3—0 6 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Oilmaun in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſt pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens; 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Let. f 1 50 Pf. „„ 3„ 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo, iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. p rſenerer Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———Se 5 v——— Miccolo de' Papi. Ein Roman tlorentiniſchen Geſchichte. Maſſimo d' Azegliv. Aus dem Ftaliäniſchen. Achtes bis zehntes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh⸗ ſchen Buchhandlung. 1845. Einunddreißigſtes Kapitel. „Verzeihung,“ ſagte Niccolo mit wehmüthiger Freund⸗ lichkeit,„was hätte ich Euch für eine Schuld zu verzeihen, meine lieben Kinder? O nein, Euch trifft kein Vorwurf, ſondern Eure Lenker, die Euch hätten vertheidigen ſollen und Euch verlaſſen haben. Ihr habt auf meine Worte nichts erwidert! Was hättet Ihr denn darauf erwidern ſollen? O ich ſehe es, auch ich erkenne es, für uns gibt es keine Rettung mehr; wir ſind von Gott verdammt! Wenn ich ſo zu Euch geſprochen habe, ſo geſchah es, weil man die Hoffnungen und Anſtrengungen eines ganzen Le⸗ bens nicht ſo verſchwinden, weil man das Vaterland nicht unterdrückt, nicht in die Hände der Feinde und Verräther fallen ſehen und dabei ſtumm bleiben und das Ange trocken behalten kann. Aber ich weiß, ich weiß, meine Kinder, was könnt Ihr jetzt thun, es zu verhindern? Wer kann ſich dem Rathſchluſſe Gottes entziehen oder widerſetzen? Und dieſer Rathſchluß iſt jetzt nur zu deutlich und offen⸗ bar. Er ſandte uns ſeinen Propheten, wie er ihn denen von Ninive ſandte; dieſe bekehrten ſich und wurden geret⸗ tet, aber wir haben uns in der Sünde verhärtet, wir ha⸗ ben den Propheten getödtet dürfen wir nun über die gerechte Strafe murren? Justus est Pomine et rec- tum juditium tuum. Und nun ſagen ſie, er habe uns Niceolo de' Lapi. MI. 1 — betrogen! Wir Unſelige täuſchen uns ſelbſt! Wohl hat er uns die Barmherzigkeit Gottes zugeſagt, aber unter der Bedingung, daß wir uns zu Gott wenden und unſern ab⸗ ſcheulichen Laſtern entſagen. Haben wir dieſes gethan? Nun, meine Söhne, erhebt Euch, kehrt in Eure Häuſer zurück, geht hin und Gott ſegne Euch tauſendmal! Viel⸗ leicht ſehen wir uns heute zum letztenmal. Wenn ich Euch je Aergerniß gegeben, wenn ich Euch in irgend etwas be⸗ leidigt habe, ſo vergebt mir und erinnert Euch immer an Niccolo, der Euch wie ſeine Söhne bis zum Tode ge⸗ liebt habt. Wenn je beſſere Tage für Florenz anbrechen, ſo bedenkt, daß das Vaterland ſich immer wieder erheben kann und daß man für daſſelbe ſtets gerüſtet ſein muß. EFrinnert Euch an Gott, denn er iſt der Anfang und das Ende und bittet ihn für meine Seele, bittet ihn, daß er mich werth mache, dieſes Leben, in welchem er mir ſeine heilige Gnade ſchenkte, zu verlaſſen und den Tod mit Stand⸗ haftigkeit zu empfangen, den es ihm gefallen wird über mich zu verhängen... ſollte ich ihn auch und ſo werde ich enden müſſen unter dem Beile der Palleschi finden.“ Bei dieſen Worten waren auf einmal, gleichwie wenn eine Miene geſprungen wäre, alle dieſe Männer vom Volk, die bisher demüthig und ſtill auf den Knieen gelegen hat⸗ ten, grimmig und drohend emporgeſprungen. Sie hoben ihre Dolche empor, knirſchten mit den Zähnen und ſchwu⸗ ren Alle, in Niecolo's Vertheidigung zu ſterben, Bozza aber überſchrie alle Andern und rief: „Nein, wir ſind noch da! Che man Euch ein Haar trümmt, müſſen ſie zuvor uns Alle und halb Florenz in Stücke hauen.“ Niccolo gebot mit der Hand Ruhe und beſchwichtigte dieſen neuen Aufruhr; dann ſagte er: „Ich danke Euch, meine Kinder, ich danke Euch, und Gott weiß wie herzlich; wenn ich aber nicht wünſche, daß Ihr Euer Leben noch ferner für das Wohl der Stadt wa⸗ . 3 gen ſollt, um wie viel weniger werde ich von Euch ver⸗ langen, daß Ihr es zu meinem Vortheil thut. Gott wolle es nicht! Nun aber geht und betet für mich, wie ich für Euch beten werde.“ Nun glaubte Troilo, der während aller dieſer Bor⸗ fälle ſich nicht gerührt noch den Mund geöffnet hatte, den für ſeinen Vorſatz günſtigen Augenblick gefunden zu ha⸗ ben. Er trat daher vor und ſprach entſchloſſen und kühn: „Herr Niccolo und Ihr, Bürger, hört mich an! Ich glaube noch einen Ausweg gefunden zu haben! Es bleibt uns noch eine Hoffnung übrig.“ Bei dieſen Worten wendeten ſich alle nach ihm hin und blickten ihn ſtarr an, denn Niemand verſah ſich in dieſem Augenblick einer ſolchen Aeußerung und am wenig⸗ ſten von Troilv. „Ja, es bleibt uns noch ein Weg offen, ein ſehr zweifelhafter und ſchwieriger, es iſt wahr, aber in der Lage, in der wir ſind, kann die Kühnheit, ja ſogar die Verwegenheit für Klugheit gelten. Sagt mir, wer hält Florenz den Fuß auf den Nacken? Wer hat es jetzt be⸗ ſiegt in ſeiner Gewalt, daß es ſich nicht mehr vertheidigen kann? Wer ſonſt, als das kaiſerliche Heer? Läßt ſich hoffen es anzugreifen und mit den ſchwachen Kräften einer eingeſchüchterten und uneinigen Stadt zurückzuwerfen? Das wäre Thorheit! Wenn ich Euch aber ein Mittel zeigte, es vurch ſeine eigenen Waffen zu ſchlagen? Und dieſes Mit⸗ tel hoffe ich gottlob gefunden zu haben.“ Niccolo ſchlang die Arme um den Hals des Verrä⸗ thers; dieſer nahm die Umarmung in beſcheidener Haltung hin und fuhr fort: „Ihr wißt, aus wie vielen verſchiedenen Nationen das Lager zuſammengeſetzt iſt und wie dlie Tage aus Haß und Eiferſucht Händel unter ihnen vorfallen. Ich ſelbſt, der nur zu lange mit ihnen gegen dieſes unglückliche Vater⸗ land kämpfte, kenne gar manche von den italieniſchen Ober⸗ 4 ſten und Hauptleuten und habe ſie ſchon tauſendmal das Schickſal verwünſchen hören, das ſie verdamme, für Aus⸗ länder gegen ihre Landsleute zu kämpfen. Jetzt iſt ein Fall vorgekommen,. ich habe es dieſen Abend erfah⸗ ren, der meinen Plan vortrefflich unterſtützen koͤnnte. Ei⸗ nige ſpaniſche Fußſoldaten haben zwei Italiener erſchlagen, um ſie zu berauben, und ihre Leichen in einen Brunnen ge⸗ worfen. Die Leute des Vitelli haben zur Rache an eini⸗ gen Spaniern daſſelbe verübt; beide ſtehen jetzt aufgeregt einander gegenüber und ſind bereit, jeden Augenblick hand⸗ gemein zu werden. Die Italiener allein wären gegen das übrige Lager zu ſchwach, aber wenn wir uns mit ih⸗ nen vereinigen, ſo werden ſie ſtärker ſein und wir können ſie dann in die Flucht ſchlagen und Herren von Florenz bleiben, und wenn nur im Anfang die Sache glücklich geht, ſo wird das ganze Volk aufſtehen und wir haben dann auch Malateſta nicht mehr zu fürchten, der nur ſo lange ſtark iſt, als das ganze Lager ihm den Rücken deckt.“ Niccolo war ſo ungeduldig, daß er ihn kaum aus⸗ reden hören konnte; er rief mit lauter Stimme: „Er hat wahrhaftig Recht! Wer hätte es gedacht! Gott ſegne Dich, mein lieber Sohn; Du biſt unſere Ret⸗ tung.“ Fanfulla lächelte wohlgefällig und fügte hinzu: „Das hat er wahrhaftig nicht übel ausgedacht.“ Lamberto und Niccolo's Söhne und dann nach und nach alle Mönche drängten ſich um Troilo, unterhielten ſich über ſeinen Plan, wendeten ihn ſo zu ſagen nach allen Seiten hin und her und fanden ihn immer zweckmäßiger. Sie ſchloßen, daß wenn der Ausgang deſſelben auch nicht von ſicherem Erfolg ſei, derſelbe doch wenigſtens ſo viel Wahrſcheinlichkeit für ſich habe, daß man ihn nicht unver⸗ ſucht laſſen dürfe. So entſchloß man ſich denn wirklich, umarmte und ermuthigte einander und ſetzte feſt, daß ohne Aufſchub ans 5 Werk gegangen werden ſolle; denn das Gewitter hatte aufgehört, der Himmel war von jeder Wolke gereinigt und das erſte Roth ſtralte bereits mit ſanftem heiterem Lichte um den ganzen Morgenhimmel; deßhalb war keine Zeit zu verlieren. „Ehe wir aufbrechen,“ ſagte Niccolv zu Bruder Zac⸗ caria,„ſeid ſo gefällig, uns eine Meſſe zu leſen, denn mit Gott müſſen wir anfangen, wenn wir wollen, daß er uns helfen ſoll.“ Der Mönch trat in die Saeriſtei und kehrte bald darauf im Ornat zurück. Die Meſſe begann und Alle hoͤrten ſchweigend und mit der Andacht dem Gebete zu, welche das Herannahen großer Gefahren erregt. Troilo hatte ſich gleich den Andern auf die Knie geworfen und heuchelte Ernſt und Andacht, während er leiſe zu ſich ſel⸗ ber ſprach: „Jetzt geht es alſo hinaus in das Lager und wir binden ohne weiters an. Baccio wird, glaube ich, eben ſo wenig daran denken, mich aus der Schlinge zu ziehen, als ich daran denke, Moͤnch zu werden! Was habe ich nun zu thun, um ihn von dem, was geſchehen ſoll, zu benach⸗ richtigen? Es mag gehen, wie es will, ſo muß ich Mi⸗ chele aufſuchen.“ Er meinte ſeinen Bedienten, den wir, wenn der Leſer ſich noch daran erinnert, in dem Torre del Gallo ange⸗ troffen haben. Dieſer war, ſo lange die Belagerung ge⸗ dauert hatte, im Lager zurückgeblieben, hatte ſich nachher nach Florenz begeben und ſich dort nach Troilos Unter⸗ weiſung, ohne ſich im Hauſe Lapi ſehen zu laſſen, ſo um⸗ getrieben, daß ſein Herr oft genug mit ihm zuſammen treffen und ihm bei jedem unverhofften Ereigniß die nöthi⸗ gen Befehle ertheilen konnte. Nach geendigter Meſſe empfingen alle das heilige Abendmahl, Troilo ſo gut wie die Uebrigen. Als der Letztere von dem Altar zurückkehrte, zog er ſich in den Hintergrund einer Kapelle zurück, als wolle er im Ver⸗ borgenen ſeine Andacht ungeſtört verrichten, dort lehnte er ſich, den Rücken der Kirche zugekehrt und ganz zuſammen⸗ ekauert, an ein Betpult, zog aus ſeinem Buſen ein S womit er beſtändig verſehen war, und ſchrieb in ile: Wir gehen in's Lager, um die italieniſchen Scharen aufzuwiegeln und ſie gegen die Spanier zu hetzen; wenn der Verſuch begonnen hat, wollen wir unter den Soldaten in der Stadt einen Aufſtand erregen und dieß könnte leicht gelingen. Daher ſeid auf eurer Hut, haltet gute Wache an den Thoren. Vergeßt nicht, daß ich nicht weiß, wie ich mich von dieſen Leuten wegſtehlen ſoll, wenn Ihr mir nicht dazu helft. Er bog das Blättchen zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche, wenn wir da heraus gehen, dachte er, wird ſich Michele ſchon ſehen laſſen; dieſer ſoll es zu Baccio bringen. Inzwiſchen hatte Niccolo ſein Gebet geendet; er war aufgeſtanden und hielt an die Nächſtſtehenden, die ſich um ihn ſammelten, eine kleine Rede, wie ſie für die Kürze der Zeit und die Wichtigkeit des Falles paßte. Die Anſtrengungen, die Unruhe und die Schlafloſigkeit der ver⸗ gangenen Nacht hatten die Kräfte des armen Greiſes er⸗ ſchöpft; er fühlte ſich, ſo willig er auch dazu geweſen wäre, unfähig, die Anderen zu dieſer letzten Unternehmung zu begleiten. Der Gedanke an ſich ſelbſt, an die Gefahr, der er ſich ausſetzte, hätte ihn gewiß nicht zurückgehalten, wenn er hätte denken koͤnnen, daß ſeine Gegenwart noch zu etwas nützlich ſein würde; er ſah aber ein, daß er ſtatt deſſen blos den Jüngern im Wege ſein würde. „Geht,“ ſagte er endlich, und umarmte Einen um den Andern,„geht hin, und wenn ich Euch auch körper⸗ lich nicht begleiten kann, ſo werde ich in meinem Herzen und in meinen Gebeten um Euch ſein und wen ich von Euch in dieſer Welt nicht mehr ſehen werde, den werde ich im Himmel ſehen.“ Während er dieſe Worte ſprach, war die Reihe an Bindo gekommen, den Vater zu umarmen. Ein trauriges Vorgefuhl bemächtigte ſich ſeines Innern(wer kann ſich deſſen in gewiſſen Augenblicken erwehren).. Er dachte, „vielleicht iſt es gerade dieſer Knabe, den ich erſt im Him⸗ mel wieder ſehen werde.“ Niccolo that ſich übermenſchliche Gewalt an, um die Thränen zurückzuhalten, die ihn beinahe überwältigt hätten. Er wußte, wie viel davon abhing, daß er ſich jetzt ſtark zeigte, überwand jedes andere Gefühl und ſprach mit hoch⸗ gehobenem Haupte und ausgeſtreckten Armen zu ſeinen Söhnen: „O Florenz! O Vaterland! mir bleibt nichts Anderes übrig, als das Leben meiner Lieben; ich ſchenke es Dir!“ Als er dieſe Worte geſagt hatte, ſank er auf ſeinen Sitz zurück und bedeckte ſeine Augen mit den Händen. Lange blieb er in dieſem faſt bewußtloſen Zuſtande ſitzen, nahe daran, ſo heftigen und wiederholten Stürmen zu er⸗ liegen; er fühlte ein verworrenes Sauſen in den Ohren, ſein Bewußtſein nahm ab und begann zu ſchwinden, ſo daß er nicht mehr unterſchied, ob er träume oder wirklich die Schritte ſeiner Söhne und des Volkes höre, das die Kirche verließ. Nach einer langen Pauſe kam er wieder zu ſich ſelbſt. Er öffnete die Augen und blickte umher. Neben ihm be⸗ teten Bruder Zaccaria und einige Mönche; alle Uebrigen hatten ſich entfernt. Als Letztere aus der Kirche in das Kloſter getreten S Begriff waren, auf die Straße zu gelangen, ſagte Troilo: „Es kommt jetzt Alles darauf an, unbemerkt in das Lager zu gelangen. Obgleich an den Thoren nicht ſonder⸗ lich ſtreng Wache gehalten wird und die Bürger ziemlich frei mit dem Lager verkehren dürfen, ſo halte ich doch für gut, daß wir nicht in einem Haufen hinausgehen, dieß könnte Verdacht erregen, ſondern wir wollen uns theilen und je zu zwei und drei bei Giramonte wieder zuſammen fommen, wo Herr Aleſſandro Vitelli ſein Quartier hat. Unter ſeiner Truppe iſt, wie ich Euch geſagt habe, das Aergerniß vorgekommen... Wir wollen bei ihm anfan⸗ gen Jetzt laßt mich allein auf den Marktplatz gehen, um zu ſehen, ob gegen Servi oder di Via Larga hin nichts zu fürchten iſt. Ich mache ein wenig die Runde da herum und bin gleich wieder da.“ Troilo ging fort und Averardo ſah ihm nach. Wer mir geſagt hätte, daß der einer der Unſerigen werden würde, den hätte ich Lügen geſtraft, und jetzt iſt er der eifrigſte von Allen.“ „Habe ich es Euch nicht geſagt,“ rief Bindo;„er war von ſchlechten Geſellſchaftern verführt, aber im Grunde iſt es ein braver Junge; das kann man ja an ſeinen Tha⸗ ten ſehen. Während dieſe mit noch breiteren Worten, als ſie ſich niederſchreiben laſſen, den Schurken lobten, war Troilo auf den Marktplatz gelangt. Er fand ihn ganz öde, außer daß bei aufmerkſamem Umherblicken hinter der Ecke der Via della Sapienza ein halbes Geſicht hervor⸗ ſah, ſo daß man nur ein Auge und die Naſenſpitze erken⸗ nen konnte. Er begab ſich nach dieſer Seite hin und traf ſeinen Bedienten hinter dieſer Ecke lauernd; ihm gab er vas Blättchen in die Hand und ſagte haſtig: Laufe, was Deine Beine vermögen, und bringe die⸗ ſes zu Baccio; ſage ihm. aber behalte es wohl. daß ich in einer halben Stunde durch die Porta St. Giorgiv hinausgehe, und daß er ſich darnach richten ſoll. Aber lauf! denn wenn Du nicht zur rechten Zeit kommſt, ſo ſieh Dich vor! Du kennſt mich, daß ich nicht ſpaſſe.“ Der Bediente, welcher wohl wußte, mit wem er es zu thun habe, machte ſich auf die Beine und war im näch⸗ ſten Augenblick nicht mehr ſichtbar. Troilo zögerte, ſo viel ihm möglich war, um Michele Zeit zu laſſen, hinzugelan⸗ gen, ohne den Seinigen Urſache zum Verdacht zu geben. 9 Dann kehrte er in das Kloſter zurück und ſagte, um noch einige Minuten zu gewinnen: „Ich habe einige Soldaten auf der Via del Coco⸗ mero heranziehen ſehen; ſie werden die Wachen ablöſen wollen; laßt uns daher noch ein wenig warten. Als es endlich Zeit ſchien, gingen ſie je drei und vier zuſammen fort und verabredeten unter einander, daß jeder Trupp einen andern Weg nehmen ſollte. Troilo wußte es ge⸗ ſchickt dahin zu bringen, daß er ſich unter den letzten be⸗ fand, und endlich ging auch er mit Bindo und Fanfulla fort und nahm über den Marktplatz und die Via degli Servi den Weg nach der Porta St. Giorgio. Als ſie den Ponte alle Grazio überſchritten hatten, ſchlugen ſie die Via dei Bardi ein, und Troilo, der abſichtlich den weite⸗ ſten Umweg gewählt hatte, um Baccio Zeit zu laſſen, ihm auf irgend eine Art zu Hülfe zu kommen, ſann beſtändig darüber nach, auf welche Weiſe er dieſes bewerkſtelligen würde, nicht ohne Argwohn, Jener möchte, nachdem er ihn in dieſe Unternehmung verwickelt hatte, es ihm ſelbſt über⸗ laſſen, auf welche Weiſe er am beſten ſich herausziehen könnte. Aber Valori bedurfte ihn noch und hatte ihn daher nicht im Stiche gelaſſen. Während dieſe einherzogen, ohne irgend Jemand zu begegnen, da die Sonne kaum erſt über die Hügel von Vallumbroſa emporgeſtiegen war, während Troilo vorwärts und rückwärts blickte, ob von keiner Seite her Hülfe anrücke, ſahen ſie an der letzten Straßenkreu⸗ zung, bevor ſie die Porta St. Giorgio erblickten, einen Minoritenmönch entgegen kommen, der ſich ſtellte, als ob er vorübergehen wollte, ohne ſich um ſie zu bekümmern, und dann auf einmal ſtehen blieb und mit der Miene eines Solchen, der Jemand wieder erkennt, ausrief: „Ihr hier, Herr Troilo? Wohin geht Ihr? Troilo kannte den Moͤnch nicht; es fiel ihm jedoch ſogleich ein, er werde von Baccio geſendet ſein; daher kam er ihm entgegen. — 10 „Und Ihr, mein Vater, woher kommt Ihr?“ „Ich komme vom Lager. Ihr wißt ſchon, das Kleid des heiligen Franziskus ſchützt beſſer, als ein Panzer, und vamit kann man überall hin ſicher gehen. Wie?“ „Und wenn ich nun dahin gehen wollte 2 „Gott behüte Euch davor! Macht Euch davon hin⸗ weg, ſo ſchnell Ihr könnt, und aus Florenz auch, das wird das Beſte ſein. Wißt Ihr es denn nicht? Signor Don Ferrante hat einen Preis von vierhundert Goldgul⸗ den auf Euern Kopf geſetzt, weil Ihr für die Florentiner gekämpft habt. Gerade vor dem Thor bin ich an einer Abtheilung Lanzenreiter vorbeigegangen, die davon ſprachen, daß ſie Euch perſönlich kennen und daß ſie, wenn ſie Euch begegnen, Euch in Stücke hauen werden.“ Troilo ſpielte ſeine Rolle gut. Er dankte dem Mönch und ſtellte ſich, als ob er trotz deſſen ſeinen Weg fortſetzen wolle. Dieſer aber zerrte ihn an den Kleidern und be⸗ theuerte, er werde durchaus nicht zugeben, daß er einem unvermeidlichen Tode entgegen gehe, und Fanfulla und Bindo überredeten ihn ebenfalls zurückzukehren, da ſie wohl einſahen, daß ſie es zu keinem Kampf mit jenen Lanzen⸗ knechten kommen laſſen durften, während ſie einer wichti⸗ geren Unternehmung entgegen gingen, um das Lager nicht zu frühzeitig in Allarm zu bringen, und daß ſie allein doch zu ſchwach wären, ihren Gefährten zu retten. Fanfulla zog ihn auf die Seite, damit der Mönch ihn nicht hören ſolle und ſagte: „Geh' nur, geh'! Auch in Florenz wirſt Du uns nützen können, wenn Du mit den Soldaten ſprichſt, wie ich gethan habe und ſie überredeſt, daß ſie ausfallen, wenn ſie hoͤren, daß es zum Handgemenge gekommen iſt. In ihrer Mitte fürchte ich die Lanzenreiter nicht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er ihm den Rücken und ging mit Bindo von dannen, während Troilo innerlich lachend in Geſellſchaft des Mönchs längs des Arnoufers zurückkehrte. 11 Fanfulla ging indeß mit dem jungen Bindo auf das Thor zu und ſagte zu ihm: Ein Glück, daß wir dieſem ehrlichen Manne begegnet ſind; wenn er nicht hier geweſen wäre, Gott weiß, was es fuͤr eine Teufelei gegeben hätte. In folchem Falle reicht ein Nichts hin, um eine Unternehmung zu vereiteln. Die Porta S. Giorgio war von einer zahlreichen Wache beſchützt, auf welche ſich Malateſta verlaſſen konnte, welche übrigens, wie ſchon erwähnt wurde, die Nachtzeit ausgenommen, die Bürger nicht daran hinderte, mit dem Lager zu verkehren. Fanfulla wurde von mehreren dieſer Soldaten erkannt und gegrüßt, und während er die Thor⸗ ſchwelle unter dem maſſiven Gewölbe, das noch heutigen Tages zu ſehen iſt, überſchritt, rief ihn der Eine da, der Andere dort an. „Ei, da iſt ja Fanſulla! Gut aufgeſtanden, Bruder Bombe? Wohin ſo früh?“ Er grüßte mit der Hand, ohne ſtehen zu bleiben. Wir wollen in's Lager und ein paar Freunde beſuchen, da nun das Gatter offen iſt.. Lebt wohl, lebt wohl! wir werden uns als Chriſten wiederſehen, wenn es Gott und der Madonna gefällt. Fort war er, ohne Antwort abzuwarten. Wenn unſer Leſer je in Florenz war, wenn er zu Fuße jenes Thorgewölbe durchſchritt, durch welches Bindo und Fanfulla hinausgingen, ſo wird er ſich erinnern, daß am Fuße der Mauern der Stadt gegen Mittag ſehr ſchöne Hügel terraſſenförmig emporſteigen, deren anmuthige, wellen⸗ förmige Gipfel dichte Olivenwaldungen und Baumreihen decken, an denen ſich Reben emporſchlingen, theils grün, theils in der perlgrauen Farbe der Weidenſtämme; der wird ſich an jene einzelnen Hütten und Landhäuſer erinnern, welche weiß und niedlich durch die Olivenbäume hervor⸗ blinken und die für denjenigen, der ſie ſieht, um ſo an⸗ lockender ſind, je mehr er gerade bei Stimmung iſt, ſich einem trüben Gedanken hinzugeben und ſeinem Kummer 12 nachzuhängen, als ob dieſer es nicht wagen würde, dieſe freundlichen Mauern, dieſe ruhigen Schatten zu durch⸗ dringen. Und doch, wer weiß, wie mancher ſich auch dort einſchleicht!... Kurz, der friedliche und lachende Anblick dieſer Gegend, die ſo mannigfaltig iſt, als die Natur ſelbſt, und doch zugleich ſo regelmäßig eingetheilt, wie ein Gar⸗ ten, wird ihm lebhaft vor Augen ſtehen. Zu der Zeit nun, wo unſere Geſchichte ſpielt, war alle dieſe Schönheit, ſeit eilf Monaten eine Beute roher Feinde, in eine trau⸗ rige Oede verwandelt, narkt und ſumpfig, keine Spur von Zäunen oder von Abtheilung der Grundſtücke mehr, die Weinſtöcke entlaubt, abgehauen und in den Boden getreten, die Olivenbäume gefällt, um Holz zu machen, oder wenn da und dort noch einer ſtand, um von dem früheren Reich⸗ thum Zeugniß zu geben, ſo waren es Stämme oder un⸗ förmliche Büſchel ohne Aeſte, voll Einſchnitte und von den Kugeln der Geſchütze durchlöchert. Von dieſen ſah man auch den Boden an vielen Stellen aufgewühlt und vurchfurcht, nicht weniger, als von den Gewäſſern, welche das Gewitter der vergangenen Nacht herabgeſtrömt hatte. Einen ſolchen Anblick bot die Erdoberfläche zwiſchen den Mauern und den Verſchanzungen dar, welche letztere den Hügel unter Giramonte wie einen Gürtel umgaben und in einem Graben beſtanden, hinter welchem ſich ein Wall mit Pfahlwerk, durch Kanonen geſchützt, erhob. Während Bindo und Fanfulla ſich einem Einſchnitte des Hügels näherten, wo ſich einer der Eingänge in das Lager befand, konnten ſie bereits bemerken, daß dort etwas Außerordentliches vorgehe oder im Werke ſei. Man hörte ein dumpfes Gemurmel, laute Ausrufungen und die Schritte hin⸗ und herlaufender Krieger, die ſich in den Gängen zwiſchen den Zelten, zwiſchen den Baracken und an dem Graben herumtrieben; denn da das Lager am Abhange des Hügels lag, ſo konnte das Auge Alles überſehen. Alles lief darin ſo verworren durcheinander, wie eine Kolonie von Ameiſen, die in ihrem Fleiße geſtört wird. Endlich 13 gelangten ſie in das Lager und ſtiegen die Höhe empor, auf welcher Giramonte liegt. Die Zelte und Baracken, durch deren Reihen ſie kamen, waren auf hunderterlei Arten gebaut, aus Steinen, aus Raſenſtücken, aus Brettern und aus Stroh, wie es gerade demjenigen, der ſie ſo viele Monate bewohnt hatte, bequem geweſen war. Mehrere darunter hatte das nächtliche Gewitter halb zerſtört und zuſammen geworfen, daher deckten den Boden ausgeriſſene Pfähle, zerbrochene Zeltſtangen, angefaulte Balken u. dgl., die noch vom Regenwaſſer trieften. Auf mehreren waren Kleider ausgebreitet, um ſie an den Stralen der Sonne zu trocknen, oder es war Kriegsgeräthe daran aufgehängt, welches die Troßbuben und die Bedienten fleißig reinigten und abrieben, angeſpornt von ihren Herren, welche ſich ſehr beeilten, dieſelben anzuziehen. Unter dieſen Bedienten waren viele, welche durch ihre langen Haare, die Form ihrer Bruſt und ihrer Hüften das männliche Gewand, das ſie anhatten, Lügen ſtraften. Es waren Frauen und Mädchen (in der damaligen Zeit waren ſolche von jeder Art in einem Lager zu finden), welche entweder bei der Plünderung irgend einer Stadt geraubt worden waren und von einem rohen und viehiſchen Herrn zu den niedrigſten Dienſten verwendet wurden, oder verliebt und verführt mit irgend einem Soldaten von Hauſe geflohen waren, der nunmehr ihrer ſatt, ſie nur unter der Bedingung um ſich duldete, daß ſie ihn als Troßjunge bediente. Weiter gehend ſtießen ſie auf größere Bretterhütten, unter welchen die Marketender und Schenkwirthe Gar⸗ küchen hielten und Wein verkauften. Beſchmutzte und häß⸗ liche Knaben drehten lange Spieße am Feuer um, auf welchen Fleiſch in mächtigen Keſſeln geſotten wurde. An langen und ſchlechten Bänken, ſchmutzigen Tiſchen, oder an Fäſſern, die ſtatt der Tiſche aufrecht hingeſtellt waren, ſaßen mehrere Krieger, gierig am Morgenimbiß zehrend, um ſich dann mit denjenigen zu vereinigen, welche in un⸗ geordneten Scharen gegen Giramonte hinliefen. Man 14 hörte ſchreien, lachen, jodeln, man hörte von hundert Stim⸗ men laut und heftig ſprechen, bald kräftig und wohltönend, vald rauh, bald kreiſchend; jeder wollte ſeinen Senf dazu eben, über die Spanier zu ſchimpfen; es war jedoch un⸗ möglich, auch nur ein Wort in dieſem verworrenen Lärm, der immer mehr zunahm, zu verſtehen; bald bellte ein Hund darein, bald hörte man einen Trommler, der den Zapfenſtreich probirte und zum Ueberfluß ließen auch noch einige Schweine, welche mit den Hinterfüßen an einen Pfahl gebunden waren und ſpringend und ſich herumwäl⸗ zend an den Seilen zerrten, ihr ſcharfes und ohrzerreißen⸗ des Grunzen bis zum Himmel ertönen. Fanfulla und Bindo fuhren fort, mit dem Strom der Menge den Berg hinanzuſteigen, deren heitere Stim⸗ mung von ihrer Bereitwilligkeit, ſich mit den Waffen in der Hand zu erheben, zeugte. Endlich kamen ſie auf der Anhöhe an, wo das Dorf Giramonte liegt, eine ziemlich ausgedehnte Hochebene, von welcher man ganz Florenz, die Gebirge von Fieſole und das ganze Arnothal, von den näher liegenden Hügeln an bis zu denen von Artinomo, überſieht. Dort war auf einer Spitze, welche die Stadt beherrſcht, eine Batterie von vier und zwanzig Feldſtücken aufgepflanzt, zwiſchen denen man große, mit Erde und Steinen angefüllte Schanzkörbe aufgeſtellt hatte. Dort ſtanden die Soldaten dichter beiſammen, mehrere ſahen von den Fenſtern des Landhauſes herab, andere ſtanden auf der Wagenburg, welche das Gepäck der Truppe ent⸗ hielt, auf den Gartenmauern am Hauſe, auf den Geſchützen, auf den Schanzkörben und allen erhöhten Orten herum und hörten auf eine Rede Lamberto's, der ebenfalls auf einen Schanzkorb geſtiegen war und mit lauter Stimme und lebhaften Geberden zu ihnen ſprach. Als die Beiden ſo nahe kamen, daß ſie ſeine Worte verſtehen konnten, endigte er eben einen Satz, deſſen Anfang ſie nicht gehört hee „Eurer Gefährten, die dieſe. Elenden umgebracht ha⸗ 15 ben. Rache, nicht nur für ſie, ſondern für unſere ganze Nation, die ſie hingemordet haben und alle Tage auf tau⸗ ſenderlei verſchiedene Art hinmorden, ſie müſſen wir end⸗ lich einmal rächen und uns von dieſen Räubern befreien! Aber ſagt mir doch, und wenn ich Euch nicht die Wahrheit ſage, ſo werft mich von dieſer Verſchanzung her⸗ unter ſagt mir, fallen wir denn auch in ihre Län⸗ der ein, um in den Tag hinein zu leben, um ſie zu plün⸗ dern, um ihre Weiber zu ſchänden, oder um ſie unterein⸗ ander zu entzweien und gegen einander aufzuhetzen, wie man Hunde gegen einander hetzt, um den Spaß zu haben zuzuſehen, wie ſie einander zerreißen? Sie aber kommen beſtändig zu uns, bald unter dem einen, bald unter dem andern Vorwand, bald zu Waſſer, bald zu Lande.. Wie geht es zu jeder Zeit? Sobald eine Schar dieſer Diebe herabgekommen, von Schuhen und Kleidern ent⸗ blößt, halb verhungert, wieder einer Erholung braucht, wohin gehen ſie dann?„Nach Italien ziehen wir in Got⸗ tesnamen, nach Italien!“ aber, bei dem Erlöſer! iſt denn unſer Geburtsland, das Land, das die Aſche unſerer Ahnen birgt, ein geraubtes oder ein gemeinſchaftliches Gut?.. Hat denn Gott, der jedem Volke ſo viel Land gab, daß es darin leben und in Frieden ſterben, ſäen und erndten kann, hat er denn ausgeſprochen, dieſes allein ſoll dem Erſten Beſten gehören, der es will? Es ſoll Allen ge⸗ hören und hier ſoll auch der einſammeln dürfen, der nicht gepflügt hat? Sind wir vielleicht von Gott verflucht? Sind wir Baſtarde? Sind wir Thiere?.. Wollt ihr es wiſſen, ohne es zu wollen, habe ich es Euch geſagt, was wir ſind! Ja, wir ſind Thiere und noch ſchlechter als dieſe! Denn ſelbſt das unvernünftige Thier vertheidigt ſich, wenn man es in ſeiner Höhle angreift, und bedient ſich der Klauen und Zähne und kümmert ſich nicht darum, ob der Feind ſtärker oder ſchwächer iſt. Könnten es nicht die Menſchen eben ſo machen? Man ſage mir nicht, ſie ſeien tapferer als wir; Alle Menſchen ſind von Natur gleich 16 und nur ſchlechte Geſetze und ſchlechte Sitten verderben ſie und machen ſie ungleich. Zum Beweiſe deſſen: ſo oft wir in gutem Kriege Gelegenheit hatten, uns mit ihnen zu meſſen, wer gewann es? Sie oder wir? Hier iſt ge⸗ rade Einer(er deutete auf Fanfulla, den er eben in der WMenge gewahrte), hier iſt Einer, der mich einen Lügner ſchelten mag, wenn ich eine Lüge geſagt habe.“ Aller Augen blickten neugierig auf den Mann, von welchem Lamberto geſprochen hatte. Dieſer aber fuhr fort: „Fanfulla, der zu den Dreizehn bei Barletta gehort hat, er ſoll ſagen, wie es da zugegangen iſt, wer den Sieg davon trug?... Wurde vielleicht, um dieſe drei⸗ zehn Franzoſen zu bekämpfen, ein Aufgebot durch ganz Italien erlaſſen, um die Tapferſten, die Kühnſten herbei⸗ zurufen? Wartete man ſo lange, bis man größere und breitſchultrige Männer zuſammengebracht hatte, als die Feinde waren? Sendete man zwei gegen einen?.. Dreizehn waren ſie und vreizehn wir; von denen, die man im Lager bei der Hand hatte, wählten wir unſere Beſten aus, aber ſie ebenfalls ihre Beſten. Wer ſiegte, frage ich wieder? Sie ſind alſo nicht tapferer, wohl aber klüger, oder um es beſſer auszudrücken, ſie ſind eben ſo ſchlecht als klug, denn ſie wiſſen Zwietracht unter uns auszuſtreuen und uns mit unſern eigenen Waſſen zu ſchlagen. dieſes Gift in unſere Herzen, daß wir beſtändig gegen un⸗ ſere Brüder, gegen uns ſelbſt, gegen unſer eigenes Blut wüthen, während wir doch dieſelbe Sprache reden, wäh⸗ rend wir nur Eine Familie ſind! Eine Stadt iſt gegen die andere, mit Waffen, mit Betrug, mit Ränken ſucht man ſich beſtändig zu ſchaden und einander ins Verderben zu ſtürzen; wem es gelingt, der dünkt ſich glücklich und glaubt etwas Großes gethan zu haben; und wenn wir „Aber welche unſelige Wuth, welcher fluchwürdige Wahnſinn beherrſcht uns? Welcher hölliſche Dämon gießt uns einander nichts Uebles zufügen können, ſo wird doch der Haß fortgepflanzt durch beleidigende Worte, durch Schimpfnamen: wir nennen die Piſaner Verräther, die Florentiner Blinde und die von Siena Narren und der⸗ gleichen mehr. Und nicht nur zwiſchen Stadt und Stadt, zwiſchen Land und Land, ſondern in jeder Gegend, in je⸗ dem Haus, in jeder Hütte ſogar verfolgt man ſeine Nach⸗ barn mit Reibungen, Beleidigungen, mit Neid, mit Haß zum wenigſten, wenn man nicht anders kann! Hier ſtreckte er ſeinen Arm aus, deutete auf die unten liegende Stadt und fuhr fort: „Hier haben wir ja ein ganz friſches Beiſpiel. Flo⸗ renz, welches frei, reich und glücklich, Florenz, das die Ehre und der Ruhm Italiens, die Mutter ſo manches großen Geiſtes, ſo vieler Tugenden und aller ſchönen Künſte war nun ſagt einmal, dieſer Schandbube von Pabſt! Florenz ſoll mein ſein!„ Das erſte Mittel iſt, wie gewöhnlich, daß man dieſe Spanier, dieſe Räuber zu Hülfe ruft! Sie laſſen es ſich natürlich nicht zweimal ſagen!. Sie ſäumen nicht! Es handelt ſich ja darum, Florenz zu plündern! Wie benehmen ſich die andern Städte dabei? Was thut Venedig, Siena, Genua?„ Venedig ſchließt einen ehrlichen Frieden mit dem Kaiſer, verleugnet ſeine Verſprechungen und ſieht zu; Siena ſchickt ſogar Geſchütze herbei, um zu dem Un⸗ tergang ſeiner Nachbarin mitzuhelfen...“ Hier blickte er auf eine große Feldſchlange, welche in der Nähe lag, ſtieß zornig und verächtlich mit dem Fuß nach derſelben und rief: „Kommen nicht dieſe Feldſtücke, die ich mit einem Fußtritt in Staub zermalmen möchte, von Siena? Sind das nicht italieniſche Waffen? Und Ihr, Ihr meine Ge⸗ fährten, laßt es mich Euch ſagen und deutet es mir um Gotteswillen nicht übel.... ſeid Ihr nicht alle Italie⸗ ner? Habt Ihr nicht zu dem Untergange dieſer edlen Stadt mitgeholfen? Und welchen Vortheil habt Ihr da⸗ Niccolo de' Lapi. Ml. 2 6 18 von, daß Ihr ſie jetzt geknechtet, arm und geſchändet zu Euren Füßen liegen ſeht? Hundert Strapazen, hundert Wunden und dafür dieſen elenden ſchäbigen Sold, wenn Ihr je ſo glücklich ſeid, daß er Euch wirklich ausbezahlt wird! Und die Schätze, das Vermögen, wer gewinnt dieſes? Jene Räuber, die Euch überdies verhöhnen und Euch Verräther und Schurken ſchimpfen! Glaubt Ihr, daß Ihr weniger gewonnen haben würdet, wenn Ihr ſtatt deſſen Euren Brüdern geholfen hättet? Und wäre es auch ſo geweſen! Ihr ſeid doch wahrhaftig nicht ſolche Leute, daß Such der Ruhm und die Ehre Eurer Nation nichts gelten ſollte. Wie ſtark ſind endlich die Feinde, die wir zu bekämpfen haben? Iſt es vielleicht eine Million von Kriegern? Sind es Zehn gegen Einen von uns? Es ſind wenige Tauſende! Seid nicht dagegen Ihr da? Ma⸗ chen nicht die italieniſchen Scharen faſt die Hälfte dieſes Lagers aus und wenn die Italiener, die innerhalb der Mauern ſind, ſich mit Euch vereinigen, werden wir dann nicht ſtark genug ſein, dieſe Beutelſchneider und Mörder mit einemmale zu vertilgen? In dieſer Abſicht bin ich und dieſe meine Gefährten und Fanfulla hier, der die Zierde unſeres Gewerbes iſt, herausgekommen, um uns Euch als Kampfgenoſſen anzubieten und mit Euch zu ſie⸗ gen oder zu ſterben, und ſobald wir das Handgemenge be⸗ gonnen haben, ſo werden die Unſrigen aus den Thoren ei⸗ nen Ausfall machen, um die Feinde von der Seite und im Rücken anzufallen und in kurzer Zeit werden wir das Land von dieſen Räubern gereinigt haben. „Nun, im Namen Gottes, wer Herz hat und meinen Vorſchlag billigt, ſoll die Hand erheben, und wer nicht will, den können wir entbehren. Es leben die italieniſchen Truppen! Es lebe Florenz!“ Unter dieſem Ruf zog Lamberto ſein Schwert und ließ es in hundert kräftigen Schwingungen über ſeinem Haupte kreiſen, und wie die ganze Schar zu ſeinen Füßen bisher nur ein Moſaikgemälde von Geſichtern geſchienen 19 hatte, ſo ſch man jetzt nichts als Hände.⸗ Viele ſchwan⸗ gen ihre Shwerter, Piken und Musketen; zu gleicher Zeit erhob ſich ein mächtiges Geſchrei:„Es lebe Italien! Nieder mi' den Spaniern!“ Während dieſe Leute ſo eif⸗ rig und bſtimmt ihren Beifall zu erkennen gaben, ſprang Lamberto freudig von dem Schanzkorb herunter, näherte ſich mit ſonfulla, mit ſeinen Verwandten und den Uebrigen, die von Florenz gekommen waren, der Hauptfahne, um die Scha um dieſelbe zu verſammeln, während die Haupt⸗ leute unb ihre Unterbefehlshaber ſich bemühten, ihre Leute zu ſamneln und zu ordnen, welche ſich, wie alle Krieger pflegen in Ordnung jeder zu ſeinem Fähnlein ſtellten. Was that indeſſen Vitelli, der Hauptmann dieſer Truppn? Wie benahm ſich Don Ferrante Gonzaga, der Oberfildhauptmann des ganzen Heers, als ſie dieſe Vewe⸗ gung erblickten, dieſen Lärm vernahmen, welcher eine be⸗ vorſichende Meuterei und vielleicht ſogar offenen Aufruhr verkündete? Sie machten es ungefähr, wie es manche Führer von hallwilden Pferden und Füllen machen, welche in der Campagna di Roma gefangen werden: ſie begnügten ſich damit, ſie zu führen, und ſich ſo gut als möglich in ge⸗ wöhnlichen Fällen Gehorſam zu verſchaffen; wenn aber aus irgend einem Grunde der Teufel in dieſe Thiere fährt, und ſie auf einmal in Zwiſt gerathen, ſchnaubend mit offe⸗ nen Naſenlöchern und ausgeſtrecktem Schweif hin und her rennen und ſich mit Biſſen und Schlägen angreifen und mit tauſenderlei ſonderbaren Sprüngen und Wendungen zu treffen ſuchen, ſo bemühen ſie ſich, durch Zureden und Streicheln die Ordnung herzuſtellen, wiſſen ſich aber dabei in einer klugen Entfernung von dem Kampfe zu halten, und wenn ſie bemerken, daß alles vergeblich iſt, ſo ſehen ſie zu und warten das Ende geduldig ab. Gerade ſo machte es Don Ferrante: und es begeg⸗ nete den Feldherrn jener Zeit nur zu häufig, daß ſie be⸗ fehlen wollten, aber ſelbſt befehligt wurden, zum Unglück 20 der armen Volker, deren Wohnſitz der Shauplatz des Krieges war und die außer den gewöhnlicher und unver⸗ meidlichen Uebeln deſſelben auch noch durch die Zügelloſig⸗ keit und den Mangel an Mannszucht der Soldteska hun⸗ dertfaches Elend zu erdulden hatten. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Es war ſchon faſt zwei Uhr nach Sonnenalſgang, als die Scharen des Vitelli, mit welchen ſich alb übri⸗ gen italieniſchen Truppen des Lagers vereinigt hatten, An⸗ ſtalt machten, aufzubrechen, um die Spanier anzugteifen. Durch das nächtliche Gewitter gereinigt, ſtralte der Him⸗ mel in einem reinen durchſichtigen, mit goldfarbigen Strei⸗ fen durchwirkten Blau, nur wenige ſchmale Wolkenſtreifen ſchienen auf den Gipfeln der Berge zu ruhen. Dieſe hat⸗ ten, wo ſie ſich etwas weiter ausbreiteten, eine violette dunklere Färbung, während diejenigen Theile, dik von den Stralen der Sonne durchdrungen wurden, in glühenderen und mannigfaltigeren Farben glänzten, ungefähr ſo, wie ſich die Campagna gegen das Ende des Herbſtes zu färben pflegt. Die ganze Atmosſphäre glich einem Meer von Lichtſtralen, durch welches auch die entfernteſten Gegen⸗ ſtände ganz genau zu erkennen waren, ſo daß die in Gi⸗ ramonte verſammelten Italiener von allen Punkten des Lagers aus deutlich geſehen werden konnten; daher ſtanden auf allen höheren Orten, auf Verſchanzungen und auf jedem vorragenden Theil des Hügels Krieger umher, welche dieſe Bewegung als neugierige Znſchauer beobachteten und ſich auf die bevorſtehende Waffenthat, wie auf ein ſchönes Schauſpiel, freuten. — Auf dem freien Platze vor dem Thore del Gallv, der Giramonte in einer kleinen Entfernung beherrſcht, befand ſich Don Ferrante Gonzaga, Aleſſandro Vitelli, der Graf Pier Maria und viele von den Vornehmſten des Heers und beobachteten nichts weniger als vergnügt, wie bedenk⸗ lich dieſe Empörung zu werden drohte. Sie ſtanden eben ſo beſtürzt urd verwirrt beiſammen, wie jene Maulthier⸗ treiber, die uns oben zum Gleichniß gedient haben. Sie ſahen den Anfang eines Ereigniſſes, deſſen Ausgang ſie nicht vorher wiſſen konnten, und es war ihnen wohl be⸗ kannt, daß es bei den Soldaten wie bei den jungen Pfer⸗ den geht(auch hier trifft die Aehnlichkeit zu), wenn eines einmal de Kampf begonnen hat, ſo folgen gleich hunderte deſſen Beſpiel. Vor der andern Seite begannen auch die ſpaniſchen Scharen, welche bei Bellosgnardo und Monte Uliveto la⸗ gerten ud wohl merkten, daß es auf ſie gemünzt ſei, ſich zuſammn zu ziehen, zu bewaffnen und in Ordnung zu ſtellen obgleich ſie nur ſehr ungern mit den Italienern anbamen, nicht gerade aus Feigheit, denn es war ein tapfers und auserwähltes Kriegsvolk, ſondern weil ſie lie⸗ ber zemeinſchaftliche Sache mit ihnen gemacht hätten, um mit Gewalt in Florenz einzudringen und es zu plündern. Eben weil ſie der Hoffnung nach dieſer ſo ſehr er⸗ ſirbten Plünderung nicht entſagen mochten, entſchloſſen ſi ſich, zwei ihrer Hauptleute an Don Ferrante zu ſchi⸗ en und ihn zu bitten, ſich ins Mittel zu legen, indem ſie ihm anheimſtellten, die Genugthuung zu beſtimmen, die e unbeſchadet ihrer Ehre den Rtalienern zu leiſten hätten, im ſie wieder zu beruhigen und alles vergangene Unrecht wieder gut zu machen. Die beiden Abgeſandten begaben ſich nach dem Torre del Gallo und entledigten ſich bei dem Oberfeldhauptmann ihres Auftrags. Dieſer empfing ſie in übler Laune mit über die Bruſt gekreuzten Armen, und ſagte endlich zornig zu ihnen: „Wie ſoll ich es denn anfangen, daß dieſe Teufel Vernunft annehmen?... Jetzt iſt gerade die rechte Zeit, ſo wahr Gott lebt! Seht nur hin!“ Wirklich erbebte gerade in dieſem Augenblick die Luft von dem Geſchrei der Empörer, von dem Befehlruf der Hauptleute, welche den Zug ordneten, von den lärmenden Wirbeln der Trommeln, dem ſcharfen Schrillen der Pfei⸗ fen... Man ſah jene gedrängten und tiefen Schlachtrei⸗ hen, denn die künſtliche Aufſtellung der heutigen Infanterie war noch nicht üblich; die Piken und Hellebawen glänzten gleich den Hecheln von aufwärtsgekehrten Vollkämmen. Man ſah die erſten ſchwerfälligen und wogerden Bewe⸗ gungen einer Heerſchar, die zu marſchiren bezinnt, und dieſe Leute ſahen wahrhaftig nicht aus, als ob ſie geneigt wären, ſich durch bloße Worte bändigen und mech Belie⸗ ben lenken zu laſſen. Inzwiſchen ſtiegen die Truppen in Schlaatordnung den Hügel herab, manchmal ſich ſchwenkend oder abbre⸗ chend, bald aber wieder ſich zuſammenziehend, wr es die Lage des Orts und die Beſchaffenheit des Bodas ver⸗ langte, aber beſtändig in guter Ordnung. Vorn ind an den Seiten des Hauptzugs, der aus Hellebardieren bſtand, ſchritt eine beträchtliche Anzahl Büchſenſchützen enher, welche in der linken Hand den Schaft ihrer Büchſetru⸗ gen und in der rechten die Gabel und die brennende Lnte führten; Einige trugen ſtatt der Büchſen große zweihänige Schwerter, mit der Spitze nach oben gekehrt, wie ſie hut zu Tage noch in unſern Waffenſälen zum Schmuck at⸗ gehängt ſind und jedem beim erſten Anblick den Ausrf entlocken: Was für kräftige Arme müſſen unſere Vorfahre gehabt haben! Die Hauptleute und Unteroffiziere zogen i muthiger Haltung an der Spitze ihrer Scharen. An ih ren Armen hingen Tartſchen und Schilde, mit ganz ein⸗ gelegter Arbeit und zum Theil mit Gold verziert, mit Troddeln am äußerſten Rande behangen und am Mittel⸗ punkt mit einer ſcharfen Spitze verſehen. Sie trugen Bruſtpanzer und Beinſchienen von Stahl, unter welchen u⸗ it ⸗ en en 23 Beinkleider in weiten Falten bis zum Knie herabreichten, welche der Länge nach durch Streifen von Tuch zuſammen gehalten wurden, während die Beine mit einem engan⸗ ſchließenden Strumpf bedeckt waren, der ſo kräftige Mus⸗ — keln erkennen ließ, daß ſie zu jeder Anſtrengung geeignet ſchienen. Bei der Schilderung ihrer gebräunten, kühnen, wahrhaft kriegeriſchen Geſichter, ihrer Bärte, deren Haar⸗ wuchs ſo ſtark war, daß man nur Augen und Naſe er⸗ blickte, ſo wie der ſonderbaren Stellungen und der Arm⸗ bewegung, die nur den Soldaten der damaligen Zeit eigen war wollen wir uns nicht aufhalten. Um eine Vor⸗ ſtellung dieſer Einzelheiten, ſo wie der Schlachtordnung der damaligen Heere zu geben, iſt der Pinſel geeigneter als die Feder, und ein Blick auf die Gemälde des Vaſari im Pallazzv Vecchio oder auf eine Sculptur des ſechszehnten Jahrhunderts gibt dentlicheren Aufſchluß als jede Be⸗ ſchreibung. Während dieſe Truppen ſo entſchiedene Bewegungen zum Angriff machten, hielt es Don Ferrante nicht für ver⸗ einbar mit ſeiner Ehre, einen ſolchen Unfug überhand neh⸗ men zu laſſen, ohne irgend etwas zu thun, um ihm zu ſteuern. Ohne darauf Rückſicht zu nehmen, daß er ſein Anſehen auf's Spiel ſetzen könne, welches ohnehin, wie er wohl wußte, beim Heere nicht ſehr groß war, beſtieg er ein Maulthier und ging mit Vitelli und einigen wenigen Of⸗ fizieren den Meuterern entgegen. Als er ihnen nahe ge⸗ kommen war, erhob er die Hand und gab ein Zeichen, daß er ſprechen wolle und daß die Trommler ſchweigen ſoll⸗ ten, aber die Soldaten achteten nicht auf ihn, zogen wei⸗ ter und blickten ihn höhniſch anz ebenſo die Hauptleute, und nicht einmal die Trommler hörten auf zu ſchlagen. Er erhob die Stimme, um dieſes Getöſe zu überſchreien, aber höchſtens einzelne Worte oder Sylben ohne Zuſam⸗ menhang vermochten ſich ſo zu ſagen aus dem Schiffbruch ſeiner Rede zu retten. Dagegen konnte er viele beleidigende Worte vernehmen, die ihm mitten aus den Reihen von 24 Lungen zugerufen wurden, welche die Trommler und Pfei⸗ fer beſſer zu übertönen wußten, beſonders rief eine Stimme lauter als die andern:„Geh heim und friß Deine Froͤſche!“ Eine Anſpielung auf die große Anzahl dieſer Thiere, welche ſich in den Sümpfen von Mantua, der Vaterſtadt des Don Ferrante, finden. Als er zuletzt ſah, daß es Nichts half, gab er dieſes verzweifelte Unternehmen auf, wendete verdrießlich ſein Maulthier um und kehrte dahin zurück, woher er gekommen war, nicht ohne ziemlich unhöflich vom Pfeifen, Ziſchen und Schimpfen der Menge begleitet zu werden. Als die italieniſchen Truppen auf die Ebene Baron⸗ celli gelangt waren, wo ſich heut zu Tage Poggio impe⸗ riale erhebt, von wo ſie nicht mehr weit nach der Gegend hatten, wo die Spanier zu ihrem Empfang gerüſtet ſtan⸗ den, hielten ſie ein wenig ſtill, um die Ordnung wieder herzuſtellen. In einer der erſten Reihen befanden ſich Averardo und Vieri mit langen Partiſanen bewaffnet; ihnen zur Seite gingen unter den Büchſenſchützen Lamberto, Fanfulla und Bindo. Während jeder ſeine Waffen beſichtigte und in Stand ſetzte, indem der Eine einen Riemen feſter ſchnallte, der Andere den Helm feſter band, ein dritter auf die Lunte hauchte, daß ſie nicht verlöſchen ſolle, und die Hauptleute die Reihen ordneten und bald dieſen, bald jenen anders aufſtellten, wie es ihnen am beſten dunkte, je nach der Beſchaffenheit oder je nach dem Wuchs und den Kräften des Einzelnen, beobachtete Lamberto das ſpaniſche Heer, das ſich im Hintergrund des Thales, jenſeits der Straße nach Rom, die es der Länge nach durchſchneidet, aufgeſtellt hatte. Als Lamberto dieſe gedrängten Scharen von Män⸗ nern, die zwar nur mittlerer Statur, aber kräftig, unter⸗ ſetzt und im Kriege ergraut, für die beſten Fußſoldaten galten, die es damals in Europa gab, erblickte und vor⸗ ausſah, wie furchtbar das Zuſammentreffen ſein würde, fühlte er große Beſorgniß für Bindo, der Allen voraus⸗ — eilte und keinen Augenblick auf einer Stelle bleiben konnte, nach der Schlacht begierig, wie das Roß nach dem Ren⸗ nen. Ihn zurückzuhalten, daran war nicht, zu denken. Lamberto winkte Fanfulla mit den Augen, ſagte aber kein Wort, damit der Jüngling es nicht hören ſolle und gab ihm nur durch Geberden zu verſtehen, ſie wollten in ſeiner Nähe bleiben und ihn vertheidigen. Fanfulla verſtand ſeine Meinung recht wohl und nickte ein paarmal mit dem Kopfe mit mehr Ausdruck, als Worte zu geben vermocht hätten. So war Lamberto befriedigt und wendete ſich zu den Soldaten, die in Folge ſeiner muthigen Rede in ſtillſchwei⸗ gender Uebereinſtimmung ihn gleichſam für ihren Feldherrn bei dieſer Unternehmung hielten. Er erhob ſeine Stimme, damit ſo viele als möglich ihn hören konnten und rief mit ſtolzer Miene begeiſtert aus: „Wohlan, meine Brüdec, wir ſind zur Stelle.. endlich einmal ſind wir in einem Kampfe begriffen, nicht für den, der uns bezahlt und zugleich verachtet, ſondern für uns, für unſere Nation, um in Gottesnamen zu ent⸗ ſcheiden, ob die Italiener wirklich verdienen, die Beute aller Völker, das Spielwerk und der Spott der ganzen Welt zu ſein. Gott ſei gedankt, endlich einmal iſt es mir vergönnt, gegen Feinde zu kämpfen, unter welchen ich kein einziges italieniſches Geſicht erblicke. Was brauche ich euch weiter zu ſagen! Florenz ſieht auf uns, auf uns das ganze Lager, die Blüthe aller Tapfern Europas!... Noch iſt es Zeit, wen es reut, der gehe mit Gott; wer Vaterland, Ehre und Ruhm liebt, der folge mir und haue mich nie⸗ der, wenn ich weiche.