6 83 2 1. f* 6 . ₰ 1. Zamba's Kindheit So weit ich es berechnen kann, habe ich im Jahr 1780 dieſe Welt der Sünde und des Elends erblickt. Ich wurde geboren in einem kleinen Dorfe am füdlichen Ufer des Congo⸗ fluſſes, und hatte die Ehre, den Häuptling oder König dieſes Dorfes meinen Vater zu nennen. Sein Reich um⸗ faßte einen beträchtlichen Teil der benachbarten Gegend: und nach ſeiner eigenen Schätzung und der einiger angrenzenden Fürſten war er eine Perſon von nicht geringer Wichtigkeit und Würde. Mein Vater Zembola, ein gut ausſehender, ſtarker Mann, war von Kindheit auf dazu angehalten worden, Ge⸗ fahren und Schwierigkeiten jeder Art gering zu achten. Den Rang und Ruf eines großen Kriegers zu erreichen, war ſein einziger Ehrgeiz; dagegen zeigte er durchaus kein Ver⸗ langen, ſein kleines Gebiet zu erweitern. Mein Geburtsort, die Hauptſtadt des Königreichs, beſtand aus etwa 90 Hütten und war etwa 100 Schritt vom Fluß entfernt, der dort eine Breite von ungefähr einer halben engliſchen Meile hat. Das Ufer erhebt ſich in einer ſteilen Wand gegen 30 Fuß über den gewöhnlichen Waſſerſtand, ſo daß das Dorf zur höchſten Flutzeit vor dem Waſſer ge⸗ ſichert iſt. Ein kleines, aber ſchönes Bergwaſſer, das in einem Gebirgsthälchen entſpringt, ergießt ſich am öſtlichen 1* 4 1. Zamba's Kindheit. Ende des Dorfes in den Congo. Der königliche Palaſt, der ſich über alle andern Häuſer erhob, bildete in der That ein ſehr beträchtliches Gebäude. Er war ringförmig und hatte in der Mitte eine Art von Kuppel, in welcher eine alte Schiffsglocke hing, die bei allen bedeutenden Anläſſen, trauriger oder freudiger Art, angezogen wurde. Das Innere des Hauſes war in achtzehn oder zwanzig Gemächer geteilt, von denen namentlich zwei in einer Weiſe ausgeſtattet waren, die einen Europäer in Verwunderung ſetzen würde. Der Harem— du wirſt ohne Zweifel lächeln, freundlicher Leſer, daß ich dieſe Benennung einem ſo unanſehnlichen Gebäude und bei einem ſo barbariſchen Volke gebe— war mit reichen Teppichen und Ruhekiſſen und mit einigen ſehr ſchönen Spiegeln verziert. Das Audienzzimmer hatte etwa 20 Fuß im Quadrat, einen Fußboden von ſchön poliertem Holz und hübſche Seſſel und Tiſche von ausländiſcher Arbeit. Die Wände waren mit vielen ſchönen Kupferſtichen geſchmückt, worunter ich mich namentlich eines Bildes des engliſchen Königs Georg III. zu Pferd, einiger Porträts von engliſchen Admiralen und einiger Gemälde von Seeſchlachten erinnere; vor allem aber erregte eine ſehr ſchöne Anſicht von London täglich meine Aufmerkſamkeit. Als ich noch ein kleiner Knabe war, ſtand ich ſtundenlang vor dieſem Bild und betrachtete das Meer von Gebäuden; und oft beluſtigte ich mich damit, daß ich die Häuſer und ſogar die Fenſter zu zählen ver⸗ ſuchte. Meine Rechenkunſt brachte es aber nie höher, als bis zur Zahl meiner Finger und Zehen, dann mußte ich wieder von vorne anfangen. Man wird vielleicht fragen, wie denn mein Vater zu ſolchen Luxusgegenſtänden gekommen ſei. Antwort: durch ſeinen Verkehr mit den Sklavenhändlern, der einen beträchtlichen Teil ſeiner Beſchäftigung ausmachte. Ich darf nicht vergeſſen, des Thrones zu erwähnen, der 1. Zamba's Kindheit. 5 über die andern Sitze ein wenig erhaben ſtand und mit einem Thronhimmel von Seide und vielen Zieraten von Gold und Silber geſchmückt war. Hier ſaß König Zembola bei beſonderen Veranlaſſungen, in einer Kleidung, die er aus verſchiedenen Klimaten und Nationen zuſammengeſtoppelt hatte, gewöhnlich in alten Militäruniformen, die mit nicht wenig Gold und Edelſteinen beſetzt waren, und rauchte aus ſeiner langen Tabakspfeife, während eine große Kryſtall⸗ flaſche mit franzöſiſchem Feuerwaſſer neben ſeinem Ellenbogen ſtand. In dieſer Weiſe entſchied er mit der äußerſten Kalt⸗ blütigkeit und Gleichgültigkeit Fälle, wo es ſich um Leben und Tod handelte, und ſprach Urteile, von denen nicht weiter appelliert werden konnte. Da habe ich geſehen, wie er an⸗ ſcheinend mit ganz ruhiger Faſſung ſeine Pfeife einen Augen⸗ blick aus dem Mund nahm, auf irgend einen armen Tropfen deutete, den er für todeswürdig hielt, und dem Hauptmann ſeiner Wache befahl, ihn hinauszuführen und in fünf Mi⸗ nuten ſeinen Kopf hereinzubringen. Geſagt, gethan. In der beſtimmten Zeit wurde der blutige Kopf am Fuße des Thrones niedergelegt und der Vollſtrecker des Befehls in der Regel mit einem Schluck Branntwein von den Händen Sr. Ma⸗ jeſtät ſelbſt belohnt. Ich kann nicht glauben, daß mein Vater von Natur einen Hang zur Grauſamkeit hatte; aber Erziehung und Gewohnheit können alles aus einem Menſchen machen. Wie andere Fürſten in größeren Reichen hatte mein Vater ein ſtehendes Heer, das freilich mit Einſchluß der Offiziere nur 40 Mann zählte. Wenn aber ſein Reich an⸗ gegriffen wurde, oder er einen Kriegszug unternehmen wollte, ſo konnte er in Zeit von einem Tage 150 ſtreitbare Männer zuſammen bringen. Seine regulären Truppen waren alle mit Musketen und Hirſchfängern bewaffnet; die übrigen bloß mit Speeren oder mit Bogen und Pfeilen. 6 1. Zamba's Kindheit. Das Dorf mit etwa ſechs Morgen anſtoßenden Landes war von ſtarken, bei neun Fuß hohen Paliſaden umringt, teils zum Schutz gegen plötzliche feindliche Anfälle, teils gegen die wilden Tiere, die bei Nacht zuweilen einen An⸗ griff auf das Vieh wagten, das deshalb bei Sonnenunter⸗ gang ins Dorf herein getrieben wurde. Hinter dem Dorfe erhob ſich das Land allmählich, bis es in der Entfernung einiger Meilen zu beträchtlichen Gebirgen emporſtieg. Etwa 200 Schritte hinter dem Palaſt war ein einſamer Hügel in Form eines Bienenkorbs, von der Ebene aus gerade emporſteigend. Er hatte eine Höhe von 500 Fuß und eine halbe Stunde im Umfang, ſein Gipfel war mit Bäumen bewachſen. Gerade am Fuß dieſes Hügels oder eigentlich Felſen, hatte die Natur einen 5— 6 Fuß breiten Eingang gebildet; und wenn man ein paar Schritt vorwärts ging, trat man in eine weite Höhle, in welcher die ganze Bevölkerung von meines Vaters Königreich Platz hatte. Durch eine kleine künſtliche Nach⸗ hilfe war dieſe Höhle in eine Feſtung oder in einen Zu⸗ fluchtsort verwandelt; und da der Eingang durch ein Thor von eiſernen Stangen hinlänglich verwahrt wurde, ſo konnte eine kleine Zahl von Männern den Zufluchtsort von innen heraus verteidigen, ſo lange es nötig war. In dieſem Schlupfwinkel verwahrte mein Vater ſeine Schätze und Koſt⸗ barkeiten. Sie beſtanden hauptſächlich aus europäiſchen und amerikaniſchen Gütern, meiſtens Branntwein und Tabak, die er als Tauſchwaren für verkaufte Sklaven erhalten hatte; denn, um die Wahrheit offen und ehrlich zu ſagen, ſo war mein Vater nichts mehr und nichts weniger als ein Händler mit Fleiſch und Blut, ein Menſchenverkäufer. Uberdies war er auch ein bedeutender Landwirt und Viehhändler, aber nur um ſeinen Dienſtleuten Lebensmittel zu verſchaffen. Alle ſeine Unterthanen mußten, ſo oft es verlangt wurde, auf —— — 1. Zamba's Kindheit. 7 den königlichen Gütern arbeiten; die 40 Mann aber, die ſein ſtehendes Heer bildeten, waren im allgemeinen faule Geſellen: ihre Arbeit beſtand faſt nur im Halsabſchneiden, im Anzünden feindlicher Dörfer und im Erhaſchen von Gefangenen. Obgleich mein Vater in der Regel ſo despotiſche Ge⸗ walt über ſeine Unterthanen ausübte, ſo gab es doch Zeiten, wo eine große Vertraulichkeit zwiſchen König und Volk an den Tag kam. An gewiſſen Feſttagen und bei der Rückkehr von einem glücklichen Kriegszug mußte mein Vater große Nachſicht üben, namentlich gegen ſeine Kriegsleute. Ge⸗ wöhnlich bewilligte er ihre Forderungen mit gutem Anſtand, und ſchwärmte und tollte ſo gut wie einer von ihnen. Ich erinnere mich, daß einmal, als das Heer unter König Zem⸗ bola's Anführung zurückkam und 50 auserleſene Gefangene mitbrachte, eine ungewöhnliche Luſtbarkeit beſchloſſen wurde. Die Regulären wollten ſich mit nichts Geringerem für ihr Frendenfeſt zufrieden ſtellen laſſen, als mit dem königlichen Audienzzimmer; und in dieſes Staatsgemach wurde ſofort ein Faß Rum gebracht, nebſt andern Erforderniſſen zu einem tüchtigen Schmaus. Mein Vater beſtieg ſeinen Thron und hielt eine Anrede(die er aber nicht ablas, wie die Könige in Europa gewöhnlich thun, denn leſen konnte er nicht); beſagte Anrede wurde natürlich gewaltig beklatſcht. Buch⸗ ſtäblich überſetzt würde ſie etwa ſo lauten:„Meine wackern Knaben, höret mich! Ich bin ein großer, mäch⸗ tiger König; wer iſt größer denn ich! Die Sonne blickt auf mich herab und heißt mich Bruder, und der Mond ſcheinet mir. Küſſet meine Hand! Ihr ſeid lauter wackere Knaben, weil ihr meine Männer ſeid. Wir ſind ausgegangen, mit dem Muhla⸗Stamm zu fechten. Wir ſind lauter Löwen.“ — Großes Gebrülle!—„Die Muhlaleute ſind lauter 8 1. Zamba's Kindheit. Schafe. Die armen Kinder! Sie laufen davon, wenn ſie den König Zembola ſehen. Wir jagen ſie, treffen ſie, ſchlagen ſie! töten ſie, ein⸗, zwei⸗, dreihundert, ſchicken alle zur Jumbo(Hölle). Wir verbrennen das Dorf, machen Gefangene, fünfzig, ſechzig ſchwarze Schufte. Wir ver⸗ wahren ſie in der Zembolaburg. Bald kommt der weiße Kapitän und kauft Sklaven. Wir bekommen Meſſer, Mus⸗ keten, Pulver, Kugeln, Rum, Rum. Hurrah! Hurrah, für König Zembola und ſeine wackern Knaben!“ Mein Vater und ſeine Regulären(denn die Miliz wurde außerhalb des Palaſtes bedient) tranken und rauchten und ſchmauſten die ganze Nacht hindurch; und als ich, damals ein zwölfjähriger Knabe, am Morgen mit meiner Mutter und zweien meiner Schweſtern, den Prinzeſſinnen, in den Audienzſaal trat— o weh, da lag der König Zembola auf dem Rücken, die Hand auf dem Boden, die Füße oder eigentlich Ferſen auf der Stufe des Thrones; ſeine Krone, einen großen Ring von reinem Gold, hielt er feſt in der rechten Hand, und einen hölzernen Becher, halb voll Rum, in der Linken. Der erſte Miniſter lag mit den Füßen quer über meines Vaters Magen, und über ihm lag ein Hauptmann von zehn. In der That war jetzt alle Hof⸗ etikette verbannt, und das franzöſiſche Feuerwaſſer hatte be⸗ wirkt, was hunderte von ihren wilden, bewaffneten Feinden nicht ausrichten konnten. Meine Mutter, eine gewandte Frau in ihrer Art, ließ ihren Gemahl ruhig zu Bett bringen, und ſchickte augenblicklich ein Dutzend Sklaven mit Waſſerkübeln hinein; und da das Waſſer nach allen Seiten reichlich ausgegoſſen wurde, erwachte die ganze Geſellſchaft. Ich habe bereits geſagt, daß im Palaſt ein eigener Harem oder Frauenhaus war. Mein Vater, der ein mäßiger Fürſt war, begnügte ſich mit fünf Weibern. Meine Mutter 1. Zamba's Kindheit.* 9 war die einzige, die einen Sohn gebar, und ſtund demzu⸗ folge in der höchſten Gunſt. Ich hatte neun Halbſchweſtern, und ſo viel ich mich erinnern kann, waren ſie alle ſehr freundlich gegen mich. Dies mochte teilweiſe in eigennützigen Abſichten ſeinen Grund haben, da ſie wußten, daß ich nach meines Vaters Tod ihr Schickſal in meiner Hand haben würde. Ubrigens waren ſie, abgeſehen davon, in der That von Natur recht gutmütig, und wirklich(wenn wir die grau⸗ ſamen und blutigen Auftritte überſehen, an die ſie durch die Landesgebräuche gewöhnt ſind) beſitzen die afrikaniſchen Frauen viel von der Milch der Menſchenfreundlichkeit; mehr als ein weißer Reiſender hat dies beſtätigt. Ich muß jetzt auf frühere Umſtände zurückkommen. Der nachſichtige Leſer wird mir dieſe abſpringende und ungeregelte Schreibart zu gute halten, denn ich habe im Büchermachen keine Erfahrung. Von den erſten drei oder vier Jahren meines Lebens kann ich mich nichts erinnern. Von der Zeit nach meinem vierten Jahr habe ich eine lebhafte Erinnerung daran, daß ich faſt jede Nacht nach einem langen Schlaf erwachte, und wenn ich aus meiner kleinen Krippe oder Bettſtelle, die an der Wand befeſtigt war, herausguckte, ſo ſah ich gewöhnlich meine Mutter und ihre vier Mitköniginnen nebſt einer an⸗ ſehnlichen Zahl von Dienerinnen mit Baumwollekämmen und Spinnen eifrig beſchäftigt: einige trieben auch die Weberei. Der Zeug, den ſie woben, war nicht viel über vier Zoll breit und in gewöhnlicher Feinheit; auch ver⸗ ſtanden ſie ihn zu färben, gewöhnlich mit blauer Farbe. Viele, viele Jahre nachher, als ich in Amerika wohnte, ſah ich zuweilen einige Stücke von dieſem Zeug, die aus Afrika kamen, und der Anblick derſelben trieb mir die Thränen in die Augen, indem er mich an die Tage meiner Kindheit 1. Zamba's Kindheit. erinnerte, an die mitternächtlichen Arbeitsſcenen in meinem Vaterhauſe, und an die einfachen, aber ausdrucksvollen und ergreifenden Geſänge, welche unwandelbar dieſelben begleiteten. Ich bin gewiß, daß ich mich aller wichtigen Vorfälle erinnere, die nach meinem ſechſten Jahr vorkamen. Um dieſe Zeit lehrte mich meine Mutter, jeden Morgen vor einem ſchauerlichen Götzenbild mich zu beugen, das in einem eigenen Zimmer des Hauſes aufgeſtellt war. Dieſes Götzen⸗ bild war ziemlich gut geſchnitzt und ſollte, glaube ich, den Teufel vorſtellen; es hatte ein breites Maul von einem Ohr zum ondern, lange Fangzähne und großmächtige, ſchielende Augen aus Edelſteinen; für ein kindliches Gemüt aber hatte es durchaus nichts Anziehendes. Die Worte, welche mich meine Mutter herſagen lehrte, waren nur ein paar eintönige Bitten an dieſes häßliche Ungeheuer, mir nichts zu leid zu thun, mich nicht zu verbrennen, mich nicht zu töten, nicht mit mir davon zu laufen. Es war ein Gottesdienſt der Furcht und des Schreckens, nicht der Liebe. In den erſten fünf oder ſechs Jahren meines Lebens durfte ich auf dem Boden umher rutſchen, oder laufen und ſpringen, ſo viel ich wollte; aber nie wurde mir erlaubt, die Einzäunung des Dorfes zu verlaſſen. Mein Vater, ein wenig ſtolz auf ſeinen wahrſcheinlichen Erben, hatte mich in ein rotes oder gelbes Gewand gekleidet, das um die Hüften 1 befeſtigt wurde und bis auf die Kniee hinabhing, ungefähr w.ie der Rock, den die Bergſchotten tragen. Auf dem Kopf hatte ich einen glänzenden Turban, mit ſchönen Federn von vaterländiſchen Vögeln verziert, und vorn mit einem oder zwei Edelſteinen beſetzt. Die Kleidung war leicht und luftig und ließ mir volle Freiheit, meine Gliedmaßen nach Herzens⸗ luſt zu üben. Im Alter von acht oder neun Jahren lernte ich zum 1. Zamba's Kindheit. 11 erſtenmal den Bogen ſpannen, und wurde bald geſchickt genug, um jedes kleine Tier in gewöhnlicher Entfernung zu Boden zu ſchießen. Meinen erſten großen Verſuch im Bogen⸗ ſchießen werde ich nie vergeſſen. Dicht an der öſtlichen Seite des Dorfes rauſchte ein ſchöner Fluß vorüber, der in den Gebirgen entſprang. Mehrere Meilen weit lief er durch ein liebliches Thal, in dem ſich Millionen Vögel und viele vierfüßige Tiere aufhielten. Unter dem Sand und Kies des Fluſſes fand man eine nicht geringe Menge Gold, be⸗ ſonders nach ſtarken Regengüſſen, wenn nämlich ſich jemand die Mühe gab, darnach zu ſuchen, denn, um die Wahrheit zu ſagen, meine Landsleute zeichneten ſich keineswegs durch fleißige Thätigkeit aus, ſo lange ſie nicht arbeiten mußten, und die Weiber hatten anderes zu thun. Oft ſpazierte ich am Bett dieſes Fluſſes hinauf, von einem oder zwei meiner Kameraden, zuweilen auch von einigen meiner Schweſtern begleitet. Wir pflegten an dem Fluß kleine Fiſche zu fangen, die wie Gold und Silber glänzten; zuweilen aber trafen wir auch andere, weniger luſtige Tiere an, z. B. kleine Schlangen und anderes ſchädliches Ungeziefer, während im Congoſtrom auch Krokodile von 18—20 Fuß Länge und große Haifiſche waren. Indeſſen, obgleich viel Verkehr auf dem Waſſer getrieben wurde, und namentlich auf dem großen Strom, geſchah es doch ſelten, daß jemand ums Leben kam. Eines Tages ging ich, begleitet von meiner Schweſter Lemba, die damals dreizehn, während ich elf Jahre alt war, mit Bogen und Pfeilen verſehen dem Fluſſe zu, in der Abſicht, einen längern Ausflug an ſeinen Ufern hin zu machen. Ungefähr eine Viertelſtunde das Thal hinauf war ein prächtiger Waſſerfall, und unſere Eltern hatten uns ſchon vorher gewarnt, nicht über denſelben hinauf zu gehen. Aber ein Verbot dieſer Art dient jungen Leuten oft nur zu —————— 1. Zamba's Kindheit. einem weiteren Reizmittel, ſehen zu wollen, was auf der andern Ecke ſei. Und ſo war es auch mit Lemba und mir. Mit frohem leichtem Herzen gingen wir immer weiter, ob⸗ gleich das Uberſteigen des Felſenabhangs, über den der Waſſerfall herab ſtürzte, nur mit Mühe gelang. Als wir die Höhe erreichten, hoben wir die Hände voll Bewunderung empor über das großartige Schauſpiel, das ſich unſern Augen darbot. Der Fluß hatte ſich im Lauf der Jahrhunderte ein tiefes Bett durch die Felswände gegraben und ſtürzte ſich kochend und ſchäumend hindurch. Die Uferwände waren hier etwa 10 Fuß weit von einander, und erhoben ſich ſchroff zu einer Höhe von wenigſtens 100 Fuß; das Tages⸗ licht brach oben wie durch einen engen Spalt herein, und unten war alles nur halb ſichtbar in einer Art von Zwie⸗ licht. Büſche und Sträucher von tauſenderlei Arten wuchſen aus den Felſenwänden heraus; und auf ihnen hatten Vögel, Affen, Eichhörnchen und andere Kinder des Waldes ihr Spiel, die uns mit ihrem unaufhörlichen rauhen Geſchrei faſt taub machten. Es war, als ob ſie einſtimmig erklären wollten, Lemba und ich ſeien unberufene Eindringlinge in ihrem einſamen Gebiet. Wir gingen jedoch immer weiter mitten unter dem Lärm, und als wir ein paar hundert Ellen gegangen waren, konnten wir an der wachſenden Helle merken, daß die Schlucht ſich erweitere. Endlich ſetzten wir uns auf einem Felſen nieder, und meine Schweſter nahm aus einem kleinen Korb, den ſie von Hauſe mitgebracht, etwas zu eſſen für uns heraus. Während wir unſern Hunger ſtillten, fiel ein ziemlich großer Stein zu unſern Füßen nieder und alsbald erhob ſich ein furchtbares Geſchrei, das alle andern Stimmen übertönte. Als wir emporblickten, ſahen wir auf der Ecke eines Felſen einen gewaltigen Pavian mit blauem Geſicht, der uns an⸗ 1 1. Zamba's Kindheit. grinſte und aufs ſchrecklichſte bedrohte. Die arme Lemba verfiel in ein Zittern, erholte ſich aber augenblicklich, ergriff meine Hand und ſagte:„Zamba, Zamba, komm! laß uns ſo ruhig als möglich nach Hauſe gehen! Halte deinen Bogen in Bereitſchaft; aber laß dir nicht einfallen, ſchnell zu laufen. Ich will dem Pavian mit Schlauheit begegnen, fonſt geht es uns ſchlimm.“ 3 Sogleich nahm ſie ein Stückchen von dem, was wir aßen; legte es auf einen Stein, und dann traten wir vor⸗ ſichtig unſern Rückweg an. Als wir zurück blickten, ſahen wir den häßlichen Affen mit einem Satz auf den Platz herabſpringen, den wir verlaſſen hatten. Wir gingen ſo ſchnell, als es die Klugheit erlaubte, vorwärts, der Heimat zu und legten von Zeit zu Zeit etwas von unſerer Speiſe am Wege nieder, was unſern Feind aufhielt; aber gerade, als wir an dem Rand des Abſturzes anlangten, hatten wir nur noch das letzte Stückchen übrig. Der Pavian ſchien entſchloſſen, uns nicht aus dem Geſicht zu verlieren, und erhob ein wütendes Geklapper, als wir den Abhang um ein gutes ſchneller denn beim Hinaufklettern herabgleiteten. Wir erreichten glücklich den ebenen Boden. Als wir aber empor blickten, ſahen wir, daß unſer Feind ſich auch zum Herab⸗ ſteigen anſchickte. Obwohl dadurch ſehr erſchreckt, legte ich doch mit ziemlicher Feſtigkeit meinen Pfeil auf, und ließ ihn fliegen; aber ein kleiner Zweig von einem Baum kam dazwiſchen, in dem der Pfeil ſtecken blieb. Das Tier ſchien zu verſtehen, daß der Pfeil in keiner freundlichen Abſicht ihm zugeflogen war, und bemühte ſich, ihn aus dem Aſt heraus zu reißen. Während er ſich zu dieſem Ende nach vorne beugte, ſchickte ich ihm einen andern Pfeil zu, der unſern Feind ganz durchbohrte, ſo daß er mit fürchterlichem Geſchrei auf den Boden herab purzelte. Lemba und ich * ————— 1. Zamba's Kindheit. blieben nicht ſtehen, um die Wunde zu unterſuchen, ſondern wir eilten mit möglichſter Schnelligkeit nach Hauſe und er⸗ zählten da unſere Angſtgeſchichte. Mein Vater, obſchon un⸗ zufrieden, daß wir die vorgeſchriebene Grenze überſchritten hatten, klopfte mir auf die Schulter und ſagte:„Nun, Zamba, biſt du ein Mann. Bald werde ich dich auf meinen Kriegs⸗ zügen mitnehmen, und du ſollſt eine Muskete haben, um Menſchen damit totzuſchießen ſtatt der Affen.“ Hierauf ſchickte er zwei von ſeinen Regulären, um den toten Pavian zu holen. Er ließ ihm das Fell abziehen, dasſelbe gehörig ausſtopfen, und ſtellte es dann an einem Platz im Palaſt auf, wo es dem Mut des Prinzen Zamba und der Klugheit der Prinzeſſin Lemba Ehre machen konnte. In der That wäre ein ſolches Tier für einen ſtarken Mann ohne Waffen ein würdiger Gegner geweſen; und als ich die Außerungen der Dienerſchaft meines Vaters hörte, die natürlich alle dem künftigen Erben ſchmeichelten, da ſchwoll ich vor Stolz auf wie ein Truthahn. WMeine Leſer werden vielleicht fragen: Haſt du in dieſer ganzen Zeit irgend eine angemeſſene Erziehung erhalten? Haſt du einen Lehrer gehabt? Hatteſt du etwa auch Ge⸗ danken, die über die ſichtbaren Dinge um dich her hinaus⸗ gingen? Wußteſt du etwas von einem Leben nach dem Tode? Auf dergleichen Fragen antworte ich: ich hatte niemand, der mich in Wiſſenſchaften unterrichtet hätte, und unſere reli⸗ giöſen Vorſtellungen waren äußerſt thöricht und falſch. Es befanden ſich zwar zwei Prieſter in dem Gebiete meines Vaters; im Grunde aber waren ſie bloße Gaukler und Betrüger, nicht allein unwiſſend, ſondern auch liederlich. Sie beſuchten von Zeit zu Zeit jedes Haus, murmelten etwas Kauderwelſch her und verrichteten allerlei Gaukeleien, um die Weiber in Erſtaunen zu ſetzen, ſammelten auch 1. Zamba's Kindheit. 15 jedesmal ganz anſtändige Geſchenke. An gewiſſen Tagen des Jahres kamen ſie mit einer Art Verkleidung mit Masken, und wer ihnen begegnete mußte ein Geſchenk für ſie bereit halten, wo und wie er es auch auftreiben mochte. An einem beſondern Tag im Jahr kamen ſie auch maskiert, und die erſte Perſon, die ihnen begegnete, mußte entweder ein ſehr ſchweres Löſegeld zahlen oder wurde ſie als Opfer geſchlachtet. Mein Vater hatte im Verkehr mit den weißen Männern, die des Handels halber zu ihm kamen, einige Meinungen von einer andern Welt und von der Zukunft aufgeſchnappt; aber er bekümmerte ſich ſehr wenig um die Sache. Als i noch ein Knabe war, kam ich auf einige ſehr ſeltſame Vor⸗ ſtellungen von Zeit und Raum. Am Abend legte ich mich zuweilen auf den Boden, und ſchaute eine Stunde lang oder zwei mit Empfindungen von unbeſchreiblichem Ergötzen die flimmernden Sterne an. Die Sonne war zu glänzend und blendend, um ſie lange anſehen zu können; aber der Mond, der milde, ſanfte Mond und die unzähligen Gruppen ſchöner Sterne bezauberten meinen Blick und füllten meine Seele mit Bewunderung. Wozu ſie gemacht ſeien, wie ſie gemacht ſeien und woraus ſie gemacht ſeien, das alles kam mir höchſt rätſelhaft vor. Zuweilen jedoch machte ich mir folgende Gedanken: Geſetzt, ich würde in dieſem Augenblick zu jenem hellen Stern getragen, was würde ich dann ſehen? Wahrſcheinlich noch mehr Sterne. Und was dann? Wieder mehr, immer mehr und mehr; und dann wird alles Finſternis und Nichts ſein. Aber was wird dann hinter jener Finſternis ſein? Da ſtanden die Gedanken ſtill.— Auf dieſelbe Weiſe dachte ich auch über die Zeit nach. Wenn mein Vater geſtorben iſt, dann werde ich König ſein.— Dann habe ich einen Sohn, der König wird.— Er hat auch wieder einen Sohn, wieder — —— —,—— — 2 16 2. König Zembola und Kapitän Winton. ein König; noch mehr Sohn, noch mehr König.— Und was dann? Ich kann kein Ende abſehen. Die Welt ver⸗ brennt, alle Dinge nehmen ein Ende. Aber wie ein Ende? — Etwas muß doch ſein. Ich konnte zu keinem beſtimmten oder befriedigenden Schluß gelangen; doch beweiſen wohl ſolche Gedanken, daß die Vorſehung Gottes, das Hicht der Natur, oder wie man es heißen will, ſchon damals in dem wilden, finſtern Afrika einigermaßen auf mich wirkten. 2. König Zembola und Kapitän Winton. Ich habe geſagt, daß mein Vater viel Verkehr mit den weißen Leuten hatte. In der That war ſein Hauptgeſchäft, den Sklavenhändlern Ladungen von lebendem Fleiſch und Blut zu verſchaffen, welche ſie nach irgend einem fernen Lande gegen Sonnenuntergang bringen wollten. Die Sklaven⸗ ſchiffe, die nach dieſem Teil von Afrika kamen, warfen ge⸗ wöhnlich einige Meilen innerhalb der Mündung des Congo Anker, weil ſie da vor der unaufhörlichen Brandung, die an die ganze weſtliche Küſte ſchlägt, ſicher lagen. Zuweilen führte mein Vater ſeine Leute in großen Kähnen zu den Sklavenhändlern hinab; nicht ſelten aber kam auch der weiße Kapitän mit einer Mannſchaft von zehn oder zwölf Perſonen den Fluß herauf zu meines Vaters Reſidenz. Somit war von meiner früheſten Kindheit an ein weißer Mann kein fremder Gaſt für mich. Da kam z. B. aus Amerika ein Kapitän Winton, der viele Jahre mit meinem Vater Handel trieb. Er war es, der all den ſchönen Hausrat für den Palaſt gebracht hatte. Unter andern Spielſachen brachte er auch für mich eine große Violine; aber da wir —— 2. König Zembola und Kapitän Winton. 17 keinen Lehrer hatten, ſo waren die Töne, die ich oder mein Vater oder jemand von ſeinen Leuten ihr entlockten, keines⸗ wegs geeignet, Steine zum Tanzen zu bringen. Bei einer Gelegenheit jedoch, als ich die Violine in den Wald mitgenommen hatte, hatte ſie glücklicherweiſe die Wirkung, zu meiner großen Freude und Verwunderung einen ganzen Trupp Hyänen in die Flucht zu jagen. Endlich brachte dieſer Kapitän Winton eine kleine Drehorgel, die acht Me⸗ lodien ſpielen konnte; und nachdem er uns unterrichtet hatte, wie wir die Melodien wechſeln könnten, wurde dieſe Orgel für Fürſt und Unterthan zur unaufhörlichen Unterhaltung. Ich glaube, daß ſie ſechs Monate lang keine ſechs Minuten ſtille ſtand. Indeſſen, wie es mit allen Dingen geht, man wurde auch ihrer überdrüſſig und ſtellte ſie endlich auf die Seite. Doch weiter! Dieſer Kapitän Winton und ſeine Leute waren oft acht bis zehn Tage lang Bewohner des Palaſtes; da faßte ich manche engliſche Worte auf, und konnte bald an einer Unterhaltung in dieſer Sprache teil nehmen. Mein Vater bewirtete die weißen Leute ſehr gaſt⸗ freundlich, und unaufhörlich wurden Geſchenke gewechſelt. Als ein Beiſpiel von der Art und Weiſe, wie dieſer Handel geführt wurde, muß ich jedoch erwähnen, daß Kapitän Win⸗ ton für die Walzenorgel zwei hübſche Sklaven bekam. Um ſich Sklaven zu verſchaffen, ging mein Vater von Zeit zu Zeit mit ſeinen regulären Kriegern auf einen Kriegs⸗ zug aus; d. h. er begab ſich nach einem entfernteren Teil des Landes, wo er Mittel und Wege fand, mit irgend einem weniger mächtigen Stamm Streit anzufangen. Dieſer Streit endete gewöhnlich damit, daß der ſchwächere Stamm eine Anzahl von Sklaven als Löſegeld auslieferte; oder es kam zu einem Gefecht, wo dann die ſtärkeren mit Gewalt nahmen, was ſie wollten. Um jedoch meinem Vater Gerechtigkeit Varth, Zamba.(3. A.) 2 18 2. König Zembola und Kapitän Winton. widerfahren zu laſſen, muß ich bemerken, daß es bei ihm als Regel galt, nie mit ſeinen nächſten Nachbarn Krieg zu führen. Er ſtand lieber auf einem freundſchaftlichen Fuße mit ihnen, und ſo dienten ſie ihm auch als eine Art von Feſtung oder Schutzmauer gegen die Angriffe anderer Stämme. Außer den Sklaven, die er auf dieſen Kriegs⸗ zügen bekam, verſchaffte er ſich eine noch viel größere Zahl durch ehrlichen Handel, wenn man dieſes Wort in einem ſolchen Fall gebrauchen darf. Er ſegelte oft den Congo hinauf mit einem Vorrat von engliſchen oder amerikaniſchen Waren; und indem er dieſe an die kleinen Könige aus⸗ tauſchte, die mehrere hundert Meilen weit einwärts im Lande wohnten, kam er jedesmal mit einer vollen Ladung zu billigen Preiſen zurück. Auf demſelben Weg verſchaffte er ſich auch Goldſtaub, Elfenbein und andere wertvolle Dinge. Sein königliches Amt war wirklich kein Ruheplätzchen, denn um ein ſolches Geſchäft im Gang zu erhalten, war nicht geringe Thätigkeit und Klugheit erforderlich. Mein Vater hielt ſein Verſprechen hinſichtlich eines Schieß⸗ gewehrs, und etwa ein halb Jahr nach dem Pavianſchuß verſchaffte er mir eine kurze Flinte, mit der ich mich jeden Tag übte, ſo daß ich in zwei Monaten eine ziemliche Fer⸗ tigkeit im Schießen hatte. Ich kam mir jetzt als ein Held vor, der es mit zwanzig Pavianen oder Hyänen, wo nicht mit einem Löwen aufnehmen könnte; und es ſtand nicht lange an, ſo wurde meine Geſchicklichkeit auf die Probe ge⸗ ſetzt. Mein Vater hatte einen Jagdzug veranſtaltet, da verſchiedene Anfälle von wilden Tieren bei ſeinen Herden in der Nähe des Dorfes vorgekommen waren. Es wurden gegen 200 Mann aufgeboten, und auf meine dringende Bitte bekam ich Erlaubnis, ſie zu begleiten. Mein Vater war wirklich ein ſehr kühner Jäger, und hatte nach all⸗ 2. König Zembola und Kapitän Winton. 