Jahren unſichtbar dich umſchwebend, uͤber „deine leiſeſten Gedanken, und erforſche dein „Herz. Ich habe dich uͤberzeugt, daß es We⸗ „ſen hoͤherer Art giebt, die ſich an einen Sterb⸗ „lichen heften, und ihn zu ſich erheben können. „Du, Karl, biſt einer dieſer Lieblinge des Him⸗ „mels; ich bin eine deinem Daſeyn gewidmete „Sylphide; beſtimmt zu deinem Schuz⸗Geiſte. „Aber woher dieſes Erſtaunen, dieſes Erſchrecken „beynahe, wenn ich endlich mich dir entdecken „will? Woher dieſe auffahrenden, unbeſonnenen „Bewegungen, die mich zur Entfernung zwangen?“ „Warum verließeſt du dieſes Zimmer, wo „ich bey dir war, wo ich dir erſcheinen, dich „ſprechen, dir erklaͤren wollte, was ich dir ſeyn „will; was du mir ſeyn ſollſt? Unbeſonnener! „warum zeigteſt du profanen Augen dieſe Blu⸗ „men⸗Kette, Sinnbild meiner Zaͤrtlichteit und „unſerer Vereinigung? Karl! du haſt dieſe ſehr B ver⸗ ——— „verſpaͤtet. Moͤge deine gebildetere Vernunft, „dein feſteres Vertrauen den Licht⸗Strahl be⸗ „wahren, den ich in dein Herz goß! „Laß ihn nicht verloͤſchen. Reiſe! du wirſt „einſt Alize wieder finden, wenn du es beſſer „verdienſt, wenn du ſie begreifen kannſt! Jezt „wird ſie, doch dir unſichtbar, uͤber dich wa⸗ „chen; deine Tugenden, deine edlen Gefuͤhle „werden ihr Werk ſeyn. Farl! liebe die Tu⸗ „gend; ſey gut, zart, gefuͤhlvoll; werth einer „Sylphide Freund zu ſeyn.“ „Erfuͤlle alle Pflichten der Natur und der „Geſellſchaft. Selbſt der Liebe weigere dein „Herz nicht, iſt der Gegenſtand meines Freun⸗ „des wuͤrdig. Weiß ichs denn nicht, der ir⸗ „diſche Menſch kann nicht lange mit jenem „reinem, geiſtigem Gefuͤhle ſich begnuͤgen, das „ich dir einhauchen will!— Ich werde deine „Wahl leiten. Moͤge einſt die Sterbliche, der „du dein Herz und deine Hand giebſt, dich lie⸗ „ben, wie Alize dich liebt!— „Lebe wohl, Farl! vielleicht fuͤr lange. „Nur von dir wird es abhangen, die Tage un⸗ „ſerer ſcheinbaren Trennung zu kuͤrzen. Ich „werde deine Handlungen wißen; alle, ſelbſt „deine Gedanken. Sind ſie des Sterblichen, den „ich liebe, wuͤrdig, ſo wird deine himmliſche Freun⸗ — 49— „Freundinn dir beyſtehen, ſo oft du ihrer be⸗ „darfſt. Verdiene Alizens Freundſchaft, und nie „verlaͤßt ſie dich. „Bewahre ſorglich dieſes Pfand meiner „Liebe; kein Sterblicher durchdringe deſſen Ge⸗ „heimniß. Fuͤr dich verlaße ich den Himmel „und das herrliche Geſtirn, dem ich vorſtehe; „dafuͤr fodre ich mit Recht Vertrauen, Gehor⸗ „ſam, Aufrichtigkeit; ich ſage nicht auch: Treues „dieß uͤberſteigt die Kraͤfte ſchwacher Sterbli⸗ „cher.— Deine Freundin Alize, Sylphide der Leyer⸗ 8. Unten an dieſen Brief war mit leichtem Golbfaden eine Haarlocke geheftet, von der zar⸗ teſten, ſanfteſten Farbe. Sie theilte ſich in zwey oben vereinte Ringe, entgegenſtehend ge⸗ lockt, und bildete ſo ein A., den Anfangsbuchſta⸗ ben des niedlichen Namens meiner Sylphide. Ich kuͤßte dieſe Locke mit Entzuͤcken; doch geaͤnaſtigt durch die Furcht, meine reine, himmli⸗ ſche Freundinn zu beleidigen, legte ich die Haare zuſammen, und verbarg ſie in einer goldnen Kapſel, die an einer goldnen Kette hieng. Die⸗ ſer koſtbare Talismann verließ mich nie, und noch, B 2 Kinder! Kinder! kann ich ihn euch auf der naͤmlichen Stelle zeigen. Am andern Morgen befragte mich meine Mutter, von Paulinen unterrichtet, um die Ur⸗ ſache meines naͤchtlichen Beſuchs? Ich fand leicht einen Vorwand, der ſie beruhigte. Sie ſprach von der ſchoͤnen Guirlande. Ich gab vor, ſie verſchenkt zu haben. In meiner Chatoulle ſorgfaͤltig verſchloſſen, iſt ſie verwelkt; aber noch bewahre ich deren Reſte. 9. Dieß, lieben Kinder! iſt die treue Erzaͤhlung meines erſten Lebens⸗Abentheuers; ich gehe zu den daraus folgenden uͤber. Metne Aeltern drangen auf die Abreiſe, und ich ſelbſt erſehnte heftig Gelegenheit, die Ruͤck⸗ kunft meines Schutzgeiſtes zu verdienen. Seit jener Erſcheinung bewegre mich unbeſtimmte Un⸗ ruhe, und erlaubte mir nicht, mich den Zer⸗ ſtreuungen meines Alters hinzugeben. Waͤhrend meines kurzen Aufenthalts zu Nea⸗ pel, ſah ich nur meine Familie. Alles war in Drdnung; ich reißte ab, be⸗ gleitet von meinem treuen Franz, dem Ge⸗ faͤhrten meiner vormaligen Reiſen. Mit Weh⸗ muth trennte ich mich von den theuren Aeltern, die ———— — 2 1— die ich vielleicht auf viele Jahre verließ; aber mit Entzuͤcken blickte ich auf das Gluͤck, mei⸗ nen zweyten Vater wieder zu ſehen, und meine Kouſine, deren Andenken von der Kindheit her wir theuer war. Freylich, gebleicht war dieß Andenken ein wenig, ſeit ich mit den Sylphi⸗ den mich beſchaͤftigte. Nicht billigen konnte ich, nach meinen romantiſchen Grundſaͤtzen von Rein⸗ heit und Zartheit, ihre Neigung fuͤr den jun⸗ gen Herzog, die, wie man mir ſagte, ihrem Wittwenſtand kurz vorangegangen, oder nahe ge⸗ folgt ſey. Muͤhe koſtete es mir, mich mit die⸗ ſer Idee zu verſoͤhnen; doch allzugroße Strenge uͤber eine zurte Empfindung, paßte nicht fuͤr mein Alter; ich gelobte mir alſo, dieſen Ein⸗ druck ſorglich zu verbergen. Uebrigens war es mir lieb, dieſe gute, einſt auch duldend und ge⸗ horchend, nach Konvenienz vermaͤhlte, Adel⸗ heid, nun der zukuͤnftigen Wahl ihres Her⸗ zens uͤberlaſſen zu ſehen, und da der Oheim ih⸗ ren zukuͤnftigen Gatten ſehr ruͤhmte, ſo nahm ich mir vor, mit ihm in freundſchaftliche Ver⸗ haͤltniſſe zu treten. 10. Nach einer ſchnellen und gluͤcklichen Reiſe kam ich auf des Oheims Schloſſe, in Burgund, an⸗ an. Hier erwartete mich der ehrwuͤrdige Greis mit Sehnſucht. Ich traf ihn umgeben von eben ſo ehrwuͤrdigen Freunden; meiſt Pffiziers, die in meinem Pheim den Gefaͤhrten ihrer Jugend, und Beſchuͤtzer ihres Alters ehrten und liebten. Er empfieng mich mit offenen Armen, und ſchien tief bewegt; mit naſſen Augen betrachtete er mich und rief:„Es iſt das Bild meines Bru⸗ „ders im zwanzigſten Jahre! Dieſe offne Stir⸗ „ne, dieſer maͤnnliche Ernſt, dieſe leichte und „anmuthige Haltung!— Karl, Du biſt eine „Kopie, deren Dreue Dich Deinem alten „Vheim ſehr theuer machen wird!“ Mich ergriff die Wuͤrde des trefflichen Man⸗ nes; das nahende Alter hatte das Ehrfurcht ge⸗ biethende ſeines Anſehens erhoͤht; jeder ſeiner Blicke, jedes ſeiner Worte, ſprach den Edel⸗ muth ſeiner Seele aus. Viel fragte er mich beym Abendeſſen uͤber meine Reiſe. Des andern Tags verließen uns ſeine Freun⸗ de. Allein mit ihm, ergriff er jede Gelegen⸗ heit, mein Herz zu durchſchauen. Er wollte meine Empfindungen, meine Anſichten kennen, um ſie zu billigen, oder ſanft und mild zu be⸗ richtigen. Er unterrichtete mich hierauf von ſei⸗ nen Entwuͤrfen uͤber meine Befoͤrderung, und gab gab wir weiſe Lehren uͤber mein kuͤnftiges Be⸗ tragen. Wir ſprachen dann von meiner Kouſine Adel⸗ heid. Ich bezeigte ihm meine Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen.„Sie theilt dieſe Sehnſucht, „erwiederte mein Pheim; doch, Kinder! ich „kann euch dieſe Freude nur nach unſrer Ruͤck⸗ „kunft nach Paris gewaͤhren. Dort bewohnt „ſie ein Kloſter waͤhrend ihres Trauer Jahrs, „und erſt in einem Monate kann ich dahin ge⸗ „hen. Ich hoffe Karl, Du wirſt mir nicht „Deine Geſellſchaft rauben; ſie allein kaun mich „uͤber die Abweſenheit meiner Tochter troͤſten“. II. Traulich theilte er mir dann die naͤheren Umſtaͤnde uͤber den neuen Vermaͤhlungs⸗Ent⸗ wurf, und uͤber Adelheids Neigung fuͤr den jungen Herzog mit. Seine Schweſter wurde in dem Kloſter erzogen, in das ſich meine Kou⸗ ſine, nach dem Tode ihres Gemahls, zuruͤck zog, und dieſe jungen Perſonen hatten die innigſte Zuneigung zu einander gefaßt. Dieſer Freund⸗ ſchaftsbund gab ihr Gelegenheit, den Bruder ihrer Freundinn oft zu ſehen, und fuͤr ihn, der ſie leidenſchaftlich liebte, Segenliebe zu fuͤhlen. Adel⸗ „Adelheid— fuhr mein Dheim fort— „vertraute mir ihre Neigung, und bat um die „Einwilligung zur Verbindung mit ihm, nach „dem Ende der Trauerzeit. Ich konnte gegen „die Geburt, gegen die Sitten des jungen, allge⸗ „mein geſchaͤzten Mannes nichts einwenden.— „Doch— ich bekenne dies, Karl— ich hatte „andre Entwuͤrfe mit meiner Tochter, mir ſtets „heilig und theuer; ſie haͤtten mein Alter be⸗ „gluͤckt.— Du erraͤthſt ſie vielleicht!“ ſezte der gute Greis hinzu, und ſeine Augen floßen uͤber.—„Dir haite ich meine theure Adel⸗ „heid beſtimmt; dir, vom Augenblick an, da „der Tod ihres alten Gatten ihre Feßeln loͤßte.— „Doch, denken wir nicht mehr daran! Sie „kann dir ihr Herz nicht mehr geben. Mind⸗ vſtens iſt ihre Wahl untadelhaft; ob ſie gleich „meine liebſten Wuͤnſche vernichtet und mich be⸗ „truͤbt. Ich will nicht zweymahl allein uͤber ihr „Schickſal gebiethen.— Du wrirſt alſo nicht „mein Schwiegerſohn werden; aber darum be⸗ „tracht' ich dich nicht minder als meinen gelieb⸗ „ten Sohn. Du ſollſt nicht der Gatte meiner „Tochter werden; aber du wirſt meine Zaͤrtlich⸗ „teit fuͤr ſie theilen, und ſie wird dich ſchwe⸗ „ſterlich lieben.“ Ich warf mich in die Arme meines Oheims, mei⸗ — meines zweyten Vaters; ich gab ihm die herz⸗ lichſte Verſicherung meiner Zufriedenheit, mei⸗ ner innigſten Erkenntlichkeit. Aufrichtig, und ſo wie ich es fuͤhlte, war dieſe Verſicherung, denn ich wollte mich nicht vermaͤhlen; mein Herz war unbedingt der unſichtbaren Freundinn hin⸗ gegeben; ich zitterte vor jedem Band, das mich von ihr getrennt haͤtte, eh ich noch die Seelig⸗ keit genoß, ſie zu ſehen, und zu hoͤren. Ich dankte ingeheim der Verſicht, fuͤr das unuͤber⸗ ſteigbare Hinderniß der Neigung meiner Kouſine, das mir zugleich den Schmerz erſparte, meinen Oheim durch Weigerung zu betruͤben. I2. Richts zog mich nach Paris, als das Ver⸗ langen, meine Kouſine wieder zu ſehen. Nach meiner Stimmung fuͤrchtete ich vielmehr das Geraͤuſch eines Aufenthalts, von dem, wie mir ſchien, alles meine Sylphide entfernen mußte. Auf dem Lande, glaubte ich ihr naͤher zu ſeyn. Mindſtens konnt' ich von der Schloß⸗Terraße, ſelbſt aus meinem Fenſter, ihren himmliſchen Wohnſiz uͤberſchauen, und meinen Blick auf das Geſtirn heften, das ſie beherrſchte. Aſtro⸗ nomie war ſtets mein Lieblings⸗Studium, viel⸗ leicht leicht hatte ſie ſelbſt dazu beygetragen, meine Einbildungskraft zu exaltiren. Ich kannte alſo die Benennung und den Lauf der Weltkoͤrper, und der zahlloſen Sonnen, die ſich uͤber uns in dem aͤtheriſchen Gewoͤlbe waͤlzen. Mit Ent⸗ zuͤcken ſuchte ich die Leyer auf, und beſonders den in dieſem Geſtirne am hellſten ſchimmernden Stern, in dem vielleicht Alizens Wohnplatz war. Hatte mein Dheim ſich zur Ruhe begeben, ſo betrachtete ich Stunden lang dieſes Geſtirn. In meinen Ideen verlohren, bereuete ich ſchmerz⸗ lich, daß ich zu Neapel den Augenblick ent⸗ ſchluͤpfen ließ, mit dieſem uͤberirdiſchem, und ſicher reizendem Weſen mich zu unterhalten; ich zweifelte nicht mehr an ſeinem Daſeyn. Es ſchien mir ſo bewieſen, als das Daſeyn der glänzenden Welten ihres Wohnſitzes, die ich raſtlos betrachtete. Pft erhob ich dann leiſe meine Stimme, und verſuchte, meine himmliſche Freundinn in einem ihrer und meiner Gefuͤhle fuͤr ſie wuͤrdigem Geiſte zu beſingen. Aber tief blieben immer meine ſchwachen Verſuche unter meinem Wollen, unter meiner Empfindung, die ich vergebens auszuſprechen ſtrebte. Ich fuͤhlt' es, ich haͤtte von wahrer poetiſcher Gluth ent⸗ flammt ſeyn ſollen, und ich war ferne davon. Hier die ertraͤglichſte der Romanzen, die ich in Abend⸗ Abend⸗Sparziergaͤngen auf der Terraße an die Leyer richtete: Himmliſches Geſtirn der Liebe, Dir ſey mein Geſang geweiht! Sie, die reizende Alize, Iſt's, die dir den Glanz verleiht. Dich erwählte Sie zur Wohnung, Schoͤnes Bild der Harmonie! Wohllaut iſt Alizens Weſen, Wo Sie wohnt, da herrſchet Sie. Lieblichſtes der Sterngebilde, Stehe ſtill in deinem Lauf! Dich beherſchet die Geliebte, Nimm auch mich zum Buͤrger auf! Ihr ſeht, Kinder! meine Imaginazion war ziemlich exaltirt. 13. Aber Alize hatte Recht, Sterbliche ſind Sklaven ihrer Sinne und der aͤußeren Erſchei⸗ nungen. Sie betete ich an, indeß entriß mich ein anderer Gegenſtand meinen Traͤumereyen, und erzwang mir das Bekenntniß: daß es auch irdiſche verfuͤhreriſche Weſen giebt. Ich war kaum dreyundzwanzig Jahre alt. Welchem Juͤnglinge dieſes Alters, kann eine rein rein abſtrakte Empfindung, fuͤr ein unbekanntes Weſen genuͤgen? Alize behielt mein Herz; aber beinahe haͤtte ſich dort eine Perſon an ihre Seite geſchlichen, die ihr im Moraliſchen ſehr wenig glich. Ihre Geſtalt konnte derjenigen nahe kommen, die meine Fantaſie den Sylphi⸗ den, und vorzuͤglich meiner Alize lieh. Mein Oheim hatte eine Wirthſchafterin, De⸗ moiſell Delmont. Sie war lange in der Fami⸗ lie; er behandelte ſie mit Achtung. Als Kind, hatte ſie mich gepflegt; ich ſah ſie mit Vergnuͤ⸗ gen wieber, und beſuchte ſie oft in ihrem Zim⸗ mer. Oft nannte ſie mich noch ihren lieben kleinen Kar!, und ſchalt mich uͤber mein Wachsthum, weil ſie mich nicht mehr umarmen duͤrfe. Einſt fand ich bey ihr ein junges niedliches Maͤdchen; ſie wurde mir vorgeſtellt als die Toch⸗ ter ihres Bruders, eines Herrn Delmont, der lange Intendant eines Großen geweſen war, dort ſich bereichert, und ſeiner einzigen Tochter die glaͤnzendſte Erziehung gegeben hatte, von der nun die Tate Zeuge ſeyn ſollte. 14. Agathe war achtzehn Jahre alt;— ſchoͤn wie ein Engel, und ſich deſſen ſehr bewußt. Sie war — 29— war nicht groß; aber ihr ſchlankes, niedliches Figuͤrchen, war voll Anmuth. Zwey ſchwarze, ſtrahlende Augen, die ſie ganz in ihrer Gewalt hatte; ein Mund, zart und friſch, wie eine Ro⸗ ſenknoſpe; immer bereit zu laͤcheln, und eine Reihe der ſchoͤnſten Zaͤhne zu verrathen; ein kleiner, geſchmackvoll bekieideter Fuß; ein rundes Haͤndchen; weißgewoͤlbte Arme; Anmuth und An⸗ ſtand in allen Bewegungen; ſo war Agathens Aeußeres! Auch war ſie in der Provinz ein Muſter der Bildung. Sie ſang zu der Guitarre rein, und mit Ausdruck; ſie machte kleine, leichte, artige Zeichnungen, fuͤr Brieftaſchen und Fa⸗ cher; ſie las die neuen Romane und den Mer⸗ kur; loͤßte Raͤthſel und Charaden, und verfer⸗ tigte deren ſelbſt; ſo wie Gedichte füͤr den Ge⸗ burtstag ihres Vaters und ihrer Tante, und ſang ſie mit der reizenden Beſcheidenheit, die nach Lob geizt. Uebrigens war ſie beweglich und lebhaft, bis zur Unbeſonnenheit, oder em⸗ pfindelnd bis zum Nomanhaften, lockend, nek⸗ kend, anziehend, kokett, naiv; immer beſchaͤf⸗ tigt, den Maͤnnern den Kopf zu verruͤcken, und ſelten mislingend. Der Meinige hielt ſich ein wenig lange; aber endlich verdrehte ſie ihn ſo gut, als die der anbern, und umſtrikte mich, trotz meiner Vernunft, meiner Sylphide, und alles — — alles deſſen, was mir als Schutzwehr gegen Verfuͤhrung erſchien. Wirklich borh das kleine Weſen alles hiezu auf. Meine Eroberung ſchmeichelte ihrer Eitelkeit doppelt, wesen mei⸗ nes Rangs und meiner Kaͤlte. Allenthalben be⸗ gegnet⸗ ich Agathen, und immer erſchien ſie mir hinreißender, bezaubernder. Die gute Delmont, ſtolz auf eine ſo reizen⸗ de, ſo gebildete Nichte, ließ ihr volle Freiheit. Vielleicht ſah ſie in mir noch den kleinen, gefahr⸗ loſen Karl; vielleicht hatte ſie ehrgeizige Ent⸗ wuͤrfe gegruͤndet auf den Reichthum und die Vorzuge dieſer Nichte; genug, ſie ſchwieg zu meinen haͤufigen Beſuchen, zu unſern einſamen Spaziergaͤngen, zu allem, was ſie haͤtte beun⸗ ruhigen ſollen. 14.— Hatte mein Pheim ſich zur Ruhe begeben, ſo wachte ich noch alle Abende auf der Schloß⸗ Terraße; aber nicht um das ſchoͤne Geſtirn der Leyer zu betrachten, und ihr Romanzen zu ſingen; nein um auf Agathens Guitarre, und ihre niebliche Stimme zu horchen, und Stunden mit ihr zu verſchwäzen;— gelehnt an den Balkon ihres Fenſters ebner Erde, wo ich ſtets ſie traf. Kam ich zuruͤck, und Alizens himmli⸗ ſches — 31— ſches Bild erſchien mir, ſo erinnerte ich mich nur an ihre Erlaubniß zur Untreue, und fand ihre Vorherſagung richtig. 15. Indeß,— ich muß es auf die Gefahr des Spottes bekennen,— meine Unſchuld, meine Sylphidiſche Reinheit war ſo tief gewurzelt, meine Furcht, Alizens Schuz zu verliehren, ſo groß, daß dieſe kleine Liebſchaft noch keine gefaͤhrlichen Folgen gehabt haͤtte. Aber, ich war gewaltſam hingeriſſen; bald vielleicht haͤtte ſie den gewoͤhnlichen Gang ſolcher Ver⸗ bindungen genommen, und mir furchtbare Reue bereitet; da waͤhlte mein Pheim, der wahr⸗ ſcheinlich all dieß bemerkte, das ſicherſte Mittel ſie zu trennen: mich zu entfernen und nichts zu erwaͤhnen gegen mich von dieſer gefaͤhrlichen Sirene.— Einſt Abends ſchlug er mir vor, ihn zu einem kleinen Jagd⸗Schloß zu begleiten, das er einige Stunden davon in einer anmuthi⸗ gen, Wildreichen Gegend beſaß.„Dort, lieber „Karl! ſagte er mit ruͤhrender Herzlichkeit, ent⸗ „foßen mir, an der Seite deines Vaters, ſee⸗ „lige Tage. Du ſollſt ihr Andenken erneuern. „Jaͤhrlich bringe ich zu dieſer Jahrszeit einige ( „Tage in meiner Einſiedeley zu,— ſo nannte er das „Jagd⸗ „Jagdhauß:— deine Geſellſchaft wird dort fuͤr „mich ein wahres Feſt ſeyn. Morgen reiſen „wir. Ich nehme gewoͤhnlich nur einen einzigen „Bedienten mit, und begnüge mich mit den maͤ⸗ „Figen Mahlzeiten, die mir die alte Schloßwaͤr⸗ „terinn bereitet. In dieſer Einſamkeit, wo ich „einſt ſo gluͤckliche Tage verlebte, ſcheine ich „mich zu verjuͤngen, und troz meines Alters „duͤnk ich mir, wenn ich in der Einſiedeley ei⸗ „nige Tage ermuͤdend umher gewandelt bin, neue „Kraft gewonnen zu haben. Dort beluſtigt die „Jagd mich mehr, dort bin ich ſtolzer auf das, „was ich ſelbſt ohne Jagd⸗Gefolge erlegt „habe, als wenn ich auf meinem Schloße mich „von einem Heere Treiber, und all dieſen gruͤ⸗ „nen beblechten Livreen umgeben ſehe. Farl! „willſt du das ſicherſte Geheimniß bewahren, „glüͤcklich zu ſeyn, ſo bleibe ſtets empfaͤnglich „fuͤr den ſanften köſtlichen Eindruck jener kleinen, „von theueren Erinnerungen vergoldeten Gegen⸗ „ſtaͤnde!“ 16. Mein Herz haͤtte die Philoſophie des Mar⸗ ſchalls wohl verſtanden; aber es empfand die Trennung von der ſchoͤnen Agathe Delmont zu ſchmerzlich. Indeß wagt' ichs nicht, dem Oheim zu zu widerſprechen; es fiel mir gar nicht ein, ihn allein reiſen zu laſſen; doch haͤtte ich gern Aga⸗ then von meiner Entfernung unterrichten, und erfahren moͤgen, ob ich ſie nach unſrer Ruͤck⸗ kunft wieder finden wuͤrde.— Mein Pheim war dieſen Abend geſpraͤchig; er hielt mich lange auf; ſo daß ich nicht hoffen konnte, ſie noch zu ſehen, und am andern Morgen reißten wir ſehr. fruͤh ab!— Mein Troſt war die geringe Entfernung; die Leichtigkeit, bisweilen das Schloß zu beſu⸗ chen, und die Hoffnung, Agathe wuͤrde, waͤ⸗ ren die Verſicherungen ihrer Liebe wahr, leicht ihren Aufenthalt verlaͤngern koͤnnen. Auch ſoll⸗ ten wir vor der Abreiſe nach Paris, noch vier⸗ zehn Tage dort zubringen. Weiter giengen meine Plane nicht. Ich war im Grund nicht verliebt; aber im zwanzigſten Jahre, nennt man alles Liebe, was das Ge⸗ muͤth, oder vielmehr die Sinne bewegt. Die meinige war indeß nicht feurig genug, um nicht in dieſem Wechſel des Aufenthalts Vergnuͤgen zu finden; im Umgange eines liebenswuͤrdigen, mit mir ſo innig verbundenen Mannes, bey dem ſelbſt der Unterſchied des Alters verſchwand. Wir reißten alſo des andern Tags, an einem anmuthigen Herbſtmorgen ab, und kamen gegen C Mit⸗ Mittag in die Einſiedeley; ein kleines, aber zierliches und niedlich eingerichtetes Haͤuschen. Die Ebne, in der es lag, umkraͤnzte auf allen Seiten ein praͤchtiges Seholz; und beſſen Saum umſchlang ein ſchiſſbarer Strom. Dieſe roman⸗ tiſche Gegend entzuͤckte mich. Die anziehende Unterhaltung meines Pheims, eine Piketparthie, eine kurze Lektuͤre in einigen gewaͤhlten Buͤchern, und ſo flog der Abend angenehm dahin. Am Ende veſſelben erſtaunte ich, Agathens Geſchwaͤz nicht vermißt zu haben. Ich legte mich nieder, ohne eben an die, auf der Terraſſe zugebrachten Naͤchte zu denken; ja, ich bekenne es, ſelbſt ohne nach der Leyer zu ſehen. Dieſe fantaſtiſche, nahrungsloſe Leidenſchaft, war allmaͤhlig erkaltet; bisweilen erlaubte ich mir ſogar zu denken: jenes naͤchtliche Abentheuer zu Neavel, koͤnne doch einen ſehr natürlichen, ſeiner Zeit ſich erklaͤrenden Grund haben. Mein Dheim war an ſich ſo ſchwerglaͤubig, daß ich es nicht gewagt haͤtte, mit ihm von meiner Sylphide zu ſprechen. Sie erſchien nicht. Rir⸗ gend ein Zeichen ihres Daſeyns! Ich ſelbſt, beſchaͤmt meine Imaginazion dieſer Chimäre hin⸗ gegeben zu haben, muͤhte mich, ſie aus meinem Andenken zu verbannen. 17 — 3535— 17. Am andern Morgen zogen wir mit Tages⸗ Anbruch aus; mit unſern Hunden, unſeru Flin⸗ ten, und ich den Korb mit etwas kaltem Bra⸗ ten und einigen Bouteillen Burgunder auf dem Ruͤcken. Unſre Jagd war gluͤcklich, und als wir ſpeiſen wollten, fuͤhrte mich mein Dheim in die anmuthigſte Gegend; auf eine Wieſe, am ſanften Abhange des Fluſſes, umgeben von al⸗ ten, dem uͤppigen Wuchs der Natur uͤberlaſſenen Baͤumen. Der dichte Wald gewaͤhrte herrlichen Schatten, und das gegenſeitige Ufer des Fluſ⸗ ſes zeigte eine reiche, fruchtbare, von Doͤrfern beſaͤete Landſchaft. Wir blieben mehrere Tage in unfrer angeneh⸗ men Einſamkeit. Aber ein eigner Bothe benachrich⸗ tigte meinen Oheim von der Ankunft des Gou⸗ verneurs der Provinz auf unſerm Schloſſe, und daß er ihn uͤber wichtige Angelegenheiten ſpre⸗ chen wolle. Ich eilte dieſen Bothen, einen Die⸗ ner meines Oheims, zu befragen, ob Demoiſell Agathe Delmont noch dort ſey? Ich erfuhr, ſie ſey Tags vorher von ihrem Vater abgeholt worden, und ſehr vergnuͤgt wieder in eine kleine Provinzſtadt abgereißt, den Wohnort ihrer Ael⸗ tern. 62 Nun Nun hatte ich keine Luſt mehr, meinen Dheim zu begleiten, und leicht bewilligte er mir die Erlaubniß, auf der Einſiedeley zu bleiben, indeß er ſeinen Beſuch empfieng. Meine Ab⸗ ſicht war, meine Zeit zwiſchen der Jagd, dem Spaziergang und den Buͤchern zu theilen. Waͤhrend ich Agathen den Hof machte, hatte ich alle meine Studien gaͤnzlich vernachlaͤſſigt; ich wollte ſie wieder fortſetzen. Ingeheim verdroß mich vielleicht auch ihre Abreiſe, und daß ich die Stimmung dieſes jun⸗ gen, huͤbſchen Maͤdchens nicht beſſer zu Beendi⸗ gung meines kleinen Romans benuzt hatte. Ich wollte dieſe Idee zerſtreuen, die meine Vernunft verdammte; am naͤchſten Morgen, da ich allein war, wollt' ich nach einer ſehr gluͤck⸗ lichen Jagd, das Lieblings⸗Plaͤtzchen meines Dheims beſuchen, um auszuruhen und meine Proviſion zu verzehren. Ueber Wurzeln und durch Dornen, drang ich auf einem unbeſuchten Fuß⸗ ſteige zu dieſen bezaubernden Ort; beym Aus⸗ tritt aus dem Gehoͤlze hoͤrte ich mit Erſtaunen eine ſanfte melodiſche Stimme; es war ein jun⸗ ges weibliches Weſen, deren Geſicht ich nicht ſehen konnte und die am Fuße eines Baumes ſaß. Sie ſang ein altes, unter dein Burgun⸗ diſchen Landleuten ziemlich gewoͤhnliches Lied; das — v—„* — 57— das ich oft als Kind gehoͤrt hatte. Aber der Geſchmack ihres Vortrags, die Harmonie ihres Organs entzuͤckten mich. Mein Geraͤuſch im Nahen zwang die Unbe⸗ kannte ſich zu wenden, und unbeweglich blieb ich einige Zeit beym Anblick ſo vieler Anmuth, ſo vieler Reize. Das junge Maͤdchen war ein⸗ fach gekleidet, wie die Burgundiſchen Baͤuerinnen. Indeß die Zierlichkeit und Reinlichkeit ihres An⸗ zugs, ihre ſchoͤne weiße Wäſche, ihr Anſtand, flößten mir Ehrfurcht ein, und ließen ahnen, ſie ſey nicht, was ſie zu ſeyn ſcheine. Sie ſtand bey meiner Erſcheinung auf, und ihre Figur, die Agathens Geſtalt durchaus nicht glich, entzuͤckte mich weit mehr; oder machte vielmehr einen ganz andern, mit Ehr⸗ furcht vermiſchten, exaltirten Eindruck auf mich. In ihrer Haltung, ihrem Blick lag etwas un⸗ beſchreiblich Hinreißendes, Himmliſches. Ihre ſchoͤnen Himmelblauen Augen ſtrahlten Geiſt und Sittigkeit.— Sie war zugleich edel und anmuthvoll. Agathe, die mir ſo artig, ſo ver⸗ fuͤhreriſch erſchien, haͤtte, ſo dacht' ich nun, die Vergleichung nicht aushalten koͤnnen, mit dem Weſen, das ich mit Bewunderung und tiefer Bewegung anſtaunte.— Ver⸗ 5 Verzeihung, daß ich Sie unterbreche!— So begann ich im Nahen. Sie verbeugte ſich ſchweigend und erroͤthend, und ſezte eine Arbeit fort, die ſie am Fuße des Baums zuruͤckgelaßen hatte; es waren Spizen auf einem kleinen Kuͤßen gewirkt. Ich wollte ein Geſpraͤch mit ihr beginnen; ich bezeugte ihr mein Erſtaunen, eine ſo ſchoͤne Perſon allein an einem ſo einſamen Drte zu finden; und bat ſie um Nachricht: Woher ſie kaͤme?„Ich bin, erwiederte ſie, die Tochter „eines alten Pachters von Lizai, einem Dorfe „jenſeits des Flußes. Ich liebe dieſe Stelle, „und kam ſchon oͤfters hieher mit meiner Arbeit. „Meine Bruͤder hatten in dieſer Gegend zu thun; „Sie haben mich in ihrem Nachen hieher ge⸗ „bracht, und ich erwarte ſie.“ Ich verlangte ihren Nahmen. Sie ſagte mir, ſie heiße Alix Roußeau und ließ das Geſpraͤch abermals fallen. Unerklaͤrbar war mir meine unwillkuͤhrliche Ehrfurcht und Ver⸗ legenheit; ſie hinderte mich, mit ihr, wie mit einer andern huͤbſchen Baͤuerinn zu ſprechen. Indeß bezeichnete ich ihr mein Erſtaunen, daß ſie mit ſo vielen Reizen ſich zu einer muͤhvollen, und abgeſchiedenen Lebensweiſe verurtheile. Sie unterbrach mich:„Das Gluͤck eines geliebten Va⸗ „Vaters und meiner Bruͤder, reicht zu dem mei⸗ „nigen hin.“ Mit Feuer druͤckte ich ihr meine Achtung vor ſo vielen Reizen und Tugenden aus. Ich be⸗ theuerte ihr, und es war Wahrheit, noch kein weibliches Weſen habe dieſen Eindruck auf mich gemacht. Und Ihre Seele— ſezte ich mit Waͤrme hinzu— ſcheint mir eben ſo edel! Schöne Alix, iſts moͤglich! das Geſchick hat Sie in eine ſo niedre Lage verſezt?— So ſprach ich— trat naͤher, und wollte ihre Hand ergrei⸗ fen, die ſie zuruͤck zog. Reizende Alir! laßen Sie mir die Hoffnung des Wiederſehens; die Hoffnung vrelleicht Ihre Lage zu aͤndern, und Sie in eine unabhaͤngigere, Ihrer Vorzuͤge wuͤr⸗ digere Lage zu verſezen.— Hier hielt ich in⸗ nen; beſchaͤmt, daß ich beym erſten Sehen mich ſo weit gewagt hatte; eh' ſie ſogar noch wußte, wer ich ſey. Mein Zuſtand war unbeſchreibbar; mein Herz, wie von einer unwiderſtehlichen, mir unbegretflichen Macht ergriffen, und wei⸗ ter forigerißen, als ich wollte. Schon konnte ich den Gedanken nicht ertragen, dieſes bezau⸗ bernde Weſen nicht wieder ſehen zu ſollen. Sie antwortete mir ſanft, aber zart und mit Wuͤrde; ſie dankte mir fuͤr alles, was ich ihr ſchmeichelhaftes ſagte; verſicherte mich, ſie ſey ſey mit ihrer Lage zufrieden, und wuͤnſche keine Aenderung. Mit einfacher Beredſamkeit ſchil⸗ derte ſie mir das ruhige Gluͤck, das ſie ge⸗ nieße; die Liebe zu ihrem Vater und ſeinen Schmerz, wenn ſie ihn verlaſſen, oder ſeiner Zaͤrtlichkeit ſich unwuͤrdig machen ſollte.„Ich „will glauben, Herr Graf,“ ſetzte ſie mit ſitti⸗ ger Wuͤrde hinzu,„daß Sie Ihre Antraͤge nicht „uͤberlegt haben; nicht die Abſicht hatten, ein „armes, junges, unbekanntes Maͤdchen zu be⸗ „leidigen; aber warum mir dieſe Antraͤge, die „ſo leicht meine Vernunft verirren, und mich „ſehr ungluͤcklich machen wuͤrden? Warum ſa⸗ „gen Sie mir, die Sie zum erſtenmahl ſehen: „was ſie vorige Woche der Demoiſell Agathe „Delmont ſagten? Herr Graf! waͤren Sie „wohl einer jener Maͤnner, bie, wie man ſagt, % mit dem Gluͤcke der armen Maͤdchen ſpielen, „„die ſchwach genug ſind, Ihnen zu glauben? „dann taͤuſcht ihre Phyſiognomie, und Sie waͤ⸗ „ren das gefährlichſte Weſen.“ Ihre ſchoͤnen Augen waren naß; ihre Stim⸗ me zitterte; ſie ſchwieg. Auch ich ſchwieg; al⸗ les was ich hoͤrte, ſezte mich in Erſtaunen. Alix Rouſſeau, Tochter eines Pachters von Lizai, deren Nahmen ich zum erſtenmahl hoͤrte, die ich zum erſtenmahl ſah; Alir kannte mich, ſie wußte meine meine Gedanken, meine Beziehungen mit Aga⸗ then! Wer war denn alſo dieſes unbegreifliche We⸗ ſen, die ſo kraͤftig und gefuͤhlvoll die erhabene Sprache der Tugend ſprach? Ich weiß nicht, welche ſonderbaren Ideen in meinem Kopfe ſich durchkreuzten; aber ich blieb reglos vor ihr; furchtete, irgend eine Be⸗ wegung zu machen, irgend ein Wort auszuſpre⸗ chen, das ſie erzuͤrnen und entfernen mochte. Mein Auge blieb auf ſie geheftet, und ſie er⸗ rieth wohl die Regungen meines Gemuͤths. „Habe ich Sie beleidigt, Herr Graf?“ ſprach ſie, und reichte mir ihre ſchoͤne Hand.„War⸗ „um ſchweigen Sie?“ Der Ton, mit dem ſie dieſe Worte aus⸗ ſprach, war ſo mild, ſo freundlich, und brang mir tief ins Herz! Ich ergriff ihre Hand; ich wagt' es nicht, ſie zu meinem Mund zu fuͤhren; aber ich druͤckte ſie an mein Herz, deſſen Pochen ſie hoͤren mußte. Sie— gwiederte ich zitternd,— Sie, die ich nicht zu nennen weiß; Sie, die ich gleich einer Gottheit verehre und anbete, ſagen Sie mir: Wer ſind Sie? Sie, die in meinem Herzen leſen; wiſſen, was es glauben, was es hof⸗ hoffen darf!— Iſt es Irrthum; ſo bin ich ſehr ungluͤcklich. „Ich begreife Sie nicht;“ verſezte ſie laͤ⸗ chelnd;„ich habe Ihnen geſazt, ich ſey ein „armes, einfaches Maͤdchen, die gerne Ihre „Freundinn ſeyn moͤchte, und es Ihnen be⸗ „weißt, indem ſie Wahrbeit ſagt. Einſt wer⸗ „den Sie vielleicht erfähren, wie ich uͤber Ihre „Angelegenheiten unterrichtet worden bin. Mein „Schickſal kann mich Ihnen wieder nähern; „aber ſehe ich Sie nicht mehr, ſo bitte ich den „Himmel, Sie zu ſeegnen, und zu beſchuͤzen. „Die arme Alix wird Ihnen immer für Ihre „Aufmerkſamkeit Dank wiſſen, und ſich deren „ſtets mit Liebe erinnern.“ 18. Im naͤmlichen Augenblicke ſah ich einen Na⸗ chen dem Ufer nahen, den drey Juͤnglinge re⸗ gierten. Alix verließ mich ſogleich, machte mir mit der Hand noch ein Abſchiedszeichen, und die Ruderer entfernten ſich ſchnell mit ihr. Ich blieb unbeweglich. Einen Augenblick ſpäter kraͤnkte mich's, daß ich ſie ruhig abreiſen ließ. Ich ſtieg ans Ufer hinab, lief demſelben ent⸗ lang, und erblickte endlich den Nachen, den eine Kruͤmmung des Fluſſes meinem Anblicke entzogen hatte. Ich ſah Alix am andern Ufer ausſteigen und in ein gerade uͤber liegendes Ge⸗ hoͤlz gehen. Ich verfolgte das Ufer ſo lang ich konnte; ich hoffte eine Bruͤcke, einen Kahn, oder eine Furth zu finden; mindſtens Jemand zu tref⸗ fen, der mir die Lage des Dorfs Lizai bezeich⸗ nen koͤnnte; alle meine Forſchungen waren frucht⸗ los. Hoͤchſt ermůdet kam ich zuruͤck, voll Ver⸗ druß, weder von Lizai, noch von Alix Rouſ⸗ ſe au etwas gehoͤrt zu haben. Troz der Muͤde meines Korpers und Geiſts, konnt' ich weder ruhen, noch eſſen, ehe ich die alte Schloßwaͤr⸗ terinn uͤber das Dorf Lizai befragt hatte. Doch ihr Stumpfſinn entzog mir bald alle Hoffnung einer Entdeckung. Sie hatte nie von einem ſolchen Orte reden hoͤren; wahr iſt's, ſie kannte das andre Ufer des Fluſſes wenig. Burgund iſt eine große Pro⸗ vinz; vielleicht gab es ein Dorf dieſes Namens, vielleicht auch nicht.— Endlich erfuhr ich nur, wo ich eine Bruͤcke finden konne. Das jenſei⸗ tige Ufer war fuͤr mich das Paradies; und ich erwartete den kommenden Tag mit marternder Unruhe. Ich gieng ſehr fruͤh aus und uͤber den Fluß. Ich ſuche, ich frage;— Rennen, Fragen, For⸗ ſchen, alles verſucht' ich; alles vergebens!— Man Man wußte nichts von einem Dorfe Lizai; nichts von einer Alix Rouſſeau; Niemand kannte etwas aͤhnliches. Ich war dem Wahn⸗ ſinne nah. War es ein Fantom, das ich ge⸗ ſehen hatte? War es vielleicht meine Sylphide? Bald begann ich wieder daran zu glauben. Die Geſtalt der ſchoͤnen Altx hatte nichts Baͤuri⸗ ſches, ja ſelbſt nichts Irdiſches. Ich gab mich dieſer ſchoͤnen Taͤuſchung hin.— 19. Die Ruͤckkunft meines Dheims endete meine Wanderungen; ich verlohr alle Hoffnung, dieſes Geheimniß zu enthuͤllen. Aber die himmliſche Geſtalt, die ich erblickt hatte, war tief, unaus⸗ loſchlich, in mein Herz gegraben. Mein Pheim ſprach von Agathens Abreiſe, von ihrer nahen Vermaͤhlung. Kaum hoͤrte ich ihm zu. Dieſe Lebensepiſode war gaͤnzlich verloͤſcht; und bewieß mir, daß es Liebſchaften giebt, die nicht ins Innre dringen. Ich reißte mit meinem Oheim nach Paris. Seine Unkerhaltung, fuͤr mich ehemals ſo anzie⸗ hend, begann ein ſo eingenommenes Gemuͤth, als das meine, zu ermuͤden. Indeß, ſeine Guͤte fuͤr mich, entriß mich gewaltſam meiner Zerſtreu⸗ ung und meinen Traͤumen.