“ Die Trommler ſchlugen den Marſch und mit dem Rufe:„Es lebe Italien!“ der tauſendfach erſcholl, ſetzten ſich alle Scharen zugleich in Bewegung, zogen im Sturm⸗ ſchritt mit vorgeſtreckten Piken den Berg hinab, überſchrit⸗ ten die Straße und wurden mit den Spaniern handgemein, die unbeweglich mit dem Gegenruf;„Es lebe Spanien!“ 26 und mit gleichfalls geſenkten Waffen ſie erwarteten. Ihre gelben und rothen Banner flatterten, die Trommler, Pfei⸗ fer und die andern militäriſchen Inſtrumente machten ein Geräuſch, das bis zum Himmel drang und dem der Wie⸗ derhall und fernes Geſchrei im ganzen Lager antwortete. Bevor die beiden feindlichen Scharen auf einander ſtießen, hatte das Musketenfeuer begonnen; da und dort ſah man einzelne Soldaten ſtehen bleiben, ſchnell die Büchſe auf die Gabel legen, abfeuern und ſich gleich wieder auf den Weg machen, und bald ſah man die erſt noch fo glänzen⸗ den Scharen hier und dort in Rauch gehüllt, der auf ein⸗ mal weiß und dicht ſich um ſie wälzte, bald aber vom Winde auseinandergejagt und zerſtreut wurde. Als aber die erſte Reihe der Italiener ſowohl mit dem Andrang ihres eigenen Ungeſtüms, als mit dem des Drucks der nachſtürmenden Scharen auf die Schlachtreihe der Spanier ſtieß, erhob ſich ein noch ſtärkeres Getöſe von Schwerthieben, die auf die ehernen Rüſtungen fielen, ähn⸗ lich dem dumpftönenden Brauſen des Meeres, wenn es ſich an einem fernen Felſenriff bricht oder vielmehr gleich dem furchtbaren Krachen zweier Kriegsſchiffe, welche ein hefti⸗ ger Sturm gegeneinander ſchleudert. In den Reihen der⸗ jenigen, welche von der Höhe aus dieſes furchtbare Schau⸗ ſpiel betrachteten, verſtummte auf einmal alles Geſchrei, jeder Laut ſogar, und Alle blickten aufmerkfam und ſtau⸗ nend auf dieſe beiden Maſſen von Menſchen, die ſich gegen⸗ einander drängend in einen Knäuel verwickelten und hin⸗ und herwogten, bald Boden gewinnend, bald wieder ver⸗ lierend, während jener Wald von Piken ſich bald vorwärts, bald rückwärts beugte und mitten unter dieſen, von dem Blitzen des Eiſens überfunkelt, Standarten, Banner und Federbüſche von tauſenderlei Farben erglänzten. In der Mitte, wo der wildeſte Kampf in nächſter Nähe tobte, wo die Bewegungen der Streiter raſcher, aber weniger geord⸗ net waren, funkelten die raſch geſchwungenen Schwerter blendend von den Stralen der Sonne; von Zeit zu Zeit 27 ſah man durch den ſchnellen Fall Verwundeter oder Ge⸗ tödteter Lücken eutftehen, aber dieſe Lücken wurden augen⸗ blicklich wieder ausgefüllt, denn Andere traten auf die Ge⸗ fallenen, ohne darauf zu achten, ob es Freunde oder Feinde waren und nahmen deren Stelle ein, häufig, um bald darauf ebenfalls über ſie hinzufinken. Als der Rauch, welcher an einigen Punkten dichter emporgeſtiegen war, ſeinen Schatten über die Kämpfenden breitete, erblickte man in Ueſen Nebel gleich feurigen Zungen die Blitze der abgefeuerten Schüſſe, deren Licht erblaßte oder gänzlich verſchwand, wenn das Licht der Sonne den Rauch wieder zerſtreute. Trotz„dem ungeheuren mißtönenden Lärm, welchen das fortwährende Schießen, das Wirbeln der Trommeln und das Zuſammenklirren der Waffen ve rurſachte, ver⸗ nahm man von Zeit zu Zeit den furchtbaren Siegesruf derjenigen Partei, welche einen t über die Andere t getragen zu haben glaubte, bald ſtieg der Ruf: „Italien!“ bald der:„Spanien!“ um Himmel empor und wurde von den Zuſchauern mit gleichem Geſchrei und mit Händeklatſchen empfangen, wie die alten Römer bei ihren Fechterſpielen im Circus zu thun pflegten. Dieſes Schauſpiel aber, welches in der Ferne einen prachtvollen Anblick gewährte, der durch das Glänzen der Waffen, den Reichthum der Farben und Anderer Verzie⸗ rungen und die Schönheit des wolkenloſen Himmels, der Alles dieſes umſtralte, etwas Anmuthiges hatte, nahm ſich in der Nähe um ſo furchtbarer und tragiſcher aus. Da die Soldaten mit ſolcher Erbitterung kämpften, daß ſie ſich lieber mit den Hellebarden durchſtoßen ließen, als eine Hand breit wichen, ſo war es ein größeres Glück, wenn einer getödtet wurde, als wenn er nur verwundet zu Bo⸗ den fiel. Letztere nahmen ein viel beklagenswertheres Ende, denn ſie hauchten ihre Seele im letzten Todeskampfe unter den Fußtritten der vielen Nachdrängenden aus und man hörte unter den Beinen der Kämpfenden(denn ſehen konnte 28 man Nichts in dieſem Gedränge) Wuthgeheul, Flüche, Stöhnen, Schmerzgeſchrei und manchmal auch ein from⸗ mes Flehen zur göttlichen Barmherzigkeit. Da der Boden ein wenig abhängig war, ſo floß das Blut in kleinen Bä⸗ chen aus den Reihen der Kämpfer hervor und ſammelte ſich an tieferen Orten zu Pfützen, ſo viele Todte hatte bereits ein Kampf von wenig mehr als einer Stunde ge⸗ koſtet, ohne daß man noch irgend vorherſehen konnte, wem die Ehre des Tages bleiben würde. Lange konnte übrigens ein ſo blutiges Gefecht nicht unentſchieden bleiben und gerade jetzt ſollte die Wage ſich gegen die eine oder die andere Seite ſenken. Unſere jungen Helden, welche mit Fanfulla in den erſten Reihen mit aller Tapferkeit und mit dem größten Ungeſtüm kämpften, ſtritten, beſtändig dicht um die Fahne gedrängt, trieſend von Schweiß und Blut, unter einem Haufen von Leichen, über welche ihre Füße jeden Augen⸗ blick ſtrauchelten, denn an den freien Plätzen war ſelbſt der Erdboden durch das Blut ſchlüpfrig geworden. Auf einmal ſahen ſie über den vordern Reihen, von einem dich⸗ ten Schwarm der Feinde beſchützt, die Hauptfahne der Spanier flattern, die ein Bannerträger von furchtbarem Ausſehen hielt, dem die Natur, was bei dieſer Nation ſel⸗ ten vorkommt, einen ſehr hohen Wuchs und rieſenmäßigen Körperbau verliehen hatte. Jetzt erkannte Lamberto, daß der entſcheidende Angen⸗ blick gekommen ſei, von deſſen geſchickter Benützung das Schlachtenglück abhängt. Er gab Fanfulla einen Wink, der gerade eine Kraftanſtrengung machte, um ſein Schwert aus dem Körper eines Spaniers zu ziehen, den er getödtet hatte, mit den Worten:„Sie haben ſieben Seelen und ein Leben wie eine Katze; ſo lange ſie noch Blut übrig haben, wollen ſie nicht ſterben.“ Lamberto, ſage ich, rief den Seinigen zu: „Auf die Fahne, tapfere Männer! Die Fahne zu Boden und der Tag iſt unſer!“ u 29 Alle ſtürzten ſich, wie Löwen, nach jener Seite, er ſelbſt voran, mit jener unglaublichen Tapferkeit und Ge⸗ wandtheit, die ihm eigen war, und ohne daß einer der Feinde ihn abwehren konnte, ſtieß er dem Bannerträger ſein Schwert in den Leib und vorwärtsſtoßend heftete er ihn mit dem Griff des Schwertes an die Erde; mit ihm fiel ſein Banner, das ſehr groß war und vom Winde ge⸗ beugt wurde und bedeckte viele Soldaten, welche nun am Sehen verhindert, ſich nicht rühren noch kämpfen konnten und, während ſie ſich jenes Hinderniſſes zu entledigen ſuch⸗ ten, eine ſolche Verwirrung in ihren eignen Scharen her⸗ beiführten, wie ſie bei den Galeerenſtlaven ſtattfindet, wenn bei einem Schiffbruch der Maſtbaum mit allen ſeinen Se⸗ geln bricht und auf ſie fällt. Die Unſrigen verloren keinen Augenblick; ſie drangen mit Dolchen und Meſſern in dieſe Lücke und ſchlachteten ſo, daß nur Wenige von dieſen Gehemmten ſich wieder frei machen konnten und faſt Alle, von hundert Stichen durch⸗ bohrt, zu einem Leichenberge übereinander hinſanken. Lam⸗ berto machte ſich ein wenig Platz, ergriff die Fahne, drehte ſie um, indem er die vergoldete Spitze, welche ſie am obern Ende hatte, in den Boden ſtieß und ſagte zu Bindo, den er am Arme zurückhielt, als er ſich eben auf die von allen Seiten herbeiſtürzenden Feinde werfen wollte: „Halte dieſes Banner feſt, denn bei Gott, jetzt haben wir geſiegt!“ Der gute Lamberto ſah ein, daß um dieſe Fahne ſich der letzte und furchtbarſte Kampf erheben würde, und daß, während der Jüngling zu der Ehre des Fahnenträgers kam, dieſer eben dadurch in den Mittelpunkt der Seinigen an den ungefährlichſten Punkt der Schlacht verſetzt würde. Wirklich zogen die Spanier ihre ganze Macht an die⸗ ſem Punkt zuſammen, als ſie ihre Fahne am Boden er⸗ blickten; aber die Italiener drangen eben ſo ſchnell unter furchtbarem und freudigem Siegesgeſchrei heran. Dadurch 30 ſammelte ſich ein ſo gedrängter und enger Kreis um Bindo, der jetzt den Mittelpunkt bildete, daß es unmöglich war, Spieße oder Schwerter zu gebrauchen, und daß ſie ſich kaum ihrer Dolche bedienen konnten; deſto erbitterter aber und angeſtrengter wurde der Kampf, denn man mußte, ſo zu ſagen, bohren, um einander treffen zu können; die Arm⸗ ſchienen, die Schilde, die Bruſtpanzer waren im Ringen eng an einander gedrängt; jeder fühlte in ſeinem Geſicht den haſtigen glühenden Athem des Feindes, den er vor ſich hatte, und Leben und Tod hingen davon ab, wer zuerſt das Glück hatte, von unten und im Verborgenen einen Weg für ſeinen Dolch zu finden; daher kam es oft vor, daß von zweien, die mit knirſchenden Zähnen, mit wuth⸗ 3 glühenden Geſichtern darauf lauerten, einander den Tod geben zu können, auf einmal das Geſicht des Einen er⸗ bleichte, ſeine Augen ſich verzerrten und brachen und das Haupt ſich ſenkte, während der in der engen Schlachtreihe gefangene Leichnam längere Zeit brauchte, bis er zu Bo⸗ den kam. Bei gleichen Kräften, gleichem Muth und gleicher Er⸗ bitterung kann oft eine Kleinigkeit den Sieg entſcheiden. Die gefallene Fahne brachte eine große und augenblickliche Wirkung auf den Muth derjenigen hervor, welche entfern⸗ ter kämpften, indem ſich derjenige der Spanier verminderte, der der Italiener aber erſtaunlich vermehrte und das un⸗ aufhörliche begeiſterte Geſchrei:„Sieg, Sieg!“ wurde an dem Orte, wo der heftigſte Kampf um die Fahne geſtrit⸗ ten wurde, häufig wiederholt. Die merkwürdigſten Waf⸗ fenthaten wurden ſowohl in der Vertheidigung derſelben, als bei den Verſuchen, ſie wieder zu gewinnen, vollführt und als ſo viele gefallen waren, daß das erſte Gedränge ſich aufgelöſt hatte und die Männer ſich wieder ein wenig ordnen und ihrer Waffen bedienen konnten, ſah man einen Spanier über die Leichenhaufen ſpringen, ſich der gefalle⸗ nen Fahne nähern und ſie ergreifen, während Bindo mit der Hand, die er frei hatte, einen Schwertſtoß führte, der — N 31 ihn ganz durchbohrte und zu ſeinen Füßen niederſtreckte. Aber ein zweiter und ein dritter waren dem erſten gefolgt, warfen ſich auf den Schaft der Fahne und machten un⸗ che Anſtrengungen, um ſie aus den Händen Bindo's zu reißen; nicht minder zerrten die Unſern daran, welche herbeigeeilt waren, um zu helfen, und dabei wurde beſtän⸗ dig mit furchtbarer Anſtrengung gekämpft. Gefallene rich⸗ teten ſich in ſchänmender Wuth wieder empor und Averardo, der in einiger Entfernung kämpfte und die Gefahr ſeines Bruders erblickte, ſprang herbei, hob ein ungeheures zwei⸗ ſchneidiges Schwert hoch empor, daß es pfeifend auf das Haupt des hartnäckigſten der Spanier fiel und ihm den Hirnſchädel ſpaltete, und rief grimmig aus: „Nimm dieſe Beute von der Plünderung von Florenz mit nach Hauſe, Du Schurke!“ und während er dieſe Worte brüllte, hatte er mit unglaublicher Schnelligkeit und Wuth einen Zweiten getödtet und einen Dritten ver⸗ wundet und indem er fortfuhr, ſein Schwert in ſo ſchnel⸗ len Schwingungen zu gebrauchen, daß man es in der Luft“ mehr hörte als ſah, rief er bei jedem Streiche: Zur Plünderung, zur Plünderung von Florenz, ihr Helden! zur Plünderung, zur Plünderung! In Spanien warten ſie auf die Nachricht!“ Kurz die Fahne blieb, wenn auch an der Spitze ab⸗ gebrochen, zerriſſen und mit Blut und Moraſt bedeckt, den⸗ noch in der Gewalt der Italiener, welche, ſtolz auf dieſe Ehre und angefeuert dadurch, daß ſie während des Kam⸗ pfes die Zuſchauer auf den umliegenden Höhen mit Tü⸗ chern winken und die Arme zum Zeichen des Beifalls er⸗ heben ſahen und daß ſie einige Truppen bemerkten, welche aus den Thoren von Florenz zogen, die ſie für Bundesge⸗ noſſen hielten, welche dem Verſprechen gemäß ihnen zu Hilfe kämen, erhoben von Neuem und noch lauter das Ge⸗ ſchrei:„Sieg! und;:„Italien lebe!“ und der Sturm, den ſie auf die Reihen der Feinde unternahmen, war ſo plötzlich, ſo kräftig und ſo zuſammenwirkend, daß ſie jetzt zuerſt in Unordnung zu gerathen anfingen, und immer mehr wuchs der Muth und die Anſtrengung der Italiener, immer augenfälliger begannen die Spanler zurückzuweichen, wäh⸗ rend ſie ſich immer noch muthig genug vertheidigten, daß es keine Flucht genannt werden konnte. „Da ſind ſie! Da ſind ſie!“ riefen unſere jungen Helden, und die Hauptleute der italieniſchen Scharen winkten denen, welche aus der Porta Sb Friano gezogen waren:„Da kommen die Unſrigen uns zu Hilfe!“ Das muthige, ungeſtüme Andringen der Italiener wuchs bei dieſer Nachricht, bei Einigen durch die Hofſnung auf Verſtärkung, bei Andern, um jene nicht zeitig genug ankommen zu laſſen, die Ehre des Sieges mit ihnen zu theilen; immer weiter wichen die Spanier zurück, Einige ſogar begaben ſich unverhohlen auf die Flucht und verließen das Treffen. Ihre Gegner folgten ihnen, von freudiger Kampfwuth berauſcht, auf Leben und Tod. Durch dieſe Bewegung wurde das Schlachtfeld auf einen andern Ort verlegt und derjenige Punkt, wo bisher geſtritten worden ſi von mehr als ſechshundert Leichnamen bedeckt, ver⸗ aſſen. Warum aber machten jene Scharen, die aus den Thoren gezogen waren, ſo nahe an der Stadt Halt? Weil ſie, nicht wie die Kämpfer glaubten, deßhalb kamen, um ſich mit ihnen zu vereinigen, ſondern von Malateſta ge⸗ ſendet waren, der ſie aus Corſen und Peruginern zuſamen⸗ geſetzt hatte, auf die er ſich am meiſten verlaſſen konnte; ſie ſollten blos beobachten, welchen Ausgang die Sache nehmen würde und zugleich Lie Soldaten abſchrecken, welche etwa in Florenz Luſt gehabt haben könnten, ſich zu empören und ihren Landsleuten zu Hülfe zu ziehen. Die⸗ ſes war die Wirkung des Blatts, welches Troilo in St. Marco geſchrieben hatte. Dennoch hätte auch ohne dieſe Verſtärkung der Sieg für die italieniſche Partei entſchieden ſein können; aber es ſtand im Himmel geſchrieben, daß auch bei dieſer Ge⸗ ———— 33 legenheit das Blut ſo vieler ehrenwerther, großherziger Ita⸗ liener ohne irgend einen Vortheil vergoſſen werden ſollte. Die Lanzenreiter, die mehr als tauſend Mann ſtark waren, auserleſene, im Krieg ergraute Streiter, hatten, weil ſie dieſen Kampf als einen Privatſtreit zwiſchen zwei Nationen um der Ehre willen betrachteten, verſprochen, ſich nicht einzumiſchen, noch für die Einen oder die Andern Partei zu ergreifen, und waren zwar bewaffnet und ge⸗ rüſtet, aber als müßige Zuſchauer des Kampfes in ihren Quartieren ſtehen geblieben. Als Don Ferrante bemerkte, daß die Italiener die Oberhand bekamen und ihren Vor⸗ theil ſo kühn verfolgten, befürchtete er, es möchte ihnen wirklich gelingen, ihre Feinde ganz zu zerſtreuen und zu ver⸗ nichten, und obgleich er nicht von den Planen der Pia⸗ gnoni unterrichtet war, die in Florenz eingeſchloſſenen Soldaten zu Gunſten ihrer Landsleute aufzuwiegeln, ſo fürchtete er doch, es könnte dieſes leicht geſchehen und ſah darin einen großen Nachtheil für das kaiſerliche Lager und ſeine ganze Unternehmung, welche bereits zu einem ſo glücklichen Ende geführt ſchien. Er begab ſich ſchnell da⸗ hin, wo ſich die Lanzenreiter befanden und ſagte zu ihrem Befehlshaber Tanuſio, indem er ſich ſtellte, als ob er das ganz gewiß wiſſe, was er nur vermuthete: Die Italiener, innerhalb und außerhalb der Mauern hätten ſich verſtän⸗ digt, mit allen Ausländern anzubinden, welche in dieſem Feldzug dienten; mit den Spaniern hätten ſie angefangen und wenn er ihnen. Zeit laſſe, ſie wirklich zu ſchlagen, ſo würden ſie alle zugleich über die Lanzenreiter herfallen; ſie möchten alſo auf ihre Rettung bedacht ſein und ihm nach⸗ her nicht vorwerfen, daß er ſie nicht gewarnt habe. Wäh⸗ rend er ſprach, zeigte er Tanuſio die Fähnlein, welche aus Florenz zogen und ſagte: „Da kommen ſie gerade heraus; in welcher Abſicht, das weiß Gott, aber bald werdet ihr es auch wiſſen.“ „Der Kunſtgriff des Don Ferante(und zum Theil hatte er nicht Unrecht) that die gewünſchte Wirkung; Niccolo de' Lapi. II. 3 11 4 . 4 3 13 1 . ſi 1 6 — — 34 wenige Augenblicke nachher zogen zwölf Fähnlein Lanzen⸗ reiter, mit ihrem Feldherrn an der Spitze, in gedrängten Reihen und in ſtarkem Schritt den Berg herab und be⸗ drohten die Italiener im Rücken, welche ermattet, an Zahl geſchwächt und nicht ſehr in Ordnung waren, theils in Folge des langen Kampfs, theils in der gewiſſen Mei⸗ nung, jetzt Sieger zu ſein. Fanfulla, der, wie er in der vergangenen Nacht in in S. Marco ſich ausgedrückt hatte, als er die Eigen⸗ ſchaften eines alten Soldaten beſchrieb, immer ein Auge bei der Katze und das andere bei der Schüſſel hatte, be⸗ merkte dieſe Bewegung zuerſt und machte ſeine Gefähr⸗ ten darauf aufmerkſam, welche ſtaunend nicht daraus klug werden konnten, was wohl die Abſicht der Lanzenreiter ſein moͤge. Einige Büchſenſchüſſe aber, welche aus ihren Reihen abgefeuert wurden und einige der Streiter verwun⸗ deten, ließen keinen Zweifel mehr übrigz die armen Ita⸗ liener, welche in die Mitte genommen und niedergemacht wurden, riefen:„Verrath!“ Zu gleicher Zeit aber mußten fie daran denken, ſich von einem Orte zurückzuziehen, wo ſie, von jeder Seite angegriffen, ſich unmöglich länger hal⸗ ten konnten. Mit einer Schwenkung zur Rechten näherten ſie ſich in engen Reihen beſtändig, ſowohl die Lanzenreiter als die Spanier, welche bei der Ankunft der unerwarteten Hülfe wieder angriffsweiſe verfuhren, von ſich abwehrend, dem Arno, in der Abſicht, ihn unter Monte Uliveto zu durch⸗ waten und ſich auf dem andern Ufer in Dörfern bei Fie⸗ ſole zu verſchanzen. Der Strom, der, in dieſer Jahreszeit faſt immer ſeicht und waſſerarm, auf einer Seite ſeines Bettes daherfließt und die Kieſel des übrigen Bettes trocken und weißglänzend liegen läßt, war durch das Unwetter der vergangenen Nacht nicht wenig angewachſen und ſtrömte trub und angeſchwollen, jedoch nicht ſo tief, daß er gar nicht hätte durchwatet werden können, namentlich von ſo tapfern, wagehalſigen Männern, X 35 die noch überdieß, von einer übermächtigen Anzahl von Fein⸗ den gedrängt, keinen andern Weg zum Rückzug hatten. Lambertv, Fanfulla und die Hauptleute, die noch am Leben waren, wählten ſogleich ihre beſten Soldaten aus und ſtellten ſie ſo auf, daß ſie den Angriff der Feinde auf⸗ hielten, damit ihre Gefährten Zeit gewinnen könnten, das Durchwaten zu verſuchen und ſich ſicher an das gegenüber⸗ ſtehende Ufer zu begeben. Wenn jene Truppen, die auf Malateſta's Befehl aus Florenz gezogen waren, diejenigen geweſen wären, welche unſere Landsleute erwarteten, ſo war jetzt der Zeitpunkt gekommen, den Spaniern und den Lanzenreitern die Spitze zu bieten und vielleicht konnte dieſer Angriff das Gefecht wieder herſtellen und einen neuen Sieg herbeiführen. Da man ſie aber unbeweglich ſtehen ſah, ohne daß ſie irgend Miene machten, vorzurücken, ſo verzweifelten Lamberto und ſeine Gefährten, ließen es aber während des Kampfes nicht an Winken fehlen, indem ſie den Bannerträgern befahlen, die Fahnen zu ſchwenken und riefen:„Hieher, Italien! Hieher!“ So bald ſie aber bemerkten, daß Cencio Guer⸗ cio, der Spürhund des Malateſta, an der Spitze dieſer Truppen ſtand, verloren ſie vollends alle Hoffnung. Indeſſen hatte ſich das Strombett des Arno bereits mit Soldaten gefüllt, welche ſich ihrer Piken bedienten, um ſich damit dem Strom entgegen zu ſtemmen, der mit ſeinen gelben brauſenden Wogen ſchäumend und raſch hin⸗ ſtrömend ihnen an vielen Stellen bis an die Bruſt und bis an den Hals ging, ſo daß Einige fortgeriſſen wurden, Mehrere ſich kaum aufrecht erhielten und ein Paar ertran⸗ ken; alle wurden zugleich von dem Ufer aus durch einen dichten Kugelregen beläſtigt. Deſſenungeachtet gelangte die Mehrzahl glücklich an das entgegengeſetzte Ufer und es blieben nur noch unſere Freunde mit den Wenigen, welche fortgekämpft hatten, um den Uebergang über die Fuhrt zu decken, zurück. Die Menge der Feinde würde dieſe gewiß erdrückt haben, wenn ihre Tapferkeit geringer 36 geweſen wäre, als ſie wirklich war, und wenn nicht der größte Theil der Spanier und Lanzenreiter vom Kampſfplatz fortgeeilt wäre, um die leeren Quartiere der Italiener auszurauben, welche der Plünderung preisgegeben, nieder⸗ gebrannt und mit unglaublicher Wuth und Habgier zer⸗ ſtört wurden. Deſſen ungeachtet waren es diejenigen, bei welchen die Wuth den Geiz überwog, nur zu Viele gegen die kleine Anzahl der Unſerigen, die es nicht dulden mochten, daß eine handvoll Männer nicht nur ſie aufzuhalten, ſondern ſogar ihnen zu trotzen vermöge. Sie drangen mit Schimpf⸗ worten und Schmähungen auf die Tapfern ein, welche ſich wie eingeſchloſſene reißende Thiere bis auf den Tod ver⸗ theidigten. In dieſem Augenblick ſank von einer Streitart getroffen der arme Vieri todt nieder; Averardo, der es allein von den Brüdern bemerkte, wendete ſich wüthend gegen den Thäter, aber zu gleicher Zeit traf ihn eine Büch⸗ ſenkugel, die ihm das rechte Bein abſchlug; er fiel neben dem Leichnam ſeines Bruders auf die Knie nieder, eine Pandbreit vom Ufer, das hier ſteil gegen den Fluß abhing. Als er ſich ſo in ſeiner Rache gehemmt ſah, nahmen ſeine ohnehin ſchon wilden Züge einen furchtbaren Ausdruck anz er knirſchte mit den Zähnen, ſeine Augen ſprühten Feuer, daß Vieri's Mörder mit zum Schlag ausgeholtem Schwerte wie gebannt ſtehen blieb und Averardo, der ihn ſonſt nicht erreichen konnte, ſchleuderte den Degen nach ihm und traf ihn mit dem Griff auf den Bruſtharniſch, ſo daß er zurück taumelte. Dieſer raffte ſich auf und hoffte beim Anblick der reichen Rüſtung des Gefallenen ein bedeutendes Löſe⸗ geld zu gewinnen, wenn er ihn zum Gefangenen mache, was ihm, da jener entwaffnet war, ohne Widerſtand ge⸗ lingen zu können ſchien. Kaum war er jedoch ſo nahe, daß er erfaßt werden konnte, ſo warf ſich Averardo auf ihn, indem er ſich mit äußerſter Kraftanſtrengung auf ſein noch unverletztes Bein ethob, und niemals hat ein Bär im Kampfe ſeine Klauen tiefer in den Rücken ſeines Feindes eingehauen, ſo feſt hielt er ihn und ließ ſich, ihn nachziehend, in den Strom hinab⸗ fallen. Die Wellen öffneten ſich und ſpritzten empor und ſchloſſen ſich ſogleich über die Gefallenen wieder, und da dort gerade einige beſonders tiefe Stellen waren, ſo kamen ſie, in der Tiefe fortgetrieben, erſt nach langer Zeit wieder zum Vorſchein, ſich über einander wälzend und immer feſt umklammert haltend; bald darauf verſchwanden ſie wieder und wurden nicht mehr geſehen. Als Lamberto und Bindo dieſe That bemerkten und Vieri todt auf dem Boden liegen ſahen, ſtießen ſie ein furchtbares Geſchrei aus und wollten ſich in der Ver⸗ zweiflung mitten unter die Feinde, einem ſichern Tod ent⸗ gegen ſtürzen, denn obgleich ſie durch ein wahres Wunder noch keine ſchwerere Wunde davon getragen hatten, ſo blu⸗ teten ſie doch an mehreren Theilen des Körpers und ihre Kräfte fingen an nachzulaſſen, weil ſie ſchon mehrere Stun⸗ den in einer ſo drückenden Hitze kämpften, daß ihre Rü⸗ ſtungen von der Sonnenhitze beinahe glühten, aber Fan⸗ fulla, der durch lange Angewöhnung an ſolche Scenen den Kopf nie verlor, ſah wohl ein, daß es nicht Zeit ſei, da⸗ ran zu denken, die Todten zu rächen, ſondern vielmehr die Lebenden zu retten, und fand ein Mittel, die beiden noch übrigen Angehörigen des Hauſes Lapi aus dieſem verzwei⸗ felten Handgemenge zu ziehen. Er ergriff den Augenblick, da die Feinde, erſtaunt über die wilde That Averardo's, ein wenig ausruhten und um zu ſehen, wie die in den Fluß Gefallenen enden würden, und ſagte raſch zu Lamberto: „Wir wollen Bindo retten, denn hier iſt Alles vor⸗ bei, Ihr auf dieſer und ich auf jener Seite wollen wir ihn in den Arno ziehen und wo möglich übergehen. Lamberto war aus Schmerz über die geſcheiterte Un⸗ ternehmung und über den Tod ſeiner beiden Verwandten ganz außer ſich gerathen und hatte wirklich ebenfalls den Tod ſuchen wollenz nun aber erinnerte er ſich plötzlich an Niccolo und Laudomia und der Gedanke kam ihm zu gräß⸗ 38 lich vor, daß der arme Greis auch noch dieſen Knaben verlieren ſolle, ohne daß es der Stadt irgend einen Nutzen brächte. Geſagt, gethan, faßte er Bindo unter dem einen Arm und Fanfulla ergriff ihn am andern. So zogen ſie ihn fort und zwangen ihn, obgleich er ſich aus Leibeskräf⸗ ten dagegen wehrte, mit ihnen in den Fluß zu ſpringen. Es war hohe Zeit, denn beinahe allein übrig geblie⸗ ben, hätten ſie, wenn ſie nur noch ein wenig gezögert ha⸗ ben würden, keinen Ausweg mehr gehabt, als ſterben oder ſich ergeben. Kaum hatten die Italiener, welche bereits auf das jenſeitige Ufer übergegangen waren und ſich dort in Ord⸗ nung aufgeſtellt hatten, dieſe in den Arno ſpringen ſehen und zwar ſo, daß ihre Kugeln über ſie wegfliegen konnten, ſo begannen ſie die Feinde mit Büchſenſchuſſen anzugreifen und trieben ſie vom Ufer zurück, ſo daß unſere Helden glücklich zu ihren Landsleuten gelangten. Dieſe feuerten noch einmal alle ihre Gewehre auf den Feind ab und zo⸗ gen dann langſam und in Schlachtreihen mit wirbelnden Trommeln und mit flatternden Fahnen, ſo daß es nicht den Anſchein einer Flucht hatte, den Arno im Rücken laſ⸗ ſend, längs der Mauer nach den Hügeln von Fieſole hin. Dort angekommen, ſchlugen ſie ihr Lager an einer Stelle auf, wo ſie nicht leicht angegriffen werden konnten, und die Spanier und Lanzenreiter blieben ihrerſeits in Waf⸗ fen und auf ihrer Hut, denn ſie fürchteten, ihre Feinde möchten, den geſcheiterten Plan beſſer anordnend, den An⸗ griff mit glücklicherem Erfolg erneuern; dieſe Furcht machte ſie gehorſamer und unterwürfiger gegen ihre Befehlshaber, welche ſonſt ihre Noth mit ihnen hatten. Und ſo war der feine Plan des Baccio Valori zu gleicher Zeit die Rettung von Florenz und der Tod von ſo Vielen, welche, wenn ſie am Leben geblieben wären, Sold verlangt hätten, zur nicht geringen Erleichterung der apoſtoliſchen Kaſſe, welcher dieſe Herabſetzung des Preiſes von Florenz zu Gute kam. Valori hatte mit Troilo, Malateſta und Nobili von einem Thurme des Hauſes Bini aus den ganzen Hergang mit angeſehen. Als er den Erfolg ſo ſehr ſeinen Wünſchen gemäß fand, rieb er ſich vergnügt die Shnve holte frei und lange Athem und ſtieß ein frendiges: Oh! aus. „Jetzt iſt es wirklich und völlig vorüber... wir ſind Herren von Florenz!“ Nobili, der Tag und Nacht von den Schätzen Nicev⸗ los träumte, ſagte nun mit gierigen Blicken, halb zu Bac⸗ cio, halb zu Troilo: „Jetzt laßt uns um Gotteswillen eilen, daß er uns nicht entgeht.“ „Und daß mir Laudomia nicht entgeht, dieſe Blume, dieſe Lilie, dieſe Schönheit der Schönheiten,“ fügte Troilo lächelnd hinzu und dachte zugleich:„Wenn Selvaggia hier wäre, würde ſie auch ſagen, wenn mir nur Lamberto nicht entgeht!. Wir brauchen nicht zu fragen, ob bei die⸗ ſer Beuteaustheil ung jeder mit ſeinem Antheil zufrieden war. Baccio war ſo guter Laune, baß er Troilo am Bart zog und zu ihm ſagte: „Eine er und hundert hat er im Kopf, dieſer Schelm! Laßt uns hören, was iſt das für eine neue Thorheit mit dieſer Laudomia? Du haſt mir, glaub' ich, ſchon etwas davon geſagt, aber ich hatte andere Gedanken im Kopfe.. Nun laß hören!. Iſt es wieder eine Liebſchaft?“ Er verdrehte die Augen und ſagte ſpaſſend: „Schämſt Du Dich whr mit Weib und Kin⸗ pern„ „Herr Baccio,“ erwiderte Troilo, indem er ſeinen Bart von den Fingern des Valori befreite,„ſeht Ihr, mein Schickſal iſt gerade das entgegengeſetzte von dem des flo⸗ rentiniſchen Volks: dieſes geht jetzt aus der Vielherrſchaft zu der eines Einzigen über, ich kehre ſtatt deſſen von der Herrſchaft einer Einzigen zur Vielherrſchaft zurück!... Das iſt eine wahre Conſtellation. Dankt Gott, daß dem ſo iſt; wäre nicht die Hoffnung geweſen, am Ende noch 40 das ſchoͤne Töchterchen zu gewinnen, ſo hättet Ihr warten können, bis ich mich dazu hergegeben hätte, mich ſo lange zu plagen.“ „Gut, gut, jetzt aber erzähle uns!“ „Es iſt bald erzählt. Sie gefällt mir, weil ſie ſchön iſt und ſchöne Mädchen ſind, wenn ich nicht irre, für ſchoͤne junge Männer auf der Welt. Bis jetzt war nichts zu machen, da Niccolo und die ganze Meute um den Weg war, und wenn ich es geſtehen ſoll, ſo würde es ohnehin vergeblich geweſen ſein. Denkt Euch, einſt wollte ich ihr ein Wörtchen nur im Spaß ſagen gar nichts Ver⸗ fängliches, aber ſie machte ein paar Augen auf mich und ſagte mit ihrem Honigmäulchen zu mir: Das iſt weder das Benehmen eines Chriſten, noch das eines Edelmanns! Nur Geduld, dachte ich, wenn Dir dieſes Benehmen nicht gefällt, ſo ſollſt du ſchon noch ein anderes er⸗ fahren.“ Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Und worin wird das beſtehen?“ fragte Baccio, der an den ſchlechten Streichen Troilos Gefallen fand und ſich an der drolligen Weiſe ergötzte, mit der er ſie er⸗ zählte. „Wohlan! Wir wollen aber einen Schritt weiter zurücktreten. Aus den Reden, die im Hauſe gefallen ſind, habe ich geſchloſſen, daß Niccole nach Genua zu dem Herrn Andrea Doria zu flüchten beabſichtigt, daß er den Weg dahin über Piſtoja und die Montagna machen und auf einem Landgut übernachten wird, das er nicht weit von Sankt Marcello beſitzt. Wenn Ihr meinem Rathe folgt, ſo laßt Ihr ihn abziehen, denn wenn Ihr ihn in 41 Florenz faſſen wolltet, ſo möchte ich nicht darauf ſchwören, daß nicht eine gefährliche Empörung im Volke ausbricht. Geſtern Nacht in S. Marcv hätte man alle dieſe zer⸗ lumpten Arbeiter ſehen ſollen, wie ſie ihm anboten, für ihn in den Tod zu gehen!... Wir wollen ihn alſo gehen laſſen und auch ich werde mich ſtellen, als ob ich mit ihm die Flucht ergreife, und wenn Ihr mir nur fünf oder ſechs Bewaffnete gebt, die uns in der Ferne folgen und welche eine Perſon begleiten ſoll, die ich wohl kenne und die nicht überflüſſig ſein dürfte genug, das ſei meine Sorge, aber die Soldaten ſollten einen zu⸗ verläßigen Mann zum Anführer haben—“ „Ich will gehen,“ rief Nobili, der ſchon bange war, es möchte ihm etwas entgehen. Troilo muſterte ihn von Kopf bis zu Fuß mit höhni⸗ ſchem Blick und ſagte: Gut, dann könnt Ihr ſelbſt zuſehen und jene werden ſich rühmen können, einen Befehlshaber gehabt zu haben, wie man keinen andern findet.. Wenn wir alſo im Gebirg ſind, ſo werden wir mit Hülfe der Par⸗ tei der Panciatiechi, wenn die Unſern nicht ſtark genug ſein ſollten, ſie in aller Stille nach Florenz zurückbringen, oder vielmehr, Meiſter Benedetto hier wird Niccolo zurückbringen und dem Henker überliefern. Ich ſchlage mich, wenn wir gegen Prato hinkommen, mit dem Mädchen und dem an⸗ dern Troß links und begebe mich auf das Landhaus des Herrn Baccio Valori, um dort mit dem Verwalter abzu⸗ ſchließen und ein Glas guten Wein zu trinken, und Herr Baccio wird mir einen Brief mitgeben, damit, wenn ich ein Zimmer brauche und ein Bett, um mich ein wenig darauf zu werfen, ich nicht im Freien bleiben muß, denn ich habe keinen Schlüſſel.“ „Alſo ſoll ich Dir auch noch die Leiter halten, Schelm?“ „Je nun, damals, als Herr Benedetto ſeine Dienſte für die Goldgulden Niccolos anbot, die ihn beinahe zu 42 Thränen rührten.. was habe ich Euch geſagt? Daß ich mich nicht um Geld verkaufe, ſondern etwas ganz An⸗ deres verlange. Jetzt habe ich meinen Lohn genaunt, um das Uebrige bekümmere ich mich nichts Ich mache es, wie es die alten Römer mit den ſchonen Sabinerinnen machten: da ſie ſie mitLiebe nicht gewinnen konnten, nah⸗ men ſie ſie mit Gewalt. Wir würden dem Leſer keinen großen Gefallen thun, wenn wir die Unterredung dieſer Schurken vollſtändig wiedergeben wollten; wir haben es in ſo weit zur Genüge gethan, als zur Verſtändlichkeit unſerer Erzählung durch⸗ aus nöthig iſt. Wir wollen ſie alſo jetzt ihre Ränke ſchmieden laſſen, denn nicht jeder von ihnen wird, wenn es Gott gefällt, Urſache haben, ſich ſeines Sieges ſonder⸗ lich zu freuen und wollen ſehen, was indeſſen im Hauſe Lapi vorging, wohin Niecolo zurückgekehrt war und bereits die traurige Nachricht von der Niederlage des italieniſchen Heeres erhalten hatte. Sobald ihm dieſes von Jemanden, welcher von den Mauern aus Augenzeuge geweſen war, hinterbracht wurde, ſendete er ſeine Töchter aus dem Zimmer, welche weinend und bebend bei ihm ſtanden und erſt ſeinem wiederholten beſtimmten Befehl Gehorſam leiſteten. Als er die Thüre hinter ihnen geſchloſſen hatte, näherten ſie ſich derſelben wieder und horchten in ängſtlicher Sorge und beteten zu Gott, er möge in dieſem ſchweren Augenblick den Muth und die Kräfte des Greiſes aufrecht erhalten. Als er ſich allein ſah, ſank er zu den Füßen der Niſche auf die Kniee nieder und da er zu ſchwach war, in dieſer Stellung zu bleiben, ſo fiel er mit der Stirne auf die Erde und blieb ſo betend liegen. Es wäre unmöglich, die Verzweiflung ſeiner Seele zu ſchildern, die ſich nunmehr von den Men⸗ ſchen und von Gott verlaſſen fühlte, ſo daß das Licht des Glaubens in derſelben dem Erlöſchen nahe ſchien. Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus und rief aus innerſtem Herzen ℳ ———* S N— — — 43 ſeinen Meiſter und Freund, den Märtyrer, um Vermitt⸗ lung an, denn er war feſt überzeugt, daß dieſer ihn vom Himmel aus hören könne. „O heiliger Vater,“ rief er aus,„Du haſt mich ge⸗ liebt, ſo lange Du auf der Erde wandelteſt, warum haſt Du mich nun verlaſſen? O erhalte den Glauben in mir und nimm mir das Leben. Laß mich ſterben, o mein Gott, laß mich ſterben, denn ich kann es nicht mehr ertragen, ich kann nicht mehr!“ Er blieb ſtumm, unbeweglich und gebrochen von der Laſt ſeines Kummers liegen, deſſen Uebermaß gerade ihm zur Linderung gereichte, da es ſeinen Verſtand verfinſterte iſ verwirrte und deſſen Thätigkeit hemmte, wodurch der betrübten Seele das Gefühl ihres Kummers erſpart wurde; plötzlich aber riß er ſich aus ſeinem Halbſchlummer em⸗ por, denn er S6 eine übermenſchliche Stimme zu ihm ſagen zu hören:„Wer iſt Derjenige, der den Lohn ver⸗ langt, bebor die Sonne untergegangen iſt? Wer begehrt Ruhe, bevor der Tag ſich neigt? Wer hat Dir geſagt, Du ſeiſt von jetzt an ein unnützes Werkzeug, deſſen das Vaterland nicht mehr nöthig haben könne? Kehrten nicht Deine Vorfahren zurück, ſo ot ſie auch in das Clend hin⸗ ausgetrieben wurden? Wer verzweifelt jemals am Vater⸗ land, außer ein Feiger? Niccolo erhob ſeine Stirne, rich⸗ tete ſich wieder auf die Kniee empor und ſtand auf, ein ganz Anderer, als der er eben geweſen war. Sein ſtolzer Geiſt, einer ſtarken und gut geſchmiedeten Stahlfeder gleich, die ein ſchweres Gewicht zwar beugen, aber nicht brechen kann, gewann ſeine ganze Kraft wieder und äußerte ſich in den Worten: „Nun, ſo fliehen wir aus Florenz und ziehen in die Ferne, um dort für die Heimat glücklichere Tage vorzu⸗ bereiten. Ich werde ſie nicht mehr ſehen, ich werde in fremder Erde begraben werden, aber meine Söhne werden ſie ſchauen, wenn mir noch Einer geblieben iſt, das Vater⸗ land wird ſie ſehen. Und ich Elender konnte mir den Tod 44 wünſchen? Nach einem Leben von neunzig Jahren konnte ein Tag erſcheinen, an dem ich mehr an mich ſelbſt, als an das Vaterland dachte?“— Hier hörte er das Schallen mehrerer Schritte in dem Nebenzimmer; er glaubte es möchten die Seinigen ſein, welche aus der Schlacht zurückkehrten und dachte, ob es wohl Alle ſein werden? Er ergriff den Schlüſſel und öffnete und empfing die jungen Männer mit ernſter, aber gefaßter Miene. Als er bemerkte, daß zwei fehlten, ſtutzte er einen Augenblick und ſagte dann: „Kann man ihnen noch Hülfe leiſten, fie noch retten?“ und Lamberto erwiderte: „Sie können uns Hülfe leiſten, denn ſie beten jetzt für uns im Paradieſe.“ Niccolo erwiederte mit leiſer Stimme:„Amen,“ wen⸗ dete ſein Geſicht ab und ſchwieg eine Weile, während die Bewegung ſeiner Lippen zu erkennen gab, daß er betete und ſagte dann: „Ich traure nicht über ihren Tod, da ſie ihn für das Vaterland erlitten haben.. ich hatte ſie zu die⸗ ſem Zwecke erzogen, aber ich traure, daß ſie vergeblich ge⸗ ſtorben ſind. Gott hat über Florenz gerichtet und ſeine Sünden ſind zu ſchwer gefunden worden.. Wohlan, meine Söhne, die Stunde der Verbannung hat für uns geſchlagen! Erinnern wir uns daran, wie oft unſere Vor⸗ fahren zu dieſem Schritte gezwungen waren, ahmen wir ihre Stärke, ihre Standhaftigkeit nach, mit der ſie lange Jahre der Verbannung zu benützen wußten, um ihre Rück⸗ kehr und den Sieg der Freiheit vorzubereiten! Sollen wir weniger ſein als ſie? Ich habe Euch ſchon von mei⸗ nem Vorhaben geſagt, wir wollen nach Genua zu dem Herrn Andrea gehen, dem Manne, der ſein Vaterland hätte unterjochen können und ihm dennoch ſeine Freiheit und ſeine Verfaſſung ließ. Er wird denjenigen aufnehmen, der für die Freiheit gelitten hat. Schafft alles Nöthige herbei; ſobald die Nacht eingebrochen iſt, wollen wir uns * — —B von Florenz entfernen, ich, um es nie wieder zu ſehen, Ihr, um, wenn es Gott gefällt, in beſſern Zeiten zurück⸗ zukehren.“ Er blickte umher und betrachtete noch einmal die Wände und das Geräthe des Zimmers, das er ſeit mehr als fünfzig Jahren bewohnt hatte, und ſagte: Lebe nun wohl für immer, du mein liebes Haus, ich hatte immer gehofft, auf meinem Bette mitten unter mei⸗ nen Söhnen ruhig zu ſterben und daß einſt meine Ge⸗ beine bei denen unſerer Ahnen würden ruhen koͤnnen in unſerer Erbgruft in St. Marco!.... Nun, wie Gott will! Mögen ſie liegen, wo ſie wollen, der Schall der Trompete des jüngſten Gerichts wird bis zu ihnen drin⸗ gen Und dann werde ich den Lohn für den jetzt erduldeten Schmerz gewinnen, wenn ich ihn männlich zu ertragen im Stande war. Während Niccolo's Rede waren die jungen Männer und Fanfulla mit geſenkten Blicken und ernſten Mienen in Schweigen verharrt; Laudomia hatte den Tod ihrer Brüder bitter beweint, dann fragte ſie Lamberto leiſe und ins Ohr: ob er verwundet ſei und keinen Schmerz empfinde, worüber er ſie, um den Greis nicht zu unterbrechen, durch ein Zeichen mit dem Kopf und liebevolle Blicke beruhigte; auch Liſa hatte gleich bei ihrem Erſcheinen, da ſie Troilo nicht unter ihnen bemerkte, mit erbleichtem Geſichte Fan⸗ fulla befragt, der ſie ebenfalls halblaut und mit wenigen Worten über ſein Schickſal beruhigte und ihr ſagte, er werde nun unfehlbar bald erſcheinen; daher gingen die beiden Frauen hinaus um die Anordnungen zur Reiſe zu treffen, zu denen ſie, da nur noch wenige Stunden bis zu Sonnenuntergang fehlten, wenig Zeit übrig hatten. Nunmehr erzählte Fanfulla von der Begegnung des Mönchs am Morgen bei der Porta S. Giorgio und dem Preis, der auf Troilo's Kopf geſetzt ſei, und gab einige Beſorgniß zu erkennen, es möchte ihm übel ergangen ſein, da er ihn nicht zu Hauſe traf. Sogar der gute Niccolv 46 nahm einen herzlichen Antheil an dieſem Verräther, den er in dieſem Augenblicke weniger als je für einen ſolchen hielt. Er wurde ganz ungeduldig und nachdenklich, ob man nicht etwa nach ihm ausſenden und ihn ſuchen ſolle; aber wen? und wohin? Für die Bürger, welche als Pia⸗ gnoni bekannt waren, war es damals gefährlich, in der Stadt umherzulaufen, und wegen des ungewiſſen Vortheils eines Einzigen durfte man die Freiheit und vielleicht das Leben der wenigen Uebriggebliebenen nicht aufs Spiel ſetzen. Dieſe Zweifel löste das Erſcheinen Troilo's, der eben von dem Orte herkam, wo das Blut, die Ehre und das Vermögen Niccolo's verkauft worden war und wo man die letzten Verabredungen getroffen hatte, welche den gänz⸗ lichen Untergang dieſer tugendhaften und unglücklichen Fa⸗ milie herbeiführen ſollten. Der Nichtswürdige hatte ſich im Gehen bemüht, ſei⸗ nem Geſicht ſo gut er konnte den Ausdruck der Trauer und Betrübniß zu geben; aber ein gewandtes, nicht zu ſeinen Gunſten eingenommenes Auge hätte unter dieſer heuchleriſchen Maske die boshafte und ſchlecht unterdrückte Freude, die ihm zuweilen aus den Augen blitzte, erkennen mögen, da er jetzt den höchſten Gipfel des Glückes ſchon mit Händen zu greifen glaubte und ſich im Voraus durch glänzende Vorſtellungen der Ehrenſtellen, der Schätze und der mannigfaltigen und unaufhörlichen Genüſſe ergötzte, welche von jetzt an ſein ganzes Leben erfüllen ſollten und mit dem Gewinn jenes ſchönen und reinen Mädchens, das er ſo lange vergeblich begehrt hatte, begannen. Niccvlo empfing ihn mit einer Umarmung, durch welche ſein Herz doch ein wenig gerührt wurde, als er ſie empfing und erwiederte. Er ſah ein, daß er eine Erklä⸗ rung darüber ſchuldig ſei, wie er dieſen Tag zugebracht habe und erzählte unter tauſenderlei Lügen, wie viele Mühe er ſich gegeben habe, die Truppen in der Stadt aufzuwiegeln, von feinen Anſtrengungen und den Maßre⸗ geln, welche Malateſta getroffen habe, um es zu verhin⸗ e X — S— 47 dern und die florentiniſche Miliz im Zaum zu halten. Er ſchloß mit vielen Weheklagen über das allgemeine Miß⸗ geſchick und ſagte, er ſei gekommen, um mit Niccolo und den Seinigen zu leben und zu ſterben und an Allem, was ſie jetzt beſchließen würden, Antheil zu nehmen. Der gute Greis glaubte das Mährchen von dem Preis, der auf Troilo's Kopf geſetzt ſei und hielt ihn deß⸗ halb für einen Märtyrer der Freiheit, deſſen Leben noch größerer Gefahr, als das aller Andern ausgeſetzt ſei. Er ſagte ihm, daß er bei Nacht in ihrer Mitte Florenz ver⸗ laſſen und gegen Jeden, der ihn angreifen wolle, bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigt werden ſolle. Er warnte ihn und nannte ihn Sohn, ermuthigte ihn und ermahnte ihn zu gleicher Zeit zur Eile, damit Alle zur beſtimmten Stunde bereit ſein möchten, zu Pferd zu ſteigen. Während in den verſchiedenen Theilen des Hauſes die Vorbereitungen zu der traurigen Reiſe eifrig betrieben wurden, wollen wir verſuchen, das Innere eines Jeden zu enthüllen und ſo genau als möglich deſſen geheimſte Ge⸗ danken und Beſorgniſſe in den letzten Stunden vor dem Abſchied ſchildern. Als Niccolo ſich allein ſah, ſetzte er ſich nieder, um Athem zu ſchöpfen und einen Augenblick auszurnhen; dann erhob er ſich mit kräftiger Entſchloſſenheit und ſann nach, auf welche Weiſe er vor allen andern Gegenſtänden die Reliquien des Savonarola mit ſich nehme. Er ſtieg nicht ohne Mühe auf einen Seſſel, nahm die Kutte herab, er⸗ griff den reichgeſtickten Beutel, in welchem ſich die Aſche des Mönchs befand, und legte ſie nicht ohne Thränen in ein Käſtchen mit den Worten:„Wenigſtens werde ich dieſes bei mir haben, bis ich ſterbe!“ Er öffnete nun ſein Gebetbuch, das er zurücklaſſen wollte, weil es ein zu großer Band war und ſchrieb folgende Worte hinein: „Zum Andenken, daß am Auguſt des Jahres 1530 ich, Nieccolo, Sohn des Herrn Cione, in meinem Alter von 90 Jahren, 3 Monaten und 4 Tagen dieſes 48 mein Haus und die Stadt Florenz verlaſſen mußte, weil ſie in die Gewalt der Palleschi und Seiner Heiligkeit des Pabſtes Clemeus VII., der Feinde dieſes Volkes, gekom⸗ men war, welches ſich bis aufs Aeußerſte in muthigem und ehrlichem Kampfe vertheidigte und obſchon es die Freiheit verlor, wenigſtens ewigen Nachruhm bei allen Ehrenmännern verdient, quae semper vivat! Gott un⸗ ſer Herr habe Erbarmen mit unſern Sünden, Amen!“ Hierauf ſammelte er mehrere Papiere und Briefe, welche, wenn ſie von der neuen Regierung gefunden wür⸗ den, mehr als einem Bürger ſchaden konnten, häufte die⸗ ſelben im Kamin auf und zündete ſie an. Während die Flamme ſie verzehrte, dachte er: Bald wird dein Herd für immer erlöſcht ſein, Niccolo! Wer das gewiſſermaßen re⸗ ligiöſe Gefühl kennt, das der Herd des Vaterhauſes in der Seele erweckt, der wird den Kummer des armen Greiſes in dieſem Augenblick begreifen. Vom Kamin aus näherte er ſich dem Bette, nahm ein Kruzifir von Silber von einer der Säulen deſſelben, küßte es und hieng es ſich um den Hals. Er ſelbſt hatte es in die erſtarrten Hände ſeiner verſtorbenen Gattin ge⸗ legt und erſt wieder aus denſelben genommen, als ſie in das Erbbegräbniß gebracht wurde, und als Andenken an ein Weib behalten, das ſtandhaft und demüthig, klug, un⸗ gekünſtelt und unſchuldig die Freude ſeiner Jugend, die Ehre und der Troſt ſeines Alters geweſen war; ſie, die ſo viele Jahre mit ihm verlebt hatte, der ganzen Welt unbe⸗ kannt, ausgenommen ſeinem Herzen. Niccolos Herz war ſtark und unerſchrocken; aber weder hart noch leicht ver⸗ kennend, und jetzt, da er das letzte Andenken an ſein Weib zu ſich nahm, fühlte er es von tauſend Jugenderinnerungen bewegt, die er längſt daraus entſchwunden glaubte.