19 gemeiner Anſicht als Oberhaupt die Verpflichtung, in der Gefahr der vorderſte zu ſein. Er war reichlich und ſorg⸗ fältig bewaffnet. Er hatte eine ſchöne Doppelflinte, an der Seite einen kurzen Hirſchfänger, im Gürtel ein paar Piſtolen, und ein Diener, dicht hinter ihm, trug ihm ſeinen ſtarken Speer, deſſen 15 Zoll lange, ſcharfe und zweiſchneidige Spitze aus dem feinſten Stahl gemacht war. Der Schaft war gegen 6 Fuß lang, aus Lanzenholz verfertigt und bei⸗ nahe ſo dick wie ein Mannsarm, ſo daß man bei naher Begegnung eines großen Tiers nicht fürchten durfte, er könnte zerbrechen. Als wir etwa zwei Meilen*) weit gegangen waren, ſtieg die Sonne empor, und unterdeſſen hatten wir eine Biegung erreicht, die der Congoſtrom macht, und wo eine der ſchönſten Ausſichten ſich vor unſrem Blick eröffnete. Ein großer Teil des Landes lag offen vor uns da; hin und her prächtige Gruppen von Teakbäumen und zwiſchenein Orangen⸗ und Palmbäume ſchmückten das Land; Felder von 18—20 Fuß hohem Guineakorn wogten im Morgenwind; das ſchöne breitblättrige Welſchkorn oder Mais ſtreckte ſeine ſchwankenden Blätter in die Luft empor, und dazwiſchen ließ ſich wieder ein Baumwollenfeld ſehen. Nicht weit entfernt lag unſer Dorf, und nahe dabei ſah man Vieh⸗ und Ziegenherden weiden, ſogar die Arbeiter auf dem Felde konnte man aus der Ferne erkennen. Ein paar Minuten lang vergaß ich die Jagd vor lauter Bewunderung der lieblichen Scene; und ſelbſt jetzt noch, nachdem heinahe ein halbes Jahrhundert dahingefloſſen iſt, ſteigt in mir, ſo oft ich mir den Anblick jenes Morgens zurück rufe, der heiße Seufzer auf: Wann, *) Es ſind hier immer engliſche Meilen gemeint, von denen etwa drei auf eine Wegſtunde gehen. 2* 20 2. König Zembola und Kapitän Winton. — o wann wird das arme, umnachtete, und doch ſo ſchöne 3 5 Afrika vollſtändig unter den milden und ſegensreichen Einfluß chriſtlicher Bildung kommen! ſ 1 Bald wurde meine Aufmerkſamkeit von der bezaubernden „ Landſchaft umher abgezogen durch das unaufhörliche Horn⸗ blaſen und Hundebellen, vermiſcht mit dem beginnenden. Geheul der wilden Tiere. Dutzende von Hyänen und andern kleineren wilden Tieren flohen vor uns dahin, und gelegent⸗ lich wurde eines erſchoſſen; ich kann nicht ſagen, wie viele man an dieſem Tage erlegte. Wir begegneten keiner von den gefürchteten großen Beſtien, bis gegen Mittag, wo ein gewaltiger Löwe aufgetrieben wurde. Augenblicklich war unſer ganzer Trupp auf dem Anſtand, und etliche, die ſich im Anfang ſehr vorgedrängt hatten, ließen jetzt einige Ab⸗ neigung blicken, in der vorderſten Reihe zu ſein. Mein Vater jedoch war, wie es ſchien, ganz in ſeinem Element und ſagte mir, ich ſolle mich nur dicht an ihn halten, doch ein wenig hinter ihm. Als ich den Löwen zu Geſicht be⸗ kam, den erſten, den ich je geſehen, war mir's in der That ganz ſonderbar zu Mute: das war doch ein ganz anderes Geſchöpf als der Pavian. Die Beſtie zog ſich ganz langſam 1 zurück, ſtand oft ſtill, blickte umher, ſchlug die Seiten mit 1 dem Schwanz und ſtieß ein kurzes, leiſes Geheul aus, was aber mir in meiner kindiſchen Einbildungskraft ſo ſtark vor⸗ kam, als ob die Erde davon zitterte. Man hatte wiederholt auf den Löwen gefeuert, bis jetzt aber offenbar ohne be⸗ deutende Wirkung, und endlich wurde er in einer kleinen Schlucht, die keinen Ausgang hatte, zum Stehen gebracht. Als der Löwe ſeine Lage gewahr wurde, drehte er ſich ganz herum, und fixierte ſeine Verfolger mit feurigen Augen, in⸗ dem er ſich fortwährend mit dem Schwanz die Seiten ſchlug. Dann und wann, wenn ein gar zu verwegener Hund auf —— —— 2. König Zembola und Kapitän Winton. 21 ihn losfuhr, ſchlug er ihn mit ſeiner Pfote zu Boden, ſo leicht wie ein Mann eine Eierſchale mit ſeinem Fuße zertritt. Mein Vater mit ſeinem Waffenträger kam ihm bald auf 20 bis 30 Schritte nahe; er richtete ſeine Flinte mit der größten Kaltblütigkeit, befahl mir mit leiſer Stimme, ein wenig zurück zu treten, und gab dann Feuer. Der Löwe ließ ein ſcharfes Brüllen hören und ſchüttelte ſich, hielt aber immer noch Stand. Mein Vater feuerte wieder, und nun kam das Tier einige Schritte näher. Sein Anblick war furchtbar großartig: ſeine Mähne, lang genug, um zu Boden zu reichen, ſtand faſt aufrecht wie eine ungeheure Halskrauſe um ſeinen Kopf her, und ſeine blitzenden Augen waren fortwährend auf ſeinen Feind gerichtet. Mein Vater ſtreckte ruhig die Hand nach ſeinem Waffenträger aus und ergriff ſeinen Speer, und dann näherte er ſich der Beſtie bis auf zehn Schritte, indem er ſeine Waffe in Bereitſchaft hielt. Mann und Löwe ſtanden zum Malen prächtig da. Nach einer augenblicklichen Pauſe ließ ſich mein Vater auf ein Knie nieder, ſtemmte den Schaft ſeines Speers feſt gegen den Boden, während die Spitze desſelben auf den Löwen gerichtet war, und ſtieß dann ein lautes, ganz beſonderes Geſchrei aus. Das Tier antwortete mit einem fürchterlichen Gebrüll und machte einen Sprung. Mein Vater hielt immer noch den Speer in die Höhe, ſprang dann aber plötz⸗ lich mit großer Behendigkeit auf die Seite, und— das Ungeheuer war völlig durchbohrt. Es wälzte ſich in allen Richtungen auf dem Boden umher, bis einige der Jäger herbeikamen und ihm den Garaus machten. Wäre mein Vater nicht in dem Augenblick auf die Seite geſprungen, ſo würde er wahrſcheinlich von dem Tier in ſeinem Todes⸗ ringen tödliche Wunden empfangen haben: aber er war in ſolchen Kämpfen erfahren. Als wir nach Haus kamen, * ——, — ———————— 22 2. König Zembola und Kapitän Winton. ſagte er mir, da ſeine beiden letzten Schüſſe gefehlt hätten, ſo habe er ſich entſchloſſen, mit ſeinem Speer einen Angriff auf den Löwen zu wagen. In den Augen ſeiner Leute habe er als unbeſiegbar gegolten, und ſo hätte er nicht daran denken können, ſich zurückzuziehen und einem ſeiner Unter⸗ thanen eine That zu überlaſſen, die ihm ſelbſt mißglückt ſei. Als der Löwe tot war, ließ mein Vater Halt machen zum gemeinſchaftlichen Frühſtück. Dem Löwen wurde ſchnell die Haut abgezogen, die von der Naſe bis zur Schwanz⸗ wurzel etwa acht engliſche Fuß maß, wozu noch der drei bis vier Fuß lange Schwanz kam. Es war keiner unter den anweſenden Männern, der mit beiden Händen den Fuß des Löwen oberhalb des vorderen Kniegelenks hätte umſpannen können: daraus kann man einen Schluß machen auf ſeine ungeheure Größe. Nachdem wir etwa zwei Stunden geruht hatten, mußte alles wieder auf die Beine. Die erfahrenen Jäger nämlich hatten ſtarken Verdacht geſchöpft, daß die Gefährtin des Löwen nicht weit weg ſein könne. Und ſo war es auch. Eine halbe Stunde von dem Ort, wo ihr königlicher Ge⸗ mahl fiel, wurde auch die Löwin aufgetrieben, und ſie machte ſich in aller Eile davon, um das höher gelegene Land zu gewinnen. Wir verfolgten ſie, und es war nahe bei Sonnen⸗ untergang, als wir ſie in eine Schlucht ſpringen ſahen, die unſere Leute wohl kannten. Ein allgemeines Geſchrei wurde erhoben, denn man wußte, daß ſie von da nicht mehr ent⸗ rinnen konnte. Die Schlucht, aus welcher ein kleines Bäch⸗ lein hervor kam, war nicht mehr als 4 Fuß breit; an einigen Stellen konnten zwei Männer kaum an einander vorbei kommen, und die Felſen ſtiegen auf beiden Seiten wenigſtens 100 Fuß hoch ſenkrecht empor. Etwa 100 Schritte vom Eingang öffnete ſich der enge Spalt in eine weite — ₰ 2. König Zembola und Kapitän Winton. 23 Fläche, ſo glatt und eben, wie ein gebautes Feld, in einer Ausdehnung von acht bis zehn Morgen, auf allen Seiten von ſteilen, mehr als 200 Fuß hohen Klippen umringt, deren oberer Rand mit allerlei Bäumen und Geſträuch be⸗ kleidet war. Gegenüber von der Offnung der Spalte in die Ebene kam ein ſchöner Waſſerſtrahl über die Felſen herab und gab etwa zwanzig Schritte vom Fuß des Felſen einen kleinen See. Die afrikaniſche Sprache nannte dieſen Waſſerfall„Kryſtallkette“. Nachdem unſer ganzer Trupp durch den engen Paß hin⸗ eingedrungen war, wurde die Löwin bald entdeckt. Sie kauerte hinter einem Felſen und heulte furchtbar. Mein Vater, der ſein Tagewerk bereits gehörig gethan hatte, er⸗ laubte jedem, der wollte, einen Schuß nach der armen Beſtie zu thun, und ich glaube, ſie hat nicht weniger als fünfzig Kugeln erhalten. Dann wurde Befehl gegeben, das Nacht⸗ lager hier aufzuſchlagen. In dieſem eingeſchloſſenen Raume hätten, glaube ich, 10000 Mann bequeme Unterkunft ge⸗ funden. Bald war Brennholz in Menge geſammelt, mehrere mächtige Feuer wurden angezündet, und da ein guter Teil der erlegten Tiere zu den eßbaren gehörte, und auch andere Lebensmittel mitgebracht waren, ſo wurde gemeinſchaftlich eine fröhliche Nachtmahlzeit gehalten. Mein Vater, der in beſonders guter Stimmung war, befahl, jedem Mann eine kleine Portion Branntwein zu reichen, genug zur Erheiterung, aber nicht zur Berauſchung. Bei dieſer Gelegenheit kann ich bemerken, daß König Zembola im ganzen eher ein mäßiger Mann genannt werden konnte. Mehrere der benachbarten Fürſten, die nur eine Leibwache von 6—8 Mann halten konnten, thaten Tag für Tag nichts anderes, als daß ſie unter den Schatten eines Baumes ſaßen, ihre Pfeifen im Mund und ein Branntwein⸗ — M———— 6 —,—— 5 24 2. König Zembola und Kapitän Winton. fäßchen an der Seite; und abends mußte man ſie in einem Zuſtand von Bewußtloſigkeit nach ihrem Schlafgemach ſchleppen. So lange ſie die Mittel hatten, führten ſie den Krieg fort, wie's im Sprichwort heißt, und es war unter ihnen ein luſtiger Burſche, aber ein greulicher Trunkenbold, namens Gulu Bambu, der immer und immer wieder ſeinen Schmuck und ſogar eine ſeiner Weiber für ein Fäßchen Rum meinem Vater verpfändete. Sobald er jedoch die Mittel auf andere Weiſe auftreiben konnte, wurden die Pfänder ehrlich wieder eingelöſt. Dieſer König Gulu war überhaupt ein ganz närriſcher Kerl, abſonderlich in Kleidungsſachen. Einmal hatte er ſich von einem Sklavenhändler einen ſehr ſchönen, langgeſchwänzten Scharlachfrack verſchafft, der mit Knöpfen und goldenen Treſſen bedeckt war. Dieſen Frack trug er bis ans Kinn feſt zugeknöpft, aber ohne Weſte, ohne Beinkleider und ſogar ohne Hemd. Auf ſeinem Kopf trug er den aufgeſtutzten Hut eines Seeoffiziers, die Füße ſteckte er in ein paar guter engliſcher Stulpenſtiefel, das Hemd anlangend aber lachte er über eine ſo weibiſche Kleidung. Mein Vater machte ihm ernſtlich Vorſtellungen, wenigſtens ein Hemd zu tragen.„Nein, nein,“ ſagte er, „Hemd gemacht für Buckramann(d. h. weiße Leute), Hemd gleich Weiberunterrock. König Gulu tapferer Krieger, kein Hemd haben.“ Ich ſah ihn eines Tages, nachdem er groß⸗ mütiger Weiſe alle ſeine Hauptleute und männlichen Diener bis zum Tod beſoffen gemacht hatte, wie er in der oben ge⸗ ſchilderten Kleidung mit einer Muskete auf der Schulter einherſtolzierte und am Thor ſeines eigenen Palaſtes Schild⸗ wache ſtand. Von Zeit zu Zeit murmelte er vor ſich hin: „König Gulu— toller Burſche— großer Fürſt; wundert mich, was die Engländer ſagen von mir— was König Georg von mir denkt; muß einmal gehen, ihn beſuchen. ——— — 2. König Zembola und Kapitän Winton. 25 Was die Amerikaner ſagen mögen von mir! O Gomo! Gomo; ich werde ſie einmal in Erſtaunen ſetzen.“ Dann ging er gelegentlich hinüber zum Rumfäßchen und trank ſehr ernſthaft auf ſeine eigene Geſundheit. Doch wieder ins Lager zurück! Die Nacht trat ſogleich nach dem Abendeſſen ein, und einige von der Geſellſchaft waren auch wirklich geneigt, ſich als⸗ bald ſchlafen zu legen. Die übrigen aber fingen ihre Kriegs⸗ tänze an, die mit greulichem Geſchrei begleitet und bis gegen Mitternacht fortgeſetzt wurden. Wäre ein europäiſcher Reiſender an dieſem Abend an dem Rande der Felſenwand über uns geſtanden, er hätte ein höchſt ſeltſames Schauſpiel beobachten können. Die Nacht war beſonders finſter, die Beleuchtung von den mächtigen Feuern um ſo blendender, und die dunkeln Schatten aller Gegenſtände umher erſchienen mir höchſt großartig. Der dünne Waſſerſtrahl, der durch die Luft herabſtürzte, flimmerte und blitzte in dem flackernden Licht wie von Diamanten. Die wilden Beſtien, die dieſes Quartier inne hatten und ſo geſtört worden waren, unter⸗ hielten ein beſtändiges Geheul und Geklapper die ganze Nacht. Hyänen, Paviane, Affen und viele andere Tiere begleiteten mit ihren mißtönigen Stimmen das laute Ge⸗ ſchwätz zahlloſer Arten von Papageien; und kleine Herden des großen ſchwarzen Geiers, der in dieſem Teil von Afrika ſo häufig iſt, flatterten von Baum zu Baum und von Fels zu Fels. In meiner kindiſchen Einbildungskraft kamen ſie mir vor wie Horden von böſen Geiſtern, die eine Ruheſtätte ſuchten oder auf eine Gelegenheit warteten, auf unſere Schar herabzuſchießen, welche ſich endlich auch zum Schlafe ausgeſtreckt hatte. Lange vor Tagesaubruch waren viele von der Geſellſchaft ſchon wieder in Bewegung, um friſches Holz aufs Feuer zu legen, eine Morgenpfeife zu 26 2. König Zembola und Kapitän Winton. rauchen, oder das Frühſtück zuzubereiten. Kaum war dieſe Mahlzeit beendigt, ſo brachen wir abermals auf und ſuchten Wild. Ich hatte das Vergnügen, zwei Hyänen und eine Antilope zu erlegen. Außer dieſen wurden von der übrigen Geſellſchaft nur einige kleine Tiere geſchoſſen. Nachmittags langten wir wieder in unſerem Dorfe an. Der Tod des Löwenpaares hatte unſere Herden auf lange Zeit von aller Störung erlöſt, und die Abenteuer der Jagdpartie waren an manchem langen Abend der Gegen⸗ ſtand der Unterhaltung. Ich war mit dem Erfolg der Jagd ſo zufrieden, daß ich beſchloß, mich regelmäßig an den Ge⸗ brauch der Flinte zu halten, und wo möglich mit der Tapfer⸗ keit meines Vaters zu wetteifern. Ich ſchoß alle Tage nach der Scheibe, und machte oft kurze Ausflüge, von denen ich jedesmal mehr oder weniger Wildbret nach Hauſe brachte. Um dieſe Zeit hatte ich mein dreizehntes Jahr erreicht; ich konnte ein Ei, das in einer Entfernung von hundert Schritt auf einem Stabe ſtak, mit einer einzigen Kugel treffen, und nachdem ich dies mehrmals vor meinem Vater ausgeführt hatte, erlaubte er mir, in Begleitung von einem oder zwei Dienern zu gehen ſo weit ich wollte; doch ſollte ich mich nicht über zwei Tagreiſen weit entfernen. In meinem vierzehnten Jahre war ich für mein Alter ſchon ſehr ſtark und gewandt, ſo daß ich es mit manchem erwachſenen Mann hätte aufnehmen können. Eines Tages ging ich auf die Jagd; zwei gewandte Diener, namens Pouldamah und Bollah, junge Leute, von denen ich wußte, daß ſie keine Gefahr fürchteten, begleiteten mich. Nachdem ich mehrere Hyänen geſchoſſen hatte, wurde ich ſo jagdeifrig, daß mir nichts mehr genügte als die Begegnung eines Löwen, wenn ein ſolcher aufzutreiben wäre. Ich verſprach dem Mann, der zuerſt einen Löwen auftriebe, ein anſehnliches —————————————— ——— . 2. König Zembola und Kapitän Winton. 27 Geſchenk; und nachdem wir uns tief in den wildeſten Teil des Waldes hinein gezogen hatten, vernahmen wir endlich das tiefe, dumpfe Knurren eines dieſer Waldkönige. Unſere Hunde leiteten uns bald in eine Höhlung, wo wir einen groß gewachſenen Löwen erblickten, der ſich mit dem friſchen Fleiſch einer ſoeben getöteten Ziege labte. Als er uns erblickte, drehte er ſich bloß einen Augenblick herum und ſetzte dann ſeine Mahlzeit fort, indem er, wie ein Hund an einem Knochen, abwechſelnd kaute und knurrte. Ohne einen Augen⸗ blick zu zögern, feuerte ich, und traf ihn an einem Ohr. Dies machte ihn aber nur zornig, und ehe meine Gefährten zielen konnten, ſtürzte das ungeheure Tier mit furchtbarem Gebrüll auf uns los. Ich gab natürlich Ferſengeld, fiel aber über einen Stein, und lag nun da auf dem Geſicht. Auch meine Gefährten hatten ſich augenblicklich auf die Beine gemacht; aber teils aus Treue gegen mich und aus natürlichem Mut, teils vielleicht aus Furcht vor meines Vaters Zorn, der ſie, falls mir ein Unglück zugeſtoßen wäre, getroffen haben würde, nahmen ſie ſich wieder zuſammen, und ſtanden einen Augenblick feſt. Der Löwe kam auf mich zu, legte eine ſeiner Tatzen auf meinen Rücken und fing an mich knurrend zu beſchnüffeln. Das Gewicht ſeiner Tatze war ſchrecklich und ſchmerzvoll; da ich aber von alten Jägern mit der Art und Weiſe des Löwen bekannt gemacht worden war, lag ich todesſtill, und hielt den Atem an, bis ich faſt erſtickte. Als ich gerade daran war, aus Mangel an Atem nachzugeben, hörte ich zwei ſcharfe Schüſſe, und in einem Augenblick wälzte ſich mein mächtiger Feind auf dem Boden. Ich erhob mich, ſo gut ich konnte, und ſtürzte meinen zwei treuen Freunden zu, die mich mit Entzücken umarmten und ſogar vor Freuden ſchrieen. Unterdeſſen fuhr das Tier fort, ſich im Todeskampfe umher zu wälzen; und hätten wir uns 3. König Darrula. nicht in gehöriger Entfernung gehalten, bis es ganz tot war, ſo würden wir wahrſcheinlich unſere Unvorſichtigkeit teuer bezahlt haben. Nachdem wir ihn gemeſſen und ge⸗ funden hatten, daß er nur wenig kleiner war als der, den mein Vater ſo mutig erlegte, zogen wir ihm die Haut ab und nahmen ſie als Siegeszeichen mit. 3. König Darrnla. Ich muß nun auf einige andere Vorfälle kommen. Mein Vater machte regelmäßige Wanderzüge mit ſeinen Leuten, und zuweilen in eine anſehnliche Entfernung, entweder um mit einem andern Stamm ſich herumzuſchlagen und unterwegs irgend einen Fund zu thun, oder um mit andern Häuptlingen Handel zu treiben. Bei ſolchen Gelegenheiten jedoch ließ er mich durchaus nicht mitgehen,„denn,“ ſagte er,„es wäre zu viel, wenn der König und der Prinz auf einmal in Ge⸗ fahr kämen.“ Er handelte mit mehreren Kapitänen von Sklavenſchiffen, engliſchen und amerikaniſchen; ſein Haupt⸗ kunde aber war Kapitän Winton, der gewöhnlich jedes Jahr oder noch öfter kam. Er brachte meinem Vater allerlei Merkwürdigkeiten zur Ausſtattung ſeines Palaſtes. Wir hatten ſogar eine ſehr hübſche, acht Tage lang gehende Wanduhr aus London, verſchiedene Gefäſſe aus Kryſtall, Thon und Eiſen, und ſelbſt einiges geſchmackvolle Silber⸗ geſchirr, ja, was noch mehr iſt und was für ſolche unwiſſende Menſchen, wie wir alle waren, als etwas ſehr Unnötiges erſcheinen könnte,— viele ſauber gedruckte Bücher mit ſehr ſchönen Kupferſtichen. Mein Vater wußte, daß alle Fürſten in civiliſierten Ländern ſchöne Bibliotheken beſitzen, und er 3. König Darrula. 29 wollte hinter keinem derſelben zurück bleiben. Oft durch⸗ blätterte ich dieſe Bücher und verlangte von Kapitän Winton, wenn er nicht ſonſt zu thun hatte, eine Erklärung darüber; zuweilen las er mir auch aus einem derſelben eine Geſchichte vor. Ihr Inhalt bezog ſich nicht ſelten auf unſer eigenes Afrika, und ſchilderte die Dinge ſo natürlich und wahr, daß es uns allen ganz unbegreiflich und übernatürlich vorkam, wie dieſe Bücher beſſer ſollten reden können als unſere weiſeſten Männer. Was ich leſen hörte, zog mich ſo an und machte mich ſo begierig nach noch mehr, daß ich Kapitän Winton mit Bitten, mich im Leſen zu unterrichten, ganz betäubte, und ihm verdanke ich die erſte Grundlage meiner Bildung. Bei ſeinen verſchiedenen Beſuchen lehrte er mich das engliſche Alphabet verſtehen und einſilbige Worte leſen. Er hatte mir eine engliſche Fibel zum Unter⸗ richt mitgebracht, und ich war ein ſehr fleißiger Schüler. Ich konnte mir ja nicht verbergen, daß wir in Kenntniſſen weit hinter den Ausländern zurück ſtanden, die uns be⸗ ſuchten. Auch die verſchiedenen Induſtrieerzengniſſe, die ſie uns brachten, bewieſen, daß wir im Vergleich mit den Weißen nur Kinder ſeien. Jemehr ich dieſe Sache überlegte, deſto ſtärker wurde mein Wunſch, mehr von der Welt und den Menſchen zu ſehen als in Afrika möglich war, und ich ließ dieſen Wunſch bei Kapitän Winton merken. Als aber mein Vater darauf kam, daß ich ein Verlangen hatte, fremde Völker zu ſehen, wurde er ganz unwillig, und verbot mir, je wieder davon zu reden. Dieſes Verbot jedoch hatte wie gewöhnlich nur die Wirkung, daß ich ernſtlicher darüber nachdachte, wie ich zu meinem Ziel gelangen könne. Kapitän Winton war namentlich bei dem weiblichen Teil unſeres Hauſes beliebt. Er vergaß nie, einige kleine Schmuckſachen für ſie mitzubringen, die meiſten ohne Zweifel 3. König Darrula. von gut vergoldetem Meſſing, und er bekam dagegen jedes⸗ mal edle Metalle in einer oder der andern Geſtalt. Die Weibsleute waren ſehr darauf aus, ſich kleine Silbermünzen zu verſchaffen, aus denen ſie recht hübſche Hals⸗ und Arm⸗ ketten verfertigten, die abwechſelnd aus Münzen und Am⸗ bra⸗ oder Korallenperlen zuſammengeſetzt waren. An Galla⸗ tagen trug meine Schweſter auf dieſe Art an Kopf, Hals und Armen ſo viele kleine Silbermünzen umher, daß ein großer Krämerladen genug daran gehabt hätte. Ich hatte das ſechzehnte Jahr erreicht, als Kapitän Winton einmal wieder kam und ich meinen Vater dringend um die Erlaubnis erſuchte, den Fluß hinab zu fahren und ſein Schiff zu ſehen. Endlich willigte er ein, indem er ſagte, er habe eine Ladung Sklaven zum Schiff hinab zu bringen, und wir würden alle mit einander gehen. Nach⸗ dem alles in Ordnung gebracht und die 52 Sklaven in zwei großen Kähnen eingeſchifft waren, ſetzte er ſich mit mir und 12 Kriegern in einen andern Kahn, und der Kapitän begleitete uns in ſeinem mit 8 Matroſen bemannten Boote. In zwei Tagen kamen wir zum Ankerplatz, vier engliſche Meilen innerhalb der Barre vor der Mündung des Congo. Dort lagen noch vier andere Sklavenſchiffe, und ich war ganz dahingenommen vor Verwunderung und Er⸗ ſtaunen über das ſchöne Ausſehen und die Rieſengeſtalt dieſer Schiffe, denn nie zuvor hatte ich ein größeres Schiff ge⸗ ſehen als unſere Kähne. Als wir auf das Verdeck von Kapitän Winton's Schiff, dem Triton, kamen, erſchien mir alles, was ich ſah, wie verzaubert. Das Schiff führte zwölf Kanonen, und Kapitän Winton ließ zu Ehren ſeiner Gäſte fünf Schüſſe thun. Ich war natürlich mit der Entladung kleinerer Gewehre hinlänglich bekannt, hatte aber nie eine Kanone abfeuern ſehen; und da weder der Kapitän noch ——.————— 3. König Darrula. 31 mein Vater mich vorher warnten, ſo machte ich beim erſten Kanonenſchuß einen hohen Sprung auf dem Verdeck, und ſah wie vom Donner gerührt meinen Vater an. In der That hielt ich es für einen Donnerſchlag, und es brauchte geraume Zeit, bis ich meine Faſſung wieder gewann. Nach⸗ dem man mir aber eine Erklärung gegeben hatte, war ich nur um ſo gewiſſer von der wunderbaren Macht und Ge⸗ ſchicklichkeit der weißen Leute überzengt. Hierauf führte man mich hinunter in die Kajüte, wo ich allerlei Gegenſtände ſah, die mir ſehr ſeltſam vorkamen, unter anderem zwei ſehr große Erdgloben, deren Bedeutung mir der Kapitän erläuterte. Mein Pater lachte dem Kapitän ins Geſicht, als dieſer behauptete die Erbe ſei rund, und ſagte:„o Kapitän, Ihr haltet die ſchwarzen Leute für Narren.“ Er zeigte uns auch einige Landkarten, und ſuchte uns ſogar die Natur der Sonnen⸗ und Mondsfinſterniſſe mittelſt einiger geometriſchen Figuren zu erklären, wobei wir freilich wenig verſtanden. So geheimnisvoll es mir aber auch vorkam, ſo war ich doch aus anderen Umſtänden über⸗ zengt, daß der weiße Mann recht haben müſſe. Nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht hatte, fragte ich den Kapitän, ob er wiſſe, wer die Welt und Sonne und Mond und alle andern ſichtbaren Dinge geſchaffen habe. Er erwiderte, ein großes und unſichtbares Weſen habe alle Dinge gemacht, und die Götzen, die wir Afrikaner anbeteten, ſeien bloß Erfindungen der menſchlichen Einbildung und Unwiſſenheit. Er ſagte ferner, Gott habe in früheren Zeiten ſichtbare Engel vom Himmel herabgeſandt, um den Menſchen zu ſagen, was recht ſei, aber die Gottloſigkeit der Menſchen habe ihm mißfallen, und nun habe er keinen ſichtbaren Verkehr mehr mit ihnen.„Doch,“ fuhr er fort,„hat Gott in ſeiner Barmherzigkeit ſeinen Sohn geſandt, der vor etwa „ 3 1 S 25——— 3. König Darrula. 2000 Jahren in die Welt gekommen iſt, und den Menſchen guten Unterricht und Anweiſung gegeben hat. Endlich, weil er heiliger war als irgend ein Weſen auf dieſer Erde, wurde er von gottloſen Menſchen getötet; nach drei Tagen aber ſtand er aus ſeinem Grabe wieder auf, und bald nachher ſtieg er vor den Augen vieler Zeugen in den Himmel empor. Wer an den Sohn Gottes glaubt, und über ſeine böſen Werke Buße thut, wird nach ſeinem Tode in den Himmel aufgenommen, um dort ewig ſelig zu ſein.“— Alles dies, obwohl damals großenteils unverſtändlich für mich, machte einen tiefen Eindruck auf mein Gemüt, wenn ich dieſe Lehre mit dem verwirrten Unſinn verglich, den uns unſere wan⸗ dernden Prieſter predigten, ſo ſehnte ich mich von ganzem Herzen, mehr von dieſem Sohn Gottes zu erfahren; und obgleich ich meine Gedanken für mich behielt, wurde doch der Entſchluß immer reifer in mir, ſo bald als möglich eine Reiſe in das Land der weißen Männer zu machen. Kapitän Winton zeigte uns hierauf den unteren Schiffs⸗ raum, in welchem bereits 300 Sklaven zuſammengepackt waren; die meiſten trugen Feſſeln, und es ſchien ihnen ſchlecht zu gefallen. Kapitän Winton ſagte uns, wenn er ſie nicht ſo einſchlöße, würden ſie während der Seereiſe aufs Verdeck kommen und eine ſolche Unruhe im Schiff anrichten, daß die Matroſen ihre Arbeit nicht verrichten könnten. Das war nun ziemlich einleuchtend. Ich fragte hierauf, was aus den Sklaven werden würde, wann ſie nach Amerika kämen. „O,“ ſagte er lachend,„die Weiber kriegen alle weiße Männer, und haben wenig anderes zu thun, als ſich zu putzen und ſpazieren zu gehen; ſie werden viel beſſer ge⸗ kleidet als Ihre Mutter und Ihre Schweſtern, Prinz Zamba. Die Männer werden in verſchiedenen Handwerken unterrichtet, gut genährt und gekleidet, und haben es viel beſſer als in 3. König Darrula. 33 Afrika.“ Ich ſchlang das alles hinein als volle Wahrheit, und dachte, die Leute bekämen es in der That beſſer, als wenn ſie von meinem Vater und andern Häuptlingen in der Gefangenſchaft gehalten würden, wo ſie ihres Lebens keine Stunde lang ſicher wären. Kapitän Winton hatte mir aber freilich nicht alles geſagt; das wurde ich ſpäter durch eigene bittere Erfahrung gewahr. Wir blieben an Bord des Schiffs die ganze Nacht, und am folgenden Tage empfing mein Vater die Bezahlung für ſeine Sklaven. Damals wurde ein ſtarker männlicher Sklave im Durchſchnitt auf 30— 40 Dollars(à4 Mark) geſchätzt; Weiber zu 5— 10 Dollars weniger, und Kinder nach Ver⸗ hältnis. Der Kaufpreis wurde aber in lauter Tauſchwaren bezahlt. Ein Stück ordinärer iriſcher Leinwand war zu 25— 35 Dollars angeſchlagen. Eine Muskete mit Bajonett, die in England wahrſcheinlich 30 M. koſtete, galt 20 Dol⸗ lars, und das Pfund Schießpulver 1 Dollar. Zuweilen jedoch beſtand mein Vater darauf, 100 oder 200 Dollars baar zu bekommen, und er ſchien mit dem relativen Wert der Waren ganz gut bekannt zu ſein. Nachdem alles mit Kapitän Winton abgemacht war, beſtiegen wir wieder unſere Kähne, und ehe wir eine halbe Stunde den Fluß hinauf gerudert hatten, ſah ich zu meiner Freude eines von den Sklavenſchiffen mit gutem Wind unter Segel gehen: es war in der That ein wunderbares Schauſpiel für mich. Wir hatten drei Kähne zu führen, und nur wenige Ruderer; es koſtete daher fünf Tage, bis wir nach Hauſe kamen. Etwa ſieben Monate nach dieſem Ausflug ſagte mir mein Vater, er wolle mich auf eine Handelsreiſe mitnehmen, und verſprach mir auch, daß ich ihn künftighin auf ſeinen Kriegszügen begleiten dürfe. Ich mußte ihm freilich ver⸗ ſprechen, falls ihn ein Unglück träfe, in ſeinen Fußſtapfen Barth, Zamba.(3. A.) 3 5 ₰ 2 ———— 34 3. König Darrula. wandeln zu wollen, und alles gerade ſo zu machen, wie er es gemacht habe. Ich muß übrigens geſtehen, daß ich kein ganz gutes Gewiſſen dabei hatte, denn in meinem Kopf waren ganz andere Gedanken. Was er jetzt vorhatte, war ein Beſuch in Handelsangelegenheiten bei einem König, na⸗ mens Darrula, vom Kormantuſtamme, der ungefähr zwei⸗ hundert engl. Meilen von uns, den Congo hinauf, wohnte. „Dieſer Darrula,“ ſagte er,„iſt ein ganz wunderlicher Ka⸗ merad, und es erfordert große Vorſicht und Mut, wenn man einen vorteilhaften Handel mit ihm machen will. Je⸗ doch du wirſt bald ſelbſt darüber urteilen können.“— Wir hatten drei unſerer größten Kähne in Bereitſchaft geſetzt, deren jeder 30— 40 Mann tragen konnte. Dasjenige, in welchem mein Vater ſelbſt Platz nahm, hatte in der Mitte eine Art von Kajüte mit Bedeckung und anderen Bequem⸗ lichkeiten. Unſere Handelswaren beſtanden hauptſächlich aus iriſcher Leinwand, rotem Flanell, buntgedrucktem engliſchem Cattun und einigen Eiſenwaren, nebſt fünf Fäßchen mit etwa hundert Gallonen Rum. Alles dieſes, nebſt dem Mund⸗ vorrat für die Reiſe, wurde an Bord des Kahnes gebracht, und dreißig unſerer beſten Männer, in guter Bewaffnung, begleiteten uns. Nach einer Reiſe von ſechs Tagen brachten uns unſere Ruderer zu König Darrula's Landungsplatz, wo wir die Fahrzeuge mit einer Wache von fünf Männern ließen, und dann gingen wir in feierlicher Ordnung auf das Dorf zu. Man hatte uns bald wahrgenommen, und König Darrula kam an der Spitze von 20— 30 Männern uns entgegen. Die beiden Fürſten bezeugten ihre Freude, einander zu ſehen, und ich wurde förmlich vorgeſtellt. König Darrula hatte ein ſehr auffallendes und gebietendes Ausſehen; in ſeinem Lächeln aber war etwas beſonders Wildes, und ſeine un⸗ 3. König Darrula. 