ihbibliothek dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf 2 Mi.— Pf. 77 3 3 ? 5„ 5. Auswärptige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— Kicrolo de' Fapi. Ein Roman aus der tlorentiniſchen Geſchichte Von Maſſimo d' Vzegliv. —— Aus dem Jtaliäniſchen. Fünftes bis fiebentes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. XA Neunzehntes Kapitel. Während dieſer ſtrengen Worte, welche mit auſ⸗ geregter Stimme und flammenden Augen unaufhaltſam ausgeſtoßen wurden, hatte Bindo vergeblich verſucht, eine Sylbe hervorzubringen. Sich von dem einzigen Menſchen, dem er nicht mit dem Stahl antworten konnte, einen Feigling nennen zu hören, das kam dem Jüngling ganz außerordentlich ſchmerzlich und unerträglich vor. Daher hob er das Geſicht kühn empor und ſagte: „Den Mann, welchen Ihr einen Verräther nennt, der uns beleidigt hat, zu tödten, ging ich ohne andere Begleitung, als mein Schwert, mitten unter die Feinde. Ich kann geirrt haben, daß ich Euch nicht um Erlaub⸗ niß erſuchte, aber es war, glaub' ich, dennoch nicht die Handlung eines Feiglings. Als er kam, mich aus dem Gefängniß zu befreien, ſchlief ich. Unverſehens aufge⸗ weckt, erkannte ich ihn nicht gleich. Ich ging hinaus, traf Liſa und erfuhr von ihr, daß Troilo, zur Erkennt⸗ niß gekommen, ſich anſchicke, mit uns zu gehen und von nun an für die Freiheit für Florenz zu kämyfen „Troilo in Florenz?“ fragte Niccolo mit großer Verwunderung. „Er iſt mit uns hieher zurückgekehrt, hat ſein Un⸗ recht eingeſehen und nun keinen andern Wunſch, als ſich als ein guter Bürger zu zeigen, ſich von den Fle⸗ 6 cken der Verrätherei rein zu waſchen und Eure Gnade zu erhalten..“ „Meine Gnade!“ ſagte Niccolo mit einem bittern Lächeln, ſann dann einen Augenblick nach und fuhr fort; „Er ſoll ſeine früheren Schurkereien wieder gut machen, er ſoll zu ſeiner Pflicht zurückkehren, ſein Leben für ſein unglückliches Vaterland einſetzen, und dann wird ihm die Gnade Gottes werden, welche mehr werth iſt, als die meinige.“ „Und die Eurige auch,“ ſagte der Bruder Bene⸗ detto, welcher im Eintreten dieſe letzten Worte gehört und beim Anblick Bindo's und der ſichtlichen Bewegung Beider errathen hatte, um was es ſich handle. Als Niccolo ihn höflich empfangen und er ſich niedergeſetzt hatte, fuhr er fort: „Ich komme, um mich mit Euch über zwei Dinge zu ſreuen; erſtens daß ein empöreriſcher und gottloſer Sohn dieſer Stadt, nunmehr zur Erkenntniß gekom⸗ men, zurückkehrt, um ſie zu unterſtützen. Ein ſolches Beiſpiel iſt in den gegenwärtigen Augenblicken von gro⸗ der Wichtigkeit; wenn viele ſolche erfolgen würden, ſo würde unſer Ruf wachſen und der der Feinde geſchmä⸗ lert werden. Zweitens, daß Gott Euch einen Weg geöffnet hat, jedes Aergerniß aus dem Weg zu räumen und zu zeigen, daß Ihr Liſa nicht ſowohl wegen der Beleidigung, die ſie gegen Euch, als vielmehr wegen ver, die ſie gegen das Vaterland verübt hat, als ſie ihre Hand einem Feinde gab, mit der äußerſten Strenge behandelt habt. Herr Niccolo, ich komme, wie es meine Pflicht iſt, Euch ein Wort des Friedens zu ſagen und Euch von Seiten des Troilo und Eurer Tochter um Verzeihung zu bitten. Dieſe Unterwerfung diene, das Unrecht wieder gut zu machen, das ſie an Euch verübt haben. Troilo wird dann dasjenige, was er gegen das Vaterland gethan hat, abbüßen, und wenn er Euch frü⸗ her beleidigte, ſo hat er Euch doch jetzt Bindo vom Tode gerettet. Der gerechte und furchtbare Gott nimmt 7 den an, der aufrichtig bereut, er freut ſich mehr über einen bekehrten Sünder, als über neun und neunzig Gerechte. Herr Nieccolo, wollt Ihr ſeine Gerichte auf⸗ halten, wollt Ihr Euch unverſöhnlicher zeigen, als die ewige Gerechtigkeit ſelbſt?“ Der nachdenkliche Greis antwortete nicht und über⸗ legte mit geſenkter Stirne und gerunzelten Brauen, ob er ſich wohl genugſam auf ſich ſelbſt verlaſſen dürſte, um zu geſtatten, daß ein Mann, welcher bis dahin ſein größter Feind geweſen war, ihm vor die Augen komme. Es ſchien ihm dies etwas ſo Ungeheures und überfiel ihn ſo unerwartet, daß es nur natürlich war, daß er einige Zeit brauchte, um ſich darein zu finden. Hätte er nur der Eingebung ſeines Herzens Gehör geſchenkt, ſo würde er dem Mönch eine entſchieden ab⸗ ſchlägige Antwort gegeben haben. Allein ſein Wider⸗ willen wurde durch die Ueberzeugung beſiegt, daß er den bekehrten Troilo, den Retter ſeines Sohnes, nicht mehr anſehen dürfte, wie den Pallesco Troilo, und daß er demſelben doch früher oder ſpäter vergeben müſſe, da ſich die Verbindung mit Liſa nicht ungeſche⸗ hen machen ließ. Als er hörte, wie ſich die Sache zugetragen hatte und wie der wachhaltende Soldat getödtet worden war, kam es ihm nicht mehr vernünftig vor, an Troilo's Aufrichtigkeit zu zweifeln, und da der Greis von Na⸗ tur nicht gewöhnt war, Umſchweife zu machen, ſagte er endlich: „Wer ein Freund dieſes Volkes iſt und für ſeine Freiheit kämpft, kann nicht mehr Feind des Niccolo de Lapi ſein. Dem Unrecht, das Troilo mir that, ſtebt nun, wie ich einſehe, eine große Wohlthat entgegen. Sodann müſſen auf jede Weiſe bei dem öffentlichen Unglück die Privatangelegenheiten in den Hintergrund treten. Sie würden nur die Gemüther getrennt hal⸗ ten, wenn es am Nöthigſten iſt, daß ſie vereinigt find. „Bruder Benedeito,“ fuhr er fort,„Ihr kennt —— 8 Niecolo ſeit fünfzig Jahren, Ihr kennt meine Gedan⸗ ten, und wie ſehr ich immer um die Ehre dieſes ar⸗ men Hauſes bekümmert war. Ich hätte mir nie ein⸗ gebildet, daß mir das begegnen ſollte, was ſich mit mir zugetragen hat. Doch Gott hat mir dieſen Kelch dargereicht und will, daß ich ihn vollends leeren ſoll— ſein heiliger Wille geſchehe!“ Und heftig bewegt, ſetzte er nach einer kurzen Pauſe hinzu: „Ich verzeihe Troilo und Liſa.“ „Herr Niccolo,“ ſagte der Mönch, indem er ihm die Hand auf den Arm legte,„Gott wird ſich dieſer Eurer Worte erinnern und ich, der ich Euch kenne, wie Ihr ſagt, weiß, was ſie Euch koſten, und deßhalb auch, was ſie werth ſind.“ So ſprechend erhob er ſich, nach San Marco zurückzukehren, um dieſe angenehme Neuigkeit Troilo ungeſäumt zu überbringen. Niccolo hielt ihn jedoch zurück, von dem unwiverſtehlichen Drange erfaßt, ſein Herz vor dem Freunde auszuſchütten. „Ja,“ ſprach er düſter,„ich verzeihe ihm, aber ich kann es nicht verbergen, es wird mir ſehr ſchwer. Wie Ihr wißt, Bruder Benedetto, kam jeder Schlag, der ſeit dem Jahre 1434, wo Cosmus zurückkehrte, bis auf den heutigen Tag, jeder Schlag, der unſere Stadt oder mein Haus traf, von den ſchändlichen Palleschi. Um ihrerwillen ruhen die Gebeine meines Paters in fremder Erde, durch ihr Beiſpiel ward die⸗ ſes einſt ſo fromme und ſittliche Volk dergeſtalt vergif⸗ tet, daß Florenz zu einem zweiten Sovom geworden. Durch ſie erlitt der heilige Bruder Girolamo den Mär⸗ tyrertod, und jetzt, ſich nicht damit zufriedengebend, das Blut ihrer Mitbürger zu vergießen, rufen ſie auch noch jene fremden Räuberbanden herbei, um das Hei⸗ matland gänzlich zu verwüſten. Der verworfene Papſt ſegnet die Waffen, welche ſeine Mitbürger zer⸗ fleiſchen und die Stadt, die ihn geboren, zerftören 9 ſollen! Ich ſollte hiebei Troilo's nicht mehr erwähnen, da ich ihm ſeine Vergehungen verziehen, zu Euch aber, Bruder Benedetto, muß ich es noch einmal ſagen, daß er mich zu tödtlich verletzt hat.“ Er ſchwieg hierauf einen Augenblick und ſetzte dann entſchloſſen bei: „Wohlan denn, bringt Beide dieſen Abend zu mir; meine Kinder, ſo wie Lamberto, den ich zu ihnen zähle, ſollen bei ihrem Empfange gegenwärtig ſein.— Die Güter der Ardinghelli wurden geplündert und den Flammen preisgegeben. Sie mögen daher einſtweilen in meinem Hauſe wohnen; es iſt ohnehin zu groß ge⸗ worden für die mir noch gebliebenen Kinder.“ Nachdem Bruder Benedetto dem greiſen Niccolo ür die Beweiſe ſeiner Großmuth herzlich gedankt hatte, kehrte er nach San Marco zurück, um dem ſei⸗ ner harrenden Troilo die Gewährung ſeines Wunſches zu verkünden. Es bedurfte jetzt nur noch der Löſung des Bannes durch die Signoria. Auch dazu bot Bruder Bene⸗ detto willig ſeine Vermittelung an und ſchrieb in die⸗ ſer Abſicht ſogleich an Aleſſandro d'Antonio Scarlattini, eines der Mitglieder des Gerichtes über die Hochver⸗ räther, der kein Bedenken trug, ihm die Löſung des Bannes durch Fanfulla zu überſenden. Troilo durfte demnach ungehindert zu Liſa gehen, die ſeiner ängſtlich wartete und unter Freudenthränen Gott auf ihren Knieen dankte, als ſie erfuhr, daß alle ihre Leiden ſich bald in Glück und Freude verwandeln ſollten. Nach den erſten Ausbrüchen des Entzückens ver⸗ ließ ſie Troilo unter dem Vorwande, ſich andere Kleider zu kaufen, da er Nichts, als ſeine Rüſtung mitgebracht hatte, eigentlich aber nur in der Abſicht, um heimlich den Meſſer Benedetto de' Nobili aufzuſuchen, dem er das Schreiben Baccio's überbringen und ſich zugleich mit ihm über die Mittel zur Ausführung ſeiner Ver⸗ rätherei berathen wollte. r —— 20 10 Das Haus des Meſſer Benedetto lag in einer der Straßen, welche von Calimala nach dem Corſo degli Adimari führen. Als Troilo dorthin kam, fand er ſo⸗ wohl die Thüre, als alle Fenſter des Hauſes verſchloſ⸗ ſen. Er trat daher in den nahe gelegenen Laden eines Schneiders und kaufte vort eine vollſtändige Kleidung, wie ſie die Bewohner von Florenz in damaliger Zeit zu tragen pflegten, wobei er die dunkelſten Farben aus⸗ wählte, um dadurch dem Geſchmacke des alten Niccolo beſſer zu entſprechen. Während er die neue Kleidung anlegte und die einzelnen Stücke ſeiner Rüftung in ein Bündel zuſammenband, knüpfte er ein Geſpräch mit dem Schneider an, um, wo möglich, zu erfahren, wo Benedetto zu finden ſei. Er erzählte eine lange erdichtete Geſchichte, wie er eines Rechtsſtreites wegen von Bologna herüber gekommen ſei und zu dieſem Zwecke des Rathes eines Rechtsgelehrten bedürfe, in⸗ dem er zugleich den Schneider erſuchte, ihm einen ſol⸗ chen vorzuſchlagen, da er völlig fremd in der Stadt ſei. Dieſer nannte ſogleich, wie Troilo gehofft hatte, den Meſſer Benedeito und ſagte ihm dabei, daß, wenn er ihn nicht in ſeinem Hauſe antreffen ſollte, er ihn nur in der Druckerei des Giunta, ſo wie in dem Wirthshauſe zum Schwein oder in dem Hauſe des S Orafo auf dem Mercato Nuovo aufſuchen öchte. Troilo begab ſich an den zuletzt bezeichneten Ort, wo er eine große Anzahl von jungen Männern der Stadtmiliz verſammelt fand. Als ſich Troilo ihnen näherte, gewahrte er eine auffallende Bewegung unter den Anweſenden, deren urſache die heimliche Entfernung Benvenuto's war, der, wie man glaubte, nach Rom gegangen ſei. Einige waren der Meinung, man müſſe verſuchen, ihn zur Rückkehr zu bewegen; Andere, ſein Haus zu plündern; Viele verlangten ſogar, man ſolle ihn hän⸗ 11 gen; Alle aber waren der Meinung, daß er die Straſe der Achterklärung verdient habe. Dieſe allgemeine Bewegung bot Troilo die er⸗ wünſchte Gelegenheit dar, den Meſſer Benedetto de' Nobili unter der Menge herauszufinden und ſich ihm unbemerkt nähern zu können. „Es wird morgen regnen,“ ſprach er, zu ihm tre⸗ tend, indem er den Himmel zu betrachten ſchien.— Benedetto kehrte ſich raſch um, als er das verabredete Loſungswort vernahm, und erkannte überraſcht den erwarieten Troilo, den er ſchnell bei Seite zog und ihm zuflüſterte: „Wir dürfen hier nicht mit einander reden„ Laß Dich in die Brüderſchaft der Buca di St. Giro⸗ lamo aufnehmen.... dort werde ich jeden Sonn⸗ abend und an den Vorabenden der Feſte mit Dir zu⸗ ſammentreffen.— Da wir Alle dort das Geſicht mit der Kappe bedeckt tragen, ſo wirſt Du mich daran er⸗ kennen, daß ich mit der bloßen Hand das Zeichen des Kreuzes mache und dreimal huſte, während ich den Handſchuh wieder anziehe. Ich werde Dich erkennen, ſobald Du zu mir ſagſt: es iſt kalt.— Zetzt verlaſſe mich, und wenn wir uns wieder an einem öffentlichen Orte begegnen ſollten, ſo thue, als ob Du mich nicht kennteſt.“ Troilo überreichte ihm ſtatt der Antwort den Brief Baccio's und verlor ſich ſchnell unter der Menge. Begierig, den Inhalt zu erfahren, kehrte Benedetto ſogleich in ſeine Wohnung zurück, wo er ſich in ſein Arbeitszimmer verſchloß und das Schreiben öffnete. Es enthielt die Warnung, auf den leichtfinnigen Troilo ein wachſames Auge zu haben, nebſt der Anweiſung hinſichtlich der zur Förderung des Unternehmens zu ergreifenden Maßregeln, und ſchloß mit den Worten: Wenn die Stadt in unſere Hände fällt, was früher oder ſpäter unausbleiblich geſchehen wird, ſo überlaſſe ich es Euch, vafür zu ſorgen, daß ſich Riccolo unſerer 12 Rache nicht durch die Flucht entziehe, worauf ich um ſo ſicherer zähle, da ich weiß, wem ich dieſen Auftrag ertheile.“ „Dafür laßt mich ſorgen!“— ſprach Nobili, in⸗ dem er das Schreiben in den Kamin warf und es in Aſche verwandelte. Der Haß, welchen er gegen Niccolo hegte, ſtammte aus früheren Jahren, wo ſich Benedetto bei der Ver⸗ waltung eines Staatsamtes den Ruf der Beſtechlichkeit zugezogen hatte. Als ihn Niccolo eines Tages über einen Bürger, den ein gleicher Verdacht traf, mit gro⸗ ßer Strenge urtheilen hörte, unterbrach er ihn mit den Worten:„Wer Andere eines ſolchen Verbrechens an⸗ klagen will, der darf ſich deſſen nicht ſelbſt ſchuldig ge⸗ macht haben.“ Benedetto erwiederte Nichts auf dieſen Vorwurf, gelobte ſich aber, dafür Rache zu üben. Seiner Ver⸗ ſtellungskunſt gelang es, ſich ſpäter mit Niccolo wieder auszuföhnen und ſogar von ihm ein bedeutendes Dar⸗ lehn zu erhalten, welches er verwendete, um damit das Schweigen eines Zeugen ſeiner Vergehungen zu erkaufen. Zum Danke ſuchte er jetzt das Verderben Riccolos anzubahnen, ſowohl um ſeine Schuld auf dieſe Weiſe zu bezahlen, als um ſich wegen der erlit⸗ tenen Beſchimpfung zu rächen. Troilo war inzwiſchen zu Liſa gegangen, um dort die Stunde zu erwarten, wo ſie den Bruder Benedetto aus St. Marco abholen ſollten, um von ihm nach dem Hauſe der Lapi geführt zu werden. Auf das ausdrück⸗ üche Verlangen ſeines Oberen ſollte auch Fanfulla ſie dorthin begleiten, um nöthigenfalls durch ſein Zeugniß die näheren Umftände der Entweichung aus dem Torre del Gallo zu beſtätigen. Als Liſa ihren Troilo in der neuen Kleidung ein⸗ treten ſah, errieth ſie ſogleich ſeine Abſicht bei der der dunkeln Farben und rief freudig über⸗ raſcht: 13 „O, wie ſchön ſtehen Dir dieſe Kleider! Du haſt wohl daran gethan, ſo einfache Farben zu wählen, mein Troilo, denn mein Vater liebt nicht die prun⸗ kende Tracht, worin ihr Krieger Euch zu kleiden pflegt. Laß Dich doch einmal betrachten!„ Wie ſchön Du biſt!. Wer dürfte ſich wohl in Florenz mit Dir vergleichen?“— Troilo, der hievon mindeſtens eben ſo vollkommen überzeugt war, als Liſa, drückte ſtatt der Antwort ei⸗ nen Kuß auf ihre Lippen, der wohl mehr ein Almoſen, als Zärtlichkeit war, den aber Liſa für das Letztere nahm, da die Zeit noch nicht gekommen war, wo ihr Wahn verſchwinden ſollte. „Mein Troilo,“ fuhr Liſa ſchmeichelnd fort, ihre weiße Hand in ſeine dunkelen Locken bergend;„ich weiß, daß Du meines Rathes nicht bedarfſt und daß Du mich vielleicht auslachen wirſt.„ ober ſieh, ich kenne meinen Vater. auf den erſten Blick flößt er Furcht ein. ja, lache nur„ich weiß wohl, daß Du die Furcht nicht kennſt ich wünſche aber doch nicht, daß Dich der durchbohrende Blick ſeines Auges ſo ganz unvorbereitet träfe Und dann wirſt Du ſelbſt einſehen, daß er Urſache hat, auf uns zu zürnen.— Er dürfte Dir vielleicht einige harte Worte ſagen.„ober nicht wahr, Du wirſt ſie er⸗ tragen? aus Liebe zu Deiner Liſa.„ Bedenke, daß auch ich viel erduldet habe, obgleich mir das Glück, mit Dir wieder vereinigt zu ſein, dafür reichlichen Er⸗ aß gewährt. Nicht wahr, mein Troilo, Du deuteſt mir dieſe Warnung nicht übel und die unfreundlichen Aeußerungen meines Vaters werden keinen Zorn in Dir erregen?“ „Rede nicht weiter, geliebte Liſa, Du kennſt mich wenig, wenn Du glaubſt, daß ich dieſen Fall nicht vorausgeſehen habe. Ich bin ſogar darauf gefaßt, von Niccolo ſelbſt Beleidigungen zu ertragen.“ 14 „O habe Dank, mein Troilo, Du haſt mir eine ſchwere Sorge vom Herzen genommen!.„ Mit dieſen Worten wand ſie ihren Arm um ſei⸗ nen Nacken und blieb einige Augenblicke in ſprach⸗ Umarmung; dann fügte ſie, ihre Augen trocknend, inzu: „Wir dürfen darüber den armen Arriguccio nicht vergeſſen. ich hätte ihn gern ein wenig beſſer ge⸗ kleidet, aber das arme kleine Geſchöpf beſitzt Nichts, als dieſe armſeligen Lumpen.“ Während ſie das Kind auf ihren Schoß nahm, um ſeine Haare und Kleidung einigermaßen zu ord⸗ nen, verkündete die Glocke des Palaſtes die Hälfte der zweiundzwanzigften Stunde. In einer halben Stunde ſollte ſie den ſchweren Gang antreten. Das Herannahen der ſo heiß erſehnten Stunde erfüllte ihr Herz mit einem unnennbaren Grauen; mit jeder Minute fühlte ſie alle ihre Pulſe heftiger ſchla⸗ gen und die dunkele Ahnung einer freudenloſen Zu⸗ kunft durchzuckte ihre Seele. Sie wandte ſich bald in kurzem heißen Gebete zu Gott, bald umarmte ſie das Kind oder blickte auf Troilo, in der Hoffnung, aus ſeinen Mienen Muth und Stärke für den ſchweren Gang zu ſchöpfen. Aber er ſaß, das Haupt gedanken⸗ voll in ſeine Hand geſtützt, am Fenſter und blickte mit ſtarrem Auge auf die Straße, wie es ſchien, mit ganz anderen Dingen beſchäftigt. Während Liſa vergeblich hoffte, einen ſeiner Blicke auf ſie oder ihr Kind ge⸗ — zu ſehen, ſchlug die furchtbare dreiundzwanzigſte tunde. Sie fühlte einen Augenblick ihre Kniee wanken, aber das Blut Niccolo's, welches in ihren Adern floß, ſiegte ſchnell über dieſe Anwandlung von Schwäche. Nach einem kurzen Gebete um den Beiſtand Gottes, nahm ſie das Kind auf ihren Arm und folgte dann ſchweigend mit feſten Schritten dem vorangehenden Troilo nach dem Kloſter, an deſſen Pforte bereits der — 15 Bruder Benedetto mit Fanfulla ihrer wartete, worauf fie ihren Weg nach dem Hauſe der Lapi nahmen. Niccolo hatte ſeine Söhne zu derſelben Stunde nach ſeinem Hauſe beſchieden und Laudomia mit der Sorge für die Zubereitung einiger Zimmer beauftragt, welche Liſa mit ihrem Kinde und Troilo bewohnen ſollten. Nachdem ſie den erhaltenen Auftrag vollzogen hatte, ging Laudemia in das Zimmer Riccolo's hinab und fand ihn dort in ſeinem Lehnſtuhl ſitzend, während Averardo, Vieri und Bindo, völlig gewaffnet, ihn um⸗ ſtanden. Auch Lamberto war zugegen, da Niccolb dies ausdrücklich gewünſcht hatte. „Ich fühle, mein Sohn,“ ſprach Niccolo zu Lam⸗ berto gewenvet,„wie ſchwer es Dich ankommen muß, ihn in meinem Hauſe zu ſehen. Was aber konnte ich Anders thun?— Er iſt mit Liſa verheiratet! Er wird fortan in unſeren Reihen kämpfen!„ Er hat Bindo vom ſchimpflichen Tode gerettet!.„ Konnte ich ihm wohl meine Verzeihung verſagen? Ich habe Dich bei dieſer Scene gegenwärtig haben wol⸗ len, weil ich Deine Standhaftigkeit kenne, und weil ihr euch früher oder ſpäter dennoch hättet ſehen müſ⸗ ſen, und dies wird Dir vielleicht weniger ſchwer fal⸗ len, wenn es in meiner Gegenwart geſchieht.“ „Mein Vater,“ entgegnete Lamberto,„für Alles, was Euch gut dünken wird hinſichtlich meiner zu be⸗ ſchließen, jetzt oder ſpäter, werdet Ihr Euch nie bei mir zu entſchuldigen haben. Es genügt, daß Ihr mich als Euren Sohn anſehen wollt, und was das Uebrige betrifft, ſo werde ich ſtreben, immer ſtärker als mein Schickſal zu ſein.“ „Du ſprichſt wie ein Mann, Lamberto,“ ſagte Niecolo; dann ſchüttelte er das Haupt und fügte hinzu: „Liſa! Rſa, Du warſt doch eine Thörin!“ Darauf ſagte Averardo, ein rauher Kriegsmann, der, kein Freund von eitlen Worten, keinen andern Gedanken hatte, außer Krieg, mit übler Laune: „Und die Narrheiten der Weiber müſſen wir büßen, deßhalb habe ich nie ein Weib genommen, und ich will nicht hoffen, daß vieſe Eheleute zu lange zögern, beim heiligen Kreuz, ich will nicht länger auf ſie warten. Im Lager war heut eine große Unruhe zu bemerken, ich möchte nicht, daß es zum Tanz ginge und ich nicht dabei wäre!“ Vieri dagegen, der, obſchon ein rechter Lapi, zu jenen glücklich begabten Mevſchen gehörte, welche ſelbſt in den Tagen des Unglücks ihre Heiterkeit bewahren, beantwortete die finſtern Worte ſeines Bruders miz dem luſtigen Ausruf: „O, wenn uns auch ein paar tüchtige Salven aus ihren Kugelbüchſen entgehn, ſo gibt es deren ja, Gott ſei Dank, noch genug! Laßt uns daher unſere gute Laune nicht verlieren. Und auch du, Lamberto, magſt dich freuen, daß du deinem Schickſal entronnen biſt. Die gute Liſa iſt eine Thörin und deren haben wir in Flo⸗ renz noch übergenug.“ Niccolo ſagte Nichts und Averardo meinte, ohne auch nur den Mund zum Lächeln zu verziehen, halb erzürnt:„Du, Glücklicher, biſt doch immer gleich gut aufgelegt.“ „Es geht, es geht, Du weißt ſchon, daß ich mit dem Maulhängen warten will, bis ich im Sarg liege; denn dabei ſeh ich keinen Vortheil, weg damit, wir wollen gutes Muths ſein, denn es nimmt vielleicht ein beſſeres Ende, als ihr denkt.“ Unter dieſen Geſprächen erſchien die Magd Mona⸗ fede, breitete ein Tuch über einen Tiſch aus, ſetzte einen Credenzteller mit zwei Flaſchen Wein darauf, dann kam Moritz, der Diener Lamberto's, den er aus der Adda gezogen hatte, die Gläſer und eine Schüſſel Confekt tragend; denn das Trinken gehörte zur dama⸗ ligen Zeit in Italien zu jeder Verſöhnung, wie noch heut zu Tage in den ſüdlichen Provinzen deſſelben, wo es häufig blutige Schlägereien unter den Bauern gibt, — und wir erinnern uns, einer dieſer Verſöhnungen bei⸗ gewohnt zu haben, wo zwei, die ſich den Tag vorher hatten umbringen wollen, ganz übel zugerichtet und mit verbundenen Wunden zum Trunk zuſammengeführt wurden: zugleich wurde uns geſagt, daß Niemanden nach dieſer Handlung in den Sinn komme, an der Aufrichtigkeit der Verſöhnung der beiden Gegner zu zweifeln. Nach dem kurzen Geſpräch, das wir erzählt haben, waren Alle verſtummt, denn in den Augenblicken, wo vie Gedanken überfließen, werden wenig Worte gewech⸗ ſelt. Nur die Magd flüſterte ſchüchtern mit dem Be⸗ dienten, um die Zurichtungen zu leiten, und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihre Herrſchaft; denn ſie ſiarb vor Begierde, ein Geſpräch über die Rückkehr Liſa's anzuknüpfen, und die Freude, vie ſie darüber fühlte, kund zu geben. Als ſie nun Alle mürriſch ſah, während ſie nach ihrer Meinung gerade recht vergnügt hätten ausſehen ſollen, wußte ſie ſich gar nicht darüber zu beruhigen, aber ſie gab ſich doch mit dem gewöhn⸗ lichen Grunde zufrieden, den ſie bei allen Fällen anzu⸗ wenden pflegte, die über ihr Faſſungsvermögen gingen, und ſagte zu ſich ſelbſt:„Nun, ſie haben einmal ihre Grillen, es iſt doch vergeblich, man muß ſie ge⸗ hen laſſen.“ Moritz ärgerte ſich indeſſen trotz dem kalten und ruhigen Weſen der Nordländer, daß er Ehre und Höf⸗ lichkeit demjenigen erweiſen ſollte, der ſeinem Herrn eine ſo ſchwere Beleidigung angethan hatte, ſeinem Herrn, für welchen er die ausſchließliche und von je⸗ dem Gedanken an Eigennutz entfernte Neigung fühlte, welche zur Schande der Menſchen in dem Hunde das vollkommenſte Muſter hat, und als Monafeda ganz vergnügt zu ihm ſagte: „Sieh, Moritz, ſolche Flaſchen gibt es wenig in Florenz, ich hatte ſie zurückgelegt. es war, als oh Niccolv de' Lapi. h. 2 18 das Herz mir ſagte, für wen ſie dienen ſollen,“ er⸗ wiederte er den Kopf ſchüttelnd: „Dieſem Herrn Drollig ich lieber eine Kugel aus einer Arquebouſe, als Kläſer mit gutem Wein möchte präſentiren.“ Indeſſen hörte man klopfen und Alle ſtanden auf. Fede lief und öffnete und hinter ihr eilte Laudomia herbei, nicht ſowohl um die Schweſter bälder zu um⸗ armen, als um nicht zuzulaſſen, daß ſie allein zum Vater hereintrete. Auch Bindo ging Troilo entgegen, um ihn einzuführen. Kaum war die Thüre geöffnet, ſo lagen ſich die beiden Schweſtern in den Armen, drückten ſich an das Geſicht und an das Herz, und blieben ſo, ohne ein Wort zu ſagen, ſo lange, als man ein Ave Maria ſpricht. Als fie ſich endlich los⸗ gelaſſen, nahm Liſa das Kind an den Hals, das bis dahin von ihrem Mann getragen worden war, und ging mit Laudomia, die ſie mit der einen Hand am Arm hielt, mit der andern ihren Leib umſchlang. Bru⸗ der Benebetto ging voran, hintendrein Troilo mit Bindo, Fanfulla kam zuletzt. Niccolo erhob ſich, um ſie zu empfangen und blieb neben ſeinem Lehnſtuhl ſtehen, auf deſſen Lehne er die Hand ſtützte. Seine Haltung war ehrfurchtgebietend und er warf einen ernſten, aber ruhigen Blick auf die Eintretenden. Zu ſeiner Rechten ſtand Averardo mit ſinſterer Miene, die Hand am Degengefäß, zu ſeiner Linken Vieri und Lamberto. Als der Bruder Benedetto über die Schwelle ge⸗ treten war, ſprach er, während er mit den Uebrigen vortrat: „Herr Rircolo, hier iſt Eure Tochter, hier iſt Herr Troilo, welche wiſſen, daß ſie Eurer Verzeihung be⸗ dürftig ſfind, und kommen, Euch darum zu bitten. Sie ſind bereit, für die Zukunft ſtets nur nach Eurem Willen zu handeln und hoffen, Ihr werdet ſie als ge⸗ 19 horſame Kinder freundlich aufnehmen und ihnen ein liebender Vater ſein.“ Während der Mönch ſprach, hatte ſich Liſa bebend genähert und fiel zu den Füßen des Vaters auf die Kniee, ihr Haupt ſenkend und halb hinter den Leib ihres Kindes verbergend, welches ſich beim Anblick ſo vieler unbekannter Leute mit ſeinen Händchen an die Mutter klammerte. Auch Troilo hatte ein Knie zur Erde ge⸗ beugt, ein wenig weiter rückwärts. Als er ſich in Gedanken auf dieſe Seene vorbereitete, hatte er ſich vorgenommen, ſich durchaus nicht zu einer ſo erniedri⸗ genden Handlung einem Seidenhändler gegenüber her⸗ abzugeben; er würde den für einen Narren gehalten und verlacht haben, der ihm das zugemuthet hätte. Aber als er in dieſes Gemach eintrat, hatte ihn die hohe majeſtätiſche Geſtalt des hochbetagten Volksman⸗ nes, die imponirende Würde, welche auf Niccolo's Stirne glänzte und in ſeiner Haltung erſchien, der Verſtand und die Kraft, die in ſeinen Blicken leuchteten, alles das hatte ihn ſo verwirrt, ſo überwunden, daß ihm auf einmal aller Stolz entfiel und daß er ſich ſo klein, ſo verächtlich dieſem Mann gegenüber vorkam, daß er faſt, ohne zu wiſſen wie, von einer unbekannten und un⸗ überwindlichen Kraft zu ſeinen Füßen geworfen wurde. In dieſem Augenblick fühlte er ſeine Kühnheit ſchwin⸗ den, dem niedrigen Verrath ſeine Hilfe zu leihen, es kam ihm vor, als ob der erſte Blick des Greiſes ihm bis tief in das Herz gedrungen ſei und deſſen ganzes verbrecheriſches Geheimniß ſogleich erkannt hätte; es fehlte wenig, ſo hätte er ſeine Knie umfaßt, Alles be⸗ kannt und um Verzeihung gefleht. Aber ihn dahin zu bringen, konnte nicht die bloße Bewegung dieſes erſten Anblicks hinreichen, ohne daß ſich damit eine der tu⸗ gendhaften Regungen verband, welche manchmal auch die Schurken am Rande des Abgrunds aufhalten. Doch ſolcher Regungen war die Seele Troilos nicht mehr fähig. 20 Auch erinnerte er ſich in dieſem Augenblick an Baccio Valori, an ſeine Freunde im Lager, er glaubte ihre Geſichter vor ſich zu ſehen, wie ſie über ſeine Zer⸗ knirſchung lachten und ihn verſpotteten; er befeſtigte fich mehr als je in ſeinen erſten Gedanken und einſehend, daß wenn er nicht ſeine Partei bei dieſer Gelegenheit vollkommen hintanſetze, Verdacht über ſein Benehmen er⸗ wachen könnte und das völlige Fehlſchlagen ſeiner Unternehmung daraus folgen würde, beherrſchte er ſein Geſicht und ſeine Haltung und bereitete ſich, ſo zu ſprechen, daß die Verſtellung vollkommen gelang. Was Niccolo betrifft, ſo hatte dieſer beim Anblick Troilos eine unbeſchreibliche Aufgeregtheit gefühlt, aber dieſe in ſein Herz zurückdrängend, betrachtete er ihn faſt neugierig, wie der Mann ausſähe, der die Urſache ſo großer Verwirrungen geweſen war.—— Er iſt ſchön, das läßt ſich nicht läugnen, ſagte er zu ſich ſelbſt. Dann fügte er gleich hinzu: Wie konnte ſich doch Liſa in dieſen verlieben? Denn wenn er auch den Au⸗ gen Niccolos gefallen hatte, ſo war er doch von ſei⸗ nem Herzen zurückgewieſen worden. Aber er beachtete dieſes Urtheil nicht, indem er es für die Wirkung des Haſſes, den er bisher für ihn gefühlt hatte, hielt, und er hatte ihn kaum das Knie beugen ſehen, als er zu ihm ſagte: „Steht auf, Herr Troilo, Liſa ſteh auf, und hört mich an!“ Als ſie ſich beide erhoben hatten, fuhr Niccolo fort: „Wenn ich euch die Thüre meines Hauſes öffnete, ſo geſchah es nicht in der Abſicht, euch böſe Worte zu ſagen oder euch Vorwürfe über das Vergangene zu machen. Was mich betrifft und die Beleidigungen, die ihr mir angethan habt, ſo bin ich zufrieden, ſie euch freimüthig zu verzeihen, und verſpreche ſie auch ganz und für immer zu verlöſchen, gleichwie Gott meine Sünden verlöſchen mag. Aber ich will, daß Ihr wiſſen ſollt, Herr Troilo, und ich ſag es Euch nun mit offenem d S— — — 21 Geſicht, damit ich für die Zukunſt nicht mehr nöthig habe, auf dieſes Geſpräch zurückzukehren, ich will, daß Ihr wiſſen ſollt, daß, wenn Ihr nicht nach Florenz ge⸗ kommen wäret, und anſtatt die Freiheit dieſes Volks zu vertheidigen, wie mir ſeitdem geſagt worden iſt, daß ihr zu thun vorhabt. 4 „Und ſie haben Euch die Wahrheit geſagt, Herr Niccolo, ich hege keinen andern Wunſch.“ „Ich will es glauben. Aber laßt mich ſprechen. Wenn Ihr alſo im Gegentheil bei den Feinden unſeres Vaterlandes geblieben wäret, ſo haltet für gewiß, Herr Troilo, daß Riccolo de Lapi, bevor er Euch zum Schwie⸗ gerſohn angenommen hätte, ſich lieber hätte in Stücke hauen laſſen. Nun dann, wenn Florenz einen guten Soldaten, einen Vertheidiger mehr gewonnen hat, ſo nehme ich Euch nicht nur zum Schwiegerſohn an, ſon⸗ dern ich ſegne alle meine Leiden, da ſie zuletzt noch dahin führen, unſerer Stadt zur Wohlthat zu gereichen. Ich werde von nun an keinen Unterſchied mehr zwiſchen Euch und meinen andern Söhnen machen, aber Ihr müßt wiſſen, daß ich ihnen geſchworen habe und ſo auch Euch ſchwöre bei jener geheiligten Aſche, die Ihr dort in der Niſche ſeht und die noch warm von dem Scheiterhaufen geſammelt wurde, von welchem die heilige Seele des Bruders Girolamo in das Paradies aufflog, ich ſchwöre Euch, daß es, wenn es ſich je zu Eurem Unglück ereignete, daß Ihr auf irgend eine Weiſe gegen die Pflicht eines guten Bürgers fehltet, ich Euch zu treffen wiſſen werde, entweder ich mit mei⸗ nem Schwerte, oder Gott, der immer den Fluch eines Vaters hört, mit ſeiner Rache.“ Troilo fühlte bei dieſen Worten einen Schauer durch ſeine Adern rinnen, aber dem Verbrecher gleich, der ſich im Verhör unbefangen ſtellt und jedes Wort vermeidet, das ihn verrathen könnte, antwortete er kühn und mit ſo vielem Rachdruck, ais er in ſeine Stimme zu legen vermochte: ———— ¹ 22 „Und ich, Herr Niccolo, nehme, wenn Ihr von ietzt an mich als Euren Sohn betrachten wolli, dieſen Schwur auf mein Haupt und mit der Hilfe Gottes und des ſeligen Bruders Girolamo, der von jetzt an mein einziger Schutzheiliger und Fürſprecher ſein ſoll, bin ich überzeugt, daß er nicht zu meinem Verderben gereichen wird.“— „So hoffe auch ich,“ entgegnete Nicolo. Dann ſtellte er ihm nach einander ſeine Söhne vor:„Dieſer iſt Averardo, dieſer Vieri, hier Bindo, und dieſer iſt Lamberto.“ Dieſer Name machte Troilo beben, denn er wußte von dem, was früher zwiſchen ihm und Liſa vorge⸗ gangen warz; ſie aber ſchlug die Augen nieder und er⸗ blaßte.— Niccolo ſchwieg nachdenklich einige Minuten; dann betrachtete er Lamberto, welcher mit finſterer Miene unbeweglich daſtand. „Lamberto!— Niccolo hat verziehen. Höre auf die Ermahnung Deines Vaters, mein Sohn! Es han⸗ delt ſich hier nicht um uns, ſondern um Florenz, es handelt ſich um das Vaterland. Denken wir an die dieſem angethane Beleidigung, nicht an die uns wider⸗ ſahrene! Der Untergang iſt vor unſern Augen, dür⸗ fen wir an etwas Anderes denken, als an die Gefahr des Vaterlandes? Einheit! Eintracht! Bei Goit, Florenz, ganz Italien weiß, daß Staaten, welche Par⸗ teiungen zerrütteten, immer dem Erſten Beſten zur Beute geworden find. Gegen die Feinde unſerer Frei⸗ heit, gegen die Verräther, die ſich gegen unſere Repu⸗ blik empörten, muß der Haß, die Kraft und das Schwert jedes Einzelnen ſich wenden; doch der Be⸗ reuende ſei als Bruder empfangen. Erinnert euch an den Tod des Lorenzo von Medici,— der ſelige Bru⸗ der Girolano bot ihm die Verzeihung und das Erbar⸗ men Gottes unter der einzigen Bedingung, dem Staate, deſſen er ſich mit Unrecht bemächtigt hatte, ſeine Rechte und dem Volke die Freiheit wieder zu geben. Er ————— ſchlug die Verzeihung aus und ſtarb als ein ſo ruch⸗ loſer Sünder, wie er gelebt hatte; aber es lag nur an ihm, ſie zu erhalten und unſer heiliger Meiſter hätte fie ihm nicht verſagt, wenn er Buße gethan und das begangene Unrecht wieder gut gemacht hätte. So dürfen auch wir ſie nicht verſagen. Wie ſoll uns Gott helfen, wenn wir fortfahren, ihn durch Halsſtarrigkeit zu beleidigen?“ „Oh, Herr Riccolo, ſagte Bruder Benedeito mit gefalteten Händen,„dieſe Worte ſind heilig! Wäre doch ganz Florenz gegenwärtig, um uns zu hören.“ Nun gab der Alte der Magd einen Wink und dieſe trat mit Moritz heran. Sie blieb vor Riccolo ſtehen und reichte ihm den Teller mit dem Wein und den Bechern. Er ſchenkte ein und ließ Jeden ſein Glas nehmen und ſo tranken Alle. Darauf legte Niccolo ſeine Hände auf Troilo's Schulter und küßte ihn auf den Mund(der damals übliche Friedenskuß), er küßte auch die Tochter und das Kind und Alle, Einer nach dem Andern, thaten daſſelbe. Niccolo verlangte, auch die Magd Monafeda und er Bediente ſollten trinken. Die Magd gehorchte ſo⸗ gleich, näherte ſich Liſa mit dem Becher in der Hand und ſagte: „Gebieterin, ich wußte wohl, daß dieſer Tag kom⸗ men würde, und ich will mich nicht rühmen, aber ich hatte gelobt, jeden Sonnabend zu faſten, damit Gott die heilige Nunziata Euch dieſe Gunſt erzeigen möchten.“ „Alſo Dir habe ich es zu verdanken?“ erwiederte Liſa lächelnd. Moritz aber ließ ſich gar nicht zum Trinken be⸗ wegen, ſondern antwortete auf das dringende Bitten der Magd:„Nicht turſtig ſein!“ Selbſt Lamberto konnie ihn nicht überreden, und als er endlich davon abſtand, ſagte Vieri lachend: „Wenn Du gewußi hätteſt, daß er keinen Wein — 5 ———— 24 hätteſt Du ihn das Waſſer der Adda trinken aſſen.“ Moritz ſchwieg grollend, dann ging er brummend hinaus und wiederholte in ſich hinein:„Harkebuſiren, nicht Wein trinken laſſen.“ Indeſſen hatte ſich die Geſellſchaft, ohne weiter auf ihn zu achten, am Kamin im Kreiſe herumgeſetzt. Die beiden Schweſtern ſaßen neben einander und Lau⸗ domia hatte Arriguccio auf dem Schvoße, auf der an⸗ dern Seite Hand in Hand mit Liſa ſaß Troilo, Bru⸗ der Benedetto hatte ſich zu Niccolo geſetzt. Alle waren unbefangener geworden und hatten verſchiedene Ge⸗ ſpräche angeknüpft. Auf einmal erſchracken Alle, ver⸗ ſtummten und horchten mit der größten Aufmerkſamkeit auf die große Rathhausglocke, welche drei oder vier⸗ mal anſchlug, dann fortwährend läutete und immer lauter, bis das Geläute aller Glocken der Stadt ein⸗ ſtimmte, mit einem Getöſe verbunden, welches of⸗ von fernem Geſchrei von Kriegerſcharen her⸗ rührte. Hierein miſchte ſich bald das ferne Brüllen der Geſchütze und der Lärm ſchien ſich zu nähern, die Straßen füllten ſich mit Menſchen, das Getümmel und Geſchrei wuchs, Fenſter und Thüren wurden knarrend geöffnet und geſchloſſen. Die ganze Stadt ſchien durch einen wichtigen und unvorhergeſehenen Zufall zu den Waffen gerufen worden zu ſein, und immer zahlreicher wurden die Volkshaufen auf den Straßen, ihr Schreien immer lauter und aus einer an den Fenſtern vorüber⸗ eilenden Schar rief eine laute Stimme:„Zu den Waffen! Zu den Waffen! Für Volk und Freiheit! Feinde in Florenz!“ N ve—— v u ———— 8 Zwanzigſtes Kapitel. Die Wuth beſchreiben zu wollen, welche Niccolo, Averardo, Lamberto, Vieri und Bindo bei dieſem Ruf ergriff, den Schrecken des Bruders Benedetto und der beiden Mädchen, die Verwundung Troilo's, der nichts weniger als dieß erwartete, würde vergeblich ſein, aber der Leſer möge es ſich denken. Averardo ſprang nach ſeinem Gewehr, das er in einem Winkel gelaſſen hatte, knirſchte mit den Zähnen und ſagte mit von Wuth erſtickter Stimme: „Verwünſcht ſei die Stunde, in welcher ich mich von der Mauer entfernte!“ Seine Brüder hatten mit Lamberto und Fanfulla zugleich ebenfalls nach ihren Waffen gegriffen, und der Letztere zündete, ohne irgend ein Zeichen der Verwir⸗ rung blicken zu laſſen, da er an gleich bedrängte Lagen gewöhnt war, an der Glut der Lampe die Lunte ſei⸗ nes Gewehrs an und ſagte:„Jetzt gilt es Ernſt!“ und Alle erhoben ſich zugleich, um hinauszugehen, als fünf oder ſechs Männer vom gemeinen Volk, Seidearbei⸗ ter im Dienſt des Niccolo, haſtig eintraten und zu ihm ſagten: „Herr, wir ſind da außen fünfzig Geſellen und kommen, Euer Haus zu beſchützen und Euch bis in den Tod zu vertheidigen.“ „Was, mich vertheidigen?“ rief Niccolo;„auf die Mauern, auf die Mauern! denn heute iſt der Tag, daß wir alle für unſere Freiheit ſterben müſſen und ich will der erſte ſein.“ Der ergrimmte Greis faßte eine Waffe und wollte mit den Andern hinausgehen und ſelbſt zur Vertheidi⸗ gung forteilen, obgleich alle, beſonders ſeine Töchter ihn mit flehentlichen Blicken und faſt mit Gewalt zu bleiben zwingen wollten. Er aber wies ſie ſtolz, zu⸗ erſt mit Worten, dann mit Stößen von ſich und rief: „Ich will fechtend ſterben!“ Und ohne daß er überzeugt oder zurückgehalten werden konnte, drängte er ſich ver⸗ zweifelt der Pforte zu, als ein Thürſteher des Raths eilig ankam, der von Seiten des Gonfaloniere berich⸗ ten ſollte, die Feinde ſeien nicht in Florenz, wie das Gerücht gegangen wäre, ſie hätten blos mit einer An⸗ zahl von Leitern einen Sturm auf die Mauern begon⸗ nen und deßhalb ſei der Befehl ergangen, daß alle waffenfähigen Männer über den Arno nach St. Ric⸗ colo etlen ſollten, wo der erſte Angriff erfolgt war. Bei der Nachricht, daß die Republik dem Unter⸗ gang noch nicht ſo nahe fei, als er vorher geglaubt hatte, ließ ſich Niccolo endlich, aber immer noch mit Mühe bewegen, zu bleiben. Unter der Hausthüre ſte⸗ hend, rief er mit empor gehobenen Händen den fort⸗ eilenden Jünglingen laut nach: „Lebt wohl, meine Söhne! Erinnert Euch, daß Ihr Chriſten ſeid und freie Bürger, und nun auf Wie⸗ derſehen! vielleicht im Himmel!“ Sie verloren ſich in der Menge und Troilo, der auch mit ihnen gehen und ſich willig und kühn zeigen mußte, dachte bei ſich:„Es wäre eine verdammte Ge⸗ ſchichte, wenn die Kugel einer Arquebouſe in dieſer Nacht die Verſprechungen Baccio's erfüllte!“ Niccolo behielt nunmehr, nachdem er den größten Theil der Handwerker, welche ſich zum Kampf ange⸗ boten hatten, fortgeſchickt hatte, nur acht oder zehen von ihnen bei ſich, um ihm zu helfen, das Haus in Ordnung zu bringen und es in den Stand zu ſetzen, einen Sturm auszuhalten. Sein erſter Grimm hatte der Vernunft Platz gemacht und da die Stadt noch nicht bezwungen war, änderte er ſeinen Vorfatz und beſchloß, damit ſeine armen Töchter nicht in die Hände der Soldaten und der Palleschen fallen möchten, das —————— 47 Haus zu verbarrikadiren und dem Feinde die Spitze zu bieten, im äußerſten Nothfall aber Feuer in das Haus zu legen und ſich mit ſeinen Töchtern zu verbrennen, um ſich die Freiheit und ihnen die Ehre zu erhalten. Und Niccolo war der Mann dazu, ſo zu handeln. Den alten Sitten in Florenz zufolge, die er in Nichts hätte ändern mögen, hatte er bereits Eiſenſtan⸗ gen, Ketten und Balken im Vorrath, um ein Bollwerk zu errichten. Sie lagen unter der Halle des Hofs und in kürzeſter Zeit wurden ſie auf die Straße ge⸗ zogen und auf eine Weiſe geordnet, daß die Befeſtigung in einem Augenblick hergeſtellt werden konnte. Als dieß geſchehen war, ſchickte er einen von ſei⸗ nen Leuten in die Häuſer Carnoſechi, welche neben dem der Lapi ſtanden und durch die Straße de Cantt von demſelben getrennt waren, und ließ ihnen ſagen, ſie ſollten ſich bereit halten, indem er die Abſicht habe, eine Brücke über die Straße zu bauen und dazu ihre Mithülfe in Anſpruch nehme. Bald ſah er aus den Lücken, die zu dieſem Zweck an dem erſten Stockwerk ſeines Hauſes angebracht waren, lange Balken heraus⸗ ehen, welche von Männern im Innern gehoben in orreſpondirende Löcher der Häuſer der Carneſechi ein⸗ geſchoben wurden, über dieſe Balken wurden in meh⸗ rere Lücken Bretter gelegt, welche unter einander mit eiſernen Hacken feſtgemacht wurden und ſo eine ſehr! feſte Brücke bildeten, welche Menſchen und Waffenge⸗ räthe tragen konnte, um die Feinde, welche in dieſe Straße dringen würden, zu erdrücken. Inzwiſchen ordnete Riccolo mitten auf der Straße, wo man durch Lichter, die an alle Fenſter geſtellt wa⸗ ren, ſo hell ſehen konnte, wie am Tage, bald dieſen. bald jenen ſcheltend, alle ermuthigend, mit Worten und durch ſeine Gegenwart, dieſe Zurüftungen an, Waffen jeder Art wurden aus den Magazinen, wo ſie aufge⸗ häuft waren, ins Innere des Hauſes gebracht, die Orte, die dem vorausſichtlichen Kampfplatz am nächſien 28 lagen, nämlich in den Gang, der mit der Hausthüre in gleicher Richtung lief, und auf den erſten Altan unter den Fenſtern, die auf die Brücke hinausgingen, ge⸗ bracht, Laudomia, Liſa und vie Alte halfen ebenfalls das Röthige beſorgen, und alle rannten, durch das Laufen und durch die Gemüthsbewegung erhitzt, hin und her und brachten, wohin es nöthig war, Bündel von Lan⸗ zen, Steine, große Wurfgeſchoſſe, Gewehre und Waffen aller Art. Der Eifer, welchen Niecolo und die ganze Fami⸗ lie der Lapi in dieſer Nacht bewies, zeigte ſich auf wunderbare Weiſe in ganz Florenz, und der Prinz von Oranien, welcher, weil die Nacht ſehr dunkel und reg⸗ neriſch und der Vorabend des St. Martinstags war, die Wachen nachläſſig oder in Wein begraben zu finden geglaubt und in dieſer Vorausſetzung unverſehens die Wachen von dem Thor St. Niccolo bis zu dem Thor St. Friano mit einer großen Menge von Leitern ange⸗ griſſen hatte, um die Stadt zu überrumpeln, wurde ſtatt deſſen von einem ſo heftigen Kugelregen empfan⸗ gen und fand die Wälle ſo gut mit Vertheidigern ver⸗ ſehen, daß er zuletzt mit Schande von ſeiner Unterneh⸗ mung ablaſſen und ſich mit nicht geringem Verluſt an Soldaten zurückziehen mußte. Aber wenn es ihm auch gelungen wäre, die Mauern auf irgend einer Seite zu bezwingen, ſo iſt ſchwer vorauszuſehen, was geſchehen ſein würde, und was uns betrifft, ſo glauben wir, daß er deßwegen doch den Sieg nicht davon getragen haben würde, denn die Bürgerwehr bewaffnete ſich in einem Augenblick, alle Bürger eilten zum Kampf und in den dem Lager am nächfien liegenden Wohnungen bis an die Brücke hin und noch weiter hinaus waren die Straßen ge⸗ drängt voll bewaffneter Männer, aber von den Häu⸗ ſern aus hätten Greiſe, Frauen und Kinder, in⸗ dem ſie Steine, Ziegel und was ihnen in die Hände gekommen ſein würde, herabwerfen, der Vertheidigung m 29 keine kleine Unterſtützung gewähren können, die Ver⸗ zweiflung hätte die Stärke und die Kähnheit eines Volks verdoppelt, das durch das Vergangene zu ſehr gezeigt hatte, welche Kraft es in bürgerlichen Kriegen entwickeln könne, und vielleicht hätte das kaiſerliche Heer, welches an Waffenfähigen kaum fünfzehntauſend Streiter zählte, vor Florenz ſein Grab gefunden, wäre nicht dieſe große und unglückliche Stadt von Gott zu noch längeren Leiden und noch größerer Züchtigung verurtheilt geweſen. Nach kurzer Zeit ſtanden die feindlichen Truppen, an der Möglichkeit des Sieges völlig verzweifelnd, von der Unternehmung ab und zogen ſich in ihre Quartiere zurück, von wo aus der Prinz von Oranien in der Richtung von Bologna abzog, um vom Kaiſer und dem Pabſt, welche ſich wegen der Krönung dort⸗ hin begeben hatten, neue Hülfsmittel an Leuten und Geſchütz zu fordern, ohne welche er keine Möglichkeit ſah, irgend einen Vortheil erringen zu können. Die Miliz der Stadtviertel kehrte, als ſie die Gefahr vor⸗ übergegangen ſah, zurück und vertheilte ſich nach und nach in ihre Häuſer, die Straßen wurden bald leer, die Fenſter geſchloſſen, die Lichter und Laternen ver⸗ ſchwanden und Alles kehrte zur Ruhe und zu dem ge⸗ wöhnlichen Schweigen zurück. Diejenigen unter den Vertheidigern, welche Wun⸗ den davon getragen hatten, wurden mit Sorgfalt ge⸗ pflegt, die am übelſten Zugerichteten in den Kranken⸗ häuſern, die andern in ihren eigenen Wohnungen, und während deſſen nannte man ſich die Gefährten, die Bürger, welche bei dem Sturm geblieben waren; der Eine beklagte ſie, der Andere betete für ſie, die Mei⸗ ſten aber beneideten ſie, indem ſie für gewiß hielten, ihre Seelen würden, wie diejenigen von Märtyrern, unmittelbar emporſteigen, um die Freuden des Para⸗ dieſes zu genießen, und die frömmſten und eifrigſten unter ven Piagnonen, welche der Meinung waren, daß 30 bei dieſer Unternehmung die Weiſſagung des Bruders Girolamo ſich beſtätigt habe, der den Florentinern die Hilfe der Engel ſelbſt verheißen hatte, wurden immer glühender in dieſem Glauben, hielten das Ende dieſer Kämpfe für ganz nahe und es fehlte nicht an ſolchen, welche verficherten, Engel in der Luft geſehen zu haben, die mit feurigen Schwertern kämpften und mit jedem Streich ganze Reihen feindlicher Truppen niederhieben. Niemand konnte ſich mehr als Niccolo rühmen, den Glauben an Savonarola rein und vollkommen in ſeinem Innern zu hegen, und wenn er vielleicht nicht völlig überzeugt war— denn er beſaß einen zu ſcharſen Verſtand, um ſich ſo weit fortreißen zu laſſen, daß er Engel kommen zu ſehen glaubte, um Florenz zu vertheidigen, ſo gründete er doch auf die Worte Savonarola's die Hoffnung, um nicht zu ſagen die Gewißheit einer beſonderen göttlichen Hilſe, durch die ver Feind immer zurückgetrieben werden würde. Nachdem das Geräuſch und der Lärmen vorüber und er mit ſeinen Töchtern in ſein Zimmer zurückge⸗ kehrt war, ſetzte er ſich an den Herd, durchdachte das ganze Ereigniß dieſes Abends und ſagte ſeufzend: „Modicae ſdei! quare dubitasti*“ Worte, welche der Bruder Girolamo häufig gebraucht hatte und die er nun auf ſich ſelbſt anwendeie, ſich betrübend, daß er einen Augenblick in ſeinem Vertrauen habe wanken können. Während er dieſen Gedanken nachhing, erwar⸗ teten Liſa und Laudomia, mit Ungeduld zu den Fen⸗ ſtern ſich hinauslehnend, die Rücktehr der Jünglinge, nicht ohne Bewegung und Furcht, daß ihnen ein Un⸗ glück begegnet ſein möchte. Bald aber verſchwand jede Beſorgniß und gegen Mitternacht kehrten Alle zurück, ausgenommen Averardo, der faſt nie nach Haus zum Schlafen kam und kein anderes Zimmer verlangte, als vie Caſematten der Wälle, noch ein anderes Bett, als die bloße Erde, und Freude erfüllte jetzt das Haus der Lapi. Als Bindo zuerſt und dann die andern alle ———.