— „O wie viele Schmerzen hat Dir Gott erſpart, in⸗ dem er Dich zu ſich rief vor dieſer Zeit des Unglücks! Den Tod ſo vieler Söhne, den Sturz der Vaterſtadt, Li⸗ ſa's Fall und jetzt die Verbannung, die Flucht! und Elend ———— e„— e——„—„ Sb NM—— S S v X S v8 8 M— w — 49 und Tod in fremdem Lande! O Gott! Du warſt noch barmherzigz wie weinte, wie klagte ich damals! Du wuß⸗ teſt, was das Beſte für mich war; jetzt danke ich Dir, o Gott, denn ich dulde allein!“ Nun wurden verſchiedene Gegenſtände zuſammenge⸗ ſucht, welche zum perſönlichen Gebrauch dienten, und in ein Felleiſen gepackt; dann nahm er aus einer Kiſte einige Geldſtücke, welche ſeinen Nothpfennig bildeten und der einzige baare Schatz waren, den er beſaß, denn jene Keller voll Gold waren nur das gewohnliche Mährchen, das zu jeder Zeit und in jedem Volk über diejenigen ausgeſprengt wird, die man für reich hält. Niccolo konnte ſich zwar mit Recht wohlhabend nennen, aber war weder geizig noch ge⸗ neigt, das Geld unnöthig aufzuhäufen, das er ſtatt deſſen auf den Banken von Venedig, Lyon, Genua und andern Hauptſtädten Europas lebhaft umtrieb, ſo daß er von allen Uebeln der Verbannung die Armuth am wenigſten zu fürch⸗ ten hatte. Als er auf dieſe Weiſe mit allen Zurüſtungen fertig war, ſetzte er ſich nieder, um auszuruhen und be⸗ merkte, daß die Lampe, welche vor der nunmehr leeren und verlaſſenen Niſche hieng, immer noch brannte. Er erhob ſich wieder und blies ſie aus. Dieſe ſcheinbar ſo gleichgültige Handlung war ein neuer und ſehr heftiger Schmerz für den armen Alten, denn ſeit dem Tode Savonarolas, ſeit zwei und dreißig Jahren hatte er dieſes Licht beſtändig brennend erhalten, er war gewohnt, es Tag und Nacht zu ſehen, die Augen beim Gebete und während der langen und einſamen Wa⸗ chen, welche in ſeinem Alter oft die ganze Nacht dauerten, darauf zu heften. Nun kam es ihm vor, als habe ſein Zimmer, dieſes gewöhnlichen Lichtes beraubt, ſeine Seele verloren und ſei ein ganz anderes, ein todtes und ödes ge⸗ worden. Er dachte mit noch bittererem Kummer an ſeine getödteten Söhne, die ſich ſo oft mit ihm an dieſem Orte befunden hatten, der ihm jetzt ſo vielen Schmerz erweckte, daß er ſich kaum aufrecht halten konnte. Jetzt entſtand in Niccolo de' Lapi. Ml. 4 50 ihm eine dringende Sehnſucht, das Zimmer zu verlaſſen, das ſo traurige Erinnerungen in ihm hervorrief. Wirklich war Niccolo der unglücklichſte von Allen in dieſer Familie, denn die Zukunft zeigte ihm keine Hoffnung, jetzt mehr eine Ruheſtätte zu finden. Donna Laudomia bereitete ſich zwar mit Monafede's Un⸗ terſtützung mit feuchten Augen und blutendem Herzen zur Abreiſe; ſie dachte an den Tod ihrer Brüder, an das Un⸗ glück des Vaterlandes, an den Schmerz ihres Vaters und ſah ſich plötzlich unter unbekannte, fernwohnende Leute ge⸗ ſchleudert aus dem geliebten Hauſe, an welches ſich alle Gedanken, alle Freuden, alle Gefühle ihres ganzen Lebens knüpften Aber Lamberto ſollte ja von jetzt an im⸗ mer an ihrer Seite leben, von ſo vielen Gefahren ent⸗ fernt.„„Dieß war doch noch eine Zuflucht, eine Hoff⸗ nung, und wer iſt ganz unglücklich zu nennen, ſo lang er noch Hoffnung hat? Auch die arme Liſa hegte eine ſolche im Herzen, die ihr das gegenwärtige Unglück erleichterte. Die Unglückliche hoffte die Liebe ihres Mannes wieder zu gewinnen; denn die Furcht und faſt die Gewißheit, ihn verloren zu haben, zernagte fortwährend ihr Herz, wenn ſie mit ihm allein ſein würde in fernen Ländern, getrennt von den Gefähr⸗ ten und Freunden, die ſie beſchuldigte, ihn ihr entfremdet zu haben, wenn ſie ihr Leben fern von ſo vielen Gefahren, ſo vielen beſtändigen Zerſtreuungen ſtill und ruhig hinbrin⸗ gen würde; dann hoffte ſie wieder ſo geſund, ſchön und friſch zu werden wie vormals und mitten unter ſo vielen gegenwärtigen Leiden zauberte ihre fruchtbare Phantaſie tauſend Träume von Glückſeligkeit hervor; ſie dachte ſich ihren Mann gefeiert und mit Bewunderung aufgenommen wegen ſeines Benehmens und ſeiner Schönheit und dennoch zu ihr zurückkehrend, ſo liebevoll und vertrauend wie vor⸗ mals; ſie freute ſich dieſes doppelten Triumphes, denn ihr ganzes Herz und jeder Gedanke gehörte Troilo an, und —— NM————— N—— 51 jeden Tag fühlte ſie ſich mehr von Liebe für dieſen Schur⸗ ken verzehrt. Indeſſen war die Sonne untergegangen und von St. Maria Maggiore läutete die Abendbetglocke. Monafede trat mit einer brennenden Laterne in Niccolos Zimmer und wünſchte, wie die Dienſtboten in Italien pflegen, wenn ſie in der Dämmerung ihrem Herrn das Licht anzünden, aus Gewohnheit ihr:„gute Nacht ohne daran zu denken, welchen bittern Hohn jene Worte in dieſem Augenblick ent⸗ hielten. Der Greis lächelte ſchmerzlich, zugleich traten die Jünglinge ſchweigend ein und mit ihnen die Töchter und Fanfulla, der beſtimmt erklärt hatte, ſie nicht verlaſſen zu wollen, bis ſie Alle in Sicherheit wären. Lamberto ſagte, es ſei jetzt Alles zur Abreiſe bereit und gab den Rath, ſie zu beſchleunigen, ehe die Nacht weiter fortſchreite, damit ſie nicht am Thore angehalten würden; denn eine Stunde nach Einbruch der Nacht konnte man nur mit ſehr groößer Schwierigkeit hinauskommen. Bereits ſtanden zwei geſattelte Maulthiere am Hofthor, auf welche das Gepäck geladen werden ſollte, und Lam⸗ bertos Diener holte dasjenige Nieccolos und trug es mit Hilfe der Magd hinaus. Die Zurüſtungen zu dieſer Abreiſe konnten, wie ſich wohl denken läßt, nicht ſo geheim geſchehen, daß die Nach⸗ barſchaft es nicht bemerkt hätte, auch hatte ſich das Ge⸗ rücht bereits im gemeinen Volk verbreitet, unter welchem ſich ſehr viele Arbeiter befanden, die in Niccolos Dienſt geſtanden waren, und nicht wenige von denen, welche die Racht vorher in S. Marco ſich vargeboten hatten, fingen an, ſich in Gruppen zu verſammeln und unterredeten ſich miteinander, eingedenk, daß ſie verſprochen hatten, ihn zu vertheidigen; ſie munterten einander auf, ihn in ſo großer Gefahr auf ſeinem Wege nicht ohne Begleitung zu läſſen. Die braven armen Leute waren ſchnell entſchloſſen; ſie ſendeten Bozza in das Haus Lapi, um ſich gerade zu zu erkundigen, zu welchem Thore Niccolo hinausziehen 2 Or * würde. Da er von einem der Reiter erfuhr, daß ſie über Piſtvja gingen, theilten ſie ſich in zwei Scharen und Viele gingen, jedoch nicht zugleich, zur Porta Prato hinaus und wählten zum Vereinigungspunkt ein Feld, abſeits von der Heerſtraße nach St. Donato; die Andern zerſtreuten ſich ſchon in der Nähe des Hauſes, auf der Via de Conti, am Eck der Carneſecchi und auf dem kleinen Markt, um gleich zur Abwehr bereit ſein zu können, wenn irgend Je⸗ mand die Abreiſe ſtören oder verhindern wollte. Troilv ſah dieſen Volksauflauf von einem der Fenſter aus und ſagte bei ſich ſelbſt: Ob ich nicht Recht gehabt habe, zu behaupten, daß es ein thörichtes Wagſtück ſei, dieſen Mann in Florenz verhaften zu wollen! Endlich war die Stunde gekommen, die Roſſe waren bereit, das Gepäck ſchon voraus und in dem letzten Augen⸗ blicke, während die verſammmelte Familie ſtill und traurig daſtand, hörte man in den obern Stockwerken des Hauſes das dumpfe und abgebrochene Geräuſch der Thüren, welche zugemacht wurden, der Schlüſſel und der Riegel, mit denen man ſie überall ſchloß. Dieſer Lärm näherte ſich, je mehr Monafede herabſtieg, die Laden anlegte und überall nach⸗ ſah, ob alles in Ordnung ſey und nirgends Diebe ein⸗ dringen könnten, ſelbſt darauf gab ſie Acht, ob im Fall von Gewittern nirgends Waſſer eindringen könnte und ſagte dabei zu ſich ſelbſt: Wie viel Mühe, wie viele Sorgen! und Gott weiß, in was für Hände dieſes arme Haus fallen wird. Ich fürchte, in noch ſchlimmere, als die von Dieben: v die heilige Mutter Gottes helfe uns! Als dieſe Geſchäfte auf ſolche Weiſe beendigt waren, trat ſie in Niccolos Zimmer und blieb an der Thürſchwelle ſtehen, um zu zeigen, daß ſie für Alles geſorgt habe und daß es an ihr nicht mehr fehle; ſie konnte es aber nicht über ſich gewinnen, es laut zu ſagen und ſo das Signal zur Abreiſe zu geben. 53 Den Greis hatte indeſſen eine neue Sorge ergriffen; er erzählte endlich, daß er durch einen Stalljungen einen Brief an den Bruder Zaccaria in St. Marco geſchickt habe, um ihm anzubieten, Florenz mit ihnen zu verlaſſen und mit dem Auftrag, dem Fojano denſelben Vorſchlag zu machen, weil ſie alle beide wegen ihrer Predigten, die ſie während der Zeit der Belagerung gehalten hatten, um zur Vertheidigung aufzumuntern, die größte Gefahr liefen.— Ich kann mich nicht entſchließen, abzureiſen, bevor ich weiß, ob wir dieſen braven Mönchen helfen können. Fanfulla wollte dieſen großmüthigen Gedanken keinen Widerſpruch entgegenſetzen, gab aber doch durch ſeine Mie⸗ nen und ſeine unruhigen Bewegungen zu verſtehen, daß ihm ein längerer Aufſchub in dieſem Augenblick ſehr un⸗ geeignet ſchien, und Lamberto, der derſelben Anſicht war, ſchlug vor, es ſolle indeſſen Jemand ans Thor gehen und mit dem Hauptmanne ſprechen, um ihn zu beſtimmen, ihrer Abreiſe kein Hinderniß in den Weg zu legen, und Niccolo gab fünfzig Ducaten her, um das Geſchäft mit mehr Sicherheit des Erfolgs ausführen zu koͤnnen. Fanfulla ging ab; nach einer weitern Pauſe erſchien endlich die Antwort von St. Marco. Bruder Benedetto ſchrieb, die beiden Mönche ſeien ſchon in Sicherheit(er wußte nämlich nicht, daß Fojano gefangen genommen worden war, als er verkleidet aus Florenz flüchten wollte); er bitte Gott, daß er Niccolo und die Seinigen eben ſo glücklich hinaus führen möge. Dieſer athmete nun freier auf und erhob ſich mit einer Raſchheit, der man wohl an⸗ ſah, daß ſie erzwungen war. „So gehen wir denn,“ ſagte er....„Gott, der unſer Herz kennt, helfe uns!. Ihr, meine Söhne(hier blieb er wieder ſtehen), ihr werdet nicht in dieſes Haus in dieſes Zimmer ohne mich zurückkehren; gedenkt dann an Niccolo und an ſeinen Rath! Solltet ihr je zu irgend einem Anſehen in Florenz gelangen, ſo verlaßt euch weder auf * 54 die Vornehmen, noch auf beſoldete Soldaten und Feldherrn. Durch ihre Schuld verlieren wir heute unſer Vaterland. Er warf noch einen Blick um ſich und ſagte mit ſcheinbar ruhiger Stimme und Miene: So laßt uns gehen! So machten ſich endlich Alle zuſammen auf den Weg, die Männer, nachdenklich und ſtumm, die Frauen in Thränen, traten aus der Thüre in die Straße und beſtie⸗ gen die Pferde; ihr Zug ging in folgender Ordnung vor ſich: Voran Niccolo, von Bindo und Fanfulla in die Mitte genommen! dann Lamberto, mit Laudomia an der Seite, hierauf Troilo mit Liſa, welche ihr Kind am Halſe trug; zuletzt Monafede und Moritz. Während Niccolo nicht ohne Mühe zu Pferde ſtieg, eilten mehrere von den Leuten aus dem Volke, die ſich um das Haus geſammelt hatten, herbei, und hielten ihm den Steigbügel; der Eine unterſtützte und hob ihn, Andere umarmten weinend ſeine Kniee und küßten ihm die Füße mit den zärtlichſten ehrerbietigſten Worten, unter Segnungen und Aufmunterungen und Bozzo ſtützte die eine Hand auf die Gruppe des Pferdes, mit der an⸗ dern focht er wüthend in der Luft umher und rief: „Fürchtet euch nicht, Herr Niccolo! Ihr werdet durch⸗ kommen trotz allen Schurken und Verräthern.“ Der Greis erwiderte dieſe Liebeszeichen mit Zuwinken und mit freundlichen Worten; ſie zogen ab und als ſie an die Porta al Prato kamen, erfuhren ſie, daß Fanfulla mit leichter Mühe den freien Durchzug erhalten hatte und verließen die Stadt ungehindert in Begleitung mehrerer von jenen Handwerkern; ſie dankten Gott, daß man ſie nicht aufgehalten hatte, wußten aber nicht, daß es ihnen blos auf ausdrücklichen Befehl des Baccio ſo leicht ge⸗ worden war, der bei dieſer Gelegenheit ſehr klug daran that, dem Rathe Troilos zu folgen. Als ſie vor das Thor gekommen waren, ſchlugen ſie den Weg nach Pratv ein; der ganze Himmel war mit Sternen beſäet; nur im Oſten glänzte hinter der dunkeln M — 55 und ſpitzigen Maſſe der Berge ein Schimmer röthlichen Lichts, über welchen lange ſchwarze Wolkenſtreifen lagerten, welche am äußerſten Saum ein ſchwacher roſenfarbener Streif begränzte. Der traurige Zug bewegte ſich theils im Sattel, theils zu Fuß lautlos fort; man hörte kein anderes Ge⸗ räuſch als Fußtritte und den Hufſchlag der Pferde. Der düſtere und ſtille Anblick der Gegend goß Ruhe und ſanftere Wehmuth in das Herz. Manchmal gelangte das leiſe und bebende Zirpen der Grillen in gewiſſen regelmäßigen Zwi⸗ ſchenräumen an das Ohr, ſo wie das verſchiedenartige Schwirren unzähliger Gattungen von Inſecten, welche das Schweigen der Nacht belebten, ohne es zu ſtören. Der ſtille Friede der Natur ſtach nur zu ſehr gegen die Auf⸗ regung und gegen die ſchmerzlichen Gedanken jener armen Betrübten ab. Wer hat nicht, wenn er vom Unglück ge⸗ troffen war und zufällig in eine anmuthige Gegend gelangte und eine ſchöne Morgenröthe, einen Sonnenuntergang, eine heitere Nacht erblickte, eine gewiſſe Bitterkeit empfunden, als ob alles dieſes ein Spott auf ſein Unglück wäre? Vielleicht kommt es daher, weil die geordnete und ewig unveränderliche Natur, wenn wir ſie mit den fortwähren⸗ den Veränderungen unſerer Zuſtände vergleichen, uns demü⸗ thigt und an unſere Kleinheit erinnert. Nachdem ſie eine ziemliche Strecke des Weges zurück⸗ gelegt hatten, gelangten ſie auf einen Hügel, von welchem die Gebäude und die Thürme von Florenz vielleicht zum letztenmale ſichtbar waren. Niccolo hielt die Zügel ſeines Pferdes an, wendete ſich rückwärts und, ſein Auge anſtren⸗ gend, erblickte er, wie er glaubte, zum Letztenmale die dunkle Maſſe der Domkuppel. Er ſtreckte die Arme grü⸗ ßend gegen ſie aus, ſeufzte tief, dann, ohne daß er den Mund öffnete, ohne daß Einer ihn anzureden wagte, ſpornte er ſein Pferd und ſetzte ſeine Reiſe fort. Indeſſen hatte ſich die Schar, welche ſie bei S. Do⸗ nato erwartete, geräuſchlos und ſtumm unter ſie gemiſcht 56 und die armen Leute vom Volk begleiteten ſie mit raſchen Schritten, ſich glücklich ſchätzend, Niccolo vertheidigen und in Sicherheit bringen zu können, ohne ſich um die Mühe oder um die Gefahr zu bekümmern. Nach vierſtündigem Marſch kamen ſie endlich nach Pratv. Sie umgingen die Mauern und zogen ſich dann wieder auf die Straße von Piſtoja. Dort wollte Niccolo Halt machen, damit die Fußgänger ausruhen könnten. Jene aber gaben es nicht zu, umſtanden in großer Anzahl ſein Pferd und baten ihn, ſeine Reiſe fortzuſetzen, da jede Zögerung jetzt gefährlich werden konnte. Sie verſicherten, ſie ſeien durchaus nicht müde und ſie waren wirklich Männer, die ſich nicht ſo leicht von der Ermattung überwinden laſſen. So zogen ſie die ganze Nacht und befanden ſich, als der Morgen graute, am Thore von Piſtoja und nunmehr war es nöthig, Menſchen und Thieren Speiſe und Ruhe zu gönnen. Sie zogen ſich auf Seitenwegen rechts und gelangten aus dem offenen Lande auf die Straße nach Modena, von wo ſie querfeldein zogen und in den Ein⸗ ſchnitt eines Hügels gelangten, der hinter dichten Gebüſchen und dem Schatten von Kaſtanien verborgen war. Dort trafen ſie gerade ein, als der Tag völlig anbrach, ſtiegen Alle vom Pferd und bald hatten die jungen Leute und Fanfulla aus ihren Mänteln und Mantelſäcken Lager für Niccolo und die Frauen bereitet. Dort ruhten ſie den ganzen Tag über aus und er⸗ quickten ſich, ſo gut ſie konnten. Gegen Abend hielt es Niccolo für gut, ſich wieder auf den Weg zu machen. Bevor er jedoch aufbrach, rief er alle diejenigen zu ſich, die ihm bisher ſo liebevoll Schutz und Geſellſchaft gewährt hatten und von denen nicht Wenige im Sinne hatten, noch weiter mitzugehen. Er ſagte ihnen: „Meine Söhne! Die Stunde iſt gekommen, da wir einander verlaſſen müſſen. Was kann ich Euch ſagen, als daß ich Euch danke und Euer Andenken im Herzen mit⸗ nehme, daß es mir die wenigen Tage verſüßt, die ich noch 57 zu leben habe, der Gefälligkeit und der Liebe, die Ihr mir bewieſen habt, zu gedenken. Wenn es wahr iſt, daß der Segen eines Greiſes von Gott beſtätigt wird, ſo gebe ich Euch dieſen Segen und er weiß, mit welcher Geſinnung! Ich armer Greis kann Euch nicht beſſer belohnen.„. Nun kehrt in Eure Häuſer zurück kehrt heim in das verehrte und heilige Vaterland, das ich nicht wieder⸗ ſehen ſoll und das Ihr einſt gewiß frei und glücklich wie⸗ derſeht!... Wenn Ihr mit Euren Kindern das Abend⸗ gebet verrichtet, dann betet auch für Niccolo, betet für meine Söhne, die in dieſem Kriege gefallen ſind; ich werde unter dem Boden ſein im fremden Lande, aber mein Gedächtniß wird bei Euch ſein, es wird leben in dieſem Vaterlande, für das ich nicht würdig gefunden wurde, ſter⸗ ben zu dürfen!...„Dieß ſoll mein letzter Wunſch, die letzte Hoffnung ſein, die mir bleibt. Gott ſegne Euch Alle! Lebt wohl für immer!“ Niccolo's Stimme zitterte bei dieſen Worten von der Rührung, die er empfand. Indeſſen war er ſchon mit allen den Seinigen zu Pferde geſtiegen und als ſeine Rede zu Ende war, ließ er dem Pferde die Zügel, warf den letzten Blick auf die Zurückbleibenden, die ihn unbeweglich und verwundert anſahen, grüßte noch einmal mit der Hand, oder war es ein Deuten nach oben; dann entſchwand er ihren Blicken zwiſchen den Bäumen. Als ſie wieder auf die Hauptſtraße gekommen waren, fingen ſie an emporzuſteigen, bis ſie die Höhe überſchritten hatten und in das Thal des Reno gelangten. Von dieſem aus wandten ſie ſich bald links auf die Spitze des Oppio und vor ihnen öffnete ſich das ſchöne Thal, wo S. Mar⸗ cello und Gavinana liegt, welches das Herz des Gebirges von Piſtoja genannt werden kann. Wer in unſern Tagen dieſe Gegend beſucht, dem wird bloß die Annehmlichkeit des Orts, die Friedlichkeit, der Reichthum und die Gefälligkeit der Einwohner auffallen. Die Zeit, die ſo vieles verändert, nur nicht immer ver⸗ 58 beſſert, hat dort die ehemalige Parteiwuth gänzlich vertilgt und ſogar das Gedächtniß derſelben verloſcht.*) Die Arme, die dem Ackerbau entgehen, finden in den Papiermühlen eines Hauſes Beſchäftigung, das an einen der erſten Na⸗ men der italieniſchen Literatur erinnert(Einde Piſtoja) und ſeine Reichthümer auf die edelſte und für das Gemein⸗ wohl nützlichſte Weiſe anwendet. Dieſer Gewerbfleiß und verſchiedene Handelsgeſchäfte machen dieſes Volk arbeitſam und wohlhabend und deshalb auch ruhig und glücklich. Ganz anders verhielt es ſich zu der Zeit, in welcher unſere Geſchichte vorgeht, und der Leſer wird die ſchmerz⸗ lichen und grauſamen Vorfälle in S. Marcello und die rafende Wuth der Cancellieri nicht vergeſſen haben. Seit jener That hatten durch Ferruccios Niederlage die Parteien ihre Rollen getauſcht und mit eben ſo großer, wo nicht noch größerer Wuth hatten die Panciatiechi ihre Feinde überwunden, verfolgt und vernichtet, indem ſie ſogar ihre Häuſer und ihre Erndten plünderten und verbrannten, und bald bemerkten unſere Wanderer, trotz des Dunkels der Nacht, die Folgen dieſer Verwüſtung. Hier waren Reben abgeſchnitten, Fruchtbäume umge⸗ ſtürzt vder am Stamme abgeſägt, dort lag ein Feld, wel⸗ ches man angezündet hatte, ſchwarz, ausgetrocknet und mit Aſche bedeckt; hier hatte man eine Hütte niedergebrannt, von welcher blos noch die vier Mauern ſtanden; ein Haus, welches wohlhabenderen Leuten gehört hatte, war von den Räubern ausgeplündert und zum Theil zerſtört worden, die Thüren waren eingebrochen und aus den Angeln geriſſen, ) um zu erforſchen, ob nicht wenigſtens die Namen der beiden feindlichen Parteien ſich erhalten haben, fragte ich einen Bürger von Gavinana, ob ſie ſich nicht in der Gegend irgend eines beſondern Schimpfnamens bedienten, um Leute aus einer andern benachbarten Gegend zu benennen. Er entgegnete mir blos, man nenne die Bewohner von S. Mar⸗ eello Canciugli, ohne daß man wiſſe warum. Es könnte eine Verſtümmlung von Cancellieri ſein, aber gerade dieſe waren Panciaticchi. d n 59 die Fenſter zerſchlagen, die Laden ausgehoben und hingen herab, wo einer hängen geblieben warz Alles war verödet, ſtill und von den Bewohnern verlaſſen; und Gott weiß, wel⸗ ches Ende dieſe genommen, ob ſie ihren Tod gefunden hatten, oder ob ſie entwiſchen konnten, ob ſie verbrannt waren oder unter den Ruinen ihrer Häuſer begraben lagen, oder ob ſie vielleicht an einem Orte eingeſchloſſen waren, wo ſie einem langſamen Tode entgegen gingen. Lamberto erkannte den Ort wieder, ſo wie die Häuſer, die er im Vorübergehen vor wenigen Tagen noch in gutem Zuſtande geſehen hatte, und ſagte zu Niccolo: „Das war die Rache für S. Mareello, ſie hat nicht lange auf ſich warten laſſen.“ Während er dieſe Worte ſagte, gingen ſie gerade vor einem Hauſe vorüber, das noch übler zugerichtet war, als die andern; es war an mehreren Seiten eingeriſſen, wäh⸗ rend die Ziegel, die Balken und der herabgefallene Anwurf den Weg halb verſperrten, als ſie aus einem Loch unter der Erde, mochte es nun ein Keller oder Holzſtall ſein, das leiſe Gewimmer einer Stimme hörten, welche zu Gott um Erbarmen ſchrie. Alle blieben augenblicklich ſtehen. Fanfulla, Lamberto und Bindo ſtiegen ab, drangen durch die Trümmer hinein, und riefen öfters, um ſich darnach richten zu können, als ſie dieſelbe ſchwachen und erloſchenen Klagen wieder ver⸗ nahmen; während Nieccolo und die Frauen mit der groͤßten Neugierde zuſahen, bemerkten ſie endlich eine menſchliche Geſtalt, welche mühſam aus dem Loche hervorkroch und mit einer Stimme, vor welcher Allen die Haut ſchauderte, ausrief: „O, erzeigt mir die Wohlthat und tödtet mich, denn ich kann dieſe Qualen nicht mehr aushalten! Vorher aber um Gotteswillen noch ein wenig Waſſer! O friſches Waſſer und dann den Tod!“ Sie nahmen den Unglücklichen auf die Arme und tru⸗ gen ihn auf die Straße hinaus. Bindo eilte dem Wald⸗ 60 ſtrome Limeſtra zu, der in der Nähe ſloß, und kehrte mit Waſſer zurück, das jener gierig trank; dann ließ er das Gefäß fallen, richtete ſich ſo gut er konnte auf und ſtieß folgende Dankſagung hervor: „Jetzt fürchte ich Euch nicht mehr! Stoßt mich nie⸗ der und ihr thut mir einen Gefallen.. und ſeid ver⸗ flucht mit der ganzen Partei der Panciatiechi.“ Lamberto betrachtete ihn und rief: „Du biſt der Hauptmann Melvechi! Wie kommſt Du hieher?“ „O,“ erwiverte der Sterbende,(denn ſo konnte er jetzt wohl genannt werden),„ich hattt Euch verkannt, ich hielt Euch für einen Haufen der Panciatiechi... Mein Haus!“ (ſo fuhr er mit aller Wuth fort, die er in ſolcher Schwäche auszudrücken fähig war).„Die Partei der Cancellieri iſt geſchlagen.. Ich wurde verwundet. Alles iſt geflüchtet und zerſtreut.. vier Tage lebe ich ſo im Verborgenen und dieſe Qualen, dieſer Durſt.. ich habe Ihnen geſagt, Sie ſollen mich tödten oder mir zu trinken geben!.. O warum haben dieſe Hunde keine Luſt daran gehabt, den Bravetto ſterben zu ſehen!“ Er lachte, ſein Todeskampf nahm zu.—„O wenn mein Vetter noch lebt, Giovanni, ſagt ihm, daß Pierv es war, der mir den Reſt gab; er ſoll daran denken.. Seine weiteren Worte konnte man nicht mehr verſtehen, nur ſchien es, als ob noch das Wort„tödten“ zugleich mit dem Leben ſeinen Lippen entſchlüpfte. Der Leichnam wurde ſo weit auf die Seite gezogen, vaß er nicht von den Maulthieren und Pferden getreten werden konnte. Die Geſellſchaft ſetzte ihre Reiſe fort, ver⸗ ſtimmt, wie ſich wohl denken läßt, durch ein ſo rohes und verzweifeltes Ende, und Lamberto ſagte: „Du verdienteſt keinen andern Tod als dieſen!“ Niccolo erwiderte:„Gott erbarme ſich, wenn es mög⸗ lich iſt, dieſes Raſenden!“ Weder Lamberto, noch irgend ein Anderer von ihnen, 61 kannten den Giovanni, welchen Meloechi genannt hatte, aber ſelbſt wenn ſie ihn gekannt haben würden, wären ſie natürlich nicht ſehr aufgelegt geweſen, ihm dieſen verkehr⸗ len Auftrag zu überbringen.— Vierunddreißigſtes Kapitel. Es fehlte nicht meht viel zu Mitternacht, als der Zug endlich in Gavinana bei dem Hauſe ankam, welches Niccolo dem Lambertv im Heirathsvertrag als Mitgift übergeben hatte und wo eine Stunde früher einer der Reiter eingetroffen war, um den Verwalter aufzuwecken und ihm anzubefehlen, das Haus zu öffnen und alles Nö⸗ thige vorzubereiten. Der ehrliche Verwalter, der nichts weiter als ein Bauer war, diente dem Hauſe Lapi ſeit ſeiner früheſten Kindheit mit der größten Anhänglichkeit; da er natürlich zur Partei der Cancellieri gehörte, ſo war er in den letzten Tagen von dem Anhang der Feinde auf verſchiedene Weiſe beunruhigt worden und hatte ſich dabei, ſo gut er konnte, durchgeholfen; daher lebte er in beſtändiger Furcht und wollte ſich, bevor er eine Antwort gab, überzeugen, ob ſein Herr auch wirklich komme, denn er fürchtete eine Falle, um in das Haus eindringen und plündern zu kön⸗ nen. Endlich wurde er überzeugt, öffnete und ſchaffte mit Hülfe ſeines Weibes und eines ganz ſchlaftrunkenen Buben das Nöthige bereitwillig herbei, bis er den Huftritt der Pferde vernahm und die Treppe herablief, während die Reiſenden bereits in einem kleinen Hof abſtiegen, der ſich zwiſchen dem Hauſe und der Landſtraße befand und von dieſer nur durch eine nicht ſehr hohe Mauer getrennt war. Matteo, ſo hieß der Verwalter, empſing ſeinen Herrn nicht mit der lächelnden und wichtig thuenden Miene, welche dieſe Leute gewöhnlich bei der Ankunft ihrer Her⸗ ren annehmen, ſondern mit tiefer Betrübniß. Niccolo trat mit ſeiner Begleitung ein, ohne ſich mit ihm in ſonderlich viele Worte einzulaſſen, und gelangte in einen kleinen Saal, in welchem Lichter brannten und wo man trotz der Mühe, die ſich der Verwalter gegeben hatte, deutliche Spuren der in neueſter Zeit vorgefallenen Erceſſe bemerkte. Mit dem Geruch, der einem gewöhnlich aus Zimmern entgegen⸗ kommt, war ein Dunſt von Wein und Moſt verbunden, der den Boden befeuͤchtete, und Trümmer von Gefäßen lagen umher, die der unverſehens überraſchte Matteo nicht hatte wegräumen können; an der breiteſten Wand, wo das Wappen von Florenz, die rothe Lilie in weißem Feld, roh hingemalt war, ſah man eine ſchlechte Kohlenzeichnung, einen Galgen vorſtellend, an welchem der genannte Wap⸗ penſchild die Stelle des Gehenkten einnahmz darüber war als Henker ein Mann mit einer kaiſerlichen Krone abge⸗ pildet und nehen der Leiter, wo der Geiſtliche zu ſtehen pflegt, der den Verurtheilten zu tröſten hat, befand ſich ein anderes Zerrbild, welches man nach der dreifachen Krone für den Pabſt halten konnte. Dieß die Art, die der geniale Künſtler gewählt hatte, um darzuſtellen, wie der Kaiſer Karl V. und Pabſt Clemens VII. im Einver⸗ ſtändniß Florenz verkauften, und der Werth der Zeichnung entſprach vollkommen der edeln Auffaſſung. Die Mauer umher war überall mit Kohle verkritzelt, wo in der ſchlech⸗ teſten Orthographie zu leſen war:„Es leben die Palleschi! nieder mit dem Löwen! die Cancellieriſche Partei hole der Teufel und ſeine Großmutter!“ Während der Alte dieſe Gemeinheiten mit ſichtlichem Unwillen betrachtete, ſagte der Verwalter noch zitternd und faſt weinend: „Ihr ſeht, Herr, wie dieſe elenden Schurken das Haus zugerichtet haben; daß ich noch am Lebzn bin, iſt ein wahres Wunder von Gott. O, wir haben in den m 8 iſt en 63 letzten Tagen Schreckliches erlebt und ich glaubte, das Ende der Welt ſei vorhanden Zuerſt kam die Nie⸗ derlage des Ferruccio, wo die Kugeln in der Gegend wie dichter Hagel fielen; dann haben die Verräther, die Pan⸗ ciaticchi, das Uebrige gethan, und es gibt kein Haus in Gavinana, wo man nicht trauert, kein Haus, wo es nicht Plunderung, Tod und Wunden gegeben hat. Ich glaube, es ſind nicht mehr hundert Leute im Ort, die Andern ſind geflüchtet oder todt. Wer übrig geblieben iſt, fürchtet noch Schlimmeres. Ich habe nicht fliehen wollen; es iſt nun einmal meine Pflicht, Euer Eigenthum zu bewahren, aber Viele von ihnen ſind hereingekommen, um hier zu ſchwelgen und haben Alles aufgezehrt, was Gutes im Hauſe war, und als ſie betrunken waren, wie die Schweine, haben ſie mir und meiner Caterina übel mitgeſpielt und die Mauern mit ſolchen Sudeleien verſchmiert. Und wißt Ihr, was ſie mir dabei geſagt haben? Wenn wir zurück⸗ kehren und finden, daß Du dieſe Mauer nur mit dem Finger berührt haſt, ſo hängen wir Dich dahin, wo dieſer Schild hängt. Deßwegen bin ich armer Kerl nicht ſo keck geweſen, es abzuwiſchen.“ „Wenn Du nicht ſo keck biſt, ſo will ich es ſein,“ rief Bindo, nahm einen Beſen, der in einem Winkel lag, und wollte die ſchmutzigen Figuren verwiſchen. Aber Niecolo hielt ihn zurück und ſagte: „Wir gehen weiter, Bindo, und dieſer ehrliche Mann bleibt da; wer würde ihn vertheidigen, wenn dieſe Räuber wieder kämen und ihm Ungelegenheit machten?. Be⸗ ſiegte trifft der Hohn, dieß iſt unſer Brod von jetzt an. Wenn wir ihn nicht dulden wollten, hätten wir ſiegen müſſen und das haben wir nicht verſtanden.“ Der Verwalter dankte Niccolo mit einem Blick und Gott in ſeinem Herzen, denn er glaubte ſchon den Strick am Halſe zu fühlen, als er Bindo den Beſen aufheben ſah. Eben erſchien Caterina mit einer kleinen Schüſſel voll Speiſen und wer nicht ſchon gewußt hätte, daß das 64 Haus geplündert worden war, der würde es aus dieſem Gerichte geſehen haben; denn das Ganze beſtand aus et⸗ was Salat, einem Stückchen Käſe und zwei Laiben ſchwar⸗ zes Brod, wovon nir der eine noch ganz war. Das arme Weib erſchien mit finſterem abgemagertem Geſicht und aufgeſchwollenen rothgeweinten Augen und richtete, ohne zu ſprechen, Alles zu, indem ſie von Zeit zu Zeit ſchwer aufſeufzte und nach den erſten kurzen Worten öffnete Kei⸗ ner mehr den Mund, ſondern Alle ſaßen nachdenklich auf einer Bank umher, welche den ganzen Umfang des Zim⸗ mers entlang an der Wand angebracht war. Dieß Schwei⸗ gen drückte um ſo mehr Betrübniß aus, als auch von Außen keine Stimme und kein Geräuſch gehört wurde, obgleich ſie ſich mitten in der Stadt, nahe am Markt⸗ platz, befanden. Das Krähen eines Hahns oder das Bellen eines Hundes hätte doch wenigſtens die Nähe ir⸗ gend eines lebenden Weſens verrathen, aber der verlaſſene Flecken glich einem Friedhof um ſo mehr, als ein zu den Fenſtern hereindringender Luftſtrom einen Todtengeruch mit ſich führte, deſſen Urſache Mattev auf folgende Weiſe er⸗ Nach der Schlacht lagen mehr als zwölfhundert Lei⸗ chen auf dem Marktplatz; weil man ſich die Mühe nicht nehmen wollte, ſie hinauszutragen, ſo wurden ſie begraben wo ſie ſich eben befanden. In der Eile warf man aber höchſtens drei Zoll hoch Erde auf ſie. Gott gebe, daß dieſe Todten nicht die Wenigen noch Lebenden umbrin⸗ gen und durch ihren Geruch eine Peſt veranlaſſen! „Hat man auch den großen Ferruccio,“ fragte Niccolo raſch,„unter dieſe geworfen?“ „Nein Herr! er iſt beſonders neben der Kirche beer⸗ digt worden.“ „Könnteſt Du mir die Stelle zeigen 2 „Wenn Ihr wollt, ja; denn ich mußte mit an der Grube arbeiten.“ „Führ uns gleich hin. Kommt, meine Söhne, wir 65 wollen dem größten Manne, den je Florenz gebar, noch dieſe geringe, letzte Ehre erzeigen.“ Der Greis richtete ſich kräftig empor und ging mit den Seinigen und den beiden Mädchen hinaus, ohne irgend Müdigkeit zu verrathen; denn auch die letzteren wollten, obgleich ſie von Ermattung etwas mitgenommen waren, an einem ſo ruhmvollen Grabe beten. Matteo ging durch eine enge Gaſſe mit einer Laterne voran; bei ihrem ſchwa⸗ chen, ſchwankenden Schimmer ſah man viele und vielleicht die meiſten Häuſer geöffnet und von den Bewohnern ver⸗ laſſen, von einigen waren die Thüren ausgehoben und la⸗ gen längs der Mauer auf die Erde geworfen. Fanfulla erkannte den Ort wieder und ſagte: „Da habe ich meine Schlappe auf das Ohr bekom⸗ men und in dieſem kleinen Raum ging es an jenem Tage ſcharf her. Und ſeht dort, dort gerade ſtürzte ſich der Bevollmächtigte mit ſeinen Unterbefehlshabern köpflings den Lanzen entgegen!“ Niccolo hörte den Worten Fanfulla's aufmerkſam zu und wurde nicht müde, ihn nach allen Einzelnheiten zu fragen, weniger was die Schlacht, als was Ferruccio ſelbſt betraf, denn eben waren ſie auf den freien Platz heraus⸗ getreten und befanden ſich auf dem Schauplatz ſeiner be⸗ wundernswürdigſten Thaten. So unterhielten ſie ſich eine gute Weile, ohne ſich um den Modergeruch zu bekümmern, der hier mehr als irgendwo ſonſt läſtig war. Sie ſchrit⸗ ten weiter der Kirche zu und fühlten, wie im Gehen der Boden unter ihnen wankte und die Füße zuweilen ein we⸗ nig einſanken; die Frauen ſchanderten, wenn ſie bedachten, auf was ſie traten. Endlich blieb Matteo ſtehen, da ſie bei der alten Kirche angekommen waren, ſetzte die Laterne auf die Erde und ſagte: Hier liegt der tapfere Herr begraben! Man ſah auf dem Boden einen Raum, gerade ſo lang und breit, als Niecolo de' Lapi. m. 5 66 ihn ein menſchlicher Körper von hohem Wuchs bedurfte, wo die Erde wirklich ganz friſch aufgewühlt zu ſein ſchien, und erkannte an den Tritten ſowohl beſchuhter als nackter Füße, daß man den Grabhügel ziemlich ſorgfältig gepreßt hatte. Als Niccolo vor ſeinen Augen die Erde ſah, die noch vom Blute ſeines Freundes getränkt war, des Man⸗ nes, der ihm das Ideal, ja das Höchſte von Allem ſchien, was die Welt an Tugend und Größe aufweiſen kann, ſank er auf jenem Grabe auf die Knie, neigte ſein Haupt, am ganzen Körper bebend, küßte die feuchte Erde und legte ſeine Stirne auf das Grab. Alle folgten ſeinem Beiſpiel und blieben ſo unbeweglich liegen. Man hörte den armen Greis ſeufzen, ſtöhnen und zuletzt gar in Thrä⸗ nen ausbrechen. Als er ein wenig ruhiger geworden war, hob er Augen und Hände zum Himmel und ſagte „O wenn dieſer große, ruhmgekrönte Geiſt uns nicht für unwerth hält, aus den heiligen und ſeligen Orten, wo er ſich jetzt befindet, einen Blick auf dieſe umdüſterte Welt zu werfen, ſo wird er vielleicht dieſe meine Thränen ſehen, wird ſehen, daß aus der Stadt, für die er den letzten Blutstropfen verſpritzte, wir Flüchtlinge gekommen ſind, um ihm die letzte Ehre zu erweiſen, das einzige, was wir in unſerm gegenwärtigen Unglücke thun können„„ Fer⸗ ruccio, Ferruccio! das alſo iſt dein Grab! Und die Me⸗ dici, die Mörder des Vaterlandes, werden ein ſo geehrtes in S. Lorenzo beſitzen! Sie ſollten ſich ſchämen, dich hier zu laſſen, ſie ſollten wenigſtens ein Kreuz über deinen Gebeinen aufpflanzen, oder einen Stein ſetzen, mit der In⸗ ſchrift: Hier liegt Ferruccio!“ So ſprach Niccolo, und die Zeit hat gezeigt, ob er eine richtige Vorſtellung von der Großmuth der Mediei hatte; ſie ließen die Gebeine des Ferruccio, wo ſie waren, „ ſetzten ihnen weder Kreus noch Stein und bis auf den heu⸗ tigen Tag erhielten ſie kein Denkmal, während die Sage das Andenken des Orts, wo der tapferſte und tugendhaf⸗ teſte Toscaner litt, treu und pünktlich bewahrt hat. Dieß 3 — 67 ſei übrigens nurzbeiläufig geſagt, und mag der Wind dieſe Worte verwehen.*) Er bereute übrigens ſogleich, einen ſolchen Wunſch geäußert zu haben und machte ſich ſelbſt Vorwürfe dar⸗ über: „Aber was ſage ich? Werde ich unſinnig? Als bedürf⸗ teſt Du ſolcher Ehre! Jene, welche ſie genießen,. ſie haben ſie nöthig für ihre Verbrecheraſche, denn auch unter ihren Marmormonumenten wird ſie die Rache Gottes am jüng⸗ ſten Tag zu finden wiſſen!... Aber du, aber du, furcht⸗ loſer Geiſt, wenn du mich hören kannſt, freue dich unſerer ſchwachen Huldigung und wiſſe, daß die Gräber deiner und unſerer Feinde ſich nie einer ſolchen Huldigung zu er⸗ freuen haben werden! Wiſſe, daß, ſo lange die Welt ſteht, dein einfaches Grab geehrter ſein wird bei den Edeldenken⸗ den auf Erden, als der prunkende Reichthum ihrer Grüfte! Wiſſe, daß die Schmach, welche ſie dir anzuthun glaubten, indem ſie dich in dieſem unſcheinbaren Winkel liegen ließen, ſich in doppelte Schande für ſie verkehren wird bei unſern Nachkommen in künftigen Jahrhunderten, denn, bei Gott! um der Schande zu entgehen, reicht die Macht der Tyrannen doch nicht aus!“ Während Niccolo dieſe Worte in größter Aufregung und mit Begeiſterung ſprach und ſeine Familie noch immer auf den Knieen ehrfurchtsvoll zuhörte und blos auf ihn ſah, näherten ſich von dem Säulenthor der Kirche her ſechs bewaffnete Männer mit gezogenen Schwertern, gefolgt von ungefähr fünfzig mit Picken, Sicheln und gezogenen Schwer⸗ tern bewaffneten Bauern, und bevor die Ueberraſchten dieſen Angriff bemerken konnten, fanden ſie ſich, zu Boden ge⸗ worfen, unter einer Maſſe von Leuten, die Spitzen der Schwerter und Picken vor ihrem Geſichte, ihrer Kehle oder X *) Erſt ſeitdem dieſe Zeilen niedergeſchrieben worden ſind, bezeichnet ein ärmlicher Stein den Ort, wo Ferruccto fiel. 68 ihrer Bruſt, von hundert Händen gefaßt und feſtgehalten, von den Knien und Füßen Vieler gedrückt und eine Stimme erhob ſich aus der Mitte der Angreifer und rief; „Wer ſich rührt, iſt des Todes; Ihr ſeid die Ge⸗ fangenen des Pabſtes.“ Indeſſen hatten die Schergen den jungen Männern die Schwerter und die andern Waffen mit Gewalt ent⸗ riſſen, denn dieſen hätte ſonſt weder Muth noch Wille ge⸗ fehlt, Nieccolo zu vertheidigen, trotz der Gewißheit, in Stücke gehauen zu werden. Aber das Verderben brach ſo plötzlich auf ſie ein, daß es ihnen wirklich an Fähigkeit gefehlt hätte, einen Finger zu rühren, ſelbſt wenn ſie ſich ihrer Waffen noch hätten bedienen können. Die Frauen hatten ein Geſchrei erhoben, das ſogleich von rohen Händen erſtickt wurde, und ehe ein Einziger von dieſen Schurken es wagte, ſich von den Männern, die ſie unter ſich hielten, zu erheben, drängten ſich Andere mitten durch dieſes Gewirr von Beinen und Armen und banden die Gefangenen mit Stricken, mit denen ſie ſich verſehen hatten, ſo feſt, daß man wohl ſah, wie wichtig ihnen vieſer Fang ſchien, und erſt als ſie ſie gebunden hatten, ließen ſie ſie aufſtehen. Wer vermöchte den Grimm, die Betrübniß und das Entſetzen der unglücklichen Verfolgten zu beſchreiben', als ſie ſich ſo unerwartet in die Gewalt ihrer Feinde gerathen ſahen, wo ſie ſich gerade außer aller Gefahr glaubten. Lamberto und Bindo glichen mit ihrem geſenkten und herumirrenden Blick, mit der ſchwellenden, von unmäch⸗ tiger Wuth bebenden Bruſt zwei wilden Thieren, die in die Falle gerathen ſind; Moritz, der im Gefolge ſeines Herrn mit den Andern gefangen war, ſtieß ſeltſame deutſche Flüche hervor; Fanfulla, den ſein eigenthümlicher Cha⸗ rakter auch hier nicht verließ, ſchüttelte den Kopf, ſah lächelnd vor ſich hin, pfiff und ſagte: „Das heiße ich trefflich bedient werden!“ 69 Die Frauen weinten und wurden ein wenig entfernt von zweien der Häſcher am Arme gehalten. Niecolo aber hob ſeine erhabene und ehrwürdige Stirne furchtlos empor und ſagte: „Ich weiß, was es für mich zu bedeuten hat, ein Gefangener des Pabſtes zu ſein.. Ein bitteres und verächtliches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, als ob er ſagen wollte:„Er kann mir jetzt nicht mehr viel nehmen!“ Dann wendete er ſich zu ſeinen Söhnen, deutete auf Fer⸗ ruccio's Grab und fuhr fort:* „Von ihm habe ich ſterben gelernt! Vielleicht aber war es nicht nöthig.“ Der Alte wußte wohl, daß man blos ſeinen Tod ver⸗ langte und nicht den ſeiner Söhne oder der Andern; deß⸗ halb war er für dieſe wenig beſorgt. Dagegen kam ihm gerade jetzt in den Sinn, daß, wie man ihm vorgeſpiegelt hatte, auf Troilo's Kopf ein Preis geſetzt ſei. Da er ihn nun für verloren hielt, ſo beunruhigte ihn dieſes ſehr. Er blickte um ſich, ſuchte ihn ſtheilnehmend in ſeiner Umge⸗ bung und ſagte: „Um Dich thut es mir leid, mein Sohn Troilo.“ Da kein anderes Licht vorhanden war, als die von Matteo mitgebrachte Laterne, ſo konnte man wenig ſehen, daher brauchte er eine gute Weile, um ihn zu finden; endlich entdeckte er ihn in der Entfernung, aufrecht, un⸗ beweglich, die Arme über die Bruſt gekreuzt und das Haupt geſenkt und bemerkte, daß er weder gebunden, noch von irgend einem der Soldaten bewacht war, die ſich doch ſo viele Mühe gegeben hatten, ſich der Perſonen der Uebrigen zu verſichern. Das von Natur ſo ſchöne Geſicht des Jünglings war in dieſem Augenblick ſo abſchreckend und häßlich, wie ſein Verrath; er glich Kain, Jndas oder einem andern großen Verbrecher in dem Augenblick, in welchem die größten Martern in ihnen begannen, die der Gewiſſensbiſſe, welche wirklich aller Hoffnung oder aller Linderung beraubt ſind. 1 3 3 1 3 3 70 Niccolo las auf ſeiner Stirne ſein Verbrechen; er bemerkte in den Mienen der Soldaten ein Hohnlächeln, welches zu ſagen ſchien:„Um ihn brauchſt Du keine Sorge zu haben.“ Der Schleier zerriß, der ihm nur zu lange die Wahrheit verhüllt hatte, und zeigte ſie ihm endlich in ihrer furchtbaren Nacktheit. Er ſtreckte die Arme und die Hände aus, die ein rauhes Seil an den Pulsadern anein⸗ ander feſſelte und rief mit einer Stimme, welche ſogar das Herz jener Niederträchtigen erſchütterte, die ihn in dieſem Augenblick umgaben, indem er auf Troilo blickte: „Er war doch ein Verräther!“ In dem Ton dieſer Worte, in der Art, wie ſie ge⸗ ſagt wurden, in der Geberde des unglücklichen Greiſes lag eine ſo tiefe und ſchmerzliche Wahrheit, daß, ich wie⸗ derhole es, ſelbſt in den Herzen der rohen und wilden Schergen ein Gefühl des Mitleids rege wurde. Liſa, die arme Liſa, wie von einem Blitzſtral in's Innerſte getroffen, riß ſich mit der Kraft einer Verzwei⸗ felten aus den Händen derer, die ſie feſt hielten, ſtürzte zu ihrem Vater hin und rief: „Warum ein Verräther? wie? Wer kann meinen Troilo einen Verräther nennen? Was hat er denn ge⸗ than? Da ſie ihn nicht ereilen konnte, indem ſie ſogleich wieder von denen, welchen ſie entſprungen war, ergriffen und gehalten wurde, ſo wand ſie ſich ſträubend, ſuchte den Gatten mit ihren Blicken und wiederholte immerfort: „O! er ein Verräther!.. Mein Troilo ein Ver⸗ räther!.. Mein Vater, wie kannſt Du ſo etwas Schreckliches ſagen?.... und zwar in einem ſolchen Augenblick?—“ Endlich ſah ſie ihn ſelbſt; er befand ſich an derſelben Stelle, mit derſelben Miene und Geberde und derſelbe Eindruck, derſelbe Gedanke, den es bei Niccolo hervorge⸗ bracht hatte, ließ ſie mit derſelben Gewißheit die Wahr⸗ heit erkennen. Liſa empfand alle Schauer des Todes be im 71 Anblicke dieſer entſtellten Fratze und mußte ihr Geſicht ab⸗ wenden und die Augen mit den Händen bedecken; aber noch immer konnte ſie ihre erſte Regung nicht unterdrücken, und neue Hoffnung ſchöpfend, ſagte ſie mit Thränen zu ihm, indem ſie ihn doch nicht anders als verſtohlen anzu⸗ blicken wagte: „O mein Troilo, komm hieher!... Sprich!.. Haſt Du denn Nichts vernommen?... Haſt Du Nichts gehört?.. Warum bleibſt Du ſo unbeweglich ſtehen 2 Was waltet hier für ein Geheimniß? D Troilo, Troilo!.... Iſt es denn möglich, daß Deine Liſa in Ihrer Verzweiflung auch kein Wort von Dir er⸗ halten kann?“ Zuletzt rief ſie mit dem Ungeſtüm einer unausſprech⸗ lichen Wuth: „Aber Du, Elender, ſo ſage doch wenigſtens, daß es wahr iſt, daß Du wirklich ein Verräther biſt!... Dann bin ich doch wenigſtens der Ungewißheit ledig...“ Statt aller Antwort zuckte Troilo die Achſeln, ent⸗ fernte ſich und entſchwand bald in den Schatten der Nacht. Liſa wurde bleich und kalt wie ein Marmor, ſie ließ ihre Arme ſinken und ſagte ebenfalls: „Er war ein Verräther!“„ Sie ſank halb todt zu Niccolo's Füßen nieder und ſprach mit erloͤſchender Stimme: „Und ich Unglückſelige bin an Allem Schuld!“ „Das iſt nur zu wahr!“ So erwiderte der Greis und die Soldaten, die es nicht mehr ertragen konnten, Zeugen einer ſolchen Scene zu ſein, brachen auf und führten ihre Gefangenen in das Haus, welches ſie ſo eben verlaſſen hatten. Im Gehen ſagte Moritz, der neben Lambertv geführt wurde, leiſe zu dieſem: „Denkt Ihr noch an jenen Abend!.. Ich geſagt haben, nicht trinken! nicht trinken, nicht Frieden machen 72 7 mit Herr Drollich! Verräther ſein! Recht gehabt haben, armer Moritz.“ Lamberto erwiderte:„Nur zu ſehr!