35 gemein großen Augen ſahen furchtbar böswillig drein. Er war in rote Flanellhoſen mit großen Knieſchnallen gekleidet; über einem Paar Halbſtiefel guckten die bloßen Beine heraus; eine blaue Schiffsuniform mit großen goldenen Epauletten und einer rot und blau geſtreiften Schlafmütze vollendeten ſeinen Anzug. Als wir uns dem mit Paliſſaden umringten Dorfe näherten, fingen einige ſeiner Leute an, Trompeten zu blaſen und mit aller Macht hurra zu ſchreien. Beim Eintritt durchs Thor war natürlich das erſte Gebäude, das in die Angen fiel, der Palaſt: eine in der That ſehr anſtändig ausſehende Wohnung von zwei Stockwerken. Sobald wir auf die Pforte zukamen, wurde ich an den oberen Fenſtern verſchiedene Frauenzimmer gewahr, deren eine zu Ehren unſerer Ankunft eine Trommel ſchlug, die andere gewaltig mit einem Tambourin klapperte. Die Paliſſaden rings um den Polaſt her gewährten einen ſchrecklichen Anblick. Von drei zu drei Fuß ſteckte ein Menſchen⸗ kopf auf einem Pfahl, einige ganz friſch ausſehend, andere in verſchiedenen Stadien der Verweſung. Ich bemerkte, daß die Paliſſade an einer Seite des Palaſts dieſer furchtbaren Trophäen entbehrte; warum, zeigte ſich bald. Gerade als mein Vater durch die Pforte ging, trat er in eine Pfütze friſchen Blutes, und ohne im geringſten eine Befremdung merken zu laſſen, wandte er ſich zu ſeinem Kollegen um, und ſagte mit einem halb ernſthaften, halb komiſchen Blick: „Wie, König Darrula, treibſt du immer noch die alte Be⸗ luſtigung? Du machſt es gar zu arg, ſag ich dir. Du weißt doch, daß du mich allezeit bereit findeſt, dir deine Gefangenen oder Verbrecher abzukaufen. Was haſt du nun dieſen Morgen wieder gemacht?“—„He,“ antwortete Dar⸗ rula,„du weißt, König Zembola, daß ich mehr Köpfe auf⸗ bringen kann als du. Was ich mit dir handle, iſt nur fürs 3* — S 3. König Darrula. Taſchengeld. Ich muß meinen Palaſt verziert haben wie ein rechter König. Ich habe noch etwa fünfzig leere Stellen auszufüllen, und habe dieſen Morgen nur drei geliefert.“ Zur Erläuterung ſetzte er hinzu, er habe ſich's zur Regel gemacht, an jedem Neumond wenigſtens drei leere Stellen an den Paliſſaden auszufüllen, bis ſie alle rings herum mit Köpfen beſetzt ſeien. Einer von den heute gelieferten Köpfen habe einer ſeiner Frauen gehört, auf die er eiferſüchtig ge⸗ weſen; ein anderer ſei der Kopf eines Sklaven, der zufüllig eine ſchöne Kryſtallflaſche zerbrochen habe, und der dritte gehöre einem kränklichen Gefangenen, für den er jedenfalls keine zehn Dollars bekommen haben würde. Kaltblütig deutete er auf die Köpfe, die ſveben auf ihre Pfähle auf⸗ geſteckt worden waren, und an denen immer noch das Blut herablief. Mein Vater ſagte nur:„Herr, Herr, du über⸗ treibſt es ſehr.“ Der Eindruck aber, den es auf meine Empfindungen machte, war ſo ſtark, daß ich mich bei dem greulichen Anblick des Schauders nicht enthalten konnte. Als Darrula dies gewahr wurde, klopfte er mich auf die Schulter und ſagte:„He, Knabe, Knabe, ich merke, du haſt die Welt noch nicht geſehen.“ Ich hielt mich innerlich an die Hoffnung, daß ich bald von einem Lande ſolcher Schrecken fern ſein würde, und erinnerte mich an das, was Kapitän Winton von der Lebensart der weißen Leute geſagt hatte. Beim Eintritt in das Innere des Palaſtes ſah ich gleich, daß er, obwohl für einen afrikaniſchen Fürſten wohl aus⸗ geſtattet, nicht die geſchmackvolle Einrichtung und die hübſchen Sachen hatte wie das Haus meines Vaters; dagegen lagen überall herum Jagdbeuten in großer Menge, und die Wände waren allenthalben mit Kriegsgeräte geſchmückt. Die beiden Häuptlinge ſetzten ſich nun an einen Tiſch, und außer mir mußte jedermann hinaus gehen. Sie fingen an, von Ge⸗ ₰ 3. König Darrula. 37 ſchäften zu reden; Branntweinflaſchen und andere Erfriſch⸗ ungen wurden aufgetragen, und nachdem einige Becher voll getrunken waren, fragte Darrula, wie viel Rum ſein könig⸗ licher Bruder mitgebracht habe. Auf dieſe und andere Fragen gab mein Vater ausweichende Antworten, und er⸗ kundigte ſich dagegen, wie viele und was für Gefangene bei Darrula vorhanden ſeien. Dieſer, als ein echter Handels⸗ mann, wich der Frage auch wieder aus: kurz, eine lange Zeit wetteiferten die beiden, gleich geſchickten Jägern, um einander die Wetterſeite abzugewinnen. Endlich kamen ſie zu einer Art von Einverſtändnis, und ich ſah an den Preiſen der verſchiedenen Artikel, für welche 55 Sklaven eingetauſcht werden ſollten, daß mein Vater einen ſehr vorteilhaften Handel machte: an ſeinen Waren gewann er wenigſtens hundert Procent, und eben ſo viel an den Sklaven. Nach kurzer Zeit gingen wir hinaus, und beſichtigten die 55 Sklaven. Einige davon zeigten bei der Ausſicht auf eine Veränderung freudige Geſichter. Mein Vater ſchickte hierauf einige von ſeinen Leuten, von Darrula's Männern begleitet, nach den Kähnen, um die bedungenen Waren heraufzuholen, und unterdeſſen kehrten die beiden Fürſten in die Trinkſtube zurück, und ſchienen entſchloſſen, ſich einen luſtigen Tag zu machen. Darrula war auf ſeine Weiſe ſehr unterhaltend; aber wenn ich ſein wildes Geſicht anſah, ſo wünſchte ich lieber anderswo zu ſein als in ſeinem Schloß. Die Handelswaren wurden bald von den Kähnen herbei gebracht; Darrula war großmütig genug, ein Rumfaß an⸗ zapfen zu laſſen, und allen Männern auf beiden Seiten reichliche Portionen zu bewilligen. Der ganze Nachmittag wurde in Luſtbarkeit hingebracht. Mein Vater war jedoch ſo vorſichtig, einige Zeit vor Sonnenuntergang in ſein Schiff hinab zu gehen, und für die ganze Nacht eine Wache 38 3. König Darrula. von fünfzehn Mann anzuordnen; die übrigen wurden im Palaſt untergebracht. Zur Zeit der Dämmerung kehrten wir in den JPalaſt zurück, und nahmen an einer Mahlzeit teil, welche Darrula's Köchen alle Ehre machte. Auf das Anſuchen Darrula's wurden einige von meines Vaters Leuten in das Zimmer gebracht, wo die beiden Könige ſaßen, und durften ſich bei ihnen niederſetzen, und die guten Sachen genießen helfen. An dieſem Abend wurden wir auch noch von einem Prieſter des Landes beſucht, den ich mich augenblicklich erinnerte oft in unſerem Palaſt, geſehen zu haben. Nach einiger Zeit nahm dieſer Prieſter der neben meinem Vater ſaß, ein kleines Götzenbild aus ſeiner Taſche, hielt es in die Höhe und ſtellte ſich, als ſpräche er leiſe ein Gebet zu dieſem Götzen. Dies that er aber nur, um meines Vaters Aufmerkſamkeit zu erregen, ohne daß Darrula Verdacht faßte, der unterdeſſen eifrig damit beſchäftigt war, einigen unſerer Leute mit Rum⸗ trinken zuzuſetzen und deſſen Kopf und Aufmerkſamkeit ſich ch einer andern Seite gerichtet hatte. Der Prieſter flüſterte nin„König Zembola, höre mir zu; aber ſtelle dich, als hörteſt du nicht! Du biſt mein Freund geweſen; ich bin dein Freund: ich kann es nicht mit anſehen, daß du verraten wirſt. Merke nun: es wird morgen ein Verſuch gemacht werden, dich und deine Leute zu vertilgen, in dem Augenblick, wo du dich einſchiffen willſt: ſei auf deiner Hut! Mehr kann ich nicht ſagen. Nun, laß dein Geſicht dich nicht verraten. Heute Nacht biſt du ſicher; aber morgen— denke dran: morgen!“ Ich konnte augenblicklich wahrnehmen, wie das Geſicht meines Vaters ſich veränderte; aber ſchnell wurde er ſeiner Bewegung Meiſter, blickte dem treuen alten Prieſter ins Geſicht, drückte ihm die Hand, und ſagte:„gut mein Freund, ich werde dich nie vergeſſen.“ ——— 3. König Darrula. 39 Die Unterhaltung wurde fortgeſetzt, und endlich waren alle mehr als bereit zum Schlafengehen. Mehrere hatten ſich in der That ohne Umſtände ſchon auf den Fußboden niedergelegt, und König Darrula ſchnarchte in ſeinem Staats⸗ ſeſſel. Mein Vater und ich zogen uns in ein Zimmer zurück, das für uns bereit gehalten war; und nachdem wir zwei Schildwachen an unſere Thüre geſtellt, und nachgeſehen hatten, ob unſere Waffen in Ordnung ſeien, legten wir uns zum Schlafen nieder und erwachten erſt mit Tagesanbruch. Die beiden Könige kamen Morgens in aller Freundlichkeit wieder zuſammen, und bald war ein Frühſtück bereitet, das die Folgen der geſtrigen Schwelgerei in kurzer Zeit ver⸗ ſchwinden machte. Im Laufe des Vormittags wurden die 55 Sklaven zum Landungsplatz hinunter gebracht und mit Ketten zuſammen⸗ gefeſſelt, und nachdem alles im Palaſt abgemacht war, be⸗ gleitete uns König Darrula mit einem Dutzend ſeiner Männer unbewaffnet, und wir alle gingen auf das Ufer zu in ſchein⸗ barem Frieden und Wohlwollen. Die Sklaven wurden hierauf in zweien von den Kähnen untergebracht, und die Soldaten meines Vaters waren im Begriff, ihre Plätze einzunehmen: ein Teil von ihnen ſollte in die Kähne der Sklaven gehen, und die übrigen mit ihrem Oberhaupt und mir in unſer beſtes Schiff. In dieſem Augenblick umarmte Darrula mich und hier⸗ auf meinen Vater mit ſcheinbarer Herzlichkeit, wünſchte uns eine glückliche Reiſe und einen guten Markt und zog ſich hierauf ein paar Schritte auf dem Ufer zurück. Plötzlich jedoch drehte er ſich um, rief:„König Zembola, ich habe etwas vergeſſen!“ gab ein Signal, und alsbald ſprangen aus einem 100 Schritt entfernten Gebüſch 50 bis 60 Mann mit lautem Geſchrei heraus und feuerten auf uns mit großer 3. König Darrula. Schnelligkeit. Mein Vater, der ſoweit auf ſeiner Hut war, hatte ſchon vorher ſeinen Leuten befohlen, jeder ſollte ſeine Muskete mit einer Kugel und acht bis zehn Poſten geladen halten, und nun hieß er ſie in aller Ruhe feſt und dicht ſtehen und dem Feind eine Salve geben. Beim erſten Angriff waren zwei von unſern Leuten gefallen; allein die Unſrigen waren den Soldaten Darrula's in der Disciplin überlegen und beſſere Schützen: dies zeigte ſich ſchon bei der erſten Salve, die 15 bis 20 Feinde niederſtreckte. überdies waren unſere Leute mit Bajonetten verſehen, welche denen Darrula's mangelten, und ehe ſie wieder laden konnten, hieß mein Vater ſeine Krieger im Sturmſchritt auf die Feinde losgehen. Sie thaten dies auf ſo mutige Weiſe, daß man in zwei Minuten Darrula und ſeine Männer kaum noch ſehen konnte. Mein Vater jedoch war ebenſo vorſichtig als tapfer; und da man nicht wußte, wie viele noch im Gebüſch verborgen ſteckten, befahl er uns, augenblicklich zu Schiffe zu gehen und auf dem Wege zum Fluß hinab alle ver⸗ wundeten Feinde vollends umzubringen. Mit der äußerſten Eile ſchoben wir unſere Kähne ins Waſſer, waren bald auf der andern Seite des Sung und trieben ſo ſchnell hinab, als unſere Ruder und der Strom uns bringen konnten. Unterwegs ſaß mein Vater ziemlich lange ſchweigſam da, aber ſein Angeſicht war ganz verändert: es hatte eine blaß⸗ graue Farbe angenommen, und ſeine Augen rollten in ihren Höhlen, als wollten ſie herausbrechen. Endlich hatte ſeine Wut Worte gefunden. Er hob ſeine Hände auf und ſchwur bei allen Göttern, von denen man je in Afrika gehört hatte, er wolle weder Tag noch Nacht ruhen, bevor er an Darrula und ſeinem Stamm blutige Rache genommen.„Ich habe davon gehört,“ ſagte er,„daß Feinde im Krieg Verräterei gegen einander geübt haben, aber in Frieden und Freund⸗ 3. König Darrula. 41 ſchaft nie. Hat es je einen Schurken gegeben wie dieſer verfluchte Darrula? Beim großen Kolla! wenn ich nicht das Blut des ganzen Stammes wie Waſſer vergieße, ſo ſoll mein ganzes Geſchlecht zur Hölle fahren!“ Hierauf befahl er zur Ermunterung ſeiner Männer ein Faß Rum anzu⸗ ſtechen und gab jedem einen guten Becher voll. Auch den armen Sklaven gab er ein wenig, um ihre Herzen zu er⸗ heitern, denn ſie ſchienen offenbar erfreut darüber, daß Darrula in die Flucht gejagt worden. Hierauf befahl er den Ruderern, unabläſſig zu arbeiten, indem er ihnen reich⸗ liche Portionen an Lebensmitteln und Getränken verhieß; und ſie alle verrichteten ihr Geſchäft ſo gut, daß wir ſchon am Abend des folgenden Tages wohlbehalten bei unſerem Landungsplatz eintrafen. Nachdem er die Sklaven in Sicherheit gebracht hatte, war das erſte, was mein Vater that, daß er in das Gemach ging, wo der ſchon beſchriebene abſcheuliche Götze ſtand und ihm mit ſeinem Hirſchfänger einen furchtbaren Schlag an den Kopf gab. Ob ich gleich ein ernſthaftes Geſicht dazu machte, konnte ich mich doch kaum enthalten, laut aufzulachen. Hierauf ließ er alle männlichen Bewohner des Orts zuſammen kommen, und nachdem er ihnen das Vorgefallene kurz er⸗ zählt hatte, ſchickte er Boten in jede Hütte ſeiner kleinen Herrſchaft, um ohne Aufſchub alle, die Waffen tragen konnten, aufzubieten.„Der hölliſche Schurke Darrula,“ ſagte er, „wird mich natürlich erwarten; aber ich will ihm auf den Hals kommen, ehe er denkt, daß wir zu Hauſe ſeien.“ Hierauf ließ er alle für die Nacht zur Ruhe gehen, beor⸗ derte ſie aber für den nächſten Morgen zu einer allgemeinen Muſterung. 4. Der Kriegszug. Als der Morgen anbrach, verſammelten ſich die Kriegs⸗ leute meines Vaters von allen Seiten her, und ehe die Sonne zwei Stunden am Himmel ſtand, waren alle, die man erwartet hatte, eingetroffen; nicht einer fehlte, und alle ſchienen von denſelben Rachegeiſt beſeelt zu ſein. 140 Mann wurden für den Kriegszug auserleſen, und etwa 30 Bewaff⸗ nete blieben zurück, um bis zur Beendigung desſelben die Heimat zu beſchützen. Fünf große Kähne wurden zugerüſtet und mit Lebensmitteln und Branntwein verſehen, Schieß⸗ bedarf und Brennmaterial herbeigeſchafft; kurz, es wurde nichts vergeſſen, was für unſern Zweck erforderlich war. Um Mittagszeit war alles fertig, und nachdem mein Vater dem Mann, den er als ſeinen Stellvertreter hinterließ, die nötigen Anweiſungen gegeben und von meiner Mutter und ſeinen übrigen Weibern Abſchied genommen hatte, führte er mich in das Zimmer, wo das Götzenbild ſtand, kniete nieder und betete ſehr dringend um glücklichen Erfolg für das Unternehmen. Was mich betrifft, ſo ſetzte ich ſchon damals ſehr wenig Vertrauen auf die Macht des abſcheulichen Götzen, und um ſo weniger, da ſein abſcheulicher Kopf von jenem zornigen Hieb beinahe entzwei geſpalten war. Ach mein armer Vater! Möge der allein wahre und lebendige Gott dir deine Unwiſſenheit vergeben an jenem Tage, wo die inneren Beweggründe, nicht die Worte auf die Wage ge⸗ legt werden! Gleich darauf beſtiegen wir unſere Kähne und machten uns in größter Eile auf den Weg; die Ruderer wurden auf alle Weiſe angeſpornt, ihr möglichſtes zu thun. Es* 4. Der Kriegszug. 43 begegnete uns gar kein Unfall, der uns auch nur einen Augenblick aufgehalten hätte, und am dritten Tage nach⸗ mittags waren wir nur noch acht bis neun Stunden vom Dorfe Darrula's entfernt. Die Kähne wurden nun ſo dicht als möglich ans Ufer gebracht und bis Sonnenuntergang vor Anker gelegt; dann aber, nachdem ſich alle Hände ge⸗ ſtärkt hatten, brachen wir wieder auf, und es wurde Befehl gegeben, ſich der möglichſten Stille zu befleißigen. Etwa eine Stunde vor Mitternacht gelangten wir an einen Platz, von dem wir nur noch eine kleine Stunde zu unſerem Ziele hatten; hier wurden die Schiffe dicht ans Ufer gebracht und die Vorbereitungen zum Angriff getroffen. Da es möglich war, daß Darrula ſogar ſchon jetzt ſich auf uns gerüſtet hielt, gab mein Vater Befehl, es ſollten zwanzig auserleſene Männer unter meiner Anführung ſich bemühen, die Schildwachen, die vermutlich beim Landungs⸗ platz aufgeſtellt ſein würden, zu überrumpeln; die übrigen, unter König Zembola ſelbſt, ſollten in der Nähe der Kähne in Waffen bleiben, und für alle Fälle jeden Augenblick ge⸗ rüſtet ſein.. Sofort brach ich mit zwanzig Mann auf, und da die Nacht ungemein finſter und unſere Bekanntſchaft mit der Ortlichkeit nur unvollkommen war, ſo mußten wir bei jedem Tritt vorſichtig ſein. Eine Viertelſtunde weit mar⸗ ſchierten wir gerade ins Land hinein; dann machten wir einen Bogen und ſchlugen uns wieder gegen den Fluß hinab; und als wir uns dem Ort näherten, wo wir Schildwachen erwarteten, krochen wir auf Händen und Füßen weiter, und wagten es kaum, Atem zu holen. Endlich wurden wir ganz nahe am Ufer einen Mann gewahr, der auf und ab ging, und als wir näher kamen, erſpähten wir noch drei andere, die in ſeiner Nähe auf dem Boden ſaßen und behaglich rauchten. Hätte König Darrula ſie geſehen, ſo würden ihre 44 4. Der Kriegszug. Köpfe ohne Zweifel bald einige leere Stellen an ſeinen Palliſaden ausgefüllt haben. Nun ſtanden wir alle auf, aber ſo geräuſchlos als möglich, ſprangen vorwärts, packten 3 die vier Schildwachen, banden ſie und drohten ihnen mit ſ augenblicklichem Tod, wenn ſie den geringſten Laut hören ließen. Ich ſchickte zwei ſchnellfüßige Burſche an meinen Vater ab und ließ ihm ſagen, er möchte ſeine Leute gerade am Ufer herauf führen; und ſie beeilten ſich auch ſo ſehr, daß in weniger als einer Stunde unſere ganze Zahl wieder beiſammen war. König Zembola teilte nun ſein Heer in ſieben Rotten von je zwanzig Mann, und jeder Mann hatte einige Spähne Kienholz, in beſonderer Art zubereitet, daß ſie recht leicht brannten, und ſobald ſie ins Dorf kämen und das Signal gegeben würde, ſollte ein jeder das Haus, das ihm am nächſten ſtand, in Brand ſtecken. Hierauf hielt mein Vater eine kurze Anſprache an uns alle und ermahnte uns, zu bedenken, daß ſeine Ehre und die Ehre unſeres Stammes auf dem Spiel ſtände und daß, wenn wir nicht eine aus⸗ gezeichnete Rache an Männern, Weibern und Kindern nehmen, wir nicht zu ſeinen Freunden gehörten.„Ich werde wenigſtens zweihundert opfern,“ ſagte er,„und ungefähr eben ſo viele werden uns zu Gefangenen übrig bleiben; jedenfalls ſoll Darrula ſeine Verräterei mit ſeinem Blute bezahlen; aber⸗ ſchonet des alten Prieſters, den ihr an Darrula's Tiſch mi mir habt ſprechen ſehen. Und nun ruhig vorwärts!“ . In Todesſtille marſchierten wir weiter, bis wir an Umzäunung des Dorfes kamen; glücklicher oder unglück weiſe gab gleich das erſte Thor nach, ohne daß wir anzuwenden brauchten. Das ganze Dorf lag in tie er i. und Dunkelheit, bis das Schweigen durch das Gebe oder zweier Hunde unterbrochen— Ai „ —— 4. Der Kriegszug. 45 über die Behandlung, die wir bei Darrula erfahren hatten, nicht wenig aufgebracht; allein, ob etwa mein Herz aus weicherem Stoff gebildet war als das meines Vaters, oder ob es von dem Strahl des neuen Lichtes kam, der kürzlich in meine Seele gefallen war, ſo viel iſt gewiß, daß ich mit einer unbeſchreiblichen Empfindung, die an Trübſinn und Kummer grenzte, die Wohnungen der armen Kormantu's überſchaute, die, obwohl ſchuldlos und größtenteils ganz unbekannt mit Darrula's Verräterei, in wenigen Minuten aus ihrem friedlichen Schlummer zu allen Greueln von Brand und Mord und Grauſamkeit erweckt werden ſollten; und ob ich mir gleich denken konnte, daß eine beträchtliche Anzahl von Gefangenen uns zur Beute fallen würden, ſo wünſchte ich doch von Grund meiner Seele, der Verrat möchte auf andere Weiſe geſühnt werden können. Ubrigens hatte ich kaum Zeit zum Nachdenken; denn gleich kam ein Befehl von meinem Vater, meine Mannſchaft gegenüber von Darrula's Palaſt aufzuſtellen, er wolle ſich mit der eigenen an mich anſchließen, da dort der lebhafteſte Widerſtand zu erwarten ſei. Hierauf gab er Befehle, wo die andern ſich aufſtellen ſollten, und befahl ihnen, ſobald ſie bei ihm ein Licht erblicken würden, ihre eigenen Fackeln mit aller Schnellig⸗ keit anzuzünden, und die nächſt gelegenen Wohnungen in Brand zu ſtecken. Wenige Minuten darauf ſchlug er ſelbſt ein Licht, zündete eine Fackel an, und augenblicklich hielt jeder Mann von unſern beiden Rotten ſeine brennende Fackel in die Höhe; alle übrigen Rotten machten es unverzüglich nach. Kaum wurden die brennenden Fackeln an die dürren Stroh— oder Schilfdächer gebracht, mit denen die meiſten Hütten gedeckt waren, ſo ſtiegen die Flammen auf und verbreiteten ſich wie ein Steppenbrand: in wenigen Minuten ſtand das ganze 7 3 46 4. Der Kriegszug. Dorf im Flammenſchein. Nun erhob ſich das furchtbare Geſchrei der Männer, vermiſcht mit den ſchrillen Wehklagen der Weiber und Kinder auf eine gräßliche Weiſe; die ent⸗ ſetzten Einwohner ſtürzten aus ihren brennenden Wohnungen hervor, draußen aber fielen unſere Männer wie wütende Tiger über ſie her, und hieben ſie entweder mit ihren Säbeln nieder, oder ſtießen ſie mit ihren Bajonetten in die Flammen zurück. Einige von den Kormantumännern leiſteten tapfern Widerſtand, und fochten mit den nächſten beſten Waffen, die ſie in der Verwirrung erhaſchen konnten; die meiſten aber waren nackt und wehrlos. Bald wurden die Fenſter des Palaſtes aufgeriſſen, und wir konnten ſehen, wie Darrula ſelbſt mit einer Muskete an der Spitze eines zahlreichen Haufens ſeiner Leute ſtand. Sie feuerten unaufhörlich aus den Fenſtern, und zwar nicht aufs Geratewohl; allein die Flammen machten ſo furchtbare und ſo reißende Fortſchritte, daß dieſe Kampfesweiſe nicht lange fortgeſetzt werden konnte. Unterdeſſen war zwar eine Anzahl unſerer Leute gefallen, aber wir konnten deutlich ſehen, daß unſere Salven in die Zahl unſerer Gegner im Palaſt beträchtliche Lücken riſſen. Zuletzt wurde das Feuer ſo wild, daß Darrula mit ſeinem ganzen Heer von etwa 30 Mann bei der Hauptpforte einen Ausfall machte, und ſich mutig ins Handgemenge mit uns einließ. Der Kampf war jetzt erſchrecklich, und viele erlagen auf beiden Seiten; endlich ging Darrula gerade auf meinen Vater los, der ihm auch keineswegs auswich; und eine Zeit lang waren die beiden in einem unentſchiedenen Kampfe begriffen. Darrula war mit einer mächtigen Streitaxt be⸗ waffnet; mein Vater hatte eine Muskete mit Bajonett, und parierte ſeine Streiche mit großer Geſchicklichkeit; zuletzt ſtach 3 er ihn mitten durch den Leib, und ſpießte ihn an eine Wand des Palaſtes. Auch noch in dieſer ſchauderhaften Lage hieb 4. Der Kriegszug. 47 der tapfere Darrula auf ſeinen triumphierenden Feind los; aber ſeine Streiche waren kraftlos geworden, und als mein Vater das Bajonett herauszog, fiel ſein Feind tot zu Boden. Gerade als mein Vater dieſen wilden Kampf zu Ende ge⸗ bracht hatte, traf ihn eine Kugel von einem der Feinde auf die Stirne; ehe ich ihn erreichen konnte, war er neben ſeinem Gegner zu Boden geſunken: er ſtieß nur noch einen Seufzer aus, dann lag er tot da. Ich war ganz entſetzt und wußte nicht, was anfangen. Der Feind ſetzte den Widerſtand immer noch fort: als aber die Kunde von dem Tode meines Vaters ſich verbreitete, rannten die meiſten unſerer Leute herbei, und ich konnte an ihrer Menge ſehen, daß wir einen vollſtändigen Sieg davon getragen hatten. Ich erteilte augenblicklich Befehl, jedem Pardon zu geben, der darum bitte. Gerade in dieſem Augenblick ſtürzte ein junges Mädchen, in wenige Kleidungsſtücke gehüllt, aber den Zieraten nach, die ſie an Kopf und Hals trug, offenbar eine Perſon von Rang, auf mich zu, verfolgt von einem unſerer Leute, der gerade den Hirſchfänger aufhob, um auf ſie einzuhauen. Ich parierte den Hieb, und befahl ihm abzulaſſen; das Mädchen umſchlang meine Füße und blickte mir flehend ins Geſicht. Bei dem Licht der Flammen ſah ich ihre ſchönen Züge, und als ſie mich mit ihren lieblichen Augen anblickte, hob ich ſie auf und ſagte ihr, ihr Leben ſei gerettet. Hier⸗ auf befahl ich zweien meiner Leute, ſie zu den andern Ge⸗ fangenen zu führen und dafür zu ſorgen, daß ihr kein Leid geſchehe. Unterdeſſen war der Tag angebrochen; aber von dem ſchönen Dorfe Darrula's ſah man kaum noch eine Spur. Eine Anzahl rauchender Aſchenhaufen, vermiſcht mit den überreſten menſchlicher Weſen, zeigte den Platz, wo noch geſtern die fröhlichen Hütten geſtanden waren. Das laute — 2 —2 F 4 ——— 48 4. Der Kriegszug. Heulen und Wehklagen der hätte das Herz eines jeden erweichen müſſen, der nicht ein Feind war. Bei der Muſterung unſerer Leute fand ich, daß außer meinem Vater 35 fehlten, während von Darrula's Leuten im ganzen wenigſtens 200 gefallen ſein mußten. Wir hatten 130 Ge⸗ angene, worunter viele Kinder. Ich ließ den Leichnam meines Vaters anſtändig bei Seite legen und mit einem Tuch bedecken, und dann ließ ich die Leichname unſerer ge⸗ fallenen Landsleute aufſuchen, wobei ich ſelbſt mithalf. Nach langer Bemühung fanden wir 26 Tote, und neun ſo ſchwer Verwundete, daß wenig Hoffnung für ſie übrig blieb, ihre Heimat wieder zu ſehen. Bald hatten wir ein großes Grab gemacht, in welchem die Leichname niedergelegt wurden; und da ich durch den Tod meines Vaters und das entſetzliche Gemetzel unter unſern Feinden tief erſchüttert war, ſuchte ich meine Leute durch das Verſprechen einer Portion Rum zu bewegen, daß ſie noch ein zweites großes Grab machten, und darin ſo viele Leichname der armen Kormantu's begruben, als ſie zuſammenbringen konnten. Wir ließen kein lebendiges Weſen im Dorf zurück, keine einzige Hütte ſtand mehr, und ich glaube, daß bis auf dieſen Tag der Platz eine Wüſte geblieben iſt. Man berichtete mir, während des Aufſuchens der Leich⸗ name habe man hinter Darrula's Palaſt eine niedrig ge⸗ baute Hütte mit Lehmwänden aufgefunden, die das Feuer verſchont habe, weil ſie, ſtatt mit Binſen, wie die andern 3 Häuſer, mit Steinplatten gedeckt geweſen; ſie habe aber 3 keine Fenſter, ſondern nur eine ſehr ſtarke Thüre. Ich ging augenblicklich mit einigen Leuten auf den Platz, brach die Thüre ein, und kam auf eine Treppe, die in einen ordentlich gewölbten Keller hinunter führte. Dies war Darrula's Schatzkammer. Wir fanden darin einen ſehr beträchtlichen 5 ℳ — — 4. Der Kriegszug. 49 Vorrat ausländiſcher Handelsgüter, einige Fäſſer Brannt⸗ wein, verſchiedene ſehr ſchöne Elefantenzähne und zu un⸗ ſerer großen Freude auch ein Fäßchen mit drei bis viertau⸗ ſend ſpaniſchen Dollars, einen Beutel mit 120 Dublonen und zwei kleine Säcke mit Goldſtaub. Alle dieſe Schätze, die unſere Eroberung waren, ließ ich heraufbringen und auf einen Haufen legen. Dann rief ich alle meine Leute, die wenigen, welche die Gefangenen hüteten, ausgenommen, zu⸗ ſammen, und hielt eine Anſprache an ſie. Ich ſagte ihnen, ich wolle jetzt, da ich als der Nachfolger meines Vaters ihr König geworden ſei, mit fürſtlicher Großmut gegen ſie han⸗ deln, und hoffe dagegen, ſie werden allezeit meine getreuen Unterthanen ſein. Zum Beweis meiner Geſinnungen gegen ſie wolle ich, ſobald wir nach Hauſe kommen, die ganze Beute(mit Ausnahme eines oder zweier Dinge, die im königlichen Schatzhaus aufbewahrt werden ſollten) gleichmäßig unter ſie verteilen, und den Anteil der Gefallenen ihren Witwen oder ſonſtigen Verwandten zukommen laſſen. Dieſe Ankündigung wurde mit lautem Freudengeſchrei aufgenommen, und augenblicklich knieten ſämmtliche Männer nieder, hielten ihre Hände in die Höhe und ſchwuren laut bei dem großen Gott Kollah, ſie wollten mir und den Meinen bis zum Tode treu ſein. Hierauf ſchickte ich eine Abteilung von 30 Mann hinab und ließ unſere fünf Kähne an den Landungsplatz herauf⸗ holen; dort würde ich mit den Gefangenen, die ich gerade jetzt beſuchen wollte, zu ihnen ſtoßen. Ich fand ſie in einem höchſt jämmerlichen Zuſtand: viele von ihnen erwarteten, wie ſie nachher geſtanden, nichts Geringeres als irgend einen grauſamen Martertod, wie es oft bei Eroberungen in dieſem Teil von Afrika vorkommt. Ich verſicherte ſie jedoch, daß, obwohl wir durch die Verräterei ihres Königs ſehr gereizt Barth, Zamba.(3. A.) 4 4. Der Kriegszug. worden ſeien, keinem von ihnen, der ſich friedlich aufführe, etwas zu Leide geſchehen ſolle, und ließ ihnen hierauf einige Erfriſchungen reichen. Die armen Geſchöpfe bezeugten ihre Freude und Dankbarkeit über dieſe Zuſage und klatſchten vor Freuden mit den Händen, ſoweit es ihre Bande erlaubten. Ich fragte ſodann nach dem Mädchen, das in der Nacht vorher Schutz bei mir geſucht hatte, und fand ſie unter einer Gruppe von Weibern ſitzen, die ihr einige Kleidungs⸗ ſtücke geliehen hatten und ſie mit großer Achtung be⸗ handelten. Bei meiner Annäherung erhob ſich das arme Mädchen; eine Röte verbreitete ſich über ihre Wangen, und ſie ſchien in großer Bewegung zu ſein. Ich verſichere hier, daß auch Neger ebenſogut erröten können als weiße Leute, wiewohl es bei ihnen nicht ſo merklich iſt. Da wir beinahe die gleiche Sprache redeten, konnte ich mich ihr leicht verſtändlich machen: ich nahm ſie alſo bei der Hand, und fragte ſie, wer und was ſie ſei: denn ſowohl ihre per⸗ ſönliche Erſcheinung als der reiche Schmuck, den ſie trug, überzengten mich, daß ſie keine gewöhnliche Perſon ſein könne. Sie erwiderte, ſie heiße Zillah; aber dann hielt ſie inne, und ließ den Kopf ſinken, wie es ſchien, in großer Verlegenheit. Hierauf ſagte ſie, ihre beiden Eltern ſeien tot; und als ſie weiter reden wollte, unterbrach ich ſie mit den Worten:„O laß gut ſein, Zillah, laß gut ſein; du kannſt mir deine ganze Geſchichte erzählen, wann ich dich zu meiner Mutter bringe.“ Sie ſchien durch dieſe freundliche Behandlung ſehr erleichtert zu ſein, und ihre ſchönen Augen blickten mich dankbar an. Den Abend vorher werde ich nie vergeſſen. Da waren mir ihre Blicke mit einer Macht ins Herz gegangen, wie ich es nie vorher erfahren hatte. Jetzt aber beim hellen Tageslichte ſah ſie noch viel lieblicher und anziehender aus, und ich ſchaute ſie eine Zeit lang an mit 4. Der Kriegszug. 