₰ * 3 5 „ — —— Leihbiblivthek Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. geih- und Ceſebedingungen. 1 Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zu 7 bis Abends 8 Uhr offen. Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen, Ednard Olktmann in Gießen, der PBücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, k der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben S——— ScSSc—— 5 S deutſcher, engliſcher und franzö öſiſcher Literatur † pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 9 Lesepreis. Bei Rückgabe eines ienen Buches wird von 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet . —— Pf. wird. 4. Abonnement. 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(Falbe nach Theogins.) — — S—— — tung verleihen wird. Sechs Jahrzehnte zurück! Eine 1. Der Sohn des Yauſes Gegeimnißvoll murmeln die Wellen und ſchlagen nur leiſe an die Ufer des friedlichen Buſens, in welchen das Flüßchen Jahde, vorüber rinnend an den einzelnen Häuſern des frieſiſchen Dorfes gleichen Namens und der Jahdekirche, ſich geräuſchlos einſenkt, um dann als breite Stromfläche aus dem zur Fluthzeit faſt gerundet erſcheinenden Becken mit dem Weſerausſtrome ſich zu vereinen und in die Nordſee ſich zu ergießen. Nur wenige größere Fahrzeuge liegen an der Rhede von Färhuk vor Anker, mit Kaufmannsgütern befrachtet, oder auf Einſchiffung ſolcher harrend; es ſind Schmakſchiffe, die mit vierzig bis fünfzig Laſten die Erzeugniſſe des Landes Oldenburg dem Verkehr der nachbarlichen Seehäſen zuführen, und außer ihnen ungleich mehr Barken und Kähne für die Vermittelung des nächſtnahen Handelsbe⸗ triebes der ausgedehnten Marſchlande. Tief in das Land eingebettet, mehr einem großen Binnenſee ähnlich, als einem eigentlichen Meer⸗ buſen, vor Stürmen geſchützt, wie vor heftiger Brandung ſelbſt bei höchſter Fluth, ruht dieſes Gewäſſer, und dabei befahrbar von den größten Schiffen, von Klippen frei wie von Treibeis, an jeder Stelle trefflichen Ankergrund darbietend. Es iſt derſelbe Jahdebuſen, auf welchen in der Gegenwart ſich hoff⸗ nung⸗ und freudevoll die Blicke zahlreicher deutſcher Vaterlandsfreunde richten; auf dem die ſchwarz⸗weiße Flagge Preußens von ſtolzen Kriegs⸗ ſchiffen, die hier ihren Hafen fanden, wehen, und dieſem Winkel zwi⸗ ſchen Land und Meer dereinſt vielleicht eine hohe geſchichtliche Bedeu⸗ dunkle Früh⸗ lingsnacht und dichter Märznebel ſchleiern all' die Wellen und Wogen, die Geeſten und Sielen ein; kaum erreicht die dämmernde Helle der in den Häuſern des Dorfes Jahde brennenden Lichter den Deichdamm, der das Jahder Watt umgrenzt. Ueber das erſtorbene flüſternde Schilf und Riethgras des vorigen Jahres in den mit zahlreichen Waſſergräben durchzogenen Sumpfſtrecken um die Dörfchen Jurgengrave und Moor huſen tanzen luſtige Irrwiſche. Dort liegt das Städtchen Varel mit ſeinem ſtattlichen Herrenſchloß und ſeiner ummauerten Kirche; dunkel ragen durch den Nebel die Werke des Forts Chriſtiansburg, und zwiſchen dieſem und dem Ort ſpreitzen ſich wie ein rieſiges Nacht⸗ geiſterpaar zwei Windmühlen von bedeutender Größe. Aber die ge⸗ waltigen Flügel raſten und ruhen wie eingeſchlafen; Stille ſchwebt über den Waſſern, Stille weht wie mit Geiſterhauchen über das troſt los flache Gefilde. Nur ein ferner Ruderſchlag plätſchert noch, dem Ufer näher kommend, durch das tiefe Schweigen. An dieſem Lenzabende des Jahres 1794, an welchem das ver⸗ jüngte Leben der Natur noch nicht zum freudigen Erwachen gelangt war, ſchritt ein noch ſehr junger, gutgekleideter Mann in Jägertracht und mit Jagdgeſchoß wohlverſehen, begleitet von einem Diener und einem braunen Hühnerhunde, durch den Vareler Buſch dem Städtchen zu. Der Jüngling mochte das neunzehnte Lebensjahr noch nicht zurückge⸗ legt haben; der Diener war nur einige Jahre älter und ein Sohn des Ortes, eine kräftige frieſiſche Geſtalt, mehr ſtämmig als ſchlank, von munterem Blick und einem Ausdruck von biederherziger Treue. Er trug die Jagdbeute, mehrere Schnepfenarten, Rallen und Bekka⸗ ſinen. Sein ihm ſchweigſam voranſchreitender Gebieter war eine zarte, ſchlanke Geſtalt, die noch größeren Wuchs verhieß. Die Gedanken des Jünglings ſchweiften zur Ferne, aber nach einer unbeſtimmten. Ein Lenzgefühl zog durch die junge Bruſt voll Hoffnungsfreudigkeit und Thatendrang; wie ſich's geheimnißvoll regte im mütterlichen Schooße der Erde, wie das junge Grün mächtig und unaufhaltſam zum Lichte der verjüngten Sonne drängte— wie jene Vögel, von deren Jagd der junge Weidmann heimkehrte, ſchon wieder nordwärts ſtrichen, dem allmächtigen Wandertriebe folgend, ebenſo jene Kranichzüge, die er am Tage erblickt, und jene Güüsvögel und Himmelsziegen, deren gräuliche Stimmen den nächtlichen Wanderer ſchrecken— und die alle nur auch Krei pfeg dem als meh Reiſ Siel daß riſch meiſt wedli oder Güt ſtreu welch war mn würt und Es aber ließe ſiße einen und ſchein wthn Schn theil — nur dem einen unumſtößlichen Naturgeſetze gehorſamten— ſo zog es auch den Jüngling fort aus dieſen einförmigen Gefilden, aus einem Kreiſe einförmiger Thätigkeiten; er ſehnte ſich zu lernen, zu leben. Während der junge Mann mit ſeinem Begleiter durch die gutge⸗ pflegten Gehölze und dann durch reizende ausgedehnte Parkanlagen dem Schloſſe zuſchritt, hatte ſich dem Ufer in der Schloßnähe, ſoweit als möglich, eine Jacht mit niederländiſcher Flagge genähert, und mehrere Männer waren im Geſolge von Dienerſchaft, die ſich mit Reiſegepäck belud, aus dem Schiffe in einem Bovtr nach dem Vareler Siel gefahren und hatten das Land betreten. Im Herrenſchloſſe war eine Reihe von Zimmern lichterhellt, ſo daß der Schimmer, der heraus auf den dichten Nebel fiel, faſt meteo⸗ riſch erſchien. Es war dieß eine ungewöhnliche Erſcheinung, denn meiſt ſtand das Schloß unbewohnt, nur in treuer Hut eines alten redlichen Kaſtellans. Das hohe Geſchlecht, welchem Amt und Vogtei oder die edle Herrſchaft Varel eigen war, beſaß der Schlöſſer und Güter viele, und die Glieder dieſer berühmten Familie wohnten zer⸗ ſtreut, zumal ihrem Verbande jenes einigende ſchönſte Band mangelte, welches Liebe heißt. Im Schloſſe haſtete Dienerſchaft geſchäftig umher. Der Erbherr war angekommen, mit Räthen und Schreibern, nicht in beſter Stim⸗ mung, wie es ſchien, und nach einer durch Frühlingsſtürme wider⸗ wärtigen Waſſer⸗Reiſe. Sein feſter Sporntritt erſchütterte Fußboden und Fenſter des Zimmers, in welchem er unruhevoll auf⸗ und abging. Es war ein noch junger Herr, erſt zweiunddreißig Jahre zählend, aber ſein Geſicht zeigte männliche Reife, ſein Bart und ſeine Tracht ließen in ihm den Krieger hohen Ranges erkennen. An einem Tiſche, auf welchem zwei ſilberne Armleuchter brannten, ſaßen zwei Männer, bemüht, zahlreiche Papiere und Briefſchaften, die einem Reiſekoffer entnommen wurden, ſorglich in einer gewiſſen Reihe und Ordnung auf den Tiſch vor ſich hin zu legen; es waren augen⸗ ſcheinlich Documente, denn von mehreren hingen an ſchwarzgelben oder rothweißen Seidenſchnüren große Kapſeln, und die Farben dieſer Schnüre ließen erkennen, daß es Lehenbriefe römiſcher Kaiſer eines⸗ theils, anderntheils der Könige Dänemarks ſeien, und daß jene Kap⸗ ſeln die Siegel umſchloſſen, welche den Pergamenten, an denen ſie befeſtigt waren, ihre volle Gültigkeit gaben. Ein Diener riß die Thüre auf, und rief herein: Der Herr Haus⸗ hofmeiſter Ihrer Excellenz der Frau Reichsgräfin Wittwe! Warten! antwortete kurz und raſch der Graf, und murmelte halb⸗ laut durch die Zähne: Hat es ſehr eilig, das ancien vögime!— Dann ſagte er laut: Nehmen Sie, Herr Hofrath Brünings, ein weng Akt von dem, was der Großbotſchafter der chére Grand Möre auszu⸗ richten und vorzubringen hat, und Sie, Herr Secretär Wippermann, thun, als haben Sie eine Schreiberei vor, und ſchreiben ein wenig nach, denn in unſern Angelegenheiten darf kein Wort auf die Erde fallen und verloren gehen. Es iſt die höchſte Zeit für uns, wenn wir nicht als Kirchenmäuſe aus unſern Herrſchaften davon ziehen wollen, die Neigungen der Frau Großmama anzunehmen und zu ſammeln, wenn auch nicht eben antike Münzen. Nach dieſen Worten, welche offenbar eine gereizte Stimmung des Gebieters kund gaben, klingelte der junge Reichsgraf und Erbherr und der Diener öffnete dem Haushofmeiſter der alten Gräfin die Zimmer⸗ thüre. Der Angemeldete trat mit tiefem ehrerbietigen Gruße ein; ein Mann von mittler Größe, würdiger Haltung, bereits ergrautem Haar, von Geſichtsfarbe blaß und angegriffen ausſehend, und äußerſt fein gekleidet. Der Graf erwiederte die ehrfurchtsvolle Begrüßung des Dieners nur mit einer leichten Fingerbewegung nach dem Haupt, die Herren am Tiſche, welche bei ſelnem Eintritt aufgeſtanden waren, grüß⸗ ten ebenfalls ziemlich flüchtig, und warfen ſtechende, lauernde Blicke auf den Haushofmeiſter. Nun— Herr Windt— guten Abend! Was bringen Sie? nahm der Gebieter das Wort. Zuvörderſt, Excellenz! unterthänigſten Willkommengruß im edlen Herrenhauſe Varel Namens geſammter Dienerſchaft des Schloſſes und geſammter Einwohnerſchaft des Ortes, verſetzte der Haushofmeiſter in gebückter Haltung; dann ſich aufrichtend, ſprach er weiter: Ihre Excellenz, die verwittwete Frau Reichsgräfin laſſen Höchſtihnen durch mich Hochdero Freude ausdrücken und Dank ſagen, daß Excellenz auf Hochderen Erſuchen hierher gekommen ſind, und hoffen, es werde nun alle, Begeg ich ts U ſelben hefehl 2 berſet beſſer hofe ganz N fort: uns, den n ral⸗ Frau ſch e der U D 2 Lon lihtei duß, zu ſei Holla derlan mit war dem ing S Vind nicht; hirer urch S——— alles, was bisher verwirrt und geſpalten war, durch dieſes perſönliche Begegnen ſich friedlich löſen und einen laſſen. Hofft die Großmutter das? fragte der Graf. Wie gern hofft' ich es auch, müßte ich nur nicht das Gegentheil fürchten! Wollen Excellenz die hohe Gnade haben, mir zu erlauben, Denen⸗ ſelben gleich jetzt das mir Befohlene unterthänigſt vorzutragen, oder befehlen Sie eine andere Stunde? Tragen Sie vor, werther Herr Windt, tragen Sie immerhin vor! verſetzte der Graf im vornehm ſpöttiſchen Tone. Jedenfalls wird es beſſer ſein, Sie tragen vor, ehe das Eſſen aufgetragen wird. Ich hoffe ja mit Zuverſicht, Sie werden mir nicht gleich den Appetit ganz verderben. Auch dauert es hoffentlich nicht allzulange? Wie im Scherz zog der Graf ſeine Uhr, blickte darauf und fuhr fort: Ich gönne Ihnen eine volle Viertelſtunde, allein ſetzen wir uns, ſetzen wir uns alle, meine Herren; als geſetzte Männer wer⸗ den wir ohne Zweifel den Vortrag des Herrn Haushofmeiſters, Gene⸗ ral⸗Intendanten, Geheimen Rathes und Factotums unſerer geliebteſten Frau Großmutter um ſo ſtandhafter anhören. Nehmen auch Sie ſich einen Seſſel, Herr Windt, und eröffnen wir ſomit gleich die erſte der uns leider ſicherlich hier bevorſtehenden vielen Sitzungen. Der Haushofmeiſter achtete nicht auf den ſpöttiſchen ſtichelnden Ton des jungen Erbherrn, er ſchrieb ihn deſſen Mangel an Schick⸗ lichkeitsgefühl im Benehmen gegen ältere Perſonen zu und dem Ver⸗ druß, durch ihn im Auftrag ſeiner Gebieterin hierher bemüht worden zu ſein, gerade zu einer Zeit, wo einerſeits der Graf, der jetzt in Holland wohnte, als perſönlicher Freund des Erbſtatthalters der Nie⸗ derlande und deſſen Sohnes, des Erbprinzen von Oranien vollauf mit der Bewaffnung der Niederlande gegen Frankreich beſchäftigt war, anderſeits die politiſchen Ereigniſſe in Frankreich faſt alle an⸗ dern und ſelbſt perſönliche Angelegenheiten einzelner Familien zurück⸗ drängten und in Schatten treten ließen. Stets im ehrfurchtsvollen Tone, ruhig und gemeſſen ſprach nun Windt, und richtete ſein Wort lediglich an den Grafen, indem er gar nicht zu bemerken ſchien, daß er außer dieſem noch zwei andere Zu⸗ hörer hatte: Excellenz! Hochgnädigſter Herr Graf! Lange Jahre hin⸗ durch ſind auf der Frau Gräfin Wittwe ererbtes väterliches Vermögen — habſüchtige Anſchläge gemacht, und durch mancherlei Mittelsperſonen ausgeführt worden, ſo daß es gewiß jedem billig und edel Denkenden einleuchtet, wie beträchtlich der vielfache Verluſt ſein muß, welchen Hochdieſelbe dadurch erlitten. Einer faſt von Haus und Hof, faſt von ihrem ganzen Erbe verdrängten, ein halbes Jahrhundert mit ihrem Gemahl, mit ihren leiblichen Kindern und Kindeskindern in Proceſſe verwickelten, nun bereits im neunundſiebenzigſten Lebensjahre ſtehenden Dame kann das Harte, welches dieſe traurige Nothwendigkeit für ihre mütterliche, gefühlvolle Seele hatte und ſtets haben muß, ebenſo wenig vergeſſen gemacht werden, als der wirklich erlittene beträchtliche Schaden ihr je zu erſetzen iſt. Erlauben Sie mir, Herr Windt— unterbrach der Graf: nur die eine Anmerkung, daß in gewiſſer Bezichung auf die verehrte Frau Großmutter das Sprichwort paßt: Minder gut, wäre beſſer! Eben dieſe mütterliche gefühlvolle Seele iſt es, die das reiche Familienerb⸗ theil zerſplitterte, drückende Verlegenheiten herbeiführte, zu Schritten hindrängte, vor denen man vor dem Auge der Welt erröthen muß. Die vielen Schenkungen, oft an unwürdige Spekulanten, die unnützen Aufkäufe, die verderbliche Sammelſucht, die Eitelkeit, als Gelehrte glänzen zu wollen, und die masßloſen Täuſchungen aller Art, denen die alte Frau anheimfiel— das iſt's, das iſt die Urſache alles Un⸗ heils von je geweſen. Gott ſei mein Zeuge, daß ich und die Familie den Frieden wollen, daß ich und mein Bruder Johann Carl gern bereit ſind, ſelbſt mit Opfern ihr, die mit einem Fuß im Grabe ſteht, wie uns und unſern Kindern endlich Ruhe zu gewinnen. Der Graf ſprach dieſe Worte mit ernſter Männlichkeit, keine Spur mehr in ſeiner Rede von der vorhinigen leichtfertigen, höhnenden Redeweiſe, und ſie verfehlten nicht ihre Wirkung auf das Gemüth des Vortragenden. Dieſer fuhr weich und mit Wärme fort: Wonne⸗ reich wird es für meine angebetete Herrin ſein, wenn ich ihr verkünde, daß ſie den Gedanken jetzt billigerer Geſinnungen ihrer, ihr dadurch gewiß aufs Neue theuerer werdenden Enkel mit Zuverſicht hegen darf; wenn ſie hoffen darf, es werde endlich einmal dem ebenſo verderb⸗ lichen als widernatürlichen Rechtsſtreit ein Ende gemacht werden! In dieſer frohen Hoffnung iſt auch ſie auf jede Weiſe bereit, alle bisher Jahre lang gehäuften, unbeſchreiblichen und zahlloſen Kränkungen groß⸗ nithigſ Liehe z ihr gew lleräuf ausbrüc Herren moſſene bisheri wandte Greellen mefliche auf Tre Heller Abfindu o! Hohnes in der wir alſ theueren wit das Wer daf— ein Ma Emſte, ſo dürft huchewi bläter vorzuſtel und ihr Erellen ni gui I) Buf d it kn nur lz tber nie — müthigſt zu vergeſſen, ihren Herren Enkeln ihre ganze großmütterliche Liebe zu ſchenken, allen den beträchtlichen Vortheilen, welche die Rechte ihr gewähren, beſonders in Bezug auf die Anſpruchsklage wegen der alleräußerſten Beeinträchtigung zu entſagen, jedoch nur unter dem ausdrücklichen Beding und nicht ohne denſelben, daß die hochgnädigen Herren Enkel auch ihrerſeits billigere und den Verhältniſſen ange⸗ meſſene Geſinnungen gegenwärtig dadurch bethätigen, daß ſie ohne alle bisherige— in den vieljährigen Proceſſen bis zum Ueberfluß ange⸗ wandten Ränke und Rechtsverdrehungen— die Forderungen Ihrer Erxcellenz, anſtatt der mit vollem Recht anzuſetzenden, in das Uner⸗ meßliche ſich belaufenden, ganz unableugbaren Schäden und Koſten— auf Treue und Glauben als richtig anerkennen, und wo nicht bei Heller und Pfennig vergüten, dennoch eine annehmliche, beträchtliche Abfindungsſumme dafür bieten. So!— warf der Graf gedehnt ein, und ein Strahl bitteren Hohnes blitzte wieder aus ſeinen Augen. Die Frau Großmama ſind in der That gut berathen und wahrhaft eine„weiſe Frau“. Wenn wir alſo thun, was ſie wünſcht und befiehlt, dann werden wir die theueren Herren Enkel ſein— wie aber dann, Herr Windt, wenn wir das nicht thun an unſerer theuerſten Großmama? Wenn ich mir eine unterthänige Bemerkung und Einrede geſtatten darf— nahm jetzt an ſeinem Tiſch der Hofrath Brünings das Wort, ein Mann mit einem langen, kalten Diplomatengeſicht, voll ſtrengen Ernſtes, ohne Farbe, von ſtockſteifer Haltung und dabei ſpindeldürr: ſo dürften wohl, um Wege des Friedens anzubahnen und der künftigen hocherwünſchten Einigung fruchtbares Land zu gewinnen, die Oel⸗ blätter der Friedenstaube, welche der Herr Haushofmeiſter dermalen vorzuſtellen die Ehre haben— nicht in ätzendes Gift getaucht ſein, und ihre grünen Zungen nicht zu ſpitzigen Dolchen werden. Euer Ercellenz werden Redensarten, wie Ränke und Rechtsverdrehungen mit gebührendem Proteſt zurückweiſen. Ich werde das, lieber Hofrath, gewiß, ich werde! verſetzte der Graf; doch mag nun Ihre Rüge für das unbedachte Wort genügen Wir kennen unſere hochgnädige, oft ſehr ungnädige Frau Großmutter nur allzu gut; wir wiſſen, daß ſie zwar ſorgfältig ihre alten Münzen, aber nie die Worte gegen ihre nächſten Anverwandten auf die Gold⸗ — 10— wage legt. Es iſt nicht Kriegsbrauch, einen Abgeordneten in das feindliche Heerlager für das zu beſtrafen, was ſein Feldherr ihm aus⸗ zurichten anbefahl. Fahren Sie fort, Herr Windt: Sie haben immer noch eine halbe Viertelſtunde. Der Haushofmeiſter wurde unruhig. Herr Graf,— nahm er wieder das Wort: wenn ich auch vorausſehe, daß ich nicht im Stande ſein werde, in dieſer kargen Friſt zu Herzen Dringendes und völlig Uever⸗ zeugendes auszuſprechen, ſo darf ich doch wohl, und wie ich ganz gehorſamſt zu bitten mich erkühne, ohne fremde Unterbrechung vorerſt Folgendes anführen. Das Wichtigſte, was ich in vorbereitender Weiſe und als Grundlage der ſpäteren Verhandlungen mitzutheilen habe, läßt ſich in dreizehn Punkte zuſammen faſſen. Dreizehn? wiederholte der Graf ſpöttiſch betonend: das iſt eine ſehr mißbeliebte verhängnißvolle Zahl. Doch laſſen Sie hören! Es ſind faſt dieſelben dreizehn Punkte wieder, fuhr Windt fort, welche dem im Jahr ſiebzehnhundert und vierundfünfzig zu Berlin geſchloſſenen Vergleich zur Grundlage dienten, welche dem Reichs⸗ Hofrath ſiebzehnhundertſechzig vorlagen, und deren Erledigung, ebenſo wie eine, der geprieſenen edlen Denkart derer Herren Grafen würdige Erklärung nur durch Diejenigen über alle Gebühr hingezögert wurde, welche darin einen perſönlichen Vortheil geſucht und leider nur zu ſehr gefunden haben. Das Diplomatengeſicht des Hofrath Brünings ſchien ſich bei dieſen Worten in etwas zu verlängern, und ſeine Naſe noch um ein merk⸗ liches ſpitziger zu werden, als ſie ohnehin bereits war. Herr Wipper⸗ mann begann ſich unter Kopfſchütteln zu räuspern und ſtampfte un⸗ willig ſeine Feder auf. Windt aber ſprach ruhig weiter: Ohne weit⸗ ſchweifig zu werden, ſo nimmt meine hochgnädige Gebieterin wiederum in Anſpruch, erſtens das halb ihrer hochfürſtlichen Frau Mutter, halb ihr ſelbſt von der Wittwe de Moore zu Amſterdam vermachte Kapital; zweitens den vollſtändigen Ertrag der Güter von Varel und Kniphauſen bis zum Augenblick ihrer Entſetzung von denſelben durch ungerechten Richterſpruch und durch Gewalt, nebſt vollſtändiger Rechnungsablage; drittens die Kammerzahlungen von den Vareler Einkünften ſeit ſiebzehnhundert und ſiebenundvierzig, welche die Dänen gewaltſam in Beſitz genommen haben, auf weſſen Betrieb, wiſſen Fuen Er leiſtung all Anſpriche k nüfige Erh begründete das hor de Rechtes un weil bei d und der wurde. Wieder ſhun, der Frn Gry Fünft erneut Ihre von zehntau hochſeligen und Biligke ligen keinen mutter fern hin die fü Sechſtenz n ſechtu und das huf dringend nt hut Varl berſunkenen neun durch Siebent en ſtattun ung des Jiſmnen er Frau G ithaltenen e 11 Euere Ercellenz am beſten; viertens die receßmäßige Zahlungs⸗ leiſtung aller Forderungen, auf welche der Frau Reichsgräfin Ercellenz Anſprüche der Schadloshaltung zuſtehen, und von denen ſie als recht⸗ mäßige Erbin, Eigenthümerin und Beſitzerin durch das auf Schikane begründete Oldenburger Urtheil hinweggedrängt worden iſt; ein Urtheil, das vor dem Richterſtuhl der geſunden Vernunft, des entſchiedenſten Rechtes und der ſelbſtredenden Billigkeit in nichts zerfallen muß, weil bei demſelben die Frau Gräfin gar nicht gehört worden ſind, und der Hauptgrund aller Verbindlichkeit über den Haufen geworfen wurde. Wieder wollte Hofrath Brünings mit Heftigkeit entgegnend auf⸗ fahren, der Graf aber winkte ihm gebieteriſch, und ſagte: Stille! die Frau Großmutter haben das Wort. Fü nftens— fuhr Windt mit unerſchütterlicher Ruhe fort: erneut Ihre Excellenz, die hochgräfliche Wittwe, die Erſatzforderung von zehntauſend Thalern nebſt aufgelaufenen Zinſen für ihre von dem hochſeeligen Herrn Grafen verſetzten Juwelen. Gewiß werden Recht und Billigkeit liebender, edel denkender Enkel in dieſen Erſatz zu wil⸗ ligen keinen Anſtand nehmen, und nicht der erlauchten Frau Groß⸗ mutter ferner anſinnen, aus ihrem Kammervermögen auch noch ferner⸗ hin die für dieſe Schuldſummen auflaufenden Zinſen zu bezahlen. Sechſtens haben der Frau Gräfin Wittwe Excellenz für die Summe von ſechstauſend fünfhundert Thaler von ihrem Silbergeräth verpfändet, und das dafür aufgenommene Geld zum wahren Nutzen, nämlich zu dringend nöthigen Deichverbeſſerungen verwendet, ſonſt wäre vielleicht heute Varel nicht mehr vorhanden, ſondern wäre in die Reihe jener verſunkenen Ortſchaften getreten, welche im Jahre fünfzehnhundert und neun durch die Antonifluth der Jahdebuſen in ſeinen Schoos aufnahm. Siebentens begehrt meine hochgnädige Herrin die endliche Rücker⸗ ſtattung des ihr vorenthaltenen, mit den gräflichen Gütern in gar keinem Zuſammenhang ſtehenden Kapitals von Friedrich Even; achtens die der Frau Gräfin im Berliner Vergleich zugeſprochenen, aber ſtets vor⸗ enthaltenen Jahrgelder nebſt Zinſen vom Jahre iebzehnhundert vier⸗ undfünfzig an. Die durch dieſe Vorenthaltung erlittene Einbuße iſt eine ſchreckliche arithmetiſche Wahrheit. Neuntens Erſtattung aller bisher aufgewendeten Proceßkoſten, ſowie vieler, bei dem gewalt⸗ —, — 8 ſamen Ueberfall geraubten Habſeligkeiten, wobei unerſetzbare Verluſte ewig zu beklagen ſind. Zehntens haben der Frau Gräfin Excellenz ihrem hochſeligen Herrn Gemahl, ſowie Kindern und Enkeln mütter⸗ liche Schenkungen von achtzig bis neunzigtauſend Thalern gemacht, ſollten Hochdieſe nicht ein Recht beanſpruchen dürfen, von ſo überreichlich begabten Enkeln die Berückſichtigung billiger Wünſche zu erwarten? Eilftens haben die Frau Gräfin Wittwe Ercellenz nie und nirgends auf Erſatz der höchſt bedeutenden Verbeſſerungskoſten verzichtet, welche auf die Herrſchaften, Schlöſſer und Kammergüter verwendet worden ſind. Dennoch will Hochdieſelbe jetzt großmüthig darauf verzichten, und nur die unbedeutende Summe für die Anlegung der ungemein nutzbaren Meierei zu Kniphauſen in Anſpruch nehmen. Nur berühren will ich unterthänigſt zwölftens den Werth der ſechs ſchweren ſil⸗ bernen Armleuchter, die der hochſelige Herr Graf vom Silber-Inventar der Frau Gräfin Wittwe genommen und zu ſelbſteigenem Gebrauch von Doorwerth nach dem Haag haben bringen laſſen. Endlich drei⸗ zehntens: wird die billige Denkungsart geliebteſter Enkel— gegen alle die beträchtlichen übergroßen Vortheile, welche dieſe dermalige Entſagung auf die bisherigen rechtlichen, ſo eben erwähnten Anſprüche gewährt und in der Folge noch mehr gewähren wird— in der Ver⸗ pflichtung nur einen geringen Erſatz erblicken, außer der Befriedigung der erwähnten Forderungen auf alle und jede Einſprüche gegen letztwillige Verfügungen der Frau Gräfin Wittwe Excellenz zu verzichten, auch alle Vermächtniſſe und Schenkungen— wie ſie immer heißen mögen, und wie die Hochgenannte über das, was ihr von dem ihrigen verbleibt, verfügen möge— unverbrüchlich zu halten und feierlichſt und verbindlichſt allen und jeden Anſprüchen und Einſprüchen entſagen, ebenſo der überlebenden Dienerſchaft nebſt ſtandesmäßigem Trauergeld ihre Jahresgehalte fort⸗ zahlen.— Herr Graf, ich bin zu Ende. Tandem tandemque! rief Hofrath Brünings und Secretär Wip⸗ permann legte, tief Odem ſchöpfend, ſeine Feder aus der Hand. Der Graf lächelte bitter und ſprach: Ich danke Ihnen, lieber Windt, daß Sie nicht gleich ein Scalpiermeſſer mitgebracht haben, mir vom Kopf bis zu den Füßen auch die Haut vollends abzuſtreifen, wie weiland Apoll dem Marſyas! Sie erwarten gewiß jetzt keine Antwort von mir. Darf ich bitten, mit dieſen beiden Herren mein Gaſt zu ſein! Ich laſſeh. Cveben hern, Joco bittet, Euer 10— 5 Grlf, mehr junge Jüger Buſch nach wandert war befongen auf an: Guten Gwfnam f Guten A ohne ale He nur ihn in Rzogene Ho die Herren! Dieſe gu wigte ſch g das gimmer Luf Pi wonuf Pri uicgen, liſen. Die peit ghenüber Vn ſil nit her biete chen nh nttn ju it in ieſen iten eit werde ellen tuſeh ſein? Ich habe auch noch den Kammerrath Melchers herauf bitten laſſen. Sveben wollte Windt Höfliches erwiedern, als der Jäger des Erb⸗ herrn, Jacob, die Thüre öffnete und herein rief: Der junge Herr bittet, Euer Greellenz aufwarten zu dürfen. Ach— das Großmutterſöhnchen! Mag kommen!— erwiederte der Geuf, mehr mit einem Tone der Abneigung als der Freude, und jener junge Jägersmann, der vorhin durch das Abenddunkel und den Vareler Buſch nach dem Schloſſe im Geleit ſeines Dieners und Hundes ge⸗ wandert war, trat mit raſcher, edler Haltung ein, ging jugendlich un⸗ befangen auf den Erbherrn zu, und ſprach ihn offen und zutraulich an: Guten Abend und willkommen zugleich, Vetter Wilhelm! Die Großmama freut ſich, gleich mir, wenn du wohl biſt. Guten Abend, edler Junkherr Ludwig Carl auf Varel! erwiederte ohne alle Herzlichkeit der Erbherr, und fuhr fort, da der Jüngling nur ihn im Auge zu haben ſchien, und die faſt widerſtrebend zurück⸗ gezogene Hand des Grafen zum warmen Druck ergriff: Die Herren! die Herren! Wir ſind ja nicht allein, mein ungeſtümer Vetter! Dieſe Zurechtweiſung verfehlte ihre Wirkung nicht. Ludwig Carl neigte ſich grüßend gegen die Anweſenden, welche ſich jetzt anſchickten, das Zimmer zu verlaſſen. Auf Wiederſehen beim Abendeſſen, meine Herren! rief der Graf, worauf Brünings und Wippermann ſich in das anſtoßende Zimmer zurückzogen, Windt aber durch die Hauptthüre abtrat, nicht ohne einen Blick voll Theilnahme und Beſorgniß auf den Jüngling fallen zu laſſen. Die beiden Söhne des hohen gegenüber. Waos fehlt dir, Vetter? du biſt nicht wie ſonſt? fragte Ludwig mit der biederherzigen Offenheit eines jungen Menſchen, der Welt und Leben noch wenig kennt, ſeinen um dreizehn Jahre älteren nahen Verwandten, und erhielt zur Antwort: Möglich, daß du Recht haſt; ja, ich bin mißmuthig und unzufrieden, und glaube mir, ich habe deſſen übervolle Urſache. Von meiner Laufbahn und meiner Thätig⸗ keit werde ich hierher gezerrt, muß widrige Kämpfe mit Wind und Wellen beſtehen und hier— wiederum nach widrigerere Kämpfe mit Hauſes ſtanden einander allein Wellen und Windt. Die Großmutter wälzt ganze Springfluthen von Zorn und Galle und widerſinniger Forderungen mir an Bord, und ich ſehe abermals des Haders, Zwieſpaltes und der äußerſten Rechts⸗ verletzungen kein Ende. Wär' ich doch beim Erbſtatthalter geblieben, denn hier auf meinem Eigenthum ſpiele ich eine wahrhaft släaliche Rolle! Ich glaube nicht, daß die Großmama dir Ungerechtes ſinnt, verſetzte der junge Herr. So? du glaubſt es nicht! So lüge ich wohl! fuhr der Erbherr wild und zornig heraus, indem ſeine Aufregung ſich von Minute zu Minute ſteigerte, je mehr die Menge gehäufter Forderungen, welche Windt vorhin vorgetragen, ihm durch die Gedanken wirrte und ihn völlig rathlos zu machen drohte. Wenn ich in Alles willigen wollte, ja, wenn ich könnte, was mir in einem Odem angeſonnen wird, ſo könnte ich mit meiner Gemahlin und meinen Kindern, ſo könnte auch der Graf von Athlone, mein Bruder, mit den Seinen zum Bettelſtabe greifen und außer Landes wandern, und wer bliebe dann die Herrſchaft der Herrſchaften? Die Frau Großmutter und ihr Pathchen, ihr Schoos⸗ und Hätſchelkindchen, du! Und das ſcheint der überlangen Rede kurzer Sinn, daß wir gehen ſollen! Dem Jüngling erſchrak das Herz in der Bruſt bei dieſer harten und heftigen Rede. Wilhelm, ich bitte dich, rief er: wie kannſt du ſolches denken und ſagen? Denken? warum nicht? zürnte dagegen der Erbherr. Sagen? warum nicht? Werdet ihr mir Denken und Sagen verbieten oder gar verwehren? Ich laſſe mir nichts verwehren! Ich und mein Bruder, wir ſind im Rechte— du? Wer biſt denn du? Was die Frau Großmutter aus dir macht, das biſt du! Ihre Puppe, ihr Spielzeug warſt du als Kind, jetzt biſt du ihr Münz⸗Catalogſchrei⸗ ber, ihr Münzwardein, hahaha! du biſt noch mehr, du leimſt und kleiſterſt ihr die Pappkäſtchen zuſammen, in die ſie den alten Kram einlegt, der oft ſo ſchmutzig iſt, daß ich ihn nicht mit Fingern an⸗ faſſen möchte; kurz, du biſt des Herrn Windt würdiger Schüler, der Großmama würdiger Zögling und Günſtling! Für dich und nur für dich ſinnt ſie täglich und ſtündlich darauf, meinen Bruder und mich zu berauben! Vilhel teſhufi herzen zu ſchleht von Edelmann; Was? ſchrie Guf unſers Ha Daß di auch zr he zen Augen ſein, in de der morgende Du ſilſt ni hüiſem ble heder! So Secle brenn bon hoher 2 ſtigen in be kugen in pi ſhit deinez Der Luf das war lle duß Allz hidenen Pi Seit entiſch ſchwebte br wie der Gn rüuſch bu w de verh niten; in i jmanſt ſcl n n lun 9 Am A en ſhen ord, hts⸗ ben, lle! nnt, bherr te zu elche ihn mir ahlin mein ndes hen wir wten t du gent oder mein g die e, ihr ſchrel t und Kram rn an⸗ er, der d nur er und 15 Wilhelm! rief Ludwig mit flammendem Blick. Daß du mich ſo beſchimpfſt und beleidigſt, mich, der ich mit liebevollem und argloſem Herzen zu dir komme, dich in deiner Heimath zu begrüßen, das iſt ſchlecht von dir, das iſt ehrlos! So benimmt ſich kein deutſcher Edelmann; höchſtens ein flämiſcher Bauer! Was? Mir das! Mir— dem regierenden Erbherrn, dem Officier?! ſchrie Graf Wilhelm außer ſich. Du ehrloſer Bube! du Schandfleck unſers Hauſes, du Baſtard! Daß dich Gottes Donner treffe für dieſes Wort! ſchrie, jetzt auch zur heftigſten Wuth geſtachelt, der junge Herr und ſeine ſchwar⸗ zen Augen flammten wie glühende Kohlen. Verflucht ſoll die Stunde ſein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne! Verflucht der morgende Tag, wenn ich in dieſem Hauſe ſeinen Abend erlebe!— Du ſollſt nicht gehen, ich gehe ſchon— aber dir und all' deinen Häuſern bleibe zum ewigen Fluche ewige Verwirrung und ewiger Hader! So lange du lebſt, ſoll dieſes Schimpfwort auf deiner Seele brennen! Bin ich ein Baſtard, wie du ſagſt, ſo bin ich einer von hoher Abkunft, aus hohem Hauſe, du aber ſollſt noch herab⸗ ſteigen in den Koth zu den Leibeigenen, und ſollſt ſelbſt Baſtarde zeugen in wüſter, wilder Ehe, und ſollſt verachtet von der Verwandt⸗ ſchaft deines ſtolzen Hauſes ſteigende Verarmung gewahren! Der Teufel redet aus dir, Bube, und ſeine— meine Großmutter!— das war alles, was Graf Wilhelm noch ſprach, den Boden ſtampfend, daß Alles klirrte und ſchütterte; in blinder Wuth griff er nach einer geladenen Piſtole, die mit anderen abgelegten Reiſe⸗Waffen auf einem Seitentiſch lag; der Hahn knackte und auf dem Fittig der Secunde ſchwebte der Verwandtenmord. Aber in demſelben Augenblicke, und wie der Graf die Waffe zum Schuß erhob, ging ein rollendes Ge⸗ räuſch durch das Zimmer, wich ein lebensgroßes Ahnenbild zur Seite, aus der verborgenen Thüröffnung ſtrahlte heller Kerzenſchein, und mitten in dieſem Glanze ſtand in längſt veralteter Tracht, im aſche⸗ farbenen ſchleppenden Seidenkleide eine hagere Greiſin mit hellblitzen⸗ den blauen Augenſternen, aber verwitterten Zügen; ſie hob den rechten Arm und den Finger drohend gegen den Grafen, die linke Hand nach Ludwig Carl ausſtreckend, und den feingeſchnittenen Lippen des zahnloſen Mundes entrollte mit einer tiefen, faſt männlichen Stimme das Wort: Halt! Gegen den jungen Herrn gewendet, rief die unver⸗ hoffte Erſcheinung, die der aus einer andern Welt völlig glich: Zu mir! Der Erbherr ſenkte den ſchon zum tödtlichen Schuß gehobenen Arm, ſeiner Hand entſank die Waffe; von Grauen überrirſelt, blickte er auf die Erſcheinung hin, hinter welcher zwei Diener in reich be⸗ treßter Livree jeder in der Hand einen kerzenvollen Armleuchter hielten. 2. Dir alte Reichsgräfin. Mit feſten Schritten trat die Greiſin aus der verborgenen Thür⸗ öffnung in das Gemach ihres Enkels, das Bild rollte wieder langſam an ſeine Stelle, trennte die Herrin von ihren Dienern und ſchloß deren Zeugenſchaft bei der bevorſtehenden Unterredung aus. Das Bild ſtellte den Grafen Anton I, einen von des Hauſes Ahn⸗ herren dar, in der kleidſamen, ſtattlichen Tracht der Kämpfer des dreißigjährigen Krieges. Die Hand der alten Reichsgräfin erfaßte ſchützend die Rechte ihres Lieblings, und den durchbohrenden Blick ihrer blitzenden Augen feſt auf den Erbherrn richtend, ſprach ſie zu dieſem mit ihrer tiefen Stimme und mit Eiſeskälte: Wer biſt du Menſch, daß du es wagſt, mit Baſtarden um dich zu werfen und mit Piſtolen meinem unſchuldi⸗ gen Enkel zu drohen? Kennſt Du dieſen, unſers Hauſes edlen Ahnherrn, deinen Urgroßvater? Auch er war ein Baſtard, wenn dir dieſes Wort ſo wohl gefällt, und ſein Blut rinnt in deinen Adern, wie in denen meines Ludwig. Wer bin ich, und wer biſt du? Ich bin die Erbtochter eines Hauſes, das ſeinen Urſprung weit hinauf in der Zeiten Frühe leitet, das den Ländern Dänemark, Schweden und Norwegen ſeine Könige, Schleswig, Holſtein und Oldenburg ſeine Herzoge gab und dem Czaarenreiche Rußland ſeine Kaiſer! Meine Großmutter brachte unſerm Hauſe eine Herzogs⸗ krone mit, meine Mutter eine Landgrafenkrone. Ich bin ein 17 Abkömmling von Helden, welche die Geſchichte mit dem Sternen⸗ mantel der Unſterblichkeit bekleidet hat; ich ſtamme väterlicher Seits von den Herzogen von Aquitanien; Philipp von Poitou iſt mein Ahnherr! Meine Vorfahren erwarben Anſprüche auf den Thron von Neapel und meine nächſten Verwandten ſind Prinzen von Tarent. Von urgroßmütterlicher Seite ſind die heilige Eliſabeth und alle die hohen Ahnen der Sachſenfürſten aus thüringiſchem Stamme und der Kurfürſten und Landgrafen zu Heſſen auch die meinen. Und ich, ich war die verblendete Thörin, die all' dieſen Glanz und Hoheit hin⸗ gab an einen Mann, der meiner nicht werth war, an einen ſimpeln Freiherrn, einen— Jäger aus Kurpfalz, der durch mich erſt vom Kaiſer Karl dem Sechſten zum deutſchen Reichsgrafen erhoben wurde, ſonſt würde ich ihm meine Hand ſicher nicht gereicht haben. Dafür habe ich des Teufels Dank in vollem Maaße geerntet, und ernte ihn bis zu dieſer Stunde; Thörin ich, die ich glauben konnte, indem ich dich zu gütlichem Vergleiche hierher berief, es ſchlage in deiner Bruſt ein verſöhnliches und dankbares Herz, das nur irregeleitet ſei durch deine falſchen, rabuliſtiſchen Rathgeber! Nein, du haſt ein böſes, verſtocktes Herz, Wilhelm Guſtav Friedrich! Erſt reizeſt du den harmloſen Jüngling, der deiner Habgier ein Dorn im Auge iſt, weil du glaubſt, ich werde ihm etwas zuwenden— durch giftige Stachel⸗ reden, und dann willſt du ihn, den Wehrloſen, ermorden! Wohlan, morde ihn, morde auch mich, deine Großmutter, und ſchaue dann vom Vareler Rabenſtein herunter, wie dein Geſchlecht ſich in das reiche Erbe der Grafen von Aldenburg und der Herzoge von la Tremouille theilt! Dieſe Rede der alten Herrin war lang genng, daß während ihrer Dauer die ſtürmiſchen Gemüthswellen im empörten Blute Ludwigs ſich legen konnten, und ſein Schmerzgefühl über die ihm widerfahrene Beleidigung wich dem Gefühl neuen Dankes, das in der Großmutter jetzt auch die Erretterin ſeines Lebens verehren mußte. Auf Wilhelms Herz aber fielen die Worte der alten Frau mit ihrem zermalmenden Gewicht, wie die dröhnenden Schläge eines Hammers auf das auf einen Ambos gelegte glühende, funkenſprühende Eiſen. Unausſprech⸗ liche Wuth kochte und glühte in ihm; ſeinen Augen emſprühten die Funken, ſein Herz hallte das Klopfen der Hammerſchläge nach, und D. B. 1II. 2 —.. dennoch fand er kein Wort zornvoller Entgegnung, denn die alſo heftig und vernichtend auf ihn einredete, war eine Frau, eine hochbetagte Greiſin, und war die Mutter ſeines Erzeugers. Als ſie ſchwieg, rang trotz des ſtürmiſchen Kampfes in ſeinem empfindlichen und höchſt reizbaren Gemüthe der Erbherr dennoch nach Faſſung, und ſprach: Alſo das ſind die Friedenspräliminarien, Frau Großmama? Das iſt Ihre verſöhnliche Geſinnung, die mit Forderungen an mich herantritt, die mir Schwindel erregen? Und nun dieſer Sturm— wo ſoll ich Anker werfen in dieſem Sturme? Ankere wo du willſt, mein Kreuz iſt mein Anker! verſetzte die alte Reichsgräfin, anſpielend auf das ſilberne Ankerkreuz im blauen Wappenſchild der hohen Familie. Du ſollſt mich kennen lernen, wenn du mich noch nicht kennſt; du ſollſt erfahren, daß ich nicht beabſichtige, dieſen hier, meinen Ludwig Carl, mit euerm Erbtheil zu bereichern. Was habt ihr denn ſonderlich, wenn ich, ich und noch einmal ich euch enterbe und dieſen, meinen Enkel, an Sohnes⸗ ſtatt adoptire? Gnädige Großmutter! das will ich nicht, das würde ich nicht annehmen! rief der junge Herr. Laſſen Sie ihnen alles— ich ſchwur zu gehen, und ich gehe, ſo wahr ein Gott lebt! Ich will mich nicht hier behandeln laſſen, wie einen Troßbuben, ich will auch nicht zur Laſt fallen! Nicht ahnen konnte ich, ſo verhaßt zu ſein, ſo ſehr ver⸗ achtet, daß man glaubt, man dürfe mich wie einen Hund mit Füßen treten. Sie ſollen, ja Sie müſſen mir das Räthſel meines Daſeins löſen, mir Ihren Segen geben und mich dann ziehen laſſen, wohin Gott mich führt! Du wirſt jetzt ſchweigen, Ludwig Carl, und mir gehorchen! wandte ſich die Reichsgräfin zu dem Jüngling; und du, Wilhelm, ſollſt erfahren, was ich beſchließe. Bis dahin vergiß nicht, was du mir ſchuldeſt! Vergiß nicht, wer ich bin, und vor allem: vergiß nicht noch einmal deine eigene Würde! Die alte Reichsgräfin ſchlug in die Hände, Anton's I. Bild rollte Raum gebend zur Seite, und den geliebten Enkel— deſſen Hand ſie während dieſer ganzen Zeit nur vorhin einen Augenblick los⸗ gelaſſen, und gleich nach ihrem Zeichen wieder erfaßt hatte— nach⸗ ziehend, trat ſie durch die Thüröffnung in einen genügend breiten wi bo da lich Gr der mi 0) ha he 6 hof S St — f— Gang, in welchem ihr mit ihr und in ihrem Dienſt ergrauter uralter Kammerdiener Weisbrod und Philipp, der Diener des jungen Herrn, noch mit den brennenden Kerzen ſtanden. Alsbald, wie die Thüre ſich hinter den Eintretenden wieder geſchloſſen hatte, ſchritten beide Diener ihnen voran und geleiteten ſie durch den längs mehrerer Zimmer vorüberführenden Gang nach den Gemächern der Gräfin. Dort ſprach die letztere zu ihrem Enkel: Gehe ſorgenlos zur Ruhe, mein lieber Ludwig Carl, doch gieb mir in meine Hand dein Wort, nichts zu unternehmen, weder gegen ihn, noch gegen dich, bevor du mich morgen um die neunte Stunde hier noch einmal geſprochen. Weisbrod ſoll dich zu mir rufen. Gute Nacht, mein armes, ſchwergekränktes, liebes Kind! Damit bot ſie dem Jüngling die Hand, er legte ſtumm die ſeinige in die ihre, und zitternd von der Erregung ſeines Innern küßte Lud⸗ wig die ihm huldreich dargebotene zarte Hand der Matrone, eine Hand, die nur Haut und Knochen, aber fein und faſt durchſcheinend war, und ließ ſich dann durch ſeinen Diener nach ſeinen Gemächern vorleuchten.— Der Erbherr hatte ſich in einen Seſſel geworfen, die Hände vor das Geſicht geſchlagen und lange in einer verzweifelten und entſetz⸗ lichen Stimmung verharrt. Die ſo überraſchende Erſcheinung der Greiſin hatte einen unbeſchreiblichen Eindruck auf ihn gemacht; er verhehlte ſich nicht, daß dieſelbe ihn vor einem Mord bewahrt, der mit tiefer und ſchwerer Reue ihn belaſtet haben würde, denn ſein Charakter war von Natur weich und empfindſam, nicht im entfernteſten hart oder entartet, wohl aber heftig und raſch auflodernd. In dem jener Wand, durch welche die Gräfin gekommen und gegangen war, entgegengeſetzten Zimmer, welches vor kurzem der Hofrath Brünings und der Secretär Wippermann betreten hatten, hofften beide, nachdem ſie den laut genug geführten Streit und die Stimme der Gräfin mit innerm Beben vernommen hatten, lange und vergebens darauf, wieder zu ihrem Gebieter beſchieden zu werden, oder ihn bei ſich eintreten zu ſehen. Der Erbherr vermochte es nicht über ſich, nach dem, was ihm geſagt worden war, vor die Augen ſei⸗ ner Beamten zu treten, und der Hofrath Brünings zog aus der Taſche ſeiner brocatnen Weſte eine goldene Doſe, tippte darauf, bot 2* ſie dem Geführten, nahm dann ſelbſt eine Prieſe, und flüſterte leiſe zu dem Seerctär: Geben Sie acht, lieber Herr Wippermann! Der Name Varel wird ſich nicht an die Namen von Münſter, Ryswik und Hubertusburg anreihen. Nein, gewiß nicht, Herr Hofrath! Heute und übermorgen kommt hier noch kein Friedensſchluß zu Stande. Gleichzeitig benießten beide Herren ihre übereinſtimmende Pro⸗ phezeiung. Der Erbherr ließ die Herren durch ſeinen Jäger Jacob erſuchen, ihn zu entſchuldigen und mit Kammerrath Melchers und Herrn Haus⸗ hofmeiſter Windt heute ohne ihn zu ſpeiſen.— Philipp, ſprach auf ſeinem Wohnzimmer angelangt, der junge Herr zu ſeinem Diener im platten Deutſch ſeines Heimathlandes: morgen reite ich in die Fremde, willſt du mit? Ob ich will, mein gnädiger junger Herr? fragte der Diener. Muß ich nicht, wenn der gnädige Herr mir befehlen? Du mußt nicht, und ich befehle dir nicht— entgegnete Ludwig. Mein Weg geht weit, vielleicht ſehr weit in die Welt hinaus, noch weiß ich ſelbſt nicht, wohin er führt. Du haſt hier Aeltern, Angehörige, die ſiehſt du nicht ſo bald, vielleicht niemals wieder— ich kehre nie wieder in dieſes Land zurück. Ueberlege dir es wohl. Junger gnädiger Herr! verſetzte Philipp: Da Sie eingeſegnet wurden, kam ich auf Befehl der Frau Gräfin Wittwe Excellenz als Ihr Bedienter zu Ihnen, Sie waren damals dreizehn Jahre alt, ich ein Bürſchchen von fünfzehn; jetzt bin ich ſchon ins ſechſte Jahr Ihr Diener und Sie haben mich immer gut behandelt, ja, Sie haben noch mehr gethan, Sie haben mich aus dem Waſſer gezogen, in das ein Unglück mich geworſen, und mir ſo mein Bischen Leben gerettet; das gehört nun Ihnen ganz und gar. Ich will immer Ihr Diener bleiben. Was hätt' ich hier? Arbeit oder Soldatenbrod— nehmen Sie mich mit, ich will Ihnen treu dienen, und Ihnen folgen, und wenn's bis an der Welt Ende ging'. Gut, Philipp, ſo bleibe es dabei, und ſo wollen wir einpacken; laß die Iſabella ſtriegeln und den Braunen, und beide gut füttern, morgen reiten wir von dannen. Dann fare well, Varel! w an — 8— n, 21 Mit feſter Haltung, bittere und zugleich tiefſchmerzliche Empfin⸗ dungen gewaltſam in ſich zurückpreſſend und in jugendlichen Trotz ſie verkehrend, begann Ludwig ſeine Habſeligkeiten, ſo viel er deren mit ſich nehmen wollte, zuſammenzulegen, damit Philipp ſie in den Mantelſack packe; er lud mit eigener Hand zwei Paar Reiterpiſtolen und wählte unter zwei krummen Säbeln für Philipp den dauerbarſten und ſchärfſten; für ſich eine Damascenerklinge, auf deren Griff ein Silberplättchen das Wappen der Herzoge von Bouillon zeigte. Spät ſuchte Ludwig die Ruhe, noch ſpäter fand er ſie durch einen kurzen Schlummer; allzuaufgeregt war das Gemüth des Jünglings, der bisher im ſüßeſten Frieden, nur heitern und anregenden Studien obliegend, oder ländlichen Freuden gelebt hatte, und an den nie ein ſo ſchneidender Mißton herangetreten war, wie an dieſem verhängniß⸗ vollen Abende, der vielleicht das Loos über ſeine ganze Zukunft warf. Hochbejahrte Perſonen haben wenig Schlaf; auch der rege Geiſt der alten Reichsgräfin bedurfte, trotz der morſchen Körperhülle, nur wenige Ruhe, eben weil er den Körper beherrſchte. Daher mußte die Leibdienerſchaft der gräflichen Matrone früh auf ſein, das Zimmer angemeſſen durchwärmen, den belebenden Mokkatrank bereit halten, und dann verbrachte ſie gern die erſten Morgenſtunden in ungeſtörter Einſamkeit, und widmete dieſelben ihren numismatiſchen Studien, ihrem weitverzweigten Briefwechſel, dem Ordnen ihrer vielfachen Pa⸗ piere, die deshalb dennoch nie die gewünſchte völlige Ordnung fanden; dem Nachſinnen und Ueberlegen über die Verwendung ihrer Einkünfte, wie über die traurigen Rechtsſtreitigkeiten. Letztere dauerten indeſſen ſchon zu viele Jahre, ſie war derſelben ſchon zu ſehr gewohnt, als daß ſie dadurch ſonderliche Gemüthsbewegungen auch jetzt noch hätte er⸗ fahren können. In ihrer Seele war Alles klar, feſt, abgeſchloſſen, ihre Willenskraft war eiſern, wie ihr Sinn, und dieſe hohe wichtige Errungenſchaft faſt völliger Leidenſchaftloſigkeit war es eben, die der alten Frau dieſe über das gewöhnliche menſchliche Ziel hinausreichende Lebensdauer erhielt und gleichſam ſicherte. Der Nebel der Nacht war geſunken, der Morgen lachte aus blauem Himmel frühlingshell durch die hohen Fenſter, die nach dem Parke hinausgingen, an deſſen Rändern ſchon blaue Anemonengruppen und Schneeglöckchen ſich blühend zeigten. Die thaubeperlten noch nackten Zweige der Gebüſche erſchienen ſaftgeſchwellt und zum Theil roſenroth angehaucht, Knospen öffneten ſich ſchon, und melodiſche Hainſängerſtimmen, die Stimmen von Amſeln und Droſſeln, durch⸗ flöteten mit ſchallendem Jubel die weitgedehnte Holzung, welche den Namen des Vareler Buſches führt. Die Kammerfrau, welche die Schweſter des Haushofmeiſters war, trug der Gräfin, die auf bequemem Armſtuhl an ihrem großen Schreibtiſch ſaß, an welchen wieder andere Tiſche gerückt waren, den Kaffee auf und entfernte ſich in geräuſchloſer Stille. Dieſe Stille liebte die Gräfin ſo ſehr, daß ſie in ihrem Zimmer weder Hunde noch Vögel duldete. Nur eine Cypernkatze, ein Prachteremplar, genoß der großen Gunſt, um die Dame weilen zu dürfen, ſie bisweilen mit ihrem Geſchnurr zu unterhalten und ihre Aufmerkſamkeit durch zärt⸗ liches Anſchmiegen an die hohe Gebieterin von den ernſten Beſchäf⸗ tigungen ab und auf ihre geſchmeidige Perſönlichkeit zu lenken. Das Zimmer war hell, hoch und weit, voll Bücher, voll Karten, Globen, Münzſchränken, hohe Stöße ausgelochter Tafeln, mit lichtbraunem Leder überzogen, mit untergelegter Pappe zum Einlegen von Münzen waren da und dort zu erblicken. Dokumente und Briefſchaften lagen in Fülle umher, das ganze Zimmer glich ungleich mehr dem Arbeit⸗ ſalon eines reichen Gelehrten, angefüllt mit Geräthen, ſelbſt mit Vaſen und Kunſtarbeiten, ſowie mit Seltenheiten ferner Länder, als dem Zimmer einer Dame, denn da ſtand auch nicht ein einziges Körbchen, außer dem Papierkorb, da lag kein Band, kein Strickzeug, keine Nadel, keine begonnene Stickerei, kein gepreßtes und gemuſtertes Luxusbriefpapier, wohl aber zeigten die Bücher ſtolzen Marokineinband mit Goldſchnitt, zeigten in Gold gepreßt auf dem Einband das reichs⸗ gräfliche Wappen neben einem fürſtlichen, und das Briefpapier, das in ſtarkem Vorrath bereit lag, hatte Goldſchnitt. Indem die alte Reichsgräfin zwiſchen dem Einnehmen ihres Kaffees und der Unterhaltung mit der ſchönen Katze, die bei dieſem Anlaß ſtets ein ſchmarotzender Gaſt war, ſich mit der An⸗ und Durchſicht zahl⸗ reicher vor ihr hingebreiteter Papiere und Briefe beſchäftigte, ſprach ſie nach Art bejahrter Perſonen laut mit ſich ſelbſt, indem ſie bald dieſes bald jenes Papier oder deren mehrere aufnahm, flüchtig anſah, auch nach Befinden länger bei einigen verweilte und das ſo in Augenſchein — „* 23 Genommene gleich wieder in guter Ordnung zur Seite legte, um als⸗ bald nach einem andern zu greifen. Fiscaliſche Sache zu Oldenburg— Akta wegen des jetzigen Pro⸗ ceſſes— ditto— ditto— ditto— und. noch fünfmal ditto— Briefe vom Prinzen von Talmont— dergleichen vom Marquis de Launoy— armer Bernard⸗René⸗Jourdan, armer Marquis! Freund⸗ licher, milder Schatten, den die rebelliſchen Teufel ermordeten, weil ſie dir als Gouverneur der Baſtille nicht die Bedingungen halten wollten, unter denen du das feſte Haus übergeben— Entwurf meines Teſtamentes— Wieneriſche Appellations⸗Sache— Gülden⸗ löweſche Briefe— Briefe von König Friedrich dem Großen— von meinem Voltaire— von Georgine Cavendiſh, Herzogin von Devon⸗ ſhire— von meinem Heyne und von meinem Georg Friedrich Benecke zu Göttingen— vom Herzog von Holſtein-Plön— das Tagebuch der Großmutter. Dieſes Buch betrachtete die Gräfin mit einer gewiſſen ſtillen Wehmuth, die ſich aber in keiner Weiſe äußerlich kund gab. Sie Großmutter einſt— ſprach ſie— ich Großmutter jetzt, und beide faſt in gleichen Schuhen. Das Buch war ein in braunes Leder mit einfachen Goldſtreifen ge⸗ bundener und mit abgegriffenem Goldſchnitt verzierter Quartband.— Als die Reichsgräfin flüchtig hineingeblickt, legte ſie es zur Seite, und griff nach einem in Umſchlag mit Bindfaden umſchlungenen Papierheft. Mein Tagebuch— ſprach ſie— ſo viel mir davon erhalten blieb— nur achtzehn Monate aus meinem langen— vielbewegten Leben— mögen auch dieſe Blätter hinſchwinden— das Buch meiner Tage iſt ja doch nun wohl geſchloſſen. Auch dieſe Bogen legte die Reichsgräfin zu dem alten Band, und fuhr fort mit der Muſterung ihrer Papiere:— Eheſcheidungsproceß— oh hinweg!— Briefe von der Gräfin von Jarthauſen— von der Prin⸗ zeſſin von Waldeck— von der Fürſtin Juliane zu Schaumburg⸗Lippe — von königlichen Häuptern— von meinem lieben Abbe Eckhel zu Wien. Oh Eckhel! Eckhel! Das Geſühl, welches die alte Reichsgräfin zu dieſem Ausruf be⸗ wog, entſprang einem unüberwindlichen Schmerz, und dennoch konnte ſie dieſe Blätter nicht ſo ſchnell, wie die andern, flüchtig zur Seite — legen; ihre Blicke vertieften ſich vielmehr in die feſten Schriftzüge des größten Alterthumsforſchers und Münzkenners ſeiner Zeit, und die⸗ ſelben übten auf die Gräfin gleichſam magnetiſche Anziehungskraft, ſie mußte wieder und wieder leſen, was ihr Pein verurſachte, wie der Wundarzt wohl bisweilen eine Wunde wiederholt brennen muß, auf daß ſie gründlich heile. Wo iſt er, wo iſt er, der grauſame Brief des ſtrengen Freundes, dem Wahrheit über alles heilig iſt? Ach, jeder ſeiner Briefe ent⸗ hält mehr Tadel als Lob— für was muß er mich halten? Für eine alte Närrin jedenfalls. Und wenn es Narrheit war, was ich trieb und noch treibe, was koſtet ſie mich nicht? Dann unermeßlich viel, ja mehr, als ich verantworten kann. Welche Worte auf meine Fragen:„Was ich von den Eroberungen für das Cabinet Ihrer Excellenz halte? Daß unter den Stücken, die nach Hamburg gingen und ſich dermalen in ſo ſchätzbaren Händen befinden, ſehr viele anſehnliche ſind, doch müßte ich ſie ſehen, um über deren Aechtheit zu entſcheiden!“— Eine Pille, doch recht ſchön vergoldet. „Wie ich mit der Anordnung des Enneriſchen Katalogs zufrieden ſei?— Sehr ſchlecht— altväteriſche Art beibehalten,— ſtrotzt von unendlichen Fehlern, und zwar von einer Art, die man nicht leicht einem Anfänger vergeben würde. Man muß erſtaunen, aus Frank⸗ reich, das mit ſeiner Gelehrſamkeit ſo groß thut und uns Deutſche ſo gern herunterſetzt, ein ſo ärgerliches Zeug erſcheinen zu ſehen. Ich rede unparteiiſch, weil ich den Verfaſſer nicht kenne.“ So Eckhel— und ich habe dieſen Katalog mit Entzücken be grüßt und ihn nach allen Seiten hin empfohlen. Van Damme, den Numismatiker zu Amſterdam, mit dem ich Jahre lang Briefe gewech⸗ ſelt, der große Summen für Münzen mir nach und nach abgelockt, enthüllt Eckhel hier als einen ſchamloſen Betrüger, und deſſen Pracht⸗ katalog mit allen ſeinen Bildern, den jener ſo ſündentheuer verkauft, ſei nichts als Aufwärmung der Platten eines elenden holländiſchen Werkes von Haverkamp, im Grafenhage erſchienen. Und ich kenne dieſes alte Werk nicht, und beſitze eine Bibliothek von zwanzigtauſend Bänden!— Und endlich, mein Katalog, das Schmerzenskind meiner — 5— 4* 25 Liebe zur edlen klaſſiſchen Münzkunde— wie lautet über dieſen der Richterſpruch des unbeſtechlichen Wiener Rhadamanth? „Einen Blick über Ihro Excellenz ganzen Katalog. Ich ſehe darin eine Menge der koſtbarſten und ſeltenſten Stücke, aber eben die⸗ ſer Umſtand macht, daß ſich die ganze Sammlung vor den Augen ächter Kenner in keinem vortheilhaften Lichte zeigt. Jeder Kenner muß in der That über das unnennbare Glück erſtaunen, welches ſo viele und ſo ſchätzbare Münzen einem einzigen Privatkabinette ſollte zugeſpielt haben. Zur Probe nur ein Beiſpiel: auch in den größten Sammlungen, die von großen Fürſten durch viele Jahre ſind zuſam⸗ mengebracht worden, findet man oft nicht ein Stück von den bospo⸗ riſchen Königen Ininthimeus, Teiranes, Thotorſes— es iſt keines im kaiſerlichen Kabinet, keines im großherzoglichen, keines im gothaiſchen und mehren andern; ich habe in meinem Leben keines in Natura geſehen; Herr Baron Herwart, kaiſerlicher Geſandter in Kon⸗ ſtantinopel, der für das kaiſerliche Kabinet durch mehre Jahre in der Nachbarſchaft bosporaniſche Münzen ſammelte, und dazu carta bianca hatte, war nicht ſo glücklich, nur eine einzige Münze von dieſen drei Königen zu bekommen, und doch finden ſich alle drei in der Samm⸗ lung— Ihrer Excellenz! Sollte ein ſo undenkbares Glück einen Kenner nicht mißtrauiſch machen?“ Oder nicht auch ein wenig neidiſch? unterbrach die Reichsgräfin ihr Lautleſen mit einem gewiſſen triumphirenden Gefühl, dann ſprach ſie weiter, den fernern Inhalt des Briefes überfliegend: Pellerins Ka⸗ binet ſei das bedeutendſte in Bezug auf anekdote und ſogenannte ein⸗ zige Münzen geweſen— ganz beſondere Umſtände haben ihn be⸗ günſtigt, langes Leben, verbunden als commis de marine mit allen Konſuln der Levante— ein gewiſſer La Roche habe in einem kleinen Orte zwiſchen Grenoble und Lyon mit ganz beſonderer Geſchicklichkeit die beſten pelleriniſchen Münzen nachgemacht— das der Aufſchluß und zugleich mein Münzſchlüſſel. Eine ganze Schachtel voll angſt⸗ ſchweistreibender Pillen— und der Schluß? „Ich bitte und hoffe es auch, Ihre Excellenz werden mir mein aufrichtiges Geſtändniß zu gute halten. Schon beim erſten Anblick des Katalogs wollte ich damit herausrücken, aber ich fürchtete zu be⸗ leidigen. Endlich faßte ich mich, weil es meine Rechtſchaffenheit von — mir forderte und es mir zu arg ſchien, daß ſich ſchlaue Betrüger länger von der Habe edeldenkender und für die Literatur eingenommener Per⸗ ſonen nähren ſollten.— Abbe Eckhel.“*) Genug— er iſt nun einmal der Wahrheit unerſchütterlich treu; ſollte ich dem redlichen Freunde zürnen? Wer die Wahrheit nicht hören will und kann, der iſt ſehr zu beklagen. Habe ich doch nur das Gute gewollt und die Wiſſenſchaft zu fördern geſucht mit wahrhaft groß⸗ artigen Opfern— und das Gute und Große aufrichtig gewollt zu haben, giebt ſchon ein Genügen. Nun aber hierin nicht weiter— Anderes bringt die andere Stunde. Die Reichsgräfin legte noch einige Schriften und Briefſchaften ſich zur Hand, und dann klingelte ſie. Der greiſe Kammerdiener Weisbrod trat ein. Ich laſſe Herrn Windt bitten! Was nun werden wird, werden ſoll, nach dem geſtrigen Auftritt? fragte ſich die Matrone. O gewiß, ich muß die ganze Laſt der Sorge mit in die Grube nehmen— doch nicht ungeſtraft ſollen ſie mir die letzten Tage meines Alters verbittern, und thun will ich, was ich will, bis zum letzten Athemzuge.— Windt trat ein, er ſah noch bleicher aus, als am geſtrigen Abend; ſeine Gebieterin nahm dieß mit ihrem noch immer ſcharfen Fernblick ſogleich wahr und fragte, als ſie auf ſeinen ehrfurchtvollen Gruß gnädig gedankt: Was iſt Ihnen, lieber Windt? Sie ſehen ſo ſehr angegriffen aus? Ich bin es, Excellenz!— erwiederte Windt, und ſeine Stimme war matt und bebend; er war kein Jüngling mehr und die letztver⸗ gangene Zeit hatte körperliche wie geiſtige Anſtrengungen in Fülle auf ihn gehäuft. Es iſt auch kein Wunder— fuhr Windt mit offener Freimüthigkeit fort. Ich wurde in Doorwerth von einem heftigen Gichtanfall heim⸗ geſucht, zu dem ſich etwas Fieber geſellte, da empfing ich dieſes kurze Briefchen von dem Herrn Erbgrafen aus dem Haag:„Ich werde nicht über Doorwerth nach Varel gehen, mein lieber Windt, aber gerade *) Urſchriftlich; der Brief iſt noch vorhanden. ——— S— „ von Amſterdam über See und Oſtfriesland, weil das viel kürzer iſt, und ſo bitte ich Sie, wenn Sie mit mir die Reiſe machen wollen, binnen acht Tagen in Anmſterdam zu ſein. Bis dahin leben Sie wohl und glauben mir, Ihrem“— und ſo weiter. Aber ich geſtehe Ihrer Ercellenz, daß ich weder Muth noch Kraft genug in mir fühlte, mich bei dem ſtürmiſchen Wetter, wie die letzte Zeit des Aequinvetiums mit ſich brachte, auf die See zu begeben und in des Herrn Grafen kleinem Schiffe herum zu treiben. Ich reiſte zu Lande, eilend, ange⸗ ſtrengt und ſchlecht. Ich zog mir dadurch eine Lähmung der linken Seite vom Scheitel bis zur Fußſohle zu, und nur einige Ruhe, Wärme und meine gute Natur ſtellten mich wieder her, auch tragen die guten Nachrichten von Ihrer Excellenz hohem Ergehen dazu bei, mich wieder vollkommen geſund und meinen Dienſteifer friſch lebendig zu machen. Und ich will lieber Alles: Hals, Kopf und Kragen verlieren, ehe ich nur eines Haares breit eines Ihrer heiligen Rechte fahren laſſe, die ich zwar nicht als Rechtsgelehrter, wohl aber nach geſunder Vernunft und natürlicher Billigkeit als ein redlicher Diener vertheidigen kann. Nur bitte ich um Dauer des hochgnädigſten Vertrauens. Ich ſprach noch ehe ich abreiſte, in Doorwerth den Jäger des Herrn Grafen, der mit der Kutſche, zwei Pferden, drei Reitknechten und vier Reitpferden durchkam, um hierher vorauszureiſen, und es wurde mir dieſe Gele⸗ genheit angetragen; die Geſellſchaft ſtand mir aber nicht an. Ich nahm Extrapoſt. Sie kennen den geſtrigen Vorgang?— fragte die Gräfin. Ich kenne und beklage ihn, war Windt's Antwort. Er reißt ein, was ich mühſam aufbaute und anbahnte, die friedliche, willfährig entgegenkommende Geſinnung. Halten es Ihre Excellenz zu Gnaden — aber Höchſtihre perſönliche Einmiſchung— Galt dem Schutz meines Pathen— unterbrach die Herrin, ſtark betonend. Ich danke Gott, daß mir vergönnt war, zu rechter Zeit mich einzumiſchen, ich wokte es nicht, ich wollte nur ein wenig lauſchen, welche Geſinnungen gegen mich ſich ausſprächen, da geſchah das Aeußerſte, da mußte ich den Fuß auf die Springfeder ſetzen, die das Bild weg⸗ ſchiebt, zwei Secunden vielleicht zu ſpät, und mein Enkel hätte meinen Enkel erſchoſſen, und dieſes mein durch Mord noch nie entweihtes Haus mit einer blutigen Unthat befleckt. —— Gegen dieſe Gründe, Execellenz, kann ich nichts ſagen— nahm 2 Windt wieder das Wort. Und was gedenken Sie zu thun? fragte die Gräfin. 7. Ich gedenke das Beſte für Euere Excellenz zu thun, was ſich nur immer thun läßt, obſchon ich vorausſehe, daß es mir ein Stück 3 Lunge koſten wird; ich hoffe eine wahre, gründliche und dauer⸗ 1 hafte Ruhe zu bewirken, aber Ihre Excellenz müſſen mich in —— Gnaden gewähren laſſen, und die Erreichung dieſer Abſicht wäre mir der höchſte Ruhm. Ihre Excellenz dürfen auch nicht das Unmögliche weder fordern noch erwarten. Vor Allem muß aller fremde Einfluß 1 abgeſchnitten bleiben, denn ich denke, daß, wenn Hochdieſelben mit dem⸗ jenigen, der nächſt Höchſtihnen Haupt der Familie, regierender Herr, Erſtgeborener und eigentlicher Stammhalter iſt, einen Vergleich er⸗ richten, durchaus kein Dritter, und wäre er der nächſte Agnat, hinein zu reden hat. So ſchließen Sie den Bruder und meinen Ludwig, ſo zu ſagen aus? fragte die Gräfin geſpannt. Hören Ihre Excellenz mich ruhig an, antwortete Windt. Vieles, was gefordert wird, iſt dem Herrn Grafen zu erfüllen ge⸗ 1 radezu unmöglich; er kann nicht die Glieder der geſammten, in Eng⸗ 6 land und Holland verſtreuten Familie zu einer bindenden Unterſchrift 4 bewegen und zuſammenbringen; er kann nicht einhundertundfünfzig⸗ tauſend holländiſche Gulden zu ſechs Procent, wie jetzt üblich auf⸗ 3 nehmen, ſie jährlich mit neuntauſend Gulden verzinſen; nicht nach 4 zwölf Jahren dieſelbe Stumme bezahlen und ſie mittlerweile mit ſechs⸗ ½ tauſend Gulden verzinſen, dazu das zu gewährende Witthum von jährlich viertauſend Gulden, und was noch jährlich an das ſchrecklich 3 vernachläſſigte Doorwerth zu wenden iſt. Wenn der Herr Graf zu ſolchen Dingen ſich verpflichten, ſo können Dieſelben weder rechnen, noch Wort halten. Er iſt und bleibt arm, ſeine Kinder vielleicht können dereinſt fürchterlich reich werden— er— wird Reichthum nie be⸗ ſitzen. Doorwerth liebt er, dieſes wünſcht er gern zu haben, es iſt b gut und heilſam, wenn die Güter ungetrennt beiſammen bleiben. Ich 3 bin überzeugt, daß der Herr Graf redlich und im guten Glauben zu 6 Werke gehen und noch edler und großmüthiger handeln würde, wenn er es hätte, wie er es nicht hat. —————— — 29 Ei, Sie ſind ja plötzlich mein gegneriſcher Anwalt geworden? rief mit ſchlecht verhehlter Gereiztheit die Reichsgräfin. Wie deut' ich das? Was hat Sie denn ſo umgewandelt? Von der edeln großmü⸗ thigen Denkart wurde ja geſtern Abend ein Pröbchen zum Beſten ge⸗ geben. Wäre ein neuer tragiſcher Stoff geworden für Herrn Hofrath Leiſewitz in Braunſchweig, der ja den Julius von Tarent geſchrieben hat und unſerm hohen Hauſe Dinge und Thaten aufbürdet, die nie in ihm geſchahen; was ganz ſchändlich iſt, denn nie gab es im Hauſe der Fürſten von Tarent, das ſo eng mit meinem eigenen verzweigt und verwachſen iſt, eine ſolche abominable Geſchichte, und keiner von allen Fürſten dieſes Hauſes hieß Conſtantin, Julius, Guido und wie die von dem laxen Comödienſchreiber ſonſt erſonnenen Namen noch heißen mögen! Die Poeten, gnädigſte Excellenz— entgegnete Windt, heimlich lächelnd über den antidramatiſchen Zorn ſeiner Herrin— haben ein Ding, das nennen ſie licentiam poeticam— welches ich Hochgräf⸗ licher Gnaden, die beſſer Latein verſtehen als ich, nicht zu überſetzen brauche. Habe nichts dagegen, das Stück iſt gut, Herr Leſſing hat es gelobt— es iſt ſogar, wie mir geſchrieben wurde, auf fürſtlichen Pri⸗ vattheatern— ich glaube am Sachſen⸗Meiningenſchen Hofe, unter Mitwirkung durchlauchter Perſonen ſelbſt, zur Aufführung gebracht worden; ich verlange nur, die Herren Dichter ſollen nicht Namen aus der Luft greifen, ſollen nicht das erſte beſte hohe Haus mit erſonne⸗ 8en Unthaten beflecken, ſondern dieſe da ſpielen laſſen, wo ſie ſich geſchichtlich zugetragen haben, und ſollen ihre Naſen in die Stamm⸗ bäume ſtecken und die Leute, die ſie brauchen, beim rechten Namen nennen. Des Herrn von Göthe allbewunderter Götz iſt auch ſo ein Ding, das im Nebel und Schwebel ſpielt, ohne allen geſchichtlichen Boden. Er läßt den fehdeſüchtigen Raubritter für die deutſche Freiheit ſterben, während der alte Kauz daran nicht im Entfernteſten dachte, und in aller Gemüthsruhe über achtzig Jahre alt wurde, um Zeit zu haben, ſeine ſchlimmen Streiche ſelbſt für die Nachwelt aufzuſchreiben. — Joa, ſehen Sie mich nur an, lieber Windt, das macht Ihnen wohl rechten Spaß, daß ich alte Frau mich noch über Comödien ereifere, aber ſehen Sie, ich bin einmal eine Freundin der Wahrheit, wie 56— mein lieber Abbe Eckhel in Wien auch deren Freund iſt, der mich in meiner Eitelkeit und Gelehrſamkeit auf den Tod verwundete, und dem ich, ich ſage ich, die Hand noch küſſen möchte, mit der er die Feder führte, die mir nicht dumme Schmeicheleien, ſondern die reine, in ſeiner gründlich tiefen und gelehrten Ueberzeugung wurzelnde Wahrheit ſchrieb. Doch— wie weit ſchweifen wir ab von unſerm Ziele, mein lieber Windt— fahren Sie fort, Sie ſchlimmer advo- catus diaboli! Um Gott, Excellenz! Dies Wort iſt nicht Ihrer Gnaden Ernſt. Ich hätte noch viel zu ſagen— aber wenn Hochdieſelben mir zürnen— Halten Sie mich für ein Kind, Windt? Fürwahr, dann wäre ich wohl ein recht altes. Noch denke ich nicht, obſchon ich neunundſiebenzig Jahre zähle— kindiſch zu ſein. 3. Der Abſchied. Die Reichsgräfin unterbrach dieſes Geſpräch, indem ſie klingelte. Weisbrod trat ein und erhielt den Befehl, den jungen Herrn zu ihr zu beſcheiden. Dann nahm ſie den Faden der Rede wieder auf und ſprach zu Windt: Die geſtrige Scene verlockte uns in den Irrgarten der dramatiſchen Poeſie mit ſeinen unbeſchnittenen Laubgängen— bleiben wir bei der Hauptſache: Warum hat ſich Ihr Sinn gewendet? Sind Sie eine Windfahne? Nein, Excellenz! vertheidigte ſich Windt: eine ſolche bin ich nicht, vielmehr hoffe ich bewieſen zu haben, und denke es ferner zu beweiſen, daß mir die Wünſche und Vortheile Ihrer Ercellenz über Alles gehen. Aber— Excellenz lieben ja die Wahrheit, und Wahrheit muß Wahr⸗ heit bleiben. Was auch geſtern Störendes, Widriges und aufs neue Hemmendes vorgefallen ſein möge, das darf ich doch kühn behaupten, daß das Gemüth des gnädigen Erbherrn durch mich und meine Briefe zu wahrer Liebe und Ehrfurcht gegen Ihre Excellenz geſtimmt war; — freilich iſt er äußerſt empfindlich und reizbar und ein unbedachtes Wort iſt im Stande, ſein ganzes Weſen in Aufruhr zu bringen. Wie ich den Herrn Grafen kenne, ſind wenige Worte im Stande, ihn zu bewegen, daß er Alles um ſich nieder wirft und liegen läßt, es gehe, wie es gehe aber ſein Charakter iſt und bleibt redlich. Er iſt nicht der Manrelcher Excellenz beraubt, geplündert und von Land und Leuten verdrängt ſehen will, im Gegentheil, er theilte mir gerade heraus mit: Will meine Frau Großmutter Varel wieder zu eigen haben, ſo nehme ſie es gerne, wenn es nur ohne weitere Schulden und dereinſt meinen Kindern bleibt. In der That— ſehr gnädig!— ſpöttelte die Herrin und machte einen Knir, aber Windt kehrte ſich nicht an ihren Spott. Der redliche Diener fuhr im Tone vollſter Ueberzeugung fort: Halten Excellenz es mir zu Gnaden, daß ich ſo frei heraus meine Meinung ſage! Die Hauptſache muß ſo behandelt werden, daß beide Theile mit Ehren nachgeben, mit Ehren annehmen und mit Ehren ablehnen können. Ich brauche wohl nicht erſt an den Wahlſpruch im reichsgräflichen Wappen zu erinnern. Craignez honte! verſetzte die Herrin, den Wahlſpruch anführend, und fügte hinzu: Bravo, Herr Windt! Ich danke Ihnen für dieſe Lehre. Eher würde ich ſelbſt auf Ihrer Excellenz Vortheile verzichten, als im Punkt von Hochderſelben Ehre nachgeben, und wenn der Herr Graf Alles anzunehmen verſpräche, was Ihre Excellenz von ihm verlangen, ſo würde ich der Erſte ſein, der zu ihm ſagte: Sie han⸗ deln ohne Ueberlegung, ohne Ehre, ohne Zartgefühl, denn Sie können nicht Wort halten. Ihre Excellenz kennen in der That den Herrn Grafen zu wenig, er iſt Ihnen entwachſen, er iſt noch jung, und bei Gelegenheit wohl ſpöttiſch, ſarkaſtiſch oder überreizt— er iſt aber wahrhaftig ein edler Mann, und der Beſte von den Seinen, ſo viel ich deren in Holland kennen lernte. Was ich von ſeinen Hand⸗ lungen weiß, iſt nur ehrenhaft. Um ſein gegebenes Wort zu erfüllen, hat er ſich mit ſeiner Frau Mutter auf eine Art entzweit, daß ſie nie wieder einig wurden. Das kam ſo: In der unglücklichen Revolution hing ſein Leben im Haag jeden Augenblick an einem Zwirnsfaden, und gleichwohl zeigte er ſtets den höchſten Grad von Entſchloſſenheit. Um — 32— zu ſeinem Ziele zu gelangen, mußte er ſich eine Partei machen, zu der er auch geringe Bürger und Leute der niederen Klaſſe herbeizog. Dieſe wollten aber unter keiner anderen Bedingung ihm anhängen, als daß er ihnen gelobe, nach erkämpftem Siege ihr Schout, ſo viel wie Grand Baillif zu werden, denn das Volk war, wie das ſtets bei Revolutionen der Fall iſt, mit der Polizei und Gerechtkenflege im Haag höchſt unzufrieden und ſuchte ſie zu beſeitigen. Der Herr Graf gab ſein Wort, ſeine Partei gewann die Oberhand, und das Volk rief ihn aus Dankbarkeit zu ſeinem Ober⸗Amtmann aus. Da⸗ rüber entſetzte ſich ſeine Frau Mutter, die geborene Baroneſſe de Tuyll Servoskerken, auf das Aeußerſte, wie Ihre Excellenz ſich denken können. Ja wohl, wie ich mir allerdings recht gut denken kann! unterbrach ihn die alte ſtarre Ariſtokratin Doch Windt fuhr ruhig fort: Die Frau Mutter des Herrn Grafen drohte, ſich gänzlich von ihm loszuſagen, wenn er dem Verlangen des Volkes nach⸗ gebe, der Graf aber ſprach: Ich bin Edelmann und muß im Glücke halten, was ich im Unglücke verſprochen habe. Die Zwie⸗ tracht mit der Mutter blieh, und der Herr Graf blieb Ober⸗ Amtmann. So ſpalten die unſeligen politiſchen Parteikämpfe den Frieden und die Herzen deredelſten Familien! rief faſt im heftigen Tone die alte Reichsgräfin. Meine Frau Schwiegertochter hatte vollkommen Recht! Auch mir ſchnitt es tief in das Herz, zu ſehen, wie ein Angehöriger meiner Familie mit dem Pöbel, der Hefe, zu liebäugeln ſich herabließ und ſich wegwarf. Aber zuletzt ſind Sie ſelbſt ſolch ein elender Demokrat, Windt! Der Haushofmeiſter war einen Augenblick betroffen durch den ſchneidenden und vorwurfsvollen Ton der alten Frau, deren Gemüth jetzt an der empfindlichſten Stelle und durch eine der unliebſamſten Erinnerungen berührt worden war; doch blieb er gefaßt und ent⸗ gegnete in ſeiner zwar unterwürfigen, aber ſtets würdevollen Redeweiſe: Ihro Excellenz ſcheinen ſich im Augenblick nicht daran erinnern zu wollen, daß die oraniſche Partei, für welche der Herr Graf wirkt, nicht die ſogenannte Volkspartei war, daß erſtere vielmehr durch die untern Schichten gegen die letztere zu wirken ſuchte, daß aber auch e 33 die niederländiſchen Republikaner keineswegs eine Revolution wollten. Der Herr Graf iſt als Oberrichter ſtets gerecht und unparteiiſch er⸗ ſchienen; er hat darauf das wachſamſte Auge, daß niemand Unrecht erleide, er hilft allen, denen er nur irgend helfen kann, ſeien es ſo⸗ genannte Patrioten, oder keine, und viele Unglückliche hat er als ge⸗ ſchickter und rechtskundiger Anwalt ſo vertheidigt, daß ſie ſchweren Strafen entgingen, denen ſie ohne ihn anheim gefallen wären; daher verdient ſein Benehmen, als das eines Mannes von Wort und von Ehre, weder Tadel noch Mißtrauen. Und was endlich meine „elende Demokratie“ betrifft, wie Excellenz ſich auszudrücken beliebten, ſo gebe ich dem Wunſche Worte, es möchte das ganze heilige römiſche Reich ſo glücklich ſein, lauter Demokraten meines Schlages zu be⸗ ſitzen, dann würde überall Ruhe, Friede und Ordnung, und nirgend Empörung gegen Obere ſein. Aber jeder Menſch hat minder oder mehr Gefühl für die Freiheit; wer dieſes läugnet oder verläugnet, iſt ein feiler Sclave, oder in ſeiner eigenen Seele ſelbſt ein Stück von einem Despoten; ich bin keins von beiden. Derjenige jedoch, welcher an der gegenwärtigen, fanatiſchen, wahnſinnigen franzöſiſchen Freiheitsraſerei Theil nimmt und Behagen daran findet, iſt ein Ja⸗ cobiner, ein Anarchiſt, ein Verbrecher: das bin ich auch nicht, ſondern ſtets zu Ihrer Excellenz Dienſten. Wackerer Windt— vergeben Sie mir, wenn ich Sie kränkte! ſprach die Reichsgräfin mit ernſtem Gefühl, und immer höher ſtieg der Mann in ihrer Achtung, der mit dem redlichſten Dienſteifer die Würde des Hauſes wie ſeine eigene nicht einen Augenblick aus den Augen ſetzte. Der Eintritt des jungen Herrn, der ſchon faſt völlig reiſefertig erſchien, unterbrach das Geſpräch der Gebieterin und des Dieners. Ludwig brachte ſeiner Gönnerin den üblichen Handkuß als Morgen⸗ gruß dar und ihr Herz, ſo feſt und ſtark es war, hart geworden durch die Jahre und die Fülle bitterer und ſchmerzlicher Erfahrungen, wallte auf bei dem Andenken an die Trennung von dem Liebling, der heute ihr ſo bleich und trauervoll nahte. Ein freundlich bittender Augenwink der Reichsgräfin entließ Windt, und gleich nach deſſen Entfernung redete ſie den Enkel mütterlich liebevoll an. D. B. III. 3 —— — Du biſt heute ſo blaß, mein Ludwig Carl— du fühlſt was ich fühle. Du willſt fort, und die Trennung von mir thut deinem kindlichen Herzen weh? Theuerſte Großmutter! antwortete der Enkel; ich wollte, der Erb⸗ herr hätte ſeine That gegen mich geſtern vollbracht; glauben Sie mir, mir wäre beſſer. Mir wurde eine Wunde geſchlagen, die niemals heilen wird— Gedanken ſtürmen in meiner Seele, die ich niemals dachte— ich kannte nicht den Haß, nicht das brennende Gefühl der Rache, nicht die Schaam über einen Makel, den ich ohne Schuld mit mir durchs Leben tragen ſoll. Beſte Großmutter! Ich beſchwöre Sie, entdecken Sie mir alles— bin ich ein Edelmann, gehöre ich zu Ih⸗ rer Familie, oder bin ich—? Wie du kindiſch fragſt, mein liebes Kind! war die Antwort. Würde ich dich laut und offen meinen Enkel nennen? Würde ich dich mit Sorgfalt und Liebe auferzogen haben? Würde ich dir geſtattet haben, unſer Wappen zu führen? Glaube das Eine feſt, und laſſe dich durch das Andere nicht beugen. Du biſt auf dem Wege ein Mann zu werden, ſei ein Mann! Vergiß das Herbe und Peinliche der geſtrigen Stunde; vergieb dem Grafen: er war gereizt, er wußte nicht, was er that. An ihm wird es daher ſein, mich um Vergebung zu bitten, ent⸗ gegnete der Jüngling, deſſen Wangen neu auflodernde Schaam mit Zorn im Bunde wieder röthete. Laß' das jetzt, ſprach die Gräfin. Entdecken kann und darf ich dir nichts, mein geliebtes Kind! Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen Schatten, denn ich bin nicht berechtigt, die Geheimniſſe gewiſſer Perſonen zu löſen, die jene mir anvertraut und die mit ſieben Siegeln verſchloſſen und mit den dichteſten Schleiern überhüllt ſind. Aber etwas Tröſtliches kann und will ich dir ſagen. Es iſt ein mächtiger Unter⸗⸗ ſchied, den aber die Befangenheit, Mangelhaftigkeit und Starrheit der Geſetzgebung niemals anerkannt hat, zwiſchen den zur Welt gebrachten Früchten böſer Luſt und wilder Sinnengier, die ein Rauſch des Augen⸗ blicks von dem Lebensbaume abſchüttelte, und zwiſchen jenen Kindern hoher und reiner Liebe, gegen deren geſetzliche Einigung gebieteriſche Ver⸗ hältniſſe unüberſteigliche Schranken zogen. Oft verjüngten ſich durch ſolche Sprößlinge uralte bedeutende Geſchlechter, und die Welt hat ———-— — ₰ deß kein Arg. Du hörteſt geſtern aus meinem Munde ein Beiſpiel; ich könnte dir deren viele ſagen. War es gut oder nicht gut, daß der letzte Graf zu Oldenburg und Delmenhorſt, da ſeine Gemahlin ihm keine Kinder ſchenkte, den Sohn eines geliebten ihm nicht ebenbürtigen Weibes in die Rechte des alten Stammes einſetzte? Ohne dieſen Sohn der Eliſabeth von Ungnad, Herrin zu Sonneck— wären wir alle nicht. Möge Gottes Gnade trotz dieſer Abſtammung von einer Ungnad mit uns allen ſein! Meine Großmutter, die Abkömmlingin von Königen, wurde Anton's des Erſten zweite Gemahlin; die erſte, eine Gräfin von Wittgenſtein, ſchenkte ihm nur Töchter; meine Groß⸗ mutter wurde die Fortpflanzerin des Stammes, von dem auch du ein Zweig biſt.— König Alphons der Weiſe in Arragonien und Si⸗ cilien zeugte, da ſeine Gemahlin Maria, Tochter König Heinrich des Dritten in Caſtilien, ihn nicht mit Kindern beglückte, drei Kinder außer der Ehe. Seinem erſtgeborenen und einzigen Sohne Ferdinand dem Erſten, dem Papſt Eugen der Vierte ſelbſt die Rechte geſetzlicher Geburt verlieh, hinterließ ſein Vater das Königreich Neapel, der zweite Sohn Friedrich ward vertrieben und kam nach Frankreich, wo er ſtarb. Dieſer Letztere wurde der Großvater der Erbtochter des Hauſes de La Val, Anna, deren Gemahl Franz de La Tremouille, Prinz von Talmont, wurde. Beider älteſter Sohn, Ludwig, wie du geheißen, war der erſte Herzog von Thouars, er war mein Urgroßvater, und unſer Haus wurde auf das Engſte verwandt und verſchwägert mit allen den hohen, alten, angeſehenen Familien derer von Bouillon, von Orleans, von Montmorench, der de la Tour d'Aubergne, der Taleyrand und anderer in Frankreich, der Sforza in Mailand, der Landgrafen zu Heſſen, durch meine Urgroßmutter, und der Herzoge zu Sachſen, denn meine Urgroßtante Maria wurde die Gemahlin des Herzogs Bernhard zu Sachſen⸗Jena, eine Linie, die leider früh erloſch. Aus dieſen Bei⸗ ſpielen magſt du entnehmen, daß eine in Dunkel gehüllte Abſtam⸗ mung, die vielleicht einſt noch in Licht und Glanz zu Tage treten dürfte, je nachdem des Glückes und ker Zeiten Gunſt oder Ungunſt waltet, noch lange kein Schimpf und kein Makel iſt, mindeſtens nicht in den Augen der Einſichtvollen und Vernünftigen, denn überhaupt erinnert das an das alte Sprichwort:„es iſt ein wunderkluges Kind, das ſeinen Vater kennt.“ — Der Enkel ſchwieg zu dieſer Rede und blickte mit träumeriſchem Sinnen auf die Werke ſeines ſpielenden Fleißes, die Münztafeln. Du willſt reiſen, und du mußt reiſen— fuhr die Reichsgräfin fort. Längſt fühlte ich das, aber die große Liebe zu dir, die trauliche Macht der Gewohnheit unſeres täglichen Beiſammenſeins, mein Alter, der Gedanke, daß unſere erſte Trennung wohl eine Trennung für im⸗ mer iſt, bewältigte meine Einſicht und machte mich ſchwach und allzu nachgiebig gegen mich ſelbſt. Das Schickſal führte dieſen Anſtoß herbei, ich muß dich von mir laſſen, du liebes Schmerzenskind! Setze dich, höre mich weiter an, und vergiß nie in deinem ganzen Leben— möge es ein langes und glückliches ſein— dieſer heutigen ernſten und wichtigen Stunde! Wie ich auch gepeinigt, gedrückt, be⸗ drängt und ſo zu ſagen faſt ausgezogen worden bin, arm haben ſie mich, trotz ihres allerbeſten Willens und trotz herzoglich oldenburgiſcher und königlich däniſcher Hülfe doch nicht machen können; es hätte ſo gar wenig gefehlt, ſo wäre der deutſche Kaiſer vermocht worden, ge⸗ gen die alte eigenſinnige Frau, die ihr Geld nicht alle hergeben wollte, einige Reichstruppen marſchiren zu laſſen.— Da faſt Alles von mir kommt, iſt's zuletzt kein Wunder, daß man es von mir haben will, denn von den Schätzen des Hauſes habe ich noch nichts geſehen, und die Lehengüter im Mond tragen höchſtens einmal einen Steinregen ein. Gleichwohl will ich ihnen nichts vergeben, nicht aufs Neue den Vor⸗ wurf unüberlegter Schenkungen auf mich laden, wie ich allerdings gethan. Ich ſelbſt bedarf wenig mehr; ich werde keine Bücher, keine Münzen und Medaillen mehr ſammeln— ich werde nur für dich leben, ſo lange der Himmel mir noch meine bereits gezählten Tage friſtet. O gütigſte aller Großmütter! rief Ludwig Carl aus, und beugte ſich tief auf die treuen Hände, die ſeine Jugend gepflegt, und jetzt er⸗ hoben wurden, um ſich ſegnend auf ſein ſchönes Haupt zu legen. Nach einer Pauſe ſtiller und unausſprechlicher Rührung winkte die Reichsgräfin dem Enkel, ihr ein nahe ſtehendes, verſchloſſenes kupfer⸗ nes Schatzkäſtchen zu bringen, während ſie aus einer zuſammengebunde⸗ nen Anzahl kleiner Schlüſſel den rechten ſuchte. Das Käſtchen war leicht, baares Geld augenſcheinlich nicht darin. Die Herrin erſchloß es, es enthielt nur Papiere. Eines nach dem andern dieſer Papiere —— 4₰ nahm ſie heraus und legte es vor den Enkel, der wieder auf ihren Wink neben ihr Platz genommen hatte, indem ſie mit kurzen Worten den Inhalt dieſer wichtigen Schriften andeutete. Dies iſt, begann die Aufzählung: der Original-Ehecontract zwiſchen dem Prinzen Henri Charles de la Tremouille et Talmont und der Prinzeſſin Emilie zu Heſſen⸗Caſſel. Der Brautſchatz dieſer meiner Urgroßmutter betrug einhundertundfünſzigtauſend Livres, und blieb der Vermählten als Wittwe vertragsmäßig zu freier Ver⸗ fügung, nebſt einer Summe von vierundzwanzigtauſend Livres für Kleider und Juwelen. Vom Jahr eintauſendſechshundertundachtund⸗ vierzig. Hier der Ehecontract meiner Großmutter, vom Jahr eintauſend⸗ ſechshundertundachtzig, mit der Bemerkung, daß die Prinzeſſin alle Gerechtſame an väterliche und großväterliche Verlaſſenſchaften, auch andere künftige Erbfälle anzuſprechen habe, nur nicht die ihrer beiden Brüder und ihrer einzigen Schweſter Maria Sylvia. Letzeres hat ſich dennoch durch beſonderes Vermächtniß geändert. Hier ein Document, das der Großmutter anſtatt der genannten Anſprüche von Seiten ihres Bruders, des Herzogs Charles de la Tremouille, die Summe von ſechzigtauſend Livres feſt zuſichert. Aus dieſem wichtigen Vergleichsinſtrument vom Jahre ſechzehnhundertdrei⸗ undachtzig geht hervor, daß die de la Tremouille'ſchen Gütereinkünfte in den Provinzen Poitou, Bretagne, Maine, Kaintoque, Auluis und Laudunois auf das in Paris, Straße Vaurigard, gelegene Pa⸗ lais der Familie geſtellt ſind. Hier eine Schrift über die unſerm Hauſe zuſtehende Baronie Vitré, deren Ertrag als Bürgſchaft für ein Kapital von ſechzigtauſend Livres verſchrieben iſt, welche Summe meiner Großmutter von ihrer Mutter, der geborenen Landgräfin zu Heſſen, vererbt und vermacht wurde. Die⸗ ſes Kapital iſt ebenfalls auf mich übergegangen. Hier ein Schuldbrief des Bruders der Großmutter wegen Antheils an fünfundzwanzigtauſend Livres am Erbe der verſtorbenen Prinzeſſin Maria Sylvia, vom Jahre ſechszehnhundertdreiundſechzig. Hier wieder ein Vergleich vom zwölften Juli ſiebzehnhundert und eins, betreffend den Antheil der Großmutter von vierzigtauſend Livres der Verlaſſenſchaft ihrer königlichen Hoheit, Mademoiſelle de Montpen⸗ — ſier. Aus dieſer Verlaſſenſchaft kam das Herzogthum Chatellerault und die Vicomté Broſſé an das Haus de la Tremouille, und es er⸗ hellt aus dieſem Vergleich des Weiteren die Verwandtſchaft unſeres Hauſes mit den Häuſern Orleans, Bourbon, Naſſau⸗Oranien, Bouil⸗ lon und andern. Genug mit dieſen, der Kaſten iſt noch halb voll, wir wollen uns nicht ermüden. Kurz und rund: Ich, deine Großmutter, habe an das herzogliche Haus de la Tremouille und Talmont in Frankreich Summa Summarum zweihundertundfünfundfünfzigtauſend Livres zu fordern, welche als Erbtheil meiner Frau Großmutter mir überkom⸗ men, und die bei dem Stadthauſe zu Paris, obſchon leider mit nur dritthalb Procent verzinslich angelegt ſind, ſo daß ſie eine Rente von ſechstauſenddreihundertundfünfundſiebenzig Livres, die halbjährlich aus⸗ gezahlt wird, abwerfen. Seit dem tödtlichen Hintritt meines in Gott ruhenden Herrn Vaters, des Reichsgrafen Anton des Zweiten, ſind dieſe bis zu den letzten Jahren richtig ausbezahlt worden, und weder Krieg noch Friede haben daran gekürzt. Dieſen Zinsabfall trete ich an dich ab zu deinen Reiſen und deiner ferneren Ausbildung, mein in Wahrheit geliebteſter Enkel. Hier haſt du die nöthigen Ausweiſe zu deren Erhebung vom nächſten Monat an. Bedarfſt du der Hülfe von Bankiers, ſo eröffnen dir dieſe Briefe Credit in Ham⸗ burg beim Hauſe des Procurators, Wechſelſenſals und Senators Eg⸗ bertus Bernardus Den Tale, einer niederländiſchen weltberühmten Firma, und ebenſo beim Hauſe Chapeaurvuge dort, in Amſterdam bei dem Hauſe van der Valck, im Haag bei den Gebrüdern Le Ferrier, in Paris bei Groſſier Vater und Söhne. Wie ſoll, wie kann ich Ihnen danken für ſo viele himmliſche Güte! rief Ludwig, ganz überraſcht von dem Reichthum, der ihn ſo plötzlich überſtrömte. Das ſollſt du ſogleich hören, antwortete die Matrone. Dein Dank bethätige ſich dadurch, daß du genau die Lehren befolgſt, die ich dir jetzt bei unſerm Scheiden herzlich und ſchmerzlich mit auf den Lebensweg gebe. Halte, mein geliebtes Kind, dein Herz frei und rein von allen unlautern Trieben, wie vom Laſter; meide ſtets das Gemeine im Denken, wie im Thun und Handeln. Halte ſtets treu am gegebenen Wort und übernommener Pflicht, wenn es dir j . 1 6 4— — 65— auch ſchwer ankommt und Neigung und Sinne ſich dagegen ſträuben; ja, ſcheue nicht die größten Opfer, wenn es gilt, Pflichterfüllung und Ueberzeugungstreue zu üben. Suche dich auszubilden und zu lernen ſo viel als möglich; nützliche Kenntniſſe ſind eine Macht, und ihre Anwendung bewahrt vor Mißmuth und Langeweile. Gehe mit dem Gelde weiſe und ſparſam um, und lerne deſſen ſelbſt erwerben; verlaſſe dich nicht auf den dir jetzt groß erſcheinenden Beſitz, denn dieſe Quelle könnte leicht plötzlich verſiegen. Achte treue Freundſchaft hoch und hüte dich vor falſchen Freunden. Suche dein Glück, wenn du dir Erfahrungen geſammelt, nicht im glanzreichen Hof⸗ leben, nicht im Geräuſch der großen Städte und glaube mir, daß die Einſamkeit wunderköſtliche Stunden gewährt. Führt dein Geſchick dich auf eine kriegeriſche Laufbahn, ſo vereine mit Muth und Tapferkeit Milde und Menſchenfreundlichkeit; ſei hülf⸗ reich dem Unterdrückten, ſchütze verfolgte Unſchuld— ſei das Beſte, was du auf Erden werden kannſt— ein reiner, guter, edler denſch! Ein heiliges überwältigendes Gefühl, wie er gleiches noch nie em⸗ pfunden, ging durch des Jünglings noch unentweihte Seele. Thränen ſtürzten aus ſeinen Augen, und er ſank lautlos auf ſeine Kniee vor der wunderbaren alten Frau nieder, die ſo treu, ſo mütterlich, ſo feſt und ſtark auf ihn einſprach. Ihr nahete nicht leicht eine Rührung, ihre Seele war voll Kraft; dennoch fühlte ſie, daß in dieſer Stunde ein Theil ihres Herzens ſich von ihr losriß; ſie fühlte, wie ſie ihren Liebling geliebt, fühlte, was ſie ohne ihn entbehren werde, hätte ſo gerne alles Glück der Welt auf ihn gehäuft, hätte ihr Leben in dieſer Stunde laſſen wollen, wäre damit eine Bürgſchaft zu erkaufen gewe⸗ ſen für ſein Leben und für ſeine Zukunft. Noch einmal legte ſie ſegnend ihre Hände auf das Haupt des vor ihr knieenden Enkels und ſprach bewegt: Gott mit dir, ſein heiliger Wille führe dich! Auch du wirſt durch die ſchmerzlichen Flammen der Läuterung gehen; o gehe rein aus ihnen hervor! Ehre Gottes Gebote und liebe die Menſchen. Sei mildthätig und barmherzig, und vergelte Kränkungen nur mit Wohlthaten, auf daß dereinſt in dem Kreiſe, in den du eingetreten biſt, dein Name im Segen fortdauere von Geſchlecht zu Geſchlecht!— Stehe auf, mein Ludwig Carl— laß uns recht ruhig noch dieſe Weiheſtunde mit einander feiern, es iſt ja— o Gott— es iſt die letzte! O nein— nein, meine theure, meine angebetete Großmutter! rief der Jüngling mit ſchwärmeriſchem Blick. Widerſprich mir doch nicht, mein Kind, entgegnete die Groß⸗ mutter mit dem alten gemüthvoll⸗traulichen Tone, den ſie meiſt beim Zuſammenſein mit dem Enkel angenommen. Nur in ſo weit haſt du recht, daß ich nicht eher an das Ueberirdiſche denken ſoll, bis ich dir das nächſtnaheliegende Irdiſche geordnet. Alſo höre meinen nächſten Lebensplan für dich. In dieſer Brieftaſche findeſt du Wechſel und baares Geld, die deinen Unterhalt mindeſtens auf ein halbes Jahr beſtreiten laſſen, für den Fall, daß die blutigen Ereigniſſe in Frank⸗ reich jetzt nicht zuließen, vom Pariſer Stadthaus Geld zu erheben, denn dieſes Haus iſt jetzt ein Tollhaus und ein Schlächterhaus ge⸗ worden. Daher rathe ich, überhaupt jetzt noch nicht nach Paris zu gehen. Jedenfalls wirſt du mich durch Briefe meiner liebevollen Be⸗ ſorgniß um dich, ſo oft es dir immer möglich iſt, entreißen. Und welchen Namen ſoll ich führen, Großmutter? fragte der Jüngling mit einem eigenthümlichen Erbangen. Dieſes mein Haus gibt dir einen Namen,— den die Welt achten muß, Graf Ludwig Carl von Varel! entgegnete die Reichsgräfin. Vielleicht— wird dereinſt noch ein anderer Name dir zu Theil. Einen Reiſepaß auf dieſen unſern Namen beſorgt Herr Windt in unſerer Hofkanzlei. O Himmel, wie viel möchte ich dir noch ſagen— aber ein Ge⸗ danke drängt den anderen von hinnen, und das Wort ſcheiden jagt wie ein Cherub mit dem flammenden Schwerte alles Denken der Liebe aus ſeinem ſtillen Paradieſe. Doch— ſieh, wie vergeßlich das Alter iſt— faſt hätte ich dir unbehändigt gelaſſen, was ich eigens als ein Andenken dir zurückgelegt. Möge dieſes Buch und mögen dieſe Blätter dir werth und theuer bleiben, ich gedachte mich nie von ihnen zu trennen, aber mit in die Ewigkeit hinüber kann ich ſie ja doch nicht nehmen, ſo bewahre du ſie treulich auf. Dieſes Buch iſt das Tagebuch meiner Großmutter, Charlotte Aemilie; ſie ſchrieb es mit eigener Hand für ihren Sohn, meinen Vater, nieder, und meine in 4— Gott ruhende Frau Mutter, die geborene Landgräfin, bemerkte dies auf dem Titelblatt mit den Zügen ihres theuren Namens. Das Buch umfaßt ſechsundfünfzig Jahre, von der Vermählung bis zum Tode. Und dieſe Blätter hier ſind Alles, was mir von meinen treuge⸗ führten reichhaltigen Tagebüchern übrig blieb, was bei der Beraubung, die ich erdulden mußte, nur der Zufall durch eine treue Hand rettete; lies bisweilen darin und denke meiner dabei in Liebe. Wie der Bo⸗ taniker aus einem einzigen Blatt einen Baum oder eine Pflanzenart erkennt, der Anatom aus einem Knochen die Art des Thieres, dem der Knochen gehörte, ſo wird auch der Einblick in dieſe Blätter dir mich auf's Neue vor die Seele führen, wer und wie ich bin. Vieles wird dir anziehend ſein, mein Verhältniß zum franzöſiſchen, wie zum preu⸗ ßiſchen Königshauſe, meine Befreundung mit Voltaire; viele berühmte Namen findeſt du darin erwähnt, deren Träger mir mehr oder minder nahe traten in jenem nur kurzen Abſchnitt meines Lebens. Ich habe Viel erlebt und Unvergeßliches, vielleicht darf ich ſagen: der Verluſt meines Tagebuches iſt, wenn nicht ein Verluſt für die Welt, doch einer für meine Familie! Du haſt die letzten Blätter der alten, nicht mehr in die Zukunft, ſondern rückwärtsſchauenden Sibylle nun in Händen und biſt beſſer daran, wie jener Tarquinius Priscus, dem die Sibylle Cumana Amalthea ihre Orakelbücher ſo theuer anbot— du haſt ſie umſonſt. Und nun, mein Liebling, nun noch ein Wort über deine Reiſen; du findeſt in der Brieftaſche Empfehlungskarten von meiner Hand an zahlreiche hochgeſtellte und einflußreiche Perſonen; deine Jugend und Offenheit, im Bunde mit einem beſcheidenen und ehren⸗ haften Benehmen wird dir überall Wege bahnen, dir Pforten und Her⸗ zen öffnen. Bewahre nur dein eigenes Herz, achte es als einen Schatz, wirf es nicht auf die Gaſſe. Siehe zunächſt, wie es dir in Holland gefällt, und was ſich dir vielleicht dort bietet; außerdem gehe nach Deutſchland, Dänemark, Rußland, die Welt iſt groß und überall des Herrn. Und in jedem Lande bleibe treu und bleibe deutſch geſinnt! Das iſt mein letztes Segenswort, dies mein: Mit Gott!— Nun gehe— ſage mir kein weiteres Lebewohl, denn mit meinem wohl leben iſt es längſt vorüber! Noch einmal wollte der Enkel vor der Großmutter auf die Kniee ſinken, ſie fing ihn aber auf, preßte ihn an ſich, drückte einen Kuß —— mit ihren kalten Lippen auf ſeine Stirne, wandte ſich und ſchritt raſch in ein Nebenzimmer, aus dem ſie nicht wiederkehrte. Sie wollte keine Weichheit, ſie wollte keine Thräne zeigen, vielleicht war ihr auch der Quell der Thränen längſt verſiegt und vertrocknet, und es ſchmerzte ſie, die in ihrem bewegten Leben der Thränen ſo viele geweint, jetzt keine Thränen mehr zu haben. Der junge Graf nahm, was ihm gegeben war und trug es aus dem Zimmer, damit Philipp die Schriften noch recht ſorglich verwahre. Auf dem Fenſtergang, der nach dem Hofe hinabſah, begegnete ihm Windt mit beſtürztem Geſicht. Schlimm! ſchlimm! ſchlimm! rief dieſer aus. O daß Sie geſtern ſchon, und nicht heute erſt den gnädigen Erbherrn begrüßten— alles alles— alles ſtände anders. Oleum et operam perdidi! Da— junger Herr, ſchauen Sie hinab in den Schloßhof! Ludwig folgte mit den Augen dieſer Aufforderung und gewahrte, daß ſo eben der Erbherr in ſeinen Reiſewagen ſtieg, der Kammer⸗ diener ſich hinten aufſchwang, der Jäger Jacob auf dem Reitpferde des Grafen ſaß, und die drei Reitknechte und Stalldiener auf die übrigen Pferde ſich ſchwangen— wie die Herren Hofrath Brünings, Kammerrath Melchers und Secretär Wippermann tiefe Bücklinge vor dem Grafen machten, ein Theil der Hausdienerſchaft neugierig gaffend aus Thüren und Fenſtern zuſah, und wie der Gebieter ohne einen Blick nach dem Gebäude herauf zu werfen, auf und davon fuhr, von ſeiner ganzen mitgebrachten Dienerſchaft begleitet.— Als der Wagen entrollte, nahmen die Herren Beamten drunten aus Hofrath Brünings goldener Doſe jeder eine Prieſe.— Adieu partie! rief Windt droben mit komiſchem Zorn und ſchlecht verhehltem ernſtem Aerger. Der kommt ſobald nicht wieder! Habe mir die Finger faſt abgeſchrieben, bin krank und lahm geworden, habe in Doorwerth geſchmorcht und geſchmachtet, bin davon eine lebendige Satyre auf meinen eigenen Namen, nämlich dürr wie ein Windſpiel geworden, habe Himmel und Hölle beſchworen, den regierenden Herrn zu bewegen, zur Schließung gütlichen Vergleiches hierher zu kommen, habe mir endlich die Zunge faſt aus dem Halſe geredet, Ihre Excellenz zu annehmbaren Ver⸗ gleichsbeſtimmungen zu bewegen, habe auf große Koſten Ihrer Excellenz und meiner Geſundheit die ſchändliche Reiſe gemacht von Arnhem erſt —— du e un un ü in un — —„0 — nach Amſterdam, dann wieder zurück nach Arnhem und über Deventer durch das reizende Over⸗Yſſel, von dem ſchon die alte gereimte Schul⸗ geographie ſingt: Over⸗Yſſel, viel Moraſt, Macht das ganze Land verhaßt— und noch dazu jetzt im März, nach dem geſchmolzenen Schnee— und durch die Grafſchaft Lingen— auch eine ſchöne Gegend— und über alle tauſend Teufelsneſter und Sumpfmoore, ſo groß, daß man in jedes ein paar kleine deutſche Fürſtenthümer verſenken könnte— und Alles nun für nichts und wieder nichts! Aber, beſter Herr Windt, Sie ſind ja ganz außer ſich! ent⸗ gegnete dem Odemſchöpfenden der erſtaunte junge Graf. Und an all' dieſem ſchweren Unheil ſoll ich die Schuld tragen? War der Erbherr nicht ſchon vor dem Auftritt mit mir in Harniſch gebracht? Ich frage nicht, durch wen? denn ich habe hier nichts mehr zu fragen, noch zu ſagen; doch wenn Sie mich ſchuldig glauben, lieber Herr Windt, ſo verzeihen Sie mir, denn ich bin eben im Begriff, mein Vergehen zu ſühnen— ich gehe auch fort. Sie gehen auch fort? rief Windt ganz erſtaunt aus. Heute noch, jetzt— in dieſer Stunde— und auf immer. Mit meinem Willen ſehe ich Varel nicht wieder. Haben Sie Dank, Herr Windt, für ſo manche mir erzeigte gütevolle Freundlichkeit, und leben Sie wohl, recht wohl, und bleiben Sie der Großmutter wie bisher der beſte, treueſte, redlichſte Diener. Ludwig drückte dem alten Manne mit Wärme die Hand, und ſchritt von dannen, ohne die Gegenrede des vor Staunen faſt ſprach⸗ los Gewordenen abzuwarten. In ſeinem Zimmer angelangt, empfing Ludwig aus Philipp's Hand einen Brief: er war vom Erbherrn. Lud⸗ wig ſteckte den Brief zu ſich und befahl zu ſatteln. Eine halbe Stunde ſpäter ſprengten er und Philipp durch das innere Thor aus dem Schloſſe, ſie ritten den Parkweg. Mit thränenumflorten Augen blickte Ludwig nach den Fenſtern der Großmutter hinauf, droben winkte wehend ein weißes Tuch den ſchmerzlichen Abſchiedsgruß. me ir cher uſet 4 hun A. Eine Lebensrettung. der ſunyf mur Eine Zeitlang ritt Graf Ludwig in trüben Gedanken durch die Rech frühlingsknospende Waldung im ſtummen Schweigen dahin. Er fühlte, nirt daß ſeine erſte Jugendzeit mit jedem Schritt ſeines Roſſes weiter Pal hinter ihn zurücktrete, wie ein ſchöner Traum, daß eine eigenthüm⸗ Ausſ liche Welt hinter ihm ſinke, in der er heimiſch und glücklich geweſen nihl war, und mit dem heutigen Tage eine neue fremde Welt ſich ihm lnd aufthue, die er noch nicht kannte und die keineswegs geneigt ſein heißt werde, ihn mit Liebe zu umfangen und auf Roſen zu betten. Bald ganz genug erinnerte ſchon der immer ſchlechtere Weg durch das Gehölz nichr . an den rauhen Boden der Wirklichkeit, und ſtörte gewaltſam die Er⸗ gr innerungen an das entſchwundene Jugendglück. Es galt, dem Schritt ziich 1 der Pferde mit Aufmerkſamkeit zu folgen und ſie ſo zu lenken, daß+ die 5 ſie nicht allzutief in die zahlloſen Moraſtſtellen traten. Hie und da hin 3 lagen noch von Buſchwerk geſchützte und gehäufte Schneemaſſen, die grri 5 weder Sonne noch Regen bisher zu überwältigen vermochten, und ſo 4 waren Herr und Diener herzlich froh, als nach einem langſamen und herb beſchwerlichen Ritt der Waldweg ein Ende nahm und ein Gehöft er⸗ halte 4 reicht wurde, das aus nur wenigen Häuſern beſtand und den Namen Lht 3 Clus führte; es ſaß ein gräflicher Zinsbauer dort und hielt eine We kleine Schankwirthſchaft. zu Dort ſtieg der junge Graf mit Philipp ab, damit der Knecht des Bauern die Füße der Pferde ein wenig waſche und reinige. Ludwig bor erging ſich in ſeinen Gedanken, die auf's Neue brütend und trübe nen wurden, in der Nähe des Gehöfts, während Philipp dem Knechte be⸗ ſuß hülflich war und mit dieſem und dem Bauer ſchwatzte, und da war Zw ringsum nichts, was aufheiternd auf des Jünglings Seele zu wirken„ Lel vermocht hätte. Selbſt der klare blaue Morgenhimmel hatte getäuſcht, it 3 den zahlloſen Mooren des Landes waren ſo viele und ſtarke Nebel w entdampft, daß ſie emporziehend den Himmel wieder völlig verdüſtert hatten. So hemmten ſie zwar die Ausſicht und Fernſicht nicht ganz, aber welche Ausſicht und welche Fernſicht ließen ſie frei! Oede, farb⸗ loſe Haideſtrecken, ſo weit das Auge reichte, und weit reichte es nicht, denn die völlige Fläche der Gegend gönnte keinen ausgedehnten Blick. Der Freund ſchöner, romantiſcher Gegenden darf nicht in dieſe ſumpfigen Oeden wallen; hier in dieſen Nordſeeküſtenländern erhebt nur eins die Seele, das iſt das Meer, das gewaltige Meer! Zur Rechten ſtreifte der Blick am Vareler Buſch, der hier endete, oſt⸗ wärts bis Seggehorn und Jürgengrave hinab, Oertchen, die der Wald verdeckte. Dort am Nordrande des beſchränkten Rundes der Ausſicht grenzten der Kirchthurm von Bockhorn und die Wind⸗ mühle dieſes Ortes jene ab. Weſtwärts das weitgedehnte Marſch⸗ land des Amtes Neuenburg— dort ein einſames Gehöft— es heißt Grabhorn— dort wieder eins— es heißt Grabſtätte— und ganz nahe dem Hofe Clus, im Weſten, da erhob ſich auf einem niedrigen Hügel jener Ort, den am geſtrigen Abend die alte Reichs⸗ gräfin in ihrem Zorne genannt: der Vareler Rabenſtein, und zeichnete ſeine düſtern Formen wie eine dunkle Geſpenſterwarte auf die graue Nebelwand, die dahinter ſtand und nach dieſer Richtung hin den Fernblick völlig abſchnitt. Das war eine Umgebung, ganz geeignet, Gedanken düſterer Melancholie zu wecken und zu nähren. Jetzt gedachte Ludwig des empfangenen Briefes, er zog denſelben hervor, und ſtärker klopfte ſein Herz— was konnte der Brief ent⸗ halten? Jedenfalls eine Ausforderung zum Kampfe auf Tod und Leben— nach dem was vorgefallen war, gab es keinen andern Weg der Sühne für beiderſeitige unausſprechliche Beleidigung. Fol gendes ſchrieb der Erbherr: „Der geſtrige Vorgang trennt uns beide für dieſes Leben, keiner von uns darf und wird den andern mehr kennen. Verzeihen kön nen wir einander die gegenſeitigen, in maßloſer Uebereilung ausge⸗ ſtoßenen Beleidigungen, aber vergeſſen können wir ſie nicht. Ein Zweikampf wäre zwecklos und widerſinnig, er wäre allzuungleich. Das Leben meines Gegners iſt ein noch unbeſchriebenes Blatt, es beginnt erſt— warum ſollte ich es zu vernichten trachten? Ich bin nicht mordluſtig. Mein Leben aber gehört nicht mir allein, es gehört meiner Familie, es gehört noch höheren Zwecken, denen ich diene und treu dienen werde, es gehört meinem Vaterlande. Eines nur will 46 ich ausſprechen, und das allein iſt der Zweck, weshalb ich überhaupt noch einmal das ſchriftliche Wort ergreife. Die alte Frau— in ihrer ſtets ungerechten und unbeugſamen Härte, in ihrem unermeßlichen Stolze auf ihre Familie und ihre Abkunft— hat auf das Empfind⸗ lichſte die Ehre der Familie angegriffen, der ſie ſich doch ohne Zwang verbunden hat. Wenn nun in meinem Gegner, wie ſie zu ſagen beliebte, wie in mir, das Blut jenes Ahnherrn, den ſie nannte, fließt, ſo wird derſelbe nicht wollen und wünſchen, daß ſeine deutſche Abkunft wegwerfend behandelt und der franzöſiſchen untergeordnet werde. Auch wir haben Familienehre, auch wir haben einen Namen von hellem Klang und guter Geltung, wenn wir auch nicht voll aragoniſcher Arroganz mit Königskronen und Sternenmänteln halb⸗ myhthiſcher Perſonen prahlen. Nicht ererbter Glanz und hohe Namen eines wälſchen Geſchlechtes, das auch in den Schoos ſeiner Verwandt⸗ ſchaft eine Lucretia Borgia aufnahm, ſondern Thaten, Thaten des Muthes, der Aufopferung und der Treue, haben unſern Vor⸗ fahren die Wege zu Ruhm und Ehre gebahnt. Jener berühmte William ſchwang ſich durch ſeine Treue und Einſicht von einem Leibpagen empor zum Baron von Cirencheſter, Viscvunt von Woodſtock, zum Grafen— zum Herzog von Portland, zum Pair von England. Er war es, der Wilhelm den Dritten, Prinzen von Oranien, auf den Königsthron Großbritanniens hob, er war es, der den weltgeſchicht⸗ lichen Frieden zu Ryswik vermittelte und zu Stande brachte, und den von langjährigen Kriegen erſchöpften Ländern die Ruhe wieder gab. Das wiegt ſchwerer als das verdienſtloſe Glück, in weiblicher Linie von einem vertriebenen Titularkönige von Neapel abzuſtammen, dem Frankreich das Gnadenbrod bis zu ſeinem ruhmloſen Tode gab. Meine Vettern in England bekleiden hohe Aemter zu Lande und bei der Marine, ſie ſind Lords und Ritter des Hoſenbandordens, die Töchter des Hauſes vermählten ſich in die angeſehenſten engliſchen Familien, eine mit einem Grafen von Eſſer, eine andere mit Wilhelm, Lord Byron, u. ſ. w. Mein Großvater war Präſident des Rathes der Staaten von Holland und Weſftfriesland, ein Herr zu Rhoon und Pentrecht, welche Herrſchaften in Holland noch heute mir und niemand ſonſt, als meiner Familie gehören. Der Zwiſt, in deſſen Folge die Großmutter ſich von dem Großvater trennte, entſprang über die von ge ihrer Familie allerdings herrührenden deutſchen Güter, und die ſo oft von der Erſteren im Munde geführte Beraubung iſt nichts, als die vom Reichshofrath in Anſpruch genommene Hülfe Dänemarks zum Behuf der Wiedereinſetzung meines Vaters in ſeine wohlerworbenen Rechte. Daß Streitigkeiten zwiſchen der engliſchen Linie des Hauſes und der niederländiſchen entſtanden, hervorgerufen durch die verſchie— denartigſten und ungeheuer verwickelten Rechtsanſprüche an die ſo zer— ſtreut und fern von einander. liegenden Beſitzungen, iſt genugſam be— kannt, doch auch erwieſen, daß ſie in Güte und für ewige Zeiten feierlich vertragen wurden, und nur die Goßmutter iſt es, die unauf hörlich ihre an das Fabelhafte grenzenden Anſprüche immer auf's Neue erhebt, und wiederum auf neue ſinnt, wenn man ſich irgend geneigt zeigt, in einem und dem andern Punkte nachzugeben. Es iſt vorauszuſehen, daß nur ihr Tod dieſen verwickelten Knoten lö ſen wird. Mein Gemüth kennt keinen Haß, keine Rache, auch keinen Neid— nie habe ich geſucht, in ein Familiengeheimniß einzudringen und den Schlüſſel einer dunkeln Abkunft zu finden, nie darnach gefragt, mit welchem Recht oder mit welchem Unrecht ein junger Menſch gleichſam als Sohn des Hauſes im Hauſe und als der Großmutter bevorzug⸗ ter Liebling auferzogen wurde, wenn auch oft durch Andere die Frage darnach an mich gethan ward. Gefällt es der Großmutter, die ſo gern verhüllt und verheimlicht, den Schleier zu heben, und finden ſich dann Rechte an das Familiengut, ſo werde ich ſie gewiß nicht an⸗ taſten; finden ſich aber keine rechtsbegründeten Anſprüche, und werden deren dennoch erhoben, ſo weiß ich, was ich mir und dem Namen, wie der makelloſen Ehre meiner Familie ſchuldig bin. Damit wünſche ich dem Herrn Prätendenten Glück auf den Weg, und zeichne Wilhelm Guſtav Friedrich, des heiligen römiſchen Reiches Graf und regierender Souverain von In⸗ und Kniphauſen ꝛc.“ Schloß Varel, am 20. März 1794. Mit eigenthümlichen Gefühlen las Ludwig dieſen Brief. Der A fang hatte ihn verſöhnt, der Schluß verletzte ihn wieder,. Jugendblut kochte in ihm auf, und Glut trat auf ſeine det So gibt er mir den Laufpaß, der mächtige„Souverain“, der Souverain über ein Paar Quadratmeilen Landes; und ſieht mit Hohn auf mich, den nicht ebenbürtigen, ungeſetzlichen Sprößling und Ein⸗ dringling, herabl! O Großmutter, Großmutter! Ich ſag' es noch ein⸗ mal: wärſt du doch geſtern Abend nicht dazwiſchen getreten! Was ſoll mir das Leben mit einem mir geliehenen Namen, von dem ich nicht weiß, habe ich das Recht, ihn zu führen oder nicht? Ein Menſch ohne Namen iſt wie ein Menſch ohne Schatten, beides iſt ein Ding der Unmöglichkeit. Wie ſprach die Großmutter?„Du mußt das Dunkel deiner Geburt mit dir nehmen als deinen Schatten!“— Alſo ein Schatten iſt meine ganze Habe, mein Erbtheil— mein Alles— mein Name iſt ein Darlehn— auch nur ein Schatten, meine Geburt— meine Abſtammung, meine Herkunft— alles Dunkel und Schatten— ſo bin ich denn ein Dunkelgraf— Hahaha! Es iſt gleich ſehr lächerlich, wie zum Verzweifeln! Es war gut, daß Philipp die gereinigten Pferde vorführte und dadurch den trüben Gang der Gedanken des Jünglings unterbrach, den das Schmerzgefühl, ſich namen- und heimathlos in die ihm fremde Welt hinaus geſtoßen zu ſehen, zu übermannen drohte. Sein Jugendleben war ſo ſchön und ſo ſorgenlos, ſo freudenvoll und ſo glücklich dahin gefloſſen, wie ein heller freudiger Murmelbach muntern Laufes durch blumenvolle hellbeſonnte Bergmatten rollt, und in Sprüngen über glattes Geſtein und glänzende Kieſel hüpft. Treffliche Lehrer hatten ihn gut unterrichtet; ohne auf die Bahn eines Gelehrten geführt werden zu ſollen, hatte man ihm doch eine Grundlage von der Kenntniß der alten Sprachen beigebracht, aber Ludwig ſprach und ſchrieb auch gleich geläufig deutſch und holländiſch, engliſch und franzöſiſch. An den ritterlichen Uebungen des Reitens, Fahrens, Fechtens, Eislaufens, wie an den Künſten des Weidwerkes im Wald, auf Feld, auf Fluß und im Meere, war kein Unterricht geſpart worden. Der junge, körper⸗ lich zart, aber doch kräftig entwickelte Mann vermochte das wildeſte Roß zu bändigen, ein Boot durch ſtürmiſch empörte Wellen glücklich zu rudern, und hatte ſtets Gefallen an ſolchen Uebungen der Kraft Gewandtheit gefunden.— pilis denn reiten der junge gnädige Herr? mit dieſer Frage riß Philip—innenden aus ſeinem grübelnden und brütenden Nach⸗ —— denken, und dieſe Frage war eine äußerſt wichtige, denn es gab nur zwei Wege, einer, der nach Norden zu den Städten und Orten und Inſeln der Nordſeeküſte führte, und ein zweiter, der in gerade ent⸗ gegengeſetzter Richtung nach dem Herzen des Herzogthums Oldenburg und nach deſſen Hauptſtadt leitete; doch trat dem neuen Herkules am Scheidewege beim Clushof weder eine Geſtalt der Tugend, noch eine des Laſters nahe, ſondern nur die Geſtalt des Bauers und ſeines Knechtes, die nach einem Trinkgeld für ihre Bemühung lungernd die groben ſchmutzigen und arbeitgewohnten Hände aufhielten. Wohin wir reiten, Philipp? fuhr Ludwig aus ſeinen träume⸗ riſchen und ſelbſtquäleriſchen Gedanken auf, indem er die Anſprüche des Bauers und des Knechtes zu befriedigen Anſtalt traf; denn wahrlich, er hatte an dieſe Frage ſelbſt noch nicht gedacht, er hatte keine Abſicht, keinen Plan, keinen Zweck, nie wurde mehr ein Ritt ins Blaue hinein, was in das Frieſiſche überſetzt: ins Nebelgraue hinein lautet, angetreten, und ſo ſah ſich Graf Ludwig wider Verhoffen und faſt willenlos zu einem fahrenden Ritter und Abenteurer durch des Schickſals Willen geſtempelt. Er überdachte einige Augenblicke die an ihn geſtellte Frage und erwog deren Schwere.„Nach den Niederlanden!“ Dies ſetzte ſich in ihm als Hauptgedanke feſt, aber welchen Weg dahin einſchlagen? Den endlos langen, einförmigen über Oldenburg, Quaakenbrück und Lingen, oder den an der friſchen Nordſee, durch Friesland, wo täglich, ja ſtündlich ſich Gelegenheit bot, zu Schiffe zu gehen und die Welt zu durchfahren? Nordwärts lichtete ſich der Himmel und die Ferne, und die Bokhorner Mühle ließ ihre gewaltigen Flügel, ein Spiel des Windes, raſch umdrehen; ſüdwärts ſchleierte die ſtehende Nebelwand alles ein, und ſo kam es, daß Ludwig, zumal ihm zu rechter Zeit die abſchreckende Schilderung einfiel, welche ihm vor wenigen Stunden noch der Haushofmeiſter ſeiner Großmutter, Herr Windt, von ſeinem Wege gemacht, raſchen Entſchluſſes auf ſeine Iſabelle ſich ſchwang und dem Diener, der ein Gleiches auf ſeinen Braunen gethan, gegen Bockhorn zu auf der ſandi⸗ gen Haideſtraße voran ſprengte, bis es nöthig wurde, die Thiere wieder im gemachſamen Schritt gehen zu laſſen. Der Weg war beſſer, und führte in ſchnurgerader Linie nach und durch Bockhorn, von da am Blauhand Grod und an eultivirtem und nicht eultivirtem Geeſtland D. B. I.. 50— vorüber, bis faſt nahe zu den Deichdämmen des Jahdebuſens, in die Herrlichkeit(ſoviel als Herrſchaft) Gödens hinein und hindurch und endlich in die Herrlichkeit Kniphauſen. Schon erhob ſich vor den Blicken des Reiters das ſtattliche alterthümliche und feſte Herrenſchloß. Ludwig dachte nicht daran, auf daſſelbe, das Beſitz⸗ thum des Mannes zuzureiten, der ſein einziger, aber auch zugleich ſein bit⸗ terſter Feind war, ſondern wollte daſſelbe rechts liegen laſſen, mit ſeinem Diener noch bis Jever reiten, und dort Nachtraſt halten. Ludwig kannte jenes Schloß; die Großmutter hatte mit ihm auch dort bisweilen ge⸗ wohnt, da der Vetter meiſt ſich in den Niederlanden aufhielt, es war groß und reich ausgeſtattet. Die Gedanken des jungen Grafen konn⸗ ten ſich, ſo lange er in dem Bereiche der Beſitzungen der Familie ſich befand, in der er ſich ſelbſt von den erſten Jugenderinnerungen an gefun⸗ den und heimiſch gefühlt, von dieſer nicht losreißen. Er dachte beim An⸗ blick des Schloſſes auch an den jüngern Vetter, den Grafen Johann Carl, der ſein Vaterland verlaſſen hatte, um in England Kriegsdienſte zu nehmen. Dieſer hatte ſich mit dem älteren Bruder nie recht ver⸗ tragen. Ebenſo war der Oheim, der zweite Sohn der Großmutter, in engliſchen Seedienſt gegangen, hatte ſich dort vermählt und eine jüngere Linie begründet. Dieſen hatte Ludwig nicht gekannt; er war vor des Letzteren Geburt bereits im Jahre 1775 verſtorben.— Als am Morgen dieſes Tages der Erbherr mißmuthig und ſchweig⸗ ſam aus dem Schloſſe Varel fuhr, war es ſeine Abſicht, nur bis zum Strande zu fahren, und ſich auf ſeiner Jacht einzuſchiffen, ſeine Dienerſchaſt aber, bis auf die nöthigſte, wieder zurückzuſenden. Mit aufgeregtem und grollendem Gemüth, und weit mehr von Haß und Aerger gegen die Großmutter, als gegen den ihm im Wege ſtehenden Verwandten erfüllt, ſehnte er ſich wieder auf das Meer, deſſen ſtürmiſch bewegte Wellen zu dem unruhevollen Wogen ſeines Gemüthes paßten. Er wollte dann in raſcher Fahrt aus dem Jahdebuſen ſteuern und längs der Inſelkette der Nordſeeküſte, von Wangeroge bis Norderney und Ameland ſegeln, dann durch die Watten in die Zuyder⸗See ein⸗ laufen und Amſterdam gewinnen, wo jetzt der Schauplatz ſeiner poli⸗ tiſchen Thätigkeit war. Vor der Einſchiffung aber wollte der Graf einen Weg, den ſeine Vorfahren um die Mitte des Jahrhunderts an⸗ gelegt hatten, der in Abfall gekommen und durch ihn erneut worden — war, beſichtigen und mit eigenen Augen ſchauen, da er ſich einmal d im Lande befand, in welcher Weiſe ſeine Aufträge vollzogen worden ſeien. Dieſer neue Weg führte über das Gehöft Buppel zu einem he zweiten, welches vorzugsweiſe den Namen:„beim neuen Wege“ führte, überſprang dort das kleine Flüßchen Wapel und führte über Heupult nach Jahde, deſſen 1523 erbaute Kirche ſtattlich in Mitten der Häuſer m des bedeutenden Dorfes ſtand, welche ſich wie ein großer Zug wilder te Gänſe, oder in Form des Geſtirns der Hyaden unabſehbar erſtreckten. Mitten hindurch rann das Flüßchen Jahde und ringsum wurde außer r den Häuſern und wenigen vereinzelten Bäumen nichts erblickt, als Dämme und Deiche, die Zeugen des ewigen Kampfes der die Ufer bewohnenden Menſchen mit dem gewaltigen Element des Waſſers, das fort und fort wühlend, ſteigend und fallend, fluthend und ebbend, mit jedem Wellenſchlage der Fluth wiederholend und drohend anpocht, und n verheißt, ſeine Drohungen wahr zu machen, die es ſchon oft und zum te ſtarren Entſetzen ganzer, großer, weiter und blühender Landſtrecken ⸗ wahr gemacht hat. er,— Graf Wilhelm Guſtav Friedrich fand den neuen Weg vortreff⸗ ne lich und beſſer als die Wege außerhalb ſeiner Herrlichkeit, und fuhr nun in etwas erheiterterer Stimmung über die Vareler Groden nach dem großen und hohen Deichdamm, der in unermeßlicher Zickzackaus⸗ ⸗ dehnung den Jahdebuſen und ſeine Geeſten umfängt. Als das Deich⸗ 6 thor geöffnet war, rollte der Reiſewagen raſch über die harte Kies⸗ fläche des unfruchtbaren grobkörnigen Meerſandes, dem Jahder und it Wapler Siel vorüber und dem Vareler Siel zu, wo die„ſchöne Suſanna“, ſo hieß die Jacht des Grafen, vor Anker lag. Des Gra⸗ fen ſcharfer Blick fand ſie bald unter den andern in der Bucht ge⸗ ankerten Fahrzeugen heraus, aber dieſer Blick verfinſterte ſich, als er mit kundigem Auge entdeckte, daß das Schiff nicht ſegelfertig ſei, und er entſann ſich jetzt mit Verdruß, daß er vergeſſen hatte, dazu Befehl zu ge⸗ ben, vielmehr wußten der Steuermann und die wenigen Matroſen, die der Dienſt des kleinen Schiffes erforderte, nicht anders, als der Gebieter werde mehrere Tage am Lande bleiben, daher auch ſie ſich an dem⸗ ſelben nach ihrer Art von der widrigen Seereiſe zu erholen trachteten. Noch mehr aber ſtieg der Unwille des Grafen, als er am Hafenplatze den Zimmermann ſeines Schiffes mit einigen am Lande geholten Ar⸗ 4* beitern antraf, der eben nach der Jacht ſich zu begeben im Begriff war, und meldete, das Schiff habe eine Beſchädigung erlitten, zu deren völliger Ausbeſſerung mehr als die Zeit eines Tages erforder⸗ lich ſei, eher könne die ſchöne Suſanne ohne große Gefahr nicht wie⸗ der in die See gehen. Da half weder Zürnen noch Schelten, an welchem der Erbherr, ohnedies in der übelſten Stimmung, es nicht fehlen ließ; er mußte ſich in das Unvermeidliche fügen, und da er mit ſeiner Dienerſchaft und den Pferden nicht am Strande verweilen konnte, ſo blieb ihm nur die Wahl, entweder nach Varel zurückzukehren, oder nach einem andern in der Nähe gelegenen bedeutenderen und für ihn angemeſſeneren Orte zu fahren. Zur Rückkehr konnte ſich der Graf unmöglich entſchließen, denn ſein ſchneller Weggang ſollte für die Großmutter eine Strafe ſein— er faßte daher raſch ſeinen Entſchluß, befahl, daß die Jacht ſogleich nach ihrer Wiederherſtellung in fahrbaren Stand durch den Buſen hinab, an der Ecke von Heppens vorbei, in die Jahde⸗Strömung ein⸗ fahren und am Ruſtinger Siel anlegen ſollte. Als dieſer Befehl ge⸗ geben war, fuhr der Graf längs des ſich endlos vor ihm ausdehnen⸗ den, vielfach gewinkelten Deichs(Dammes) bis hinunter zur Dan⸗ Geeſt, ließ das Salze⸗Brak rechts, fuhr am Ellenſer Grod hin, und verließ erſt drunten beim Marien Siel den Deichwall, um aus dem Gebiete des umfangreichen Jahdebuſens weiter nordwärts zu eilen. Es verging eine gute Anzahl Stunden, durch mancherlei Aufenthalt und der Wege Unfahrbarkeit, bevor der Graf das Oertchen Accum er⸗ reichte.— Graf Ludwig nebſt ſeinem Diener Philipp ließen ihre Roſſe ge⸗ machſamen Schritt gehen, als ſie von weitem eine Kutſche, die mit vier Apfelſchimmeln beſpannt war, auf ſich zukommen ſahen, und plötzlich rief Philipp aus: Sind die toll, oder was iſt das?— und Ludwig gewahrte jetzt auch, daß die Pferde in den raſendſten Sätzen galoppirten, daß der Wagen gar nicht mehr auf der Fahrſtraße war, daß er ſchwankend und wankend wie eine Feder emporhüpfte, wenn es über einen durch das Marſchland gezogenen ſchmalen Waſſergraben ging, jeden Augenblick umzuſtürzen drohte, daß der Kutſcher wie ein Wüthender an den Strängen zog und zerrte, und bereits den Hut verloren hatte, und daß für Menſchen und Thiere die augenſchein⸗ lichſte Todesgefahr vorhanden war. Das iſt ein Unglück! die Pferde gehen durch!— Dies rufend und ſein Pferd in Galopp ſetzend, dem Wagen entgegen, war von Seiten Graf Ludwig's das Werk eines Augenblicks, Philipp folgte nicht minder raſch dem Beiſpiele ſeines Gebieters. Wenn jener Wagen nur noch eine Minute lang in dieſer Weiſe fuhr, ſo ſtürzte Schiff und Geſchirr und alles in das zwar ſchmale, aber tiefe Flüßchen, die Made, die von Dickhuſen her den Weg kreuzte. Mit einem furchtbaren Satze flog die kräftige Iſabelle über das Bette des Flüßchens, und Philipp's Brauner wollte ſich nicht an Bravheit von jener übertreffen laſſen. Auf Tod und Leben jagte der Graf den durchgehenden Pferden entgegen, Philipp ſah mit einem Blick voll Schreck, welcher Gefahr derſelbe ſich ſelbſt toll⸗ kühn ausſetzte, ſtach ſeinem Roſſe die Sporen noch einmal in die Seite und überholte die Iſabella, um mit kühner Todesverachtung den erſten Anprall ſelbſt zu empfangen. Wenige Secunden ſpäter, und in einen furchtbaren entſetzlichen Knäuel verwickelt wälzten ſich Roſſe und Mann am Boden, Philipp hatte ſein Pferd gerade auf die entgegenſtürmenden über und über mit Schaum bedeckten wilden Pferde losgetrieben, der Graf folgte alsbald und hatte Noth, nicht auch zu ſtürzen. Die vordern Pferde lagen, die hintern ſtanden zitternd und bebend und heftig ſchnaubend, immer noch verſuchend, ſich zu bäumen, und an den innern Seiten war bei⸗ den die Haut furchtbar blutig und zerriſſen. Philipp arbeitete ſich unter den Pferden hervor, wie durch ein Wunder war er unverletzt, der Kutſcher ſprang, von unerhörter Anſtrengung ſchweißtriefend und an allen Gliedern zitternd, vom Bock, und ſuchte ſeinen Pferden auf⸗ zuhelfen; der Wagen, ein ſtarker, feſter Bau, ſonſt wäre er auf dieſem Wege zertrümmert, ſtand— von fern her liefen einige Menſchen her⸗ bei, der Jäger und der Jokei, welche bei den heftigen Stößen von ihrem Sitz im hintern Halbtheil des Wagens herabgeſchleudert worden waren. Der Graf ritt raſch zum Schlage,— da lag ein marmor⸗ bleiches ſchönes Frauenbild, wie eine geknickte Lilie in regungsloſer tiefer Ohnmacht, und ein zartes Kind, ein Mädchen zwiſchen drei und vier Jahren, umklammerte mit ſeinen Händchen die Kniee der Mutter und barg ſein blondes Lockenköpfchen in deren Schvos, ebenfalls ohne ſich zu regen; der Mutter Arme und Hände waren um das Kind 54 angſtvoll geſchlungen. Raſch ſchwang ſich der Graf vom Roß, riß den Schlag auf und hob das Kind heraus. Onkel Ludwig! Wir todt! ſprach das Kind. Mutter hat ſagt: Mariechen— wir todt! O Himmel, die Gräfin! ſeufzte Ludwig erſchüttert und ſprach zu dem Kinde, einen flüchtigen Kuß auf deſſen Stirn hauchend: Nicht todt, nicht ſterben, kleine Marie, nicht ſterben, nicht todt ſein! Doch— Mutter— ſterben, Onkel Ludwig! ſtammelte das Kind und weinte. Das wolle Gott nicht; die gnädige Gräfin iſt nur ohnmächtig! Mit Hülfe der herbeigeeilten Dienerſchaft und des Waſſers der Made geſchah alles Nöthige, die ohnmächtige Gräfin in das Leben zurückzurufen; es fand ſich im Wagen ein Fläſchchen mit kölniſchem Waſſer. Decken wurden auf den neu hervorſproſſenden Raſenteppich gebreitet, die Gräfin wurde ſanft und vorſichtig aus dem Wagen ge⸗ hoben, durch Kiſſen, die ſich vorfanden, ihr Haupt geſtützt, und ſo lag ſie ſanft und warm und weich, und Graf Ludwig kniete neben ihr und rieb ihr mit der von gewürzreichen Oelen geſättigten geiſtigen Flüſſigkeit, die ſo falſch kölniſches Waſſer heißt, und kölniſcher Wein⸗ geiſt heißen ſollte, die Schläfe. Die Gemahlin des Erbherrn von In⸗ und Kniphauſen, Ottoline Friederike Louiſe, geborene Gräfin von Lynden⸗Reede, Tochter des hol⸗ ländiſchen Geſandten am königlichen Hofe zu Berlin, ſchlug die Augen auf, und hauchte nach einigen Secunden: Marie! Meine Marie! Da bin, Mama! rief das Kind. O Gott, o Gott, Dank! ſeufzte die Mutter, und richtete ſich empor. Verwundert fiel ihr Blick auf die veränderte Umgebung, auf den um ſie bemühten ihr wohlbekannten jungen Mann, auf ihr ſich zärtlich an ſie anſchmiegendes Töchterchen, auf die verwirrte und beſtürzte Dienerſchaft— doch kehrte ihr ſchnell Erinnerung und beſonnene Faſſung zurück. Dort ſtand der Wagen, dort ſchnaubten noch die wieder aufgerichteten Pferde ſtark und heftig, und jetzt ſprach Ludwig: Gnädige Frau Gräfin, das war eine entſetzliche Gefahr! Dem Himmel ſei Dank, der mich durch wunderbaren Zufall auf dieſen Weg führte! Sie ſind es, Vetter! erwiederte die junge Reichsgräfin, und ver⸗ ſuchte ſich zu erheben, wobei ſie aber ſeiner Unterſtützung bedurfte, und mit einem ſchmachtenden Blick aus ihren ſchönen blauen Au⸗ —— gen ihn lohnend, blieb ſie ſanft an ihn gelehnt, der ihr eine ſtarke Stütze war, und ſuchte ihre dahin geſchwundene Kraft mit leiſem Er⸗ athmen zu ſammeln. Da nahte dieſem Paare der Kutſcher und ſtürzte in die Kniee vor den beiden Gebietern: Gnädigſte Frau Gräfin, gnädigſter junger Herr, üben Sie Barmherzigkeit und verzeihen Sie mir! Unverſehens ſtieß die Wagendeichſel beim Ausfahren aus dem Schloſſe an einen Prall⸗ ſtein, ohne daß ihr Bruch erfolgte, ſonſt würde ich denſelben gewahrt haben; ich fuhr daher ohne irgend eine Sorge weiter; plötzlich während der Spazierfahrt brach das vordere Holz der Deichſel ſplit⸗ ternd ab, und das hintere Theil verwundete nun ebenſo plötzlich mit ſeiner ſcharfen Spitze die Pferde fort und fort, die dadurch wüthend wurden und durchgingen, und auf die andern Pferde einhieben, daß auch dieſe wie toll mit von dannen rannten. Wenn der junge gnädige Herr nicht im einzig möglichen Augenblick der Rettung dazukam, ſo wären wir vielleicht jetzt alle todt, denn die Pferde hätten ſich ſammt dem Wagen in die tiefe Made geſtürzt, auf die ſie unaufhaltſam zu⸗ liefen. Ich bin unſchuldig, das kann ich bei Gott beſchwören!— Todt! todt! rief ſchaudernd die junge, ſchöne, im vollen Leben reizend blühende Gräfin aus. Todt— ich und meine kleine Marie!— Stehe auf, Klas— mir ſchaudert. Ich will dir glauben!— Nicht todt, Mama! rief das Kind zu ihr hinauf und langte mit ſeinen Händ⸗ chen nach der Hand der Mutter. Und Sie mein Retter! der Retter meines Lebens, und meines theuren Kindes! rief die Gräfin zu dem ritterlichen Jüngling, der mit mannigfach einander widerſtreitenden Gefühlen vor ihr ſtand. Zurück nach dem Schloſſe! Sie kommen mit, Couſin! ſprach Ottoline. Sie hatten uns wohl ohnehin und ohne Zweifel Ihren Beſuch zugedacht? Ich danke, gnädige Gräfin, erwiederte Ludwig verwirrt. Ich war nicht auf dem Wege nach Schloß Kniphauſen, ich wollte— zur See⸗ küſte. Ein glücklicher Zufall führte mich Ihnen zur günſtigen Stunde entgegen, und ich danke dieſem— aber— Aber? Mein junger Couſin? wiederholte die Gräfin. Wollen Sie Ihren Ritterdienſt nur halb thun? Soll ich hier harren, bis vom Schloſſe ein anderer Wagen geholt iſt? Sehen Sie nicht, daß — der Abend naht, und wie ich angegriffen bin? Oder⸗ſoll ich bis zum Schloſſe mit dem Kinde gehen? Denn fahren kann ich doch nicht ohne Deichſel und mit dieſen Pferden— und wir ſind über eine Viertel⸗ ſtunde von Kniphauſen entfernt. Das hilft Ihnen nun nichts, mein lieber Lebensretter. Ich beſteige das Pferd Ihres Dieners, nehme mein Kind vor mich, Sie begleiten mich und Ihr Diener folgt mit meinen Leuten, Pferden und dem Wagen uns nach. Wiſſen Sie ei⸗ nen beſſern Rath? Dann bitte ich nur unterthänig, meine Iſabelle, die ſanft geht, zu beſteigen, und mir die holde Laſt der kleinen Marie anzuvertrauen, antwortete Graf Ludwig, einſehend, daß er nicht anders könne, als die Gemahlin ſeines bittern Feindes zu geleiten, es möge daraus folgen, was da wolle. Auf dem in angedeuteter Weiſe erfolgenden Rückwege nach dem Schloſſe, das in heller Beleuchtung der Frühlingsſonne erglänzte und deſſen hohe zahlreiche Spiegelfenſter dieſen Glanz weithin über die flache Gegend zurückſtrahlten, ſprach die Gräfin zu dem neben ihr reitenden hülfreichen Beſchützer, der ihr munter und freudvoll jauch⸗ zendes Kind ſorglich vor ſich hielt: Daß mein“Mann in Varel iſt, wiſſen Sie ohne Zweifel. Er eilte eigens von Amſterdam dort⸗ hin, um mit ſeiner alten Großmutter wieder einige der ewigen Familienſtreitigkeiten zu ſchlichten, und einen Vergleich abzuſchließen, und hat mir geſchrieben, daß er nach drei bis vier Tagen hoffe, auf unſerm Schloſſe bei mir hier eintreffen zu können. Er werde, wenn er könne, ſeine Jacht im Ruſtringer Siel beilegen, dahin wir nur eine gute Wegſtunde haben, einen oder zwei Tage hier verweilen, und dann die Rückfahrt zur See nach Amſterdam antreten. Ohne Zweifel kommen Sie doch von Varel, Couſin— was wiſſen Sie von meinem lieben Mann? Welche Pein dieſe unbefangenen Fragen der im höchſten Grade liebenswürdigen Frau dem jungen neben ihr reitenden Mann verur⸗ ſachten, läßt ſich nicht ſchildern. Er erwiederte, indem wechſelnde Gluth und Bläſſe ſein Geſicht überflog: Gnädige Gräfin— aller⸗ dings komme ich von Varel, aber um nie wieder dorthin zurückzukeh⸗ ren— und der mich von dort wegtreibt, iſt— Ihr Gemahl! Wilhelm? Mein Mann? fragte die Gräfin mit großem Blick. 4 — 57 Ein unſeliger Auftritt zwiſchen uns beiden trennt uns für immer — das kam wie ein Blitz— ein unbedachtes Wort von mir, das bei meiner Ehre! nicht verletzen ſollte, reizte ihn zu maßloſer Heftigkeit— auch in mir flammte nun Zorn auf— es fiel hartes Wort um har⸗ tes Wort, und ich— gehe— denn ich habe in Varel nichts mehr zu ſuchen. Auch Ihr Herr Gemahl, gnädige Frau Gräfin, verließ noch vor mir Schloß Varel— wahrſcheinlich um zurückzureiſen, denn auch mit der Großmutter, die zwiſchen uns trat, nicht verſöhnend, ſondern heftig und zürnend, ſcheint er alles Angebahnte abbrechen zu wollen. Jedenfalls hat der Graf ſich auf ſeine Jacht begeben, doch weiß ich dies nicht gewiß, da ich den Weg über Bockhorn einſchlug. Aus die⸗ ſem allen erſehen Sie, gnädige Frau Gräfin, daß ich ganz unmöglich Ihr Schloß betreten kann und darf, das Haus eines Mannes, der mich haßt und mich, was mir noch ſchwerer füällt zu tragen, verachtet. Das iſt ja eine ſchmerzlich betrübende Mär, die Sie mir da ver⸗ künden, mein Couſin! verſetzte Gräfin Ottoline. Aber das Alles hilft Ihnen nichts, Sie müſſen dennoch mit mir auf unſer Schloß. Hat mein Mann Sie veleidigt, ſo iſt er ganz gewiß der Mann, keine Ge⸗ nugthuung zu verweigern, die Sie irgend fordern können, dafür kenne ich ihn, dafür kennen auch Sie ihn ſicherlich— und haben Sie ihn und wäre es tödtlich, beleidigt, ſo muß er Ihnen vergeben, um mei⸗ netwillen, um unſers lieben Kindes willen, meiner ſüßen Marie, die ſich jetzt ſo ſanft und traulich an ihren ritterlichen Lebensretter ſchmiegt. 5. Der Falk von Rniphauſen. Wenn Ihr Herr Gemahl, wie zu erwarten ſteht, käme, und mich in ſeinem Schloſſe fände, nach dem, was zwiſchen ihm und mir vor⸗ gefallen— was hätte ich zu erwartens Jedenfalls neue Beleidigung, neue Demüthigung, ſprach der junge Graf. Darum bitte ich noch ein⸗ mal ganz unterthänig, an des Schloſſes Pforte mich mit meinem Diener zu entlaſſen. Es wird das Glück meines künftigen Lebens —6— ausmachen, und ich werde ſtets dem Himmel dafür danken, daß mir vergönnt wurde— was wir gewiß für eine Fügung Gottes halten dürfen— Ihnen den heutigen Dienſt mit Hülfe eines treuen Dieners zu leiſten— aber bleiben kann und darf ich hier nun einmal nicht! Es iſt die feurigſte aller feurigen Kohlen, die wohl je auf eines Feindes Haupt geſammelt ward, entgegnete die Gräfin: aber mein lieber Couſin, Sie ſind nun ſchon in meinem Bann, hier bin ich Herrin und Verweſerin der Herrlichkeit Kniphauſen, ich laſſe Sie nicht los, Sie ſind jetzt mein mir auf Gnade und Ungnade ergebener Gefangener. Wo wollten Sie denn nun auch noch hin— da der Abend ſchon anbricht? Und Sie wiſſen ja, daß in unſerm Hauſe die Ungnade als Ahnfrau umherſpukt! Wie befindet ſich denn unſere noch lebende Ungnade, die Alte? Wenn dieſe Frage ihrer Excellenz der alten Frau Reichsgräfin Charlotte Sophie gilt, verſetzte Ludwig, in etwas durch die ſpöttiſche Weiſe verletzt, welche die letzte Rede Ottolinens zu einer Spitze ſchliff, ſo kann ich berichten, daß hochdieſelbe nach den Umſtänden, die deren hohes Alter mit manchem Weh begleiten, ſich leidlich wohl befinden. Ich höre das immer gern, lenkte die Gräfin ein. Wie ſchroff und wunderlich auch dieſe alte Frau erſcheinen mag, wie wenig Grund wir auch haben, ſie zu lieben, achtungswürdig iſt ſie mir ſtets er⸗ ſchienen. Auch iſt ſie die Pathe meiner Marie Antoinette Charlotte.— Wir alle werden nicht beſſer mit den wachſenden Jahren, und ändern kann ſich nun einmal eine Frau von neunundſiebenzig Jahren nicht mehr. Wie auch immer das Urtheil der hohen Familie über dieſe wür⸗ dige Greiſin gefällt werde, hold oder abhold, günſtig oder ungünſtig— verſetzte Ludwig: mir ſteht ſie hoch und gilt ſie viel. Meine dankbare und liebende Verehrung gegen ſie kann und wird nur mit meinem Leben enden— und das eben war es, was ich gegen Ihren Herrn Gemahl äußerte, daß ich nicht glaube, ſie werde ihm Ungerechtes an⸗ ſinnen, und was ihn ſo furchtbar gegen mich in Harniſch brachte, daß er ſeiner ſelbſt vergaß.* Laſſen Sie uns von all dieſem doch lieber jetzt ganz ſchweigen, mein lieber Couſin! erwiederte die Gräfin ernſt und voll der mildeſten Freundlichkeit. Es kann ſich alles wieder zum Guten und Rechten lenken jn — 5— laſſen. Jetzt ſind wir hier und die gute Stunde ſei die unſere. Ich heiße Sie von ganzem Herzen im Schloſſe Kniphauſen willkommen. Es war hier gar nichts Anderes für Ludwig zu thun, als dem edeln Willen zu gehorchen— die Herrin ließ ihn in ein Empfang⸗ zimmer geleiten, wo ſie ihn ihrer zu harren bat, und indem ſie ſich in ihr Zimmer zurückzog, gebot ſie der Dienerſchaft, für Herrn und Diener und deren Pferde die größte Sorge zu tragen. Dieſe Diener⸗ ſchaft war ganz erſtaunt und verwundert, die Herrin und das Kind ſo ankommen zu ſehen, und nach einer Weile erſt die Leibdiener mit dem Kutſcher und den blutenden und abgehetzten Pferden, von denen das eine ſich im Stalle ſogleich auf ſeine Streu legte und nach einigen Stunden todt war. Graf Ludwig ſah ſich mit unruhvoll klopfendem Herzen allein in dem prachtvoll ausgeſtatteten Zimmer, und wünſchte ſich weit hinweg, ſo ſehr ihn ſein Ritterdienſt freute. Aber wenn der Erbherr ankam— um keinen Preis hätte er doch hier ihm gegenüberſtehen mögen, und deshalb war er von Unruhe erfüllt, die er durch Betrachtung der Gegenſtände, die das Zimmer darbot, zu beſchwichtigen ſuchte, da er einſah, daß ſie doch nichts in ſeiner dermaligen Lage ändern könne und werde. Die Zimmerwände waren von flandriſchen Tapiſſerien überkleidet, deren Gegenſtände im großartigen Style Raphaeliſcher Kunſtſchöpfungen gehalten und meiſterhaft gewirkt waren. Das Ge⸗ täfel der Fenſterwände war von Mahagonyholz gleich den tiſchhohen Vertäfelungen der Zimmerwände. Hochwerthvolle Portlandvaſen ſtanden auf den Marmorplatten der Spiegeltiſche und manch koſtbares Kunſtwerk war in dem reizenden Zimmer verſtreut, deſſen Ausſicht nach Oſten ging, wo der Blick ungehemmt über die Marſchlandfläche auf den breiten Silber⸗ ſpiegel des Jahdeſtroms und jene Stelle flog, wo am ſogenannten hohen Weg(eine Bezeichnung ſandiger Untiefen), Jahde⸗ und Weſerausſtrom ſich einen. Dahinter begrenzte das weit nordoſtwärts ſich hinſtreckende Geeſtland und die Hügelwellen der Dünen um die Vogtei Werden die Fernſicht. Dieſer Ausſicht, welche Graf Ludwig längſt kannte, ließ die innere Unruhe, in der er ſich befgnd, keine lange Betrachtung vergönnen, er wandte ſich wieder ab, ohne zu ſehen, daß ein Reiſe⸗ wagen von mehreren Männern zu Roß gefolgt, dem Schloſſe ſich raſch näherte. —6— Des Grafen Blick weilte jetzt ſinnend auf einem ganz außer⸗ gewöhnlichen Kunſtwerk, das auf einem eigens für daſſelbe bereiteten zu Pfeiler von koſtbarem Holze ſtand. Dieſes Kunſtwerk war fußhoch 6i und ſtellte einen Falken dar, deſſen Körper völlig aus Edelſteinen ni beſtand, die dicht aneinander gereiht in eine ſteinharte Kittmaſſe ein⸗ t gefügt, den Kenner neben dem Werth als Kunſtwerk auch den außer⸗ t ordentlichen Geldwerth dieſes eigenthümlichen Prachtgeräthes erkennen d ließen. Der Vogel ſtand mit hängenden Flügeln in ruhiger, aber wachſamer Stellung auf ungleichem Fußboden, der einen Felſen vor⸗ L ſtellte. Die Augen waren zwei künſtlich geſchnittene Chryſopraſe, die vo gelbe Hornhaut über dem Schnabel war aus Hyacinth gebildet, der Schnabel ni aus braungelblichem Chalcedon. Die Kopffedern waren eitel Rubinen, hol die der Flügel beſtanden aus formgerecht zugeſchnittenen Streifen von ger edlen Granaten, Pyropen und Smaragden, heller oder dunkler ſich in hie ihren Lagen abſchattirend; die lichten Stellen des Leibes deckten herr⸗ kl liche Opale, welche die Stellen der weißen Federn vertraten. Die Füße te waren mit himmelblauen Türkiſſen überkleidet, und die ſchwarzen Klauen F waren aus Labradorſtein geſchnitten und äußerſt natürlich eingefügt*). Die Thüre ging auf, die Erbgräfin trat ein, Mariechen an der e Hand und gefolgt von Dienerſchaft, welche Erfriſchungen trug. He Ein leichtes Hauskleid umwallte die von dem Erlebten noch bleiche fi reizende Geſtalt Ottolinens, die von zartem Bau und mittlerer Größe 9 in ihrem ganzen Weſen die holdeſte Lieblichkeit offenbarte. n Sie betrachten den Falk von Kniphauſen, begann Ottoline. Wie w doch unſere Gedanken ſich begegnen! In dieſem Augenblick dachte auch ich an dieſes kunſtvolle Geräth, ein Werk des berühmten königlich ſe ſächſiſchen Hofjuweliers Johann Friedrich Dinglinger, das für uns gar 6 eine hohe und wichtige Bedeutung hat. Es iſt ein Verſöhnungspokal, d ein werthes Erbſtück der Familie, gefertigt zum Andenken an eine t freudige Einigung in derſelben nach langem betrübenden Zwieſpalt, li und heißt„der Falk von Kniphauſen“. t *) Dieſes im Londoner Krgſtallpalaſt ausgeſtellt geweſene bewunderungs⸗ würdige, Deutſchland leider en gene Kunſtwerk iſt in der Londoner illuſtrir⸗ ten Zeitung Vol. 19. Juli to Dec. 1851 S. 133 mit der Unterſchrift: Je- ze welled Hawk, exhibed by the Duke of Devonshire ab⸗ ſi gebildet und ausführlich beſchrieben. — 61 Ottoline erfaßte das Kunſtgeräth, ſchlug leicht den Kopf des Vogels zurück und es zeigte ſich, daß das Innere von glänzendem Golde war. Einen Diener herbeiwinkend, füllte die Erbgräfin den goldenen Becher mit dem edelſten Wein, während Graf Ludwig die kleine Marie, die zutraulich, als die Mutter ihre kleine Hand los ließ, zu ihm hin⸗ getrippelt war, zu ſich emporhob und mit eigenthümlichen Gefühlen das ſchöne Kind liebkoſend an ſich drückte. Die Gräfin kredenzte nippend den köſtlichen Wein im köſtlichſten Trinkgeräth, und ſprach, indem ſie den Pokal dem Grafen darbot, von Gefühl bewegt und überglüht von einer ſchönen Wärme des Ge⸗ müths: Ich bringe es Ihnen, Couſin, zum Dankeszeichen für Ihre hochherzige That, die ich nie vergeſſen werde, die dieſes, mein mit⸗ gerettetes Kind, nie vergeſſen ſoll. Sie entriſſen mich dem Tode, er⸗ hielten mein Leben meinem Gemahl, meinem Mariechen und meiner kleinen erſt acht Monate alten Ottoline. Ich kann Ihnen nichts bie⸗ ten, als das Gefühl innigſter Dankbarkeit und lebenslänglicher Freundſchaft. Möge dieſe Lebensdauer eine glückliche und geſegnete ſein bis zu der Tage fernſter Ferne! rief Ludwig, indem er aus Ottolinens Hand den Becher ergriff, und mit gehobenem Gefühl, ſeine Augen feſt auf ihre himmelvollen Augenſterne richtend, ihn zum Mund führte. Draußen im Vorſaal ein ſtarker männlicher Tritt und Schritt, ein raſches Oeffnen der Thür, und der Erbherr ſtand in ihr, wie ange⸗ wurzelt, ſeinen Augen nicht trauend, wie von Eis übergoſſen. Wilhelm, mein Wilhelm! rief Ottoline freudig überaſcht aus und flog an ſeinen Hals, aber mit einem finſtern Blick nur erwiderte der Erbherr dieſe Liebkoſung und ſprach ſchneidend: Ich ſtöre hier!— in⸗ dem er zurücktreten zu wollen ſchien. Erſchrocken und ebenfalls im hohen Grade betroffen ſetzte Ludwig den Becher auf den Tiſch und ließ das Kind auf den Boden gleiten; dieſes aber wollte ferner von ihm auf dem Arm gehalten ſein, und ſagte: Onkel lieb! Mariechen tragen! Ottoline fühlte die ganze Schwere dieſer Augenblicke und den gan⸗ zen Eindruck, den die lebende Bildgruppe, die ſich ihrem Gemahl ſichtlich darſtellte, auf ihn machen mußte— ſie faßte raſch alle ihre geiſtige Kraft zuſammen, und ſprach zu dem Erbherrn: Mein Wilhelm, =—— —— 6 nur jetzt um Gottes Willen keine Ungerechtigkeit! Hier ſteht der junge ihr Held, dem du es dankſt, daß du mich noch haſt, daß unſere Kinder v noch eine Mutter haben, daß unſer Mariechen noch athmet. Ich habe ſh ihm meinen Dank dargebracht nach altritterlicher Frauen Weiſe, wie hin du ihm danken wirſt, muß ich deinem Gefühl überlaſſen. Ich weiß, ſi du wirſt ſo danken, wie es deiner würdig iſt.— Der Erbgraf faßte ſich pol mühſam, aber er faßte ſich, und trat einige Schritte näher zu Ludwig, ha indem er das Wort nahm: Der Herr Vetter hört hier ein Echo der zu letzten guten Lehre, welche mir die Frau Großmutter gab; hätte ich re doch kaum geglaubt, daß ein Schall von Varel bis zu Schloß Knip⸗ ſin hauſen reiche. Bin ich in der That ſo hoch verpflichteter Schuldner 2 geworden, ſo will ich jetzt nicht mit Worten danken, ſondern ſpäter zus durch Thaten. Niemand ſoll ſagen, Schloß Kniphauſen ſei ein ungaſt⸗ ſche liches Haus geworden, alſo bis auf Weiteres einſtweilen zwiſchen uns Q — Waffenſtillſtand. Er Froh bewegt, Thränen der Rührung und Freude in den Au⸗ gen eilte Ottoline zum Tiſche und ergriff den kunſtvollen Becher, ſel füllte ihn aufs Neue, hob ihn gegen den Gemahl und ſprach: Ich 6 habe den Pokal dem Retter meines Lebens, dem theuern Gaſte, dit trchenzt. Jetzt trinke auch du mit uns, mein Wilhelm, und ſei ein⸗ gedenk, daß dieſer Pokal ein Denkmal iſt erneuter Eintracht, die auf he Zwietracht folgte, ein Symbol für friedliche und wohlngan Ge⸗ ſn ſinnung, daß die Stunde, die ſein Entſtehen aus Künſtlerhand her⸗ be vorrief, eine wichtigere, feierlichere nicht ſein konnte, als dieſe, die wir p ſo eben feiern— denn jene Verſöhnung ſtreitender Glieder einer ge⸗ wi trennten Familie, die wieder zu einer einzigen werden wollten, galt de doch nur dem Mein und Dein des irdiſchen Beſitzthums, während wir 14 ungleich inniger danken ſollten für ein höheres neugeſchenktes Beſitz⸗ ei thum. Darum nicht Waffenſtillſtand, ſondern— Verſöhnung! ſi Hochgnädige Frau Gräfin, nahm Ludwig das Wort: Ihre Güte beſchämt mich zu tief. Laſſen Sie mich ſcheiden mit der Ver⸗ 1 ſicherung, daß Sie mir mehr als verdient, ja überſchwänglich gedankt! u Die junge, im Jahre 1773 geborene, mithin erſt im 21ſten Lebensjahre ſtehende liebliche und anmuthvolle Frau, erſt ſeit dem u Monat October 1791 mit dem Erbgrafen vermählt, hatte keine Ah⸗ 3 nung davon, wie ſehr und wie tief ſie den Stolz ihres Gemahls durch v hre kt! ten em lh⸗ ch 63 ihre Worte und ihre Aufforderung verletzte. Sie glaubte, ihr liebe⸗ voll bittendes Wort und die Großthat des jungen Verwandten würden ſchwer genug wiegen, um allen Groll aus ihres Gemahls Gemüth hinweg zu bannen, denn noch nie hatte er ihr eine Bitte verſagt, nie ſie unfreundlich angeblickt, und es fiel ihm ſchwer genug, durch die politiſchen Verhältniſſe und die Verpflichtungen, die er übernommen hatte, oft auf längere Zeit von ihr und ſeinen zarten Kindern getrennt zu ſein. Mühſam rang der Graf nach Faſſung, bewältigte ſein inne⸗ res Widerſtreben und ſprach: Der junge Herr— kennt meine Ge⸗ ſinnung. Sollte noch irgend etwas auszugleichen ſein, ſo ſtehe ich zu Dienſten. Ich gehorche meiner romantiſchen Gemahlin und trinke aus dieſem Falken von Kniphauſen. Möge ſein Wein nicht die Eigen⸗ ſchaft jenes Getränkes haben, das die Zauberjungfrau im berühmten Oldenburger Horn unſerm Ahnherrn, dem Grafen Otto darbot.— Der Erbherr trank und reichte den Pokal an Ludwig. Dieſer hob erheitert und das Herz geſchwellt von einer namenlos ſeligen Empfindung, wie er ſie noch nie gekannt, das köſtliche Trink⸗ gefüß und ſprach: Von ganzem Herzen trinke ich auf das Wohlgedeihen dieſes hohen und edeln Hauſes! „Drink all ut!