“ Als man ſie in das Haus gebracht hatte, wurde Nic⸗ colo in ein Zimmer, die jungen Mädchen in ein anderes und die übrigen Männer in ein drittes verſchloſſen und Alle von vielen Bewaffneten ſorgfältig bewacht, bis es Zeit ſein würde, nach Florenz aufzubrechen. Der Schlag war geſchehen, Niccolo gefangen! Warum aber hatte der Hauptmann dieſer edlen Schar, Herr Be⸗ nedetto de Nobili, der hinter dem Rücken der Seinigen ge⸗ rufen hatte: Ihr ſeid Gefangene des Pabſtes! ſich nicht gezeigt? Warum war er nicht vorgetreten? Weil der Schurke nicht die Keckheit gehabt hatte, Niccolo's Blick zu ertragen, ſo wie auch Troilo's Augen vor ihm zu Bo⸗ den geſunken waren. Gott ſei gelobt, daß vor den Blicken mancher Männer die Stirn von Schurken, die ſich an die Mächtigen verkauft haben, ſo lange die Welt ſtehen wird, in den Staub ſinken muß. Nunmehr, da die Gefangenen eingeſchloſſen und gut bewacht waren und da man keine Gefahr mehr lief, mit ihnen in Kampf zu gerathen, traten die beiden Verräther in das Haus und mit ihnen Selvaggia, die wir mit die⸗ ſem Vorwurf verſchonen wollen, bis ihr Betragen ihren Charakter ganz enthüllt hat. Was müßte man nicht über⸗ haupt einer Liebe verzeihen, wie diejenige, von welcher ſie verzehrt wurde und die vielmehr Wahnſinn, Wuth oder Thorheit genannt zu werden verdiente, beſonders wenn man die langen unerträglichen Leiden der Armen, die Beleidi⸗ gungen, den Hohn, die Verachtung bedenkt, die(man ver⸗, zeihe mir den Ausdruck) gewiſſermaßen ihr einziges Brod geweſen waren, ſeitdem ſie ihre Augen dem Lichte und ihr Herz dem Gefühle geöffnet hatte! Sehr oft finden ſich in ſolchen Seelen beim Eintritt in die Welt zu gleicher Zeit die Keime zu heldenmüthiger Tugend und zu furchtbaren Verbrechen. Schickſale und Menſchen, mit denen ſie in 8 73 Berührung gerathen, entwickeln die einen oder die andern. Daher Tugend oder Laſter, Glück oder Unglück. Wir wiſſen, welches Loos Selvaggia getroffen hatte, die den Kelch des Unglücks bis zur Hefe leeren mußte und untergegangen wäre, hätte nicht eine emächtige Hoffnung ſie aufrecht erhalten, die der Rache. Für dieſe allein ertrug ſie das Leben, dieſer galten alle ihre Gedanken, ihre Hand⸗ lungen, alle ihre Bewegungen; ſet der ſchrecklichen Nacht, da ſie auf der Straße nach Empoli Lamberto zum letzten⸗ mal geſehen hatte, hatte ſie ſie ausgedacht und in der in⸗ nerſten Seele lange vorher berechnet, in der Stille der, ſchlafloſen Nacht, lange Stunden hindurch in Unruhe und im Aufruhr der Gefühle, unter der Menge der Menſchen verweilend oder in der Einſamkeit, immer beſchäftigte ſie dieſer ewige Gedanke, der in ihrer Seele ſtralte wie ein einzelner trüber Stern durch das Dunkel des unermeßlichen Himmels. Verlangte ſie Rache, die Unglückliche? Sie hatte ſie mühſam ausgedacht und zuletzt diejenige gewählt, die ſel⸗ ten oder nie von einem menſchlichen Herzen erdacht wird; ſie hatte ſie ſo zu ſagen in ſich auferzogen und mit tau⸗ ſend tauſend Mühen war ſie auf den Punkt ge⸗ langt, ſie der Erfüllung nahe zu ſehen. Um den Tiſch, auf welchem das kleine Abendeſſen noch zugerichtet ſtand, das den armen Gefangenen bereitet worden war, ſaßen Herr Benedetto, Troilo und Selvaggia. Der Erſtere hatte, um ſich ſo gut als möglich vor den Ge⸗ fahren zu ſchützen, die ihn bei dieſer Untecnehihe treffen konnten, ſich ganz über und über mit Stahl gepanzert, und die Stücke ſeiner Rüſtung ſchloßen mit dem Bruſt⸗ panzer und Rückenſtück an den Schultern und unter den Achſeln durch gehörige Einrichtung ſo gut als möglich zu⸗ ſammen, aber an den Seiten ſtanden ſie bei ſeinem dicken Wanſt drei Spanuen; weit von einander, ſo daß er dort nur ſchlecht geſchützt! war; daher war der niederträchtige Alte von der Unbequemlichkeit und der trotz der Nacht ſehr 74 drückenden Hitze ganz erſchöpft und glaubte einen Berg auf dem Rücken zu tragen. Er nahm ſeine roſtige Sturm⸗ haube ab und trocknete keuchend den Schweiß von ſeinen blaſſen, runzlichen Wangen. Selvaggia, in die glänzende Rüſtung eines Kriegers gehüllt, gab keine Spur von Mat⸗ tigkeit zu erkennen, ſondern ſtützte nachdenklich ihren Kopf auf die Hand, während ſie mit der andern ein Meſſer nahm und damit ſpielte. Troilo hatte ſich ganz leicht mit einem kleinen Panzerhemde gedeckt; ſein Geſicht war gelb und ſeine Augen ſo verſtört, daß er Entſetzen erregte. Aber er wollte unbefangen ſcheinen und als ein keckerer Schurke gelten, als ſein Gefährte, und wüthete in ſeinem Herzen darüber, daß auf dem Geſichte des Andern keine Spur einer andern Qual zu erkennen war, als die der Müdigkeit und der Hitze. Als er endlich fühlte, daß ſein Geſicht den Zuſtand ſeines Innern verrathe, wendete er ſich an die Flaſche, trank ſie aus und ſuchte dann die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Er erhob ein ſchallendes Ge⸗ lächter, dem man das Erzwungene ſehr gut anhörte und ſagte: „Wißt Ihr, was mir einfällt, Herr Benedetto?. Denkt Ihr noch an die Nacht in den Gewölben von St. Girolamo, als ich zuweilen mit der Geißel Euren Rücken traf, ſeht, das war aus Verſehen!.. Damals wäre es gut für Euch geweſen, wenn Ihr dieſe Rüſtung angehabt hättet, in der Ihr ausſehet, wie eis franzöſiſcher Paladin!“ „Damals war ich in dem Gewölbe und jetzt bin ich hier,“ entgegnete der ſcheinheilige Alte, der im Gegenſatz zu Troilo kein Gefühl menſchlicher Regung empfand, aber ſich den Schein derſelben geben wollte. Dieß iſt der Un⸗ terſchied zwiſchen dem Neuling im Laſter und dem vollen⸗ deten Schurken. „Solche Scenen thun mir weh,“ fuhr er mit betrüb⸗ tem Geſichte fort....„Der arme Nieccolo, die arme nitie Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus. ————* 75 „O der Staatsvortheil iſt etwas Schreckliches! Ihm zu dienen, den Geſetzen und der Ordnung zu dienen, koſtet große Opfer!“— Vielleicht war es die Gegenwart Selvaggia's und einiger Soldaten, welche an der Schwelle ſtanden und den Eintritt bewachten, was Nobili veranlaßte, ſo zu ſprechenz aber er hatte es mit Troilo zu thun. Dieſer ahmte ſein Geſicht, ſeine Stimme und ſein Seufzen nach und ant⸗ wortete ihm: „Wie bemitleide ich Euch, mein armer Herr Bene⸗ detto! Es iſt doch was Schönes um dieſe Säcke mit, Dukaten.. ich wollte ſagen um die Geſetze, die Ord⸗ nung und den Staatsvortheil.... nicht wahr?“— Nobili wandte ſich und winkte Troilo mit den Augen, um ihn aufmerkſam zu machen, daß noch Andere zuhörten und ihn dadurch zum Schweigen zu bringen. Aber Troilo war in eſen Angenblicke ſo giftig, wie es immer Jene ſind, welche ſich gezwungen fühlen, ſich ſelbſt zu verachten und zu uſit er mußte ſich dieſes Giftes entledigen und fuhr mit ſchadenfrohem Gelächter fort: „Lieber Herr Benedetto, Ihr ſeid bereits erſchöpft und außer Athem, wie ein Eſel in der Tretmühle, und jetzt wollt Ihr Euch noch zum Ueberfluß die Mühe machen, die Maske eines Ehrenmannes vor das Geſicht zu nehmen. Wenn Ihr nur ſehen könntet, wie der Schweiß von Euren Wangen herabfließt, ſie ſchäumen über, wie ein ſie⸗ dender Topf! Ihr werdet krank werden! Seht nur, es hilft Euch ja gar nichts, macht es wie ich, ich bin ein Schurke und ſage es frei heraus. Ich bin ein Verräther; was hat das weiter auf ſich! Große Feldherrn, Könige, Päbſte und Kaiſer ſind ſo ſchlimm wie ich und noch ſchlim⸗ mer, ſobald ſie keinen andern Weg zu ihrem Ziele finden können. Ich thue, was ich zu thun habe, ſo gut ich kann, und wer es nicht will, der mag ſehen, wie er weiter kommt. Habe ich Recht, Selvuggia 20— Nun ſtand er auf, während ſein freundliches und 76 ſcherzendes Geſicht auf einmal den Ausdruck der heftigſten Wuth annahm, ein treues Bild der Hölle, die in ſeinem Innern tobte, ſchritt er durch das Zimmer und rief zähne⸗ knirſchend: „Ich kann dieſe Gleißner nicht ausſtehen, dieſe Schlan⸗ gen mit den Engelsgeſichtern! Ich verſtehe nicht, wer ihnen für dieſe Mühe danken ſoll? Chriſtus nicht und der Teufel gewiß auch nicht.“ Er ging fortwährend auf und ab, pruſtete und mur⸗ melte zwiſchen den Zähnen. Selvaggia bekümmerte ſich wenig oder gar Nichts um ihn; Nobili war über dieſen plötzlichen und grundloſen Zorn faſt in Schrecken gerathen und ſprach, indem er ihn verwundert anblickte: „Ei wozu denn jetzt ſich ſo erzürnen?“ Troilo wendete ſich gegen ihn wie eine Schlange, auf einmal aber beſann er ſich, daß ſeine Wuth ihm zu Nichts nütze, als ihn lächerlich zu machen, brach in ein über⸗ lautes krampfhaftes Gelächter aus, ſchenkte Nobili einen vollen Becher Wein ein und bot ihm denſelben hin, indem er ein Liedchen vor ſich hin trillerte. Der Alte nahm ihn an und ſagte: „Geh' nur, Du haſt heute einen Sparren zu viel!“ und trank: Eben trat Michele, Troilo's Bedienter, ein, welcher mit der von Benedetto geführten Schar angekommen war, und ſagte: „Herr, Eure Frau da unten... „Das fehlte noch, daß ich eine Frau hätte,“ ſagte. Troilo lachend. „Ich meine M. Liſa, mit der man Nichts mehr anzu⸗ fangen weiß. Sie hat ſich in einem Winkel wie ein Sack auf den Boden geworfen, die Augen ſtarr und verdreht und wie unſinnig. Man kann Nichts aus ihr herausbrin⸗ gen, als daß ſie nach Euch verlangt, daß ſie mit Euch ſprechen will. Die Schweſter und die Magd ſtehen um 77 ſie herum, aber ſie ſcheint gar Nichts zu merken und zu hören und man weiß nicht, was ihr fehlt.“ „Der Teufel hat ſie beſeſſen, der Dich holen ſoll, Du feiger Schurke!“ rief Troilo und ging mit geballter Fauſt auf den Bedienten zu; Letzterer zog ſich hinter die Thüre zurück und Troilo folgte ihm und rief ihm nach: „Wer hat Dich geheißen, daherzukommen und mir den Kopf toll zu machen, Du einfältiger Galgenſtrick! Bin ich Arzt oder Apotheker? Habe ich etwa gelernt, die Frauen von ihren körperlichen Leiden zu heilen?. Ver⸗ flucht ſei die Stunde, da Du mir in den Weg gelaufen biſt! Und jene andere..... Michele! Michele!“ rief er immer heftiger und Michele erſchien wieder. „Sag' ihr und allen denen da unten, daß wir Nichts thun, als was uns von unſeren Oberen befohlen worden iſt, daß es uns herzlich leid thut, daß wir es aber nun einmal nicht anders machen können.. und dann geh' zur Hölle und unterſtehe Dich nicht mehr, mir vor Augen zu kommen, ohne daß ich Dich rufe.“— Michele ver⸗ ſchwand und Troilo kehrte zur Flaſche zurück. Der Elende ſuchte durch den Trunk ſeine unerträglichen Qualen zu vergeſſen. Er trank, dann ſann er eine Zeitlang ſchwei⸗ gend nach und rief ſodann wie raſend aus: „Sollte man nicht wenigſtens wiſſen können, wie viel Uhr es iſt? Das iſt eine ewige Nacht! Iſt denn keine Uhr auf dem hieſigen Thurm? Schlägt es keine einzige Stunde in dieſer verwünſchten Stadt?“ Ein Soldat, der an der Thürſchwelle ſtand, ſagte: „Sie haben vier Cancellieri als Gewichte an den Seilen aufgehangen und da dieſe mit den Füßen die Erde berühren, ſo iſt die Uhr ſtehen geblieben.“ Einige andere Soldaten, die im Vorzimmer auf Stroh lagen, lachten und machten untereinander ihre Witze darüber, dann wurde es wieder ſtill. Das Licht, das auf dem Tiſche brannte, wurde bläſſer und kleiner aus Mangel gn Oel. 7 Herr Benedetto hatte es ſich in einem Winkel bequem gemacht und ſchnarchte auf einem Mantel, deſſen er ſich als Kiſſen bediente; gleich ihm ſchnarchten Viele im Vor⸗ ſaal, auf der Treppe und auf der Straße, denn es war gerade eine Stunde vor Tagesanbruch, wo der Schlaf am unüberwindlichſten iſt. Selvaggia ſtützte noch immer den Kopf auf die Hände und gab nicht zu erkennen, ob ſie ſchlafe oder wache. Troilo hatte vergeblich gehofft, die gräßlichen Gedanken, die ihn peinigten, durch Trinken zu verſcheuchen; ſtatt deſſen waren ſie nur noch furchtbarer und verworrener geworden und ſeine Einbildungskraft führte ihm tauſend furchtbare und ſchreckbare Schreckbilder vor Augen, die ſein Inneres mit einer ihm ganz neuen kindi⸗ ſchen Furcht erfüllten. Die Ruhe, die ihn umgab, das düſtere Licht der ſter⸗ benden Lampe verſtimmten ihn; mit Gewalt ſuchte er ſeine Gedanken auf die Vortheile zu richten, die ihm aus ſeinem Verbrechen erwachſen ſollten. Er dachte:„Morgen um dieſe Zeit werde ich das Kleinod, nach dem ich mich ſo geſehnt habe, werde ich Laudomia beſitzen; ich werde meine Luſt an ihr büßen können! Dann werden mich die Medici reich und mächtig machen, ich werde in Glanz und in Ehre leben!“ Aber dieſe Bilder hatten auf einmal alle ihre lachenden Farben, alles Leben für ihn verloren, als wären es nur trügeriſche Larven geweſen, die ein böſer Geiſt, um ihn zu verlocken und in den Pfuhl des Laſters zu ziehen, hervorgerufen hatte. Er wurde wüthend, als er Herrn Benedetto ſo ruhig ſchlafen ſah und dachte:„Er iſt doch noch ein größerer Schurke als ich, er iſt nicht tapferer, nicht muthiger und doch ſchnarcht er wie ein Schwein, gleich als hätte er ein heiliges Werk vollbracht!“ Zuletzt rief er ungeduldig und ergrimmt über ſein feiges Betragen aus:„Weg mit dieſen Thorheiten! Wir wollen aufbrechen, wenn die Sonne aufgeht, werden dieſe 79 weibiſchen Träume verſchwinden! Er näherte ſich Nobili entſchloſſen, zog ihn am Arme und ſagte zu ihm: „Auf, es iſt nicht mehr Zeit zum Schlafen! Wir müſſen Befehl zum Aufbruch geben!“ Der Alte erwachte, athmete ein paarmal tief auf, wiſchte ſich die Angen, gähnte und ſtreckte ſich, denn die ſchlechte Lage und der Druck der Rüſtung thaten ihm weh, dann erhob er ſich und war bald munter. Auch Selvaggia, welche die ganze Nacht über kein Wort geſprochen hatte, erhob ſich und ſetzte ſich mit ihnen an den Tiſch. Die Soldaten erwachten, die Reiter fingen an ihre Pferde zu beſorgen und ein friſcher Gebirgswind, der durch das Fenſter hereinwehte, verloͤſchte den letzten Schimmer der Lampe und kündete die Annäherung des Morgens an. „Wohlan,“ ſagte Troilo,„ich habe daran gedacht, daß wir die Gefangenen unter Begleitung unſerer Leute und der⸗Bauern vorausſenden wollen. Ihr habt geſagt, Euch gefallen die Scenen nicht. Mir mißfällt das Ge⸗ heul nicht minder. Wir können ihnen mit Bequemlichkeit nachfolgen, denn das Gebirge iſt von den Cancellieri ge⸗ ſäubert und es iſt Nichts zu fürchten. Wenn wir nach Prato zu kommen werden, ſo möget Ihr, Herr Benedetto, Euern Weg nach Florenz fortſetzen und Fanfulla, Bindo Moritz und Liſa nebſt der Magd mit Euch nehmen; die letztere möͤgt Ihr in ihr Haus zurückſchicken, ich habe ih⸗ retwegen ſchon Vorkehrungen getroffen. Es ſoll ihr nicht an Unterhalt fehlen; ich bin Edelmann und weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Selvaggia und ich, wir ziehen uns links nach dem Landgut des Valori mit Lamberto und Laudomia. Wir haben mit Beiden ein Wort zu ſprechen. Du haſt nicht zu fürchten, Selvaggia, daß ich Deine Rache ſtöre, vorausgeſetzt, daß Du in jedem Fall Deinen Schwur hältſt.“ „Darüber ſeid unbeſorgt,“ entgegnete das Mädchen barſch, dann fuhr ſie fort:„Wenn Ihr aber meinem Rathe 80⁰ folgen wollt, ſo nehmt auch Fanfulla und die andern bei⸗ den mit uns, anſtatt ſie nach Florenz zu führen. Wenn ſie dorthin kommen, ſo werden ſie wahrſcheinlich ſo⸗ gleich die Freiheit wieder erhalten, denn die Regierung hat es nur auf Nieccolo und nicht zugleich auch auf ſie abgeſehen, und ſobald ſie los geworden ſind, wird ihre erſte Sorge dahin gehen, uns nachzuſetzen. Ihr wißt, wie muthig ſie ſind, beſonders Fanfulla; ich habe Euch daher warnen wollen.“ „Daran haſt Du recht wohl gethan! Ich Thor hatte dieſes überſehen, und wäreſt Du nicht geweſen, ſo hätte das einen ſchönen Tanz abſetzen können. Es iſt wahr, es ſind ihrer vier und wir mit Michele drei, aber ſie ſind jn gebunden und waffenlos und wir ſind bewaffnet. Wir könnten noch einen oder zwei von den Soldaten mitneh⸗ menz aber offen geſagt, je weniger wir unſerer find, deſto lieber iſt es mir, und in gewiſſen Fällen je weniger Zeu⸗ gen man hat, deſto beſſer Nein, nein! Wir wollen unter uns ſein; zum Teufel, es wäre auch eine Schande! He, Michele, bring Waſſer! Ich weiß nicht, ich fühle mich unwohl; das iſt ein verwünſchter Wein; es brennt mich wie Feuer! Wären wir nur einmal aus dieſen Mauern fort!“ Das Waſſer kam, er trank und wuſch ſich das Ge⸗ ſicht; indeſſen wurden die Pferde vorgeführt. Troilo, No⸗ bili und Selvaggia ſaßen auf und hinterließen den Be⸗ waffneten und Michele den Befehl, wie ſie beim Abführen der Gefangenen ſich benehmen ſollten, dann begaben ſie ſich durch die engen Gaſſen von Gavinana an einen ſeit⸗ wärts liegenden Ort, von wo ſie erſpähen konnten, wenn Jene ſich auf den Weg gemacht haben würden, in der Ab⸗ ſicht, ihnen ſodann in der Entfernung zu folgen. ——— Fünfunddreißigſtes Kapitel Die Straße, die von Piſtoja nach Florenz führt, zieht ſich in der Nähe von Prato faſt immer unfern des Fußes der Gebirgskette hin, die das Arnothal begränzt. Mehrere Gebirgszweige, die von den felſigen, trockenen Höhen des Apennin ausgehen, vLerflachen ſich nach und nach bis an die Ebene und bilden zuerſt zerriſſene, tief eingeſchnittene Schluchten, dann aber kühle Thäler von dichten Kaſtanien beſchattet; zuletzt breiten ſie ſich in wellen⸗ förmigen Flächen aus, die von Oliven und Reben pran⸗ gen, zwiſchen welchen Landhäuſer und Hütten, am Abhange zerſtreut, weiß hervorglänzen. Der Fuß dieſer Höhen er⸗ ſtreckt ſich mehr oder weniger in die Ebene hinein und verliert ſich bald unmerklich in einen ſanften Abhang, bald fällt er Vorgebirgen gleich in ſteiler Senkung ab. Drei Meilen von Prato, an einem einzeln ſtehenden Hügel, liegt Monte Murrlo, ein Schloß der Familie Strozzi, von wo Herr Philippo und Baccio Valori einige Jahre nach der Zeit, von der wir ſprechen, der Eine zum Schaffot, der Andere ins Gefängniß geführt wurden, das er mit ſeinem Gelde hatte bauen helfen und welches nachher ſein Grab wurde. So erhielten ſie in dieſer Welt, abgeſehen von der andern, die Rechnung bezahlt, die das von ihnen ver⸗ rathene Vaterland ihnen ſchuldete. Wenn man an Monte Murrlo vorüber gekommen iſt, ſo zieht ſich ein weites Thal in Form eines Amphithea⸗ ters gegen die Berge hinein, im Hintergrunde, etwas hochliegend, befindet ſich das Landhaus, welches damals Baccio Valori gehörte, nun aber der Familie Tompi zu⸗ ſteht und il Barove genannt wird. An der Stelle der Hauptſtraße, wo man Monte Murrlo zuerſt entdeckt, kam Niecolo de' Lapi. III. 6 82 der Zug, in welchem Niccolo mit den andern Gefangenen geführt wurde, am zweiten Tage nach ſeinem Abgange von Gavinana an. Die Sonne war ſchon ſeit einer hal⸗ ben Stunde untergegangen und bald von dieſer, bald von jener Seite läuteten die Glocken der umliegenden Ort⸗ ſchaften zum Abendgebet. Was für Gedanken dieſe Klänge in den Herzen der Betrübten erregten, wird ſich der am beſten denken können, der für das zarte Gefühl Sinn hat, welches ſich in folgenden ſchönen Verſen ausſpricht: Es war um jene Stunde, die zum Frieden, Das Herz des Schiffers ſtimmt, das ſonſt verdorben, Er denkt des Strands, wo er vom Freund geſchieden; Der Pilger träumt, wie er um Lieb' geworben, Das RAlles weckt der Glocke Klang vom Lande Zu weinen ſcheint ſie, daß der Tag geſtorben. Den Ohren unſerer Verrathenen mußte dieſer Klang die Klage über noch ganz anderes Unglück bedeuten. Sie zogen ſchweigend und müde ihren Pfad; beſonders litten der Greis und die Frauen, ſowohl an körperlicher Ab⸗ ſpannung, welche der weite Weg veranlaßte, als an inne⸗ rer Aufregung; auch hielten ihre Begleiter ſie ſo weit von einander entfernt, daß ſie ſich einander nicht einmal durch Blicke und Worte tröſten konnten. Jetzt war nach Troilo's Plan, der mit Herrn Bene⸗ detto dem Zug folgte, die paſſende Zeit für die Trennung der Geſellſchaft gekommen. Er hielt mit Selvaggia und gab ſeinen Leuten, die bereits von ihm unterrichtet waren, ein Zeichen. Es blieben nun auch diejenigen ſtehen, welche Laudomia, Lamberto, Bindo und Fanfulla in ihrer Mitte hatten; Niccolo, Liſa und Monafede ſetzten, ohne etwas davon zu bemerken, ihren Weg nach Florenz fort, und Nobili ſpornte ſeinen Klepper und holte ſie bald ein. Troilo wollte nicht, daß ſeine Gefangenen wiſſen ſollten, wohin ſie geführt wurden und hatte Michele die geeigneten Befehle gegeben. Sobald man Halt gemacht hatte, wurden ihnen die Augen verbunden, auch mußten — ——— 83 Alle, außer Laudomia, abſteigen und ihre Pferde wurden von einem dieſer Schurken der Schar nachgeführt, welche mit Niccvlo vorausging. Dieſen Maßregeln, welche keines⸗ wegs etwas Gutes weiſſagten, ſetzten die Gefangenen weder mit Worten noch That einen Widerſtand entgegen. Was hätten ſie auch thun können? Ihre Arme waren von viel⸗ fach herumgewundenen Stricken auf die Bruſt gebunden und ſie wollten ſich ihren Feinden nicht durch unnütze Wuth lächerlich machen. Sie ſchwiegen und erwarteten den Tod, denn ſie glaubten ſicher, daß man ſie in eine abgelegene Grube werfen wolle. Statt deſſen fühlten ſie Hände, die ſie betaſteten, ihre Stricke unterſuchten und die Knoten derſelben feſter anzogenz ſodann wurden ſie mit den Enden der Stricke Alle zuſammen gebunden, zwei voraus, zwei hintennach. Eine,Stimme rief:„Geht!“ und ſie brachen auf. Michele führte Laudomias Pferd an der Hand; einige Leute von der Truppe waren zurückgeblieben, um bei dieſen Vorkehrungen zu helfen; ſobald ſie fertig waren, verab⸗ ſchiedete ſie Troilo und ſie holten gleichfalls ihre Vor⸗ gänger ein. Fünfzig Schritte von da ging Troilo mit den Sei⸗ nigen über den Pont alle Troje, ein gemeiner Name, aber es iſt nicht unſere Schuld; von dort aus mußte er die Hauptſtraße verlaſſen und gleich jenſeits der Brücke einen ſchmalen Weg zur Linken einſchlagen. Troilo befahl Mi⸗ chele, die Gefangenen halten zu laſſen und ſie zwei oder dreimal umzudrehen, damit ſie die Richtung verlieren ſollten; ebenſo machte man es mit Laudomias Pferd, dann ſetzte man den Weg fort und gelangte nach einſtündigem Marſch an das Thor des Landhauſes. Es war voͤllig Nacht geworden. Zwei große Hunde hörten den Schritt der Ankom⸗ menden und ſprangen wüthend unter Geheul und Bellen an das Gitter. Aber es erſchien eine Geſtalt zwiſchen ihnen und dem Thor, jagte ſie mit Fußtritten fort und rief mit tiefer und zoringer Stimme;„Kuſch, Griffone! Ins Haus Alano!“ und die Hunde zogen ſich knurrend zu⸗ rück. Das Thor wurde geöffnet. Alle traten ein und die Gefeſſelten hörten das dumpfe Getöſe der Riegel, die hinter ihnen geſchloſſen wurden. Sie gingen voraus, während Troilo und Selvaggia bei demjenigen ſtehen blieben, der ſie eingelaſſen hatte, dem damaligen Wächter des Landhauſes, ehemals ein Räuber, den ſein Herr gerettet, als auf ſeinen Kopf ein Preis geſetzt geweſen war. „Willkommen, meine Herrſchaften,“ ſagte dieſer, „Herr Baccio hat ausdrücklich einen Boten an mich geſchickt, um mich zu benachrichtigen, daß Ihr kommen würdet und daß ich Euch in Allem zu gehorchen habe. Ihr habt alſo nur zu befehlen. Ich habe indeſſen Alles hergerichtet ſo gut ich konnte; aber hier iſt es nicht gut ſein; Ihr werdet Euch behelfen müſſen.“ „O wir haben nicht viel nothig: vor Allem ſage, wie heißt Du, ehrlicher Mann?“ „Mein Vater hatte ein Wirthshaus in der Ma⸗ remma bei Vadaz ſolltet Ihr vielleicht dort bekannt ſein? Das Wirthshaus heißt Forca de Bratiz er ließ mich Giovanni taufen; dann gehörte ich zum Geſinde des Hä⸗ ſcherhauptmanns von Piſa, dort hieß man mich den Cor⸗ poral Schlechtwetter. Jetzt nennen mich die Bauern, wenn ich gerade nicht um den Weg bin, den kleinen Sbirren, wenn ſie aber mit mir zu thun haben, Ser Vanni; Ihr könnt alſo wählen, welcher Name Euch am beſten gefällt.“ „Alſo, Ser Vanni,“ ſagte Troilo lächelnd,„ich bin gekommen, um einen Tag oder vielleicht zwei bei Dir zu bleiben. Vor Allem ſage mir, giebt es ein Gemach, einen Keller oder ein Loch, welches gute Thüren und Schlöſſer hat, um diejenigen einzuſchließen, die Du haſt vorbeigehen ſehen und die, wie Du bemerkt haben wirſt, wie Würſte zuſammengebunden ſind?“ „Wenn Ihr keine andern Zimmer wollt, als Gefäng⸗ niſſe,..„ſeht Ihr nicht, der ganze Palaſt iſt von oben bis unten nur ein Gefängniß, wie die Burg von Volterra.“ * 8 ₰ „Gut, es iſt eines da. Haſt Du ferner die Edel⸗ frau zu Pferde geſehen? Dieſer gieb das beſte Zimmer, das beſte Bett, kurz das Beſte was Du haſt.“ „Nun, da haben wir kein anderes, als das große gelbe Zimmer, in welchem früher die Großmutter des Herrn Bacciv gewohnt haben ſoll, wie die alten Leute in der Gegend erzählen; auch ſagen ſie, es ſoll dort ſpu⸗ ken. Was mich betrifft, ſo habe ich nie etwas be⸗ merkt Freilich ſchlafe ich nicht hier, ſondern ich wohne in einem Bauernhaus, das ein wenig ſeitab liegt. Man erzählt eine Teufelei von dieſer Frau zur Zeit Co⸗ ſimo des Aeltern: ein Landpfarrer, der im Hauſe aus⸗ und einging, iſt einſt plötzlich verſchwundenz ſie behaupten, jene habe ihn aus Giferſucht in das unterirdiſche Gewölbe geworfen; ſie habe ihm durch eine Fallthure, die ſie im Zimmer nheine ließ, ein wenig verſchimmeltes Brod an einem Seile hinabgelaſſen, nach und nach aber unter⸗ ließ ſie dieſes und viele Jahre nachher ſoll man ihn mit ganz zernagten Händen gefunden haben und ſo vertrocknet, wie der Körper einer Heuſchrecke. Seit dieſer Zeit, er⸗ zählt man, laſſen ſich beide in der Johannisnacht ſehen, machen einen Umgang um die Schornſteine und verſinken dann wieder in die Grube.“ „Kein großes Uebel, wenn es weiter nichts iſt, denn bis zur St. Johannisnacht hin hat es noch Zeit Jetzt aber wollen wir daran denken, dieſe Leute einzuſchlie⸗ ßen und irgend etwas herbeiſchaffen, um ihnen Speiſe zu geben, denn ich beabſichtige nicht, ſie ſo grauſam zu be⸗ handeln, wie die Großmutter den Prieſter. Beim Blitz, ich hätte keine Luſt, mit ihnen nach. meinem Tode um die Schornſteine zu tanzen.“ „Es ſind alſo Gefangene, die man gut behandeln muß?“ fragte der kleine Sbirre mit einer Geberde, welche deutlich zu erkennen gab, wie wenig er ſich daraus gemacht haben würde, wenn man ihm befohlen hätte, ihnen den Hals umzudrehen. 86 „Drei von ihnen,“ erwiederte Troilo,„mit dem Vier⸗ ten wird dieſer mein Gefährte(hier deutete er auf Sel⸗ vaggia) thun, was ihm beliebt, und wenn es ſich darum handeln ſollte.. „O, was mich betrifft, mir iſt Alles gleich,“ ent⸗ gegnete der Andere ſchnell, um Troilo die Unbequemlich⸗ keit zu erſparen, ſich näher zu erklären.„Ihr kennt das Sprüchwort:„Mit Wölfen muß man heulen.“ Was Ihr mir befehlt, werde ich thun, nicht mehr und nicht weniger.“ „Einen paſſenderen Mann hätten wir nicht finden können,“ ſagte Troilo im Gehen, während der Wächter voranging, um den Weg zu zeigen. Michele war aus Unkenntniß der Oertlichkeit mit den Uebrigen am Eingangs⸗ thor der Villa ſtehen geblieben. Als Troilo und Selvag⸗ gia ihn einholten, ſchickten ſie ſich endlich an, das Haus ſelbſt zu betreten. Nun wollen wir, nicht weil es uns etwa um Be⸗ ſchreibungen zu thun iſt, ſondern zum Verſtändniß deſſen, was wir zu erzählen haben, eine Darſtellung dieſes Land⸗ hauſes oder Schloſſes geben; denn Jedermann weiß, daß die Landhäuſer der damaligen Zeit zugleich auch Burgen geweſen ſind. Das platte Dach des Gebändes bildete ein Viereck, das vorn länger war als auf den beiden Seiten; innen umſchloß es einen Hof, der mit einer Säulenhalle umge⸗ ben war; in einem Winkel befand ſich ein Brunnen mit zwei kleinen Säulen von Stein, zwiſchen denen ſich ein Querbalken befand, an welchem die Rolle hing. Die Vorderſeite, aus großen Tufſteinwürfeln erbaut, hatte nur, wenige weit von einander entfernte Fenſter mit ſo engen eiſernen Gittern, daß ſogar eine Hand ſchwer hätte hin⸗ durch kommen können, zu dem Hauptthor, das anderthalb Mannshöhe über dem Boden war, gelangte man auf einer Treppe, die vier Abſätze bildete und mit einer üppigen Vegetativn von Neſſeln, Brombeeren und anderem Unkraut 87 bewachſen war. Die Thüre war von Eichenholz und mit einem Eiſengitter verſehen, das mit großen eiſernen Nä⸗ geln befeſtigt war; über derſelben befand ſich ein Thurm, der nicht viel höher war, als das übrige Haus; oben über das Ganze lief eine Gallerie, von kleinen Pfeilerbogen ge⸗ tragen und mit Zinnen verſehen. Wenn man eingetreten war, ſah man das Innere des Thurmes über ſich und oben an der Decke waren Vorkehrungen angebracht, daß die Herren des Hauſes einen ungelegenen Beſuch ſehr leicht hätten zurückweiſen können. Noch heutzutage nigt dieſes Haus, obgleich ein Architekt des ſiebenzehnten Jahrhunderts es einigermaßen im Geſchmack des Michel Angelo um⸗ gewandelt hat, viele Spuren der alten Bauart; das ebene Dach des Hauſes iſt noch daſſelbe; der Thurm über dem Hauptthor iſt ſeiner Zinnen beraubt und dient nur noch als uyt die Tuffſteinwürfel an der vordern Seite find noch an den Ecken des Gebäudes ſichtbar und ſogar in dem letzten Zimmer des Erdgeſchoſſes zur linken Seite iſt Bett und Geräthe mit gelber Seide verſehen, gleich als ob dieſe Farbe durch Verjährung das ausſchließliche Vor⸗ erlangt hätte. Wenn man innen an die Wände klopft, ſo hört man an einem gewiſſen Orte einen hohlen Klang; vielleicht war dort jene Fallthüre, wir wollen es aber icht beſtimmt behaupten. Bevor Troilo ſeine Gefangenen hineinführte, wollte er die Oertlichkeit mit eigenen Augen unterſuchen und be⸗ fahl Michele, ein wenig zu warten, da die Seeß ſelten, weil ihre Augen verbunden waren, nicht wußten, ob fie vou Vielen oder Wenigen bewacht wurden. Der kleine Sbirre öffnete mit einem ungeheuren Hausſchlüſſel, der ſo verroſtet war, daß er beim Oeffnen einen ſchrillenden Ton von ſich gab. Endlich ging die Thüre auf, der Wärter trat mit Troilo und Selvaggia ein, ergriff eine Laterne, die er in einem Winkel brennend hatte ſtehen laſſen, dann ſtiegen ſie zur linken Hand vier Treppen hinauf und traten in das Zimmer, welches der Hausherr zu benützen pflegte; 88 man ging durch einen Vorſaal, deſſen Wände voll Ahnen⸗ bilder hingen, die einen im Magiſtratsrock, die andern im Harniſch, noch andere im Prieſtergewand; eine der Wände aber ſtralte von Waffen, Streitärten, Schwertern und Kriegsrüſtungen. Dann kam der große Empfangſaal und zuletzt das berüchtigte gelbe Zimmer, das mit gelbem Da⸗ maſt, ein bedeutender Lurus für die damalige Zeit, ge⸗ ſchmückt war. Das Bett war mit feinen gewundenen Säulen von dunkelfarbigem Nußbaumholz verſehen, Seſſel, Truhen und Schränke, kurz das ganze Geräthe war im prächtigſten Geſchmack des fünfzehnten Jahrhunderts. Als ſie eintraten, flogen eine Menge großer Fleder⸗ mäuſe, durch das Licht der Laterne aufgeſchreckt, an den Wänden und der Decke des Zimmers umher. Der kleine Sbirre ſagte ärgerlich: „Die verwünſchten Thiere! Sie kommen von da unten herauf, wenn man dieſe Fallthüre nicht ordentlich ſchließt.“ Er deutete auf eine Oeffnung in der Wand von der Form eines Schrankes, unter welchem ein Betſchemel ſtand. Troilo näherte ſich und bemerkte, daß es kein Wandſchrank, ſondern eher eine Art Brunnen war. Oben hing eine große Winde, deren Strick ſich in der dunklen Oeffnung verlor; aus der Tiefe wehte der kühle Luftzug, welcher aus Kellern zu kommen pflegt, verbunden mit einem übeln Geruch nach Moder und feuchter Erde. Wenn man das Seil ein wenig ſchüttelte, hörte man das dumpfe Klopfen von einem feſten Gegenſtand, der gegen die Wände anſtieß und eine halbe Meile tief aus der Erde herauszukommen ſchien. Er wendete ſich zu ſeinem Führer, der eben die Fenſter ſchloß und ſich bemühte, die Fledermäuſe hinaus⸗ zujagen und ſagte lächelnd: „War das die Wohnung jenes guten Freundes?“ „So iſt es, der Sage nach.“ „Und wo endigt ſich denn dieſer Brunnen?“ „Wer weiß es? Wenn man das Haus einreißen 89 würde, könnte man es vielleicht finden; denn in keinem der Gewölbe und Keller findet ſich eine Thüre oder ſonſt ein Zugang, der in dieſes Loch führen könnte. Eines Ta⸗ ges habe ich nachſehen wollen, wie lang das Seil wäre Ei, ei, es geht mindeſtens zweimal ſo tief hinunter, als der Boden der Keller.“ „Haſt Du denn nicht geſagt, daß jener Mann nach langen Jahren gefunden wurde?“ „Das ſind eben Mährchen, die die alten Leute er⸗ zählten, aber wer hat es geſehen? Niemand!“ Eben drang ein anderer Schwarm von Fledermäuſen aus dem Brunnen heraus und ſchlug Troilo mit den Flü⸗ geln in's Geſicht und auf die Bruſt. Dieſer trat mit Ab⸗ ſcheu zurück und ſchlug die beiden Fallthüren heftig zu, ſo daß ſie wenigſtens an ihrer Stelle blieben. Er ſah nun⸗ mehr, daß dieſe mit vieler Kunſt bemalt waren, ſo daß ſie ein Doppelbild vorſtellten; auf jeder Seite ſtand ein Hei⸗ liger und eine ſchmale Säule, die ſie trennte, verbarg die Fuge der Thüre, bevor deren Flügel nicht wie jetzt ver⸗ modert und von Würmern benagt waren. „Oho,“ ſagte Troilo,„hinter dem Kreuz iſt der Teu⸗ fel, wie die Spanier ſagen und hier war hinter den Hei⸗ ligen der Pfaffe... Jetzt laſſen wir ihn, wo er iſt und denken an uns.. Das wäre alſo für die Edelfrau.. Ganz recht!.. Aber jetzt ſchaffe auch etwas für den Tiſch, mein braver Mann! Wein und Früchte her... Du biſt ein ordentlicher Kerl, wenn ich einmal Pabſt werde, werde ich Dich zum Cardinal machen. Jetzt wollen wir gehen und das Quartier für die andern beſehen.“ Der kleine Sbirre zündete zwei Lichter an und ließ ſie auf dem Tiſche ſtehen, dann nahm er ſeine Laterne wieder und die Geſellſchaft begab ſich mit ihm in den Hof hinab. Dem Thore gegenüber befand ſich eine nie⸗ drige Thüre, zu welcher man durch eine Vertiefung, welche im Fußboden angebracht war, gelangte. Als auch dieſe nicht ohne Schwierigkeit gesffnet worden war, wurde der 90 Boden abhängig, es ging einige Schritte weit einen dunk⸗ len Gang entlang, der zu einem geräumigen Gewölbe führte und gerade aus der Halle ſein Licht erhielt und zwar durch kleine viereckige Oeffnungen, welche mit dem Pflaſter des Hofes in gleicher Höhe angebracht und mit ſchweren Eiſenſtangen verſchloſſen waren. Hier befanden ſich Holz und allerlei Trödel durcheinander geworfen. „Wenn ſie ſich getrauen, von da zu entfliehen, meine Herrn!“ ſagte der klein Sbirre, und weder Troilo noch Selvaggia konnten, nachdem ſie das Gewölbe ſeiner ganzen Länge nach unterſucht hatten, irgend an der Sicherheit ei⸗ nes ſolchen Gefängniſſes zweifeln. „Biſt du zufrieden?“ ſagte Troilo zu dem Mädchen. „Ich habe meine Geſchäfte in's Reine gebracht und als guter Geſelle wünſche ich, daß es mit den Deinigen nicht ſchlimmer geht.“ „Was mich betrifft, ich bin ſehr zufrieden.“— Sie blickte umher und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden. Hier bei Gott werde ich Gebieterin ſein; hier mag er die Buhlerin verfluchen, aber nicht verlachen, nicht verhöhnen!“ „Brav, Selvaggia, Du gefällſt mir, und beinahe möchte ich ſagen ich beneide Dich. Zwar iſt auch mein Loos nicht in die Schanze zu ſchlagen, aber einen Feind in die Gewalt zu bekommen, den man ſo lange verfolgt hat und ihn nun endlich in den Händen, unter den Füßen zu haben, ihn in zehn Jahren oder im Augenblick ſterben laſſen zu können, wie man will, ſo daß Himmel und Hölle ihn nicht befreien ſollen.. Ich beneide Dich wahr⸗ häftig! Verſtehe es nur, Dein Glück zu genießen, denn es wird nur Wenigen ſo zu Theil.“ „So will ich es machen!“ ſagte Selvaggia zu ſich, dann ſprach ſie zu Vanni:„Drei von ihnen binde man da zur Rechten, ſo daß ſie gegen das Eck ſehen und jenen Andern nicht erblicken können; dann will ich Dir Denje⸗ nigen zeigen, den Du da zur Linken an den Ring binden magſt. Haſt Du mich verſtanden?“ 91 „Ganz wohl.“ „Jetzt lußt uns zu ihnen gehen,“ ſagten Troilo und Selvaggia zugleich und Erſterer fügte hinzu: „Wir beide haben unſern Lohn ſauer verdient. Ich bin aber ſehr neugierig, was Du mit Deinen ſchönen Ge⸗ fangenen anfangen wirſt. Zur Zeit Deiner Voreltern waren die Frauen des anserwählten Volkes ſehr erfinderiſch in neuen Mitteln, einen Ghriſten zu tödten, nicht zu verſchwei⸗ gen jene edle Dame, die dem Feldhauptmann, der in ihrem Haus übernachtete, einen Nagel durch das Ohr ſchlug. „Und ich,“ erwiderte Selvaggia,„bin auf etwas An⸗ deres neugierig, nämlich morgen zu erfahren, wie Du es angefangen haſt, daß dieſe Schoͤnheit, dieſer Engel ſich in einen Menſchen, wie Du, verlieben ſoll.“ „Offen zu reden, bin ich jetzt, da das Beſte kommen ſoll, mehr in Verlegenheit, als ich dachte. Durch dieſe ver⸗ wünſchte Belagerung, die mir die einzige Abwechslung von Predigt und Kampf ließ, habe ich ganz vergeſſen, wie man es anfängt, einem pülſchen Mädchen ein paar ſchöne Worte zu ſagen; es iſt nichts ſchlimmer, als wenn man aus der Uebung kommt. Was ſoll ich nun dieſer ſagen? Es läßt ſich denken, wie aufgebracht ſie ſein wird!.. Nun, ich will mich ſchon aus der Sacheziehen! Auf jeden Fall jagt uns Niemand von hier fort, wir haben Zeit übrig und wenn ſie Vernunft annimmt, ſo ſoll es mir lieb ſein; denn die Gewalt verdirbt in der Liebe Alles. Wenn ſie keine Vernunft annehmen will.. je nun, vielen Andern iſt es noch ſchlimmer gegangen, z. B. wie Du Dich erinnern wirſt, denen vom Stamm Benjamin bei Deinen Voreltern, und dann dem Weib jenes Pfaffen, ich will ſagen Leviten nun, dieſen ging es noch ſchlimmer.“ Unter dieſem Geplauder ging Troilo zaudernd über den Hof. Jetzt, da er ſich einem ſo edlen erhabenen Weſen, das er gewohnt war von Allen mit der größten Ehrfurcht betrachtet zu ſehen und die ihn mit einem Blick in den dꝰ Staub zu werfen vermochte, ohne Maske zeigen ſollte, fühlte er ſich verlegen und linkiſch und empfand eine uner⸗ klärliche Furcht. Dennoch konnte er nicht zurückgehen! Was hätte Selvaggia von ihm gedacht? Was hätten ſeine Freunde, die es doch früher oder ſpäter erfahren mußten, geſagt? Es war das Schickſal dieſes Schurken, durch eine thörichte Eitelkeit verführt und immer tiefer in Schlechtig⸗ keit verſenkt zu werden. Um Zeit zu gewinnen und ſeinen Geiſt von dieſer Angſt zu befreien, dachte er ein anderes Mittel aus und ſagte zu dem kleinen Sbirren: „Höre, Vanni, mir fällt etwas bei. Die Edelfrau, die da außen wartet, iſt, wie Du ſchon bemerkt haben wirſt, nicht mit ihrem freien Willen hieher gekommen; ich möchte nicht ſo rauh und unvorbereitet zu ihr eintreten. Es ſollte ein Frauenzimmer zu ihr gelaſſen werden. Habt ihr kein Weib im Hauſe?“ „Ich hatte eines, aber um Weihnachten wird es ein Jahr, daß der Pfarrer zu ihr gekommen iſt. Seit dieſer Zeit iſt nichts Weibliches mehr in's Haus gekommen.“ „Da iſt alſo nicht zu helfen,“ ſagte Troilo für ſich, und dann laut: „So müſſen wir uns ſo behelſen; jetzt wollen wir gehen!“ Er rief Michele und ſagte zu ihm: „Führe das Fräulein hieher; wenn ſie abgeſtiegen ſein wird, ſo laß ſie in das Zimmer führen, das Du da hinten erblickſt; rede ihr zu, ſage ihr, es ſoll ihr kein Leid geſchehen, nimm ihr die Angenbinde ab und laß ſie allein, und was ſie Dich auch fragen mag, gib ihr keine Ant⸗ wort. Wenn Du hinausgehſt, ſo ſchließe ſie ein und bringe mir den Schlüſſel.“ Nun ſagte Selvaggia zu dem kleinen Sbirren: „Führe nun dieſe da hinunter und binde ſie, wie ich Dir befohlen habe.“ — h 93 Dann begab ſie ſich auf die Gallerie am Thor, zeigte ihm Lamberto und ſagte: Dieſer iſt es, den Du allein anbinden mußt, warte aber erſt, bis das Frauenzimmer bedient iſt.“ Michele ging in den Vorhof hinunter, nahm Laudo⸗ mias Pferd am Zügel, führte es vor die Hausthüre und ſagte mit der ſanfteſten Stimwe, die ihm zu Gebote ſtand, zu ihr: „Mein Fräulein, möge es Euch gefallen abzuſteigen, denn ich bin hier, um Euch zu helfen.“ O mein Gott, habe Erbarmen mit mir, mit uns,“ ſagte die Arme und beeilte ſich zu gehorchen, ließ ſich aber uicht unterſtützen. Als ſie aber auf der Erde ſtand, nahm ſie Michele bei der Hand und ſagte: „Fürchtet Nichts, Niemand will Euch ein Leid thun! kommt nur mit! Gebt Acht, es ſind vier Stufen, dann iſt Alles ganz eben! Kommt nur unbeſorgt!... Er führte ſie in das gelbe Zimmer. Nach zwei Mi⸗ nuten ging er hinaus, ſchloß die Thüre, gab Troilo den Schlüſſel und ſagte: „Sie iſt mehr jenſeits als diesſeits, und wenn Ihr kein Mittel findet, ſie zu tröſten, ſo glaube ich, ſie bald zum Letztenmal geſehen zu haben. Wenn es ihr nur nicht geht, wie manchen Vögeln, die im Käfich nicht freſ⸗ ſen wollen und nach zwei Stunden die Flügel ausbreiten und ſterben.“ Troilo gab keine Antwort, bedeutete ihm aber mit un⸗ geduldiger Geberde zu ſchweigen. Hierauf führte der kleine Sbirre die vier gebundenen fort, ſchloß hinter ihnen das Hausthor und brachte ſie dann dahin, wohin es ihm befohlen war. Bald darauf kam auch er zurück, gab Selvaggig den Schlüſſel und ſagte: „Es iſt geſchehenz habt Ihr mir nicht geſagt, daß ich ihnen etwas zu eſſen geben ſoll? In dieſem Falle erlaubt mir, nach Hauſe zu gehen.“ . 94 Er ging fort und kam in einer Viertelſtunde mit ei⸗ nem Korb zurück. „Ich habe Euch aufgehalten,“ ſprach er,„Ihr müßt aber Geduld haben, denn ich wohne ein wenig entfernt.“ Hierauf brachte er den Geſangenen die Speiſen und fragte Trvilv, ob er weiter nichts befehle. „Nein!“ erwiderte dieſer,„geh' und morgen bei Son⸗ nenaufgang laß Dich wieder ſehen.“ Ber kleine Sbirre wünſchte ihnen mit einem aus⸗ drucksvollen Lächeln gute Nacht und ſprach im Abgehen: „Schließt Euch wohl ein und ſchiebt den großen Rie⸗ gel vor, denn wo man in dieſem Lande Bohnen ſäet, da wachſen Diebe.“ Hierauf ging er fort, die beiden Zurückgebliebenen ſchoben den Riegel vor, ſahen einander an und Troilo ſagte: „Jetzt können wir unſerer Sicherheit wegen unbeſorgt ſein!“ und athmete tief auf. „So weit wären wir denn,“ ſagte er weiter;„Jjetzt auf, Selvaggia, und Jedes denke an ſein Geſchäft!“ Er begab ſich in Laudomia's Zimmer und ſie ging in das untere Gewolbe, in der einen Hand den Schlüſſel, in der andern die Laterne des Häſchers. Als ſie eingetreten war, ſagte Fanfulla, der ſie für den Gefangenwärter hielt, zu ihr: „Oho, Meiſter, Du bringſt uns etwas zu beißen und läßt uns dabei die Hände gefeſſelt, glaubſt Du denn, daß wir die Speiſen aufpicken können, wie die Tauben.“ Selvaggia gab kein Antwort, ging gerade dort hin, wo Lamberto auf der Erde ſaß und in ſtummer Verzweif⸗ lung an Laudomia dachte, zu Gott betend, er möge ſie retten, weil menſchliche Macht ſie nicht mehr zu retten vermöge. Selvaggia blieb dicht vor ihm ſtehen, hielt die Laterne ſo hoch empor, daß ſie ihr Geſicht beleuchtete, und ſagte ſodann; 95 „Ich bin es, erkennſt Du mich, Lamberto?“ Als Lamberto ſie wieder erkannte, entfiel ihm der Muth gänzlich und alle Hoffnung verließ ihn, da er ſich erinnerte, in welcher Stimmung ſie ſich das Letztemal ge⸗ trennt hatten. Ganz betrübt ſagte er zu ſich ſelbſt: „O mein Gott, mein Gott, warum mußte Laudomia dieſer Raſenden in die Hände gerathen!...“ Er wagte nicht zu ſprechen, weil er nicht wußte, was er ihr ſagen ſollte und fürchtete, ſeine Lage zu verſchlim⸗ mern. Er blickte ſie mit unbeſchreiblicher Angſt an. Selvaggia ſetzte die Laterne auf den Boden und mit über die Bruſt verſchränkten Armen, als wenn ſie das wilde Wallen ihres Buſens zurückdrängen wollte, welches trotz des Panzers merklich war, begann ſie mit einer „welche bis in das innerſte Mark des Jünglings rang: „Erinnerſt Du Dich noch, Lamberto, mit wie heißer Liebe Selvaggia Dich ſeit dem erſten Tage, an dem ſie Dich kennen lernte, geliebt hat? Erinnerſt Du Dich jener Nacht am Ufer des Po? mit wie vielen, mit wie demü⸗ thigen Bitten ſie Dich nicht um Liebe, deren ſie ſich un⸗ würdig fühlte, ſondern blos um ein wenig Mitleid bat? Erinnerſt Du Dich noch? Haſt Du es ihr gewährt? Rein! Du haſt es ihr verſagt! Wurde Selvaggia zornig? Ver⸗ fluchte ſie Dich? O nein! Sie ſegnete Bich und gingz ſie beläſtigte Dich nicht länger, da ſie dachte: Ich bin auch dieß nicht werth! die arme Selbaggia verlor dennoch die Hoffnung nicht; ohne daß Du es wußteſt, oder auch nur ahnen konnteſt, erkundigte ſie ſich nach Dir, erfuhr, wohin Du gingſt, folgte Dir, aber näherte ſich Dir nicht bis an jenem Tag der Schlacht, als ſie eine Lanze gefällt ſah, die Deine Bruſt durchbohren ſollte und die Du nicht ab⸗ wehren konnteſt. Ich fing ſie mit meiner Bruſt auf und die Kälte des Stahls, der in meine Eingeweide drang, bereitete mir Wonne. Warſt ja Du gerettet und ich — ſo wähnte ich— am Ziele meiner Leiden Ich 7 96 Unſelige! Sie hatten nicht einmal begonnen⸗ Ins Meer geworfen, ſpäter ſterbend im untern feuchten Raume der Galcere, auf dem Siechenlager des Spitals, im Schmutz der Straße, endlich krank von Meile zu Meile mich hin⸗ ſchleppend, bei Regen, Wind und Kälte, hungernd, erſchöpft und immer Dir nachfolgend, hoffte ich von Dir nicht Liebe, Du weißt es, ich habe Dir ja geſagt, daß ich nicht ſo thöricht bin, wie Du glaubſt, nicht Liebe, aber Erbarmen, ein Wort, einen Blick des Mitleids! Ich komme nach Flo⸗ renz, ich ſtrenge mich an, bemühe mich auf tauſenderlei Weiſe, ich dulde, ich harre, endlich finde ich Dich... Du weißt, wie ich bebte, als ich Dich anreden wollte; ich wähnte vor einem Gott zu ſtehen, ich fühlte mich ſo klein und warf mich zu Deinen Füßen, und Du hatteſt doch den Muth, Du ſchämteſt Dich nicht, mich zu verhöhnen. Wie kommt es, daß Du Dich nicht geſchämt haſt?“ Die Unglückliche ſtreckte ihre Hand gegen Lamberto aus und mußte eine kurze Zeit inne halten. „Du haſt mir das Schlimmſte gethan, was Du konnteſt! Hätteſt Du mich getödtet, ſo hätte ich Dir ge⸗ dankt und Dich geſegnet; aber Du haſt mich verkannt und verachtet. Nun habe ich Dir zeigen wollen, daß man Selvaggia haſſen oder tödten kann, aber nicht ſie verach⸗ ten. Ich verlangte Rache und habe ſie geſucht; ich habe Tage damit zugebracht, Nächte durchwacht, und jetzt habe ich ſie. Laudomia iſt hier, Du biſt hier, ihr Alle ſeid in der Gewalt Selvaggia's, der Buhlerin, des Abſcheus der Welt, derjenigen, die Alle mit Füßen treten, Alle haſſen, die nie eine Seele, niemals ein Herz gefunden hat, nicht einmal das eines Vaters, das ein Gefühl für ſie gehabt hätte. Hier zog ſie den Dolch aus der Scheide und Lam⸗ berto glaubte, ſie wolle ihm denſelben in die Bruſt ſtoßen, und von ihrer Leidenſchaft hingeriſſen brach ſie in ein ver⸗ zweifeltes Weinen aus und ſagte: „Und auch jetzt werde ich es wohl nicht erlangen — — 97 können(hier durchſchnitt ſie die Stricke, mit welchen Lam⸗ berto gefeſſelt war). „Nicht einmal dadurch, daß ich Dir Leben und Frei⸗ heit ſchenke, Deine Laudomia rette, die Du liebſt, werde ich die Erfüllung meiner erſten Bitte erhalten können, daß Du mich ſo lieben möchteſt, wie Deinen Hund oder Dei⸗ nen Reitknecht?“ Während ſie dieſe Worte nicht mehr in ſtrengem Tone, ſondern demüthig und flehend ausſprach, hatte ſich Lamberto von ſeinen Feſſeln befreit, im heftigen Gefühl der Dankbarkeit und Bewunderung zu ihren Füßen ge⸗ ſtürzt und rief, indem er den Schienenpanzer des Mäd⸗ chens umfaßte, mit gebrochener Stimme: „O rettender Engel!—“ Selvaggia hob die Hände, bebend vor Freude zum Himmel; ein ganz neuer Ausdruck überſtralte ihr Geſicht, als ſie ſagte: O Gott des Erbarmens! endlich ſegne auch ich Dich und danke Dir, daß Du mich ſchufſt!“ In dieſer Stel⸗ lung blieb ſie wie begeiſtert einige Augenblicke ſtehen, dann ließ ſie die Arme ſinken und ſprach vor ſich hin: „Ich hatte ſo viel erduldet!—“ Plötzlich erhob ſie ſich und ſagte entſchloſſen und eilig: „Auf, Lamberto! es iſt keine Zeit zu verlieren! Wiſſe, daß Troilo, nachdem er Euch Alle verrathen hat, ruchloſe Abſichten auf Laudomia hegt und ſich mit ihr in dieſem Schloſſe befindet. Es iſt nicht zu fürchten, daß wir nicht noch zeitig genug ankommen. Er wird nur im äußerſten Falle Gewalt brauchen. Wir wollen die Andern losbinden und dann Alle zuſammen hineilen, um ſie zu befreien.