51 einer mir ganz ungewohnten Empfindung— unbeſchreiblich ſüß, und doch nicht ohne eine gewiſſe Aengſtlichkeit und Pein. Mit einem Wort: Liebe— die allgewaltige Liebe, welche die Herzen der Könige und der Sklaven auf gleiche Weiſe erwärmt— hatte ſich in meiner Bruſt entzündet. Ja, zum erſtenmale— und nach einem blutigen, greuelhaften Auftritt, während meine Hände noch rot waren vom Blut (denn ich hatte tapfer gekämpft) und während mein Herz noch trauerte über den Tod meines tapfern Vaters— nahm die ſüße und unwiderſtehliche Leidenſchaft der Liebe Beſitz von meiner Seele. Zillah ſah ein Jahr oder etwas jünger aus als ich da⸗ mals war. Sie war groß und ſchlank, ungemein zierlich, ihr Geſicht— obwohl die Züge afrikaniſches Gepräge tru⸗ gen— war ſchön, und ihre Geſtalt konnte, die Farbe aus⸗ genommen, mit den edelſten Muſterbildern der alten Bild⸗ hauerkunſt wetteifern. Sie trug maſſive goldene Ringe in den Ohren; eine Kette von ſehr großen Perlen, abwechſelnd mit goldenen und Korallenperlen, ſchmückte ihren Hals, und an den Gelenken trug ſie maſſive goldene Ringe von afri⸗ kaniſcher Arbeit. Ich zweifle nicht, daß dieſe Juwelen in Europa 10 000 Mark gekoſtet haben würden. Der Anblick derſelben war es, was die Habgier des ſie verfolgenden Mannes gereizt hatte; und wäre ich nicht im entſcheidenden Augenblick dazwiſchen getreten, ſo würde dieſer ſie ohne Barm⸗ herzigkeit niedergehauen haben. Ich forderte Zillah auf, ſich zwei von den Weibern als Dienerinnen auszuleſen, und verſprach, ſie in meinem eigenen Schiffe den Fluß hinab zu führen; dann beorderte ich meine Leute ſamt den Gefangenen nach dem Landungsplatz. Am Wege lag ein junges Weib, im Tode erkaltet, mit einer großen Wunde in der Seite, und an ihrer Bruſt ein Säug⸗ 4* ———— 52 4. Der Kriegszug. ling, der am Buſen ſeiner toten Mutter ſeine gewohnte Nahrung ſuchte. Ohne Zweifel war die arme Mutter in dem Gemetzel der letzten Nacht tödlich verwundet worden, während ſie zu entfliehen ſuchte, und hier hatte ſie der Tod übereilt. Ich befahl einer von den Frauen, das Kind mitzunehmen. Da unſere fünf Kähne nicht Raum genug boten, um meine Leute ſamt den Gefangenen gehörig zu unter⸗ bringen, nahmen wir noch drei von Darrula's Kähnen hin⸗ zu, und ſo fuhren wir den Fluß hinab: den Leichnam mei⸗ nes Vaters hatte ich natürlich mitgenommen. Nach drei Tagen erreichten wir unſer Dorf. Einige von unſern Leuten, unter ihnen zwei von meines Vaters Frauen und vier von meinen Schweſtern, warteten am Landungsplatz, und merkten gleich bei unſerer Annäherung, daß ein Unglück vorgefallen ſein müſſe, obwohl ſie aus der vergrößerten Zahl der Kähne ſchon erraten konnten, daß wir als Sieger zurückkamen. Kaum wurde der Tod des Königs Zembola bekannt, ſo erhob ſich ein großes, verwirrtes Geſchrei; und in wenigen Minuten war das ganze Dorf in Bewegung. Ich ging ſchnell hinauf zum Palaſt, indem ich Zillah an der Hand führte, und machte meine Mutter und die übrigen Frauen meines Vaters in wenigen Worten mit dem Vorfall bekannt. Es entſtand ein allgemeines Geheul; ſie rauften ſich die Haare aus, und legten ihre Betrübnis mit den heftigſten Gebärden an den Tag. Meine Mutter jedoch wußte auf meine ernſtliche Bitte ihre Empfindungen beſſer im Zaum zu halten, als die übrigen königlichen Frauen, die vielleicht meinen Vater weniger zärtlich geliebt hatten. Ich bat meine Mutter, ſich der armen Zillah anzunehmen und ſie als eine Tochter zu behandeln; und ſie unterdrückte ihren Schmerz, ſchloß das gute Kind zärtlich in ihre Arme und führte e in ein inneres Gemach. Ich kehrte augenblicklich an den £ ——— 4. Der Kriegszug. 53 Landungsplatz zurück, ließ die Leiche meines Vaters ans Land ſetzen und die Gefangenen ausſteigen. Dann beſorgte ich die ſichere Bewachung der letzteren, denn unſere zurück⸗ gebliebenen Leute, als ſie den Tod meines Vaters und ſo vieler ſeiner Tapferen erfuhren, und die Verwundeten er⸗ blickten, waren ſo erbittert, daß man ſie nur mit Mühe abhalten konnte, über die armen Gefangenen herzufallen und Rache an ihnen zu nehmen. Ich verſicherte ſie übrigens, daß bereits hinreichende Rache genommen ſei, und warnte ſie bei meiner königlichen Ungnade, den Gefangenen ja nichts zu Leide zu thun. Nachdem ich hierauf alle unſere Beute ans Ufer geſchafft, verteilte ich ſie meinem Verſprechen ge⸗ mäß nach Recht und Billigkeit; und dies nebſt einer mäßigen Portion von Branntwein trug viel dazu bei, Frieden und Ruhe herzuſtellen. Ich muß hier bemerken, daß man in dieſem Teil des Landes den Wert des Dollars und der Goldmünzen ganz gut kannte, und daß diejenigen, die Geld beſaßen, häufige Gelegenheit hatten, es an vorbeireiſende Handelsleute gegen Waren auszutauſchen. Nach dieſem traf ich Anſtalten zur Beerdigung des ver⸗ ſtorbenen Königs, der in einem ſo heißen Klima ſchon zu lange unbegraben geblieben war. Nachdem ein paſſendes Grab gemacht worden, legten wir ihn dem Herkommen ge⸗ mäß unter vielen ſinnloſen Ceremonien in ſeine vaterländiſche Erde, und begruben mit ihm einige von den Waffen des tapferen Kriegers. Einem Gebrauch zufolge, den man häufig im Lande findet, verlangten einige von den Frauen meines Vaters, man ſolle ſie opfern und mit ihm begraben. Allein teils durch Drohungen, teils durch Verſprechungen, welche ich ihnen und ihren Kindern machte, bewog ich ſie, dieſen ſchauderhaften Akt des Aberglaubens zu unterlaſſen. Doch konnte ich einige von den Frauen und von den Dienerinnen 4. Der Kriegszug. des Hauſes nicht verhindern, ſich mit Meſſern und andern Werkzeugen große Wunden beizubringen. Am folgenden Tage erſuchte ich meine Mutter, mit mir nach der ſchon erwähnten Höhle zu gehen, denn ich hatte in meines Vaters Taſche einen großen Schlüſſel gefunden, und erinnerte mich, daß er mir geſagt hatte, er habe einige wertvolle Sachen in ſeinem Schatz, die er mir einmal zeigen wolle. Wir öffneten eine große Kammer, die in die Wand der Höhle eingehauen war, und fanden in einer Kiſte einiges Silbergeſchirr, gegen 5 000 ſpaniſche Dollars, etwa 400 große Goldſtücke in einem Beutel und drei Säcke mit Gold⸗ ſtaub, nebſt anderen wertvollen Dingen. Auch fand ich, daß die Schatzkammer mit fremden Handelsgütern aller Art wohl verſehen war und mehr Fäſſer mit Rum und Branntwein enthielt, als wir auf nützliche Weiſe verwenden konnten. Als wir wieder nach Hauſe kamen, ließ ich auf den Rat meiner Mutter, dem ich vollkommen beiſtimmte, die vier Frauen meines verſtorbenen Vaters und meine neun Halb⸗ ſchweſtern in den Sprechſaal kommen, und erklärte ihnen, ſie ſollten in Zukunft ganz ſo behandelt werden wie bisher, und ihre Beſchäftigung und Lebensweiſe ungehindert fortſetzen können, ſo daß ihnen ihr Verluſt weniger fühlbar werde. Zum Zeichen meiner guten Geſinnung gegen ſie und damit ſie in Kleinigkeiten ſich ganz unabhängig fühlen möchten, ſagte ich ihnen von dem Geld, das ich in der Schatzkammer gefunden, und verſprach, jeder von den vier Frauen 500 Dollars und jeder ihrer Töchter hundert Dollars zu geben. Ich brauche nicht erſt zu verſichern, daß meine Großmut, wie ſie es nannten, den entſchiedenſten Beifall fand. Abends machte ich einen Beſuch bei Zillah, denn ich war äußerſt begierig etwas Näheres von ihr zu wiſſen. Ich nahm ſie bei der Hand und ſagte:„Nun, liebe Zillah, ſage 4. Der Kriegszug. 55 mir, wer du biſt und wer deine Eltern waren.“ Die arme Zillah geriet in ein Zittern und ſtammelte heraus:„Was kann ich dem Erhalter meines Lebens abſchlagen! O mein Herr, wenn du wüßteſt, wie dankbar mein Herz gegen dich ſchlägt, ſo würdeſt du gewiß Mitleiden mit mir haben. Ich darf nicht— ich fürchte mich, die Wahrheit zu ſagen, denn ach! ich werde dein Mißfallen erregen und du wirſt mich mit Schauder aus deiner Gegenwart vertreiben.“— „Zillah, liebe Zillah, was kannſt du damit meinen? das iſt lauter Geheimnis für mich. Es iſt unmöglich, ganz unmöglich, daß du eine Urſache haben kannſt, mich zu fürchten. Ich betrachte dich als die Reinheit und Unſchuld ſelber. Wenn es ein Geheimnis iſt, das du mir zu entdecken dich ſcheuſt, ſo ſchwöre ich dir, was es auch ſein mag, es kann nicht, es ſoll nicht meine Liebe zu dir auch nur einen Augenblick ſchwächen.“—„Nun wohlan, mein Herr, da du ſo groß⸗ mütig redeſt, ſo will ich, auf die Gefahr hin, alles, was mir teuer iſt, zu verlieren, dir nicht länger verbergen, wer ich bin.“ Bei dieſen Worten richtete ſich Zillah mit einer ihr wohl anſtehenden Würde empor, und ſagte:„König Zamba, ich bin die Tochter von— Darrula!“ Dann brach ſie in Thränen aus und würde zu Boden gefallen ſein, hätte ich ſie nicht in meinen Armen aufgefangen.„Und ſo,“ antwortete ich,„haſt du dich alſo gefürchtet, meine liebe Zillah, mir einen Umſtand zu entdecken, an dem du ſo unſchuldig iſt, als ich daran, daß ich der Sohn Zembola's bin? Unſere Väter ſind beide neben einander gefallen, und wie⸗ wohl ſie in manchen Dingen irrig daran waren, ſo fielen ſie doch als tapfere und edle Fürſten; hinfort aber ſoll die Liebe von Zillah und Zamba den Haß zwiſchen Darrula und Zembola weit überwiegen. Iſt's nicht ſo, liebe Zillah?“ Zillah ſchien ganz übernommen zu ſein; ſie blickte mir mit 2 X 4 — „ 1 5. Zamba als König. ſtrahlenden Augen ins Geſicht und ſagte:„Edelmütiger Zamba, dann bin ich glücklich. Du liebſt mich um meiner ſelbſt willen, und es wäre eine Thorheit, zu leugnen, daß dein edles Benehmen vom erſten Augenblick an dir mein Herz gewonnen hat.“—— Zillah erzählte mir hierauf mit einer neuen Thränenflut, das unglückliche Weib, deſſen Kopf Darrula am andern Morgen unſers erſten Beſuchs auf die Paliſſaden ſeines Palaſtes hatte ſtecken laſſen, ſei ihre Mutter geweſen, aber die Eiferſucht ihres Vaters habe durchaus keinen Grund gehabt. Dieſer Umſtand machte ſie mir nur noch teurer. 5. Zamba als König. Ich fing nun an, über die wichtige Stellung, die mir angewieſen war, nachzudenken: ein Jüngling von 17 Jahren mit ſo vielen Unterthanen, welche alle auf Anweiſung von mir warteten. Die große Zahl der Gefangenen machte mir viele Sorge. Ich ſah deutlich, daß ich ſie nicht alle bei mir behalten könnte, und in der Zwiſchenzeit ſuchte ich die dazu geeigneten mit ein wenig Feldarbeit zu beſchäftigen. Ich ſah jedoch bald an dem Eigenſinn und der Trägheit der meiſten von ihnen, daß ich mit Kapitän Winton bei ſeinem nächſten Beſuch einen Handel über ſie würde abſchließen müſſen. Als ich aber anfing zu überlegen, ob ich das Ge⸗ ſchäft ſo fortſetzen wolle, wie mein Vater es getrieben, ſo fand ich bald, daß meine Empfindungen und Neigungen mit den ſeinigen nicht übereinſtimmten. Ich glaube, es war nicht Mangel an Mut oder an Ehrgeiz; aber die Greuel bei dem Brand des Dorfes Darrula's hatten mir den Krieg in jeder Geſtalt zum Abſchen gemacht. Hätte mich ein Feind 4 — 5. Zamba als König. 57 in meinen eigenen Beſitzungen angegriffen, ſo würde ich bis auf den letzten Mann gefochten haben; aber das gewohn⸗ heitsmäßige Hinausziehen mit Kriegsleuten, um mit irgend einem ſchwächeren Nachbar einen Streit anzufangen und ihn auszuplündern, das empörte mich, inſonderheit, da ich über⸗ zeugt war, daß durch friedlichen Anbau des Landes, Fiſcherei und Jagd, mein Volk und ich für alle unſere gewöhnlichen Bedürfniſſe das Erforderliche aufbringen könnten. Ueberdies war auch noch die Möglichkeit vorhanden, in ziemlicher Menge Gold zu finden, wenn man es ſorgfältig ſuchte. Jedenfalls hatte ich Kapital genug, um einen bedeutenden Handel zu führen, wenn ich auch nicht auf dem Wege des Krieges mir Sklaven zu verſchaffen ſuchte. Der Gedanke, einige civiliſierte Länder zu beſuchen und mir eine Kenntnis ihrer Gebräuche und Religion zu erwerben, ſchwebte mir jedoch noch immer lebhaft vor der Seele; ſogar die neuent⸗ ſtandene Neigung zu Zillah konnte ihn nicht ganz verdrängen. Doch ich darf meiner Geſchichte nicht vorgreifen. Etwa zwei Monate nach König Zembolas Tod kam Kapitän Winton und ſtellte ſich ſehr traurig über den Ver⸗ luſt ſeines alten Freundes. Durch Ueberredung und Geſchenke brachte ich ihn dahin, zwei Wochen bei uns zu bleiben und mir während dieſer Zeit täglich Unterricht im Leſen zu er⸗ teilen: und in Folge meiner großen Aufmerkſamkeit und Ausdauer machte ich erſtaunliche Fortſchritte, wie der Kapitän verſicherte. Ich konnte nun jedes gewöhnliche engliſche Buch mit ziemlicher Fertigkeit leſen, obwohl manche Worte und ſogar Sätze mir immer noch unverſtändlich blieben. Auch erhielt ich von ihm, ſo viel es unſere Zeit erlauben wollte, allerlei Belehrung über fremde Länder. Endlich fragte mich Kapitän Winton, ob ich mit ihm eine Fahrt nach Amerika machen wolle? Er wolle mich dann mit nach London nehmen, ———————— —.———— ℳ— —————————— 5. Zamba als König. wo er gewöhnlich ſeine Geſchäfte habe, und mich wieder in mein Land zurückbringen. Der Vorſchlag gefiel mir außer⸗ ordentlich; aber für diesmal wurde ich durch den Gedanken an Zillah und durch die Notwendigkeit, die Angelegenheiten in meinem Reich in Ordnung zu bringen, am Mitgehen ver⸗ hindert. Er ſagte, wenn ich eine gute Anzahl Sklaven und meinen vorrätigen Goldſtaub mitnehme, ſo könne ich in Amerika eine Menge von Produkten dafür kaufen, worin er mich aufs beſte unterſtützen wolle; und wenn ich dieſe Produkte nach England führe und von dem Erlös Manufakturwaren daſelbſt einkaufe, ſo könne ich zuletzt nach Afrika zurückkehren ſo reich als irgend ein König in Weſtafrika. Ich erwiderte, ich wollte über alles das ernſtlich nachdenken, denn ich zweifelte keinen Augenblick an ſeiner Redlichkeit. Kapitän Winton machte nun einen Handel mit mir über die Ge⸗ fangenen, ſoweit ſie verkäuflich waren, denn es befanden ſich darunter viele Kinder und andere Leute, welche zu verkaufen mir nicht geeignet ſchien. Er kaufte zwiſchen 80 und 90, und indem ich dieſe nach Amerika beförderte, glanbte ich gar nicht anders, als daß ich ihnen zu ihrem Glück verhelfe. Ich traf nun die nötigen Zurüſtungen zu meiner Ver⸗ heiratung mit Zillah, und da nicht jeden Tag eine königliche Hochzeit ſtattfindet, nicht einmal in dem wilden Afrika, wo ſo viele kleine Häuptlinge ſich dieſen hohen Titel beilegen, ſo wurden die Zurüſtungen in großem Maßſtabe gemacht. Zuerſt erklärte ich meine Abſicht meinen Hauptleuten und Großen und ſchickte dann Boten aus, um verſchiedene be⸗ nachbarte Könige zu der Hochzeit einzuladen; namentlich vergaß ich nicht den König Gulu Bambu; und da ich gewiß war, daß er in der früher geſchilderten Weiſe auf⸗ ziehen würde, ſo befahl ich meinem Geſandten, ihm in freundlicher Weiſe zu ſagen, er würde mich ſehr verbinden 5. Zamba als König. 59 und beehren, wenn er ſeiner Kleidung auch ein Paar Bein⸗ kleider beilegen wollte, und als Zeichen der Freundſchaft ſchickte ich ihm zu dieſem Zweck ein Paar ſehr hübſche Hoſen. Der Geſandte hatte einige Schwierigkeit, dem wun⸗ derlichen Gulu die Schicklichkeit des Hoſentragens begreiflich zu machen, und Se. Majeſtät machte einige Einwendungen dagegen; als man ihm jedoch zu verſtehen gab, wenn er meinen Wunſch in dieſer Kleinigkeit nicht beachtete, dann würde ihm von den geiſtigen Getränken wenig in den Weg kommen, ſo gab er auf einmal nach und ſagte:„o Golly, Golly! Kann nicht entbehren eine Menge Rum bei König Zamba's Hochzeit:— muß am Ende doch die Hoſen an⸗ ziehen wie ein Buckramann.“ Nachdem ich den wichtigen Tag feſtgeſetzt hatte, kamen eines Morgens, als ich Hof hielt, meine beiden Freunde Pouldamah und Bollah, die mir das Leben gerettet hatten, indem ſie jenen Löwen erſchoßen, in den Saal und warfen ſich vor mir auf den Boden nieder. Hierauf, nachdem ſie ſich wieder erhoben hatten, erklärten ſie mit einigem Zögern, ſie hätten eine Bitte vorzubringen, und flehten demütigſt, falls ich es für angemeſſen hielte, ihr Geſuch abzuſchlagen, möchte ich ſie wenigſtens mit einer ſtrengen Strafe verſcho⸗ nen. Wenn ich jetzt daran denke, wie ich, damals wenig mehr als ein Knabe, eine ſolche Verehrung— ich könnte es Anbetung nennen, von meinen Mitmenſchen annehmen und mit Freude und Stolz annehmen konnte, ſo kann ich nur lächeln über die Schwäche des Menſchen auf der einen Seite und ſeine Anmaßung auf der andern. Wahrhaftig ich verdiente von Seiten der Vorſehung Gottes eine Strafe für dieſe Selbſterhebung.— Die beiden jungen Männer gaben mir hierauf zu verſtehen, ſie hätten die Zuneigung meiner beiden Halbſchweſtern Zedra und Koolumah gewonnen, Zamba als König. und auf deren Antrieb ſowie mit der Einwilligung meiner eigenen Mutter bäten ſie nun, ihre Vermählung zugleich mit der meinigen feiern zu dürfen. Da ich immer der Meinung war, eine mit Zögern bewilligte Gunſt ſei nur eine halbe, und da in jener Zeit meine Stimmung in Liebes⸗ angelegenheiten beſonders zärtlich war, bewilligte ich alsbald ihr Geſuch und ſprach meine Erwartung gegen ſie aus, daß ſie fortan ohne Zweifel eben ſo bereit ſein würden, ihr Leben für mich in die Schanze zu ſchlagen. Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß ich die wärmſten Zuſicherungen der Anhänglichkeit und Dankbarkeit von ihnen empfing. Endlich kam mein Hochzeittag, und um in der Sprache der weißen Leute zu reden, ich wurde„glücklich gemacht,“ und ebenſo fünf weitere Perſonen, wenn ich nach dem Aeußern urteilen darf. Die Trauung wurde von dem alten Prieſter verrichtet, der meinem Vater bei Darrula's Ver⸗ räterei ſo viel Freundſchaft erzeigt hatte; und ihm zur Seite ſtand ein anderer Amtsbruder. Die ganze Ceremonie beſtand aus einigen ſinnloſen Faxen, die vor einem abſcheu⸗ lichen Götzenbild verrichtet wurden, und aus verſchiedenen Gebeten an den Teufel, daß er die Neuvermählten auf keine Weiſe beſchädigen wolle. Eine Hilfe von ſeiner Seite wurde weder erbeten noch erwartet; man wollte nur, er ſolle ſich gleichſam neutral halten. Dazu kamen dann gewiſſe Ge⸗ bräuche von einer Beſchaffenheit, deren nähere Beſchreibung der Anſtand verbietet. Es war eine große Zahl von Frem⸗ den anweſend, und die Feſtlichkeiten und Luſtbarkeiten ver⸗ ſchiedener Art währten zehn Tage lang. Ein afrikaniſcher Feſt⸗ tag zeichnet ſich hauptſächlich durch unaufhörlichen wüſten Lärm aus, durch Abſchießen der Gewehre, durch Trommelſchlagen, Cym⸗ 3 beln⸗ und Tambourinengeraſſel und durch alle möglichen Töne der menſchlichen Stimme, Rufen, Schreien, Kreiſchen, Johlen. 5. Zamba als König. 61 Während des Feſtes wurden verſchiedene öffentliche Be⸗ luſtigungen bei Lampenlicht gegeben, und die große, oben beſchriebene Höhle diente dabei ſehr gut als Schauſpielhaus. Einmal z. B. beſtand das Schauſpiel darin, daß eine An⸗ zahl verkleideter Männer verſchiedene wilde und zahme Tiere vorſtellten: es waren namentlich Vierfüßler; doch hatte ſich auch eine gute Anzahl in Vögel des Himmels verkleidet. Die Schauſpieler hatten die natürlichen Felle der verſchie⸗ denen dargeſtellten Geſchöpfe angezogen, und einige ſpielten ihre Rolle mit großer Geſchicklichkeit und zu vollkommener Zufriedenheit der Zuſchauer. Der Löwe ſpielte ſeine Rolle vortrefflich und hätte in der Dämmerung in der That bei⸗ nahe für den Monarchen der Wälder gelten können: er peitſchte ſich die Lenden mit ſeinem Schweif, ſchüttelte ſeine Mähne, ſtampfte den Boden mit erſchreckender Würde und brüllte furchtbar. Einige große Paviane hüpften und ſpiel⸗ ten mit großer Luſtigkeit umher, und ein gewaltiges Kro⸗ kodil ſchnappte mit den Kinnbacken, und ſchlug den Boden mit ſeinem Schwanz wie ein Drache; auch ein Pfau und zwei große Truthähne machten ihre Sache gut. Alle ver⸗ einigten ſich zuletzt zu einer Art von Tanz, oder eigentlich zu einer Promenade, auf welcher ſie mit großer Zierlichkeit einander becomplimentierten und einander anſchnatterten und anbrüllten. Mitten in dieſe ſeltſame Maskerade kam König Gulu Bambu herein in ſeinem vollen Staat, reitend auf dem Rücken eines wirklichen lebendigen zahmen Strau⸗ ßen von ungeheurer Größe, den er für ſolche Gelegenheiten aufgezogen hatte. Seine Majeſtät war wenigſtens„halb über Bord,“ wie die Matroſen ſagen, und hielt in der einen Hand eine große Flaſche und in der andern einen Becher, womit er zuerſt ſich ſelbſt bediente und auf die Geſundheit aller Anweſenden trank, hernach aber ſehr groß⸗ 5. Zamba als König. mütig auch ſämtlichen Schauſpielern etwas zukommen ließ, von denen einige nur mit großer Mühe den Becher an ihre Lippen bringen konnten. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das Verfahren Sr. Majeſtät von allen Anweſenden laut beklatſcht wurde. Endlich gingen die Feſtlichkeiten aus, und alle zogen ſich ſehr befriedigt in ihre Heimat zurück zu meiner großen Erleichterung, denn die letzten zehn Tage hatten in meine Vorräte ein gewaltiges Loch gemacht, und namentlich waren meine Branntweinfäſſer zu einer ſehr nied⸗ rigen Ebbe herabgeſunken. In der letzten Nacht des Feſtes hielt ich eine Anrede an meine fürſtlichen Kollegen, dankte ihnen für ihren Beſuch und ſprach meinen Wunſch gegen ſie aus, künftighin mit ihnen allen in gutem Vernehmen zu leben und jede Gelegenheit zum Krieg zu vermeiden. Da aber einige unter ihnen waren, die, wie ich wohl wußte, wegen meiner friedlichen Geſinnungen geringer von mir dachten, ſo erklärte ich zugleich, wenn irgend ein König oder ein Stamm ohne Anlaß von meiner Seite mich angrei⸗ fen würde, ſo ſollten ſie mich nicht unvorbereitet finden. Sobald wir alle nach der Aufregung des Hochzeitsfeſtes wieder ein wenig in Ruhe gekommen waren, fing ich an, die Angelegenheiten meines Reiches in Ordnung zu bringen. Ich beſchloß, die ſtehende Armee in ihrer bisherigen Stärke zu erhalten; zugleich aber verlangte ich von meinen Kriegsleuten, ſie ſollten wenigſtens die Hälfte ihrer Zeit auf den Anbau kleiner Landſtücke, die ich ihnen anwies, oder auf die Jagd, Fiſcherei und Aufſuchen von Goldſand verwenden. Wiewohl ich ihnen ſo viele Freiheiten einräumte, hatten ſie immer noch ein großes Verlangen nach kriegeriſchen Unternehmungen; und in der Stille erfuhr ich, daß ſie oft Vergleichungen anſtellten zwiſchen der Kriegsluſt meines Vaters und meiner, wie ſie es nannten, unmännlichen Geſinnung. Meinen bei⸗ 5. Zamba als König. 63 den Schwägern ſchenkte ich gleichfalls anſehnliche Landſtrecken, um ſie zufrieden zu ſtellen, und gab ihnen verſchiedene Vor⸗ räte und Werkzeuge; überdies räumte ich ihnen eine ver⸗ trauensvolle Stellung in der Nähe meiner königlichen Perſon ein. Dabei machte ich verſchiedene Handelsreiſen den Fluß hinauf, und ſchloß mit weißen Handelsleuten, die mich häufig beſuchten, manchen Kauf ab. Ich hatte in Geſellſchaft meiner beiden Schwäger ein wertvolles Goldſandlager entdeckt. In der oben erwähnten Schlucht, wo ich das Abenteuer mit dem Pavian beſtand, bemerkte ich im Flußbette eine große Menge Aushöhlungen oder Gruben. Es mag vielleicht nicht allen meinen Leſern bekannt ſein, daß, was man in der Handelswelt Goldſtaub nennt, nicht ein Pulver iſt wie Mehl oder wie der Staub der Erde oder wie gemahlener Kaffee, ſondern daß man es in Körnern von der Größe eines Stecknadelknopfes bis zu der einer gewöhnlichen Erbſe oder auch noch größer findet. Dieſen Goldſand ſammelten wir ſo, daß wir einige Hände voll Sand und Kies aus dem Bett des Fluſſes nah⸗ men—— beſonders da, wo man die ſchwimmenden Körner deutlich ſehen konnte—— und das Ganze in eine Kala⸗ baſſe oder ein kleines hölzernes Gefäß legten, das unter einen dünnen Waſſerſtrahl gehalten wurde. Dieſes Gefäß wurde unaufhörlich geſchüttelt und mit den Händen ein wenig übergeneigt. Die leichteren Teilchen wurden natürlich nach und nach über den Rand des Gefäßes hinab geſchwemmt, und nach kurzer Zeit war in der Regel unſere Geduld durch einige Stückchen des koſtbaren Metalls, das auf den Boden geſunken war, belohnt; manche kleinere Teilchen jedoch ent⸗ wiſchten uns bei dieſem rohen und einfachen Verfahren. Ich war durch den Unterricht des Kapitäns Winton mit der geheimnisvollen Kraft des Magnets bekannt geworden, 5. Zamba als König. und hatte auch mehrere Magnete von ihm zum Geſchenke erhalten. Da kam mir nun der Gedanke, wenn irgend ein Körper aufgefunden werden könnte, der kleine Goldteilchen ebenſo anzöge, wie der Magnet kleine Eiſenteilchen anzieht, ſo wäre das für Goldſandjäger ein bedeutender Vorteil. Ich dachte ferner, wenn ich den Boden der tiefſten Höhl⸗ ungen in dem Flußbette unterſuchte, ſo würde ich wahrſchein⸗ lich mehr Goldſand finden als bisher. Wir machten uns daher an die Arbeit, und nachdem wir auf zwei bis drei Fuß Tiefe den rundlichen Kies und Schutt weggeſchafft hatten, unterſuchten wir den Boden darunter und waren erſtaunt über die Menge von Goldſand, der ſich in dieſen natürlichen Gefäßen ſeit Jahrhunderten angeſammelt hatten. Ich ſtellte nun regelmäßige Arbeiterbanden beim Fluſſe an, und um ſie eifriger zu machen, bewilligte ich jedem Arbeiter einen gewiſſen Anteil an dem, was er fand, oder etwas aus meinen Vorräten von gleichem Werte. Auf dieſe Weiſe hatte ich im erſten Jahr nach meiner Verheiratung nicht weniger als 100 Pfund von dem koſtbaren Metall geſammelt, wovon ich den größten Teil an Handelsleute gegen euro⸗ päiſche Waren austauſchte, ſo daß mein Warenlager reichlich angefüllt war. Etwa ein Jahr nach unſerer Heirat gebar mir Zillah einen Sohn und Thronerben. Bald darauf kam Kapitän Winton und brachte viele Raritäten als Geſchenke mit; unter anderem einige ſehr ſchöne Kleidungsſtücke für mich. Ich verhandelte an ihn eine Anzahl Sklaven, etwas Gold⸗ ſand und einige Elephantenzähne; dagegen konnte ich mich aber, wiewohl ich viel darüber gedacht hatte, noch nicht ent⸗ ſchließen, mit ihm zur See zu gehen, hauptſüchlich wegen meiner Liebe zu Zillah und meinem Sohne; doch beſprach ich die Sache immer und immer wieder mit ihm, und es 5. Zamba als König. 65 lag mir ſtets im Gemüt, daß ich jedenfalls früher oder ſpäter doch gehen müſſe. Bei dieſem Beſuch, der vierzehn Tage lang währte, gab ich dem Kapitän einige ſehr wert⸗ volle Geſchenke, und nahm dagegen den größten Teil des Tages ſeine fernere Hilfe zum Leſenlernen in Anſpruch, ſo daß ich dann ganz fließend und richtig leſen konnte. Auch erlangte ich von ihm weiteren Unterricht in der chriſtlichen Religion, obgleich er keineswegs ein beſonderes Intereſſe dafür zu haben ſchien. Als der Kapitän ſah, wie weit ich durch ſeinen früheren Unterricht und meine unermüdliche Ausdauer gekommen war, ſchenkte er mir eine ſehr hübſche Bibel als die Quelle und Summe aller Wahrheit. Ich ließ mir einige Hauptpunkte der Schrift von ihm auslegen, konnte aber deutlich ſehen, daß dazu ein anderer Lehrer als Kapitän Winton nötig war. Doch erzählte er mir aus der Schöpfungsgeſchichte und empfahl mir dann, das neue Teſta⸗ ment anzufangen und durchzuleſen. Als Winton abgereiſt war, machte ich mir's zur Regel, jeden Tag einen Abſchnitt der heiligen Schrift zu betrachten; und obgleich das Licht, das mich dabei führen konnte, nur wie der Schimmer eines Glühwurms war, und ich nicht wußte wie ich den Beiſtand aus der Höhe auf dem rechten Wege, nämlich durch Jeſum, der allein der Weg, die Wahr⸗ heit und das Leben iſt, ſuchen ſollte, ſo hoffe und glaube ich doch, daß mein himmliſcher Vater, im Blick auf die Redlichkeit meines Herzens und auf meine beſondere Lage, mir von Zeit zu Zeit einen hellen Lichtſtrahl aus der Höhe zuſandte, um mich aus meinem verfinſterten und elenden Zu⸗ ſtand zu führen. Es gab jedoch viele Worte und Ausdrücke, bei denen ich nicht einmal den buchſtäblichen Sinn des Eng⸗ liſchen herausbringen, viel weniger die geiſtliche Bedeutung erraten konnte. Ich hatte niemand, an den ich mich in Barth, Zamba.(3. A.) 5 „ 5. Zamba als König. meiner Verlegenheit hätte wenden können, und zum Unter⸗ richt im Gebet fehlte mir noch der Lehrer. Es wird vielleicht dem Leſer intereſſant ſein, was ich als ein einſam ſtehender Heide damals nach Anleitung der heiligen Schrift über das Chriſtentum dachte. Ich merkte wohl, daß das Leben und der Charakter Jeſu Chriſti von denen aller anderen Menſchen, die ich mir je denken konnte, total verſchieden geweſen ſei; daß er ganz rein und unbe⸗ fleckt war; daß er nie ſeine Erhöhung in einem weltlichen Sinn ſuchte, da er ja die Anerbietung der Menſchen, ihn zum König zu machen, von ſich wies; daß er beſtändig um⸗ herging, Gutes that, und vor Tauſenden ſolche Wunder verrichtete, dergleichen vorher in der Welt nie geſchehen waren. Auch dachte ich mir, der, welcher Tanſende mit ein paar Brotlaiben und einigen Fiſchen ſpeiſen, die tobende See ſtillen und tote Menſchen aus dem Grab erwecken konnte, hätte eben ſo gut, wenn er wollte, eine ganze Ar⸗ mee aus dem Staub der Erde erwecken können; aber ſtatt deſſen verbot er ſeinen Jüngern, das Schwert für ihn zu ziehen und überließ ſich ruhig der Wut ſeiner Feinde; und alles dies, um das ganze verkehrte und ſündige Menſchen⸗ geſchlecht vor einem ſchrecklichen künftigen Elend zu retten. Das Sterben für ſeine ſchlimmſten Feinde und ſeine Für⸗ bitte für die unmittelbaren Werkzenge ſeines Todes ſchien mir ſo verſchieden von dem Weſen der Welt, ſo weit ich dieſe kannte, daß ich wohl fühlte, ein ſo erhabener einziger Gedanke könne nur in der Seele eines Menſchen entſtanden ſein, der in jeder Hinſicht über das Menſchengeſchlecht er⸗ haben geweſen. Je mehr ich in der Bibel las, blinden und verkehrten Menſchen zu unterrichten und deſto deutlicher wurde es mir, daß ſie ein Buch vom Himmel ſein müſſe, um die 5. Zamba als König. 67 zum Blick auf die unſichtbare Welt zu leiten; denn wir ſo⸗ gar in dem heidniſchen Afrika hatten einige ſchwache Ahnungen von einem künftigen Zuſtand, wo die guten Menſchen be⸗ lohnt und die Gottloſen dieſer Welt beſtraft werden würden. Auch fing ich an zu bemerken, daß mein Herz ungemein geneigt ſei, dem Böſen nachzufolgen, und daß ich bisher ganz anders gehandelt hatte als das güldene Gebot, das der Heiland gegeben hat, verlangt, nämlich:„was du willſt, daß dir die Leute thun ſollen, das thu du ihnen.