— —— ——*—— —* ——— W— S v* NM w — — S—— 31 vergnügt hereingetreten, ihre ſchweren Büchſen mit Geräuſch in einen Winkel geſtellt und Vater und Schwe⸗ ſtern begrüßt hatten, erzählten ſie ſowohl von der Rie⸗ derlage der Feinde, als auch von den Waffenthaten der Freunde. Bindo hatte einen Streifſchuß auf die linke Armſchiene erhalten und zeigte die Spuren der Kugel mit vor Freude glänzenden Augen, welche zu ſagen ſchienen: Auch ich bin ein Krieger! Vieri er⸗ zählte, wie Lamberto einen großen Stein auf eine dicht mit Feinden beſetzte Leiter mit ſolcher Geſchicklichkeit geſchleudert hätte, daß er viele zerſchmettert und alle hinabgeſtürzt hatte. Alle lobten ferner Troilo wegen ſeiner Tapferkeit und Bindo mehr als die andern, denn er hatte an ſeiner Seite gekämpft und ihn ſeine Arme ſo gebrauchen ſehen, daß viele Kaiſerlichen und Pal⸗ leschen, wenn ſie gewußt, von weſſen Hand die Hiebe kamen, die fie trafen, hätten ſagen können, Troilo ſpiele die Rolle eines Piagnonen ein wenig zu natürlich. Er hatte ſich wirklich als kühner und tapferer Soldat be⸗ tragen, da er ſich dazu gezwungen fand, während er ſich doch im Innern ärgerte, Gefahr zu laufen, einen ſeiner Freunde zu tödten oder von einem getödtet zu werden. Niccolo hörte den Lobeserhebungen Bindo's mit großer Befriedigung zu und das Benehmen Troilo's überzeugte ihn mehr und mehr von deſſen wahrhafter Beſſerung und Zuneignung für die Partei, welche für Freiheit und Volksherrſchaft kämpfte. Troilo äußerte mit verſtellter Beſcheidenheit und Zerknirſchung: „Es iſt kein Verdienſt, tapfer zu kämpfen, Herr Niccolo, wenn es eine ſo heilige Sache gibt und Gott ſelbſt uns ſeine Gnade durch ſo ſichtbare Zeichen zu erkennen gibt. Fürchtete ich nicht in gewiſſen Beziehun⸗ gen, in welchen man ſehr vorſichtig ſein muß, allzu leichtgläubig zu erſcheinen, ſo würde ich zu behaupten wagen, daß ich heute Nacht die Engel von unſern Mauern herab die Feinde bekämpfen ſah.“— Der 32 Schelm kannte dieſe unter den Piagnonen verbreitete Sage und hatte ſelbſt mehrere darüber flüſtern gehört, welche in ihrer fanatiſchen Begeiſterung während des Sturmes dergleichen zu ſehen glaubten. „Gott vermag Alles,“ erwiederte Niccolo,„und vielleicht verhält es ſich ſo. Verdienen aber unſere Sünden ſolche Gnade? Zedenfalls dürfen wir anneh⸗ men, daß Gott der Schild unſerer Schwachheit iſt und daß ſein Arm da ausreichen wird, wo Menſchen⸗ kräfte nicht mehr ausreichen. Das verbürgte uns der Bruder Girolamo und ſeine Wunderthaten geben uns die Ueberzeugung, daß er von Gott begeiſtert war. Meine lieben Söhne,“ fuhr er nach kurzer Pauſe fort, „ich habe Euch heute Abend Aergerniß gegeben, ich habe Zweifel verrathen!. ich irrte ſehr und geſtehe auch mein Vergehen, damit ihr kein böſes Beiſpiel an mir nehmt und immer feſter in dem Glauben werdet, ver uns zuletzt den Sieg verſchaffen wird.“ Ein ſo aufrichtiges Geſtändniß mußte im Munde eines Mannes, wie Niccolo, einen großen Eindruck machen, aber er gehörte zu den Wenigen, welche Alles ſonr Allem ſich ſelbſt der Wahrheit zu opfern fä⸗ hig find. Ohne eine Erwiderung auf ſeine Worte zu erwar⸗ ten, ließ er Alle zu Bette gehen, indem er auf die ſpäte Stunde und das Bedürfniß nach Ruhe, das fie Alle empfinden müßten, aufmerkſam machte. Dann öffnete er ſein Tagebuch und ſchrieb in demſelben die Ereigniſſe dieſes Abends nieder, ſandte ein heißes Ge⸗ bet zu Gott, in welchem er ſeine Vaterſtadt, ſeine Familie und ſich ſelbſt deſſen Schutz empfahl, ging zu Bette und entſchlummerte. Aber nicht Allen, welche unter demſelben Dache ruhten, war ein eben ſo ruhiger Schlaf in dieſer Nacht vergönnt. Lamberto begab ſich nach der Kammer, welche er als Knabe bewohnt hatte und deren Anblick ihm eben 8— e c — 33 ſo viele heitere als trübe Erinnerungen erregte. Er rief ſeinen Diener, um ſich entwaffnen zu laſſen, und während Moritz ihm hiezu behilflich war, konnte er ſich nicht enthalten, zuweilen zu ſeufzen, was der Auf⸗ merkſamkeit des treuen Dieners nicht entging, der kein Auge von dem Geſicht ſeines Herrn verwendete. Der Schweizer ſchüttelte den Kopf, denn er wagte es nicht, das Geſpräch zuerſt auf das zu bringen, was nach ſei⸗ ner Vermuthung die Gedanken ſeines Herrn erfüllte, ſein Herr aber bemerkte die auffallenden Geſten des Dieners nicht und dieſer war mit dem Ausziehen der Rüſtung fertig geworden, ohne daß es ihm gelungen war, Lamberto's Aufmerk amkeit auf ſich zu ziehen. Moritz ſchickte ſich an, die Rüſtung Stück für Stück zu reinigen und mit einem Lumpen abzureiben, worauf er ſie an den in der Mauer befeſtigten Kloben aufhing. Als er an den Dolch kam, zog er dieſen aus der Scheide, um die Klinge zu reinigen, und ließ ihn im Lichte blin⸗ ken, um zu ſehen, wo er etwa Schaden gelitten habe. Dann bevobachtete er unter dem Putzen heimlich die Miene ſeines Herrn, der ſich entkleidete, um zu Bett zu gehen, und mit finſterer Geberde daſtand. Als er ihn ſo ſah, konnte er ſich nicht enthalten, während der Arbeit vor ſich hin zu ſagen: „Ich wohl wiſſen, wo gut anwenden, dieſe ſchöne Klinge.“ „Und wo?“ fragte Lamberto halb lächelnd, da er ungefähr errieth, was Moritz ſagen wollte. „Gut anzuwenden in der Bruſt von Herr Drollig.“ „Stecke den Dolch in die Scheide, fteck ihn in die Scheide, du Narr, und geh zu Bette!“ „Geh ſchon, aber Herr Drollig Verrätbergeſicht haben. Kein Biedermann der! Ich ſein arm Soldat, arm Bedienter, nicht reden dürfen, aber dieſen Abend ſagen wollen: Nicht drinken, Herr Lamberto, nicht drinken!„ Und ich fügte er mit ſeinem ge⸗ Niccolo de' Lapi. M. 3 wöhnlichen ſonderbaren Kopfſchütteln hinzu,„ich doch nicht haben gedrunken!“ Lamberto ſchalt ihn und mußte doch über ſein Weſen lachen. Er rieth ihm, ſeine Wuth durch einen guten Schlaf zu dämpfen, und Moritz ging hinaus, kmmer vor ſich hinmurmelnd:„Ich eben doch nicht ge⸗ vrunken haben.“ Kaum eine halbe Stunde vermochte es Lamberto im Bette auszuhalten. Die unerträgliche Wallung ſei⸗ nes Blutes jagte ihn vom Lager empor und leicht be⸗ kleidet öffnete er das Fenſter, um friſche Luft zu ſchöpfen. Zu harte Proben legte ihm die Entſagung auf, die er ſich vorgeſetzt hatte. Man bedenke nur, was ſein Herz bei dem Gedanken empfinden mußte, ſich in demſelben Zimmer zu befinden, das er vor wenigen Jahren voll Liebe und Hoffnung, voll ſeliger Täuſchungen verlaſſen hatte! Neben ihm ragte verſelbe Söller, wo ihm Liſa jene Roſe, das nur zu paſſende Bild ihrer Beſtändig⸗ keit, gegeben hatte. Für fie hatte er ſich von Laudomia entfernt, war Gefahren und Entbehrungen entgegen gegangen, hatte ſeine Mutter verlaſſen(und leider für immer), für ſie haite er der unglücklichen Selvaggia am Ufer des Po das tröſtende Mitleid verſagt, der unglücklichen Selvaggia, deren Andenken ſich immer wieder vor ſeine Seele drängte. Er verglich ſie mit Liſa und rief aus:„Warum vergibt doch Gvit alle Sünden und die Menſchen verzeihen blos einige! Sein Wort brechen, Vaterland und Verwandte verrathen, das kann noch Entſchuldigung und Vergebung finden, und eine Unglückliche, die von ihrem eigenen Vater verrathen und wiverſtrebend an den Abgrund der Sünde geriſſen wurde, ſoll kein Mitleid, kein Erbarmen fin⸗ den? Sie ſoll ihr elendes Leben hinbringen unter Hehn und Mißhandlung, die Andere aber wird wieder aufge⸗ nommen, jeder Anderen fortan gleich geehrt und kann in Zukunft vergnügt und glücklich leben!“— Wie ſchmerzlich ward es ihm, daran denken zu müſſen, daß fie ſich eben ———* — 8 8 S 8S v*— —————— L* 8—— S 1 n e⸗ n 35 unter einem Dache mit ihm in den Armen besſenigen befand, für den ſie ihn verrathen hatte. Daß er die⸗ ſes ertragen mußte, daß er Beiden verziehen hatte, alle dieſe Umſtände waren ſo ſeltſam,“ ſo uͤberraſchend, daß ſie ihm wie ein Traum vorkamen. Das war eine ſchwere Laſt, ein bitterer Kelch für Lamberto, um ſo mehr, da er die Erfahrung noch nicht gemacht hatte, daß jedes Lebensjahr eines Menſchen bei ſeinem Schei⸗ den irgend eine Hoffnung mit ſich forinimmt und irgend einen Schmerz zurückläßt. Er befand ſich noch in dem Alter, in welchem man das Glück zwar noch für fern, aber doch für erreichbar hält, wo man glaubt, das Glück ſei, ſo zu ſagen, der gewöhnliche Lebensgang, das Unglück nur eine Ausnahme. Nun, da er das Vergangene vergeſſen und den Planen und Wünſchen ſo vieler Jahre entſagen ſollte, tröſtete er fich mit dem Gedanken: Ich hatte einmal Unglück, ich wußte es nicht recht anzufangen. Er täuſchte ſich mit der trüge⸗ riſchen Hoffnung, künftig werde er ſich eine beſſere Zu⸗ kunft bereiten können, er glaubte, daß der Rath ſeiner Mutter, den er wie einen göttlichen Befehl ehrte, ihn ſicher zur Glückſeligkeit führen werde und ihm die Ruhe des Herzens verſchaffen könne, von der er ſich noch ſo entfernt fühlte. Er dachte an Laudomia, die er, wie wir ſchon erwähnt haben, von Kindheit an, noch vor Liſa geliebt hätte, wäre ſie ihm nicht zu erhaben und göttlich erſchienen. Er ſuchte ſich ein neues, ganz von feiner Liebe erfülltes Leben vorzuſtellen. Während je⸗ doch ſeine Phantaſie dieſes Bild verfolgte, bebte ſein Herz von einem unmerklichen Etwas zurück, was er ſich noch nicht entſchließen konnte, in nähere Erwägung zu ziehen; er ſchien ſich vor einer tiefern Erforſchung ſeines Innern zu fürchien, um nicht auf Etwas zu ſtoßen, was vielleicht mit einem Schlage alle ſeine Hoffnungen vernichte, ihn daran verhindere, ſeiner Mutter zu gehorchen, und ihn als der Liebe des En⸗ gels Laudomia unwürdig erſcheinen laſſe. — War vieſes Hinderniß ein eingebildetes oder ein wirkliches 2 Auf dieſe Frage hätte Lamberto ſelbſt keine Antwort geben können; es denke ſich alſo der Leſer, ob es uns gelingen könnte. Am beſten wird es vielleicht der Verlauf dieſer Geſchichte darthun. Wir wollen alſo den ZJüngling den Wogen ſeiner Gefühle überlaſſen, und die andern Bewohner des Hauſes Lapi aufſuchen, denn Riemand außer Liſa blieb in dieſer Nacht von Sorgen und quälenden Gedanken verſchont. Nachdem Laudomia das Ehepaar in ſein Gemach geführt hatte, ſchloß ſie ſich in dem ihrigen ein und ſank auf einen Betſchemmel vor einem Madonnenbild nieder, ein Werk des ſeligen Angeliko von Fieſole. Sie ſammelte ihre Gedanken zum Gebet und von Gott wen⸗ dete ſich ihr Gedanke auf ihr Vaterland, ihren Vater, ihre Schweſter, für Alle flehte ſie die Güte Gottes an und dankte ihm für deren Rettung aus der letzten Ge⸗ fahr. Wer ſie ſo beten ſah in andächtiger Stellung, mit gefalteten Händen, geſenkten Augen iedern, mit ih⸗ ren reinen edlen Zügen hätte das Bild der heiligen Jungfrau für ein Abbild ihrer eigenen Geſtalt halten können. Nach einigen Minuten erhob fie fich, legte ihr Gewand ab und warf ſich aufs Lager. Während ſie die Kleider wechſelte, waren ihre Bewegungen von der Art, daß auch das ſchamhafteſte Auge nicht nöthig gehabt hätte, ſich abzuwenden, denn bei ihr war die Scham⸗ haftigkeit nicht Studium, nicht Tugend, ſondern Natur. Bald ſank ſie in Schlaf, es währte aber nicht lange, ſo weckte ſie ein Geräuſch, deſſen Urſprung ſie ſich im erſten Aufſchrecken nicht erklären konnte. Sie überzeugte ſich aber bald, daß es von Schritten über ihrem Zimmer herrührte, und natürlich richteten ſich jetzt ihre Gedanken auf Lamberto und durchliefen nach einander alle Beziehungen, in welchen ſie ſeit der frü⸗ heſten Kindheit mit ihm geſtanden hatte. Mit Wonne verweilte ſie bei demjenigen Zeitraume, in welchem Lamberto ſeine erſte Liebe ihr geweiht hatte; denn Lau⸗ — ———* MN 87 domia war eben ſo ſcharfſehend, als beſcheiden, und hatte recht gut bemerkt, welche Gefühle der Jüngling für ſie hegte, was ihn abhielt, ſich ihr zu entdecken, und wie er ſpäter nach und nach durch das mehr ent⸗ gegenkommende Weſen der Schweſter eingenommen wurde, welcher ſie alsbald jeden Gedanken an ihn ge⸗ geopfert hatte, um ihr das zu verſchaffen, was ſie für das größte Glück auf Erden hielt. Wenn ſie alle Er⸗ eigniſſe überdachte, durch welche ſich die Umſtände ſo ſehr geändert hatten, ſo glaubte ſie den Weg der Vor⸗ ſehung zu erkennen, um ſie am Ende mit dem Einzigen zu vereinigen, mit welchem ſie glücklich werden zu kön⸗ nen glaubte. Eine Unterredung, die ſie gerade an dem Abend, als Lamberto zurückkam, mit Niccolo gehabt, beſtärkte ſie in dieſer Ueberzeugung und belebte ſie mit neuer Hoffnung. Sie waren allein. Niccolo nahm ſeine Tochter bei der Hand und ſagte zu ihr:„Laudomia, Nichts liegt mir ſo ſehr am Herzen und beſchäftigt ſo ſehr meine Gedanken bei den Gefahren dieſer Belage⸗ rung, als Deine Sicherheit und Dein Wohl. Seit län⸗ ger als einem Jahr haſt Du mehrere ehrenvolle Hei⸗ ratsanträge, die Dir gemacht wurden, ausgeſchlagen. Du wirſt Deine Gründe gehabt haben, in die ich mich nicht einmiſchen will; jetzt aber bin ich ein Greis ge⸗ worden, wie Du ſiehſt, tauſend Gefahren umgeben Dich, ich möchte Dich auf einen Arm geſtützt ſehen, der Dich leiten und ſchützen kann. Ich habe Dir Lamberto zu⸗ gedacht. Du magſt Dir es nun überlegen. Wenn ich Dir befehlen würde, ihm Deine Hand zu geben, wür⸗ deſt Du gehorchen?“. Laudomia war zwar bei dieſer Anrede etwas roth geworden, aber ungewohnt, Verſtellung für Schamhaf⸗ tigkeit gelten zu laſſen, hatte ſie aufrichtig und unbe⸗ fangen geantwortet:„Ich würde Euch gehorchen, lie⸗ ber Vater, und es wäre dieſer Gehorſam eben kein Verdienſt.“ Niecolo war mit dieſer Antwort ſehr zufrieden ge⸗ weſen und auf die Entwicklung der Art übergegangen, wie er ſeinen Plan ins Werk ſetzen könnte. Er hatte ſich vorgenommen, abzuwarten, bis die erſte Aufregung, welche Lamberto empfinden mußte, wenn er bei ſeiner Heimkehr eine ſolche Veränderung wahrnahm, vorüber⸗ gegangen ſein würde, und dann ſelbſt die Sache zur Sprache zu bringen. Jetzt dachte Laudomia über die⸗ ſen Vorſatz ihres Vaters nach, ſagte zu ſich ſelbſt: „Welches Glück, daß ich dieſe Anträge ausgeſchlagen habe!“ und wendete ſich dann zu der heiligen Jung⸗ frau, die göttliche, reine Mutter, und flehte ſie an, ſie möge den Segen des Himmels auf ihr Herz herabru⸗ fen, ſie möge ſie unter ihren Schutz nehmen und ſie bei jeder Handlung, bei jedem Gedanken unbefleckt erhal⸗ ten. Und während ſie ſo betete, fühlte ſie, daß ſie es auch für Lamberto that; denn mit ihm glaubte ſie von nun an jeden Wunſch, jeden Vortheil und das ganze Leben gemeinſchaftlich zu haben. Mit ganz verſchiedenen Gedanken, ſo fern von vieſen, wie die Hölle vom Paradieſe, wie die Seele eines Verräthers von der eines Engels, wachte Troilo an Liſas Seite, denn nur ſie, die jetzt ihren höchſten Wunſch erreicht hatte und ihre Glückſeligkeit für im⸗ mer feſtbegründet glaubte, ſchlief ruhig und ſüß. Sie wußte nicht, die Arme, daß gewiſſe Verirrungen der Strafe niemals entgehen, auch in dieſem Leben, daß dieſelbe zuweilen zogere, aber den, der einmal von Gott auf die Liſte der Sünder geſetzt iſt, nie aus den Augen verliere und ihn noch nach langen Jahren er⸗ eile, wenn er ſich vielleicht nicht einmal mehr deren erinnert, ſie verdient zu haben. Aber Troilo war in eine zu ſchwierige Lage ver⸗ ſetzt, um ſo ſchnell einſchlafen zu können; er mußte je⸗ den Schritt vorher überlegen und erwägen, den er auf ſeinem gefährlichen Pfade zu machen hatte, und er ſprach daher zu ſich ſelbſt:„Da wäre ich denn ein⸗ 39 mal im Hauſe.. Herein bin ich gut gekommen, jetzt kommt es darauf an, wie ich wieder hinauskom⸗ men werde. Bei dem Leibe des Bruders Girolamo und aller Dominikaner, das iſt ein Popanz von einem Graubart! Warf es mich nicht vor ihm auf die Kniee, wie ein Kind? Das hätte ich mir bei allen Heiligen nicht geträumt. Wüßten ſie das im Lager, es würde ein hübſches Gelächter abſetzen!—————— — Und der Andre, Alberto oder Adelberto, was weiß ich?—— ſtand er nicht da, gerade, als wenn er ganz vergeſſen hätte, daß ihm ſein Arm noch vor wenigen Jahren zum Tuchmeſſen diente und machte er nicht Augen auf mich? Er wäre im Stande, ſich einzubilden, er könne mir Furcht einjagen! Jetzt, va er ein Schwert an der Seite trägt, meint er etwas Großes geworden zu ſein, und ich erinnre mich noch recht wohl, wie lange iſt es denn her, ſo ſah ich ihn mit den Ladenfungen Seide abwinden. Das iſt ja eine wahre Comödie. Alberto? Hat ſich nicht der Pral⸗ hans einen Namen beigelegt, als gehörte er zu den Churfürſten von Brandenburg! Wäre es nicht ſo wich⸗ tig geweſen, gerade dieſen Abend an mich zu halten, ich hätte ihm eine Lehre geben wollen Ich ſoll ihm ſein Liebchen geraubt haben 2 Wenn er ſonſt Nichts gegen mich hat, da iſt ſie, er ſoll nur kommen und ſie wieder nehmen, ich will ſie ihm ſelber zuführen, wenn es nöthig iſt, und, hole der Teufel den Geiz! ich will ihm auch noch das Kind mit in den Kauf geben, das ohnehin, ſofern es wahr iſt, daß die Knaben der Mut⸗ ter nachſchlagen, wenn es einmal groß geworden, mehr von einem Seidenhändler, als von einem Evelmann an ſich haben dürfte.“ Bei dieſen Worten warf er auf die arme Liſa, die mit ihrem Kinde neben ihm ruhte, einen Blick, der volltommen ausdrückte, wie ſehr er jetzt dieſer Unglück⸗ lichen ſatt war. Einige meiner Leſer oder Leſerinnen, Falls ich das Glück haben werde, deren zu bekommen, werden es vielleicht für unmöglich halten, daß ein menſchliches Herz ſolcher Schlechtigkeit fähig ſein ſoll. Sie find glücklich, daß Sie die menſchliche Natur nicht in ihrer ganzen Verworfenheit kennen. Troilo aber fuhr fort ſeinen Gedanken folgender⸗ maßen Audienz zu geben: „Gut ſpricht doch jener Dichter von Ferrara: Daß keine Bürde ſchwerer in Her That iſt, Als wer ein Weib beſitzt und deſſen ſatt iſt. Und ich,„Gott weiß, wie lange ich dieſes Ver⸗ gnügen werde genießen müſſen,—— und dann zum Ueberfluß immer das ſchöne Schweſterchen vor der Naſe zu haben, die einer kaum aufgeblühten Lilie gleicht. ließe ſich nicht ein Mittel finden?„Ha, Klug⸗ heit, Troilo! da iſt nicht zu ſpaſſen! Es fehlte nur noch, daß der Alte oder die Wehrwölfe von Brüdern ſo Etwas merkten.—— Ze nun, wenn ich nicht in Sdieſer Mördergrube vor langer Weile ſterben will, ſo „ muß ich mir auf irgend eine Art helfen, und ſo dient es doch zur Unterhaltung, und wenn es mir gelänge, dürfte gar Mancher im Lager die Mütze vor mir ab⸗ ziehen; denn mit den Töchtern eines Niccolo de Lapi hat es mehr zu bedeuten, als mit ihren plumpen Dir⸗ nen, deren ſie ſich den ganzen Tag rühmen„Kurz, wir wollen ſehen, bei den Andern habe ich Glück ge⸗ habt, die Belagerung ſoll ſich nur in die Länge ziehen, und mit Zeit und Geduld„die Wahrhet zu ſagen, wenn dieſe Beſtien ſo fort machen, wie bei dem Sturm von dieſem Abend, dürften ſich die Unſern die Finger verbrennen, und gewinnen die Unſrigen die Stadt, dann dürfen ſie erſt vor dieſem Haus ein La⸗ ger aufſchlagen, wenn ſie es haben wollen. Ich habe wohl geſehen, was unſer Herr da für Arbeit macht In einem Athem war das Bollwerk und die Brücke da, und das Haus voll Picken, Kugelbüchſen und Mör⸗ 41 ſer, wie die Engelsburg bei der Plündrung von Rom.. Und den will Herr Baccio lebendig in die Hände be⸗ kommen? Er wird ſchlecht wegkommen!“ Gegen das Ende dieſes Selbſtgeſprächs hatte der Verräther angefangen zu gähnen und ſich zu ſtrecken, denn der Schlaf machte endlich ſeine Rechte geltend; noch einige Minuten überdachte er ſeine Plane Be⸗ treffs Lauvomia's(denn obgleich es uns ſchmerzen muß, ihr reines Bild in der Seele dieſes Elenden wiederzufinden, ſo blitzen ja auch die Stralen der Sonne aus der ſchmutzigſten Lache zurück, ohne befleckt zu werden), dann neigte er ſich auf ſeine Kiſſen und ſank bald in tiefen Schlaf. Kurz darauf, eine Stunde vor dem Morgengrauen, erhob ſich Niccolo, der, wie es bei Greiſen gewöhnlich iſt, einen ſehr kurzen Schlaf hatte. Dieß war in jener Nacht beſonders der Fall, da er die Unbehaglichkeit, Troilo in ſeinem Hauſe zu haben, nicht ganz überwin⸗ den konnte. Dieſer Gedanke erfüllte ihn mit tauſend Sorgen, deren Grund er ſich nicht zu erklären vermochte, ſo ſehr er demſelben auch nachſann. Jeder ſeiner Ver⸗ dachtsgründe war an ſich unerheblich, aber alle zuſam⸗ men genommen ſchienen wichtig genug, um ihn nach⸗ denklich zu machen. Seine Wiedervestinigung mit Liſa, ſeine Rückkehr nach Florenz und ſein Uebertritt zur Volkspartei waren auf eine Weiſe bewerkſielligt worden, die keinem Mißtrauen Raum gab; aber ſo fein und ſchlau ein Schurke auch ſein mag, ſo wird er doch immer ein unauslöſchliches Brandmal an der Stirne tragen, durch das er ſich verräth,(Gott ſei Lob und Dank dafür!) und ſo viele Mühe der Betrug ſich auch geben mag unter dem Gewande der Wahrheit und Offenheit ſich zu verbergen, ſo verbreitet er doch immer,(man vergebe mir den Ausdruck) einen leichten Peſtgeruch, woran er ſich erkennen läßt. Aber es hilft nicht viel; denn die Rechtſchaffenen geben dieſen An⸗ zeichen kein Gewicht, aus Furcht, ſich zu täuſchen und einem Unſchuldigen wehe zu thut. Sie verlangen Beweiſe, und dieſe verſteht der Schurke zu entkräften. Nur zu ſehr war dieſes bei Niccolo der Fall, welcher immer und immer wieder über Troilo's Benehmen nachdachte und nicht wußte, wo er er ihn faſſen ſollte, fich aber immer wieder ſagen mußte: Es mag Einbil⸗ vung ſein oder vielleicht auch der Haß, den ich ſo lange gegen ihn gehegt habe, aber er gefällt mir nun einmal ganz und gar nicht. Dann ſprach aus ihm der kühne Muth, der nicht hundert Männer, geſchweige einen einzelnen fürchtete; Am Ende mag er ſein, was Gott will, die Zeit wird Alles aufklären. Und um ſich von dieſen ängſtlichen Gedanken abzuziehen, begann er ſich anzukleiden; denn ſchon ertönte von mehreren Kirchen das Morgenge⸗ läute. Dann verrichtete er ſein Gebet vor der Niſche, in welcher ſich die Aſche des Bruders Girolamo be⸗ fand, zündete an der Lampe⸗ welche Tag und Nacht daſelbſt brannte, eine Kerze an, ſchürte das Feuer im Kamin und ſetzte ſich dann nieder, um nachzudenken, wie er am beſten ſeinen Plan, Laud omia mit Lamberto zu verheiraten, ins Werk ſetzen könnte; denn er glaubte, wenn ihm dieſes gelänge, in einer ſo bewegten Zeit ſeiner Tochter den beſten Beſchützer verſchafft zu haben. Er faßte den Entſchluß, keine Zeit zu verlieren und vem jungen Mann ſein Herz noch an demſelben Tag zu eröffnen; nur ſtand er in Zweifel, ob er mit ihm ſprechen, oder ihm ſchreiben ſollte, endlich entſchied er ſich für ein Geſpräch unter vier Augen, denn ſo hielt er es für leichter, Lamberto's Inneres auszufor ſchen. Um keinen Preis hätte er gewünſcht, daß Lamberto ſei⸗ nem Herzen Gewalt angethan hätte, blos um ihm gefällig zu ſein. Inzwiſchen war es nach und nach Tag geworden und Riccolo hörte im obern Stock Monafede, die ihren Geſchäften emfig nachging. Er trat an die Treppe⸗ rief ſie herab und ſaßte ihr, fie möge Lamberto zu ihm 43 ſenden, wenn er auſgeſtanden ſein würde. Lamberto war bereits auf den Beinen und angekleidet, ſtieg alſo ſogleich herab und ſtellte ſich dem Greiſe. Dieſer hieß ihn neben ſich Platz nehmen, blickte ihn liebevoll 5 und ſagte nach einigen einleitenden Worten zu ihm: „Höre mich an, Lamberto. Wenn dieſe Stadt nicht in ſo großer Gefahr wäre, wie es der Fall iſt, und wenn Du nicht im Hauſe ganz wie einer meiner Söhne betrachtet würdeſt, ſo könnte ich in dieſer Sache nicht ſo offen mit Dir ſprechen, als ich es thue. Aber vieſe ſtürmiſche Zeiten geſtatten kein Zaudern, und bei Dir darf ich es mit meinen Worten nicht zu genau nehmen; denn wir kennen uns einander ja durch und vurch. Du weißt und ich längne es nicht, daß ich ge⸗ gen Piero, deinen Vater, ſehr große Verpflichtungen hatte, und Du wirſt Dich noch erinnern, daß ich Dir ven größten Beweis davon dadurch geben wollte, daß ich, als ich Deine Neigung zu Liſa bemerkte, ſo mit Dir ſprach, daß Du erkennen konnteſt, wie ſehr mir dieſe Verpflichtung theuer iſt. „Später verhängte Gott Prüfungen über Dich und mich und es traten die Ereigniſſe ein, die Dir bekannt ſind. Aber faſſe Muth, vielleicht iſt es Dein Beſtes geweſen; denn Du verdienſt ein anderes Weib, als dieſe Närrin. Ich halte Dich für einen Mann von zu hoher Geſinnung, als daß ich annehmen möchte, es ſei noch der kleinſte Junke von Liebe, die Du gegen ſie hegteſt, in Dir zurückgeblieben nach dem Benehmen, vas ſie ſich gegen Dich erlaubt hat. „Ohne weitere Umſchweife alſo, mein lieber Lam⸗ berto, ich habe noch eine Tochter. Bedenke dieſes und wiſſe, daß Niccolo ſeine Augen ruhig ſchließen würde, wenn ihn der Gedanke in ſeiner Sterbeſtunde tröſtete, vaß Laudomia in ſo bedenklichen Zeiten nicht allein und ohne Stütze zurückbliebe... Ich bin aufrich⸗ tig gegen Dich mehr vielleicht, als ſich in ge⸗ „ 44 wöhnlichen Zeiten ſchicken würde. Thue ebenſo, Lamberto! Du ſprichſt ja mit Deinem Vater, mit dem, der weder ruhig noch glücklich iſt, wenn er Dich nicht zufrieden ſieht.“ Die Rede des Alten hatte Lamberto's Gemüths⸗ bewegung ſo geſteigert, daß er ſich nicht mehr zu hal⸗ ten wußte; er nahm ſeine Hand, preßte ſie lange an ſeine Lippen und erwiederte: „O! wie könnt Ihr denken, daß ich anders, als aufrichtig, mit Euch ſprechen möchte! Ich will Euch alle meine Gefühle bekennen, noch bevor ich den ſchul⸗ digen Dank ſage.“* Und nun begann er von der erſten Zeit, wie er, noch als Knabe, Landomia ſeine Liebe geſchenkt hatte, er erzählte Niccolo die Geſchichte aller ſeiner Gefühle von den erſten Eindrücken an, bis zur Rückkehr von ſeinen Kriegszügen, er malte ihm den Kummer und die furchtbare Angſt, die er beim Gedanken an ſeine Mutter empfunden hatte, dann erwähnte er ſeiner Unterredung mit Bruder Zaccaria, des Briefes, den ſie ihm hinterlaſſen hatte, und fügte noch bei: „O, gewiß, mein erſter, mein höchſter Wunſch, meine einzige Hoffnung für die Zukunft war der Schatz, deſſen Beſitz Ihr mir jetzt verheißt. Aber mein Herz war ſo ängſtlich, daß ich dieſe Hoffnung für Täuſchung hielt, und ihr, als einer trügeriſchen, miß⸗ traute. Einen ſo herrlichen Preis zu erſtreben und dann auf einmal jede Hoffnung ſchwinden zu ſehen, wie unglücklich würde mich das gemacht haben! Ueber⸗ all ſah ich Schwierigkeiten, überall Hinderniſſe„„ ich ittt vor der Gefahr, mein Herz dieſem Gefühle zu öffnen Bber jetzt fühle ich, daß dieſes die erſte, die einzige Liebe meines Lebens war, die ſich niemals ändern kann. Ich glaubte, ſie auf eine An⸗ dere übertragen zu haben, o wie ſehr habe ich mich getäuſcht!.. Mir iſt, als wäre ich aus einem lan⸗ gen Traume erwacht„ Aber, wer kann ſich Lau⸗ — 45 domta's würdig nennen? Dieſes Engels! Wer darf fich ſo viel zutrauen, ihre Liebe zu hoffen?“— Seit langer Zeit hatte Niccolo keine ſolche Freude empfunden, wie diejenige, welche er in dieſem Augen⸗ blick fühlte. Die gefühlvollen Worte des Jünglings überzeugten ihn, daß er weder von Laudomia noch von Lamberto eine Vereitlung ſeines liebſten Wunſches zu befürchten habe und daß er im Stande ſei, Bei⸗ der Glück für immer zu begründen. Es trat ihm das Wort auf die Zunge:„Sei getroſt, ſie liebt Dich!“ aber ein gewiſſer Stolz und leine Rückſicht für ſeine Tochter, die wir nicht übertrieben nennen wollen, hiel⸗ ten dieſe Aeußerung zurück. Jetzt kann es ja doch nicht fehlen, dachte er, das Beſte iſt alſo, wenn ſie ſich unter einander ſelbſt verſtändigen. Dann legte er ſegnend ſeine Hände auf das Haupt des Jünglings und ſagte lächelnd: „Ei! eil was denkſt Du? Ein Soldat und an ſich verzweifeln? Ihr ſeid ja doch beide meine Kinder. Iſt es nicht meine Pflicht, daß ich das Eine ſo lieb habe, wie das Andere? Daher ſage ich Dir, ſie Deine Liebe verdient, ſo verdienſt Du die rige.“ „O, ſagt das nicht!“ entgegnete Lamberto, und blickte ſinnend zur Erde. Aber wenn er Laudomia wirklich mit einer Leiden⸗ ſchaft liebte, die ſtärker war, als er ſelbſt wußte, was ließ ihn in ſo ſchwermüthige Betrachtungen verſenken? Aus Allem, was wir bisher zur Entwicklung von Lam⸗ berto's Charakter geſagt haben, konnte der Leſer ſeinen edlen Sinn und ſein überaus feines Zartgefühl zur Genüge kennen lernen, um dieſes Nachfinnen nicht all⸗ zu ſeltſam zu ſinden. Obgleich Laudomia der Gegenſtand ſeiner erſten und der einzigen Liebe geweſen war, die wirklich ver⸗ diente, ein Herz wie das ſeinige auszufüllen, obgleich dieſe Liebe ſeit ven Ereigniſſen, die ſie zwar zurückge⸗ 46 drängt, aber durchaus nicht vertuſcht hatten, mächtiger wieder erſtanden war, fürchtete der großherzige Jüng⸗ ling Laudomia kein ſo ganz reines, von jedem andern Gefühl freies Herz bieten zu können, als ſie zu ver⸗ dienen ſchien. Er erinnerte ſich an Selvaggia und an ihre be⸗ mitleidenswerthen Schickſale und noch immer fühlte er in ſeinem Innern jenes gerechte, jedes edlen Herzens würdige Mitgefühl, jenes Intereſſe, das ihm eine Un⸗ glückliche einflößte, die ſich einer ſo hoffnungsloſen Liebe zu ihm hingegeben hatte. Der gute Lamberto verwechſelte dieſes Gefühl mit einem andern und ſagte ſeufzend zu ſich ſelbſt:„Sollte ich ſo ehrlos ſein, Lau⸗ domia ein Herz anbieten zu wollen, in welchem noch eine Spur ſich findet von dem Bilde einer—?“ Er vermochte weder den Gedanken zu ertragen, noch den Satz zu enden.— Am vergangenen Abend hatte er weder dieſe Angſt zu überwinden, noch das Wahre vom Eingebildeten zu unterſcheiden vermocht; denn der Verſtand beſitzt nie⸗ mals ſeine völlige Klarheit und Sicherheit, wenn die Stürme der Leidenſchaft walten. Aber die innige, gränzenloſe Freude, die er bei den Worten Niccolo's empfand, erleuchtete ſeine Seele, wie ein Sonnen⸗ ſtral, und ließ ihn jetzt erſt erkennen, wie tief ſeine Liebe zu Laudomia eingewurzelt war. Seine Züge heiterten ſich bald wieder auf, er wendete ſich zu Nic⸗ colo, der ihn nicht ohne Verwunderung betrachtet hatte, und ſagte: „Gerade die allzu gute Meinung, die Ihr von mir hegt, macht mich ſo nachdenklich. Ich wünſche jedoch, ſelbſt auf die Gefahr hin, Eurer Gunſt wenig würdig zu erſcheinen, daß Ihr Alles erſahrt und mich ganz kennen lernt Ich würde fürchten, ſchlecht an Euch zu handeln, wenn ich Euch auch nur einen Gedanken verborgen halte. Seid Ihr dann mein Richter!——“ 47 Und jetzt erzählte Lamberto ausführlich Alles, was ihm von Anfang ſeiner Bekanntſchaft mit Selvaggia begegnet war, er öffnete Niccolo ſein ganzes Herz und bekannte ihm mit der unbefangenſten Offenheit alle Beſorgniſſe und Gefühle, die ihr Schickſal in ihm er⸗ regt hatte. Niccolo wußte aus den Erfahrungen eines langen Lebens, das ihn mit Männern vom verſchiedenartigſten Charakter in Verbindung gebracht hatte, recht gut, wie ſelten diejenigen ſeien, die in Beziehung auf Frauen⸗ liebe gewiſſenhaft handeln. Um ſo höher ſchätzte er daher Laudomia's Glück, einem Manne zu gehören, der von Gott ganz nach ihrem Bilde geſchaffen zu ſein ſchien. Als der junge Mann ſeine Erzählung oder vielmehr ſeine Beichte geendet hatie, faßte er tein Haupt mit beiden Händen, küßte ihn mit väterlicher Zärtlichkeit auf die Stirne und ſagte „Geh nur; wenn ich Anſtand nehmen wollte, Dir Laudomia zu geben, ſo müßte ich nicht die Hälfte Deines Werthes kennen. Ich leſe in Deinem Herzen beſſer, als Du ſelbſt Du liebſt Laudomia, und wenn Du mit jener Unglücklichen kein Mitleid empfun⸗ den hätteſt, ſo wäreſt Du nicht Lamberto Wohlan, ſei antes Muthes, und wenn Du, wie ich nicht zweifle, Dir Laudomia's Liebe zu erwerben ver⸗ ſtehſt, ſo wird mir noch vor meinem Tode durch Dich das größte Glück zu Theil werden, das ich unter ſo vielen Leiden, die uns drohen, erwarten darf. Denn ſieh, ich habe nur eine kleine Spanne Zeit noch zu leben; aber dieſes macht mir keine Sorge, ſo ich nur gewiß ſein darf, daß Du meinem Hauſe zum Schutz und Rath zurückbleibſt; denn auf Niemand vertraue ich mehr, als auf Dich, Lamberto!“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Während dieſen Worten war Niecolo's Miene ernſt geworden; er verſank in Nachdenken und fuhr nach kurzer Pauſe fort: „Weil wir nun einmal auf dieſen Gegenſtand ge⸗ kommen ſind, ſo wiſſe, daß meine Hoffnung für die Zeit, wenn ich nicht mehr am Leben ſein werde, be⸗ ſonders auf Dir ruht. Averardo beſitzt Muth und Va⸗ terlandsliebe, aber einen rauhen Charakter und eine Leidenſchaftlichkeit, welche ſeine Klugheit unterjocht; Vieri iſt ein guter Bürger und nicht minder tapfer, aber leichtfinnig; Bindo iſt noch ein Kind, und dann vieſer Troilo, der ſich zu uns geſchlagen hat,— ich will kein Mißtrauen gegen ihn hegen, aber er war ein Pallescho und ſeine Vorfahren, wie er bis auf den geſtrigen Tag; alle erwieſen ſich als heftige Feinde gegen uns und das Vaterland. Vielleicht habe ich Unrecht, den Argwohn ſo weit zu treiben, aber auf jeden Fall mußt Du mir verſprechen, daß Du, mein Lamberto, künftig für meine Kinder und mein Haus eben ſo eifrig ſorgen willſt, als ich für Dich als Kind geſorgt habe, und daß Du die Gaben, mit welchen Dich die Natur verſchwenderiſch ausgeſtattet hat, zu ihrem Beſten anwenden willſt. Nicht wahr, Du ver⸗ ſprichſt mir dieſes, Lamberto?“ „Lieber Vater, bedenke doch, iſt denn ſolches Ver⸗ ſprechen erſt nöthig? Verdanke ich nicht das Wenige, was ich bin, und alles Gute, was ich irgend an mir habe, blos Euch und den Eurigen? Könnt Ihr denn zweifeln?“ Die Augen gingen dem Jüngling über und ſeine — ——— 49 Miene drückte ein ſo lebhaftes Gefühl aus, daß Nie⸗ colo ihm ſogleich antwortete: „Du ſprichſt die Wahrheit! Der Verſprechungen bedarf es bei uns nicht! Ich leſe in Deinem Herzen, und wenn Du eben ſo gut in dem meinigen würdeſt leſen können, ſo würdeſt Du finden, welches fe⸗ ſtes Vertrauen ich auf Deine Worte ſetze. Nur des⸗ halb ſpreche ich ſo zu Dir, damit meine Worte um ſo lebhafter in Deinem Gedächtniſſe wurzeln ſollen. Höre alſo und präge es Dir tief ein, daß der Ruf dieſes Hauſes, in welchem es ſich ehrenvoll und ſicher erhält, an unſere heilige Religion und an die Freiheit unſeres Gemeinweſens geknüpft iſt, welche nicht ohne einander beſtehen können. Religion ohne Freiheit iſt keine Religion, ſondern Betrug und Heuchelei. Starb nicht auch Chriſtus, unſer König, gleicherweiſe für Alle? Wollte er nicht, daß wir einander als Brüder lieben? Verfluchte er nicht die Gewaltthätigen und die Stolzen und jene, welche ſich auf Koſten der Schwachen erheben, ihr Gut und ihre Rechte an ſich reißen und ſie zwingen, die Mühſeligkeiten des Lebens zum Vortheil ihrer Unterdrücker zu tragen? Und wer ſonſt, als die Feinde der Religion und der Freiheit, kann auf ſolche Weiſe handeln? Das Schlimmſte dabei iſt, daß ſie ihre Schlechtigkeiten mit dem Mantel des Glaubens bedecken. So haben es die Medici und alle Palleschi gemacht. In welcher Abſicht haben ſie Klöſter gebaut, Mönchsorden gegründet und Spitäler geſtiftet? Der Erfolg hat es gezeigt. „Freiheit ohne Religion, wenn man je die Mög⸗ lichkeit einer ſolchen annehmen will, kann nicht dau⸗ ernd ſein und wird ſogleich von dem erſten beſten Bürger untergraben werden, der ſich durch Reichthum, Macht, Genie oder Schlauheit über die übrigen er⸗ hebt, und, durch Religion nicht in Schranken gehalten, die Ungerechtigteit und Gewaltthat nicht ſcheut, welche Niccolo de' Lapi. U. 4 50 er begeht, indem er ſich der Zügel des Staates be⸗ mächtigt. „Daher ſei es immer Euer erſter Gedanke, beide aufrecht zu halten; denn nur dann werdet Ihr feſt ſtehen können. „Die Palleschi find aber nicht die einzigen Feinde, welche wir zu fürchten haben. Ich vernehme leiſe Ge⸗ rüchte, die mich mit bedeutender Beſorgniß erfüllen; ſollte die Partei des Nieccolo Capponi, dieſe Partei der Vornehmen, welche die Obergewalt unter Wenige vertheilt wiſſen will, mächtiger werden, ſo wird von ihnen größere Gefahr zu befürchten ſein, als von den Palleschi und von den äußeren Feinden. Denn dieſe halten es ſcheinbar mit dem Volke; darf man aber deshalb ihren Abſichten trauen? Zu jeder Zeit und bei allen Völkern ging das Streben der Adelichen und der Reichen immer dahin, den Staat zu unterdrücken, um dadurch ihre Güter zu vermehren und ſie mit grö⸗ ßerer Sicherheit zu genießen, und ſie haben ſich daher bei allen Staatsumwälzungen und Bürgerkriegen mehr zur Tyrannei als zur Freiheit geneigt. Auf dieſe Par⸗ tei muß man daher ein wachſames Auge haben. Lam⸗ berto, ich habe manche Unterredung mit dieſen Fein⸗ den unſeres Staats gehabt, und immer dieſelben An⸗ ſichten bei ihnen getroffen; daher habe ich auch mit Dir davon ſprechen wollen, damit Du, wenn Du einſt ein obrigkeitliches Amt bekleideſt(und dann wird mit Gottes Hülfe dieſe Belagerung aufgehoben, die Stadt wird frei und glücklich ſein und ich werde nicht mehr leben), wenn Du dann zu den Lenkern des Volkes ge⸗ hörſt, Dich an Niccolo's Worte zum Beſten Deines Vaterlandes erinnerſt. Wiſſe auch, Lamberto, daß bei einem verderbten Volke, wie es das unſrige nur zu ſehr iſt, gute Geſetze und Verordnungen nicht viel helfen, ja ſogar gar Nichts, wenn nicht den Großen und Reichen verwehrt iſt, ſich zu verbinden und eine eigene Partei zu bilden. Was hilft es, Obrigkeiten 51 und andere Behörden zur Aufrechthaltung der Geſetze zu wählen? Erlangt man Stimmen von freien Män⸗ nern, wenn dieſelben käuflich find und die Reichen ſie bezahlen? „Hüte Dich, ich wiederhole es Dir, vor dieſer Partei; ſie ſind die gefährlichſten Feinde der Freiheit, denn im Anfang kann man ihnen nicht ſteuern, weil ihre Schuld zu verborgen iſt, nachher aber nicht, weil ſie zu mächtig ſind.“ Die Worte des Greiſes waren ſo vertraulich, daß Lamberto halb verwundert, halb gerührt die Augen nicht aufſchlug und ihm in der tiefſten Ehrfurcht zu⸗ hite Hier konnte er aber den Ausruf nicht zurück⸗ halten: 3 „Mein Gott, Ihr ſprecht, als wenn Eure ietzte Stunde nahe wäre! Wozu dieſe Reden? Ich bin nicht in ſolchen Umſtänden, vaß ich in Florenz je auf ein bedeutendes Anſehen Anſpruch machen könnte; ſollte es aber je ſo weit mit mir kommen, ſo wird es hoffent⸗ lich Gott geſtatten, daß Ihr mich durch Euren Rath lenken und ermuthigen möget.“ „Vielleicht wird die Zeit, von der Du ſprichſt, frühe herbei kommen; aber dennoch wird ſie uns nicht mehr beiſammen finden. Ich will aus gutem Grunde dieſe Ermahnungen gerade heute an Dich richten, da ich Dich heute mehr denn je als meinen Sohn be⸗ trachte. Ich ſehe, mein lieber Lamberto, meine Worte betrüben Dich, ſie machen auf Dich den Eindruck eines ewigen Abſchieds; Gott weiß, wie ſehr mich Deine Liebe rührt, jetzt aber iſt es Zeit, männliche Gedanken zu hegen, nicht aber weichlichen Gefühlen nachzuhängen. Früher oder ſpäter müſſen wir ja alle von hinnen gehen. Wann? darauf kommtnicht viel an. Ich wünſchte aber doch, daß mich der Tod nicht unvorbereitet träfe, ehe ich über Alles verfügt habe, ſowohl was mein Haus, als was das Wohl der Stadt betriſſt. Gehe nun hin, Gott ſegne Dich tauſendmal!“ 32 Lamberto verließ das Zimmer mit dankerfülltem Herzen und wo möglich geſteigerter Ehrfurcht vor Nic⸗ colo; ſeine Gedanken aber wendeten ſich ganz auf Lau⸗ domia und faßten und verwarfen tauſend Plane, wie er es anfangen wolle, ihr ſeine Liebe zu entvecken. Er würde keinen Augenblick gezögert haben, ſie aufzu⸗ 1 ſuchen, hätte nicht aus irgend einem unbedeutenden 1 Beweggrund eine Zuſammenkunft der bewaffneten Jüng⸗ 1 linge auf dem Markplatze ſtatt gefunden, weßhalb die 1 jungen Männer aus dem Hauſe der Lapi daſſelbe ver⸗ und erſt gegen das Ende des Tages zurück⸗ 1 ehrten.. 