“ ſprach mit dem ſanften Lächeln der ſchuldloſeſten Heiterkeit Ottoline, jenen guten und ſchönen Spruch, den das Jung⸗ frauenbild am Oldenburger Horne auf einem Zettel emporhält, und begeiſtert von ſo liebevollem Wort leerte der junge Graf den Gold⸗ pokal bis zur Nagelprobe. Sein Herz war viel zu unbefangen, ebenſo wie das Ottolinens, völlig die doppelſinnige Schärfe der Anſpielung des Erbgrafen zu verſtehen; er gefiel ſich in den Banden, welche hier Lieblichkeit und Anmuth mit Dankbarkeit und der ſeelenvollſten Güte eines jungen weiblichen Herzens ihn umſchlangen, und hielt die Ver⸗ ſöhnung für vollkommen. Anderes ging im Gemüthe des Erbherrn vor; ſein menſchenkun⸗ digerer Blick ſah eine drohende Doppelgefahr, welche ſchon, wie er wahrzunehmen glaubte, im Beginn ſchien, zwei ahnungloſe Herzen zu umgarnen; der Scharfblick erwachender Eiferſucht glaubte bereits Ent⸗ deckungen zu machen, welche die Anſpielung auf jenes Wunderhorn der heimathlichen Sage rechtfertigten. Daher blieb Graf Wilhelm den Reſt des Abends beim Thee ruhig und kalt⸗höflich, und ſah es 64 nicht ungern, daß Ottoline, indem ſie vom Schrecken der überſtandenen Gefahr ſich doch angegriffen fühlte, ſich zeitig zurückzog. Scheidend gute Nacht wünſchend, ſprach ſie noch zu dem Gaſte: Morgen beim Früh⸗ ſtück, hoffe ich, wollen wir uns alle friſch und heiter zuſammen finden; da ſoll noch einmal der Falk von Kniphauſen kreiſen, und dann ſollen Sie auch unſere kleine liebe Ottoline ſehen. Träumen Sie angenehm in unſerm Schloſſe! Gute Nacht! Der Erbherr fand nicht für angemeſſen, allein bei ſeinem Gaſte zu weilen— er gebot einem Diener, Ludwig nach deſſen Zimmer zu bringen, und ſchied mit höflichem Wunſche. Das von der jungen Erbherrin erwähnte Frühſtück fand nicht Statt. Das von beiden Seiten erhoffte Wiederſehen unterblieb. Die Erbherrin ſah ihren Lebensretter nicht wieder. Ludwig begab ſich in ſeinem Zimmer zur Ruhe. Holde Bilder der Schönheit und Anmuth umgaukelten ihn; das Feuer des alten auserleſenen Weines erregte ihm mächtig die Gluth der Sinne. Wie hätte er ſogleich ſchlafen können nach Allem, was er vom geſtrigen bis zum heutigen Abend erlebt! Fort mußte er doch; das fühlte er und wußte es gewiß, daß der Erbherr ihn nicht halten werde, aber wie ungern ſchied er nun! Endlich warf der Schlummer doch ſein Traumnetz über ihn. Raſch jagten ſich des Traumes wechſelnde Bilder, eine Zauberwelt voll Wahrheit und Dichtung, durch das Gehirn des Schlummernden— er hielt wieder den Falk von Kniphauſen in ſeiner Hand und trank aus goldener Gluth die goldene Fluth. Aber die Rubinen brannten in ſeiner Hand wie Feuer. Ottoline ſchmiegte ſich zärtlich an ihn an, ihre Kinder waren ſeine Kinder, ſie küßte ihn und ſein Herz wallte auf in namenloſer Seligkeit. Da erneute der Traum die Scene des geſtrigen Abends; der Erbherr ſtand ihm gegenüber mit der tödtlichen Waffe, und da ſtand auch wieder die Großmutter, als ob ſie lebe, in der Glorie ihres ſtarren Stolzes zwiſchen ihm und dem Erbherrn. Aber nicht Jenem galt ihr zürnendes, ſtrafendes Wort, nicht vom Glanze ihres alten ahnenreichen Stammes ſprach ſie, ſondern an ihn, an Ludwig richtete ſie ernſte Worte mit tiefer männlicher Stimme, faſt dieſelben, die Ludwig ſchon einmhal vernommen hatte. „Halte, mein Kind, dein Herz frei und rein von allen unlauteren Trieben, wenn es dir auch ſchwer ankommt, und Neigung und Sinne ſch der U lebe lin Se G gll ur ſe nie hel do enen gute en; llen ehm dem ern cher tte. ren nne ——————— ſich dagegen ſträuben. Auch du wirſt durch die ſchmerzlichen Flammen der Läuterung gehen— o gehe rein aus ihnen hervor!“— Dieſe Traumbilder ſchwanden ſchnell hinweg, andere traten an deren Stelle; lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffen⸗ lärm der Heerlager, berghohe Meereswogen— Stürme und ruhige See— hohe Burgen und Schlöſſer— ſtille Thäler— eine Siedlerklauſe — eine dunkelſchattende Kaſtanienallee— ein einſames Grab, und in dieſes Grab hinabgeſenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Bangen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaſeins— all' ſein Glück. Als der Erbherr mit ſeiner Gemahlin allein war, und das Kind zur Ruhe gebracht, blickte er Ottoline eigenthümlich forſchend an, ob ſie den Blick vor ihm nicht ſenke, ihr Auge nicht in Verwirrung niederſchlage; aber ſie ſah ihn völlig unbefangen an, und fragte nur, da ſein finſterer Blick ſie erſchreckte: Biſt du unzufrieden, lieber Wil⸗ helm? Biſt du nicht froh? Ottoline, ſprach er dumpf: es wendet mir das Herz im Buſen um, zu erleben, was ich heute und geſtern erlebt, daß ich kommen muß und ſehen, wie meine Gemahlin den geheiligten Pokal mit ihren Lippen einem Menſchen kredenzt, der in toller knabenhafter Hitze meine Man⸗ nesehre auf das Ehrloſeſte beleidigt und deſſen Hand und Mund jenes Geräth für immer entweiht haben. Ich will den Falk von Kniphau⸗ ſen niemals wiederſehen, ich trank, von dir gezwungen gleichſam, zum letztenmal daraus. Dein überſpanntes Gefühl der Dankbarkeit riß dich hin; daß er die ſcheugewordenen Pferde aufhielt, war ſeine Schuldigkeit— die Dienerſchaft erzählte mir bei meinem Eintritt ins Schloß ſchon Alles— die Pferde wären auch wohl von ſelbſt vor der Made ſtehen geblieben. Ein Mann von Ehrgefühl wäre nicht mit in mein Schloß gegangen. O Gott! So hätte ich gefehlt, daß ich wiederholt in ihn drang, da er ſich doch entſchieden weigerte! rief Ottoline. So? er weigerte ſich alſo entſchieden— und doch nicht entſchieden genug— ſein weiches Knaben⸗Herz vermochte nicht, der ſüßen Bitte des holden Mundes meiner Gemahlin zu widerſtehen? Der Ton, mit welchem der Erbherr dies ſprach, füllte Ottolinens Herz mit Weh, ihre Augen mit Thränen; ſie begann leiſe zu zittern. D. B. III. 5 66 Du machteſt mich machtlos gegen ihn, fuhr der Erbherr fort, ich konnte das Gaſtrecht nicht verletzen, konnte ihn nicht, wie er an mir verdient, aus dem Hauſe werfen— konnte aber auch die Größe ſeiner That nicht ſo hoch würdigen, wie du. Er iſt ein Menſch ohne Ge⸗ burt, ohne Ehre— wir können nicht ferner mit ihm verkehren— und da ſein Dünkel und ſein Bewußtſein, Schooßliebling der Groß⸗ mutter zu ſein, ihm jedenfalls Anlaß ſein wird, die Belohnung, die ich ihm bieten könnte, zurückzuweiſen, ſo mag er ſich mit der, die du etwas vorſchnell, nur von deinem Gefühl und nicht von Ueber⸗ legung geleitet, ihm zu Theil werden ließeſt, genügen laſſen. Du machſt mir Vorwürfe, Wilhelm? klagte mit matter, gebroche⸗ ner Stimme Ottoline. O verzeihe mir, wenn ich fehlte— ich konnte ja nicht ahnen, daß— Hätte er dir verhehlt, daß Spannung zwiſchen uns getreten? fragte forſchend der Graf. Nein, nicht ganz— er deutete mir an, indem er ſich weigerte, mich zu begleiten und hier zu weilen, daß du ihm feindlich geſinnt ſeiſt, daß eine unbedachte Aeußerung ſeinerſeits gegen dich, die auf Ehre nicht habe verletzen ſollen, dich ſo ſehr gegen ihn aufgebracht habe, daß du ihn haßteſt, ja verachteſt. Und das Alles hielt dich doch nicht ab, ihn einzuladen? murrte Wilhelm. Es freut mich, daß er dir ehrlich die Wahrheit ſagte, wie er es geweſen, der zuerſt mich reizte. Wenn er dies fühlte, war es an ihm, zu widerrufen, aber was that er, als ich ihm heftig entgegnete? In wahnſinniger Wuth fluchte er mir, und mit mir dir, unſern Kindern, unſerm ganzen Geſchlecht. Ewigen Hader, ewige Verwirrung wünſchte er auf uns herab! In ſeinen blind⸗ wüthenden Fluch wob er, da er doch wiſſen mußte, wie ſehr ich dich liebe, Trennung ein zwiſchen dir und mir— zu einer Leibeigenen ſoll ich herabſteigen, Baſtarde, wie er einer iſt, ſoll ich mit ihr zeugen, die ganze Verwandtſchaft ſoll mich haſſenf und verabſcheuen, und in ſteigender Verarmung ſoll ich untergehen. Das war zu viel für ein zartes, noch von keinem unreinen Ge⸗ danken beflecktes Herz. O Gott! o Gott! zu viel, zu viel! rief Ottoline, ſtieß einen leiſen Schrei aus, fuhr mit beiden Händen nach ihrem Herzen, in dem ſie einen Schmerz fühlte, als wenn Dolche ————————————————— des bed Fr Au wr Gi hir 67— darin wühlten. Ihr vorhiniges Zittern ging in Zuckungen über, ſie fiel in heftige Krämpfe— entſetzt ſprang der Graf vom Stuhl auf und bog ſich über ſein ſchönes leidendes Weib. Mit ſtieren Zügen, die ſich verzerrten, ſtieß Ottoline den Gemahl von ſich, und er eilte außer ſich vor Schmerz und neuerregter Wuth zur Klingel, welche die Kammerfrau herbeirief.— Es war ſein Werk, Alles was vorging und folgte.— Am andern Morgen, als Graf Ludwig ſich erhoben, trat Jacob, des Erbherrn Jäger, bei ihm ein und meldete, daß ſein Gebieter bedauere, das Frühſtück nicht mit dem Gaſt theilen zu können, die Frau Erbherrin ſei in der Nacht, wahrſcheinlich in Folge der geſtrigen Aufregung und des Unfalles, tödtlich erkrankt. Ludwig's Herzblut ſtockte bei dieſer Nachricht— er vermochte den nichtsſagenden Wunſch baldiger Beſſerung kaum zu ſtammeln und den Auftrag, daß er ſich der regierenden Herrſchaft empfehlen laſſe. Philipp wurde ſofort mit dem Befehle entſendet, zu ſatteln. In Gedanken der ſchmerzlichſten, ſchwermuthvollſten Art ſetzte Ludwig ſeine Reiſe fort; der Morgen war heute himmliſchſchön, nebelfrei— ein ſeltener Tag in dieſer Küſtengegend— aber Ludwig's Gemüth erfreute ſich heute nicht am ſchönen Himmel. Mancher Blick flog noch zum Schloſſe Kniphauſen zurück, deſſen hoher Thurm erſt dann den Blicken ſich entzog, als Oſtringfelde faſt erreicht ward. Eine Welt voll Schmerz laſtete auf des Jünglings Herzen. Das Dörfchen und Gut Oſtringfelde liegt am Wege von Jever nach Varel, und der Weg von Kniphauſen über Accum ſtößt dort auf den erſteren. Aus den maleriſchen Baumgruppen des gutsherrlichen Gartens erhob ſich weit ſichtbar und die Umgegend weit überſchauend eine alte Warte, ein hoher viereckter Thurm, in jener Gegend ein ſeltener Anblick, denn der burgähnlichen größern Schlöſſer ſind nur wenige im Lande, deſſen Charakter ſo gänzlich abweicht von den an alten Burgen von maleriſcher Schönheit reichern Gegenden des mittleren Deutſchlands. Ha! der Marienthurm!— unterbrach in der Nähe dieſer Warte Ludwig ſein bisheriges Schweigen, indem er ſtillhielt und ſich vom Pferde ſchwang. Halte die Iſabella, Philipp! fuhr er fort, indem er den Zügel ſeines Roſſes dem Diener zuwarf. Ich will noch einmal von da droben das Heimathland überſchauen, das ich verlaſſe. Dieſer 5* Ort iſt mir lieb und wohlbekannt, hier in der Nähe ließ die Groß⸗ mutter nach Münzen der lalten Römer ſuchen, ich war dabei und es wurden deren auch wirklich gefunden. Graf Ludwig betrat den Garten; es war ungewehrt, den alten Thurm zu beſteigen, die Treppe war noch wohlerhalten, und die Zinne, damals noch nicht, wie in ſpäterer Zeit, von neuerwachter Pietät mit einem Schieferdach geſichert, geſtattete dem, welcher Luſt hatte, von ihr einen Blick auf die Gefilde Oſtfrieslands zu werfen, dieſen Genuß in vollem Maaße. Auch eine verſunkene Herrlichkeit! ſprach Ludwig zu ſich ſelbſt, indem er zunächſt hinabblickte in des Thurmes nächſte Umgebung: Uebergrüntes, von Schutt und Erde bedecktes Gemäuer in weiter Ausdehnung und verwilderte Gärten. Hier ſtand das bewunderte Schloß der Erbtochter Maria, der ſchönen Gemahlin Edo Wimmekens, wie die Großmutter mir erzählte. Und dieſer Thurm iſt der einzige ſichtbare Reſt jenes ſtolzen Baues, an deſſen Stelle und aus deſſen Steinen unten das niedrige Herrenhaus, einſtockig und einförmig wie alle die Häuſer der hieſigen Landgüterbeſitzer, erbaut wurde, nieder⸗ ländiſch reinlich, wohnlich und bequem eingerichtet, aber nie darauf berech⸗ net, herriſch in die Ferne zu wirken, wie zum Beiſpiel Schloß Kniphauſen. Dort lag es, dort lag es, ſtolz und ſtattlich und von dieſer Thurmhöhe gut erkennbar, das Schloß, nach welchem Ludwig ſo ernſt, ſo ſinnend, ſo ſehnſüchtig und beängſtigt zurück blickte, mit aller verzeihlichen Schwärmerei eines neunzehnjährigen Jünglings, den zum erſten Male in ſeinem Leben der Wunderſtrahl des„ewig Weiblichen“ berührt hatte, und ihn liebend„hinanzog“ in die hohen und reinen Sphären einer idealen Welt. Verloren gingen dem jungen Schwärmer die Reize der zwar flachen, aber doch an Schönheiten keinesweges armen Gegend, des geſegnetſten Landſtrichs im heutigen Großherzogthume Oldenburg; die zahlreichen Dörfer und Gutsgebäude mit ihren nach niederſächſiſcher Art einzeln ſtehenden, mitten im weiten Umfang jedes Einzelgehöfts gelegenen, ſtrohbedeckten Häuſern; das fette, mit grünen Saaten prangende Marſchland; die zahlreichen herrlichen Baumgruppen, die ſich nur zu belauben brauchten, um durch Lichter und Schatten der Landſchaft mannigfaltigen hochmaleriſchen Schmuck zu verleihen. Dort das Städtchen Jever, die Flecken Accum und Neuſtadt, dort 4 6 d das kleine Flüßchen, welches ſich in einiger Entfernung theilt, um theils nordwärts als Made, auf längerem Wege beim Ruſtringer oder Knipenſer Siel, theils auf kürzerem ohne weitere Benennung beim Marien⸗Siel in den Jahdebuſen zu rinnen. Ludwig konnte genau die verhängnißvolle Stelle an der Made erkennen, einige alte Weiden machten ſie ihm kennbar, wo ihm am geſtrigen Nachmittag ſo uner⸗ wartetes und unverhofftes Glück begegnet war. Ein Glück, welches nur ein Traum war— ach ein kurzer, ſchöner und ſchmerzlicher Traum. Lebhaft traten an dieſem Orte, auf dieſer Thurmzinne, Bilder der Vergangenheit vor die Seele des Jünglings: der Großmutter ehrwürdige Geſtalt hatte in ſtillen Stunden in ihrem Arbeitzimmer, wenn er bei ihr ſaß und für ſie thätig war, ihm dieſe Vergangenheit entrollt in überreicher Fülle, und doch barg ſich noch ſo manches Geheimniß unter den Farbentönen; manche dieſer Bilder waren blos oberflächlich übermalt mit dem trockenen Tone der alltäglichen Geſchichte, wie die Lehrbücher ſie enthalten; das reiche farbenglühende Gemälde darunter konnte ja dem Knaben noch nicht aufgedeckt werden. So war es der Fall mit dieſem einſtigen Schloſſe, mit dieſem Thurme. Der letzte Abkömmling in weiblicher Linie von Theodorich dem Glücklichen, Grafen zu Oldenburg, jene Marie, hatte als Erbtheil die reiche Herr⸗ ſchaft Jever beſeſſen. Sie erreichte ein hohes Alter, ohne ſich zu vermählen, und erbaute an dieſer Stelle das herrliche Schloß, nach⸗ dem ſie im Jahre 1532 von Kaiſer Karl V. als Herzog von Brabant und Burgund die Herrſchaft in Lehn genommen. Eigen und wunder⸗ bar war ihr Walten; ſie war eine Mutter des Landes und allgeliebt, und noch heute lebt ihr Wirken und ihr Name im Lande dankbar geſegnet fort und der Marienthurm ſelbſt wird noch in hohen Ehren gehalten; der von ihr angelegte Siel führt noch ihren Ramen. Viele ihrer Verwandten hofften, alle mit gleicher Berechtigung, auf ihr Erbe, aber ſtarr, wie die alte Reichsgräfin, gab es Maria dem, dem ſie die Fülle ihrer gnadenreichen Gunſt zugelenkt, Johann dem Sechszehnten, Grafen zu Oldenburg, indem ſie ihm ausſchließlich die Herrſchaft vererbte. Vergleiche zwiſchen dem Einſt und dem Jetzt lagen dem über die Ver⸗ gangenheit ſinnenden Ludwig nahe genug. Kaum hatte die alte Ahn⸗ — herrin und noch mit dem Wunſche das Auge geſchloſſen, es möge ihr Reſidenzſchloß erhalten bleiben— die örtliche Sage kündete, daß in deſſen Grundtiefen ein reicherer Schatz vergraben liege, als die Herrſchaft Jever und die Herrlichkeiten Varel und Kniphauſen zu ſammen werth ſeien— und der Erbherr die Herrſchaft angetreten, ſo war auch Zwiſt und Hader erwacht, und das Schloß ſammt der Herr ſchaft wurde zum Erisapfel. Siegreich gewann Graf Johann den von ſeinen um die Miterbſchaft ringenden Verwandten vor dem bra banter Lehnhof anhängig gemachten Rechtsſtreit; aber ſein Sohn Anton Günther trat unkluger Weiſe das ſchöne, vom Vater ihm überkommene Erbtheil an den Fürſten von Anhalt⸗Zerbſt, den Sohn ſeiner Schweſter Magdalena', ab, und von dieſem 1793 ausſterbenden Hauſe fiel die Herrſchaft Jever als Kunkellehen an Auguſte Friederike, die einzige überlebende Prinzeſſin des Hauſes Anhalt⸗Zerbſt, welche als Kaiſerin Katharina II. auf Rußlands Throne ſaß. Dadurch ſetzte Rußland ſeinen Fuß zuerſt als reichsfürſtlicher Gebieter auf deutſchen Boden. So wunderbar fügen und verſchlingen ſich die Geſchicke man cher Orte und Länder. Der Sprößling des Hauſes Oldenburg und Delmenhorſt, Graf Ludwig, ſtand jetzt im ehemaligen Lande ſeiner Väter und Ahnen auf einer ruſſiſchen Warte. Die weitentfernten Be⸗ ſitzer hatten das Schloß nicht erhalten können, nicht erhalten wollen, ſo war es verfallen, und faſt nur die Sage erzählte noch ſeine Ge— ſchichte, und flüſterte geheimnißvolle Mären von der ſchönen Erbtochter Maria von Jever, die eine Freundin der nicht minder ſchönen Maria, Erbtochter von Burgund, geweſen war, von verſchwiegener Liebe und von tiefem unheilbarem Herzeleid, wie von Dingen und Thaten, mit denen ſich viele Bücher füllen ließen. Noch einen innigſehnſuchtvollen Scheideblick hinüber zum Schloſſe Kniphauſen mit liebevollem, zärtlichem Bangen, und dann ein Losreißen von dieſer einſamen, erinnerungsreichen Stelle— ein zweiter, ſtummer tief empfundener Abſchied. 6. Ein Geheimniß. In Frankreich ſtand die Revolution mit allen ihren Schreckniſſen und blutigen Gräueln in voller ſchauderhafter Blüthe. Der Erbadel war abgeſchafft, ſeine Angehörigen waren gouillotinirt oder entwichen, der König und ſeine Familie war hingerichtet, allen Fürſten Europa's war der Krieg erklärt, und für alle Länder die Beglückung durch Auf⸗ ruhr, Mord und Brand ausgerufen und angeſagt. Die Girondiſten waren der fanatiſirten Volksmaſſe, die aus lauter Henkern beſtand, zum Opfer gefallen, und Frankreich wüthete gegen Frankreich, wie nie ein Feind, auch der allergrauſamſte nicht, gegen daſſelbe zu wüthen ver⸗ mocht hätte. Die Unvernunft verſuchte, Gott und den Glauben ab⸗ zuſchaffen, und hob die Vernunft in Geſtalt einer nackten Metze auf die entweihten Altäre, bis es der Willkür des Blutmenſchen Robes⸗ pierre gelang, durch den Convent anbefehlen zu laſſen, daß es eine Gottheit gebe und eine Unſterblichkeit der Menſchenſeele. Auch dieſes Ungeheuer traf ſpäter die rächende Hand aus der Höhe, aber die Un⸗ thaten dauerten fort, und jeder Tag erzeugte neue, wie aus dem heißen Schlamm immer neues ekles Gewürm kriecht, und verderbliche Miasmen ausdampfen. In den Niederlanden war der am 20. Mai 1784 geſchloſſene Friede von Verſailles zwiſchen England und Frankreich die letzte Epoche geweſen, welche eine kurze Zeit den Janustempel geſchloſſen hielt. Frankreichs Tollheit wirkte anſteckend nach allen Seiten hin und zu⸗ dem hatte unterm 1. Februar 1793 der franzöſiſche Nationalconvent auch an den Erbſtatthalter von Holland, wie an England, den Krieg erklärt, und die Wogen der Nordarmee wälzten ſich über die Gefilde von Geldern und Flandern, während in der Vendée ein ſeinem Königs⸗ hauſe noch immer treues Volk ſich mit heldenhaftem Opfermuthe in den Kampf ſtürzte, und Schaaren der gegen die Vendée geführten Carmagnolen vernichtete. In ſolchen Zeiten iſt nicht gut reiſen, und ſchwerlich würde Graf Ludwig mit ſeinem treuen Diener Philipp Scarre, ſo war deſſen Vatername, ohne manchen läſtigen Aufenthalt oder perſönliche Gefahr das nächſte Ziel ſeiner Reiſe, Amſterdam er⸗ reicht haben, wenn er nicht ſo einſichtsvoll geweſen wäre, den Weg zur See dem zu Lande vorzuziehen. Nach kurzer Mittagsraſt in Jever verfolgte der junge Reiſende ſeine Richtung gerade nordwärts auch ferner, und erreichte nach vier Stunden den Strand der Nordſee⸗ küſte, das Wangerland. Da lag es, das unermeßliche Meer, mit ſeiner langgeſtreckten In⸗ ſelkette, und hell, wie ein Silberſtreif im Sonnenſcheine, zeigte ſich in der Ferne die Inſel Wangervoge dem Blick. Im Friedrichs⸗Siel wurde indeß kein Schiff angetroffen, welches groß genug geweſen wäre, die Pferde aufzunehmen, und von ſeiner treuen Iſabella, deren Treff⸗ lichkeit ja erſt am geſtrigen Tage ſich ihm ſo herrlich bewieſen hatte, hätte ſich der junge Graf jetzt um keinen Preis trennen mögen— ungern genug hatte er ſchon auf die Begleitung des Hundes verzichtet, da er ſich ſelbſt ſagen mußte, daß er auf einer ſo wechſelnden Reiſe denſelben bald genug einbüßen werde. Es war daher der Hund einſtweilen oder für immer dem Kammerdiener Weisbrod zu guter Obhut übergeben worden. Die Reiter ſetzten ihren Ritt längs der Küſte Oſtfrieslands noch eine kleine Strecke weſtwärts fort, und hatten bald die Freude, in der Karolinen⸗Rhede mehrere ſegel⸗ fertige Schiffe zu erblicken, und nach kurzer Unterhandlung mit dem Kapitän eines derſelben, das nach der Zuyderſee ſteuerte, an Bord zu gehen. Der Kapitän war in Stand geſetzt, ſchon nach Ver⸗ lauf weniger Stunden die Anker heben zu können; der friſche Oſt, der den ganzen Tag wehte, verhieß gute Fahrt nach Weſten, und da das Schiff ſeinen Curs nicht durch die unſicheren Watten zwiſchen der oſt⸗ frieſiſchen Küſte und den Inſeln des Wangerlandes nahm, ſondern zwiſchen Wangerooge und Spikervoge in die Harle fuhr, ſo gewann es mit der günſtig eingetretenen zurückrollenden Fluth bald das offene Meer, und fuhr auf ſicherer von Sandbänken unbedrohter Bahn Angeſichts der Inſelkette, an Oſter⸗ und Weſter⸗Langervog und Baltrum vorüber, nach Norderney und Iuiſt zu, während die Nacht ſich allmälig und ſpät dämmernd niederſenkte und der Mond ſeine zauberiſche Strahlenfülle auf die unermeßliche Nordſee niedergoß. 73 Die erſte Erſcheinung, welche auf dem Schiffe die Aufmerkſamkeit des jungen Reiſenden, wie ſeines Dieners in hohem Grade auf ſich lenkte, war ein anderer Reiſender, welcher mit dem Kapitän ſehr gut bekannt, ſogar vertraut ſchien, äußerſt gut gekleidet war, und mit dem jungen Grafen eine auffallende Aehnlichkeit hatte, nur daß der erſtere etwas älter ausſah und auch wirklich war, ſonſt hätte man beide für Zwillingsbrüder halten können, und wie dieſe Aehnlichkeit Ludwig und ſeinem Diener auffiel, ſo ſchien ſie auch dem andern Theil auf⸗ zufallen. Der Kapitän hatte um ſo mehr für ſchicklich gehalten, die Reiſenden einander vorzuſtellen; er konnte dies, denn er hatte den Namen des Jüngeren derſelben in deſſen Paß geleſen; da aber zu⸗ fällig der Kanzliſt, welcher dieſen Namen mit großem Fleiße ge⸗ ſchnörkelt, das r im Namen Vanel nicht 7, ſondern z geſchrieben hatte, ſo war es nicht zu verwundern, daß der Kapitän ſtatt Graf Varel— Graf Vavel las, und unter dieſem veränderten Namen ihn ſeinem Reiſenden vorſtellte. Ludwig vernahm den Irrthum, fand ſich aber nicht veranlaßt, denſelben zu berichtigen, um ſo mehr, als jener ihm dazu gar nicht Zeit ließ, ſondern alsbald den Namen des Reiſenden nannte: Herr Leonardus Cornelius van der Valck, Sohn von Herrn Adrianus van der Valck, berühmten Kauf⸗ und Handels⸗ herrn zu Amſterdam. Es gereicht mir zur Freude, mein Herr, nahm Ludwig verbindlich das Wort: Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen, und wie ich hoffe, einen Reiſegefährten in Ihre Vaterſtadt zu finden, und dies doppelt, da ich den Namen Ihres Hauſes bereits rühmlich nennen hörte, ja ich glaube nicht zu irren, daß ich unter andern an daſſelbe ſogar em⸗ pfohlen und gewieſen bin, und deſſen guten Rath in einigen geſchäft⸗ lichen Angelegenheiten mir zu erbitten haben werde. Der Fremde entgegnete mit einer entſprechendeu Offenheit: Mein Herr Graf, ich, wie mein väterliches Haus ſind ganz zu Ihren Dien⸗ ſten, und mich beſonders wird es freuen, wenn ich nach meiner Rück⸗ kehr Sie ſelbſt bei uns einführen darf. Wenn Sie, wie ich vermuthe, noch nicht in Amſterdam waren, ſo wird es Ihnen immer von Mutzen ſein, in dieſer großen und jetzt noch dazu ſehr aufgeregten Stadt einen kundigen Führer zu haben. —— Gewiß, mein Herr, und ich werde Ihnen von Herzen dankbar für jeden Dienſt ſein, den Sie mir erweiſen zu wollen ſo gü⸗ tig ſind. Der Kapitän endete die anfangs unvermeidliche ſteife Förmlichkeit der erſten Unterredung durch den Vorſchlag, den zwar etwas kühlen, aber prächtigen Abend auf dem Verdeck bei einer Kumme Punſch zu verplaudern, welcher die Zuſtimmung aller Theile erhielt, und ein gegenſeitiges näheres Bekanntwerden in freundliche Ausſicht ſtellte. Ein gut angebrachtes Segeltuch hemmte den rauhen Luftzug, einige am Maſt aufgehangene Laternen ſtreuten freundliche Helle auf die Gruppe der neuen Bekannten nieder, und bald kam lebendiges Geſpräch in Gang. Auch die Diener wurden nicht vergeſſen, jedem ward ſein reichlicher Theil von dem heißen, anregenden Tranke, doch hielten ſie ſich in angemeſſener Entfernung und plauderten unter ſich nicht min⸗ der vergnügt wie die Gebieter, und ſorgten dafür, daß die kurzen weißen niederländiſchen Thonpfeifen nicht ausgingen. Der Kapitän war ein kräftiger Mann von etwa fünfzig Jahren, und hieß Richard Fluit; er war aus dem Haag gebürtig; das Schiff, welches er führte, hieß„de vergulde Roſe“ und war Eigenthum des Handelshauſes van der Valck. Das Geſpräch lenkte ſich bald genug den Tagesfragen zu, und Fluit und Leonhard waren ſehr geſpannt auf Nachrichten vom dermaligen Stande der Dinge in Amſterdam, da ſie in Hamburg, welches vor einigen Tagen verlaſſen worden war, nichts Beſtimmtes hatten erfahren können. Man hatte nur davon ge⸗ ſprochen, daß Pichegru ſich mit ſeinem Heere gegen die Schelde zu bewegen Anſtalten treffe, und Jourdan nach der Sambre aufbrechen wolle. Die erbitterte Stimmung der ſogenannten Patrioten gegen die Partei des Erbſtatthalters dauere im Haag wie in Amſterdam fort, ohne daß man von wichtigen oder entſcheidenden Vorfällen vernommen habe. Bei alledem, nahm der Kapitän das Wort: macht das kriege⸗ riſche Weſen uns Kauffahrern, die wir es alleſammt zum Henker wünſchen, tauſendfache Plackerei, nächſtdem, daß es die Handelſchaft hemmt und den Verkehr untergräbt. Sonſt ſtand unſer einem frei, an Bord zu nehmen, wen man wollte, und Güter zu laden, welche man wollte; jetzt wird uns ein ſchwerer körperlicher Eid bei jedem Auslaufen aus dem Hafen abgenommen, und muß jeder Kapitän noch ein beſonderes Certificat bei ſich fihr Sti nen gal Gra wer Sie ſon P führen, daß er dieſen Eid geleiſtet. Darum muß ich jetzt Namen, Rang und Stand, wie Beſtimmungsort meiner Schiffsreiſenden beſonders aufzeich⸗ nen und dieſelben vorlegen, ſobald ſie verlangt werden. Ich muß ſo⸗ gar den Sohn meines ehrenwerthen Prinzipals ebenſo, wie Sie, Herr Graf, erſuchen, nächſtdem, daß ich Ihren Paß bereits geleſen, Ihren werthen Namen eigenhändig in dieſes mein Paſſagierbuch einzutragen, Sie haben aber dafür den Vortheil, dann zu Amſterdam von aller ſonſt ebenſo häufigen als läſtigen Paßportplackerei befreit zu bleiben. Meine Unterſchrift ſteht zu Befehl, Herr Kapitän, antwortete Graf Lud⸗ wig: doch wünſchte ich Näheres über dieſe Verpflichtung zu erfahren. Der Kapitän öffnete ſeine Schreibtafel, zog einen unterſiegelten Stempelbogen hervor und las:„Ich Richard Fluit, gelobe und ſchwöre zu Gott, dem Allmächtigen, daß ich auf das unter meinem Befehl ſegelnde Kauffahrteiſchiff,„de vergulde Roſe“ genannt, Eigenthümer Mynheer Adrianus van der Valck, Kauf⸗ und Handelsherr zu Am— ſterdam, welches von Amſterdam nach Hamburg beſtimmt iſt, weder für meine eigene Rechnung, noch für oder von Jemanden, er ſei auch wer er wolle, einige mir unbekannte Handelsgüter, viel weniger das Mindeſte von Contrebanden, noch Militär⸗Perſonen im Kriege befange⸗ ner Puiſſancen*), es ſei in oder außer dem Hafen, noch unterwegs, oder ſonſt irgendwo auf meiner angedeuteten Reiſe einladen oder an Bord nehmen will, ingleichen, daß ich nichts weiter geladen habe, noch laden will, als in meinem Manifeſt benannt iſt, und ebenſo darauf ſehen will, daß dergleichen von meinem Schiffsvolke nicht geſchehe. Ich will auch auf meiner Reiſe kein nicht gehörig unterſchriebenes Cognoſ⸗ ſement, oder das nicht gehörig an Ordre geſtellt, oder worin die Waa⸗ ren nicht richtig ausgedrückt ſind, am wenigſten aber Paſſagiere und Güter ohne richtigen Ausweis an Bord nehmen, überhaupt aber meine Papiere und Documente in gebührender Ordnung halten. So wahr mir Gott helfe und ſein heiliges Wort.“ Da müſſen wir uns freilich kundgeben, daß wir nicht Contrebande oder gar militäriſche Ausreißer und Spione ſind, lachte Leonardus, tunkte die Feder ein und bot ſie höflich dem jüngeren vornehmeren Reiſegefährten dar. *) Mächte. — Als beide Herren die vorgeſchriebene Form erfüllt hatten, betrach⸗ tete der Kapitän ſinnend und vergleichend die Handſchriſt beider, und brach dann in den Ausruf aus: Merkwürdig, ganz merkwürdig! Nicht nur daß ſich die Herren einander ſo ähnlich ſind, als ob ſie Brüder wären, auch Ihre Handſchriften gleichen ſich in einer auffallenden Weiſe. Da ſehen Sie beide ſelbſt. Es war in der That ſo, wie Fluit geſagt; der junge Graf ſchrieb eine leichte fließende und dabei doch ſichere Hand, und der junge Kauf⸗ mann keine kaufmänniſche, ſondern eine, deren Ductus bis auf den flüchtigen charakteriſtiſchen Schnörkel am Schlußbuchſtaben des Namens der des Grafen völlig gleich kam, ſo daß beide Namenausſteller ſelbſt darüber verwundert waren.— Wer weiß, was das bedeutet! nahm Leo⸗ nardus das Wort: vielleicht ſollen wir näher mit einander bekannt werden, vielleicht zuletzt gar mit einander verwechſelt!— Ha, da könnte Ihnen leicht etwas Schlimmes begegnen! warf der Kapitän im Tone leicht ſpottenden Scherzes hin, gegen den Sprechenden gewen⸗ det. Leonardus lächelte und erröthete: Ich will das ja nicht hoffen, erwiderte er. Das gäbe dann freilich keine Freundſchaft! Darf ich fragen, was die Herren meinen? nahm Ludwig das Wort, dem die entdeckte Aehnlichkeit eigene, faſt beunruhigende Gedanken erregte: oder iſt es unbeſcheiden, dieſe Frage zu thun, bei der ſich doch mein Geſicht betheiligt ſieht? Warum nicht, Sie dürfen immer fragen, Herr Graf, antwortete Leonardus: und Sie finden mich auch bereit zu antworten. Faſt ſcheint es mir nicht anders möglich, als daß wir Freunde werden müſſen, und ich glaube nicht die mindeſte Gefahr zu laufen, wenn ich Ihnen mein Geheimniß enthülle, Sie werden dadurch gleichſam mein Verbündeter(es iſt nichts Unehrenhaftes, bemerke ich voraus) und können als ſolcher mir vielleicht nützlich werden. Alſo ein Geheimniß? fragte der junge Graf geſpannt und voll Antheils.— Deſſen Schlüſſel auch mir ſchon längſt verſprochen wurde! fügte Fluit hinzu. In der That, wenn ich es Ihnen mittheile, Herr Graf, ſo gebe ich Ihnen einen Beweis des unumſchränkten Vertrauens, bas Ihr ganzes offenes Weſen mir einflößt, ſprach Leonardus Cornelius van der Valck weiter. Auch ich bin offen, entgegen dem National⸗ charo habe Verſ und Alte und ſahr erſt rede kapit daß kann den fülle mit weg Zur ſh warf tieft lbe nilh ſich ſh Ort wie Mo ren. deſt dſ it Sch le, ten, in charakter meiner Landsleute, aber ich habe viele Reiſen gemacht, und habe erfahren, daß Offenheit und Unbefangenheit weiter bringen als Verſchloſſenheit und heimliches Weſen. Vertrauen erweckt Vertrauen, und meiſt iſt ſie der Jugend ſchönes Eigenthum und Vorrecht. Das Alter mag, das begreift ſich wohl, mißtrauiſch und ſorgſam machen, und gerne ſtützt es und vertheidigt es ſeine Anſichten mit ſeinen Er⸗ fahrungen; dieſe Erfahrungen muß aber eben, meine ich, jedes Leben erſt machen, damit es im Alter ſich auf ſie ſtützen und von ihnen reden könne. Es iſt ſo, wie Sie ſagen, Herr Leonardus! beſtätigte der Schiffs⸗ kapitän. Wer nichts erlebt und erfahren hat, der kann nicht ſagen, daß er gelebt habe; und auch aus den Erfahrungen der Aelteren kann ein junger Mann Manches lernen, was er thun und was er mei⸗ den ſoll. Wir wollen erſt unſere Kumme und unſere Gläſer friſch füllen, und dann mag die Erzählung beginnen.— Das Schiff ſegelte mit friſchem Winde durch das nur wenig und dazu gleichmäßig be⸗ wegte Meer und durch die kühle, wunderbare, ſternenklare Nacht. Zur Rechten verlor ſich der Blick in die Unermeßlichkeit, und man ſah nicht, wo Himmel und Meer einander küßten, denn der Himmel warf die Abbilder ſeiner Sterne wie glühende Küſſe in die Wogen⸗ tiefe, und die goldenen Funken ſchienen ſich freudehüpfend auf den ſilberkräuſelnden Wellen zu ſchaukeln, die zugleich des Mondes Bild milliynenfach gebrochen zurückblitzten. Zur Linken entragten die Inſel⸗ flächen noch in Sicht des Schiffes, ſilberweiß ſtach ihr vom Mond ſcharf beleuchteter Dünenſand von der dunkeln Nordſeefluth ab, doch die Orte und Gehöfte darauf waren nicht mehr erkennbar. Die Inſeln ſchienen wie ſilberne, rieſige Nelumbiumblätter auf die Oberfläche gehoben, um im Mondſtrahl träumend auf das Erſcheinen der königlichen Blüthe zu har⸗ ren. Nur wenig leuchtete das Meer, denn das eigentliche Leuchten deſſelben findet nur unter wärmeren Himmelsſtrichen Statt, und der Oſtwind iſt demſelben nicht günſtig; dennoch ſchoß das Kielwaſſer von Zeit zu Zeit einen ſchnell verſchwindenden Blitz von phosphoriſchem Schimmer, aber die hoch empor geſpritzten Waſſerſtrahlen ſtarker Tumm⸗ ler, die das Schiff auf weite Strecken und in großer Anzahl begleite⸗ ten, glichen im verklärenden Mondenglanze den tauſend Springbrunnen eines morgenländiſchen Märchens. 3 Mein Leben, begann jetzt bei friſchgefülltem dampfenden Punſch⸗ napf Leonardus ſeine Erzählung: hat mich von früher Jugend an vielfach zu Waſſer und zu Land umhergetrieben. Ich machte als Knabe meine Schulen leidlich durch, und widmete mich dann der Kaufmann⸗ ſchaft mit angeborener Vorliebe, um ſo mehr, da ſie mir jede Annehm⸗ lichkeit des Lebens, und durch meines Vaters günſtige Verhältniſſe eine glückliche und ſorgenfreie Zukunft bot und noch bietet. Ich bin mit Wallfiſchfahrern in Island geweſen, und habe die eisumſtarrten Küſten Grönlands und Spitzbergens geſehen; ich war in Stockholm und in Sanct Petersburg, und ebenſo in London, Paris, Madrid und Liſſabon; bald hatte ich in Geſchäftsaufträgen unſers Hauſes dieſes, bald jenes unſerer Schiffe zu begleiten, denn mein Vater wollte, ich ſolle recht viel erfahren, alle Handelsgeſchäfte wie alle Waaren der ver⸗ ſchiedenen handeltreibenden Nationen an ihren Stapelplätzen kennen lernen, und ich habe dieſen Wunſch erfüllt, ſo weit es mir möglich war; ich bin auch in Konſtantinopel und in der Levante, in Smyrna und in Tiflis geweſen. Mein Vater gibt mir ſelbſt das Zeugniß, daß ich ein tüchtiger Kaufmann geworden ſei. Ganz anders aber und un⸗ gleich mißlicher ſteht es um die Erfüllung eines zweiten Wunſches oder ſogar Befehles meines verehrten Herrn Vaters. Derſelbe ſagte zu mir: Verſprich mir, mein Sohn, über dein Herz zu wachen, keine Verbindung anzuknüpfen, die meine Pläne mit dir kreuzt, ſonſt be⸗ trübſt du mich und gräbſt dir die Grube deines Unglücks. Denn wiſſe, mein guter Sohn, daß ich für dich bereits gewählt habe, und zwar ein ſehr liebes Kind, jetzt freilich noch im zarten Alter, das aber zur lieblichen Jungfrau heranblühen wird. Es iſt die Tochter meines beſten Freundes, du kennſt ihn, du kennſt ſie, ſie iſt die einzige Erbin, und deine Verbindung mit ihr wird der glücklichſte der Tage ſein, welche ich noch zu erleben hoffe. So ſprach mein Vater, und ich, damals im neunzehnten Jahre ſtehend, kannte ja noch nicht die Zaubermacht der Liebe, und leiſtete unbedacht und unbedenklich das ſchwere Verſprechen. Meine Braut zählte damals erſt zehn Jahre und war in der That ein liebreizendes Kind, jetzt aber zählt ſie zwanzig Jahre, und harrt vielleicht mit Trauer oder mit Ungeduld auf den die Welt durchſchwimmenden Ver⸗ lobten, und dieſer—— —— — Herr Gott! fuhr der Kapitän auf, Herr Leonardus! Und das Alles ſagen Sie mir jetzt erſt! Ach, das bringt mich um Ehre und Eredit, ſchleudert mich vom ſichern Steuerbord in die wogenden Wellen! Bleiben Sie ruhig, Kapitän! bat Leonardus. Sie mußten es end⸗ lich doch erfahren, daß Sie trotz Ihres beſchworenen Eides und beſter Ordnung Ihrer Papiere und Documente, dennoch eine ſehr werthvolle Contrebande am Vord haben. Es iſt eben die höchſte Zeit, mich Ihnen, mein redlicher Freund, ganz zu entdecken, denn ich nahe der Kataſtrophe und bedarf treuer, ſchützender Freunde. Der Befehl meines Vaters ruft mich nach der Heimath, dort harrt meiner die ſchöne, reiche Braut; unter allerlei Vorwänden entzog ich mich bisher der Heimkehr, ich kann es nicht länger thun, und Gott weiß, was nun werden ſoll! — Der Ton des Sprechenden, der erſt ſo heiter erſchienen war, wurde gegen das Ende ſeiner Rede kummervoll und beklommen, er ſenkte den Blick, ſtarrte in ſein Glas, ohne zu trinken, und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ſeinem Buſen. Nur nicht muthlos, mein Herr van der Valck! ermunterte der Kapitän. Ich bin gerade ſo klug geweſen, wie einer dieſer Tummler, die da mit uns ſchwimmen, habe nichts geahnet, bin Alles zufrieden geweſen, und werde bald genug, wenn uns kein rettender Gedanke ein⸗ füllt, ſtatt auf der Nordſee zu ſegeln, im ſchwarzen Meere der Tinte des Hauſes van der Valck ſitzen und in der Ungnade von Mynheer Adrianus. Ihre gegenſeitigen Worte machen mich ſehr geſpannt darauf, Wei⸗ teres zu vernehmen, gab Ludwig in das Geſpräch. Trinken wir ein⸗ mal, Herr Reiſegefährte! Sollte es mir vergönnt ſein, Ihnen einen Dienſt zu leiſten, ſo rechnen Sie ganz auf mich; ich bin völlig unab⸗ hängig, Herr meiner Zeit, und wenn die Wechſel gut ſind, auf die ich angewieſen bin, auch in dieſem Punkt ſo geſtellt, daß ich fremder Stützen nicht bedarf. Ich danke Ihnen tauſendmal, mein junger edler Freund, für Ihren guten Willen! rief Leonardus mit Wärme, und drückte Ludwigs Hand. Vielleicht führte Sie zu meinem Glück der gütige Himmel uns zu. Hören Sie nun beiderſeits weiter, was ich erlebte.— Eine Landreiſe führte mich im vorigen Sommer durch Frankreich in das Departement Sarthe und in deſſen Hauptſtadt le Mans; es war kein Vergnügen in Frankreich zu reiſen, und iſt es auch heute noch nicht, aber es galt, unſerem Hauſe ſicher angelegte Kapitalien zu retten, und dieſelben nicht in Form der nichtsnutzen und völlig werthloſen Aſſignaten aus⸗ gezahlt zu erhalten. Ich vollbrachte mein Geſchäft mit leidlich glück⸗ lichem Erfolg, weil die Vendée den Unſinn der Revolutionsgewalt⸗ haber nicht anerkannte, hatte aber Mühe genug, nicht für einen ver⸗ kappten Franzoſen gehalten und gezwungen zu werden, in Gemeinſchaft mit den tapferen Vendöern, die ſich wie ein Mann gegen die Republik und ihre Menſchenſchlächter erhoben hatten, die Waffen zu ergreifen. Es war im Monat September, und nach den glorreichſten Siegen warf ein grauſames Geſchick dennoch das Todesloos über das unglück⸗ liche Land und ſeine ihrem König und ihrem Glauben treuanhängliche Bevölkerung. Zwar erkämpften Elbée und Prinz Talmont noch einige dieſer Siege, aber von Mainz rückte bald darauf die Garniſon, welcher die Capitulation dieſer Stadt eine anderweite Wirkſamkeit verſagte, ſechszehntauſend Mann ſtark aus und marſchirte gegen die Vendée, und bald ſtanden mehrere Heere vereinigt, die eine Armee von ſech⸗ zigtauſend Mann Linientruppen bildeten, welche Zahl noch durch die Nationalgarde aller Provinzen, durch die das Heer zog, vermehrt werden ſollte. Es erfolgten, wie bekannt iſt, die allerblutigſten Gräuel; die Vendée ſollte ausgefegt werden, kein Alter, kein Geſchlecht ver⸗ ſchont bleiben, und alſo geſchah es. Doch ich will ja nicht die Gräuel dieſer ſcheuslichen Kämpfe ſchildern, ſondern ein unverhofftes Glück, das mir der Himmel auf eine wunderbare Weiſe in den Schoos warf. Wieder kam eine Trauernachricht nach der anderen nach le Mans, der tapfere Prinz Talmont und ſein Kampfgenoſſe d'Autichamps waren bei einem Angriff auf Douée, an der Spitze von fünfundzwanzig⸗ tauſend Mann, geſchlagen worden; ebenſo vor Thuars General Lescure mit zehntauſend, und das Schrecklichſte ſtand bevor. Mit dem Gedan⸗ ken an die Beſchleunigung meiner Abreiſe beſchäftigt und überlegend, wie ich dieſe am geeignetſten einrichten wollte und auf welchen Wegen ich am ſchnellſten und gefahrloſeſten die nördliche Küſte gewinnen könne, gehe ich eines Abends gegen die Zeit der Dämmerung auf dem reizenden Spaziergang, der den Namen le Greffier führt, auf und ab, als ich einige laute Worte, hervorgeſtoßen von einer rauhen Mannes⸗ ſtimme, vernehme, und dazwiſchen Schluchzen und Stöhnen eines lei⸗ denden Weibes. beide mehr Got verlo Ihn einſc dam ſühr dere reiſt tine nig erſt Ju fr neh fun ſe Va lin Halte mich nicht, Schlange! tobte der Mann, der, wie ich beim Nähertreten erkannte, ein Soldat, ein Offizier war: Mich ſiehſt du nie wieder! Gehe hin zu deinem ſüßen girrenden Correspondenten, mit dem du nun ſchon einige Jahre zärtliche Briefe wechſelſt, wir beide ſind getrennt auf ewig, ich ſcheide mich von dir— ich fluche dir! Trafen ſchon dieſe Worte erſchreckend mein Ohr, ſo erbebte noch mehr mein Herz, als ich die gemißhandelte Frau ausrufen hörte: Um Gottes, um des Kindes Willen, Berthelmy, hab' Erbarmen! Weſſen Kindes, treuloſe Schlange? ſchrie der Mann. Fort, fort, ehe ich mich vergeſſe, ehe ich dich tödte! Raſchen Schrittes enteilte er, und das arme Weib ſank wimmernd in die Kniee. Mich bannte ſtarrer Schreck an dieſen Ort— dieſer Name Ber⸗ thelmy— dieſe Stimme— außer mir ſtürzte ich auf die Unglückliche zu und rief: Biſt du es, Angés, geliebte Angés! O komme zu dir, faſſe dich, der Gott der Liebe ſendet dir einen Retter! Wie, Sie kannten dieſe Frau? riefen Ludwig und Fluit ſtaunend wie aus einem Munde. Ja, verehrte Herren, ich kannte ſie, ich liebte ſie, ich hatte ſie verloren, und fand ſie hier wieder, wo ich ſie nimmer geſucht hätte. Ich muß, um Ihnen Alles klar zu machen, jetzt ein früheres Ereigniß einſchalten. Es war im Jahre ſiebzehnhundertachtundachtzig— ich zählte damals dreiundzwanzig Jahre, als eine Reiſe mich nach Deutſchland führte, wo ich am Niederrhein, in Bonn, Köln, Düſſeldorf und deren Nachbarſtädten kaufmänniſche Verbindungen anknüpfte; von da reiſte ich in die Pfalz. In Zweibrücken führte mich der Zufall zu einer reichen Kaufmannsfamilie, Namens Daniels, in der ich neben ei⸗ nigen Brüdern ein junges Mädchen kennen lernte, zu welcher ſich beim erſten Erblicken mein ganzes Herz hinwandte. Sie ſtand in der erſten Jugendblüthe, und wurde nicht mit einem deutſchen, ſondern mit einem franzöſiſchen Namen gerufen, getreu der in Deutſchland ſo häufig in vor⸗ nehmen Häuſern heimiſchen Unſitte, die Mutterſprache zu verachten und der fremdländiſchen zu huldigen. Ich liebte das Mädchen heiß und innig, ſie wurde das Ideal meiner Jünglingsſchwärmerei, ich brach meinem Vater das gegebene Wort, doch nicht in ſolchem Grade, daß ich ein bindendes Verſprechen gegeben hätte. Dazu kam es nicht, aber es B. MI. 6 —— entſpann ſich ein außerordentlich zartes, ſchönes Verhältniß, der Juwel im Kranze meiner Erinnerungen. Angé's Eltern und ihre Brüder würden es gar zu gern geſehen haben, wenn ich ohne weiteres mich Angés gleich verlobt hätte, denn einmal gefiel ich ihnen, wie ich mir ſchmeicheln durfte, perſönlich, und dann mochte ihr kaufmänniſcher Sinn wohl berechnen, daß der Sohn des Hauſes van der Valck in Amſterdam keine ungeeignete Verbindung mit ihrem Hauſe in Ausſicht ſtelle. Um nicht mißdeutet zu werden und das junge Glück unſerer ſeligen Liebe nicht ſelbſt zu zerſtören, vertraute ich dem älteren Bruder des geliebten Mädchens an, daß ich ohne meines Vaters Einwilligung nicht über meine Hand verfügen könne, wenn auch mein Herz noch ſo ſehr dazu drängte; daß aber Geduld und Ausdauer den Lohn treuer Liebe begründen würden. Ich genoß mein Glück und blieb ſo lange wie möglich in dem ſchönen Zweibrücken, und als ich endlich ſchei⸗ den mußte, wurde fleißiger Briefwechſel zwiſchen Angés und mir verabredet, und die Aufſchriften und Beſtimmungsorte der Briefe feſt⸗ geſtellt. Froh und zugleich ſchmerzhaft bewegt ſchied ich von der Geliebten, und wir ſchrieben einander zuweilen, freilich nur in großen Zwiſchen⸗ räumen— weite Reiſen, die wohl ein viertel, ein halbes Jahr lang mich der Heimath entführten, oft in weit entlegene Länder, beein⸗ trächtigten ſehr den Briefwechſel mit dem ſehnſüchtig auf meine Wieder⸗ kehr harrenden geliebten Mädchen, dem ich ja nicht einmal Hoffnung geben konnte, denn in meinem Verhältniß daheim änderte ſich nichts. Wohl aber änderte ſich viel in dem ihrigen. Sie hielt mich halb und halb für treulos— ein Franzoſe, Kaufmann wie ich, kam in ihr älterliches Haus, ſah Angés und verliebte ſich in ſie, die er, wie er glaubte, oder wie man ihm glauben gemacht hatte, als eine junge von ihrem Geliebten verlaſſene Mutter mit der Pflege eines zarten Kindes, eines Mädchens, beſchäftigt fand. Eines Kindes? rief Ludwig lebhaft aus, und es trat ein jung⸗ fräuliches Erröthen auf die Wangen des Jünglings. Eines anvertrauten Kindes, mein Herr, entgegnete Leonardus mit ernſtem Blick, der jeden unlautern Verdacht zurückwies: eines Kindes, das ihr viele Sorgen und doch auch unendliche Freude machte und noch immer macht. ſe h la Etienne Berthelmy, ſo hieß jener Franzoſe, ließ ſich durch das Kind nicht abhalten, Angés um ihre Hand zu bedrängen, wies ge⸗ ſicherte Verhältniſſe nach, beſtürmte Eltern und Brüder um deren Zuſtimmung, und Angés, die mich aufgeben zu müſſen glaubte, gab endlich halb widerſtrebend und unter der Bedingung nach, daß ſie durch keine andere Macht, als durch den Tod, von dem Kinde ge⸗ trennt werden dürfe, weil es das ihr anvertraute Pfand einer hohen geheimen Liebe ſei. Von einer Reiſe zurückkehrend, fand ich einen Brief von Angés vor, der aus Paris geſchrieben war; es war ein ſchmerzlicher Ab⸗ ſchiedsbrief, durch den eine leiſe Reue, eine Bitte um Verzeihung ihres halb erzwungenen Schrittes und eine unvergängliche Liebe hin⸗ durchblickte. Ein Mann, der weniger innig und treu geliebt hätte, wie ich, hätte dieſe Wendung vielleicht nicht ungern geſehen— mich machte ſie äußerſt beſtürzt und ich weinte meinem verlorenen Glücke bittere Thränen nach. Je mehr ich Angé's Brief wiederholt las, deſto mehr las ich zwiſchen den Zeilen den Wunſch des geliebten jungen Weibes, ihr Freund zu bleiben, ihr nicht zu zürnen, und ich ſchwur Erſteres ihr und mir in Gedanken zu. Ich ſchrieb unter der angegebenen Aufſchrift wieder an ſie, und erhielt auch bald darauf wieder Antwort, und zwar aus Mons. Sie ſchilderte mir ihr Leben, erwähnte auch des Kindes, ihrer geliebten Sophie, der Eltern ihres Mannes, ihres Wohlſtandes und ihres im Ganzen glücklichen Verhältniſſes; der Brief überhaupt aber athmete ſo viele Wärme und ſo zärtliche Gefühle für den erſten Jugendfreund, wie ſie mich nannte, daß mein Herz immer aufs neue befangen ward, und daß ich eine ſtarke Sehnſucht empfand, Angés wiederzuſehen. War dieſes Verlangen vielleicht ſträflich, nun ſo ſand es auch ſeine volle Strafe. Ich antwortete ſogleich, ſprach mich im angedeuteten Sinne aus, erwiederte die Offenbarung der alten nie roſtenden und erſterbenden Neigung, und fragte an, ob es möglich ſein werde, ſie wieder zu ſehen, ohne ihr Verlegenheiten zu bereiten? Ich erhielt keine Antwort auf dieſen Brief, bald darauf aber einen zweiten von ihr, aus dem erſichtlich war, daß Angés meine Antwort nicht erhalten hatte, denn ſie klagte, daß ich ſie ganz vergeſſen zu wollen ſcheine, und führte an, daß es ſie tief ſchmerze, ſich von mir verachtet zu ſehen. 6* — Ich wunderte mich, und wunderte mich auch nicht, daß mein Brief verloren gegangen ſein ſolle, denn die politiſchen Bewegungen in Frank⸗ reich hatten ſchon begonnen, auch in den Nachbarlanden manches Wirr⸗ niß zu erregen, und ſo ſagte ich mir: was ſollſt du lange ſchreiben, wie nahe iſt nicht Mons? Ich nahm ein Geſchäft zum Vorwand und reiſte nach dieſer Stadt. Aber da mochte ich fragen, wo ich wollte, nach einem Berthelmy, nach einer jungen Dame aus Zweibrücken, auf der Mairie, auf den Paßbureaus, auf der Poſt, nirgend eine Spur. Nie ſei jemand dieſes Namens hier geweſen, wohl aber, ſo hörte ich auf der Poſt, ein Brief, der noch unter dem Gitter als unbeſtellbar ausgelegt ſei, an eine Perſon dieſes Namens angelangt. Ich konnte mich von meinem Erſtaunen gar nicht erholen, wußte nicht, was ich denken ſollte, reiſte höchſt unzufrieden zurück, und ſchrieb nun Alles, was ich Angés hatte ſagen wollen, in einem Brief nieder, den ich an ihr elterliches Haus zur Weiterbeförderung nach Zweibrücken ſandte. Gleich darauf entfernte mich abermals eine lange Reiſe vom Hauſe, und auch bei der Rückkehr fand ich keine Antwort vor; wahrſcheinlich, ſo redete ich mir ein, hatte die Einſicht der Eltern für beſſer gehalten, meinen Brief, als zu nichts Gutem führend, unbeſtellt zu laſſen. Ich betrauerte ſie als verloren, konnte ſie aber nimmer vergeſſen. Da führte mich das Geſchick zu einer Reiſe nach Paris, und von da in die Vendée nach le Mans; da ſah ich durch des Zufalls un⸗ erforſchliches Walten die Geliebte in einem der ſchmerzlichſten Augen⸗ blicke ihres Lebens ſo unverhofft und plötzlich wieder, und die nächſte Minute klärte Alles auf. Sie hatte als Deutſche vor dem Namen ihres neuen Wohnortes das le vergeſſen, hatte das a undeutlich ge⸗ ſchrieben, ich hatte Mons ſtatt Mans geleſen, und an drei Buchſtaben lag es, daß unſere Herzen ſo lange ohne Kunde von einander blieben. — S—— Der Mond war prachtvoll in das Meer hinabgeſunken, das ſeine ſcheidenden Strahlen noch magiſch verſilberten; kühler wehte die Nacht⸗ luft und unruhiger ſchlugen die Wellen an die Flanken der„vergulden Roſe.“ Dunkler und tiefer ſenkte der Fittich der Nacht ſich über das Schiff. Ich denke, es wird Zeit, meine Herren, die Ruhe zu ſuchen, unter⸗ brach Leonardus ſeine Erzählung, indem er ſein Glas leerte, und ob⸗ ſchon ſeine beiden Zuhörer noch keinesweges ermüdet waren und gern noch länger dem Weitergange der Erzählung mit lauſchenden Ohren gefolgt wären, ſo wollten ſie ihrs doch nicht durch die Bitte beſchwerlich fallen, ſie ferner zu unterhalten, und verließen, obſchon nur halb befriedigt und auf den Fortgang geſpannt, das Verdeck, um ſich in ihre Schlafkojen zu begeben. Lebhaft beſchäftigte das Gehörte Ludwig's Phantaſie; ſein ganzer Antheil an dem ferneren Ergehen ſeines neuen Freundes war rege gemacht, und da er ſich wohl denken konnte, daß deſſen Verhältniß bei der Heimkehr ſich ſehr eigenthümlich geſtalten könne, ſann er da⸗ rüber nach, wie wohl Leonardus handeln müſſe und handeln werde, um die Pflicht des Sohnes mit jener des Freundes einer von ihrem Gatten verſtoßenen und im Zorn verlaſſenen jungen und gewiß auch ſchönen Frau zu vereinen. Ueber dieſem Nachſinnen beſchlich den Jüngling ſanſter Schlummer, und das Schiff glitt fort und fort, ſicher bewacht und richtig geſteuert, in tiefer Stille durch die ſchweigende Sternennacht. Als der Morgen klar und ſchön wie der geſtrige Tag anbrach, war vom Bord der„vergulden Roſe“ aus kein Land mehr zu erblicken. Das Schiff war ſchon auf der Höhe des Juiſter Riffs und mußte tn einem großen Bogen das nordweſtwärts weit in die See vorſpringende Borkumer Riff umſegeln, um dann zu wenden und ſüdweſtwärts zu ſteuern. In der Ferne, wo die Küſte gedacht werden mußte, ſtiegen — leichte Nebel empor, und als die Sonne aus dem Schooße des ewigen Meeres hehr und groß ſich heraufhob, traten nach und nach die größeren Inſeln Schirmonikvog und Ameland in Sicht. Nach einigen abgethanen Geſchäften und nachdem auch der junge Graf nicht verſäumt hatte, ſich von dem Befinden ſeiner Iſabella und Philipp's Braunen zu überzeugen, die im Packraum der„vergulden Roſe“ zwar enge aber ſicher eingeſtellt waren, fanden ſich die drei Gefährten in der Kajüte des Kapitäns beim Morgentrunke wieder zuſammen, und Leonardus ließ ſich nicht lange um die Fortſetzung ſeiner in der Nacht abgebrochenen Erzählung bitten. Angés, fuhr er fert: war noch von ſo lieblicher Blüthe, wie ich ſie als Jungfrau geſehen, und der Schmerz gab ihrer Schönheit etwas ſo Rührendes, Heiliges und Verklärtes, daß ich mich mit Zaubergewalt aufs Neue zu ihr hingezogen fühlte. Da, wo ich ſie jetzt ſprach, konnten wir nicht bleiben, es war in der Flurthüre ihrer Wohnung; Angeés verſprach mir, nach kurzer Friſt wieder herab auf den Spazier⸗ gang zu kommen, und bald hing die zarte, bebende Geſtalt tief verhüllt an meinem Arme und erzählte mir Alles. Ihr Mann hatte, von loyalem Gefühl beſeelt, die kaufmänniſche Feder mit den Waffen des Kriegers vertauſcht, er war Bürger⸗Soldat und hatte, vorher ein glatter, gewandter, ja ſelbſt liebenswürdiger junger Mann, ſein Weſen ſchnell in Rauheit umgewandelt, in die er die Eigenſchaften eines tüchtigen Soldaten ſetzte. Mit dem Wachſen ſeines Bartes wuchs auch ſein verändertes Benehmen gegen die junge, zarte Frau, ſelbſt gegen ſeine Eltern, deren Bildungsgrad, wie auch der ſeinige, ein hoher nicht war. Dabei vernachläſſigte er ſein Ge⸗ ſchäft und kam ſchnell zurück. Daß das Kind, die liebe kleine Sophie, das eigene von Angés ſei, ließen weder Berthelmy noch deſſen Eltern ſich ausreden, und die arme Kleine ſah ſich unzart behandelt, was wiederum dazu beitrug, Angé's reines Gemüth zu verletzen und zu verbittern. Dabei quälte den Mann eine maßloſe Eiferſucht, und Angés wurde von ihm und ſeinen Eltern mit Argusaugen bewacht, jeder Tritt und Schritt beargwohnt, kaum konnte ſie ſich einen Spa⸗ ziergang mit dem Kinde vergönnen. Tauſendmal bereute Angés ihren ohnehin durch Ueberredung weit mehr als aus Liebe gethanen Schritt, und wünſchte die Feſſel gebrochen, die ſie an ungeliebte Menſchen, an eine freudloſe Umgebung und in eine Stadt bannte, die noch, wie die ganze Vendée, niedergehalten im dumpfen Glaubensdruck, ihr, der Deutſchen, der Proteſtantin zumal, durchaus keine gemüthliche An⸗ ſprache bot. Und da war ich nun der erſte, und wie ſie mir unter Zittern geſtand, der einzige, mit aller Jugendglut noch immer umfaßte Ge⸗ liebte, und ſie, zurückgeſtoßen, gemartert, mißhandelt, auf dem Wege zur Verzweiflung. Wohl war mein Brief aus ihrer Heimath an ſie gelangt, aber die eiferſüchtige Wuth des Mannes ahnete etwas von dieſem Briefwechſel; mit der rohen und frechen Hand eines gänzlich bildungsloſen Menſchen griff er in ihr Allerheiligſtes, erbrach das Fach ihres Schreibtiſches, fand und las Tagebücher, kleine zärtliche Herzensergießungen, auch meine, nach ihrer Verheirathung mit Ber⸗ thelmy empfangenen Briefe und tobte, wie ein unſinniger Wüthrich, gebot Angés, ſein Haus mit ſammt ihrem Kinde zu verlaſſen und in ihre ferne Heimath zurückzukehren. Wie hätte ſie dies ſelbſt mit allen Mitteln jetzt vermocht, wo das ganze Land unter Waffen ſtand, alle Tage blutige Scharmützel vorfielen und es eine Sache der Unmög⸗ lichkeit war, daß ein zartes, ſchönes und junges Weib mit einem kleinen Kinde durch die von allen Seiten ſich nach der Vendée zuwälzenden Heeresmaſſen gelangen konnte? Und doch wollte Angés fort um jeden Preis. Schmerzlich bewegte mich ihre rührende Klage, ihr troſtloſer Zu⸗ ſtand und die heftige Bewegung ihres zartbeſaiteten Gemüthes, als Angés dies alles mir mittheilte. Ich ſann und ſann, wie hier zu helfen ſei; daß geholfen werden müſſe und daß niemand helfen könne und werde als ich, ſtand klar vor meiner Seele. Nur das wie? der Hülfe war noch die große und verhängnißvolle Frage. Leicht wäre mit ihr allein mir raſche Entfernung möglich geweſen, denn ich konnte mich ſchnell reiſefertig machen, aber das Kind— von dem Kinde wollte und konnte Angés, wie ſie ſo heilig betheuerte, nicht laſſen. Es dunkelte mehr und mehr, wohl nie wandelte auf dem ſchönen belebten Spaziergang ein Paar, das Andere für ein glückliches Liebes⸗ paar halten mochten, in ſo ernſten, ſorgenſchweren Gedanken als ich jetzt mit Angés. Die Viertelſtunden verrannen, bis Nachts eilf Uhr mußte alles geſchehen ſein, was geſchehen ſollte, denn da wurden die — Thore geſchloſſen, die Straßen durch Patrouillen geſäubert, und nie⸗ mand durfte ohne wichtige Gründe das Haus und noch weniger die Stadt verlaſſen. Mir blieb gar keine Wahl, gar kein langes Beſinnen; entweder ich liebte Angés noch, blieb ihr ein treuer Freund, bot die Hand zu ihrer Rettung aus wachſender Pein und Verzweiflung ohne zögerndes Bedenken, oder ich war ein unritterlicher Feigling, nicht werth, daß ein ſo holdes gequältes Geſchöpf mich Freund nenne, nicht werth eines ſo hohen unbegrenzten Vertrauens; daher ſprach ich, wieder mit Angés nach ihrem Wohnhauſe zugehend: Hole das Kind, nimm was du an Schmuck und Baarſchaft beſitzeſt mit, und außerdem belade dich mit nichts. Ich bleibe hier und harre deiner, dann folgſt du mir auf gutes Glück. Es ging alles gut; die Eltern Berthelmy's, betagte Leute, hatten ſich bereits zur Ruhe begeben; er blieb dieſe Nacht auf Wache; Angés nahm, was ſie ihr Eigenthum nennen konnte, that als wolle ſie das Kind, das ſchon ſchläfrig war, zur Ruhe bringen, kleidete daſſelbe aber recht warm an, anſtatt es auszukleiden, und kam nach Verlauf einer Viertelſtunde mit ihm zu mir herab, der ich in peinlichen und angſtvollen Gefühlen ihrer auf der Straße harrte. Die Kleine war ſtill, die ſüße Stimme ihrer vermeinten Mutter hatte ſie leicht be⸗ ſchwichtigt, ich nahm die leichte Laſt auf meine Arme, und ſo ſchritten wir nach meinem Gaſthaus, das nicht fern vom le Greffier gelegen war. Meine Pferde hatten geruht, die Nacht war mondhell, ich ließ den Kutſcher anſpannen, und ſagte dem Wirth, daß eine nahe Ver⸗ wandte von mir mich begleiten werde. Einige Goldſtücke über den Betrag meiner Rechnung bewogen meinen gefälligen Wirth, ſich zur Mairie zu begeben, um für ſeine Verwandte, welche mit ihrem Bruder, der aus Amſterdam gekommen ſei, ſie abzuholen, und mit ihrem Kinde nach Holland zu reiſen gedenke, einen Paß zu erbitten, und unſer Abenteuer lief ganz glücklich ab; wir waren, als die Mitternacht⸗ glocken in le Mans anſchlugen, ſchon weit aus dem Weichbild der uralten Biſchofſtadt und Angés pries den Himmel und mich unter Freudenthränen für ihre Rettung. Ich hätte unter keiner Bedingung eine ſolche That, als die meine war, die förmliche Entführung einer verheiratheten Frau, unter andern Verhältniſſen begehen mögen, aber — —— hier entſchuldigte mich mein Gewiſſen, denn ſie war aufgegeben und hatte gegen das Kind Pflichten übernommen, die ihr geboten, es nicht in der bisherigen Umgebung zu laſſen. Wir fuhren, von ſchöner Herbſtwitterung begünſtigt, dem geſchlängelten Lauf der von Norden herabkommenden Sarthe entgegen, raſteten in Alengon, reiſten über Sens und Argentan, Falais und Caön, und gewannen glücklich das Küſtenland. Ein kleines Schiff führte uns nach Havre, wo meines Herrn Vaters„vergulde Roſe“, Kapitän Richart Fluit, ſegelfertig lag, um ein paar zarte Lilien an Bord zu nehmen, nebſt mich und meinen Diener. Ja— ja— brummte der Kapitän— ein verteufeltes Wage⸗ ſtück— wollen ſehen, wie es enden wird! Es war gerade, als wir in Havre landeten, ein mir beſonders lieber Tag, und ich begann ihn mit dem werthen Freund hier und der theueren Freundin am Bord, in überglücklicher Heiterkeit, ſorglos und um die nächſte Zukunft unbekümmert— wiſſen Sie noch, Kapitän? Wir vertilgten damals vielen Champagner und Dry Madeira— es war mein Geburtstag, der 22. September. Wie, mein Herr? fuhr Ludwig mit raſcher Frage auf. Auch ihr Geburtstag iſt der 22. September? Ich habe die Ehre, Ihnen zu ſagen, daß der meinige auf denſelben Tag fällt. Nun, das grenzt aber in der That an das Wunderbare, rief der Kapitän. Welche Aehnlichkeiten werden wir noch entdecken zwiſchen dieſen beiden Herren! Nun will ich Ihnen auch etwas ſagen, meine hochverehrten Paſſagiere, heute iſt mein Geburtstag, den wollen wir feiern, und den Ihrigen noch einmal mit. Ich habe den Schiffskoch ſchon beauftragt, für ein Frühſtück nach Seemannsbrauch zu ſorgen. Madeira, der zweimal unter der Mittagslinie hindurchging, wird nicht nur zu Mittag, er wird auch zum Frühſtück munden, und mit dem tollen Franzoſen, Monſieur Kreideweiß, werden wir auch noch anbinden können, und ihn auf gut niederländiſch tractiren. Der Kapitän entfernte ſich mit ſchallendem Gelächter, nachdem ſeine Reiſenden ihm vereint Glück zum heutigen Tage gewünſcht hatten, um alles Nöthige anzuordnen. Mittlerweile faßte Leonardus Ludwig's Hand, drückte ſie mit Wärme und ſprach: Junger Herr! es iſt in der That wunderbar, wie viel Aehnlichkeit das Geſchick uns gegenſeitig zu Theil werden läßt. Laſſet uns Freunde ſein, laſſet uns einen Bund —— ſchließen für das ganze uns noch vergönnte Leben. ganz voll von unbegrenztem Vertrauen zu Euch! Ludwig dachte in dieſem Augenblick der geiſtigen Mitgabe durch die Großmutter. Sie hatte geſagt: Achte treue Freundſchaft und hüte dich vor falſchen Freunden.— Ein falſcher Freund konnte Leonardus nicht ſein, nicht werden; ſein offenes blühendes Geſicht drückte Bieder⸗ keit aus, ſeine Augen, blau wie die eigenen des jungen Grafen, ſtrahlten Treue. Lndwig bot daher unbedenklich und mit voller jugend⸗ licher Hingebung gerne beide Hände dar und antwortete: Ich habe von Freundſchaft einen hohen Begriff; mein Lehrer in der griechiſchen Sprache ließ mich die Sprüche des großen Weltweiſen Solon leſen und lernen, und da lernte ich:„Gerechte Freundſchaft iſt der ſicherſte Beſitz!— Kein ſchöneres Gut auf Erden, als ein Freund!— Den Göttern gleich verehre willig Freunde!— Für Brüder achten ſollſt wahrhafte Freunde du!“ Ja Bruder! Bruder! rief Leonardus enthuſiaſtiſch, und warf ſich küſſend in Ludwig's Arme. Bruder im Leben, im Tode Bruder! ſprach Ludwig ſehr ernſt, und erwiderte den Bundeskuß mit dem heiligen Gefühle eines Jünglings⸗ herzens, das ſich bisher in holder Unbefangenheit und in ſchönen Idealen hatte nähren und aufrichten dürfen. Ich habe nicht Griechiſch gelernt, mein Bruder Ludwig, verſetzte Leonardus bewegt, aber ich will dir die hohen und weiſen Worte dei⸗ nes Solon mit einem Ausſpruch des größten Dichters unſerer britiſchen Nachbarn erwiedern. Shakſpeare ſagt: Mein Herz iſt Den treuen Freunden will ich weit die Arme öffnen, Und wie ſein Kind der Lehensopf'rer Pelican Mit meinem Blut ſie tränken. Das Erſcheinen des Kapitäns, der vom Koch gefolgt, mit alle dem würdigen Werkzeug eintrat, das gehobene Seelenſtimmung her⸗ vorzurufen und zu beleben im Stande iſt, unterbrach die Ergüſſe jugendlicher Erinnerungen an tiefeingeprägte unſterbliche Dichtergedanken, und es begann die heitere Morgenfeier des Geburtstages des treuen und wohlgeſinnten Kapitäns. Schon näherte ſich das Schiff der Küſte der Inſel Ameland, an deren nördlicher Spitze es nahe vorbeiſegeln und zwiſchen den Riffen „ 6 zur fern lint am und was ſiehe trat ein ihr Be Ei erh He wi wi we 91 der Watten links und der Zuyd⸗Wal rechts die ſchmale Fahrſtraße einhalten mußte. Die„vergulde Roſe“ behielt nun auf mehrere Stunden zur Rechten die Inſeln Ter Schelling und Vliland näher oder ent⸗ fernter, die friesländiſche Küſte aber in ſtets gleicher ziemlicher Nähe zur Linken in Sicht, bis es dieſer bei dem ſagenreichen Stavoren vorüber am nächſten kam. Als Kapitän Fluit die erſte Flaſche entkorkt und die geiſtige Flut in die Gläſer hatte rinnen laſſen, und der erſte Toaſt ihm von den Freunden ausgebracht war, verließ Leonardus ſchnell die Kajüte. Was hat er? Was iſt ihm? fragte Ludwig, einigermaßen beſtürzt und verwundert über dieſen raſchen Aufbruch. Werden es gleich ſehen, mein Herr Graf! Werden gleich ſehen, was Herr Leonardus hat, gab der Kapitän lachend zur Antwort, und ſiehe, bald darauf wurde wieder die Kajütenthüre geöffnet und herein trat mit einem freudeſtrahlenden Blick Leonardus, auf ſeinem Arm ein über alle Beſchreibung ſchönes Kind tragend, und dicht hinter ihm folgte mit einem unendlich reizenden keuſchen Erröthen Angés Berthelmy. Ludwig und der Kapitän erhoben ſich zum freundlichen Gruße der Eintretenden, und indem ſie einen ſchüchternen Blick auf Ludwig warf, erglühte ſie noch höher wie zuvor, und rief: Mein Leonardus, dein Herr Bruder! Ja, mein Bruder, gute Angés, nimm ihn immer dafür! Nicht wahr, ſie darf? fragte Leonardus ſeinen neuen Freund, und dieſer er⸗ widerte in einiger Verwirrung, ja faſt mädchenhaft: Wohl, ſie darf, welch' eine liebenswürdige Schweſter gewinne ich dabei! Freundlich wurde Angés genöthigt, bei den Freunden ſich nieder⸗ zulaſſen; ſie ſetzte zwiſchen ſich und Ludwig das Kind, und ſich ſelbſt traulich anſchmiegend an Leonardus Seite. Ludwig konnte, nachdem er an Angé's Schönheit ſeine Augen vollgeweidet, dieſe Augen kaum von dem Kinde wenden. Die kleine Sophie war von blühendſter Friſche und von der zarteſten Färbung der Haut, ſie hatte ein rundes Geſichtchen, weiches blondes Haar, welches in Ringellocken um das Engelsköpfchen fiel, und die herrlich⸗ ſten dunkeln Augen, die man nur irgend ſehen konnte; das kleine Mädchen mochte vier Jahre zählen, erſchien aber im Wachsthum ſchon — voraus und voll Anlage zu einem ſchlanken Wuchs. Sophiechen ſprach blos Franzöſiſch.— Nur leiſe nippte Angés an dem perlenden Schaumwein, ihr ganzes Weſen erſchien edel, zart, zaghaft, voll züchtiger Haltung, und dabei voll Hoheit und Tiefe des Gemüths und Charak⸗ ters, obſchon ſie dies nicht in Worten kund gab. Sie ſaß vielmehr befangen bei den Männern, und machte ſich, oft erröthend, viel mit dem Kinde zu thun. Das Geſpräch lenkte ſich der allernächſten Zu⸗ kunft zu, oder vielmehr Leonardus lenkte es darauf hin, denn es wurde allgemach hohe Zeit, an dieſelbe ernſtlich zu denken. Beim heitern Becher wird auch ein ernſtes Wort nicht ſchaden, ſprach er. Ludwig, mein Freund, mein Bruder, höre meine, höre unſere Bitte! Nimm dich dieſer Verlaſſenen liebend und in Treue an, ſo lange ich in Amſterdam zu weilen gezwungen bin. Angeés kennt mein ganzes Verhältniß, ich brauche nichts weiter zu erläutern. Auf dem Schiff kann ſie nicht bleiben, ohne unſerm guten Kapitän Unge⸗ legenheiten zuzuziehen; daher vertraue ich ſie dir, deiner Ehre die ihrige vertraue ich an, laß ſie unter deiner Obhut wohnen, ſage, daß ſie deine Verwandte ſei, deine Schweſter, nimm ſie in deinen ritterlichen Schirm und Schutz, Alles, was du für ſie und dieſes holde, verwaiſte, mindeſtens ſo gut als verwaiſte Kind aufwendeſt, will ich ja gern vergüten und vergelten. Ich hoffe feſt, daß ich mich bald wieder werde befreien können, und dann dich freigeben. Du boteſt mir deine Dienſte freiwillig an, guter Ludwig, zürne mir nun nicht, wenn ich die dar⸗ gebotene Hand ergreife als den Rettungsanker meines ſonſt unfehlbar ſinkenden Lebensſchiffes. O geliebte Angés, theurer Fluit, helſt mir ihn bitten! O, wenn Sie wollten gütig gegen uns ſein! ſprach Angés mit Flötenlauten, und ihre Augen ſtanden voll Thränen. Bedarf es noch der Bitte? Bin ich von Stein? Gab ich nicht im Voraus mein Wort? fragte Ludwig mit edelmüthiger Aufwallung. Es bedarf ja nur der Angabe deſſen, was ich thun ſoll und was ihr von mir wünſcht, und ich vollbringe es mit Freudigkeit. O, tauſend Dank und tauſendfache Vergeltung! riefen Leonardus und Angés, und der Kapitän brummte ein Bravo in den Bart, auf welchem einige Champagnerperlen glänzten, wie Morgenthau auf braunem Riethgras, und füllte von Neuem die Gläſer, indem er an⸗ 2 Han waſ ten ver ſein un der YM il A au wi —— klingend rief: Auf gutes Glück!— Auf gutes Glück! Aus voller Seele! Aus vollem Herzen! riefen die andern drei, und tranken die ſchäumenden Becher leer. Lächelnd und verlangend ſtreckte auch das Kind eines ſeiner roſigen Händchen nach dem Becher und Angés beugte ſich liebevoll zu ihm nieder und ließ es nippen, froh des willkommenen An⸗ laſſes, die Thränen der Rührung und Freude zu verbergen, die ihr aus den ſchönen Augen ſtürzten. Das Schiff ſegelte, während die Mittagsſtunde nahte, ohngefähr in der Breite von Harlingen, als der Matroſe, der die Wache hatte, nach Seemannsbrauch die Annäherung eines Schiffes ankündigte, wel⸗ ches der„vergulden Roſe“ nachkomme. Da nun gerade auf der Breite Harlingen zwiſchen zwei ſandigen Untiefen nur ein ſchmales Fahr⸗ waſſer ſich befindet, ſo galt es Vorſicht, mit dem gleichen Lauf hal⸗ tenden Schiffe einen in der Möglichkeit liegenden Zuſammenſtoß zu vermeiden. Der Kapitän dankte daher ſeinen Gäſten für die Güte, ſeinen Geburtstag mit ihm gefeiert zu haben, und ſtieg, von Ludwig und Leonardus begleitet, zum Steuerbord hinauf, während Angés mit dem Kinde ſich freundlich grüßend in ihre abgeſonderte Kajüte zurückzog. Das Schiff, welches dem Lauf der„vergulden Roſe“ in gerader Richtung folgte, war ein kleiner Schnellſegler, und Ludwig rief erſtaunt aus: Ah! die Jacht! die Jacht! Weſſen Jacht? fragten Fluit und Leonardus. Kennen Sie nicht die wohlbekannte Flagge des Souveräns, der auf dieſer Jacht herumfährt, und uns zuletzt, wenn es ihm möglich wäre, in den Grund ſegeln würde? fragte Ludwig. Fluit ſetzte ſein Augenglas an und rief: In der That! die reichs⸗ gräfliche Flagge von In- und Kniphauſen! Des Grafen Jacht, der der liebſte und thätigſte Freund unſers Herrn Erbſtatthalters iſt. Ora⸗ nien boven! Oranien boven! Dieſer volksthümliche Ausruf, der den ehrlichen Fluit als einen der Partei des Erbſtatthalters und ſeines Hauſes ergebenen Mann bezeichnete, war zugleich das Signal, das nahende Schiff durch Auf⸗ hiſſen einer oraniſchen Flagge zu begrüßen, und augenblicklich flatterte dieſe auch dort auf der Jacht im Tauwerk empor. Zugleich erhielt der Steuermann Befehl, ſo viel als möglich links beizudrücken und der leichten Jacht das Fahrwaſſer freizugeben. — Ludwig's Falkenblick erkannte den Erbherrn, wie er auf dem Bug ſeines Schiffes ſtand und durch das Fernrohr nach der„vergulden Roſe“ blickte. Ludwig drehte ſich, da er nicht wünſchte, von Jenem geſehen und erkannt zu werden, raſch um und verließ das Steuerbord, und zwar mit einem ſehr frohen Dankgefühl und einem verklärten Blick gen Himmel. Er gedachte mit tiefer Empfindung der leidenden Erbherrin, und konnte ſich getroſt ſagen, daß ihr Zuſtand ſich merklich gebeſſert haben müſſe, ſonſt werde Graf Wilhelm ſie gewiß nicht unter der Pflege fremder Hände zurückgelaſſen haben. Der überaus günſtige Nordoſtwind, der den ganzen Morgen über geweht, hatte die gut ſegelnde ſchöne Suſanne überaus raſch vorwärts gebracht und ſüd⸗ weſtwärts getrieben; ſie hatte erſt am frühen Morgen des heutigen Tages den Jahdebuſen verlaſſen, freilich aber durch ihren nicht tiefen Gang den für leichtere Fahrzeuge kürzeren Waſſerweg zwiſchen der Küſte und dem Wangerland einſchlagen können. Als die ſchöne Su⸗ ſanne der„vergulden Roſe“ ziemlich nahe vorbei rauſchte, erfolgten die üblichen Grüße, die der Brauch vorſchrieb, und bevor noch zwei Stun⸗ den vergingen, war die Jacht, die ſtricten Curs nach Amſterdam zu hielt, der vergulden Roſe außer Sicht. Dieſer Kauffahrer, eine ein⸗ maſtige Pinke, ſchwebte jetzt in ziemlicher Nähe der ſechs Seemeilen langen und faſt zwei Meilen breiten Untiefe, die einſt ein bevölkertes, blühendes Land geweſen war. Nicht ohne geheimes Grauen ſieht der Schiffer, wie über dieſen weit gedehnten Meeresſtrich die Wellen eine andere Geſtalt annehmen, ſich eigenthümlicher kräuſeln, als auf offener See, oder im günſtigen tiefen Fahrwaſſer. Immer iſt ein unheim— liches Rollen und Rauſchen, ſtärker als an andern Strichen der See vernehmbar, und es iſt gar kein Wunder, wenn ein nervösgereiztes Ohr, zumal das eines Sagengläubigen, die Glocken aus der Tiefe von den Kirchthürmen der verſunkenen Dörfer mit grellem und ſchauer⸗ lichem Klange läuten hört. Sinnend und ernſt blickten die Freunde auf das ſchöne unermeßlich lang gedehnte, wogenüberſtrömte, tief⸗ liegende Riff, das bis nach Stavoren hinauf ſich erſtreckte, und der Kapitän murmelte, gleichſam als trauriger kummerbeſchwerter Cicerone halblaut vor ſich hin: al daar verdronken— verdronken en't jaaren van een duizend twee honderd en zeventwintig, en een duizend twee honderd en zeventachtig.— Dort breitete ſich 95 vor Stavoren die lange weiße Düne, der Frauenſand, auf dem ein junges Saatengrün oder einſt in das Meer geworfener Waizen als unfruchtbarer Dünenhafer aufzuſchießen begann, und ſperrte den Ha⸗ fen, hemmte dem früher ſo blühenden Verkehrsort das Anlegen grö⸗ ßerer Schiffe. Jetzt lief die„vergulde Roſe“ ein in das rieſige Waſſer⸗ becken der Zuider⸗See. Der Abend ſank nieder, als die Höhe von Enkhuizen erreicht war, und als abermals ein ſchöner Morgen, nur etwas nebelhaft aufglühte, ſteuerte das Schiff durch den Pampus und das Y, dann tauchte nach kurzer Fahrt ſchier phantaſtiſch der Maſten⸗ wald des Hafens von Amſterdam durch den Nebel der Frühe, und das Klingen unzähliger Glockenſpiele von den Thürmen der gewaltigen Großſtadt machte einen eigenthümlichen Eindruck. Das Getön war ebenfalls phantaſtiſch, verworren, und bald wurde es überlärmt vom vollen ſich früh entwickelnden Leben der Straßen, von tauſend und abertauſend Karren und Schleifen, dem Wälzen der Fäſſer, dem Ge⸗ ſchrei der Ausrufer und Straßenverkäufer, dem ganzen lauten Getriebe einer ſteten Meſſe. Ludwig und die Uebrigen nahmen herzlich danken⸗ den Abſchied von dem biedern Kapitän, nicht ohne Hoffnung auf ein Wiederſehen, und Erſterer dankte dem Himmel, ſchon beim Ausſchiffen einen ortskundigen, berathenden Freund zur Seite zu haben, denn wie überall in großen Städten lauerte auch hier im Hafen der Betrug, die unerſättliche Habgier und das Diebesgelüſt, das in jedem Ankömmling ein Ziel für die Beraubung ſieht, in tauſendfacher Geſtalt. Aber Alles, was ſich in ſolcher Abſicht an die Ausgeſchifften herandrängte, ſtob von dannen, als Leonardus in derben wohlverſtändlichen Lauten der Mutterſprache das lungernde und lauernde Geſindel zurückdon⸗ nerte, und nun manch grollendes: Zy 2yn geene patrioten, zy zyn van den verdoemten voornaamsten— 2y 2yn Oranje äppels— Gekken! und dazu ein dem Verdruſſe Luft machendes Hohngelächter. Mit großer Gewandtheit und Ueberſicht ordnete Leo⸗ nardus Alles an; ein zurückgeſchlagener Wagen ward genommen für ihn, Ludwig, Angés und Sophie, das wenige Gepäck ward untergebracht, Philipp beſtieg den Braunen und führte die ſchöne Iſabella dem Wagen nach, die freudig wieherte, als ſie nach dem langen ermüdenden Stehen im Schiffsraum wieder ſichern Boden unter ihren Hufen fühlte. Und nun ging es bald raſcher, bald langſamer durch wimmelvolle Straßen und über geräuſchvolle Märkte, bis endlich das Gaſthaus erreicht wurde, in welchem Leonardus dem Freund und der Geliebten eine ruhige Unterkunfk zu bereiten gedachte. Alles zu Ordnende ordnete ſich leicht und raſch. Die Fremden mietheten und bezahlten die ihnen nöthige Zimmerzahl gleich auf eine Woche voraus, und fanden die trefflichſte Einrichtung und die berühmte holländiſche Reinlichkeit in ſich ſelbſt übertreffender Weiſe; Alles auf das Wünſchenswertheſte, als ſei es längſt vorausbeſtellt. Kein Stäubchen auf Geſimſen und Möbeln, jede Bequemlichkeit geboten, Schreibzeug, Federn, Papier, Oblaten und Siegellack, ja es fehlte nicht am Schreibtiſch der Kalen⸗ der, nicht auf dem Betpult die Bibel, und die Kaminſimſe prangten mit den allerſchönſten und bunteſten Figuren, Männchen und Götzen⸗ bildern von Porzellan und Speckſtein aus dem Reiche der Weltmitte und dem Sonnenlande Nippon. Prächtige ſtarkbauchige Porzellanvaſen hauchten in ihrer Eigenſchaft als Räuchertöpfe köſtlichen Wohlgeruch aus, und in zartgeformten Gefäßen dufteten Veilchen, des nahen Len⸗ zes liebliche Erſtlinge. Ein Plan ward raſch entworfen; Leonardus wollte zuerſt das äl⸗ terliche Haus begrüßen, den Beſuch des Freundes anmelden, dieſen dann ſelbſt einführen, dann mit ihm zurückkehren und die Nachmit⸗ tags⸗ und Abendzeit benutzen, ihn und ſeine Angés den Genüſſen zuzuführen, welche Amſterdam in ſo reicher Fülle darbietet. Wenn es ſich einleiten laſſe, ſolle Herr Adrianus von der Valck Angés ſehen; ſie ſolle ſuchen deſſen Herz zu gewinnen, und zugleich wollte Leonardus verſuchen, das Band zu löſen, das ohne ſeinen Willen und ohne ihn und ſeine Zuſtimmung zu befragen, der Vater um ſeine Freiheit ge⸗ ſchlungen hatte. Angés hörte dieſe Pläne mit einem Gefühle von Wehmuth an, welches ſie niederzudrücken ſtrebte, aber als Leonardus geſchieden war, vermochte ſie ihre Thränen nicht mehr zurückzuhalten und ſprach zu Ludwig, in deſſen Geſellſchaft ſie mit dem Kinde völlig unbefangen blieb: Mein Geſchick iſt ein ſehr ſchweres und hartes, mein brüderlicher Freund! Ich habe mir ſchon tauſendfache Vorwürfe gemacht, daß ich meinem überwallenden Gefühle und dem geliebten Jugendfreunde folgte; aber ich bin vielleicht auch in etwas zu ent⸗ ſchuldigen, wenn ich ſein plötzliches Erſcheinen in einem Augenblicke, welcher mich der Verzweiflung nahe brachte, für einen Wink Gottes 97 hielt. Ich war nicht fähig, mit ruhigem und kaltem Blute zu über⸗ legen bei der Mißhandlung, die mir widerfahren war, und nie hätte ſich mir ein anderer Ausweg zur Flucht geboten. Indeſſen, wie ſehr Leonardus mich liebt, wie ſehr mein Wunſch wäre, ihm anzugehören, ſo darf es ja nicht ſein, da ich noch nicht von meinem Manne ge⸗ ſchieden bin, und wieder darf es nicht ſein, daß ich mich als Laſt an des edlen Freundes Ferſen hänge, daß ich zwiſchen ihn und ſeines Vaters Zufriedenheit, zwiſchen ihn und das Glück ſeiner Zukunft an der Hand einer reichen Braut, welcher er verlobt wurde, mich dränge. Ich könnte nur ſtörenden Unfrieden hervorrufen, und dafür möge der allmächtige Gott mich bewahren, denn ich weiß, was Unfriede iſt und was er wiegt im Leben der Familienz er iſt wie ein freſſendes Krebsgeſchwür, dem nicht Meſſer, nicht Salbe des Wundarztes völlig Einhalt zu thun vermag. Ludwig hörte mit herzlicher Theilnahme dieſe Worte des ſchönen, noch ſo jungen und ſchon ſo unglücklichen Weibes an; aber er bei ſeiner eigenen Jugend und Unerfahrenheit, welchen Rath hätte er zu geben vermocht? Er ſann einige Augenblicke nach und ſprach dann: Ihr Verhältniß, verehrte Freundin, iſt allerdings ein ſehr eigenthüm⸗ liches; es wird Alles darauf ankommen, ob des Freundes Liebe zu Ihnen von ſolcher Stärke iſt, daß er alle derſelben ſich entgegendämmende Schwierigkeiten überwindet, ohne ſelbſt an eigenem Lebens⸗ und Zu⸗ kunftsglück ein Opfer zu bringen. Es iſt nur edel und würdig von Ihnen, daß Sie ein ſolches Opfer nicht erwarten und fordern, und Sie würden auch nicht glücklich ſein können, falls es dennoch darge⸗ bracht würde. Gewiß nicht, mein edler Freund, Sie fühlen wie ich! rief Angés, bot Ludwig ihre Hand und ſah ihm mit reinem durch Thränen ver⸗ klärtem Lächeln ſchweſterlich liebevoll in die Augen, ganz Hingebung, ganz Vertrauen. Darum preiſe ich mein Geſchick, daß der Himmel Sie uns zuführte, und ich will Ihnen meine Gedanken offen mittheilen. Gelingt es Leonardus, die zu fürchtenden Schwierigkeiten zu über⸗ winden, ſo wird er auch Rath finden, jene Schritte zu thun, welche nöthig ſind, die Scheidung von meinem Manne zu bewirken; gelingt es ihm nicht, ſo muß ich von ihm ſcheiden, denn ich will nicht in einem Verhältniß leben, über das die gute Sitte den Stab bricht. S B. U. 7 — War meine Flucht mit Leonardus ein Fehltritt, ſo war ſie doch der einzige, aber ich möchte nicht noch länger den Kampf der innigſten Liebe mit der Pflicht der uns auferlegten Entſagung kämpfen, ich fühle, daß auf die Dauer meine Kraft dazu nicht ausreicht. Und dann habe ich nur einen Wunſch: Ich will zurück in meine Heimath, in mein Elternhaus, und dazu, nur dazu ſollen Sie mir Rath und Schutz auf meine Bitte leihen, und ſollen helfen, mich vor mir ſelbſt zu retten. 8. Das Haus van der PValck. Gelecitet von Leonardus betrat Ludwig Graf von Varel, verſehen mit ſeinen Papieren, das elterliche Haus ſeines Freundes, und mußte erſtaunen über dieſes von außen ganz einfach ſich darſtellenden Hauſes reiche Prachtfülle, die im Inneren zur Schau trat. Marmortreppen und Geländer, Mahagonigetäfel der Wände, von geſchliffenem Spiegel⸗ glas alle Scheiben der Fenſter. Glänzend gebohnte Fußböden, zum Theil belegt mit bunten Teppichwebereien aus Hindoſtan, von ſchwerem Seidendamaſt alle Vorhänge, herrlich geſchnitzte und mit Perlmutter, Bernſtein und Achaten ausgelegte Prunkſchreine mit Glasſcheiben, oben darauf eine Fülle prachtvoller Vaſen, von ächt chineſiſchem und japa⸗ niſchem Porcellan, und innen ein unermeßlicher Reichthum an Gold und Sil⸗ bergeräthen zur Schau geſtellt. An den Wänden, wo nicht franzöſiſche oder flandriſche Gobelins dieſe mit Farbenbildern ganz bedeckten, werth⸗ volle Gemälde der niederländiſchen Meiſter in breiten, phantaſtiſch ausgeſchnitzten Mahagonirahmen, da und dort Conſolen, auf denen Statuen oder Trinkgeſchirre von hohem Werthe ſtanden; auf den Simſen der Kamine und Thüren rieſige Wunder der Natur und ferner Länder; Prachtexemplare rother, weißer und ſchwarzer Korallen, Mil⸗ leporen und Matreporen, Käſten mit Rieſenſchmetterlingen aus Surinam und Amboina, Etzſtufen aus Peru, von den Küſten von Golkonda und Coromandel. In großen Käfigthürmen von blankem Meſſingdraht und mit mancherlei Zierrath ausgeſtattet allerlei leben⸗ des kreiſchendes, gellendes, mit Ketten raſſelndes fremdländiſches Gethier, Cacadu's, Papageien, Affen, Meerkatzen, eine überwältigende Fülle von Gegenſtänden, die förmlich auf die Sinne eines des Anblicks ſolchen Reichthums nicht Gewohnten verwirrend und faſt bethörend wirkten. Nach flüchtigen Blicken auf die Mannichfaltigkeit all dieſer eben vorhandenen, ſich gleichſam von ſelbſt verſtehenden und ganz ungeſucht zur Schau geſtellten Herrlichkeiten öffnete Leonardus dem Freunde das Arbeitskabinet ſeines Vaters. Es war dies ein kleines, faſt enges Zimmerchen, das durch eine vergitterte Zwiſchenwand von einem einige Stufen tiefer liegenden, folglich höheren geräumigen Zimmer abgeſchieden war, in welchem die zahlreichen Arbeiter der Schreibſtube an einfachen ſchwarzlakirten, mit allem Nöthigen verſehenen Tiſchen und Tafeln ſaßen. Ein Schalter, für das Oberhaupt des Geſchäftes bequem angebracht, vermittelte den Empfang der hinaus oder hereingereichten Briefſchaften, Wechſel, Quittungen und was ſonſt der tägliche Gang der Geſchäfte erforderte. Die Thüre zum Kabinet des alten Herrn führte aus einem etwas größeren, ebenſo wie das Kabinet höchſt einfach ausgeſtatteten Empfangzimmer hinein. Der Geruch im Kabinet und in der großen Schreibſtube war eine eigenthümliche Ver⸗ mählung der Gerüche von Schnupftabak und Tinte, und von durch⸗ dringender Schärfe. Herr Adrianus van der Valck war ein kleiner, gut und wohlhäbig ausſehender Mann mit ſchneeweißem Haar, darüber eine kleine Zopf⸗ perrücke, welche er mit ſchwarzem Käppchen bedeckt trug, und nach kurzem grüßenden Lüpfen dieſes Käppchens auch bedeckt hielt. Er bediente ſich beim Leſen und Schreiben einer jener altmodiſchen die Naſe klemmenden Brillen. Auch die Tracht des Mannes war noch eine altmodiſche; kurze Beinkleider von Sammtmancheſter, ſeidene Strümpfe mit Zwickeln, Schuhe mit großen, glitzernden, ächten Edelſteinſchnallen. Nach den gewöhnlichen förmlichen Begrüßungen beim Eintritt mußte ſich Ludwig auf einen der runden drehbaren Polſterſchemel ſetzen, wie ſie, um möglichſt Raum zu ſparen, in den kleinen kaufmänniſchen Schreibſtuben üblich ſind, und als dieſer Aufforderung von ihm genügt war, überreichte er einen Theil ſeiner Papiere. Herr Adrianus ſah dieſelben ſcharf prüfend an, und fand alles in beſter Ordnung.— Sie ſind uns gut empfohlen, Herr Graf, nahm der alte Herr das Wort; und ich heiße Sie in Amſterdam willkommen. Welche Abſicht führt Sie zu uns und in welcher Weiſe kann unſer Haus Ihnen dienen? Die erſte dieſer Fragen gleich überſpringend, da deren Beant⸗ wortung von keiner Nothwendigkeit geboten war, auch die Abſicht, die Welt zu ſehen, ohne einen Geſchäftszweck damit zu verbinden, dem Herrn Adrianus vielleicht nicht zugeſagt haben würde, beantwortete Ludwig gleich die zweite: Meine Frau Großmutter Ercellenz weiſen mich auf die Erhebung einer gewiſſen Zinsrente von Kapitalien an, die beim Pariſer Stadthaus angelegt ſind, und ſo wollte ich Sie erſuchen, mich entweder bei Ihrem Hauſe Wechſel darauf ziehen zu laſſen, oder mir Ihren gütigen Rath zu ertheilen, wie ich zu dem Gelde gelangen kann, ohne gerade deshalb ſelbſt nach Paris reiſen zu müſſen, wohin ich zwar allerdings auch zu gehen gedenke, nur dürfte vielleicht eine günſtigere Zeit dazu abzuwarten ſein. Herr Adrianus van der Valck ließ Ludwig ganz ruhig ausreden, und machte indeſſen mit ſeinen beiden Daumen die Mühle von Innen nach Außen, indem er die gefalteten Hände phlegmatiſch auf ſeinem ſammtmancheſternen Schooße ruhen ließ; dann murmelte er vor ſich hin: Pariſer Stadthaus,[hötel de ville, und weiter nichts, aber er begleitete dieſe Rede mit einem bedenklichen Kopfſchütteln. Darauf drehte er ſich auf ſeinem Seſſel behend um ſich ſelbſt, und entnahm von einem ſchmalen Büchergeſtell, das voller Folianten ſtand, deren Ein⸗ bände mit chocoladebrauner dicker Leinwand überzogen waren, und zur Bezeichnung auf dem Rücken aufgeſchriebene Buchſtaben des Alphabets trugen, eines dieſer Bücher ſeinem Platze, legte es vor ſich auf ſeinen Pult und ſchlug es auf, indem er ſuchend murmelte: De la Tremouille, de la Tremouille. Halb laut und unverſtändlich las Adrianus erſt Einiges für ſich, und ſprach dann laut: Ja ja, ſo iſt es. Wollen Sie die Güte haben, mir Ihre Papiere zu zeigen 2— Ludwig reichte das Betreffende aus der von der Großmutter empfangenen Brief⸗ taſche dar, und Herr Adrianus klemmte nun leſend ſeine Brille feſter und ſchrieb von Zeit zu Zeit mit der wieder zur Hand genommenen Feder auf die lederne Schreibunterlage rechnend einige Zahlen; ein Wunder, daß er für dieſelben noch Raum fand, ſo unendlich viele Zahlen waren ſchon in ähnlicher Weiſe auf dieſes alterbraune Leder geſchrieben worden. W 101 Nach einer Weile, während der Kauſ⸗ und Handelsherr noch man⸗ cherlei für ſich nach Art alter Leute gemurmelt, nahm er das Wort: Hören Sie mir jetzt aufmerkſam zu, mein junger Herr Graf. Die von der Frau Reichsgräfin Excellenz, Ihrer Großmutter, bei dem Stadthauſe zu Paris belegten zweihundertfünfundfünfzigtauſend Li⸗ vres gehören zu den immerwährenden Renten, welche in den Jahren ſiebzehnhundertzwanzig und einundzwanzig begründet, und vorzugs⸗ weiſe vor andern Staatsſchulden Frankreichs dahin privilegirt wurden, daß die Verzinſung bei denſelben Kaſſen nach wie vor bleibe und daran keine Kürzung geſchehen könne. Nur bei Veräußerungsfällen wird der Zinsbetrag eines Jahres in Abzug gebracht. Die Kapitalſumme ſolcher ewigen Renten, die bei dem Stadthaus zu Paris angelegt iſt, beträgt fünfundzwanzig Millionen Livres, die Kapitalſumme der ſpäter geſchaffenen Leibrenten, rentes viagéres, aber nur vier Millionen, welche durch die Theilhaber an den fünf⸗ und zwanzig Millionen bald verſchlungen ſein würden, wenn der un⸗ glückliche Hof und die zahlreichen herzoglichen und prinzlichen Familien Frankreichs im Stande geweſen wären, ihre angelegten Kapitale flüſſig zu machen und außer Landes zu führen. Wie wenig die dermalige grenzenlos und bodenlos tolle Wirthſchaft in Frankreich die Beſitzthü⸗ mer der franzöſiſchen Ariſtokratie achtet, iſt bekannt. Sie wird zum Beiſpiel nicht Gelder in Schutz nehmen, an welchen Seine Hoheit der Herzog von la Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont Theil, hat, der gegen die gottheilloſe Republik ruhmreich die Waffen trägt; wie ſie es hält mit den Geldanſprüchen auswärtiger Souveräne, iſt mir noch nicht bekannt.— Meine Großmutter iſt auch königlich däniſche Gräfin, warf Ludwig ein, deſſen Ausſichten ſich merklich verdüſterten; aber der alte van der Valck entgegnete: Frankreich hat allen euro⸗ päiſchen Souveränen den Krieg erklärt, folglich auch der Krone Dä⸗ nemark, und dieſe kann kein Schutzrecht üben, denn ſie hat die Repu⸗ blik nicht anerkannt und hat keinen Geſandten in Paris. Es ſteht überhaupt ziemlich mißlich mit dieſen Geldern, fuhr er fort; nur ge— ordnete Zuſtände taugen für den Gang der Geſchäfte. Eine Revolu⸗ tion, die ſinn⸗ und zügellos alle Banden ſprengt, die, indem ſie das Staatsleben läutern will, den Staat in das tiefſte Unglück ſtürzt, iſt nicht fähig, auch nur die mindeſte Bürgſchaft für etwas Anderes zu — 102— geben, als für ihren vaterlandsfeindlichen und verderblichen Wahnſinn. Vor einigen Jahren wäre die günſtige Zeit geweſen, daß die Intereſſen⸗ ten der immerwährenden Renten ihre Contracte hätten verkaufen, und ſich mit dem gehobenen Gelde bei den Leibrenten betheiligen können. Aber auch dies würde ohne namhafte Verluſte nicht abgegangen ſein. Im Jahr ſiebenzehnhundertſechsunddreißig war der Cours jener im⸗ merwährenden Renten bis auf vierundvierzig herabgedrückt, doch hatte er ſich kurz vor der Revolution wieder bis zu fünfzig Procent ge⸗ hoben, was wäre das indeß geweſen? Im günſtigen Fall hätte ein Betheiligter ſtatt zweihundert Livres nur einhundert erhalten, und wäre der Zinſen eines ganzen Jahres verluſtig gegangen. Geſetzt, das Stadthaus vermöchte ſeinen Credit auſrecht und ſeinen Gläubigern Wort zu halten, in was würde es jetzt Zahlung leiſten? In Lumpen⸗ papieren, in Aſſignaten, für die ich, ſo wahr ich Adrianus van der Valck heiße, nicht einen Deut, nicht einen Pfifferling gebe! Herr Adrianus war auf ſeinem Felde, Ludwig aber begann ſich über deſſen etwas in die Breite gezogene Auseinanderſetzung zu lang⸗ weilen; indeß fuhr Jener unermüdlich fort, nur daß er mit beiden Daumen jetzt die Mühle von Außen nach Innen machte: Vermittelſt des Ihnen angeführten Courſes und Decourts kann ſich jetzt, vorausgeſetzt, es ſtände Alles ſo gut wie es ſchlecht ſteht, bei den immerwährenden Renten ein Intereſſent über fünf Procent mit Beibehaltung des Ka⸗ pitals berechnen, und wird alſo ſchwerlich bei vorausgeſetztem Verluſte des Kapitals auf ſieben Procent lüſtern werden, denn der Abwurf der Leibrente würde höchſtens für ihn und eine vielleicht geliebte Perſon, die gleich ihm im Cölibat lebte und bis an ihren Tod darin beharren wollte, ausreichend ſein, wenn ſie nicht außerdem noch zu verzehren hätten, denn jenes Kapital würde mit des Nutznießers Tode erlöſchen, er möchte verheirathet ſein und Leibeserben haben oder nicht. Derjenige, dem fideicommiſſariſche Einrichtungen läſtig fallen, darf an dergleichen Verwandlungen ſeiner Contracte nicht denken, und die Frau Reichsgräfin Excellenz werden ſich gnädigſt zu erinnern geruhen, was Hochdieſelben im Jahre ſiebenzehnhundertvierundfünfzig ver⸗ langt und weſſen ſie ſich damals erklärt haben, als es ſich um den ihrerſeits auszuſtellenden Conſens der Erhebung dieſer de la Tre⸗ mouilleſſchen Renten für ihre Herren Söhne handelte, den ſie ſich aus⸗ — drücklich vorbehielt, und beſtimmte, daß von der Veräußerung der Gelder nicht die Rede ſein ſollte, ſondern letztere mit der Subſtitu⸗ tion ebenermaßen belegt bleiben ſollten, da ſtets beim Verkauf der Contracte nur der offenbarſte Schaden in die Augen ſpringt und jetzt gar Nichts zu hoffen und zu erwarten iſt. Haben Sie mich verſtanden, mein junger Herr Graf von Varel? Ludwig war, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe mit brauſenden Waſſerſtürzen auf deſſen Schaufelrädern umginge, verſtört fuhr er auf, und antwortete: Herr Adrianus van der Valck! Sie ſehen in mir einen jungen Menſchen, der Mancherlei gelernt hat, aber leider nicht gut rechnen. Fragen Sie mich nach antiken Münzen, ſo kann ich Ihnen die griechiſchen, römiſchen und barbariſchen nach Städte⸗, Pro⸗ vinz⸗, Königs⸗ und Herrſchernamen an den Fingern herzählen, ebenſo die römiſchen Conſulares, Familiares und Kaiſermünzen, aber vom neuen Geld verſtehe ich nichts. Ich weiß wohl den Cours eines Schiffes anzugeben, aber nicht den Cours der Papiere, darum erbitte ich mir Ihren gütigen Rath, was ich beginnen ſoll, mindeſtens zu verſuchen, die angewieſenen Summen ganz oder theilweiſe zu erheben? Dies werde ich Ihnen ſagen, Herr Graf, verſetzte der Kaufherr. Der Name und das Anſehen, ſo wie die hohe Achtung, welche ich ge⸗ gen die Frau Reichsgräfin Excellenz hege, würde erſtens einem ihrer Angehörigen ſelbſt ohne ausdrücklichen Creditbrief die Hülfe meines Hauſes öffnen, gebieten Sie demnach über uns; zweitens iſt mein Rath, Sie treten an das Haus Adrianus van der Valck in Amſterdam Ihre Rentenanweiſung zum Schein und gegen Recepiſſe ab, und das Haus macht die Probe, fragt in Paris an, verbittet ſich Zahlungsleiſtung in Aſſignaten, nimmt nur ſichere gültige Wechſel an, und da werden wir nach Verlauf weniger Poſttage bald und ſicher wiſſen, wie die Haſen, ſo zu ſagen, laufen. Reiſen Sie allein?— Nein mein Herr, eine nahe Anverwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern mit ihrem Kinde, nebſt Dienerſchaft— Beehren uns morgen Abend mit der Dame, Herr Graf, bitte darum, auf ein Schälchen Thee, kleiner Familienkreis; Leonardus wird ſich die Ehre geben, Sie allerſeits in Ihrem Gaſthaus abzuholen, auch alles Erwünſchte betreffs Ihrer Papiere ordnen. War mir eine Ehre, eine wahrhafte Ehre, Herr Grgf. Werden auch noch rechnen lernen, mein — 104— junger Herr Graf, ja ja, recht gut rechnen! Junge Herren verrechnen ſich nur gar zu leicht, machen nur zu oft die Rechnung ohne den Wirth, dann ſind wir Alten dazu da, ihre Calcule zu prüfen und von Zeit zu Zeit, wo es nöthig iſt, einen Strich durch die falſchen Rechnungen zu machen. Bei dieſer Rede richtete der alte Herr ſeine ſtechenden Blicke mehr auf ſeinen Sohn, der bei dieſer ganzen Verhandlung einen ſtummen Zuhörer abgegeben hatte, und zuletzt wie auf Kohlen ſaß, und endlich heilfroh war, daß ſein Vater durch das Erheben von ſeinem Dreh⸗ ſeſſel und das Lüpfen ſeines Käppchens dieſe Sitzung aufhob. Leonardus führte ſeinen Freund alſobald auf ſein eigenes Zimmer, umarmte ihn mit ſtürmiſcher Freude und rief: Es geht Alles herrlich, ganz herrlich! Mein Vater lud dich ein, er wird Angés ſehen, ſie liebgewinnen, ein Einſehen haben, ſich erbitten laſſen! Liebſter Freund, entgegnete Ludwig: es thut mir ſehr leid, dir ſagen zu müſſen, daß ich deine Hoffnung nicht theile, daß ein be⸗ ängſtigendes Vorgefühl mir ſagt, die Sache könne ſehr mißlichen Aus⸗ gang gewinnen. Es war etwas Mißtrauiſches, Strafendes im Tone deines Herrn Vaters, als er mich entließ; ich weiß nicht, ſoll ich das auf mich deuten, oder auf dich? In der That, bemerkte Leonardus betreten: ich habe es auf dich gedeutet, es iſt ſo ſeine Art, junge Leute zu behandeln, Standesunter⸗ ſchiede kennt er nicht, wenigſtens nimmt er keine Rückſichten auf den Vorrang höherer Geburt, er nimmt Alles gar wichtig und blickt ſtets beſorglich in die Ferne.— Ich nahm dergleichen wahr, beſtätigte Ludwig; wozu war der ganze Sermon? Ich will ja nicht die Rente verkaufen, habe dazu auch gar keine Ermächtigung, ich habe ausdrücklich nur die Weiſung, den alljährigen Zinsabfall derſelben zu beziehen. Theuerer Freund, belehrte ihn Leonardus mit Lächeln: das wird dir in deinem ſpäteren Leben wohl noch oft begegnen, daß ſonſt ganz einſichtsvolle und verſtändige Menſchen dich mißverſtehen. Gar ſelten hört Einer den Anderen ruhig an; beginnt Einer eine Erzählung, ſo macht ſie der Zuhörende in Gedanken fertig, bevor Jener noch lange nicht bei der Hälfte iſt. Mein Vater iſt der ſtrengredlichſte Kaufmann von der Welt, aber das Geſchäft eben iſt des Kaufmanns Welt; ſein Gedanke flog über die Geringfügigkeit jenes Zinsabwurfs der de la — — 105 Tremuuille'ſchen Renten hinweg und erfaßte die Möglichkeit des Ankaufs des Grundkapitals, deſſen niedriger Stand in der Gegenwart reichen Gewinn für die Folgezeit in Ausſicht ſtellt, ſobald eine beſſere Zukunft, die nicht ausbleiben wird, die Werthpapiere Frankreichs wieder zum Steigen bringt. Nun verfolgte er ſeine Lieblingsidee und vergaß, denn er iſt alt und wird ſchwächlich, das eigentliche einfache Hauptanliegen. Und ich ſoll Angés mitbringen! begann Ludwig mit neuer Ver⸗ legenheit. Wird ſie auch mitkommen wollen? Beim Himmel, mir fuhr die Lüge nur ſo heraus, hinterdrein bereute ich ſie im Augenblick. Ich ſpinne mich da in ein Netz von Täuſchungen ein, das mir ſelbſt ſehr gefährlich werden kann! Was könnte denn dir geſchehen, beſter Bruder? fragte Leonardus empfindlich. Du biſt frei, biſt unabhängig; wird mein und Angé's unbegrenztes Vertrauen dir läſtig, ſo kannſt du leicht das Band zer⸗ reißen, das uns ſeit ſo kurzer Zeit erſt eint, du kannſt uns meiden. Sprich nicht ſo, Leonardus! entgegnete Ludwig, und verzeihe mir meine Bedenklichkeiten. Ich bin noch ſo jung, trete unerfahren in die große Welt, kenne von ihren Verhältniſſen noch ſo wenig; da iſt es kein Wunder, daß Manches mich befangen macht, daß ich in mir ſelbſt nicht ſicher bin über mein Handeln. Sei nur unbeſorgt, alles wird gut gehen, tröſtete ihn der Freund. Und wenn es nicht gut ausgeht? Was dann, Leonardus? Wenn dein Vater bereits Argwohn geſchöpft hätte, durch Kundſchafter ſchon unterrichtet wäre? Kann er nicht im Gewand eines Matroſen auf jedem ſeiner Schiffe einen ſolchen Kundſchafter haben, der treulich bei jeder Heimkehr ihm Bericht erſtattet über Alles, was auf dem Schiffe vorging? Himmel, welch eine dunkle Wolke der Beſorgniß beſchwörſt du mir da herauf! rief Leonardus, und ſeine Züge wurden bleich, die angſt⸗ volle Ahnung des Freundes wirkte anſteckend auf ihn. Und ſage, was haſt du zu thun im Sinne mit der armen Angés? ſetzte Ludwig ſeine Rede fort. Kannſt du ihre Zukunft nicht ſichern, ſo iſt es Pflicht, ihre wie die deine, ihrem väterlichen Hauſe Nachricht zu geben, und in dieſes Haus ſie zurückzuſenden, das iſt auch ihr Ver⸗ langen. Sie iſt gut und edel, ſie will nicht, daß du ihr dein Leben, das Glück deiner Zukunft zum Opfer bringeſt; und ich meine, es ſei beſſer, ihr trenntet euch, da es noch Zeit iſt, wie ihr gelebt in reiner heiliger Freundſchaft. Sie konnte ſich in le Mans nicht heimiſch fin⸗ den, wird ſie es ſelbſt im glücklichſten Fall als Fremdling, als An⸗ dersglaubende hier in Amſterdam ſeyn? Sie iſt Proteſtantin, ihr katholiſch. Wohl, wir ſind es, entgegnete Leonardus. Wann aber fragt wohl die wahre Liebe nach dem äußerlichen Glaubensbekenntniß? Wie viele Tauſende ſolcher gemiſchter Ehen werden nicht alljährlich geſchloſſen, und gewiß die meiſten glücklich! Du wirſt bald gewahren, daß bigottes Weſen uns fremd iſt; unſer Geſchäft ſchärft den Blick für das rich⸗ tige Verhältniß in Glaubensſachen; geſunde Vernunft lehrt uns Dul⸗ dung und noch mehr, Anerkennung jener Gleichberechtigung gänzlicher religiöſer Ueberzeugung vor dem Throne des allſehenden und allbarm⸗ herzigen Gottes. Gut denn, ſo komme uns abzurufen, wenn es an der Zeit iſt. Daß Angés mitkomme, ſei deine Sorge. Die Freunde machten in Begleitung Angé's und der kleinen Sophie einen Luſtritt und eine Luſtfahrt durch Amſterdam; Leonardus wollte ihnen doch ſo manches Merkwürdige und Schöne ſeiner Vaterſtadt zeigen. Er ritt Ludwig's Iſabella, von Philipp gefolgt. Ludwig ſaß an Angé's Seite. Noch einmal wurde das Leben des Hafens in Augenſchein genommen, vom ruhigen Sitz des eleganten Wagens das verworrene Treiben mit ſeinem ſinnbethörenden Lärm, mit all ſeinen gemiſchten Gerüchen von Tabaken, Häringen, Käſen, Zwiebeln, mit ſeinen hundebeſpannten Rollwägen voll Brod, voll Milch, voll Butter, voll Fleiſch, voll lebendiger Fiſche, die in großen Kübeln plätſchernd den Fußgängern Waſſer in die Augen und auf die Kleider peitſchten. Ein wimmelndes Volk von Kärnern, Matroſen, Laſtträgern, Soldaten, Verkäufern und Käufern, männlich und weiblich, Kindern und Bettlern zwingt zum langſamſten Reiten und Fahren. Dort die Pracht der rieſigen, majeſtätiſchen Schiffe, dort die Pracht der Gebäude, die Ad⸗ miralität, die Werfte; in weiterer Ferne die Schaaren von Windmüh⸗ len, die alle arbeiten, als dürften ſie nimmer ruhen und raſten, um dieſer unzählbaren Menge nur fort und fort genugſames Mehl zu Brod zu verſchaffen. Die mannichfaltigſten Phyſiognomien miſchen ſich hier, faſt alle Nationen des Erdballs ſind hier vertreten, alle —— 107 Trachten der Neuzeit, und manche ſcheinen ſogar einer grauen Ver⸗ gangenheit anzugehören. Die Freunde durchfuhren und durchritten mehrere Straßen des nordiſchen Venedigs, auch die ſtilleren Viertel, durch die die ſchiffebeleb⸗ ten Kanäle, die lindenbeſetzten Grachten ſich ziehen, immer noch voll unermüdlichen Lebens, aber voll Reinlichkeit und ſchöner Ordnung. Die ſchönſte Brücke Amſterdams, die Hoogeſchluys, die ſich mit 35 Bo⸗ gen über die ſtrombreite Amſtel ſpannt, blieb nicht unbeſichtigt; das Palais des Erbſtatthalters wurde gezeigt, dem berühmten Saal der tauſend Säulen, der ſchönſten Luſtorte einer, mit ſeiner Prachtſpiegel⸗ fülle, wurde flüchtiger Beſuch vergönnt. Philipp, der als Reitknecht ſeines Dienſtes wartete, ergötzte durch ſeine im frieſiſchen Dialekt vor⸗ gebrachten ſtets verwunderungsvollen Ausrufe ungemein, die kleine Sophie klatſchte häufig freudevoll in die Hände, wenn irgend etwas noch nie Geſchautes ihre Blicke auf ſich zog, und ſaß zuletzt in einer kleinen Welt von im Vorüberfahren eingekauften Spielwaaren, Südfrüchten, Kuchen, Blumen und bunten Bändern engelfroh und engelſchön, ein Bild zum Malen, wie zum Küſſen. Späteren Tagen wurden anderweite gemeinſchaftliche Beſichtigungen der reichen Stadt vorbehalten: des Stadthauſes, der Kirchen, der Märkte, der Theater, der bedeutendſten Gemälde⸗ und ſonſtiger Sammlungen. An den damals noch beſtehenden umfangreichen Gebäuden, Maga⸗ zinen, Hallen und Werften der oſtindiſchen Compagnie auf der Inſel Ooſtenburg vorüber lenkten die Freunde wieder nach dem Gaſthauſe zu, in welchem Ludwig und Angés Wohnung genommen, und man bereitete ſich vor zum Abendbeſuche im Hauſe des Herrn Adrianus van der Valck. Es kam die beſtimmte Stunde. Leonardus führte ſeine Freunde mit Abſicht etwas früher ein, er wollte und wünſchte, daß ſeine Eltern erſt allein, ohne fremde Zeugen, die Auserwählte ſeines Herzens ſehen möchten. Eine Reihe von Prunkzimmern war geöffnet; Alles verkündete, Alles athmete Pracht und Glanz. Leonardus war davon betroffen; ein kleiner Familienkreis, hatte der Alte doch geſagt, aber die geputzte Dienerſchaft, die Zahl der Kerzen, ſelbſt der angelegte Staat der Eltern, die ungemein feierlich den Abendgäſten entgegentraten, das Alles kündete Außergewöhnliches an; ſollte das ihm, ſollte es der Feier ſeiner Rückkehr in das elterliche Haus allein gelten? Nur alljährlich zwei⸗, höchſtens dreimal wurde große Abendgeſellſchaft gegeben, bei welcher in dieſer Weiſe Glanz und Reichthum des Hauſes van der Valck ſich kundgeben durfte; außerdem lebte die Familie bürgerlich ein⸗ fach, gab höchſtens einmal unter der Hand einen kleinen Abendkreis, in welchem der alte Herr gemüthlich ſein Pfeifchen ſchmauchte, ohne ſich Zwang anzuthun, und zu welchem nur die nächſten Anverwandten gezogen wurden. Angés war tief verlegen; ſie fühlte mit weiblichem Scharfblick heraus, daß ihr Anzug, obſchon ſie völlig paſſend und keineswegs ärmlich gekleidet erſchien, in dieſe Räume und was dieſelben erwarten ließen, nicht paſſe, und noch verlegener wurde ſie, als der alte Herr, nachdem die Hausfrau ſie ehrfurchtsvoll beknixt, ſie mit Frau Gräfin Excellenz anredete, ſich unendlich ſchmeichelte, endlich die Gnade zu ge⸗ nießen, ſie in ſeinem geringen Hauſe begrüßen zu dürfen, und in eine Ueberfülle von Lob über die Schönheit des Kindes ausbrach. War das nur die Frucht der Täuſchung, daß Ludwig ſie als ſeine Verwandte angemeldet hatte? Hielt der alte Mann ſie wirklich für Ludwig's Verwandte, die Frau eines ſeiner Vettern? Konnte, durfte ſie ſeinen Irrthum ſogleich widerlegen? Und mußte nicht das beſchämende Ge⸗ fühl ſie zu Boden drücken, hier vor dieſen würdigen, hochachtbaren alten Leuten als eine landflüchtige Lügnerin und Betrügerin zu ſtehen? Oder war Alles nur Hohn und Spott, und lauerte auf ſie die ſchmerz⸗ lichſte Demüthigung?— Während in Angés dieſe Gefühle kämpften, hatte Leonardus den Freund ſeiner Mutter Maria Johanna, geborene van Moorſel, einer ebenſo freundlichen als ehrwürdigen Matrone, vor⸗ geſtellt, und dieſe war in helle Verwunderung ausgebrochen, als ſie Ludwig's Aehnlichkeit mit ihrem einzigen Sohne entdeckte. Als Ludwig ſich zu dem alten Herrn wandte, ſprach Leonardus die Mutter an; Aber Mutter, was iſt das? Wen erwartet Ihr? Wirſt es ſehen, wirſt es ſchon ſehen, mein Sohn, min Vlugteling! antwortete ſie lächelnd. Magſt du deine Tante etwa nicht ſehen? Nicht deinen HerrnVetter, den jungen geiſtlichen Herrn Vincentius Martinus van der Valck? Das wird einmal ein Mann, ſag' ich dir, Leonardus, das wird ein wahrer Prieſter und ein Rüſtzeug des Herrn und unſerer ge⸗ heiligten Kirche! Und deine ſchönen Nichten? Haſt du denn gar — 109— kein Herz mehr für die holdſeligen Jungfrauen, deine nächſten Ver⸗ wandtinnen? Ei warum nicht, geehrte Frau Mutter? Die Verwandten ſind mir ja noch alle lieb und werth, aber hätte es deswegen ſo großen Prunkes bedurft? St! Leonardus! St! wisperte die Alte. Vater hat das Alles ſo beohlen, weißt, Vaters Wille iſt Geſetz im Hauſe van der Valck. War in meines ſeligen Herrn Vaters Hauſe gerade ſo— eene goede opvooding hebben, ist ryke huwelyks-gift— gute Zucht iſt reiche Mitgift. Und wundert's dich, mein lieber Sohn, daß Vater deinen Freund ehrt und ſeine Dame? Seit undenklicher Zeit ſteht unſer Haus mit jenem deutſchen Hauſe in Geſchäftsverbindung, ſo gut, wie mit ſeinen angeſehenen engliſchen Verwandten. Und ſind wir nicht treu oraniſch geſinnt? Und iſt nicht der Vetter deines Freundes der ver⸗ trauteſte Freund des Herrn Erbſtatthalters, wie von deſſen Söhnen? Man muß es mit Niemand verderben, by niemand in ongunst raaken. Freundlich trippelte die gutmüthige alte Frau zu der jugendlich ſchönen Angés, die ohne den Prunk von Steinen und Brillanten den⸗ noch im friſchen Blüthenſchimmer ihrer Jugend liebreizend und ein⸗ nehmend ſtrahlte, ihre Unterhaltung zu übernehmen, und geleitete ſie zu bequemen Seſſeln, ſorgte auch alsbald für des kleinen Mädchens Zer⸗ ſtreuung, indem ſie das Kind einem niedlichen Tiſch mit kleinem Sopha dahinter zuführte und allerlei Naſchwerk und ein großes Bilderbuch auflegte. Leonardus entfernte ſich, um ſeinen Anzug zu verſchönern, und Ludwig wandte ſich wieder zu dem alten Herrn, der ihn neben ſich zum Sitzen nöthigte, und da noch Niemand von den erwarteten Gäſten kam, mit ihm ausſchließliche Unterhaltung begann, die freilich bald genug wieder den Kaufherrn kundgab. Ludwig konnte ſich nicht enthalten, eine Bemerkung über die Pracht des Hauſes, die er bereits wahrgenommen, und die auch in dieſen Räumen ihn umgab, zu machen, aber auf dieſe Bemerkung antwortete Herr Adrianus nur mit einem tiefen Seufzer. Als darauf Ludwig den alten Herrn verwundert anblickte, ſprach dieſer: Was will das Bischen Flitter ſagen? Mein guter junger Herr Graf, vergönnen Sie mir altem Mann ein vertraulich Wort; Ihre Ehre —— bürgt mir dafür, daß Sie es in Ihrer Bruſt begraben ſein laſſen. Ich ſpreche mich aus gegen Sie, weil Sie der Freund meines Leonardus, meines einzigen Sohnes ſind. Mein Sohn birgt mir ein Geheimniß, ich weiß es. Er will nicht eingehen in meine Pläne, die nur ſein Glück begründen wollen; er iſt mein einziger Sohn; nur eine reiche Heirath kann ſeine Zukunft golden machen, denn mit mir geht meines Hauſes Glück und Glanz zu Ende. Unglaublich! flüſterte Ludwig. Dieſe ringsum ſichtbare ver⸗ ſchwenderiſche Pracht! Scheiterten Ihnen Schiffe? Fallirten Ihnen be⸗ deutende Häuſer? Ich ſpreche es noch einmal aus, verſetzte Adrianus: was will das bischen Flitter ſagen? Kein Schiff ſcheiterte mir, kein Freund fallirte zu meinem Schaden, aber ein Haus, ein altes ruhmreiches Haus, in dem all mein Vermögen ruht, das wankt, das bricht, das kommt zu einem entſetzlichen Fall. Und dieſes Haus? fragte Ludwig, erſchreckt durch des alten Mannes Erſchütterung. Dieſes Haus, Herr Graf— flüſterte der Alte, nur leiſe hauchend:— iſt die holländiſch⸗oſtindiſche Compagnie! Wie wäre das möglich? fragte Ludwig. Oh, mein guter gnädiger junger Herr! erwiederte Adrianus faſt erſchöpft: Sie können noch nicht rechnen, haben's ja ſelbſt geſagt— ein großer Fehler— ein Rechnungsfehler! Will Ihnen ein Exem⸗ pelchen vorrechnen, iſt leicht, iſt faßlich— aus den vier Species, reine Subtraction! Mein Vater, Leonardus, wie ſein Enkel geheißen, hinterließ mir und meinen Geſchwiſtern Petrus und Adriana ein ſchönes Vermögen. Die Geſchwiſter verheiratheten ſich, ich theilte mit ihnen ab und be⸗ hielt das Geſchäft. Schon unſere Vorfahren hatten die holländiſch⸗ oſtindiſche Compagnie begründen helfen im Beginne des vorigen Jahr⸗ hunderts, ihr Vermögen beſtand in den Antheilen, und mehrte ſich reichlichſt. Unſere Flagge wehte auf allen Meeren, unſere Handels⸗ flotten beherrſchten dieſelben, und aus eigenen Mitteln führte die Compagnie ihre Kriege mit den Flotten der Portugieſen, der Spanier, der Franzoſen und der Engländer; große Strecken Indiens eroberte ſie und ſchrieb dem Weltmarkt Geſetze vor. Die Compagnie nahm den —— Portugieſen Amboina, Tidor und Ternate; ſie bahnte ihrem Handel den Weg in das verſchloſſene Japan und in das Küſtenland von Malabar. Auf den Trümmern des eroberten und verbrannten Jakatra wurde von der Compagnie die Stadt Batavia gegründet und erbaut, Malakka und ein Theil Ceylons wurden ihr unterworfen, und zuletzt das Capland für Holland gewonnen. Bald nach der Gründung trug jedes Hundert holländiſcher Gulden fünfundſiebenzig Gulden Zins, bald aber ſtanden die Actien der Compagnie zu vierhundertfünfundzwanzig Procent. Die Compagnie hat ihren Theilhabern im Ganzen bis jett zwei⸗ hundert Millionen Gulden eingetragen; wer rechnen kann, weiß, was das ſagen will, ich meine reinen Ertrag nach Abzug aller der unge⸗ heuern Koſten für die Flotten, Mannſchaften, Feſtungen, Soldaten, Beamten, Straßen, Kanäle, Werfte. Wir hatten eine goldene Zeit, ſie iſt vorüber. Die Compagnie iſt ein Bild des irdiſchen Glückswechſels; als ich geboren ward, im Jahre ſiebenzehnhundertſiebennndvierzig, ſtanden die Actien faſt auf neunhundert, ſie hatten aber im Jahre ſiebenzehnhundertzwanzig auf eintauſendzweihundertundſechzig geſtanden! Verſtehen Sie, Herr Graf, eintauſendzweihundertundſechzig Gulden trugen einhundert Gulden früher eingezahltes Kapital jährlich dem Inhaber dieſer Actien ein; wer alſo ein⸗ tauſend Gulden in der Compagniebank ſtehen hatte, gewann jährlich einmalhundertundſechsundzwanzigtauſend Gulden. Wenn doch die de la Tremovilleſchen Renten nur ein Jahr lang ſo ſtänden; ich wollt' es Ihnen gönnen, Herr Graf! Aber es ging abwärts und immer raſcher abwärts, ſchon von ſiebenzehnhundertfünfundzwanzig an. Wiſſen Sie, wie die Actien jetzt ſtehen?— Gar nicht ſtehen ſie, ſie haben ſich zu todt gefallen, wie der Vogel Kukuk im Volksſange. Im Jahre ſiebenzehnhundertachtzig hat die Compagnie von der Regierung acht Millionen Gulden geborgt— ſie ſind ft! in die Luft— kein Geld mehr da, Schiffe zu bauen, kein Geld mehr da, Waaren zu kaufen, nicht einmal Geld da, die Beamten in der Capſtadt zu bezahlen! Adieu bon esperance! Wir haben Pa⸗ piergeld gemacht, o pfui! Ich will nicht ſagen, was ich in meinem Grimm mit dem erſten dieſer Wiſche that, der mir in die Hand kam. Im Jahr ſiebenzehnhunderteinundachtzig hatten wir zwölf Millionen Schuldenz; vor zwei Jahren waren ſie auf einhundertundſieben Millionen geſtiegen. Jetzt muß die Compagnie Gott danken, daß der Staat ihre Länder und Flotten übernimmt, und auch ihre Schulden— aber die Kauf⸗ — 112— mannſchaft verarmt; ſonſt liehen wir allen anderen Nationen, jetzt leihen wir ſelbſt und können uns mit vollerem Recht, wie unſere edeln Vorfahren im Kriege gegen den Bluthund Alba Geuſen, das heißt Bettler nennen. Unſer Alba, der uns in den Staub tritt, iſt die Verarmung. Erſchütternd klang des alten Mannes Rede. Wieder blickte durch den Riß eines ſchwarzen Vorhanges, der mit Goldflitter beſetzt war, der junge Mann in ein Stück Welt, in ein Stück Leben hinein. Soll Leonardus nun dem Vater und der Mutter folgen, die ſein Glück mit liebendem Herzen wollen, oder einer blinden verwerflichen Neigung? Soll er der Chef des hochangeſehenen Hauſes van der Valck werden oder ein Käſekrämer, ein Parfümeriehändler, ein Likör⸗ brenner? O, Herr Graf, Sie haben Macht über ſein Herz gewonnen, reden Sie zum Guten, zum Beſten, auf daß ein treues Vater⸗ und Mutterherz nicht breche und vor der Zeit zur Grube fahre! 9. Eine Abend-Geſellſchaft. In den vordern Zimmern wurden ſchlürfende Tritte vernommen, weib⸗ liche Stimmen, es rauſchten Gewänder von reichen und ſchweren Stoffen. Herr Adrianus drückte Ludwig die Hand, erhob ſich und ſagte: Die Damen kommen, erlauben Sie mir, Herr Graf, die gegenſeitige Vorſtellung. Der erwartete Beſuch trat ziemlich raſch hinter einander ein, ward begrüßt, begrüßte verwandtſchaftlich⸗freundlich den heimgekehrten Leo⸗ nardus, den Stolz und die Hoffnung des Hauſes van der Valck, und es erfolgte die förmliche Vorſtellung, die für Ludwig und Angés wegen der Täuſchung, die ſie ſich an dieſem Orte erlaubte, viel Pein⸗ liches hatte, was aber nun einmal nicht zu vermeiden und zu um⸗ gehen war. Der alte Herr Adrianus führte die Damen zunächſt dem jungen Grafen vor, welche, während er ihre Namen nannte, ſteife Knire machten; eben ſo ſteif war ihre Haltung und Tracht, letztere ſehr einfach, aber reich, und Alles an Stoffen der Gewande wie am Schmuck von höchſter Gediegenheit. Br und Me gi 113 Frau Clarina Gertruida, geborene von Heynsbroeck, meines älteſten Bruders Petrus van der Valck, der ſchon im Jahre ſiebenzehnhundertacht⸗ undachtzig ſtarb, trauernde Wittwe. Sie iſt die Tochter des Herrn Martinus von Heynsbroeck und der Frau Anna Maria van der Stoot. Gott helfe mir, dachte Ludwig im Stillen, wenn ich zu jedem dieſer kalten, bleichen und langen Geſichter das ganze Geſchlechts⸗ regiſter anzuhören bekomme.— Frau Clarina knixte ab und eine andere Dame, mit jener von ziemlich gleichem Alter, trat knixend heran. Meine liebe Schweſter, fuhr der alte Herr fort: Adriana, leider ebenfalls ſchon Wittwe und zwar des weiland Kauf⸗ und Handelsherrn Theophilus Lippert, welcher vor drei Jahren aus dieſer Zeitlichkeit ſchied, leider ohne männliche Nachkommenſchaft; hier aber ſind ſeine Jungfrauen Töchter, Cornelia Petronella, Helena Maria und Chriſtina Theodora. Auch die Geſichter dieſer Jungfrauen, von denen eine ſogar Helena hieß, hatten keine heleniſchen Phyſiognomien, und keine ſah aus, als werde um ihretwillen ein trojaniſcher Krieg entſtehen. Jetzt trat ein kleiner junger wohlgenährter Herr heran, mit einem blühenden, vollrunden Geſicht, ein ſchmuntzelndes Lächeln umſpielte faſt ſtehend ſeine friſchen Wangen und ſein glattes gekelchtes Kinn; man ſah ihm an, wie ſchwer es ihm wurde, ernſt oder gar heilig auszuſehen. Mein Neffe, Herr Vincentius Martinus van der Valck, Sohn meiner Schweſter Clarina, Wittwe. Wie Sie ſehen, Herr Graf, ein geiſtlicher Herr, Caplan von Sanct Ottilien, welcher ſich dem Dienſte unſerer heiligen Kirche gewidmet hat mit frommem Eifer. Ja wohl! ganz außerordentlich! fügte, Spott in ſeinen Mienen, Vincentius Martinus hinzu. Laſſen Sie doch das Lob, lieber Herr Oheim! Sie ſehen ja, wie ſchamroth ich werde. Es iſt mir eine große Ehre, Herr Graf, Ihre Bekanntſchaft zu machen; Sie ſind ein Freund meines Vetters, und wer deſſen Freund iſt, iſt auch der meine, vorausgeſetzt, daß ich ſolche Ehre mir anmaßen zu dürfen nicht un⸗ würdig befunden werde. Wenn mir vergönnt ſein wird, Herr Caplan, öfter die Ehre zu haben, in Ihrer Geſellſchaft zu ſein— hoffe ich— Blitz! unterbrach ihn, ohne weiter auf die verbindliche Rede Ludwig's D. B. III. 8 114 zu hören, Vincentius, Blitz— da kommt die Braut, das Meer⸗ wunder! Ludwig erſchrak bei dieſem Wort. Er hatte geahnet, daß es ſo kommen werde, und begann für Leonardus zu zittern, wie für Angés⸗ Eine hohe ſtattliche und ſchöne Jungfrau rauſchte herein, gefolgt von noch einigen Frauen und Herren, ihren Verwandten; ſie verbeugte ſich nach den ſtrengſten Regeln der Complimentirkunſt, hielt auch ihren Baſtille⸗Fächer, das Neueſte, was die Mode von Paris nach Amſter⸗ dam geſendet, kunſtgerecht, hatte ein höchſt regelmäßiges aber kaltes Geſicht, und war nicht die Jungfrau, der ein liebebedürftiges Herz ſich wohl hätte nahen mögen. Auch ſie wurde vorgeſtellt: Mejuffrow Sibylla Nikodema van Swammerdam. Leonardus war zum Tod erſchrocken, ihn graute; er ſah was kommen werde, und ſuchte ſich mit Muth zu wappnen. Bitter bereute er nun, dahin gewirkt zu haben, daß Angés im Hauſe ſeiner Eltern war. Klar lag der Letzteren Abſicht vor ſeiner Seele, der Glanz, der Prunk, die nach und nach mehr und mehr ſich ſammelnden Gäſte, Verwandte von Vater und Mutter und von Jungfrau Sibylla Niko⸗ dema van Swammerdam; nichts Geringeres war im Werke, als mit dem Feſt ſeiner Heimkehr das Feſt ſeiner Verlobung zu feiern. Begrüßen, Vorſtellen, zum Sitzen genöthigt werden, um ſtets wieder aufzuſtehen, wenn die Förmlichkeit erneuter Vorſtellung und Begrüßung wiederkehrte, dauerte noch eine gute Weile fort, indeß unter den ſilbernen Thee⸗ kannen die blauen Flammen loderten, Flötenuhren mit zarten und gutgeſtimmten Glockenſpielen beliebte Liederweiſen ſpielten, und köſt⸗ licher Wohlgeruch durch alle Zimmer ſeine balſamiſchen Düfte ſtrömte. Ludwig näherte ſich wieder Angés und ihrem Kinde, das ſich's be⸗ haglich ſchmecken ließ und eine Cyperkatze ſtreichelte, die ſich zutraulich an die Kleine ſchmiegte. Freund! flüſterte Angös zu Ludwig, ich wollte, ich wäre nicht hierher gekommen, mich drückt all' dieſe Pracht, ich fühle mich hier ſo unendlich arm und ſo ſehr verlaſſen. Faſt geht es mir eben ſo, gute Angés. Man hält Sie allen Ernſtes für meine Verwandte; ich wünſchte, Sie wären es in der That, dann brauchte Ihr Herz nicht beklemmt zu ſchlagen. Vielleicht können wir das Kind zum Vorwand nehmen, uns bald zu entfernen. — Sehen Sie, wie außerordentlich feierlich Alles iſt, ſehen Sie, mit welchen Blicken der junge Geiſtliche mich muſtert? Sie werden ihm gefallen! ſcherzte Ludwig, um ihre Bangigkeit zu verſcheuchen. O Gott, nicht ſolchen Scherz! ſeufzte Angés und legte die Hand aufs Herz, das bange, ſehr bange ſchlug. Endlich hatte die gute alte Frau van der Valck mit Hülfe ihrer Schwägerinnen ihre Abendgeſellſchaft zum Sitzen gebracht, und der Thee ward herumgegeben mit aller auserleſenen Zubehör; doch ſaß die Geſellſchaft ſteif, nach holländiſcher Weiſe ziemlich wortkarg, ver⸗ legen, die Fremden zu unterhalten, und nur die kleinen braunen japa⸗ niſchen Taſſen, leicht wie Luft und zart wie holländiſches Papier, in Berührung mit den Theelöffeln ließen ſich mit feinem Klang vernehmen. Da ſchlug plötzlich die kleine Sophie an ihrem Tiſch ein ſchallendes Gelächter auf, und rief laut in die Geſellſchaft: Ah— ah— ah— ahi— ahi! Voila! qu'elques dröles caricatures— qu'elques bouffons! Aller Blicke wandten ſich voll Staunen nach dem Kinde hin.— Angeés erſchrak, dies vorlaute Weſen, das dem Kinde gar nicht eigen war, was hatte das zu bedeuten? Wen konnte Sophie meinen? Him⸗ mel, wenn ſie des Hauſes Gäſte meinte! Doch dieſen Schreck milderte alsbald die Matrone, die Herrin des Hauſes, welche die Hände zuſammenſchlug und lächelnd ausrief: Voor- waar, voorwaar— kinderen en gekken spreeken de waarheid! Beim Himmel! rief der alte Herr: du haſt recht, liebe Frau, nie fand ein Sprüchwort beſſere Gewährſchaft, als dein: Kinder und Narren reden die Wahrheit, hier! Und Herr Adrianus nahm das Bilderbuch und legte es ſo, daß die Mehrzahl der Geſellſchaft die aufgeſchlagenen Blätter gewahrte. Sie ſehen hier, Damen und Herren, das neueſte Coſtümebuch der Grande Opera zu Paris, fuhr Adrianus ſchneidend fort: den ab⸗ geſchmackteſten und unſinnigſten Miſchmaſch römiſcher, mittelalterlich⸗ franzöſiſcher und ſpaniſcher Maskenanzüge und Comödiantentrachten! Möchte man nicht manchen dieſer Muscadins und Incroyables fragen: Federbuſch, wo willſt du mit dem Kerl hin, der dich trägt? Fluch allen dieſen blutigen Poſſenſpielern in ihren rothen, ſchwarzen und 83 — 116— purpurverbrämten Mänteln, ihren weißwollenen römiſchen Togen und Tuniken, ihren Federhüten und Harlekinskappen. Es iſt doch nichts als eine heilloſe Bande von Gurgelabſchneidern, Mordbrennern, Räu⸗ bern, Bluthunden und Brüllaffen! Es waren in der That die Trachten dargeſtellt, in welche die große Nation jene Beamten kleidete, durch deren Machtſprüche ſie ihre beſten Köpfe gouillotiniren ließ. Schlaue Theaterſchneider waren es, welche dieſe Trachten ausgeſonnen hatten; keiner hatte ſich ſelbſt ver⸗ geſſen; nur Frankreich vergaß ſich ſelbſt ganz und gar.— Während die Abendgeſellſchaft ſich mit dem Beſchauen dieſer Bil⸗ der beſchäftigte, waren drei Herren, von Reitknechten begleitet über die Gracht geritten, in welcher van der Valcks Wohnhaus ſtand, waren eine gute Strecke von demſelben abgeſtiegen und hatten den Dienern die Zügel ihrer Roſſe zu halten gegeben, mit dem Befehl, letztere lang⸗ ſam auf⸗ und abzuführen. Dieſe Herren waren alle drei von ſtatt⸗ lichem Wuchs, trugen Soldatenmäntel und waren in Galla⸗Uniform, im vollen Schmuck blitzender Orden, offenbar Offiziere von hohem Rang. Der Aeltere trug die Uniform eines Vice⸗Admirals der engliſchen Marine, und ſchien dreißig Jahre zu zählen; der zweite erſchien einige Jahre jünger, hatte aber gleich jenem eine athletiſche Geſtalt und ernſte kriegeriſche Haltung; der jüngſte war ein ſchlankgewachſener ſchöner Jüngling, der kaum zweiundzwanzig Jahre zählen mochte. Sein Auge war äußerſt lebendig, ſein Wuchs wie ſeine Haltung ſtattlich, und ein freundlich offenes Weſen mußte für ihn einnehmen. Noch einmal, lieber Graf! flüſterte der Jüngſte dieſer Herren dem Mittleren zu, indem ſie dem Hauſe van der Valck zuſchritten, Mäßi⸗ gung und Ruhe; nichts thun, was man hinterdrein bereut! Wer weiß, was der alte Herr geſehen oder gehört hat, und wie er Wunder denkt, welche Freude er Ihnen bereitet, welche Ueberraſchung! Ueberraſchung auf jeden Fall, mein— Still! unterbrach der Andere. Mein Incognito nicht auf der Gracht vor der Zeit offenbaren! Ueberraſchung ganz gewiß, wiederholte der Andere mit ſchlecht ver⸗ hehltem Ingrimm. Es iſt ſo, wie ſoll ich's denn anders denken? „Wenn dem Hauſe van der Valck die hohe Ehre des unterthänig er⸗ betenen Beſuches zu Theil wird— ſchreibt mir wörtlich der alte Herr— — 117— ſo wird es Hochdenenſelben gewiß zum höchſten Vergnügen gereichen, in meinem Abendzirkel einen liebenswürdigen jungen Verwandten mit einer doppelt liebenswürdigen Verwandtin, Gemahlin eines der ver⸗ ehrten Herren Vettern, und einem Kinde, welches man ein Wunder von Schönheit nennt, zu finden, welche beide geſtern mit meiner Pinke, die„vergulde Roſe“, Curs Hamburg, Carolinen Siel à Amſterdam, hier eingelaufen ſind.“ In der That zum Lachen! nahm der engliſche Vice⸗Admiral das Wort. Wenn es nicht deine Frau iſt, ſo bin ich äußerſt neugierig auf die ſchöne Verwandte! Denn wer von uns hat denn eine ſchöne junge Frau und ein ſo ſchönes Kind, als du? Der Teufelsjunge fängt gut an. Der Apfel wird wohl nicht weit vom Stamme gefallen ſein. Ich denke, ich denke, lieber Vetter, du grollſt vergebens; es wird wohl ein Mühmlein vom Hamburger Jungfernſteig ſein, Alſterfleiſch mit Zu⸗ lage, das den Gimpel auf der Leimruthe einer hübſchen Larve ge⸗ fangen nahm, und ſo gnädig iſt, in dieſem ehrbarenHauſe Myn Heeren van der Valck's die junge Gräfin zu ſpielen. Was geht das zuletzt uns an? Wenn der Vogel gerupft iſt, wird er ſchon zur Vernunft kommen und das gebrannte Kind ſein, welches das Feuer ſcheut. Jeder muß ſelbſt lernen, an dieſer Stange Waſſer zu tragen. Jedenfalls aber muß dieſer Trug entlarvt werden! rief der ora⸗ niſche Offizier faſt heftig. Wenn er wagen will, unſeres Hauſes Namen zu führen, ſo darf er dieſen mit ſolchen Streichen nicht ver⸗ unehren! Nur erſt prüfen, theurer Graf, nur prüfen; erſt noch einmal den alten Herrn ſelbſt ſprechen, es wird ſich Alles finden! ermahnte der jüngſte Begleiter. Wie kannſt du nur, begann der Aelteſte wieder, den ſeltſamen Ge⸗ danken hegen, es ſei deine Frau, Vetter? Ich hätte große Luſt, mich mit dir zu ſchlagen, daß deine Gedanken dieſes treffliche hochherzige Weſen ſo beleidigen! Als du wegfuhrſt, verließeſt du ſie doch leidend; ſo ätheriſch ſie iſt, ſo ſehr ich ſie vor aller Welt für einen Engel, einen Seraph erkläre, eine ſeraphiſche Eigenſchaft fehlt ihr doch, und das iſt ſehr gut für dich, ſie hat keine Flügel, folglich kann ſie dir unmöglich unter den Händen weg voraus geflogen ſein. Was half all' dieſes Reden! Der eiferſüchtige Menſch iſt ſtets — ſinnlos und handelt ſinnlos, und wenn er ſonſt der einſichtvollſte, gebil⸗ detſte, beſte Menſch wäre; die Leidenſchaften ſind Dämonen und werden es ewig bleiben. Die poetiſche Weltanſchauung der Alten nannte ſie Götter. Und fürwahr, es erſcheint als etwas Göttliches, Hohes und unbegreiflich Wunderbares, daß das kleine Herz jedes einzelnen Men⸗ ſchen, der die Jahre der Reife erreichte, ein Pandämonium iſt und bleibt bis zum Grabeshügel. Ich hoffe, daß ich mich irre, verſetzte der von Eiſerſucht ganz ver⸗ blendete Mann, aber möglich iſt Alles. Die Krankheit kann erheuchelt geweſen ſein, die Liebe zu dem jungen hübſchen Laffen, dem Lebens⸗ retter, übergroß, die Flucht vorbereitet. Ehe ich meine Jacht beſtieg, trugen vier oder ſechs raſche Pferde ſie den Landweg zum Carolinen⸗ Siel; dieſer Vorſprung war ein Leichtes. Ja wohl! ſpottete der Vetter: und der beſte Schlupfwinkel, dir zu entgehen, war jedenfalls Amſterdam, dein jetziger Aufenthaltsort und deiner Rückreiſe wohlbekanntes Ziel. Jener ſchwieg, aber das klirrende Stampfen ſeines Sporentritts, das durch die Stille der menſchenleeren Gracht hallte, kündete ſeine innere Bewegung an. Jetzt war das Haus erreicht. Noch ein Wort! ſprach der Jüngſte der drei Herren. Kein Feldherr unternimmt irgend eine Waffenthat ohne Plan. Erlauben Sie mir, meine Herren, wohl den Entwurf? Heute kundſchaften wir nur das Schlachtgebiet aus, ich verbiete jeden Angriff, morgen können dann die Vorpoſtengefechte beginnen und die Laufgräben eröffnet werden, auf übermorgen ſage ich das Haupttreffen an, wenn nicht ſchon vorher ein günſtiger Friedensſchluß den Feind zur Unterwerfung nöthigt. Zu hohem Befehl! erwiderten die Begleiter, der Eine lachend auf den Scherz eingehend, der Andere mit unterdrücktem murrendem Widerwillen. Herr Adrianus hatte, während die Geſellſchaft ſich der Betrachtung der erwähnten, wie auch anderer koſtbarerer und in jeder Beziehung anziehenderer und werthvollerer Bilderbücher hingab, auf den Wink eines Dieners unbemerkt das Zimmer verlaſſen und empfing mit ehrfurcht⸗ vollem Gruße in einem der vorderen Säle die drei Herren. Nach gegenſeitigen verbindlichen Worten fragte der Mittlere der Gekommenen etwas haſtig den Hausherrn: Sind die Perſonen bei — — 119— Ihnen, Herr van der Valck, von welchen Sie mir geſchrieben? Auch die kleine Marie? Excellenz halten zu Gnaden! antwortete Herr Adrianus: das Kind iſt da, aber Marie iſt nicht ſein Name; irre ich nicht, ſo hörte ich daſſelbe Sophie rufen. Da haben wir's! lachte der Aeltere der drei Herren. Das war ein⸗ mal wieder ein ſtarker error calculi meines hochgnädigen Herrn Vetters! Eine Antwort, die mir das Leben wieder gibt! murmelte der Eiferſüchtige. Und da ſomit die Haupturſache zur Kriegserklärung hinwegfällt, ſcherzte der jüngſte der drei Offiziere, ſo dächte ich, wir bildeten heute blos ein Beobachtungscorps, ohne irgend einen Angriff. Ich unter⸗ ſage als Bataillonschef ſelbſt jede Plänkelei, zumal wir uns auf neutralem Boden befinden. Die Geſellſchaft im hohen geräumigen Beſuchzimmer nahm wahr, daß am Ende der kerzenhellen Zimmerreihe eine Flügelthüre von Die⸗ nern nicht ohne Geräuſch geöffnet wurde, daß vier Diener mit Kron⸗ leuchtern, auf deren jedem vier Kerzen brannten, vorausſchreitend ein⸗ traten, und in demſelben Augenblick erklang von einem großen, in dem Durchgangszimmer aufgeſtellten automatiſchen Kunſtwerk mit Flöten⸗, Trompeten und Fagottſtimmen, mit türkiſchen Becken und halbem Mond⸗ geklingel, mit Poſaunen- und Paukentönen füllreich und harmoniſch bewillkommend die Melodie der niederländiſchen Nationalhymne. Leonardus war neben Angés und Ludwig getreten, jetzt flüſterte er, während die ganze Geſellſchaft ſich überraſcht und feierlich erhob, dieſen Bei⸗ den mit fliegendem Athem zu: Um Gott! was beginnt mein Vater? Se. Hoheit der Erbprinz! der Sohn des Erbſtatthalters! Und zwei Generale! Und einer derſelben mein geſtrenger Vetter, der ſouveräne Erbherr von Varel, In⸗ und Kniphauſen! rief Ludwig erbleichend aus: ja und wahrhaf⸗ tig, der Andere iſt William, der engliſche Vice⸗Admiral, ebenfalls mein Vetter. O Leonardus! Die Herren verneigten ſich artig gegen die Geſellſchaft, ſprachen be⸗ grüßende Worte zur Herrin des Hauſes, welche mit einem ganz be⸗ ſondern Antheil, den ſie aber ihre Umgebung nicht wahrnehmen ließ, den Vice⸗Admiral betrachtete, und empfingen in ruhmwürdiger Geduld die Vorſtellung aller Adrianen, Cornelien, Helenen, Clarinen, Sibyllen, und — 120— was ſonſt an langen Namen und langen Geſichtern, bis auf das kugel⸗ runde des Capellans Vincentius Martinus, aus den Sippen der Häuſer van der Valck und van Swammerdam in dieſer Geſellſchaft anweſend war. Und nun? Drei Herzen klopften ſtark und angſtvoll in pein⸗ licher Verlegenheit der noch peinlicheren entgegen. Herr Adrianus lenkte die hohen Gäſte den Freunden zu, und ſprach mit Bezug auf die Fremden: Dieſe Herrſchaften kennen einander, dies iſt mein Sohn Leonardus. Mit ſtrengem Blick ſah der Erbherr auf Ludwig und auf Angés, er ſah in ihr ein ſchönes, aber ihm doch gänzlich fremdes Geſicht, das machte ihn innerlich froh und er fühlte tief, welch großes Unrecht er in Gedanken gegen zwei ihm verwandte Herzen begangen; der Edelmuth, der ungleich dauerbarer in ſeinem Charakter lag als ſeine Schroffheit und Gereiztheit, trieb ihn zu einem raſchen Entſchluß. Während noch der Erbprinz zu Leonardus gütig freundliche Worte ſprach, der Vice⸗Admiral mit wenig verſchämter Neugier Angés be⸗ trachtete und in ſich ſelbſt hineinmurmelte: Schön, außerordentlich ſchön, kein übler Fiſch, und darauf ein Geſpräch mit Angés anzu⸗ knüpfen begann, winkte Graf Wilhelm Guſtav Friedrich ſeinen jungen Vetter einige Schritte abwärts, und ſprach zu ihm: Ludwig Carl, kannſt du vergeſſen? Gern, wenn ich ſoll, und du mich es lehren willſt, Vetter! gab Ludwig offen zur Antwort. Ich will es! entgegnete der Erbherr. Ein gegenſeitiger feſter, männlicher Händedruck, und die Verſöhnung war beſiegelt. Aber ſprich, wer iſt dieſe Dame? Ludwig legte den Finger auf den Mund. Des Freundes Freundin, und incognito! flüſterte er. Zu Angés gewendet, fragte der Vice⸗Admiral: Sie ſind keine Niederländerin, meine Gnädige? Franzöſin ohne Zweifel? Eine Deutſche! gab Angés zur Antwort. Und, wenn ich fragen darf, Ihre Heimath? Die Pfalz. Ah ſo, die Pfalz, ein ſchönes Land, dieſe Pfalz, und Ihre Reſi⸗ denz, ſchöne Pfalz⸗Gräfin—? — 121— Ach, ich bitte, mein Herr, dieſer Titel gebührt vielleicht Perſonen Ihres hohen Geſchlechtes, ich aber muß ihn beſcheiden ablehnen. Betroffen ſchwieg der Vice⸗Admiral, er war überraſcht von dieſer einfachen unbefangenen Antwort, denn er bildete ſich ein, Angés kenne genau ſeine Familie und ſtichele auf die Abſtammung ſeiner Vorfahren aus ihrem Vaterlande, die leider eben ſo wenig Pfalzgrafen geweſen waren, wie Angés eine Pfalz⸗Gräfin war. Indem er ſich ſo für ab⸗ gefertigt hielt, gewann Angés in ſeinen Augen, doch mochte er ſich nicht wieder blosſtellen, ſondern wendete ſich zum alten Herrn und ſagte dieſem im ſcherzhaften Tone: Wertheſter Herr Adrianus van der Valck, wer hat Ihnen denn das Märchen aufgebunden, daß jenes junge Frauenzimmer unſere Verwandte ſei? Wir kennen ſie gar nicht, haben ſie nie geſehen!— Dieſe Worte machten Herrn Adrianus ganz ver⸗ wirrt und beſtürzt.— Nicht? nicht? nicht? ſtammelte er. Ei, wenn ich nicht irre, ſo ſagte mir doch der junge Herr Graf ſelbſt: eine nahe Verwandte, Gemahlin eines meiner Herren Vettern, wie konnt' ich zweifeln?— Gewiß, lachte faſt laut der zu Scherz und Spott ſtark ge⸗ neigte Vice⸗Admiral: wie konnten Sie zweifeln? Die Verwandtſchaft des jungen Herrn iſt erſtaunlich groß, er hat ganz ſicher ſehr viele Vettern und auch Mühmlein. Er iſt ein Luft⸗, ein Windbeutel, dem es Spaß macht, die Haarbeutel zu vexiren! Laſſen Sie auf Ihre gol⸗ denen Theelöffel Acht haben, Herr Adrianus, ich glaube, die Dame iſt eine feine Spitzbübin, und daß ſie des Goldes bedürftig, ſehen Sie ja an ihrer übernatürlich einfachen Tracht. Es fiel dem Vice⸗Admiral nicht im Entfernteſten ein, dieſe ſeine Scherz⸗ worte ernſt zu meinen, aber Herr Adrianus, dem als Kaufmann nichts lieber war als baare Münze, nahm auch dieſe Worte für ſolche, und ſein Zorn regte ſich auf gegen Leonardus, der ihm den luftigen Spring⸗ insfeld, wie er nun Ludwig ſchon in Gedanken nannte, in das Haus gebracht mit der— Landläuferin. Eben im Begriff, ſich an Leonar⸗ dus mit ſtrenger Frage zu wenden, den ſchon ſein blitzender Blick ſuchte, und den er, zur Steigerung ſeines Aergers, ſo eben mit Angés im vertraulich flüſternden Geſpräch erblickte, während der Vice⸗Admiral auf ſeinen Vetter zuſchritt und der Erbprinz ſich in ein Geſpräch mit der würdigen Familie von Swammerdam eingelaſſen hatte, trat ihm ſeine alte gutmüthige Frau in den Weg und fragte: Nun Vater? — Willſt du nicht bald das Beſprochene beginnen? Mache daß die Täub⸗ chen endlich zuſammenkommen, denn das Sprichwort ſagt: waar duiven zyn, daar vliegen duiven na toe; waar geld is, daar wil het geld wezen. Ja ja, Mutter, ja ja— wenn nur nicht— nun gleich— werde die Sache einſtweilen ordnen— doch ſorge, daß die Herren zuvor gut bedient werden. Du ſiehſt ja, daß es geſchieht, lieber Adrianus, erwiederte zufrieden die Hausfrau. Des Herrn Erbprinzen Hoheit ſtippen ſo eben höchſt⸗ ihren Zuckerkuchen in den Thee. In Adrianus Innerem kämpften widerſtrebende Gefühle und ein Zweifel jagte den anderen. Auf jeden Fall ſteckte etwas Verbor⸗ genes hinter dieſer Sache, entweder war der junge Graf das, was deſſen Vetter angedeutet, und brachte ihn in Verlegenheit, oder Leonardus ſteckte dahinter; aber Adrianus hatte nur Vermuthungen, keine Gewißheit. Und jene Dame, die er eingeladen, konnte und durfte er ſie nun vor den übrigen Gäſten blosſtellen? Und wenn ſie wieder nicht in dieſen Kreis paßte, wie war ſeine eigene Taktloſigkeit zu rechtfer⸗ tigen, ſelbſt den Erbprinzen dazu eingeladen zu haben? Dieſe Einladung an ſich durfte nicht befremden, die reichen Kauf⸗ leute Amſterdams bildeten eine höchſt achtungswerthe Ariſtokratie, kein Fürſt brauchte ſich ihrer zu ſchämen, das hatten ſchon die deutſchen Kaiſer Marimilian I. und Karl V. ſattſam bewieſen, und es war gerade nicht unbekannt, daß der Ahnenbaum des Handelshauſes van der Valck zu Amſterdam ſeine Wurzel bis zu den Zeiten Kaiſer Si⸗ gismund's hinah erſtreckte.— Herr Adrianus war unglücklich in ſeinem Gemüth und mit ſich ſelbſt im Zwieſpalt, er hatte ſich die Vorgänge des heutigen Abends ſo ſchön ausgemalt. Feierlich im Kreiſe der ge⸗ ladenen nächſten Verwandtſchaft wollte er den Sohn mit deſſen nun ſchon alter Braut öffentlich verloben; Vincentius Martinus ſollte dazu einen ſalbungsvollen Segen ſprechen, und dann drei Sonntage nach einander dieſe Verlobung in der St. Ottilien⸗Kirche öffentlich verkün⸗ digen. Die ehrbare Braut, fügſam und gehorſam wie es einer tugend⸗ belobten Jungfrau ziemt, war Alles zufricden, was die Häuſer van der Valck und Swammerdam über ſie beſchloſſen hatten, und war, ohne nur im Entfernteſten mit Sehnſucht oder zärtlicher Ungeduld den endlichen letzten Schritt herbeizuſehnen, deſſen doch in aller Gemüthsruhe gewärtig. — — 23— Es erhoben ſich die Damen, die Herren; Vincenz that ſich den Zwang an, ſein ſtets ſchalkhaft lächelndes Geſicht in ein ernſthaftes umzugeſtalten, was ihm unendliche Mühe machte, denn er war noch zu jugendlich munter, um ſchon ſeinen Zügen die ſtehende Type gott⸗ verhaßter Heuchelei feſt einzuprägen, wozu entweder ſehr frühe Uebung oder reifere Jahre gehören. Ein Halbkreis begann ſich zu bilden, in welchem die lange hagere Geſtalt der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam gegen den Mittelpunkt vorgeſchoben wurde, wo ſie ſtockſteif, einer Bildſäule gleich, mit niedergeſchlagenen Augen ſtand, und kein anderes Zeichen von Leben gab, als daß ſie mit leiſem Rau⸗ ſchen die fein geſchnittenen und noch feiner durchbrochenen Elfenbein⸗ blätter ihres Baſtille⸗Fächers aufſchlug und wieder zuſammen klappen ließ. Da ſich, wie der Augenſchein lehrte, etwas Wichtiges vorbereitete, ſei es eine Scene, ſei es eine Rede, ſo traten auch die zuletzt ge kommenen Gäſte in den Halbkreis, und nur Angés wandte ſich zu dem Kinde, das jetzt einige Ungeduld wahrnehmen ließ, beugte ſich zu ihm nieder und flüſterte der Kleinen zu, daß ſie ſich bald nach Hauſe begeben wollten. Sophie zeigte mit kindlicher Freude ihr alle die Spielſachen und Bilder, die ſich vorzugsweiſe ihrer Gunſt erfreut hatten, und da das Kind dies nur leiſe flüſternd that, und Angés ſich ebenſo mit ihm unterhielt, ſo ſtörte das nicht im mindeſten die Rede, welche Herr Adrianus van der Valck jetzt vor dem Halbkreiſe, der ihn umgab, zu halten begann, und deren Inhalt ſich um die unſterblichen Sätze drehte: daß Gott im An⸗ fang ein Männlein und ein Weiblein erſchaffen und in eigener allerhöchſter Perſon geäußert habe, es ſei nicht gut, daß der Menſch allein ſei, daß folglich jeder Menſch, nämlich Mann, einer Gehülfin bedürfe, die um ihn ſei; daß ferner alles irdiſche Glück, wonach auch alles Streben hauptſächlich ziele, in Erfüllung göttlicher Weltordnung und der Gründung eines häuslichen Herdes geſucht und gefunden werde. Auch ſei durchaus unzweifelhaft, daß Gott und ſeine heilige Kirche nur mit Wohlgefallen auf chriſtliche Eheverlöbniſſe blicke, die nach den Wünſchen und nach der Zuſtimmung beiderſeitiger Eltern und Ver⸗ wändten, und nach reiflicher Ueberlegung und vorheriger Verabredung über das irdiſche Beſitzthum, geſchloſſen und abgeſchloſſen worden. Da nun auch zwiſchen dieſem unſerem Hauſe, fuhr Herr Adrianus — 124— van der Valck fort: und dem ruhmvollen und ehrenhaften Hauſe van Swammerdam eine derartige Verabredung ſchon in früheren Jahren ge troffen worden, ſo ſoll dieſelbige nunmehr zur Wahrheit werden, und ſo verloben wir, ich, Adrianus van der Valck, als Sohnesvater, mit meiner ehrſamen Hausfrau Maria Johanna, geborene van Moorſel, unſern einzigen eheleiblichen Sohn Leonardus Cornelius, und der Kauf⸗ und Handelsherr, Herr Nepomuck Theophil van Swammerdam, und deſſen ehr⸗ ſame Gemahlin, Frau Suſanna Euphemia van Swammerdam, geborene van Neriske, als Tochtereltern, ihre eheleibliche einzige Tochter, die „adelyke“ Jufferouw Sibylla Nikodema zu einem rechten chriſtlichen Brautpaar vor dieſen allſeits achtbaren, hohen und höchſten Zeugen! Wie Herr Adrianus bei Nennung beider Namen der Verlobten ſeine vorher leiſe Stimme ſtark erhob, und Vincenz mit den Ver⸗ lobungsringen, die er bereits in den Händen hielt, leiſe klingelte, fuhr Angés horchend auf und eiskaltes Entſetzen überrieſelte e vom Wirbel bis zur Zehe. Starr lauſchte ſie hin, beide Hände feſt ge⸗ preßt auf die ungeſtüm wogende Bruſt, auf das angſtvoll klopfende Herz; aber muthig rang ſie nach Faſſung.— Kein Laut ſoll mich, ſoll ihn verrathen— zuckte es durch ihr Gehirn— nicht den Triumph einer Schwäche gönne ihnen, Angés— denn er iſt nicht dein, wie ſehr er auch dein iſt; du haſt an ihn kein Anrecht; du darfſt nicht Kummer häufen auf der Eltern Haupt, nicht ihren Fluch auf dich laden!— Und ſo ſtand die ſchöne, zitternde Geſtalt im gewaltigen Kampfe zwiſchen Liebe und Entſagung da wie die Geſtalt einer vom Pfeil des Todesgottes getroffenen Tochter Niobe's, bleich wie ein antikes Bildwerk aus carariſchem Marmor. Und Leonardus?— In ſeinem Buſen wogten und gährten Höllen⸗ angſt, Zorn, Schmerz, Liebe, Wuth und Verzweiflung. Außer ſich wollte er ſchon einen unbedachten Schritt thun, da die Mutter auf ihn zukam, ihn nach Brauch und Sitte an die Seite der Braut zu führen, da auch ſchon Vincentius Martinus vortrat, ſein ganzes Geſicht ein geiſtlicher Adamsapfel; in dieſem Augenblicke aber fühlte er ſeine Hand feſt erfaßt und gedrückt, und hinter ihm ſtand Ludwig und flüſterte: Sei Mann! Verſtellung, keine Scene, ſtelle dezne Eltern nicht blos— wir helfen dir heraus! Dieſe Worte hörte Angös nicht, denn ſie hörte überhaupt nicht 125 mehr, ihr ganzes Sein, Denken und Empfinden lag in ihren Augen, und mit dieſen Augen ſah ſie, wie Leonardus, von ſeiner Mutter ge⸗ führt, ganz ehrbar zu ſeiner Verlobten ſchritt, und wie die Mutter Sibylla's Hand in ſeine Hand legte, und da ward es ſo dunkel vor ihren Augen, ſo nachtſchwarz trotz der dreihundert Wachskerzen, die in den Zimmern auf Kronleuchtern, Kandelabern und Gueridons brannten, daß ſie gar nichts mehr ſah; lautlos ſank ſie in ſich zu⸗ ſammen. Ein heller Ruf⸗ und Angſtſchrei des Kindes ſchnitt wie ein Blitz⸗ ſtrahl erſchreckend durch die Verſammlung und ſchnitt zugleich den Sermon des Capellans ihm vom Munde ab. Alles war erſchrocken, am meiſten Leonardus, er ſank neben der ohnmächtigen Angés in die Kniee und rief außer ſich, Alles um ſich und ſich ſelbſt vergeſſend: Angés! Meine geliebte Angés! Komme zu dir! Erwache!