“ Während ſie ſprach, hatte ſie ſich mit Lamberto in den Hintergrund des Gewölbes begeben, wo die Gefange⸗ nen angefeſſelt waren und ſich bemüht, ihre Stricke abzu⸗ ſchneiden, während die Andern in größtem Erſtaunen ſich Niccolo de' Lapi. U. 7 98 mit vielen verworrenen Worten bedankten und eine Menge von Fragen durcheinander warfen. Auch Lamberto arbei⸗ tete haſtig an ihrer Befreiung und ſagte mit freudigem Tone zu ihnen: „Nachher ſollt ihr Alles ſehen und erfahren; ein Engel iſt uns von Gott geſendet worden! Jetzt aber ſchnell, damit uns der Verräther nicht entrinne.“ Dann ſagte er ihnen von Troilo, ſeinen Abſichten, und daß er ſich mit Laudomia hier befinde, und kaum waren Alle befreit, ſo ſtürzten ſie aus dem Gewölbe her⸗ vor, vom wüthendſten Haß gegen jenen Schändlichen be⸗ ſeelt. Ohne ſich darum zu bekümmern, daß ſie ohne Waffen waren, eilten ſie zu ihm, um ihn mit Nägeln und Zähnen zu zerreißen. Aber das Glück hatte dafür geſorgt, ſie damit zu verſehen und als ſie in das erſte Vorzimmer kamen, fanden ſie die Wand mit Waffenſtücken geſchmuckt und jeder ergriff eines außer Lamberto, der ohne Halt zu machen und an etwas Anderes zu denken, mit Selvaggia gegen die Thüre des gelben Zimmers eilte, welche Troilo, von jedem Argwohn entfernt, nur mit der Klinke geſchloſſen hatte. Sie öffnen, ſich auf Troilo werfen, ihn am Halſe packen und unter ſeinen Füßen haben, war für Lamberto das Werk eines Augenblicks. 2 Als ſie eintraten, befand ſich der Verräther in der Mitte des Zimmers, ein wenig entfernt von Laudomia, welche am Rande der geöffneten Fallthüre ſtand, als wenn ſie ſich eben hätte hinunterſtürzen wollen, und es war deutlich zu merken, daß der Nichtswürdige, da er alle andere Hoffnung verloren hatte, ſeine Abſicht ohne Gewalt zu erreichen, die Unglückliche zu dieſem äußerſten, ver⸗ zweifelten Vertheidigungsmittel gezwungen hatte. Faſt gleichzeitig waren die Gefährten herbeigeeilt und Moritz ſchwang ein kurzes Schwert über dem Kopf des Gefallenen und würde ihn getödtet haben, wenn nicht Lamberto gerufen hätte: — — S—— — 99 „Halt, Moritz!“ Der Bediente hieb ſein Schwert in den Boden und trat ärgerlich zurück. Eine kurze Zeit lang ſprach Niemand ein Wort. Der Böſewicht wurde, bleich wie der Tod, keuchend und mit weit aus den Höhlen heraustretenden Augen, bald von Fanfulla, bald von Bindo gehalten. Lamberto hatte ihn verlaſſen, um zu Laudomia hinzueilen, die auf die Kniee geſunken war und bleich wie ein Wachsbild die dankenden Blicke zum Himmel erhob und in ihrem Herzen betete, da ſie es mit Worten nicht vermochte. Lamberto kniete neben ihr nieder und ſie ſank ihm an die Bruſt. So blieb ſie eine Weile, der Ohnmacht nahe, liegen. Selvaggia holte Wein, der auf dem Tiſche ſtand, und als ſie ein wenig getrunken hatte, kehrte etwas Leben auf ihre Wangen zurück. „Du biſt gerettet, meine Liebe,“ ſagte Lamberto und ſein ganzes Geſicht zitterte vor Freude. „Laßt uns gehen um Gotteswillen!“ ſagte Laudomia mit erlöſchender Stimme, denn der Anblick dieſes Ortes und Troilv's flößte ihr Entſetzen ein. Sie erhob ſich mit Mühe, unterſtützt von Lamberto und von Selvaggia ge⸗ halten, und ſchleppte ſich mit unſichern Schritten in das Nebenzimmer, wo ſie erſchöpft auf einen Seſſel ſank und ihre Hände um Lambertos Hals ſchlang, während dieſer vor ihr kniete und ſie mit unbeſchreiblicher Liebe anblickte. Die arme Selvaggia ſtand einige Schritte ſeitwärts und der Leſer mag ſich denken, was ſie fühlte. Lamberto ſagte: „Weißt Du, wer mich befreit hat und wer Dir Ehre und Leben gerettet?— Dieſe hier iſt es, von der ich mit Dir geſprochen habe, für welche Du ſo viel Theilnahme⸗ hegteſt Selvaggia.“ „O! Selvaggia iſt dieſes!„ So ſagte Laudomia bewegt und erinnerte ſich auf einmal an ihre traurige Geſchichte; zugleich gedachte ſie an die Leiden, welche ſie empfinden mußte, Zuſchauerin 100 ihrer Zärtlichkeit gegen Lamberto zu ſein. Sie zog deß⸗ halb ihre Arme plötzlich und faſt ſcheu zurück, wandte ſich mit bittender Geberde zu ihr und ſagte: „O Selvaggia!... ich konnte es nicht wiſſen!“ „Ja, ich bin es,“ erwiederte dieſe und näherte ſich, während ihre Stimme und ihre Haltung den furchtbaren Kampf ihres Innern verriethen.„Ja, ich bin es,“ fuhr ſie fort,„ich hegte ein langes und furchtbares Sehnen nach Rache gegen Lamberto und gegen Euch, aber.. ſo ſagte ich zu mir ſelbſt.. was ſuchſt du denn, du Unglück⸗ liche, ſo viele Jahre lang?.. Einen, der dich nicht haßt, dich nicht verachtet, ein Herz, das dir wohl will, wenn nicht aus Liebe, doch wenigſtens aus Mitleid, und einmal wenigſtens vor meinem Tode, nur einmal ein freund⸗ liches Wort, einen freundlichen Blick. Und das hoffſt du auf dieſem Wege zu gewinnen? Durch Rache zu ge⸗ winnen? „Das iſt nun meine Rache geweſen! Sagt mir, iſt Euch jetzt dieſe Unglückliche theuer?— Darf ich es dieß⸗ mal hoffen?“ Laudomia wollte aufſtehen und in ihre Arme eilen, aber die Kraft verſagte ihr; ſie ſiel auf den Stuhl zurück und ſtreckte die Hände nach Selvaggia aus. Dieſe warf ſich mit freudigem Ruf an ihre Bruſt und beide Frauen hielten ſich lange feſt umfangen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Troilo lag indeſſen noch immer auf der Cide; zu ſtolz, um ſich zu ergeben oder in irgend einer Bewegung Feigheit zu verrathen, ſchwieg er und erwartete den Tod. Fanfulla und vor Allen Moritz fühlten ihre Hände müde 10¹ werden und hatten große Luſt, ihm den Reſt zu geben, aber die Achtung vor Lamberto hielt ſie zurück, der ſeinem Diener ſo beſtimmt befohlen hatte, ihn nicht anzurühren. Dieſer konnte ſich jedoch nicht enthalten, zu ihm zu ſagen, indem er ihm mit dem Finger drohte: „Dankt es nur Herrn Lambertv, wenn nicht er mein Herr wäre, ſchon Du müßteſt da unten braten mit dem Tifel.“ Troilo warf ihm einen Blick voll Wuth und Verach⸗ tung zu, dann ſagte er, ohne irgend einem gerade ins Ge⸗ ſicht zu ſehen: „Rühmt Euch nur dieſer That, Vier gegen Einen und ihn unverſehens im Rücken überfallen! das iſt Eurer würdig! Ihr wißt ſchon, daß, wenn ihr mir Zeit gönnen würdet, mein Geſicht umzukehren, acht von Euch nöthig ſein würden, mich zu halten.“ „Nichtsnutziger Schurke!“ rief Bindo und entfernte Fanfulla mit einem Stoß, ſo daß Troilo einen Augenblick frei wurde,„nimm Dein Schwert und wenn ich Dich nicht allein bezwinge, ſo biſt Du kein Verräther.“ Troilo hatte kaum Zeit, ſich aufzurichten und die Hand an den Schwertgriff zu legen, ſo hatten Moritz und Fanfulla ihn ſchon wieder ergriffen. „Du biſt ein Narr, Bindo!“ ſagte der Letztere,„Dich mit dieſem Schurken einzulaſſen. So lange Fanfulla da iſt, darf nichts ſolches vorfallen.“ Indeſſen war Lamberto eingetreten, hatte den Streit gehoͤrt und ſagte zornig: „Warum ſoll es nicht geſchehen? Nicht mit Bindo, ſondern mit mir! denn ich ſehne mich mehr nach ſeinem Blute, als nach der Luft, die ich athme. Ich würde mein Leben darum geben, ihn in Stücke zu zerreißen und ich bin kein ſolcher Schurke, wie er, daß ich den Vor⸗ theil benützen möchte, den die Ueberraſchung und der Ver⸗ rath gewährt.“ „Ich hätte Dir mehr Verſtand zugetraut, Lamberto,“ 102 ſagte Fanfulla und riß Troilos Schwert aus der Scheide, was Jener, kräftig am Arm gehalten, nicht verhindern konnte. Dann fuhr er fort: „Dein ruhmvolles Schwert würde entehrt werden, wenn es ſich mit dem eines Verräthers kreuzte! Wenn ich es zugebe, ſo möge ich noch einmal Fußſoldat werden müſſen, ſo möge ich den Hals brechen, wie ich dieſe Klinge zerbreche.“ Er ſtieß das Schwert in den Boden und zerſprengte es durch eine kräftige Biegung in drei Stücke. Lamberto hatte vor Wuth alle Beſinnung verloren und rief mit glutſprühenden und glühenden Augen Fan⸗ fulla an: „Du benimmſt Dich mit unverſchämter Frechheit und, beim Kreuze Gottes, ich will dich lehren mir mehr Ach⸗ tung zu erweiſen...“ und raſend vor Zorn riß er das Schwert aus der Scheide; Fanfulla aber rührte ſich nicht und veränderte weder Geſicht noch Farbe. Er ſtand un⸗ beweglich, als Laudomia, von Selvaggia gehalten, an der Schwelle erſchien und rief: „Lamberto, willſt Du mich todten?“— Der Jüng⸗ ling hielt inne und wendete ſich verwirrt und demüthig nach ihr hin. „Troilo werde kein Haar gekrümmt,“ fuhr Laudomia⸗ fort,„nicht ich befehle es Dir, aber durch meinen Mund befiehlt es Dir Gott. Er allein kennt die Verbrechen, nur er kann ein gerechter Rächer derſelben ſein. Ich verzeihe Troilo und wenn ich ihm verzeihe, wer ſoll ſich noch an ihm rächen wollen?.. Verlaſſen wir ſo ſchnell als möglich dieſe unſeligen Mauern. Er mag zurückbleiben, gefeſſelt, daß er uns nicht mehr ſchaden kann, und wenn er dieſes nicht vermögen wird, dann werden wir Gott ſei Dank nichts mehr zu fürchten haben.“ Lamberto hatte indeſſen das Schwert wieder einge⸗ näherte ſich Landomia, nahm ſie bei der Hand und agte: zu ihm: 103 „Engel des Himmels! Es ſoll geſchehen, wie Du ſagſt und nicht mehr und nicht weniger; wenn wir es nur nicht noch zu bereuen haben.“ Dann wendete er ſich zu Moritz und ſagte: „Binde dieſem die Hände auf den Rücken, damit er ſich nicht losmachen kann und dann feßle ihn an die Säule des Bettes. Nun wollen wir gehen. Morgen, wenn Leute kommen, ihn loszumachen, werden wir ſchon weit entfernt ſein, und was das Beſte iſt, wir wiſſen jetzt, daß wir uns vor ihm zu hüten haben.“ Er wendete ſich nun zu Troilo, unentſchloſſen, ob er Etwas zu ihm ſagen wolle oder nicht, alsdann ſchüttelte er verächtlich den Kopf und ging mit Laudomia und den Andern hinaus; der Verräther aber blieb ſo feſt gebunden zurück, daß er ſich n Hilfe nicht losmachen konnte. Als ſie in das Vorzimmer kamen, ging Lamberto zu Fanfulla, nahm ihn bei der Hand und ſagte lächelnd „Ich habe Unrecht gehabt, lieber Bruder, bleib' mir nicht boͤſe!“ „Ich werde nie böſe gegen den, der mir mit dem Schwert von vorn entgegen kommt und Du wärſt nicht fähig geweſen, anders zu handeln. Als ich noch jung war, kam auch mir bei jedem ungelegenen Wort dieſer ver⸗ wünſchte Degengriff zwiſchen die Klauen... Nun, wir wollen nicht mehr daran denken und ich habe Dich noch lieber, als vorher.“ Während dieſer Vorgänge war es Mitternacht gewor⸗ den. Es war die beſte Zeit, um dieſen Ort ungehört und ungeſehen zu verlaſſen, ohne daß eine Spur zurückblieb, aus der man hätte errathen können, wohin ſie ſich gewen⸗ det. Laudomia beſtand auf die Abreiſe und Selvaggia begab ſich mit Moritz in den Stall, ſattelten die Pferde und führten ſie vor. Als Laudomia von ihrem Sitze aufſtehen wollte, auf den ſie ſich wieder niedergelaſſen hatte, entſprachen ihre 104 Kräfte bei weitem nicht der Sehnſucht, die ſie empfand, jenen traurigen Ort zu verlaſſen. Es war ein Wunder, daß ſie ſich ſo lange hatte aufrecht erhalten können. Man bemerkt aber häufig, daß ſchwächere Perſonen, mag es nun das Geſchlecht oder des Alter oder die körperliche Beſchaffenheit mit ſich bringen, Bekümmerniſſe und Schrecken mit bewundernswürdiger Stärke ertragen, wenn ſie durch geiſtige Kraft oder durch Begeiſterung aufrecht erhalten werden, welche aus Gefahr, aus inniger Zuneigung oder aus einer vorherrſchenden Leidenſchaft entſteht. Hören dieſe urſachen auf, ſo fällt die erſchöpfte Natur um ſo tiefer, je größer die Anſtrengung war, die ſie aufregte. So ging es jener Unglücklichen. So eben aus einer ſchrecklichen Gefahr gerettet, nun in befreundeten Armen, denen des Bruders und des Gatten, fühlte ſie eine eiſige Kälte ihre Nerven durchdringen, ein Gefühl, das zugleich etwas Wonniges hatte, als wenn ihre Lebenskraft im Be⸗ griff wäre, ſanft zu erlöſchen. Ihre letzte Einmiſchung, durch die ſie Lamberto zu ſich ſelbſt brachte und Troilv das Leben rettete, hatte ihr den letzten Stoß gegeben; von einem heftigen Fieber durchſchauert und von einer Beklem⸗ mung des Herzens befallen, durch welche die Schläge deſſelben heftig, unſicher und ungleich wurden, fühlte ſie allmählig ihr Bewußtſein ſchwinden und vor ihrem Auge gaukelten verworrene und kummerbringende Gebilde. „O Lamberto,“ ſprach ſie mit erlöſchender Stimme, unter vergeblichen Bemühungen, aufzuſtehen,„mir dunkelt es vor den Augen; mein Leben entſchwindet—... O, nimm mich auf Deine Arme und trage mich anderswo hin. Ich bin ja Deine Gattin, nicht wahr?... Es iſt kein Traum geweſen... ich darf bei Dir ſter⸗ ben... Du kannſt mich unterſtützen, mir das Haupt halten.... O könnte ich mich nur erinnern! Aber meine Gedanken ſind ſo verworren!.... Du gabſt mir den Ring in S. Marco! ich bin Dein, nicht wahr?“ „Ja, meine liebe Laudomia, habe nur Muth! 105 Wir ſind vermählt und Du biſt bei Deinem Gatten; Gott und Dein Vater gaben Dich ihm und er wird Dich nie wieder verlaſſen.“ mein Vater! Du ſagteſt.... Der Auftritt bei Gavinana, Nieccolo's Gefahr trat jetzt vor ihre Seele, ohne daß ſie unterſcheiden konnte, ob es wirklich vorgefallen oder blos ein ſchrecklicher Traum ſei; ob etwas Geſchehenes, oder etwas, was erſt die Zu⸗ kunft zu bringen drohte. „O, mein Lamberto,“ ſagte ſie weinend, ſage mir, ob Du es weißt, ob es wahr iſt, daß ſie ihn efansen nehmen wollen, oder gar ſchon gefangen genommen haben? Sollte er dem Häſcher ſchon überliefert ſein. Bringen ſie ihn zur Folter?.. iſt er ſchon dort, wird jetzt eben gefeſſelt!.... O, mein Vater, mein Vater!.... Der arme uniiciche Greis! Sage mir, o ſage mir doch, was Du weißt!“ Sie weinte untröſtlich, ſo daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Lamberto erſchöpfte ſich in Tröſtungen, verſicherte ſie auf ſein Wort, daß er nichts wiſſe und ſuchte ſie auf alle mögliche Weiſe zu beruhigen; daſſelbe that Bindo mit dem ganzen Eifer eines gutmüthigen fünfzehnjährigen Knaben und vergoß Thränen über die Krankheit ſeiner Schweſter, die er für viel gefährlicher hielt, als ſie war. Als Moritz, welcher eben zurückgekommen war, um zu melden, daß die Pferde bereit ſeien, den Jammer ſeines Herrn ſah, deſſen Urſache Troilo war, ſo konnte er ſich gar nicht zu⸗ frieden geben, daß dieſer am Leben bleiben ſolle. Der ehrliche Schweizer wüthete, biß ſich in den Finger und warf blutgierige Blicke auf die Thüre des gelben Zimmers, wo der Verräther gefeſſelt und eingeſchloſſen lag und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ich hab nicht getrunken mit Herr Trolch! ö wenn mein Herr wollte ſagen: Moritz, thu, was Dir gut dünkt!“ Er ſchüttelte ſortwährend den Kopf, denn nach ſeiner 406 8. Meinung durfte man Denjenigen nicht ſchaden, mit denen man Wein getrunken hatte, ſo groß war ſeine Ehrfurcht vor dieſem Getränk. Gerade deßwegen hatte er am Abend der Verſoͤhnung keinen annehmen wollen, und obgleich die Andern verziehen hatten, war er durch den Inſtinkt einer faſt hündiſchen Treue(wir wollen ihm mit dieſem Ausdruck ein Lob ſpenden) unverſöhnlich geblieben. So gefährlich Laudomia's Zuſtand ſchien, ſo war er es doch nicht in dem Grade, daß es nicht einen noch grö⸗ ßeren Nachtheil gedroht hätte, falls man ſo lange warten wollte, bis ihrer Flucht ein anderes unvorhergeſehenes Hin⸗ derniß entgegengeſetzt wurde. So bald ſie ein wenig ru⸗ higer geworden und die Wolke zerſtreut war, die für einen Augenblick ihre Vorſtellungen verdunkelt hatte, trugen ſie Lamberto und die Uebrigen mit der größten Schonung fort und ſetzten ſie auf das Pferd. Zwei von ihnen hielten ſie auf beiden Seiten und Selvaggia zeigte ihnen den Weg den Hügel hinab. Wohin ſollten ſie ſich aber zu dieſer Stunde unter ſo vielen Gefahren und ſo vielen Feinden, die ſie vielleicht umgaben, wenden? Wo ſollte man die arme Kranke hin⸗ führen, welche kaum ein paar Meilen zurücklegen konnte, ohne daß ihr Leben Gefahr lief, wenn ſie keine Erholung und Unterſtützung fand? Monte Murrlo lag in geringer Entfernung. Lam⸗ berto und Bindo kannten dort den Pfarrer und hatten ihn in vergangenen Jahren zuweilen beſucht, wenn ſie ſich auf dem Landhaus, welches Niecolo unfern von Poggio a Ca⸗ jano beſaß, aufhielten. Sie beſchloſſen, ſich auf dem geradeſten Wege zu ihm zu begeben. Da ſie der Gegend kundig waren, ſo hatten ſie dieſen trotz der Dunkelheit bald aufgefunden und gin⸗ gen entſchloſſen darauf vorwärts, während ſie Laudomia Muth einſprachen. Selvaggia, welche den Zug anführte, blieb auf ein⸗ 107 mal ſtehen und rief, indem ſie ſich mit der Hand vor den Kopf ſchlug: „Wir haben einen großen Fehler gemacht! Michele, Troilo's Bedienter, iſt in dem Landhaus zurückgeblieben, er iſt frei; niemand von uns hat mehr an ihn gedacht. Gottzweiß, ob er nicht etwas gehört, ob er nicht gar Alles geſehen hat; Gott weiß, ob er nicht eben jetzt ſeinen Herrn losband und ob er nicht bald mit den Leuten jenes Schur⸗ ken von geſtern Abend hinter uns drein ſein wird. Fanfulla ließ ſie nicht ausſprechen, wendete ſich und ſchlug den Rückweg ein, indem er ſagte: „Fürchtet nichts, ich will mich der Sache annehmen!“ Moritz lief hinter ihm drein, ſo ſchnell er konnte, ohne Lamberto zu fragen. Die Uebrigen blieben in banger Erwartung ſtehen, dann aber bedachten ſie, daß jene zwei dem Geſchäft hinlänglich gewachſen ſeien und daß ſie die Bedeckung Laudomia's nicht zu ſehr ſchwächen dürften und ſetzten ihren Weg nach Monte Murrlo fort. Während Fanfulla und der Diener ſo ſchnell als mög⸗ lich bergaufwärts zurück liefen, bald rennend, bald in gu⸗ tem Schritt, je nachdem die Straße mehr oder weniger holzreich war, kam Moritz auf einen Gedanken, der ihm ſehr ſchön und bewundernswürdig vorkam. Er beſchloß, ſeinen Gefährten zu verführen und ſagte, von der Anſtren⸗ gung keuchend, zu ihm: „Ach, mein Herr. ſein zu gut. zu viel Rückſicht haben für den Schuft... von Verräther. nicht gebunden laſſen.... aufhängen.. dann nimmer er.... kann wieder kommen.. keine Furcht mehr haben.“ „So hätte ich es gemacht, wenn es bei mir geſtan⸗ den wäre.... Aber es iſt eine Frau dazwiſchen gekommen Die Frauen haben ein Herz ohne Galle.“ „Es iſt daran gelegen, daß mein Herr getrunken ha⸗ ben... aber Moritz ſchlau... Moritz hat nicht getrun⸗ 105 ken mit Herr Trolch.... daher läßt ſich noch Alles gut machen.... wenn Herr Fanfulla damit zufrieden ſein.“ Fanfulla hielt nicht ſonderlich viel auf dieſe feine Unterſcheidung von Trinken und Nichttrinken, mochte aber wegen des Laufens nicht viele Worte machen und hatte wichtigere Dinge zu überlegen; daher gab er keine Ant⸗ wort, und ſo kamen ſie bei dem Landhaus an. Sie fanden das Gitter geoͤffnet, wie ſie es verlaſſen hatten, In vier Sprüngen die Haustreppe hinauf, waren ſie am Hauptthor, das nicht angerührt worden zu ſein ſchien. Als ſie eingetreten waren, blieben ſie ſtehen, um zu horchen und hörten, wie Troilo mit einer Stimme nach Michele rief, von der die Gewölbe des Schloſſes wieder⸗ hallten und unter dem Rufen mit minder lauter Stimme furchtbare Verwünſchungen ausſtieß und Himmel und Hölle, ſo wie die Stunde ſeiner Geburt verfluchte. „Horſt Du, was er für Lieder anſtimmt,“ ſagte Fan⸗ fulla lächelnd;„ſeit wir fortgegangen ſind, iſt Nichts im Schloſſe angerührt worden, und ſo lange wir hier ſind, ſoll es auch, wenn es Gott gefällt, nicht geſchehen.... Der Haſenfuß Michele wird ſich in einer Dachkammer ſchlafen gelegt haben... im beſten Fall hat er ſich ge⸗ ſtern Abend auch noch betrunken... müde iſt er wahr⸗ ſcheinlich ebenfalls geworden! Sein Herr mag geheult ha⸗ ben, ſo lang er wollte, er hat Nichts gehört... So iſt es jedenfalls gegangen. Vor allem laßt uns die Haus⸗ thüre ſchließen, damit er uns nicht entwiſche, während wir ihn im Hauſe ſuchen.“ Wie geſagt, drehte er ſogleich den Schlüſſel um. Jetzt wollen wir ihn ſuchen,“ fuhr er fort, aber Moritz hielt ihn am Arm und ſagte mit ſeiner eigenthüm⸗ lichen Weiſe, die eben ſo viel Einfalt als Schlauheit ver⸗ rieth, zu ihm: „Lieber Fanfulla, ich hab' etwas usgedacht. Wenn Herr Trolch davon kommt, meinem Herrn viel Schaden thun können, beſonders da das elende Volk, die Palleschi . 109 haben den Sieg. Ich erſonnen habe ein gut Mittel, wir hängen Herr Trolch, der ein ſehr böſ' Thier iſt, und armen Michele laufen laſſen, der nicht kann ſchaden.“ Fanfulla lachte laut auf und antwortete: „Sicher iſt das das beſte Mittel; ich habe Dich nicht für einen ſo guten Kopf gehalten; ich habe aber noch nie den Henker gemacht und habe keine Luſt, dieſes Handwerk jetzt anzufangen.“ „In mym Land, lieber Fanfulla, nicht ſo genau neh⸗ men. Henker adelich werden, wenn er hundert Köpfe hat abgeſchlagen.“ „Das iſt ein ſchönes Geſetz, aber bei uns nicht ge⸗ bräuchlich, und dann möchte ich auf dieſe Art nicht Edel⸗ mann werden.“ „Lieber Fanfulla, nur dableiben, nicht helfen, Moritz machen laſſen; aber verſprechen, Herrn nichts ſagen; wenn erfahren er armer Moritz! Fanfulla war eine Weile unentſchloſſen; einestheils ſchien es ihm eine Grauſamkeit zu ſein, anderntheils war er überzeugt, daß jener Schurke den Tod verdiene, und wichtiger als Alles war die Gefahr, wenn er am Leben blieb; denn ſeinem Willen fehlte es, wie Moritz richtig bemerkt hatte, wegen des Siegs der Palleschi nicht an Macht. Endlich dachte er bei ſich ſelbſt: Ein Verräther weniger iſt kein großer Schaden, wenn nur ich nicht da⸗ bei Hand anlegen muß! Während er mit gezogenem Schwert die Treppe hinauf ging, um Michele aufzufuchen, ſagte er zu Moritz: „Wohlan, ich will jetzt den Andern fangen, thu was Dir Dein Kopf eingibt, ich will aber Nichts davon wiſſen und nie etwas erfahren; ich ſage weder Ja noch Nein dazu.“ Er nahm die Laterne, die vergeſſen worden war und noch an der Treppe brannte, ſtieg brummend hinauf und war froh, daß ſich Einer gefunden hatte, der ſich durch die Gemeinheit einer ſolchen Handlung nicht abhalten ließ, 110 vieſes Scheuſal von der Welt zu entfernen und das un⸗ terdrückte Haus der Lapi von einem ſo gefährlichen Ver⸗ folger zu befreien. Eben ſo vergnügt war Moritz über die Gelegenheit, ſeinen Herrn zu rächen und ihn von dieſer Gefahr zu be⸗ freien. Als er in das Zimmer trat, fuhr Troilo noch fort zu fluchen und Verwünſchungen auszuſtoßen, daß der Ruß des Kamins davon herab ſiel. Als er eine Hand an der Thürklinke hörte, glaubte er, es ſei Michele und rief ſchäumend vor Wuth: „Kommſt Du endlich, verwünſchter Galgenſtrick! Binde mich los, damit ich Dir Hier offnete ſich die Thüre und ſtatt Michele ſah er den Schweizer mit einem Geſichte eintreten, vor dem ſeine Haut ein Schauder überlief. Auch dieſer war, obgleich aus ganz anderem Grunde, beim Anblick dieſes Schurken betroffen. Schrecken, Wuth und die lange Bemühung, ſich los⸗ zumachen und die Stricke zu zerreißen, hatten Troilo ſo verwandelt, daß er mehr einem reißenden Thier als einem Menſchen glich. Wer eine zur ewigen Verdammniß ver⸗ urtheilte Seele vorſtellen wollte, hätte ſie nicht anders als in dieſer Entſtellung malen können. Sein Geſicht war roth, faſt violett, triefend von Schweiß, von Schaum und von Thränen der Wuth und erregte Furcht. Moritz em⸗ pfand einen ſolchen mit Grauen vermiſchten Abſcheu vor ihm, daß er ſich ſeiner ſobald als möglich zu entledigen beſchloß. Als er die Fallthüre ſah, die noch offen geblieben war, kam ihm ein neuer Einfall. Er begab ſich ſogleich an die Oeffnung und ſchüttelte das Seil, um zu ſehen, wie tief das Loch ſein moöͤge. Er ergriff hierauf das Seil und begann es emporzuziehen, und zog und zog; aber das Ende wollte lange nicht kommen. Dieſe Vorbereitungen verurſachten Troilo einen unbeſchreiblichen Schrecken. Er legte ſich auf Bitten, Beſchwörungen, Verſprechungen, — S N —— X S— S N 1¹¹ warf ſich auf die Kniee, ſo weit es ihm das Seil er⸗ laubte; dann machte ihn die Angſt faſt wahnſinnig; er ſtieß furchtbare, verworrene, ſinnloſe Reden aus, heulte brüllte, Moritz aber zog am Seil und ſagte nichts, als: „Herr Trolch noch Barmherzigkeit anthun; verdienen, by Gott, im Waſſer zu ſterben!“ Endlich kam das Ende des Seils, an welchem ſich ein verroſteter, mit Schlamm bedeckter Brunnenhaken be⸗ fand. Troilo ſank erſchöpft zu Boden, doch zu ſeinem großen Unglück verließen ihn blos die Kräfte, aber nicht das Bewußtſein. Moritz wünſchte ein ſchnelles Ende zu machen und wir wünſchen es auch. Er band ihm ſchnell das Seil über der Fallthüre unter den Achſeln um, ſchnitt dasjenige ab, das ihn an die Säule des Bettes feſſelte, hob ihn empor und ſchob ihn in das Loch, das gerade weit genug war, um ihn faſſen zu können. Der Unglückliche wehrte ſich verzweifelt und ſuchte ſich auf alle mögliche Weiſe zu helfen, aber es gelang ihm nicht. Das Seil, an dem er hing, lief pfeilſchnell durch die Hände des Schweizers und er ſank in die Tiefe. Nach einer Minute war das Seil zu Ende; Moritz machte es von dem Querbalken los und warf es ebenfalls hinab, dann ließ er noch Troilo's Barett folgen, welches auf dem Boden liegen geblieben war, ſchloß hierauf die Fall⸗ thüren und kehrte in Len Hof zurück, um Fanfulla zu er⸗ warten. Er kniete nieder und betete mit aller Andacht, deren er fähig war, ein Miſerere für Troilo's Seele, deſſen Tod wahrſcheinlich dort unten nicht ſo ſchnell erfolgte, daß er nicht Zeit gehabt hätte, manche Betrachtungen an⸗ zuſtellen, über die wir der Phantaſie unſerer Leſer freien Spielraum laſſen wollen. Fanfulla's Vermuthung über den Bedienten Troilo's hatte ſich als völlig wahr bewährt. Ziemlich ermüdet von den Nachtwachen und der ſchlechten Koſt, die er in 112 den letzten Tagen gehabt hatte, hatte er ſich in dem obe⸗ ren Stock der Villa eine entlegene Kammer und ein Bett ausgeſucht, ſich auf demſelben ausgeſtreckt und war ſo feſt eingeſchlafen, daß eine Beſchießung ihn nicht aufge⸗ weckt hätte. Als Fanfulla an die oberſte Stufe der Treppe ge⸗ kommen war, hörte er ſein tiefes Schnarchen, und von dieſem Tone geführt, hatte er ihn bald aufgefunden. Er warf ſich auf ihn, noch ehe er erwachte, und packte ihn mit militäriſcher Höflichkeit an der Kehle. Michele öſf⸗ nete erſchrocken die Augen und der erſte Gegenſtand, der ſich ihm darbot, war eine Degenſpitze, welche ſeinem Schlunde einen Beſuch abſtatten zu wollen ſchien. Dage⸗ gen war nicht viel einzuwenden; er bat alſo, ohne ſich zu rühren und zu vertheidigen, um Gotteswillen um Gnade; dieſe wurde ihm gewährt unter der Bedingung, daß er ſeinem Sieger folgen, oder beſſer, vorangehen ſolle, und dieſer führte ihn in den Hof hinab. „Was machſt Du denn da auf den Knieen?“ fragte Fanfulla verwundert über die Beſchäftigung, in der er Moritz antraf. „Ich ſprechen ein klein Gebet für die Seele des ar⸗ men Herrn Trolch,“ antwortete der Bediente halb laut, damit Michele es nicht hören und Verdacht ſchöpfen ſollte. „Es läßt ſich doch nicht leugnen, daß Du ein gutes Herz haſt! Jetzt aber wollen wir in Gottesnamen gehen.“ Michele wurden die Hände mit einem Strick auf den Rücken gebunden, welchen man zugleich um eines ſeiner Beine ſchlang, damit er nicht davon laufen koͤnnte; dann machten ſie ſich auf den Weg und gingen mit einander Monte Murrlo zu. „Nun, wie iſt es gegangen?“ fragte Fanfulla, den die Neugierde plagte, zu erfahren, wie jener verwünſchte Schurke geendet habe. „Ich will ſagen Dir, lieber Fanfulla, aber vorher — ———— — ₰ —„—— —————„——,—— v—* es en er un er en te er 1¹1³ ſchwören, daß nichts ſagen wollen meinem Herrn, beim Ritterwort ſchwören.“ „Sei darum unbeſorgt, mein Bruder! Wenn ich auch ein Ritter wäre, ſo wäre es nur beſſer, Dir das Wort eines Ehrenmannes zu geben, denn es gibt manche Edel⸗ leute, die ihr Wort brechen, aber Ehrenmänner thun es nicht, und ich gebe Dir mein Wort als ſolcher, daß ich es keinem lebenden Weſen ſagen will.“ „Jetzt ich ſicher ſein, guter Fanfulla; Herr Trolch nicht ſein gehenkt, wollte ihm erſparen den Weg, um zu gehen zum Teufel, und er ſein tief, tief hinunter geſenkt, dann auch ich das Barett nachgeworfen Wenn morgen nicht mehr finden, glauben ſie gegangen ſein und Niemand etwas argwöhnen.“ „Das haſt Du nicht übel ausgedacht,“ ſagte Fan⸗ fulla und ſie gelangten in gutem Schritt an das Pfarr⸗ haus von Monte Murrlo, wo ihre Gefährten bereits aufge⸗ nommen waren und Landomia, deren Krankheit unterwegs zugenommen hatte, endlich auf einem Bette Erholung für ihre erſchöpften Glieder und alle Unterſtützung einer herz⸗ lichen und aufmerkſamen Gaſtlichkeit fand. Um jedoch das Unglück, welches die Familie Lapi traf, in ſeiner ganzen Größe zu ſchildern, müſſen wir zu Niccolo zurückkehren, den wir auf dem Wege nach Florenz verlaſſen haben. Armes Florenz! Wir bemühen uns nach unſern Kräften die Leiden zu erzählen, welche eine ſeiner Familien trafen. Wenn man nun bedenkt, daß tauſend andere eben ſo große und vielleicht noch größere zu erdulden hatten. Wie viele Gattinnen waren Wittwen, wie viele Kinder Waiſen geworden! Wie viele Greiſe mußten, ihrer Söhne beraubt, ihre letzten Tage in der Einſamkeit und im Kum⸗ mer verleben! Wie viele ſtarke und großmüthige Seelen erloſchen in dem Elend einer langen Verbannung, ohne dem Vaterland nützen zu können, pergeſſen von ſeinen Soöhnen! Niccolo de' Lapi. M. 8 114 Wenn man nun bedenkt, was für eine traurige Saat aus dieſen Ruinen ſproßte, was für giftige Früchte für ie ſpäte Nachwelt das Elend tragen mußte, in welchem die Söhne der Verbannten geboren wurden und ſtarben! Ein Troſt darf nicht aus dem Auge gelaſſen werden und das wird uns für allen dieſen Schaden reichlichen Erſatz gewähren; es wird uns zeigen, daß die Leiden eines ganzen Volkes nicht vergeblich waren, ſondern trefflich be⸗ nutzt wurden. Sie dienten dazu, die Sache Karls V. in Italien feſtzuſtellen, ihm den Beſitz der Lombardei zu er⸗ halten, welches in den Armen Spaniens von nun an zweihundert Jahre ruhig ſchlafen konnte. Es diente dazu, den Neapolitanern auf eben ſo lange den gerechten und liebevollen Schutz eines ſpaniſchen Vicekönigs zu verſchaf⸗ fen. Es diente dazu, daß die Reichsſoldaten, ohne be⸗ fürchten zu müſſen, im Rücken angegriffen zu werden, ſich an dem Tiſche der Franzoſen zu Gaſt laden und einige Tage von den Bürgern und den Bauern der Provence und Champagne zehren konnten. Kurz es diente zu ſehr vielen ſchönen und nützlichen Dingen und wenn die Florentiner ſie hätten vorherſehen können, ſo läßt ſich wohl denken, daß ſie ſich würden ge⸗ tröſtet haben; zum Unglück aber waren ſie keine Pro⸗ pheten. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Die vierte Stunde der Nacht hatte geſchlagen, als Niccolo von ſeinen Wächtern umgeben vor dem geſchloſſenen Thor al Prato hielt. Die Schildwache auf dem Thurm rief in deutſcher Sprache;„Wer da?“ Dieſelbe Sprache redete der —— 11⁵ Hauptmann, der zu dem Wachtpoſten hinaufſtieg und von dort aus in ſchlechtem Italieniſch eine Unterredung mit Herrn Benedetto anknüpfte; mit großer Mühe gelang es ihnen, verſtändlich zu machen, ſie ſeien diejenigen, für welche Malateſta den Befehl ertheilt hatte, die Thore zu jeder Stunde zu öffnen. Nach einer Weile ging das Thor langſam auf, die Truppe trat ein und zog durch die Hellebarden hindurch der Burg Ogniſſante zu. Seit neunzig Lebensjahren war es das Erſtemal ge⸗ weſen, daß Niccolo die Schildwachen der Thore von Flo⸗ renz in einer fremden, unbekannten Sprache hatte ſprechen hören. Wenn ſeine Hände frei geweſen wären, ſo würden ſeine Ohren dieſen Klang nicht vernommen haben, der ihn ſo bitter berührte, wie wenn ein Sklave plötzlich das Klir⸗ ren ſeiner Ketten vernimmt. Sie gingen vorwärts durch dunkle verlaſſene und ſtille Straßen. Florenz glich der Necropolis der alten Aegyp⸗ ter, der Stadt der Gräber. Als ſie auf den Marktplatz kamen, konnte Niccolo die Hauptthüre des Pelagio ſehen, ſeine Treppen und die Halle, wo einſt die Angelegenheiten des Volkes verhandelt wurden, waren angefüllt von frem⸗ den Soldaten, die dort ſchliefen. Dieſe deutſchen und ſpaniſchen Halbmenſchen ſchnarchten auf der nackten Erde ausgeſtreckt mit tauſend verſchiedenen ſonderbaren Gri⸗ maſſen. Der Hufſchlag der Pferde weckte keinen Einzigen auf und die Schar gelangte über den Marktplatz. Endlich kam ſie über Condotts und Badla an der Thüre des Ge⸗ fängniſſes an. Auch hier mußte man die Leute lärmend aus dem Schlafe wecken; bald vernahm man es im Wachtzimmer der Häſcher lebendig werden, denn es lag gleich an der Seite des Eingangs. Hierauf hörte man ein Klirren der Schlüſſel, ein Raſſeln der Riegel und dann das Kreiſchen der Angeln, in welchen die ſich öffnende Thüre hing. Niec⸗ „ 6 1 . 3 1 —— 116 colo ſtieg ab und wurde eingelaſſen und dem Häſcherhaupt⸗ mann übergeben, welcher ſelbſt gekommen war, ihn in Em⸗ pfang zu nehmen. Nach einigen Förmlichkeiten begaben ſich Herr Benedetto und ſeine Bedeckung hinweg, die Thüren wurden geſchloſſen und die Riegel wieder vorge⸗ ſchoben. Niccolo ſah ſich um und ſchöpfte einigen Troſt, als er bemerkte, daß ſich keiner von denen, die mit ihm ge⸗ fangen genommen worden waren, in ſeiner Nähe befand. Nur der Gedanke an ſeine Töchter war ihm peinlich und er hätte gerne wiſſen mögen, wie ſie ſich befänden. Er fragte diejenigen, welche bei ihm ſtanden, dringend nach ihnen, erhielt aber keine Antwort. Der arme Greis wußte nun, mit wem er zu thun habe und wiederholte ſeine Frage nicht mehr. Der alte ehrwürdige Bürger der Republik, der edelſte großmüthigſte Geiſt in Florenz, befand ſich jetzt in der Gewalt jener entarteten und ſchmutzigen Menſchenklaſſe, die ſich zu jeder Zeit und unter jeder Regierungsform gleich bleibt und die das Einſperren, das Foltern ihrer Mitmenſchen und deren Auslieferung an den Henker für einen gewöhnlichen Broderwerb und zuweilen auch für ei⸗ nen beſſern halten, als manchen andern. Für ſie iſt der⸗ jenige, der den Fuß auf die traurige Schwelle des Ge⸗ fängniſſes geſetzt hat, er ſei ſchuldig oder unſchuldig, er ſei ein verſtockter Mörder oder ein unfreiwilliger Todt⸗ ſchläger, oder er habe einen Vatermord auf der Seele oder irgend ein anderes Vergehen— für ſie, ſage ich, iſt Alles gleich; ler iſt einmal ein Gefangener, alles Andere fümmert ſie nicht. Er mag lachen oder weinen, verzwei⸗ feln oder gefaßt ſein, es iſt ihnen gleichgültig. 4 Dieß erinnert mich an den Fleiſcherhund, den der Fleiſcher gehetzt hat, ein flüchtiges Kalb aufzuhalten und der ihm die Ohren mit ſeinem Gebell zerreißt. Trotz der gänzlichen Gefühlloſigkeit dieſer Leute, welche ihr Beruf mit ſich brachte, fühlten ſie einige Regung beim 117— Anblick dieſes würdigen Greiſes und zwar weniger Mitleid als Verwunderung, daß die Rache des Pabſtes ſo weit ehe. „Es verlohnt ſich der Mühe,“ ſagte Einer von ihnen, „dieſen Vogel in den Käfig zu ſtecken, der könnte ja doch nicht mehr weit fliegen! Indeſſen wurde Niccolo von allen Seiten unterſucht, um ihm die Waffen abzunehmen, falls er welche bei ſich gehabt hätte. Dann langte er ihm in die Taſche, nahm das wenige Geld, das ſich dort befand und überlieferte es dem Häſcherhauptmann. Der Schreiber des Letztern notirte in einem Verzeichniß den Namen des Gefangenen, die Stunde ſeines Eintrittes in das Gefängniß und dann führte man ihn die äußern Treppen hinauf, die man noch heute an der rechten Seite des Hofes ſehen kann. Wenn Niccolo im Hinaufſteigen einen Blick dahin ge⸗ worfen hätte, ſo würde er in der Mitte dieſes Raumes einen großen viereckigen Block geſehen haben, auf welchem ein Henkerbeil in die Quere gelegt war; das Pflaſter war mit großen dunkeln Blutlachen geröthet, in welchen der Stral einer Pechfackel wiederglänzte, welche ein Sbirre vorbeitrug; vielleicht hätte er errathen, weſſen Blut es war, welches nun die Hunde lecken konnten und das we⸗ nige Stunden vorher noch in den Adern des vorletzten Gonfaloniere der Republik floß. Aber dieſer traurige An⸗ blick fiel Niccolo zum Glück nicht in die Augen, denn ſein Blick war nach oben gerichtet, bald auf den Löwen, der den Rücken der Haupttreppe ziert, bald auf die Wände und auf die Wappenſchilde, die ſie bedeckten. Er dachte an die tapfern Männer, denen ſie gehoͤrten, er gedachte der alten Majeſtät von Florenz und fühlte dadurch ſeinen Geiſt von Neuem geſtärkt. Er nahm ſich vor, ihr das letzte Opfer zu bringen, das er ihr noch zu bringen fähig war, indem er ſich bei dieſem Schritte würdig zeigte, ihr ächter Sohn zu ſein. Er ſtieg alſo empor mit zwar matten, aber nicht 118 wankenden Schritten, mit ernſter, aber heiterer und ruhiger Stirn und als er in das obere Stockwerk gelangt war, führte man ihn durch einen langen Gang zu einer engen und niedern Thüre, in welche er, als der Kerkermeiſter ſie öffnete, ganz gekrümmt eintreten mußte. Es war ein Ge⸗ mach von acht Schritten ins Gevierte, durch eine oben an⸗ gebrachte Oeffnung ſah man ein wenig Sonnenlicht durch die Stäbe eines ſtarken Gitters. Es befand ſich da ein ſchlechtes Lager mit einem elenden Sack voll zerriebenem Stroh, das noch von dem früheren Bewohner her nicht friſch aufgeſchüttelt war; auf der Erde ſtand ein Krug. „Sieh ob noch Waſſer darin iſt,“ ſagte der Gefan⸗ genwärter zu einem ſeiner Leute. Dieſer ſah ihn an und entgegnete; „Er iſt voll; Carducciv hatte keinen Durſt; er hat ihn nicht angerührt.“ Niccolo erſchrak bei dieſem Namen und fragte ängſilich: „War er vielleicht hier?“ „Ja wohl!“ „Wo haben ſie ihn hingebracht?“ „Wo man ihn aufhebt bis zum Tag des jüngſten Gerichts.“ Die Schergen gingen hinaus und ſchloſſen geräuſch⸗ voll die Schlöſſer und die Riegel des Kerkers und ließen den Greis dort im Dunkeln. Er richtete ſich in ſeinem Kerker empor, faltete die Hände zum Gebet und ſprach: „O Franzesco, Du haſt Dein Opfer gebracht! Gott gebe Deiner tapfern Seele Frieden!“ Hierauf tappte er mit den Händen um ſich und fand ſein Lager. Er ſetzte ſich auf daſſelbe, nahm den Krug, trank ein paar Züge und beſchloß, wo möglich Ruhe und Schlaf zu ſuchen, um ſeine Kräfte wieder ein wenig zu ſtärken. „Dieſer mein Körper, dieſes gebrechliche Werkzeug, möge mich doch bei dieſer Prüfung nicht zu Schanden machen! Gott unterſtütze mich hei dem ſchweren Kampfe, 1¹9 der mir bevorſteht! Du ſiehſt meine Geſinnung, aber Du ſiehſt auch zugleich, wie ſehr dieſe meine gebengten Glieder abgeſpannt ſind. Verleihe ihnen ſo viel Kraft als ich be⸗ darf, um ohne Feigheit die wenigen Schritte, die mich noch vom Grabe trennen, zurückzulegen.“ Er legte ſich auf das Kiſſen, neigte ſein Haupt und bereitete ſich zum Schlaf und blieb unbeweglich und ſtumm, um den Schlummer herbeizulocken; aber wie war es mög⸗ lich, daß ein Gemüth, welches tauſend Gedanken beſchäf⸗ tigte, ein Herz, das ſo viele Leidenſchaften durchwühlten, zur Ruhe gelangen konnte? Nicht einmal der Muth eines unbefleckten Gewiſſens kann dieſes bewirken und die Schlaf⸗ loſigkeit entſpringt nicht immer blos aus Gewiſſensbiſſen. Wie war es möglich, daß jetzt an dem Ende eines langen und bewegten Lebens, nach ſo vielen wechſelnden Schickſalen, ganz aufgegangen in den glühenden Gedanken an das Va⸗ terland, die Ereigniſſe ſo vieler Jahre nicht gerade jetzt in langer Reihe an ihm vorüber ſchwebten. Die verfehlten Plane, die unklugen Rathſchläge, die Unfälle endlich, durch welche Florenz nach ſo vielen Anſtrengungen, nach ſo be⸗ geiſtertem Kampfe, nach ſo vielem vergeblich vergoſſenem Blute in die Klauen der Medici gefallen war, und nun..⸗ Was ſtand ihm bevor?.. Dem Vaterland das letzte unnöthige Opfer von wenigen Lebensſtunden zu bringen. Hatten eine ſo lange Bemühung, ſo viele Verluſte, ſo viele Unglücksfälle nichts Anderes von der ewigen Gereth⸗ tigkeit gewinnen können? Sie hatte es zugeben können, daß die Böſen über die Guten triumphirten, trotz deren unerſchütterlicher Stand⸗ haftigkeit im Kämpfen, im Dulden und im Beten, trotz der Verſprechungen Girolamo's, ihres Propheten?„Welches furchtbare Gerücht,“ dachte der betrübte Greis,„welches unerforſchliche Geheimniß des Zornes Gottes! Und war unſer Zweck, o Herr! dachte er in der Bitterkeit ſeines Herzens, was war unſer eifrigſter Wunſch? War es nicht etwa, Dein Reich feſt zu gründen, Deinen Namen zu ver⸗ 120 herrlichen? das Vaterland aus den Händen Deiner Feinde zu retten, aus den Händen derer, welche kein anderes Mittel kennen, dieſem Volk den Fuß auf dem Nacken zu halten, als es zu verderben und in Laſtern zu verſenken? O wie viel habe ich geduldet, wie viel habe ich gebetet! Mit welchem Herzen habe ich Dir, o mein Gott, das Le⸗ ben meiner Söhne dargebracht! Mit welcher Freudigkeit hätte ich Dir dasjenige des letzten geſchenkt, der mir noch bleibt! Ich hätte den Untergang meines ganzen Hauſes er⸗ leben mögen; aber Florenz. O mein Gott, warum haſt Du Florenz nicht gerettet!“ Dieſe ſchmerzlichen Gedanken wälzte Niccolo in ſei⸗ nem Innern umher, deſſen eiſerner Körper von Nachtwa⸗ chen, Mühen und moraliſcher Aufregung unvermerkt eine weitere Gedankenreihe herbeiführte, die noch ſchwärzer und troſtloſer waren und ſeine Lebenskräfte gänzlich nieder⸗ beugten. Der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes und an ſeine Güte, der Glaube an die Weiſſagungen des Bruders Gi⸗ rolamo, der ihn ſo viele Jahre hindurch wie ein himmli⸗ ſcher Stral geleitet und getröſtet hatte, wurde ſchwächer und ſchwächer, verſchwand in düſterem Nebel, aus welchem grauenvolle Zweifel emporſtiegen. Wenn ich in Allem, was ich gehofft, in Allem, was ich neunzig Jahre lang ge⸗ glaubt habe, getäuſcht worden wäre? Gerade jetzt, da dieſer furchtbare Zweifel in ihm aufſtieg, hätte dieſes gemarterte Herz den Troſt eines unerſchütterlichen Glaubens am nothwendigſten bedurft. Es durchſchauerte ihn, buchſtäblich genommen, bis ins Innerſte, als ihm ſo der letzte Faden aus der Hand fiel, mit demſelben Todes⸗ ſchauer, der denjenigen durchzuckt, der an einem ſtarken Aſt über einem tiefen Abgrund hängt und plötzlich be⸗ merkt, wie dieſer ſich beugt und zu brechen beginnt; oder wie Einer, der auf einem Schiffe von Sturmwinden ge⸗ peitſcht und gegen eine ſchroffe Klippe hingetrieben wird, wenn er das Tau des letzten Nothankers abreißen ſieht. 124 Ein ſchmerzlicher Seufzer ſtieg aus Niccolos Bruſt, als er, trotz aller Anſtrengungen, die er verſuchte, ſeine Bruſt ſo verzweifelten Gedanken zu verſchließen, dennoch immer ſchrecklichere und verderblichere herannahen fühlte, wie die Feinde in eine lange und hartnäckig vertheidigte Feſte eindringen. Seit neunzig Jahren fühlte er zum Erſtenmal, was Furcht ſei, denn ihm ſchienen alle Hoffnungen ſeines ganzen Lebens, ſowohl für dieſe als für die andere Welt gänzlich entſchwunden; vergebens ſuchte er in der Gegen⸗ wart und Zukunft nach einem Gefühl, das nicht Schmerz, nach einem Gedanken, der nicht Nacht und Zweifel war. Er ſaß auf in ſeinem Lager, hob die Arme zum Himmel und ſagte; Deus meus, qua re dereliquisti me?“ Es war Niccolos Beſtimmung, als Beiſpiel zu die⸗ nen, wie lange das Unglück und die Kraft eines Menſchen um den Sieg ſtreiten können. Mit jener furchtbaren Wil⸗ lensſtärke, welche immer ſeine Haupttugend geweſen war, wollte er dieſe Gedanken von ſich treiben und vertrieb ſie auch; er wollte ſolche herbeiziehen, die den vorigen vbllig entgegengeſetzt waren und es gelang ihm; er bändigte ſeine regelloſen Gedanken und ſagte zu ſich ſelbſt: Wer bin ich denn, daß ich ſollte das Weſen richten dürfen, das mich und alle Menſchen, Himmel und Erde und das Uni⸗ verſum ſchuf! daß ich ſagen dürfte, es könne oder wolle nicht, es kümmre ſich nicht darum, ſich mit jedem, auch dem kleinſten ſeiner Geſchöpfe zu beſchäftigen, ſeine Ver⸗ dienſte oder Verſchuldungen, ſeine Schmerzen und Freuden abzuwägen, weil er zu groß iſt, um ſo tief herabzuſteigen, welche ruchloſe Thorheit! Hieße das nicht ſeine Macht be⸗ ſchränken wollen, ihn nach unſerm Maßſtab verkleinern! Sind nicht alle ſeine Geſchöpfe Atome und keines mit ſeiner Unendlichkeit in Verhältniß zu ſetzen! Koſtet es ihn vielleicht mehr, den Lauf der Sonne und der Sterne am Firmament zu beſtimmen, als dem kleinſten ſeiner Inſekten Geſtalt und Bewegung zu geben! O großer Gott! Seit⸗ dem du mich ſchufſt, haſt du alſo auch für mich Sorge 122 getragen; hilf nun meiner unſterblichen Seele, die jetzt im Begriff iſt, dahin zurückzukehren, woher du ſie berufen haſt; vergib die Zweifel meines Verſtandes, der ebenfalls dein Werk iſt! Du verliehſt ihm nicht die Gabe, dich zu be⸗ greifen, aber ich fühle, daß du in mein Herz ein Mittel gegen alle meine Leiden gelegt haſt, daß du mir Kraft gabſt, beſtändig auf dein Erbarmen hoffen zu können. Ja, mein Gott, ich hoffe, ich vertraue auf deine Güte, ich werfe mich in deine Arme, an deinen väterlichen Buſen, denn einſt werde ich vielleicht erfahren, warum ich auf Erden ſo viel zu leiden hatte. Die Hoffnung, die himmliſche Freundin der Betrüb⸗ ten, ſtieg auch in das Herz des armen Greiſes herab und verbreitete über daſſelbe eine neue Freudigkeit, eine heitere Ruhe, durch die er ſich ganz erquickt fühlte. Er glaubte ſchon in eine höhere, der Leiden unſerer Erde entrückten Ge⸗ gend verſetzt zu ſein und ſich von den Leidenſchaften und Sorgen derſelben befreit zu fühlen. Er verſenkte ſich ganz in die Bilder eines beſſern Lebens. Dieſe Gedanken wur⸗ den, ohne etwas von ihrer Wonnigkeit zu verlieren, immer verworrener und nahmen etwas Phantaſtiſches und Luftiges an, denn der ermattete Greis war endlich eingeſchlafen und glaubte drei Geſtalten vor ſich zu ſehen, drei menſch⸗ liche Gebilde in weißen Gewändern, mit bloßen Füßen, die ihm zulächelten und an einem ſehr röthlichen Feuer ſich zu ergötzen ſchienen, das ſie umgab und tauſend glän⸗ zende Funken von ſich ſprühte. Derjenige, welcher in der Mitte ſtand, fing an zu ſpre⸗ chen, aber ſeine Worte, wie Sphärenmuſik klingend, unter⸗ ſchieden ſich von jeder menſchlichen Sprache und Niccolo verſtand ſie nicht, aber den Bruder Girolamo erkennend, warf er ſich im Traume vor ihm nieder und rief:„O Hei⸗ ligſter der Märtyrer, mache, daß dein Knecht dich ver⸗ ſtehe!