“ Ich fand viele Ausſprüche des Heilands, die mich zu der Zeit ungemein in Verlegenheit brachten, ob ich gleich demütig hoffe, daß ſie mir ſeit vielen, vielen Jahren ſo klar geworden ſind wie die Sonne am hellen Mittag. In meinen jungen Jahren aber, und weil ich keinen Ausleger hatte, nahm ich eben den Sinn der Worte ganz buchſtäblich. Ich konnte nicht begreifen, wie der, der die Milde und das Wohlwollen ſelber war und der Frieden auf Erden und an den Menſchen ein Wohlgefallen gebracht hat, an einer andern Stelle ſagen konnte, er ſei nicht gekommen, den Frieden zu bringen, ſondern das Schwert; er ſei gekommen, den Vater zu erregen gegen den Sohn und den Sohn gegen den Vater; noch konnte ich verſtehen, was das heiße, daß wir uns die Hand abhauen oder das Auge ausreißen ſollen, wenn ſie uns ärgern. Ebenſowenig konnte ich begreifen, wie wir alles verlaſſen und ihm nachfolgen könnten. Aber ich war zu der Zeit blind und konnte die geiſtliche Auslegung der Schrift durchaus nicht faſſen. Um dieſe Zeit verſuchte ich es, einige meiner neu ge⸗ wonnenen Gedanken meiner Mutter und Zillah beizubringen. Sie hörten mir ſehr geduldig zu; aber ich konnte wohl merken, daß nur ihre Liebe zu mir ſie aufmerkſam machte; ſie ſchüttelten den Kopf und ſagten:„weißen Mann's Re⸗ 5. Zamba als König. ligion zu tief.“ Leider war das Licht, das ich über den Gegenſtand verbreiten konnte, nur zu ſchwach: ich war ein Blinder, der den andern leiten wollte. Doch gab ich von der Zeit an meinen Hausgötzen den Abſchied und ging nie wieder in das Zimmer, wo ſie aufgeſtellt waren. Zu gleicher Zeit aber merkte ich wohl, daß, ſo lange ich es nicht beſſer verſtand meine Freunde zur Empfindung der Schönheit und Herrlichkeit der Lehre Jeſu zu bringen, nicht viel dabei herauskommen würde, wenn ich ihnen auch noch den kleinen Troſt raubte, den ihnen die Anbetung dieſer falſchen Götter zu gewähren ſchien. Etwa zwei Monate nach ſeiner Geburt ſtarb unſer Kind, mein Thronerbe, zu meiner und meiner Zillah großer Be⸗ trübnis. Indeſſen fuhr ich fort, den Zuſtand meines Volkes zu verbeſſern, und durch den wachſenden Handelsverkehr meine Vorräte täglich zu vermehren; aber ich fand bald, daß man eine irdiſche Krone nicht allezeit mit eben ſo viel Ehre als Bequemlichkeit tragen kann. Ich hatte meinen Schwager Pouldamah mit einem Schiff und zehn Männern etwa hundert Meilen den Fluß hinauf geſchickt, um einem Häuptling, namens Cumanay, eine Warenladung zuzu⸗ führen, und hatte ihm die nötigen Handelsvorſchriften erteilt. Pouldamah führte dieſen Teil ſeiner Sendung zu meiner Zufriedenheit aus, und er und ſeine Männer wurden gaſt⸗ freundlich aufgenommen und bewirtet. Nun geſchah es, daß eines Abends einige von ſeinen Leuten mit den Männern des Königs, meines Nachbars, einen luſtigen Trunk gethan hatten, und beide rühmten ſich der Eigenſchaften ihrer ver⸗ ſchiedenen Herren. Im Laufe des Geſprächs ſagten einige von den Leuten meines Nachbars, ich ſei ein Weib und fürchte mich in den Krieg zu gehen, würde aber wohl nicht lange regieren, außer über Weiber wie ich ſelbſt. Meine 5. Zamba als König. 69 Leute kamen endlich beinahe ins Handgemenge mit ihnen, als einer von der Gegenpartei, von vielem Trinken ganz toll, ziemlich deutlich zu verſtehen gab, ich würde beim nächſten Neumond einen Beſuch bekommen, der mir nicht ganz gefallen ſollte. Meine Leute betrachteten dies bloß als die Prahlerei eines Betrunkenen, erzählten mir aber alles nach ihrer Rückkehr, und ich hielt es deshalb für klug, auf der Hut zu ſein. Ich ließ meine Soldaten täglich exerzieren; alle unſere Waffen wurden für den Fall eines Angriffs in Bereitſchaft gehalten und meine beſten Krieger ermahnt, ſich zu augenblicklichem Aufbruch fertig zu machen. Als der erwartete Zeitpunkt kam, ſtellte ich bei Nacht eine Wache an das Ufer des Fluſſes, ließ den Tag über Achtung geben, und am erſten Abend des Neumonds alle meine Streitkräfte verſammeln und die ganze Nacht am Ufer in Waffen ſtehen. Etwa eine Stunde vor Tagesanbruch hörten einige von meinen Leuten das Flätſchern von Rudern, und mit der erſten Dämmerung wurden wir zehn bis zwölf mit Männern angefüllte Kähne gewahr, die ſich unſerem Landungsplatze näherten. Man konnte wohl bemerken, daß die meiſten der Männer bewaffnet waren, und ihre Abſicht blieb daher nicht zweifelhaft. Ich hatte den größten Teil meiner Krieger ins Gebüſch verſteckt, und wenn ich meinen Feind bis auf vierzig bis fünfzig Schritte vom Ufer herankommen ließ, konnte ich plötzlich ein tödliches und zerſtörendes Feuer gegen ihn er⸗ öffnen; aber das neue Licht, das in meinem Herzen dämmerte und meine natürliche Neigung zum Frieden beſtärkte, bewog mich, unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Sobald daher die feindliche Flotte auf 300 Meter nahe kam, ließ ich meine Leute eine volle Lage geben, die in ſolcher Entfernung wohl in Schrecken ſetzen, aber meinen Feinden nicht ſchaden konnte. Die ernſte Lage machte ſie bedenklich, und nachdem —,—— ———— 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. wir drei oder vier Salven gegeben hatten, kehrte uns der Feind den Rücken, während gewiſſe unzweideutige Töne uns verrieten, daß einige von ſeinen Leuten verwundet waren. Nach einer Stunde waren ſie uns aus den Angen, und ich fand zu meiner großen Zufriedenheit, daß dieſes gnädige Verfahren mir einen guten Kredit gemacht hatte, ſogar in der Anſicht meiner königlichen Kollegen. Einige Zeit darauf traf ich den König Cumanay in einem benachbarten Ort, wo ich Handelsgeſchäfte hatte, und machte ihm Vorwürfe wegen ſeines ungerechten und unwürdigen Angriffs auf einen Mann, über den er ſich doch nicht zu beklagen hätte. Zu meinem Erſtaunen leugnete er ſtandhaft jeden Anteil an dem Vorgefallenen und ſchwur bei allen ſeinen Göttern, es miüſſe ein anderer Stamm geweſen ſein, der auf eine ſo nieder⸗ trächtige Weiſe mir einen Vorteil abzugewinnen geſucht habe. Als ich ſah, wie die Sachen ſtanden, beharrte ich nicht auf meiner Anklage, gab aber zu verſtehen, ich würde jederzeit gegen einen verräteriſchen Feind gerüſtet ſein, und das nächſte Mal würden meine Angreifer nicht ſo wohlfeil davon kommen. So lange ich nach dieſem Vorfall noch in Afrika blieb, wurde ich von meinen Nachbarn nicht mehr beläſtigt; und es bewährte ſich ſomit der Grundſatz civiliſierter Staaten, daß man ſich am beſten gegen den Krieg ſchützt, wenn man zur Zeit des Friedens auf den Krieg gerüſtet iſt. 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. Bald darauf kam Kapitän Winton, und wie gewöhnlich machten wir ein bedeutendes Handelsgeſchäft mit einander. Zuletzt ſagte ich ihm meine Begierde, verſchiedene Gegenſtände 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 74 des civiliſierten Lebens kennen zu lernen, ſei ſo ſtark ge⸗ worden, daß ich ihn höchſt wahrſcheinlich auf ſeiner nächſten Seereiſe nach Amerika begleiten würde. Einige Zeit nachher gebar mir Zillah einen zweiten Sohn, der jedoch, wie der erſte, nur wenige Wochen am Leben blieb; und wiewohl dieſer Umſtand meine Zuneigung zu meiner Gemahlin nicht im geringſten ſchwächte, ſo verſtärkte er doch das Verlangen nach einer weiteren Reiſe. Beträchtliche Zeit kam nichts Bemerkenswertes vor, und gegen das Ende des Jahres, als Kapitän Winton wieder erſchien, entſchloß ich mich, die lange vorgehabte Seefahrt anzutreten. Weder meiner Zillah noch meiner Mutter hatte ich je über dieſe meine Abſicht, Afrika zu verlaſſen, einen Wink gegeben, denn das Unangenehme kommt immer noch zeitig genug, man braucht nicht lange vorher davon zu reden: nun aber, da ich ihnen meinen Entſchluß eröffnete, wurden ſie in große Betrübnis verſetzt und wandten alle möglichen Liebkoſungen an, um mich feſt⸗ zuhalten. Aber mein Vorſatz war feſt; und endlich hatten einige von meinen Beweggründen zuſamt dem feierlichen Verſprechen meiner Rückkehr die Wirkung, ſie ein wenig zu beruhigen. Ich brachte alle meine Regierungsangelegenheiten in Ordnung und beſtimmte, daß meine zwei Schwäger in meiner Abweſenheit die Regentſchaft führen ſollten, entweder wechſelsweiſe oder gemeinſchaftlich. Kapitän Winton drang ſehr darauf, ich ſollte allen Goldſtaub und andere afrikaniſche Produkte, die ich beſaß, nebſt ſo vielen Sklaven, als ich aufbringen könnte, mit an Bord nehmen. Ich war gegen die Unklugheit eines ſolchen Verfahrens nicht ganz blind: das Schiff konnte verloren gehen, ich konnte durch Krankheit oder Unfälle von ihm getrennt werden, und ſomit würde ich meiner Familie ein großes Unrecht angethan haben, wenn ich einen ſo großen 72 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. Schatz aufs Spiel geſetzt hätte. Ich ſchiffte daher nur einen Teil meines Eigentums ein: nämlich 32 ausgeſuchte Sklaven, etwa dreißig Pfund Goldſtaub und etwas mehr als 200 Dublonen(à ca. ℳ 100) in gemünztem Gold. Der Ka⸗ pitän hatte mir einen weiteren Vorrat von Kleidungsſtücken, feinen und groben, mitgebracht, die ich nebſt einigen afri⸗ kaniſchen Seltenheiten und meinem Gold in zwei hübſche Koffer verpackte, welche mir Winton zum Geſchenk gemacht hatte. Er ſchien in der That für meine bequeme Unterkunft auf dem Schiff alles mögliche gethan zu haben; und hätte ich nur ein wenig mehr Scharfblick gehabt und wäre in den Wegen dieſer betrügeriſchen Welt weniger unerfahren geweſen, ſo würde ich gemerkt haben, daß er hinſichtlich meiner noch irgend eine verſteckte Abſicht habe. Nach vielen Thränen und Wehklagen von beiden Seiten, und nachdem ich die Verſicherung gegeben, ich würde von meinem Beſuch in Amerika und England mit Kapitän Winton wieder zurück kommen und ſo viele Waren mitbringen, daß ich der reichſte König an den Ufern des Congo wäre,— verabſchiedete ich mich von Zillah und Afrika. Wie wenig dachte ich damals daran, daß ich mein liebes Afrika nie wieder ſehen würde! Meine Mutter ſagte mir beim Ab⸗ ſchied, aus gewiſſen Träumen, die ſie gehabt, wiſſe ſie, daß ſie mein Angeſicht nicht mehr ſehen werde;— die arme Zillah war untröſtlich. Nach ſo langer Zeit denke ich jetzt an all' das mit ſchmerzlicher Empfindung; wenn ich aber die Wege betrachte, auf denen mich die barmherzige Hand Gottes geführt hat, ſo wird mein Herz voll Dankbarkeit und Liebe. Es iſt nicht zu berechnen, wie viel Gutes aus einem ſcheinbaren Unglück meinem Leben zugefloſſen iſt. Der Allmächtige in ſeiner Weisheit hielt es für gut, mir einige Hände voll gelben, glänzenden Staubes zu entwinden; aber 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 73 er hat mich ſeitdem mit dem unſchätzbaren Kleinod entſchädigt, das vom Himmel iſt, das mir niemand rauben kann, und das weder roſtet noch verwelkt. Kapitän Winton wies mir eine hübſche Kajüte an, und wir verließen den Congo am 1. Oktober 1800. Mit Ein⸗ ſchluß meiner eigenen 32 waren im ganzen 422 Sklaven an Bord; da wir aber ein Schiff von 500 Tonnen hatten, ſo waren ſie nicht ſo eng zuſammengepackt, wie es oft bei Auswanderern von Europa nach Amerika der Fall iſt; für ihre Bequemlichkeit aber war ſchlecht genug geſorgt. Das Unterdeck des Schiffs war vorn und hinten durch ſechs Zoll hohe Bretter in einzelne Gelaſſe von etwa ſechs Fuß im Quadrat eingeteilt, und in jeder dieſer Abteilungen wurden vier Sklaven untergebracht, und konnten darin liegen oder ſitzen, ſo gut als es eben ging. Die Bretter dazwiſchen ſollten bei hochgehender See das Ubereinanderkugeln der Sklaven verhindern. Natürlich hatten ſie zu ihrem Lager nichts als den harten Fußboden; und auch mit Kleidung waren ſie nur ſehr dürftig verſehen: in der Regel trugen ſowohl Männer als Weiber 1 ½ bis 2 Ellen Cattun um die Lenden gegürtet; einige von ihnen hatten auch ein Stück Baumwollenzeug oder ein Sacktuch um den Kopf gebunden. Von den männlichen Sklaven waren immer zwei und zwei durch eine kleine Kette um den Hals zuſammengejocht. Hin⸗ ſichtlich des Mundvorrats waren ſie viel beſſer daran, als es gewöhnlich auf Sklavenſchiffen der Fall iſt, und zwar verdankten ſie dies ſonderbarerweiſe mehr der Habſucht als der Menſchlichkeit des Kapitäns. Das kümmerte aber die armen Sklaven nichts, wenn ſie nur Vorteil davon hatten. Zum Frühſtück bekamen ſie eine ordentliche Portion von ge⸗ mahlenem und gekochtem Welſchkorn, und außerdem jeder einen Löffel voll Syrup; zum Mittageſſen hatten ſie ge⸗ 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. wöhnlich gekochten Reis, und das Nachteſſen war wieder wie das Frühſtück. Zuweilen bekamen ſie auch zum Mittag ein jeder ein halb Pfund Schiffszwieback nebſt einem kleinen Biſſen Ochſen⸗ oder Schweinefleiſch: zu viel von letzterem würde ihnen ohne Zweifel nur Durſt gemacht haben. Ob⸗ wohl der Kapitän, wie aus dem Verlauf meiner Erzählung erhellen wird, ſehr unehrenhaft und verräteriſch an mir handelte und keinen Funken von chriſtlichen Grundſätzen hatte, ſo benahm er ſich doch aus Eigennutz gegenüber von den Sklaven auf menſchliche und beſonnene Weiſe. Er er⸗ zählte mir im Laufe unſerer Fahrt, er habe in früheren Zeiten oft geſehen, daß ebenſoviele Sklaven, als er jetzt bei ſich führe, an Bord eines Schiffes von bloß 200 Tonnen geweſen ſeien, wo man ſie buchſtäblich aufeinander gepackt habe. In Folge davon habe dann durch verpeſtete Luft und ſpärliche oder ungeſunde Lebensmittel die Krankheit ſo um ſich gegriffen, daß in mehreren Fällen, die ihm bekannt ge⸗ worden, nur die Hälfte am Leben geblieben ſei, und auch dieſe, wie er es nannte, in einem ſehr unverkäuflichen Zu⸗ ſtande. Er hatte dabei gefunden, daß, wenn er den Sklaven mehr Platz, gute Nahrung und freundliche Behandlung zu⸗ kommen laſſe, ſein Geſchäft einen weit größeren Gewinn trug; und das war alles, was er ſuchte. In den erſten paar Tagen waren die meiſten von uns— ich meine die Schwarzen— ſeekrank; da wir aber ſchönes Wetter hatten, ſo ging dies bald vorüber. Der Kapitän ließ auf der ganzen Reiſe, nur zwei Fälle ausgenommen, die Lucken Tag und Nacht offen ſtehen, und nach Tages⸗ anbruch durfte immer ein Vierteil ſeiner Ladung abwechs⸗ lungsweiſe zwei Stunden lang an Bord kommen: Vier von ſeinen Leuten ſtanden Tag und Nacht mit geladenen Flinten 7 und aufgeſteckten Bajonetten auf dem Verdeck; aber es zeigte 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 15 ſich auf dieſer Fahrt nicht der geringſte Verſuch von Aufruhr und Meuterei. Der einzige Unfall, der uns begegnete, war folgender: Nachdem wir fünfzehn Tage zur See geweſen waren, geſchah es eines Abends um Sonnenuntergang, daß das Schiff, das alle Segel aufgeſetzt hatte und fünf Knoten in der Stunde zurücklegte, urplötzlich von einem heftigen Windſtoß befallen wurde, der einen großen Teil der oberen Raaen und Segel mit fortriß und das Schiff beinahe ganz auf die Seite legte. In wenigen Minuten ſtieg die See zu einer furchtbaren Höhe, und obwohl der Sturm in einer Viertelſtunde vorüber war und das Schiff ſich wieder auf⸗ richtete, ſo waren doch die armen Sklaven drunten, die der Unfall ganz unvorbereitet traf, größtenteils auf die Leeſeite geſchleudert worden und lagen da auf einander gehäuft. Wegen ihrer Feſſeln konnten ſich viele von ihnen gar keine Hilfe geben; und ehe man im ſtande war, ſie wieder an ihre Plätze zu bringen, und die zuſammengepreßten von ihrer Laſt zu befreien, wurden fünfzehn von ihnen zu Tode gequetſcht; viele andere waren furchtbar zerſtoßen. Der Kapitän ſchien darüber ſehr bekümmert zu ſein; aber ſein einziger oder wenigſtens ſein hauptſächlicher Kummer war, daß er ſo plötzlich eine Summe von fünf⸗ bis ſechstauſend Dollars eingebüßt hatte. Bald nachdem ich mich von der Seekrankheit erholt hatte und wieder umher gehen konnte, fragte ich eines Tages beim WMittageſſen den Kapitän Winton, der mir zwar immer noch einige Aufmerkſamkeit, aber nicht mehr ſo viel Achtung be⸗ wies wie in Afrika, ob er mir nicht in freien Stunden einigen Unterricht im Bibelleſen geben wolle. Er blickte mit einem beſonderen Ausdruck des Geſichts und mit einem ſehr bedeutſamen Lächeln ſeinen Oberſteuermann an und ſagte: „Sie ſehen, Herr Prince, was für einen guten Chriſten ich b 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. aus dieſem König Zamba gemacht habe; Sie ſehen, wie er nach der Bibel verlangt. Ich zweifle ſehr, ob einer von unſern Miſſionsleuten, die jahrelang an der Bekehrung der Heiden gearbeitet haben, ein ſolches Wunder verrichtet hat wie ich. Und denken Sie nicht, Prince, daß ich für meine Mühe ebenſo gut eine Bezahlung verdiene, wie irgend ein Schwarzrock, der unter ihnen arbeitet?“ Hierauf wandte er ſich an mich und ſagte:„In der That, König Zamba, ich muß Ihnen alle die Lektionen anrechnen, die ich Ihnen in den letzten Jahren gab, und ich kann ſie nicht geringer taxieren, als die Stunde zu einer Dublone. Ich hätte in der Zeit, die ich damit zubrachte, Ihnen das Leſen einzu⸗ trichtern, manche gute Bootsladung Neger zuſammenbringen können; und zudem trifft es ſich nicht alle Tage, daß der arme Führer eines Sklavenſchiffs einen König zum Lehrling bekommt. Doch wir werden davon ein anderesmal reden, und unſere Rechnungen am Ende der Reiſe ins Reine bringen.“ Bei dieſen Worten lachte er herzlich, und ich meinte anfangs, es ſei bloß Scherz. Als er aber bald mich, bald den Oberſteuermann ſo ganz eigen anblickte, war mir's doch nicht ganz wohl zu Mute. Ich merkte in der That, daß ich nicht ganz in Sicherheit ſei. Doch hörte der Ka⸗ pitän, und manchmal auch der Oberſtenermann, mir eine Stunde lang zu, während ich las; auch unterrichteten ſie mich ein wenig in der Geographie und in anderen Dingen, die mir damals ſehr wunderbar vorkamen. Etwa acht Tage nach dem obigen Auftritt hatte ich mich frühzeitig in mein Kämmerchen zurückgezogen, das zunächſt der großen Kajüte war. Der obere Teil der Thüre war von Glas, und hatte einen Spalt, um Luft zuzulaſſen: ein roter Vorhang hing davor. Als ich um zehn Uhr immer noch wachend dalag und über meine Lage nachdachte, kamen — 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 77 der Kapitän und Herr Prince herab, um in ihren Büchern nachzuſehen, und eine Weile darauf befahl der Kapitän dem Aufwärter etwas zu trinken zu bringen. Sie ſaßen eine beträchtliche Zeit bei einander und beſprachen ſich über die Angelegenheiten des Schiffs und der Reiſe; endlich aber hörte ich den Kapitän mit gedämpfter Stimme ſagen:„Gucken Sie einmal ſtill hinein, Prince, und ſehen Sie, ob Seine Majeſtät ſchläft; aber wecken Sie ihn nicht auf.“ Als ich den Oberſteuermann zu meiner Koje herankommen hörte, legte ich mich ganz ruhig hin und atmete ſtark, wie wenn ich in tiefem Schlaf wäre. Prince hob den Vorhang auf und rief mir zwei⸗ oder dreimal mit leiſer Stimme, und dann berührte er mich an der Schulter; aber ich lag ganz ruhig da, wie wenn ich nichts merkte. Hierauf zog er ſich zurück und ſagte lachend zu dem Kapitän:„O, der arme Zamba ſchläft wie ein Sack; er träumt ohne Zweifel von Löwenjagden oder vom Goldſtaubſammeln in Afrika.“— „Schön, ſchön,“ ſagte Winton,„er ſoll ſich's wohl ſein laſſen, ſo lang er kann; ich fürchte aber, er wird in kurzer Zeit gewiſſe Nachrichten hören müſſen, von denen er ſich nichts träumen läßt. Wiſſen Sie wohl, Prince, daß ich hoffe, dieſe Seereiſe werde die profitabelſte werden, die ich je gemacht habe? Ich habe das Heft in der Hand, wie ſie in Connecticut ſagen, und ich werde kein Narr ſein, mir den Vorteil entwiſchen zu laſſen. Dieſer ſchwarze Burſche hat an Negern, Goldſtaub und Dublonen ein Vermögen von mehr als 20 000 Dollars, und was Kukuks ſoll ihm alles das nützen! Ich denke wahrhaftig, zwiſchen Brüdern ge⸗ rechnet, habe ich ihm für mehr als 20 000 Dollars gutes Engliſch und geſunde Religion beigebracht. Ich habe ihm, wie die Pfarrer ſagen, die„koſtbare Perle“ gegeben; ich habe ihm gegeben, was man um Gold nicht kaufen kann, ——— 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. und wahrhaftig, Prince, der Arbeiter iſt ſeines Lohnes wert. Jedenfalls werde ich den Staub in Sicherheit bringen, ehe viele Tage vergehen.“— Obgleich der habſüchtige Schurke Worte der heiligen Schriſt gebrauchte, ſo ſagte er doch alles dies in einem halb lachenden Tone.„Aber,“ erwiderte Prince,„wird nicht Zamba Sie bloßſtellen und die ganze Geſchichte erzählen, wenn er nach Charleston kommt?“ „Bloßſtellen?“ ſagte Winton.„Zum Henker! Sind Sie ein ſolcher Einfaltspinſel, Prince, daß Sie nicht wiſſen, der Eid eines ſchwarzen oder farbigen Mannes, ja ſogar von 10 000 ſolcher Leute, gelte gegenüber von einem weißen Mann nicht den ſiebenten Teil von einer Bohne? Nein, nein, wenn auch ein weißer Mann einem Dutzend Neger die Hälſe abſchnitte und tauſend ſchwarze Burſche es bezeugten, ſo würde doch ihr Zeugnis nicht mehr beachtet werden als das Bellen eines Hundes. Uberdies, Prince, müſſen Sie dazu nehmen, daß dieſer ſchwarze König, wie ſie ihn heißen, ſein Leben lang keine Bedenklichkeiten hatte, mit dem Fleiſch und Blut ſeiner Landsleute Handel zu treiben. Er hat jetzt freilich keine Ahnung davon, daß das Schickſal der 32 Neger, die er an Bord gebracht hat, noch vor Ablauf eines Monats ſein eigenes ſein wird. Ich habe wenigſtens dazu ge⸗ holfen, ein Stück von einem Chriſten aus ihm zu machen, und nun werde ich damit aufhören, Prince, daß ich ihm eine große moraliſche Lektion gebe. Was ſagen Sie dazu?“ Sie ſprachen hierauf noch einiges weitere mit einander, was ich nicht deutlich hören konnte; ich hatte jedoch, wie der geneigte Leſer ſich wohl denken kann, genug vernommen, um einen Blick in die ſchreckliche Lage zu thun, in die ich mich ſelbſt gebracht hatte; und nur mit Mühe unterdrückte ich 5 mein Seufzen, daß es nicht gehört wurde. Beim Frühſtück am folgenden Morgen ſuchte ich meine ———— S—— ————— 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 79 Empfindungen zu beherrſchen und meinem Geſicht den gewöhn⸗ lichen Ausdruck zu geben; allein Kapitän Winton merkte doch, daß bei mir nicht alles in Ordnung ſei. Ich ſagte ihm, ich leide ſehr an Kopfſchmerzen.„O Zamba,“ erwiderte er,„ich weiß wohl, wo es Ihnen fehlt. Sie haben von Afrika und Ihrer jungen Gattin geträumt; aber ſeien Sie nur getroſt, in Charleston giebt es genug hübſche Frauen, die nach einem ſo reichen König, wie Sie, ſchnappen werden.“ Ich war zu einem ſolchen Geſpräch nicht aufgelegt. Nach dem Frühſtück ſagte ich, ich wolle meinen Kopf mit Eſſig waſchen und mich ein wenig hinlegen, und da der Kapitän nichts dagegen einwendete, ſo ging ich bald darauf in mein Kämmerchen. Im Laufe des Vormittags beſchäftigte ich mich damit, etwa dreißig von meinen Dublonen zu verſtecken, indem ich ſie in das Futter mehrerer von meinen Kleidungs⸗ ſtücken einnähte; ebenſo brachte ich auch ein wenig Goldſtaub auf die Seite, benützte aber dazu bloß meine gröberen Kleider, denn ich erwartete von dem grauſamen Kapitän nichts ge⸗ ringeres, als daß er mir meine feineren Kleider wieder nehmen werde. Auch ſtopfte ich etwa zwei Pfund Goldſtaub in ein paar Strümpfe, die ich in ein paar Schuhe hinein⸗ ſteckte. Ich rechnete, wenn ich dieſes Gold aus den Klauen meines weißen Freundes Winton retten könnte, ſo würde es auf alle Fälle hinreichen, mir in einem fremden Lande durchzuhelfen. In meinen Gedanken unterbrach mich der Kapitän, der in ſcheinbarer Eile herunter kam und rief:„Zamba, Zamba! Es läßt ſich ein Schiff ſehen, und ich vermute, es iſt ein Seeräuber. Nun das erſte, was die Leute thun, iſt, daß ſie die Kajüte durchſuchen, um Geld zu finden, und ſie werden auch Ihre Koffer öffnen. Sie würden daher beſſer thun, mir Ihren Sack mit Goldſtaub und Ihre Goldſtücke S —.—— 80 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. zu geben; einige davon können Sie behalten und den See⸗ räubern anbieten, wenn ſie kommen. Aber nur ſchnell, denn ich brauche einige Minuten dazu, um den Schatz an einem ſichern Ort zu verwahren.“ Was konnte ich machen, als ihm das Gold ruhig ausliefern! Mit funkelnden Angen und einem Grinſen heimtückiſcher Freude nahm er es und brachte es in ſeine eigene Kajüte, und nie haben meine Augen es wieder geſehen. In wenigen Minuten kam das Schiff näher, und es zeigte ſich, daß es ein ſpaniſcher Sklavenhändler aus der Havanna war, nach der Weſtküſte von Afrika beſtimmt. Bei unſeren Mahlzeiten konnte ich manches Nicken und Winken und Gebärdenſpiel zwiſchen dem Kapitän und dem Steuermann bemerken, wenn ſie mich zufällig anblickten, wiewohl ich ruhig daſaß, mein Eſſen verzehrte und ausſah, als wenn ich nichts wüßte. Nach dem, was ich von ihrem Geſpräch gehört hatte, hinſichtlich der amerikaniſchen Geſetze in betreff der Neger, mußte ich froh ſein, in ihren Geſichtern wenigſtens keine Böswilligkeit gegen mich wahrzunehmen, und ich dankte Gott, daß wenigſtens mein Leben nicht in Gefahr zu ſein ſchien. Nichts wäre für Winton leichter geweſen, als mich in einer dunkeln Nacht über Bord zu werfen. Ich mußte mir ſelber ſagen, daß meine Lage viel ſchlimmer ſein könnte, als ſie war; und darum wollte ich auch ruhig und unterwürfig den Willen des Allmächtigen erwarten. Am Mittag des fünfzigſten Tages nach unſerer Abfahrt von Afrika fand der Kapitän bei ſeinen Berechnungen, daß wir nur noch hundert engliſche Meilen von der Küſte von Karolina entfernt waren, und gab Befehl, die Anker und Kabeltaue zum Dienſt bereit zu halten. Ich nahm wahr, daß das Waſſer die tiefe, blaue Farbe des Ozeans all⸗ 3 mählich in ein Hellgrün verwandelte, und um ſo mehr, je 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 81 weiter wir nach Weſten kamen. Wir legten in der Stunde etwa acht Knoten zurück; abends ſechs Uhr wurde ſondiert, und um Mitternacht zeigte ſich das Feuer des Leuchtturms von Charleston wie ein großer Stern, der bald auf⸗, bald wieder unterging; und da wir ſehr ſchönes Wetter hatten, ſo ſegelten wir fort bis auf wenige Meilen vom Leuchtturm. Die Beſchaffenheit des Lichtes intereſſierte mich ſehr. Jede Minute ungefähr blitzte ein breiter Lichtglanz über die ganze Waſſerfläche zwiſchen dem Ufer und unſerem Schiff, dann wurde es plötzlich wieder für ein paar Sekunden ſtockfinſter, und das kam mir ganz wunderlich vor. Am Morgen dieſes Tages, da wir noch hundert Meilen vom Ufer entfernt waren, behauptete der Kapitän und einige der Matroſen, ſie röchen deutlich den Geruch der Fichtenwälder am Ufer. Das Schiff führte die ganze Nacht hindurch nur leichte Segel, und bald nach Tagesanbruch konnten wir die Wipfel der Bäume unterſcheiden, die wie eine ſchwarze Linie am Horizont ausſahen; bald darauf erblickten wir auch die weiße, ſandige Bucht mit ihrer Brandung. Eine ſchöne, kleine Schaluppe kam uns entgegen und ſchickte uns ein kleines Boot mit drei oder vier Mann darin zu; einer von ihnen, ſo ſchwarz als ich ſelbſt, kam an Bord und übernahm zu meiner großen Verwunderung und Freude das Kommando des Schiffs. Denk' ich bei mir ſelbſt:„jetzt iſt alles gut; nun werde ich wenigſtens einen auf meiner Seite haben.“ Allein bald zeigte ſich's, daß der Mann nur beſtellt war, das Schiff ein paar Meilen weit als Lotſe zu ſteuern, und dann nichts mehr damit zu ſchaffen hatte. Dieſer Mann hieß Pruivus: er war einer der beſten Piloten des Hafens, und iſt zuletzt, nachdem er als ſolcher 45 Jahre lang gedient hatte, in dem Orkan von 1822 ertrunken. Jedenfalls war ich ſehr erfreut, zu ſehen, daß einer meiner Landsleute einen Barth, Zamba. 6 N 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. ſo wichtigen Poſten verwalten konnte. Wir kamen lücklich über die Barre, die manchmal für die Schiffe ſehr gefährlich wird, denn ſie hat bei niedrigem Waſſerſtand nur etwa dreizehn Fuß Tiefe, und bei öſtlichem Wind geht die See ſehr hoch über ſie herein. Bald darauf kamen wir in die Nähe der Sullivansinſel, wo die Karoliner ihren Sommer⸗ aufenthalt zu machen pflegen. Ich war ganz erſtaunt über das Ausſehen der Häuſer und über ein ſtarkes mit ſchweren Kanonen beſetztes Fort; das ſeltſamſte von allem aber war für mich eine Anzahl von Wagen, die durch Pferde längs der Bai gezogen wurden. In der nächſten Stunde warfen wir Anker dicht an der Stadt, die mit ihren hundert oder zweihundert Schiffen auf den Werften ſehr hübſch und merk⸗ würdig ausſah; da jedoch Charleston nur ſehr wenige große Gebäude hat und nur einen ſchönen Kirchturm, ſo gewährte mir der Anblick nicht das, was ich in dem Lande des weißen Mannes zu ſehen erwartet hatte. In Vergleich mit der Anſicht von London im Hauſe meines Vaters ſchien es mir wie gar nichts zu ſein. Das Wetter war warm geweſen, und der Tag unſerer Ankunft in Charleston war für eine ſo ſpäte Jahreszeit ungewöhnlich heiß; als ich aber am folgenden Morgen vor Sonnenaufgang aufs Verdeck kam, fand ich eine erſtaunliche Veränderung. In der Nacht hatte ſich der Wind nach Nordweſten gedreht und blies ſcharf; der Himmel war ſchön hell. Zum erſtenmal in meinem Leben ſah ich Eis: eine Eisdecke, etwa ſo dick als ein Dollar, zeigte ſich in den kleinen Waſſerfäſſern auf dem Verdeck. Nach Sonnenaufgang kamen viele von den Sklaven vom Unterdeck herauf; aber ſie eilten ſchnell wieder hinunter; bei ihrer elenden Bekleidung konnten ſie den ſchneidenden Wind nicht ertragen. Sobald jedoch die Sonne Macht gewann, wurde es angenehm warm. 