— Der Erbpri demühte ſich, die kleine Sophie zu beruhigen, er umfaßte liebkoſend das ſchöne Kind; zufällig ſtreifte er dabei den kurzen linken Aermel des Kleidchens in die Höhe, da glühten ihm karmin⸗ roth von der feinen Haut die Buchſtaben entgegen: S. C. B. Er hob mit einem lauten jauchzenden Ausruf die Kleine hoch empor und rief: O Freude! Freude! Freude! Aller Blicke lenkten ſich auf ihn. Angés ſchlug die Augen auf, und ſah das Kind von dem Prinzen emporgehoben, ſein Ausruf hatte ſie aus ihrer Ohnmacht ſchneller geweckt, als die ſtärkenden Eſſenzen. Eure Hoheit— wurden fragende Stimmen laut: Was iſt's mit dem Kinde? Und Jener rief mit ſchöner Wallung des Gefühles: Dieſes Kind— iſt mein— — 126— 10. Ein Tag in Paris. Ganz Paris war in brauſender, flutender Bewegung. Unzähl⸗ bare, unüberſehbare Menſchenmaſſen wälzten ſich durch alle Straßen unter einem hellen, wolkenloſen Himmel hin; Alles war feiertäglich gekleidet, an allen Häuſern prangten Laubgewinde und Kränze, wehten Tücher, Stoffe und Flaggen in den republikaniſchen Farben, von allen Fuhrwerken flatterten gleichfarbige Bänder, und ein Jubelruf der be⸗ geiſterten Menge folgte dem anderen. Es mußte ein großer herrlicher, volksheiliger Tag ſein, denn das Unerhörte fand ſtatt, es feierte ſelbſt — die Guillotine. Hehr und feierlich, wie ſonſt, als Frankreich oder Paris noch an Gott glaubte und Gottesdienſte beſuchte, erklang das harmoniſche Ge⸗ läute der Prachtkathedrale von Notre⸗Dame, der Genovevenkirche, der St. Sulpize und anderer durch die Morgenfrühe, aber faſt wur⸗ den dieſe Klänge noch übertönt von kriegeriſchen Muſikchören und endloſem Kanonendonner, der von den Höhen des Montmartre, von der Todtenſtadt Pöre la Chaiſe, von der Anhöhe über den elyſéeiſchen Feldern und von den ſanften Erhebungen der Fläche hinter den einſamen Vierteln St. Germain und der Barriere Vau⸗ girard erſcholl. Welch ein Tag war das? Es war ein Tag im Monat Juni des Jahres 1794, welchen Monat der ſeit dem vorigen Jahre neuerſonnene republikaniſche Kalen⸗ der Prairial nannte, Wieſenmond, dem deutſchen Heumond ſich gut annähernd, der Tag ſelbſt aber trug ſtatt des auf den achten dieſes Monats fallenden Namenstag des heiligen Medardus der durch Be⸗ ſchluß der großen Nation abgeſchafften chriſtkatholiſchen Kirche den Namen Heugabel, welcher gerade ſo ſchön, obſchon nicht weniger ſinnlos klang, als der 5. Juni: Entrich, der 25. Schleihe oder der 10. April(Germinal): Orulirmeſſer, der 27. Juli(Meſſobr) Knoblauch, der 8. September(Fructidor): Hundskohl. Ob wohl die Verfaſſer dieſes abgeſchmackten Miſchmaſches von Oekonomie⸗ — 127— werkzeugen und Küchenkräutern, hinter denen man nur Dreſchflegel⸗ führer und Sudelköche ſuchen konnte, im Ernſt glaubten, als ſie ſich zu Kalendermachern aufwarfen, ihr Hirngeſpinnſt könne Dauer haben? Dieſe Frage dürfte nicht minder ſchwer als jene zu beantworten ſein, wie eine Nation, die ſich die Große nannte, ſolchen Gallimathias gut⸗ heißen und anerkennen konnte? Drei junge Männer bewegten ſich mit der Menſchenſtrömung dem Nationalgarten zu. Sie trugen weite ſchwarzwollene Beinkleider, welche mit Kohlenſäcken äußerſt nahe verwandt ſchienen; Joacken von dem⸗ ſelben Stoff, ein wenig ſehr ſchornſteinfegerhaft angeſchmutzt; drei⸗ farbige Weſten, welche von einigem Wurſtfett gar nicht übel glänzten, kurzgeſchorene Perrücken von ſchwarzborſtiger Art, die ein Waldteufel und Kinderſchreck nicht ſchöner haben konnte, und auf dieſen Perrücken rothe Jacobinermützen mit taſſengroßen dreifarbigen Cocarden, blau, roth, weiß. Ein Schleppſäbel ſchlotterte jedem an der Seite, und einige Piſtolengriffe ſchauten gemüthlich aus dieſer oder jener Taſche des Kleeblatts heraus. Mächtige Schnauzbärte und die Farbe von Staub, Kohlen und Pulver in dreieinheitlicher Vermählung gaben den Antlitzen etwas furchtbar Wildes, und zeigte ſie ſo recht vollſtän⸗ dig à la mode, denn ſolcher Geſtalten und Geſichter wogten viele Tauſende mit. Es waren ſogenannte Carmagnolen. Schon eine gute Strecke vom Nationalgarten abwärts ſackten ſich die Maſſen, und der Strom, der von der Modelaine herab nach dem Mordplatz kam, auf dem der König und die Seinen verblutet hatten, ſtand ſchon Kopf an Kopf gedrängt voll. Wachen hielten dort an jener Seite die Zugänge zu dem Garten beſetzt, und wer bis an dieſe gelangen wollte, mußte ſtarke Arme haben und einen Druck und Puff oder ſehr viele aushalten können. Dennoch drängten ſich Gamins durch das furchtbar drückende Gewühl durch, und boten mit gel⸗ lendem Schreien, wie ſie es auf öffentlichen Plätzen und in den Theatern gewohnt waren, für ein Centimeſtück, Programmes de spectacle feil. Aufzüge waren es, welche die wühlenden Maſſen in Stocken brachten und für welche der Raum im Garten und am Seine⸗Ufer hin freigehalten wurde. Da zogen Jungfrauen auf das Schönſte, wenn auch nicht auf das Anſtändigſte geſchmückt, nämlich in flor⸗ —— dünnen griechiſchen Coſtümen, durch das die Sandalenbänder bis zu den Knieen ſichtbar hindurchſchienen, Kränze von Aehren und Korn⸗ blumen im Haar und Körbchen voll Blumen tragend, in den um⸗ fangreichen Garten; Frauen, mit Kindern beladen, denen beiderſeits die Hitze des Junitages die unausſprechlichſte Pein drohte, wallten ſtolz daher in einer Tracht, die Allem Hohn ſprach, was jemals ſchön, kleidſam und anſtändig genannt ward: Es kamen Greiſe, anzuſehen wie alte ausrangirte Theaterfiguranten in der Tracht, mit welcher die Wachsfigurenkabinette die Jünger Chriſti umhängen, die das Abend⸗ mahl feiern, mit ſchneeweißen Perrücken und abſcheulichen Flachsbärten. Dieſe tugendhaften alten Gauner, aus der Volkshefe zur Darſtellung der großartigen Farge ausgewählt, trugen Degen in den Händen, um ſie den Vertheidigern der Freiheit zu überreichen, ſobald ihr Stich⸗ wort fallen würde. Dieſe Vertheidiger der Freiheit trugen Eichen⸗ zweige und mit Eichenlaub waren auch die Triumpfbögen und Thor⸗ fahrten geſchmückt. Schonungslos waren alle umliegenden Wälder geplündert und verwüſtet worden, um Paris für einen einzigen Tag einen ſchnell vergänglichen Schmuck zu leihen. Die drei jungen Männer in der ſchmutzigen Carmagnolentracht wühlten ſich langſam weiter und weiter, bis es ihnen durch Geduld und Aus⸗ dauer allmählig gelang, an der Waſſerſeite gegenüber dem Pavillon der Flora und der Einheit auf der Terraſſe einen etwas erhöhten Platz zu gewinnen, von dem aus ſich einigermaßen die Feſtlichkeit überſehen ließ, welche ſich vorbereitete. Sie erblickten das zum Zweck des Feſtes eigens erbaute Amphitheater, das ſich bis hinan zum großen Balkon des ehemaligen Tuilerienpalaſtes hinzog und aus deſſen Mitte eine hohe Rednerbühne emporragte. Vom Amphitheater führten Stu⸗ fen bis herab zum großen runden Waſſerbecken des Gartens, welches ganz überbrückt war, und in deſſen Mitte ſtatt der zertrümmerten Steinbildſäulen, die daſſelbe früher geſchmückt, eine allegoriſche Figuren⸗ gruppe aufgeſtellt war, zuſammen gezimmert und geleimt aus Holz und Pappendeckel, und von einem Theatermaler bunt angeſtrichen. Es zeigte ſich die abſchreckende Rieſengeſtalt des Atheismus, getragen von der Ehrſucht, der Eigenſucht, der Zwietracht und der falſchen Einheit, und eine Inſchrift verkündete, daß dies„die einzige Hoffnung des Auslandes“ darſtelle und bedeute. 129 Da bleibt dem armen Auslande blutwenig Hoffnung! ſpöttelte einer der drei Carmagnolen halblaut zu ſeinen Gefährten, aber in einer Sprache, die ganz fremdländiſch klang und die ſchwerlich ein Akademiker verſtanden haben würde. Habt Acht! Dort kommt wieder etwas Neues! ſprach der zweite der jungen Männer. Ein Wagen voll Kinder fuhr in dem Gartenraum, ein Wagen voll blinder Kinder. Sollte er Frankreich allegoriſch darſtellen, das ſo blind war, ſich von einer Schaar entmenſchter Henker den Fuß auf den Nacken ſetzen zu laſſen? Ein zweiter Wagen brachte Ackergeräthſchaften und allerlei Ge⸗ rümpel, welches die Attribute des Gewerbes und der Künſte darſtellen ſollte. Ah, der neue Kalender! flüſterte einer der drei. Hacke, Dreſch⸗ flegel, Wurfſchaufel, Bienenſtock, Rechen, Jätharke, Heugabel, Senſe, lauter Monatstage; die neuen Heiligen! Lache nicht, Burſche! rief der erſte Sprecher, und gab dem dritten Gefährten bei der Rede des zweiten einen Stoß in die Rippen. Ernſt⸗ haft, Junge, ernſthaft, ſonſt iſt's um uns gethan. Ein unzeitiges Lächeln ſtempelt dich zum Volksfeind und bringt deinen Kopf unter das Beil. Es dauerte eine lange Zeit, bis Alles eingetroffen war, was ein⸗ treffen ſollte, und bis die Gruppen der Greiſe, die der Mütter, der Kinder, der Jünglinge, der Männer u. ſ. w. nach der Vorſchrift des Programms vertheilt waren. Gegenüber den drei Zuſchauern erblickte man in einigen Fenſtern des vormals ſogenannten Tuilerienſchloſſes, die alle von Zuſchauern und noch mehr von Zuſchauerinnen beſetzt waren, eine Geſellſchaft, welche dem angenehmen Geſchäft des Früh⸗ ſtückens oblag. Der eine von den drei aufmerkſamen Zuſchauern flüſterte ſeinem dicht an ihn gedrängten Nebenmanne mehrere Na⸗ men zu.— Jenes Weib mit dem obſcheulichen Aufputz, dem flie⸗ genden Mähnenhaar und den weit herauf entblöſ'ten Armen, iſt die Bürgerin Dumas, die Frau des Präſidenten des Revolutions⸗ tribunals. Ihr Mann ſteht hinter ihr in großem Coſtüme. Dort ſtehen neben einander Barrére und Collot d'Herbois, und laſſen ſich D. B. II. 3 130 den Wein des Jacobiners Villate ſchmecken, welcher Villate Geſchwor⸗ ner beim Revolutionstribunal iſt und ohne Unterſchied jeden zur Guillotine verurtheilt, den ihm Fouquier Taineville zuſendet. Bürger Villate, der ſich jetzt Sempronius Gracchus zu nennen beliebt, war früher ein hungerleidender Seminariſt, wofür er ſich jetzt entſchädigt. Er hat ſtets Appetit und Durſt, ſelbſt ungeheueren Blutdurſt nicht ausgenommen. Vor Kurzem ſagte er, als er zwanzig Menſchen auf einmal zur Guillotine ſandte: Die Angeklagten ſind doppelt über⸗ führt, ſie haben nicht nur eine Gefängnißverſchwörung angezettelt, ſondern auch eine gegen meinen Magen. Es iſt bereits Mittag und ich habe durch ſie nicht einmal zum Frühſtück gelangen können. Laſſet ſie dafür in den Sack nieſen! Ha!— Sieh hin, das iſt er, der jetzt neben Villate an das Fenſter des Pavillons tritt und mit freudeſtrahlendem Blick auf dieſe gedrängt harrende Menge herabſchaut! Eine ſtolze Freude, zu denken, daß ſie auf ihn harrt. Sieh— er trinkt— rothen Wein! Ob ihn nicht ſchaudert? flüſterte leiſe fragend der Eine. O dieſe Art hat die Schauder und Regungen der Menſchlichkeit längſt überwunden. Er trägt eine grüne Brille, flüſterte jener wieder. Farbe der Hoffnung auf die Dictatur.— Das Frühſtück bei Sempronius Gracchus ſchien lange zu dauern, drunten harrte im Brande der Frühlingsſonne des heißen Junitages die Menge, theils geduldig, theils auch ungeduldig. Die große Uhr im Pavillon der Einheit(früher d'Horloge) ſchlug zwölf— ſie ſchlug halb eins— man ſah jenen Mann nicht mehr im Fenſter des Flora⸗ pavillons; Andere waren an ſeine Stelle getreten, die Männer des Kevolutionstribunals, hohe ſchwarze Hüte mit ſchwarzen Federn, ſchwarze Bekleidung, ſchwarze Talare, darüber breite ausgezackte und ausgenähte Kragen, farbige Bänder um die Bruſt mit metallenen Abzeichen, wie Brüder geheimer Ordensbündniſſe— alle Brüder eines Todesbundes, der Menſchenleben hinmordete, wie des Mähers Senſe die Wieſen⸗ blumen in Schwaden dahinſtreckt. Es ſchlug ein Uhr— immer noch harrte die Menge, die Mitglieder des Convents wurden unruhig, einer fehlte, der vorhin doch da geweſen, der Angeber, der Anordner, die Seele des Feſtes— er war nicht mehr da; dort im Fenſter lag von 131 ihm, als er aus dem Zimmer gewankt war, vergeſſen, ſein Blumen⸗ ſtrauß; man ſuchte ihn, man fand ihn auch— es war der Repräſen⸗ tant des franzöſiſchen Volkes, den man geſucht, den man endlich auch gefunden, wie und wo, verbietet der Anſtand zu ſagen; es war Robespierre, und Robespierre— war betrunken. Das war der Mann, der jetzt herbeiſchritt, bleich, mit gerötheten Augen, etwas ſchwankenden Schrittes, aber angethan mit dem Prunk ſtattlichen Gewandes, der Mann des Volkes, der Mörder des Königs und der Königin, der Mörder der Girondiſten, der Mörder von des Königs Schweſter, der Mörder von Danton, Cloot, Hebert, der Mör⸗ der von Tauſenden; eine Geſtalt, im Geſicht ſo blatternarbig und bleich und feig, und vom Körper ſo klein und unanſehnlich, von einer ſchlotterigen Unterſetztheit. Das war die körperlich und moraliſch ſchreckliche Mißgeburt und die Gottesgeiſel, die ſich das große Frankreich gleichſam zum Herrſcher geſetzt, der es ſeinen freien Nacken beugte. Das war der Gottesläſterer, der es gewagt hatte, am heu⸗ tigen Tage ein Feſt des höchſten Weſens anzuordnen. Und ein Jubelruf, ein Beifalldonner der Maſſen begrüßte das be⸗ rauſchte Scheuſal, und es hallte endlos und endlos Vive Robes- pierre! daß es ihn ernüchterte und ihm das Herz wieder ſtark machte; jetzt trat er auf die Tribüne und begann vorleſend ein Gekreiſche, denn eine Rede war es nicht zu nennen, im abſcheulichen Dialect von Artvis, in dem ſich Flämiſch und Franzöſiſch miſcht, und ſchrie hohe Worte der Verſammlung zu— von glücklichem Tag, franzöſiſchem Volk und höch⸗ ſtem Weſen, von Tyrannei und Trug und Verbrechen auf Erden, von den Unterdrückern des Menſchengeſchlechts, mit denen eine ganze Na⸗ tion im Kampfe liege, und dieſe Nation raſte nun von der Blutarbeit, um dem höchſten Weſen, in deſſen Auftrag ſie ihre herviſchen Arbeiten vollbringe, ihre Gedanken und Wünſche zu weihen. Dieſes höchſte Weſen pries Robespierre, ſeinen Cultus empfahl er dem Volke, der heutige Tag ſollte ihn feſtlich begehen. Am Tage vorher waren der Guillotine 20 Blutzeugen gefallen, der nächſte ſollte 23 dem Beile verfallen ſehen. Vorgeſchriebene, im Programm de Spectacle vorgeſchriebene Aus⸗ rufe der Zuſtimmung und Bewunderung unterbrachen den Redner, und als dieſer mit einem heißeren Gebell, das dem der Hyäne in der afrikani⸗ — 13 ſchen Wüſte glich, geendet hatte, brauſete ſtürmiſcher Beifall, obſchon nicht ein Tauſendtheil der Menge verſtanden hatte, was der Redner geſprochen. Feierlich ſtiecg Robespiere von der Tribüne herab und die Stufen nieder, um ſymboliſch die„einzige Hoffnung des Auslandes“ zu ver⸗ nichten. Man reichte ihm einen brennenden Kienſpahn, und mit dieſer ſtinkenden Brandfackel verſuchte er, das pappendeckelne Bildwerk, das mit Brennſtoff umwunden war, zu entzünden. Die Einrichtung war ſo getroffen, daß an die Stelle des Atheismus und ſeiner ſymboliſchen Träger das Bild der Weisheit in reiner, ſchöner und edler Geſtaltung treten ſollte— aber wohl wälzte ſich unter Trommelwirbeln und Muſikklängen dicker Dampf empor, wie weiland im Mittelalter von einem Hexenbrande— wohl krachten die Bretter und platzten die zu⸗ ſammengeleimten Pappen, wohl brach der Atheismus mit Gepolter zuſammen, aber die andern Figuren rührten ſich kaum, ſie wankten nur etwas zur Seite, und die durch einen ſchlechten Mechanismus jetzt ſichtbar werdende Weisheit trat ſchwarzangeräuchert wie ein weſt⸗ phäliſcher Schinken vor das Auge der Menge. Im Programme ſtand als Vorſchrift: Aus der Mitte dieſer Trümmer, nämlich der allegori⸗ ſchen Figuren, erhebt ſich die Weisheit mit ihrer ruhigen und heitern Stirn; bei ihrem Anblick drängen ſich Thränen der Freude und der Dankbarkeit aus aller Augen. Wie aber die Weisheit als Mohrin zu Tage trat, und die„Hoff⸗ nung des Auslandes“ unerſchüttert ſtehen blieb, bis einige Schreinergeſellen ſie zuſammenriſſen, gab es nur Lachthränen und ein unauslöſchliches Ge⸗ lächter ergoß ſich durch des Nationalgartens menſchenvolle Räume. Das kümmerte aber den Helden des Tages wenig; er eilte wieder auf die Tribüne und perorirte ſeine ſchwülſtigen Phraſen von dieſer herun⸗ ter der Menge zu, Phraſen, von denen einige lauteten: Franzoſen, ihr bekämpft die Könige, ihr ſeid alſo würdig, die Gottheit zu ver⸗ ehren!— Unſer Blut fließe für die Sache der Menſchheit— das iſt unſer Gebet, darin beſteht das Opfer, welches wir dir darbringen, der Cultus, den wir dir weihen, du höchſtes Weſen! Endlich endete auch dieſe Rede voll Schwulſt, Phraſen und Co⸗ mödianterie, und der zweite Act der großen Harlekinade begann. Die Menge wälzte ſich aus dem Garten dem Marsfelde zu, über die Ein⸗ trachtbrücke im dichtgeballten unaufhaltbaren Strome hinüber. 133 Wollen wir mit? fragte einer der Carmagnolen. Ich denke nein, antwortete der Gefragte: und ich halte dafür, wir machen uns im wahren Sinne des Wortes aus dem Staube; denn ich bemerkte mehrere auf uns gerichtete verdächtige Blicke, beſonders drängte ſich ein Kerl in Incroyabeltracht mit einem Spitzbubengeſicht— dort ſteht er noch und läßt uns nicht aus den Augen— an uns heran, entweder hat er Luſt zu ſtehlen, oder zu ſpioniren, oder am liebſten beides zugleich. Habe ein wenig Acht auf jenen guten Bürger, wandte ſich der erſte Sprecher zu dem dritten Begleiter, der hinter den beiden ging, die jetzt, der noch immer drängenden Menge entgegen, den Quai ent⸗ lang ſchritten und den Zwiſchenraum zurücklegten, welcher das Tuile⸗ rienſchloß vom Louvre trennt. Sage mir, beſter Freund, begann der eine der Carmagnolen zum andern, mit dem er Arm in Arm ging, in derſelben ganz fremdlän⸗ diſchen Sprache, in der er ſich ſchon vorher mit ihm unterhalten: wie kommſt du dazu, dieſe Leute oder doch mehrere derſelben zu kennen, dieſen Villatel, und ſelbſt den Regiſſeur, wo nicht vielmehr Director der Pariſer Tragödie? Du weißt ja, daß ich vor nicht langer Zeit hier war, und wirſt mir ſo viel Theilnahme an den Ereigniſſen der Zeit, die ſo unheil⸗ voll ſind, zutrauen, daß ich meine Augen nicht verſchließe, zumal wo Alles ſo wie hier in die Augen ſpringt, ſelbſt wenn man dieſe ver⸗ ſchließen wollte. Der Menſchenſtrom ſchwand hinter den drei Carmagnolen mehr und mehr, mit einem Male war der Carouſſelplatz menſchenleer, ebenſo der ganze Garten, denn Alles und Alles folgte neugierig dem Strom nach dem Marsfelde. Die Freunde ſchritten langſam und gemüchlich auf der hohen Terraſſe am Bord der Seine hin und ſchauten über die niedrige Steinmauer und über den Strom hinüber, wo hoch zum Himmel wirbelnder Staub die Spur der zum Marsfeld wallenden Menſchenmenge bezeichnete und von welcher Seite eine vom Schall nur dumpf getragene Muſik herüberklang. Nur der vorhin erwähnte Bürger, der ein Spion ſchien, tänzelte hinter den Freunden her, und zwar that er, als bemerke er ſie gar nicht, ſondern ſchritt gleichſam ſpielend, wie ein großer Junge, auf der — 1 Baluſtrade der Terraſſe hin und pfiff ſein G'a ira-Stückchen, indem er den Sprechenden näher kam und ſich bemühte, ihre Rede zu belauſchen. Der mißtrauiſche dritte Begleiter nahm jetzt das Wort, und ſprach: Diar kommt en holl Tidd jüm uhn— liat ley wör. Die Freunde ſchauten ſich um, und der Eine ſprach: Nä es et en ſlecht Tidd! Hura! där dü Barlang hen!*) Ei, Bürger, warum wollt ihr dem Feſte auf dem Marsfelde nicht zuſchauen? fragte mit kecker Sicherheit der Mann auf der Balluſtrade, und lauerte der Antwort entgegen. Weil wir ſchon Staub genug geſchluckt haben, und weil uns dür⸗ ſtet, ward ihm zur Antwort. Was iſt das für eine Sprache, in welcher ihr euch unterhaltet, Bürger? fragte jener, immer gleichen Schritt mit den Freunden haltend. Ein Ueberreſt der Sprache vom Babelthurmbau vielleicht, wenn du ſie nicht verſtehſt, Bürger! Bürger, ich glaube nicht, daß ihr Franzoſen ſeid? fuhr jener fort. Doch ich werde mit euch gehen, mich dürſtet auch. Na, denn nem man jarſt diar jahn üp, üppaſſer!**) ſchrie mit ſtarker Stimme der Hinterſte ihm zu, und im Nu lag der Franzoſe drunten im Strombette der Seine und plätſcherte puhſtend, rufend und fluchend in den Wellen. Nä uhn Gotts Namen förward!***) rief der Aeltere der drei Ge⸗ fährten und bog im rechten Winkel ſchnurſtracks nach der Stadtſeite ein, ſich mit ſeinen Gefährten eiligſt in die Winkel von Gebäuden und engen Gaſſen verlierend, die damals noch den Raum zwiſchen dem Louver und dem Tuilerienſchloß verunzierten. Mit Noth entraffte ſich der Mouchard der Republik dem un⸗ ſchädlichen Bade und zerſann ſein Gehirn, was das für eine Sprache geweſen ſein möge, in welcher die Fremden, die ſein Scharfblick gleich als ſolche erkannt, geſprochen hatten.— *) Da kommt eine hohle Brandung angegangen, laßt ſie liegen vorn.— Es iſt eine ſchwache Brandung! Hurrah, hin durch ſie. **) Nun, ſo nimm nur erſt einen drauf, Aufpaſſer! ***) Nun in Gottes Namen vorwärts! 2— e0 — 135— In einem der erſten Gaſthäuſer der Rue Vivienne ſaß in ſeinem Zimmer ein ernſter, bereits ergrauter Mann, zwar von noch rüſtigem Aeußern, doch etwas krankhaften Zügen, welche die Spur großer gei⸗ ſtiger und körperlicher Anſtrengungen trugen. Dieſer Mann hatte Briefe geſchrieben und las ſich eben einen derſelben mit bekümmerter Miene vor. „Ihre Excellenz wollen gnädigſt entſchuldigen, wenn ich nicht im Stande bin, in geordnetem Zuſammenhang zu ſchreiben, denn der Kopf ſchwindelt mir, Alles dreht ſich mit mir um und um, ein Er⸗ eigniß drängt das andere, und ich ſitze hier mitten in Paris wie ein wahrer Daniel in der Löwengrube; ich darf das ſagen, denn ich ſehe zu meinem großen Bedauern, daß von meinen Prophezeiungen, welche Excellenz mir ſtets nicht haben glauben wollen, die wichtigſten ein⸗ getroffen ſind. Von Anſterdam aus ſchrieb ich Ihrer Excellenz aux armes de la ville— der Herr Graf hatten kaum Zeit, an die Ver⸗ gleichung zu denken, ſo viel gab es für ihn zu thun; den ganzen lieben Tag über bis in die ſinkende Nacht iſt er ſchrecklich beſchäftigt mit dem Erbſtatthalter, dem Erbprinzen, wie mit den Admiralitäts⸗ und anderen Herren. Ich habe ihn nicht im Geringſten unzugänglich gefunden, im Gegentheil habe ich alle Hoffnung auf gute Erfolge, die ſich, wenn ich nach Geldernland zurück bin und klaren hellen Tag in der Sache ſehe, von Doorwerth aus vollends ordnen laſſen. Auch gegen den jungen Herrn Grafen ſind der Erbherr nicht mehr aufgebracht; ich glaube, ſein Vetter, der Vice⸗Admiral, ein trefflicher heiterer und jovialer Herr, hat ihn umgeſtimmt. Uebrigens hat ſich da⸗ mals der junge Herr im Hauſe unſeres alten Herrn Adrianus ein kleines Dementi gegeben, doch aber ſich, ich weiß nicht durch was, in große Gunſt S. H. des Erbprinzen der Niederlande geſetzt, was ihm jedenfalls nach der Hand ſehr zu ſtatten kommen wird. Er hat ein genaues Freundſchaftsbündniß mit dem Sohne des alten Herrn van der Valck geſchloſſen, welcher erſtere zwar ein rechtlicher, aber etwas überſpannter Mann iſt, obſchon er über die Schwärmerjahre hinaus ſein ſollte; dieſer hat ein Liebesverhältniß angeknüpft, welches aus⸗ einander zu ſetzen Ihre Excellenz von mir nicht erwarten werden; nur im Betreff unſers jungen Herrn führe ich dies an, weil der junge van der Valck ſich mit ſeinem Vater, wie ich in Amſterdam erfuhr, darüber bis zur Unverſöhnlichkeit überworfen hatte. Darauf haben beide junge Herren mitſammt dem geliebten Gegenſtande und einem leider auch ſchon vorhandenen kleinen Kinde Amſterdam verlaſſen, zu allem Glück nicht eher, als bis ich den jungen Herrn geſprochen und ihm begreif⸗ lich gemacht habe, wie thöricht er handle, ſo mir nichts dir nichts in die Welt hinein zu abenteuern, zumal er ja nicht denken darf, die goldenen Berge zu finden, die Ihre Excellenz ihm vorgeſpiegelt haben, denn leider iſt dazu die Wünſchelruthe verloren gegangen. Um zu ſehen was zu thun und ob etwas zu retten iſt, habe ich mich ſelbſt nach Paris gewagt, in die Löwengrube mitten hinein, und auch die jungen Leute haben die Thorheit begangen, ſich an mich anzuſchließen und mich gleichſam zum Beſchützer jener Dame und beſagten Kindes gemacht, obſchon ich mich mit Händen und Füßen dagegen ſträubte— aber meine gar zu große Gutmüthigkeit und der Trieb, wo möglich allen Hülfsbedürftigen zu helfen, gibt meinem Verſtande einen Rip⸗ penſtoß über den andern. Wir halten uns verborgen und nur die jungen Leute wagen ſich in Begleitung Philipp's unter allerlei Mas⸗ keraden in die Stadt, ich hoffe aber alle Geſchäfte beſchleunigen zu können und dann nach Doorwerth aufzubrechen ſo ſchnell als möglich, und die jungen Leute mit dorthin zu nehmen, wo ſie wenigſtens für jetzt noch ſicher ſind. Ich war auch in Utrecht bei Hochderen zweitem Herrn Enkel, dem Grafen Johann Farl; Hochdeſſen Frau Gemahlin, die geborene Gräfin von Athlone und dero Kinder, Gräfin Antvinette, Graf Wilhelm Chriſtian Friedrich, und der kleine erſt zweijährige Graf Carl befinden ſich im beſten Wohlſein und legen ſich Ihrer Ex⸗ cellenz zu Füßen. Der Herr Graf werden ohne Zweifel zur engliſchen Armee ſich begeben. Heute iſt Paris wie ausgeſtorben, Alles iſt hinaus nach dem Mars⸗ feld, wo dieſelben Republikaner, welche den lieben Gott und das Chriſten⸗ thum abgeſchafft haben, ein Feſt des höchſten Weſens feiern, während hier doch von nichts Anderem die Rede ſein kann, als vom höchſten Unweſen. Dieſen Brief erhalten Ercellenz nicht von hier aus, denn auf der Poſt wird jeder Brief erbrochen und geleſen. Die Plackerei mit den Päſſen überſteigt alle Grenzen, wir ſind indeß als hollän⸗ diſche Haarkäufer hier einpaſſirt, in welchem Handelsartikel hier jetzt haarſträubende Geſchäfte gemacht werden. Dieſer in Holland ſtark — betriebene Handel iſt vielleicht der einzige, der hier nicht befrem⸗ det und Argwohn erregt; wir haben auch zum Schein einige Ein⸗ käufe dieſer Art gemacht, und es wird Ihre Ercellenz mit einem Ge⸗ fühle ſchmerzlicher Wehmuth erfüllen, wenn ich dieſem Briefe eine Locke von dem im Gefüängniß ſchneeweiß gewordenen Haare der un⸗ glücklichen Königin Marie Antoinette beifüge. Mir ſtürzen die hellen Thränen aus den Augen, indem ich dieſes ſchreibe. Leider muß ich Ihrer Excellenz mittheilen, daß das Handelshaus Groſſier Vater und Söhne hier ſeine Zahlungen eingeſtellt hat, wo⸗ durch, da daſſelbe beauftragt war, für Ihre Excellenz die de la Tre⸗ mouille'ſchen Rentenzinſen für die letztverfloſſenen Jahre zu erheben, Höchſtſie einen namhaften Verluſt erleiden, obſchon ich fürchte, daß nicht viel zu erheben geweſen ſein wird, denn die Revolution gleicht einem alles Vermögen verſchlingenden Danaidenfaſſe. Wer Geld will, braucht nicht nach Paris zu kommen. Doch ich eile zu ſchließen und bin zu den Füßen Ihrer Excellenz Hochdero getreueſter Paris, den 8. Juni 1794. Windt. Es nahten Tritte, gleich darauf traten in das Zimmer des un⸗ wandelbar treuen und geraden Dieners die drei Carmagnolen, und indem Graf Ludwig ohne Weiteres begann, ſich der abſcheulichen Klei⸗ dung zu entledigen, den Säbel abzulegen und den Bart abzureißen, was Leonardus ihm alſobald nachthat, rief Erſterer Philipp zu: Schaffe Waſchwaſſer, daß wir wieder zu Menſchen werden! Schaffe Wein, aber keinen rothen, ich muß bei dieſem ſtets an Blut denken, ſeit ich das Ungeheuer Robespierre habe trinken ſehen, Chablis, milden und doch feurigen Chablis ſchaffe herbei, Uf, das war ein Schauſpiel, das war ein Vergnügen, und zuletzt war uns auch noch ſo ein Hund von einem Spion auf den Ferſen, deſſen Spürnaſe zehn Schritte weit in uns die Nichtfranzoſen witterte. Eilet, eilet, daß wir uns wie⸗ der in ehrliche holländiſche Hairkoopers umwandeln. Und ſo bald wie möglich dieſe Löwengrube verlaſſen, ſetzte Wind hinzu; dann ſprach er warnend: Laſſen Sie das den letzten verkappten Ausflug geweſen ſein, junger Herr! Sie haben nun Paris geſehen, in ſeiner ganzen Schönheit. —— In ſeiner ganzen ſchrecklichen Scheuslichkeit, wollen Sie doch wohl ſagen, verehrter Herr Intendant! nahm Leonardus das Wort. Ich wäre wahrlich am Liebſten gar nicht hierher gekommen, wenn nicht Ihr gütiger Rath— Der nicht anders gegeben werden konnte, Herr van der Valck, unterbrach ihn Windt. Freilich konnten Sie es viel, viel näher haben, dahin zu reiſen, wo ich Ihnen Schutz gewähren kann, aber Sie konnten dorthin nicht ohne mich, und da Sie in Angelegenheiten Ihres Hauſes eben ſo hier zu thun hatten, wie ich in den Geſchäften des Hauſes, für das ich reiſe, glaube ich, wir haben immerhin nicht übel daran gehandelt, die Haarkäufercompagnieſchaft bis hierher zu er⸗ ſtrecken, oder vielmehr ſie hier aufzuthun. Ich glaube, verſetzte Leonardus: mein Vater und meine Mutter riſſen ſich alle Haare aus, ſo viel ſie deren noch haben, wenn ſie er⸗ führen, daß ihr einziger Sohn, der Erbe des Hauſes van der Valc, in Paris den holländiſchen Haarkäufer ſpielt. Mir ſchaudert jetzt förm⸗ lich vor dieſem Gewerbe, das wir Gott Lob ja nur zum Schein trei⸗ ben: denke ich, welch ſchönes herrliches Haar, auch zarter Jungfrauen und Mütter, von guillotinirten Häuptern jetzt in den Handel kommt, und daß mancher und manche Erbärmliche, ohne es zu ahnen, in ihren Perrücken das Haar von hingerichteten Fürſten und edlen Per⸗ ſonen tragen. Geſtern ſahen wir guillotiniren, ich will es nie wieder ſehen, und danke Gott, daß Angés von ihrem Gefühl zurückgehalten ward, dieſes entſetzliche Schauſpiel, zu dem ſo viele Tauſende entmenſchter Wei⸗ ber ſich drängten und täglich drängen, mit anzuſehen. Nur die volle Richtigkeit der genau geprüften Päſſe war im Stande, den vier Reiſenden nebſt dem Kinde wieder ungefährdeten Ausgang aus der Weltſtadt zu ermöglichen. Ein einziger Fehler, ein einziger Zweifel, eine einzige kundgegebene Verlegenheit oder Unſicherheit konnte zu einem tödtlichen Ausgang für ſie alle führen. Es war in ſpäter Nachmittagſtunde, die Volksmaſſen ſtrömten ſchaarenweiſe vom Marsfelde zurück und ergoſſen ſich wieder in die bis dahin faſt verödeten Straßen von Paris, erhitzt, hungrig, durſtig, fa⸗ natiſirt, va ira brüllend, theilweiſe auch die Farge mit ſarkaſtiſcher Lauge kritiſirend. Auf der langen, langſamen Fahrt von der Rue Vivienne, dann dem Boulevard entlang bis zur Porte St. Martin vernahmen die Reiſenden manches ſcharfe Wort. Hat ſich anſchreien laſſ tru Hen der g nu an Br ge un ſet Pa ls da un tet ei hi zi ti g laſſen: Vive Robespierre! Tod all' dieſen Schreiern!— War be⸗ trunken wie eine Kanone!— Will das höchſte Weſen ſelber ſein!— Herunter mit ihm! herunter! Muß ſeine Claqueurs gut bezahlt haben, der blutige Comödiant! Angés, der in namenloſer Angſt in den wenigen Tagen das Herz geſchlagen hatte, die ſie in Paris zugebracht, und welche von ihr be⸗ nutzt worden waren theils nach le Mans wegen ihrer Scheidung, theils an ihre Eltern in Zweibrücken wegen ihrer Rückkehr die nöthigen Briefe zu ſchreiben, machte jetzt der Gedanke ſchwindeln, daß ſie es gewagt, das theuere Kind und ſich ſelbſt, die für das Kind zu leben und zu ſterben gelobt hatte, ſo großer, mannigfaltiger Gefahr auszu⸗ ſetzen, deren Größe ſie freilich nicht ahnen konnte, weil ſie glaubte, Paris ſei noch daſſelbe wie vor einigen Jahren. Sie athmete tief auf, als die Lüfte des ſchönen Sommerabends ſie rein umfloſſen, drückte das Kind innig liebevoll an ihr Herz, faltete ſeine Hände ſtill unter den ihrigen und ſprach mit ſanft zum Himmel emporgerich⸗ tetem Blick ein leiſes Dankgebet. Sie glich ſo völlig dem Bilde einer jugendlichen heiligen Mutter Anna, wie dieſe auf ſchönen Bildern die ewige Jungfrau, der Engel Königin, auf ihrem Schvoße hält. Angö's Begleiter fühlten, was im Inneren der jungen Frau vor⸗ ging, und ehrten durch Schweigen die Empfindung, die rein und mäch⸗ tig durch ihre Seele bebte. Kein Unfall, kein Hemmniß ſtörte die Reiſe; es war als ob En⸗ gel ſchützend und ſchirmend die Reiſenden umſchwebten. 11. Die Reiſenden. Im Geldernlande, weſtwärts von Arnhem, zwiſchen dieſer Stadt und Wageningen, nahe dem Rheine, der an jenen Ufern bereits einen ſeiner Arme unter dem Namen der neuen Yſſel verloren hat, und trüh und träge, als bereue der einſt ſo lebensfriſche, jugendliche, dann mannbarkräftige ſtolze Strom, ſein ſchönes Deutſchland verlaſſen zu ha⸗ ben, dahin rinnt, um ſich bald genug noch mehr zu zertheilen und zu entkräften, liegt die Herrlichkeit Doorwerth mit einem ſtattlichen kaſtell⸗ artigen Herrenſchloſſe, Parke und Gärten, Wohnungen für Dienerſchaf⸗ ten, Oeconomiegebäuden, mit einem Dorfe und mit einer fruchtbaren reichen Feldflur, die ziemlich frei iſt von Sümpfen und Moräſten, und trotz der flachen Landſchaft, die nur nach Norden hin einige ſanfte bebuſchte Anhöhen, was man eben in dieſen Niederungen Anhöhen nennt, begrenzen, doch nicht ohne landſchaftliche Schönheit iſt. Rings grüne Matten, Tabaks⸗ und Saatfelder, noch mehr unüberſehbare, mit Heerden bedeckte Wieſen, durchzogen von zahlloſen kleinen Kanälen und Waſſerrinnen, längs deren in maleriſchen Gruppirungen die ſchönſten alten Weiden, Erlen, Ulmen und die hochſtengeligen Schößlinge bunt⸗ blühender, Stauden wachſen. Wer je die Thier⸗ und Landſchaft⸗ bilder Nicolaus Berghem's ſah und dieſe Auen, der muß ſich ſagen, daß in allen Bildern jenes großen Meiſters die treueſte Wahrheit der Natur herrſcht. Im Frühling des Jahres 1794 war dieſer fruchtbare und ergie⸗ bige Landſtrich noch einer glücklichen Inſel zu vergleichen, um die rings empörte Meeresfluthen rollen und branden, aber ſie von ihrer Wuth nichts weiter empfinden laſſen, als das Geroll ihres Donners. Rings um das von einem tiefen und breiten Waſſergraben umge⸗ bene Kaſtell, deſſen Bauart ganz die alter niederländiſcher Schlöſſer war, der wir ſo häufig auf Bildern und Kupferſtichen begegnen, ſtanden hohe Bäume, Eſchen und Rüſtern, uralt und von mächtigem Umfang der Stämme, und deckten ganz den Anblick der Gebäude. Alte Mauern und die ausgedehnten Gärten trugen hohe Blumenvaſen von gebrann⸗ tem Töpſferthon, in denen Blumen hätten prangen ſollen, allein einigen fehlte die Erde, andere waren halb zerbrochen, und allen fehlte die pflegende Hand des Kunſtgärtners, daher nichts in dieſen Ur⸗ nen, die nach Vorbildern der Antike geformt waren, blühte, als was ſich an Ritterſpornen, Lack, Aſtern, Levkoien und Trichterwinden all⸗ jährlich von ſelbſt ausſäete, oder was ein Vogel hineintrug; daher wohl auch Diſteln, wilde Nelken und Brennneſſeln in manchem dieſer Gefäße wuchernd aufgegangen waren. Vom Fluſſe her ſah man kaum etwas von dem Schloſſe, ſo ſehr verdeckten es wie ein Wald die daſſelbe umge⸗ benden Bäume, obſchon es nur eine Viertelſtunde vom Ufer des Rheins lag; ja, es führte von dieſem Ufer kaum noch ein fahrbarer Weg dort⸗ hin, ſondern nur ein ganz verwahrloſter Fußweg. Früher war eine Fähre da geweſen, auf der man leicht an Stricken ſich an das linke Rhein⸗ ufer hinüber leiern konnte, um auf den Landſtrich zwiſchen dem Rhein und dem ſchmalen Flüßchen, die Linge, zu gelangen; es ſtand auch noch das ziemlich verwahrloſte Fährhaus, aber jetzt ſtanden außer dem Hauſe kaum noch die Stöcke, an denen die Ketten und Schlöſſer einſt befeſtigt waren, mit denen man die Fähre verwahrte. Einige hundert Schritte zwiſchen dem Rheinufer und dem Schloſſe Doorwerth durch⸗ ſchnitt die ſich durch die Wieſen ſchlängelnde Straße, die von Arnhem nach Wageningen führte, die Wieſenfläche und jenen ſelten betretenen Fußweg; der Hauptweg vom Schloſſe aus lief nordwärts, bildete eine ſchöne Lindenallee, und endete in einem Kreuzweg, deſſen nach Norden fort geſetzte Richtung zum Dorfe Wolfsheeſe führte, der linke Arm zum Schloſſe und Dorfe Helſum, und der rechte, längſte, am Dörfchen Ooſterbeek vorüber gerade nach Arnhem, das auf dieſem Wege von Doorwerth aus ein Wanderer in zwei„Uren Gaans“*) erreichte. Zur Zeit bewohnte ein Rentmeiſter die eine der Dienſtwohnungen, ein Oeconomieverwalter mit Familie und dem nöthigen Geſinde die andere. Außerhalb der Herrſchaftsgebäude lag auch noch ein Krug, eine Schenke, zwiſchen dem Schloß und dem Dorfe. Die Gärtnerwoh⸗ *) Gehe⸗Stunden. nung ſtand leer, und in dem weitläufigen und ſehr geräumigen, aber etwas winklich gebauten Kaſtell waltete Aufſicht führend mit weniger Dienerſchaft, nur mit zwei Mägden und einem Hausknecht, der zugleich die Botengänge nach der Stadt zu verrichten hatte, eine Frau von gut⸗ müthigem Ausſehen, aber dabei raſchem und entſchloſſenem Weſen. Sie leitete mit Hülfe von Frohnern und Tagelöhnern den Anbau des Gartens, wobei freilich der ſchönen Gartenkunſt nur ſparſam Rechnung getragen wurde; ſie zog auch wenige Artiſchoken, aber viele Zwiebeln und Kartoffeln, wenige Hyacinthen und ſonſtige Blumen, aber deſto mehr Blumenkohl, ein Krauthaupt war ihr ungleich lieber, als eine Waſſermelone, eine ſtarke Selleriewurzel freute ſie faſt mehr als ein Spargelſtengel, und ein tüchtiger Büſchel reifer Lauch dünkte ihr mehr werth als ein ganzes Beet voll blühender Crocus. Es war ein ſchöner Juninachmittag, der ſchon zum Abend neigte, als dieſe wackere Frau nach vollbrachter Tagesarbeit in bequemſter niederländiſcher Haustracht ſich im köſtlichen Schatten der nördlichen Allee erging, einen mächtig großen Strickbeutel am Arme; an einem Band am anderen Arme hing ihr ein Fächer von der höchſten Ein⸗ fachheit, aber von der möglichſten Größe, wie die holländiſchen Ma⸗ troſenfrauen ſie trugen. Derſelbe war von braunem Cedernholz, was das Geſtell betraf, und das Papier war grün, weder auf der einen noch auf der anderen Seite war etwas darauf gemalt, auch nicht das kleinſte Blümchen. Dieſer Fächer, deſſen zwar die Eigenthümerin jetzt im Schatten der Allee nicht bedurfte, war indeß bei all ſeiner Ein⸗ fachheit ungleich nützlicher und praktiſcher, als der feinſte elfenbeinene, zart durchbrochene Baſtillefächer von Paris, und das Verhältniß des Windes, der mit ihm zur Kühlung hervorgebracht werden konnte, war ohngefähr das vom Sauſen eines Windmühlenflügels oder dem Hauch eines Blaſebalgs. Von Zeit zu Zeit warf die luſtwandelnde Frau einen Blick in die Tiefe der ſchnurgeraden Allee, endlich ſprach ſie laut vor ſich hin und um ſo lauter, als Niemand vorhanden war, der ſie hörte: Ob er wohl nicht bald kommt? Zeit wär's! Ein Mann iſt doch ein Mann, eine Frau kommt nicht durch; die ganze Wirthſchaft hier geht zu Grunde. Alles verfüllt, Schloß, Wälle, Reithaus. Woher kommt's? Von der übergroßen Oeconomie, von der Sparſucht, die den Kukuk taugt; der Pfennig wird zehnmal umgewendet, und hintendrein der Ducaten zum Fenſter hinausgeworfen! Was jetzt mit zehn Gulden zu erhalten wäre, muß ſpäter mit hundert Gulden wieder hergeſtellt werden. Immer will die herrſchaftliche Kammer kein Geld haben, und wo käme es denn hin? Sie ſparen und ſparen wie die Hamſter, und haben doch niemals Geld zu rechter Zeit, die Haarſpalter, dy een hair in vieren kloofen. In der Tiefe der Allee zeigte ſich ein einzelner Reiter. Die Frau blickte ſcharf nach ihm hin. Mit Einemmale ſchrie ſie laut auf: Herr Gott von Utrecht! Mein Mann! und beſchleunigte ihre Schritte in etwas, dem Reiter entgegen, doch nicht eher, als bis ſie die Nadel vollends abgeſtrickt, Strumpf und Garnknaul zuſammengeſteckt, und dann Beides in die Tiefe des geräumigen Strickbeutels verſenkt hatte. Als der Reiter von Weitem dieſe Frau erblickte, ſetzte er ſein Pferd in kurzen Galopp, hielt es in ihrer Nähe an, ſtieg raſch ab und eilte in ihre Umarmung, die ſehr zärtlich, aber zugleich ſehr kurz war. Willkommen, Windt! Gott ſei Dank, daß du da biſt, Windt! Ja wohl, Gott ſei Dank, liebe Jule! antwortete der redliche und unermüdliche Haushofmeiſter. Das war einmal wieder eine Reiſe; Haut und Haar und zuletzt den Kopf muß man daran ſetzen. Wie geht es hier? Nicht beſſer als vorher auch; nichts als Nachrichten vom Krieg. Ach Gott, wie lange wird es dauern, ſo haben wir ihn auch hier, und das ganze Schloß voll Einquartierung. Gut, ſehr gut, Jule, wenn du dich auf ſolche ſchon gefaßt gemacht haſt; es kommt noch heute Einquartierung in das Schloß. Was? Mann? Spaß oder Ernſt? Das wäre mir! Ob es dir wäre oder nicht wäre, recht oder unrecht wäre, Jule, das gilt all' gleich! Der jüngſte der gräflichen Herren Enkel kommt, dem wirſt du doch das Schloßthor nicht zuſperren wollen, Jule? War ja immer dein Liebling, haſt ihn auf deinen Händen getragen. Nun bringt er einen Freund mit und deſſen junge Frau mit einem Kinde, und ſeinen Diener, nun was iſt es weiter? Raum im Schloſſe haben wir, zu eſſen und zu trinken wird es ja wohl auch noch in — Doorwerth geben, und du biſt doch niemals glücklicher, Jule, als wenn du alle Hände voll zu ſchaffen und für recht viele Mäuler zu ſorgen haſt. Mein junger gnädiger Herr kommt, Graf Ludwig Carl? rief Frau Windt in höchſter Freude. Nun das iſt ja ein Weltwunder! Ei, wo iſt er denn? Wann kommt er denn? Woher kommter denn? ſ Wo war er denn? Wohin will er denn? Ei ſo klappere, du alte Windmühle! lachte der Haushofmeiſter. Ich werde den Sack voll Neuigkeiten ja noch ausſchütten, habe vorerſt nur Geduld und laß mich erſt ausſchnaufen. Schaffe nur gleich eine gute Wein⸗Kaltſchaale. Der Ritt hat mir warm gemacht. Wenn ich eine Windmühle bin, antwortete die Frau: ſo weiß ich, daß ich einen Mühlſtein am Halſe habe auf dieſer Erdenwelt, und der biſt du. 3 Aber auch einen Stein im Brett habe bei unſerm Herrn Gott, Alte, ſetzte Windt das Scherzgeſpräch fort, an einem Arme ſeine Frau und mit der Hand des anderen ſein Pferd am Zügel nach dem Schloſſe führend. Du brauchſt zwei beſondere Gaſtzimmer, eines für die junge Dame und das Kind, und eines für den fremden Herrn. Und für unſeren jungen gnädigen Herrn? Nun, für den ſo viele, als er für ſich befiehlt. Das verſteht ſich doch von ſelbſt. Ei ſage, wer ſind denn die Gäſte? fragte mit verzeihlicher Neugier 36 Frau Windt. 6 Und wenn ich's nun nicht wüßte, Jule? Wollteſt Du es dann an Niemand verrathen? gab Windt zur Antwort. Du weißt es doch, ganz gewiß! Liebe Frau, wer weiß, ob ich's ſo ganz gewiß weiß? Es geht damit, wie mit der Höhe des Berges Sinai. Du kennſt ja wohl die 3 kleine Anekdote, liebe Jule? Ein Schullehrer ſtellte dieſe Frage an 1 ſeine Jungen; Keiner wußte ſie zu beantworten. Da fragte der „ Keckſte von den Jungen: Wie hoch iſt denn eigentlich der Berg Sinai, Herr Schulmeiſter? Was aytwortete der? 3 Ei, das weiß ich ja nicht! erwiederte Frau Windt. Siehſt du, Jule? Das Nämliche antwortete der Schulmeiſter auch; er antwortete: Dummer Junge! Das kann man ſo eigentlich nicht wiſſen! Du biſt ein Schalk, Mann! Immer bringſt du neue Schnurren mit heim, wenn du draußen herum gereiſt biſt. Und immer finde ich, Gott ſei Dank, zu Hauſe meine liebſte alte Schnurre wieder.— Das war eine lange, mitunter doch etwas beſchwerliche und er⸗ müdende Reiſe geweſen, die Reiſe von Paris bis in das Geldernland, doch hatte der Himmel ſeinen Schutz und gutes Wetter verliehen, und die Herzen der Freunde waren nur um ſo inniger in einander ver⸗ wachſen und verſchmolzen, je mehr ſich Jeder bemühte, dem Anderen gefällig und hülfreich zu ſein, und je mehr ſich jedes Einzelnen eigene Vergangenheit erſchloß; ja auf Leonardus eigenes Verlangen war zwiſchen Ludwig und Angés das geſchwiſterliche Du an die Stelle des förmlichen Sie getreten. Gern und frendig ward als freundlicher Schirmvogt, wegekundiger Geleitsmann, ſparſamer Haushalter und durch und durch von Gefälligkeit und Redlichkeit erfüllter Menſch, Herr Windt als Dritter im Bunde der Freunde aufgenommen, und ſo hatte die Unterhaltung nie geſtockt und man war endlich doch, ohne allzugroße Beſchwerde und Langeweile zu fühlen, welche die große Einförmigkeit mancher Wegſtrecken wohl hätte hervorrufen können, dem vorläufigen Ziele nahe gekommen. Angés, ſtets liebevoll um das Kind beſorgt, das ſie gleich dem Stern in ihren Augen hielt und mit der mütterlichſten Zärtlichkeit überwachte, und mit dem ſie ſich viel unterhielt, was auch die Freunde thaten und ſich an ſeinen klugen und treffenden Antworten ergötzten, hatte Manches von ihrer Heimath erzählt, an welche ſie bisweilen mit einem ſchmerzlichen Sehnſuchtsgefühl dachte, beſonders wenn der Anblick der endloſen Flächen, welche durchfahren wurden, ſie drückte. O O wie ſchön, wie zauberſchön, rief ſie einmal aus, iſt doch gegen dieſes Land mein Heimathland, die rebenreiche grüne Pfalz! Ein Land voll lieblicher Höhen, rauſchender Wälder, durchklungen von heiteren Sängern der Haine. Hier zu Lande rauſcht nichts als Schilf und Waſſer und Windmühlen, und Vögel ſehe ich keine anderen, als lang⸗ beinige Störche, Strandläufer und Waſſergeflügel— es ſingt nichts, D. B. III. 10 — 3— es piept oder es kreiſcht nur Alles. Welche Thörin war ich, meine Heimath zu verlaſſen! Und doch durch eine höhere Fügung, meine theuere Freundin! ſprach Leonardus, indem er ſuchte, die Heimathſtimme, die ſo laut und mächtig in Angés' Innerem zu ſprechen begann, zu beſchwichtigen: Wir ſollten uns finden, mußten uns finden, und fanden uns. Selten nur feſſelt der Menſchen Glück, der Menſchen Looſe die Hand des Geſchickes von Jugend auf an einen beſtimmten Ort; noch ſeltener vindet es an einen ſolchen alle Zufriedenheit. Das Leben iſt Irr⸗ fahrt! Glücklich die, denen doch nicht allzuſpät ein friedlicher Hafen winkt, liege dieſer nun in bergeumgürteter, ſchattiger Waldbucht, oder liege er im ſtillen, reizloſen Flachland, das zuletzt doch auch nicht ganz ohne Reize iſt. Das der Zauberſpiegel der Liebe verſchönt und die Freundſchaft mit grünen Kränzen ſchmückt! fügte Ludwig hinzu. Jedes Land hat Reize, beſonders wenn der Menſch Gemüth und Seele in daſſelbe hinein legt oder hinein zu tragen verſteht. Gar manches Andere noch brachte das Geſpräch auf dieſer gemein⸗ ſchaftlichen langen Fahrt zur Erörterung, und Vieles davon war ſogar nothwendig zu erläutern, damit das von Natur etwas argwöhniſche und diplomatiſche Gemüth des Herrn Windt in Allem klar ſehe, und kein Mißtrauen irgend einer Art ihn bewege, die einmal ſo freundlich dargebotene ſchützende Hand abzuziehen. Oft noch lenkte das Geſpräch ſich auf jenen verhängnißvollen Abend hin, ohne welchen die Reiſen⸗ den wohl ſchwerlich ſo vereint, wie ſie jetzt es waren, dieſen Weg zuſammen zurückgelegt haben würden; erſt dem Zuge der Haupt⸗ ſtraßen folgend, von Paris nach Brüſſel, von Brüſſel nach Antwerpen, von da über Turnhout und den Boſch(Herzogenbuſch) an die Ufer und Flachlande der Meuſe, wie der Wahl, bis ſie denn endlich nach dem Städtchen Rheenen gelangten, das vom Rhein ſeinen Namen führt, aber keine rheiniſchen Reben, ſondern nur Tabak baut, ſoweit immer ſein Weichbild und ſeine Flurmarkung reichen. Leonardus hatte dem Freunde Windt ausführlich mitgetheilt, wie es nach jenem ver⸗ hängnißvollen Abend gegangen, wie nämlich, als Seine Hoheit der Erbprinz der Niederlande gerufen: Dieſes Kind iſt mein— Angés den⸗ —— ſelben plötzlich mit einem hellen Aufſchrei unterbrochen und laut ge⸗ rufen: Nein! Nein! Es iſt nicht Ihr Kind! und gleich darauf wieder in ihre Ohnmacht zurückgeſunken ſei; wie darauf der Erbprinz die kleine Sophie ſanft auf den Boden geſtellt und laut, vor der ganzen Geſellſchaft und unter Erröthen geſagt habe: Das wollte ich ja gar nicht ſagen, daß dieſes Kind mein ſei, ſondern ich wollte ſagen: Dieſes Kind iſt meines Freundes Kind, in welcher Rede ich unter⸗ brochen wurde, und wie dem auch ſei, und was immer hier Dunkles und zur Zeit Unerklärtes obwalte, ſo erkläre ich hiermit, daß ich dieſes Kind und die Dame, die es in ihre Obhut genommen, ſie ſei wer ſie wolle, in meinen Schutz nehme, in Folge einer heiligen Ver⸗ pflichtung. Wie dann darauf Graf Ludwig hervorgetreten ſei und geſagt habe: Auch ich habe mich ſchon feierlich dem Schutze dieſer Dame und dieſes Kindes gelobt, und ich behaupte mein Näherrecht, und werde niemals dulden, daß dieſen Beiden Unbill widerfahre! Darauf habe der Erbprinz der Niederlande des jungen Grafen Hand ergriffen und zu ihm geſagt: Mein lieber Graf! Sie wiſſen nicht, wen Sie ſich hoch zu Danke verpflichten, aber die Zeit wird kommen, wo Sie es erfahren, und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Sie werden es nicht zu bereuen haben. Bleiben Sie der edle muthige Ritter dieſer Dame und dieſes Kindes, denn mich ſelbſt hindern Sohnes⸗ pflicht und die Unruhe der gegenwärtigen Zeit, dieſen Ritterdienſt ſelbſt zu übernehmen, bedürfen Sie meiner aber irgend wo und irgend wie, dann wenden Sie ſich nur immer getroſt und geradezu an mich. Alles war voll Staunen geweſen über dieſe Rede des Erbprinzen von Oranien und hatte begriffen, daß hier ein tiefes und wichtiges Geheimniß zum Grunde liegen müſſe. Angés und das Kind waren in ein Nebenzimmer gebracht worden, wo erſtere ſich bald erholte. Und zu mir, vollendete Graf Ludwig die Mittheilung: traten meine Herren Vettern, und Erbherr Wilhelm ſprach zu mir: Das haſt du nicht übel gemacht, Vetter, du haſt verſtanden, dich ſchnell in hohe Gunſt einzuführen. Benutze das, und trage Sorge, daß wir auf dich rechnen können, wenn wir deiner bedürfen! Dann nahm mein engliſcher Vetter William, der Vice⸗Admiral, das Wort, welcher nicht zu verwechſeln iſt mit meinem jüngeren Vetter, William Henry, Lord Cavendiſh, denn Letzterer iſt erſt ſiebenzehnhundertvierundſiebenzig 10* — der Erſtere aber ſiebenzehnhundertvierundſechzig geboren, und ſagte mit einem gigenthümlichen Lächeln: Vetter, Vetter! Du wirſt entweder ein Diplomat oder ein Feldherr, jedenfalls weißt du deine Pläne gut zu verſtecken. Ich verſtand nur halb, was mein Vetter mit dieſen Worten ſagen wollte, denn ich fühle in mir weder die Gaben des Staatsmannes, noch des Kriegers, und erwiederte ſo gut als Nichts auf ſeine Rede, was, wie ich vermuthe, wieder für äußerſt fein und diplomatiſch galt, während es nur das Zeichen meiner grenzenloſen Verlegenheit war. Mir war vor Allem jetzt darum zu thun, an der Stelle meines ganz und gar beſtürzten Leonardus zu handeln, und mich unſerer armen leidenden Angés und des Kindes in ſolcher Weiſe ſchützend anzunehmen, wie es Freundespflicht war, und wie ich auch gethan haben würde ohne die Aufmunterungen, die mir von dem Erbprinzen und meinen beiden Vettern zu Theil wurden. Meine Lage und Stimmung war die ſchrecklichſte, ſchaltete Leonar⸗ dus ein, und keine Hand nahm hülfreich das Damoklesſchwert hinweg, das drohend über meinem Haupte hing. Die Abendgeſellſchaft ging auseinander. Mein Vetter, der Capellan, raunte mir zu: Leonardus, wenn ich dir mit meinem geiſtlichen Segen aufwarten kann, ſo ſtehe ich zu Dienſt; außerdem will ich dich in den Schutz aller Heiligen, ins⸗ beſondere aber in den der heiligen Theodora von Alexandrien empfeh⸗ len, welche ihren Mann verließ und ſich in ein Mönchskloſter begab, um darin Gelegenheit zu haben, ihre Enthaltſamkeit zu bewähren! Gehabe dich wohl, trauter Vetter!— Meine ſo eben mir verlobte Braut, Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam, ſagte zu mir: IM hef zulkes myn leefdagen niet gezien— die kost is te magtig voor my.*) Meine Mutter ſchlug die Hände über den Kopf zuſammen, ſah mit ſtarrem Schreck und rathloſem Erſtaunen den allgemeinen Auf⸗ bruch und rief einmal über das anderemal: G6d wil dat den besten keeren!**) Und gar mein Vater! Als alle Gäſte hinweg waren und die Die⸗ ner alle aus den Zimmern, ihnen hinabzuleuchten, da trat er vor mich ²) Mein Lebtag habe ich ſo etwas nicht geſehen, dieſe Koſt iſt mir zu ungenießbar! *6) Möge Gott dies zum Beſten lenken! 149— hin, zitternd und bebend, und ſagte nichts, als„Sohn! Sohn!“— Nicht ſchildern kann ich den Eindruck, den dieſe Worte und der Zu⸗ ſtand des alten Mannes auf mich machten; ſein Geſicht ſah tief verſtört aus, es war, als habe dieſe unſelige Viertelſtunde ihn ein Jahrzehnt älter gemacht. Und ich, was ſollte, was konnte ich erwie⸗ dern? Ich ſuchte mich zu faſſen, ich ſprach ſo ruhig und demüthig als möglich: Beſter Vater! zürnt nicht allzuheftig, bevor Ihr meine Rechtfertigung gehört habt. Nie kann und werde ich in die Hand der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam meine Hand als Gatte legen— nein— nie und nimmermehr. Gut, mein Sohl Leonardus, keuchte mein Vater zitternd und be⸗ bend als Antwort. Du haſt ganz deinen Willen! Ich ſpiele nicht mit Comödie! Ich gebe dir keinen Fluch, das füllt mir nicht ein! Mein Fluch wäre viel zu gut für dich! Ich bleibe der alte Adrianus van der Valck, und dir bleibt, wenn ich die Augen ſchließe— verſtehe mich wohl und recht— die Hälfte des Pflichttheils und kein einziger armſeliger Deut mehr als die Hälfte deines Pflichttheils, das ſei bei dem ewigen, allſehenden und allgerechten Gott geſchworen! Meine Mutter ſtieß einen Schrei des Schreckens aus; mein Vater brach zuſammen, was ich that, was nun geſchah, weiß ich nicht mehr; erſt bei dir, mein Ludwig, in deinen Armen, an deinem Freundesher⸗ zen fand ich Troſt, Beruhigung und meine ganz gebrochene Mannheit wieder. Und was mich marterte und quälte in jener bangen, angſtvollen, verhäng⸗ nißvollen Stunde, fügte nun wieder Ludwig hinzu: das durft' ich dir und Angés damals ja gar nicht ſagen, denn vielleicht hätte dann mich, ja mich euere vereinte Verwünſchung getroffen. Wie? Unſere Verwünſchung? fragten Leonardus und Angés mit einem Munde, und Windt horchte mit verdoppelter Aufmerkſamkeit der Weiterrede des Jünglings. Oh, liebe Freunde! ſeufzte Ludwig. Was euch traf, war der Fluch einer bittern Stunde, der herbſten, ſchmerzlichſten, die ich noch je durchlebt. Sie entſinnen ſich jenes unheilvollen Abends zu Schloß Varel, beſter Freund Windt. Ich war es, der damals jene Stunde mit einem Fluche belegte, und die furchtbare Erfüllung dieſes Fluches macht mich an eine dunkele dämoniſche Macht glauben, die unſichthar — uns umgibt, uns umlauert, uns belauſcht, unſere unbedachten Reden auf ihre nitternachtdunkeln Schwingen nimmt und ſie hinwegträgt an einen Ort, wo ſie aufbewahrt bleiben bis zur Erfüllung. Vom Zorn bethört, vom Schmerz außer mir, rief ich damals meinem ſonſt von mir ſo geliebten und auch in der That ſo ehrenwerthen Vetter, dem Erbherrn, zu, deſſen Beſchimpfung mich vor mir ſelbſt erröthen machte und mich vernichtete:„Verflucht ſoll die Stunde ſein, in der ich dich wieder meinen Verwandten nenne!“ Und ſiehe— in derſelben Stunde geſchah es, daß er, wie ſeine Mienen mir kündeten, mit verſöhnlichem Herzen und ſein mir angethanes Unrecht bereuend, mich zu ſich winkte und mit wenigen Worten mir, dem ſo viel Jüngeren und in jeder Beziehung an Rang und Stand unter ihm Stehenden, zuerſt und zu⸗ vorkommend die Hand zur Verſöhnung bot. Und ich, einſehend, wie ſehr damals auch ich, gleich ihm, gefehlt und mit unbedachten Zorn⸗ reden ihn gereizt und ihn unverzeihlich beleidigt, hätte ich anders han⸗ deln können, als von Herzen gern in die Rechte des Vetters einzu⸗ ſchlagen? So that ich denn, was mein Herz mir zu thun gebot, aber der Fluch, den ich auf die Stunde gelegt, erfüllte ſich und fiel auf euer ſchuldloſes Haupt. Alle waren erſchüttert von dieſer Mittheilung. Leonardus drückte ſtumm die Hand der geliebten Angés und blickte ihr liebevoll in die Augen, die in Thränen ſchwammen. Windt nahm das Wort: Halten Sie zu Gnaden, junger Herr! Wenn ich Sie ſo reden hörte, ohne zu wiſſen, daß Sie dermalen aus Paris kommen, ſo würde ich ſogleich ſagen: Dieſer junge Herr kommt aus Paris. Da ſchwebt der Fatalismus und der Atheismus in der Luft, wie die Eier der Infuſionsthierchen, die der ſelige Vor⸗ fahre der Jungfrau Sibylla Nikodema van Swammerdam und der alte Lehewenhuk mit ihren Mikroskopen entdeckt haben. Wundere mich nur, daß Sie in Paris ſo viele und auch dazu Zeit gefunden, und Ihren Monſieur Diderot ſo gut durchſtudirt haben, oder laſen Sie vielleicht zu kurzweiliger Erbauung in Varel ſchon deſſen vor zwei Jahren in Berlin herausgekommenes Buch: Jacques le fataliste et son maitre? Ich las dieſes Buch allerdings, lieber Herr Windt! erwiederte Graf Ludwig: und wer lieſt in unſerer Zeit ſolche Bücher nicht? Soll nie —— die neue Wiſſenſchaft und die neue Erforſchung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreiſe dringen? Heißt nicht unſer Jahrhundert mit ſchönem Vorrecht das philoſophiſche? Herr Graf! fuhr Windt faſt heftig auf: halten Sie mich für keinen Finſterling und Pietiſten! Für keinen Myſanthropen und Myſagogen, denn zu ſolchen Dummheiten habe ich keine Zeit, aber das ſage ich Ihnen, daß dieſe neue Philoſophie das Baſilisken⸗ und Teufelsei iſt, aus dem die Revolutionen kriechen und der Königsmord, die Untreue und der Unglaube, die Verhöhnung und Verläugnung alles deſſen, was dem Menſchen noch heilig iſt auf Erden. Sagen Sie nicht, daß ich urtheile, wie der Blinde von der Farbe, weil ich kein Studirter, kein Gelehrter bin. Was ich rede, gibt mir mein Gefühl, gibt der geſunde Menſchenverſtand mir ein! Was verſtehen Sie denn eigentlich unter Philoſophie, werther Herr Windt? fragte der junge Graf. Sind Sie ſich auch bei Ihrem ſo ganz entfernten Berufskreiſe ſchon völlig klar geworden über das Weſen, den Zweck und die Aufgabe der Philoſophie für den denkenden Menſchengeiſt? Was ich unter Philoſophie verſtehe, Herr Graf? verſetzte Windt: Nichts Anderes, als was einfach ihr Name beſagt: Weisheitsliebe, Weisheitslehre. Wer ſich eine Narrenkappe aufſetzt und mit Schel⸗ len umhangen umhertollt, liebt die Weisheit nicht, wer die Gottheit läugnet, lehrt ſie nicht. Oder ſollte ich mich irren? Neu iſt freilich die Sache nicht, das weiß ich; zu allen Zeiten hat es abgeſchmackte und aberwitzige Schrägköpfe gegeben, die unter der Vorſpiegelung, erhabene Lehren der Weisheit zu verbreiten, der Welt die Schnurr⸗ pfeifereien ihres verbrannten Gehirns zum Beſten gaben, gerade ſo und um kein Haar anders, wie unſere jungen neumodiſchen Philoſophen. Sie haben alle ihren Lohn dahin, keiner wandelte eine hohe und erhabene Bahn, keiner nahm allbewunderten Geiſtesflug, auf elenden Treck⸗ ſchuiten ſegelten ſie zum Orkus und in das Meer der Vergeſſenheit, ins Schlepptau genommen von den lahmen und zu Tode geſchundenen Gäulen ihrer Unvernunft. Auch die Folgezeit wird aus ihrem Schlamme die unaustilgbare Brut ſolchen Gewürms erzeugen, aber ſein Loos wird immerdar daſſelbe ſein, das Loos der Eintagsfliegen, die aus den ekeln Larven im Moraſt entſtehen, heute uns umſchwärmen und morgen dahin ſind. Oder könnten Sie vielleicht im Ernſt glauben, —— Herr Graf, daß dieſe nichtsnutze Wirthſchaft in Frankreich, dieſe blutige Harlekinade, dieſer Freiheitsbäumeſchwindel, Bäume, die ſammt und 6 ſonders in der neumodiſchen Philoſophie wurzeln, Dauer habe? Ich 13 glaube es nicht, und ich hoffe, obſchon ich nicht mehr jung bin, noch zu erleben, daß dieſe gottheilloſe Republik ein Ende mit Schrecken 3 nimmt, und daß Gott dieſem Frankreich einen Tyrannen mit einer Eiſen⸗ fauſt ſendet, der ihm die Bruſt zuſammenſchnürt mit allen Stricken und 3 Ketten der Gewalt, damit es wieder Buße thue im Sack und in der 3 Aſche, und die Kirchen wieder aufthue, und nicht das höchſte Weſen, . welches ein ebenſo haltloſer und einfältiger Begriff iſt, als die fran⸗ zöſiſche Gottheit der Vernunft, ſondern Gott und ſeinen eingeborenen Sohn wieder anbeten lerne im Geiſt und in der Wahrheit. Sie ſind ein Fanatiker der Reaktion, Herr Windt! rief Ludwig, ſo ſchlimm und ſchlimmer noch als jene mißleiteten Republikaner! Ich glaube faſt, wenn Sie Macht dazu hätten, Sie ſtrangulirten und guillotinirten alle neueren Philoſophen und mich, der ich begonnen habe, mich dieſen ein wenig zuzuneigen, zu allererſt? Nun, wenn es auch ſo ſchlimm nicht wäre, lenkte Windt ein: meiner Ueberzeugung werde ich mit Macht und ohne Macht treu bleiben, und dieſe iſt die, daß alle Gottesläugner und alle ihre Sipp⸗ 6 ſchaft, welche in Geſtalt moderner Philoſophen die Menſchen von den 3 Begriffen des Rechts und der Tugend, des Gehorſams, der Redlich⸗ keit und der Pflichterfüllung, der Wahrheit und der Treue, auf die Pfade der Laſter, der Zügelloſigkeit, des Atheismus und daraus ent⸗ ſpringender blutiger Gräuel des Aufruhrs und der Rebellion hinzu⸗ 6 leiten ſtreben, nicht in den Staatsrath, nicht in die Kirche, nicht auf die Lehrkanzel gehören, ſondern— an den hellen lichten Galgen! Punktum! i Um Gottes Willen, liebſter Windt! Sie werden ja ganz heftig, 1 hören Sie auf, Sie ſollen Recht haben! rief Ludwig wieder. Erlauben Sie, Herr Graf, nur noch eine Bemerkung, dann werde ich nie wieder dieſe Sache berühren, entgegnete Windt. Ich ſoll nicht Recht haben, ich habe Recht! Sie können mir kein Recht verleihen oder zugeſtehen, noch ein ſolches nehmen, denn nicht der einzelne Menſch hat das Recht in der Hand, wie ein Taſchenſpieler die Eier in der Gaukeltaſche, die er gibt, wem er will, ſondern das Recht iſt —— von Ewigkeit her zu Recht beſtändig, und das Unrecht bleibt Unrecht, und wenn alle Nationen es für Recht ausſchreien. Laſſen Sie mich nur noch, da ich davon abkam, auf Ihre eigentliche erſte Frage einfach antworten, es war dieſe, ob nie die neue Wiſſenſchaft und die neue Erforſchung der Wahrheit durch gebildete Lebenskreiſe dringen ſolle? Warum nicht; jede wirklich neue Wiſſenſchaft, die nützt oder erfreut, ſoll dies thun, eine neue Erforſchung der Wahrheit aber gibt es nicht, die Wahrheit iſt keine Wiſſenſchaft, die Wahrheit iſt ewig wie Gott. Es ſind an ihr nicht neue Entdeckungen zu machen, wie in Aſtronomie und Geographie, dort ein Sternenhaufe im Aethermeere, dort eine Inſelgruppe im ſtillen Ocean. Die Sterne waren vorher da, dieIn⸗ ſeln waren auch da, beide ſind nichts Neues, ſie treten nur als neu⸗ gefunden in unſer Wiſſen und Erkennen ein. Kein Philoſoph der Welt kann einen neuen Gott verkündigen; was bei neuen Götzen heraus⸗ kommt, hat Frankreich dargethan, als es ſeine Vernunftgöttin durch eine ſchamloſe Comödiantin vorſtellen und vertreten ließ. Zweck und Mittel hielten ſich die Wage, die Gottheit und ihr Abbild waren gleichen Schlages, und es wäre keineswegs eine neue Wahrheit, ſon⸗ dern nur eine Wiederkehr alter Narrheit, wenn es irgend einer Na⸗ tion einfiele, Katzen und Kühe zu vergöttern, und die Götter mit Sperber⸗ und Hundeköpfen darzuſtellen; ohnehin wird ja ſchon in Paris Hyänen, Krokodillen und blutlechzenden Tigern göttliche Ehre erwieſen! Wie es in politiſch bewegten Zeiten zu gehen pflegt, alle Parteien bilden ſich erregt, heftig und unduldſam aus; die ſchönſten Kreiſe ſpalten ſich, der Vater ſtreitet gegen den Sohn, der Sohn gegen ihn und die Geſchwiſter,„es löſen— wie Schiller ſagt— ſich alle Bande frommer Scheu“, und die beſten und einſichtvollſten Menſchen werden hingeriſſen zu maßloſen Reden, wenn nicht ſelbſt zu ſolchen Hand⸗ lungen; Streit und Zwietracht walten und zornvoll entflammter Hader, und die ſchöne Ruhe des Gemüthes, der heitere Friede, der innere Himmel geht auf lange, wenn nicht für immer, vielen Tau⸗ ſenden verloren. Zum Glück wußten nach Wortwechſeln, wie dieſer letzte, deren von ſolcher Schärfe und Heftigkeit noch keiner auf dieſer Reiſe vor⸗ gekommen war— wie wäre eine weite gemeinſchaftliche Reiſe ganz —— und völlig ohne irgend eine vorübergehende Mißſtimmung denkbar?— die befreundeten Gemüther immer bald wieder das rechte Maß zu finden und ſtritten, wenn ſie ſtritten, immer nur ſachlich, nie perſön⸗ lich. Daher erreichte man zuletzt in guter Eintracht und durch die nahe Ausſicht auf die Endſchaft dieſer langen Fahrt erheitert, das Städtchen Rheenen, wo eine Raſt gehalten wurde und Windt ein Pferd nahm, um gleichſam als Quartiermacher ſeiner kleinen Caravane nach Doorwerth vorauszureiten. Als mit dem nahen Sonnenunter⸗ gange liebliche Abendkühle einzutreten begann und die Sonne ein zau⸗ beriſches Licht auf alle die tiefgrünen Bäume und Sträuche warf, welche nach allen Richtungen hin die Landſchaft durchzogen, die ganze Flur dieſer Landſchaft im Sonnengolde wie im heiligen Sab⸗ bath ewigen Gottesfriedens ruhte, da war jedes Herz der Reiſenden von Freude erfüllt, jeder Gegenſtand erregte lebendigen Antheil, und ſo mußte gleich hinter Rheenen der Kutſcher halten, damit die Rei⸗ ſenden einen dicht am Wege ſich erhebenden Hügel beſteigen und be⸗ ſichtigen konnten, der ſeiner Form und Art nach aus der germaniſchen Frühzeit ſtammte. Es war ein in dieſer Gegend ſeltener Hochpunkt; auf hohen Steinen, gleich kurzen rohen Säulen, lag eine mächtige Steinplatte, ähnlich einem Druidengrabe, vom umwohnenden Volke genannt die Königstafel; welcher König aber hier in der Zeiten Frühe getafelt, das war der Sage entfallen, ebenſo der Grund, weshalb der ganze Hügel der Heimenberg genannt wurde und jener eine Strecke wei⸗ ter davon einzeln ſtehende hochragende erratiſche Block der Heimenſteen. Wir wollen uns dieſe ſagenhaften Stätten und Namen, wenn wir nicht auf den Grund ihres Urſprungs kommen, ſprach Ludwig, zu günſtigen Wahrzeichen und Vorzeichen dienen laſſen, daß wir jetzt die Grenze unſers neuen Heim, für eine Zeit lang wenigſtens, über⸗ ſchritten haben, daß nach ſo mancherlei Stürmen eine neue Heimath uns hier ſich aufthun ſoll und will, und gebe nur Gott, auf den ich mehr hoffe und baue als unſer übereifriger Freund und Philoſophen⸗ feind mir zutraut, daß unſer allſeitiges Hoffen in Erfüllung gehe! Eine kurze Strecke von etwa drei Viertelſtunden noch und der Wagen rollte durch die wunderſchöne Allee auf das ſtattliche Herren⸗ ſchloß Doorwerth zu. 12. Vriefwechſel. Das ſtille Friedensparadies im Schooße der Herrlichkeit Door⸗ werth, welches die Freunde aufgenommen, blieb nur kurze Zeit für dieſelben ein Schvoß der Ruhe. Näher drängten die politiſchen Er⸗ eigniſſe; mit unruhiger fieberhafter Spannung wurde täglich neuen Zeitungen, Nachrichten und Briefen entgegengeſehen, und wenn dieſe ankamen, waren ſie ſelten erfreuender Art und enthielten mehr Un⸗ liebes als Liebes, ja, ſie waren ungleich mehr geeignet, Furcht und Bangen zu ſteigern, als Beſorgniſſe zu zerſtreuen, die immer drücken⸗ der wurden. Ludwig und Leonardus nahmen Waffenübungen vor, welche Windt, von früherer Zeit her mit Führung der Waffen wohl vertraut, leitete, ſofern deſſen außerordentlich in Anſpruch genommene Zeit dies ver⸗ gönnte; es wurden zu ſolchen Uebungen ſpätere Stunden des Nach⸗ mittags gewählt und die ganze jüngere Dienerſchaft, wie die jungen Landleute aus den Ortſchaften der Herrlichkeit beigezogen, welche ohnedies durch die Jahreszeit von der Feldwirthſchaft nicht allzuſehr in Anſpruch genommen wurde. Es wurde ein Jägercorps errichtet, und Windt befehligte daſſelbe als Hauptmann. Angés lebte mit dem immer lieblicher aufblühenden Kinde ſtill und zurückgezogen, ſtand Windt's Frau in häuslichen Geſchäften bei, ſchloß ſich an dieſe an und gewann deren Gunſt und Theilnahme dadurch, daß ſie ihr ſehr viel erzählte. Philipp mußte jeden Morgen nach Arnhem zur Poſt reiten, die Pferde Iſabella und der Braune waren vor der Pariſer Reiſe bereits auf kürzeſtem Weg von Amſterdam nach Doorwerth geſendet worden. Windt war von Geſchäften ganz umfluthet; es gehörte nur eine ſo ausdauernd zähe, kernhaftkräftige Natur wie die ſeine dazu, nicht zu unterliegen, und obſchon er beſtändig über körperliche Leiden zu klagen hatte, hielt er doch wunderbar aus, ließ aber auch die Freunde Einiges aushalten, indem er ihnen ſeine vielfachen Bedrängniſſe häufig mittheilte Oft gab ſein komiſcher Zorn Stoff zum Lachen, oft forderte er die Mithülfe der jungen Freunde für dies und das, und nie erſchien der Augenblick, in welchem irgend einen der gebildeten jetzigen Bewohner des Kaſtells Doorwerth die Langeweile zu beſchlei⸗ chen vermocht hätte. So war der 22. September herbeigekommen, und die an dieſem Tage geborenen Freunde feierten denſelben im Vunde mit den befreundeten Seelen Windt und deſſen Frau; Angés und die kleine Sophie ſaßen mit Ludwig und Leonardus beim heitern Mahle, und gern wurde auch des biedern Schiffskapitäns Richard Fluit ge⸗ dacht und ihm und der„vergulden Roſe“ einige Becher geweiht. War es doch eine ſchöne Erinnerung an Fluit's Geburtstag, der das innige Band der Freundſchaft um die Herzen von Ludwig, Leonardus und Angés geknüpft hatte, und. wohl werth, am günſtigen und geeignetſten Tage ſie zu erneuen. Die Verbundenen waren ſtill glücklich; ihre Freude war keine lebhafte und laute, nur Frau Juliane Windt, des Schaumweins ungewohnt, trank ſich ein heiteres Räuſchchen; Windt ſelbſt hatte den Kopf viel zu voll Gedanken und Geſchäfte, Verdruß und Aerger, als daß er hätte die Empfindungen theilen können, welche ſeine jungen Freunde beſeelten. Er nahm daher, nachdem er der Freundespflicht ein Genüge geleiſtet, und auf Aller Wohl, ſein eignes, das er, wie er bemerkte, ſehr brauchen könne, nicht ausgenommen, wacker mit angeklungen hatte, keinen Anſtand, die fernere Unterhaltung mit dem zu würzen, was ihn beſchäftigte und zum Theil bedrängte. Dem Rentmeiſter Görlitz muß der Donner auf den Kopf fahren! Er will fort und er ſoll fort. Er iſt ein ungetreuer Hund! Die gnädige Frau Reichsgräfin Excellenz ſollen Alles wiſſen! Die macht mir aber den Kopf auch warm genug. Ich ſoll durchaus den Vergleich noch zu Stande bringen, der in Varel abgebrochen wurde! Pah! Möcht' es ja von Herzen gern thun, kann ich denn? Wo iſt der Erbherr? Wiſſen Sie es? Ich weiß es nicht. Ohnlängſt war er in Amſterdam, dann im Haag, und wo nun? Wenn ich ſicher wüßte, wo ich ihn träfe, ich reiſte lieber heute als morgen zu ihm. Sein Agent in Varel, der Kammerrath Melchers, ſchreibt mir, daß er auf drei Briefe ohne Antwort gelaſſen ſei, auch die gnädige Frau in Kniphauſen weiß nicht, wo der Herr iſt, und beſtürmt Melchers mit Fragen. Sie ſoll immer leidend ſein. —— Was ſagen Sie, Herr Windt, leidend? fragte Ludwig mit ſchmerz⸗ lichem Gefühle. Ich ſage leidend. Herr Melchers ſchreibt es, da können wir nun leider Beide nicht helfen, Herr Graf! Nur wenn der Erbherr da wäre, wäre uns vielleicht geholfen. Von Einigen hörte ich, er ſei bei der Armee, von Andern, er wolle ſeine Schweſter nach Hamburg zur gnädigen alten Exeellenz bringen, wieder von Andern, er wolle ſeine Gemahlin und deren Kinder, nebſt der Frau Schwiegermutter, die jetzt bei ihr iſt, mit der Staaten⸗Jacht auch nach Hamburg brin⸗ gen und ſchwärme ſeiner Gewohnheit nach zu Waſſer herum, und ich ſitze hier und lauere, und möchte raſend werden, und er gab mir doch ſein gräfliches Wort, binnen vierzehn Tagen hierher zu kommen. Es muß ihm etwas ganz Außerordentliches begegnet ſein. Hab' ihm tüchtig und derb geſchrieben, was hilft es aber, wenn mein Brief herum⸗ wandert wie der ewige Jude, und ihn nirgend findet? Und Gott allein weiß, wie ich hier, geſetzt der Erbherr käme endlich, mit ihm unterhandeln werde! Die Reihe dieſer Erörterungen würde noch ungleich länger ge⸗ dauert haben, wenn nicht Philipp mit der verſchloſſenen Brieftaſche eingetreten wäre. Du bliebſt heute ſehr lange aus, ſprach Ludwig zu ſeinem Diener. Halten der gnädige Herr zu Gnaden, antwortete der Briefboote: ich mußte lange auf der Poſt warten. Die Poſten ſind ungewöhnlich ſpät eingetroffen; es muß überhaupt was los ſein drüben in Arnhem, die Leute rennen mit den Köpfen aneinander und durcheinander, wie ein Ameiſenhaufen, habe es nicht klein bekommen können, was es gibt, außer, daß man will in der Ferne kanoniren gehört haben, denn wenn ich mein Maul aufthue und frage, ſo verſteht mich Niemand, und wenn Jemand mir antwortet, ſo verſtehe ich auch Niemand, es iſt ein dummes Volk hier zu Lande, ich dächte doch, ich ſpräche ſo gutes Deutſch, daß man mich verſtehen könnte! Alle lachten.— Ja ja, mein guter Philipp, du ſollſt nächſtens bei den Niederländern in Arnhem Sprachlehrer werden; dein Deutſch klingt ganz ſo rein und ſchön, wie unſer Helgoländiſch, das wir in Paris ſprachen, als du den„Ueppaſſer“ in die Seine warfſt, ſcherzte 258— Ludwig. Komm Burſche und trinke! Es iſt heute unſer Geburtstag. — Wenn der Kerl nur verdronken wäre! fügte Philipp mit vollem Ernſt hinzu. Auf des gnädigen Herren gutes Wohlſein! Windt erſchloß die Brieftaſche; ſie enthielt der Brieſe viele. Mit Freude im Blick rief er aus: Ah! Gott ſei Dank, ein Brief vom gnädigen Erbherrn! Hier einer von der alten Excellenz aus Hamburg; hier einer an Sie, Dame Angés aus Zweibrücken; hier einer an Sie, Herr Leonardus van der Valck; halt, noch einer, auch an Sie! Nun, möge es allſeits eine gute Feſtbeſcheerung geben!— Mit ſehr verſchiedenen Gefühlen im Herzen der Empfänger wurden dieſe verſchiedenen Briefe entgegen⸗ genommen. Welch eigenthümliches Hereintreten der Außenwelt in den Menſchenkreis, der dieſes einſame Schloß belebte!— Windt erbrach haſtig den Brief des Erbherrn, in ihm lag ein Brief an Ludwig beige⸗ ſchloſſen.— Ich war ſchon gefaßt darauf, leer auszugehen, wie ſo oft, ſprach dieſer. Was kann der Vetter mir zu ſchreiben haben? Windt las den Brief des Erbherrn laut vor.„Im Haag, den und den. Ich habe Ihre beiden Briefe wohl empfangen, mein liebſter Windt, aber da ich zur Zeit ihres Einganges weder in Amſterdam noch im Haag war, ſondern in dringenden Geſchäften anderswo, ſo habe ich Ihnen nicht früher antworten können, was mir leid thut. Ich hoffe zu Ende nächſter Woche von hier nach Doorwerth reiſen zu können; ich kann unmöglich früher; ich habe auch, hoffe ich, das nöthige Geld gefunden. Gebe der Himmel, daß dies Geſchäft bald endige, denn mein Kopf geht mit mir um; es iſt in dieſen Zeiten ſo drangvoll, daß ich faſt nicht weiß, wo anfangen und wie alles Be⸗ gonnene vollenden. Adieu mein Beſter! Leben Sie wohl. Wilhelm Guſtav Friedrich.“ Mit Haſt erbrach Windt nun das Schreiben der Reichsgräfin. Ach, rief er aus, halb lachend, halb ärgerlich; der hochgnädig er⸗ cheilte Urlaub für mich zur·Brunnenkur in Pyrmont, um den ich vor ſechs Wochen gebeten! Was hilft er mich nun, wo die Gefahr mit jedem Tage uns näher rückt? Gott weiß, wie ſehr ich dieſer Cur bedürfte, aber kann ich jetzt fort, darf ich fort? Von Amſterdam die ſchlechteſten Nachrichten, wo es ſo ſteht, daß man dort weniger die Franzoſen fürchtet, als die Patrioten; ſchöne Patrioten das, die den Pöbel auf ihre Seite gelockt haben— ſo machen es die Hunde von — 65 Aufwieglern überall und dann nennen ſie ſich Patrioten! Und wir hier? Vom Rheine her die anrückenden Armeen der Coalition, von Frankreich her die Carmagnolen, vom Norden her die holländiſche Armee unter Anführung des Erbprinzen von Oranien, und außerdem noch die Engländer unter dem Herzog von York, und da ſollte ich von hier fortgehen? Ein ſchlechter Soldat, der ſeine Fahne verläßt, Doorwerth iſt meine Fahne! Ich bin Kommandant des Kaſtells; es iſt meiner Obhut anvertraut, ich werde es hüten und halten! Sie ſind ſtets der ehrenfeſte treue Mann, auf den man ſich ver⸗ laſſen kann in Noth und Gefahr, lieber Windt! belobte ihn Graf Lud⸗ wig und fragte: Doch was ſchreibt Ihnen die Frau Großmutter weiter? Windt durchflog murmelnd die Zeilen und begleitete das, was er daraus mittheilte, mit Gloſſen. Klagt über Krankſein, andere Leute ſind auch krank! Sehnt ſich in ein Bad— ſoll doch hingehen, ſie hält kein Feind ab, und kein Kriegstrouble wie mich; die Veränderung wird der bejahrten Dame wohler thun und beſſer bekommen, als alle Recepte und Mittel des Doctor Reimarus, welcher der Leibarzt Ihrer Ercellenz in Hamburg iſt. Räth mir das Archiv einpacken zu laſſen— iſt bereits geſchehen— gibt einen fürchterlichen Ballaſt Papier— will nicht glauben, wie es hier ausſieht— ſollte nur ſelbſt kommen! Dem Vetter ſchrieb der Erbherr in einigen flüchtigen Zeilen, daß er ihn noch in Doorwerth zu treffen wünſche, daß er ſich aber vor⸗ bereiten möge, dann mit ihm zur Armee zu gehen, es ſei ihm eine Offizierſtelle beim Regiment Orange⸗Geldern ausgemacht; der Erbprinz wünſche, daß Graf Ludwig in ſo bewegter Zeit nicht müßig ſeine Jugend verträume, ſondern vielmehr eine Laufbahn einſchlage, die zu Ruhm und hoher Stellung im Leben führen könne, und er, der Erbherr, könne dieſem Wunſche und dieſer Anſicht nur beipflichten. Leonardus und Angés laſen ſtill die Briefe, welche ſie empfangen hatten; Wehmuthsſchatten überflogen Angés' ſchöne Züge und voll Theilnahme blickten endlich alle zunächſt auf ſie, Leonardus mit einem verhaltenen Freude⸗Gefühl, Ludwig mit ſeelenvollſter Zuneigung, Windt mit reinem und gütigem Wohlwollen, und Frau Juliane Windt auch mit Wohlwollen, dem aber ein Zuſatz von weiblicher Neugier beige⸗ miſcht war, daher ſie auch zuerſt wieder das Wort mit der Frage nahm: Hoffentlich empfingen Sie gute Nachrichten, verehrte Madame? — 250— Angés war nicht geneigt, ausführliche Mittheilungen aus ihrem Briefe zu machen, ſie beſchränkte ſich daher auf eine höflich aus⸗ weichende, allgemeine Antwort, während Windt mit dem Finger gegen ſeine Frau hindrohend nichts ſagte, als: Jule! Hat ſchon wieder die Mühle kein Korn mehr zu mahlen? Muß ſchon wieder aufgeſchüttet werden? Ich dächte doch, es wäre genug aufgeſchüttet worden?— Aber als die durch den Bund einer lauteren und ſeeleninnigen Freundſchaft eng Verbundenen unter ſich beiſammen waren, da wurde gegenſeitig Alles mitgetheilt, was von weiter Ferne her in Schriftzeilen vor ihr Auge gekommen war, und mit allſeitiger Theilnahme nicht nur, ſondern auch mit mannigfaltiger Empfindung vernommen. Meine Mutter ſchreibt mir, ſprach Angés, daß ſie Gott auf den Knieen gedankt habe, wieder Nachricht von mir zu erhalten. Von le Mans aus ſeien nur Schilderungen voll Härte und Roheit und Verdammungsurtheile eingegangen. Berthelmy war außer ſich, als er, heimkehrend, uns, mich und Sophie, nicht mehr fand. Voll Wuth, wie voll Reue hat er mich überall geſucht und ſuchen laſſen; an Leonardus hat er nicht gedacht; er konnte an dich, mein Freund, nicht denken, da er deine Anweſenheit in le Mans nicht ahnen konnte. Zuletzt mußte er ſich doch ſagen, daß ſein rohe Benehmen mich fortgetrieben hatte, und da vielleicht doch noch einige Liebe zu mir in ihm lebte, trotz aller Mißhandlung, die er mir hatte angedeihen laſſen, ſo mag es wohl ſein, daß er ſich Vorwürfe machte und ſich doppelt elend fühlte. Er iſt noch im Herbſt des vorigen Jahres zur Armee der Vendéer gegangen. Meiner Rückkehr in die Heimath, in die Arme meiner Familie, ſchreibt mir die Mutter, ſtehe nichts entgegen, und meine Ankunft werde der Familie ein Freudenfeſt ſein. Noch ſchreibt meine Mutter: Auch für die kleine Sophie, deren du dich ſo mütterlich angenommen, liebe Angés, lichtet ſich die Zukunft. Der Prinz tritt offener hervor mit ſeiner Liebe, die Prinzeſſin, vor Gott längſt ſeine Gemahlin, wird es gewiß auch noch vor der Welt, und jene liebliche ſüße Frucht dieſer Liebe, aus einer Zeit, wo noch das allertiefſte Geheimniß ſie umſchleiern mußte, darf hoffen, einſt an der Hand erhabener Eltern auf ſanftgebahnten Wegen durch das Erdenleben zu wallen. Jene heißſchlagenden, jugendlichen, feurigen Herzen, die nur ihrer eigenen Stimme folgten, brauchen dann nicht mehr zu erröthen, fehlt es ihnen doch nicht an Vorbildern in der eigenen Familie. Dir iſt be⸗ kannt, liebe Angés, daß des Prinzen Vater ſchon eine Prinzeſſin, ſeine nachherige Gemahlin, welche älter war als er, feurig liebte, und in früher Jugend Vaterfreuden ſich erblühen ſah. Der gleiche Fall trat bei dem Sohne ein, dem Kinde dieſer flammenden und daher auch früh verrauchten und verzehrten Leidenſchaft und wenn wir Louiſe Maria Thereſe Bathilde nicht verdammen, ſo dürfen wir auch Char⸗ lotten nicht richten, welche, hingeriſſen von der Liebe eines jugendlichen Helden zu ihr und von ihrer heißen Erwiderung dieſer Liebe, willen⸗ los der Macht beiderſeitiger Leidenſchaft folgte und die Mutter des herrlichen Kindes wurde, zu deſſen Pflege und Ueberwachung wir uns Beide geweiht haben mit heiligem Eide. Daß du es mit dir hin⸗ wegnahmſt, nachdem es nur kurze Zeit bei uns verborgen gehalten worden, war ſehr gut; Niemand ahnete etwas und konnte etwas ahnen. Jetzt, wenn du wiederkehrſt, gilt die kleine Sophie Charlotte als dein Kind, das Kind einer Wittwe oder einer von ihrem Gatten treulos verlaſſenen Frau. Habe nur Acht, liebe Tochter, bei Allem, was dir heilig und theuer iſt, beſchwöre ich dich, alle mögliche Sorgfalt anzu⸗ wenden, daß das Kind an Leib und Seele wohl erhalten bleibe, und gib mir ſobald als möglich Nachricht von deiner Ankunft, auf welche mit aller Macht ſehnſuchtvoller Liebe hofft deine treue Mutter.“ Hätte es noch irgend eines äußeren Umſtandes bedurft, um Leonardus und Ludwig zu überzeugen, daß Sophie nicht das Kind von Angés ſei, ſo würde dieſer Brief jedes desfallſige Zeugniß zur Genüge ver⸗ treten haben. Verwundert aber rief Ludwig aus: Wie merkwürdig! Alſo Sophie Charlotte heißt dieſe Kleine? Gerade wie meine Großmutter! Jetzt entfaltete auch Leonardus ſeine Briefe, um Angés und dem Freund aus denſelben Mittheilungen zu machen, indem er ſprach: Ich habe frohe und ſchlimme Botſchaft zugleich erhalten; zunächſt ſchreibt mir mein Vetter, der Kaplan Vincentius Martinus van der Valck, daß mein Vater Wort gehalten und mich vor Notar und Zeugen ſo zu ſagen enterbte, indem er mich auf die bloße Hälfte des Pflichttheiles geſetzt hat. D. B. III. 11 Leonardus! rief Angés, und ſchlug bebend ihre Hände zuſammen. Und das um meinetwillen? Das ertrage ich nicht! Sei ruhig, liebe Angés, erwiederte Leonardus: es muß und es wird ſich wohl auch ertragen laſſen. Ich kann mir ſelbſt Geld er⸗ werben, auf den Summen der holländiſch⸗oſtindiſchen Compagnie ruhen ohnedies die Flüche der geknechteten Menſchheit und entſetzlichen Unrechts millionenfach. Noch leben Vater und Mutter, und der Sinn der Menſchen iſt veränderlich. Vor der Hand meldet noch mein Vetter, daß mein Vater nicht zu ſeinen und unſerer jungen Muhmen Gunſten teſtiren wolle, ſondern es ſolle ein Theil des Vermögens an die Seitenver⸗ wandten fallen, welche zu Bochum in Weſtphalen wohnen; an einen Hermann Heinrich van der Valck, der aus Holland nach Deutſchland überſiedelte, ſo viel ich weiß, eine Tochter des Namens Aloyſia hat, und deſſen Vorfahren mit den unſern der Sage nach, die ganze Graf⸗ ſchaft Valkenburg zwiſchen dem Hochſtift Lüttich und den Herzog⸗ thümern Jülich und Limburg beſeſſen haben ſollen.— Doch das werde, wie es wolle, mir ſoll darüber kein graues Haar wachſen; aber nun, liebſte, theuerſte Angés, höre was das Handelshaus in le Mans, an das ich mit Aufträgen mich gewendet, mir ſchreibt, höre es, und freue dich! Es iſt das mein ſchönſtes Angebinde zum heutigen Tage: Du biſt frei!„Auf Ihr Geehrtes“, ſo ſchreiben meine Handelsfreunde:„ermangelten wir nicht, ſorgfältige Erkundigung nach dem hier wohlbekannten Kaufmann Etienne Verthelmy einzuziehen. Derſelbe führte als Hauptmann eine Compagnie, mit welcher er zur Armee der Weſt⸗Vendée unter Charette ſtieß, und ſoll ſicherem Ver⸗ nehmen nach bereits am 11. October des vorigen Jahres bei der Er⸗ ſtürmung und Eroberung der Inſel Noirmoutier geblieben ſein, zum Mindeſten ſoll ſein Name auf der Todtenliſte geſtanden haben. Sein be⸗ jahrter Vater iſt mittlerweile auch geſtorben, und ſeine betagte Mutter lebt noch unter betrübten umſtänden und nährt ſich von einem kleinen Kramladen, dem alleinigen Ueberbleibſel ihres einſt blühenden Geſchäftes.“ Angés ſaß ſtumm und ernſt da, und hörte dieſen Bericht mit einer Fülle von Gedanken an, die ſie erſchütterte, endlich reichte ſie jedem der beiden Freunde eine ihrer zarten Hände, und ſprach: So fällt denn ein dunkler Vorhang nieder und ſchließt einen, ach und — wohl den traurigſten der Acte meines Lebensdrama's mit dem Bilde eines Sarges, wie ein Traum iſt es mir, mich frei zu denken, mich frei zu fühlen, und ſo wichtig iſt dieſe Nachricht, daß ich mich nicht mit derſelben begnügen kann: ich kann auf ſie nicht bauen und keinen Schritt der Entſcheidung thun, bevor ich nicht die verbürgteſte Beſtätigung dieſer Nachricht in Händen habe; aber, meine lieben, theuern Freunde, erfüllt mir eine Bitte: laßt mich ſcheiden! Meine Mutter verlangt nach mir, ihrem Kinde, und hier dieſes holde und liebe, mir anvertraute Kind, unſer Sophiechen, ſchon in zuviel Gefahren brachte ich's, ich will es der Heimath wieder zuführen, der es entſtammt, ihm will ich dort leben, und deine That, Leonardus, deine Liebe will ich ewig dankbar ſegnen, deiner Freundſchaft, Ludwig, will ich innig ein⸗ gedenkt bleiben! Wir müſſen uns trennen. Du, Leonardus, mußt zu deinem Vater zurückkehren als ein reumüthiger Sohn und ſeine Ver⸗ zeihung erflehen. Er wird dir verzeihen, und du wirſt noch glücklich ſein. Du, Ludwig, wirſt auf dem Felde der Ehre wandeln und eine ſelbſtſtändige hohe Stellung dir erringen, die dich völlig unabhängig macht von deinen Verwandten. Liebe Angés, nahm Leonardus das Wort: deine Entſchlüſſe ſind ehrenhaft, und was du ſagſt, iſt gut, aber es iſt nicht ausführbar, du kannſt jetzt nicht reiſen. Alle Lande am Nieder⸗, Mittel⸗ und Oberrhein wimmeln von Truppen. Thue keinen Schritt, der dich reuen könnte, aber folge in Einem deiner Mutter, achte auf das anver⸗ traute Kind; ſetze nicht dieſes zarte Leben auf das Spiel, um mit nicht ganz reiflich überlegten Entſchlüſſen durchzudringen.— Auch ich muß Leonardus beiſtimmen, ſetzte Ludwig hinzu. Hier biſt du ſicher und wohlgeborgen mit deinem Kinde, Angés, und reichte das Schloß nicht aus, ſo gibt es in dem nahen Buſch voll Moorbrüche einzelne Hütten und Häuſer genug, zu denen kein Krieger zu dringen vermag und die Pfade findet; laß erſt die herrannahende Wolke des Kriegs⸗ gewitters vorüberziehen, ja, wenn es ſein muß, vorüberbrauſen, weiche nicht aus dieſem Aſhle, es wird ſich dir nirgend ein ſichereres bieten und öffnen. Das Geſpräch wurde unterbrochen; Windt klopfte ſtark an, und trat erhitzt ein. Hören Sie es, meine Herrſchaften? war ſeine Frage, und da man nicht zu verſtehen ſchien, was er wolle, ſo ließ er die Zim⸗ 11* — — 164— merthüre offen ſtehen und machte eine Geberde, die zum Horchen und Lauſchen aufforderte. Und kaum war dieſer Aufforderung genügt, ſo hörten Alle in beſtimmten Zwiſchenräumen einen dumpfen Schall. Was iſt es, lieber Herr Windt? Freudenſchüſſe ſind es wahrſcheinlich, zu beiderſeitiger hoher Geburts⸗ tagfeier! Eine Kanonade iſt es, meine Verehrteſten, und jetzt entſteht die Frage: Was thun? Feiglinge würden rufen: Rette ſich wer kann! Ich rufe: Ausharren und treu bleiben! Für mich iſt das keine Frage. Halten Sie ſich bereit, meine Herren, mich zu unterſtützen! Der Augenblick wird kritiſch, ſehr kritiſch, doch nur keine Furcht. Das hieſige Archiv fährt, in einige fünfzig Kiſten verpackt, nach Arnhem; alle Papiere des gräflichen Hauſes, der Lehn⸗ und Rentenkammer, ich ſtelle ſie unter den Schutz des dortigen Magiſtrates. So wie eine Abtheilung der holländiſchen oder der engliſchen Armee ſich nähert, werden Sie, Herr Graf, zu deren Befehlshaber zu reiten ſo gütig ſein, und um Schutzwachen für Doorwerth, Helſum, Roſendael und Wolfsheeſe bitten. Es geht bereits ganz luſtig und kunterbund zu, die Wege ſind mit Flüchtlingen aus Brabant bedeckt, Adelige, Geiſtliche und ſonſt vornehme Leute, in Arnhem ſind ſchon Flüchtlinge aus Maſtricht angelangt. Dort packt Alles ein und hat ſich ſchrecklich beezig 35 und conſternirt. Die Stadt wird ſtark befeſtigt. Etwas Neues iſt auch noch, daß der Graf Johann Carl ſchon einige Male durch Helſum gekommen iſt, ohne hier vorzuſprechen. In Rheenen, wo wir ja ohn⸗ längſt durchkamen, ſoll das engliſche Lazareth hingelegt werden. Im Haag ſogar, vernahm ich heute, wird eingepackt, leider iſt die prinzliche Partei die einpackende. Doch zu den ſchlimmen Nachrichten nun auch eine gute, erfreuliche. Robespierre iſt todt, das blutige Scheuſal; mit ihm fielen eine ganze Anzahl ſeiner ſchändlichen Helfershelfer, unter ihnen der elende Schuſter Simon, der Quäler des Dauphins, dem Racheſchwert der unausbleiblichen Vergeltung anheim. Wäre Zeit, ſich der Freude zu überlaſſen, ſo wollt' ich's im vollen Maaße thun. Sie räumen hübſch auf, die Herren Franzoſen, einundzwanzig Henkers⸗ knechte ſind zugleich mit ihrem Meiſter zur Hölle gefahren, und am *) Rührig. 165 Tage darauf einundſiebenzig. Die Zeit iſt endlich da, wo die Drachen⸗ zähneſaat aufgeht und ſich ſelbſt erwürgt.— Es kamen ſchlimme Tage für den treuen Windt, die ſeine Geduld, ſeinen Muth und ſeine Ausdauer im Beſchützen des Beſitzthums ſeiner Gebieterin auf harte Proben ſtellten. Ein Theil der engliſchen Armee überfluthete bereits die Gegenden von Arnhem bis Deventer und die Rhein⸗ und Yſſelufer, und wie es immer zu geſchehen pflegt, wenn die Furien des Krieges entfeſſelt ſind, die Engländer benahmen ſich nicht, wie Hollands Verbündete, ſie nahmen blos, und zwar Alles was ſie fanden und ſtahlen wie die Raben. In allen Ortſchaften wurde verkündigt und öffentlich angeſchlagen, Niemand ſolle über die politiſchen Ereigniſſe reden oder ſchreiben; alle Boote, Kähne und dergleichen Fahrzeuge mußten nach Arnhem eingeliefert werden und Niemand durfte zur Abend⸗ oder Nachtzeit über den Rhein. Man trug ſich mit Liſten der Gutsbeſitzer und Schlöſſer, welche geplündert, oder Herrlichkeiten, welche zerſtört werden ſollten. Doorwerth hatte die Ehre, oben anzu⸗ ſtehen, Helſum, Mariendael und Roſendael, drei gräfliche Beſitzungen, folgten zunächſt. Die Herrlichkeit Roſendael(ſprich Roſendahl), mit prächtigem Schloß und prangenden Ziergärten, liegt nahe bei Arnhem. Wer irgend ein werthes Beſitzthum zu bergen hatte, der ſuchte es zu bergen und floh in nördlicher Richtung aus dem neuen Schauplatz des Kriegs; Arnhem, Doesburg, Zuitphen wurden leer von Wohlhabenden, das Geſindel blieb und plünderte auf eigene Hand und auf Rechnung der Soldaten. Und mitten in dieſe Bedrängniß hinein kamen zu Windt drängende Briefe von der alten Reichsgräfin wie Bomben geflogen, oft ungehal⸗ tenen und ungnädigen Inhalts; der ins Stocken gekommene Vergleich ſollte endlich abgeſchloſſen, der Erbherr zu einer Entſcheidung ge⸗ drängt werden, er ſollte Doorwerth käuflich übernehmen und einen Theil der Kaufſumme gleich baar erlegen. Windt, oft ernſtlich krank, mußte faſt täglich Briefe nach allen Richtungen ſchreiben; mittlerweile flüchteten ſich zahlreiche Bekannte mit ihrer Habe aus der nächſtbe⸗ drohten Nachbarſchaft zu ihm und hofften in dem Kaſtell Aufnahme und Schutz zu finden. Dabei begannen ſchon Krankheiten auszubrechen und die Theurung der Lebensmittel ſtieg auf eine bedenkliche Höhe. Jeden Tag, ja ſtündlich hatte Windt ſeinen Freunden Neues mitzutheilen, Ludwig und Leonardus bildeten gleichſam mit ihm den Kriegsrath im Kaſtell; alle drei trugen aus guten Gründen militäriſche Uniformen und ebenſo ſteckte die Dienerſchaft in Jäger⸗Monturen. Nebenausgänge aus dem Kaſtell waren verrammelt, das Hauptthor bewacht, die Zug⸗ brücke aufgezogen. Dieſer Widerſtand ſollte nicht gegen kriegeriſchen Angriff gelten, ſondern blos Schutz gewähren gegen Raubrotten, und den leiſtete das ſo bewehrte und bewachte Kaſtell Doorwerth trefflich. Es war ein ungleich beſſerer ſtrategiſcher Punkt, als die kleine, unbe⸗ deutende und halb verfallene Dunenſchanze, die in des Schloſſes nächſter Nähe nach dem Strome zu lag.— Wieder war ein Tag voll Unruhe angebrochen, Windt hatte den treuloſen Rentmeiſter entlaſſen und ſeiner Pflicht entbunden, und hatte einen Brief vom Hofrath Brünings aus Varel erhalten, wo auch kein ſchönes Wetter war. Brünings äußerte ſich halb ironiſch, voll Hoffnung, daß das„große Werk“ nun wohl bald zu Stande kommen werde und ſchrieb:„Man hört hier von Holland, in Anſehung der inneren Unruhe, viele düſtere Ge⸗ rüchte. Gott gebe, daß ſie ohne Grund ſind. Hier nimmt der Geiſt des Jakobinismus noch gar nicht ab. Die reichen Bauern wollen keine Steuern mehr zahlen, die armen können nicht, unſere herrſchaftlichen Kaſſen ſind leer.“ Und was in unſeren hieſigen liegt, iſt auch kein Gold und kein Silber, ſeufzte Windt. Und jetzt nun ſoll Doorwerth verkauft werden! Es iſt unſinnig. Aber hab' ich's nicht ſchon vor vier, vor drei und zwei Jahren voraus geſagt, daß man warten und zögern werde, bis die politiſchen Angelegenheiten Alles verderben und aufs Spiel ſetzen würden? Siehe, da iſt's handgreiflich wahr geworden. Und dem Erbherrn, welcher kommen und Geld mitbringen wollte, geht es wie mir, er iſt krank vor Sorge und Anſtrengung. Er hat ſein Leben daran geſetzt, ein neues Corps zu errichten. Er nimmt ſich mit dem edelmüthigſten und tapferſten Sinne der Landesangelegenheiten auf das Aeußerſte an und ſoll ganz elend ausſehen. Alle Geldmittel, deren er hat habhaft werden können, hat er ſeinen patriotiſchen Zwecken geopfert, und wo ſollte er nun Geld für Doorwerth hernehmen? Keiner borgt jetzt dem Andern einen Deut. Die Zeit iſt aus ihren Fugen gekommen, ſagt Hamlet. Die ſo ſchleunige Wendung der Dinge macht es dem Erbherrn unmöglich, Geld zu ſchaffen, ſelbſt wenn er Zeit hätte, 67— ſich danach umzuthun, er hat alle Hände voll mit ſeinem neuen Land⸗ rattencorps zu thun, wie ich erfahren habe; ſein Cabinet und Zimmer liegen voll Monturen, Hüte, Schuhe, Gewehre, und Alles läuft Tag und Nacht bei ihm um, wie ſein eigener Kopf. Wie ich mit ihm fahren werde, weiß Gott! Jetzt ſind die Zinſen von der Herrlichkeit Roſendael fällig, die verpachtet iſt— kein Deut zu haben, und ich ſoll tauſend Gulden Schatzung von den gräflichen Häuſern nach Arn⸗ hem liefern. Alles Unheil ſchlägt zuſammen, wie der Donner in die Töpfe! Mitten in die endloſen Klagen des redlichen Intendanten leuchtete ein Strahl der Freude; unverhofft kam der Erbherr an, geleitet von einer Reiterabtheilung, und ſah ſich freudig begrüßt; doch konnte ſich Windt nicht enthalten, als er jenen von Weitem erblickte, aus⸗ zurufen: Gott wie ſieht unſer Herr aus? Wie ein Buſch verhagelter Peterſilie! Der Erbherr, allerdings ſehr angegriffen und mitgenommen aus⸗ ſehend, ſaß bald im vertrauten Geſpräch mit Windt; es handelte ſich um die verwickelte Angelegenheit, der beſte Wille war da, aber Geld fehlte und neue Schwierigkeiten thürmten ſich entgegen. Windt erhob das große wichtige Bedenken, ob es beſſer ſei, daß Doorwerth bei einem doch immer möglichen Ueberzug dieſer Gegend durch die franzöſiſche Armee Eigenthum eines feindlichen Offiziers ſei, Mitgliedes der hol⸗ ländiſchen Ritterſchaft und Oberamtmannes im Haag; oder Eigenthum einer jetzt in der freien Stadt Hamburg lebenden Gräfin, die dem neutralen däniſchen Reiche angehöre? Da thäte es Noth, lieber Windt, warf der Erbherr ein, das dä⸗ niſche Grafendiplom aus dem Kniphäuſer Archiv, wo nicht gar aus Kopenhagen erſt hierher kommen zu laſſen— ehe das kommt, ſteht hier kein Stein mehr auf dem andern! Mit nichten, gnädigſter Erbherr, entgegnete Windt. Hier iſt es ſchon in beſter Form und beglaubigter Abſchrift auf einem Stempel⸗ bogen, der„Een Rigsdaler“ gekoſtet hat. Nos Christianus quintus his literis patentibus und ſo weiter, beglaubigt, unterſchrieben und unterſiegelt mit dem Kongelige Danske Cancellier Seigl. Was Sie für ein Diplomat ſind, Herr Windt! Fürwahr, ich he⸗ — wundere Sie immer mehr rief der Erbherr. Ich will Sie der ge⸗ liebten Großmama nicht abwendig machen, aber ſollte ſie die Augen zuthun, ſo daß ich es erlebe, ſo ernenne ich Sie zu meinem Rath, Ihre Treue und Umſicht verdient noch mehr! Windt verneigte ſich und erwiederte: Wollte Gott, es wäre Zeit zu ſcherzen, mein gnädigſter Herr Graf! Der Frau Reichsgräfin Excel⸗ lenz helfen jetzt weder deutſche noch däniſche Grafendiplome, und wenn Karl der Große ſie ausgeſtellt hätte, ſtatt Karl der Fünfte von Däne⸗ mark. Holländiſche Ducaten ſind die Loſung, das iſt die vis unita nicht nur, es iſt auch die vis unica, nicht die einige blos, ſondern die alleinige mächtige Hülſe. Alle Einkünfte ſtocken; hier iſt nichts, Roſendael liefert nichts, Varel liefert auch nichts— und die gnädige Frau Großmutter Excellenz— Braucht Geld, und zwar viel, wie immer, ergänzte der Erbherr. Ich hatte Hoffnung, aber ſie ſchwand wieder, denn keiner meiner Vet⸗ tern und auch mein eigener Bruder in Utrecht, von dem ich ſo eben komme, kann oder will Etwas beiſteuern, ja mein Bruder Johann Carl ſagte mir geradezu in das Geſicht:„Wenn, wie zu fürchten ſteht, der Feind in das Land kommt, ſo gebe ich für dein eigenes Leben keinen Heller, geſchweige für deine Güter; denn mit aller Herrlichkeit der Herrlichkeiten wird es dann ein ſchnelles Ende nehmen. Man verlangt jetzt hier in utrecht bei Anleihen den drei⸗ bis vierfachen Werth des Kapitals als Hypothek und in was? In alten holländi⸗ ſchen Obligationen.“ Wer aber ſolche beſitzt, braucht nicht zu borgen. Mein beſter Freund, Baron Groveſteins, der mir früher zehntauſend Gulden angeboten hatte, ſagte mir, daß er mir jetzt nicht einhundert Gulden leihen würde, und wenn er das Geld in Haufen liegen habe und mit Schepeln meſſen könne. Es ſind einhundert Gulden baar nicht zu bekommen, und wenn man eintauſend dafür verſchreiben wollte! Während dieſes Geſpräches hatte auch Leonardus mit Ludwig eine lange und ernſte Unterredung, in welcher der Erſtere dem Freunde die ganze Fülle ſeines offenen und redlichen Charakters erſchloß und zugleich den Blick auf ihre beiderſeitige Zukunft lenkte. Folge du, mein Ludwig, ſprach Leonardus, jetzt dem an dich er⸗ gangenen Winke, nimm den Kriegsdienſt an, der dir ehrenvolle Lebens⸗ ſteb Pl An Let eri Lie un dei Ku ſi ſiſ Erb Bri gen ner ſei tig leil 5 Ye Be ſcht J — 69— ſtellung ſichert, und folge meinem wohlüberlegten und brüderlichen Plane. Unterdeß wirke ich, und wir werden von einander hören. Angös muß mein werden, wenn Gott mir das Leben friſtet; wäre Letzteres nicht, ſo bleibe ſie in deinen edeln Schutz geſtellt, und dann erfülle die Verpflichtung, die mein Vertrauen dir auferlegt, die deine Liebe mir zugeſichert. Sieh, dann bringſt du mir ein ungleich höheres und dankenswürdigeres Opfer, als ich dir, indem ich beizutragen ſuche, deine Stellung im Leben einigermaßen zu ſichern. Und nun kein Wort weiter! Der Bruderbund iſt aufs Neue geſchloſſen, und dieſer Kuß beſiegle ihn. Wenn nun Euer Gnaden, ſprach Windt weiter zum Erbherrn, ſich an den Herzog von Portland wendeten? Könnte und würde dieſer nicht—2 Hab' es gethan, lieber Windt, hab' es gethan! antwortete der Erbherr bekümmert: mein Vetter, der Vice⸗Admiral, ſchrieb ſelbſt den Brief, da ich mich nicht blos geben wollte. Die Antwort kam ſchnell genug zurück, denn pünktlich ſind dieſe Engländer und rechnen, ah, ſie rech⸗ nen, auch wenn ſie in der Pairskammer ſitzen. Der Herzog ſchrieb an ſeinen Verwandten und Namensvetter William: Es ſei ein recht ar⸗ tiger Einfall von mir, daß ich fünftauſend Pfund Sterling von ihm leihen wolle, und er müſſe nur bedauern, meine Artigkeit und mein Vertrauen nicht in gleichem Maaße erwiedern zu können. Da ſtand nun Windt rathlos und ſah abermals all' ſein treues Bemühen zu nichte gemacht, und der Erbherr ſchaute finſter drein und ſchwieg. Dieſe peinliche Pauſe unterbrach der Eintritt Ludwig's. Störe ich? fragte er, und machte Mienen, ſich zurückzuziehen. Bleibe immerhin, Vetter! rief der Erbherr. Unſer Geſchäft iſt zu Ende. Darf ich dir Glück wünſchen zu Doorwerth? fragte der junge Graf. Leider nein! erwiederte der Erbherr kurz und mit Achſelzucken. Woran fehlt es, daß der Kauf nicht zu Stande kommt? Hm— am Beſten, am Geld! erwiederte Windt verdrießlich. Doorwerth iſt dein, Vetter! rief Ludwig mit blitzenden Augen. Jene ſtarrten ihn an. — Es iſt dein, ich kaufe es für dich, ich leihe dir das Geld!, Hier ſind einſtweilen fünfzigtauſend Gulden in engliſchen Banknoten! Vetter! Vetter! rief der Erbherr außer ſich, und die ſo plötzlich nahe tretende Erfüllung eines ſeit Jahren gehegten Lieblingswunſches erfüllte ſeine Seele mit hohem Entzücken. er Der Dunkelgraf. 8% W 4 von Ludwig Bechſtein. Zweiter Theil. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Cie 1854. — ZWweiter Theil. Die Flüchtlinge. Motto: Wo ich ſei, und wo mich hingewendet, Als mein flücht'ger Schatten Dir entſchwebt? Schiller. 1. Sophia Botta. Anders ſah es aus in der Herrlichkeit Doorwerth, aber nicht beſſer. Die Gefahr wuchs von Stunde zu Stunde. Die Engländer, welche Windt nie anders als„ſaubere Allürte“ nannte, drohten ein La⸗ zareth in das Kaſtell zu legen. Fort und fort hörte man in der Ferne kanoniren, ſah den feurigen Flug der Bomben und die Flammen in Brand geſchoſſener Magazine. Der Herzog von York that mit ſeiner Armee ſein Möglichſtes, um Holland zu decken, aber von den Zinnen und Warten das Kaſtells erblickte man täglich ganze Säulen flüchtender Soldaten, welche die Wege nordwärts einſchlugen. Die Nachrichten vom Kriegsſchauplatze jagten einander bald verbürgt, bald unverbürgt. Grevecveur, der Schlüſſel zu dem Boſch(Herzogen⸗ buſch) iſt über, hieß es; dann ſollte der Boſch auch über ſein; dann wurde die Nachricht wiederrufen, unter dem fernher vernehmlichen Donner des gröbſten Geſchützes.„Die Carmagnolen haben fünf Brücken über die Maas geſchlagen— die Menge und Tapferkeit der Franken macht jeden Widerſtand unmöglich, was flüchten kann aus Städten und Orten, das flüchtet— die Franken ſind nahe vor Nymwegen— in die Werke von Nymwegen haben ſih ſechstauſend Engländer geworfen— die zurückgedrängte engliſche Armee will ſich wieder bei Gorkum ſetzen— die in großer Zahl ausgewichenen Bataver haben ein Comité gebildet, und durch daſſelbe mit der franzöſiſchen Republik über Vertragsbe⸗ dingungen unterhandelt— die Franken ſollen die Städte der neuen bataviſchen Republik mit Truppen beſetzen— die Regierungsform ſoll proviſionell bleiben, wie ſie iſt— die entlaſſenen Beamten ſollen wieder in ihre Stellen einrücken— die Geflüchteten ſollen zurückkehren— Holland ſoll die franzöſiſche Republik anerkennen, ſoll ſein Bündniß mit Eng⸗ land brechen, ſich mit Frankreich verbinden und an England, Preußen und Oeſterreich den Krieg erklären— des Statthalters und ſeiner Partei ſoll in keiner Weiſe mehr gedacht werden.“— So drängten ſich und wirrten die Nachrichten durcheinander, als ſchon der October herbei⸗ gekommen war. Ludwig und Leonardus waren als Führer in das berittene Corps eingetreten, das der Erbherr errichtet hatte; Angés mit dem Kinde blieb in Windt's Schutz geſtellt in Doorwerth, und für Frau Windt war es ein großer Troſt, eine weibliche Seele als Freundin zur Seite zu haben, die ihr manchen Beiſtand leiſtete. Windt bot Alles auf, mehr und mehr Lebensmittel in das Kaſtell zu ſchaffen, denn es kam ihm im Geiſte vor, als wenn der bedrohliche Zuſtand ſobald nicht enden werde. Man ſah ihn häufig, von einem oder zwei Reitknechten begleitet, in ſeiner kleidſamen Offiziersuniform durch die Fluren und die nächſtgelegenen Ortſchaften reiten; Graf Ludwig hatte dem redlichen Freund ſeine Iſabella geſchenkt, halb aus Liebe zu Windt, halb aus Liebe zur Iſabella, deren Leben er dadurch beſſer zu ſichern hoffte, als wenn er das treue Pferd der Gefahr beim Heere ausſetzte— und überall war Windt willkommen; ſeine Anord⸗ nungen wurden genau befolgt, die Bauern liebten ihn, weil er ſie von dem Rentmeiſter befreit, der ſie gedrückt und geſchunden hatte, um ſich zu bereichern, und weil Windt ſie menſchenfreundlich behandelte. Jeden Morgen faſt ſaß Windt am Schreibpulte und ſchrieb Briefe an ſeine Herrin, oft in fliegender Haſt und Hetze, Alles bunt durcheinander, aber ſie wollte und mußte Alles wiſſen. Doorwerth und deſſen guter Verkauf bildete jetzt einen Theil ihrer noch übrigen Lebenshoffnungen. „Ich bin im Handgemenge mit den Engländern!“ ſchrieb Windt unter Andern in ſeiner eigenthümlichen, raſchen und keinerlei Umſtände machenden Weiſe, die ſein ganzes Weſen an Tag legte:„Geſtern war ein hoher Offizier hier, um das Kaſtell mit Allem, was dazu gehört, für verwundete Offiziere in Beſitz zu nehmen, ſo wie ſie die Kirchen in Helſum, Renkum und Velp*) für Kranke in Beſitz genommen, 6) Renkun, niederländiſch Renekom, Dorf zwiſchen Helſum und Wage⸗ ningen; Velp, Dorf ohnweit Arnhem und Roſendael. letz Lat wir hör nin lad da ſu me her ſich nich hat! Erſt kom Die den blei Nit von hahe kiſch eing bezu Bn in die die dur wer und ſi hitte tſ ad n⸗ ßen rtei und bei⸗ wp nde ndt eite 175 letztere liegt bereits voll davon, ebenſo wie ganz Roſendael, wo ein Lager aufgeſchlagen iſt und alles Holzwerk, jung und alt, zerſtört wird. Der Offizier war genau unterrichtet, wem die Herrlichkeit ge⸗ hört, wie viele Einwohner ſie zählt; der Bürgermeiſter von Wage⸗ ningen, wo auch Alles voll liegt, hat ihn mir auf den Hals zu laden geſucht. Der Donner ſoll dieſem Bürgermeiſter, den ich kenne, dafür auf den Kopf fahren! Sobald ich hinüber komme, will ich ihm ſagen, was er wiſſen ſoll. Ich war geſtern in der Stadt und ſprach mehrere Engländer und balgte mich bis zum Säbelziehen mit ihnen herum. Wer meine Dispute mit den Engländern angehört hat, kann ſich eine Vorſtellung vom babyloniſchen Thurmbau machen, ſie haben mich indeſſen beſſer verſtanden, als ich mich ſelbſt verſtehe. In Arnhem hat man mich zum Bürgergardehauptmann gewählt. Gehorſamer Diener! Erſt kommt Doorwerth und dann kommt es noch einmal, und dann kommt Arnhem noch lange nicht.“ „Ihre Execellenz ſind ſehr beſorgt um das hier befindliche Silber. Dies kann ich nicht eher bergen, als bis ich mich ſelbſt bergen muß, denn es iſt höchſt gefährlich, Werthſachen wegzuſenden und ſelbſt zu bleiben; nichts wegzuſenden und Vertrauen zu zeigen, iſt das einzige Mittel, um ſich bei den Carmagnolen in Achtung zu ſetzen; ſelbſt von dem Meinigen ſendete ich weder Kleider, noch Waffen fort. Geld habe ich ohnehin nicht fortzuſchaffen, Geld gibt es nicht. Der ſchur⸗ kiſche Rentmeiſter hat die Renten bis Petri des nächſten Jahres voraus eingetrieben und mir nichts zurückgelaſſen, als für mehrals 1000 Gulden un⸗ bezahlter Rechnungen. Ich bin froh, dieſes Ungeziefer los zu ſein, die Bauern ſind auch froh. Ohne Zweifel wird er ſich Ihrer Excellenz in Hamburg vorzuſtellen frech genug ſein, aber die geringſte Höflichkeit, die ihm in Hochdero Hotel zu Theil wird, nehme ich für mich als die höchſte Beleidigung. Wenn er kommt, laſſen Ihre Excellenz ihn durch den Büttel aus den Thoren der Stadt bringen!“ „Was aus Doorwerth, was aus der ganzen Republik Holland werden will, weiß Gott allein! Ich bin ein gehetztes Wild, voll Angſt und Trübſal, Mühe und Arbeit, Laſt und Haſt, und Ihre Excellenz ſind jetzt für ein wenig Silber beſorgt, aber nicht für mich. Ich bitte meine arme Schweſter, die ängſtlich beſorgt um mich iſt, zu tröſten. Es iſt immer noch möglich, ſo gefährlich es auch ausſieht, 8— daß wir diesſeit des Rheines noch einige Zeit von den Franken befreit bleiben, obgleich General Pichegru darauf gewettet haben ſoll, den Winter in Nimwegen zuzubringen und ſeine Armee diesſcits des Rheines Winterquartiere aufſchlagen zu laſſen.“ „Heute habe ich den holländiſchen General⸗Quartiermeiſter von hier aus bis auf den halben Weg nach Nimwegen gebracht, es ſieht übel aus auf den Straßen, es iſt eine bitterböſe Zeit; wo man hin hört und ſieht, vernimmt man nichts und hört man nichts, als von Raub und Plünderung, Mord und Brand, Krankheit und Theurung. Das Pfund Butter koſtet in dieſem ſo butterreichen Lande 1 Gulden.“ „Geſtern iſt die Frau Landgräfin zu Heſſen⸗Philippsthal, Ulrike Eleonore, welche die Belagerung von Hertogenboſch treulich mit ihrem tapferen Gemahle ausgehalten, durch Arnhem gekommen. Sie wird mit dem Landgrafen nach Bückeburg gehen, zur gnädigen Frau Schwä⸗ gerin, der trefflichen Fürſtin Juliane.“ Dieſen Brief konnte Windt erſt Abends vollenden. Er ſchrieb: „Rundum uns her iſt ein fürchterliches Getümmel; ſo eben komme ich, 7 uhr Abends, aus einer Bataille mit Irländern zu Pferde nach Hauſe, die in Wolfsheeſe und längſt der Doorwerth marodirten und ein Zetergeſchrei unter dem armen Volke erregten. Ich jagte ihnen aber, unterſtützt von meinen Leuten, ihre Beute wieder ab; allein es wird zu arg mit dem Rauben der ſauberen Allürten; Bauern, die ihre Habe vertheidigen, werden aufgehenkt und ihre Häuſer werden in Brand geſteckt. Die Irländer namentlich haben ſtets Hunger wie die Pierrots in der Pantomime. Und wenn dieſe Feinde der Ordnung aus dem Lande ſind, dann wird daſſelbe Spiel von den Carmagnolen begonnen werden, wobei, wie eben auch in der Pantomime, höchſt wahrſcheinlich die Pierrots von den Harlekinen Prügel bekommen.“ „Ueberall iſt der Teufel los; Gott laſſe mich nur jetzt nicht krank werden, ſonſt iſt hier Alles verloren! Fort und fort Kanonendonner auch jetzt, indem ich dies ſchreibe, in der Richtung nach Nimwegen hin. Vorgeſtern kam der Herzog von York nach Arnhem; Prinz Friedrich zu Heſſen lag mit ſeinem Regiment in Roſendael und wohnte wahr⸗ ſcheinlich dem geſtrigen Treffen bei. Ich ritt ſtracks nach Arnhem, um beim Herzoge Schutz zu ſuchen; er war aber nicht zu ſprechen; geſtern ritt ich wieder hinüber und war ſo glücklich, Sauvegarden für die — 177— Ortſchaften von ihm zu erhalten, es wäre auch ſonſt kein Einhalt mehr zu thun geweſen, und ich bin des Reitens und ewigen Bruta⸗ liſirens bei Tag und Nacht müde; ich ſpüre in allen meinen Knochen einen Höllenſchmerz. „Was den Kauf von Doorwerth betrifft, über den ich Ihrer Excellenz ſchon unterthänig berichtete, ſo waren der gnädige Erbherr und ich nicht weniger erſtaunt, als Ihre Excellenz ſelbſt es ſind über das großmüthige und räthſelhafte Anerbieten des jungen Herrn. Ich hielt es für Pflicht, dieſen zu warnen, eine ſolche hohe Summe auf das Spiel zu ſetzen; ſelbſt der Erbherr ſträubte ſich lebhaft gegen dieſen Edelmuth, allein Graf Ludwig entgegnete: Dieſes Geld wurde mir anvertraut zu beliebiger Verfügung; wie könnte ich es beſſer anlegen, als in einem werthvollen Grundſtück, welches ich, da es doch einmal verwerthet werden ſoll, dadurch der Familie erhalte? Ich baue unbe⸗ dingt auf meines Vetters Ehre und da wird ohne Zweifel dieſes Geld in den beſten Händen ſein.— Wahrlich Excellenz, ich ſchäme mich nicht, es zu ſagen, daß dieſer Beweis eines wahrhaft edeln Herzens und Charakters Hochihres jüngſten Enkels mich auf das Innigſte rührte und was im Gemüthe des Erbherrn vorging, konnte ich in deſſen Mienen leſen. Wir beriethen nun die Sache ernſtlich; der junge Herr ſollte auf Doorwerth einſtweilen nur 25,000 Gulden an⸗ zahlen, und dafür eine Obligation auf Varel erhalten, die anderen 25,000 Gulden wollte der Erbherr auch annehmen und auf Rhoon verſichern. Ihre Execellenz ſollten die Gnade haben, mir förmliche Vollmacht zu ertheilen, alle nöthigen Schriftdocumente zu entwerfen, die Summe in Empfang zu nehmen und in Hochdero Namen bündig zu quittiren, welche Quittung zugleich als Interims⸗Verſchreibung auf gedachte Herrlichkeit Doorwerth mit Zubehör gelten ſolle, bis zu Ertheilung der förmlichen Obligation und Ausfertigung des zur Sicher⸗ heit weiter Erforderlichen. Dieſe Verhandlung erfolgte ebenfalls unter beſtändigem fernen Kanonendonner; da kam auf einmal der auf Kund⸗ ſchaft ausgeſandte Diener des jungen Herrn, Philipp Scarre, im vollen Jagen angeſprengt und brachte die Nachricht, die Engländer ſeien ge⸗ ſchlagen, ein ganzes Regiment derſelben an der Wahl gefangen ge⸗ nommen, ein anderes völlig vernichtet, die ganze hannoverſche In⸗ fanterie unter Graf Walmoden habe ſich nach Nimwegen geworfen. D. B. III. 12 — 6— Das nöthigte den Erbherrn zum ſchleunigen Aufbruch und es blieb nur noch ſo viele Zeit, zu verabreden, daß, wenn der Feind nicht über den Rhein käme, demnächſt wo möglich eine neue Zuſammenkunft und Verhandlung ſtattfinden ſolle. Einſtweilen gebe ich Ihrer Excellenz anheim, mit den nöthigen Papieren und Hochdero Zuſtimmung mich zu verſehen, und bin zu Füßen Hochdero unterthäniger Windt.“— Feindſelig war die Zeit aller Liebe und jeder Liebeshoffnung in den von der Geißel wilder Kriege furchtbar heimgeſuchten Ländern. Wittwen und Waiſen machte der Krieg in Menge, Thränen und Jammer brachte er in zahlloſe Hütten, Häuſer und Paläſte, Glück nirgend hin, in kein einziges Haus. So war es damals, war es früher, und ſo iſt es immer noch; fort und fort erneuen ſich die Häupter dieſer lernäiſchen Schlange. Der Mächtigen Laune, oder Ländergier, oder Herrſchſucht, ebenſo wie der Völker Wahnſinn be⸗ ſchwören den Dämon des Krieges aus dem finſtern Orkus herauf, ſie entfeſſeln ihn zur Peinigung, zur Knechtung, zur Vernichtung der Menſchheit, und vermögen ihn dann ſobald nicht wieder zu bannen. Kaum ein Jahrhundert vermag die Wunden zu heilen, die ein blutiger Krieg den Ländern, den Völkern ſchlägt, aber vergebens und immer vergebens rathen Religion und Vernunft, Gerechtigkeit und Sitte, Bildung und Fortſchritt vom Beginn ſolcher Greuel ab; vergebens kämpfen weiſe Männer unter dem Wehen der Oelzweige und der Friedens⸗ palmen gegen den Krieg; dort ſind es die Gewalthaber, hier ſind es ganze Völker, die beide in unſinnigſter Verblendung ſeine Furien wachrufen, und ſich, gleich den Fanatikern Indiens, mit Freude vom Donnerwagen Kriſchna's bei der Pagode von Jagernaut zermalmen laſſen. Angés ſaß bei Frau Windt im ſtillen Zimmer, die Herbſtſonne kämpfte mit den ſchweren Nebeln der weitgedehnten Flächen und der nahen moorigen Brüche. Auch die kleine Sophie ſaß bei den Frauen, und übte mit Eifer eine Arbeit, welche ſie jene ebenfalls üben ſah, eine Arbeit, die der Krieg aufdrängt dem zarten Geſchlecht, die an Schmerz und Pein, an Blut und Wunden fort und fort erinnert: ſie zupften Charpie. Wer mag wiſſen, wem dieſe Leinwand dienen wird, warf Angés trüb⸗ ſinnig die Frage auf, und ihre angſtvollen Gedanken flogen nach Leonardus hin, der es verſchmäht hatte, in Doorwerth müßig zu weilen, während 179 ſein Freund ſich vielleicht die Lorbeeren ver Schlachten pflückte. Sie ſah im Geiſt den Freund ihres Herzens verwundet und ſich als ſeine liebevolle Pflegerin. Frau Windt aber antwortete: Das möchte ich nicht einmal wiſſen; am Beſten, ſie würde gar nicht gebraucht, da brennte ich das Zeug zu Zunder und ſteckte mein Licht an ihm an; wär' auch ein guter Gebrauch, beſſer als der, für den dieſe Leinwand beſtimmt iſt, nämlich Solchen zu dienen, deren Lebenslicht mit dem Erlöſchen bedroht iſt. Das Kind begann in dieſer Zeit etwas Holländiſch und etwas Deutſch ſprechen zu lernen, und die beiden Frauen ertheilten ihm den Unterricht ſo eifrig und vortrefflich, daß bald ſein Deutſch äußerſt holländiſch und ſein Holländiſch äußerſt deutſch klang, was manchen Anlaß zum Lachen gab. Mit leiſer, längſt auf dem Herzen getragener Frage wandte ſich in dieſer traulichen Stunde, und indem ſie mit wahrhaft mütterlichem Wohlgefallen auf die Kleine blickte, Frau Windt an Angés: Sie wollten mir immer von dem ſchönen Kinde erzählen, meine Beſte! Heute hät⸗ ten wir Zeit; es iſt außen einmal etwas ruhig; mein Mann iſt nach Arnhem geritten, halb in Geſchäften und halb aus Neugierde, um den Grafen von Artvis zu ſehen, den Mann, der ſich für den künf⸗ tigen König von Frankreich hält, aber nichts thut, ſein Königreich wieder zu gewinnen. Er wohnt als Gaſt auf der Sip, einem Gute des Herrn von Brantſen, nur ein halbes Stündchen von Arnhem, und iſt umgeben von einem kleinen Kreiſe Emigranten, welche alle denken wie der Herr Graf von Artvis, und ihr Königthum in Gedanken mit ſich herumtragen, wie die Juden ihre Bundeslade auf der Reiſe durch die Wüſte. Der Herzog von YPork hat geſtern beim Grafen von „Artvis geſpeiſt; auf dem Park wohnt der Prinz Louis von Rohan; geſtern iſt auch der Kurfürſt von Köln in Arnhem angekommen, und der tapfere und berühmte Kriegsheld Graf von Clairfait. Man ſpricht davon, daß das Hauptquartier der verbündeten niederländiſchen und holländiſchen Armee nach Arnhem gelegt werden ſoll. Ein flüchtiges Roth flog auf Angés zarte Wangen bei einem der Namen, welche Frau Windt ihr nannte, dieſe bemerkte daſſelbe aber kaum, oder ſchob es auf Rechnung ihrer Aufforderung an die junge Freundin, ihr Etwas mitzutheilen, was Angés bisher immer mit 12* Aengſtlichkeit zu verhüllen geſucht hatte. Wenn aber Angés erwog, welche große Anſprüche auf Dank ſich Windt und deſſen gutmüthige und liebevolle Frau um ſie verdienten, welch ein trauliches und gewiß auch ſicheres Aſyl ſich ihr, der Heimathloſen und Flüchtigen, in Door⸗ werth erſchloſſen, und endlich, wie wenig eine Mittheilung an dieſe Freundin, welche wohl kaum deren Schickſal weit über die Grenzen Gelderns und höchſtens wieder einmal in die oſtfrieſiſchen und olden⸗ burgiſchen Gefilde führen werde, irgend ihr oder dem Kinde dereinſt Schaden bringen könnte, zumal wenn ſie jeden Namen ſorglich ver⸗ ſchweige, ſo hielt ſie ſich nicht nur für berechtigt, ſondern ſogar durch Dankbarkeit verpflichtet, in etwas dem Wunſche der älteren Freundin nachzugeben. Sie begann daher, wenn auch nicht ganz ohne Zagen: Was Sie zu erfahren wünſchen, beſte Frau Windt, und was ich ſelbſt weiß und ſagen darf, ſollen Sie erfahren. Ein junger, ſchöner und höchſt liebenswürdiger Prinz aus einem ſehr vornehmen Hauſe faßte eine glühende Neigung zu einer Prinzeſſin, die nur jwenige Jahre älter iſt als er ſelbſt, und einer Familie entſtammt iſt, in welcher die Leidenſchaft der Liebe ſtets ein vorwaltender Charakterzug der Träger ihres Namens war. Vorbedeutungsvoll iſt auch jener Prinz gleich nach ſeiner Geburt durch Feuer und Flammen gegangen. Ihn wie ſeine heimlich angebetete Geliebte trieb die Revolution aus ihrem beiderſeitigen Vaterlande, dem ſchönen Frankreich, hinweg, und die Einſamkeit eines verborgenen Zufluchtsortes nährte die wachſende Flammengluth der jungen ſtürmiſchen Herzen und riß ſie völlig hin. Nichts hätte unter andern Verhältniſſen den gegenſeitig Ebenbür⸗ tigen im Wege geſtanden, ſich mit einander zu vermählen, aber die Zeit des Jahres ſiebenzehnhundertundneunzig war nicht günſtig für Freuden und Hochzeiten der armen Flüchtlinge; war es doch erſt kaum ein Jahr, daß der Graf von Artvis, deſſen Sie, beſte Frau Windt, vorhin erwähnten, wie auch die Prinzen Condé, Broglio, Bretueil und auch die Polignac's ihr Vaterland gemieden hatten; man ver⸗ nichtete, das heißt man hob in Frankreich alle Vorrechte der Ge⸗ burt und des Standes auf, und es war kaum zu wagen, an eine Rückkehr in das geliebte Vaterland, oder an eine Rückkehr der alten Ordnung zu denken. Der junge Prinz, welcher bisher mehrere Reiſen gemacht hatte, von denen er immer wieder an den Ort ſeiner ver⸗ 181 borgenen Liebe zurückkehrte, ſah ſich veranlaßt, zu dem Heere zu gehen, das die Beſtimmung hatte, die verlorene Heimath mit Ge⸗ walt der Waffen wieder zu erobern. Die Beſtimmung— ja— aber nicht Macht, nicht Muth genug! warf Frau Windt ein. Niemand ahnete die Folgen der glühenden Liebe des Prinzen und der Prinzeſſin, fuhr Angés fort. Der geheime und gutgewählte Zu⸗ fluchtsort auf deutſchem Boden, auf dem Boden meines Vaterlandes, half die Verborgenheit ſichern, doch bedurfte die Prinzeſſin mindeſtens einer ganz vertrauten Perſon, um ihr Geheimniß tragen zu helfen; zu dieſer Vertrauten wurde meine Mutter erkoren. Es iſt mir noch, als ob es vor wenigen Tagen geſchehen ſei, ſo lebhaft erinnere ich mich daran, wie eines Abends in der Dämmerung— ich war noch ein ganz junges Mädchen und ſaß mit Leonardus in der Rebenlaube vor unſerm Hauſe im zärtlichen koſenden Geſpräche— eine verſchleierte Dame bei uns eintrat, von jugendlicher Haltung und ſchönem Wuchs, und mit einer zarten, außerordentlich wohlklingenden Stimme und im reinſten Franzöſiſch nach meiner Mutter fragte. Ich verließ Leo⸗ nardus und geleitete die Fremde zur Mutter, es fiel mir dieſer Be⸗ ſuch gar nicht auf, weil meine Mutter vor ihrer Verheirathung mit meinem Vater in Paris gelebt und in einem hochangeſehenen Hauſe in einem gewiſſen dienſtlichen Verhältniß geſtanden hatte. Die Fremde ſchlug ihren Schleier nicht zurück und fragte meine Mutter, ob ſie dieſelbe nicht ohne Zeugen ſprechen könne, worauf ich mich ſogleich zurückzog, und nur noch auf dem Vorſaal meine Mutter in jenem Zimmer laut ausrufen hörte: O ciel! O ma trés chöre gracieuse Princesse!— Ich eilte, weit entfernt horchen zu wollen, ſchnell zu meinem in der Laube harrenden Geliebten zurück, und dachte kaum noch an die Fremde, ſo ſehr beſchäftigt ein junges Mädchen ſeine Liebe und das Glück, den geliebten Gegenſtand ſich nahe zu wiſſen, bis erſtere wieder aus dem Hauſe trat und von meiner Mutter unter ehrerbietigen Verbeugungen ſchied, ohne daß beide dabei ein Wort wechſelten. Meine Mutter weihte meinen Vater in das Geheimniß ein, und endlich mit großer Vorſicht auch mich, das heißt, ſie ſagte mir nur, was ſie für mich nöthig hielt, von der Sache zu wiſſen, weil auf meine Hülfe Rechnung gemacht werden mußte, um nicht an — 182— noch andere Perſonen das Geheimniß hinzugeben. Ich hatte ſo ziem⸗ lich die Größe der fremden Dame, von welcher ich vorerſt nur erfuhr, daß ſie die Tochter einer Freundin meiner Mutter ſei, daß ſie Paris in Folge der Revolution gleich Andern verlaſſen habe, und daß ſie wohl nach einiger Zeit wieder kommen, und eine Zeit lang bei uns wohnen würde, doch ſolle davon nicht geſprochen werden. Es wurde ein von der Straße ganz entlegenes ſtilles Zimmer unſeres Hauſes eingerichtet, um einen weiblichen Beſuch aufzunehmen; ich erhielt einige neue Kleider und die Weiſung, bisweilen und nach und nach bei Aus⸗ gängen verſchleiert zu gehen, ſo daß die Einwohnerſchaft gewohnt werde, mich ſo zu ſehen. Ein neues Dienſtmädchen vom Lande wurde an⸗ genommen, welches an der franzöſiſchen Grenze bereits gedient hatte und ganz hübſch Franzöſiſch ſprach. Der Name dieſer Dienerin war Sophie Botta; ihr Geburtsort hieß Weſtbacherhof, vier Stunden von Kaiſerslautern. Am Tage des Abgangs ihrer Vorgängerin und So⸗ phiens Antritt fuhr meine Mutter mit mir nach dem unſerer Stadt ganz nahen Dörfchen Irheim, einem Vergnügungsort der Zweibrückner vornehmen Welt, und hatte mir vorher genau meinen Anzug beſtimmt. Dort fanden wir jene fremde Dame, die Prinzeſſin, ohne alle Be⸗ gleitung, und zwar genau ſo gekleidet wie ich. Dieſe junge Dame ſehen und ſie liebgewinnen, war bei mir die Wirkung jenes Augen⸗ blicks, als ich ſie ohne Schleier ſah; welche Huld, welche Güte, welche ſüße Verwirrung und Scham ſtrahlte aus dieſen himmliſchen dunkeln Augen, voll eines Feuers, das nur durch unendliche Sanftmuth ge⸗ mildert war, die über ihr ganzes Weſen ſich ergoß!— Dieſe Dame, ſagte meine Mutter zu mir nach den erſten Begrüßungen und dem Anknüpfen der Bekanntſchaft, wird ſtatt deiner mit mir zurückfahren, liebe Angés, und du wirſt dann die kleine Wegſtrecke als angenehmen Spaziergang zurücklegen. Dabei bezeichnete ſie mir die Straßen, durch welche ich gehen ſolle, und meinen Weg in das elterliche Haus durch unſern an deſſen Hintergebäude angrenzenden Garten, zu deſſen Thüre ſie mir den Schlüſſel behändigte. Es wurde mir nun klar, daß die Fremde mit mir nur eine Perſon darſtellen ſollte, ſie kehrte mit der Mutter verſchleiert als deren Tochter Angés nach Hauſe zurück, ich kam in der Abenddämmerung durch das Hinterpförtchen in das Haus, und konnte durch eine Treppe im Hofe alsbald in das obere Stock⸗ werk gelangen. Dieſer Plan war außerordentlich leicht auszuführen, und wurde auch eben ſo leicht ausgeführt. Das neue Dienſtmädchen fand bei ſeinem Antritt die Dame, ohne zu wiſſen, ob ſie zum Hauſe gehörte, oder nicht? Es bediente daher dieſelbe mit gleicher Treue, wie meine Mutter und mich. Frau Windt hörte Angés Erzählung mit wachſendem Erſtaunen an, und unterbrach dieſelbe nur, um für einige Herzſtärkungen zu ſorgen, die ihr, der eingebornen und nicht mehr jungen Niederländerin, un⸗ gleich mehr Bedürfniß waren, als Angés. Dann aber drängte die gute Holländerin um die Fortſetzung der ihren ganzen Antheil lebhaft er⸗ regenden Erzählung. Nach einiger Zeit, fuhr Angés erglühend und faſt flüſternd fort: gebar die fremde bei uns wohnende Dame dieſes ſchöne Kind. Die Sage-femme wurde durch Geld ſchweigſam gemacht, unſere Sophie mußte zum Schein krank werden, das heißt, ſie mußte die hohe Wöch⸗ nerin auf das Sorgſamſte warten und pflegen und ein anderes Mäd⸗ chen verſah indeß ihre Stelle. Die guten Zweibrückner hörten zwar und gloſſirten nach deutſcher Kleinſtädter Weiſe das Ereigniß, daß unſere junge Dienerin ziemlich bald ein Gaſtgeſchenk in unſer Haus gebracht, vor dem ſich in der Regel Jedermann zu bedanken pflegt, indeß war man ſo gütig, meine rechtlichen Aeltern und auch mich dabei zu bedauern, die man friſch und munter und jetzt wohlweislich ohne Schleier täglich auf der Straße gehen ſah, und war ferner ſo gütig, die Schuld einem meiner Brüder in die Schuhe zu ſchieben. Auch dieſes Reden wäre zu vermeiden geweſen, wenn man das Kind zeitig aus dem Hauſe gebracht hätte, aber dagegen widerſetzte ſich die junge Mutter, und da das Kind getauft werden mußte, ſo ließ ſich dieſe Handlung nicht außer dem Hauſe vornehmen. Ein ſchönes Stück Geld bewog leicht die junge Dienerin, ihren Namen herzuleihen, und ſo wurde das Kind nach ſeiner angeblichen Mutter, der kleinen franzöſiſch plaudernden Weſtbacherhoferin Sophie Charlotte Botta getauft, und die große Sophie verließ dann reichlich belohnt und mit zugeſichertem Wieder⸗ eintritt nach einiger Zeit, der guten Sitten halber, mein elterliches Haus. Nun wiſſen Sie, beſte Frau Windt, wie ſehr es in unſerer weib⸗ lichen Natur liegt, daß wir uns zu kleinen Kindern hingezogen fühlen, beſonders wenn ſie hübſch und wenn ſie hülflos ſind. Mein liebeſehn⸗ 184 ſüchtiges Herz, das ſeinen Gegenſtand entbehrte, wandte die ganze Fülle ſeiner Gefühle dieſem Kinde zu und deſſen junge Mutter ge⸗ wahrte dies mit hohem Entzücken. O Anges! ſprach ſie einſtens zu mir: wie engelgut Sie ſind, wie Sie mein Kind lieben! Dies kann ich nie vergelten, wie auch nie Ihrer Frau Mutter deren unendliche Güte. Ach, ſchon zerreißt der Gedanke an 6 Trennung von dem Kinde mir das Herz, und doch muß, muß, muß ⁸ ich von ihm ſcheiden! Einſt, ich flehe das von Gott, wird es ſeine Mutter wieder ſehen, wird ſie kennen lernen und von aller Welt an⸗ erkannt, ſich nie wieder von ihr trennen, wie auch nie von ſeinem herr⸗ lichen Vater! O Henri, o mein Henri! Ich ward ganz hingeriſſen von der Liebe und dem Schmerz der ſchönen Prinzeſſin, bedeckte in ihrer Gegenwart ihr Kind mit Küſſen . und rief mit einem flammenden Entſchluſſe: Darf und ſoll dieſes holde, ſüße, unſchuldige kleine Weſen bei uns bleiben, ſo weihe ich mich ihm zur treueſten Pflegerin, die es auf Erden finden kann! So ſchwöre ich Ihnen. Schwören Sie nicht, edles Mädchen, unterbrach mich die Prinzeſſin. 5 Sie fühlen jetzt ſo ſchön und groß! Wird dies Gefühl Dauer haben können? Sie ſind jung, auch Sie lieben, Sie werden ſich vermählen, eigene Kinder werden dies fremde Kind von Ihren Armen hinweg, aus Ihrem Herzen drängen. Raſch ſind Gelübde gethan, ſchwer, oft unend⸗ lich ſchwer ſind ſie zu erfüllen und dauernd zu halten. Ich weiß, welche Pflicht ich übernehme! entgegnete ich der Prin⸗ zeſſin. Nie will ich von dieſem Kinde mich trennen, wie meinen Aug⸗ apfel will ich es hüten und bewachen, und zwar ſo lange, bis Höchſt⸗ ſie ſelbſt oder von Ihnen Beauftragte es von mir fordern werden. Die Prinzeſſin umarmte mich unter Thränen; nie vergeſſe ich den ſ rührenden Anblick dieſer unglücklichen und durch ihr Kind doch ſo glücklichen jungen Mutter. Welchen Lohn, rief ſie ſchluchzend aus: welchen Lohn darf ich Ihnen bieten, der würdig wäre der Größe mei⸗ nes Dankgefühls? Einen Lohn, Prinzeſſin? rief ich beſtürzt aus. Welchen Lohnes . wäre ich bedürftig? Keines anderen als Ihrer Liebe! Es wurde nun Alles ernſt und ruhig unter Zuziehung des Bei⸗ rathes meiner Mutter beſprochen. Das Kind ſollte von mir aufge⸗ — 185— zogen werden, vorerſt vor allen Augen unberufener Neugier geborgen; unſer an das Haus anſtoßender Garten war geräumig genug, ihm die Wohlthat friſcher Luft täglich zu gönnen, auch war das Kind völlig geſund. Unter geheimen Aufſchriften wurden die Orte beſtimmt, wo⸗ hin allwöchentlich Nachricht von ſeinem Befinden gegeben werden ſollte, auch ward verabredet, der Kleinen ein Zeichen einzuätzen, daran die Mutter oder der Vater ſie erkennen könnten, und als das einfachſte Zeichen ſolcher Art ſchlug ich vor, die Anfangsbuchſtaben ihres Na⸗ mens S. C. B. zu wählen. Die Prinzeſſin ſchüttelte erſt mit dem Kopf, als wolle ſie meinen Vorſchlag verwerfen— augenſcheinlich miß⸗ ſie ihr der bäuriſche Name— mit einemmale aber überſtrahlte Freude ihr Geſicht, als ſie ein wenig nachgeſonnen hatte, und ſie rief: Ja, theure Angés, nicht anders, nicht anders, als S. C. B.! Das muß ja nicht Botta heißen? Nicht wahr? O, es kann ganz anders heißen! C— B— ja, ſo iſt es recht, ſo ſei es! Wohl kann es anders heißen, es kann Namen bedeuten, denen nicht viele gleichſtehen auf Erden an Glanz und Hoheit, Alter und Ehre, wenn ſie auch die Zeit, gewiß nicht für immer, verdunkelt hat und eine blutrothe Wolke vor jene große Sonne getreten iſt. Voll Verwunderung hörte Frau Windt dieſe Mittheilung an; mit einer gewiſſen ſcheuen Ehrfurcht blickte ſie auf das Kind, das da ne⸗ ben ihr im kleinen Stübchen unbefangen und in holder Unſchuld ſaß und Charpie zupfte, vielleicht für die Wunden eines Kriegers, der dem Vater dieſes Kindes und ſeiner Mutter die Rückkehr in das heißge⸗ liebte Vaterland erkämpfen helfen wollte. Thränen der Rührung tra⸗ ten in die Augen der freundlichen Frau, als ihr fragender Blick auf Angés fiel, denn Frau Windt erging es wie Fauſt's Famulus bei Gvethe: ſie wußte nun viel, doch mochte ſie gern vollends Alles wiſſen. Angeés fuhr fort: Noch kein Jahr war das Kind bei uns in heimlicher Pflege, und mein einziges Glück, meine liebſte Zerſtreuung; ſein Lächeln war Bal⸗ ſam auf mein trauerndes Herz, da ich mich von Leonardus treulos verlaſſen glaubte, da kam die neue Bekanntſchaft, mit ihr mein Un⸗ glück. Von allen Seiten wurde ich beſtürmt, ich willigte endlich ein, doch nur unter der Bedingung, daß ich nicht von dem Kinde mich trennen müſſe. Meine Mutter fragte brieflich an, ſchilderte alles treu⸗ — — 186— lich, doch theilte ſie der Prinzeſſin nur mit, daß ich mich verheirathen würde und feſt entſchloſſen ſei, das Kind als mein eigenes mit mir zu nehmen— und ſo willigte dieſe denn ein, ſandte reiche Geſchenke und eine nicht unbedeutende Geldſumme zur Verpflegung des Kin⸗ des und Beſtreitung aller ſeiner Bedürfniſſe. Oh, ſie hat mir auch nicht wenige Sorge gemacht, die kleine liebe Sophie, ſie hat zweimal an Kinderkrankheiten darniedergelegen, doch mein brünſtiges Gebet für ihre Erhaltung wurde erhört, auch aus der größten Noth half Gottes allmächtige Hand, der ich nun hier in ſtiller Demuth vertraue, und hoffe, daß er das Kind und mich wieder glücklich nach der Heimath führen und geleiten werde. Dann werden Sie, beſte Frau Windt, ſchloß Angés mit lieblichem Lächeln: die lange getragene Doppellaſt los. Sie waren und ſind mir in Wahrheit keine Laſt, gute Angés! verſetzte Frau Windt. Bleiben Sie bei Ihrem Gottvertrauen, denn Gottes Rath iſt wunderbarlich und führet es herrlich hinaus. 2. Rey en roer. Der unerſchrockene und muthvolle Schirmvogt des Kaſtells und der Herrlichkeit Doorwerth ritt, von Arnhem zurückkehrend, eben durch die Allee und in das Schloß ein, als von der entgegengeſetzten Seite aus einem Schiffe, das den Rhein herabgekommen war, ein bunter Haufe Soldatenvolkes ſich nach dem Kaſtell zu bewegte; es mochte dieſer Haufe über hundert Mann ſtark ſein, und es war nicht zu unterſcheiden, unter welchen Fahnen dieſes Volk ſtand und wem es diente; es waren rothe, blaue, grüne und andere Uniformen und Monturen, und deren Träger offenbar engliſche, franzöſiſche, nieder⸗ ländiſche und wohl auch deutſche Soldaten, die ſich, wie es ſchien, zu⸗ ſammengethan hatten, um gänzlich unbekümmert um den Krieg, den die Nationen, welchen ſie angehörten, mit einander führten, auf eigene Fauſt einen kleinen Plünderungskrieg gegen die Habe der Landleute in dieſen Gegenden zu führen, und ſtark genug, ſelbſt wohlbewaffnet — 168 genug, ſogar ein herrſchaftliches Schloß anzugreifen, an welchen Schlöſſern dieſer geldern'ſche und utrecht'ſche Landſtrich außerordentlich reich iſt. Als dieſer Haufe in wilder Unordnung, unter Geſchrei und lautem Streit, nebſt eitel unnützem Lärm, zu dem ſich wohl auch das Los⸗ feuern eines Gewehres geſellte, ſich dem Kaſtell näherte, gab ſogleich der Wächter auf dem Thurme ein Nothzeichen mit der Sturmglocke, das in dem Augenblick ertönte, als Windt ſich eben aus dem Sattel ſchwang. Raſch flog ſein Blick zum Thurm hinauf und der Wächter ſchrie vom Thurme herunter durch ſein Sprachrohr: Marodeurs! Moeskoppers! Zoldaats, van den Rhin! Zum Donner mit den Teufeln! ſchrie Windt, die kleine Pforte auf und gleich hinter mir wieder feſt zugeſchloſſen! Vorwärts!— Und ſeinen zwei Dienern, auf die er ſich verlaſſen konnte, winkend, ſchritt Windt, ohne ſich um Anderes zu bekümmern, durch das ſchnell geöff⸗ nete heimliche Rheinpförtchen, deſſen ſchwere Riegel hinter ihm zuklirrten. Drei Männer voll entſchloſſenen Muthes wollten ſich einem wüſten Haufen von einem vollen Hundert entgegenſtellen. Aber die gemeſſenen Pulſe der Sturmglocke hallten über die ſtille flache Gegend hin, und ihr hülferufender Schall drang bis Helſum und Renkom, ja bis Wolf⸗ heeſe und Ooſterbeck. Windt ſtand ruhig in ernſter, ſtrenger, ſtolzer Haltung, die Hand am krummen Säbel, geladene Doppelpiſtolen im Gurt; ſeine Begleiter waren auf ähnliche Weiſe bewaffnet; Entſchloſſen⸗ heit blitzte aus jedem Blick der Männer. Der Haufe kam näher, immer näher, nichts als Galgengeſichter, Auswurf der Armeen, Aus⸗ reißer, Sträflinge, denen gelungen war, den Latten und Ketten zu entlaufen, den Spießruthen ſich zu entziehen. Achtung! Halt! Was ſoll's? donnerte Windt die Rotte an. Eſſen! Trinken! Quartier! war die Antwort. Hier iſt kein Quartier! Kann einer von euch leſen, ihr Helden? Hier iſt die Sauvegarde des Herzogs von York! Gelächter und Geſpött war die Antwort. Eine papierene Sauve⸗ garde! Schafft uns gleich Brod und Branntwein! Laßt uns ohne Widerſtand in das Kaſtell, Herr General oder Maire, oder Platzcom⸗ mandant, was Ihr immer ſein mögt. Achtung! commandirte Windt. Linksum! Abſchwenken, grad aus! — 188— Der Naſe nach! Dort iſt die Schenke! und damit deutete er auf ein Haus, das von Gärten und Buſchwerk umgeben war. Einem über⸗ mäßig hohen dicken Strohdach, das an einigen Stellen das Sparren⸗ werk in etwas zuſammengedrückt und folglich hie und da eine ſchiefe Stellung eingenommen hatte, deſſen Firſt mit dichten Moospolſtern übergrünt war, aus denen ſich zahlreiche rothe Blüthenſtengel der Hauswurz erhoben, entragte ein ſchadhafter ſteinerner rieſiger Schorn⸗ ſtein. Das Gebäude ſelbſt war ſteinern und alt, die dicken Mauern waren mit ſich ſelbſt in mancherlei Zwieſpalt gerathen; hie und da ſchien es, als ſeien vor undenklichen Zeiten Breſchen in das Gemäuer geſchoſſen worden, zu denen ſich nie eine ausbeſſernde Hand gefunden hatte. Eine Thüre reichte faſt bis unter das Dach, eine andere war im Bogen gewölbt, klein und niedrig. Ein einziges, aber ſehr großes Fenſter mit trüben Scheiben erleuchtete die geräumige und einzige Stube des Krugs; zwiſchen dem Strohdach ſtarrten einige ſchwarze Lucken, wie ſchlaftrunkene, halbgeſchloſſene Augen. Wohnlich ſah es nicht aus, reinlich ſah es nicht aus, und ſchön ſah es gar nicht aus, dieſes Haus mit ſeiner Umgebung, welche völlig derjenigen glich, die auf Rembrandt's Rattenfünger dargeſtellt iſt. Es war der Typus der meiſten Landhäuſer in dieſem Gebiete. Dorthin lenkte Windt den Schritt der Gäſte und gebot dem Schenkwirth, ihnen Brod und Branntwein und was ſonſt vorräthig ſei, verabſolgen zu laſſen, indem er ihm einen bedeutſamen Wink gab. Der hungrige Haufe fiel über die aufgetragenen Nahrungsmittel her, und in ganz kurzer Zeit ver⸗ ſchwanden zahlloſe Häringe, Käſe, Aepfel, Birnen, Zwiebeln, Rettige, Rüben, Brode und was irgend Eßbares ſich vorfand; inzwiſchen aber marſchirte aus Helſum und aus Renkom und aus Wolfsheeſe je ein Trupp gut bewaffneter Schützen im Eilſchritt nach Doorwerth zu. Windt hatte ſich zu den Schnapphähnen geſetzt, aß und trank auch, fragte Dieſes und Jenes, ließ ſich erzählen, und hörte mit großer Ge⸗ duld die Aufſchneidereien der Marodeurs an, unter denen ſich beſonders ein fadenſcheinig gekleideter, hagerer Franzoſe hervorthat, der mit ſeinem Mundwerk ſtets voran war. Dieſer war auch der, welcher mit ſeiner Sättigung zuerſt fertig wurde, aufſprang und bramarbaſirend ausrief: vive Monsieur le Maire! Vive le Général! Nun gut Quartier in die Schloß für die brav Einquartier! — 189— Windt hatte einigemal durch das Fenſter geblickt und geſehen, was er ſehen wollte. Die ganze Mannſchaft des Kaſtells hatte ſich mit der des Dorfes vereinigt, war bewaffnet über die Zugbrücke gegangen und machte in ziemlicher Nähe Front gegen die Schenke. Ich will euch mairen, ihr Canaillen! Beim Teufel ſollt ihr Quar⸗ tier finden, aber nicht hier! ſchrie Windt, warf Geld zur Bezahlung ſeiner Zeche auf den Tiſch, nahm in jede Hand eine ſeiner lütticher Doppelläufer, ließ die Hähne knacken und herrſchte dem Geſindel zu: Allons enfants pertues de la patrie! Bezahlt, oder beim Satan! Ihr ſollt, wie die Holländer, die Suppe nach der Mahlzeit auslöffeln, die Prügelſuppe nämlich! * Hu, was machten die ungeladenen Gäſte da für Augen! Flüche, Zorn⸗ und Drohworte ſchrecklicher Art, Waffengeraſſel, Toben, Geſchrei— dennoch wagte keiner von allen dieſen Helden, den Arm gegen Windt zu erheben, denn furchtbar blitzten die vier kleinen dunkeln Augen auf Alle zugleich, die Mündungen der Piſtolen— und gar nicht lange dauerte der Lärm, als er plötzlich von ſtarkem Trommelſchall unter⸗ brochen ward— draußen Gewehrkolben am Boden klirrten, Befehlshaber⸗ ſtimmen laut wurden und Bajonette blitzten. Jetzt ging es wie vom Wirbelwinde gefegt zur Stube hinaus; Einige ſuchten ſich im Hauſe zu verkriechen, Andere traten in das Freie und ſuchten das Haſenpanier zu ergreifen, aber überall war der Weg verſtellt, und aus jedem Munde der Führer ſcholl der Zuruf: Streckt die Waffen! Ergebt euch! Einige riefen auch in der That angſtvoll: Pardon! Pardon! und warfen die Waffen von ſich, die Wildeſten und Tapferſten aber nicht; der oben bezeichnete Franzoſe verzerrte ſein Geſicht zu verzweiflungs⸗ voller Wildheit und ſchrie ſeinen Gefährten zu: Seht ihr nicht, daß es nur eine Handvoll Bauernlümmel ſind? Und ihr ausgediente Soldaten, wollt ihr euch in's Bockshorn jagen laſſen? Achtung! Stellt euch! Schließt ein Quarrée! Der Muth erwachte, wie er in Herzen zügelloſer Banden erwachen kann, die Alles zu gewinnen und Nichts zu verlieren haben, und wenn dieſer Haufe, gereizt wie er war, durch hitziges Getränk angefeuert, und aus angreifenden angegriffene und zur Nothwehr getriebene — bo— Männern werdend, ſich ernſtlich zur Wehre ſetzte, ſo ſtand, wenn auch keine Niederlage, doch ernſtliche Gefahr für Windt's Perſon, wie für das Häuflein ſeiner Getreuen in Ausſicht; allein es ſollte ſchnell und überraſchend anders kommen. Galoppſchlag von Roſſeshufen, Söbelgeraſſel, wehende Fähnlein, Trompetengeſchmetter— ſechzig Uhlanen und berittene Jäger(Chaſ⸗ ſeurs) vom Corps de Rhoon, an ihrer Spitze Graf Ludwig und Leonardus, ſprengten auf den kleinen Schauplatz überraſchend heran; die Säbel flogen aus den Scheiden— da fiel kein Schuß, im Nu war der Marodeurhaufe umritten, im Nu ſtreckte er die Waffen und bat um Pardon. Das war nur ein Vortrab; es folgte eine ſtarke Schaar niederländiſche Gardereiterei unter einem Escadronchef, an der Zahl 237 Mann aus der Elite der Armee. O weh, wie wurde da dem marodirenden Geſindel! Hinter den Gardereitern vom Regimente Oranien kamen eine Menge Staabsoffiziere hohen und höchſten Ranges geritten, blitzend in der Pracht des Schmuckes und der Waffen, die Bruſt manches Einzelnen von Sternen und Orden ſtrahlend. Windt ſelbſt war ganz voll Erſtaunen; er ließ ſein kleines Commando ſchnell alle wohl eingeübten und üblichen ſoldatiſchen Ehrenbezeugungen machen; da ſprengte der Erbherr an ihn heran und rief: Bravo, beſter Windt! Bravo! Ich bringe Ihnen leider viele Einquartierung— allein Noth lehrt beten! Thun Sie, was Ihnen möglich iſt! Beſorgen Sie uns einen Stegreifimbis, wie Sie's eben haben! Im Kriege nimmt man's nicht genau; man hat nicht Zeit für Etikette, oft kaum für Toilette! Seine Hoheit der Erbſtatthalter und ſeine beiden Söhne, der Erbprinz und Prinz Friedrich folgen uns auf dem Fuße, mit ihnen ein Prinz von Condé, Prinz Ernſt Auguſt von Großbritannien, Herzog von Cumberland, der Prinz von Solens und Andere. Ich ſinke in die Erde, gnädigſter Herr Graf! rief Windt er⸗ ſchrocken. Oh, verſetzte lachend der Erbherr: das wäre in dieſem hieſigen Boden gar keine Kunſt, lieber Windt! Nein, bleiben Sie, wie bis⸗ her, auf feſtem Boden! Erſchrecken Sie nur nicht zu ſehr; wir blei⸗ ben nicht Alle— aber eine gute Beſatzung laſſen wir Ihnen im Kaſtell; den Obriſt der Gardereiter mit ſeinen Adjutanten, Bedienten und vuch für und lein, haſ⸗ und an; war bat haar Zahl dem ente nges die indt hnell chenz indt! Noth uns nans lette! prinz ßrinz oon er⸗ ſgen hiö⸗ hlei⸗ ſtell; und Wagen, nebſt fünfundzwanzig Pferden, auch Ludwig und Leonardus mögen hier bleiben! Das Hauptquartier kommt nach Arnhem, wir müſſen von unſern Leuten etwas in die Herrlichkeit legen; ich kann doch mein eigenes Corps als Beſitzer dieſer Güter nicht in die Sümpfe betten! Das Kaſtell muß jetzt, es geht nicht anders, denn ich gab mein Wort, wenigſtens verwundete Offiziere aufnehmen. Ehe noch Windt Etwas erwiedern konnte, grüßten alle in Reih und Glied ſtehenden und zu Roß haltenden Truppen militäriſch, bließen die Trompeter, füllte ein donnerndes„Oranien boven!