— Er beſtimmte mir . d ⸗ e ⸗ e B S S=* mir anſehnliche Unterhaltungsgelder; er ver⸗ langte auch, daß ich mich in jedem Geldbeduͤrfen an ihn wenden moͤchte. Er gab mir ein Zim⸗ mer in ſeinem Hauße, das ich als das meinige betrachten ſollte. Das Hotel, das mein Pheim zu Paris bewohnte, und in das er mich ein⸗ fuͤhrte, hieß das Hotel von Zelve, und ge⸗ hoͤrte ſeiner Dochter; aber ſie hatte ihn gebeten, das Hauß nicht zu verlaßen, und er bewohnte es ſeit ihrer Vermaͤhlung. Die Lieblings⸗Idee meines Pheims war, ſeine ganze Familie um ſich zu ſammlen. Und dazu war dieſes weitlaͤuftige Hauß ſehr ge⸗ ſchickt. Das Hauptgebaͤude bewohnte er ſelbſt; und mit ihm, ſollten es meine Aeltern bewohnen, die er bald zuruͤck erwartete. Eine Reihe praͤch⸗ tiger Zimmer, die einen Fluͤgel in den Garten hinein bildeten, war fuͤr meine Fouſine, und ih⸗ ren kuͤnftigen Gatten, den Herzog von Vimti⸗ mille, beſtimmt. Mir gab mein Dheim die Zimmer im zweyten Stock des andern Fluͤgels. Die unteren Zimmer waren verſchloßen, und unbewohnt geblieben, ſeit dem Tode ſeiner in⸗ tereßanten, von ihm ſo beweinten, Gattin. Pft ſagte er mir, daß, wenn ich mich mit einer der Familie wuͤrdigen Perſon vermaͤhlen wuͤrde, ſo ſollten dieſe Zimmer ihre Wohnung werden. Aber Aber— ſetzte er hinzu— deine Gattin muͤßte ſehr liebenswuͤrdig ſeyn, um mich zu beſtimmen, ſie in Zimmern zu beſuchen, die mich an ſo manches aus der Vergangenheit erinnern. 20. Mein Dheim hatte mir durch die Aufnah⸗ me bey ihm eine große Wohlthat erzeigt, und zu all' dieſen Beweißen ſeiner Guͤte, fuͤgte er noch die zarteſten und wohlwollendeſten Rath⸗ ſchlaͤge hinzu:„Karl, ſprach er, Du trittſt in „eine fuͤr Dich neue, gefaͤhrliche Welt. Wohl „erinnere ich mich der Zeit deines Alters; ich „verſpreche Dir Nachſicht fuͤr alle jugendliche „Thorheiten, zu denen Mangel an Erfahrung und „uͤbles Beyſpiel ſo leicht hinziehen; aber ich fo⸗ „dere auch, daß Deine Rechtlichkeit, Deine „Ehre, unverlezt bleibe. Vorzuͤglich laß nie „mich— oder irgend Jemand an der Güte „Deines Herzens zweifeln.“ Ich umarmte meinen Pheim, ich verſprach ihn zum Muſter und Leiter zu nehmen, und dann beſchwor ich ihn, mich ſogleich in das Kloſter meiner Kouſine zu fuͤhren. Er bewil⸗ ligte es. Sie war nur Koſtgaͤngerinn; hatte alſo eine Wohnung außer der Klauſur. Wir wurden eingefuͤhrt. Sie kam uns mit Zeichen der der Freude entgegen, umarmte ihren Vater, reichte mir die Hand, nannte mich ihren lieben Vetter, verſicherte, daß ſie mich ſehr gut wie⸗ der kenne, und daß ich, den Wuchs ausgenom⸗ men, noch immer der kleine Karl ſey. Dies war nicht bey mir der Fall; ich erkannte kaum die kleine Adelheid wieder. Sie war fehr groß, ſtark, hatte regelmaͤßige Zuge, und eine ſanfte, angenehme Geſichtsbildung. Aber in dieſor, et⸗ was koloſſalen Geſtalt, weckte nichts die Erin⸗ nerung an das mit mir erzogene leichte, beweg⸗ liche Kind, Gefaͤhrtinn aller meiner Spiele und Wanderungen, in denen ſie oft mich zuruͤckließ. Sie war noch in großer Trauer, und ſprach von ihrem verſtorbenen Gemahl, den Prinzen von Zelve, mit Empfindung und Dankbarkeit. Er hatte ihr ſein ganzes unermeßliches Vermo⸗ gen hinterlaſſen. Sie ſprach auch vom Herzog von Vintinille, lobte ihn, und wuͤnſchte mir ihn vorzuſtellen. Fuͤr Sie, Karl, ſagte ſie, darf dieſe kuͤnftige Verbindung kein Geheimniß ſeyn, obgleich nur mein Vater davon weiß.— In dieſem Augenblicke hoͤrten wir einen Wagen in den Hof rollen. Man kuͤndeie den Herzog an, und er erſchien. Er kuͤßte Abelheids Hand zaͤrtlich, gruͤßte meinen Dheim ehrerbiethig, und bat mich hoͤf⸗ lich lich um meine Freundſchaft. Er war wohlge⸗ ſtaltet; beſaß viel feinen Weltton, und ich er⸗ klaͤrte mir Adelheids Neigung.— Er kaͤme— ſo erzaͤhlte er uns traurend— um einige Mo⸗ nate von ſeiner Freundinn Abſchied zu nehmen; Monate die ſich fuͤr ihn zum Johrhundert aus⸗ dehnen wuͤrden. Der Foͤnig uͤbertrug ihm ein Geſchaͤft in Italien; doch er hofſte, der Augen⸗ blick ſeiner Ruͤckkunft werde auch der ſeines Gluͤcks ſeyn. Mein Pheim erinnerte ihn, Adelheit wollte ſich erſt nach drey Jahren ver⸗ maͤhlen, und kaum ſey das erſte ihres Wittwen⸗ ſtandes verfloſſen. Ich verband meine Bitte mit der ſeinen, dieſe Friſt abzukuͤrzen. Sie wei⸗ gerte ſich, doch nur ſchwach, und wir uͤberlie⸗ ßen ihm, ſeine Sache zu verfechten⸗ 21. Im Wagen ſagte ich meinem Pheim, wie liebenswuͤrdig ich den Herzog finde. Gut, er⸗ wiederte er; doch kann ich ihm nicht verzeihen, daß er die Plane meines kuͤnftigen Gluͤcks zer⸗ ſtohrte. Ich bin untroͤſtlich, daß Du nicht mein Sohn wirſt. Seine Guͤte ruͤhrte mich; aber im Grund dachte und empfand ich ganz anders, als er; und wußte dem Herzog von Vintimille Dank, mir durch ſeine Verbindung mit meiner Kou⸗ ite ei⸗ lie⸗ vie en el⸗ ein als ille Kouſine die traurige Nolhwendigkeit erſpart zu hoben, entweder ſie zu heurathen, oder meinem DOheim zu misfallen. Reizend war Adelheit in mancher Ruͤcſicht allerdings, aber dieſe Reize hatten fuͤr mich nichts anziehendes; ſie war weit entfernt, dem Ideal einer Sylphide zu entſpre⸗ chen, oder der ſchlanken lieblichen Alir zu gleichen. Der empfangene tiefe Eindruck erkaͤl⸗ tete mich; ich blieb gleichguͤltig. Indeß ſollte ich bald taͤglich die bezauberndſten und hinreiſ⸗ ſendeſten Weiber ſehen. Mein Dheim ſiellte mich allen ſeinen Bekannten vor; ich wurde in die glaͤnzendſten Cirkel aufgenommen. Zunaͤchſt verſchaffte er mir die Bekanntſchaft des Grafen von Valmont, und des Marquis d'Orſigni, zwey ſeiner vertrauteſten Freunde, zwar juͤnger als er, doch mir deſto angenehmer. Valmont war ein Mann vom Mittelalter; er wußte die Thaͤtigkeit des braven Pffiziers mit den friebli⸗ chen Geſchaͤften des Gelehrten zu verbinden. D'Orſigni, viel zunger, zeichnete ſich durch ſanfte Sitten und ſittlich rechtliches Betragen aus. Doch ihr gediegenes Verdienſt wurde bey mir bald durch die glaͤnzenden Eigenſchaften und Annehmlichkeiten des Chevalier Milfort ver⸗ dunkelt, des Manns nach der Mode, in allen Geſellſchaften von gutem Tone. Er hatte eine D an⸗ angenehme Haltung, kleidete ſich einfach, aber mit Geſchmack. Sein Aeußeres und ſein Be⸗ nehmen, zogen alle Blicke auf ihn, und ſchie⸗ nen ihm die Achtung aller ſeiner Umgebungen zuzuziehen; denn er ſprach immer in Epi⸗ grammen. Seine Miene war immer hoͤhnend, und ſpottend, und er ermangelte nicht, alle Per⸗ ſonen laͤcherlich zu machen, die das Ungluͤck hat⸗ ten, ihm zu mißfallen. Die Geliebte des Au⸗ genblicks wurde auch von da an die herrſchende Schoͤnheit, und indeß war in ſeiner Verehrung immer ein gewißer ſpottender Scherz. Der Ge⸗ genſtand derſelben erhielt vielleicht uͤber ihn kei⸗ nen vollſtaͤndigen Sieg; aber diejenige, welche er ſtets gleichguͤltig behandelte, konnte ſich von einer ſolchen Schmach nie erheben. Stets hatte er die Launen der Koketterie beſiegt; er war geſucht, gefuͤrchtet, bewundert wegen der Herr⸗ ſchaft uͤber die Moden und Meinungen der jun⸗ gen Leute, die ihm nachaͤfften. Er beſaß wirk⸗ liche Talente und Kenntniſſe, die ihm, ſelbſt bey den Ernſteſten, Achtung errangen, und man glaubte, ihn zu großen Stellen beſtimmt. Er hatte ſich im Heere ausgezeichnet; er ſchrieb mit Leichtigkeit, und in einem originellen Stile. Er ſpielte hoch; bald war er ſehr gluͤck⸗ lich geweſen, bald harte er ungeheure Summen ver⸗ ie⸗ kei⸗ 0n — 51— verlohren; aber er hatte ſich aus dieſem Gluͤcks⸗ wechſel mit der liebenswuͤrdigen Gleichguͤltigkeit eines ſchonen Spielers gezogen. Endlich, ſo war er auch wegen drey bis vier Liebesaben⸗ theuern mit Damen vom erſten Range beruͤhmt. Dieß war der Phönix, der mich erſtaunte und entzuͤckte. Ich wurde noch mehr bezaubert, als er mich auszuzeichnen ſchien; er behandelte mich mit ſeltner Vorliebe, und ich wuͤnſchte mir zu ſeinen freundlichen Geſinnungen Gluͤck. Seine boshaften Satyren zeigten mir die Gefahr, ſein Feind zu ſeyn, und gewoͤhnten mich, ihn zu fuͤrchten, und ſeine Ueberlegenheit anzuerkennen. Milforts Protekzion, ein einnehmendes Vetragen, ein angenehmes Aeußere, gewaͤhrten mir in unſern Cirkeln den naͤchſten Plaz nach ihm. Nur Eins war meinen Fortſchritten in der Modelaufbahn nachtheilig. Ich hatte kein Liebesahentheuer, und Milfort wiederholte mir immer, ich hätte deren ſchon ein Duzend haben ſollen. Aber mein Kopf war noch voll von Alir und Alize; die reizende Baͤuerinn hatte meine Schwaͤrmereyen von der Sylphide wieder aufgeregt. Unwillkuͤhrlich verknuͤpften ſich jene beyde Erſcheinungen; ſie floſſen fuͤr mich in Eins zuſammen; ſelbſt die Aehnlichkeit ihrer Nahmen trug dazu bey. Der Medaillon, D 2 in in dem ich ein A. von Haaren gebildet ſah, die an Farbe den Haaren der ſchoͤnen Alix zu glei⸗ chen ſchienen, verließ mich nie, und mein, von dieſen doppelten Gefuͤhlen bewegtes Herz, blieb kalt gegen alle Weiber. Der Chevalier Milfort machte mir dar⸗ uͤber unaufhoͤrlich Vorwuͤrfe; ich wich, ſo gut ich konnte, ſeinen Fragen und Vermuthungen aus; ich fuͤrchtete den beißenden Spott, wenn er mich haͤtte argwohnen koͤnnen, ſo romantiſch zu ſeyn— dies war ſein Lieblingsausdruck— eine ſinnloſe Taͤuſchung uͤber ein idealiſches We⸗ ſen zu naͤhren, und eine geheime Leidenſchaft fuͤr ein andres, vielleicht eben ſo fantaſtiſches Weſen, das nur auf einen Augenblick mir er⸗ ſchienen war, alle Gefuͤhle meines Herzens ver⸗ ſchlang und mich raſtlos verfolgte. Ich kaͤmpfte ſtets mit dieſer Thorheit, denn ſo nannte ich ſelbſt meine Empfindung fuͤr zwey unbekannte Weſen, die ich wohl nie wieder ſehen wuͤrde. Hie und da miſchte ſich auch Ruͤckerinnerung an die verfuͤhreriſche Agathe mit ein. 21. Ich wollte gewaltſam mich zerſtreuen; ich verſuchte es, mich in das Geraͤuſch der Welt zu ſtuͤrzen; dieß gelang mir halb, aber es war auch gefaͤhrlich. Ich hatte Neigung zum Spiel. Ein bie lei⸗ on ieh Ein ſolcher Hang muß nothwendig zur Leiden⸗ ſchat werden, wenn mau, wie ich, ſo oft un⸗ widerſtehlichen Verſuchungen ausgeſezt iſt. Ich hatte mit einem bedeutenden Verluſte begonnen. Mein Pheim erfuhr es, und zahlte großmuͤthig meine Schuld. Aber damals drang mich die Unruhe meines Gemuͤths mehr als je, Zer⸗ ſtreuung zu ſuchen, und von neuem fluͤchtete ich zu dieſem gefaͤhrlichen Zeitvertreib. Ich hoſſte dieſes ſo ſchickliche und moderne Benehmen: ſeine Zeit damit zu toͤdten, daß man ſich, oder andere zu Grunde richtet, wuͤrde bey Milfort meine Gleichguͤltigkeit entſchuldigen. Denn das Spiel, vielleicht zu oft die einzige Leidenſchaft des Alters, ringt bey der Jugend oft mit der Liebe um den Vorrang. Aber Milfort ließ ſich nicht taͤuſchen. Taͤg⸗ lich wiederholte er mir: in meinem Alter und bey meiner Bildung, koͤnne ich mich nicht aufs Spiel beſchraͤnken. Er drang aufs heftig⸗ ſte in mich, ihm meine geheime Leidenſchaft und den Namen meiner Geliebten zu entdecken. Er nannte mich den Seladon des Jahrhunderts, und uͤberließ ſich der glaͤnzenden Laune ſeiner Imaginazion, um zehntauſend Portraits der Ita⸗ lieniſchen Herzoginnen, oder Rußiſchen Prin⸗ zeſſinnen, zu entwerfen, wovon eine, nach ſei⸗ ner . —— ner Einbildung, mich auf meinen Reiſen gefeſ⸗ ſelt habe, und meine wundervolle, ruͤhrende Dreue bewahre. Endlich riß mich ſeine Verfolgung hin; viel⸗ leicht hatte auch die Zerſtreuung der großen Welt ſchon gewirkt. Er hatte mich zu Soupers und Luſtparthieen bey den Schauſpielerinnen, Taͤnzerinnen und be⸗ ruͤhmteſten Bajaderen gefuͤhrt. Bald zeichnete ich Eleonoren aus. Nie wurde Lais mehr wegen der vollendeſten Einigung aller Reize und Anmuth bewundert. Sie verband damit tauſend kleine Talente; ihr Geiſt war gebildet, und heitre Laune erhob ihn noch mehr. Schriftſtel⸗ ler, Gelehrte ſuchten ihre Geſellſchaft, und war⸗ ben um ihre Gunſt. Ich wagke es nicht, einem ſo verfuͤhreriſchen Weſen zu widerſtehen. Auch ſie ſchien mich aus⸗ zuzeichnen. Es ſchmeichelte meiner Eitelkeit, ſie dem Hof, der ſie umgab, ihren Anbetern jedes Alters und Standes, Miniſtern, Prinzen, Stu⸗ zern, Finanzmaͤnnern zu entreißen, und mit ju⸗ gendlicher Unbeſonnenheit erklaͤrte ich ſie oͤſſent⸗ lich fuͤr meine Geliebte. Anfangs dacht' ich, in⸗ dem ich meine Eitelkeit und meine Imaginazion befriedige, mein Herz gegen allen Eindruck be⸗ wahren zu koͤnnen; doch bald gewahrt' ich, daß die feſ⸗ ele iel⸗ Belt een he⸗ ſete ehr Und end und tel⸗ r⸗ die Verfuͤhrungskuͤnſte dieſes Maͤdchens, ohne wahre Liebe, hinreichten, mich zu feſſeln. Das Gluͤck ſchien mich auf allen Seiten zu Grund richten zu wollen. Ich hatte im Spiele viel verlohren; ich war Milfort noch dreytau⸗ ſend Louisv'or ſchuldig, der geringere Schulden fuͤr mich bezahlt hatte. In dieſer verzweifelten Lage, waren meine Angelegenheiten, als mich einſt mein Oheim bey Seite zog und mir ſagte: „Lieber Karl! Keine Vorwuͤrfe! Ich weiß, du „unterhaͤltſt ein Maͤdcchen; zwar hätte ich ge⸗ „wuͤnſcht, dich von dieſer Thorheit frey zu ſe⸗ „hen, aber ſie befremdet mich nicht. Ja, ich „bekeune dir, dieß iſt mir mindſtens angeneh⸗ „mer, als haͤtteſt du, dem Zeit⸗Geiſte gemaͤß, „die Gattin eines Freundes verfuͤhrt, oder die „Ruhe einer rechtlichen Familie geſtoͤhrt.— „Nur Eins fordre ich: Iſt dein Rauſch vor⸗ „uͤber, ſo verlaße Leonoren; bis dahin behandle „ſie großmüthig, aber huͤte dich vor Thorheiten, „denn die Lage meiner Umſtaͤnde iſt ſo, daß ich „dich unter einigen Monaten nicht unterſtuͤ⸗ „zen kann. Sey gefaͤllig, artig, gegen deine „Geltebte; aber moͤgen die Kuͤnſte eines Freu⸗ „den ⸗Maͤdchens nicht dein Herz unempfänglich „machen fuͤr die edle, reine kiebe fuͤr ein „achtungswerthes Weib!“ 22. Die ernſteſten Vorwuͤrfe haͤtten minder mich getroffen, als die ruͤhrende Guͤte meines Oheims. Es war mir unmoͤglich, ihm zu antworten. Aber ich verließ ihn bang und mit tiefem Dankge⸗ fuͤhle. Seine Lehren hatten mich mir ſelbſt wieder gegeben. Ich ſah die Gefahr der In⸗ triken, in die ich verwickelt worden war, und es empoͤrte mich, der Stlave dieſes Maͤdchens geworden zu ſeyn, indeß mein Herz einer an⸗ dern gehoͤrte. Doch nicht bey dieſen innern Vorwuͤrfen blieb ich ſteben; ich beſchloß, mich unmerklich von Leonoren zu entfernen. Ich wollte ſchonend ihr meinen neuen Plan mittheilen; feſt war mein Ent⸗ ſchluß. Ich gieng augenblicklich zu ihr. Ich fand ſie in Thraͤnen. Ich hoͤrte mit Betruͤbniß, daß ſie wegen einer Schuld, von 2000 Louisd'ors verhaftet werden ſollte, wenn ich nicht dieſe Summe bis zum andern Mergen verſchaffte. Sie bewieß mir deutlich, daß ſie nur mei⸗ nem Willen, oder doch meiner Erlaubniß ge⸗ maͤß, den Aufwand jener ſchuldigen Summen gemacht habe, an dem ich ſelbſt Theil genommen hatte. Ihre Thraͤnen ſezten mich in Verzweif⸗ lung; ihre Forbrung war gerecht. Ich beru⸗ higte ſie; ich klagte nur mich an, und verſicherte ſie, — ———— —* — 57— ſie, ich wuͤrde ebelmuͤthig gegen ſie handeln, wenn ſie ſchon ſelbſt fuͤhlen muͤße, unſre Ver⸗ bindung koͤnne laͤnger nicht dauern. Ich verließ ſie, ohne ihre Antwort zu erwarten. Meine einzige Hoffnung ruhte auf dem Chevalier Mil⸗ fort, der bisweilen reich war. Ich beruhigte mich durch die Idee, er wuͤrde mich umerſtuͤ⸗ zen, und dieſe Schuld zu den aͤltern fuͤgend, die Zahlung erwarten, wenn mein Pheim ſie leiſten koͤnne. Ich beſchloß, einige Monate be⸗ ſonnener zu leben, um auf ſolche Dpfer An⸗ ſpruch zu haben. Ich lief alſo getroſt zu dem Chevalier. Er ſtund ſogleich auf und umarmte mich.„Lieber Karl, „ſprach er, Sie kommen wie geruſſen, mit in⸗ „nigem Verlangen ſehnte ich mich nach Ihnen, „Ihre Gerechtigkeit, Ihre Freundſchaft nur kann „mich rerten. Ich bin zu Grund gerichtet; ich „verlohr in der lezten Nacht ungeheure Sum⸗ „men, und meine Gluͤcksumſtaͤnde ſind zerruͤttet; „kurz, ich muß den Dienſt und Frankreich ver⸗ „laſſen, wenn Sie mir nicht die 3000 ſchuldi⸗ „gen Louisd'ors bezahlen. Uberdieß, warum ſollte „jich nicht darauf dringen? Wir wißen, Sie „beſizen in Ihrem Oheim eine wahre Gold⸗ „mine.“ 8 0 Da ſtand ich, vernichtet! Doch mein na⸗ tͤrlicher Stolz gab mir den Muth, meine Be⸗ wegung zu verbergen; mit der Ruhe der Ver⸗ zweifllung verſicherte ich ihn, er werde in zwey Tagen ſein Geld erhalten Ich gieng— ohne zu wißen wohin? Mein Kopf gluͤhte; mein Blut war erſtarrt. Welchen Entſchluß ſollte ich faßen? Es war ſehr kalt; Es war Nachmittag, und noch irrte ich lange in den Straßen. Ich wagte nicht, nach Hauße zu gehen; ich ſpeißte bey einem erbaͤrmlichen Drakteur in einer entlegenen Gegend. Dann begann ich mein Umherſchweifen wieder, und endlich beſchloß ich, zu der Güte meines Oheims zu fluͤchten. Ich wußte es, der Augenblick war übel gewaͤhlt. Er ſelbſt hatte mir eroͤffnet, daß er jezt ohne Geld war. Ich wußte, er hatte in Burgund bedeutende Guͤter gekauft; er ließ ſogar dort bauen. Aber die Noth preßte mich unwiderſtehlich. Ich wollte ihn, wenn er mir das Geld verſchaffen koͤnnte, um Erlaubniß bit⸗ ten, Paris zu verlaſſen, bis ich kluͤger gewor⸗ den waͤre. Ich fand mich nach meinem Ent⸗ ſchluß ruhiger, und gieng nach Hauſe, um auf der Stelle mit dem Marſchall zu ſprechen. Doch der Sturm meiner Seele ſchien ſich zu legen, als ich horte, daß ein dringendes Geſchaͤft meinen Dheim Oheim nach Verſailles gerufen habe, und er heute nicht zuruͤckkommen wuͤrde. Ich ath⸗ mete freyer. Es war der Abend vor dem Tage, den ich Leonorens Glaͤubigern beſtimmt hatte. Ich hatte alſo noch einige Zeit, und ſtrebte ver⸗ gebens, mich durch die Erinnerung an den Edel⸗ muth meines Oheims zu beruhigen. 23. dein Undank, und Schaam uͤber meine Thor⸗ heiten zerſchmetterten mich. Ich ſchickte meinen Diener fort, und warf mich, mehr aus Unge⸗ duld, als in der Hoffnung, Schlaf zu finden, aufs Bett. Der Schlaf floh mich. Es war ſehr ſpaͤt. Mein Licht verloͤſchte. Die tiefe Finſterniß er⸗ hoͤhte noch meine ſchwarzen Vorſtellungen. Ich war wach und waͤlzte mich quaalvoll herum.— Plozlich ſchien mein Zimmer erleuchtet, wie am hellen Tage. Ich riß meine Vorhaͤnge auf und erblickte das blendende Licht einer Menge Wand⸗ leuchter, an Blumenketten hangend. Mitten in dieſer wundervollen Erſcheinung, zeiste ſich das ſchoͤnſte Weſen, das die Imaginazion zu ſchaf⸗ fen vermochte. Es war ein Weib, Alir Zug fuͤr Zug aͤhnlich. Ein Roſenkranz umſchlang ihr ſchoͤnes wallendes Haar, und ihr weißes Ge⸗ 5 6 — 60— Gewand umgab ein Guͤrtel von den naͤmlichen Blumen. Mit himmliſchem Laͤcheln ſprach ſie:„Karl, „ich bin Alize, Deine beſte Freundinn; ich „kenne Deinen Harm und komme ihn zu en⸗ „den.“— Sie warf eine ſchwere Boͤrſe auf den Boden.—„Hier,“ fuhr ſie fort,„ iſt, „was Du zu Zahlung Deiner Schulden be⸗ „darfſt. Zahle den Chevalier, erfuͤlle Deine „Verpflichtungen gegen Leonoren; aber zerreiße „Deine enge Verbindung mit beyden. Sie ſind „deſſen unwuͤrdig. Gieb Dich kuͤnftig edleren „Beſchaͤftigungen hin, und ſie werden Dir fuͤr „Dein ganzes Leben nuͤzlich ſeyn. Man wird „Dir eine Hofſtelle antragen; nimm ſie an. „Vergiß nicht, daß Du auf immer meine Freund⸗ „ſchaft verliehren und mich nie wieder ſehen „wirſt, wenn Du dieſes Geld nicht verwendeſt, „wie ich Dirs vorſchrieb.“ 24. Im naͤmlichen Augenblick verſchwand die Er⸗ ſcheinung, die Hangleuchter, die Blumenkraͤnze mit großem Geraͤuſch, und ich befand mich in der vorigen tiefen Nacht. Kaum wagt' ich zu glauben, was ich geſehen hatte; indeß war ich ſicher, nicht getraͤumt zu haben. Ich konnte an⸗ 6 anfangs meine Thuͤre nicht finden, und meinen Diener wecken, deſſen Zimmer an das meinige ſtieß. Ich huͤtete mich wohl, ihm meine Er⸗ ſcheinung zu entdecken; ich ſchaͤmte mich meiner Leichtglaͤubigkeit. Ich verlangte Licht und fragte ihn: ob er kein Geraͤuſch gehoͤrt habe?— Er verneinte es, und wirklich bezeichneten ſeine halb⸗ geſchloſſenen Augen, ſeine Schlaftrunkenheit, daß er erſt von mir erweckt worden war. Ich gieng in mein Zimmer zuruͤck, wollte noch immer an der Wirklichkeit dieſer Erſcheinung zweifeln, und ſchalt mich ſelbſt als Traͤumer; aber die Boͤrſe, die ich auf dem Boden fand, und die§000 Louisd'ors enthielt, war ein unwiderleglicher Beweis. Mein Zimmer ſchien mir durchaus in dem nämlichen Stand, als da ich mich nieder⸗ legte. Es war von den uͤbrigen geſondert, und hieng nur mit dem meines Dieners zuſammen. Ich unterſuchte alles; ich fand nichts, das eine Beffnung im Boden, oder die geringſte Ver⸗ ruͤckung an den Gemaͤhlden, an den Waͤnden verrafhen haͤtte. Wundervell und unbegreiflich war die Un⸗ wahrſcheinlichkeit dieſes Abentheuers, und doch die entſchiedene Wahrheit deſſelben. Ich konnte die ganze Nacht kaum ein Auge ſchließen, und am andern Morgen war ich gezwungen, an die Wirk⸗ — 62— Wirklichkeit zu glauben. Ich war mehr bewegt, als erſtaunt; zu lange hatte ich an die Moͤg⸗ lichkeit dieſer Erſcheinungen geglaubt, um an dieſer Wirklichkeit zu zweifeln, und ich hatte zu ſehr geſehnt, Alizen wieder zu ſehen, um uͤber ihr Erſcheinen zu erſchrecken. Hatte ſie Alir Geſtalt, als die mir gefaͤlligſte, angenom⸗ men? Dder, war es meine Sylphide, die mir in Neapel und am Ufer des Fluſſes erſchien? Mehrere Umſtaͤnde ſchienen dieſe Idee zu beſta⸗ tigen, andere, ſie zu entfernen. Ich hatte Alir Bruͤder geſehen, und den einfachen Nachen, in dem ſie davon fuhr.“ All' dieß ſchien mir ein unloͤßbares Raͤthſel; meine Verlegenheit, meine Unruhen nahmen zu. Innig geruͤhrt von der Guͤte meines Schuzen⸗ gels, gelobt' ich, ihm zu gehorchen. Doch hoſſ' ich, kuͤnftig werde irgend ein Zufall, oder eine zweyte Erſcheinung mir moͤglich machen, ihr meine Dankbarkeit zu beweißen. 25. Der Chevalier Milfert und Leonore ſchie⸗ nen ſehr erſtaunt, daß ich ſo ſchnell mir Geld verſchaft hatte. Ich gieng am andern Morgen ſogleich zu ihnen, und eilte, ſie vollſtaͤndig zu befriedigen. Milfort wagt' es nicht, meiner zu ſpot⸗ — — „*= ſpotten, als ich ihm durch Darſtellung meiner Lage den gebiethriſchen Drang bewieß, meine Lebensweiſe zu aͤndern. Doch rieth er mir, Leonoren nicht zu verlaſſen, und ſchloß damit: es ſey uͤbrigens in meiner jezigen Erkaltung nichts auffallendes. Er ſchlug mir verſchiedene Luſtparthieen vor; ich wich aus, und wir trenn⸗ ten uns ziemlich freundlich. Doch konnte Mil⸗ fort ſich der, von einem hoͤhniſchen Laͤcheln be⸗ gleiteten, Bemerkung nicht emhalten, daß ich, bey etwas mehr Weltkenntniß, mich von ſol⸗ chen kleinen und aͤrmlichen Verlegenheiten nicht ſo ſehr wuͤrde niederſchlagen laßen. Leonore weinte heftig, als ich ihr unſre Trennung verkuͤndete; doch als ſie die Unbeweg⸗ lichkeit meines Entſchlußes ſah, ergab ſie ſich ruhig, und dieß wußl' ich ihr Dank, welches auch immer ihr Beweggrund ſeyn mochte. Am naͤmlichem Tage lud ich Valmont und d'Orſigni zu Tiſch. Mein Oheim ſchien nach ſeiner Ruͤckkunft von Verſailles ſehr erfreut, mich in der Geſellſchaft dieſer achtungswerthen Maͤnner zu finden. Abends ſchlug er mir eine geheime Unterredung vor. Er ſagte mir: er wolle nie meine Neigungen zwingen; ich koͤnne aber etwas ihm ſehr angenehmes thun. Im Hauße eines Prinzen von Geblüt, ſey eine eh⸗ en ——— renvolle Stelle oſſen; der Koͤnig habe ſie ihm fuͤr mich angebothen, und er wuͤnſche, ich moͤchte ſie annehmen. Ich gab meinem Dheim den leb⸗ hafteſten Dank zu erkennen und erinnerte mich, was in meiner Erſcheinung geweißagt worden war. Der Marſchall fuhr alſo fort:„Du „weißt, lieber Neſfe, in Frankreich wird eine „Hofſtelle allgemein als angenehm fuͤr einen „jungen Mann betrachtet. Betrage dich mit „Wuͤrde, auf eine ehrenvolle, unabhaͤngige Weiſe. „Erwirb die Gunſt deines Fuͤrſten, durch puͤnkt⸗ „liche Erfuͤllung deiner Pflicht; aber bewirb dich „nicht knechtiſch darum. 4 Ich verſicherte meinem Oheim, er ſollte nie uͤber unſern Nahmen erroͤthen, und der Tag meiner Vorſtellung ward feſtgeſezt. Ich trat bald meine Stelle an. Waͤhrend einiger Zeit verfolgte mich die peinliche Erin⸗ nerung meines ſonderbaren Abentheuers. Doch die Beraͤnderung des Schauplatzes und mein be⸗ wegliches Leben, zwiſchen Paris und Verſailles getheilt, zerſtreuten und unterhielten mich. Pft dacht ich an meine aͤtheriſche Freundinn; doch hielt ich dieſe Idee nicht einzig feſt. Ich hatte das Gluͤck, meinem Fuͤrſten zu gefallen; von den jungen Leuten war ich allge⸗ mein geliebt, und ſelbſt die aͤlteren ſchaͤzten mich. Da ——„——————— Da fiel der Frau von Roſeville, einer der reizendſten und leichtſinnigſten Damen am Hofe, ein, mich an ihren Triumphwagen zu feſſeln⸗ Sie war Hofdame der Prinzeſſinn von—. Dienſt⸗ verhaͤltniſſe, und unſre burchaus gleiche Lage, gaben haͤufig Gelegenheit, uns zu ſehen. Ihre originelle Unbeſonnenheit gefiel mir. Ich be⸗ trachtete ſie als ein Kind, und dachte von wei⸗ tem nicht daran, mich in ſie zu verlieben. Doch, ſie wußte durch ihr Benehmen mir den Schein eines ihrer Sklaven zu geben. Ihr Reiz war un⸗ widerſtehlich. Sie war ſo ſchoͤn, ſo grillenhaft und zugleich ſo launig, daß man ihren Umgang ſuchen und ſeinen Einfluß empfinden mußte. Doch unter dieſem Schein von Leichtſinn und Unbeſonnenheit, verbarg ſie eine ernſtere Leidenſchaft, die bisweilen ſich ahnen ließ— den Hang zur Intrike und zur Politik. Sie walzte lieber tauſend Projekte in ihrem unruhi⸗ gen Köpfchen umher, als daß ſie die Huldigun⸗ gen ihres Verſtandes und Geiſtes beachtete. Sie wußte ein Geſchaͤft ſo leicht zu behandeln, war ſo uͤberredend, daß ihr meiſt ihre Unter⸗ nehmungen gelangen, und man, ohne es zu wiſſen, hingeriſſen wurde. Der Hof, und ſelbſt die Nazion, war in zwey Partheyen getheilt. Herr von—., ber E eine —— 3 eine bebeutende Staats⸗Finanzftelle bekleidete, hatte ſeinen Weg gemacht durch ſeinen unru⸗ higen, raͤnkvollen Geiſt, der alle Moralität ver⸗ achtete, den kein Hinderniß aufhielt. Seit ſei⸗ ner Erhebung gefiel er den Miniſtern durch die Kuͤhnheit ſeiner Entwürfe und ſeiner Thaͤ⸗ tigkeit. Aber der alte Adel, unter dem mein Vheim den erſten Rang behauptete, verabſcheute ihn. Dieſer fuͤrchtete die Plane des Herrn von —, und verachtete ſeinen Karakter; jener hatte alle junge Leute, die Projektenmacher, und uͤber⸗ haupt alle Gluͤcksritter, fuͤr ſich. Er war ſo⸗ gar der Liebling mehrerer Damen am Hofe und in Paris, und Fr. v. Roſeville war an der Spize ſeiner Parthey. Fuͤr dieſe wollte ſie mich gewinnen, und dadurch auch meinen Pheim mit dahin ziehen, deſſen große Zaͤrtlichkeit fuͤr mich bekannt war; oder doch wenigſtens ihn quaͤ⸗ len. Sie wußte, ich bekenn' es, mich durch ihr kindliches Weſen ſo gut zu taͤuſchen, daß ich lange uͤber ihre Projekte blind war. Ich traute ihr keine tieferen Abſichten zu, als, ſich zu be⸗ luſtigen, und die Zeit zu tödten. Kurz, eh' ſie ihre politiſchen Angriſſe begann, bekannte ſie mir, daß ſie mich liebe, und ich hatte nicht Staͤrke des Geiſtes, nicht Lebensweisheit genug, ihren Reizen zu widerſtehen Wahr iſt's, mein Herz —— — —— le, u⸗ er⸗ ſei⸗ he⸗ ſe ht 9 in ri Herz gehörte immer einer andern; aber wer war der ſonderbare Gegenſtand meiner Liebe? Ein Fantom, ein fantaſtiſches Weſen, das mich gewiß beſchuzte; aber eine andere Welt zu be⸗ wohnen ſchien. Kurz, ich fand Gruͤnde fuͤr meine Untreue, und die Erfahrung beſtaͤtigte meine Beobachtung: daß die wahren Gefahren der Welt, nicht in der Gewalt großer Leiden⸗ ſchaften uͤber das menſchliche Gemuͤth beſtehen; ſondern in dieſem unvermeidbaren Einfluß kleiner Gegenſtaͤnde und einer raſtleſen Zerſtreuung, welche den Geiſt ſchwaͤcht, und das Gefuͤhl zer⸗ ſtoͤrt. Den leichten Karakter der Fr. v. Roſeville lernte ich bald beurtheilen; denn mit Grund ahnete ich, daß ich nicht der einzige beguͤnſtigte Liebhaber ſey. Aber nie hatt' ich ſie geachtet, und die augenblicklichen Anwandlungen von Ei⸗ fer ſucht erhohten vielmehr ihre Gewalt uͤber mich. War ſie abweſend, nie ſehnt' ich mich nach ihr, nie vermißte ich ſie; aber ſah' ich ſie, ſo erlag ich dem Zauber und gehorchte. Als ſie uͤber meine politiſchen Geſinnungen mich anzugreifen begann, war ich ſehr betroffen. Vergebens verſucht' ich mich mit einigen Ge⸗ meinpläzen zu vertheidigen; ich behauptete⸗ ein ſchonet Mund muͤſſe nicht von ernſten Geſchaften E 2 ſpre⸗ 1 1 . 3 5 —— — 68— ſprechen. Sie erneute ihr Andringen; ſie erhob den Herrn v.—, und wollte, daß ich ihn be⸗ ſuche. Aber ich weigerte es aus Achtung ge⸗ gen meinen Dheim, und aus eigner Empfindung. 5 Wir waren in der Karnevalszeit. Die ganze Geſellſchaft der Fr. v. Roſeville hatte ſich ver⸗ einigt, den Maskenball dex Oper zu beſuchen. Wir ſpeißten dieſen Tag bey ihr, zu Paris, und hier benachrichtigte ſie mich: Hr. v.—, wuͤrde nach dem Balle uns allen ein Souper geben. Sie hoffe, ſo erklaͤrte ſie, ich wuͤrde ihr folgen, und nicht um eines laͤcherlichen, thoͤrigen Vor⸗ urtheils willen, mir dieſes Vergnuͤgen verſagen. Vergebens war meine Vorſtellung— was ich meinem Pheim ſchulde, wie unſchicklich es ſey, bey ſeinem erklärten Feinde zu ſpeißen, den ich nicht einmal kenne. Sie verſicherte, wir wuͤr⸗ den uns nicht demaskiren; Hr. von—, ſolle lelbſt mich nicht kennen, und wenn auch die ganze übrige Geſellſchaft ſich demaskire, koͤnne ich die Maske behalten. So ausſchweifend dieſer Plan war, ich wil⸗ ligte doch ungerne ein. Hr. v. Roſeville freute ſich ſehr daruͤber und gab mir ihre Dankbarkeit auf eine ſo heitre und liebenswuͤrdige Weiſe zu Er⸗ hob he⸗ ge⸗ ng. ne er⸗ e. nb rde en en, ot⸗ en⸗ me il⸗ ute eit e⸗ erkennen, daß ich nicht bereute, ihr gehorcht u haben. Die ganze intereſſante Umgebung der Fr. v. Roſeville ſpeißte bey ihr. Abends verkleideten wir uns aufs kroteskeſte. Kaum konnten wir uns ſelbſt erkennen. Gegen andre mußte die große Aehnlichkeit unſrer Kleidung uns noch ſtärker ver⸗ bergen; und wir giengen auf den Ball, mit der frohſten Hoffnung des Erfolgs unſrer Verkleidung⸗ Fr. v. Roſeville nahm meinen Arm. Ihre heitre, frohe Laune, belebte mich vollends. Un⸗ ſer Plan war: alle unſre Bekannten zu necken und zu guaͤlen. Dieß gelang ihr mit einem Wiz, der ſie noch intereſſanter machte. Ich bezeigte ihr ſo eben meine Bewunderung; da zog mich eine Maske in ſchwarzem Domino, mit himmelblauem Bande auf dem Kopfe, beym Arm und fluſterte mir ins Ohr: Iſt es dankbar ge⸗ gen Ihren Oheim gehandelt, daß Sie bey Herrn v.—, ſpeißen? Ich fuhr zuſammen; die Stimme, ob ſie gleich ſich zu verſtellen ſuchte, drang in mein Innerſtes. Ich will wißen, wer du biſt?— ſagte ich, mich lebhaft wendend, zu der Maske. Es ſfiel mir ein, es koͤnne nur jemand von unſrer Geſellſchaft ſeyn, weil die Einladung zum Souper, nur dieſen bekannt war. Ich rief Fr. v. Roſeville zu Huͤlfe:— Ich bat ſie, zu ent⸗ 6 7 entbecken, wer es ſeyn koͤnne und ob vicht ei⸗ nes von unſrer Geſellſchaft ſeine Verkleidung gewechſelt habe. Sie redete die ſchwarze Maske mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit an; aber dieſe nikte mir mit dem Kopfe, gleich einem Bekann⸗ ten zu, und verbarg ſich ſogleich im Gedraͤnge. Fr. v. Roſeville verfolgte ſie; doch gluͤcklicher⸗ weiſe fuͤr mich— denn ich bereute ſchon, ſie in die Sache gemiſcht zu haben— wurde ſie von einem ihrer Freunde aufgehalten, den ſie gerne necken wollte. Ich uͤberließ ſie ihrer muthwilligen Laune, und ſuchte auf allen Sei⸗ ten meine Maske. Ein kleiner Schlag auf die Schulter— und ich fand ſie hinter mir. Mit unentſtellter Stimme ſagte ſie mir:„Ich ſehe, „Sie haben die arme Alix ganz vergeßen;“ Nein, verſezte ich; nur mit meinem Tode werd⸗ ich ſie vergeßen!— Jezt hab' ich ſie wieder gefunden. Und der Himmel ſey Zeuge: keine irdiſche Macht ſoll uns trennen. „Wollen Sie mich ſehen—“ erwieberte ſie—, ſo folgen Sie mir.“ Sie verlohr ſich in der Menge. Fr. von Roſeville hatte meinen Arm verlaßen. Ich bachte gar nicht, daß ſie mehr exiſtire, und mit gluͤhender Freude folgte ich der ſchwarzen Maske. Ungluͤcklicherweiſe draͤngten ſich einige laͤrmende Mas⸗ e — 71¹— Masken zwiſchen uns; einige Augenblicke glaub⸗ te ich ſie verlohren zu haben; aber ich draͤngte mich mitten durch meine Umgebungen, erblickte ſie, die mich zu ſuchen ſchien, und kam leicht mit ihr aus dem Vall⸗Saal. 27. Die Maske fuͤhrte mich durch eine Neben⸗ chuͤre, in eine Queerſtraße, wo wenig Waͤgen ſtunden; ihnen voruͤber kam ſie an den Schlag einer entfernten Kutſche, wo vier Verlarvte warteten. Sie ſtieg ein; ich wollte ihr folgen; die Unbekannten hielten mich an, und mahnten nich, ich muͤße mir die Augen verbinden laßen. Wie ihr wollt!— war meine Antwort— wenn ich nur dieſer Dame folge! Sie verbanden mir ſorglich die Augen, und zwey davon ſtiegen mit ein⸗ Vermuthlich, da⸗ mit ich nicht den Weg bemerken ſollte, fuhren wir beynah eine Stunde in verſchiedenen Thei⸗ len der Stadt umher. Ich war wirklich muͤde, von unſrer Reiſe und dem tiefen Schweigen der Dame und meiner Geſellſchafter; mit groſſem Vergnuͤgen hoͤrte ich endlich; wir ſeyen an Ort und Stelle, Meine Begleiter fuͤhrten mich uͤber eine enge Treppe durch mehrere Thuͤren, und loͤßten end⸗ endlich meine Binde. Ich fand mich in einem ſchoͤnen Vorzimmer, und hatte das Gluͤck meine kleine Maske zu ſehen. Sie eilte in ein Zim⸗ mer, und ich folgte ihr. Aber, wie groß war mein Erſtaunen, als ich ſtatt der ſchwarzen Maske, mit himmelblauen Band, Alir, oder Alize fand; verherrlicht durch allen Glanz, den Puz, Anmuth und Eleganz ihren natuͤrlichen Reizen zu verleihen vermochten. Sie ſaß im Hindergrund eines praͤchtig meublirten und er⸗ leuchteten Zimmers. Zwar galt Fr. v. Roſe⸗ ville als Muſter in der Kunſt des Puzes; doch hatte ich ſie nie halb ſo geſchmackvoll gekleidet geſehen, als dieſes himmliſche Weſen. Sie ſpielte auf der Harfe, und um den Zauber zu vollenden, ſang ſie dazu die Romanze, die ich in dem Burgundiſchen Wald gehoͤrt hatte. Ich ſtuͤrzte mich zu ihren Fuͤßen; ich rief:„Wer „Du auch biſt; ich flehe, verlaß mich nicht mehr! „Biſt Du Weib; Dich will ich lieben, mit aller „Gluth der reinſten Liebe! Biſt Du ein Engel, „ein hoͤheres Weſen; ich will dich anbeten, will „Dir als Sklave dienen, und nur von der be⸗ „glückten Hofnung leben— Dich bisweilen zu „ſehen!