5 Ehe es jedoch Abend wurde, hatte Laudomia ſchon ein Geſpräch unter vier Augen mit ihrem Vater ge⸗ habt, in welchem ihr derſelbe ſeine Unterredung mit Lamberto erzählte und ihr voll Vergnügen verſicherte, daß er ſie liebe. Auf Laudomias Geſicht zeigte ſich ein Stral ſo reiner Freude, daß man wohl ſehen konnte, daß die Liebe etwas Göttliches iſt, ſo lange keine Schuld ſie befleckt, keine Furcht ſie betrübt und 1 keine Reue fie ſtört. Sie hob ihre feuchten Blicke zum Himmel, faltete die Hände, kreuzte ſie auf der Bruſt 1 und das Dankgefühl gegen Gott, die Liebe zu Lam⸗ berto ſchmolzen in ihrem Herzen zu einem einzigen unausſprechlichen, glühenden Gefühl zuſammen, das ihre Farbe in ein leichtes Roth verwandelte, während ſie mit zitternder Stimme ſagte: „Armer Lamberto! Ich wußte es wohl!“ Niccolo drückte ſie an ſein Herz, küßte ſie auf die Stirne und fügte dann hinzu: „Ich wollie ihm nicht entdecken, daß ich in Dei⸗ ner Seele geleſen habe, und ſagte ihm nicht, daß Du ihn liebſt.“ Laudomia ſah ihm ins Geſicht und ſprach ganz verwundert mit ſo unſchuldigem und aufrichtigem We⸗ ſen, daß der Alte darüber lächeln mußte: „Ei, warum es ihm nicht ſagen, wenn es doch 53 wahr iſt? Der arme Lamberto! Es hätte ihm ja Freude gemacht.“ „Es wird ihn noch mehr freuen, wenn er es aus Deinem Munde hört,“ erwiederte Niccolo. Dann nahm er eine Hand ſeiner Tochter zwiſchen die ſeinige und fuhr fort mit einem Gefühl, welches noch rührender durch die Milderung des ſonſtigen Ernſtes ſeiner ge: „Liebe Laudomia, Du biſt im Begriffe, den ſchwer⸗ ſten und wichtigſten Schritt im Leben eines Weibes zu thun; bei dieſer Gelegenheit bevürfteft Du mehr, als bei jeder andern, den Rath einer Mutter, aber leider haſt du ſie verloren, vom Himmel herab ſchenkt ſie Dir ihren Segen und ihr Gebet. Kann ich auch nicht ganz ihre Stelle vertreten, ſo wird doch meine innige Liebe für Dich und ihr Geiſt mir von dort oben herab die Plane und Rathſchläge eingeben, die für Dich die beſten find. Du ſiehſt, in welchen Ge⸗ fahren dieſes Volk ſchwebt, und wenn Du in glück⸗ licheren Tagen Dir ein vergnügtes Leben als Gattin Lamberto's verſprechen dürfteſt, ſo bitte ich Gott um ſo mehr unter den jetzigen Umſtänden, und er weiß, mit welcher Innigkeit, Dich glücklich zu machen und lieber auf mein Haupt allen Kummer zu häufen, um ihn Dir zu erſparen. Wird aber mein Gebet erhört werden? Bewaffne Dich mit Stärke, liebe Laudomia, denn Du wirſt ſie bei den Gefahren, die unſerer Stadt drohen, nöthig haben. Sei auf Alles gefaßt und ſtärke Deinen Muth, damit Du Dich in jeder Lage Deines Glaubens, Deines Vaterlandes und des Blutes, das in Deinen Adern fließt, und das ich, Gott ſei Dank! euch in Freiheit und Ehre geſchenkt habe, würdig zei⸗ gen mögeſt.“ Hier verfinſterten ſich auf einmal die Züge des Greifes; er zog die Augenbrauen zuſammen, hob die geballte Fauſt drohend empor und rief: „O Liſa, Liſa! wenn Du nicht wäreſt, ſo würde 54 ich mich deſſen noch mit größerem Rechte rühmen kön⸗ nen.“ Hier drückte Laudomia ihre warmen Lippen auf ſeine kalte Hand und benetzte ſie mit ihren Thränen. Er fuhr mit ſanfterer Miene fort: „Du kannß, meine liebe Laudomia, eine Gelegen⸗ heit ſinden, Dich als würdige Tochter Gottes und des Vaterlandes zu zeigen, die Dich theuer zu ſtehen kommt. Dein erſter Gedanke, Dein erſtes Gefühl gehört unter allen lebenden Weſen zuerſt Lamberto; deſſenungeachtet mußt Du ihm Gott und das Vaterland, welche in ge⸗ wiſſer Beziehung Eins find, noch vorziehen; denn das Wohl des einen iſt unzertrennlich von dem Willen des andern. Denke daran, meine liebe Tochter, daß wir in einer Zeit leben, in welcher Du varauf gefaßt ſein mußt, daß dieſer Lamberto, den Du liebſt un der bald der Vater Deiner Kinder, Deine einzige Stütze, Dein einziger Troſt ſein wird, der Dir nach mir noch bleibt, ſich Wunden und dem Tode zum Beſten des Staates entgegenwirft, und Du mußt es mit heiterem Auge anſehen und ihn anſpornen, ſich noch in größere Ge⸗ fahren zu ſtürzen. So oſt er Dich verläßt, mußt Du denken, es wird vielleicht das letztemal ſein, und darfſt nicht weinen, Dich nicht beklagen, darfſt Dich nicht zuviel den Umarmungen und Liebkoſungen hingeben, mußt jene Worte zurückhalten, welche das Gefühl bei ſolchen Gelegenhetten raſch und heftig auspreßt und die nur dazu vienen, den Muth zu erſchüttern und zu ſchwächen, weil ſie zu ſehr an die Süßigkeit des Lebens erinnern, wenn es eben darauf ankommt, es zu ver⸗ achten. „Das Vaterland ſtellt, wenn es in Gefahr iſt, große Anforderungen an die Männer, aber zuweilen noch größere an die Frauen; von den einen verlangt es Blut und das eigene Leben, von den andern das ihrer Lieben. Die einen finden den Tod in der Hitze des Karhpfes vor den Augen ihrer Mitbürger und 55 ihrer Freuade, begeiſtert von Kampfluſt, Vaterlands⸗ liebe und Ruhmbegierde; die armen Frauen dagegen müſſen einſam, in ihrer ſtillen Wohnung verſchloſſen, das Schwertgeklirr und das Schlachtgeheul aus der Ferne mit anhören und dabei denken: In dieſem Au⸗ genblick vielleicht fällt mein Gatte, mein Vater, mein Bruder. Wer von beiden bedarf mehr Stärke, mehr Sicherheit, mehr Muth? Du weinſt, arme Laudomia 2 Ich ſchildere Dir Deine künftige Lage nicht, um Dich zu erſchrecken ober zu betrüben, ſondern damit Du lernſt, welche Pflichten einem Weibe, einer Gattin in einer freien Stadt obliegen, damit Du ſie bedenkſt und überlegſt und die Heiligkeit und Wichtigkeit derſelben erkennſt. Stärke Deinen Muth und bereite Dich, ſie ſtandhaft zu erfüllen, und pflege in Dir den evlen Ge⸗ vanken, daß den Frauen viele Kraft verliehen iſt, für die Freiheit eines Volkes zu wirken und erhabene, edle Handlungen hervorzurufen, wenn ſie dieſelbe kennen und zu gebrauchen wiſſen, und ich bin gewiß, Du wirſt es wollen und können.“ „O gerne, mein lieber Vater! ich werde nicht er⸗ mangeln; auch weine ich nicht aus Schwäche, denn ich bin Eure Tochter. Gewiß!— Aber ich will nicht be⸗ herzter erſcheinen, als ich bin— daran denken müſſen, daß Gott mir heute Lamberto gibt und vielleicht mor⸗ gen“— Hier wurde die Stimme der Jungfrau von einer Thränenflut unterbrochen, die ſie vergeblich zu hemmen ſuchte. Dennoch zwang ſie ihren bebenden Lippen ein Lächeln ab und ſagte: „Nein, mein lieber Vater, zweifelt nicht an mir! Gott wird mir Kraft geben, und da Ihr doch glaubt, daß auch die Frauen zu Etwas gut find, ſo wird Eure Laudomia Euch dieſe Meinung nicht benehmen. Wir ſind ja nicht auf dieſer Welt, um zu genießen, ſondern um zu leiden, wenn es Gott gefällt.“ „Wohlgeſprochen, liebe Tochter! Die wahre, die ginzige Lebensweisheit beſteht nicht darin, ſich mit einem Trugbilde von Glück zu täuſchen, welches ſich immer weiter entfernt, ie mehr wir ihm nachjagen, ſondern vaß wir unſere Seele an die Vorſtellung des Duldens gewöhnen, und da es unſerer Natur zuwider und un⸗ möglich iſt, uns ohne die Hoffnung auf eine Vergeltung dem Leiden zu unterwerfen, ſo kann derjenige, der hier unten Ruhe ſinden und dem Gewichte der Leiden, die uns unterdrücken, nicht erliegen will, keine andere Hülfe finden, als die Hoffnung auf die Vergeltung im Zenſeits. Wenn dieſe Hoffnung die Handlungen der Menſchen beſtimmen würde, ſo wäre die Welt nicht in den Händen der Gewaltthätigen, der Ehrgeizigen, der Ungerechten, und die unterdrückte Freiheit würde bald wieder erſtehen.“ „Aber,“ ſagte der Alte lächend,„ich wollte ja von Dir und von Deinen Angelegenheiten ſprechen, und ſtatt deſſen habe ich Dich von Politik unterhalten; ſo geht es mir! Mein Leben naht ſeinem Ende und der Gedanke an das Vaterland beſchäftigt mich ſo einzig und allein, daß ich zuweilen gegen meinen Willen von nichts Anderem ſprechen kann. Trotz dem habe ich Dir Manches geſagt, was auf Deine Lage paßt, und habe bemerkt, daß Du mich recht gut verſtanden haſt. Sei gutes Muthes, Gottes Güte wird den ſchwerſten Kelch an Dir vorübergehen laſſen!“ Wie wir ſchon erwähnt haben, war während die⸗ ſes Geſpräches Niemand als Niccolo und ſeine Töch⸗ ter im Hauſe; Liſa befand ſich in ihrem Zimmer mit dem Kinde beſchäftigt, als Laudomia bei ihr erſchien. Ihre bewegte Miene, ihre feuchten Augen zeigten, daß ttwas Beſonderes vorgefallen ſein müſſe; Liſa forſchte dringend darnach, und erfuhr von der Schweſter deren Gedanken und Hoffnungen, ſo wie das ganze Geſpräch, das ſie kurz zuvor mit dem Vater gehabt hatte. Lau⸗ domia ſprach mit dem warmen Gefühl, das die Noth⸗ wendigkeit, ſich einer geliebten Seele zu eröffnen und dieſelbe an ber Freude Antheil nehmen zu laſſen, her⸗ — n , 1 h⸗ d r⸗ 57 vorbringt, und war zu ſehr mit dem, was ſie ſagte, beſchäftigt und zu aufgeregt, um den Eindruck zu be⸗ merken, den ihre Worte auf das Gemüth der Schwe⸗ ſter hervorbrachten. 8 Liſa hörte ihr mit einem Lächeln zu, dem ſie den Ausdruck der Theilnahme und des Wohlgefallens zu geben ſuchte; aberder Leſer weiß, was ſie für einen wunderlichen Kopf hatte. Sie war nicht nur über⸗ raſcht, ſondern ſo zu ſagen verletzt, daß die Liebe Lam⸗ berto's ſchneller erloſchen war, als ſie vermuthet hatte und zu verdienen glaubte. Dieſer Gedanke that ihrer Eigenliebe um ſo weher, als ſie ſich die Niedrigkeit des Grundes ihrer Kränkung nicht verhehlen konnte; denn Richts iſt verdrießlicher für den Stolzen, als ſich in ſeiner eigenen Meinung erniedrigt und lächerlich gemacht zu ſehen, und vieſer Verdruß war in ſeiner ganzen Bitterkeit und Glut auf Liſas Geſicht zu le⸗ ſen. Es dauerte nur einen Augenblick, und Laudomia bemerkte zum Glücke nicht, daß die Schweſter mehr um ſich ſelbſt, als um ſie zu betrügen(ſo wollen wir wenigſtens zu ihrer Ehre hoffen) ſie mit einer Flut von zärtlichen Worten und Liebkoſungen überſchüttete und ſich alle Mühe gab, ſich ſelbſt zu überzeugen, daß ſie für das Glück der Reuverlobten ausnehmend beſorgt ſei und ſich über ihre Vereinigung ungemein freue. Endlich gelang es ihr auch wirklich, den Schein und vielleicht ſogar die wahre Empfindung deſſen, was fie darthun wollte, zu gewinnen. Zwei Schweſtern und Mädchen überhaupt fehlt es bei ſolchen Gelegenheiten nie an Worten; und hier wurden ſehr viele gewechſelt, voll von Plänen, Vorſätzen, Beſtimmungen für die Zukunft, die wir nicht wieder⸗ holen wollen, um nicht uns und den Leſer zu lang⸗ weilen. Endlich trennten ſie ſich unter freudigen Umar⸗ mungen, und kaum war Laudomig hinausgegangen, 58 6l. l nach Hauſe kam und ſich zu ſeiner Frau egab. Wer ihn auf der Treppe geſehen hätte, der würde wohl bemerkt haben, daß ſein Herz nicht bei dem war, was er that. Er kam langſam herauf, blieb auf je⸗ 1 der Stufe verdrießlich ſtehen und ſchleppte eine lange Hellebarde hinter ſich nach, die er unterhalb des Eiſens 1 hielt und auf jeder Stufe mit dem Schaft aufſtoßen 1 ließ. Als er oben angekommen war, blies er auf ein⸗ mal die Backen auf und ſtieß einen langen Seufzer 1 aus; dann verbrehte er die Augen, hängte den Kopf 1 auf die eine Schulter, ſang mit leiſer Stimme und 1 hing die Hellebarde an einen Nagel neben der Thüre ſeines Zimmers, nebſt einem kleinen Schild, den er am Arme trug. Als er dieſen an die Mauer lehnen wollte, fiel er zu Boden; Troilo aber bückte ſich nicht, um ihn aufzuheben, machte das freunvlichſte Geſicht, 3 er vermochte, und ſagte, indem er zu Liſa hinein⸗ 1 ging: 1„Wohlan, Troilo, faſſe Muth! Die Belagerung 11 wird nicht ohne Lohn für Dich ablaufen.“ 1 2„Ich glaubte, es ginge zum Kampf,“ ſagte er, in⸗ dem er das Mädchen flüchtig küßte,„aber es war bloß eine Muſterung, und weiter gibt es nichts Neues.“ z„Aber im Hauſe gibt es etwas Neues,“ antwortele Liſn.“ „Was denn?“ „Lamberto heiratet Laudomia!“ „Ah!— Ei!— Wie!— Nun ich freue mich dar⸗ über.“ Darauf ſah er Liſa ſtarr ins Geſicht und ſagte zu ihr, da es ihm leicht war, ihre Gedanken zu errathen, mit ſeiner natürlichen Bosheit: „Wahrhaftig, eine ſchöne Nauigkeit! Das hätte ich nicht vermuthet. Wer hätte geglaubt, daß ſich dieſe in einander verlieben würden? Man ſollte meinen, ſie hätten ſich ſchon ſeit länger verſtändigt.“ 4 Liſa biß ſich in die Lippen und zuckte die Achſeln. Troilo fuhr aber fort: „Uebrigens freut es mich, denn ich muß Dir ſa⸗ gen, der arme Alberto— Lamberto wollte ich ſagen — trug es mir nach, ob ich gleich nicht die Abſicht hatte, ihn zu kränken— nämlich, daß ich die Urſache war, daß ſeine Liebe geſtört wurde. Niemand hat mehr Grund, als ich, ihn zu bemitleiden, weil ich weiß, welchen Schatz er verloren hat.“ Bei dieſen Worten befand er ſich eben hinter Li⸗ ſas Rücken und ſtreckte verächtlich die Zunge aus dem Munde. „Jetzt danke ich Gott, da ich ſehe, daß er nicht ganz verzweifelt iſt, und ich freue mich auch für Dich darüber, liebe Liſa; ich denke, bei Deinem guten Her⸗ zen mußte Dir ſein Unglück ein Dorn im Herzen jſein, und Du mußt jetzt eine große Freude haben, ihn noch glücklich werden zu ſehen, da er ſo vernünftig war, ſich zu tröſten.“ „O, was mich betrifft, ich bin ſehr erfreut dar⸗ über,“ ſante Liſa trocken. „ Trvilo ſtand vor ſie hin, blickte ihr feſt in die Augen und ſagte: „Und doch, wenn man ſieht, was Du für ein Ge⸗ ſicht machſt, ſollte man denken, Du ſeift nichts weniger als vergnügt. Haſt Du vielleicht ſonſt noch einen Kummer?“ 5„3ch habe Richts; ich bin ja ganz wie gewöhn⸗ ich! „O nein, nicht wie gewöhnlich, meineLiſa! Warum ſagſt Du nicht geradezu ich will es Dir nicht ſagen. Eine Meile weit ſieht man Dir ja den Verdruß an.“ „Was ſoll ich denn für einen Verdruß haben und über wen?“ Das frage ich Dich ja gerade. Ich allein kann es nicht herausbringen, aber was es auch ſei, ſo glaube ich, daß Du alles Andere darüber vergeſſen ſollteſt, daß 60 jetzt Deine Schweſter glücklich und Lambecto getröflet und zufrieden iſt.“ Bei dieſen Worten, deren bittere Jronie ſie nur zu gut verſtand, ohne irgend Etwas geradezu darauf erwiedern zu können, wurde Liſa von ſolchem Aerger ergriffen, daß ſie mit den Füßen ſtampfte, aufſprang und zwei oder dreimal rief:„Aber ich ſage Dir ja, daß mir Nichts fehlt!“ und endlich, wie ein ungezogenes Kind, in Thränen ausbrach. Troilo ergötzte ſich innerlich an dieſer Scene, die er, was wir jetzt geradezu ſagen dürfen, abſichtlich herbeigeführt hatte. Er blickte ſie mit verſtelltem Er⸗ ſtaunen an und fuhr fort ſie zu quälen. „Aber ich begreife ja gar nicht, was gibt es denn? Was iſt denn vorgefallen?“ „Mir fehlt ja Nichts! Nichts iſt vorgefallen! Du kommſt daher mit einer beſondern Miene, betrachteſt mich auf eine beſondere Weiſe und dann das ewige: „Was fehlt Dir?“ und„Gewiß fehlt Dir Etwas und Du willſt mir' nicht ſagen!“ Das heißt einen ja aufs Aeußerſte treiben! Das iſt doch zu langweilig.“ „Langweilig, das iſt das rechte Wort! Das heißt ſo viel, als: Hebe Dich von mir! Wenn Du weiter Nichts verlangſt, ſo wirſt Du bald Deinen Willen haben.“ obgleich ſie plötzlich umgewandelt und erſchreckt von dem Gedanken, den Geliebten erzürnt zu haben, Alles anwendete, um ihn zurückzuhalten. Troilo ſchleuderte ihren Arm weg, mit dem ſie ihn zurückzuhalten ſuchte, und war mit vier Sprüngen auf der Straße. Sobald er die Verheiratung Lambertos vernommen hatte, war der Plan in ihm reif geworden, dieſelbe um jeden Preis zu verhindern, da deren Vollziehung ſeine Abſichten ge⸗ gen Laudomia über den Haufen warf, Abſichten, welche zwar kaum im Entſtehen begriffen waren, und von denen er wohl wußte, wie ſchwer ſie zu erreichen ſeien. X Bei dieſen Worten drehte er ihr den Rücken, —* 2 S S— it r n 6 te ld r is (⸗ P h. 61 So leicht es ihm aber auch hätte werden können, die⸗ ſelben jetzt aufzugeben, ſo hatte ſeine ruchloſe Begierde doch dadurch neue Stärke erhalten, daß er ſie in den Armen eines Andern ſehen ſollte, und da er einſah, daß keine Zeit zu verlieren ſei, hatte er den Zank mit ſei⸗ ner Gattin abſichtlich herbeigeführt, um einen Vorwand enen aus dem Hauſe zu gehen und ſie allein zu aſſen. Auf dem Wege legte er ſeinen bloß verſtellten Zorn ganz ab und ſagte lachend zu ſich ſelbſt: „Wahrhaftig, dieſen Liebeszwiſt gäbe ich nicht um einen Gulden; er hätte zu keiner beſſern Zeit kommen können. Auf jetzt, Herr Troilo, an uns iſt es, Vor⸗ theil daraus zu ziehen. Vor Allem muß ein Wittel gefunden werden, dieſen Lamberto auf hundert Meilen. weit zum Teufel zu ſchicken. Aber auf welche Art, das iſt die Frage.“ Hier fiel ihm Nobili ein, der ihn in das Gewölbe von St. Girolamo beſtellt hatte, um eine geheime Unterredung mit ihm zu halten. Auf ſeine Hülfe glaubte er rechnen zu können. Kurze Zeit darauf be⸗ fand er ſich in dem Verſammlungshauſe der genann⸗ ten Brüderſchaft und wandte ſich an einen der Vor⸗ ſteher, welcher Niccolo kannte und von den Exeigniſſen in deſſen Hauſe hatte reden hören. Von ihm ließ er fich um einige Gulden in den Orden aufnehmen und erhielt nach vollzogener Aufnahmsförmlichkeit das Ge⸗ wand der Brüderſchaft, das er in ein Bündel zuſam⸗ menpackte und ſich damit vergnügt wieder auf den Heimweg machte. In der Zwiſchenzeit war Lamberto mit den an⸗ dern jungen Männern zurückgekehrt. Er ſtieg in ſein Zimmer hinauf und entwaffnete ſich eiligſt, indem er es nicht erwarten konnte, mit Laudomia zu ſprechen, der er, ſeit Niccolo ihm das Herz geöffnet und Muth eingeſprochen hatte, ſich zu enivecken und das lange Stillſchweigen zu brechen brannte. Endlich das Ende 62 kunft vor Augen, ſtieg er in das untere Stockwerk hinab, nicht ohne vorher größere Sorge als ſonſt auf feine Kleidung gewendet zu haben. Als ſeine Haare und ſein Bart auf das Beſte geordnet waren, warf er (denn ſo find wir nun einmal doch Alle) einen Blick in den Spiegel, ſchämte ſich jedoch ſogleich wieder die⸗ ſes weibiſchen Gedankens und ging hinaus. Als er zu Lauvomia's Thüre kam, fand er ſie ver⸗ ſchloſſen. Er klopfte leiſe, indem er ihren Namen rief, und da Niemand antwortete, öffnete er die Thüre und trat mit klopfendem Herzen ein; aber das Zimmer war leer. So oft er auch hier geweſen war, ſo kam es ihm doch vor, als ob es das erſtemal wäre. Ein noch nie gefühlter Schauer durchlief ſeine Adern und ſtill betrachtete er, aufmerkſam um ſich blickend, das reinliche, geſchmackvoll geordnete Geräthe, an welchem man wohl ſehen konnte, welche liebliche Hand Sorge für daſſelbe trug. Die Luft im Zimmer war mit dem gemiſchten Duft der Blumen, die das Bild der heili⸗ gen Jungfrau ſchmückten und die friſchen, reinlichen Linnen, die das Bett bedeckten, erfüllt. Das Tages⸗ licht, welches im Begriff war, in Dämmerung überzu⸗ gehen, fiel matt auf das Getäfel vor dem Fenſter und vermiſchte ſein dunkleres Roth mit dem roſenfarbenen Schimmer der Lampe, welche über dem Betſchemel brannte. Lamberto's Blicke hefteten fich auf das Madonnen⸗ bild, deſſen Schönheit ihm noch nie ſo göttlich vorg⸗ kommen war. Er näherte ſich und betrachtete das Hei⸗ ligthum der geheimſten Gedanken ſeiner Laudomia, ihre Biumen, ihre Gebetbucher, die Kiſſen, welche die Spur der Stelle zeigten, wo fie niederzuknien pflegte. ſeiner langen Leiden und die Ungewißheit ſeiner Zu⸗ Alles dieſes wäre für jeden Andern leblos gewe⸗ 6 ſen, für ihn aber hatte es Gefühl und eine Sprache, welche zugleich ſüß und mächtig in das Innerſte ſeines Herzens drang. — M 63 Ganz in ſeine leidenſchaftlichen Gedanken verſun⸗ ken, beugte Lamberto faſt unbewußt ſeine Knie vor dem Bilde und lehnte einen Arm auf das Kiſſen, auf das er ſein Haupt ſtützte. Das ſchnelle und heftige Pochen ſeines Herzens mäßigte ſich und verlor ſich in ein un⸗ beſchreibliches, ſanftes Einſchlummern des Bewußtſeins, als er eine Hand auf ſeiner Schulter fühlte und die ſüße Stimme Laudomia's hörte, welche ihn fragte: „Du hier, Lamberto? Für wen beteſt Du?“ Der Jüngling erhob ſein Haupt und wendete ſich um. Was er in dieſem Augenblick empfand, als er auf den Blick dieſer feuchten, wohlwollend ſchauenden Augen traf, läßt ſich wohl denken, aber nicht beſchrei⸗ ben. Ohne ſeinen Platz zu ändern, nahm er Laudo⸗ mia's Hände zwiſchen die ſeinigen, drückte ſeine Lippen bebend darauf und antwortete: „Ich kam, um Dich zu bitten, und Du weißt, Laudomia, welche Bitte es gilt, und mit welchem Herzen.“ „Ja, ich weiß es,“ ſagte das Mädchen, und ihre Augen gaben die beſtimmteſte und ſüßeſte Antwort, ohne daß ſie ein Wort weiter hinzufügte. Sie kniete an Lamberto's Seite nieder, der ihre Hand noch immer feſt hielt und ſagte nach kurzem Schweigen, zu dem Bilde der Himmelskönigin hinaufblickend: „O Maria, wenn Lamberto's Herz mir je genom⸗ men werden ſollte, ſo laſſe mich vorher ſterben!“ Nun ſchwiegen Beide, denn in dieſem Augenblicke war es ihnen unmöglich, zu ſprechen, und unter zwei Herzen, welche ſo in einander gefloſſen, wie zwei Flam⸗ men, wenn ſie ſich berühren, ineinanderſchlagen, waren Worte nicht nöthig. Als Beide wieder zu ſich kamen und nach einer langen Pauſe wieder Worte und Begriffe fanden, ließ ſich Laudomia, die ſich nicht mehr auf den Knien hal⸗ ten konnle, auf einen Seſſel nieder, der in der Nähe ſtand, und warf zärtliche und ſanfte Blicke mit bald 64 emporſchauenden, bald wieder ſich ſchamhaft ſenkenden Augen auf den Geliebten, der zu ihren Füßen kniete. So erzählten ſie einander von ihrem Glück mit der vertraulichen, unſchuldigen Offenheit reiner Liebe. Beide waren wie neu geboren und glaubten ſich in einer ganz andern Welt zu befinden und eine ganz andere Natur angezogen zu haben, in welcher alles An⸗ denken an das Vergangene und alle Sorge für die Zu⸗ kunft verſchwunden ſei. Sie verſtanden einander ohne Worte und doch fühlten ſie das Bedürfniß, zu ſprechen und beſtändig zu einander zu ſagen:„Aber iſt denn alles dieſes wahr? Iſt es kein Traum?“ und die reine Hand Laudomia's entzog ſich den zu heißen Küſſen des Jünglings und legte ſich auf ſein Haupt, mit einer ſchwachen Anſtrengung, ihn fern zu halten. Nach und nach ſammelten ſich ihre Gedanken und wiederholten Alles, was ſie in ihrem vergangenen Le⸗ ben bis zu dem gegenwärtigen glücklichen Augenblick gedacht und erfahren hatten. Sie erinnerten ſich an tauſend kleine Poſſen ihrer Kindheit, an ihre erſten Vorftellungen, ihre erſten Eindrücke; ſie gaben ſich ein⸗ ander Rechenſchaft von Worten, Bewegungen, Blicken, die bis dahin unerklärt geblieben waren, und von hun⸗ dert Kleinigkeiten, welche viele Jahre hinter ihnen ka⸗ gen, aber immer ihrem Herzen gegenwärtig geblieben waren; und während dieſer vertraulichen Mittheilun⸗ gen miſchte Lamberto in jeden Satz die zärtlichſten Na⸗ men, die er Laudomia gab, und beſtändig wieder neue dazu erfand, Namen, die ſich nicht wiederholen laſſen, weil ſonſt die Dichter der Schäferromane guten An⸗ denkens und die Thoren ſie entweihen und lächerlich machen würden, die jedoch nichts deſto weniger ein Bevürfniß find, wenn die aufwallende Seele zu viel empfindet, um es mit gewöhnlichen Worten ausdrücken zu können. „O meine Laudomia!“ ſagte der Jüngling,„Du mein füßer, mein einziger Gedanke, Du lehrſt mich jetzt W V— — v——— S— 8—* NN —— 65 den Wahn meiner Vergangenheit erkennen. Ich, der ich mir einbildete, empfunden zu haben, was Liebe iſt — o nie hätte ich gedacht, eine ſolche Seligkeit errei⸗ chen zu können. Sieh, noch vor einer Stunde zürnte ich auf mich ſelbſt, daß ich mich hatte Liſa zuwenden können; es kam mir vor, als hätte ich an Deiner Liebe ein Unrecht begangen, und zwar das erſte, das einzige in meinem Leben; jetzt aber finde ich, daß ich im Irr⸗ thum war; ich erkenne, daß ich glaubte, eine Andere zu lieben, und mich täuſchte; ich liebte nur Dich allein mit der Liebe, die Du allein verdieneſt, welche allein Dir gebührt, welche immer in dem Innern meines Herzens gewohnt hat und, ſo lange ich lebe, daſſelbe beherrſchen wird. Kannſt Du Dir denken, wie ſehr mich dieſe Vorſtellung beruhigt? Ich darf glauben, daß ich rein von jeder Schuld bin, die mich Deiner Liebe unwerth machte, daß der himmliſche Blick meiner Lau⸗ domia heiter auf mich fallen darf und daß ihr Ge⸗ danke nicht zu tief herabſteigt, wenn er auf meinem Herzen ruht.“ Viertes Kapitel. Die Nacht war unter dieſen heimlichen Geſprä⸗ chen hereingebrochen und blos der ſchwache Schimmer der Lampe erhellte das Gemach, was in jedem andern Augenblick die beiden jungen Leute erinnert haben würde, ſich mit mehr Licht zu verſehen, aber in dieſem Augen⸗ blicke wurden ſie es nicht gewahr. Die Familie hatte ſich ſchon im Erdgeſchoß im Zimmer Niccolo's zum Abendgebet verſammelt, und da Lamberto und Lau⸗ domia fehlten, hatte ſich Vieri an den Fuß der Treppe begeben, um ſie zu rufen. Seine Stimme war vernehm⸗ Niccolo de' Lapi. M. 5 66 lich und erſcholl durch das ganze Haus, aber nicht bis in das Ohr der beiden Gerufenen, welche Alles um fich vergeſſen hatten, und Vieri, nichts Arges darüber denkend, kehrte zu den Andern an das Kamin zurück, während Lamberto fortfuhr: „O Geliebte, Du weißt nicht, wie ſehr dieſe Vor⸗ fellungen mich beunruhigt haben, nun will ich Dir Alles ſagen, denn Nichts darf es zwiſchen uns geben, das Dir nicht offenkundig wäre.“ Und hier erzählte er ihr von Selvaggia, von dem Andenken an ſie, das nicht erlöſchen konnte, von dem Mitleid, das er noch für ſie fühlte, und während er ſprach, beobachtete er aufmerkſam und ſcheu, welchen Eindruck ſeine Worte auf Laudomias Geſicht hervor⸗ brachten. Als er Nichts mehr hinzuzuſetzen hatte, ſagte er: „Nun weißt Du Alles, meine Liebe. Glaubſt Du, ich hätte Grund, mich Deiner himmliſchen Liebe unwürdig zu halten? Hältſt Du mich noch Deiner Ge⸗ danken werth? O, zögere nicht, mir zu antworten, meine Laudomia!“ Und er harrte mit der Angſt eines Verbrechers, der ſein Todesurtheil anhören zu müſſen fürchtet. Laudomia's Geſicht, auf welchem anfänglich eine leichte Wolke erſchienen war, erheiterte ſich nach ei⸗ nem leichten Seufzer, den vielleicht der Gedanke er⸗ regte, daß Lambertos Herz doch nicht immer ihr allein gehört habe. Dann erwiederte ſie: „Sage mir, mein Lieber, wäre dieſes Weib nicht ſo niedrig geweſen, hätteſt Du ſie, ohne Dich ſchämen zu müſſen, lieben können, würde fie Dir dann werther, als Deine Laudomia geweſen ſein?“ Lamberto fuhr ſich mit den Händen in die Haare, indem er keine Worte fand, den Abſcheu auszudrücken, den er über einen ſolchen Zweifel empfand, aber ſeine Geberden und ſein Geſicht ſagten genug, und das Wäbchen fuhr fort: 67 „Nun alſo, Gott nimmt ja auch die Herzen an, welche anfänglich nicht die ſeinigen waren! Er be⸗ gnügt ſich ja auch, einem Andern in der Liebe nachzu⸗ folgen, und ich ſchwaches, gebrechliches Geſchöpf ſollte unzufrieden darüber ſein, ich ſollte meine Forderungen höher ſpannen? O nein, Lamberto. Mein Stolz ſteigt nicht bis zu einer ſolchen Thorheit.„ch beklage mich nicht über das Vergangene, ich hätte auch gar keinen Grund dazu; aber hätte ich auch einen ſolchen, ſo denke ich nicht mehr daran Aber die Zukunft! O Lamberto, die Zukunft!“ Und hier faltete ſie die Hände in der Stellung demüthigen Gebets und ſagte: „Sieh Lamberto, ich bin ein furchtſames, ein ſchwaches Geſchöpf, welches ſich ganz auf Deine Liebe verläßt, durch ſie werde ich Kraft und Muth finden fur jeden Unfall des gefahrvollen Lebens, das uns in dieſen Zeiten des Grimmes und des Blutes erwartet. Keine Gefahr, kein Unglück wird mich je ſo weit brin⸗ gen, daß Du über mich zu erröthen haben ſollteſt, das habe ich Gott und dem Vater verſprochen und das werde ich halten können, denn ich fühle, daß ich eine Chriſtin bin, geboren aus einem freien Volke und Nie⸗ colo's Tochter.„Aber Lamberto, um Etwas bitte ich Dich: liebe niemals wieder Jemand mehr, als mich! Ich fühle, fiehſt Du, daß ich gegen jedes andere Unglück würde ſtark ſein können, aber gegen dieſes! O, ich würde es nicht ſein. Bei uns Frauen, Du weißt es, liegt das ganze Leben in dem Herzen„. Für uns iſt die Liebe nicht ein Spielzeug, nicht eine Erholung von größeren Sorgen! Dieſes Herz, das Du mir ſchenkteſt, iſt von nun an mein einziger Schatz, mein einziger Gedanke; raube mir es nicht, ſo lange ich am Leben bin!“ Was der Jüngling bei dieſen zärtlichen Worten fühlte, konnte er nicht anders ausdrücken, als indem er tauſendmal ihre Hand küßte, welche ſie zwiſchen den 68 ſeinen ließ und nun nicht mehr zurückzog. Rach einer kleinen Weile erhob er auf einmal das Haupt, ſuchte in ſeinem Buſen und zog den Brief der Mutter her⸗ vor, den er immer bei ſich trug, ließ ihn Laudomia leſen, die ihn mit Thränen der Zärtlichkeit badete, nahm ihn wieder und ſagte: Du fiehſt, welche gute Gefinnung meine Mutter für Dich hegte, Du ſiehſt, wie ſie mich ſegnete in der letzten Stunde, nun alſo höre mich: könnte ich je ſo verworfen ſein, Dir Unrecht zu thun, auch nur mit ei⸗ nem Gedanken, ſo wende ſich dieſer Segen— Aber er konnte das Wort nicht ausſprechen, denn Laudomias Hand legte ſich auf ſeine Lippen und verbot ihm, weiter zu reden. D Lamberto, ſprich nicht ſolche Worte, Gott der⸗ wirft ſie. Es iſt mir genug, in Deinem Herzen zu leſen— o ja, ich leſe darin, daß unſere Liebe nicht aufhören wird, auch nicht einmal im Himmel, wo wir uns doch immer lieben werden mit heiliger Liebe zu dem, der uns ſchuf, um uns auf ewig ſelig zu ma⸗ chen.“ Und ihre Augen erhoben ſich zum Himmel mit dem engelhaften Blicke, welchen nachzubilden zuweilen dem Pinſel des Guido Reni gelang. So blieben ſie einen Augenblick. Dann ſtieg wie⸗ der kn Laudomias Herzen der Gedanke an Selvaggia empor, ihre Reue, ihr Unglück hatten ſie gerührt, ſie wollte ihre Unfälle ausführlicher hören und endlich ſagte ſie beinahe erſchrocken: „O, die Unglückliche, o was gibt es doch für Frev⸗ ler, was für gräßliche Dinge gehen in dieſer Welt vor, was hat nicht dieſe Arme leiden müſſen, und was wird ſie vielleicht noch zu leiden haben! O, Dich zu lieben, mein Theurer, und keinen Schatten Hoffnung zu haben, das muß ſchrecklich ſein! Aber wenigſtens könnte man erfahren, wo ſie iſt, ſie ausforſchen, ihr irgend einen Troſt zukommen laſſen, ſie einmal die 6⁵ Wonne, geliebt zu werden, empfinden laſſen, wenn nicht mit Liebe, doch wenigſtens mit Wohlwollen, mit Freundſchaft.“ „Wo ſie nun ſein mag, Gott weiß es allein. Ich bin überzeugt, daß ſie meine Spur nicht verloren hat; was meinſt Du? Wenn ich auch ihre Liebe nicht er⸗ wiederte, ſo ſprach ich doch wenigſtens mit Schonung zu ihr und zeigte ihr Mitleid. Gewöhnt, wie ſie war, fich immer mit Hohn und Schimpf umgeben zu ſehen, glaubte ſie einmal einen Mann angetroffen zu haben, der das Geſicht und daß Herz eines Menſchen beſäße.“ „O wie lieb würde ich ſie haben, wenn ich ſie fände! Siehſt Du, ſo bin ich;— es würde mein Herz zerreißen, wenn ich wüßte, daß mein Glück ein armes Geſchöpf unglücklich macht. Ich muß mir Mühe geben, ſie dazu zu bringen, daß ſie mir mein Glück verzeiht, ihr ihren Schmerz auf irgend eine Art zu vergüten. O Lamberto, wollen wir ſie aufſuchen? Ich will ihre Freundin werden, ſie ſoll nicht mehr ſa⸗ gen dürfen, daß ihr Niemand in der Welt jemals wohlgewollt habe.“ „Einen Engel, wie Dich, gibt es nicht einmal im Himmel!“ ſagte Lamberto außer ſich, und auf Laudomia's Stirne, ſo zart und rein, wie die Bruſt einer Taube, wurde jetzt von dem Jüngling der erſte Kuß der Liebe gedrückt. Niccolo ſchloß unterdeſſen aus dem Ausbleiben Lamberto's und Laudomia's, daß das, was geſchehen mußte, vorgegangen ſei. Und um ſich Gewißheit zu verſchaffen, hielt er Vieri zurück, der aufgeſtanden war, ſie noch einmal zu rufen, und wollte ſelbſt zu ibnen gehen. Er ſtieg die Treppe hinauf und kam zuerſt an Laudomia's Thüre, welche halb offen war, ſo daß er eintreten konnte, ohne gehört zu werden, die letzten Worte hörte und ſah, was Lamberto dabei that. Der gute Greis war ſo zufrieden, ſeinen Wunſch in Erfüllung gehen zu ſehen, daß er, gegen ſeine Natur 70 einen Augenblick zum Scherz aufgelegt, die jungen Leute wieder zu ſich brachte, indem er die Worte wie⸗ derholte, welche Lamberto bei der letzten Unterredung zu ihm geſagt hatte: „O, ich verdiene ihre Liebe nicht, ich bin der Liebe dieſes Engels nicht würdig! Armer Lamberto, auch ich fange an, zu fürchten, Du mögeſt Recht haben!“ Dann nahm er ſein gewöhnliches Weſen wieder an, jevoch voll des ſanfteſten Wohlwollens, und um⸗ armte die beiden juugen Leute, welche halb lächelnd, halb erröthend aufgeſtanden waren. So hielt er ſie eine Weile, zog ſie dann vor das Heiligenbild, ließ ſie niederknieen, legte ihnen die Hände auf das Haupt und ſagte: „O meine Kinder, Ihr, die Ihr immer gut und ge⸗ horſam waret, Ihr ſeid die Wonne meines Alters; ich ſegne Euch! Ich ſegne Eure Liebe, Eure Kinder und wer von Euch abſtammen wird. Wenn ich nicht mehr bei Euch ſein werde, und das wird bald ſein dann gedenket Niccolo's, Eueres Vaters, erinnert Euch an die Liebe, die er zu Euch hegte, an den Segen, den er Euch heute gab, und wenn Ihr wollt, daß Goit ihn vom Himmel herab beſtätige, ſo liebt Euch immer, wie Ihr Euch jetzt liebt, aber noch mehr liebt Gott, Euer Vaterland, und dann wird Euch endlich geſtattet werden, auf immer in dem Himmel vereinigt zu ſein!“ Er ſchwieg und die beiden jungen Leute konnten einige Minuten kein Wort hervorbringen, mit einem ſo tiefen Gefühl religiöſer Ehrfurcht und zärtlicher Dankbarkeit erfüllten ſie dieſe Worte. Endlich faßte fich Niccolo zuerſt und ſagte: „Nun wollen wir hinuntergehen, denn wir werden erwartet.“ Und als ſie mit einander in das Zimmer hinunter kamen, wo die andern Mitglieder der Familie von Liſa gehört hatten, was vorgehe, glühten Laudo⸗ mias Wangen röther, als ſonſt, und Lamberto's ſonſt —————— B* 7¹ traurige Züge waren von einer Fröhlichkeit überſtralt, welche eben ſo heiter auf dem Geſichte des Alten er⸗ ſchien. Während er hinausgegangen war, um ſie zu ſuchen, waren die gewöhnlichen Freunde erſchienen, welche Abends kamen, und unter den übrigen Fanfulla, der nunmehr als Hausgenoſſe betrachtet wurde. Nach der alten florentiniſchen Sitte ſollte die feier⸗ liche Verlobung am Abend des nächſten Tages in der Kirche zu San Marco ſtattfinden. Niccolo erſuchte die Anweſenden, ſich zu dieſem Zwecke dort einzufinden und dann bei ihm eine einfache, mehr den bebrängten Um⸗ ſtänden, als dem frohen Ereigniß angemeſſene Abend⸗ mahlzeit einzunehmen. Hierauf wandte er ſich zu Bruder Benedetto von Faenza und bat ihn, er möchte ſo gefällig ſein, dieſe Ehe einzuſegnen, welche in drei Tagen in derſelben Kirche geſchloſſen werden ſolle. „Aber Liſa, was iſt aus Troilo geworden, warum iſt er dieſen Abend nicht da?“ ſagte er dann zu ſeiner Tochter, welche ſeitwärts an einem Tiſch arbeitete. Liſa antwortete, Troilo wolle ſich gerade am heu⸗ tigen Tag in dem Gewölbe des S. Girolamo einſchrei⸗ ben laſſen; dorthin ſei er gegangen und könne erſt ſehr ſpät zurückkommen. „Es iſt gut,“ ſagte Niecolo, der in dieſem Augen⸗ blick weder aufgelegt war, einem Verdacht Gehör zu geben, noch geneigt, irgend Etwas ſchlimm auszulegen, und in der Freude, ſich unter ſeinen Lieben zu befin⸗ den, bald alles Andere vergaß. So verging der Abend. Aber Troilo dachte nur zu ſehr an ſie. Als er mit ſeinem Gepäck nach Hauſe gekommen war und ſich mit ſeiner Frau verſöhnt hatte, welche ganz erſchrocken und in großer Sorge war, indem die Arme ſich alle Schuld dieſes Zanks beimaß, des erſten, der unter ihnen, ſeitdem ſie vereint waren, entſtanden war, wartete er, bis es dunkel werden würde, dann 72 zog er die Mönchs⸗Kutte an und ging auf das Thor S. Gallo zu, wo das Bethaus der Bruderſchaft war. Dort angekommen, gab er ſich an der Thüre dem Wächter zu erkennen, wurde eingelaſſen und ſtieg viele Treppen hinab in eine kleine Kirche, welche, weil ſie unter der Erde war, die„Höhle“ genannt wurde. Sie befand ſich unter einem niedern, langen Gewölbe, das durch große und hohe Seitenwände von rohem Stein, welcher durch das lange Brennen der Fackeln rauchig geworden war, kreuzförmig abgetheilt wurde. Das Pflaſter war von bräunlichen Backſteinen mit vielen Grüften, auf welchen Bildniſſe von Kriegern und Bür⸗ gern in langen Kutten ausgehauen waren, deren er⸗ habene Arheit durch das lange Darauftreten faſt geeb⸗ net war. Auf dem Alter im Hintergrunde brannten einige Lichter vor dem Bilde des heil. Girolamo. Ge⸗ mälde auf altmodiſchem Getäfel voll Vergoldungen und Schnitzwerk mit vielen Votivtafeln, die nach der Sitte der Zeit in großen Puppen beſtanden, welche nach der Natur die Geſtalten von Frommen beider Ge⸗ ſchlechter darſtellten, hingen frei da, am Gewölbe be⸗ feſtigt. Dieſe luftige Verſammlung in Allem, außer der Bewegung, derjenigen ähnlich, welche unter ihren Füßen ſtand, hatte etwas Seltſames, und wenn man ſie in dunkler Maſſe gegen die Beleuchtung des Altars betrachtete, ſo ſchienen es Geſpenſter, die ein Geiſter⸗ bann aus den unten liegenden Gräbern beſchworen. Leiſe und gedehnte Stimmen ſangen hinter dem Altar die Hora, und die Kirche entlang an der Mauer gegen eine Reihe Holzbänke hinkniend beteten viele Mönche, in die Kutte verſteckt und die Kaputze über die Augen gezogen. Troilo, der an Bälle, Gelage und andere Vergnügungen gewöhnt und in ſeinem Leben vielleicht nicht zehnmal in der Kirche geweſen war, kam es, in⸗ dem er da hinunterſtieg, wirklich vor, als ob er ſich in das Grab legen ſollte. Er ſchritt vorſichtig, um nicht zu ſtraucheln, denn das Fflaſter war mit einem 78 feuchten Schlamm überzogen, wie in Kellern, und als er ftille ſtand, ſagte er bei ſich, indem er um ſich blickte: „Wer ſollte denken, daß man, um in den Himmel zu kommen, einen ſolchen Weg machen muß? Geduld, auch das muß ſein, Herr Troilo. O Baccio, Du Hund, wir werden uns wieder ſehen, wenn es Gott gefällt. Und nun, wie macht man es, den Herrn Be⸗ nedetto, dieſe Memme, zu erkennen, mitten unter die⸗ ſen ſich ganz gleichen Kohlenſäcken? Laß ſehen, hier dieſer ganz zuſammengekauerte, von dem man glauben ſollte, daß er Eier ausbrüte, nun, der iſt um eine Elle größer. O, der andere da mit dem mächtigen Kreuz, wie ein Turnterpferd Der iſt es ohne Weiteres.“ Als er ſich ihm genähert hatte, kniete er neben ihm nieder, und nachdem das unter ihnen verabredete Zeichen gegeben und empfangen war, fand er, daß er es getroffen habe, und beide fingen an, mit leiſer Stmme mit einander zu flüſtern. Um ſeine Abſicht ſicherer und ſchneller zu erreichen, ſagte Troilo Herrn Benedetto ohne Umſchweife, daß er auf keinen Fall mehr Luſt habe, in Florenz zu bleiben und dieſes Mönchsleben zu führen, daß es eine Langeweile wäre, daß er in einer Woche nicht mehr am Leben ſein würde und daß er doch Herrn Baccio benachrichtigen laſſen möchte, daß er um jeden Preis fort wolle. Herr Benedetto that Alles, was er konnte, ihn zu überreden und dahin zu bringen, ſeinen Vorſatz zu än⸗ dern. Troilo aber wurde immer hartnäckiger, ließ jedoch nach vielem Sträuben das Wort fallen, daß er es ſich gefallen laſſe, zu bleiben, aber unter einer Be⸗ dingung. Was es auch ſei, wenn es nur etwas Mög⸗ liches iſt, wird es Euch zugegeben werden, erwiederie ſogleich Nobili. „Nun höre mich an,“ ſagte Troilo.„Ihr ſollt es bei Herrn Malateſta dahin bringen, daß zwiſchen heute und morgen Lamberto, der Lanzenreiter in der Compagnie des Herrn Anico d'Arſoli, welcher im Haufe 74 Niccolo's wohnt, aus Florenz geſchickt werde mit den auf das Land beſtimmten Truppen, oder wohin man will; denn es iſt mir gleichgiltig, wenn er mir nur aus dem Weg kommt.“— „Wenn Du nichts Anderes verlangſt, mein Söhn⸗ chen, das wird gleich geſchehen ſein,“ erwiderte Nobili, welcher ihn ſehr wohlfeil erkauft zu haben glaubte. „Nun,“ fuhr er fort,„es fällt mir ein, da wir auf dieſe Weiſe verlarvt find, ſo wird es das Beſte ſein, wir gehen zuſammen zu Malateſta, ſobald die Meſſe aus iſt. Aber ſchweige und mache Dich zurecht, um keinen Verdacht zu erregen.“ Troilo war ganz zufrieden und lachte bei ſich ſelbft über die Thorheit, zu glauben, daß er wirklich die Ab⸗ ſicht habe, ſich einer Unternehmung zu entziehen, an welcher er Geſchmack zu finden begann. Er zog ſich ein wenig zurück, ſtellte ſich, als ob er bete, und über⸗ legte ſtatt deſſen ſeine Schurkenſtreiche. So vergingen anderthalb Stunden, welche bei der unbeguemen Lage und dem Schmerz in den Knien, die zum erſtenmal das Gewicht des Körpers allein zu tragen hatten, ihm wenigſtens wie vier Stunden vor⸗ kamen. Endlich bemerkte er, daß die Lichter des Al⸗ tars eins nach dem andern erloſchen. Er erhob den Kopf, ſah die letzte Flamme unter dem Löſchhütchen verſchwinden und blieb im Dunkeln, nur daß hinter vem Altar ein Lichtchen kaum einen ſchwachen weißen Schein von ſich gab. Er gewahrte nun Etwas wie ei⸗ nen Schatten, welcher, längs der Mauer herumgehend, ſtille ſtand, und da jeder Bruder die Bewegung machte, als ob er Etwas darreiche, näherte er ſich dem Herrn Benedetto, um ihn zu fragen, was das zu bedeuten habe, als der Mann, der im Kreiſe herumging, zu ihm gelangte, ihm ein hölzernes Inſtrument in der Länge von zwei Ellen in die Hand gab, deſſen Geſtalt er im Dunkeln nicht erkennen konnte. Als er aber durch das Gefühl gewiſſe kleine Stricke mit Knoten, die an ei⸗ 75 nem der beiden Enden hingen, wahrnahm, entdeckte er, vaß er eine Bußgeißel in den Händen habe. Er war in Verſuchung, ſie demjenigen, der ſie ihm gegeben, an den Kopf zu werfen, aber er hielt doch an ſich, und Nobili, der ihm immer im Auge behielt, ſagte leiſe zu ihm:„Mach es, wie ich!“— Troilo ſah ihm zu und bemerkte, daß Herr Benedetto alle Kleider bis an den Gürtel, eines nach dem andern, ablegte, die Bußgeißel nahm und anfing, wie ſich wohl glauben läßt, mit mehr Geräuſch, als Schaden, auf ſich loszuſchlagen, und alle andern Brüder thaten daſ⸗ ſelbe, indem ſie zugleich das Miſerere ſangen. Trilo gerieth in ſolchen Zorn, daß er ſich zu dieſem Betrug hatte bereden laſſen, von welchem ihm Herr Benedetto vorher kein Wort geſagt, daß er die Bußgeißel nahm und, ohne ſich weiter zu entkleiden, bei ſich ſelbſt ſprechend: nun ſollſt Du mir es hezahlen! wie wahnfinnig auf die Balken und Mauern losſchlug, ſo daß er den Schultern des Herrn Benedetto ein paar kräftige Hiebe verſetzte. Der Getroffene wand ſich wie eine Schlange, und Troilo lachte in ſeinen Bart und entſchuldigte ſich mit der Dunkelheit und mit der ge⸗ ringen Uebung, die er in ſolchen Büßungen habe. Endlich um die vierte Stunde der Nacht, als die Meſſe und die Bußübung geendigt war, gingen die Brüder einer nach dem andern fort und als die Kirche leer war, begaben ſich auch unſere beiden Schurken nach dem Palaſte Malateſta's. Es iſt uns ſchon erlaubt, mit einem Sprung und in einem Augenblick den Weg zurückzulegen, der ſie eine halbe Stunde Zeit und viele Schritte koſtete, und wir wollen ihnen mit unſern Leſern an das Ziel ihres Ganges vorangehen und uns, indem wir ſie erwarten, in einige kleine Zimmer im Erbgeſchoß verſetzen, aus venen durch eine geheime Treppe eine Verbindung mit dem Schlafzimmer Malateſta's beſtand. Dieſe Ge⸗ mächer waren bewohnt vom Meiſter Barlaam, ſeinem 76 Arzt und Sterndeuter, welchen der Leſer, wie wir hoffen, nicht vergeſſen haben wird, obgleich wir von ihm eine Zeit her kein Wort geſprochen haben. Ein neuer Gaſt, der ebenfalls ſchon in unſerer Erzählung erſchienen iſt, hatte ſich vier und zwanzig Siunden vorher in dieſem Quartier eingefunden. Aber bevor wir uns mit ſeinen gegenwärtigen Abſichten beſchäfti⸗ gen, müſſen wir die Lücke ausfüllen, die wir in unſerer Erzählung der vergangenen Schickſale dieſes Gaſtes gelaſſen haben. Als Selvaggia von dem Vordertheile der Galeere des Don Ugo di Moncada, wo ſie kämpfte, um Lam⸗ berto zu vertheidigen, ſchwer verwundet in das Meer geſtürzt worden war,(der Leſer wird ſie ohne Zwei⸗ fel in dem Soldaten mit der Sturmhaube wiever er⸗ kannt haben) fühlte ſie nach dem erſten Eindruck der Kälte des Waſſers Nichts mehr, verlor das Gedächt⸗ niß und'die Befinnung, und als fie wieder zu ſich kam, fand ſie ſich eingeſchloſſen in einem dunkeln, engen und übelriechenden Ort, auf Stroh ausgeſtreckt und einge⸗ pfropft zwiſchen Verwundeten und Sterbenden. Es kam ihr in den Sinn, ſie ſei aus der Welt gegangen und befinde ſich in der Hölle, als ſie aber nach und nach die Kräfte des Geiſtes wieder geſammelt hatte und den dumpfen und verworrenen Lärm hörte, den die über ihrem Haupte auf den Brettern wiederhallen⸗ den Schritte machten, und das Geräuſch der hin und her bewegten Ruder, bemerkte ſie, daß ſie im untern Raum einer Galeere ſei. Die Erinnerung an die überſtandene Schlacht kehrte zurück, ſie vergaß ihren Zuſtand, ihre Wunden, die heftigen Schmerzen, die ſie erduldete, dachte nur an Lamberto und ſagte ſeuf⸗ zend: „O, ſie werden mir ihn getödtet haben!