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 83 Einer oder zwei von den Negern nahmen Stücke von dem Eis in die Hand, um ſie ihren Kameraden drunten zu zeigen, und die bildeten ſich ein, es ſei Glas, bis es zu ihrer großen Verwunderung zerſchmolz. Im Laufe des Vormittags wurde das Schiff nach einer Werfte an der nordöſtlichen Seite der Stadt gezogen. Ich ſah, daß der Kapitän ſich rüſtete, ans Land zu gehen, und da ich erwartete, er würde mich mit ſich nehmen, legte ich eines meiner beſten Kleider an. Als er mich ſo geputzt ſah, ſagte er:„Zamba, ich denke, Sie thäten beſſer, dieſes Kleid wieder abzulegen und vor der Hand in Ihren Schiffskleidern zu bleiben; ich werde Ihnen nachher ſagen, warum.“ Ich fühlte mich verletzt durch dieſes Benehmen, und es verdroß mich ſehr, denn ich war zu der Zeit noch erbärmlich un⸗ wiſſend in weltlichen Dingen. Ich bildete mir ein, ein afrikaniſcher König würde in Amerika mit großem Reſpekt betrachtet werden; hätte ich aber einige von den bisherigen Kußerungen des Kapitäns reiflicher überlegt, ſo hätte ich wohl wiſſen müſſen, daß ſchwarze Prinzen in Amerika nicht gelten. Nachmittags kam der Kapitän wieder an Bord, und bald darauf kamen mehrere Karren voll Kleider für die Sklaven. Der folgende Tag war immer noch kalt, dennoch wurden ſämtliche Sklaven ans Land gebracht und mußten ſich waſchen und ſcheuern. Sie wurden hierauf mit ziemlich guter Kleidung verſehen, die aus einem groben engliſchen Wollenzeug von blauer oder weißer Farbe verfertigt war. Die Eigentümer des Schiffs hatten dieſe Kleider angeſchafft; wäre aber das Wetter warm geweſen, ſo würde man die armen Sklaven in den wenigen Fetzen, die ſie trugen, zum Verkauf ausgeſetzt haben. Der Kapitän ſagte mir, ſie ſeien bereits zum Verkauf angemeldet, und nach zweien Tagen würde derſelbe ſtatthaben. Mittlerweile kam eine beträcht⸗ 6* 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. liche Anzahl von weißen Herren, uns zu beſuchen, meiſtens kaufluſtige Leute. Am feſtgeſetzten Tag erſchien der Auktionär, ein gewiſſer Herr Naylor, begleitet von zwei jungen Kommis, und teilte nach ſorgfältiger Unterſuchung die ganze Ladung in einzelne Gruppen zu fünfzehn bis zwanzig Perſonen; andere aber wurden auch einzeln aufgeſtellt. Die letzteren waren zu Hausbedienten in der Stadt beſtimmt und aus den jüngſten, beſtausſehenden Leuten ausgeleſen; die größeren Gruppen ſollten aufs Land kommen. Endlich war eine große Anzahl weißer Herren gekommen und einige weiße Damen, — wenigſtens weiße Frauen, denn ihr Benehmen war nicht von der Art, daß ſie anderswo den Namen Dame hätten anſprechen können:— ganz ruhig, kühl, geſchäfts⸗ mäßig gingen ſie durch die verſchiedenen Negergruppen hin⸗ durch, unterſuchten und betaſteten ihre Gliedmaßen auf die⸗ ſelbe Weiſe, wie ich ſpäterhin es bei den Fleiſchern ſah, die das Vieh unterſuchten. Endlich, nachdem eine große Anzahl weißer Herren und einige weiße Damen ſich verſammelt hatten, begann der Verkauf und währte ziemlich lang; die Preiſe ſtiegen von 250— 450 Dollars per Kopf; die 32 Neger, die ich an Bord gebracht hatte, ertrugen beinahe 10 000 Dollars. Man ſieht daraus, daß die Eigentümer des Schiffs eine vortreffliche Spekulation gemacht hatten; ihr Gewinn betrug, wie mir der Kapitän ſagte, 90⸗ bis 100 000 Dollars, und es iſt nicht zu leugnen, daß ein großer Teil desſelben der verſtändigen und menſchlichen Behandlung zu verdanken war, welche der Kapitän ſeiner lebendigen Ladung angedeihen ließ. Ich zweifle keinen Augenblick, daß der Beweggrund bei alledem der Eigennutz war, und in dieſem Fall zeigte ſich's, daß ſelbſt bei ſchlechten Abſichten die Vorſehung Gottes am Ende etwas Gutes aus dem Schlechten hervorbringen kann. Im Laufe meiner ſpäteren Erfahrung habe ich Schiffe 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 85 von demſelben Tonnengehalt wie der„Triton“ aus Afrika kommen ſehen, die 750 Sklaven geladen hatten; aber infolge der grauſamen Behandlung, der ungenügenden und ungeſunden Nahrungsmittel, der ungeſunden Luft und der abſcheulichen Unreinigkeit, die an Bord herrſchte, waren, bis ſie nach Charleston kamen, nur noch 400 am Leben; von dieſen war wiederum die Hälfte in einem ſehr geſchwächten und elenden Zuſtand, und die übrigen konnten keineswegs als geſund und unbeſchädigt betrachtet werden. In dieſen Fällen hatten Geiz und Unmenſchlichkeit ihre Strafe zu leiden, aber freilich, was die armen Neger anlangt, mit einer ſchauer⸗ lichen Qual und Verluſt an Menſchenleben. Ich habe ein Sklavenſchiff aus Afrika kommen ſehen, deſſen Negerladung in einem ſolchen Zuſtand war, daß kein Sterblicher von gewöhnlichen Nerven den Kopf durch die Fallthüre hinunter⸗ ſtrecken konnte; die Neger waren ſo jämmerlich zugerichtet, daß man dreißig bis vierzig auf Karren ins Spital ſchicken mußte. Zuverläſſige Leute haben mir erzählt, es komme an Bord ſolcher vollgepfropften und ſchlecht verwalteten Sklaven⸗ ſchiffe nicht ſelten vor, daß der Kapitän ſolche arme Sklaven, die rettungslos darnieder liegen, bei Nacht über Bord werfen laſſe, während ihr Puls noch ſchlägt. Am Abend, als die Sklaven verkauft waren, redete mich der Kapitän nach dem Nachteſſen folgendermaßen an:„Sie ſehen, Zamba, daß das Schiff, weil einer der Eigentümer desſelben geſtorben iſt, verkauft werden ſoll; und ich glaube, ich werde vor der Hand nicht im Geſchäft bleiben. Ich habe in den nördlichen Staaten, wo ich zu Hauſe bin, einige An⸗ gelegenheiten zu beſorgen, und werde mich vielleicht ganz dort niederlaſſen: Sie begreifen daher wohl, daß ich jetzt nicht, wie ich vorhatte, mit Ihnen nach London reiſen kann. Ich will jedoch in Charleston ein Handelsgeſchäft für Sie 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. abſchließen, und Sie in guten Händen zurück laſſen; und da Sie noch keine Welterfahrung beſitzen, ſo werde ich in⸗ zwiſchen Ihr kleines Vermögen in Verwaltung nehmen und nach ein paar Jahren, wann Sie etwas gelernt haben, mit Ihnen abrechnen.“—„Wollen Sie, mein Herr,“ erwiderte ich,„mich ſo hier ſitzen laſſen und noch dazu mein Ver⸗ mögen behalten? In der That, Kapitän, nachdem mein Vater und ich Ihnen ſo viel Freundſchaft erzeigt haben, können Sie unmöglich ſo grauſam und unehrenhaft handeln! Wenn aber doch,“ ſetzte ich hinzu, indem ich ganz unwillig vom Tiſche aufſtand,„ſo werde ich mich an die weißen Herren in Charleston wenden und ihnen meine ganze Ge⸗ ſchichte erzählen.“—„Bleiben Sie ruhig ſitzen, Zamba,“ verſetzte Winton,„und ich will Ihnen eine Lektion geben. Sie ſehen, Herr Prince,“ fuhr er fort, indem er ſich zum Steuermann wendete,„wie das afrikaniſche Blut gleich auf⸗ brauſt. Aber es hilft Sie hier nichts, Zamba; Sie müſſen ruhig ſein, ſag' ich Ihnen, oder es wird um ſo ſchlimmer für Sie werden: Sie werden bald lernen, junger Mann, ſich ebenſo ruhig und beſonnen zu benehmen wie wir Yan⸗ kees. Fürs erſte nun, Zamba, ſehen Sie, geſetzt, ich wollte Ihnen erlauben, nach Charleston hinein zu gehen und Ihre Geſchichte an einer Straßenecke zu erzählen, ſo würde kein Menſch auf Sie achten, oder wenn man Ihnen einen Augen⸗ blick zuhörte, ſo würden die weißen Leute Sie einen lüg⸗ neriſchen Schurken heißen und vielleicht durchprügeln, und Ihre eigenen Landsleute würden Sie vielleicht nur auslachen. Sie würden ſagen, wenn Ihre Erzählung wahr ſei, ſo ſei Ihnen Recht geſchehen; wenn Sie eine ſolche Ladung von Sklaven aus Afrika zum Verkauf gebracht haben, ſo haben Sie wohl verdient, ſelbſt verkauft zu werden. Zweitens, Zamba, bedenken Sie wohl, daß der Unterricht, den ich 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 87 Ihnen erteilt habe, ſo viel wert iſt als Ihr kleines Ver⸗ mögen, und ich werde Sie bei einem guten Herrn unter⸗ bringen. Andere Leute würden an meiner Stelle Sie einem Pflanzer auf dem Land verkaufen, um Sie aus dem Weg zu ſchaffen; und ich ſage Ihnen, Zamba, wenn Sie nicht vollkommen lenkſam und unterwürfig ſind, ſo kann mir's morgen einfallen, es ſo mit Ihnen zu machen. Sie werden finden, daß der Landaufenthalt jämmerlich iſt im Vergleich mit dem Leben, das Sie bei Herrn Naylor führen können; er wird ſie zu einem gewandten Geſchäftsmann machen und gut behandeln, vorausgeſetzt, daß Sie ſich auf gebührende Weiſe betragen. Und nun, Zamba,(er ſah, daß es in mir kochte und überlaufen wollte,) wenn Sie ein einziges Wort reden, ſo werde ich Ihnen Ihre beiden Koffer mit allem, was darin iſt, nehmen, und Ihnen einen einfachen Anzug geben, wie ihn die andern Neger bekommen haben. Ich habe jedoch ein Gewiſſen, Zamba, und Sie dürfen wahrhaftig Gott danken, daß Sie in ſo gute Hände gefallen ſind; über⸗ dies gebe ich Ihnen eine gute moraliſche Lektion.“ Das Benehmen des Kapitäns würde mich völlig nieder⸗ geſchmettert haben, hätte ich nicht ſchon vorher aus ſeinen Geſprächen mit dem Steuermann einige Winke bekommen. Dennoch fiel es mir ſehr ſchwer aufs Herz. Wenn ich freilich jetzt, nachdem ich beſſere Erkenntnis erlangt habe, darüber nachdenke, ſo fühle ich wohl, daß ich wegen meiner eigenen Geſchäfte im Sklavenhandel eigentlich kein Mitleiden ver⸗ diente; ich erntete nur die Früchte meiner eigenen Hand⸗ lungen. Nichtsdeſtoweniger zeigte ſich Winton als ein grund⸗ ſatzloſer Schurke, der mich um 10000 Dollars an dem Preis für die Sklaven, um 7000 Dollars an Goldſtaub und 3000 an Dublonen betrog, und— was noch mehr wert war als alles— mir meine Freiheit raubte. Ich 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. hatte durchaus keine Mittel, mir zu meinem Recht zu ver⸗ helfen, obwohl ich in einem chriſtlichen Lande war. Weder mein Wort noch meine eidliche Beteuerung würden etwas genützt haben: ſo mußte ich mich alſo ſtillſchweigend und willenlos unterwerfen und mich damit tröſten, daß mir der Schurke wenigſtens meine zwei Koffer mit ihrem Inhalt gelaſſen habe. Ich ging ganz niedergeſchlagen zu Bett und träumte, ich ſei in meinem Palaſt in Afrika bei meiner lieben Zillah und meiner Mutter, umringt von meinen Freunden und Dienern. Von dieſer Luftſpiegelung meines vergangenen Glücks, das nie wiederkehren ſollte, erwachte ich vor Sonnen⸗ aufgang zur traurigen Wirklichkeit meiner jetzigen Lage. Beim Frühſtück zog mich der Kapitän mit meinem niedergeſchlagenen Blicke auf.„Zamba,“ ſagte er,„Sie brauchen ſich's nicht zu ſehr zu Herzen zu nehmen; Sie dürfen immer noch denken, ich ſei Ihr beſter Freund geweſen. Habe ich Ihnen nicht viele Begriffe von den verſchiedenen Gegenſtänden in der Welt beigebracht? Habe ich Sie nicht im Leſen unter⸗ richtet und Sie in ein chriſtliches Land geführt, wo ſie ge⸗ lehrte Männer finden werden, die Ihnen alles von der Bibel ſagen können, und zwar unentgeltlich? Mit der Zeit werden Sie ein guter Chriſt werden; und was Ihr Geld anbelangt, das ich ſo gut bin für Sie aufzuheben, ſo kann ich Sie verſichern, wenn ich es Ihnen überließe, unter den weißen Leuten hier oder in Europa, Sie würden es nicht länger als zehn Tage Ihr Eigentum nennen; auf allen Seiten würden Sie betrogen und beſtohlen werden. Und überdies, Zamba, müſſen Sie wiſſen, daß in einem Lande, wie dieſes, ſo viel Geld in den Händen eines jungen Men⸗ ſchen, wie Sie ſind, gefährlich ſein würde, ſehr gefährlich ſag' ich Ihnen. Ich werde heute einen Handel mit Herrn 4 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 89 Naylor Ihretwegen abſchließen, und wenn Sie ſich ganz ruhig und unterwürfig betragen, ſo werden Sie ſehen, wie ſehr ich mich für Sie verwende.“ So ſuchte der gewiſſen⸗ loſe Menſch ſeine Habſucht und Ungerechtigkeit unter dem Mantel der Freundſchaft zu verſtecken. Doch wie ich bereits angedeutet habe, meine Lage hätte können noch viel erbärm⸗ licher ſein. Nach dem Mittageſſen kam der Kapitän an Bord mit Herrn Naylor und einem andern Herrn. Herr Naylor war ein magerer, behutſam ausſehender, ſcharfblickender Mann: aber es war zugleich ein wohlwollender Ausdruck in ſeinem Geſicht, und ſo war mir's wohl in ſeiner Geſellſchaft. Er fragte mich vielerlei über Landſchaft, Sitten u. drgl. in Afrika, und ich war ganz nahe daran, ihm im Lauf des Geſpräches unwillkürlich einige Antworten zu geben, welche Kapitän Winton in Mißkredit gebracht haben würden. Allein dieſer hielt immer ein ſcharfes Auge auf mich und unterbrach und korrigierte mich oft. Endlich ſagte er: „Zamba, Sie werden nun mit dieſem Herrn gehen und werden in ſeinem Kaufladen lernen ein gewandter Geſchäfts⸗ mann zu werden. Herr Naylor iſt mit Ihrem Ausſehen und mit dem guten Zeugnis, das ich Ihnen gebe, zufrieden, und ich habe den Handel mit ihm abgeſchloſſen. Ich be⸗ komme 600 Dollars, über welche wir ein andermal mit einander reden wollen; um aber Sie und jedermann ſonſt von meiner Großmut zu überzengen, werde ich Herrn Naylor 300 Dollars herausgeben, die für Ihre Rechnung angelegt werden ſollen; und da er ſo gütig iſt, ſie Ihnen zu ver⸗ zinſen, ſo werden Sie mit Ihren etwaigen übrigen Er⸗ ſparniſſen in einigen Jahren im ſtande ſein, ſich loszukaufen, falls Sie es wünſchen.“ Mit dieſen Worten zog er eine Börſe heraus, zählte(ohne Zweifel von meinem eigenen ——— F ————— 90 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. Gelde) zwanzig Dublonen hin, und händigte ſie Herrn Naylor ein. Dieſer gab ihm einen Empfangſchein für die Summe, und ſchrieb zugleich auf einen Streifen Papier einen Wechſel auf 90 Tage Sicht, zahlbar an Kapitän John Winton, im Betrag von 600 Dollars, als Kaufpreis für einen afrika⸗ niſchen Neger, namens Zamba. Ob ich gleich auf eine ſolche Behandlung beinahe vor⸗ bereitet war, konnte ich mich doch nicht enthalten, aufzu⸗ ſpringen und zu rufen:„und das iſt der Weg— iſt das die grauſame Weiſe, wie ich behandelt werden ſoll? Haben Sie mich unwiderruflich zum Sklaven verkauft, Kapitän Winton— nach allem dem, was“— Hier wurde ich von dem Kapitän unterbrochen, der gleichfalls aufſprang und rief, oder vielmehr herausbrüllte, denn er war in einer furchtbaren Leidenſchaft:„Halt dein Maul, du ſchwarzer Spitzbube, oder ich hebe den Handel wieder anf! Nur noch ein einziges Wort laß hören, ſo ſchick ich dich morgen auf eine Reispflanzung, und da werden ſie dir dein afrikaniſches Blut kühlen, das verſichere ich dich.“ Herr Naylor blickte mich, wie mir vorkam, gerührt an; und da ich jetzt ſah, daß es vergeblich ſei, gegen mein Schickſal zu kämpfen, ſetzte ich mich nieder und brach in Thränen aus. Der Herr, der mit Herrn Naylor gekommen war, rauchte gleichgültig ſeine Cigarre und nippte an ſeinem Wein, indem er vor ſich hin brummte:„Sonderbare Geſchichte das; werd' gar nicht klug daraus! Aber am Ende, wer Teufels bekümmert ſich um einen Neger!“ Herr Naylor wandte ſich hierauf an mich und ſagte:„du mußt's nicht ſo ſchwer nehmen, junger Menſch. Wenn du dich ordentlich und ehrlich aufführſt, ſo werde ich beſtens für dich ſorgen. Ich werde dich morgen holen laſſen.“ Bald darauf gingen die Herren fort, und Kapitän Winton begleitete ſie. Als er zurück kam, lag ich ————— —————— 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 91 ſchon zu Bette; er kam aber in meine Kajüte herein und ſagte mir, er hätte gute Luſt, wegen meiner Unverſchämtheit (wie er's nannte) vor den weißen Herren meine Koffer zurück zu behalten. Ich antwortete ihm ganz demütig, in Erinnerung an das Wort der heiligen Schrift:„eine linde Antwort ſtillet den Zorn.“ In jener Nacht ſchlief ich nicht viel, ſondern machte mir Gedanken über mein ſchweres Ge⸗ ſchick. Doch ſehnte ich mich nun ſehr, dem Kapitän aus dem Geſicht und aus den Händen zu kommen. Am Vormittag des folgenden Tages kam einer von Herrn Naylors Ladendienern, ein junger Schotte, namens Tomſon, auf das Schiff, um mich zu holen. Meine Koffer waren auf einen Karren gelegt, und in wenigen Minuten war ich bereit, ans Land zu gehen. Als ich die Kajüte verließ, ſtreckte mir der Kapitän, der emſig mit ſchreiben beſchäftigt war, die Hand hin und ſagte:„He, Zamba, gehen Sie nicht ſo weg, ohne Abſchied von mir zu nehmen. Ich ſage Ihnen in allem Ernſt, daß unter tauſend Sklavenſchiff⸗ kapitäns nicht einer ſo viel für Sie gethan haben würde wie ich, und Sie dürfen Ihren Sternen danken, daß Ihr Schickſal nicht ſchlimmer ausgefallen iſt. Apropos, Zamba, ob ich gleich denke, Sie werden mich nicht ſo bald ver⸗ geſſen, ſo will ich Ihnen doch ein Andenken mitgeben; Sie werden vielleicht ein wenig Taſchengeld brauchen.“ Mit dieſen Worten gab er mir eine Handvoll Silbermünzen, worunter auch zwei amerikaniſche Goldadler. Anfangs war ich innerlich geneigt, ſie auszuſchlagen; plötzlich aber wurde mir anders zu Mute; ich ſteckte das Geld in die Taſche, konnte mich aber nicht enthalten zu ſagen:„nun gut, Ka⸗ pitän, ich danke Ihnen, obſchon ich weiß, daß es ein Teil von dem Kaufpreis meines eigenen Blutes iſt.“ Hierauf verließ ich das Schiff, und ging mit dem jungen —— 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. Mann, der mich abgeholt hatte. Während ich ſo über die Werfte und durch die Straße wandelte, ſtiegen mir allerlei ſeltſame Gedanken über die Charakterloſigkeit dieſes Kapitän Winton auf. Er war von Natur ein warmherziger, gut⸗ gelaunter Mann von vielen Kenntniſſen; aber der Geiz, die Geldliebe, dieſe Wurzel alles Uebels, führte ihn zu den niederträchtigſten, gefühlloſeſten Handlungen. Sein Benehmen gegen mich war allerdings eine moraliſche Lektion, die mich aber teuer genug zu ſtehen kam, nach weltlicher Rechnung wenigſtens. Auf dem Wege zu Herrn Naylors Warengewölbe(er war einer der vornehmſten Auktionäre in Charleston, und hatte ein unermeßliches Geſchäft) ließ ſich Herr Tomſon, der Commis, in ein Geſpräch mit mir ein, und war ganz er⸗ ſtaunt, als ich ihm ſagte, ich könne ziemlich gut in der eng⸗ liſchen Bibel leſen. Er ſchien mich mit lebhafter Teilnahme zu betrachten; und da ich wohl wußte, daß Kapitän Winton jetzt gar keine Gewalt mehr über mich hatte, ſo erzählte ich ihm ſo kurz als möglich meine ganze Geſchichte, wobei ich mich ſtreng an die Wahrheit hielt.„Gut, gut, mein armer Junge,“ ſagte er,„ich kann mir nicht denken, daß du eine ſolche Geſchichte erdichtet hätteſt; und wenn auch nur die Hälfte davon wahr iſt, ſo übertrifft Kapitän Winton an Schurkerei alle Yankees, die je in Neuengland geatmet haben. Aber du findeſt keine Hilfe, du armer Menſch, durchaus keine. Indeſſen haſt du einen guten Herrn gefunden, und wenn du dich ſo beträgſt, wie ich von dir erwarte, ſo wird dir deine Lage nicht ſo unerträglich vorkommen, als tauſenden deiner Landsleute.“— O, wie das Wort Herr mich in die Ohren ſchnitt! es verwundete mein Herz wie ein glühendes Eiſen. Aber mein Gewiſſen ſagte mir lauter als je, ich habe mein Schickſal verdient. Ich dankte Herrn Tomſon 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 93 für ſeine aufmunternden Worte und ſagte ihm, zum Beweis der Wahrheit meiner Angaben könne ich ihm einige Artikel in meinen Koffern zeigen, die er bei keinem gewöhnlichen Neger antreffen würde. Als wir ſo durch die Straßen gingen, war mir das Ausſehen der Häuſer ſehr auffallend, und namentlich die Kaufläden zogen meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Der Reich⸗ tum, der da in Waren und Koſtbarkeiten aller Art ausge⸗ legt war, ſchien unerſchöpflich zu ſein. Aber ach! ich war nur ein armer Sklave und in einem fremden Lande. Doch erheiterte mich die Wahrnehmung, daß meine Landsleute, die ſich allenthalben durch die Straßen drängten, im allgemeinen glücklich und zufrieden ausſahen. Einige führten einen Laſt⸗ karren; andere kutſchierten hübſche und zierliche Stadtwägen; viele waren in den Schnapsſchenken beſchäftigt oder ſtanden haufenweiſe an den Thüren derſelben: und ihr unaufhörliches Lachen und Plaudern erinnerte nicht von weitem an einen unglücklichen Zuſtand. Als wir hierauf über die Marktplätze kamen, ergötzte ich mich ſehr an dem Ausſehen der ſchwarzen Männer und Weiber, die anſtändig, zum Teil glänzend ge⸗ kleidet waren und ſich offenbar alle in guter Laune befan⸗ den. Beim Vorübergehen an einigen Barbierbuden blickte ich hinein, und auch da wieder waren meine Landsleute be⸗ ſchäftigt, weiße Herren einzuſeifen und zu raſieren und ihnen das Haar zu ſchneiden. Als wir in der Königsſtraße anlangten, deren unterer Teil die ſogenannte Vendue Range bildet, befahl der Commis dem Karrenführer, mit meinen Koffern nach dem Wohnhaus meines Herrn in der breiten Straße zu fahren, und ſie dort abzuſetzen; er aber ging mit mir eine andere Straße hinab, wo Herrn Naylors Warengewölbe ſich befand. Ich war ganz erſtaunt über die Ausdehnung dieſes Waren⸗ 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. lagers, und über die Güter aller Art, womit es angefüllt war. Ich dachte bei mir ſelber, es ſeien da ſo viele ſchöne gedruckte Zenge und Sacktücher, daß alle Weiber in Afrika oder gar in der Welt damit verſehen werden könnten, und überdies ſah ich eine ſolche Menge von ſchönen gezogenen Flinten, Piſtolen und Säbeln, daß ich mich nicht genug verwundern konnte. Alle dieſe Waren ſollten durch Ver⸗ ſteigerung abgeſetzt werden. Mein Herr ſprach einige freund⸗ liche Worte zu mir und ſagte, ich brauche heute nicht zu arbeiten, ich ſolle nur im Warenhaus umhergehen und meine Neugierde befriedigen. Auch Herr Tomſon behandelte mich ſehr herablaſſend: er zeigte mir verſchiedene Ballen und Kiſten, und ſchien mit Wohlgefallen zu bemerken, daß ich die darauf geſchriebenen Buchſtaben leſen konnte. Herr Tomſon ſagte mir, er hoffe, ich werde im Geſchäft ſehr brauchbar ſein, und es werde mir ſelbſt zum Beſten gerei⸗ chen, wenn ich mich gegen jedermann höflich und achtungs⸗ voll benehme und allezeit munter und thätig ſei. Ver⸗ drießlichkeit und Langſamkeit, ſagte er, ſeien die ſtehenden Fehler meiner Landsleute.„Aber du, Zamba,“ ſetzte er hinzu,„biſt ein Fürſt geweſen, und mußt deinen Charakter nicht aufgeben.“ Nachmittags wurde ich in meines Herrn Wohnhaus ge⸗ bracht, ein großes Backſteingebäude, das, wie ich ſpäter ge⸗ wahr wurde, prächtig ausmeubliert war. Hinter dem Haus, auf beiden Seiten eines großen Hofes, der mit Backſteinen gepflaſtert und ſehr reinlich gehalten war, ſtanden die Häu⸗ ſer für die Dienerſchaft; ganz bequeme zweiſtöckigte Gebände von Holz. Ein Teil des obern Stocks in einem derſelben wurde mir angewieſen, und meine Koffer wurden dahin ge⸗ bracht. Zwei oder drei meiner afrikaniſchen Landsleute, und etwa ein halb Dutzend Negerweiber, die ſämtlich dies 6. Die Seereiſe und die Sklaverei. 95 oder jenes im Hauſe zu ſchaffen hatten, bewillkommten mich. Bald darauf bekamen wir ein reichliches und wohlſchmecken⸗ des Nachteſſen. Einige meiner Mitſklaven ſtammten ur⸗ ſprünglich aus meiner eigenen Gegend in Afrika, ſo daß ich im Laufe des Abends eine Menge Fragen zu beantworten hatte. Ich bemerkte mit Freuden, daß, obwohl alle ſehr verlangten, ihr Heimatland Afrika wieder zu ſehen, ſie doch zu verſtehen gaben, ſie würden gern wieder nach Amerika zurück kommen. Dies war jedoch nur die glänzende oder wenigſtens die erträgliche Seite der Sklaverei; von der an⸗ dern, der Schattenſeite, werde ich ſpäter auch noch ſprechen. Zu rechter Zeit ging ich zum erſtenmal zu Bett in dem freien Lande Amerika. Aber obwohl unter einem ſchützenden Dach und in einem behaglichen Bett, konnte ich doch durch⸗ aus nicht in Schlaf geraten. Meine Empfindungen waren ganz verſchiedener und widerſprechender Art, und ich fing an zu überlegen, ob ich wirklich große Urſache hätte, mir zu meiner jetzigen Lage zu gratulieren. Es iſt wahr, daß mich Kapitän Winton jämmerlich betrogen hatte; auf der andern Seite aber hatte ich es, wie geſagt, verdient, und überdies war noch ein beträchtlicher Teil meines Vermögens in meinem Beſitz geblieben. Meine Gedanken, die ſich un⸗ tereinander verklagten und entſchuldigten, lauteten alſo: „Welches Recht hatte Kapitän Winton, meine Schätze in Beſchlag zu nehmen und mich als Sklaven zu verkaufen?“ Mein Gewiſſen ſagte darauf ganz einfach:„welches Recht hatteſt denn du, Zamba, zweiunddreißig deiner Mitgeſchöpfe, ja deiner Landsleute, an Bord des Triton zu bringen und dich der Hoffnung zu freuen, daß du durch den Verkauf derſelben in einem fremden Lande reich werden würdeſt?“ „O,“ antwortete ich darauf,„ſie waren ja entweder meine Kriegsgefangenen oder ich hatte ſie um einen billigen Preis 96 7. Sklavenleben. gekauft.“—„Ganz gut, Zamba,“ entgegnete das Gewiſſen wieder;„aber ſagte dir nicht ſchon deine Vernunft,— lehrte dich nicht ſchon das heilige Buch, das du doch zum Teil verſtehen konnteſt, deutlich genug, was du nicht wolleſt, daß andere Leute dir thun, das ſollſt du ihnen auch nicht thun?“ So fand ich, daß all' mein Streiten mit dem Gewiſſen auf meine Verurteilung hinausführte, und wurde völlig überzeugt, daß ich mehr Urſache hatte, für die mir noch gebliebenen Vorteile dankbar zu ſein, als über die Be⸗ handlung zu murren, die ich von Kapitän Winton erfahren hatte. Es iſt mir ſeitdem oft klar geworden, daß ein Menſch noch keine Urſache zur Verzweiflung hat, ſo lange ſein Ge⸗ wiſſen noch laut und deutlich in ihm redet.— Zuletzt ſchlief ich ein, und träumte immer und immer wieder von der armen Zillah und meiner Mutter, wie ein feindlicher Neger⸗ ſtamm ſie überfallen habe und ſie ſich mit Sack und Pack flüchteten. 7. Sklavenleben. Als ich am folgenden Morgen mein Lager verließ, fand ich, daß einige von den Sklaven ſchon eine oder zwei Stun⸗ den früher aufgeſtanden waren. Herr Tomſon, der auch bei meinem Herrn ſeine Wohnung hatte, ſchickte nach mir und hieß mich mit ihm in das Magazin gehen. Dort mußte ich ihm helfen trockene Waren aus Kiſten und Bal⸗ len auspacken und ſie in den Ladenfächern aufſtellen, wie auch andere leichte Arbeit im Magazin umher verrichten. Er ſprach viel mit mir, aber nur, wenn die andern Laden⸗ diener es nicht bemerkten, denn die waren größtenteils ge⸗ —.——— 7. Sklavenleben. 97 borne Amerikaner, und meinten, ein jedes Geſpräch mit einem Neger, ſo weit nicht das Geſchäft es durchaus erfor⸗ derte, thue ihnen, als freigebornen Republikanern, an ihrer Würde Abbruch. In wenigen Tagen bekam ich eine ziemliche übung im Ladengeſchäft; und wären nicht die Gedanken an meine Hei⸗ mat geweſen, ſo würde mir die Zeit angenehm vergangen ſein. Endlich kam der Sonntag, und dieſen erſten Sonntag in Amerika werde ich nie vergeſſen. Es war, glaube ich, der 29. November. Mein Herr ſagte mir, ich könne heute mit einigen von den andern Sklaven in eine Kirche gehen, ſpäterhin aber werde er dann und wann an dieſem wie an anderen Tagen meine Dienſte zur Aufwartung bei Tiſch in Anſpruch nehmen. Er ſagte zu mir mit Lächeln:„wenn du ſo gut fortfährſt, Zamba, wie ich es in der kurzen Zeit bis jetzt geſehen habe, ſo zweifle ich nicht, du wirſt noch einmal ein freier Mann werden. Es iſt dein eigener Nu⸗ tzen, daß du in Haus und Ladengeſchäften zugleich unter⸗ richtet wirſt, denn du lernſt auf dieſe Art die Welt beſſer kennen; und wenn du dich gegen deine Vorgeſetzten recht höflich und dienſtfertig benimmſt, ſo kriegſt du dann und wann auch ein paar Dollars.“ Herr Tomſon ſah mich, als er in die Kirche gehen wollte, und pieß mich mitgehen. Wiewohl er viel Teilnahme für mich zu haben ſchien, und ein freimütiger offenherziger Charakter war, konnte er doch dem in Karolina allgemein herrſchenden Vorurteil gegen die Schwarzen ſich nicht ent⸗ ziehen. Es würde als ein offener Friedensbruch betrachtet worden ſein, wenn ich öffentlich neben ihm hergegangen wäre; ich blieb daher reſpektvoll einige Schritte hinter ihm. Als wir die Kirche erreicht hatten— es war die presbyteri⸗ aniſche Hauptkirche— deutete er auf eine Thüre linker Barth, Zamba.(3. A.) 7 98 7. Sklavenleben. Hand, und ſagte mir, ich ſolle da hinein, und dann die Treppe hinauf gehen. Das that ich, und fand eine Anzahl von Leuten meiner Farbe bereits auf ihren Sitzen. Auf der Galerie gegenüber war eine Anzahl von weißen Leuten, und unten war's halb voll von weißen Herren und Damen. Ich erfuhr nachher, daß in allen Kirchen der Stadt die eine Emporkirche gänzlich für Fremde weißer Farbe, die andere aber für Neger beſtimmt iſt. Nach einiger Zeit trat ein Prediger auf, und las wie gewöhnlich beim presbyterianiſchen Gottesdienſt einen Ab⸗ ſchnitt aus einem Pſalm, und gleich darauf fingen etwa 20 weiße Männer und Frauen vorn auf der Galerie ein Lied an. Ich konnte die Worte, die ſie ſangen, nicht recht ver⸗ ſtehen, und fragte einen Mann, der neben mir ſaß, was das bedeute.„Halt's Maul, Junge,“ ſagte er,„mußt nicht reden in der Kirche! Ich ſag' dir, das iſt der Gottes⸗ dienſt, und darum ſei ruhig wie ein guter Burſche.“ Ich be⸗ merkte, daß nur einige von den weißen Leuten mitſangen, obgleich die meiſten ein Buch aufmachten und ſehr andächtig ausſahen; unter den ſchwarzen Leuten aber auf meiner Seite war kein Buch zu erblicken, und natürlich konnten ſie alſo auch nicht mitſingen. Denk' ich bei mir ſelbſt:„das iſt doch recht wunderlich; aber die weißen Leute müſſen ohne Zweifel am beſten wiſſen, was recht iſt; oder vielleicht meinen ſie, es würde ihre Würde verletzen, mit armen Sklaven zu ſingen.