“ . 3 ————— 28. Sie laͤchelte. Karl, ſprach ſie, verzeihſt Du mir, ine m⸗ ur en er mir, daß ich Dich der Frau v. Roſeville em⸗ riß? Dir verzeihen? Ach! zu all' Deinen An⸗ ſpruͤchen auf meine Dankbarkeit haſt Du noch den hoͤchſten gefuͤgt!„Du willſt alſo,— fuhr „Alix fort,— nicht Deinem Pheim misfallen, „und ſein edles Gemuth, durch den Umgang „mit ſeinen Feinden verwunden?“ Ich verſicherte ſie, nichts ſolle kuͤnftig mir fremder ſeyn. Ich verabſcheute wirklich die Thor⸗ heit, daß ich mich von Frau v. Roſeville hatte hinreißen laſſen, und ſuchte ihr zu beweiſen, mein Herz habe mindſtens keinen Theil daran. Aber ich ſchilderte ihr lebendig meine ungluͤck⸗ liche, ſonderbare und raͤthſelhafte Lage; die Zwei⸗ fel, ja ſelbſt den Wahnſinn, in den mich der geheimnißvolle Schleyer ſtuͤrze, in den ſie ſich huͤlle. Ich beſchwor ſie, mir zu vertrauen, of⸗ fen mir zu entdecken:; ob ſie meine Solphide ſey?„Karl, erwiederte ſie, ich bin ein We⸗ „ſen, das Dich innig liebt; Dich weiſe und „glucklich ſehen moͤchte, und Dich zu begluͤcken „hofft. Aber hoͤre mich! hab' ich wirklich Ein⸗ „druck auf Dein Herz gemacht? haſt Du „Muth, bie leichten Eroberungen in der gro⸗ „ßen Welt fuͤr ein Fantom, fuͤr einen Schat⸗ „ten aufzugeben, wie ich Dir ſcheinen muß,— vſo „ſo werd' ich Dirs lohnen, wenn es anders „Lohn fuͤr Dich iſt, daß ich ewig Dir angehoͤ⸗ „ren will, und doch der erſte Beweis den ich „fodre, iſt, daß Du keinen Verſuch machſt, „mich zu entdecken; dieß Verlangen iſt dop⸗ „pelt freundſchaftlich, denn Deine Verſuche wa⸗ „ren fruchtlos.“ Ich verſicherte ſie, ſo ſchmerzlich auch dieß Opfer ſey, die Hoffnung, ſie zu feſſeln, werde mirs moͤglich machen. Sie gab mir hierauf mit Anmuth die weiſeſten Lebensvorſchriften, wie die zarteſte Vaterliebe ſie nur haͤtte einflößen foͤn⸗ nen.— Ein niedliches Souper wurde von ei⸗ ner Menge verlarvter Diener aufgetragen, und meine Geſellſchafterinn unterhielt mich mit aller Grazie und Laune der Fr. v. Roſeville und al⸗ lem Zauber Leonorens. 29. Sie empfieng den Eid meines Gehorſams; ſie wiederholte; ihre Ruͤckkehr hange von dieſem Gehorſam ab, und befahl mir hierauf, ſie zu verlaſſen. Meine verlarvten Begleiter erſchienen; man verband mir die Augen, und man geleitete mich mit der naͤmlichen Vorſicht zuruͤck. Als ich in Freyheit war, fand ich mich an der Ne⸗ benthuͤre zum Ballſaale. Meine ſonderbaren Waͤch⸗ 05 , P⸗ i⸗ — — Waͤchter oͤffneten ſie und verſchloſſen ſie wieber hinter mir. Ich verſucht' es nicht, ihnen zu folgen; doch ich fuͤrchtete irgend einen Bekann⸗ ten zu treffen; verließ den Ball und gieng nach Hauſe. Am andern Morgen empfieng ich einen Brief von Frau von Roſeville. Sie wuͤnſchte mir ſehr ironiſch Gluͤck zu der Eroberung der tleinen ſchwarzen Maske, und dankte mir fuͤr die Artigkeit, ſie milten unter dem Gedränge verlaſſen zu haben. Ich entſchuldigte mich in meiner Antwort kalt und hoͤflich; ſie bemerkte alſe leicht, daß ich nicht ſehr begierig war, bey ihr wieder in Gunſt zu kommen. Einige Zeit erhoͤhte meine Untreue ihr Verlangen, mich zu⸗ ruͤckzufuͤhren; doch ſie ſah, alle ihre Muͤhe war vergebens, und nach ihrem natuͤrlichen Leicht⸗ ſinn, vergaß ſie mich bald, um ſich in neue Er⸗ oberungen und Intriken⸗Projekte zu ſtuͤrzen. Unendlich litt' ich durch die Ungewißheit mei⸗ ner Lage. Mein einziger Troſt war das Be⸗ ſtreben, die Guͤte und Liebe meines Schuzgeiſts zu verdienen. Ich war uͤberzeust, ſie kannte mein Betragen, und wachte uͤber mich. Ehr⸗ furcht, Achtung und Dankbarkeit hatten meine Leidenſchaft ſo ſehr erhoht, daß mir der Ge⸗ danke, ohne ſie zu leben, unertraͤglich fiel, und auf Erden mich abhalten konnte, mein Schick⸗ Schickſal an das ihrige zu ketten, wenn ich das Glück haͤtte, ſie wieder zu finden. Meine neuen Bekanntſchaften, achtungswuͤr⸗ dige und verehrte Maͤnner, mußten mir noth⸗ wendig nuͤzlich ſeyn. Ich erwarb mir ihren Beyfall; aber bald offnete ſich mir eine neue Laufbahn, und gab meinen Wuͤnſchen und mei⸗ ner Thaͤtigken Beſtimmung. Der Krieg wurde erklaͤrt. Alles was zum Militair gehoͤrte, war von gleichei Eifer beſeelt; auch ich. Mein gu⸗ ter Pheim erhielt fuͤr mich das Kommando uͤber ſein eignes Regiment und beſorgte meine Equi⸗ pirung mit freygebiger Großmuth. Im Fruͤhjahr erhielten wir Befehl zur Sr mee nach Italien zu marſchiren. 30. Ich hatte das Gluͤck, mich bey einigen Vor⸗ faͤllen auszuzeichnen; unter andern bey einem, wo meine Geiſtesgegenwart den Ruͤckzug eines bedeutenden Korps deckte. Ich errang des Ge⸗ nerals Achtung und Protektion. Durch mei⸗ nen Dienſteifer, durch den Erfolg mehrerer klekner Gefechte, erſchien mein Muth noch in glaͤnzendern Lichte. Eine ſehr gefaͤhrliche Unter⸗ nehmung war zu beginnen. Man ſollte mit ei⸗ nem einzigem Regimente,— mehr war bey der Haupt⸗ — as it⸗ en ue ei⸗ de at u⸗ er li⸗ M⸗ es e Hauptarmee nicht entbehrlich,— einen Trans⸗ port von Lebensmitteln und Kriegsbeduͤrfnißen geleiten, und ihn ſicher in eine kleine Stadt bringen, die damals in unſerm Beſiz war, und die der Feind belagern zu wollen ſchien. Die Gefahr beſtund darinn, vor einen feindlichem, ſehr bedeutendem Poſten vorbey zu kommen. Ich bat dringend, dieſe Unternehmung mir anzuvertrauen, und mein Regiment dazu zu wählen. Sey's, daß der General meinem Gluͤcksſterne vertraute, oder mich durch eine neue Gelegenheit zur Auszeichnung verbinden wollte; er bewilligte meine Bitte. Ich vertraute vorzuglich auf Eile und Ge⸗ heimniß. In der naͤmlichen Nacht brachen wir auf. Wir begegneten dem Transport, den wir beſchuͤzen ſollten, und kamen in tiefſter Finſter⸗ niß vor dem feindlichen Poſten voruͤber. Wir glaubten ſicher zu ſeyn, als mit dem Fruͤhroth ein weit uͤberlegenes feindliches Korps meinen Trupp angriff. Ich gewahrte augenblicklich die Gefahr; doch beſchloß ich, Stand zu halten, und nur in der dringendeſten Noth zu weichen. Wir ſchlugen uns mit Wuth und ohne Terrain zu verliehren; aber ſchon begannen wir der ueberzahl zu unterliegen, als ein Pffizier mei⸗ nes Regiments mich benachrichtigte, man ſehe 8 in in einiger Entfernung einen bedeutenden Heer⸗ haufen auf uns zueilen. Unmoͤglich ſchienen dieß befreundete Truppen ſeyn zu können;— der Feind war ja zwiſchen uns und unſrer Armee. Ich glaubte alſo, es ſey eine feind⸗ liche Verſtaͤrkung und wir waͤren umringt. Ich uͤberließ mich der Verzweiflung, und griff von neuem wuͤthend an. Drey Reuter uͤberfielen mich; ſchon war ich am Arm, und in der Seite verwundet; der toͤdtliche Streich drohte mir; da flog ein junger Offizier, der die na⸗ hende Kavallerie anfuͤhrte, zu meinem Beyſtand. Er drang an der Spize ſeines Haufens durch die Huſaren zu mir, und jagte ſie in die Flucht. Der Reſt ſeiner zahlreichen Begleitung ſammelte meine Leute; und ſtuͤrzte ſich auf den Feind. Waͤhrend dem hielt ihr Anfuͤhrer mich auf dem Pferde. Ich betrachte meinen Retter, und er⸗ kenne unter der Form eines artigen Offiziers— meine Alize, meinen Schuzengel! 31 Dieß war das lezte, was ich ſah. Ich ſank in Vhnmacht aus Schmerz, Blutverluſt und durch die gewaltſame Bewegung.— Ich weiß deren Dauer nicht; denn ein heftiges Fieber ſtuͤrzte mich in Geiſteszerruͤttung. Vierzehn Tage — 79— Tage lang wußt' ich nicht das mindeſte von meinen Umgebungen. Als ich zu mir kam, blieb ich in einem Zuſtand von Fuͤhlloſigkeit, der mehrere Wochen anhielt. Was mich zunaͤchſt in Erſtaunen ſezte, war: mich in einem artigen Zimmer zu finden, unter der Sorge des Wundarztes meines Regimentes und eines Pariſer Arzt's.— Doch mein Er⸗ ſtaunen wuchs, als ich neben meinem Bette Alir in Uniform ſizen ſah. Ich wollte mit ihr ſprechen; doch der Arzt unterbrach mich und erklaͤrte: meine Herſtellung hange von Schwei⸗ gen und Ruhe ab. Ich haͤtte nicht gehorcht; aber Alix, oder vielmehr Friedrich— ſo nannten ihn die, welche mich bedienten,— bat mich auf das ruͤhrendſte und zäytlichſte: zu thun, was man zu meiner Heilung fodre⸗ Friedrich war ſiets an meinem Bette. die ſorgfaͤltigſte Waͤrterinn hätte nicht mit groͤ⸗ ßerer Aufmerkſamkeit und Liebe mich pflegen koͤnnen. Er gab mir die Arzeneyen, und die Speißen. Erweckten mich Nachts die Schmer⸗ zen, ſo fand ich ihn an meiner Seite, auf meine Klagen horchend, und durch die zarteſte Pflege ſie zu mildern ſtrebend. Meine zunehmenden Kraͤfte erlaubten mir nun, zu ſprechen; doch noch nicht ohne einige Gefahr. Fries⸗ Friedrich verboth mirs alſs, und unterhielt mich dagegen ſelbſt, durch intereßante Geſpräche, oder durch angenehme Lektuͤre. So beſchaͤftigte er meinen Geiſt, ohne ihn zu ermuͤden; ſein Eifer war ſo anhaltend, daß ich der einzige Ge⸗ genſtand ſeiner Gedanken zu ſeyn, ihn einzig zu beſchaͤftigen ſchien. Mein Kopf war noch ſehr ſchwach. Zwar ſezte mich Alix unbegreifliche Gegenwart in Ver⸗ wunderung; allein noch war ich unfaͤhig, meine Ideen zu ſammlen, um ihr dieß zu erklaͤren, und ſie daruͤber zu befragen. Ruhig gab ich mich dem Gefuͤhle meines Gluͤckes hin; mein Abgott pfiegte mich ja; ſie war ja ſtets um mich!— So wie meine Kraͤfte wuchſen, nahm aber auch meine Verlegenheit, meine Unruhe zu. Bisweilen wagte ich einige Fragen; doch Friedrich wich ſtets aus. Einſt Abends, als ich mir Kraft genug zu einer mir ſo wichtigen und intereßanten Unterredung fuͤhlte, bat ich ihn dringend, mir zu bekennen, daß er Alix, oder Alize ſey und mir endlich die ſo lang erſehnte Aufklaͤrung zu geben.„Freund, erwiederte „Friedrich, bis jezt ſchrieb ich dieſe ſonderbare „Frage Ihrer Geiſteszerruͤttung zu; jezt da Sie „vernuͤnftiger ſind, darf ich Sie vielmehr fra⸗ „en ielt he, te ſein e⸗ ſig ar er⸗ ine e, ein um lhe och nd ihn der nte re — „gen was ſie ſagen will? Wahrſcheinlich taͤuſcht „Sie einige Aehnlichkeit der Zuͤge.“ O Llize, rief ich aus, glaubſt Du, ich koͤnne mich irren? Doch, um in Deinem Sinne zu antworten, wie kann ich, wenn Du mir fremd biſt, dieſe zarte Theilnahme, dieſes beyſpielloſe Wohlwollen erklaͤren!— Ihr Muth konnte Sie bewogen haben, mein Leben zu ret⸗ ten; aber Sie haben mehr gethan; Sie haben Ihr Daſeyn meiner Pflegegewidmet, der treue⸗ ſten, liebevollſten, bruͤderlichen Pflege. Was kann Sie dazu vermocht haben?„Die Ach⸗ „tung, die Sie mir einfloͤßten;“ erwiederte er. „Ich war ſo glucklich, Ihr Leben zu retten. „Die gemeinſte Menſchenliebe, die traurige Lage, „in der ich Sie fand, gebothen mir, zu Ihrer „Huͤlfe zu eilen; das übrige, thaten Ihre Ver⸗ „dienſte. Warum ſollte ich Ihnen uͤbrigens ver⸗ „bergen: wer ich bin? Und wie koͤnnte ich es? „Ich bin in der ganzen Armee bekannt. Mein „Nahme iſt, Friedrich Delville. Der alte Pffi⸗ „zier, den Sie bey mir ſahen, iſt mein Dheim. „Bis in dieſes Jahr wurde ich von meiner „Mutter, deren einziger Sohn ich bin, zu „Hauſe und in Unthätigkeit erhalten. Aus kiebe „wollte ſie nicht ſich von mir trennen, und mich „in Kriegsdienſte gehen laſſen. Sie ſtarb kuͤrz⸗ 6 lich „lich. Ich bin minderjaͤhrig, und mein Oheim „ward mein Vormund. Durch meiner Mutter „Tod erhielt ich meine Freyheit; der Krieg „brach aus und nun brannte ich vor Verlangen, „die verlohrne Zeit wieder zu erſezen. Kriege⸗ „riſches Feuer ergriff mich; mit Bewilligung „meines Oheims, erhielt ich von dem Gouver⸗ „neur von Nancy,— denn meine Guͤter lie⸗ „gen in Lothringen,— Erlaubniß, auf meine „Koſten eine Eskadron zu werben, und zur Ar⸗ „„mee zu marſchiren.“ „Auf meinem Marſch kam ich durch ein „Dorf, nah an der Straße, die Sie mit Ih⸗ „rem Detaſchement einſchlugen. Einer Ihrer „Soldaten— vermuthlich ein Nachzuͤgler oder „Deſerteur— unterrichtete mich von Ihrem Plan, „won der geringen Mannſchaft, die Sie bey „Sich hatten, und von der gefaͤhrlichen Lage, „welche Sie erwarte. Ich uͤberlegte ſogleich, „daß der beſte Gebrauch, den ich von meinen „Truppen machen koͤnne, darinn beſtehe, Ihnen „u Huͤlfe zu eilen. Gluͤcklicherweiſe kam ich „zu rechter Zeit an. Als Sie in Phnmacht „fielen, trug ich Sie unter einen Baum, wo „der Wundarzt Ihre Wunde verband. Meine „Mannſchaft ruͤckte mit der Ihrigen vor, ſchlug „den Feind zuruͤck, und der Transport kam „glůck⸗ — — im ter ieg en, ge⸗ er⸗ ie⸗ ne — 35— „glucklich in die Stadt. Seitdem ſind wir hier „geblieben, ohne beunruhigt zu werden. Sie „können, lieber Freund, alle moͤgliche Nachfor⸗ „ſchungen anſtellen, und es wird Ihnen die „Wahrheit meiner Erzaͤhlung beſtätigt werden. „Pft zitterten wir fuͤr Ihr Leben, und ich wollte „Sie nicht verlaſſen, eh' es in Sicherheit „waͤre.“ 32. Gepeinigt von meinen Zweifeln und meiner Unruhe, war meine großte Furcht: Friedrich moͤchte mich verlaſſen. Ich zwang meine Ver⸗ nunſt, an ſeine Erzaͤhlung zu glauben; oder es wenigſtens zu ſcheinen. Ich ſorgte, weitre Fragen moͤchten ihn entfernen. Je mehr meine Geſundheit wuchs, je lie⸗ benswuͤrdiger erſchien er mir. Er gab ſich ſei⸗ nem heitern Frohſinn und ſeiner lebendigen Ein⸗ bildungskraft hin. Seine Gemuͤthlichkeit war eben ſo groß, als ſein Zartgefuͤhl, und als die Rechtlichkeit ſeines Betragens. Sein Geiſt war gebildet, und zwar wiſſenſchaftlich gebildet. Er war ein trefflicher Muſiker, und zeichnete mit Geſchmack. Bey ſolchen Huͤlfsquellen und dem bezau⸗ bernden Reiz ſeiner Aehnlichkeit, floſſen meine 5 2 Tage Tage nothwendig angenehm dahin, und bald war ich voͤllig hergeſtellt. Schon wak ich eini⸗ gemahl in freyer Luft geweſen, als ich einſt Morgens Friedrich beym Erwachen nicht an meinem Bette fand. Ich rief meinem Diener, und erkundigte mich ſorglich nach meinem Freund. Er ſchien erſtaunt zu antworten: Iſt denn der Herr Baron abgereißt, ohne von Ihnen Ab⸗ ſchied genommen zu haben? Abſchied genom⸗ men—7 rief ich aus. Warum? Wo iſt er? Franz beſchwor mich, mich zu beruhigen und ſagte mir: der junge Baron und ſein Oheim ſeyen auf Briefe, die ſie von Nanch empfangen haͤtten, gezwungen worden, die vorige Racht ſchleunig abzureiſen. Die Beſtaͤtigung dieſer Nachricht ſtuͤrzte mich in Verzweiflung. Die Gemuͤthsbewegung und das Fieber, welches ſie mir verurſachte, beunruhigten meinen Arzt ſehr⸗ Aber ein Brief meines Freundes troͤſtete mich einigermaßen. Er entſchuldigte ſeine ploͤzliche Abreiſe; ein wichtiges Geſchaͤft haͤtte ihn ge⸗ draͤngt, und er haͤtte den Abſchied fuͤr uns beyde gefuͤrchtet. Seine Gegenwart waͤre jezt in Lothringen noͤthig; aber er hoffe, mich bald in Paris zu treffen. Das lezte war mein groͤß⸗ ter Troſt. Mehrmahl hatte ich ſchon beſchloſ⸗ ſen, das mich umgebende Geheimniß zu durch⸗ drin loſ⸗ tin dringen. Diesmahl hatte meine Schwachheit und das Vergnuͤgen, meinem liebenswuͤrdigen Schuzgeiſt zu gehorchen, meine Reugierde be⸗ zwungen; aber feſt war ich entſchleſſen, bey der Zuſammenkunft zu Paris, meinen Zweifel zu loͤſen, und endlich zu erfahren: welches We⸗ ſen ſich ſo wohlwollend an mich haͤnge und doch zugleich meinen Kopf und mein Herz der Pein der Ungewißheit Preis gebe.— Indeß ich die Ruͤckkehr meines Erinnerungsvermoͤgens benuzte, um mich mit der Vergangenheit zu beſchaͤftigen, vergebens dieſe zu erforſchen und Plane fuͤr die Zukunft zu entwerfen ſtrebte, ward ich durch die Ankunft meiner Aeltern angenehm uber⸗ raſcht. Sie hatten von meinen Wunden gehort, hierauf ſogleich ihre Angelegenheiten zu Neapel in Ordnung gebracht, und waren zu mir ge⸗ eilt⸗ Groß war meine freudige Ueberraſchung. Ich druckte ſie ihnen mit der tiefſten Empfindung aus. Aber troz des Entzuͤckens über ihr Wie⸗ derſehen, konnt' ich den neuen Sturm meines Gemuͤths weder beſchwoͤren, noch verber⸗ gen. Meine Aeltern bemerkten meine Schwer⸗ muth. Um ſie zu beruhigen, bekannt' ich ih⸗ nen: ſie ruͤhre von dem Verluſte meines Freun⸗ des, meines Retters her. Sie theilten meinen Schmer; Schmerz und verſprachen mir, ſie wuͤrden zu Paris alles moͤgliche thun, um Friedrich die Fuͤlle ihrer Dankbarkeit zu bezeigen. 33 Sobald meine Kraͤfte hinlaͤnglich hergeſtellt waren, reißten wir nach Paris ab. Auch waͤh⸗ rend der Reiſe war ich in Schwernnth und Trauer verſenkt, und meine Aeltern zeigten mir die zarteſte, waͤrmſte Theilnahme. Am Morgen vor dem Tage unſrer Ankunft bemerkte ich bey ihnen Berathſchlagungen, und ein geheimnißvolles Weſen. Ich hatte ſo eben meine Sehnſucht und meine Freude uͤber das Wiederſehen meines herrlichen Pheims ausge⸗ druͤckt, da ſagte mein Vater:„Lieber Farl! „Ich fuͤrchtete, eine ſo ploͤtzliche Freude moͤchte, „bey deiner jezigen Schwaͤche, einen zu gefaͤhr⸗ „lichen Eindruck auf dich machen; deswegen „verbarg ich die froͤhlichen Nachrichten. Nun „kann ich nicht laͤnger dem Vergnuͤgen wider⸗ „ſtehen, dich von dem Gluͤcke zu unterrichten, „das zu Paris deiner wartet, und das du ſo „ſehr verdienſt.“ Ich blickte meinen Vater mit Ruͤhrung und Erſtaunen an. Heftig pochte mein Herz, einzig von Alix erfuͤllt. Ich hofte, nur ſie koͤnne das ha al —„—— — ———— — 37— das betreffen, was ich hoͤren ſollte, was mir als das groͤßte Gluͤck verkuͤndet wuͤrde; denn ohne ſie, war fuͤr mich kein irdiſches Gluͤck. „Theurer Sohn,“— fuhr mein Vater fort—„das glaͤnzende, beneidenswerthe Gluͤck, „das dich erwartet, uͤbertrifft jede deiner Vor⸗ „ſtellungen. Die Vermaͤhlung deiner Kouſine „Adelheid mit dem Herzog von Vintimille iſt „zerrißen. Dein großmuͤthiger Oheim, dein „zweyter Vater, hat die groͤßten Parthieen „in Frankreich für ſie ausgeſchlagen und beſtimmt „dir die junge reizende Prinzeßinn von Zelve, „und ihren unermeßlichen Reichthum.“ Mein Vater erwartete, ich wuͤrde dieſe Nachricht mit Freude und Dank aufnehmen; aber meine Drauer, meine Niedergeſchlagenheit belehrten ihn bald anders. Er betrachtete mich einige Zeit ſchweigend. „Karl, ſprach er endlich, iſt's moͤglich; du „fuͤhlſt den Werth dieſes Erbiethens nicht⸗ ober „glaubſt dich eines ſolchen Gluͤcks unwuͤrdig?“ Vater! erwiederte ich, der theuerſte Wunſch meines Herzens waͤre es, Ihnen und meinem Oheime meine Liebe, meinen Gehorſam zu be⸗ weiſen; doch es iſt nur zu wahr, ich bin die⸗ ſes Anerbiethens unwerth.— Was ſoll, was tann ich Ihnen ſagen?— Ihr ungluͤcklicher Sohn Sohn iſt vielleicht durch eine Taͤuſchung, durch eine Chimaͤre betrogen, aber— er hat die Ver⸗ nunft verlohren. Meine Eltern waren beide uͤber die Leiden⸗ ſchaftlichteit meines Schmerzes betroffen und beunruhigt. Sie verſicherten mich, ſo ſchmerz⸗ lich es ihnen falle, einen Entwurf vernichtet zu ſehen, der mich begluͤckt haͤtte, ſo wuͤrden ſte doch nie meine Neigung zwingen. Sie be⸗ ſchworen mich aufs zaͤrtlichſte, ihnen den Ge⸗ genſtand der meinigen zu entdecken, welcher er auch ſey, und baten mich ihrer zarten Nachſicht zu vertrauen, daß ſie ſorgen wuͤrden, mich mit dieſem Gegenſtand zu vereinigen. Ich erwieder⸗ te ihnen, dieß ſey in Nie mandens Gewalt, und dann fragten ſie mich, ob ich von meiner Kou⸗ ſine und ihrer Neigung zu dem Herzog von Vin⸗ limille etwas Nachtheiliges gehoͤrt haͤtte? Gewiß nicht, war meine Antwort: Im Ge⸗ gentheile, die Prinzeſſinn von Zelve verdient ein gluͤcklicheres Loos, als ich ihr anbiethen kann. Was konnen wir denn alſo fuͤr Dich thun? fragte mein Vater. Ich ergriſſ ſeine theure Hand; ich benezte ſie mit Thraͤnen; ich beſchwor ihn, mir nur Zeit zu laſſen. Die Zeit, ſagt' ich, kann allein ein —„ — —— — ein ſonderbares Geheimniß enthuͤllen, das meine Thorheit und meine Verlegenheit veranlaßt. Meine guten Aeltern wollten meine Unruhe nicht durch peinliche Fragen erhoͤhen, und die Schaam uͤber die Unwahrſcheinlichkeit meiner Geſchichte, geboth mir Schweigen. Doch be⸗ willigten ſie meine Bitte, und den Aufſchub unter der einzigen Bedingung, das Gluͤck der Wiedervereinigung mit meinem Dheim nicht durch offen entſchiedene Widerſezlichkeit gegen die Ver⸗ bindung mit meiner Kouſine zu truͤben. 34. Meine Unruhe wuchs mit jeder Minute, Ich ſehnte mich nach dem Wiederſehen meines Dheims und fuͤrchtete doch den Augenblick unſ⸗ rer Ankunft. Als wir dem Palaſt von Zelve nahten, erwachten tauſend Erinnerungen. Die Hausdiener empfingen uns mit Entzuͤcken; ſie be⸗ nachrichtigten uns, der Pheim erwartete uns im Zimmer ſeiner Tochter. Sie fuͤhrten uns in den Fluͤgel des Gebaͤuds, der fuͤr ſie herge⸗ richtet, und noch nicht vollender war, als wir Paris verließen. Ueber eine praͤchtige Lreppe/ und burch eine Reihe von Zimmern, wurden wir in das Vorzimmer meiner Kouſine geleitet. Die Thuͤre des innern — 90— Zimmers oͤfnet ſich— und ich erkenne in dem naͤmlichen Zimmer, wo ich am Abend des Mas⸗ kenballs hingefuͤhrt wurde—— meine Syl⸗ pbide, im naͤmlichen Gewande, und ſchoͤner als ein Engel,— an der Hand meines Oheims. Er föhrte ſie zu mir— und mit jenem zarten, ehrwuͤrdigen Laͤcheln, das ſein wohlwollendes Herz ausſprach, ſagte er zu mir: „Karl! Wlllſt du die Hand der Alix, der „Adelaide, meiner Tochter, und deiner Syl⸗ „phide Alize annehmen?“ Die Idee des Wunderbaren, Geheimnißvollen, der Zauberey und der Erſcheinungen, hatten ſeit einiger Zeit einen ſo heftigen Eindruck auf mich gemacht, daß ich zweifelte, ob das— was ich ſah und hoͤrte,— Wirklichkeit ſey? Ich bebte, und hatte kanm die Kraft, zu ſagen: Laßen Sie ab, mich durch falſche Hofnungen zu taͤuſchen— ſh kann es nicht ertragen! Auch meine Kouſine ſchien ſehr bewegt. Doch ſie ergriff meine Hand, und mit jenem, ihr einzig eignem bezauberndem Tone, ſagte ſie: „Lieber Karl! Alize kann dich nicht betruͤgen! „Willſt du, ſo iſt Alix auf ewig dein!—“ Vergebens verſucht' ich ein ſo tiefes, ſtuͤr⸗ miſches Wonnegefuͤhl, als das meinige, zu ſchil⸗ dern. Dafuͤr iſt jede Sprache zu arm. Unſte Ver⸗ er ⸗ es ) eit t. * Verwandten theilten unſer Entzuͤcken. Um de⸗ ßen Sturm zu maͤßigen, oder vielmehr um es noch köſtlicher zu genießen, verlangte mein Oheim, die Prinzeßinn von Zelve ſolle mir das Geheimniß ihres Betragens, und die Ver⸗ gangenheit enthuͤllen; aber, ſezte er hinzu, er⸗ innre dich, Karl, daß, wann dir Adelaidens Ent⸗ wuͤrfe ſonderbar und ausſchweifend ſcheinen, ſie ſtets durch die romantiſche Stimmung ihres Va⸗ ters unterſtuͤzt wurden. Adelaide begann nun folgende Erzaͤhlung, und dieſe Erzaͤhlung grub ſich ſo tief in mein Herz, daß die Zeit ſie nicht zu loͤſchen ver⸗ mochte; noch glaube ich ſie zu hoͤren: „Eh ich meine romanhafte Geſchichte beginne, — fieng ſie an,— erinnern Sie ſich, lieber Farl, daß alles, was ich that, nicht für einen Fremden geſchah, ſondern fuͤr den Freund und Geſpielen meiner Kindheit, fuͤr den, welchen ich Bruder nennen konnte. Erinnern Sie ſich auch, daß der Erfolg aller meiner Entwuͤrfe auf die Kenntniß Ihres wohl⸗ wollenden Herzens berechnet war.— Auch hat, ich bekenne es, der Zufall dieſe oft erſtaunens⸗ wuͤrdig unterſtuͤzt. Gegen die franzöſiſche Sitte, bey meinen Aeltern erzogen, war ich ſtets der Gegenſtand der — 9²— der Liebe des Beſten der Vaͤter. Stets hatte ich in ſeiner Geſellſchaft, in der meines Pheims und meiner Tante, das Bild des haͤuslichen Gluͤcks vor mir, bis ſie nach Neapel reißten. Natuͤrlich waren alle Wuͤnſche, war alles Seh⸗ nen meines jugendlichen Herzens darauf begraͤnzt, im Schoos einer herzlichen und ehrwürdigen Familie ein aͤhnliches Glück zu genießen. Das Gemaͤhlde von den beneideten Hof⸗ und Welt⸗ tagen erſchreckte mich, ſtatt mich anzuziehen, und erhoͤhte meine Neigung fuͤr ein ſtilleres Leben. Ich war an ſich etwas romanhaft geſtimmt, und einige Eigenheiten meiner Erziehung erhöhten meinen Hang zur Schwaͤrmerey. Meine erſte, ſtaͤrkſte Liebe, war fuͤr meinen Vater, meine zweyte, fuͤr meinen Vetter, ob ich gleich kaum eilf Jahr alt war, als wir getrennt wurden. Doch ich hatte ſtets mit ältern Perſonen gelebt; ich war weniger Kind, als andre Kinder mei⸗ nes Alters, und ich hatte beſchloſſen, mein Vetter Karl ſollte mein Gatté werden. Ich ſprach unbeſonnener Weiſe von dieſem Plane mit meinen Umgebungen und da glaubte man denn, mir eröffnen zu muͤſſen, ich ſey dem Prin⸗ zen von Zelve beſtimmt, und mein Vater be⸗ gann, mir offen von dem Zuſtand ſeiner Ange⸗ legenheiten und der, ohnerachtet meiner Ingend, ſchon atte ins hen ten⸗ eh⸗ nzt, gen Ns elt⸗ ind en. und ſen tei⸗ ſchon entworfenen Verbindung ſprechen zu muͤſ⸗ ſen. Kaum hoͤrte ich: dieſe Verbindung werde meinen Vater aus mancher Verlegenheit reißen, und ihm unermeßliche Reichthuͤmer ſichern, von de⸗ nen er ſo edlen Gebrauch machte, ſo war ich ent⸗ ſchloſſen. Mit Enthuſiasmus willigte ich in ſei⸗ nen Plan, geboth meinen Gefuͤhlen Schweigen, nnd bewahrte fuͤr Sie, guter Karl, nur ſchwe⸗ ſterliche Liebe. Der Prinz von Zelve war alt und kraͤnk⸗ lich, aber ſein Karakter vortrefflich, ſein Geiſt ſehr gebildet, ſeine Unterhaltung angenehm. Vor und nach unſrer Vermaͤhlung war ſein hoͤchſtes Vergnuͤgen, ſich nebſt meinem Vater, mit mei⸗ ner Erziehung zu beſchaͤftigen. Seine Kraͤnk⸗ lichkeit zwang ihn zu einer eingezogenen Lebens⸗ weiſe, und ich brachte meine Tage einzig mit ihnen und ihren Freunden Valmor und D'Or⸗ ſigni zu. In ihrer Geſellſchaft lernte ich zwar nicht die Sitten der großen Welt, noch ward ich eine Dame von feinem Ton; aber ich lernte innere Zufriedenheit mehr, als alle Guͤter, als allen Rang, ſchaͤzen; ich lernte mein Gluͤck einzig in dem, der von mir geliebten Weſen ſuchen, und dazu nach meinen Kraͤften beytragen; ich lernte auf die kleinlichen Lebensverhaͤltniſſe geringen Werth — 94— Werth legen, und ſie nicht mit dem wahren Intereſſe einer immer dauernden Neigung in Vergleichung ſtellen. Meine Freunde waren uͤber die Fortſchritte meiner Vernunft und mei⸗ ner Stndien entzuͤckt. Um mich ein wenig zu zerſtreuen und eine heilſame Bewegung in unſer ſtilles eingezogenes Leben zu bringen, unterhielten ſie ſich, mir Fechten und Reuten zu lehren, ohne die weiblichen Kuͤnſte zu vernachlaͤſſigen. Ich betete den Urheber meines Daſeyns an, und hatte eben ſo die zarteſte Achtung für den Prinzen von Zelve, den ich als zweyten Va⸗ ter ehrte. Seine Freundſchaft mit meinem Va⸗ ter war der Hauptbeweggrund ſeiner Bewer⸗ bung um mich; auch liebte ich ihn als den, welchem dieſer geliebter Vater die Ruͤcktehr ſei⸗ ner Ruhe und ſeines Gluͤcks verdankte, und mich begluͤckte der Gedanke, daß meine Abſich⸗ ten und meine Pfſege den Abend ſeiner Tage verlaͤngerten, oder doch erheiterten. Er ſtarb endlich, und wurde von ſeinem alten Freunde und ſeiner jungen Gattinn aufrichtig betrauert. Meine große Jugend und die Sitte forder⸗ ten, daß ich einige Zeit im Kloſter zubrachte; aber mein Vater beſuchte mich taͤglich. Seine Unterhaltungen riefen bald das Andenken eines Neffen zuruͤck, den er beynah als Sohn liebte, und ind hn tün Pu mei weit Eie Un nir nich zens heſt lich Er ſch unb 9 0 der b ter hu ſe i ren ken ſei⸗ ſer len er⸗ ſei⸗ und von dem er mich ſtets unterhielt. Nicht ohne tiefe Bewegung hoͤrte ich ihn von unſrer kuͤnftigen Verbindung, als ſeinem gluͤhendſten Wunſche, ſprechen. Ich erklaͤrte ihm oſſen meine Empfindungen fuͤr Sie; das ganze Gluck meines Lebens hieng davon ab; aber ich beſorgte, Sie nicht feſſeln zu koͤnnen; ich bat ihn alſo um Zeit, mich zu uͤberzeugen, daß der liebens⸗ wuͤrdige Karakter, den Ihre Kindheic ankuͤndete, nicht veraͤndert ſey, und um mich Ihres Her⸗ zens auf eine dauerndere Weiſe zu verſichern, beſchwor ich meinen Vater, Sie ſelbſt die Moͤg⸗ lichkeit unſrer Verbindung nicht ahnen zu laſſen. Er bewilligte es, als eine unerlaͤßliche Vor⸗ ſichtsmaßregel. Er ſchrieb alſo meinem Onkel und meiner Tante: er habe ſeine Einwilligung zu meiner kuͤnftigen Vermaͤhlung mit dem Her⸗ zog von Vintimille gegeben, und ſezte hinzu, es ſey eine Neigungsheurath. Von nun an beſchaͤftigte ich mich einzig mit den Emwuͤrfen zu meinem Zweck. Ich war uͤberzeugt, eine, nach Franzoͤſiſcher Sitte, unter Perſonen von meinem Rang, einzig aus Inte⸗ reße und Konvenienz, ohne alle Uebereinſtim⸗ mung der Karaktere und Reigungen zu ſchlie⸗ ßende Verbindung, wuͤrde mich zu der ungluͤck⸗ lichſten Frau machen. Ich zweifelte hingegen⸗ nach — 96— nach der Kenntniß meines Herzens nicht, mit Ihnen, und in der Vereinigung mit meiner Fa⸗ milie, das hoͤchſte Lebensgluͤck zu finden. Kurz, ich fragte meinen Vater: ob er mir erlauben wolle, meinen Plan zu verfolgen: naͤmlich durch allmaählige Proben, durch ein vom Geheimniß geleitetes Gefuhl, in Ihr Inneres zu dringen, und ihre Handlungen zu beherrſchen?— Er verſprach mir, ſich zu allem herzugeben. Wir 1 veranſtalteten gemeinſchaftlich, was wir ſo gluck⸗ lich ausgefuͤhrt haben. Meine Abſicht war: Sie auf tauſend ver⸗ ſchiedenen Orten zu beruͤhren, ohne daß ich ei⸗ nen feſten Plan hatte. Ich wollte vorzuglich, Ihnen unbewußt, uber Sie wachen bey Ihrem Eintritt in die Welt; wollte Ihre Dankbar⸗ 3 keit, Ihre Ehrfurcht, Ihre Achtung und Liebe zugleich feßeln. Zu dieſem Zweck wollte ich Ihren Geiſt und Ihr Herz zugleich durch leicht ausfuͤhrbare Feereymittel, die mit Vorſicht vor⸗ 3 bereitet, uͤberraſchen.. Damals waren Sie auf Ihrer Reiſe. Ihre 1 edle Mutter, meine Tante, bat mich, ſeit ich 3 frey war, einige Zeit bey ihr, in dem ſchoͤnen 1 Italien, zuzubringen; auch mein Dheim wuͤnſchte 1 es. Ich hatte es bisher verweigert, um mei⸗ nen Vater nicht zu verlaßen, der mich nicht be⸗ ——— mit rz, ch niß en, ir c⸗ begleiten konnte; aber er ſelbſt machte mir be⸗ mertlich, wie nüͤzlich es fuͤr mich ſey, mit Ih⸗ ren Aeltern mich zu verabreden. Auch hoffte er, dieſe Reiſe werde meine Geſundheit herſtellen, die waͤhrend der Krantheit des Prinzen von Zelve etwas gelitten hatte. Ich willigte ein, nach Neapel zu reiſen und er vertraute mich der Sorgfalt eines alten Kriegsgefaͤhrten, Herrn Delville, den Sie nicht kennen. Er hatte den Dienſt ſeit Ihrer Abreiſe daßen. Witt⸗ wer, wie Ihr Oheim, hatte er ſein Leben ſei⸗ nem edlen Freund und Beſchuͤzer gewidmet; er beſaß nur einen Sohn, der ſich in Kriegsdien⸗ ſten befand. Ich reißte alſo mit meiner Kammerfrau und dieſem wuͤrdigen Freunde nach Neapel ab, und fam dort drey Monate vor Ihrer Ruͤckkunft an. Ich brachte einen Brief von meinem Va⸗ ter, der ſeinem Bruder ſeine und meine Ab⸗ ſichten endeckte. Dieß entzuͤckte ſie; ich wurde als eine geliebte Tochter empfangen, ob ich gleich erklaͤrte, es nicht werden zu wollen, bis ich Ihres Herzens gewiß ſey. Sie erklaͤrten ſich zu allem bereit, was dieſe Hofnung erfuͤllen konnte, und verſprachen, Sie nicht von meiner Anweſenheit zu unterrichten. Meine tiefe Trauer exlaubte mir nicht, mich öffentlich, noch im G Thea⸗ Theater zu zeigen; meine Tante, lebte aus Nei⸗ gung ſehr eingezogen; alſo blieb mein dortiger Aufenthalt ſo gut als ganz unbekannt. Ich ſah Niemand, brachte mein Leben mit ihr zu, einzig mit unſerm Karl, und mit den Mitteln beſchaͤf⸗ tigt, ſein Innerſtes zu erforſchen. Unertraͤglich war mir der Gedanke, daß Sie mich nur aus Gehorſam heurathen ſollten. Ihre Mutter billigte meine Denkungsart, und unterrich mich voüſtandig von Ihrem Karakter. Von ihr erfuhr ich den tiefen Ein⸗ druck, den das niedliche Maͤhrchen von den Sylphiden auf Ihre Fantaſie gemacht hatte. Ich beſchloß, dieß zu benuzen, und baute dar⸗ auf, gemeinſchaftlich mit der Tante, meine Plane. Ich war noch bey ihr, als Sie anka⸗ men, aber nah an meiner Abreiſe. Die Ihrige nach Frankreich war auch beſtimmt, und ich ſollte doch einige Tage fruͤher abgehen. Am Tage vor meiner Abreiſe von Neapel wollte ich meine Probe beginnen. Sie erinnern ſich wohl, Karl, der erſten naͤchtlichen Erſcheinung Ihrer Sylphide. Im Lafelwerk neben Ihrem Betrte wurde vor Ihrer Ankunft ausdruͤcklich eine geheime Thuͤre angebracht, die mir den Zu⸗ tritt zu Ihrem Zimmer öffnete. Eine Kette der ſeltenſten und meiſt kaum in Europa bekannten Blu⸗ Blumen aus den Koͤniglichen Treibhaͤuſern, wurde von meiner Tante und mir geflochten. Selbſt mein Brief war vorher geſchrieben. Waͤren Sie, gegen meine Erwartung, ruhig geblieben, ſo hätte ich geſprochen, ohne mich zu zeigen. Dann war mein Brief überfluͤßig. Aber er diente mir trefflich, und Sie handelten gerade, wie ich es vorher ſah. Ich verließ Ihr Zimmer, ſtieg in den Reiſewagen, wo Herr Delville und meine Kammerfräu meiner war⸗ teten, und reißten zu meinem Vater zuruͤck. Meine Tante hatte beym Abſchied heftig ge⸗ weint, und ſich dann niedergelegt. Aber ſie ſellte ſich, als ſchliefe ſie, als Sie zu ihr ka⸗ men; ſo hatten wir's verabredet, um Sie vor der Verſuchung zu bewahren, indiskret zu ſeyn. Einige Tage nachher reiſten Sie auch ab⸗ Ich war in dem Schloſſe meines Vaters verborgen, als Sie ankamen. Ich hoͤrte einen Theil Ih⸗ rer erſten Unterredung mit ihm, und das Ver⸗ gnuͤgen, das ich daruͤber empfand, erhoͤhte noch meine Neigung fuͤr Sie und das Verlangen, meinen Plan durchzuſezen. Doch beynah' waͤre ich das Ppfer meiner romanhaften Ideen ge⸗ worden. Ich blieb immer verborgen im Schloſſe mei⸗ nes Vaters. Ich war bey ihm, als Ihre S 2 Stu⸗ 314 4 — 100— Studien und Ihre Traͤumereyen Sie anderwaͤrts hinriefen, und bey meiner Gouvernante, der guten Delmont, waren Sie bey ihm. Er gab vor, ſich gerne zeitig niederzulegen. Sobald Sie ihn Abends verlaſſen hatten, kam ich zu ihm, und hinter den Somwerlaͤden ſeiner Fen⸗ ſter verborgen, war ich Zeuge Ihrer naͤchtli⸗ chen Spaziergaͤnge. Mit unausſprechlichem Ent⸗ zuͤcken ſah ich Sie einzig mit Ihrer Sylphide beſchaͤftigt, ihr Geſtirn betrachtend, ſo wie oft das Medaillon von ihren Haaren, das Sie an Ihre theuern Lippen druͤckten. Mit Entzuͤcken hoͤrte ich jenes niedliche Lied, das Sie fuͤr die gluckliche Alize gemacht hatten, und das Sie. im Spaziergange mit leiſer Stimme ſangen⸗ Sie ſchienen die Ruͤckkehr nach dem, fuͤr Ihr Alter doch ſo anziehendem Paris ehe zu fuͤrch ten, als zu wuͤnſchen. Was bedurft' ich mehr? Und was erwartete mich noch, um mich zu ent⸗ decken?