“ Die eiſerne Natur dieſes Weibes unterlag der Gewalt ſolcher Gedanken: die Arme fing an zu wei⸗ nen, wie ein Kind. Nachdem fie eins Weile geweint v S u— v v S 77 hatte, ſagte ſie in einem Anfall der troſtloſeſten Ver⸗ zweiflung zu ſich ſelbſt: „Wie erbarmungslos wie heimtückiſch muß der Dämon ſein, welcher mich, ſeit ich geboren wurde, unaufhörlich gehetzt hat und mich überall hin verfolgt im Frieden im Krieg bis in die Tiefe des Meeres gibt es kein Mittel, ihm zu entfliehen? Aber ich wollte ja dießmal fterben ich verlangte es ſo ſehr. Sterben! Aber für Lamberto, aber um ihm das Leben zu retten. O ja; aber auch das wäre ein zu großes Glück für Selvaggia geweſen, eine Freude, die wirklich eine iſt, darf ich nicht empfinden, nie, nie⸗ mals; aber wer bin ich,“ ſagte ſie endlich unter lau⸗ tem, untröſtlichem Weinen,„wer bin ich, bin ich eine Schlange, ein wildes Thier? Was habe ich gethan, bevor ich geboren wurde, was für Verbrechen began⸗ gen? Habe ich Dich gebeten, mich auf dieſe Welt bezete⸗ furchtbarer Gott, der Du mich geſchaffen ha Dieſes furchtbare Raſen vermehrte die körperlichen Leiden Selvaggias und verſenkte ſie von Neuem in die vorherige Ohnmacht. Sie verblieb in derſelben, ihrer ſelbſt und ihrer Leiden unbewußt, Gott weiß, wie lange. Als ſie hierauf den Gebrauch ihrer Sinne wieder erhielt, ſah ſie neben ſich einen Kapuziner knieen, der ihre Schläfe mit Eſſig benetzte. Es koſtete ihr eine Weile Mühe, ſprechen zu können, kaum aber ge⸗ lang es ihr ſich verſtändlich zu machen, ſo fragte ſie: „Wo find wir?“ „Auf der Sancta Marta, mein Sohn,“ erwiederte der gute Mönch,„in den Gewäſſern von M. Chriſto und in der Richtung nach Gaeta.“ „O ſagt mir, ſagte ſie ängſtlich und that ſich Ge⸗ walt an, den Kopf empor zu heben,„wo iſt das ſpa⸗ niſche Befehlshaberſchiff, auf welchem man kämpfte, als ich in das Meer geſtürzt wurde?“— 78 „Untergegangen, mein Sohn, Gott gebe ſo vielen armen Seelen Frieden!“ „Und auch er?.. Auch Lamberto? Auch die⸗ ſer tapfere Jüngling? Er, der Alle vor ſich nieder⸗ ſchlug... O ſagi es mir? auch er?“ „Vie ſoll ich dieß wiſſen? Ich weiß nicht, von wem Ihr ſprecht. Es find ſo viele ungekommen, daß die Namen von allen nur Einer wiſſen kann, Gott. Was ich Euch zu ſagen vermag, iſt, daß die Galere auf die Seite fiel, denn ein Kanonenſchuß hatte fie unter Waſſer geſetzt, und in kürzerer Zeit als man braucht, ein Ave Maria zu beten, verſchwand die Flagge von Spanien auf dem Gipfel des Hanptmaſtes im Meere.“ „O, ſie haben ihn mir getövtet!“ wiederholte zwei⸗ mal die Unglückliche mit ſchwacher und dumpfer Stimme und blieb ftumm, unbeweglich, ohne daß es ſchien, als ob ſie die Troſtworte und die Unterſtützung des Mönchs hörte oder ſich darum bekümmerte. Als vie Galeere zu Gaeta angekommen war, wel⸗ ches damals die Franzoſen beſetzt hielten, wurden die Verwundeten und unter ihnen Selvaggia ausgeſchifft,; und in ſchmutzigen ungeſunden Magazinen am Hafen! aufgehäuft. Wenn der Leſer(und wenn es nicht der Fall iſt, deſto beſſer für ihn) ein Militärſpital in Kriegszeiten geſehen hat, wenn ſein Fuß das übelrie⸗ chende Stroh berührt hat, das hundert Verwundeten zum Lager dient und von allem Unflath des Elends umgeben iſt, ſo kann er ſich von dem abſcheulichen Ort eine Vorſtellung machen, in welchen die Arme gebracht wurde, und möge dann noch in Sru — ziehen, daß vor dreihundert Jahren ſolche Spitäler weit ſchlechter waren, als die unſrigen. Vielleicht hat die Natur gewiſſe, zum Leiden be⸗ ſtimmte menſchliche Geſchöpfe mit einem jede Prüfung aushaltenden Körperbau aus eben dem Grunde be⸗ gabt, aus welchem die Schiffsbaumeiſter diejenigen 79 Schiffe, welche den Stürmen und Eisfeldern des Nord⸗ pols zu trotzen beſtimmt ſind, ſtärker baut und ihre Seiten mit Kupfer beſchlägt. Einen ſolchen Körperbau hatte Selvaggia erhal⸗ ten und Schmerzen, Krankheiten, Mangel, in welchem ſie über ein Jahr ſchmachtete, waren nicht vermögend, ihre Lebenskraft aufzuzehren. Nach einigen Monaten hob man ſie, obſchon ihre Wunden noch nicht ganz geſchloſſen waren, vom Stroh des Hoſpitals auf, um andern Verwundeten Platz zu machen, und ließ ſie auf dem Pflaſter einer Straße liegen, wo ſie vor Hunger geſtorben wäre, hätten nicht mikleidige Menſchen ſie aufgenommen und unterſtützt, bis ſie mit großer Mühe und langer Zeit Kraft und Geſundheit wieder erhielt. So lange ſie ihren Tod für gewiß hielt, hatte der Gedanke, das Leben zu verlaſſen, ohne Lamberto wieder zu ſehen, ohne weiter Etwas von ihm zu erfahren, ihre Leiden bis zur Troßtlofigkeit erſchwert, aber kaum fühlte ſie ſich wiederum erſtarkt, kaum kehrte in ihr Herz ein wenig Leben zurück, ſo faßte ſie wieder Hoff⸗ nung, daß er nicht in der Schlacht umgekommen ſei, daß es ihr noch gelingen könne, ihn wieder zu finden, und dieſe Hoffnung war für ſie die beſte Arzuei. So eifrig ſie auch bei allen durch Gaeta ziehen⸗ den Kriegsleuten nach dem Schickſale Lamberto's ſich erkundigte, ſo konnte ſie dennoch keine Spur von ihm entdecken und wiederholte, ſo oft ſie ihre Hoffnungen getäuſcht ſah, unter heißen Thränen die Worte:„Sie haben mir ihn getödtet!“ Als ſie ſich endlich ziemlich wohl fühlte, nahm ſie eines Morgens Abſchied von dem, der ſie ſo liebevoll unterſtützt hatte, und nahm allein, zu Fuß, mit einem ſchwachen Reiſeſtab und ohne anderes Gut als die we⸗ nigen Kleider, die ſie anhatte, und einigem Geld, ei⸗ nem Geſchenk ihrer Wohlthäter, muthig durch die Schluchten von Itri den Weg nach Rom. Sie hatte 30⁰ von der Belagerung gehört, von welcher Florenz um⸗ ſchloſſen wurde. Wenn er am Leben iſt, wird auch er dort ſein, ſagte ſie, wenn er nicht dort iſt.. wird es ein Zeichen ſein, daß ich nunmehr dieſes Leben verlaſ⸗ ſen darf, aber wenigſtens ſei mein Tod da, wo er geboren iſt, unter der Thüre ſeines Hauſes, dieſen Troſt wenigſtens werden ſie mir laſſen. O mein Gott, laß dann nicht irgend Einen vorbeigehen, der mich wie⸗ der erkenne und ſage, das iſt Selvaggia, die Buhlerin, denn ſonſt werde ich vielleicht auch von dort verjagt.— Unter ſolchen Gedanken, unter beſtändigen wechſeln⸗ den Vermuthungen und Vorſätzen wandelte ſie filh und allein dahin. In den erſten beiden Tagreiſen machte ſie viele Meilen, dann fingen ihre Wunden von Neuem an ſie zu ſchmerzen und ſie mußte länger und häuſiger aus⸗ ruhen. Sie ging über Terracina, die Pügel, die Sümpfe von Villetri und von Albano, bald von den Herbſtregen gepeitſcht, bald von Mübdigkeit erſchöpft, bald die Glieder von heftigen Schmerzen durchbohrt, aber immer geſtützt von der Hoffnung, getragen von der Sehnſucht nach Florenz, wo ihre bange und ſor⸗ genvolle Ungewißheit ein Ende finden ſollte. Nach ehn Tage langer Reiſe ſchritt ſie eines Abends in om ein, durch das Thor S. Giovanni. Sie hielt ſich dort einige Tage auf, um ein wenig Kräfte zu ſammeln, und dann reiste ſie wieder weiter über Vi⸗ terbo, Radicofani und Siena kam einen Monat, nach⸗ dem ſie Gaeta verlaſſen hatte, endlich an die Thore von Florenz. Durch das Thor S. Gallo eingetreten(ſie hatte den geraden Weg verlaſſen und durch einen weiten Um⸗ weg ſich dorthin begeben müſſen, um das kaiſerliche Lager zu vermeiden), legte ſie ſich unter dem Thorge⸗ wölbe nieder, weniger üm auszuruhen, denn ihre ei⸗ ſerne Natur war mehr als ſonſt durch die Mühen der Reiſen abgehärtet, als um über das Mittel nachzuden⸗ ken, Lamberto aufzufinden, denn ſie erkaunte, daß 3 81 dieſes in einer ſo großen Stadt, wo ſie noch nie ge⸗ weſen war, angefüllt mit ſo vielen Soldaten und ſo ſtarker Bevölkerung, nichts ſehr Leichtes war. Er iſt Soldat, dachte ſie, wenn ich alſo nach dem Oberfeld⸗ herrn, der die Truppen befehligt, frage, ſollte ich ihn wohl entdecken können. Als fie ein Geſpräch mit einigen Zolleinnehmern angeknüpft hatte, wurde ihr geſagt, der Oberfeldherr der Florentiner ſei Herr Malateſta Baglioni, Oberherr von Perugia. Sie erſchrack bei dieſem Namen und ſie hatte Grund dazu, wie wir ſpäter ſehen werden. Einen Augenhlick dachte ſie nach, envlich ſagte ſie:„Er wird meinen Vater bei ſich haben. Mein Vater hier? Und in einigen Augenblicken kann ich ihn ſehen!“ Sie kämpfte eine gute Weile mit ſich ſelbſt, dann erhob ſie ſich auf einmal entſchloſſen und ſagte:„Es wird vielleicht zu meinem Beſten dienen. Gehen wir.“ Und bals von dieſen, bald von jenen ihren Weg er⸗ fragend, gelangte ſie, als es ſchon Nacht geworden war, an das Thor des Palaſtes der Serristori. Meiſter Barlaam befand ſich indeſſen allein in ſei⸗ nem Schreibzimmer, welches man vielmehr eine Werk⸗ ſtätte hätte nennen können, denn es war der Ort, wo er mit Hilfe zweier Ofen und einer großen Menge Töpfe, Fläſchchen, Extracten und Retorten, Arzneien bereitete, Waſſer brannte, welche die wankende Ge⸗ fundheit ſeines Herrn aufrecht erhielten oder aufrecht erhalten ſollten. Das dürre und gebrechliche Gerippe des alten Juden war in den klaſfiſchen Schlafrock oder vielmehr den langen Rock von abgeſchabtem Tuch, mit Pelzwerk gefüttert, gehüllt, ohne welchen man, Dank den Malern und Geſchichtserzählern, fich unmöglich einen Goldmacher vorſtellen kann. Er beſaß alle Laſter lange verfolgter Geſchlechter und zugleich die Gaben, ich möchte faſt ſagen, die Tu⸗ genden, welche ihnen die Natur geſtattet, damit ſie nicht ganz ohne Vertheidigung gegen ihre Unterdrücker find. Niccolo de' Lapi. U.* 6 Er war geizig, ausnehmend ſchlau, unfähig, je bei irgend einer Gelegenheit und für wen es auch ſei das Gefühl des Erbarmens und des Mitleids zu empfin⸗ den, ohne andere Sorge, als die für ſich ſelbſt, ohne andern Zweck, als ſeinen eigenen Vortheil; aber eben dieſe Beſchränkung aller ſeiner moraliſchen Fähigkeiten in den engen Umkreis ſeiner eigenen Individualität hatte ihn mit wunderbarer Schnelligkeit der Auffaſſung im Anordnen ſeiner Plane, mit unerſchütterlicher Zä⸗ higkeit in deren Ausführung und mit einer unerreich⸗ bar verſtellten Klugheit begabt, um diejenigen Men⸗ ſchen, mit denen er zu thun bekam, zu ſeinen Zwecken zu verwenden und zu leiten. Sein kalter und zugleich ſehr aufgeklärter Verſtand konnte mit einem Schach⸗ brett verglichen werden, auf welchem nur langſam und lange vorher überdachte Züge geſpielt werden, in Folge eines undurchdringlichen und ſicheren Planes. In den Zeiten, wo Wohlleben, Bequemlichkeit und ein ſicheres Leben größtentheils von Geburt, Muth und körperlicher Kraft abhingen, hatte er, aller dieſer Gaben beraubt, überdieß der Sohn eines verachteten und verfluchten Geſchlechts, durch Geiſt und Schlauheit ſich dieſe Güter zu verſchaffen gewußt, welche ihm die geſellige Einrichtung der damaligen Zeit auf anderem Wege verſagte. Es war ihm gelungen, ſich Malateſta zu unterwerfen, und im Schatten ſeiner Macht lebte er zwar niedrig, aber reich und geſichert. Ein Augen⸗ blick des Unwillens, eine Laune ſeines Herrn konnte aber bewirken, daß er Alles und zugleich das Leben verlor; denn der Jude wußte wohl, daß er nicht ge⸗ liebt wurde, und daß die Liebkoſungen und die Rück⸗ ſichten, die man ihm erwies, blos daher kamen, weil jener glaubte, ihn nicht entbehren zu können. Er kannte Malateſta als zum Argwohn geneigt, furchtbar im Zorn und beſonders unverſöhnlich in der Rache, und die beſtändige Bemühung ſeines Lebens war, die Fäden des Netzes feſt und ganz zu erhalten, N — 83 in dem er ihn verſtrickt hielt, zu machen, daß er es nicht bemerke und ihn dagegen für einen gehorſamen anhänglichen Diener halte, welcher unfähig wäre, je gegen ihn verſtellt oder verrätheriſch zu handeln. Während er an einem Tiſche ſitzend beim Schein einer kleinen Laterne ein Manuſcript von Averrves auf Schafleder las, erhob ſich der Vorhang der Thüre, die auf den Hof hinausging und ein Soldattrat herein und ſagte: „Herr, da draußen iſt ein junger Menſch, der nach Euch ſucht.“ Und bevor der Alte Zeit hatte, zu antworten, trat Selvaggia ein, blieb an der Thüre ſtehen und der Soldat ging wieder ſeinen Geſchäften nach. „Wer ſeid Ihr?“ fragte Barlaam, indem er die Augen aufriß und die magere Hand zwiſchen ſeinen Augen und das Flämmchen der Laterne hielt, um beſ⸗ ſer zu ſehen, wer ſo unbefangen, ohne Auftrag her⸗ eintrete. Selvaggia zögerte einen Augenblick mit ihrer Ant⸗ wort. Sie empfand eine unausſprechliche Aufregung beim Anblick deſſen, der die erſte und verbrecheriſche urſache aller ihrer Leiden war. Doch kam ſie langſam vorwärts, und ließ ſich, die Hände äuf den Tiſch ſtü⸗ tzend, einen Augenblick betrachten, dann ſagte ſie mit ei⸗ nem bittern Lächeln: „Nicht wahr, mein Geſicht hat ſich verändert, ſeit⸗ dem Ihr mich verkauft habt...— Mit meinem je⸗ tzigen wäre ich eine ſchlechte Waare Der Greis erkannte fie nun wieder und ſagte, ohne daß man aus ſeiner Stimme, ſeinem Geſicht, aus ir⸗ gend einer Geberde das geringſte Anzeichen des Ein⸗ drucks hätte bemerken können, welche dieſe unvorherge⸗ ſehene Erſcheinung auf ihn machte, mit unerſchütterli⸗ cher Ruhe: „Ha, biſt Du es, Selvaggia?“ Nun erhob das Mädchen, beleidigt von der Kälte dieſes Verworfenen ihre Stirne, legte die Arme auf der Bruſt über einander und erwiederte mit Entſchloſ⸗ ſenheit in Stimme und Geberde: „Ja ich bin's. Nun hört mich an, Meiſter Bar⸗ laam. Iſt in allen den Tagen, in allen den Stunden, welche verfloſſen find, in dieſen vergangenen Jahren, von dem Augenblick an, da Ihr mich allein ließet, in jener Nacht in jenem Zimmer mit jenem Manne. —— iſt Euch nie der Gedanke in den Sinn gekom⸗ men: Gott hatte mir eine Tochter gegeben, was habe ich mit ihr gemacht? Iſt es Euch nie vorgekommen, daß Ihr im Schlaf aufgeweckt wurdet von threm Bilde? Habt Ihr ſie nie geſehen, geſchändet, verſpottet, mit Schmähungen bedeckt, flüchtig von Land zu Land? Iſt Euch nie eine Beſorgniß ihretwegen in den Sinn ge⸗ kommen„. Vielleicht iſt ſie nackt, vielleicht hat fie Hunger, vielleicht liegt ſie krank und hat Niemand, der ihr einen Schluck Waſſer reiche, der ſie unterſtütze? Sagt doch, habt Ihr nie einen Augenblick Reue empfun⸗ den, wenn Ihr an die unverdienten Leiden dachtet, die ſie durch Eure Veranlaſſung litt?“ Selvaggia ſchwieg und wartete auf Antwort; als ſie aber ſah⸗ daß der Vater unbeweglich und ungerührt die Augen auf ſein Manuſcript heftete und kein Zeichen von ſich gab, daß er ſprechen wolle, fuhr ſie mit im⸗ mer wachſender Leidenſchaft fort: „Glaubt Ihr, dieſes Elend, dieſe Leiden, die ich aufgezählt habe, ſeien meine einzigen oder die ſchlimm⸗ ſten geweſen? Ahntet Ihr nie, daß dieſe Unglückliche, die Ihr zu Verbrechen, zur Schande verdammt habt, vielleicht von der Natur eine Seele erhalten habe, welche jede Niedrigkeit verabſcheuen, ein Herz, das der Tugend und der Liebe ſich öffnen könnte, daß dieſe Liebe eines Tages ein Bedürfniß für ſie werden könne, wie die Luft, die man athmet? daß ſie ihr fortwähren⸗ der Gedanke, ihr einziger und brennender Wunſch würde? daß ſie ſich dann Euretwegen unfähig, unwür⸗ dig fühlen werde, ſie zu erhalten, und Euch verfluchend M———— 85 in Verzweiflung ſierben müſſe? Sagt mir, kam Euch nie dieſer Gedanke. bewegt Euch doch. Ant⸗ wortet mir. Bei Gott!“— Sie ſchrie es wüthend und ſchlug mit eiſernen Fäuſten auf den Tiſch. „Ich glaube, Du haſt den Teufel im Leibe!“ ſagte der Meiſter, indem er ein wenig ſeinen Seſſel zurück⸗ zog und argwöhnte, ſie wolle Hand an ihn legen. Dennoch ſtellte er ſich furchtlos und fuhr fort: „Sag' mir einmal, Selvaggia, wer glaubteſt Du denn zu ſein, etwa die Tochter irgend eines Fürſten 2 Weißt Du nicht, daß Du im Lande der Chriſten von einem Beiteljuden erzeugt biſt, daß die Reichen, die Herren mehr Achtung vor ihren Hunden haben, als vor den Söhnen unſeres Geſchlechts, daß Da der Schande, von der Du ſprichſt, doch nicht hätteſt entfliehen kön⸗ nen und von Mutterleib an dazu beſtimmt warſt? Und damit Du wenigſtens im Ueberfluß leben möchteſt, hatte ich Dich einem Manne gegeben, der Dich reich und glücklich machen konnte. Bin ich Schuld, daß Du nicht verſtanden haſt, Dich zu beherrſchen, daß Du Dich haſt wegjagen laſſen? Warum machſt Du mir Kopfſchmerz mit dieſen Deinen Mährchen, mit dieſer Deiner Wuth?“ „Und wer hat Euch geſagt, daß ich nöthig hätte, im Ueberfluß zu leben, wer hatte Schätze von Euch verlangt? Gibt es kein anderes Gut, als Gold, auf die⸗ ſer Welt?“ „Wohlan, Selvaggia, wenn Du ſo fortfährſt, die Närrin zu ſpielen, ſo rufe ich durch eine Pfeife vier Soldaten herbei, die Dich auf die Straße ſetzen wer⸗ den, und wenn ich ſage, ich wiſſe nicht, wer Du ſeiß, ſo wird es genug ſein. Wenn Du Bich dagegen ver⸗ nünftig benehmen willſt.. Wenn Du Geld brauchſt—“ Und ein langſameres Ausſprechen dieſes letzten Satzes gab zu erkennen, wie ſchwer er den geizigen Alten ankam. 2 „Ich kam nicht hieher um Geldes willen,“ fuhr Selvaggia zu ſchreien fort, während ihre Stimme und — — 86 ihr Blick immer mehr Aufregung verrieth,„ich komme hieher, weil ich die Hölle im Herzen habe, weil ich nicht ohne ihn leben kann, weil ich ihn um jeden Preis wiever ſehen will, weil ich noch hoffe, bevor ich ſterbe, ein Herz zu finden, das für mich nicht von Eiſen iſt. Liebe, o das weiß ich, gibt es nicht für die arme Sel⸗ vaggia, aber ein wenig Wohlwollen, o ich werde es erlangen, wenn ich Lamberto wieder finde. „Ich verſtehe Dich nicht,“ ſagte Barlaam, ent⸗ ſchloſſen die Hand nach einem kleinen meffingenen Pfeifchen ausſtreckend, das auf dem Tiſch lag,. „Kurz nun... Selvaggia faßte dieſe Hand; und auf einmal ver⸗ zog ſich der faſt wilde Ausdruck ihres Geſichts zu kal⸗ tem und finſterem Spott. Sie ſagte: „Ihr verſteht mich nicht? Wartet einen Augenblick, ich werde mit Euch eine Sprache reden, die ihr verſte⸗ hen werdet, wenn Euer Gedächtniß nicht gelitten hat, (und macht, daß es ſo ſei, denn es iſt für Euch wich⸗ tig) werdet Ihr Euch erinnern, daß, bevor Ihr mich an den Mann verkauft habt, der mich dann dort auf dem Schloß von Friuli hielt, Ihr mich Malateſta ver⸗ ſprochen hattet, der damals im Sold der Venetianer ſtand. Er war noch ein Anfänger und nicht ſehr reich, und der Preis, den er geben konnte, war gerin⸗ ger als der von dem Andern Euch angebotene, daher gabt Ihr mich dem Andern und machtet Malateſta glauben, ich ſei von Soldaten geraubt worden. Ihr glaubtet nicht, daß ich ſo viel davon wiſſe? Ihr werdet nun ſagen, ich hätte keine Beweiſe, um ihn von Eurem Betrug zu überzeugen, aber darin irrt Ihr, Ihr waret nicht vorſichtig, Meiſter. In der Eile und aus Furcht, der vortheilhafte Handel möchte Euch aus der Hand ſchlüpfen, ſchriebt Ihr ein Blatt an meinen Käu⸗ fer, meldetet ihm, wie die Sache ſtand, batet ihn, er möchte mich verborgen halten, bis Malateſta mit ſeinen Truppen aus jenen Gegenden abgezogen ſei, und ſo — S v „ — N8 v v— 00 *— geſchah es auch.. Malateſta erfuhr und argwohnte Nichts, und als er nachher zu größerem Glück geſtie⸗ gen war, nahm er Euch unter ſeine Diener auf, er machte Euch reich, wie Ihr es jetzt ſeid. Dieſes Blatt fand ich einſt, da ich frei und ungebunden in dem Hauſe jenes Mannes lebte, und hielt es für Etwas, was wohl verdiente, aufbewahrt zu werden, ohne gerade daran zu denken, daß eine Zeit kommen würde, wo es mir einen ſo großen Dienſt leiſten ſollte Ich habe es bei mir, Meiſter, und damit Ihr nicht glaubt, daß ich prahle, ſeht, ob es wahr iſt.“ Bei dieſen Worten zog ſie das Blatt aus ihrem Buſen und entfaltete es vor den Augen des Alten, welcher bei dieſem Anblick wie zermalmt war. Er wußte wohl, daß Malateſta nicht der Mann war, der ihm dieſen Streich verziehen hätte, wenn er zu ſeiner Kenntniß gekommen wäre. „Meiſter Barlaam,“ ſagte Selvaggia, ſeine Hand freilaſſend, welche ſie während ihrer Rede beſtändig feſtgehalten hatte,„nun ruft Eure Soldaten, laßt mich wegjagen, ich halte Euch nicht mehr zurück!. Sind Euch andere Gedanken gekommen? Beliebt es Euch jetzt, mich verſtanden zu haben 2“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Der liſtige Alte fühlie ſich in ſeinen eignen Schlin⸗ gen gefangen, aber er verlor den Muth nicht, und dachte: wo man mit Stärke nicht ausreicht, muß Ver⸗ ſtellung helfen. Mit ſeinem überaus häßlichen Geſicht, das durch den Schein der Demuth und theilnehmen⸗ den Zärtlichkeit, den er ihm aufzwang, noch um das 88 Doppelte häßlicher wurde, blickte er Selvaggia an, ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ja, ich verſtehe Dich!„ gehe denn gehe zu Malateſta.„zeige ihm dieſes Blatt. bewirke, daß er mir dieſes elende Reſichen von Leben entreißt. Du biſt doch um nichts Anderes willen gekommen: Du wollteſt Dich zur Beſitzerin des Weni⸗ gen machen, das ich in ſo vielen Jahren mühſamer Arbeit verdient habe Du wollteſt meinen Tod, ich verdiente ihn! mein Vergehen iſt zu groß geweſen ich wollte Dich aus den Lumpen er⸗ heben„Dir ein zufriedenes Leben und eine glän⸗ zende Lage verſchaffen ol ich verdiente den Tod o! meine Tochter,“ ſagte er endlich, indem er aufſtand und die Arme gegen Selvaggia ausbreitete, Fiſ haſt Du Deinem unglücklichen Bater zuge⸗ d A „Ihr mein Vater?“ ſagte Selvaggia, indem ſie zurücktrat und bitter lächelte.„Meiſter! eben verſtan⸗ vet mich nicht, nunmehr bin ich es, die Euch nicht verſteht.“ „Du verſtehſt mich nicht? Unglückliche, hörſt Du denn nicht mehr die Stimme des Bluts?“ „Es gibt eine Stimme des Bluts zwiſchen uns, aber an Euch, nicht an mir iſt es, auf ſie zu hören. Dieſe Stimme mag Euch ſagen, daß vermittelſt dieſes Blatts Euer Blut das meinige,„mein iſt, habt Ihr mich verſtanden, das Meiſter Bar⸗ laams nicht das meines Vaters,„denn ich allein unter den Lebenden hatte nie einen ſolchen. Aber beruhigt Euch, ich kam nicht her, um es zu ver⸗ gießen, ich verlange Euren Sturz nicht, behaltet Eure Schätze um den Preis, um den Ihr ſie erwarbt, ſind ſie mit Fug die Euren ſetzt Euch wieder und hört mich. Ich begegnete vor zwei Jahren einem Jüngling, einem Engel, dem einzigen, um den ich mich bekümmere, dem einzigen, der mich das Leben ertragen 89 läßt, ſo lange ich Hoffnung habe, ihn wiederzufinden; ein Mann aber wie komme ich jetzt dazu, mit Euch von ihm zu ſprechen?. ſagte ſie ungeduldig, indem ſie denſelben Widerwillen fühlte, mit Meiſter Barlaam von Lamberto zu ſprechen, den der Jüngling ein anderesmal gezeigt hatte, als er ſeine Liebe von ihr erwähnen hörte. „Mit einem Wort,“ redete ſie weiter,„ich kam nach Florenz, um ihn zu ſuchen. Ich verlange von Euch nichts Anderes, als daß Ihr meine Nachforſchun⸗ gen unterſtützt, und wenn ich ihn gefunden habe, ver⸗ laſſe ich Euch, und Ihr werdet nie mehr von meinem Schickſale ſprechen hören. Da habt Ihr meine Be⸗ dingungen, Meiſter!...5 Als der Alte dieſe Worte hörte, holte er wiever Athem, denn er kam, wie man zu ſagen pflegt, leichten Kaufs davon. Sobald ſeine geheuchelte Zärtlichkeit überflüſſig wurde, nahm er ſein marmornes Geſicht wieder an und ſagte: „Ich werde Dir ſehr gerne helfen, ſo viel ich kann, wenn Du weiter Nichts willſt.. laß mich nur ſeinen Namen wiſſen wer er iſt.“ Selvaggia gab ihrem Vater mit möglichſt kurzen Worten Kunde von dem Namen, dem Ausſehn und dem Stande Lambertos, und er ſchrieb Alles pünktlich auf ein Blättchen, gab ſeiner Tochter einige wenige Silberſtücke und ſagte zu ihr, indem er ſie begleitete, ſie ſolle ſich am folgenden Tage wieder ſehen laſſen, und während dieſer Zeit wolle er ihr Begehren zu er⸗ füllen ſuchen. Sie kam zweimal den Tag über und vas dritte⸗ mal ſpät Abends, aber es war Barlaam noch nicht gelungen, Etwas zu entdecken:„Die Stadt iſt voll Soldaten, es verlangt Zeit, ich habe alle Hauptleute fragen laſſen, wenn er da iſt, wird er ſich finden.. Wunder können doch nicht geſchehen,“ ſagte er zu dem Mädchen, um ihre Ungeduld zu beruhigen. 90 Troilo und Herr Benedetto, welche wir auf der Straße verlaſſen haben, waren indeſſen zu dem Palaſt Serriſtori gelangt. Da ihnen aber abgeſchlagen wurde, bei Malateſta einzutreten, denn zu dieſer Zeit wollte er Niemand ſehen, ſagte Nobili: „Wir wollen zu dem Meiſter gehen. Es iſt ja ein Sache von ſo geringem Belange, vaß es Einerlei ſein nn Er ſagt ein Wort zu Malateſta und es ge⸗ So begaben ſie ſich in Barlaams Gemächer, mit welchen Nobili ſehr vertraut war. Sie traten ein, legten ihre Mönchskutten ab und warfen ſie in einen Winkel. Er war mit Selvaggia allein, die ſie in ih⸗ ren Soldatenkleidern für einen von den Bedienten des Hauſes hielten. „Sei gegrüßt, Meiſter,“ ſagte Nobili, mit einem gewiſſen gebieteriſchen Weſen; der Jude erwiederte ſei⸗ nen Gruß ſehr demüthig, wie er es gegen Alle, be⸗ ſonders aber gegen diejenigen, welche bei ſeinem Herrn in Gnade ſtanden, gewohnt war. „Wir ſind gekommen, Euch um eine Gefälligkeit zu bitten,“ fuhr der erſtere fort,„dieſer Edelmann.. derſelbe, der als Mönch verkleidet einmal hier war.. einer von den Unſern... von denen aus dem Lager verſteht Ihr wohl?“ Der Jude nickte. „Er will alſo um eines Geſchäftes willen(ich be⸗ gleite ihn bloß) mit Malatefta ſprechen. es wurde uns aber geſagt, daß er zur gegenwärtigen Stunde keinen Beſuch annimmt. Bequemt Euch alſo, uns den Gefallen zu thun, hinauf zu ſteigen und ihm unſer Begehren zu eröffnen. ein Geſuch, auf welches ich und dieſer Mann großen Werth legen, übrigens eine Kleinigkeit, die ihn Nichts koſtet, als es zu wollen. Es handelt ſich darun, einen Soldaten von den Lan⸗ zenreitern des Herrn Amico d'Arſoli mit den Truppen abgehen zu laſſen, die aufs Land geſchickt werden. — „— v ** — 91 wir werden ihm den Grund, warum dieſes geſchehen ſoll, am Beſten auseinander ſetzen können, wenn er uns eine Zuſammenkunft geſtattet.“ „Und wie heißt dieſer Soldat?“ fragte Barlaam aufſtehend und gab zu verſtehn, daß es keine Schwie⸗ rigkeit haben würde. „Es iſt derſelbe, der von Kindheit an im Hauſe des Niccolo erzogen wurde.. der eine Zeitlang bei den ſchwarzen Scharen des Herrn Giovanni gedient hat, und der ſich nun mit Laudomia verheiraten ſoll wenn es ihm nämlich gelingt, wohl verſtanden (ächelnd mit einem Seitenblick auf Troilo) es iſt je⸗ ner Lamberto.... Ihr wißt ſchon.“ „Ah,“ ſagte der Meiſter,„ich habe verſtanden!“ und ging hinaus. Troilo und Nobili waren zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, als daß ſie die Ueberraſchung und Freude hätten bemerken ſollen, welche Selvaggia in ihren Nienen zu erkennen gab, als ſie den Namen deſſen vernahm, den ſie ſchon ſo lange ſuchte. Dieſe erſie Bewegung wurde jedoch ganz durch das Folgende un⸗ terdrückt, und es blieben ihr nur die Worte im Ge⸗ dächtniß,„der jetzt Laudomia heiraten ſoll.“ Dieſe WPVorte waren eben ſo viele Pfeile, mit denen ihr Herz durchbohrt wurde, und vor ihren Augen ſchwebten ſchnell wie der Blitz die Geſpenſter neuer und furchtbarer Unglücksfälle vorüber, die ihr bevorſtanden. Als ſie mit den beiden Angekommenen allein war, brannte ſie vor Begierde, auch nur einmal von Lamberto zu ſprechen oder zu hören, ſo gut ſie auch einſah, daß jetzt jedes Wort ein neuer Pfeil ſein werde. Sie that ſich Gewalt an, und ſagte mit ſo gleichgültigem Tone, als ſie vermochte: „Auch ich habe eine Zeitlang unter den Truppen des Herrn Giovanni gedient ich kenne dieſen tapfern Jüngling.... ich freue mich, daß er hier in 9 verſtanden? er heiratet?“ „Er heirathet, ja; aber ich glaube, noch nicht ſo bald,“ erwiederte Troilo mit boshaftem Lächeln. Selvaggia bemerkte, daß hier ein Geheimniß ob⸗ walten müſſe, und dies ſteigerie ihre Begierde, voll⸗ Florenz iſt, aber ſagt mir! habe ich auch recht ſtändigen Aufſchluß zu erhalten. Aber wie dazu ge⸗ langen? Konnte ſie hofſen, daß Zene einem Unbekann⸗ ten ſo viel Vertrauen ſchenken würden, um gleich dem Erſten Beſten ihre Geheimniſſe zu enthüllen. Sie ging übrigens mit vieler Gewandtheit zu Werke, und entlockte wirklich eine Erzählung aller Schickſale Lambertos mit Liſa und dann mit deren Schweſter, zuletzt auch der bevorſtehenden Heirat: woher aber der Zweifel, ob ſie wirklich zu Stande kommen könne? Wer wollte ſie verhindern und warum? Alles dieſes blieb ihr verborgen, und ſie wußte kein Mittel, es zu entbecken; inzwiſchen kehrte der Mei⸗ ſter mit heiterer Miene zurück und ſagte: „Ich habe den Herrn bei recht guter Stimmung und ſcherzhafter Laune getroffen... es wird geſchehn, was Ihr wollt, der arme Herr.. wennihn ſeine Schmer⸗ zen in Ruhe laſſen, iſt er ein ganz Anderer. Er iſt ein rechter Ehrenmann. Gott ſchenke ihm Ge⸗ ſundheit und langes Leben.. er hat mir geſagt, ich foll Euch zu ihm führen, die geheime Treppe hinauf, . wird Euch gerne fehen. Wenn Ihr alſo wollt, dahinauf... Bei dieſen Worten öffnete er die Thüre des klei⸗ nen Gangs, durch welchen er gekommen war, zeigte ihnen den Weg nach der Wendeltreppe und ließ ſie gehen, dann kehrte er auf ſeinen gewöhnlichen Platz zurück und ſagte zu Selvaggia: „Nun, iſt der Mann gefunden?“ „Er iſt gefunden,“ erwiederte das Mädchen, trat 93 zu dem Meiſter, ergriff ihn am Arme und ſagte raſch mit zurückgehaltener Wuth: „Jetzt will ich wiſſen, wann dieſe Vermählung ſtait finden, weßhalb und von wem ſie hintertrieben werden ſoll; fragt ſie aus, ich will hier im Neben⸗ zimmer warten.“ „Wie zum Teufel ſoll ich es machen, daß ſie mir es ſagen, wenn ſie es mir verſchweigen wollen 2“ „Ich will es wiſſen, habe ich geſagt,“ ſchrie Sel⸗ vaggia und einen ſehr bedeutungsvollen Blick auf den Meiſter werfend ging ſie in das Nebenzimmer. Barlaam biß ſich die Lippen vor Wuth über ſeine Abhängigkeit von dieſer Perſon, mit welcher, wie er wohl wußte, nicht zu ſcherzen war. Aber er lief die größte Gefahr, wenn er ihr Verlangen abſchlug und vielleicht eine eben ſo große, wenn er den Namen, den Stand und die Abſichten der beiden Fremd verrieth. Die Ränke, welche ſie mit Malateſta zum Vortheil der Palleschi ſpannen, dieſe nächtlichen und geheimen Be⸗ ſuche waren ein kitzliches und wichtiges Geheimniß un⸗ ter der Herrſchaft einer aufmerkſamen und argwöhni⸗ ſchen Rathsverſammlung. Wie Fonnte er ſich auf die in ſeinen Augen halb wahnſinnige Selvaggia verlaſ⸗ ſen, welche nicht angeſtanden haben würde, Lamberto Alles zu entdecken, einem der eifrigſten Gegner der Palleschi? Und wenn dieſe Ränke durch ſeine Schuld entveckt wurden, war es dann nicht wahrſcheinlich, daß Troilo und Nobili den Unbekannten von dieſem Abend und folglich den Meiſter ſelbſt deſſen beſchuldigte. Was hatte dann Malateſta zu thun? Das wußte Bar⸗ laam nur zu wohl. Aber zu ſeinem Glücke ſuchte er ſeines Gleichen, wenn es galt, ſchnell eine Ausflucht zu finden. Er trat an die Schwelle des Gemachs, wohin ſich Selvaggia ins Dunkel zurückgezogen hatte, und ſagte zu ihr: „Höre nur, wenn ich warten will, bis dieſe wieder kommen ſo können ſie fürs Erſte einen andern 94 Weg nehmen und dann, wenn ſie auch wieder hier herunterſteigen, ſo iſt es nicht glaublich, daß ſie mir ſo genau Alles ſagen ich möchte Dich gerne zu⸗ frieden ſtellen, liebe Tochter, denn ich bin nicht der, für den Du mich hältſt; daher werde ich zur Thüre des Malateſia hinaufſteigen und ein wenig horchen, was ſie mit ihm ſprechen.“ 3„Wie Ihr wollt, wenn ich nur erfahre, was ich wünſche,“ antwortete Selvaggia, und der alte Schelm ſtieg lächelnd und mit dem Erfolg ſeiner Schlauheit zufrieden die Treppen hinauf. Als er in den dunkeln Gang gelangt war, durch welchen die Beiden, wenn ſie Malateſtas Zimmer ver⸗ ließen, kommen mußten, blieb er ſtehen, um ſie zu erwarten, ohne daß er ſich ſonderlich bemüht hätte, Etwas von ihrem Geſpräch zu erlauſchen, da ihm we⸗ niger daran lag, dieſes zu erfahren, als das Mährchen auszuſinnen, das er Selvaggia aufheften wollte. Nach kurzer Zeit kamen ſie heraus; er gab ihnen im Dunkeln ein Zeichen ſeiner Anweſenheit, nahm ſie bei der Hand, öffnete ihnen eine andere Thüre, die nach der Haupt⸗ treppe führte und ſagte: „Es iſt beſſer, wenn Ihr es vermeidet, Euch wie⸗ der vor dem Soldaten ſehen zu laſſen, den Ihr in meinem Zimmer trefft, er gehört zwar zum Hauſe und iſt treu, aber es iſt ein leichtfinniger Burſche, und dann je weniger Leute Euch ſehen, deſto ſicherer.“ ZJenen kam dieſe Porſicht ganz natürlich und ver⸗ nünftig vor, ſie grüßten den Meiſter, ohne nach ſonſt Etwas zu fragen und gingen. ru Hierauf ſtieg er in ſein Zimmer hinab, rief Sel⸗ vaggia aus ihrem Verfleck und ſagte mit unbefange⸗ ner Miene zu ihr: ½ Jetzt weiß ich Alles, und vermag Dich zu befrie⸗ digen; es iſt wirklich ein Glück, daß ich hinaufgeſtiegen bin, venn ſie ſind auf einem andern Wege fortgegan⸗ gen„oh es fieckt gerade kein ſo wichtiges Ge⸗ — „— — 95⁵ heimniß darunter, als wir glaubten,. es ſind zwei Edelleute aus Florenz, der Alte heißt Herr Gabriello Spini, der Junge iſt ein Sohn von ihm, Namens Lo⸗ dovino, den ich mich kaum erinnere je geſehen zu haben. Dieſer junge Mann iſt in diejenige verliebt, welche Lamberto heiraten ſoll, und da er kein anderes Mit⸗ tel zu finden weiß, um dieſe Vermählung aufzuſchie⸗ ben oder zu hintertreiben, ſo iſt er darauf verfallen, Malateſta zu bitten, jenen von Florenz wegzuſchicken, wie er denn auch wirklich morgen fortgeſandt wird, da gerade hundert Lanzenreiter dem Bevollmächtigten Ferruccio zu Hilfe abgehen ſollen. Bei dieſen Worten entſpann ſich in Selvaggia's Herzen ein heftiger Kampf. Konnte ſie zugeben, daß ihr Lamberto ſo ſchändlich hintergangen, daß ihm ein ſo grauſamer Schmerz bereitet würde, deſſen ganze Größe ſie kannte? Dann mußte ſie ſich vorwerfen, ſelbſt an einer Kränkung, einem Betrug Theil genommen zu haben, der denjenigen traf, für den ſie tauſendfaches Weh mit Freuden erduldet hätte: dieſer Gedanke würde ihr die Ruhe für immer geraubt haben. Vermochte ſie es aber, ihn mit eigner Hand in die Arme der glücklichen Nebenbuhlerin zu führen, ihn ſich an der Seite einer Andern zu denken, als glücklichen Gatten, der in allen Wonnen der Liebe ſchwelgte, während ihr, der Armen, kaum mehr einer ſeiner Gedanken geſchenkt ward, während ſie ſich dann von Allen verlaſſen füh⸗ len mußte, zurückgeſtoßen in Einſamkeit und Ver⸗ zweiflung? Dieſer ſchreckliche Gedanke warf Selvaggia faft zu Boden; ſie mußte ſich um jeden Preis von demſelben losreißen; daher faßte ſie einen Entſchluß, der ſie gewiſſermaßen in ihren Augen entſchuldigen und den mächtigen Kampf ihrer ſtreitenden Gefühle beſchwichtigen ſollte, und ſagte zu ſich ſelbſt: ich kann ja Lamberto Alles geſtehen, ihn auffordern, mein Ver⸗ gehen zu beſtrafen, mich zu tödten, aber zuvor muß ich ihn ſehen, ja ihn ſehen und noch einmal ſprechen!.. 96 So lange ſie in dieſen Gedanken ſchwankte, war ſie eine Zeitlang ſtumm und wie geiſtesabweſend da⸗ geſeſſen, nun aber faßte fie einen entſchiedenen Vorſatz, ſtand auf und ſagte: „Nun, Meiſter, habe ich noch zwei andere Dinge von Euch nöthig, dann verlaſſe ich Euch. Erſtens, daß ich morgen allein abgeſchickt werde, um Lamberto den Befehl zur Abreiſe zu bringen, zweitens, daß ihr mich mit einer Rüſtung und einem Pferde verſeht, um ihn zu begleiten. „Eine Rüftung!“ rief der Meiſter verwundert aus,„biſt Du denn wirklich verrückt geworden, glaubſt Du denn Dich in einer Rüſtung aufrecht halten und bewegen zu können?“ „Ob ich das kann, werdet Ihr ſchon ſehen, das iſt meine Sache.“ „Wo ſoll ich Dir denn dieſe Dinge auftreiben,“ rief der Meiſter, der die Ausgabe ſcheute;„Du weißt ja, wer in einer bewaffneten Stadt Pferde und Waf⸗ fen beſitzt, der braucht ſie für ſich ſelbſt.“ „Meiſter! ich brauche Euch Nichts zu antworten, als daß ich ſie bedarf und will, aber ich gebe Euch zu bedenken, daß es von mir abbängt, Euch etwas viel Wichtigeres zu nehmen, als den Kaufpreis eines Pfer⸗ des und einer Rüſtung und merkt Euch wohl, ich verlange einen Helm mit ſchließbarem Viſier.. Jetzt lebt wohl, auf morgen.“ Selvaggia ging hinaus und der Meiſter war, ſo ſehr es ihn wurmte, genöthigt, ſie zu befriedigen, um ſie ſich vom Halſe zu ſchaffen. Am folgenden Mor⸗ gen ging er ſchon vor Tag an vieſes Geſchäft und nur um eine ſchwere Summe, die ihm mänche Verwün⸗ ſchung für ſeine Drängerin erpreßte, gelang es ihm, bis zum Abend Dasjenige herbeizuſchaffen⸗ was das Mäbchen von ihm gefordert hatte⸗ Ler,ett bon Raktteſn den ſriſtlihen Beſehl. durch welchen Lamberto zu dem Zuge nach Empoli 97 mit aufgeboten wurde, und es fehlte ihm nicht an Vor⸗ wänden, um es ſo einzurichten, daß er die Erlaubniß erhielt, die Ueberbringung deſſelben einem ihm bekann⸗ ten Manne zu übertragen, welcher Lamberto an den Sammelplatz der Schar begleiten und mit derſelben Florenz verkaſſen ſollte. Eben diefer Tag war für das Haus Lapi, beſon⸗ ders für die Frauen, ein Tag des Nachdenkens und der Geſchäftigkeit. Laudomia hatte ſich mit der Morgen⸗ röthe freudig von ihrem Lager erhoben, ſie kleidete ſich an, hüllte ſich in einen Schleier, der bis auf die Kniee herabrollte und ging in eine Kloſterkirche, um dort ihre Andachtsübung zu verrichten. Als ſie von da zurückgekommen war, begab ſie ſich zu ihrem Vater, der ſie heute mehr als je mit Vebkoſungen überhäufte, und ging dann hinauf in ihre Kleiderkammer und begann mit Hilfe ihrer Schweſter und der Monafeda ihre Kleider und Wäſche zu ordnen, und alles zu dem Bevorſtehenden Nöthige auszuſuchen. Sie henahm ſich dabei mit der haſtigen Geſchäftigkeit, welche bei ſtarken Gemüthsbewegungen gewöhnlich iſt, während Liſa, welche die geſtrige Aufwallung von Ver⸗ druß bewältigt hatte oder ſich aus Eigenliebe ſcheute, ihn durch irgend ein Zeichen zu verrathen, ihr bei die⸗ ſen Vorbereitungen mit Rath und That, ohne jene Sündflut von Worten, an die Hand ging, die der ſchöneren Hälfte des menſchlichen Geſchlechts bei ſol⸗ chen Gelegenheiten zu Gebot zu ſtehen pflegt, wenn fie nicht von wichtigern und ernſteren Gevanken in An⸗ ſpruch genommen iſt. Monafeda führte die Unterhaltung allein, wenn nan ſie nicht lieber einen Monolog nennen will, und wäh⸗ rend ſie Kleider und Wäſche da und dort ausbreitete und auslas, bis die Tiſche, das Bett und alle Geräth⸗ ſchaften im Zimmer damit bedeckt waren, ſagte ſie: „Sollte man denken, daß eine vom Hauſe Lapi ſich verheiraten könnte, ohne daß man Zeit und Ge⸗ Riccolo de' Lapi. K. 98 legenheit hat, ihr eine angemeſſene Ausſteuer zu beſor⸗ gen! Es iſt ein Glück, daß noch manche ſchöne Kleider von Madonna Fiore, eurer Mutter, vorhanden ſind: denn ſeit der Mönch Girolamo hier in Florenz pre⸗ digte, trug ſie nur noch ein härenes, dunkles Gewand und war nicht mehr zu bewegen, ſich anders zu kleiden.“ Dann zog ſie nicht ohne Mühe eine große Truhe herbei, welche im Geſchmack des fünfzehnten Jahrhun⸗ derts theils mit Schnitzwerk, theils mit MWalereien geziert war, ähnlich derjenigen, die wir neben Nie⸗ colo's Bett geſehen haben.(Beide hatten die Aus⸗ ſteuer der Madonna Fiore enthalten). Sie ſtellte dieſe ne⸗ ben einen der Tiſche, auf welchem ſie einen Berg von Kleidern aufgethürmt hatte, ſtäubte dieſelbe ſorgfältig ab, öffnete ſie und ſagte zu Laudomia: „Jetzt wollen wir Alles aufzeichnen. Wenn es Euch beliebt zu ſchreiben, ſo will ich vie Sachen hinein⸗ legen.“ Laudomia trat an den Tiſch, ergriff eine Feder, ſie ein und ſchrieb ſtehend, was ihr Fede dik⸗ irte. „— Ein Oberhemd von hochrothem Damaſt mit Franzen beſetzt. — Ein Rock von Damaſt aus Aleſſandria, mit geſtickten Aermeln. — Ein geſticktes Oberkleid von violettem Sammet. — Ein in weißer Seide geſticktes Gewand mit dunkelrothen Aermeln. „Ich erinnere mich noch recht gut, wie Eure Mutter es trug; es war das einzige Mal, um den Einzug König Carl VIII. zu ſehen„ ein kleines, kleines Männchen, blond und weiß wie ein Knabe, und bildete ſich ein, Florenz zu bezwingen, ja, ja; Pier Capponi guten Andenkens hat ihm den Weg gezeigt.. und was waren es damals für Zeiten! was für Teufelsränke! 99 — Ein langes Oberkleid von weißer Baumwolle mit Aermeln von grünem Damaſt. — Ein Mantel mit weißem Kragen. — Zwölf Hemden, zwölf Hauben, 25 Handtücher, zwei breite Handzwehlen. — Ein Schleier mit Silber und Perlen geſtickt.“ „Lege dieſen bei Seite,“ ſagte Laudomia;„denn jetzt bin ich nicht im Stande, dergleichen Flitter zu tragen.“ „Wie Ihr wollt,“ ſprach Fede, den Schleier mit einem Seufzer weglegend—„Arme Herrin! ihr wer⸗ det in einer traurigen Zeit vermählt— nicht die ge⸗ ringſte Feſtlichkeit. O, dieſe Belagerung, wann wird ſie enden und aller Jammer mit ihr? — Ein Schleier von weißem Damaſt. „Herr Niccolo will, wie ich höre, gar keine Hoch⸗ zeit halten. es gibt weder Einladungen, noch Mufik, und er hat die Hausleute wiſſen laſſen, daß er nicht einmal das Ausſchließen*) haben will. Weil er es iſt, werden ſie nachgeben; denn ihm wird mehr gehorcht, als dem Oberrichter. Wenn es ein Anderer wäre!— Eine Kappe von weißem Tuch aus Aleſſandria. — So ging es nicht zu, als er ſein Weib heim⸗ führte. ich war noch ein kleines Mädchen, aber ich erinnere mich noch wohl. Zenes Geſetz war erſt gegeben worden, das man, glaube ich, leggia santua- ria nennt; in einer Beziehung handelte es ſich wirklich um etwas Heiliges; denn zuvor richteten ſich die Fa⸗ milien zu Grunde durch den Wetteifer der Verſchwen⸗ dung bei Hochzeiten. — Ein Gebetbuch für Frauen mit Silber und Perlen geſtickt. *) Die Freunde des Hauſes pflegten die Braut bei der Rückkehr von der Kirche zu erwarten uns ihr die Thüre mit einer ſeidnen Schnur zu verſperren, der Bräutigam mußte den Durchgang mit einer Geldſpende erkaufen, die ver⸗ ſchmaust wurde. 