“ Wußte gar nicht mehr, was ich denken ſollte. Nach dieſem wurde, wie gewöhnlich, ein Gebet geſprochen, und es freute mich zu hören, daß der Prediger für alle Menſchen betete, für Herren und Knechte, für Sklaven und Freie. Dann gab er ein Kapitel in der Bibel an, und hob an zu leſen; wiederum machten die meiſten von den weißen Leuten ihre Bücher auf. Ich hatte eine Bibel in — 7. Sklavenleben. 99 meiner Taſche, war aber verlegen was ich thun ſollte, weil ich fürchtete, Anſtoß zu geben; indeſſen nach einigem Be⸗ ſinnen zog ich ſie heraus, und fand die Stelle, obwohl nicht ohne Schwierigkeit. Augenblicklich richteten ſich viele Augen auf mich, inſonderheit die meiner eigenen Landsleute. Ich war ganz verwirrt bei dem Gedanken, ich könnte etwas thun, was den weißen Leuten mißfalle; aber da die gute Hand Gottes es ſo lenkte, daß gerade in dem Kapitel, das der Prediger las, die Worte vorkamen:„Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darin, und ſie iſt's, die von mir zeuget“— ſo fühlte ich mich alsbald innerlich aufgerichtet, und dachte bei mir ſelbſt:„Hat's der Allmächtige ſo geleitet, daß ich das Leſen lernen konnte, ſo habe ich nicht allein die Erlaubnis von ihm, ſondern auch den Befehl, in dem heiligen Buch zu forſchen.“ Der Prediger redete ſofort über Eph. 6, 5.:„Ihr Knechte, ſeid gehorſam euren leiblichen Herren.“ Er ſetzte die Pflichten der Diener, namentlich der Sklaven, gegen ihre Herren und Oberen aufs genaueſte auseinander, und verkündigte denen, welche ihre Obliegenheiten nicht erfüllen, furchtbare Strafen in dieſer Welt und in der Ewigkeit.„Ja,“ ſagte er,„wenn ihr auch Urſache haben ſolltet, über das Drückende einer Stellung Klage zu führen, ſo denket an das Wort: Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er ſtäupet aber einen jeglichen Sohn, welchen er aufnimmt. Und vergeſſet auch nicht, meine ſchwarzen Freunde(er vermied aufs ſorgfältigſte, uns Brüder zu nennen), was der h. Paulus ſagt: Ich habe gelernt, mir in jeder Lage genügen zu laſſen. Phil. 4, 11.“ Ohne Zweifel hat dieſer Geiſtliche bloß ſeine Pflicht ge⸗ than; doch fiel mir's damals ſchon auf, daß er nicht ein einziges Mal dasjenige berührte, was die Herren hinwiederum ihren Knechten ſchuldig ſind. 100 7. Sklavenleben. Der Gottesdienſt ſchloß wie gewöhnlich, und ich war froh, daß ich jetzt auch konnte die Bibel erklären hören. Als ich aus der Kirche heraus kam, ſchloß ſich der Neger, den ich im Anfang des Gottesdienſtes angeredet hatte, ein alter grauhaariger Mann, an mich an, und ſagte:„Junge, ich ſehe, du biſt noch fremd; aber wie biſt du dazu gekommen, die Bibel zu leſen? Kannſt du ſie verſtehen?“ Ich erzählte ihm mit einigen Worten, wie ich zu dieſem Glück gelangt ſei.„Aha, ganz gut, Junge, du kannſt Gott dafür danken. Buckra(d. h. die weißen Leute) kann dir dieſe Geſchicklichkeit jetzt nicht mehr nehmen. Aber hör' mich einmal an: in dieſem ſchönen freien Lande(hier ſah er ſich um, ob ihn doch ja niemand höre) würdeſt du nie das gute Buch leſen gelernt haben; des weißen Mann's Geſetz ſtraft jeden um hundert Pfund, der den armen ſchwarzen Mann das ABC lehren wollte; und wenn du, mein armer Junge, einen von deinen Kameraden auch nur ein einziges Wort wollteſt leſen lehren, ſo müßteſt du entweder Strafe zahlen oder ins Ge⸗ fängnis gehen, und Buckra würde ſich auf deinem bloßen Rücken mit einer guten harten Peitſche aus Kuhhaut bezahlt machen. Das iſt des weißen Mannes Geſetz, Junge; indes bei alle dem haben einige ſchwarze Leute in Charleston im Stillen leſen gelernt, und können auch ein wenig ſchreiben, aber alles unter einer Wolke, verſtehſt du. Die Buckraleute haben fürchterlich Angſt, wir möchten zu klug werden.“ So ſagte der alte Mann mit einem eigenen Grinſen. Wir gingen dann auseinander, nachdem ich eine Ein⸗ ladung erhalten hatte, den alten Jerry und ſein Weib zu beſuchen, und bald nachher waren wir ganz gute Freunde. Als ich in meines Herrn Haus zurückkam, fand ich Herrn Tomſon im Hinterhof. Er forderte mich auf, in ſeine Stube zu kommen und ihm ein Kapitel aus der Bibel vor⸗ 7. Sklavenleben. 101 zuleſen. Ich that es, und er verſicherte, ich müſſe beträcht⸗ liche Naturanlagen haben, ſonſt hätte ich bei dem ſo oft unterbrochenen Unterricht keine ſolche Fortſchritte machen können.„Da ich,“ fuhr er fort,„einen großen Teil des Abends auf meiner Stube zuzubringen pflege, ſo will ich es riskieren und dir ſelbſt einige Lektionen geben; auch will ich dich ſchreiben und rechnen lehren. Das mußt du aber ganz in der Stille behalten, Zamba; denn wenn's heraus käme, daß ich dir ſolchen Unterricht gebe, ſo würde ich ſchwer geſtraft, und würde mir den Unwillen vieler hieſigen Leute auf den Hals laden.“ Nach dieſem riet er mir, den Nach⸗ mittag in eine biſchöfliche und abends in eine Methodiſten⸗ kirche zu gehen, und war begierig, welche von dieſen ver⸗ ſchiedenen Formen des Gottesdienſtes mir am beſten zuſagen würde.„Aber bedenke, Zamba,“ fuhr er fort,„wenn du ins Haus Gottes trittſt, ſo mußt du alle Gedanken ans Irdiſche oder an dein Geſchäft bei Seite laſſen, und das erſte, was du zu thun haſt, iſt: dein Herz innerlich zu Gott zu erheben und zu beten, daß deine Augen und dein Herz für die Wahrheit geöffnet werden mögen, damit du einſeheſt, daß du ſowohl, wie alle andere Menſchen, ein armer, verlorner, verdammter Sünder ſeiſt, dem nicht zu helfen iſt, wenn nicht der heilige Geiſt ihn an den Fuß des Kreuzes und zum Herrn Jefus Chriſtus führt, der die Erlöſung keinem verweigert, wenn man aufrichtig und mit demütigem und zerſchlagenem Herzen zu ihm kommt. Ich hoffe, Zamba,“ ſagte der vortreffliche Mann, indem er mich bei der Hand nahm,„du werdeſt noch Urſache finden, den Tag zu ſegnen, an dem du in dieſes Land gekommen biſt; ja du werdeſt noch Kapitän Winton als einen Freund be⸗ trachten und für ihn beten lernen, weil er in der Hand der Vorſehung das Mittel geweſen iſt, dich wie einen Brand 102 7. Sklavenleben. aus dem Feuer zu reißen. Ich hoffe, Zamba, du werdeſt auch jetzt als ein Sklave aus dem Zuſtand der Sünde und des Zweifels und der Finſternis zu dem wunderbaren Licht, zu der Freiheit und Reinheit des Evangeliums Jeſu Chriſti gebracht werden. Ich bete für dich als dein Freund, daß du mögeſt einen Schatz empfangen, wie ihn die Welt nicht geben kann, und wie ſie ihn, Gottlob, auch nicht nehmen kann, einen ganz anderen und viel wünſchenswerteren Schatz, als die paar Hände voll Gold waren, die dir ein Schurke geraubt hat.“ Thränen rannen über die Wangen des guten jungen Mannes herab, als er ſo zu mir redete, und ich empfand bei ſo vieler unerwarteter Güte ein unausſprechliches Ver⸗. gnügen in meinem Innern. Es ſind jetzt beinahe vierzig Jahre, ſeitdem dieſer junge und aufrichtige Jünger des Herrn Jeſu dieſes Leben der Sorge und der Prüfung und der Ungewißheit mit einem unvergänglichen, unbefleckten und unverwelklichen Erbteil ver⸗ tauſcht hat, wie ich wenigſtens glaube und hoffe; und doch ſteht immer und immer wieder ſein ofſenes und wohlwollendes Geſicht vor meiner Seele, als er mich ſo anredete, wie wenn ich nicht ein armer unwiſſender Sklave, ſondern ſein Freund und Bruder wäre. Nachmittags begleitete ich einen meiner Mitſklaven in eine biſchöfliche Kirche, und ergötzte mich unterwegs ſehr an dem Ausſehen meiner männlichen und weiblichen Landsleute. Viele der letzteren waren ſehr elegant gekleidet, was mir zwar damals gefiel, was ich aber zu bewundern längſt auf⸗ gehört habe, weil es viel zu prunkhaft ausſieht und ſich für ihre Stellung gar nicht ſchickt. Das war ein Stolzieren mit glänzenden ſeidenen Shawls, ſeidenen Strümpfen, roten Maroquin⸗Schuhen, als ob ſie zu irgend einer Luſtbarkeit — ———— — ——— ——— 9 7. Sklavenleben. 103 gingen; und einige, die mit ſchönen Sonnenſchirmen koket⸗ tierten, trippelten über das Pflaſter mit großer Leichtfertig⸗ keit und Unanſtändigkeit. Der Gedanke kam mir:„Wo haben ſie ſich alle dieſe ſchönen Sachen erworben? Ich fürchte, es geſchah nicht auf ehrenhafte Weiſe.“ Und ſpäterhin fand ich auch dieſe Ver⸗ mutung bei hunderten von ihnen beſtätigt, was ihren weißen Herren und Gebietern nicht ſehr zur Ehre gereicht. Wenn ſie einander begegneten, ſo war das ein Verbeugen und Komplimentemachen und Händeſchütteln und Freundlichthun; und ein Herr⸗ und Madamegrüßen, und zwar mit ſu lauter Stimme, als hätten ſie vor ihren Herren gar keine Furcht. Manche junge ſchwarze Männer waren ſo zierlich und mode⸗ mäßig gekleidet, wie die erſten Herren in der Stadt; ſie trugen Hemden mit feinen Halskrauſen von Kammertuch, waren mit ſchimmernden Juwelen geſchmückt, und ſtolzierten einher wie ein Pfau am Mittag. Da ich, um meine Be⸗ obachtungen anzuſtellen, ganz langſam ging, ſo bemerkte ich unter anderen einen gut ausſehenden jungen Neger, der ein paar junge Frauenzimmer, die ſo ſchwarz waren wie er ſelbſt, anredete. Er zog ſeinen Handſchuh ab, küßte ſeine Hand, bengte ſich faſt bis auf die Erde hinab, und indem er eine Zeitlang mit unbedecktem Haupte ſtehen blieb, redete er ſie alſo an:„Wie geht es Ihnen, meine lieben Fräulein Sarah und Dina? Ich hoffe, ich habe das Vergnügen Sie dieſen Morgen in vollkommenem Wohlbefinden anzutreffen; ich hoffe, Mama und alle Freunde ſind recht wohl auf. Wollen Sie mir das große Glück ſchenken, Sie in die Kirche begleiten zu dürfen?“ Ich bemerkte ferner auf meinem Gang zur Kirche, daß einige wenige Kaufläden geöffnet waren, und daß darin Kaufen und Verkaufen vor ſich ging. Man ſagte mir, das 7. Sklavenleben. ſeien jüdiſche Kaufleute. Alle übrigen Kaufläden waren geſchloſſen und ſtill. Als wir in der Kirche angekommen waren, und nun die Orgel, an welcher es in der pres⸗ byterianiſchen Kirche fehlte, zu ſpielen anfing, war ich von der furchtbaren und erhabenen Muſik, die ſich von allem, was ich je gehört oder geträumt hatte, ſo ſehr unterſchied, buchſtäblich niedergedonnert; von den Worten aber, die ge⸗ ſungen wurden, konnte ich nichts verſtehen. Einige von den Gebeten waren mir verſtändlich, und mit Freuden hörte ich, daß viele von den Schwarzen an dieſem Teil des Gottes⸗ dienſtes Anteil nahmen, indem ſie mit Anſtand und Andacht niederknieten und in die Reſponſen einſtimmten. Der Gottes⸗ dienſt ſchien mir jedoch zu ſehr zuſammengeſetzt für eine ſo einfache und unwiſſende Perſon wie ich, und die einfachen Gebete der Presbyterianer ſchienen mir für meine Umſtände beſſer zu taugen. Die engliſche Weiſe ſchien freilich mehr darauf berechnet, die Aufmerkſamkeit der Zuhörer rege zu erhalten; aber wenn ich es ſagen darf, es war dabei zu viel Umſtändlichkeit und ſteife Förmlichkeit; die andere Form ſchien mehr direkt aus dem Herzen zu kommen. Auf dem Heimweg von der Kirche machte ich mir fol⸗ gende Gedanken:„dieſe weißen Leute ſollten ſich doch in der That für recht glücklich halten, da ſie ſo viele Vorzüge und Segnungen beſitzen. Was für prächtige, ſolide Häuſer haben ſie, was für zierliches Hausgeräte, welche hübſche Kleider zu tragen, welche üppige Speiſen und Weine, welche ſchöne Straßen zum Spazierengehen, was für elegante Equipagen zum Fahren, und über das alles ſolche großartige Häuſer zur Anbetung Gottes! und welche erhabene Muſik zur Er⸗ hebung und Beſchwichtigung der Empfindungen! Aber ach! warum ſind ſie doch ſo ungerecht gegen die ſchwarzen Leute? Warum neben allem andern ihnen das Leſen⸗ und Schreiben⸗ 7. Sklavenleben. 105 lernen verwehren, und ſo Gottes eigene Botſchaft vom Himmel zu einem verſiegelten Buch gerade für die Leute machen, die wegen ihrer Unwiſſenheit derſelben am bedürf⸗ tigſten wären?“ Abends ging mein Kamerad mit mir in eine Metho⸗ diſtenkapelle. Er ſagte mir, die ſchwarzen Leute hielten es hauptſächlich mit dieſer Kirchenpartei, welche im allgemeinen unſerem Volk mehr Teilnahme beweiſe und ſich überhaupt zum Volk mehr herablaſſe. Als wir in die Verſammlung eingetreten waren, wurde ein Lied vorgeleſen. Der Vorſänger ſagte langſam eine Strophe um die andere vor, und zu meiner großen Freude ſang gleich die ganze Verſammlung mit, Weiße und Schwarze. Viele von den letzteren, namentlich Frauenzimmer, kannten die Melodie ganz gut und ſangen mit ſchöner heller Stimme. Ich verſuchte mitzuſingen, ſo gut ich konnte, und empfand dabei eine mir bisher unbekannte Art von innerem Genuß. Ich fühlte, daß ich mit dieſem erſten hörbaren Ausſtrömen meines Herzens vor dem allmächtigen Gott jetzt und für immer die Ketten der Unwiſſenheit und des Heidentums zer⸗ brach, und daß ich mich von nun an als einen unter das Banner unſers Herrn Jeſu Eingereihten zu betrachten hatte. Auf dem Rückweg von der Kirche fragte ich mich ſelber, ob irgend ein weltlicher Verluſt oder Unfall, den ich erlitten, zu vergleichen ſei mit dem Glück, das ich jetzt genieße, da ich das Evangelium predigen höre, und die unendliche Liebe in der Erlöſung Jeſu mir, einem armen und unwiſſenden Sünder, angeboten werde. Ich fragte mich weiter:„biſt du in deinem Herzen vollkommen verſöhnt mit Kapitän Winton, und kannſt du auf deine Kniee niederfallen und für ihn beten und ihm von Grund des Herzens verzeihen?“ Ich geſtehe aufrichtig, daß mir das letztere noch nicht ganz 7. Sklavenleben. ſo klar war, wie mir mein Gewiſſen ſagte, daß es ſein ſollte. Als ich jedoch weiter darüber nachdachte, wurde ich durch den heiligen Geiſt Gottes, der mir Herz und Augen erleuchtete, ſo weit gebracht, daß ich vor Schlafengehen auf meine Kniee fiel und Gott anrief, er möchte mich bald in den Stand ſetzen, dem Kapitän Winton zu verzeihen. Mitten in meiner Andacht jedoch flüſterte mir mein Gewiſſen aber⸗ mals zu:„Aber wie, Zamba, wenn Gott dich vor Anbruch eines neuen Tages von der Welt hinwegnimmt, wie willſt du vor ihm beſtehen, wenn du deinem Feind noch nicht ver⸗ geben haſt?“ Ich merkte wohl, daß das Gewiſſen ſich nicht beſtechen ließ, und ſo wagte ich denn die Bitte:„Herr, gieb mir, daß ich in dieſem Augenblick meinen Feinden vergeben kann, wo oder wer ſie auch ſein mögen; oder gieb, daß ich ſie gänzlich vergeſſe.“ In meinen verſchiedenen Geſprächen mit Herrn Tomſon hatte ich ihm meine Geſchichte mit Kapitän Winton aus⸗ führlich erzählt, und Herr Tomſon hatte natürlich kein Ge⸗ heimnis daraus gemacht, ſo daß die übrigen Ladendiener und viele Kunden, die in unſern Laden kamen, damit bekannt wurden. Dadurch erregte ich mehr Aufmerkſamkeit, als mir lieb war; denn, wiewohl alle darin einverſtanden waren, dem Kapitän Unrecht zu geben, ſo kehrte ſich doch am Ende jedesmal das Gelächter gegen mich, und alle Tage geſchah es fünf⸗ oder ſechsmal, daß einer oder der andere, obwohl in gutmütiger Weiſe, mir erklärte, es ſei mir recht geſchehen. „Wahrhaftig,“ hieß es,„du warſt ein ſauberer Burſche, Zamba; haſt wollen 32 deiner eigenen Landsleute verkaufen. Ein Hund ſollte den andern nicht freſſen, Zamba!“ Kapitän Winton war in Geſchäften mit meinem Herrn verſchiedenemale im Laden geweſen, bis jetzt aber war er mir nicht nahe gekowmen; er ging gewöhnlich hinten herum ——————— 7. Sklavenleben. 107 durch eine andere Thüre, die ins Comptoir führte. Ob es wirklich ſo war, weiß ich nicht, aber es kam mir wenig⸗ ſtens ſo vor, daß er mir nicht gern unter die Augen trete. So feig werden die Menſchen durch das Schuldbewußtſein. Eines Nachmittags jedoch geſchah es, daß er mit einem an⸗ dern Herrn die Straße herabkam, und an der großen offenen Ladenthüre vorbeigehen wollte, an welcher gerade allerlei Leute, Juden, Heiden und Chriſten, warteten, um die Wa⸗ ren in Empfang zu nehmen, die ſie am Vormittag gekauft hatten. Einer von dieſen, ein gar luſtiger Mann aus Neu⸗ england, rief hinaus:„He, Winton, kommet einmal daher und erzählet uns die ganze Geſchichte von dem ſchwarzen Prinzen!“ und dabei deutete er auf mich, der ich gerade damit beſchäftigt war, verſchiedene Waren abzugeben. Der Kapitän wechſelte ſeine Farbe nicht, ſah aber ziemlich finſter aus und antwortete:„Was haſt du denn wieder, Bennet? Du treibſt immer ſolchen Unſinn.“—„Wie, Kapitän! ich denke, das war kein Unſinn von Euch, 20 000 prächtige harte Thaler auf einen Zug einzuſtreichen! und das alles noch dazu ohne die geringſte Mühe, wie man ſagt, eine oder zwei Lektionen etwa ausgenommen, die Ihr dieſem ar⸗ men ſchwarzen Nincompoop gegeben habt. Ich muß geſtehen, Winton, Ihr machet dem akten Connecticut Ehre, Ihr ſeid ein wahrer Trumpfkönig und thut nichts halb.“ Alles dies wurde auf eine freimütige Weiſe leicht hingeſagt. Nichts⸗ deſtoweniger nahm er es offenbar ſehr empfindlich auf: denn wie ſehr auch die Leute ſich darin gefallen mögen, dergleichen Streiche zu ſpielen, ſo wollen ſie doch nicht haben, daß die Welt mit allen kleinen Umſtänden bekannt werde. Diesmal galt das allgemeine Gelächter dem Kapitän; und ein gut⸗ mütiger Krämer, der mich ſchon vorher ein paarmal freund⸗ lich angeredet hatte, ließ mir, als ich ihm ſeine Waren auf 7. Sklavenleben. einen Karren laden half, einen Viertelsdollar in meine Hand ſchlüpfen, und ſagte:„Laß gut ſein, Zamba; du biſt ein gewandter Burſche und wirſt ſchon noch ein Mann werden. Und was den ſchurkiſchen Kapitän betrifft, ſo ſag' ich dir, dein Geld wird nicht lange bei ihm gut thun, ſo wahr ich Tobias heiße. Er hat die Würfel zu lieb.“ Abends ging ich nach Hauſe zum Nachteſſen, wo ich und meine Mitſklaven gefüttert wurden wie Prinzen; und in der großen Küche, wo das Feuer jeden Abend brannte, und an der wohl beſetzten Tafel ſah man durchaus nichts von Traurigkeit oder Mißvergnügen. Ich wußte in der That oft nicht, warum man uns ſo viel Luſtigkeit und Heiterkeit geſtattete. Indeſſen war freilich ein erſtaunlicher Unterſchied zwiſchen unſerer Lage und der von Tauſenden unſerer Landsleute. Nach dem Nachteſſen ließ mich Herr Tomſon auf ſeine Stube kommen. Er wollte gerne wiſſen, welchen Eindruck die guten Dinge, die ich am Sonntag gehört, auf mich ge⸗ macht hätten, und welche von den verſchiedenen Kirchen ich zum regelmäßigen Beſuch vorzöge. Ich erklärte ihm als⸗ bald, daß mir die Methodiſtenkirche am liebſten ſei,„weil ſie,“ ſagte ich,„ihre Predigten ganz beſonders an die Schwarzen richten, und ihnen unſer Mitſingen und Mitbeten zu gefallen ſcheint, und zudem halte ich ſie für ganz einfache Leute, die zum Unterricht der armen Schwarzen am beſten taugen.“„Ich glaube du haſt nicht ganz Unrecht, Zamba,“ erwiderte er.„Du kannſt auch noch einige andere Prediger in der Stadt hören; aber je eher du dich für einen ent⸗ ſcheideſt, deſto beſſer iſt's. Bleib bei Einem Prediger, dann wirſt du nicht ſo leicht von jedem Wind umhergetrieben.“ Wiewohl ich mir nach meiner Erfahrung mit Kapitän Winton vorgenommen hatte, keinem weißen Mann mehr zu ₰ 7. Sklavenleben. 109 trauen, ſo war mir's doch jetzt anders geworden. Herr Tom⸗ ſon ſchien ein ſo liebenswürdiger junger Mann zu ſein und das Heil meiner Seele ſo ſehr zu Herzen zu nehmen, daß ich dachte, ich könne nichts Beſſeres thun, als ihn auch in meinen äußerlichen Angelegenheiten zu Rate zu ziehen und ihm mein Vertrauen zu ſchenken. Ich ſagte ihm daher von dem Gold, das ich aus den Klauen des Kapitäns gerettet hatte, und wie es damit zugegangen ſei. Er war äußerſt erfreut, zu hören, daß ich ſo viel Klugheit und Vorſicht bewieſen, und ſagte, es wäre doch recht ſchade, wenn mein Geld unthätig im Koffer liegen bliebe. Herr Naylor, meinte er, ſei ein ſehr reicher und zugleich ein ſehr ehrenhafter Mann, und er wolle mit ihm über die Sache reden, er werde ohne Zweifel bereit ſein, mein kleines Vermögen in Verwaltung zu nehmen und mir ordentliche Zinſen daraus zu bezahlen.„Unterdeſſen, Zamba,“ fuhr er fort,„obgleich du weit mehr Geld haſt als du brauchſt, um dich loszu⸗ kaufen, ſo würde ich dir doch als ein Freund raten, zu bleiben, wie du biſt; du kannſt's nirgends angenehmer be⸗ kommen als in Herrn Naylors Dienſt, und es kann dir nur nützlich ſein, wenn du noch mehr Erfahrung ſammelſt, ehe du dich auf eigene Rechnung in die Welt hinaus wagſt. Ich kann mir vorſtellen, Zamba,“ ſagte er lächelnd,„daß du oft an deine Heimat, an dein Weib und an deine Mutter denkſt; aber habe nur noch ein wenig Geduld, man kann nicht wiſſen, was der Allmächtige noch für dich aufgehoben hat. Und ich will dir nur ſagen, Zamba, daß ich, ob ich gleich nicht viel davon rede, doch ebenſo oft an die Hügel meiner eigenen, lieben ſchottiſchen Heimat denke, als du an Afrika; ich habe dort auch noch liebe Eltern und Schweſtern und Brüder, von denen ich faſt in jeder Nacht träume.“ Sofort erzählte er mir, ſein Vater ſei ein Geiſtlicher in 110 7. Sklavenleben. Schottland mit einem kleinen Einkommen und einer großen Familie, und da er ſehr ſparſam lebe und außer ſeiner freien Station einen guten jährlichen Gehalt habe, ſo ſei er im Stande, ſeinem Vater jedes Jahr gegen 200 Dollars zu ſchicken.„Und das,“ ſagte er,„iſt noch lange nicht ſo viel, als einige meiner Kollegen jährlich auf Theaterbillets, Cigarren und Getränke verwenden. Aber meinen wackeren Eltern und der Gnade Gottes verdanke ich ja alles, und ich darf mir auf meine Rechenſchaft nicht einmal etwas zu gute thun: meine Kameraden verwenden ihr Geld auf das, was ihnen Vergnügen macht, und das thue ich auch.“ Am folgenden Morgen that ich meine verborgenen Schätze auf, und es zeigte ſich, daß ich noch ungefähr 5 Pfd. Gold⸗ ſtanb beſaß. Dieſer wurde, das Pfund zu 250 Dollars, verkauft, macht 1250 Dollars, und die 30 Dublonen 450 Dollars, ſo daß ich im Ganzen 1700 Dollars(gegen 7000 M.) in die Hände Hrn. Naylors legen konnte, der mir zu meinem vorſichtigen Benehmen Glück wünſchte. Ich will dir 7 Prozent anrechnen, Zamba,“ ſagte er,„ſo daß dir jedes Jahr 119 Dollars zu gut kommen, und dein Vermögen ſomit mit jedem Jahr wächſt. Und nun ſage ich dir in Gegen⸗ wart Herrn Tomſons, daß ich dir für den Fall meines Todes einen Freibrief geben werde und ebenſo einen Empfangſchein für das Geld: denn du mußt wiſſen, daß nach den Geſetzen dieſes Staats ein Sklave kein Vermögen auf eigenen Namen beſitzen kann. Sie werden dieſe Papiere ausfertigen, Herr Tomſon, und wir wollen dem armen Zamba zeigen, daß nicht alle weißen Leute ſo habſüchtig ſind wie Kapitän Win⸗ ton.“ Ich war ganz betreten über die Herablaſſung meines Herrn und wunderte mich ungemein, daß das Geld in den Abgerechnet meine Bekümmernis bei dem Gedanken an Händen der weißen Leute von Jahr zu Jahr ſo ſchnell wächſt. ———————————————— —.— 22 3 2 7. Sklavenleben. 144 Afrika und meine teuren Freunde daſelbſt, fühlte ich mich an Leib und Seele geſund und wohlauf. Herr Tomſon ver⸗ richtete getreulich ſein Lehreramt, gab mir wenigſtens viermal wöchentlich Unterricht im Leſen, Schreiben und Rechnen und erteilte mir das Zeugnis eines hoffnungsvollen Schülers. Er pflegte zu ſagen:„Wie blind ſind doch die Regenten dieſes Staats, daß ſie den Schwarzen alles Lernen ver⸗ wehren; und wie ſehr ſtreiten ſie gegen ihren eigenen Nutzen! Sie könnten vortreffliche Schreiber und Buchhalter haben und brauchten nicht weißen Leuten ſo große Gehalte zu zahlen. Ich zweifle z. B. nicht, Zamba, daß du bei ordentlichen Lehrern, und wenn die Sache offen betrieben würde, in we⸗ nigen Jahren ebenſo gut ſchreiben und Ziffern machen könnteſt, als viele Kommis in Charleston, die jährlich 1000 bis 1200 Dollars bekommen. Allein dummes Vorurtheil macht oft die Leute blind gegen ihr wichtigſtes Intereſſe, und das wichtigſte Intereſſe für einen Mann in Amerika ſcheint die Erwerbung von Dollars zu ſein. Es giebt Kaufleute in dieſer Stadt, die, wenn ſie ihre eigenen Neger unterrichten ließen, jährlich 6— 8000 Dollars erſparen könnten.“— Was mich ſelber betrifft, fand ich, daß, jemehr ich in Bü⸗ chern las, deſto mehr meine Begierde zunahm, ſo viel als möglich von den Völkern anderer Länder zu erfahren; und das Wenige, was ich bereits gelernt hatte, leiſtete mir ſehr gute Dienſte bei der Ausrichtung meines Berufs. Herr Naylor hatte ein ſehr ausgebreitetes Geſchäft. Er verkaufte eine Menge liegender Güter, Häuſer, Ländereien u. dergl., auch unermeßliche Warenvorräte, die auf Schiffe geladen wurden, Negerladungen faſt jeden Tag und überdies eine zahlloſe Menge von trockenen Waren im Magazin. So lange ich in ſeinem Dienſt ſtand, erlebte ich manche Wechſelfälle in der Handelswelt. Während des Kriegs mit 112 7. Sklavenleben. England z. B. von 1812 bis 18135 lagen die Geſchäfte faſt ganz darnieder. In der That iſt der Krieg, wie für jedes Land, ſo beſonders für Amerika, ein Verderben und ein Fluch. Der Handel war völlig zu Boden getreten, und großentheils ſogar der Ackerban. Gute Baumwolle z. B. wurde in Charleston das Pfund zu 5 bis 6 Cents(25 Pf.) angeboten; aber niemand wagte es, ſie zu kaufen, denn man war täglich in Furcht, die Engländer könnten kommen und die Stadt ſamt allen Waren verbrennen, doch erinnerte ich mich, daß ein gewiſſer Holländer, der ſehr reich war, und vielleicht genauere Nachrichten aus Europa hatte, es wagte, 10— 12000 Ballen Baumwolle zu dieſem niedrigen Preis anzukaufen und das Verbrennen zu riskieren. Als der Friede kam, verkaufte er ſeinen ganzen Vorrat um 20 bis 25 Cents(ca. 1 M.), und machte ſo einen Profit von mehr als einer halben Million Dollars. Ich erinnere mich auch, daß die erſten Waren, die wieder aus England kamen, zu ungeheuren Preiſen verkauft wurden: 3. B. gewöhnliche Por⸗ zellanteller mit blauem Rand, von denen das Dutzend in Liverpool etwa 2 M. koſtet, wurden zu 6 Dollars oder etwa 27 M. bezahlt. Etwa zwölf Monate nachher koſteten ſie dann freilich nur einen halben Dollar, denn der Markt wurde überführt, und man mußte zu Anktionen ſeine Zu⸗ flucht nehmen. Andere Artikel, engliſche, franzöſiſche und deutſche, waren bei der Wiedereröffnung des Handels ebenſo geſucht; aber der Markt wurde bald ſo überführt, daß ich auf Anktionen Geldopfer bringen ſah, die einen Mann vom Handelsfach zu Thränen hätten bringen können. Bis jetzt hatte ich hinſichtlich meiner Landsleute von den übeln der Sklaverei nur wenig wahrgenommen. Karren⸗ fuhrlente, Laſtträger und Arbeiter jeder Art ſchienen im all⸗ gemeinen luſtig und wohlauf zu ſein; und wenn ein Schiff — ——=5, 2 7. Sklavenleben. 113 mit Baumwolle, Reis u. dgl. geladen wurde, ſo würde ein Fremder gedacht haben, der Neger ſei eines der luſtigſten Geſchöpfe der Welt. Da wurde ſo unaufhörlich geſungen und geſchrieen, als ob's gar keine Sorge in der Welt gäbe. Aber, wie ſchon geſagt, ich hatte bis jetzt nur die Lichtſeite des Bildes geſehen. Allerdings iſt ſchon die Thatſache, daß meine Landsleute zum Verkauf ausgeſtellt wurden, etwas Beklagenswertes; aber an dieſen Handel hatte ich mich ge⸗ wöhnt, war vielleicht ſogar etwas unempfindlich dagegen ge⸗ worden. Faſt täglich kamen Negerverkäufe bei uns vor. Doch ich muß etwas mehr ins Einzelne gehen. Wenn mein Herr z. B. von einem ſeiner Kunden Auftrag bekam, einen einzelnen oder einige Neger zu verkaufen, ſo hieß das ge⸗ wöhnlich ein Los, und der Verkauf fand vor dem Auktions⸗ magazin ſtatt. War die Zahl beträchtlicher, ſo nannte man es eine Rotte, und der Verkauf wurde auf der Börſe vorgenommen. War's im Magazin, ſo wurde ein großer Tiſch von die Thüre auf das ſteinerne Fflaſter geſtellt. Auf dieſen Tiſch ſtieg mein Herr oder einer ſeiner Teilhaber, in der einen Hand eine Liſte, in der andern einen kleinen höl⸗ zernen Hammer. Der oder die Neger, gewöhnlich in ihrer beſten Kleidung, wurden nun gleichfalls auf den Tiſch ge⸗ ſtellt, und mußten den Kopf in die Höhe richten. Herr Naylor las ſodann eine Schilderung ihrer Eigenſchaften ab: geſund, nüchtern, ehrlich, kein Davonläufer u. dgl. Dann wurden die Verkaufsbedingungen feſtgeſetzt, entweder bares Geld oder ein endoſſierter Wechſel auf zwei, drei oder gar ſechs Monate Sicht. Unterdeſſen hatten ſich die Kaufluſtigen, worunter oft weiße Damen, um den Tiſch her geſammelt. Es wurden Fragen an das Stück lebendiger Ware gerichtet und gewöhnl ich ruhig und beſcheiden beantwortet, obwohl ich auch einige von meinen Landsleuten ſehr mürriſch und ab⸗ Barth, Zamba.(3. A.) 8 114 7. Sklavenleben. ſtoßend antworten hörte. Andererſeits habe ich auch einige junge Burſche geſehen, die ſo luſtig waren wie eine Feld⸗ lerche, und mit den Umherſtehenden lachten und ſcherzten. Dieſe jedoch konnten in der Regel recht gut vermuten, in welche Hände ſie wahrſcheinlicherweiſe fallen würden. Mehr als einmal hörte ich ſo einen jungen Burſchen, wie er einem vorbei gehenden Herrn zurief:„Wie, Maſſa Robertſon, kommen Sie daher und bieten Sie auf mich und laſſen Sie mich nicht dem alten Herrn Lamb in den Händen, der mich gern haben möchte; ich möchte lieber Ihnen dienen, Herr.“ Ich habe jedoch auch Auftritte bei Auktionen mit an⸗ geſehen, welche einem in die Seele ſchneiden mußten, na⸗ mentlich bei Sklavinnen. Ich habe arme Weiber geſehen, die ſo aufgeregt waren und die Luft ſo mit ihrem Geſchrei erfüllten, daß der Auktionär, nachdem er alle Beruhigungs⸗ mittel vergeblich verſucht hatte, ſich genötigt ſah, den Ver⸗ kauf auf den folgenden Tag zu verſchieben, und daß die armen Weiber ins Magazin herein gebracht und git einem Glas Wein geſtärkt werden mußten, denn mehr als einmal ſah ich ſie in Ohnmacht fallen. Was würden Frauen im civiliſierten und chriſtlichen England von den ſchönen und feinen Damen des freien und chriſtlichen Amerika's denken, wenn ſie Zeugen davon ſein würden, wie dieſe Lilien der Schöpfung auf einem Anktionstiſch ſtehen und an die Schlacht⸗ opfer ihres eigenen Geſchlechts Fragen richten, die kein an⸗ ſtändiger Mann nachſprechen würde, und wenn ſie das thun in Gegenwart von einem Haufen Männer! Zu derſelben Zeit ſah ich, wie Männer dieſen armen ſchwarzen Frauen befahlen, ihre Strümpfe auszuziehen, und wie ſie den armen Geſchöpfen ſelbſt dabei halfen. Sie thaten dies, wie man mir ſagte, um ſich zu überzeugen, daß die zum Kauf an⸗ gebotenen Perſonen nicht mit Krankheiten oder Geſchwüren ———————————————— 7. Sklavenleben. 