“ um das andere die Luft, und es ritten der Herzog von York, der Prinz Statthalter und die vorhin von dem Erbherrn bereits genannten Prinzen heran, denen noch die Generale Harcourt, For und Walmoden folgten. Das bunte Gewimmel, das ſich auf den Wieſenteppichen und in den Alleen mehr und mehr um Schloß Doorwerth entfaltete, bot ein anziehendes Vild, und Frau Windt, Angés und die kleine Sophie, die der Schall der Trompeten aus ihren Zimmern gelockt, ſchauten mit Luſt, in die ſich ein gewiſſes Bangen miſchte, von einer gedeckten Baſtei herab. Hinter den Prinzen und der hohen Generalität folgte die Legion Rohan, welche unter dem Befehle des Herzogs von Condé ſtand, und an dieſe ſchloß ſich der Reſt des fliegenden Corps leichter Reiter, Jäger von Rhoon an, welches der Erbherr gebildet hatte und als Chef führte, deſſen Namen es trug und bei welchem Graf Ludwig und Leonardus als Hauptleute ſtanden. Großes und Wichtiges drängte ſich in gleichem Maße wie die Fülle hier verſammelter bedeutender Perſönlichkeiten in die Macht des Augenblickes zuſammen. Windt wurde als Commandant des Kaſtells mit belobenden Worten flüchtig vorgeſtellt und auf ſeine Anfrage, was es mit den Gefangenen werden ſolle, antwortete der Erbherr: Die wollen wir nicht auch noch füttern! Er gab Befehl, daß Ludwig und Leonardus ſie mit einigen Reitern nach dem Strome mit Zurücklaſſung aller ihrer Waffen geleiten ſollten, wobei freigeſtellt blieb, ihnen ſammt und ſonders auf fühlbare Art die Wiederkehr zu ähnlicher Mahlzeit zu verleiden. Der Abtheilung, welche die Marodeurs nach ihrem Schiffe eskortirte, ſchloß auch Philipp ſich an, der ſich im Felddienſte zu einer ungemein kräftigen Natur entwickelt hatte und — guten Takt nebſt einer ſtets zum Dreinſchlagen bereiten Herzhaſ⸗ tigkeit an Tag legte. Philipp ſah ſich mit ſcharfem Blicke die Mannen an, die voll Aerger, verbiſſener Wuth und in tiefem Schweigen von den Kriegern umringt ihres Weges gingen, und heftete feſt und anhaltend ſeine Blicke auf jenen Sprecher und Schreier, der kurz zuvor eine Art Häuptling der nichtsnutzen Bande geſpielt. Einmal drückte er ſein Pferd ſo nahe an dieſen Geſellen heran, daß derſelbe unwillig in ſeiner Mutterſprache laut wurde. Ha Kiebitz, dich kenn' ich! dachte Philipp und ließ den Marodeur nicht mehr aus den Augen. Am Rheinufer, wo das Schiff in nächſtmöglicher Nähe von Door⸗ werth anhielt, gab es nun eine nicht eben äſthetiſche Scene, vielmehr gab es viele und ſehr bedeutende Prügel und flache Klingenhiebe von Seiten der Reiter auf die Marodeurs als Valet und Angedenken, während deſſen Philipp von ſeinem Braunen ſprang, dieſen dem Reit⸗ knecht von Leonardus zu halten gab und ſich dicht an den Franzoſen drängte, auch denſelben bis hart an den ziemlich hohen und vom Waſſer ſchroff abgeſpühlten Uferbord folgte und ihn ſchützte, als einer der Kameraden auch auf dieſen losfuchteln wollte. Als aber der Franzoſe ſo eben im Begriffe war, ſeinen Fuß nach dem Schiffe zu lenken, ergriff Philipp ihn mit ſtarker Hand am Kragen, riß ihn zurück, ſchüttelte ihn derb und tüchtig und rief ihm ſpöttiſch zu: Bürger, wenn ich nicht irre, ſo dürſtet Euch wieder? He? Und ſcht ſo ſchmutzig aus, Bürger! Habet lange kein Bad genommen! Nehmet man jarſt diar jahn üp!— und mit einem gewaltigen Griff, gegen den kein Sträuben half, nahm Philipp den Franzoſen, hob ihn auf beiden Armen hoch in der Schwebe und gab ihm einen Schwung, daß er einen Burzelbaum in der Luft ſchlug und Kopfüber hinab in den Rhein ſchoß, zur großen Ergötzlichkeit derer, die es ſahen. Philipp! Philipp! biſt du toll! zürnte Graf Ludwig, der zu ſpät dieſe That gewahrte, aber Philipp entgegnete ganz pflegmatiſch und wie in gutem Recht: Halten zu Gnaden, gnädiger Herr Hauptmann, das war der verdammte„Ueppaſſer“ von Paris— hat lange nicht kalt gebadet, der Kerl!— Dort nach dem jenſeitigen Ufer hinüber ſah man den Franzoſen ſchwimmen wie einen Froſch; mit Noth gewann er den halb in das Waſſer geſunkenen Stamm einer alten Weide, an den er ſich hielt, ſeine Rettung abzuwarten, denn auch das Ufer der linken Seite war jetzt, bei niedrigem Waſſerſtand, zu tief, als daß es an dieſer Stelle zu erklimmen geweſen wäre, und mit wüthender Grimaſſe drohte er herüber. Windt entließ mit freundlichem Danke ſeine Hülfsmannſchaften, nicht ohne Anweiſung, ſich auf ſeine Koſten für ihren raſchen Zuzug gütlich zu thun; der größere Theil der Fürſten und der hohen Ge⸗ neralität ſetzte ſogleich ihren Weg nach der nahen Stadt fort, wo Alles zu ihrem Empfange bereit war, und der Erbherr führte, indem er einen Theil der Truppen Jenen zu folgen, einen anderen zum Ver⸗ weilen beorderte, ſeine hohen und erlauchten Gäſte in das Kaſtell ein, das er nun als ſein Eigenthum vorläufig anſah. Windt war vorausgeeilt und bot im Schloſſe alle Kräfte auf, das Mögliche zu thun, was zu leiſten war, damit die kleine Bewirthung, zu welcher der Erbherr mehrere ſeiner hohen Gönner und Freunde eingeladen, doch einigermaßen eine Art habe, und es fehlte auch keineswegs an Eß⸗ und Trinkmitteln, noch an helfenden Händen; die Kamine eines kleinen Saales waren ſchnell geheizt, ganze Batterien von Flaſchen berühmter Weine raſch aus den Tiefen, in denen ſie ruhten, an das freundliche Licht des Tages gefördert, und es boten ſich weſtphäliſche Schinken, hannoverſche Würſte, holländiſche Käſe, marinirte Fiſche, hamburger Rauchfleiſch und dergleichen gediegene Waaren in genügender Fülle zur Auswahl der Gäſte dar, die mit ſoldatiſchem Muth mör⸗ derlich einzuhauen und das edle Blut der Reben zu vergießen begannen. Das heiß ich Rep und Ruhr! rief Windt voll Haſt und Unruhe ſeiner Frau zu, als er ihr und Angés den Beſuch mit kurzen Worten meldete und die Mithülfe beider Frauen im Beſchicken des nöthigen Tiſchzeuges erbat— ja Rep und Ruhr, eine Redensart, die nur der holländiſchen Sprache eigen iſt und ſo viel bedeutet, wie das deutſche: Alles durcheinander wie Kraut und Rüben. Indeſſen dergleichen geht auch vorüber; es währte gar nicht lange, ſo war Alles im beſten Zuge; die hohen Herren tafelten vergnügt, manche unterhielten ſich ſehr lebhaft, andere ſtiller und zu den Letzteren gehörten der Erbprinz der Niederlande und einer der fremden Prinzen, eine jugendlich ſchöne Geſtalt, zarter gebaut, wie ſein fürſtlicher Freund, blond, herrliche Blauaugen, deren Strahl nur Liebenswür⸗ . 1³ digkeit verkündete. Dieſe beiden jungen Herren hatten ſich ein wenig abgeſondert, ohne daß es auffiel, und ihr Geſpräch galt nicht dem belagerten Nimwegen, nicht dem Hauptquartier, nicht den Armeen— es galt nur einem kleinen Kinde. Deine beiden Günſtlinge vermiſſe ich, den Grafen und den Kauf⸗ mann, die Hauptleute beim reitenden Jägercorps Rhvon— ſprach der fremde Prinz. Wo die ſind, kann ich mir wohl denken, mein theurer Henri! entgegnete der Prinz Statthalter, und du ſollſt ſie ſehen, doch glaube ich, dir ungleich Anziehenderes im Kaſtell Doorwerth, dem Beſitzthum meines theueren Freundes ſdes Grafen von Rhoon und Pendrecht, zeigen zu können. Hier? Und mir? Wie ſo, Oranien? Erinnere dich einmal, mein theuerſter Henri, entgegnete der Erbprinz: jener ſchönen und unvergeßlichen Stunde, in der wir den Bund unſerer Herzen ſchloſſen, voll jugendlicher Träume, die wir ja hoffentlich noch nicht ganz ausgeträumt haben. Ich geſtand dir meine Liebe zu meiner angebeteten Louiſe der Tochter des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten zu Preußen, deren hochbeglückter Mann ich dann — zur unausſprechlichen Freude meiner Mutter wurde, welche Louiſe wie eine leibliche Tochter liebt. Du geſtandeſt mir deine Liebe, über welche Zeit und Verhältniſſe dich zwangen, den Schleier des Geheim⸗ niſſes zu decken. Du geſtandeſt mir Alles, denn jedes Menſchenherz hat den Drang, in irgend ein Herz ſein Geheimniß nieder zu legen, irgend einer treuen Bruſt zu vertrauen, und der Lohn deines Ver⸗ trauens ſoll dir heute noch, in dieſer Stunde noch die ſüßeſte Frucht tragen. Ich verſtehe dich kaum, begreife dich nicht, Guillaume, ſprach der Prinz, hoch erröthend und mit ahnungsbangem Herzklopfen. Höre mich, und du wirſt mich gleich begreifen! flüſterte Jener weiter. In Anmſterdam traf ich im letzten Frühjahre im Zirkel eines reichen Kaufmannes eine junge ſehr hübſche Frau und bei dieſer ein engel⸗ ſchönes Kind. Es gab leider zu meinem Leidweſen über gewiſſe Fa⸗ milienverhältniſſe und ſich kreuzende Intereſſen eine Scene, bei welcher jene hübſche Frau von einer Ohnmacht befallen wurde. Während man 195 ſich mit ihr beſchäftigte, ſuchte ich, von einem wunderbaren Gefühle getrieben, das erſchrockene Kind zu beſchäftigen, die kleine Sophie Charlotte. Sophie Charlotte, ſagſt du? fuhr der Prinz auf. Nicht anders, und der Zufall ließ mich die in des Kindes linken Arm eingeätzten drei Buchſtaben entdecken, die dir bekannt ſind und deren du gegen mich Erwähnung gethan haſt. Nicht möglich, nicht glaubhaft! Mein Kind— und in Anmſterdam! Es iſt ja ganz undenkbar! Wenn du das Kind ſehen wirſt, wird jeder Zweifel von dir ab⸗ fallen, mein Henri, wie Schuppen von den Augen, denn es gleicht dir auf wunderbare Weiſe. Sehen? Ich! Es ſehen! O Gott, wie wäre dies möglich! Wir können uns Beide jetzt in Amſterdam nicht ſehen laſſen! Leider! verſetzte der Erbprinz. Zum Danke dafür, daß mein Vater und ich Holland mit Gut und Blut gegen Frankreich ſchützen und vertheidigen, verbannt es uns und will nichts von uns wiſſen. Das laß immer geſchehen, warf der Prinz ein. Das ſind wandelbare Geſchicke, deshalb wirſt du doch noch Statthalter der Nie⸗ derlande, ja wohl noch in einer beſſeren Zeit, wenn die wahre Freiheit und die rechte Vernunft zur Geltung kommen, König! Aber ſprich, Guillaume, ſprich von meinem lieben Kinde! Angés— du kennſt ganz ſicher den Namen von Sophiens treuer Pflegerin— hatte, wie ſie gelobt, das Kind nie von ſich gelaſſen. Sie hatte ſich, wie ich ſpäter von ihrem Freunde und treuen Anbeter Leonardus van der Valck erfuhr, nach le Mans in der Vendée ver⸗ heirathet; dort entwich ſie den Mißhandlungen ihres eiferſüchtigen Mannes unter Leonardus Schutz und kam nach Amſterdam. Es folgte ein Zerwürfniß des Leonardus mit ſeinem Vater; ein inniges Freund⸗ ſchaftsbündniß feſſelte Leonardus an den jungen Grafen, den Vetter meines wackeren Rhoonz an dieſem hängt mit voller Seele und Hin⸗ gebung der biederherzige Commandant und Verweſer dieſes Kaſtells und der Letztere erſchloß den Flüchtlingen Leonardus und Angs's Door⸗ werth als ein Aſyl, da an eine Weiterreiſe in Angés' Heimath, welche Erſtere mit dem Kinde beabſichtigt, unter den jetzigen Umſtänden nicht zu denken iſt. 13* — Dem franzöſiſchen Prinzen war, als ob er träume. Wunderſameres konnte nicht geſchehen, als daß er hier, mitten im Lärm der Waffen, das theuere Pfand ſeiner ſchönen, zärtlichen Liebe wiederfinden ſollte. Ludwig und Leonardus ſaßen bei Angös und Sophie, Vieles gab es zu fragen, zu erzählen und mitzutheilen, die kurze Stunde, welche dieſem Wiederſehen vielleicht nur vergönnt war, mußte genutzt werden zu raſcher gegenſeitiger Mittheilung. Da blickte Windt in das Zimmer und winkte Ludwig auf einen Augenblick hinaus. Gleich darauf traten zur größten Ueberraſchung von Leonardus der Erbprinz von Oranien und der franzöſiſche Prinz einz verwirrt erhoben er und Anges ſich von ihren Stühlen. Verzeihung, daß wir Sie ſtören! ſprach der Erbprinz, und gegen ſeinen Freund gewendet, auf Leonardus deutend: dies iſt Hauptmann van der Valck, ihm danken Eure königliche Hoheit es, dieſe Ihnen bekannte Dame hier zu finden und ich empfehle den wackern Mann zu höchſten Gnaden. Sie aber, lieber Hauptmann, erſuche ich, dieſen Herrn einige Augenblicke bei der Dame und dieſem Kinde zu laſſen. Ich gebe Ihnen mein Chrenwort, daß in keiner Weiſe hier etwas zu befürchten iſt.. Leonardus war höchlich überraſcht, Angés nicht minder. Sie hatte ja den fremden Prinzen noch nicht geſehen, und obſchon beim Anblick ſeiner Züge eine Ahnung in ihr aufſtieg, wußte ſie doch kaum, ob ſie dieſer eine Bedeutung beilegen ſollte. Leonardus grüßte ſoldatiſch den Prinzen und folgte ganz unbedenk⸗ lich der Weiſung des Erbprinzen, indem er mit dieſem das Zimmer verließ. Sie ſind Angös Daniels, und dieſes Kind? fragte der Prinz in Verwirrung. Angés antwortete nur durch eine ſtumme Verbeugung, aber wie die Kleine mit dem holdſeligſten Lächeln und ganz unbefangen ihre dun⸗ keln Augen aufſchlug zu dem ſtattlichen jungen Mann, der im vollen Schmuck des Kriegers ſchlank und edel da ſtand und nach Worten, nach einem Ausdruck der Gefühle rang, da war der ſtumme Augen⸗ plick zu heilig, als daß ein irdiſcher Laut ihn hätte entweihen dürfen. 1 — Angés beugte ſich zu dem Kind nieder, ſchlug den Aermel des Kleidchens empor und der Prinz kniete hin vor ſein Kind, küßte die Buchſtaben und küßte Sophie, ja er überſtrömte ſie mit Küſ⸗ ſen und Freudenthränen und endlich rief er erſchüttert und voll innigſter Sehnſucht der Liebe aus: O, Charlotte! meine angebetete Charlotte! Daß du bei mir wärſt, mit mir dieſen wonneſeligen Augen⸗ blick zu feiern! O, meine Sophie! Meine himmliſche Sophie! Sie ſind mein Vater? fragte das Kind mit dem vollen Wohlklang ſeiner Stimme. Ich weiß es, daß Sie mein Vater ſind. Und wer ſagte dir dies, mein liebes, mein theures Kind? Weil der Vater ſein Kind küßt, antwortete die Kleine. Mich hat noch kein Vater küſſen dürfen, meine Angés litt es nicht. Sie ſagte oft: einſt wird Ihr Vater kommen, liebe Sophie, und wird Sie küſſend in ſeine Arme ſchließen, und Sie werden eine große Freude empfinden. Ich empfinde jetzt dieſe Freude, und ſie ſagt mir, daß Sie mein Vater ſind. Der Prinz war entzückt über den Geiſt, mit dem ſein Kind ſich ausdrückte, wie darüber, daſſelbe auch körperlich ſo ſchön ausgebildet zu finden, ſo daß Sophie in der That für ein Jahr älter angeſehen werden konnte, äls ſie wirklich war; er wiederholte ſeine innig zärt⸗ lichen Liebkoſungen, welche das Kind, von Sympathie durchglüht, von der Allmachtſtimme der Natur geleitet, in gleicher Zärtlichkeit erwiederte. Angés ließ Beide lange im ungeſtörten Genuß dieſes überaus reinen und beſeligenden Glückes, und erſt als der Prinz an das Scheiden denken mußte, wagte ſie die Frage: Königliche Hoheit haben ohne Zweifel Nachricht von Ihrer Hoheit, der Prinzeſſin? Es geht Charlotten gut, erwiederte der Prinz: doch hat ſie mäch⸗ tige Sehnſucht nach dem Kinde, da Ihr Aufenthalt ihr unbekannt iſt. O, eilen Sie, eilen Sie nach jenem Lande, hinweg aus dieſem von Sden Gefahren des Krieges rings und mehr als je umdrohten Zufluchts⸗ brt! Ich ſorge für Alles; nehmen Sie eine Dienerin an, der bequemſte Reiſewagen ſoll zu Ihrer Verfügung geſtellt ſein, eine Escorte meines Regiments ſoll Sie ſicher durch die Armee den Rhein hinauf geleiten, und in einem ruhigeren unbedrohten Lande und in der Nähe der herr⸗ lichen Mutter dieſes Kindes, nicht allzufern von Ihrer eigenen Mut⸗ ter, ſollen Sie ein ſchönes Aſyl finden und allen Dank der Liebe 108— ernten, den Ihre aufopfernde Treue verdient. Und ich ſelbſt werde Sie Beide geleiten, ſo weit es mir irgend möglich iſt.— Alles Gold, was der Prinz bei ſich trug, vertheilte er an Sophie und an Angés; jubelnd empfing das Kind die blanken Bilder vieler ge⸗ harniſchter Ritter, nagelneu aus der Münze zu Amſterdam hervorge⸗ gangen, als angenehmes Spielzeug. Angés fand keine Gründe, das Erbieten des Prinzen zurückzuweiſen, daſſelbe kam ihren Wünſchen ganz entgegen, denn nach der Heimath, der ſchönen, gemüthvollen, geliebten deutſchen Heimath ſehnte ſich ihr ganzes Herz. Die Kriegshelden hatten mittlerweile den gegen ſie durch Windt aufgefahrenen Flaſchen⸗Batterien ſehr bedeutende Niederlagen beigebracht. Die meiſten der Geſchoſſe waren vorläufig völlig unbrauchbar gemacht und viele inſofern vernagelt worden, als ihr Inhal bis zur Nagelprobe ausgeleert war, ſo daß es ganz unmöglich war, aus ihnen in dem Zuſtande, in welchem ſie ſich gegenwärtig befanden, noch einmal Feuer zu geben. Windt hatte ſich glänzend bewährt, auch in dieſen Stücken, und allerſeits ward ihm das freudige Anerkenntniß, daß er zum Siege des heutigen Tages das Meiſte, ja eigentlich Alles, beigetragen habe. Er empfing daher das volle Lob nicht nur eines, ſondern aller Chefs, die hier verſammelt waren, und wenn er weder an dieſem Tage, wie auch an keinem ſonſtigen einen Orden empfing, ſo fehlte es doch nicht an Ordres, lauten und geheimen, und er konnte ſeelenvergnügt und aufathmend ſeine drei Kreuze ſchlagen, als der letzte der fürſtlichen und prinzlichen Gäſte aus dem Thor des Kaſtells geritten und über die Zugbrücke hinüber war. Es war angeordnet, daß eine bedeutende Schutzmannſchaft im Kaſtell Doorwerth verbleibe, welcher aus guten und freundlichen Grün⸗ den der Erbherr auch einen Theil ſeiner Leute zugeſellte und ſie unter die Befehle von Ludwig und Leonardus ſtellte. Dieſen Freunden ſtand nach dem, was vorgegangen war, die Trennung von Angés aufs Neue, ja vielleicht auf immer bevor, wenn nicht Angés die Nachrichten em⸗ pfing, auf die ſie hoffte, oder ihre Liebe zu Leonardus ſo mächtig war, daß ſie jedes Hinderniß ohne Rückſicht brach. Jener Prinz, Sophiens krlauchter Vater, dem Alles daran gelegen war, ſein Kind zu ſichern und daſſelbe vom bedrohlichen Schauplatz des Krieges zu entfernen, führte für die drei in Liebe und Freund⸗ 199 ſchaft verbundene Herzen die einmal unausſprechliche Trennung raſch herbei, und Alles, was den Freunden vergönnt blieb, war, die ſcheidende Angös auf ihrer Reiſe mit dem Kinde über den Rhein hinüber zu be⸗ gleiten, welche Reiſe ſich von Arnhem über Emmerich und Weſel nach Düſſeldorf lenkte, und zwar ſo weit zu begleiten, als noch irgend eine Gefahr zu drohen ſchien. Dann reiſte Angös mit Sophie, auch für den Weiterweg in den Schutz erprobt tapferer Krieger aus der Legion Rohan geſtellt, völlig ungefährdet weiter, bis endlich nach langer Fahrt ein ſtilles Gebirgsdörfchen des Schwarzwaldes ſie in ſeinen Friedens⸗ ſchvos aufnahm, in dem jetzt keines Kriegers Waffe, ſondern nur zur Sommerzeit der Mäher Senſe über den duftausſtrömenden Waldes⸗ wieſen blinkte, und kein anderer Schuß fiel, als zu Zeiten der eines heiteren Weidgeſellen, der auf nichts weniger ausging, als auf Men⸗ ſchenmord. Angés hatte mit feſtem Sinn die Gluth ihrer Liebe zu Leonardus in ſich verſchloſſen; mit ſtarkem Frauenſinn hatte ſie ſich gelobt, ihrer Leidenſchaft, die ſie mit tauſend Sehnſuchtbanden in die Arme des geliebten Mannes zog, zu bewältigen, und ſie ging als Sie⸗ gerin aus dieſem Kampfe hervor, obſchon nicht ohne eine tiefſchmerzende Seelenwunde. Der Abſchied zerriß ihr Herz, und trübe Ahnungen durchſchauerten ihre Seele. Ein Briefwechſel wurde, als ſich von ſelbſt verſtehend, verabredet; Leonardus Briefe ſollten alle auf der Poſt zu Lahr liegen bleiben und von dort durch zuverläſſige Boten abge⸗ holt werden. Frau Windt empfing neben manchem ſchönen Andenken die Zu⸗ ſicherung nie erlöſchender Dankbarkeit. Sie vermißte ſchmerzlich die gute hülfreiche Angés, als ſie ſich nun, nach ihres Mannes Lieblings⸗ ausdruck, faſt fort und fort in„Rep und Ruhr“ befand. Dieſe Verwirrung nahm noch lange kein Ende; doch Windt hatte ſich nun ein⸗ gelebt in das bewegte kriegeriſche Leben, ritt oft mit den Freunden nach Arnhem, führte erbitterten Krieg gegen alles marodirende Ge⸗ ſindel, und hatte an Philipp dabei einen ſtets kampfluſtigen handfeſten Gehülfen. Unterdeſſen dauerten die Kämpfe fort; an der Wahl ſchlug man ſich mit der heftigſten Erbitterung, und der fortwährende Kano⸗ nendonner erſchütterte den Erdboden ſo heftig, daß ſich Windt's Tiſch zitternd bewegte, an dem er ſaß, an ſeine Gebieterin ſchrieb und ihr Bericht erſtattete. — 1 Nimwegen, die Feſtung Grave an der Maas, Thiel in der Betuwe(ſprich Betaue) an der Wahl, wurden zu gleicher Zeit bom⸗ 1 bardirt, Bommel war hart bedroht, faſt das ganze Reich von Nim⸗ wegen(Bezeichnung des Landſtrichs zwiſchen Wahl und Maas) ſtand in Flammen. Endlich gingen die Franzoſen zwiſchen Lent und Pan⸗ deeren unter ſtetem fürchterlichen Feuern und in einem dichten Nebel 3 über die Wahl, und verſuchten auf dem Bommeler Weerd zu landen. Ringsum und überall war das Land in offnem Kriege. 3. Der Spion. Da Windt das ihm anvertraute Kaſtell Doorwerth in ſicherem Schutz wußte und ihn verlangte, gewiſſere Nachrichten über den Stand der Dinge auf dem Kriegsſchauplatz einzuziehen, als ihm zukamen,. um ſeine eigenen Maßregeln danach zu nehmen, ſo forderte er ſeine 3 jungen Freunde Ludwig und Leonardus auf, mit ihm in Begleitung berittener Dienerſchaft einen Auskundſchafts⸗Ritt in die obere Betaue zu machen, welcher Vorſchlag Jenen nur willkommen war. Sie ritten längs des Rheines über das kleine Flüßchen, die Doorwerth, nach 3 Wageningen, wo Windt nicht unterließ, den Bürgermeiſter nach ſeinem 3 Ausdruck„zu bezahlen“, dafür, daß dieſer gleichſam über das Kaſtell verfügen zu wollen ſich erdreiſtet hatte; dann ſetzten ſie ihren Weg nach Rheenen fort, wo eine Fähre ſie an das linke Rheinufer brachte. Von da verfolgten die Reiter ihren Weg durch die unabſehbaren Wieſenfluren der Nieder⸗Betaue, welche aber bereits in die weiße Schlummerdecke des Winters eingehüllt waren, was den Ritt erleich⸗ terte, denn die Wege waren etwas hart gefroren, bis zum Flüßchen die Linge, über welches ſich eine ſteinerne Brücke ſpannte und bis zum Dorf Iſendvorn, ohnweit welchem die Wahl ihre langſame und trübe Flut wälzte. Längs der Wahl immer weſtwärts reitend, näherten ſich die Freunde mit Vorſicht der Stadt Thiel, und befragten hie und da begegnende Landleute nach den jüngſten Ereigniſſen, ohne jedoch wich⸗ tige Aufklärungen zu erhalten, denn das Landvolk zeigte ſich ſcheu 201— und furchtſam, mißtrauiſch und träge, und nahm um ſo weniger An⸗ theil daran, ob der Freund oder der Feind ſiege, weil es längſt die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Freund es unmöglich ſchlimmer mit ihm machen könne als der Feind, eine Ueberzeugung, welche Windt im vollen Maße theilte, denn, ſagte er, die Engliſchen und Holländiſchen nehmen, was ſie fiiden— und mehr als ſie finden, werden die Franzoſen auf keinen Fall nehmen können, dies iſt logiſch und unumſtößlich richtig. Die Freunde nahmen wahr, daß die Landleute, ſobald ſie des Reitertrupps anſichtig wurden, ſich, ſo ſchleunig es gehen wollte, hinter Hecken und Weidenbüſche verkrochen, in Gräben duckten, und ſich ſo eilig unſichtbar zu machen ſuchten, wie die Feldmäuſe, die hie und da noch aus ihren Löchern geſchlüpft, ihre letzte Nachernte hielten, worüber Windt, da auf dieſe Weiſe kaum Jemand ſeinen Fragen Stand hielt, ſich nicht wenig erzürnte. Die Reiter ſahen ſchon den mächtigen Kirch⸗ thurm von Thiel vor ſich aus der endloſen Ebene emporragen, und waren an eine Stelle gelangt, wo zwiſchen dem Dörfchen Oyen und Sandyk ſich mehrere Wege kreuzten, als Windt's ſcharfes Auge einen Menſchen gewahrte, den er ſchon einmal und zwar vor Kurzem ge⸗ ſehen zu haben glaubte, welcher Menſch eine blaue Bluſe trug und unter derſelben dunkel gefärbte Beinkleider; ein breitkrämpiger Bauern⸗ hut bedeckte ſeinen Kopf; dieſer Menſch hatte ſcharf nach den Reitern geſehen und duckte ſich jetzt hinter Erlen und Weiden nieder, die am ufer eines Grabens ſtanden. Wieder ſo ein verdammter Ausreißer! rief Windt.— Er hatte es aber noch nicht völlig ausgerufen, ſo galoppirte ſchon Philipp mit einer geſchickten Schwenkung ſo raſch um das Gebüſch herum, daß er jenem Menſchen in dem Augenblick den Weg verritt, als derſelbe in einen am Ufer befeſtigten Kahn ſpringen wollte. Der Flüchtling erſchrak, lief rechts, da kam ihm Ludwig, er lief wieder links, da kam ihm Leonardus mit lautem Anſchrei entgegen. Noch einmal rannte er nach dem Waſſer zurück, während er ein Piſtol zog und den Hahn ſpannte, aber Philipp ritt ſtracks auf ihn zu, und hätte ihn unfehlbar über den Haufen geritten, wenn er nicht in die Knie geſunken wäre und gerufen hätte: Mille pardon! mille pardon! während er die Waffe aus der Hand warf. — 202— Sieh, ſieh, Leonardus! Wiederum unſer Pariſer! rief Ludwig, und Leonardus erwiederte: Wahrhaftig, der Citoyen von der Seine⸗ terraſſe, der Ga ira-Mann von der Baluſtrade! Das Großmaul von neulich! Was zum Kukuk hat der Burſche hier zu thun? Der Waſſerſpringer! gab Philipp dazu. Ich kannt' ihn gleich von Weitem an ſeinen langen dünnen Schlenkerbeinen, gnädige Herren Hauptleute. Soll ich ihn in die Wahl ſchmeißen? Da hätte er die Wahl zwiſchen Seine und Rhein! lachte wort⸗ ſpielend Ludwig. Nein, bindet den Kerl und laßt uns ihn mitnehmen. Täuſcht mich nicht Alles, ſo erfahren wir von ihm mehr als von ir⸗ gend Jemand. Henkt ihn auf, dort an jene Weide! ſchrie Windt, den ein Ge⸗ fühl wilder Rache gegen den Mann überkam, der ohnlängſt als Führer einer Bande das Schloß mit großer Gefahr und ihm ſelbſt das eigene Leben bedroht hatte. Mit angſtvoll verzerrtem Geſicht ſich am Boden windend und unter einer Ueberfülle flehender Worte bettelte der Franzoſe um ſein armſeliges Leben. Uebt Gnade, übt Barmherzigkeit, meine gnädigen Herren! Ich bin ein armer von Gott und der Welt verlaſſener Menſch! Ich will Alles bekennen, was ich weiß! Ich will euch Alles berichten! Nur nicht henken, nur nicht henken! Sollte mein Hals doch daran? Ich bin aus Paris entflohen, meinen Hals zu retten; ich ſcheute die Berührung des Guillotinebeils mit meinem Halſe! Ich bin von der Armee deſſer⸗ tirt, weil dort mein Hals in Gefahr war! Schont ihn, ſchont ihn, ich habe nur dieſen einen! Pardon für ihn, lieber Windt! Er iſt ja unſer Gefangener, riefen die Hauptleute. Nun denn, wie Sie befehlen! erwiederte Windt; aber bindet ihn feſt, Philipp, laßt ihn nicht einen Augenblick aus den Augen. Dieſe Art iſt wie ein Aal! Gürtet ihn mit einer Halfter feſt an den Schweif eines Pferdes⸗ Reitet ihm zur Rechten und zur Linken, ihr Burſche, und einer dicht hinter ihm, die Klingen blank! Wenn er nur eine Miene macht zu entwiſchen, haut ihn auf der Stelle zuſammen, den Coujon! 203 Ichtwill nicht entfliehen! Ach habt nur Gnade, mein geſtrenger Herr General! flehte der Franzoſe. Der Teufel iſt dein General, nicht ich! zürnte Windt, und nach⸗ dem ſeine Anordnungen vollbracht waren, wurde der Rückweg an⸗ getreten. Nicht uninterreſſant waren die Aufſchlüſſe, welche der gefangene Franzoſe über ſeine eigene Perſon und über die Ereigniſſe auf dem Kriegsſchauplatze gab. Wie viel an Allem, was er ausſagte, Wahres oder Falſches ſei, ließ ſich freilich nicht ermitteln. Was ihm nach und nach, bisweilen nicht ohne Nöthigung und ernſtliche An⸗ drohung, abgefragt wurde, ließ ſich in die nachſtehenden Ausſagen zuſammenfaſſen. Mein Name iſt Clement Aboncourt, mein Geburtsort Saarlouis; mein Vater war Friſeur, ich wurde Schneider. Mein Meiſter war Theaterſchneider, das brachte mich zeitig auf die Bretter. Ich probirte fleißig neugefertigte Garderobeſtücke an meinem eigenen Leib und fand, daß ſie mir herrlich zu Geſicht ſtanden; ich wurde Schauſpieler und ſiedelte von einer der zahlreichen Frankreich durchziehenden Banden zur andern über. Die Charaktereigenheit der Mehrzahl meiner Collegen, nie zufrieden zu ſein, in den angenehmſten Verhältniſſen nicht gut zu thun, ſtets ſich auch mit den beſten Directoren auf geſpannten Fuß zu ſetzen und nur den Augenblick abzuwarten, der eine beſſere Aus⸗ ſicht eröffnet, um contractbrüchig davon zu laufen, war auch mir in vollem Maße eigen. Nebenbei war ich, da ich ziemlich viel Talent für das Fach der Komiker wie der Intriguants hatte, ſtets der be⸗ ſcheidenen Anſicht, die faſt jeder von ſeiner Perſon feſthält, daß ich bei jeglicher Geſellſchaft, mit der ich ſpielte, das bedeutendſte Talent ſei, der hervorragendſte Mime, alle Collegen neben mir nur Stümper und Lumpe; was Wunder, daß ich zeitig begann die Wandelbühnen zu verachten, daß das einzige Paris mein Ziel wurde? Dort gelangte ich hin, fand auch Anſtellung auf einem Vorſtadttheater und trat in gleicher Weiſe wie früher von einer Bühne zur andern; ich ſpielte in⸗ deß mit ſehr mäßigem Beifall, und gefiel zuletzt mir ſelbſt noch we⸗ niger wie dem Publikum, ſo daß ich mich doppelt verkannt ſah. Die Revolution fegte alle den kleinen Bühnenkram zur Seite, ich wurde —— brodlos und war zuletzt froh, ein kleines Stellchen bei der geheimen Polizei zu erhalten. Dies war die Zeit, wo ich die Ehre hatte, Sie, meine Herren, als verkleidete Ausländer in Carmagnolentracht zu entdecken und die gute Abſicht hegte, Sie als Spione des Auslandes, für welche ich Sie hielt, unter das Beil zu liefern. Die nicht eben tapfere That Ihres Begleiters vereitelte mein Vorhaben und hatte für mich ſehr trübe Folgen. Einer meiner Collegen— befehligt, gleich mir, auch auf jeden Mouchard, der ihm bekannt war, ein ſcharfes Augenmerk zu richten— ſtand am jenſeitigen Ufer der Seine, blickte nach mir her⸗ über und ſah mich plötzlich den unfreiwilligen Saltomortale herab in die Seine machen. Er gab mich an, und ich wurde, nachdem man mich verhört hatte, mit dem Prädicat eines grenzenloſen Dummkopfs und dem Rathe, ohne Verzug das Weichbild der guten Stadt Paris zu verlaſſen und es nie wieder zu betreten, meines Aemtchens entſetzt, und hatte nun zu dem vielen Waſſer, das Sie mich hatten ſchlucken laſſen, nicht einmal trockenes Brod. Der Hunger mehr noch als der Durſt trieb mich jetzt zur Armee, und ſo kam ich in dieſe Gegend. Wie es den armen Soldaten geht, werden Sie wiſſen, meine Herren, Hunger, Durſt und Kälte und feindliche Kugeln, dosſind die ganzen Annchmlichkeiten, die heut zu Tage ein tapferer Franzöſe zu erwarten und zu genießen hat, der für die glorreiche Republik kämpft. Ich eignete mir eine Flaſche Cognac zu, um eine Schutzwaffe gegen zeit⸗ weiligen Durſt und die unerträgliche Kälte zu haben, und der Eigen⸗ thümer derſelben wagte die Behauptung, daß ich dies heimlich gethan, erklärte auch einige Zehnlivresſtücke, die ſich in meiner Taſche fanden, für die ſeinigen, ja, er ſteigerte ſogar ſeine ſchändlichen Anklagen zu ſolcher Höhe, daß er behauptete, dieſe ſchlechten Hoſen, welche ich hier anhabe, ſeien auch die ſeinigen. Darauf hin war man ſo über alle Maßen grauſam, mich henken laſſen zu wollen, und es koſtete mir unſägliche Mühe, bevor der Strick um meinen Hals wirklich zugezogen wurde, mich einer ſo entehrenden Behandlung ganz zu entziehen, indem ich nämlich durchging, eine Sache, in welcher meine theatraliſche Lauf⸗ bahn mir jene Ausbildung verliehen, welche zeine Mutterſprache mit dem trefflichen Worte Routine bezeichnet. Ich ging zu einer andern Heeresabtheilung über, bei der ich mich als Auskundſchafter meldete, und als ſolcher willkommen war. Als ſolcher miſchte ich mich unter —— — die Marodeurs, an deren Spitze ich ohnlängſt der Ehre theilhaft wurde, Ihnen, ſehr geehrte Herren, zu begegnen, um die Ausreißer unſers Heeres wo möglich an den Galgen zu liefern. Mir fill, bei meiner Ehre ſei es geſchworen, nicht ein, zu plündern, ich war der Unſchuldige unter jenen Schuldigen, ich mußte nur ſo thun, wie ich that, um im Vertrauen jenes Geſindels zu bleiben, und ich ſehe in der That nicht ein, weshalb jener Herr ſich ſo darauf ſteift, mich in alle möglichen Flüſſe Europa's zu werfen, da ich doch ein Franzoſe bin, der gern auf dem Trocknen iſt und der in dieſem Lande ver⸗ breiteten Secte der Wiedertäufer ganz und gar nicht angehört. Dieſer mit kläglichem und beweglichem Geberdenſpiel von Seiten des Spions gehaltene Vortrag beluſtigte die Zuhörer und benahm je⸗ dem Einzelnen derſelben den etwaigen Gedanken irgend einer gegen den gefangenen Mann zu übenden Grauſamkeit. Ihn unſchädlich zu machen, mindeſtens für die Sache Hollands, konnte genügend erſcheinen, doch wollte Windt die Habhaftwerdung der nichtsnutzen Perſon des Spions mindeſtens dadurch nutzbar machen, daß Clement Aboncourt nun offen und haarklein Alles ſagen ſollte, was ihm vom Stande der franzöſiſchen Aumee oder ſonſt von ſeinen Landsleuten bekannt ſei. Unter dieſer Bedingung ſollte Aboncourt das Leben geſchenkt und er nur ſo lange im Kaſtell in Haft gehalten werden, bis entweder der Feind über den Rhein und die Yſſel in's Land brechen oder ein Frie⸗ densſchluß zu Stande kommen würde, dem die hartmitgenommenen Länder ſehnlich entgegenhofften. Nun denn, was ich weiß, will ich ſagen, begann Clement Aboncourt ſeine Mittheilung: Schaden bringt es Niemand und mir bringt es Nutzen, wenn ich offen rede, denn ich bin ein Menſch, der einen Hals beſitzt, welchen ich zu ganz anderen Verrichtungen beſtimmt glaube, als der, durch einen Strick zugeſchnürt zu werden. Eine Abtheilung der franzöſiſchen Armee, etwa viertauſend Mann, bewerk⸗ ſtelligte zur Nachtzeit eine Landung auf den Bommeler Waard oder Weerd; ſie wurden aber mit ſo großer Höflichkeit empfangen und ihnen mit ſo vieler Artigkeit zurückgeleuchtet, daß nur wenige von ihnen das jenſeitige Ufer der Maas, die ſie überſchritten hatten, wieder gewannen. Das Fort Sanct André, das die große Inſel zwiſchen Maas und Wahl, welche beide Ströme vor ihrem Zuſammenfluß bilden, an der — 206— öſtlichen Spitze beſchützt, wurde fünfmal mit der größten Wuth be⸗ ſtürmt und ebenſo vielmal wurden wir zurückgeſchlagen. Die hollän⸗ diſche Garde hat Wunder der Tapferkeit verrichtet, gleichwohl wird das Alles nichts helfen, das Fort wird auf's Neue nun mit ſechs Schiffen, drei von der Maas und drei von der Wahl aus, beſchoſſen werden. Schon rücken unſere Regimenter auf dem rechten Wahlufer herunter; ich eilte den Vorpoſten voraus, und wenn die Herren eine Stunde oder nur eine halbe Stunde ſich dorthin wagten, wo ſie mich gefangen nahmen, ſo ſäßen wir jetzt Alle miteinander ganz ſicherlich nicht hier. Es iſt ein kitzlich Ding im Kriege, fuhr der Spion fort, indem er ſich unwillkührlich an ſeinen Hals griff: es iſt Alles, wie Hand umwenden. Heute mir, morgen dir— ſagen die Deutſchen. Wir müſſen die Wahl nehmen, wir müſſen Bommel haben; entweder herein in das Land des Feindes oder ganz zurück, denn wir ſind ausge⸗ hungert, völlig ausgehungert, trotz allen Siegen— es fehlt am Beſten! An Geld? fragte Windt ſpöttiſch. Ich dächte, dieſes ſtehlt ihr—. wie wir vorhin hörten. Nein, mein General, verſetzte der Spion: Geld iſt nicht das Beſte— es fehlt an Etwas, was ſich nicht nur ſo ſtehlen läßt, es fehlt an Salz und das bringt die Armee faſt zur Verzweiflung; denn je mehr das Salz fehlt, deſto ſalziger wird ihre Haut.— Aha, ſpottete Leonardus, und da hofft ihr in Holland Salz zu finden, weil es ſo viele Häringe einſalzt! Leider!— leider! Wenn uns die Suppe nicht, wie neulich mir, verſalzen wird! ſeufzte der Spion mit einer Grimaſſe und fuhr fort: Das letzte Salz in Herzogenbuſch, ſo viel als man gewöhnlich um acht niederländiſche Gulden kauſt, iſt zu fünfhundert Gulden verkauft worden. Iſt die Grave über oder iſt ſie nicht über? fragte Ludwig. Das weiß ich nicht, mein Herr Oberſt, erwiederte Aboncvurt: allein ich bezweifle es, ſonſt würde die Maas mehr von Feinden geräumt ſein und es wäre weniger Mangel in unſerer Armee vorherrſchend, die immer einen ſchweren Stand haben wird; denn es marſchiren in dieſen Tagen zweitauſend Kaiſerliche nach Arnhem und Holland hat auf den Grund eines geheimen Tractates fünfundzwanzigtauſend kaiſer⸗ liche Soldaten in ſeinen Sold genommen, die nach und nach anrücken, um die Wahl zu decken; die engliſche und hannoverſche Reiterei da⸗ gegen geht nach Weſtphalen. Woher weiß ſo ein miſerabler und lumpiger Kerl, wie du einer biſt, das Alles? fragte Windt barſch. Herr! entgegnete Clement Aboncourt: haben Sie die Gnade und henken Sie mich lieber, als daß Sie mich ſchimpfen! Da ich in Ihnen einen guten Legitimiſten vorausſetzen darf, ſo bedenken Sie, daß ich ein König war. Auf deinen Schmierbühnen, du Meerſchwein! Ja leider— nirgends als dort, ſonſt wäre ich nicht hier! fuhr jener unter komiſchen Seufzern fort: denn wenn ich ein König oder ein königlicher Prinz in der Wirklichkeit wäre— ich wollte mich bei Gott anders und beſſer halten, wie zum Beiſpiel der Herr Graf von Artvis. Was iſt's mit dem? fragte Ludwig aufmerkſam. Je nun— antwortete wegwerfend der Spion: er liegt im Haupt⸗ quartiere der feindlichen Verbündeten, läßt ſich als Gaſt von den deutſchen und niederländiſchen Edelleuten bewirthen, ſchmarozt wie ein Abbé und führt ein müßiges Schlaraffenleben. Er ſtolzirt in einem rothen goldgeſtickten Rock einher und trägt am Hut eine weiße Cocarde, ſo groß wie ein Teller. Ludwig der Sechszehnte mochte ſein wie er wollte, beſſer wie dieſer war er auf alle Fälle und an dem verliert Frankreich wahrhaftig nichts. Wenn die Emigranten, die den kleinen Hof und Schweif dieſes Grafen Artois bilden, ihn mit der weißen Cocarde ſehen und er ein weiſſagendes Geſicht ſchneidet, denken ſie Wunder, wie gut ihre Sache ſtehe und wie bald man ſie zurück⸗ rufen werde, und rufen gläubig aus: Ah! Nos affaires sont bien, le Comte d'Artois a souri à la lecture de ses lettres. Ja ja— brummte Windt: ſie haben einen ſtarken Glauben und der Glaube kann Berge verſetzen. Aber nicht Armeen, fügte Leonardus hinzu und fragte den Spion: Weißt du nichts vom Frieden, nichts von wichtigen Verände⸗ rungen, ſpricht man im feindlichen Heere nicht von einem Waffenſtillſtand? — 6 Waffenſtillſtand wäre unſer-Tod! erwiederte der Spion: der wäre wahrlich für keine Partei eine goldene Brücke, denn die Heere blieben zehrend wie Heuſchrecken in den Ländern liegen. Und der Winter wird ſtreng, das werden Sie wahrnehmen. Der National⸗ Convent hat der Armee ſogar das Beziehen von Winterquartieren ver⸗ boten, er wird in keinen Woffenſtillſtund willigen.— Neues iſt, wenn Sie es nicht bereits wiſſen, daß der Herzog von York plötz⸗ lich von der Armee abberufen worden und nach England gereiſt iſt und daß Prinz Friedrich von Oranien ihn bis nach dem Haag begleitet hat. Dieſer Prinz wird preußiſche Dienſte nehmen, da er durch ſeine Mutter und ſeine Gemahlin Preußen ſo nahe ſteht. Das hannoverſche Hauptquartier bleibt zur Zeit in Arnhem; der Graf von Walmoden führt den Oberbefehl; die engliſchen Truppen gehen zum Theil nach ihrem Vaterlande zurück; General Harcourt führt über dieſe das Commando. Man ſieht ein von Seiten Ihrer Armeen, daß man alles tapferen Widerſtandes ohnerachtet die Wahl nicht länger vertheidigen kann, ſie iſt unſer und wir rücken gegen den Rhein vor. Man wird jetzt plötzlich den Rhein Ihrerſeits befeſtigen wollen, aber zu ſpät. Wiſſen Sie, wie viele Schanzen in der Herrlichkeit Door⸗ werth aufgeworfen werden? Schanzen? Nein! rief Windt geſpannt aus. So will ich es Ihnen verrathen und will auch geſtehen, daß ich neulich nicht nahe bei Ihrem Kaſtell landete, um es zu plündern oder um zu zechen, ſondern, daß mein Auftrag, deſſen ich mich auch voll⸗ kommen entledigt habe, dahin ging, die Beſchaffenheit der bereits vor⸗ handenen Schanzen zu unterſuchen; ich fand aber keine als die halb⸗ verfallene Dünen⸗ oder Hünenſchanze. Nun will man in aller Eile fünf neue aufwerfen, eine Ihrem Kaſtell gerade gegenüber. Herr Gott! ſchrie Windt. Da geht ja, wenn die Schanze vom Rhein aus beſchoſſen wird, das Kaſtell drauf! Das darf nimmermehr geſchehen! Da wäre Alles verloren! Nun, warten Sie es doch ab, lieber Windt! ſuchte Ludwig zu beſchwichtigen, aber Windt rief leidenſchaftlich: Nein! Da iſt nichts abzuwarten, aut Caesar, aut nihil! Vielleicht wird Friede oder doch Waffenſtillſtand auf alle Fälle! nahm Leonardus das Wort. 209 Ich will Ihnen auch ſagen, fuhr Aboncourt fort: wie bereits die Winterquartiere Ihrer Armeen angeordnet ſind, falls Sie das nicht ſchon wiſſen. Nicht ſo ganz genau, erwiederte Ludwig. In Arnheim bleiben die hannover'ſchen Truppen, berichtete der Spion: in Zuitphen wird das Generalquartier der Heſſen aufgeſchlagen; nach Doesburg kommen die Heſſen⸗Darmſtädtiſchen Truppen; die Fran⸗ zoſen unter dem Prinzen von Condé und im engliſchen und nieder⸗ ländiſchen Solde kommen in die Provinz Utrecht zu liegen. Der Graf von Artvis wird ſich nach Hamm oder auf die Hamburg begeben, man verwechſelt dieſe Ortsnamen leicht. O ja, wenn man ein Franzoſe iſt! ſpottete Windt. Nun? Iſt Hamburg nicht die Burg von Hamm? fragte ganz un⸗ befangen der Spion und ließ ſich nicht beirren, als ihm ins Geſicht gelacht wurde, ſondern fuhr fort: Das Hauptquartier der kaiſerlichen Armee iſt in die Weſelgegend beſtimmt, unter General Joſeph Freiherrn von Alvinczy. Zweitauſend Mann von dieſen Truppen gehen noch nach Arnhem und eine gleiche Zahl zieht einen Cordon an der Wahl. Dieſe und andere Mittheilungen erweckten gegen den Spion unter deſſen Zuhörern eine günſtigere Stimmung; ſie ſahen einen Mann, den das Leben in allerlei Lagen herumgeworfen hatte und der keine andere Aufgabe zu kennen ſchien, als eben dieſes Leben, ſo arm⸗ ſelig und mühevoll es war, zu friſten und zu erhalten. Man ver⸗ ſah ihn daher mit allem Nöthigen und hielt ihn in leidlicher Haft, gedachte auch, da man ihn auf eigene Hand gefangen genommen und auf eigene Hand ihm das Leben verſichert hatte, ihn den Befehlshabern nicht anzuzeigen, denn ſonſt wäre ihm höchſtwahrſcheinlich Kugel oder Strang dennoch zu Theil geworden. Kaſtell Doorwerth glich jetzt ungleich mehr einer Feſtung, als einem Luſtſchloß; es wimmelte darin von Soldaten aller Truppen⸗ gattungen und ſo umfangreich und zahlreich die Räume des Schloſſes waren, ſo blieb für Windt zuletzt nur noch ein enges Thurmgemach übrig. Die Einquartierung oder Beſatzung des Kaſtells und der Herrſchaft wechſelte häufig, da die Verhältniſſe beſtändige Truppenbe⸗ wegungen herbeiführten. Als die engliſchen Jäger und Uhlanen fort waren, kam niederländiſche Gardereiterei, welche in den Ortſchaften D. B. III. 14 —— der Herrlichkeit ihre Cantonnirung angewieſen erhielt. Dieſer folgte das engliſche Freicorps von Salm⸗Kyrburg; dazwiſchen hatte Windt über tägliche Laſten zu klagen, Durchmärſche, Plünderungsverſuche, Aerger und Verluſt im Uebermaß. Dem erwähnten Freicorps folgten Jäger vom Regimente Hompeſch— dieſen ein Bataillon von Hohen⸗ lohe— dann kam das achte und das vierzehnte Regiment engliſche leichte Dragoner. Alles Land von Nimwegen bis Leiden war mit Truppen überſchwemmt. Von Zeit zu Zeit kamen auch mehrere der hohen Befehlshaber aus Arnhem herüber geritten, und eines Tages geſchah es, daß der Erbherr den Prinzen Ernſt Auguſt von Großbritannien und noch einen Herrn in ſein Schloß einführte, die Bewohner deſſelben freund⸗ lich begrüßte und ſich genau nach allen Verhältniſſen erkundigte, da dieſe jeder kommende Tag wieder anders geſtaltete. Prinz Ernſt Auguſt, von dem Niemand glauben konnte, da ihm noch drei ältere Brüder, Georg, Friedrich von York und Wilhelm, Herzog vom Cla⸗ rence lebten, welche alle zum Königsthrone gelangten, daß auch er einſt die Krone eines Königreichs tragen werde, forderte Windt und Leonardus zu einem Recognitionsritt in die Umgegend auf, und der Erbherr ſagte zu ſeinem Vetter Ludwig, er möge ihm und dem zweiten Gaſt einſtweilen Geſellſchaft leiſten, indem er ſeinen Vetter dieſem Gaſte vorſtellte. Dieſer Fremde war der niederländiſche Geſandte, Graf Brantſen, derſelbe, der die Ehre gehabt, auf ſeinem Schloſſe Sip den Grafen von Artois zu bewirthen. Als die drei Herren vertraulich beiſammen ſaßen und ihr Geſpräch ſich, wie es nicht anders ſein konnte, auf die bewegte Zeit lenkte, äußerte ſich der Geſandte: Dieſes Wirrſal kann keine Dauer haben; es müſſen Schritte geſchehen, die den Völkern und Ländern den Frieden wieder geben. Mit der Waffengewalt geſchieht dies noch lange nicht. Dazu führt ungleich ſchneller und unblutiger jene kleine feine Waffe, zu de⸗ ren Führung es nicht der beiden Hände oder doch der ganzen Fauſt, ſondern nur dreier Finger bedarf, und ein gewiſſes Maß von Kennt⸗ niſſen, mit einem klaren Verſtande, nebſt redlichem Willen. Du wirſt verſtehen, lieber Vetter, was der Herr Ambaſſadeur mei⸗ nen, erläuterte der Erbherr: und ſeine Güte, die ich für dich in An⸗ ſpruch zu nehmen mich erkühnte, um dir einen recht guten und treuen — 211— Dienſt zu leiſten, hat mir zugeſagt, dir nützlich ſein zu wollen. Sieh, lieber Vetter, ich glaube dich nicht falſch zu beurtheilen, wenn ich meine, daß du nicht für den Kriegerſtand geboren biſt. Dir ſagt wohl mehr, wie du von Jugend auf es geführt haſt, ein beſchauliches Stillleben zu, und ich möchte dich glücklich wiſſen, denn du weißt, und ich weiß, was ich dir Alles danke. Was ſoll dir dieſer Krieg und beſonders die Art, wie er jetzt in dieſem Lande geführt wird? Man ſpricht nicht von Schlachten, in denen ein junges Heldenherz ſich Lor⸗ beeren erkämpfen kann, ſondern von Winterquartieren, man denkt nicht auf Vorzüge, ſondern auf Rückzüge, man ſicht nicht mit der Waffe der tapfern Hand, ſondern nur mit grobem Geſchütz. Zum Vorrücken in höheren Dienſtrang iſt keine Gelegenheit, und für was ſollteſt du dein Leben auf das Spiel ſetzen? Du biſt in Deutſchland geboren, weshalb ſollteſt du für Holland kämpfen? Daher bin ich der Mei⸗ nung, du weileſt nicht länger hier unter dem rauhen und doch ſo nutzloſen Getöſe der Waffen, ſondern verſuchſt in einer andern Lauf⸗ bahn dein Glück, verſuchſt wenigſtens in ihr den Grund einer zukünf⸗ tigen ehrenvollen Stellung im Leben zu legen. Unſer Windt iſt ein trefflicher, lieber, edeldenkender Mann, ich ſchätze ihn außerordentlich, und ſeine Frau iſt ja überaus brav und rechtlich, allein beide ſind doch auf die Dauer kein Umgang für dich; du mußt eintreten in höhere Lebenskreiſe. Dein Blick muß geſchärft, deine Anſicht vom Leben und deſſen höchſten Aufgaben geläutert und feſtgeſtellt, ja ſelbſt dein Herz muß geprüft und gebildet werden durch höheren Umgang. Sage ſelbſt, ob ich nicht Recht habe2 Ja, du haſt Recht, Vetter, ſprach Ludwig, doch ſo ſchwankend, als erwache er aus einem Traume. Mag Paris jetzt vielen Frommen als ein Sündenpfuhl, ein So⸗ dom und Gomorrha, Andern als eine Löwengrube, noch Andern als Niniveh und Babylon erſcheinen, welches demnächſt der Zorn des Höchſten zertrümmern wird— dem Auge des vorurtheilfreien Welt⸗ mannes erſcheint es anders, erſcheint es immer als die europäiſche Weltſtadt, in der das geſellige Leben ſeinen höchſten Blüthenſtand er⸗ reicht, in der daſſelbe am heißeſten pulſt, und das ſtets die höchſte Bildung über alle Lebenskreiſe ausſtrahlt. Der Herr Geſandte geht in dieſen Tagen nach Paris ab, und iſt ſo ſehr gütig, dich als Attaché 14* — mit dorthin nehmen zu wollen. Bei wenig Mühe wirſt du leicht und ſicher die Pflichten und Dienſtleiſtungen, die dir dann obliegen werden, das Abfaſſen mancher Correſpondenzen und dergleichen, dir aneignen, und hauptſächlich jene geſellige Gewandtheit, die ebenſo fern von un⸗ würdiger Kriecherei als lächerlichem Hochmuth den gebildeten Mann befähigt, ſich mit Anſtand und ſittlicher Haltung in allen Kreiſen des Lebens zu bewegen. Sie ſind ſehr gnädig, Herr Graf, richtete Ludwig ſein Wort an den Geſandten, daß Sie ſich eines ſo jungen und noch ſo unbedeuten⸗ den Menſchen, wie ich bin, annehmen wollen. Es iſt wahr und ich geſtehe ein, daß mein Herr Vetter Recht hat; der Kriegsdienſt iſt nicht meine Sphäre, es lebt kein Verlangen in mir, auf die Länge hin Soldat zu ſein, wie ehrenvoll dieſer Stand auch iſt, aber ich fürchte ſehr, daß ich Ihnen eine Laſt ſein werde; jedenfalls glaube ich zu wenig unterrichtet zu ſein, um die ſchwierige Bahn eines Diplomaten— Man wird nicht über Nacht ein Diplomat, mein junger Herr Graf, unterbrach der Geſandte den Sprechenden. Sie legten eine gute Grundlage in den alten Sprachen; Sie ſprechen und ſchreiben viele der neueren: niederländiſch, franzöſiſch, engliſch, deutſch, das iſt ſchon viel. Selbſtſtudium durch gediegene Schriften wird in der hö⸗ hern diplomatiſchen Geſchichte der europäiſchen Länder und Höfe Sie bald befeſtigen; die Grundzüge des europäiſchen Staats⸗ und Völker⸗ rechts werden Sie ſich vald aneignen; es bleibt Ihnen unverwehrt, in Paris einen Curſus dieſer Wiſſenſchaften an der Univerſität zu hören; vertrauen Sie mir nur, ich werde Sie gut und ſicher und mit Wohlwollen führen. Ludwig verbeugte ſich verbindlich dankend, dann aber ward er nachſinnend und ſprach endlich zu ſeinem Verwandten: Aber Leo⸗ nardus? Herr Leonardus van der Valck, Kaufmann aus Amſterdam, wandte der Erbherr ſeine Rede erläuternd an den Geſandten: derſelbe Mann, der mit Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzen und Herrn Commandant Windt vorhin zum Recognosciren ausritt, iſt der Freund meines Vetters und wird gewiß nicht derjenige ſein wollen, der deſſen künftigem Glück hemmend in den Weg tritt. Er iſt ein Freund, ein Freund im ſchönſten und edelſten Sinne — des Wortes, ein Freund, auf den auch nicht der kleinſte Schatten fallen darf! rief Ludwig mit edler Aufwallung, da ihm ſchien, als er⸗ kenne ſein Verwandter nicht ſeines Leonardus volle Seelengröße voll⸗ ſtändig an. Es bedarf nicht, daß ich ihn rühme, fuhr Ludwig fort: ich will nur ſagen, daß ich nicht geſonnen bin, mich von ihm zu tren⸗ nen; ich habe, kaum aus der Welt meiner Jugendjahre getreten, be⸗ reits der tiefſchmerzlichen Trennungen ſchon zu viele erlebt. Dem Erbherrn zuckte es bei dieſen Worten in der Bruſt, als brenne ihn plötzlich eine alte Wunde, und er bedurfte einiger Augen⸗ blicke, die bittere Empfindung niederzuringen, die in ihm lebendig wurde, während der Geſandte das Wort nahm: Wenn Herr Lev⸗ nardus van der Valck ſo treu an Ihnen hängt, Herr Graf, als Sie an ihm, ſo wird ihm nichts im Wege ſtehen, uns nach Paris zu be⸗ gleiten. Kann ich ihn auch nicht— und wer weiß, ob es nicht in der Folge doch geſchehen könnte— in meinem Bureau anſtellen, ſo kann ich ihn doch unter den Schutz der Geſandtſchaft ſtellen, er kann als Volontair pro forma mit Ihnen arbeiten; Sie können ungetrüb⸗ ter, als irgendwo, das Glück ihrer beiderſeitigen Freundſchaft genießen. Hier im Getümmel der Waffen droht Ihnen unverſehens vielleicht die ſchmerzlichſte Trennung. Leonardus mag entſcheiden! ſprach Ludwig feſt. Wir ſind, was wir äußerlich nur ſcheinen, innerlich in Wahrheit geworden, Brüder— und da mir die Süße der Familienbande verſagt iſt, meine Heimath mir fernab liegt, da ich losgeriſſen bin von geliebten Herzen, ſo will ich doch an dem einen Anker mich halten, ſo lange es Gott vergönnt, ich will Leonardus, den ich zum Bruder mir erwählt, auch Bruder bleiben bis zum letzten Athemzuge meines Daſeins. Schnell und raſch war die Wendung in Ludwig's Schickſal; Leo⸗ nardus, der des Freundes Gefühle ſo innig theilte, willigte mit Freu⸗ den ein, denn auch ihm konnte das Leben, wie es jetzt hier zu führen die Nothwendigkeit gebot, auf die Dauer nicht zuſagen. Aber wie ganz anders war der jetzige zweite Abſchied Ludwig's von dem redlichen Windt? Beim erſten Abſchied galt dieſer dem jungen Grafen nur als der unwandelbar treue Diener der alten Großmutter, als ein etwas ſteifer, förmlicher Kanzleimenſch, ein gutes, brauchbares Inventarſtück, das ſich durch ſeine Dauerbarkeit empfahl. Um wie Vieles höher war Windt in Ludwig's Achtung, ja in ſeiner dankbaren Liebe geſtiegen? Welche Verdienſte hatte ſich der treue Mann nicht um Leonardus, um Angés, um jenes Kind erworben, und um Ludwig ſelbſt, ja auch um dieſes Schloß, dieſe Herrſchaft. Ludwig ſchenkte ihm alle ſeine Waffen, nur die Damascenerklinge mit den bourboniſchen Lilien auf blauem Grunde am Griff behielt er für ſich. Auch Philipp's Brau⸗ ner blieb Windt zum Geſchenke, und Leonardus Reitknecht trat in deſſen Dienſte, da einer von ſeinen Dienern ihn verließ. Windt und ſeine Frau weinten, als die Freunde ſchmerzlich bewegt von ihnen Abſchied nahmen. Der Erbherr wünſchte aufrichtig Glück— vielleicht noch etwas aufrichtiger als damals in ſeinem Briefe. Was lag nicht Alles zwiſchen jener Trennung und der heutigen? Philipp begleitete als gemeinſchaftlicher Diener die Freunde. Der Geſandte war ein angenehmer und liebenswürdiger Mann, feingebildet, ganz für ſeine Stellung geſchaffen. Leicht gewannen die Freunde ſeine Gunſt, und ſchon ſeine Unterhaltung war in hohem Grade belehrend. Sie fuhren mit Extrapoſt von Station zu Station, das Gepäck kam nach; der Geſandtſchaftspaß beſeitigte jede Ge⸗ fährdung. Unterwegs peitſchte der Poſtillion nach dem Rückſitz— es war in Rheenen— um einen Mann, der ſich hinten aufgeſetzt, zum Herab⸗ ſpringen zu bewegen; jener hielt und duckte ſich lange, endlich ſprang er doch herab. Ludwig bog ſich aus dem Schlage und blickte zurück. Die Poſtkaleſche rollte unaufhaltſam fort— der Mann zog den Hut und machte Bücklinge und komiſche Grimaſſen. Es war Clement Aboncourt. — A. Drei Frauenherzen. Am Jungfernſtiege ſtand mitten unter den andern palaſtgleichen Häuſern der ſchönſten Straßen Hamburgs ein altes Gebäude von gediegener Aufführung im reinſten und edelſten Style der Renaiſſance. Weitbogige vergoldete, mit Blumen und Blattwerk reich verzierte Eiſengitter ſicherten die Fenſter des untern Geſchoſſes gegen Einbruch, metallene rieſige Löwenköpfe trotzten an dem ſchweren Eichengetäfel der Thürflügel, die mit vergoldeten Bronzebändern in gekreuzter Gitter⸗ form überdeckt waren, wie grimmige Wächter. Das Portal zierten füllreiche Karyatiden, und über demſelben hoben ſich unter einer fürſt⸗ lichen Krone, kunſtvoll in Marmor gehauen, zwei ſchräg aneinander gelehnte Wappenſchilde. Das eine dieſer Wappenſchilde zeigte auf einer großen Tafel von Lapis Lazuli, aus maſſivem Silber getrieben, ein Ankerkreuz. Es war das Haus, es waren die Wappen der alten Reichs⸗ gräfin. Bis zu dem Dachgeſimſe hinan war die Außenwand dieſes Palaſtes mit reizenden ſteinernen Arabesken und mancherlei Emblemen geſchmückt, und hinter den doppelten Spiegelſcheiben der hohen Fenſter nickten herrliche Blumen, die ſchönſte Winterflora, die nur immer von den Gewächshäuſern der bedeutendſten Kunſtgärtnereien Hamburgs geboten werden konnte. Die Matrone ſaß in einem höchſt vornehm, aber wohnlich eingerichteten Zimmer, deſſen Boden mit weichen Teppichen belegt war, deſſen Sophas ſchwellende geſtickte Kiſſen bedeckten, und deſſen Wände einige Oelbilder von guten Künſtlern zierten, darunter auch an einer Wand vereinigt drei reizende Seitenſtücke von der Meiſterhand Philipp Wouwermann's, darſtellend die drei Schlöſſer Varel, Kniphauſen und Doorwerth, mit im Genre dieſes berühm⸗ ten Künſtlers mannichfach belebten Vordergründen. Die Matrone ſaß, 3 wie ſie gewohnt war, von Büchern, Schriften und Schreibmaterialien umgeben, in einem bequemen Armſeſſel am Schreibpult, und überlas eine ſo eben von ihr ſelbſt entworfene Schrift: „Interims-Quittung. Für zwanzigtauſend Mark Hamburger Banco, welche Uns von Seiten Unſers älteſten Herrn Enkels, des Grafen Wilhelm Gustav Friedrich, Grafen zu Varel, In⸗ und Kniphauſen, Herrn zu Rhoon und Pen⸗ drecht u. ſ. w., nach Maßgabe der mit demſelben in Betreff Unſerer habenden und dargelegten beträchtlichen Anforderungen ſowohl, als wegen einer Cession Unſerer Herrlichkeit Doorwerth cum perti- nentis geſchloſſenen Haupt⸗Conditionen zum Vergleich(deſſen völ⸗ liger Abſchluß und Vollziehung durch die inmittelſt eingetretenen Zeit⸗ läufte bisher behindert worden) in Abſchlag des am 3. September jüngſt bereits zu entrichten geweſenen erſten Terminitz von fünfzig⸗ tauſend Gulden Holländiſch ausgezahlt und von Uns, rèservatis re- servandis in Empfang genommen worden. Hamburg vom Heutigen. Charlotte Sophie.“ So wird es ja wohl recht ſein, ſprach die Schreiberin, wenn der Rath Melchers nicht noch einige Wenn und Aber drum und dran macht, nach der Juriſten Gewohnheit, der Styl aber iſt ab⸗ ſcheulich, in welchem man ſolche Dinge ſich förmlich abquälen muß. Wenn ein Lateiner ſo geſchrieben hätte, ein Franzoſe ſo ſchriebe! Für unſere Kanzleien und Gerichtshöfe leben und ſtreben die edelſten und berufenſten Geiſter der deutſchen Nation vergebens. In dieſe Marter⸗ kammern unſerer Sprache dringt kein Hauch von Klopſtock, kein Geiſtes⸗ ſtrahl von Leſſing, kein Blitz von Goethe. Ihre„Inſtrumente“ blei⸗ ben ewig ſtumpf und darum um ſo peinlicher. So, dies wäre gethan, das Geſchäftliche abgemacht, jetzt zum rein Menſchlichen!— Die Reichsgräfin klingelte, ihre Kammerfrau trat ein. Ich bin fertig, ſagen Sie das meinen lieben Gäſten, der Herzogin und der regierenden Reichsgräfin und Erbherrin, gebot die Matrone, und jene entfernte ſich wieder. Warten Sie noch einen Augenblick, meine Liebe! rief die Gräfin ihre Dienerin zurück. Weißbrod ſoll keinen Fleiß ſparen, daß die — 217 Arrangements zu meinem heutigen Cirkel nichts zu wünſchen übrig laſſen. Vier Spieltiſche; die neueſten Zeitungen in das Leſecabinet die Seſſel mit der Krone, welche mit blauem Purpurſammet be⸗ ſchlagen und mit ſilbernen Lilien geſtickt ſind, an eine beſondere Tafel zu ſechs Gedecken. Dann ordnen Sie einſtweilen meine Toilette, keine Brillanten, nur Perlen, die ſchwarze Sammetrobe mit den aufgeſtreuten Trauerweidenzweigen von Silber⸗Filigranarbeit. Man muß den Schmerz ehren und der Theilnahme einen ſichtbaren Ausdruck geben, auch ziemt kein anderer Schmuck meinen Jahren. Ich bin geſpannt, ſprach die Reichsgräfin dann zu ſich ſelbſt weiter. Es widerfährt meinem Hauſe eine ſchöne Auszeichnung, doch wer dürfte hier in Hamburg auch nähere Rechte auf dieſelbe haben, als ich, die nächſte Verwandte? Wohl vereinen hier ſehr glänzende Cirkel einheimiſche und fremde geiſtreiche Männer aller politiſchen Farben, der alte blinde Buſch und mein guter Doctor Reimarus mit den Seinen geben ſich alle Mühe, ausgezeichnete Fremde an ſich zu ziehen, und Sieveking machte ja ſein Neumühlen im vergangenen Sommer förmlich zum Taubenſchlag, allein dieſe Geſellſchaften ſind zu gemiſcht, es kann nicht ein Jeder ſie beſuchen, mein Vetter zum Bei⸗ ſpiel, Prinz Talmont, würde ſich unglücklich in einem ſolchen Kreiſe fühlen. Die Flügelthüre des Zimmers wurde vom alten Weißbrod und einem jüngeren Lakaien in reich gallonirter Livrée ehrerbietigſt geöff⸗ net und es trat, eine Dame von wunderbarer Schönheit ein, eilte freundlich auf die alte Reichsgräfin zu und begrüßte ſie nach allen Re⸗ geln höfiſchen Herkommens. Es war keine junge Frau, aber ihr We⸗ ſen, die liebliche Fülle ihrer Formen, die friſche Farbe ihrer Wangen und der helle Strahl ihrer Augen kündeten jene innerliche Jugend⸗ lichkeit an, die nicht welkt mit der äußern körperlichen Hülle, der im warmen Herzen die Nährquelle dauernder Schönheit entſpringt. Georgine! Mein lieber Gaſt! Meine Sonnenblume! begrüßte die Gräfin jene Dame mit Herzlichkeit. Ach, Mutter— Sie erlaubten mir ja unter uns Beiden dieſen ſüßen heiligen Namen— entgegnete jene, ſagen Sie Herbſtblume! Die Sonnenzeit iſt dahin— leider! —— 3 Alles Schöne im Leben geht dahin, mein geliebtes Kind! Altes Kind, das ich bin— ja wohl! Es iſt ſchrecklich, wie dies junge Herz ſich über ſeine Jahre be⸗ trübt, ſpöttelte lächelnd die Reichsgrüfin. Sich doch mich an! Und 3 wie alt iſt Ludwig? Eine Purpurgluth trat auf die Wangen Georginens, ein Sturm von Erinnerungen ſtürmte auf ſie ein, und mit einem Gefühle tiefſter Wehmuth ſich auf die Hände der Gräfin niederbeugend, flüſterte ſie: Darf ich denn noch an ihn denken? Darf ich denn? Oh, meine Mutter! . Du darfſt es ohne Scheu, ohne Erröthen, theure Georgine, ent⸗ ſi. gegnete ſanft die Matrone. Mein Sohn war frei, war getrennt von . ſeiner herriſchen überſtolzen Reneira, du warſt frei, beide verletztet ihr 3 kein drittes Anrecht, ihr liebtet euch wahrhaft, ihr wolltet euch ver⸗ 3 1 mählen, nur wenige Hinderniſſe waren noch zu beſeitigen, dein Vater, der dir den Gemahl ſchon auserſehen, wollte noch nicht einwilligen, 3 ihr erlagt dem Sturme eurer Leidenſchaft, wie Tauſende vor und nach euch, es wäre Alles noch in das rechte Geleiſe gebracht worden und dein Bewerber, der Großſchatzmeiſter von Irland, hätte dir entſagen müſſen, . da ſtarb mein armer Sohn Johann Albert auf ſeinen Gütern in i Norfolk, und du, Aermſte, wurdeſt als heimlich verlobte Braut ſchon Wittwe. Mir war es eine traurige, aber eine ſüße Pflicht, dich ganz unter die Flügel meines Schutzes und meiner Liebe zu neh⸗ men, und Schloß Varel lag ſo einſam und ſo fern von Lon⸗ 1 don, und du warſt bei mir zu Veſuch auf lange Zeit, und ich 13 konnte unſeres Schmerzenskindes mich annehmen. Dann war ich ſelbſt es, die dir anrieth, deine Trauer zu bannen, dein Herz ſtark zu machen, dem Willen deines Vaters Gehorſam zu leiſten und die Hand des Mannes anzunehmen, der ſich mit glühender Neigung um die Gunſt der gefeiertſten Schönheit Londons bewarb und ſtatt einer Graſenkrone mit einer Herzogskrone dein Haupt ſchmücken wollte. Du warſt nicht nur ſchön, über alle Maßen ſchön, meine theure Georgine, du warſt auch klug, du bezwangſt dein Herz, folgteſt meinem mütter⸗ lichen Rathe und biſt noch immer, nachdem zwanzig Jahre ſeit deiner Vermählung vergangen ſind, eine ſchöne, bewunderte, beneidete und eine glückliche Frau! — O, ich weiß, welche Fülle von Liebe, Güte und Großmuth ich Ihnen danke, beſte Mutter! erwiederte Georgine voll tiefer Rührung. Und Ludwig? fragte ſie leiſe, von Neuem erglühend. Ich habe einen Brief, antwortete die Gräfin, doch nicht du allein ſollſt ihn hören; es ſchlägt noch ein Herz unter dieſem meinem Dache, das Theil an ihm nimmt, das ihn in Gedanken begleitet. Der Knabe würde von Glück ſagen können, wenn junge Herzen ſo voll Liebe für ihn ſchlügen, wie hier zwei ältere und mein— uraltes. Das ewig friſch und jung bleibt! Iſt Schmeicheln geiſtreich, meine geiſtreiche Georgine? Sage, das ewig treu und wahr bleibt, ſo lange nämlich dieſe irdiſche Ewigkeit noch dauert. Nicht auch drüben, meine Mutter? Ich hoffe, daß es ein Drüben gibt, und wenn es ein Drüben gibt, ſo denke ich nicht, daß dort ein Herz ſich ſelbſt untreu werden könne, zumal wenn es hienieden ſich und Andern treu war. Dies Geſpräch unterbrach der Eintritt; einer dritten und zwar jüngeren, ſehr zarten Frau, deren Ausſehen matt und leidend war, und die ſich von den beiden ſchon anweſenden Frauen liebevoll begrüßt ſah. Wie iſt Ihnen, meine Beſte? fragte die Herzogin. Jene verneigte ſich tief und antwortete mit einer matten Stimme: Nicht zum Beſten, meine Hochgnädige! Mich drückt die Winterkälte, meine Bruſt kann dieſe Luft nicht ertragen, und meine Nerven ſind ſtets in fieberhafter Erregung. Meine arme Ottoline! ſprach mit Theilnahme die Reichsgräfin.— Bitte, meine Damen, laſſen Sie ſich nieder! Es iſt betrübend, daß der Schöpfer es für uns arme Menſchen ſo eingerichtet hat, daß die Freude nur einfach iſt, nur geiſtig, aber der Schmerz doppelt, geiſtig und körperlich. Oh, theure Großmutter! entgegnete mit einem Seufzer deren jugendſchöne aber bleiche Enkelgemahlin: auch die körperliche Freude iſt da, wer ſo glücklich iſt, ſie zu beſitzen, wir haben nur ein anderes Wort dafür, es iſt die Geſundheit. Wir ſind uns ihrer nicht bewußt, ſo lange wir ſie ungeſtört beſitzen, wir denken kaum an ſie, aber ſo bald ſie uns verläßt, ja wenn ſie nur uns zu verlaſſen droht, da möchten wir mit tauſend Banden die entfliehende halten und an uns feſſeln. Die alte Reichsgräfin ſuchte dem Geſpräch wie den Gedanken ihrer geliebten Verwandten andere Richtung zu geben, und wußte es ge⸗ ſchickt ſo zu lenken, daß auf Ludwig die Rede kam, indem ſie erſt Windt's und Doorwerth's, dann des Erbherrn und ſeines Vetters William, des Vice⸗Admirals, der zur geit auch ein Gaſt ihres Hauſes war, beiläufig erwähnte, dann ſeinen Namen nannte, und mit heim⸗ licher Freude ſich daran ergötzte, wie bei dieſem Klange auf Otto⸗ linens bleiche Wangen ein ſanfter Roſenſchimmer flog, und die Her⸗ zogin ihre Blicke erglühend ſenkte. Da ſie nun inne hielt und die Letztere es nicht über ſich vermochte, auch nur einen Laut zu äußern, um nicht ihr Gefühl vor der in ihr Geheimniß durchaus nicht einge⸗ weihten Enkelin der Reichsgräfin blos zu geben, ſo war Ottoline faſt genöthigt, das Wort zu nehmen, und fragte mit ſanfter Theilnahme: Wie geht es dem jungen Herrn und wo weilt er jetzt? Das war es, was die Matrone gewollt; ſie nahm den ſchon bereit liegenden Brief, entfaltete ihn und ſprach: Es geht ihm ganz gut, und er würde für dieſe freundliche und gnädige Frage ſehr dankbar ſein, wenn er ſie ahnte. Er iſt jetzt zum zweiten Male in Paris. In Paris? fragten wie aus einem Munde die Herzogin und die Erbherrin. Ja, in Paris, und werde ich gefragt, wie er dahin kam, ſo dürfte dieſer Brief zur Löſung dieſer Frage wohl das Meiſte beitragen. O, gewiß, beſte Gräfin! theuerſte Großmutter! riefen Georgine und Ottoline, und die Reichsgräfin ſprach wieder: Mein geliebter Enkel hat mir bisher ſtets auf das Treulichſte von ſeinem Ergehen Nach⸗ richt gegeben, von dem Tage an, an welchem er in Varel von mir ſchied, bis zu der neueſten Zeit. Mein Blick konnte ihn überall finden, auf der Meerfahrt am Bord der„vergulden Roſe“ bis Amſterdam, wie im Hauſe des reichen Handelsherrn Adrianus van der Valck, wo er mit ſeinem Vetter ſich verſöhnte. Ja, ſie verſöhnten ſich, dachte Ottoline mehr, als ſie es ſprach. und ich mußte ſo tief und bitter und ſchmerzlich leiden über den 221— Zwiſt der Männer, daß mir faſt das Herz darüber brach, und halb— iſts ja ohnehin gebrochen. Ich bin noch nicht wieder geſund und noch nicht wieder froh geworden, ſeit ich aus dem Falken von Kniphauſen trank, ach, in jenem Tranke lag gewiß ein Zauber! Wie Ludwig dann, fuhr, ohne auf Ottolinens Bewegung zu achten, die Reichsgräfin fort: unter falſchem Namen nach Paris reiſte, nachdem er Windt getroffen, wie Beide vergebens ſich bemüht, für mich Günſtiges zu bewirken, wie ſie aus mancherlei drohender Gefahr ſich retteten, und begleitet von ſeinem Freund und deſſen Geliebter nebſt einem ſchönen Kinde nach Doorwerth eilten. Wie jene ſchöne Frau mit ihren ſanften Augen ihn ſtets an dich, meine Ottoline, er⸗ innere, wie er ſich abſorge um dein Wrhlſein, wie ſeine Gedanken fort und fort um Schloß Kniphauſen flögen, gleich den Raben um die Warte von Kiphauſen droben im deutſchen Harzgebirge, unter der eine holdſelige Prinzeſſin, des Kaiſers Barbaroſſa zauberſchöne Toch⸗ ter, in den Banden magiſchen Schlummers ruhen und träumen ſoll. Er hat das gar ſchön auszumalen gewußt, der liebe Knabe. Er malt gut und treffend. Es muß ſehr ſchön ſein, ſchaltete Georgine faſt ſchwärmeriſch ein: in der Ferne ein ſo junges unentweihetes Herz zu wiſſen, das an uns verehrend denkt, vielleicht mit voller hingebender Liebe denkt. Ottoline ſchwieg, doch konnte ſie ihre innere Bewegung nicht ver⸗ bergen. Charlotte Sophie nahm den geöffneten Brief und las: „Meine theuerſte, geliebteſte Großmutter! „Die letzten Briefe, die ich Ihnen aus Doorwerth ſandte, ſchilder⸗ ten Ihnen mein und meiner Freunde dortiges Leben, die angenehmen und ſchönen Bekanntſchaften, die ich dort gemacht, die kurze Reiſe, die ich in Begleitung meines Leonardus eine Strecke rheinaufwärts auf der deutſchen Seite vornahm, um ihn und meine Freundin Angés mit dem wunderholden Kinde zu geleiten.“ „Ich reiſte mit Leonardus in Geſellſchaft des niederländiſchen Ge⸗ ſandten hierher nach Paris und arbeite jetzt unter ihm, ich geſtehe, daß dieſe Arbeit mir ungleich beſſer zuſagt, als das zu Pferde ſitzen und Umherreiten ohne rechten Zweck und Nutzen, wie wir es in und bei Doorwerth treiben mußten, ſo lange wir uns im Corps — des Vetters Wilhelm Guſtav Friedrich befanden. Haben Sie Nachricht von deſſen Frau Gemahlin, o, ſo theilen Sie mir dieſelbe recht bald mit, möge dieſelbe günſtig lauten! Täglich denke ich ihrer und beklage ſtets aufs Neue ſchmerzlich, daß mir kein Wiederſehen vergönnt ward, viel⸗ leicht auch nie vergönnt ſein wird.“ Wahrſcheinlich nie, wenn nicht drüben! ſeufzte Ottoline vor ſich hin: denn die Tage deiner Freundin ſind gezählt, du lieber ſeelenguter Ludwig! „Ueber das hieſige Leben kann ich nicht viel ſchreiben, und darf es auch kaum. Dem geſammten Geſandtſchaftsperſonal iſt ſtreng unter⸗ ſagt, ſich mündlich oder ſchriftlich über Frankreichs Politik zu äußern, oder Mittheilungen nach Außen zu machen, die nicht auch in den Zeitungen ſtehen. Jedenfalls leſen Sie den Moniteur hochverehrte Großmutter, der enthält die Quinteſſenz aller Ereigniſſe.“ „Unſere Geſandtſchaft hat den Zweck, zwiſchen Frankreich den Frie⸗ den zu vermitteln, und der Erbſtatthalter hat dazu dem Miniſter die ausgedehnteſten Vollmachten ertheilt; allein ich fürchte, daß die günſtigen Anerbietungen Hollands nicht mehr genügen, und daß Pichegru Alles aufbieten wird, um vorzudringen und Holland zu unter⸗ werfen, dann wird wohl Friede werden, denn die Neigung zum Frie⸗ den geht jetzt durch die meiſten Cabinette Europa's. Viele aber werden auch leiden; ich fürchte ſehr für meinen Vetter, den Erbherrn. Alles, was er dem Vaterlande und der treuen Anhänglichkeit an den Erb⸗ ſtatthalter und den Erbprinzen zum Opfer gebracht hat, wird ver⸗ loren ſein, ja ſelbſt ſeine Freiheit iſt bedroht. Ihr zweiter Enkel, beſte Großmutter, Graf Johann Carl, iſt zur Zeit, wo ich dies ſchreibe, Statthalter in Utrecht— ich fürchte ebenfalls, daß dieſe Statthalterſchaft nur von ſehr kurzer Dauer ſein wird. Der Vice⸗Admiral ſoll, wie ich vernahm, ſich jetzt in Hamburg aufhalten; ſollte dies der Fall ſein, ſo wird er ohne Zweifel bei Ihnen, wohnen, und dann bitte ich gehorſamſt, ihn freundlich zu grüßen. Er iſt ein jovialer Mann, der mir Achtung und Liebe abgewonnen hat, trotz ſeiner Neigung zu Spott und Satyre.“ „Die Pariſer Luft, die freilich vielen Leuten in dieſen Zeiten nicht zuſagte, behagt auch mir nicht, beſte Großmutter. Ich fühle mich heimlich krank, beklommen; möglich auch, daß es noch Folge der ſpät⸗ herbſtlichen Sumpfluft iſt, die in Doorwerth mich umwehte. Mein Arzt, den ich auf Anrathen meines Chefs und auf Leonardus Drän⸗ gen befragte, ſagte mir, ich miſſſe Seeluft athmen, die würde mich ſtärken.“ Seeluft! Seeluft! ich weiß eine ganz andere Luft, in deren reiner Sphäre ich mich geſund baden würde!“ Unſer Liebling ſchwärmt, bemerkte lächelnd die Vorleſerin, und die Herzogin ſagte: Schreiben Sie ihm, theuerſte Excellenz, er ſolle nach England reiſen, da kann er Seeluft genießen und Ge⸗ birgsluft, ſenden Sie ihn in unſere Grafſchaft, in deren blühenden Garten. In die Nebelforſte und Marſchen Ihres Dartmoor? fragte Otto⸗ line beſorgt. Nein, auf unſer Schloß Chatsworth, erwiederte die Herzogin: dort will ich ſelbſt ihn bewirthen, und Sie mit, meine Gnädige, wenn Sie meiner Einladung nach jener meiner ſchönen Heimath Folge leiſten wollen. Mir wäre eine ſolche Veränderung des Klima's vielleicht ſehr heilſam, warf Ottoline unbefangen hin. Die Reichsgräfin ſprach lächelnd: Stellen Sie ſich, liebe Enkelin, mit dem Beginn des Frühjahrs unter den Schutz Ihrer Freundin, und wenn Sie wollen, auch unter den unſeres Vice⸗Admirals, und beſuchen Sie einmal unſere Verwandten in England. Ich aber muß unterthänig für Ihre freundliche Einladung dan⸗ ken, beſte Herzogin! Sehen Sie mich altes Wrack nur einmal recht an. Sollte ich noch einmal in See gehen? Unter welcher Lebensflagge ſollte ich ſe⸗ geln? Mein Segeltuch heißt Todtenhemd, mein Schifflein Sarg, und mein Anker, der wird zum Kreuz über meinem Grabe. Doch, vol⸗ lenden wir den Brief unſeres Ludwig: „Die geſellſchaftlichen Zuſtände ſtehen hier unter dem Gefrier⸗ punkt, faſt hätte ich geſagt, durch alle Klaſſen, was ein großer Fehler meinerſeits geweſen wäre, denn hier gibt es keine Klaſſen mehr. Die engliſche Handelsſperre, das unfruchtbare Jahr, der ſtrenge Winter erzeugten allgemeinen Mangel. Das ſo heißblutige Paris hungert und — — 221— friert jetzt. Die Waarenpreiſe in Beziehung zu den Aſſignaten ſtehen etwa ſo: ein Louisd'or in Gold iſt ſechzehn⸗ bis achtzehntauſend Livres werth, nämlich ſtets in Aſſignaten; ein paar Schuhe koſten zweitau⸗ ſend, eine Flaſche Wein zweihundert, ein Ei zwanzig Livres; ein Pfund Butter fünfhundert, ein Pfund Kaffee vierzehnhundert, ein Sack Koh⸗ len dreitauſend Livres. Der Arzt, den ich um Rath gefragt habe, war ſo gütig, mir für ſeinen einzigen Beſuch nur ſechshundert Livres ab⸗ zunehmen. Silbergeld iſt äußerſt willkommen, wer deſſen hat, bekommt ein Pfund Zucker gegen baar für vierzig Livres. Eine Klafter Brenn⸗ holz koſtet vierundzwanzigtauſend Livres. Da wir an Gold und Silber kei⸗ nen Mangel haben, ſo kommen wir leidlich durch, aber von Vergnügen, von geiſtvollen Kreiſen, von jenen ſchönen und angenehmen Vereinigungen ge⸗ bildeter Menſchen iſt keine Rede mehr. Doch ich eile zum Schluſſe und küſſe meiner theuerſten Großmutter in kindlichſter Liebe und Verehrung die treuen Hände, die mich durch mein Jugendleben geleitet haben. Hier fühle ich erſt recht, was es ſagen will, den Pardiſesgarten, jener ſtillen und reinen Freuden hinter ſich zu haben. Ihr ewig dankbarer Ludwig.“ Dieſer junge Mann beſte Frau Gräfin, taugt nicht in die große Welt, äußerte Georgine. Wer in dieſen Jahren ſich in ihr nicht heimiſch fühlt, wird ſie ſpäter ſchwerlich lieb gewinnen. Laſſen Sie ihn jagen, fiſchen, Häuſer bauen und Parks anlegen, ich halte dafür, daß er dazu beſſer geſchaffen ſei. Mit zwanzig Jahren iſt mancher junge Mann noch Nichts, ver⸗ ſetzte die Reichsgräfin, wenn das Leben ihn nicht recht zeitig in ſeine rauhe Schule nahm. Das war bei meinem jüngſten Enkel nicht der Fall, ich will es nur eingeſtehen, ich verzog ihn. Ich führte ihn nicht in die Welt der Salons ein, ſondern in die Welt der Wiſſenſchaft, der Bücher, der Alterthumskunde— ohne doch ihm hinderlich zu ſein an ritterlichen Leibesübungen. Er übte ſie, ohne an einer dieſer Künſte vorzugsweiſe Gefallen zu finden. Ich glaube, daß er nie tanzen wird, muſikaliſch iſt er auch nicht geworden, nur am Malen fand er einige Freude, und am Leſen die meiſte. Weil ich fühlte, wie mangelhaft und unvollendet noch ſeine Erziehung ſei, entſchied ich mich dafür, ihn reiſen zu laſſen, damit das Leben ihn in die Schule nehme und er — 225— durch das Leben ſich ſelbſt bilde. Kaum ſetzte er den Fuß von der Schwelle jenes heimathlichen Schloſſes, das dort im Bilde hängt, ſo hat ihn auch ſchon das Leben erfaßt, aber nicht wie ich gehofft und gewünſcht habe. Viel zu tief ſah er im Beginn ſeiner Laufbahn in zwei ſchöne Augen, die nun im Wachen und Träumen vor ſeiner Seele ſtehen und ihn zurückwinken nach der kaum verlaſſenen Heimath. Bald darauf muß er wieder in ein ſeltſames Verhältniß verwickelt werden, in welches ich noch gar nicht recht klar ſehe. Er und Windt ſchreiben mir nicht beſtimmt darüber, aber ſo viel läßt die Erfahrung eines langen Lebens mich zwiſchen den Zeilen leſen, daß ohngeachtet der ſchönen verbotenen Heimathaugen doch ein neuer Himmel ihm in einem Augenpaar der Fremde aufging, und daß er, ohne ſich dies ſelbſt zu geſtehen, ſich in ſtiller Liebe zu der Freundin ſeines Freundes verzehrt. Darum iſt es ſehr gut, gut für Alle, daß jenes Kleeblatt auseinanderging. Ludwig iſt zu edel, um auf Verrath gegen den Freund zu ſinnen, ſagte Ottoline mit mühſam errungener Faſſung. Gewiß, das meine ich auch, meine Beſte, verſetzte die Reichsgräfin: eben weil er edel iſt, ringt er mit ſich ſelbſt den ſtillen gefährlichen Kampf. Ein unedler Menſch verſucht ſein Glück, betrügt und ver⸗ räth den Freund, wenn der Gegenſtand der beiderſeitigen Flamme ihn nicht mit Entſchiedenheit abweist, und geſchieht dies, nun ſo ver⸗ ſchmerzt er's leicht und ſieht ſich nach einer andern, vielleicht williger ihm entgegenkommenden Neigung um. Aber unſer Ludwig ſoll und darf ſich nicht in ſolche Labyrinthe verlieren; und ich glaube, daß nur die Leitung einer edeln Frauenhand ihn auf die Pfade des richtigen Lebensweges führen kann. Wie glücklich wäre ich, wie ſehr verdient um meinen Enkel würden Sie ſich machen, Frau Herzogin, wenn ihm nach Ihrer Rückkehr nach England dort in Ihre Kreiſe einzutreten ver⸗ gönnt würde. Das ſchwebte mir ſchon lange vor, doch wollte ich mit Abſicht ihn erſt eine Zeitlang frei gewähren laſſen und zuſehen, wohin ſeine Neigung ihn lenke. Georgine fühlte, wie unendlich viel für ſie in dieſen Worten lag, die Ottoline ſo und nicht anders zu deuten vermochte, wie ſie geſpro⸗ chen wurden; die lebhafte Herzogin aber rief flammend aus: An mir, ſollte Ihr Enkel gewiß eine wahrhaft mütterliche Freundin finden, ſenden Sie ihn mir, er ſoll mit offenen Armen empfangen werden. D. B. III. 15 Sind wir doch längſt als Freundinnen vereint, und die Familien ſte⸗ hen ſich nahe, iſt doch mir und Ihrem berühmten Verwandten, dem Lord William Henry, ein hoher Name gemeinſam, der Name Cavendiſh. Und ich will alle meine Wünſche und mein Gebet mit Ihnen ver⸗ einen, daß es ihn, den Retter meines Lebens, wie den meines Kindes, zu Heil und Segen führe, was Sie Beide vereint Gutes für Ludwig beſchließen! rief Ottoline tief bewegt aus und barg ihre hervorbrechen⸗ den Thränen in ihrem Tuche.— Ach, nur zu ſchnell verrauſchen die ſchönen Augenblicke, in denen der Menſchen Herzen und Seelen ſich hochemporgehoben fühlen über alles Flüchtige und Vergängliche, was das Leben umgiebt, wie ein Ge⸗ wand aus Erdenſtoff gebildet— auch dieſe Minuten flogen ſchnell da⸗ hin— die Thüre ging auf und Weisbrod brachte einen Brief. Die Reichsgräfin nahm denſelben, entließ den alten Diener mit gnädigem Winke und ſprach mit ihrer gewohnten Ruhe: Ein Schreiben Windt's; es iſt angenehm, daß nach dem, was wir ſo eben beſprochen und beſchloſſen haben, die Wirklichkeit wieder in ihr Recht zu treten begehrt, denn wir verloren uns in das Gebiet der Zukunft mehr als gut iſt. Hören wir noch, bevor wir an unſere Toilette für den heutigen Abend denken, was unſer ehrlicher Stadthagener, mein treuer Hausintendant ſchreibt. Von Formen und Formeln iſt er kein Freund, er kennt nur eine Formel, die heißt: zu Füßen, oder aux pieds. Außerdem überſpringt er alle die läppi⸗ ſchen Schnörkel der gedruckten Briefſteller, drückt ſich aus, wie er ſpricht, und ſtets ungemein verſtändlich, ja bisweilen ſelbſt draſtiſch. Dabei hat er einen völlig klaren praktiſchen Blick in die Verhältniſſe, die ihn um⸗ geben. Nun, Sie vernahmen ja ſchon ſein Lob aus meines Enkels Brief. Wir werden gleich ſehen, was ſich zur Mittheilung eignet. Die Reichsgräfin öffnete den Brief und las abwechſelnd bald leiſe für ſich, bald laut, den Inhalt ihren Freundinnen vor. Leider lauteten die Nachrichten nicht ſehr erfreulich, wie denn überhaupt in jener Zeit Erfreuliches faſt von keiner Seite her zu erwarten war.„Daß mein Neſt ausgeflogen und leer von ſeinen liebſten Be⸗ wohnern, wiſſen Ihre Excellenz bereits, nur die Unlieben blieben nebſt meiner braven Jule. Ich ſah die ſchöne junge Frau Angés, wahrſcheinlich Wittwe, mit dem himmliſchen Kinde nicht ohne Wehmuth ſcheiden. Das —, kleine Mädchen iſt ein Engelskind! Es hat Kräfte, Artigkeit und Ver⸗ ſtand weit über ſein Alter hinaus. Es iſt ein Glück, daß ſie fort ſind, lieb iſt mir auch, daß der junge Herr Graf und Herr van der Valck weg ſind, denn als Hauptleute waren beide nur ein fünftes Rad am Wa⸗ gen, und es herrſcht bei mir fortwährend eine gräuliche Verwirrung und wird von Tage zu Tage ſchlimmer. Ich ſitze, wie ein züngelnder Wappenlöwe, als Thorwächter in einer Trophüe zwiſchen eitel Pauken, Spießen, Trompeten, Standarten und Hellebarten.“ ———————————— 5. Die Emigranten. Die fernere Mittheilung aus Windt's Brief wurde durch Weis⸗ brod's Wiedereintritt unterbrochen, welcher abermals mehrere Briefe und Karten brachte. Die Mehrzahl dieſer Billets war franzöſiſch ge⸗ ſchrieben; Baron von Binder bezeugte ſeinen Reſpect und bedauerte, mit ſeiner Frau abſagen zu müſſen. Frau Gräfin von Schimmelmann ſchrieb: „Empfangen Sie unſere Entſchuldigung, daß wir nicht die uns zugedachte Ehre genießen können, an Ihrem Zirkel Theil zu nehmen. Meine Schwie⸗ gertochter leidet an den Folgen einer heftigen Erkältung und dies hält uns zu unſerem großen Bedauern ab, in die Stadt zu fahren; ich erſehne aber mit Ungeduld den Angenblick, Ihrer Exeellenz die Gefühle meiner größten Ergebenheit zu wiederholen, mit welchen ich— und ſo weiter. Und hier noch— ein verſiegeltes Billet— ah, von unſerem ehrwürdigen alten Legationsrath und markgräflich badenſchen Hofrath, was ſchreibt doch der?„Gnädigſte Frau Gräfin Excellenz! Ihre Güte entſchuldigt wohl mich alten Mann, wenn ich mit gehorſamem Danke auf Hochdero gnädige Einladung verzichte. Ich tauge nicht mehr in die Kreiſe der heutigen Welt. Der Kreis, in welchem Sie ſo gnädig ſind, mich dulden zu wollen, beſteht, wie ich höre, aus Perſonen, deren Unglück mir gewiß heilig iſt, ohne daß ich aber die Vergötterung billigen kann, welche die Deutſchen ihnen, den Aus⸗ 15* — — 228— ländern, den Flüchtlingen, angedeihen laſſen. Ich müßte mir ſelbſt untreu werden, denn was ich einſt ſang, iſt noch heute das Wort meiner Ueberzeugung: Dem Fremden, den ihr vorzieht, kam's Nie ein, den Fremden vorzuziehn; Er haßt die Empfindung dieſer Kriechſucht, Verachtet euch Weil ihr ihn vorzieht.— Dieſe Worte dürften mir ſchwerlich vergeben werden, wenn ich mich immer noch zu denſelben bekenne. Mit der tiefſten Verehrung!“ Nun, das iſt ſtark! rief Georgine aus. Wer iſt dieſer kühne Mann? Es iſt Deutſchlands größter Dichter— es iſt unſer Klopſtock, antwortete Ottoline. So iſt es, beſtätigte die Reichsgräfin. Wieder ein Typus des ächten deutſchen Gelehrten, gerade wie mein Abbé Eckhel in Wien, gerade durch, ſtarrköpfig, liebenswürdig und zu Zeiten ſehr— wahrhaftig. Die Reichsgräfin nahm nach dieſer Unterbrechung Windt's Brief wieder auf und fuhr fort darin zu leſen. „Die beiden Grafen du Boutier, nach denen Excellenz ſich bei mir erkundigen, befinden ſich zur Zeit zu Schloß Brunsberg bei Zütphen, unter dem Schutze der Legion Rohan, von wo ſie ſich nach Hamburg begeben werden; vielleicht ſind ſie ſchon dort. Es iſt ſehr gefährlich, ſich mit Emigranten in irgend eine Verbindung einzulaſſen, und die Carmagnolen ſind auf nichts ſo wüthend und erbittert, als auf ſie und wer ihnen Vorſchub leiſtet. Ich ſage es Excellenz gerade heraus, ich bin kein Emigrantenfreund. Das Betragen dieſer Leute iſt die ver⸗ körperte Anmaßung und ihre Belohnungen für erwieſene Dienſte beſtehen nur aus Undank. Ich habe ſie im Kaſtell gehabt und habe nur eine einzige Ausnahme zu rühmen, dieſe machte ein junger, ſehr ſchöner Prinz von Condé.“ „Durch den hannover'ſchen Feldpoſtmeiſter, frühern Secretär bei Graf Walmoden, erhalte ich die Hamburger Zeitung, ich kann aber mittheilen, daß alle die hieſigen Vorfälle darin ganz unwahr und falſch angegeben und des Leſens unwerth ſind. Graf Walmodens Gemahlin wollte erſt in Arnhem in Brantſens Hauſe Wochenbett halten, wird ſich aber nun nach Osnabrück begeben.“ — „Ich binzſo mit Fremden und Geſchäften beſetzt und beladen, daß es kein Quartiermeiſter bei der Armee im ftärkeren Grade ſein kann. Außer den Jägern von Hompeſch habe ich einen Theil der heſſiſchen Artillerie, hundertvier Pferde und vierzig Mann gehabt. Ohnlängſt fiel zwiſchen den heſſiſchen Dragonern von Prinz Friedrich und den leichten engliſchen Dragonern ganz in unſerer Nähe eine blutige Attaque vor; Letztere hatten acht Todte und vierzehn Verwundete.“ Das iſt ja entſetzlich, rief Georgine: wenn die Verbündeten einander ſelbſt bekämpfen! Die Reichsgräfin las weiter: „Man bricht ſich die Hälſe um eine einzige Bauernhütte, während bei dem Feinde die vollſte Eintracht herrſcht.“ „Prinz Ernſt Auguſt von England war zum öftern hier, er hat mich gerne bei ſich und ſprach viel vom Frieden. Vom Commandanten der holländiſchen Garde, die hier lag, erhalte ich fortwährend die freundſchaftlichſten Briefe und Dankſagungen, auch von Amſterdam aus allerlei Lebensmittel, ungeheuere Paſteten, Liqueure, Citronen; der Commandant der Jäger von Hompeſch, Major Baron von Pheilitzer aus Kurland, hat mir Büſchings Erdbeſchreibung in prächtigem Einband verehrt; die Emigranten hingegen, die mir die meiſte Laſt gemacht haben, ſind undankbare Menſchen und drücken die Ohren auf den Hals. Um unſere Truppen ſieht es trübſelig aus, ſie ſtehen bis über die Kniee im Moraſt und Eis, und Holland iſt in Nöthen, wie das Sprichwort ſagt.“ „Dem Prinzen Ernſt Auguſt habe ich die Infamie begreiflich gemacht, eine Batterie gerade dem Kaſtell gegenüber anzulegen und ihm bewieſen, daß es eine Thorheit ſei, den Rhein auf dieſe Weiſe vertheidigen zu wollen. Zum Glück hat die Kälte alle Arbeiten gehindert, und ſie waren auch völlig überflüſſig, denn es iſt ſchnell anders geworden, wie ein Handumwenden. Die Kälte, wie ſich ei⸗ ner ähnlichen Niemand erinnert, nimmt jeden Augenblick zu; ſie wird die beſte Friedensgeſandtſchaft ſein. Gott gebe es! Haben es die Engländer bei uns ſchlimm gemacht, ſo machen es die Oeſter⸗ reicher noch toller. Den alten Landdroſten Rhencke van Parkelves haben ſie in ſeinem eigenen Hauſe ſchier todt geſchlagen. Sieben Menſchen wurden an einem Morgen auf den Straßen in Arnhem todt —— gefunden. Das ſchöne neue Kaſtell zu Lune iſt mit allen Neben⸗ gebäuden bis auf den Grund niedergebrannt; Tag und Nacht ſehen wir Häuſer brennen. Die Krieger ſind durch Mangel und Kälte zur Verzweiflung gebracht. Ich hatte neulich neunhundert Mann und ebenſo viele Pferde unterzubringen; alle Vorräthe gehen zu Ende, ich muß bei Ihrer Excellenz um ein Stück geräuchertes Fleiſch betteln.“ „Mit allen Friedensgerüchten war es nichts; die Geſandtſchaftl des Herrn Brantſen nach Paris iſt eine fruchtloſe und vergebliche geweſen; der Feind hat ſich Meiſter gemacht vom Bommeler Weerd. Und welcher Feind! Der franzöſiſche General Daendels, ein Parteigänger an der Spitze von ſiebentauſend Holländern und Brabantern, lauter Patrioten, die für den Feind ihr Vaterland erobern. Man fuhr über die Wahl und den feſt zugefrorenen Rhein unter Wageningen mit ſechsſpänni⸗ gen Geſchützen und den ſchwerſten Packwagen. Unſere ganze Armee brach dorthin auf, Prinz Ernſt Auguſt kam noch einmal hierher, ſpeiſte und nahm Abſchied; er ſteht an der Spitze des zweiten Regiments hannoverſche Kavallerie und führt es nach Amerongen. Er iſt voll Feuer und Eifer, obgleich er ſchon einen lahmen Arm vekommen hat; ich mußte ihm die Hand darauf geben, daß ich ihm hier ein Zimmer bereit halten wolle, er möge geſund oder verwundet zurückkommen. Der Feind iſt guter Dinge und hat ſich wieder ver⸗ proviantirt, auf unſerer Seite aber iſt Nachläſſigkeit und Verwirrung an der Tagesordnung. Entweder will man es ſo und nicht anders haben, oder es müſſen in manchem Hirnkaſten viele Schrauben los ſein, oder mein Verſtand iſt ſo klimperklein, daß ich von Allem gar nichts mehr verſtehe, welches wohl das Wahrſcheinlichſte iſt.— Unſer Erb⸗ herr eilte ſogleich, als die üble Nachricht kam, nach Gorkum; von da aus, von Geldermaalſeen aus und von Heßel aus ſollte nun der Feind durch drei Heerſäulen holländiſcher, engliſcher und heſſiſcher, darmſtädter und hannoverſcher Truppen zugleich angegriffen werden, aber die engliſche Colonne kam zu ſpät. Die Franken ſind vor den Thoren von Arnhem, ich ſehe ſchon ihre Vorpoſten in unſeren Feldern herum reiten, bald werden ihre Kanonen unter meiner Naſe feuern. Es geht gräulich zu und wird noch ſchlimmer. Das Herz im Leibe blutet mir über das Elend der Menſchen; wenn ich weggegangen wäre, ſo wäre die Herrlichkeit jetzt eine Einöde. Die Leute ſehen, — was ich für ſie thue und theilen ihren letzten Biſſen mit mir; ſo eben geht ein Bauer von mir, der gab mir ſein letztes halbes Brod und fünf Eier, weil ſie wiſſen, daß wir an Allem Mangel leiden. Solche Leute zu verlaſſen, wäre himmelſchreiend. Ich lege mich zu Füßen.“ Die Reichsgräfin endete und Gräfin Ottoline beurlaubte ſich von den beiden Damen. Nach ihrem Weggang ſagte die Matrone zu ihrer Freundin, der Herzogin: Ach, liebſtes Kind! Da ſteht noch eine ſchlimme Nachſchrift, die durfte Ottoline nicht vernehmen, es hätte ſie niedergeworfen. Hören Sie die Hiobsbotſchaft! „Man ſpricht für gewiß, daß demnächſt Pichegru in Utrecht ein⸗ ziehen und dann ſtraks auf Amſterdam losrücken werde, daß unſere Flotte im Texel ſitzt und eingefroren iſt, daß die Stelle des Erb⸗ ſtatthalters, welcher bereits flüchtig ſein ſoll, aufgehoben ſei und dieſer für ſich und den Erbprinzen auf ſeine Würde Verzicht leiſten werde und müſſe— und endlich— erſchrecken Sie nicht— ſoll der Erbherr gefangen genommen und nach der Citadelle Woerden ab⸗ geführt worden ſein.“ Großer Gott! rief die Herzogin erbleichend. Mein armer Enkel! ſeufzte die Reichsgräfin. Und mit dieſer Nachricht, mit dieſen Gefühlen im Herzen gebe ich heute den roya⸗ liſtiſchen Emigrées grande Assemblée.— Der Abend war da und die Säle ſtrahlten; die Verſammlung fand ſich ein, zahlreich und glänzend— es ging ein widerlicher Mo⸗ ſchusduft durch die Räume, als lägen hier hundert Kranke in den letzten Zügen. Dieſen ganz abſcheulichen Geruch fand damals die vornehme Welt, beſonders die Frauenwelt, außerordentlich ſalonwürdig und angenehm. Alles glänzte in der koſtbaren Pracht der Friſuren, Coiffüren und der großen Trauer⸗Toiletten; man trug im Haar hochempor⸗ ſtehende ſchwarze Marabuts oder auch Blumen aus ſchwarzer Wollez das Haar war in große Locken gepufft, mit Perlen durchflochten, auch wohl mit kleinen turbanförmigen leichten Kopfzeugen bedeckt und gepudert, oder zeigte auch kleine mit ſchwarzen Steinen beſetzte Diademe. Die Damen trugen an dunkeln Schnüren übergroße Medaillons, welche meiſt unglückliche Zeitgenoſſen und Perſonen der ermordeten Königs⸗ familie Frankreichs darſtellten. Die Taillen waren von mehr als bäueriſcher Unform, von einer faſt fabelhaften Kürze und die ſchönen herrlichen Formen des weiblichen Oberkörpers erſchienen in dieſer Ver⸗ kürzung als ein auffallender Gegenſatz zu dem endlos lang erſcheinenden Unterkörper. Die Kleider und Roben ſelbſt waren nicht ohne Geſchmack verziert und garnirt, doch herrſchte in ihren Stoffen das Kleinblumige vor, was zu großen und füllereichen Geſtalten nicht paßt. Die Tracht der Herren war die bekannte des Zeitalters, bei den Deutſchen mehr einfach, bei den Franzoſen mehr als je geſucht und auffallend, als wolle man den guten Deutſchen ſo recht bemerklich machen, was Mode ſei. Die Herzogin trug ſich nach altengliſcher Weiſe, ſie trug noch eine Art Reifrock, hatte die wundervollſte Taille, eine Büſte zum Anbeten, ſtrahlte von Juwelen und überſtrahlte alle, ſelbſt die jüngſten Damen, an Glanz und Pracht ihrer äußeren Erſcheinung. Viele Fran⸗ zöſinnen blickten mit Neid auf die ſchöne Tochter Albions, und Ge⸗ orgine ſchien in Wahrheit die ihr in neberfülle dargebrachten Schmei⸗ cheleien zu beſtätigen, daß ſie einer Fee gleiche, die aus einer andern Welt herabgeſchwebt ſei, um Alles zu bezaubern, was gewürdigt ward, ſich ihres Anblicks zu erfreuen. In den glänzenden Kreis der Geladenen traten zuletzt die An⸗ gehörigen der Königsfamilie Frankreichs, die der Zufall oder eigene Wahl auf kurze Zeit in Hamburg vereinte. Sie traten auf, nicht wie aus ihrem Vaterland Vertriebene, nicht wie geächtete Flücht⸗ linge, ſondern mit allem Pomp eines regierenden Hofes— grand cortöége— ein Heer von Kammerdienern voraus, eine Schaar hoher Militärperſonen, Adjutanten und Gardeoffiziere— dann nach einer Pauſe der Graf von Artois, an ſeinem Arme führend ſeine Nichte Marie Thereſe, des enthaupteten Königs Tochter, vermählte Herzogin von Angouléme; dieſem Paare folgte der Herzog Ludwig von Angou⸗ lsme, der Gemahl der vor ihm Gehenden, am Arm die Gemahlin des Grafen von Artois, auch eine Marie Thereſe, Tochter des Königs Victor Amadeus III. von Sardinien. Nach dieſen erſchien Louis Heinrich Joſeph von Bourbon, Herzog von Condé, an ſeinem Arm die reizende Prinzeſſin Charlotte von Rohan⸗Rochefort, und dem Paare auf dem Fuße folgte ohne weibliche Begleitung ein ſchö⸗ ner, junger, ſchlanker Herr in reicher Militärtracht, dem ein etwas älterer Herr, ebenfalls in kriegeriſchem Waffenſchmuck, aber mit Zeichen der Trauer, zur Linken ging. Dieſer Letztere war der 5 — 25— nächſte Verwandte der Reichsgräfin, war Charles Bretagne Marie Joſeph Herzog von Tremouille, Prinz von Tarent und Talmont; er ſtand im Heere des Herzogs von Condé, das er mit ihm auf kurze Zeit verlaſſen hatte, und die Abzeichen ſeiner Trauer galten ſeinem Vater, dem Herzog Auguſt Philipp, dem tapfern Vertheidiger des Königthums, der früher als treuanhänglicher Adjutant des Grafen von Artois manchen Sieg in der Vendée erfochten hatte, endlich aber als Cavallerie⸗General an der Spitze der kriegeriſchen Vendéer in Gefangenſchaft gerieth und ſeine Treue gegen das Königshaus mit dem Tode büßte. Kein Wunder, daß der junge Prinz von Talmont ernſt einherſchritt, und daß man ihm anſah, er komme nicht in dieſen Kreis, ſich und Andere zu erfreuen, ſondern er folge dem Zwang des Herkömmlichen wie des Dienſtes, der ihn an einen Prinzen aus königlichem Blute bannte. Die Aſſemblöe hatte ihren Gang, die Franzoſen zeigten ſich ſteif und förmlich, in jedem Geſicht lag der peinliche Ausdruck, als ſuche daſſelbe etwas, das vermißt werde und nicht zu finden ſei. Waren es die Räume des Louvre, oder der Tuilerien, waren es die Zimmer der Schlöſſer von St. Cloud, St. Germain, Fontainebleau oder Verſailles, die hier geſucht und nicht gefunden wurden? Sehnte man ſich hier unter Hamburgs Himmel in das idylliſche Schäferdörf⸗ chen von Klein⸗Trianon zurück? Wer vermochte dies zu ſagen, wer konnte im Innern ſo vieler Perſonen leſen? Man ſprach, man lächelte fein, man ſchmeichelte, man witzelte und erging ſich auch zum Theil in hohlen Phraſen. Der Graf von Artois wandte ſich an die Reichsgräfin mit dem ſchmeichelhaften Kompliment: Frau Comteſſe! Ihr Hotel iſt la France — ah— la France iſt im Hotel d'Aldenbourg zu Hamburg. Ein Höfling, einer der Boutier's, ſchnappte dieſe fade Schmeichelei auf und wisperte ſie weiter; ſie ging durch alle Zimmer, von Mund zu Mund, wie der Orakelſpruch eines Propheten. Man beſprach allerdings auch vielfach die Ereigniſſe der Zeit, aber ſtets aus einem einſeitigen, meiſt falſchen Geſichtspunkt, betäubt von dem Schwindel unerfüllbarer Hoffnungen, in die man ſich einwiegte, triumphirend über die Volksauſſtände, die in Paris der Hunger hervorrief, und in dieſen Aufſtänden die Strohhalmen einer erfolgreichen Reaction er⸗ —— blickend, an die man ſich zu klammern verſuchte. Daß bei dem furcht⸗ baren Mangel an baarem Gelde und Lebensmitteln die Abgeordneten des National⸗Convents ihre Diäten auf 36 Livres erhöhten und da⸗ durch die geld⸗ und beſitzloſe Menge gegen ſich aufbrachten, wurde voreilig genug als ein gutes Zeichen baldigen Umſchlags gedeutet. Die alte Reichsgräfin ließ jetzt auf goldenem Teller ein Käſtchen herbeitragen, welches von dem reinſten durchſichtigen Bernſtein gefertigt und mit Purpurſammt ausgefüttert war, und als ſie es öffnete, er⸗ blickten die um ſie Verſammelten eine Anzahl einzelner, mit einem ſchwarzen ſchmalen Seidenbändchen gebundener greiſer Locken. Sehen Sie hier, meine allerhöchſten und allergnädigſten Gäſte, ſprach die Matrone mit Ernſt und Würde: eine geweihte Reliquie, über welche freilich nicht der Papſt ſeinen Segen geſprochen hat. Sie iſt geweiht mit dem Blute des geſalbten Hauptes, das dieſe Locken trug, dieſe Locken, die einſt blond waren, und die der Kerker in kurzer Friſt weiß färbte. Eine treue Hand ſetzte ſich in den Beſitz dieſes Haares und übergab es der meinen, und die meinige ſoll nicht weniger treu befunden wer⸗ den. Sie alle, meine hochverehrteſten Verwandte und Freunde, deren gemeinſame Abſtammung aus dem uralten Königshauſe Capet Sie dem Hauſe Bourbon verbindet, ſollen von mir, wie von ihr, der Un⸗ vergeßlichen, eine dieſer Locken zum Andenken empfangen; es iſt das Haar Ihrer unglücklichen Königin, es iſt das Haar Marie Antoinet⸗ tens von Frankreich! Jede einzelne Locke lag in einem großen goldenen Medaillon zwiſchen zwei feingeſchliffenen ovalen Platten von Bergkryſtall herme⸗ tiſch verſchloſſen, und in das Gold am untern Rande war auf der einen Seite die Chiffre MA und darunter die verhängnißvolle Jahrzahl, auf der andern aber der einfache Namenszug der Geberin, wie ſie gewöhnlich zu unterzeichnen pflegte, und die Jahrzahl 1795 eingegraben. Prinz Talmont ſtand bei der Reichsgräfin und bei Georgine, und ſprach ernſt über die ernſte Zeit. Georgine, welcher im hohen Grade die Schattenſeite der Emigranten aufgefallen war, die bei dem Prinzen Talmont wenig, und noch am Wenigſten bei dem jüngeren Prinzen Condé hervortrat, bekämpfte die eitle Selbſttäuſchung, welcher die Emigranten ſich hingaben, indem ſie ſagte: Ich muß Ihnen eine Stelle unſeres Thomſon mittheilen, mein Prinz, nicht um Ihr Gefühl —,— zu verletzen, oder irgend einem Würdigen damit weh zu thun, das ſei ferne; aber im Allgemeinen iſt auf Ihre geflüchteten Landsleute jenes Dichterwort anwendbar, welches lautet:„Wo biſt du, lügenhafte Eitel⸗ keit? Ihr immer lockenden, ihre immer täuſchenden Wünſche, wo ſeid ihr und was Anders erreichtet ihr, als Beunruhigung, Kummer und Gewiſſensbiſſe? Ach und dennoch, ſchwer niederbeugender Gedanke! iſt kaum ein Auftritt des gaukleriſchen Trugſpiels abgeſpielt, ſo erwacht aufs Neue der getäuſchte Menſch aus kurzem Schlummer, geſtärkt von neuer Hoffnung, zu des ſchwindelvollen Kreislaufs abermaligem Beginn.“ Ihr Thomſon iſt ein demokratiſcher Viſionär, erwiderte Prinz Talmont: er hat ja die liebe Freiheit in einem Lehrgedicht beſungen, daraus ſich noch viel Anderes gegen uns würde anführen laſſen. Er⸗ lauben Sie mir aber, Frau Herzogin, Ihnen auf Ihres Dichters Worte mit denen eines franzöſiſchen zu antworten, der mit ungleich weniger Worten das ausdrückt, was wir alle fühlen, die wir im Un⸗ glück und aus unſerem Vaterlande verbannt ſind; es iſt Corneille, den ich meine.„Ein großes Herz kann einem Thron entſagen, und kann dies mit Ehren thun; die That der Tugend wird gekrönt vom Nachruhm. Aber wer auf Das freiwillig verzichtet, was ſein Herz mit flammender Liebe umfaßt, der iſt ein Feiger und weiß nicht zu lieben.“ Was unſer aller Herzen mit flammender Liebe umfaſſen, Frau Herzogin, das iſt unſer Frankreich, unſer Vaterland. An ihm hangen und halten wir, unſere Vaterlandsliebe iſt unſer Palladium, ſein un⸗ ſichtbares Bild tragen wir mit uns in Ferne und Verbannung, wie Anchiſes aus Troja's Flammen die ſichtbaren Bilder ſeiner Laren mit von dannen trug. Nehmen Sie uns Franzoſen dieſe Liebe, dieſe Treue, dann iſt uns Alles genommen, dann ſind wir ganz vernichtet. Würden wir unſere Liebe aufgeben, dann verdienten wir, daß unſere Namen ausgetilgt würden von den Tafeln der Geſchichte. Georgine ſchwieg, ſie fühlte ſich tief getroffen, nicht durch die allgemeine Wahrheit, die in den Worten des Dichters und des Prinzen ausge⸗ drückt wurde— noch etwas Anderes, etwas Beſonderes traf und berührte empfindlich ihr Herz. War ſie es nicht, die Dem freiwillig entſagt hatte, was ihr Herz mit flammender Liebe umfaßte? Hatte ſie ſich nicht ihres Sohnes entäußert durch ſo lange Jahre? Ruhig hatte ſie es ge⸗ ſchehen laſſen, daß eine fremde Hand ihn pflegte und auferzog, zufrie⸗ den und beruhigt war ihr Gemüth, daß ihr Geheimniß ſo trefflich be⸗ wahrt blieb, daß Niemand die leiſeſte Ahnung davon hatte, daß ſie vor ihrer Vermählung ſchon einmal Mutter geworden. War ſie denn dieſem Sohne gar nichts ſchuldig? Sollte die einfache Gabe des Le⸗ bens ſein ganzes mütterliches Erbtheil ſein? Alle dieſe Gedanken fuhren wie Blitze durch der Herzogin Seele, indem ſie ſchweigend in ihrer Hoheit und Schönheitfülle daſtand und manche Blicke an ihr bewundernd hingen. Niemand aber ahnte, was hinter dieſen ſanft geſenkten Wimpern, hinter dieſer herrlich ge⸗ formten Stirne von roſigem Marmor leuchtete. Sie gelobte ſich, Ver⸗ ſäumtes gut zu machen. Die Reichsgräfin hatte indeß gegen den Prinzen das Wort genom⸗ men: Was Sie empfinden und ausſprachen, mein Prinz, war eine gute und edle Entgegnung, und Jeder wird die Gefühle ehren, denen Sie im Namen aller Ihrer unglücklichen Landsleute ſo eben Worte gaben. Doch möchte ich, da wir uns eben mit den Federn fremder Gedanken ſchmücken, als mahnenden Zuruf ein Wort meines Lieblings⸗ dichters zur Geltung bringen, und ich wünſche, ich könnte daſſelbe für eine große Anzahl Ihrer Landsleute zum Glaubensartikel erheben; mein Dichter iſt Horaz, und ſeine Worte, die ich meine, ſind dieſe: „Wem allzuſehr das Glück die Seele ſchwellte, den erſchrecken die Wech⸗ ſel der Geſchicke auf das Heftigſte. Denn von Allem, was wir be⸗ wunderten, reißen wir uns ungern los. Fliehe das große Leben! Es iſt geſtattet, unter niederem Dach Könige und Königsfreunde zu übertreffen.“ Und Könige und Königsfreunde zu bleiben! fiel die Prinzeſſin von Rohan⸗Rochefort ein, welche den Sprechenden nahe getreten war und dieſe Worte vernommen hatte. Zur Reichsgräfin gewendet, fuhr ſie ſort: Gewiß, Comteſſe, dies iſt ein ſchönes Wort, und wir, die Meinen und ich, haben es bereits zur Wahrheit gemacht. Die Gnade des Markgrafen von Baden hat uns in ſeinem Lande ein ſtilles Aſyl gewährt; ich wünſchte es nie zu verlaſſen! Glücklich Die, Prinzeſſin, welche leichthin ein Vaterland aufzugeben und es mit einem andern Lande zu vertauſchen vermögen ohne Kum⸗ mer und nagenden Schmerz in der Seele! ſprach mit bewegter Stimme der Prinz Talmont und mit ſanftem Vorwurf, den er durch den Zu⸗ ſat mib der Mi De braucht ſeinet moniöe B glückit Hambl heiten Artvis an den ihr Aſ Freund Ubens zure ſeines licher Nichtt allnä Mrnſ geben ſtrahl gefür lich ſunt mut hoh viel wi ſei G ha ſi fffich K⸗ e, daß ſe r ſie denn be des L⸗ gin Stele, ſtand und er ahnte, errlich ge⸗ ſich, Ver⸗ t genom⸗ war eine n, denen n Worte n ftemder Lieblings⸗ aſſelbe füt erheben; ind dieſe: die Wech⸗ wir be⸗ n Eöiſt rtrefen.“ Brinzeſſn eten war fuhr ſt „Meinen nade des les Ahl fheben eKum⸗ Stimme en Zl⸗ —— ſatz milderte: Kindesliebe iſt der Frauen Panier, Vaterlandsliebe das der Männer. Bleibe Jedem das Seine! Der Graf von Artvis hatte alle ſeine ſchönen Redensarten ver⸗ braucht und gab der Geſellſchaft das Zeichen zum Aufbruch, der auf ſeiner und ſeiner nächſten Umgebung Seite ebenſo feierlich und cere⸗ moniös war, wie ſein Eintritt. Bald darauf zerſtreuten ſich dieſe vornehmen und zum Theil jetzt ſo un⸗ glücklichen Perſonen, welche nicht ohne Abſicht in der freien Stadt Hamburg eine flüchtige Vereinigung zur Beſprechung ihrer Angelegen⸗ heiten gehalten hatten, nach verſchiedenen Richtungen hin. Der Graf von Artvis begab ſich nach Ham, der Prinz von Condé wieder zur Armee an den Rhein. Die Angehörigen der Familie Rohan⸗Rochefort ſuchten ihr Aſyl in Baden wieder auf; Georgine hatte mit ihrer würdigen Freundin noch einige ſehr wichtige Unterredungen, welche alle das Lebensglück Ludwigs zum Gegenſtand hatten, der nicht ahnte, daß zarte weibliche Hände den Verſuch zu machen unternahmen, in die Räder ſeines Lebensganges beſtimmend und lenkend einzugreifen. Armer Sterb⸗ licher ſchwaches Mühen! Wie kurzſichtig iſt oft ſelbſt die reinſte Liebe! Nichts läßt im Voraus ſich beſtimmen; alle Fäden lenkt allein die allmächtige Hand des Geſchickes, und kaum vergönnt ſie der einzelnen Menſchenhand, dieſen Fäden eine hellere oder dunklere Färbung zu geben. Mancher Lebensfaden blitzt freilich glanzhell, wie ein Sonnen⸗ ſtrahl, andere ſind lebenslänglich hoffnungsgrün, andere aber ſind düſter gefärbt und manche völlig nachtſchwarz. Die ältere und die jüngere Freundin beſchloſſen in ihren vertrau⸗ lichen Berathungen, daß der Graf Ludwig zur Stärkung ſeiner Ge⸗ ſundheit nach England kommen und durch Empfehlungsbriefe ſeiner Groß⸗ mutter ſich bei der Herzogin einführen ſolle. Dieſe wollte ihn dann in hohe Kreiſe ziehen, ihm die edelſten Herzen zu gewinnen ſuchen, und vielleicht eine glückliche Vermählung zwiſchen ihm und einer liebens⸗ würdigen jungen Lady zu Stande bringen. Der Graf ſollte in die Fußtapfen ſeiner Verwandten treten, und entweder unter der Leitung der angeſehenen Glieder der engliſchen Familie des gemeinſamen Stammes die Lauf⸗ bahn eines Staatsmannes beginnen, oder, falls ihm das minder zu⸗ ſage, wollte man ihm ein Landgut kaufen, das er nach Luſt und Liebe bewirthſchaften könne. Glücklich ſollte er werden, der gemeinſame —— Liebling, durch Glück und Lebensfreuden in Fülle entſchädigt werden für des Dunkel ſeiner Geburt. Auch noch ein Name von irgend einer Beſitzung ſollte ihm zufallen, auf daß er ein neues Geſchlecht begründe, das mit ihm beginne. Ottoline verweilte noch mit ihren Kindern in Hamburg, Georgine ging nach England zurück; William blieb aus unbekannten Gründen; er erheiterte oft in guten Stunden die alte Verwandte und wußte ſich ihr angenehm zu machen durch Eingehen auf ihre Ideen und Lieblings⸗ beſchäftigungen; denn ganz vermochte ſie ſich doch nicht von ihren lie⸗ ben Büchern und Münzen zu trennen, wenn ſie auch das ſich ſelbſt auferlegte Gelübde hielt, deren nicht mehr zu kaufen. Der Vice⸗Admi⸗ ral war auch ein Enkel der Reichsgräfin, der Sohn ihres Sohnes Johann Albert. Auch bei den Verhandlungen über den Verkauf der Herrlichkeit Doorwerth verfehlte Willam nicht, ſeinen Rath zu ertheilen, und ver⸗ kehrte viel darüber mit Kammerrath Melchers, dem rechtskundigen Geſchäftsführer der Gräfin. Beiden war unter Anderm die einfache Quittung, welche die Beſitzerin von Doorwerth entworfen, nicht genü⸗ gend; ſie kalkulirten und ſpintifirten ſo lange, bis ſie nachſtehenden Zuſatz ausgegrübelt hatten, zu welchem die Matrone ihre Einwilli⸗ gung zu geben durch beider Rathgeber überwiegende Gründe ſich be⸗ wogen fand. Additamentum zur Interims-Quittung in Abſchlag des am 3. Sept. jüngſt bereits zu entrichten geweſenen erſten Termins von Fünfzig Tauſend Gulden Holländiſch ausgezahlt und von Uns, reservatis reservandis, und mit dem ausdrücklichen Beifügen in Empfang genommen worden, daß dadurch an Unſern Gerechtſamen und Forderungen nichts praejudicirliches eingeräumet ſein ſoll, die gedachte Cession Unſrer Herrlichkeit Poorwerth und übriger in der Provinz Geldern belegenen Güter auch von ſelbſt wegfallen würde, falls gedachter Unſer Herr Enkel die eingegangenen Bedingungen zu erfüllen außer Stande ſein oder an dem völligen Abſchluß des Vergleichs ſelbſt ſich in der Folge ſonſtige Hinderniſſe ergeben ſollten; in welchen unverhofften Fällen Wir Uns jedoch ver⸗ pflichtet achten, demſelben dieſe einsweilen ausgezahlte Summe der Zwanzig Tauſend Mark Hamburger Banco, nach desfalls zu nehmen⸗ der Phrede, MMenburg Aliment-1 Haml In die Konzleiverz Enkel als Sache ganz den ſaß. Rtzt be Holla ningen ein Pichegu daten, von Strohſoce lich ausſe der Frihe nit eiſerne nes Win Welttheil zahl der gegenjubel ſchehen; Hollands is ſc tnehme Der mt de digt werden rgend einer t begründe. Georgine Gründenz wußte ſih Lieblings⸗ ihren li⸗ ſchu Pire⸗Abmi⸗ 6 Sohnes Perrlichkeit und ver⸗ tskundigen ie einfache nicht geni⸗ chſtehenden Einwill⸗ e ſih be⸗ geweſnen usgezahlt rückichen n Unſem geriumt rih und on ſilbſt gengenmn hölligen ndemiſe och vet⸗ me der nehmen⸗ — 239 der Abrede, zurückzuzahlen oder Uns an Unſeren aus den Gräflich Aldenburgiſchen in Deutſchland belegenen Gütern zu beziehenden Aliment- und Jahresgeldern successive kürzen zu laſſen. Hamburg den 1. Februar 1795. In dieſer Form wurde die Quittung nach hinlänglich langer Kanzleiverzögerung abgeſendet, ohne Rückſicht darauf, daß der erwähnte Enkel als politiſcher Gefangener und als ein des Handelns in dieſer Sache ganz ohnmächtiger Mann in der niederländiſchen Feſtung Woer⸗ den ſaß. Jetzt beſaß der Erbherr Doorwerth und beſaß es auch nicht. 6. Der Freunde Trennung. Hollands Loos war gefallen; der Erbſtatthalter hatte ſich in Scheve⸗ ningen eingeſchifft, ſein Sohn, der Erbprinz, hatte die Armee verlaſſen; Pichegru war mit zehn Bataillonen zerlumpter, ausgehungerter Sol⸗ daten, von denen ein Theil in Holzſchuhen einherklapperte, oder in Strohſocken leiſe ſchritt, in Amſterdam eingezogen. Aber dieſe erbärm⸗ lich ausſehenden Soldaten waren Helden, die mit Muth für die Sache der Freiheit kämpften, für die ſie nun einmal begeiſtert waren, die mit eiſerner Ausdauer Kälte und Ungemach und jede Beſchwerde ei⸗ nes Winterfeldzugs ertragen hatten. Mit ſolchen Truppen wären Welttheile zu erobern geweſen, warum nicht ein Land, in welchem die Mehr⸗ zahl der Bevölkerung den Feind als Freund begrüßte und ihm ent⸗ gegenjubelte? Und was einzig daſteht in der Weltgeſchichte, war ge⸗ ſchehen; einige Geſchwader, nicht Schiffe, ſondern leichte Reiter hatten Hollands ſtolze Flotte erobert. Denn die Flotte ſaß im Eiſe feſt und ließ ſich nicht träumen, daß Cavallerie den Kampf mit Schiffen un⸗ ternehmen werde. Der Feldzug Frankreichs gegen Holland war beendet; an die Stelle der Erbſtatthalterſchaft und an die obere Leitung der Staatsgeſchäfte trat der einſichtsvolle Schimmelpennink. Mitten in dieſen Wirren, — 240—— die eine vergangene Zeit abſchloſſen und eine kommende begannen, ſtarb Herr Adrianus van der Valck in Amſterdam. Der alte Mann konnte den Wechſel der Dinge weder gut heißen, noch ertragen, und ſank mit dem, was dahinſank. Daſſelbe Jahr, das die holländiſch⸗vſtindiſche Compagnie zu ihrer Auflöſung führte, deren letzten Tag er nicht ſehen und erleben wollte, raffte ihn dahin. Mit bekümmerter Miene und einem ſchwarz geſiegelten Brief in der Hand trat Leonardus zu Ludwig ein und ſprach zu dieſem: Mein Vater iſt geſtorben— der Vetter, Vincentius Martinus, meldet es mir— meine Mutter iſt ſehr gebeugt, die Erben, denen zu Gunſten ich beraubt bin, werden lachen. Ich reiſe nach Amſterdam, um die Mutter zu tröſten, deren Liebe mir geblieben iſt, und die Hälfte meines Pflicht⸗ theils mir zu ſichern. Bei der Geſandtſchaft, deren Zweck ohnehin ein verfehlter war, und die vielleicht binnen Kurzem abgerufen wird, bin ich entbehrlich— am Ende auch du, Ludwig. Begleite mich, es wird dich zerſtreuen. Sollte ich es wagen dürfen in dieſer Jahreszeit? fragte Ludwig zurück, auf deſſen Angeſicht eine gewiſſe Stubenfarbe lag und der viel an Friſche verloren hatte. Doch vor Allem, mein Freund, mein Bru⸗ der, nimm das Wort meiner Theilnahme. Wie traurig, daß dein Vater unverſöhnt mit dir von hinnen ging! Er ruhe im Frieden! antwortete Leonardus. Ihm folgt von mei⸗ ner Seite nur Dank und Segen, kein Unmuth und kein Vorwurf nach. Er war des Hauſes Haupt, ich war zwar Sohn, doch auch zu⸗ gleich ein Diener des Geſchäfts; ich lehnte mich auf gegen den Willen meines Chefs, und er entließ den ungehorſamen Diener; das iſt das klare Sachverhältniß. Jetzt liegt mir ob, zu ſehen, was ich rette aus meinem Schiffbruch, ich hoffe immer noch, mich leidlicher einrichten zu können, als Robinſon auf ſeiner Inſel. Gewiß biſt du nicht arm, beſtätigte Ludwig. Dein Vater klagte gern, war nur das größte Verhältniß gewohnt; ſeine Armuth reichte wohl hin, um Viele reich zu machen, auch bleibt dir ja noch dein Muttererbe. Gott erhalte das Leben meiner theuern Mutter noch recht lange! Ich warte nicht auf ihren Tod; ſie iſt ſo unendlich gut und liebt mich ſo ſehr. — Du G ſchnerſlich Mutterlich Dunkel— So fr mit mir. halb und mir gffül neu beleb das iſt n Kinpft. Sieh Weine ich Was iſt Jene grof daß unſe ſtäten Ta fihe— i ich ſe n Muthlosn Nu jin die Pran muß de und ſein 3 treu un heit übe Bipie Vie nardus Punet Unier de N d. nen, ſtrb nn konnte d ſank mit boſtindiſche icht ſehen Brief in ſem Mein meldet es Gunſten bie Mutter es Pficht⸗ ohnehin fen wird, mich, es te Andwig d der biel mein Br⸗ daß dein von mei⸗ Porwurf auch zu⸗ en Villen s iſt das rette aus tichten zu ter klagte th nichte noh dein lngel nd liebt 241 Du Glücklicher, dem noch eine liebende Mutter lebt! rief Ludwig ſchmerzlich aus. Wie ſehne ich mich bisweilen nach ſolchem Glück! Mutterliebe iſt eine helle Leuchte auf dem Lebenspfad— ich irre im Dunkel— oh— mein Schatten! So freue dich an meinem Glück, noch die Mutter zu haben, komme mit mir. Du ſollſt ja Seeluft athmen, will der Arzt, die haſt du halb und halb ſchon in Amſterdam, und wenn es dir nicht mehr bei mir gefällt, dann gehſt du nach England, deſſen mildes Klima dich neu beleben wird. Ludwig, du neigſt dich zu düſterer Schwermuth, das iſt nicht gut in ſo jungen Jahren; doch ich kenne dieſe innern Kämpfe. „Wir müſſen Alle ringen, Des Kampfs bleibt keiner frei; Doch ſoll ein Sieg gelingen, Frag' nicht, ob ſchwer er ſei?“ Sieh' mich au! Habe ich nicht auch ſchwer an Leid zu tragen? Weine ich nicht über Trümmern ſchöner niedergeſunkener Hoffnungen? Was iſt der Verluſt irdiſchen Beſitzes gegen den Verluſt eines Herzens? Jene große und edle Seele meiner Angés riß ſich los von mir, auf daß unſere Liebe eine reine bleibe, auf die wir ohne Reue noch in ſpäten Tagen zurückblicken ſollen; ich bezwang alle Glut meiner Ge⸗ fühle— ich ließ ſie ziehen, und nur ſchwach iſt meine Hoffnung, daß ich ſie wiederſehe. Aber darum doch kein unmännliches Zagen und Muthloswerden! Hinaus, wie der raſtloſe Schiffer, immer auf's Neue hinaus in den Sturm und Drang der Lebenswogen, mitten durch die Brandung, denn im Sturme läutern ſich die Gefühle, und immer muß der Mann ſuchen, ſei Beſtes zu retten, ſeine Selbſtändigkeit und ſeine ſittliche Freiheit. Ich gehe mit dir, Leonardus! ſprach Ludwig. Dein Rath iſt immer treu und deine Geſinnung wie Gold. Ich werde auch meine Schwach⸗ heit überwinden, die, wie ich fühle, krankhafter Natur iſt; an deinem Beiſpiel ſoll meine Kraft ſich aufrichten. Viel Schweres gibt das Leben uns zu tragen, nahm wieder Lev⸗ nardus das Wort. Wir müſſen in der Jugend lernen, uns mit dem Panzer der Unverwundbarkeit zu rüſten; das Herz darf nicht brechen unter den Keulenſchlägen des Schickſals, es muß hoffen und dauern. D. B. M. 16 — 242— Wir wiſſen nicht, was uns Beide noch bedroht und wie lange wir beiſammen bleiben; ſo lange uns dies aber noch vergönnt iſt, muß Einer im Andern und Einer für den Andern leben. Und wie haſt du ſchon für mich gelebt, mein treuer Leonardus! rief Ludwig gerührt aus und drückte des Freundes Hände mit Innig⸗ teit. Welchen großen Theil deines Vermögens gabſt du in meine Hand, auf kein anderes Pfand, als mein Wort, ein Vermögen, von deſſen Abfall in einer kleinen deutſchen Stadt, wenn ich fünf Procent rechne, ein Mann ſchon leidlich gut als unabhängiger Rentner leben könnte. Leonardus konnte ſich, ſo ſehr Trauer ſein Gemüth füllte, bei die⸗ ſen Worten Ludwig's eines Lächelns nicht erwehren und ſprach: Ich nehme mit Freude wahr, daß mein ſeliger Vater richtig prophezeit hat, als er dir ſagte: werden auch noch rechnen lernen, mein junger Herr Graf, ja ja, recht gut rechnen! Wenn ich nur nicht fürchten müßte, lieber Leonardus, verſetzte Ludwig ernſt bleibend, mich ſchon verrechnet zu haben. Mein Vetter hat nur zum kleinſten Theil das ihm dargeliehene Geld auf Doorwerth abgezahlt, den ungleich größern Theil hat er für ſich verwendet. Noch haben wir keine Quittung, noch keine rechtsgültige Verſchreibung in Händen. Wir haben das Ehrenwort deines Vetters, des Erbherrn, beruhigte ihn Leonardus. Und wenn er außer Stande wäre, es zu halten? fragte Ludwig beſorgt. Der Fall kann kommen, verſetzte Leonardus: und dennoch bin ich ohne Sorgen, das Geld zu verlieren; im ſchlimmſten Fall verlöreſt du es, und das und um dich wäre mir es leid. Sieh, mein brüderlicher Freund, ich kenne vielleicht beſſer als du deines Herrn Vetters Schul⸗ denlage. Höre mich an, liebſter Ludwig, und lerne vom Kaufmann rechnen, immer mehr und mehr rechnen! Die Rechnenkunſt iſt die Kunſt aller Künſte; ich brauche dir ohnehin nicht zu ſagen, daß die Mathematik, in welcher auch die Arithmetik wurzelt, die erhabenſten Wiſſenſchaften in ſich ſchließt, die Geſtirnkunde und die Meßkunſt des Himmels und der Erde. Aber auch die vier Species mit benannten und unbenannten Zahlen ſind gar nicht zu verachten, und aus der Brchtechn lernte, in ſitz ſchöne und als ſ fuchtbr ſie ihten thaler Se ſoll klgli Augenblic Alles auf druck gem der Seine eine Kirche werig zu Dazu ober lionen Gu Gütern w men wert herrn Pa ſich noh dann wi einer deu ſo lange es auch Pelen. Jnzn L zu verſch thum e wird. Wer Ihl Dul Lin Lurt ge ſchr leich gtößten nit ung nir mt ſt, muß er Loonardus! de mit Jmiß⸗ du in meine ermögen, von fünf Pweent Rentner leben füllt, bei di⸗ d ſprich: Jch ig wophezit mein junger dus, verſette Mein Vitter u Doorwertj rwendet. Noch erſchreibung in errn, hberuhigte fugie Audwi denoch bin ich Foll verlreſt rin riderlihe Vetters Schul⸗ 243 Bruchrechnung kann Einer lernen, wie Mancher, der nicht rechnen lernte, in die Brüche kommt, zum Beiſpiel dein Herr Vetter. Er be⸗ ſitzt ſchöne Güter, aber ſein Herr Vater überlud dieſe mit Schulden, und als ſeine Frau Mutter vor mehreren Jahren ſtarb, belaſtete dies furchtbar ihr Herz und erſchwerte ihren Todeskampf, da ſie wußte, daß ſie ihren Söhnen ein Heer von Proceſſen und achtzigtauſend Reichs⸗ thaler Schulden hinterließ; die freſſen viele Zinſen, lieber Ludwig. Es ſoll kläglich und beweglich geweſen ſein, wie ſie noch in den letzten Augenblicken ihres Lebens geſchrieen und geſeufzt, und es hat dies Alles auf das Gemüth der Frau Erbherrin einen erſchütternden Ein⸗ druck gemacht. Der Erbherr brachte ſeinem Patriotismus ſein und der Seinen und anderer Leute Vermögen zum Opfer. Arm jetzt, wie eine Kirchenmaus, hülflos und gefangen— iſt gegenwärtig ihm ebenſo⸗ wenig zu helfen, als Etwas von ihm zu verlangen oder zu erlangen. Dazu aber kommt, daß man für gewiß ſagt, daß die einhundert Mil⸗ lionen Gulden, welche Holland an Frankreich bezahlen ſoll, aus den Gütern und Beſitzungen des Statthalters und ſeiner Anhänger genom⸗ men werden ſollen; wir müſſen daher Gott danken, daß in des Erb⸗ herrn Papieren, welche durchzuſehen man nicht ermangelt haben wird, ſich noch keine Ceſſionsurkunde von Doorwerth auf ihn vorfindet, denn dann wäre die Herrlichkeit zum Kukuk, während ſie als Beſitzthum einer deutſchen und däniſchen Gräfin Niemand antaſten wird— und ſo lange Doorwerth im Beſitz deiner Frau Großmutter Ercellenz, wäre es auch nur ſcheinbar, bleibt, iſt Doorwerth ſo wenig verloren, wie Polen. Zudem iſt noch Sorge getragen worden, die Herrlichkeit im ganzen Lande als totaliter verwüſtet, ausgebrannt und ausgeplündert zu verſchreien, ſo daß ſie als ein völlig heruntergekommenes Beſitz⸗ thum erſcheint, und kaum einer Abſchätzung unterworfen werden wird. Wer hat ſie denn ſo verſchrieen? fragte Ludwig. Ich! erwiderte Leonardus. Du? fragte Ludwig mit großen Augen. Bin ich umſonſt ein Vierteljahr Lehrling im diplomatiſchen Corps zu Paris geweſen? fragte Leonardus lächelnd zurück. Ein Kaufmann kann ſehr leicht Finanzmann werden, frage doch nach, welche Anfänge die größten Männer in dieſem Gebiet der Staatswirthſchaftskunſt hatten? — 3 Die Meiſten waren entweder geborene oder doch gelernte Kaufleute. H Fr Iſt nun Doorwerth ſo entwerthet, das heißt, erſcheint es ſo, dann wird werde dich der Erbherr in England geltend machen können, daß er ſein Eigen⸗ nicht freit thum für die gemeinſame Sache zum Opfer gebracht, daß er engliſche Wie viel t Truppen im Uebermaß verköſtigt; er wird darthun, daß England die alle Auso Herrlichkeit habe ruiniren helfen, und von dem Inſelſtaate eine Ent⸗ meine Geſt ſchädigung fordern, und eine ſolche vielleicht wirklich erlangen, denn pelter Arb die engliſchen Prinzen ſelbſt müſſen bezeugen, daß ſie beigetragen haben, Pas Doorwerth mit zu verzehren; vielleicht aber erlangt er ſie auch nicht. inere ha Er verarmt alſo; das iſt, was ich deiner ganzen Rede entnehme! O mein unſeliger Fluch! rief Ludwig. Linen 3 3 Nun, ich muß bekennen, du verſtehſt gut, dich ſelbſt zu quälen, Londus ſchloß Leonardus dieſe Unterredung. Es wurde bald nach derſelben mht, ni gſchulting die Reiſe der beiderſeitigen Freunde nach Amſterdam feſtgeſtellt. Daſelbſt traf Leonardus ſeine Mutter in tiefer Trauer und weit untröſtlicher über den Tod des Gatten, als über deſſen ſtarren Eigenſinn, Leonardus zu enterben; aber des Sohnes verſtändiges Weſen benahm jenes Bangen der alten, ſtets das Schlimmſte fürch⸗ ſage: I tenden Kaufmannsfrau. Vor Allem war er bemüht, alles Nö⸗ nirſt glei dden Arne als daß er kümen, un entius ſpr thige zu ordnen, das Vermögen ſeiner Mutter gegen das ſeines Vaters feſtzuſtellen, und die Erben in diejenigen Rechte einzuſetzen, 90 hi die ſie nach dem Geſetze beanſpruchen konnten. Als er mit Ludwig licher Lit und Vincentius Martinus, der auch einigermaßen bedacht worden war, den Roſt ſich gemeinſchaftlich über ſeine Angelegenheiten unterhielt und der auf einen Letztere äußerte: Du wirſt doch, lieber Leonardus, nun bei uns Vonarpus bleiben, wirſt dein eigenes Geſchüft beginnen und uns die Freude nehn. machen, dich in unſerer Verwandtſchaft zu behalten und deine alte allen gu Mutter pflegen?— da antwortete Leonardus: Ich werde thun, mn nit was mir gut dünkt, Vetter! Erbt ihr Alle doch in Gottes Namen, Velt heſ was zu erben iſt. Ich brauche euch nicht, ihr bedürft meiner nicht. wenn wu Wenn ich dem heiligen Martinus gleichen ſollte, der ſeinen Mantel Weile zu theilte und die eine Hälfte einem Armen gab, ſo ſoll mindeſtens keiner von 3 von euch der Arme ſein, der meine Mantelhälfte bekommt— ich will es machen wie mein Vater, will die nächſten Verwandten hintan⸗ heiige L ſetzen und mir ſelbſt einen Erben ſuchen, der mein Mantelkind ſein* ¹ ſoll. Hier ſteht er, es iſt mein Freund, mein Bruder, mein Ludovicus! S mie Kwute. ſo, dann wid er ſein Eign daß er engliſch ß England die aate eine Ent⸗ rlangen, denn getrngen haben, ſie auch nicht. Rede entnehme! loſt zu mälen, nach derſelben tgeſtellt. Trauer und deſſen ſtarten es wfändiges hlimmſte firh⸗ iht, alles P⸗ gen dis ſins cht inzuſthnn er nit Adwig acht worden war, rhielt und der nun bei uns us die Free und deine alie werde thun, Gottes Namen, ſt weint nicht. ſeinen Mante nbnſn — ich w wandten h ſantlind ſin in Ludelius zkeinet intan⸗ O Freund, rief Ludwig: ſprich mir nicht ſo, ich will und werde dich nicht beerben, ich werde vor dir dorthin gehen, wo man nicht freit und gefreit wird, wo man irdiſcher Güter nicht bedarf. Wie viel thateſt du ſchon für mich! In der letzten Zeit haſt du ja alle Ausarbeitungen für mich gemacht, damit ich mich pflegen und meine Geſundheit ſchonen konnte; mir zu Liebe haſt du dich mit dop⸗ pelter Arbeit überladen! Was thut's? Iſt es doch Niemand gewahr worden, da wir ganz einerlei Handſchrift ſchreiben! ſcherzte Levnardus. Vincentius Martinus ſah dieſe innige Zuneigung ſeines Vetters Leonardus zu dem Freunde, von welcher Erſterer ſo gar kein Hehl machte, nichts weniger als gern. Sein Herz war ſchon zu ſehr ein⸗ geſchult in geiſtlichen Gehorſam und in die beſchränkte Sphäre ſeines Amtes, als daß er das herrliche Glück einer idealen Freundſchaft hätte faſſen können, und zugleich regte ſich in ihm der Stachel des Neides. Vin⸗ centius ſprach in dieſem Sinne, doch verblümt ſich aus, indem er ſagte: Ich denke nicht, Leonardus, daß du es dem heiligen Crispin wirſt gleich thun wollen, welcher den Reichen das Leder ſtahl, um den Armen Schuhe daraus zu fertigen? Ich bin nicht ſo bewandert in der Legende wie du, mein geiſt⸗ licher Vetter, ſpöttelte Leonardus. Doch weiß ich, daß ich nicht auf dem Roſt des Neides brate, wie dein Schutzpatron Sanct Vincentius auf einem Roſt briet. Ich ſuche meinem Schutzpatron, dem heiligen Leonardus, nachzueifern, der der Verfolgten und Gefangenen ſich an⸗ nahm. Daß ihr mich gern ins Haus ſchlachten möchtet als einen alten Krämer-Junggeſellen, glaub' ich euch gern, werdet's aber nicht an mir erleben— ich will mir erſt noch ein und das andere Stück Welt beſehen. Indeß mache dich auf ein recht langes Leben gefaßt, wenn du mich zu beerben gedenkſt, denn ich denke es noch eine hübſche Weile zu treiben, mein guter Vetter! Du ſollſt auch ſtets Nachricht von mir haben, und wenn ich einmal nicht mehr ſchreibe, ſo denke, daß ich geſtorben bin, und lies dann für meine arme Seele ſo viele heilige Meſſen, als dir für mein unſterbliches Theil heilſam dünkt. Ich werde einſtweilen eifrig zum heiligen Rochus für dich beten, daß er dich auf deiner Weltpilgerfahrt beſchütze, nicht unter die Räuber und Mörder dich fallen laſſe, im Uebrigen empfehle ich mich als Geſchüftsträger am hieſigen Ort, wenn die beiden gnädigen Herren Ambaſſadeurs vielleicht hohe Aufträge für mich armes Prieſterlein und Knechtlein der heiligen Jungfrau haben ſollten! Es war nichts wie Spott und heimlich verhaltener Groll in den Worten Vincenz Martinus, allein Leonardus machte ihm nicht die Freude, ſich darüber ärgerlich zu zeigen, vielmehr nahm er alle prick⸗ elnden Stichelreden ruhig hin. Schwerer war des Sohnes Stand bei ſeiner Mutter, als er dieſer mittheilte, daß er die Abſicht habe, ſie wieder zu verlaſſen, denn Leonardus hatte ſich gelobt, das Leben daran zu ſetzen, um mit Angés vereinigt zu werden; er wollte zunächſt wieder eintreten in das diplo⸗ matiſche Corps, da er ſich volle Befähigung zu dieſer Laufbahn zu⸗ traute und er zur Zufriedenheit des Geſandten gearbeitet hatte; er hatte deßhalb ſchon vorſorglich bewirkt, daß ihm der Eintritt offen ge⸗ halten wurde; dann wollte er noch einmal nach le Mans reiſen und nicht ruhen, bis er entweder die gerichtlich verbriefte Ueberzeugung von Etienne Berthelmy's Tode in Händen habe, oder bis er dieſen, falls er noch am Leben, zur Scheidung bewogen. Leonardus gebot über nicht geringe Geldmittel, denn einmal hatte er auch für ſich ſelbſt auf ſeinen weiten Reiſen gearbeitet, war von Einſicht unterſtützt und vom Glück begünſtigt worden, und dann war auch der alte verſtorhene Herr Adrianus van der Valck keineswegs ſo arm geworden, als der⸗ ſelbe damals Ludwig glauben zu machen verſucht hatte, und endlich blieb ihm an der treuen Mutter für Fälle der Noth noch eine mächtige Stütze. Es war nicht blos Großmuth, daß er damals die Hälfte des Kaufgeldes für Doorwerth für den Erbherrn hergab; Leonardus rechnete darauf, daß er in dieſer Herrſchaft auf einem der Schlöſſer ein ſtilles Aſol finden könne für ſich und ſeine Liebe, ſei es in Miethe, ſei es als Mitbeſitzer, je nachdem ihm nun der Erbherr ſich dankbar bezeigen wollte und als redlicher Schuldnerz daher war Lev⸗ nardus auch geneigt, die zweite Hälfte jenes Kaufſchillings zu be⸗ ſchaffen, aber daß nun freilich der Erbherr das Geld größtentheils anders verwandte und nur einen geringen Theil am Kaufgeld baar anzahlte, das war einer von den Strichen durch die Rechnung, von denen Herr Adrianus ſo ernſt geſprochen, daher beſchloß Leo⸗ notdus, v Geldernla Die 5 nach Par LAudwig m vechüllt ſorguiß e Neigung zulett me ſich, als mit dem! hegleitete den bielen anderen 2 Lalc, ab fchlshaber berhoft ließ, die Sacht. Okö Dri hein doch wied Strich de Sefahr und dam u6 Lud ſtahlend wchte C mit— gebt I macht? F, freien S „rguld ſchle ih nih nädigen henen Prirſterlein ud Groll in den ihm nicht die et alle prit⸗ , als er ditſer erlaſen, denn um nit Angöt in das diylo⸗ Laufbahn zl⸗ eitet hatte; er tritt offen ge⸗ ns reiſen und berugung von r dieſen, fül dus gebot über fir ſch ſiltt nit tud aln buſorben orden, als der⸗ e, und endli eine nüchige s die bülfe . Lonndus n der Schliſ liſe ſei e5 in2 Miet the, r Eithen ſch dahet wat Re⸗ ſtilings zu e b tißineli kufilb 6 unu tiho 247 nardus, vorläufig auf weitere Schritte bezüglich des Güterankaufs im Geldernlande zu verzichten. Die Freunde trennten ſich, als die Zeit da war, daß Leonardus nach Paris zurückeilte, nicht ohne Kummer und trübe Gedanken. Ludwig machte ſich Sorgen um des Freundes Zukunft, die eben ſo verhüllt vor ihm lag, wie ſeine eigene, und Leonardus war von Be⸗ ſorgniß erfüllt über des Freundes Geſundheitsumſtände und deſſen Neigung zu ſtillbrütender Schwermuth, die in dem Nebellande Albion zuletzt mehr gemehrt als gemindert werden konnte. Beide trennten ſich, als die Scheideſtunde da war, mit den Schwüren feſter Treue, mit dem heiligen Verſprechen öfteren brieflichen Verkehrs. Leonardus begleitete Ludwig vorher zum Hafen, um ein nach England beſtimmtes Schiff aufzufinden, und ſiehe, hell ſtrahlte im erneuten Glanze unter den vielen hundert Schiffen das Bild der„vergulden Roſe“, welche in anderen Beſitz übergegangen war nach dem Tode des alten van der Valck, aber immer noch den treuen Kapitän Richard Fluit zum Be⸗ fehlshaber hatte. Groß war das Glück der drei Freunde, ſich ſo un⸗ verhofft wieder zuſammen zu finden, und daß Fluit es nicht fehlen ließ, dieſes Wiederſehen ſeemänniſch zu feiern, lag in der Natur der Sache. O könnt' ich doch, ihr lieben guten Freunde, rief Fluit, als die Drei beim kreiſenden Becher in der Kajüte beiſammen ſaßen: könnt' ich doch wieder mit euch hinfahren in ſo ſchöner Nacht, wie damals, denſelben Strich, den wir hierher zuhielten! Aber verdammt, erſtlich ſieht es mit aller Seefahrerei äußerſt windig aus, wenn nicht bald Thauwetter einfällt, und dann hab' ich Frachten nach England, nicht nach Hamburg, muß nach Plymvuth ſegeln! Ludwig und Leonardus ſahen bei dieſer Mittheilung Fluit mit ſtrahlenden Geſichtern an, und Leonardus rief: Bravo, das iſt der rechte Cours! Möchte beim Himmel unter ſolchen Umſtänden ſelbſt mit— doch— es kann nicht ſein— aber, wackerer Fluit, was gebt Ihr dem Freund hier, wenn er mit Euch die Fahrt hinüber macht? Ei, das wäre! rief Fluit. Freie Fahrt, freie Koſt, freie Kajüte, freien Schiffskeller, in welchen, unberufen ſei es geſagt, ſeit die „vergulde Roſe“ die Meere befährt, noch nie ein Tropfen Waſſers 248 gekommen— ich meine den Schiffsweinkeller, nicht den ſüßen Waſſer⸗ vorrathkeller, verſteht ſich. Wir werden uns darüber einigen! ſprach Ludwig lächelnd: aber wahrlich, das achte ich als ein Zeichen von meines Geſchickes Gunſt, daß ich mit dem braven Freund und nicht mutterſeelenallein in das Meer hinaus ſteuern ſoll, daß ich im Lande meiner nächſten Beſtimmung und zumal in der wimmelnden Hafenſtadt wieder einen ſo kundigen Führer finde, wie ich ihn einſt in meinem Leonardus zu Amſterdam fand. Vieles hatten ſich die wackeren Freunde einander mitzutheilen, theils was ihre eigenen Gemüther, theils was die Welt bewegte, und wahrlich, die Zeit ließ es nicht am mannichfaltigſten Stoff zu Ge⸗ ſprächen fehlen. Die Patriotenpartei in Holland hatte nun geſiegt, ſie hatte das Verderben über ihr eigenes Vaterland heraufbeſchworen, wie das ſtets der Fall iſt, wenn die Unvernunft alles gerechte Maß über⸗ ſchreitet und nicht eine verſtandvolle geregelte Regierung das Steuer des Staatsſchiffes lenkt, ſondern ein Haufe entflammter Schreier und ſelbſtſüchtiger Volksmänner dem Volke ſeine Beglückungsideen vor⸗ ſchwindelt. Die Franzoſen, die Feinde waren es, die der niederlän⸗ diſchen Patriotenbrutalität ſelbſt Schranken ſetzen mußten; die Manns⸗ zucht der Franzoſen war vortrefflich, ihr Benehmen in Holland damals achtungswerth— Windt empfand dies im vollen Maße und ſprach ſich darüber in ſeinen Briefen an ſeine Gebieterin mit gewohnter Un⸗ umwundenheit aus. Holland kam faſt ganz um ſeine einſt mit ſo großen Opfern erkaufte Freiheit, es wurde wenig mehr, als eine franzöſiſche Provinz; es mußte den Schiffen Frankreichs freie Fahrt auf ſeinen Strömen geſtatten, mußte 100 Millionen Gulden Kriegs⸗ koſten aufbringen, mußte, ſo lange der Krieg dauerte, die 25,000 Mann ſtarke franzöſiſche Beſatzung verköſtigen und kleiden, und dabei wurde ſich des Kunſtſtückes bedient, daß, wenn 25,000 Mann ausgerüſtet waren, dieſe wieder in das ſchöne Frankreich zurück⸗ marſchirten, worauf andere 25,000 Mann nachrückten, die abermals gekleidet wurden. Holland hat damals an 200,000 Mann auf dieſe Weiſe gekleidet, was den niederländiſchen Tuchfabriken außerordentlich zu Gute kam, die nie beſſere Zeiten geſehen hatten. Nicht minder hob ſich der Lederhandel. Frankreich ließ dem niederländiſchen Volke und ſeinenpol jochte da öfferei de beſtanden hah ihm blühende hauptſc den grö und in Flotte; Die Ver geſteigert. auf Jaht des Glic und Brü ihten V Als beſchenkt ſeinen 2 ſein, da iß nich Ber Venni bch, in die es mir J Aber u Nachric Ih Vonar W Jhan Ih Aonard ſinr ſißen Wiſe⸗ lichelnd: gber nes Geſchices tterſeelenallein einer nächſten wiedet einen Leonardus zu mitzutheilen, bewegte, ud Stof zu Ge⸗ un geſiegt, ſi ſchworen, wir eMaß über⸗ g das Steuer Sihrier und ngödeen bor⸗ der niederlin⸗ die Mann⸗ ollund danal eun ſprh uehn er Un⸗ eiſt mit ſ hr, als eine ſuie Jhtt ulden Kriege⸗ die 25,000 und 5000 Mann i zult⸗ tie obunli ſo un auf i au n olt. 249 ſeinen politiſchen Gauklern das Spielwerk eigener Conſtitutionen und unter⸗ jochte das Land dabei gründlich; es ließ ihnen die anſteckende Nach⸗ äfferei der eigenen Staatseinrichtungen, im Umtauſch gegen die bisher beſtandenen guten alten; es nahm Holland ſein Gold und Silber und gab ihm ſein Lumpenpapier, ſeine Aſſignaten; es zerſtörte ſeinen blühenden Welthandel, und rief England gegen Holland in die Waffen, hauptſächlich in allen überſeeiſchen Provinzen, dadurch verlor Holland den größten Theil ſeiner Beſitzungen am Cap der guten Hoffnung und in Indien; es verlor ſeine zehn Millionen Gulden werthe indiſche Flotte; Hollands Flagge beherrſchte nicht mehr, wie einſt, die Meere. Die Vermögensſteuer wurde von zwei ein halb auf ſechs vom Hundert geſteigert. Dieſe und noch andere den Boden der Staatswohlfahrt auf Jahrhunderte hinaus untergrabenden neuen Einrichtungen waren das Glück, welches Frankreich und die franzöſiſche Freiheit, Gleichheit und Brüderſchaft Holland ſchenkte und das die Patrioten Hollands ihrem Vaterlande bereitet hatten.— Als Leonardus von ſeiner Mutter Abſchied nahm, reich von ihr beſchenkt, und die alte Frau, aufgelöst in Schmerz und Thränen, in ſeinen Armen weinte, rief ſie: O, mein Leonardus! So muß es denn ſein, daß du ſcheideſt! O vergiß mich nicht, mein iniger Sohn, ver⸗ giß nicht deine alte Mutter! Beruhiget Euch, liebe Mutter! verſuchte Leonardus ſie zu tröſten. Wenn ich erreiche, was ich zu erreichen ſtrebe, dann komme ich zu Euch, oder Ihr ziehet zu mir. Jetzt aber muß ich noch einmal hinaus in die Fremde, ich muß meinem Glücke nachgehen und nachſtreben, da es mir nicht von ſelbſt in den Schvoß fällt. Ich will es ja ertragen, mein geliebter Sohn, dich fern zu wiſſen! Aber um Gottswillen, ſtirb mir nur nicht in der Ferne! Solche Nachricht ertrüge ich nicht, ſie würde mich augenblicklich tödten. Ihr ſollt dieſe Nachricht nicht empfangen, beſte Mutter! ſicherte Leonardus ihr zu. Wie kannſt du das verſprechen, mein Sohn? fragte Frau Maria Johanna van der Valck. Ihr ſollt ſie nicht empfangen, es ſtürben denn zwei, wiederholte Leonardus mit Beſtimmtheit, eingedenk eines Planes, der längſt in ſeiner Seele gereift, einer Seele, die ſo von Liebe, Freundestreue, — 250— Großmuth und Hochherzigkeit der Geſinnung erfüllt war, daß ſie an die edelſten Seelen des Menſchengeſchlechts hinanreichte.