— Ach! Farl! ich wollte ſicher ſeyn, daß nicht einzig Ihre Imaginazion beſtochen ſey, und daß die Lehren Ihres Schuzgeiſts auf Ihr Gemuͤth tiefen Eindruck gemacht haͤtten, um Sie vor fremder Verfuͤhrung zu bewahren. Ich hatte ſchon damals augenblicklich die Idee, die ich ſpaͤter ausfuͤhrte: meine eigne Neben⸗ buhlerinn zu werden; unter einem fremden Na⸗ men tt der gab bald z ßen⸗ chtli⸗ Ent⸗ hide oft e an cken rdie Sie. gen⸗ Iht ſorh ehr ent⸗ ſehl, ochen auf iten, hren⸗ dec, ehen⸗ Ri⸗ men — 0— men zu erſcheinen, und zu verſuchen, ob ich uͤber Alize ſiegen köͤnne? Doch dieſer Triumph haͤtte mich nur halb befriedigt, und keineswegs beruhigt, wenn ich ihn nicht errungen, und ich Sie gleichgultig gelaſſen hätte. Ich wagte es nicht, mich dieſer Gefahr auszuſezen; ich wuͤnſchte, ein andres Maͤdchen moͤchte die Probe ma⸗ chen; ich bat meinen Vater um die Erlaubniß zu einem Verſuche, der uns uͤber Ihren Karak⸗ ter und uͤber Ihre Empfindungen aufklaͤren ſollte, und bey dem ich weder fuͤr Sie, noch fuͤr die junge Perſon Gefahr ſah, die ich er⸗ ſcheinen laſſen wollte. Ich kannte Agathe Delmont. Sie kam oft zu ihrer Tante. Sie war zwey bis drey Jahre juͤnger, als ich. Ich beſchaͤftigte mich gerne, das liebenswuͤrdige Kind zu bilden. Ihre große Lebhaftigkeit, ihr natuͤrlicher Verſtand, ihre kleine Koketterie unterhielten mich. Das alles paßte zu ihrer niedlichen Geſtalt. Sie liebte mich; befolgte bisweilen meinen Rath und ich ſah, ſie wuͤrde, troz ihrer kleinen ju⸗ gendlichen Schwaͤchen, einſt eine ſehr intereſſante Frau werden. Schon war ſie anziehend und ge⸗ jaͤhrlich genug fuͤr einen gewoͤhnlichen jungen Mann. Doch ich hoffte, der Freund der Syl⸗ phide Alize werde dieſe Probe beſtehen, und wuͤr⸗ —— — 102— wuͤrben auch ſeine Augen, ſein Geiſt augenblick⸗ lich verfuͤhrt, ſo wuͤrde ſeine Bernunft und ſein Herz bald uͤber dieſen Eindruck ſiegen. Fuͤr Agathen waͤre die Probe gefaͤhrlicher geweſen; doch ſie war geſichert durch die Liebe, zwar kei⸗ ner Sylphide, aber eines Geliebten, mit dem ſie bald ſich vermaͤhlen ſollte, des Sohns des Freunds meines Vaters, des Herrn Delville, der mich nach Neapel begleitet hatte, alle meine Plane wußte, volles Vertrauen in ſeine kuͤnf⸗ tige Schwiegertochter ſezen durfte, ſo daß er ſich meinem Wunſche nicht widerſ⸗zte. Auch ſein Sohn willigte ein. Agathen war es nicht un⸗ angenehm, ihm dieſen neuen Beweis der Macht ihrer Reize zu geben; ſie gab ſich zu allem her, und verſicherte mich, ſie wuͤrde alles aufbiethen, um Ihnen den Kopf zu verruͤcken; ſie hielt voll⸗ kommen Wort. Agathe erſchien. Beym Anblick des anmu⸗ thigen Maͤdchens bereute ich beynahe meinen Entwurf, und haͤtte ihn gerne aufgegeben. Doch ich konnte mich nicht entſchließen, fuͤr inkonfe⸗ quent zu gelten, und zu bekennen, daß ich die⸗ ſes Maͤdchen fuͤrchte. Ich blieb jedoch nicht ohne große Unruhe, Ihnen die gefaͤhrliche Aga⸗ the erſcheinen zu laſſen. Einige Tage wider⸗ ſtanden Sie, ob man gleich leicht ſehen konnte, daß ba em des cht er, oll⸗ u⸗ ſen ſe⸗ ie⸗ cht ⸗ et⸗ te, ß — 105— baß ſie Ihre Aufmerkſamkeit bereits erregt hatte; aber Alize ſiegte noch und Adelaide war glůck⸗ lich. Agathe verſicherte mich lachend: der neb⸗ lichſte Stern der Leyer habe fuͤr Sie mehr Glanz, als ihre ſchonen ſchwarzen Augen. Doch endlich ſiegten dieſe. Die arme uͤberirdiſche Alize, in ihr Geſtirn gebannt, ward nicht mehr betrachtet; an ſie ward nicht mehr gedacht; und doch, Karl, war ich nicht ſo ungluͤcklich, als ich haͤtte ſeyn koͤnnen. Ich ſah, daß, wenn Sie ſchon mit Alize ſich nicht beſchaͤftigten, der Ein⸗ bruck, den ſie auf Ihr Herz gemacht hatte, noch nicht verloſcht war. Ihr Benehmen gegen die kleine Agathe war ſo zart, ſo rein, als man es von dem Schuͤzling einer Sylphide nur er⸗ warten konnte. Noch waren Sie meiner Ach⸗ tung werth. In Ihren Abendunterhaltungen, als Agathe am Fenſter ſaß, und Sie auf der Terraſſe, an dem Balkon angelehnt, war Ihre Sylphide im Zimmer und hoͤrte Ihre Unterre⸗ dung an, die oft von ihr, vor Ihrer Ankunft, diktirt war. Auch mein Vater war bisweilen Zeuge, und beurtheilte richtiger als ich den Zeit⸗ punkt, wo man Sie von einer ſo gefaͤhrlichen Probe entfernen mußte. Auch Agathe bat uns, eine Komoͤdie zu en⸗ den, die zulezt Delville beunruhigen konnte, und ———— 8——= und mein Vater ſchlug Ihn⸗en vor, ihn auf die Einſiedeley zu begleiten Ich war damals ent⸗ ſchloſſen, Ihnen zu erſcheinen; noch nicht als Ihre Kouſine Adelaide, aber unter einer neuen Geſtalt, die fortwaͤhrend bey Ihnen Zweifel und Neugier erregen, nothwendig Ihre Fantaſie beſchaͤftigen wuͤrde, Ihr Gemuth bewegen, und Ihre Gedanken von einem zwar liebenswuͤrdigen Weſen ablenken mußte, das aber, da es auf keine Weiſe für Sie paßte, keinen tiefen Ein⸗ druck gemacht haben konnte. Agathe liebte ſie nicht, hatte nur muthwillig und kokett ſich ge⸗ gen Sie gezeigt, keineswegs gefuͤhlvoll. Sol⸗ che Eindruͤcke ſind lebhaft, aber voruͤbergehend. Ich hoffte, ſie zu beſiegen, wenn Sie nicht wehr durch ihre Gegenwart angezogen waͤren und wuͤßten, daß ihr Herz nicht mehr frey ſey. Den Tag nach Ihrer. Abreiſe kam Ihr Va⸗ ter und Delville, ſie zum Vollzug ihrer Verbin⸗ dung abzuholen, und mein Vater uͤbernahm, es Ihnen zu eröffnen; das uͤbrige wiſſen Sie. Er benuzte die Gelegenheit, Sie in jenes anmuthige Thal am Ufer des Fluſſes zu fuͤhren, wo ich Ihnen unter einer neuen Form erſcheinen wollte. Mein Vater ergriff auch den naͤchſten Vorwand, Sie allein zu laſſen. Leicht — ————.— —— bie ent⸗ uen eifel taſſe igen auf Lim⸗ Leicht ſahen wir voraus, daß Sie auf einen ſo reizenden Plaz zuruckkehren wuͤrden. Hier wollte ich denn taͤglich erſcheinen, bis Sie mich faͤnden. Guͤcklicherweiſe geſchah dieß ſchon am naͤchſten Morgen. Unſer Geſpraͤch nahm die ge⸗ wuͤnſchte Wendung. Ich ſah die uͤberirdiſche, fuͤr Agathen ſo lang vernachlaͤſſigte Alize, er⸗ rang die vorige Gewalt uͤber Ihre Imaginazion wieder, und die gluͤckliche Alir misfiel Ihnen nicht. Doch es war ſchwer, dieſe zweyfache Rolle lange zu behaupten, ohne mich zu ver⸗ rathen; ich eilte alſo, ſie zu enden. Auf ein verabredetes Zeichen erſchienen drey meiner Leute in einem Nachen, und als wir am andern ufer ausſtiegen, verlohr ich mich im Gehoͤlze, wo mein Wagen meiner wartete, um mich zu meinem Vater zuruͤckzufuͤhren. Er kam in die Einſiedeley, und ich gieng nach Paris in mein Kloſter zuruͤck. Ich hatte dort eine vertraute Freundinn, Mademoiſell d'Arzy, gelaſſen; ſie war mit dem Herzog von Vintimille verlobt. Vor ihr hatte ich kein Ge⸗ heimniß. Der Herzog beſuchte ſie oft und ein⸗ verſtanden mit beyden, verabredeten wir, daß ſie bey Ihrem naͤchſten Beſuche ſtatt meiner er⸗ ſcheinen ſolle. Sie war es, die Ihnen als Ihre Kouſine Adelaide vorgeſtellt wurde. Sie iſt —— — 106— jezt Herzoginn von Vintimille und mit Ver⸗ gnügen gab ich ihr den geliehenen Liebhaber und Gatten zuruͤck. Ihr Aufenthalt zu Paris beunruhigte mich. Ich fuͤrchtete, der Eindruck den Alix auf Sie gemacht habe, ſey zu ſchwach, um zu dauren. Ich beſchloß alſo, alle Ihre Handlungen zu beob⸗ achten, und die nächſte Gelegenheit zu einer neuen Erſcheinung zu benuzen. Franz war gewonnen; Er, Valmont und d'Orſigny waren meine Spionen. Der erſte unterrichtete mich von den Stunden, wo Sie zu Hauße waren; die zwey andern von allem, was in den Geſell⸗ ſchaften vorgieng, in denen Sie Zutritt hatten. Sie hatten gemeinſchaftliche Verbindungen, ſo daß auf die unbefangenſte Weiſe minſtens einer meiner Freunde ſtets um Sie ſeyn konnte. Farl! mein Vetter, mein einziger Freund, verzeihen Sie Ihrer Adelaide ſo viele kleine Ränke, deren einziger Zweck Ihr Gluͤck war. Alize hatte in ihrem Briefe verſprochen, uͤber Sie zu wa⸗ chen, alle Ihre Handlungen und Gedanken zu erforſchen; ſie mußte Wort halten. Ich erfuhr bald Ihre vertraute Freundſchaft mit den Chevalier Milfort, ihre keimende Nei⸗ gung zum Spiel, und bald nachher mit einem Harm und einer Unruhe, die ſelbſt mein weiſer Va⸗ bet 3 e er⸗ Valer nicht zu maͤßigen vermochte,— ihre Verbindung mit Leonoren! Mein Vater hatte ſolche Ereigniße vorausgeſehen; er hielt ſie nicht fuͤr ſo wichtig, als ich, und ich ermuthete mich wieder. Ich vertraute der Liebe, und meinem Glauben an Ihr wohlwollendes und gefuͤhlvol⸗ les Herz. D'Orſigni kannte Leonoren, er erfuhr bald, daß ſie auf Rechnung Ihres Leicht⸗ ſinns und Edelmuths Schulden gemacht hatte. In den gewoͤhnlichen Spieltiſchgeſpraͤchen er⸗ fuhr Valmont eben ſo, daß Sie dem Chevalier Milfort drey Tauſend Louisd'ors ſchuldeten. Dieß war meinem Plane ſehr guͤnſtig; auch der Zufall beguͤnſtigte mich wunderbar, und wir wußten noch ihm nachzuhelfen. Meine beiden Freunde beredeten Leonorens Glaͤubiger, auf augenblickliche Zahlung zu dringen. Milfort wurde unter der Hand benachrichtigt, Ihre Fi⸗ nanzen ſeyen in uͤbler Lage; man rieth ihm, ſich bezahlen zu laßen. Zugleich verkuͤndete Ih⸗ nen mein Vater eine augenblickliche Verlegen⸗ heit in ſeinen Geldgeſchaͤften, und bewieß Ih⸗ nen die Unmoͤglichkeit, Sie zu unterſtuͤzen. Sie wußten Ihre geheime Unruhe ſo gut zu verber⸗ gen, daß meine Freunde kaum ſie gewahrten. Bey einem Beſuche vertraute Leonore dem Hr. v. d'Orſigni: Sie haͤtten die Zahlung ihrer Schul⸗ den * — 108— den verſprochen, doch fuͤrchte ſie, Ihnen viel Kummer verurſacht zu haben; noch waren wir alſo zweifelhaft uͤber Ihre Huͤlfsquellen. Die Maſchiene, die ich zu der naͤchtlichen Szene erfand, war ſehr einfach und laͤngſt vor⸗ bereitet. Das Zimmer meiner Mutter war un⸗ ter dem Ihrigen, und ſtets verſchloßen. Dieß erleichterte uns die Ausfuͤhrung meines Plans. Eine Verſenkung, in dem Fußboden Ihres Zim⸗ mers angebracht, war in dieſem unbemerkbar, und durch ein Geruͤſte im untern Zimmer ge⸗ ſtuzt. Die Hangleuchter waren in dem Lafel⸗ werke, und durch Schraͤnke und eine Bibliothek verborgen. Franz ſtellte Ihr Licht ſo, daß es zu einer beſtimmten Stunde verloͤſchen mußte. Einige Augenblicke ſpaͤter trat ich durch die Verſenkung herein, in dem fantaſtiſchen Koſtuͤm, das ich gewaͤhlt hatte. Auf meine Zeichen er⸗ ſchienen die Hangleuchter und Dekorationnen, und verſchwanden auf ein zweytes Zeichen. Ich ver⸗ ſank wieder im Finſtern und haͤtte auch Ihr Erſtaunen Ihnen die Geiſtesgegenwart gelaßen mir zu folgen, ſo haͤtte das Geruͤſt der Verſen⸗ kung im untern Zimmer Sie aufgehalten, und ich haͤtte Zeit gehabt, zu entſchluͤpfen, lange eh' Sie hinabgekommen waren. Mein 1 Mein Vater erhielt fuͤr Sie die Ihnen verkuͤndete Hofſtelle. Valmont und d'Orſigni waren beide zu Verſailles. Leicht konnten ſie alſo fortfahren, Sie zu beobachten, auch unter⸗ ſtzte mich der gluͤcklichſte Zufall. D'Orſigni hat eine verwittibte Schweſter, welcher der Ba⸗ ron von S.— den Hof macht, und die er heu⸗ rathen will. Dieſer Baron war innig mit Frau von Roſeville verbunden, deren Liebhaber er einſt geweſen war. Sobald Ihre Anhaͤng⸗ lichkeit an dieſe verfuͤhreriſche Frau bekannt wur⸗ de, gewann er durch ſeine Schweſter den Ba⸗ ron fuͤr uns. Durch ihn erfuhren wir die An⸗ ſchlaͤge der Frau von Roſeville auf Ihr Herz, und auf Ihre politiſche Grundſaͤze. Er unter⸗ richtete uns von Ihrem anſcheinenden Unterwer fen und von den Verfuͤhrungsmitteln Ihrer Ge⸗ bietherinn. Endlich erfuhren wir durch ihn, die Maskenball⸗Parthie und das Projekt des Soupers bey Herrn D.— Denn ſie ruͤhmte ſich, als Beweiß ihrer gewandten Politik, Sie dahin zu bringen. Die wahrſ ſcheinliche Folgen Ihrer Unbeſonnenheit erſchreckten mich. Veh⸗ nah haͤtt' ich mich entdeckt, um ſie zu verhuͤten. Doch wir wollten noch einmal das Wunderbare verſuchen, und entwarfen unſte Plane. Der Baron wurde von meiner Verkleidung umer⸗ rich⸗ — — 110— richtet, ich von der ſeinigen. Er vertauſchte ſie, ſobald er mit Ihnen in den Saal trat, ohne entdeckt werden zu koͤnnen. Einzig von mir er⸗ kannt, blieb er an Ihrer Seite; leicht konnte ich Sie alſo unterſcheiden. Ich nahte und ſprach ſehr bewegt mit Ihnen. Ich hatte Ma⸗ rianen, eine meiner Kammerfrauen, vom naͤm⸗ lichen Wuchſe als ich, genau ſo wie mich ge⸗ kleidet. Als ich zum zweytenmahl mich Ihnen nahte, mußte ein Haufe dazu beſtellter Masken auf uns eindringen, uns trennen, und mir Zeit verſchaffen, das blaue unterſcheidende Band ab⸗ zunehmen, und mich zu entfernen, indeß Sie Marianen folgten, die Sie fuͤr mich hielten. Ich kehrte eilig nach Hauſe und kleidete mich eben ſo eilig um, indeß man Sie in den Stra⸗ ßen von Paris ſpazieren fuͤhrte. Dieß gab mir Zeit zum Umkleiden, und hinderte Sie zu bemerken, wohin man Sie fuͤhre. Auch fuͤrchtete ich dies gar nicht; denn Ihre eigne Wohnung mußte doch wohl das lezte ſeyn, daran Sie dachten. Der Wagen hielt an der erſten Einfahrt des fuͤr mich zubereiteten Fluͤgels, und Sie wurden in dieſes Zimmer gebracht, deſſen Daſeyn Sie nicht einmahl ahnen konnten. Hatte ich in unſrer damaligen Unterhaltung das Gluͤck Ihnen zu gefallen, ſo verdankt' ich dies hie nel do der cht hi dies wohl meinen redlichen, offen ausgeſproche⸗ nen Geſinnungen. Laͤngſt hatte ich zwar im Voraus uͤberdacht, was ich Ihnen ſagen wollte; doch üͤber das Vergnuͤgen, Sie zu ſehen, Sie der Frau von Noſeville entriſſen zu haben, ſagt⸗ ich Ihnen, glaub' ich, nicht Ein Wort, ſo wie ichs hatte ſagen wollen. Das leite Abentheuer, das Gefecht und der Muth Ihres Freundes Friedrichs, war nicht vorhergeſehen, und gieng viel weiter, als ich gebacht, und mein Vater mir erlaubt hatte. LTaͤglich intereſſirte ich mich inniger füͤr das Ge⸗ lingen meiner Entwuͤrfe. Die naͤhere Kenntniß Ihrer edlen Eigenſchaften erhoͤhte meine Liebe fuͤr Sie, und wurde die Quelle meiner Hofſ⸗ nungen und Unruhe. Ich fuͤhlt' es, mein Le⸗ ben war an das Ihrige, an unſre Verbindung geheftet. Die ſchoͤne Ueberzeugung, der ich mich hingeben durfte: geliebt zu ſeyn, erhoͤhte auch mein Sehnen, mich endlich zu entdecken. Doch der Krieg brach aus; Ihr kriegeriſcher Muth mußte Sie dahin fuͤhren. Ich beſchloß alſo, noch zu ſchweigen. Ich erhielt von mei⸗ nem Vater, daß er Ihnen das Kommando ſei⸗ nes Regiments überließ. Sie giengen zum Heere. Darf ich wohl meine Unruhe, meine Sor⸗ — 112— Sorge uͤber die Ihnen drohenden Gefahren ſchildern? Doch, ich liebte Sie rein, theurer Karl! ich liebte alſo auch Ihren Ruhm; ich wuͤnſchte Ih⸗ nen Gelegenheit, ſich auszuzeichnen; ich war ge⸗ wiß, Sie wuͤrden ſie benuzen, und der Liebe vertraute ich, ſie wuͤrde meinen Karl fuͤr ſeine zaͤrtliche Freundinn erhalten. Beynah haͤtte dieſes Vertrauen mich getäuſcht; doch ich wußt' es, ich wuͤrde Sie nicht uͤberleben, und dieß gab mir den Muth, Sie abreiſen zu laßen. So lange ſchon hatte ich mein ganzes Da⸗ ſeyn Ihnen, der Beobachtung aller Ihrer Hand⸗ lungen geweiht; ich konnte mich nicht entſchlie⸗ ßen, Sie aus den Augen zu verlieren, und hat meinen Vater inſtaͤndig um Erlaubniß, mich der Armee zu naͤhern. Endlich bewilligte ers; er hoffte, ich konne Ihnen vielleicht dorten nüz⸗ lich ſeyn. Doch bedung er, nach meinem eigs nen Wunſche, daß ich in Mannskleidern, und unter einem angenommenen Nahmen reiſe. Meine Haltung in dieſer Tracht war gewandt und ungezwungen, durch meinem verſiorbenen Ge⸗ mahl, dem Herzog v. Zelve, daran gewoͤhnt, der ſie bequemer fand fuͤr die gymnaſtiſchen Uebungen, in denen er mich auf dem Lande un⸗ terrichtete; ich hatte das Anſehen eines Juͤng⸗ lings 7 liſ Er te he di mi he ich h ge⸗ ebe uͤr ah nd lie⸗ und ſich ts z⸗ eig und ine und Ge⸗ hn, hen un⸗ in⸗ ſ 1135— liugs von 1 bis 18 Jahren. Ich erhielt die Erlaubniß, eine Kavallerie⸗Eskadron zu errich⸗ ten. Da ich bedeutende Beſizungen in Lothrin⸗ gen habe, ſo gab ich mich fuͤr einen Edelmann dieſer Provinz aus. Meine Soldaten kannten mich nicht, und glaubten die Prinzeßin von Selve habe mich bevollmaͤchtigt, auf ihren Guͤ⸗ thern zu werben⸗ Mein Vater uͤbergab mich von neuem der Bbſorge des Herrn Delolle. Auf ihn konnte er wie auf ſich ſelbſt zaͤhlen. Ich nahm ſeinen Namen an, ſezte den Namen Friedrich hin⸗ zu, und galt fuͤr ſeinen Neffen. Ihr General, meines Vaters vertrauter Freund, meldete? daß er ſich lebhaft fuͤr den jungen Mann inte⸗ reßire, der mit ſeinen Freywilligen der Armee folgen wolle. Meine Abſicht war, ſtets uͤber Sie zu wa⸗ chen, und zeige ſich Gelegenheit, wo meine Soldaten zu Ihrer Befoͤrderung, oder Sicher⸗ heit Ihnen nuͤzlich ſeyn koͤnnten, ſie zur Huͤlfe zu ſenden. Ich ſelbſt wollte mich keiner Gefahr ausſezen. Delville, ein alter erfahrner Krie⸗ ger, ſollte ſie anfuͤhren. Der General hatte einige Unterredungen mit ihm, und verſprach ihm, uͤher Sie ſtets Rachricht zu gebem 40 H Da⸗ — 114— Damit meine Freywilligen nicht ganz unbe⸗ ſchaͤftigt ſchienen, uͤbergab er ihnen die Bewa⸗ chung eines kleinen Dorfs. Wir erhielten re⸗ gelmaͤßig Nachrichten von der Armee, alſo auch von dem erſten Gefechte, in dem Sie ſich aus⸗ zeichneten. Damals konnte ich Ihnen nicht die⸗ nen; ich ſendete alſo die heiſeſten Wuͤnſche fuͤr Ihre Sicherheit zum Himmel. Indeß wurde ich doch von furchtbarer Unruhe gepeinigt. Kaum wagte ich, nach Ihnen zu fragen; doch wurde ich durch Ihren Ruhm und den Ruf Ihres Muths und edlen Betragens etwas getroͤſtet. Delville empfieng einige Zeilen vom Ge⸗ neral. Er benachrichtigte ihn: Sie wuͤrden in der naͤchſten Nacht zu einer geheimen, gefahr⸗ vollen Un ternehmung ausruͤcken. Wir kannten die Gegend; wir wußten, daß Sie vor einer ſtarken feindlichen Poſtirung voruͤberziehen muß⸗ ten. Wir ſahen wohl: wuͤrden Sie ungluͤckli⸗ cherweiſe entdeckt/ ſo ſey dieß der Augenblick, Ihnen naͤzlich zu ſeyn. Delville machte kluge Anordnungen. Er bat mich, im Dorfe zu blei⸗ ben, und eilte, ſich mit Ihnen zu vereinigen⸗ Meine Unruhe erlaubte mir indeß nicht, lange dort ruhig zu ſeyn. Ich ſtieg zu Pferd, einzig von meinem Stallmeiſter begleitet, um Ihnen in einiger Entfernung zu folgen, und fruͤher Nach⸗ — be⸗ wa⸗ ke⸗ uch us⸗ die⸗ fuͤr rde um rbe res Ge⸗ hr⸗ ten her uß⸗ l ich ihe leb ge ih e — 115— Nachricht vom Ausgang zu erhalten. Die Be⸗ wegung, die ich bey meinen Truppen bemerkte, ließ mich bald fuͤrchten, Sie ſeyen in Gefahr⸗ Ich vergaß mein Geſchlecht und alle Vorſicht; ich ſah nur Sie, und flog zu Delville, um ihn zu Ihrer Vertheidigung aulzumuntern. Er war erſtaunt und beſtuͤrzt uͤber meine Erſchei⸗ nung. Er beſchwor mich, mich zu entfernen. Doch wir waren in dieſem Augenblick auf einer Höhe. Ich ſah deutlich, daß Sie unter der Ueberzahl der Feinde erlagen. Nun wich jede Ruͤckſicht, Ihrer Gefahr. Ich befahl meinen Sol⸗ daten, mir zu folgen, und ſprengte zwiſchen die Feinde und Sie, mit einer Verwegenheit, die mir das Leben koſten konnte, ohne das Ih⸗ rige zu retten. Aber mein Gluͤck war groͤßer als meine Klugheit; der brave Delville folste mir, ſchlug den Sie umgebenden Haufen zu⸗ ruͤck, und ſicherte Ihren Rückzug. Das übrige wiſſen Sie; außer der Pein, die ich empfand, ſo lange die Wunden für Ihr Leben fuͤrchten ließen.— Alle meine Plane ſind alſo gelungen. Ich bin nun gewiß: mein Karl iſt der liebenswuͤrdigſte der Maͤnner; er muß gewiß ſeyn, daß er der geliebteſte iſt. Ich glaube an Seine Liebe; denn ich war de⸗ ren Gegenſtand, ſelbſt da ich ihm nur als im H 2 We⸗ —— 116— Weſen der Fanta ſie erſchien. Doch, Farl! uͤberlegen Sie, finden Sie mich zu romanhaft, zu ſchwaͤrmeriſch, um Ihre Gattinn zu werden, ſo ſind Sie frey. Mein Vater und ich ſelbſt verſichern Sie, daß Sie noch dieſe Verbindung ausſchlagen koͤnnen.“—— 35. Man erraͤth meine Antwort. Zwar ver⸗ mocht ich die Empfindungen meines Herzens nicht lebendig auszuſprechen; doch bemerkt' ich mit Freude, mein Onkel und meine Kouſine wa⸗ ren von meiner Dankbarkeit, von dem tiefen Gefuͤhle meines Gluͤcks überzeugt. Pft ſagt“ ich ihr, haͤtt' ich fruͤher Sie geſehen, ſo waͤren alle Proben unnuͤz geweſen, und ohne Huͤlfe des Wunderbaren haͤtte ich Sie als veins Schuzgeiſt verehrt. Taͤglich uͤberzeuge ich mich mehr: Treue und wahre Liebe fuͤr ein liebenswerthes Weib, iſt die ſicherſte Aegyde gegen die Gefahren des Laſters und des Leichtſinns. Theure Kinder! trefft eine richtige Wahl; liebt mit wahrer, reiner Empfin⸗ dung; ihr werdet Erwiederung finden, und dann auch einen Schuzgetſt beſizen!—— Arno⸗ Eine Erzaͤhlung von Friedrich Kind⸗ Al der Dichter* bey einer Sommerreiſe durch M ſeinen Freund, den Hofmaler, auf deſ⸗ ſen gelegener Villa beſuchte, und nun beyde an der laͤndlich luculliſchen Tafelrunde einander un⸗ ter ſechs Augen— denn die reizende Hausfrau nahm den dritten Platz ein— in die innere Werkſtatt ihrer geiſtigen Schöpfungen bliken ließen, aͤußerte unter andern der Oichter: „Manchmal mag etwas verungluͤken, wovon ich mir bey dem Empfaͤngniß gutes verſpreche; aber warlich, nimmer iſt mir etwas gelungen, welchem ich gleich beym erſten Wurf mistraute!“ „Ich habe daſſelbe erfahren;“— nahm der Maler das Wort— und ſtimmt nicht auch das Leben mit der Kunſt hierinn vollkommen uͤber⸗ ein? Der erſte Blik feſſelt oft Herzen an einan⸗ der; aber er ſollte ſie, mein' ich, auch auf ewig trennen. Zweifle an Sympathie und Antipathie wer da wolle, niemand ſoll mir es einreden, daß wir auf den erſten Eindruk, den eine menſch⸗ liche Geſtalt auf uns macht, nicht wie auf das Wort Wert einer Gottbegeiſterten Pythia hoͤren ſollen. In dieſem Moment wirkt der Dämon in uns noch frey; ſpaͤterhin wird er oft gar durch das Geſchwatz der kalten Vernunſt, oder durch das Gaukelſpiel der Sinnlichkeit, in ſeinen Wirkun⸗ gen gehemmt.“ Der Dichter wollte dieſe Sätze in Anwen⸗ dung auf geſellſchaftliche, ja ſogar zaͤrtliche Ver⸗ bindungen nicht gelten laſſen, und nannte den Glauben an ein ſolches Prakel des erſten Bliks, bey guͤnſtigem Ausſpruch bedenklich, bey unguͤn⸗ ſtigem grauſam. Doch hier fand er eine hart⸗ naͤkige Gegnerin an der aufmerkſam zu lauſchen⸗ den Wirthin, die freylich hinlaͤnglichen Grund in ihrem Innern vorfinden mochte, der Macht des erſten Blikes nichts vergeben zu laſſen. Der Dichter vermuthete dieſen Grund; denn er hatte gehoͤrt, daß die Malersfrau von vorneh⸗ mer Geburt und ſehr reich ſey. Er bediente ſich daher aller ihm verliehenen Rednerkuͤnſte, und brachte die freundliche Feindin endlich dahin, daß ſie ſeinen Gruͤnden und Spitzfindigkeiten nicht mehr zu begegnen wußte, vielmehr zu einzelnen Erfahrungen und— obwohl dieß zu⸗ letzt mit tiefer Wehmuth— zu erlaͤuternden Beiſpielen ihre Zuflucht nahm. „Haſt S——— n⸗ „Haſt du!“— fragte ſie endlich ihren Mann mit lieblichgeſenktem Koͤpfchen, indem ſie vom Tiſch aufſtand, und ihr Tuch vor die Augen hielt—„unſern lieben Gaſt nie etwas von dem ungluͤcklichen Arno erzaͤhlt?“ „Gut, daß Du mich daran erinnerſt.“— verſetzte der Maler ſehr bewegt, und wandte ſich an den Dichter.—„Morgen ſuche ich Ihnen Arno's Papiere zuſammen; aber um dieſe ganz zu verſtehen, muͤſſen Sie erſt Einiges uͤber mein Zuſammentreffen mit ihm und mit meiner Bianka hoͤren!“ „Sie erinnern ſich wohl noch von der Aka⸗ demie des Barons Z., der untex allen ſeinen Landsleuten fuͤr den ſchoͤnſten und ausgezeichnet⸗ ſten jungen Mann gehalten ward. Er hieß mit dem Vornamen Arno, war der einzige Sohn des verſtorbenen Generals, und der Bruder meiner nunmehrigen Frau. Seine Liebe zu den Kuͤnſien knuͤpfte zwiſchen ihm und mir erſt Be⸗ kanntſchaft, dann Freundſchaft an, und bald mußte ich ihm verſprechen, bei den nächſten Fe⸗ rien mit nach ſeiner Heimath zu reiſen, um ſeine Mutter und Schweſter fuͤr ihn zu malen⸗ Ich uͤbergehe mit Stillſchweigen, welchen Ein⸗ druck Bianka's erſter Anblick auf mein Herz machte, und wie unendlich dieſer Eindruck ſich ſpaͤter⸗ ſpaͤterhin bei der Arbeit an ihrem Gemaͤlde ver⸗ ſtaͤrkte; die, von unſerer gegenſeitigen Liebe, überſprungene Kiuft aͤußerer Gluͤcksumſtande, der Augenſchein, daß Bianka ſchon ſeit Jahren die Meinige iſt, gibt Ihnen ja ſchen den Auf⸗ ſchluß unſers Lebeus⸗ und Liebes⸗Romans. Doch legt mir die Pflicht der heißeſten Dankbarkeit die Erklaͤrung auf, daß Arno allein es war, welcher uns ſo manche, nicht leicht zu beſeiti⸗ gende, Schwierigkeit gluͤklich beſiegen half, und zulezt auch ſeine Mutter zu ihrer Einwilligung bewog. „Er ſelbſt war in Gemaͤsheit ſeiner Wuͤn⸗ ſche und Talente ſchon ſeit einiger Zeit beim Cabinet angeſtellt, und wurde nun, weil eben gen war, mit einem geheimen Auftrage dahin abgeſchickt. Wir erhielten anfaͤnglich ſeine Briefe ſehr ordentlich, großtentheils durch die Couriere; dann langten zu Zeiten mehrere Blaͤtter davon zuſammen an; endlich blieben ſie gaͤnzlich aus. Sie koͤnnen leicht denken, daß wir hieruͤber in große Beſorgniß geriethen. Doch alle, ſowohl von Seiten des Hofs, als unſere angeſtellten Nach⸗ forſchungen, brachten uns nicht weiter auf die Spur, als ſeine früheren eigenen Briefe, naͤm⸗ lich: daß er zulezt eine Reiſe nach dem Schloſſe Dr**z mit der Aufſchrift: — 125— Dr txz unternommen habe. Ueber ſeine Zu⸗ ruͤkreiſe von daher war hingegen durchaus nichts Beſtimmtes zu erfahren, ob ſich ſchon mancher⸗ ley dunkle Geruͤchte verbreiteten. Jeden Falls ſchien er auf irgend eine Weiſe verungluͤkt zu ſeyn. Nach einiger Zeit erhielt ich jedoch aus dem Barfuͤßer⸗Kloſter zu W. die Nachricht, daß man einen jungen ſchoͤnen Mann, von einem Piſtolenſchuß, wahrſcheinlich durch eigne Hand, getödtet, im nahgelegenen Walde gefunden habe; man uͤberſchickte mir zugleich einige Briefe, die man verſiegelt und an mich addreßirt, in ſeinem Taſchenbuche gefunden hatte. Inwendig ſtand nichts, als:„Gute Nacht, ihr Lieben!“ — Alles, was zu einer vollſtaͤndigern Auskunft uͤber ſein trauriges Schickſal dienen kann, werde ich Ihnen morgen zuſtellen laſſen.“ Am folgenden Tage erfuͤllte denn auch der Maler ſein Verſprechen, und uͤberſandte ſeinem Freunde die folgenden Blaͤtter, deren Umſchlag eine andere Hand, vermuthlich der Maler ſelbſt, Suleicha Hezeichnet hatte. *) Et ſind die Nummeen 13 bis 23 — 124— L. Nantchen kommt noch nicht nach Her⸗ mannsgruͤn zuruͤck. Ich fand ihr niedliches Brieſchen, das mir dieſe Trauerpoſt verkuͤn⸗ digte,— eine ſuͤße Elegie im kleinſten Format, an welcher die Kunſt nicht den mindeſten Theil hat— nach meiner Zuruͤckkunft von einem Spa⸗ ziergange, und— gleich als muͤſſe alles, was von Ihr kommt, doppelt gefällig erſcheinen, hat mir der ſpielende Morgenwind eben jetzt, da ich noch einmal hineinſehen will, das geldge⸗ raͤnderte Blaͤttchen entführt; es flattert um den Blumenkorb, den unter dem Spiegel eine ſchoͤne geformte Karyatide mir ſinnig anbietet.— Doch ich habe den Schmetterling erhaſcht.— O wie ſpricht aus jeden Ihrer Worte die reinſte, unſchuldigſte Seele, und zugleich eine ſchwaͤrmeriſche Liebe, wie faſt auf dieſer Erde ⸗ nicht mehr wohnet! Sie wird, ſo ſehr ihr Herz widerſtrebt, noch einige Zeit laͤnger von mir getrennt bleiben, weil eine, Gott weiß, woher? auf dem Rittergute des Onkels ange⸗ langte Fremde, die glaͤnzenſten Luſtbarkeiten per⸗ anlaßt, welchen Nantchen, ſo gern ihre Mut⸗ ter das vermied, durchaus beywohnen ſoll. Sie äußert ſich uͤber dieſe Fremde mit Bewunderung, doch doch zugleich mit ehrerbietiger Scheu; faſt moͤcht' ich ſie einer kleinen Eiferſucht beſchuldigen. Dennoch legt ſie mir es dringend ans Herz, ſo⸗ bald nur moͤglich zu ihr zu kommen. Ich weiß in der That nicht, ob— o ja, Ihr Lieben! ich weiß es nur gar zu gut, daß ich ohne das kleine Feenkind faſt nicht mehr le⸗ ben kann! 2. Unſere Briefe haben ſich r und, da meinem Geſchaͤft eine unerwartete Sögerung in den Weg tritt, ſo findet mich der Eurige im⸗ mer noch hier. Ihr fragt, wer dieß Nantchen, deſſen ich ſo oft erwaͤhnt, denn eigentlich ſey, und ſcheint mein Verhaͤltniß zu dem lieblichen Geſchoͤpf nur fuͤr ein fluͤchtiges Abentheuer zu halten. So muß ich Euch doch wohl ſchon jetzt umſtaͤndli⸗ cher beichten, ob ich dieß gleich lieber einer muͤnblichen Unterhaltung vorbehalten haͤtte, wenn ihr mein Braͤutchen ſchon von Angeſicht zu An⸗ geſicht kenntet. Daß ich das reizende Maͤdchen auf einem Abſtecher nach dem* Bade kennen lernte, wißt ihr ſchon aus meinen vorigen Briefen. War⸗ Warlich, romantiſch und wunderbar genug hat ſich alles gefuͤgt! Ich machte damals, weil die bergige Straße eine andere Art Fortkommens erſchwert, den groͤßten Theil des Weges zu Fuße, Heinrich, Ihr kennt ja den troknen, ehrlichen Pommer, trug mir meine Reiſetaſche nach. Ermuͤdet kam ich bey ſchon einbrechender Nacht in den Gaſt⸗ hof zu Hermannsgrün an; dieſes, zwar abgele⸗ gene, doch recht freundliche Dorf, giebt faſt den Mittelpunkt der herrlichen Gruͤnde ab, in wel⸗ chen ich mich einige Tage, oder Wochen herum⸗ zutreiben gedachte. Kaum hatte ich mich hier mit Trank und Speiſe gelabt, als ich, unbe⸗ kuͤmmert um meine Umgebungen, das Bett ſuchte, und in feſten Schlummer verſank. Etwa fruͤh gegen drei Uhr mochte ſich mein Körper hinlaͤnglich erquickt haben; ich hoͤrte in dem myſtiſchen Zwiſchenzuſtande des erſten, un⸗ gewiſſen Erwachens, dichte neben mir eine leiſe, wunderbar liebliche Muſik, die von nirgends recht eigentlich herzukommen ſchien, und zart, wie ein Engelſtimmchen, zu meinen Dhren drang. Ich rieb mir die Augen, um gewiß zu werden, daß ich nicht noch traͤume; der unſicht⸗ bare Tonkuͤnſtler fiotete noch einige Augenblicke fort, dann ward er wieder ſtill. Duͤrfte hat aße ich, er, am aſ⸗ ele⸗ den vel⸗ um⸗ hier nbe⸗ hie, nein in eiſe nbs art, ren icht⸗ — 127— Duͤrfte man in unſern Tagen nur halbweg mit Ehren au das fabelhafte Geiſterreich glau⸗ ben, ich haͤtte mich leicht uͤberredet, ein Elfen⸗ concert vernommen zu haben; ſo aber unter⸗ ſuchte ich hoͤchſt proſaiſch mein Zimmer etwaß genauer, und fand dieß nur durch einen Ver⸗ ſchlag von einem andern geſchieden. Ich ſchloß alsbald, daß jemand neben mir wohne, und ein Aſtloch ließ mich ein friſches jugendliches Ge⸗ ſichtchen, in Wahrheit den Kopf eines ſchlummern⸗ den Engels, entdecken, dem ein nicht minder ſchoͤ⸗ ner Arm zur Unterlage diente. Gern haͤtte ich in dieſem Augenblick dem pfenniggroßen Aſtloch die Groͤße eines Guldens gegoͤnnt; doch keine Fee ſprang mir zu Huͤlfe; die Fortſetzung der ſchoͤnen Buͤſte blieb meinen Augen entzogen. Mit dem feſten Vorſatze, auf den Abend hier wieder einzukehren; kleidete ich mich an, um des ſchoͤnen Morgens im Freien zu genie⸗ ßen. Weibliche Pantoffeltritte ſchallten von der Hausflur herauf; ich ſchaͤrfte meine Ohren. Ein niedliches, ſchwarz geaͤugtes Zoͤſchen trippelte die Treppe herauf, gruͤßte mich im Vorbeyge⸗ hen, und eilte mit dem Fruͤhſtuͤt auf die frag⸗ liche Nebenthuͤr zu. Dieß, und ein ſeidner Mantel, den ich durch die halb geoffnete Thuͤr erblikte, beſtärkte mich nur noch feſter in der ange⸗ angenehmnen Vermuthung, daß ich weibliche, und zwar ziemlich vornehme Nachbarſchaft habe; ein t im Schuppen ſtehender, voͤllig abgepakter Rei⸗ ſewagen, ließ meine Reugier noch naͤherer Be⸗ kanntſchaft bey der Zuruͤkkunft Befriebigung hoſſen. So unſaͤglich ſchön der Sonnenaufgang, und l ſo paradieſiſch die einſame Fruͤhgegend war; ſo ward alles fuͤr mich doch noch weit paradieſi⸗ ſcher, weil mir aus jeder Felſenſchlucht, aus zeder maleriſchen Baumgruppe⸗ das bewußte Engelsköpfchen entgegenlauſchte. Lange blieb dieß bloſe Phantaſie; aber nach Verfluß einiger Stunden gewahrte ich, nahe bey mir aus dem Gebuͤſch heraustretend, eine aͤltliche, noch ſchoͤne n Frau, die— nun ja! von den blondgelokten Engel— der aber ein Knabe war— begleitet wurde. e „Angeführt!