100 „Ihr hättet nur die Straße da vor dem Hauſe ſehen ſollen; ſie war ganz bedeckt mit einem Zelte von rothen und weißen Linnen, von Stangen gehalten, und darunter war ein Kreis von Bänken, die mit gewirk⸗ ten Teppichen bedeckt waren. 5 — Ein Roſenkranz von Korallen. — Ein Gürtel von violettem Brokat, mit Silber geſtickt. — Ein Paar roſenfarbne Schuhe. — Ein meſfingnes Handbecken. — Ein Becher und ein weiteres Becken. — Ein elfenbeinerner Kamm. — Zwei Beutel von Gold und Seide. — Ein ſilberner Fingerhut. — Ein Spiegel von Bein, mit buntem Holz aus⸗ gelegt. Dazu kam, wie ich Euch ſchon ſagte Trompetenſchall auf dem Rathhaus, auf den Treppen von Santa Maria maggiore, Trommeln wurden ge⸗ rührt, die mit weißen Quaſten beſetzt und in der Mitte mit der rothen Lilie bemalt waren 200 junge Männer und Edeldamen warteten auf der Straße, bis es Frühſtückzeit war. Und was für eine Pracht! was für Reichthümer! Aber Eure Mutter, Madonna Fiore, war auch eine Albizzi und brachte 1000 Lire mitl und die Albizzi waren, bevor Herr Rinaldo ſich zu Grunde richtete, das erſte Haus in Florenz, damals ging es nicht zu, wie heute zu Tage — Ein Paar Scheeren. — Ein Paar Knöpfe. — Seidene Bänder von mehreren Gatiungen und Farben. „Damals hatte Bruder Girolamo die Schmau⸗ ſereien, die Vorfeſte und die andern Feierlichkeiten bei den Hochzeiten noch nicht verboten er hatte jene Scharen von Kindern noch nicht in den Häuſern herumgeſchickt, die alle Prachtftücke abholen ſollten, die 101 er mit dem Fluche belegt hatte, um ſie dann auf dem Platze zu verbrennen. Er war wohl ein heiliger Mann, aber er verbrannte doch gar zu viele ſchöne Kleider. und Herr Niccvlo gebot Eurer Mutter, vaß ſie dieſen Kindern Alles geben mußte; Kleider, Hüte, Schminke, Cither und Gemälde, die mehre hundert Gulden werth waren. Die arme Frau, ſie that es nicht gerne, und wollte nicht recht daran; aber der Vater ſagte: ich will es! und wer mochte ſich dem widerſetzen? Herr Niccolo beſaß ein Bild der Madonna Fiore, von Fran⸗ cia gemalt; ſo ſchön, daß es zu leben ſchien. Sie mußie ſogar dieſes verbrennen.“ „Oh, laßt uns Gott wenigſtens für das vanken, was wir haben“, erwiederte Laudomia. „Ja, ich weiß es wohl, meine arme Gebieterin, daß Euer Gemüth nicht nach Pracht und Wohlleben trachtet und ihr werdet die Gattin des tapfer⸗ ſten und rechtſchaffenſten Jünglings in Florenz. und das genügt Euch Gott und die heilige Nun⸗ ziata mögen Euch ſegnen, und ihr werdet glücklich und zufrieden ſein, wie Ihr es verdient.. O ja, mein Herz ſagt mir, daß Ihr keinen Kummer mehr ha⸗ S werdet, und meine Ahnung hat mich noch nie be⸗ rogen.“ „Gott erhöre Dich, gute Fede,“ entgegnete Lau⸗ mia. Unter dieſen Beſchäftigungen ging der Tag hin. Auch Lamberto beeilte ſich, ſeine Vorkehrungen zu tref⸗ fen, ſchaffte die zum Heirathscontrakt nöthigen Papiere herbei und beſuchte das Grab ſeiner Mutter in St. Maria Novella; denn ihr wollte er beim Eintritt in einen neuen Stand ſeine erſten Gedanken weihen. Als der Abend herangekommen war, trat die Familie in Niccolos Zimmer zuſammen, und die eingeladenen Freunde zögerten nicht zu erſcheinen; dann begaben fich ſowohl der Notar, Herr Tommaſo Groſſi, als auch 102 die übrigen alle zu Fuße, Niccolo und die Verlobten an der Spitze, in die Kirche S. Marco. Mitten im Schiff der Kirche ſtand ein mit einem Teppich bedeckter Tiſch, und um denſelben waren Seſſel und Bänke gereiht: nur wenige Leuchter erhellten die Kirche. Niccolo und ſein Gefolge wurden beim Ein⸗ ritt von Bruder Benedetto und Bruder Zaccaria em⸗ pfangen, ihnen nach drängte ſich eine Menge von Sei⸗ denarbeitern, von Soldaten von Lamberto's Bekannt⸗ ſchaft und vom geringen Volk, und ßellten ſich längs der Wände um den Tiſch her, an welchem der Vertrag abgeſchloſſen werden ſollie. Die Menge wurde durch Niccolo's Gegenwart in Ehrfurcht und Schweigen erhalten, und nur wenige Worte hörte man da und dort leiſe flüſtern, die die Nachbarn einander in's Ohr ſagten, alle waren voll des Lobes und der Bewunderung der Schönheit, der anmuthigen und würdevollen Haltung der Braut, die wohl fähig war, in einem ſolchen Augenblicke alle Blicke zu feſſeln und alle Herzen zu unterjochen. Sie war in ein weißes Gewand und einen lan⸗ gen Schleier gehüllt, den ein Kranz von Orangeblüthen auf der Stirne befeſtigte. Als ſie den Blicken ſo Vie⸗ ler ausgeſetzt vorüberging und als ſie ſich auf den Stuhl ſetzte, den ihr Bruder Benedetto angewieſen hatte, benahm ſie ſich mit Würde ohne Stolz, mit Schüchternheit, ohne verlegen zu ſein, ihre Freude ſchien himmliſcher Art, ſo daß Jeder, der ſie anſah, ſie bis zur Anbetung verehrte. 8 Niccolo nahm einen Lehnſeſſel ein, der an die Mitte des Tiſches geßellt war, und kehrte der Thüre den Rücken zu; zur Rechten der Braut ſaßen Liſa, Trollo und die Brüder, zur Linken Lamberto und die Freunde, welche als Zeugen erſchienen waren, unter andern auch Fanfulla, gegenüber die Mönche und der Notar. Letzterer ſtand auf und verlas den folgenden Ehevertrag; 103³ Anno 1329 die 23 Novemb. Lambertus quon- dam Petri ds populo S. Joannis de Florentia, re- cepit a D. Laudomia, filia Nicolai, quondam Cionis, de eodem populo S. Joannis de Florentia, sponsa dicti Lamberti, nomine dotis Libras 1010 Florent. pard. scilicet Libras 863 in uno podere cum do- mibus et habituro in populo D. Gavinana. Et libras 88 et solidos 10 et uno casolari posito in populo S. Laurentii de Florentia i. d. Croce di vin. Et libras 59 in pecunia et aliis rebus mo- pilibus etc,; ideoque propter nuptias, et vice Mor- gincapi secundum usum civitatis Florentiae prae- dictus Lambertus secit praedictae D. Laudomiae donationem de ipsius bonis libras 30. Flor. Parv. Actum Florentiae testibus ete. Posta incuntinenti coram dictis testibus, Lam- bertus et D. Laudomia, per mutuum consensum inter se intervenientem et anuli dationem et re- ceptionem, watrimonium ad invicem contraxerunt. Ego, Thomas Grossi, quondam Franrisci, de pago Bellanensi Imperiali auct. Judex atque Notarius publicus rogatus scripsi. B Lamberto, der ſich um die Abfaſſung des Con⸗ tractes nicht bekümmert hatte und ſeinen Inhalt nicht genau kannte, war frendig überraſcht über den ſchö⸗ nen Gedanken Niccolo's, ihm unter dem Vorwande einer Mitgift das Haus zum Geſchenke zu machen, in welchem ſeine Mutter ihre letzten Tage verlebt hatte. Er warf einen dankbaren Blick auf den Greis und eeinen noch zärtlicheren auf Laudomia, als der Notar eein Becken ergriff, auf welchem zwei Ringe lagen, um ſie dem Bräutigam darzubieten. 5 Man bemerkte unter den Umſtehenden mehrere Krieger, meiſtens unbewaffnet und höchſtens mit leich⸗ ten Panzerhemden und Bruſtharniſchen bekleidet; als ſpolche, die eben nicht im Begriſſ ſtanden, in den Kampf i gehen In der erſten Reihe derſelben, nur wenig 6 104 Schritte von den Verlobten entfernt, war einer ſeit dem Beginne der Ceremonie mehreren Perſonen auf⸗ gefallen, der vom Kopf bis zu den Füßen mit Stahl bedeckt war und durch ſein geſchloſſenes Viſir, durch ſeine unbewegliche Haltung und durch ein gewiſſes ungewöhnliches Benehmen von Zeit zu Zeit neugierige Blicke auf ſich zog. Er glaubt ſich auf der Mauer im Feuer zu befinden und nicht in der Kirche, ſagte Einer; ich glaube, er friert oder hat das Fieber, er bebt am ganzen Leibe, bemerkte ein Anderer. Als der Notar den Verlobten die Ringe über⸗ reichte, und ſie ſich einander näherten, um ſie zu wech⸗ ſeln, wandten fie ſich auf einmal und mit ihnen die ganze Verſammlung nach der Urſache eines Geräuſches um, welches in der Nähe des ganz mit Stahl bedeck⸗ ten Kriegers entſtanden war. Seine Nachbarn hatten einen undeutlichen und erſtickten Schrei in der Höh⸗ lung ſeines Helmes vernommen; er hatte zwei⸗ oder dreimal hin und her geſchwankt, als wenn er das Gleichgewicht verlieren wollte, worauf ein Naheſtehen⸗ der ihn, damit er nicht falle, am Arm und an den Schultern hielt. Unweit von ihm rief eine Stimme laut genug, daß man es hören konnte: Er iſt betrun⸗ ken! Viele umher begannen höhniſch zu lächeln, dann ſagte ein Anderer: Es iſt doch eine rechte Schande, in dieſem Zuſtande in die Kirche zu kommen! und ſo gab jeder ſeinen Senf dazu. Der Soldat warf einen Blick um ſich, den man durch die Oeffnungen des Viſirs flammen ſah, öffnete die Menge, indem er mit den eiſenbewehrten Armen um ſich ſtieß, und verließ die Kirche, vom Gemurmel der Anweſenden verfolgt. Bald aber wurde Alles wieder ruhig und Niemand beküm⸗ merte ſich weiter um ihn. Als die Feierlichkeit beendigt war, entließen die Mönche alle diejenigen, welche nicht zur Familie Lapi oder ihren Verwandten und Freunden gehörten. Wäh⸗ rend letztere warteten, bis der Volkshaufe ſich ganz 105 verlaufen hatie, deſſen Gedränge im Hinausgehen die Thüre ſperrte, ſagte Herr Niccolo zu dem Bruder Bene⸗ detto mit heiterer Miene, aber nicht ohne einen Seufzer: „Gott hat mich in dieſer Kirche und gerade an dieſem Orte ſchwer heimgeſucht, jetzt läßt mir dagegen ſein väterliches Erbarmen die größte Tröſtung zu Theil werden, die ich vor meinem Tode hätte empfinden kön⸗ nen. Gelobt ſei ſein heiliger Name! Höre, Lamberto, mein lieber Sohn, ich habe Dir heute meine Laudomia gegeben und in ihr glaube ich Dir das edelſte Kleinod geſchenkt zu haben, das ich beſaß. Wiſſe, daß ich da⸗ mit einer großen Pflicht genüge, indem ich das Ver⸗ ſprechen erfülle, vas ich Deinem Vater auf eben dieſem Mamor, den wir betreten, geleiſtet habe, als er vor vielen Jahren ſein Blut für mich vergoß. Siehſt Du tritt hieher! Siehſt Du den weißen Stein auf dieſer Gruft? Er war vom Blute Deines Vaters ge⸗ röthet, als wir in jener ſchrecklichen Nacht einen Sturm aushielten, um den ruhmreichen Bruder Girolamo zu vertheidigen, und ihn zu retten hofften.„ Aber Gott hatte es um unſerer Sünden willen anders beſchloſſen, hier hätte ich, von Feinden umringt, einen ſichern Tod gefunden; aber Dein Vater Piero ſtarb für mich. Möge ſein tapferer Geiſt von der Höhe des Himmels es ſchauen, wie ich Dich als Sohn umfange und ſo mein Verſprechen löſe; möge er die Neigung, die ihr euch geſchworen habt, rein und unbefleckt erhalten! Er gebe, daß eure Liebe jedes andere Gefühl in eurem Herzen übertreffe, ausgenommen die erhabene und hei⸗ lige Liebe, die ihr dem Vaterlande und deſſen Freiheit ſchuldig ſeid.“ „Gott erhalte Beide!“ ſagte Laudomia leiſe und ſi fich ſelbſt hinzu:„Und meinen Lamberto mit nen!“ Nun hielt es Niccolo für an der Zeit, nach Hauſe zu gehen, grüßte die Mönche und dankte ihnen. Er ſagte dem Bruder Benedetto, daß fie binnen zwei Ta⸗ gen wiederkehren würden, um die eheliche Einſegnung. zu erhalten, dann gingen ſie in derſelben Ordnung, in welcher ſie gekommen waren, wieder mit einander nach Hauſe. C ſie hatie die Zimmer des Erdgeſchoßes ſo gut als möglich geſchmückt: im erſten, durch welches man in as Schlafzimmer ging, hatte fie ein reichliches Abend⸗ eſſen mit vielen Blumen und Lichtern aufgeſtellt mit Hülfe von Moritz, Lamberto's Diener. Während die Verlobten ſich in St. Marco befanden und ſie im größten Eifer mit ihren Zurüſtungen beſchäftigt war, indem ſie fürchtete, überraſcht zu werden, bevor Alles in Bereitſchaft ſein würde, war an das Hauptthor ge⸗ klopft worden.„Muß gerade jetzt Jemand kommen!“ Indeſſen hatte Monafede ſich doch nicht enthalten können, Niccolo's Befehle ein wenig zu übertreten; hatte ſie vor ſich hin gemurmelt, während ich gerade Riemand bei mir habe, als dieſes Murmelthier!“ Sie überließ Moritz die Sorge, einige Schüſſeln aufzuſtel⸗ len, die ſie gerade in der Hand hatte, und eilte zu öff⸗ nen: nach einer halbyn Minute kam ſie aber ſchon wie⸗ der zurück, riß dem Diener das Tiſchtuch aus der Hand, das er nicht ganz nach ihrem Geſchmacke aufgelegt hatte und ſagte: „Kann man denn keinen Augenblick vor dieſen Soldaten Ruhe haben 2. Da war ein Bewaffneter mit geſchloſſenem Viſir, als wenn es zum Turnier ginge, und verlangte nach Lamberto. Ja, der mag warten! Er hat jetzt gerade Zeit für ihn! Ich habe ihm geſagt, er ſei in St. Marco, und habe ihm die Thüre vor der Naſe zugeſchlagen. Ohne weiter daran zu denken, lief ſie fortwährend geſchäftig hin und her, ſchlurfte in ihren Pantoffeln ſo leichtfüßig herum, als wenn ſie erſt zwanzig Jahre zählte, und gerade, als man das Klopfen der zurückkeh⸗ renden Schar auf der Straße hörte, hatte ſie die letzte 3 —— 107 Kerze angezündet und Moritz den letzten Stuhl an den Tiſch geſtellt. Sie lief hinaus, um die Thüre zu öffnen, denn ſie wollte die Erſte ſein, welche die Verlobten beim Eintritt beglückwünſchte, weil ſie es für eine glückliche Vorbedeutung hielt, wenn ſie bei der erſten Rückkehr in das Haus nach dem Wechſeln der Ringe glückwün⸗ ſchende Worte vernähmen. Sie hette mehreremale ge⸗ lauſcht, ob ſie die wohlbekannten Löwen, aus deren Ge⸗ brüll ſie ſchon bei vielen Gelegenheiten nach ihrer Mei⸗ nung wunderbar zutreffende Schlüſſe auf die Zukunft gemacht hatte, nicht brüllen höre, aber Gottlob! ſie ſchwiegen. Als fie aber auf die Schwelle trat, bemerkte ſie während des Aufſchiebens der Riegel, daß der Beſen hinter der Thüre ſtehen geblieben war und daß auf dem Boden, gerade, wo man darüberſchreiten mußte, zwet Strohhalme übers Kreuz lagen(ſehr böſe Vor⸗ zeichen nach der Meinung der florentiniſchen Frauen). „Der Tölpel hätte auch die Arme gebrochen, wenn er gekehrt hätte,“ ſagte ſie, und ſtieß den Beſen mit dem Fuße fort; dann nahm fie mit der rechten Hand einen von jenen Strohhalmen, warf ihn über die linke Schulter über den Rücken und fühlte ſich durch dieſen mächtigen Gegenzauber über das künftige Loos der beiden Verlobten völlig beruhigt. „Glück und Heil für hundert Jahre, meine Ge⸗ bieterin!“ ſagte die Alte zu Laudomia, indem ſie dar⸗ auf Acht hatte, dieſe Worte in dem Augenblick zu ſprechen, da die Braut über die Schwelle ſchritt: ſie wollte ihr die Hand küſſen, erhielt aber eine Umar⸗ mung, die ſie mit Ehrfurcht und Liebe erwiederte. Als ſo Eines nach dem Andern eingetreten war, ſagte Niccolo: „Monafede, ich hatte nicht geſagt, daß Du ſo viel Lichter anzünden ſollteſt.“ Dieſen Verweis durch ein Lächeln vergütend, trat 108 der Alte ein uno nahm am Feuer auf ſeinem Lehnſeſ⸗ ſel Platz, um welchen ſich die Familie verſammelte und darauf wartete, bis zu Tiſch gerufen wurde. Als Laudomta aus dem Seitenzimmer zurückkehrte, wo ſie Schleier und Kranz abgelegt hatte, ſetzte ſie ſich zu Lamberto und begann ſich mit ihm mit jenen ver⸗ traulichen und wichtigen Tändeleien zu unterhalten, in welchen die Liebenden unerſchöpflich ſind; Troilo, Liſa und die Brüder und Freunde ſaßen ein wenig entfernt, um die Verlobten nicht zu ſtören. Aller Mienen waren heiter, jeder Mund lächelte und auch die Zimmer waren im Glanze vieler Lichter, ſorgfältiger gereinigt und geſchmückt, viel freundlicher geworden und ſchtenen ei⸗ nen angenehmen Abend zu verſprechen, weit verſchieden von jenen durch peinigende Gedanken getrübten, an die ſie bisher gewöhnt geweſen waren, als plötzlich zwei⸗ mal ſtark an die Hausthüre geklopft wurde und bald darauf ein ganz in Stahl gehüllter Mann an der Thüre des Zimmers erſchien, der eine Weile ſtill ſtand und um ſich blickte, nicht ohne das Erſtaunen der An⸗ weſenden zu erregen, von denen Mancher den Krieger wieder erkannte, der ſich kurz vorher in Sankt Marco hatte ſehen laſſen, und nicht zu rathen vermochte, wer er ſei und was er begehre. „Was bringſt Du uns, Kamerad?“ fragte Riccolo. Der Andere enigegnete mit einer Stimme, die man, weil ſie aus dem geſchloſſenen Helm ertönte, kaum ver⸗ ſtehen konnte, indem er Lamberto ein verfiegeltes Blatt überreichte: „Vom Oberfeldhauptmann geſendet.“ Lamberto verließ ſeinen Platz an Laudomias Seite nahm das Blatt, öffnete es und las, daß er ſich au⸗ genblicklich zu rüßen, zu Pferd zu ſteigen und demjt⸗ nigen zu folgen habe, welcher ihm dieſen Befehl über⸗ pringen werde, um ſich mit der Schar zu vereinigen, welche auf dem Platze Sanct Spirito zuſammen ge⸗ — 1 — 55——— 8 8——— o. n, r⸗ tt te, Uu je⸗ er⸗ en, ge⸗ 109 zogen werde zu einer im Dienſte der Stadt auszu⸗ führenden Unternehmung. Der Leſer mag ſich denken, was der Züngling em⸗ pfand, als er in einem ſolchen Augenblick dieſen un⸗ wiederruflichen Befehl leſen mußte. Laudomia blickte ihn beim Leſen ſtarr und er⸗ ſchrocken an; ſie ſah, wie ſeine Wangen ſich rötheten und begab ſich zitternd zu ihm. Er blickte ſie mit ei⸗ nem trüben und zärtlichen Lächeln an, ſuchte ſie zu beruhigen und reichte Niccolo das Blatt, der bald den Einen, bald den Andern anblickte und anfing, ſich auf etwas Schlimmes gefaßt zu machen. Er las zweimal, während alle Blicke auf ihn ge⸗ heftet waren, und der armen Laudomia ſchien jede Se⸗ ecunde ein Jahrhundert zu ſein. Endlich ſagte er mit einem muthigen und feurigen Blick zum Himmel⸗ „Dein Wille geſchehe, mein Gott, wenn nur Flo⸗ renz gerettet wird!“— Während er dieſe Worte ſprach, vergaß die ſonſt ſo ſchüchterne Laudomia alle Zurück⸗ haltung, warf ſich auf das Blatt, riß es dem Vater aus der Hand und hatte es in einem Augenblick durch⸗ leſen. Eine Weile blieb ihr Auge geſenkt und feſt auf das Schreiben geheftet, dann hob ſie es feucht und flehend erſt zu ihrem Vater und dann zu Lamberto empor, in ſchwankender Hoffnung, Einer von ihnen möchte ein Mittel finden, dieſen Befehl zu umgehen und ſich ihm auf irgend eine Weiſe zu entziehen. Statt deſſen las ſie in beider Mienen das unwiderrufliche Urtheil, das ſie zu neuen endloſen Leiden verdammte, und getreu der Erziehung, die ſie von Niccolo erhal⸗ ten hatte, entſagte ſie jedem Schimmer von Hoffnung und blieb ſtumm mit thränendem Auge, aber ge⸗ faßt. Als endlich auch die Uebrigen die Sache erfahren hatten, zeigten Alle die größte Theilnahme. „Wie kann das ſein?“ ſagte Vieri,„Deine Truppe, lieber Lamberto, ſollte ja nicht von Florenz wegziehen!“ 11⁰ Der Jüngling zuckte die Achſeln, denn dieſe That⸗ ſache war allervings richtig, und er hatte deshalb ge⸗ hofft, ſeine Vermählung ungeſtört vollziehen zu können. „Sollte es kein Mittel geben,“ fügte Liſa hinzu, „einen Erſatzmann zu finden?“ Hier trat Troilo vor und ſagte entſchloſſen: „Der will ich ſein, mein lieber Bruder Lamberto! und Ihr, Herr Niccolo, werdet mir dieſe Gunſt nicht verweigern. Es iſt nicht recht, daß er ſeine Braut verlaſſen und Gott weiß wohin ſich begeben ſoll, in einem Augenblick, wie dieſer. Ich eile zu Herrn Ma⸗ lateſta und kehre mit der Erlaubniß zurück, an ſeiner Stelle zu gehen.“ Der Schurke wußte wohl, daß es hier eine Ge⸗ legenheit gab, mit einer Großmuth zu pralen, die ihn Nichts koſtete; er wollte bereits hinausgehen, als ihn Liſa heimlich am Kleide zurückhielt, Lamberto aber feſt am Arme faßte, welcher wirklich bei ſeinem ehrlichen und der Verſtellung unkundigen Charakter durch Troilos Anerbieten getäuſcht wurde. „Ich danke Dir, lieber Bruder,“ ſagte er, indem er ihn zum erſtenmal wohlwollend anblickte,„aber meine Ehre würde es nicht geſtatten. Du kennſt ja die Pflicht eines Soldaten. Doch werde ich an Dein Anerbieten denken.“ Und er vrückte ihm die Hand. „Das Vaterland vor Allem! meine lieben Söhne,“ rief Riccolo laut aus;„ihm müßt ihr blind gehorchen und Nichts weiter. Lamberto! Laudomia! Ich hatte es Euch wohl geſagt! Es thut mir im innerſten Her⸗ zen weh, aber es iſt jetzt nicht die Zeit zum Seufzen, es iſt Zeit zu kühnen und freien Thaten.“ Er nahm darauf Laudomia am Arme, neigte ſich zu ihrem Ohr und ſagte: „Gedenke an meine Rede: jetzt ſei ſtark und ge⸗ faßt; mäßige Dich in Deinen Umarmungen, in allen Liebkoſungen, die ſein Herz zu ſehr ergreifen könnten.“ Die arme Laudomia verſprach es durch ein Nicken 1¹¹ mit dem Haupte, denn ſie wagte nicht zu ſprechen, da ſie die Thränen kaum zurückhalten konnte. Während dieſer Verhandlung war der in Stahl gehüllte Mann beſtändig unbeweglich am Thürpfoſten gelehnt; ein einzigesmal war er zwei Schritte vorge⸗ treten, als wenn er ſprechen wollte, dann aber an ſei⸗ nen früheren Ort zurückgekehrt. Die arme Selvaggia konnte den Schmerz Lambertos und ſelbſt die Thränen ihrer Nebenbuhlerin nicht ertragen; ſie hatte ſich ent⸗ ſchloſſen, vorzutreten, ſich zu entdecken, Alles zu ent⸗ hüllen. Aber die Kraft, ihren edeln Vorſatz auszufüh⸗ ren, ihrem Plan zu entſagen, Lamberto wiever einmal allein zu ſehen und mit ihm zu ſprechen, war plötzlich wieder geſunken. Dieſer Schmerz wird ja nur kurz, er wird der letzte ſein, ſagte ſie zu ſich ſelbſt und nahm ihren frühern Vorſatz wieder auf. Die Zeit drängte, Lamberto rief ſeinem Be⸗ dienten. „Moritz, ſattle die Pferde und richte meine Waf⸗ fen zurecht; zeige im Hinausgehen dieſem Mann, wo meine Rüſtung ſich beſindet; er wird ſo gefällig ſein, mir, um Zeit zu gewinnen, beim Anlegen derſelben zu helfen.„ Nicht wahr?“ ſagte er, zu Selvaggia gewendet,„aus Gefälligkeit, nicht auf Befehl gehſt Du mit dieſem und bringſt mir meine Waffen? Du ſiehſt wohl, es find mir nur noch einige Augenblicke ver⸗ gönnt, ich möchte ſie nicht verſchwenden. Wenn Du je erfahren haſt,“ fügte er lächelnd hinzu,„was Liebe iſt, ſo wirſt Du verſtehen, was das ſagen will.“ Wie ſich denken läßt, war Selvaggia bereit, zu gehorchen, und folgte Moritz mit ſo feſtem Schritt, als ſie vermochte. Bald darauf kehrte ſie mit Lambertos Rüſtung zurück, die in einem Bünvel zuſammen ge⸗ bunden war, legte ſie auf den Boden und fing an, ihn damit zu bekleiden. Um die Schnallen beſſer machen z können, mußte ſie die beiden eiſernen Handſchuhe ahlegen. 112 Während ſie von der einen Seite, Laudomia von der andern half, ſagte Niemand ein Wort. Vieri fie⸗ len die Hände des vermeintlichen Soldaten auf; er dachte, wie kann ein Kriegsmann ſeine Hände ſo ſchön und zart erhalten, aber Lamberto und Laudomia hat⸗ ten damals kein Auge für ſolche Betrachtungen. In dieſem Augenblick der Trauer und des Schwei⸗ gens hörte man auf der Straße das Geräuſch eines von fernher trabenden Pferdes. Laudomia hielt inne und horchte: O wäre es ein Bote des Feldhauptmanns, der den Befehl abänderte? Alles dies iſt wahrſchein⸗ lich ein Mißverſtändniß. Vielleicht war es ein Scherz, um mich zu erſchrecken.“— Und das Pferd kam heran, die Thüre ging auf einmal auf.„Da kommt er wirklich,“ ſagte Laudomia mit ſteigender Hoffnung. Die Arme bedachte nicht, daß der Stall, wo ſich Lambertos Pferd befand vom Hauſe etwas entfernt lag. Es war Moritz, der, nachdem er es geſattelt, um ſchneller anzukommen, es im Trab herbeigeführt hatte. Indeſſen trat der Diener herein und melete, daß die Pferde bereit ſeien, und Laudomias letzte Hoff⸗ nung verſchwand. Lamberto war jetzt von Kopf bis zu Fuß bewaff⸗ net und umſtralt von mit Gold eingelegtem Stahl; ſein Viſir war offen, ſein Geſicht blaß, aber gefaßt. Er umarmte Niccolo und alle Andern, ohne ein Wort zu ſagen, er wollte auch Fanfulla umarmen, aber kaum war Selvaggia gekommen, und der Befehl, den ſie brachte, bekannt geworden, ſo war dieſer verſchwunden, ohne irgend jemand Lebewohl zu ſagen. Lamberto blickte um ſich und ſagte, da er ihn nicht fand:„Grüßt mir auch Fanfulla.“ Roch hatte er nicht ausgeſprochen, ſo trat dieſer vom ſchnellen Laufen keuchend herein. Er trug das Panzerhemd, die Beinſchienen und den leichten Helm der Lanzknechte und eine Partiſane in der Hand. „Die ſchwere Noth auf den, der den Renajo dei 1¹3 Serriſtori ſo weit entfernt gebaut hat!“ ſagie er und bemühte ſich, wieder zu Athem zu kommen.„Zu ei⸗ nem Wettlauf im Panzer find Fanfullas Beine doch ein wenig zu alt. das thut nichts, dieſesmal haben ſie es noch gethan.. Kurz, Herr Lamberto, wir müſ⸗ ſen gehen.„ Ich war hingelaufen, um zu ſehen, ob ſie vielleicht nicht mich ſtatt Eurer abſenden wollen, denn ich hinterlaſſe ja Niemand, der um mich weint.. ob mein Leder noch etwas mehr oder weniger gegerbt wird, darum iſt es nicht ſehr Schade, aber es half nichts Da zog ich denn ſchnell den Panzer an, nahm den Augenbohrer da in die Hand und bin da, um mit Euch zu gehen. Wenn Ihr Euch nicht ſchämt, in Geſellſchaft eines armen Fußknechts zu ſein, denn ſeit einem gewiſſen Vorfall muß ich das Gewerbe zu Fuß treiben, aber vor meinem Tod noch. doch das ge⸗ hört nicht hieher. und hört, Donna Laudomia, Herr Lamberto braucht zwar keine Hülfe, um ſich die Flie⸗ gen von der Naſe zu treiben, aber das thut Nichts. Ich will mich anheiſchig machen, ihn lebendig und ge⸗ ſund zurückzubringen Ihr müßt wiſſen, daß ich weiß, was ich ſage.„ Ihr werdet ihn in jedem Fall wiederſehen.“ Laudomia lief mit gefalteten Händen auf Fanfulla zu und hätte ihn beinahe umarmt, denn ſeine Worte klangen ihr, als kämen ſie vom Himmel herab. „O, Ihr werdet nicht zu Fuß gehen,“ ſagte Lam⸗ berto. Er ſetzte es durch, daß er das Pferd ſeines Be⸗ dienten beſteigen ſollte. Niccolo ließ in Eile eine Rei⸗ terrüſtung herbeibringen und ſchenkte ſie Fanfulla, der nun zu einem neuen Leben und zu ſeiner alten Ehre gekommen zu ſein glaubte, als er ſich von dem ver⸗ — Fußdienſt befreit ſah, der ihm ſo verdrieß⸗ war. So gelangten ſie alle miteinander an die Haus⸗ thüre. Selvaggia ſaß ſchon im Sattel, Fanfulla ſprang Niccolo de' Lapi. U. 8 und konnte einen Jubelruf nicht unterdrücken, als er zwiſchen ſeinen Schenkeln wieder ein Pferd fühlte, das ganz anderes Feuer hatte, als ſein alter Grifone. Laudomia hatte ſie bis hieher begleitet, ohne nur ein Wort zu ſprechen und ihrem Vater nicht ungehor⸗ ſam zu ſein. Sie ſchmiegte ſich nun an Lambertos Arm, denn alle ihre Kraft, ſich aufrecht zu erhalten, ſchien zu ebenfalls hinauf, faſt ohne den Bügel zu berühren, ſchwinden. Zuletzt ſagte ſie mit gebrochener Stimme: „Gott ſchütze Dich!“ dann ſchloß ſie die Augen, fühlte die bebenden Lippen des Verlobten auf ihrer Hand und bald darauf hörte ſie wie die drei Reiter ſich im Ga⸗ lopp entfernten, dann fühlte ſie eine Umarmung, und fand ihr Bewußtſein in Nieccolos Armen wieder, der ſie zärtlich an ſich drückte und ſagte: „Ich bin zufrieden mit Dir, meine Tochter, jetzt darfſt Du weinen.“ Und die Arme zerfloß in Thränen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Herr Francesco Ferruccio, den wir an jenem Abende in den erften Tagen der Belagerung im Hauſe Nic⸗ colos angetroffen haben, lebte damals, von den Be⸗ hörden beinahe vergeſſen, zu Florenz, bis man ihn auf den Rath des Herrn Donate Giannotti, damali⸗ gen Secretärs, als Bevollmächtigten nach Prato ſchickte, da es ſich nicht geziemte, daß ein ſo großer Mann nicht ſollte verwendet werden, wo es am meiſten Noth that. Er blieb nicht lange in Prato, ſondern wurde wegen Mißhelligkeiten mit Lorenzo di Tommaſo Sa⸗ dorini nach Empoli geſchickt, einem großen Flecken, — v v——— v vvNv — 1¹⁵ ver beinahe im Mittelpunkt des unteren Arnothales auf dem Wege nach Piſa, 16, heutzutage aber 18 Meilen von Florenz, auf dem alten Wege, der über den Hügel von Malmantile geht, liegt. Sein Benehmen bei dieſer Sendung war, wie man es von ſeinem trefflichen Charakter und ſeinem bisherigen Leben erwarten durfte; er verſah die Mauern mit neuen Befeſtigungen, ſo daß fie ſehr ſtark und faſt unüberwindlich wurden, und ſobald er deren Stärke erprobt hatte, fing er an, die Feinde in den umlie⸗ genden Schlöſſern zu beunruhigen, machte häufige und kühne Streifzüge und verſchaffte ſich dadurch großen Ruhm und die Gunſt ſeiner Obern. Eben damals hatte er an die Zehnherrn geſchrie⸗ ben und ihnen den Plan zu neuen Unternehmungen, die er im Sinne hatte, ausführlich vorgelegt, unter anderm einen Anſchlag auf S. Minato al Tedesco, das die Spanier damals beſetzt hatten. Er verlangte Unterftützung an Reiterei und die Hauptleute Amico d'Arſoli und Jacobo Bichi erhielten Befehl, mit hun⸗ dert Bewaffneten nach Empoli zu reiten; unter dieſe wurde durch die Schurkerei des Troilo auch Lamberto eingereiht, welcher in Folge der im vorigen Kapitel erzählten Begebenheiten von Fanfulla und Selvaggia begleitet wurde. Auf dem Platze San Spirito trafen ſie die Schar ſchon aufgeſeſſen und in zwei Gliedern in Schlachtord⸗ nung geſtellt, die Fronte gegen die Kirche gerichtet, auf dem rechten Flügel, ein wenig ſeitwärts, vier Trom⸗ peter und an der Spitze die beiden Anführer Jacobo Bichi und Amico d'Arſolt mit ihren Bannerträgern und zwei Unterbefehlshabern. Lamberto und ſeine Gefähr⸗ ten kamen zuletzt an, und während ſie in raſchem Trab über den Platz ritten, um in's Glied zu treten, rief ihnen Amico d'Arſoli in der artigen Weiſe, welche die im Waffenwerk Ergrauten zu hören und zu gebrauchen gewohnt find, beſonders gegen die einer ſtrengen Kriegs⸗ 1¹6 zucht ſo verhaßten ſogenannten Nachzügler:„Vorwärts, vorwärts! in's Teufels Namen!“ Als die Schar auf dieſe Weiſe beiſammen und durch den Unteroffizier verleſen worden war, zog d'Ar⸗ ſoli den Degen, wendete ſein Pferd und gab mit lau⸗ ter Stimme den Befehl zum Abmarſch: „Zu zweien, rechts abmarſchirt!“ So gelangten ſie in abgebrochenem Zug über Fon⸗ dacino und den Ponte Cibraja an das Thor von Prato, durch welches ſie auf das freie Feld gelangten und rückten gegen Signa vor. Die Nacht war heiter, der Himmel rein und kalt, und es glänzte, wie im Winter oft der Fall iſt, Stern an Stern. Die Soldaten bewegten ſich in ihren dun⸗ keln Mänteln in gutem Schritt vorwärts, ihre lan⸗ gen, ſchwarzen Reihen zogen ſchweigend auf der vom Reif weiß gewordenen Straße dahin und nur wenige Worte wurden zwiſchen Nebenmännern geflüſtert; zu⸗ weilen jedoch hörte man einen halb unterdrückten Fluch, wenn ein Pferd ſtolperte und der Reiter es mit eini⸗ gen ſcharfen Sporenhieben züchtigte. Lamberto, der zuletzt auf dem Marktplatze ange⸗ kommen war, haitte ſich am linken Flügel der Schar aufgeſtellt und befand ſich nun der Marſchordnung zu⸗ folge am Ende derſelben. Es iſt eine ſonderbare Er⸗ ſcheinung, welche von denjenigen meiner Leſer, die Soldat waren, ohne Zweifel beobachtet wurde, daß der letzte Zug, wenn er mit den andern zuſammen bleiben will, immer ſchneller als dieſe reiten muß. Er war daher gezwungen, mit den andern Soldaten des Nach⸗ trabs im Trabe zu reiten, um den Vornziehenden nachzukommen, und dieſes immer wieder von Neuem, denn beſtändig blieben ſie wieder zurück und hatten den verlorenen Zwiſchenraum wieder zu gewinnen; um aber dieſe Maßregel auf die Dauer zu befolgen, hätte er ſeinen Kopf bei dem, was er that, haben, und ſich nicht mit ſeinen Gedanken in Florenz befinden müſſen. 117 Zu jeder andern Zeit waͤre ein ſolcher nächtlicher Marſch auf einer gefährlichen und wichtigen Unterneh⸗ mung ein wahres Feſt für ihn geweſen: damals jedoch— und wer möchte ſo ſtreng ihn zu verdammen— fühlte er ſein Herz von einem Kampfe, von einer unerklär⸗ lichen Traurigkeit beſchwert, daß er in dieſer unvor⸗ hergeſehenen Begebenheit ein untrügliches Vorzeichen eines Unglücks, das ihn verfolge, erblickte, das ihn zwar, wenn es auch ihn betraf, nicht ſehr ſchreckte, aber von jetzt an ließ ſich ſein Geſchick nicht mehr von demjenigen Laudomia's trennen. Indeſſen hatte der Vortrab der Schar ſeit längerer Zeit die Brücke von Signa überſchritten und die Stelle erreicht, wo ſich die Straße über den Hügel von Malinantile zieht und eine gute Strecke durch dichtes Gebüſch, bergauf, bergab führt. Als Fanfulla bemerkte, daß ſie im Begriff ſtan⸗ den, in dieſen gefährlichen Paß zu ziehen, der einen Angriff ſehr leicht erwarten ließ, ſo ſah er voraus, daß die Hauptleute vorher die Schar zuſammenziehen und Kundſchafter ausſenden würden. Da er Lamberto nicht neben ſich erblickte, ſo wendete er ſich um und ſah ihn in ziemlicher Entfernung. Er wandte ſein Pferd und ritt ihm im Galopp entgegen. „Sporen eingeſetzt, Herr Lamberto!“ rief er,„da⸗ mit wir nicht mit d'Arſoli Händel bekommen; bei ei⸗ nem ſolchen Wege, wie dieſer, iſt es nöthig, daß ſeine Mannſchaft beiſammen bleibt.“ Lamberto raffte ſich auf, ſpornte ſein Pferd und erreichte den Zug und zugleich mit ihm Selvaggia, welche dem Jüngling immer zur Seite geblieben war, ohne die Gelegenheit und den Muth finden zu können, ſich ihm zu entdecken, oder auch nur ein Wort zu ſa⸗ gen. Sie bekümmerte ſich nun, daß ſie die Gelegen⸗ heit verloren haoe, die herbeizuführen fie ſich ſo ſehr be⸗ müht hatte, und nahm ſich vor, ein anderesmal nicht mehr ſo ſchüchtern zu ſein; während deſſen ſchloß auch ſie ſich der Reihe ihrer Gefährten an, welche unter d'Ar⸗ ſoli's Befehl die Höhe hinanzogen. Er hätte leichter Fußſoldaten bedurft, um die Gebüſche umher zu durch⸗ ſuchen und ſich des Engpaſſes zu verſichern, er hatte jedoch nur gepanzerte Reiter, welche dieſe ſteilen Höhen nicht wohl erklettern konnten. Er mußte ſich daher begnügen, acht Lanzenreiter als Vortrab voranzuſchicken, und als dieſe den gefährlichſten Theil des Paſſes zu⸗ rückgelegt haben konnten, ſetzte er ſich mit ſeinen übri⸗ gen Leuten in Bewegung und zog durch jene zerriſſenen Höhen, die in der Dunkelheit ſich als finſtere Maſſen darſtellten, welche in hundert ſeltſamen Geſtalten em⸗ porragten und mit ihren ſpitzigen Gipfeln die Sterne vom Himmel ſtoßen zu wollen ſchienen. Die Reiterſchar erſtieg den Berg in raſchem Schritt eng zuſammengezogen, und jeder Soldat hatte ſeinen Mantel abgelegt, um die Hände frei zu haben; d'Arſoli und Bichi zogen kühn mit der Lanze am Schen⸗ kel voraus und das Echo wiederhohlte den Schall der Hufſchläge, das Zuſammenklirren der Steigbügel und Beinſchienen. Das leiſe, aber ruhige Geſpräch, das man da und dort in den Reihen vernahm, zeugte von der Sorglo⸗ figkeit dieſer Leute bei einer Gelegenheit, welche den Muth der Soldaten auf die größte Probe ſetzte, näm⸗ lich wenn eine unſichtbare und unbeſtimmte Gefahr in der Nähe iſt, gegen welche Waffen und Vertheidigung fruchtlos ſind, was bei dieſer Gelegenheit wirklich der Fall war, denn eine ſchwache feindliche Hand hätte durch Herabrollen von Felsſtücken die Schaar unrett⸗ bar vernichten können. Dieſe aber hatten ſeit einiger Zeit dem Vaterland das Opfer ihres Lebens geſchworen, und beinahe alle hielten dieſen Schwur zu Gavinona, wo ihre ruhm⸗ vollen Gebeine noch heutzutage nicht ganz in Staub verwandelt find, ſondern zuweilen auf den Feldern den Pflug des Landmanns hemmen, welcher nicht weiß, 1¹9 . viele Tapferkeit, wie viel Ruhm er mit Füßen ri* Das Schickſal, welches ſie dort erwartete, ſchämte ſich vielleicht, ihnen hier einen dunkeln und ungeräch⸗ ten Tod zu bereiten, daher hatte es keinen Feind zu dieſen Engpäſſen geführt, und ſie zogen ungefährdet an der alten Burg von Malmantile vorbei, ſtiegen bei M. Lupo hinab und verließen die Engpäſſe, wo die Ebene von Empoli beginnt und das Arnothal ſich zwi⸗ ſen 3 und weniger ſteilen Hügeln aus⸗ reitet. Die Ordnung, welche der Zug in den Engpäſſen beobachtet hatte, ſo lange man Gefahr argwöhnte, nahm nach und nach wieder ab, ſobald die Schar offenere und ſichere Orte erreichte, und Selvaggia, die ſich von Lamberto nicht getrennt hatte, faßte ihren Plan wieder auf und hielt den Zügel an, indem ſie hoffte, daß auch ſein Pferd, das von dem Reiter ſich ſelbſt überlaſſen wurde, aus natürlichem Inſtinkt eben⸗ falls langſamer gehen würde und ſo von Neuem eine Gelegenheit ſich finden könnte, mit dem Jüngling allein zu ſein und dießmal mit ihm zu ſprechen. Was denn? das wußte die Arme ſelbſt nicht, denn ſie kannte die Stimmung Lamberto's zu gut, um einen Schatten von Hoffnung zu ſchöpfen, und die furchtbare Leidenſchaft, die ſie verzehrte, Jemanden bekannt zu machen, der ſie nur mit einem unfruchtbaren und demüthigenden Mit⸗ leid zu erwiedern wußte, war doch etwas hartes. Aber die Liebe, welche mit dem Stolz in Zwieſpalt kommt, muß vielmehr Eigenliebe genannt werden, und das war bei Selvaggia nicht der Fall. Ich werde Worte finden, dachte fie, und wenn ich fie nicht finde, ſo wird er meine Thränen, meine Ver⸗ zweiflung ſehen; ich will mich zu ſeinen Füßen, zu den Füßen ſeines Pferdes werfen, damit es mich zertreten und ich endlich dieſes Höllenleben verlaſſen möge. Unter dieſen ſchwankenden Gedanken war es ihr nach und 120 nach gelungen, wie es ihre Abſicht war, mit dem Jüng⸗ ling zurückzubleiben. Das tiefe Schweigen der Nacht, das kaum das ferne Rauſchen der Gewäſſer des Arno, oder das dumpfe Gebell der Hunde in den umliegen⸗ den Hütten unterbrach, ließ ſie das häufige Seufzen Lamberto's vernehmen, der neben ihr ritt, ohne ihre Anweſenheit zu bemerken. Sie ſah ihn an und hoffte, er werde einmal das Geſicht gegen ſie wenden und ihr Gelegenheit geben, das Geſpräch auch nur mit einem Wort zu beginnen, aber ihre Hoffnung war vergeb⸗ lich; ſie mußte ſelbſt ſprechen. Um ſich ſelbſt ein Ziel zu ſetzen, an welchem dieſe Ungewißheit endigen mußte, denn ſie fühlte das Herz heftig ſchlagen, merkte ſie ſich einen Baum, der in ei⸗ niger Entfernung an der Straße ſtand, und ſagte zu ſich ſelbſt: Wenn wir dort ſein werden, dann muß ich ihm das erſte Wort ſagen. Sie kam jedoch bei dem Baume mit einem ſolchen Herzklopfen an, als wenn es ihr die Bruſt zerſprengen wollte; ſie öffnete die Lippen, aber ſie konnte nur einen unartikulirten Laut hervorbringen und der Kampf in ihrem Innern war ſo groß, daß ihre Natur ſich mit einem ſolchen Strom von Thränen, mit einem ſo lau⸗ ten Schluchzen Luft machte, daß Lamberto voll Ver⸗ wunderung aus ſeinen Gedanken aufſchrak und ſich zu ihr wandte, indem er ſeinen Gefährten für einen Lan⸗ zenreiter gehalten hatte, wie die Andern. „Was bedeutet das?“ ſagte er, hielt die Zügel ein wenig an und richtete ſeine ganze Sehkraft auf Selvaggias Geſicht, das er in der Dunkelheit nicht gut unterſcheiden konnte, obgleich ſie das Viſir aufge⸗ ſchlagen hatte. Er wiederholte ſeine Frage zwei⸗ oder dreimal, ohne Antwort zu erhalten, und beſorgte ſchon, ſein Gefährte möge verrückt geworden ſein, als er ſich mit einer ſte benden Stimme anreden hörte, aus der es unmöglich war, die ſchreckliche Wahrheit zu verkennen; S u——— —— 12¹ „Wenn ich nun keinen Groll gegen Dich habe— wenn ich nun geflohen bin, wie Du es verlangt haſt — wenn ich nicht habe ſterben können— und doch Dir wieder begegnen mußte— was trifft mich für ein Vorwurf?— Ich bin Dir leiſe gefolgt, ohne Dich zu beläſtigen— ohne es zu wagen, ein Wort mit Dir zu ſprechen— und ich glaube doch jetzt nicht mehr allein auf dieſer Erde zu ſein— wenn ich nicht ſo leiſe weinen konnte, daß Du mich nicht hörteſt, was trifft mich für eine Schuld dabei?— Nun weiß ich Alles— ich habe mit eigenen Augen geſehen— ich weiß, was einer Unglücklichen, wie ich, bevorſteht— aber bedenke, es iſt das letztemal— ich möchte nur — ich frage Dich nur— Hier ſiel ihr wieder nicht ein, was ſie bitten oder fragen wollte und da ſie kein Wort fand, den ange⸗ fangenen Satz zu vollenden, ſo fing ſie wieder an zu ſchluchzen mit geſenktem, über den Hals des Pferdes gebeugtem Kopfe, die Hände auf den Knauf des Sat⸗ tels ſtützend. An der Stimme und noch mehr an den leiden⸗ ſchaftlichen Worten erkannte Lamberto Selvaggia und fühlte einen Stich im Herzen, denn er merkte wohl, in welcher Verlegenheit er ſich befand. Er hatte ihr kei⸗ nen Troſt zu bieten und hätte ſie um jeden Preis von ihrer thörichten und vergeblichen Liebe heilen mögen, und er hätte aus Mitleid für ſie gerne alles gethan, um ihr den Frieden mit ſich ſelbſt wieder zu geben und ſie ruhig und glücklich zu ſehen. Schon vor dieſer erſten Begegnung hatte er, wenn er ſich dieſen Fall möglich dachte, bei ſich überlegt, wie er ſich im vor⸗ kommenden Fall gegen die Unglückliche benehmen wollte und hatte auf folgende Weiſe geurtheilt; wenn ich ſie das Mitleid, welches ſie mir einflößt, blicken laſſe und ſie auf liebevolle und menſchliche Weiſe zu tröſten ſuche, ſo wird ihr glühendes Herz immer eine ſtille Hoffnung behalten, und da ſie mich für gutmüthig und edel hält, ſo wird ſie mich mehr lieben, als je. Findet ſie mich aber hart, ſtolz und ihren Kummer bezweifelnd, ſo iſt dieſes Mittel zwar bitter und für mich und ſie gleich ſchmerzlich, aber nach einiger Zeit verwandelt ſich vielleicht die Achtung in Verwerfung, die Liebe in Haß und nach wenigen Tagen wird fie nicht mehr an mich denken und ich werde ſagen können, daß ich ihr den größten Dienſt geleiſtet habe, der in meiner Macht ſtand. Wir wollen nicht behaupten, daß der letztere Ent⸗ ſchluß dem jungen Manne keinen Verdruß gemacht hätte, ohne daß er ſich denſelben ſelbſt geſtand; dem ſei aber wie ihm wolle, ſo war ihm jenes kindiſche und thö⸗ richte Gefühl fremd, das der Franzoſe Koketterie nennt und das nicht blos im Herzen der Frauen keimt. Alles wohl erwogen, war er feſt auf ſeinem Entſchluſſe beharrt, und der Stich im Herzen, von dem wir oben ſprachen, entſtand gerade aus dem Gefühl, einen längſt vorher gefaßten Entſchluß, deſſen Ausführung unange⸗ nehm iſt, gerade zu einer Zeit ins Werk ſetzen zu müſſen, da er es am wenigſten erwartete. Wohlan, Lamberto, ſagte er, während Selvaggia ſprach, zu ſich ſelbſt, um Muth zu faſſen, denk an das wahre Wohl dieſer Armen und nicht an dich und dein Wohilgefallen. Als ihre Rede zu Ende war, fühlte er zwar ſein Herz durch ihre Verzweiflung und ihre Thränen zer⸗ riſſen, legte aber dennoch ſo viel verſtellte Kälte und Fronie in ſeine Antwort, als möglich. „Weißt Du auch, Selvaggia, daß es wohl Schade iſt, daß Du nicht in der Zeit Königs Arthur und der Tafelrunde lebſt; viel beſſer hätte ſich ſo eine nächtliche Juſammenkunft, ſo eine unglückliche Liebe im Ardenner⸗ wald an einer bezauberten Quelle ansgenommen, als auf der Hauptſtraße nach Empoli mitten in dieſen nur mit ödem Haidekraut bewachſenen Ebenen.“ Bei dieſen Worten hatte das Schluchzen des Mäd⸗ 123 chens plötzlich aufgehört; Lamberto nahm es als gutes Zeichen für das Gelingen ſeines Planes und fuhr fort: „Wir leben im Jahr 1529, meine liebe Selvag⸗ gia, und ich bin ein ganz gewöhnlicher armer Soldat, wie alle Andern und kein irrender Ritter, mit dem romantiſchen Namen Amadis oder Galaor, die ſchon lange todt und begraben ſind, Gott habe ſie ſelig. Was ſetzeſt Du Dir für Poſſen in den Kopf, wohl verſtanden, da ich gerade nicht annehmen will, daß Du Deinen Scherz mit mir treiben willſt; weißt Du nicht, daß ich ſo gut wie verheiratet bin? und daß ich an, mein Haus zu denken und meine Geſchäfte zu beſorgen habe, anſtatt mein Gehirn mit Romanen und Ritter⸗ abenteuern zu behelligen?“ „Ich glaubte, ſeit jenem Abend in der Lombardei am Ufer des Po hätteſt Du jenen Grillen entſagt und anderwärts Dein Glück geſucht, und jetzt eben war ich, um Dir die Wahrheit zu ſagen, tauſend Meilen weit davon entfernt, an Dich zu denken, und ſtatt deſſen begegneſt Du mir zum zweitenmale ſo friſch wie eine Roſe und wir ſind auf dem alten Fuß.“ Das arme Mädchen ſchwieg, faſt wahnſinnig vor Schmerz über dieſe bittern Worte, und Lamberto mußte, wie ſich denken läßt, ſeinem Herzen Gewalt anthun, um im gleichen Tone fortfahren zu können. „Nun, Selvaggia, iſt es Zeit, vernünftig zu wer⸗ den und ſchon iſt es zu viel; wenn Du nicht willſt, ſo will ich. Alle dieſe Scenen, dieſe Comödien helfen zu Nichts, und ich wünſchte, daß dieſes die letzte ſein möchte; ich habe es genug. Ich kann Dir zu Nichts gut ſein, laß mich alſo in Frieden; Gott ſegne Dich tauſendmal, und jetzt lebe wohl!