— Weit von einander waren die Freunde, weit von einander alle die Herzen, die des Lebens rollende Wogen und der Geſchicke ſeltſame Fügung erſt nahe gebracht und dann wieder von einander geriſſen hatte, hierhin und dorthin. Ludwig hatte das glücklichſte Lvos gezogen; er weilte eine Zeit lang in London als ein lieber Gaſt im Palaſt ſeiner hohen Freundin, er trat in die angeſehenſten Kreiſe der ſtolzen Ari⸗ ſtokratie Alt⸗Englands; er ſah ſich getragen und gehoben von der Hand edler Frauengunſt, daß es ihm faſt die Sinne verwirrte. Er durfte jenen berühmten Lord Henry Cavendiſh als Vetter begrüßen, der ſpäter eine Königin von Großbritannien durch die Gewalt ſitt⸗ licher Obmacht zwang, England zu verlaſſen und auf lange Reihen von Jahren auf fremder Erde umherzuirren; der zur Herrſchaft eines General⸗Gouverneuers von Indien ſich emporſchwang und von den Eingeborenen das ſchwere Zugeſtändniß erzwang, auf das Verbrennen ihrer Wittwen zu verzichten. Jenem gleichnamigen ſtolzen Herzog William Cavendiſh, einem der unbeugſamſten Häupter der Oppoſition, wurde Ludwig vorgeſtellt, und lernte aus einigen Unterhaltungen mit dieſem geiſtbegabten Ritter des Hoſenbandordens mehr Politik und mehr Einblick in das höhere Staatsleben und die höhere Staaten⸗ lenkung, als mancher ſehr achtungswerthe Staatsmann durch ſein ganzes Leben in ſeinen Kopf zuſammen zu bringen vermag. Ent⸗ ſchiedener Gegner Pitts und Freund von deſſen geharniſchtem Wider⸗ ſacher For, hielt der Herzog gegen Niemand mit ſeiner politiſchen Anſicht zurück, und ſeine Gemahlin, die herrliche, reizvolle Pracht⸗ geſtalt, die Alles um ſich feſſelte, theilte die Geſinnung ihres Gemahls und gab Proben ihrer eigenen thätig eingreifenden Begeiſterung für die Erreichung politiſcher Zwecke, welche die Welt in Staunen ſetzten. Sie war es, dieſe allbewunderte Georgine, die einen Bund gleich⸗ geſinnter Freundinnen gründete, der perſönlich in die Wahlen ſich ein⸗ miſchte, als es galt, Charles James For die Stimme des Volkes für die Stelle eines Parlamentsmitgliedes von Weſtmünſter zu gewinnen; ſie war es, die auf offener Straße einem Bürger Londons den Lohn für ſeine Stimme für For zuertheilt, um den derſelbe, alles Gold verſchmä⸗ hend, gebeten— ihm einen Kuß ihres wonneſchönen Mundes vergönnt hatte. Abe nit der war für Aetzte doß ſe als ein das ihn hoher für die ihn leht daß doc und wic 3h beg Vol laut der nitgend aber es ju ihn Hörer lauben angtzo Fernt für ih ſige S die Lo ſchtn Unahl unaus Rewin beſſer ogen paare auf( nitli bon d hei W duß ſi en nder alle die hick ſeltſame geriſen hatte, gezogenz er Palaſt ſeiner ſtozen Ari⸗ en en der wirrte. Er er begrüßen, Gewalt ſit⸗ unge Reihen ſchaft eines nd von den Perbrennen en Hero 1Opoſiion, altungen mit Politk und ere Stanten⸗ n duch ſein rmag. Ent⸗ chten Vier⸗ er polit litiſchen vob le Prcht⸗ hres Gen giſt ſeru ſir aunen ſetzten. Bund i⸗ . ons den Whn Sonhe nn thul⸗ — 251— Aber aller Antheil Georginens an der Politik hielt ſie nicht ab, mit der zärtlichſten Liebe für Ludwig zu ſorgen. Faſt verweichlichend war für den jungen Mann ihre Gaſtfreundſchaft; Londons berühmteſte Aerzte mußten ihren Rath ertheilen und ertheilten denſelben, ohne daß ſie ergründeten, was dem jungen Manne fehle. Ihm fehlte nichts, als ein ernſter Beruf und ein entſchiedenes Streben, und ein Herz, das ihn verſtand. Und dies Herz fand Ludwig jetzt in der Frau, deren hoher Geiſt den ſeinigen emporflügelte, die ihm den Blick ſchärfte für die Geſchicke der Länder, für den Gang der Weltgeſchichte, die ihn lehrte, den hohen Flug der Gedanken zu fliegen und zu lernen, daß doch ſo Vieles nichtig und unweſentlich, was Viele für ſo groß und wichtig halten, wobei ſie meiſt mit dem eigenen unbedeutenden Ich beginnen. Wohl hörte Ludwig aufmerkſam zu, wohl lauſchte er dem Wohl⸗ laut der holden Rede ſeiner mütterlichen Freundin, wohl fühlte er ſich nirgend ſo ſicher, ſo heimiſch, ſo wohlgeborgen, als in ihrer Nähe; aber es war eben mehr als der Inhalt der Worte, die Georgine oft. zu ihm ſprach, es war jener wunderſame Zauber, der ſie umfloß, der ihren Hörer umwob, wie das Fächeln eines ſüßen Maienlüftchens die Blüthen⸗ lauben eines Roſengartens. Magiſch fühlte Ludwig von Georgine ſich angezogen, wie ein höheres Weſen erſchien ſie ihm, in ehrerbietiger Ferne wußte ſie mit zartem Gefühl ihn ſtets zu halten. Sie wählte für ihn die Bücher oder half ſie ihm wählen, deren Inhalt ihm mü⸗ ßige Stunden belehrend ausfüllen half, ſie wandelte mit ihm durch die Labyrinthe der ſpeculativen Philoſophie, ſie berichtigte ſeine An⸗ ſichten, verwarf oder beſtärkte ſeine Meinungen, lehrte ihm Sinn für Unabhängigkeit, und wie der denkende Menſch nur durch ſtrenge und unausgeſetzte Selbſtüberwindung und Selbſtbeherrſchung letztere ſich gewinnen könne. Georgine erzog Ludwig zum zweitenmale, und zwar beſſer und in ungleich kürzerer Zeit, als die Großmutter dieſen er⸗ zogen hatte. Kenntniß mit Anmuth, Heiterkeit mit ſtillem Ernſt paarend, verſcheuchte Georgine Ludwig's anfänglichen Trübſinn, war auf Erheiterungen für ihn bemüht, leitete ihn zu mancher praktiſch⸗ nützlichen Beſchäftigung hin, zu klemen Ausflügen und erzählte ihm von der Pracht der Schlöſſer, Parke und Berge der Grafſchaft. Da⸗ bei wurde der Lenz mit Sehnſucht erwartet, um dann durch die grünen 252—— Gefilde hinzuziehen zur Luſt, zur Jagd, zum Beſuch der Schlöſſer ihn in mit der Fülle von tauſend Annehmlichkeiten und aufgehäuften Schätzen doß ni der Literatur und Kunſt. Wohin Ludwig nur immer ſeine Blicke inr1 wenden mochte, gab es Neues zu beſchauen, zu bewundern und ſchft zu lernen, und Albions milde Natur, früh erwachend trotz des ſtren⸗ vigehe gen Winters, unter deſſen Härte andere Länder zu klagen und zu hinmel leiden hatten, athmete reinen Hauch der Geneſung, und in mancher Si ländlichen Abgeſchiedenheit meilenweiter Parke bot ſich in lieblichen mit al NM Cottagen die ſüße Beſchränkung eines idylliſchen Friedens. Dieſen Entdec nun ſuchte Ludwig vorzugsweiſe, weil es ſo in ſeinem Weſen, in ſeiner würde Jugendbildung und in ſeiner Gemüthsrichtung lag; er war auf die nicht m Dauer nicht für die Politik zu gewinnen, nicht für die Freuden der ſißen 1 Jagd, noch viel weniger für Fuchshatzen und Kirchthurmrennen— ach, er und mit Lächeln hörte er es an, als die feurige Georgine ihn einmal ihr un gradezu deßhalb ausſchalt und zu ihm ſprach: Graf, Sie ſind ein ſanft u unverbeſſerlicher deutſcher Träumer! Audnig Schöne Herzogin! erwiederte er mild: ich bin vielleicht ein ver⸗ rihrt zogenes, aber doch ein gehorſames Kind. Sehen Sie, ich folge immer Kuh! noch der Großmutter, die mich verzog, denn ach, ich habe ja nie eine Mutter gekannt, nie hat, ſo weit mein Erinnern reicht, ein Mutter⸗ . kuß meine Lippen berührt und geweiht und geheiligt. Die Großmutter 3 ſagte mir beim Abſchiede, ich ſolle deutſch geſinnt bleiben; kann ich nun dafür, wenn mein Gehorſam ſo blind iſt, daß ich nicht in Hol⸗ land, nicht in Frankreich und nicht in England meine deutſche Natur zu verläugnen vermag? Daß ich nie ein Holländer, nie ein Franzoſe und nie ein Brite werde? Iſt es denn ein Unrecht, wenn mein Wunſch, meine Forderungen an das Leben nur beſcheiden ſind, wenn ich höheren und Zielen nachzuſtreben kein Verlangen trage? Haben Sie Geduld mit gefin 5 mir, der nur zu tief empfindet, was ihm mangelt, und nehmen Sie Fuit mich wie ich bin, oder heißen Sie mich gehen, verbannen Sie mich hite aus dem ſchönen Aſyle, das in Ihrer Nähe ſich mir aufgethan! jud Georgine hatte bisher ſtets ihr eigentlichſtes und innerſtes Weſen dirſe vor Ludwig ſorglich verhüllt. Sie hatte ihm mit Abſicht nur die*§ hochſtehende, vornehme und geiſtreiche Frau gezeigt, welche ſie war, die Geſch achtunggebietende, ihre Kreiſe beherrſchende Königin aller Schönheit zu und aller Würde; die reiche unenbliche Fülle ihres Gemüthes hatte ſie u et Schlöſer ihm zum Theil noch verborgen, jedes zärtliche Wort vermieden, auf ten Schiten daß nicht der weich gebildete junge Mann, deſſen Herz ſich im Kahne ſeine Blicke einer unbeſtimmten Sehnſucht wiegte, zuletzt in Liebe und Leiden⸗ undern und ſchaft ſich zu ihr neige und im Flammenſtrahle der Erkenntniß dann t des ſten⸗ vergehe, wie Semele verging, als Zeus ſie mit der Glut ſeines Feuer⸗ gen und zu himmels umarmte. in mancer Sie liebte ihn, den ſchönen, weichen, milden Sohn, tief und innig, in illihn mit aller Macht mütterlicher Liebesfülle, aber ſie bebte zurück vor der n. Lirſen Entdeckung, ſie wollte erſt ſeine Kraft prüfen, mit der er tragen ſen, in ſeinet würde das unausſprechlich tiefe Geheimniß. Aber ſie vermochte ſich nicht mehr zu halten. Sie überſtrahlte Ludwig mit einem wunderbar ſüßen und zärtlichen Blick, ihr Herz ſchlug hoch, ihr Buſen wogte— ach, er ſtand ſo ſcheu, mit ſo leidendem Ausdruck, ſo befangen vor ihr und wußte nicht, wie ihm geſchah, als Georgine ihn plötzlich ſanft umfing, ſeine Stirne küßte und mit bebender Stimme flüſterte: Ludwig! Ludwig! Du klagſt, daß nie ein Mutterkuß deine Lippen be⸗ rührt und geweiht und geheiligt habe! Nun denn ſo empfange dieſen Kuß! Ludwig, mein Ludwig! Ich bin deine Mutter! ar auf die Freuden der nennen— ihn einmal ie ſind ein icht ein ver⸗ folge innet ja nie eine ein Mutter⸗ Grofmutter enz knn ich 7. Eine Rückkehr. ict in bel uſſce Natur grarzoſe 5 5 ein Fun Sie waren weit von einander getrennt, die beiden Freunde Ludwig nin Puſh, und Leonardus, die ſich in ſo treuer ausdauernder Liebe zuſammen nich tiher gefunden. Als Leonardus allein war, als er dem Freund, der mit Geduld nit Fluit nach Plymouth geſegelt, den letzten Abſchiedsgruß zugewinkt, nehmen St hatte er nirgend mehr eine bleibende Stätte. Er ging nach Paris zurück, en Eie nich fand, daß man ſeiner nicht nothwendig im diplomatiſchen Corps be⸗ anl dürfe, und nahm weiteren Urlaub. Auf dem geradeſten Wege eilte erſts Piſu er nach le Mans, wo er wieder als Kaufmann auftrat und einige ſcht mr Geſchäfte abſchloß, die dann ein ihm befreundetes Amſterdamer Han⸗ ſie wan, 6 delshaus zur Vollziehung brachte. Bald begann er ſeine Nachforſchungen er&ßirhei nach Berthelmy— ſie waren und blieben jedoch erfolglos. Er machte ts hutr ſt — 254— Bekanntſchaft mit dem Maire, bewirthete und beſchenkte dieſen, um ihn willfährig zu machen, und dieſer beſchied ihn auf die Mairie, wo in ſeiner Gegenwart Nachforſchungen in den Acten angeſtellt werden ſollten. Als Leonardus ſich eingefunden hatte, ſprach der Maire, der zwiſchen Actenhaufen vergraben ſaß, nachdem er den Fremden zum Sitzen eingeladen hatte: Sie kennen, Bürger, die Ereigniſſe der jüng⸗ ſten Zeit. Sie war ſehr blutig für die Vendée. Ich fürchte ſehr, man hat nicht Papier genug gehabt, um die Namen der vielen vielen Tauſende niederzuſchreiben, welche der Krieg hinwürgte. Von der Familie Berthelmy lebt jetzt Niemand mehr in le Mans. Jener Mann, den Sie ſuchen, ſoll geblieben ſein, ſein Weib ging davon, oder verſchwand auf räthſelhafte Weiſe, ſeine Eltern ſind beide todt, Geſchwiſter hat er nicht gehabt. Daß er mit zu Felde zog, iſt durch Acten verbürgt, daß er blieb, iſt nicht verbürgt. Kann man denſelben nicht in den öffentlichen Blättern ausſchrei⸗ ben laſſen? fragte Leonardus. Wohl könnte man das, entgegnete der Maire: allein es würde wenig fruchten. Lebte der Bürger Etienne Berthelmy noch, ſo würde er längſt wieder hier erſchienen ſein, um ſein kleines Erbtheil in Empfang zu nehmen; ſollte er aber wirklich noch am Leben ſein, ſo würden ihn dennoch unſere Zeitungen ſchwerlich erreichen. Könnte er nicht für todt erklärt werden? Nein, Bürger, zu einer ſolchen Erklärung iſt die Zeit ſeiner Ab⸗ weſenheit viel zu kurz. Aber weßhalb dies Alles? Ich bin ein Verwandter von Berthelmy's vormaliger Frau; ſie hat Gelegenheit, eine andere Wahl zu treffen, und will dies nicht eher, als bis ſie rechtlich von ihrem Mann geſchieden iſt. Der Maire lächelte und ſprach ironiſch: Dieſe gute Frau ſcheint eine ſchlechte Bürgerin zu ſein, daß ſie noch ſo veraltete Rechtsbegriffe hegt. Wir haben uns, nachdem am dreizehnten December vorigen Jahres General Marceau in hieſiger Stadt fünſzehntauſend Menſchen an einem und demſelben Tag erſchießen ließ, ohne Anſehen des Alters und des Geſchlechts, der glorreichen und untheilbaren Republik unter⸗ worfen; wir haben keine Kirche und kein Sacrament der Ehe mehr. Der Bürgerin Berthelmy ſteht es völlig frei, ſich als geſchieden zu betrachten und zu freien, wann und wen ſie will. Ange Ah halbe B urtheile, Weiſe k rathen i zu kom aufſtößt hei ſich ſind ſell Leon In tauſ grälelvo dyhten, gebens! welcher noch ire ſende h nicht z Manne großen den vn z Dü frhen einem verwir ihn le ihn ti liebten ſich ih Aber fublo die w beoor dieſen, un Mairie, wo eſtellt werden r Maire, der Frenden zum ſe der jüng⸗ fürchte ſehr, vielen vielen e. Von der Nans. Jirer ging davon, id beide tobt, eg, iſt durch rn ausſchrei⸗ lein es würde och, ſo würde Erbtheil in Leben ſein, ſo . ii ſin A⸗ er Frau ſie ie nicht cher, Fu ſh Rochtsbegift nbe vngen ſend Pnſhe hen des Altetʒ t unter⸗ iwubl der Che nehr. giſtideni 255 Angés Berthelmy iſt eine Deutſche! warf Leonardus ein. Ah ſo! verſetzte der Maire gedehnt. Die Deutſchen ſind noch halbe Barbaren, ſie haben noch viele wunderliche Begriffe und Vor⸗ urtheile, aber unſere glorreiche Republik wird ſie ſchon in gleicher Weiſe beglücken, wie die Vendöe beglückt worden iſt. Wenn dir zu rathen iſt, Bürger, ſo ſuche ſo ſchnell als möglich aus dieſem Lande zu kommen, denn die hölliſchen Colonnen morden Jeden, der ihnen aufſtößt und nicht zu ihnen gehört, er trage gute und richtige Päſſe bei ſich, gehöre einer Geſandtſchaft an, oder nicht. Dieſe Colonnen ſind ſelbſt eine Geſandtſchaft— die des Todes. Leonardus ging, mit einem verzweifelnden Gefühle im Herzen. In tauſend Gefahren, die in einem durch und durch vom blutigſten, gräuelvollſten Kriege zerwühlten und zerrütteten Lande ſein Leben be⸗ drohten, hatte er ſich geſtürzt, und ſo völlig fruchtlos, ſo ganz ver⸗ gebens! Was nun weiter? Sollte er Angés aufſuchen? Und mit welcher Nachricht konnte er vor ſie treten, wenn er ſie fand? Blieb noch irgend eine Hoffnung in einer Zeit, in welcher jeder Tag Tau⸗ ſende hinmordete, in welcher an geregelte Zuſtände auf lange hinaus nicht zu denken war, Nachrichten über Leben und Tod eines einzelnen Mannes zu finden, der ſich durch nichts hervorgethan hatte, der im großen Strome des unglücklichen Vendéerheeres ſpurlos verſchwun⸗ den war? Düſter wurde es bei ſolchen Betrachtungen in Leonardus ſonſt ſo frohem und hellem Gemüth, ſein Herz war zu einer Wildheit, zu einem Groll gegen ſein Schickſal aufgeregt, die ihm faſt die Sinne verwirrten. Er wünſchte jetzt, Berthelmy möchte noch leben, möchte ihm lebend entgegentreten, mit Waffen in der Hand, er wollte mit ihm kämpfen und ringen auf Tod und Leben um den Beſitz des ge⸗ liebten Weibes. Aber kein Berthelmy trat ihm entgegen, nichts ſtellte ſich ihm in den Weg, ungefährdet konnte er Paris wieder erreichen. Aber wiederum litt es ihn nicht dort, Alles erſchien ihm ſchaal und farblos, nur in weiter Ferne ſchwamm in einer lichten Aetherſtelle die roſenrothe Wolke ſeiner Liebe, ſeiner Sehnſucht, unerreichbar für ihn, gleich jener Wolke, die der kühne Held ſtatt der Göttin umarmte.— Windt hatte einen Brief an die Reichsgräfin vollendet, den er, bevor er ihn abſandte, ſeiner Frau mittheilte; Frau Juliane liebte — 256— das, ſie erfuhr auf dieſe Weiſe manches Neue, das in ihres Mannes Leben trat und ſie oft unmittelbar mit berührte, zu deſſen beſonderer Mittheilung ihr Mann jedoch keine Zeit fand. Ich habe von Tag zu Tag weniger Zeit zum Briefſchreiben, ſprach Windt zu ſeiner Frau; ach! es iſt jammerſchade, daß du keine Feder⸗ heldin geworden biſt, liebe Jule, du müßteſt ſonſt mein Geheimſchreiber ſein, mein Wippermann. Bin froh, ſehr froh, lieber Windt, bin ſehr froh darüber, hätte ſonſt noch mehr zu thun! vertheidigte ſich Frau Windt. Hab' ich nicht ohnehin alle Hände voll zu ſchaffen, und faſt Tag und Nacht? Haſt recht, liebe Alte! begütigte Windt. Was wir Beide hier durchmachen, kann uns nimmermehr vergütet werden. Unſere alte Gnädige, oder unſere gnädige Alte hat davon keine Idee, wie es hier zugeht,— nun, ich hab' es ihr geſchrieben, wie mich im Januar die Kaiſerlichen aus dem Bette geholt und geplündert, wo ich nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davon kam, wie ich mehr wie hun⸗ dertmal Bajonnette und Carabiner mit aufgezogenen Hahnen auf meiner Bruſt hatte, wie ſie mir mein letztes Geld, meine mühſam geſparten hundert Ducaten, die ich zu einer Brunnenkur in Pyrmont beſtimmt, meine beiden Uhren und meine Gewehre ſtahlen.— Brunnenkur! Beim Element! Die kann ich jetzt hier auf das Schönſte genießen, brauche nicht erſt nach Pyrmont, denn meinen Wein haben die Schurken mir ausgetrunken bis auf die letzte Flaſche! Was brauch' ich Uhren? Ich armer geſchlagener Mann weiß ohnehin, wie viel es geſchlagen hat, und wozu Gewehre, da ich doch gänzlich wehrlos war? O, gerechter Gott, es war ſchrecklich und jammervoll, Windt! rief Frau Juliane ſchluchzend und von ſchmerzlicher Erinnerung bewegt aus: wie du, ſo wie du gingſt und ſtandeſt, das Kaſtell verließeſt. um beim franzöſiſchen General zu Arnhem eine Schutzwache zu erbitten gegen dieſe walloniſchen rohen Teufel und Spitzbuben! ergänzte Windt; und wie ich an das Thor von Arnhem komme, höre ich, daß die Stadt noch gar nicht von den Franzoſen beſetzt iſt. Ich hatte ſeit vierzehn Tagen in meinen Kleidern und Stiefeln geſchlafen, war tod⸗ müde, und mußte mich im Geleite eines Trompeters nach Wagenin⸗ gen ſchleppen, um dort für das Kaſtell um franzöſiſchen Schutz zu betteln. Nun w Schreiben, prüften M der drango Wos r es helfen digkeit. Ne unterrichte glück in di vorauskomn Alles verge det Menſch ihn berlang Git bi unwirſch un Rheimes V bewohnten, Vynſchtin. Konm Drorwerth wie Lehnh Iſt da Wiin zu. vir ih len, tunt Auf nach Ham lebe, und h. Vir einer Men allen mei Munzu und nuch duſun, Vwit L.. m ihres Mames ſſen beſonderr hreiben, ſprach u keine Feder⸗ Feheimſchreiber dwüber, hitte Hah' ich icht E ir Beide hiet Unſere alte , wie es hier m Jomar die ich nur wie mht wie hun⸗ nen auf winer ihſen giprn mn iinn nnenkur! Bein nießen, hrauche ie Schwken wir ich Uhrn 3 ſr ſe 5 verließeſt. Ethußrach it bubenl u ne, hint i,* lefen, wn. 69 wb. . ſſhen Schut it i 3 belt 257 Nun und was haſt du denn geſchrieben, und was hilft dich dein Schreiben, Windt? fragte die Hausfrau des vielgeplagten und vielge⸗ prüften Mannes, deſſen Redlichkeit und Dienſttreue alle Feuerproben der drangvollſten Erlebniſſe beſtanden. Was mein Schreiben helfen wird? fragte Windt: gar nichts wird es helfen und kann auch nichts helfen! Aber es iſt meine Schul⸗ digkeit. Noch iſt die alte Excellenz Herrin dieſer Herrlichkeit, ſie muß unterrichtet werden, wie es um ihre Beſitzungen ſteht. Es iſt ein Un⸗ glück in dieſer Zeit Schlöſſer am Rhein zu haben; ich habe Alles ſo vorauskommen ſehen, wie es gekommen iſt, habe gerathen, habe gewarnt, Alles vergebens, ich war ja kein Rath, bin nur der Haushofmeiſter, und der Menſch iſt ſtets ein Narr, der einen Rath gibt, ehe ein ſolcher von ihm verlangt wird; ich bin eben immer der dumme gutmüthige Narr. Gut biſt du, Windt, das muß wahr ſein, wenn du auch bisweilen unwirſch und kurz angebunden biſt, ſchmeichelte ſeine Frau, öffnete ein geheimes Wandſchränkchen in dem ſichern Thurmgemach, das ſie jetzt bewohnten, und brachte eine Flaſche alten Port à Port daraus zum Vorſchein. Komm her, Alter, ich habe noch Etwas gerettet, du ſollſt das Doorwerther Waſſer nicht trinken, es ſchmeckt abſcheulich und iſt trüb wie Lehmbrühe. Iſt das ein Wunder, jetzt, bei der furchtbaren Ueberſchwemmung? Wein zu wenig und Waſſer zu viel. Biſt ein Goldkorn, Jule! Was wär' ich ohne deine treue Hülfe! rief Windt, ließ ſich willig einſchen⸗ ken, trank und begann zu leſen: „Auf gut Glück, da ich nicht weiß, ob die Poſt von Amſterdam nach Hamburg wieder geht, ſchreibe ich Ihrer Excellenz, daß ich noch lebe, und daß ich gegenwärtig eine franzöſiſche Schutzwache im Kaſtell habe. Mir iſt von den franzöſiſchen Generalen und Commandanten mit einer Menſchenfreundlichkeit, einer wahrhaft brüderlichen Güte und in allen meinen Geſuchen mit einer Willfährigkeit begegnet worden, die ich nie genug rühmen kann, ſo wenig als die gute Ordnung und Mannszucht, die von den Truppen beobachtet wird. Ich habe nach und nach bereits ſieben franzöſiſche Sauvegarden gehabt, Sergeanten, Huſaren, Jäger, Dragoner, Cuiraſſiere, und kann mit Grund der Wahrheit ſagen, daß ich allen bei ihrem Abgang das beſte Zeugniß D. B. II. 17 258 ausſtellen konnte. Was ich aber vorher gelitten, ſtets im Mittelpunkt der gegenſeitigen feindlichen Vorpoſten, während der Gefechte, in die ich zweimal perſönlich hinein gerieth, als ich Hülfe ſuchend ausgerit⸗ ten war, iſt unbeſchreiblich und unglaublich. Doch es gereut mich nicht, hier ausgehalten zu haben, es würde auch ſonſt um Doorwerth elend genug ausſehen. Alle die, welche feig aus der hieſigen Gegend gewichen ſind und ihre Wohnungen verlaſſen haben, brauchen nicht zurückzukehren, um dieſelben zu ſuchen, denn ſie finden ſie nicht mehr. Gleichwohl bleibt meine Lage immer noch gefährlich und bedenklich. In den Städten geht Alles gut, aber auf dem platten Lande, in meinem un⸗ bändig großen Kaſtell ſo faſt ganz allein zu ſein, iſt eine Lage, die nicht Jeder durchführt. Die Avantgarde der Republikaner rückte hier am ſiebenzehnten Januar ein. Das Schickſal des Erbherrn werden Excellenz aus den öffentlichen Blättern nun ganz kennen, doch kann ich mit Beſtimmtheit mittheilen, daß er in ſeinem Unglück friſch, mun⸗ ter, fröhlich und guten Muthes iſt— ſehr gut für ihn. Sobald als möglich denke ich ſelbſt ihn aufzuſuchen, hoffe ihn ſprechen zu dürfen und zu erfahren, wie es um ihn ſteht. Wenn Excellenz wüßten, wie ſchlecht die Emigranten es hier getrieben haben, ſie ſchlöſſen Ihre Thüre vor Jedem derſelben zu. Hätten dieſe Menſchen ſo viel Herz gehabt, in ihrem Vaterlande zu bleiben und auf ihrem Poſten, wie ich es gemacht, ich wäre nicht ſo unglücklich, wie ich jetzt bin, ganz Frankreich und Alle, die unter dem Druck der jetzigen Zeiten leiden, wären es nicht.“ Windt! Windt! unterbrach Frau Juliane. Das hätteſt du nicht ſchreiben ſollen, das beleidigt ja die Excellenz. Bedenkſt du denn gar nicht, daß der Herzog von la Tremouille, Prinz Talmont, ihr Vetter iſt? Wenn die Herzöge und Prinzen von la Tremouille, Talmont und was ſie ſonſt für Namen haben mögen, entgegnete Windt: nicht furcht⸗ ſam und voreilig ausgewichen wären, ſondern anders gehandelt hätten, ſo wäre der ſonſt wackere Auguſt Philipp, Prinz von Talmont, der wirklich tapfer war, nicht im December des vorigen Jahres gefangen und im Hofe ſeines eigenen Schloſſes erſchoſſen worden. Was ich der alten Excellenz ſchrieb, iſt ſtets meine aufrichtige Meinung, iſt die Wahrheit, die ſie liebt und die ſie mir nicht übel nimmt. Sie nannte mich einmal ſcherzend ihren„alten Wahrſager,“ und ich antwott ſage da glauben aufzunel Wir ſchreiben Ueber Zum P mit ein es iſt in emunnt, fut were Ariſſe de Holländer antworten wollen H wundern lichtet, Geltenn ſind, ſo finziſſch dieſe kein in lielen zu ſugen tauſend dieſer durchaus litht it hern, nünhlic zu ſchaf ten zu Ihrer zu den doc als im Mittelpunkt Geſtcht, in di chend ausgerit⸗ reut mich nicht, Doorwerth elend Gegend gnichen e Gleichwohl In den in nen em un⸗ eine Lage, die aner rücke hier rbherrn werden nen, doch kum ück friſch, mun⸗ n. Sobald als techen i dürfen lenz wüßten, nie ſe ſih löſen Ir hen ſob viel Herz tem Poſten, nie jet i bin, ganz gen Zeit en leiden, z hitteſt du ſi enkſt du denn h. n ihr hr Vet tter triſt? Lalnont und nicht ſucht iut, — 259— antwortete: Ercellenz haben ganz recht, ich ſage immer wahr und ſage das Wahre, nur Schade, daß Excellenz meinen Wahrſagungen nicht glauben, wenn Sie auch ſo gnädig ſind, meine Wahrheiten nicht übel aufzunehmen. Windt fuhr nach dieſer Unterbrechung im Leſen ſeines Briefes fort:„Künftig bitte ich Excellenz, an mich nur unter der Adreſſe zu ſchreiben: Au Citoyen Windt à Doorwerth, franco Amsterdam. Ueber Amſterdam iſt und bleibt von Hamburg aus der beſte Poſtweg. Zum Pettſchaft nehmen Sie nicht Ihre Wappen, ſondern etwa eins mit einer Deviſe, ſonſt ſchmeißt die Poſt den Brief ins Feuer; es iſt in Amſterdam von Seiten der Municipalität eine Commiſſion ernannt, an welche Briefe nach Hamburg und Bremen offen eingelie⸗ fert werden müſſen, ich ſchließe daher dieſen meinen Brief an die Adreſſe der Frau Mutter des mit Graf Ludwig hier geweſenen braven Holländers Leonardus van der Valck ein und erſuche Excellenz, Rück⸗ antworten auch auf dieſem Wege an mich gelangen zu laſſen, auch wollen Hochdieſelben ſich über die närriſche Adreſſe dieſes Briefes nicht wundern. Man will der Beſitzung Doorwerth den Namen einer Herr⸗ lichkeit, Seigneurie, nicht mehr zugeſtehen, und was Ihrer Excellenz Geltendmachung deſſen betrifft, daß Hochdieſelben eine däniſche Gräfin ſind, ſo wünſchte ich, Sie hörten darüber einmal die Aeußerungen der franzöſiſchen Generale. Denen iſt dieſes Alles Null, es gibt für dieſe keinen Reſpeet mehr vor Fürſten, Grafen und Herren, wie man im lieben deutſchen Reiche, Gott behüte es vor dem Franken⸗Reiche! zu ſagen pflegt. Sehr lieb iſt mir, daß der Wechſel auf die zwanzig⸗ tauſend Mark banko honorirt wurde; im Uebrigen können Excellenz dieſer Angelegenheit halber ruhig ſchlafen. Sie ſind noch zur Zeit durchaus an Nichts gebunden; das Ganze war ein Werk meines viel⸗ leicht übertriebenen Dienſteifers, ich machte in der Stille mit dem Erb⸗ herrn, mit dem jungen Herrn und mit Herrn Leonardus van der Valck mündlich auf Treue und Glauben Alles ab, um Ihrer Excellenz Geld zu ſchaffen, weil Sie deſſen bedurften und Sie gleich mir Emigran⸗ ten zu verköſtigen hatten; faſt ſcheint mir, und die Schnörkelform Ihrer Quittung läßt dies vermuthen, als ſeien Glauben und Treue zu den verrufenen Münzen gerechnet, zu den Paduanern, die aber doch als ächte in Hochdero berühmter Sammlung prangen, und über 17* 260 welche Ihnen der Herr Abbé Eckhel in Wien ſo vieles Aufklärende geſchriehen hat.“ Windt! Windt! Um Gottes Willen! rief die beſorgliche Frau. Du machſt es zu arg, du beleidigſt! Sorge nicht, es iſt die Wahrheit! beruhigte Windt und las weiter: „Es war Ihnen ſo wenig eine Quittung abgefordert, als mir; Alles, was wir ſchriftlich machten, war die Obligation des Erbherrn für die empfangenen fünfzigtauſend Gulden auf Varel. Ihre Rathgeber, Ex⸗ cellenz, ſcheinen dieſe Sache nicht von dem richtigen Geſichtspunkt aus anzuſehen, das liegt im Unverſtand Ihrer Rechnungskammer. Dieſe Herren rechnen und rechnen und danken Gott, wenn ihre Papiere von oben bis unten voll Zahlen ſtehen, ſie merken aber nicht, daß ihnen häufig darüber das Licht des geſunden Menſchenverſtandes ausgeht. Doch was hilft's— die Zeit iſt einmal aus den Fugen, wie Hamlet ſagt; wenn Undank und Mißkennung mich bewegen könnten, anders zu handeln als ich handle, dann wäre durch Ihrer Excellenz hochweiſe Räthe meinem Dienſteifer längſt eine Schranke geſetzt, dann wäre ich nicht hier geblieben, und hätte Hals und Kragen, Blut und Leben, Gut und Habe nicht daran geſetzt, Ihrer Excellenz Herrlichkeit, ſo weit nur in eines Menſchen Kräften ſteht, zu ſchützen und zu ſchirmen. Wer auch hier war von fremden Offizieren, Engländer, Holländer, Kaiſerliche und jetzt die Republikaner, keiner hat glauben wollen, daß ich nur ein Bedienter ſei, ſondern Jeder meinte, daß ich ganz be⸗ ſtimmt der Herr oder Erbe von Doorwerth ſelbſt ſein müſſe. Alle Güter rings um die Herrlichkeit ſind totaliter devaſtirt, Doorwerth allein iſt noch im leidlichen Zuſtand. Der Strich von der hieſigen Grenze bis Arnhem ſieht ſich nicht mehr gleich; von Arnhem bis Zuitphen kann keine Maus mehr leben; alle die herrlichen Alleen ſind über Bord, keiner der prächtigen Lindenbäume um die Stadt ſteht mehr, die größten und ſchönſten Häuſer ſind Pferdeſtälle oder Lazarethe, das Holz der Thüren und Mobilien iſt verbrannt. Ich habe wieder ſeit Kurzem fünfzehnhundert Rationen Heu liefern müſſen, habe augen⸗ blicklich ſechs Offiziere im Kaſtell, zwei Ordonnanzen, einen Huſaren. Im Dorfe liegt eine Compagnie Volontärs, in Helſum liegen zwei, und noch dreizehn Huſaren für die Correspondenz, in allen andern Orten der Herrſchaft liegen dreißig bis einhundertundfünfzig Mann in jedem Hauſe. der All pigen A Colonne trigliche der Nor folgte— ich jett lebt wur um Hohz Amee m iberſchwel uffteſe „ thun, un erthtilen, ſhafenhei werdig ei ganz zu andem O berginnte in Hanh land gen berſorgen. den hieſe „He baum au hunze Be Genera dn Wi und Per Vngenn uf Poo worden. Ai po von es Aufilirende ſorgliche Frau. ind las weiter: us mir; Alles, bheren fir die Rathgebet, Er⸗ ſichtspunkt aus ammer, Dieſe re Papiete von cht, daß ihnen andes ausgeht. n, wie Hamlet ten, anders zu lenz hochweiſe — dun nir ic Blut und Leben, Herlchkit, ſo und zu ſchimn der, Lollinn, en wollen, daß aß ich gunz be⸗ in miſſe Ale irt, Doorwert von der hiegen benh Zithe Alleen ſnd i et obt ſtcht mhr gzuche d tobe nicer ſit tabr augen⸗ 6 ſn. , inen 5 nliegen zut en an er Momn in jeden 261 Hauſe. Nachdem ich die fürchterlichen Durchzüge und Einquartierungen der Alliirten, dann alle möglichen Freicorps, Emigrantencorps, lum⸗ pigen Andenkens, dann den ſchleunigen Rückzug, auf welchem ganze Colonnen zur Nachtzeit hier einfielen, darauf die heftige, faſt uner⸗ trägliche Kälte, darauf wieder den Durchgang und die Einquartierung der Nordarmee, welcher die Sambre⸗ und Maas⸗Armee auf dem Fuße folgte— nachdem ich dies Alles vertragen und überſtanden habe, kämpfe ich jetzt mit einer Waſſersnoth, wie ſie ſeit hundert Jahren nicht er⸗ lebt wurde. Ich habe in Helſum Brücken ſchlagen laſſen, zu denen ich, um Holz zu bekommen, ein Paar Scheuern abbrechen ließ, damit die Armee nur weiter konnte, ſonſt hätte ſie ſich hier geſtauet, wie ein überſchwellender Krötendeich, und uns vollends mit Haut und Haar aufgefreſſen.“ „Ich hoffe und bitte, Excellenz werden nun auch für mich Etwas thun, um meine alten Tage zu ſichern und mir darüber eine Beruhigung ertheilen, die dem Gefühl von Menſchlichkeit, Billigkeit und Recht⸗ ſchaffenheit entſpricht, das ich Excellenz zutraue. Ich muß ganz noth⸗ wendig eine durchgreifende Kur im Sommer brauchen, wenn ich nicht ganz zu Grunde gehen ſoll. Auch muß ich endlich wieder an einem andern Orte wohnen, denn hier kann und will ich mit meiner Frau, welche ſich der Wirthſchaft auf das Allertreueſte annimmt, meine mir noch vergönnten Tage nicht beſchließen. Excellenz haben das große Haus in Hamburg, haben bedeutende Allodialgüter, auch Bau⸗ und Weide⸗ land genug, um einen alten wahrhaft treuen Diener lebenslänglich zu verſorgen. Eine Penſion in Geld wirft Doorwerth nicht ab, und für den hieſigen Rentmeiſterdienſt müßte ich danken.“ „Heute wird unter großen Feierlichkeiten zu Arnhem der Freiheits⸗ baum aufgepflanzt; die Stadt iſt ſo voll Freiheitsglück, daß ſie die ganze Beſatzung mit Wein bewirthen wollte; der Commandant aber, General Lefebre, der ein eben ſo kluger als tapfrer Mann iſt, hat den Wein zwar angenommen, aber ihn zur Stärkung der Kranken und Verwundeten beſtimmt. Auch rings um die Herrlichkeit her, in Wageningen, Huſum, Deventer, und ebenſo in Doesburg und Zuitphen, auf Voorſt, auf Rhoon und überall ſind Freiheitsbäume gepflanzt worden; ich meinestheils habe es zur Zeit noch unterlaſſen. So viel ich Laie von Forſtkultur verſtehe, ſchlagen Bäume, die man ohne Wurzeln 262 pflanzt, nicht an, ſondern gehen kläglich zu Grund, daher lohnt ſolche Kultur nicht die Koſten und iſt eine ebenſo vergebliche als fruchtloſe Mühe, eigentlich nur ein Holzfrevel. Unterthänigſt bitte ich, meiner Schweſter Beruhigendes über unſer hieſiges Befinden zu ſagen, meine Frau grüßt dieſelbe beſtenz. Meine Schweſter ſoll an meinen Bruder, den Kammerrath Windt in Bückeburg, ſchreiben, ihn von mir grüßen und ihn bitten, mir doch endlich einmal Nachricht von ſeinem Ergehen zukommen zu laſſen. Im Uebrigen entſchuldigen Excellenz die Länge meines Briefes, wer weiß, wann ich wieder Zeit finde, weitern Bericht zu erſtatten, da es beſtändig um mich her von Fremden wimmelt. Stets zu Füßen! Carl Heinrich Windt.“ Stets auf meinen Füßen, ſollteſt du ſchreiben, lieber Windt, ſprach die wackere Hausfrau. Das bin ich ſo ſchon, das brauch' ich nicht zu ſchreiben, das kann die alte Excellenz zwiſchen den Zeilen leſen, ſcherzte Windt. Schau, was kommt denn da wieder für ein Ritter von der traurigen Geſtalt durch das Waſſer des Weges her auf das Kaſtell zu? unter⸗ brach er ſich, indem er einen Blick durch das ſchmale Thurmfenſter hinab auf den Dammweg warf, der nach dem Schloſſe führte; er gewahrte einen Reiter, welcher in einem nichts weniger als glänzenden Aufzuge und keineswegs empfehlenden Ausſchen, langſam einherritt und jetzt vor der Zugbrücke hielt, um der wachehabenden Schutzmann⸗ ſchaft ein gültiges Papier, das ſein Einlaßgeſuch rechtfertigte, dar⸗ zureichen. Ja, was in aller Welt iſt denn das? rief Windt, ſcharf und immer ſchärfer hinblickend. Täuſcht mich denn mein Auge nicht? Wie ſoll ich das deuten? Geſchwind, Alte! Trage etwas auf! Etwas Hamburger Rauchfleiſch, weſtphäliſche Schinken, Edamer Käſe, friſche Butter. Vor Allem koche eine Suppe.— Und ohne abzuwarten, was ſeine Frau zu ſeiner Verwunderung und zu dieſer raſchen Anordnung ſagen werde, eilte Windt voll Haſt aus dem Thurmgemach, ſprang die Treppe in ſchnellen Sätzen hinab, und ſchritt nicht minder raſch durch den Hof, dem ſo eben eingelaſſenen Reiter entgegen, der ihn mit mattem Blick begrüßte, abſtieg und in Windts Arme ſank. Sind Sie's denn? Sind Sie's denn, oder iſt es Ihr Geiſt, Herr Leonardus? Herr Leonardus van der Valck? PVohl vedlicher nicht me eine Geſt Um Vindt e kommen Pferd w nicht, gl Leone Unterſtit als ihn begrißte, einem Leh hoh die H jingten In di Briſſpaket nittler ih ſelbſt in hatte Wi geſchtiebe hatte mit Pfegein Veiln gber ihr ſchrieh ſ n Zif ihres il legen. erſtr d Er lichen 5 ſmen iuit et lhnt ſyche als frchtloſe te ich, meinet ſagen, meine meinen Prider, on nir grüßen ſeinem Ergehen lenz die Lnge weitern Brricht nden ninmlt. lieber Windt, iben, das kann indt. n det traurigen ſtll zut untet⸗ le Thurnfunſter loſſe führte er als glämzen den gſan einherritt en Schetnan chtfertig z mer ij e, ab uwarten, ſchen Andn ſpung die ut, nne uſc ut er Ge, ben ihn nit 263 Wohl bin ich's, heute und morgen bin ich's noch, mein lieber, redlicher Freund, erwiederte mit faſt tonloſer Stimme Leonardus: nicht mehr lange und ich bin es nicht mehr, und wenn Sie dann eine Geſtalt ſehen, die der meinen gleicht, ſo iſt es mein Geiſt. Um des Himmels Willen, was muß Ihnen begegnet ſein? rief Windt erſchreckt und verwundert. Sie ſehen ſehr übel aus. Doch kommen Sie herauf, ruhen Sie aus, pflegen Sie ſich! Für Ihr Pferd wird geſorgt, ich erkannte Sie gleich, traute aber meinen Augen nicht, glaubte nicht, daß Sie es ſeien, der da geritten kam. Leonardus bedurfte auf der Treppe zum Thurmzimmer hinan der Unterſtützung des Freundes, ſo matt und angegriffen fühlte er ſich, und als ihn jetzt erſchrocken und erfreut zugleich Windts redſelige Frau begrüßte, ſaß er einige Minuten lang, tief und langſam athmend, auf einem Lehnſeſſel, mit geſchloſſenen Augen, einer Ohnmacht nahe, und hob die Hände vor ſein Geſicht, als wolle er alle Erinnerungen ſeiner jüngſten Vergangenheit wie einen böſen Traum verwiſchen. In dieſem Augenblick brachte ein Diener ein ſo eben angelangtes Briefpaket von Amſterdam. Windt war von den Freunden zum Ver⸗ mittler ihres Briefwechſels auserſehen worden, und ſo blieb er auch ſelbſt in ſteter Kenntniß, wo Jene ſich befanden. Von Leonardus hatte Windt lange keine Nachricht erhalten, Angés hatte nur einmal geſchrieben, dankerfüllt, und ein werthvolles Geſchenk geſendet. Sie hatte mit dem Kinde glücklich das Ziel erreicht, lebte als deſſen treue Pflegerin, wie ſie ſchrieb, im angenehmſten und wünſchenswertheſten Verhältniß, hatte Windt herzliche Grüße an die Freunde aufgetragen, aber ihren Aufenthaltsort nicht genannt,„größerer Sicherheit halber“, ſchrieb ſie,„da dieſer Ort als Aſyl nicht mein Geheimniß allein iſt, da politiſche Rückſichten dazu nöthigen, den Aufenthalt des Kindes auf das Tiefſte zu verbergen.“ Wer an ſie ſchreiben wolle, möge die Firma ihres älterlichen Hauſes benutzen und in dieſe Aufſchrift Briefe ein⸗ legen. Jetzt war nun Leonardus wieder gekommen und konnte aus erſter Hand die ſoeben anlangenden Briefe empfangen. Er erholte ſich, genoß Etwas, und indem ein Gefühl unend⸗ lichen Friedens ihn überkam, ſprach er: O hätte ich doch dieſen ein⸗ ſamen lieben Zufluchtsort nicht verlaſſen, mir wäre wohler, als mir jetzt iſt! Mein ganzes Ergehen ſeit der Trennung von Ihnen, mein 264 theurer Freund, war nichts als eine Kette von Schmerz und Bitterkeit, und dieſe Trennung hat mich mit raſchen Schritten dem Ziele meiner Tage näher gebracht. Ich will nicht hoffen? fragte Windt mit aller Lebhaftigkeit ſeines Weſens. Sie ſollen Alles erfahren, wenn Sie mich wieder ein Weilchen hier dulden wollen, ſprach Leonardus. Dulden wollen? Sind Sie nicht halb und halb der Eigenthümer dieſes Hauſes und dieſer ganzen Herrſchaft? rief Windt. Ich bedarf nur wenig, mein Lieber, ein kleines Zimmer, ein Lager, ſchmale Koſt und Ruhe, erwiederte Leonardus. Zimmer und Lager ſtehen zu hinreichender Auswahl zu Befehl, nahm Frau Windt das Wort. Die Koſt werden Sie ſchmaler finden als Ihnen lieb iſt, werther Herr van der Valck! Und die Ruhe, was dieſe betrifft, da läßt ſich nur wenige Bürgſchaft leiſten. Sie wiſſen ja, wie es hier zugeht, es iſt ſeit Ihrer damaligen Abreiſe mit dem jungen Herrn, bei uns noch nicht anders geworden. Doch wenn Sie mit dem höchſten Zimmer dieſes Thurmes vorlieb nehmen wollen, ſo werden ſie vom Lärmen im untern Hauſe und im Hofe wenig wahrnehmen; hoffentlich kehrt die Zeit der Kanonaden nicht wieder. Ich werde mit tauſendfachem Danke annehmen, was Ihre Güte mir bietet, und darf vielleicht hoffen, mindeſtens in Etwas bei Ihnen mich zu erholen. O, Sie werden mich beklagen, wenn Sie erfahren, was ich erlebte! Jetzt kann ich es Ihnen noch nicht erzählen, es erſchüttert mich allzuſehr. Laſſen Sie mich des Freundes Brief leſen, ich hoffe, ſeine Freundſchaft wird ein Balſam für mich ſein. O, wie ſehr ſehnt ſich mein Herz nach Nachricht von ihm, wie oft dachte ich an ihn, wäre er an meiner Seite geweſen und vielleicht der treue Philipp, Alles wäre beſſer geworden. Beruhigen, erholen, pflegen Sie ſich, betrachten Sie dies Haus als das Ihre, ohne Redensart, es iſt mein ganzer Ernſt; Sie haben dazu das volle Recht, ermunterte ihn Windt. Ich will jetzt gehen und nach den Geſchäften ſehen, und dann wiederkommen, um von Ihnen zu hören, wie unſer junger Herr ſich befindet; ich theilte ſo eben meiner Frau einen Brief an Graf Ludwigs Großmutter mit; es wird die hohe Dame erfreuen, wenn ich über ihren Liebling eine günfig droben Leo Gattin Kuten wie jetz und Ko Wahl Dimme gelange beträchtli gebilbet machen. Frin Schon n gffunden, Johrel fir die erwerben nit ſeine an dieſen eines de dſult fin, d Rheinni gärtner geweſen Oft wotden ohne Le das Sc bebeutſt Alles w anberer Gnj ubPi, m Ziele mine haftigeit ſines t ein Weilcen er Eigenthimet t. mer, ein Lager, ahl zu Befchl, ſchmalet finden ind die Ruhe, t leiſen. Sie en Abriſe nit n. Doch wenn uchnen wolln, in Hoſe wni nicht nieder. ws Ihr Güt ſtwas bei Ihnen Sie erfhrn, 6t etzihlen, es des Brif leſn ſein. O, vi i oſt docht ich eleicht der treue Sie dies Haus mtz Ei haben ill jet gehen mnen, un von ; ic theilte 4 gwßmte 4. n Liehlng ein — 265— günſtig lautende Nachricht hinzufügen kann. Du, liebe Frau, beſorge droben Alles nöthige, ſo gut du's haſt.— Leonardus blieb allein in dem Wohnzimmer von Windt und deſſen Gattin zurück. Wie oft hatte er mit dem Freund bei dieſen braven Leuten in demſelben Gemach geſeſſen, wenn es draußen ſtürmte, ſo wie jetzt. Weithin ſtanden die Wieſenflächen unter Waßer, das Dorf und Kaſtell gleich einer Inſel, die Ströme: der Rhein, die Yſſel, die Wahl und die Maas hatten ihre Betten überſchritten, ſelbſt die Dämme waren bedroht; ohne Pferd hätte er nicht bis zum Schloß gelangen können, denn an einzelnen Stellen waren in der Allée ſchon beträchtliche Rinnen, die das mehr und mehr andringende Waſſer gebildet hatte, und jede kommende Stunde drohte ſie noch größer zu machen. Erinnerungen an vergangene Zeiten zogen durch Leonardus Gemüth. Schon war ein Jahr und darüber vergangen, daß er den Freund gefunden, welche Fülle von Erlebniſſen lag nur allein in dieſem einen Jahre! Hier hatten ſie beiſammen geſeſſen, hatten Pläne geſchmiedet fär die Zukunft, deren ſchönſter der war, daß Ludwig dieſe Herrſchaſt erwerben ſolle mit der Hülfe und den Mitteln des Freundes. Dieſer ſelbſt wollte dann in Roſendael wohnen in dem ſchönen Herrenhaus mit ſeinen herrlichen Gärten und Parken. Was ließ ſich nicht Alles an dieſem thun, wenn der Geſchmack und die angeborene Vorliebe eines der Natur befreundeten Menſchen hier ſchaffend thätig war? Da ſollte Angés bei ihm wohnen, ſeine liebe, treue, angebetete Haus⸗ frau, da ſollte auch jenes Kind ſich naturgemäß entfalten, wie die geheimnißvolle Blüthe der prachtvollen Wunderblume, welche die Kunſt⸗ gärtner die Königin der Nacht nennen. Ach, das waren ſchöne Träume geweſen! Oft war die Zeit, waren deren mannichfache Wandlungen beſprochen worden von den Freuden, man hatte Meinungen ausgetauſcht, nicht ohne Lebhaftigkeit, nicht ohne Streit. Oder es hatte bisweilen auch das Schachſpiel die Gedanken zu ernſtem Nachſinnen hingelenkt, jenes bedeutſame„Spiel der Könige“ mit ſeiner uralten Symbolik. Das Alles war vorüber, und Leonardus van der Valck ſaß jetzt in ungleich anderer Lage und Stimmung, als damals, allein in dieſem traulichen Gemach. Der Wind erſchütterte mit heftigen Stößen den Thurm, — 266— und dumpf miſchte ſich mit ſeinem pfeifenden Sauſen das Wellen⸗ rauſchen der ringsum die Gegend überfluthenden Gewäſſer, aus denen wie lauter Inſeln die umfloſſenen Dörfer, Gehöfte und Schlöſſer her⸗ ausragten. Leonardus öffnete erwartungsvoll den Brief ſeines liebſten Freundes, dem er auf Erden vor vielen ſein ganzes Herz geweiht, dem er ſein Inneres erſchloſſen, wie keinem zweiten, den er mit der wahrhafteſten Treue liebte. Ludwig ſchrieb:„Mein Leonardus! Seit unſerer Trennung in Amſterdam habe ich ſo viel erlebt, daß ich das Meiſte und Beſte auf die mündliche Mittheilung verſparen muß, denn ich kann unmöglich dieſem armen Papiere anvertrauen, das durch ſo viele ungeweihte Hände geht, was mein Inneres voll Leid und wieder voll hoher Freude bewegt, daher nimm vorlieb mit dieſen flüchtigen Zeilen, welche dir nur einen Umriß des Bildes geben ſollen, das ich mit hellen Farben ausmalen werde, wenn wir uns wieder umarmen. Wohlbehalten kam ich nebſt meinem Philipp im Hafen von Plymouth an, wo unſer wackerer Fluit Alles that, um mich gut unterzubringen und für den ferneren Theil meiner Reiſe zu unterweiſen. Ich reiſte tiefer in das Land, das reich und reizend iſt, von hoher Kultur ge⸗ ſchmückt, Park an Park; ich fand überall ſchon vorbereitete gute Aufnahme, fand geiſtvolle Verwandte, fand mich in die höchſten Kreiſe gezogen, und fand endlich das Allerhöchſte, was mein Herz mit nie gekannten Gefühlen erfüllte, es in Seligkeit ſchwelgen ließ, Alles auf Erden mich vergeſſen machte, ſelbſt dich eine kurze Stunde, und alle die Freunde, ſelbſt meine Großmutter, aber ich darf nicht ſchreiben, was ich fand, nur mit leiſem Flüſterwort in das Ohr darf ich dies theure und wunderbare Geheimniß dir vertrauen, und ſelbſt dir nur halb.“ Wohl ihm, er fand ein Herz, unterbrach ſich Leonardus im Leſen: ſo wird er nicht mehr nach unbeſtimmten Fernen mit Sehnen und Seufzen blicken, nicht nach den unerreichbaren Sternen faſſen, er wird die Sternblumen pflücken, die im irdiſchen Eden ſeiner Liebe blühen! „Und doch, Leonardus! Bei dieſer Fülle von Glück kann und darf ich nicht länger mehr in England weilen, einmal verbieten es mir die zarteſten Rückſichten, und dann gebietet mir die Sorge für meine noch immer wankende Geſundheit die Rückkehr nach dem Feſtlande.“ Vie Briefes Dos iſt Luft, ſe nicht zut licheter den krar Aft, es Leider thuenbſte den her wohlmein bertrauen in der kle ih ſet humne 1 fidem legn zu deren he hier die iger geh angenehm nſen, e wird mir der nir, ha nich nach Er das it Scheiden Rwihrt. das Veler⸗ er, aus denen Schlöſer her⸗ ſeines liebſten Herz gewiiht, n er nit der Tremung in und Beſte auf un unmöglich le ungeweihte r voll hoher tigen Zeilen, dos ich nit er umarmen. on Plhmouth murbringen m. J viſe ber Kultur ge⸗ thereitete gute tchſen Kriſ hen mit u inß, As un unde, und le nicht ſchreiben darf ich ſie und ſelhſ di ardus in eſen: —— Wie— er liebt, er betet an, wie dieſe glühende Sprache ſeines Briefes bekundet— und will doch fort, aus zarteſten Rückſichten? Das iſt mir ein Räthſel! ſprach Leonardus zu ſich ſelbſt.—„Die hieſige Luft, ſo ſehr ſie geprieſen wird, iſt meiner Geſundheit ganz und gar nicht zuträglich, und was die Seeluft betrifft, ſo mag ein empfäng⸗ licherer Sinn, als der meine, dazu gehören, deren Einwirkung auf den kranken Organismus wahrzunehmen. Ich ſehne mich nach deutſcher Luft, es wird mir nirgends wohl werden, als in der deutſchen Heimath. Leider kränkle ich immer noch, trotz all' der freudigſten und wohl⸗ thuendſten Erregungen, die mir in England, in London und auf all' den herrlichen Landſitzen zu Theil wurden. Ich möchte mich, und wohlmeinende Freunde rathen mir das an, einem deutſchen Arzt an⸗ vertrauen; man hat mir Starke genannt, welcher ein berühmter Arzt in der kleinen ſächſiſchen Univerſitätsſtadt Jena iſt. Ueberhaupt hörte ich ſtets vieles Gute von den kleinen ſächſiſchen Städten und Höfen; humane und gebildete Fürſten regieren dort ihre Länder; gründen, fördern und erhalten Anſtalten für Wiſſenſchaften und Künſte; legen zu dieſen Zwecken bedeutende Sammlungen an und vergönnen deren belehrenden Genuß und Gebrauch ihrem Volke; während, was hier die Herzoge und Lords ſammeln, gleichſam vergraben wird und ärger gehütet, als das goldene Vließ zu Kolchis. Ich denke es mir ſehr angenehm, einmal in dieſes Herzland des heiligen römiſchen Reiches zu reiſen, ein Reich, von dem wir keine rechte Idee haben. Hoffentlich wird mir dort wieder wohl, und vielleicht finde ich den inneren Frieden, der mir, ſelbſt im Schooße des Glückes, noch mangelt. Ach, wie hat mich in England das raſtloſe Ringen und Streben der Vornchmen nach Erreichung politiſcher Zwecke gedrückt und unangenehm berührt— ſelbſt meine Munterkeit litt darunter; was ich erſehne, mein Leonardus, das iſt Stille, das iſt Einſamkeit, wie die Großmutter mir beim Scheiden ſagte: Glaube, daß die Einſamkeit wunderköſtliche Stunden gewährt.“ 8. Die Gabe der WMutter. Der Eintritt Windt's unterbrach Leonardus im Weiterleſen, und dieſer theilte nun dem redlichen Freund die Beſorgniſſe mit, welche Ludwig in Bezug auf ſeine Geſundheit ausſprach, ſo wie die herzlichen Grüße, die der Brief an das Haus Doorwerth und deſſen Bewohuer enthielt. Der Graf ſchrieb weiter:„Wüßte ich dich, mein lieber Leo⸗ nardus, in Amſterdam zu finden, oder in Doorwerth, ſo käme ich noch einmal dorthin, und würde mit Sehnſucht den Augenblick er⸗ warten, der uns wieder vereinigte, um dir ſo recht herzlich für alle mir erzeigte brüderliche Freundſchaft zu danken. Den geraden Weg von Kaſtle Chatsworth, einem Schloß des Herzogs von Devonſhire, wo ich jetzt weile, über London nach Hamburg ſcheue ich; er iſt mir zu lang; vielleicht ermittelſt du mir einen Ruhepunkt aus, ich werde einen Brief von dir abwarten, auf den ich mich äußerſt freue. Möchte ich doch von dir, von Windt und auch über das Eeſchick meines Vetters, des Erbherrn, gute Nachrichten erhalten. Die Ariſtokratie Alt⸗Englands ſchätzt meinen Vetter außerordentlich hoch wegen ſeiner treuen Anhänglichkeit an den Erbſtatthalter und deſſen Söhne, die beiden Prinzen, und ich freue mich, ihn ſo hoch geachtet zu ſehen. Wüßte ich ihn nur frei und in beſſeren Verhältniſſen; ſeine Lage macht mir ſchweren Kummer. Unſer Windt wird wiſſen, wo des Erbherrn Gemahlin jetzt lebt, und wie ſie ſich befindet. Mein Ge⸗ danke ſucht ſie bei der Großmutter in Hamburg, doch vielleicht hat das Geſchick ihres Gemahls für ſie einen anderen Wohnort zur Folge gehabt. Noch werden die Schlöſſer Varel und Kniphauſen öde ſtehen— ich möchte wieder einmal dort ſein, und zwar mit dir, mein Leonardus. Ach— wo möchte ich nicht alle ſein! Und doch habe ich keine Wünſche, die in das Schrankenloſe hinausſchweifen, ich glaube vielmehr, daß ein beſchränktes Verweilen an einem beſtimmten Ort meinem Geiſt beſſer zuſagen wird, als das Umherſchwärmen von Lande zu Lande. Meine Natr ſi die Mer „Du danke m euch zu Beſten h Zeit zu Grofßmu gemeldet ich thun leihen, e Mimer iſt nir ſel gnift nich Mihlräder macht mir Weſen of wicder he Halbkrank „Von ſchiben, Rgenüber Geuißheit kund unte ſo vmi Mt fün der Stn Grunhſi mand wa uhig ger uuch meh wöhnten und deſe ſthen un Deut dor ſinen eiterleſen, und ſt mit, wilche ie die herjlichen ſen Bewohuer in lieber Lev⸗ ſo kime ich Augenblic er⸗ tlich für all zlden Weg en Denſtite ich; iſt nir n, ith we tfuue. Möchte Geſchic meines ie Wſokute wegen ſtiner n Sihm, bi itet u ſt enz ſine Lag riſen, ro et Mein G⸗ 6 vielleicht hit nort zun huh in ie ſchen mein eonnndu ie Pinſt⸗ n mehr dß* „6h ieſ 269 Natur ſcheint mehr zur Abgeſchloſſenheit ſich hinzuneigen, obſchon ich die Menſchen liebe und gerne recht Vielen Gutes erzeigen möchte.“ „Du glaubſt nicht, lieber Leonardus, wie unruhig mich der Ge⸗ danke macht, daß ein Hinderniß für mich eintreten könnte, wieder bei euch zu ſein, und wie ein Wiederſehen mit dir und Windt ſich am Beſten herbeiführen ließe, ohne euch zu beläſtigen, und mir zu viele Zeit zu rauben. Allerlei Pläne gehen mir im Kopfe herum. Der Großmutter habe ich bereits meine baldige Ankunft in Deutſchland gemeldet; ſie, die erfahrene Frau, wird mir am Beſten rathen, was ich thun ſoll zur Wiederherſtellung meiner Geſundheit. Meine Nerven leiden, ein Uebel, das man ſonſt häufiger bei Frauen, als bei Männern findet, zumal bei jungen. Unregelmäßiges ſtarkes Geräuſch iſt mir ſehr zuwider, üble Gerüche, überlaute Reden, Gezänk, das greift mich Alles an; regelmäßiges Geräuſch, wie das Rauſchen der Mühlräder, der Donner der Waſſerfälle, die Klänge der Orgel, macht mir eher Vergnügen; hoffentlich wird die Ueberreiztheit, die mein Weſen oft bis zu einer krankhaften Empfindlichkeit ſteigert, ſich ja wieder heben laſſen, und ihr, meine Freunde, werdet Geduld mit dem Halbkranken haben.“ „Vom Leben in England ließen ſich Bücher voll Mittheilungen ſchreiben, darüber mündlich; über das politiſche Verhältniß Englands gegenüber den übrigen Mächten Europa's iſt mir hier im Lande die Gewißheit und Ueberzeugung geworden, daß es das beſtregierteſte Land unter der Sonne iſt. Wie die tauſend und abertauſend noch ſo verwickelt zuſammengeſetzten Maſchinen Tag um Tag, oft auch Nacht für Nacht ihren geregelten Gang gehen, ſo das große Getriebe der Staatsmaſchine. England iſt die einzige Macht, die in ihren Grundſätzen feſt und unerſchütterlich beharrt. Im Lande nimmt Nie⸗ mand wahr, daß England Kriege führt, da geht ſtets Alles ſeinen ruhig geregelten Gang. Nur die Theurung iſt fühlbar, freilich zuletzt auch mehr für den an hohe Preiſe für alle Bedürfniſſe nicht ge⸗ wöhnten Ausländer, als für den Inländer, der es nicht anders weiß, und deſſen Einnahmen zu dieſer Theuerung im geeigneten Verhältniß ſtehen. Manche Unannehmlichkeit drängt ſich dem Ausländer, zumal dem Deutſchen, auf, dennoch verlaſſe ich England mit hoher Achtung vor ſeinem Staatsleben, ſeinem Volke und ſeiner Betriebſamkeit. Die 270 Vervollkommnung der Dampfmaſchinen iſt in einem rieſenhaften Fort⸗ ſchritte begriffen; denke dir, man trägt ſich jetzt mit der Jee, auch Schiffe zu bauen, welche, ſtatt durch Segel und Ruder, blos durch Dampf getrieben werden, an Schnelligkeit der Fahrt Alles übertreffen und das Unglaubliche leiſten ſollen. Es wird damit wohl ſo ſchnell nicht gehen, die Sache liegt noch in ihrer Kindheit. Wer aber kann wiſſen, wohin der Fortſchritt auf ſeinen Rieſenflügeln den Geiſt der Erfindung trägt?“ „Lebe wohl, mein Leonardus, und ſchreibe mir unter der beige⸗ legten Adreſſe, ſobald du dieſe Zeilen empfangen haſt. Dieſer Brief hätte mich lange ſuchen können, ſprach Leonardus mit einem Seufzer. Wenn ich nun nicht hierher kam? Sie hätten denſelben nach Paris geſandt, ich komme nicht von Paris, und wäre der Brief mir von dort aus nachgeſendet worden, er würde mich ſchwerlich gefunden haben. Was iſt Ihre Anſicht, lieber Herr Windt? Was können wir thun, um dem Wunſche Ludwig's zu entſprechen? Erſt ruhen Sie ſich bei uns aus und pflegen ſich, mein verehrter Herr und Freund! entgegnete Windt. Sie ſind leidend, ich ſehe es Ihnen an, Sie ſind kränker als mein guter junger Herr Graf, der iſt nur ein malade imaginair. Sollte nur einmal acht Tage lang an meiner Stelle ſein! Beim Kreuz! da würde ihm das Krankſein, Siecheln und Süchteln gleich vergehen! Bin auch krank geweſen, war ganz auf dem Hund— aber die Unruhe bei Tag und Nacht hat mich wieder geſund gemacht. Wenn der junge Herr nicht tüchtige Arbeit bekommt, ſo weiß ich nicht, wie er das Leben ertragen will. Gottes Gnade hat mir im letzten Winter eine Geſundheit verliehen, für die ich nicht genug danken kann, nie aber brauchte ich dieſelbe auch nothwendiger, doch fange ich an mich unwohl zu fühlen, mein Lebensſchiff muß einmal friſch kalfatert werden— eine Erholungsreiſe thut mir Noth. Ich wollte nach Pyrmont, hat ſich was!— Die Kaiſerlichen haben mir meinen Sparpfennig abgepreßt, kann alſo nicht hin; auch brenne ich danach, das Geſchäft meiner Gebieterin mit ihren Enkeln endlich ganz zu ordnen, eher kann ich mich nicht ruhig niederlegen, ich bin nun einmal ſo. Wir wollen miteinander nach Amſterdam und nach dem Haag gehen, dorthin mag Graf Ludwig auch kommen, der Erbherr ſitzt nicht me Mir iſt ſtreng ge mital va wir habe Rachrich dem Ha dung ve noch fin Herlicht ſo gut al Eie e fit ein K kinr Bodeort ve Stahlbrun Fuud, er verjün nach aus neſun w Die bitt, ge werde er Perhinder Es Goorgine uiln bleibe, ſ behalten kinfn buniz ter unh huthen ſenhaften Fort⸗ der ee, uch der, blos durch llles übertreffen wohl ſo ſchnell Wer abet kann den Geiſt der mter der beig⸗ rach Leonardus 7 Sie hätten ris, und wire rwürde mich „lüber Herr mein verchrier i, ich ſche es ßer Gruf, der aht Toge lang das Kanſein, nk geniſen wut Nacht hat nich Arbeit hekommt, Gyotte Gunde für di ich it “ uhrnt muß inn mir meinen be me ich int⸗ emne 0 ndlich gun 271 nicht mehr in Woerden, ſondern iſt nach Muiden gebracht worden. Mir iſt noch gar nicht wohl bei der Sache; die Unterſuchung wird ſtreng geführt, der Rathspenſionär van der Spiegel, der tapfere Ad⸗ miral van Kinsbergen und unſer Erbherr ſind Leidensgenoſſen, und wir haben Terroriſten im Rathe der Generalſtaaten ſitzen. Ich habe Nachricht, daß die Gefangenen entweder nach Amſterdam oder nach dem Haag gebracht werden, wir wollen uns darüber bald Entſchei⸗ dung verſchaffen, nur kann ich hier nicht gut abkommen, ſo lange noch franzöſiſche Einquartierung hier liegt, denn es iſt in der ganzen Herrlichkeit kein Menſch, der Franzöſiſch ſpricht, und Niemand kommt ſo gut als ich mit den Franzoſen zurecht. Sie erwähnten vorhin Pyrmont, lieber Herr Windt, was iſt das für ein Kurort? fragte Leonardus. Einer der beſten, die ich kenne, belehrte ihn der Haushofmeiſter. Dieſer Badeort vereinigt Stahl⸗ und Soolquellen, die Erſteren übertreffen alle Stahlbrunnen Deutſchlands, das wäre auch gut für unſeren jungen Freund, Graf Ludwig. Der Brunnen wirkt nervenſtärkend und belebend, er verjüngt, deshalb wollte ich hin, und Sie ſehen mir gerade dar⸗ nach aus, als ob Pyrmonts Quellen auch Ihnen Stärkung und Ge⸗ neſung wieder geben könnten! Die Freunde beriethen lange und reiflich ihren Reiſeplan, und als ſie ihn gefaßt hatten, erhielt Ludwig von ihnen Nachricht, mit der Bitte, gegen die Mitte des Monats Juni im Haag einzutreffen, dort werde er Einen von ihnen oder Beide, und im ſchlimmſten Fall, bei Verhinderung wider alles Verhoffen, wenigſtens Briefe vorfinden. Es war ein ſchmerzliches Scheiden zwiſchen Mutter und Sohn. Georgine fühlte um ihrer Ruhe, um ihrer Stellung in der Welt willen die Nothwendigkeit, daß ihr Geheimniß verſchleiert, ja begraben bleibe, ſie konnte den geliebten Verwandten nicht auf die Dauer bei ſich behalten, ſie mußte ihn von ſich laſſen, mußte den bitteren Kampf kämpfen und ihr Mutterherz ſtark machen. Sie ſprach nicht viel zu Ludwig, als die letzte verſchwiegene Stunde nahte, in welcher Mut⸗ ter und Sohn noch einmal weinend ihre theuerſten Gefühle aus⸗ ſprachen. 272 Zuletzt ſagte die ſchöne Herzogin zu Ludwig: Ich bin dir eine Entſchädigung ſchuldig, mein Sohn, dafür, daß du die Mutter in der ſchönſten Zeit entbehren mußteſt, in der dem Kinde der Beſitz einer geliebten Mutter ja Alles iſt, und das iſt eine Schuld, die ich niemals ganz abtragen kann; aber Etwas mußte ich doch für dich thun, es war meine heilige Pflicht. Deine Großmutter liebt dich innigſt, und gewiß, ihr lebhafteſter Wunſch iſt, dich einſt reich und glücklich zu wiſſen; wohl möchte ſie dir Etwas von deines Vaters Erbe zuwenden, aber ſie kann und darf es nicht, wenn ſie nicht durch offenes Ausſprechen unſeres Geheimniſſes mich blosſtellen und dich dem Haſſe deiner Verwandten offen Preis geben will. Dein Bruder, der Vice⸗Admiral, der es nie erfahren möge, daß du ſein Bruder biſt, iſt ein braver Mann, aber nicht frei von Eigennutz, auch hat er zu⸗ nächſt Verpflichtungen gegen die Seinigen; er würde dir bitter zürnen, wollteſt du Anſprüche an ihn erheben, zu denen dir kaum ein Recht zuſteht, da es das Unglück ſo gefügt hat, daß dein theurer Vater vor unſerer Vermählung mit Tode abging. Du wirſt William noch näher kennen lernen, er iſt minder edel, als der Erbherr. Des Kaufes von Doorwerth entſchlage dich und warne deinen Freund, nicht die Halmen ſeines Vermögens in das Schuldenmeer deines Vetters zu ſchleudern, die den Sinkenden doch nicht oben ſchwimmend erhalten können; übernimm nicht die ſchwere Bürde der Bürgſchaft für Andere gegenüber deinem redlichen Freund, damit du es nicht biſt, der ihn um das Seine bringt, damit nicht aus Freundſchaft Feindſchaft ent⸗ ſtehe. Was die Großmutter noch für dich thun kann, wird ſie thun, ich aber bezweifle, daß es Viel ſein wird, ſie hat ſchon gar zu viele Schenkungen gemacht, welche ihre dereinſtige Hinterlaſſenſchaft be⸗ deutend ſchmälern und wegen deren es an langwierigen Proeeſſen nicht fehlen wird, die ſich über ihrem Grabe ſo endlos ausdehnen und kreuzen werden, wie die Gewebe der Herbſtſpinnen auf einem Stoppel⸗ felde. Dich glaubte ſie recht glücklich zu machen, ſie dachte dir die Nutznießung der Tremouille'ſchen Renten zu. Die gute Großmutter! — Sie konnte die Revolution nicht ahnen, ſträubte ſie ſich doch mit aller Starrheit, an dieſelbe nur zu glauben, wie ſie ſchon da war, ſonſt hätte ſie wohl früher einſehen lernen können, daß jenes ganze große Kapital ſammt allen Zinſen unwiederbringlich verloren iſt. Doch ſammerdſ Welt hino und was das mir Stolz ſag Freund, ſ namen de erhebt dic den Ritte Dieſe Do deren Ert benits get als jene 1 Baronie bl über; blieb Meinen.( oder Barc du kannſt dich ganz Liebe wir aus gerin es ſin, d bedürſen i lichend Min Güte un mir den ſiligen A uf inm d, entzegnet haltend. und find ind ſonn in nhige d.Ln bin dit in die Mutt m inde der eine Schuld, ti6 w fir tter liebt dich inſt nich und deines Paters ſie richt durh und dich dem Buder, der Bruder biſt, ch hat er zu⸗ bitter zürnen, um ein Recht rur Vater vor Willam voch Erbher. De einen Freund, deines Vetters mend echalten et für Wen tbiſt, der ihn Finbſchaft ent⸗ ird ſe thun, n g ſ idle loſinſchift 6 rigen Pwerſſen ausdehnen un einem ewppe⸗ dachte ir die reſnutter te Grofn ſi ſih ie ſi ton. daß jen nen, loren 273 iſt. Doch ich will nicht, daß mein Sohn, der Sohn meiner erſten flammendſten Liebe und unendlicher Schmerzen, leer und blos in die Welt hinaus geſtoßen werde, ich habe gethan, was ich thun konnte und was ich thun mußte. Empfange, mein Ludwig, dieſes Patent, das mir der König auf meine Bitten bewilligt, denn ich darf mit Stolz ſagen, König Georg der Dritte von Großbritannien iſt mein Freund, ſeine Gemahlin, die Königin Sophie Charlotte, die den Vor⸗ namen deiner Großmutter trägt, iſt meine Freundin, dieſes Patent erhebt dich in die Baronetage von England und ertheilt dir hiſtoriſch den Ritterſchlag mit dem Zurufe:„Rise Sir!“ Stehe auf, Herr!— Dieſe Documente beſtätigen dich in dem Beſitz der Baronie Verſay, deren Ertrag deine Zukunft ſichert, und ich habe alle Verfügungen bereits getroffen, daß dieſe Renten dir ſicherer und gewiſſer zugehen, als jene leider verlorenen des edeln Hauſes de la Tremouille. Die Baronie bleibt dein Beſitzthum, und geht auf deine rechtmäßigen Erben über; bliebeſt du hingegen ohne Erben, ſo fällt ihr Beſitz zurück an die Meinen. Es ſteht dir frei, wo du auch weileſt, dich Graf von Varel oder Baron von Verſay zu nennen; das gilt von jetzt an ganz gleich, du kannſt auch beide Namen vereinigen. Es ſteht dir ferner frei, dich ganz nach deiner Herzenswahl zu verbinden. Das Weib deiner Liebe wird deine rechtmäßige Gemahlin, ſei ſie aus hohem, ſei ſie aus geringem Stande, nicht ein Fürſt braucht ſie zu adeln, du wirſt es ſein, der ſie erhebt, wenn ſie nicht aus adeliger Familie iſt. Frauen bedürfen in Albion keiner namhaften Ahnen, weil— fügte Georgine lächelnd hinzu: der Stammbaum einer jeden in den Himmel hineinreicht. Meine Mutter! rief Ludwig tief bewegt: mit welcher Fülle von Güte und Liebe überſchütten Sie mich! Wie zeigt Ihr großes Herz mir den Himmel offen, aus dem Sie abſtammen, ach, nur einen ſeligen Augenblick, da ſich mir dieſer Himmel ſo ſchnell und wohl auf immer verſchließt. O, nicht auf immer, mein Sohn! Warum ſo düſtere Gedanken? entgegnete Georgine, feſt des ſcheidenden Lieblings Hände in den ihrigen haltend. Warum ſollten wir uns nicht wiederſehen? Einſt komme ich, und finde dich glücklich an der Seite eines treuen deutſchen Weibes, und ſonne mich an deinem Glücke— dann wohnſt du ſtill und walteſt in ruhiger ſelbſterwählter Thätigkeit an einem Orte, wo mich Niemand D. B. MI. 18 —— umſpäht, wo ich Mutter ſein darf ohne Hehl, wenn auch Niemand von deiner Umgebung ahnet, wer eigentlich die alte Frau iſt, die dich beſucht und eine Zeitlang bei dir weilt. Ludwig knieete zu den Füßen ſeiner ſchönen Mutter nieder; die herrliche Geſtalt beugte ſich über ihn, küßte und ſegnete ihn, und da er, von Schmerz faſt gebrochen, vor ihr knieen blieb, erhob ſie ihn mit kräftigen Armen und rief: Rise, Sir! Erhebe dich, Mann! umſchlang ihn noch einmal mit aller Flammenglut ihres Herzens, küßte ihn noch einmal und noch einmal, dann enteilte ſie und ſah ihn nicht wieder.— Leonardus hatte ſich im Hauſe der Freunde erholt; es kamen ſchöne Tage, und es trat eine Ruhe ein nach den vielfachen Stürmen, die über Doorwerth dahin gebrauſt waren, obſchon dieſe Ruhe freilich noch immer keine dauernde war. Windt und Leonardus nahmen für eine Zeitlang herzlichen Ab⸗ ſchied von der braven Hausfrau und traten ihre Reiſe an. Das Land jubelte, aller Orten wurde der Friede ausgerufen, der goldene Friede. Lieber Gott! ſprach Windt auf dem Wege von Wageningen nach Utrecht, als die Reiter, gefolgt von einem Diener, dem geſchlängelten Laufe des ſchmalen„krummen Rheins“ folgten, durch reizende Fluren, durch die der wahrhaft mäanderiſche Fluß ſich ſchlängelnd wand, vor⸗ über an den herrlichſten Luſtſchlöſſern, Gärten und Parken, in denen die niederländiſche Gartenkunſt ihre höchſten Triumphe feierte und die des Krieges rauhe zerſtörende Hand zum Glück unberührt gelaſſen hatte — lieber Gott, wie die Leute über den Frieden jubeln! Wie lange wird er denn dauern? Ungleich vernünftiger wäre es, keinen Krieg zu beginnen und der Länder und der Völker Looſe nicht auf ein maßlos unge⸗ rechtes Spiel zu ſetzen. Was hilft ein Friede, wenn unter den bittern Nachwehen des Krieges ſich die Länder verbluten? Seuchen reißen ein, die Menſchen ſterben wie die Mücken; fünfundzwanzigtauſend fremde Hungerleider müſſen wir täglich ſättigen; Doorwerth muß doppelte Schatzung zahlen, als wenn es nicht ſchon doppelt und drei⸗ fach und zehnfach geſchätzt worden wäre! In Utrecht ließ es ſich der wackere Mann gleich nach der Ankunft angelegen ſein, Etwas von dem Grafen Johann Carl, dem Bruder des Erbherrn zu erfahren. Er begab ſich, während Leonardus im mung des Gaſthaus bewohnt Koyf die nüthizte Bürger? ſynthe, Win oder ob Saale un in Hanbt Großnut Sannt⸗ einen ſo haben kan Nicht Windt i d. ſie werde ſind geg voulez ſlcht en Wint Cur auf Haus w Familie Die Loonar war, de ründe di Mi ſichte Vindt] naligen it zm ach Nienanh au iſt, die dih ter nieder; die te ihn, und da dich, Mann! ihres Herzens, te ſie und ſch lt; es kanen achen Stirmen, e Ruhe freilch herzlichen Ab⸗ on. Dus Land golden Friede. Pageningen nach m geſchlinglun nizende Fluren⸗ ind wand, vor⸗ mien, in den feierte und die hrt gelaſen hatte in! Wie lange tinen Krieg in maflo unge⸗ unter den tiun Seuchen reißen dwnſgtnen orwerch muß Poorwerth m boppelt und drer Ankunft uch der rl, dem Brude b genndus im —— Gaſthaus zurückblieb, zunächſt in das Haus, das ber Graf Johann bewohnte. Es kam ihm ein flottes Bürſchchen entgegen, auf dem Kopf die leichte Mütze mit der dreifarbigen Cocarde der Republik, nöthigte ihn in das Zimmer und fragte höflich: Was wünſchen Sie, Bürger? Wünſchen Sie Wein oder Liqueur, Curagao, Ertrait d'Ab⸗ ſynthe, Eau de Noirau oder Genever? Windt ſah den Mann groß an, ob das Gaſtfreundſchaft ſein ſollte, oder ob er es mit einem Kaffeewirth zu thun habe? Er ſah ſich in dem Saale um, da ſtand noch das Prachtmobiliar, das einſt auf ſeine Beſtellung in Hamburg gefertigt und dem Enkel bei deſſen Verheirathung von der Großmutter zur Ausſteuer geſendet worden war; auf dem ſchönſten Sammt⸗Polſterſtuhle lag ein Hund, ein fauler Rattenfänger, mit einem ſo ächt confiscirten Geſicht, als nur irgend ein Rattenfänger haben kann, und knurrte den Gaſt, in welchem er den Ariſtokraten ſogleich herauswitterte, grimmig an. Nicht das Eine, nicht das Andere wünſche ich, Bürger, erwiederte Windt: ich wünſche den Hausherrn zu ſprechen. O, die nicht ſein hier— gab der Franzoſe zur Antwort: wenn ſie werden ſein hier, ich nicht werden ſein hier, il est emigrée— ſie ſind gegangen fort. Ich aben die Err ſu ſein un Vivantier, si voulez vous de vin, ou si voulez vous des liqueures. Von die ſlecht ewigrées weißen ik nix.“ Windt drehte ſich raſch um und ging fort; er ſuchte die Woh⸗ nung des Milord Athlone, des Schwiegervaters des Grafen Johann Carl auf, welcher eine Zeitlang in Utrecht Wohnſitz genommen. Das Haus war voll franzöſiſcher Soldaten, keine Spur mehr von der Familie vorhanden. Die Freunde ſetzten nun ihre Reiſe nach Amſterdam fort, wo Leonardus ſeinen Begleiter mit zu ſeiner Mutter nahm, die hochbeglückt war, den Sohn wiederzuſehen, und doch auch zugleich erſchreckt durch deſſen verändertes und krankhaftes Ausſehen. Leonardus ſchob daſſelbe auf die Mühen ſeiner Reiſen, die nachtheiligen Einflüſſe der Witterung und ſuchte die Beſorgniß ſeiner Mutter ſoviel als möglich zu zerſtreuen. Windt beſorgte alle ſeine Geſchäfte in Amſterdam, ging nach der vor⸗ maligen Wohnung des Erbherrn auf dem ſogenannten Prinzenhof, den er zum Seecomptoir umgewandelt fand, und erfuhr hier, daß das Haus 18* 276 binnen vier Tagen habe geräumt werden müſſen, daß man das Mobi⸗ liar des Erbherrn geſichert habe, im Uebrigen aber von ihm und ſei⸗ nem Schickſal nichts wiſſe. Um ſich etwas zu zerſtreuen, beſuchten Windt und Leonardus den Saal der tauſend Säulen, wo ſich ſtets zahlreiche Geſellſchaft fand, wo man fleißig politiſirte, Domino und Schach ſpielte, Zeitungen las und über die Weltgeſchicke in derſelben Weiſe entſchied, wie überall, nämlich ſo, daß die Weltgeſchicke ſich nachträglich ganz anders geſtal⸗ teten, wie die politiſchen Kannegießer ſie prophezeiten. Windt hatte ein niederländiſches Zeitungsblatt ergriffen, las, run⸗ zelte die Stirne und murmelte durch die Zähne: Verdammt! Verdammt! Was gibt es, was haben Sie? fragte geſpannt Leonardus. Vergeblich! Dumm! Albern! knirſchte Windt. Alles vorbei, Alles verrathen! Da muß der Donner hineinfahren! Darf ich nicht erfahren—? fragte Leonardus. Wenn ich den vorlauten Schwätzer hätte, der das Geheimniß und den Plan verplaudert hat, bevor er ausgeführt ward, den Hals könnt' ich ihm umdrehn, und nicht einmal, ſondern ſiebenmal, wie einer Katze! eiferte Jener, und flüſterte Leonardus zu: Es war Etwas im Werke; ich wußte darum, auch Fluit wußte darum; dieſer befehligt jetzt, weil England den holländiſchen Handel ganz in Ketten und Bande legte, die Jacht des Erbherrn, die ſchöne Suſanne. Von der Feſtung Woerden aus waren die Gefangenen nach Muiden gebracht worden, von dort ſollten ſie entwiſchen, Alles war vorbereitet, die Jacht des Erbherrn hatte ein anderes Bild, andere Flaggen, war äußerlich unkenntlich gemacht und lag dicht vor Muiden in der Veght vor Anker. Der Plan wurde verrathen, die Jacht entkam, aber ohne die Gefangenen am Bord zu haben; dieſe wurden, um ihnen das Entwiſchen ſchwerer zu machen, nun um ſo ſtrenger bewacht. Ein gottverdammter Schwätzer plauderte den Anſchlag zu ihrer Befreiung aus, ehe ſie er⸗ folgt war, und nun ſteht hier in dem Zeitungswiſch dieſe Anzeige, die das Uebel nur ärger, die Bewachung der Gefangenen noch ſtrenger macht, und auf's Neue ihrer Feinde Augen und Ohren ſchärft. Da leſen Sie! Leonardus nahm das Blatt und las: „Da betrachten offenbaren ſelbe verd entrüſtet chnlängſt ſtelling Spiegel: unſchulbig einer Jach worben ſe kommen be ntlißt ij weitet hin tretenden Arliſt i zu leiten Mißtrau und dere bunlun ſe zuſt mnzifuche machen die ſe ſi deen N reichen 1 Rpubl Pih Eine 3 und dar — ¹) Po ten nutt 8ene Gre te vest; ſesig han das Mht⸗ nihn und ſi⸗ und Leonardus eſellſchaſt fund, Zeitungen las „wie übetall, anders geſtal⸗ fffen, las, run⸗ t! Verdammt! Leonardus. vorbei, Alles Gehrmniß und en Hals kömt wie einer Katze! ras im Werke; hlzt jett, weil zande legte, die ſtung Voerden rden, von dort des Erbhern ich untennlih r Anker. Der ie Gefungenen viſchen ſchweret gutrbm us, che ſie dieſe Anzeige⸗ nnoch ſrenger n ſchrt Da 277 „Bericht an das Publikum.“ „Da wir es als eine unſerer erſten und vornehmſten Pflichten betrachten, der Wahrheit ſo viel als möglich zu huldigen und einer offenbaren und ehrloſen Lügenmäre mit aller Verachtung, welche die⸗ ſelbe verdient, zu begegnen, ſo können wir nicht anders als höchſt entrüſtet über den Inhalt eines gewiſſen Schandlibells ſein, das man ohnlängſt verbreitet hat, und worin geſagt wird,„daß auf die Vor⸗ ſtellung des franzöſiſchen Geſandten der Ex⸗Rathspenſionär van der Spiegel und der van Rhoon, Er⸗Oberamtmann von dem Haag, für unſchuldig erklärt wären, ihre Freiheit wieder erhalten hätten und mit einer Jacht aus ihrem Gefängniß zu Woerden oder Muiden abgeholt worden ſeien“. Wir ſind von hoher Hand unterrichtet, und voll⸗ kommen verſichert, daß dieſe Zeitung von allem Scheine der Wahrheit entblößt iſt, ihren Urſprung nicht verläugnen kann, und auf nichts weiter hinzielt, als die Wohlfahrt des Vaterlandes ſchroff hervor⸗ tretenden gewinnſüchtigen Abſichten aufzuopfern und die ſchnödeſte Argliſt ins Werk zu ſtellen, um den beſſeren Theil der Nation irre zu leiten, Furcht und Unruhe in den Gemüthern hervorzurufen, und Mißtrauen im Buſen gegen ländliche und ſtädtiſche conſtituirte Mächte und deren Verhalten zu wecken. Es iſt hohe Zeit, ſolcher Menſchen Handlungen öffentlich aufzudecken, und mit den ſchwärzeſten Farben ſie zu ſchildern, da ſie nichts bezwecken, als Zwietracht und Aufruhr anzufachen, die gute Ordnung umzuſtoßen, die Geſetze kraftlos zu machen und ſich, in Mitten der Parteien und der Empörung, über die ſie ſich heimlich erfreuen, die verkehrte Begeiſterung einer verblen⸗ deten Menge zu Nutzen zu machen, um ihren ehrloſen Zweck zu er⸗ reichen und ihre eigene Größe auf den Steinhaufen einer zertrümmerten Republik zu befeſtigen.“*) Pah, lachte Leonardus, indem er das Blatt an Windt zurückgab. Eine Zeitungstirade von einem holländiſchen enragirten Parteimann, und darüber können Sie ſich ärgern? Was hätten dieſe Mannekins, *) Wörtlich: de verkeerde geestdriſt van eene verblinde menigte ten nutte te maken, om hun eerloos doel te bereiken, en hunne ei- gene Grootheyd op de puinhoopen van ecne verbrysselte Republik te vestigen. — 278— wenn ſie nicht fort und fort den Ueberfluß ihrer Gemeinheit in den Zeitungen abſetzen könnten? Da hätten Sie, lieber Herr Windt, einmal in Paris und ganz Frankreich die Pamphlets leſen ſollen, Sie haben aber auch in Paris lieber geſchrieben als geleſen. Hu! das fliegt wie Schneeflockengewirbel und Hagelſchlag, daß es raſſelt und praſſelt, und hinterdrein wird doch wieder gutes Wetter und klarer Himmel. Wie würde nun dieſes Kerlchen von einem Zei⸗ tungsſcribler erſt ſchimpfen, wenn die Gefangenen wirklich entkommen wären, da es jetzt ſchon bei der bloßen falſchen Nachricht ſolch ein Geſchrei erhebt? Das iſt's nicht, was mich ärgert und kümmert, entgegnete Windt verſtimmt; ſondern daß ich vielleicht den Erbherrn nun gar nicht ſpreche, weil man ihn feſter verwahren und die Wachſamkeit verdop⸗ peln wird. In dieſer Vorausſetzung irrte der treue Windt ſich nicht; er erfuhr noch an demſelben Tage als gewiß, daß die Gefangenen von Muiden aus nach dem Haag abgeführt worden ſeien, und ſchon der folgende Morgen fand beide Freunde auf dem gleichen Wege dort hin, da ja dieſe ſchöne und reiche Stadt ohnehin ihr Reiſeziel war. Zu ihrer unausſprechlichen Freude fanden ſie Ludwig bereits an⸗ gekommen und ihrer harrend, und es erfolgte zwiſchen ihm und Leonardus ein Austauſch der innigſten und zärtlichſten Gefühle, während Windt darauf gar wenig achtete, vielmehr ſtets beweglich, wie er war, ſogleich Bekannte aufſuchte, neue Verbindungen anknüpfte und auf ſein Ziel ſchnurgerade losſteuerte. Den erſten Beſuch machte er bei der Schwiegermutter des Erbherrn, welche im Haag wohnte. Jene Nachricht, welche Windt früher einmal erhalten hatte, der Erbherr wolle dieſe Dame nach Hamburg bringen, war eine falſche geweſen. Er erhielt Einladung, bei der Frau Gräfin von Lynden⸗Reede zu ſpeiſen, traf dort den Beſitzer des Gutes: die Park, nahe bei Arnhem, deſſen Windt einige Male in Briefen an die Reichsgräfin erwähnt hatte, welcher Herr dem Erbherrn eine ziemliche Summe ſchuldig war, und benutzte die Gelegenheit, dieſen Schuldner ſo ſanft als es ihm möglich war, beim Ehrgefühl zu faſſen und ihm das Verſprechen abzunöthigen, baldigſt zu zahlen. Auch Gräfin Lynden erhob große Klage darüber, daß Doorwerth ſo entſetzlich verwüſtet ſei; Windt luchte hein den Auge den Herr machen. An v Windts! Sie denken,„ 3 Vindt m Verſu ſprch Gr Filltn Republit i nit Geld Che e weg war Dieſe He der Titel und ein ſchlichten Form kur Stunde und wen Chre, e Rer, dieſelbt Die funden die Cor dieſen d ohne di niſen, Die liche.( Hunien meinheit in den r her Pint, ts leſen ſollen, geleſen. Hu! daf es raſelt es MWetter und on einem Zei⸗ klich entkommen chricht ſolch ein tgegnete Windt nun gar nicht amkeit verdop⸗ icht; er erfuhr n von Muiden n der folgende e dort hin, da war. nig bereits an⸗ ſchen ihn und ite, rihen ich, wie er wm, üpfte te und auf nachte er bei wohnte. Jene „der Gher fuſce gereſn. nben⸗Reede zu he bei Arnhen, giſn erwihnt ne ſchuldig war, ſi als ijn 6 Verprchen erhob u tſeij Vimt — 6— lachte heimlich hinter ſeiner Serviette, zwinkte der alten Dame mit den Augen, und hütete ſich wohl, durch Berichtigung dieſer Wehklage den Herrn von der Park in ſeinen guten Vorſätzen wankend zu machen. An wen ſich wenden, um den Herrn Grafen zu ſprechen? war Windt's hauptſächlichſte Frage. Sie werden ihn auf keinen Fall ſprechen, daran iſt gar nicht zu denken, ward ihm zur Antwort. Ich muß ihn aber ſprechen, und ich werde ihn ſprechen! entgegnete Windt mit Beſtimmtheit. Verſuchen Sie's auf Ihre Gefahr, ich aber rathe ernſtlich ab, ſprach Gräfin Linden. Die Wächter ſind unbeſtechlich. Fällt mir auch gar nicht ein, dieſe braven Bürger der bataviſchen Republik in Verſuchung zu führen, verſetzte Windt. Bin zudem nicht mit Geld zu Beſtechungen verſehen. Ehe eine halbe Stunde verging, ſeit Windt vom Tiſche der Gräfin weg war, ſtand er ſchon im Sitzungszimmer der hochmögenden Herren. Dieſe Herren hatte doch noch das Bürgerregiment gelaſſen, obſchon der Titel vielen tauſend Revolutionsmännern ein Pfahl im Fleiſch und ein Dorn im Auge war. Windt ſprach in ſeiner einfachen und ſchlichten Weiſe, nachdem er ſeine Perſönlichkeit in aller geſetzlichen Form kund gegeben: Ich habe den gefangenen Rhoon nur eine halbe Stunde zu ſprechen, und zwar blos über Familien⸗Angelegenheiten, und wenn es ſein muß, im Beiſein von Jedermann; ich habe die Ehre, Diener von des Gefangenen Großmutter zu ſein, und möchte gerne, da ich im Begriffe ſtehe, nach Deutſchland zu reiſen, wo dieſelbe wohnt, Aufträge von ihm mit dorthin nehmen. Die hochmögenden Herren beriethen ſich ganz kurze Zeit und fanden gar kein Bedenken darin, Windt zu willfahren. Er wurde an die Commiſſäre Bürger Kops und de Lange gewieſen, fand auch an dieſen die artigſten Männer von der Welt, und empfing von ihnen ohne die mindeſte Schwierigkeit und ohne einen Sous zahlen zu müſſen, eine gedruckte Erlaubnißkarte. Die Lage des ſtaatsgefangenen Erbherrn war durchaus keine ſchreck⸗ liche. Er wohnte in den Zimmern, die früher Prinz Friedrich von Oranien inne gehabt; er ſpielte ſich eben zum Zeitvertreib ein — — 280 Stückchen auf der Guitarre vor, als Windt in Begleitung eines ein⸗ zigen Aufſehers zu ihm eintrat, und war vor Erſtaunen außer ſich, als er den alten Bekannten erblickte. Windt fand das Zimmer ganz anſtändig ausmöblirt, auf einem Tiſch lagen Malergeräthſchaften und eine angefangene Malerei, auf einem anderen befanden ſich Bücher, und der Erbherr bewirthete den alten redlichen Diener, der wahrlich den höheren Rang, den er in des Grafen Herzen einnahm, verdiente, mit einem Glaſe köſtlichen Kapweins. Patientia⸗Wein gibt es nicht, lieber Windt— ſcherzte der Erb⸗ herr, und winkte zum Sitzen: darum trinke ich Conſtantia⸗Wein, welcher auch große Tugenden beſitzt. Ich freue mich Ihres Wohlſeins, Herr Graf! ſprach Windt, und trinke auf deſſen fernere Dauer; Sie haben zwar etwas von Ihrer Friſche verloren, weil Sie nicht mehr ſo wie früher gleich einem Seeraben umherſchweben können, aber ich ſehe ſchon aus Allem, daß Sie guten Muthes ſind, und das iſt ſehr viel werth, denn ein alter Lateiner ſoll geſagt haben: Mit gutem Muth die ſchlimme Zeit zu tragen, frommt. Das war Plautus, liebſter Windt! verſetzte der Erbherr. Da war auch ein alter Grieche, hieß Euripides, der ſprach: Sei guten Muthes, denn Großes kann Gerechtigkeit dir nützen. Ich habe treu dem Vaterlande gedient, und wäre wohl des beſſern Lohnes werth, doch nichts davon. Was bringen Sie mir? Haben Sie Nachrichten aus Deutſchland, von der Großmutter, von meiner Frau? Wo iſt mein Bruder, wo iſt der Vetter Ludwig? Letzterer war in England und iſt hier, Leonardus iſt auch mit hier, wir holen den Grafen ab, er fühlt ſich leidend und ſehnt ſich nach Deutſchland. Zur Großmutter, kann mir's denken! Ihrer Excellenz Frau Gemahlin befinden ſich, ſo viel mir bewußt iſt, wieder in Kniphauſen, und ſind leider immer noch nicht voll⸗ kommen geneſen. Leider! leider! ſeufzte der Erbherr mit einem ironiſchen Lächeln. Alles leidend— Sympathie ſchöner Seelen! Die alte Execellenz ſcheint in gleichbleibender Rüſtigkeit ihre Tage ſortzuleben, ſie ſchreibt mir oft oder läßt mir durch Weisbrod oder meine Sch wihrend i Stande z Wis Dßh ſo odr ſc Spiel gleich di werder. Se ſi Gemüthlic bin, di i Richte Si ſicht en. Giter fi hinu. W den, 6 um mte liegen ſi Urtheie nicht. P und dan finden! A5 bewegtd N man ſy Hz Nundſ ein dn loſen, was u Ruli 60 ſhen itung einez eit⸗ unen außer ſic, s Zimmer gunz rüthſchuften und den ſih Bicher, der wahrlich nahn, verdiente, hetzte der Erh⸗ onſtunti⸗Wein, 5 Windt, und vas von Ihrer r gleich einem s Allem, daf den ein alter hlmme Fit ſu Erlhen. Da ch: Sei guten Iöh habe treu ohnes werh, zie Nachrichten Fru! Vo it s ii uch nit in ſcht ſi ni kußt oc nicht vol⸗ niſchen ir —— meine Schweſter ſchreiben, und kapitelt mich häufig ſehr ungnädig ab, während ich Kopf und Kragen daran ſetze, um ihre Güter in gutem Stande zu erhalten. Was wird es mit Doorwerth? Deßhalb bin ich hier bei Ihnen, Herr Graf. Die Sache muß ſo oder ſo ein Ende nehmen; längeres Hinziehen ſtellt Alles auf das Spiel Für Doorwerth muß Geld geſchafft und zum endlichen Ver⸗ gleich, den jene unglückliche Geſchichte in Varel abbrach, geſchritten werder. Si ſehen, liebſter Windt, ſprach der Erbherr, indem er in aller Gemüthlichkeit die Gläſer wieder füllte: daß ich ein gefangener Mann bin, diß ich gar nichts zu ſagen habe, gar kein Verſprechen geben kann. Richten Sie das, was in Ihren Händen liegt, nach Ihrer beſten Ein⸗ ſicht en. Ich habe außer Rhoon und Pendrecht in Holland keine Güter, fügte er betonend und mit einem Wink auf den Aufſeher hinzu. Meine Lage, die jetzt leidlich ſcheint, kann noch ſchlimm wer⸗ den, 6 iſt gar nicht unmöglich, daß ich dieſes Zimmer nur verlaſſe, um unten auf dem Platz erſchoſſen zu werden. Meine Schriften liegen ſämmtlich unter Siegel; aus ihnen würde man vielleicht mildere Urtheie über mich gewinnen, allein man unterſucht ſie zur Zeit noch nicht. Man verſchiebt es, bis der National⸗Convent organiſirt iſt, und denn— nun, wie Gott will! Man wird mich als einen Mann finden! Ab einen Ehrenmann, ganz gewiß, Herr Graf, beſtätigte tief⸗ bewegt der Haushofmeiſter. Iq muß endlich bitten, Bürger, nahm der Aufſeher das Wort: man ſricht hier nicht von Grafen, Herren und Excellenzen! O zum Donner! rief Windt, ſich mit komiſcher Geberde auf den Mund ſchlagend: Verzeiht, Bürger, ich bitte tauſendmal! Ich bin ein dunmer deutſcher Teufel, bin noch nicht eingebürgert in der heil⸗ loſen, wollte ſagen, theilloſen Republik. Müſſet meiner Sprechart was u Gute halten. Ich ſchwör es Euch zu, ich habe vor eurer Repulik den heiligſten Reſpect! 6o laß' ich's gelten, brummte der Aufſeher, ohne die Ironie zu verſihen, die in dieſen Worten lag. — 282— Windt drängte, was er zu ſagen hatte, in geflügelte Worte zu⸗ ſammen; gute Wünſche für baldige Befreiung, die Nothwendigkeit, wenn dieſe in der nächſten Stunde erfolgen ſollte, ohne Verweilen die Angelegenheit zu ordnen, und da dieſes nur in Deutſchland geſchehen könne, dorthin zu reiſen, Windt in Doorwerth abzuholen und ihn mit nach Hamburg oder wo die Reichsgrüfin ſonſt ſich aufhalten werde, zu nehmen Falls Windt bereits in Pyrmont, Bückeburg oder Stadthagen ſei, ſolle ihn der Erbherr ohne Verzug von jedem gethanen oder beabſichtigten Schritt unterrichten. Windt fand den gefangenen Herrn zu Allem willig, erhielt Grüße von ihm an alle Freunde und Bekannte und ſchied mit der Beruhi⸗ gung im Herzen, abermals zum guten Werke endlichen Vegleiches beigetragen und ſeinen Aufbau, wenn auch nicht merklich höher, doch in Etwas weiter gefördert zu haben. Der Abend vereinte die drei Freunde in gemüthlicher Unterhaltung auf einem ihrer Zimmer Leonardus war Windt bisher immer noch die Erzählung von dem ſchuldig gebliehen, was ihm begegnet war, ſeit er zum letztenmale le Mans verlaſſen hatte, und was eigentlich Urſache an ſeinem Krankſen und der ganzen traurigen Verfaſſung ſei, in welcher er jüngſt zu Do⸗rwerth angekommen war. Der Diener beſorgte daher zur gemüthlichen Plau⸗ derſtunde für Windt und Leonardus die unvermeidlichen hollädiſchen Thonpfeifen, und als der köſtlichſte Tabak das Zimmer durchuftete,— begann Leonardus ſeine Erzählung. 9. Die Abenteuer des Leonardus. Ich hatte nicht Raſt nicht Ruhe, eine unausſprechliche und unbe⸗ zwingliche Sehnſucht trieb mich an, Angés zu ſuchen, und gatz ver⸗ gebens war die Stimme der Vernunft, die mir zurief: was wilſt du bei ihr? Störe nicht die Ruhe dieſer ſo edlen Freundin, weck nicht neuen Schmerz auf, errege nicht neue Kämpfe, ſtrebe nicht nach einem Siege über ſie, der dir nicht ehrenvoll und rühmlich wäre! Pimo⸗ niſch iß ſeinem Si Wahrheit Sie, liebſ einen neu phiſches B tirt uns ſ Seele hi den Rhei ein Haus als ſtillſch erleidet u dyf mach je und da tinentalhor theilhafter Geſchöfte daß ich Preiſen Vorräthe eingekauf einer Pr Meine„ zu Statt von den und in die Rü Unrihi deutſche ſine der bei Cangl. eines nit St norden, ſc. 1 gelte Vore zu⸗ Jothenigket, ie Verweilen die ſchland geſchehen len und ihn mit halten werde, zu oder Studihagen gethanen oder g erhielt Grie it der Beruhi⸗ ſen Vecleiches ch höhet, doch ereinte kie drei Zimmer hlung vn dem nmale lMans Krankſin und ſt zu Dorerth üthlichen Plau⸗ n bolläwiſchen er durchuftete,— dus. üche ud unbe⸗ und gaß ver⸗ 283 niſch riß es mich hin, und der alte Gemeinplatz: der Menſch kann ſeinem Schickſal nicht entgehen, wurde leider auch an mir zur vollen Wahrheit. Ja, ich glaube jetzt, daß ein Fatum waltet, aber thun Sie, liebſter Freund Windt, mir deßhalb die Ehre nicht an, mich für einen neumodiſchen Philoſophen zu halten, ich habe nie ein philoſo⸗ phiſches Buch geleſen, ach, es bedarf der Bücher nicht, das Leben die⸗ tirt uns ſeine ſchmerzdurchwebte Weisheit laut genug und tief in die Seele hirein. Ich ſtürmte aufs Neue fort und wandte mich gegen den Rheir; ich war wieder Kaufmann und ſchloß Geſchäfte ab für ein Haus in Amſterdam, bei dem ich mit einem Kapital, gleichſam als ſtillſchneigender Compagnon, eingetreten bin. Der Geſchäftsreiſende erleidet auh in kriegeriſcher Zeit wenig Störung. Der vermehrte Be⸗ darf macht den Verkehr, beſonders in Colonialwaaren, lebhafter als je und da die überſeeiſchen Zufuhren ſtockten und England den Con⸗ tinentalhawel hemmte, ſo ließen ſich die alten Vorräthe um ſo vor⸗ theilhafter zu hohen Preiſen verwerthen; ich war daher dort, wo ich Geſchäfte nachen wollte, überall willkommen, und gewann ſchon dadurch, daß ich riſte und in Stand geſetzt war, immer noch zu billigeren Preiſen as Andere notiren zu können, bedeutende Summen. Die Vorräthe iſeres Hauſes waren groß und in guten Zeiten ſehr billig eingekauft; jetzt ließen Kaffee, Zucker, Roſinen, Gewürze, Tabake zu einer Preihöhe ſich abſetzen, die eben nur der Krieg erzeugen kann. Meine Kentniſſe der Sprachen kamen mir auf der Reiſe ſtets gut zu Stattei. Während Frankreich fort und fort noch zerriſſen war von den butigſten und grauſamſten Kämpfen im Innern, im Süden und im Wſten, und obendrein noch von England bedroht, das zugleich die Rüſtumgen der Reaction unterſtützte, ging ich nach dem Rheine. Unruhig gnug ſah es auch an den beiden Ufern dieſes gottgeſegneten deutſchen Stromes aus. Den Rhein ſolltet ihr ſehen, Freunde, in ſeiner Herlichkeit, in ſeiner Schönheit! Der ſchmale Arm von ihm, der bei Dorwerth vorüberfließt, iſt freilich dagegen nur ein reizloſer Canal. Lber wer konnte auf die Reize der Natur achten zur Zeit eines Kriges, der alle Heerſtraßen, alle Städte, alle Dörfer und Höfe mit Soldten füllte? Auch die ſchöne Pfalz war Kriegsſchauplatz ge⸗ worden, ke ich ſo ganz verändert und von Heeren überſchwemmt wieder⸗ ſah. Min liebes Zweibrücken, der Ort, wo ich zuerſt Hand in Hand 284 mit Angés das ſüßeſte, lauterſte Glück meines Jugendlebens genoſſen hatte, war im Spätherbſt des vergangenen Jahres nach den Schlach⸗ ten, welche die Rheinarmee unter Pichegru und Hoche den Preußen und Sachſen bei Kaiſerslautern und bei Moorlautern geliefert, zum Sammelplatz des geſchlagenen Franzoſenheeres geworden, dos ſieben⸗ tauſend Mann verloren hatte; nachdem ſich dieſes franzöſiſche Heer geſtärkt, drängte es ſeine Gegner unter Wurmſer wieder über den Rhein zurück. Ich erſchien im Elternhauſe Angs's in Zveibrücken, welche Stadt franzöſiſche Beſatzung behielt; meine Erſcheinung war im Anfang augenſcheinlich keine willkommene, denn man ſah in mir den Mann, der Angé's Unglück verſchuldet; endlich gelang es min jedoch, mit ihrer Mutter ein verſtändigendes Geſpräch zu beginnen. Wenn Sie mir zürnen, verehrte Frau Daniels, ſprach ich zu ihr, p thun Sie mir großes Unrecht. Ich hielt ja Ihrer Tochter die gebbte Treue, ſtrebte raſtlos danach, durch meinen eigenen Fleiß ſo viel zu erwerben, um eine ſchöne ſorgenloſe Zukunft, ſo weit ſolche voraus zu beſtimmen in menſchlicher Macht liegt, Angés zu bereiten. Dem Kaufmam aber, dem bedeutenden, fällt ſelten das Glück daheim und hinter den Ofen in den Schoos; er muß hinaus, handelnd und ſtrebend, in fene Weiten, in entlegene Länder. Mir, dem Treuen, brach Angés die Treue, und wurde dazu hier überredet. Ich hing immer noch vell Zärtlich⸗ keit an ihr, und eine Fügung war's, gewiß eine wunderbcre, daß ich auserſehen ward, ihr Retter und Befreier aus einer unwüdigen Lage zu werden. Ganz gewiß, erwiederte Frau Daniels, und Angés iſt Ihnen mit uns dafür zu ſtetem Danke verpflichtet; freilich hätten wi gewünſcht, ſie wäre gleich in ihr elterliches Haus zurückgekehrt und hätte nicht erſt eine ſo weite Irrfahrt gemacht. Daran trug der Krieg die Schuld; auf gradem Wege hätte uns entweder Berthelmy's Verfolgung ereilt, oder wir wären dm Verder⸗ ben geradezu entgegen gefahren. Ich will es glauben, verſetzte Angé's Mutter, und ich frage ſie nun: Wo lebt jetzt Angés? Ich weiß es nicht! Sie wiſſen es nicht? O, wohl wiſſen Sie es, aber Ens wiſſen Sie nicht, verehrte Frau! rief ich empfindlich aus. Sie wſſen nicht, daß ich z Ihrer To ſollte ich Hütte zie Frau ſuchte ſie Sie von 3hk Habe leuchtende Den! einer gegel bücher mel um die No ſii geſchid Das n Frau. Hi mögen u Gott laſ Luther Li J, un he zu bezin einlenken ſe ganz einmal dan w Ort, wo und mir Nun Rlienuc dlebens gewoſen ich den Schlac⸗ he den Preufen ngelifer, zun en, des ſieben⸗ ranzöſſche Het vieder übet den in Zveibrücken, heinng war in ſh i mir den mir jedoch mit n. Wenn Sie r, thun Sie gebbte Treue, el u erwerben, s z beſimmen fmam obet dem er den Ofen in in fene Veiten, 965 die Treue, vll Zirtlih⸗ derbcr, dß ich nwütdigen Loße iſt Ihnen mit unb hite nit Lege hite un en dn Verder⸗ ſute ſe un n Gi tiſen ie vſen nicht, —— daß ich zu viel weiß, um mich alſo abfertigen zu laſſen, daß das Herz Ihrer Tochter mein iſt, daß ich Angeés ſuchen und ſie finden werde, ſollte ich auch im Schwarzwald von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte ziehen. Frau Daniels erſchrak, als ich den Schwarzwald nannte, doch ſuchte ſie mir dies zu verbergen, und fragte auf's Neue: Was wollen Sie von Angés? Ich komme von le Mans! Haben Sie Berthelmy's Todtenſchein? fragte die Frau jetzt mit leuchtenden Augen. Den habe ich nicht und brauche ihn nicht, es kann auch niemals einer gegeben werden. Es gibt dort keine Kirchen und keine Kirchen⸗ bücher mehr; der Maire ſagt mir, das Papier habe nicht hingereicht, um die Namen aller Todten aufzuzeichnen. Was ſich geſchieden habe, ſei geſchieden, Niemand frage danach. Das mag dort in le Mans ſo ſein, entgegnete mir die verſtändige Frau. Hier in Zweibrücken aber denken wir noch anders. Die Feinde mögen uns Alles nehmen; unſere Kirche, unſern Glauben, unſern Gott laſſen wir uns nicht nehmen! Wir ſingen nicht vergebens unſers Luther Lied: Eine feſte Burg iſt unſer Gott, Eine gute Wehr und Waffen, Der hilft uns treu aus aller Noth, Die uns jetzt hat betroffen! Ja, wohl hat uns Noth betroffen, harte Noth, aber Gott wird uns helfen! Ich hatte nicht Luſt, mit der wackern Frau einen Glaubensſtreit zu beginnen, der mich auf keinen Fall gefördert haben würde, ſondern einlenkend ſprach ich: Ich habe Ihre Tochter in Ehren gehalten, als ſie ganz in meiner Macht, in meinem alleinigen Schutze war, und ich hoffe nicht, ſeitdem ſchlechter geworden zu ſein. Ich will ſie noch einmal fragen, ſie und nur ſie ſelbſt hat hier zu entſcheiden, und dann wird mein Loos gefallen ſein; darum nennen Sie mir den Ort, wo ich ſie finde, ich flehe Sie darum an bei Allem, was Ihnen und mir heilig iſt! Nun denn! rief Frau Daniels: Wenn Sie mir auf dieſes Evan⸗ gelienbuch, das Ihnen gewiß ſo heilig iſt wie uns, ſchwören, daß der 286 Name dieſes Ortes niemals gegen einen Dritten über Ihre Lippen gehen ſoll, dann nenne ich Ihnen meiner Tochter Aufenthalt. Ich ſchwur, und erfuhr den Namen des Ortes am Fuße des Schwarzwalds. Am nächſten Tage reiſte ich mit Courierpferden über Bitſche und Hagenau nach Straßburg, ging bei Kehl über den Rhein, und fuhr über Lahr und Mahlberg nach einem nahen Städtchen, das ich in der Nacht erreichte und wo ich mich bald zur Ruhe begab. Das Gaſthaus, das mich aufgenommen hatte, war ein ſehr gewöhnliches. Mein Bett ſtand an einer Bretterwand, und ich war noch nicht eingeſchla⸗ fen, als ich an Schritten im anſtoßenden Zimmer merkte, daß ich männliche Nachbarſchaft habe. Zwei Männer unterhielten ſich bald darauf lebhaft mit einander in franzöſiſcher Sprache, und wunderbar, mir kamen beide Stimmen bekannt vor; ich verhielt mich mäuschenſtill und ſuchte den Inhalt ihres Geſpräches zu erlauſchen, ohne noch zu ahnen, wie nahe derſelbe mich ſelbſt berühren würde. Je mehr Worte ich hörte, deſto ſchrecklicher tagte es in mir, dieſe eine Stimme, nur einmal in meinem Leben hatte ich ihren rauhen Klang gehört, und doch hatte er ſich tief in meine Erinnerung eingeprägt. O ich beklagens⸗ werther Mann, die geliebte Angés ſuchte ich— war ihr ſchon nahe— und fand— Berthelmy— und Berthelmy war es, der nahe bei mir gegen ſeinen Gefährten zornvoll und erbittert über Angés ſprach. Ausgemittelt hab' ich's endlich, ſagte er: das Neſt der Schlange, der falſchen, treuloſen Schlange, und bin nun da, die Natter zu zer⸗ treten, wenn ſie ſich nicht reuig mir in die Arme wirft und mir dann die Hand bietet, das Netz des Verderbens um die niederträchtigen Vaterlandsfeinde, die ſich hier auf deutſchem Boden verborgen halten, zu ſchlingen, und denen ſie ſich dienſtbar gemacht hat noch obendrein! Uebereile nichts, Berthelmy! ſprach der Andere: verdirb nicht um deiner eigenen Angelegenheit willen unſer Spiel. Wir dürfen nie offen hervortreten, müſſen alles vermeiden, was irgend einen Verdacht auf uns lenken kann; du kennſt noch nicht den Dienſt, Etienne, biſt mein Schüler, mußt mir gehorchen. Zum Donner! murrte Berthelmy: ſeit ich bei der Inſel Noir⸗ moutier in die Gewalt der Republikaner fiel, ſeit mein rachedürſtendes Herz alle Parteiung und alle menſchliche Rückſicht abſchwur, iſt mir noch nicht jenmnd er Murn Du biſt z der Seine geweſen x Du wenig Wos court?— Fs wr in kutzem ie wir ſi gegongen u und Genm die in ſtie mnſi dahin zu Irder lungen a rungen h ſtinr He lihen Ar Virger beere ſt und andi wort ſi dachte, Ungeheu Ve tr ſchlafen Reiſe w droht, alzuwen wurt ge Nnen M und Zuu ber O 0 ber Ihre Vppen fenthalt. m Fie des über iſſche und ein, und führ . Mein Beit nicht eingeſcl merkte, daß ich elten ſich bald und wunderbar, ch mäuschenſtill ohne noch zu Ie mehr Worte ne Stmme, wr gehört, und doh ich beklagens⸗ r ſchon nahe— er nohe bei nir nges ſroh. ſt der Schlange, Natter zu zer⸗ t und mir dann nicdertrüchtigen halten, erborgen noch obendrein! erdirb nicht um Wir pürfen nie einen Verdacht ſt, Etiennk, hiſt er gnſel Notr rnchedürſendes iſt mir — 287— noch nicht ſo geweſen, wie jetzt. Ich möchte gleich auf der Stelle jemand ermorden! Nur mich nicht, das bitte ich ganz gehorſamſt, ſpöttelte der Andere. Du biſt zu hitzig, ich bin abgekühlt, Etienne. Wenn du einmal in der Seine gelegen hätteſt, und einmal im Rhein, und ſehr nahe daran geweſen wärſt, auch in die Wahl geworfen zu werden, wie ich, würdeſt Du weniger hitzig ſein. Was zum Henker ſchwatzeſt du da für Unſinn, Clement Abon⸗ court?— Es war unſer Mann von Paris, von Doorwerth und Thiel, er erzählte in kurzem Umriſſe ſeinem Bettkameraden ſeine Lebensgeſchichte faſt ſo, wie wir ſie ebenfalls von ihm hörten. Er war aus Holland weg⸗ gegangen und hatte ſich nach dem Süden gewendet, hatte ſeine Kunſt und Gewandtheit als Spion geltend gemacht, und jetzt den Auftrag, die im friedlichen Schutze Badens weilenden Emigranten hoher Abkunft zu umſpähen, ihre Schritte zu belauern und von Allem Nachricht dahin zu ertheilen, wo dieſe willkommen war und erwartet wurde. Indem nun dieſer Menſch vom elendeſten Gewerbe ſeine Mitthei⸗ lungen an Etienne Berthelmy machte, ging aus des Letztern Aeuße⸗ rungen hervor, daß er ebenfalls ein Verworfener war, daß er an ſeiner Heimathſtadt zum Verräther geworden, auch nicht ohne heim⸗ lichen Antheil geblieben an jenem entſetzlichen Blutbade, das der Würger Morceau in derſelben vollziehen ließ, ſowie daß er, aus dem Heere ſchimpflich verſtoßen, zufällig Aboncourts Bekanntſchaft gemacht und an dieſen ſich angeklammert hatte, wie nach dem deutſchen Sprüch⸗ wort ſich Gleich und Gleich gern geſellt. Mir graute, wenn ich dachte, daß die engelreine Angés ihr Lvos noch einmal an dieſes Ungeheuer ketten ſollte, daß Berthelmy ihr nur noch einmal in den Weg treten könne, und ich fand, auch als jene ſchwiegen und einge⸗ ſchlafen waren, keinen Schlaf, ſo müde ich von meiner angeſtrengten Reiſe war. Ich überlegte die Gefahr, die Angés, die ihren Gebietern drohte, überlegte die Mittel, die ich anwenden wollte, um dieſe Gefahr abzuwenden. Mir ſelbſt mußte daran gelegen ſein, nicht von Abon⸗ court geſehen zu werden, denn ſehr möglich war es, daß er in mir jenen Mann wieder erkannte, der bei Doorwerth ihn fortgeſchafft hatte und Zeuge ſeines zweimaligen Waſſerſprunges geweſen war, und der 288 mit beigetragen hatte, in der Nähe von Thiel ihn zu fangen und in Haft zu nehmen. Kaum graute der Morgen, ſo machte ich mich auf und fragte im Hauſe, wer die Reiſenden ſeien; Niemand wußte es, Niemand kannte ſie, ſie waren noch vor mir leiſe aufgebrochen und nirgend mehr zu ſehen. Zu ſo früher Stunde und ſo geradezu konnte ich mich Angeés ſchicklicher Weiſe nicht nahen; ich umkreiſ'te aber ihren Wohnort und das Haus, das mir von ihrer Mutter als dasjenige bezeichnet war, in welchem ſie mit dem Kinde weilte; es war die Dienſtwoh⸗ nung eines Lehrers, welcher dem Kinde Unterricht in Religion und andern Gegenſtänden ertheilte. Ein alter Kloſterbau und deſſen Lage in einem Waldthale machte den Ort romantiſch, und der Frühling ließ Alles ringsum paradieſiſch erſcheinen. O, wie wohl that mir dieſe Ruhe, und wie unendlich glücklich würde ſie mich gemacht haben, hätte ich ohne Furcht und Bangen jetzt durch dieſe lieblichen Fluren am Abhang eines der ſchönſten und eigenthümlichſten Gebirge Deutſchlands wandeln können. Ich wußte meinen Spaziergang ſo einzurichten, denn ein ſolcher war es, da das Oertchen, wo Angés ihr Aſyl gefunden hatte, etwas entfernt von dem Städtchen lag,— daß ich die Thüre von ihrer Wohnung und die Wege, die von dort in das Thal führ⸗ ten, ſtets im Auge behielt; dabei ſpähte ich fleißig umher, ob ich nicht etwas Verdächtiges entdecken würde, allein Alles blieb ruhig und ſtill. Endlich, o Freude, hüpfte die kleine Sophie aus dem Hauſe im ſommerkichen Morgengewand, dem lieblichen Kinde folgte Angés; ſie traten heraus in die Frühlingsmorgenfriſche, gleich ſchönen Sylphen, welche ausfliegen, um die Blumen zu küſſen und fröhlich im Tages⸗ glanze umherzuſchweben. Ich wartete noch, um Beiden nicht gleich auf dem Fuße zu folgen; da ſah ich einen bejahrten Mann aus dem Hauſe treten, augenſchein⸗ lich einen Kammerdiener. Angés und das Kind ſchritten längs des Baches hin, der vom Gebirge herabkam, an einem Dörfchen vorüber, das den gleichen Namen trägt, wie die Ahnenwiege eines alten deutſchen Fürſtenſtammes. Ich nahm einen Umweg, um Angés einen Vorſprung abzugewinnen, und durchſchritt ein Vorholz, darin die ſchönſten Frühlingserſtlinge blühten. Als ich aus dieſem Gehölz auf den Waldweg trat, gewahrte ich, wie ein Mann, der bis jetzt am Wege entgegen Jenet de nach dem keine ande was ihm wieder ne ich wahr näherte n Angés f deinen M Dieſe wortete he Mam me in der letz nſchſ Ange hereut Nie ufen! Da von gller Nicht dich uti lautn A vih mit bre Vi Dolche vor, in abbrach dem G mitten In it hört Renes Dg. zu fangen und uf und fragte es, Nienand n und nirgend konnte ich mich ihren Wohrort enige bezeichnet die Dienſtwoh⸗ Religion und und deſſen Lage der Frühling that mir dieſe cht haben, hätte en Fluren am Deutſchlands nzurichten, denn Al gefunden ich die Thire das Thal fihr⸗ er, ob ich nicht ieh wuhig und den buſe in gte Angösj ſe znen Shlyben, lich in Tug⸗ zuſt zu fihn n, ugeſhen⸗ ten ling des zihn wibe⸗ eints alten Nhi il in die — 3— am Wege gelegen, plötzlich aufſprang und dem nachfolgenden Diener entgegen trat, anſcheinend, um dieſen nach dem Wege zu fragen, denn Jener deutete rückwärts, nach dem Münſter und in der Richtung nach dem Städtchen hin. Offenbar aber war jenes Menſchen Abſicht keine andere, als den alten Mann mit allerlei Fragen aufzuhalten, was ihm auch eine Zeitlang gelang. Plötzlich, wie ich mein Auge wieder nach der mir nun ganz nahe kommenden Angés wandte, nahm ich wahr, daß auch vor ſie und das Kind ein Mann hintrat; ich näherte mich den Dreien auf der Stelle und hörte, wie der Mann Angés fragte: Kennſt du mich, Angös Berthelmy 2 Kennſt du deinen Mann nicht mehr? Dieſe fuhr zuſammen, faßte alsbald Sophiens Hand und ant⸗ wortete heftig: Ich kenne Sie nicht, mein Herr! Ich habe keinen Mann mehr; der Mann, den ich hatte, war ein Ungeheuer, der mich in der letzten Stunde, in der ich ihn ſah, mit empörender Grauſamkeit von ſich ſtieß! Angés! rief Berthelmy: Ich habe tauſendmal bereut, bitter bereut! O vergieb mir, ſei wieder mein! Vergieb mir! Nie und nimmermehr! Laſſen Sie mich, oder ich werde um Hülfe rufen! Da ſchlug Berthelmy ein entſetzliches Hohngelächter auf, daß es von allen Bergwänden des Thales zurückhallte. Nicht?! ſchrie er: Ha, du treuloſe Natter! Was hält mich ab, dich zu tödten? Dabei zog er ein blinkendes Stilet, das Kind ſtieß einen lauten Angſtſchrei aus, mit dem ſich ein zweiter von Angés miſchte— plötzlich ſah ſie mich, wie ich den Erbärmlichen zurückriß, und rief mit brechendem Blick: Leonardus! Leonardus! Wüthend wandte ſich Berthelmy gegen mich und drang mit dem Dolche auf mich ein; ich hielt ihm meinen raſch gezogenen Stockdegen vor, in den er rannte, aber mit ſolcher Heftigkeit, daß die Klinge abbrach, und nun verſetzte er mir Stich auf Stich, bis ich ihn mit dem Griff des Stockes, der in meiner Hand geblieben war, dermaßen mitten in das Geſicht ſchlug, daß er nieder taumelte. In dieſem Augenblicke wurde es dunkel vor meinen Augen— ich hörte den lauten Hülferuf einer männlichen Stimme, wahrſcheinlich jenes alten Dieners, wurde in demſelben Augenblick von hinten D. B. III. 19 290 angepackt und heftig zu Boden geworfen— ich hörte nur noch den Einen dieſer Buben rufen: Ha! das ſind ja die Täubchen, die aus dem Taubenſchlag der Baſtei zu Doorwerth auf uns niederſahen, und das iſt ja der Spießgeſelle jener Hunde, die mich fingen und in's Waſſer warfen! Sollſt an mich denken, Hund!— Ein ſchwerer Tritt auf meine Bruſt, und die Sinne vergingen mir. Allmächtiger Gott! Das iſt ja unerhört! riefen bei dieſer Erzäh⸗ lung Leonardus' die Freunde aus. Armer, armer Freund! Was magſt du gelitten haben! ſprach Ludwig und drückte dem Freund bewegt die Hand. Jo, gelitten, viel, und ſchwer und lange, erwiederte dieſer, von der ſchmerzvollen Erinnerung mächtig ergriffen. Nach einer Pauſe fuhr er dann fort: Als ich wieder unter glühenden Schmerzen zum Bewußtſein kam, lag ich in einem kleinen, dunkelverhangenen Zimmer, mit Pflaſtern bedeckt und blutbefleckt. Jeder Athemzug verurſachte mir Pein, ich glaubte ein verlorener Menſch zu ſein. Sechs Stichwunden waren mir in die Schultern, auf die Bruſt und in den linken Arm gegeben worden, ein Wunder, daß keiner tief eingedrungen war, keiner das Herz getroffen hatte. Aber dafür war ich zu namenloſen Leiden aufgeſpart. An meinem Schmerzenslager ſaß der alte Diener, den ich bei Angés erblickt hatte, und winkte mir Ruhe zu, als ich ſprechen wollte; denn ſo wie ich dies zu thun verſuchte, kam Blut. Nur langſam beſſerte ſich's mit mir; nur langſam heilten die Wunden, am längſten aber blieb der Schmerz in der Bruſt, und dieſer iſt es, den ich noch mit mir herumtrage, der oft wiederkehrend, mich an jene Stunden mahnt und an meinen nahen— Hingang. Dieſer mag kommen, wann er will, ich bin gefaßt auf ihn, ich habe mit dem Leben abgeſchloſſen. Als ich wieder ſo weit war, daß ich ohne Nachtheil zu reden vermochte, kam Angös. Sie kniete an meinem Lager nieder, legte mir ihre weichen Hände auf Mund und Bruſt, ſie blickte mich tief ſchmerzlich aus ihren himmelvollen Augen ſo lange an, bis dieſen Augen ein Strom von heißen Thränen entquoll, der nicht enden wollte. An von W wart l glückic Barber An wch f alte T Kindes zur S herüciſ eilte m geſunke theny Schne der E ſehen melte Unm A ſch 2 Berth wurde vollen um ₰ ihe überg Gen ſtuif die Wie jene wir Bert ſen ie mr nh den ubchen, die u niederſahen, ud fngen und ins in ſchnerer Trit bei dieſer Erzih⸗ nhaben! ſprach e dieſet, von der er Pauſe fuhr ewußtſein kan, mit Pflaſtem nir Pein, ich chwunden waren en Am gegeben war, keiner da menloſen Leiden et, den ich bi ſprchen nolltj ſin helen bi er Bnſt, ud t niederlchrend, en— hinhang⸗ cthiil zu reden er nieder/ lg hlidte nich tüf er niit nben 291 Angés! Geliebte Angés! flüſterte ich, und mein Herz wallte über von Wonnegefühl, dem holden Weſen wieder nahe zu ſein, ihre Gegen⸗ wart beſiegte die brennenden Wundſchmerzen, und ich begann mich glücklich zu preiſen und meine Feinde zu ſegnen, deren Wuth urd Barbarei ich dieſe Seligkeit verdankte. Angés bat mich inſtändig, mich zu ſchonen, und erzählte mir noch folgendes Nähere über jenen abſcheulichen Ueberfall: Wie der alte Diener, welcher Jacques hieß und Franzoſe war, den Schrei des Kindes gehört, hatte er ſogleich Aboncourt, der ihn aufhalten wollte, zur Seite geſtoßen, und war auf uns zugeeilt. Alles Andere nicht berückſichtigend, erfaßte er das Kind, hob es auf ſeinen Arm und eilte mit ihm nach dem Dorfe zurück. Angés war ohnmächtig hin⸗ geſunken, als ſie den heftigen blutigen Kampf zwiſchen mir und Ber⸗ thelmy ſah; zu plötzlich ſtürmten unter den entſetzlichſten Umſtänden Schmerz, Abſcheu, Liebe und Seelenangſt auf ſie zugleich ein, und der Schreck warf ſie machtlos nieder, da ſie einen Moment ſpäter ſehen mußte, wie Berthelmy über und über im Geſicht blutend, tau⸗ melte, und mich der tückiſche Aboncourt zu Boden riß. Daß der Unmenſch mich auf die, Bruſt trat, gewahrte ſie ſchon nicht mehr. Aboncourt glaubte ſich an mir hinlänglich gerächt zu haben, er ſah Leute vom nahen Felde auf den Weg zueilen, ſtürzte ſich auf Berthelmy, hob ihn auf und verſchwand mit ihm im Walde. Angés wurde wieder zu ſich ſelbſt gebracht, aber nur um im verzweiflungs⸗ vollen Schmerz ſich an meine Seite niederzuwerfen und den Himmel um Hülfe und Erbarmen anzuflehen. Bewußtlos wurde ich dann in ihre Wohnung getragen und der Pflege der Aerzte und Wundärzte übergeben, die man ſchleunig aus dem nahen Städtchen herbeirief. Gensd'armen mußten die ganze Gegend nach jenen Spionen durch⸗ ſtreifen, ſie ſanden nichts, als eine kurze Blutſpur, denn leicht bargen die zahlreichen Gebirgsſchluchten des Schwarzwaldes dieſe Elenden. Wie es geworden wäre, wenn ein wunderbares Geſchick mich nicht in jenem verhängnißvollen Augenblick zu Angés geführt hätte, fragten wir uns oft und wußten es nicht zu ſagen. Das letzte Band, was noch in ihrem Gewiſſen Angés an Berthelmy feſſelte, war freventlich zerriſſen, ſie vereabſcheute ihn, ſie wollte mein eigen ſein mit Leib und Seele, aber nur— 19* —— 292 Wälde zu Tri N was frommte es mir, und wie lange hatte ich noch zu leben? Doch war ihre milde, freundliche Nähe mir unausſprechlich wohlthuend. Oft ſeufzte ſie: Ach, daß wir in Doorwerth geblieben wären! Hier iſt unſer Friede geſtört, ich muß fortan nur in Furcht und Zittern in Ml leben, darf ja keinen Ausgang wagen, ſehe fort und fort den Stahl Vum des Mordes und der Rache gegen meine Bruſt gezückt! Und nicht Thüre um mich allein iſt mir bange! Das galt nicht allein mir, das war welh eine Doppelverfolgung, die ein guter Engel, wenn nicht die allwal⸗ ſo b tende göttliche Vorſehung ſelbſt, von dem Gegenſtand dem ſie eigent⸗ Gijil und da w lich galt, ab und gegen mich lenkte! Ich meine von dem Kinde ab und auf mich, und auch auf dich, mein Leonardus. Mein Schmerzenslager überſtreute die reine, keuſche und erhabene Som Liebe dieſes engelgleichen Weibes mit Roſen. Mir wurde klar, wie lendet die Heiligen in den ſchönen, andacht- und poeſiedurchglühten Legenden nohlt meiner Kirche ihre Dornenlager nicht fühlten, wie die Feuergluten A ſie kühlten, ſtatt ſie zu verſengen, wie die Qual der Martern luger ihnen nicht die Jammerlaute des Schmerzes über ihr blutiges Märter⸗ ich,1 thum entlockte, ſondern Pſalmen und lobpreiſende Hymnen. Die allen Schmerz verklärende Liebe war es, die mich alſo emporhob und beſeligte. Ach, wie arm und nichtig ſind die kurzen flüchtigen Wonnen folge eines Sinnenrauſches gegen das Ineinanderſtrömen reiner Flammen! auf Ich empfing mein Theil am irdiſchen Glück, verlange nicht mehr, und mein beklage nur, daß ich nicht hinüberging in jenen Entzückungen; daß Vir ich immer noch meinen wunden und ſchmerzgequälten Leib durch das Lon Leben tragen muß. Jene unvergeßlichen Stunden kehren nie zurück— meir können nicht wiederkehren; ich darf und werde Angés niemals wie⸗ die derſehen. Die Freunde hörten ſtaunend und ſchweigend, ja in ſtiller Bewun⸗ derung und voll innigſter Theilnahme Leonardus' Erzählung an. Beſſ Endlich, nach langem Schweigen, denn eines jeden Herz war erſchüttert, dig fragte Ludwig den Freund: Und du verließeſt Angés? So Nein, erwiederte Leonardus: ich wurde verlaſſen. Meine Geneſung,— An durch die ſorgfältigſte ärztliche Behandlung und die aufmerkſamſte Pflege 3 befördert, war endlich ſo weit vorgeſchritten, daß ich ohne Gefahr das ſe Lager und das Zimmer verlaſſen und den erſten Ausgang wagen konnte. hatt Heilende im jungen Frühling hervorgeſproßte Kräuter, theils den 293 leben? Doh Wäldern, theils den Wieſen und ſonnigen Rainen entnommen, hatten ch wohlthuen. zu Tränken gepreßt Wunder an mir gethan. wären! hier Noch einmal hatte ich einen ſchönen Mondſcheinabend mit Angés ht und Zittrn in glücklicher Zufriedenheit verplaudert, und wir hatten uns jener fort den Stahl Wonneabende erinnert, in denen wir in der Rebenlaube vor der kt! Und nicht Thüre ihres Hauſes in Zweibrücken ſaßen, auch jenes Abends, an nir, das wr welchem der verhängnißvolle Beſuch jener hohen Dame erfolgte, die icht die allwal⸗ ſo bedeutſam auf Angés Leben einwirkte. Die Jugendzeit unſerer Gefühle war uns noch einmal erblüht, denn das Herz altert ja nicht, und wo einmal wahre Liebe im treuen jugendlichen Herzen lodert, da wird ſie von ſelbſt zur Veſtaflamme, die wie ein Mond die. Sommerzeit des Lebens erhellt, und wie eine reine Ampel mit ſtrah⸗ lender Wärme noch in ſpäten Wintertagen dem gealterten Herzen wohlthut. 6 Am andern Tage lag ein Briefchen auf dem Tiſche, der an meinem. Lager ſtand. Es war Angés Hand— ich bebte. Zitternd öffnete dem ſi eigent⸗ on dem Kinde und erhabene rde klar, wie hten Legenden e Feuergluten der Martern uin Mu⸗ ich, und las: inhn Lie ulm.„Mein ewiggeliebter Leonardus!“ uhh„Pflicht und Ehre mahnen zu ſcheiden! Du biſt geneſen. Ich mech folge dem Gebote der Pflicht, die mich dieſen Ort auf lange, vielleicht ign auf immer verlaſſen heißt. Die Sicherheit meiner Pflegebefohlenen, meine eigene fordern es.— Lebe wohl! O, lebe tauſendmal wohl! ˙ itt niht un Wir ſind auf Erden einander nicht beſtimmt, aber droben! droben! iungen leß Leonardus! Mein letzter zitternder Seufzer, der, wenn ich ſterbe, über eib nuch meine Lippen haucht, ſoll dein Name ſein! In Ewigkeit und für nie zuit die Ewigkeit deine, nur deine treuverbundene 6 niemls wie⸗ Angés.“ Ach, da kamen alle meine Schmerzen wieder, doch ward auf das ſiller Benun⸗ Beſte fort und fort für meine Pflege geſorgt. Als ich aber Erkun⸗ Fihlung 1 digungen einzog, wußte mir Niemand Etwas zu ſagen— Angés, vin niſtittt, Sophie, der alte Diener— auch ein Dienſtmädchen, dieſelbe, welche Angés früher in Geſprächen erwähnt— wie hieß ſie doch? Sophie? Ja, Sophie Botta hieß ſie— alle waren fort, und keine Spur, wohin eine Geneſun, ninſt Ii ſie ſich gewendet. Ich war allein— ich hatte mein Weh getragen, ne Gefthr es hatte mein Glück genoſſen, und konnte gehen. Niemand ſprach zu nnt kmte· mir, ich möchte gehen, Niemand hieß mich bleiben; ich war in einer hils den ————————— 2— fremden Welt unter Landleuten, deren allemanniſchen Dialekt ich ſo ſchwer verſtand, wie ſie meine holländiſch⸗deutſchen Ausdrücke. Endlich zog ich von dannen, mit welchen Gefühlen— könnt ihr euch denken; doch nein, ihr könnt es nicht denken, denn das erlebte Keiner. So niedergedrückt an Körper und Seele zugleich, ſo freuden⸗ arm, ſo hoffnungsleer, ſo erſtorben der Welt und gleichgültig gegen Alles! Ich mußte langſam reiſen, und litt unendlich, ich erfuhr manche rohe und unfreundliche Begegnung— ertrug aber Alles mit einem Gleichmuth, den ich nicht ſtoiſch nennen will, weil er nicht aus meinem feſten Willen hervorging, ſondern aus völliger Lähmung meines geiſtigen Seins. Ich wurde auch einmal angefallen und beraubt, ich weiß nicht mehr, wo es war, und wie viel es war, was man mir nahm, es galt mir gleich, denn was konnte ich nun noch verlieren, da ich Angöés verloren hatte? Eine düſtere Wolke von Schwermuth lagerte ſich über Leonardus' Züge, und die Freunde gewahrten mit Schmerz, wie zerſtörend die Heftigkeit ſeiner Liebe auf ihn einwirkte. Sie vereinten ihre Bitten, daß er ihnen nach Deutſchland, vor Allem nach Pyrmont oder Stadt⸗ hagen folgen möge, wo heilende und ſtärkende Quellen ihn körperlich wieder kräftigen und die geſunkene Springkraft ſeines Geiſtes neu beleben würden. Leonardus ſagte nicht ab und nicht zu; er wollte, da die Rück⸗ reiſe doch wieder über Amſterdam genommen werden mußte, und Windt auch, bevor er eine Reiſe nach Deutſchland antrat, noch einmal nach Doorwerth zurück wollte, in Amſterdam alle ſeine Geſchäftsangelegen⸗ heiten völlig ordnen, von ſeiner Mutter den letzten Segen erbitten, und dann in Gottes Namen den Freunden folgen.— Nachdem Windt im Haag Auftrag gegeben, ihm ſtets auf das Schleunigſte vom Ergehen und Befinden des Erbherrn Nachricht zu ertheilen, traten die Freunde die Rückreiſe an, raſteten in Amſterdam und hatten dort die Freude, den treuen Richard Fluit noch einmal zu finden und einen Abend mit ihm heiter zu verbringen. Die Rückreiſe nach Doorwerth von Amſterdam aus über Utrecht war keine erfreuliche; Leonardus litt ſchrecklich an erneuerten Bruſt⸗ ſchmerzen, er ſagte jetzt ſich ſelbſt, er hätte ſich länger pflegen und an Reiſen noch nicht denken ſollen, eine Anſicht, der auch die unter⸗ weg nach Fr Mann Herſi Londe compa hin, d der 3 mußte zing 3— bur ihre Die nach Poſſ noch den völl was ſc ein abe der hat die Dialett ich ſo sdrücke. n— kümt ihr un das erlebte ich, ſo fteuden⸗ eichgültig gegen ch, ich erfuhr aber Alles mit eil er nicht aus ihmung meines id beraubt, ich was man mir noch verlieren, ber Leonardus' zerſtörend die n ihn Biten, ont oder Studt⸗ ihn körperlih es Geiſtes nel da die Ri⸗ ſte, und Windt 6 einmal nch hüſtzngelegen⸗ Stgen trbitten, nſut uf 3 nn in Anſtedam uit noh im en. ihr un neuerten Lnſ⸗ er pflgen 4 u bi ut 295 wegs zu Rathe gezogenen Aerzte beipflichteten. An eine Weiterreiſe nach Deutſchland war für den Kranken jetzt nicht zu denken. Frau Windt hatte mit größter Sehnſucht auf die Rückkehr ihres Mannes gehofft. Es lag wieder eine halbe Brigade Franzoſen in der Herrſchaft, ein Theil jener 25,000 Mann, die vertragsmäßig im Lande blieben. Die Soldaten der holländiſchen Armee deſertirten compagnien⸗, ja regimenterweiſe, der ganze Buſch nach Norden hin, der ſich bis in die Nähe von Horderwyk und Elburg zum Strande der Zuider⸗See hinabzog, ſteckte voll Flüchtlinge und Ausreißer, es mußte Reiterei geſandt werden, um ſie einzufangen, und für Windt ging alle alte Plage von Neuem wieder an. 10. Der Abſchied. Die alte Reichsgräfin in ihrem Palaſt am Jungfernſteig zu Ham⸗ burg war außer ſich vor Zorn, der ſich wie ein ſchweres Gewitter auf ihre unſchuldige Kammerfrau, die betagte Schweſter Windt's, entlud, Die Gräfin hatte zwei Briefe zugleich erhalten, jener vor der Abreiſe nach dem Haag geſchriebene war wegen mangelhaften Ganges der Poſtſchiffahrt lange in Amſterdam liegen geblieben; aber weder dieſen. noch den anderen hatte ſie geöffnet, ſondern beide mit Heftigkeit auf den Fußboden geworfen. Toll geworden muß Ihr Bruder ſein, liebe Windt, ſage ich, völlig toll! brach der Zorn der alten Herrin endlich aus. Sie wiſſen, was ich mir Alles von ihm gefallen laſſe, manche Ungeſchliffenheit, die ſich kein anderer Diener gegen ſeine Gebieterin erlauben würdez er iſt ein alter Mann, iſt treu wie Gold, das ſteht für ſich, iſt abgemacht, aber ſo muß er mir nicht kommen, mir nicht, der Reichsgräfin, der Verwandtin von Kaiſern! Aber um Gottes Willen, Excellenz! Was iſt es denn? Was hat denn mein unglücklicher Bruder verbrochen? Ercellenz haben ja die Briefe noch gar nicht geleſen! rief Windt's Schweſter unter Thränen. —— Habe nicht— will nicht— werde nicht! War mir als ſtächen mich Nattern! Fragen Sie nicht, heben Sie die Briefe auf, leſen Sie die Aufſchriften und ſehen Sie die Siegel an! An dieſer Signatur wird der ganze Mann erkannt! Windt's Schweſter gehorchte, hob die Briefe auf, las, und erſchrak. A la Citoyenne Varel am Jungfernſteig à Hambourg, franco Amsterdam. An die Bürgerin Varel! ſchrie die Reichsgräfin außer ſich. Kann man Verrückteres, Unanſtändigeres erleben, hat man es je erlebt? Und die Rückſeite! Da ſteht: Per Adreſſe Meveroow Adrianus Valck! Van der Valck muß es heißen! Wer in aller Welt hat ein Recht, den Leuten ihre uralten ererbten Namen zu nehmen? Welche Narren können ſich das unterfangen? Können's nicht, und wenn ſie zehn⸗ tauſendmal wollten. Und das Siegel! Sehen Sie nur das Siegel an. Der Namenszug innerhalb eines Kränzchens, und darüber em⸗ porragend eine Jacobinermütze oder Narrenkappe, und die Unmſchrift? Leſen Sie! „Je suis libre!“ las die zitternde Kammerfrau. Je suis libre! fuhr die Reichsgräfin in ihrem Zorneifer fort. In die Livrée will ich ihn wieder ſtecken, die er früher trug, meinen Bedienten! Ich will ihm ſein„je suis libre“ anſtreichen, ich, ſage ich! Oeffnen Sie, leſen Sie mir vor, aber zuerſt rühren Sie mir einen Theelöffel voll Cremor Tartari in Zuckerwaſſer an. Bürgerin Varel! Bürgerin Varel! Nein, es iſt um den Schlag zu kriegen! Die Dienerin that, wie ihr geheißen war, erbrach zitternd ihres Bruders Brief, und theilte nach dem Datum deren Inhalt mit. Der erſte Brief wurde mit ſehr wechſelnden Gefühlen angehört, und häufig gloſſirt. Gleich im Eingang, der von der franzöſiſchen Beſatzung ſprach, rief die alte Dame: Da haben wir den Franzoſenfreund, nun wicder gar der Lobredner dieſer Republikaner! Und wie er auf die armen unglücklichen Emigranten erbittert iſt! Wie er ſich nicht ent⸗ blödet, ſelbſt auf meine hohen Verwandten zu ſchmähen! Er will auch ein Bürger ſein, auch ein Citoyen— wie ich eine Bürgerin ſein ſoll! Das macht mich lachen, liebe Windt! Vielleicht will er auch mit mir theilen? Ich ſoll nicht mit meinem angeborenen und angumnt Syrchwort Welt iſt näriſche 2 nünftiges rüct! V Wirde m Shuhyt theil über Grufen ut den Reſp werden wi Pnder ſi Podugniſch infim!( nich zu ein Unt lauben! Vgen E Die Weile hl regungslo heſtig de ſelbſt na hisweilen welche begteife kein Ge hat er ſehen. ſchen l hier ſp berſöhn ihnst deſelbe das Be ſüchen nich f, leſen Sie ſer Signaun „las, und urg franco r ſich. Kan je erlebt? ein Recht, lche Narren n ſie zehn⸗ das Siegel dariher em⸗ eUnſchrift? meifer fort. trug, meinen en, ich, ſage ten Sit nir Bürgerin 1 kriegen! itternd ihres t mit. Der t, und hu nBeſatung rund, nun eer mf di ch nicht ent⸗ n Gr ul ne Bürgerin aih il et gnen und — 297— angeſtammten Wappen ſiegeln! Nun, er hat wahrlich Recht, das Sprichwort Hamlets, das Ihr Bruder ſo gern im Munde führte: die Welt iſt aus ihren Fugen! erfüllt ſich. Ich ſoll mich über die närriſche Aufſchrift nicht wundern? Das iſt doch mindeſtens ein ver⸗ nünftiges Wort, aber nicht närriſch iſt dieſe Aufſchrift— ſie iſt ver⸗ rückt! Was die Herren franzöſiſchen Generale über meine gräfliche Würde urtheilen, das gilt mir ganz gleich. In Frankreich kann jeder Schuhputzer jetzt General werden, ſolchen Leuten geſtehe ich kein Ur⸗ theil über meine Perſon zu. Was den Reſpect vor deutſchen Fürſten, Grafen und Herren betrifft, ſo wird ſchon eine Zeit kommen, wo ſie den Reſpect wieder lernen, wo er ihnen hinlänglich fühlbar gemacht werden wird, dieſe— doch was ärgere ich mich? Immer hält Ihr Bruder ſich Lobreden! Das iſt albern— und was er mir über die Paduaniſchen nachgemachten Münzen unter die Naſe reibt, das iſt infam! Schweigen Sie— ich will nichts mehr hören— ich ärgere mich zu ſehr— nur unter den Bajonetten der Republikaner kann ein Untergebener ſich ſolche Aeußerungen gegen ſeine Herrſchaft er⸗ lauben! Er ſoll aber meinen Zorn dafür ſchon gewahr werden. Legen Sie die Briefe hin, gehen Sie! Die Kammerfrau verließ ſchweigend das Zimmer. Eine lange Weile blieb die Reichsgräfin in ihrem Armſeſſel ſitzen, ſtarr und ſteif, regungslos wie ein Steinbild. Von Zeit zu Zeit ſchüttelte ſie blos heſtig den Kopf, wie von einem Krampfe befallen, dann griff ſie ſelbſt nach Windt's Briefen und murmelte: Es mag ihm freilich wohl bisweilen ſchlimm und ſchlecht ergangen ſein, ich will nur ſehen, welche Koſtenrechnungen über alle dieſe Kriegslaſten eingehen. Ich begreife nicht, wovon er ſie beſtreitet, da in der dortigen Rentnerei kein Geld iſt. Er bittet für ſich um eine Verſorgung, wohl, verdient hat er ſie, muß aber nicht ſo ungewaſchenes Zeug in ſeine Briefe ſetzen. Was iſt das, mit den Freiheitsbäumen? Hat noch keinen ſetzen laſſen? So hätte ich ihm zuletzt doch Unrecht gethan? Denn hier ſpricht er wie Salomo der Weiſe.— Durch dieſen Gedanken verſöhnlicher geſtimmt, griff die Reichsgräfin nach dem zweiten Briefe ihres treuen und nur zu offenherzigen Intendanten. Der Inhalt deſſelben bildete die kurze Schilderung der Reiſe, gab Nachricht über das Befinden des Erbherrn und Graf Ludwig's, wie der Frau Gräfin 298 von Lynden. Von der zahlreichen Deſertion der Holländer wurde Meldung gemacht, und wie täglich 70 bis 80 Gefangene durch die berittenen Jäger in das Kaſtell gebracht würden.„Ich bin jetzt“, ſchrieb Windt:„bei den hier herum lagernden Heeren ſo bekannt, wie ein bunter Pudel, und zwar unter dem Namen le citoyen d'Autreför— denn Doorwerth können ſie nicht über ihre wälſchen Zungen bringen. Ich habe ſo viele Einquartierung, wie früher auch, und für mich ſelbſt kaum ſo viel Zeit, um mich dann und wann einmal hinter den Ohren zu kratzen. In dieſen Tagen kam ein Theil des Huſaren⸗ Regimentes Eſterhazy hierher ins Quartier; ich brachte die Gemeinen und Unteroffiziere bei den Bauern unter; den Commandeur nahm ich ins Kaſtell und begleitete ihn dann nach Helſum, wo das ganze Regiment ſich ſammelte. Nie ſah ich ſo ſchöne Huſaren. Es ſind lauter Elſaſſer. Auch das Huſaren⸗Regiment von Lauſanne habe ich hier gehabt. Von dieſen waren fünf ſo gütig, in Helſum einigen Bauern die Fenſter einzuſchlagen; ich verklagte ſie, ſie mußten den Schaden mit ſechzehn Gulden erſetzen, und haben auf drei Monate Arreſt bei Waſſer und Brod; ein theures Fenſterln— Vom Haag bekomme ich faſt täglich Nachricht. Im Verhältniß des Gefangenen hat ſich nicht das Geringſte geändert. Die franzöſiſchen Truppen ſind faſt alle aus dem Haag, in Amſter⸗ dam liegen nur ohngefähr 80 Mann. Preußiſche Werber hatten ohnlängſt die Nachricht ausgeſtreut, Prinz Friedrich von Oranien ſtehe an der Grenze und werbe ein Heer; da ſtrömten die holländiſchen Ausreißer in Schaaren hin und fielen den Preußen in die Hände.“ „Der junge Herr Graf, der mit mir vom Haag hierher reiſte und halb krank ankam, iſt beinahe gänzlich und faſt wunderbar ſchnell wieder hergeſtellt worden, aber ſein armer Freund, der die fünfzig⸗ tauſend Gulden zum Ankauf von Doorwerth herlieh, davon leider nur zwanzigtauſend Mark Banko in Ihrer Exeellenz Hände gekommen ſind, gibt wenig Hoffnung, noch lange zu leben. Das wird unſeren guten jungen Herrn, der mit ganzer Seele an dieſem Holländer hängt, bis zum Tode betrüben; er hat ohnehin ein ſehr empfindſames Gemüth, und fühlt ſich nirgend recht heimiſch, nirgend recht glücklich. Es gibt Menſchen, denen die Begabung mangelt glücklich zu ſein, auch wenn ſie äußerlich gegen Sorgen des irdiſchen Lebens ganz ſicher geſtellt ſind.“ — Vder! Es gehört ich ſchon al gibt eine( unſers Ca won je ge heiter iſt, ihm unbe auserwih Hans geht Als f Leonardus Windt au lich ergön nit ſeinen den fürſt dann beg was the liebe Ve ſundbrun ſch zum ſiumte e ſch dort Eury träger, g und Ky die Auf dem ſo Leonan hofmn Die dehin, twſte inder wue ene durh die jett“, ſchrieh int, wie ein Atrefér— gen bringen. und für nich al hinter den des Huſaren⸗ ie Gemeinen ur nahm ich das ganze . Es fſind ne habe ich igen Bauern Scheden mit ei Woſſer und lich Nachriht. gſte geündert. in nſte⸗ erbet hatten Ornin ſche ollndiſchen die Hände.“ ierhet niſe derhar ſchnell d fümi⸗ on leider nur ommen ſind, nſeren guun r hängt/ is 6. 65 gibt auch wenn cher gſult — 299— Leider! Leider! Da hat der Windt Recht! ſeufzte die Reichsgräfin. Es gehört Prädeſtination zum Glück, das iſt mein feſter Glaube, den ich ſchon als treue Bekennerin der reformirten Lehre feſthalte. Gewiß, es gibt eine Gnadenwahl, wenn auch nicht im ſtrengen orthodoren Sinne unſers Calvin, aber Auserwählte durch die göttliche Gnade hat es von je gegeben, deren Auge hell blickt, deren Weſen rein, frei und heiter iſt, über die das irdiſche Leid keine Macht hat, und die von ihm unberührt ihre Pilgerbahn vollenden. Aber ſie ſind ſelten, die auserwählt Glücklichen und glücklichen Auserwählten, ich und mein Haus gehören nicht zu ihnen!— Als für Doorwerth wieder eine ruhigere Zeit eingetreten war und Leonardus Befinden ſich in Etwas gebeſſert hatte, begleiteten die Freunde Windt auf der kleinen Erholungsreiſe, die der wackere Mann ſich end⸗ lich vergönnte, in das Land Lippe⸗Schaumburg. Dort feierte Windt mit ſeinem nicht minder biederſinnigen, doch höher geſtellten Bruder, dem fürſtlichen Kammerrath zu Bückeburg, ein frohes Wiederſehen, dann begab er ſich im Geleite der Freunde, indem er auf das et⸗ was theure Pyrmont verzichtete, nach Stadthagen, wo ihm auch liebe Verwandte und Bekannte lebten, wo ebenfalls heilkräftige Ge⸗ ſundbrunnen der Erde mütterlichem Schvoße entquellen, und wohin er ſich zum Trinken Pyrmonter Brunnen kommen ließ. Selbſt jetzt ver⸗ ſäumte es ſein Dienſteifer nicht, die Nachrichten aus Holland, die er ſich dorthin ſenden ließ, nach Hamburg zu ſchreiben, und kein Fürſt Europa's hatte einen ſo zuverläſſigen und unermüdlichen Geſchäfts⸗ träger, als die kleine halbſouveräne Reichsgräfin und Herrin von Varel und Kniphauſen. Windt machte mit den Freunden oft Ausflüge in die Gegend, die wohl ſelbſt bis Bückeburg ausgedehnt wurden, und die Luft der waldigen Gelände, der Anblick maleriſch ſich hinziehender ſchön bewachſener Hügel⸗ und Bergketten wirkte in Verbindung mit dem ſo ganz veränderten Klima höchſt vortheilhaft auf Alle ein, ſelbſt Leonardus fühlte ſich erleichtert und ſchöpfte wieder neue Lebens⸗ hoffnung. Die Neuigkeiten, welche Windt ſeiner Gebieterin meldete, lauteten dahin, daß die Gefahr, in welcher der gefangene Erbherr ſchwebe, ſich mit jedem Tage vermehre, da die Oraniſche Partei gegen die Bata⸗ taviſche Republik aufs Neue rüſte.„In Osnabrück liegen 1500 — 300— holländiſche Offiziere, die ihren Abſchied genommen haben und ein Corps errichten wollten. Sie haben bereits,“ ſchrieb Windt,„unter ſich die Chargen vertheilt und hoffen auf den Prinzen Friedrich von Oranien, wie die Juden auf ihren Meſſias. Auch würde der Prinz von Braun⸗ ſchweig aus nach Osnabrück kommen, und das Schloß daſelbſt iſt be⸗ reits für ihn in Stand geſetzt. Unterwegs ſprachen wir auch den Herrn Vice⸗Admiral, der dem Prinzen nach Osnabrück vorausgereiſt iſt, und ich habe ihn gebeten, den vorherigen Gouverneur von Utrecht, der ſich jetzt in Lingen befindet, zu warnen, nicht nach Holland zurück⸗ zugehen, denn es iſt ein Brief von ihm aufgefangen worden, der ihm alsbald das Schickſal des Erbherrn zuziehen würde. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ſich eine Unternchmung gegen Holland vorbereitet. In der Gegend von Osnabrück ſteht ein Corps preußiſche Jäger, ein Regiment Heſſen iſt von Rinteln aus nach Osnabrück marſchirt, zwei Regimenter Emigranten, die in hieſiger Gegend lagern, ſind ebenfalls dorthin aufgebrochen; aus der Gegend von Bremen ein Corps Eng⸗ länder. Das Alles iſt aber ſo gut als Nichts, wenn nicht Preußen kräftigen Beiſtand zu Lande leiſtet, und England zur See angreift. Wehe aber den armen Ländern Geldern und Ober-Iſſel, wenn die Engländer hin kommen, denn deren Plünderungsluſt kennt keine Gren⸗ zen. In Pyrmont liegen auch noch zwei Regimenter Emigranten, die Alles vertheuern und ganz unerträgliche Geſellſchafter ſein ſollen. Uebrigens herrſcht im Geldernlande jetzt nicht blos vollkommene Demokratie, ſondern faſt völlige Anarchie. Zum Glück wird in Paris wie in Amſterdam daran gearbeitet, alle ſogenannten nichtsnutzen Klubs, Societäten, Genoodschappen und dergleichen gänzlich aufzuheben und ab⸗ zuſchaffen, was nur heilſam für das allgemeine, wie für das beſondere Beſte wirken wird. Die würdige, weiſe und edle Frau Fürſtin Juliane iſt nicht hier, ſondern reiſte nach Philippsthal, ihrer Heimath, um dort einen längeren Aufenthalt zu nehmen; ich habe derſelben daher nicht Ihrer Excellenz Grüße und meinen unterthänigſten Reſpect zu Füßen legen können. Ihrer Excellenz Meinung, bezüglich des Verkaufes von Doorwerth, Alles auf beſſere Zeiten zu verſchieben, theile ich ganz und gar nicht. Ich habe der Frau Gräfin Lynden ſo zugeſetzt, daß ſie für die dem Erbherrn geliehenen fünfzigtauſend Gulden einſtehen will; davon würde dann der erſte Termin vollends bezahlt werden können. Für den weiten ſch der Fomili dieſelben be ein kleines Da Ereell Tochter ſel teren, un Mit Ludwig ei noch ungle oft hingt und das L Die al lich, und „Dug ſcht nitt alle in de fann nich gefangene het in S weiß, wel mir der! Lhenstag ſondern i helfen, ni eine Diy liütet, ließ, die Mag de die Folg den Hi Prig, n zuſteigen bitten e Grfihl: Gubezti und ein Corys unter ſich di von Oranien, on Braun⸗ aſelbſt iſt be⸗ auch den vorausgeteiſt t von Utrecht, olland zurüc⸗ den, der ihn Fs unterliegt d vorbereitet. Jüger, ein nſchirt, zwei ind ebenfalls Corys Eng⸗ nicht Preußen Ste angnift. el, wenn die t keine Gren⸗ tunten, die ſein ſollen. vollkommene in Paris nie utzen Klubs, liune it niht . dort einen rnicht Pret güßen legen n doomerth — 301— zweiten ſehe ich bei den gegenwärtigen ſo ſehr mißlichen Umſtänden der Familie, und den Unglücksfällen und Widerwärtigkeiten, welche dieſelben betroffen haben, allerdings keinen Rath, doch hoffe ich noch ein kleines Kapital von etwa fünfzehntauſend Gulden anzuſchaffen. Da Erxcellenz mit der Frau Gräfin Lynden wie mit deren Frau Tochter ſelbſt im Briefwechſel ſtehen, ſo beſcheide ich mich des Wei⸗ teren, und bin zu Höchſtdero Füßen der alte Windt.“ Mit Antwortſchreiben an den gräflichen Intendanten empfing auch Ludwig eine Zuſchrift der Großmutter, deren Inhalt für ihn ſpäter noch ungleich wichtiger werden ſollte, als er es im Augenblick war. Wie oft hängt an einem armſeligen Blatt Papier eines Menſchen Lebensloos und das Wohl und Wehe ſeiner Zukunft! Die alte Reichsgräfin ſchrieb ihrem Enkel freundlich und vertrau⸗ lich, und hatte in ihren Brief einige andere Blätter eingelegt. „Du glaubſt nicht, lieber Ludwig,“ ſchrieb die Großmutter,„wie ſehr mir das Glück meiner Enkel am Herzen liegt, wenn auch nicht alle in dem Maaß meine Liebe verdienen, wie du, mein Liebling! Ich kann nicht ruhig zuſehen, daß fort und fort über dem Haupte deines gefangenen Vetters das Schwert des Damorles ſchwebt, und biete da⸗ her im Stillen Alles auf, zu ſeiner Befreiung mitzuwirken. Niemand weiß, welche Fäden ich anknüpfe, wie ich ſie weiter ſpinne, oft kommt mir der Wunſch, ich möchte noch einmal jung ſeinz ich wollte meine Lebenstage dann gewiß nicht mit Sammlung alter Münzen vertreiben, ſondern ich würde der Länder und Menſchen Looſe lenken und leiten helfen, nicht eine Münznärrin würde ich dann geworden ſein, ſondern eine Diplomatin, und unendlich bedauere ich, daß deine Eigenthüm⸗ lichkeit, mein Ludwig, dich nicht eine Bahn auf die Dauer beſchreiten ließ, die Ehre, Macht, Anſehen und irdiſche Mittel vollauf gewährt. Mag den Staatsmann auch manche Verkennung, Zurückſetzung und die Folge manchen Irrthums treffen, immer iſt es etwas Hohes, nach dem Höchſten geſtrebt und dieſes Ziel erreicht zu haben, ſelbſt um den Preis, nach einer kurzen Zeit von der erklommenen Höhe wieder herab⸗ zuſteigen. Man bleibt nicht ewig auf hohen Bergen, man baut nicht Hütten auf dem Montblanc und dem Chimboraſſo, aber das ſtolze Gefühl: ich war droben, das gibt dem Leben Halt und Höhe bis an die Grabestiefe. Ich habe mich nach London gewendet an meinen Freund, den Baron von Kutzleben, und deſſen Vermittlung angeſprochen; ich ſchrieb an den Grafen von Bernſtorf, königlich däniſchen Geſandten zu Berlin, nicht minder an den holländiſchen Miniſter von Hartſinck, und bat alle um ihre Verwendung, eben ſo ſchrieb ich an den Prin⸗ zen Statthalter. Baron von Kutzleben hat meinen an dieſen einge⸗ ſchloſſenen Brief dem Baron von Vogel übergeben, welcher jetzt hol⸗ ländiſcher Geſandter am engliſchen Hofe iſt und ſich im Augenblick beim Prinzen von Oranien befindet. Der Prinz Statthalter aber iſt leider dermalen in trauriger Lage. Vor Allem erfreute mich in derſelben Angelegenheit ein Brief der liebenswürdigſten herrlichſten Prinzeſſin, den ich dir beilege und als ein Heiligthum anvertraue; auch ihr hatte ich mich anvertraut, und dieſe Seele voll Engelgüte hat mir auf das Freundlichſte geantwortet. Es iſt Luiſe, die Kronprinzeſſin von Preußen K. H., geborene Prinzeſſin von Mecklenburg Strelitz, die ich in Darm⸗ ſtadt bei ihrer trefflichen Großmutter, welche die Erziehung dieſer Prinzeſſin leitete, kennen lernte. Dann ſah und ſprach ich ſie wieder bei ihrer Schweſter Charlotte, Herzogin zu Sachſen⸗Hildburghauſen, wohin ſie vor einigen Jahren gegangen war, da Darmſtadt ſich von feindlichem Ueberzug der Franzoſen bedroht ſah. Dieſe Prinzeſſin und ihre beiden Schweſtern athmen nur Geiſt und Liebenswürdigkeit, und wenn du in Deutſchland reiſeſt, ſo verſäume ja nicht, dich an dem preußiſchen, mecklenburgiſchen, heſſiſchen und ſächſiſchen Höfen vorzu⸗ ſtellen. Dem Haus Sachſen⸗Hildburghauſen ſind wir ohnehin ver⸗ wandt, denn ſchon die Tochter König Chriſtian des Sechsten von Dänemark, Luiſe, vermählte ſich dem Herzoge Ernſt Friedrich zu Sachſen⸗Hildburghauſen; ſie brachte dieſem Hauſe ein ſchönes Heiraths⸗ gut mit, und reiche Sammlungen an Seltenheiten der Natur und Kunſt, die man in dem gebildeten und glücklichen Sachſenlande höher als ſonſt wo zu ſchätzen weiß. Es bedarf in Hildburghauſen nur der Nennung meines Namens, um dich dort einzuführen, mein geliebter Enkel. Du findeſt einen ſehr gebildeten, umgänglichen und menſchen⸗ freundlichen Hof; findeſt wiſſenſchaftliche Anſtalten dort in Blüthe, und auch in der Bevölkerung ungleich mehr Bildung als in vielen anderen Staaten Deutſchlands. Es iſt auf alle dieſe Erneſtiner Etwas übergegangen vom Geiſt und Strebeſinn ihres großen Ahnherrn, Herzog Ernſt des Frommen zu Sachſen, ein Fürſt, der für die Wohlfahrt eines Lond Künſte mi Mit prinzeſin Ich n ches Sie Intereſen darauf an Wigliche dieſe Ang Pinſche; halten bl zu Ihrer nenſen 5 Dieſ herrliche angebetet deutſchen ſilben m Die ſdenz Münzſn du doch! zu Rat u beſuc Beiſnn und du ſeine Ge gen C eehrt. bibtun — die eſprochen; i en Geſandten von Harffn, an den Prin⸗ diſen einge⸗ er jctzt hol⸗ im Augenblic aber iſt leider h in derſelben n Prirzeſfin, uch ihr hatte mir auf das von Preufen ch in Darm⸗ ichung dieſer ich ſi wieder iburghauſen, dt ſich von weſſin und tdigkeit, und ti an dem Häſen vorzu⸗ ohnehin vel⸗ Sechsten von Friedrich zl önes Heiraiho⸗ er Natur und lande hihet . ſen nur urghau nein gelcbter ſchen⸗ und nnſt 4 in glüthe, als in vielen einet btwu bemn bero zu Vohlfiht 303 eines Landes und Volkes Alles that, und für Wiſſenſchaften und Künſte mit Aufopferung thätig war.“ Mit Freude griff Ludwig nach dem eingelegten Briefe der Kron⸗ prinzeſſin von Preußen und las: „Madame! Ich war ſehr geſchmeichelt von dem Zeichen des Vertrauens, wel⸗ ches Sie mir gegeben, indem Sie in meine Hände Ihre koſtbarſten Intereſſen legten. Auch hatte ich nichts Eiligeres zu thun, als gleich darauf an meinen Gemahl zu ſchreiben, welcher ganz gewiß alles ihm Mögliche thun wird, um Ihnen zu dienen. Gebe der Himmel, daß dieſe Angelegenheit nach Ihren Wünſchen gelinge. Wenn er meine Wünſche zu erhören geruht, ſo wird Ihnen, Madame, Ihr Enkel er⸗ halten bleiben und ich werde mich ſehr aufrichtig freuen, in Etwas zu Ihrer Zufriedenſtellung beigetragen zu haben. Mit der vollkom⸗ menſten Hochachtung habe ich die Ehre zu ſein Ihre ergebene Dienerin Luiſe. ²) Dieſe Zeilen einer reizendſchönen, edelgeſinnten und über alle Worte herrlichen jungen Fürſtin, welche von Gott berufen war, dereinſt der angebetete Schutzengel Preußens und der Stolz des ganzen großen deutſchen Vaterlandes zu werden, entzückten Ludwig, und er hielt die⸗ ſelben mit Ehrfurcht in ſeiner Hand. Die Großmutter ſchrieb noch:„Du findeſt in dieſen Sächſiſchen Reſidenzen die herrlichſten und ausgezeichnetſten Gemäldeſammlungen, Münzſammlungen, Kunſt⸗Muſeen, Bibliotheken, und ich rathe dir, da du doch nach Thüringen zu gehen gedenkſt und in Jena den Hofrath Starke zu Rathe ziehen willſt, ja nicht zu verſäumen, den Weimariſchen Hof zu beſuchen und dort mein Andenken zu erneuern. Vielleicht weckt das Beiſammenleben ſtrebender Geiſter in der ſchönen Literatur dich auf, und du gefällſt dir dort. Der Herzog Carl Auguſt kennt mich, und ſeine Gemahlin Luiſe Auguſte, eine Frau von trefflichem und hochſinni⸗ gen Charakter, hat mich von Jugend auf als eine ältere Freundin geehrt. Dann gehe nach Gotha, nach Meiningen und von da nach Hildburghauſen, du wirſt, von mir empfohlen, dich überall gut aufge⸗ *) Die Urſchrift dieſes Briefes iſt franzöſiſch. —— nommen und ausgezeichnet ſehen. Verſäume das nicht, man kann nicht wiſſen, ob nicht eines dieſer kleinen Herzogthümer dich einſt dauernd feſſelt, und es ſteht dieſer mein Rath nicht im Widerſpruch mit dem, den ich dir bei unſerm Scheiden gab, auch— wenn du es in Einſam⸗ keit ſuchen ſollteſt, in Einſamkeit dein Glück zu finden— denn du kannſt dort ganz nach deinem Gefallen leben und biſt, wenn du den Landesgeſetzen gemäß dich hälſt, von deinem Thun und Laſſen Nie⸗ manden Rechenſchaft ſchuldig.“ Ja, ja— das wäre wohl das Beſte, ſprach Graf Ludwig vor ſich hin; ein Aſyl— ein ſtilles Aſyl, mit Leonardus, mit Angés.— Ich will der Großmutter Rath befolgen, ich will jene Länder und Städte ſehen, aber Leonardus— wird er mit können? Und Angés? Wird ſie mit wollen? Und wo, ach wo ſie finden, da ſie ſich ſelbſt dem heißgeliebten Jugendfreund in züchtiger Strenge entzogen hat?— Dieſe Betrachtungen unterbrach Leonardus, welcher bleich und wankend in das Zimmer trat, und mit dem letzten Aufgebot ſeiner Kraft zu ihm ſagte: Bruder! Es geht zu Ende— wir ſcheiden! Was fällt dir ein? Wie iſt dir? rief Ludwig erſchrocken und ſtützte den auf einen Stuhl zuſammengeſunkenen Freund, indem er heftig klingelte und dem eintretenden Philipp zurief: Herrn Windt! Eilig! Und den Arzt! Laß das doch, Bruder, die können mir nicht helfen! ſprach Leonar⸗ dus. Ich fühle, daß ich ſterben muß, nichts weiter— und mir iſt, wie einem eben iſt bei dieſem ſo bedenklichen Wechſel. Bruder— ich habe keine Stunde mehr zu leben— die Beſſerung war nur ein trü⸗ gender Schein. Nun— mein Haus iſt beſtellt— dieſe Papiere habe ich bereits in Amſterdam gerichtlich bezeugen laſſen. Was ich beſitze, — iſt Alles dein— geknüpft an meine letzte Bitte, die du auch ſchrift⸗ lich aufgezeichnet findeſt, für den Fall, daß mir nicht vergönnt geweſen wäre, ſie noch mündlich an dein Herz zu legen. In mir ſtirbt Leo⸗ nardus Cornelius van der Valck aus Amſterdam— in dir lebt Leo⸗ nardus Cornelius van der Valck aus Amſterdam fort— mindeſtens ſo lange noch, als meine gute Mutter am Leben bleibt— ihr darf, ihr ſoll der Sohn nicht ſterben! Du ſchreibſt ihr von Zeit zu Zeit, als wenn ich noch bei dir wäre, du empfängſt und beantworteſt in meinem Namen alle an mich eingehenden Briefe; ich habe das ſo teſta⸗ wentariſch Stürbſt du Erbtheil e dem aber ſel.— J lezten Se Kenntniß — dein meine Br Freun ſchlang de Hand drüc Mir der ſtrben jingeres nur zu ku Rehen ſoll Stirh ſah noch meinen 2 Wind ward ver einen Wi ſi. Sch Stinne: Es Og Dies Nie ſtand ſu hineg, YVin niſchiede Auf ig, di d 2. t, man kan einſt hauernd nuch mit den, es in Einſam⸗ n— denn du wenn du den id Laſſen Nir⸗ f Audrig vor nit Angés.— änder und Und Angés? ſie ſelbſt ogen hat?— und wankend ner Kraft zu erſchroken und , indem er Herrn Vindt! ſprach Lonar⸗ und nir iſt, Bruder— ic nur ein tri⸗ Poviere habe gus ich beſitz, ch ſchrift⸗ önnt gew etn ir ſürbt Le⸗ bir lebt Lo⸗ nind teſun ſo darf, ihr n Zeih dls ntn orteſt in u ſo teſo⸗ 305 mentariſch geordnet, die Gleichheit unſerer Handſchrift erleichtert es. Stirbſt du ohne Erben, ſo mögen dann meine nächſten Verwandten ihr Erbtheil erheben, ſo viel deſſen eben noch vorhanden ſein wird. Außer⸗ dem aber bleibt Alles deinen Erben ohne jede beſchränkende Klau⸗ ſel.— Ich ſterbe für Angés— ſiehſt du ſie, ſo ſage ihr meinen letzten Segensgruß! Wäre ſie je in Noth, und dieſe käme zu deiner Kenntniß— dann brauche ich wohl nicht erſt eine Bitte auszuſprechen — dein eigenes Herz— wird— o Eott— ich kann nicht mehr— meine Bruſt— zerſpringt!— Freund! Bruder! Leonardus! rief Ludwig mit Heftigkeit, und um⸗ ſchlang den Leidenden, der ihm das verſiegelte Schriftenpaket in die Hand drückte. Sprich, was kann ich für dich thun? Mir nicht die Scheideſtunde durch Jammer erſchweren, ſeufzte der ſterbende Leonardus. Habe Dank für deine Liebe, mit der dein jüngeres Herz ſich an das meine anſchloß! Es war ein ſchöner, nur zu kurzer Lebenstraum— wir hätten wohl länger mit einander gehen ſollen— das Schickſal— o Gott! Stirb nicht, Leonardus! Stirb nicht! rief Ludwig außer ſich. Ich ſah noch Niemanden ſterben und ſoll jetzt meinen liebſten Freund— meinen Bruder dahin gehen ſehen? Windt, der Arzt und Philipp ſtürzten in das Zimmer— Hülfe ward verſucht, der Arzt fühlte den Puls, dieſer ſtockte ſchon. Durch einen Wink bedeutete er der Umgebung, daß hier ſeine Hülfe zu ſpät ſei. Schon unflorte der Tod die brechenden Augen— Leonardus taſtete nach der Hand des Freundes und lallte mit Stimme: Ludwig— dunkel— Gute Nacht! Es trat Blut auf die Lippen des Sterbenden. O Angés! Dies war ſein letzter Hauch. Nie zuvor trat ein größerer Schmerz in Ludwig's Leben. Er ſtand ſtumm, vernichtet, fand nicht einmal Thränen. Der Arzt ging hinweg, Philipp weinte. Windt's klarer Verſtand zeigte ſich auch bei dieſem Falle thatkräftig, entſchieden handelnd. Auf dem Schriftenpaket ſtand unter der Aufſchrift: an Graf Lud⸗ wig, die Weiſung: nach meinem Tode zu eröffnen!