“— ſagte ich, mich mit mei⸗ nem Verdruß ſelbſt nekend, und belaͤchelte im Stillen meine einſtigen anatomiſchen Kunſtſtu⸗ dien, die mich miht einmal Kopf und Arm ei⸗ nes Amors von dem einer Pſyche unterſcheiden lehrten. Indeſſen ſchied die beiden Luſtwandel⸗ ten nur noch ein kleiner Bach von mir, und 0 hlieb iger dem hone ten eite me⸗ iſ ſiſu⸗ ei⸗ eiden ndeb und — 129— ich konnte nicht fuͤglich umkehren, ohne ſelb die Hoͤflichkeit zu verletzen. Das Frauenzimmer ſchritt nun ziemlich vor⸗ ſichtig uͤber den ſchmalen, etwas ſchraͤg herab⸗ laufenden Steeg; ihrem jüngern Begleiter aber duͤnkte dieß zu langweilig, und er nahm, mir faſt gerade gegen uͤber, einen Anlauf, heruͤber zu ſpringen. Mochte nun aber das ängſtliche Aufſchreien der Mutter, da ſie dieß gewahr ward, den kleinen Wagehals irre machen, oder reich⸗ ten ſeine Kraͤfte wirklich nicht hin, genug! ich bemerkte im Nu, daß der Sprung misgluͤken muͤſſe, und floh eiligſt herbei, um ein Ungluͤk zu verhindern. In der That konnte, wegen der am dieſſeitigen Ufer liegenden ſcharfen Steine, ein Fall ſehr gefaͤhrlich ablaufen. Ich fieng, mit dem einen Fuß ins Waſſer tretend, den ſinkenden Jcarus gluͤklich auf, aber — denket euch ſelbſt meine Ueberraſchung, als das Gefuͤhl meiner Hand, durch den zurukflie⸗ genden Ueberrok des engelgleichen Weſens be⸗ guͤnſtigt, mich aufs unwiderſprechlichſte über⸗ zeugte, daß der Drang der Nothwendigkeit mich faſt ſo kuͤhn gemacht habe, als jenen Spani⸗ J ſchen — 1360— ſchen Ritter*), mit einem Wort; daß ich das jungfraͤulichſte aller Maͤdchen umfaſſe. So ſtand ich denn, mit dem andern Arm die verkleidete Schone ens umſchlingend, einige Secunden unbeweglich; Angſt und Schaam, Ver⸗ wirrung und Dankgefuͤhl, jagten Roſen aüf ihre Wangen, blitzten aus dieſen himmliſchen Augen, ſetz⸗ ten den, vom leichten Gilet nur dunn bebeckten Bu⸗ ſen in noch ſchnellere Wallung, bis ich endlich durch das Herzueilen der, zwiſchen Beſorgniß und Freude getheilten Mutter bewogen ward, die liebliche Laſt aus meinen Armen in die ih⸗ rigen zu legen. Es dauerte eine Weile, ehe die beiden zar⸗ ten Weſen ſich von ihrer Beſtuͤrzung erholten, und kaum war dieſes geſchehen, als ſie ſich ver⸗ eint in zahlloſe Dankſagungen gegen mich er⸗ goſſen. Aber warlich, der geleiſtete Ritterdienſt war vurch ſich ſelbſt ſchon allzureizend belohnt, um mich uͤber dieſe Lobpreiſungen nicht erroͤthen zu laſ⸗ *) Vermuthlich der Spaniſche Grand, der, als die Koͤnigin vom Pferde geſchleift wurde, ihr Knie beruͤhrte, um ſie vom Steigbuͤgel zu befreyen, und wegen dieſer hochverraͤthe⸗ riſchen Kekheit faſt mit dem Tode beſtraft worden wäxe. A. D. H⸗ ——— das Am inige Ver⸗ ihre ſet⸗ Bl⸗ blich gniß vard, eih⸗ zat⸗ lten, bet⸗ et⸗ wat um n laß — 1351— laſſen. Ich ſuchte daher, ohne uͤbrigens von der gemachten ſchonen Entbekung gegen die Mut⸗ ter das mindeſte zu verrathen— daß die Toch⸗ ter mich nicht mehr fuͤr ſo unwiſſend hielt, ſagte mir ihre Wangenglut, ſo oft ſie mich anſah— dieß Geſpraͤch abzukuͤrzen. „Ward es mir doch heute fruͤh ſchon durch ein Engelſtimmchen verkuͤndet,““— fiel ich ein, indeß meine Blike Nantchens zur Erde geſchla⸗ gene Augen ſuchten und fanden—„daß ein Gluͤk mir bevorſtehe!“ „Durch ein Engelſtimmchen?“— fragte das holde Blondchen neugierig.—„Wie ſo?“ ſetzte die Mutter mit ungewiſſem Tone hinzu. Ich erzaͤhlte ihnen nun, weil ich ſelbſt eini⸗ gen Aufſchluß daruͤber wuͤnſchte, von der, in der Fraͤhe zu mir heruͤber geſchwebten Muſik⸗ und unſchuldig freubig zog das Maädchen an ei⸗ ner ſeidnen Schnur eine niedliche Daſchenuhr aus dem Weſichen, die, nach einem Druk an die Feder, das niedliche Sruͤkchen wiederholte, das mir in der Fruͤhſtunde eine Art von Tönzauber gedünkt hatte.„Denken Sie nur,“— ſagte die Holde dann unbefangen, obwohl ihrer Knaben⸗ rolle ein wenig vergeſſend—„vor einigen Wo⸗ chen ſehe und hoͤre ich mit der Mutter in ei⸗ nem Galanterie⸗Gewoͤlbe dieß niedliche Spiel⸗ J2 zeug⸗ —— —— ——— — 1352— zeug, und bald darauf, da die Mutter eben aus⸗ gegangen iſt, wird mir's von unbekannter Hand uͤberſchikt.“ „Du weißt ja, wie ſehr Deine Pathin Dich liebt“— fiel die Mutter etwas ernſt ein, und ihr Blik; welchen gleichwohl auch das Maͤdchen alsbald verſtand, ließ es unentſchieden, ob ihr nur das aus der Rollefallen des mädchenhaften Knabens, oder das, freilich ſehr koſtbare Uhren⸗ geſchenk ſelbſt, Verdruß errege. Doch genug für heute; Ihr habt doch laͤngſt errathen, daß der kleine, goldgelokte Seraph hienieden den Namen Nancchen fuͤhrt! 4. Eben ſo leicht werdet Ihr nach der geſtrigen Einleitung darauf ſchließen, daß ich Nantchen und ihre Mutter in den Gaſthof zuruͤkbegleitete, und, ſobald ich hoͤrte, daß beyde ſich in einem Hauſe des Dorfs ordentlich eingemiethet haͤtten, auch meinen Reiſeplan gänzlich abaͤnderte. Schon der erſte Blik, den mir das Aſtloch auf die kindlich Schlummernde geſtattete, noch mehr aber jene ſuͤße Trunkenheit, als die Zitternde mit hochklopfender Bruſt in meinen Armen lag, das Geraͤuſch des Bergwaſſers mir Sphaͤrenmuſik duͤnkte, und ihr großes blaues Auge mich fuͤr Au⸗ —— aus⸗ Hond Dich und hen b ihr aften hren⸗ angſ raph rigen ſchen itete, inem itten, chon f die aber mit lag/ nuſt ſit M — 155— Augenblicke in den Himmel entrüͤkte, hatte allen meinen Gedanken und Gefuͤhlen ploͤtzlich eine an⸗ dere Richtung gegeben; ich fuͤhlte mich jetzt ſchon gluklich, mit dem himmliſchen Geſchöpf dieſelbe Luft einathmen zu koͤnnen; ich fuͤhlte es deutlich, meine Stunde hatte geſchlagen⸗ Bey Nantchen gab mir denn auch ſchon die erſte Zuſammenkunft die freundlichſten Hoffnun⸗ gen, und nur die Mutter behandelte mich mit ſcheuer Zuruͤkgezogenheit. Indeſſen mußte am folgenden Morgen, da ich ſie in ihrer neuen, nun bezogenen Wohnung aufſuchte, entweder auch ſie mehreres Zutrauen gegen mich gefaßt, oder durch Nantchen den zufaͤlligen Verrath ih⸗ res Geheimniſſes erfahren haben; wenigſtens hatte ſich nun der niedliche Knabe, und zwar von nun an fuͤr immer, in das lieblichſte aller Maͤdchen verwandelt. Auch erfuhr ich nach ei⸗ niger Zeit von der Mutter ſelbſt, daß ſie die Wittwe des verſtorbenen Hofraths von* ſey, und eine, den Verdienſten ihres Mannes angemeſſene Penſion vom Hofe beziehe. Die Verkleidung der Tochter wurde nur beilaͤufig erwaͤhnt, und für einen Scherz ausgegeben, wozu ſie eine fruͤher, in haͤuslichen Zirkeln ge⸗ ſpielte Rolle, und die groͤßere Bequemlichkeit auf der Reiſe, verleitet haͤtten. So ————— — So angenehm es uͤbrigens fuͤr mich war, durch dieſe Demaskirung zugleich das Recht er⸗ langt zu haben, dem Fraͤulein auch im gemein⸗ ſchaftlichen Geſpräch eiwas von dem anzudeuten, was ich fuͤr ſie empfand; ſo ſehr es mir ſchmei⸗ chelte, als ich durch das liſtige Kammermaͤd⸗ chen, das ſich trefflich auf Ltebeshaͤndel zu ver⸗ ſtehen ſcheint, heimlich zwar, doch unverlangt, es erfuhr: Fraͤulein Nantchen ſelbſt habe auf Ablegung der maͤnnlichen Tracht beſtanden, und nur mit vieler Muͤhe der Hofraͤthin die Erlaub⸗ niß dazu abgeſchmeichelt; ſo war doch auch auf der andern Seite die leztere augenſcheinlich viel zu klug und zu wenig romanhaft, um bey ihr nicht irgend eine verborgene Urſache vorauszu⸗ ſetzen. Allerdings gruͤbelte ich hieruͤber— wie denn überhaupt die Liebe auch Kleinigkeiten ſo gern erklärt wiſſen will— verſchiedentlich nach; da es jedoch vor der Hand unmoglich ſchien, etwas naͤheres zu erfahren, ſo verwieß ich mei⸗ ne Neugier zur Ruhe, und beſchloß dagegen, von der guͤnſtigen Gelegenheit, die Einſamkeit, Landleben und die damit verbundene groͤßere Ungezwungenheit des Umggngs mir darboten, beſimoͤglichſten Gebrauch zu machen. Die Hof⸗ raͤthin hielt ſich in Hermannsgruͤn, ſo hieß es wenigſtens, einer Molkenkur wegen auf; ich ſandte wir, ht et⸗ emein⸗ euten, chmei⸗ rmah⸗ ver⸗ langt, e auf unb rlaub⸗ ch uf h viel ey ihr ausſ — wie ten ſo nach; ſchiet h mei⸗ gegeh nfeit, tßere boten, Hof⸗ jeß et i ſunbie — 135— fanbte augenblicklich meinen Pommer zur Nach⸗ bri gung meines Kofſers und einer gewaltigen Kiſte Seiterbrunnen, in die Stadt. Die auf dieſe Art angefangene und fortge⸗ ſetzte Bekanntſchaft brachte uns nun von Tage zu Tage einander naͤher. Ich begleitete meine artigen Nachbarrinnen auf allen Spaziergaͤngen. Ich las ibnen bei truͤben Tagen die neueſten Schriften vor. Ich entdeckte ihnen mit achtungs⸗ voller Traulichkeit nach und nach ſelbſt meine Familienverhältniſſe. Die Mutter hoͤrte mir gern zu, und bewies mir, auch in Hinſicht auf ihre LTochter, ein ehrenvolles Zutrauen; von Nantchen ſelbſt ward mir ſo mancher ſuͤße Blik⸗ ſo mancher erwieberte Haͤndedruck zu Theil, und bald lag ihre reine, kindliche Seele ſo klar und oſſen vor mir, als der Wieſenbach, worinn ſie ihr liebes Geſicht manchmal an meiner Seite ſpiegelte. Nichts fehlte noch zu unſern Glük, als das Geſtändniß deſſen durch Worte, was ſich unſere Blike, unſere Pulsſchlaͤge ſchon oft genug verrathen hatten. Doch auch hiezu ver⸗ half uns bald die Gunſt des Zufalls. §. Ich hatte mir eines Tags eine etwas grö⸗ ßere Wanberung vorgenommen, an welcher die Frauen⸗ — 136— Frauenzimmer wegen Rauheit der Gegend nicht Theil nehmen konnten, und wovon in einem Tage zuruͤkzukommen, zwar moͤglich, doch kaum wahrſchemlich war. Ich aͤußerte daher am Abende vorher gegen die Hofraͤthin, daß ich vermuthlich erſt uͤbermorgen zuruͤkkehren werde, und Nantchen flͤſterte mir mit der guten Nacht noch die ſuͤße Bitte zu:„Wenn es eher mog⸗ lich waͤre!“ Ihr koͤnnt denken, daß ich mit der Morgen⸗ roͤthe aufbrach und der Fuͤße nicht ſchonte; doch ſah ich erſt ſpaͤt, da bereits der Mond aufge⸗ gangen war, den Kirchthurm des Doͤrfchens wie⸗ der durch die Baͤume bliken. „Dort ſchlummert die Liebliche wohl ſchon, und die Liebesengel wachen an ihrem Lager!“— rief ich mit der innigſten Sehnſucht vor mich aus, als ich nun auch ihre Fenſter gewahrte,— da entdeckte ich ſie ſelbſt auf einem Raſenſitz, un⸗ ter einer hohen Linde, die fluͤſternde Akazten mit ihren ſchlanten, ſiltergruͤnen Zweigen ma⸗ giſch umkraͤnzten, einfach und weiß geklewet, die Haͤnde vor ſich in den Schoos gelegt, und ſin⸗ nig in die Gegend hinausblikend. Die, ob⸗ wohl ungewiſſe, Erwartung hatte ſie, wie ich nachher von ihr ſelbſt erfuhr, nicht ruhen laſ⸗ ſen, und die Mutter thr auf vieles Bitten er⸗ laubt, nicht einen kaun r an ich werde, Nacht mög⸗ gen⸗ dch aufge⸗ 6 wie⸗ ſchoh — mich laubt, in Begleitung des Kammermaͤdchens— das aber gleich, da es mich erkannte, ei⸗ nem Johanniswuͤrmchen nachſetzte, und erſt an der Hausthuͤre wieder zum Vorſchein kam— des Lindendufts zu genießen. „Da bin ich wieder, liebes Nantchen!“— rief ich ihr entgegen, und breitete meine Arme nach ihr aus—„werd' ich oft ſo empfangen werden?“— Es kam uͤber mich, als waͤre ſie ſchon mein, als kehrte ich heim in unſere ge⸗ meiſchaftliche, friedliche Wohnung— ich wollte ihre Hand an meine Bruſt, an meine Lippen preſſen, aber, da ſi die andere mit aufblitzen⸗ der Freude auf meine Schultern legte— und haͤtte die Mutter ſelbſt am Fenſter geſtanden, ich haͤtte Nantchen umarmen, ich haͤtte ihre Lippen kuͤſſen muͤſſen! Dieſer Kuß dauerte aber wol etwas laͤnger, als wir ſelbſt ahneten— „Mein Nantchen! mein Arno!“ riefen unſicht⸗ bare Lebesengel um uns— ſo meinten wenig⸗ ſtens wir, unſerer ſelbſt vergeſſend. Doch die klopfende Bruſt und der Blik beym Abſchied ver⸗ riethen es nur zu deutlich, daß es unſere eig⸗ nen Stimmen geweſen waren. 6. Endlich, nachdem Nantchen mich mehreremal an den verſprochenen Beſuch dringend gemahnt hatte, hatte, habe ich, wenigſtens der Sache nach, meine Abfertigung erhalten, und kann nun fuͤr mich ſelbſt einige Wochen verwenden. Ich be⸗ nuzte die Stunden bis zur Abreiſe auf das Gut des Onkels, Euch noch alles zu melden, damit ich, wenn ich bey Nantchen bin, nur von der Gegenwart ſchreiben darf. Schon am Morgen nach unſerer gegenſeiti⸗ gen Erklaͤrung hielt ich mich fuͤr verpfichtet, unſre Liebe auch Nantchens Mutter zu entdeken. Meine Geliebte dankte mir fuͤr dieſen Entſchluß, mit ſuͤßen Bliken, geſtand mir, daß ihre Mut⸗ ter mich ſehr hochſchaͤtze, und machte, um nicht zugegen zu ſeyn, einen lang verſchobenen Be⸗ ſuch bei dem Pfarrer des Orts. I„ch fand bei dieſer Unterhaltung mit ver Hofraͤthin nur noch mehr Grund, ſie hoch zu achten, und ſogar wie eine Mutter zu lieben. Sie ſprach zu mir mit hoher Rührung und faſt maͤnnlicher Feſtigkeit; ſie unterrichtete mich, ſo wenig ich davon hoͤren wollte, von dem, was ihre Tochter an aͤußerlichen Glüksgütern beſitze, und was ſie zu hoffen habe; ſie erblikte in der An⸗ naͤherung unſerer Herzen eine hoͤhere Leitung und aͤußerte freyw lig, daß unſerer baldigen Ve bindung ihrer Seits durchaus kein Hinder⸗ niß im Wege ſtehe⸗ Jh nach für h he⸗ Gut damit der ſeiti⸗ chte, eken. chluß Ml⸗ nicht Be⸗ bet h i eben. faſ p ihte und n⸗ tung igen ſder⸗ „Ich danke der Vorſehung,“— ſetzte ſie dann, wie zur Erklaͤrung, hinzu,—„daß ſie meinem Nantchen einen edeln Mann ſchenkt, der ihre unerfahrne Jugend beſchuͤtzen kann, und ſie ſelbſt einer entfernten Heimath zufuͤhrt. Sie iſt rein und unſchuldig, wie ſie aus der Hand ihres Schopfers hervorgieng. Doch— jetzt moͤgen Sie es wiſſen— zu meiner hieſigen Ver⸗ borgenheit, und ſelbſt zu Nantchens Verkleidung, beſtimmten mich hinlaͤngliche Gruͤnde. Das Uhr⸗ geſchenk von fremder Hand, die ich ohnſchwer errathe, hat mir die Augen geoͤffnet. Sollte es noͤthig werden, gebe ich Ihnen deutlichern Aufſchluß.“ Als Nantchen nach einem Stuͤndchen zuruͤk kam, und in meinen Blilen die Einwilligung ihrer Mutter deurlich genug leſen konnte, legte ſie ihr blondes Koͤpfchen der Mutter ſtillſchwei⸗ gend auf die Achſel, und ſah mit den zaͤrtlichen Augen bittend zu ihr auf.—„Geh nur“— ſagte die Hofräthin laͤchelnd, doch eine Thräne im Auge—„die Blike der Mutter ſind eben ſo mild und nachſichtsvoll, als das Mondliche.“ Ihr koͤnnt leicht denken, daß wir über dieſe muͤtterliche Schalkheit, obwohl in jener ſchoͤnen Mondnacht belauſcht, oder von Henriekten ver⸗ rathen, doch eben nicht allzuſehr errotheten, wohl aber — 140— aber die uns ſtillſchweigend ertheilte Erlaubniß be⸗ nutzten, und uns nun im Angeſicht der ſanften Mutter ans Herz ſanken. Spaͤterhin wurde auch unſere Verbindung noch vor meiner Ab⸗ reiſe in die Heimath feſigeſetzt. Deſſen unge⸗ achtet wollte ſich die Hofraͤthin durchaus nicht dazu berſtehen, mit mir in die Stadt zurukzu⸗ kehren, vielmehr wurde, da ſie noch zuvor ei⸗ nige Briefe von dort erhalten hatte, von ihr beſchloſſen, auch von Hermannsgruͤn abzureiſen, und ſich einſtweilen mit Nantchen nach dem, zehn Meilen von hier gelegenen Gute eines Onkels, des Pberforſtmeiſters von, zu be⸗ geben. Von dort ſoll ich mir nun mein Braͤut⸗ chen holen, und ſchon ſchmettert das Poſthorn die Straße herauf, das mich zu ihr abruft. 7. Ich bin nun wieder bey Nantchen, und ſpaͤtſtens in vier Wochen wird ſie mein Weib ſeyn, ſpaͤtſtens in zwey Monaten ſollt Ihr ſie kennen lernen. Auch die Hofraͤthin, welche ſich hier wenig gefaͤllt, wird uns, und ob ſie gleich dadurch mit der Laͤnge der Zeit vielleicht die Penſion einbußt, hoffentlich fuͤr immer beglei⸗ ten. Sie hat nur die einzige Tochter, haͤngt an dieſer, wie dieſe an ihr, mit ganzer, unge⸗ theil⸗ — niß be⸗ anflen wurde r Ah⸗ unge⸗ nicht riinr or ei⸗ niht reiſen, ſi gleic tde beglei hůnh unge thel — 141— theilter Seele, und iſt, ein wenig Aengßtlich⸗ keit abgerechnet, eine ſo herrliche, bei aller Weltklugheit doch fuͤr alles Schoͤne und Gute ſo warm fuͤhlende Frau, daß ihre Gegenwart unſere Seeligkeit erſt ganz vollkommen machen wird. Hier im Schloſſe des Oberforſtmeiſters, der von meinem Verhaͤltniß zu Nantchen unterrich⸗ tet iſt, und bey aller Rauheit ſeines Charak⸗ ters an mir Geſchmak zu finden ſcheint, geht es denn freilich ziemlich unruhig zu. Die ſogenann⸗ te Fanisk a— doch von dieſem— verzeiht den ſonderbaren Ausdruck— in der That merk⸗ wuͤrdigen Prachtſtuͤt, der Natur und Kunſt ver⸗ lohnt es ſich ſchon der Muͤhe, etwas ausfuͤhrli⸗ cher zu ſchreiben! Wer dieſe angeſtaunte Fremde eigentlich iſt, ſcheint fuͤr alle, den Oberforſtmeiſter vielleicht ausgenommen, ein Naͤthſel zu ſeyn. Sie ſelbſt giebt ſich fuͤr eine, zu ihrem Vergnuͤgen reiſende Polin aus, macht zu Zeiten kein Geheimniß dar⸗ aus, daß ſie anders heiße. Sie ſpricht neben den Polniſchen faſt alle lebendige Sprachen, ob⸗ wohl die unſrige mit einem fremden, ihr vor⸗ trefflichlaſſenden Dialekt. Sie ſingt und tanzt, wenn ich den Verſicherungen einiger hier oft zu⸗ ſprechenden Pfficiere trauen darf, wie eine Mara Mara und Vigana, und malt, wie ich mich ſelbſt uͤberzeugt habe, wie Angelika, nur mit weniger weiblicher Zartheit. Was ihr Außeres anlangt, ſo kann ich nicht laͤugnen, daß, als ich das erſtemal mit ihr zu⸗ ſammen traf, ihre auffallende Schoͤnheit, beſon⸗ ders die Allgewalt ihrer leuchtenden, ich mochte ſagen, ſtechenden Augen, mich faſt mit einer Art heimlichen Entſetzens erfuͤllten. Einen rei⸗ zenderen Wuchs, gerade das Mittel zwiſchen uͤppiger Frucht und ſchuchterner Bluͤthe, blen⸗ dendere Haut, einen mehr zum Kuß lokenden Mund, ſchoͤnere Perlenzahne, ein reicheres, naͤchtlicher ſchwarzes Haar— eine aͤhnliche Leb⸗ haftigkeit des Geiſtes, im Bunde mit jeder koͤr⸗ perlichen Annehmlichkeit— eine gleiche Mi⸗ ſchung von Scherz und Ernſt, von einſchmei⸗ chelnder Gefaͤlligkeit und alles beherrſchender Macht— koͤnnt Ihr euch nicht denken. Sie fleht mit dem Silberton ihrer Stimme, indeß ihre Blicke der Erfuͤllung gewiß ſind; ſie ſcheint um jedes Herz zu werben, und iſt ſich doch be⸗ wußt, daß ihr alle ſclaviſch unterworfen ſind; ſie ſcheint jenem hoͤhern Lichtreich entſchwebt, und doch, wenn mein Gefuͤhl mich nicht taͤuſcht⸗ traͤgt ihre Allgewalt etwas an ſich, daß beinahe Grauen erregt. 0 In⸗ mich mur nicht P zu⸗ e on⸗ öchte einer rei⸗ ſche hlen⸗ enden eres kür⸗ Mi hmei⸗ endet Sit nbeß heint be⸗ ſndz vebl ſcht nahe 0 3¹ Indeß ſcheint jetzt ſelbſt Nantchen und ihre Mutter den geheimen Widerwillen, den ſie an⸗ faͤnglich gegen ſie gefaßt hatten, wenigſtens groͤß⸗ tentheils aufgegeben zu haben. Freilich kommt auch die, ſonſt ſo ſtolzſcheinende Faniska ihnen mit der einſchmeichelnſten Freundlichkeit zuvor, nennt Nantchen nur ihre Goldloke, hat ſich jetzt ihre Zimmer gleich neben ihr anweiſen laſſen, und ſogar angefangen, ſie in Miniatur zu ma⸗ len. Noch iſt nur der trefflich gerathene Kopf fertig, und ich waͤre auf die Ausführung wohl neugierig, da das Elfenbeintaͤfelchen dazu ein breites Oval iſt, indeß geraͤth dieſe Arbeit, wie es ſcheint, in Vergeſſenheit. 8. Wir ſind noch immer hier, und mir kann das gleich ſeyn, da ich ohnedieß nicht hoffen kann, meine föͤrmliche Abfertigung ſobald zu erhalten. Auch geſtattet man, ungeachtet der ziemlich lauten Freude, die hier einheimiſch iſt, unſerer Liebe zu Zeiten den Genuß der Stille und laͤndlichen Ruhe, ſo daß wir die Annehm⸗ lichkeiten des Brautſtandes gewiſſermaſſen in er⸗ hoͤheterm Grade genießen. Warum ſollten wir unter bieſen Umſtaͤnden auch ſogar eilen, die ohnedieß flͤchtigen Roſenmonde des Lebens noch mehr zu verkuͤrzen? 9. — 144— 9. Geſtern hatten wir das Erndtefeſt. Es ſollte, wie Faniska geltend zu mochen wußte, zu Ehren des ſchoͤnen Braͤutchens, im Grunde aber zur Huldigung ihrer ſelbſt, mi einem laͤnd⸗ lichen Tanze gefeiert werden. Dieſer artete je⸗ doch, wie die Vornehmen denn gewoͤhnlich die ganze Stadt mit aufs Land bringen, in den ſchwelgeriſchſten Ball aus, und— aufrichtig muß ich es geſtehen, vorher nie gewußt zu ha⸗ ben, was eigentlich Ball ſey. Doch Dir, lie⸗ ber Schwager, als Kuͤnſtler, muß ich wohl den ganzen Hergang gleich von vorn herein etwas ausfuͤhrlicher berichten. Die Ballgeſellſchaft ſollte ſich Abends um ſechs Uhr verſammeln. Nantchen hatte mich ſchon um vier Uhr zu ſich beſtellt, um erſt eine Weile bei ihr zu bleiben, und ſie dann nebſt der Mutter nach dem Saale zu begleiten. Ich fand die Bluͤhende ſchon voͤllig beret; Jugend, Anmuth, Unſchuld und Sitte, faſt bis zum Ideal erhoben! Wir plauderten und laſen dann ein wenig, diesmal in Geßners Ipdyllen, fuͤr welche Nantchen faſt bis zur Schwaͤrmerey ein⸗ genommen iſt. Nach einem Stuͤndchen pochte Foniska an die Thuͤre, die ihr Zimmer von Nancchens Woh⸗ 5 vußte, runde laͤnd⸗ le ſe⸗ h die nden ichtig u hl⸗ lie⸗ den etwus mich eine nebſ 3 gend, zun dunn „* ſit ein⸗ a 0 chens Vo — 145— Wohnung trennt, und rief:„Kommt doch her⸗ uͤber, Kinderchen! Einer Einſiedlerin, wie mir, wird doch auch zuweilen die Zeit lang!“ Als Nantchen die Thuͤre oͤffnete, hieß Fa⸗ niska ziemlich übelgelaunt ihr Maͤdchen hinaus⸗ gehen. Sie hat zwey dergleichen, ein paar ſehr anziehende Geſchoͤpfe, zu ihrer Bedienung.„Die Maͤdchen haben nicht das mindeſte Geſchick!“— rief ſie Nantchen entgegen. Ich trat hinter dieſer herein. Faniska, in einem weit gefalteten, ziemlich offnem weißen Gewand, ſtand eben vorm Spiegel, hatte ihr rabenſchwarzes Haar oben auf dem Scheitel mit der Hand gefaßt, und wandte ſich ſo laͤchelnd nach uns zurk. Da ſie noch mit Ankleiden be⸗ ſchaͤftigt ſchien, wollte ich zurükbleiben⸗ Aber— „immer naͤher!“ rief ſie ganz unbefangen— „wir Polinnen“— ſie ſagte dieſes ſo ernſt⸗ haft, als koͤnnte kein Menſch auf Erden an ih⸗ rer Landsmannſchaft zweifeln—„ſcheinen oft freier, als wir ſind; bei den Deutſchen Maͤb⸗ chen— meine ſüße Blondloke nehm' ich aus— iſt der Fall oft umgekehrt.“— „Zudem“— fuhr ſie mit einem gewiſſen ſpoͤt⸗ tiſchen Pathos fort, das dem zauberiſchen Mund allerliebſt kleidete, und ließ zugleich das lange Haar nachlaͤſſig uͤber den Buſen herabfallen— K„halte — 146— „halte ich uͤberhaupt jeden Braͤutigam fur einen unverwundbaren Achill, und nun erſt der Braͤu⸗ tigam eines Nantchens!“ „Aber, ſagt mir nur“— fuhr ſie, den Ton wechſelnd, fort— wie ihr euch fandet! wie ihr euch kennen und lieben lerntet! Es iſt erſt fuͤnf Uhr, und die Geſellſchaft hat ſchon die Gute, auf uns ein wenig zu warten. Noch in meinem Leben ſah ich kein junges Paͤrchen, das ſo ganz eigentlich im Himmel verbunden worden waͤre. Macht eure Freundin auch zur Vertrauten!“ Wir gaben ihr nun wechſelſeitig einige Bruch⸗ ſtuͤke unſerer Herzensgeſchichte, und ſie zeigte die theilnehmenſte Aufmerkſamkeit.„Ja, ſo eine Liebe!“— fiel ſie dann mit leidenſchaftlicher Sehnſucht, wie in ſchwaͤrmeriſcher Drunkenheit, ein— o was iſt das Leben ohne ſie?“—— Sie gieng einigemal im Zimmer auf und ab; ihre Augen flammten; ſie umarmte Nantchen, und druͤkte dann meine und Nantchens Hand verei⸗ nigt an den vollen, nur von ihrem ſeidnen Haat verſchleierten Buſen. Ich zuterte uͤber ihre Heftigkeit, uͤber dieß Vergeſſen ihrer ſelbſt, und glaubte auch an Nantchen daſſelbe zu bemerken. Ich weiß micht, ob Fantska etwas davon it unſern Mienen las; genug, ſie ließ augenblik⸗ lich meine Hand fahren, ſah Nautchen lange und einen Prah, en To vie iht ſ füͤnf Güte, neinen o gan waͤr n Bruch zeigte ſo ein tliche enhei Sie zihre „un beteb hae ihte t, un rlen⸗ on 6 enbl lanh und ſtarr in die Augen, und ſagte mit hoher Empfindung: O mögen Sie ſo glüklich wer⸗ den, theures Fraͤulein, als Faniska es wuͤnſcht! —— Doch!“ unterbrach ſie ſich dann ſelbſt— „Sie koͤnnten mich aufflechten helfen, ſuͤßes Nantchen! Von einem ſolchen Brautchen ge⸗ ſchmuͤkt, werde auch ich ein wenig gefallen 1 Sie klopfte bei dieſen Worten Nanſchen nek⸗ tend auf die Wangen, warf mit einer Art Zuͤch⸗ tigkeit einen Schawl um Bruſt und Nacken, und tniete dann, ohne die Antwort abzuwarten, faſt mit kindlicher Naruͤrlichkeit vor Nantchen nie⸗ der. Ich erinnerte mich,— ſey's dahin ge⸗ ſtellt, ob ein guter oder boſer Geiſt in mir wal⸗ tete?— Deiner Magdalene, die mir auch jetzt noch weit wahrer und charakteriſtiſcher duͤnkt, als ſelbſt Battoni's recht huͤbſches Blond⸗ chen, und ließ mich ſogar verleiten, Faniska mit jener verfuͤhreriſchen Suͤnderin zu verglei⸗ chen. Kaum hatte ich dieſe, immer etwas dop⸗ pelſinnige Schmeichelei uͤber die Lippen gebracht, als die Zauberin, gleichſam, als haͤtt' ich ſie dazu aufgefodert, eine Reihe ſchoͤner Magdale⸗ nenſtellungen vor uns voruͤberfuͤhrte, und uns durch dieß anmuthige Spiel in ein faſt mit Bangigkeit vermiſchtes Bewundern und Entzuͤk⸗ ken verſetzte. Gleichwohl blieb ſie durchgaͤngig K2 in in den Schranken des Anſtandes, und nur am Schluß, da ſie, gleichſam zum Himmel auf⸗ ſchwebend, ſich mit ausgebreiteten Armen ein wenig erhob, erinnerte ihre vorgewandte Stel⸗ lung, der in dieſem Augenblik vom Buſen zu⸗ ruͤkſinkende blaue Schawl, und ihr zuͤndender, faſt luͤſterner Blik, meine Phantaſie ziemlich ſtͤrend an des bekannten Cignani: Potiphars Weib. Faniska aͤußerte hierauf von ſelbſt, daß es Zeit werde, ſich zum Gehen anzuſchiken, ſchlug augenbliklich ihr glaͤnzendes Haar mit einem brillantenen Kamm zuſammen, ſchlang noch ei⸗ nige Schnuͤre Perlen um den blendenden Hals, und war nun, mit Huͤlfe eines andern, noch praͤchtigern Schawls, ſo reizend gekleidet, als haͤtte ſie ſich Stunden lang vor dem Spiegel geſchmuͤkt. Bey dem Balle ſelbſt hielt ſie ſich anfaͤnglich äußerſt zuruͤkgezogen, und ſchlug es, unter dem Vorwande eines leichten Kopfſchmerzes, jedes⸗ mal aus, wenn ſie aufgezogen ward. Nur, als nach Miuternacht Luſt und Freude allgemeiner, und ſogar etwas vorlaut ward, ſchien auch ſie davon ergriffen. Wenigſtens war ſie jetzt durch Nantchens Bitten leicht zu dem Verſprechen zu bewegen, etwas von ihrer Geſchiklichteit ſehen zu r an uf R elt Stel en ender, emlich phars ch es ſchlu einen oh ei⸗ Halb noch „al piege tglich r den jeheb r als einel⸗ c ſi dhrch en ſehi zu laſſen. Sie verſchwand alsbald in ein Re⸗ benzimmer, und ſchwebte nach einigen Secun⸗ den, wie verwandelt, ganz in Tricet gekleidet, ein Damburin in der Hand, wieder in den Saal. Das Prcheſter fiel auf ihren Wink ſogleich ein, und ſie wechſelte nun, in den vorgeſchriebenen Pauſen, Tanz mit Geſang. Doch uͤber das: Wie! fragt mich nicht! Unter allen Zuſchauern befand ſich kein einziger, der nicht in Entzuk⸗ ken ſchwebte, und wenn das für einen Braͤu⸗ tigam Suͤnde iſt, ſo war auch ich nicht ohne Suͤnde. Aber mein Gewiſſen iſt ruhig, hat mir doch Nancchen ſelbſt wegen dieſer Sunde noch beim Abſchiede unter manchem Kuß volle Abſo⸗ lution ertheilt. — Sowohl ich, als Nantchen und ihre Mut⸗ ter, ſehnen uns weg von hier, wo augenſchein⸗ lich aus Ruͤkſicht auf Faniska's uns unbekannte Verhältniſſe, des Herumtreibens kein Ende iſt. Gleichwohl zeigt ſich mir ein unvermuthetes Hin⸗ derniß. Der Prinz Rudolph, der ſich ſeit eini⸗ gen Tagen im ſtrengſten Inkognito auf einem benachbarten Jagdſchloſſe aufhalt, labet mich zu ſich ein, und laßt mich errathen, daß er auf einige Wochen meine Dienſte zu einem gewiſſen, ihm — 4150— ihm außerſt wichtigen Geſchaͤfte beduͤrfe. Er verſichert zugleich, meine foͤrmliche Abfertiguns bei Hofe koͤnne erſt in Monatsfriſt erfolgen, und nimmt in dieſer Hinſicht alle Verantwortlichkeit auf ſich. Alles, ſelbſt ſeine Anweſenheit, ſoll jedoch ſtreng geheim bleiben; nicht einmal einen Bedienten ſoll ich von hier mitbringen. Ich bin dieſem geiſtreichen Prinzen große Auszeichnung ſchuldig, und bei dem Verbhältniſſe unſers Ho⸗ fes zu ihm, das Ihr vielleicht errathet, muß mir ſein Wunſch fuͤr Befehl gelten. Noch heute reiſe ich ab. Waͤre der Abſchied von Nantchen nur ſchon voruͤber! Doch dieſe Trennung iſt ja ſo kurz, iſt die letzte! Nantchen, der ich meine Reiſe als unerlaͤßlich vorgeſtellt habe, troͤ⸗ ſtet ſich auch hiemit, und doch ſcheint ihr die Scheideſtunde centnerſchwer auf dem Herzen zu liegen. 11. Der Prinz iſt uͤber meine Gefaͤlligkeit, wie er es nennt, entzuͤkt, und verſchwendet an mich die ſchmeiche lhafteſten Verſicherungen ſeiner Gna⸗ de und ſeines Zutrauens. Der Auftrag, zu deſ⸗ ſen Ausfuͤhrung er mich beſtimmt, iſt mir ſelbſt noch nicht ganz klar. Ich ſoll die Fuͤrſtin L., deren verſtorbenem Gemahl der Prinz große Ver⸗ bind⸗ b igunz n und lichte t, ſol einen ch bin chnung s ho m he niche ng iſ der ich e, ni ihr bie rien il t, wie nich tGnu⸗ zu deſ ink⸗ e Ve⸗ hind⸗ binblichkeiten ſchuldig ſeyn will, mit den Verwand⸗ ten dieſes ihres Mannes auseincinder ſetzen. dich hat er, anderer Gruͤnde, die ſeine Zuver⸗ ſicht auf meine Talente ihm angeblich darbietet, zu geſchweigen, zu dieſem Geſchaͤfte erleſen, weil ich der Sprache jenes Landes vollkommen maͤchtig ſey, und es hiebei beſonders der Deu⸗ tung verſchiedener wichtiger Urkunden beduͤrfe. Morgen reiſe ich nach dem Schloſſe Or— tz ab, das ich bis jetzt kaum nennen gehoͤrt habe. In drei Wochen, meint der Prinz, koͤnne dieſe An⸗ gelegenheit ins Reine gebracht ſeyn. 12 Ich bin, troz der abſcheulichen Landſtraßen und eines Umwegs von ſechszehn Meilen, den ich nach dem Wunſche des Prinzen einer an⸗ dern Angelegenheit halber nehmen mußte, gluͤk⸗ lich am Ort meiner Beſtimmung angelangt, und nur das einzige beunruhigt mich, daß ich in W— keinen Brief von Nantchen vorfand, wie ich doch noch vor meinem Abgange von dem Jagbſchloſſe ſchriftlich mit ihr ausgemacht hatte. Iſt meine Unruhe hieruͤber, oder was iſt ſonſt daran ſchuld, genug, ich duͤnke mich in einen der abſcheulichſten Winkel der Erde verwieſen. Das alte, bis zum Verirren weitlaͤuftige Schloß, blikte — 152— ðlitte mir ſchon von außen mit ſeinen gruͤnver⸗ ſchimmelten Thurmknoͤpfen, mit ſeinen Storchne⸗ ſtern auf den Giebeln, nicht im mindeſten ein⸗ ladend, entgegen. Auch ſtimmten die Umge⸗ bungen: finſtre, keinen Sonnenſtrahl durchlaſ⸗ ſende Alleen, wild verwachſne, immer feuchte Fußpfade, Schilf ſtatt Graſes, Moor ſtatt Wieſe, kurz Alles und Jedes, mit dem Ge⸗ baͤude auf das paſſendſte uͤberein, und ſelbſt die im Innern deſſelben herrſchende ſchwerfaͤllige Pracht, auf eine ganz eigne Weiſe mit Ge⸗ ſchmackloſigkeit und ſogar Unſauberkeit innig ver⸗ ſchwiſtert, macht einen ſehr widrigen Eindruk. Der, mir zu Zeiten zu Theil werdende Beſuch eines alten Moͤnchs, der hier zugleich die Stelle des Archivars begleitet, und mir, nachdem er meine Beglaubigung gepruͤft hat, ganze Stoͤße halb vermoderter Urkunden zuſchleppt, traͤgt nicht im mindeſten dazu bey, mich in angenehmere Stimmung zu verſetzen. Schon habe ich einige der alten Pergamente, nicht ohne Muͤhe, ent⸗ ziffert, ohne doch das mindeſte, auf den Haupt⸗ punkt, um den ſich alles dreht, Bezug habende aufzufinden, und noch will weder die Fuͤrſtin L., als deren Bevollmaͤchtigter ich auftrette, noch jemand von den feindlichgeſinnten Anver⸗ wandten, ſich zeigen. 