“ „Ja, lebe wohl, und auf immer!“ erwiederte das Mädchen außer ſich, in deſſen Herzen der Unmuth und der beleidigte Stolz die Liebe für einen Augenblick überwanden; aber wiſſe vorher, Du Schlangenſeele, wiſſe, daß Gott gerecht iſt, und Dich mit der Münze bezahlen werde, die Du verdienſt, und um meinetwillen Rechenſchaft von Dir verlangen wird; denn er hat mich nicht in die Welt geſetzt, um Dein Spielzeug zu ſein, und auch ich, beim ewigen Goit, habe ein Herz⸗ eine Seele, eine menſchliche Geſtalt, und ich bin keine Viper, kein Teufel! Wiſſe, daß kein König, kein Fürſt, jemals einen Schatz beſaß, der das Herz der Unglück⸗ lichen, das Dein war und Du Elender nicht verdien⸗ teſt, aufwog, und Dir war es nicht genug, es zurück⸗ zuweiſen, Du wollteſt es erniedrigen, beſchimpfen.— „Mir Beſchimpfungen, Beleidigungen? Glaubſt Du ſo hoch zu ſtehen, daß Du dieſes darfſt? Glaubſt Du über mich lachen zu dürfen, der Du Dein Leben verdankſt? Ha, wiſſe nur, mir und Niemand Anders! Auf dem ſpa⸗ niſchen Admiralſchiff in der Schlacht bei Salerno fing ich das Eiſen mit meiner Bruſt auf, das Dein Herz durchbohren ſollte, ja, um Dein Leben zu retten, lebte ich in Kummer, in Elend, in Verzweiflung.— Und nun glaubft Du, mir mit Hohn lohnen zu dürfen? Ich habe Mitleid mit Dir, denn Gott hält ſchon die ver⸗ diente Strafe für Dich bereit, und ehe Du daran denkſt; ich— ich ſage es Dir, vielleicht ſchon während ich mit Dir ſpreche, iſt Deine Geliebte an einen Ort gebracht, wo Du ſie nicht haben möchteſt— und ſie haben Dich allein deßhalb fortgeſendet, um Gelegenheit zu haben, ſie Dir zu nehmen, und Du Thor, haſt die Falle nicht entdecken können, ich aber weiß, wer ſie Dir geftet hat, ich weiß Alles, will Dir aber nichts ſagen; wenn Du Dich aber anders gegen mich benom⸗ men hätteſt, ſo würde ich Dich von Allem unterrichtet haben, ja ſogar, ſieh, Du Elender, welches Herz Selvaggia hat, ich hätte Dir ſogar geholfen, aber jetzt, wenn Du mich in ſo viel Stücke hauen wür⸗ deſt, wie ein Topf in Scherben ſpringt, ſollteſt Du es dennoch nicht erfahren. Nein! nein, Du ſollſt es nicht wiſſen, und Deine Laudomia ſollen weder Gott noch Teufel retten können! Sprich, Unglücklicher, fühlft — — — 125⁵ jetzt auch Du die Hölle im Buſen? Fühlſt Du ſie end⸗ lich einmal? Nun, ſie verſchlinge Dich auf immer, und jetzt ſag' auch ich Dir Lebewohl!“ Hierauf wendete ſie ihr Pferd und ſiieß ihm wü⸗ thend die Sporen in die Seiten und jagte ſo raſch nach Florenz zurück, daß man nach wenigen Sekunden nicht einmal den Hufſchlag ihres Roſſes mehr hörte. Lamberto war durch die gehörten Worte und durch die dunkle Gefahr, mit welcher ſie Laudomia bedroht hatte, ſo aufgeregt, daß auch er ſich wüthend umwandte, um ſie einzuholen und aufzuhalten; kaum aber halte ſein Pferd zwei bis drei Sprünge gethan, als er die Unmöglichkeit einſah und zugleich bedachte, daß er un⸗ ter keinem Vorwand ſeine Fahne verlaſſen dürfe. Er hielt daher den Zügel an und ſetzte ſeinen Weg ganz traurig fort. Eine kurze Ueberlegung reichte übrigens hin, ihn über das Dringende der Gefahr zu beruhigen; in Flo⸗ renz in Niccolo's Hauſe hatte Laudomia Nichts zu fürchten, und er überzeugte ſich, daß falls auch der ihm von Selvaggia entdeckte Plan wirklich vorhanden ſein ſollte, derſelbe doch nicht ſo ſchnell ins Werk zu ſetzen ſein möchte und daß dieſe Drohungen von ihr blos aus Verdruß ausgeſtoßen ſein mochten, um ihn in Un⸗ muth und Furcht zu verſetzen; und bei dieſem Gedan⸗ ken blieb er. Defſenungeachtet ſorgte er bei der erſien beſten Gelegenheit dafür, Laudomia und ihrem Vater Nachricht über das Gehörte zukommen zu laſſen, da⸗ mit ſie ihre Maßregeln darnach nehmen und wo mög⸗ lich die Sache aufzuklären ſuchen möchten. Daher ſchickte er gleich bei ſeiner Ankunft in Empoli einen Boten nach Florenz. Solche Gedanken beruhigten ihn ſchnell und auf dem weiteren Wege überzeugte er ſich mehr und mehr von der Grundloſigkeit ihrer Worte; dann bedachte er, wie vieles Mitleid das Schickſal dieſer Unglücklichen verdiene, die er doch mit zu vieler Härie behandelt hatte und gegen die er, wenn auch in der beſten Ab⸗ ſicht, allzu grauſam geweſen war. Er fürchtete, daß ihr zügelloſer Charakter ſie zu irgend einem verzwei⸗ felten Schritt treiben möchte, den er nicht würde ver⸗ hindern können, während er vielleicht lang keine Nach⸗ richt mehr von ihr zu erhalten gewärtig ſein dürfte und wenn ihr irgend etwas zuſtieß, immerwährende Gewiſſensbiſſe befürchten mußte! Einen Augenblick kämpfte er mit dem Entſchluß, von d'Arſoli Urlaub zu erbitten und umzukehren; aber vertrug es ſich mit ſeiner Ehre, einen ſolchen zu verlangen? War das den Leh⸗ ren Niccolo's gemäß, vor Allem an das Vaterland zu denken? Er muſte ſich alſo darauf beſchränken, Gott zu bitten, er möge in ſeiner Barmherzigkeit dieſe Unglück⸗ ſelige vor etwaigen Gefahren beſchützen. Unterdeſſen hatte das Pferd Selvaggia's, unab⸗ läſſig von ihren Sporen gepeinigt, ſeinen Weg zurück⸗ gelegt, von der Wuth ſeiner Reiterin geſchreckt mit weit offenen und blutenden Nüſtern, mit ausgeſtrecktem Schweif, mit furchtſamem Blick und vergeblichem Be⸗ mühen, ſich einer ſo übermäßigen Peinigung zu entzie⸗ hen. Das arme Thier beſchleunigte ſeinen Lauf immer mehr bis zum Eingang der Engpäſſe, welchen es in wenigen Augenblicken erreicht hatte. Dort konnte es nicht mehr weiter, ſtellte ſich keuchend, war von Schweiß durchnäßt und gab ſich alle mögliche Mühe, die uner⸗ trägliche Laſt der Reiterin abzuwerfen. Es begann nun der ſonderbarſte und heftigſte Kampf, den man je zwiſchen Reiter und Pferd geſehen hat. Obgleich der Erſtere mit feſt angedrückten Knien wie angewachſen im Sattel ſaß, mußte er dennoch den heftigen Bewegungen des Pferdes folgen, die ihn hin und her warfen, wie ein Baum von feſten Aeſten und biegſamem Wipfel vom Winde hin und her gebogen wird. Dieſes ſchlug aus, machte Seitenſprünge, ſtieg und bäumie ſich und warf ſich bald guf dieſe, bald S 8 8 8 8—* 127 auf jene Seite, nahm den ganzen Weg ein und ſcheute endlich gerade da, wo der Fels ſich ſenkrecht abſtürzt vor einem Steinhaufen, den es nicht überſchreiten wollte. Niemand war Zuſchauer dieſes ſonderbaren Kampfes, welcher eine gute Weile dauerte, bis die Ermattung demſelben ein Ende machte. Das Pferd blieb auf einmal ſtehen und zitterte an allen Gliedern, wie wenn es umfallen wollte. Sel⸗ vaggia legte ihm die Hand auf die Stirne, welche von Schweiß triefte, ſchöpfte tief Athem, blickte um ſich und zum Himmel und ſah, daß die Morgenröthe be⸗ reits die Spitzen der Hügel mit einem bläulichen Lichte erhellte und daß ein Zug von Raben mit lautem Flü⸗ gelſchlage über ihrem Haupte dahinzog. Sie ſah den⸗ ſelben einen Augenblick mit ſtarrem Auge nach und brach dann in ein krampfhaftes, furchtbares Gelächter aus, das in der Einöde weithin hallte. Sie erinnerte ſich eben, wie ſie zuweilen auf den Schlachtfeldern Schwärme dieſer Vögel fröhlich plappernd über die Lei⸗ chen hinfliegen geſehen hatte, von deren Eingeweide ſie ein reiches leckeres Mahl hielten, und angeregt von dem Haſſe, den ſie in dieſem Augenblicke gegen alle Menſchen ohne Unterſchied empfand, von der Begierde nach Rache an dieſem mitleidloſen Geſchlecht, lachte fie fort, bis der letzte dieſer luftigen Vögel hinter den 3i ihrem Auge entſchwunden war, und rief ihnen nach: „Gott ſegne euch tauſendmal, ihr Raben!“ Es fiel ihr nun ein, abzuſteigen; ſie ſprang zur Erde, warf ſich am Rande der Straße nieder in einem Gemüthszuſtande, der ſich mit der Dämmerung ver⸗ gleichen ließe, nicht dunkel genug, um ihrer Lage nicht bewußt zu ſein, und nicht klar genug, um ſich von der⸗ ſelben gehörig Rechenſchaft geben zu können. Der Reif, mit dem die Erde, auf der ſie lag, bedeckt war, durch⸗ näßte ſchmelzend ihren von Fieberhitze brennenden Kör⸗ per. Die Kälte und die kurze Ruhe ſchienen ſie ein 1 ½i 1 7 ſ 1 i 4 4. 128 wenig zu erfriſchen und nach und nach verſchwand der dichte Nebel, der ihren Geiſt verdunkelt hatte. Sie glaubte Lamberto gegenwärtig vor ſich ſtehen zu ſehen, ſie hörte ſeine Stimme noch einmal, als wenn er wie⸗ der mit ihr ſpräche, und ſagte mit finſterem Lachen, welches ſo wenig mit ihren Blicken und ihrem Geſichts⸗ ausdruck übereinſtimmte, daß es vielmehr ein krampf⸗ haftes Zuſammenziehen der Lippen zu ſein ſchien. „S über mich lachen!— Auch noch Spolt erfah⸗ ren? Nimm Dich in Acht, mein Held, es könnte wohl am Ende das Blatt ſich wenden und an mir ſein, zu lachen, an Dir zu weinen. Helfe mir der Teufel, wie ich mir werde zu helfen wiſſen, wenn ſich die Gelegen⸗ heit bietet! Und wohl möchte ich dieſen untadelichen Mann mit dieſer unüberwindlichen Tugend, dem Alles neben ihm niedrig erſcheint, und dieſen Engel, ſeine Geliebte, ſehen, wenn ſie mit gewundenen Händen um Mitleid flehen müſſen! Und wen 7 Selvaggia, die Dirne, die Riedrige, die Wahnfinnige, die Elende.“ Sie biß ſich in den Finger und hob ihn dann dro⸗ hend empor. „Alle gegen mich? Nun ſo habt eueren Willen; ich bin dann gegen Alle. Wer mehr Flachs hat, kann mehr ſpinnen! Wir wollen ſehen! Bis jetzt habe ich geſehen, wie die Liebe behandelt wird, jetzt ſei es mit dem Haß verſucht! Du ſollſt ſehen, wie ich ſcherze, du ſollſt ſehen, ob ich mich auf die Rache verftehe! Laß mich nur zwei Minuten überlegen! Ich will nicht mit Dir den gewöhnlichen Weg einſchlagen; ein Mann, wie Du, der ſo hoch über jedem andern ſteht, darf nicht wie ein gewöhnlicher Menſch behandelt werden.“ Mit geſenktem Haupte, mit bleichen Wangen und eingefallenen Augen ließ ſie tauſend Plane leichſam in Bildern vor ihren Blicken vorbeigehen, wie an einem ſtürmiſchen Himmel die vom Wind gejagten Wolken in hundert phantaſtiſchen und verſchiedenartigen Geſtalten vorüberziehen. ——, 129 Endlich erhob ſie ſich, als ſei ihr plötzlich ein neuer Gedanke gekommen. Sie ſah unbeweglich vor ſich hin, das Haupt ein wenig nach einer Seite ge⸗ neigt, wie wenn ſie einer Stimme Gehör geben würde, welche ihr etwas in das Ohr ſagte, und dann rief ſie: „Das wäre die größte Rache! O dieſe ſoll mir gelingen! Habe ich aber auch Muth genug, um fie zu Ende zu führen?“— Und aus einer Bruſt, in der ſo viel Wuth wogte, entrang ſich noch ein Seufzer der Liebe. Schien ihr nun ihr neuer Plan zu ſchmerzlich und ungeheuer, oder war es der Gram, den das An⸗ denken an die Vergangenheit erregte, wie zuweilen, wenn man ein glühendes Feuer unter der Aſche zu er⸗ ſticken ſucht, eine Flammengarbe ſich einen Weg durch dieſelbe bahnt, einen Augenblick hell emporleuchtet und dann verſchwindet. Was dieſen Seufzer verurſachte, wird demfenigen enthüllt werden, der Fen ſie ihn aber zwei bis dreimal wiederholt, bedeckte fie ihr Geſicht mit den Händen und verbarg ihre Thränen So blieb ſie eine Weile ſitzen, behielt immer noch das Geſicht verdeckt, bis nach langer Zeit auch noch ihre Arme, als ob ſie alle Kraft verloren hätten, längs ihres Körpers herabſanken. Nun erſchien ihr blaſſes, aufgedunſenes Geſicht, ihre Muskeln, die vom Krampf der Wuth erſchlafft waren und dennoch das Gepräge des ſchrecklichen Sturmes trutzen, der über ihre verzweifelte Seele hin⸗ gegan en war. Sie war das Bild einer von einem furchtbaren Orkan verwüſteten Gegend, wenn über die vom Waſſer durchfurchte Erde, über die ausgeriſſenen und zu Boden geſtürzten Bäume, über die ganze Na⸗ tur das Schweigen und die Ruhe des Schreckens und der Beſtürzung ſich verbreitet hat. Endlich ſetzte ſie ſich langſam empor, fühlte ihre Glieder wie zerſchlagen und ſtand mit Mühe auf, trat Niccolo de' Lapi. 1I. 9 ₰ Benug hat, dieſe Ge⸗ 130 zu dem Pferd, machte deſſen Zügel und Sattelwerk zurecht und kam durch zwei bis dreimaligen Anlauf mit Mühe wieder in den Sattel. Sie nahm ihren Weg Florenz zu; ihre Geſtalt war gebeugt, ihr Haupt auf die Bruſt geſunken, ſo daß ſie nicht mehr dieſelbe zu ſein ſchien, wie vorher, und auch ihr Pferd, mit ſeinem langſamen, matten Gang, mit geſenktem Hals und Ohren, ſchien nicht mehr dasjenige zu ſein, das eben noch einen ſo furchtbaren Kampf beſtanden hatte. Bei der erſten Wendung der Straße verſchwanden beide, und ſo laſſen wir ſie mit des Leſers Erkaubniß ihren Weg gehen, denn Lamberto und ſeine Gefährten erwarten uns am Thor von Empoli. Die vor Kurzem erſt aufgegangene Sonne über⸗ ſchimmerte das weiße Reifkleid der Hügel, Bäume und Dächer mit roſigem Lichte, und gab den wenigen veg'änzten Theilen derſelben eine unbeſtimmte blãu⸗ lichere Färbung, als die Schildwache auf dem Thor⸗ thurm die Schar von Weitem herziehen ſah und die Lilie in dem Banner erkannte. Die Nachricht, daß die erwartete Hilfe gekommen ſei, wurde Ferruccio ſo⸗ gleich gemeldet. Der Bevollmächtigte war ſchon ſeit einiger Zeit aufgeſtanden(denn es war ſchwer, ihn im Bette zu treffen, zu welcher Zeit man ihn auch aufſuchte) und beſchäftigte ſich nicht weit von da mit der Ausbeſſerung irgend eines Bollwerkes. Als er die Nachricht ver⸗ nahm, kam er eilig entgegen und befahl, die Zug⸗ brücke herabzulaſſen, das Fallgitter emporzuziehen und das Thor zu öffnen. Mit ſchmetternden Trompeten, die beiden Haupt⸗ leute an der Spitze, zogen die Leute herein und vor dem Bevollmächtigten vorbei, dem ſie mit Handgruß und Senkung der Lanze ihre Ehre bezeigten. Ferruccio war ein hochgewachſener, ſehnenkräftiger Mannz er trug einen dunklen Maniel, große Reiterſtiefeln und ein Barett, das auf der einen Seite über das Ohr her⸗ 131 abfiel. Seine gegen die Bruſt heraufgezogenen Bein⸗ kleider ließen einen Theil der Beine entblößt. Seine Stirne war erhaben und ernſt, und unter derſelben leuchtete ſein ruhiger, in der Farbe der Augäpfel und der Stärke der Augenbrauen dem des Adlers ähn⸗ licher Blick. So ließ er die Schar vorbeiziehen. Er erwiederte den Gruß der Anführer mit raſchem Kopfnicken und befahl, die Truppe ſogleich auf dem Marktplatz noch am Thor in Schlachtordnung aufzu⸗ ſtellen. Die Soldaten batten ihre Mäntel auf die Sat⸗ teleroupen gebunden und ſich aufs Beſte zurechtgerich⸗ tet. Es waren ſchöne und wohlberittene Leute und ſcharten ſich leicht auf das Kommando d'Arſolis. Sie machten vor Ferruceio Fronte, der ſich mit verſchränk⸗ ten Armen ihren beiden Anführern näherte, die ſich eine Strecke von den Uebrigen aufgeſtellt hatten, und mit jener wohltönenden Stimme, die ſo großen Ein⸗ fluß auf Soldaten übt, zu ihnen ſagte: „Ein ſchöner Trupp! Männer, Pferde, Waffen, Alles iſt gut. Wir wollen ſie bald im Geſchäft ſehen, denn, bei Gott, ich warte auf nichts Anderes! Laßt fie Erfriſchungen einnehmen, dann erwarte ich Euch im Hauptquartier.— Nichts Neues von Florenz? Den Sturm des Prinzen habe ich durch Briefe von geſtern erfahren. Er wird geſehen haben, daß auch Kaufleute ſich darauf verſtehen, Bollwerke zu bauen und mit Ge⸗ ſchützen umzugehen. Zetzt ein paar Worte zu euren Soldaten.“ Dann wandte er ſich zu der Schar, welche un⸗ beweglich und ftill vor ihm ſtand, und ſagte lächelnd: „Die ſchurkiſchen Spanier hier in der Umgegend haben ſo verwünſchte flinke Beine, daß ich ſie nicht einholen konnte; ihr, meine Tapſern, ſollt ein Uebriges thun; wir wollen ihnen mit guten Sporen und zwölf tüchtigen Lanzen in die Rippen fahren, wenn es Gott gefällt. Bedenkt, daß wir alle für das Vaterland kämpfen und daß ich für dieſe heilige Sache weder ————————— ——— Eures noch meines Lebens ſchonen darf. Ich werde ſtets die Pflicht eines Feldherrn thun, weil unſere Her⸗ ren mich der Ehre würdig gefunden haben, Befehls⸗ haber zu ſein. Ihr aber denket daran, diejenige ta⸗ pferer Soldaten zu thun, denn etwas Anderes würde ich an Euch nicht dulden. „Jetzt dürft ihr ein wenig raſten, denn ich werde Euch nicht lange Zeit dazu gönnen. Es lebe der Löwe von Florenz! Es lebe die Republik!“ In dieſen Ruf ſtimmte die Schar und das zahl⸗ reich umherſtehende Volk ein, und während die Solda⸗ ten abſaßen und ihre Pferde an der Hand in den Stall führten, ſprachen ſie untereinander: „Das heißt reden! Dem bleibt die Zunge nicht im Mund ſtecken: das iſt ein Teufel, den ſelbſt der Kaiſer nicht in Verlegenheit bringt! Mit dieſem Schnurr⸗ bart muß man ehrlich verfahren, er weiß die Hände zu gebrauchen und verſteht keinen Spaß. Das iſt ein Mann für uns!“ Einer von ihnen wandte ſich zu Fanfulla, der, wie er gewohnt war, in den Bart pfiff, während er die Steigbügel auf den Sattel ſchnallte: „Nun, was ſagt Bruder Bembo?“ „Bruder Bembo ſagt, wenn Du die Flaſche im Mund haſt und der Bevollmächtigte befiehlt Halt! ſo laß ja keinen Tropfen weiter hinunterfließen, wenn Dir noch ein Weg für das Brod offen bleiben ſoll. Ich verſtehe mich auf Schnurrbärte und habe gar manchen unter dem Helm hervorſtehen ſehen mit ſeltſam harten Borſten; mit dieſem aber ließen ſich nur zwei verglei⸗ chen: der des Herrn Giovanni und der des großen Hauptmanns*). So viel für heute.“ So bezog dieſe Schar ihr Quartier zu Empoli. „ *) Gonſalvv von Cordova. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Sobald d'Arſoli und Bichi ihre Truppe einquartirt hatten, begaben ſie ſich zu dem Bevollmächtigten und wurden von Lamberto begleitet, welchem Niccolo(was wir zu erwähnen vergaßeu) den Auftrag ertheilt hatte, ihm ſeinen Gruß zu bringen und die neueſten Begeben⸗ heiten in ſeinem Hauſe zu erzählen. Ferruccio's Hauptquartier befand ſich auf dem Rath⸗ haus; dort erwartete er ſie in einem Saale zu ebener Erde, in welchem alle Wände mit Lilien und Löwen bedeckt, und an deſſen Decke die Wappen aller Statt⸗ halter der dortigen Gegend gemalt zu ſehen waren, unter welchen man beſonders dasjenige Michales di Lando, des Siegers bei Cionipi, bemerkte. Der Be⸗ vollmächtigte ſaß an einem großen Tiſch, an welchem gewöhnlich Recht geſprochen wurde, und grüßte die neuen Ankömmlinge, welche noch in der vollen Rü⸗ ſtung, in der ſie von Florenz gekommen waren, zu ihm traten. Auf ein gegebenes Zeichen ſetzten ſie ſich, und d'Arſoli ſagte: „Hier, Herr Bevollmächtigter, iſt Lamberto, den Ihr dem Namen nach kennen werdet, wenn auch nicht vom Sehen.“ „Ei, erwiederte Ferruccio mit freundlichem Will⸗ komm, ſehr gerne lerne ich Euch kennen; ich habe kei⸗ nen beſſern Freund, als Niccolo und weiß, wie ſehr er Euch ſchätzt.“ Lamberto entledigte ſich nun zuerſt der aufgetrage⸗ nen Grüße und erzählte ſodann Alles, was ſich mit Troilo zugetragen hatte, und wie dieſer das feindliche Lager verlaſſen und ſich ganz an die Partei der Piag⸗ noni angeſchloſſen habe. Sodann erzählte er ſeine ei⸗ S 134 gene Heirat mit Laudomia, warum und wie ſie un⸗ terbrochen worden ſei, auch verſchwieg er nicht, als er bemerkte, mit welcher herzlicher Theilnahme Ferruccio ihm zuhörte, wie er unterwegs eine räthſelhafte War⸗ nung erhalten habe, daß geheime Plane gegen ſie ge⸗ ſchmiedet würden, und fügte die Bitte hinzu, einen Bo⸗ ten nach Florenz ſchicken zu dürfen, um vor dieſen Ränken zu warnen und deren Vorhandenſein und Na⸗ tur zu erforſchen. „Sehr gern gebe ich Euch dieſe Erlaubniß, und wenn es das Wohl der Stadt zugeben würde, ſo möchte ich Euch ſelbſt dahin zurückſenden; heutzutage aber hat ein guter Degen großen Werth und ich darf mich deſ⸗ ſen nicht berauben. Uebrigens weiß ich wohl zu ſchätzen, was für ein Opfer es iſt, eine ſolche Braut zu verlaſ⸗ ſen und ſtatt deſſen die Lanze zu ergreifen; wenigſtens, fügte er lächelnd hinzu, darf ich es vorausſetzen, weil ich ſelbft mich nicht ſehr darauf verſtehe und mein Le⸗ ben mir nicht Muße vergönnt hat, an Frauenzimmer zu denken. Dem ſei, wie ihm wolle, ſo wird ein Mann, wie ihr, Geduld haben, denn nun möſſen wir unſere Liebe den Büchſen und Bombarden zuwenden.“ „Ich hoffe, Euch zu zeigen, daß ich meine Pflicht kenne und daß mir die Liebe zum Vaterland vor jeder andern geht.“ So erwiederte Lamberto mit kühnem Blick, der keinen Zweifel an der Wahrheit ſeiner Worte aufkom⸗ men ließ, dann verneigte er ſich vor Ferruccio, ging hinaus und fand bald einen Reiter, der ſehr vergnügt darüber war, einen Brief an Laudomia nach Florenz tragen zu dürfen. Lamberto ſchrieb ihr in aller Eile und erzählte ihr das ganze Abenteuer, ohne auch nur eine Sylbe des Geſprächs zwiſchen ihm und Selvaggia hinwegzulaſſen. Rach vielen Ermahnungen, wie ſie es anfangen ſollten, zu entdecken, ob dieſe Ränke wirklich eriſtiren oder von Jener nur erfunden ſeien, um ihn zu ſchrecken, gab er zu erkennen, daß er ſich zu letzterer 135 Anſicht neige und geſtand einige Reue, daß er mit dieſer Unglücklichen ſo rauh verfahren ſei. Das letztere Gefühl drückte er ſehr lebhaft und vielleicht zu ſehr aus, da er in Eile ſchrieb und in dem Drange der Geſchäfte nicht Zeit fand, ſeine Worte ſehr abzuwägen, wie er es gethan hätte, wenn er in ruhi⸗ ger Stimmung hätte ſchreiben können. Zuletzt bat er Laudomia noch, ſogleich einige Leute auf der Straße nach Empoli entgegenzuſenden, um nachzuſehen, was aus Selvaggia geworden ſei, und da er mehr zu ſa⸗ gen hatte, als die Zeit ihm erlaubte, brach er den Brief kurz ab, was er auch nicht gethan haben würde, wenn die Sache nicht ſo dringend geweſen wäre. Als er fertig war, faltete er den Brief in Quart⸗ form zuſammen, wie es damals Gebrauch war, und ſchloß ihn ſodann mit einem Bindfaden, den er durch⸗ zog, und die Enden durch ein Siegel befeſtigte. Der Reiter ging ab und wußte ſeinen Klepper ſo gut an⸗ zutreiben, daß er ſchon um 2 Uhr an der Hausthüre der Lapi abſtieg. Monafede öffnete, nahm den Brief und eilte mit großer Freude in Niccolo's Zimmer, wo er ſich mit ſeinen Töchtern befand und zufällig auch Troilo anwe⸗ ſend war. Laudomia erkannte an der Ueberſchrift ſchon, von wem der Brief war, und ſagte ganz vergnügt und ein wenig erröthend: „Ach, der gute Lamberto hat mir ſchon geſchrieben!“ und ſie fing an zu leſen. ZJe weiter ſie las, um ſo mehr ſah man den Ausdruck ihres Geſichtes ſich verän⸗ dern, auf dem ſich bald Verwunderung, bald Betrübniß, bald Mitleid zu erkennen gab, zuletzt aber ſchien es, als ob auf ihrer heitern Stirne eine kleine Wolke des Argwohns ſich ausbreiten wolle. „Das iſt ſehr wichtig,“ ſagte ſie zuletzt mit Nichts weniger als ruhiger Miene. Sie reichte den Brief Riccolo hin und fuhr fort: „Seht Ihr jetzt zu, was zu thun iſt.“ Niccolo nahm ihn, ſein Inhalt aber ſchien auf ihn eine ganz andere Wirkung hervorzubringen und ihn vielmehr aufzuheitern: „Er iſt ein ehrenwerther ZJüngling,“ ſagte er end⸗ lich; was ſoll ich Dir Anders ſagen? Jch ſehe wei⸗ als daß Du zu thun haſt, was er Dir an⸗ räth. Dann wendete er ſich zu Troilo, an den er ſich von Tag zu Tag mehr gewöhnt hatte und um ſo mehr Vertrauen in ihn ſetzte, ſeitvem ſich derſelbe bereitwillig erboten hatte, anſtatt Lamberto's abzureiſen, und ſagte zu ihm mit einem Blick auf Laudomia, der ihre Erlaubniß nachſuchte: „Wenn Laudomia es zugibt, ſo wünſchte ich, daß Ihr dieſen Brief lest; Ihr werdet ſehen, was für ei⸗ nen Charakter unſer Lamberto hat und daß Ihr Euern Edelmuth nicht übel anbrachtet, als Ihr Euch erbotet, für ihn in den Kampf zu gehen.“ Troilo konnte nicht umhin, in ſeinem Innern ſehr beſtürzt zu werden, als er einen Theil ſeiner Plane verrathen ſah und namentlich in einer ſo kurzen Zeit und ohne daß er errathen konnte, auf welche Weiſe. Die Bewegung, die ihm entſchlüpfte, wurde jedoch von den Anweſenden ganz anders ausgelegt und galt für eine natürliche Verwunderung über ein ſo ſonderbares Ereigniß; er ſelbſt aber beruhigte ſich bald, als er be⸗ merkte, daß der Brief keinen Namen enthielt. „Unbedenklich!“ ſagte er zuletzt;„man muß das thun, was er ſagt; überlaßt mir die Sorge, ſeinen Auftrag zu vollziehen; ich werde es am Beſten ausrich⸗ ten können. Gebt mir nur dieſen Brief, damit ich die Beſchreibung dieſes Frauenzimmers in Händen habe, und ſie wieder erkennen kann, und wenn ſie keine Un⸗ terirdiſche iſt, ſo will ich ſie ſchon finden.“ „Mit dieſen Worten ging er hinaus, während Niccolo ihm fröhlich nachrief: „Nun, habe ich Dir nicht geſagt, daß es ſchwer 137 ſo ehrenwerthen Jüngling, wie dieſen, aufzu⸗ nden? Laudomia begab ſich bald nach Troilo's Abgang auf ihr Zimmer und ſchloß ſich ein. Sie wußte nicht, oder wollte ſich nicht geſtehen, warum, aher ſie fühlte, daß in ihrem Herzen nicht Alles ſtand, wie es ſollte, und empfand einen ſo unerklärlichen Widerwillen, die⸗ ſen Zuſtand gerade jetzt genau zu prüfen, daß ſie fich mit häuslichen Arbeiten zu beſchäftigen ſuchte, um ih⸗ ren Gedanken eine andere Richtung zu geben. Hätte das gute Mädchen ſich dieſer Prüfung un⸗ terwerfen wollen, ſo würde ſie in ihrer Gedankenreihe manche unangenehme Beobachtung über das allzu warme Mitleid Lamberto's und den viei zu kurzen Schluß ſei⸗ nes Briefes angeſtellt, und vielleicht gewünſcht haben, die Einzige zu ſein, welche mit dem Unglück jener Selvaggia Mitleid empfinde.— Gott weiß, was ſie alles für Entdeckungen in ihrem armen Herzen gemacht hätte, wenn ſie es dieſen Augenblick hätte durchforſchen wollen. Iſt jedoch einmal der Same in die Furche ge⸗ fallen, ſo bedarf es keiner weiteren Nachhülfe, um auf⸗ zugehen. Durch eigene Kraft keimt er im Geheimen und ſobald er ſein Daſein zu erkennen gibt„hat ſeine erſten Halmſpitzen aus dem Boden er⸗ oben. Indeſſen hatte ſich Troilo alle Mühe gegeben, dieſe Selvaggia aufzufinden, welche auf eine für ihn ſo unbegreifliche Weiſe von ſeinen Planen untertichtet ſchien, und gewiß hatte Niemand auf der Welt, nicht einmal Lamberto, ein ſo heftiges Verlangen, ihr zu be⸗ gegnen. Er ſchickte Leute aus und veranſtaltete alle möglichen Nachforſchungen ein paar Tage nach einan⸗ der, aber ſeine Mühe, Nachricht von ihr zu erhalten, war vergeblich. Zuletzt wurde an Lamberto geſchrieben, daß man ſie nicht habe finden können, und der Ueberbringer des Briefes war Moritz, der ſich ein anderes Pferd ver⸗ ———————————— 138 ſchafft hatte, und, wie ſich denken läßt, keineswegs mißvergnügt war, wieder mit ſeinem Herrn zuſammen zu treffen. Lamberto folgte indeß dem Glücke des Ferruccio nach Volterra, nach Piſa und zuletzt nach Gabinana, während unter dieſer Zeit mit Laudomia und den andern Helden dieſer Geſchichte keine bemer⸗ kenswerthe Veränderung vorging. Die letzten Unfälle, welche das Haus der Lapi trafen und den Schluß un⸗ ſerer Erzählung bilden werden, ſind mit dem Unglück der Stadt und dem gänzlichen Untergang der florenti⸗ niſchen Freiheit eng verbunden; wir müſſen daher mit ſcharfem und raſchem Griffel zur ewigen Schmach der Sieger und zum ewigen Ruhm der Beſiegten nieder⸗ ſchreiben, welchen ſchmerzlichen Kampf ſie kämpften und wie fie zuletzt ganz untergingen. Unſer Gemälde wird bleich und leblos im Ver⸗ gleich mit demjenigen erſcheinen, welches uns Vachi in ſeiner Geſchichte hinterlaſſen hat, die ſo lebhaft an Farben und ſo reich an Handlung iſt. Hätten wir unſern Leſern einen Rath zu geben, ſo würden wir ihm rathen, und zwar um ſo mehr wenn er Raliener iſt, ihn von Anfang bis zu Ende zu leſen. Wenn es ſich aber von einer Leſerin handelt? Denn auch die italie⸗ niſchen Frauen werden den Ruhm ihres Vaterlandes kennen wollen, um davon ſpäter ihren Kindern erzäh⸗ len zu können. Es iſt kaum zu hoffen, daß ſie ſich nicht fürchten beim bloßen Anblick des großen Foliobandes der ſchö⸗ nen Ausgaben von Colonia, mit ſeinem gelben Papier und ſeinem barbariſchen Eigenſinn, durchaus ſich nicht im Kopf behalten zu laſſen. Unſern Leſerinnen alſo ſind insbeſondere die fol⸗ genden Seiten gewidmet und möge unſer Wunſch, ih⸗ nen ein wenig Mühe zu erſparen und die Flamme der Vaterlandsliebe in ſo lieblichen Herzen lebendiger zu entzünden, unſere Feder ſtärken und ihre Gunſt ver⸗ ſchaffen. 139 Wenige Tage nach dem vergeblichen Sturm, den der Prinz von Hranien auf die Mauern von Florenz unternommen hatte, hemächtigten ſich die Kaiſerlichen des feſten Schloſſes Calaſtra, welches die Straße nach Empoli beherrſchte. Sie gewannen es unter der Be⸗ dingung, das Vermögen und die Perſon der Einwoh⸗ ner zu ſchonen, waren jedoch kaum eingedrungen, als ſie die Beſatzung niedermachten, weil ſie ſich in ehr⸗ lichem Kampfe mit ſo vielem Muthe vertheidigt hatte, als die Liebe für vas Vaterland und das Wohl der Stadt erheiſchte. Ein Schrei des Unwillens und der Rachbegierde erhob ſich in Florenz bei der Kunde von dieſer grau⸗ ſamen That und dem erlittenen Schaden. Die Land⸗ wehr glühte vor Begierde, mit dem Feind ins Hand⸗ gemenge zu gerathen und bewog ihren Hauptmann, Stephano Colonna, ſie gegen den Feind zu führen. Auf ſeinen Befehl zogen Rachts ungefähr tauſend Fuß⸗ ſoldaten mit Lanzen und zweihändigen Schwertern be⸗ waffnet und mit wenigen Büchſenſchützen verſtärkt aus der Stadt, in der Abficht, den Kaiſerlichen unvermu⸗ thet in den Rücken zu fallen und nur Mann gegen Mann zu kämpfen. Er berieth dieſe Unternehmung mit Malateſta, der ſich anfänglich ſeinem Plan wider⸗ ſetzte; der Verräther wünſchte, die Stadt möge nach und nach den Drangſalen einer langen Belagerung er⸗ liegen und fürchtete, die kühnen Partelmänner, deren Vaterlandsliebe und Muth er kannte, möchten einmal das i Lager erobern. Um jedoch ſeine Abſicht nicht verrathen, war er endlich genöthigt, ſeine Ein⸗ willigung zu geben. In der Nacht vom 11. Dezember, bei finſterem Himmel und regneriſchem Wetter fiel Stephano Co⸗ lonna von der Baſtei hinter San Frangesco aus, um⸗ geben von ſeinen Lanzenträgern, die Streitart in der Hand. Zeder ſeiner Soldaten trug auf beſondern Be⸗ fehl ein Hemd über dem Panzer, um einander daran —— 140 in der Dunkelheit zu erkennen. Sobald ſie auf den Feind ſtoßen würden, ſollten aus verſchiedenen andern Thoren auf einen Signalſchuß, mit welchem Marco Orfini beauftragt war, Bewaffnete ausfallen, und Malateſta hatte ſich vorbehalten, mit einem Horn das Zeichen zum Rückzug zu geben, ſobald er es für räth⸗ lich halten würde. Die Vorhut des Oberſten Sciarra Colonna wurde bei Sante Marghirita a Möntici überfallen und ſo ſehr in Unordnung gebracht, daß nach einem kurzen und un⸗ geregelten Kampfe und Erlegung vieler Feinde dieſe Schar die Flucht ergriff. Darauf verfolgten die Sie⸗ ger ihren Vortheil und drangen in beſtändigem Ge⸗ fechte vorwärts, und zwar nicht mehr heimlich und ſchweigend, ſondern unter großem Geſchrei und Lär⸗ men, unter dem Wirbeln der Trommeln und dem Schmettern der Trompeten, während das ganze Lager im Tumult zu den Waffen griff und der Prinz, ſo wie die übrigen Feldhauptleute nach allen Seiten hin eilten, um das Treffen wiederherzuſtellen und den Fein⸗ den die Spitze zu bieten. Endlich gelang es ihnen, die Zerſprengten und Flüchtigen wieder zu ſammeln und nun begannen auch die Kaiſerlichen eine muthige Gegenwehr. Jetzt ſchien es Marco Orſini Zeit zu ſein, das verabredete Signal zu geben, und auf den Donner zweier mächtiger Geſchütze ſtürzten aus den nächſten Thoren die dazu beorderten Scharen und griffen das Lager an mehr als einer Seite wüthend an. Der Prinz wußte nicht, wohin er ſich wenden ſollte, denn er ſah von allen Seiten neue Feinde her⸗ anſtürmen; er warf ſich in das dichteſte Gewühl und kämpfte mit Verzweiflung, und das Gemetzel und die Niederlage wurde nunmehr vollſtändig. Gewiß wäre die Unternehmung auch gelungen, wie man es erwar⸗ tete, ſo furchtbar wüthete die florentiniſche Landwehr unter den alten und kriegsgeübten deutſchen und ſpa⸗ niſchen Scharen, hätte nicht Malateſta das Hornſignal 141 zum Rückzug gegeben, indem er nahe daran war, den Lohn ſeiner Verrätherei zu verlieren. Durch dieſes wirklich verhängnißvolle und ſchmerzliche Signal wurde dieſen tapfern und edelmüthigen Bürgern der Sieg aus den Händen geriſſen und ſie zum Rückzuge genö⸗ thigt. Sie zogen ſich langſam und zerſtreut zurück, aber man ließ ſie unverfolgt und ungehindert heimkehren, da der Feind beſſer davon gekommen war, als er ge⸗ hofft hatte. Dieſe ruhmvolle Waffenthat vermehrte den Muth und die Kampfluſt der Florentiner und überzeugte Malateſta, daß er ſich nichts Gutes verſehen dürfe, wenn er in der Folge nicht alle dergleichen Ausfälle zu verhindern und zu vereiteln wüßte. Es iſt unglaub⸗ lich, wie viele Vorwände er zu erfinden, wie viele Ränke und Lügen er auszufinnen wußte, um ſeinen Vorſatz bis zur Beendigung der Belagerung durchzu⸗ fübren, ſo daß die Landwehr entweder gar nicht zum Kampfe geführt wurbe, oder, wenn es geſchah, durch Veranſtaltung des Verräthers keinen weſentlichen Vor⸗ theil bei ihren Unternehmungen erzielen konnte, bis nach vielen Opfern der Hunger und das Schwert die Beſatzung ſo ſehr geſchwächt hatte, als es in ſeiner Abſicht lag. Es iſt kaum begreiflich, daß die Florentiner ſo lange nicht bemerkten, daß ſie verkauft waren, aber die Geſchichte gibt viele Beiſpiele ſolcher Verblendung, welche immer dem Sturze eines Staates voranging und deſſen Vorbote war. Indeſſen kam die Zeit, in welcher das Amt des Gonfaloniere wieder beſetzt werden ſollte. Carduccio's Nachfolger wurde Raffaello Girolami; er war der letzte, der im Palagio reſidirte. Die Hoffnung auf Unterſtützung von Außen ent⸗ fernte ſich immer mehr und erloſch endlich ganz. Franz I. hatte zur Entſchuldigung, daß er die Floren⸗ ——————— tiner nicht unterſtützte, den Vorwand gebraucht, daß er zuerſt ſeine Söhne wieder haben muͤſſe, welche in Spanien als Geiſeln zurückbehalten wurden, nun aber, da er ſie wieder hatte, änderte er ſein Benehmen nicht und ließ die älteſten und treuſten Verbündeten, welche die Krone Frankreich in Italien hatte, im Stiche, ja er befahl ſogar ſeinem Dienſtmann, Stephano Colonna, ſich von ihnen zu trennen und rief ſeinen Geſandten bei der Republik zurück, unbeſorgt um den Tadel einer ſo niedrigen Handlung, wenn er mur den Kaiſer zum Freund erhalte. Es iſt ein alter Fluch Italiens, den Verſprechungen der Franzoſen oder vielmehr(um mich richtiger auszudrücken) den Ehrgeizigen zu trauen, welche Ball mit ihm ſpielen. Um jedoch ein Beiſpiel ſolcher Treuloſigkeit zu fin⸗ den, brauchte man damals leider nicht erſt über die Alpen zu gehen. Auch die Venetianer traten die Verſprechungen und die Vertragsbedingungen der Lega mit Füßen und ſchloßen einen Separatfrieden mit dem Kaiſer. Die Nachricht davon erregte in Florenz, wo man nicht im Geringſten darauf gefaßt war, ein Geſchrei der Empö⸗ rung; die Bürger riefen auf den öffentlichen Plätzen und auf den Straßen:„Da ſehen wir die Venetianiſche Ehrenhaftigkeit!“*) Aber dieſe neuen unerwarteten Schläge des Schickſals vermochten den feſten Entſchluß der Florentiner, ſich bis auf den letzten Mann zu ver⸗ theidigen, nicht zu erkalten, ſondern ſie gaben ihm noch einen neuen Aufſchwung durch den edlen Stolz, daß ſie allein ſo vielen Feinden gewachſen ſeien. Um der äußerſten Gefahr zu begegnen, wurden verzweifelte und manchmal grauſame Maßregeln er⸗ *) Der Doge Gvoulli hatte dem Florentiniſchen Geſandten, als dieſer die argwöhniſche Beſorgniß äußerte, daß das, was ſich nachher wirklich ereignete, eintreten koͤnne, erwidert: „uUnſre Republik hat nie etwas unehrenhaftes gethan und wird nicht jetzt den Anfang machen.“ v 143 griffen, wie diejenige gegen die Güter der Palleschi war. Es wurden fünf obrigkeitliche Perſonen erwählt, die man Rebellenrichter nannte, und ein Ge durch⸗ geführt, das ſich nicht wohl in allen Einzelnheiten an⸗ geben läßt, aber die Beſtimmung enthielt, daß ihre Güter verkauft und die Bürger ſogar willkührlich ge⸗ zwungen werden konnten, dieſelben zu kaufen, wenn ſie ſich nicht freiwillig dazu anboten; und, was noch mehr aller Gerechtigkeit widerſtreitet, das Geſetz hatte auch rückwirkende Kraft und erlaubte, alte Verträge aufzuheben, ſobald es gelegen ſchien. Ein barbariſches Geſetz, wer aber wird vor der Gerechtigkeit Gottes ſchuldiger erſcheinen? Der Pabſt, der den Sturz von Florenz verlangte, oder die Florentiner, die in der äußerſten Verzweiflung keine andere Wahl hatten, als Mittel anzuwenden oder unterzu⸗ gehen Da dieſe Maßregel noch nicht hinreichte, die ſchwe⸗ ren Kriegskoſten zu decken, ſah man ſich bald gezwun⸗ gen, alles Gold und Silber aus den Kirchen zu neh⸗ men und die Privatleute lieferten ihre Kleinodien ſelbſt bereitwillig aus, die Frauen gaben ihre Hals⸗ und Armbänder und ihre Juwelen, woraus man eine neue Münze im Werth von einem halben Ducaten ſchlug, auf welcher die Lilie mit den Buchſtaben S. P. G. F. auf der Rückſeite Jesus rex noster et Deus noster and. Es läßt ſich denken, ob Niccolo hinter den andern Bürgern zurückblieb, als es galt, Gold und Silber für das Wohl des Vaterlands zu opfern, Er gab ſogar die kleine Urne, welche die Aſche des Savonarola ent⸗ hielt, ſammelte dieſe ſorgfältig und verwahrte ſie in einem ſeidenen, mit Gold geſtickten Beutel, der zu der Ausſtattung Laudomias gehörte und den ſie willig her⸗ gab. Dieſer wurde in der Mauervertiefung anſtatt des Aſchenkruges aufgehängt. Um die Bürgerſchaft immer mehr zu begeiſtern und ſie zu großen Opfern geneigt zu machen, wurde auch die Religion ins Spiel gezogen, wobei die Mönche von San Marco nicht zurückblieben und namentlich Fojano und Fivizzano predigten in den Kirchen und auf den öffenilichen Plätzen in der Weiſe und im Geiſte des Savonarola. Ihre feurigen Reden, noch kräftiger durch den Ernſt ihrer äußern Erſcheinung und die be⸗ kannte Reinheit ihres Lebens hatten nicht geringen An⸗ theil an dem tapfern und feſten Benehmen des floren⸗ tiniſchen Volkes; auch bedienten ſich dieſe Mönche, wohl wiſſend, wie ſehr das Sonderbare und Ueber⸗ raſchende die Menge aufregt, häufig theatraliſcher Vor⸗ ſtellungen, zum Beiſpiel wie Fojano, der einſt nach einer langen und kräftigen Predigt in der Rathsver⸗ ſammlung eine Standarte erſcheinen welcher— auf der einen Seite Chriſtus als Sieger mit vielen erlegten Kriegern zu ſeinen Füßen, auf der andern das Kreuz gemalt war. Dieſe überreichte er dem Gonfaloniere mit den wunderbaren Worten, welche ſchon Conſtantin gehört haben ſoll, die ihm den Sieg verkündigten.. Wie ſehr ſolche Mittel auf Männer wirkten, welche ſchon ohnehin für Freiheit und Ruhm begeiſtert waren, zeigte ſich nicht allein bei den Ausfällen, wo viele im Kampfe wetteiferten, ſondern auch in ehrenvollen Tha⸗ ten von Privatperſonen. Eines Tages bemerkte ein Soldat, daß die Feinde bei einer Schanze nachläßige Wache hielten; er ver⸗ ließ die Mauer allein, kroch auf dem ebenen Boden fort, riß eine Fahne herunter, die auf der Höhe aufge⸗ pflanzt war, und brachte ſie unter einem Regen von Kugeln unverletzt zu den Seinen zurück. Der Geiſt der Palatine, des Arioſt und viele Romandichter damaliger Zeit ſchien die Krieger beider Parteien zu beſeelen; Herausforderungen und Zwei⸗ kämpfe wurden mit aller Förmlichkeit und Pracht des ——„—.