“ D. B. III. 20 —— * 306 Ludwig wollte dies nicht thun, ſein Gefühl verbot es ihm, ein edles und rein menſchliches Gefühl. Ich ehre Ihren Schmerz, Herr Graf, ſprach Windt, ich ehre ihn nicht nur, ich fühle ihn mit, ich theile ihn, aber der Wille eines Tod⸗ ten iſt Geſetz. Ich habe alle Urſache, zu glauben, daß der verklärte Freund Wichtiges für den Fall ſeines Ablebens verfügte, erlauben Sie mir zu öffnen. Gleich oben lag ein Blatt des Inhalts:„Da ich für meine Mut⸗ ter fortleben will, ſo muß eine Täuſchung Statt finden, die Niemand ſchadet. Ein Paß liegt bei, der auf einen andern Namen lautet, deſſen ich mich auf Reiſen bisweilen bediente. Es kann nicht in Zei⸗ tungen oder in ein Todtenregiſter geſchrieben werden, daß Leonardus Cornelius van der Valk aus Amſterdam hier in Stadthagen geſtorben und begraben worden ſei, denn ein ſolches Blatt, eine ſolche Kunde würde leicht nach Amſterdam gelangen. Ich wünſche in der Stille, in früher Morgenſtunde begraben zu werden, ohne alles Gepränge, wünſche weder Kreuz noch Stein mit einer Grabſchrift, und mache meinem Herrn Erben die Befolgung dieſes meines letzten Wunſches zur erſten Pflicht.“ Sie ſehen wie ſehr ich Recht hatte, Herr Graf, ſprach Windt, und nun kommen Sie auf ein anderes Zimmer, faſſen Sie ſich, und be⸗ weinen Sie den Freund; wahrlich es ſchlug in ihm ein edles, rei⸗ nes Herz, mir aber überlaſſen Sie mit Philipp die Beſchickung alles Nöthigen. Ludwig folgte Windts Weiſung faſt willenlos, es hing über ihm, wie der Trauermantel eines Katafalks, wie ein dunkler, dumpfer Traum, er wankte hinüber auf des Freundes Zimmer, fand überall in Kleidern und Geräthen deſſen irdiſche Spur, und mußte ſich nun ſagen, daß Leonardus nie wieder lebend in dieſes Zimmer eintreten werde. Windt öffnete von Zeit zu Zeit leiſe die Thüre, um nach Lud⸗ wig zu ſehen, doch überließ er ihn der Wohlthat ſtiller Thränen, hütete ſich wohl, durch herkömmliche Redensarten jene heilige Stim⸗ mung zu ſtören, die mit dem Dahingeſchiedenen noch liebend lautloſe Worte redet und im Stillen der aufwärtsſchwebenden befreiten Pſyche das ſchmerzliche Geleite gibt. Es machte kein großes Aufſehen, daß in einem Gaſthauſe zu Stadthagen ein fremder Badegaſt geſtorben war. Da Leon ſchaft ge Der fren gehörig fen und einſetzte, In Leonard Philipp Antwort, In beim Or Leong Fö funde obligation noch u lunghü im Wer uhſt bor ihr tauſend braſilia laſen, his e daſſlbe dus da ſeine 2 hatt⸗ Geſthif Valc tauſen Lu mögen bon L Doorw Either hm, ein chhs „ich ehre ihn ille eines Lod⸗ ſ der verklärte ügte, erlauben ür meine Mui⸗ t, die Niemand Namen lautet, nicht in Zei⸗ daß Leonardus agen geſtorben eſolche Kunde in der Stille, les Gepränge, ft, und mache ehten Wunſches uch Windt, und eſich, und be⸗ ein dles, vi⸗ geſchickung alls hing über ihm, dumpfer d überall in mun ſahen⸗ nwerde. [or r* reten um nah Aud⸗ Thränen, tiller heilige Sin⸗ liebend ſautloſe efreiten pyche ſchn, daß in gſurben wnr. 307 Da Leonardus nur den Freunden gelebt und mit Ludwig jede Geſell⸗ ſchaft gemieden hatte, ſo war ſein wahrer Name nie genannt worden. Der fremde Paß genügte, und das in aller Rechtsform aufgeſetzte und gehörig beſiegelte Teſtament in holländiſcher Sprache, welches den Gra⸗ fen und Baronet Ludwig Carl Varel de Verſay als Univerſalerben einſetzte, machte jede Weitläufigkeit einer Verſiegelung überflüſſig. In früher, nebeltrüber Morgenſtunde eines Herbſttages wurde Leonardus eingeſenkt. Windt hatte zwei Gräber nebeneinander gekauft. Philipp fragte: Für wen das zweite Grab?— Windt gab keine Antwort. In ſtiller Stunde ſaßen dann Ludwig und der Haushofmeiſter beim Ordnen von des Freundes nachgelaſſenen Papieren. Leonardus war weit reicher geweſen, als Jene geglaubt hatten. Es fanden ſich mehrere Tauſende in vollgültigen holländiſchen Staats⸗ obligationen und in Noten der engliſchen Bank, mehrere Tauſende in noch zu erhebenden Wechſeln und Anweiſungen auf auswärtige Hand⸗ lungshäuſer, alle in der beſten Form, es fand ſich eine Obligation im Werthe von fünſtauſend holländiſchen Gulden mit der Beſtimmung, daß ſie Windt's Frau als Witthum verbleiben ſollten, wenn ihr Mann vor ihr ſtürbe. Philipp empfing als Andenken ein Kapital von ein⸗ tauſend Gulden. Es fand ſich ferner eine kleine Schachtel voll großer braſilianiſcher Diamanten, die Leonardus die Freunde nie hatte ſehen laſſen, deren Werth geradezu unſchätzbar war. Von dem Gelde, wel⸗ ches er in Amſterdam ſtehen hatte, lagen Ueberſichten vor, es ergab daſſelbe eine Jahresrente von fünftauſend Gulden; dieſe hatte Leonar⸗ dus dadurch erworben, daß er ſein einſt zu erhoffendes Muttererbe an ſeine Verwandten mit Zuſtimmung ſeiner Mutter käuflich abgetreten hatte— um nach ihrem Tode, falls er denſelben erlebte, aller Geſchüfte dort überhoben zu ſein. Von dem Tode der Frau van der Valck an aber vermehrte ſich dieſer Rentenbezug um abermals fünf⸗ tauſend Gulden. Ludwig überließ es Windt, das vom Freund überkommene Ver⸗ mögen geeignet anzulegen und zu ſichern, und dieſer war ſo gerührt von Leonardus Großmuth, daß er ausrief: Sie müſſen Herr von Doorwerth und der ganzen Herrlichkeit werden! Aus dem Kaufe des Erbherrn wird in Ewigkeit nichts! Die fünfzigtauſend Gulden, darüber 20* 5 1 wir Quittung in Händen haben, gehören jetzt Ihnen! Und wenn Sie die Herrlichkeit beſitzen, dann will ich auch dort bleiben, wenn Sie mich nicht wegjagen, außerdem aber auf keinen Fall! Sobald meine Kur hier beendet iſt, reiſe ich nach Hamburg zur Erxcellenz, ich bringe ſie ganz ſicher herum, denn Sie ſind ja doch der Liebling, und Ihnen gönnt ſie das ſchöne und reichlich zinſende Beſitzthum vor Allen, darauf wollt' ich wetten, zumal Sie ja derjenige ſind, welcher Doorwerth baar bezahlen kann! Mein lieber Windt, entgegnete Ludwig: Allerdings iſt die Herrlichkeit Doorwerth eine ſchöne Beſitzung, allein ſie iſt wirk⸗ lich nicht das Ziel meiner Wünſche. Entweder muß der Beſitzer eines ſo ausgedehnten Gutes ſelbſt Landwirth ſein und dieſes Fach verſtehen, oder er muß Beamte haben, wie Sie Einer ſind. Solche gibt es aber nur wenige. Sie haben am letzten dortigen Rentmeiſter ein Beiſpiel erlebt; was hat ein Güterbeſitzer davon, wenn ſein Beamter das, was erſpart wird, ſich als Gratification in die Taſche leitet, wie jener Bauernſchinder gethan? Das gemahnt mich gerade ſo, als wenn in einem Staats⸗Haushalt gewiſſe Leute das Wort Erſparniſſe ſtets auf der Zunge haben, und wenn ſie genug Haare geviertheilt und genug Kümmelkörner geſpalten haben, und Alles über ihre Klugheit ſeufzt und flucht, ſich in ihrer eingebil⸗ deten Unfehlbarkeit Wunder was dünken, ſich ſelbſt beloben, da ſie ſonſt Niemand lobt, und ſchließlich einen hübſchen Theil der Erſpar⸗ niſſe klug und weiſe in ihre eigenen Taſchen ſtecken. Nein, lieber Windt, ich möchte kein Waſſerſchloß beſitzen— ich vertrage die Luft dieſer moraſtigen Flächen nicht. Ich werde nun den Wunſch der Frau Großmutter erfüllen, ich werde reiſen, ſchlicht und einfach, nur von Philipp begleitet. Ich werde Angés ſuchen! Ich will, wenn ich ſie finde, mit ihr die Diamanten theilen, ſie theilt gewiß mit mir die Thränen um unſern verklärten Freund. Wir aber, Windt, wir beide wollen nicht außer Verbindung treten, Sie geben mir wohl zuweilen Nachricht von Allem, was in der gräflichen Familie vorgeht, be⸗ ſonders Nachricht von der Gemahlin des Erbherrn, und vergeſſen Sie nicht, mein braver, edler, wackrer Windt, daß Sie an mir in allen Verhältniſſen des Lebens einen wahren und treuen Freund haben. Aud treuen Witteln berſchaff zun Gey als er es den Beſt licben en ſeine ga auf ihn kam da Grafn ihn oh zu ſein der Na Stand Sanm vom U einen ſch m halt Natio ſch f van d ſo ſch nieder Y igen zebrac Und wem bleiben, wen fall! Sobald Ererllenz, ich Liebling, eſind, welcher dings iſt die der Beſtzer und dieſes Sie Einer etzten dortigen ſizer davon, zratifraton in Dus ghnt tgewiſe Vute nd wem ſie palten haben, itr engtli⸗ eben, d ſe al der Erſur⸗ Nein, licher age die Luft ch der Fral mu, u bn l, wenn ich e indt, ni beide vohl jmiln e vorgeht/ 5 dvegſen * nit in iln . aben. Freund h 11. Erlebniſſe. Ludwig leiſtete dem Rathe der Großmutter Folge; von ſeinem treuen Diener begleitet, mit guten Päſſen verſehen und mit allen Mitteln ausgeſtattet, war es ihm leicht, ſich allenthalben Eingang zu verſchaffen. Seine edle gewinnende Perſönlichkeit machte ihn bald zum Gegenſtand der Aufmerkſamkeit. Er verhüllte ſich nicht, ſo wenig als er es liebte, ſich zu offenbaren und ſein Vertrauen an den Erſten den Beſten hinzugeben; er ſuchte keine neuen Freunde, ach, an dem lieben entſchlafenen Freund hing noch mit aller trauernden Wehmuth ſeine ganze Seele! Häufig, ja faſt immer bediente er ſich des ganz auf ihn lautenden Paſſes des Verſtorbenen; der Unterſchied der Jahre kam dabei nicht in Betracht, es war ja gleichviel, wie alt der junge Graf war, und ſein Ernſt, wie die Spuren eines ſtillen Leidens, ließen ihn ohnehin älter erſcheinen, als er wirklich war. Graf Ludwig reiste zu ſeiner Belehrung; er hatte überall ein offenes Auge für die Reize der Natur, die Beſchaffenheit und Ergiebigkeit des Bodens, für den Stand der Kultur in den verſchiedenen deutſchen Ländern, für die Sammlungen der Künſte und Wiſſenſchaften, und fühlte ſich angezogen vom Umgang ausgezeichneter Menſchen. Er ſelbſt galt entweder für einen Franzoſen, da er in der Sprache dieſes Landes völlig fehlerfrei ſich ausdrückte, oder für einen Holländer, da durch den längeren Aufent⸗ halt in den Niederlanden allerdings manche Eigenthümlichkeit dieſer Nation an ihm haften geblieben war, und um ſo lieber gab er ſich für einen ſolchen aus, wenn er als Leonardus Cornelius van der Valck reiste. Auch in ſeiner Weiſe, ſich ſchriftlich auszudrücken, ſo ſchön er auch Deutſch zu ſchreiben verſtand, floß bisweilen eine niederländiſche Redeform mit ein. Manchen Scherz hatten Herr und Diener auf ihren mannichfal⸗ tigen Reiſen dadurch, daß ſich die Leute weit mehr darüber die Köpfe zerbrachen, wer und woher der Diener eigentlich ſei, als woher der 310 Herr ſtamme. Wenn Philipp zu ſeiner Erholung Abends in bürger⸗ liche Bier⸗ und Kegel⸗Geſellſchaften gegangen war, hatte er ſtets am andern Morgen ſeinem Herren lachend zu erzählen, was er Alles gefragt worden ſei, für wen man ihn Alles gehalten habe. Auch konnte er dem Grafen nicht lebhaft genug ſchildern, wie groß die Neugierde des biedern Sachſenvolkes ſei, abſonderlich der verſchiedenen kundigen Thebaner und Athener am Ilm⸗ und Saaleſtrande. Mehr als hundertmal war er ſchon gefragt worden, wer ſein Herr eigent⸗ lich ſei, und wenn er nun zur Antwort gab: ſein Herr ſei ein Kauf⸗ mann, dann lautete insgemein das Urtheil der guten Leute dahin, daß ſie ihm das gleich angeſehen hätten. Erzählte hingegen Philipp, ſein Herr ſei ein Graf, dann hieß es ebenſo beſtimmt, man ſähe ihm den Grafen auf hundert Schritte an. Dieſe oft ſehr aufdringliche und läſtig werdende Neugier der guten Mitteldeutſchen war es, die den Grafen bewog, mehr und mehr eine ernſte Zurückhaltung zu beobachten und mehr aus den Mittheilungen Anderer, die ſo häufig und ſelbſt unverlangt gegeben wurden, zu lernen und Gewinn zu ziehen, als ſich ſelbſt mitzutheilen, und mit diplomatiſcher Ruhe und einem beſonnenen Schweigen durch alle Lebens⸗ kreiſe zu ſchreiten. So erſchien er als ein feiner, gebildeter Weltmann an manchem Hofe, überall räthſelhaft ſchnell eingeführt durch wenige Zeilen, die er vorwies; man zog ihn zu den fürſtlichen Tafeln, erzeigte ihm Auf⸗ merkſamkeiten, unterhielt ſich gerne mit ihm in der beliebten Mode⸗ ſprache der Höfe; aber da er nirgend lange verweilte, ſo ging ſeine Erſcheinung gleich andern flüchtig vorüber und wurde ſchnell wieder vergeſſen. Er aber gewann für ſein ganzes ſpäteres Leben den Vor⸗ theil, manchen großen und berühmten Mann perſönlich kennen gelernt zu haben, auch Einblicke gethan zu haben in manches Verhältniß, das glänzende Außenſeiten zeigte und innerlich morſch und zerrüttet war. Häufig trat dem Reiſenden offen und unverhüllt die Selbſtſucht der Menſchen entgegen, der gelehrte Dünkel, die Schriftſteller⸗Eitelkeit, der Künſtler-Stolz, ſtets mit einem guten Theil Anmaßung und Rechthaberei gepaart; die Klatſch⸗ und Verkleinerungsſucht in ihrer ganzen Widerwärtigkeit, und Trugſucht und Heuchelei unter allen möglichen Larven. Nurger wie ſchr ſcien wo thun, A für ein e Ernſtes, Züge eir thütigktit Dunkel manche die Beg abgereist Mit war entz ſtets leid hauſen b woch gh emyfng „ Starke Fyoſt Janz a trinken dicts heſonde ſch hi nißig 35 1 lernt, Grofn Roßer zurüc gegan des Anſp eine † nds in brgr⸗ tte er ſtets am was er Alles habe. Auch wil groß die verſchiedenen in Herr eigent⸗ t ſei ein Kauf⸗ n Lrute dahin, ſegen Philipp, man ſühe ihn gier der guten und mehr eine Micheilungen wuen, z eilen, und mit rch alle Lebens⸗ nan manchen eZeilen, di ate ihn Auf⸗ eliebten Mode⸗ ſo ging ſeine ul wieder geben den Vr⸗ emn gelemt Verhültniß/ und mitte e Silſſh elerbirll Amfung in zſucht in ihrer juntn llen — 311— Nirgends ließ ſich der Graf in ein ihn bindendes Verhältniß ein, wie ſehr man auch bemüht war, ihn da und dort zu feſſeln, denn er ſchien wohl des Beſitzens werth zu ſein: Jugend, Schönheit, Reich⸗ thum, Adel, Verſtand und Bildung, Alles war in ihm vereinigt, und für ein edles Gemüth, für ein ſanftes Herz ſprach der Zug ſinnigen Ernſtes, die leiſe Melancholie in ſeinen Mienen, ſprachen auch die Züge eines ganz beſonders in ſeinem Charakter hervortretenden Wohl⸗ thätigkeitsſinnes, der aber ſorgſam ſich und ſeine Liebesthaten in Dunkel hüllte. Wenn es je zu Tage kam, wer der geweſen, der manche Thränen der Noth und verſchämter Armuth getrocknet, und die Beglückten ihm danken wollten, dann war er gewöhnlich ſchon abgereist. Mit der Reichsgräfin blieb er im ununterbrochenen Verkehr, ſie war entzückt von ſeinen Briefen und theilte ſie gerne ihrer geliebten, ſtets leidenden Ottoline mit, welche jetzt wieder das Schloß in Knip⸗ hauſen bewohnte, und oft die Beſuche der Großmutter ihres immer noch gefangen gehaltenen Gemahls vom nachbarlichen Schloſſe Varel empfing. „In Jena, ſchrieb Ludwig unter Anderm:„habe ich an den Doctoren Starke und Loder vortreffliche Aerzte gefunden. Starke hat mir guten Troſt gegeben, und mir geſagt, ich ſolle meiner Geſundheit halber ganz außer Sorgen ſein, ich ſolle wo möglich guten ſtarken Wein trinken, und kein Lichtenhainer Bier, überhaupt kein Bier, das nur dickes Blut verurſache. Man trinkt hier zu Lande fabelhaft viel Bier, beſonders thun das die Studenten, die deſſen bis zum Uebermaß in ſich hineingießen und eine Bravheit darin erblicken, ſich durch Un⸗ mäßigkeit die Geſundheit zu untergraben und das Leben zu kürzen. Ich habe hier auch den Hofrath und Profeſſor Schiller kennen ge⸗ lernt, den berühmten Dichter, deſſen erſte Stücke Ihnen, geliebteſte Großmutter, damals äußerſt mißfallen haben. Er iſt ein Mann von großen Gaben, aber kein Mann der Geſellſchaft; er hält ſich ſehr zurückgezogen, und iſt in ſeiner Kunſt mit Titanenſchritten weiter gegangen; von dem anfänglich Rohen und Gewaltthätigen in die Region des Maßes und der Schönheit. Sein Don Carlos befriedigt alle Anſprüche. Leider iſt der gefeierte Dichter bruſtkrank, und es war eine wahrhaft hochherzige That des Herzogs von Holſtein⸗Auguſten⸗ — 312— burg und Ihres wackeren Freundes, des Grafen Ernſt Heinrich von Schimmelmann, Schiller auf drei Jahre ein Einkommen von eintauſend Thalern zu ſichern, damit er der Wiederherſtellung ſeiner Geſundheit leben könne. Sie glauben nicht, geliebteſte Großmutter, wie arm⸗ ſelig in dieſen Ländern die Gelehrten bezahlt werden; während manche Profeſſuren und andere Stellen häufig als Sinecuren betrachtet werden, ſind es in Wahrheit permanente Hungercuren und die Leute haben, wie man hier zu Lande zu ſagen pflegt, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu wenig.“ „Gegenwärtig hat Schiller an einem dramatiſchen Gedicht: Wal⸗ lenſtein, zu arbeiten begonnen, welches jedenfalls Epoche machen wird.“ „Ich war auch in Weimar, und bin dort mit großer Güte und Zuvorkommenheit aufgenommen worden. Der ganze Hof hat ſich nach Ihrem Befinden auf das Theilnehmendſte erkundigt. Ich lernte immer mehr und mehr bewundern, welche hohe Achtung und welches große, ruhmvolle Anſehen Sie, theuerſte Großmutter, in ganz Deutſchland genießen. Sie hatten vollkommen Recht, als Sie mir ſagten, daß man in dieſen ſächſiſchen Staaten die Wiſſenſchaften höher ſchätze, als irgend wo anders. Bei äußerlich ziemlich beſchränkten Mitteln geſchieht für dieſelben das Mögliche; man will viele Gelehrte, viele gute Köpfe um ſich ſehen, daher entſpringt dann der vorhin erwähnte Mangel an Mitteln, um dieſelben Alle nach Verdienſt zu belohnen. Dieſes kleine Weimar, als Stadt ziemlich unanſehnlich, iſt eine Centralſonne deutſchen Geiſteslebens, die weithin über die Welt ihre lichten Strahlen wirft. Ich habe dort mehr berühmte und bedeutende Männer kennen gelernt, als, etwa mit Ausnahme der Staatsmänner und großen Politiker Englands und Frankreichs— ſonſt in meinem ganzen früheren Leben. Vom Hofe ſelbſt ſchreibe ich Ihnen nicht, Sie kennen den⸗ ſelben beſſer als ich, auch bin ich, Gott ſei Dank, nicht angeſteckt von der klein und ſpießbürgerlichen Klatſchſucht, die ſich darin gefällt, die Blätter ihrer Skandalchroniken mit Schattenſeiten aus dem Leben berühmter Männer anzufüllen, und halte ſolches Thun geradezu für eine Erbärmlichkeit; nur das Eine kann ich nicht unterdrücken zu ſagen, daß der Herzog Carl Auguſt ein Mann von hoher Genialität, ſeine Mutter eine Fürſtin von der anerkennenswertheſten Hoheit der Geſinnnl wüdigei mutter, „VPor und ſo ſ aufwarte Monn, miht iſ Weſen, ich in„ Mutter, zeſin zu mutter, nnr, und Der her ſhützer d Freundli zoliche beſte G Genuß binde; Ihren d auch da on St 9000 2 katen d „3 derung Beſhl nihen und 6 Freihe dieſe e Kunſſſ linem Gult ſt Heinich wn pen eintauſend ner Geſundheit ter, wie am⸗ während manche etrachtet werden, ie Leute hahen, zu viel, und Gedicht: Wal⸗ Cpoche machen ßer Güte und f hat ſch nach lernte immer welches große, unz Duutſchland ir ſagten, doß Mitteln geſchieht viele gute Köpfe Ung an obnen. Dieſes ne Gentralſonne ſt ihre lichten um Männer n und gwfen anen früheren i ennen ben⸗ uh mgeſtct darin gffüll, us dem lhn ubezu für eine den zu ſchen r ßmnilit en heheit der — Geſinnung, und ſeine Gemahlin Luiſe Auguſte ein Engel an Liebens⸗ würdigkeit und Herzensgüte iſt, ganz ſo, wie Sie, geliebteſte Groß⸗ mutter, mir dieſe Perſonen ſchon früher geſchildert haben.“ „Von Weimar begab ich mich nach Erfurt, wo ich dem geiſtvollen und ſo ſehr menſchenfreundlichen Statthalter, Coadjutor von Dalberg, aufwartete; dieſer iſt ein Prälat nach dem Herzen Gottes, ein Mann, der für das Wohl ſeiner Untergebenen auf das Eifrigſte be⸗ müht iſt, und der mir die größte Hochachtung gegen ſein ganzes Weſen, Wiſſen und Wirken abnöthigte. Am Hofe zu Gotha fand ich in Herzog Ernſt II. den trefflichen Sohn einer ausgezeichneten Mutter, jener herrlichen Herzogin Luiſe Dorothea, geborene Prin⸗ zeſſin zu Sachſen⸗Meiningen, welche, gleich Ihnen, geliebteſte Groß⸗ mutter, eine Freundin König Friedrichs des Großen und Voltaires war, und, wenn ich nicht irre, auch mit Ihnen im Briefwechſel ſtand. Der Herzog iſt ein ſehr gelehrter Herr„ſo wie ein Freund und Be⸗ ſchützer der Gelehrten, er erweist den franzöſiſchen Emigranten viele Freundlichkeiten. Auf ſeinen beſonderen Befehl mußte mir das her⸗ zogliche Münzkabinet gezeigt werden, und ich wünſchte lebhaft meine beſte Großmutter zu mir, um dieſen für Sie gewiß ſehr anziehenden Genuß zu theilen. Die Münzbibliothek allein umfaßt gegen 6000 Bände; mit beſonderer Anerkennung zeigte man mir in derſelben auch Ihren dorthin verehrten Catalog Ihres eigenen Cabinets. Ich ſah dort auch das theuerſte Buch der Welt, die berühmte Handſchrift des Jacob von Strada über die orientaliſchen Münzen in 31 Folio⸗Bänden, mit 9000 Abbildungen, deren jede als ſauberſte Handzeichnung einen Du⸗ katen in Gold gekoſtet hat.“ „Ich war der Letzte, der vielleicht auf lange Zeit dieſes bewun⸗ derungswürdige Münzkabinet ſah, denn ſo eben hatte der Herzog Befehl gegeben, daſſelbe einzupacken, da ſich die Herren Franzoſen nähern, und ſo ſehr der Herzog ein Verehrer der Sprache, Literatur und Geiſtesbildung dieſer Nation iſt, ſo wenig ſcheint er von ihrer Freiheit, Gleichheit und Brüderſchaft zu halten, und hat nicht Luſt, dieſe auf ſeinen Münzſchatz erſtreckt zu ſehen. Auch die herzoglichen Kunſtſammlungen wie die große Bibliothek ſind ſehr bedeutend. Mit einem Wort, Herzog Ernſt II., der mit ſeiner Gemahlin, Maria Charlotte, auch einer Prinzeſſin zu Sachſen⸗Meiningen, im innigſten 314 Einverſtändniß lebt, iſt für Gotha ganz das, was Carl Auguſt für Weimar, ein Mäcen der Wiſſenſchaften und Künſte und der Erwecker einer neuen Literatur⸗Aera.“ „Von Gotha reiste ich über den Thüringer Wald nach Meiningen, deſſen Herzog, Georg, den beiden genannten Herzögen innig be⸗ freundet iſt. Alle dieſe Fürſten beſeelt das gleiche Streben, eine veſſere Zeit, als die vergangene, für ihre Länder heraufzuführen. Ich fand in Meiningen einen gebildeten Hofkreis, fern vom all⸗ zuſteifen Etikettenzwang, den der Herzog, ein freiſinniger Fürſt, ab⸗ geſchafft hat. „Noch immer iſt man in Meiningen ſehr aufgebracht über eine elende Klatſcherei, die der Ihnen ſicher bekannte Touriſt, Herr von Heß aus Hamburg, in ſeinem Buche: Durchflüge durch Deutſch⸗ land, die Niederlande und Frankreich, vor einigen Jahren aufgetiſcht hat. Mit unendlicher Breite ergoß ſich die verletzte Eitelkeit dieſes Herrn in völlig lügenhaftem Geträtſch und in Ausfällen gegen den Herzog, den er als einen kleinen Tyrannen ſchilderte. Vier Seiten ſeines Geſchreibſels verwendete Herr von Heß blos auf die Schilderung des Geſichtes eines Thorſchreibers.“ „Von Meiningen fuhr ich nach Hildburghauſen, wo vor einer Reihe von Jahren ein großer Brand gewüthet hat, und wo ich gegen⸗ wärtig noch verweile. Der Herzog Friedrich ſteht ſeinen Vettern an Geiſt nach, aber er iſt äußerſt gutmüthig, ſehr geſprächig und außer⸗ ordentlich gern mittheilſam über Alles, was ihn irgend Neues berührt oder begegnet, daher ich ihm unter keiner Bedingung ein Geheimniß anvertrauen möchte; dagegen iſt die Herzogin, ſeine Gemahlin, eine außerordentlich liebliche Erſcheinung; ſie ſingt gern und entzückend ſchön. Denken Sie, ſie ſingt in jeder Oſterwoche in Grau's Tod Jeſu die Hauptſtimme vor einem großen Kreiſe ihrer Verehrer. Das fürſt⸗ liche Haus hat manches Mißgeſchick zu ertragen; durch frühere üble Wirthſchaft iſt das Land in große Verlegenheiten gebracht worden, die den Hof mit treffen, zwei Töchter und ein Sohn ſtarben bald nach der Geburt, doch verſprechen die leben gebliebenen Prinzen und Prin⸗ zeſſinnen eine gute Entwicklung. Es ſind ſchöne Kinder, drei Prinzen und drei Prinzeſſinnen. Die Vergnügungen des Hofes ſind die gewöhn⸗ lichen, und ſchlöſern, dingſtadt mittelalte überſchaue Lage und fchlen ih des Prin Luiſe, 9 Trianon der Stra Dorfe, ſi ninder.“ „Leide in der Ge lich nhe Franzoſe Kroaten tung ein Grinn, Jſch machen, Schoden man mi hier ſih nicht d Augen ſchwerl Die Heling leuten, Oriſch juge unter t hrüber r Auguſt fir d der Erwecer uch Meiningen, gen innig be⸗ Streben, eine berufzuführen. n vom all⸗ ger Fürſ, ab⸗ ucht übet eine iſt, Herr von durch Deutſch⸗ tren aufgetiſcht Fitelteit dieſes sfällen gegen iherte. Pier ; blos uf die wo vor einer d wo ich geger⸗ en Vettern an ichig und außet⸗ eues berührt ein Gcheimiß Gemohlin eine nd utin us Tod Jeſu ble 315 lichen, und die gute Jahreszeit wird abwechſelnd auf nahen Jagd⸗ und Luſt⸗ ſchlöſſern, welche ſich zu Heldburg, Hellingen, Eishauſen und Sei⸗ dingſtadt befinden, zugebracht. Die Heldburg iſt ein ſtattlicher ſpät⸗ mittelalterlicher Bau, auf hohem Felſenkegel ragend und weit das Land überſchauend, majeſtätiſch wie ein Königsſchloß; Hellingen erinnert nach Lage und Anlage an Doorwerth, nur iſt es weniger groß und es fehlen ihm die Parke. Dort wohnte unſere Verwandte, die Gemahlin des Prinzen Ludwig Friedrich zu Sachſen⸗Hildburghauſen, Chriſtine Luiſe, geborene Prinzeſſin von Holſtein⸗Plön. Seidingſtadt iſt das Trianon des hieſigen Hofes; Schloß Eishauſen liegt etwas abſeit der Straße, die nach Coburg führt, ernſt und einſam neben einem Dorfe, ſtill und wie geſchaffen für die Einſamkeit der Weltüber⸗ winder.“ „Leider iſt der idylliſche Frieden dieſes Hofes und des Ländchens in der Gegenwart hart bedroht durch die Kriegswirren, die ſich bedenk⸗ lich nahen. Zwiſchen hier und dem Mainſtrom hauſen bereits die Franzoſen wie Kanibalen und ärger als die ſo übel verſchrieenen Kroaten im dreißigjährigen Kriege. Ich werde mit Philipp in Beglei⸗ tung eines herzoglichen Rathes und begleitet von dem Kammerdiener Grimm, der mit dem Günſtling der Kaiſerin Maria Thereſia, Prinz Joſeph Hollandiuns Herzog zu Sachſen⸗Hildburghauſen, ſchon einige Feldzüge des Prinzen mitmachte, einen Ritt in das bedrohte Gebiet machen, um zu ſchen, ob ich vielleicht dazu beitragen kann, einigen Schaden von dem Lande abzuwenden, da ich ein wenig verſtehe, wie man mit den Emigranten und Republikanern verhandeln muß, und hier ſich Alles ſchrecklich vor beiden fürchtet, auch der Herzog ſelbſt nicht der Mann iſt, mit perſönlichem Muth einer Gefahr unter die Augen zu treten. Die Mehrzahl ſeiner Räthe wird ebenfalls ſchwerlich große Heldenthaten verrichten.“ Die Reiter nahmen ihren Weg nach Heldburg und von da nach Hellingen. Schon in Heldburg hörten ſie von Bürgern und Land⸗ leuten, die neugierig auf die Höhe geeilt waren, welche zwiſchen beiden Ortſchaften ſich hinzieht, daß in Hellingen Alles drunter und drüber hergehe, daß es brenne, und Mord und Todſchlag von den Franzoſen unter dem General Wartensleben, die von Königsberg in Franken herüber gekommen, verübt werde. Raſch galoppirten die Reiter den 316 ſandigen Weg zur Höhe hinan, und der Graf überblickte durch ein Fernglas die weiten fränkiſchen, ſonſt ſo friedlichen Ebenen, die im milden Glanze eines Sommertages ſich unter ihm ausbreiteten, und jetzt der Schauplatz eines Krieges werden ſollten, in denen ſich die Söhne eines und deſſelben Landes, im blutigen Streite zwiſchen Königthum und Republik, zerfleiſchen wollten. Große Heereszüge ſchwenkten durch die ſanftgehügelten Ebenen, dort blitzten Flinten und Bajonette, dort Helme und Cüraſſe im Sonnenglanze; dort zogen in endloſer Reihe Rüſt⸗ und Pulverwagen und Geſchütze heran, dort ſchlug Dampf auf, in welchem helle züngelnde Flammen leckten; von den Thürmen der zahlloſen katholiſchen und proteſtantiſchen Kirchen in dieſem dichtbevölkerten fruchtbaren Lande tönten die Sturmglocken, vom nahen Marktflecken Hellingen ſcholl wüſtes Geſchrei und Gebrüll des Viehes verworren zur Höhe, wie bei einem Brande, obſchon ein ſolcher nicht ausgebrochen war. Es war ein wimmelndes Gedränge in dem Ort und außer dem Ort, es war die Furie des Krieges in ihrer ganzen Scheußlichkeit, die hier bereits ihr verheerendes Wüthen begonnen hatte. Der herzogliche Beamte, Graf Ludwig's Begleiter, ein wackerer und ſonſt unerſchrockener Mann, erbebte doch beim Anblick dieſer Gräuel.— Was meinen Sie, Herr Graf? richtete er mit bedenk⸗ licher Miene an Ludwig die Frage: ſollen wir uns in dieſe Ge⸗ fahr hinein ſtürzen? Haben Sie Jourdans Schutzbrief? fragte Ludwig, und als der Beamte bejahte, ſprach er: Geben Sie ihn mir! Dann zu dem Diener ſich wendend, fragte er: Wie ſteht's, willſt Du mit, Philipp? Hm! brummte Philipp: Ich weiß nicht, warum Sie mich erſt fragen, gnädiger Herr! Und Sie, Herr Grimm?— Das iſt mir nur ein Spaß! antwortete dieſer. Bin ſchon bei ganz anderen Affairen geweſen, habe zwar nicht immer die Victoria beim Schopf erwiſcht, war aber nicht mein durchlauchtigſter Herr kaiſerlich königlicher Reichsgeneral⸗Feldmarſchall ſchuld daran, ſon⸗ dern die Reißaus⸗Armee, die er zu befehligen hatte, ſeine„ſechzig⸗ tauſend Läufer“, wie der alte Fritz ſagte. Pohl raſchen S Grafen ei ertheilten Herzklopfe Gräu den Ort Getreide, getitten. alles Vie die zum( Gegenneh getreten, 1 Dort ſende erſuchte man den dort yff Kirche gt verwüſtet gehauener Fiſer vo laufen. hörten L tigen Kn dus un e ſo in berührt Vo Audrig ufſieß. In die Sol Richtun riger, r ſihr licte durch ein Fbenen, die in usbreiteten, und denen ſich die Steite zwiſchen wße Heereszüge ten Flinten und ; dort zogen in tte heran, dort nen leckten; bon ntiſchen Kirchen Sturmglocken, ei und Gebrill de, obſchon ein lndes Gedränge des Krieges in erendes Mithen er, ein wackerer n Anlit dieſer eer mit bedenk⸗ s in diſe Ge⸗ e und als der , Dam j den n Sie nich nſt in ſchen bi Pictoria „Fer Hherr lauchtiſer. ld daran/ ſ ſeine ſech⸗ die nmet — 317— Wohlan denn, hinunter! rief Ludwig, und trieb ſein Pferd zu raſchem Schritt, die Diener folgten und der Beamte, welcher dem Grafen einen vom General Jourdan dem herzoglichen Hofe eigens ertheilten Schutzbrief ſür das Land zugeſtellt hatte, folgte nicht ohne Herzklopfen nach. Gräuelvoll war der Anblick in Hellingen, darin die Schaaren der den Ort durchziehenden Colonnen ſich verbreiteten. Bereits war alles Getreide, das noch auf dem Halm ſtand, niedergetreten oder nieder⸗ geritten. Die eingeernteten Garben wurden aus den Scheunen geriſſen, alles Vieh der Einwohner aus den Ställen in die Kirche getrieben, die zum Schlachthaus diente. Jeder Einwohner, der nur die mindeſte Gegenwehr verſuchte, wurde mit Kolben geſtoßen, geſchlagen, mit Füßen getreten, mit Bajonetten bedroht, oder gar mit ſcharfer Klinge gehauen. Dort ſendete man einem fliehenden Bauer Musketenkugeln nach, dort verſuchte man einen Andern an den Beinen aufzuhängen, dort verübte man den ſchändlichſten Muthwillen gegen Mütter und ſelbſt Greiſinnen, dort pfiff man gellend auf den Pfeifen, die aus der Orgel in der Kirche geriſſen waren. In den Häuſern wurde Alles geraubt, zerſtört, verwüſtet, aus den Fenſtern ſchüttelte man die Federn aus den auf⸗ gehauenen Betten, aus den Kellern ſchleppte der raſende Feind die Fäſſer voll Frankenweines und ließ, was er nicht trank, auf die Straßen laufen. Ueber alle dem Lärm, dem Wehgeheul und den Jammerrufen hörten Wenige den von Königsberg herübertönenden Schall einer hef⸗ tigen Kanonade. Mit Entſetzen ſahen Graf Ludwig und ſeine Begleiter das unermeßliche Elend nur in dieſem einen Dorfe, und doch ging es ſo in jedem, das die Heerſäulen der Franzoſen auf ihrem Zuge berührten. Wo iſt der General? Wo ſind die Kommandirenden? ſchrie Ludwig herriſch einem Trupp Reiter zu, der ihm mitten im Orte aufſtieß. Im Pfarrerhaus! war die Antwort, und zugleich zeigten ihm die Soldaten, die ihn für einen Landsmann und Courier hielten, die Richtung nach der Wohnung des Pfarrers Link, die ein alter räuche⸗ riger, architectoniſch mit Schnitzwerk und krummen, verſchränkten Kreuzbogen gezierter Bau war, gegen welchen die erſt vor zwei Jahren als ſchöner Neubau vollendete Kirche ſeltſam abſtach. — 318— Dort ging es her wie auf einem Jahrmarkte. Aus der unten am Flur liegenden Küche ſchlug heller Feuerſchein hervor, die Flur ſelbſt lag ganz voll von Geflügel aller Art: Gänſe, Enten, Tauben, Rebhühner, denen allen die Köpfe fehlten. Ein Koch war beſchäftigt, zu ſieden und zu braten, Soldaten rupften und weideten aus, den Hof, die Flur und das ganze Haus füllten lauter Offiziere an, welche Ludwig militäriſch grüßte und die Frage an ſie richtete, ob er den Chef dieſer Heeresabtheilung nicht ſprechen könne? Nach einer Weile trat der Reiterbrigadegeneral aus dem Hauſe, ein Mann von Mittel⸗ größe und martialiſchem Ausſehen; ihm auf dem Fuße folgte ſein General⸗Adjutant, ein Mann von wahrhaft rieſigem Bau, dabei von vollendeter Formſchöne und nicht unfreundlichen Zügen; hinter dieſen ſchritt noch ein zweiter Adjutant, und ein Kreis von vielleicht fünfzig bis ſechzig Offizieren umdrängte nun die Ankömmlinge. Ludwig und der Beamte ſchwangen ſich raſch von ihren Pferden. Mein Bürger⸗ general! begann der Graf ganz ohne Verlegenheit ſeine Anrede: darf ich bitten, mir einiges Gehör zu gönnen, und mir vor Allem zu ſagen, mit wem ich die Ehre habe, zu ſprechen? Ich bin nebſt dieſem Herrn ein Abgeordneter des Herzogs von dieſem Lande. Ich bin General d'Hautpoule, Bürger! antwortete der Anführer. Hier mein General⸗Adjutant, Bürger Mortier, hier mein Aide de Camp, Bürger David. Womit können wir dienen? Bürger Jean Baptiſt Jourdan, ſprach Ludwig: der Oberbefehls⸗ haber der Rheinarmee hat ausdrücklich durch eine ſchriftliche Zuſicherung dieſes Land gegen alle feindliche Begegnung geſichert. Hier ſteht, daß er die dem Geſammthauſe Sachſen zugeſtandene Neutralität auch gegen das Haus Sachſen⸗Hildburghauſen ſo lange wolle beobachten laſſen, als dieſe Neutralität vom Directorium der Republik nicht verworfen wird. Wenn ein Neutralitätsvertrag nicht vollſtändig zu Stande kommt, ſoll dem herzoglichen Hauſe die Nachricht officiell mitgetheilt werden, daß die Feindſeligkeiten ihren Anfang nähmen. Dieſes letztere iſt zur Zeit nicht geſchehen, und dennoch, wie feindſelig hauſen Deine Truppen, Bürger⸗General, in dieſem friedlichen und neu⸗ tralen Lande! D'Hautpoule warf einen flüchtigen Blick auf das von Jourdan eigenhändig unterzeichnete Schutzpapier, ſchlug leicht mit der Hand darauf un Geſchmier Der herzoglich und es iſ ſchen An ohnlängſ pflegten, Heere re unterblei Nun wollen w ſohleich 2 geſagt, e Strohhab Keiner! Eine tenen B ſich an lüſterte: die gunz Sah hute, n zerſtören Sa Sto, Scij voran die Tr entlich die U Orgel M Dabid Lirte nochrüch s der unhn or, die Flur ten, Tauhen, beſchäftigt, en aus, den ſziere an, welche tete, ob er den lach einer Weile von Mittel⸗ folhte ſein Bau, dabei von ; bintet dieſen ieleicht fünfjg e. Ludwig und Mein Bürger⸗ e Wude: darf or Mlem bin nebſt diſen der Auführer. in Ahe de Canp, der Oberbefehl⸗ ic Zuſeun hier ſiht, daß — 319— darauf und entgegnete, indem er es zurückgab: Was wiſſen wir vom Geſchmier der Kriegskanzleien! Hier iſt Krieg und keine Kanzlei! Der Herr General erlauben gnädigſt— nahm jetzt auch der herzogliche Beamte das Wort: Unſere Regierung hat Sorge getragen, und es iſt auch vom Obergeneral an alle Diviſionen der republikani⸗ ſchen Armee der Befehl ergangen, bekannt zu machen, wie mir ſelbſt ohnlängſt in einem Nachbarort franzöſiſche Offiziere, die wir ver⸗ pflegten, mitgetheilt haben, daß die Sächſiſche Neutralität beim ganzen Heere reſpectirt werden und jede Thätlichkeit gegen die Einwohner unterbleiben ſoll. Nun denn! wandte ſich d'Hautpoule lachend gegen Mortier, ſo wollen wir die Neutralität reſpectiren, ſo viel ſich thun läßt. Gib ſogleich Befehl, Bürger David, und allen Bürger Kapitäns ſei es geſagt, es ſoll ſich Keiner unterſtehen, noch eine Feder oder einen Strohhalm Werths zu rauben oder auch nur anzufaſſen. Sacre Dieu! Keiner! Eine Bewegung entſtand, die Offiziere trafen Anſtalt, den erhal⸗ tenen Befehl zu vollziehen, da kam der Schulmeiſter gelaufen, drängte ſich an ſeinen Pfarrer, der neben den Beamten getreten war, und flüſterte: Um Gotteswillen Herr Pfarrer! Die Soldaten zerſtören uns die ganze Orgel! Sagen wir das laut! rief der Pfarrer, der eine ſehr ſonore Stimme hatte, trat zum General und ſprach: Herr General! Ihre Soldaten zerſtören unſere ſchöne neue Orgel! Ich bitte, retten Sie! Schonen Sie! Sacre bleu! ſchrie der General: Wo? Wo? und ſchwang den Stock, den er in der Hand führte, denn er war bereits ein ergrauter Sechziger, und folgte mit raſchen Schritten dem Schulmeiſter, der ihm voran in die neue Kirche eilte. Der alte Kriegsmann rannte wie raſend die Treppe hinauf und theilte auf die das werthvolle Orgelwerk fre⸗ ventlich zerſtörenden Soldaten ſo viele und ſchwere Prügel aus, daß die Uebelthäter laut aufſchrieen und ſchwuren, in ihrem Leben keine Orgel wieder anzurühren. Mittlerweile hatte ſich der Rieſe Mortier auf ein Pferd geworfen, David und andere Offiziere waren ihm gefolgt, und es verging keine Viertelſtunde, ſo war Ruhe, Ordnung und Stille im Flecken; alle nachrückenden Truppen mußten ſofort ohne Raſt hindurchziehen, aus — 320— der Kirche kam d'Hautpoule ſehr erheitert zurück und ſprach zu Lud⸗ wig und dem Beamten: Nichts wirkt ſchneller und heftiger, wie Prü⸗ gel. Dieſe Sprache verſtehen die Hallunken aller Völker, Prügel ſind die wahre Weltſprache, und die Gelehrten werden ſich vergebens die Köpfe zerbrechen, um eine beſſere zu erfinden. Bald kamen auch Mortier und die andern Offiziere in den Pfarr⸗ hof zurück; das Geſchrei der Einwohner verhallte allmählig. Mor⸗ tier, ſo rieſenhaft ſeine Leibesgröße war, ſah gar nicht aus wie ein Soldat; die Haut ſeines Geſichts und ſeiner Hände war zart und weiß. Er drückte dem Grafen, dem Beamten und dem Pfarrer oft die Hände und verſicherte allen, er meine es gut, allein die Soldaten ſeien ſchwer im Zaum zu halten. Man begab ſich in die Stube des Pfarrers, in deren Mitte eine Bütte ſtand, welche mit Wein gefüllt war. D'Hautpoule war ſehr artig gegen den Beſuch aus Hildburghauſen; er lud die Herren ein, an ſeinem Male Theil zu nehmen, fuhr mit bereitſtehenden Biergläſern eigenhändig in die Bütte, füllte dieſe voll Wein, reichte ſie ſeinen Gäſten und dem Pfarrer dar und rief luſtig und froh gelaunt. A votre santé et bonheur! Alle andere Offiziere, ſoviel die Stube faßte, drängten ſich herzu, ſchöpften ebenfalls und tranken; man ſetzte ſich auf hölzerne Stühle, der General ſaß auf einem dreibeinigen Schemel, Mortier und David hatten die Ofenbank beſetzt. Der Koch brachte mächtige Bratenſtücke herein, der Pfarrer ſchaffte Brod, weder Teller noch Meſſer und Gabeln waren vorhanden, man aß aus der Hand, nur der General ſchnitt ſein Fleiſch mit einem Schnappbaſtel⸗ meſſer. Die Bütte Wein war bald geleert, eine zweite wurde aus dem Keller herauf geſchafft, dann erfolgte ein raſcher Aufbruch, ein kurzes Adieu. Ein Wehe war dahin, wie geſchrieben ſteht in der Offenbarung,„aber ſiehe, es kommen noch zwei Wehe.“ Dem Volke d'Hauptpoule's folgte die Diviſion des General Colaud nach, 15,000 Mann ſtark, und der General richtete ſogleich ſeinen Weg nach dem Pfarrhaus. Dort kam ihm Ludwig entgegen, erbat Schutz für den Ort, für alle Orte dieſes Landſtrichs, auf Jourdans Schrift ſich berufend. Mittlerweile war der Diviſionsgeneral Lefebre ebenfalls im Orte angelangt und hatte ſich nach dem Schloſſe begeben, ihm folgte deſſen Diviſion Avantgarde, 2⁵000 werden, u abet mur lingen be menſchenf lichkeit ei wachen tere ſelbſ nhn zw ſie geſchic Was ten Lundbt Fiinde wi nie Luſe s Loge na ſelt, Hi ſpiten der heri glichet Gewihr weiſe be zügen u beſchloß iusl hildbur iber di den We ſhhilbert Rnißhar d. g. ſprach zu Ad⸗ ger, wie Prü⸗ ölket, Prügel ſich vergeben in den Pfarr⸗ s wie ein war zart und em Pfirrer oft die Soldaten n Mitte eine oule war ſehr ie Herren ein, ichte ſi ſänen oh gelwmt. A l die Stube tbenign Dert Koch Brod, weder . a aus der ſetzt. gtnapylaſtl⸗ eite wurde au Auſtut in nbung„lt utyoule ſolgte . ſtuk, und du z. Dort und hatte ſ enge 321 25000 Mann ſtark, da galt es! Alle Beredſamkeit mußte aufgeboten werden, um den Schutzbrief zur Geltung zu bringen; es gelang Ludwig, aber nur hier in dem einen Orte; was der Schreckenszug außerhalb Hel⸗ lingen berührte, litt dennoch unendlich. Die Generale zeigten ſich menſchenfreundlich und zur Hülfe gern bereit; wo ihre gebietende Perſön⸗ lichkeit einen Ort beſchützte, war es gut, ſie ließen wohl auch Schutz⸗ wachen zurück; aber wenn ſie abgezogen waren, erpreßte die Letz⸗ tere ſelbſt von den armen Leuten Geld und Kleider. Ein Lieutenant nahm zwei im Waſchzuber liegende ſchmutzige Hemden aus demſelben, rang ſie geſchickt aus und ſchob ſie in ſeinen Torniſter. Was bei dieſen Durchzügen das Allerſchlimmſte war, die bedräng⸗ ten Landbewohner wußten oft nicht einmal, wer Freund, wer Feind war: Feinde wie Freunde drückten, raubten, brandſchatzten und hauſeten ärger wie Teufel. 12. Das Wiederſehen. Es war Ludwig nicht möglich, mit ſeinen Begleitern an demſelben Tage nach Hildburghauſen zurückzukehren. Vom edelſten Eifer be⸗ ſeelt, Hülfe zu leiſten ſo viel nur immer möglich war, blieb er bis zur ſpäten Nachmittagsſtunde in Hellingen, wo nach dem Abzug Lefebre's der berühmte Diviſionsgeneral Kleber einrückte, und wo ſich Alles in gleicher Weiſe wiederholte: Fürſprache und Fürbitte und freundliche Gewähr, ſo weit ſie nur immer erfolgen konnte. Um der vorzugs⸗ weiſe bedrohten Gegend, dem Amte Königsberg, das bei dieſen Ueber⸗ zügen und Durchmärſchen am meiſten litt, vielleicht Hülfe zu bringen beſchloß Ludwig, Kleber nach Königsberg zu begleiten, welcher Jvur⸗ dan's linken Flügel befehligte, und dieſer nahm gern die Herren aus Hildburghauſen zu Geleitsmännern mit; ſo wurde der Ritt dorthin über die Flecken Maroldsweiſſach und Burgproppach angetreten. Auf den Wegen und in den Dörfern ſah es ſchauderhaft aus, keine Feder ſchildert die Gräuel dieſer Verwüſtung, die Klagen, welche die gemißhandelten und beraubten Landleute erhoben. D. B. II. 21 —— Nahe bei Königsberg begegnete den Anrückenden ein von Hild⸗ burghauſen aus dorthin beorderter Beamter, Hofadvocat Merk, deſſen Bemühen es ſo eben gelungen war, einen Königsberger Bürger dem Tode, womit ein Commando Franzoſen ihn bedrohte, durch ſeine Kennt⸗ niß der Sprache zu befreien. Er ſchilderte mit ergreifenden Wor⸗ ten alles Schreckliche, was er in Königsberg erlebt hatte. Als die Nachrichten dorthin kamen, daß die franzöſiſchen Truppen erſt bis Schweinfurt, und dann den Main herauf bis Haßfurt gerückt ſeien, wo ſie brandſchatzten und plünderten, zitterte das arme Städtchen bereits. Die erſten Truppen waren kaiſerliche Huſaren, dieſen folgte ein Theil des Gene⸗ ralfeldzeugmeiſter von Wartensleben'ſchen Armeecorps, unter den Gene⸗ ralen Murray, Clairfait und Beaulieu, und überſchwemmte die ganze Gegend; es war ein buntes Gemiſch von allerlei Volk, Wallonen, Warasdiner, Kroaten, Ulanen, Tiroler Scharfſchützen, die Corps von Bourbon, Carneville, von la Tour, Royal Saxe, Huſaren von Rohan und von Verſey und andere. Die Generale ſuchten gute Mannszucht zu halten, beſonders General Gontreuil und Oberſt von Brady, die im Schlößchen zu Königsberg einquartirt waren. Das kaiſerliche Heer marſchirte ab, die Franzoſen drangen über den Main, kamen auch nach Königsberg, die Plünderungen und Mißhandlungen begannen. Alles wurde durchſucht, durchwühlt nach verborgenen oder vergrabenen Schätzen; mit dem Waizen der jüngſten Ernte wurden die Pferde gefüttert; die Gegend von Königsberg hat ſchönen Weinbau; man ſchlug die Zapfen aus den Fäſſern und ließ den Wein in die Keller laufen, das gemahlene Getreide wurde aus den aufgehauenen Säcken in die Höfe geſchüttet, kurz, jeglicher Unfug getrieben. Die Generale Lefebre, Soult, Laval und Richepau legten ſich in das erſte Gaſthaus, ſie verlangten auf Silber zu ſpeiſen und waren wüthend darüber, daß der Wirth im kleinen Städtchen nicht Silber und Servietten genug beſaß; am Schlimmſten erging es auf den Dörfern den Pfarrern, da waren Gelder, Uhren, Kleider, Wäſche, Stiefeln, Schinken, Würſte, die willkommenſte Beute. General Leſebre, und überhaupt die hohen Offizieren, zeigten ſich gern zur Hülfe bereit, und als Ludwig vorſichtig und mit ruhigem Blick die ſchwierige Sachlage überſchaute und einſah, wie gar wenig es fruchten könne, wenn wenige einzelne Vermittler ſich in den Koloß —— dieſet einen n die Reſ Mann der hohe Koſten bis die So cher Au Bewegh welches Arzehl ren, von rüber de ſhriſtich zulezt d wollez keine Ftaype A Lbniz das co Mann ſch ſo Franp vaterlä M den e lungt, docht führt. Virth haten beim Durfes hatten ein von Hild⸗ at Merk, deſen der Bürger den rch ſeine Kennt⸗ greifenden Wor⸗ bt hatte. Als ruppen erſt bis ückt ſeien, wo ſe bereits. Die erſten Theil des Gen⸗ nter den Gene⸗ olk, Wallonen, „die Corps von ren von Rohan aute Mannszucht von Pudy, die ts kuiſerliche Heer kamen auch gen begannen⸗ edn vergrabenen den die Pſerde genbu; man „ die Keller gebauenen Sücken — Generab 4 erſte Guſhus parübet, duß Servietten gent 5 Pforrem, 3 Wirſte, chinken, ieren, zigten ſic 1 ni ruhigem un — 323— dieſer Heereszüge warfen, ſo erbat er vom General Lefebre geradezu einen neuen Schutzbrief für das Land Hildburghauſen, namentlich für die Reſidenz, und nächſt dieſem eine eigene Schutzwache von zehn Mann Unteroffizieren und Gefreiten, welche ihn begleiten, den Schutz der hohen Generalität wo es nöthig beglaubigen, und ſo lange auf Koſten des Hofes in Hildburghauſen weilen und verpflegt werden ſollten, bis die franzöſiſchen Armeen völlig dieſe Gegend verlaſſen haben würden. So eigenthümlich dieſe Zumuthung war, die Artigkeit, mit wel⸗ cher Ludwig dieſelbe vorbrachte, ſeine rührenden, menſchlich ſchönen Beweggründe, die Mittheilung beſonders, daß in demſelben Lande, für welches jetzt Schutz begehrt wurde, in der Nachbarſtadt Haldburg eine Anzahl gefangener franzöſiſcher Offiziere, welche dorthin escortirt wa⸗ ren, vom Magiſtrate dieſer Stadt gaſtlich verpflegt worden ſeien, wo⸗ rüber der Hildburghäuſer Beamte deren in warmen Worten ausgedrückte ſchriftliche Dankesbeſcheinigung bei ſich führte und vorzeigte, bewirkte zuletzt die Erfüllung der geſtellten Bitte; es wurde verſprochen, man wolle zur Erleichterung des Landes alles Mögliche thun, auch ſollten keine Truppenabtheilungen weiter in das Land hineinſtreifen und die Etappenſtraßen nicht verlaſſen. Am anderen Morgen brach das Heer zum Weitermarſch auf und Ludwig nahm mit ſeinen Begleitern den Rückweg über Heldburg und das coburgiſche Städtchen Rodach. Er ſorgte dafür, daß die zehn Mann Bedeckung ſich häufig Etwas zu Gute thaten und gewann ſich ſo dieſer Leute Zuneigung. Sie plauderten gern, wie alle Franzoſen, und kürzten den Weg durch heitere Geſpräche und muntere vaterländiſche Chanſons. Man war nur noch anderthalb Stunden von Hildburghauſen auf dem eingeſchlagenen Wege entfernt, war im Dorfe Eishauſen ange⸗ langt, und hielt vor dem Gaſthauſe dieſes Dorfes, das dicht an der Hochſtraße liegt, die vom deutſchen Süden nach dem deutſchen Norden führt. Der Beamte war müde und hatte ſich in einem Seſſel in der Wirthsſtube niedergelaſſen; Philipp und der Kammerdiener Grimm hatten längſt gute Kameradſchaft mit einander gemacht, und ſaßen beim Bierkrug gemüthlich beiſammen, während einige Knaben des Dorfes die Pferde der Herren, wie jene der Diener hielten. Es hatten ſich bereits ziemlich viele Dorfjungen vor dem Hauſe geſammelt, — neugierig die fremden Soldaten zu ſehen, die zum Theil vor dem Hauſe gruppirt, Bier oder auch Branntwein tranken. Ludwig ging in ſtillen Gedanken auf und ab, und dieſe Gedanken ſchweiften weit in die Ferne, nach einem theueren Grabe, nach Ottolinen, nach der Groß⸗ mutter, nach Doorwerth, in ſein Jugendheimathland, nach Paris, Amſter⸗ dam, dem Haag, nach London, nach Caſtle Chatsworth. Wenn ſie Zauberſpiegel hätten, meine Lieben in der Ferne, ſprach er zu ſich ſelbſt: und ſähen mich hier umhergehen, in dieſer Thalſtille, in dieſer eigenthümlichen Umgebung, an der Landſtraße, dort drüben das große, ſchöne, aber öde Schloß, und von Soldaten der franzöſiſchen Republik umgeben, ſie würden ſich wundern, würden fragen: Was ſoll das bedeuten? Wo iſt er, und wie kommt er dorthin? Und doch, wie iſt es hier ſo ſtill und friedlich! Mild weht die Luft, das Obſt an den Bäumen reift ſchon dem Herbſte entgegen, mit einem traulichen Gemurmel wälzt ſich der raſche Bach durch die Wieſenflur. Welche Gegenſätze, hier dieſe ſchöne ländliche Stille, und nur wenige Stunden jenſeits der ſüdlichen Hügelkette alle Greuel blutigen Krieges, Armeen, heute ſchon vielleicht die eine ſiegreich, die andere geſchlagen, zerſprengt, flüchtig und von der Hand der Ver⸗ geltung alle ſtrenge Züchtigung empfangend für das Unglück, womit ſie die Länder heimgeſucht, die unter ihren ehernen Tritten bluteten und noch bluten! Von der Ferne, aus der ſchönen Allee, die von Eishauſen nach dem nahen Dorfe Adelhauſen führt, ſchallten Poſthornklänge, es ſchien eine Erxtrapoſt zu nahen, Ludwig war eben wieder vor dem Gaſthof angelangt. Die Soldaten zechten luſtig und wohlgemuth auf ſeine Rechnung und ſangen im Chor ein franzöſiſches Liedchen: Zon, ma Lisette, Zon, ma Lison! Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon.„1: Pour combler mon amour Faisons sur ma couchette Ce que la nuit le jour Chacun fait en cachette. Zon, ma Lisette, Zon, ma Lison, Zon, ma Lisette, ma Lison, zon, zon! Wil ſie den fertigſte Die machte 1 jcdoch ei und rit Republi ben— geichfall Ludn rß, un Wagen. einmal zriſhen rif nit iſt unſe Ya herus Un Bo die gan uf die tung ſi Prig, Nider ihn u Lutniz Vindt das L gſehen s war An6 pſtuſt Theil vor m Audwig ging ſchweiften weit nach det Gtoß⸗ Pris, Anſter⸗ e ſem, ſprach dieſer Thalſille, ße, dort drüben der frurzſiſchen fugen: Was thin? Mild weht die erbſte entgegen, Lach durch die e Stille, und ale Gruuel e ſigreich die Hand der Per⸗ unglid, wonit Tritten bluteten Eishauſen nach ſibornklänge, e wieder vor dem au vohlgemh f 3 Liedchen: — Welcher Leichtſinn lebt nicht in dieſen Leuten! Geſtern noch hörten ſie den Donner feindlicher Kanonen, und heute ſingen ſie die leicht⸗ fertigſten Gaſſenhauer! ſprach Ludwig. Die mit vier Pferden beſpannte Poſtkutſche nahte; der Poſtillon machte Miene, am Gaſthauſe zu halten, in demſelben Augenblick ſah jedoch ein Herr aus dem Schlage, hörte und erblickte die Soldaten, und rief mit ängſtlicher Stimme dem Poſtillon zu: Soldaten der Republik! Nicht halten! Vorbei! Raſch vorbei, auf Tod und Le⸗ ben!— Ein Lakai auf dem Bock wiederholte dieſen Ruf und trieb gleichfalls zur Eile. Ludwig blickte, während der Poſtillon mit Unmuth an den Zügeln riß, um die Pferde wieder in die Mitte der Straße zu lenken, in den Wagen. Das ſchöne, jugendliche Geſicht dieſes Herrn hatte er ſchon einmal geſehen, ganz gewiß, neben ihm ſaß eine verſchleierte Dame, zwiſchen Beiden ein junges bildſchönes Mädchen, und dieſes Mädchen rief mit heller Stimme:„Oh mon Dieu! mon Dieu! Dieſer Herr iſt unſer Freund vom Kaſtell Doorwerth.“ Maßloſes Staunen erfaßte den Grafen, aber aus dem Soldatenhaufen heraus ſchrie jetzt ein bärtiger Sergeant: Morbleu! Sacre bleu! Un Bourbon! un Prince de Condé! und ſein Ruf brachte ſchnell die ganze Mannſchaft zuſammen; allein der Poſtillon hieb wie toll auf die Pferde und jagte im geſtreckten Galopp aus dem Dorfe, ſo wie die Höhe hinan, die dicht hinter Steinfeld in nordweſtlicher Rich⸗ tung ſich lange empor zieht. Es war kein Zweifel, das war derſelbe Prinz, den Ludwig in Doorwerth als Freund des Erbprinzen der Niederlande geſehen und geſprochen hatte, derſelbe, der, wie Leonardus ihm vertraut, damals Angés und das Kind beſucht hatte, während Ludwig mit dem Prinzen Ernſt Auguſt von Großbrittannien und Windt einen Recognitionsritt in die Herrlichkeit machte. Das Kind, das Ludwig jetzt im Vorüberfahren nur einen flüchtigen Augenblick geſehen, deſſen ſüße und liebliche Stimme ſein Ohr ſo eben berührt, es war Sophie geweſen, kein Zweifel, die kleine liebliche Sophie, Angö's theuere Schutzbefohlene!— Noch hatte Graf Ludwig alle dieſe Vorſtellungen kaum ausgedacht, ſo fuhr eine zweite Ertra⸗ poſtkutſche heran, neben dem Kutſcher ſaß ein Kammermädchen; aus — dem Schlage wehte ein grüner Schleier, ein Blick auf die im Wa⸗ gen ſitzende Dame und Ludwig ſchrie Philipp zu: Mein Pferd! Mein Pferd! Auch der zweite Poſtillon, da er ſeinen Kameraden ſo eilen ſah, hieb ſtark auf die Pferde ein, und die Kutſche flog pfeilgeſchwind an Ludwig vorüber. Dennoch konnte er ſehen, wie eine darin ſitzende Dame den Schleier zurück ſchlug und jauchzend rief er aus: Halt! Halt! Angés! O Angös!— Aber der Poſtillon, im Wahne, daß ſeinen Reiſenden Gefahr drohe, denn die Dame war nicht allein, es ſaß noch ein ältlicher Mann im Wagen bei ihr, trieb unaufhalt⸗ ſam die Pferde von dannen und jenem erſten Wagen nach. Mein Pferd! Mein Pferd! rief Ludwig noch einmal, ſchwang ſich eilend auf und ritt im ſauſenden Galopp hinterdrein, was den Poſtillon in dem Glauben beſtärkte, daß er ernſtlich verfolgt werde, er jagte deshalb die Pferde zur Höhe hinan, daß ſie dem Stürzen nahe kamen. Dennoch erreichte der Graf im raſchen Anſprengen den Wagen und donnerte dem Kutſcher mit einem geſpannten Doppel⸗ terzerol in der Hand ein Halt! zu. Das wirkte, der Poſtillon ließ die Pferde im Schritt gehen, Ludwig ritt an den Schlag, und rief hinein: Angés! Um des Himmels Willen, Angés! Biſt du es wirklich? Ja, ich bin es, o ich bin es, Graf Ludwig! O Gott!— Und du? — Wie treffen wir uns hier? Wunderbar! Wunderbar! rief Ludwig! Und wohin eilſt du, Angés? Woher? Wohin? Weit— weit fort! mein lieber Freund! Es iſt keine Sicherheit mehr in Deutſchland! Wir ſind verſcheucht aus jedem Aſyle. Die Prinzeſſin flieht, ich folge, und auch hier, Herr Jacques in Dienſten Seiner königlichen Hoheit des Prinzen. So ſehe ich dich, nur um dich abermals zu verlieren, Angés? rief der Graf erſchüttert aus. Es iſt ſo des Schickſals Wille! ſeufzte Angös und Thränen ent⸗ ſtrömten ihren Augen. Warum entzogſt du dich unſerm treuen Leonardus? fragte er ſie nach einer Weile, nicht ohne einigen Vorwurf im Tone. mer Hme nicht ande Siehſt du er, ſonſt Audw eiſt nch Ich kann machen! Nur war ihre Phil in Perft ten und nchtomn Angös ſ fihle du lbend, H, ſie Was k vernng iſch, w 3 herreite Sicde An raſtloſe Luhnig Vo lutet, hate die un und ſich Uhrſu Vhen f die in M⸗ Mein Pferd! ſo eilen ſah, eilgeſchwind an darin ſitende taus: Halt! daß cht alem, e Wahe, ieb unuufalt⸗ „ nal, ſchwang ein, was den erfolgt werde, dem Stürzen wprengen den unten Doyyel⸗ der Poſtillon * Schlag, ud Liſt du e 7 otn— Und du⸗ 337 ſſt du, Angés Fichecheit ine Eihhe Die „Aſyle. 2 gucgues in rn, ui d Thränen nt dus7 fut Tone· 327—— O mein lieber, lieber Freund! Es ging ja nicht anders; ich konnte nicht anders, ich mußte ſo handeln! Sprich Freund,— wo iſt er? Siehſt du ihn wieder? Erzählte er dir von mir? Gewiß, das that er, ſonſt könnteſt du mich nicht ſo fragen! Ludwig ſchwieg betreten— er fand nicht alsbald die Antwort; erſt nach einer Pauſe erwiderte er: Angés, ich muß dich ruhiger ſprechen. Ich kann unmöglich ſo mich mittheilen. Wird die Herrſchaft nicht Raſt machen? Nur ſo lange, als auf der nächſten Station umgeſpannt wird, war ihre Antwort. Philipp kam jetzt nachgaloppirt, Angeés erſchrak, ſie wähnte, es ſei ein Verfolger. Ludwig beruhigte ſie, gebot ſeinem Diener zurückzureit⸗ ten und dem Beamten zu ſagen, er möge mit der Schutzmannſchaft nachkommen. Ludwig war nicht geneigt, den Wagen, in welchem Angés ſaß, aus den Augen zu verlieren, aber welche mächtige Ge⸗ fühle durchwogten kämpfend ſeine Seele. Sie glaubte Leonardus noch lebend, ſie verließ wahrſcheinlich Deutſchland, weshalb that ſie das? O, ſie liebt nicht heiß, nicht wahrhaft! ſagte Ludwig ſich ſelbſt. Was kann ſie zwingen, ihre Freiheit hinzuopfern? Wie in aller Welt vermag ſie das über ſich? Ach, und wie ſchön iſt ſie noch! Wie himm⸗ liſch, wie rührend ſchön! Ich reiſe in Deutſchland, erzählte Ludwig flüchtig im Neben⸗ herreiten,— komme über jene Höhen da droben, war bei der Ar⸗ mee— o Angés, ich hatte mir vorgenommen, demnächſt nach Süddeutſchland zu gehen und unabläſſig nach dir zu ſuchen. Angés erglühte, ihre Lage war peinlich, ſie konnte nicht frei ihrem Gefühle Ausdruck verleihen, der alte Jacques, den die angeſtrengte raſtloſe Reiſe ſehr angriff, machte ein grämliches Geſicht, ſie ließ alſo Ludwig ſprechen und antwortete faſt nur durch Zeichen und Lächeln.— Vor dem Gaſthauſe in Eishauſen wurde es immer voller und lauter, aus einer Thalenge vom nahen Thüringerwaldgebirge herunter hatte ſich auf einſamen Feldwegen eine Zigeunerbande herabgeſchlichen, die unter der Leitung einer hexenhaft ausſehenden Altmutter ſtand, und ſich bald genug durch das Dorf verbreitete, ihre bekannten Künſte, Wahrſagen, Betteln und am Liebſten Stehlen zu üben. Das ganze Leben und Treiben der verſchiedenen Volksgruppen vor dem Wirths⸗ 328 haus gab eiu reiches Bild; die braunen Zigeuner, dies heimathloſe Volk, die munteren Franzoſen, die deutſchen Bauern und deren blühende zahlreiche Sprößlinge, endlich, damit auch der höhere Stand nicht unvertreten ſei, der vornehm gekleidete herzogliche Rath, der ſtattliche und gravitätiſche Grimm, der ſeinen Zopf ganz genau ſo trug, wie ſein hochſeliger Gebieter Prinz Joſeph Hollandinus den ſeinen getragen hatte— das Alles hätte einem Maler mannichfachen Stoff zu einem lebensvollen Bilde mit reicher Gruppirung geboten. Kammerdiener Grimm, der wohl ſchon häufiger mit Zigeunern ver⸗ kehrt haben mochte, trat der Altmutter nahe und ſagte: Nun, du ſchwarze Hexe! Willſt du mir nicht prophezeien? Gern, mein allerſchönſter Herr! entgegnete die Alte— laſſe mich nur in deine große und gewiß ſehr freigebige Hand blicken.— Alles drängte näher heran, und ſo konnten ſich die Glieder der Bande unbeobachtet im Dorfe zerſtreuen. Iſt das ein gewaltiger Mann! Ei! Stehſt in hohen Gnaden, Herr! Biſt auch im Felde geweſen, da ſteht's, biſt an manchem Galgen vorbei geritten, haſt viel geliebt, alter Junge— biſt dem Weibsvolke noch immer nicht gram! Ach, und dieſe Länge! Dieſe Länge! Mann, du haſt eine Lebenslinie, die ja faſt ſchnurgerade über die ganze Hand hinausläuft! Hab' Acht! Die Natur hat deinen Lebensfaden doppelt genommen, du wirſt noch viel erleben! Die, denen du jetzt dienſt, denen wirſt du ſpäter nicht mehr dienen! Sie werden dich und du wirſt ſie verlaſſen— wirſt aber gute und geruhige Tage haben, wirſt ſteinalt werden. Dummheit! fuhr Grimm die Alte an. Wenn ich weiter nichts haben ſoll, dann würde ich am Ende auch ſo eine Schönheit wie du werden, ſo eine Vogelſcheuche und Nachteule! Ei, warum haſt du dich denn nicht lieberjung henken laſſen? fragte die Alte. Komm her, prophezeie einmal einer Jungen, aber ich ſage dir, Alte, was Geſcheidtes! rief Grimm. Mit raſchem Griff erfaßte er eine friſche junge Frau, die er zu kennen ſchien, und zog die Widerſtrebende ohne Umſtände in den Kreis der Zuſchauer. Still gehalten, Frau Schmidtin! Nicht gemuckſt, Hand auf! Wenn dein Mann da wäre, dein alter Böhmack, der würde ſich freuen— wer weiß, ob dieſes alte Teufelsgehänge da nicht di herüber wo er ti Bähmen nahm ein Vort: Ach, rief Gri geſindel, Nun ge tind! H Mihel m Nit ihr Han duchzun fint au her da den Ni Muft große K werth, d Und ies heimahloſe rn und deren höhete Stand he Rath, der ganz genau ſo nus den fachen ing geboten. geunern ver⸗ Nun, du t — laſſe mich cken.— Alles er der Bande eohen Gnaden, unchem Galgen Weibsolie ⸗ die ganze Lebensfaden enen du jitt ie werden dich eruhige Tohe weiter richt Schönheit wie „fugtebieAle⸗ nih ſc bi, zu die er znde in den mta 3 ſicht gmſ⸗ . Löhm 35 lihlilge d 329 nicht deines Mannes Großmutter iſt? Iſt auch ſo vom Walde herüber geweht, dein Schmidt, wie dieſe da,— kein Menſch weiß, wo er eigentlich her iſt— doch will er ja aus dem Zigeunerlande Böhmen ſein, aus Hirſchberg.— Wir ſind nicht aus Böhmen, Herr, nahm ein junges braunes Weib, das ſich nahe bei der Alten hielt, das Wort: Wir ſtammen aus Aegspten! Ach, wollt unſer einem doch nicht ſolche Dummheiten aufbinden! rief Grimm. Ich will's euch beſſer ſagen, ihr Diebs- und Lumpen⸗ geſindel, wo ihr her ſeid! Aus des Teufels Kotze ſeid ihr gehüpft! Nun geſchwind, geſchwind, Schmidtin! Schönes Heldburger Stadt⸗ kind! Holdeſte weiland Jungfrau Grätzer— ach, es war das ſchönſte Mädel weit und breit! Laß dir wahrſagen! Mit großem Widerſtreben bot endlich die junge Frau der Alten ihre Hand, und dieſe murmelte nach einer Pauſe: Wirſt noch Mancherlei durchzumachen haben, ſchönes junges Weib! Wirſt aber ſtets dabei flink auf deinen Füßen ſein! Wirſt in einem großen Hauſe wohnen, aber das Haus wird nicht dein ſein! Ein fremder Herr wird kommen, den Niemand kennt, der kann dich glücklich und zufrieden machen! Mußt aber immer treu ſein— treu wie Gold und mußt noch eine große Kunſt lernen, die wenig Weiber können, ach, die iſt Goldes werth, du liebes Kind! Und welche Kunſt denn? fragte ſchüchtern die junge Fräu. Ja, umſonſt iſt der Tod, mein liebſtes Herzchen! entgegnete die Alte. Hier haſt du etwas, alte Wetterhexe! rief Kammerdiener Grimm. Aber mach es kurz! Die Alte richtete ſich hoch auf, überflog mit einem flammenden Blick den ganzen Kreis, der ſie umgab, und ſagte dann mit tiefem und bedeutungsvollen Ausdruck: Schweig und leid'— Es kommt die Zeit, Da ſchweigen macht Leides queit!— Der Wagen und der denſelben begleitende Reiter hatten jetzt den Endpunkt der Höhe erreicht, die ſich auf dieſer Seite ſteilab zum Wie⸗ ſenthale der Werra niederſenkte, im goldenen Reize des Sommerabends breitete ſich zu Füßen die nach einem verheerenden Brande im Jahre 1779 neu erſtandene herzogliche Reſidenzſtadt Hildburghauſen mit — 330— regelmäßig und ſchön gebauten Häuſern und neuen Ziegeldächern aus, an ihrer ſüdlichen Seite das große, ſtattliche Reſidenzſchloß, vor dem ein Waſſerſpiegel wie Silber erglänzte. Das kleine Thalflüßchen, die Werra, die ſich durch die breiten Wieſenflächen ſchlängelt, erhöhte noch den Reiz der Landſchaft. Bald war die Stadt erreicht und Angés ſah mit Sorgen dem Augenblick entgegen, wo ſie Angeſichts der Prinzeſſin, an welche ſie ihr Leben gebunden hatte, mit einem fremden Manne vertraulich ſprechen ſollte. Sie bat daher Ludwig, noch ehe die erſten Häuſer erreicht waren, vorauszureiten, oder ihr nachzufolgen. Der Graf machte ein bejahendes Zeichen und hielt ſein Pferd an. Zum alten Jacques ſagte Angés: Dieſer Herr iſt mir ein ſehr werther Freund, und iſt zugleich der innigſte Freund jenes Freundes, den Sie kennen, den Sie ſo treulich pflegten! Der alte Jacques antwortete Angés gar nicht, er ſchlief. Ludwig war ſehr verſtimmt; Angés' Furchtſamkeit und ihre große Rückſicht auf jene Fremden, die doch eigentlich jetzt nichts mehr waren als hei⸗ mathloſe Flüchtlinge, verletzte ſein Gefühl, trat ſeinem Ehrgeiz, ſeinem Selbſtbewußtſein, trat vor Allem einer ſich ſelbſt nie vollkommen ein⸗ geſtandenen zärtlichen Neigung feindlich entgegen, und er überlegte wirklich einen Augenblick, ob er Angés während des gewiß nur ſehr kurzen Aufenthaltes noch einmal ſprechen, oder ſie ohne Wiederſehen dahin ziehen laſſen ſolle, wohin das ſtärkere Band ſie zog? Aber nur einen Augenblick ſchwankte er ſo. Ein zärtliches Herz ſucht und findet tauſend Entſchuldigungen bei einem Zweifel, und ſein Vertrauen gleicht einer rauſchenden Fontaine, die wohl bisweilen kleiner wird, in ſich ſelbſt zuſammen zu ſinken droht, dann aber wieder friſch und kräftig ihre leuchtende Garbe in die Höhe treibt. Ludwig, den Philipp, während es noch die Anhöhe hinaufwärts ging, zum zweitenmale eingeholt hatte, ſtieg ab, gab dem Diener ſein Pferd und ging nach dem Poſthauſe, das zugleich ein Gaſthof war. Die Herrſchaft war ausgeſtiegen und hatte ein Zimmer genommen, die Prinzeſſin und das Kind waren tief verſchleiert. Sie zogen ſich gleich darauf in ein zweites Zimmer zurück und verſchloſſen daſſelbe. Ludwigs Blicke ſuchten Angés, er fand ſie nicht, der alte Kammer⸗ denje diener mich, 5 daß Sie verdamn Iſt doch Ad nie zuvt Angos nig, ſo ihr um Siel frogte d Sie lich und dem Solle e Lodesne langen Worten Aber. ſterbend Knpf denſelbe Ohe Sit Herſch freund zu Th geiſto zeſſn angen ſchaft fernen Ti des p geldichern aus, Hlof, vr den balflüßchen, di it Sorgen den an welche ſie ne vertraulich erſten Häuſer ſtin Pferd an. nir ein ſehr tes Freundes, ſclief. Ludwig grohe Nüſicht raren als hi⸗ Chrgeiz, ſinen ollommen ein⸗ d er überlegte nur ſcht kurzen ben dahin zichen rtliches herz n Zweifel, und obl bisneilen er wieder dann ab teibt. he tinufnirt en Diener ſiin „Gaſchof war. nmer gennnn gie zohe ſich n daſſlbe ſhloſſe te Konmet⸗ ral — 331— diener Jacques grüßte ihn freundlich und ſprach: Freut mich, freut mich, Herr Leonardus, Sie wieder ſo friſch zu ſehen, hätt's nicht gedacht, daß Sie ſich ſo ſchnell erholen würden. Waren doch recht herunter! Die verdammten Hunde die— werden auch noch ihren Lohn bekommen! Iſt doch nicht eine Spur von den Canaillen zu entdecken geweſen! Ludwig erwiederte nichts, er ſah, daß ihn jener Mann, den er nie zuvor gekannt, für Leonardus hielt. Wie er ſich umwandte, ſtand Angös hinter ihm, faßte ſeine beiden Hände und ſah ihn dabei ſo in⸗ nig, ſo flehend an,— hätte er ihr auch auf den Tod gezürnt, er hätte ihr um dieſes Blickes willen vergeben müſſen. Sieht er nicht wieder trefflich aus, unſer guter Herr Leonardus? fragte der Kammerdiener Angös.— Ja ja, hat ſich recht erholt. Sie lächelte ſchmerzlich über den Irrthum des guten alten Mannes, und dem Grafen klopfte ängſtlich das Herz. Was ſollte er thun? Sollte er hier, bei dieſem flüchtigen Begegnen, der Freundin die herbe Todesnachricht mittheilen? Sollte er ihr dieſelbe mitgeben auf den langen weiten Weg, wo ſie Niemand hatte, der mit freundlichen Worten des Troſtes heilenden Balſam auf ihr wundes Herz legte?— Aber durfte er es ihr denn verſchweigen, durfte er die Grüße des ſterbenden Freundes, die ihm aufgetragen waren, unterſchlagen?— Der Kampf war bitter, der in ihm rang— Angés' Worte unterbrachen denſelben: Lieber Freund! Seine Hoheit, der Prinz, laſſen bitten! Ohne Ceremonie— die wäre hier nicht am Ort! Ohne Verzug, denn jede Minute iſt koſtbar! Sie zeigte auf die Thüre des Zimmers, in welches die fremde Herrſchaft eingetreten war. Ludwig ging hinein, der Prinz trat ihm freundlich entgegen und verriegelte ſogleich die Thüre. Was ſie hier miteinander beſprachen, ob dem Grafen das Glück zu Theil wurde, die junge Dame wieder zu ſehen, die ihn als kleines geiſtvolles Mädchen zu Doorwerth entzückt hatte,— ob er die Prin⸗ zeſſin geſprochen, die ſich dieſes Kindes jetzt mit ſo großer Liebe angenommen zu haben ſchien, und welche von Angés als Geſell⸗ ſchafterin auf dieſer eiligen Reiſe aus dem deutſchen Süden in den fernen Norden begleitet wurde— darüber können wir nichts berichten. Tiefer Ernſt lag auf des Grafen Zügen, als er aus dem Zimmer des Prinzen trat. Die Wagen waren neu beſpannt, die Reiſenden 332 hatten eine Erfriſchung eingenommen, ſie traten raſch aus dem Hauſe, ſtiegen ebenſo raſch ein,— Ludwig war ehrerbietig zur Seite getreten. Als Angés folgte, drückte er ihr noch einmal mit allem Gefühle die Hand, und ſagte ihr nichts, als: Angés! Wir ſehen uns wieder! Der alte Kammerdiener, ſeinen Sitz einnehmend, ſprach noch aus dem Wagen heraus: Leben Sie recht wohl, mein Herr Leonardus! Es hat mich ſehr gefreut, Sie ſo wohl zu ſehen!— Dort rollten die Wagen hin, der Prinz bog ſich tief in den Grund zurück, Angés grüßte ihn noch einmal aus dem Schlage mit dem wehenden Tuche. Ludwig ſtand wie betäubt. Am Abende dieſes Tages ſaß er noch lange und ſchrieb mehrere Brieſe, einen an die Großmutter, in welchem er ihr Nach⸗ richt ertheilte über ſeine jüngſten Erlebniſſe; einen anderen an Windt, einen dritten nach Amſterdam an Leonardus Mutter— eine für ihn doppelt ſchmerzliche Aufgabe, als deren Sohn die Erlebniſſe ſeiner Reiſe im Sinne und Geiſt des verklärten Freundes ihr zu ſchildern. Einen ſchmerzlichen tiefempfundenen Brief ſchrieb er ferner an ſeine mütterliche Freundin in England, die jetzt auf dem Lande, zu Caſtle Chatsworth wohnte. Eine Stelle in dieſem Briefe lautete: „Mein Leben, o meine innigſtverehrte Freundin, iſt faſt nichts als eine Kette der ſchmerzlichſten Trennungsſtunden, deren jede einzelne mir, ich fühle es, ein Stück vom Herzen reißt. Und was bleibt mir zuletzt? Muß ich nicht fürchten, am Ende ganz einſam zu werden. Wie ſoll ich dem Leben und den Menſchen ein Herz bieten, wenn das Leben und die Menſchen mir mein Herz ſo grauſam nehmen? Iſt es nicht hart, in ſo jungen Jahren ſchon ſo viel Leid tragen zu müſſen? Meine Kindheit, meine Knaben⸗ und Jünglingsjahre floſſen ungetrübt dahin; auf einmal nahte mir, ein Blitz aus heiterem Him⸗ mel, die Bitterkeit der Welt, ihr Wehrmuthbecher war ſo mit herber Säure gemiſcht, daß ihre Wirkung mir das Herz zuſammenſchnürte. Im Paradieſe war ich und wußte es nicht, eine einzige böſe Stunde, und ich war aus ihm, verſtoßen, nicht ohne meine Schuld! O, wie jener Gedanke an meinen unſeligen Fluch mich quält, der mir ſelbſt zum Fluche wird! Immer ſtehen vor meiner Seele jene drei Gemülde Wouwermann's, welche das Wohnzimmer der Großmutter in ihrem Hauſe zu Hamburg ſchmücken. Das eine, Schloß Varel, mit einet Er Gewehre kehrte ein ein junge mutter K theueren Rücken e denſtlben Herten z O, vie i des Falke tig weil dres in wor min „Und Dyorwer Stom, Kaſtell! Kriegeri Meiſter belebt; e unher zu dinnſc Mßte i Silen Und ligen, we ſit in vie unhl Geſalten weg? L inner werde e gekannt zunh du ich zuetz us dem Hauſe, Seite getreten. en Gefühle die en uns wieder! noch aus dem Dort rollten die t, Angés grüßte Tuche. Ludnig und ſchrieb er ihr Nach⸗ anderen an utter— eine die Erlebniſe udes ihr zu Grieh er jemer uf dem Lunde, Briefe lautete: fiſt nichts als n jede eingelne nus bleibt nir ſn zu werden. bieten, wenn uſam nehnen Leid tragen zu göjahre ſoſen beiterem hin⸗ ſo nit herber böſe Sund, ethub! d, nilt, de n Seele jene M grnit in e Vunl⸗ ni 333 einer Gruppe fröhlich von der Hühnerjagd heimkehrender Jäger, mit Gewehren, Hühnerhunden, ein buntes fröhliches Gewimmel. Auch ich kehrte einſt fröhlich und heiteren Muthes unbefangen dorthin zurück, ein junger friſcher Weidmann mit reichlicher Jagdbeute für der Groß⸗ mutter Küche. Am andern Tage erfolgte der Abſchied von ihr, der theueren Greiſin, und der Sohn des Hauſes ſah dieſes Haus mit dem Rücken an. Neben Schloß Varel hängt Schloß Kniphauſen, von demſelben Meiſter. Hier iſt es eine Geſellſchaft edler Damen und Herren zu Roß und zu Fuß, die mit Falken zur Reiherbeize ausziehen. O, wie tief hat ſich mir jener Tag in die Seele geprägt, immer denke ich des Falken von Kniphauſen, des Wunderpokals, den ihre Lippen für ewig weihten! Dieſes Kleinod möchte ich beſitzen und ſonſt kein an⸗ deres in der Welt, nicht die Diamanten der reichſten Krone! Was war mein Glück? Wie heißt es? Scheiden und Meiden.“ „Und neben dem Bild von Kniphauſen hängt das von Schloß Doorwerth, von der Rheinſeite aus betrachtet; im Vordergrund der Strom, zur Seite das Fährhaus, in der Tiefe das ſtattliche mächtige Kaſtell mit ſeinen Thürmen, Baſteien, Schießſcharten und der Zugbrücke. Kriegeriſch blickt es auf die flache Landſchaft nieder, und ſo hat der Meiſter auch nach der ihm eigenthümlichen Weiſe den Vordergrund belebt; ein Schiff liegt am Uferbord, Kriegergruppen tummeln ſich dort umher zu Fuß und Roß, eine Schanze wird aufgeworfen, es iſt die Dünenſchanze. Erlebte ich dort nicht des kriegeriſchen Weſens genug? Mußte ich nicht auch dort ſcheiden von Seelen, die mein Herz im Stillen liebte?“ „Und ein viertes Schloß, davon ich kein Bild kenne außer demje⸗ nigen, welches in meinem Innern in glühenden Farben prangt, das nicht in Friesland liegt, nicht in Holland, wie war es dort ſo ſchön, wie umblühte es der holdeſte Zauber der allliebenden Natur, zwei Geſtalten wandeln auf dieſem Bilde— und was nahm ich mit hin⸗ weg? Wieder den tiefſten Schmerz einer Trennung. Trennung, und immer Trennung, ſo wird es fortgehen, bis ich ganz allein ſtehe, ich werde keine Seele, die ich liebe, mehr um mich haben, ungenannt, un⸗ gekannt wird das dunkle Leben des Dunkelgrafen verklingen, der durch das Leben ſeinen Schatten trug. Vom wackerſten Freunde mußte ich zuletzt mich trennen, den geliebteſten Freund mußte ich begraben, — 331— glauben Sie mir, theuerſte Freundin, daß ich ſtets zittere, wenn mein treuer Philipp mir Briefe bringt. Wird nicht wieder eine Todesnach⸗ richt darin ſtehen? denke ich jedesmal. So verfolgt mich mein dunkler Schatten, die Nacht meiner Gedanken, wie Andere mein unſeliger Fluch verfolgt! Haben Sie Acht, was Alles noch wahr wird! Und erſt heute, ein Wiederſehen, an deſſen nächſte Secunden abermals eine Trennung ſich knüpfte. Körperlih bin ich geſünder geworden, geiſtig leide ich mehr als je. Ich habe kein Lebensziel, mein Daſein hat keinen würdigen und erhabenen Zweck, das iſt ein Unglück, ich ſelbſt kann mir keinen ſchaf⸗ fen, das iſt ein noch größeres! Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, einen zu finden, und ſollte ich ihn weit, recht weit ſuchen.“ „Leben Sie tauſendmal wohl, und froh und reich und glücklich! Ich er⸗ warte auf dieſen verworrenen Brief keine Antwort, aber ſtreuen Sie aus der Ferne die frommen Blumen Ihres Segens auf den umdunkel⸗ ten Lebensweg Ihres Ludwig.“ Der herzogliche Beamte rückte mit dem Kammerdiener Grimm und den zehn Mann Schutzmannſchaft Abends in Hildburghauſen ein. Als er ſeinem Gebieter am anderen Morgen vom Erfolg ſeiner Sen⸗ dung Bericht erſtattete, in der Meinung, der Graf habe dies ſchon am Abend vorher gethan, fragte der Herzog: Wo iſt der Varel, wo iſt er? Iſt nicht bei mir geweſen, hat mir Nichts geſagt, ſagt über⸗ haupt nicht gerne was, der Sonderling, der! Der Büchſenſpanner Eberlein trat ein, und brachte Karten, höfliche Abſchiedskarten. Graf Ludwig war abgereist. Am nächſten Tage war er vergeſſen. Was er Gutes für das Land gethan, auch die ausgewirkte Schutz⸗ mannſchaft, das Alles wurde jetzt dem Verdienſt des Beamten ange⸗ rechnet, der den Grafen begleitet hatte, er empfing das volle anerkennende Lob ſeines Herrn, des Herzogs, und nahm es beſcheiden hin, wie einem treuen Diener ziemt. Eins nur feſſelte aus jenen Tagen in Hildburghauſen dauernd des Gra⸗ fen Erinnerung. Das war jenes ſtille friedliche Dorf, wo er zuerſt Sophie, wo er Angés wiedergeſehen hatte. dt ert, wem min eint Todesnah⸗ ich mein dunkler ſel ger 5 luch Und erſt heute, e Tremung ſtig leide ich wrdigen ir keinen ſcha⸗ fung noch nict weit ſuchen.“ tlich Ich er⸗ r ſtreuen Sie den umdunkel⸗ polg ſeinet Sen⸗ e dies ſchon tder Vurel, wo ſagt über⸗ nen liſich virtte Schut⸗ Beamten ange⸗ volle merkemende hin, wie einel L uennd bes 6 Gri⸗ wo er zuerſ Ludwig Bechſtein. nut cuu Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn 6 Ci⸗ 1854. ————— 8— —— ——— Dritter Theil. Das ſtille Schlo ß. Motto: Wir ſingen und ſagen vom Grafen ſo gern, Der hier in dem Schloſſe gehauſet. Goethe. T Crübe lihſer Mont, unhenlichen Sihlöſer eiſcht wurde zu Var der Nordſe Vellen. Es durheinnder. hanz erfallen niger berlaſſer hugz lein; d eſtnieg, n die alt Frn pfdungen W 6s ſtau Stlnot, 5 triennen lernt innt. Hir Ruine, unh ſit prehen ud pfanzte u gint i b m. 1. Eine Sterbeſtunde. T Vrübe ſchaurige Herbſttage, mit denen des Jahres unfreund⸗ lichſter Monat, der November, die Fluren überſchleierte, wechſelten mit unheimlichen Nächten. Zwiſchen heftigen Sturmſtößen, welche die Schlöſſer erſchütterten und ſie in ihren Grundfeſten erbeben machten, wurde zu Varel wie zu Kniphauſen von fern her der Wogendonner der Nordſee vernommen, ſie und die Flut im Jahdebuſen ſchlug hohe Wellen. Es regnete und ſchneite zu gleicher Zeit faſt unaufhörlich durcheinander. In ihrem Zimmer ſaß die alte Reichsgräfin, ſtarr, mit ganz verfallenen Zügen, aber immer noch körperkräftig und noch we⸗ niger verlaſſen von den Kräften ihres ſeltenen Geiſtes. Sie war ganz allein; die ſchöne Cyperkatze, die ſich einſt ſo traulich an ſie an⸗ geſchmiegt, war längſt geſtorben.— Im leiſen Selbſtgeſpräch bewegte die alte Frau die Lippen des zahnloſen Mundes, und gab den Em⸗ pfindungen Worte, die ihr Herz in ſchwerem Kampf bewegten. Es iſt Alles eitel unter der Sonne, Alles, ſprach ſie mit den Worten Salomo's, deren erſchütternde Wahrheit der Menſch mehr und mehr erkennen lernt, je näher er dem letzten Ziel dieſes irdiſchen Lebens kommt. Hier ſtehe ich nun, eine in ſich ſelbſt zuſammenbrechende Ruine, und was habe ich nicht Alles erlebt, gethan, geſchoffen, für wie Viele mich abgemüht, und was habe ich mit Alledem erreicht? Stehe ich nicht da, wie jener große Weiſe des Alterthums, kann ich nicht ſprechen gleich ihm:„Ich machte mir Gärten und Luſtgärten, und pflanzte allerlei fruchtbare Bäume darein?“— Mein Marien⸗ thal grünt hier noch fort, und die Nachwelt erlabt ſich ſeiner kühlen D. B. M. 22 338 Schatten.„Ich machte mir Deiche, daraus zu wäſſern den Wald der grünenden Bäume.“ Noch andere Deiche ſchuf ich, die das Land be⸗ ſchützen vor den drohenden Meereswogen, ich opferte mich auf für die⸗ ſes Land.„Ich hatte Knechte und Mägde und Geſinde,“ habe ſie noch, füttere und nähre Viele umſonſt, deren ich nicht mehr bedarf, die aber meiner bedürfen.„Ich ſammelte mir auch Silber und Gold, und war den Königen und Ländern ein Schatz“, ſpricht der weiſe Prediger. So that auch ich; ich ſammelte einen reichen Schatz in Gold und Silber und in Erz, welches der edle Roſt von Jahrtauſen⸗ den ziert, meine Münzen. Und was wird das Loos dieſer Samm⸗ lung ſein? Die ſie nach mir beſitzen, werden gemünztes Gold und Silber nöthiger brauchen, werden meinen Schatz verkaufen, und er wird allmählig wieder kommen in die Hände der Händler, wird zerſtreut werden, wie er vor mir zerſtreut war, denn es iſt Alles eitel, ja,„da ich anſah alle meine Werke, die meine Hand gethan hatte, und die Mühe ſchätze, die ich gehabt hatte, ſiche da war es Alles eitel und Jammer und Nichts mehr unter der Sonne.“ Jammer, ja wohl, Jammer! O du hoher Prophet, du Weiſer im Purpurmantel! Theure und werthe Verwandte ſah ich verbannt werden und in Jammer und Elend ziehen, werthes Beſitzthum ſah ich verloren gehen und mich deſſen beraubt werden, womit ich Andere glücklich machen wollte, mein ge⸗ liebteſter Enkel iſt weit, weit von mir gegangen, wird mir nicht die Augen zudrücken, zieht einem jungen ſchönen Stern liebend nach, und drüben in Kniphauſen bricht ein reines, edles Herz an einem Weh, das unausſprechlich iſt. Jammer! Jammer! Und ſo werde ich mit vollem Rechte ſagen müſſen mit dem Prediger:„Mich verdroß alle meine Arbeit, die ich unter der Sonne hatte, daß ich dieſelbe einem Menſchen laſſen mußte, der nach mir ſein ſoll. Denn wer weiß ob er weiſe oder toll ſein wird, und ſoll doch herrſchen in aller meiner Arbeit!“ Fort mit den thörichten Gedanken! rief aus ihrem trüben Sinnen ſich aufrichtend die Reichsgräfinz mit derartigen Gedanken ſich zu quälen, iſt auch eitel, und„der Herr,“ ſingt der Pſalmiſt,„der Herr weiß die Gedanken der Menſchen, daß ſie eitel ſind.“ Die Matrone klingelte, der Diener trat ein: Ich laſſe die Herren bitten! ———— Et ſtand umſtanden de obeten Ende liegenden Ar Perbeugunge chers, der S immer noch leiſtete und I gri men! ſprach und als ihre wie ein Man brchung ſche und Pertrige durch unerh von denen d Eylels, des es uns koſte es mir endli Seinigen zu nicht Hinnel ſü in meine ibunſchnt Scharutbetr Amſtnhet hirdert ds da drüben t unſere Perg iſ bekannt, kels war u nit hier m ſiitigen Pyr iu bechelſ zufs Neue ſhung, do Antige n Wald r as Land be⸗ uf für die⸗ „ habe ſi mehr bedarf, et und Gold, ht der weiſe n Schatz in Jahrtauſen⸗ ndlet, wird ſt Alles eitel, hatte, und les eitel und r, ja wohl, mel! Theure ammer und nich deſen e, mein ge⸗ nir nicht die nd nach und einem Veh, erde ich nit verdroß alle lbe einen 6 e * d dieſe wer weiß cb aller meinet iben Eimn ſich zu gülen ſe ſie Henen ———————— — 339— Es ſtand ein großer grüner Tiſch im Zimmer, fünf Polſterſtühle umſtanden denſelben. Die Reichsgräfin ließ ſich auf dem Seſſel am oberen Ende dieſes Tiſches nieder und blätterte in einigen vor ihr liegenden Actenheften. Die Thüre ging auf, die Herren traten unter Verbeugungen ein; es waren der Hofrath Brünings, der Rath Mel⸗ chers, der Secretär Wippermann und der Haushofmeiſter Windt, der immer noch den alten Titel hatte, der aber zu Dem, was er wirklich leiſtete und geleiſtet hatte, wenig paßte. Ich grüße Sie, meine Herren! Wollen Sie gefälligſt Platz neh⸗ men! ſprach mit leiſem Neigen ihres Hauptes die alte ſtolze Herrin, und als ihrem Winke Folge geleiſtet worden war, redete ſie feſt und wie ein Mann die Anweſenden an: Nach langer, ſehr langer Unter⸗ brechung ſehen wir uns heute wieder vereinigt, um Unterhandlungen und Verträge aufs Neue aufzunehmen, deren völliger Abſchluß ſtets durch unverhoffte Widerwärtigkeiten hinausgeſchoben und verzögert wurde, von denen die wichtigſte die langwierige Haft meines geliebten älteſten Enkels, des regierenden Herrn, war. Nach unſäglicher Mühe, die wir es uns koſten ließen, durch Verwendungen bei Gott und der Welt, iſt es mir endlich gelungen, den Erbherrn frei zu machen und ihn den Seinigen zurückzugeben, was nimmermehr geſchehen wäre, wenn ich nicht Himmel und Hölle beſchworen hätte, denn ich muß es immer ſein, die in meiner Familie handelt. Mein zweiter Enkel iſt nach England übergeſiedelt und hat mit ſeinem Vetter William, dem Vice⸗Admiral, Sepäratverträge abgeſchloſſen. Höchſt erwünſcht wäre für uns die Anweſenheit meines älteſten Enkels, der uns nahe genug iſt, aber ihn hindert das ſchwere Krankſein ſeiner Gemahlin, hier zu erſcheinen; und da drüben das Aeußerſte zu befürchten iſt, ſo würde es zwecklos ſein, unſere Berathung auf die nächſte Zeit zu verſchieben. Ihnen Allen iſt bekannt, wie es der lebhafteſte Wunſch meines älteſten Herrn En⸗ kels war und iſt, ſich im Beſitz der Herrlichkeit Doorwerth zu ſehen, wie hier mein getreuer Herr Windt Alles aufgeboten hat, im beider⸗ ſeitigen Vortheil zu handeln und beiderſeitigen Wünſchen zur Erfüllung zu verhelfen. Es war Alles im beſten Gange, mein Enkel bot willig aufs Neue die Hand zu gütlichem Vergleich, er machte ſelbſt eine An⸗ zahlung, da hemmt ſeine unglückliche Haft wieder Alles, Vergleich, Verträge und fernere Zahlungen. Und doch, meine Herren, wenn 22* — 340— jetzt kein Vergleich in aller Form Rechtens zu Stande kommt, dann kommt ein ſolcher zwiſchen mir und meinen Enkeln nie zu Stande, denn ich fühle es, ich bin zum Letztenmale hier in Varel und mein Leben neigt ſich raſch zu Ende— iſt es doch ein Wunder, daß der alters⸗ morſche Bau ſo lange ausgedauert hat. Hören Sie den entſetzlichen Sturm draußen, meine Herren? So heftige Stürme im Innern, im Gemüthe haben mich gar oft durchſchüttert, endlich bricht der Damm, endlich fluthet die letzte Düne in der wild brandenden Wirbelwelle des Lebens dahin! Sagen Sie, beſter Herr Rath Melchers, dem Bevoll⸗ mächtigten meines älteſten Enkels Herrn Hofrath Brünings die neu zu Papier gebrachten Vergleichsbedingungen, und Sie Herr Secretär Wippermann, nehmen Alles genau zu Protocoll. Sie, mein lieber Windt, theilen dann den geehrten Herren das Weitere mit, und dann berathen Sie gemeinſchaftlich, während ich mich zurückziehe, allſeits nach beſter Einſicht. Die Reichsgräfin erhob ſich, und ging mit feſten Schritten aus dem Zimmer in das anſtoßende Gemach. Melchers that wie ihm geheißen war; er las aus einer Schrift die Vergleichsbedingungen vor, welche mamnichfache Abänderung er⸗ fahren hatten, und jetzt in der Kürze folgenden Inhaltes waren: Alle Proceſſe ſollten ab ſein für immer, alles vorhergegangene Unange⸗ nehme gegenſeitig vergeben und vergeſſen, alle gegenſeitigen Anſprüche ſollten fallen, wechſelſeitiges Vertrauen, Freundſchaft und vollkommene Eintracht ſollen künftig in der hohen Familie herrſchen. Doorwerth ſolle noch bei Lebzeiten der Frau Reichsgräfin Excellenz an den Erb⸗ herrn abgetreten werden, dagegen der letztere jene Summe zahlen, welche namhaft gemacht worden, nämlich 150,000 holländiſche Gulden in näher zu beſtimmenden Terminen, 14,000 Reichsthaler in Gold jährlich und bis 2 Jahre nach dem Tode der Reichsgräfin an deren Miterben für den Beſitz der deutſchen Güter ebenfalls in den bisher gewöhn⸗ lichen Terminen, und über dieſe Summe ſolle der Frau Reichsgräfin Excellenz die Verfügung völlig frei ſtehen, ebenſo wie über ihren ſämmt⸗ lichen Hamburgiſchen Nachlaß, jedoch mit Ausnahme jener Edelſteine, die Fideicommißgut des reichsgräflichen Hauſes ſeien, was ſich von ſelbſt verſtehe und nur angeführt werde, damit nach Illuſtriſſimä Ableben gar keine Handhabe zu irgend neuen Zwieſpalten zu finden ſei, und nach ſo mnt desgemüß ver Es ſid mein verehrt Herm Grafe Und zu Vindt, un zu überzeuge lon Seiten Es vürd Artikel einzu Gffülung al hern Enkel genthimlichen nit den biſt ſers Erktls, zum vollen cedirt und i herligkeit telt Seine aler ſo Feu gfulle. h weß ie Ruh N nignt Wop der zwar je und Modus Gelieterin e dofuth, ſo Vutng au zahlten zwe Iihlun vo itz denn d ümn des diſhe nich nmt, dam zu Stande, l und mein belwelle des em Beoll⸗ gö die neu r Sectetär nein lieber und dann e, alſſeits hritten aus iner Schrft nderung el⸗ voren: All ne Unange⸗ nAnſpriche vollkommene Drornert nden Erb⸗ len, welht Gulben in old jihri nMiterben her geubhr⸗ gihigrifn hrn ſinnt⸗ ßdelſtin h won ſilſt ni Ableben ſii/ ud ——— nach ſo manchem traurigen Zerwürfniß hinfort Alles ehren⸗ und ſtan⸗ desgemäß verhandelt werde. Es ſind dies, nahm Hofrath Brünings das Wort: dieſelben Artikel, mein verehrter Herr College Melchers, zu welchen ſich meines gnädigen Herrn Grafen Excellenz in meinem Beiſein verpflichtet haben. Und zu deren Aufſetzung auch ich das Meinige gethan, ſprach Windt, um Ihre Hochreichsgräfliche Excellenz die Frau Großmutter zu überzeugen, daß es auf keine längere Verzögerung abgeſehen iſt von Seiten des regierenden Erbherrn. Es würden demnach, nahm Brünings das Wort, in die Vergleichs⸗ Artikel einzuſchalten ſein die Bedingungen, daß, unter Vorbehalt der Erfüllung alles Zugeſagten, die Frau Reichsgräfin Excellenz ihrem Herrn Enkel die Herrlichkeit Doorwerth mit aller Zubehör zum ei⸗ genthümlichen Beſitz übertrage und gänzlich cedire, wie ich bitten muß, mit den beſtimmt ausgedrückten Worten: daß wir zum Behufe un⸗ ſers Enkels, des hochgeborenen Herrn, und ſo weiter, und ſeiner Erben zum vollen und vollkommenen Eigenthum cedirt und übergeben haben, cedirt und übergeben, kraft dieſes Inſtrumentes, unſere hohe und freie Herrlichkeit Doorwerth; auch ferner wörtlich den Paſſus, daß inmit⸗ telſt Seine Hochgeboren der regierende Herr Graf in Anſehung aller ſo Feudal⸗ als Allodial⸗Güter handeln könne nach ſeinem Wohl⸗ gefallen. Ich weiß doch nicht, hochverehrteſter Herr College, ſprach hierauf der Rath Melchers: ob man wohl thut, dieſe Sache ſo zu beſchleu⸗ nigen? Wozu Eile in Rechtsſachen? iſt ein alter Spruch. Mir leuchtet der zwar jetzt von mir vorgetragene, aber von Ihnen entworfene Plan und Modus durchaus nicht ein, und ich würde meiner gnädigſten Gebieterin ebenſo wenig anrathen können, die von Ihnen, Herr Hofrath, ſo eben angeführten Stellen wörtlich in den Vergleichs⸗ Vertrag aufzunehmen, bevor nicht wirklich ſtatt der nur erſt ange⸗ zahlten zwanzigtauſend Mark Hamburger Banco die erſtbedungene Zahlung von fünfzigtauſend Gulden völlig und baar entrichtet worden iſt; denn die Hauptfrage bei dieſem Geſchäft bleibt doch immer die: Kann des gnädigen Herrn Grafen Excellenz zahlen oder kann Hoch⸗ derſelbe nicht zahlen? — 342— Wenn er nicht zahlen könnte, mein verehrter Herr College, entgegnete Hofrath Brünings, indem er mit einiger Raſchheit eine Prieſe nahm: ſo würde Hochderſelbe ſich nicht zur Zahlung verpflichten! Ihr Wort in Ehren, beſter Herr College, verſetzte Rath Melchers ſehr ruhig. Nehmen Sie um des Himmelswillen nicht, was ich ſage, und im Namen, wie im Intereſſe meiner hohen Gebieterin äußern muß, ſelbſt wenn Hochdieſelbe mir dieſe Bemerkungen nicht auftrug, nehmen Sie dies in keiner Weiſe perſönlich; ich hege ja gegen den gnädigen Erbherrn die großmöglichſte Verehrung. Aber ſagen Sie ſelbſt, wollen und können Sie es verhehlen, daß derſelbe arm iſt? Hatte er nicht allen Credit verloren ſchon vor ſeiner Gefangenſchaft? Hat ihm nicht, wie Freund Windt mir beſtätigen wird, der eigene Bruder jede Hülfe abgeſagt, ebenſo der beſte Freund, Graf Groveſtein? Ebenſo der hohe Verwandte, der Herzog von Portland? Und nur ein Kaufmann aus Amſterdam war es, der dem jungen Herrn damals die Summe von fünfzigtauſend Gulden zur Verfügung ſtellte, mit der dieſer ebenſo großmüthig als unbedachtſam dem Erbherrn zu helfen glaubte, damit aber nur Waſſer in die Zuider⸗See goß! Nie wird dieſe Summe, die, ſtatt ganz auf Doorwerth angelegt und ange⸗ zahlt zu werden, für politiſche Gaukeleien zerſplittert wurde, zucück bezahlt werden können, denn ſie wird ja nicht einmal verzinst. Herr! fuhr Hofrath Brünings auf: Nennen Sie den edelſten Patriotismus, die heilige Vaterlandsliebe in der Bruſt eines wahr⸗ haften Edel⸗ und Ehrenmannes, eine politiſche Gaukelei? Ereifern Sie ſich nicht, geehrter Herr! erwiederte Melchers, ein ſchon ziemlich bejahrter Mann mit einem vollen gemüthlichen Geſicht, das zu dem ſeinen, ſpitzen und hohlwangigen Antlitz des Hofrath Brünings einen ſehr angenehmen Gegenſatz bildete: wir ſind nicht hier, um uns über politiſche Anſichten zu ſtreiten. Ich bekämpfe nicht die Ihrigen, und will die Meinen nicht bekämpfen laſſen. Gaukelei im erwähnten Sinne nenne ich jedes Unternehmen und jede That auf dem politiſchen Gebiete, die der Welt unnütz ſind und dem, der ſie ohne Vorausſicht, ohne Ueberlegung beginnt, nur Schaden und nicht den mindeſten Mutzen bringen. Für Leute ſolchen Schlages, warf Brünings voll ſittlicher Ent⸗ rüſtung und tiefer Verachtung hin: gibt es keine Mannestugend, keine Paterlandslibe Herz in der Br meruf der gel klage um die! bei der Noth Mit Abſic College, verſe war etwa unſe ſigen Herrlichk Lolk unglücki ſiner Herrſcha Pyrn es Wei in Bn zu und einander d Colge, ibet d Jh titn, wicder zwic die Streitend lichen Jahdel unpolitiſcher, nnih M Gufen Erul ibrhaupt jn Die Sach 4 Fun finfjgtuuſend nach nte buhen ug nach tolgt Temin nicht Gulden erft uct Lage, lchen Frau o r Colbge, ſchheit eine etpflichtn! th Melchers ö ich ſage, krin äußern cht auftrg, gegen den ſagen Eie e arm iſt? ngenſchaft? der eigene roveſtein? nd nur ein rn damals e, mit der z elen Nie wird und ange⸗ tde, zucid den delſten eines wahr⸗ lchers, ein chen Grſcht, des Hoftth nd nicht hier, . nicht de Gmklei in d Iu u e, det ſt en und nicht ttlicher Ent⸗ d, keine tugen — 343— Vaterlandsliebe, keine Aufopferungsfähigkeit; ihnen ſchlägt nie das Herz in der Bruſt unruhiger beim Unglück ihres Volkes, beim Jam⸗ merruf der geknechteten Menſchheit, ſie verſchließen ihr Ohr der Weh⸗ klage um die hingemordete Freiheit und dem Rufe der Sturmglocken bei der Noth des Vaterlandes! Mit Abſicht verſchließe ich nie mein Ohr, hochgeſchätzter Herr College, verſetzte Melchers mit heiterer Ruhe; aber ich frage Sie, war etwa unſer Vaterland in Noth, als die Unterthanen in den hie⸗ ſigen Herrlichteiten keine Steuern mehr geben wollten? War das Volk unglücklich, daß es in toller Nachäfferei Frankreichs ſich von ſeiner Herrſchaft losſagen und dieſe womöglich fortjagen wollte? Waren es Weiſe Griechenlands oder waren es Affen Frankreichs, die im Caſino zu Varel auf einmal ihre Hüte auf den Köpfen behielten und einander den Titel Bürger beilegten? Doch genug, beſter Herr College, über dieſes in der That affreuſe Kapitel. Ich bitte, meine Herren, nach dieſer intereſſanten Abſchweifung wieder zurück und auf unſer Hauptthema zu kommen, ermahnte Windt die Streitenden mit ironiſchem Lächeln. Wir werden hier am fried⸗ lichen Jahdebuſen nimmermehr auskämpfen, was im Weltmeer der Geſchichte gährt und ſtreitet. Wir Deutſche ſind überhaupt niemals unpolitiſcher, als wenn wir ins Politiſiren hineingerathen. Herr Kam⸗ merath Melchers alſo ſind der Anſicht, daß des regierenden Herrn Grafen Excellenz nicht die Mittel finden werde, zur rechten Zeit oder überhaupt jemals Zahlung leiſten zu können? Die Sache ſteht ſo, erwiederte Melchers: die an Ihre Ercellenz die Frau Reichsgräfin zu zahlende Summe beträgt einhundertund⸗ fünfzigtauſend Gulden, davon ſollen im erſten Termine acht Wochen nach Unterzeichnung und Austauſch der Contracte, fünfzigtauſend Gulden angezahlt werden, mit Ingebriff der bereits angezahlten zwan⸗ zigtauſend Mark Hamburger Banco. Acht Wochen ſpäter und zwar nach erfolgter Uebergabe der Herrlichkeit Doorwerth ſoll der zweite Termin nicht mit der gleichen Summe, ſondern mit hunderttauſend Gulden erfolgen, und außerdem ſoll der Erbherr, innerhalb der erſten acht Tage, in denen er im Beſitz der Herrlichkeit iſt, der hochgräf⸗ lichen Frau Großmutter eine bündige Obligation auf fünfundzwanzig⸗ tauſend Reichsthaler in Gold behändigen. — 344—— Eine Obligation, nahm Brünings haſtig das Wort, welche der gnädige Herr ſehr gut ausſtellen kann, da ausdrücklich bedungen iſt, daß dieſe Summe nicht verzinst, auch weder von der Frau Gräfin ſelbſt, noch von einem ſonſtigen Beſitzer baar eingefordert werden kann und ſoll, bis ſich günſtigere Finanz⸗ oder beſondere Glücksum⸗ ſtände ereignen. O weh, Herr College! rief Melchers. Bauen Sie auf ſolchen Grund den Palaſt Ihrer Hoffnungen? Auf Finanzveybeſſerungen hoffen Sie? Ich ſehe in der Zukunft nur Verſchlimmerungen! Oder auf Glücksumſtände? Da thun Sie mir leid, das ſind die trüglichen Hoffnungen eines Spielers! Bedenken Sie doch ſelbſt als erfahrener Finanzmann, denn in Ihrem Fach ſind Sie nicht ſo unpraktiſch, wie in Ihren politiſchen Ideen, was iſt die Obligation eines Mannes werth, der inſolvent iſt? Wer bürgt für ihn? Auf welche Be⸗ ſitzungen kann er erſte Hypotheke geben? Wo fließen ihm außerge⸗ wöhnliche Einnahmequellen? Und das Alles in einer Zeit, in welcher Niemand ſagen kann, daß ſein Vermögen gedeckt und geſichert ſei, und ſeine zeitlichen Umſtände nicht ſchneller Umwandlung erliegen? Möglich iſt Alles, und es wird ja genugſam auf den Umſturz hin⸗ gearbeitet. Dann ſind wir die längſte Zeit Herren in den Herrlich⸗ keiten geweſen. Dänemark greift zu und vereinigt dieſes Land mit Holſtein. Nun denn, ſprach Brünings: wenn es ſo ſteht, daß an die Stelle erwarteten Vertrauens das offenbare Mißtrauen tritt, wenn ſtatt bedachter Klugheit die Klügelei vorwaltet, dann rathe ich und muß ich rathen, mit dem Vergleich und dem Verkaufs⸗Geſchäft noch zu warten, und Alles einer ſich ruhiger geſtaltenden Zukunft zur weiteren Entwickelung anheim zu geben. Concedo, mein werther Herr College! rief Melchers: dacht' es gleich, daß wir uns einigen würden; inzwiſchen wird wohl für meine hochgnädige Gebieterin das Beſte ſein, die Güter, wie ganz in der Ordnung, und wie es auch billig iſt, lieber an ſich zu behalten, als ſie ſo auf ein Gerathewohl hinzugeben; darum denke ich, meine Herren, wir machen Schicht! Und ſind ſo weit wie zuvor! rief plötzlich die Stimme der ſtill wieder eingetretenen Reichsgräfin mit heftigem Tone. Wahrlich, wenn Rufland, Fr Schweden, und zuvor di fuum lngwe iſt un ein e es winem nicht überei und rund, Die go denen es vi Rechmungen gezögerte und Einttitt des Meldunz zu tigtbie Stin Bote, über O Gott Porhnung Der Bot keinen Bri, ſichten anbef Was? Jnr in ſei Des Erl Ihr Grelr Oiline rijn leiſe Aber El Gegenib Alter! uſe da ſe nih bitun, mir doch us d ſ leiſ, daß ſu den uch ſuun „welche der edungen iſt, Frau Grifn dert werden e Glücksum⸗ zuf ſolchen ungen hoffn Oder auf ie tüglichen s erfahrener raktiſch, wie es Mannes welche Be⸗ m außerge⸗ „in welchet ng erliegen? Unſtut hin⸗ den herrlih⸗ ſes Lund nit daß an die tritt, wenn athe ich und Geſchift nh zulufft zur 3: dahht e h für meine gunz in v behaltn, c n ih, wn ——————————— —— Rußland, Frankreich, England, Oeſterreich, Preußen, Deutſchland, Schweden, Dänemark und die Türkei mit einander Kriege führen und zuvor die Streitfrage diplomatiſch ausfechten wollten, ſo könnte kaum langweiliger und unentſchiedener gehandelt werden, als hier der Fall iſt um ein einziges Kammergut. Ich will Doorwerth verkaufen, ich will es meinem älteſten Enkel verkaufen. Warum kommen die Herren nicht überein, warum wird nicht abgeſtimmt und abgeſchloſſen kurz und rund, wie ich es will? Die ganz nach Art zaghafter und bedenklicher Bureaukraten, denen es völlig einerlei iſt, ob die Welt untergeht, wenn nur ihre Rechnungen ſtimmen und kein Deficit in ihren Geldtruhen iſt, hin⸗ gezögerte und verklügelte Verhandlung wurde hier plötzlich durch den Eintritt des alten Dieners Weißbrod unterbrochen, welcher ſich mit der Meldung zu der Reichsgräfin wandte: Ihre Excellenz verzeihen mir gnä⸗ digſt die Störung, aber die Sache iſt dringend. So eben kam ein reitender Bote, über und über triefend, und halb erſtarrt, von Kniphauſen herauf. O Gott! Was gibt es? rief die alte Dame, von einer dunklen Vorahnung ergriffen: Der Bote kommt vom gnädigen Herrn! berichtete Weißbrod: er hat keinen Brief, der Herr haben ihm mündlich aufgetragen und auszu⸗ richten anbefohlen, daß— Was? Heraus damit, rief die Gräfin feſt und entſchieden, als Jener in ſeiner Rede ſtockte. Des Erbherrn Gemahlin wären ſehr krank und wünſchten dringend Ihre Excellenz noch einmal zu ſprechen. Ottoline! Das arme Herz, ich hab' es geahnt, ſprach die Reichs⸗ gräfin leiſe vor ſich hin: wohl denn, es geſchehe ihr Wille. Aber Excellenz, rief Weißbrod beſtürzt; das entſetzliche Wetter! Gegenüber dem Willen eines Sterbenden gibt es kein Wetter, Alter! Laſſe gleich den großen Glaswagen anſpannen, ſage der Windt, daß ſie mich begleiten ſoll, auch Sie, Herr Windt, darf ich wohl bitten, mir den Gefallen zu thun und mitzufahren. Nehmen Sie doch aus den Acten jene Quittung mit— das Weitere flüſterte ſie ſo leiſe, daß nur der Haushofmeiſter es vernahm, dann wandte ſie ſich wieder zu den Uebrigen: Ihnen, meine Herren, danke ich für die abermalige fruchtloſe Bemühung ganz nach Verdienſt. Ich ſehe ein, daß Sie — 346— allſeits es redlich und treu mit mir meinen, aber langweilig iſt die Sache, ſehr langweilig. Selbſt das hochweiſe Kammergericht zu Wetzlar iſt nicht langweiliger und weitſchweifiger. Und nun ſoll gar Nichts aus dem ganzen Handel werden, gar Nichts, nun will ich nicht mehr! Niemand ſoll wieder davon mit mir zu reden anfangen, ich verbitte und unterſage dies ernſtlich. Adieu, meine Herren! Bitterböſe rauſchte die Reichsgräfin aus dem Zimmer und warf deſſen Thüre mit ungnädiger Heftigkeit hinter ſich zu. Ein böſes Wetter heute, meine Herren! ſprach Hofrath Brünings und zog die Doſe. Nehmen wir noch eine Priſe mit auf den Heim⸗ weg! Und Sie, Herr Haushofmeiſter, erkälten Sie ſich nicht. Ich beneide Sie nicht um die bevorſtehende Spazierfahrt, Sie werden dabei viel Sturm auszuſtehen haben. Mit Windeseile jagten ſechs ſtattliche Rappen durch Sturm und Regen über Meereskies und Marſchland auf dem beſten Wege von Varel nach Kniphauſen dahin. Herr Brünings aber hatte ſich doch geirrt; die hochbejahrte Frau, die den Aufruhr der Elemente nicht ſcheute, um den Wunſch einer dem Tode nahen Enkelin zu erfüllen, hatte ihr Antlitz in Schleier gehüllt und ſaß während der ganzen Fahrt ſtill und regungslos im Wagen. Vor ihr hatten Windt und deſſen Schweſter den Rückſitz eingenommen. Da die Herrin nicht redete, wagten auch ihre Begleiter nicht zu ſprechen. Die Made war furchtbar angeſchwollen, faſt war die Brücke bedroht, jetzt zeigte ſich formlos in Nebelſchleiern das ſtattliche Schloß, grau wie ein Ge⸗ ſpenſterhaus. Einige Augenblicke legte ſich der Sturm, da drang ein heißerer Schrei herüber vom einſam ragenden Marienthurme; ein Falke, der im Gemäuer ſein Neſt hatte, ſchrie ſo laut und ängſtlich. Noch eine bange Viertelſtunde und Schloß Kniphauſen war erreicht. Der Tag war der 24. November des Jahres 1799. Der Erbherr trat der Reichsgräfin verſtört entgegen, es war ein trauriges Wiederſehen. Großmutter und Enkel wechſelten nur wenige Worte, die Dienerſchaft ſtand bleich und bekümmert auf den Gallerien, viele hatten verweinte Augen. Den Erbherrn hatte die lange Haft und manche Sorge ſehr verändert: jetzt beugte ihn tiefer Kummer nieder, denn er hatte ſeine Gemahlin wahrhaft geliebt, wenn uch ſein of linens ſanft ſtimnte— die Anweſen weſenheit in eines Bauer Bildungsfhi Es war dies Der Erb und ab, in huuſen ſtund; In Zimn Mari Antoi Midchen von tiniges Glüc lieren ſolltn. Un Lag Ottoline hiel tiefeingeunke trone empor. Vo iſt j Er hat e ſeinen Glück — er aun m ich zu ſrät 3 ich Schurt der ſicht, ein ein Schwer Renommen — aber ke Nict; 161 ich ine: weil Rt wo lig iſt de geticht zu n ſoll gar ill ich nicht ungen, ich ¹ und warf Brinings den Heim⸗ nicht. Ich ie werden Sturm und Wege von e ſich doch emenk nicht zu erfülbn, der ganzen Windt und herrin nicht Made war pige ſc nie ein Ge⸗ ein heißeret Falie, der ſih. Voh reicht. Der es wor — 347— auch ſein oft raſches und verletzendes Weſen durchaus nicht zu Otto⸗ linens ſanftem Charakter und ihrer idealen Anſchauung des Lebens ſtimmte— wenn auch, was ihrem ſcharfen Blick nicht entgangen war, die Anweſenheit ihrer Kammerfrau, die erſt während ſeiner Ab⸗ weſenheit in das Schloß gekommen war, und, obſchon die Tochter eines Bauern, doch bei ungemein viel Schönheit auch ungemein viel Bildungsfähigkeit beſaß, ihn ſichtbar intereſſirte und unruhig machte. Es war dies die Jungfrau Sara Margaretha Gerdes. Der Erbherr ging mit ſtiller Faſſung in demſelben Gemache auf und ab, in welchem noch auf ſeiner alten Stelle der Falk von Knip⸗ hauſen ſtand; Windt war bei ihm, ihre Geſpräche galten Doorwerth. Im Zimmer Sara's weilten Ottolinens Kinder; die älteſte Tochter Maria Antvinette Charlotte, und Ottoline Friederike Luiſe, holde Mädchen von ſechs und ſieben Jahren, die bisher der kranken Mutter einziges Glück geweſen, und nun dieſes liebevolle, zärtliche Herz ver⸗ lieren ſollten. Am Lager der ſchwer kranken Herrin ſaß die alte Reichsgräfin. Ottoline hielt deren hagere Hand in der ihrigen, und blickte aus den tiefeingeſunkenen großen blauen Augen ſchmerzlich zu der treuen Ma⸗ trone empor. Wo iſt jetzt Ludwig? fragte die Kranle mit leiſem Hauche. Er hat Deutſchland verlaſſen, antwortete die Reichsgräfin; er zog ſeinem Glücke nach— faſt fürchte ich, er findet es niemals. Ach,— der grauſame Freund! ſeufzte Ottoline. Warum rettete er damals mein Leben für ſo viele Qual und Pein? Warum lernte ich zu ſpät ihn kennen,— ach— ihn lieben! Fünf Jahre hindurch trug ich ſieben Schwerter im Herzen, ein Schwert der Liebe, ein Schwert der Reue, ein Schwert der Buße, ein Schwert der Sehn⸗ ſucht, ein Schwert der Hoffnungsloſigkeit, ein Schwert der Krankheit, ein Schwert der Schmerzen— und nun— ſind ſie alle von mir genommen— ich fühle keinen Schmerz mehr— ich fühle mich leicht — aber kalt. Meine Füße haben ſchon keine Empfindung mehr. Nicht zu viel ſprechen, meine Beſte! mahnte ſie die Reichsgräfin. Ach, ich ließ Sie ja bitten, würdige Großmutter, flüſterte Otto⸗ line: weil ich ſprechen wollte zu Ihnen— mit Ihnen— von ihm. Jetzt, wo alle Banden abfallen von der frei werdenden Seele, jeßt 1 — — — —— —— 348 ſage ich es, und ſage es Ihnen, und bitte Sie, es ihm wieder zu ſagen, daß ich ihn unendlich geliebt habe— ja unendlich— unendlich! Das ſagen Sie ihm, beſte Großmuttee— und er ſoll meiner nie vergeſſen— ach, ich möchte ſo gern— ihm ein Andenken geben— wäre nur der Falke mein— der Falke, aus dem wir tranken— den ich ihm kredenzte— er ſollte ihn haben— das wollte ich Ihnen ſagen, Großmutter— das iſt mein letzter Wunſch auf Erden. Ich ſichere deſſen Erfüllung zu, antwortete die alte Herrin, und ein ſtummer, aber leuchtender, ſchon halb verklärter Blick dankte ihr; dann erhob Ottoline beide Hände, und rief: Meine Kinder! Wo ſind meine Kinder? Ich will ſie noch einmal ſehen und ſie ſegnen! Die Reichsgräfin gebot die Mädchen zu bringen, ſie nahm ſie ſelbſt in Empfang und führte ſie an das Lager ihrer ſterbenden Mutter. Ottoline weinte ihre letzten Thränen, der Erbherr trat herein im ſtummen männlichen Schmerz, der Schloßkaplan, die Kammerfrauen, Windt, die Dienerſchaft, Alle ſtill, leiſe ſchluchzend. Bereits am Morgen dieſes Tages hatte Ottoline das heilige Nacht⸗ mahl empfangen. Jetzt begann der Schloßkaplan laut zu beten, während die ganze Dienerſchaft auf die Kniee ſank. Auf den Schwingen des Gebetes entfloh Ottolinens reine Seele, ſie verſchied ohne Kampf, ohne Schmerz, kaum mit einem leiſen Röcheln— und über das ſtille bleiche Antlitz, über die vom Tode ſelbſt ſanftgeſchloſſenen Augenlieder mit ihren langen ſeidenen Wimpern lagerte ſich der Friede Gottes. Noch einmal erhob der Geiſtliche die Stimme, indem er nahe zum Lager der Verblichenen trat, die Hände erhob und das Zeichen des Kreuzes über ſie ſchlug.— Die Reichsgräfin weilte ſpäter mit dem Erbherrn im Fremden⸗ zimmer, beide im ſtummen Schweigen. Solche Stunden voll heiliger Weihe des Schmerzes machen nicht geſprächig. Die alte Dame klingelte einem Diener, Jakob, der Jäger, trat ein. Rufe er den Hausmeiſter Mack einmal herauf, Jakob, auch Herrn Windt! Was wollen Sie befehlen, gnädige Großmama? fragte der Erb⸗ herr, überraſcht von dieſem Worte. Wagen. Du ſollſ und Beide ſch Die beide ein. Bringen ausgefütterte Nun, gn Ich will Wie, Ero die Cdelſteine Mein Dig ſtorbenen desg Buders Gemal desgleichen. C hier, weil er ihn ihe Fr Gedanken nich Erkel, ſo ti zu ſich zu n Der Erh Reznung ib Schhie Charl Angabe dez Gelfeine, u von den Gehr Iutendant Falken nit e m vitder zu — unendlichl l meiner nie en geben— tranken— lte ich Jhnen Erden. Herrin, und k dankte ihr; ſinder! Wo ſe ſegnen! hm ſie ſelbſt den Mutter. t herein in mmerftauen, elig Nch⸗ ut zu beten, reine Serle, einen leiſen ie von Lode enen Winpen er nahe zum Zihen te in Frendi⸗ voll hilier der Jägl, b, nuch benn agte der Eib⸗ 349 Du ſollſt es gleich erfahren, gab die Reichsgräfin zur Antwort, und Beide ſchwiegen wieder. Die beiden gerufenen Haushofmeiſter traten faſt zu gleicher Zeit ein. Bringen Sie uns doch, Herr Mack, das lederne mit Sammet ausgefütterte Futteral zu dem Falken! gebot die Herrin. Nun, gnädige Großmama? fragte der Erbherr. Was haben Sie? Ich will meinen Falken mitnehmen! Wie, Excellenz, Ihren Falken? Ich weiß nicht anders, als daß die Edelſteine Fideicommiß ſind? Mein Diamantenſchmuck, ja, die Diamanten deiner theueren Ver⸗ ſtorbenen desgleichen, der Schmuck, deſſen ſich Frau von Varel, deines Bruders Gemahlin, geborene Gräfin Lynden, außer ihrem eigenen bedient, desgleichen. Der Falk von Kniphauſen aber iſt mein— ich ließ ihn hier, weil er hier an würdiger Stelle ſtand, und weil Ottoline an ihm ihre Freude hatte. Doch damit in dieſer ernſten Stunde deine Gedanken nicht mich und nicht dich ſelbſt verletzen, mein theuerer Enkel, ſo bitte, lieber Windt— das Papier, das ich Sie erſuchte, zu ſich zu nehmen. Hier, mein guter Wilhelm! Der Erbherr nahm das Papier und blickte hinein, es war die Rechnung über den Falken,„gefertigt auf Befehl der Reichsgräfin Sophie Charlotte, Herrin zu Varel und Kniphauſen, mit namhaften Angabe des zu dem Kunſtwerk verwendeten Goldes, ſo wie aller Edelſteine, und der hohen Frau Beſtellerin zu Dank vergnügt quittirt von den Gebrüdern Dinglinger, Königlichen Hofjuwelieren zu Dresden“. Intendant Mack brachte das Futteral; die Reichsgräfin ſchob den Falken mit eigener Hand hinein, und Windt trug ihn hinab zum Wagen. 2. Das Andenken. Graf Ludwig weilte wieder auf deutſchem Boden. Er war jenen Reiſenden hohen Ranges Begleiter geworden; ein ungewöhnliches Ver⸗ trauen hatte ihn beglückt, Angés hatte dieſes Vertrauen bewirkt, ja ſelbſt Sophie, das herrlich ſich entfaltende Kind, hatte dazu beigetra⸗ gen. Den Herzog nöthigten Pflicht und Ehre, ſeinen Lieben nur bis zur Grenze des Sachſenlandes das Geleite zu geben; er lernte auf der Reiſe den Grafen, der ihn im Thüringerwalde einholte, ken⸗ nen und hochachten, und ihm, dem ganz unabhängigen, der Sprachen wie der politiſchen Verhältniſſe kundigen Mann, vertraute er unbedenk⸗ lich den Schutz und die Führung ſeiner Lieben an, beruhigter eilte er zum Heere zurück und an die Spitze des Corps, welches unter Prinz Ludwig Joſeph von Condé errichtet war und deſſen Namen trug. Manche tapfere That wurde vollführt, bis der Präliminarfriede von Leoben den Krieg hemmte, und der Wiener Hof die Verabſchiedung des Condéiſchen Corps bewirke. Aber dieſes wollte ſich nicht auf⸗ löſen; da erfolgte von Seiten des Kaiſers von Rußland eine Einladung an das ganze Corps, und der Prinz von Condé ging ihm voraus. Der junge muthige Herzog, dem noch höher als die Liebe, der Muth die Seele ſchwellte, blieb als Oberbefehlshaber des Corps an deſſen Spite, leitete den Marſch durch Oeſterreich, führte das Heer, 10,000 Mann ſtark, nach Volhynien, eilte nach Petersburg, ſeine Angehörigen zu begrüßen, und fand dort Gelegenheit, den Grafen Ludwig für ſeine treue Anhänglichkeit und außergewöhnlichen Dienſtleiſtungen angemeſſen und durch eine entſprechende äußere Stellung zu belohnen. Das Jahr 1799 rief den Prinzen von Condé und ſein Heer wie⸗ der unter die Waffen; der Herzog führte zwei Emigrantenregimenter und das ruſſiſche Infanterieregiment Titow nebſt andern Truppen und rückte nach Schwaben und der Schweiz vor, wo die rühmlichſte Tapfer⸗ keit entfaltet wurde und der Herzog große Triumphe feierte. Verhält⸗ niſſe des höheren politiſchen Lebens, hauptſächlich der Rücktritt des Kaiſers Paul auf den Sch her genoſſen und ihre Di Kriege war, den man al Abſtammung Prinzeſſin e nur, weil er bekannte Ge duf die Prin in völliger F mn ihr erw wiünd gewe In Per wat und hh Uhung ſic ihr endlich nen waren bes Freunde alle aus de der Frundi iu herice jenes der 1 Mnſthen, uf ſein H ſchiden W Ottoline ha nen, wie A ült de ihun lc klürt, ſin ler Geft Sulenadel nd hoher Fr war jenen ihnlihes Ver⸗ bewirkt, ja ozu beigetra⸗ Lichen nur nz er lernte holte, ken⸗ er Sprachen er unbedenk⸗ hiater eilte er z untn Pinz Namen trug. mnarfriede von abſchiedung eine Einladung ihm voraus. ſ rps an deſſen Heet, 10,000 ne Angehn wig für ſeint en ungeneſen 1en⸗ ſein Heer pie⸗ eneintntet Truppen und iſt Leyftr⸗ mlich Perhilt de etel Rücktri ———.——— —————— Kaiſers Paul von Rußland von der Coalition, beſtimmten den Herzog, auf den Schutz, den das Theuerſte, was er beſaß, in Petersburg bis⸗ her genoſſen hatte, zu verzichten, er gab Weiſungen, daß die Frauen und ihre Dienerſchaft ſich in eine deutſche Stadt, die unbedroht vom Kriege war, begeben ſollten. Da der Rath des freundlichen Geleiters, den man als einen weitläufigen Verwandten durch ſeine mütterliche Abſtammung betrachtete und ihm volles Vertrauen ſchenkte, von der Prinzeſſin erbeten wurde, ſo ſchlug Graf Ludwig Hamburg vor, nicht nur, weil er ſelbſt ſich wieder nach Deutſchland zurück und in eine bekannte Gegend ſehnte, ſondern auch, weil er die Ueberzeugung hatte, daß die Prinzeſſin dort ganz nach ihren Wünſchen zurückgezogen und in völliger Freiheit leben könne, während bei aller Aufmerkſamkeit, die man ihr erwies, das Leben am ruſſiſchen Hofe ihr doch auf die Dauer drückend geworden war. Im Verhältniß Ludwig's zu Angés hatte ſich Nichts geändert; es war und blieb wie es von je geweſen, eine auf die höchſte gegenſeitige Achtung ſich gründende, reinſte Freundſchaft. Zart und ſchonend hatte ihr endlich Ludwig des Freundes Ableben mitgetheilt, viele Thrä⸗ nen waren noch gemeinſchaftlich um Leonardus gefloſſen; Ludwig hatte des Freundes Miniaturbild und die Bilder von vier Frauen, die er alle aus der Erinnerung gemalt und mit vielem Glück getroffen, der Freundin anvertraut. Es war das Bild der treuen Großmutter, der herrlichen Mutter, es war das Bild der reizenden Ottoline und jenes der lieblichen Angés, es war der Kranz von Bildern edler Menſchen, die alle tiefen, wunderbaren und unvergänglichen Eindruck auf ſein Herz gemacht hatten, jede einzelne Perſönlichkeit auf ver⸗ ſchiedene Weiſe, und alle einig in dem Beſtreben, ihn zu beglücken. Ottoline hatte ihn freilich ſo wenig mit reichen Gaben bedenken kön⸗ nen, wie Angés, aber ſie hatte ſein Herz mit hohen Empfindungen erfüllt; der erſte Strahl aus einem reinen Frauengemüth war aus ihren Blicken in ſeine Seele gefallen, hatte ihm ſeine Jugend ver⸗ klärt, ſeinen Geiſt erhoben, dem fortan kein unreiner Gedanke nahte. Und in Angés hatte Ludwig erkennen lernen, welchen Reichthum edler Gefühle ein Frauenherz birgt; er hatte in ihr jenen wahrhaften Seelenadel gefunden, der ſeinen Urſprung nicht aus alter Abſtammung und hoher Geburt herleitet, ſondern aus dem eigenen unentweihten — Gemüthe, das wohl ſich emporzuringen vermag auf den Gipfel reinſter ſittlicher Größe und Hoheit. Angés war die große und doch ſo zärtliche Seele, die über ſich ſelbſt den herrlichen Sieg gewann, die flammende Neigung zweier Freunde zu bekämpfen und ihr zu widerſtehen, die Beide der Liebe ſo würdig waren, die an ihrem Beiſpiel lernten, ſich ſelbſt zu beherrſchen, und von denen ſie den Einen mit aller verhaltenen Glut ihrer Empfindung, mit aller innigen Freundſchaft den An⸗ dern liebte. So beharrend in würdiger und edler Selbſtbeherrſchung war Angés ſich ſelbſt treu geblieben, und ſo hatte auch die Prinzeſſin ihr Weſen und ihren Charakter von je erkannt und hochgeſchätzt; ſie wurde von dieſer wie eine Schweſter behandelt und Angés blieb auch ſpäter die Ausbildung und Leitung des geliebten Kindes überlaſſen. Die Einrichtung war ſo getroffen, daß Angés nur in den nöthigen Fällen mit der Prinzeſſin öffentlich erſchien, daß die Wohnungen getrennt waren und keine Seele den Antheil errathen konnte, den die Prinzeſſin an dem Kinde nahm. Graf Ludwig wußte, als er in Hamburg mit ſeinen Schutzbefoh⸗ lenen anlangte, noch Nichts vom Ableben der regierenden Reichsgräfin Ottoline; er hatte auch von der Großmutter lange keine Nachricht er⸗ halten und leicht konnten ihn jetzt Briefe verfehlen. Indeß vermuthete er ſeine würdige Gönnerin in Hamburg, und hatte ſich nicht getäuſcht. Er miethete ſogleich in der Nähe des großmütterlichen Hauſes eine Wohnung für ſich und ſeine Begleitung und erfuhr, daß auch Windt anweſend und die Reichsgräfin bedenklich erkrankt ſei. Ludwig ſuchte den alten Freund auf, und dieſen verſetzte das un⸗ vermuthete Wiederſehen in eben ſo viel Freude als Beſtürzung. Sie finden Ihre Frau Großmutter bedeutend krank, Herr Graf! ſprach Windt; und was die Vergleichsſache angeht, ſo ſind wir noch keinen Schritt weiter, außer daß der jüngere Graf, Johann Carl, ſich ganz nach England überſiedelt hat und bereits Generallieutenant ge⸗ worden iſt. Derſelbe hat mit dem Erbherrn und dem Vice⸗Admiral William eigene Verträge abgeſchloſſen für den zu erwartenden Todes⸗ fall der Frau Großmutter, und geben Sie Acht, liebſter Herr Graf, wenn ſie die Augen zuthut, ſo wird es heißen:„Sie haben meine Kleider gethe ich vernuthe ein Väglein dert, als ie ſonſt ſchwer tartet ſein, Gütet in H aber die He Hifen, Won ſches Stück ab und tritt Migen ſ ſie mu zufti wie lebt er? Sie bbe ſcnerzen,„ Rrrofen; i Um Ge Ottolin wandelt nig , mei ſchauerte ſe Saſft, gehoben du Eie hat vic mir Ihre F Und d Er em wenn er a verdammen Ben, lag Seemanns Ziit nird Und Ihre unhuhtz L. 2 n pſcl niner ie über ſich gung zweier e der Liehe h ſilbſt zu verhaltenen tden An⸗ war Angés ihr Weſen wurde von ſpäter die Einrichtung en mit der waren und ſſin an dem Schuzbefch⸗ Reichsgräfn ſachricht er⸗ vernuthete tt getüſcht. Hauſes eine zuch Windt tie dus Un⸗ zung. her ufl nd wir woih m barl, ſich eutenant g⸗ tir Wrinl nden Todes⸗ Herr Graf, tuln meine — 353— Kleider getheilt und um meinen Rock, haben ſie das Lvos geworfen; ja ich vermuthe faſt, ſie haben dies bereits gethan, denn ich hörte neulich ein Vöglein pfeifen, unter uns geſagt, Herr Wippermann hat geplau⸗ dert, als ich ihn jüngſt in einen Auſternkeller mitnahm und ſeine ſonſt ſchwere Zunge mit Champagner löste; die Sache ſoll ſo abge⸗ kartet ſein, daß der Erbherr Varel und Kniphauſen behält, ſo wie die Güter in Holland, wenn er ſie nämlich wieder bekommt, der Admiral aber die Herrlichkeit Doorwerth mit allen ihren Schlöſſern, Dörfern, Höfen, Wonnen und Weiden, Aeckern und Wieſen und auch ein hüb⸗ ſches Stück Buſch; dafür findet er den Grafen Johann Carl mit Geld ab und tritt in deſſen ganzes Erbrecht ein. Mögen ſie das Alles ganz nach ihrem Gefallen machen, wenn es fie nur zufrieden ſtellt. Alſo der Erbherr iſt frei? das freut mich; wie lebt er? wie leben die Seinen? fragte Ludwig. Sie leben in Trauerkleidern! entgegnete Windt. Es wird Sie ſchmerzen, Herr Graf; ich ſehe ſchon, mein Brief hat Sie nicht mehr getroffen; ich hatte Befehl, Ihnen den betrübenden Fall zu melden. Um Gott, welchen Fall? Ottoline, die regierende Frau Reichsgräfin, dieſe ſanfte Dulderin, wandelt nicht mehr unter den Lebendigen. O, mein Gott! ſeufzte Ludwig, und ein tiefer Schmerz durch⸗ ſchauerte ſein Gemüth. Sanft, wie ſie gelebt, war ihr Verſcheiden; ihre Kinder ſegnend, gehoben durch die Tröſtungen der Religion, ging ſie ein zum Frieden. Sie hat viel und lange gelitten, und Ihrer, Herr Graf, hat ſie, wie mir Ihre Frau Großmutter vertraute, noch in den letzten Minuten gedacht. Und der Erbherr, wie trug er dieſen Verluſt? fragte der Graf. Er empfand ihn tief und ſchmerzlich, ganz gewiß, antwortete Windt, wenn er auch die Größe des Verluſtes nicht zu ermeſſen wußte. Doch verdammen wir ihn nicht, Verſchiedenheit der Charaktere und Neigun⸗ gen, langes Fernſein vom heimiſchen Herde, die rauhe Soldaten⸗ und Seemannsnatur.— Sie begreifen was ich noch ſagen könnte. Doch die Zeit wird das Weitere lehren. Und die Großmutter, ſeit wann iſt ſie krank? fragte Ludwig. Ihre Krankheit iſt das Alter! verſetzte Windt. Denken Sie, fünf⸗ undachtzig Jahre! Und fuhr noch in einem Wetter, in dem man kei⸗ D. B. III. 23 354 nen Hund aus der Thür jagt, von Varel nach Kniphauſen hinüber, um den Wunſch der ſterbenden Erbherrin zu erfüllen. Aber es ergriff ſie ſchwer, nicht auf dem Hinweg, nicht auf dem Herweg ſprach ſie mit mir und meiner Schweſter auch nur ein Sterbenswort. Sobald die Wege winterhart wurden, reisten wir hierher, doch iſt ſie ſeitdem nicht wieder aus dem Hauſe gekommen und ich gebe Ihnen mein Wort, Herr Graf, daß ſie lebend auch nicht wieder über deſſen Pforte kommt. Sie ſagen mir viel, o, allzuviel Trübes und Schmerzliches, liebſter Windt! ſeufzte Ludwig. Wie hatte ich mich gefreut auf mein Hier⸗ herkommen, ich wollte der Großmutter eine Prinzeſſin wieder zuführen, die eine Verwandte und die ein Engel an Liebenswürdigkeit iſt, die auch ſchon hier war, und jenes Kind, das Sie ſo liebevoll in Door⸗ werth gehalten, jene kleine Sophie, die jetzt eilf Jahre alt iſt und noch Jemand. Angés! rief Windt voll ung heuchelter Freude. So haben Sie ſie gefunden, und ſie hat endlich— ihr Herz— Ihnen—2 Nein, da irren Sie, mein Lieber! erwiederte Ludwig ernſt. Angés iſt ſich gleich geblieben, und ich habe überwunden. Es war ein herber Kampf mit Liebe und Leidenſchaft, der Sieg war ſchwer, aber jene Strophe ſtärkte mich, die mein verklärter Freund mir einſt zurief. „Wir müſſen alle ringen, Des Kampfs bleibt Keiner frei; Doch ſoll ein Sieg gelingen, Frag' nicht, ob ſchwer er ſei.“ Wir ſiegten und wandeln nun in treuer Freundſchaft verbunden neben einander wie Bruder und Schweſter. Windt ließ die alte Reichsgräfin durch ſeine Schweſter auf das Erſcheinen ihres Enkels vorbereiten, und die dem Todte nahe Frau fühlte ſich dadurch neu belebt; ſie ſammelte nochmals ihre ganze Kraft und in der That war es das letzte Gefühl irdiſcher Freude, das ſie hob und kräftigte; ſie konnte mit voller Stimme und im Tone alter Herzlichkeit ihm zurufen: Sei mir tauſendmal willkommen„ mein ge⸗ liebteſter Enkel! Du heißerſehnter Liebling! Dich noch einmal zu ſehen, iſt Wonne meinen alten fünfundachtzigjährigen Augen, iſt mir eine köſtliche Arzenei, heilſamer als Alles, was Doctor Reimarus in der Apotheke für mich zuſammenbrauen läßt! Ludwi deren Au noch klar Nach ſie in G Herrin bl denken zu es iſt ei wig, was Ottol Großmutt Die f ein Lederf Muni und Ottol zu gönner Adw werks ſtr vor Stau Von Das ſchaft wer Tag— Und ſo wird ſ und verſ ſchleit 1 ſchon fr laſſen ſo Sie fil Aud Ma Andern — Nnni uſen hiiber, lber es ergtf weg ſprach ſe vort. Sobald iſt ſie ſeitden n mein Wort, Pforte kommt. liches, liebſter if mein Hier⸗ eder zufühten, igkeit iſt, die oll in Door⸗ alt iſt und o haben Eie — enſt. Wngs var ein herber er, aber jent nſt zurif aft verbunden weſter uf ius dte na ahe Frau re* Knft das ſi — Ludwig ſtand bewegt am Lager der gänzlich abgezehrten Greiſin, deren Augen aber immer noch hell blickten, deren Gedanken immer noch klar waren. Nach einer Pauſe, die der augenblicklichen Aufregung folgte, ſprach ſie in Gegenwart von Windt's Schweſter, die auf den Wink der Herrin bleiben mußte: Du kommſt noch eben recht, um dir ein An⸗ denken zu holen, das außerdem nicht in deine Hände gekommen wäre, es iſt ein Doppelandenken und Ottoline beſtimmte dir's, rathe, Lud⸗ wig, was es iſt? Ottoline mir ein Andenken? Wie ſollt' ich das errathen, beſte Großmutter! Die kranke Reichsgräfin winkte ihrer Kammerfrau, und dieſe brachte ein Lederfutteral herein. Nun öffne lieber Ludwig, und ſchaue das Andenken an, das ich und Ottoline, die mich in ihrer Sterbeſtunde bat, dir dieſes Kleinod zu gönnen, dir beſtimmt haben, ein Andenken an ſie und mich. Ludwig öffnete die Hülle, und die Juwelenpracht des einzigen Kunſt⸗ werks ſtrahlte ihm entgegen. Der Falk von Kniphauſen! rief er, ſtarr vor Staunen. Von nun an dein Eigenthum, flüſterte die Kranke. Das kann nicht ſein, rief Ludwig: dies Kunſtwerk iſt eine Graf⸗ ſchaft werth, ach— und für mich— noch unendlich mehr— o jener Tag— ach, Ottoline! Und wenn es zehn Grafſchaften werth wäre, ſprach die Gräfin: ſo wird es dir auch werth bleiben— du wirſt es nicht verſchachern und verſchleubern, wie meine herrliche Münzſammlung dereinſt ver⸗ ſchleift und verſchleudert werden wird, über die ich bethörter Weiſe ſchon früher verfügte. Dir— dir hätte ich ſie geben und hinter⸗ laſſen ſollen! Sie haben mich ja ſchon ſo überreich begabt, beſte Großmutter! fiel Ludwig ein. Mache keine vielen Worte und nimm den Falken an dich— die Andern ſollen ihn nicht haben— ſie ſollen nicht wieder daraus trin⸗ ten— du— nur du— und die, welcher du dein Herz ſchenkeſt! Nimm ihn— behalte ihn. Die Urkunde, daß ich dir den Falken 23* 356 ſchenke, ſteckt bereits im Innern des Vogels. Trinke dich geſund dar⸗ aus, drink all ut! Die Reichsgräfin entließ ihren Enkel, das Wiederſehen und das Sprechen griffen ſie an. Ihre ſtarke Natur aber erlag dieſer Auf⸗ regung dennoch nicht, vielmehr ſchlief ſie ruhiger und anhaltender, wie ſeit lange. Am folgenden Tage fühlte ſich die Kranke merklich beſſer; es war als ob der Anblick desjenigen ihrer Enkel, der ihrem Herzen von ſei⸗ ner frühen Jugend an am Nächſten ſtand, der gleichſam ihr Eigen⸗ thum geworden war, ſie neu belebt habe, und ſie ſandte bei guter Zeit nach Ludwig, damit er ihr von ſeinen bisherigen Schickſalen er⸗ zählen möge. Dies that denn auch der Graf ausführlich; die Alte hörte ſchweigend zu und blieb ganz ruhig, dann ſagte ſie: Bitte, mein gutes Kind, bitte die Prinzeſſin Hoheit, mir die Ehre ihres Beſuches nur auf eine Viertelſtunde zu ſchenken, ſie wird mir dies nicht ab⸗ ſchlagen, denn ſie hat mir immer, als ihr Haus noch gute Tage ſah, viele Zuneigung erwieſen. Was ich ihr zu ſagen habe iſt wichtig. Sie wird auch ſchon deshalb auf meinen Wunſch eingehen, weil ich ihren Angehörigen Gutes erzeigte. Theuerſte Großmutter, entgegnete darauf Ludwig: Ihr Wunſch kommt der Bitte jener hohen Frau zuvor, ſie hat auf der ganzen Hieherreiſe von Sanct Petersburg nach Hamburg ſich darauf gefreut, Sie wieder zu ſehen, Ihnen das Kind zuzuführen. Ihr Kind? fragte die Reichsgräfin. Nicht vor dem Auge der Welt, vor dem Ihren aber unverſchleiert, war Ludwig's Antwort. Iſt das hohe Paar nicht vermählt? forſchte die Reichsgräfin weiter. Wohl ſind ſie vermählt, dieſe einander ſo heiß und feurig lieben⸗ den Herzen, ich ſelbſt war Zeuge, es geſchah nach der Ankunft Seiner königlichen Hoheit des Herzogs in Petersburg in ſtiller Abendzeit, in einer katholiſchen Kapelle, wo auch das Kind die Weihe der Firmung empfing. Aber ſie haben beſchloſſen, ihre Vermählung noch als ein Geheimniß zu bewahren, bis zu einer günſtigeren Zeit, bis die beiderſeitigen Verhältniſſe ſie ſicherer ſtellen, und es ſollen die nächſten Angehörigen nicht mehr erfahren, als was ſie bereits wiſſen, daß nämlich der Herzog und die Prinzeſſin einander in untrennbarer Liehe angeh Sicherheit, Nun de und ſo bitt Rodenfalls Sie he ſctze Adu So ge guten Tag Kind, ent wenn der die alte G ihr Sterbel iſt dein. Die re was ich be Harre Liebe erhl Roſen ſei dich auf,i Der( zeſſin un die gewöh Grifin ih Sie doch in gine „grünes Mitt der Wan welch ein mit dieſe dieſes P Lhun Anges u ſo viele( dthn geſund dar⸗ hen und des dieſer Auf⸗ altender, wie ſſer; es war tzen von ſei⸗ ihr Eigen⸗ dte bei guter chichſalen er⸗ ch; die Alte Bitte, mein es nicht ab⸗ Tage ſah, e iſt wichtig. en, weil ich Ihr Wunſch der ganzen rauf gefreut, nberſchleiert, räfin weiter. urig lieben⸗ unft Seiner Aenzit Weihe der ihlung nch n Zeit, l ſolln die it viſen, nnennbaret 357 Liebe angehören, Ueber die holde Tochter ſoll noch, zu deren eigener Sicherheit, das tiefſte Schweigen beobachtet werden. Nun denn, das Alles iſt mir lieb zu hören, ſagte die Gräfin: und ſo bitte ich dich, die Prinzeſſin mit der Tochter zu mir einzuladen. Jedenfalls weilt ſie hier doch incognito? Sie hat den Namen einer Gräfin von Clermont angenommen, ver⸗ ſetzte Ludwig. So gehe und führe ſie zu mir, da ich heute noch einmal einen guten Tag habe, lange wird es nicht mehr dauern, und du, mein liebes Kind, entſerne dich nicht allzuweit, daß ich dich kann rufen laſſen, wenn der Genius mir die Fackel umſtürzt. Noch emmal feſſelt dich die alte Großmutter, die dich ſo lange mit Feſſeln der Liebe hielt, an ihr Sterbebette, dann biſt du ganz frei und die weite reiche Welt iſt dein. Die reiche Welt, ſprach Ludwig bewegt: gibt mir doch nicht, was ich bedarf, wonach mein Herz und mein Seele dürſtet— Liebe! Harre und hoffe! dir kann noch das höchſte, das reinſte Glück der Liebe erblühen. Wer mit fünfundzwanzig Jahren ſchon die ſchönſten Roſen ſeines Lebens abgepflückt hat, der hat ſich ſelbſt beraubt. Spare dich auf, ich ſage dir, Ludwig, du wirſt noch viele beglückte Tage ſehen. Der Graf ging und einige Stunden ſpäter befand ſich die Prin⸗ zeſſin und das liebliche Kind im Zimmer der Reichsgräfin. Als die gewöhnlichen Formeln der Höflichkeit gewechſelt waren, klingelte die Gräfin ihrer Kammerfrau und ſprach zu der Eintretenden: Zeigen Sie doch der jungen Comteſſe die Gemälde und die kleinen Raritäten im grünen Salon, den meine Freunde ſcherzhafter Weiſe immer mein „grünes Gewölbe“ nennen. Mittlerweile hatten ſich des Kindes Augen ſchon auf ein Bild an der Wand geheftet, und mit Lebhaftigkeit rief es aus: O Himmel, welch ein ſchönes Bild! Das iſt ja Schloß Doorwerth! Liebe Tante! mit dieſen Worten wandte ſie ſich zu der Prinzeſſin, bitte, ſehen Sie dieſes Bild an! In dieſem Schloſſe bin ich geweſen— in dieſem Thurm hier— zur rechten Seite— haben wir gewohnt, meine liebe „Angés und ich— dort von jener Zinne haben wir herabgeſehen, als ſo viele Soldaten um das Schloß verſammelt waren, und die Prinzen dorthin kamen— mein theurer— Oncle! — — 358 Die Prinzeſſin blickte mit Antheil auf das Bild von Doorwerth. Dann führte die Kammerfrau die Kleine weg, um ihr in den anſto⸗ ßenden Sälen noch andere ſchöne und werthvolle Dinge zu zeigen, während die Reichsgräfin mit der Prinzeſſin allein blieb, um mit die⸗ ſer Wichtiges zu beſprechen, was keine Zeugen litt. Als dieſe ſpäter mit dem Kinde die Reichsgräfin wieder verließ, beide in dichte Schleier gehüllt und von Windt nach dem Gaſthof ge⸗ leitet, verbarg die Prinzeſſin mit Mühe eine heftige Bewegung; erſt als ſie ſich mit Sophie allein in ihrem Zimmer ſah, umarmte ſie mit Ungeſtüm die holde Tochter, küßte ſie auf die Stirne und rief: Gott ſegne dich, Gott ſegne und erfülle, was in dieſer Stunde über deine Zukunft beſchloſſen ward! Es war am 4. Februar des Jahres 1800. Charlotte Sophie ſollte die Sonne eines neuen, kommenden Jahrhunderts nicht mehr ſehen. Graf Ludwig kniete an ihrem Sterbebette, noch einmal lag ihre erkaltende Hand ſegnend auf ſeinem Haupt; die Reichsgräfin endete ruhig und ernſt, als ihre Seele entflohen war, glich ihr Antlitz dem Marmorbild einer Olympierin.— Bei der mit ihm trauernden Angés verlieh Ludwig ſeinem tiefen Schmerz über das Weh, das ihn hier doppelt berührt, Worte, indem er ſprach: Wieder eine Seele weniger auf Erden, die für mich betet. Wäre ich Katholik, ſo würde ich ſagen, meine Lieben werden alle zu Heiligen, um droben für mich zu bitten. Aber was bleibt mir, wenn Alle, die ich liebe und ehre, von hinnen ziehn? Immer bleibt dir, mein Freund, entgegnete Angés: die Thatkraft und die allbelebende Hoffnung. Du wirſt noch mehr des Schmerz⸗ lichen erleben und dich dennoch aufrecht halten müſſen. Das ſagte mir die Großmutter auch, in der letzten Stunde, verſetzte der Graf; als ihr vom Tode erhelltes Auge prophetiſch in die Zukunft blickte. Streit und Zwietracht wird ſein, ſprach ſie: unter den Völkern, unter den Herrſchern der Welt, Streit und Zwie⸗ tracht auch im Schvoß der Familien. Dein Name wird nicht in meinem Teſtamente ſtehen, mein Ludwig, damit nicht der Haß gegen dich aufgeſtachelt werde. Dein Bruder ſoll nicht wiſſen, daß er dein Bruder iſt, denn es ſteht geſchrieben, daß ein Bruder wider den aderen ſti Erben, du! du ferner a zu haben, und Anſtre bet nein, böſe Feind von Jeber habens ni Eine e Und was; Duß i winen hab Freuden un Vellen keir nir, daru gegeben, d werthen( hüten, wi Pſuns: Kleinod u Joen in Fulken Venn herrlicheres Der G war Alle dechort de Doorwerlh. n den anſt⸗ zu zeigen, um mit die⸗ det verlief, Gaſthof ge⸗ wegung; erſt mite ſie nit rief: Gott über deine otte Sophie nicht mehr ol lag ihte grüfn endete Antlit den ſeinem tieſen orte, indem nich betet. rden alle zu bleibt nir, ie Thuttrſt s Schmerz⸗ — n Stunde, ophetich in ſynnc ſe tund Zui⸗ nict i hij hen ß et dein nd de 359 anderen ſtreiten wird. Laſſ' ſie Alles an ſich reißen, meine lachenden Erben, du haſt genug, und ein Höheres iſt dir noch beſchieden, wenn du ferner auf richtiger Bahn wandelſt. Ich fahre dahin, ohne erlebt zu haben, was ich ſo ſehnlich hoffte, wonach ich mit allen Opfern und Anſtrengungen rang und trachtete: Eintracht, Liebe, Frieden; aber nein, die wohnen nun einmal nicht in unſerem Hauſe, ſeit der böſe Feind die Saat des Unfriedens vor langen Jahren in die Gefilde von Jever, Varel und Kniphauſen ſäete. Laß fahren dahin— ſie haben's nicht Gewinn! Eine erhabene Seele, dieſe verklärte Großmutter! ſprach Angés. Und was prophezeite ſie ſonſt noch? Daß ich noch mehr als einen ſchmerzlichen Verluſt würde zu be⸗ weinen haben, erwiederte Ludwig; daß mir beſchieden ſei, arm an Freuden und dennoch reich an Liebe in einen Hafen einzulaufen, deſſen Wellen kein Sturm der Außenwelt berühre. Wachſamkeit empfahl ſie mir,„darum“ ſo ſprach ſie:„habe ich dir den Falken von Kniphauſen gegeben, daß er dir ein Bild der Wachſamkeit ſein möge, neben einer werthen Erinnerung. Wachen ſollſt du, mein Sohn, wachen und hüten, wie geſchrieben ſteht im achten Vers des einhundertundzweiten Pſalms: Ich wache und bin wie ein einſamer Vogel. Hüte dein Kleinod und lebe wohl!“ Jedenfalls verſtand ſie unter dieſem Kleinod jenes köſtliche Geräth in Falkengeſtalt, das ſie mir ſchenkte— fügte Ludwig hinzu. Wenn ſie nicht ein anderes Kleinod darunter verſtand, ein höheres, herrlicheres! ſprach Angés ahnungsvoll und lächelte ſtill vor ſich hin. Der Graf verſtand ſie nicht, aber er verſank in ihr Anſchauen. Da war Alles Klarheit, Alles Licht und Liebe— ein überreicher Wun⸗ derhort der edelſten ſeelvollſten Weiblichkeit. Da am Hi ſeinem Die und beſchi 3. Das Gelübde. Andesthil und ihrer gleiten, di Romantiſcher Naturfriede und klöſterliche Waldeinſamkeit umfloſſen ſonder m und umſchatteten das reizende Münſterthal zu Sanct Landelin, über gehungen das noch vor Kurzem der Krummſtab des Hochſtifts Straßburg ge⸗ ſchönen be herrſcht hatte. Zum zweiten Male hatte dieſes reizende Thal jene und eine beiden Liebenden aufgenommen, welche ſchon einmal dort weilten, und ebenſoneni zwar zu der Zeit, wo gegen Leonardus Cornelius van der Valck die Verhiltniß meuchleriſche Gewaltthat verübt ward. Man war vorſichtiger geworden, tinander obwohl man eine Wiederholung ſolchen Ueberfalles nicht befürchtete; hennffnet denn man hielt ſich ſicher unter dem unmittelbaren Schutze eines nahe drohenden verwandten Kirchenfürſten, der im Schloſſe des Städtchens als römiſcher Jener Hauptprieſter und letzter vormaliger Fürſtbiſchof von Strasburg ſeine was et li Reſidenz aufgeſchlagen hatte, und mit jener Gaſtfreundſchaft, welche Deutſchl vor alten Zeiten ſchon das Kloſter und Münſter in großartiger Aus⸗ ſch er dehnung geübt hatte, Manchem eine geſicherte Zufluchtsſtätte bot, dem Gro und häufig Verwandte und Freunde bei ſich ſah. ihn mitte In dieſen Gefilden, ſo nahe ſie dem Rheinſtrom lagen, herrſchte viler Fr der Friede, und keine Kriegerſchaaren, nur Züge andachtsvoller Wall⸗ döſſchen fahrer und Pilger ſtrömten zu dem Gnadenort, an welchem einſt der berit in heilige Landelin, der Sage nach, ſeinen Martyrertod gefunden hatte, Rinſct und nach dem Tode Wunder übte. Stattliche Gebäude erhoben ſich ſulen, rund umher und gaben dem Kloſterhof ein bedeutendes Anſehen. ſütz. Zahlreiche Dörfer und Höfe der Nachbarſchaft waren früher dem iſelt d Kloſter zinsbar geweſen, und gegen das große Weinfaß, welches einſt ud erl im Keller des Münſters aufbewahrt und von den alljährlich neu ichſe 3 zuſtrömenden Spenden des Weinzinſes vollgefüllt gehalten wurde, war gign das weltberühmte Heidelberger Faß nur ein Zwerg, denn dieſes letztere un Gar faßt nur 283,000 Flaſchen, jenes aber hielt 480,000 Flaſchen oder kehrt a 5 3000 Ohm edlen Rebenſaftes. Derken: Edlen Beſchäftigungen und heiterem Naturgenuß hingegeben, ver⸗ Da weilten hier die in Liebe und reinen Neigungen verbundenen Perſonen. ſinnn keit umfloſen ndelin, über ßtraßburg ge⸗ e Thel jene weilten, und er Valck die er geworden, befürchtete; e eines nahe u römiſcher burg ſeine chaft, welhe artiger As⸗ htsſtätte bot, en, herrſchte svollet Wal⸗ en einſt der funden hatte, echoben ſich es Unſchen. friher den welches einſt t neu wurde, wat diſes lztere Flaſchen oder geben, ber⸗ n Perſonen 361 Da am Orte ein kleines Bad ſich befand, ſo lebte Graf Ludwig mit ſeinem Diener, der ſich nie von ihm trennte, als Badegaſt daſelbſt und beſchäftigte ſich mit anziehenden Studien über die Geſchichte dieſer Landestheile; er nahte Angés nur, um ſie in Geſellſchaft von Jacques und ihrer kleinen holden Schutzbefohlenen auf Spaziergängen zu be⸗ gleiten, die aber niemals wieder nach jenem Orte ſchaurigen Andenkens, ſondern meiſt in der Richtung nach dem Städtchen und deſſen Um⸗ gebungen unternommen wurden. Hier begegneten ſie bisweilen einer ſchönen verſchleierten Dame, die das fürſtbiſchöfliche Schloß bewohnte und eine Nichte des Fürſtbiſchofs war; dies fiel Niemand auf, und ebenſowenig konnte Jemand ein Arges dabei denken, oder gar das wahre Verhältniß ahnen, das dieſe Perſonen in mamnichfacher Weiſe mit⸗ einander verband. Außer Jacques folgte auch ſtets Philipp gut bewaffnet ſeinem Gebieter, und ſpähte ſorglich nach irgend einer drohenden Gefahr umher. Jener liebenswürdige junge Herzog hatte, während er von Allem was er liebte getrennt war, und nachdem er ſein Heer wieder nach Deutſchland zurückgeführt, mit wechſelndem Kriegsglück gekämpft, bald ſah er ſeine Bruſt von der Hand des Kaiſers von Rußland mit dem Großkreuz des Maltheſerordens geſchmückt; endlich aber hemmte ihn mitten in ruhm⸗ und ehrenvoller kriegeriſcher Laufbahn der lüne⸗ viller Friedensſchluß. Dieſer führte die völlige Auflöſung des Con⸗ döiſchen Corps herbei. Einer der Prinzen dieſes Hauſes hatte ſich bereits im Jahre 1795 nach England begeben, und es ward lebhaft gewünſcht, daß ihm ſein Vater und ſein Sohn jetzt dorthin folgen ſollten, denn England war es, das dieſe Prinzen ſchützte und unter⸗ ſtützte. Den Vater zog es dem Sohne nach, aber den Sohnesſohn feſſelte die Liebe, die mächtige, ſtarke Liebe oder— ſein Verhängniß, und er lebte nun in dem neu gewonnenen Aſyle ſeines Lebens glück⸗ lichſte Zeit, füllte die Stunden einer ſchönen Muße mit dem Ver⸗ gnügen der Jagd aus, die er leidenſchaftlich liebte, gab ſich der Luſt am Gartenbau hin, unternahm auch wohl kleine Reiſen und Ausflüg⸗ kehrte aber ſtets mit neuer Sehnſucht zu ihr zurück, der ahe ſein Denken und Empfinden geweiht war. Das Landesgebiet, das dieſe reizenden Aſyle bot, war an Baden gekommen, deſſen Kurfürſt nicht nur dauernden Schutz Allen vergönnte, — 3 die deſſen unter der neuen Regierung bedurften, ſondern der ſich auch des Herzogs beſondern Dank noch außerdem dadurch erwarb, daß er ihm ein noch größeres Jagdgebiet einräumte, als derſelbe bisher ſchon inne gehabt hatte. Mehr als einmal lud der Herzog den Grafen ein, ihn auf ſeinen Jagden zu begleiten; dieſer leiſtete aber nur einmal Folge und dann nicht wieder. So ſehr der Herzog ihm zuſagte, und ſo ſehr er dieſen verehrte, um ſo weniger fand Ludwig ſich von ſeiner männlichen Um⸗ gebung angezogen. Dafür diente er ihm in anderer Weiſe; er half ihm Werke der Wohlthätigkeit in verſchwiegener Stille üben. Glück⸗ liche geben ja gerne, und der Herzog war ſo überaus glücklich, Lud⸗ wig nahm Philipp zu Hülfe, um verſchämte Arme aufzufinden, und manche ſtillgeweinte Thräne des Schmerzes wurde durch vereintes Wohlthun in die Thräne der Freude und des Segens umgewandelt. Stilles Wohlthun war ein Grundzug im Weſen des Grafen, und wie gern verband er ſich in dieſem Sinne dem jungen mildthätigen Fürſten. In der Stille dieſes Thalfriedens, im Zauber dieſer romantiſchen Natur ging Ludwig ein neuer Stern auf, ein neuer Lebensfrühling, ſchöner als er ihn je geahnet hatte. Mit wunderbarer Magie erklang in ihm der tönende Memnonruf, der ihn für eine neue, beſeligende Liebe weckte. Die kleine Sophie entfaltete ſich frühreifend zur holdeſten Jungfräulichkeit und Niemand pries eifriger gegen Ludwig deren Seelengüte, deren ächtweibliches Gemüth, deren Schönheitszauber als Angés, der es Wonne ſchuf, den Mann, der die ganze Fülle ihrer reinſten Freundſchaft beſaß, einem beglückenden Looſe zuzuführen. Angés war der reine Schwan, der wie in der lieblichen indiſchen Sage von Nal und Damajanti neigungweckende Worte von einem Ohre zum andern trug, von einem Herzen zum andern. Im Glücke ihrer beiden Lieblinge gedachte ſie ſich dereinſt zu ſonnen, ihnen Freundin zu bleiben und Genoſſin ihres Glücks, dieſer Gedanke bil⸗ die ihren ſeligſten Zukunfttraum. Was ſie von den äußeren Ver⸗ hältniſen des Grafen kannte, erſchien ihr vollkommen beruhigend, vielleicht pielt ſie ihn für reicher als er war. Sophie konnte un⸗ ter günſtigen Perhältniſſen dereinſt noch eine der reichſten Erbinnen werden, denn das Vermögen der Familie Condé⸗Bourbon, das man ieſen Hauſ PVermögen u Nach di Habgier un dem cdlen ſog übers wiſenheiten nonmen, politichen Warmng. Libe die T größer und hieß Verrat Schon der zu Wa ſhrieben. Mein gebeteten: Charlotte: nach Parie geweſen. C Friheit un Wer hinterhrach Dos Herzog. Und Heni? fragte m und ſcho verlieren. Der Nin, C in geth duſa, der ſih uch rb, daß er bisher ſchon nauf ſeinen de und dann khr et dieſen nlichen Un⸗ ſſe; er half ben. Glüc⸗ icklich, Lud⸗ nden, und vereintes ngewandelt. n und wie mildthütigen romantiſchen bensfrühling, agie etklang beſeligende ur holdſten ibrig dern tszauber als ʒile ihn zzuführen. en irdſſcen von einem qn Glidt ihnen edanke bi⸗ eren Ver tenin, konnt un⸗ Ertimen das mon 363 dieſem Hauſe geraubt und zum Staatseigenthum gemacht hatte, dieſes Vermögen war unermeßlich. Nach dieſem Reichthum richtete ſich indeß gar mancher Blick der Habgier und mancher andere Blick des Argwohns richtete ſich nach dem edlen und unbefangenen Herzog; der Blick der Vatertreue aber flog über's Meer herüber voll banger Beſorgniß. Die kurzen Ab⸗ weſenheiten und Reiſen des Herzogs, meiſt in aller Stille unter⸗ nommen, fanden Mißdeutung; ſie nährten auf der einen Seite den politiſchen Verdacht, auf der anderen vermehrten ſie die wohlmeinende Warnung. Aber wann vernahm der Tannhäuſer im Zauberberge der Liebe die Warneſtimme des treuen Eckart? Eine graue Spinne wob größer und größer, weiter und weiter ein unſichtbares Netz— ſie hieß Verrath. Schon im Sommer des Jahres 1803 hatte des Herzogs Vater, der zu Wanſtead in England weilte, warnend an den Sohn ge⸗ ſchrieben. Mein Vater, ſprach damals mittheilend der Herzog zu ſeiner An⸗ gebeteten: hegt ſeltſamen Verdacht. Höre, was er ſchreibt, meine Charlotte:„Man behauptet hier in Wanſtead, daß du eine Reiſe nach Paris gemacht habeſt, Andere ſagen, du ſeiſt nicht in Straßburg geweſen. Es leuchtet wohl ein, daß es mehr als zwecklos wäre, deine Freiheit und dein Leben auf das Spiel zu ſetzen.