“ Da ſagte der Mönch mit veränderter Stimme und ſprach zu ihm; 123 „Du möchteſt die Geheimniſſe Gottes verſtehen2 Bete ihn an und hoffe! Meine Weiſſagungen werden ſich erfüllen, Florencia post flagella renovabitur. Aber Du kannſt nicht wiſſen, weder von welcher Art die Geiſel ſein wird, noch wie lange ſie dauern muß... Sic dicit Pominus... Generationen und Jahrhunderte werden vergehen, dann wird ein neues Licht und eine neue Erde ſein und das Vaterland, das wir beide ſo ſehr geliebt haben, wird ſich frei und erneuert wieder erheben.“ Das Feuer, die Märtyrer und die ganze Erſcheinung verſchwanden. Nieccolo erhob ſich und hielt den Traum, der jene Gedanken, die ihm tief ins Herz gepflanzt waren, in überirdiſchen Geſtalten wieder gegeben hatte, für eine gottliche Erſcheinung und fühlte ſich noch immer mehr von glühender Vaterlandsliebe erfüllt und von jenem un⸗ erſchütterlichen Glauben, der ihn im Leben beſeelt hatte und im Tode ſein Troſt ſein ſollte, aufrecht erhalten. Gott, der den nie verläßt, der nicht verdient ver⸗ laſſen zu werden, hatte ihm Hülfe geſandt, als ſie am Nöthigſten war. Ein Getümmel von Schritten und ein Geräuſch von Schlüſſeln wurde im nahen Gang gehört; die Pforte des Gemaches öffnete ſich, ein Wärter trat mit einer kleinen Fackel herein, dann kamen einige Schergen von dem Ge⸗ ſinde des Häſcherhauptmanns und befahlen dem Alten, aufzuſtehen und ihnen zu folgen. Er gehorchte; ſie nahmen ihn in die Mitte und gingen hinaus, und nach vielen Windungen durch Gänge und Treppen, kamen ſie an die Thüre eines Saales, wo der oabſcheuliche Gerichtshof Sitzung hielt, welcher aufgeſtellt war, nicht um zu richten, ſondern um die Feinde des neuen Staates, unter höhniſcher Nachbildung eines gerichtlichen Verfahrens, zu tödten. Der Gerichtsſaal war ein viereckiges, hohes Zimmer; an der Decke war ein Gemälde von Giollo mit vielen Geſtalten von Heiligen, unter welchen der Maler auch mehrere der ange⸗ 124 ſehenſten Bürger ſeiner Zett porträtirt hatte, unter an⸗ dern Corſo Donati, Brunetto Latini und Dante Alighieri. Unter Peter Leopold wurde dieſe Malerei übertüncht. In unſern Tagen haben die Gefangenen da und dort den Mörtel mit den Nägeln abgekratzt und das Gemälde zum Theil wieder aufgedeckt. Wir wollen hoffen, daß es ganz wieder erſcheinen möge und daß jener Ort, den ſo ehren⸗ volle Erinnerungen erfüllen, mehr in Ehren gehalten werde, als bisher. Unter dem Gemälde befand ſich die Gerichtsbank, auf welcher acht Richter in violetten Gewändern Platz ge⸗ nommen hatten. Vor ihnen ſtand ein langer Tiſch, auf welchem Schreibmaterialien, Papiere, Federn und ein Bün⸗ del lagen und vier Wachskerzen brannten, denn das Tages⸗ licht war noch nicht angebrochen, und durch zwei enge, lange und hoch vom Boden erhabene Fenſter, die links vom Eingang angebracht waren und wegen der Wärme offen ſtanden, ſah man durch die Stäbe der Eiſengitter die Sterne funkeln. An der Thüre unterhielten ſich Schergen, Thürſteher und Zeugen miteinander. In einem Winkel war ein her⸗ vorſpringender Balken an der Mauer angebracht, an deſſen Ende ſich eine Rolle mit dem Folterſtricke befand. Gleich neben demſelben war ein Madonnenbild an die Mauer ge⸗ malt, vor welchem eine Lampe brannte und deren Anblick vielleicht die Opfer tröſten ſollte, noch wahrſcheinlicher aber war es dem alten Gebrauche der Menſchen zufolge dort angebracht, die ſich des Göttlichen bedienen, um ihre Schlechtigkeit damit zu bemänteln. Als der Greis eintrat, entſtand ein leiſes Geflüſter unter den Schergen, welche ſich an der Thüre befanden; Einige ſchliefen links der Mauer niedergeſtreckt, denn das Gericht machte in jenen Tagen keine Pauſen. Einer von ihnen dehnte ſich, gähnte und ſagte ſchlaftrunken: „Wann wird doch der letzte von dieſen Vögeln 125 kommen, damit wir doch endlich einmal ſchlafen gehen können?“ Niccolo trat vor und blieb zwei Schritte von dem Tiſche ſtehen. Obgleich er, wie ſich denken läßt, Mühe hatte, beim Anblick der Feinde ſeines Vaterlandes die ge⸗ wohnte Ruhe in Haltung und Worten zu bewahren, hielt er ſich doch mit übermenſchlicher Kraft und warf Blicke auf ſeine Richter, welche keine Anmaßung, wohl aber Muth verriethen. Keiner konnte dieſen Blick aushalten und Einige ſchlugen die Augen nieder, Andere blickten auf die Seite. Dieſe Richter waren von den ergebenſten Freunden der Mediei ausgewählt oder gehörten vielmehr zu jener alten niedrigen Menſchenelaſſe, welche, ſeit die Welt ſteht, immer bereit geweſen iſt, ihre feilen Dienſte der ſiegreichen Partei anzubieten. Es befand ſich unter ihnen Baccio Valori(Gott ſegne die Hände des Cosmo von Medici) und Herr Bene⸗ detto de Nobili; die Namen der Andern ſind ohne Be⸗ deutung. Der Präſident wendete ſich zu dem Angeklagten und beftagte ihn:„Dein Name, Alter und Vaterland 2 Niccolo erwiederte mit ruhiger Stimme: „Niccolo, Sohn des Herrn Cione de Lapi, aus dem Volke von S. Giovanni, Stadtviertel zum goldenen Löwen, 91 Jahr alt.“ „Herr Benedetto verlest die Anklage.“ Nobli ſtand auf, nahm ein Blatt vom Tiſche und las mit ſcheinbar gerührter Stimme folgende Worte: „In nomine D. I. C. ac Beatis V. Mariae. Amen (hier beugte der Schurke ſein Haupt⸗ bis faſt auf den Tiſch, der vor ihm ſtand). Heute am.. Auguſt 1530 iſt vor den hohen Herrn, dem Gerichtshof, der achte der Stadt und Republik Florenz, Niccolo di Cione de Lapi ange⸗ klagt durch nachfolgende Zeugen: 1) Der Aufwieglung und Aufreizung des Volkes durch 126 allerlei betrügeriſche Ränke zum Schaden und Nachtheil dieſes Staates, indem er ſich clam, seu palam in die 1 Berathungen und Entſchließungen der obrigkeitlichen Per⸗ ſonen gemiſcht, um zu verhindern, daß die genannte Stadt und Republik Florenz eingehe auf die gerechten und ehren⸗ vollen Bedingungen, welche Seine Heiligkeit Pabſt Cle⸗ mens VII. für das erlauchte Haus Mediei und für die Bürger von der Partei der Palleschi, welche ſeit 1527 als Rebellen verbannt waren, annehmen möge und daß er die Haupturſache geweſen ſei, daß der Krieg ſich zum unermeßlichen Schaden der Stadt und der Umgegend in die Länge zog. 2) Der Begünſtigung jenes Vorſchlags, die Kirchen, Kapellen, geweihten Orte und Bethäuſer des Goldes, des Silbers, der Edelſteine und andrer Koſtbarkeiten zu berau⸗ ben gegen das ausdrückliche Verbot ſeiner Heiligkeit und zum großen Schaden des Clerus, der Klöſter und der heiligen katholiſchen Kirche, um damit die Kriegskoſten zu beſtreiten und den verabſcheuungswürdigen Aufruhr gegen die Ord⸗ nung und die Geſetze des florentiniſchen Staats und die römiſche Kirche durchzuſetzen. 3) Der Aufreizung von viertauſend ſchlechten Men⸗ ſchen zur Plünderung, Verbrennung und Zerſtörung der Landhäuſer der Careggi und anderer Häuſer des erlauchten Hauſes Medici und zur Schmähung und Zerreißung des Bildes von Pabſt Clemens in der Kirche à Serbi und andern rohen Ausſchweifungen. 4) Einer ruchloſen und gottesläſterlichen Verehrung des Bruders Hieronymo Savonarola in ſeinem Hauſe, welcher als verſtockter Ketzer auf dem Platze vor dem Pelagio verbrannt wurde, nachdem er von Seiner Hei⸗ ligkeit dem verewigten Pabſte Alerander VI. ercommu⸗ nieirt worden. Dieſes Vergehen iſt erwieſen durch die Kutte und die Aſche des genannten Mönchs, welche der beſagte Niccolo verehrt und in ſeinem Hauſe gehalten hat, und zwar in ſeinem eigenen Zimmer an ſeinem Bette, 127 um ſeine Andacht bei denſelben zu verrichten, zum Aerger⸗ niß ſeiner Hausgenoſſen und aller guten Chriſten und mit Hinanſetzung des der heiligen römiſchen Kirche ſchuldigen Gehorſams. Genannte Gegenſtände liegen zur Beſtäti⸗ gung der Anklage vor. Dieſe Anklage haben folgende Zeugen nach ergan⸗ gener Ermahnung, die Wahrheit zu ſagen und geleiſtetem Eide bei dem Heil ihrer Seele und dem heiligen Evange⸗ lium, bekräftigt.“ Hier folgte eine Reihe von Namen aus der Hefe des Volks, alle mit einem Kreuze bezeichnet, weil keiner von ihnen ſchreiben konnte. Dann fuhr der Ankläger fort: „Für dieſe und andere Verſchuldungen und Uebelthaten, welche für jetzt übergangen, aber bei Gelegenheit erwieſen werden können, wird das hochlöbliche Gericht der Achte des Staats und Volkes von Flerenz erſucht, dem genann⸗ ten Niccolo, Sohn des Herrn Cione de Lapi ſein Recht wiederfahren zu laſſen durch Verurtheilung zur Strafe der Verräther des Vaterlands, zur Vertheidigung der guten Bürger und Geſetze und zur Abſchreckung der Schlechten und Uebelwollenden. Ad Pei gloriam. Amen.“ Während dieſer Vorleſung war mehr als einmal ein bitteres Lächeln auf den Lippen des Greiſes ſichtbar. Als ſie dorüber war, ſagte der Präſident: „Du haſt es gehört, Niccolo, willſt Du nun be⸗ kennen oder etwas zu Deiner Vertheidigung ſagen.“ „Zu meiner Vertheidigung,“ ſagte der Greis lächelnd; „würde ich nicht dann meinen Athem und meine Worte umſonſt verſchwenden? Kenne ich Euch etwa nicht? Weiß ich etwa nicht, wer Euch zu dieſem Amte beſtellt hat? wer mich hat aufgreifen und gefangen nehmen laſſen gegen das Wort der Uebergabsbedingungen, welche verſprachen, das Leben und die Freiheit der Bürger nicht anzutaſten?“ „Und Ihr wollt nun, daß ich an meine Vertheidi⸗ gung denken ſoll? Rein ich ſpreche nicht, um meinen Kopf zu retten, er mag nur fallen und Gott gebe, er wäre 128 ſchon früher gefallen, dann hätte ich nicht den Fall dieſes heiligen und unglücklichen Vaterlandes, noch ſo vielen Ver⸗ rath und ſo viele Niederträchtigkeit ſehen müſſen. „Aber ich ſpreche zur Ehre von Florenz, denn ſo lange ich noch die Zunge gebrauchen kann, ſo lange ich athme, ſo lange Ihr mir das Leben noch gönnt, werde ich dieſes hingemordete Volk niemals tadeln oder verläumden hören, ohne meine Stimme zu deſſen Vertheidigung zu erheben.— Ich habe es weder aufgeregt, noch durch Ränke aufgewiegelt, ich habe ſeine Berathungen und Entſchlie⸗ ßungen nicht geſtört, aber in meinem Hauſe, in der Kirche, auf dem Markte, überall offen und öffentlich, wie Niccolo immer gehandelt hat, habe ich es zu Vertheidigung ſeiner Freiheit ermuthigt und rühme mich deſſen, denn Florenz iſt immer eine freie und ſelbſtſtändige Stadt geweſen und die Mediei und ihre Gefährten waren es, welche ſie durch Ränke und Betrug zu unterwerfen ſuchten. Wenn dieſe verjagt worden ſind, ſo iſt ihnen ihr Recht geſchehen; nunmehr kehren ſie mit bewaffneter Hand zurück, um ſie in den Staub zu treten. Gott hat es zugegeben um un⸗ ſerer Sünden willen, aber die Schmach der Vaterlands⸗ verräther wird ſie und nicht uns treffen. „Das Gold und Silber der Kirchen wurde benutzt, aber man hatte die Erlaubniß dazu vom Pabſte ſelbſt, welcher ſie vor dem Jahre 1527 zur Vertheidigung der Herrſchaft der Medici gegeben hatte. Entweder iſt es gar nicht erlaubt, dieſe Schätze zu weltlichen Zwecken anzu⸗ wenden, und dann dürfen ſie gar nicht den Laien zur Ver⸗ fügung geſtellt werden, oder es iſt erlaubt, dann würden ſie vortrefflich angewendet, um das Elend zu lindern und tauſend Unſchuldigen, welche im Begriff waren, Hungers zu ſterben, das Leben zu erhalten. „Von der Verbrennung von Careggi will ich nicht ſprechen, dieß würde bloß zu meiner Privatvertheidigung gehören und mich will ich nicht vertheidigen. „Wohl aber ſpreche ich und verwahre mich vor Gott 6 129 und der Welt gegen die ſchändlichen Läſterungen, die ich über den heiligen Märtyrer, Bruder Girolamo Sasonarola, habe hören müſſen, da man, nicht zufrieden, ihn ermordet, nicht zufrieden, ſeine Aſche zerſtreut und in den Arno ge⸗ worfen zu haben, ihn auch noch mit Verleumdungen ver⸗ folgen will. Glaubt Ihr vielleicht, es gehe Euch ſo hin, glaubt Ihr, Eure Schurkenränke, der Trug und die fal⸗ ſchen Anklagen, durch welche Ihr Palleschi ſeinen Sturz herbeigeführt habt, ſeien nicht ruchbar und weltkundig ge⸗ worden, während ſeine Tugenden und ſeine heiligen Ermah⸗ nungen Euch beſchämten? Weiß nicht Jedermann, wie. ſein Proceß gefälſcht wurde? Wie Ser Ceccone, der Notar, der das Werkzeug dieſer Abſcheulichkeiten war, zur gerechten Strafe von Gott in Verzweiflung ſtarb? Und ein Bannſtral, der auf Verleumdungen gegründet iſt, ſollte gültig ſein? Ich habe der Aſche des heiligen Märtyrers keine Verehrung gewidmet, die ihm nicht ge⸗ bührt hätte, aber ich habe ſie in meinem Hauſe aufbewahrt mit der Ehrerbietung, die der Aſche eines Heiligen gebührte, der durch Wunder, die er in ſeinem Leben und nach ſeinem Tode gethan, für einen ſolchen erklärt iſt.“ Herr Benedetto nahm hier das Bündel, das auf dem Tiſche lag, zog die Kutte und einen kleinen ſeidenen, mit Gold geſtickten Beutel heraus, in welchem ſich die Aſche befand, zeigte Niccolo dieſe Gegenſtände und ſagte: „Es genügt, daß Du dieſe Dinge für Dein Eigen⸗ thum erkennſt und für dieſelben, die Du in Deinem Zim⸗ mer in einer Niſche aufbewahrteſt, mit einer brennenden Lampe davor. Was von dieſer Verehrung und von der Gül⸗ tigkeit des Bannes zu halten iſt, wiſſen wir recht gut.“ „Ja, ich erkenne ſie; ſie ſind mein,“ ſagte Niccolo, indem er ſie nahm und mit leidenſchaftlicher Verehrung küßte,„und ich danke Gott, daß er mir Gelegenheit gibt, ſeinen Propheten vor Euch, ſeinen Feinden, öffentlich zu bekennen! mein Vaterland vor Euch zu bekennen, die Ihr es hingemordet und verrathen habt! Wer bin ich, armer Niccolo de' Lapi. UI. 9 130 Greis, womit verdiene ich einen ſo ehrenvollen und heiligen Tod! Thut nun Euer Schlimmſtes, triumphet potestas tenebrarum, aber wiſſet, daß Niccolo, allein, unbewaff⸗ net, gefangen in Eurer Mitte Mitgefühl findet, während Ihr ihn eines Tages werdet zu beneiden haben. Dieß ſage ich namentlich Dir, Baccio Valori.“ Er ſprach es, indem er Hand und Stimme gegen ihn erhob; jener aber bebte. „Dir ſage ich es, der Tag wird kommen, an dem Du Niccolo's Tod beneiden wirſt; nicht als ob ich Dir das Böſe wünſchte, das Du mir jetzt anthuſt, denn ich verzeihe Dir gern, aber Gott verzeiht nicht demjenigen, der an ſeinem Vaterlande thut, was Du gethan haſt.“ „Wie!“ rief Baccio, ihn unterbrechend mit einem bedeutungsvollen Wink an die Folterknechte,„ſo erweiſt man der Obrigkeit die ſchuldige Ehrfurcht?“ Der Präſi⸗ dent gab ebenfalls den Häſchern ein Zeichen und ſagte: „Da der Angeklagte den guten Weg verſchmäht und ſtatt deſſen die Obrigkeit läſtert, ſo iſt es unſere Pflicht, ihn zu foltern. Du haſt es Dir ſelbſt zuzuſchreiben, Niec⸗ colo, und Ihr, Canzliſt, verzeichnet die peinliche Frage in's Protokoll.“ Einige Schergen warfen ſich auf Niecolo, nahmen ihn bei den Armen und zogen ihn gewaltſam gegen jenes Werkzeug der Grauſamkeit hin, das wir oben beſchrieben haben. Sie riſſen ihm das Oberkleid und die Kaputze vom Leibe, warfen ihn zu Boden und ließen dem ehrwür⸗ digen Greiſe nur noch die Strumpfhoſen und das Hemde. Das ſilberne Cruzifir, das er bei ſeiner Abreiſe von Hauſe von ſeinem Bette weggenommen und das ſeiner Gattin, M. Fiore, gehört hatte, hing noch an ſeiner Bruſt und zog die Blicke jener Häſcher auf ſich, welche es ihm ſogleich entriſſen. Ueber dieſe Gewaltthat ſtieß Niccolo einen ſchmerzlichen Seufzer aus, aber er erhob die Augen gefaßt zum Himmel und ſeine Lippen murmelten einige Worte des Gebetes oder pielleicht der Vergebung. 131 Die Henkersknechte in dunkelrothen, enganſchließenden Wämſern und Strumpfhoſen, mit bis zum Ellbogen auf⸗ geſtreiften Aermeln hatten den Greis unter die Winde ge⸗ ſtellt und ſchnürten ſeine Arme mit dem herunterhängenden Strick dicht über der Pulsader zuſammen. Drei von ihnen hielten das entgegengeſetzte Ende und erwarteten mit roher Gleichgültigkeit das Zeichen zum An⸗ fang, und Niccolo wendete ſein Herz zu Gott und rief die Vermittlung des Bruders Girolamo an. „O Du, der ſo viel für die Gerechtigkeit litt, gib daß ich dieſes Wenige zum Ruhme Gottes und zur Ehre die⸗ ſes meines armen Vaterlandes leiden mag.“ Herr Benedetto hatte ſſich indeſſen von ſeinem Platze erhoben, ſich dem Dulder genähert und ſtellte ſich gerade vor ihn hin an einen kleinen Tiſchl, an welchem der Canz⸗ liſt mit einem weißen Blatt und der Feder in der Hand ſaß und wartete, um die Beichte niederzuſchreiben. Mehrere Maler haben ſich bei der Darſtellung des Märtyrerthums eines Heiligen bemüht, das Rührende der Darſtellung durch den auffallenden Contraſt zwiſchen den Zügen der Henker und denen des Märtyrers zu erhoͤhen, aber die Phantaſie keines Künſtlers hätte einen größeren erdenken können, als er hier wirklich ſtattfand. Niccolo's Geſicht war ſo blaß, daß es mit dem Bart und den Haa⸗ ren von einer Farbe zu ſein ſchien. In der Beleuchtung, die es durch die Lampe des über ihm ſtehenden Madonnen⸗ bildes erhielt, bekam es den Glanz des Marmors oder Alabaſters und glich dem Antlitz einer Statue eines Pro⸗ pheten von Michel Angelo; aber das Feuer der ſchwarzen zum Himmel blickenden Augen gab dieſem Bilde Keben⸗ ihr Glanz war feucht und bei aller Frömmigkeit und Hin⸗ gebung in Gott doch nicht ohne den gewohnten Stolz. Die Bruſt war eben ſo weiß, wie das Hemde, breit und wohlgebildet, obſchon ein wenig mager, kurz Niecolo's ganze Geſtalt war wie von einem Heiligenſchein umgeben, der ſie aus der dunkeln Umgebung der finſtern Wände des Saals 132 und der unreinen Kleider des Häſchergeſindels herborhob, deren rohe Geſichter zum Theil vom übermäßigen Genuß des Weines gerothet und aufgedunſen waren, zum Theil erſchlafft und gebleicht durch gemeine Lüſte, zum Theil aus⸗ druckslos und gemein durch die Gewohnheit an blutige Ge⸗ waltthat. Nicht weniger ſchändlich als die ihrigen, wenn auch von weniger gemeinem äußeren Anſtrich, erſchien das Geſicht des Herrn Benedetto. Was iſt ſcheußlicher, als das Geſicht eines Heuchlers! Mit einem Seufzer und geſenkten Augen ſagte er in verſtellter Theilnahme: „Niccolo, willſt Du bekennen, daß Du das Volk ver⸗ führt und verleitet haſt, wie aus den Anklagen und⸗den Zeugniſſen hervorgeht?“ Der Greis antwortete nicht und begann den Vers zu wiederholen:„Domine, adjutor meus.“ Nobili winkte den Schergen, dieſe zogen das Seil fe⸗ ſter an, bogen ihre Kniee und hängten ſich mit ihrer gan⸗ zen Schwere an daſſelbe die Arme des Angeklagten wurden an ſeinem Rücken hinaufgezogen, die ausgedehnten Muskeln der Bruſt traten zwiſchen die Rippen zurück, ſeine Füße wurden vom Boden emporgehvben und ſo drehte er ſich einen Augenblick in der Luft mit zuſammengebiſſenen Lippen und Augenliedern herum, jedoch ohne auch nur ei⸗ nen Seufzer auszuſtoßen. Man ließ ihn einige Serunden in dieſer Lage, dann wurde er herabgelaſſen. Wir haben übrigens keine Luſt, dieſe barbariſchen Qualen weiter zu beſchreiben, deren Opfer mehrere Jahrhunderte hindurch ſo viel Unglückliche geworden ſind und von denen man ſchwer ſagen kann, ob ſie mehr grauſam voder mehr thöricht wa⸗ ren. Es genüge, daß der unſchuldige Greis die Folter mit dem Seil dreimal aushielt und die Kraft ſeiner Seele ver⸗ mochte ſo viel über ſeine Natur, daß er ſeinen Feinden die Freude mißgönnte, auch nur Einen Schrei oder Eine Klage zu vernehmen⸗ Zuletzt wurde er erſchöpft und von Schmer⸗ 133 zen überwältigt, aber doch immer ſtandhaft in ſeinen Ker⸗ ker zurückgebracht, mehr getragen, als geführt. Achtunddreißigſtes Kapitel. Als Niccolo faſt leblos auf dem elenden Sack zu⸗ rückgelaſſen wurde, der ihm als Lager diente, war es ſchon ſeit einer Stunde Tag geworden. Er blieb liegen, wie man ihn gelegt hatte, denn ſein gepeinigter Körper war eine unbewegliche, kraftloſe Laſt geworden und wenn ihm auch noch ein wenig Kraft geblieben wäre, ſo hätte die geringſte Bewegung die Schmerzen unerträglich ge⸗ macht, die ihn nach der überſtandenen Tortur quälten. Aber auch dieſe Leiden fkonnten eine Seele nicht beugen, die durch die himmliſche Erſcheinung, welche er nach ſeiner Meinung gehabt hatte, erquickt worden war und ſich nun auch damit tröſtete, dem Ende aller Leiden nahe zu ſein. Mit dem Morgenlicht war dem Schweigen der Nacht jener verworrene und fortwährende Lärm gefolgt, den man in einer belebten Stadt vernimmt, wenn die Bewohner wach zu werden anfangen, und der auch in jenen Kerker durch das hohe und kleine Fenſter drang, welches durch enge eiſerne Stäbe und von außen noch durch einen Laden geſchloſſen war. Unter dieſem Lärm, unter dieſem verworrenen Ge⸗ murmel, welches aus einem Gemiſch von entfernten Stim⸗ men und Ausrufungen, dem Knarren von Wagenrädern, dem Schall von Pferdehufen, dem Klopfen von Aerten, welche Kaufläden zimmerten, beſtand, glaubte Niccolo zu⸗ weilen ein etwas ſtärkeres Getöſe zu vernehmen, wie wenn eine größere Menſchenmaſſe vor den Mauern des Gefäng⸗ niſſes vorüberzöge lund auf einmal den verhaßten Ruf hö⸗ ren ließe; Palle! Palle! Nieder mit den Piagnoni! 134 ein Gebrüll, das von dem niederſten Pöbel von Florenz ausging. Zwiſchenhinein hörte man eine kräftige Stimme deutſche vder ſpaniſche Worte in Befehlshaberton rufen; denn alle Straßen im Innern der Stadt waren aus Furcht vor dem Volke mit fremden Soldaten angefüllt. „O warum habe ich ſo lange gelebt,“ ſagte Niccolo ſeufzend:„warum konnte nicht auch ich an der letzten Schlacht Theil nehmen, in welcher meine Söhne geblieben ſind; dann wäre ich mit ihnen gefallen! Wie glücklich wäre ich dann geweſen!“ Er zwang ſich, die Arme zu er⸗ heben, was ihm kaum gelang, um trotz der Schmerzen im Räcken und an den Schultern ſich die Ohren zuzu⸗ halten. Brennender als je ergriff ihn die Begierde, hier zu ſterben und da er den Gang des peinlichen Verfahrens bei Staats⸗ verbrechern ſehr gut kannte, welches in der damaligen Zeit, es mochte angeordnet ſein von wem es wollte, ſehr raſch war, ſo berechnete er die Stunden, die er noch in dieſer unbeſchreiblichen Qual zuzubringen hatte, und troͤſtete ſich mit dem Gedanken: es iſt kaum möglich, daß ich morgen noch am Leben ſein werde. Hier quälte ihn ein neuer Einfall: Werde ich einen Beichtvater haben können, ohne daß es einer von ihren Schurken iſt? Er wollte damit ſagen, es ſei zweifelhaft, ob man ihm einen Mönch von S. Marco geſtatten werde oder nicht vielmehr einen andern ſende, der zu den Gegnern des Bruders Girolamo und der Volksherrſchaft gehörte, wie 3. B. die Mönche von S. Eroce. Dann überlegte er: unſere Freunde khalten ſich in der größten Angſt in ihrem Kloſter verſchloſſen und könnten bedeutende Gefahr laufen, wenn ſie es verließen, darf ich ſie derſelben ausſetzen, indem ich ſie rufen laſſe? Würde Bruder Benedetto, den ich doch allen vorziehen würde, es wagen, zu fommen? Er iſt ein heiliger Mann, beſitzt aber doch einen ſehr geringen Muth. Und wenn er auch käme, möchte ich die Urſache ſein, daß er eine Un⸗ annehmlichkeit erführe? Daß er eine Beſchimpfung und X 135 vielleicht noch etwas Schlimmeres von dieſer verkehrten Rotte zu leiden hätte2 O Niecolo, du mußt jetzt verſtehen, allein zu ſter⸗ ben, ohne andern Troſt, als das Andenken an dein ver⸗ gangenes Leben; nun iſt es Zeit, die Stärke zu zeigen, die du Andern gepredigt haſt, wenn du nicht willſt, daß man von dir ſagen ſoll, was Chriſtus von den Phariſäern geſagt hat. Um die Zeit, in welcher gewöhnlich den Gefangenen die Speiſe zugetheilt wurde, ungefähr in der Mitte der Morgenſtunden, erſchien der Gefangenwärter mit Brod und einer Schüſſel Suppe, von welcher der Greis einen Löffel voll zu ſich nahm, indem er ſich ſo gut als möglich be⸗ half, da die Ruhe ihm den Gebrauch ſeiner Arme bereits zum Theil wiedergegeben hatte. Dann legte er ſich wie⸗ der nieder und wendete, als er wieder allein war, alle ſeine Gedanken zu Gott, um ſich auf eine würdige Weiſe zum Tode vorzubereiten. Nach einer Stunde hörte er den Schlüſſel der Thüre bereits wieder und ſagte: „Jetzt kommt Jemand, um mir den letzten Troſt auf den Weg zu geben! Gott, Dir ſei Dank, daß Du mich endlich zu Deinem Ruhme abrufſt!“ Aber ſtatt des Mannes, der dieſe traurige Pflicht zu erfüllen gewohnt war, ſah er Herrn Benedetto eintreten, wies ſorgfältig wieder ſchloß und vor dem Bette ſtehen blieb. Niccolo wußte recht gut, wer er war, ſo demüthig er ſich auch ſtellte. Er blickte ihn ſo feſt und ſo durch⸗ bohrend an, daß der ſchändliche Heuchler ſeinen Blick ab⸗ wenden mußte. Dann ſagte er ganz beſcheiden und de⸗ müthig: „Niccolo, ich komme, um Dich zu beſuchen, denn es iſt ja Chriſtenpflicht, die Bedrängten zu tröſten, wie Du es biſt. Wiſſe alſo, daß Dein Unglück mich bitter ſchmerzt; aber ich habe nicht die Macht, ihm abzuhelfen. Nur 136 etwas ließe ſich thun, um Dich von Deinen Leiden zu be⸗ freien, und ich wäre bereit, das Meinige hiezu beizu⸗ tragen.“ Niccolo fiel es nicht entfernt ein, ſeinen Vorſpiegelun⸗ gen Glauben beimeſſen zu wollen. Er ſagte zu ſich ſelbſt: Was kann er wohl von mir wollen? konnte es aber nicht etrathen. Er bemühte ſich aber, ihm freundlich zu ant⸗ worten und bändigte den Zorn, den der Schurke in ihm erregte. „Ich danke Dir, Benedetto, und will von Allem über⸗ zeugt ſein, was Du mir geſagt haſt, ich habe aber jetzt feinen andern Wunſch, als daß man die Sache beſchleu⸗ nigt; daher magſt ſowohl Du als jeder Andere ſo gefällig ſein, mich gllein zu laſſen und mich nicht zu beunruhigen, denn in ſolchen Augenblicken muß man mit ſich ſelbſt und Gott allein ſein und nicht mit Andern verkehren.“ Nach dieſen Worten verabſchiedete ihn Niccolo durch einen Wink mit der Hand und wendete ſeinen Kopf gegen die Mauer, hoffend, ihn ſich ſo vom Halſe zu ſchaffen. Aber Nobili bewegte ſich nicht und entgegnete in noch ſüßerem Tone: „Du ſprichſt mit viel zu viel Selbſtvertrauen, Niccolo, als ob Du Dich weder um Leben noch Sterben kümmer⸗ teſt. Du gibſt Deine Sache viel zu ſchnell verloren und glaubſt, Niemand um Dich zu haben als Feinde. Dem iſt aber nicht ſo, Niccolo.“ Der Alte wendete ſeinen Kopf, durchforſchte ihn von Neuem mit einem Blick, den Nobili's Augen vermieden und ſagte dann mit entſchiedenem Tone: „Ich weiß, wo ich bin und mit wem ich es zu thun habe, ich weiß es, Benedetto... Und ich freue mich, Gott ſei Dank, daß ich da bin, wo ich mich befinde, denn ich würde lieber zehnmal als einmal ſterben, wenn ich Florenz nicht in den Händen ſehen müßte, in denen es ſich befindet.„ Jetzt, ſage ich Dir zum zweitenmal, gehe mit Gott und laß mich in Frieden!“ 137 Nobili ſchien wirklich unſchlüſſig zu ſein, ob er nicht gehen wolle, dann ſagte er, als ob er ſeinen erſten Ge⸗ danken wieder aufnehmen wolle: „Wenn ich hieher gekommen bin und Dich beunru⸗ higt habe, ſo iſt es nur zu Deinem Beſten geweſen. Höre mich an, Niccolo. Wir ſind allein und Niemand ver⸗ mag uns zu hören. Daß ich zu den Palleschi halte und Du zum Volk, hat Nichts zu ſagen; wir ſind Beide alt; ich denke an Nichts, als daß ich eine Seele zu retten habe, und dieß iſt mir wichtig genug. Glaubſt Du, ich wiſſe nicht, auf welche ſchändliche Art die Anhänger der neuen Verfaſſung zu Werke gehen? Glaubſt Du, ich kenne das himmelſchreiende Unrecht nicht, das an Dir verübt wird? Du kannſt mir darauf antworten: Warum warſt Du alſo mein Ankläger? Wie konnte ich dem Schurken Baccio ungehorſam ſein? und gerade um mich nicht mit unſchul⸗ digem Blute zu beflecken, bin ich hieher gekommen, Dich zu retten. Bei dieſen Worten machte Niccolo eine Bewegung; Nobili aber winkte ihm mit der Hand und fuhr fort: „Willſt Du das Leben verachten, weil Beine Partei unterlegen iſt? Iſt dieß das Beiſpiel, das unſere Vor⸗ fahren uns gegeben haben? Wenn in Florenz, ſo oft eine Partei verjagt und zerſtreut worden iſt, jeder es gemacht hätte wie Du, wäre ſie dann wieder zurückgekehrt?— Entſchließe Dich zu leben, denn Niemand hak noch einen Nagel gefunden, der das Rad des Glückes aufhalten kann und blos für die Todten iſt keine Hoffnung mehr. Ich ſpreche zu Deinem Beſten, Niccolo; ſiehſt Du, es ſteht bei Dir, die Schurken, die Deinen Tod verlangen, zu Dei⸗ nen Freunden zu machen.... Du biſt reich, Niccolo, ich weiß, daß in Deinem Hauſe oder viel⸗ leicht auf Deinem Landgut bei Poggio viele Schätze von Dir verborgen worden ſind... Bezeichne mir den Ort Es iſt jetzt nicht die Zeit, knickerig zu ſein; das Geld kann man wieder bekommen, aber das Leben! 138 Sage mir, wo dieſer Schatz Lerborgen iſt und ich will damit Deine Feinde„ Hier konnte Nieccolo, welcher keine Schätze verborgen hatte und nun auf einmal Nobili's Habgier und ruchloſen Trug offen daliegen ſah, ſich nicht mehr halten. „O diebiſcher Schurke,“ rief er und richtete ſich mit mächtiger Anſtrengung ſitzend auf,„iſt es Dir nicht ge⸗ nug, daß Du mir das Geld geſtohlen haſt, das ich Dir geliehen habe, um Deine Spitzbubereien zu vertuſchen! Und Du kommſt jetzt, da ich dem Tod nahe bin, mich mit Deinem verſtellten Mitleid zu kirren und mich deſſen zu berauben, was ich nach Deiner Meinung habe und was ich weder beſitze, noch je beſaß. Was für verborgene Schätze? was für Schlupfwinkel? Was ſind das für Träume? Ich habe zum Beſten der Stadt ſogar die kleine Urne von Silber hergegeben, in der ich die Aſche des ſeligen Bruders Girolamo aufbewahrte, und Du meinſt ich beſitze Brunnen voll Goldſtücke? Du warſt immer ein Schuft und wirſt einer bleiben, und wie wird man Dir begreiflich machen können, wie Ehrenmänner handeln, die ihr Vaterland lieben, die die Freiheit mehr als das Gold und als das Leben ſchätzen! Und Du glaubſt, ich fönnte für deſſen Rettung einem Pallescho verpflichtet ſein wollen 2 Ein einzigesmal in 91 Jahren habe ich mich mit einem Pollescho eingelaſſen und es wat mein Unglück, denn vielleicht wäre die Stadt nicht zur Sklavin geworden, ich wäre nicht hier und hätte die Ehre meines Hauſes nicht befleckt, hätte ich nicht einen verrätheriſchen Pallescho zum Schwiegerſohn angenommel. Nobili gerieth in die raſendſte Wuth, daß er ſich ſo entlarvt und getäuſcht ſah und die ſtrengen, aber wahren Worte Niccolo's hören mußte. Um ſein Gift wenigſtens einigermaßen zu entladen und ſeinen Feind zu kränken, ſagte er: „Alſo nicht einmal in der verzweifelten Lage, in der Du jetzt biſt, verläßt Dich Dein gränzenloſer Stolz! Wenn 139 Du glaubſt, keinen andern Makel an Deiner Ehre zu ha⸗ ben, als den, daß Du einen Pallescho zum Schwiegerſohn haſt, dann ſei gutes Muthes, denn keinem Pallescho, und Troilo als Edelmann am wenigſten, ſiel es jemals ein, die Tochter eines Deines Gleichen zu heirathen.“ „Was ſoll dieſe Rede bedeuten?“ „Ich hätte Dir Nichts geſagt, aber Dein thörichter Stolz zwingt mich dazu; Deine Tochter war Troilv's Kebsweib und nicht ſeine Frau.“ Nun erzählte ihm der elende Schurke mit großer Freude, den armen Greis kränfen zu können, die Geſchichte der Ehe Liſa's von Anfang bis zu Ende. Niccolo hörte ihm ſehr aufmerkſam zu und ſchien Anfangs verwundert darüber; dann blitzte ein verächtlicher Blick aus ſeinen Augen und zuletzt heiterte ſich ſein Geſicht nach einigem Nachdenken wieder auf und nahm ſeinen ernſten und würde⸗ vollen Ausdruck aufs Neue an. Zum größten Erſtaunen Nobili's, der etwas ganz Anderes erwartete, ſagte er: „Ich danke Gott und danke Dir, Benedetto, für das, was ich höre. Ein einziger Gedanke machte mir den Tod noch ſchwer, derjenige, daß meine Tochter das Weib die⸗ ſes Verräthers ſei, weil ich die Pflicht eines Weibes gegen ihren Mann kenne, er mag noch ſo ſehr ein Schurke ſein etzt aber iſt ſie jeder Pflicht entledigt, ſie iſt frei! Sie kann den fliehen und verabſcheuen, der ein Verräther am Vaterland geworden iſt und den Sturz deſſelben her⸗ beigeführt hat! Den Verrath an mir ſelbſt will ich nicht in Anſchlag bringen Auf was kommt alſo jetzt mein Unglück hinaus? Daß ich von einem Schurken be⸗ leidigt und beſchimpft worden bin, daß ich durch die ſchänd⸗ lichen Betrügereien eines Pallescho, eines Hofſchranzen getäuſcht wurde! Er hat den alten Kunſtgriff von Leuten ſeines Gleichen ausgeübt, und mir iſt nichts Anderes be⸗ gegnet, als was vielen Ehrenmännern vor mir begegnet iſt. Auf wem bleibt die Schmach liegen? Auf ihm oder auf mir? Das Henkerbeil befleckt und raubt die Ehre 140 nicht, ebenſowenig das Unglück, von einem betrügeriſchen Böſewicht betrogen worden zu ſein; aber ſie wird befleckt und geraubt, wenn man das thut, was Ihr, nämlich Du und Troilo und Baccio und alle ihr Palleschi, gethan habt. Ihr habt den Lorbeer errungen, die großten Ver⸗ räther in der Welt zu ſein, und ſo lange die Welt ſteht und von einer Sonne beſchienen wird, wird die Sage und die Geſchichte erzählen, daß Ihr Palleschi nicht durch Ge⸗ walt, ſondern durch tauſenderlei Betrug und Verrath ge⸗ ſiegt habt, und daß wir Piagnoni nicht durch Gewalt, ſiſ durch tauſendfache Verrätherei unterdrückt worden ind. Bei dieſen ſtolzen Worten hatte ſich Niccolos Heftig⸗ feit bis zum Ende immer mehr geſteigert. Zuletzt erhob er den Arm und zeigte Nobili die Thüre mit demſelben Anſehen, wie damals, als er ſich noch als Herr in ſeinem Hauſe befand, denn er vergaß in dieſem Augenblick ganz, daß er Gefangener war⸗ Aber auch Nobili dachte nicht daranz gedemüthigt und vernichtet durch das ernſte und würdevolle Benehmen des ungebeugten Greiſes und durch ſeinen entſchiedenen Wink, der kein Widerſtreben duldete, ging er nach der Thüre, öffnete ſie ohne ein Wort zu er⸗ wiedern, ohne es nur zu wagen, Niccolo anzuſehen und verſchwand. Man hörte ihn die Riegel wieder vorſchieben und davon gehen. Es läßt ſich denken mit welcher Scham und Wuth der Getäuſchte ſich entfernte. Indeſſen ſchwanden die Stunden; die Sonne begann ſich zu ihrem Untergang zu wenden und Niccolo befand ſich immer noch allein in ſeinem Gefängniß, ohne noch etwas von dem Schickſal, das ihm bevorſtand, zu wiſſen und ohne die prieſterliche Troͤſtung, die man den Verur⸗ theilten zu gönnen pflegt. Aber nicht Alle hatten ihn verlaſſen und gerade in dieſer Stunde entſchloß ſich Einer, jeder Gefahr zu trotzen und die Pflicht zu erfüllen, welche Tugend, Freundſchaft und Ehre bei ſolchen Gelegenheiten gebietet. 144 Wo es ſich von Gefahr handelt, wird der Leſer viel⸗ leicht nicht erwarten, auf den Namen des Bruders Benedetto, des Superiors von S. Marco, zu ſtoßen, der ſchon im erſten Kapitel dieſes Buchs einen ſo ſchlechten Beweis ſeines Muthes gegeben hatte. Deſſenungeachtet beſchloß er ſelbſt, ſobald er Niccolos Bedrängniß erfahren hatte, deſſen geiſtiger Tröſter zu werden, ſich ihm zu nähern und ihm in den letzten Stunden ſeines Lehens den Bei⸗ ſtand der Religion zu leiſten, der hier durch die lange Gewohnheit einer vertraulichen Freundſchaft noch ſüßer werden mußte. Das Gerücht, welches die Kenntniß der Thatſachen zuweilen auf ſo ſchnelle und unbegreifliche Weiſe ausſtreut, hatte bereits den Verrath Troilos öffentlich ver⸗ kündet und da der arme Mönch ſich erinnerte, daß er Niecolo gerathen hatte, jenen in ſein Haus aufzunehmen, 6 ihn der Gedanke, ich bin an ſeinem Untergange ſchuld. Dieſer Gedanke, der Wunſch, ſeine Pflicht zu erfüllen und das Streben, das Unheil, das er angerichtet zu haben glaubte, einigermaßen zu vergüten, überwanden jede Rück⸗ ſicht und verdrängten jede Furcht in dem Herzen des ſchlichten Alten; ſo unumſtößlich iſt die Wahrheit, daß die Tugend den Menſchen muthig und ſtark macht. Er ſen⸗ dete ein kurzes und warmes Gebet zu Gott um Hilfe und um Kraft zu dieſem Wageftück, da er fühlte, daß ſie ihm fehle. Dann nahm er ſeinen Stab und verließ ſeine Zelle. Er begab ſich in diejenige des Superiors, eröffnete ihm ſein Vorhaben und übertrug ihm ſeine Würde für den Fall, daß er nicht mehr zurückkehre und ſagte, er und die andern Moͤnche ſollen für ihn beten, empfahl ihm das Kloſter, ermahnte ihn, die Ordensregeln und die gegen⸗ ſeitige Liebe der Brüder aufrecht zu erhalten und die gegen⸗ wärtigen Leiden ruhig zu ertragen. Dann nahm er Ab⸗ ſchied und ſprach:„Denkt meiner in Euren Gebeten!“ Der Superior wollte ihn bis an das Thor des Kloſters begleiten, und während ſie ſich dahin begahen, vereinigten 142 ſich einige Mönche mit ihnen; bis ſie an das Pförtchen kamen, hatten ſich viele angeboten und dringend verlangt, ihren Superior begleiten zu dürfen. Er aber lehnte es ab, dankte, umarmte Alle und ſagte: „Es mag mit mir geſchehen was Gott will; wenn wir aber in größerer Anzahl gehen würden, ſo möchte dies auffallen und vielleicht die Sache verſchlimmern. Oeffne nun,“ ſagte er zu dem Pförtner,„und wir wollen in Got⸗ tes Namen gehen.“ Es koſtete den Pförtner ziemlich viele Anſtrengung, pis er alle Stangen und Riegel weggeſchoben hatte, mit welchen das Thor verrammelt und befeſtigt war. Als er den letzten Schlüſſel umdrehte, ſchaute er durch ein kleines Fenſter, ob ſich nirgends etwas Bedenkliches zeige; endlich öffnete er und während Bruder Benedetto über die Schwelle ſchritt, ergriff er deſſen Hand, küßte ſie und agte: „Ihr thut ein heiliges Werk und Gottes Hilfe wird Euch nicht fehlen; ſagt, ich bitte Euch, dem Herrn Nic⸗ colo, er möge des armen Pförtners gedenken, denn auch ich bete für ihn und wenn er bei den Seligen ſein wird, möge er Gott für mich bitten.“ Bruder Benedetto entfernte ſich mit der Mahnung, das Thor wieder recht ſorgfältig zu verſchließen und beſchloß vor Allem, im Hauſe Lapi nachzuſehen, ob ſich dort Nie⸗ mand von der Familie befinde, um das Mittel mit ihnen zu berathen, wie man zu Niccolo gelangen könne, vielleicht auch Jemand von ihnen zur Geſellſchaft mitzunehmen. Er ging durch die Via Larga, weil er ſah, daß ſie von An⸗ fang bis Ende faſt ganz leer war und daß die wenigen Leute, welche dort gingen, entweder zum niederſten Volk gehörten oder Soldaten waren. Die Läden waren alle geſchloſſen, weil es damals in Florenz, beſonders in weni⸗ ger beſuchten Straßen, ſehr unſicher war. Der arme Greis ging die Mauern entlang ſo ſchnell, als ſein Alter und ſeine Kräfte es ihm erlauhten, und die Wahrheit zu 143 geſtehen, ſein Herz zitterte wie Espenlaub. Er kam zu dem Pallaſte der Medici, jetzt Niccardi, und ſah die Thüre von einer Wache von Lanzenknechten beſetzt. Er ging, beſtändig an die Mauer gedrückt, vorüber und machte ſich ſo klein, als er konnte. Er hörte manche höhniſche Be⸗ merkung, manchen ſchlechten Witz, vielleicht auch manches Schimpfwort, das ihm von den Soldaten nachgerufen wurde, aber ſie ſprachen deutſch und er verſtand ihre Reden nicht. Auf dem Platze S. Giovannino, wo das Haupt⸗ quartier derſelben war, befanden ſich ſehr viele und nicht weniger an dem Thore des Kloſters, aber auch hier wider⸗ fuhr ihm nichts Böſes und ſo gelangte er über die Via de Martelli in das Stadtviertel S. Giovanni und endlich vor die Hausthüre der Lapi. Sie war offen, aber vor derſelben ſtand ein Soldat mit geſchulterter Muskete, ſeine rechte Hand auf die Gabel geſtützt, die er in die Erde geſteckt hatte. Es dauerte eine gute Weile, bis der Bruder Benedetto, dem bei die⸗ ſem Anblick aller Muth entſchwinden wollte, es über ſich gewann, an dieſem ungeſchlachten Wilden vorüber zu gehen, deſſen Geſicht ſo braun war wie ein ungeſcheuerter Keſſel und deſſen Schnurrbart bis zu den Schläfen aufrecht ſtand. Endlich faßte er Muth, ſprach ein andächtiges Gebet, trat vor und blickte den Soldaten ſo wehmüthig an, als er konnte, um ſich deſſen Gunſt zu erwerben; dann blieb er wieder unſchlüſſig ſtehen und überlegte, ob er den Durch⸗ gang verſuchen dürfe. Zum Glück war der Soldat ein Spanier und in der damaligen Zeit, dem Zeitalter der Inquiſition, konnten die Spanier keine Dominikanerkutte ſehen, ohne ein gewiſſes Fröſteln zu empfinden, wie dieß etwa heut zu Tage ein Landſtreicher beim Anblick der Uniform eines Landjägers fühlt. Deßhalb machte dieſer eine noch tiefere Verbeugung, als er vom Bruder Bene⸗ erhielt und trat auf die Seite, um ihn eintreten zu aſſen. „Der Schein trügt oft,“ dachte der Mönch, während 144 er vorwärts ging und erinnerte ſich dabei an Fanfulla, welcher trotz ſeines fürchterlichen Aeußern ein Ehrenmann war. Ganz andere Gedanken aber ergriffen ihn, als er in das Innere getreten war und ſowohl die Halle als den Vorhof mit Kiſten, Truhen und verſchiedenem Hausrath angefüllt ſah, über welchen mehrere Schreiber ein Inventar aufnahmen, während einige Männer, welche nach ihrem verdächtigen Ausſehen Häſcher und andere Untergebene des Häſcherhauptmanns waren, ſich da und dort zu ſchaffen chten. Er bemerkte, daß das unglückliche Haus einer geſetzlichen Plünderung unterlag, indem von dem Gerichts⸗ hofe die Confiscativn der Güter der ſogenannten Rebellen ausgeſprochen worden war. Wenn Jemand einen ſchönen, blühenden und wohl⸗ bebauten Garten verlaſſen hat und ihn nach einiger Zeit wieder ſieht, nachdem ihn die Ueberſchwemmung eines Waldbachs ganz verheerte, umwühlte und mit Schlamm und Kieſeln bedeckte, ſo empfindet er eine ähnliche Betrüb⸗ niß, wie diejenige des Bruders Benedetto, als er das Haus wieder ſah, welches ihm längere Zeit hindurch als ein Muſter der Ordnung, der Wohlhabenheit und verſtändi⸗ gen Wirthſchaft und alles deſſen, was eine Familie achtungs⸗ werth macht, erſchienen war und nun in die Hände von Räubern gerieth, die es plünderten und allen möglichen Unfug darin verübten. Die Thränen traten ihm in die Augen und während er um ſich blickte, um Jemand zu ſuchen, der ihm zeigen möchte, wo ſich Jemand von den Hausbewohnern beſinde, ſah er mitten im Hofe den Böſewicht Nobili ſtehen und mit einem häßlichen Mann von unheim⸗ lichem Ausſehen ſprechen, dem er einige Schlüſſel von den vielen, die er in der Hand hatte, überreichte und dazu ſagte: „Die zu den Kellern will ich ſelbſt behalten und bei beſſerer Muße nachforſchen.“ Hinter ſeiner breiten Geſtalt, die durch einen weiten und prächtigen Oberrock von rothem Tuch noch anſehnlicher wurde, trat jetzt ein Weib vor, die ſich mit der Schürze ———— ——— ———————— —, 145⁵ die Augen bedeckte und jenem Schurken näher trat, ohne den Bruder Benedetto ſogleich zu bemerken. Sie ſah ihn nicht eher, als bis ſie faſt an ſeiner Bruſt angerannt wäre und erſt als ſie die Augen aufſchlug, erkannte er ſie. „Ach, arme Monafede, Du weinſt!“ ſagte der gute Greis, deſſen Augen eben ſo wenig trocken waren. „Ihr weint ja auch und wer ſollte jetzt nicht weinen?“ Sie konnte nicht weiter ſprechen, denn ein krampf⸗ haftes Schluchzen ſchnürte ihr die Kehle zu. Zu allen andern Leiden, welche die letzten Tage gebracht hatten und gleichſam, um das Maaß voll zu machen, hatte ſie ſelbſt WMobili die Schlüſſel einhändigen müſſen, die Schlüſſel, die ſeit 50 Jahren ihr ganzes Denken, ihre ganze Sorge, ihr ganzer Ruhm geweſen waren, die ſie als einen Theil von ſich ſelbſt anſah, die die Vorräthe von jeder Gattung ein⸗ ſchloſſen, das Weißzeug, das ſie ſelbſt größtentheils genäht oder wenigſtens ausgeleſen hatte, das ſo lange Zeit von ihr gekauft, aufbewahrt, in Ordnung gehalten wurde: und jetzt ſollte Alles dieß ein Raub fremder Hände werden? Ihr Herzen von Haushälterinnen, Kammerfrauen, Weißzeugverwalterinnen!... Ihr Herzen von Großmüt⸗ tern, alten Tanten und fünfzigjährigen Jungfern, ihr kennt dieſen Schmerz! Bruder Benedetto gab ſich alle Mühe, ſie zu beruhi⸗ gen und zu tröſten; dann erkundigte er ſich, ob ſich Nie⸗ mand von der Familie mehr im Hauſe befinde und erfuhr, daß bloß Liſa mit ihrem Kinde ſeit dem vergangenen Abend in ihrem Zimmer im oberſten Stockwerk, ſo zu ſagen, ge⸗ fangen gehalten werde; er hörte die Geſchichte von der Verrätherei zu Gavinana, welche ihm in einer verworre⸗ nen, beſtändig durch Schluchzen, Ausrufungen, Thränen und Seufzer unterbrochenen Erzählung vorgetragen wurde, während er langſam die Treppen emporſtieg, um ſich zu dem Mädchen zu begeben. „O heiligſte Mutter Gottes!“ ſprach Monafede, in⸗ dem ſie die Thürklinge aufdrückte,„was werdet Ihr für Niccolo de' Lapi. MI. 10 146 ein Schauſpiel erblicken! Die Arme iſt wie von Sinnen und hat die ganze Nacht nicht geſchlafen. Sie weint nicht und redet nicht, hat die Augen auf den Boden geheftet und ſagt blos von Zeit zu Zeit:„Er war ein Verräther!“ Man kann ſie nicht dazu bringen, ſich zu bewegen oder zu ſprechen; ſie gibt keine andere Antwort. O gebenedeite Jungfrau, was wird das für ein Ende nehmen mit dieſem Hauſe und mit uns armen unglücklichen Weibern! Wie wird es dem Herrn ergehen und den Söhnen und der M. Laudomia! Wir wiſſen ja nicht einmal, wo dieſe hin⸗ gekommen ſind! O mein Herr, was für ein Glückswechſel!“ „Oeffne nur,“ ſagte der Mönch,„da iſt nicht zu hel⸗ fen, da iſt keine Hoffnung, außer in Gott.“ Die Alte öffnete und ſie traten ein. Liſa ſaß vor einem Tiſche, den Kopf auf den Ellen⸗ bogen geſtützt und ihr Geſicht verbergend. Man ſah nur ihr aufgelöstes vernachläſſigtes Haar und die Kleidung, die ſie mehr umhüllte, als bedeckte. Am Tiſche ſtand der kleine Arrigucciv und da er zu klein war, um ihr Geſicht zu erreichen, hielt er ſich an ihr mit den Händchen, ganz zitternd, die Mutter in dieſem Zuſtand zu ſehen und gab ſich vergebliche Mühe, ſich ſo aufzurichten, daß ſie ihm ins Geſicht ſehen mußte. Sie blieb unbeweglich und ſtumm und merkte nicht auf das Kind. „Die arme Unglückliche,“ ſagte Bruder Benedetto, „wenn ihre Verirrung groß war, ſo iſt die Strafe nicht geringer.“ Er näherte ſich ihr leiſe, rief ſie mehreremal vergeb⸗ lich, ſchüttelte ſie, legte ihr dann ſanft die Hand auf die Stirne und hob ihr den Kopf in die Höhe. Sie ſtieß einen Seufzer aus, als ob dieſe Bewegung ihr unlieb ſei, er⸗ hob aber doch ihr Geſicht und ſtierte den Mönch ſtarr an mit einem ſolchen Blick, daß dieſer, mehr als je von Kummer erfüllt, bei ſich dachte: „O mein Gott, ſollte ihr Verſtand gelitten haben!