—————„ℳ — 145 Ritierweſens ausgeführt. Ein feindlicher Edelmann ließ durch einen Trompeter den Belagerten einen Kampf zu Pferd anbieten, welchen der Hauptmann Primo von Siena annahm. Als ſie an einander anrannten, brach dieſem die Lanze an dem Panzer des Gegners ab und verwun⸗ dete ihn leicht mit einem Splitter des Schafts in den Arm; der andere traf mit ſeiner Lanze den Sattel des Feindes, und durchſtieß ihn, obgleich derſelbe mit Ei⸗ ſen beſchlagen war, doch ohne daß er Schaden nahm. Da ihm jedoch vn dem Stoß die Lanze aus der Hand ⸗ fiel, ſo wurde er für befiegt erkannt. ⸗ Weit wichtiger war der Zweikampf zwiſchen Lo⸗ dovico Martelli und Giovanni Bandini, welchen Varchi „ bis auf die kleinſten Umſtände erzählt. Wir möchten r Ddie ganze Beſchreibung wiedergeben können, wenn wir n ſie nicht für zü lang hielten und den Schein vermei⸗ n den möchten, unſer Buch durch bereits bekannte That⸗ n ſachen vergrößern zu wollen. e Dieſe Begebenheit läßt ſich mit wenigen Worten g auf folgende Weiſe erzählen: Die beiden obengenannten Jünglinge waren ſchon ſeit geraumer Zeit Nebenbuhler um die Liebe der Ge⸗ „mahlin des Niccolo Benintendi, Marietta de Ricci, n geweſen, welche den Bandini zu begünſtigen ſchien. ⸗ Da ſich nun dieſer im Lager befand, ließ ihm ſein Rebenbuhler einen Zweikampf anbieten, um ihm zu be⸗ weiſen, daß er ein Verräther ſei, weil er mit bewaff⸗ neter Hand gegen ſein Vaterland ziehe. Bandini ent⸗ ſchuldigte ſich, er ſei nicht gekommen, um zu kämpfen, ſondern um ſeine Freunde zu beſuchen; aber die Ent⸗ ſchuldigung wurde von dem Gegner nicht angenommen. Es blieb bei der Entſcheidung durch die Waffen und e Bandini ſchlug, um ſich von dem Vorwurfe zu reini⸗ r gen, er ſei mehr liſtig, als tapfer, vor, daß ein Pan⸗ „ zerhandſchuh an der rechten Hand und Schwert und z Dolch die ganze Rüſtung ausmachen ſolle. Niccolo de' Lapi. U. 10 — v— v* Dante von Caſtiglione war Secundant des Mar⸗ tellt und Bertino Aldrovanti der des Bandini. Der Kampſplatz war in Baroncelli, wo heutiges Tags Poggio Emperiali liegt. Dante tödtete Bertino mit einem Stoß in den Mund; Bandini verwundete Lodovico an der Stirne; das herabfließende Blut ver⸗ hinderte ihn am Sehen und zwang ihn, ſich zu erge⸗ ben. Nach Florenz zurückgebracht, verlor er aus Ver⸗ druß über den ſchlechten Ausgang ſeines Unternehmens bald darauf das Leben. Der Muth der Florentiner trieb ſie hierauf zu vor⸗ theilhafteren Unternehmungen, und Malateſta konnte ihren Ungeſtüm nicht mehr zügeln. Daher richtete er es ſo ein, daß ihre Unternehmungen nach einem Ziel ge⸗ richtet wurde, wo ſie unmöglich viel ausrichten konn⸗ ten, aber um ſo größeren Gefahren entgegen gingen. Oktaviano Signorelli fiel aus dem Thor San Fier Gattolini mit den tapferſten und geübteſten Scharen aus, erſtieg die Schanzen von Monte uliveto, welche Baracone an der Spitze der beſten Fußſoldaten der Spanier vertheidigte, während Bartolommeo del Monte und Ridolpho d'Aſſifi andere Truppen aus dem Thor San Friano dem Feinde in den Rücken führten. Auch bei dieſer Gelegenheit betrug ſich die florentiniſche Landwehr ſehr tapfer. Der obengenannte ſpaniſche Feldhauptmann wurde erſchlagen und beinahe hätten fie die beſten Soldaten, die es damals in Europa gab, in die Flucht getrieben; da ſie jedoch immer mehr Ver⸗ ſtärkung aus dem Lager erhielten, indem der Prinz fortwährend friſche Truppen ſchickte, um den erlittenen Verluſt zu erſetzen, mußte ſich die Landwehr zuletzt zurückziehen und vollzog dieß in der größten Ordnung, nicht ohne eine große Zahl der Ihrigen auf dem Schlachtfeld zu laſſen, unter welchen ſich auch Lodo⸗ Machiavelli, Sohn des berühmten Niccolo, be⸗ and. Der unglückliche Ausgang dieſer Unternehmung 147 diente Malateſta zum Beweisgrund, daß er nicht Un⸗ recht habe, dergleichen Ausfälle zu mißbilligen, und war immer noch nicht hinreichend, den Florentinern die Augen über ſeine verborgenen Plane zu öffnen, ja es gelang ſogar ſeinen eifrigen Bemühungen, die Stelle des Oberfeldhauptmanns der ausländiſchen Truppen zu erhalten, welches Amt er bisher bekleidet hatte, ohne den Rang und Titel davon zu haben; der Rath ge⸗ währte es ihm, nachdem Stefano Colonna vergeblich darum angegangen worden war, dieſe Stelle anzu⸗ nehmen. In Gegenwart des ganzen Volkes wurde Mala⸗ teſta der Feldherrnſtab von dem Gonfaloniere, den die Rathsherrn im Kreiſe umſtanden, auf dem Marktplatz feierlich übergeben. Zum Zeichen der Freude war der florentiniſche Löwe an der Ecke des Palaſtes bekränzt und demſelben eine goldene Krone auf das Haupt ge⸗ ſetzt. Der Erzverräther Malateſta, wie Butini ihn nennt, hielt in prächtiger Kleidung, mit einer Denk⸗ münze am Barett, welche die Inſchrift„Libertas“ trug, eine lange Dankſagungsrede an das Volk, welche von Schwüren und Verſprechungen, ſein Leben für die Ver⸗ theidigung der Freiheit zu laſſen, überfloß, Worte, durch welche die Menge ſich immer hat täuſchen laſſen und fich immer täuſchen laſſen wird. Während dieſer Schurke, der die Florentiner un⸗ vermerkt zur Schlachtbank führte, mit Ehrenbezeugun⸗ gen überhäuft wurde, wurden mehrere andere Verräther untergeordneten Ranges auf verſchiedene Weiſe verfolgt und beſtraft; denn gewöhnlich müſſen kleinere Verbre⸗ cher die Schuld büßen, welche die größeren durch fei⸗ nere Liſt zu vermeiden wiſſen. Einigen Hauptleuten, die mit ihren Truppen aus Florenz geflüchtet waren, wurden große Geldſtrafen aufgelegt und ihr Bildniß aus Puppen und Lumpen an den Galgen gehängt, und zwar an einem Fuß an der Baſtei von San Miniato, im Angeſicht ves Fein⸗ ——— ———— des, mit einem Zettel am Halſe, auf welchem man in Frakturbuchſtaben den Namen von jedem mit der Be⸗ ſnhte„Flüchtling, Dieb und Verräther,“ leſen onnte. Andrea del Sarto malte ſie ſpäter an der Vor⸗ derſeite der Mercatanzia in Condotta, ſprengte aber aus, ſie ſeien von ſeinem Schüler Bernardo del Buda, damit man ihm nicht nachſagen möchte, er ſei ein Ma⸗ ler von Gehenkten. Ein Mönch von San Franzesko, Namens Bitto⸗ rio Franceschi, mit dem Beinamen Bruder Rigolo, wurde gehangen, weil er Kanonen vernagelt hatte, und Lorenzo Soderini nahm daſſelbe Ende, als überwie⸗ ſener Spion des Baccio Valori. Trotz der Sorgfalt und der Anſtrengungen der Behörde, nahm der Hunger immer mehr zu. Nachdem man in den erſten Monaten alles Korn und anderes Getreide aufgezehrt hatte, begnügte man ſich jetzt mit Brod aus Hilſenfrüchten und glücklich war derjenige, der noch dergleichen haben konnie.. Das Fleiſch der in den Gefechten getödteten Pferde koſtete zwei Groſſoni das Pfund, das eines Eſels einen Caclino, eine Katze 60 Soldi, und ein Maulwurf ei⸗ nen Giulio, und zu Ende der Belagerung waren nur noch wenige mehr übrig. Anfangs war es nicht ſo ſchwierig, Lebensmittel in die Stadt zu bringen. Die Bauern aus der Um⸗ gegend führten ſie mit großem Gewinn von der Seite von Fieſole her ein, welche mehrere Monate offen ge⸗ blieben war; als aber eine Schar Deutſcher San Donato in Polveroſe beſetzt hatte, wachten ſie ſehr ſorgfältig, daß nichts nach Florenz kommen konnte, und mißhandelten die armen Bauern, die in ihre Hände fielen, mit ſo furchtbaren Martern, daß ſich bald feiner mehr fand, der den Muth gehabt hätte, dieſe Unter⸗ nehmung zu wagen. Bentivoglio, Soldat im kaiſerli⸗ chen Lager, beſchreibt in ſeiner zweiten Satyre,(welche 149 auch von Pignoli angeführt wird) ein grauſames Ver⸗ fahren mit einem armen Bäuerchen, welches ertappt wurde, als es einen mit Klee und Heu veladenen Eſel nach Florenz trieb. Acht Spanier ſchnitten ihm zuerſt die verborgenen Theile ab, dann ſieckten ſie ihn an einen Bratſpieß und brieten ihn bei langſamem Feuer lebendig, indem ſie ihn dabei begoßen, wie man es bei geſchoſſenem Wild macht. Aber auch der Hunger vermochte den ſtandhaften Entſchluß der Florentiner, ſich bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen, nicht niederzuſchlagen, und die häufigen glücklichen Unterneymungen des Bevollmächtigten Fer⸗ ruccio, die von Tag zu Tag gemeldet wurden, befeſtig⸗ ten dieſen Entſchluß immer mehr. Er war, ſeinem Ver⸗ ſprechen gemäß, von San Miniato Meiſter geworden; die Mauern wurden mit Leitern erſtiegen, und er ſelbſt war zuerſt oben; da ſich indeſſen die Einwohner von Volterra empört und dem Pabſt ergeben hatten, ver⸗ langte er von dem Rath, man möge ihn hinſenden, um ſie zu unterwerfen und zwar auf's Schleunigſte, damit ſie nicht Zeit haben möchten, den Bevollmäch⸗ tigten Bartolo Tebaldi zu bezwingen, der ſich in vie zurückgezogen hatte und dieſelbe tapfer verthei⸗ digte. Wir haben das Glück, dem Leſer den Brief des Ferruccio an den Rath, in welchem er demſelben von ſeinem Benehmen bei dieſer Gelegenheit Rechenſchaft ablegte, wörtlich mittheilen zu können: An die Jehnmünner des Rriegsraths. Wir ſind um 20 Uhr hier angekommen, haben uns durch unſere Geſchütze Eingang in die Feſtung erzwungen. Als wir alle die Redoute erſtiegen hatten, ließ ich das ganze Fußvolk einziehen und die Reiter abſitzen und begab mich mit ihnen in die Citadelle, um ihnen Erfriſchungen reichen zu laſſen. Es waren jedoch durch das genaueſte Nachſuchen keine zu finden, ausgenommen ſechs Fäſſer Wein und ſo viel Brod, daß blos ein halbes Pfund auf den Mann kam. Ich kann Euch bei Gott beſchwören, daß, wenn ich nicht die Vorſicht gehabt hätte, jeden Mann mit Brod auf zwei Tage zu verſehen, wenn ich nicht zugleich für Salz, ferner für 25 oder 5à0 Schanzgräber, dann für Piken und Anderes, was zur Eroberung eines Landes gehört, geſorgt gehabt hätte, die Sieger ohne Kampf beſiegt worden wären. Nachdem die Erfriſchungen eingenom⸗ men waren, ſtellte ich meine Leute in Schlachtordnung, ließ das gegen die Stadt führende Thor öffnen und griff im Sturm von drei Seiten an, überall von Schanzen aufgehalten, deren Erſteigung beiden Theilen ungefähr 50 bis 60 der auserleſenſten Mannſchaft koſtete. Deſſenungeachtet gewannen wir ſie und dran⸗ gen gegen den Platz San Ahoſtino vor, wo ſie ihre Hauptmacht hatten und von wo aus ſie einzelne Häu⸗ ſer beſetzten und uns von denſelben aus beunruhigten, da ſie uns angreifen konnten, ohne ſelbſt einem An⸗ griff ausgeſetzt zu ſein. Die feindliche Uebermacht brachte unſer Fußvolk ein wenig in Verwirrung, welche durch zwei Kanonen auf den Schanzen vermehrt wurde, die auf dieſem Platz aufgeworfen waren und uns vie⸗ len Schaden zufügten. Als ich dieſes mit eigenen Au⸗ gen ſehen mußte, war ich gezwungen, etwas zu thun, was ſonſt nicht meines Amtes war. Ich ergriff einen Degen und hieb auf diejenigen ein, welche ſich zur Flucht wandten. Zuletzt erſtieg ich dieſe Schanze an der Spitze der leichten Reiterei, die mit Piken bewaff⸗ net, und der auserleſenſten Lanzenreiter, die ich an mich zog, und eroberte den Platz nebſt den Kanonen unter großem Gemetzel, wobei ich zwei Fahnen erbeu⸗ tete, worauf mir auch die Einnahme der umliegenden Häuſer, eines nach dem andern, mit Mühe gelang. — vw v— 8 S— — v — — — — v— 8 v8 8— — 15¹ Das Einbrechen der Nacht verhinderte ein weiteres Vordringen, und wir waren ſo ermüdet, daß von den Fußſoldaten keiner mehr aufrecht ſtehen konnte. Wir ließen die Kanonen, die wir den Feinden abgenommen hatten, in die Feſtung bringen; ich ſtellte Schildwachen aus und übertrug die Beſetzung des Marktplatzes dem Herrn Camillo nebſt drei andern Hauptleuten. Dieſe Stellung behaupteten wir bis heute Morgen. Darauf ordnete ich die Truppen auf's Neue und führte ſie in den Kampf, um zu ſtürmen. Wir bemerkten, daß ſie die ganze Nacht zum Schanzgraben benutzt hatten, und daß die Straßen von Stücken groben Geſchützes beſtrichen wurden. Deſſenungeachtet waren ſie nicht wenig entmuthigt. Die bereits erfolgte Einnahme eines Theils der Stadt, die Menge von Leichnamen, welche in den Straßen lagen, und die Flucht derjeni⸗ gen Aufwiegler, welche Florentiner waren, unter denen ſich der Hauptanſtifter, der große Ruberto Acciajoli, befand, bewogen ſie, Unterhandlungen anzuknüpfen. Sie ſandten den Bevollmächtigten Taddeo Guidreci mit ſechs Anderen, um mich wegen der Friedensbedin⸗ gungen zu befragen. Ich verlangte, daß ſich Volterra meinen Oberherren auf Gnade und Ungnade ergeben ſolle und daß ſie ihr Schickſal mir völlig anheimzu⸗ ſiellen hätten. Hierauf erbaten ſie ſich zwei Stunden Bedenkzeit, um ſich mit den übrigen Einwohnern zu berathen und dann mit unbedingter Vollmacht zurück⸗ zukehren. Ich ging nicht darauf ein, denn ich ſah, daß ſie nur Zeit gewinnen wollten, damit die Entſatz⸗ mannſchaft, welche unterwegs war, herbeikommen könnte. Daher bewilligte ich ihnen nur ſo viel Friſt, als ſie zur Rückkehr in ihre Verſchanzung und zur Unterredung mit den Ihrigen nöthig hatten und gab ihnen zu ver⸗ ſtehen, daß ich, wenn ſie in einer halben Stunde nicht mit einer bejahenden Antwort zurückkehrten, die Erobe⸗ rung mit den Waffen in der Hand fortſetzen würde. Sie gingen und kamen zur beſtimmten Zeit wieder in ——————— Begleitung des Oberſten Gio. B. Borgheſi, der den Oberbefehl führte. Sie überlieferten ſich nun in meine Gewalt und erklärten, daß ſich die Bewohner von Volterra völlig meiner Gnade überließen. Ich nahm ihre Unterwerfung an und gab ihnen mein Wort, daß der Bevollmächtigte und alle Miethstruppen am Leben bleiben ſollten, und habe dieſes gehalten, indem ich ſie durch meine Leute aus der Stadt bringen ließ. Da es mir jedoch wichtig ſchien, Taddeo Guiducci in mei⸗ ner Gewalt zu haben, ſo iſt er bei mir zurückgehalten worden, jedoch ohne daß ihm irgend ein Leid zugefügt wird, da ich ihm mein Wort gegeben habe und er ſich durch ſeine letzte Nachgiebigkeit um mich verdient ge⸗ macht hat. Ich bitte daher Eure Herrlichkeiten, ihm Verzeihung zu gewähren, damit das ihm von mir gegebene Wort, daß er am Leben bleiben ſoll, nicht gebrochen wird. Als die kaiſerlichen Soldaten abgezogen waren, nahm ich den Ort völlig ein, ließ die Reiterei ſowohl die Bewachung der Geſchütze, als der Thore überneh⸗ men und vertheilte die Quartiere; auch gebrauchte ich die Vorſicht, da wir in einem offenen Orte waren, öffentlich bekannt machen zu laſſen, daß jeder Bürger, der mit Waffen in der Hand betroffen würde, gehenkt werden ſolle. Es wird ein Verzeichniß derſelben auf⸗ genommen und dieſelben ſämmtlich abgeliefert, damit ſie uns nicht mehr feindlich entgegentreten können, wie ſie es diesmal gethan haben. Ferner iſt heute Befehl gegeben worden, alle Getreidevorräthe zu beſichtigen, welche beträchtlich zu ſein ſcheinen. Dieſe, ſo wie alles Mehl, werde ich ſo ſchnell als möglich in die Feſtung bringen laſſen; ebenſo alle Kanonen, welche Andreas Doria, gleichſam um uns zu entſchädigen, hieher ge⸗ ſandt hat. Die Feldſtücke des Ruberto beſtehen in zwei 70pfündigen Kanonen und zwei Feldſchlangen, die ſchönſten und beſtbedienten Stücke der Art, die ich je geſehen habe, einer Halbkanone und einer Batterie e 1 1 53 6 1⁵3³ von ſechs Sopfündern nebſt etwas Pulver und Blei, und morgen am 28ſten d. M. werde ich einen Trom⸗ peter nach Pomerance und einen nach Monte Catint ſchicken und das Weitere ſo bald als möglich berichten. Wenn es Euer Herrlichkeiten für gut finden wer⸗ den, ſo erwarte ich den Befehl, in der Richtung der Maremma aufzubrechen, um Campiglia, Billona, Tuti und die ganze Gegend von Feinden zu reinigen und die Straßenräuber zu verjagen, welche dort wohnen, und wenn ich mich bei Fabrizi auf dem Wege nach Piſa befinden werde, ſo werde ich nicht ermangeln, einige Streitkräfte, ſo viel ich entbehren kann, dorthin zu ſenden; ebenſo werde ich einen Trupp nach Empoli ſchicken, um ſicherer zu ſein, obgleich dieſer Platz durch die Kunſt ſo gut befeſtigt iſt, daß ihn die Weiber mit ihren Spindeln vertheidigen könnten. Ich habe nichts weiter zu ſagen, als die Bitte zu wiederholen, Gui⸗ ducci zu begnadigen, ich verlange dieß als einzige Be⸗ lohnung für alle meine Anſtrengung. Am 15. Juli 1530. Die Namen der Elenden, welche ſich haben ge⸗ brauchen laſſen, das Volk zu der mißlungenen Unter⸗ nehmung aufzuwiegeln, ſind folgende: Agnolo di Donato Capponi. Giuliano Se und ein gewiſſer Giovanni di de Roſſi. Lionardo Buondelmonti, Bruder des Ritters, und Ruberto Oecciajoli, der Hauptanführer. So kehrten die Bewohner von Volterra— gen unter das florentiniſche Joch zurück, und es konnte wohl ein Joch genannt werden, denn ſie wurden jeder Freiheit beraubt und nicht ſehr gut behandelt, auch von allen Berathungen des Gemeinweſens ausgeſchloſſen. Die ungerechten Maßregeln, welche gegen ſie und nicht weniger gegen die Bewohner von Piſa, Piſtoja und andern Städten des florentiniſchen Gebieis ergriffen wurden, waren die Veranlaſſung, daß dieſe bei der gemeinſchaftlichen Gefahr ſich blos mit halbem Eifer vertheidigten, und ſo die Gefahr vermehrten, da viele Streitkräfte nöthig waren, um ſie in Gehorſam zu erhalten. So gewiß iſt es, daß die Unterdrückung der Schwachen Funken erzeugt, welche lange Zeit im Ver⸗ borgenen glimmen, aber zuletzt als Flammen empor⸗ ſchlagen und den Unterdrücker verzehren.. Florenz lieferte ein trauriges Beiſpiel dieſer Wahr⸗ heit, und die gerechte Bewunderung, welche ſeine letzte Vertheidigung einflößt, iſt nicht ganz im Stande, die Vergehungen und Irrthümer zu verdecken, die zu ſei⸗ nem Sturze beitrugen. Sollte man glauben, daß bei den damaligen Staatsmännern der Grundſatz galt, Piſa muß man durch Feſtungen im Zaum halten und Piſtoja durch Parteiungen? Sollte man glauben, daß die grauſame Schlauheit, den Parteihaß aufzu⸗ ſtacheln, durch welche die Parteien der Cancellieri und der Panciatichi die Ebenen und das Gebirge um Piſtoja mit Blutvergießen erfüllten, durch Politik für gerecht⸗ fertigt gehalten wurde? und daß man die Benützung derſelben nicht nur für klug, ſondern auch für erlaubt und ehrenvoll hielt? Ob die Florentiner darin klug handelten, wird ſich am Schluſſe der Belagerung erge⸗ ben, denn wenn Ferruccio unter die Mauern von Flo⸗ renz hätte gelangen können, ſo wäre es faſt unmöglich geweſen, daß er es nicht gerettet hätte; er aber ließ ſich von dem Hauptmann Melocchi hon San Marcello, dem mehr an der Unterdrückung der Panciatichi, als an der Befreiung von Florenz lag, betrügen und über⸗ reden, und hielt ſich ſo lange auf, daß er, wie wir ſehen werden, von den Kaiſerlichen in einer ungünſtigen Stellung angegriffen und geſchlagen wurde. Dieſe Frucht erndteten die Florentiner von ihrer ſo feinen und klugen Staatskunſt. — —— M NW N S S X— S— v N Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Freude der Florentiner über die Eroberung von Volterra wurde bald durch den Verluſt von Em⸗ poli getrübt, wo Ferruccio den Andrea Giugni und Piero Orlandini zu Kommandanten geſetzt hatte, deren Feigheit es der Eroberung und der Plünderung durch die Kaiſerlichen preisgab. Als dieſe Unternehmung gelungen war, zogen ſie ihre Streitkräfte unter der Anführung des Marcheſe von Vaſto, des Guigo Sar⸗ miento und anderer Hauptleute zuſammen und ver⸗ heerten das Land, in der Hoffnung, es Ferruccio wie⸗ der abzunehmen; die Stadt aber vertheidigte ſich tapfer, trotz der Uebermacht der Feinde und der verdächtigen Geſinnung der Bürger im Innern, bis zuletzt nach großer Niederlage die Unternehmung von den Bela⸗ gerern aufgegeben werden mußte. Hier kann man ſehen, was die Berzhaftigteit eines einzigen Mannes zuweilen vermag, gleichwie ein ein⸗ ziger Funke tauſend entzündet, wenn er auf einen Hau⸗ fen Pulver fä Von den raſchen und kühnen Unter⸗ nehmungen Fertücio's begeiſtert, beſchloſſen die Flo⸗ rentiner einen neuen Ausfall(obgleich ein neuer Feind durch die Stadt ſchlich, indem die Peſt in dem Kloſter San Agatha ausgebrochen war). Sie griffen die Deut⸗ ſchen unter dem Grafen Ludwig von Lothringen an, die ihr Quartier in San Donatv⸗in⸗Polveroſe hatten. Malateſta widerſetzte ſich nach ſeiner Gewohnheit, nicht ohne Ja zu ſagen, bis er bemerkte, daß Alles gegen ſeine Meinung war; dann aber richtete er dieſe Unternehmung wieder ſo ein, daß ſie eben ſo unglück⸗ lich ausfallen mußte, wie die früheren. Stephano Colonna ſiel aus der Porta di Faenza mit zweihundert mit Picken und Partiſanen bewaffne⸗ ten Fußſoldaten aus, Pasquino desgleichen durch die Porta del Prato, Corſo mit ſeinem Häufchen durch das Ausfallthürchen, Malateſta ſtand links des Arnoufers mit fünfzehnhundert Fußſoldaten, damit der Feind nicht aus dem Lager über den Fluß ſetzen und die Ausfall⸗ truppen im Rücken angreifen könnten. Es fehlten noch zwei Stunden am Tage und die Feinde lagen wegen der großen Hitze in tiefem Schlaf. Pasquino drang ſchneller vorwärts, als ſein Befehl lau⸗ lete, die Wachen der erſten Schanze merkten es und machten Lärm; Herr Stephano hörte dieſes und drang eilig zum Sturme herbei. Die Florentiner überwanden jedes Hinderniß und jagten die Deutſchen vor ſich her. Ihre ſchlaftrunkenen und ungeordneten Scharen wurden durch die Brandraketen, deren Giovanni von Turin eine große Menge unter ſie warf, in Schrecken geſetzt und zerſtreut; ſo drangen die Belagerten bis gegen das Kloſter vor. Der Graf von Lothringen hatte unterdeſſen einen Knäul von zweitauſend Deutſchen um ſich geſammelt und vertheidigte ſich mit ihnen gegen die wüthenden Angriffe des Jva Bilioti(von welchem Varchi erzählt, daß er ſich gewöhnlich mit geſenktem Kopf unter die Feinde warf und rief:„Drauf, meine Tapfern, werft ſie nieder!“). Ihm folgten die andern florentiniſchen Feldhauptleute und kämpften mit ſo verzweifeltem Muth, daß dieſe alten und kriegsgeübten Scharen kaum ihrem Ungeſtüm widerſtehen konnten. Während der Kampf mit dem Lanzenſchaft hartnäckig geführt wurde, war es Tag geworden, der Schlachtlärm wurde bis in das Lager des Prinzen gehört, der eine große Schar Reiter den Seinen zu Hülfe ſchickte. Nun wäre es Malateſta's Pflicht geweſen, dieſe anzugreifen und vom Uebergang über den Fluß abzuhalten, denn wenn die Verſtärkung irgend aufgehalten worden wäre, hätte die 157 Unternehmung der Florentiner gelingen müffen; ſtatt deſſen zog ſich der Verräther hinter die Mauern zurück befahl dem Herrn Stephano zum Abzug blaſen zu aſſen. So ſchmählich verlaſſen, mußte die Bürgermiliz dem Befehl gehorchen, um nicht in die Mitte genommen zu werden, und zog ſich in Ordnung zurück, beſtändig das Geſicht gegen den Feind gekehrt, der geringe Luſt hatte, ſie zu beunruhigen; jetzt endlich begann man die Plane des Malateſta zu vurchſchauen und es entſtand ein Flüſtern im Volke, das ihn des Verrathes verdächtigte. Aber dieſe Bemerkung kam zu ſpät, um den Feh⸗ ler wieder gut zu machen. Malateſta hatte ſchon vor längerer Zeit her für den Fall, daß er verdächtigt und entdeckt würde, Vorſichtsmaßregeln getroffen, er konnte durch dieſes Ereigniß weder überraſcht noch entwaffnet werden. Wenn er mit den einflußreichſten Bürgern ſprach, wußte er ſie ſich zu gewinnen, zu welcher po⸗ litiſchen Meinung ſie auch gehören mochten. Wenn er mit Leuten vom gemeinen Volke ſprach, führte er, wie Bufini erzählt, immer die Freiheit im Munde, mit den Mißvergnügten ſprach er vom Pabſt, wenn er mit Ehrgeizigen verkehrte, tadelte er ihre Nebenbuhler und lobte die Oligarchie; durch ſolche Künſte überredete er jede Partei, daß er es mit ihr halte, und erwarb ſich Vertheidiger gegen alle Anklagen, die im Allgemeinen gegen ihn erhoben wurden, ſo daß die Bürger ſelbſt, mehr getäuſcht als ſchuldig, dem Elenden in der Voll⸗ endung ſeines Verrathes halfen. Sobald er bemerkte, daß der Rath an ſeiner Treue zweifelte, hatte er den Pallaſt Serriſtori verlaſſen und ſich in dem Hauſe i Bini einquartirt, unter dem Vor⸗ wand, daß er von hier aus beſſer für die Bedürfniſſe der Belagerten ſorgen könne, in Wahrheit aber, um das Thor gegen Rom hin näher zu haben, deſſen mit Waffen und Lebensmitteln gut verſorgter Shhrn mit ſeinen eigenen Leuten beſetzt war und ihm, wi es auch N— N— ————„——— N** — —— —* 158 5 wirklich geſchah, zum Hinterhalt dienen ſollte. Er ließ ſich nur ſelten mehr außer dem Hauſe ſehen und immer in großer Begleitung, um ſeine Wohnung wurde über⸗ dieß Tag und Nacht ſorgfältige Wache gehalten, und wenn man ihn in das Palagio rief, verweigerte er entweder zu kommen oder ließ, wenn er es nicht ver⸗ hindern konnte, die Treppe und das Hausthor mit ſei⸗ nen Soldaten beſetzen, um, wie er ſagte, den Sprung des Balduccio d'Anghieri*) nicht machen zu müſſen. So von der Furcht befreit, überfallen zu werden, ſchmiedete er neue Ränke, um die Frucht des Verra⸗ thes zu erndten, zu welchem Alles vorbereitet und die Gelegenheit reif ſchien. Ferruccio, der von Volterra durch die Maremma nach Piſa gezogen war, auf dem jetzt die letzte Hoffnung der Republik ruhte, hatte Be⸗ fehl erhalten, ſich nach Florenz zu begeben, und es iſt nicht zu zweifeln, daß wenn er das kaiſerliche Lager zu gleicher Zeit mit einem Ausfall der Bürgermiliz aus der Stadt angegriffen hätte, die Belagerung hätte aufgehoben werden müſſen. Malateſta hielt das Gelingen einer ſolchen Unter⸗ nehmung für ſehr wahrſcheinlich und befahl daher ei⸗ nem ihm ſehr vertrauten Schurken, Namens Onacio, der Schielende, ſich heimlich Nachts in das Lager des Prinzen von Oranien zu begeben. Sie hatten eine Zuſammenkunft am römiſchen Thor, und obgleich man nie mit Beſtimmtheit erfuhr, was zwiſchen ihnen ver⸗ handelt wurde, ſo iſt es doch ſehr wahrſcheinlich, daß der Verräther ihn von der Bewegung Ferruccivs in Kenniniß ſetzte, ihm verſprach, nichts gegen das Lager zu unternehmen, bis er ſelbſt dem Bevollmächtigten *) Ein Hauptmann der Infanterle, der den Rathsherrn verdächtig wurde, worauf ſie ihn in den Pallaſt riefen, dort ermordeten und feinen Leichnam zum Fenſter hinauswarfen. Seine Wittwe war die tugendhafte Anna Lena, Gründerin des gleichnamigen Kloſters, wo ſie ihr Wittwenthum bis an ihren Tod verlebte. — 159 entgegengezogen ſein würde und ihm hierüber eine hand⸗ ſchriftliche Verficherung ausſtellte. Thatſache iſt, daß man nachher eine ſolche Handſchrift bei dem Leichnam des Prinzen fand, welcher wenige Tage ſpäter fiel. Malateſta's Plan gelang vollſtändig, und in der Schlacht von Gavinana, welche bald darauf vorfiel, blieben Oranien und Ferruccivo, und die letzte Hoffnung der Rettung der Florentiner ſchwand. Die Fortſetzung dieſer Geſchichte wird uns Gelegenheit bieten, die ein⸗ zelnen Begebenheiten dieſes merkwürdigen Tages zu erzählen; zuvor müſſen wir jedoch die Helden unſerer Geſchichte wieder aufſuchen, da wir die öffentlichen Ereigniſſe bis zu einem Punkt erzählt haben, wo das Schickſal der Familie Lapi, der Hauptgegenſtand un⸗ ſer wieder einige Aufmerkſamkeit zu verdienen eint. Am Abend des vierten Auguſts herrſchte in Flo⸗ renz eine drückende Schwüle, die träge und entzündete Luft verdichtete und verfinſterte ein röthlicher, mit Staub vermiſchter Nebel, welcher den Athem hemmte. Die Sonne flammte am Himmel, aber ihr Strahl wurde durch Dünſte verdüſtert und gebrochen, und nur die Giebel der Gebäude färbte ein ſchwaches, blutro⸗ thes Licht. Zwiſchen den vier maſſiven Säulen, welche Arnolfo's von Lapo kühner Geiſt auf dem Thurme des Palagio anzubringen wagte, um die Kuppel zu ſtützen, ſah man auf einmal die große Glocke des Rathhauſes fich bewegen, auf welcher die kreisförmige Inſchrift ein⸗ gegraben war: „Mentem sanctam spontaneam ad Dei gloriam et patriae libertatem(habeto). Erſt in langſamer, dann immer ſteigender Schwingung zeigte ſie ihre weite Mündung, bis ihr mächtiger Schlag die eherne Wand traf, und ein wohltönender und gedehnter Klang, auf welchen tauſend andere folgten, die Luft durchſchallte, denn das Geläute dauerte lange fort. Dieſer Klang, der ſeit Jahrhunderten und bei ſo vielen verſchiedenen Schickſalen der Stadt die Bürger zu Berathungen über die Ehre und die Gefahr ihres Vaterlandes gerufen hatte, wurde dießmal aus Veranlaſſung des ſchmerz⸗ lichſten und furchtbarſten Unfalls, welcher je die Stadt bedroht hatte, gehört. Im Pelagio war die Nachricht angekommen, eine Schlacht bei Gavinana ſei verloren, Ferruccio, den die Piagnoni den neuen Gideon nannten, gefallen, und alle Hoffnung auf Entſatz von Außen verſchwunden. Die Bürger verſammelten ſich in gedrängten Scharen auf dem Marktplatz und den dorthin führenden Stra⸗ ßen, Ihre Geſichter, von der Sonne und dem Rauch fo vieler Schlachten verbrannt, von Rarben durch⸗ furcht, vom Hunger und Mangel ſo abgemagert, ais wären es blos mit erſtarrter runzlicher Haut bedeckte Schädel, trugen den Ausdruck eines tiefen, verzweifel⸗ ten Kampfes, aber auch ungebeugter Entſchloſſenheit. Nach ſo vielen Gefechten, ſo vielen Siegen, ſo gefahr⸗ vollen und doch glücklichen Unternehmungen, im Augen⸗ blicke, wo ſie die Frucht ernten ſollten, im Augenblicke, wo jeder zu hören hoffte: Der Bevollmächtigte iſt er⸗ ſchienen, er greift den Feind an, er kämpft, er hat ge⸗ ſiegt, er hält ſeinen Einzug durch das Thor von Faenza; da iſt eri wir find gerettet! ſtatt deſſen ſollte man die ſchrecklichen Worte vernehmen: Das Heer iſt geſchla⸗ gen und er getödtet! Dies kam Vielen faſt unmöglich vor; denn zuweilen iſt das Leben eines Mannes ſo ge⸗ ehrt und ruhmvoll, daß man glaubt, keine Kugel und tein Schwert wage es anzutaſten. Und doch war es nur zu wahr, der Spruch war unwiverruflich, ſogar der Gedanke, der der wankenden Hoffnung als ſichere Zuflucht bei jeder Gelegenheit gegolten hatte, der Ge⸗ danke, Ferruccio lebt noch! war dahin. Dieſer Ge⸗ danke, dieſe Vorſtellung hatte plötzlich jede Bruſt räu⸗ men müſſen und an ſeiner Stelle die furchtbare Ge⸗ wißheit eines nahen und unvermeidlichen Sturzes ge⸗ laſſen. Was durſte dieſes arme hingemordete Volk 161 noch hoffen, das von Außen durch die Uebermacht Karls V. und des Pabſtes beſtürmt, von Allen ver⸗ laſſen und von Innen durch Hunger, durch Peſt und durch Verrath bedroht war? Wie konnte man den im⸗ mer größer werdenden Entbehrungen trotzen, wie das langſame Hinſterben der Weiber, Greiſe und Kinder mit anſehen? Wie ſollte man ſich entſchließen, neuen Gefahren zu begegnen und den langen und unnützen Kampf fortzuſetzen, der unvermeidlich nur den ſchlechte⸗ ſten Ausgang nehmen konnte? Was hätte das groß⸗ herzigſte, ausdauerndſte Volk für einen andern Ent⸗ ſchluß faſſen können, als der Nothwendigkeit zu wei⸗ chen und ſich zu ergeben? Welches war der Entſchluß der Florentiner, wel⸗ ches der Ruf, der ſich unter der Menge erhob? Ver⸗ theidigung! Vertheidigung bis auf den letzten Mannz Auf dem Marktplatz vor dem Pelagio, welcher damals noch ſeine erhabene Einfachheit beibehalten hatte und nicht wie heutzutage mit dem Brunnen des Ammannato, noch auch mit den Gruppen des Celini und Giau Bolognia geſchmückt war, wogte die Menge, Männer jeden Alters und Standes, Greiſe, Soldaten, ausländiſche Feldhauptleute, Jünglinge, Mönche, die jungen Landwehrmänner, faſt alle mehr oder weniger bewaffnet; die unſelige Kunde wurde auf hunderterlei Arten erzählt, auf hunderterlei Weiſen erläutert, ging durch Jedermanns Mund und erregte ein dumpfes und ſcheues Gemurmel, zuweilen durch irgend eine lautere Stimme unterbrochen, bald Gebete, bald Flüche oder Verwünſchungen; und bald wie es bei ſolchen Gelegenheiten in der Menge zugeht, bildeten ſich kleine Kreiſe um Solche, deren Rede geläufiger und einfluß⸗ reicher war, und wenn auch verſchiedene Hülfsmittel und Plane vorgeſchlagen wurden, immer ging es auf Kampf und Vertheidigung hinaus. Unter dem Vorſprunge des Daches der Piſant längs der Ringhiera war die Menge dichter gedrängt, Nieeolo de' Lapi. M. 11 als anderwärts; nichts ſtörte ihr ehrfurchtsvolles Schwei⸗ gen und mitten aus dieſem Kreiſe ragte um eine Hauptes⸗ länge Niccolos erhabene und ehrwürdige Geſtalt, der die Hand hoch erhob und furchtlos um ſich blickend, ſagte: „Ja, mein Volk, das Heer iſt vernichtet und Francesco erſchlagen! Aber warum zittern?— O, ihr werdet ſchen, der Arm Gottes iſt kürzer geworden und ſeine Hand hat alle Kraft verloren, weil Ein Mann umgekommen iſt! Ihr werdet ſehen, jetzt iſt der All⸗ mächtige in Verlegenheit, um ein Mittel zu finden, uns zu helfen! Es muß ihn recht ſehr reuen, daß er uns zu viel verſprochen hat! O welch' geringer Glaube!“ rief er lauter aus;„wer ſetzt Heere in Bewegung, wer ſchlägt ſie in die Flucht, wer gibt ihnen Sieg, als Gott? Wenn er Euch bleibt, wenn er Euch durch den Mund ſeines Propheten geſchworen hat, daß er auf Eurer Seite ſtehen, Euch helfen will, wie kann es Euch erſchüttern, daß die Unterſtützung einiger weniger Arme Euch entging? Könnt Ihr mir ſagen, wie viel Gott bedurfte, um das Heer des Sanherib zu ſchlagen? Wie viel um Bethulio zu retten? Ihr habt blos auf Menſchen gehofft, lernt endlich, daß ihr blos auf ihn, auf ihn hoffen dürft, daß er verſprochen hat, Euch zu vertheidigen, daß er, wie wir alle wiſſen, verheißen hat, ſeine Engel zu ſenden, um für uns zu kämpfen. Er wollte Euch in die äußerſte Gefahr führen, damit ſein Ruhm um ſo herrlicher ſtrale. Die Gefahr iſt gekommen, fie iſt unermeßlich! Werft Euch alſo zur Erde!(Und er und das ganze Volk um ihn her knie⸗ ten nieder.)„O Gott,“ riefen alle,„o Chriſtus unſer König! auf Dich allein vertrauen wir jetzt; Du allein vermagſt jetzt Deine Feinde zu zerſtreuen, damit ſie nicht ſpotten und ſagen: Seht, ſo hilft Euch Euer Gott! An uns iſt es, zu kämpfen und zu ſterben, wenn ge⸗ ſtorben ſein muß!„„ Auf nun!“ rief er und erhob ſich wieder;„auf nun zu den Waffen, zur Schlacht! 163 Wir wollen alle ſchwören, eher tauſendmal zu ſterben, ehe wir uns einmal ergeben!“— Während dieſer Rede hob der Eine die Hände empor, wie ein Betender, ein Anderer ſchlug ſich auf die Bruſt, Jener knirſchte, Dieſer ſchluchzte; bei den letz⸗ ten Worten des Greiſes aber erhob ſich donnergleich ein wildes Geheul von tauſend verſchiedenartigen Stim⸗ men, die den verlangten Schwur auf tauſenderlei Weiſe wiederholten. Dieſem lauten plötzlichen Geſchrei miſchte fich ein dumpfes und langes Gemurmel von aufregen⸗ den Worten, Drohungen, ſeltſamen und furchtbaren Anſchlägen; viele Stimmen wurden da und dort ge⸗ hört mit dem Rufe:„Nieder mit dem Verräther Ma⸗ lateſta!“ Dieſe verwirrten Töne glichen dem Rollen des entfernten Donners in den Gebirgen. Dieſelbe Scene, wie ſie um Niccolo vorging, wiederholte ſich gleicher Weiſe an vielen andern Stellen, namentlich da, wo die Mönche von San Marco, beſonders Fojano und Spion ſprachen; derſelbe Ungeſtüm begleitete denſel⸗ ben Vorſchlag und wo das Geſchrei und der Lärm, der den Worten eines dieſer Volksredner gefolgt war, auf⸗ hörte, erhob er ſich auf der andern Seite. Die Aufregung wurde durch einen beſondern Zu⸗ fall wo möglich noch geſteigert; ein armes Kind aus der niederſten Volksklaſſe, welches, wie man ſpäter erfuhr, ſeit mehreren Monaten völlig verlaſſen und ohne Obdach war, da ſein Vater, ein Wollenarbeiter, in der Schlacht gefallen, die Mutter verhungert war, hatte in ſeiner Noth auf der nach der Dogana hin⸗ ſehenden Seite des Palaſtes eine Stelle entdeckt, durch welche die Abgänge aus den Küchen des Rathsgebäu⸗ des ihren Ausfluß hatten. Das arme Kind hatte dort einige Gemüsſtängel und anderen Abfall gefunden, der mit dem Kehricht weggeſchüttet wurde, hatte die Oeffnung erweitert und dann ſo gut als möglich wie⸗ der zugedeckt, damit es Niemand Anders bemerke und ihm ſeinen einzigen und letzten Unterhalt raube. Es 164 kam nun jeden Abend dorthin und fand ein wenig Ge⸗ müſe, kleine Knochen, faule Früchte und andern Un⸗ rath, die durch kleine Dämme, die es gemacht hatte, aufgehalten worden waren. Damit friſtete es ſein armes Leben. Auch dieſen Abend war es wie ge⸗ wöhnlich dorthin gekommen; das arme Kind war ganz erſchöpft und mußte ſich an den Mauern halten, denn die kümmerliche Nahrung reichte kaum gegen den Tod hin. An jenem Tage aber hatte man im Pelagio in Folge der Trauernachricht weder an Mittageſſen noch an Abendbrod gedacht, oder es war aus irgend einem Grunde nichts durch jenen Kanal abgefloſſen, und die arme unglückliche Waiſe, welche kaum mehr einen Le⸗ benshauch hatte, fand nichts mehr. Sie warf ſich am Kanal auf das Geſicht nieder, ſtieß einen tiefen, hei⸗ ßen Seufzer aus, kratzte mit den Nägeln an den Mauern und riß einige wenige Grashalme ab, ſtopfte ſie in den Mund und zwang ſeine ſchwachen Kinnbacken vergeblich, ſie zu kauen. Dann ſah man ſie auf die Seite fallen, kurze Zeit mit den abgemagerten Glie⸗ dern zucken und dann unbeweglich liegen bleiben. Zufällig bemerkten Einige dieſe Begebenheit, nä⸗ herten ſich und wollten die Waiſe vom Boden aufheben. Aber ſie fanden eine Leiche; ein Mönch nahm ſie auf den Arm und trug ſie mitten über den Platz durch die Volksmenge hindurch, deren Gemüther durch die Worte Niccolos und der andern Volksredner heftig aufgeregt waren. Der traurige Anblick des kleinen Todten, der ſo auf dem Rücken getragen wurde, daß ſeine Arme und Beine ſchlotterten und ſein herabhängendes Haupt zwiſchen den erblichenen Lippen noch einige Grashalme krampfhaft in den Zähnen hielt, erſchütterte die Ge⸗ müther der armen Leute, die in dieſem Unglücklichen das Vorbild des Schickſals erblickten, das ſie ſelbſt und ihre eigenen Kinder erwartete. Wenn wir auf dieſe Weiſe ſterben ſollen, riefen Einige,„ſo laßt uns lieber durch Kugeln ſterben! O 165 der Hund, o der abtrünnige Clemens!“ rief ein Ande⸗ rer;„5 der Verräther, der Mörder ſeines Vaterlan⸗ des! Bindo, der ſich in dieſem Haufen befand, rief zornig aus: „Sagt nur, find wir denn ein einziges Mal be⸗ ſiegt oder zurückgeſchlagen worden, ſo oft wir auch Ausfälle machten? Kehrten wir nicht ſiets auf erhal⸗ tenen Befehl nach Florenz zurück, oder, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, durch die Schuld dieſes Verräthers Ma⸗ lateſta? Laßt uns Alle durch einſtimmigen Ruf den Herrn verkünden, daß wir zum Kampf geführt werden wollen und ſie werden uns unſer Begehren nicht ver⸗ ſagen können.“ Dieſe Worte vermehrten den Lärm, den ſo viele traurige Urſachen hervorgerufen hatten; der Kampfruf des Volkes wurde immer lauter und furchtbarer; ein großer Volkshaufe ſuchte ſich an den Treppen und der Gallerie des Palaſtes oberhalb der Thorſäulen empor⸗ zuſchwingen und machte Miene, die Leibwache anzu⸗ greifen, um den Eintritt zu erzwingen und die Bera⸗ thungen zu ſtören. Man konnte die Woge der Volks⸗ menge, welche von einer Seite anſtürmte, von weither erkennen, und unterſchied die ungeordneten Bewegun⸗ gen der Soldaten, welche die Menge mit ihren Picken im Zaum zu halten ſuchten; plötzlich aber wurde die Ordnung wieder hergeſtellt, da ſich das Gerücht ver⸗ breitete, der Antrag ſei durchgegangen, die Verſchan⸗ zungen zu ſtürmen. Bei dieſer Nachricht erhob ſich der tauſendſtimmige Ruf: Es leben die Rathsherrn! Es lebe der Löwe von Florenz!— Und wie das Meer wenn der Wind ſich legt bald, aber nicht plötzlich die Empörung ſeiner Wogen beſänftigt, ſo dauerte das Getöſe und die Aufregung noch eine kurze Zeit, dann verlief fich die Menge nach und nach, zumal, va nunmehr die Nacht eingebrochen war; das Geſchrei und das Gemurmel verhallte, und vie Bürger kehrten freudig 166 und voll neuer Hoffnung in ihre Häuſer zurück, der Marktplatz aber war ſtumm und verlaſſen. Mit den Andern ging auch Troilo. Er hielt ſich zu Denen, welche über Vacchereccia und Mercatonovo nach dem Ponte Veecchio zugingen. Wir haben uns ſeit einiger Zeit nicht mehr mit ihm beſchäftigt, er aber hatte ſeine Zeit nur zu gut zu Vollführung des nie⸗ derträchtigen Planes angewendet, um deſſentwillen er nach Florenz gekommen war, und ſo läſſig und wider⸗ willig er ſich auch im Anfang darein geſchickt hatte, ſich an Baccio Valori zu verkaufen, weil er theils noch einen Reſt von Eckel gegen ſolche Schurkerei fühlte, theils das langweilige Leben, das er in ſeiner Rolle zu führen hatte, fürchtete; ſo hatte er nun alle Gewiſſens⸗ mahnung unterdrückt und verſtand es trefflich, den Lohn für ſeine Verrätherei zu verdienen. Sobald es die Gelegenheit zuließ, erſchien er auf dem Dache des Hauſes Nobili und wechſelte Signale mit denen im Lager durch Leintücher und Flaggen bei Tag, bei Nacht durch Lichter. Er ließ ſich zu einer gehei⸗ men Correſpondenz zwiſchen Baccio und Malateſta ge⸗ brauchen und trug die Briefe in eine Schießſcharte außerhalb des Thors San Gallo, wohin Einer aus dem Lager geſendet wurde, ſie bei Nacht heimlich abzuho⸗ len. Malateſta ſchenkte ihm nunmehr unbedingtes Ver⸗ trauen und hatte ihm ſeine Rolle genau einſtudirt. Dieſen Unterweiſungen zu Folge hatte er ſich nament⸗ lich an diejenigen jungen Männer der Bürgermiliz angeſchloſſen, welche zu der Partei des Niccolo Capponi gehörten und vornehmerer Herkunft waren. Dieſe nahmen zwar, gleich den Uebrigen, an der Vertheidi⸗ gung Theil, nährten jedoch in ihrem Herzen die Eifer⸗ ſucht gegen das gemeine Volk und den Argwohn, die Regierung könne ganz in deſſen Hände fallen, und wa⸗ ren deßhalb eine Stütze Derer, welche das Gemeinwe⸗ ſen, wie nachher wirklich geſchah, zu ſtürzen ſuchten. Troilo verſtand es, mit großer Verſtellungskunſt —— 167 zugleich den Piagnone zu ſpielen und Andeutungen fallen zu laſſen, welche zweifelhafte Gemüther aufregen und zu Planen geneigt machen, zu denen ſie offen ſich nicht zu bekennen wagen. Manchmal fiellte er ſich, als ob er über das Wohl der Stadt nachdenke, und konnte dann ſeufzend vor ſich hinſagen:„Nun ja, wir ſiegen; die Belagerung wird aufgehoben werden, daran iſt kein Zweifel; aber dann!.. Hierauf ſchwieg er, um ſich näher ausfragen zu laſſen, und fügte, wenn dieſes geſchah, mit ernſter Stimme hinzu:„Ja dann gebe Gott, daß dieſes Volk nicht zu übermüthig werde, nichts Unrechtes verlange, ſeinen Sieg nicht mißbrauche.“ Durch ſolche und ähnliche Bemerkungen, ſo wie auch durch ſeine adeliche Geburt hatte er die Gunſt der Großen erworben; durch gleiche Künſte wußte er, je nachdem die Stimmung der Parteien war, welche die Bürgerſchaft ſpalteten, ſich allgemein wohlgelitten zu machen; ſelbſt Niccolo achtete ihn, trotz ſeiner langen Erfahrung und ſeines tiefgewurzelten Verdachts. Er ſchenkte ihm jetzt volles Vertrauen und verließ ſich ganz auf ſeine Treue. Troilo hatte ſich dieſen Abend unter dem Volks⸗ haufen auf dem Marktplatz befunden; er hatte gleich den Andern geſchrieen und geheult, gleich den eifrigſten Piagnonen an die Bruſt geſchlagen, zugleich aber mit ge⸗ ſpannteſter Aufmerkſamkeit auf die Mienen aller derje⸗ nigen Bürger gemerkt, welche mehr um nicht beim Volke in Verdacht zu gerathen, als aus aufrichtiger Geſinnung, dieſe Wuth zu theilen ſchienen; als der Tumult ſich zu erheben begann, hatte er ſich einem Kreiſe von jungen Leuten genähert, welche unter der Loggia dell' Orgagna ſtanden. Unter dieſen befand ſich Morticino, Alamanno de Pazzi, Daniele Degli Alberti, Ziannozzi de Narli und viele Andere von den vornehmſten Florentinern, die gerade unter Denjenigen waren, die er zu gewinnen ſich beſtrebte. Er hatte fich ihnen genähert und mit vielen Worten den kühnen 168 Entſchluß, zum Kampfe auszuziehen, gelobt, mit dem Schwur, zum tauſendfachen Tode für die Freiheit be⸗ reit zu ſein. Dann gab er geſchickt zu verſtehen, daß es ein größerer Ruhm geweſen wäre, wenn dieſer Ent⸗ ſchluß von den Vornehmen ausgegangen wäre und nicht den Volksmännern, denn wenn geſiegt würde, ſo werde der Staat eine Beute des Pöbels und gehe zu Grunde, und wenn die Feinde die Stadt erobern, ſo würde ſie geplündert werden und die Reichen noch mehr als die Armen verlieren, oder wenn es zur Kapitulation käme, ſo würden die Reichen die Contribution zahlen müſſen, die den Bürgern wegen ihrer zu hartnäckigen und thö⸗ richten Vertheidigung aufgelegt werden würde, ſo daß auf jeden Fall die Großen verlieren und das Volk gewinnen müßte.“ Zuletzt fügte er hinzu:„Um ſo rühmlicher iſt es für Euch, wenn Ihr kämpft.“ Die jungen Leute blickten finſter und gaben keine Antwort, denn ſie fühlten wohl, daß er die Wahrheit ſagte und kümmerten ſich beim Herannahen des Ver⸗ luſtes gar wenig um den Ruhm, und Troilo freute ſich innerlich, als er ſeine boshafte Abſicht ſo gut erreicht a Solche Umtriebe machte er noch weit mehr, als ſich beſchreiben laſſen; es genügt, daß wir ſeine Ge⸗ ſe und ſeine Betrügereien an's Licht gezogen aben. Als er den Marktplatz verlaſſen hatte und zu dem Ponte Vecchio gekommen war, brach die Nacht ein, da⸗ her begab er ſich in den Palaſt des Malateſta. Die be⸗ nachbarten Straßen, ſo wie auch die Via Maggiore, durch welche er kam, waren nahe an der Hauptwache, wo man ihn kannte und paſſiren ließ. Ihm wurde das Hauptthor, obwohl es geſchloſſen und von vielen Soldaten bewacht war, geöffnet und er ſuchte zuerſt den Meiſter Barlaam auf, der ihn bei Malateſta ein⸗ zuführen pflegte. Er ging durch den Hof, der von vielen Fackeln be⸗ 169 leuchtet war, und erblickte ſeitwärts im Hintergrunde, ſo geſtellt, daß man, wenn die Thüre offen war, ihn auch von der Straße aus ſehen konnte, einen geſchlach⸗ teten Eſel, der an den Füßen von hinten aufgehängt war, wie es die Fleiſcher mit Kälbern und anderem Schlachtvieh zu machen pflegen. Durch dieſen Anblick wollte Malateſta dem Volke zu verſtehen geben, daß er nicht minder, als die An⸗ dern, durch Entbehrungen dieſer Belagerung leide; wir werden aber gleich ſehen, ob ſeine Speiſe wirklich in ſo ſchlechtem Fleiſch beſtand. In dem neuen Quartier des Oberfeldhauptmanns hatte ſich Meiſter Barlaam ſo gut als möglich einge⸗ richtet und dafür geſorgt, daß er zu jeder Zeit durch geheime Schlupfwinkel zu ſeinem Herrn gelangen konnte. Auch dort waren ſeine Zimmer zu ebener Erde; da er jedoch nicht ſo viel Bequemlichkeit genoß, als im Palaſt Serriſtori, ſo waren ſeine Geräthſchaften noch nicht geordnet und lagen in verſchiedenen Winkeln des Zimmers herum. Troilo trat ein und fand ihn mit Aufräumen be⸗ ſchäftigt und bei dieſer Arbeit von Selvaggia unter⸗ ſtützt. Beide begrüßten ihn wie einen Hausfreund. Seitdem wir Selvaggia auf der Straße nach Empoli verlaſſen haben, waren, wie der Leſer weiß, mehrere Monate verfloſſen, und obgleich in der Zwiſchenzeit nichts Wichtiges vorgekommen war, ſo müſſen wir doch zur Vervollſtändigung dieſer Geſchichte einige Worte von ihr ſagen. Als Meiſter Barlaam ſie ſo ſchnell wieder erſchei⸗ nen ſah, als er es am Wenigſten erwartete, hatte er fich ſehr darüber verwundert und geängſtigt, ſie möchte ihn auf's Neue mit ihren Anforderungen und ihrer Leidenſchaftlichkeit quälen. Sie beruhigte ihn jedoch bald und ſagte ihm entſchloſſen, ſie habe jetzt Gefinnung, Gedanken und Wünſche geändert, ſie habe entdeckt, wie wenig Lamberto ihre Liebe verdiene; ſie erzählte, wie 170 ſie von Demjenigen behandelt worden ſei, für den ſie ſo viel gewagt und erduldet habe, was fie für ſpötti⸗ ſche Worte habe hören müſſen und ſchwur, auf jedem Wege ſich an ihm zu rächen; ſie ſchlug ihrem Vater vor, ihn einſtweilen bedienen zu wollen, ſie verſprach blos, ihm zu gehorchen, wenn er ihre ſo ſehr erſehnte Rache unterſtütze. Sie benahm ſich nicht mehr ſtolz und wild, wie vorher, ſondern gelehrig und unterwürfig, wie Jemand, der alle ſeine Hoffnungen plötzlich aufge⸗ geben hat; und da der Meiſter die Bemerkung machte, daß eine ſo furchtloſe Seele, wie die ihrige, ihm manch⸗ mal ſehr dienlich ſein könne, ſo nahm er ſie gütig auf und ſagte ihr, er ſei ſehr zufrieden, daß ſie den Pfad der Vernunft eingeſchlagen habe; was ihre Rache be⸗ treffe, ſo ſolle ſie ihm nur Zeit zur Ueberlegung und zum Ergreifen der Gelegenheit laſſen, ſo werde er ſie vielleicht zu befriedigen wiſſen. Ohne ſich weiter er⸗ klären zu wollen, da er ſich noch nicht ganz auf die Richtigkeit ihres Verſtandes verließ, hielt er ſie eine Zeitlang hin, bis er gefunden hatte, daß ſie ſich immer gleich blieb und daß der Plan, ſich an Lamberto zu rächen, immer beſtimmter in ihr wurde. Da entdeckte er ihr eines Tages lachend das ganze Geſpräch, das er an jenem erſten Abend, als er mit Troilo und Be⸗ nedetto ſich allein befunden hatte, vernahm, machte fie mit deren wahren Namen und Stand bekannt und ſchloß mit der Bemerkung, daß er ihr damals nichts Näheres habe ſagen wollen, weil er befürchtete, ſie möchte, wenn fie fich mit Lamberto allein befinde, ihm Alles verrathen. Nachdem ſie mehreremale Gelegenheit gehabt hatte, mit Troilo zuſammen zu ſein und mit demſel⸗ ben vertrauter geworden war, waren ſie öfter auf Lamberto zu ſprechen gekommen, und da Selvaggia nicht ohne die größte Heftigkeit und den Wunſch, ihm zu ſchaden, von demſelben ſprechen konnte, hatte Troilo dieſes Feuer noch angeblaſen, weil er dieſes beleivigte und ergrimmte Weib für ſehr geſchickt hielt, ſeine Plane 171¹ zu unterſtützen. Da er theils von ihrem Vater, theils von ihr ſelbſt die Geſchichte ihres vergangenen Lebens wußte und ihren wagehalſigen und furchtbaren Cha⸗ rakter kannte, ſo war er überzeugt, daß in einem Her⸗ zen, wie dieſes, Haß und Rachedurſt aus verſchmähter Liebe ſichere und furchtbare Wirkung thun müßten und daß er keinen beſſern Verbündeten für ſeinen Plan, dem Lamberto zu entreißen, gewinnen önne. Er wußte allerdings noch nicht, in was ſie ihn möchte unterſtützen können; da er aber das Ende der Belagerung und den Augenblick, wo das Haus der Lapi mit den anderer Volksmänner unterdrückt wer⸗ den würde, in der Ferne vorherſah, ſo dachte er: Es wird ſich ſchon eine Gelegenheit finden, und wenn zwei ſolche Leute, wie Selvaggia und ich, nach demſelben Ziele ſtreben, ſo müßte es ſonderbar zugehen, wenn es nicht erreicht werden ſollte. „Schnell, ſchnell, Meiſter,“ ſagte Troilo beim Eintreten und ohne den Gruß zu erwiedern,„führt mich zu dem Herrn Malateſta: ein großer Topf ſteht am Feuer und es iſt keine Zeit zu verlieren.