115 an den Beinen behaftet ſeien; aber es geſchah mit der äußerſten Gefühlloſigkeit, und gerade ſo, wie der Fleiſcher mit ſeinen vierbeinigen Schlachtopfern umgeht. Ich habe geſehen, wie Mann und Weib, zuweilen mit einem oder zwei kleinen Kindern, auf dem Auktionstiſch ſtanden, und wie der Mann, die Arme um den Hals ſeiner treuen und lange geliebten Gattin geſchlungen, mit den rüh⸗ rendſten Worten und unter ſtrömenden Thränen flehte, ſie möchten ihn doch nicht trennen von dem, was ihm auf Erden das Teuerſte ſei, und wie das arme Weib mit aller Bered⸗ ſamkeit bat, man möchte ſie doch den Reſt ihres Erdenlebens in Gemeinſchaft mit dem Geliebten ihres Herzens zubringen laſſen. Aber alles vergeblich! Der Bequemlichkeit eines hochmütigen, anmaßenden Pflanzers oder eines eiſenherzigen Sklavenhändlers zu lieb, der ſein lebenlang gewohnt war, die ſchwarze Raſſe nur als eine höhere Tierklaſſe zu be⸗ trachten, wurden die heiligſten und zarteſten Bande der Menſchheit auseinandergeriſſen, und einige plumpe Späſſe über den großen Lärmen um nichts waren alles, wozu ſie ſich herabließen. Hundertmal hörte ich ſagen:„Empfindungen eines Negers! Wo Teufels bringen die Empfindungen her? Nein, nein mein guter Burſche, dein Weib und Kinder gehen mit mir; ſie kann vortrefflich kochen und waſchen, wie ich höre, und einen Burſchen wie du brauche ich wahrhaftig jetzt nicht.“ Oder:„Ei nun, ich würde gern ein paar Dollars über meine Regel hinausgehen, um euch alle zufriedenzu⸗ ſtellen; aber ich weiß ganz gut, daß du bald ein Weib finden wirſt, wohin du auch kommen magſt; und was dein Weib betrifft, von der du dich ſo ungern zu trennen ſcheinſt, nun ich verſpreche dir, ich will einen Mann für ſie finden ganz nach ihres Herzens Wunſch.“ Unter vielen weißen Leuten hört man die Behauptung, ein Neger habe kein Ge⸗ 8* —————— — —, 116 7. Sklavenleben. fühl, wiewohl auch dieſe das Gegenteil ganz gut wiſſen, und nur die Behauptung vor der Welt aufrecht halten, um ihre eigene Gefühlloſigkeit zu bemänteln. Ich habe geſehen, wie Mann und Weib ſich ſo ſchwer von einander trennten, daß endlich der Mann ins Magazin hineingeſchleppt und ge⸗ zwungen werden mußte, die Ankunft ſeines Käufers abzu⸗ warten, während das weinende Weib mit den Kindern die Straße hinauf geführt und in einen Wagen geſetzt wurde, der auf ſie wartete. Hintendrein kam der gebietende, edle, hochherzige und großmütige republikaniſche Meiſter und brachte den Nachtrab mit einer Kuhpeitſche in der Hand, die er dann und wann mit einem leichten Schlag auf die Schulter ſeiner neugekauften Leibeigenen fallen ließ. Mein Herr hatte oft ganze Schiffsladungen von Sklaven, die friſch aus Afrika kamen, aber oft gar nicht friſch waren, zu verkaufen. Ich habe oft Schiffe aus meinem Vaterland kommen ſehen, deren Ladung wenigſtens dreimal ſo ſtark war als die auf dem Schiff, das mich nach Amerika brachte. Der Schmutz und das abſcheuliche Ausſehen einiger dieſer Sklaven war oft über alle Beſchreibung; und die abſchreckende, verkommene, elende Geſtalt der„Ladung“ hätte einem ſolchen Handel auf immer entleiden können, wären nicht die damit beſchäftigten Perſonen jeder Empfindung bar geweſen, die der menſchlichen Natur zur Ehre und Zierde gereicht. Zu⸗ weilen ſah ich die armen Schlachtopfer des Golddurſtes ſo weit herabgekommen, daß die Eigentümer des Schiffs ſich ſchwer darüber beklagten, den Eingangszoll von ihnen(zehn Dollars per Kopf) bezahlen zu müſſen.„Zehn Dollars!“ hörte ich ſie ſagen,„was, einige dieſer armen Teufel ſind keine zehn Cents wert. Aber wir können doch nicht——“ weiter ſagten ſie nicht, ſie wollten aber ſagen: wir können ſie doch jetzt nicht mehr ins Meer werfen und ſo den Zoll ———— 7. Sklavenleben. 117 erſparen,— das auszuſprechen, wäre freilich faſt zu offen geweſen, ſelbſt für Carolina. Ich weiß aber ganz gut, daß man in einzelnen Fällen dem Kapitän ſo zart als möglich zu verſtehen gab, er ſolle ſich ſeiner ſo läſtigen Fracht in Zukunft jenſeits der Barre von Charleston entledigen. Einen Auftritt, der etwa ſechs Jahre nach meiner An⸗ kunft in Charleston vorgekommen iſt, muß ich doch auch er⸗ zählen. Mein Herr hatte Auftrag, einen Schooner ſamt der Mannſchaft zu verkaufen; und an dem feſtgeſetzten Tage ging er mit Herrn Tomſon und mir nach dem Werfte, wo das Schiff lag. Nachdem eine Anzahl von Kaufluſtigen ſich auf dem Verdeck des Schooners und auf der Werfte ver⸗ ſammelt hatte, las Herr Naylor eine Beſchreibung des Kauſ⸗ objekts vor:„Der Schooner Suſannah, nebſt allem Ge⸗ räte und Zugehör, ein Fahrzeug von 65 Tonnen, drei Jahre alt, regelmäßiges Handelsſchiff nach Georgetown, führt eine ſtarke Ladung im Verhältnis zu ſeinem Tonnengehalt. Be⸗ dingungen: ein Wechſel auf 90 Tage Sicht, für den das Schiff haftet.“ Nun gut, das Schiff wurde einem Herrn Lawſon zu 2250 Dollars zugeſchlagen. Hierauf las Herr Naylor weiter:„der Patron Pompejus, ein ſchwarzer Mann von 28 Jahren, ein Neger erſter Sorte——“ Hier wurde Herr Naylor von Pompejus, der in ſeiner beſten Kleidung dicht hinter ihm auf dem Halbverdeck ſtand, und in der That ein ſo hübſcher Burſche war als irgend einer in Carolina, unterbrochen; Pompejus neigte ſich vor zu Herrn Naylor und ſagte:„Herr Naylor, wenn es Ihren Empfindungen nicht unangenehm iſt, ſo bin ich Ihnen dank⸗ bar, wenn Sie mich Kapitän nennen, namentlich da, wie Sie bemerken, mein Herr, meine Mannſchaft anweſend iſt. Ich wünſche jederzeit vor meiner Mannſchaft ein gutes Bei⸗ ſpiel zu geben.“ Mit dieſen Worten warf ſich Pompejus 118 ℳ Sklavenleben. mit Anſtand und Würde in die Bruſt, indem er ſeine Arme übereinander ſchlug. Herr Naylor, in der That allezeit ein ſehr leutſeliger Mann, lächelte gleich allen Anweſenden und ſagte:„O ganz recht, in allweg Kapitän Pompejus; ich habe mich in der That verſprochen. Nun alſo: ein Neger erſter Sorte, namens Pompejus, Kapitän des beſagten Schooners Suſannah, 28 Jahre alt, geſund, nüchtern und ehrlich, wohlbekannt mit dem Handel nach Georgetown und Savannah, und ebenſo mit dem Schildkrötenfang an der Küſte von Florida. Wer bietet auf Kapitän Pompejus? Er wird für jeden, namentlich für den Eigentümer dieſes Schooners, eine bedeutende Acquiſition ſein. Sind 500 Dol⸗ lars geboten?“ „Ja,“ ſagte ein Kaufluſtiger. „600 Dollar! höre ich— 700 Dollar— dank Ihnen, Herr Turner; 800 Dollar!— 900 Dollar!— 1000 Dollar für Kapitän Pompejus! Vorwärts, meine Herren! Sie ſind noch nicht halbwegs. Kapitän Pompejus iſt 2000 Dollar wert ſo gut als einen Groſchen.“ Als die 1000 Dollar geboten wurden, richtete ich mein Auge auf Pompejus und betrachtete ihn mit lebhafter Teil⸗ nahme, denn ich war gut mit ihm bekannt. Es war merk⸗ würdig, die Wirkungen der menſchlichen Natur oder vielmehr des menſchlichen Stolzes bei ihm wahrzunehmen: bei dem Gebot von 1000 Dollar hielt Pompejus ſein Kinn wenig⸗ ſtens um drei Zoll höher, und ſeine hervorſtehenden ſchwarzen Augen funkelten vor Aufregung. Doch um fortzufahren; e8 Hurden 1100 Dollar geboten—„1200 Dollar! höre£ recht?“ ſagte Herr Naylor;—„1300 Dollar— 1300 Dollar! iſt das alles, was für Kapitän Pompejus geboten wird, den der That ihn wegwerfen.“ geſchickteſten Mann im ganzen Küſtenhandel? Es heißt in * 7. Sklavenleben. 119 „Nicht ſo ſchnell! Herr Naylor, wenn's Ihnen gefällig iſt,“ ſagte Pompejus, indem er ihn abermals unterbrach; „ob Sie mich wegwerfen oder nicht, ſoviel wiſſen Sie, mein Herr, daß ich die Suſannah nicht wegwerfen werde, noch mich ſelber, wenn ich es anders machen kann.“ „Gut gegeben, Kapitän Pompejus,“ ſagte einer der Bie⸗ tenden,„50 Dollar mehr für das, mein Junge!“ Herrn Lawſon, der das Schiff gekauft hatte, ſchien es jetzt ganz unbehaglich zu werden; endlich rief er:„1500 Dollar, Herr Naylor! und das iſt mein letztes Bot.“ „1500— 1500— ſagt niemand weiter? Alſo 1500 Dollar zum erſten-, zum zweiten⸗, zum drittenmal! Es iſt ein hoher Preis, Herr Lawſon, aber Sie haben immer noch Gewinn dabei, wenn Sie des Kapitän Pompejus Cha⸗ rakter und Geſchicklichkeit in Anſchlag bringen.“ Herr Naylor fuhr nun fort:„Jakob, ein Neger, 30 Jahre alt, geſund, nüchtern und treu, verſieht die Steuermanns⸗ ſtelle; Cäſar, 25 Jahre alt, von ähnlichem Charakter, iſt Proviantmeiſter; Jupiter, ein Negerknabe, 16 Jahre alt, ein vielverſprechender Junge, beſorgt die Küche: dieſe drei gehen in einem Los. Bedingung für ſämtliche Neger: bare Bezahlung.“ Um den Leſer nicht mit dem Auktionsgerede zu ermüden, will ich nur kurz ſagen, daß dieſe drei dem Herrn, der die beiden andern Looſe gekauft hatte, um 2000 Dollar zu⸗ geſchlagen wurden. Der Verkauf war nun zu Ende; Kapitän Pompejus beugte ſich tief vor Herrn und Herrn Naylor, un ſagte:„Meine Herren, ich hoffe, Sie werden mir die Ehre erweiſen, mit ſo vielen von den übrigen Herren, als Luſt dazu haben, in meine Kajüte hinabzuſteigen und ein Glas Wein anzunehmen. Es wird ſehr angenehm ſein für meine — — ——— 120 7. Sklavenleben. Empfindungen, und ich bitte, Sie möchten mir das Glück nicht verſagen, Sie einmal bewirten zu dürfen.“ „O ja, Kapitän Pompejus, in allweg,“ ſagten gleich zwei oder drei von den Herren,„wir werden mit viel Ver⸗ gnügen auf das Wohlergehen der Suſannah, ihres Kapitäns und ihrer Mannſchaft trinken.“ Der Leſer wird bemerkt haben, daß von der ganzen Mannſchaft der Suſannah ein jeder ein beſonderes Amt be⸗ kleidete. Der eine war Kapitän, der andere Steuermann, der dritte Proviantmeiſter und der vierte Koch. Als ſie hinuntergingen, hörte ich, weil die Springlucke der Kajüte offen ſtand, wie Pompejus dem Cäſar befahl, Gläſer und Flaſchen aufzuſetzen. Er holte einige Flaſchen Madeirawein und hatte auch ein paar Kannen Branntwein auf dem Tiſch ſtehen. Eigenhändig trug er den Liqueur auf einem Prä⸗ ſentierteller umher, und bediente ſeine Gäſte mit großem Reſpekt. „Setzt Euch ein wenig, Kapitän Pompejus!“ ſagte ſein neuer Herr,„ſetzt Euch und nehmet ſelber auch ein Glas.“ „Nein, Herr Lawſon,“ erwiderte er,„ich danke Ihnen recht ſehr, aber ich kenne meine Stellung: ich werde mich nicht niederſetzen in der Gegenwart weißer Herren, und na⸗ mentlich, wenn einer von ihnen mein Eigentumsherr iſt; aber ich will mit großem Vergnügen auf das Wohl aller Anweſenden trinken.“ Nach kurzer Zeit verabſchiedeten ſich ſeine Gäſte und er kam aufs Verdeck und erſuchte mich in die Kajüte zu kommen, wo er ſehr fein und anſtändig den Wirt machte. Er ſaß oben am Tiſch, ich zu ſeiner Linken und wir unterhielten uns mit Eſſen, Trinken und vielleicht zu voreiligem Kriti⸗ ſieren unſerer weißen Herren. Pompejus vergaß auch ſeine Mannſchaft nicht und bewirtete ſie recht artig, jedoch mußten ———,— 8. Eine Lebensrettung. 124 ſie ſtehen bleiben. Er kannte ſeine Würde zu gut, um ſeine Untergebenen ſitzen zu heißen, beſonders wenn er Ge⸗ ſellſchaft hatte. Der Leſer wird aus dieſem allem ſehen, daß Pompejus die Welt kannte und den Hofmann vielleicht ebenſogut ſpielen konnte als mancher, der einen Stern auf der Bruſt trägt. Es muß indes bemerkt werden, daß Kapitän Pompejus, ob⸗ wohl ein Sklave, von ſeinem Herrn ganz anders behandelt wurde als die gewöhnlichen Neger. Es war ihm ein be⸗ trächtlicher Anteil am Gewinnſt verwilligt und nebenher hatte er noch manche Gelegenheit, für eigene Rechnung einen Groſchen zu verdienen. Wenige Jahre nach der Zeit, da obiges vorfiel, kaufte er ſich frei und es iſt ihm ſeither gut gegangen. 8. Eine Lebensrettung. Ich war beinahe ſchon zwei Jahre in Charleston ge⸗ weſen und hatte noch wenig von eigentlicher grauſamer Be⸗ handlung der Sklaven zu ſehen bekommen. Allerdings ſah ich gelegentlich mit an, wie junge Burſche ziemlich ſtreng gezüchtigt wurden, aber nicht ohne Urſache; ſonſt aber kam mir nichts Auffallendes zu Geſicht oder zu Ohren, bis bei folgender Gelegenheit. An einem ſchönen Sommermorgen, etwa um ſechs Uhr, als ich mich eben anſchickte, ins Ma⸗ gazin zu gehen, hörte ich ein furchtbares Geſchrei in dem Hof des benachbarten Hauſes, in welchem die Woche vorher ein neuer Beſitzer eingezogen war. Als ich durch das Fenſter meines Schlafzimmers hinausſah, erblickte ich einen weißen Herrn, der den Rock abgezogen hatte und mit einer Hand 122 8. Eine Lebensrettung. eine junge Negerin am Arme feſthielt, während die andere kräftige Hiebe mit einer Kuhhautpeitſche auf das arme Mäd⸗ chen führte. Sie war nackt bis zur Mitte des Leibes, das Blut floß bei jedem Streich und auf herzerſchütternde Weiſe ſchrie ſie:„Maſſa, lieber Maſſa! Um Gottes des Allmäch⸗ tigen willen verzeihen Sie mir! Ich will's gewiß nimmer thun! Lieber Maſſa, hören Sie auf aus Barmherzigkeit, hören Sie auf!“ Ihr Schreien und Bitten war aber alles vergeblich, bis endlich das weiße Untier von Anſtrengung erſchöpft ſie gehen ließ. Bei näherer Erkundigung erfuhr ich, ſie habe dieſen Morgen, als ſie ihm den Kaffee kochte, irgend ein Ungeſchick begangen. Dieſen Mann nannte die Welt einen Gentleman, einen Ehrenmann! Er war ein Advokat, der eine beträchtliche Praxis in der Stadt hatte. Ich kann's nicht ausſprechen, wie mir beim Anblick dieſer Unmenſchlichkeit zu Mute ward, bei dieſer ſchauerlichen Ver⸗ letzung der Schamhaftigkeit und Zartheit des ſchwächeren Geſchlechts, dieſer ſchrecklichen Herabwürdigung der menſch⸗ lichen Natur.. Im Laufe des Tages erzählte ich Herrn Tomſon, was ich geſehen hatte.„O Zamba,“ ſagte er,„das iſt noch nichts gegen die Auftritte, die du jeden Tag ſehen könnteſt, wenn du auf einer der Landplantagen wäreſt. Die Stadtleute machen ſolche Dinge um des Anſtands willen und vielleicht auch, weil ſie etwas mehr Bildung haben, ſo ſtill als mög⸗ lich ab. Wollen ſie einen Sklaven züchtigen, ſo ſchicken ſie ihn in das Arbeitshaus oder Zuckerhaus, wie deine ſchwarzen Brüder es heißen, und dort bekommt der arme Tropf eine regelmäßige Tracht Schläge nach dem Geſetz, d. h. er darf nicht mehr als 39 Streiche am Einem Tage bekommen; und für dieſe Exekution muß der Herr des Sklaven einen halben Dollar bezahlen.“ 6 8. Eine Lebensrettung. 123 Ich dachte in der Stille über die Sache nach; aber gleich am nächſten Tage ſollte ich einen noch viel betrübenderen Auftritt mit anſehen. Als ich durch die Staatsſtraße ging, hörte ich aus einem Hofe heraus ein gellendes Geſchrei. Ich guckte durch einen Spalt in einem der Bretter des Zauns, und erblickte ein junges Negermädchen bis zur Mitte herab entblöſt, ihre Hände an einen Pfoſten gebunden, an dem man ſonſt ein Seil zum Wäſchetrocknen befeſtigte, und hinter ihr ein junges Frauenzimmer, das ſeinem Schlachtopfer mit einer gewöhnlichen Kuhhautpeitſche Hiebe aufmaß, bei deren jedem das Blut emporſprang. Um die Strafe noch herber zu machen, begleitete ſie jeden Hieb mit ſehr unanſtändigen Scheltworten:„ich will dir dafür thun, du konfuſer ſchwarzer Teufel, mir mein beſtes Mouſſelinkleid zu verbrennen; aber da haſt du eins und noch eins, und wann du je wieder ſo was thuſt, ſo laſſe ich dir bei lebendigem Leibe die Haut abziehen.“ Der arme Tropf hatte, wie es ſcheint, beim Bügeln eines Kleides das Eiſen zu heiß gemacht, und dafür wurde ſie nun ſchlimmer als ein Hund behandelt. Ich hörte, die Dame ſei ein Fräulein N. N., ein junges Frauenzimmer von zwanzig Jahren, ſehr ſchön, gebildet und reich und von den jungen Herren ſehr bewundert. Als ich einige Tage darauf am Hauſe vorbei ging, ſah ich ſie an einem offenen Fenſter ſitzen; ſie ſpielte auf dem Klavier, ſang mit einer wahrhaft melodiſchen Stimme und ſah aus wie ein Engel. Dennoch iſt die Lage der Sklaven in der Stadt der auf dem Lande weit vorzuziehen. Dies geht ſchon daraus her⸗ vor, daß ein Herr, deſſen Sklave etwas verſehen hat, in der Regel gleich mit der Drohung bei der Hand iſt:„das nächſtemal, wenn du wieder ſo was thuſt, werde ich dich aufs Land verkaufen, du Spitzbube.“ Und dieſe Drohung — — — — —— 4 3 3 † 3 4 5 1 . 8. Eine Lebensrettung. macht auch viel mehr Eindruck als eine Züchtigung mit der Peitſche. Die Sklaven in der Stadt, namentlich die Haus⸗ ſklaven, ſind gewöhnlich wohl genährt und gut gekleidet. Einem Europäer würde es freilich ſehr ſonderbar vorkommen, wenn er einen ſolchen ſchwarzen Bedienten hinten auf ſeines Herrn Kutſche ſtehen ſähe, gekleidet in eine hübſche glän⸗ zende Livree, aber ohne Schuhe und Strümpfe. Ich für meine Perſon hatte über nichts zu klagen: ich bekam gute Nahrung, bequeme Wohnung und Kleider genug. Mein Herr und alle, mit denen ich zunächſt zu verkehren hatte, behandelten mich ſehr freundlich— Das einzige, was mir Kummer und Sorge machte, war der Gedanke an meine arme Gattin und meine Familie in Afrika. Nachdem ich zwei Jahre in Charleston geweſen war, fragte ich einmal Herrn Tomſon, ob er nicht denke, Herr Naylor würde mir erlauben, in einem Sklavenſchiff nach Afrika zu fahren und dann mit meinem Weibe nach Charleston zurückzukehren. Ich hatte von den Segnungen der Civiliſation und von den erhabenen Hoffnungen des Chriſtentums ſo viel empfunden, daß ich nicht wünſchte, für immer nach Afrika zurückzukehren. Ich war ein regelmäßiger und aufmerkſamer Zuhörer in der chriſtlichen Kirche geworden, und auch ohne Ausſicht auf eine künftige Freilaſſung würde ich unter keinen Umſtänden den Nutzen, den mir die Predigt des Evangeliums gewährte, gegen irgend etwas in der Welt vertauſcht haben. Herr Tomſon brachte meine Bitte vor Herrn Naylor, und dieſer ſagte mir nach ein paar Tagen, einige ſeiner Freunde in Baltimore ſeien gerade im Begriff, ein Schiff für den afrikaniſchen Handel zu bauen, das etwa in einem halben Jahre zur See gehen könne; er wolle die nötigen Anordnungen treffen, daß ich ſicher nach Afrika hin, und ebenſo mit meiner Gattin wieder zurückkommen könne. Dieſe 8. Eine Lebensrettung. 125 gütige und teilnehmende Geſinnung gegen mich rührte mich aufs tiefſte; ich konnte nur Herrn Naylor ſeine Hand küſſen und ihm durch Thränen meine Dankbarkeit bezeugen. Es gefiel jedoch Gott, mich Afrika nie wieder erblicken zu laſſen. Doch ich darf meiner Geſchichte nicht vorgreifen. Mein Herr hatte eines Tages Herrn Tomſon und mir befohlen, nach einem Schiffe zu gehen, das aus Weſtindien angekommen war, und dafür zu ſorgen, daß die Ladung gehörig auf der Werfte aufgeſtellt werde, wo ſie am fol— genden Morgen verkauft werden ſollte. Das Schiff lag am Ende einer der Werften, einige Fuß weit vom Lande ent⸗ fernt; eine Planke war vom Ufer zum Schiff hinüber ge⸗ legt; Herr Tomſon glitſchte unglücklicherweiſe auf derſelben aus und fiel ins Waſſer. Augenblicklich wurde er von der mit der Ebbe ſtark zurückweichenden Strömung ans Hinter⸗ teil des Schiffs geriſſen und würde in wenigen Minuten weit draußen im Hafen geweſen ſein. Um dieſe Zeit gab es viele Haifiſche im Hafen, die allenthalben nach Beute ſuchen, ſo daß der arme Herr Tomſon, der nur ein paar Schritte weit ſchwimmen konnte, ſich in drohender Gefahr befand. Ich war in Afrika mit dem Waſſer ſehr vertraut geworden und konnte ſchwimmen wie eine Seemöve; deshalb beſann ich mich keinen Augenblick, warf Schuhe, Jacke und Hut ab, was in wenigen Sekunden geſchehen war, ſtürzte mich in die Flut und hatte nach wenigen Minuten tüchtiger Anſtrengung meinen Freund erreicht, der gerade am Unter⸗ ſinken war. Ich ergriff ihn mit der linken Hand am Rock⸗ kragen und hielt ihn über dem Waſſer, bis ein Boot, deren mehrere ſchnell zu unſerer Hülfe herbeikamen, uns erreicht hatte und uns einnahm, Herrn Tomſon bewußtlos, mich faſt ganz atemlos. Glücklicherweiſe war ein Wirtshaus in der Nähe, wohin man Herrn Tomſon brachte, und durch ſorg⸗ 8. Eine Lebensrettung. fältige Behandlung kam er in weniger als einer Stunde wieder zu ſich ſelber. Sobald er mich ſah und von den Umherſtehenden hörte, daß ich ihn gerettet hatte, ſtreckte er die Hand aus und ſagte:„Zamba, ich habe immer etwas von dir gehalten; aber jetzt bin ich dir auf lebenslänglich verpflichtet; nie werde ich meinen edelmütigen Zamba ver⸗ geſſen.“ Man brachte ihn ſchnell nach Hauſe und zu Bette, und am folgenden Morgen konnte er wieder an die Arbeit gehen. Dieſer kleine Vorfall, aus dem ich in Afrika nichts ge⸗ macht haben würde, erwarb mir in Charleston viel Wohl⸗ wollen und Teilnahme. Herr Naylor nahm mich bei der Hand und ſagte:„Zamba, du biſt ein guter Junge und haſt dich wie ein wahrer Held oder eigentlich wie ein wahrer Chriſt benommen: verlaß dich darauf, es ſoll nicht dein Schaden ſein, daß du dich für die Rettung Herrn Tomſons ſo großmütig bemüht haſt; ſo lange ich lebe, ſoll es dir an einem Freund nicht fehlen, und dein Gewiſſen wird dir im Leben und Sterben ein gutes Zeugnis geben.“ 9. Ein Schiff vom Congv. Ein zeitlang ging es mir ganz gut, nur daß ich ſehr ungeduldig nach dem Zeitpunkt verlangte, wo das neue Schiff nach Afrika würde abſegeln können. Eines Tages jedoch, im April 1803, kam Herr Naylor ins Magazin, rief mich bei Seite und ſagte mir, es ſei gerade ein Schiff mit einer Ladung Sklaven direkt vom Congofluß her im Hafen an⸗ gelangt. Lächelnd ſetzte er hinzu:„vielleicht, Zamba, kannſt du etwas von deinem Weib und deinen Freunden erfahren.“ Durch dieſe Nachricht geriet ich in große Aufregung, und 9. Ein Schiff vom Congo. 127 fühlte ein ganz beſonderes Herzklopfen, ich wußte nicht warum. Kurz darauf befahl Herr Naylor, Herr Tomſon und ich ſollten nach der Werfte hinabgehen, bei welcher das Schiff unterdeſſen angelangt war, und wegen der Landung der Sklaven das Nötige anordnen. Ich blieb die ganze Zeit ruhig; es war mir aber, als ob etwas Beſonderes im Werke wäre. Als wir beim Schiffe ankamen, wurden die Sklaven gerade herausgeſchafft, und zur Hälfte waren ſie bereits gewaſchen und in den Schuppen untergebracht. Wir gingen dahin, um nach der Beſchaffen⸗ * heit unſerer Ladung zu ſehen, und kaum war ich mit Herrn Tomſon in das kleine Gebäude eingetreten, als ich meinen Namen nennen oder vielmehr ſchreien hörte, und in dem⸗ ſelben Augenblick hatte mich ein junges Weib mit ihren Armen umſchlungen und rief unaufhörlich:„Zamba, lieber Zamba!“ Im erſten Moment war ich, obgleich die Stimme mir mächtig ins Herz drang, ganz beſtürzt; als ich mich aber wieder erholte und dem Weib ins Geſicht ſah, ſo fand ich — man kann ſich mein Erſtaunen denken— daß es meine eigene liebe Zillah war, die einſt ſo ſtolze und glänzende afrikaniſche Prinzeſſin. Aber ach! wie verändert fand ich ſie, nicht ſowohl ihr Geſicht als ihre Kleidung und ihr Aus⸗ ſehen im allgemeinen! Sie hatte nichts als einen kurzen Unterrock, ein altes Sacktuch um den Kopf und ein zerknit⸗ tertes gedrucktes Halstuch über die Bruſt; freilich aber war ſie hinſichtlich der Kleidung noch beſſer dran als die meiſten ihrer Mitpaſſagiere. Ach, wo war nun das reiche und glänzende Gewand, in welches ich ſie in ihrer Heimat ge⸗ kleidet hatte? wo die vielen goldenen Ohrringe und Arm⸗ ſpangen, und die Halsſchnur von Perlen, um welche ſie manche europäiſche Fürſtin beneidet haben würde? Doch das 9. Ein Schiff vom Congo. alles war jetzt nichts in meinen Augen, hatte ich doch meine geliebte Zillah ſelbſt wieder, und zwar allem Anſehen nach in guter Geſundheit, obgleich bedeutend abgezehrt und ab⸗ gemagert. Ich brauche nicht zu ſagen, daß meine Freude mein Erſtaunen weit überſtieg, und dieſe Freude wurde noch durch den Gedanken erhöht, der mir augenblicklich durch die Seele drang, daß ich bei meinem Herrn gut angeſchrieben war und Geld genug in ſeiner Verwahrſchaft hatte, um meine Zillah loszukaufen. Herr Tomſon blieb einige Mi⸗ nuten lang ſtille; ſobald aber mein Weib und ich uns ein wenig gefaßt hatten, kam er herbei und gratulierte mir zu meinem Glück.„Wie, Zamba,“ ſagte er,„das iſt ja ein ganzer Roman, ſo was habe ich ſogar im Theater nie ge⸗ ſehen. Ich werde gleich mit Herrn Naylor reden, daß er mit dem Kapitän wegen deiner Gattin die nötige Rückſprache nimmt, denn wenn der deine Geſchichte erfährt, ſo wird er ſicherlich den Preis für ſie ins Ungemeſſene ſteigern.“ Nach⸗ dem Herr Tomſon noch einiges Weitere angeordnet hatte, hieß er mich dableiben und die arme Zillah tröſten, indeſſen wolle er Herrn Naylor von der Sache benachrichtigen und eine Sklavin mit einigen Kleidungsſtücken für Zillah ſchicken. Nach einer Stunde kam Herr Naylor und ſagte:„Jetzt, Zamba, kann ich dich belohnen für deine bisherige Treue in deinem Dienſt und für die großmütige Errettung Herrn Tomſons, als er in Gefahr war, zu ertrinken oder von Haifiſchen gefreſſen zu werden. Ich werde jetzt an Bord gehen und hoffe, mit dem Kapitän über den Ankauf deines Weibes leicht ins Reine zu kommen.“ Sofort ging er auf das Schiff, und einige Minuten daranf ſchickte er nach mir, da er, wie er ſagte, den Handel in meiner Gegenwart ab⸗ zuſchließen wünſche. Nach einer kurzen Beſprechung, in welcher er dem Kapitän etwas von meiner Geſchichte erzählte und — 9. Ein Schiff vom Congv. 129 mich über mein Verdienſt herausſtrich, kam der Handel für 350 Dollar bar ins Reine. Ich war ganz durchdrungen von Dankbarkeit gegen Herrn Naylor und Herrn Tomſon und vornehmlich gegen den großen Gott, der auf eine ſo un⸗ erwartete Weiſe meinen heißeſten Wünſchen die Erfüllung hatte zu teil werden laſſen. Herr Naylor ſagte hierauf, ich ſolle Zillah nach Hauſe bringen und er wolle es mit ſeiner Gemahlin verabreden, daß ſie bei ihr als Kammermädchen angeſtellt werde. Als Zillah ankam, konnte ſie nur einige wenige Worte engliſch reden. Frau Naylor aber hatte ein Wohlgefallen an ihr, und unter der Leitung einer ſolchen Dame wurde ſie bald ſehr brauchbar in ihrem Dienſt und konnte ſichim Engliſchen verſtändlich machen. Sie bekam Erlaubnis in meinem kleinen Zimmer zu wohnen, und ich kann ſagen, daß ich mich nun ſo glücklich fühlte, als ein Menſch auf Erden ſein kann. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß ich mich, nachdem der erſte Freudenrauſch vorüber war, nach meiner Mutter und den übrigen Gliedern meiner Fa⸗ milie erkundigte. Ich erfuhr bald, daß meine Mutter etwa ſechs Monate vorher geſtorben war, zum Teil an ge⸗ brochenem Herzen wegen meines Schickſals, daß aber alle meine Schweſtern ſich wohl befanden und meine beiden Schwäger die Regierung meines Königreichs zu großer Zu⸗ friedenheit meiner Unterthanen verwalteten. Zillah ſelbſt fühlte ſich, wie ſie mir erzählte, nach meiner Abreiſe ſehr verlaſſen und wandelte alle Tage hin und her, namentlich am Flußufer, wo ſie oft nach Weſten ſchaute, als könnte ſie dorther etwas von mir ſehen oder hören. End⸗ lich erfuhren ſie auf einem Umweg, daß ich von dem Ka⸗ pitän betrogen und in Charleston verlaſſen worden ſei. Ob⸗ gleich Zillah von der Geographie gar nichts wußte, ſo konnte Barth, Zamba.(3. A.) 9 * 1 . —————— 8—— 130 S 9. Ein Schiff vom Congo. ſie ſich doch des Namens Charleston deutlich erinnern, und N, auch, daß Charleston in Amerika ſei. Selbſt nachdem ſie alle Hoffnung, mich je wieder zu ſehen, aufgegeben hatte, ging ſie doch immer noch an den Fluß und blickte nach Weſten. Eines Tages, als ſie etwa eine halbe Stunde vom Hauſe entfernt und ganz allein war, bemerkte ſie ein großes Boot, das gerade auf der Seite, wo ſie ging, den Fluß hinabruderte. Das Boot⸗egte ein paar hundert Ellen von ihr in einer kleinen Bucht an, und einige von den weißen Männern darauf kamen ans Land. Zwei von ihnen ſah ſie geradezu ins Land hineingehen; nachdem ſie aber eine halbe Viertelſtunde weit ſo gegangen waren, drehten ſie ſich rechts und fingen an zu laufen, als wollten ſie im Spaß einander nachſpringen. Dann wandten ſie ſich noch einmal dem Fluß zu und kamen gerade auf ſie los. Sie ergriffen Zillah bei den Armgelenken; einer von ihnen zog einen Hirſchfänger, und gab ihr, indem er auf ihren Mund und auf ihre Bruſt deutete, zu verſtehen, wenn ſie nicht ſchweige, ſo bringe er ſie um. Hierauf ſchleppten ſie das arme Weib nach dem Boot, in welchem etwa ein Dutzend weißer Männer und einige ſchwarze waren, ſetzten ſie hinein und ruderten nach der Mitte des Fluſſes. Bald hatten ſie ihr Schiff erreicht, das im Fluß vor Anker lag. Kaum war die arme Zillah in dem Boot, als einige von den Männern ihr die Arm- und Ohrringe abzureißen verſuchten. Sie wurden aber ſogleich von einem Manne, der der Anführer der übrigen zu ſein ſchien, daran verhin⸗ dert. Auf dem Schiffe angelangt führte ſie derſelbe Mann in die Kajüte hinab, wo der Kapitän ſaß und rauchte; dort wurde die arme Zillah alsbald ihrer Zieraten, auch des Perlenhalsbands, beraubt und ohne weitere Umſtände in den Schiffsraum hinunter gebracht, wo ſie viele Tage lang große 8½ Fi m vrer ne e, Uelen— 4 Aanfle mcr hnecn Qunh* Se S 2 ₰ Fa umn ohnx ſeln kMn 5 185 verben— f 200, Poßrehicht, ſſonn⸗ , 3 E. h⸗ urnd⸗ Auledalen an f eclen . Ocm 1