“ r⸗ rr n 147 Sie ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Nun, was ſagt Ihr davon? Hättet Ihr Euch ge⸗ dacht, daß er ein Verräther wäre? Dann verſtummte ſie wieder. Nach einer Weile zuckte ſie die Achſeln und fuhr fort „Und doch iſt es ſo! Er war ein Verräther!“ „Theure Tochter, armes Mädchen! Ihr habt nur zu gerechten Grund, Euch zu beklagen und ich bin hieher ge⸗ kommen, weil ich einen Theil Eurer Unfälle vernommen habe, um zu ſehen, wie es Euch geht und ſo viel es in meinen Kräften ſteht, Euch zu tröſten und mit Euch zu weinen. Armes Mädchen! faßt ein wenig Muth; Eure Heimſuchung iſt ſehr ſchwer, aber Gott ſchickt die Leiden nicht zu unſerm Schaden, ſondern damit wir uns zu ihm wenden und uns erinnern, daß wir unſer Glück nicht da unten ſuchen ſollen, ſondern allein bei ihm.“ Liſa ſchien dieſe Worte aufmerkſam anzuhören und der gute Greis wollte ſchon einen günſtigen Schluß daraus ziehen, aber ſie unterbrach ihn plötzlich, drückte ihm krampf⸗ haft die Hände und ſagte: „Sagt mir die Wahrheit, Bruder Benedetto, hättet Ihr geglaubt, daß er ein Verräther ſei?“ „Was ſoll ich Euch ſagen, liebe Tochter? Ich hätte es nicht geglaubt; aber wer kann dem Menſchen ins Herz ſehen, als Gott 2... Es iſt wahr, nur zu ſehr habe ich dem Herrn Niccolo zugeredet.“ „So wußtet Ihr es alſo? Aber warum habt Ihr es denn mir Armen nicht geſagt? Warum habt ihr euch Alle verſchworen, mich Unglückliche zu verrathen?“ „Nein doch! beruhigt Euch, meine Tochter, beruhigt Euch um Gotteswillen! Ihr habt mich falſch verſtanden...4 Monafede rief ebenfalls weinend: „Beruhigt Euch, Madonna! Das habe ich Euch nicht geſagt.“ „Ich bin ja ruhig, ich ſage ja nichts! Was habe ich denn geſagt?“ 148 Die Unglückliche blickte ſie an, bald den Einen, bald die Andere, mit Augen von ſo ungewöhnlichem und furcht⸗ barem Ausdruck, daß beide davor zurückſchraken. „O denkt nicht mehr an dieſe Dinge; thut Euch ein wenig Gewalt an; verloͤſcht das Gedächtniß an dieſen Elen⸗ den, verzeiht ihm, bittet Gott, er möge Erbarmen mit ihm haben und vergeßt ihn....“ „Wie ſoll ich es denn anfangen, um ihn zu vergeſſen, wenn ich ihn immer hier habe?“ und ſie drückte die Hand auf die Bruſt, da im Herzen, wo es mich brennt, wo es mir nicht Ruhe und Raſt läßt 2.. O, ich liebte ihn ſo ſehr, daß ich nur ihn in der Welt ſah! Warum habt Ihr mir nicht geſagt, ſo lang es Zeit war: Hüte Dich, er iſt ein Verräther!“ „Gerade, weil er es iſt, gerade deßwegen mußt Du ihn vergeſſen, und um ſo mehr bei der Gefahr, in der ſich Dein Vater befindet. Denke an Deinen armen Vater!“ „O, der Vater! Ja, ja! Wo iſt er? Was haben ſie mit ihm gethan?“ So ſagte Liſa, indem ein neuer furchtbarer Gedanke ſie durchbohrte. „Ja, es iſt wahr! Ich Unglückliche! Es iſt wahr! Aber ich habe meinen Kopf nicht mehr. Bedauert mich, Bruder Benedetto, habt Mitleid mit mir armer Närrin; ich fühle es, mein Gehirn iſt nicht mehr mein! O ſagt mir, was iſt aus dem Vater geworden?“ Hier raufte ſie ſich die Haare, brach in einen Strom von Thränen aus und rief mit gebrochener Stimme: „Und nun denken müſſen, daß ich die Urſache von Allem geweſen bin 1 daß ich ſeinen Tod auf meiner Seele habe! O,“ rief ſie, indem ſie ſich entſchloſſen erhob und die Kleider feſter an ſich zog, die überall nachläſſig ange⸗ legt an ihr herumhingen,„wir wollen um Gotteswillen zu ihm gehen! Gleich zu ihm gehen! Ich will zu ſeinen Fü⸗ ßen ſterben! Ich kann nicht anders ſterben! O ihn retten zu können, ein Mittel finden zu konnen, für ihn zu ſter⸗ 149 ben, zeigt es mir und nehmt dafür.... Was kann ich Euch denn noch geben! Das Leben dieſes Kindes. Nehmt es hin, nehmt Alles, Alles hin, wenn mir nur das Blut dieſes Greiſes nicht in das Geſicht ſpritzt, nicht auf die Seele träufelt, wie das hölliſche Feuer!“ Während ſie, halb außer ſich, ſo raste, ſtanden der Mönch und Monafede bei ihr und gaben ſich alle Mühe, ſie zu beruhigen mit Worten, mit Liebkoſungen, durch leberredung, aber die Unglückliche hörte ſie nicht, oder be⸗ kümmerte ſich nicht darum. Doch der heftige Ausbruch ihrer Thränen verſchaffte ihr größere Erleichterung, der fürchterliche Krampf ließ nach, das Schluchzen und die Wallungen ihrer Bruſt wurden ſeltener, ihre Blicke beka⸗ men einen natürlicheren Ausdruck, ſo daß der Bruder Be⸗ nedetto es glaubte geſtatten zu dürfen, daß ſie hinausgehe und mit ihm verſuche, in den Kerker ihres Vaters zu dringen. Monafede ordncte ihre Kleider und Haare ſo gut als möglich, während Liſa das Kind auf den Arm nahm, es ſtreichelte und küßte und ſein Geſicht mit Thränen badete. „Armes Kind,“ ſagte ſie,„wenn Du die Geſchichte Deines Hauſes und das Unglück Deiner Mutter erfahren wirſt, dann wirſt Du erkennen, wie theuer Du uns Allen zu ſtehen gekommen biſt... Fede, ich empfehle Dir meinen Arreguccio!.... Schließe Dich mit ihm ein, ver⸗ ſtehſt Du?“ Sie ſetzte das Kind auf die Erde und wollte hinaus⸗ gehen. Plötzlich aber blieb ſie ſtehen, wendete ſich um, kehrte zurück, es wieder zu umarmen, legte ihm die Hände auf das Haupt und ſagte: „O mein armes Kind, Gott ſegne Dich, Gott ſtrafe Dich nicht für die Sünden Deiner Mutter! Du kleine Un⸗ ſchuld, könnteſt Du für mich beten!“ Sie küßte ihn zum Letztenmal und ſagte: „Werde ich Dich noch einmal ſehen, liebes Kind?“ 150 vann riß ſie ſich von ihm los und folgte dem Mönch in den Hof. Dieſer beſchloß, Nobili anzureden, um die Erlaubniß zu erhalten, daß Liſa ausgehen dürfe, oder noch beſſer, daß es ihr geſtattet werde, ihren Vater zu ſehen.“ Er traf Herrn Benedetto in einem Winkel der Halle, wo er unter einem großen Haufen von Geräthe das Thun ſeiner nichtswürdigen Schergen beaufſichtigte. Er hatte ſich auf Niccolo's eigenen Lehnſtuhl geſetzt, denſelben, der in dem Schlafzimmer am Kamin geſtanden hatte und Be⸗ nedettw nur zu wohl bekannt war. Bei vieſem Anblick gedachte er mit noch tieferem Schmerz an den verlorenen Freund und er vermochte ſich Nobili nicht zu nähern, ohne daß eine ſehr heftige Aufregung in ſeinen Mienen und Blicken ſichtbar wurde. Dennoch that er ſich Gewalt an, um dieſe Gefühle zu unterdrücken und ſagte zu ihm: „Herr Benedetto, ich habe Euch um eine Gnade zu bitten, es möge nemlich M. Liſa, der Tochter Niecolo's, geſtattet werden, aus dieſem Hauſe zu gehen und ſich in das Gefängniß ihres Vaters zu begeben. Nicht wahr, Ihr werdet ihr dieſen Troſt nicht verſagen?“ Nobili war nahe daran, es abzuſchlagen, denn er war weit entfernt, Niccvlo ein Vergnügen machen zu wollen; viel lieber hätte er ihm den größten Verdruß verurſacht, den er vermochte, da er in Folge der Scene, die wir oben beſchrieben haben, von der giftigſten Wuth gegen ihn erfüllt war. Er konnte ſich aber noch weniger enthalten, den Heuchler zu ſpielen und bedachte, daß Härte bei dieſer Ge⸗ legenheit ihm keinen Vortheil bringen könne, während die Barmherzigkeit ihn Nichts koſtete, ſondern ihm den Anſchein der Menſchlichkeit und der Erhabenheit über Rache und Parteiwuth gab. Er ſagte daher: „Eigentlich ſollte und könnte ich es nicht, denn es ſind ſtrenge Befehle dagegen erlaſſen. Aber auch ich ſehe ein, daß es gar zu unmenſchlich ſein würde, eine Tochter abhalten zu wollen, ihren Vater zu umarmen.“ 15¹ Hier ſeufzte er, blickte zum Himmel und fuhr fort: „Dieſe Leute ſind ſo ſchon unglücklich genug; o, der Staatsvortheil iſt doch etwas Schreckliches!“ „Gott lohne Euch Eure Menſchlichkeit! Wollt Ihr nun ſo gefällig ſein, uns Einen von Euren Leuten als Be⸗ gleiter mitzugeben?“ „O Herr Cecco,“ ſagte er und winkte einem kleinen, ſchlechtgekleideten Mann,„kommt hieher, geht mit dieſen Leuten und verſchafft ihnen Zutritt bei Herrn Niccolo; falls Jemand etwas dagegen haben will, ſo bedient Euch meines Namens.“ Als der Mönch dieſe Erlaubniß erhalten hatte, ver⸗ ließ er mit Liſa und ſeinem Führer das Haus und ſah, als er durch den Gang, der auf die Straße führte, ging, unter einer Maſſe von Kleidern auch das Bild des Bru⸗ ders Girolamo auf dem Boden liegen. Er bemerkte, daß man es zum Spott ganz mit Kohle verſchmiert und mit Hörnern und andern beſchimpfenden Zuthaten bemalt hatte; er wendete die Augen mit ſchmerzlichem Gefühle ab und beeilte ſeine Schritte, denn es war ihm, als ob er tauſend Jahre an dieſem Ort der Verwüſtung zugebracht hätte. N ——————— Neununddreißigſtes Kapitel. Der Zorn, zu welchem ſich Niccolo gegen Nobili hatte hinreißen laſſen und die ſtrengen Worte, deren er ſich gegen ihn bedient hatte, reuten den gebeugten Greis herzlich und er bedauerte es, daß er dieſe Aufwallung nicht habe bezähmen können, während das Herannahen ſeiner letzten Stunde ihm mehr Sanftmuth und Geduld hätte ein⸗ flößen ſollen. Er ſammelte ſeine Gedanken und ſuchte dieſe ſchmerz⸗ liche Scene zu vergeſſen, indem er ſich ganz zu Gott wandte und ihn wegen ſeiner Verirrung um Verzeihung bat und ihn ſelbſt für diejenigen um Verzeihung flehte, welche den Sturz von Florenz herbeigeführt hatten, und damit ſein Gebet ſchloß, Gottes Barmherzigkeit moöge ihn in dieſen letzten Augenblicken von allem Haß und aller Erbitterung reinigen, welche noch in ſeinem Herz geblieben ſein möchten. So wurde er nach und nach wieder ruhig und blieb in dieſer Stimmung bis die Glocke des Pelagio die zwei⸗ undzwanzigſte Stunde ſchlug. Da ließ ſich in dem nahen Gange ein Geräuſch von Schritten und ein Klirren von Schlüſſeln hören, welches das Ohr der armen Gefangenen ſonſt nicht gerne vernimmtz dann wurde der Riegel ſeines Kerkers geöffnet, die Thüre aufgeſperrt und ein Mann er⸗ ſchien auf der Schwelle, deſſen ſchwarzer Mantel und das Schauſtück mit der Lilie von Florenz an ſeinem Halſe ihn als den Canzliſten des Blutgerichts bezeichneten. Fünf oder ſechs Sbirren oder Gerichtsdiener begleiteten ihn und ſchloßen einen Kreis um den Schreiber, welcher Niccolo mit den bei einer ſo traurigen Gelegenheit gewöhnlichen Worten anredete: „Niecolo, es thut mir ſehr leid, Dir ankündigen zu müſſen, wie es meines Amtes iſt, Dir anzukündigen, daß durch einſtimmigen Beſchluß des hochlöblichen Blutgerichts des florentiniſchen Volkes Du zur Enthauptung verurtheilt biſt, welche um die ſechste Stunde der kommenden Nacht in dem Gefängnißhofe an Dir vollzogen werden wird. So möge nun unſer Herr Jeſus Chriſtus Deiner Seele Frie⸗ den ſchenken. Antworte mir, Niccolo, haſt Du es ver⸗ ſtanden, damit dieſe davon Zeugniß ablegen können.“ „Ich habe verſtanden.“ So ſagte der Greis, während weder ſein Geſicht noch ſeine Haltung irgend ein Zeichen von Bewegung verriethen; dann fügte er ſogleich mit ruhiger, aber ernſter und feier⸗ licher Stimme hinzu; 153 „Nicht um meinetwillen, denn ich leide dieſen Tod gerne zur Strafe meiner Sünden, ſondern um die Rechte der Bürger und der Stadt Florenz und die Heiligkeit be⸗ ſchworener Verträge zu wahren, welche in meiner Perſon verletzt und gefälſcht werden, proteſtire ich und erfläre dieſe Verurtheilung für ungerecht und nichtig.“ Die Sbirren und der Canzliſt, welcher von einem Sbirren alles, außer die Kleidung hatte, bekümmerten ſich um Nichts weiter, als ihr Amt und verſtanden entweder Nichts von der Proteſtation Niccolos oder bekümmerten ſich nicht darum, denn ſie verwechſelten ſie mit den gewöhn⸗ lichen Erklärungen, womit alle Verurtheilte ihre ünſchuld betheuern, wenn ihnen das Todesurtheil verkundigt wird. Sie zwangen ihn aufzuſtehen, jedoch ohne ihn zu mißhan⸗ deln, aber auch ohne beſondere Rückſicht oder Mitleidsbe⸗ zeugung, ſondern mit der Gleichgültigkeit, welche man durch die Macht der Gewohnheit bei jedem Gewerbe er⸗ langt. Da ſie merkten, daß er ſich nur mit Mühe auf⸗ recht erhalten und gehen konnte, führten ſie ihn langſam in die Kapelle hinab. Seit dem Jahr 1260, da der vom Häſcherhauptmann bewohnte Pallaſt noch den Priori gehörte, welche jeden Morgen in dieſer Kapelle die Meſſe hörten, war dieſe in Nichts geändert worden und hatte ſich als ein ehrwürdiger, andachterregender Reſt des Alterthums erhalten. Es war ein rechtwinkliges Viereck, mit einem kühnen und erhabe⸗ nen Gewölbe bedeckt, welches durch vier ſchlanke Bogen, die ſich von den Kapitälern dünner Säulen, welche an den Ecken angebracht waren, erhoben, in vier Theile getheilt wurde, indem ſie ſich in der Mitte vereinigten, wo als Schlußſtein der florentiniſche Schild aus der Guelfenzeit hing. Die Bogen waren mit rothen und weißen Quera be⸗ malt, die Felder waren blau, aber durch die Zeit und durch den Rauch der Wachskerzen geſchwärzt und mit gol⸗ denen Sternchen beſäet. Dem Eingang gegenüber befand ſich der Altar, mit einem gekreuzigten Chriſtus in Lebens⸗ 154 größe von ſchwarzem Holz, welcher bis an die Mitte des Beins mit einem reich mit ſilbergeſtickten, dunkelfarbigen Untergewand bekleidet war, ähnlich dem volto santo di Lucca; auf beiden Seiten ſtanden zwei brennende Wachs⸗ kerzen; die Mauern waren mit Malereien von der Hand⸗ derſelben Künſtler, welche das Campo Santo zu Piſa ge⸗ ſchmückt haben, geziert, nämlich Buffalmacco, Gaddi, Tafo ., da ſie aber zu ſehr angeräuchert waren, konnte man nicht viel mehr von dieſem Gemälde erkennen. Der Wie⸗ derſchein der untergehenden Sonne(denn gerade konnten ihre Stralen nicht hereinfallen) belebte die Farben der Glasmalereien auf zwei großen Fenſtern und verbreitete im Innern der Kapelle ein geheimnißvolles ſchwankendes Dämmerlicht, in welchem die Lichter des Altares funkelten. In der Nähe deſſelben hatte ſich bereits die Brüder⸗ ſchaft der Barmherzigen verſammelt; es waren vier, an welchen die Reihe war, und der Guardian, in ſchwarzen Kutten mit einer über das Geſicht gezogenen Kaputze, aus welcher blos die Augen durch zwei runde Löcher hervor⸗ ſahen. Sie hatten ein großes tragbares Gruzifir an die Mauer in einen Winkel geſtellt, an deſſen oberem Arm ein langes ſchwarzes Tuch hing, auf welches zwei weiße Kreuze gedruckt waren. Als Niccolo mit Hülfe der Schergen eintrat, waren die Brüder eben beſchäftigt, leiſe die Pſalmen der Vesper zu ſingen. Kaum ſahen ſie ihn, ſo gingen ihm alle ent⸗ gegen, entzogen ihn den Händen ſeiner niedrigen Begleiter, welche ſich bald an die Thüre zurückzogen und dort Wache hielten. Einer von ihnen ſagte: „Gott ſchütze Dich, Niccolo; bevor er Dich zu ſich ruft aus dem Jammerthal des irdiſchen Lebens, wollen wir Dir alle diejenigen Dienſte leiſten, die in unſerer Macht ſtehen, ſo wie es unſere Pflicht iſt und unſere heilige Regel verlanat.“ Mit dieſen Worten führten ſie den Greis zu einem Ruhebett, welches vor dem Altar ſtand, auf welches ſich 155 die zum Tode Verurtheilten zu ſetzen pflegten, wenn Er⸗ mattung, Kranfheit oder Alter es nöthig machte. Nieccolo ſetzte ſich und erwiederte: „Ich danke Euch, meine Brüder! Gott belohne Euch Eure Menſchenliebe.“ Hierauf begaben ſich dieſe in einen Winkel, wo ein kleiner Tiſch bereit ſtand, und trugen ihn vor den Alten hin, breiteten dann ein reines Tuch darüber und ſtellten allerlei Speiſen und Geſchirre darauf, Meſſer ausgenommen, welche den Verurtheilten nicht geſtattet wa⸗ ren, und fragten Niccolo, ob er eſſen wolle und was er für Speiſen wünſche. „Ich will mich nicht mit Speiſen beſchweren, meine Söhne, denn es geziemt mir, in dieſen wenigen Stunden an den Geiſt und nicht an den Korper zu denken; doch möchte ich, damit meine Kräfte nicht zu ſehr geſchwächt werden, ein Stückchen Brod und ein paar Tropfen Wein annehmen. Für alles Uebrige will ich Euch wiederholt ge⸗ dankt haben.“ Beides erſchien ungeſäumt und dieſe kleine Erfriſchung gewährte Niccolo eine augenſcheinliche Stärkung; denn er war bei ſeinem Eintritte ſehr hinfällig und ſchwach gewe⸗ ſen. Als diejenigen, welche ihn bedienten, ſahen, daß ſeine Haltung gerader wurde und ſeine Augen nicht mehr ſo matt und erloſchen waren, wie vorher, ſo fingen ſie an, eine Berathung miteinander zu pflegen und flüſterten ſich einige Worte in's Ohr, dann ſtellten ſich vier von ihnen zwiſchen die Thüre und Niccolo; der fünfte ſetzte ſich ne⸗ ben ihn, als wenn er mit ihm die bei armen Sündern gewöhnliche Unterhaltung beginnen wolle und ſagte ihm leiſe in das Ohr: „Mein Herr, ich habe Euch etwas zu entdecken; ſeht Euch wohl vor, daß Ihr Euch nicht verrathet, damit die Schurken, die dort Wache halten, nichts merken.“ Niecolo war ziemlich erſtaunt, verſprach aber, dieſes zu thun. „Ihr müßt wiſſen,“ entgegnete der Andere,„daß ich 156 Bozza bin; die Andern, welche bei mir ſind, ſind Euer Herr Bindo, Herr Lamberto und derjenige, den ſie Fan⸗ fulla nennen und der Bediente von ihnen; geſtern Nacht, bevor der Tag graute, haben dieſe mir gerufen, und es iſt verabredet worden, mit den Mönchen, die den Tag haben und Euch Hülfe leiſten ſollten, die Kleider zu tauſchen. Nun ſind wir, ſtatt ihrer, gekommen und unter dieſen Kutten trefflich verlarvt, und nun ſind wir da, entſchloſſen, Euch zu befreien oder mit Euch zu ſterben, und was Euch der Bozza in S. Marco verſprochen hat, das wird er Euch halten; wie? das werdet Ihr von Lamberto hören. Ich ſchicke ihn Euch hieher, und ſo werdet Ihr mit Allen ſprechen können, ohne daß man etwas bemerkt, denn die Moönche pflegen es ſo mit den Verurtheilten zu machen.“ Bevor ihm Niccolo noch antworten konnte, ſtand er auf und Lamberto und Bindo ſetzten ſich ſtatt ſeiner neben den Greis; jeder von ihnen nahm verſtohlen eine ſeiner Hände, auf die ſie unter der Kaputze einen heißen Kuß drückten, dann ſagte Lamberto: „Wir fürchteten blos, Ihr würdet Euch nicht auf⸗ recht erhalten und gehen können; nun, da Ihr dieſes, Gott ſei Dank, vermögt, ſo wollen wir unſer Uebriges thun. Wir werfen uns auf die Schergen, die dort Wache ſtehen, und wenn es uns gelingt, uns ihrer zu entledigen, ohne daß Lärm entſteht, ſo haben wir noch eine Kutte von barmherzigen Brüdern bei uns, die wir Euch anziehen und mit Euch hinausgehen. Dann werden andere Mönche kom⸗ men und es wird ausſehen als ob ſie uns ablöͤſen. Ich hoffe, ſo läßt es ſich machenz wir haben keine andere Aus⸗ ſicht. Draußen erwarten Euch viele vom gemeinen Volke, um Euch zu helfen.“ „Lamberto, Bindo, Ihr meine lieben Söhne, unter⸗ brach ihn Niccolo, ich danke Gott, daß er mir noch dieſe Freude geſchenkt hat, die ich nicht mehr erwartet hätte und nicht verdiente, Euch noch einmal zu ſehen. Ich danke Euch„ und weil ich Euch kenne, ſo weiß — W W N 7 * 157 ich, daß Ihr noch mehr thun werdet, als Ihr ſagt; aber ich kann Eure großmüthigen Anerbietungen nicht anneh⸗ nen und bitte Euch und befehle Euch als Vater, dieſem Sehnt ten ganz zu eytſagen. Wenn ich ohne Gefahr und ehne Schaden von irgend Jemand dieſen Ort verlaſſen könnte, ſo würde ich es nicht thun wollen; denkt Euch nun, ob ich das Leben von ſo vielen Menſchen und beſonders das Eurige auf's Spiel ſetzen koͤnnte, welches ſpäter viel⸗ leicht noch der Stadt nützlich ſein kann. Denkt Ihr denn, es ſchmerze mich, daß ich ſterben muß? „Kann es mir nach einundneunzig Lebensjahren, nach ſo vielen Drangſalen, denen ich mich unterworfen habe, um mein Vaterland geehrt und glücklich zu ſehen, und die ich nur zu glücklich überwunden habe, damit ich es nun im Abgrunde des Elends erblicken muß, ohne wider⸗ ſtehen oder helfen zu können! Glaubt Ihr, ich könne da den Tod fürchten?“ „Ich ſehne mich nach ihm, meine Söhne! Unter ſo vielen ſchmerzlichen Gedanken, die mich peinigen, iſt ja er der einzige, der mir Freude und Ruhe verſchafft, und die⸗ ſen wollt Ihr mir nehmen? Ihr wollt mir die Ruhe rau⸗ ben, die Gott endlich dieſen erſchlafften und mürben Glie⸗ dern geſtattet, weil er erkennt, daß ich genug gelitten habe 2 Was könnte ich noch meinem unglücklichen Vaterland nützen? Möchtet Ihr, daß ich die Lehren vergeſſen ſolle, die ich Euch gegeben habe; das Ziel des Menſchen ſei nicht das, ſein Leben, ſo lang er es vermag, zu verlän⸗ gern, ſondern es tüchtig zu gebrauchen und männlich hinge⸗ ben zu können, wenn es nöthig iſt.“ Bei dieſen Worten konnten die beiden Jünglinge ihre Thränen nicht zurückhalten und lagen ihm mit den heiße⸗ ſten Bitten an, indem ſie Alles verſuchten, ihn von ſeinem Vorhaben abzubringen. Niccolv aber entgegnete mit der ganzen Macht jenes Anſehens, welchem keiner der Seini⸗ gen jemals zu widerſtreiten denken konnte: „Ich glaubte Euch durch mein Beiſpiel und meine 158 Worte die Tugend gelehrt zu haben, welche guten Bür⸗ gern innewohnen muß, und verließ mich darauf, Euch ſo erzogen zu haben, daß Ihr bei jeder Gelegenheit den Nutzen des Vaterlandes allem Andern vorziehen würdet. Wollt Ihr nun, daß ich mit dem verzweifelten Gedanken in den Tod gehen ſoll, daß ich nicht einmal dieſes habe erreichen können? Iſt es vielleicht von Wichtigkeit ſür das Wohl von Florenz, ob ein Greis von einundneunzig Jahren ein paar Tage mehr oder weniger lebt? Denkt an Eure Stadt und nicht an mich! Flieht von hier, bringt Euch in Sicherheit, denn Ihr ſeid jung und Euer Leben kann noch einen Werth haben! Haltet die Verbannten von der Volkspartei zuſammen; ich bin bei dieſem Geſchäft alt geworden und weiß, wie man ſie leiten kann. Bereitet Euch zur Rache und kehrt eines Tages ſtark ge⸗ nug zurück, um das Vaterland zu befreien, das wir vor den Verräthern nicht haben behüten können denkt daran, wenn Ihr Niccolos Sthne ſeid und wenn Euch etwas an ſeinem Segen gelegen iſt... Habe ich nicht Eure Brüder ſterben ſehen? Weinte oder klagte ich viel⸗ leicht? Oder ſuchte ich ſie zu verhindern, ihre Pflicht zu thun? Glaubt Ihr, ich hätte ſie weniger geliebt, als Ihr mich? Wohlan! Ich will nur noch Ein Wort ſagen, denn über einen ſolchen Gegenſtand zu ſtreiten, erniedrigt mich und Euch. Lebt wohl, meine Söhne, wir wollen uns jetzt trennen und wir werden uns glücklich in dem Vater⸗ lande wieder ſehen, welches die Starken und nicht die Feiglinge gewinnen, in dem Reiche, welches nach des Hei⸗ lands Worten vim patitur et violenti rapiunt illud.“ Die bewundernswürdige, unbeſiegbare Standhaftigkeit des muthigen Greiſes theilte ſich gleich einer Flamme den Herzen der beiden Jünglinge mit, welche ſich durch ein ſo großes Beiſpiel ſo zu ſagen auf einen höhern Standpunkt erhoben fühlten, ſo daß die menſchlichen Leiden und Ge⸗ fühle tief unter ihren Füßen lagen. neberzeugt, daß all ihr Bitten vergeblich ſein würde 159 und entflammt von dem Wunſche, ſich als ſolche Männer zu zeigen, wie er ſie haben wollte(was, da ſie ihn nicht retten konnten, der einzige Troſt war, welchen ihm zu ver⸗ ſchaffen in ihrer Macht ſtand), ſo verſprachen ihm beide, nicht mehr auf ihrem Willen zu beſtehen. „Wir werden unſern Schmerz beſiegen,“ ſagte Lam⸗ berto,„und Gure Tugend wird uns dabei unterſtützen. Ihr follt Euch Eurer Söhne nicht zu ſchämen haben und ſo lange unſer Leben währt, ſchwören wir Euch, daß Euer Wille unſer Wille und Euer Gedanke unſere Gedanken ſein ſollen.“ „So ſegne Euch Gott,“ entgegnete Niccolo mit ganz erheiterter Miene,„und mein Segen wird Euch überall hin begleiten, und meine Gebete werden im Himmel für Euch ſein, in welchen ich durch die Güte Gottes hoffe ver⸗ ſetzt zu werden. Jetzt nur noch ein paar Worte, was das Irdiſche betrifft; dann will ich auf dieſer Erde keinen andern Gedanken mehr haben. Lamberto, Du wirſt Dich erinnern, daß ich Dir vor noch nicht langer Zeit mein Haus empfahl; nun beruht mein ganzes Haus auf dieſem Kna⸗ ben. Erinnert Euch, daß Ihr Brüder ſeid, liebt Euch, unterſtützt Euch, und Du Bindo. da Gott Dich zum Waiſen machen will, ſo höre auf Lamberto's Rath und richte Dein Leben darnach ein. Laudomia brauche ich Dir nicht zu empfehlen, Lamberto, ſie iſt Dein Weib und ich kenne Dich. Aber Liſa! O als dieſe geboren wurde, wer hätte mir geſagt!.. Aber der Wille Gottes geſchehe. Die Arme hat mehr als je Troſt und Unterſtützung nö⸗ thig. So wiſſet denn: Und hier erzählte er ſeinen Söhnen, was er von No⸗ bili gehört hatte. Bei dieſer Erzählung verſtummten die beiden Jüng⸗ linge vor Unwillen über dieſen Verräther und vor Ver⸗ wunderung über ein Unglück, deſſen ſie ſich durchaus nicht verſehen hatten. Nach einem kurzen Ausbruch des Zorns erzählten ſie dem Alten ebenfalls Alles, was ſich ſeit ihrer 160 Trennung auf der Straße von Prato ereignet hatte; ſie ſagten ihm ferner, daß ſie Laudomia in Monte Murrlo, un⸗ ter Obhut des Pfarrers und Selvaggias verlaſſen hätten, wo Schwäche und Krankheit ſie ſo darnieder geworfen hatte, daß ſie ſich nicht bewegen konnte; trotzdem habe ſie durchaus verlangt, daß ſie ſich ſogleich nach Florenz be⸗ geben ſollten, um jedes Mittel zur Rettung des Vaters zu verſuchen, und nun war die Reihe an Niccolo ſich ſei⸗ nerſeits zu verwundern, daß menſchliche Verruchtheit ſo weit gehen könne und daß er ſich auf einen Schurken wie Troilo ſich ſo ſehr habe verlaſſen konnen. „Gott wollte uns züchtigen und hatte uns die Augen geblendet und uns die Vernunft benommen. Quos vult perdere dementat. Auch hierin ſpreche ich:„Fiat vo- luntas tua.“ Nun bringt meinen Töchtern, Laudomia, dem Engel meines armen Hauſes, meinen Segen, und Liſa meine Verzeihung. So möge Gott vergeſſen, was ſie gethan hat! Sorgt für die arme Verlaſſene und tröſtet ſie, denn der ſchändliche Betrug, durch welchen ſie getäuſcht wurde, befleckt nicht ſie, das Opfer, ſondern er befleckt und ſchändet den Urheber. Danket Fanfulla, Bozza, Deinem Bedienten, die aus Liebe zu mir ſich in eine ſolche ver⸗ zweifelte Gefahr ſtürzen wollten. Gott lohne und ſegne Euch Alle!„ Hier entſtand an der Thüre ein kleines Geräuſch, die beiden Jünglinge drehten ſich um und Niccolo endete ſeinen Satz nicht. Sie ſahen, wie Bozza ſich mit irgend Je⸗ mand, der außen ſtand, unterredete, dann näherte er ſich und ſagte: „Hier iſt der Bruder Benedettv von S. Marco mit Me. Liſa.“ „O Gott des Himmels,“ ſagte Niccolo, in der leb⸗ hafteſten Freude,„womit habe ich einen ſolchen Troſt verdient?“ Es war wirklich der größte, der ihm noch werden konnte. ² 161 „Geht ſeitwärts,“ ſagte er zu ſeinen Söhnen,„ſelbſt dieſe dürfen Euch nicht erkennen.“ Der Mönch kam heran und ihm folgte Liſa mit ge⸗ ſenktem Haupte, welche, am ganzen Körper bebend, in Thränen zerfloß. „O Bruder Benedetto, Ihr habt Euch alſo ſo vieler Unannehmlichkeit und vielleicht Gefahr ausſetzen, wollen, um mir Tröſtung zu bringen?“— Die beiden Alten um⸗ armten ſich und hielten ſich lange feſt umfangen, ſo daß ihre Silberhaare ſich mit einander vermengten. Als ſie von einander ließen, ſah Niecolo die unglückliche Liſa zu ſeinen Füßen mit der Stirn auf der Erde; denn der An⸗ blick des Vaters an dieſem traurigen Ort, die furchtbaren Vorbereitungen zu ſeiner Hinrichtung und der ſchreckliche Gedanke, daß Alles dieß um ihretwillen geſchehen, hatten ſie in ſolchen Schrecken verſetzt und ſo ſehr zur Verzweif⸗ lung getrieben, daß ſie lieber unter den Froßen Marmor⸗ ſteinen, auf welchen ihr Haupt lag, begraben gelegen, ja lieber gleich in Nichts zergangen wäre, um nur einer Pein zu entfliehen, welche Alles übertraf, was ſie ſich je hatte vorſtellen können. Ihre Glieder zuckten krampfhaft und waren vom Todesſchweiß übergoſſen und ſie vermochte blos mit ſchwacher Stimme zu ſagen: „O Verzeihung, Verzeihung!“ Selbſt ein Feind hätte ſie bemitleiden müſſen, was mußte alſp das Herz eines Vaters empfinden? Er wollte ſie vom Boden aufheben, aber der Bruder Benedetto ließ ihm nicht Zeit dazuz er richtete ſie auf und ſprach ihr mit wohlwollenden Worten zu. Eben dieſes that Niccolo und ſo brachten ſie es endlich wenigſtens dahin, daß ſie ſich er⸗ hob. Als ſie ihr Geſicht emporgehoben und ihre beiden unbeweglichen Augenſterne gläſern und weit herausgequollen auf ihn richtete, machte Niccolo dieſelbe Bemerkung, welche ſich dem Bruder Benedetto furz vorher aufgedrängt hatte. Er ſagte mit zum Himmel gehobenen Augen:; Niccolo de' Lapi. M. 11 162 „O die Unglückliche, das wäre noch das ſchrecklichſte Mißgeſchick!“ Er nahm ſie bei der Hand und zog ſie zu ſich heranz die andere Hand, die er frei hatte, legte er ihr auf die Stirne und glaubte einen Marmor zu berühren. Er be⸗ mühte ſich ſo viel als möglich Milde in ſeine Stimme und Blicke zu legen und ſagte, indem er das Haupt ſeiner Tochter an ſeine Bruſt zog: „Komm, komm hieher, Du Arme! Lehne Dich an mich und laß Dein armes Haupt hier ausruhen! Laß es erwarmen an dem Herzen Deines Vaters! Er hat Dir verziehen und bedauert Dich. O wie kalt biſt Du, Du arme Liebe! O Gott des Erbarmens! Vergiß den Fluch, den mir der Jähzorn gegen dieſe Unglückliche entlockte; erinnere Dich blos meiner Verzeihung und ihrer Reue!... Sie hat genug gelitten, ſie iſt genug geſtraft, die Arme! O Liſa, meine Tochter, faſſe Muth und höre mich an!... Es iſt Dein Vater, der Dich liebt und mit Dir ſpricht, um Dich zu troſten.“ Liſa hatte bis dahin immerfort gezittert, ohne durch ein Zeichen zu erkennen zu geben, ob ſie den Troſt des Alten verſtand oder nicht. Nun ſchien ſie ein wenig zu ſich zu kommen und erwiderte: „Ich höre Euch, mein Vater! Gett lohne es Euch, f Ihr Euch herablaßt, mich Verworfene ſo zu lieb⸗ koſen!“ „Armes Kind! Faſſe Muth! Sieh, wir müſſen uns trennen, thu mir den Gefallen, Liſa, und laſſe mich Dich ein wenig gefaßter, ein wenig ruhiger ſehen!... Ich wie⸗ derhole es Dir, ich habe Dir verziehen, ich ſegne Dich. Es war Deine Schuld nicht, Du Arme! Du biſt getäuſcht worden und durch wie abſcheulichen Trug! Auch wir haben uns ja täuſchen laſſen! Aber Du, Du biſt zu ſchändlich verrathen worden!. Wiſſe nun, ich muß Dir etwas ſa⸗ gen; es wird Dich zwar anfangs ſehr wundern und be⸗ kümmern, aber es erlöst Dich doch von einer ſehr großen Pflicht und erſpart Dir noch größeres Unheil. Fühlſt Du Dich wohl in der Faſſung, mich anhören zu können.“ „Ich bin ruhig, mein lieber Vater, Ihtr ſeht es ja!“ Niccolo war nicht ganz beruhigt, wenn er das Klo⸗ pfen ihrer Bruſt, die Bläſſe und beſonders den Blick Liſa's beobachtete; dennoch hoffte er, ihr mehr Gutes als Schlim⸗ mes zu erzeigen, indem er ihr ſagte: „Höre alſo, meine Liſa: Du weißt nur zu ſehr, daß Du verrathen worden biſt, aber Du weißt nicht, wie weit dieſer Verrath ging; nun merke darauf, bevor ich Dir das Weitere ſage, daß die Schande nicht auf der Seite desje⸗ nigen iſt, der betrogen wurde, ſondern auf der des Be⸗ trügers. Halte Dich daher nicht für das, was Du nicht biſt und nie haſt werden können, denn eine Gefallene warſt Du nie Wiſſe alſo, und beinahe möchte ich ſagen, freue Dich darüber, daß Du nicht Troilo's Weib biſt, nie W Liſa erbebte. „Sei ruhig, armes Kind! Höre mich an! Sieh, Gott will Dir dadurch vielleicht einen Weg bahnen„ Gib mir Gehör! Nein, Du biſt nicht ſein Weib; er hat Dich durch eine Scheinehe betrogen. Derjenige, den Du für einen Prieſter hielteſt, war ein Stallknecht, und nicht zufrie⸗ den damit, ſteilte der Verräther auch noch der Ehre Dei⸗ ner Schweſter nach; er führte ſie geſtern Nacht nach il Barom und wenn Gottes Barmherzigkeit ihr nicht Hilfe geſandt hätte, ſo würde ſie ihm nicht haben entgehen kön⸗ nen.“ Nun erzählte er ihr dieſe Begebenheit mit wenigen Wortne„Armes Kind! Ich weiß wohl, daß Dir dieſes ſchrecklich vorkommen muß und ſo ging es auch mir, als ich es erfuhr.. Aber bedenke, daß Du keine Schuld haſt, denn es war nicht Dein Wille, kann alſo auch keine Schande für Dich ſein. Es war ein Ungluck, ein furchtbares Unglück, aber Nichts weiter; wäre es aber nicht ein noch ſchrecklicheres, wenn Du nun un⸗ widerruflich ſein Weib wärſt? Nun aber biſt Du frei, 164 Du kannſt, ich will nicht ſagen ihn haſſen, verzeihe ihm lieber, Tochtert möge ihm Gott auch ſo verzeihen! aber Du kannſt ihn meiden, Du biſt nicht an einen Verräther gefeſſelt, Du kannſt, wenn nicht glücklich, doch in Ruhe und Ehre iit Deinen Brüdern und mit Laudomia leben, kannſt gehen, wohin dieſe gehen und vielleicht ſieh, ich bin alt und hienieden iſt Nichts von Dauer, das Glück nicht, aber eben ſo wenig der Schmerz vielleicht kommt noch eine Zeit, da die Wunden Deines armen Her⸗ zens vernarben.“ Während Niccolo ſprach, hatte Liſa ihre Blicke ſtarr auf ſein Geſicht gerichtet und ſchien ihn aufmerkſam anzu⸗ hören. Auf einmal ſchlug ſie die Hände zuſammen und preßte ſie gewaltſam und rief mit herzzerreißender Stimme: „So hat er mich alſo niemals, niemals geliebt!.. nicht einmal damals!.... Nichts iſt wahr geweſen, was er mir geſagt hat! Selbſt nicht ein Einzigesmal! Und ſein Geſicht, wie engelſchön!.. O, Troilo, wie warſt Du ſo ſchön!„ Hier ſah Niccolo, der ſeine Tochter mit ängſtlicher Beſorgniß angeblickt hatte, auf einmal ihr Geſicht und ihre Augen ſich völlig verändern; es wurden ganz andere Züge und die vorigen waren verſchwunden, wie wenn ſie eine Maske abgenommen hätte. Das Licht der Vernunft, welches bei ihr ſchon ge⸗ ſchwächt war, war durch dieſen letzten Schlag völlig er⸗ loſchen. Sie war wahnſinnig geworden. Sie blieb längere Zeit unbeweglich, dann ſtreckte ſie die Arme aus, wie wenn man ſich im Traume oder aus Miüdigkeit dehnt, dann lachte ſie und bewegte die Lippen ſchnell, als wenn ſie mit ſich ſelbſt plauderte und geſtiku⸗ lirte bald mit der einen Hand, bald mit der andern. Niccolo bedeckte ſeine Augen mit den Händen und Bruder Benedetto ſagte voll tiefen Mitleids und mit ge⸗ rührter Stimme zu ihm: „Riecolv, es iſt nun Zeit, ſich daran zu erinnern, 165 daß Jeſus Chriſtus, unſer Herr, heilig und unſchuldig am Kreuze litt und mehr noch, als Du in dieſem Augenblicke leiden mußt! Er hat auch für Dich und die arme Liſa gelitten. Laßt uns ſein Gericht verehren! Wiſſen wir denn, ob es nicht ihr Beſtes iſt? Wir wiſſen wenigſtens ſo viel gewiß, daß auch ihre Seele durch ſein göttliches Blut erlöst iſt. Ein Gott der Liebe hat es gegeben, warum ſollten wir nicht Erbarmen hoffen! Laßt uns ihn anbeten und das Haupt vor ihm beugen und ſprechen wir mit einander: Non sicut ego volo, sed sicut tu! Niccolo hatte noch immer die Augen mit den Händen verhüllt und wiederholte: Non sicut ego volo, sed sicut tu! Seine Arme fanken auf das Ruhebett kraftlos herab. Hier ſah er in der Nähe Fanfulla ſtehen, welchen er, obgleich er verlarvt war, an ſeinem hohen Wuchs erkannte. Er winkte ihm herbei und ſagte ihm leiſe: „Führt ſie nach Hauſe; Gott erbarme ſich ihrer!“ Fanfulla trat zu Liſa, nahm ſie bei der Hand und führte ſie an die Thüre und ſie ließ ſich wie ein unver⸗ nünftiges Weſen nach jeder Seite hin wenden. Sie gin⸗ gen hinaus und während ſie die Schwelle überſchritten, hob der arme Greis ſeine ermatteten Arme empor, um die göttliche Güte für ſeine Tochter anzuflehen. Er erinnerte ſich wieder des Fluchs, welchen er einſt auf ihr Haupt geſchleudert hatte und ſagte: „Mein Gott, mein Gott, warum haſt Du mich ſo furchtbar erhört!“ Die Glasmalereien hatten den Glanz ihrer Farben Lerloren und nur die Lichter des Altars glänzten von ihnen zurück, denn es war außen dunkel geworden. Es waren andere barmherzige Brüder erſchienen, welche zu zwei und zwei an den Stufen des Altars knieten und mit leiſer Stimme Pſalmen ſangen, um die Andacht des Verurtheil⸗ 166 ten nicht zu ſtören. Dieſer ſaß unbeweglich, ſtumm und mit geſenktem Haupte da. Bruder Benedetto hatte ſich ihm an die Seite geſetzt, hielt ſeine Hand und drückte ſie von Zeit zu Zeit mit warmem Gefühl, ohne mit ihm zu ſprechen, denn er hielt es für geziemend, ihm Zeit zu geben, daß dieſer letzte und furchtbare Eindruck nach und nach von ſelbſt ſchwächer werde. Nach einigen Minuten ſagte der Mönch: „Gott gibt Dir Gelegenheit, mein lieber Niccolo, in den Stunden, die Dir noch zu leben übrig bleiben, Dich mit Deinem Schöpfer auszuſöhnen, der Dir ſo viele Leiden ſchickte. Du mußt Dir recht viele Mühe geben, dieſes Kreuz mit ſtarkem Geiſte und mit Faſſung zu tra⸗ gen Um Dich ein wenig wegen des Unglücks der Liſa zu beruhigen, bedenke, daß derjenige, der für den Sperling Sorge trägt, welcher über die Dächer ſliegt, und der, der die Lilien kleidet auf dem Felde, noch weit mehr Sorge tragen wird, für ein Geſchöpf, welches nach ſeinem Bilde gemacht iſt und das er nicht geſchaffen hat, um ver⸗ loren zu werden und zu Grunde zu gehen. Bedenke nur, von wie vielen und wie großen Leiden ſie heimgeſucht war. Der Schleier, der durch Gottes Zulaſſung ihren Verſtand umhüllte, ſollte vielleicht ihr Gefühl gegen einen ſo großen Schmerz abſtumpfen... Laß uns anbeten, Niccolo, laß uns anbeten! Wir wollen auf ihn hoffen, der das ſchwankende Rohr nicht brechen wird, tarmum quassa- tum non confringit. Hoffen wir auf den Geber jener Liebesgabe, in welcher er ſeinen Willen ausdrückte, daß alle Menſchen in ihrem Kummer ihr Herz zu ihm erheben und ihn Vater nennen ſollen.“ Niccolv ſtieß einen Seufzer aus, faltete die Hände und antwortete: „Mon sunt ego volo, sed sicut tu!“ und fuhr dann nach einigem Nachdenken fort: „Mein lieber Bruder Benedetto, ich halte Alles für ſehr wahr, was Ihr mir ſagt, und könnte ich an der Güte Gottes zweifeln, während er mir gerade jetzt den größten 167 und ſüßeſten Troſt vergönnt, den, Euch hier zu haben und ſolche Worte aus Eurem Munde zu vernehmen. Es ge⸗ ſchehe, was Gott über mich und meine armen Kinder ver⸗ fügen will, ich gebe mich ganz in ſeine Hände! Jetzt habe ich Euch nur noch etwas zu ſagen, einen letzten Wunſch, dann wollen wir nur noch an den Himmel denken. Ich moͤchte morgen ohne irgend ein Gepränge in dem Ordens⸗ gewande des heil. Dominicus in unſerer Familiengruft in S. Marco am Altar der Madonna beigeſetzt werden, und wünſche, daß Ihr die Meſſe leſet zur Ruhe meiner armen Seele.“ „Ich verſpreche es Dir, Nieccolo, und es ſoll, ſo wie alles Andere, was Du noch wünſchen magſt, geſchehen.“ „Nichts weiter, Bruder Benedetto, ich danke Euch . Doch ja, ich habe noch eine andere Bitte. Ich fühle mich ſo matt und von Schmerzen gequält nach ſo vielen Crſchütterungen; ich möchte gerne meine Gedanken ganz zu Gott richten, aber ich bin zu ſchwach. Mein Kopf ſchmerzt mich, als ob er zerſpringen wollte. Ich hätte noch einen Wunſch, daß Ihr mir geſtattet, ihn ein wenig an Eure Schulter zu legen, und mir die Hände auf die Stirne drückt. Ich glaube Fieberkälte zu empfinden; und wenn ich ſo ein wenig geruht habe, werde ich beſſer an meine Seele denken können.“ Bruder Benedetto ließ ihn nicht ausſprechen, zog das ehrwürdige Haupt des Greiſes an ſich und legte es zwi⸗ ſchen ſeine Schultern uud die Wölbung der Bruſt, eine Lage, in der er ihn am beſten, ohne müd zn werden, er⸗ halten konnte. Nach zwei Minuten ſchloß Niccolo die Augen und ſiel vor Mattigkeit in einen tiefen Schlaf. Die Moͤnche, welche Pſalmen ſangen, bemerkten es und ſchwiegen, um ihn nicht zu wecken. Sie blieben unbeweglich jeder an ſeinem Ort, und dieſe ſtille und ſchreckliche Scene dauerte faſt eine halbe Stunde, welcher die heitere Ruhe des Grei⸗ ſes doch etwas Mildes und Himmliſches verlieh. Sein 165 tiefes Athmen unterbrach allein das Schweigen und man mochte erkennen, wie viele Tugend einem Manne inwohnen müſſe, der ſo ſeinem Tode entgegen ging. Endlich zeigte ein langer und tiefer Athemzug an, daß er im Vegriff ſei zu erwachen; er erwachte wirklich, hob Haupt langſam empor, legte ſeine Hand darauf und agte: „Ihr habt mir eine große Erleichterung verſchafft, Bruder Benedetto, Gott lohne es Euch! O was für Dinge,“ ſagte er mit ſtralendem Lächeln,„was für ſchöne und göttliche Dinge habe ich in dieſem Schlummer ge⸗ ſehen. Mein Gott, du biſt allzu gnädig gegen deinen armen Knecht!... Auch geſtern Nacht hat er mich ge⸗ würdigt, ſeine Herrlichkeit zu ſehen Er ſendete ſeinen heiligen Märtyrer, mich zu beſuchen.. O Bruder Be⸗ nedetto, welche Wonne! Er iſt wieder gekommen! Ich ſah ihn da vor mir und er tröſtete mich!... Quid retri- puam Domino? Wie kann ich in meiner Niedrigkeit für eine ſo große Gabe der göttlichen Gnade danken! Jetzt fühle ich mich voll der Kraft, die nur Gott geben kann, voll der Lebendigkeit, die nur er verleiht, die nicht gebro⸗ chen wird, noch zu Grunde geht.“ „So danke ihm denn! Laßt uns ihm Alle mit ein⸗ einander danken!“ ſagte der Mönch voll der innigſten Freude, den gebeugten Greis ſo getröſtet zu ſehen.“ Ja,“ erwiederte er,„Ehre ſei Gott in der Höhe des Himmels! Bereiten wir uns, in ſeine Herrlichkeit einzu⸗ gehen!“. Da jetzt Niccvlo ſich freier fühlte, verlangte er zu beichten; und da dieſes geendigt war, empfing er die Sterbeſaeramente. Bruder Benedetto ging an den Altar, ließ andere Lichter anzünden und bekleidete ſich mit dem prieſterlichen Schmuck. Die Mönche zündeten jeder eine Fakel an und ſtellten ſich im Halbkreis um den Altar. Nur zwei von ihnen, Lamberto und Bindo, näherten ſich Niccvlo, legten ein 169 Kiſſen auf die Erde, auf welches er niederkniete und ſtan⸗ den ihm zur Seite, um ihn zu halten. Bruder Benedetto nahm aus dem Tabernackel eine Hoſtie, wendete ſich, erhob ſeine Hand bis an die Höhe der Bruſt und ſprach die ſüßen und erhabenen Worte 3. „Agnus Pei, qui tollis peccata mundi mise- rere nobis!“ Niccolo lag mit verklärten Blicken auf ſeinen Knieen, von ſeinen Söhnen gehalten und hob die weißen bebenden Hände zum Sacrament empor. Wer den Kopf des heil. Girolamo, wie er bei derſelben Handlung von Dominichino gemalt iſt, geſehen hat, der vermag ſich einen Begriff von der göttlichen glühenden Liebe zu machen, welche Niccolo's Geſicht ausdrückte. Als er Bruder Benedetto vor ſich ſah, um ihm die Hoſtie zu reichen, rief er mit Freudenthränen: „Ich danke dir, erhabener Gott, daß du deinen Knecht heimſuchen willſt, um ſeine unſterbliche Seele aus dem Clend dieſes finſtern Thals zu führen! Waſche mich rein von jeder Mackel und von aller Sünde, denn ich bereue ſie alle und bitte dich um Vergebung. Nimm diejenige an, die ich von ganzem Herzen meinen Feinden gewähre, auch denjenigen, die uns das Vaterland entriſſen haben. Ihr, die Ihr um mich ſteht, ſeid Zeugen, daß ich im Tode den Palleschi verzeihe! ich liebe ſie in meinem Herzen wie Brüder und verſpreche, im Himmel für ſie zu bitten, daß wir uns Alle einſt in dem himmliſchen Jeruſalem ver⸗ einigt finden mögen, wo aller Haß ausgelöſcht ſein wird und, von der ewigen Liebe durchdrungen, fortleben werden.“ Alle Umſtehenden weinten; auch Bruder Benedetto weinte und ſeine Kniee wankten von der heftigen Gemüths⸗ bewegung, als er das Sacrament in die blaſſen Lippen des Greiſes legte. Er kehrte zum Altare zurück, endigte ſein Gebet, legte dann das Prieſterkleid wieder ab und begab ſich abermals zu ſeinem Freunde, welcher noch auf den Knieen lag, und während ſeine Söhne, die ihn hielten, laut ſchluchzten, 170 mit aufwärts ſehendem Geſichte und leuchtenden Blicken leiſe kurze Gebete vor ſich hin ſprach. So verfloß eine Stunde, es ſchlug fünf Uhr auf der Uhr des Palaſtes. Ein Diener trat ein, derjenige, dem das Amt gegeben war, das Urtheil zu vollziehen. Es war ein ungeſchlachter, wild ausſehender Mann, mit ſtumpfem Geſichte. Er näherte ſich Niccolo und ſegte dem Ge⸗ brauch gemäß: „Herr, ich thue, was meines Amtes iſt, und bitte Euch deßhalb um Vergebung.“ „Ich danke Dir ſogar, denn Du öffneſt mir vas Thor des Paradieſes.“ Niccolo umarmte ihn, dann ſagte er zu Bruder Be⸗ nedetto:. „Seid ſo gefällig, mir einige Haare hier über dem Halſe abzuſchneiden; es iſt die letzte Mühe, die ich Euch verurſache.“ Es wurde nach einer Scheere geſchickt und Niccolo's weißes Haar abgeſchnitten, der es auf ein Zeichen von ihm in ſeine Hand legte. Als er merkte, daß er nicht geſehen wurde, gab er es Bindo unter ſeine Kutte in die eigene Hand, die er drückte. In dieſen Händedruck legte der arme Greis die ganze Liebe, die er für dieſen letzten jugendlichen Sohn gehegt hatte und noch hegte. Es verging eine weitere Stunde; es ſchlug ſechs Uhr und zehn Gerichtsdiener traten mit brennenden Fackeln herein. Bruder Benedetto, die Söhne und Alle verſtanden dieſes Zeichen und beteten. Nur Niccolo blieb, wie zuvor, ruhig und heiter. Er erhob ſich mit ihrer Unterſtützung und wandte ſich zu den Mönchen, welche ihn umgaben und ihr Crucifir vom Boden erhoben und aufgerichtet hatten, um voranzugehen. Lächelnd ſagte er zweimal: „Lebt wohl! Lebt wohl!“ Sie gingen. Bindo hielt ihn auf der einen Seite, Lamberto am Rücken und Bruder Benedetto von der an⸗ 17¹ dern. Sie hielten ihm ein Cruciſir vor die Augen und beteten mit ihm bald lateiniſch, bald in der Mutterſprache. Niccolo's Schritt war frei, ſicher und weder zu lang⸗ ſam noch zu ſchnell. Sie traten unter vie Thüre an den Rand der Hof⸗ treppe; von dort ſah man den Hof mit vielen Fackeln er⸗ hellt und ganz von Gerichtsdienern und Soldaten erfüllt. Alle ſchwiegen und hatten die Augen auf den Verurtheil⸗ ten gerichtet. Dieſer ſtieg auf die beſchriebene Weiſe die Treppe hinab, wo ſich der Henkerblock befand. Hier hielt der Scharfrichter mit ſeinem blinkenden, zweihändigen Beil ſtill und er ſagte zu ihm: „Wenn ich meinen Kopf auf dem Block habe, ſo gib mir noch einen Angenblick Zeit, damit ich meine Seele Gott empfehle.“ Dann blickte er nach Allen umher und ſprach mit deutlicher Stimme: „Ich verzeihe meinen Feinden und bitte Gott, er möge meinen Tod als Opfer für das Wohl meines Va⸗ terlandes annehmen.