13. ber⸗ hne⸗ ein⸗ nge⸗ Naſ⸗ chte ſtalt Ge⸗ die lige Ge⸗ iuk ſuch tell e öße ſicht nete nihe en⸗ up nbe ſti tie, vet⸗ — 155— 13. Noch immer ſendet mir mein Banquier in W. keine Briefe von Nantchen, ob ich ihm ſchon aufs dringendſte zu ſofortiger Ueberſendung alles Eingehenden angewieſen habe. Doch kuͤn⸗ det mir der Caſtellan an, daß, einer Staffette zu Folge, die Fuͤrſtin noch heute eintreffen wird⸗ Faſt reut es mich mit jeder Stunde immer mehr, mich dem Willen des Prinzen gefuͤgt zu haben. Bey etwas weniger Ehrſucht waͤr' es doch wohl moglich geweſen, einen Ausweg zu finden⸗ 14. Ich bin in der heftisſten Unruhe, die faſt bis zur Angſt ſteigt, ohne mir den Grund gaͤnz⸗ lich erklaͤren zu konnen. Doch auch Ihr wer⸗ det wenigſtens erſtaunen, wenn Ihr hoͤrt, daß die nun angekommene Fuͤrſtin, oder die, welche man dafuͤr ausgiebt, Faniska iſt! Noch kann ich keinen Zuſammenhang finden; noch weiß ich ſelbſt nicht, was ich denken ſoll; aber doch iſt's mir faſt, wie einſt im Fieberparorismus, da mich meine erhitzte Phantaſie in ein heftiges Schlachtgetuͤmmel verſetzte. Wie damals die Schwerdter in finſtern Nebeln zwiſchen ſchwar⸗ zen Felsſchluchten, um mich wuͤrgten; wie ich ſelbſt blindlings mordete, und nur am Geaͤchz der — 154— Sterbenden mit Grauen gewahr ward, daß ich meinen, damals ſchon laͤngſt verſchiedenen Va⸗ ter, daß ich Dich, lieber Bruder, daß ich ir⸗ gend einen andern meiner liebſten Freunde ge⸗ toͤdtet habe; ſo ſcheint auch jetzt eine dunkle Hand mich ergriffen, und in ein duͤſteres Ge⸗ wuͤhl geſchleudert zu haben, aus welchem mir wohlbekannt warnende Stimmen, aus welchem auch Nantchen mir aͤngſtlich zuruft. Doch bin ich nicht bedauernswerth, daß ic mich von meinem Mismuth uͤber das Auseſ ben der erwarteten Briefe, von meinem Beß druß, daß man wenigſtens eine Art von Coms die mit mir geſpielt hat, zu ſo truͤben Vorſtel lungen hinreißen laſſe? Ich glanbe, ſo ſchwach iſt man nur, wenn man liebt. Sollt' ich viel⸗ leicht hinzuſetzen; und kein gutes Gewiſſen hat? — Nei, ſey ſie verfuͤhreriſcher, als Leda und Helena—— 15. Wie man ſo oft thöricht iſt, lieber Bruber und Schweſter! wie eine beunruhigte Phantaſie oft Geſpenſter erblikt, wo einer weniger leiden⸗ ſchaftlichen Stimmung nur freundliche Genien lächeln wuͤrden! Iſt es denn ein Verbrechen, geiſtreich und ſchoͤn zu ſeyn? oder iſt's weniger ver⸗ Va⸗ it⸗ he⸗ nle Ge⸗ nit el — 155— vergoͤnnt, an den Götterſchopfungen der ewigen Meiſterin Natur, als an den Gebilden ihrer Rachahmerin, der Kunſt, ſich zu weiden? Doch genug des Gruͤbelns! Ihr, deren Sinne weniger befangen ſind, als geſtern die meinigen, werdet ehnedieß in dem, was ich ſchrieb, hin⸗ länglichen Stoff zu Erguͤſſen Eurer muthwilli⸗ gen Laune, und es gar nicht ſo furchtbar fin⸗ den, mit einem der reizendſten irdiſchen Weſen unerwartet wieder zuſammen zu treffen, Wahr⸗ haftig, ich mochte jetzt Faniska im Stillen knieende Abbitte leiſten; denn die Maͤchtige, die ich in einer ſonderbaren Anwandlung füͤr eine boͤſe Zauberin hielt, iſt fuͤr mich die wohlthaͤtigſte Fee worden; mit andern Worten, ſie ſelbſt hat mir Gruͤße, und— ohne jedoch den Auftrag hiezu zu befolgen— Kuͤſſe von Nantchen, hat mir ein zaͤrtliches Brieſchen von der Geliebten uͤberbracht. Allem Anſcheine nach ſind einige fruͤhere fehl, oder gar verloren gegangen, was bei der Unordnung des hieſigen Poſtweſens freilich nicht auffallen kann. Nantchen ſcheint etwas traurig, etwas un⸗ ruhig zu ſeyn; ſie ſchreibt auch, daß ihre Mut⸗ ter ſeit einiger Zeit wieder aͤngſtlich ſey, obwohl ſie keinen Grund davon angebe— doch, ſpricht nicht aus jedem ihrer Worte die zärtlichſte, treueſte — 156— treueſte Liebe? und würde es denn meinem Her⸗ zen wohl thun, wenn Rantchen die Schmerzen der Trennung ſo gar leicht zu ertragen wuͤßte? Aber ich muß euch nun wohl auch von der erſten, ſo gefuͤrchteten Zuſammenkunft etwas mel⸗ den. Kurz nachher, als ich geſtern abbrach, trat Faniska's Maͤbchen herein, und beſchied mich lächelnd, mit einem Knip, der meine Neugier und Verwunderung beſchwichtigte, zu ihrer Ge⸗ bieterin. Faniska ſchrieb, da ich eintrat, und hatte den Kopf nachdenkend untergeſtutzt, wen⸗ dete ſich aber augenbliklich zu mir, und frug mit einem Blik, aus dem alle Liebesgoͤtter ihre Pfeile abzubruͤcken ſchienen:„Nicht wahr, mich haͤtten Sie nicht erwartet?“ „Hieruͤber,“— fuhr ſie augenblicklich fort— o wie uͤber alles, was Sie ſonſt wiſſen muͤſ⸗ ſen, ein andermal; jetzt allein zu den Angele⸗ genheiten Ihres Herzens! Dieſes Briefchen von einem gewiſſen blondlokigten, heißgeliebten und heiß wieder iebenden Maͤdchen, und ſo manches— trotz kleiner Eiferſucht— zu muͤnd⸗ licher Beſtellung“— ſie legte dabei den ſchoͤn⸗ ſten aller beringten Finger, die es geben kann, it ſchalkhafter Taͤndelei an die roſigen Lippen.— „Doch ich muß jezt ſchreiben, und Sie werden ja Het⸗ ren le der mel⸗ trat mich giet Ge⸗ und ven⸗ ſug ihre ich nü ele⸗ chet hten in⸗ on⸗ n, den — 157— ja leſen wollen! Sie kommen doch wieder, wenn ich darum bitte?“ Nach dieſen Wörten trieb ſie mich wieder zur Thuͤr hinaus; und ließ mir kaum Zeit, die Hand der ſtralenden Liebesbotin daukbar an meine Lippen zu druͤken⸗ 16. Ich bin aufs neue in ein Chaos verworre⸗ ner Ideen gerathen, in dem ich mich beinahe ſelbſt verliere. Daß irgend ein verdektes, un⸗ ſicheres Spiel hier getrieben werde, kann mir nicht entgehen, aber mit wem? mit Faniska's Anverwandten, und nur mit dieſen? nicht viel⸗ leicht auch mit mir? Der Schleier des Geheimniſſes, wenigſtens ein Theils deſſelben, iſt gefallen— und ein Gott oder ein Marmorblok muͤßte ich ſeyn, wenn ich ruhig waͤre! Faniska hat mir heute unbe⸗ fangen geſtanden, daß ſie nicht die Fuͤrſtin, wohl aber die Schweſter derſelben, und— ein bischen Jugend abgerechn⸗t, meint ſie— ihr taͤuſchend aͤhnlich ſey. Jene ſelbſt, verſicherte Faniska, ſey nie auf dieſes Gut, nie mit den Verwandten ihres Mannes zuſammen gekommen, und wiſſe ſich weniger in dergleichen Angelegen⸗ heiten zu benehmen, ſie aber habe man auch da⸗ rum — 158— rum mit zu ihrer Stellvertretterin gewaͤhlt, weil man von ihrem Aeußern ſich, aus allzuguͤnſtiger Vorſtellung, einige Einwirkung auf die Gegen⸗ parthei verſpreche. „Und konnten Sie“— ſetzte ſie dann ern⸗ ſter werdend hinzu, indem ſie vor ſich zu Boden ſah, und ihre warme Hand leicht auf die mei⸗ nige legte—„Sich keinen Grund denken, warum ich mich dieſer Rolle ſo willig unterzog?“ Sie athmete tief, und fuhr mit dem zaͤrtlichſten Feuer fort:„Arno! keinen Grund, warum die ſtolze, an Weichlichkeit gewoͤhnte, geſchmeichelte Faniska dieſe beſchwerliche Reiſe nicht ſcheute? Es war mir unmoͤglich, ſie laͤnger zu mis⸗ deuten. Wie ein elektriſcher Blitz zukte es durch alle meine Nerven; das ſchoͤnſte Weib der Erde ſtand Liebe um kiebe bietend vor mir, und ihr gewaltiges, jetzt ſchmachtendes feuchtes Auge ruhte mit unſäglichen Zauber auf mir. „Wenn ich Sie verſtehe, Faniska!“— ant⸗ wortete ich, doch mit einem weniger feſten Tone, als ich wohl geſollt hätte—„mir ſchwindelt vor einem Gedanken, der—“ „Neden Ste nicht aus, Arno!“— unter⸗ brach ſie mich mit der weichſten Stimme, mit der hinreißendſten Gutmuͤthigkeit—„halten Sie mich immer fuͤr ſtaͤrker, als ich bin! Es iſt ſo beſ⸗ an⸗ one del let⸗ mit Sie ſ be ſer! beſſer fuͤr Sie, fuͤr uns beide!— Aber wenn Sie mich erriethen— koͤnnten Sie mich verdammlich finden, weil eine Gluͤklichere mir zuvorkam?“ „Arno, Arno!“ ſetzte ſie dann heftiger hin⸗ zu, indem ich Wahnſinniger den Druk ihrer Hand erwiederte— Jetzt nicht! o, um aller Engel willen, jetzt keine Antwort!“—= Sie riß ſich heftig von mir los, warf mir im Fortſchreiten uͤber die Achſel noch einen Blik zu) fuͤr den ich umſonſt ein genuͤgendes Wort ſuche, und entfioh dann durch eine Seitenthuͤr, die ſie inwendig verriegelte. 17. Faniska ſcheint zu zuͤrnen! Sie iſt einige Tage voöllig unſichtbar für mich geweſen.— Von unferm Erbtheilungsgeſchaͤft ſcheint kaum mehr die Rede zu ſeyn, und vielleicht iſt alles— Wenn ſie mich liebte— wenn die Krone der Schonheit, wenn dieß ſtolze, in Glut und Zaͤrt⸗ lichkeit gethetlte Herz mein wuͤrde— wenn ich an Nantchen kein Verbrecher waͤr— Ach, wohin wird das noch fuͤhren? 18. Man ſage doch ja nicht, Weiber ſollen nicht gefallen wollen; die bemertte Abſicht zerſtöre den Sau⸗ — 160— Zauber. Dieß iſt nur ein Nothbehelf der Haͤß⸗ lichkeit, der Bequemlichkeit und des Faltſinns; dies iſt einer der vielen albernen Machtſpruͤche, deren ſich die Diaͤtetiker der Seele, die alles nach dem Richtmaaß ihres abgeſtumpften Ge⸗ fuͤhls meſſen, ſchuldig gemacht haben. Ich gebe es zu: von dem Beſtreben, allgemein ero⸗ bern zu wollen, mag der Satz gelten; aber der Liebende, der es weiß, oder waͤhnt, ein liebens⸗ wuͤrdiges, wenigſtens von ihm dafuͤr gehaltenes Weſen, biete alle ihre Reize; ja ſelbſt die Huͤlfs⸗ mittel des weiblichen Putzes auf, ihm zu gefal⸗ len, ihn zu entzuͤken, ihn nur noch enger an ſich zu feſſeln, iſt in meinen Augen immer be⸗ neidenswerth! Lieh doch ſelbſt die Goͤtterkoͤni⸗ gin von Cytheren den verſchoͤnernden Guͤrtel! Doch wozu jetzt das alles? Wollte ich Euch doch nur ſagen, daß Faniska heute, da ſie mich zu ſich rufen ließ, durch ihre Kleidung, durch ihr ganzes verfuͤhreriſch frommes Weſen, die reizendſten Magdalenen mir ins Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤtrief. Ach, wohl hatte ich in jenem Augen⸗ blike zuerſt meine leidenſchaftliche Schwaͤche ver⸗ rathen!— Und geſchah das jetzt ſo ganz ohne Abſicht? und fuͤr wem wollte ſie reizend ſeyn? Warlich der alte, der Welt abgeſtorbene Ca⸗ ſtellan, ———— 4„— Häß⸗ nsz che alles gebe ekb⸗ der ens⸗ enet ufs efal r ut be föni Eich mich ur bi E gen⸗ bet⸗ ohn n 6 lan — 16 1— ſtelan, der eisgraue Moͤnch, beide ſaͤhen ſie wohl lieber im haͤrenen Bußgewand! Was mir noch einigermaßen auffiel, und mich wunderbar befieng— auch Faniska ließ heute, vor ſich hin taͤndelnd, ein aͤhnliches Spiel⸗ uͤhrchen ſeine Kuͤnſte zeigen, wie ich bei Nant⸗ chen zuerſt ſah. Sie allein beſitzt dieſes, wie ſie behauptet, fuͤr ihr Geld. Alle uͤbrigen, die aus England gekommen ſind, ſoll der Prinz Rudolph ſogleich aufgekauft haben. 19. Faniska iſt abgereiſt, unter mir brennt der Boden, und doch darf ich, ohne vom Prinzen Antwort zu haben, das Schloß nicht verlaſſen. Es wird mir immer heller, daß man mit mir nur ein ſchaͤndliches Spiel getrieben hat; aber noch kann ich nichts thun, als mit den Zähnen daruͤber knirſchen. Geſtern Mittag ließ mich Faniska einladen, mit ihr zu ſpeiſen. Sie war dießmal ganz ein⸗ fach, in dunklem Samm, das Haar in ein Sil⸗ bernetz geſchlagen. Einige Rechnungen, welche wir nach Tiſche durchgehen wollten, lagen auf ihrem Secretair. Unſere Unterhaltung waͤhrend der Mahlzeit war die heiterſte, aber auch unſchuldigſte von der L Welti — 162— Velt; der finſtre Schloßmoͤnch haͤtte zugegen ſeyn koͤnnen! Als wir aufſtanden, nahm Faniska ihre Laute und ſang einige italteniſche Arien, legte aber, da eben der Geſang eine heimliche gluͤhende Liebe zu athmen anfieng, das Inſtrument aus der Hand und hielt inne. „D fahren Sie fort, Zauberin!“— bat ich, mich vergeſſend. „Schwelger! Grauſamer!“ rief ſie nun plötzlich ergluͤhend, und ſprang vom Divan auf —„willſt Du Dich an meiner Quaal noch wei⸗ den? Verſchmaͤhſt Du noch immer ein Herz das Dich anbetet, und bewahreſt Deine Schwuͤre einem Kinde, das, bei allem Schein ſittiger Un⸗ ſchuld, längſt ſchon zu dem Serail des Prinzen gehoͤrte?— D komm an mein Herz— fühle es, wie ein liebendes Weib lohnen kann!“— Ich war meiner nicht mehr maͤchtig. Der Verdacht gegen Nantchens Treue, der in die⸗ ſem Augenblike der Betaͤubung ploͤtzlich auf mich eindrang, und Faniska's blendende Schoͤnheit— ich ſtand, ohne einen Gedanken in mir aufzu⸗ finden, wie in einem magiſchen Kreiſe. Jetzt warf ſich Fantska in Sapphiſcher Glut vor mir nieder, und hob ihre Arme leidenſchaft⸗ lich nach mir auf; durch Zufall, oder durch dieſe gege ſaue aber, ende aus ba mun auf wei deth vüte Un net ihle Det die ni — 1653— Bewegung, ſprang die Steinroſe, die das knappe Gewand auf der Achſel zuſammen hielt; die blendendſten Reize athmeten mir wallend entge⸗ gen, aber auch Cignani's Suleicha*) draͤngte ſich aufs neue widrig mir auf! Mein Schutz⸗ engel trat mir wieder zur Seite. „Buhlerin!“— rief ich, mich ermannenbd, und entriß mich ihren umſchlingenden Armen.— „Verlaͤumderin eines Engels!“ Sie ſandte mir einen Blik nach, in welchem die ganze Hoͤlle aufloderte, und wenig Stunden darauf fuhr ſie ab. 20. ¶Von der Hand der Hofräthin·) Kommen Sie eiligſt zuruͤt! Man hat Ihre Abweſenheit benutzen wollen, Nantchen dem Prin⸗ zen Rudolph in die Haͤnde zu ſpielen. Er war es, deſſen Nachſtellungen ich ſchon laͤngſt fuͤrch⸗ tete. Die bezwekte Entfuͤhrung iſt zwar durch den Muth Ihres treuen Dieners, der ſeit Ih⸗ rer Abreiſe uns fuͤr ſeine Herrſchaft anzuſehen ſchien, vereitelt worden; aber der Schrek hat L 2 Nant⸗ *) So ſoll, nach rabbiniſcher Uherlieferung, die Frau det Potiphar geheißen habon⸗ . D⸗ H. Nantchen auf das Krankenlager geworfen. Zwar ſcheint ſich die Krankheit zu brechen; doch ſehnt ſie ſich unaufhoörlich nach Ihnen, und vor Ih⸗ rer Zuruͤkkunſt iſt kaum auf Geneſung zu hoffen. 2r. (Von Faniska's Hand.) Sie waren der einzige Mann, vor dem ich kniete! Bruͤſten Sie ſich mit dieſer Erinne⸗ rung!— Ihr blondes Fraͤulein iſt rein, wie die Sonne, obwohl der Prinz eine lächerliche Leidenſchaft fuͤr die Kleine gefaßt hat. Das gute Kind liebt Sie; es betet Sie an. Ich kam auf das Rit⸗ tergut, um Rancchen in die Haͤnde des Prinzen zu ſpielen, dem ich dieſen Wanktelmuth großmuͤ⸗ thig verzieh. Der Braͤutigam trat uns unver⸗ muthet in den Weg, und die Maͤchte der Holle entzuͤndeten mein Herz, daß ich den lieben mußte, den ich zu betruͤgen gekommen war. Ich ver⸗ ſprach Dpfer fuͤr Opfer. Das Bild des ſitti⸗ gen Braͤutchens,— Sie verzeihen mir doch?— zu einer Danae verwendet, ſandte ich dem Prinzen. Der fuͤrſtliche Freund gluͤhte noch hö⸗ her auf. Nancchen ſollte ſein, Sie und jenes Schloß mu allen ſeinen veichen Umgebungen, ſollte — —„„„„ ℳ Zwar ſehnt h 3 i mich inne⸗ onue ſchaft lieht Ri⸗ inzen ßni⸗ nber⸗ Höle ußle ve ſii⸗ dem E ene 9el, ſohe — 165— ſollte mein ſeyn!— Daß Ihre und Rantchens Briefe mir nicht entgehen konnken, errathen Sie wohl! Den weitern Erfolg wiſſen Sie; aber noch nicht, wie eine Italienerin liebt.— 22. (Von Nantchens Hand.) Mein Arno! mein! Ich bin ſchwer gepruͤft worden, ſeit Du mich verließeſt. Man hat mir auch Deine Treue verdaͤchtig mochen wollen; aber ich habe nie im Glauben gewankt.— Ach, ſollt' ich Dich nur noch einmal ſehen!— Ich bin wieder ſehr krank; doch ſey ruhig! Vielleicht— Ich kann kaum noch die Feder halten. Muͤßt ich auch ſo jung ſterben— Doch ewig Dein, und Du mein! 23. (Pon unbekannter Hand.) Vor zwei Stunden hat Fraͤulein Nantchen hier auf dem Schloſſe, unter den ſchreklichſten Zukungen, ihre reine Seele ausgehaucht.— In einem Glas Limonade ward das liebenswuͤr⸗ digſte aller Maͤdchen vergiftet.— Die un⸗ gluͤkliche Mutter ſcheint die Sprache verloren zu haben, und iſt von der Leiche nicht zu tren⸗ nen.— Das Kanmermädchen und zwei Be⸗ diente diente ſind eingezogen. Henriette hat auf die, vor drei Wochen von hier verſchwundene Faniska be⸗ kannt. Man will dieſe vor einigen Tagen im Schloßwaͤldchen wieder geſehen haben.— Eben ſprengt der Prinz todtenbleich uͤber die Wall⸗ bruͤcke. Furien ſcheinen ihn zu verfolgen.— Der Rheinfalt. „——— Von Auguſt Lafontaine⸗ J weiß nicht, ob der Zufall, der ſogar in dem Leben der weiſeſten Maͤnner eine groͤßere Rolle ſpielt, als ſie wohl denken, oder ob ſeine Schickſale, oder ſeine Philoſophie, oder ſeine Narrheit den Grafen von Tengenbach bewo⸗ gen, ſein Schloß und ſeine Grafſchaft, die in der ſchoͤnſten Ebene an der Donau lagen, zu verlaſſen, und mit ſeinem Sohne, dem Doktor Schott und einem Bedienten die Donau hin⸗ auf in den Schwarzwald zu ziehen, wo die Quel⸗ len der Donau, des Neckars und der Kinzing entſpringen, wo er nahe bei Sankt Georg ein kleines Ding von einem Schloſſe in einer wilden, oͤden Gegend hatte. Es iſt wahr, die Schickſale, die der Graf erlebt hatte, konnten einen weiſen Mann wohl in die Einſamkeit trei⸗ ben; denn alles, was andern Menſchenkindern wohl geraͤth, nahm in des Grafen Leben eine ganz verkehrte Wendung; weil, ſagt der Be⸗ diente, der ſeinen Herrn unbeſchreiblich liebte, weil — 170— weil er alles verkehrt angriff. Der Graf meinte, daß jeder weiſe Mann das Leben ſo angreifen ſollte. Denn, lieber Doktor, ſagte der Graf: es iſt ſchlimm genug, daß die Natur vor den Wagen des menſchlichen Lebens das alleruͤbel⸗ paſſendſte Geſpann gehaͤngt hat: die erhabene Vernunft oder Philoſophie, die aber ſo ſchwach und kraftlos iſt, daß ſie den Wagen in jedem Schlammloche, oder bei jedem Stein im Wege, ſtehen laͤßt; daneben zieht die Klugheit, die nie ziehen, ſondern immer am Wege weiden will, und voran die Leidenſchaft, die bald ſtörrig wie ein tuͤckiſches Maulthier, bald wild wie ein Sturmwind den Wagen vom ebenen Wege ab in Abgruͤnde, auf ſteile Hoͤhen ſo gewaltſam wegreißt, daß die Vennunft niederfaͤllt, die Klugheit ſogar weggeriſſen wird, und man Gott danken muß, wenn nicht der ganze Wagen zer⸗ truͤmmert wird. Der Graf dachte und ſprach nicht nur ſo, wie die weiſeſten Maͤnner auf Kanzeln und Ka⸗ thedern. Nein. Er war uͤberzeugt, die Weis⸗ heit muͤßte nicht nur gelehrt, ſondern auch ge⸗ uͤbt werden, und ſo, da er vier und zwanzig Jahre alt war, nahm er eme Frau, nicht die er liebte— denn lieber Doktor, ſagte er: die Fortpfſanzung des menſchlichen Geſchlechts iſt ein einte, keifen Gruf: r den uͤbel⸗ abene wach ſedem ege, e nie wie ein e eb liſum die Golt er⸗ t ſo, Ke⸗ eis⸗ E nig die die iſ el ve 171— ein ſo erhabenes Geſchaͤft, daß es ein Jammer iſt, daß es die Natur der Leidenſchaft, und wie mich duͤnkt, der ſchlimmſten uͤbergeben hat, und da fuͤr das Gluͤck und fuͤr den Charakter des Kindes ſo ſehr viel auf die gehoͤrige Kraſis und Miſchung der Charaktere der Aeltern ankommt, — So waͤhlte er nach dieſen Grundſaͤtzen ein armes Maͤdchen, das aber jung und geſund war und alle die Eigenſchaften hatte, die er verlangte. Er liebte ſeine junge Frau; denn trotz ſeiner Weisheit hatte die Liebe doch den groͤßten Theil an ſeiner Wahl gehabt; aber er verbarg nicht allein ſich ſelbſt, ſondern auch ſeiner jungen Frau, daß er ſie liebte. Er ſagte ihr ſogar, was ſeine Wahl geleitet hatte. Die Graͤfin lachte; aber ſie ſetzte ihren Kopf darauf, ihren Mann zum Geſtändniß ſeiner Liebe zu bringen. Der kuͤrzeſte Weg dahin ſchien ihr die Eiferſucht. Die junge, huͤbſche Frau gebrauchte den vertrauten Freund ihres Mannes, ihren Mann eiferſuͤchtig zu machen. Der Graf, der es merkte, laͤchelte dazu wie ein Weiſer. Kurz, die drei ſpielten ihre Rollen ſo lange, bis aus dem Scherz Ernſt wurde. Der Graf wurde eiferſuͤchtig, aber zu ſpät. Er — 172— Er traf ſeine Frau in ſeines Freundes Ar⸗ men. Sie erklaͤrte ihrem Manne mit Thraͤnen des Zorns, daß er ſie ſo weit gebracht hätte, und daß er weder Liebe, noch Treue verdiene. Sie wurden geſchieden; die Frau heirathete des Grafen Freund, und wurde eine tugendhafte Frau und Mutter. Der Graf, betrogen von der Liebe, von der Freundſchaft, das Maͤhrchen und der Spott der ganzen Gegend, entſchloß ſich ins Gebirg zu ziehen, und durch eine weiſe Erziehung ſeinen Sohn gegen die Ungluͤcksfaͤlle des Lebens zu waffnen, die ihn unglücklich ge⸗ macht hatten. Da alle Anſtalten in und um das Schloß her gemacht waren, die der Graf für nothig hielt, ſich mit ſeinem Hohne getrennt zu halten von der Welt, ſo fing er das Erziehungsweſen mit ſeinem Moritz an. Er war nicht, wie die meiſten Erzieher, welche die weiſeſten Büͤ⸗ cher uͤber die erſie und hochſte der Wiſſenſchaf⸗ ten, die Erziehung, ſchreiben, und um ihre Finder ſich gar nicht bekuͤmmern; ſondern er wollte beides, ſchreiben und thun. Da nun die Erziehung des Kindes ehe es geboren iſt, dem Grafen faſt wichtiger ſchien, als die nach der Geburt; da weiter jeder Punkt zwiſchen ihm und dem Doktor erſt erwogen, dann beſprochen, dann N⸗ rinen hitte ene. hele hafte boh echen chloß weiſe sfüle e⸗ chloß thiz alten weſen wie ſchafß ihre net ndie dem det ihn chen hann dann durchdisputirt wurde, und der Graf we⸗ gen ſeiner natuͤrlichen Weichherzigkeit, die er ſalbſt den Bankert der Tugend nannte, weil ſie der Teufel eben ſo oft in ſeinen Kram braucht, als die Tugend ſelbſt;— weil er alſo aus Weichherzigkeit dem Doktor die eine Haͤlfte ſei⸗ ner Einwendungen zugab, ſo daß der arme Graf oft ſelbſt nicht mehr wußte, an welcher Seite der Gaſſe er ging, als ginge er in den engen Gaſſen Venedigs; ſo nahm die Erziehung vor der Geburt Moritzens mehr als neun Monate weg, und da Moritz ſchon zwei Jahre alt war, als ſie das Schloß betraten; ſo ſieht jeder, der rechnen kann, ein, daß die Erziehung, die der Graf und der Doktor fuͤr den Kleinen beſtimm⸗ ten, ſein Leben memals einholen wuͤrde, und der Bediente des Grafen, Namens Johann, ein ſchlichter und weichherziger Menſch, erzog waͤhrend deß den Knaben ſo gut er konnte, ſo, daß Moritz, wie die beiden Herren bei den Windeln des Neugebornen eben heſtig disputir⸗ ten, jauchzend in ſeine erſten Hoſen ſprang, und mit einem tuͤchtigen Butterbrode in den Backen und der Hand, der Unterſuchung uͤber die Ei⸗ genſchaften ſeiner Amme ſelbſt beiwohnte⸗ Es wurde in der gelehrten Seſſion beſchloſ⸗ ſen, dem Kinde am Ende des erſten Jahres einen 174 einen Hofmeiſter und einen Spielgefaͤhrten zu ge en, und nachdem man die Eigenſchaften, die Tugenden, die Talente, die Geiſtesgaben und die Kenntniſſe beider zu Papiere hatte, zweifel⸗ ten beide ſelbſt, ob auf der Erde ſo ein Paar Menſchen zu finden ſeyn wuͤrden; Johann in ſeiner Einfalt hatte, ohne ein Wort von dem allen zu horen, ihre Wuͤnſche erfüͤllt. Moritz hatte einen Hofmeiſter, der ſo ehrlich, ſo treu, ſo großmuͤthig, ſo fromm war, das Talent des Maͤhrchenerzaͤhlens in einem ſo hohen Grade beſaß, die Querpfeife fertig blies, und dazu ſei⸗ nen Eleven ſo ſehr liebte, als es beide Philo⸗ ſophen nur wuͤnſchen konnten. Es war Jo⸗ hann ſelber. Seinen Spielgefaͤhrten hatte Mo⸗ ritz auch, beſſer ſogar als ihn die Philoſophen gewuͤnſcht hatten. Er war ſo ehrlich, ſo treu⸗ liebte feinen Kameraden ſo ſehr, war ſo gedul⸗ dig, und dabei ſo tapfer und muthig, und ſelbſt⸗ ſtaͤndig zugleich, wie es nur möglich war. Eben war Moritz von ihm abgeſtiegen, lag mit ihm in der Sonne und theilte ſein Veſper⸗ brot mit ihm. Es war ein großer daͤniſcher Jagdhund, Roland mit Namen, der ſogar zu⸗ weilen des Kleinen Hofmeiſter ſpielte, wenn es dem einfiel den Tyrannen zu machen. Moritz en bie und eifel⸗ Paat an dem oritz treu des rabe ſei hil⸗ Io⸗ Mo⸗ phen trelh ebul⸗ elbſt war lh ſer⸗ ſche l n e rit — 175— Moritz hatte im Sommer ſo viele Geſchaͤfte rings um das alte Schloß her; denn die S⸗ ſchaft ſeines Vaters, von jedem Ding Grund zu wiſſen, und von dem Grunde wieder den Grund, hatte er eben ſo gut. Er betrach⸗ tete alſo von der kleinen Ebene ab, worauf das Schloß lag, jede Höhe umher, mit der Luſt, wie es darauf ſeyn moͤchte. Dann ſtieg er hinauf, und von da ſah er eine höhere Felſenſpitze, und er ließ nicht nach, als bis er jede Hoͤhe rings⸗ um erſtiegen und gefunden hatte, es waͤre jede Hoͤhe der andern ziemlich aͤhnlich. Und doch muß ich hinauf, Johann, rief er: eher kann ich nicht Ruhe und Raſt finden. Der Himmel mag wiſſen, antwortete Jo⸗ hann, warum er uns ſo gemacht hat, Moritz⸗ aber der guͤtige Gott, lieber Moritz, ſagte ſelbſt, da er alles angeſehen hatte, was er ge⸗ macht hatte, und dabei, ſtelle ich mir vor, hat wohl ſein Blick am laͤngſten und am freundlich⸗ ſten auf dem Menſchen geruht— da ſagte er; es iſt alles ſehr gut! Und ſo denk ich, iſt auch das gut, daß du hinauf mußt, obwohl ich es nicht begreife. Aber wir begreifen vieles nicht, Moritz Der Doktor ſagt, Johann, man muß al⸗ les begreifen⸗ Da Da Moritz mit den Felſen umher fertig w gings in die Tiefe. Er lief einem Strahl r nach, das von einer Felſenwand herab⸗ ſtürzte, und wie in einer kleinen Rinne zwiſchen Geſtein und Geſtraͤuch tiefer hinabrieſelte. Er kletterte ihm nach hinab von Schlucht zu Schlucht durch alle Gefahren nicht aufgehalten, und ſo kam er von Thal zu Thal, immer am Ufer des rauſchenden Bachs, wo er in einen groͤßern ſtuͤrzte. Er fragte einen Hirten, wie der große Bach heiße:„Die Donau.“ Er ſchlug den funkelnden Blick ſchnell den Wellen nach, die ſtuͤrmend und ſchaͤumend dahin donnerten. Er wußte, daß der Strom viele hundert Meilen von hier in das ſchwarze Meer ſich ſtuͤrzte. Er hatte keine kleine Luſt, mit ſeinem Ro⸗ land den Fluß zu begleiten; denn er haͤtte ei⸗ nen Eid darauf abgelegt, wenn er einen Eid gekannt haͤtte, daß weit hinter den Gebirgen die Erde ein Paradies ſeyn muͤſſe, wovon ihm Johann ſo oft erzaͤhlte. Er verfolgte den Fluß noch eine Zeitlang, die Laͤnder, wodurch er ging, mit den ſchoͤnſten Farben ausmalend, beſchloß, wenn er ein Juͤng⸗ ling wäre, die Reiſe zu machen, fragte nach Sankt Georgen, kam zuruͤck, ſagte: ich muß dech hinab mit dem Waſſer, Johann; denn mich fertz Strahl herab⸗ viſchen E chlucht und ſo er des rößen großt g de 6 Meilen e. n Ro ite e⸗ n Ei hitge n ihn itlonh nſn ꝗu nat * lßt's nicht Ruh und Raſt. Johann antwor⸗ tete wie zuvor. Im Winter hielten ihn die Schneebahneß n Huͤgel hinab auf den Schlitten ab, oder er faß bei Johann, der ihn leſen lehrte, oder Maͤhr⸗ chen erzaͤhlte, und zum Zeitvertreibe die Quer⸗ pfeife blaſen ließ. Oder Johann gieng mit ihm auf die Jagd, Raubvogel zu ſchießen, die hoch im Gebirge horſteten. Oder er lief Schlitt⸗ ſchuhe auf dem See im hohen Thal, oder er zundete vor einer Felshohle ein Feuer an, und traͤumte in der Hoͤhle die Maͤhrchen des guten Johanns noch einmal, oder Wuͤnſche, Geſtal⸗ ten, die in der Bruſt, in der eine hoͤhere Flam⸗ me loderte, als die vor ihm, aus geheimen, dunklen Tiefen aufſtiegen. Und ſo kam er nicht oft, weder im Sommer noch im Winter zu ſei⸗ nem Vater, und dem Doktor, die ihn auf dem Papier ganz anders erzogen, als der gute Jo⸗ hann in der Natur, und mit Huͤlfe ſeiner poe⸗ tiſchen Maͤhrchen. Im Fruͤhjahr war er gar nicht zu haben; denn da hatte er ſeine Bruſt ſo voll ſchwellender Keime und Knospen, ſo voll Blumen und Nachtigallenſtimmen, wie nicht der Fruͤhling hervor trieb. Der Ton der Quer⸗ pfeife ſchien ihm im Fruhling ſo wiberlich; nur der melancholiſche Ton des Alphorns der Hir⸗ M ten, — 173— ten, und der ſuͤße Ton des Jagdhorns im Thal fuͤllte ſein Herz mit Sehnſucht, und zog ſeine in unendliche Fernen. o merkten die beiden Philoſophen nicht, daß Johann ihrem Erziehungsplane recht boͤſe Streiche geſpielt hatte, die, ſie mochten es an⸗ fangen wie ſie wollten, nicht wieder gut zu ma⸗ chen waren. Moritz ſollte nicht wiſſen, daß er ein Graf, daß er reich war. Er ſollte die Men⸗ ſchen als ſeine Bruder anſehen lernen, die mit ihm gleiche Rechte, gleiche Anſpruͤche auf Gluͤck haͤtten. Das hatte man nothwendig dem guten Johann aus dem Plane mittheilen muͤſſen. Gegen den Punkt hatte Johann nichts. Er ging noch einen Schritt weiter als bie Herren, und lehrte den Knaben, daß nach der weiſen und guͤtigen Einrichtüng Gottes, im langen Le⸗ ben keine andre Freude zu haben ſey, als die aus der Liebe zu den Menſchen erwuchſe. und wenns Fruhling wird, Johann, ſetzte Moritz hinzu. Johann nickte. Und wenn man hinauf will, weit weg, bis ans Meer, und über das Meer, Johann, in den Himmel! Und von da noch weiter. Weiter gehts micht, lieber Moritz! n The 9 ſeint nich ht bo es a zu mo er iil Mo⸗ die mi fGlit gu müſſi . 6 herren, welſe gen l als bi „ſeht 60 Es geht weiter, Johann. Und dann deine Maͤhrchen. Johann erroͤthete. Der Leſer ſoll hoören, warum. Dazu mußte Noritz alle, den Doktor, ſei⸗ nen Vater und Johann Du nennen, und weil Johann nicht dahin zu bringen war, gleiche Rechte mit ſeinem Herrn zu nehmen, der Knabe alſo den Unterſchied der Staͤnde gewahr gewor⸗ den war, was er nicht ſollte, ſo ließ man es uͤberall uneroͤrtert, weſſen Sohn Moritz waͤre. Moritz fiel von ſelbſt darauf, er waͤre Johanns Sohn. Johann erhielt den ſtren⸗ gen Befehl, den Knaben bei dieſem Glauben zu läſſen. Idhann dachte: greift er das Ding nicht wieder verkehrt an? aber er mußte gehor⸗ chen. Den noch ſtrengeren Befehl erhielt Johann auch, den Knaben ganz unwiſſend uͤber die Liebe gegen das weibliche Geſchlecht zu laſſen. Denn, ſagte der Graf, die Natur hat ſelbſt dieſen Punkt des Lebens in die dunkle Scham verhuͤllt, und der Menſch verhuͤllt dieſes zweideutige Geſchaͤft wie die Natur in die dunkle Nacht. Die Na⸗ tur hal dei Menſchen für dieſe Empfindung nicht einmal ein Wort gegeben, ſondern nur die Schamröthe auf der Wange, um uns da⸗ M 2 mit 1 — 180— mit zu ſagen, Johann, daß wir gar dar⸗ üͤber reden ſollen. Johann nickte und erroͤthete zu gleicher Zeit. Moritz ſolle nicht eher, fuhr der Graf fort, von dieſem Gifte, das durch die Phren ſo gut eingeht, als durch die Augen— Durch die Fingerſpitzen, im Traume, durch gar nichts, und durch alles, ſagte Johann und erroͤthete wieder, weil es des guͤngen Gottes Wille ſo war, denk ich, daß auch ein Blinder, oder ein Tauber, die Guͤte Gottes erkennen ſollten. Eben deshalb, Johann, ſoll Moritz die⸗ ſes Gift nicht eher kennen, als bis ich ihm das Gegengift dabei ſetzen kann. Johann ſann hin und her, was ſein Herr mit dem Gegengift mei⸗ nen koͤnnte. Er ſchuͤttelte den Kopf. Johann indeß, er mochte von ſeines Herrn Befehl denken, was er wollte, war gewohnt zu gehorchen. Da er aber anhob dem Knaben Maͤhrchen zu erzaͤhlen, fand er ſich auf einmal in tauſend Schwierigkeiten verwickelt. Nahm er die Liebe aus dem Maͤhrchen, ſo iſts ſo gut, ſagte er, als naͤhme ich aus einer Paſtete das Grfuͤllſel.— Johann erhob ſich ier boher in ſeinem Klimax— aus dem Jahre den Fruͤh⸗ ling, aus dem Leben das Licht aus dem Koͤr⸗ per hi bät⸗ leichet Gr Ohren durch n Goltes indet kennen b bio m bi nn hit t me⸗ heun wohrt naben innel Rahn o glh e dis tihe Frih 3 pil per die Seele, und aus der Verweſung im Grabe die Auferſtehung. Aber es war be⸗ fohlen. Er erzählte ohne Liebe, und ſein Mährchen war der trockne Paſtetenteig, und eh er ſichs verſah, war ſein Held dennoch mitten in der Liebe, er mochte wollen oder nicht, und da Jo⸗ hann uͤberjegte, daß er bei ſeines Herrn Be⸗ fehl hatte zehnmal erröthen muͤſſen, ſo fand er enblich, daß ſein Herr von etwas ganz anderm geredet hatte, als von der Liebe, die in ſeinen Maährchen vortam, die ſo rein und weiß iſt, rief er lächelnd, wie eine Lilie, ſo weiß und kalt, wie eben gefallener Schnee, ſo unſchuldig wie das Gebet eines Kindes, ſo rein wie der Himmel, daß der Engel, der uͤber die Unſchuld eines frommen Maͤdchens wacht, mein Maͤhr⸗ chen dem Maͤdchen im Traum zeigen könnte. Er erzaͤhlte alſo ſeine Ritter⸗ und Feen⸗ maͤhrchen muthig weg, um doch aber etwas ge⸗ gen den uͤbertretenen Befehl in die andre Schale zu legen, ſo ſpann er die Liebe, die in dem Maͤhrchen vorkam, aus ſo zarten und himmli⸗ ſchen Fäden, daß die Keuſchheit ſelbſt, ohne einmal zu erroͤthen, hötte zuhören moͤgen. Worthalten, was es auch koſtet, jeder Ge⸗ fahr entgegentreten fuͤr einen Ungluͤcklichen, die Wahr⸗ Wahrheit reden, treu ſeyn Golt, dem Vater⸗ lande, dem Freunde, der Geliebten drang aus jeder Erzählung wie ein elektriſcher Funken durch des Knaben Seele, erhob ſein Herz, und ſtählte WVillen und Arm für die Zukunft. Da die beiden Philoſophen endlich heraus⸗ diſputirt hatten, daß eine ſtrenge ſpartaniſche Erziehung, Entbehren und Arbeiten, den Tod nicht fuͤrchten, die beſte fuͤr einen Knaben ſey, und dem gutherzigen Johann die Ausführung auftrugen, wunderten ſie ſich, daß Johann ſchon, zwar auf einem ganz andern Wege, dem poetiſchen, ans Ziel mit Moritz gekommen war. Die Jagd⸗ und Ritterzuͤge, die Zůge hinauf und hinab in die weite, unbekannte Ferne, hatten den Knaben ſtark gemacht. Die Arbeit, an die er nun angeſtellt wurde, war ihm leicht; denn Johann arbeitete ohne eine Klage mit ihm, theilte ſein Brot und Waſſer, zu dem er einen Tag in der Woche verurtheilt war, mit ihm. Die Philoſophen triumphirten über den glucklichen Fortgang ihrer Weisheit, der beſcheidene Joh ann wußte nicht einmal, was er gethan hatte. Er liebte nur den Knaben, und die Liebe begeiſterte ihn zu ſeiner Erzie⸗ hung. —————— Vuu Ich wollt ich waͤr' ein Nitter, Vater Jo⸗ ng als hob der Knabe an, da er von einem dunch Jagdzuge zu Hauſe kam. Er war auf ſeinem ſtihle Zuge nach St. Georgen gekommen. Er betrach⸗ tete an der Kapelle das Gemalde des heiligen Georgs, der den Drachen unter ſich hat, ohne eru zu wiſſen, was es bedeutete. Der Sakriſtan, aniſe ein junger Auguſtiner, ſah den dreizehnj ahrigen Kenaben mit der Buͤchſe und Taſche auf der nſi Schulter, und mit dem bluͤhenden Geſicht, das hun noch viel kriegeriſcher ausſah, als ſein Aufzug, hann den Schutzheiligen ſeiner Kirche betrachten. Der den Sakriſtan redete ihn an mit den Worten: der mnen Geiſt des Ritters Sankt Georg ſey mit dir, z mein Sohn! Woher biſt du? funt Oorther vom Schloß Tengenbach im Thal. Die Riter, ſagſt du? Das Wort Ritter ergriff in Klage Der Mönch erzählle die Legende vom Sankt den Georg, wie ein frommer Mann im Gebirg ihm war, den Ritterſchlag gegeben, und wie nun der Rit⸗ i ter den boͤſen Feind in der Geſtalt des Drachen uͤberwunden. wi Ich wollt' ich waͤr“ ein Ritter! ſagte der aben, Knabe zu Johann. Er wiederholte den Wunſch tt ſo oſt, bis Johann fragte: wie kommſt du darauf. Moritz erzaͤhlte von Sankt Georgen⸗ wie ein frommer Mann im Gebirg ihm den Ritterſchlag gegeben. Das muß ein Fuͤrſt geweſen ſeyn, Moritz, wenn nicht gar der Kaiſer. Ein frommer Mann, kein Fuͤrſt, Vater. Sie habens da gedruckt im Kioſter. Moritz ruͤckte mit der Birte hervor, Johann ſollte ihn zum Ritter ſchlagen, und ließ nicht nach zu bitten. Johann nahm die Sache eben ſo ernſt⸗ haft als der Knabe. Ich bin ſelbſt kein Ritter, Moritz. Wer ſchlug den erſten Ritter, Vater? Der Einwurf war wichtig. Der Knabe hatte wieder nicht Ruhe und Raſt. Johann eben ſo wenig. Johann nahm alle ſeine Rittergeſchichten zu Huͤlfe, worin etwas vom Ritterſchlage vorkam. Moritz drang immer mehr in ihn, ſeitdem der Sakriſtan ihn noch einmal verſichert hatte, daß ein frommer Mann— der Moͤnch verſtand dar⸗ unter einen Moͤnch, Moritz den frommen Jo⸗ hann— ſehr wohl den Ritterſchlag geben duͤrfe. 4 Johann hatte keine Entſchuldigung mehr. Sie gingen einen Morgen mit Sonnenaufgang auf die hoͤchſte Spitze der Gegend, Johann mit dem Degen des Grafen bewaffnet. Hier mitten in der erhabenen Natur, gllein geſehen von wn ihn zu Ve nen hen ſeh Ja run me Ue ſch ſo Z te — M al o hen — 135— von dem Auge Gottes, der Morgenſonne, knieete Moritz an den Boden, und Johann ſchiug ihn ſchlechtweg zum Ritter, ohne dazu ein Wort zu ſagen, obgleich er ſich auf ein Paar huͤbſche Worte gefaßt gemacht hatte, die aber von Thraͤ⸗ nen erſtickt wurden, und ich ſetze alle Ritteror⸗ den, vom goldnen Vließ an bis auf den Ro⸗ ſenorden, zum Pfande, daß ſeit drei oder vier Jahrhunderten kein Ritterſchlag mit ſo viel Ruͤh⸗ rung, Wuͤrde und Ernſt gegeben und genom⸗ men iſt, als dieſer. Der junge Ritter fiel ſei⸗ nem Vater mit Thraͤnen um den Hals, und ſchwor ſeine Ritterehre ſo glaͤnzend zu bewahren, ſo rein, als der Himmel und die Sonne, die Zeuge davon geweſen waren. Und ſeitdem ver⸗ ſicherte der Knabe alles Wichtige bei ſeiner Rit⸗ terehre, oder bei ſeinem Ritterſchwur, den nie⸗ mand gehoͤrt hatte, als Gort und ſein eignes Herz So wuchs Ritter Moritz heran, ſeine Zeit getheilt in Arbeit und Vergnuͤgen. Von dem Voter und dem Doktor lernte er denken, ana⸗ ltiſch, ſynthetiſch, was er von zwey ſo feinen Denkern, die gern die Lichtſtrahlen noch getrennt haͤtten, lernen konnte, und eine Art von Men⸗ ſchenkenntniß, nach der aber die Menſchen ſammt und ——— — 186— und ſonders ein Geſchmeiß von Dieben, Moͤr⸗ dern, Heuchlern, Betruͤgern waren. Ja, Moritz, ſagte Johann, den er fragte, ob dem ſo waͤre, mit Achſelzucken: ich kanns nicht ganz lſngnen. Der Menſch iſt ein ſo welterwendiſches Ding, wie das Wetter ſelbſi. Da ich aber ſelbſt bei dem Voͤſeſten gefunden habe, daß er auch ſeine gute Seite hatte, Mo⸗ ritz, ſo hielt ich mich zu den Beſten, wenn ichs haben konnte, und an ihre gute Seite, das kann man immer haben, und daran halte dich auch, Mpritz, wenn du unter die Menſchen Dieſer Anfang gab zu Ersrterungen Anlaß, die des Ritters Sehnſucht, in die Welt zu tre⸗ ten, vermehrte. Deine Mährchen alſo, Vater, von den guten frommen Rittern, waren Luͤgen? Johann wußte nicht, wos er antworten ſollte. Du wirſt, hoffe ich zu Gott, Moritz, in der Welt zuweilen auf einen Ritter ſtoßen, und auf einen Engel von Maͤdchen, wie ſie in meinen Maährchen vorkommen, und ich denke, daß auf Erden jeder Menſch ein Paar ritterliche Jahre, oder doch Monate, oder hie und da ei⸗ nen Tag, oder eine Stunde hat, in der er wie ein Ritter denkt und fühlt, und den Drachen, den den ſu be . den der Teufel in unſere Natur geſtohlen haben muß, uͤberwaͤltigt. Das danke ich euch, Vater, denn ich waͤre nicht gluͤcklich, wenn das Leben deinen Maͤhr⸗ chen gar nicht ähnlich waͤre. Moritz war ſechszehn Jahre alt, alſo in der Zeit, da das Leben ſich zur Unenblichkeit, zu der Pforte des Ruhms, und zu dem erſten Seufzer der Liebe zu geicher Zeit ausdehnt. Er warf die Querpfeife weg, die er recht gut blies, und rief auf dem Horn dem Eche im Felſenge⸗ birg, der weiten Ferns, der Geiſterſtimme, die hinter dem dunkeln Vorhange der Zukuuft ihm leiſe tönte, zu. Er legte ſeine Hand auf Jo⸗ hanns kippen, wenn der einmal anfing; es war einmal— Er ſuchte in ſeines Vaters Biblio⸗ thek, was ihm fehlte; er ſuchte im wildeſten Gebirg, in dunkeln Hohlen darnach.