“ Wer mag es geweſen ſein, der deinem Vater dieſe Nachrichten hinterbracht hat? fragte die Prinzeſſin, welcher das Herz bange zu ſchlagen begann. Das weiß nur Gott, nicht ich, meine Liebe, entgegnete der Herzog. Und thateſt du wirklich keinen ſo gefährlichen Schritt, mein Henri? Oder thateſt du ihn? Vergaßeſt du mich und unſer Kind? fragte mit liebevollſter Beſorgniß und voll Seelenangſt Charlotte und ſchloß den Gemahl in ihre Arme, als fürchtete ſie, ihn zu verlieren. Der Herzog küßte ſie und erwiederte halb zärtlich, halb ſchwermächig: Nein, Charlotte, ich habe dieſen Schritt nicht gethan, aber wenn ich ihn gethan hätte, wer wollte mir ihn, außer den Feinden unſeres Hauſes, verargen? Dieſe hier ausgeſprochenen Befürchtungen liegen ſo 364 nahe, und es wundert mich gar nicht, wenn Einige glauben, daß der Blick in eine Zukunft, die aller Hoffnung beraubt iſt, mich ver⸗ leiten könnte, mich mit den Feinden unſeres Hauſes in Verträge ein⸗ zulaſſen; Andere hingegen, daß ich Tag und Nacht darauf ſänne, eine Lage, die mich niederdrückt und völlig lähmt, zu verändern. Der Sold Englands brennt mir in der Hand! Wann war England Frank⸗ reichs wahrer Freund? Aus Haß gegen Frankreich unterſtützt es jetzt uns, und ſtempelt uns zu Feinden Frankreichs, uns, die wir unſer geliebtes Vaterland ſo heiß, ſo innig lieben! Iſt das nicht fürchterlich? Mein Vater— fuhr der Herzog fort, kennt mich beſſer. Er ſchreibt über den erſterwähnten Verdacht, daß er ihn nicht theile, aber daß die Gefahr mir ſehr nahe liege.„Hüte dich,“ ſchreibt er,„und ver⸗ nachläſſige keine Vorſicht, um dich rechtzeitig zu ſichern, im Fall der erſte Conſul beabſichtigten ſollte, dich aufheben zu laſſen.“ O, mein Henri! rief Charlotte: Verachte nicht die Warnung deines treuen Vaters! Mir zittert das Herz, laß uns fliehen, weit fort von der Ufernähe des Rheins, wir ſind hier Frankreich allzunahe! Und doch ſo ſchrecklich fern! ſeufzte der Herzog. Wollten wir uns noch weiter von dem theuern Lande entfernen?— Der Herzog blieb, aber die Prinzeſſin ſann im Stillen darauf, einen andern Zufluchts⸗ ort zu nehmen. Eine Jugendfreundin, eine deutſche Fürſtin, deren Reſidenzſchloß in der romantiſchen Künzelsau im Jartkreis des Lan⸗ des Würtemberg gelegen war, ſollte ein neues Aſyl gewähren; in jene anmuthigen und reizvollen Thäler des Kocher und der Jart wollte man ſich zurückziehen, und dort unter den Schleiern des tiefſten Ge⸗ heimniſſes friedlich wohnen. Der Menſch baut Pläne, damit das Schickſal ſie vereitle. An einem überaus ſchönen Morgen ergingen ſich Sophie, Angés und Ludwig unter der gewöhnlichen Begleitung ihrer männlichen Be⸗ dienung in der Nähe von dem Münſter und Münchweiler, und ruhten dort aus an einer von uralten Bäumen umſchatteten Stelle, auf einer Steinbank, über der ein Crucifir von dunkelem Marmor ſich erhob, neben dieſem ſtanden Marie und der Jünger, den Jeſus lieb hatte. Dicht daneben ſtand eine uralte Martyrſäule. Trunknes Entzücken ſog Ludwig aus jedem Blick Sophiens, die in lieblicher Jugendſchöne ihm gegenüberſaß, in ihren Blicken jene Verklärung, welche das erſte Eruchen jung werden chung Da neht ein imen di Geda doſthligt ein ſhloſeen 2 Nirhen ihre Adnig d ibe, doch ver hüntte ihm di lich auch ſchon nurde in ſeine Die Som nohen Kiche guell, von d ſufen lagen ud eifrig Gynadenortes zihlte: Ein andern Mör Chriſtuslehre und wilden Vwohnern Bünder d ſiß in Am Nam kan Udelin lie ler nicder in ſ Gi die neue 4 Mun zu in ſein B A in der ſo if ſihn die glauhen, dß ſſt, mich ver⸗ Vertrige ein uf ſinne, eine tändern. Der ngland Frank⸗ erſtütt es jett die wir unſer pt fürchterlich? Er ſchreibt ile, aber daß „„und ver⸗ im Fall der E ie Wamng fiehen, weit ich allunahel lten wir uns hetzog blib, n Zufluchtz⸗ ürſtin, deren gewähren; in nt wolle tiefſen Ge⸗ „Rnit das bie, Angés mlihen Be⸗ und mhten e, uuf int ſch echob, lieb hatte. Erticen igenſchin e bos erſt — 365—— Erwachen jungfräulicher Empfindungen begleitet, jenes ſüße Bewußt⸗ werden ahnungsreicher Gefühle, die das Herz unruhiger klopfen machen. Da naht ein leiſer Anhauch von Schwermuth und Schwärmerei, da irren die Gedanken wie gaukelnde Schmetterlinge dahin und dorthin, da ſchlägt ein unbewußtes Sehnen die bisher vom tiefen Schlummer geſchloſſenen Augen auf, wie die Prinzeſſin Dornröschen im deutſchen Märchen ihre Augen aufſchlug, als der Königsſohn ſie küßte. Ludwig durchſtrömte alle Süßigkeit, alles Ahnen einer keuſchen Liebe, doch verſchloß er tief in ſeiner Bruſt was er fühlte, denn noch dünkte ihm dieſes holde Weſen ein unnahbares Heiligthum, wie deut⸗ lich auch ſchon ein hohes Vertrauen ihn hatte verſtehen laſſen, man werde in ſeinem Schutz dies Kleinod gern geborgen wiſſen. Die Sommerluft hauchte erfriſchende Kühle; aus der Vorhalle der nahen Kirche rieſelte plätſchernd Sanct Landelin's geheiligter Wunder⸗ quell, von dem die Luſtwandelnden getrunken hatten; auf den Stein⸗ ſtufen lagen im ſtillen Gebete andächtige Waller und beteten leiſe und eifrig ihren Roſenkranz ab. Auf des Münſters und dieſes Gnadenortes Urſprung lenkte ſich die Unterhaltung und Ludwig er⸗ zählte: Ein edler Schotte, Namens Landelin, verließ gleich vielen andern Mönchen Schottlands, ſein Vaterland, in welchem früh die Chriſtuslehre Wurzel geſchlagen hatte, um in den damals noch rauhen und wilden Gefilden Galliens und Deutſchlands deſſen heidniſchen Bewohnern das Chriſtenthum zu predigen. Er ward in Frankreich Begründer der nach ihm genannten Stadt Landelles, wo ſein Gedächt⸗ niß im Namen Sauveur de Landelin noch heute fortlebt. Der fromme Mann kam auch in dieſen Gau, den der Heidenfürſt Giſock beherrſchte. Landelin ließ ſich an der Stelle, wo wir eben verweilen, als Einſied⸗ ler nieder und begann in der Stille ſein Werk der Bekehrung. Davon kam zu Giſock die Kunde, deſſen Zorn heftig gegen den Neuerer und die neue Lehre entbrannte, und der ſeinen Leuten befahl, den frommen Mann zu ermorden. Landelin ſank von ihren Dolchſtichen getroffen in ſein Blut. Ach! ſchrie Angés auf, und fuhr mit der Hand nach der Stelle ihres Herzens; war es ihr doch, als empfinde ſie ſelbſt einen Stich, ſo ergriff ſie dieſe Sage, im Bunde mit der Erinnerung an die Ge⸗ fahr, die ihr ſelbſt weiter aufwärts im Thale einſt gedroht hatte. Ihr — Ausruf erſchreckte die Gefährten, ja ſie ſtörte damit ſogar die Andacht der Betenden, denn ein Paar Mönche in dunkeln Kutten kehrten ſich nach ihr um; ſie weckte auch Philipp's Aufmerkſamkeit, der in der Nähe weilte, und mit raſchen Schritten hinzu trat. Angés, ſeltſam be⸗ wegt, bat Ludwig, in ſeiner Erzählung fortzufahren. Philipp ſah ſcharf nach den Mönchen, mit Blicken voll Mißtrauen, der Graf fuhr fort: An der Stelle, wo der fromme Landelin unter den Dolchen der Meu⸗ chelmörder ſein Leben verblutet hatte, entſprang ein Heilquell, welcher Kranken zu wunderbarer Geneſung verhalf. Die Gefährten des Mär⸗ tyrers trugen den entſeelten Leichnam thalaufwärts, wo ſie ihn zur Erde beſtatteten. Die Stelle, wo Landelin ſtarb, und die, wo er ſeine irdiſche Ruheſtätte gefunden hatte, wurden dem Volke bald heilig, des Blutzeugen Märtyrtod und ſein Wunder gewann den ganzen Gau für die Chriſtuslehre. Dieſer Ort trägt von ihm den Namen Sanct Lan⸗ delin, über dem Wunderquell erbaute Herzog Etticho eine Kirche, voll Gnadenbilder und begabt mit reichem Ablaß. Zahlreiche Mönche ſie⸗ delten ſich hier an und weilten in dieſem Thale an den Ufern der Umlitz, wie der Thalbach in früheren Zeiten genannt wurde; ſie erbauten Hütten in der Nähe jenes geweiheten Grabes. Von dieſem Verweilen der Mönche erhielt der allmählich entſtehende Ort den Namen Münch⸗ weiler, und außerdem entſtand auch noch auf jener nahen Anhöhe über dem Wallfahrtsort das Kloſter Mönchszelle. Deſſen Bewohner verſahen den Gottesdienſt in der Kirche zu Sanct Landelin. Noch aber wogten gewaltige Völkerkämpfe; die Franken brachen heraus in dieſes Alema⸗ niſche Land und verheerten es, das Klöſterlein verſank bald in tiefſte Armuth. Da geſchah es, daß ein frommer Mönch deſſelben, Namens Widegera, aus dem Breisgau, im Jahr ſiebenhundertundzwanzig Bi⸗ ſchof zu Straßburg wurde, und viel zur Erhaltung von Mönchszelle that. Nach ihm wurde, doch lag dazwiſchen wieder eine lange Zeit voll Noth, Gefahr und Kämpfe, Etto, der Sohn Herzog Etticho's, welcher letztere die nahe Stadt Ettenheim gründete, durch Kaiſer Karl den Großen Biſchof von Straßburg. Er war es, der Mönchszelle aufs Neue erhob, und nahe dem Wunderquell des heiligen Landelin das Münſter neu erbaute, das wir als Ettenmünſter nun vor uns in den ſtattlichen Bauten erblicken, das fortan ihm zur Ehre ſeinen Na⸗ men Etto als Ettenheimmünſter fortführt. Zugleich wurde Etto des —— Ninſter e Wbten, die ten. Inm hörten endl Zit nit ih Raubſucht, Herren von Kloſtrs er den von Li Nuch di ghen und ſin und kein Grfenng ihnen und de nißtmiſch Graf L als Philpp Zige macht Nun, 1 Grüdige iſ dal3 Wer ſſt Drr Gi Ds Spitzb s glit n hiden Mi halle der hrüberſch in Plic, kännte nic ſt keinesn inner wi ſu oh di ar die Andacht ten kehrten ſch it, der in der 6o, ſeltſum he⸗ ipy ſah ſcharf rf fuhr fort: lchen der Mul⸗ ilguell, welcher rten des Mär⸗ wo ſie ihn zur ie, wo er ſeine ald heilig, des nzen Gau für en Sanct Lan⸗ ſe Kirche, boll he Mönche ſi⸗ fern der Unlit, ſie erbauten ſem Vemeilen lamen Münch⸗ nAnhhe über ohner verſahen h abet wohten dieſes Alema⸗ hald in tifſte lben, Namens ndzwarzig Bi⸗ nMöncähele ne lange Zet tzog Ettichos, uiſr hul Wönfilt ign Lunteln vor uns in e ſeinen Na⸗ ge Etto d 367 Münſters erſter Abt, an der Spitze einer Reihe von zweiundfünfzig Aebten, die durch gute und böſe Zeiten hindurch dieſes Kloſter regier⸗ ten. Immer ſchlimmer wurden indeß die böſen Zeiten und die guten hörten endlich ganz auf; der goldenen und ſilbernen folgte die eiſerne Zeit mit ihren Gewaltthaten, ihrem Waffenlärm und ihrer Hab⸗ und Raubſucht, wobei von den natürlichen Schirm⸗ und Schutzherrn, den Herren von Geroldseck einer nach dem andern ſich als Feinde des Kloſters erwieſen und es mehr und mehr verkürzten, bis mit dem Frie⸗ den von Lüneville deſſen Aufhebung erfolgt iſt. Nach dieſer Mittheilung erhoben ſich die Spaziergänger zum Weg⸗ gehen und wandelten wieder ihrer nahen ländlichen Wohnung zu. Lang⸗ ſam und keineswegs bemüht ſie einzuholen, folgten ihnen in gemeſſener Entfernung die erwähnten Mönche auf demſelben Wege, aber zwiſchen ihnen und der Herrſchaft ging Philipp, nicht ohne ſich oft nach Jenen mißtrauiſch umzuſehen. Graf Ludwig hatte ſich kaum von Angés und Sophie verabſchiedet, als Philipp mit ſorgenvoller Miene zu ihm trat. Der Ausdruck ſeiner Züge machte den Grafen betroffen. Nun, Philipp, was haſt du? fragte er ihn verwundert. Gnädiger Herr! entgegnete der Diener mit verhaltenem Zorn: Er iſt da! Ich hab' ihn geſehen! Wer iſt da und wen haſt du geſehen? fragte Ludwig. Der Citoyen, der Waſſerſpringer, gnädiger Herr! verſetzte Philipp. Das Spitzbubengeſicht vergeſſ' ich all' mein Lebtag nicht, ich erkannt' es gleich wieder, obſchon ich's nur einen Augenblick ſah. Einer der beiden Mönche war's, die uns langſam nachfolgten, die vorher, wie Sie die Geſchichte von dem alten Kloſter erzählten, dort in der Vor⸗ halle der Kirche knieten. Wie dieſer Kerl den Kopf wandte, wie er herüberſah nach Ihnen und den Damen, da hatte ich's los: Es war ein Blick, wie der einer Schlange. Geben Sie Acht, Herr Graf, das könnte nichts Gutes bedeuten! Dieſe Nachricht überraſchte und erſchreckte Ludwig und er nahm ſie keineswegs leicht auf. Vielleicht irrteſt du dich, vielleicht auch nicht, ſprach der Graf; immer wird es wohlgethan ſein, daß wir auf der Hut ſind. Siehe zu, ob du die Mönche wiederfindeſt, ſpähe aus, wohin ſie gehen, wo — ſie bleiben, ich werde das Meinige thun. Sh zurückkommſt, ſattle das Pferd, ich werde nach der Stadt reiten, du aber bleibſt ſo lange in der Wohnung der Damen als Wächter und⸗ hüteſt ſie ſorg⸗ ſam mit all der Treue, die ich an dir kenne. Mir ſoll Keiner kommen, gnädiger Herr, darauf verlaſſen Sie ſich. Wehe dem Kerl, der dazu geholfen hat, den guten ſeligen Herrn Leonardus van der Valck hinüber zu befördern, ich zermalme, ich zer⸗ quetſche ihn, und ſollte es mich den Kopf koſten! Ludwig blieb im tiefernſten Sinnen allein. Philipp's Meldung weckte allerhand ſorgenvolle Gedanken in ihm auf; ſchon längſt hatte er wahrgenommen, daß ſich, begünſtigt von der Freiheit des Gnaden⸗ ortes, gar mancher verdächtige Geſelle in dieſes Thal geſtohlen, daß Späheraugen umherſchlichen, daß vom nahen Frankreich aus jene Netze herübergeworfen wurden nach dem Fürſten, der, ſo oft man ihn auch warnte, an eine Gefahr nicht glaubte und nicht glauben wollte, Philipp erſchien nach einiger Zeit wieder und meldete ſeinem Ge⸗ bieter, daß es ihm nicht gelungen ſei, von jenen beiden Mönchen auch nur die leiſeſte Spur zu entdecken, beharrte aber auf ſeiner Behaup⸗ tung und betheuerte hoch und heilig, daß Jener kein anderer Clement Aboncourt, der Spion, geweſen ſei. Ludwig befahl ihm wiederholt, in der Nähe der Wohnung der beiden Damen zu bleiben, auch Jacques zur Wachſamkeit aufzufordern; dann ritt er nach dem Städtchen, wo er ohne Aufenthalt Audienz bei der Prinzeſſin forderte. Gütig und mit dem freundlichſten Wohlwollen wie immer empfangen, theilte nun der Graf der edlen Frau ganz offen und unumwunden nicht nur die Wahrnehmung und Vermuthung ſeines Dieners mit, ſondern brachte auch ſo manches Andere zur Sprache, was Ludwig von andern Fremden, von Einwohnern, von Leuten der Gaſthäuſer flüchtig und geſprächsweiſe vernommen hatte, und was Alles darauf hinauslief, daß franzöſiſche Emiſſäre, Commiſſäre und Spione ſich im Münſterthale verbreiteten, ſogar in die Stadt ſich wagten, und daß jedenfalls ein Schlag gegen die in derſelben verwei⸗ lenden Emigranten ſich vorbereite. Man ſprach laut davon, daß die ſtärkſten Vermuthungen gehegt würden, die in dieſem Lande verwei⸗ lenden Angehörigen und Anhänger des vertriebenen Königshauſes be⸗ theiligten ſich an Anſchlägen gegen das Leben des erſten Conſuls den die Bourbon ſchehen, die e an die Göttl glaubten, obſ vor ſich ni Grof A ſlſtere, der für denſelbe Grafen von Bündniß ur Verſchwörun Conſuls ein Herpg bon der Perſchw Die Pr der Stelle 9 ſe liegt, als weiß, daß tene Verh dieſe Ver darauß he will man gunz St Tnſſerff Fuum, Laſſen I Ir ben. führen, und M zur Ab ich ur Juehues as Hei den her D.— urückemnſ, ber blebſt ſ äteſt ſe ſog⸗ ſen Sie ſch. ſtligen Herrn alme, ich zer⸗ Meldung längſt hatte des Gnaden⸗ al geſtohlen, eich aus jene oft man ihn nben wollte, te ſeinem Gl⸗ Mönchen auch iner Beha anderer a Pohnung det zufzufordem⸗ Adienz bei Wohlwollen Frau gaſz Vermuthung Andere zur ohnem, von nnen hatte, gonniſie ie Stadt ſch lben verwe⸗ on, daß i nde verwe chuſts he⸗ jonſuls d — 8 — 369—— die Bourbons naturgemäß haſſen mußten. Schon waren Thaten ge⸗ ſchehen, die es offenkundig machten, daß es Menſchen gab, welche nicht an die Göttlichkeit der Sendung des neuen Meſſias von Frankreich glaubten, obſchon dieſer, mit hohem Muthe gewappnet, ſeine Feinde vor ſich niederwarf und die ſtaatliche Ordnung wieder herſtellte. Graf Ludwig entdeckte der Prinzeſſin, daß man ſich in die Ohren flüſtere, der Herzog ſei mit George Cadoudal im Einverſtändniß, habe für denſelben das rothe Band und den Generallieutenantstitel vom Grafen von Artois ausgewirkt, ſtehe auch mit Pichegru im geheimen Bündniß und es ſei ganz zweifellos, daß eine große weitverzweigte Verſchwörung eriſtire, die der Herrſchaft und dem Leben des erſten Conſuls ein Ende zu machen beabſichtige. Zu dieſem Ende reiſe der Herzog von Zeit zu Zeit verkleidet zu George, wo demſelben im Kreiſe der Verſchwornen königliche Ehren erwieſen würden. Die Prinzeſſin erſchrak heftig über dieſe Nachrichten und traf auf der Stelle ihre Anſtalten. Ich ſehe klar, ſprach ſie, daß hier ein ganz anderes Complott vor⸗ liegt, als blos das gegen Leben und Freiheit meines Gemahls! Man weiß, daß wir auf dem Punkte ſtehen, unſere bis jetzt heimlich gehal⸗ tene Verbindung vor aller Welt zu erklären, man ſieht ein, daß durch dieſe Verbindung das Vermögen des Herzogs nicht an Die, welche darauf hoffen, ſondern an deſſen rechtmäßige Erben fallen wird, daher will man den letzten Zweig vom Hauſe Condé abhauen, auf daß der ganze Stamm verdorre, und will dies durch Verdächtigungen bewirken. Tauſendfacher Dank ſei Ihnen geſagt, mein beſter Graf! Sie ſind der Freund, auf deſſen Hochherzigkeit ich in allen Fällen feſt vertraue. Laſſen Sie uns raſch und entſchieden handeln, retten Sie mein Kind! In Ihre treue Hut übergebe ich, die Mutter, es für Leben und Ster⸗ ben. Der Herzog hört auf keine Warnung, iſt blind für die Ge⸗ fahren, die ihn umdrohen; ich muß ſelbſtändig handeln, Mutterpflicht und Mutterliebe gebieten es mir. Sie, beſter Graf, rüſten ſofort Alles zur Abreiſe, Sie gehen noch heute, höchſtens morgen mit Sophie, die ich nur noch einmal ſehen und ſegnen will, in Begleitung von Angés, Jacques und Sophie Botta nach Ingelfingen, und verbergen dort durch⸗ aus Herkunft und Stand von Ihnen Allen. Mittlerweile werde ich den Herzog überzeugen und bewegen, daß er mit mir Ihnen folgt und D. B. III. 24 370 ſich dem gefährlichen Netz entzieht, das ſich hier um ihn und uns Alle herumſpinnt. Säumen Sie nicht, ich werde ſogleich den Wa⸗ gen ſenden und Sophie herüber holen laſſen, für die ich zittre. Ach, beſter Graf, welch' unſchätzbares Gut vertraue ich Ihnen an! O, Him⸗ mel, und ich bin ſo ganz ohne Bürgſchaft! Gnädigſte Frau Prinzeſſin! unterbrach lebhaft und ganz gegen die Form der Courtviſie der Graf die Sprechende: ſagen Sie nicht ohne Bürgſchaft! Ich ſtelle Ihnen dieſe Bürgſchaft, bei Gott dem Allmäch⸗ tigen, ich ſtelle ſie!— Und indem der Graf in leidenſchaftlicher Erregung auf ſeine Kniee ſank, fuhr er fort: Bei dem ewigen Gott, den ich in dieſer feierlichen Stunde zum Zeugen anrufe, bei dem Gott, vor dem, und nicht vor Ihrer Hoheit, ich jetzt kniee, ſtelle ich Ihnen meine Bürgſchaft: das Herz eines deutſchen Mannes, und weihe mich, mein Leben, mein Hab und Gut, meine Zukunft, mein ganzes Erdendaſein dem himmliſchen Geſchöpf, welches Sie Ihre Tochter nennen! Ich will ihr Alles ſein, wozu Sie mich ernennen, wozu ſie ſelbſt mich erwählt, Vater, Bruder, Freund, Beſchützer, Wächter, Alles, Alles! Ich will um Sophien willen der Welt, ich will dem Leben entſagen, wenn dies gefordert wird! Unter hundert Schleiern will ich ſie verbergen, ihr Geheimniß will ich bewahren, und wenn Sie, oder der erlauchte Vater es nicht löſen, ſo ſoll keine Macht oder Gewalt, ſelbſt nicht die furchtbare Macht des Todes das dreimalheilige Siegel brechen, das meine Lippen ſchließt. Ich weiß, Hoheit, was ich Ihnen verſpreche— ich bin frei, bin unabhängig, bin durch ſchmerzliche Erlebniſſe abgelöst von der Welt— und— daß ich es ſage, weil ich es ſagen muß, o Prinzeſſin, zürnen Sie nicht, richten Sie nicht— ich liebe Sophie! Ich bete Sophie an! Graf, ſprach die Prinzeſſin, im Innerſten erſchüttert, während ihre Thränen unaufhaltſam ſtrömten und ſie dem Knieenden beide Hände bot, ihn emporzuheben: Sie ſind ein edler Menſch! Sie ſind würdig des höchſten Glückes, das die Erde bieten kann, o möcht' Ihnen für Ihren treuen und feſten Wille ein Himmel auf Erden werden! Gehen Sie, und bringen Sie mir Sophie, daß ich Sie Beide ſegne.— Graf Ludwig ging, den Himmel im Herzen und große Entſchlüſſe in ſeiner Scele. Noch an demſelben Abend fuhr er mit Sophie und Angés Jocques, dem Hin hätte err Liebe fahr ihn ihr Rei Trennu es kom werhe. Sop unter Th mine g befhlen Munde. heitage in Am ſelbſt mein nichts zu loh D dir z ſprnch in M Kind! nicht G Alle Miün bäud die ſurk Arhe 371 Angés nach der Stadt,— auf dem Kutſcherſitz ſaß wohlbewaffnet ihn und uns gleich den Pe⸗ Jacques, hinten auf nicht minder gut bewehrt Philipp. Weder auf ſch zitr. Ah,* dem Hin⸗ noch auf dem Rückwege zeigte ſich Etwas, das Beſorgniß an! O hin⸗ hätte erregen können. Liebevoll vertraute die Mutter ihrem Kinde, daß die größte Ge⸗ garz gegen die fahr ihnen Allen drohe, daß Graf Ludwig großmüthig entſchloſſen ſei, Sie nicht vhne— ihr Retter, ihr Ritter, ihr Beſchirmer zu werden, daß ſie in eine kurze tt dem Allnich⸗ Trennung von dem liebenden Mutterherzen ſich fügen müſſe und daß, ftücher Gregung es komme wie es wolle, ihr Geſchick ſich an das des Grafen knüpfen Fott, den ich in werde. Gott vor in, Sophie weinte, wie es nicht anders ſein konnte, aber ſie ſprach Ihnen meile unter Thränen zur Mutter die verſtändigen Worte: Was Sie befehlen, 7 he nich, mein meine gnädigſte Mutter, iſt meine Pflicht. Was der Herr Graf mir es Erdendaſin befehlen wird, werde ich befolgen, als ſeien es Gebote aus Ihrem en! ch nil Munde. Ich kenne und ehre den Herrn Grafen aus frühen Kind⸗ ſi nich erwühlt, heittagen; er war ſchon, als ich noch ein Kind war, auf dem Schiffe s h vil un in Amſterdam, auf der Reiſe und zu Schloß Doorwerth die Güte n dies gefordert ſelbſt gegen mich, er war auf der Reiſe nach Rußland mein Führer,. Geheinri nil mein Lehrer, ebenſo in Hamburg, ich danke ihm ſo viel, daß ich es nicht liſen, nichts erdenken kann, was ich beſäße, um ihm damit für alles Das urchtbare Macht zu lohnen, was er mir Gutes und Liebevolles erwieſen hat. eLrpenſhleßt Den größten Dienſt ſteht der Graf jetzt im Begriffe, uns und in fri, lin dir zu leiſten, aus der größten, drohendſten Gefahr dich zu retten, on der Welt— ſprach die Prinzeſſin. So gehe denn in des Grafen Schutz, in Gottes, inzeſin, zirnen in Mariens, in aller Heiligen Schutz, mein theures, ewig theures bete Kind! Wir ſehen uns wieder! Gott gebe bald, recht bald! Der Herzog war nicht bei dieſer Abſchiedſcene zugegen, er war ittert, rihm nicht im Orte, vielleicht verreist, vielleicht auf der Jagd. nieenden bde Es war zu ſehr früher Morgenſtunde, der Tag graute kaum,— Nanch! 6 Alles war ſtill und feierlich in den Nachbarorten Ettenmünſter, kann, nitj Münchweiler und Sanct Landelin. Die mannichfaltigen großen Ge⸗ mel auf Be bäude erſchienen noch höher, gewaltiger, ausgedehnter als bei Tage, „dof ih Si die Thalferne war nebelgrau umflort und düſter. Der Ettenbach rollte — ſtark hinab nach der Stadt, als eile er, recht wie ein fleißiger oe nſhliſ Arbeiter in der Frühſtunde zu Felde zieht, ſeine Mühlen zu treiben, t erthi u 24* — 372— oder ſeine Thalwieſen wäſſernd zu befruchten. Alles war gepackt, ge⸗ ordnet und zur Reiſe bereit. Zwei Wagen ſollten die Reiſenden auf⸗ nehmen, im erſten ſollten der Graf, Sophie und Angés, im zweiten die Dienerſchaft fahren. Als es nun zum Einſteigen kam, weigerte ſich Angés entſchieden, ſich zu Ludwig und Sophie in den Wagen zu ſetzen, behauptete das Rückwärtsfahren nicht gut zu vertragen, und was ſie ſonſt für Vor⸗ wände zur Hand nahm; der wahre Grund aber lag in Angés zartem Sinn, ſie wollte Sophie jetzt einzig beim Schmerz über dieſe Trennung von den geliebten Eltern der Tröſtung ihres Begleiters überlaſſen, denn es gibt Augenblicke im Leben, wo zwiſchen zwei Perſonen auch die allervertrauteſte Dritte ſtört. Der Poſtillon des erſten Wagens ſtieß in's Horn, ſtimmte die Melodie eines ſchwarzwälder Volksliedes an und daſſelbe ſchien allen be⸗ waldeten Bergwänden des Münſterthals ſo wohl zu gefallen, daß ſie's im Echo nachtönten.— Dieſe Poſthornklänge und des Wagens Rollen auf harter Straße, die friſch mit Bergkies bedeckt war, ließ einen gellenden Aufſchrei überhören, der plötzlich hinter ihnen dicht am zweiten Wagen ausgeſtoßen wurde, einen Schrei, der herzzerſchneidend alle Diejenigen durchdrang, welche ihn vernahmen. A. Rataſtrophen. Der anbrechende Morgen war trüb und düſter, und über der Straße, die durch das Gebirge nach Tübingen zu führte, hingen ſchwere Nebel, die an den Waldbergen hinzogen. Ein ſolcher Morgen weckt keine frohe Stimmung, und der heutige entſprach außerdem noch ſo ganz der Lage der Reiſenden. Sophie war ſtill und ergeben, ſie fühlte ſich geſchützt, einer drohenden Gefahr entriſſen, von der Zukunft hoffte ſie nichts; ihre Gedanken kehrten zurück zu den geliebten Herzen, die ſie hatte verlaſſen müſſen; ihre einzige Hoffnung war die Verheißung des baldigen Wiederſehens. Grof ſchſuz nun ſo u Gelübdes ſuh n etſten S zu finder Woe Sie nir zu dürf nothwend werde S daß dieſe und Ihn dieſes W um Ihr Murſch Strle ſ wch ſ welche verſagt iſt, zu auch wi lauchten pfungen J als de bis die fiden, J aberj Zwet A mein Di wo es r gepact, ge⸗ Keiſenden uf⸗ ß, im zweitn bs entſchicen, ehauptete das onſt für Por⸗ Angẽs zartem ieſe Tremung frs überlaſſen, Perſonen auch ſtimnte die ien allen be⸗ en, daß ſies agens Rollen r, ließ inen ten dicht am tʒerſchneidend nd über der ingen ſchwere Morgen wt noch ſo guz ie ſihle ſi nt hoft ſe nen, di ſe reung de 373 Graf Ludwig war von anderen Betrachtungen bewegt. Er fühlte ſich ſtolz und mächtig gehoben in dem Gedanken, das Sophie ihm nun ſo unerwartet ſchnell anvertraut ſei; er gedachte ſeines heiligen Gelübdes, und ſchwur ſich noch tauſendmal zu, es zu halten. Er ſprach zu Sophie ſanfte, ehrerbietige Worte, und wußte gleich in der erſten Stunde ſeines Alleinſeins mit ihr mit ſicherem Tacte den Ton zu finden, der ſich für beide ziemte. Was ich von Ihnen erbitte, nahm er das Wort, iſt, daß Sie mir erlauben wollen, auch fernerhin zu Ihnen in dem Tone reden zu dürfen, den unſere vielfachen gemeinſchaftlichen Reiſen und das nothwendige Incognito der ſpäteren Zeit uns finden ließen. Ich werde Sie ehren, als ſeien Sie eine Königin, ich werde Sorge tragen, daß dieſe Ehrerbietung von Allen ausgehe, die Sie künftig umgeben und Ihnen dienen, aber ich werde Sie nicht Prinzeſſin nennen, denn dieſes Wort würde nur die argwöhniſche Neugier wecken. Sie müſſen um Ihrer eigenen Sicherheit willen ſtets vor den Augen anderer Menſchen verſchleiert erſcheinen, und bei Ihrem Leben gegen keine Seele ſich mittheilen. Es iſt eine große Laſt, die das Schickſal einem noch ſo jungen Herzen auferlegt, und manche Lebensfreude, auf welche Jugend, Schönheit und Anmuth Anſpruch haben, wird Ihnen verſagt bleiben, doch wird Alles geſchehen, um Sie, ſo viel es möglich iſt, zu entſchädigen, und gewiß wird nach einiger Zeit dieſe Feſſel auch wieder von Ihnen genommen; Sie werden an der Hand der er⸗ lauchten Eltern wieder in die Welt treten und die Huldigungem em⸗ pfangen, welche Ihnen gebühren. Ich habe keinen anderen Wunſch, Herr Graf, entgegnete Sophie, als den, mit meinen Eltern recht bald wieder vereinigt zu werden; bis dies geſchieht, werden Sie mich in Allem folgſam und gehorſam finden, was Sie mir anbefehlen. Ich werde Ihnen nie Etwas befehlen, Sophie, entgegnete Ludwig; aber jede der Bitten, die ich an Sie richte, wird Ihr Wohl zum Zweck haben. Ihre Wünſche werde ich ſo achten, erwiederte Sophie, als wenn mein Vater oder meine Mutter dieſelben mir an's Herz legten.— Die Fahrt hatte ſchon eine Zeitlang gedauert, als an einer Stelle, wo es langſam bergan ging, der Graf ſich aus dem Wagen bog, 374 um zu ſehen, ob der zweite Wagen hinter ihm ſei? Ludwig bedauerte im Stillen Angés Weigerung, ſich zu ihnen in den erſten Wagen zu ſetzen; er hätte gerne ihre Stimme gehört, ſich ihrer gemüthvollen Unterhaltung erfreut, es war ihm nicht möglich, ganz ohne Befan⸗ genheit mit dem fürſtlichen Kinde zu ſprechen, und ſich gleich völlig in das ihm ſo neue Verhältniß hinein zu finden und einzuleben. So ſehr die Glut der Liebe ihn durchzitterte, ſo ſehr hielt die höchſte Achtung, die ehrfurchtvollſte Scheu ihn ab, Sophien ſchon jetzt dieſe glühende Neigung zu offenbaren. Der Wagen folgte in ziemlicher Entfernung, halb vom Nebel eingeſchleiert, der rings die Fernſichten hemmte, und nicht einmal die benachbarten Berggipfel erkennen ließ. An einer Waldſchmiede hielten nach der Fahrt von zwei Stunden die Poſtillons, um einem der Pferde ein losgegangenes Eiſen feſt⸗ nageln zu laſſen, und da glücklicher Weiſe neben der Waldſchmiede auch eine Waldſchenke ſtand, ſo benutzten die Lenker des Viergeſpannes dieſe Gelegenheit zur Einkehr in dieſelbe. Ludwig ſtieg einige Augenblicke aus und ſah dem nachkommenden Wagen verlangend entgegen, um Angés zu grüßen, und ſie auf Sophiens Wunſch zu erſuchen, im erſten Wagen bei ihnen Platz zu nehmen. Jener Wagen kam langſam nach, als er nahe genug war, ſahe der Graf zu ſeiner Veſtürzung, daß es eine völlig fremde Kutſche ſei. Er rief den Kutſcher an, ob er nicht einen Reiſewagen mit Gepäck und vier Pferden überholt habe? Dieſer, eine nichts weniger als gut⸗ müthige Schwarzwälder Phyſiognomie, ſchüttelte ſein mit einem breiten Hute bedecktes Haupt, ohne ein Wort weiter zu ſagen, und peitſchte ſein Geſpann, welches einige Reigung zeigte, auch vor der Waldſchenke zu halten. Das war Ludwig unangenehm, ja es berührte ihn peinlich, daß jener zweite Wagen nicht nachkam— er ſah die Zögerung des Po⸗ ſtillons nicht ungern, hoffte und hoffte, blickte verlangend und voll Ungeduld auf den zurückgelegten Weg, ſo weit dieſer ſich überſchauen ließ, und immer vergebens. Der zweite Wagen kam nicht, die Fahrt des erſten ging weiter. Die Station wurde erreicht, wo die Pferde gewechſelt wurden, neuer Aufenthalt— der zweite Wagen blieb noch immet aus. dem zuric anzuemyfth So git dem Grafe räthſelhaft und der ſehr trüb et began nannte, durfte die tungen in Lülbin raſt geha jdet M entbehren gewohnt Ad ſendet n Reiſche Ettenhei Nac und ve herunte Vol in den That Audni P ſo fri Mudr die Di Angé NV P Konm bwig bedaurte ien Wagen zu gemithvolln ohne Befan⸗ geich völl nzuleben. So lt die höchſte chon jetzt diſe b vom Nebel ht einmal die wei Stunden s Eiſen feſt⸗ Waldſchmiede Piergiſpannes achkommenden und ſie auf ihnen Platz g war, ſche e Kutſche ſei. nmit Gepäc iger als gut⸗ mit einem ſagen, und uch vor der einlich, dß ung des Pr⸗ nd und vl iberſchauen t, die Fahrt ie Pferde tlub mi 375 immer aus. Es wurden einſtweilen friſche Pferde für ihn beſtellt und dem zurückreitenden Poſtillon aufgetragen, den Nachfolgenden Eile anzuempfehlen. So ging es von Station zu Station, immer banger wurde es dem Grafen um's Herz. Was war geſchehen? Was konnte dieſen räthſelhaften Aufenthalt veranlaßt haben? Der Abend dämmerte nieder und der Tag, der für Ludwig ſo verheißungsreich begonnen, ſank ihm ſehr trübe, ſeine Verlegenheit mehrte ſich von Stunde zu Stunde; er begann jetzt unwillig zu werden über Angés' Laune, wie er es nannte, und mußte doch dieſen Unwillen vor Sophie unterdrücken, durfte die noch Ahnungsloſe nicht ſchrecken und mit ſeinen Befürch⸗ tungen ängſtigen. Tübingen war erreicht, das Ziel des erſten Reiſetages, wo Nacht⸗ raſt gehalten werden ſollte, und Ludwig's Verlegenheit wuchs mit jeder Minute. Sollte die Prinzeſſin der weiblichen Bedienung entbehren, ſie, die von Kindheit auf die ſorgſamſte Aufmerkſamkeit gewohnt war? Ludwig ordnete an, daß eine Staffette dem Wagen entgegen ge⸗ ſendet werde, die die ganze Straße entlang nach der zurückgebliebenen Reiſebegleitung forſchen und nöthigenfalls bis zur Poſt nach Ettenheim weiter befördert werden ſollte, wenn keine Spur ſich fände. Nach einer Stunde ſorgenvollen Harrens kam die Staffette zurück und rief zum Fenſter des Gaſthauſes hinauf, aus dem der Reiſende herunterſah, daß der Wagen ſogleich kommen werde. Voll hoher Freude warf der Graf ein paar brabanter Laubthaler in den Hut des Poſtillons, der von dannen ritt, und bald rollte in der That der langerſehnte Wagen heran. Voll Unruhe und Ungeſtüm eilte Ludwig die Treppe hinunter, um Angés ſelbſt aus dem Wagen zu heben. Philipp war bereits von ſeinem Außenſitz herabgefprungen, ſein ſonſt ſo friſches rothes Geſicht war bleich; er blickte ſeinen Herrn mit dem Ausdruck tiefen Kummers an, öffnete den Schlag,— Sophie Botta, die Dienerin, ſtieg aus, aufgelöst in Thränen, der alte Jacquts folgte— Angeés fehlte. Was iſt das? Wo iſt Angés? fragte Ludwig erſchrocken. Philipp antwortete: Ach, beſter gnädiger Herr! Ach das Unglück! Kommen Sie in das Haus! — Der Graf eilte in raſchen Sätzen die Treppe hinauf und gebot Philipp, ihm ſogleich zu folgen. Sophie öffnete die Thüre des Zim⸗ mers, in welches ſie abgetreten war, Graf Ludwig winkte ihr ſtumm, zog den Diener in ſein Zimmer und ſtammelte: Sprich! Sprich! Was iſt's mit Angés? Wo habt ihr ſie gelaſſen? Ach, erſchrecken Sie nur nicht allzuſehr, gnädiger Herr! ſtam⸗ melte Philipp. Ach, der liebe gute Engel! Angés! ſchrie der Graf: was iſt's mit ihr? Sie iſt nicht mehr— ſie iſt todt— ſchändlich ermordet! Todt? Ermordet, ſagſt du? Wie ich Ihnen ſage, ſchluchzte Philipp. Jetzt kam auch die Kammerzofe herauf, überlaut weinend, und da die Prinzeſſin dieſe hörte, öffnete ſie wieder die Thüre und ließ ſie zu ſich eintreten; bald wurde auch das junge Herz Sophiens von einer Nach⸗ richt erſchüttert, die ihr das Blut erſtarren machte. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis es zu einer zuſammen⸗ hängenden Erzählung des Ereigniſſes von Seiten Philipp's kam. Wir waren eben im Einſteigen begriffen, berichtete dieſer: als der Wagen des Herrn Grafen wegfuhr. Die Jungfer ſaß bereits auf dem Rückſitze, Angés wollte gleichfalls einſteigen, ich und Jacques hatten nur noch einen Koffer aus dem Hauſe zu ſchaffen, den ich vor mich auf den Kutſcherſitz nehmen wollte, und im Augenblicke, wo ich zuerſt meinen Fuß auf die Stufe vor der Schwelle des Hauſes ſetze, höre ich einen entſetzlichen Schrei, ſehe Angés ſinken, während eine Geſtalt wie ein Schatten um die Ecke des Hauſes huſcht. Ich laſſe gleich den Koffer fallen, ſchreie Jacques zu: Helft dort! und ſtürze dem Schatten nach, dort praſſelt ein aufgeſtellter Haufen Holz zu⸗ ſammen, Scheiter fallen auf mich— aber mich hält nichts zurück, jetzt hart an der Ferſe bin ich ihm— es war eine dunkle Geſtalt— ſie will über einen Zaun— verfängt ſich in der Kutte, wendet ſich — ratz! reißt die Kutte in Fetzen, und auf mich ſtürzt's und ich hab' einen wüthenden Stich in der linken Schulter. Da pack ich die Hand und breche ſie am Gelenke ab,— ſie kracht, aber feſt bleiben die Teufelsfinger um den Dolch gekrallt.— Ich trete den Kerl zu⸗ ſammen, faſſe ihn an der Gurgel und ſtoße ihn gegen eine Mauer⸗ ward, ſo Nieder we ich ihn vo wo Jacqu hält, un Poſtillons Wogen, Angés w getrofen halten u denn dieſ Stoß gefi Das 1 Schulhei ganze O Mördet wohnt— heller T ſoh es, Die Po ſch ich elend— Bader f den Vie ich aus ſchrie: Gottsh wollt! u6, die Ka ſchen! funzð VW erſchütt Ne uf und glot hüre des gin⸗ kte ihr ſumn, Sprich Pas r Herrl ſtan⸗ nordet! nend, und da ließ ſie zu ſch einer Nach⸗ er zſammen⸗ ps kam. te dieſer: als ſuß beritz u und Jachues den ich vor blice, wo ich Hauſes ſeze, während eine t. J lſe nd ſtitze ufen hoh jl⸗ nihts zurüc, le Geſtlt— nerdet ſih mts un ic pu ih di fiſt bliten en Kerl zl⸗ eine Mauer⸗ wand, ſo lange und in einem fort, bis der Athem ihm ausgeht. Nieder werf' ich ihn, mit Füßen tret' ich ihn, an den Haaren ſchleif' ich ihn vor nach der Stelle, wo er ſeine blutige That vollbracht— wo Jacques die arme unglückliche Angés als Leiche in den Armen hält, und laut um Hülfe ruft und jammert. Es gibt Lärm, die Poſtillons ſpringen von ihren Pferden, die Jungfer ſtürzt aus dem Wagen, die Hausleute eilen herbei— ach, was half das Alles? Angés war ſtarr und kalt— von einem Dolchſtoß mitten ins Herz getroffen— der Mörder mußte ſich hinter dem Wagen verſteckt ge⸗ halten und ihr beim Einſteigen den Mantel erſt abgeriſſen haben, denn dieſer lag am Boden, dann hatte der Hallunke ſeinen ſicheren Stoß geführt. Das Unglück war da, das große, entſetzliche Unglück. Nach dem Schultheißen, nach Polizei, nach Gensd'armen wurde gerufen, die ganze Ortſchaft kam in Allarm. Dort lag noch der feige elende Mörder— Angés war in das Haus getragen worden, das ſie be⸗ wohnt— ach, wer hätte eine ſolche Rückkehr geahnt!— Es wurde heller Tag— das Volk ſah nicht die ermordete Angés, den Mönch ſah es, und ſchrie: Ein frommer Pater iſt erſchlagen! Mord! Mord! Die Poſtillons wurden gezwungen, ihre Pferde abzuſpannen. Jetzt ſah ich erſt, daß ich ſelbſt beträchtlich blutete, es wurde mir ganz elend— ich trank ein Glas Rum und riß meine Kleider ab. Ein Bader fing gleich ſeine Kur mit mir an, mitten in der Wirthshaus⸗ flur— des drängenden Volkes wurde immer mehr— ſie wollten den Leichnam des Mannes aufheben und ihn in die Kirche tragen, wie ich aus ihren Reden vernahm— da ſtieß ich den Bader zurück und ſchrie: Den Hund, den Meuchelmörder in die Kirche? In das Gotteshaus? Auf den Schindanger gehört er, wenn ihr es wiſſen wollt! Ein frommer Pater wäre er, bildet ihr euch ein? O, ich weiß auch, wie ein Pater beſchaffen iſt! Schaut her!— Dabei riß ich ihm die Kaputze vom Kopfe, und es war nun hell genug, daß jeder ſehen konnte, daß der Kerl keine Tonſur hatte. Der ein Pater? Ein franzöſiſcher Spion iſt's, wenn ihr's wiſſen wollt! Wie? War es etwa jener Clement Aboncourt? rief Ludwig tief erſchüttert aus. Nein, gnädiger Herr,— der war es nicht, aber der Spießgeſelle, — 378—— der mit ihm ging, auf alle Fälle derſelbe Hund, der dem guten Herrn Leonardus den Tod brachte. Jetzt erſchien Polizeimannſchaft— da man an mir Blut ſah, und zwar deſſen nicht wenig, ſo ſollte ich der Mörder des Mörders ſein,— und ſchlecht genug wär' es mir auch ſicherlich ergangen, wenn der Kerl wirklich todt geweſen wäre; aber mit Einemmale fing er an, Geſichter zu ſchneiden und zu gurgeln und wurde wieder lebendig, wie eine Katze, die man heute dreimal tedt ſchlägt, und übermorgen läuft ſie wieder auf dem Firſt des höchſten Daches, als wäre ihr nichts geſchehen. Er wurde ſogleich mit Stricken ge⸗ ſchnürt und ins Gefängniß gebracht. Wir wollten Ihnen nun nach⸗ fahren, denn wir konnten ja doch nicht helfen— die Poſtillone ſpannten wieder an, aber ſie mußten dennoch zurück. Die Polizei beſtand darauf, daß wir mit nach der Stadt fuhren, um dem Gericht über Alles Aufſchlüſſe zu geben. Daraus entſtand der endlos lange Aufenthalt— da mußte Alles an den Tag, wer wir ſeien, woher wir kämen, wohin wir wollten und wer den Mörder ſo übel zuge⸗ richtet habe?— Ich ſagte, daß er mich geſtochen und daß ich mich zur Wehre geſetzt habe. Was der Nichtswürdige ausſagte, habe ich nicht erfahren, ich drängte zur Eile— die Zofe lief von einem Polizei⸗ ſoldaten begleitet, zu einer hohen Dame, die bewirkte, daß wir frei⸗ gelaſſen wurden und fortfahren durften. Jener Mörder wird wohl der Vergeltung nicht entgehen, aber uns allen war bitterlich weh um's Herz über der unſchuldigen Frau Angés' Tod, die wir noch einmal ſahen, und die ſo überirdiſch ſchön da lag, wie eine blaſſe geknickte Lelibloem— ſo plötzlich dahinzugeben das noch ſo junge liebliche Leben! Welch' ein Schmerz für Ludwig wie für ſeine Schutzbefohlene! Das war ein mehr als trüber Beginn des neuen Lebensabſchnittes, der mit dem heutigen Tage für Beide angebrochen war— das war eine ſchwere Prüfung, eine finſtere Vorbedeutung. Der Graf ließ Philipp ſogleich wundärztlich behandeln; die Wunde war übrigens nicht von Bedeutung. Des treuen Burſchen Natur war nicht zart und empfindlich, er hatte zwar in der Nacht ein wenig Fieber, war aber am andern Morgen bei ſehr früher Zeit wieder auf, und bereit, den Befehlen ſeines Herrn zu folgen. Dieſer verſah ihn mit Geld; er ſollte ſogleich mit Ertrapoſt zurückfahren und — Angẽs Vi dabei auch das der tret Zoll der au über alle di Daß d der Natur Stimmung der Graf ihrer gemei mehr, als Ingelfi zugebrachte Die ürſti unſere Rei holtung w ſchrüt un ten Ange des Mör Habgieri dolchen i Rendliche Farben Gra fir den det Prin luſtwan ſchleiert rathen, ſilſche ierig brachen nige, ſo ſuch irulir haar. den gln mannſchaft 2 ſo ſolle ih nir uuc ire; aber nit elnund wurde lut ſhlig chſten Daches, t Stricen ge⸗ en nun nach⸗ die Poſtillone Die Prlizei dem Gericht endlos lange ſien, woher ſo übel zuge⸗ ich nich ur habe ich nicht einen Prliz⸗ duß nit fri⸗ er nird wohl ulich weh ums nch einml laſe geinidte nge lubliche tuzbefohlen nobſchritte, — das war z die Wunbe n Natut un t ein weni giit nider Dieſer erſah jahrun und 379 Angés' Leichenbeſtattung in ehrenvoller angemeſſener Weiſe anordnen, dabei auch der Prinzeſſin Kunde vom Befinden ihres Kindes bringen, das der treuen Pflegerin ſeiner Kindheit und Jugend den traurigen Zoll der aufrichtigſten Thränen nicht verſagte, ja ganz außer ſich war über alle die Betrübniß, die auf ſein Herz einſtürmte. Daß die Weiterreiſe nach Ingelfingen keine heitere war, lag in der Natur der Umſtände; düſtere Wehmuthſchatten umwölkten die Stimmung der Reiſenden, aber die tiefe und gerechte Trauer, welche der Graf und Sophie bei dieſem plötzlichen, ſchrecklichen Hinſcheiden ihrer gemeinſamen Freundin empfanden, näherte ihre Herzen einander mehr, als die hellſten Freudentage vermocht hätten. Ingelfingen war erreicht; nach wenigen im erſten Gaſthaus daſelbſt zugebrachten Tagen ward eine Miethwohnung in der Apotheke bezogen. Die Fürſtin, an welche der Graf und Sophieempfohlen waren, war abweſend, unſere Reiſenden waren alſo auf ſich allein beſchränkt, die äußerſte Zurück⸗ haltung wurde beobachtet, beſonders von Seiten Sophiens; ſie verließ, er⸗ ſchreckt und eingeſchüchtert durch jenen ſchauderhaften Mord an ihrer gelieb⸗ ten Angés, kaum ihr Zimmer. Denn konnte nicht ſie es ſein, die der Dolch des Mörders geſucht und verfehlt hatte? War es nicht möglich, daß jene Habgierigen, welche nach ihrem einſtigen Vermögen trachteten, mit Mörder⸗ dolchen ihr nachſchlichen, um ſie aus der Welt zu ſchaffen? Ihre ju⸗ gendliche lebhafte Phantaſie malte ihr dies Schreckbild mit den düſterſten Farben aus. Graf Ludwig hatte den einen Wagen mit Philipp zurückgeſendet; für den anderen kaufte er ein ſchönes Roſſepaar und fuhr häufig mit der Prinzeſſin ſpazieren, welche ſtets verſchleiert neben ihm ſaß. Bisweilen luſtwandelte ſie auch am Arm ihres Beſchützers, ebenfalls tief ver⸗ ſchleiert, und Alles an ihnen ließ die Einwohner des Städtchens er⸗ rathen, daß der fremde Herr wie die fremde Dame den höchſten Ge⸗ ſellſchaftskreiſen angehörten. Die Ingelfinger waren gerade ſo neu⸗ gierig wie alle andern Kleinſtädter im licben deutſchen Vaterlande, zer⸗ brachen ſich die Köpfe darüber, wer dieſes ſo geheimnißvolle Paar ſein möge, und da es ganz unmöglich war, Etwas über daſſelbe zu erfahren, ſo ſuchte man in der Phantaſie Rath und Auskunft dafür, und bald circulirten allerlei abenteuerliche Gerüchte über das fremde Liebes⸗ paar. — 380 Trotz der Nähe der Geliebten war Ludwig's Herz ſorgenbelaſtet und ſchwer, denn er fühlte ſich faſt von allen Banden losgeriſſen, die das Leben ſo freundlich knüpft und in einander verſchlingt. Wen hatte er denn noch draußen in der Welt, ſeit auch Angés ihm entriſſen war? Nur noch das Herz einer Mutter, der ſich ſchriftlich mitzutheilen die Verhältniſſe verboten; doch blieb Georgine nicht ohne Nachricht und nahm aufrichtigen Antheil an des entfernten Lieblings Wohl und Wehe. Mit den eigenen Verwandten war der Graf außer Verbindung gekommen, ſie ſahen ſeine Abweſenheit nicht ungern, es hatte Keiner nach dem Tode der Großmutter gefragt, ob Ludwig nicht auch Anſprüche oder Wünſche habe, und er ſelbſt hielt ſich in ſtolzer Zurückhaltung von den Verhandlungen über das großmütterliche Erbe ferne, obſchon er nicht ohne ein gewiſſes Vergnügen die Briefe Windt's las, die ihn in ſeiner Einſamkeit auffanden. „Für mich gibt es jetzt,“ ſchrieb ihm einſt der alte Freund: „alle Hände voll zu thun gegeben, bald in Varel, bald in Dvorwerth, bald in Hamburg. Die Herren, der regierende Graf und der Vice⸗ Admiral, haben ſich in Varel ganz gut verglichen; nur ſchade, daß ſie nicht bei dieſem Vergleich aus dem Falken von Kniphauſen trinken konnten! Ich bin jetzt in Hamburg und betreibe den Verkauf des Nachlaſſes meiner hochſeligen Gebieterin, ſo weit die Erbherren den⸗ ſelben nicht für ſich behalten wollen. Graf William iſt noch hier und überhäuft mich erſchrecklich mit Schreibereien und Ueberſetzungen aus dem Deutſchen und Holländiſchen, um ſich vollkommene Kenntniß in der Nachlaßſache zu verſchaffen. Ich ſitze bis über die Ohren unter den vermaledeiten Papieren, welche ich nebſt dem ganzen Teſtamente lieber heute als morgen dem Feuer opferte. Hier in Hamburg ſieht es auf allen Seiten elend und jammervoll aus. Ich warte nur auf Nachricht vom Erbherrn, der mir von Varel aus ſchreiben will, ob und wann es nöthig ſei, daß ich dahin komme und mit ihm nach Doorwerth gehe; das hält mich allein noch hier auf, ſonſt würde ich meine brave Schweſter zu meinem Bruder nach Bückeburg gebracht haben, der ſie zu ſich nehmen will. Glauben Sie mir, beſter Herr Graf, man wird endlich müde. Denken Sie, daß ich jetzt faſt ganz auf meine Koſten hier leben muß, ich bin nicht beſonders bedacht wor⸗ den, es wurde mir auch noch keine Sicherheit angeboten, und ich werde zuletzt dem ſechsunddrei Wie, ſi dürfen wir den braven Wie er wig beweg glaublich i was er mi „Das ſtlige es 3 Räthſel, da in Aben ſi Hammer, d der Auctio Flan, G Hammer, dri Schlö gen freili dert Pfu Juendfte Grafn f höchſens Habe wenn der Windt ei auf der hinmelſt Ein nig alle „Ji ataſtir herr P Stande nh St imn u ſorgenbelaſtt losgeriſen, die gt. Wen hatte entriſen war nitzutheilen die Nachricht und 95 Wohl und ßer Verbindung tte Keiner nach auch Anſprüche Zurickhaltun me, obſchon er las, die ihn alte Freund: in Doorwerth, und der Pir⸗ ſchade, duß ſe phauſen trinken n Vrrkauf des Erbherren den⸗ noch hier und rſezungen aus nene Kenntni e Ohren unter en Teſtanente hanbun ſiht warte nur auf ben will, ob mit ihn nach onſt würde ich eburg gebrach r, beſter ber jitt fiſt han bedacht wor⸗ und ic werde 381— zuletzt dem Spott, dem Hohn und dem Jammer ausgeſetzt ſein für ſechsunddreißigjährige Dienſte.“ Wie, ſollte Windt Noth leiden? rief Sophie mit Beſtürzung. Das dürfen wir nicht zugeben. Ich bitte Sie, Herr Graf, ſorgen Sie für den braven Mann, der ſo treu an Ihnen hängt. Wie erfreut und rührt mich Ihr ſchönes Gefühl, entgegnete Lud⸗ wig bewegt. Ich werde das Meine thun, obſchon es mir kaum glaublich iſt, daß Windt ſo blosgeſtellt ſein ſollte. Hören wir weiter, was er mittheilt: „Das Münzkabinet hat ſeinen Erben gefunden; warum die Hoch⸗ ſelige es Ihnen, Herr Graf, nicht vermacht hat, iſt mir ein großes Räthſel, das ſie noch nach ihrem Tode mir zu löſen aufgibt, wie ſie's im Leben ſo oft gethan hat. Die herrliche Bibliothek muß unter den Hammer, der Buchhändler Perthes will ſo gut ſein und die Anzeige der Auction verbreiten, ſowie auch den Catalog drucken. Das Por⸗ zellan, Glas, die Leuchter, Spiegel u. dgl. kommt Alles unter den Hammer, auch ein Theil der Bilder. Soll ich nicht die Anſichten der drei Schlöſſer für Sie, Herr Graf, erſteigern? Ich gönnte Ihnen die Beſitzun⸗ gen freilich lieber alle drei in natura. Das Silber, über ſechshun⸗ dert Pfund, hat die hochſelige Excellenz ſammt und ſonders einer Jugendfreundin in Sachſen vermacht, ein hübſches Andenken, die Herren Grafen ſind wüthend darüber, können aber nichts dagegen machen, höchſtens es zurückkaufen.“ Habeant sibi! ſprach Graf Ludwig: was nützt aller Reichthum, wenn der Menſch nicht innerlich beglückt iſt? Ich will dem braven Windt eine lebenslängliche Rente ſichern; verdient irgend ein Menſch auf der Welt Dank, Lohn und Anerkennung, ſo iſt er es; es wäre himmelſchreiend, wenn er ſich über Undank beklagen müßte! Ein anderer Brief Windt's, in Doorwerth geſchrieben, den Lud⸗ wig allein las, begann: „Ich ſitze hier am Orte meiner Qual, und inventire, regiſtrire, kataſtrire wie närriſch darauf los, damit der Herr General⸗Erbe, der Herr Vice⸗Admiral, welcher Doorwerth übernimmt, Alles im beſten Stande finde; dann heißt es bei mir: fahr' zu, Kutſcher, dann gehe ich nach Stadthagen, ſetze mich endlich zur Ruhe, und will nichts mehr hören und ſehen von Doorwerth, Kniphauſen, Varel und Hamburg. wer hätte das gedacht, daß Alles ſo wunderlich gekartet würde, daß Graf William, und nicht Graf Wilhelm Guſtav Friedrich die Herr⸗ lichkeit übernähme, der doch erſt Alles daranſetzte, ſie zu erlangen. Es iſt in den letzten Lebenstagen der hochſeligen Frau Gräfin und bei der Anweſenheit dieſes guten Grafen William vielfach à la Ca⸗ glioſtro zu Werke gegangen worden, doch was geht das mich an? Der Vice⸗Admiral iſt nach London gereist. Von Berlin aus iſt Anfrage ergangen, ob das Münzkabinet nicht verkauft würde; der Anfrager ſoll ein berühmter Antiquarius ſein, der daſſelbe jedenfalls zu ſchätzen weiß. Wenn der Erbe es ihm gibt, ſo wird ſich eine Weiſſagung der Hochſeligen erfüllen, welche dieſelbe oft ausſprach: Von dieſen Mün⸗ zen und Medaillons, die ich mit Mühe und großen Opfern zuſammen⸗ gebracht, wird es einſt heißen: Gehet hin in alle Welt.“ „Das Reich iſt noch nicht ganz einig, erſt im kommenden Herbſt ſoll die Frucht der Harmonie reifen; wenn ſie ſich nur nicht ſpalten, wie ein Granatapfel, der unzeitig vom Stamme füllt.“ „Vom Erbherrn iſt Nichts zu hören, Nichts zu ſehen, nur unver⸗ bürgt habe ich vernommen, daß er bei ſeinem letzten Aufenthalt in Varel den Prinzen von la Tremouille und Talmont zu ſich dorthin habe kommen laſſen.“ „Nachträglich noch eine, mir erſt kürzlich zugekommene neue Märe, die ich aber durchaus nicht geſagt haben will. Die Ihnen, Herr Graf, wie mir gewiß unvergeßliche verewigte Frau Erbherrin iſt vergeſſen und alle Liebe der Demoiſelle Sara Gerdes, vormals Kam⸗ merjungfer, dann Kammerfrau der hochſeligen Erbherrin, derma⸗ len zum Range einer Schloßverwalterin zu Varel erhoben, zugewendet worden, welche die Ehre genießen wird, die Stellvertreterin einer Otto⸗ line zu werden. Dieſes nicht mehr junge Mädchen ſtammt aus Bock⸗ horn, das, wie Ihnen genugſam bekannt iſt, zwiſchen Varel und Knip⸗ hauſen liegt, und der Großvater derſelben zühlte zu den Hörigen der Herrſchaft, der Vater aber iſt jetzt ein freier Landbebauer. Was ſagen Sie dazu?“ Dieſe Meldung erſchütterte den Grafen Ludwig ſehr; als er allein war, rief er faſt in Verzweiflung aus: Mein Fluch, mein Fluch! Welche Dämonen habe ich heraufbeſchworen über das Haus, dem ich entſtamme!— Nun ſehe ich, wie ſich Alles, Alles erfüllen wird, der dauernde bis auf d Sich manns, d Mann w Städſcher Apotheke frende Reiz gew Auslande gen gedr ihr Leben haltende ihrer nic wie ihner der Jeit ichung bertraut Kaufma wart ih leiſtte, übte ſic nur lar ihr ſchn Angés ſe Jen im Po Aufent das ba Prinzt Au Studi den 1 Koryp b Anan tet würde, dß edrich die Herr⸗ ie zu erlangen. au Grüfn und elfach à la Ca⸗ ß nich an? Der aus iſt Anftage z der Anftager fulls zu ſchten eWeiſſagung der on dieſen Min⸗ fern zuſammen⸗ 1 nmenden Hetkſt u nicht ſpalten, 0„ chen, nur unber⸗ en Aufenthalt in zu ſich dorthin mene neue Mire, ie Inen, Herr au Frbherrin ſſt vormals Kam⸗ bherin, derm⸗ oben, zgenendet terin einer Hit⸗ amnt aus Bod⸗ arel und Kmp⸗ den Hörgen der dbebauet. Was llein Fluch! dem i det r; als et , mein Haus/ fillen wird, 383 dauernde Hader, die Zwietracht, die Verachtung, die Verarmung, Alles, bis auf den letzten Punkt! Sich zu zerſtreuen, ging er hinunter in die Wohnung ſeines Haus⸗ manns, des Apothekers, der ein ſehr unterrichteter und dabei jovialer Mann war. Es war Gewohnheit der vornehmeren Einwohner des Städtchens, ſich Sonntag Vormittags zu einem Glaſe Wein in der Apotheke einzufinden, und die Weinſtube hatte dadurch, daß auch der fremde Herr, der im Hauſe wohnte, dieſelbe beſuchte, einen neuen Reiz gewonnen, zumal Ludwig ſich eine Menge ſolcher Zeitungen des Auslandes kommen ließ, von denen ſonſt nie ein Blatt nach Ingelfin⸗ gen gedrungen wäre. Erfuhren auch die Herren nicht, was ſie für ihr Leben gern gewußt hätten, wer eigentlich dieſer vornehme, zurück⸗ haltende ſchöne Mann ſei, ſo ſahen ſie doch ſeine Perſönlichkeit in ihrer nächſten Nähe, ſahen, daß ihm der Wein nicht minder mundete wie ihnen, und hörten ihn gern ſprechen, wenn er über die Ereigniſſe der Zeit über die Hoffnungen und Befürchtungen in politiſcher Be⸗ ziehung ſich äußerte. Auch hatte der Poſtmeiſter der Geſellſchaft vertraut, der fremde Herr empfange faſt mehr Briefe, als der erſte Kaufmann von Ingelfingen.— Sophie beſchäftigte ſich ſtets in Gegen⸗ wart ihres Kammermädchens, wenn der Graf ihr nicht Geſellſchaft leiſtete, mit leichter weiblicher Arbeit, oder las gute franzöſiſche Bücher, übte ſich auch bisweilen im Deutſchen, worin jedoch ihre Fortſchritte nur langſam waren; beſonders fiel das Nachmalen der deutſchen Schrift ihr ſchwer. Manche ſtille Thräne weinte ſie um die dahingeſchiedene Angés und die Trennung vom Mutterherzen, und ängſtlich vermied ſie Jemanden zu begegnen; ein fremder Tritt auf der Treppe oder im Vorſaal machte ſie erbeben. Philipp ritt oder fuhr während des Aufenthaltes in Ingelfingen faſt wöchentlich einmal als Sendbote in das badiſche Land; denn es wurde ein lebhafter Briefwechſel mit der Prinzeſſin unterhalten. Ludwig beſchäftigte ſich in ſeinen zahlreichen Mußeſtunden mit Studien, zu denen ſeines Hauswirthes Beruf und Bücherſammlung den meiſten Anlaß bot. Da ſtanden wohlgeordnet die Werke der Koryphäen der pharmaceutiſchen Wiſſenſchaft neben einander: Göttling, Buchholz, Tromsdorf, Schrader, Wiegleb waren durch ihre Schriften und Almanache für Scheidekünſtler vertreten; eine Sammlung von Phar⸗ — 384— macopöen, die mit der Schule von Salerno begann und mit der berühmten und allverbreiteten würtembergiſchen Pharmacopbe abſchloß, ließ Einblicke thun in den Geiſt und in die Fortſchritte der phar⸗ maceutiſchen Wiſſenſchaft und Chemie. Praktiſche Arbeiten, die nur im Winter vorgenommen werden können, wie die Bereitung und Deſtillation der Naphten, ja ſelbſt das Pulvern zäher Harze, die nur Winterkälte ſo hart macht, daß ſie zu Staub zermalt werden können von der ſchweren Wucht der Mörſerkeulen, des Gelbanum, die Aſa u. a., boten dem Beſchauer manches Anziehende dar, nicht minder chemiſche Experimente, die mannichfach erfreuten. Der Graf gewann die Achtung Aller, denen Gelegenheit wurde, ihn perſönlich kennen zu lernen. Ueber politiſche Verhältniſſe äußerte er ſich nur mit großer, faſt diplomatiſcher Vorſicht und vermied ab⸗ ſichtlich, als Parteimann zu erſcheinen; doch verhehlte er nicht, daß ihm die alte Dynaſtie Frankreichs lieber war, als die gegenwärtige Regierung, daß er aber noch zur Zeit ungleich mehr die Revolution ſelbſt verabſcheue, als ihren muth⸗ und kraftvollen Bezwinger. Während nun fort und fort die Wißbegierde in Ingelfingen wach blieb, zu wiſſen, wer der fremde Herr eigentlich ſei, ob er nicht, wie Einige muthmaßten, ein franzöſiſcher Prinz, ja ob er nicht gar Mon⸗ ſieur ſelbſt ſei, weshalb ihn auch einige Male der Poſtmeiſter Mon⸗ ſeigneur anredete, was aber mit guter Abſicht von Ludwig ganz über⸗ hört wurde, machte ein unſeliges Ereigniß dem Aufenthalte des Ge⸗ genſtandes ſo vieler heimlichen Fragen und ſo vielen Kopfzerbrechens zu Ingelfingen ein urplörliches Ende. Philipp kam von Ettenheim zurück, mit demſelben beſtürzten und verſtörten Ausſehen, wie damals, als er die Botſchaft von Angés' Ermordung überbrachte, und erſtattete ſeinem Herrn einen Bericht, der dieſem das Haar emporſträuben machte. Gnädiger Herr! begann er athemlos: Sie müſſen mir ſogleich ei⸗ nen ſichern Paß verſchaffen, daß ich weiter kann! Ich darf keine Stunde hier weilen, ich muß weiter! Was iſt geſchehen? fragte Ludwig betroffen. Was geſchehen iſt? Herr Gott im Himmel! Unerhörtes und Ent⸗ ſetzliches iſt geſchehen! Leſen Sie, gnädiger Herr! Damit übergab er ſeinem Gebieter einen Brief, der in Eile zuſammengefaltet und uferſt flü ſchrich ihm als Jhnen bar verlore zog war g oder übern ſollte eine Auge der Geheimniß aufgelauer hen herum ſruchtete, u den nächſte gen. Wie nicht ich b elend ſind! rannte au der Herze men; der Stum li in Morge Gewehren jun Letz ten vom und gewa theueren leicht, un einen W ſihtr m ſprch it Poris o Bourhor mehr— Der uf mio D. und mit der copöe alſchlo, ſte der pha⸗ Arbeiten, die die Bereitung ſhn bun ve zermalt werden Gelbanun, die r, nicht minder genheit wurde, iſſe äußerte d vermied ab⸗ er nicht, daß gegenwärtie die Novolution zwinger. ngelfngen wach ber nicht, wie icht gur Mon⸗ ſtmeiſter Mon⸗ nig gun iber⸗ talte des Ge⸗ opßerbrechens beſtürzten und ft von Angés en Bericht, der nit ſchlih ei⸗ ff keine Stunde tes und Ent it ibgab er ngeultt und — 385— äußerſt flüchtig geſiegelt war. Er war von der Prinzeſſin, und dieſe ſchrieb ihm:„Fliehen Sie, Graf, fliehen Sie mit Sophie, weit, ſo weit als Ihnen möglich iſt! Retten Sie die Tochter, da der Vater unrett⸗ bar verloren iſt. In Verzweiflung ſchreibe ich dieſe Zeilen! Der Her⸗ zog war gewarnt, treu gewarnt, es war verabredet, daß wir morgen oder übermorgen nach Ihrem Aufenthaltsort eilen wollten, vorher aber ſollte eine feierliche Erklärung unſerer Verbindung auch vor dem Auge der Welt Geltung verſchaffen. Es war bereits ein offenkundiges Geheimniß, daß von Seiten Frankreichs dem Herzog nachgeſtellt und aufgelauert werde, Schaaren von Spionen trieben ſich in dem Städt⸗ chen herum, Alles war ſchon ausgekundſchaftet, aber keine Warnung fruchtete, und ſtatt zu fliehen, ging der Herzog unbeſorgt auf die Jagd; den nächſten Tag erſt wollte er die Rathſchläge ſeiner Treuen befol⸗ gen. Wie Alles ſo entſetzlich ſchnell gegangen, weiß ich ſelbſt noch nicht, ich begreife überhaupt Nichts, als daß wir Alle unausſprechlich elend ſind! Es wurde Lärm in der Nacht, die ganze Bürgerſchaft rannte auf die Straßen, der ſcheuslichſte Verrath ward geübt worden, der Herzog wurde in ſeiner Wohnung überfallen und gefangen genom⸗ men; der Kirchthurm war von Bewaffneten beſetzt, damit Niemand Sturm läute, unter meinen Fenſtern ſah ich meinen geliebten Gemahl im Morgengrauen auf einem Karren vorüberfahren, von Wachen mit Gewehren und blitzenden Bajonetten umgeben— ach, mir ahnet, ich ſah ihn zum Letztenmale! Es mußte ein ganzes Bataillon franzöſiſcher Solda⸗ ten vom Rhein herübergekommen ſein, um dieſen Landfriedensbruch und gewaltſamen Menſchenraub zu verüben. Die Umgebung meines theueren Gemahls war mit verhaftet,— ach, noch einige Tage viel⸗ leicht, und unſere Sophie hat keinen Vater mehr!— Ich warf mich in einen Wagen, folgte dem Gefangenen bis nach Straßburg, ich flehte meinen Gemahl ſprechen zu dürfen, vergebens, ich ſah— ich ſprach ihn nicht! Wo ſie Henri hinſchleppen, weiß ich nicht— nach Paris ohne Zweifel— der Löwe verlangt nach dem Blute des letzten Bourbons!— Gott mit Ihnen— mit Sophie— ich kann nicht mehr— ich bin vernichtet! Ch.“ Der Graf ſtarrte wie betäubt auf den Unglücksbrief!— So fällt auf mich ein Schlag nach dem andern, ſprach er dumpf vor ſich hin, D. B. MI. 25 386— doch— ich muß— ich will ſie tragen alle dieſe Schläge, nur So⸗ phie ſoll ſie nicht mitfühlen. Was hörteſt du ſelbſt noch außerdem von dem ſchrecklichen Unglück, das mir hier gemeldet wird? fragte Ludwig ſeinen Diener. Ich lag auf Kundſchaft, berichtete dieſer, hatte nachgeforſcht, wie es um jenen Hallunken ſtände, den Mörder der guten Angés, und ob er ſchon gerichtet ſei. Hat ſich was— gerichtet! Entſprungen war dieſer Teufel abermals, entſprungen mit Hülfe ſeines ſchurkigen Spießgeſellen. Beide waren Spione und verkleidete franzöſiſche Gensd'armen geweſen. Ich hatte mich etwas unkenntlich gemacht, entdeckte richtig den Einen unter den Herumtreibern und ließ ihn nicht wieder aus den Augen; ich kochte vor Wuth und Grimm gegen dieſen verruchten Menſchen, wo er hinſchlich, ſchlich auch ich hin, ſtellte mich ſo, daß er mich nicht ge⸗ wahrte, ich aber ließ ihn nicht aus den Augen, die ganze Nacht nicht. Ich ſchwur es mir zu, Beide zu verderben, oder mindeſtens den von ihnen, der in meine Hand fallen würde. Wohl merkte ich, daß das Volt Etwas vorhabe, aber was, darum bekümmerte ich mich nicht. Er war bei der Schaar, die in der Nacht des Prinzen Haus umzingelten, gegen Morgen hörte ich in meinem Verſteck plötzlich lautes Rufen, der Prinz wurde gefangen genommen, die Wachen umringten ihn, er wurde auf einen Karren geſetzt und durch den Ort geführt, ich ſchlich mich nach und hatte mir meinen Mann gut gemerkt. Der Morgen kam herauf, es ging auf eine Mühle zu, nahe der Stadt vorbei, die dicht umbuſcht war; der Ettenbach, der dieſe Mühle trieb, rauſchte ſtark und gewal⸗ tig, angeſchwollen vom geſchmolzenen Schneewaſſer des Schwarzwaldes. Schon verzweifelte ich am Gelingen meines Vorhabens, denn mitten aus der Compagnie konnte ich mir meinen Mann nicht herausholen. Alle meine Gedanken ſchoſſen hinter ihm drein, als wollten ſie ihn feſſeln, und ich glaube, ſie haben ihn gefeſſelt; denn auf einmal blieb Clement Aboncourt zurück, um an ſeinem Torniſter etwas zu ordnen. Niemand war in der Nähe, die Gefangenen ſind in das Mühlhaus geſchleppt worden, die Bedeckung blieb davor. Dicht unterm Damm, auf dem der Weg hinläuft, wälzt ſich die raſche Fluth dem Rheine zu. Der Spion war in meiner Macht. Ein Wurf meiner längſt bereit gehaltenen Schlinge, wie nach einem Pferd auf unſeren Marſchen, ein Ruck— und mein Mann ſtürzt' rückwärts nieder— ich auf ihn los! Liſt dut er wars haft geb Waldba lunke hin Kopf. lief eine auſtuc Lud 18. 1 intere und r Er he und hätte Haus Monc deſſen mach mit Für bare wor gli und uf Gaf — Biſt du's, vermaledeiter Satan und Mordgeſelle! Ich ſchau' ihn an, er war's, er verdrehte die Augen, er zappelte und ſchlug mit krampf⸗ hläge, mur Eb⸗ clichen Unglüc, haft geballten Fäuſten nach mir. Ich ſtieß ihn in den brauſenden ener. Waldbach, und die Wellen thaten hohe Freudenſprünge, als der Hal⸗ chgeforſcht, wie lunke hinabflog, ſeinen Torniſter warf ich gleich hinterdrein ihm auf den ngés, und oh er Kopf. So hat doch einer ſeinen Lohn, denn der blieb unten; ich ungen war diſr lief eine Stunde dem Mühlenbach entlang, um zu ſehen ob er wieder en Spirfgeſeln. auſtauche, aber der wohlverdiente Strick hat ihn daran verhindert. amen gereſtn. Ludwig wandte ſich ſchaudernd ab. chtig den Einen us den Algen; Menſchen, wo t ge⸗. S 5. verſchiedene Uachrichten. deſtens den von— kte ich, daß das nich nicht Er us umzingelten, autes Rufnn, der nihn, er wurde ich ſchlich mich rgen kan hernuf, e dicht unbuſcht zark und gewl⸗ — denn nitten In der Weinſtube des Apothekers zu Ingelfingen herrſchte am 18. März des Jahres 1804 eine ungewöhnliche Bewegung. Der intereſſante Fremde, den man ſo gerne in der Geſellſchaft geſehen und reden gehört hatte, war mit ſeiner Begleitung plötzlich abgereist. Er hatte noch am Samſtag ſpät am Abend Extrapoſtpferde beſtellt, und war am frühen Sonntag von dannen gefahren, gar zu gern hätte man gewußt wohin, Niemand aber konnte Auskunft geben. Dem Hausbeſitzer war in blankem Golde die Miethe bis zum Ende des Monats bezahlt worden, außerdem hatte ihn noch ein Geſchenk gelohnt, deſſen er ſich gar nicht verſehen, und das ihm die größte Freude machte; es war eine nagelneue, in Paris gefertigte Voltaiſche Säule 6. mit ſechzig Plattenpaaren von Laubthalergröße und allem Zubehör. wollten ſ Für den Poſtmeiſter, der ein ſehr ſtarker Raucher war, war ein koſt⸗ uf imul bieb barer großer ächter Meerſchaumkopf mit Silberbeſchlag zurückgelaſſen q 6 worden, und für die übrigen Herren des Weinſtübchens Kruggeſtell⸗ das Nihlhus gläſer mit ſilbernen Deckeln, auf welchen das Wort„Andenken“ ſtand em Dann, uf und die Buchſtaben L. C. V. d. V. cingegraben waren. den n Phein z Der Apotheker war eben bemüht, vor ſeinen Gäſten die Säule r lingſt trrit aufzubauen, die davon noch gar keinen Begriff hatten, als ein neuer n Gaſt eintrat und der Geſellſchaft die ſo eben eingetroffene Nachricht fihn 25* ch auf von der Gefangennehmung des Herzogs auf dem friedlichen badiſchen Gebiete durch franzöſiſche Gensd'armen und Offiziere hohen Ranges mittheilte, obſchon dieſe Nachricht mit vielen Unrichtigkeiten ver⸗ miſcht war. Es konnte nicht fehlen, daß die ſchnelle Abreiſe des Unbekannten mit ſeiner ſtets verſchleierten Begleiterin ſofort mit dieſem von Frank⸗ reich aus auf deutſchem Boden verübten ſchändlichen Gewaltſtreich in Verbindung gebracht und lebhaft beſprochen wurde. Bald waren alle Anweſenden feſt davon überzeugt, daß jener fremde Herr gleich⸗ falls ein geflüchteter Bourbone geweſen ſein müſſe. Vom Poſtmeiſter erfuhren auch noch nachträglich die Gäſte, daß die Dienerin des Fremden die hohen Reiſenden nicht begleitet habe, ſondern reichlich beſchenkt mit der Poſt auf entgegengeſetztem Wege wieder zurückgereist ſei. Ludwig und Sophie hatten an Angés' Mutter gedacht, ſie über⸗ legten, was dieſe gute Frau leiden müſſe, wenn ſie nichts Näheres über den Tod ihrer Tochter erfahre; auch ſehnte ſich Sophie Botta nach ihrer gelichten Pfalz zurück; die Prinzeſſin ſelbſt hatte ihr dieſes Be⸗ kenntniß abgefragt, und in ihren Entſchlüſſen entſchieden und von einem hohen ſelbſtändigen Gefühle geleitet, hatte ſie ſofort dem Grafen erklärt, ſie wolle freiwillig auf die fernere Begleitung der Dienerin verzichten; ſie könne ihre einfache Toilette allein ordnen, und wenn ein Ort längern Aufenthaltes erreicht werde, ſo werde es auch an weiblicher Bedienung nicht fehlen. Gleichwohl trennte ſich die junge Prinzeſſin nicht ohne Wehmuth von der einſtigen Wärterin und Dienerin und entließ ſie mit vielen Geſchenken, gab ihr auch Angés' ganze Garderobe mit, mit dem Auftrag, den ſämmtlichen Nachlaß der armen Mutter ihrer unglücklichen Freundin zur Verfügung zu ſtellen, nebſt Allem was Angés ſonſt noch angehört hatte, ſelbſt deren Bild nahm Ludwig nicht wieder an ſich; die Mutter ſollte es gleichfalls haben. So waren denn Ludwig, Sophie und der treue Philipp ohne weiteres dienendes Gefolge abgereist; wohin? wußte Niemand.— Bald trugen die Zeitungen durch die ganze Welt die Kunde von dem ſcheußlichen Mord, den der Gewalthaber Frankreichs an dem gefangenen Herzog hatte verüben laſſen, und ein Schrei der Entrüſtung ging du tigunge Mit ſetung mußte holden vielleich hatte, Di wurden ſehr leb der Po heworz noch ei merkwi nehme einige zu 2 ein Lene hervo et v erſch Spr diſch halt kom dur ſell dem nic Pe die Sc ſ 389 lichen hatiſchn ging durch ganz Guropa über dieſe raſche blutige That auf Verdäch⸗ hohen Ranges tigungen hin, die jeder Wahrheit entbehrten. tigkeiten ver⸗ Mit ſtets erneutem Schmerz bernahm Graf Ludwig auf der Fort⸗ ſetzung ſeiner Reiſe immer und immer wieder dieſe Nachricht, und †+ s Unbekannten mußte auf das Sorgſamſte Alles aufbieten, um dieſelbe vor ſeiner 4 em bon Frank⸗ holden Begleiterin zu verbergen, die er in ruhigerer Stimmung und Genalſſtrich vielleicht erſt dann, wenn er einen Brief der Herzogin in Händen Bald weten hatte, von dem ſchrecklichen Vorfall unterrichten wollte. ſde Herr gleic⸗ Die Freunde in der Weinſtube des Apothekers zu Ingelfingeu wurden einige Zeit nach der Abreiſe der Fremden auf's Neue und ie Güſte, baß ſehr lebhaft an den geheimnißvollen Herrn erinnert, als eines Abends keglitrt habe, der Poſtmeiſter ernſter als gewöhnlich eintrat und ein Zeitungsblatt eſetztm Wege hervorzog. Wir haben gewiſſermaßen Trauer bekommen, ſagte er nach einer Pauſe bewegt. Da bringt unſer Schwäbiſcher Merkur eine acht, ſie über⸗ merkwürdige Nachricht, welche im Auszug lautet, daß ſicherem Ver⸗ ihts Mihens nehmen nach ein franzöſiſcher Emigrant von Bedeutung, der ſich vor 8 einigen Monaten längere Zeit zu Ingelfingen aufgehalten haben ſolle, 63 phie Bottn nch ir biſts Le zu Mainz mit Tode abgegangen ſei. Es war, ſo wird gemeldet, n und von ein Mann von ungemein viel Liebenswürdigkeit im Charakter und n ſn Benehmen, auch wiſſenſchaftlich gebildet und vielſeitig bekannt mit * e hervorragenden Perſönlichkeiten. Seiner äußern Geſtalt nach war 6 ii er von Mittelgröße, hatte ſchwarzes Haar und dergleichen Bart, nen, u ze erſchien ſtets auf das Feinſte, dabei ſehr einfach gekleidet; ſeine etde es uch Sprache war meiſt die franzöſiſche, doch ließ er bisweilen niederlän⸗ ſch d diſche Accente durch den Strom ſeiner lebhaften und geiſtvollen Unter⸗ Pirtern haltung klingen. In der deutſchen Sprache drückte er ſich mit voll⸗ hr auch Angẽs kommener Reinheit aus. Dieſer Fremde, der durch nichts auffiel, als lichen Nuhluß durch ſein vornehmes und gebildetes Weſen und ſeinen Ernſt im ge⸗ Lfigun ſelligen Umgang, ſcheint ſeinen nahenden Tod gefühlt, und kurz vor t hatte, ſü demſelben alle ſeine Papiere vernichtet zu haben, denn es fand ſich Mutter ſolu nicht das Mindeſte bei ihm vor, was irgend einen Aufſchluß über ſeine cylie unb Perſönlichkeit hätte geben können.— Der Poſtmeiſter ſchwieg und reitj vhin die Theilnahme der guten Bürger zu Ingelfingen wurde laut: Es iſt unſer Mann, daran iſt gar kein Zweifel! O weh!— die Kure 3 Schade um den Mann!— Er hätte hier bei uns bleiben ſollen, reichs u ſo wäre er vielleicht nicht geſtorben!— Zu Ingelfingen iſt gut wohnen. per brriſun — Er konnte ſich hier ankaufen— es ſtehen ja jetzt in dieſer erbärm⸗ lichen Zeit gegen zehn Häuſer zum Verkauf ausgeboten.— Er konnte hier Bürger werden— wäre wohl in den Stadtrath gewählt worden. — Wie viele franzöſiſche Emigranten haben ſich nicht in den letzten Jahren in deutſchen Städten und Städtchen niedergelaſſen, und ſind angeſehene Leute geworden?— Schade um ihn! Während Ludwig alſo mit aller Theilnahme biederer ſchlichter Herzen für todt beklagt wurde, ſaß er mit Sophie geſund und wohl⸗ behalten im Gaſthaus einer fremden Stadt. Die edle Jungfrau ver⸗ goß die ſchmerzlichſten Thränen— der Tod ihres armen Vaters war ihr endlich enthüllt worden. Die Mutter ſelbſt hatte darüber an ſie und ihren Begleiter geſchrieben. Ach, wie erſchütternd waren die Einzelnheiten jener ſchrecklichen Kataſtrophe! Wie viele Herzen wurden von ihr auf das Tiefſte berührt, auf das Härteſte betroffen! Dort weinte ein mit hohem Ruhme genannter Heldengreis um den Enkel, und hätte gern allen verdienten Lorbeer, ja das eigene Leben dahin⸗ gegeben um jenes theure, in blühender Jugend hingemordete Leben zurückzurufen. Schmerzlich beklagte der tapfere Vater den Tod des inniggeliebten Sohnes. Ach, und die geliebte Vermählte! Welch hohes Glück hatte ſie beſeſſen und nun auf immer und unerſetzlich verloren! Alles hätte anders kommen können, wenn nicht die bübiſche Feig⸗ heit eines Kammerherrn, der beſtändig um den unglücklichen Herzog war, jeden Verſuch einer Vertheidigung von Seiten des Letztern bei dem nächtlichen Ueberfall verhindert hätte, falls es nicht Schlimmeres als Feigheit war. Ein Wort dieſes Mannes, das einzige Wort: Ich! auf die Frage der Häſcher: Wer von Ihnen Beiden iſt der Herzog? konnte den Letzteren retten, und dies Wort konnte unbedenklich aus⸗ geſprochen werden, denn den armſeligen Höfling hätte man wahrlich nicht hingerichtet. Aber Jener ſchwieg, und der junge Fürſt ward zum Tode abgeführt. Mit Verachtung wies er den feigen Verrä⸗ ther zurück, als derſelbe in Rheinau ſich zu ihm in den Wagen ſetzen wollte. In Straßburg wurde der Herzog von ſeiner Dienerſchaft völlig getrennt, ſeine Hände wurden in Feſſeln gelegt. Fünf Tage lang dauerte mit nur wenigen Unterbrechungen die traurige Reiſe bis nach Paris, der Gefangene wurde in den Tempel gebracht, dort harrte ſchon der Befehl, ihn nach Schloß Vincennes zu ſenden. Die richter⸗ lichen V wörtlich rung ge waren ſi iſt der gegen il an die zu ſchte ſchlagen geſtand zu habe beziehe, des Her war ihr itgendt hefohlet Voffen mit al hinzu: Hand legalen vollzog geſper dertes ſchon ſchr u eilten bildet noch! mußt füch ſeine dent Soph in tüſt mim⸗ n.— Er konnte gewählt worden. cht in den lezten laſſen, und ſnd biederer ſchlichter eſund und wohl⸗ le Jungfran ber⸗ men Vaters war darüber an ſie ernd waren die e Herzen wurden etroffen! Dort un den Enkel, ene Ahen dahin⸗ ngemordete Vhen ter den Tod des lie! Welch hehes rſehlich verlorn! i biliſce Feig⸗ glůdlihen der des Lehlern be icht Schlinmer tige Port 3 iſ du dencht nbedenlic u⸗ tte man wahrli unge ßür nu en feigen Per⸗ den Wahen ſchen ge iennſaft k —— lichen Verhöre, die mit ihm vorgenommen wurden, und die der Welt wörtlich mitgetheilt ſind, brachten keine Schuld heimlicher Verſchwö⸗ rung gegen das Lehen des erſten Conſuls auf den Herzog, aber wer waren ſeine Richter? Werkzeuge in der Hand eines Despoten!— Das iſt der Inhalt jenes Juſtizmordes in nuce, was auch Alles für und gegen ihn geſchrieben wurde. Ein Brief, der dem Herzog unterwegs an die Prinzeſſin, die er noch nicht öffentlich ſeine Gemahlin nannte, zu ſchreiben erlaubt worden war, wurde von einem der Schergen unter⸗ ſchlagen. Mit Mannesmuth beantwortete der Herzog alle Fragen, geſtand ein, den ganzen Krieg mit dem Condö'ſchen Corps mitgemacht zu haben, ſagte aber aus, daß er den Gehalt von England als Penſion beziehe, um zu leben, nicht um damit zu conſpiriren. Die Richter des Herzogs darf die Geſchichte nicht ſchonungslos verdammen; es war ihnen, lauter Offizieren von hohem Range, und ohne daß ſie irgend vorbereitet waren, ohne daß ſie Kenntniſſe vom Rechte hatten, befohlen, den Herzog zu richten, ſobald er eingeſtehen werde, die Waoffen gegen Frankreich getragen zu haben. Dies geſtand derſelbe mit aller Freimüthigkeit ein, und fügte ſeinem Geſtändniß die Worte hinzu:„Nie kann ein Condé anders, als mit den Waffen in der Hand nach Frankreich zurückkehren.“ Das Todesloos fiel. Ohne legalen Richterſpruch, ohne einen Vertheidiger wurde der Meuchelmord vollzogen. Die Richter waren noch in einem Zimmer, gleichſam ab⸗ geſperrt, beiſammen, um zu berathen, auf welchem Wege ein gemil⸗ dertes Urtheil vom erſten Conſul zu erlangen ſein dürfte, da knallten ſchon im Feſtungsgraben die tödtlichen Schüſſe. Die Richter waren ſehr unglücklich— auf ſie und nicht auf den Vollſtrecker der über⸗ eilten Hinrichtung lenkte ſich das Verdammungsurtheil der ganzen ge⸗ bildeten Welt. Hier hatte die Willkür das Urtheil vollzogen, ehe es noch begründet und in geſetzlicher Form beſtätigt war. Der Herzog mußte ſterben, denn er war in der Gewalt des Mannes, der ihn fürchtete und haßte, und war— ein Bourbon! Mit mildem Troſt ſprach Ludwig zu der tiefgebeugten Tochter, und ſeine Worte fielen in ihr Herz, wie heilender Balſam ſanft auf Wun⸗ den träufelt. Das ſchöne thränennaſſe Antlitz zu ihm erhoben, faßte Sophie Ludwig's Hände und ſprach mit leiſem Beben: Nun habe ich alſo keinen Vater mehr! Nun ſeien Sie mein Vater! Sie, dem ich an⸗ — 392— vertraut bin als ein armes, heimathloſes Kind— ach eine Waiſe— o, wie ſchwer wiegt dieſes Wort; ich will ihnen ſo gern gehorchen, ich will Sie ehren gleich meinem Vater, und wenn ich fehle, ſo üben Sie Nachſicht mit meiner Unwiſſenheit und meiner Schwäche! Wie unendlich liebreizend erſchien ſie ihm da in ihrem tiefen Schmerze! Sie glich einer prächtigen Incarnat-Paſſiflore, in deren Nektarkelche Thränen zittern, die gebeugt ſteht und doch voll Schön⸗ heit iſt, die in Demuth ſich neigt und doch voll Hoheit prangt. Ein Gegenſatz, wie das Leben ihn häufig bietet, zu dieſem wahren Schmerz, dieſer ſchwermuthvollen Trauer, dieſer Verehrung auf der ei⸗ nen, und der kindlichſten Hingebung an den Mann ihres Vertrauens auf der andern Seite, bildete eine andere Trauerbotſchaft aus Holland, die aber nicht ſo herzzerreißender Art war; dort hatte nur eine be⸗ tagte ſchlichte Frau den Zoll der Natur bezahlt, und war abgerufen worden in das verhüllte Jenſeits. Leonardus Mutter, Frau Maria Johanna van der Valck, geborene van Moorſel, war nicht mehr. Vincentius Martinus ſchrieb Folgendes an ſeinen noch ſtets am Leben geglaubten Vetter Leonardus, nachdem er ihn in einer frommen Einleitung ſeines Briefes auf die Trauerkunde vorbereitet und ihm dann die ſchmerzliche Nachricht mitgetheilt hatte:„Ich komme ſo eben aus der Kirche, mein theuerer Leonardus, woſelbſt ich für die Seele deiner guten Mutter eine Meſſe geleſen habe; von deinem kindlichen Sinn darf ich wohl vorausſetzen, daß du es gut heißeſt, wenn ich für die Seligentſchlaſene die Zahl dieſer Seelenmeſſen bis auf Einhundert ſteigere, und dir dann nach deren Vollendung das Laus Deo darüber einſende. Die Wohlſelige hat noch auf ihrem Todtenbette, und als ich ſie mit den heiligen Sterbeſacramenten als chriſtliche Wegzehrung auf der langen Pilgerſchaft nach der Ewigkeit verſah, für dich gebetet und dir alles Glück gewünſcht, auch läßt ſie dir noch innigſt und herzlich für die lieben und guten Briefe danken, welche du ihr von ſo verſchiedenen Orten aus geſchrieben haſt; nur konnte die ſelige Tante nie begreifen und ich konnte es derſelben auch nicht begreiflich machen, weshalb du dich eigentlich jetzt und wie es ſcheint ohne ein Geſchäft, welches doch die Baſis eines ehrbaren und chriſtlichen Lebens iſt, in Deutſchland herumtreibſt. Nun, ich gewahre mit Freude, wie gut mein Gebet für dich anſchlägt, mein geliebter Vetter, und wie der hei⸗ lige Roch mit den van der tauſend, fünftauſen aumes Ki ja durh nicht dei Ich würt und gebe mein eifti nardus, d nird duri werden ferner: G Kahſel, mit dem ihrm 2 Mäge di „Kon muß, da gende, ſi Stiten liehen P Shyſta in H Prußen Meinerſ nir, ode berſprech dch gla gitloſe „Ne ktit mit imerſt wohlſei ine Waiſe— gehorchen, ich ſo üben Sie ihrem tiefen ore, in deren h voll Schin⸗ prangt. dieſem wahren auf der ei⸗ s Vertrauens aus Holland, ur eine be⸗ ar abgerufen Frau Mari hi nehr. noch ſte am einer fronmen itet und ihn omme ſo chen für die Stele nen kindlichen wem ich it uf Einhundert Deo darüber utte, und c e Pegehunt ir dich gebetet migt und e du ihr von die ſelge Imt reifich nh e ein biſtij. Lebens ſ, in vie gu hei⸗ eude, d wie„ 393 lige Rochus dich noch immer beſchützt. Nach den Verträgen, die du mit den Verwandten abgeſchloſſen haſt, beziehſt Du nun von dem Hauſe van der Valck eine Jahresrente von zehntauſend Gulden, erſt fünf⸗ tauſend, und nun nach dem Tode deiner frommen Mutter nochmals fünftauſend. Gratulire! Ach, wie gern hätte die Wohlſelige mein armes Kirchlein zu Sanct Ottilien bedacht, aber die Hände waren ihr ja durch jene Verträge gebunden. Möchteſt du, werther Leonardus, nicht deine milde Hand aufthun und ihren beſten Wunſch erfüllen? Ich würde dich dann auch der ganz beſonderen Gnade dieſer heiligen und gebenedeiten Schutzpatronin empfehlen und ihre Fürbitte durch mein eifriges Gebet für dich erflehen. Du wirſt wiſſen, geliebter Leo⸗ nardus, daß die heilige Ottilia die Schutzpatronin der Augen iſt, und ſie wird durch mein Gebet Fürſorge tragen, daß deine Augen ſtets erfreuet werden, wie geſchrieben ſteht: Unſere Augen ſehen nichts wie Manna, und ferner: Gib mir die, ſo meinen Augen wohlgefällt. Anliegende verſiegelte Kapſel, die wohl ein Bild enthalten dürfte, gab die Verblichene mit dem ausdrücklichen Wunſche in meine Hände, daſſelbe dir gleich nach ihrem Abſcheiden zu ſenden, welcher Pflicht ich hiermit nachkomme. Möge dies letzte Andenken für dich viel Erfreuliches enthalten!“ „Komiſch iſt, trotz aller Trauer, die ich dir pflichtſchuldigſt melden muß, daß nach dem Tode deiner ſeligen Frau Mutter mehr Luſttra⸗ gende, ſie zu beerben, als Leidtragende, ſie zu beſtatten, von allen Seiten herbeikamen. Wir ſind auf einmal äußerſt reich— an lieben Verwandten geworden, und der Baum der van der Valckiſchen Sippſchaft hat mehr Aeſte, als mir bekannt war; bis nach Herzberg im Harzgebirge in Deutſchland, ja bis nach Dahne im Königreich Preußen wohnen Menſchenkinder, die unſere Verwandten ſein wollen. Meinerſeits konnte ich alle dieſe guten Seelen nur auffordern, ſich mit mir, oder falls ihnen dies lieber wäre, mit Hiob zu tröſten, und ihnen verſprechen, daß ich ſie in mein frommes Gebet einſchließen wolle, doch glaube ich faſt, daß ihnen daran Nichts gelegen iſt, denn die gottloſe Welt hat den rechten Glauben verloren.“ „Noch muß ich dir, geliebter Leonardus, eine Nachricht als Neuig⸗ keit mittheilen, welche dir gewiß eine große Freude machen wird. Du erinnerſt dich ſicherlich noch des vormaligen Schiffskapitäns auf deines wohlſeligen Herrn Vaters„vergulder Roſe“; dieſe Pinke hat Herr — 394— Richard Fluit verlaſſen, und ſtatt der„vergulden Roſe“ eine guldene Sehr Herbſtaſter geentert, mit der er in den geruhigen Hafen des heiligen ſin Verg Eheſtandes eingelaufen iſt. Ich ſelbſt war das auserwählte Rüſtzeug, ßfpet Lu wie deine ſelige Frau Mutter zu ſagen pflegte, welches in unſerm„Fs i armen Kirchlein zu Sanct Ottilien das traute Paar ehelich verband,„daß Sie und wer war die Braut? Wenn du das erräthſt, beſter Leonardus, ſo Herrlicheit heiße ich Jantjé und eſſe hundert Auſtern mit ſammt der Schale.“ pidimirte „Vernimm und ſtaune! Herrn Fluit's Erwählte iſt Niemand anders, Stand de als die wohledelgeborene und tugendbelobte Mejouffrouwe Sibylle Ni⸗ als ich m kodema van Swammerdam, vormals deine Verlobte, und mit ihr macht und iem Fluit, was den Geldpunkt anbetrifft, ein ungeheueres Glück, welches„Unter du, geliebter Leonardus, dir ſeinerzeit haſt entgehen laſſen. Wie ſchön eigens für wird jene Flöte zu dieſer Meertrompete ſtimmen, wenn ſie Beide zu Varl geſc tönen anfangen! Beide laſſen dich als alten Freund herzlich grüßen. bon Doon Schicke ihnen ja ein ſchönes Hochzeitgeſchenk, damit du Ausſicht auf ſeligen Ge eine Pathenſchaft gewinnſt, falls die alte Meerminne und ihr Zeekoning Brining einen Dolphyn mit einander gewinnen ſollten.“ nyt en Das iſt nun der Mann nach dem Herzen Gottes, das Kirchenlicht! baniſh ſprach Ludwig unmuthsvoll und warf den Brief, den er Sophien mita M nicht ſehen laſſen wollte, bei Seite. i geht S Hierauf enthüllte er das verſiegelte Päckchen und fand eine zweite 6 De Verpackung mit der Aufſchrift:„An meinen lieben Sohn Leonardus Cornelius, zu öffnen am erſten 22. September nach meinem Tode.“— Es 6. war dies die eigene Handſchrift der Verſtorbenen. Mithin ſtand der t de Inhalt, wie anzunehmen, mit dem Geburtstag des verſtorbenen 3. Leonardus in Verbindung. Ludwig ehrte den Willen der Verblichenen 4 In 3 und legte ſchweigend das Päckchen zur Seite, indem er daſſelbe gut 6 1 verſchloß. n er ih Nicht lange nach dem Empfange dieſes Briefes liefen auch wieder Nachrichten von Windt ein, und zwar war es kein gewöhnlicher Brieſ, weit n ſondern ein ziemlich bedeutendes Paket, welches in Frankfurt am Main ohne te angekommen und dort eine geraume Zeit auf der Poſt liegen geblieben war, bevor der zum Empfang Berechtigte ſelbſt in dieſe Stadt unni kam. Dieſes Paket trug die Aufſchrift:„Documente“ und enthielt aue eine hohe Werthbezeichnung. Sunc n, eine guldne en des heiligen ihlte Rüſtzeng, es in unſerm helich verband, Aonardus, ſo der Schak.“ iemand anders, ve Sibhlle Ni⸗ mit ihr macht lück, welches n. Wie ſchön ſie Beide zu erzlich grüßen. Aſcht uf dihr Jukoning das Kirchenlicht! en er Sohhien und eine zweite Sohn Lronordus Tode“— Es thin ſtand der es verſtorbenen der Verblichenen er haſſelbe gut fen auch wieder ſt vöhnlicher Bri, nlfurt an Nun r Prſt lege u T t ſt in tsu e und nthie * — 395— Sehr neugierig darauf, welche Documente man ihm, dem gleich⸗ ſam Vergeſſenen und Abgefundenen, noch nachträglich zu ſenden habe, öffnete Ludwig. „Es iſt Jammerſchade, hochverehrteſter Herr Graf,“ ſchrieb Windt: „daß Sie nicht ohnlängſt mit in Kniphauſen waren! Das war eine Herrlichkeit in der Herrlichkeit! Ich überſende Ihnen treu copirte und vidimirte Abſchriften mancher Actenſtücke, aus denen Sie ſich über den Stand der Dinge ungleich beſſer unterrichten können und werden, als ich mit meinem Geſchreibſel es vermöchte; kurz, es ging hoch her und Niemand fehlte dabei als Sie, oder doch der Falk von Kniphauſen!“ „Unter A finden Sie im Original, welches auf mein Erſuchen auch eigens für Sie gefertigt, unterſchrieben und beſiegelt wurde, den zu Varel geſchloſſenen Vergleich zwiſchen dem Erbherrn und dem Beſitzer von Doorwerth; unter B einen Auszug des Teſtamentes meiner hoch⸗ ſeligen Gebieterin, und unter C ein dem Kopfe des Herrn Hofrath Brünings entſprungenes Memorandum, welches aber mit der aus Jovis Haupt entſprungenen Minerva Nichts gemein hat, als daß ihm ein Harniſch mit Drachenſchuppen um den Leib geſchnallt iſt. Was dieſes invita Minerva entſtandene Curioſum enthält, werden Sie ſelbſt leſen, es geht Sie an.“ „Der junge Sohn aus der Gewiſſensehe, welche der Erbherr mit Demoiſelle Sara Gerdes geſchloſſen hat, und bei dem der Herr Vice⸗ Admiral Pathenſtelle verſah, iſt hier in Hamburg, wo die Mutter im Palaſt der hochſeligen Frau Großmutter ihre Wochen hielt, auf die Namen William Friedrich getauft worden, und befindet ſich wohl. Dieſe Frucht aus dem ländlichen Garten von Bockhorn iſt ſo ſchön, als immerhin eine andere im Park eines reichsgräflichen Ahnenſchloſſes erzeugte. Der Erbherr hat zu Varel ſeinem Pfarrer Hanſing anderthalb Jahre nach dem Tode der holdſeligen Erbherrin Ottoline erklärt, daß er als Wittwer, durch Familienverhältniſſe und aus andern Gründen zu einer ander⸗ weit ſtandesgemäßen Verbindung nicht ſchreiten wolle, aber auch nicht ohne Liebebeglückung durch das ihm noch vergönnte Leben zu wandeln gedenke, und feierlich jene ſeine Geliebte zur Stellvertreterin ſeiner verewigten Gemahlin erkoren und ernannt, mit der er, in vor Gott gültiger Gewiſſensehe zu leben gedenke, auch ohne die formelle kirchliche Sanction, mit dem Vorbehalt, die letztere ſo wie die Erhebung ſeiner — 396— zweiten Lebensgefährtin zur rechtmäßigen Gemahlin und Reichsgräfin zu einer ihm geeignet ſcheinenden Zeit nachzuholen.“ „Der Erbherr iſt Souverän, er liebt jene Frau und ehrt ſie, ihr Betragen iſt würdevoll und gütig, ſie iſt ihrem Sohn eine zärtliche Mutter und Alles geht ſeinen guten Gang, Niemand hat dermalen ein Recht, die in ihrem Gewiſſen ehelich Verbundenen zu verdammen, wohl aber werden die Agnaten früher oder ſpäter dies thun, und es wird in der Folge wieder zu Streitigkeiten kommen, die dann wahrſchein⸗ lich kein Friedenstrank aus dem Falken von Kniphauſen beizulegen vermögen wird, posito ſie hätten den Falken.“ „Ich ſitze immer noch hier in Hamburg und plage mich wie ein Pferd, obſchon ich todtmatt bin.“ „Aus der bereits erwähnten Anlage erſehen Sie, beſter Herr Graf, daß man nicht übel Luſt hat, Ihnen die rara avis, den Falken, wie⸗ der abzulocken und denſelben auf eine oder die andere Art wieder nach Kniphauſen zu bekommen. Mir ziemt nicht, Ihnen Rathſchläge zu geben, ich aber wüßte was ich thäte— ich rückte ihnen den Falken auf ewig aus den Augen.“ „Meine Frau empfiehlt ſich Ihnen und läßt gehorſamſten Reſpect vermelden. Der ſchreckliche Tod der armen Angés hat uns Beide außerordentlich erſchüttert. Sie war zu gut für dieſe Welt, und ihr iſt wohl, wenn nur nicht ein ſo bitteres Sterben ihr zu Theil gewor⸗ den wäre. Sanft ruhe die Aſche dieſer wahrhaſt guten und edlen Freundin!“ „Ich war ſehr krank, und bin nur wie durch ein Wunder dem Tode entronnen. Der liebe Gott muß noch etwas Abſonderliches mit mir vor haben, dazu er mich aufſpart. Der Reimarus gab mich völlig auf, auch hatte ich bereits, ehe es ſo ganz ſchlimm mit mir wurde, Auftrag ertheilt, daß der Conſul Höfer meine Habſeligkeiten und Papiere verſiegeln ſollte, und ebenſo hatte ich das Begräbniß in hieſigem Dom angeordnet. Gottes Gnade hat mich abermals errettet, aber fort will ich von hier— muß fort, meine Aufenthaltskoſten überſteigen mein geringfügiges Legat. Ich habe mir einen kleinen Wagen gekauft, darin will ich ſobald als möglich mein Bette an⸗ bringen, und gen Stadthagen ſegeln, möge es mir eine Stadt Hafen ſein! Ich bedarf deſſen, ich ſehne mich nach Ruhe; wer weiß wie bald beſtürnt E nehr mit ſ bedürfen E werhen dieſ mur nicht, Mit n und ſprach um mich e Grofmutte lich ins Dus er und vom ſhriebener ſett lautete Vir, Graf von liam Gr erklären u Zuifigkeit berwittwet Grifn von fin, wie a ſiner Frn haben, uf ſin ſollen, us einzjg vollonne rechte in! ſür unſere niemals d unſere oh fil nch rſchri Es w ſtund in nd Rrichsgrifin nd ehrt ſie, ir n eine zürtlich ſt dermalen ein rdammen, wohl , und es wird ann wahrſchein⸗ uſen beizulegen ge mich nie ein eſter Herr Graf, en Falken, wi⸗ Art wieder nach Jachſchlige zu nen den Falten rſunſen Reſpect at uns Beie Pelt, und ihr zu vheil gewor⸗ uten und cdlen in Wunder dem — lihes ni inunt gi niß ſilinn nit nit eHab tſeigtiten * Lmihi in tet erettet, Aufenth thaltskoſen einen kleinen — 397— beſtürmt Sie, mein gnädiger lieber Herr Graf, der alte Windt nicht mehr mit ſeinen unruhigen Briefen! Alles Glück ſei mit Ihnen, und bedürfen Sie meiner für Ihre Aufträge in irgend einer Sache, ſo werden dieſelben von mir vollzogen, ich mag ſein, wo ich immer ſei, nur nicht, wenn ich im Himmel bin; doch ſelbſt dort noch Ihr ganz ergebenſter W.“ Mit neugierigem Verlangen griff der Graf nach den Documenten und ſprach ſchmerzlich lächelnd: Ich will doch nicht hoffen, daß ſich um mich ein Schriften⸗ und Actenwerk drängt, wie um die alte ſelige Großmutter; am Beſten wird es ſein, ich werfe, was mir nicht gefällt, gleich in's Feuer. Das erſte Papier war ein mit zwei ſchwarzen Siegeln verſehener und vom Erbherrn wie von dem Vice⸗Admiral eigenhändig unter⸗ ſchriebener Vertrag in franzöſiſcher Sprache, welcher ins Deutſche über⸗ ſetzt lautete: Wir, die Unterzeichneten, Wilhelm Guſtav Friedrich, regierender Graf von Rhoon, Herr von Varel und Kniphauſen, und Wir, Wil⸗ liam, Graf und Herr von Doorwerth mit Zubehör(cum annexis) erklären und erkunden, daß alle die Rechtsfragen, Streitpunkte und Zwiſtigkeiten, die vorher zwiſchen der Reichsgräfin Charlotte Sophie, verwittweten Gräfin und Frau zu Varel, In⸗ und Kniphauſen, geborene Gräfin von Aldenburg einerſeits, und dem obengenannten regierenden Gra⸗ fen, wie auch die zwiſchen ſeinem ſeligen Vater, dem Herrn von Varel, ſeiner Frau Mutter und ſeinem Großvater anderſeits Statt gefunden haben, auf eine freundliche Art für immer abgethan und verglichen ſein ſollen, ſo daß Wir, der regierende Graf und Herr von Doorwerth, als einziger Erbe der ſeligen Frau Gräfin, unſerer Großmutter, im vollkommenſten Einverſtändniß über Alles ſind, was Rechte und Vor⸗ rechte in unſern Familien betrifft, und daß wir ſo wohl für uns als für unſere Nachkommenſchaft, die es angeht, uns verbunden haben, niemals dieſe gemeinſchaftliche Uebereinkunft zu verletzen. Damit aber unſere oben ausgeſprochene, gemeinſchaftliche Vereinigung weder Zwei⸗ fel noch Widerſpruch erleide, ſo haben wir dieſen gegenwärtigen Act unterſchrieben und beſiegelt. Geſchehen zu Varel ꝛ. Es waren die richtigen beiderſeitigen Wappen; das des Erbherrn ſtand in einem gekrönten hermelinverbrämten Fürſtenmantel, über — dem Wappen vier ſchwebende Kronen, deren jede ein beſonderes Kleinod trug. Zwei Löwen dienten als Schildhalter, die auf Palmenzweige traten, um die ſich eine Bandrolle mit dem Wahlſpruch: Craignez honte wand. Das Wappen des Vice⸗Admirals war im Ganzen ebenſo, aber es ſtand nicht in einem Fürſtenmantel, auf dem Wappen ruhten vier gekrönte Helme mit den Kleinodien, und der Wahlſpruch fehlte. Ja wirklich, Windt hat Recht, ſpöttelte Ludwig, zu dieſer Eini⸗ gungsacte hätte nothwendig aus dem Falken von Kniphauſen getrun⸗ ken werden müſſen, wie vor Zeiten bei der uralten Einigung der ſtrei⸗ tenden Linie. Schade, daß ſie ihn nicht an Ort und Stelle hatten! Die Auszüge aus dem Teſtament der Großmutter, welche Ludwig raſch überflog, enthielten meiſt ihm Bekanntes; das Teſtament um⸗ faßte ſo viele Legate und Schenkungen, daß den Erben alles Lachen darüber vergangen war. Nun aber, was ſoll dieſe dritte Schrift? rief der Graf, und hob ſie verwundert empor; ſie war 22 ½ Seiten lang und von einer Ad⸗ vocatenhand geſchrieben. Dieſelbe berührte die einem jungen Men⸗ ſchen zu deſſen Erziehung, Ausbildung und zu Reiſen gemachte Schen⸗ kung, über die ſich ein Nachlaß, eine Aufzeichnung vorgefunden hatte; gedachte ferner eines Teſtamentes, in welchem der Falk von Kniphau⸗ ſen ausdrücklich erwähnt worden ſei, als ſpurlos verſchwunden, kam dann auch auf das vorhandene Teſtament zu ſprechen, kraft deſſen der Vice⸗Admiral Graf William zum Univerſal⸗Erben eingeſetzt ſei; ſprach klagend über die vielen Schenkungen, und vermißte in denſelben die Anführung des werthvollen Geräthes, jenes Falken von Kniphauſen, das ganz unſchätzbar ſei. Da nun„dem Vernehmen nach ein gewiſſer junger Herr dieſes Kleinod von der Erblaſſerin aus freier Hand und ans eigenem Willen in unbekannter Form und Weiſe erhalten habe, ſo erſcheine wünſchenswerth, den dermaligen Aufenthaltsort jenes Herrn zu erkunden, und denſelben wo möglich zu bewegen, jenes hochwerth⸗ volle Familienkleinod, ſofort er ſich über den rechtmäßigen Beſitz werde genügend ausweiſen können, gegen eine Geldſteuer wieder an die Fa⸗ milie abzutreten, ſintemalen alte Sagen und Ueberlieferungen im Um⸗ lauf gingen, deren ſuperſtitiöſem Wahn allerdings keine Folge zu geben, daß an dieſen Falken das Glück des hochgräflichen Hauſes ſo gebannet ſei, wie das Glück der Grafen von Ranzau an jene Kleinode aus Zwergeng Es werde mit ohng begnügen übergroße 6. 32, Ce burgs in längliche Ludn herrſchen, Hände zit lich, wie unten zerr Was ſolen ihn trinken!“ Wohl iſ und für unſichtba Herzen e lange ich Beſtze diingn. Schn er ſchon Aus mich um könnte. Kunſtwe treuer uf bie bleibe alz an! onderes Klinod Palnenzweige uch: Craigne Garzen ebenpo, Waypen ruhten ahlſpruch ſchlte. zu dieſer Eini⸗ phauſen getrun⸗ igung der ſtri⸗ Stelle hatten! welche Ludwig Teſtament um⸗ n alles Lochen Graf, und hob von einer Ad⸗ n jngn Mer⸗ gemachte Schen⸗ rgefunden hatte; ſ von Kniphau⸗ ſchwunden, kan traft deſen der eſetzt ſeiz ſ ſprach in iſchn ndie on Fiphauſen uc ein zeriſer ier Hand und ſe„ ien habe, ori jenes Hertn jenes hochwerth⸗ n eſit werde ieder an die Fo⸗ ferungen in Un olge U gben⸗ bannet e au Fo uſes ſo ge ne Kl lanod Zwergengold: fünfzig Rechnenpfennige, ein Häring und zwei Spindeln. Es werde ſonder Zweifel der dermalige Inhaber beſagten Kleinods ſich mit ohngefähr vier⸗ bis fünftauſend Mark Hamburger Banco zu Dank begnügen laſſen, um ſo mehr, als der hochgnädige Erbherr die frühere übergroße Schenkung großmüthig wolle paſſiren laſſen, ohngeachtet ihm C. 32, Cod. de donationibus und die prononcirte Meinung Schaum⸗ burgs in Comp. ff. ad tit. de donat. F. X, nebſt andern mehr, hin⸗ länglichen Stoff zu Einreden an die Hand geben könnten. Ludwig hatte Mühe, in Sophiens Gegenwart ſeinen Zorn zu be⸗ herrſchen, der bei Leſung dieſer Schrift in ihm aufflammte, aber ſeine Hände zitterten, während er dieſes Memorandum las, bis er es plötz⸗ lich, wie es war, mit dem Ausruf: Däniſche Spinne! von oben bis unten zerriß und zuſammenknitterte. Was ſagte die ſelige Großmutter? rief er entſchloſſen.„Sie ſollen ihn nicht haben!“ ſprach ſie.„Sie ſollen nicht wieder daraus trinken!“ Und die Worte eines Sterbenden ſollen uns heilig ſein! Wohl iſt dieſes kunſtvolle und köſtliche Geräth ein hochwerthes Kleinod und für mich in der That ganz unſchätzbar— o es ſchließt Herzen unſichtbar in ſich ein, theure edle Herzen! Aber bedarf es für dieſe Herzen eines ſichtbaren Andenkens? Nein, bei mir nimmermehr, ſo lange ich athme. Darum will ich raſch mich ſcheiden von ſeinem Beſitze, ehe Liſt oder Uebereilung oder Raub oder Bitte es mir ab⸗ dringen. Schnell war ſein Entſchluß gefaßt; in den nächſten Minuten ſaß er ſchon am Schreibtiſch und ſchrieb an die Herzogin Georgine: „Hochgnädigſte mütterliche Freundin! Aus der Hand meiner ſterbenden Großmutter empfing ich das beifolgende Kunſtwerk. Stets auf Reiſen und noch ohne dauernden Wohnſitz macht es mir große Sorge, daß ein unglücklicher Zufall mich um dieſes mir doppelt heilige Unterpfand hoher Liebe bringen könnte. Die Urkunde über meinen völlig rechtmäßigen Beſitz iſt dem Kunſtwerke beigegeben. Ich ſende es Ihnen, wo es ſicher und in treuer Hand bewahrt bleibt; heben Sie mir dieſen Falken liebevoll auf, bis ich denſelben zurückfordere. Geſchieht dies nicht, ſo ſei und bleibe der Juwelenfalk, der unter keiner Bedingung an einen andern als an mich ſelbſt, wenn ich denſelben wieder fordere, gegeben werden — 400— darf, ein Eigenthum Ihrer hohen Familie und erfreue noch durch die Kunſt der Arbeit, die Pracht ſeines Glanzes und den Werth ſeiner Juwelen die ſpäteſten Nachkommen. Gewiß, Sie laſſen mich keine Fehlbitte thun, edelſte großmüthigſte Freundin, und bauen dieſem Falken ſeinen Horſt im Caſtle Chatsworth, wo derſelbe Sie an mich und an mein Herz erinnern möge, das voll Dank und verehrender Liebe iſt und es bis zum letzten Hauche bleibt.“ Noch Eins geſchehe! ſprach Ludwig, indem er ſich erhob und Phi⸗ lipp klingelte. Wie ſprach die Großmutter ferner?„Nur du— und die, welcher du dein Herz ſchenkſt, ſollen aus dem Falken trinken.“ So ſprach ſie, und auch das erfülle ſich! Der Diener kam; Ludwig gebot ihm den Falken zu bringen, und eine Flaſche des edelſten Weines zu beſtellen. Als Alles da war, nahm der Graf das Gefäß und den Wein und ging zu Sophie hinüber. Die Prinzeſſin ſtaunte mit leuchtenden Augen die Pracht des Falken an; ſie hatte Aehnliches noch nie geſehen. Noch mehr aber war ſie verwundert, als ſie gewahrte, daß der Kopf des Vogels ſich aufſchlagen ließ, und das Innere eine goldene Höhlung zeigte. Ludwig goß den Wein in den Pokal und bedeckte ihn dann wieder mit dem Haupte des Vogels. Dann ſprach er: Sophie, dieſes Geräth wurde mir anvertraut von jener verehrten Greiſin, bei welcher Sie einſt mit Ihrer erlauchten Frau Mutter zu Hamburg einen Beſuch machten. Sie ſprach damals zu mir das bedeutungsvolle Wort: Trinke du daraus und Die, welcher du dein Herz ſchenkſt.— Sophie, ich ſtehe allein in der Welt, faſt Alle, denen ich früher mein Herz geſchenkt hatte, ſind mir geſtorben, wem ſollte ich nun mein Herz ſchenken? Darf ich es wagen, Sie einzuladen, Sophie, daß Sie mir dieſen Trank mit Ihren reinen Lippen weihen? Ein hohes Roth trat auf ihre Wangen; ſie entgegnete ſicht⸗ bar ergriffen: Ich habe geleſen, daß bei den alten Ritterſpielen edle Frauen und Jungfrauen den Siegern die Pokale kredenzten, oder dieſe ihnen als Kampfespreiſe reichten; das nannte man Dank. Mein ganzes Herz, Graf, iſt Dank, inniger Dank; darum erfülle ich gern, herzlich gern Ihren Wunſch und trinke von dieſem Weine auf das Wohl eines edlen Siegers!— Sie ſchlug des Vogels Haupt zurück, führte mit feſter Hand den ſchweren Goldpokal zum Munde und flüſterte, bevor ſie trank: Au gukunft! Nachde gekoſtet he Frafen He ſtrömenden dieſem mi Zauber ge das iſt k ſein, ich n Noch wohlverwa niſen, von die gunze Kinſtecho ſllen kon Eine ſo ſihr kamen o und Ban den, nic vereinen. ſchen.„ einem ſ ſe win in Au eein dunt Ahl z d. te noch durch die den Werth ſeiner aſen mich keine d bauen dieſem lbe Sie an mich und verchrender erhob und Phi⸗ „ur du— Falken trinken“ zu bringen, und s da war, nahm phie hinüber. die Pracht des Noh mhr aber f des Lopl ſih ng pigte. ihn dan nieder ie, dieſes Gerith bei welcher Sie ug einen Veſuch gvolle Wort: enlt.— Etphi, rühet mein Hetz nn min Herz bie, daf Sie nit nigegnete ſiht⸗ Ritrſiehen c enten, u ſi mk. Mein u ic gen i ohl ines das fde t fiſer führe m 4 u, kuſt 401 trank: Auf Ihr Wohl, Graf Ludwig, und auf eine beſſere, ſchönere Zukunft! Nachdem ihre Lippen den Juwelenkelch berührt und deſſen Wein gekoſtet hatten, gab ſie den Falken mit freundlichem Blick in des Grafen Hand zurück, und auch er trank mit einem vollen, über⸗ ſtrömenden Gefühle, das keine Worte fand; dann ſprach er: Und dieſem mir doppeltgeweihten Gefäß, aus dem ich nun zweimal ſüßen Zauber getrunken, muß ich entſagen; glauben Sie, theure Sophie, das iſt kein leichter Entſchluß, aber ich will Sieger über mich ſelbſt ſein, ich will es, weil ich es mir ſelbſt gelobt habe. Noch an demſelben Tage kam der Falk von Kniphauſen zur Poſt, wohlverwahrt und weich gebettet, um bald darauf über den Kanal zu reiſen, von zarter Hand enthüllt und mit Staunen begrüßt zu werden. Die ganze reiche Grafſchaft Devonſhire bewahrte kein Kleinod von Künſtlerhand, das dieſem an Pracht, Schönheit und Werth ſich gleich⸗ ſtellen konnte. 6. Ein Tag in Wien. Eine lange Zeit der Unruhe war über den Grafen verhängt, der ſo ſehr nach Ruhe und abgeſchloſſener Stille ſich ſehnte. Briefe kamen von Sophiens Mutter, alle mehr oder minder voll Furcht und Bangen, wie voll Klagen, daß ſie durch Bande der Pflicht gebun⸗ den, nicht in der Lage ſei, mit der geliebten Tochter ſich wieder zu vereinen. Dennoch wollte ſie deren Leben und Zukunft ſo gern geſichert ſehen. An einem deutſchen Hofe durfte dies nicht geſchehen, denn an einem ſolchen konnte die junge Prinzeſſin nicht incognito auftreten, ſie würde, wenn ihre Herkunft bekannt geworden wäre, jedenfalls eine mißliche Rolle geſpielt haben. Da fiel der beſorgten Mutter zuletzt ein Ausweg ein, ſie wollte ſich einem hohen Freund anvertrauen, dem es ein Leichtes war, ihrer Tochter, und wenn dieſe es wünſchte, auch deren treuen Beſchützer und Begleiter ein ſicheres und unnahbares Aſyl zu gewähren. Prinzeſſin Charlotte hatte beim Aufenthalt in D. B. II. 26 ——— Petersburg den Großfürſten Alexander kurz vor ſeiner Thronbeſteigung kennen gelernt. Die perſönliche Liebenswürdigkeit dieſes jugendlichen Monarchen, den ſelbſt Napoleon einen Apoll nannte, hatte auch die Prinzeſſin für ihn eingenommen. Sie hatte ihn dann am Hofe zu Baden bei ſeiner Vermählung mit der ſchönen Tochter des fürſtlichen Hauſes, Prinzeſſin Eliſabeth, wiedergeſehen, rechnete auf des Kaiſers Huld und Gunſt und ſchrieb an ihn. Alexanders Antwort ſandte die Prinzeſſin an Ludwig, ſie lautete: „Stellen Sie, Prinzeſſin, mir diejenigen Perſonen vor, deren Schutz Sie von mir wünſchen, ich werde Alles zu deren Zufriedenheit und zu Ihrer Beruhigung thun. Sie kennen meine Geſinnung und meine Theil⸗ nahme an dem Unglück, das Sie betroffen, ich habe bei dieſer grau⸗ ſamen Verletzung des Völkerrechts und jenem Meuchelmord, vor dem ganz Europa noch immer ſchaudert, als deutſcher Reichsfürſt Schritte gethan, daß Genugthuung für die Gebietsverletzung des Kurfürſten⸗ thums gefordert werde, allein welche Genugthuung wäre hinreichend, Ihrem Herzen zu genügen. Kaum die, daß ich im Bunde mit Oeſterreich Frankreich den Krieg erklärt habe.“ „Reiſen Sie, beſter Graf,“ ſchrieb die Prinzeſſin an Ludwig,„mit Sophie zum Kaiſer, hören Sie deſſen Befehle, ich überlaſſe alles Weitere Ihrer Einſicht, Ihrer Freundestreue, Ihrer Ehre und Ihrer Anhänglichkeit an mich und mein Kind. Der Himmel führe Sie Beide! Sie treffen, wenn Sie nicht ſäumen, den Kaiſer noch in Wien. Eilen Sie dorthin und beruhigen Sie bald eine unglückliche Mutter, die für ihr Kind zittert, während ſie bereits um ihren gemordeten Gatten der Verzweiflung anheimfiel!“— Graf Ludwig billigte in ſeinem Innern dieſen eigenthümlichen Vorſchlag keineswegs. Es war eine Abneigung in ihm gegen alles Ruſſiſche, wie ſehr er auch den perſönlichen Eigenſchaften des jungen Kaiſers Verehrung zollte. Dieſe Abneigung entſprang gleichſam einem ererbten Familiengroll, der im Blute lag; das Haus, deſſen Sohn Ludwig war, konnte es nie verſchmerzen, daß die ruſſiſch gewordene Herrſchaft Jever— in ihr beſtand das deutſche Reichsfürſtenthum Kaiſer Aleranders I., an welches Ludwig durch des Kaiſers Brief erinnert wurde— die einſt dem Hauſe gehört hatte, jetzt von dieſem abgeriſſen wor, diß ſtand, von Parel ſich Pogel Luſt Es kämyft forderung halb in i Zukunftgl Hingabe gendes ge Gleich Beider zu ſin eigen Prinzeſſn Jhre zih des Lben volltomm Sie Ich habe belge ni Soph obſchon wollen. und Per Feſſl a offen iu Unterge Vuhilt Lmn Nichs weiß, ſagen 1 Ge ih will guhe throbeſeizung es jugendlichen hatte auch die er Pemählung zeſin Eliſabeth, unſt und ſchrieh vig, ſie lautete: eren Schutz Sie it und zu Ihrer meine Theil⸗ ei dieſer gra⸗ nord, vor den fürſt Schrite des Kuffürſten⸗ väre himichend, im Bunde nit nLudnig, nit überlaſe alles Chre und Ihrer ihre Sie Beide! wch in Vien. clihe Nuten hren ʒenoteten ihntinlin ihm gegel alles giten des jungen glichjan einem , deſen uſiſch gntent rſtenthun Kiſe⸗ grief einner Sohn 7 — war, daß zwiſchen Jever und Kniphauſen der ruſſiſche Grenzpfahl ſtand, von dem ein Adlerkopf nach Kniphauſen, und der andere nach Varel ſich neigte, gerade als ob in dieſem ſchlimmen und ſtarken Vogel Luſt vorhanden ſei, auch dieſe beiden Herrlichkeiten zu rauben. Es kämpfte daher mächtig in dem Grafen, ob er der erhaltenen Auf⸗ forderung Folge leiſten ſolle oder nicht, zumal ſich ſchon halb und halb in ihm ein Plan gebildet hatte, von dem er ſich ein reines Zukunftglück verſprach, der Sophien Schutz und ihm Freiheit zur Hingabe an ſeine Lieblingsneigungen und an ein ihm beſonders zuſa⸗ gendes gemüthliches Stillleben gewähren ſollte. Gleichwohl ehrte Ludwig die Prinzeſſin, Sophie und das Geſchick Beider zu ſehr, um nicht zu fühlen, daß er vor dem Wunſche der Erſteren ſeine eigene Neigung aufopfern müſſe. Er theilte daher der jungen Prinzeſſin den Brief ihrer Mutter mit und dieſe, obgleich erſt fünfzehn Jahre zählend, war doch hinlänglich durch den Schmerz für den Ernſt des Lebens gereift, um nicht die Bedeutung eines ſolchen Schrittes vollkommen würdigen zu können. Sie ſchlug das ſeelenvolle Auge zu Ludwig auf und ſprach bewegt: Ich habe keinen Willen, ich folge der Mutter, ich folge Ihnen, ich beuge mich in Demuth Allem, was über mich verhängt wird. Sophie, entgegnete Ludwig: mich ſchmerzt, was Sie mir erwiedern, obſchon ich weiß, daß Sie mich nicht durch Ihre Worte verwunden wollen. Wenn auch die Verhältniſſe Ihnen die tiefſte Zurückhaltung und Verſchloſſenheit der Welt gegenüber als eine ſchwer zu tragende Feſſel auferlegen, ſo dürfen Sie doch mir gegenüber ſich frei und offen äußern, denn Sie wiſſen ja, fügte er, um den Ernſt ſeiner Rede zu mildern, im leichten ſcherzenden Tone hinzu: daß Sie nicht meine Untergebene, ſondern meine Gebieterin ſind. Daher dürfen Sie Ihr Verhältniß zu mir nicht ſo nehmen, als ſeien Sie ein willenloſes Lamm oder ein Opfer der Politik, nein, im Gegentheil, ich werde Nichts unternehmen, in das Sie nicht willigen, da ich im Voraus weiß, wie Ihre klare Einſicht Ihnen ſagt und Ihr Gefühl Ihnen ſagen wird, daß ich nur an Ihr Heil ſinne und denke. Gewiß, dies fühle ich lebhaft, lieber Graf! verſetzte Sophie: und ich will mich beſſern; da nun aber meine geliebte Mutter befiehlt, ſo glaube ich, gehorchen zu müſſen, wenn Ihre Meinung damit überein⸗ 26* . * 404 ſtimmt. Sie müſſen wiſſen, Graf, ob von dem Erbieten Seiner Majeſtät des Kaiſers von Rußland etwas Günſtiges für uns zu hoffen iſt; nur das Eine erlaube ich mir zu bemerken, daß, wenn der zu⸗ geſicherte Schutz eben in einem Aufenthalt im ruſſiſchen Reiche, auf einem der Kronſchlöſſer oder zuletzt gar in einem ruſſiſchen Kloſter beſtehen ſollte, ich ſehr dafür danke. So lebhaft hat Rußland mich nicht angezogen, und ſo ſehr hat es mir ſelbſt in Sanct Petersburg nicht gefallen, daß ich den Wunſch faſſen könnte, in Rußland meine Tage zu verleben. Ich bin in Deutſchland geboren, und wenn ſich mir auch für die Zukunft das Vaterland meiner Eltern ver⸗ ſchließt, ſo will ich doch ungleich lieber in Deutſchland wohnen, als in irgend einem andern Lande, denn Deutſchland gefällt mir und ich liebe es.. Wir wollen, nahm Ludwig nach einigem Zögern das Wort: dem Befehl Ihrer Frau Mutter Gehorſam leiſten, es ſteht dann immer noch bei Ihnen, eine dargebotene Gnade anzunehmen oder abzulehnen. Die Hauptfrage iſt nur die, wird Ihre Geſundheit die Anſtrengung einer Reiſe mit Courierpferden vertragen? Der Weg von Frankfurt nach Wien iſt weit und Eile iſt dringend nöthig; denn wenn auch, wie die Zeitungen melden, der Kaiſer Alexander in den nächſten Tagen nach Wien kommt, ſo iſt doch dieſem Monarchen in ſo bewegter Zeit nirgend ein langer Aufenthalt vergönnt. Ich bin Gott ſei Dank geſund, mein beſter Graf, erwiederte Sophie: und habe Jugendkraft. Friſche Luft thut mir wohl, und die Reize wechſelnder Landſchaften und Orte, die ich ohne Schleierhülle betrachten darf, geben anmuthige Zerſtreuung, wenn gutes Wetter ſolche Fahrt begünſtigt. Sie wiſſen ja, daß ich armes Mäd⸗ chen ſo zu ſagen eine geborene Reiſende bin. Nicht in der Nähe eines traulichen Heimathherdes kam ich zur Welt. Ehe ich noch recht zum Selbſtbewußtſein gelangte, wurde ich als Kind in weite Ferne geführt. Zu Waſſer und zu Lande war immer Gottes Hand über mir. Sie wiſſen dies Alles, weßhalb ſollte alſo eine Reiſe nach Wien mich ſchrecken? Ich folge Ihnen unbedingt, heute noch, wenn es ſein muß! Wohlan denn, ſo ſchreiben Sie, während ichk alles Nöthige anordne, einige Zeilen an Ihre Mutter, daß wir ohne Verzug nach Wien ab⸗ wiſen, ur richt geben Lndwi Sophiens packen, u ſorigeſende Auf Wirzbur hönnte, dritten ſ Kaiſe Weſens u Monarhe henswürdi licher Hu als alten Fſchen! Nachbar Herſſche im vora Dieſ einigerm dern? er habe nichtig verwend hatte k ſchon a wandte Gemah ſtehe it Ahl lieber nd ja uch, d tieten Seiner uns zu hofen wenn der zu⸗ n Reiche, auf ſſſcen Kloſter Rufland nich uet Peteräburg Rußland meine und wenn ſih Eltem ber⸗ wohnen, als t mir und ich 3 Wort: dem dann immer er obzulehnen. ie Anſtengung von Franfurt m wenn auch, den nichſten in ſo bewegter raf, erwiederte wohl, und die Schleierhülle gutez Pun armes Müd⸗ Niht in der elt. Che ic als Kind in — 405— reiſen', und ihr vom Erfolg dieſer Reiſe ſogleich von dort aus Nach⸗ richt geben würden. Ludwig ſchrieb ſeinerſeits noch einige raſche Briefe, ließ durch Sophiens Bedienung deren Garderobe, durch Philipp die ſeine ein⸗ packen, und war jetzt erſt recht von Herzen froh, daß er den Falken fortgeſendet hatte, deſſen Beſitz eine ſtete Sorge für ihn geweſen wäre. Auf dem geradeſten Wege ging die Fahrt von Frankfurt nach Würzburg, und von da nach Nürnberg, wo man ſich eine Nachtraſt gönnte, daſſelbe war am folgenden Tage in Linz der Fall, und am dritten ſchon waren die Reiſenden bei guter Zeit in Wien. Kaiſer Alerander empfing ſie mit der ganzen Herzlichkeit ſeines Weſens und ſeiner Humanität, die ihn zu einem der ausgezeichnetſten Monarchen des Jahrhunderts machten. Er bezeugte der jungen lie⸗ benswürdigen Prinzeſſin ſein inniges Beileid, und ſprach mit freund⸗ licher Herablaſſung zu Ludwig: Sie, mein lieber Graf, begrüße ich als alten Nachbar! Wenn Sie mich als ſolchen vielleicht nicht gern geſehen haben ſollten, ſo will ich Ihnen zum Troſte ſagen, daß dieſe Nachbarſchaft ſich in Kurzem löſen wird, ich bin entſchloſſen, meine Herrſchaft Jever an Holland abzutreten, und gratulire Ihrem Hauſe im voraus zum neuen Nachbar. Dieſe Aeußerung des Selbſtherrſchers aller Reuſſen ſetzte Ludwig einigermaßen in Verlegenheit, denn was ſollte er ihm darauf erwie⸗ dern? Sein Name allein mochte den Kaiſer glauben gemacht haben, er habe irgend noch ein Mit⸗Anrecht an jene Herrſchaft, doch viel zu wichtig war der Augenblick, um ihn auf derartige Erörterungen zu verwenden. Es war Hochwichtiges in Wien zu verhandeln, der Kaiſer hatte keine Zeit für Familienangelegenheiten, Fürſt Metternich war ſchon angemeldet, dieſer konnte jeden Augenblick eintreffen. Alexander wandte ſich wieder zu Sophien und fragte ſie, ob ſie der Gaſt ſeiner Gemahlin in Sarskoe⸗Selo ſein wolle? Dies kaiſerliche Luſtſchloß ſtehe ihr offen, oder, wenn ſie dies vorziehe, würde ſie ein gleiches Aſyl zu Oranienbaum finden.— Ihre nächſten Verwandten, mein lieber Graf— wandte ſich der Kaiſer wieder ſcherzend zu Ludwig: find ja ſehr für Oranien, und gewiß auch Sie ſelbſt! Wiſſen Sie auch, daß der regierende Graf von Varel und Kniphauſen vor Kurzem bei mir in Sanct Petersburg war, um die alten Anſprüche und — 4— Anwartſchaften auf Jever geltend zu machen? Er war ſehr drin⸗ gend, und ich habe ihm ein Jahrgehalt von fünftauſend Silberrubeln als Entſchädigungsſumme auf Lebenszeit zugeſichert, mehr konnte ich nicht thun. Ich habe dem Souverän von Varel und Kniphauſen mein aufrichtiges Bedauern darüber ausgeſprochen, daß die Verhält⸗ niſſe gebieteriſch fordern, die Ueberzahl dieſer reichsgräflichen und reichs⸗ ſreiunmittelbaren deutſchen Standesherrn, da fäctiſch das deutſche Reich aufhört, zu mediatiſiren.— Wollen Sie, Herr Graf, in meinen Mi⸗ litärdienſt treten, ſo ſollen Sie mir willkommen ſein. Bei dieſer Anrede des Kaiſers durchzuckte blitzesſchnell ein Ge⸗ danke Lndwig's Seele. Ich ſoll von Sophie getrennt leben, ſie ſoll am Ende gar Hofdame in Sarkoe⸗Selo werden— und wozu dies Alles? Bedürfen wir dieſer kaiſerlichen Gnaden? Allerunterthänigſt muß ich für das Glück und die Auszeichnung danken, Eurer Majeſtät Offizier zu werden, antwortete Ludwig im beſcheidenſten Tone: ich bin körperlich zum Militärdienſt untauglich. Die Prinzeſſin Sophie wird die Huld Eurer Majeſtät zu würdigen wiſſen und ſich für die Annahme einer der Gnaden entſcheiden, die allerhöchſt ihr anzubieten Eure Majeſtät geruht haben. Majeſtät geruhen den Ausdruck unterthänigſten Dankes im Voraus entgegen zu nehmen. Der Kaiſer nickte gnädig zum Zeichen der Entlaſſung, und bat Sophie noch, ihre ſchöne Mutter von ihm zu grüßen. Die Prin⸗ zeſſin zitterte an Ludwig's Arme, als ſie, in ihren Schleier gehüllt, durch die mit beſternten Kammerherren und hohen Militärchargen an⸗ gefüllten Vorſäle, durch die Schaar goldbetreßter Diener ſchritt; ſie athmete tief auf, da ſie endlich im Wagen ſaßen, um nach ihrem Hotel zurückzufahren. Verwundert ſahen die Höflinge dem Paare nach. Wer war der Mann, der eine Prinzeſſin, wie man ſprach, zur Audienz beim Kaiſer führte, im ſchlichten ſchwarzen Bürgerkleid und hatte nicht einmal einen Orden auf der Bruſt! Was ſagten Sie dem Kaiſer, Graf? Ich hörte es nicht genau vor Zittern und Zagen, fragte Sophie. Ich würde mich für An⸗ nahme einer der mir angebotenen Gnaden entſcheiden? War es nicht ſo? Allerdings, ich konnte nicht anders ſprechen, entgegnete Ludwig: ich konnte, nachdem ich für meine Perſon abgelehnt hatte, nicht uch in R ſagen. Undt Wiünſchen meinen W offen ausg O pi Graf ſte terte Ihr hatte dazu und Liebr geworden; Ich w rüthen: Sille,„ ſehne mis Adn Stille, Er ſh die den Lei Paare e Otdensi hen, e abet Je Du hier Wi genblick ihem, De phiens murme chen gi De zurten di dae war ſehr din⸗ d Silbetriheln ehr konnte ich id Kniphauſen ß die Verhält⸗ hen und richs⸗ s deutſche Reich in meinen Me⸗ chnell ein Ge⸗ lehen, ſi ſoll nd wozu dies Auszeichnung te Audwig im ſt untauglich. t zu vinigen niſcheiden, die lajeſtůt genhen en zu nehmen. ung, und bt n. Die Prir⸗ hleier gehüll, tärchargen al⸗ ner ſht; ſe ihren Hotl Paare nh. ch zur Audienz ud hate riht es nicht gen ſrw n? Vo e gnete abrig: 7 — auch in Ihrem Namen, ohne vorher Ihren Willen zu kennen, Nein ſagen. Und wünſchten Sie, daß ich Ja ſagte, Graf? fragte Sophie. Wünſchen Sie mich los zu werden? Habe ich Ihnen nicht bereits meinen Willen und meinen Entſchluß, in Rußland nicht zu verweilen, offen ausgeſprochen? O Himmel, Sophie! Sie geben mir das Leben wieder! rief der Graf freudig bewegt und führte ihre Hand an ſeine Lippen. Ich zit⸗ terte Ihrer Entſcheidung entgegen, und wollte Sie nicht binden; ich hatte dazu kein Recht. Alles Glück, alle Freuden, auf welche Hoheit und Liebreiz Anſpräche haben, wären Ihnen vom Kaiſerhofe zu Theil geworden; Ihre Frau Mutter hätte das wohl am Liebſten geſehen. Ich will bei Ihnen bleiben, entgegnete Sophie mit ſanftem Er⸗ röthen: will mit Ihnen gehen, wohin Sie mich führen, in die Stille, nur in die Stille, auch Sie lieben ja die Stille, und ich ſehne mich gleichfalls nach ihr. Ludwig war ſelig in ſeinem Gefühl— eine Vorahnung heiliger Stille, ſüßen Friedens kam über ihn und erfüllte ſein ganzes Herz. Er ſah nun, wie kein Gedanke in Sophie den Wünſchen widerſtrebte, die den holden Traum ſeiner Zukunft ausmachten. Bei der Rückkehr in das Gaſthaus trat ein ſtattlicher Herr dem Paare entgegen, kraftvoll gebaut, von militäriſcher Haltung, viele Ordensinſignien auf der Bruſt. Ludwig gab es einen Stich in's Herz, er wollte ſchnell mit ſeiner Begleiterin an ihm vorübergehen, aber Jener vertrat ihm den Weg, und rief erſtaunt: Ludwig! Vetter! Du hier? Wie du ſiehſt, Wilhelm, erwiederte der Graf. Ich bin im Au⸗ genblick zu deinem Befehle, erlaube nur, daß ich dieſe Dame erſt nach ihrem Zimmer begleite. Der Reichsgraf blickte ganz verwundert den Beiden nach; So⸗ phiens edle Haltung, ihre zarte Geſtalt fielen ihm auf. Nicht übel, murmelte er: nicht übel!— Ja, das muß wahr ſein, ſchöne Mäd⸗ chen gibt es in der Kaiſerſtadt, oder ſollte das eine Fremde ſein? Der Reichsgraf hatte nicht die entfernteſte Ahnung von dem zarten und innigen Verhältniß Ludwig's zu den hohen Frauen, die das Schickſal in jene Aſyle am Rhein geführt.— Da Windt 408 Ludwig's nie gedacht hatte, zumal der Erbherr immer ſichtlich vermied, nach ihm zu fragen, ſo konnte dieſer auch Nichts erfahren, und wenn Ludwig's je einmal, wie es bei der Unterredung bezüglich des Falken der Fall geweſen war, Erwähnung geſchah, ſo berührte der treue Intendant doch auf keine Weiſe jenes Verhältniß. Der Graf theilte Sophien vor deren Zimmer in flüchtigen Worten mit, daß jener Herr derſelbe Verwandte ſei, von dem ſo eben Kaiſer Alerander geſprochen habe; dann eilte er wieder zu dieſem hinab, worauf die beiden Vetter ſich mit einander in ein abgeſondertes Zimmer begaben, um ihr Wiederſehen nach ſo langer Trennung bei einer Flaſche Champagner zu feiern. Das Geſpräch lenkte ſich auf allerlei; der Reichsgraf war in einer recht gemüthlichen Stimmung; das drohende Geſpenſt der Mediatiſation ſchien nicht auf dieſelbe einzuwirken. Was ihm am Meiſten am Her⸗ zen lag, der Wiedergewinn jenes koſtbaren Trinkgeſchirres, das er in Ludwig's Händen wußte, wurde auch bald Gegenſtand der Unterhal⸗ tung. Als Graf Ludwig von dem Tod der Großmutter erzählte, daß er noch ihren letzten Segen erhalten habe, rief der Reichsgraf mit Bitterkeit: Und noch mehr, noch Beſſeres erhielteſt du von ihr. Du empfingſt auch noch den Falken! Allerdings, und zwar mit verbriefter und beſiegelter Urkunde recht⸗ mäßigen Beſitzes in Folge freier Schenkung, verſetzte Ludwig. Was gedenkſt du damit anzufangen? fragte der Reichsgraf mit ſchlecht verhehltem Aerger. Nichts, antwortete Jener trocken. Man ſollte doch dies Geräth bei der Familie laſſen, Vetter! ſprach der Graf nach einer Pauſe. Bei welcher? Bei der deinen oder bei meiner zukünftigen? fragte mit ſcharfer Betonung Ludwig, und dieſe ſeine Frage verwirrte den regierenden Herrn ganz und gar, ja es fehlte wenig, ſo hätte ſie ihn aufgebracht; doch bezwang er ſich und ſprach ruhig weiter: Mit einem Wort, Vetter: wir, der Admiral und ich, hätten den Falken gern wieder, überlaſſ' ihn uns, tritt ihn uns käuflich ab, ſtelle deine Forde⸗ rung, wir ſchaffen die Summe! Ad die Sach Ach, de hin, em Nu ungedul I Pe hitte d Ji wußtſ Händi ſehr? 4 duß e 5 nit e L und! Adn hahn in ei ihres alte wels Geſe war hlüh ſchlich wmid, rfihen, ud dung keiglic ch, ſo berihre iltniß. üchigen Worten ſo eben Kaiſer u dieſem hind, n abgeſonderles r Trennung bei f war in einer rMediatiſation eiſten am Her⸗ tes, das er in der Unterhal⸗ mutter erzihlte, Reichsgraf nit Du enyfngſt Ukunde recht⸗ udwig. Reicheguf nit , Petter! ſprach nftigen frgte verwirte den ſo btte ſe ihn ter: Mit einem en Fullen gen lle dein ſorde⸗ 409 Ludwig blickte eine Weile ſinnend vor ſich hin, als wolle er ſich die Sache überlegen, dann ſprach er: Wirklich 2 Ihr ſchafft die Summe? Ach, da thut es mir in der That recht leid, daß ich nicht im Stande bin, euren ſo billigen Wunſch erfüllen zu können. Warum nicht? Weil ich nicht mehr im Beſitz jenes ſeltenen Vogels bin. Um des Himmels Willen, was muß ich hören! fuhr der Graf er⸗ ſchrocken auf. Wurde er dir entriſſen? Gabſt du ihn hin? An wen gabſt du ihn und wie theuer? Nie würde ich ſo unwürdig handeln, dieſes werthvolle Familienſtück zu verkaufen, Vetter! Das denkſt du gewiß nicht von mir! Nun denn, wo kam der Falke ſonſt hin? fragte der Erbherr in ungeduldiger Spannung. Ich habe ihn verſchenkt, war Ludwig's ruhige Antwort. Verſchenkt! Hör' ich recht, verſchenkt! ſchrie Jener außer ſich. Ich bitte dich, Ludwig! Wußteſt du, was du thateſt? Ich wußte, was ich that, mein lieber Vetter, ich war bei vollem Be⸗ wußtſein; mit der einzigen Bedingung, den Falken nie wieder aus den Händen zu geben, ſchenkte ich den armen Vogel einer vornehmen und ſehr reichen Dame, die ich liebe. Der Reichsgraf ſtieß ſein Champagnerglas ſo heftig auf den Tiſch, daß es klirrend zerſplitterte. Fahr hin, Glück von Edenhall! ſprach dazu Ludwig ganz kaltblütig, mit einer Anſpielung auf eine bekannte Sage. Was iſt's mit dem Glück von Edenhall? fragte Graf Wilhelm rauh und haſtig, indem er ſeinen Grimm zu bemeiſtern ſuchte. Als ich in England, in der Grafſchaft Devonſhire war, erzählte Ludwig, nachdem er ein friſches Glas und eine friſche Flaſche Cham⸗ pagner beſtellt hatte: fand ich auf dem reizenden Schloß Chatsworth, in einem Zimmer, darin die unglückliche Maria Stuart ſechzehn Jahre ihres Lebens vertrauerte und neben dem mein Schlafkabinet war, eine alte ſchottiſche Chronik, darin ich von einem ſchönen Kryſtallbecher las, welcher dem Grafenhauſe von Caſtle Edenhall in Cumberland als Geſchenk einer Fee gehörte, und„das Glück von Edenhall“ genannt ward. So lange es exiſtirte, ſollte des Hauſes Glück unwandelbar blühen. Ein Sproß des Hauſes von wildem Sinn wollte das Glück 410 verſuchen, ſtieß das Glas auf, und da zerbrach es unter ſchrillem Klang. Wie jener Becher zerſprungen war, wich alles Glück vom Hauſe der Lords von Edenhall, es ſpaltete ſich die Familie, ein Unfriede herrſchte darin und Alles ging zu Grunde. Seitdem lebt das Sprichwort dort im Volke, wenn Jemand mit Abſicht oder auch ohne Abſicht ein Ge⸗ räth zerbricht: Fahr hin, Glück von Edenhall! Eine düſtere Wolke des Mißmuths lagerte ſich über die Stirne des Reichsgrafen. Erſt nach einer Pauſe fragte er, als könne er den Gedanken noch immer nicht faſſen, mit erneutem Erſtaunen: Du haſt alſo wirklich den Falken verſchenkt? Sage mir, Menſch, haſt du den Stein der Weiſen gefunden? Kannſt du Gold machen? Wer weiß, entgegnete Ludwig geheimnißvoll, dem es eine wahre Luſt war, den Grafen durch Zweifel zu quälen. Als ich die Bäder von Burton gebrauchte, beſuchte ich auch die in jener Gegend gelegene berühmte Peakhöhle bei Caſtleton; ich ſtand in der gothiſchen Geiſter⸗ kirche dieſer majeſtätiſchen Stalaktitenhöhle, einer Kirche, welche die Hand der Natur für den Weltgeiſt wölbte; ich lauſchte dort einem Chorgeſang, der wunderbar erklang, tief ſchwermüthig, und was tönten dieſe fernen Stimmen unſichtbarer Sänger? Es waren Strophen einer altſchottiſchen Ballade, davon lautete die letzte: „O leide, leide, mein wackrer Falk, Die Federn fallen dir aus! O leide, leide, mein liebſter Herr, Seht blaß und elend aus!“ Ja, es war ſchön und reizend im Caſtle Chatsworth. Und ſiehſt du, Vetter, dort könnte ich wohl auch den Stein der Weiſen gefunden haben. Wie finde ich dich ſo ganz anders, als ich mir dich dachte, Vetter Ludwig, rief Graf Wilhelm. Du ſcheinſt viel Glück gehabt zu haben! Biſt wohl ſehr reich? Hm, es geht an! verſetzte Jener mit leichtem Tone, ſo reich bin ich mindeſtens, daß mich nicht nach ruſſiſchen Rubeln gelüſtet! Wie kommſt du darauf, Menſch, der Grafſchaften verſchenkt? fragte betroffen der Reichsgraf. Sie ſchaften Furcht ſorgenlo We I0h trocen. We du mit von M Wi von R Bei ſtörter dahern ich wo H geſſen hei d heben Doch den, Filke Jahre der S ter ſ ( du z ir dich mich viele Rge rilen nz. om Hauſe ber friede herſchte prichwort dort bſicht ein Ge⸗ et die Stirne Gedanken noch alſo wirflich en Stein der eine wahre ch die Büder gend gelegene ſſchen Geiſtr⸗ e, welcht de ſte dort einen d was tönten trophen einer n ſihſt du, ſen gefunden achte, Vetter t zu heben! ſo reich in ſtet! nht ſuht — 411— Siehſt du, geliebter Vetter, erwiederte Ludwig: wenn ich Graf⸗ ſchaften verſchenke, ſo befreie ich mich dadurch nur von einer großen Furcht und Sorge, und ich habe mir nun einmal feſt vorgenommen, ſorgenlos zu leben. Welche Sorge meinſt du? fragte Wilhelm geſpannt. Ich meine die Sorge, mediatiſirt zu werden, entgegnete Ludwig trocken. Was, Menſch? Biſt du ein Dämon! Welche Geheimniſſe trägſt du mit dir herum? Wer hat dir von ruſſiſchen Rubeln geſagt? Wer von Mediatiſirung? Niemand weiß etwas davon! Willſt du es durchaus wiſſen?— Ja!— Nun denn, der Kaiſer von Rußland, vorhin, als ich bei ihm war. Beim Kaiſer von Rußland, rief Graf Wilhelm, deſſen ganz ver⸗ ſtörter Zuſtand nunmehr Ludwig's Mitleid rege machte. Er ſprach daher mit vieler Freundlichkeit zu ihm: Lieber Vetter, zürne mir nicht; ich war ein wenig böſe auf dich und neidiſch auf den Vice⸗Admiral. Ha! glaub's wohl, wegen Doorwerth! rief Graf Wilhelm. Nicht doch, verſetzte Ludwig, ſondern daß ihr mich ſo ganz ver⸗ geſſen und zur Seite geſchoben habt; konnte ich nicht auch Gevatter bei dir ſtehen und Vetter Williams Pathchen mit aus der Taufe heben? Vielleicht hätte ich deinem Sohne den Falken eingebunden. Doch was reden wir da! Nimm die fünfzigtauſend holländiſche Gul⸗ den, die ich dir in Doorwerth lieh und laſſe dir davon einen andern Falken machen. Ich ſchenke ſie dir, ſammt den Zinſen von zwölf Jahren. Redeſt du im Ernſt, Ludwig, oder im Fieber? fragte ganz verwirrt der Reichsgraf. Mir war ſelten ſo wohl, wie heute, wo ich meinen theueren Vet⸗ ter ſo unvermuthet wiederfinde, verſetzte Ludwig. Sieh, geliebter Vetter, fuhr er nach einer Pauſe mit Wärme fort: du zeigteſt mir damals ſelbſt im Zorne ein edles Herz. Ich hatte dir die ärgſte Kränkung angethan; ſelbſt von dir zuerſt beleidigt, hätte ich dich nicht ſo wieder beleidigen dürfen, wie ich es that; du konnteſt mich fordern und todt ſchießen; du haſt mein Leben aufgeſpart zu vielem herben Weh, aber auch zu unendlichen Wonnen, die mir ent⸗ gegenblühen, darum nimm mich nun, wie ich bin, aufrichtig und ohne — 412— Falſch. Auch warſt du es, der als der Aeltere mir zuerſt die Hand zur Verſöhnung bot; dein Edelmuth gewann dir meine ganze volle Liebe, und nun von allen dieſen Geſchichten kein Wort mehr. Laß uns anſtoßen: Unſere lieben Todten ſollen leben! Theuere Namen klangen durch Ludwig's Erinnerung: Ottoline, Leonardus, Sophie Charlotte, Angös. Thränen entſtürzten ſeinen Augen, er ſprang auf, umarmte Wilhelm mit ſtürmiſcher Innigkeit und eilte fort. Der Abend dieſes Tages fand Sophie und Ludwig ſchon nicht mehr in Wien. Raſch, wie ſie gekommen waren, verließen ſie die Kaiſerſtadt wieder, aber ſie fuhren nicht mit gleicher Schnelle nach Frankfurt. Sie raſteten in Pölten, und gönnten ſich an den übrigen Tagen Zeit, von der ſchönſten Witterung begünſtigt, die herrlichen Ufer des Donauſtromes zu bewundern. Sie ſahen Regensburgs alte verſinkende Herrlichkeit, ſahen das alte Nürnberg und ſein immer jugendliches Leben. Ueber Bamberg und Coburg reisten ſie dann nach dem Dorf Eishauſen; der Graf hatte Befehl gegeben, dort anzuhalten, und führte die junge Prinzeſſin durch die Hauptſtraße des Ortes. Erinnern Sie ſich nicht, ſchon einmal hier geweſen zu ſein? fragte er ſie. Allerdings iſt es mir ſo, erwiederte ſie: doch weiß ich mich nicht mehr zu entſinnen, wann es war. Es iſt derſelbe Ort, ſprach der Graf, in welchem ich Sie und die ſelige Angés nach langer Trennung zum Erſtenmale wiederſah, als Sie mit Ihren theueren Eltern nach Rußland reisten. Ach ja, jetzt entſinne ich mich! rief Sophie gerührt: Dort ſtand eine ſchöne Kirche, dort ein ziemlich großes Schloß, hier vor dem Wirthshaus war ein Haufe Soldaten der Republik, der Vater fürch⸗ tete von ihnen erkannt zu werden, wir fuhren daher ſehr ſchnell weiter. Nach kurzer Raſt wurde die Reiſe nach Hildburghauſen fort⸗ geſetzt. Als der Weg ſich von dem hohen Stadtberg thalwärts nieder⸗ ſenkte, als zur Rechten der Blick auf Wald, Wieſen und Dörfer frei ward, zur Linken auf grünende Berggärten und heitere Gelände, und unten im Thale die ſchöne Stadt ſo friedlich ruhte, das Abendſon⸗ nengold gerade wie damals über die ganze Flur ein magiſches Zaubernetz warf und eine Glocke vom ſtattlichen Kirchthurme herab die Feierabend⸗ — ſtundet Gefühl ſchließe und Ve der Lich Da rend de burgh längere eine A gebildet Wndenke Güte u 3 Zeitlan grüßun ſamkei ein tl würde wäre. nichtz deme J lichel⸗ Sie ſollen dani das unbe zu ſi es n Pin wer Hüt bewr erſt die Hurd e ganze volle tt mehr. Luß ing: Oitolin, ſtürzten ſeinen ſcher Jmigleit ig ſchon nicht rließen ſie die Schnelle nach den übrigen die herrlichen ensburgs alte ſein immer ſie dann nach rt onghalten, es Ortes. eſen zu ſein nich nicht mehr ich Sie und ule wiederſch, . Dot ſund tier vor den Vuter fürch⸗ ſchrell wiiter hauſen fort⸗ virts nider⸗ elände, und 6 Abenſon Zubene ʒuenbud⸗ 5 — ſtunde verkündete, da überkam unſere Reiſende ein unnennbar ſüßes Gefühl der Ruhe, der ſanften traulichen Befriedigung. Es war als ſchließe hinter ihnen die Welt voll Sturm, voll Unfriede, voll Haß und Verfolgung ſich ab, und ein neues Leben, nur dem Frieden und der Liebe geweiht, thue ſich vor ihnen auf. Daſſelbe Gaſthaus, in dem damals die fürſtlichen Reiſenden wäh⸗ rend des Pferdewechſels eingetreten waren, der„Engliſche Hof“ in Hild⸗ urghauſen, nahm ſie auch diesmal wieder auf, heute jedoch zu ungleich längerem Aufenthalt. Bald nach ihrer Ankunft ſuchte der Graf um eine Audienz bei der regierenden Herzogin Charlotte nach. Dieſe gebildete Fürſtin, deren Geiſt und edles Herz noch heute im treuen Andenken von Stadt und Land fortlebt, empfing den Grafen mit Güte und dankbarer Erinnerung. Ich komme, Ihre Durchlaucht um die Gnade zu bitten, mich eine Zeitlang hier aufhalten zu dürfen, ſagte Ludwig nach der erſten Be⸗ grüßung. Ich ſuche mit einer Gefährtin von hoher Geburt die Ein⸗ ſamkeit, die tiefſte Stille. Ueber jener Dame Abkunft ſchließt mir ein theures Gelübde den Mund, das nur ein ſtrenger Befehl löſen würde, der dann zugleich mein Verbannungsurtheil, meine Ausweiſung wäre. Mein Ehrenwort leiſtet dafür Bürgſchaft— ich ſelbſt darf nichts ſagen, wie gerne ich auch einem ſo edlen Frauenherzen, wie dem Ihrer Durchlaucht, Alles vertrauen würde. Ich verſtehe Sie vollkommen, lieber Graf! erwiederte die Herzogin lächelnd. Wir ſind hier am Hofe etwas ſchwatzhaft geartet, meinen Sie nicht? Nun, Sie mögen nicht ſo ganz unrecht haben! Uebrigens ſollen Sie ſehen, daß ich eine Regel von der Ausnahme mache, und damit Sie gleich den Beweis davon haben, gebe ich Ihnen hiermit das Verſprechen, Ihr Geheimniß jederzeit zu ehren, und Sie und die unbekannte Dame, für deren Ritter Sie ſich erklären, nach Kräften zu ſchützen. Je länger es Ihnen bei uns gefällt, um ſo mehr ſoll es mich freuen; aber von Einem ſeien Sie zum voraus feſt überzeugt: Bin auch ich nicht neugierig, hinter Ihr Geheimniß zu kommen, ſo werden's andere Leute dafür um ſo eifriger ſein. Mit einem Wort: Hüten Sie ſich vor der delphiſchen Weisheit unſerer guten Reſidenz⸗ bewohner. 7. Das große Räthſel. Die Fürſtin hatte richtig prophezeit; die Frage, wer das geheim⸗ nißvolle Paar ſein möge, welches zwar mit nur weniger Bedienung, aber doch mit vielem Aufwande im„Engliſchen Hof“ wohnte, war ſchon nach wenigen Tagen das Hauptthema jeder Unterhaltung in der kleinen Reſidenz, und die Nachbarn betrachteten das ſo wohl be⸗ kannte Hotel um ſeiner geheimnißvollen Gäſte willen mit Blicken des Befremdens und der Neugierde. So lange die unbekannte Herrſchaft noch im Gaſthaus wohnte, durfte nie ein Kellner die Zimmer derſelben betreten. Man hatte eigenes Tafel⸗, Tiſch⸗ und Bettzeug mitgebracht, oder es kam bald nach dem Eintreffen der Fremden von auswärts an, ebenſo waren Service angekauft worden. Später miethete der Graf die ſchönſte Wohnung, welche in Hildburghauſen zu haben war, in einem Eckhauſe am Markt, das nach jener Zeit als Regierungsgebäude diente. Hier wohnte Ludwig im dritten Stock, kein Nachbar konnte ihm in die Fenſter blicken. Täglich fuhr er, nur von einem einzigen Diener be⸗ gleitet, mit der ſtets verſchleierten Dame im eignen eleganten Wagen ſpazieren. Ein herrliches Paar Schimmel, wie ſich ſelbſt im herzog⸗ lichen Marſtall kein ſchöneres befand, erregte die allgemeinſte Bewun⸗ derung. Allmählig füllten ſich alle Geſellſchaftskreiſe der Stadt mit Nach⸗ richten über den räthſelhaften Fremden und ſeine Begleiterin. Daß die öffentliche Meinung den Grafen für einen franzöſiſchen Emigranten hielt, war in den Verhältniſſen und Ereigniſſen der Zeit begründet; darüber war man im Allgemeinen einig— aber noch gar manches Andere blieb dafür um ſo räthſelhafter und ſpottete aller Nachfor⸗ ſchungen. Zu ihrer großen Beluſtigung hörten ſie bald, mit welcher Romantik die erfinderiſche Fantaſie der guten Kleinſtädter ſie Beide umkleide; und es lichkeite Mi im ſtete ein Mit zu bele las er aus d von ſei weile! es, de mit vie hrachter ein Ah Sin Feſſeh ten 7 greife und den Freun A Tng erſchr zimn wos warf beſti Ihr kun von Mi er das gehein⸗ er Bedienung, wohnte, war terhaltung in ſo wohl be⸗ Blicken des es kam bald ebenſo waren f die ſchöſte inem Ecthauſe diente Hier ihn in die en Diener be⸗ anten Wagen ſt in herzog⸗ inſte Bewun⸗ t nit Nac⸗ iterin. Duß Enigranten tbegründet at manches ler ucfur er Ronnit e unllide; haus wohnte, Mon hatte, 3 — und es gewährte ihnen manchen heitern Zeitvertreib, ſich die Abenteuer⸗ lichkeiten erzählen zu laſſen, die über ſie im Mund der Leute umgingen. Mit Hülfe der Zeitungen, deren der Graf mehrere hielt, blieb er im ſteten Verkehr mit der Außenwelt, während ſie Ludwig zugleich ein Mittel boten, Sophien in mannichfaltiger Weiſe zu unterhalten und zu belehren. Beim Thee, den ſie ſelbſt mit vieler Anmuth bereitete, las er ihr vor, oder er erzählte ihr aus ſeiner Kindheit und Jugend, aus dem Leben der Großmutter, aus der Geſchichte ſeines Hauſes, von ſeinem Aufenthalt in England, ſo daß keine Stunde der Lange⸗ weile die junge lebhafte Prinzeſſin beſchlich. Graf Ludwig verſtand es, den ſo häufig trocknen Ton der Zeitblätter zu würzen und ſie mit vielem Humor zu erläutern. Die Zeit war ſchwer, viel Gutes brachten die Zeitungen nicht; auf Deutſchland drückte lähmend wie ein Alp Napoleons Herrſchaft. Jede freie Aeußerung, welche deutſchen Sinn athmete, wurde unterdrückt, und deutſcher Vaterlandsliebe drohten Feſſeln und Kerker. Da mußten die einſamen ganz auf ſich beſchränk⸗ ten Fremden in der kleinen Stadt noch zu einem andern Mittel greifen, um die Stunden zu verkürzen und das Leben zu weihen, und dieſes Mittel bot ihnen die Poeſie. Mit Entzücken nahm Sophie den Geiſt deutſcher Dichtung auf, mit Begeiſterung führte ſie der Freund in die ſchöne Literatur ein. Mit den Zeitungen über die trübe Zeit brachte Philipp eines Tags auch einen Brief, der das Poſtſtempel London trug. Ludwig erſchrak beim Anblick des Trauerſiegels, er ging haſtig in ein Neben⸗ zimmer, zitternd öffnete er— ach, ſchon ſagte ſein Herz ihm Alles! Meine Mutter! O meine ſchöne, edle, liebe Mutter! war Alles, was er in ſeinem Schmerze hervorbringen konnte und laut weinend warf er ſich auf's Sopha. Sophie eilte herbei, ſein Anblick erſchreckte ſie auf's Heftigſte und beſtürzt rief ſie aus: Was iſt Ihnen, theurer Freund? Darf ich Ihren Schmerz nicht theilen? O, ſagen Sie mir, welche Schreckens⸗ kunde Sie ſo tief erſchüttert? Ach, meine Mutter! ſeufzte Ludwig: oder doch zum Mindeſten geliebt von mir wie eine Mutter! Leſen Sie, theure Sophie, am dreißigſten März, neun und vierzig Jahre alt, und welche Frau! Aus Ihrem Schmerze entnehme ich die Größe Ihres Ver⸗ luſtes! ſprach Sophie bewegt. Laſſen Sie mich Ihre Trauer theilen, wie Sie einſt die meine theilten! Erzählen Sie mir von der Verklärten, das wird Sie erleichtern und mich zugleich in den Stand ſetzen, Ihren herben Verluſt zu theilen. Ludwig fühlte, wie tief und wahr die Theilnahme dieſes jungen reinen Herzens war, und ſuchte ſich zu faſſen. Auf's Neue erkannte und ſegnete er den Engel, den das Schickſal ihm in Sophien zur Seite geſtellt hatte. Auch dieſer Kelch mußte geleert, auch dieſes Leid ertragen werden. Mitten in dieſem Kummer traf ihn ein neuer Trauerbrief aus Bückeburg; der Kammerrath Windt meldete darin das am 26. Ja⸗ nuar erfolgte Ableben ſeines Bruders, des reichsgräflichen Haushof⸗ meiſters Windt. Er war in Stadthagen ſanft verſchieden und ruhte ohnweit des Grabes ſeiner treuen Hausfrau, die ihm kurze Zeit vorher vorangegangen war. In dem untern Stock des Hauſes, welches der Graf bewohnte, befand ſich die herzogliche Hofbuchdruckerei; eines Tages kam in der⸗ ſelben Feuer aus, welches bald entdeckt und in ganz kurzer Zeit ge⸗ löſcht wurde. Dennoch trug Sophie einen heftigen Schrecken davon, was den Grafen veranlaßte, die Miethe auf der Stelle zu kündigen. Bald fand ſich ein anderes Haus, in der ſchönen neuen Vorſtadt ge⸗ legen, welche auch von Emigranten angebaut war. Im Anfang war die Eigenthümerin dieſes Hauſes unſchlüſſig, ob ſie den Fremden ihr Haus einräumen ſolle; denn das Geheimnißvolle ihrer Perſonen und die vielen über ſie umlaufenden Gerüchte und Mährchen ſchreckten ſie ab. Als betagte Wittwe eines hohen Staatsbeamten, und als eine Frau von Welt und Bildung, mochte ſie ſich keiner Gefahr ausſetzen, und da ſie vernommen hatte, daß die Herzogin den geheimnißvollen Fremden kenne, ſo ging ſie zu dieſer und fragte ſie geradezu, ob ſie ihr rathe, den Grafen und ſeine Umgebung in ihr Haus aufzunehmen? Leicht beſeitigte dieſe jede Beſorgniß bei ihr und der Graf mit ſeiner Beglei⸗ terin und ſeiner Bedienung nahmen vom obern Stockwerk ihres Hauſes Beſitz. Stille, lautloſe Stille, deren Aufrechthaltung und Ueberwachung den Mitbewohnern faſt peinlich vorkam, waltete um dieſe Wohnung und brachte den Grafen in den Ruf eines menſchenſcheuen lings, während er doch nur Sophiens Wunſch erfüllen wollte, die iüſ bieſet vö nen Tro ten und argwöhn der Welt Blaubar Heut Fremden ebenſowe der äuße ſtillon he den Etw den Poſ Poſtillon jrick niſſe. Grafen nachden So gir andere, erſchlo ſchwiegi Un Seite hen Me in der lings gingen Nchb blict das 2 frun wünſt dßl D wahte d. Ihre Traur Sie mir von ugleich in den e dieſt jungen Neue erkannte in Sophien zur t, auch dieſes prauerhrief aus am 26. Ja⸗ hen Haushof⸗ ben und ruhte ze Zeit vorher hraf bewohnte, es kam in der⸗ turzer Zeit ge⸗ chrecken dabon, e zu kündigen. n Porſtedt ge⸗ n Anfang war nFrenden ih perſonen und nſchrten ſe „und dl eine fahr ausſezen, eimißrlen nbe cb ſe auf juhn tſener gehle⸗ shuſs biſt unnu iſe t Wohnung euen St wollt i 4 — dieſer völligen Abgeſchloſſenheit gegen die Außenwelt einen Genuß, ei⸗ nen Troſt fand. Das Publikum hingegen, das die junge Dame ſel⸗ ten und dann ſtets nur verſchleiert erblickte, fing allmälig an zu argwöhnen, man halte ſie mit Gewalt und gegen ihren Willen von der Welt abgeſperrt und der Graf ſei eine Art Othello oder Ritter Blaubart. Heute flog dieſe, morgen jene Neuigkeit über die geheimnißvollen Fremden durch die Stadt und bildete den Inhalt der Geſpräche ebenſowohl an der Gaſttafel im„Engliſchen Hof,“ als auf der Bank der äußerſten Vorſtadt⸗Kneipe. Einmal erzählte man ſich, der Po⸗ ſtillon habe ſich auf dem Bock umgedreht, um den im Wagen Sitzen⸗ den Etwas mitzutheilen, und in Folge davon habe der fremde Graf dem Poſtmeiſter ein Billet geſchrieben, des Inhalts, daß er ſich dieſen Poſtillon wie jeden andern, der ſich unterſtünde, während des Fahrens zurück und in den Wagen zu ſehen, ein für allemal verbitten müſſe. Ein anderes Mal war ein Jude, der bis an das Zimmer des Grafen gedrungen war, die Treppe mehr herabgeflogen, als gegangen, nachdem ihn der erzürnte Graf mit Doppelterzerolen bedroht hatte. So ging es fort und fort, eine ſonderbare Nachricht verdrängte die andere, der geheimnißvolle Graf, der ſein Leben mit der Tarnkappe verſchloſſenſter Zurückhaltung und mit dem Mantel der tiefſten Ver⸗ ſchwiegenheit umkleidete, ließ die Leute zu keiner Ruhe kommen. Um den Garten des Hauſes lief ein hoher Bretterzaun, gegen die Seite der Allee; wenn Ludwig und Sophie mit einander in den frü⸗ hen Morgenſtunden ſpazieren gingen, dann luſtwandelten ſie gewöhnlich in der alten ſchattigen Allee, welche ſich um die Hälfte der Stadt längs der Umfaſſungsmauer hinzog, zu andern Tagesſtunden aber er⸗ gingen ſie ſich in dem geräumigen Gemüſegarten dicht am Hauſe. Nachbarskinder bohrten Löcher in die Bretter der Umzäunung und blickten neugierig hindurch, denn ſchon in die Kinderwelt herab war das Mährchen, das ſich ſo gerne den Kindern, ſeinen Lieblingen, be⸗ freundet, herabgeſtiegen und hatte verkündet, daß da drinnen eine ver⸗ wünſchte Prinzeſſin umgehe, welche keinen Mund habe; während An⸗ der, behaupteten, die fremde verſchleierte Dame habe einen Todtenkopf. Darüber kam es zum Wortwechſel, von dieſem zu Prügeln, und wahrend die liebe Gaſſenjugend draußen vor dem Garten zu Rittern D. B. MI. 27 — 418— der Poeſie des Volksmährchens wurden, ſtanden Ludwig und Sophie an der bretternen Wand und belachten herzlich der großen und kleinen Kinder Abenteuerſucht. Gewöhnlich mußte dann Philipp Brettſtückchen ſägen und die Löcher im Zaune wieder zunageln. Nie gab es auffallendere Gegenſätze, als das Leben dieſes geheim⸗ nißvollen Paares, wie es nach Außen hin in ſeiner räthſelhaften Abgeſchloſſenheit der alltäglichen Umgebung erſchien, und Jenes, das Beide in Wirklichkeit führten; nach Innen die reine, lautere Wahrheit, nach Außen die romantiſche und ſelbſterſonnene Täuſchung. Mitunter gab es auch Tage, an welchen die Poſtpferde ſchon zu ſehr früher Morgenſtunde vor dem Hauſe ſein mußten; Philipp half dieſelben raſch an den Wagen des Grafen ſpannen und ſchwang ſich dann zum Poſtillon auf den Bock empor. An ſolchen Tagen durften weder die Köchin noch die Aufwärterin das Haus betreten. Einmal geſchah es indeſſen, daß die Erſtere, welche einen Schlüſſel zur Küche bei ſich führte, bei einer ſolchen Abweſenheit der Herrſchaft das beſtehende Verbot brach. Sie überſah aber, daß ein Spinnfaden quer über das Schlüſſelloch gezogen war. Als die Herrſchaft zurück⸗ kehrte, wurde dieſe Köchin mit Belaſſung ihres Gehaltes für den vollen Reſt des Jahres auf der Stelle verabſchiedet. Wohin die Fremdlinge fuhren?