“ Er beugte ſein Knie und legte den Hals auf den Block. Bindo und Lamberto ſchloſſen die Augen und einen Augenblick herrſchte tiefes Schweigen, dann ertönte ein dumpfer und kräftiger Schlag, ſie öffneten ſie wieder, der Rumpf lag auf der einen Seite, das heilige Haupt auf der andern, ſchneeweiß und noch immer lächelnd. Sie hatten noch Kraft genug, den Körper aufzuheben und in den Sarg zu legen. Das Haupt legten ſie wieder an ſeine Stelle und ſo rein war der Schnitt, baß es blos ſchien, als wenn ein rother Faden ſeinen Hals umgäbe. Am 16. Auguſt, bei Tagesanbruch ertönte das Todten⸗ geläute von S. Marco. In der Mitte des Schiffs der Kirche ſtand ein Sarg, an deſſen Ecke vier eiſerne Leuch⸗ 122 ter geſtellt waren. Am Altare las der Bruder Benedetto die Meſſe in ſchwarzem Gewand, gerade auf dieſelbe Weiſe, wie ſie im erſten Kapitel dieſes Buchs beſchrieben worden iſt. Auf dem Katafalk lag bie Leiche Niccolo's im Dominikanergewande; er ſchien zu ſchlafen, ſo unent⸗ ſtellt und heiter waren ſeine Züge. Lamberto, Bindo, Fanfulla, Moritz, Bozza und eine Menge von Handarbeitern aus dem gemeinen Volk beteten knieend umher, ſchweigend und ohne eine andere Bewe⸗ gung, als daß ſie bisweilen mit der umgekehrten Hand ihre Augen trockneten. Die Meſſe war aus, die Leichenfeier geendet; einige Kloſterdiener traten heran und hoben mit eiſernen Hebeln einen Stein empor, welcher eine Gruft vor dem Altar der Madonna bedeckte. Lamberto, Bindo und die Uebrigen nahmen den Körper ſammt dem Leichentuch, auf welchem er ausgeſtreckt lag und legten ihn vorſichtig, ohne ihn aus ſeiner Lage zu bringen, in die Gruft. Der Stein wurde wieder an ſeinen Ort gelegt. Die armen Künſtler beteteſ und weinten ein wenig über ihm, dann gingen ſie nach einander von dannen und nur Bindo, Lamberto, Fanfulla und Moritz blieben in der Kirche zurück. Beide Brüder knieten nieder auf den Stein, der Niccolo bedeckte, faßten einander bei den Händen und Lamberto ſagte mit lauter und feſter Stimme: „Wir ſchwören Gott und Dir, lieber Vater, uns beſtändig, ſo lange unſer Leben währt, zu bemühen, daß wir Florenz befreien und wieder in daſſelbe zurückkehren und daß wir die Waffen niemals niederlegen wollen, um ſeine Feinde bis in den Tod zu bekämpfen. Hierauf erhoben ſie ſich und verließen die Kirche. Schluß. Der Uebergabevertrag der Stadt Florenz hatte allen Bürgern, ohne Ausnahme, Sicherheit des Lebens, des Ei⸗ genthums und der Freiheit zugeſagt. Dieſe Bedingungen waren von Valori und Don Ferrante Gonzaga feierlich be⸗ ſchworen worden. Als dieſe aber in die Stadt eingezogen waren und alle Gewalt in derſelben an ſich geriſſen hatten, tödteten ſie Mehrere, beraubten Viele ihres Vermögens und jagten eine große Menge in die Verbannung, indem Jedem ein beſtimmter Aufenthaltsort angewieſen und Derjenige, der dieſen Bann brach, für einen Rebellen erklärt wurde. Dieß war der Auftrag der mediceiſchen Herrſchaft. Alle Städte Italien's füllten ſich mit Flüchtlingen aus Florenz. Von der Hungersnoth einer langen Bela⸗ gerung und den Anſtrengungen der Reiſe geſchwächt, gin⸗ gen ſie wie Bilder des Jammers umher, und der Anblick der Greiſe, Frauen und Kinder, welche gewaltſam und durch Verrath aus dem Kreiſe der Ihrigen geriſſen worden waren, erregte ein allgemeines Geſchrei des Unwillens ge⸗ gen die Urheber dieſer Schändlichkeiten, und vielleicht auch einige Reue in der Bruſt derjenigen, welche ſie hätten ver⸗ hindern können, wenn ſie gewollt hätten. Solchen Verirruugen und ſolcher Reue begegnet man auf jeder Seite der Geſchichte Italiens. Viele florentiniſche Familien verließen die Stadt frei⸗ willig, ohne erſt die Verbannung von Seiten des neuen Gerichtshofs abzuwarten und ließen ſich in irgend einem außer dem Bereiche der neuen Herrſchaft gelegenen Win⸗ kel nieder, wo ſie verborgen lebten und vergeſſen zu werden hoffen konnten. Vielleicht glaubten ſie ihr Vaterland auf dieſe Weiſe nicht ganz verloren zu haben. Einige zogen . 174 ſich nach Serravezza zurück, wo man nach den Ueberliefe⸗ rungen der Sage noch heutzutage die Häuſer dieſer Flücht⸗ linge zeigt. Mitten in den Apuaniſchen Bergen, welche derjenige, der über Pietraſenta von Luna nach Sarzana reiſ't, zu ſeiner Rechten ihre unbewaldeten ſteilen Spitzen, von wel⸗ chen mächtige Felsblöcke niederſchauen in den mannigfal⸗ tigſten Formen und Färbungen ſich erheben ſieht, mitten in dieſen Bergen öffnet ſich mit vielen Wendungen ein enges Thal, durch welches die Verſilia, unter dem Schat⸗ ten alter Kaſtanienwälder, ihre reinen Wellen ergießt. Der Eingang dieſes Thales wird durch zwei ſteile felſige Höhen verdeckt, ſo daß er aus der Ferne nicht geſehen werden kann, als hätte die Natur dieſen Ort mit liebevoller Vor⸗ ſorge zu einer Zuflucht der Schwachen gegen die Gewalt⸗ thätigkeit der Stärkeren beſtimmt. Wenn man dem Laufe der Verſilia eine Meile auf⸗ wärts folgt, gelangt man nach Serravezza, wo ſich das Thal durch die Vereinigung dieſes Fluſſes mit einem an⸗ dern Waldbach erweitert, der von dem Monte Aliſſimo herabfließt. Dort hatten ſich gegen das Ende des Sep⸗ tembers Lamberto, ſeine Braut und ſein Schwager zuſam⸗ mengefunden, Selvaggig, Fanfulla, Moriz und der kleine Arriguccio befanden ſich ébenfalls in ihrer Geſellſchaft. Sie hatten die Zeit, welche ſeit Niccolo's Tode ver⸗ floſſen war, zu Monte Murrlo zugebracht, wo Laudomia, wie wir geſehen haben, krank zurückgeblieben war. Die ſchreckliche Nachricht von dem Tode ihres Vaters hatte ihr nicht verborgen bleiben können und ihr Leben war dadurch in noch größere Gefahr gerathen; kaum ſeit einer Woche hatte ſie ihr Haupt vom Kiſſen erheben können. Ihre Ge⸗ neſung war langſam und wurde noch durch das ſchmerz⸗ liche, unauslöſchliche Andenken an ihren Vater, ihre Brü⸗ der, das Vaterland und den hoffnungsloſen Zuſtand Liſa's erſchwert, die man aus Florenz dorthin geführt hatte. Der Letztern Zuſtand riß zwiſchen einer geliebten Perſon 175 und denen, die ſie lieben, eine weit ſchmerzlichere Kluft, als der Tod ſelbſt; denn es iſt ein leichterer Kummer, das Hinſcheiden eines Geiſtes zu beweinen, mit dem man lange Zeit Gefühle und Gedanken getauſcht hat; als ihn ent⸗ würdigt und untergraben zu ſehen. Eiſa's Wahnſinn war nicht mit Raſerei verbunden, obgleich, wie es ſchien, unheilbar. Sie verbrachte mehrere Stunden und zuweilen ganze Tage unbeweglich in ſtum⸗ pfem Schweigen; ihre Augen ſahen weit aufgeſperrt mit ſtarrem geſpanntem, man hätte ſagen können verſteinertem Blick zur Erde, und zuweilen ſagte ſie leiſe:„Er war ein Verräther!“ In lichten Augenblicken ſchien ſie die Perſo⸗ nen um ſie her zu erkennen und ihre Worte zu verſtehen, aber es waren nur kurze Blitze in einer unendlichen Nacht. Da man ihrem Benehmen zufolge nichts von ihr fürchten zu müſſen glaubte, ſo geſtattete man ihr viele Freiheit und gab ihr blos auf ihren Ausgängen eine Bäuerin mit, welche den Auftrag erhielt, ein wachſames Auge auf ſie zu haben; denn ein Arzt, den man Gelegenheit gehabt hatte, um Rath zu fragen, war der Meinung geweſen, man ſolle ſie ſo viel als möglich in die freie Luft und an anmuthig gelegene Orte führen. Eines Tages wußte ſie mit jener Schlauheit, welche bei den Wahnſinnigen zuweilen den Verſtand überlebt, auf einem ihrer Ausgänge ihre Führerin auf wenige Augenblicke zu entfernen. Als die Bäuerin an den Ort zurückkam, wo ſie Liſa verlaſſen hatte, war dieſe verſchwunden und ſo ſehr ſie auch ſuchte und in der Umgebung herumlief, war keine Spur von ihr zu finden und keine Nachricht zu er⸗ halten, ſie kehrte weinend in das Haus zurück und erzählte der Familie, was ſich begeben hatte. In der größten Be⸗ ſtürzung machten ſich Alle, Laudomia ausgenommen, auf, die arme Fluchtige zu erſpähen, liefen an den Abhängen und in den Gebüſchen unterhalb der Burg umher und rie⸗ fen ſie beim Namen, indem ſie jeden Buſch, jeden Zaun und jeden Schlupfwinkel wiederholt durchſuchten. Alles 176 war vergeblich und als die Nacht hereinbrach, kehrten ſie mißvergnügt und betrübt in die Pfarrei zurück, und obgleich in den folgenden Tagen die Nachforſchungen und Erkun⸗ digungen wiederholt und verdoppelt wurden, gelang es nicht, zu erfahren, wo ſie geblieben ſei. Ein Brief, welchen Vanni, der Verwalter des Land⸗ guts il Barone damals an Baccio Valori ſchrieb, wird dem Leſer vielleicht darüber Aufſchluß geben, weßhalb wir ihn hier wörtlich einrücken wollen. Großmächtiger Herr Baccio, mein ſehr geehrter Herr! Seit ich Euer Gnaden den letzten Brief durch den Ritter Cecco überſendet hahe, in welchem ich Euch nach meinen pflichten von den Cvelleuten gemeldet habe, die Euer Gnaden hiehergeſchickt haben, und welche fer⸗ ſchwunden ſind, ohne daß man von irgend Jemand in der Gegend bis heute etwas von ihnen hat ervahren könnenz hat man es an kainer mühe vehlen laßen!, um Euer Gnaden Bevähle zu vollziehen: man hat jedoch bis auf dieſe ſtunde noch nichts von Herr Troilo er⸗ vahren: denn Niemant hat Ihn hier in der Gegend ge⸗ ſehen. Als ich geſtern in das Landhaus trat, in welchem ich ſeit der abreiße Jener herren nicht mehr geweſen bin, und überall die Fenſter aufmachte, um früſche Lufft herein zu laßen, damit die ſachen von Euer Gnaden in Guetem ſtant erhalten werden, wie daß meine pflicht ißt, kam ich in das gälbe zimmer, und alß ich die thüre aufmachte, war es mir, wie wenn ich in eine grufft träte: ſo ein unerhörter todtengeſtang war da drinnen, und um nicht krank zu werden, mußte ich thüren, Fenſter und Alles aufmachen. Als ich ſorgfältig nachſuchte, woher dieſer geſtang kommen könnte, bemerkte ich, das er aus dem Loch der Fallthüre neben dem Bete kam, welches Euer Gnaden ſehr wohl kennen. Ich liff nach einem ſeil, band ein Licht daran und ließ es hinunter, konnte aber Nichts Unterſcheiten, dieweilen das Loch zu tief war und das Licht, da es erſt zwanzig Klaffter hinabgelaſſen war, verloſchen iſt. Wenn der Ort zugänglicher wäre, ſo würde ich mir Mühe geben, dahinter zu kommen, was dahinunter Geworffen worden iſt, aber wenn man das wiſſen will, muß man die Mauern und Gewölbe durch⸗ brechen, ein anderes Mitthel weiß ich nicht und erwarte daher Euer Gnaden bevälhe. Während ich mit dieſen Geſchäften zu dun hatte, indem ich allein in dem Landhaus war, hörte ich hinter meinem Rücken gehen, und als ich mich umwendete, ſah ich ein Mädchen, welches wild und ganz in Unord⸗ nung in die Kammer hereintrat; beim erſten Blick merkte ich gleich, das ſie verrückt war; ſie war aber ein hüb⸗ ſches Mädchen und ſah aus wie eine Edeldamez ſie ſchwatzte mir eine Menge tolles Zeuch vor, wie es die Närrinnen machen und verlangte, ich ſolle ihr zeigen, wo der Verräther ſei, bald drohte ſie mir, bald weinte ſie und war ſo aufdringlich, daß ich viel mit ihr durch⸗ zumachen hatte, bis ich ſie los werden konnte. Wer ſie war und wen ſie mit dem Verräther gemeint hat, kann ich nicht ſagen, denn bald ging ſie eben ſo wieder fort, wie ſie gekommen war, wohin ſie eben ihre Narrheit geführt hat, und die Viehhirten ſagen: ſie hätten ſie um die Dämmerzeit in's Gebirg laufen ſehen, als man ſie aufhalten wollte, habe ſie ſich mit den Nägeln ver⸗ teidigt, bis man ſie los ließ und ſie ſagen, ſie ſei durch Dick und Dünn gelaufen. Wenn ſie nur nicht ſchaden genommen hat, denn es ziehen einige Wölfe auf dieſen Höhen umher. Weiter habe ich für jetzt Nichts zu melden, und empfähle mich als Euer Gnaden H. Barone aum. Aug. 4530. unterthänigſter Diner Vanni. Riccolo de' Lapi. I. 13 — 176 Baccio Valori vermuthete, daß Troilo ein ſchlimmes Ende genommen haben möge und errieth ungefähr, durch welche Perſonen es geſchehen ſein mochte, ohne, wie es ſich denken läßt, eine allzu lebhafte Betrübniß darüber zu empfinden. Er hielt für gut, keine weitern Nachforſchungen darüber anſtellen zu laſſen und begnügte ſich damit, einen Gläubiger weniger zu haben, ohne weiter unterſuchen zu wollen, wie und durch wen er zu dieſem Vortheil gelangt ſei. Er ſchrieb an Vanni, dieſer ſolle zwei Scheffel un⸗ geloſchten Kalk in den Brunnen werfen und die Fenſter offen laſſen, bis ſich der Modergeruch verzogen habe, wei⸗ ter jedoch ſich um Nichts bekümmern. Dies war die letzte Ehre, welche Trvilo widerfuhr und hiemit endet ſeine Ge⸗ ſchichte. Auch diejenige der armen Liſa hat hier ein Ende, denn weder ihre Familie, ſo lange und eifrige Nachfor⸗ ſchungen auch angeſtellt wurden, noch irgend ein Menſch in jener Gegend konnte jemals wieder eine Nachricht er⸗ halten, welches Ende ſie genommen habe. War ſie in jenen unbekannten Einöden vor Ermat⸗ tung umgekommen, war ſie eine Beute der von Vanni erwähnten Wölfe geworden, das werden wir erſt am Tage des letzten Gerichts erfahren. Wenn uns jedoch alle ge⸗ ſchichtliche Gewißheit hierüber abgeht, ſo mangelt es uns nicht an Vermuthungen, und bei einem ſo geduldigen und gefälligen Leſer, der uns bis hieher begleitet hat und da⸗ durch ein alter Freund von uns geworden iſt, dürfen wir nicht geheimnißvoll hinter dem Berge halten. Im Jahr 1580, alſo 50 Jahre nach der Belagerung gelangten ei⸗ nige Jäger, welche die Höhen über S. Marcello unter⸗ ſuchten, in einer verborgenen Gegend zwiſchen rauhen Fel⸗ ſen an einen Ort, welcher öde und wild und mit Stein⸗ blöcken beſäet war. In einer der vielen Höhlen, welche ſich dort ſo tief hineinziehen, daß deren Ausgang von Niemand erforſcht iſt, trafen ſie eine alte Frau, deren Kleidung aus den slendeſten Lumpen beſtand, die jedoch nicht ſchmutzig und vernachläßigt waren, wie ſie diejenigen zu tragen pflegen, welche zum Betteln geboren ſind. Ihre aufgelösten, bis zum Knie herabfallenden Haare umhüllten ihre ganze Geſtalt wie ein Silberſchleier; ihr Geſicht war bleich und abgemagert, ihr Blick zur Erde geſenkt und betrübt. Sie lag auf den Knien am Eingang einer dieſer Höhlen vor einem Krenze, das aus zwei Kaſtanienzweigen, durch eine Weinrebe verbunden, roh zuſammengefügt war. Bei der Annäherung der Jäger machte ſie weder eine Be⸗ wegung noch wendete ſie ſich um, dieſe aber blieben ver⸗ wundert und ehrerbietig ſtehen, um ſie zu betrachten und hörten ſie von Zeit zu Zeit mit Seufzern ausrufen: Mein Gott, mein Gott! Seit ſo langen Jahren weine ich um ihn! Wirſt Du ihm wohl verziehen haben? Dann verſtummte ſie für einige Augenblicke, um das „Gebet immer wieder mit denſelben Worten zu wiederholen. Die Jäger zogen ſich zurück und erfuhren von den Bauern, wie es ſich mit ihr verhalte. Sie wurde von ihnen als eine Heilige verehrt, aber Niemand wußte, wer ſie ſei und woher ſie gekommen war. Man erzählte, daß nach vielen vergeblichen Verſuchen, ſie zu einem Aufenthalt in be⸗ wohnten Gegenden zu bewegen, man ihr ein ſchlechtes La⸗ ger in irgend einer Höhle angeboten habe, und daß ſie ihr abwechſelnd Lebensmittel zutrugen. Eines Tages fan⸗ den ſie ſie auf ihrem Bette ausgeſtreckt, bleich und kalt wie Alabaſter, und nachdem ſie ſich von ihrem Tod über⸗ zeugt hatten, begruben ſie ſie auf dem Kirchhofe von S. Marcello. Machte es nun das Beiſpiel dieſer Frau oder irgend eine andere Urſache, es fand ſich von da an immer Jemand, welcher dieſe Höhle bewohnte, und noch heutzu⸗ tage führen dort zwei Greiſinnen ein einſames und wildes Leben. Ob dieſes die arme Liſa war, können wir nicht be⸗ ſtimmt behaupten; falls ſie es aber wirklich geweſen iſt, wie mächtig mußte die Liebe der Unglücklichen ſein, wenn ſie vach ſo tiefem Schmerz, ſo sbſcheulichem Verrath, 180 nachdem ſie ſo viel und ſelbſt den Verſtand verloren, nur noch die Liebe für dieſen Verräther ungeſchwächt und ſo mächtig in ihrem Herzen behielt, daß ſie bis zu den höch⸗ ſten Jahren und bis zum letzten Seußzer nichts Anderes denken konnte, als für ihn beten und weinen! In den erſten Tagen des Oktobers hatte Lamberto, der ſich gewiſſermaßen jetzt als das Haupt und den An⸗ führer ſeiner Umgebung betrachten durfte, Monte Murrlo ver⸗ laſſen, wo ſie allzu nah an Florenz waren und von den neuen Gewalthabern fortwährende Gefahr liefen. Er be⸗ gab ſich mit derſelben nach Serravezza, nicht ohne große Beſchwerlichkeit für die arme Laudomia, deren wankende Geſundheit durch Liſa's Unglück mehr als je gelitten hatte. Es iſt die erhabene Eigenſchaft wahrhaft edler und tugendhafter Herzen, auch in den fürchterlichſten Prüfungen ruhig und heiter bleiben zu können. Dieſer Friede der Seele, den die neidiſche Ohnmacht gewöhnlicher Seelen mit der Apathie verwechſelt, erhielt Laudomia am Leben und gab ihr nach und nach ihre Kräfte wieder und weckte ßie ſo zu ſagen zu einem neuen Daſein. In dem Hauſe, in welchem ſie wohnten, einem der erſten, wenn man von Ripa her in die Stadt kommt, wa⸗ ren ſie ziemlich bequem eingerichtet und erholten ſich von ſo großen Drangſalen durch die Ruhe eines innigen häus⸗ lichen, von der übrigen Welt abgeſchiedenen Lebens, welches für die Betrübten ſo wohlthuend iſt und für jeden Menſchen als das höchſte Gut betrachtet werden kann. Aber wie Wenigen iſt es vergönnt, ein ſolches zu genießen?. Die Süßigkeit eines ſolchen Lebens durfte jedoch Lamberto und Bindo nicht verführen, den erhabenen Gedanken an das Vaterland, an Niccolos letzte Worte und an den Schwur, den ſie auf ſeinem Grabe geleiſtet hatten, zu vergeſſen. Kaum hatten ſie ihre Angelegenheiten auf die Dauer geordnet, ſo begannen ſie darüber nachzudenken, auf welche Weiſe ſie am beſten zu dem großen Zwecke, 181 Florenz ſeine Freiheit wieder zu geben, beitragen könnten. In der erſten Beſtürzung über ihre ſchwere Niederlage konnten die verbannten Piagnoni, in verſchiedenen italieni⸗ ſchen Städten zerſtreut, nur langſam wieder dahin ge⸗ bracht werden, zu hoffen und neue Plane für die Zukunft zu faſſen, wie, wenn ein Blitzſtral eingeſchlagen hat, die Menſchen eine Zeitlang nicht vermögen, einander ins Ge⸗ ſicht zu ſehen. Bald jedoch begannen ſie ſich einander zu nähern, Unterredungen anzuſtellen und Briefe zu wechſeln, und jenes Gewebe von zerſtreuten, ſchwachen und mißver⸗ ſtandenen Unternehmungen anzuſpinnen, welche, anſtatt die Ketten der Florentiner zu zerreißen, ſie nur feſter ſchmie⸗ deten. Die beiden Verwandten beſchloſſen, an Allem Theil zu nehmen, was ſich in dieſer Bei unternehmen laſſe und beſtimmten, daß Lamberto zurückbleiben, Bindo aber eine Reiſe durch die Städte Italiens antreten ſolle, in welchen ſich die meiſten Verbannten aufhielten, um, ſobald er eine günſtige Gelegenheit bemerke, ſeinem Schwager Nachricht zu geben, welcher nicht zögern Lürde, dahin zu eilen, wohin ihn noch heiligere Pilichten als die der Fa⸗ milie riefen. Bindo reiſte ab und wurde von Fanfulla begleitet, der durchaus keine Luſt hatte, wieder zu dem Mönchsleben zurückzukehren, in welchem er genug Erfah⸗ rungen gemacht hatte. Da wir einmal daran ſind, von dieſen beiden Helden unſerer Erzählung zu ſprechen, ſo wollen wir in Kürze und ohne uns darüber zu bekümmern, unſerer Zeit vorauszu⸗ eilen, Alles erzählen, was wir von ihnen wiſſen, damit wir den Faden für das Wenige, was uns noch zu erzäh⸗ len übrig iſt, nicht unterbrechen. Bei allen Unternehmungen, ſeien es Waffenthaten oder politiſche Ränke, durch welche die verbannten Floren⸗ tiner die Verfaſſung ihrer Vaterſtadt zu verändern ſuch⸗ ten, bis zur Einnahme von Siena im Jahre 1555, durch welche alle Hoffnung, ſich dem mediceiſchen Joch zu ent⸗ ziehen, für immer erloſch, war Bindo mit jenem Vergeſ⸗ 182 ſen ſeiner ſelbſt und ſeines eigenen Vortheils, mit jener Kühnheit und jenem unbeugſamen Stolze thätig, die ihn zum lebendigen und wahren Ebenbilde ſeines Vaters Nic⸗ colo machten. Im Jahre 1535 befand er ſich zu Neapel mit den Vornehmſten ſeiner Partei, welche dort zuſam⸗ menſtrömten, um Karl V. zu bitten, daß die Artikel des Uebergabsvertrags von Florenz beſſer gehalten würden. Der Kaiſer hörte ihre Beſchwerden an, welche der Geſchichtsſchreiber Jacobo Nardi in einer langen Rede vortrug. Er hörte auch die Antwort des Herzogs Aleſ⸗ ſandro. Er gab den Verbannten gute Worte und dem Herzog Recht, ſtellte jedoch einige Bedingungen, unter die Erſteren in ihr Vaterland ſollten zurückkehren dürfen. Die ſtolze und großherzige Antwort der Verbannten. wird, ſo lange die Welt währt, allen denjenigen zum Mu⸗ 5. dienen, welche ſich in ähnlicher und gleicher Lage be⸗ inden. „Wir ſind nicht hieher gekommen,“ entgegneten ſie, „um Eure kaiſerliche Majeſtät zu fragen, unter welchen Bedingungen wir dem Herzog Aleſſandro dienen ſollen, noch um gewiſſermaßen eine Verzeihung von ihm zu er⸗ halten für das, was wir freiwillig und gerechterweiſe für die Freiheit unſeres Vaterlandes gethan haben, noch we⸗ niger, um als Sklaven in die Stadt zurückzukehren, die wir vor kurzer Zeit als freie Männer verlaſſen haben, da⸗ mit unſere Güter uns wieder gegeben werden; wohl aber haben wir unſere Zuflucht zu Eurer Majeſtät genommen, indem wir uns auf Eure Gerechtigkeit und auf Euer gu⸗ tes Herz verließen, damit es Euch gefalle, unſerer Stadt ihre unverletzte und wahre Freiheit wieder zu geben, wie ſie von Eurem Diener und Bevollmächtigten im Jahre 1530 in Eurem Namen uns zu erhalten verſprochen wor⸗ den iſt. Da wir nun ſehen, daß man mehr Rückſicht da⸗ für hat, dem Herzog Aleſſandro zu genügen, als die Ge⸗ rechtigkeit unſerer guten Sache zu unterſuchen, daß von 183 der Freiheit gar keine Rede iſt, von den öffentlichen In⸗ tereſſen nur ſehr wenig, und daß ſogar die Zurückberufung der Verbannten nicht frei geſchehen ſolle, ſondern nur be⸗ dingt und beſchränkt, nicht anders, als ob ſie nur aus Gnade gewährt würde, ſo wiſſen wir Nichts weiter zu er⸗ wiedern, als daß wir alle entſchloſſen ſind, frei zu leben und zu ſterben, wie wir geboren wurden und niemals zu Gunſten unſeres Privatvortheils die Reinheit und Offenheit unſerer Seele zu beflecken, noch weniger es an der Vater⸗ landsliebe fehlen zu laſſen, welche mit Recht als ein Er⸗ forderniß aller guten Bürger gilt.“ Varchi, welchem wir dieſe Antwort abgekürzt entnom⸗ men haben, fügt hinzu: „Es war eine denkwürdige Thatſache, daß Keiner von ihnen die Gnade annehmen wollte, die der Spruch des Kaiſers ihnen bot, in ihr Vaterland zurück kehren zu dürfen und ſich der Ehrenſtellen und Würden zu freuen, welche die anderen Bürger genoſſen, obgleich der größte Theil der Verbannten in ſchlimmen Umſtänden und ſehr arm war.“ Als die Unterhandlungen mißlungen waren, verſuchten ſie die Gewalt der Waffen, und nachdem der Herzog Aleſ⸗ ſandro durch Lorenzino ermordet worden war, griffen fie Coſino, ſeinen erſten Nachfolger, an. Ihr Anführer war Pierv Strozzi, ein kühner, aber eben ſo unglücklicher Feld⸗ herr, welcher bei Seſtino und Monte Murrlo Nachtheile erlitt(wo Baccio Valori und Philippo Strozzi gefangen genommen wurden), zuletzt aber von M. di Marignano ganz auf's Haupt geſchlagen wurden in der Schlacht bei Marciano oder Scanogello und bei Siena. Bindo und Fanfulla, der Letztere ein Greis über ſechs⸗ zig, der Erſtere ein Mann über vierzig Jahre, welche ſo lange Zeit hindurch gutes und ſchlechtes Glück getheilt hatten und ſich mit gleichen Hoffnungen, Befürchtungen und Gefahren wie Brüder liebten, fiel der Erſtere in der Schlacht, der Zweite in der Nacht vorher. Was Lam⸗ 184 berto betrifft, der ſich bei ihnen befand, ſo werden wir ſeine letzten Geſchicke ſpäter erzählen. S iſt alſo nun der Augenblick gekommen, an welchem wir uns von unſerm guten ehrlichen Fanfulla, und zwar für immer, trennen müſſen. Für den Leſer, der nicht gleich uns ſo lange Zeit mit ihm umging und ihn im Herzen trug und ſeine Herzensgüte, ſeine Zuverläſſigkeit, wie ſie unter ſeiner rauhen und ſeltſamen Außenſeite weit ſchöner, als wir erzählen konnten, lebte, ſich nicht denken kann, wird dieſe Trennung nicht ſehr wichtig ſcheinen. Aber es iſt doch ſo! Du dauerſt mich, armer Fanfulla! Denn von Denjenigen, welche Deine Tugenden weltberühmt hätten machen können, wurdeſt Du nicht gekannt, und ich, der ich Dich kannte, verſtehe Deine Geſchichte nicht ſo zu ſchrei⸗ ben, wie Du es verdienſt! Und was das Schlimmſte iſt, ſo weiß ich gerade aus dieſem Grunde weniger als je den paſſenden Styl und würdige Worte zu finden, um Dein Ende zu erzählen. Und doch kann ich es dem Leſer nicht verſchweigen. Um mich daher aus der Verlegenheit zu ziehen, will ich einen Brief abſchreiben, welchen Lamberto von ſeinem Diener Moritz aus der Einöde von Vernia er⸗ hielt, wohin er ſich zurückgezogen hatte, um den Tod Fan⸗ fulla's zu beweinen, von welchem er, wie aus ſeinem eige⸗ nen Geſtändniß hervorgeht, nur zu ſehr die unfreiwillige, aber nicht ganz unſchuldige Urſache war. „Min Her und gepiether! „Da kommt armer Moritz zu üch mit gebogenem Knie und die Arme gekrützt und bitten ſeinen Herrn um Bar⸗ don und Barmherzigkeit, die er nit verdient, aber armer Moritz haben ſo vil Kummer, daß er nit mehr ſchläft, nit mehr ißt und Buß will thun immer und immerfort, und haben geſchworen, nit mehr Wein zu trinken, und Gott zu bitten, daß er ihn bald ſterben laſſe. Kan aber nit ſterben bis ſin Her geſagt hat. Armer Moriz, ich hab' Dir verzihn. „Ich will jetzt alles ſagen, wie ſich das Unglück zu— 185 getragen hett, daß Gott und Her Lamperti dem armen Moriz verzeihen kenn; denn nit haben gethan mit böſer Abſicht. Ihr gnaden mein guter Her ſol alſo wiſſen, daß in der Nacht vor der Schlacht von Maricane ich geſtanden ſein Schildwacht mit armen alten Fanfulla fern von dem Lagger und ich ſagen zu Fanfulla; Lieber Fanfulle ich habe große Sehnſucht zu bichte mine Sünde, weil mir vorgekommen im Traum, daß ich ſterben müſſen morgen in der ſchlacht und Fanfulla mir antworte er habe das⸗ ſelbe Begeren; aber da war weder Prieſter noch Münch: ich finden alſo Uskunft und ſagen: ich bichte Dir und Du bichteſt mir; und got ſin zufride mit unſern gueten wille; wie nun auch geſchen. Ich alſo zuerſt bichte Fanfulla alle mine Sünde, welche ſehr groß ſin, und Fanfulla eine Buß geben mit dem ſtil von finer Pick auf minen Rücke ſtark und ſtärker und immer ſtärker und mir ſagen:„geduld; Du verdienen noch ſtärker!“ Dann guter Fanfulla mir bichte alle ſine ſünde, von kindesbin an; dauern mehr äls zwei ſtunde; und wollen gar nit ufhöre: ich alſo denken Fanfulla habe gethan wit meh Schlechtikkeiten als armer Moriz, alſo verdinen Buß mit ſtil von der Pick, wit mehr und haben gegeben mit großem Eifer ſiner ſele zu nützzn; und Fanfulla im anfang ushalte; dann aber nit mehr Fn gaben armem Moriz arge ſchläg. und wir verliere alle zwei den Kopf und gerathen in großen zorn und armer Moriz haben das Unglück; nit zu ſehe im Finſtern; und ſchlage uf den Kopf den armen Fanfulla: Dieſer zu Bo⸗ den fallen guten Moriz, Du mich ſchicken in paradis, ich Dir danken„und guter Fanfulla nit wollen ſagen noch ein wort, weil todt ſin, und ich müſſen jammern und jam⸗ mern und immer jammern bis min Her mir haben ver⸗ zichen Bindos Leichnam wurde auf dem Schlachtfelde aufge⸗ hoben und ehrenvoll begraben. Als man ihn entkleidete, fand man auf ſeiner Bruſt eine lange Locke von weißen Haaren: 186 es waren diejenigen ſeines Vaters, die er beſtändig zum Andenken des Eides bei ſich trug, den er auf ſeinem Grabe geleiſtet hatte. Von ſeinem Blute erweicht und geröthet, zeigten ſie, wie treu er ihn gehalten. Die Bauern, die den Leichnam begruben, ehrten dieſes Andenken und legten es ihm wieder auf die Bruſt, bevor ſie ihn in die Grube hinabließen. k Um dieſe letzteren Thatſachen zu erzählen, mußten wir 25 Jahre überſpringen. Da nunmehr der Leſer die letzten Schickſale Lamberto's und der beiden noch übrigen Frauen unſerer Geſchichte erfahren ſoll, ſo müſſen wir zu der Zeit zurückkehren, in welcher Bindo Serravezza Krließ. Nach der langen Folge von Gemüthsbewegung, von Leiden und Unglück, von welchen Selvaggia, Laudomia und ihr Gatte betroffen worden waren, ſchien das Schickſal ihnen endlich ein wenig Ruhe gönnen zu wollen. Ihr gegenwärtiger Zuſtand, die Sicherheit des Orts, wo ſie ihre Wohnung genommen hatten, Alles ſchien ihnen Ruhe unv Frieden zu verſprechen. Aber dieſes Verſprechen war ein trügeriſches; die Ruhe war noch weit entfernt von dieſen gepeinigten Herzen. Der Leſer wird, wie wir fürchten, unſere Geſchichte ſchon lang genug gefunden haben und es uns daher Dank wiſſen, daß wir ſie nicht durch zu ausführliche Be⸗ ſchreibung ihrer Leivenſchaften noch verlängern. Er wird ſie aus dem Vorhergehenden errathen können und zu dieſem Zwecke werden wenige Worte genügen. Das Benehmen Selvaggia's und der Dienſt, den ſie geleiſtet hatte, war von der Art geweſen, daß Niemanden, weder Landomia noch Lamberto hatte einfallen können, ſie zu entfernen oder ihr die einzige Zuflucht zu verweigern, die der Zweck ſo langer und ſchmerzlicher Opfer für die Arme geweſen war, die Wohlthat, Jemand gefunden zu haben, der ſie liebte. Dieſer Wohlthat erfreute ſie ſich endlich nun einmal und wünſchte ſich Glück, mit dem un⸗ 187 beſchreiblichen Gefühl, welches glühenden Herzen innewohnt, die über die Schmerzen erhaben ſind, zu denen ſie die Vorſehung verdammte. In der Trunkenheit einer ihr ſo neuen Lage glaubte ſie das gewonnen zu haben, was ſie kaum jemals zu wünſchen gewagt hätte; ſie meinte, das Glück ihres Lebens könne immer darin beſtehen, Lamberto zu ſehen und ſich der Freundſchaft und der Dankbarkeit beider Gatten zu erfreuen. Alles das bildete für ſie ein Paradies in Ver⸗ gleich mit dem ſchrecklichen Elend ihres vergangenen Le⸗ bens. Sie beſchloß, Lamberto und Laudomia nie mehr zu verlaſſenz jene nahmen ſie auf und. verſprachen ihr, ſie beſtändig als Schweſter zu betrachten, und alle drei glaubten einen bewundernswurdigen Verein geſchloſſen zu haben, der jedem von ihnen zum Beſten gereichen mußte. Wie vielen Täuſchungen iſt ein gutes Herz unterworfen, obgleich es etwas ſo Schönes und Göttliches iſt, wenn Vernunft und Erfahrung es nicht leitet. Dieſe Wahrheit bedarf keiner weitern Ausführung für einen Leſer über 25 Jahre. So ging Alles eine Zeitlang gut, als aber nach Bindo's Abreiſe die drei Zurückgebliebenen ein innigeres und ungezwungeneres Zuſammenleben führten, fühlten ſie nach und nach in ihren wechſelſeitigen Beziehungen etwas Gedruͤcktes und Neues, was Jedes mehr fühlte, als zuge⸗ ſtand und erforſchte, was aber die Vernunft unſeres Leſers ſehr leicht verſtehen wird. Selvaggia liebte Lamberto noch immer und das Glück, ihn alle Tage zu ſehen, mit welchem ſie ſich anfänglich begnügte, war ihr nach und nach faſt zur Qual geworden, da die Liebe nie auf demſelben Grade ſtehen bleiben kann, ſondern durch die Nahrung, die ihr gereicht wird, immer mehr anwachſen muß. Laudomias reines Herz war für diejenige Eiferſucht unzugänglich, welche durch Argwohn oder Mißtrauen er⸗ 188 zeugt wird und eben ſo ſehr diejenigen erniedrigt, die ſie empfinden, als diejenigen, die Veranlaſſung und Vorwand dazu geben. Sie konnte ſich aber unmöglich verbergen, daß Selvaggia ſchön ſei, ſowie daß ihr Unglück und das groß⸗ müthige Opfer, das ſie fortwährend brachte, ihren Ein⸗ druck nicht verfehlen konnten, und Lambertos Gattin lebte deshalb mit einer fortwährenden Angſt im Herzen, die eben ſo ſchmerzlich, als ihr unerklärlich war. Zu klug, um nicht errathen zu können, welche Qualen Selvaggias Herz empfinden mußte und zu liebevoll, um nicht jedes Mittel, ihre Schmerzen zu lindern, aufzuſuchen, wußte ſie, wenn ſie alle drei beiſammen waren, nicht wie ſie ſich gegen ihren Gatten benehmen ſollte. Sie fürchtete immer, ihre Liebe zu ihm allzu offen an den Tag zu legen; zuweilen ſchien es ihr ſogar, als ob Selvaggia ſie haſſen müſſe, ja ſie wirklich haſſe; in andern Augenblicken durch⸗ zuckte ſie der Gedanke wie ein Blitz, Lamberto könne kälter werden oder gar ſeine Geſinnungen ändern, und wenn ſie varin irrte, ſo ſchien doch ihre Furcht nicht ganz unge⸗ für denjenigen, der nach dem bloßen Anſchein ur⸗ theilte. In dem Herzen des Jünglings gab es kein Gefühl, keinen Gedanken, der nicht ſeiner Laudomia gehört hätte, aber gerade weil er ſie ſo ſehr liebte, wurde er ein ſehr ſtrenger, ſelbſt ungerechter Richter über ſich ſelbſt, indem er glaubte, keine Zuneigung oder Dankbarkeit gegen Sel⸗ vaggia fühlen zu dürfen, ohne die Liebe, die er der Toch⸗ ter Niccolos geſchenkt hatte, ganz zu entweihen. Wenn er ſich mit beiden Mädchen zuſammen befand, ſo fürchtete er beſtändig durch jeden Blick, jede Geberde und jedes Wort, das er an Selvaggia richtete, ſeine Braut zu beleidigen; daher entſtand eine ſolche Befangenheit in ſeinem Beneh⸗ men und in ſeinen Reden, daß man leicht in den Irrthum gerathen konnte, dieß ganz andern Urſachen zuzuſchreiben. Ob das Zuſammenleben von Menſchen, die ſich in ſolcher Lage befinden, die Innigkeit und Herzlichkeit, welche 180 die erſte und nothwendigſte Bedingung deſſelben ſein ſollte, ſtattfinden konnte, moge ſich der Leſer denken. Uebrigens hatten ſie einen Gegenſtand der Unterhaltung gefunden, auf welchem ihre Herzen ohne die Störung pei⸗ nigender geheimer Gedanken ſich begegnen mochten; dieſer war die Religion. Lamberto und Laudomia gaben ſich in einer Abſicht, welche von jeder aufrichtigen und tiefen Ueberzeugung un⸗ zertrennlich iſt, alle mögliche Mühe, Selvaggia zum Chri⸗ ſtenthume zu bekehren und es koſtete ihnen nicht ſonderliche Mühe, ſie zu dieſem Eutſchluß zu bewegen. War es Ueber⸗ redung, war es der Wunſch, denſelben Glauben mit Lam⸗ berto zu bekennen? War es die Wirkung jener ruheloſen Sehnſucht nach Wechſel, welchen leidenſchaftliche und be⸗ trübte Herzen empfinden? Gott weiß, was es war; kurz Selvaggia wurde getauft und nahm den neuen Glauben in ihr Herz auf; ſie nahm die Gebräuche, die Lehren, die Vorſtellungen ihres neuen Glaubens an, und zwar mit aller Gluth und natürlichen Heftigkeit, die in ihrem Cha⸗ rakter lag; hatte ſie aber auch ihre Religion geändert, ſo vermochte ſie doch nicht zugleich ihr Herz umzuwandeln. Laudomias Krankheit und die Unfälle, die Aufregun⸗ gen, welche ſie veranlaßt hatten, waren bis dahin der glü⸗ henden Sehnſucht Lambertos, der Gatte derjenigen zu wer⸗ den, welcher er in S. Marco den Brautring angeſteckt batte, entgegengetreten. Nun ſchien jedes Hinderniß hin⸗ weggeräumt zu ſein, und der Jüngling begann mit drin⸗ genden Bitten Laudomia zu beſtürmen, den Tag ihrer Vereinigung feſtzuſetzen. Niccolos Tochter glaubte ſich nicht dazu entſchließen zu können und wurde, da ſie die leiden⸗ ſchaftlichen Bitten ihres Gatten vernahm, nachdenklich, un⸗ ſchlüſſig und zuweilen ſchien ſie ſogar die Thränen nicht zurückhalten zu können. Lamberto wußte nicht, was er von dieſem bei ihr ſo ungewöhnlichen Benehmen denken ſollte und beſchwor ſie 190 eines Tages auf ſeinen Knieen, ihn einer ſo peinigenden Ungewißheit zu entreißen und ihm ihr Herz zu öffnen, wie es gegen einen Mann, der ſie ſo innig liebe, ihre Pflicht ſei. Sie waren zu Hauſe und es dämmerte eben. Laudo⸗ mia erhob ſich, ohne ihm zu antworten, gab dem Jüng⸗ ling ihre Hand und führte ihn hinaus. Sie ſchlugen ſchwei⸗ gend den Fußpfad ein, der längs der ſchattigen Ufer der Verſilia gegen Ripa hinführt und gelangten an eine Stelle, wo ſich der Waldſtrom in zwei Arme theilt und eine kleine Inſel, mit Weiden, Pappeln und Nußbäumen be⸗ pflanzt, bildet. Sie begaben ſich dorthin, indem ſie den Waldſtrom auf Steinen überſchritten, die in eine Reihe gelegt waren, und betraten einen ſchmalen Fußpfad, wo unter einem Gewolbe von Zweigen und Schlingkraut einige rohe Sitze angebracht waren. Hier ſagte Laudomia: „Ich habe Dich an dieſen entlegenen Ort geführt, weil ich Dir etwas ſehr Wichtiges zu ſagen habe; ich wollte gewiß ſein, daß ich von Niemand gehört und un⸗ terbrochen werde; unterbrich mich auch Du nicht.“ Erſtaunt und faſt erſchrocken verſprach es Lamberto und Laudomia fuhr fort:— „Meine Liebe zu Dir, o theurer Lamberto, wurde durch unſern Vater Niccolo geſegnet; deshalb darf ich ſie ohne Erröthen bekennen, ſie iſt groß und gerade deshalb mehr auf Dein Wohl bedacht, als auf das meinige. Du weißt, Lamberto, daß ich nicht die Einzige bin, die Dich liebt. Wenn ich je ſchön war, ſo haben meine Leiden die Blüthe derſelben abgeſtreift. Ich Arme hatte nie Gelegenheit, für Dich Gefahren zu trotzen, Kummer und Drangſale zu er⸗ dulden Ohätte ich ſie nur gefunden! Es war mir nicht vergönnt, mich ſo groß und hochherzig zu zeigen, wie jene.(Lamberto wollte ganz außer ſich Laudomia bei jedem Satz unterbrechen, aber ſie erinnerte ihn mit Blicken und Zeichen an ſein Verſprechen.) Ich kenne das Alles recht gut,— aber bedenke, Lamberto, ich ſagte es 194 Dir gleich beim Erſtenmale, als Du von Deiner Liebe zu mir redeteſt: daß ich Dir wohl entſagen, aber Dich nicht im Mindeſten mit einer Andern theilen könne! Sie, das weiß ich wohl, wäre vordem nicht einmal eines Gedan⸗ kens von Dir würdig geweſen, aber die Reue gibt der Seele ihren urſprünglichen Adel zurück.„öffnet nicht Gott der Reue ſelbſt die Pforten des Himmels? Ich kann es nicht mit anſehen, daß ſie um meinetwillen ſo unglück⸗ lich ſein ſoll... zumal da mit der Zeit auch Du es werden müßteſt, das würde die arme Laudomig zur Ver⸗ zweiflung bringen, laſſe mich daher meine Ruhe in Gvott ſuchen und im Gedanken daran, daß ich Euch glück⸗ lich weiß. Bis hieher war es Lamberto gelungen, dem Drange, ſich zu den Füßen ſeiner Verlobten zu werfen, zu wider⸗ ſtehen und er genoß im vollen Maße die Wonne, dieſes himmliſche Herz ſanft dargelegt zu erblicken; hier aber konnte er ſich nicht mehr halten, er ſenkte ſeine Stirn auf den Saum ihres Kleides und bedeckte es mit tauſend Küſſen; endlich fand er Worte, wie ſie Derjenigen, die ſie vernahm, wie ſie ſeiner Liebe würdig waren; Worte, die alle ihre Zweifel hoben und ihre Furcht überwanden; eine ruhige und heitere Zuverſicht kehrte wieder in Laudomia's Herz und verbreitete ſich auf ihren Zügen; ſie legte ihre weiße Hand auf Lamberto's Stirne und ſagte;„Nun, ſo bin ich denn auf immer Dein!“ — — 5 . 3. Sie kamen nach Hauſe zurück, da es bereits Nacht war. Selvaggia war nirgends zu finden. Spät in der Nacht erſchien ein Bauer mit einem Briefe, ſie öffneten ihn und laſen folgende Worte: „Meine letzte Hoffnung, Ruhe zu finden, baue ich auf den Gott, den ich durch Euch kennen lernte. Ich gehe, 192 um ihn auf ſeinem Grabe anzubeten, in dem Lande, wo er für unſere Seligkeit ſein Leben hingab. Ich werde Euch immer in meinem Herzen tragen, die Ihr allein auf dieſer Erde mich geliebt, mir Alles geſchenkt habt, was mir zu eben in Euren Kräften ſtand; aber mein armes Herz verlangte mehr. Ich ſegne Euch, betet für mich zu Gott, daß er mir Frieden ſchenke und meine Leiden ende, ich werde ihn um ein langes glückliches Leben für Euch bitten. Eure Selvaggia.“ Zwei Jahre ſpäter befanden ſich Laudomia und Lam⸗ berto eines Abends in ihrem Zimmer; er las einen Brief von Bindo, ſie bewegte mit den Füßen eine Wiege, in welcher ein ſchönes Kind von fünf Monaten ſchlief, dem ſie den Namen Niccolo beigelegt hatten. Ein Mann erſchien und ſagte ihnen, es ſei während des verfloſſenen Tages eine Frau im Hafen ausgeſchifft worden, welche augenſcheinlich von einer ſehr ſchweren Krankheit ergriffen ſeiz ſie habe ſich ſogleich nach Serravezza begeben wollen; da jedoch ihre Kräfte allzuſehr geſchwunden ſeien, ſei ſie gezwungen geweſen, ſich in einer S änfte tragen zu laſſen, die man inſ der Eile aus Baumzweigen verfertigt und mit einem Segeltuche überdeckt habe. Als ſie bis zu der Kirche der Madonna di Quercia gekommen, habe ſie ihr Ende nahe gefühlt und ſich an der Kirchenthüre unter eini⸗ gen Cypreſſen niederſetzen laſſen und ſende nun, um Lau⸗ vomia und Lamberto zu bitten, ſie möchten eiligſt zu ihr kommen. Beide riefen zu gleicher Zeit:„Selvaggia!“ In banger Haſt, ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen, ſiegen ſie zu Pferde und begaben ſich ſchnell an Ort und Stelle. Die Nacht war heiter und der Mondſchein warf auf die weiße Wand des Kirchleins den dunkeln Schatten der Sypreſſen. Sie ſahen das Sterbelager von ſern, das Weib, das dgrauf lag, einen Prieſter ihr zur Seite und 1 er 16 5 19⁸ u ihren Füßen einen Bauer mit brennender Kerze. Sie ſpornten ihre Pferde und bald drückten ſie die Hand der armen Selvaggia in der ihrigen; ſie war ſo entſtellt, daß ſie kaum ein Schatten von ihr zu ſein ſchien. Sie blickte Laudomia und Lamberto an und ihr edles glühendes Herz war ganz in dieſen letzten Blicken ausge⸗ goſſen. Sie ſchwieg eine Weile, um die wenigen Kräfte zu ſammeln, die ihr übrig geblieben waren, dann ſagte ſie mit vom Todeskampfe gebrochener Stimme: „Ich habe ihn nicht gefunden„ den Frie⸗ den merkt es wohl niemals! Statt deſſen wuchs ich fühlte es in meinem Her⸗ zen der Tod. Ich fürchtete, nicht mehr bis hieher zu gelangen„ nun bin ich da Gott ſei dafür gelobt! Geſegnet mögt Ihr Beide ſein die Ihr allein die arme Dirne geliebt habt„ Lamberto lege mir die Hand auf die Stirne„„ es war mein letzter Wunſch. am Ufer des Po in jener Nacht. O nenne mich die Deine„ v verzeihe, Laudomia aber ich liebe ihn jetzt, wie man im Himmel liebt„„ Während Lamberto die Hand auf die Stirne des armen Mädchens legte, fühlte er ſie erkalten, ein ſeliges Lächeln ſtralte um ihre Lippen, auf denen der Todesengel ſeinen Sitz nahm. Lamberto und ſeine Gattin weinten lange über der Leiche derjenigen, welcher viel vergeben ſein mußte, weil ſie viel geliebt hatte, dann begruben ſie ſie ehrenvoll in der geweihten Erde des Kirchleins.„„ Eine lange Reihe von Jahren hindurch verging das Leben der beiden Gatten unter fortwährenden ſchweren Schlägen des Schickſals. Ein eifriger Bewahrer des Schwu⸗ res, den er Niccolo geleiſtet hatte, folgte Lamberto mit Bindo und Fanfulla, ſo lange ſie lebten, dem Schickſale der Verbannten; er folgte demſelben gleicherweiſe nach Niccolo de' Lapi. M. 13 194 ihrem Tod und ſo lange ſich in Italien noch ein Schwert gegen die Herrſchaft der Medici erhob, hatte es das Lam⸗ berto's zum Gefährten. Als endlich jede Hoffnung gefallen war, zog er ſich, müde ſo vieler Kriege, mit ſeiner Gattin nach Genua zurück; dort lebten ſie ſo glücklich, als man es in dieſer Welt werden kann und beſonders als der es ſein kann, der ſein Vaterland verloren hat und es in Un⸗ glück und Erniedrigung ſieht. Hier endet unſere Geſchichte, in welcher wir durch die Etzählung des unglücklichen Schickſals einer Familie auch dasjenige von vielen andern und das eines ganzen Volkes haben darſtellen wollen. Gewannen nun diejenigen, welche, mehr oder weniger ſchuldbeladen, mittelbar oder unmittelbar den Sturz ihres Vaterlaydes veranlaßten, den Vortheil, den ſie ſich davon, verſprochen hatten, den Preis ſo vieler Thränen und ſo vielen Blutes? Wir wollen ſehen. Clemens VII. wollte die Herrſchaft des ungeſetzlichen Zweiges des Hauſes Medici feſtſtellen, um die andere Linie u benachtheillgen, die er haßte und aus welcher Giovanni, der Feldherr der ſchwarzen Banden, entſproſſen war; ſtatt deſſen öffnete er dem Sohn des Letzteren den Weg zur Herrſchaft, welche bei ſeinem Stamme bis faſt in die Mitte des verfloſſenen Jahrhunderts blieb. Cart V., der gehofft hatte, ſeinem Sohn Philipp die kaiſerliche Krone hipterlaſſen zu können, hatte Ströme von Blut und unermeßliche Schätze verſchwendet, um ſeine Macht in Italien feſt zu begründen und dadurch die beiden getrennten Theile einer ſo weiten Monarchie zu vereinigen; aber in ſeiner Hoffnung betrogen, hinterließ er ſeinem Sohn das Herzogthum Mailand und das Königreich Neapel, entlegene Länder, deren Herrſchaft ſchwer zu behaupten war und die Spanien mehr koſteten, als eintrugen und es zuletzt in dem langen Succeſſionskrieg völlig erſchöpften. Ob die Florentiner, die ihre Freiheit gegen die ungerechte ——— —— =— Herrſchaft der Mediei ſo lange und ſo ſtandhaft verthei⸗ digten, ſich derſelben zuletzt entziehen konnten, haben wir geſehen. Verdienten ſie ihr Lvos? Wir haben den Muth⸗ Ja zu ſagen; zum Theil wenigſtens verdienten ſie es. Sie wollten Freiheit für ſich und doch unterdrückten ſie die uhter ihrer Herrſchaft ſtehenden Städte, nährten die blu⸗ tigen Parteikämpfe der Cancellieri und Panciatiechi in Pi⸗ ſteja, ſo daß die Gräber der piſaniſchen Felder gefüllt wurden und der Leichengeruch, die Luft verpeſtend, die Be⸗ völkerung zehndete, weil dieſe, wenn ſie zu zahlreich wurde, ſich hätte empören können; ſie verſtanden ihr eigenes Recht, aber nicht das fremde, ſie gebrauchten zweierlei Gewicht und zweierlei Maß. Als die Gefahr kam, trugen die unterworfenen Städte nur mit Widerwillen und gezwungen zur Vertheidigung von Florenz bei; ſie hielten ſeinen Fall für eine Befreiung und die Herrſchaft der Medici für eine Gleichſtellung mit ihrer alten ſtrengen Beherrſcherin. Die Paleschi und die Optimaten, die durch ihren Verrath in den letzten Tagen der Belagerung der Qligar⸗ chie den Sieg hatten verſchaffen wollen, bemerkten zü ſpät erſt, daß ſie die Herrſchaft eines Einzigen begünſtigt hatten, welche ihnen alles Anſehen benahm und ſie beſtändig in Erniedrigung und Unthätigkeit erhielt. Baccio Valori erhielt die gerechte Belohnung der Verräther, die Verachtung derjenigen, für die er ſich dem Verrathe unterzogen hatte, Schmach boi aller Welt und zuletzt noch unter Herzog Coſimo das Henkerbeil. Auch Malateſta zog ſich, von ganz Italien als Ver⸗ räther gebrandmarkt, nach Perugia zurück, wo ihm weder das Anſehen, poch die Gnadenbezeugungen zu Theil wur⸗ den, die er ſich von Clemens VII. ausbedungen hatte. Auch wurde er von dem Cardinal Ippolito, dem päbſtli⸗ chen Legaten in der Stadt, gedrückt, dem der Pabſt nicht Einhalt thun wollte oder konnte und der offen die Mala⸗ teſta feindliche Partei des Baccio begünſtigte. Endlich zog 196 er ſich auf ſein Landhaus zurück, wo er vierzehn Monate nach der Einnahme von Florenz, an Leib und Seele ver⸗ fault, ſeinen Geiſt aufgab. Auf dieſe Weiſe erreichten die Urheber ſo großen Un⸗ heils den Lohn ihrer Thaten. Haben wir nun Urſache, den Leſer auf das Motto 4₰ unſerer Aufſchrift noch beſonders aufmerkſam zu machen, ob er wohl bemerkt habe, mit wie geringer Weisheit die † Welt regiert wird?