— Er beneidete die Mönche von Sankt Georgen um das Geſchaͤft des Segenſpendens, die einſame Zelle, den naͤchtlichen Chor, das haͤrne Hemde, die ſtrenge Penitenz- Sieh, Vater, rief er einen Abend, da er von einem vergeblichen Zuge zurückgekommen war, nun muß ich hinaus, nun will ich hinaus. Ich matte mich hier ab in vergeblichen Wuͤn⸗ ſchen. Warum ſoll ich die Welt nicht ſehn? Var⸗ Warum bin ich hier in Feſſeln geſchlagen? Wer bin ich? O rede! ich beſchwoͤre dich, rede! Warum ſoll ich nicht bis nach Villingen, deſſen Thürme mir aus dem Thal wie die Lebensbaͤume eines Paradieſes entgegen glaͤnzen? Meinſt du! Vater, ich ſehe nicht, daß du mir etwas ver⸗ hirgſt? daß etwas vorgehtr— Zber ich will hinaus! Johann beruhigte den Ritter und kuͤndigte dem Grafen an, daß Moritz davon gehen wuͤrde, wenn man nicht Anſtalt dagegen machte. Da ließ der Vater den Sohn zu ſich kom⸗ men. Jetzt iſt es Zeit, mein Sohn Moritz, hob der Vater an, daß du dich ſelbſt kennen lernſt. Du biſt der Reſchsgraf Tengenbach, und mein Sohn, nicht der Sohn Johanns. Moritz fuhr kalt zuruͤck. Er warf einen Blick auf Johann, in dem der Name Vater mit ſo viel Liebe und Ehrerbietung vergeſellſchaf⸗ tet ſtand, als wollte er ſagen: du biſt dennoch mein Vater. Komm in meine Arme, mein Sohn! fuhr der Vater fort. Moritz ließ ſich umarmen, aber dann ſchlang er mit dem Eifer der Liebe ſeine Arme um Johanns Hals und rief; ich werde immer dein Sohn ſeyn. ——— Ver ede! eſſe iume du ber⸗ will higte ehen chte. kom⸗ ritz nnen ach, — 186— Der PVaker ſetzte nun dem Sohn auseinan⸗ der, warum er ihn dem verderblichen Beiſpiel der Welt, der Schmeichelei, welcher der Rang und der Reichthum niemals entfltehen koͤnnen, entzogen hatte. Hier in dieſer Einſamkeit, Moritz/ biſt du ein Menſch geblieben, der weder herrſchen, noch beherrſcht ſeyn wihl. Der Graf hielt eine lange Rede; aber Mo⸗ ritz hoͤrte nicht ein Wort mehr; denn alle dieſe neuen Ideen ſtuͤrmten auf einmal in ſeine Seele, und erregten emen verwirrten Tumult von Hoff⸗ nungen, Erwartungen, Planen in ſeiner Bruſt, daß er unfaͤhig war etwas Anderes zu benken⸗ Der Vater ſchloß damit, daß er von ſeinem Sohne das Verſprechen nahm, nicht vor dem Ende ſeines neunzehnten Jahres ſeine Einſam⸗ keit zu verlaſſen. Auf mein Ritterwort verſpre⸗ che ich das, ſagte Mo ritz gedankenlos. Johann erroͤthete; der Vater hörte es nicht. Johann verlteß das Zimmer, Moritz hinter ihm her. Er zog den alten Johann ſogleich in das Freie. Mein Vater, rief er zůrtlich Ich freue mich ſehr) daß ich nun endlich einmal Herr Graf zu Ihnen ſagen kann. Einmal! und von nun an immer Sohn und Vater. Aber erzaͤhle du mir, was es heißt: ich — 190— ich bin Graf, ich bin reich. Erzaͤhle mir allas. Johann ſetzte ihm auseinander, welch ei⸗ nen Rang ihm ſein Titel gaͤbe; wie viel reicher er ſey, als Millionen ſeiner Mitmenſchen. Das wollte Moritz nicht wiſſen; aber er konnte dem treuen Bedienten nicht angeben, was er eigent⸗ lich wiſſen wollte. Das neue Leben lag noch wie ein Chaos, das eben ſeine Schopfungen hervorſtoͤßt, in ſeiner Seele. So viele Muͤhe Johann ſich auch gab, ihm zu deutlichen Vor⸗ ſtellungen zu helfen, ſo blieb ihm, der nie in der Welt geweſen war, doch alles in einer Daͤm⸗ merung, die nicht hell wurde. 5 Ich muß ſelbſt ſehen! ſagte er aufſpringend: ich muß fort! heute! oder doch morgen, und du begleiteſt mich. Da erinnerte ihn Johann an das Wort, das er ſeinem Vater gogeben, vor dem neun⸗ zehnten Jahre die Einſamkeit nicht zu verlaſſen. Er wußte es nicht; aber er hatte ſein Wort gegeben, und mit ſchweren Seufzern rechnete er die Tage der drei Jahre zuſammen; die er noch bleiben muͤßte. Himmel und Erde! wie langſam ſpannen die Parzen dieſe drei Jahre ſeines Lebens ab. End⸗ lich, endlich ging die letzte Sonne dieſer Ewig⸗ keit —— wir h ei⸗ ſchet Das dem gent⸗ noch ngen he Vor⸗ e it n⸗ nd: und ott un⸗ ſch. ort E ch die nd⸗ ih fef — 191— keit unter. In den letzten Monaten hatte der Vater den Sohn mit ſeinen Vermoͤgensumſtanden bekannt gemacht, mit allen Verhaͤltniſſen ſeiner Familie, mit den Pffiztanten, welche ſein Ver⸗ mögen und ſeine Unterthanen bisher regiert hatten. Es waren Fremde, mein Vater, ſagte Mo⸗ ritz, ſeine Augen niederſchlagend; Fremde, die deine Kinder, denn das ſind doch Unterthanen, regierten. Gut denn; ich habe ihnen in dir einen guͤ⸗ tigen Vater erzogen. Aber nun hoͤre mich, mein Sohn. Ich nenne dir jetzt eine Leidenſchaft, mein Morritz, die gefaͤhrlichſte, die ſtärkſte von allen, die dir, mit deinem ſo warmen, vertrauen⸗ vollen Herzen ſogleich in der Welt entgegentre⸗ ten wird; die Liebe. Die Liebe? gefaͤhrlich, die ſchönſte, die hei⸗ ligſte Empfindung des Herzens? Die Liebe gegen das Weib, Moritz. Eben die, mein Vaker, die reinſte Quelle alles Guten auf Erden! Der Graf fiel aus den Wolken hei dieſen Worten. Aber er ließ ſich von ſeinem Sohn das Verſprechen geben, wenn er ein M aͤdchen liebte, drei Jahre lang ſeine Liebe dem Mädchen und ſeder menſchlichen Seele zu verſchweigen. D D Vater, rief Moritz luſtig: das iſt wie eins von Johanns Maͤhrchen. Das verſpreche ich mit Freude. Und dann die drei Jahre hindurch die Liebe, die Treue, und das Herz deiner Geliebten auf alle moͤgliche Weiſe auf die Probe zu ſtellen. D du kennſt Johanns Maͤhrchen, Vater. Recht gern! Ich verſpreche dirs. Schwore mirs! Ich ſchwoͤre, Vater, bei meinem Ritterwort. Sein Vater ſah ihn groß an. Ich bin Ritter von Sankt Georgen, Vater, Johann hat mir den Ritterſchlag gegeben. Johann, ſehe ich, hat ſchoͤne Dinge mit dir gemacht. Ein ſchoner Ritter, in der That! Schoͤne Maͤhrchen! Vater, ich gab ohne daß ich es wußte, dir mein Wort, hier noch die drei Jahre zu blei⸗ ben. Sie wurden mir zur Hoͤlle; jeder Dag plagte mich, wie eine Furie; ich zurnte wie ein Lswe; Vater, da hielt mich mein Ritterſchwur, den ich dir gab, und Johanns Ritterſchlag⸗ Keine menſchliche Gewalt haͤtte mich gehalten⸗ Noch einmal ſchwore ich dir, drei Jahre meine Liebe zu verſchweigen, bei Sankt Georg und meiner Ritterehre! Johann — wie reche iebe, auf aleß Johann brachte nun des Grafen Staats⸗ kleider, die er mit in die Einſamkeit genommen hatte. Sie paßten dein Ritter ſo gut, wie dem Vater. Atle Anſtalten waren auf Morgen zur Abreiſe gemacht. Ein praͤchtiger Wagen mit ſechs Pferden erſchien. Moritz war ſolle, er ſah mit fuͤßer, zu fäßer Erwartung dein mor⸗ genden Tage entgegen. Der Morzen kam, die ftünme Ehrfurcht der Bedienten, die mitgekommen waren, der vergol⸗ dete Wagen, die Neitpferde, ſelbſt der golbge⸗ ſtickte Rock, den Moritz trug, brachten eine ſeltſame Empfindunz in ſeiner Seele hervor. Er blieb ſtill, gleichſam furchtſam vor der neuen Welt, die ſich ihim nun endlich aufthun wollte. Er ſtieg endlich mit ſeinem Vater und dem Doktor ein. Er wunderte ſich in der Stille, daß Jo⸗ hann nicht den vierten Platz im Wagen bekam, und gegen Abend kamen ſie in Tengenbach an. Das Dorf feierte bie Ankunft ſeines Herrn. Am Eingange des Dorfs ſtiegen die Ankomien⸗ den aus. Sie giengen dürch eine Triumphpforte von Tannen mit dein Namen des Grafen. Das Glockengelaͤut und der Donner aus ſechs Boͤllern empfing ſie. Da ſtand die Schule des Dorfs, die Fahnen aus der Kirche in ihrer Milte, hin⸗ R ter ter ihnen die Juͤnglinge und Jungfrauen aus der Gemeine. Morritz hatte nie eine ſolche Menge Men⸗ ſchen geſehen. Thraͤnen traten in ſein Auge aus dem Herzen, das der Anblick der vielen Kin⸗ der tief bewegte. Aber da erregte eine frohere und ſchnellere Bewegung in ſeinem Herzen die Reihe der geputzten Maͤdchen, die bluͤhenden, durch die Feier des Tages, vor Scham und Freude gluͤhenden Wangen, die verſchämten Blicke, da Moritz mit ſeinen funkelnden Augen die Reihe hinab ging. Da ſtanden die Hausvaͤ⸗ ter nud Mütter vom Altare an bis an den Sarg. Eine Empfindung verſchlang in des Ritters Seele die andere. Er wurde unendlich geruͤhrt, es war ihm, als ginge das ganze Leben in feierli⸗ chem Geiſterzuge an ihm weg. Er fuͤhlte eine unbeſchreibliche Liebe gegen ſie alle, die aber nur in Thraͤnen hervorbrach. Still begleiteten ihn nun die Menſchen durch die große Lindenallee, deren Boden mit Blumen vor ihm her von ſechs jungen Maͤdchen beſtreut wurde, welche ihm auf einmal alle die Maͤdchen aus den Mährchen Jo⸗ hanns vor die Augen zauberten. Es waren die Toͤchter der Offizianten im Dorf. In der letzten Ehrenpforte ſtand die ſchoͤnſte von allen, eine ſchlanke Blondine, gekleidet, wie er ſeit aus Nen⸗ Auge Kin⸗ rohere n die enden, und nten Augen usvi⸗ Strg. Seele e eieli⸗ eiſe tmt iht allec ſech nal E durf bon ſe 6 ſiü ſeitdem die Engel dachte, und empfing den Grafen mit einem kleinen Gedichte. D wie ſchlug des Ritters Herz dieſer Welt voll Zauberfreuden ent⸗ gegen! Er zitterte, da ſein Vater das ſchoͤne Madchen auf die Stirn kußte. Er haͤtte um al⸗ les in der Welt nicht den Saum ihres Kleides beruͤhren können. Er war im Himmel! Das praͤchtige Schloß, die tiefen Verbeu⸗ gungen der Pffizianten, die Rede des Juſtizver⸗ walters voll kriechender Schmeicheleien, ruͤhr⸗ ten ihn gar nicht. Da, wie nun alle um ihn und ſeinen Vater in einem großen Halbkreiſe ſtanden, da erklaͤrte der Graf, daß er ihnen hier den kuͤnf⸗ tigen Herrn, ſeinen Sohn, den Grafen Moritz vorſtellte, und die Offizianten hefteten ihre Blicke nun in einem endloſen Erſtaunen auf den jungen Grafen, den ſie lange im Grabe glaubten. Das Gericht hatte der Graf gefliſſentlich verbreitet; aber die Bauern draͤngten ſich mit ſteigender und herzlicher Freude um den jungen Grafen, nann⸗ ten ihn ihren geliebten, jungen Herrn, und ein Greis bat ihn, ſie nie ſo lange zu verlaſſen, wie ſein Vater. Dann toͤnte das Vivat hoch, und die Muſik, mit den Böllern, und dann war alles vorbei. Moritz dankte Gott, daß alles vorbei war. Er warf ſich in dem dunkelſten Theil des Gartens an N den den Boden, um Licht in die bunkeln Empfindun⸗ gen ſeines Herzens zu ſchaffen. Vergebens! Im Kopf und Herzen war ein groͤßerer Tumult als im Dorf, wo alles durch und wider einander lief. um ſich zu dem Tanz und zur Erleuchtung des Schloſſes und der großen Allee vorzubereiten. Der mildeſte Sommerabend ſenkte ſich auf Tengenbach herab, und auf Moritz das magi⸗ ſche Licht einer Zauberwelt. Die Erleuchtung machte ihn trunken, noch mehr der Lanz der Maͤdchen. Da brachte der Gerichtsverwalter dem jungen Grafen ſeine Tochters ſie uͤbergab ihm einen Lordeerkranz mit ein Paar ſchoͤnen Worten. Moritz ergriff ihre Hand, ſie meinte zum Tanz, und fuͤhrte ihn in die Mitte der Tanzenden. Die Muſik fiel ein. Tanzen ſollſt du, Moritz! ſagte der Vater. Moritz umfaßte das Maͤd⸗ chen; ſie meinte zum Walzer, und ſo drehte ſie ſich um ihn, er um ſie, ſo gut er konnte. Aber er zog ſie mit jedem Takte näher und enger an die Bruſt, und ſo ſtanden ſie, ſie an einem hoch⸗ pochenden Herzen, umſchlungen von zitternden Haͤnden. So, ſo, gnaͤdiger Herr Graf, ſagte ſie aͤngſtlich, kann man nicht tanzen. Ich kanns auch nicht! flͤſterte er ihr zu. St ließ ſie fahren, und mit einem Seufzer ſtellte er ſich an die Seite. Da ihn Johann die Nacht auf uf Jo wa eht ein findun⸗ 6 In ult als er lief, ng be en. ch auf magi⸗ ſchtun n de er den b ihn orten. te zun endet riß! Nih⸗ hie ſe Me er hih ernbe ſchh 6 e e Naht if auf ſein Zimmer brachte, warf er ſich heftig in Johanns Arme, und rief: brei Jahre ſoll ich warten, ehe ich ihr ſagen darf, daß ich ſie un⸗ endlich liebe? O das iſt unmoͤglich! Johann fragte faſt erſtarrt: wen? welch ein Maͤdchen liebſt du? Moritz, rede! Frägſt du? o fraͤgſt du? die, mit der ich tanzte. O welch ein Engel, lieber Vater! welch eine Guͤte! welch ein Geiſt! welch eine Staͤrke des Charakters! Ich will von ihren himmliſchen Reizen gar nicht reden! Welche Demuth! welche Sanftmuth! wie frei ihr Geiſt und dennoch wie zart und weiblich! Und dieſer Frieden ihrer Seele, aus dem alle ihre Tugenden entſpringen! Vergleiche ſie! o vergleiche ſie, ich bitte dich, mit allen andern auf dem Erdboden. Sie allein tanzt, ſie allein laͤchelt, ſie allein ver⸗ ſteht zu reden! Welche Weisheit in ihren Wor⸗ ten, und ſo viel hohe Einfalt, die der Schers noch verſchoͤnert. Johann konnte ſich gar nicht von ſeinem Erſtaunen erholen. O Moritz, rief er, du haſt dein Wort gebrochen. Wie lange kennſt du⸗ ſie? rede! Gewiß damals, wie du voriges Jahr, die Nacht uͤber wegbliebſt: Ich kenne ſie erſt ſeit heute, ich weiß ihren Namen noch nicht Jo⸗. — 193— FJohann laͤchelte. Gottlob, daß dein Va⸗ ter dir den Eid abgenommen hat, drei Jahre zu ſchweigen, Moritz. Glaube mir, dieſes Maͤd⸗ chen iſt deine Geliebte nicht. Das wirſt du mir nach vier Wochen glauben. Aber ich gonne dir deine Paradieſe, guter Junge, von denen du dieſe Nacht traͤumen wirſt. Gute Nacht. Moritz ſchwor, Johann waͤre ein Narr geworden. Er ſchwor es ſo lange, bis er mit Johann in Schaſſhauſen auf der Promenade Maͤdchen ſah— deren Reize— Er erroͤthete ein wenig und geſtand Johann, daß er ſich in ſeiner Liebe geirrt haͤtte. Aber was wars denn ſonſt, Johann? Es war, denk ich, die Liebe deines Vaters, nicht die aus meinem Maͤhrchen, Moritz. Die bedarf keines Gegengifts. Moritz ſchaͤmte ſich noch mehr, und beſchloß ein wenig behutſamer mit ſeinem Herzen zu ver⸗ fahren. Nun wurde ihm nach und nach alles in der Welt bekannter. Er legte ſeine Kleider, die vor zwanzig Jahren Mode geweſen waren, worin ihn die ſchonen Schweizerinnen in Schaffhauſen ausgelacht hatten, ab, und wurde wie ein an⸗ derer Menſch, im Aeußeren wenigſtens. Sein Rang in Tengenbach hinterte ihn bloͤde zu werden, denn dehn bie Pate icht das ing gtof Fta ihre La hlo wei liel ſh ti n ht he Ba⸗ u äd⸗ mir dit art mit ade ele in enn r, Die oß e bet die rit ſen an⸗ ein — 199— denn man laͤchelte kaum, wenn er etwas gegen die Sitte machte, was recht oft vorfiel. In Schaffhauſen biſt du geweſen? fragte der Vater, und wie gefaͤllt dir der Rheinfall? Moritz hatte ihn nicht geſehen; er hatte nicht davon gehort. Sein Vater beſchrieb ihm das große Schauſpiel, und am folgenden Morgen ging er den Weg nach Schaffhauſen. Auf der großen Bruͤcke uͤber den Rhein traf er auf zwei Frauen, Mutter und Tochter, die, wie er aus ihrem Geſpraͤch mit ihrem Fuͤhrer hoͤrte, nach Laufen wollten, den Rheinfall zu ſehen. Moritz ging hinter ihnen und horchte aus bloßem Inſtinkt auf des Maͤdchens Stimme, weil ſie ſo wohlklingend war. Ich ſcheue mich, liebe Mutter, ſagte ſie, daß es wieder weniger ſeyn wird, als ich erwarte. Du Ungenuͤgſame, antwortete die Mutter. Ach, Muͤtterchen, rief das Maͤdchen leben⸗ dig, den Namen verdiene ich nicht. Sie wiſſen, wie das Kleine mich befriedigt. Das war alles, was er hoͤrte; aber die Paar Worte trafen ſein Herz. Denn alles, was ihm als groß und ſchoͤn beſchrieben war in der Welt, hatte ihn eben ſo wenig befriedigt. Er hatte ſich ſchon hundertmal wieder in ſein wil⸗ des Gebirge zuruͤckgewuͤnſcht. D behuͤte mich 1. der — 200— der ghige Himmel, ſagte das Mädchen, da er ihnen wieder näher gekommen war, daß mir meine kleinen Hofſnungen, unſer Haͤuschen, klein und frieblich wie ein Schwalbenneſt, unſer Gaͤrtchen, das zehn Schritte ausmeſſen, aber meiner Liebe unermeßlich iſt, nie, ach, nie zu klein werden, obgleich meine Waͤnſche, meine. Träume nicht kleiner ſind, als die Unermeß⸗ lichkeit. Das Maͤdchen druͤckte ſein eigenes Gefuͤhl ganz vollkommen aus, und er wuͤnſchte ihr Ge⸗ ſicht zu ſehen, nicht oh es ſchön ſey, ſondern, zu ſehen, wie demuͤthig funkelnd das blaue Auge. dabei ſeyn muͤßte. In dem Augenblick des Wun⸗ ſches ſah das Maͤdchen ſich um, und er ſah. nichts als ein holdſelig ſchoͤnes Geſicht. Sie redete nun leiſe, und ſo hakte er Zeit die edle Geſtalt, den leichten Gang an das ſchoͤne Ge⸗ ſicht anzupaſſen. Er haͤtte das Maͤdchen geliebt, waͤre es der erſte Tag ſeines Lebens in der Welt geweſen. Nahe an Laufen wurde der Weg felſig und unbequem Der Fuͤhrer gab der Mutter die, Hand, um ihr den Gang zu erleichtern. Mo⸗ ritz ſprang um das Maͤdchen vor, und bot ihr mit einem Geſicht voll gutherziger Hoͤflichkeit. ſeine Hand, ohne ein Wort ſie zu gruͤßen zu ſagen. nir Sie hle Ge⸗ her. und die ihr keit — 201— ſagen. Das Mädchen nickte freundlich mit dem Kopfe und ſagte: es muß noch ein wenig ge⸗ faͤhrlicher werden, wenn ich Huͤlfe annehmen ſell, und das Kleid ein wenig in die Höhe zie⸗ hend, ſprang ſi ſie faſt eben ſo ieicht wie er zwi⸗ ſchen den Felſen hinauf. Ein Schmetterling, dachte er, fönnte nicht leichter von Blume zu Blume ſliegen. Sie gehen nach Laufen, mein Herr? fragte ſie, ihn nur mit Einem Blicke anſebend, dann quf den Weg. Den Rheinfall zu ſehen, wie Sie! Dann, ſtand das Geſpraͤch ſtill Sie hoͤrten ſchon den Donner des Stroms in der Ferne. Hoͤrſt du, Amelie? ſagte die die Mutter. Amelie lächelte. Und auf den, Donner horchend, kamen ſie ſtumm in Laufen, gu. Man fuͤhrte nun die Geſellſchaft, zu der Moritz jetzt gehoͤrte; er hatte die Mutter mit dem Fuͤhrer auf eine ſteile Anhoͤhe gefuͤhrt— guf die erſte Laube, von der man den Fall uͤber⸗ ſehen kann. Amelie, betrachtete die ſchaͤumen⸗ den Strome, die hier mit einem heftigen Ge⸗ toſe herabfallen. Dann ſah ſie laͤchelnd ihre Mutter an, ſchlug die Haͤnde mit einer komi⸗ ſchen Traurigkeit zuſammen, und ſagte: Verzei⸗ hung. — 202— hung, liebes Muͤtterchen, es iſt nicht meine Schuld! Wie finden Sie das, mein Herr? Wir muͤſſen hinab, antwortete er, den ſtei⸗ len Felſen hinabzeigend. Ja, wenn Sie es wagen wollen, ſagte der Fuͤhrer. Er fuͤhrte ſie an den Rand, von dem enge Felspfade und kleine hoͤlzerne Treppen auf die Gallerie fuͤhren, die in den Sturz des Waſ⸗ ſerfalls gleichſam hinein gebaut iſt. Die Mut⸗ ter gab es ſogleich auf mitzugehen, da ſie den ſteilen Herabgang ſah. Dich aber darf ich wohl nicht abhalten, Amelie? ſagte ſie, doch mit beſorgter Miene. Eine kleine Gefahr iſt die Krone jedes Ver⸗ gnuͤgens, Muͤtterchen. Der Fuͤhrer behauptete, es ſey ganz gefahrlos. Sie ſiiegen hinab. Amelie ſchlug ſowohl die Hand des Fuͤhrers als des Ritters aus. Sie ſetzte ihren Hut auf, den ſie bis dahin getragen hatte, ſchuͤrzte ſich auf, und dann ſtieg ſie behende und leicht hinab. Sie traten auf die Spitze der Gallerie, dem Waſſerſturz ſo nahe, daß der kleinſte Luftſtoß ſie mit den Wolken des Falls bedeckte. Der Boden, auf dem ſie ſtanden, zitterte ſo heftig von der Gewalt des maͤchtigen Elements, als riſſe ein Erdbeben ihn aus den Fugen. Amelie faßte ſi fi ſic N — 20535— faßte hier des Ritters Arm, erſt ganz leiſe, dann feſter, dann legte ſie ihre andre Hand in ſeine, ſich an ihn feſthaltend. Sie erblaßte; er ſah es nicht, denn er war in ein betaͤubendes Erſtaunen verſunken, wie Amelie, aus dem er ſich ſpaͤter erholte, als das Maͤdchen. Sie wendete ihre Blicke nun auf ihn, um ihm ein Zeichen zu geben, wie er⸗ haben das ſey. Reden war nicht moͤglich. Aber er ſah ſie nicht an. Sein funkelndes Auge war in den Abgrund gerichtet, den die Wellen aus⸗ gehohlt hatten, und in den ſie noch immer mit unbeſchreiblicher Kraft und Schnelligkeit ſtuͤrzen. Sie ſah ihn an, ſein Auge fuͤllte ſich mit Thraͤ⸗ nen, von denen er nichts wußte, und die von ſeinen gluͤhenden Wangen auf ihre Hand her⸗ abtropften. Um ſeinen Mund ſchwebte ein hei⸗ liger Ernſt, der ſich von Zeit zu Zeit in ein himmliſches Laͤcheln verwandelte. Da bedeckte auf einmal eine dichte Waſſer⸗ ſtaubwolke beide. Da ergriff er ſie und hielt ſie geſt an ſeine Bruſt, und ſie fuͤhlte an ihrem Buſen ſein Hexz ſtark ſchlagen. Die kuft wendete die Wolke, ſie ſtand in ſeinen Armen und blieb ſo ſtehen. Sie laͤchelte ihm jetzt zu, er lächelte wieder und legte ſeine Hand mit ih⸗ rer auf ſein Herz, und dann traten ſie zuruͤck. Sie — 204— Sie hatten noch nicht zehn Worte gewechſelt; aher es war beiden, als haͤtten ſie ein Jahr zuſammen gelebt. In der erſten Wendung des Felſens, den ſie hinauf ſtiegen, und wo ſie ge⸗ gen den Donner des Getsſes gedeckt waren, ſagte er: o es war viel mehr, Amelie, als alle meine Träume! Es uͤbertrifft alles! Es iſt das Mächtigſte, das Hoͤchſte in der Natur! Hoͤher waren Sie, denk' ich, ſagte ſie ſanft lächelnd, der vor der wilden Gewalt des Ver⸗ derbens nicht zitterte. Furchtbarer iſt ſogar des Menſchen wilde Leidenſchaft, die Herrſchſucht, die mehr als Felſen, die eine Welt zerſtört. Bitterten Sie, Amelie? Ich fuͤhlte, daß ich erblaßte. Er ſah ſie qn und ſah, daß jetzt noch die Roſen ihrer Wangen mit der Blaͤſſe rangen. Sein Blick machte, daß auf einmal alle Roſen, und dunk⸗ ler, auf dem ſchonen Geſicht hervorbluͤhten. Sie ſtiegen höher. Ihr Fuͤhrer ſagte, daß ſie nun eigentlich auf die andre Seite des Rheins fahren ſollten, um den ganzen Fall auf einmal zu uͤberſehen. Moritz forſchte in Ameliens Auge nach einer Antwort' Sie nickte vertraulich. Sie ließen der Mut⸗ ter hinauf ſagen, daß ſie noch unten blieben. Dann ſiegen ſie einen in der That gefaͤhrlichen Fuß⸗ en — 205— Fußpfad an den Fluß hinab. Amelie wurde mehr von ihm getragen, als ſie gieng. Am Rhein war nur ein kleiner Nachen. Amelie ſollte ſich in das Vordertheil neben dem Rilter ſetzen. Sie ſtand ein Paar Sekunden bedenklich da, und errthend. Sie maß den Raum, der ſie beide faſſen mußte, mit den Augen. Ich allein werde dort kaum Raum haben. So ſtehe ich hier. Sie ſetzte ſich nun, aber nach zwanzig Ruderſchlagen erklärte der Schif⸗ fer, der Ritter muͤſſe zu der ſchönen Dirne in das Vordertheil; denn Sie halten das nicht aus, ſehe ich, ohne zu verungluͤcken. Amelie machte ſchnell Platz, und ſie ſaßen eng zuſain⸗ men gedruͤckt, beide zugleich erroͤthend, zugleich laͤchelnd, beide gleich unſchuldig und verſchaͤmt. Auf der Mitte des Rheins tanzte der Rachen auf den reißenden Wellen. Sie erblaßten beide. Er ſchkang die Arme um ſie, ſie feſtzuhalten. Aber da ſie immer mehr erblaßte, befahl er dem Schiffer umzukehren. Gottlob! ſagte Amelie mit herzlicher Frei⸗ de, da ſie mit ihm am ufer ſtand und reichle ihm beide Hände. Nun aber laſſen Sie uns eilen. Es muß ſpät ſeyn? Er ſah in die Uhr⸗ Sie waren erſt eine Stunde zuſammen. Eie — 2306— Eine Stunde? und wie viel, wie ſehr viel hat dieſe Stunde uns gegeben! Vielleicht die ſchonſten Empfindungen unſers ganzen Lebens. Sie ſah ihn bei dieſen Worten mit den großen Augen ehrlich und freundlich an. Er wäre ihr jetzt zu Fuͤßen gefallen und hätte gerufen: die ſchoͤnſte meines Lebens, die Heiliaſte, eine un⸗ endliche Liebe. Aber er durfte ja in drei Jah⸗ ren nicht reden. Sie fuhr lachend fort: ſeltſam! Sie aus Oſten, ich aus Weſten.— Das gebe Gott nicht! Finden uns hier zuſammen, und wären wir die naͤchſten Verwandten— Das ſind wir, Amelie! das darf ich ſagen. Wiſſen nicht einmal, wie wir heißen; und obgleich ich das liebe, ſo wollt ich doch, Sie baͤtten einen Namen, den mein weitlaͤuftigſter Vetter truͤge, und ich wuͤßte ihn. Sie ver⸗ beugte ſich gegen ihn. Ich heiße Tengenbach. Dengenbach? Doch wohl nicht Graf Tengenbach? Eben der— Site wurde einen Augenblick nachdenkend. Dann aber fuhr ſie fröhlich fort: ſchen Sie, Herr Grafz verwandt nun wohl nichts aber Sie wur⸗ Nel wit en. nd Sie ſiet el⸗ uf b ie Eie ⸗ wurden in einer ſchoͤnen Einſamkeit erzogen, ohne zu wiſſen, wer Sie waren; nicht? Ich koͤnnte ſagen, Amelie, ich weiß es jetzt wieder nicht. In ſchoͤner Unſchuld; in kindlicher Freude, D Herr Graf, ich habe, da ich es erzaͤhlen hoͤrte, Ihre Erziehung beneidet. Ach, ich hatte eine ſchwere Jugend, eine freudenloſe Jugend, ein dunkeles Leben.— D vergoͤnne mir der guͤtige Himmel, rief er heftig und ergriff ihre Hand, daß ich— Er ſchwieg, denn drei Jahre mußte er ſchwei⸗ gen. Sie ſah ihn verwundert an. Dann rief ſie: o Sie koͤnnen mir den heutigen Tag noch ſchoͤner machen, wenn Sie mir recht viel von Ihrer Einſamkeit erzaͤhlen. Er wendete den Blick zu Boden. Ich ſah an dem ſchoͤnſten Tage in meiner Einſamkeit, in einem prophetiſchen Traume eine Geſtalt— Er brach ſeufzend ab. Amelte eben fo ſchnell mit einer Frage nach dem Ruͤckwege. Sie kamen bei der Mutter an, und Amelie fuͤhrte ihn mit den Worten: der Graf Moritz von Tengenbach, der Mutter zu. Tengenbach? rief die Mutter und ein Schleier von leichtem Kummer hing ſich uͤber ihre Stirn. Aber auch ſie fragte nach ſeiner In⸗ — 208— Jugend. Er erzaͤhlte ſie der Mutter, Amelie ſaß ſeitwaͤrts, denn ſie wußte nicht, ob nicht die Erzaͤhlung ſie zu Empfindungen bringen wuͤrde, die ſie verbergen müßte. Amelie war in der Gegend von Tengenbach geweſen. Sie hatte von dem Erſcheinen des Grafen mit ſei⸗ nem Sohn, und von dem Sohi die lieblichſten Dinge erählen hören„von der Pächterstochter, die an dem Feſte bei des Grafen Ruͤcktehr zu⸗ gegen gewefen war. Da die Erzählung geendigt wär, ſagte Ame⸗ lie zu ihrer Freundin: du wirſt machen, daß ich von ihm träume. Ach, Kind, ſagle die, os träuimen gewiß mehr Mädchen, und im Wachen bon ihm. Und nün ſtand er vor Amelien, in der jugendlichen unentweihten Schoͤnheit. Sie hatte mit ihin den ſchonſten Möment des Lebens am Rheinfall erlebt und im Nachen wäre ſie faſt mit ihm in den Tod berſunken, und nün hoͤrte ſie ihn erzahlen von ſeiner unſchuldigen Jugend, von der unenblichen Liebe ſeines Iohanns, den er noch Vater nenne, von ſeinen ſchönen Mähr⸗ chen, die ſein Herz— er erhob bie Stimie und wendete ſich halb zu Amelien. Er erzählte, ohne etwas zů verbergen von ſeines Johanns Ritter⸗ ſchlage, wie der ſeinem Herzen die Weihe zur Kraft lie licht gen war Sie ſei⸗ ſen Rer, il⸗ m daß wiß der alte am fiſ ötte e, Kraft, zur Treue, zu allem Edlen und Groſen gegeben. Amelie rhat wohl, daß ſie ſich ſeirwärts ſette; denn Moritz Stimme, ſo weich, ſo be⸗ bend, oft mit dem Weinen ringend, fuͤllte ihre Bruſt mit Traͤumen, mit Wuͤnſchen, und bruͤtete einen ganzen Fruͤhling voll Keime der Liebe in ihrer Bruſt an. Ach, keine Hoffnung war un⸗ ter allen Bluͤthen; denn ſie war keine Graͤfin, kein Fraͤulein, ſie war die Tochter des Rent⸗ meiſters Krebs. Ach, ihres Vaters Tod vor Kummer, ihrer Mutter und ihr eigenes ſorgen⸗ volles Leben hatten ſie ja dem Grafen Dengen⸗ bach, einem Verwandten des Ritters Moritz, zu danken. Der Graf hatte Ameliens Vater um ſein großes Vermoͤgen gebracht; der Prozeß darum hatte bis an des Rentmeiſters Tod gedauert, und dann hatte ihn die Wittwe aufgegeben. Jetzt war der Graf geſtorben. Sein Gut fiel als Lehn an einen Pberſt Tengenbach. Sie kam eben von einer Reiſe von dem Oberſten, ach! mit ſehr wenigen Hofſnungen zuruͤck. Sie gingen nun alle drei nach Schaffhauſen zuruͤck. Die Mutter erzaͤhlte unterwegs dem Ritter, daß das Ungluͤck ihrer Amelie die Weihe zur Kraft, zur Sanftmuth, und zu allem D Edlen Edlen und Großen gegeben. Sie blieben den Abend zuſammen. Am andern Morgen geſtand er der Mutter— der Tochter es zu geſtehen, verbot ihm ſein Schwur— daß er nicht ein⸗ ſahe, wie er ſich von ihnen trennen könnte. Es war ſo viel Kindliches in dieſem Geſtaͤndniſſe und es konnte ſo vortheilhaft werden fuͤr ihre Unterhandlung mit dem Dberſten, daß die Mut⸗ ter zugab, er koͤnnte Amelien, die ohnehin den halben Weg zu Fuße machte, begleiten. So gingen ſie dem Wagen nach, immer den Weg nach Bodmen, einem Dorf dicht am Bo⸗ denſee, wo ſie wohnten. Amelie war dieſen Tag ſehr heiter nach ihrer Sitte, jedem Unfalle ein Gegengewicht von Heiterkeit zu geben. Da brach auch die frohe Jugendfreude aus ſeiner Bruſt hervor. Aber er vergaß auch des Vaters Befehl nicht, die Geliebte auf alle Weiſe zu pruͤfen. Er legte ihr hundert Fragen vor, von denen ſie gewiß die Hälfte nicht beantworten konnte; aber das gab ihrem guten Muthe einen großen Zuwachs. Auf der andern Hälfte der Reiſe den Nach⸗ mittag wurde der Gang der Unterredung wieder ernſt, und da er mit ihnen in Bodmen ange⸗ kommen, er nun ihre Beſchraͤnkheit ſah, und dennoch uͤberall Beweiſe ihres Edelmuths, ſo wen den ſanb hen, ein⸗ nnte. niſſe ihte Mut⸗ hen den Bo⸗ jeſen falle Da einet ers e31 boh rlen inen ach jedet nge⸗ unb ſo wen — 2 1 1— wendete er noch einmal, da er auf dem Ruͤck⸗ wege war, ſein Geſicht gegen das Dorf, und ſchwor bei ſeiner Ritterehre, er wollte ſie un⸗ enblich und treu lieben, wenn ſie die Probe be⸗ ſtaͤnde, die ſein Vater ihr aufgelegt hatte. Er kam am Morgen zu Hauſe und ſagke ſei⸗ nem treuen Johann, mit hochſchlagendem Her⸗ zen, mit ſanfter Stimme: nun habe ich die Ge⸗ liebte gefunden, mein guter Vater. Er erzahlte und Johann ſchuͤttelte zu großem Schrecken ſeines Schuͤlers wohl zehn Mal ben greiſen Kopf. dein Himmel, rief Moritz, was foderſt du denn von einem Maͤdchen, Alter? Nur ein Herz, treu unbd rein wie deines, und eine frohe heitre Seele. Das wird ſich zei⸗ gen, Moritz, denn ich wih hin und ſie ſehen. Der Alte wollte hin, aber Moritz wollte durchaus mit, durchaus, um ſeines Vaters Ur⸗ theil deſto ſchneller zu erfahren.— Johann ging ins Dorf, zog behutſam Rachrichten ein uͤber Mutter und Tochter von zwanzig Menſchen, an Geſchlecht, Alter und Stand von einanber verſchieden. Er hörte nichts als lauter Lob ihrer Demuth, ihrer Beſcheiben⸗ heit bei ſo viel Schoͤnheit, ihres Fleißes, ihrer D 2 Ar⸗ Armuth und ihrer Wohlthätigkeit gegen die Ar⸗ men des Ors. Er kam laͤchelnd zu Moritz zuruͤck, der ihn ungeduldig erwartete. Zu jeder Tugend, die der Alte ihm nannte, zaͤhlte er zehn andre, von denen Johann nichts gehoͤrt hatte, und ſchwor fuͤr jede. D Moritz, rief lachend Johann, es iſt ſchon an dieſen genug, um aus dir den gluͤck⸗ lichſten Mann des Erdbodens zu machen. Moritz flog an ſeinen Hals. Aber drei Jahre, Johann, und ich ſoll ihr nicht ſagen, daß ich ſie liebe? Johann ſchuttelte den Kopf: aber du haſt dein Wort gegeben, Moritz. Wenn ſie nun denkt, ſie iſt mir gleichguͤltig, weil ich nicht rede? Schlimm! denn das wird ſie denken; aber dn haſt dein Wort gegeben. Wenn nun, ich bitte dich, Johann!