— Jede nächſte Poſtſtation bot andere Pferde, andere Poſtillone, wer konnte alſo erfahren, wie weit und nach welcher Richtung hin ihr Reiſeziel ging? Viele vermutheten, ein religiöſes Bedürfniß führe ſie zu den Gnadenorten des nachbar⸗ lichen Frankenlandes, nach Vierzehnheiligen, oder nach Sanct Urſula, oder zum Gipfel des heiligen Kreuzbergs. Dem in ſo geheimnißvoller Eintracht verbundenen Paare, deſſen Leben der geſammten Umgebung ein ſo großes Räthſel war, kam ein wichtiger Tag. Längſt hatte Sophie im Stillen deſſen gedacht, längſt ſich mit ihm beſchäftigt, zweierlei ſollte den Mann überraſchen, an den ihr Geſchick ſie ſo wunderſam gebunden, ja gekettet hatte. Es war der 22. September des Jahres 1808. Heimlich, in ſtillen, unbelauſchten Stunden hatte ſie ſich bemüht, Deutſch ſchreiben zu lernen, was ihr anfangs ſehr ſchwer fiel. Noch nie war, außer im innerſten verſchwiegenſten Herzen, das traute Du über die Lippen dieſer Liebenden gekommen. Dem Genius der fran Sie So klang ih Brieft, Du zu! als wem So bekannte glauben deutſche und geſ bon gan ihrer G Und nicht Al — Qu ſeinen erbebe mehr Al heit da zimme und n jener waren neben Nat ſcen geſieg Schi theu war Er b ware Diſ ui und Shi chen ind linn lipp Bretſſicchn en dirſes gehein⸗ iner rüthſelhaften und Jenes, das lautete Wahrheit, ſchung. oſtpferde ſchon zu Philipp half und ſchwang ſich ſolchen Tagen Haus betreten. e einen Schliſſl eit der Herrſchaft ß ein Syimfiden herſcheft zuic⸗ Gehaltes für den Poſſſttion bot fhren, wie weit iele vemuthetn⸗ rten des nochbar⸗ ch Santt Urſul, en Paare, ſn ſel war, kan ein n gedaht, lingſt überraſchen, an kttet hatte ſie ſich henüht ner ſil ten Herz Den Genits 419 der franzöſiſchen Sprache iſt es fremd, nun aber war das deutſche Sie Sophien nicht minder fremd und unbegreiflich, und das Ihr klang ihr im Deutſchen ſo ſeltſam, daß ſie bei ſich beſchloß, in dem Briefe, der ihre erſte Uebung im deutſchen Styl werden ſollte, das Du zu brauchen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß es ſo kindlich klinge, als wenn ein Kind ſein erſtes Gebet ſtammelt. So entſtand jener noch vorhandene und in Hildburghauſen wohl⸗ bekannte Brief, der ſo manche falſche Auslegung fand, der ſo Viele glauben machte, er ſei, weil nicht nach den Regeln der großen deutſchen Sprachſchulmeiſter Campe, Adelung und Heinſius ſtyliſirt und geſchrieben, nur ein Zeugniß von Mangel an Bildung oder von ganz untergeordneter Stellung jener Perſönlichkeit, die das Räthſel ihrer Eriſtenz mit ſo dichten Schleierhüllen umwob. Und dabei bleibt es immer noch eine große Frage, ob jener Brief nicht Abſchrift einer fremden, der Orthographie unkundigen Hand war. — Du! klang es in Sophiens Seele zu Ludwig, wie es längſt in der ſeinen geklungen; Du! hallte dieſen trauten Klang das jungfräulich erbebende Herz nach, da es ſich gedrungen fühlte, dem edlen Mann mehr zu ſein als Pflegbefohlene, mehr als Tochter. Als der Graf an dieſem 22. September früh nach ſeiner Gewohn⸗ heit das Lager verlaſſen und aus ſeinem Schlafkabinet in ſein Wohn⸗ zimmer trat, lag auf einem geſchmückten Tiſch ein friſcher Kranz, und neben dieſem eine ſchöne Stickerei, ein Sophakiſſen im Geſchmacke jener Zeit, erhabene Blumen von geſchorener Seide. Dieſe Blumen waren Lilien, drei an der Zahl, auf einem himmelblauen Felde, und neben dieſen drei zarten Lilien, welche mit täuſchender Kunſt die Natur nachahmten, ſtand von Silberlahn gefertigt, ein Anker. Zwi⸗ ſchen dieſem Kunſtwerk und dem Kranze lag ein Brief, ohne Aufſchrift, geſiegelt mit einem Petſchaft, deſſen Abdruck in einem kleinen ovalen Schildchen unter einer Königskrone drei Wappenlilien zeigte. Bewegt nahte Ludwig dieſen freundlichen Gaben einer ſo unendlich theuern Hand; ſein Geburtstag, an den ſie ihn ſogleich erinnerten, war ihm wichtig geworden, ſeit er Leonardus kennen gelernt hatte. Er brachte ſtill ſeinen Dahingeſchiedenen ein Todtenopfer. Dahin, dahin waren ſie Alle, nur er ſonnte ſich noch am lieblichen Strahle des Daſeins. Aus dem Leben waren ſie geflohen, hatten ihn treulos 27* 420 verlaſſen, Jeder von ihnen war ein Strahl geweſen, der ſein Daſein geſchmückt und verklärt hatte, jetzt waren dieſe Strahlen alle zuſam⸗ mengefloſſen zu einem Strahle, der ihm ein einzig holder, ach! ſein letzter Stern war. Mit freudigem Beben öffnete der Graf endlich den Brief und las; er las nicht die fehlerhaften Zeilen einer Anfängerin in der deutſchen Rechtſchreibekunſt und Grammatik, er las das beredte Gefühl und den heiligen Ausdruck einer unſchuldigen, liebenden Seele! „Lieber guter Ludwig! Ich wünſche dir zu deinem Geburtetag*) viel Glück und Segen! Der Himmel erhalte dich geſund bis in das ſpäteſte Alter. Ach, lieber Ludwig, es ſind ſchon viele Geburtetage, die ich bei dir erlebe, und der Himmel ſegne dich für Alles, was du ſchon an mir gethan haſt, und an mir noch thuſt! Ach, lieber guter Ludwig, es thut mir leid, daß ich dir zu deinem Geburtetag keine beſſere Freude machen kann. Ich habe hier eine Kleinigkeit für dich geſtickt, ich ſchäme mich, daß ſie nicht beſſer iſt. Aber gewiß wirſt du, lieber guter Ludwig, es doch von deiner armen Sophie annehmen, als einen Beweis meiner Liebe und Dankbarkeit. Ach, verzeihe mir, mein guter Ludwig, wenn ich bisweilen fehle! Ich bitte den Himmel, daß er mich lehre, meine Fehler zu verbeſſern. Möchteſt du doch mit mir zufrieden ſein, ich aber im Stande, alles dir nach Wunſch zu thun, alles dir angenehm zu machen. Ach, lieber guter Ludwig, ich weiß, daß meine Lage ſchrecklich war und ich danke dir nochmals! Der Himmel ſegne dich für alles! Bchalte mich lieb, lieber Ludwig! Ich bleibe im Schutze Maria's und dem deinen. Deine arme Sophie bis in's Grab. Den 22. September 1808. *) Dem holländiſchen Geboortedag nachgebildet. Der Brief iſt, bis auf die verbeſſerte Rechtſchreibung, ganz urkundlich. Vol ſeinem Sophie Oh ſchmückt kleideten Roſt J ein ver uf. Ame, ein ly Lid, wie 3 gegeni einand ein ge war§ Lebene Mtur illh L ihren dieſen dieſen Du Fliſt an d berge Mit der ſein Doſiin len alle zuſun⸗ older, ach! ſein Brief und las; in der dutſchen Gefühl und den lück und Segen! ſte Aller. Ach, bei dir erlebe, an mir gethan ch dir zu deinem habe hier eine e nicht beſſt iſt. on deiner armen und Dankbarkit. weilen fehle! Ih r zu berbeſſern. m Starde, alles machen. Ach, lich war und ich alles! Behalte Naria's und dem ins Grb. grif iſ bi uf 8. Der Geburtstag. Voll unausſprechlicher Rührung ſtand Ludwig noch lange vor ſeinem holden Angebinde, und immer und immer wieder las er Sophiens Brief und nette mit ſeinen Thränen dieſe theuren Zeilen. Ohne daß er es gewahrte, trat ſie leiſe ein, ätheriſch ſchön, ge⸗ ſchmückt, in hellen Farben, von Gewändern umfloſſen, die ſie reizend kleideten, eine liebliche feengleiche Geſtalt, blühend wie die ſchönſte Roſe Irans, das holde Antlitz von bräutlicher Röthe überhaucht, ein verkörpertes Ideal jungfräulicher Schönheit. Endlich blickte er auf. Sophie! Ludwig!— und ſprachlos ſanken ſie einander in die Arme, Herz an Herz, und geſchloſſen war der hohe Liebesbund für ein langes, reiches, vollbeglücktes Leben. Vergeſſen war alles irdiſche Leid, abgefallen aller bisherige Zwang der ſcheuen Zurückhaltung; wie zwei Lieblinge des Himmels ſtanden ſich die edlen Geſtalten gegenüber, froh bewußt ihrer Beſtimmung, ihres Zieles, daß ſie nun einander angehörten für das Erdenſein, für eine gemeinſame Bahn, ein gemeinſames Streben. Der Tag war reizend angebrochen, es war Herbſtesanfang, während die Liebenden auf die Sonnenhöhe des Lebens traten; die Morgenſonne ſtrahlte hell in die Zimmer, die Natur lachte noch in voller Sommerfriſche, und hatte das reiche Füllhorn mannichfaltiger Blumenpracht über die Schöpfung geſchüttet. Voll ſeliger Freude machten Sophie und Ludwig an dieſem Tage ihren Morgenſpaziergang; ach, welch ſtrahlendes Entzücken blitzte aus dieſem holden Augenpaar hinter der dichten Schleierhülle! Wer hatte dieſen zarten Fingern in den feinen Glackehandſchuhen ſolchen warmen Druck gelehrt? Wer dieſen friſchen Mund der Liebe lieblichkoſendes Flüſtern? Faſt hätte in ſeinem Glück, das ſo überraſchend und übergewaltig an dieſem Tage auf ihn einſtürmte, Ludwig jenes kleinen Päckchens vergeſſen, welches Vincentius Martinus geſendet, und we lches Leonardus Mutter ihrem vermeinten Sohne als letztes Angedenken beſtimmt — 422— hatte. Endlich dachte er daran, entſiegelteſ, es las', und las mit immer wachſendem Erſtaunen. „Mein geliebter Leonardus!“ ſo begann der letzte Brief einer todten Mutter an ihren todten Sohn:„wenn deine Augen auf dieſen Zeilen weilen, wandle ich nicht mehr unter den Lebenden, bitte aber Gott, daß du an einem guten und dir Heil und Glück bringenden Tage leſen mögeſt, was ich niedergeſchrieben habe, weil ich ein Ge⸗ heimniß nicht mit unter die Erde nehmen will, das mich bisweilen bedrückte, das ich aber nicht offenbaren wollte aus Liebe zu dir. Du wirſt mir nicht zürnen, mein lieber Leonardus, denn ich habe dir immer und immer die lebendigſte Muttertreue bewieſen, obgleich ich nicht deine Mutter bin, mein Mann Adrianus nicht dein Vater iſt, du, lieber Leonardus, unſer Sohn nicht biſt, obſchon für unſern Sohn gehalten und als unſer Sohn gehalten. Das eigenthümliche und ſeltſame Ereigniß, welches unſer eigenes Kind uns nahm und ein fremdes Kind in unſere Arme legte, will ich dir mittheilen, du wirſt darüber erſtaunen, doch mir nicht zürnen, wenigſtens glaube ich nicht, daß du dazu Urſache haſt.“ „Es war im Jahre 1765; Herr Adrianus van der Valck, mein Gemahl, hatte ein, einen längeren Aufenthalt erforderndes Handels⸗ geſchäft in London abzuſchließen; wir waren noch im erſten Jahre unſeres Eheſtandes, liebten uns herzinnig und konnten uns nicht zu einer langen Trennung entſchließen; ich begleitete daher meinen Mann nach London und gebar dort nach einiger Zeit einen Sohn, dem wir in der heiligen Taufe den Namen Leonardus Cornelius beilegen ließen. Mit dieſem Sohn, einem zarten Säugling, und mit meinem Manne ſchiffte ich mich ſpäter zur Rückfahrt ein. Das große Kauffahr⸗ teiſchiff, auf welchem wir fuhren, war unſer Eigenthum; mit uns fuhr eine deutſche Herrſchaft, nämlich eine ſchon bejahrte, wenigſtens fünfzig Jahre zählende ſehr ſtolze, aber doch auch wiederum ſehr gute und außerordentlich kenntnißreiche Dame, welche mein Mann ſehr verehrte, ſie ſtets Frau Reichsgräfin nannte, und mit welcher er allerlei Geldgeſchäfte abzumachen hatte. Dieſe Frau war begleitet von einer jungen Dame, ihrer Schwiegertochter, deren Gemahl in England zurückgeblieben war. Es war zwar auch eine ſehr ſtolze, gegen mich aber doch gütige Frau, welche, gleich mir, auch in London geboren uns gege fach über und the Jugende eines B Johre; Parel Kathar Bruder fin, w zwiſchen Wuing und wo eigenet der ein der m ſtürzt nerin ufe, Lampe hüten. war warer Kinde jeder gän daut Als wur ſcho rih Fra mög plöt zwei p inb lis nit ebte Brief einr ugen auf dieſen enden, bitte aber Glück hringenden weil ich ein Ge⸗ mich biweilen iebe zu dir. Du nn ich habe dir en, obgleich ich dein Vater iſt, ir unſern Sohn nthümliche und nahm und ein theilen, du wirſt glaube ih nicht der Val, min ernbes Handelb⸗ im erſten Johre ten uns niht zu er meinen Maunn Sohn, dem wir rnelius beilegen und mit meinem gre Kauffuhr⸗ tbum; nit uns hrte, wenigſtens derun ſchr gute ein Mam ſchr nit velher war blit ren Genchl in eine ſchr ſtolze, auch in London — 423— geboren hatte, und ihr Kind von einer Amme ſtillen ließ. Wir erzeigten uns gegenſeitig alle Freundlichkeit und Gefälligkeit, unterhielten uns viel⸗ fach über unſere Kinder, fanden ſogar ein wenig Aehnlichkeit zwiſchen beiden, und theilten uns nach Frauenweiſe unſere gegenſeitige Herkunft und Jugenderlebniſſe mit. Dieſe Dame hieß Reneira, und war die Tochter eines Baron van Tuyl zu Serooskerken; ſie zählte erſt einundzwanzig Jahre; ihr Gemahl war der Reichsgraf Johann Albert von Jever, Varel und Kniphauſen, und eine ältere Schweſter von ihr, Maria Katharine van Tuyl zu Servoskerken, war an ihres Gemahles älteren Bruder verheirathet. Beide Männer waren die Söhne der Reichgrä⸗ fin, welche ſich mit auf unſerem Schiffe befand. Als wir bereits zwiſchen dem„Helder“ und dem„Texel“ hindurch waren, und die Inſel Wiwingen in Sicht hatten, ſprang der Wind um, wuchs und wuchs und wurde zu einem furchtbaren Sturme. Du kennſt Seeſtürme aus eigener Erfahrung hinlänglich, mein geliebter Leonardus, aber die Fe⸗ der einer alten ſchwachen Frau iſt nicht vermögend, den zu ſchildern, der mit allen Schrecken der empörten Elemente uns heimſuchte. Alles ſtürzte durcheinander, wir armen Frauen, unſere Kinder, unſere Die⸗ nerinnen. Dazu Seekrankheit, Todesangſt, Nothſchüſſe, Gekreiſch, Hülfe⸗ rufe, und Alles in ſtockfinſterer Nacht, denn unter Deck mußten alle Lampen und Laternen ausgelöſcht werden, um Feuersgefahr zu ver⸗ hüten. Der Sturm dauerte in gleicher Heftigkeit furchtbar lang, es war das Grauſenhafteſte, was ich jemals erlebt habe. Wir Frauen waren mehr todt als lebendig, lagen alle auf den Knieen mit Kindern und Dienerinnen in der großen Kajüte, und erwarteten mit jeder neuen Welle unſer Ende. Unſer Aller bemächtigte ſich zuletzt eine gänzliche Hoffnungsloſigkeit, eine tödtliche Abſpannung, denn der Sturm dauerte zwei Tage und zwei Nächte und das Schiff litt über die Maßen. Als der zweite Morgen graute, rannte es auf eine Sandbank und wurde leck, die Mannſchaft wurde nun an die Pumpen beordert, ob⸗ ſchon ſie ſo ermattet war, daß faſt kein Matroſe mehr ein Glied rühren konnte. Jetzt wurden die Boote ausgeſetzt, man trug uns Frauen in dieſelben, da das Schiff zu ſinken drohte, kaum war es möglich, uns hinunter zu bringen; während dies geſchah, hörte ich plötzlich einen Schrei der Amme jener deutſchen Dame, gleich nachher einen zweiten von der Gebieterin ſelbſt, und verworrene Stimmen riefen, —— daß ihr Kind todt ſei! Um ſo feſter drückte ich das meinige an meine Bruſt; Jene kamen in ein anderes Boot, bald trennten uns die don⸗ nernden Wogenberge von einander; dennoch war Gottes Hand über uns, und ich war die Glückliche, die ihr eigenes Leben und das ihres Kindes gerettet ſah, als der Sturm ſich endlich legte und ein Schiff uns aufnahm. Auch unſer großes Schiff ſank nicht; als der Sturm nachließ, gelang es den weiteren Bemühungen der Mannſchaft, das Leck zu ſtopfen und das Schiff wieder flott zu machen. Aber kaum war ich zu Hauſe angekommen, ſo fiel ich in eine lange ſchwere Krank⸗ heit, in welcher mein Mann und alle die Meinen um mein Le⸗ ben zitterten, und von der ich erſt nach vier Wochen wieder genaß. Während deſſen hatte mein Kind entwöhnt werden müſſen, das auch leidend geworden war, doch hatte Gott es mir und mich ihm erhalten. Ohne die treue und ſorgliche Pflege meiner Schwägerin Adriane van der Valck, welche damals noch unverheirathet war, wäre weder ich noch das Kind mit dem Leben davon gekommen. Wer beſchreibt aber mein Gefühl, als, nachdem ich wieder außer Gefahr war, Adriane, die bei mir ſaß, das Kind wiegte, und mich zu unterhalten bemüht war, mich fragte: Warum iſt denn deinem kleinen Leonardus ein frem⸗ des Hemdchen angezogen worden, liebe Schwägerin, und von wem liehſt du denn die feine, geſtickte Windel?— Adriane! entgegnete ich: du ſcherzeſt wohl? Ich beſitze ſelbſt feine Windeln genug und brauche keine zu leihen, ſo wenig wie fremde Hemdchen.“ „Nimm es mir nicht übel, gute Maria Johanna, erwiederte mir Adriane; ich wußte nicht, daß du in deine Kinderwäſche Grafenkronen haſt ſticken laſſen.“ „Grafenkronen, Adriane? Ich bitte dich, wie wäre das möglich? rief ich aus.— Da zog Adriane aus einer Schublade ein kleines Hemd⸗ chen und eine geſtickte Windel hervor und zeigte mir Beides, ich ſah mit ſtarrem Schrecken, daß dieſe Wäſche nicht mein und nicht meines Kindes war. Jetzt packte mich ein jäher Schauder, ich wollte auf⸗ ſchreien, denn klar ſtand Alles plötzlich vor meiner Seele, aber ich bezwang mich, und ſagte dumpf vor mich hin: Es mag wohl auf dem Schiffe geſchehen ſein— die Wärterin wird ſich vergriffen und die Wäſche verwechſelt haben— es war noch ein zweites Kind mit auf dem Schiff. richt, do „V getettet, Stunde ſtürzten Die machte Kinden ben. fin Wi Wonard Parel 1 W von ſei die St als wi Je Zuſan Le auch leiblic Kind Geger Wire krant Man ju de liches Stil liebe niß noch deäte einige un meine en uns die don⸗ tes Hand über nund das ihres e und ein Schf als der Stum Mannſchaft, das en. Aber kaum ge ſchwere Krank⸗ num mein Le⸗ en wieder genaß. iſſen, das auch h ihm erhalten. in Adriane van wäre weder ich tbeſchreibt abet twat, Aninne, techalten bemiht nardus ein fren⸗ „und von wen ntzegnete ich: ng und hrauche erwiederte mir e Grafenkronen re das niglih! nkleines Hend⸗ Beides, i ſch nd nicht neins ich nolle au⸗ zule, ale 9 wohl uf im nfe und di d nit uf den Schiffe. Aber ich hörte auch im Getümmel des Sturmes die Nach⸗ richt, daß es todt ſei, jenes arme Kind, ja todt— todt!“ „Vor meiner Seele tagte es furchtbar, ich hatte das fremde Kind gerettet, mein Leonardus war todt, Beide waren in jener ſchrecklichen Stunde, wo uns Müttern die Kinder mehrmals aus den Armen ſtürzten, verwechſelt worden.“ Dieſer Gedanke ſchnitt mir wie ein Meſſer durch die Seele, aber ich machte mich ſtark, ſprach ihn nicht aus, ſondern liebte das fremde Kind wie mein eigenes und dachte, Gott der Herr hat es mir gege⸗ ben. Nun entſann ich mich auch, daß jener Sohn der fremden Grä⸗ fin William hieß, dieſen William hatte ich; und du, mein geliebter Leonardus, biſt dieſer William, biſt ein geborner Graf und Herr von Varel und Kniphauſen.“ Wunder! Wunder über alle Wunder! rief Ludwig aus und ſprang von ſeinem Sitz empor. Hörſt du es, theure Sophie? So ſprach die Stimme der Natur in Leonardus und in mir ſtark und mächtig, als wir zum Erſtenmale uns auf der„vergulden Roſe“ ſahen. Ich verſtehe dich nicht, lieber Ludwig! erwiederte Sophie, die den Zuſammenhang noch nicht zu faſſen vermochte, ſonderbar bewegt. Leonardus, erwiederte der Graf bebend, Leonardus war, wenn auch von einer anderen Mutter, meines Vaters Sohn, war mein leiblicher Bruder! Doch leſen wir weiter. „Wohl machte mein Gewiſſen mir bisweilen Vorwürfe, daß ich ein Kind bei mir behielt, welches nicht mein war, allein ich fand auch Gegengründe, mit denen ich die innere Stimme wieder beſchwichtigte. Wäre die Verwechſelung gleich entdeckt worden, ehe ich ſo ſchwer er⸗ krankte, ſo konnten die nöthigen Schritte geſchehen. Aber nun, mein Mann war ganz glücklich, einen Erben zu haben, und ſein Sohn war ja doch todt. Jene Frau hat nun ihren Schmerz um ihr vermeint⸗ liches todtes Kind überwunden, dachte ich, und ich ſelbſt hatte im Stillen dieſem meinem Kinde viel herbe Thränen nachgeweint, aber dafür das mir angeeignete fremde Kind, dich, mein Leonardus, um ſo lieber gewonnen. Sollte ich nun durch ein ſo ſpätes Eingeſtänd⸗ niß meinen geliebten Mann erzürnen und betrüben, ſollte ich nun noch den Schmerz tragen, mich von dem Kinde zu trennen? Ich ent⸗ deckte mich bei dieſen Zweifelqualen endlich meinem Beichtvater und 1 — 426— der ſprach mir göttlichen Troſt in die Seele. Gottes unerforſchlicher Wille hat vielleicht, ja ganz gewiß, es ſo gefügt; beten Sie ihn in Demuth an. Vergebens iſt das nicht geſchehen, und die unergründliche Weisheit des Herrn wird Sie nicht ungetröſtet laſſen. Erziehen Sie dieſes Kind in der Furcht des Herrn und zu ſeinem Wohlgefallen.“ „Dies beruhigte mich, gleichwohl erkundigte ich mich oft ſehr leb⸗ haft bei meinem Mann, welcher, wie dir, geliebter Leonardus, bekannt iſt, die Geſchäfte jener hohen Familie in Amſterdam beſorgte, nach derſelben, ſo daß Herr Adrianus mich ſogar einmal eine neugierige Frau ſchalt; aber denke dir, wie mir zu Muthe wurde, als mir die Kunde ward, jenes Kind der vornehmen Dame, mein Kind— ſei damals nur in der erſten Verwirrung für todt gehalten worden, es lebe und verſpreche fröhlich heranzuwachſen. Wie freute ſich darüber mein Mutterherz! Aber ſollte ich nun reden? Sollte ich nun jene Mutter mit einer Eröffnung betrüben, die damals die Verwechſelung gar nicht wahrgenommen hatte, denn die Amme des Kindes, wenn dieſe den Irrthum wirklich inne geworden war, hatte jedenfalls die anders gezeichnete Wäſche erkannt, dieſelbe beſeitigt und geſchwiegen, ſonſt wären wohl Briefe an uns gelangt.“ „Fort und fort erkundigte ich mich lange Jahre hindurch nach jenem Sohn, denn ich liebte ihn, mußte ihn lieben, ich hatte ihn ja unter meinem Herzen getragen, aber ich liebte nicht minder dich, mein Leonardus, und verkürzt warſt du auch nicht erheblich. Der Reichthum des Hauſes van der Valck überwog den jenes Hauſes, zumal daſſelbe ſpäter durch die franzöſiſche Revolution unendlich und viel an Kapita⸗ lien verlor, die in Frankreich angelegt waren und das Vermögen ſich durch mehrere Erben theilte, du aber unſer einziges Kind bliebſt, und wenn du auch kein Graf geworden biſt, ſo iſt der Adel unſeres Hauſes wohl ſo alt, wie jener des gräflichen; unſer Wappen⸗Falke im pur⸗ purrothen Felde iſt ſo viel werth, wie das Wappen jener Familie; unſere Vorfahren waren auch Grafen, die Grafſchaft Valckenburg, zum Herzogthum Brabant gehörend, umfaßte ein weites Land, Stadt und Schloß Valckenburg, auf Franzöſiſch Fauquemont, an der Geul waren die Herrenſitze. Du haſt dich, lieber Leonardus, unſeres Namens daher nicht zu ſchämen und wirſt deiner alten Mutter, obſchon ſie nur deine Pflegemutter war, nicht zürnen, daß ſie dich ſo geliebt hat, und dich eb u dieſts li Ludnig Und wo bewegt, we Was L der Grof fe Pergongen mand dieſ freue ich n wozu from tönnen ſie, men Ahnen eines unget Bourbon? pfunden, n Geſchnt f wappens? Ankerkreu der Feſtig Die d treuer no Und Frau Ma von Rech laſtn? f von Vo in Dun richgr Abe ſigtſt, Ei hleibt Freun hohe Rhun nrpoſihither Sie ihn in nergründliche Erjiehen Sie ohlgefallen.“ oft ſehr leb⸗ dus, bekannt ſorgte, nach e neugierige als mir die Kind— ſei worden, es ich darüber nn jene rwechſelung ndes, wenn dorfulls die geſchwiegen, ndurch nach hatte ihn ja t dich, mein rReichthum nal daſſlbe n Kitu⸗ ermögen ſch blebt, und ſers huſti ſe in pur⸗ nt Fmile enburg, in Stabt und der Grul eres Namens ſhon ſe gelubt ha 427 und dich ewig lieben und im Himmel, wo ſie zu weilen hofft, wenn du dieſes liest, für dich bitten wird.“ Ludwig endete, Sophie hatte mit Verwunderung zugchört. Und was würdeſt du nun thun, lieber Ludwig, fragte ſie ſonderbar bewegt, wenn du Leonardus wärſt? Was Leonardus ganz ſicher ſelbſt gethan haben würde, entgegnete der Graf feierlich. Tief in Grabesſchweigen würde ich ruhen laſſen alles Vergangene, was längſt dahin iſt und vergeſſen. Von mir ſoll Nie⸗ mand dieſe Aufſchlüſſe erhalten, ich werde ſie vernichten. Zugleich freue ich mich, daß Leonardus dieſe Zeilen nicht vor ſein Auge bekam; wozu frommen ſolche Aufſchlüſſe, ſolche Bekenntniſſe? Nur beunruhigen können ſie, oder verwirren. Was frommt alte Abkunft, was from⸗ men Ahnenreihen, Wappenſchilde, hohe Namen, wenn nicht das Glück eines ungetrübten innern Friedens im Herzen wohnt? Was gilt uns Bourbon? Was gilt uns Condé? Du haſt das zart und ſinnig em⸗ pfunden, meine engelholde Sophie, indem du jene Sinnbilder auf dein Geſchenk für mich ſtickteſt. Was ſollen uns die Lilien eines Stamm⸗ wappens? Die Gartenlilien ſind ſchöner. Was ſollte uns ein heraldiſches Ankerkreuz? Der Anker iſt ſchöner als das Sinnbild der Hoffnung, der Feſtigkeit und der ausdauernden Treue. Die du mir bewieſen haſt, du lieber Mann, ſo treu wie Gold und treuer noch! rief Sophie mit Zärtlichkeit. Und weißt du, meine Liebe, ob ſich gegen dieſe Angaben der guten Frau Maria Johanna van der Valck, denen ohnehin auch nicht ein Schein von Rechtsgültigkeit innewohnt, nicht noch die ſtärkſten Zweifel erheben laſſen? fuhr der Graf nach einer Pauſe fort. Kann nicht die Dienerin von Leonardus Mutter ſich vergriffen haben im Tumult, im Sturm, im Dunkel und ihrer Herrin Kind mit Stücken aus der Garderobe des reichsgräflichen bekleidet haben? Aber die Aehnlichkeit? entgegnete Sophie; und was du vorhin ſagteſt, die Stimme der Natur? Eins konnte Zufall und Täuſchung ſein wie das Andere. Mir bleibt freigeſtellt, für gewiß anzunehmen, daß unſer verklärter Freund mein leiblicher Bruder war, und ich empfinde ſogar eine hohe Freude in dieſem Glauben; aber er iſt uns entriſſen, iſt dahin⸗ gegangen, von wo nimmer eine Wiederkehr, wo ihm Niemand ſeine —— Stammbäume und ſeine irdiſchen Beſitzthümer ſtreitig machen wird. Da⸗ rum bedecke Vergeſſenheit auch dieſes Ereigniß mit ihrem ewigen Dunkel.— Graf Ludwig nährte immer mehr den Vorſatz, ſich und ſein hohes Glück den Augen der Welt zu entziehen. Die reichen Mittel, über welche er zu gebieten hatte, unterſtützten den Plan und erleichterten ihm deſſen Ausführung; ſie vergönnten ihm ſelbſt einen gewiſſen Nimbus des Geheimnißvollen um ſich und ſeine nächſte Umgebung zu verbreiten. Da es ihm auch in der Vorſtadt noch zu geräuſchvoll war, ſo ſtrebte er unabläſſig nach einem noch ſtilleren Aſyl, und fand dies zuletzt zu ſeiner Freude in dem herrſchaftlichen Schloß im Dorfe Eis⸗ hauſen. Dieſes Schloß, früher im Beſitz reicher Edelleute, jetzt aber ſammt ſeinen Liegenſchaften herzogliches Kammergut, ſtand bis auf den unteren Raum, der einem Verwalter zur Wohnung angewieſen war, völlig leer. Drei Stockwerke umfaßten eine große Anzahl heller Zimmerräume und einen ſchönen geräumigen Soaal. In dieſem Hauſe gedachte Graf Ludwig ſich ſeines Glückes ſtill und ungetrübt erfreuen zu können und gewann auch bald einen zu⸗ verläſſigen Mann, der ſich des Geſchäfts unterziehen wollte, das Schloß von der herzoglichen Kammer für ihn zu miethen. Schon am 22. September des Jahres 1810, feierte Ludwig mit Sophie die Wiederkehr ſeines Geburtstages ſtill und glücklich in den Räumen dieſes Hauſes. Die wirthſchaftliche Einrichtung wurde nun nach einem wohlüber⸗ dachten Plane geordnet und geregelt: da aber dieſelbe von den ein⸗ fachen ländlichen Bedürfniſſen der Bewohner des Dorfes ſo ganz ab⸗ weichend war, ſo wurde Alles, was davon zur öffentlichen Kunde ge⸗ langte, bis in's Kleinſte bekritelt und romantiſch ausgeſchmückt. Bald war auch hier der Graf als ein Sonderling erſten Ranges bekannt und wiewohl der große Haufe ihn kaum kannte, wußte er doch Allerlei an ihm auszuſetzen. Es erſchien den guten Leuten gegen alles Herkommen, daß der Mann ſich ſo abgeſchloſſen hielt und jedem Umgang ängſtlich aus dem Wege ging. Außerdem hatte er unverzeihlich viel Geld, und ſelbſt, als er durch reiche Spenden an Arme und Bedürftige dem Volke Wohlthaten erwies, erntete er nur Undank und Mißdeutung ſeiner guten Abſichten. Nie ſtand in der ganzen Gegend die mie, in atte, das j und albere nzichenden taſiegebilde. Romanepiſ Dame. Der T keinen Stö Schloſe. nebſt einem und griſtig wechſel mit Adnig noe riſtſce Si gnügen ge einlaufende mit minde terſten Be Dirnerſcha Umgegend Lonobeno daß Aeuß tin Menſ an der T Albs w heten) Licherlic ils Nu chne je ſchfften zu laſt n wird. Da⸗ n Dunk.— d ſein hohe Mittel, ber erleichterten nen gewiſen ungebung zu oll wat, ſo id fand dies Dorfe Eis⸗ „jett aber d bis auf angewieſen nzahl heller Glüces ſill ld einen zu⸗ wollte, das en. Schon en Räumen n wohlüber⸗ on den ein⸗ ſzm ⸗ n Kunde ge⸗ nidt Buld ges belamt doch Allerbi eyn alles den Ungunh uneniſi⸗ Am un un Undenk un gunhin —5— Gegend die Fabeldichtung in ſo glänzender Blüthe als in dem Zeit⸗ raume, in dem das ſtille Schloß ſeine fremden, einſamen Bewohner hatte, das jeder Neugier auf das Strengſte verſchloſſen blieb. Kluge und alberne Leute bemächtigten ſich mit gleicher Vorliebe eines ſo anziehenden Stoffes und ſchufen daraus die abenteuerlichſten Phan⸗ taſiegebilde. Noch heute cirkuliren in jener Gegend eine Menge Romanepiſoden von dem„Dunkelgrafen“ und ſeiner verſchleierten Dame. Der Winter mit ſeinen Schauern nahte heran, aber er brachte keinen Störung in das behagliche Stillleben der Einſiedler im ſtillen Schloſſe. Bücher aller Art und täglich die geleſenſten Zeitungen, nebſt einem lebhaften Briefwechſel gaben der Luſt an Beſchäftigung und geiſtigem Austauſch hinreichenden Anhalt. Selbſt den Brief⸗ wechſel mit dem Pfarrer Vincentinus Martinus van der Valck unterhielt Ludwig noch als fortlebender Leonardus, wobei die eigenthümlich humo⸗ riſtiſche Schreibart jenes frommen Weltgeiſtlichen ihm großes Ver⸗ gnügen gewährte.— Ebenſo gaben die noch fortwährend für Leonardus einlaufenden Briefe zärtlicher Verwandten, die bald mit mehr bald mit minderer Offenheit auf ſein Geld ſpeculirten, Stoff zu den hei⸗ terſten Betrachtungen. Graf Ludwig unterſagte ſeiner ſämmtlichen Dienerſchaft jeden Umgang mit den Bewohnern des Dorfes und der Umgegend. Dieſe Abgeſchloſſenheit war es, die alles Zutrauen der Landbewohner zu den Schloßbewohnern fern hielt, und ſo kam es, daß Aeußerungen wie: der Mann iſt ein Narr— ein Sonderling— ein Menſchenfeind, er iſt ein der Strafe entflohener Verbrecher— an der Tagesordnung waren, ſo oft man von dem Grafen ſprach. Alles was Ludwigs Empfindlichkeit reizte und ſeine kleinen Eigen⸗ heiten hervortreten ließ, wurde, ſobald es bekannt war, auf das Lächerlichſte und Boshafteſte verdreht und entſtellt, wurde aufgetiſcht als Neuigkeit, wurde gloſſirt als Rechtsfrage, verhandelt als Ereigniß, ohne jedoch dabei nur im Geringſten den vielen vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften der beiden Verbundenen die geringſte Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. 9. Ein alter Vekannter. So war das wichtige und verhängnißvolle Jahr 1813 heran⸗ gekommen. Zahlreiche Truppendurchzüge fanden ſtatt und auch das Schloß zu Eishauſen bekam häufig Einquartirung. Doch wurde da⸗ durch in dem gewohnten Gang des häuslichen Lebens längere Zeit nichts weſentlich geändert, bis ein ebenſo unerwartetes als erſchüttern⸗ des Ereigniß eintrat, das wir hier erzählen wollen. Eines Tages geſchah es nämlich, daß neue Einquartirung an⸗ langte, ein franzöſiſcher Hauptmann mit zehn bis zwölf Waffengefährten. Es waren Flüchtlinge der großen Armee aus Rußland, des Hauptmanns von Narben zerriſſenes Geſicht hatte einen finſter trotzigen Ausdruck. Der auf dem Gute wohnende Verwalter und Philipp, der in jener unruhigen Zeit Haushofmeiſter und Diener in einer Perſon war, empfingen die Soldaten, die dem Verhungern nahe waren. Der kleine Trupp war mit ſeinem Führer über den Wald verſprengt worden und weit von dem in Eilmärſchen dem Rheine zumarſchirenden Haupt⸗ corps abgekommen. Man beeilte ſich, die armen, durch wochenlange Eilmärſche entkräftete Soldaten durch Speiſe und Trank zu laben; Philipp ſelbſt brachte dem Hauptmann ein großes Glas Bordeaur dar, deſſen finſtere Züge ſich bei dem langentbehrten Genuß zu erhei⸗ tern begannen. Plötzlich ſchrak Philipp heftig zuſammen, ſo daß ihm faſt die Flaſche entfallen wäre, aus der er Jenem eingeſchenkt hatte, einen Moment ſtarrte er ſprachlos, wie vom Donner gerührt, dem franzöſiſchen Kapitän in's Geſicht, faßte dabei krampfhaft des Ver⸗ walters Arm, ließ ihn dann ſchnell wieder los und eilte davon. Auch der Franzoſe zeigte ſich plötzlich wie verwandelt, auch er hatte Philipp mit dem gleichen Schrecken angeſtarrt, ſtürzte das Glas Wein vollends hinunter und rief: Gest impossiblel Impossible! Während deſſen war Philipp nach ſeiner Stube gerannt, verſah ſich hier mit zwei geladenen Piſtolen, war mit einem Sprung aus den Fenſter ferd. All Der Ha ſützt, am nit glh Liſch und der mehtere Sprache u auf Deutſq Wer iſt d ſprechen! Prrlegenhei Haus, ein dieſer befre Ungſtim ſage: We zu iſen u Stru zu Zum Teu Die Gloc iſt oben⸗ wir euch tollen Hu uns Mu tüſſche kum zu ſcht nic Rettunke üiger W ſun Etullth war, n Ort denn Where 1813 heran⸗ nd auch das h wurde da⸗ lingete Zeit erſchüttern⸗ rtirung an⸗ fengefährten. Huytmanns en Adrc. der in jener Perſon war, Der kleine engt norden enden Haupt⸗ wochenlange zu laben; s Vordeal uß ſu ch ſo diß in ſchenkt thet t, erühtt, ben ſt ds Ver⸗ tunn Lut zuite Phily gen volend nt, tſch 431 dem Fenſter im hinteren Hofe, eilte in den Stall und ſattelte ein Pferd. Alles war das Werk weniger Minuten. Der Hauptmann ſaß während deſſen, den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, am Tiſche, wie in düſteres Hinbrüten verſunken. Jetzt fuhr er mit glühenden Blicken auf, ſchlug mit geballter Fauſt auf den Tiſch und that mit rauher Stimme auf Franzöſiſch ſchnell hintereinan⸗ der mehrere Fragen an den Verwalter, die dieſer, der franzöſiſchen Sprache unkundig, nicht beantworten konnte. Endlich fragte Jener auf Deutſch: Wo iſt der Mann hingekommen, der eben hier war? Wer iſt der Herr dieſes Hauſes! Ich will zu ihm, ich muß ihn ſprechen!— Der hochbejahrte Verwalter gerieth in eine große Verlegenheit. Indem trat der Kammergutspachter Kaiſer in das Haus, ein Mann von rüſtiger Kraft und herkuliſchem Körperbau; dieſer befreite ſogleich den zaghaften Verwalter von dem barſchen Ungeſtüm des Fremden. Entſchloſſen trat er vor den Franzoſen und ſagte: Was ſchwadronirt Er da? Iſt es nicht genug, daß wir euch zu eſſen und zu trinken geben, und wenn ihr euch gut aufführt, eine Streu zum Nachtlager obendrein? Zum gnädigen Herrn wollt ihr? Zum Teufel ſollt ihr! Denkt ihr, es wäre noch achzehnhundert zwölf? Die Glocke hat anno dreizehn geſchlagen! Geht hinauf, der Herr iſt oben— unterſteht's euch nur! Hinauf geht ihr, herunter tragen wir euch in eurem Blute. Der Herr ſchießt euch todt wie einen tollen Hund, daß ihr's wißt. Denkt ihr Lumpenhunde, wir fürchten uns? Muckſt euch nur, ſo ziehen wir die Sturmglocke, ſchlagen euch mit Dreſchflegeln todt, und kein Hahn kräht mehr nach euch!— Der fran⸗ zöſiſche Hauptmann gerieth bei dieſer energiſchen Drohung in eine kaum zu beſchreibende Wuth. Bleicher als es war, konnte ſein Ge⸗ ſicht nicht werden; grimmig ſchleuderte er das Glas, aus dem er getrunken, mit einem wilden Fluche zur Erde, knirſchte in ohnmäch⸗ tiger Wuth mit den Zähnen, rief ſeinen Leuten einige Worte auf Franzöſiſch zu und ſtürzte aus dem Hauſe. Philipp ſtand in der Stallthüre und hatte ſchon das geſattelte Pferd am Zügel, ſeine Abſicht war, nach Hildburghauſen zu jagen, Hülfsmannſchaft für den bedrohten Ort herbeizuholen und den Hauptmann in Haft nehmen zu laſſen, denn er hatte ihn und jener hatte Philipp erkannt— es war kein Anderer als Berthelmy, Angés' verruchter Meuchelmörder. Wie der * 432 treue Diener ihn aus dem Hauſe ſtürzen ſah, ließ er das Pferd los und eilte Jenem nach. Berthelmy ging zwiſchen dem Dorf und dem Bach, welcher ſich raſch und rauſchend ergoß, auf die Wieſenfläche— augenſcheinlich um ſich zu ſammeln und in ſeiner kritiſchen Lage irgend einen Plan zu faſſen. Sein Blut kochte in ohnmächtigem Grimme; es war, das ſah er ſelbſt wohl ein, kein Spaß mehr mit dieſen deutſchen Bauern zu machen, die Erinnerung des Landvolkes an den Druck, an den Uebermuth der Franzoſen war noch zu neu und lebendig; überall mußten dies die Franzoſen auf ihrer Flucht nach dem Rheine empfin⸗ den, das Landvolk beſonders kannte oft kein Erbarmen mit einzelnen Flüchtlingen und Manchen derſelben traf blutig die rächende Nemeſis. Kaum war der Hauptmann aus dem Hauſe und Philipp ihm vom Hof aus nachgefolgt, indem er raſch einen Steeg überſchritt und längs des mit hoher Planke umfriedeten Wieſengartens abwärts, dem Bache der Rodach nachging, ſo winkte Pachter Kaiſer einem Knecht im Hofe und gebot ihm, hinüber in das Dorf zu laufen, die Bauern zur Hülfe zu rufen, und wenn es ſein müßte, ſelbſt die Sturmglocke ziehen zu laſſen. Der Hauptmann verſchwand unter den Weiden, die ziemlich dicht an einer Stelle der Thalwieſen ſtanden. Als er ſein Blut beruhigt glaubte, kehrte er wieder um,— da ſtand Philipp vor ihm, wie aus der Erde gewachſen und vertrat ihm den Weg. Die verſprengten Soldaten im Schloſſe hielten ſich ruhig, ſie fielen mit der Gier halbverhungerter Menſchen über die Speiſen und Ge⸗ tränke her, die man ihnen willig reichte; indeſſen ſammelte ſich bald ein Bauernhaufe vor dem Schloſſe, mit allerlei Schießgewehr, Säbeln und Dreſchflegeln. Als der Pachter dieſen Suceurs anlangen ſah, rief er den Soldaten zu, daß ſie nun ſuchen ſollten davonzukommen. Die Franzoſen riefen vergebens nach ihrem Kapitän, den ſie erſt jetzt vermißten. Bald ſahen ſie ein, daß ſie dieſer Uebermacht gegen⸗ über den Kampf nicht wagen dürften. Die Bauernſchaar verſtellte den Flüchtigen den Weg ins Dorf und nach der Stadt, nöthigte ſie einen Feldweg einzuſchlagen, der ſich gleich hinter dem Schloß und den Gutsgebäuden nach Streifdorf und ſüdwärts zog, und gab ihnen unter deutſchen Kernflüchen noch eine Strecke weit das Geleite. Nittlerwei pludernde B mude es wie ur die Welle Jetzt kam ſchlichen, der! bleich wie de nelnd mit g bringen.— Loll Beſ Philipp unte en franzöſiſc um Ufer der Jenem den al daß derſelbe ſoleich ſcher er dem Fein auf ihn. 4 voll, aber Mörder der ſchlige beti greifer mit achtete Phi vücke eri ugte. Da nhen Rod Graf des treue andere Ve Boten n dor Zuſto n ſeiner mal, zu gefunden Giſt au des on i d. 2. a Pfetd loz orf und dem eſenfliche— itiſchen Lage en Grmme; ſen deutſchen Drc, en ndig; überall heine empfn⸗ nit eimelnen ide Neneſis. bhilipp ihm rſchritt und wärts, dem nKnecht in Bauern zur Sturnüe iemlich bich ut berhigt wie aus der ig ſe filen n und Ge⸗ t ſih balb hr, Säbeln en oldaten den ſe ert nacht gegen⸗ beſulte nlhigte ſe ziluß und nd z Grleite⸗ — 433— Mittlerweile ſank die Herbſtnacht in das Thal herab; die laut plaudernde Bauernſchaar kehrte nach ihrem Dorfe zurück und bald wurde es wieder ganz ſtill um das Schloß, ja recht todtenſtill, nur die Wellen der Rodach unterbrachen das tiefe Schweigen ringsum. Jetzt kam Philipp langſam von der Wieſe her nach dem Hauſe ge⸗ ſchlichen, der Verwalter erſchrak über ſeinen Anblick, Lenn Jener war bleich wie der Tod, ſtöhnte, hielt ſich die Seite und kennte nur ſtam⸗ melnd mit gepreßtem Athem den Ruf nach dem Chirurgen hervor⸗ bringen.— Er mußte ſogleich zu Bette gebracht werden. Voll Beſtürzung eilte der Graf herbei und ihm erzählte dann Philipp unter heftigem Schmerzgeſtöhn, was ſich zwiſchen ihm und dem franzöſiſchen Hauptmann auf der Wieſe hinterm Schloß, dicht am ufer der Rodach, begeben habe. Auf den erſten Blick hatte er in Jenem den abſcheulichen Berthelmy wieder erkannt und der Gedanke, daß derſelbe nicht lebend das Schloß wieder verlaſſen dürfe, ſtand ſogleich ſicher vor ſeiner Seele. So ging er ihm nach, ſo vertrat er dem Feinde den Weg, und warf ſich mit einer wahren Tigerwuth auf ihn. Verthelmy, ein kräftiger Mann, wehrte ſich verzweiflungs⸗ voll, aber Philipp gab die Rache Rieſenſtärke; bald war der verruchte Mörder der herrlichen Angés völlig in ſeiner Gewalt, Philipp's Fauſt⸗ ſchläge betäubten ihn und obwohl es Jenem noch gelang, ſeinen An⸗ greifer mit einem Stilett tief in der rechten Seite zu verwunden, ſo achtete Philipp deſſen doch nicht, und auf Berthelmy's Bruſt knieend, drückte er ihm ſo lange die Kehle zu, bis derſelbe kein Glied mehr regte. Dann ſchleifte er den Leichnam an den Haaren nach der nahen Rodach und warf ihn in den dunkelſchäumenden Bach. Graf Ludwig ſchauderte bei dieſem Schreckensbericht, der Zuſtand des treuen Dieners ließ ihn jedoch jeden anderen Gedanken, jede andere Betrachtung zurückdrängen. Er ſandte ſogleich einen reitenden Boten nach dem Arzt in die Stadt, als aber dieſer eintraf, hatte ſich der Zuſtand des Kranken bereits ſo ſehr verſchlimmert, daß der Arzt an ſeinem Aufkommen zweifelte. Berthelmy's Stilett hatte noch ein⸗ mal, zum Letztenmal den Weg zu dem Sitze eines edlen Lebens gefunden, unter unſäglichen Schmerzen gab Philipp in der Nacht den Geiſt auf, aber erſt einige Wochen nach ſeinem Tode fand man bie Leiche des von ihmerdroſſelten Berthelmy in den Weidengebüſchen der Rodach auf. D. B. IiI. 28 10. Stillleben. Wo bliebe ein irdiſches Daſein von den Stürmen des Schickſals unberührt? Und wo blühte das Menſchenleben, dem alle Hoffnungen ſich erfüllten? Auch hinter Ludwig und Sophie hatte ſich damals, als ſie das Schloß von Eishauſen bezogen, die Welt der Stürme und der herben Geſchicke nicht völlig abgeſchloſſen, aber dennoch waren ſie glücklich; der Himmel verlieh ihnen Mäßigung, jene kleinen Leiden als das Unabwendbare zu ertragen, und Tugend, großer Freuden würdig zu ſein. So ſchwanden ihnen die Jahre dahin, nur ihre Her⸗ zen und deren treuer Liebesbund alterten nicht. Eines Tages, als Sophie eben ihre Lieblinge, die Katzen fütterte, trat Ludwig mit einem Briefe zu ihr und ſagte mit einer recht bitter ironiſchen Miene: Mein Berichterſtatter aus der Heimath, Herr Rath Wippermann, früher Secretär meines Vetters, des Reichsgrafen, der ſo gütig iſt, mir zuweilen mitzutheilen, wie es zu Hauſe ſteht, meldet mir als neueſte Neuigkeit, daß Seine Erlaucht, Graf Wilhelm, ſich bewogen gefunden hat, über alle und jede Hinderniſſe ſich zu erheben, und ſeiner mit Madame Sara Margarita Gardes eingegangener Ge⸗ wiſſeensehe jetzt auch das öffentliche, kirchlich und weltlich gültige Sigill aufzudrücken. Was iſt das? fragte Sophie: Ich verſtehe dieſe Ausdrücke nicht, beſter Ludwig? Der Graf ſchlug den Brief auseinander und las:„Seine Erlaucht haben ſich am achten September achtzehnhundertſechzehn mit unſerer nunmehrigen, allgemein verehrten Frau Reichsgräfin in Höchſtihrer Herrſchaft Kniphauſen, und zwar zu Accum, in der dortigen Kirche reformirter und zugleich eigner Confeſſion feierlich copuliren laſſen.“ Ich meine, der Reichsgraf habe daran Recht gethan? bemerkte Sophie. Richt and ſel der Ei gllen Herkom Wird ob des Hauſes? Soyhie weite Angefoch der Hader ſprochen, a welcher laut denn nachder Mein Vette ſeinen Wille und Nieman duß er der Sihne, un bihten, die und beſtrit Iih ve deutſchen gllen Länd Du ſelbſt land ungl reich herr Unſer Jöpft ſo ſelber. ſondern danit u ein vifo alten ſo tionen, land Vortl ſichen lnge des Schiſals le Hofnungen ſich damals, Stürme und och waren ſi leinen Leiden er Freuden wr ihre Her⸗ katzen fütterte, er recht littet Herr Rath högrfen, der ſieht, mihdet ilheln, ſih zu erheben, ongener Ge⸗ tch gültge sdrice nicht eine Erlucht mit unſtter n Höchſihrer n luſen“ n henekte —— Nicht anders, und ich love ihn auch drum, verſetzte Ludwig. Er folgt der Eingebung ſeines Gemüthes und verachtet die Formen des alten Herkommens. Wird aber dieſe Ehe nicht angefochten werden von den Agnaten des Hauſes? Werden dieſe ihr volle Gültigkeit zugeſtehen? fragte Sophie weiter. Angefochten? Ganz ſicher; denn der Streit darf ja nicht enden, der Hader nicht ſchweigen, ich habe ja dieſen furchtbaren Fluch ausge⸗ ſprochen, aber ein hoher Troſt iſt im Buche aller Bücher enthalten, welcher lautet:„Selig iſt der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewähret iſt, wird er die Krone des Lebens empfahen.“ Mein Vetter iſt treu und beharrlich, das freut mich wahrhaft, er ſetzt ſeinen Willen durch trotz aller widrigen Schickſale, die ihn betroffen, und Niemand hat ein Recht, ihn zu tadeln, daß er ſeinem Herzen folgt, daß er der Frau, die er wahrhaft liebt, daß er der Mutter ſeiner Söhne, und dadurch den letzteren ſelbſt die Rechte gibt, die ihnen ge⸗ vühren, die aber ganz ſicherlich auf das Heftigſte werden angefochten und beſtritten werden. Ich verſtehe Nichts von dem Recht und den Rechten ſolcher alten deutſchen Familien, ſprach Sophie. Ich glaube auch nicht, daß in allen Ländern ſo ſtrenge und peinliche Anſichten und Geſetze herrſchen. Du ſelbſt haſt mir früher einmal erzählt, daß man hierüber in Eng⸗ land ungleich vernünftiger denke, wie in Deutſchland. Auch in Frank⸗ reich herrſcht für die Herzen mehr edle Freiheit. Unſere deutſchen Geſetzgeber ſind ſammt und ſonders Juriſten, deren Zöpfe ſo lang und unförmlich ſind, wie das weiland römiſche Reich ſelber. Da darfſt du nicht nach Gefühl und nach dem Herzen fragen, ſondern nur nach Pergament und Schweinsleder. Es iſt ein Jammer damit und wird es ewig bleiben, wenn nicht einmal am guten Tag ein reformatoriſcher Titane von Gott berufen den ganzer Plunder des alten ſogenannten römiſchen Rechts mit all' ſeinen Pandekten, Inſtitu⸗ tionen, Digeſten, Gloſſen und wie das Zeug weiter heißt, aus Deutſch⸗ land hinausfegt, und an die Stelle der Verdrehung, der wälſchen Wortklauberei, Spitzfindigkeit, Lüge und Fälſchung den Altar des ein⸗ fachen urheiligen Naturrechts; und der ewigen Wahrheit etrichtet. So lange wir Deutſche nöch berechtigt ſind, mit Goethe zu klagen: 28* ⸗——— — 436— Es erben ſich Geſetz' und Rechte, Wie eine ew'ge Krankheit fort; Sie ſchleppen von Geſchlecht ſich zum Geſchlechte, Und rücken ſacht von Ort zu Ort. Vernunft wird Unſinn, Wohlthat Plage, Weh dir, daß du ein Enkel biſt! Vom Rechte, das mit dir geboren iſt, Von dem iſt leider! nie die Frage. ſo lange wird es auch mit unſern Rechtszuſtänden nicht beſſer werden. Und liegt nicht, um das nächſte Beiſpiel aufzugreifen, ſelbſt für mich in dieſen Goethe'ſchen Worten eine unendliche Wahrheit? Sind die Proceſſe im reichsgräflichen Hauſe nicht eine ewige Krankheit? Rücken ſie nicht ſacht fort, und wie ſacht! Langſam, langſam, wie der Glet⸗ ſcher im Alpenlande, der ſich faſt unmerklich vorſchiebt und im Wei⸗ terſchreiten rings um ſich alles Leben erſtarren macht, alle Hoffnung raubt, alle Liebe ertödtet. Iſt es nicht naturgemäß und vernünftig, daß der Sohn des Vaters Erbe ſei? Aber das ſtets naturwidrige ſtarre Recht wandelt dieſe Vernunft in Unſinn, ſie knüpft an tauſend Clauſeln, Formeln und Bedingungen das Erbrecht an, und macht die Söhne der reinſten Liebe zu ausgeſtoßenen, ja durch die Geburt ſchon im Mutterſchvoße gebrandmarkten Bettlern.„Wohlthat wird Plage.“ Weißt du, daß Hofrath Brünings mir einen Proceß an den Hals werfen wollte wegen des Falken von Kniphauſen? Ich ſollte mein Recht auf dieſes Geſchenk der Großmutter ſonnenklar documentiren, ſollte ſchwören, daß der Falke rechtlich mein ſei, ich ſollte mich vor Gericht ſtellen, ſollte in meiner ſchönen Einſamkeit die ganze Plage der Verhandlungen mit Advocaten haben, und durch dieſe Gabe der unvergeßlichen Frau das centnerſchwere Gewicht jener Worte Goethe's empfinden: Weh dir, daß du ein Enkel biſt! Zum Glück hat mein Vetter, der Reichsgraf, jener diplomatiſchen däniſchen Spinne zu verſtehen gegeben, daß ſie ein giftiger Kanker iſt, und mich in Ruhe laſſen ſolle, zumal ich ja ohnehin auf das Recht verzichte,„das mit mir geboren iſt“. Du wollteſt mir längſt Urſache und Urſprung jener Streitigkeiten mittheilen, lieber Ludwig, ſprach Sophie: welche ſeit ſo langer Zeit in deiner Familie erblich ſind. Niché daß ich neugierig darnach fra⸗ zen will, a emal die be die Ftage iſt. Ich werd teſer Kürze Eö ſind ſehr Nutſchland nonnte, bie der Mitte d Namens A von Oldenb Johann des ihr Grafſch ihm ausſtar Löchtern w erwandte duutſchen nun denne verſchaffte Reichsfteih der zu 1 die Würde ſchönen V wünſchen! von Dänen ſtin⸗Plär endlich in graf Ant lichtiten Ant Vo das ſid Fumilie nit der in Han Geburt uſn beſſer werden. elbſt für mich it? Sind bie heit? Rücken ie der Glet⸗ nd im Wii⸗ lle Hoffnung dvernünftig, natuwidrige ſt an wuſend und macht die Geburt ſchon vird Plage⸗ n den Hals ſollte mein documentirn, lte mich vor ʒanze Plage eſt Gabe der orir Goethes iplenatiſchen ſnker iſ, if des eih Streiigpiten nr Zit bnh fir 437 gen will, aber um des Dichters Ausſpruch zu widerlegen„und doch einmal die beſtrittene Frage nach jenem Rechte zu erheben, von dem die Frage iſt.“ Ich werde dir dieſe äußerſt verwickelten Verhältniſſe in gedräng⸗ teſter Kürze mittheilen, meine theuerſte Freundin, antwortete Ludwig. Es ſind ſehr viele Schriften darüber vorhanden, und kam jemals in Deutſchland„ein lautes Geheimniß“ wie Calderon eines ſeiner Stücke nannte, vielfach zur Aufführung, ſo iſt es das unſeres Hauſes. In der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts lebte Einer der Ahnherren, des Namens Anton Günther, als der letzte des Stammes der Grafen von Oldenburg und Delmenhorſt. Es war der Sohn jenes Grafen Johann des Sechzehnten, dem die Erbtochter von Brabant, Marie, ihre Grafſchaft Jever ſchenkte und vererbte. Wenn ſein Stamm mit ihm ausſtarb, ſo fielen die Güter, welche Mannslehen waren— mit Töchtern war das Haus in Uueberfülle geſegnet— an das ſtamm⸗ verwandte Königshaus Dänemark, und ſein Sohn, der mit einem deutſchen Freifräulein außerehelich erzeugt war, ging leer aus. Da nun dennoch dieſer Sohn ein tüchtiger Mann zu werden verhieß, ſo verſchaffte ihm der Vater erſt den Adel, dann die Erhebung in den Reichsfreiherrnſtand, er hieß nun Freiherr von Aldenburg und edler Herr zu Varel, und endlich erwirkte der treugeſinnte Vater ihm ſogar pie Würde eines Grafen des heiligen römiſchen Reichs mit ausnehmend ſchönen Begabungen und Bevorzugungen, wie ſie gar nicht beſſer zu wünſchen waren, zum großen Verdruß der Seitenverwandten, der Könige von Dänemark und des Herzoghauſes von Holſtein⸗Sonderburg und Holſtein⸗ ſtein⸗Plön, ja ſogar das Münzrecht wurde ihm verliehen, und als der Vater endlich in ſeinem vierundachtzigſten Jahre ſtarb, ſo gebot der Sohn, Reichs⸗ graf Anton der Erſte, über ſehr anſehnliche Herrſchaften, über die Herr⸗ lichkeiten Kniphauſen und Inhauſen, über die Herrlichkeit und das Amt Varel, über die Vogtei Jahde, und eine Menge einzelne Allode, das ſind freieigene Güter, die keinem Oberherrn zu Lehn gehen, oder Familienfideicommiſſe. Dieſer Graf vermählte ſich in zweiter Ehe mit der Großmutter meiner Großmutter, welche letztere du, liebe Sophie, in Hamburg kennen lernteſt, ſtarb aber ſchon acht Monate vor der Geburt ſeines einzigen Sohnes von der zweiten Gemahlin; von der erſten hatte er nur Töchter, welche in die Familien Güldenlöwe, Gö⸗ —— . — 438— dens, Harthauſen, Bielcke und der Grafen von Wedel heiratheten. Es erhoben nun, während die gräfliche Wittwe in Doorwerth reſidirte, Dänemark, Holſtein und Oldenburg verſchiedene Anſprüche auf das Erbtheil, bis zu deren abermaligem Verdruß der Sohn erſchien, und wackere Vormünder dieſem ſeine Rechte wahrten; gleichwohl gab es der Verclauſulirungen dabei eine Ueberfülle, welche dir mitzutheilen, äußerſt langweilig und unerquicklich ſein würde; nur ein Hofrath Brünings und ein Rath Melchers können Honig aus dieſer Diſtel ſaugen!— Leider war auch dem Sohne, der ſich zweimal vermählte, kein hohes Lebensziel zu erreichen beſchieden und er ſtarb ohne Söhne, nur eine einzige Tochter hinterlaſſend. Dieſe Tochter war meine ſelige Großmutter, die gütige Pflegerin meiner Jugend, die großmüthige Be⸗ ſchirmerin meiner Jünglingsjahre, deren Andenken ich dankbar ſegnen werde, ſo lange ich noch zu denken und zu ſegnen vermag. Weil die meiſten Güter Allode und Familienbeſitzthum waren, konnten dieſelben meiner Großmutter nicht entriſſen werden; ſie vermählte ſich mit einem in Holland geborenen, aber aus Deutſchland, aus der Pfalz, unſerer Angés Heimath, abſtammenden Edelmann, mit dem ſie jedoch nicht in glücklicher Ehe lebte, vielmehr ſich von ihm trennte und Noth hatte, ſich gegen Angriffe von allen Seiten her tapfer zu wehren, nächſtdem, daß auch mannichfache Streitigkeiten in der Familie ihres Gemahls dazu beitrugen, ihr das Leben ſauer zu machen. Sie war voll Kennt⸗ niß, Wiſſen, Geiſt und Gelehrſamkeit; ſie ſtand mit den gelehrteſten Männern Europas im Briefwechſel, beſonders über Alterthums⸗ und Münzkunde, und weilte oft lange Zeit am Berliner, wie am Wiener und am franzöſiſchen Hofe. Am Berliner Hofe betrieb ſie ihre An⸗ gelegenheiten trotz eines Diplomaten, und hatte vielen Verkehr mit Voltaire. Die bedeutendſten Namen jener Zeit am Hofe zu Berlin und Potsdam ſind erwähnt in einem Bruchſtück ihres faſt ganz ver⸗ loren gegangenen umfaſſenden Tagebuches; bald ſpeiste ſie mit dem König, bald mit der Königin, bald mit dem Prinzen von Preußen, oder empfing Beſuche hoher Perſonen, wie des Markgrafen von Bay⸗ reuth; ſchon ein flüchtiger Blick in dieſe Blätter begegnet einer Menge Namen von Grafen und Gräfinnen, Miniſtern, Künſtlern, Gelehrten; das wirrt durcheinander, wie das Maskengewimmel eines großen Ball⸗ ſaales. Schwerin, Arnim, Dankelmann, Voltaire, d'Argenteau, Alga⸗ uit, Muper ſchet, Wölhi Grehmutter a nahls, dem NMylord Wilt wir der No Frankreich oh ſche“ An Königin traf fulls einen g Markgrafen Poltaire ſol ehren und k beſuchte er n Jih ſchrich 1 ſolgenden T So war ih ihre Schlöſ burg der 1 ſale du ja Folge des Herzogthun der frauzö ſchaften in Jver no Kaiſer Ne Und Kyiy Gebieter Juhre 1 war, gr und Kn nuch Pe Rwande Rn he Mne 6 wde eirtheten. Es ech uſdirt, iche uf das erſchien, und wohl gab es nitzutheilen, ein Hofrth dieſer Diſtel rmählte, kein öhne, nur meine ſelige müthige Be⸗ nkbar ſegnen WVeil die ten dieſelben h wit einem fülz, unſerer jedoch nicht Noth hatte, n nichſtden, es Gemahls voll Kemt⸗ gelehruſten rthums⸗ und an Wiener Verthr nit e zu Berlin ſt ganz ber⸗ ſe nit dem on Preußen, n on Bah⸗ iner Menge Grlehren woen Lul⸗ teal⸗ Mn — rotti, Maupertuis, Grumbkow, Bismark, Pannewitz, Schmettau, Kne⸗ ſebeck, Nöllnitz, Schulenburg und zahlreiche Andere. Dort traf die Großmutter auch zuſammen mit einem nahen Verwandten ihres Ge⸗ mahls, dem Vater des jetzigen Herzogs von Portland, den ſie ſtets Mylord William nennt. Unter Anderem ſchrieb ſie:„Tyrconel,“ dies war der Name eines Geſandten,„jagte mir großen Schrecken ein, daß Frankreich ohnfehlbar gegen mich ſei, und daß er nichts Gutes voraus⸗ ſehe.“ An einer andern Stelle heißt es:„Am Hofe der regierenden Königin traf ich den Grafen von Bentheim⸗Steinfurth, der mir gleich⸗ falls einen großen Schrecken verurſachte. Ich verſprach ihm, ihn zum Markgrafen Heinrich zu führen.“ An einer dritten Stelle ſchreibt ſie: „Voltaire ſollte bei mir diniren, er mußte aber nach Potsdam zurück⸗ kehren und konnte ſich nur eine Stunde bei mir aufhalten. Kurz darauf beſuchte er mich wieder und beruhigte mich in Betreff des Königs. Ich ſchrieb nun ſelbſt und ſandte meinen Läufer nach Potsdam; am folgenden Tage kam derſelbe mit guten Nachrichten vom König zur So war ihr Leben ein außerordentlich bewegtes, bis ſie ſich endlich auf ihre Schlöſſer zurückzog, und auf dieſen oder in ihrem Hauſe zu Ham⸗ burg der Wiſſenſchaft lebte. Ihr Enkel, der Reichsgraf, deſſen Schick⸗ ſale du ja größtentheils bereits kennſt, mußte erleben, daß bereits in Folge des Friedens von Campo Formio ſein Lehensverband zwiſchen dem Herzogthum Brabant und der Herrſchaft Kniphauſen ſich löste, daß der franzöſiſche König von Holland alle ſeine Beſitzungen und Herr⸗ ſchaften in Oſtfriesland militäriſch beſetzte, daß der Tilſiter Friede Jever, nachdem Rußland es abgegeben, an Holland brachte, und daß Kaiſer Napoleon ſeinem Bruder, dem König von Holland, über Varel und Kniphauſen die Souveränetätsrechte verlieh, die dem rechtmäßigen Gebieter durch deſſen Mediatiſirung entriſſen worden waren. In dem Jahre 1811 verſchlang das nimmerſatte Kaiſerreich Alles, wie es war, große Lande und kleine Ländchen, Holland, Oldenburg, Varel und Kniphauſen. Dafür bekam der Graf den Union⸗Orden, der ihm, nach Vereinigung Hollands mit Frankreich, in den Neunion⸗Orden um⸗ gewandelt wurde. Der Graf wünſchte ganz andere Wiedervereinigun⸗ gen herbei, als das Verhängniß der Napoleoniſchen Herrſchaft ihr Mene Tekel ſchrieb; allein ein gewiſſes Vorhaben mißglückte ihm; er wurde in Haft genommen und von Vandamme mit dem Tode bedroht. — — — Nur der Reunion Orden war es, der ihn rettete und ſchützte. Gleich⸗ wohl wurde er verbannt, und über ſeine Güter die Confiscation ver⸗ hängt. Erſt das Jahr 1814 befreite ihn; mittlerweile hatte Olden⸗ burg die Herrſchaften in Beſitz genommen und wollte dem Grafen nicht einmal die Rechte eines Mediatiſirten zugeſtehen. Darüber ent⸗ ſtanden Prozeſſe, die noch immer ſchweben und den Grafen der Ver⸗ armung mehr und mehr zuführen. Wie wunderbare Geheimniſſe doch in der deutſchen Sprache ruhen! Sie ſagt nicht: ein Proceß ſitzt, ſteht, liegt, nein, ſie ſagt: er ſchwebt, wie ein Raubvogel, ein Falke, Habicht oder Geier in den Lüften ſchwebt, und mit ſcharfem gierigen Auge herab auf ſeine ſichere Beute blickt— und zuletzt— da ruht der Proceß, wenn er endlich aus iſt, wie wir auch ruhen, wenn es aus iſt mit uns; mir ahnet aber, daß die Proceſſe unſeres Hauſes eine wahrhaft Ahasveriſche Natur in ſich tragen und immerdar ſchweben werden, gleich böſen Nachtgeiſtern. Welche traurige Ausſicht! rief Sophie mit Theilnahme. Wie froh bin ich, daß du, mein Theurer, losgeriſſen biſt von jenem Hauſe und ſeinen Eeſchicken! Ich kann auch froh ſein und bin es vom Grunde meines Herzens, ich will nichts wiſſen von Proceſſen! antwortete Ludwig. Jetzt hat der Graf von ſeiner Sara drei Söhne, dieſe wachſen heran, ſein Bruder, Graf Johann Carl hat auch drei Söhne; gib Acht, noch einige Jahre, und die letzteren werden die legitime Abkunft der erſte⸗ ren beſtreiten, und wir können noch einen Kampf der Horatier und Curiatier erleben, freilich nicht mit Schwertern, ſondern mit Advocaten⸗ federn, aus den großen Schwebeſchwingen des vorhin genannten Raub⸗ zeugs; Blut wird dabei nicht fließen, aber außerordentlich viele Tinte, und dieſe wird noch fortfließen, wenn längſt unſer Lebensnachen am umdunkelten Strande des Schattenreichs gelandet iſt. So machte der Graf häufig der Geliebten Mittheilungen aus ſei⸗ ner und ſeiner Familie Vergangenheit, und wie Vieles ließ ſich für ſie nicht daraus lernen.— Da die Zeit es ihm außerdem vergönnte, ſo las Ludwig ſehr viel, und machte ſich bewandert in ſchöner Literatur, Philoſophie und Geſchichte. Auch Phyſik blieb ihm nicht fremd. Es wird erzählt, der Graf habe ſich auch viel mit Meteorologie be⸗ ſchäftigt, wazu des Hauſes Höhe ſich gut eignete; eine Hausapotheke bet jnen B Beſt und K Der unr gutpuchter, heit des Di ( Wie ſic und ſeiner Unglücks b Charakter a in Briefen ſchrich in e Mann mur derſelbe ein ſchon er v dirſer ſich aufs Neu derungen in Stallu ſehens bel z ſteiger ließ ihn um einen ſimnt, d Menſch ſ vor Sul Geldes he Unberſch Um inſchädi ben Sc vem Sch lungen Rüſten ige itu Gli⸗ ifratin ber⸗ hatte Olden⸗ dem Grufen Drrüber en⸗ fen der Ver⸗ heimniſe doch eß ſitt ſich, Filke, Hobiht ierigen Auge a ruht der e es as Hauſes eine ſchweben e. Wie ftoh mHanſe und ines Herzens, g Jt hat heran, ſein Act, noch nft der erſt⸗ boratier und it Adbocaten⸗ mnten Raub⸗ virle Tinte, nsnachen am gen aus ſi⸗ ließ ſih für vergönnte, ſo er Literatul, nicht ſund. eorolohi be⸗ huswihet — 441— bot jenen Bedarf einfacher Mittel in leichten Krankheitsfällen, deren Beſitz und Kenntniß dem Landbewohner von großem Vortheil iſt. Der unmittelbar nächſte Nachbar des Schloſſes war der Kammer⸗ gutspachter, und der Graf empfand durch ihn hinlänglich die Wahr⸗ heit des Dichterwortes: Es kann der Beſte nicht in Frieden leben Wenn es dem ſchlimmen Nachbar nicht gefällt. Wie ſich bei Anweſenheit des flüchtigen franzöſiſchen Hauptmanns und ſeiner Handvoll Leute die rohe Bauernnatur in Verhöhung des Unglücks von Seiten dieſes Mannes offenbart hatte, ſo zeigte ſich ſein Charakter auch gegen jeden Andern. Der Geſchäftsträger nannte ihn in Briefen an den Grafen„Monſieur Grobian“, und der Graf ſelbſt ſchrieb in einer ſeiner häufigen Beſchwerden, daß die Bauern dieſen Mann nur den„kleinen General“ zu nennen pflegten, wahrſcheinlich, weil derſelbe ein abſolutiſtiſches Commando auf ſeiner Pachtung führte. Ob⸗ ſchon er von dem Bewohner des Schloſſes nur Vortheile hatte, und dieſer ſich gegen ihn und die Seinen ſtets gütig erwies, trat immer auf's Neue die bäueriſche Grobheit und Habſucht in unverſchämten For⸗ derungen zu Tage. Des Grafen Pferde konnten nicht wohl anders in Stallung und Futter gegeben werden, als auf dem Gute. Unver⸗ ſehens beliebte es dem Pachter, die reichliche Bezahlung dafür noch zu ſteigern. Da ſandte der Graf noch in der Nacht zum Schulzen, ließ ihn wecken und rufen, und verkaufte ihm die herrlichen Rappen um einen Drittheil ihres Werthes; vielleicht auch ſchon dadurch ver⸗ ſtimmt, daß der nach Philipp's Tode zum Kutſcher angenommene junge Menſch ſich untauglich erwies. Dem Pachter wurde aber nach wie vor Stall⸗ und Futtergeld fortgezahlt, damit er fühle, daß nicht des Geldes halber die Pferde abgeſchafft ſeien, ſondern daß man blos ſeiner Unverſchämtheit ſich unterzuordnen nicht geneigt geweſen ſei. um ſich und Sophien für die Entbehrung der Spazierfahrten zu entſchädigen, miethete der Graf einen großen Wieſengarten, dicht vor dem Schloß, in welchem ein kleiner Beetgarten gelegen war. Zwiſchen dem Schloß und dem Garten rauſchte die Rodach hin, von einem langen Steeg überbrückt. Hohes Buſchwerk von Weiden, Ulmen und Rüſtern friedeten dieſen Wieſengarten ein, durch welchen der Graf einige Wege anlegen ließ, damit derſelbe ihm und der Freundin 412 künftig zu Spaziergängen diene; eine Bretterwand von 8 bis 10 Schuh Höhe wurde neu angelegt, um der Außenwelt den Einblick in das ſchöne Geheimniß dieſes friedlichen Stilllebens zu wehren. Dieſer Garten nun war die ſtille Inſel, auf welcher in ſchöner Jahreszeit Ludwig und Sophie ſich täglich ergingen. Klöſterlich ab⸗ geſchloſſen gegen die Außenwelt, ganz ſich ſelbſt lebend, ſich ſelbſt ge⸗ nügend, genoſſen ſie die einfache Schönheit dieſer ländlichen Einſam⸗ keit. Eine Geißblattlaube, von einem Fliederbaum überſchattet, bot das trauliche Ruheplätzchen, wo ſich plaudern und leſen, arbeiten und ruhen ließ. Frieden murmelte der Rodach leiſere Welle, Frieden flüſter⸗ ten der Weiden ſilbergraue Blätterzungen, Frieden tönten der Arols⸗ harfe ſchwellendſchwebende Accorde vom hohen Hauſe in den Garten nieder, Frieden ſangen die lieblichen Kehlen munterer Vögel, Gras⸗ mücken, Weidenzeiſige, Grünlinge und Bachſtelzen. Sophie blieb das ſchöne Weſen ihrer Kindheit und Jugend, von ſtillem Ernſt, deſſen Siegel das Leben ihr aufdrückte, gleichſam geweiht. Selten nur ka⸗ men Nachrichten von ihrer Mutter, dieſe Dame reiste noch in hohen Jahren umher, ſie war nicht traurig darüber, ihr Geheimniß ſo fern, ſo treu bewahrt zu wiſſen, Niemand lebte mehr, der ihr eine Verle⸗ genheit hätte bereiten können, außer Ludwig und Sophie, und zu die⸗ ſen fand Jene nie den Weg. Und ſo war es gut, denn alle Theile waren zufriedengeſtellt. Was in Sophiens Innerem vorging, ob ſie ſich hinausſehnte in die Welt, ob ſie ſich als eine Gefangene fühlte, ob ſie heim⸗ lich einer ungenoſſenen Jugend nachweinte? Nur Ludwig war der Ver⸗ traute ihrer Seele, keinem andern Herzen konnte ihr reiches und ſchönes Gemüth ſich je erſchließen, doch war ihr, jenes ſtillen Ernſtes ungeachtet, ein kindlich heiterer Sinn geblieben und ein tiefes Empfinden. . Friedlich ſher die S Augen glä ſchaft am Veſtafeuer. Die Ei lihen und einer Reih hatte, mr damals ſte nächſt wu das Aſyl, manchem ob eine n ſein werde Regen den ſcholten ur den nahen St Rgen jed unbekann perſünlich me, es langt. Alle der Stn ihn n heit. G in ſül wetden. is 10 Schuh r in ſchöner löſterlich qb⸗ ſch ſelbſt ge⸗ hen Einſam⸗ ſchattet, hot urbeiten und eden füſter⸗ der Arols⸗ en Garten gel, Gras⸗ hlieb das nſt, deſſen en nur ka⸗ ch in hohen niß ſo fern, eine Verle⸗ und zu di⸗ alle Theile cb ſe ſch ob ſi hein⸗ ar der Ver⸗ nd ſchönes ungeachtet, . 11. Der Freundin Tod. Friedlich zogen ihnen ſo die Jahre vorüber, ihre Körper alterten, aber die Herzen blieben jung; ihre Haare bleichten, aber in ihren Augen glänzte die alte Jugend. Die Liebe verloderte und die Freund⸗ ſchaft am Altar ihrer Herzen nährte mit heiliger Hand ihr reines Veſtafeuer. Die Einſiedler im ſtillen Schloß zu Eishauſen berührten die ſtaat⸗ lichen und politiſchen Verhältniſſe des Landes, das ihnen nun ſeit einer Reihe von faſt zwanzig Jahren ein friedliches Aſyl geboten hatte, nur wenig, doch blieben ſie immerhin nicht ganz von dem damals ſtattfindenden Regierungswechſel unberührt; denn zu aller⸗ nächſt wußten ſie ja nicht, ob unter einer neuen Regierung ihnen das Aſyl, das nun nach ſo manchen widerſtrebenden Gefühlen, nach ſo manchem Kampf ihnen lieb geworden, belaſſen werde? Sie wußten nicht, ob eine neue Regierung nicht blos neu, ſondern nicht auch neugierig ſein werde. Aber auch von dieſer Seite wurde die zarteſte Rückſicht gegen den Grafen beobachtet. Ein ſo lange Jahre ſtill und unbe⸗ ſcholten geführtes Leben und die Wohlthaten, welche derſelbe nicht nur den Bewohnern von Eishauſen, ſondern auch den Armen der nahen Stadt erzeigte, waren zugleich ein entſcheidendes Gegengewicht gegen jede Verdächtigung. Viele glaubten und glauben es noch, der unbekannte Bewohner des Schloſſes zu Eishauſen habe ſchriftlich oder perſönlich dem neuen Landesherrn ſich entdeckt; dies geſchah jedoch nie, es wurde durchaus keine Enthüllung von Seiten des Grafen verlangt. Alles erfuhr der Graf, was im Dorfe, in der Gegend und in der Stadt ſich zutrug, während Dorf, Stadt und Umgegend von ihm noch eben ſo wenig wußten, als im erſten Jahre ſeiner Anweſen⸗ heit. Er hatte die ſchwere Kunſt verſtanden, die Leute zu nöthigen, ein ſtilles Geheimniß mitten im lauten Markt des Tages gewohnt zu werden. Eines Tages trat, von Niemanden geahnet, ein anderes — 444— großes Geheimniß, mit dem ſich nicht eine kleine Stadt oder ein kleines Dorf, ſondern mit dem ſich ganz Deutſchland, ja, die halbe Welt beſchäftigte, an das Eishäuſer Geheimniß epiſodiſch heran. Es war Sommer, die Blätter der Weiden rauſchten, über der Flur lag tiefes Schweigen. Ludwig und Sophie ſtanden an einem Fenſter und blickten nach dem Dorfe hinüber; der Klang eines Poſthorns erregte ihre Aufmerk⸗ ſamkeit. Bald darauf hörten ſie das Raſſeln eines Wagens, der im Dorfe anhielt. Eine Weile nachher erſchien auf dem Wege, der aus dem Dorfe nach dem Schloß führte, ein ſtattlicher, wohlbeleibter Mann im Reiſe⸗ rock, ſein Geſicht, voll und breit und lebhaft geröthet, drückte Wohl⸗ wollen aus; er nahm den Hut ab, da es ſehr warm war, und zeigte, daß er blondes Haar hatte, die Augen erſchienen klein, blau und klug. Der Begleiter war ein junger Menſch von unſicherer Haltung und ſchwankendem Gange; ſeine Züge hatten etwas Weiches, Unentwickeltes, er trug eine leichte Reiſemütze, und that dieſe jetzt gleichfalls ab; die Blicke, welche er auf die Umgebung warf, drückten eine ſonderbare Theilnahmloſigkeit aus, während die ſeines älteren Begleiters forſchend und faſt neugierig umherſahen; dieſe Blicke glitten ſichend an allen Fenſtern des Schloſſes hin, und hatten eine ungemeine Lebendigkeit. Die beiden Fremden blieben bald ſtehen, bald ſchritten ſie wieder eine kurze Strecke weiter nach dem Schloſſe zu. Soll dieſer Beſuch wohl uns gelten? fragte Sophie, welche ver⸗ ſchleiert am Fenſter ſtand, und nur hinter der grünen bemalten Gar⸗ dine verſtohlen hinabſchaute. Uns nicht, meine Liebe, aber unſerm Geheimniß! antwortete Ludwig. Wenn mich nicht Alles trügt, ſo kenne ich dieſen jungen Menſchen. Wie wäre das möglich? fragte Sophie ganz verwundert. Er ſcheint mir nicht älter als höchſtens achtzehn bis zwanzig Jahre zu ſein. In dieſem Zeitraume haſt du ja das Schloß nicht verlaſſen? Und dennoch ſah ich ihn ſchon, verſetzte der Graf, ſchritt in ſein Arbeitszimmer und kehrte alsbald aus demſelben mit einem Buche zurück, dem ein Bild vorangeſtellt war, welches dem jungen Menſchen vollkommen glich. Die Fr ſprechend, u Richungen nit ſtinen dem auch Sieh d Frundin. nißvoller fi Deutſchlan fremd hier, ir die güt Du ma den Erſta Ich du Dr jung dir erzhlt Schriften Das ſtürzt aus Derſel Gothaiſche Gauner n land für 3 bewußtſei jden Au Mnſch Mann i aus der uFr ſers auf liett, u fuls le ieſes e anbertre er ein kleines halbe Welt n. Es war ir lag tiefes hlicten nach hre Aufmerk⸗ ens, der im dem Dorfe 1in Reiſe⸗ ickte Wohl⸗ und zeigte, uund klug. altung und entwickeltes, ichfalls ob; e ſonderbar rs forſchend nd an allen ebendigkeit. wieder eine welche ver⸗ aten Gar⸗ ee Luduig. enſchen. dert. Er Juhr zu laſen tt in ſein m Buche Manſchen — 445— Die Fremden ſtanden noch unten. Der Herr deutete lebhaft ſprechend, und, wie es den Anſchein hatte, fragend, nach verſchiedenen Richtungen hin. Der junge Menſch folgte jeder dieſer Handbewegungen mit ſeinen Blicken, und machte häufig nicht nur mit dem Kopf, ſon⸗ dern auch mit den Händen entſchiedene Bewegungen des Verneinens. Sieh dir dieſen Jüngling recht genau an, ſprach Ludwig zur Freundin. Das iſt ein Menſch, deſſen Herkunft noch ungleich geheim⸗ nißvoller für die Welt iſt, als die unſere, er iſt das öffentliche Räthſel Deutſchlands. Sich, jetzt wenden ſie ſich, ſie gehen wieder, er iſt fremd hier, gehorſamer Diener, Herr Polizeirath! Wir bedanken uns für die gütige Aufmerkſamkeit! Reiſen Sie recht glücklich! Du machſt mich ſehr neugierig, Ludwig! rief Sophie mit ſteigen⸗ dem Erſtaunen. Ich durchſchaue Alles, gab ihr der Graf lächelnd zur Antwort. Der junge Menſch iſt der Findling Nürnbergs, deſſen Geſchichte ich dir erzählte, ſo weit mir dieſelbe aus den über ihn erſchienenen Schriften bekannt geworden iſt, es iſt Kaspar Hauſer. Das unglückliche Kind grauſamer Eltern? rief Sophie be⸗ ſtürzt aus. Derſelbe, ſprach Ludwig. Sein Begleiter und Führer war der Gothaiſche Polizeirath Eberhardt, der Schrecken aller Vagabunden und Gauner weit und breit, das hellſehendſte Wächterauge in ganz Deutſch⸗ land für die öffentliche Sicherheit. Ich denke mir dieſen Beſuch einfach ſo: Polizeirath Eberhardt möchte längſt gern wiſſen, wer ich bin, wer du biſt, ſeinem Polizei⸗ bewußtſein iſt es unerträglich, daß ein Menſch lebt, deſſen Paß nicht jeden Augenblick vor aller Augen dargelegt werden kann, daß ein Menſch lebt, deſſen Herkunft die Staatsregierung nicht kennt, und der Mann iſt ohne Zweifel in ſeinem vollen Rechte, ja ich ſchätze ihn aus der Ferne ſehr hoch. Sein Freund iſt der berühmte Rechtsgelehrte und Friminaliſt Anſelm Feuerbach zu Anspach, der ſich Kaspar Hau⸗ ſers auf das Eifrigſte angenommen hat und noch immer Alles auf⸗ bietet, um Spuren der Herkunft ſeines Schützlings aufzufinden. Jeden⸗ falls lenkte Eberhardt jenes Mannes Verdacht auch auf uns und dieſes Schloß, und daraufhin wurde Erſterem der arme Kaspar Hauſer anvertraut, um zu verſuchen, ob nicht beim Anblick der hieſigen Oert⸗ „ — 446— lichkeiten Jugenderinnerungen im Gemuthe des Jünglings wach würden? Denn wie nahe liegt der Gedanke eines Verdachts? Hier ein einſames und ſtilles Schloß, bewohnt von einem gänzlich von der Geſellſchaft getrennten Paare, über deſſen Herkunft die dichteſten Schleier gebreitet ſind. Könnte nicht hier jener unglückſelige Knabe geboren worden, nicht hier ſein Kerker geweſen ſein? Wehe uns, wenn der junge Menſch vielleicht durch Aehnlichkeiten dieſes Ortes mit ſeiner früheren Umgebung getäuſcht, Vermuthungen ausgeſprochen hätte, unſere Ruhe wäre dann auf das Aeußerſte bedroht. Der Himmel ſei geprieſen, daß ſie wieder fort ſind! ſprach Sophie und ſuchte des Freundes Beſorgniſſe zu zerſtreuen.— In das Publikum kamen immer neue Märchen über den geheim⸗ nißvollen Grafen. Was längſt geſichert erſchien, Ludwigs völlig un⸗ geſtörter Aufenthalt in Eishauſen, das wurde jetzt erſt als bedroht angeſehen und erregte Beſorgniß. Die Stadt und die dortige obere Behörde hätte nur ungern den Mann aus dem Lande ſcheiden ſehen, der fort und fort durch großmüthige Unterſtütung der Armen und Nothleidenden ſich kützlich und wohlwollend erwies, und beſchloß deß⸗ halb, dem Grafen ein ſichtbares Zeichen dankbarer Anerkennung zu geben. Sie verlieh ihm das Ehrenbürgerrecht der vormaligen Re⸗ ſidenzſtadt Hildburghauſen. Es konnte nicht, fehlen, daß dieſes Zeichen dankbarer Würdigung und Hochachtung ſeines Charakters Ludwig tief rührte und innig erfreute, und um ſo lieber blieb er nun in der ſtillen Häuslichkeit und in dem engen Kreiſe, den nun ſchon ſo lange und bis in das nahende Alter hinein um ihn und Sophie die traute Gewohnheit gezogen hatte. Um aber nicht blos Bürger der Stadt Hildburghauſen zu heißen, ſondern auch der That nach es zu ſein, erwarb er käuflich ein Wohnhaus in der Stadtnähe, mit einem an daſſelbe ſtoßenden Garten und ließ auch noch einen an dieſen angrenzenden Wieſengarten von einem dritten Beſitzer erkaufen. Bald umgab auch dieſes Haus der Zauber des Geheimnißvollen; hohe dichte Bretterumzäunungen friedigten das neue Beſitzthum, Hof und Gärten ein; Läden, welche ſtets verſchloſſen blieben, verwehrten das Erdgeſchoß gegen jeden zudringlichen Blick. Das Haus wurde völlig zur Wohnung eingerichtet und angemeſſen möblirt, auch ein neuer, höchſt eleganter Wagen wurde eigens von Frffut fehren So erſt von Bei dieſen die Mareiſt umittelba Meiningen ganz in d fernung v in dieſem fahren nah ter Bergge lichte zeigt Jahreszeit einer der Stadt wi auf die Lmndſchaf Holzarten driger ab thümlich dieſer All wanm un dt ſo mußte auf Ewe ihn inſ einen P Weiſe u vermocht dahet in danken e lich Ge der Gii die Glo ins wach wütden? ein einſanes tr Geſellſchſt lier gebreitt boren worden, in der junge einet früheren unſere Ruhe prach Eophie den geheim⸗ ſs völlih un⸗ als bedroht dortige obere cheiden ſehen, Armen und beſchloß deß⸗ nerkennung zu muligen Re⸗ „doß dieſts 3 Charakters hlieb er mn n mun ſchon und Sophie blos Bürget That nach tadtnähe, nit ch einen an zer einfen. elun hehe n, bef um vehrtn du ungmeſin Frankfurt verſchrieben und es erfolgten nun bisweilen heitre Spazier⸗ fahrten Sophiens und Ludwig's mit vier Poſtpferden, welche jedesmal erſt von Hildburghauſen nach Eishauſen gebracht werden mußten. Bei dieſen Fahrten wurde nie die Stadt berührt, indem ſich ein Weg, die Mareiſtraße genannt, in ziemlicher Entfernung um dieſelbe herumzog, unmittelbar in die von Coburg über Rodoch kommende und nach der Meiningen oder nach Römhild führende Straße einmündete, und zwar ganz in der Nähe des Dörſchens Walrabs, das ſich in geringer Ent⸗ fernung von dieſer Straße an eine bewaldete Thalrinne anlehnt. Auch in dieſem Dorfe erwarb der Graf ein Haus, und da ſich beim Heim⸗ fahren nahe dem Stadtberge oder eigentlich an demſelben ein umbuſch⸗ ter Berggarten mit Häuschen häufig in einem beſonders maleriſchen Lichte zeigte, ſo wurde auch dieſes käuflich erworben, um zu ſchöner Jahreszeit einen Ruheplatz daſelbſt zu haben. Dieſer Berggarten bot neben einer der ſchönſten Ausſichten auf die freundliche und wohlgebaute Stadt mit ihrem ſtattlichen ehemaligen Reſidenzſchloß und Hofgarten, auf die nahe vorbeiziehenden Straßen und auf die ganze friedliche Landſchaft, zugleich mancherlei Schattenſtellen unter vielen gemiſchten Holzarten, auch eine zwar nicht lange, doch tief ſchattende Allee nie⸗ driger aber ſtockſtämmiger Kaſtanienbäume, welche Ludwig ganz eigen⸗ thümlich anſprach, indem es ihm war, als habe er ſchon einmal in dieſer Allee gewandelt, aber er konnte ſich durchaus nicht beſinnen, wann und wo er eine ähnliche Hertlichkeit früher geſehen habe. Obſchon der Graf der Außenwelt ſtets rege Theilnahme widmete, ſo mußte er doch mehr und mehr wahrnehmen, wie Nichts Dauer hat auf Erden. Ohne der früheren Freunde zu gedenken, die der Tod ihm in ſo raſcher Folge entriſſen, hatte er auch im Laufe der Jahre einen Verluſt nach dem andern zu beklagen, deren jeder in ſeiner Weiſe unerſetzlich für ihn war. In des treuen Philipp's Fußtapfen vermochte ſchon kein neuer Diener einzutreten. Der Graf wurde daher immer ernſter, und es traten ihm nun zuweilen auch die Ge⸗ danken an das eigene Scheiden nah, als bald nach einander der red⸗ liche Geſchäftsführer und der ſo äußerſt gefällige hochgebildete Freund, der Geiſtliche des Dorfes ſtarb. Als zu ungewöhnlicher Frühſtunde die Glocken der Dorfkirche erklangen und den Tod des wackeren Pre⸗ digers verkündeten, ſtimmte ihn dieſes Geläute zur tiefſten Wehmuth. —= 448 Eine Thräne glänzte in ſeinen Augen und bewegt rief er aus: Wieder ein Band mit der Welt zerriſſen, und wohl das letzte! Faſt will mich bedünken, als lebe ich zu lang! Nicht blos, um in Hildburghauſen und deſſen Weichbild ſelbſt als Ehrenbürger Grundbeſitz zu haben, hatte der Graf Häuſer und Gärten käuflich erworben; mit treuer Sorge für die Menſchen, die ihr Leben an das ſeine geknüpft hatten und ihm es weihten, war er darauf bedacht, deren Loos ſicher zu ſtellen, falls ihm, vielleicht bald, der dunkle Genius nahen ſollte. Zumal Sophien gegenüber war es eine heilige Pflicht, vorſorglich zu handeln, ja ihm ſelbſt konnte der Tag noch kommen, wo er freiwillig oder durch Kündigung der Miethe das Schloß verließ, dann war es gut, ſogleich ein Beſitzthum zur Ver⸗ fügung zu haben; war doch ohnehin des Verwunderns darüber kein Ende, daß der Bewohner des ſtillen Schloſſes in demſelben wohnen blieb und jährlich 500 Gulden Miethe zahlte, während er ein recht geſchmackvoll, obſchon ohne Lurus eingerichtetes Haus mit großem Garten ſein Eigenthum nannte, und zumal in nächſter Nähe der Stadt, wo für den Verkehr mit der Poſt, mit Kaufleuten, mit dem Geſchäftsführer ſo ungleich größere Bequemlichkeiten ſich darboten, als auf einem anderthalb Stunden weit entlegenen Dorfe. Man hatte damit abermals einen Grund mehr gefunden, den Grafen als Son⸗ derling zu bezeichnen, aber unbekümmert um Wohl⸗ oder Uebelmeinen der Menge ſpann ſich das Leben im ſtillen Schloſſe geräuſchlos fort, unbewegt und doch voll innerer Bewegung. Das Jahr 1830 war ſchon herangekommen mit ſeinen wichtigen politiſchen Ereigniſſen, wie mußten dieſe die Einſiedler zu Eishauſen berühren und erſchüttern! Abermals brach in Frankreich ein Revo⸗ lutionsſturm los, bebte der Boden, brach der Königsthron jenes Grafen von Artvis, der als Karl X darauf ſaß, er brach durch die entſetzliche Wucht von vier leichten Papieren, von vier Ordonnanzen zuſammen. Es war eine Revolution, die ringsum ihren Wiederhall fand, einen Hall, der Viele erſchreckte und nachdenklich machte. Da kam ein Brief an von Sophiens Mutter, und nach dem Ein⸗ gange, welcher theilnehmende Fragen nach dem Ergehen der geliebten Einſiedlerin enthielt, ſchrieb die Prinzeſſin:„Wir Alle ſind außer uns, alle Ereigniſſe der Politik, welche jetzt die Aufmerkſamkeit von zunj Eltpa die ryublin Pelgin, Pol geſprungen durhh ein P lichte berüh Condé hat verrätheriſche An 29. Au Pourbon, 1 ſüühen Morg zfunden, un haupt gewäl aus der Ha Erhen nehm tſn Anſp Cophie! D wine letzte Leben verſt iſt zertrüm zerbrochen i Loß do Ruhe eines trgriffen w iniſche Hal ſolcer Hal ſicht ne Vir leben Ales ſch Du hi nit Sorg bon Nuue Lhat un wrwöhnt, mir nahe 6hie d. aus: Wieder el Iit vil ſ ſuh a t und Gärtn die ihr Leben ar er daruf war es eine nnte der Lag r Miethe das um zur Ver⸗ darüber kein lben wohnen et ein recht mit großem ter Nähe der tten, nit den darboten, als Man hatte en als Son⸗ Uebehneinen uſchlos ſort, nen wichtigen u Fishauſen hein Roo⸗ athron jens 1 durch die Ordonnanzen Liderhl hte. hdem Ein⸗ er gelrbtn ſi mßer ſunkit bon ganz Europa auf ſich lenken, denn nach allen Richtungen hin legt die republikaniſche Propaganda ihre Minen, und ſchon ſind deren in Belgien, Polen, in Italien und in verſchiedenen Theilen Deutſchlands geſprungen— alle dieſe Ereigniſſe, ſage ich, werden zurückgedrängt durch eine Begebenheit, welche uns zu allernächſt auf das Schmerz⸗ lichſte berührt und niederbeugt. Den letzten Stamm des Hauſes Condé hat der Tod gebrochen, und welch' ein Tod!— Ein ſchändlicher, verrätheriſcher, meuchelmörderiſcher Tod unter der ſchwärzeſten Maske! Am 29. Auguſt dieſes Jahres wurde Herzog Louis Henri Joſeph von Bourbon, Prinz von Condé, auf ſeinem Landſitz zu Chantilly am frühen Morgen in ſeinem Schlafzimmer an einem Fenſterkreuz erhängt gefunden, und die Schmach eines Selbſtmordes auf ſein unſchuldiges Haupt gewälzt. Schmerz und Zorn zugleich nehmen mir die Feder aus der Hand— des Herzogs Teſtament iſt eröffnet— lachende Erben nehmen das ungeheure Vermögen in Empfang und die gerech⸗ teſten Anſprüche Anderer werden mit Füßen getreten!— O, meine Sophie! Du bleibſt, was du bisher geweſen biſt, eine arme Waiſe, meine letzte Hoffnung, dir das Glück des Reichthums noch im irdiſchen Leben verſchaffen zu können, denn drüben bedürfen wir deſſen ja nicht, iſt zertrümmert, wie Helm und Schild dem Letzten ſeines Stammes zerbrochen in das Grab nachgeworfen wurden!“ Laß doch Alles dahin ſein, liebes Kind, ſprach Ludwig mit der Ruhe eines Weiſen zur Freundin, die von dieſer Nachricht auf das Tieſſte ergriffen wurde und in Thränen ausbrach; nur keine Thränen um irdiſche Habe, wahrlich, ſie iſt ſo köſtlicher Thränen nicht werth, zumal ſolcher Habe, die Andere beſaßen, nicht wir. Auch ich glaube hier nicht an einen Selbſtmord, möchte aber auch Niemanden verdächtigen. Wir leben wieder in einer böſen Zeit und können nicht wiſſen, wie Alles ſich geſtalten wird. Du biſt unwohl und regſt dich allzuſehr auf, ſagte Sophie, die mit Sorge wahrnahm, wie ihn alle dieſe Nachrichten immer wieder von Neuem erſchütterten.— Ja, meine Theure, ich fühle mich in der That unwohl, entgegnete der Graf. Die lange Ruhe hat mich verwöhnt, ſo Manches ſtürmt jetzt auf mich ein, ſo Manches tritt mir nahe, was mich ängſtlich und beſorgt macht. Dein Schickſal, Sophie— wenn ich dir entriſſen würde. . 29 O ſchweige, um Gottes Willen, ſchweige, beſter Ludwig! rief ſie abwehrend. Wozu verhüllen, was doch einmal geſchehen wird? fragte Ludwig und ſtreichelte ſanft ihre erbleichende Wangen. Wie lange noch, und wieder färbt der Herbſt die Blätter? Ein anderer Brief, den ich heute empfing, hat mich bis zum Krankſein erſchüttert. Was ich einſt voraus⸗ ſagte, es iſt geſchehen, meine jüngeren Verwandten, wenn ich ſie ſo nennen darf, treten auf zum Kampfe gerüſtet, und befehden einander in dieſem unſeligen Jahre mit der Feder, in offenen Druckſchriften, ſie tragen offen vor das Auge der Welt den Familienzwiſt, und die Kinder meines Vetters Johann Carl nennen die Kinder meines Vetters, des regierenden Herrn aus der Ehe mit Sara Gerdes Baſtarde, ſie ſelbſt eine Leibeigene— und ſo erfüllt ſich mir zur Strafe, zur furchtbaren Strafe mein eigener verhängnißvoller Fluch! Iſt das nicht ſchrecklich? Soll das nicht jedes Herz erſchüttern? Kaum traute ich meinen Augen, als ich die öffentliche Ankündigung dieſer Streit⸗ ſchriften in den Zeitungen las. Und du weißt, liebe Sophie, was Alles vorherging, wie der regierende Reichsgraf leiden mußte, und das gönn' ich ihm nicht!— Als Wilhelm Guſtav Friedrich durch die Alliirten im Jahr 1814 aus ſeiner Haft und Verbannung befreit war, ſequeſtrirte Oldenburg immer noch ſeine Güter, und es mußte erſt ein abermaliger Berliner Vergleich zu Stande kommen, zu welchem die Großmächte Oeſterreich, Preußen und Rußland die helfende Hand boten, daß ihm Kniphauſen wieder eingeräumt ward, daß er die Re⸗ gierung mit Landeshoheit wieder antreten, manches der früheren Rechte wieder zurückerhalten durfte. Aber um die Vermögensverhältniſſe, die ja nie glänzend waren, ſieht es betrübend aus, was mir am Herzen nagt wie eine Natter.— Bereits im Jahre 1827 hat der Graf ſeinem älteſten Sohne, Wilhelm Friedrich, das Fideicommiß der deutſchen Güter abgetreten und iſt nach England gegangen, wo er in London mit dem Rang eines großbritanniſchen General-Majors anſtändig lebt. Was aus dem Streite weiter werden ſoll, das wird die Zeit lehren! Möge die Stunde recht bald ſchlagen, in welcher die ſtreitenden Parteien den Frieden finden und die Verſöhnung! Aber das prophezeie ich, daß dieſe Zeit ſpät, ſehr ſpät kommen wird und erſt dann, wenn ich längſt von meinem ſtillen Schauplatz abgetreten bin, und die Perſonen —— uſtus Geſt min ſ un nar— ah geſihnt ſin ſichl bdarſ gehin laſſer nimmt ſie Adwie wyrde ihr ilte erſchr Köchin erſi Sophi des Krank halb wie i Wen Vohin g der Muß mungswe Ich ran ganzes L erſchüttn doß ich Die Firberz hoh, d Llie gl fort. immer Ferne, Dunke heller lich wie e 2 ſch d in ei nigl nie ſe te Lubwig und ch, und wieber den ich heute ſch einſt voraus⸗ renn ich ſie ſo ehben einander Dwäſchriften, zwiſt, und die eines Vetters, Baſtarde, ſie Strafe, zur Kaum traute dieſer Streit⸗ e Sophie, was en mußte, und Fribrich dunh annung befnit und es mußte n zu welchem belfende hund er die Rl⸗ iheren Rechte hilniſe, di ir an Herzen Gyf ſinen her deutſchen n in Lndon r nſini itd die Zit ie ſiunden 6 yryhiie n un ich ti Perſonen — unſeres Geſchlechts, mit denen ich lebte, längſt alle todt ſind. Möchte mein ſo unbeſonnener Fluch, der die dunkelſte That meines Lebens war— ach, ich lebe nur, um ihn zu bereuen!— dann mindeſtens geſühnt ſein, wenn ich ſelbſt der Sühnung vor dem ewigen Richter⸗ ſtuhl bedarf. Nie ſoll ein Menſch Verwünſchungen über ſeine Lippen gehen laſſen, denn es hört ſie eine dunkle dämoniſche Macht und nimmt ſie hohnlachend auf ihre ſchwarzen Schwingen. Ludwig war heftig aufgeregt, er legte ſich fiebernd nieder. Es wurde ihm in der Nacht ſo unwohl, daß er die Klingel zog. Sophie eilte erſchreckt aus ihrem Zimmer zu dem Kranken hinüber, auch die Köchin erſchien. Sophie weinte und wachte die ganze Nacht hindurch am Lager des Kranken. Dieſer blickte ſie lange ſchweigend an und ſprach dann halb wie im Fieber: Wenn ich nun dahingehe, was hat ſie dann, die arme Verlaſſene? Wohin geht ſie und wo bleibt ſie dann? Unkundig aller Verhältniſſe der Außenwelt— o wie unglücklich wird ſie ſein— o wie erbar⸗ mungswerth— und das iſt dann mein Werk, ich Unglückſeliger! Ich rang nach dem hohen Gute, ich errang es, weihte ihm mein ganzes Leben mit feierlichem Gelübde. Das Gelübde hab' ich un⸗ erſchütterlich gehalten, aber meine Eigenſucht hat nicht daran gedacht, daß ich vor ihr abgerufen werden könnte! Dieſe Betrachtungen marterten des Kranken Hirn bis zur heftigen Fieberglut, er fühlte ſich völlig machtlos und ſah im Fieber, wie eine hohr, dunkelverhüllte Geſtalt die arme Sophie, welche einer geknickten Lilie glich, auf ihre Arme nahm und ſie von hinnen trug, weit, weit fort. Immer ſah er ſie noch und vermochte ihr doch nicht zu folgen, immer weiter und weiter ſchritt jene Geſtalt in eine unermeßliche öde Ferne, wurde immer kleiner, endlich war ſie ſo weit, daß ſie mit dem Dunkel der Ferne verſchmolz, aber Sophiens Geſtalt ward immer heller und heller, je weiter ſie von ihm weggetragen wurde— end⸗ lich war auch ſie nicht mehr ſichtbar, ſondern leuchtete nur noch wie ein kleiner reiner Stern. Als der mit tödtlicher Sorge herangewachte Morgen erſchien, fühlte ſich der Graf beſſer, er ſank aus der verwirrten Welt der Phantaſieen in einen ruhigen Schlummer, doch mußte er noch mehrere Tage das 29 — 452— Bett hüten. Wie er wieder das Lager zu verlaſſen und zu ſchreiben im Stande war, erhielt der Geſchäftsführer einige Zeilen, mit zittern⸗ der Hand geſchrieben, die ihn, was nicht ſelten geſchah, zu einer Unterredung nach Eishauſen einluden. Mein Herr, ſprach der Graf, der ſeinen Beſuch in dem Zimmer empfing, welches zwiſchen dem Vorzimmer und dem Arbeitszimmer lag: ich war ſehr krank, aber ich habe eine Pflege, die über alles Lob erhaben iſt. Ich habe eine Gefährtin, die mir die ganze Welt, die ich gern entbehre, erſetzt. Aber die Mahnung aus dem Reich der Schatten, die jüngſt an mich gelangte, wie im Mittelalter ein Brief der verhüllten Fehme an einen Schuldigen— ſagte mir auch, wie viel ich jener treuen Liebe ſchulde. Helfen Sie mir, meine Pflicht zu thun, wie es den Landesgeſetzen gemäß iſt, doch ohne Weitläuftigkeiten; Sie wiſſen, daß ich dieſe nun einmal nicht liebe. Nur keine Gerichte! Nur keine Commiſſionen, Advocaten, Schreiber— nur das nicht! Ich werde mir erlauben, erwiederte der Geſchäftsführer, Eurer Gnaden gehorſamſt auseinanderzuſetzen, daß und wie— Schriftlich, lieber Herr, ſchriftlich, wenn ich bitten darf! unter⸗ brach ihn Ludwig. Ich bin noch ſo angegriffen— ich danke Ihnen und bleibe Ihnen im voraus verbunden. Am folgenden Tage ſchrieb dieſer Mann an den Grafen Folgen⸗ des:„Nach dem geſtrigen Beſuche, wo Euer Gnaden zum Erſten⸗ male der Dame erwähnten, hoffe ich Eurer Gnaden Wünſche richtig zu erkennen. Sie wünſchen Ihre hier belegenen Beſitzungen an eine Dame, deren Namen Hochdieſelben noch angeben werden, zu über⸗ tragen und dieſe als Eigenthümerin einzuſetzen, damit dieſe Dame, bei einer Abreiſe, oder Abweſenheit, oder dem Ableben von Euer Gnaden ſtets als ſolche verfügen und handeln kann. Dieſes wird ſich auf das Gültigſte und Kürzeſte leicht, vielleicht auch ohne die perſönliche Gegenwart von Gerichtsperſonen machen laſſen. Ich bin ſo frei, einen Entwurf zu einer zu treffenden derartigen Verfügung oder Ceſſion zu gnädigſter Anſicht und Prüfung beizulegen.“ „Die Form der Abtretung der erwähnten Grundſtücke an die Dame iſt dadurch leicht gefunden, wenn Euer Gnaden mich beauf⸗ tragen die alten Kayfbriefe an die Behörde zurückzugeben und einen neuen auf den Namen der Dame ausfertigen zu laſſen.“ Namen Petrffenhei In Be inzurichten, eine Schenk wirtig iſt „Atzter Rechtgülti Ueher dieſ in Gegenn O mei ſine Händ „Mein tollten er kommen d linnen d Diöpoſiti nur Nar perſon nehmen Gerichts gerichtlic dabei we dert kein Stetbef lichen( gbeugt. Die Ausfüh Es eine R Adnig gutet( on de in tie zu ſchriben nit zitett⸗ ſh, zu einer den Zimmer rbeitszimmer e übet alles ganze Velt, em Reich der ter ein Frif auch, wie e Pflicht zu äuftigkeiten; ne Gerichte! s nicht! threr, Eurer darf! unter⸗ danke Ihnen afen Folgen⸗ zum Erſtn⸗ inſche nicht ſtungen an n, zu über⸗ Dame, bei uer Gnaden ſch uf das perſtuliche fri, einen Geſſon zu de on die nich beuſ⸗ und einen —— Namen der Dame, Namen der Dame! rief der Graf in großer Betroffenheit. „In Betreff anderweiter Gegenſtände iſt keine andere gültige Form einzurichten, als die, daß Euer Gnaden in Gegenwart zweier Zeugen eine Schenkung unter den Lebenden machen, wobei die Dame gegen⸗ wärtig iſt und ſagt: Ich nehme dieſe Schenkung an.“ „Letzteres hat jedoch nach hieſigen Geſetzen nur Rechtskraft und Rechtsgültigkeit, wenn die Schenkung unter 300 Ducaten beträgt. Ueber dieſe Summe hinaus iſt die Schenkung nur gültig, wenn ſie in Gegenwart von Gerichtsperſonen geſchieht.“ O mein Himmel, wie wäre das möglich! ſtöhnte der Graf, und ſeine Hände zitterten. „Meine unmaßgebliche Meinung wäre dahin gerichtet, Hochdieſelben wollten erlauben, daß ein Aſſeſſor des hieſigen Stadtgerichts hinaus⸗ kommen dürfte, vor dem der ganze Actus für jetzt und alle Zukunft binnen drei Minuten zu beendigen wäre, indem ich Hochdero gnädige Dispoſitionen ſchon vorher zu Papier gebracht hätte, Euer Gnaden nur Namen und Daten ausfüllten und dieſe Schrift der Gerichts⸗ perſon dann mit den Worten übergäben: Dieſes iſt mein Wille, nehmen Sie denſelben zu Protocoll. Das Uebrige beſorgen dann die Gerichtsperſonen in einem andern Zimmer, und es wird dann das gerichtlich ausgefertigte Inſtrument zu Hochdero Unterſchrift vorgelegt; dabei werden, dafür ſtehe ich ein, Aſſeſſor und Secretair unaufgefor⸗ dert kein Wort ſprechen. Durch dieſen Act wird bei einem etwaigen Sterbefall die Verſiegelung überflüſſig gemacht und jeder obrigkeit⸗ lichen Einmiſchung in Hochdero beiderſeitige Hinterlaſſenſchaft vor⸗ gebeugt.—“ Dieſe Schenkung, ſo weit ſie Sophien betraf gelangte nie zur Ausführung, denn Jene kam nicht in den Fall, derſelben zu bedürfen. Es kam Alles ganz anders, als der Graf geglaubt hatte. Noch eine Reihe von Jahren blieben ſie in ihrer ſtillen Liebe vereinigt. Ludwig erfreute ſich, wenn auch bisweilen ſchwankender, doch im Ganzen guter Geſundheit, aber Sophiens zartes Wangenroth, das ſo ungeſehen von der Welt verblühte, wie eine ſchöne Blume im Hochgebirge oder in tiefer Waldeinſamkeit, wurde allmälig bleich, immer zarter und 454 durchſichtiger wurde ihre Haut, ihre Blicke aber leuchteten in einem noch höheren Glanze. Ein leiſes kurzes Hüſteln— der Anflug einer hohen Röthe auf den Wangen— das Alles ſagte genug und ließ ahnen, was kommen mußte. So viel wußte Ludwig aus Büchern, daß hier ärztliche Hülfe nichts mehr fromme, daß hier einzig Mittel der Linderung in Anwen⸗ dung kommen könnten, die milden Kräfte der Pflanzenwelt, das isländiſche Moos, die ſüßen Wurzeln der Quecke und Althea. So kam der November des Jahres 1837 herbei, dieſer ſchaurige Monat, der das letzte Laub von den Bäumen weht, der der Mutter Erde das Leichentuch zu weben beginnt. Ein unermeßlicher Schmerz zog durch des Grafen Seele. Das Le⸗ ben mit all ſeiner genoſſenen Süße lag hinter ihm und vor ihm lag der Tod in ſeiner holdeſten Geſtalt! Es war ein bitteres, tiefempfundenes Scheiden, doch ohne Schmerz, ohne Qual. Menſchen konnten das Weh dieſer Trennung nicht er⸗ meſſen, und Menſchen waren auch keine Zeugen derſelben. Da ſchluchzte keine weinende Dienerſchaft auf den Knien, da ſprach kein Prieſter Worte des Troſtes, wie bei Ottolinens Sterbelager, da kniete nur ein einziger weinender, alternder Mann, und hatte keinen Troſt, nicht für ſie, nicht für ſich. Ich ſterbe gern, flüſterte Sophie mit matter Stimme. Ich danke dir, mein Ludwig! Wie ich ſoviel, wie ich Alles dir danke— ſo danke ich dir auch noch für deine Treue— in dieſer letzten Stunde!— Vergiß deine arme Sophie nicht!— Du bleibſt nun allein— o trit wieder hinaus in die Welt— begrabe dich nicht länger in der Ab⸗ geſchiedenheit, denn nur um meinetwillen haſt du dich in dieſe Einſam⸗ keit zurückgezogen.— Ich habe viel entbehrt, was das Leben andern glücklicheren Menſchen bietet, aber ich habe dich gehabt, du haſt mich reich entſchädigt— und wir waren glücklich. Alles, was ich habe, gabſt du mir— Alles was ich bedurfte, warſt du mir— noch ein⸗ mal das altgewohnte Wort: mein Ludwig— ich danke dir! Bebend hielt der Graf die immer matter werdende zarte Geſtalt, die auf ihr Ruhebette hingegoſſen lag, in ſeinen Armen, er küßte noch ihre letzten Thränen an den langen dunkeln Wimpern auf. Die Sti uf zu ſchla brchenden A leß er ſe ſ ten dumpſe los zu Vod hert. Amt ſie einander Grafen!— Es war fulls geſche habeigeruf ohn Mach marterten und alle Tief verloren fand er ſo heilig hain, wi geſchaut, dort die er ihn a Wor da. Ke Theilnal indern mem ur Unt Wiſprü über Kiſter Veiſto mußte 8, ten in einen Anfug einer g und ließ rztliche Hülfe g in Anwen⸗ ſzenwelt, das lthea. eſer ſchurige v der Mutter r. Das Le⸗ vor ihm lag hne Schmerz, ung nicht er⸗ Da ſchluche kein Priſter a kniete nur Trſt nicht ih dane — ſo danke Stunde— — trit in der A⸗ irſe Gnſan⸗ eben andem haſt nith ic habe, — noch ein⸗ r! rte Giſul. tißte wi Die Stimme verſagte der Sterbenden— das reine Herz hörte auf zu ſchlagen, ihr Auge brach. Ludwig küßte ſeiner Verklärten die brechenden Augen zu, hielt ſie noch eine Weile in ſeinen Armen, dann ließ er ſie ſanft in die weichen Kiſſen niederſinken und ſtieß einen lau⸗ ten dumpfen Schrei des Schmerzes aus, indem er beſinnungs⸗ los zu Boden ſank. Der Tag war der fünfundzwanzigſte Novem⸗ ber. Am vierundzwanzigſten November war Ottoline geſtorben. Ob ſie einander droben begegneten, die beiden guten Genien des armen Grafen?— Es war vollbracht, und was noch zu vollbringen war, mußte gleich⸗ falls geſchehen. Ludwig ließ Alles durch die Bedienung und den ſchnell herbeigerufenen Geſchäftsführer beſorgen und anordnen. Er ſelbſt war ohne Macht, ohne Kraft, ohne Willen, faſt ohne Beſinnung. Ach, wie marterten und peinigten ihn die dringenden und doch nöthigen Fragen und alle die Anordnungen, die ſolch ein Trauerfall hervorruft! Tief verſenkt in ſtarres, ſchmerzliches Hinbrüten ſaß er da, ganz verloren in Erinnerungen an das ſelige Einſt, und jetzt— jetzt fand er auch mit Einemmale die Erinnerung wieder an das ſtille, ihm ſo heilige Grab, und an jene Schattenallee im hochgelegenen Berges⸗ hain, wie er letzteren einſt im Traume geſchaut, in Ottolinens Schloß geſchaut, und wie er— ſo wunderbar ihn ſelbſt beſaß.— Hier die Klauſe, dort die Grabeszelle! ſo ſtand der Gedanke feſt in ihm, und ſo führte er ihn auch aus. Wortkarg, zurückhaltender als je, einſam und allein ſtand der Graf da. Keines Freundes tröſtender Zuſpruch konnte ihn erreichen, keine Theilnahme ihn aufrichten. Willenlos ließ er geſchehen, was nicht zu ändern war, todtkrank weilte er beſtändig in ſeinem Zimmer, in ſtum⸗ mem und darum doppelt unſäglichem Schmerz. Und in dieſe ſchmerzliche Stille trat nun die Außenwelt mit ihren Anſprüchen, mit ihrer Allwiſſenheit; die Außenwelt, die da Buch führt über Leben und Sterben, über Sein oder Nichtſein. Des Ortes Küſter kam, vom Geiſtlichen entſendet, mit dem Kirchenbuche. Eine Verſtorbene, die lebend nie ſeiner Kirche bedurft, nie derſelben begehrt, mußte in das Kirchenbuch mit Namen und Datum, mit Jahr und Tag, mit Alter und Heimath eingetragen werden! Ludwig war in 456 ſeinem tiefen Schmerz kaum fähig, eine Antwort zu ertheilen auf die Frage nach dem Namen, nach dem Geburtsort. Sophie Botta! flüſterte er endlich ſeufzend.— Und woher?— Aus Weſt— Weſtbachen— Weſtbacherhof wollte er ſagen.— Sophie Botta aus Weſtphalen, ſchrieb der Küſter nieder. 12. Sterben und Erben. Die Schauer der Herbſtnacht wehten um den entblätterten Berg⸗ hain. Stille dunkle Geſtalten wandelten hinauf aus der Stadt, von Neugier getrieben, denn es war bekannt geworden, daß auf dem Schillersberg, ſo hieß dieſes Beſitzthum des Grafen, die Dame beige⸗ ſetzt werden ſolle, welche eine ſo lange Reihe von Jahren hindurch im Schloſſe zu Eishauſen gelebt und ſich den Blicken der Neugier nie, ja ſelbſt nicht einmal der vertrauten Dienerſchaft entſchleiert gezeigt hatte. Mild berührt vom Friedenskuſſe des Todesengels lag ſie in ih⸗ rem Sarge, den ein alter Tiſchler unter Thränen gezimmert hatte. Ein weißes Kleid von ſchwerem koſtbarem Atlas umwallte die zarte Geſtalt, ſie lag da wie ein Kind, mit lächelnden Zügen, man ſah ihr kein Alter an, ſie glich aber auch keiner Geſtorbenen, ſie glich dem Marmorbilde eines Ideals aus der Meiſterhand eines großen Künſtlers. Da war kein Zug von Schmerz und keine Spur von Erdenleid, da war nur Schlummer, ſanfter heiliger Schlummer. So lag ſie im offenen Sarge, an welchem Ludwig ſtand mit ſchmerzerfüllter, erſchütterter Seele, an welchem er einſam ſtand— o, ſo unermeßlich einſam!— Er barg manche theure Reliquie unter den Todtenkiſſen, eine Mitgift für das Grab, ein Geſchenk für die Verweſung, eine Speiſe für den Moder, zuletzt ein zerbröckelnder Fund für die, welche einſt, wenn ſie es vermögen, die heilige Aſche dieſer Verſtorbenen durchwühlen. Locken vom Haupte ihres ermordeten Va⸗ ters, ihrer ohnlängſt verſtorbenen Mutter, Locken von Angés, auch manchen w er damit, an Schtift rührten, b Hünden hie dos jetzt 1 ſchönen Ki befeſigt Noch wegung d ges über Dunke mr zurüch Leichenwag ſane Poli Lungſ ben mit Kein Die Fenſter Schimme der ſtille ſes wiede hoh zo wärts w Jetzt lag, die ſine hel die Aich nur noe nzuſcha nach.— Vo den Liel bon ein hobe kitheien auf nd woher!— er ſigen.— ſ tterten Berg⸗ Stadt, von aß auf den Dame beige⸗ hindurch im Neugier nie, hleiert gezeißt gſe in ih⸗ mnert hatte. lte die zarte man ſih ihr ſe glich dem nes großen Spur von mmer. ſind nit ſtand—0, untet den fir die nder Fund ſche biſer deten Vr⸗ ö uc 457 manchen werthvollen Schmuck, den ihr die Mutter gegeben. Was ſollte er damit, was ſollten Andere damit anfangen? Und Alles, was er an Schriften beſaß, die nur im Entfernteſten Sophiens Geheimniß be⸗ rührten, barg er gleichfalls unter ihrem Gewande. In den gefalteten Händen hielt ſie ein kleines Kruzifix aus Elfenbein vom höchſten Kunſtwerth; das jetzt braune Haar, welches einſt ſo reizend blond das Haupt des ſchönen Kindes umwallte, ſchmückte ein Kranz von weißen Immortellen, befeſtigt mit einer Nadel, die eine große Perle zierte. Noch einen Blick, einen langen, zärtlichen Blick, noch eine Be⸗ wegung des Segnens, dann legte Ludwig ſelbſt den Deckel des Sar⸗ ges über ſeine ſchöne Todte und wankte zur Klingel. Dunkele Männergeſtalten kamen herein, der Graf ging in ſein Zim⸗ mer zurück, unten ſtand ſchon Alles bereit, ſcharrende Pferde, der Leichenwagen, Laternenträger, die Todtenfrauen und eine große ſchweig⸗ ſame Volksmenge. Langſam rollte der Wagen von dannen, ſtille Männer und Kna⸗ ben mit Laternen ſchritten voran und zur Seite, Andere folgten. Keine Glocke erklang, kein Geiſtlicher folgte dem Sarge. Die Novembernacht war ſtill, es begann leiſe zu ſchneien. Am Fenſter ſtand der Graf und blickte mit thränenloſen Augen dem Schimmer nach, der ſich ſeinem Auge erſt eine Zeitlang entzog, als der ſtille Zug durch Steinfeld ſich bewegte, dann jenſeits dieſes Dor⸗ ſes wieder ſichtbar werdend, mehr und mehr zur Höhe emporſtieg. Hoch zogen ſich die Lichter, es war, als wenn irrende Sterne auf⸗ wärts wollten, hinauf zu den Bruderſternen am ewigen Himmel. Jetzt wußte es Ludwig, wer damals, als er in Fieberphantaſien lag, die dunkele Geſtalt geweſen war, die ſeine Lilie ihm entführte, ſeine helle Lilie, die zuletzt zum Sterne wurde; droben verſchwanden die Lichter über die Berghöhe, eines nach dem andern, jetzt war nur noch Eins ſichtbar— recht hell und wahrhaft wie ein Stern anzuſchauen, jetzt erloſch auch dieſes und war fort, den andern nach.— Wo der Weg zu Thal ſich ſenkt, an derſelben Stelle, die einſt den Liebenden einen reizenden Fernblick eröffnet und ſo manchen Traum von einer ſchönen liebverklärten Zukunft, da hielt der Leichenwagen, da hoben die Träger den Sarg herab, da ordnete ſich der kleine Zug, * — 458—— voran und hinter dem Sarge die Laternen tragenden Knaben, ſtill durch die dunkle Nacht, dem Berghain, dem Grabe zu. Ueber dem Berghaus war die öde, einſame Stätte, wo die Hülle der Tochter ſo hoher Ahnen, fern von ihrem Heimathlande, irdiſche Ruhe finden ſollte. Damit nicht noch um ihre Aſche die Lügenmäre ihr Geſpinnſt webe, hatte der Graf ausdrücklich geboten, den Sarg vor der Einſenkung noch einmal zu öffnen und Allen, die bei derſelben zugegen, nun das milde Angeſicht zu zeigen, das ſich ſo lange Jahre hindurch hinter dichtem Schleier verborgen gehalten hatte. Lautlos ſtanden Alle; da lag ſie im Silberglanze, im hellen Schein, die marmorbleiche ſchöne Leiche. Heimlich ſchauerte die Nacht. Thränen floſſen; leiſe ſchloß man den Sarg, und nun wurde dieſer hinabgeſenkt.— Schreckliche Tage nahten bald dem Grafen, Tage, wie er ſie nie durchlebt, nie geahnet hatte, denn nun kam ihm, was unvermeidlich kommen mußte, die Einmiſchung der Behörden. Es war nicht Alles formell hergegangen bei dieſem Begräbniß. Sophiens Hülle ruhte ſchon im kühlen Erdenſchvoße, als erſt Anzeige, und zwar die zufällige durch einen Kreisgerichtsdiener vom Ableben der geheimnißvollen Dame an die Gerichtsſtelle erfolgte. Dieſe for⸗ derte Bericht von der Verwaltungsbehörde und erhielt eine Aus⸗ kunft, die ſich über den Grafen nur wohlwollend äußerte; daß der⸗ ſelbe mit der Verſtorbenen ſeit länger denn 30 Jahren ruhig und geſchätzt im Lande gelebt, daß noch von keiner Seite her der geringſte Anſpruch oder eine Beſchwerde an und gegen ihn erhoben worden ſei, daß er viel Vermögen habe und ſich der Stadt und der Umgegend durch Nichts bemerkbar gemacht habe, als durch Wohlthun; es ſeien weder Kinder noch ſonſt Jemand da, die Anſprüche an die Nachlaſſenſchaft der Verſtorbenen zu erheben berechtigt ſeien. So viel Dank habe jedenfalls der Graf verdient, um ſchonend und zart be⸗ handelt zu werden, und ein Einſchreiten der Civilbehörde vor des Grafen Tode ſei wohl nicht rathſam, zumal derſelbe dem Verneh⸗ men nach eine bedeutende milde Stiftung für die Gegend beabſichtige, und eine unzarte Behandlung bei ſeiner Eigenthümlichkeit wohl nur vom entſchiedenſten Nachtheil ſein werde.— Dieſe wohlmeinenden MR— Worte eines Anſicten und verſagen. Das Geris benen an. Die ſchildern, doch eiſernen Ville ſichtbar, et wa rin führten d Nachlaß befan nen, wie von Vch als der Hinkerlaſſe führe den G vertreten. Welch e theils von S gen feinen die übrigen der Mode, u Fülle. Schn beſeſen, für Ringen ſchn Erſchinung Schöyfus ale goldene Hal Frutzierde Beanten ur nen buntſeit gſtitten B kleinen Soy Rgeben wo und infac in gunhn ſhaft u iht hinte ben, ſill die Hüll e, irdiſche Geſpinnſt inſenkung mun das ſch hinter nSchein, loß man r ſie nie ermeidlich zegrübniß. Anzeige, Ableben ieſe for⸗ ine Als⸗ daß der⸗ en mhi her det ethoben tund det gohlthunj e an die Eo biel zurt be⸗ vor des Peme⸗ abſchtig vohl nur neinenden — —59— Worte eines redlichen Beamten verfehlten die gehoffte Wirkung. Anſichten und Pflichten anderer Art ließen die gewünſchte Schonung verſagen. Das Gericht ordnete die Verſiegelung des Nachlaſſes der Verſtor⸗ benen an. Die Gefühle, die den Grafen hierbei bewegten, ſind nicht zu ſchildern, doch nie verließ ihn die Würde. Er fügte ſich ungern dem eiſernen Willen des Geſetzes, aber er fügte ſich. Er ſelbſt blieb un⸗ ſichtbar, er war krank; der Kammerdiener und eine alte treue Diene⸗ rin führten die Herren in die Zimmer, in welchen ſich Sophiens Nachlaß befand, und erklärten, daß dieſer Nachlaß von der Verſtorbe⸗ nen, wie von dem Grafen, der Dienerſchaft zugedacht ſei. Auch als die Perſonen des Gerichts wiederkamen, um zur Aufnahme der Hinterlaſſenſchaftsverzeichniſſe zu ſchreiten, mußte der Geſchäfts⸗ führer den Grafen, weil derſelbe krank und ſogar bettlägerig war, vertreten. Welch' ein Inventar!— Ueber ſiebenzig Oberröcke und Kleider, theils von Seide in allen Farben, theils von Mouſſelin und ſonſti⸗ gen feinen Kleiderſtoffen, gegen dreißig Shawls und Longſhawls, ohne die übrigen Halstücher, ebenſo viele Hüte nach den neueſten Formen der Mode, und in dieſem Verhältniß alles Uebrige in ſtaunenswerther Fülle. Schmuck fand ſich wenig, außer was Sophie als Kind ſchon beſeſſen, für wen hätte ſie ſich auch mit zahlreichen Ketten und Ringen ſchmücken ſollen? Sie ſelbſt, ihre ganze Liebe und liebliche Erſcheinung war ja der ſchönſte Schmuck, wie er aus der Idee des Schöpfers als Meiſterwerk hervorgegangen war; gleichwohl waren einige goldene Halsketten, waren Ringe, Armbänder und dergleichen äußere Frauenzierden vorhanden. Am Meiſten überraſchend aber war für die Beamten und Taxatoren die Menge baaren Geldes, die in verſchiede⸗ nen buntſeidenen und zum Theil mit Perlen oder mit Fiſchſchuppen geſtickten Börſen ſich vorfand. Jene Ducaten von theurer Hand, der kleinen Sophie damals in Doorwerth geſchenkt, ſie waren nicht aus⸗ gegeben worden, außerdem fanden ſich Friedrichsd'or, Kronen⸗, Species⸗ und einfache Thaler. Der Graf übernahm gegen Zahlung der Taxe den ganzen Nachlaß, und ließ ihn durch das Gericht ſeiner Diener⸗ ſchaft aushändigen; die Summe, welche er zahlte, wurde beim Ge⸗ richt hinterlegt, und von einer dringlichen Aufforderung, Namen, 460 Stand, Geburtsort und Alter der Verſtorbenen ganz genau anzugeben, um ſo mehr Umgang genommen, als der Graf dieſe Auskunft zu geben ſich entſchieden weigerte und feſt erklärte, ſofort das Land ver⸗ laſſen zu wollen, wenn die Behörde darauf beſtehen würde. Dieſelbe begnügte ſich daher mit den bereits erfolgten Angaben. Nach dieſen Stürmen lagerte ſich wieder die tiefſte Stille über das Schloß zu Eishauſen. Ludwig trauerte einſam hin, las viel und ſprach ſich oft mit ſchmerzlicher Rührung Goethe's Worte vor, die ſo ganz auf ihn, auf ſeine Stimmung, ſelbſt auf die Jahreszeit paßten: Du verſuchſt, o Sonne, vergebens Durch die düſt'ren Wolken zu ſcheinen, Der ganze Gewinn meines Lebens Iſt, ihren Verluſt zu beweinen. Die Poeſie war auch hier wieder die milde Tröſterin, die ihm, dem Trauernden, mit ihren ſanften Himmelsſchwingen Frieden in die Seele fächelte. Alles was Ludwig in verſchiedenen Schriften beziehungsweiſe auffand, merkte er an und ſchrieb es auch wohl ab. Faſt das einzige geiſtige Band mit der Außenwelt blieb ein Briefwechſel mit der Wittwe jenes zu Eishauſen verſtorbenen Pre⸗ digers, welche nach Hildburghauſen gezogen war, doch ſo, daß ſie jeden empfangenen Brief zurückgab. Auch dieſe Frau hat den Grafen nie geſprochen. Das Bedürfniß, ſich mitzutheilen, iſt allzumächtig in der Menſchenſeele, als daß auch der allerverſchloſſenſte Charakter ganz auf daſſelbe zu verzichten im Stande wäre. Aus Ludwig's wehmuthvollſter Zeit ergoß ſich ſeine Klage in den Worten:„Meine Lage wird immer unerträglicher; es iſt keine ge⸗ trennte Ehe; es iſt mehr: es iſt die Zerreißung eines zuſammen⸗ gewachſenen Geſchwiſterpaares, Eines kann nicht ohne das Andere fortleben.—— Ich lege mich öfters des Tages nieder, doch vergeb⸗ lich; die Schmerzen laſſen meinem Körper ſo wenig Ruhe, als die mich umgebenden Gegenſtände meinem Geiſt. Das Haus iſt wie verödet.“ Ja, öde war es außer ihm, in ihm. Selbſt jene Thiere, welche Sophie geliebt hatte, ſtarben ungeachtet ſorglichſter Pflege ſchnell nach einander; des Pachters Hund, den ſie oft aus dem Fenſter herab gütert hatt, lag et todt unter Als der Fri Gufen wehr dez ſimbit. Hier Wie war doch gehört hatte L großer Stidte, Stürme und wu — und zuletzt dunkelſchattende Grob hinabgeſen Rn, lles Hoff ſin Glüc. Alles hatte legiſch war ſe im ſtllen Web doch bisweilen durchrirßeln. Die Neig durch, di ihr Ame fiierte Geburtztag de ſtendete er ne ihn inmer no tölig in den d der Guf O min nit noch mit uf nich ni hier in Leide Rborrn iſ, uohltſſuller t aus A ſihu gu anzugeben, luckunſt zu s Lund ver⸗ . Angaben. Stille üler n, las viel Worte vor, ihn, den die Serle hungsweiſ hlieb ein enen Pre⸗ bi ſe en Grafen nichtig in akter ganz ge in den keine ge⸗ uſammen⸗ Ander vegeb⸗ glö die ſſt wie „welche ſhnell rhernb . Jhretzeit —— gefüttert hatte, heulte einige Tage und wimmerte, und eines Morgens lag er todt unter den Fenſtern des Schloſſes. Als der Frühling kam, die Auen neu ergrünten, da zog es den Grafen mehr denn einmal hin nach jenem Berggarten, nach jener Ein⸗ ſamkeit. Hier war die Stelle, die einſt ſein Jugendtraum ihm zeigte. Wie war doch dieſer Traum zur Wahrheit geworden! Geſehen und gehört hatte Ludwig lebensvolles Gewühl der Straßen und Märkte großer Städte, Waffenlärm der Heerlager, berghohe Meereswogen, Stürme und ruhige See— hohe Burgen und Schlöſſer, ſtille Thäler — und zuletzt— die Siedlerklauſe dort im ſtillen Schloß, hier die dunkelſchattende Kaſtanienallee— ein einſames Grab, und in dieſes Grab hinabgeſenkt alles Ringen und Streben, alles Jubeln und Ban⸗ gen, alles Hoffen und Fürchten eines langen Erdendaſeins— all' ſein Glück. Alles hatte ſich erfüllt, Alles— und er ſtand am Ziele. Sanft elegiſch war ſeine Stimmung, und ſie fand die verwandten Klänge im ſtillen Weben der Natur, durch deren hellſte, ſonnigſte Lenzespracht doch bisweilen Ahnungen wehen, die des Menſchen Herz mit Schauern durchrießeln. Die Neigung zum Wohlthun blieb ihm durch alle Jahre hin⸗ durch, die ihm noch zu leben vergönnt waren. Mit Geſchenken an Arme feierte er Sophiens Todestag, mit Geſchenken an Arme den Geburtstag des Landesherrn, ja, ſelbſt als Leonardus van der Valck ſpendete er noch Liebesgaben nach verſchiedenen Orten hin, von denen ihm immer noch Bitten zugingen. Auch Vincenz Martinus war nicht völlig in den Hintergrund getreten. Eine Stelle im letzten Briefe, den der Graf von ihm erhielt, lautete: „O mein geliebter Vetter! Wir werden alt, wie lange wollen wir noch mit einander Brieferwechſeln? Deine letzte geehrte Zuſchrift traf mich nicht mehr in Amſterdam, ich wohne ſeit Jahr und Tag hier in Leiden, allwo nach dem deutſchen Scherzwort der König David geboren iſt, vergleiche Pſalm 38, Vers 18. Allhie bin ich Pfarrer, wohlbeſtallter, und bete täglich auf das Allerfleißigſte zu den lieben Gottesheiligen auch für dich, geliebter Leonardus. Neues weiß ich dir aus Amſterdam nicht zu melden; daß dein alter Seekapitän Richart Fluit in der That und gegen menſchliches Vermuthen von —— — — 462 ſeiner alten Sibylla Nicodema wirklich einen Pelphin erzielt hat, ſchrieb ich dir wohl ſchon vorlängſt. Wir dachten damals oft an dich, als wir den kleinen Seekönig und Heiden tauften. Unſere Muhme Carolina Petronella, geborene Lippert, welche ſich an den Brauerei⸗ beſitzer Wirir verheirathet hatte, iſt nun auch ſchon lange eine „pedroefde weduwe“. Du rühmteſt mir einſtmals den ſinn⸗ und deutungsvollen Reichthum der deutſchen Sprache gegenüber der unſri⸗ gen. Nenne mir doch in der deutſchen Sprache ein Wort, mein Leonardus, darin ſich der Schmerz und die Klage und das Weinen einer Wittwe gewordenen Frau ſo ausgeprägt zeigte, wie im Worte Weduwe! das iſt: wee te wee! Weh zu Weh!— Unſere anderen Muhmen, Cornelia's Schweſtern, Helena und Chriſtina, können leider noch nicht in den traurigen Fall kommen, betrübte Wittwen zu werden, dieweil ſie noch immer ledigen Standes ſind. Ich habe ihnen drin⸗ gend gerathen, in ein Kloſter zu gehen, aber ſie wollen nicht.“ „Helena Maria und Chriſtina Theodora gleichen zwei alten Latten; wenn ſie neben einander gehen, muß ich immer an die Säulen des Herkules denken, oder an ein römiſches Jugum, nur Schade, daß Nie⸗ mand Neigung trägt, ſeinen Nacken jemals unter dieſe antike Reliquien zu beugen, noch viel weniger, ſie anzubeten. Im Vertrauen, geliebter Vetter— dir darf ich es ſagen— ich habe niemals viel auf Reliquien⸗ dienſt gegeben. Dabei fallen mir alle meine alten Sünden— nicht doch, wollte ſagen: meine alten Tanten in Bochlio, zu Herz⸗ berg und zu Dahme ein, die ſich vordeſſen auf deines wohlſeligen Herrn Vaters Erbtheil ſpitzten, aber vergeblich. Jene deutſchen Falken, die für ihr Leben gern Valcken ſein möchten, warten auch auf deinen Tod. Thue ihnen aber ja nicht den Gefallen, bald zu ſterben, ſondern laß' ſie zappeln!“ „Ach, Leonarde! die Welt iſt verderbt, ich ſehne mich nach Ruhe. Ich habe das ewige Predigen, Beichtehören, Meſſeleſen und was d'rum und d'ran hängt, von ganzem Herzen ſatt. Kein glücklicherer Menſch auf Erden als ein Paſtor emeritus. Das Loos eines gut⸗ penſionirten Emeriti ſcheint mir viel beneidenswerther, als das eines Eremitä. Ach, wer doch ſchon ein Emeritus wäre! Nun ich hoffe, in einigen Jahren mich melden zu dürfen; hoffentlich bleibe ich noch ſo lange friſch und kräftig, daß ich mein Penſiönchen mit Behagen vertzehren kan. ſie hat ſich und Licht miner A du der Eremite daß ich baldig deinen unwand Ludnigs Humor, doch hilten, wenn nit ſchem Na er Muches be Vill, daß e die hülle, un hehn, den S den alle W wahren Nam Neugierigen inzigen ſalſ ſchin, gleich Es war die Sondenn ſo manches geſchehen, der Manchen, hint glaube uben ſoll wurden, ihre ja in Zukut ut und w Sorglic in, wie je Brije jcho nichtte Oefter etzielt hat, oft an dich ſere Muhne n Brauetei⸗ lange eine n ſinn⸗ und r der unſti⸗ Wort, mein das Weinen e im Vorte ere anberen nnen leider zu werden, ihnen drin⸗ ht.“ lten Latten; Säulen des e, daß Nie⸗ Religuien zu n geliebter Religuien⸗ n— nicht zu Hen⸗ wohlſelihen hen Falken, uf deinen en, ſondem nuch Ruhe. und was glicliert ines gut⸗ das eines nich hft, e ich noch Vehagen — verzehren kann. Der heiligen Ottilia werde ich nichts mehr zuwenden, ſie hat ſich undankbar gegen mich erzeigt, ich nehme wahr, daß das Licht meiner Augen leidet. Nun lebe wohl, Leonarde; ſei und bleibe du der Eremita, und hilf mir zu allen heiligen Einſiedlern beten, daß ich baldigſt als ein wohlverdienter Emeritus mich nennen darf deinen unwandelbaren Vetter und Freund Vincentius Martinus van der Valck, Paſtor an Sanct Agatha in Leiden. Ludwigs trüber Ernſt ſtimmte ſchlecht zu dieſem ungeiſtlichen Humor, doch konnte er ſich eines wehmüthigen Lächelns nicht ent⸗ halten, wenn er daran dachte, was Alles nach ſeinem Dahinſcheiden mit ſeinem Nachlaß vorgenommen werden würde, und wie und wohin er Manches bergen ſolle. Denn das war ſein entſchiedener und feſter Wille, daß er die Spuren ſeines Daſeins vernichten wolle, daß er die Hülle, unter der er hier ſo lange Jahre verborgen gelebt, nicht heben, den Schleier nicht lüften wolle. Der abgeſchmackte Name, mit dem alle Welt ihn nannte, war ihm lieb geworden, weil er den wahren Namen verbergen half; keine Seele von allen den tauſend Neugierigen dachte an das Ei des Columbus, dachte je daran, einen einzigen ſalſchen Buchſtaben wegzuwerfen und den richtigen einzu⸗ ſetzen, gleich einem Zahn zum Zerbeißen der Nuß des Geheimniſſes. Es war für ihn eine eigenthümliche ſchmerzliche Beſchäftigung, die Sonderung ſeiner Briefſchaften vorzunehmen; es that ihm weh, ſo manches theure Blatt den Flammen zu opfern, aber es mußte geſchehen, denn ungelöst ſollte das Räthſel ſeines Lebens bleiben. Die Menſchen, ſprach er einſt in einer ſolchen ſtillen Opferſtunde vor ſich hin: glauben Alles, was ſie glauben wollen, und nie das, was ſie glauben ſollen. Wenn ich todt bin, werden ſie dennoch nicht müde werden, ihre Fabeln über den Grafen Vavel fortzuſpinnen, und ſollte ja in Zukunft irgend Einem vergönnt ſein, den Nachkommen zu ſagen, wer und woher ich war, ſo werden ſie es ihm doch nicht glauben. Sorglich ordnete Ludwig alle Papiere, die von Leonardus herrühr⸗ ten, wie jene Briefe von Angés an ſeinen liebſten Freund. Die Briefe jedoch, welche Leonardus und Angés an ihn geſchrieben hatten, vernichtete er. Oefter als früher nöthigte ihn jetzt Krankheit, bisweilen nach — 464— einem Arzte zu ſenden. Dieſer verſtändige Mann zeigte ſich menſch⸗ lich theilnehmend, nicht neugierig, und ſo geſchah es, daß es wohl zu⸗ weilen im Laufe raſcher und geiſtvoller Geſpräche ſchien, als wolle der Graf ſich ihm mittheilen, doch häufig unterbrach er ſich dann plötzlich ſelbſt und ſprang ſchnell auf einen andern Gegenſtand über. Das Alter macht geſchwätzig, ich merke, daß ich in die Jahre komme, äußerte er ſich einſt bei einem ſolchen Beſuche, da er den Arzt im Bette liegend empfangen mußte. Ich werde mittheilſam, das iſt ein Zeichen meines herannahenden Todes; denn wenn es mit dem Menſchen abwärts geht, ändern ſich in ihm Neigungen und Gewohn⸗ heiten. Daher das Sprichwort, wenn ein als geizig bekannter und vertrauter Mann anfängt zu verſchenken: es iſt vor ſeinem Tode. Sie haben ſich allzuſehr zurückgezogen, Herr Graf! ſprach der Arzt. Es war nicht gut, nicht heilſam. Der Menſch gehört zum Menſchen, auch der Geiſtreichſte kann ſich nicht immer ſelbſt genügen: ja, er wird leicht durch fortgeſetztes Abſperren von der Menſchenwelt einſeikig, ſchroff und heftig. Sie mögen Recht haben, Herr Doctor! erwiederte der Graf. Ich taugte aber nicht unter die Menſchen, ich bin eine reizbare Natur, von Jugend auf heftig geartet, vielleicht Folge eines Mangels an richtiger Erziehung. Meine ganze Jugendzeit verfloß in einſamen Schlöſſern, und da ſah ich wenig von der Welt. Als ich in dieſelbe eintrat, fand ich die Zeit zu bewegt, die Elemente zu gährend, ſo daß ich nicht zur Klarheit über mich ſelbſt gelangen konnte. Ich ward in eine Strömung hineingeriſſen; eigenthümliche Verhältniſſe ſchlangen Bande um mich, denen ich mich nicht entringen konnte und nicht wollte; ſonſt habe ich zu andern Zeiten wohl gezeigt, daß der Menſch kann, was er will, wenn er will, was er kann. Gewiß reisten Euer Gnaden viel? fragte der Arzt. Nun ja, ich ſah Einiges von fremden Ländern, zum Beiſpiel von Hol⸗ land, Frankreich, England, Deutſchland und Rußland, weiter kam ich nicht. Nach einer Weile ſagte der Arzt: Ihr Leben, Herr Graf, war gewiß ein vielfach bewegtes, und die leſende Welt würde es Ihnen Dank wiſſen, wenn Sie derſelben Ihre Memoiren überliefern oder ſie ihr doch dermaleinſt hinterlaſſen wollten. Mein Dermaleinſt liegt gar nicht mehr ſo fern, Herr Ober⸗ Mdicinal von Kiche Kiüche Nun, mit Ironi habe mir Herr Dor wie Rece die Recep zettel ver Sie ſ Ih beabſi Ein ſ ſein, verſe gegeben, ſchmetzlich verſchloſſ mine m zublühte, es nicht, über All nen nicht Dos Wort. ſchwer. Wo und der meine, kein G Meinen De Vint uh beſtell Notay mir n D —— ſch menſc⸗ Medieinalrath! Memoiren ſagen Sie? Nichts. Eine Sammlung 6 wohl von Küchenzetteln, das ſind meine Memoiren. wolle der. Küchenzettel? fragte der Arzt verwundert. nn plötzlich Nun, könnte ich nicht ein gelernter Koch ſein? fragte der Graf mit Ironie zurück. Entweder habe ich mir ſelbſt gekocht, oder ich die Jahre habe mir kochen laſſen, es gibt keinen Mittelweg. Meinen Sie nicht, da er den Herr Doctor, daß Küchenzettel ein ſchöneres Album bilden könnten, ilſum, das wie Recepte? Jedenfalls ſtehen ſie vor dieſen in erſter Reihe, denn mit dem die Recepte entſtehen meiſt nur, um das zu corrigiren, was die Küchen⸗ Geh zettel verdorben haben. antrr und Sie ſcherzen, um abzulenken, Herr Graf! entgegnete der Arzt. Tode. Ich beabſichtige nicht, Ihnen Geheimniſſe zu entlocken. prach der Ein ſolches Bemühen würde auch das Vergeblichſte von der Welt ehört zum ſein, verſetzte Ludwig. Ich habe den Leuten das Räthſel nicht auf⸗ gnügn: gegeben, um es in einer ſchwachen Stunde ſelbſt zu löſen. Der nſchenwelt ſchmerzlichſte Verluſt, den ich erlitt, machte mein Gemüth nur noch verſchloſſener, mein Schweigen nur um ſo tiefer. Gern hätte ich, als Graf. Jh meine unvergeßliche Freundin dem Grabe— nicht zuwelkte, ſondern e Nanr, zublühte, Sie rufen laſſen, Herr Medicinalrath, aber ſie wollte ngels an es nicht, und ſie war ja die Herrin, meine angebetete Herrin, und inſamn über Alles, was mein war. Sie wollte es nicht, ſie wollte von Ih⸗ in diſelbe nen nicht das Opfer. n ſo be Das Opfer des Schweigens? fiel der Arzt dem Grafen in das ud in eine Wort. Ein ſolches Opfer wird dem Manne meines Standes nicht n Lmne ſchwer. Schweigen iſt unſere erſte Pflicht. tt nolle; Wohl jedem Ihrer Collegen, der ſo denkt! ſtimmte ihm Ludwig bei: und der anvertraute Geheimniſſe treu im Buſen bewahrt. Aber ich nſch lonn, n meine, angenehmer, leichter und froher lebe ſich's doch, wenn ein Menſch keine Geheimniſſe zu bewahren hat und von ſolchen unbelaſtet bleibt? Meinen Sie nicht auch ſo? 5 3* Der Arzt lächelte und ſchwieg; ſein heller Geiſt verſtand den Wink ſehr gut.— Ludwig ſprach weiter: Ich ſollte, und gewiß iſt das uf, 6 auch Ihre Meinung, eigentlich darauf bedacht nehmen, mein Haus zu 2 beſtellen. Ich ſollte, was man ſo nennt, teſtiren, nicht wahr? Vor m tr Notaren und Actuaren, vor Zeugen und Zöpfen? Aber das fällt Ete mir nicht ein! Wenn ich meine Augen ſchließe, ſo hören meine Geld⸗ m* D. B. III. 30 — 466— quellen auf zu fließen, das iſt längſt ſo geordnet. Meine Diener⸗ ſchaft wird nicht unbedacht bleiben, verſpricht ſie ſich aber goldene Berge und Cröſusſchätze, ſo iſt ſie im Irrthum. Was ich in der Nähe der Stadt beſitze, das Haus, die Gärten, das Huus in Walrabs, der Berggarten mit meinem theuren Grabe, das ich gepflegt wiſſen will neben dem meinen, ſoll Alles in treue Dienerhände fallen. Zu meiner hieſigen Verlaſſenſchaft werden ſich lachende Erben melden, Einer davon beſonders wird am Meiſten lachen, er iſt ein geiſtlicher Herr katholiſchen Glaubens. Sie ſind katholiſch? entfuhr dem Munde des Arztes die Frage. Ludwig lächelte. Wer fragt danach? Ich bin, der ich bin, und bin, der ich nicht bin.* Mit dieſer apokalyptiſchen Wendung ſchnitt der Graf die fernere Unterredung ab, und indem er in ein ernſtes Nachſinnen verſank, ward ihm ſo recht die Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdiſchen, das ſo tau⸗ ſendfach vergebliche Ringen und Streben, Mühen und Abquälen der Menſchen in innerſter Seele klar.— Dort lag das Tagebuch der Ahn⸗ frau ſeines Hauſes, der gebornen Herzogin de la Tremouille; er griff mechaniſch nach demſelben und ſprach, indem er es aufſchlug, gedankenvoll vor ſich hin: Wie ſich doch die Kettenglieder der Leben⸗ den aneinander reihen von uralten Zeiten her. Welche Stofffülle! Und ſo ganz begraben, ſo ganz vergeſſen zu ſein!— Auch hier iſt ge⸗ ſchildert, was ſich ewig erneut im ſteten Wechſel und im Laufe der Jahrhunderte, der Herzen unruhvolles Klopfen, der Liebe Kampf und Ringen. Meine Großmutter gab mir dies Buch— und ich— habe keinen Enkel, dem ich es hinterlaſſen könnte. Die Großmutter meiner Großmutter ſchrieb dies Buch, und dieſe erzählte nun wieder von ihrer Großmutter. Welch' eine Kette von Lebenden, die alle zum ewigen Schlummer ſich niederlegten!— Wie beginnt die alte Dame? „Die kurze Dauer des menſchlichen Lebens und die Ungewißheit der Zeit des Todes hat mich den Entſchluß faſſen laſſen, meinen Le⸗ benslauf aufzuzeichnen, weil derſelbe ungewöhnlich genug geweſen iſt, ſo daß ich in ihm ſichtlich die wunderbare Leitung Gottes erkannt habe, welche Alles zu meiner eigenen Genugthuung gewandt hat.“ Ja, ja— die Ungewißheit der Zeit des Todes! murmelte der Graf vor ſich hin. Selten kommen die Menſchen zeitig zu den rech⸗ —— zn Eiſchl Grund wa geliebten G uufzeichnen „h ſtn meine ] nach der alten. Iq getauft un neur von 2 helm VI. war, außer Heſen O Naſſu m Herpain v von Derbh zogin Eleo lotte von! und Made meiner Gr des regier Welch eines klein ich mine lhaftig ihres alt gen über „Me meiner( ſdenz de Stanisle ne Diener⸗ er goldene ch in der Valrabs, egt wiſen Ulen. Zu n melden, geiſtlicher ie Frage. bin, und femere nk, wed ſo tar⸗ älen der der Ahn⸗ uille; er uſiu, r Leben⸗ offülle! et iſt ge⸗ aufe der mpf und — habe rmeinet nihrer newigen enihit inen L⸗ ſen ſſt, nt habe, elte der en rech⸗ 467 ten Entſchlüſſen. Dieſe Frau hat es über ſich vermocht. Aber ihr Grund war auch ein gerechter; ſie ſchrieb, was ſie ſchrieb, für einen geliebten Sohn. Für wen ſollte ich die Ereigniſſe meines Lebens aufzeichnen? „Ich beginne dies,“ ſchrieb ſie:„im Jahre 1682, im einunddreißig⸗ ſten meines Lebens, im erſten des deinigen.“ „Ich bin geboren zu Thouars, Mittwoch den 3. Januar 1652, nach der neuen Zeitrechnung, und den 25. December 1651, nach der alten. Ich wurde im Schloſſe*) von Herrn Chabrolle am 12. März getauft und Charlotte Amalie genannt. Herr von St. Cyr, Gouver⸗ neur von Thouars, vertrat meinen Pathen, welcher der Landgraf Wil⸗ helm VI. von Heſſen, Bruder meiner Frau Mutter, Emilie von Heſſen war, außerdem waren Herr von Turenne, Herr Landgraf Friedrich von Heſſen(Oheim des regierenden Landgrafen), und Graf Moritz von Naſſau meine männlichen Pathen; meine Pathinnen waren die Frau Herzogin von Zweibrücken, Aebtiſſin von Herfort, die Gräfin Charlotte von Derby**), geborene Herzogin de la Tremouille, die Frau Her⸗ zogin Eleonore Dorothea zu Sachſen⸗Weimar, die Frau Kurfürſtin Char⸗ lotte von der Pfalz, Tochter des Landgrafen Wilhelm V. zu Heſſen, und Mademoiſelle de Bouillon. Den Namen Amalie empfing ich von meiner Großmutter, der Frau Landgräfin Amalie Eliſabeth, Gemahlin des regierenden Landgrafen Wilhelm V. zu Heſſen⸗Caſſel.“ Welch ein Kranz glorreicher und ſtrahlender Namen um die Wiege eines kleinen Mädchens! rief Ludwig aus. Iſt mir doch als erblickte ich meine gute Großmutter, die ſo bewandert war in der Genealogie, leibhaftig vor mir, und hörte ſie den Ruhm und die Verbindungen ihres alten Hauſes verkünden! Wie oft mag ſie mit ſtillem Vergnü⸗ gen über dieſem intereſſanten Buche geſeſſen haben! „Meine Frau Mutter ließ mich im Schloſſe bei der Herzogin meiner Großmutter, die mich als einzige Tochter adoptirte und für *) Thouars an der Thoye hat ein ſchönes Bergſchloß, die ehemalige Re⸗ ſidenz der Herzoge de la Tremouille. ) Die hochherzige Wittwe des 1651 zu Bolton enthaupteten Jakob Stanislaus, Grafen von Derby. 468 meine Erziehung und meine Bedürfniſſe zu ſorgen verſprach, was ſie auch mit der äußerſten Zärtlichkeit faſt dreizehn Jahre lang that, und mich gründlich verzog. Ich wurde ein ſo halsſtarriges und eigenſin⸗ niges Kind, daß eine minder geduldige und zärtliche Dame, als es tunde Ger meine Großmutter für mich war, meine Unarten gewiß nicht ertragen dem andei haben würde.“ Quittunge Es geht ein eigenthümlicher Grundzug durch die Generationen, ſprach er ſprach Ludwig, als er dies geleſen hatte. Häufig tritt zwiſchen Groß⸗ meinen eltern und Enkeln mehr Aehnlichkeit der Geſichtsbildung, ja ſelbſt des Leben ab, Charakters, als zwiſchen Eltern und Kindern hervor, auch häufig mehr Liebe der Großeltern zu den Kindern ihrer Kinder, als dieſen von den Auch erſiumte war, die Eines Dien Eltern zu Theil wird. So wäre zuletzt die oft halsſtarrige Feſtigkeit 35 und Härte im Charakter meiner guten Großmutter zum Theil nur ein mimele Erbe der ihrigen geweſen? Welch' ein eigenthümlicher Reiz liegt in knn Mn dieſem alten Buche— ein ſo langes, vielbewegtes Leben,— es wäre ein. Uche Unrecht von mir, dieſes Buch, ſo wie jene Tagebuchbruchſtücke meiner m Großmutter der Vernichtung Preis zu geben— aber wem ſoll ich ſie anvertrauen? Meinen Vetter Wilhelm Guſtav Friedrich deckt ſeit 1835 ia ber e die Gruft, William, der Vice⸗Admiral, ſtarb ſchon 1813. Ihre Kin⸗ ſih— der kenne ich nicht, ſtehe ihnen fern, bin ihnen fremd, wer weiß, ob ſch Eines von ihnen durch dieſe Gabe erfreut würde! Auch für Leonardus nie tie A Erben kann ſie nicht den mindeſten Werth haben, dieſe Holländer wä⸗ Der 4 ren im Stande, Häringe in die Papiere zu wickeln, welche die Ge⸗ Stdt un ſchichten einſt glühender Herzen enthalten!— Der Einzige, Vincentius ſtunnte. 1 Martinus, der vielleicht dieſe Blätter würdigte, leidet an Geſichts⸗ warten we ſchwäche, die heilige Ottilia rächt ſich an ihrem Kirchlein, weil er ihr, öfneten wie ich große Urſache zu glauben habe, meine anſehnliche Schenkung 6f entzogen und ſie für ſich ſelber behalten hat. Da würden dieſe altfran⸗ ihr un zöſiſch geſchriebenen Blätter ihm nur Mühe machen, ſie zu entziffern. Vetge n Am Beſten, ich überlaſſe es ganz dem Zufall, daß dieſer ſie in eine barg, den Hand bringe, die ſie dereinſt zu ſchätzen und zu überſetzen weiß. die Ludwig blätterte wieder in dem alten Bande, viel des Anziehenden ſenktun enthielt er noch, eine reiche Stofffülle für Geſchichte damaligen Hof⸗ lebens und perſönlicher Verhältniſſe der weitverzweigten Verwandtſchaft des alten reichsgräflichen Geſchlechts, endlich legte er das Buch zur 5 Seite und ſagte, ſonderbar bewegt: Es iſt ein Grabſtei. ſ — 469 ws ſe Auch ſein Ziel war nahe, näher als er ſelbſt glaubte; gleichwohl th, und verſäumte er nicht, Alles vollends zu vernichten, was noch zu vernichten eigen war, die Briefe der Großmutter, die Briefe und die Schenkungsur⸗ , als es kunde Georginens, ſeine früheren Reiſepäſſe, ein Flammenopfer nach tethn dem anderen; ferner Leonardus' Teſtament und Schenkungen, alle Quittungen, alle Dankſagungen.— Alter Adrianus van der Valck! etinen, ſprach er ſinnend: Du, der mich rechnen lehrte, was ſagſt du zu en Grß⸗ meinem Rechnungsabſchluß? Subtraction! Der Tod zieht mir das ſelbſt bes Leben ab, das iſt das Facit meiner Rechnung. iig nehr Eines Tages wollte er noch ſchreiben, aber die Hand verſagte ihm den on den Dienſt. Der jüngere Diener ward herbeigerufen, der Herr wollte Fſigeit dictiren, aber er vermochte es nicht, er fühlte ſich zu ſchwach dazu, und mr ein murmelte nur: O weh! daß ich doch zu keinem Entſchluß kommen liegt in kann! Nun denn— mag es ſein! Noch einige unzuſammenhängende Phantaſien von Teſtamenten— von einer Dame, die aus weiter Ferne kommen werde— von einem Bru⸗ l ich ſe. der, der ermordet worden— von einer Schweſter, die ihm entgegen⸗ it 1835 ſtrahle— von Engeln, die ſeiner harrten— und die Seele Ludwig's hr Fin⸗ löste ſich leiſe los vom Erdenſtaube. Er war„auf dem Sopha“— viß, ob wie die Acten lauteten„ſanft eingeſchlafen.“ nu Der Tod des geheimnißvollen Grafen war ein Ereigniß, das lange Stadt und Land bewegte und allgemein die Neugier auf's Höchſte . ſpannte. Nun endlich mußte doch Alles offenbar werden! Gegen Er⸗ warten ward aber Nichts offenbar. Die Gerichte kamen, verſiegelten, öffneten und inventirten den Nachlaß. Es fand ſich kein Teſtament. Die Dienerſchaft erzählte, daß fu⸗ ihr entſchlafener Herr ſtets den Wunſch ausgeſprochen habe, in ſeinem Berge neben jenem Grabe beerdigt zu werden, das ſein Theuerſtes barg, denn in der Schenkungsurkunde des Berggartens an den Einen i der Diener ſtand die Bedingung:„Das oder die Gräber in dem ge⸗ .„ ſchenkten Garten ſtets zu pflegen und zu bewachen.“ cherden Ludwig wurde nicht neben Sophien zur Erde beſtattet. Ein aus⸗ n e gemauertes Grab zu Eishauſen nahm die ſterbliche Hülle des Dunkel⸗ grafen auf. Eingedenk der großen Wohlthaten, die er ihr erzeigt, 1 5 5 ging die ganze Dorfgemeinde mit zu Grabe. Von Hildburghauſen 470* her nahte ein ſtiller Zug, die Waiſenkinder mit ihrem Lehrer an der Spitze, deren Wohlthäter Ludwig geweſen war. Neben dem vorma⸗ ligen Ortsgeiſtlichen wurde er eingeſenkt, deſſen Hügel ein Denk⸗ ſtein ſchmückt, den Thereſe, Bayerns Königin, dieſem ihrem einſti⸗ gen Lehrer hatte errichten laſſen. Dankbar hob der jetzige Geiſtliche in der Grabrede die Verdienſte des edeln menſchenfreundlichen Ver⸗ ſtorbenen hervor. In den nun vom Gericht durchſuchten Papieren Ludwig's fanden ſich zunächſt der Briefwechſel mit ſeinem Agenten zu Hildburghauſen, die quittirten Rechnungen und diejenigen Documente, welche den Verſtorbenen faſt zweifellos zum Leonardus Cornelius van der Valck ſtempelten, und den Namen eines Grafen oder Barons Varel oder Verſay als nur angenommen erſcheinen ließen. Es fand ſich auch etwas Geld, nämlich an 300 Stück Doppellouisd'or, eine Rolle ein⸗ fache, gegen 200 holländiſche Ducaten einſchließlich einiger anderer Goldſtücke, 576 Kronenthaler, 577 preußiſche Thaler, und über 150 Gulden ſonſtige Silbermünze, eine Totalſumme von mehr als 10,000 Gulden baar. Aufſchlüſſe über die Verhältniſſe des Verſtorbenen fanden ſich, wie die Acten ausſagen, nicht vor. Im Inventar be⸗ fand ſich ein ſilbernes Petſchaft mit einem Lapislazuli⸗Stein, in wel⸗ chem drei Lilien unter einer Krone eingegraben waren; reiches Silber⸗ zeug, ſechs Uhren, nicht weniger als ſieben Thermometer, drei Baro⸗ meter. Unter der reichhaltigen Rubrik des Kapitels: Insgemein ſtand auch trocken und klanglos: Nummer 112„eine Windharfe“— ver⸗ ſtimmte Saiten!— Da kein Teſtament und keine Erbnehmer vorhanden waren, ſo erfolgten nun von Seiten der Gerichte Edictalladungen auswärtiger Erbberechtigten, in vielen deutſchen und hauptſächlich rheiniſchen, ſowie holländiſchen Zeitungen, in denen ausgeſprochen war, daß„faſt ohne Zweifel“, wie aus den Papieren hervorgehe, der Verſtorbene Leonardus Cornelius van der Valck geheißen habe, denn Leonardus' Taufzeugniß war vorhanden; auch daß er faſt bis an ſeinen Tod mit ſeinen Ver⸗ wandten in Amſterdam in Briefwechſel geſtanden habe. Auch der Dame wurde in dieſen Vorladungen gedacht und einer Reihe Briefe aus Mans, Angés Barthelmy, geb. Daniels unterzeichnet,„ohne Zweifel“ an den Verſtorbenen gerichtet, und die Annahme zulaſſend, daß die Prfuſſerin Dane„i Es er aus dem„ des Herrn verwittwet Lippert, Helenn M Geltendma ſie legten Mutter, brieft und Mattinus und ſeine vollnichti um an de Bocholder, Heiterkeit wollem R Muhmen ſndten h. ju echehe hoben: Die dannen, was au gekomme zfülig Tagebu alles Be De Rafen W kleiner dort noch an der n voma⸗ in Denk⸗ m einſti⸗ Geiſtiche en Ver⸗ s fünden ghauſen, ſche den er Valc el oder ich auch lle ein⸗ anderer et 150 10,000 torbenen tar be⸗ in wel⸗ Silbet⸗ Baro⸗ n ſtand — ver⸗ en, ſo ürtiger ſowie t ohne nardus eugriß Per⸗ h der fe as veifel“ 471 Verfaſſerin der Briefe mit der im Schloſſe zu Eishauſen verſtorbenen Dame„vielleicht identiſch“ geweſen ſein könne. Es erſchienen nun ein Anwalt aus Amſterdam und ein Notar aus dem Haag, überreichten Vollmachten, Päſſe und den Stammbaum des Herrn Paſtor Vincentius Martinus van der Valck zu Leiden, der verwittweten Frau Cornelia Petronella Adriana Wirir, geborenen Lippert, jetzt wohnhaft zu Weerd(Wörden), ingleichen der Fräulein Helena Maria und Chriſtina Theodora Lippert, und beſtellten zur Geltendmachung ihrer Rechtsanſprüche einen Hildburghäuſer Anwalt; ſie legten auch die Taufzeugniſſe von Vincentius Martinus Vater und Mutter, wie von den Eltern benannter Damen in beſter Form ver⸗ brieft und beſiegelt vor und eine Urkunde, kraft deren Vincentius Martinus van der Valck, römiſch katholiſcher Paſtor emeritus, für ſich und ſeine Muhmen die Beauftragten an ſeiner Stelle zu handeln be⸗ vollmächtigte; bald flogen auch noch andere„Falken“ in Briefen herbei, um an der ſchönen Erbſchaft Theil zu nehmen; die Herzberger, die Bocholder, die von Dahme, zum Theil mit Beweismitteln, die manche Heiterkeit erregten, allein das Gericht ſprach die Erbſchaft und mit vollem Recht, dem luſtigen Emeritus in Leiden und ſeinen alten Muhmen zu und ſoll derſelbe, wie die von ihm nach der Hand abge⸗ ſandten holländiſchen Bevollmächtigten, welche kamen, um die Erbſchaft zu erheben, verſicherten, in ſeiner jocoſen Weiſe dankbar ausgerufen haben: Nun iſt mein Leiden zu nichte gemacht! Die Beauftragten aus Amſterdam trugen das reiche Erbe von dannen, ſie verſchmähten einen Haufen Maculatur und altes Papier, was auf dem Boden lag, und einige Scripturen, die zufällig dazu gekommen waren. Es war noch eine reichhaltige Briefſammlung, die zufällig unberührt geblieben war, das alte Tagebuch und das jüngere Tagebuchbruchſtück lagen auch darunter. Es iſt zu wünſchen, daß alles Benutzbare davon nicht in allzuſchlimme Hände gefallen ſein möge. Der Vorhang fiel, das Lebensdrama im ſtillen Schloß des Dunkel⸗ grafen war zu Ende geſpielt. Wem vergönnt iſt, durch Eishauſen zu reiſen und dort einen kleinen Aufenthalt zu machen, der beſuche das Gaſthaus und frage dort nach dem Grafen; da wird er hören, wie Ludwig's Andenken noch immer in hohen Ehren gehalten wird. „Um den Mann ſind viele Thränen geweint worden— der Mann hat unſer Dorf ſehr glücklich gemacht— ſolch' ein Mann komnt niemals wieder!“ das ſind die einfachen Reden der ſchlichten Landleute. Schön und würdig hatte Ludwig ſeine Sendung erfüllt. Was die Großmutter einſt beim Abſchied ſegnend zu ihm geſprochen, es war an ihm zur Wahrheit geworden. Er ging durch die ſchmerzlichen Flammen der Läuterung und ging rein aus ihnen hervor; er ehrte Gottes Gebote und liebte die Menſchen. Fr war mildthätig und barmherzig und vergalt Kränkungen nur mit Wohlthaten— darum dauert in dem ſtillen Kreiſe, in den er eintrat, ſein Name im Segen fort von Geſchlecht zu Geſchlecht. — det in Mann ſchlichten Was die es war metzlichen er ehrte itig und — darum m Stgen — ²———FYG— ¹ . —— ———— —„ — 2„— 3——— ——„3 ———— vn Chart — — — S 6 O — 5 — 5 S 5 5 O