— wenn nun ein Mann ſich zu ihr faͤnde— Je⸗ der, der ſie ſieht, muß ſie lieben.— Freilich ſchlimm! aber ſie leben ſo eingezo⸗ gen, und ſie iſt erſt ſiebenzehn Jahre. Aber wäͤre es, Moritz, du muͤßteſt es anſehen und ſchweigen; denn du haſt dein Wort gegeben. V ihn die vot hwot iſt luͤch drei en haſt ltig, abet e geio⸗ Aber und — 215— D ſehen ſollte ich, wie ein anderer Mann um ihre Liebe wuͤrbe? ſehen, wie er ihr Wort erhielte? ſie ſehen als die Braut eines andern? ſehen, daß ſie mit einem andern an den Altar traͤte? Huͤlfe doch alles nichts, guter Junge, denn du haſt einmal dein Wort gegeben, drei Jahre zu ſchweigen. 3 Zu ſchweigen! Aber dann fliehe ich nach Sankt Georgen, werde ein Moͤnch und ſterbe an meinen Leid. Das darfſt du auch nicht, denn du haſt dei⸗ nen Unterthanen verſprochen, ihr guͤtiger Herr zu ſeyn. Was darf ich denn? rief er mit Verzweifiung. Wort halten, lieber Moritz! hoffen! lie⸗ ben! dem Maͤdchen ein unſchuldiges, ein tugend⸗ haftes Leben zeigen! Du weißt ja, daß uͤber der Unſchuld die guͤtige Hand Gottes waltet, und ſollſt du nicht gluͤcklich ſeyn, ſo mache glucklich! Sie giengen heim. Johann erzaͤhlte dem Grafen des Sohnes Liebe, des Maͤdchens Tu⸗ genden. Da er ihren Vater nannte, wurde der Graf aufmerkſamer. Er ſuchte einen Brief her⸗ vor, las den und ſagte dann: das Maͤdchen iſt ein unſchuldiges, liebliches, tugendhaftes Weſen⸗ edler — 214— ebler als du denkſt, Johann; aber das war ja meine Frau auch, o ſie war's! Und dennoch, dennoch war ſie treulos. Gnaͤdiger Herr Graf, ich denke immer, Sie griffen die Sache nur nicht recht an, und dar⸗ aus entſtand alles Ungluͤck. Ich bitte Sie, ge⸗ ben Sie dem jungen Herrn ſein Wort zuruͤck. Er liebt ſie unendlich, und wenn nun das Maͤd⸗ chen, weil er nicht redet, einem andern Mann ihre Hand gibt? So liebte ſie entweder meinen Sohn nicht, oder liebt ſie ihn und gibt einem andern ihre Hand, ſo iſt ſie— treulos. Dagegen konnte Johanu nichts ſagen, ob⸗ gleich er immer in ſeiner Einfalt den Kopf ſchuͤttelte. Der Graf nahm von Johann das Verſprechen, alle ſeine Befehle in Abſicht des Maͤdchens zu erfuͤllen. Denn ich, ich will ſie auf die Probe ſtellen! Johann ſeufzte; denn was konnte er an⸗ ders machen? Was? Er ging mit ſeinem Herrn nach Bodmen, er ſah Amelien, er ſprach ſie. Sie freute ſich unendlich den Mann zu ſehen, von dem Graf Moritz die Weihe zur Tugend erhalten hatte. Johann war nicht drei Tage mit Amelien und ihrer Mutter zuſammen, ſo wußte er, es waren vortreffliche Menſchen. Moritz — —— war noch, dar⸗ he⸗ uruͤck. Mid⸗ Mann nicht, ihre ob⸗ Kopf n das tdes ill ſt et an⸗ Herrſ c ſe ſeheh, uhend Lehe mmel chen⸗ orit — 215— Moritz kam oft und Johann begleitete ihn. Aber es konnte der Mutter nicht laͤnger verborgen bleiben, daß der Graf ihre Amelie liebte, und Ameliens Erroͤthen, da die Mutter daovn anhob, war ein Zeichen, daß ſie nicht gleichguͤltig dagegen war. Amelie warf ſich der Mutter voll Vertrauen an den Buſen, und geſtand ihr, daß ſie des Grafen Empfindung theile. Aber haſt du uͤberlegt, Ame lie? Oie Liebe, Muͤtterchen, uͤberlegt nicht. Ach, liebſte Mutter, was hat mir alle Kenutniß die⸗ ſer gefaͤhrlichen und unbegreiflichen Leidenſchaft geholfen? gar nichts. Ich liebte ihn laͤngſt, ohne es zu wiſſen. Ich wehre mich, und jeder meiner Siege uͤber mein Herz macht mich ſchwaͤ⸗ cher, als ich war. Sie wiſſen, ich werde nichts thun, was ich nicht darf. Aber ich fuͤhle, ich fuͤhle wie mein Daſeyn, ich werde den Mann nicht vergeſſen, ſo lange ich fuͤhlen kann, welch ein Reiz Unſchuld und Tugend iſt. Ach, ich darf ihn nicht vergleichen mit irgend einem Manne, den ich kenne. Er iſt ein Graf, Amelie, und dieſes Wort allein.— Muͤtterchen, vor einigen Tagen erzahlte der alte ehrliche Bediente, waͤhrend der Graf der ungluͤcklichen Mutter ſo großmüthig half, von den — 216— den Grunbſaͤtzen des alten Grafen. Haben Sie wohl bemerkt— Recht wohl, Amelie, auch ſah ich, wie du errotheteſt, wie du vielleicht vor Freube zitterteſt— Vor Freude, liebe Mutter.— Ich that doch nicht Unrecht? Er ſagte ſo beſtimmt, daß der Graf gar keinen Werth auf den Stand, auf die Geburt lege. Und was Sie nicht zu bemerken ſchienen, er ſetzte nachher hinzu, daß Moritz die vollkommenſte Freiheit härte, ſein eigenes Schickſal zu entſcheiden, wie er wollte. Der Graf liebt dich, liebe Amelie. Er liebt dich mit der ganzen Kraft ſeines reinen, unſchuldigen, ſtarken Jugendgefuͤhls. Wenn er ſo ganz frei iſt, wie der Alte ſagt: warum re⸗ det er nicht? Ich bewundere deine Staͤrke, womit du ihm den Anblick deines warmen Her⸗ zens entziehſt— Ja, mein Kind, du biſt ein ſehr edles Maͤdchen. Aber, wenn du lange mit— ihm geredet, ſo wendet er Blicke voll einer ge⸗ fuͤhlvollen Liebe auf dich. Sein eigenes Herz üͤderraſcht ihn. Ich erwarte, er wird jetzt ſeine Leiden geſtehen. Auch hebt ſeine Lippe an; aber nach ein Paar Woriten bricht er ab und ver⸗ ſinkt in einen ſichtlichen Kummer. Warum re⸗ det er nicht, wenn er frei iſt, Amelie? Amelie —— Sie wie eube that daß and, tz daß ſein ollle. Er nen wer nre⸗ aͤrke, her⸗ eln mit ge⸗ He ſeine bet bel⸗ re Amelie trockhnete ihre Augen und kuͤßte der Mutter Hand ohne zu antworten. Ich wollte, ſagte ſie nach einer Pauſe, er waͤre unſers Nach⸗ hars Sohn. Ach Mutter, auch wenn jede Hoff⸗ nung erfuͤllt wuͤrde, der Name Graf wird im⸗ mer bitter bleib n. Er redet nicht. Er bricht ab. D er iſt wirtlich frei, und der Grund, warum er nicht redet, laͤge in ſeinem Herzen gar. Ach, Mutter, ich uͤberlege mehr als ſie denken. Vielleicht, wenn du kaͤlter ſcheinſt, oder waͤr⸗ mer, daß dann ſein Herz ſich oͤffnete. Scheinen? o meine Mutter, nur das nicht. Ich habe den Muth ihm zu entſagen, wenn es ſeyn muß; aber ſeyn will ich ihm, was ich bin, ſcheinen nie. Ich bin ſo unſchuldig wie er. Ich will gern ablaſſen, wenn wir uns trennen maͤſ⸗ ſen; aber errothen will ich nicht vor ihm. Ich wollte denn, wir haͤtten ihn nie geſe⸗ hen, Amelie. Du waͤrſt gluͤcklicher. Nein, auch das wuͤnſche ich nicht, und muͤßte es mit einem toͤdtlichen Erblaſſen endigen. Ich habe einen Mann geſehen, den ich lieben durfte, weil ich ihn ehren konnte. Wenn auch meinem Leben das Gluͤck fehlt, ſo wird ihm doch nie eine ſchoͤne, die ſchoͤnſie Erinnerung fehlen, Ach, — 218— Ach, manchmal fuͤhle ich mich, ohne Hoffnung, gluͤcklich. Ameliens Mutter war eine brave Frau, und darum fuͤhlte ſie etwas Schmerzliches, etwas Unheilverkuͤndigendes in dieſem Verhaͤltniſſe mit einem jungen Manne, der ſo weit uͤber ihrem Stand war. Sie faßte alſo eine neue, ſchoͤne Hoffnung, da ein junger Kaufmann aus Kon⸗ ſtanz, Namens Brandt, deſſen Vater mit ih⸗ rem Manne in Verbindung geweſen war, ihr Haus in Bodmen beſuchte. Er ſah Amelien, und die Mutter bemerkte den tiefen Eindruck, den des Madchens Anblick auf ihn machte. Er war nur auf einen Augen⸗ blick, wie er ſagte, vorgekommen. Jetzt ſuchte er nach einem Vorwande laͤnger zu bleiben. Die Mutter ſelbſt gab ihm den Vorwand, aber ganz unmerklich. Er reiſte ab, und man redete uͤber ihn kein Wort mehr. Aber die Mutter hoffte in der Stille, er wuͤrde ſich wieder ſehen laſſen. Sie hatte nicht geirrt. Er kam wieder und wieder. Die Mutter ſeufzte; denn Amelie that gar nichts, ganz und gar nichts, dem Mann, dem ſein Wunſch aus den Augen ſah, einen Schritt vorwaͤrts zu erleichtern. Die Mutter behandelte ihn deſto freundlicher. Er redete end⸗ lich mit der utter, und erhielt die Antwort, daß — — daß Amelie nach dem Wunſche ihres ſterben⸗ den Vaters in dieſem Punkte vollkommen frei ſey, daß ſie ihrem ſterbenden Manne verſpro⸗ chen habe, ſich in dieſe Angelegenheit gar nicht zu miſchen; daß— Das alles ſoll ein hoͤfliches Nein ſeyn? un⸗ terbrach ſie der junge Mann, ſich buͤckend— Mit nichten, lieber Freund. Meine Wuͤn⸗ ſche haben Sie. Meine Tochter will den Mann kennen, dem ſie ihre Hand gißt, und ich wuͤßte nicht, warum ſie nicht einen ſo braven Mann, wie Sie, wählen ſollte; bewerben Sie ſich um ihr Vertrauen, um ihre Freundſchaft. Meinen Mutterſegen haben Sie. Sie trat ſo fein auf, um voraus ihrer Toch⸗ ter eine Entſchuldigung fuͤr ihr Nein zu geben. Ein Liebender, und waͤre er der unſchuldig⸗ ſte, und auf einer oͤden Inſel erzogen, erkennt ſeinen Nebenbuhler auf den erſten Blick. Mo⸗ ritz ſah den Kaufmann kaum, ſo wußte er auch ſeine Abſicht. Das Auge ſchoß Blitze auf den armen Kaufmann, und er ſtand, die Arme un⸗ tergeſchlagen, ſo ſtolz, ſo an der Seite auf ihn herabblickend da, daß Amelie alle ihre Kunſt und Menſchenkenntniß noͤthig hatte, den boͤſen Geiſt zu bannen. Aber kaum war er bey Jo⸗ hann im Wirthshauſe, da brach der Sturm los. Ich — 220— Ich werfe den Menſchen in den Vodenſee, wirft er noch einen Blick auf Amelien. Wer denn? was giebts? fragte Johann. D ihr meint wohl, ich kann nicht ſehen. Gottlob! ich kann Schwarz von Weiß unter⸗ ſcheiden, und ſehn, wie ihn die Mutter in den Schutz nimmt, und wie er ſich aufblaͤht, als wollt' er mich fragen: was will der Herr hier? Und daran ſeyd Ihr ſchuld, und ich Thor, ich verkehrter Thor, daß ich warte, bis die Steine fuͤr mich reden, daß ich mich wie ein Baͤr mit einem Ringe in der Naſe fuͤhren laſſe, wohin Ihr wollt. Haſt du nicht dein Wort gegeben drei Jahre zu ſchweigen? Nun, liebſter Johann, ſo bin ich verlo⸗ ren, wenn ich Wort halten ſoll. Bedenke es voch nur, da iſt ein Mann, ſo wedelnd, ge⸗ lenkig, weich und ſchmeichelnd, wie der Schwanz einer Katze, der immer— Wenn du den Kaufmann meinſt, Moritz, der iſt ein achtbarer Mann, und einen ſchmei⸗ chelnden Hund oder eine falſche Katze wird Amelie nicht lieben. Deſto ſchlimmer, wenn es ein achtbarer Mann iſt, ſo ſieh doch meine Verzweiflung, Vater! e , 16 Das geht mir nahe; aber hier iſt die Rede davon, ob du dein Wort brechen darfſt? davon! Moritz beſann ſich lange, dann ſchlug er die Augen gen Himmel, biß die Lippen zuſam⸗ men, ſchlug ſich vor die Stirn, und ſagte bit⸗ ter: ſo fahre hin, ſchöner Draum! Ade Gluck und Freude! Laß uns gehen, Alter! Ich ziehe nach Sankt Georgen als Moͤnch! Johann folgte ihm, und er ſuchte den Auf⸗ gebrachten zu beſaͤnftigen. Er ſagte, wie fuͤr ſich: weiß ich doch, daß Amelie ihn liebt. Ein Blinder mags ſehen! Mag doch die Mut⸗ ter den Freier in ihren Schutz nehmen, dich nimmt Ameliens Herz in Schutz— Wenn ich immer nicht rede? nie ſage, daß ich ſie liebe? Soll ich denn gegen ſie ein Luͤg⸗ ner ſeyn, weil ich Euch mein Wort gegeben habe Moritz, kurz und gut! Biſt du gebunden dein Wort zu halten? Nein, ſieh mich nicht ſo flehend an; denn du dauerſt mich ohnehin, armer Schelm! alſo ja? Run denn! Willſt du es halten oder nicht? Das eben iſt das Elend; ich muß es halten und gehe verloren. Da aber wurde Johann beredt, überre⸗ dender wie Cicero, daß Amelie ihn liebte, daß Amelie 2 Amelie recht gut wuͤßte, ſie ſey geliebt. Kurz, daß Amelie Amelie ſey. Dieſer letzte Grund wirkte am meiſten, und darum eben hatte ihn Johann wie den heiligen Anker bis zuletzt verſpart. Aber Johann troͤſtete nicht nur, ſondern er half auch. Was ſollte Amelie denken, wenn Moritz nie redete? Es war zuviel von einem Maͤdchenherzen verlangt, alle ihre Liebe an ei⸗ nen Spinnenfaden, an noch weniger als das zu haͤngen, an den Glauben an einen jungen Menſchen, der liebt, frei iſt, geliebt iſt, und immer ſchweigt. Ich habe nichts verſprochen, ſagte alſo Johann. Amelie liebte den al⸗ ten Mann ſehr. Er mit ſeinem grauen Haupte, mit ſeinem ehrwuͤrdig reblichen Geſicht, war ja eben der Grund ihres Glaubens an des Grafen Liebe. Sein freundliches Laͤcheln, zuweilen eine ganz kleine Anſpielung auf eine frohe Zukunft erhielt ihr Herz feſt. Nach einigen Tagen fand Johann Amelien nachdenkend nicht nur, ſondern trauernd. Ihre Mutter hatte dem jungen Kaufmann eine warme Lobrede gehalten. Mein lieber, alter Freund, ſagte Amelie, ihm beide Hände entgegenſtrek⸗ kend: Du weißt— Sie nannte ihn Du, wie der Graf— ſo ſchoͤne Maͤhrchen, die wie Gei⸗ ſter⸗ ſet wa ſell M wi 6 ni he 5— ſterſtimmen zum Guten mahnen. Geſchwind er⸗ zaͤhle mir eins; mein Herz iſt ſo ſchwer, und, was noch ſchlimmer iſt, nicht Eins mit ſich ſelbſi. Der Alte ſagte laͤchelnd: ich weiß wohl ein Maͤhrchen, Amelie; aber es darfs niemand wiſſen, als Sie und ich, und es iſt ganz kurz; aber prophetiſch. So erzaͤhle; ich verſpreche dir es zu ver⸗ ſchweigen. Es war einmal vor vielen Jahren ein Kö⸗ nigsſohn, ſchoͤn, edel und tugendreich, der fand bei ihrer Heerde eine junge Hirtin, von allen Feen reich begabt. Der Himmel hatte beide fuͤr einander beſtimmt, und ſo liebten ſie ſich von dem erſten Augenblick an, da ſie ſich ſahen. Aber der Koͤnigsſohn, ſo frei er waͤhlen konnte, hatte dem Koͤnige, ſeinem Vater, feierlich ver⸗ ſprochen, drei Jahre der Geliebten ſeine Liebe zu verſchweigen. Der alte Koͤnig hatte eigene Grillen, ſonſt war er ein edler Mann. Er ſchwieg hier. Nun weiter, lieber Alter! rief Amelie mit ſchlagendem Herzen. Weiter! o weiter! Mein Maͤhrchen iſt hier zu Ende, Amelie. Erfahre ich, ob die ſchoͤne Hirtin ſeine Liebe errieth, an ſeine Unſchuld glaubte, an ſein Herz, an 3 — 224— an ſeine Treue, ſo ſollen Sie die erſie ſeyn, der ich weiter erzähle, Amelie. O mein guter, edler Aiter, rief Amelie voll unendlicher Wonne: ich will dir das Mähr⸗ chen zu Ende erzählen. Die Hirtin hielt feſt an dem Herzen des Geliebten, und da der Tag erſchien, an dem er reden durfte, da war ſie gerade drei Jahre lang ſchon ſein geweſen, ohne daß er es wußte. Johann laͤchelte, und dann ſegnele er ſie mit dem Namen: meine geliebte Tochter! Herr Brandt kam noch einige Male. Ame⸗ lie hatte eine lange Unterredung mit ihm am Brdenſee. Er trennte ſich mit einer hohen Ruͤtrung von ihr, und mit dem Gefuͤhl, er werle ihres Gleichen nicht wieder finden. Was ſie ihm geſagt, erfuhr mie ein Menſch, nicht einmal die Mutter. Er kam nicht mehr. Aber obgleich Moritz froher war, ſeit er den Kaufmann nicht mehr ſah, ſo wurde er dennoch wieder finſter, und immer finſtrer. Ach, ſenn Amelie ihren Blick auf die lange Zeit warf, die Tage zählte, die Stunden, ſo wurde ſie ſo betruͤbt als er ſelbſt. Sie begriff eben ſo wenig wie er, wie ſie das ſuͤße Geheimniß ſo lange in ihrer froh beklemmten Bruſt bewah⸗ ren wollte, und ſie müßte es bewähren, damit dem be ſt un ſp m ber ie h feſt ſe hne 10 heß et Bus icht er h, Zeit e he mih — 225— dem Geliebten der Ruhm nicht entriſſen wuͤrde, ſtaͤrker zu ſeyn als die allmaͤchtigſte Leidenſchaft, und ihr nicht das Entzuͤcken des ſtolzeſten Schau⸗ ſpiels eines ſichern Mannes, den ſie liebt, und ſo beſchloß ſie ihm das Dpfer leichter zu machen. Auf einmal wurde ſie ſeine heitre Freundin; mit einer unnachahmlichen Feinheit bemaͤchtigte ſie ſich ſeines Vertrauens, und nach und nach legte ſie ſeine Leidenſchaft an die Blumenkette der aller vertrauenvollſten, heiterſten Ruhe. Er brachte nur das Eine ſchwere Ppfer zu ſchwei⸗ gen, was ſie auch brachte. Aber welche An. ſtrengung koſtete es Amelien nicht immer wie⸗ der, den aufkochenden Sturm in ſener Seele zu beruhigen, und ſich nicht fortreißen zu laſ⸗ ſen von ſeiner tobenden Leidenſchaft, und von ihrer tieferen! Und doch gelang es ihr, und ihrer milden, hellen Seele, das ſeltſamſte Verhaͤltniß zwiſchen Liebenden zu einer ſchoͤnen Empfindung zu ma⸗ chen. D es war ruͤhrend zu ſehen, wie beide einander nach und nach in die reichen Tiefen ihre Seelen ſehen ließen, und dennoch ſie ſein Geheimniß bewahrte; er ſeins. Sie ſchied faſt ganz aus der Welt. Sie lebte nur fuͤr ihn allein. Sie vermied jeden P Uum⸗ — 226— Umgang mit einem Mann, wer er auch war. So machte ſie ihm ſein Opfer leichter, und ver⸗ barg ihm alle die ihrigen, die ſie ihm brachte. War er nicht in Bodmen, ſo brachte ſie ihre Zeit damit zu, daß ſie einige junge Maͤdchen in Arbeiten und im Leſen unterrichtete. Dieſe ſchoͤne Thätigkeic hatte ſie ſchon fruͤher beſchaͤftigt. Jetzt weihete ſie ihr alle ihre Zeit, und Moritz ſaß ganze Stunden mit ihr unter ihren Schuͤlerinnen. Sie nahm mit ruhiger Freunblichkeit alle Geſchenke, die er ihr bot; aber ſie verwandelte ſie in Almoſen füͤr die Armen im Dorf; nur eine Blume von ſeiner Hand trug ſie, bis ſie an ihrer Bruſt in Staub zerfiel. Leiſe beruͤhrte ſie, was er fur die Ungluͤck⸗ lichen auf ſeinen Guͤtern thun koͤnnte, und er ſah mit Schrecken, wie viel ſein Herz hatte thun wollen, und wie wenig ſeine Leidenſchaft erlaubt hatte. Sobald er zu Hauſe kam, zog er Erkundigungen ein, und er ſah, es war viel zu thun. Sein Vater arbeitete in ſeinem Stu⸗ dirzimmer. Er fand nun in der Thätigkeit, womit er den auffallendſten Uebeln abhalf, ein Gegenge⸗ wicht gegen die Leidenſchaft. Er blieb ſogar läͤnger weg von Bodmen, und mit Erroͤthen und Freude erzaͤhlte er Amelien, was ihn abgehal⸗ ten aite hft 309 iel Sil tet nge ogat Unb hul len ten zu kommen. Noch ein halbes Jahr floh hin, und ſeine Unterthanen ſegneten ihren jun⸗ gen Grafen, deſſen Herz groß genug war, ſie — nicht nur gluͤcklich zu machen, ſondern zu lieben. Der Vater erſtaunte, da Johann ihm die Nachricht gab von der heißen Liebe ſeines Soh⸗ nes zu Amelien. Und hat er Wort gehalten? fragte er. Er ſprach mit ſeinem Sohn ſelbſt, und Moritz beſchwor ihn mit kindlichen Thraͤ⸗ nen, den herzzerreiſſenden Schmerz ſeines In⸗ nern zu endigen, oder vielmehr, ſetzte er hinzu: das theure Maͤdchen nicht laͤnger einer Unge⸗ wißheit auszuſetzen, die mich, mich beſchimpft; die mich mehr martert als alles, was ich zu tragen habe. Er erzaͤhlte ſeinem Vater aus⸗ fuͤhrlich alles, alles. Hm! ſagte der Vater den Sohn umarmend: das iſt viel, in der That, viel mein Sohn, wenn ſie weiß, daß du ſie liebſt, und dennoch den Triumph aufgibt, den Grafen zu ihren Fuͤßen zu ſehen. Das iſt viel. Aber viel weniger war ich mir nicht von einer Tochter dieſer Ael⸗ tern vermuthen. Hm! ja! Moritz, ja! viel milde Weisheit von einem ſo jungen Maͤdchen! Das freilich ſtoͤßt mein Syſtem von den Wei⸗ bern uͤbern Haufen, wenn's nicht Schein iſt. P Ich * — 228— Ich wollte ja dich nur gluͤcklich ſehen, mein Sohn, und dir in den drei Jahren Zeit geben, in das Herz deiner Geliebten zu blicken. Und ſo haͤtten wir ja eine gefunden, die drei Jahre lang— In der That, ſo etwas wollte ich, mein Sohn. Es wäre denn alſo gelungen, und meine Erziehung— ich empfehle ſie dir, wenn du Soͤhne haſt,— Johann, der uͤbrigens recht geſcheidt iſt— mag von ſeinen Maͤhrchen ſagen, was er will. Aber— lieber Moritz, ſo viel habe ich gelernt, daß du ein beſſerer Herr fur meine Unterthanen ſeyn wirſt, als ich leider geweſen bin. Du haſt viel in den letzten ſechs Monaten gethan. Ich fuͤhle in der That, mein Sohn, daß ich mich oben auf dem Schloß bei Sankt Georgen beſſer befinde, als hier. Ich übergebe dir die Guͤter zur Regierung, und, lieber Moritz, dein Gluͤck liegt mir am Her⸗ zen. An meinem nächſten Geburtstage, du weißt, er iſt den 12ten Julius— darfſt du deiner Geliebten deine Hand bieten⸗ Achtzehn gute Monate geſchenkt. Da lag Moritz zu ſeines Vaters Fuͤßen, und ſeiner Empfindung heiße Flamme erweichte des Vaters Herz, und gab ihm ein Gluͤck, das er lange nicht ſo tief gefüuͤhlt hatte. Moritz ſprang ein oy, ld hre ich, und enu ens hen itz, rer zten hal, loß ier. nd, er⸗ du du ehn en chte da ritz n — 229— ſprang zu Johann, um ihm ſein Gluͤck mit⸗ zutheilen. Wenns nicht Schein iſt, guter Junge, ſagte der Graf jetzt: trotz dem, was der Oberſt mir ſchreibt. Ich weiß ja wohl, wie den, trotz ſei⸗ nes Alters, ein Laͤcheln, ein ſanftes Maͤdchen⸗ auge begeiſtert. Und iſt es Schein, ſteckt dem huͤbſchen Dinge der reiche Graf, und nicht der Moritz mit ſeinem edlen, reinen Herzen im Koͤpfchen, ſo paßt ſich alles vortreſlich. Jo⸗ hann zwar ſchwoͤrt Stein und Bein, ſie liebe den Mann, und ließe gern den Grafen fahren, wenns ginge. Hm! wenn das iſt, ſo will ich mich mit meiner Frau verſohnen; denn Jo⸗ hann redet mir das Herz weich, wie groß Un⸗ recht meiner Frau geſchehen. Wenn nur der Pberſt ſeine Rolle uͤbernimmt. Aber— er hat es ja ſelbſt gewünſcht, und ſo ſehe ich zugleich in zwei Herzen in Morttzens Herz, und in eines Weibes Herz. Ich denke ich werde Recht haben. Der Graf uͤbergab die Regierung der Guͤter nach ein Paar Tagen in Gegenwart der ver⸗ ſammelten Unterthanen feierſich ſeinem Sohne, und ging mit dem Doktor und einem groͤßern Haushalt ins Gebirge zuruͤck. Moritz war ſelig wie ein Unſterblicher. Er machte ſogleich An⸗ — 230— Anſtalt fuͤr den zwoͤlften Julius; dann, rief er: wenn Amelie mich liebt, will ich nicht eine Stunde laͤnger unſre Verbindung aufſchieben. Er ließ die Zimmer, die Amelie bewohnen ſollte, mit der verſchwenderiſchen Pracht ſeiner Liebe ausſchmuͤcken. Die Erleuchtung des Schloſ⸗ ſes war in Bereitſchaft, ein laͤndliches Feſt war von ihm erfunden, er wußte, es wuͤrde fuͤr Amelien das Schoͤnſte von allem ſeyn, wenn die Kinder des Dorfs, und die jungen Maͤd⸗ chen in die Farbe der Unſchuld gekleidet, die guͤtige Mutter ſeiner Unterthanen auf der Graͤnze empfangen wuͤrden. Gegen Ameliens Zimmern uͤber ſtieg die Zubereitung zu einem Feuerwerke empor, das den Rheinfall in Flammen nachah⸗ men ſollte. Alles war bereit, und da leuchtete der Morgen des glaͤcklichen Tages herauf. Moritz ſtand mit dem erſten Strahl der Sonne vor Ameliens Hauſe. Er pochte, und ſie offnete ihm das Haus, noch den Schlaf und einen ſchoͤnen Traum auf den trunkenen Augen. Welch ein Tag iſt heute, ſagte ſie ſich beſinnend, daß Sie ſo ungewohnlich fruͤh kommen? Der glucklichſte Tag meines Lebens, Ame⸗ lie, o Amelie, der Tag, wo ich endlich dem ebelſten Maͤdchen auf der Erde ſagen darf: ich liebe dich! Sie erſtaunte, ſie wurde verwirrt⸗ ſie re ete der unb ſen , ne⸗ dem irth ſt — 231— ſte zitterte. D Amelie, fuhr er fort, ich weiß ja, daß du mich liebſt; aber laß dieſes Wort, daß du mich liebſt, heute das erſte Wort und der Segen ſeyn, den du uͤber dieſen Tag und uͤber unſer Leben ausſprichſt! Sie ſah ihn wieder an, aber laͤchelnd wie der Tag. Moritz, ſagte ſie mit ſtuͤrzenden Thraͤnen: ich liebe dich ja unendlich. Da breitete er ihr die Arme entgegen, und Amelie lag an ſeinem Herzen, und die Lip⸗ pen beruͤhrten ſich zum erſten Mal, und das Meer der Wonne bedeckte ihre Seelen. Aber welch ein Tag, geliebter Moritz? fragte ſie dann; denn die drei Jahre waren ja nur halb voruͤber: welchen Tag meinen Sie, Moritz? Der Altar, geliebte Amelie, in Tengen⸗ bach erwartet uns; der Segen der Kirche, ach, Amelie, der dieſes Mal gewiß nicht entweiht wird! Die Mutter, die in der Thuͤre, unge⸗ ſehen, dies hoͤrte, trat hervor, den leuchtenden Strahl dieſer unerwarteten Freude auf dem Ge⸗ ſicht, und rief: Herr Graf! Amelie! Kin⸗ der! Ich ſtehe hier erſtaunt? Ihr redet vom Altar, von dem Segen der Kirche. Ihr Vater, Herr Graf— Ihr Vater— Da — 232— Da erzählte Moritz alles, und Amelie, in dem ſtolzen Selbſtgefuͤhl der reinen Unſchuld, ſagte ihm, wie viel ſie gewußt, und die Lieben⸗ den erriethen einander, und verkannten ſich nicht. Aber jetzt machte die Mutter Umſtaͤnde. Heute! das ſagte ſie ein Dutzend Mal, und je⸗ des Mal mit mehr Gewicht, als vorher, waͤh⸗ rend Amelie ſchon die Blume, ihren einzigen Putz, vor den Buſen ſteckte. Sie war gekleidet. Moritz fuͤrchtete noch ein Hinderniß. Er hatte zu dem Ende einen Reitknecht mitgenom⸗ men, der Johannen in Tengenbach ſchnell Nach⸗ richt geben ſollte, ob er die Anſtalten zum Em⸗ pfang Ameltens machen ſollte. Die Mutter be⸗ griff endlich, daß Amelie heute Graͤfin Den⸗ genbach werden ſollte. Moriß wollte ſeinen Boten ahſenden, da kam ein Bote, der thm die Nachricht brachte, daß ſein Vater durch eine rleine Unpäßlichktit abgehalten ſey, zu erſchei⸗ nen. Er ließ den Sohn bitten, ſeine Verbin⸗ dung mit Amelien noch ein Paar Tage auszu⸗ ſetzen. Der Vater gab ihm den Auftrag nach Tübingen zu reiſen und dem Pberſten Grafen Dengenbach Papiere zu geben, die von äu⸗ ßerſter Wichtigkeit ſeyn ſollten. Moritz fand in dem Briefe etwas Frem⸗ des, etwas Heimliches, etwas, das ihn beun⸗ ruhigte. lb, en⸗ chl. de. j⸗ äh⸗ gen det. om⸗ ach⸗ ruhigte. Amelie fand das nicht. Sie fand die Einwilligung des Vaters in ihre Verbin⸗ dung und ſie blieb ruhig. Der Befehl zur Ab⸗ reiſe war dringend. Moritz riß ſich aus den Armen der Geliebten, und reiſte von hier ſo⸗ gleich nach Tuͤbingen. Er fand den BPberſten in Tuͤbingen nicht, aber ſeine Frau, die ihn mit einer ungemeinen muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit aufnahm. Sie ſagte ihm: die Papiere enthielten hoͤchſt wahrſchein⸗ lich ein ſehr wichtiges Familiengeheimniß, und ſie bat ihn, ihrem Manne nach Stuttgard nach⸗ zureiſen. In Stuttgard erwartete er den Ober⸗ ſten. Ein neuer Brief von der Gräfin Den⸗ genbach wies ihn nach Mannheim, wo der Oberſt ihn erwartete. Der erſte Fluch kam uͤber Moritz Lippen⸗ da er den Brief las, der ihn wieder in April ſandte; denn auch in Mannheim war der Graf geweſen, und Moritz nußte nach Karlsruhe. So, nachdem er Schwaben und die Pfalz die Kreuz und die Quer durchzogen hatte, war der Pberſt verſchwunden, und Moritz kehrte nach vier Wochen nach Tengenbach zuruͤck, und hier traf ihn die furchtbare Nachricht, daß ſein Va⸗ ter vor vierzehn Tagen im Gebirge geſtorben, und in Sankt Georgen beerdigt war. Moritz war — 254— war durch ein Paar Worte von ſeinem Vater angewieſen, des Oberſten Befehle fuͤr ſeine Zu⸗ zunft zu erwarten. Johann war abgereiſt den DOberſten aufzuſuchen. Morritz trauerte um den verſtorbenen Va⸗ ter; denn nach einigen Tagen ging er nach Bod⸗ men zu Amelien. Sie wußte den Tod ſeines Baters ſchon. Die Trauer gebot, ihre Verbin⸗ dung aufzuſchieben. Er blieb, wie gewoͤhnlich, einige Tage in Bodmen. Da fuhr ein praͤchti⸗ ger Wagen vor die Thuͤr, und ein Mann in Uniform, mit einem edlen, kraͤftigen Geſicht trat ins Zimmer, den Amelie, doch ein wenig er⸗ ſchreckt, mit den Worten: ach Herr Pberſt! em⸗ pfing. Sieh da, meine kleine Ameliel! ſagte der Pberſt freundlich, und fuhr ſchnell fort, ohne ſich unterbrechen zu laſſen: Frau Rentmei⸗ ſterin, ich bringe Ihnen eine frohe Nachricht. Das ganze Vermoͤgen Ihres ſeligen Mannes iſt Ihnen gerettet. Es hat mir Muͤhe ge⸗ nug gekoſtet, mich durch die raͤnkevolle Nacht des Prozeſſes durchzutappen. Gottlob! ich bin durch. Ich gab Ihnen wenig Hoffnung, Ma⸗ dame, da Sie bei mir waren. Ich weiß, daß vergebliche Hoffnungen mehr ſchmerzen als eine Buͤrde, an die man gewoͤhnt iſt. Ich kann Ih⸗ nen, ſobald Sie wollen, die ganze Summe zah⸗ len — 255— len laſſen. Ich wohne jetzt hier nahe bei Ihnen. Nun, Amelie, Sie ſind gar nicht arm mehr; aber Ihr Reichthum kann Ihnen nicht den leich⸗ teſten Werth mehr geben, als Sie haben. Ich wohne jetzt in Tengenbach ganz nahe bei Ihnen, und wenn ich mich dort eingerichtet habe, wenn meine Familie erſt mit mir da wohnt, Ame⸗ lie— ſo— In Tengenbach? fragte Moritz hervortre⸗ tend. Wie ſo? Ja, ſagte der Pberſt: intereſſirt ſie das, mein Herr? Recht ſehr; ich bin der Graf Moritz von Dengenbach. Der Graf ſah ihn mitleidig an; dann zog er ſein Taſchenbuch hervor, gab mit den Worten: armer junger Menſch! einen Brief. Das eben iſt der Brief, den ich dem Ober⸗ ſten, Grafen Tengenbach, meinem Verwand⸗ ken bringen ſollte. Das bin ich. Leſen Sie nur! ſetzte er ſanft hinzu. Moritz las und erblaßte, und erblaßte immer mehr, je weiter er las. Seine Haͤnde zitterten. Amelie rief erblaſſend: Moritz, was iſt Ihnen? Gott! Moritz! lieber Mo⸗ ritz! Sie erblaſſen! Er⸗ — 256— Erblaſſe ich? das ſollte ich nicht. Und doch fuͤhle ich, daß es mich erſchreckt hat. Amelie, ich bin nicht ein Graf von Tengenbach. Ich bin wieder, was meine Jugend ſo gluͤcklich machte, des treuen, einfachen Johanns Sohn, zu nichts von dem Glucke berechtigt, als zur Ar⸗ beit, zur Geduld, zur Tugend. Vergiß die Liebe nicht, Moritz! rief Ame⸗ lie und warf ihren Arm in Gegenwart des DPberſten um Moritz Hals; und biſt du kein Graf, ſo bleibſt du doch der Ritter von Sankt Georg, und glaube mir, o glaube mir, Moritz, der Ritter iſt mir lieber als der Graf. D meine Liebe war rein wie die deine, Moritz, edel wie die deine. Deine ſchien reiner. Des Koͤ⸗ nigs Sohn waͤhlte die Hirtin. Jetzt drͤckt die Hirtin den geliebten Hirten an die Bruſt, und niemand wird, Gott ſey gelobt! ſagen: Amelie liebte den Grafen. Nein, ſie liebte Moritz! dich, Moritz! Der BPberſt laͤchelte. Er ließ ſich dies alles erklaͤren. Nun denn, damit man nun nicht wie⸗ der den edlen Ritter da— glauben Sie mir, Amelie, die Ritter von ſeinem Orden ſind ſo ſelten wie die Ritter vom Hoſenband; aber ich gehoͤre auch ein wenig dazu— damit ſeine Liebe ſo rein ſcheine, wie Ihre, ſtatte ich ihn aus, um ihm me⸗ kein anft it, eine edel Ki die Unb lie itz! Ue wie⸗ wit, dſo ich jebe un ſn — 237— ihm den Schmerz einer vergeblichen Hoffnung zu erſetzen. Mit nichten! Herr Graf, die Liebe ſtattet ihn Er iſt ein Mann, Amelie. Es wird ihn ſchmerzen. D Herr Oberſt, rief Amelie: wenn er ſtolzer waͤre, als ich, die von ihm laͤchelnd eine Grafſchaft nahm, wie eine Blume, wie einen Schmuck in mein Haar: waͤre er ſo mißtrauiſch, despotiſch ſtolz, nichts aus der Hand der Liebe nehmen zu wollen, als Triumphe, ſo haͤtte ich ihn, er mich nicht gekannt. Da druͤckte Mo⸗ ritz die Geliebte, die mit brennenden Wangen fuͤr den Werth ſeiner Liebe ſtritt, an ſeine Bruſt, und rief: o Amelie, ich werde dich nie ver⸗ kennen! Er ging mit ihr hinaus an den Boden⸗ ſee, und ſie ließen die Mutter mit dem Pber⸗ ſten rechnen. Sie kamen zuruck mit ſo viel hoher Freude. Moritz war ſo unendlich entzuͤckt, daß der Pberſt ſagte: beim Himmel, ich habe nie mit ſo gutem Muthe eine Grafſchaft, den Reich⸗ thum, ſo viel verlieren ſehen, als heute. Noch weniger, antwortete Moritz: haben Sie ſo viel von einem Manne gewinnen ſehen, als heute. Q Beim — 258— Beim hohen Gott! der Graſſchaften und Gluͤck vertheilt, Sie haben Recht. Nun aber drang der Graf auf ſeine Aöreiſe, und Amelie und ihre Mutter ſollten ihn begleiten, um ihr Geld oder die Verſicherungen daruͤber in Empfang zu nehmen, und Moritz mußte ihn begleiten, um ſeine Rechte abzutreten, und das Geſtaͤndniß ſeines Vaters, daß ſein Sohn todt, und Moritz Johanns Sohn ſey, anzuerkennen. O, rief Moritz, wie freue ich mich an mei⸗ nes theuren Vaters Herzen ſeinen Segen zu erhalten! Sie reiſten ſpaͤt ab. Sie kamen im Dunkel an die Graͤnze von Tengenbach. An einer er⸗ leuchteten Ehrenpforte erwarteten alle Kinder des Dorfs weiß gekleidet, und alle junge Maͤd⸗ chen, mit Roſen bekraͤnzt, die Ankommenden, die ausgeſtiegen waren. Man enpfaͤngt, ſagte der BPberſt, den kuͤnftigen Herrn. Ich habe naͤmlich ſagen laſſen, daß ich heute ankaͤme. Das iſt hart, Herr Oberſt, ſagte Amelie empfindlich. Ja, es iſt grauſam! flaͤſterte Moritz Ame⸗ lien zu. So, o ſo wollte ich dich, meine Ame⸗ lie, empfangen. Es iſt ſehr hart. Der Pberſt antwortete nicht. Er blieb mit Ameliens Mut⸗ ter, die er fuͤhrte, ſtehen, und ſagte zu Ame⸗ lien — en, me⸗ ne⸗ erſt M⸗ ne⸗ ien lien, bie Hand in Hand mit Moritz gieng: nur immer vorweg, Amelie! Da trat ein junges Maͤbchen vor Amelien, und ſtreute Blumen zu ihren Fuͤßen, und ſagte: Willkommen unſerer edlen Mutter! Und die Kinder ſchloſſen Moritz und Amelien in Blumenkraͤnze ein, und aus allen Buͤſchen toͤnte es: Hoch lebe unſre edle Graͤfin Amelie! hoch! hoch! In dem Augenblick kniete ein Maͤdchen vor Amelien und bot ihr auf einem Kiſſen einen Myrthenkranz. Gott! was iſt das! rief Amelie erblaſ⸗ ſend. Der Lohn treuer Liebe! antwortete der Pberſt, und ſetzte ihr den Kranz auf das Hoar, und trieb ſie vorwaͤrts durch die zwei Reihen Menſchen und erleuchteten Pyramiden in die er⸗ leuchtete Kirche. Da ſtand am Altar der Graf, Moritz Vater, und Johann, mit Thraͤnen in den Augen, der Doktor und des Oberſten Familie. Mein Sohn! rief der Graf. Sie haben die Probe beſtanden, er und ſie, fiel der Bberſt ein. Johann ſagte leiſe: mein Sohn! und beruͤhrte ſanft ſeine Hand im Voruͤbergehen. Die Kirche legte den Segen auf den Bund der Liebe. Aller Augen hingen voll Thraͤnen, und da nun alles wieder voruͤber war, Tanz unb und Luſt, kein Laͤmpchen mehr brannte, der Graf allein mit dem Oberſten noch trank, ſagte der Graf: ſiehſt du, lieber Pberſt, was eine ſyſtematiſche Erziehung iſt! Der demuͤthige Jo⸗ hann, der es hoͤrte, dachte nicht an ſeine Maͤhrchen, nicht an ſeinen Ritterſchlag, nicht an das Maͤhrchen, was er Amelien erzaͤhlt hatte. Er fagte nur ſanft laͤchelnd; wie guͤtig iſt Gott! rey Cornroſ Shart Green NelloM Red Magenta