“„ Barlaam ging voraus und Troilo ſagte im Hinaus⸗ gehen zu Selvaggia: „Es ſteht auch für Dich gut, denn wenn ihn keine Kugel getroffen hat, ſo muß unſer Herr bald hier ſein, dann iſt es an uns, Jedes ſoll ſeinen Theil aben.“ Fort war er, ohne eine Antwort abzuwarten. Er traf Malateſta in ſeinem Zimmer, als er eben ſein Nachteſſen geendigt hatte. Er ſaß noch bei Tiſche, und hatte die Reſte ſeiner Mahlzeit in kleinen Schüſ⸗ ſeln vor ſich, welche den Gebeinen zu Folge aus Ge⸗ flügel und nicht aus Eſelsfleiſch beſtanden haben mußte. Er ſtützte ſein Kinn auf die Seſſellehne und ſto⸗ cherte ſeine Zähne; ſeine Stirn war geſenkt und das mitten auf dem Tiſche brennende Licht gab ſeinem 172 wenig behaarten Schädel einen Wiederſchein, daß er gelbem Elfenbein glich. Bei ihm ſaßen Benedetto di Nobili und Baccio Valori, der ihn während der Belagerung mit großer Mühe und Gefahr öfters heimlich beſuchte. Alle drei blickten auf Troilo, den ſie mit Sehnſucht erwarteten, um zu hören, was es Neues gäbe, und Malateſta gab ſich den Anſchein, zu lächeln, obgleich der Ausdruck ſeines Geſichts eher Bangen verrieth, und ſagte: „Sei willkommen! Wohlan, was ſagen die Pia⸗ gnoni von ihrem Gideon?“ „Sie ſagen, ja ſie ſagen, ſie wollen ohne ihn fer⸗ tig werden,“ erwiederte Troilo kopfſchüttelnd, mit ei⸗ nem Geſichte, worin geſchrieben ſtand, jetzt iſt es nicht Zeit, zu ſcherzen. Sie haben den Teufel mehr als je im Leibe. Malateſta zuckte verächtlich die Achſeln und er⸗ wiederte: „So wird man fie, wie ihn, todtſchlagen; dieſe Fliegen wollen wir ſchon vertreiben. Was gibt's auf dem Marktplatz?“ „Auf dem Marktplatz iſt ein Höllenlärm geweſen, und die Gurgel thut mir noch weh vom vielen Heu⸗ len. Das koftet Lungen, wenn man den Piagnone ſpielen will, ich ſage es Euch! Kurz unſer großer Al⸗ ter, die Mönche und Fojano haben ſo gepredigt, daß der Bruder Girolamo ein Bube dagegen war. Das Volk war, wie wenn es zur Hochzeit ginge; Schim⸗ pfen, Heulen, Brufiſchlagen! Und der Schluß iſt ge⸗ weſen, daß, wenn ſich nicht das Gerücht verbreitet hätte, der Antrag ſei im Palagio durchgegangen, einen Aus⸗ fall zu machen, dann glaube ich hätten dieſe Teufel die Rathsverſammlung in Stücke geriſſen.“ „Und nun?“ „Nun find alle nach Hauſe gegangen, um ſich für die Freude auf morgen vorzubereiten.“ „Ei, ei! der Löwe ſträubt ſein Fell dießmal ge⸗ — 173 tt Und wenn nun mir der Ausfall nicht ge⸗ ä„ „Dann fürchte ich, machen ſie einen Teufelsſtreich und zwingen Euch dazu.“ „Wenn ich aber nun Erlaubniß gebe und ſie von ihnen ſchlagen laſſe, während dieß Heer an nichts als an Plünderung denkt?“ „So wüthend, wie ich ſie heute Abend geſehen habe, werden ſie Euch nicht zum Wort kommen laſſen und für ſich handeln, darauf wollte ich ſchrören.“ „Wenn es ſich ſo verhält, werden wir ein ſchönes Spiel ſehen, beim Kreuze Gottes.“ Das Auge des Verräthers blitzte von der teufli⸗ ſchen Wuth, die einen Verbrecher überfällt, wenn er es für möglich hält, die Frucht langen Betruges auf einmal zu verlieren. Baccio, in deſſen Rolle es nicht lag, einen Hel⸗ den zu ſpielen, gab ſich keine Mühe, ſeine Greiſenfurcht zu verbergen, und ſagte: „Nun und die Andern? die Partei des Niccolo Capponi? Was thun, was ſagen dieſe? Gibt es denn nur noch Piagnoni in Florenz?“ „Was ſollen ſie thun? Sie machen es wie die Andern. Heute gehörte Muth dazu; wer ein Wort dagegen hätte ſagen wollen, hätte ein Held ſein müſſen und ſich Rechnung auf einen eingeſchlagenen Hirnſchä⸗ del machen vürfen. Uebrigens iſt auch heute Abend etwas geſchehen, beruhigt Euch nur! Wenn ich nicht irre, würden manche Fähnlein im Nothfall wanken und viele von denen, die die Kaſſen voll Dukaten haben, möchten nicht gerne die Hände der Lanzenreiter und der Schmalhänſe darin wühlen ſehen, und wären daber viel eher für den Vergleich, und wenn Herr Malateſta, der auf die Ehre hält und ihnen ſo oft einen von Wenigen beherrſchten Staat verſprochen hat, es ſo einleitet, ſo ſind ſie ſein. Was dünkt Euch, Herr Malateſta? Ich glaube der Pabſt wird Euch nicht —————— ſchlecht daſtehen laſſen und wird ihnen gern eine Staatsverfaſſung von Wenigen geben—“ er lächelte boshaft, als er fortfuhr:„Nun, um ſich recht freigebig im Halten der Verträge zu zeigen, ſo wird er dafür ſorgen, daß es ſo Wenige, als irgend möglich ſind, und wenn dann am Ende gar blos ein Einziger dar⸗ aus wird, ſo muß man es mit der Zahl nicht ſo ge⸗ nau nehmen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Keiner von den Dreien fand für gut, auf Troilv's boshafte Rede etwas zu erwidern, denn dieſe alten ßüchſe hegten ſelbſt gar wenig Zutrauen zu einander und wußten recht wohl, daß die großen Herrn es nicht immer gern ſehen, wenn man von ihren ſchlechten Hand⸗ lungen mit ſolcher Leichtfertigkeit ſpricht, ſelbſt wenn es unter den Vertrauten geſchieht, welche mit der Aus⸗ führung derſelben beauftragt ſind. Daher gab Bacclo dem Geſpräch eine andere Wendung. „Den Ferruccio wären wir alſo glücklich los, der kann nichts mehr ſchaden; den Tod des Prinzen habe ich an ſeine Heiligkeit geſchrieben. Ich bin ü erzeugt, daß er den Tod eines ſo tapfern Herrn ſehr bedauern wird, weil es aber Gott und das Kriegsglück gewollt hat, daß er dieſem Leben entriſſen werden ſollte, ſo wird ein ſo heiliger Mann dieſes Unglück ſtandhaft er⸗ tragen können*). .) Man ſagt nämlich, der Prinz ſei nicht durch die Feinde, ſondern auf Anſtiften des Pabſtes während der Schlacht ge⸗ tödtet worden, weil dieſer fürchtete, er möchte Florenz ſelbft an ſich reißen wollen. „Uebrigens find wir nicht außer aller Gefahr, Herr Malateſta,“ fuhr Baccio fort,„es iſt vielmehr nothi⸗ ger als je, vorſichtig zu ſein. Wir müſſen an das kai⸗ ſerliche Heer denken, da nun der Prinz todt und der neue Oberfeldherr, Don Ferrante, noch nicht in ſei⸗ nem Anſehen befeſtigt iſt; wir dürfen um Gotteswillen ja nicht überſehen, daß uns irgend ein beſonderer Un⸗ fall dazwiſchen kommen kann. Bei der unbedeutendſten Gelegenheit könnten dieſe Horden die Stadt im Sturm nehmen, und wenn es ihnen gelingt, Florenz ſo be⸗ handeln, wie Rom vor drei Jahren. Ihr wißt aber wohl, wie viel Dank uns Seine Heiligkeit dafür wiſ⸗ ſen wird, wenn wir ihm Florenz geplündert überlie⸗ fern, und am Ende könnte es ſich auch noch begeben, daß das Heer zurückgeſchlagen würde und in Gottes⸗ namen abzöge, und das wäre noch ſchlimmer. Daher muß man es wohl überlegen.“ Es ſcheint, Du denkſt nicht an uns,“ erwiederte Malateſta ungeduldig,„kehrt ſo ſchnell Ihr könnt in's Lager zurück, Herr Baccio, und haltet das Heer hin, dadurch, daß Ihr ſagt, man wolle in Florenz Nichts von Vergleich hören, ſo werden die Soldaten ruhig bleiben, weil ihnen die Hoffnung auf Plünderung winkt. Was die Rappelköpfe in der Stadt betrifft, das iſt meine Sache. Und Du, Troilo, und Ihr, Herr Benedetto, bedenkt wohl, daß die Zeit drängt und daß der Augenblick gekommen iſt, den Lohn Euerer An⸗ ſtrengungen und Gefahren zu erndten.“ „Sucht Cencio und die Uebrigen ſeiner Partei auf und bringt es dahin, daß die jungen Leute, die ihre ſchönen Bukaten nicht verlieren wollen, zuſammenhal⸗ ten. Ich weiß wohl, was ich ſage, auf dieſe und keine Andere müſſen wir unſere Hoffnung ſetzen. Ihr wißt wohl, was Ihr ihnen zu verſprechen habt, laßt ſie nur ſich mit mir vereinigen und mich an ihre Spitze tre⸗ ten. Ja,“ fügte er lächelnd und mit dem Kopfe ni⸗ ckend hinzu,„ich habe ſchon gar manchen Freiheits⸗ ſchwindel durch Gold und die Furcht, es zu verlieren, kurirt geſehen und dieſer alte Niccolo muß von einem ganz beſondern Schlage ſein, der die Keller voll Gold⸗ gulden hat, wie man ſagt, und ſich doch um nichts kümmert, auf ihn darf man nicht rechnen, nicht wahr?“ „O,“ ſagte Troilo und machte ein Geſicht, wie wenn einer den größten Unſinn behaupten hört,„was Niccolo de Lapi betrifft, wenn Ihr kein anderes Licht habt, ſo könnt Ihr im Finſtern tappen; den ſollte Ei⸗ ner wagen beſtechen zu wollen!“ Nobili war das Waſſer im Munde zuſammenge⸗ laufen, da er von den Kellern voll Goldgulden hörte. „Um Gotteswillen nur keine Plünderung 1“ rief er. „Ihr werdet voch noch wiſſen, Herr Baccio, was wir wegen des Niecolo ausgemacht haben? und wenn Ihr es vergeſſen haben ſolltet, will ich Euch daran erinnert haben. Wenn ich Euch die Wahrheit ſagen ſoll, ſo iſt es gar keine Kleinigkeit, zu thun, was Herr Malateſta verlangt, und die Partei der Optimaten gerade jetzt zur Verſchwörung zu bewegen, wenn der geringſte Ber⸗ dacht entſteht, ſo geht es um das Leben. Ich wage es zwar auf dieſe Gefahr hin, wenn aber Alles vorbei iſt, dann denkt an mich.“ „Ja, ja, Ihr wißt ſchon, was ich Euch verſpro⸗ chen habe,“ ſagte Valori voll Eckel über die Schur⸗ kerei dieſes Elenden. „Ich bekümmere mich nicht viel um Geld,“ ſagte Troilo lachend,„ich begehre etwas ganz Anderes und wenn es an der Zeit ſein wird, ſo will ich Euch ſa⸗ gen, was für einen Beutetheil ich verlange, Herr Baccio! Zetzt will ich Euch nicht damit beſchwerlich fallen, denn Ihr habt etwas ganz Anderes im Kopfe.. Ich ſage Euch blos ſo viel, daß ich hier neun Monate unter Predigten und Kreuzſchlagen zugebracht habe, und daß ich dafür Entſchädigung verdiene.“ „Wohlan, es iſt jetzt nicht Zeit zu Narrheiten; ich gebe Euch mein Wort, daß ich keines der Verſprechen, 177 die ich Euch gethan habe, brechen werde und daß Ihr mehr erhalten werdet, als Euer Betragen verdient.“ „Deſſen bin ich gewiß,“ entgegnete Troilo,„nun aber wollen wir gehen, Herr Benedetto, denn wir ha⸗ ben, ehe es Morgen wird, noch ſehr viel zu thun und ich darf zur Zeit des Gebets nicht zu Hauſe fehlen. Ich gehe nicht wie die Hunde zu Bette, wie Ihr es macht, und dann muß ich mir auch einen Vorrath von Andachtsübungen ſammeln, damit ich daran recht lange zu zehren habe, wenn ich nicht mehr im Hauſe Lapi bin.“ Malateſta erhob ſich, öffnete eine Kiſte und zog einen Beutel mit Golvſtücken heraus, welchen er Troilo mit den Worten überreichte: „Gebt dieſes in meinem Auftrag an Cencio, da⸗ mit er es unter die Soldaten vertheile, ſo daß jeder ſeinen Antheil erhält; ſagt ihm, er ſolle es nicht an Wein fehlen laſſen, nur nicht zu viel, denn ich will nicht haben, daß ſie ſich betrinken ſollen. Dann geht, und je aufmerkſamer und zuverläffiger Ihr ſeid, deſto beſſer für Euch. Was irgend Wichtiges vorfällt, das meldet Ihr mir ſogleich; denn das Gelingen oder Miß⸗ lingen der Unternehmung kann jetzt von einer K einig⸗ keit abhängen.“ Troilo und Nobili ſtiegen in den Hof hinab, über⸗ lieferten Cencio die Goldſtücke und gingen hinaus. Nach wenigen Schritten trennten ſie ſich und jeder ging ſeinem Geſchäfte nach, um diejenigen, die ihm angewieſen waren, zu verführen und zu ber Partei des Malateſta hinüberzulocken. Nieccolo hatte den Marktplatz verlaſſen, als fich das Volksgedränge verlief, und befand ſich ſchon ſeit geraumer Zeit zu Hauſe, während dieſe ihren Intri⸗ guen nachgingen. Der unglückliche Greis ſank, als er in ſein Zim⸗ mer getreten war, völlig ermattet in ſeinen Lehnſtuhl, denn Sorgen, Anſtrengung und der Kummer über vie Niecolo de' Lapi. H. 12 178 Niederlage und den Tod des Ferruccio drückten ihn um ſo mehr, als er dieſe Gefühle in Gegenwart des Volks hatte verbergen müſſen, um es nicht zu entmu⸗ thigen. Er ſtützte ſein Haupt auf ſeine Hände und überließ ſich ſeinen Gedanken mit verfinſterter Seele, ſchwebend zwiſchen Hoffnung und Furcht und beginnen⸗ dem Zweifel an den Weiſſagungen des Mönches. Er ſchwieg und die düſteren Bilder, welche ihm die Zu⸗ kunft zeigte, entrißen ihm lange und ſchwere Seufzer. Ein wenig ſeitwärts, geſenkten Hauptes und mit über den Knien gefalteten Händen, ſaß ſtill weinend die arme Laudomia. In den letzten Monaten waren ihre Wangen eingefallen und erbleicht; denn die im⸗ merwährende Aufregung und die beſtändige Angſt, ſie möchte die Nachricht erhalten, Lamberto ſei erſchlagen, nagte an ihrem Leben. Jetzt erfüllte ſie die Niederlage von Gavinana, von der man noch keine Einzelnheiten wußte, wohl aber erfahren hatte, daß 3000 Menſchen auf dem Wahlplatze lagen, mit furchtbarer Angſt, ob er todt oder noch am Leben ſei. Sie fand kein Mittel, dieſen Zweifel zu beſeitigen, wen ſollte ſie deßwegen befra⸗ gen?„Ol“ ſagte ſie,„läßt es ſich denken, daß er ſich nicht gerade in die größte Gefahr geworfen hat? Wird er von der Seite Ferruccio's gewichen ſein? O weh mir, o weh mir! ich werde ihn nicht wiederſehen!“ Sie berechnete, ob er nicht wohl hätte ſchon er⸗ ſcheinen können, wenn er noch am Leben wäre; dann dachte ſie daran, wie ſchwer es ſei, ſich nach Florenz durchzuſchleichen. Sie erwog die Möglichkeit, daß er am Leben, aber verwundet ſein könne, daß er verlaſ⸗ ſen da liege, wer weiß wo und in welchen Händen. Alle dieſe Möglichkeiten waren eben ſo viele Na⸗ delſtiche, welche ihr Herz durchbohrten und gleichſam einen Widerhaken darin ließen. Sie wußte ihren un⸗ nennbaren Schmerz bloß durch die Hoffnung zu be⸗ ſchwichtigen, die ſie ſich beſtändig zuflüſterte:„Vielleicht kommt er noch dieſen Abend oder morgen Mittag, ich 179 will warten. Wenn er aber auch dann nicht kommt“— ſie fuhr fort zu weinen, hütete ſich aber, Seufzer und Schluchzen laut werden zu laſſen, um den Kummer ihres Vaters nicht zu vermehren, den ſie durch ihren Thränenſchleier hindurch in ſo tiefer Betrübniß erblickte. Und doch wäre es ihr in dieſem Augenblick eine ſo ſüße Erleichterung geweſen, ſich ihm zu Füßen zu werfen, ihn zu umarmen und an ſeiner Bruſt dieſe Thränenbäche zu vergießen, die ſie zurückhielt; aber Laudomia dachte immer eher an ihre Lieben, als an ſich ſelbſt. Auf einmal aber ergriff ſie eine ſchreckliche Ahnung.„Wie, wenn er wüßte, daß Lamberto umge⸗ kommen iſt. Vielleicht überlegt er, auf welche Weiſe er es mir beibringen ſoll und ſucht es mich durch ſein Skise und durch ſeine tiefen Seufzer errathen zu aſſen. Die Unglückliche konnte ſich nicht mehr halten; ſie warf ſich, an allen Gliedern bebend, Niccolo zu Füßen und brach in einen Strom von Thränen aus. „O Vater! Vater! Sie haben ihn alſo getödtet, Ihr wißt es, und wollt es mir verbergen? O, es wäre zu grauſam, mich ſo in Ungewißheit zu laſſen! O ſagt es mir und helſt mir dieſen Kummer ertragen!“ Sie konnte vor Weinen kein Wort mehr hervor⸗ bringen; ſie drückte und küßte die Hände des Greiſes. Gerührt beruhigte ſie Niccolo, er gab ihr ſein Wort, daß er noch nichts über Lamberto erfahren habe und ermuthigte ſie, das Beſte zu hoffen. Laudomia wußte zu ſehr, von welchem Gewichte das Wort Riccolo's war, um noch einen Schatten von Ungewißheit zu hegen. Ihre Mienen erheiterten ſich; fie faltete die Hände und erhob die thränenden Augen zum Himmel, um Gott für dieſen gütigen Troſt zu danken; ſie bat ihn, er möge ihr ihren Verlobten lebend und geſund zurückführen. Nunmehr entſtand ein Lärm an der Hausthüre und bald darauf erſchien der Bruder Zaccaria mit an⸗ dern Mönchen und einigen Bürgern, worunter ſich zwei oder drei mit obrigkeitlicher Würde Bekleidete befan⸗ den. Sie traten ſchweigend herein, grüßten kaum und ſetzten ſich nach der Reihe um Niccolo herum, in der Abſicht, über ihre gegenwärtige Lage mit ihm Bera⸗ thung zu pflegen, ſeine Meinung über die Anträge, die im Palagio zu ſtellen wären, zu vernehmen. Jedem aber ſtockte die Rede im Munde; in jeder Bruſt ſtand der ſchmerzliche Ausſpruch feſt:„Für uns gibt es keine Rettung mehr!“ Und keiner wollte weder ſich ſelbſt noch den Andern zugeſtehen, daß man ihn für unwider⸗ ruflich zu halten habe; jeder hätte gerne von Hoffnung geſprochen und fand keine. Lange währte das Schweigen. Man hörte klopfen; Laudomia bebte, denn ſie glaubte bei jedem Geräuſch, bei jedem Ton Lamberto zu vernehmen und befand ſich in einer ſolchen Nerven⸗ aufregung, daß ſie bei dem geringſten unerwarteten Lärm ihr Herz und ihre Pulſe ſchneller ſchlagen fühlte. Zitternd horchte ſie auf und hörte die Thüre öffnen. Wer hätte ihr Gefühl ſchildern können, als ſie Mo⸗ nafede rufen hörte: „O Gott ſei tauſendmal gelobt! Ihr lebt alſo doch, Lamberto!“ Laudomia wollte ſich erheben und der Thüre zu⸗ eilen, aber ihre Knie trugen ſie nicht. Sie fiel auf den Seſſel zurück und fühlte in der Kehle und an der Stirne das leichte Fröſteln, das einer Ohnmacht vor⸗ angeht. Niccolo und die Uebrigen ſtanden eilig und freudig auf und unterdeſſen trat Lamberto herein, von Fanfulla unterſtützt und ſo ſchnell als er konnte, denn er war an einem Fuß verwundet. Er näherte ſich Lau⸗ domia, die ihn mit matten Augen anblickte; er reichte ihr die Hand und ſagte: „Liebe Laudomia, Du ſiehſt, da bin ich wieder!“ Die liebevolle Stimme des Jünglings ſagte mehr als ſeine Worte. Gleich darauf lag er in Niccolo's und der Uebri⸗ 181 gen Armen, und Alles dankte Gott, daß er wohl⸗ behalten war. Nicht weniger wurde Fanfulla gelieb⸗ kost und dieſer ſagte heiter zu Laudomia: „Habe ich Euch nicht geſagt, ich würde ihn wieder zurückbringen, es gehe, wie es wolle.“ „Das kannſt Du mit Wahrheit ſagen,“ rief Lam⸗ berto;„denn wenn Du nicht wäreſt!. daß ich hier bin, verdanke ich nächſt Gott Dir, mein Waffenbruder!“ „Was hat das zu ſagen,“ erwiederte Fanfulla; „das find Zufälle des Krieges; hilf mir, ſo helfe ich Dir wieder! Heute Dir, morgen mir! Ich denke, wir ſind wohl Beide noch in dieſer Beziehung zu etwas gut! Seht einmal, Donna Laudomia! Ihr dürft nicht erſchrecken, daß Lamberto dieſes Bein nachzieht; es hat nichts zu ſagen. Wir wollen Euch erzählen, wie es zugegangen iſt. Die Freudenbezeugungen des Empfanges fingen von vorn an; Niccolo umarmte von Neuem Lamberto und den guten Fanfulla und dankte dieſem für den großen Dienſt, den er dem Erſtern nach der Ausſage Gefährten geleiſtet hatte; dann ſagte er zu Lam⸗ erto: „Bei ſo großem Unglück bleibſt uns doch wenig⸗ ſtens Du noch übrig. O Lamberto, in welchem unſe⸗ ligen Augenblick ſehen wir uns wieder!“ Das Ausſehen der beiden Soldaten zeigte, aus welchem heißen und hartnäckigen Kampf ſie eben kamen. Die mit Gold eingelegte, ſonſt ſo glänzende Rüſtung Lamberto's war mit Roſt und dichtem Staub bedeckt, von den Federn des Helmbuſches war keine einzige ge⸗ blieben, und kaum war der Helmſchmuck in zwei oder drei zerbrochenen und zerſchlagenen Stücken zu erken⸗ nen. Die linke Armſchiene war zerbrochen und einſt⸗ weilen mit einem Bindfaden zuſammen geknüpft, und auf dem Bruftpanzer und den Beinſchienen war die Spur von hundert Schwertſtreichen zu erkennen; auf 182 der rechten Seite erblickte man ſogar den tiefen Ein⸗ druck einer Büchſenkugel. Auch Fanfulla war, Gott weiß es, übel zugerichtet. Er hatte den Helm verloren und trug ſtatt deſſen ei⸗ nen Hut, unter welchem die Zipfel eines Tuches her⸗ vorragten, mit dem er die Schläfe verbunden hatte. Die wenigen grauen Haare, die man ſehen konnte, waren mit geronnenem Blute zuſammengeklebt; die linke Hand trug er in einer Binde, und ſeine Rüſtung war ſo zerhauen, daß ſie bei jeder Bewegung wie ein dürres Rohr raſſelte. Monafede äußerte bald ihre Betrübniß über die⸗ ſen kläglichen Zuſtand, bald ihre Freude, daß ſie ſo vielen Gefahren lebend entgangen waren. Sie brachte Wein und einige Kleidungsſtücke herbei, damit beide ſich entwaffnen konnten, und half ihnen, unterſtützt von Moritz, deſſen Rüſtzeug nicht beſſer weggekommen war. Bald aber wurde die augenblickliche lebhafte Freude, welche die Rückkehr der beiden Krieger veranlaßt hatte, durch den vorherrſchenden Gedanken an die Niederlage des Bevollmächtigten Ferruccio wieder verdrängt. Nach und nach kehrte das Schweigen zurück, und während Fanfulla und Lamberto ſich entwaffneten, wurden ei⸗ nige abgebrochene Worte des Grimms, der Bewunde⸗ rung und des Lobes über die furchtbare Waffenthat von Gavinana gehört. Kaum waren ſie fertig, ſo for⸗ derte ſie Niccolo mit einen Seufzer, der ſeinen durch männliche Feſtigkeit gemäßigten Schmerz verrieth, auf, Alles zu erzählen. Lamberto ſchlug die Hände zuſammen, hob ſie ge⸗ faltet empor und rief mit begeiſterter Miene: „O ein Held wie Ferruccio, wurde nie und wird nie wieder geboren! Unſer verdorbenes Zeitalter war eines ſolchen Mannes nicht werth! Denken müſſen, daß ſo viele Tapferkeit der Uebermacht dieſes ehrloſen Ver⸗ räthers Maramaldo erliegen müßte und ihn nicht ver⸗ hindern, nicht rächen können! Gott aber wird es thun 183 und die Menſchen, ſo lange die Welt dauert, ſo lange Tapferkeit, Ehre und Vaterlandsliebe mehr gelten, als Schurkerei und Verrath.“ Dieſe Worte ſprach er mit dem größten Nachdruck, plötzlich aber veränderten ſeine Stimme und ſeine Mie⸗ nen ihren Ausdruck und mit bitterem Lächeln fügte er hinzu: „Wahrhaftig, er hat mein Lob noch nöthig!“ Dann ſann er eine kurze Weile nach, um ſeine Ideen zu ſammeln, und erzählte mit leiſer und trau⸗ riger Stimme: „Nun hört, wie die Sache ging. Ihr werdet wiſ⸗ ſen, daß Ferruccio zu Piſa krank lag, als ihm aus dem Palagio der Befehl zukam, ſeine Truppen gegen Flo⸗ renz hin in Bewegung zu ſetzen. Bis er wieder her⸗ geſtellt werden konnte, verloren wir dreizehn Tage und das war unſer Verderben. Wir zogen endlich in Got⸗ tesnamen Nachts durch das Thor gegen Lucca. Wir waren unſerer fünfundzwanzig Fähnlein, ungefähr 3000 Fußſoldaten und 500 Reiter, aber was für Leute! Fan⸗ fulfa kann es beſtätigen. Leute, die. Nun man hat bei Gavinano geſehen, was es für Leute waren. Aber wer wäre auch unter Ferruccio nicht ein ganzer Soldat geweſen? Von Kriegsbedarf braucht man gar nicht zu reden; der Feldherr hatte für Alles geſorgt: Pulver, Sturmleitern, Zwieback, Eiſengeräthſchaften, Brandraketen, Donnerbüchſen, die zu Pferd getragen werden konnten, und tauſenderlei Dinge. Wir zo⸗ gen gegen Pescia hin und auf dem Marſch war eine Ordnung, eine Mannszucht, als wären wir eine Pro⸗ zeſſion von Mönchen. Man ſpricht von den ſchwarzen Banden: Fanfulla, wir haben ſie geſehen; ſag' mir einmal, ob wir dieſe zu beneiden hatten?“ Fanfulla machte ein ſehr gewichtiges Bejahungs⸗ zeichen mit dem Kopfe. „Wir zogen alſo gegen Pescia, wo uns die Ein⸗ wohner den Durchzug vetweigerten; deshalb wendeten 184 wir uns nach der Burg vor Medicina, wo gelagert wurde. Tags darauf ging es nach Calamecca. Dann am Morgen des Sanct Stephanstag, welches der letzte Tag dieſes großen Mannes war, zogen wir einen Hü⸗ gel hinan und es ſollte Montale zu gehen. Sobald wir aber nach Lari gekommen waren, ſetzten ihm dieſe beiden Schufte von der Partei der Cancelliert, die Hauptleute Pazzaglia und Melocchi, der den Beinamen il Bravetto führt, dieſe ſetzten ihm zur Strafe für unſere Sünden in den Kopf, anſtatt gerade aus, wie wir vorhatten, nach Montale zu gehen, ſich nach Sanct Marcelle von ihnen führen zu laſſen(denn es war ihnen weniger um den Dienſt der Statt zu thun, als fich unſerer zu bedienen, um die Panciatichi zu ver⸗ tilgen) und ihr müßt wiſſen, daß dieſe beiden elenden Schurken die Urſache des Mißlingens unſerer Unter⸗ nehmung waren und Niemand Anders, das will ich gegen Jedermann behaupien. Mag die Welt unter⸗ gehen, dieſe Raſenden vom Pifſvjergebirge beküm⸗ mern ſich nichts darum, wenn fie nur einen vyn der feindlichen Partei ermorden können, und Herr Fran⸗ eesco, Gott verzeih' es ihm, hätte dieſen wüthenden Narren ſeine Hülfe nicht gewähren ſollen. Genug, nicht ich habe dieſe goße Seele zu beurtheilen; er wird ſchon ſeine Gründe gehabt haben. Er ärgerte ſich, daß das Landvolk ſich ihm feindſelig erwies und ihm Lebensmitiel verweigerte; er ſagte zu d Arſoli:„wir werden dieſes Land zuletzt noch mit Gewalt zwingen müſſen.“ Auch das muß noch angeführt werden, daß die Cancellieri verſprochen hatten, mit tauſend Mann zu uns zu ſioßen. Wie dies geſchehen iſt, werden wir nachher ſehen. „Kurz, in ein paar Stunden befanden wir uns in Sanct Marcello. Als uns die Einwohner heranrücken ſahen, flüchteten die Einen ihre Habſeligkeiten, die An⸗ dern verſchloſſen und befeſtigten ſich in ihren Häuſern und viele flohen in die Kirche. Auf der entgegenge⸗ ——— —— —— —— 185 ſetzten Seite der Stadt, nach Cerreto hin, bewegte ſich ein Zug von Weibern, Kindern, Greiſen, welche mit ihren Säuglingen und Allem, was ſie zu Hauſe ſchnell aufraffen konnten, beladene Laſteſel, Kühe oder an⸗ dere Hausthiere hinter ſich herziehend, die Flucht er⸗ griffen. Man ſah ſie von Zeit zu Zeit durch die Ka⸗ ſtanienbäume hindurch und hörte das Weheklagen und Weinen der Weiber und Kinder. Ich ritt gleich hin⸗ ter jenen zwei ſchurkiſchen Cancellieri und ſah, wie ſie einander mit grimmiger Freude in die Augen lach⸗ ten, wie ſie ſich an dieſem traurigen Schauſpiel wei⸗ deten und ſich ſchnell dem Feldherrn näherten, um zur Eile zu mahnen, damit ihnen nicht Alle entrinnen möchten.„O ich ſchwöre Euch, ich weiß nicht was für ein Heiliger mir die Hand gehalten hat, daß ich ihnen nicht mit dem Schwert eins über den Kopf verſetzte; ich hätte dann einen elenden Buben aus der Welt geſchafft, und ich ſagte zu mir ſelbſt: Wie! Deutſche, Spanier und tauſend Teufel auf dem Halſe, und jetzt fallen wir dieſe armen Bauern an! Gott weiß, wie das enden ſoll. „Und wer find ſie? Italiener. Wer ſind wir? Italiener. O, bei dem wahren Gott! wenn er uns züchtigt, ſo geſchieht uns vollkommen Recht; und Fan⸗ fulla kann es bezeugen, daß ich gleich zu ihm geſagt habe: dieſer Anfang gefällt mir ſchlecht; anſtatt zu Gott zu beten, daß er uns Sieg verleiht, ſolche rohe Schlächtereien!.. Glaubt mir, ich prophezeite nur zu wahr. „Um es kurz zu machen, kaum waren wir einge⸗ rückt, ſo ging Alles drunter und drüber; Haus für Haus wurden die Thüren eingebrochen, niedergemacht, ſo viel man erreichen konnte und aus den Fenſtern regneten Kugeln; überall auf den Straßen, im Innern der Häuſer, auf den Treppen, von Gemach zu Gemach wurde gekämpft, denn dieſe Unglücklichen hofften auf kein Mitleid und wollten wenigſtens nicht ungerächt S—— 186 ſterben. Die beiden Unſeligen aber ſchienen ſich ver⸗ hundertfacht zu haben; ich konnte meine Augen nirgends hinwenden, wo ich ſie nicht ſah, und ſie verübten ſolche Gräuel, daß ich meinte, die Erde müſſe ſich öffnen.. Mit eigenen Augen habe ich geſehen, wie Meloechi ein Kind von wenigen Monaten, das er in dem Hauſe ei⸗ nes Privatfeindes gefunden hatte, bei einem Beine hielt und teufliſch lachend zweimal im Kreiſe herum⸗ ſchleuderte und es ſo in ein brennendes Haus warf; noch höre ich den ſchrillenden Todesſchrei des Unſchul⸗ digen! O mein Gott, mein Gott! Konnteſt Du ſo verruchten Mördern Sieg verleihen? Da ich es nicht verhindern konnte und ſo niederträchtige Thaten nicht ſehen mochte, ſo verließ ich dieſe Stelle und ging mit Fanfulla 6 dem Thore gegen Gavinana zu, um zu warten, bis dieſe Abſcheulichkeiten ein Ende haben würden. Mit Staunen erblickte ich hier Me⸗ loechi, der mit zwei Andern auf mich zulief und rief:„Schnell, ſchnell den Flüchtlingen nach, daß wir ſie einholen.“ Wir warfen uns ihm in den Weg, wie grimmige Hunde und ich rief ihm zu:„Augen⸗ blicklich weiche von da, Du Schurke!“— Hätte er nur ein einziges Wort erwidert, ſo wäre er des Todes geweſen; hierauf zog er ſich zurück, und die Unglück⸗ lichen konnten entwiſchen. Indeſſen wurde ihrer Wuth dadurch Einhalt ge⸗ than, daß die Sturmglocke von Gavinana in lauten Schlägen ertönte, und Ferruccio ordnete ſeine Scharen, da er die Annäherung der Feinde erwartete. Er be⸗ fand ſich in dem Hauſe Mezza Lancia, außerhalb des Thores gegen Piſtoja, heutzutage das Haus Ciampa⸗ lanti. Das Feld, das ſich auf der andern Seite der Straße in die Höhe zieht, war ſo mit Soldaten an⸗ gefüllt, daß man blos Eiſen zu ſehen glaubte; daher heißt es heute noch Eiſenfeld. Es war düſteres Wetter geworden und regnete heftig. Die Leute erhielten den Befehl, ſich zu er⸗ 18 157 friſchen und Speiſe zu ſich zu nehmen. Der Bevoll⸗ mächtigte trat in voller Rüſtung, den Helm ausge⸗ nommen, heraus, ſprach mit ſeiner gewohnten Beredt⸗ ſamkeit mit den Soldaten, trank dann und ſagte la⸗ chend unter dem fortwährenden Regen:„Das Wetter kommt uns zu ſtatten und wäſſert unſern Wein, daß wir nicht betrunken in den Kampf gehen.“ Leider war es ſein letzter Trunk. Jetzt wurde ſein weißes türkiſches Pferd vorge⸗ führt, das er von den Albaneſen gekauft hatte; er ſprang hinauf und führte mit bloßem Degen die vier⸗ zehn Fähnlein an, welche den Vortrab ausmachten. Der Nachtrab beſtand aus fünfzehn unter der Anfüh⸗ rung des Herrn Gian Paoli; ich war unter den Letz⸗ teren bei dem Fähnlein des Amico d'Arſoli; Fanfulla folgte dem Ferruccio. Wir erhielten indeß von Gavinana Nachricht, daß die Kaiſerlichen viel ſtärker ſeien, als wir, und daß der Prinz ſie in Perſon anführe. Fanfulla ſagte ſo laut, daß Ferruccio es hören konnte:„Der Verräther Walateſta!“ Denn man konnte nicht annehmen, daß Oranien das Lager ſo unbeſchützt gelaſſen haben würde, wenn er nicht ſicher geweſen wäre, von Malateſta nicht beunruhigt zu werden. Vielleicht zweifelte Ferruccio damals in ſeinem Innern ſelbſt an dem glücklichen Ausgange der Schlacht; ſein Aeußeres aber zeigte kühnen Muth und er beſchleunigte den Marſch nach Gavinana. Wir, die Reiter vom RNachtrab, ſchlugen einen Seitenweg zur Rechten ein, um denjenigen des Prin⸗ zen zu begegnen. Wir ritten ſo ſchnell und ſo gedrängt als möglich.(Der Boden war nicht eben günſtig für die Bewegungen der Reiterei); von der Burg hörten wir bereits Büchſenſchüſſe und den Lärm der Schlacht, welche der Bevollmächtigte begonnen hatte. Nun mach⸗ ten auch wir uns auf, um ins Handgemenge zu kom⸗ men, und überſchritten den kleinen Waldbach, der dort fließt. Zwiſchen den Kaſtanienbäumen war es ein wenig eben; dort ſtießen wir mit der Reiterei des Bicherini, des Herrera und des Rosciale und mit dem Albaneſen mit ſeinen Stratioten zuſammen. Wir wa⸗ ren keine halbe Stunde mit ihnen im Gefecht, ſo trie⸗ ben wir ſie mit Hülfe der Büchſenſchützen, die wir bei uns hatten, in einiger Unordnung zurück.„ Ich brauche nicht davon zu ſprechen, daß ich da⸗ bei war, aber wir thaten unſere Schuldigkeit, und Herr Amico, der unglückliche Greis, kämpfte an die⸗ ſem Tage, als zähle er erſt fünfundzwanzig Jahre. So trieben wir die Feinde um die Mauer herum vor uns her und gelangten auf die andere Seite der Stadt, an den Ort, der Vecchietto genannt wird. Dort fingen die Kaiſerlichen an ſich aufzulöſen und zu flie⸗ hen. Als der Prinz die Feigheit der Seinigen ſah, eilte er vorwärts gegen die Felder hin, die man Le Vergini nennt; von da und von dort, von der Burg und überall her hagelte es Büchſenkugeln; er jedoch, tapfer wie immer, kümmert ſich nichts darum! Und vorwärts! Und wie er ſich eben, mit hoch erhabenem Schwert, dem Maſi in den Weg wirft, ſehe ich ihn nach einer Seite hinwanken und gleich darauf auf dem Boden ausgeſtreckt. Im Anfange bemerkten es wenig der Seinigen, da der Rauch Alles verhüllte; jetzt aber ſah man ſein Pferd, einen ſchönen Braunen, mit wei⸗ ßem Schaum bedeckt, in kühnen Sprüngen mit flattern⸗ den Mähnen, wie ein Löwe, blitzſchnell vorbeirennen und im Kaſtaniengebüſch verſchwinden, wo es die Zweige und auf was es ſonft ſtieß, zertrat und zerbrach. Seine feigen Scharen flohen, ſtatt den Fall ihres Füh⸗ rers zu rächen, wie wenn ſie den Teufel geſehen hät⸗ ten, gegen Piſtoja zu; die Unſern hinten drein, Victo⸗ ria ſchreiend, daß die Berge widerhallten und Ferrue⸗ cio glaubte, als er dies vernahm, die Schlacht gewon⸗ nen zu haben. Ganz athemlos, die Augen von Siegestrunkenheit 189 funkelnd, rief d'Arſoli mir und einem Andern zu: 4 „Schnell! zurück an das papinianiſche Thor! Und wenn mir der Bevollmächtigte fünfzig Reiter geben kann, ſo ſchickt fie hieher, um diejenigen zurückzuwerfen, welche um die Mauern herumreiten und uns in den Rücken fallen möchten, damit ich die Fliehenden ſicher verfolgen kann.“ Er ſpornte ſein Roß und war im eiligſten Rennen entſchwunden, wir aber ſprengten pfeil⸗ ſchnell rückwärts; ich ſah wohl ein, wie ſehr die Eile Noth that, denn in der Ferne zeigten ſich mehrere Fähnlein Lanzenknechte, die in Schlachtordnung ſtanden und noch nicht ins Gefecht gekommen waren. Während wir über die Stoppeln galoppirten, war es mir plötz⸗ lich, als ob ſich die Erde unter mir geſpalten hätte; mein Pferd ſtürzte und ich kopfüber den Abhang hi⸗ nunter über Geſträuch und Felsblöcke, bis wir in einer Vertiefung liegen blieben, ich unten und mein Pferd oben; ſo lag ich ohne mich rühren zu können und mein rechtes Bein war auf einmal von einer warmen Flüſſigkeit beveckt, dem Blut des Pferdes, das, von einer Kugel getroffen, gewiſſermaßen in der Luft um⸗ kam. Ich ſelbſt konnte weder mich bewegen noch mir aufhelfen und fühlte, daß mein Athem gehemmt war, was mir unbegreiflich vorkam, da blos mein eines Bein unter der Laſt des Pferdes gedrückt wurde. Als ich aber ſpäter darüber nachdachte, fiel mir ein, daß wahrſcheinlich im Augenblick meines Falls eine Kano⸗ nenkugel zwei Zoll vor meinem Geſicht vorbei flog, und ihr wißt, daß dieſes hinreicht, um eine Zeit lang den Athem zu benehmen. Ich ſuchte meinem Bein bald da, bald dort mit 3 den Händen Luft zu machen, aber Alles war vergeblich und. ich mußte Geduld haben. Unterdeſſen war mein Ge⸗ fährte bei dem Bevollmächtigten angelangt und Fan⸗ fulla erhielt den Befehl, die fünfzig Reiter anzuführen, welche d'Arſoli verlangt hatte. Ich ſah ſie ankommen und ſich, wenige Schritte von dem Ort, wo ich herab⸗ geſtürzt war, in Schlachtreihe ſtellen, ohne daß ich noch um Hülfe rufen konnte; auch verbarg mich das dichte Gebüſch ihren Blicken; ich beobachtete ſie aber und hatte die Freude, mit anzuſehen, wie wenig ſich unſer Fanfulla um Büchſenkugeln bekümmert. Denkt Euch nur, er hielt zu Pferd vor der Fronte ſeiner Mannſchaft und ich hörte ihn zu einigen Rekruten, die ſich beim Pfeifen der Kugeln neigten, ſagen:„Muth, ihr Burſche! das hilft euch Nichts; die Kugel, die ihr pfeifen hört, iſt ſchon vorbei!“ und mit ſteifer Haltung im Sattel fitzend, gab er ſeinen Soldaten Verhaltungsmaßregeln, als ob er ſie auf dem Exerzierplatze einſchulte, nicht aber ſich in der Schlacht befände. Unterdeſſen traf ſein Pferd eine Büchſenkugel, ſo daß es ſich ganz auf die Seite bog; ohne ſich dadurch aus der Faſſung bringen zu laſſen, ritt er es im Schritt vorwärts und ſagte ganz ernſthaft:„Wenn man bemerkt, daß das Pferd verwundet iſt, ſo darf man es in der Regel nicht ſtehen laſſen, es fühlt ſonſt den Schmerz mehr und wenn ein Nerv getroffen iſt, kann es leicht ſteif werden. Man muß es ſachte in Bewegung ſetzen und ihm ein Bis⸗ chen die Sporen geben.“ dieſen Worten unterbrach ihn Fanfulla lä⸗ chelnd: A „Ei nun, ich hatte da ein paar Flaumbärte vor mir, die das Ziſchen der Kugel ſo nah am Ohr zu beunruhigen ſchien; ich wollte ihnen zu verſtehen ge⸗ ben, daß das nicht viel zu bedeuten habe. Ich habe gar manche gehört und bin doch noch da.“ Niccolo und die Andern lächelten ein wenig und Lamberto fuhr fort: „Kurz ich brachte mein Bein nicht wieder frei, fühlte heftigen Schmerz und glaubte es gebrochen zu haben; da es bedeutend aufſchwoll. Als ich endlich wieder ſo viel Athem in der Bruſt hatte, um nach Hülfe rufen zu können, ſah ich einen Boten aus Ga⸗ vinana kommen, der Fanfulla und die Seinigen zu 191 dem Bevollmächtigten zurückrief; denn jene Lanzenreiter, die wir zuerſt geſehen hatten, hatten ſich auf das Thor von Peccia geworfen und dort den Kampf mit den Truppen des Ferruccio erneuert, die durch das fiegreiche Gefecht mit Maramaldo ermüdet waren. Ich ſah Fan⸗ fulla abziehen und mußte liegen bleiben, ohne etwas Anderes thun zu können, bald darauf hörte ich in dem Schloß ein furchtbares Schlachtgetümmel und ſo lautes Schießen, als ob es das ſtärkſte Gewitter oder gar ein Erdbeben wäre; ich aber verzweifelte, nicht mitkämpfen zu können. „Eine Stunde ſpäter ließ das Schießen nach und hörte zuletzt ganz auf. Ich hörte nur noch ein dumpfes Geſumme von dem Schloſſe her, wie in einem Neſt von Horniſſen; Abends endlich fand mich Fanfulla und half mir auf. Er wird Euch ſagen können, wie es in der Stadt zuging, denn er hat Alles geſehen.“ „Wenn ich es nur nicht geſehen hätte,“ ſagte Fan⸗ fulla.„Als ich zurückgerufen wurde— Ihr müßt aber bedenken, daß ich nicht ſo ſchön reden kann, wie Lam⸗ berto, ich erzähle es Euch eben nach meiner Weiſe— als wir alſo an das papinianiſche Thor kamen, ließ ich Alle abſteigen, denn ich pflege zu ſagen, in engen und krummen Straßen iſt es beſſer auf zwei Beinen als auf vier. Wir rückten alſo zu Fuß in guter ge⸗ ſchloſſener Ordnung mit eingelegten Picken auf den Platz. Das war ein Anblick! Die Leichen lagen in Haufen, das Blut floß wie das Regenwaſſer in den Goſſen und bereits war der erſte Zug der Lanzenreiter aus der Straße, die von dem Thor gegen Peccia her einmündet, herangedrungen; die ganze Straße, welche ein wenig bergan geht, war von dieſen verwünſch⸗ ten Scharen erfüllt. Der Bevollmächtigte war ſchon todtmatt und blutete. Aber was thut er! Seine Leute waren größtentheils erſchlagen oder verwundet; keine Rede vom Ergeben. Er ruft ſeine Hauptleute und Unteroffiziere zu ſich, ſtellt ſie in eine Reihe und ſtürzt 192 ſich mit ihnen köpflings unter die Lanzen. Er war der Vorderſte. Der Hauptmann Goro wollte ſich vordrän⸗ gen, um ſeinen Körper zu decken; er drückte ihm den Arm zurück, brüllend wie ein wildes Thier und zog ihn rückwärts. Es iſt eine geraume Zeit her, vaß ich mit Picken kämpfen ſehe, ich habe es wahrhaftig mehr als einmal geſehen, aber einen ſolchen Angriff, wie unſere Schar— denn auch wir hatten uns ange⸗ ſchloſſen— auf jene Lanzknechte unternahm, habe ich in vierzig Jahren nicht geſehen. „Drauf alſo wir Alle mit ſo dichtgedrängten Spee⸗ ren, daß man faſt kein Tageslicht ſah. Man kämpfte mit Dolchen und Meſſern, Manche auch packten einan⸗ der und rangen, warfen ſich auf den Boden und erho⸗ ben ſich wieder, und je mehr man todt ſchlug, deſto Mehrere erſchienen wieder, und ich hoffte eben ſo darauf, mit dem Leben davon zu kommen, als Pabſt zu werden. Wir kamen bald ſo weit, daß uns die Kräfte ausgingen, uns aufrecht zu erhalten und doch kämpften wir fort! 5 war eine Hitze! die Rüſtung brannte wie Feuer! Nun hörte ich, wie Orfini, der ſich immer an der Seite Ferruccios hielt und ihn ganz athemlos, bedeckt mit Schweiß, Staub und Blut er⸗ blickte, zu ihm ſagte:„Wollen wir uns nicht ergeben? Herr Bevollmächtigter?“ „Nein! ſchrie dieſer mit wildem Gebrüll und auf einmal ſchienen ihm die Kräfte zurückzukehren und er warf ſich, wie vom Teufel beſeſſen, in das Gedränge der Lanzknechte, welche allmählig anfingen zu wanken. Macht Euch nun ein Bild von unſerer Lage! Da wälzt man ſich wie die Hunde und arbeitet und ſtrampft, dringt vorwärts und wird zurückgeworfen, und ſo im wilden Kampfe über Leichen ſpringend und von Blut übergoſſen, kommen wir auf einmal zum Thore hinaus, ſehen das Freie und bemerken jetzt erſt, daß wir die Mauer der Lanzknechte durchbrochen hatten, denn in der engen Straße konnte ich nichts ſehen und wußte 193 nicht, wo ich war. Ich fühlte meinen Kopf verwundet, denn ich hatte einen Hieb auf das Haupt bekommen und das Blut benahm mir das Geſicht. Genug, wir waren draußen, ich bekam ein wenig freie Hand, rei⸗ nigte mir die Augen und ſah, da der Feind gerade ſeine Scharen ein wenig ausbreitete, den Bevoll⸗ mächtigten ſich in ein kleines Haus, nahe bei der Ka⸗ pelle der Jungfrauen, werfen, wohin ich ihm folgte, indem ich mir ſagte:„So lange Du nicht willſt, will ich auch nicht!“ „So ging es von vorn an; aber wir waren zehn, nicht weiter und Einer nach dem Andern von den Unſri⸗ gen fiel, aber ohne daß wir einen Schritt gewichen wären. Man kämpfte an der Thüre, welche endlich von mehr als Hunderten geſprengt wurde, die auf uns eindrangen, während nur noch Viere von uns am Leben waren. Ferruccio war vom Blutverluſt und Ermattung zu Boden geſunken und vermochte kein Glied mehr zu regen; nur das Blitzen ſeiner Augen und das Rhcheln ſeiner Kehle verrieth, daß er noch lebte. Der arme Herr! Er wurde von einem Spanier gefangen und ich von einem Andern, und ſo wir alle Viet, die noch am Leben waren. „Der Spanier, der Ferruccio gefangen hatte, wollte ihn verbergen, aber es kam ein Befehl von Maramaldo, ihn zu ihm zu führen. Man ſetzte ihn auf zwei ge⸗ kreuzte Piken und ſo trugen ſie ihn auf den Platz. „Maramaldo hatte ſich nach ſeinem Siege in dem Hauſe an der Kirchenecke einquartirt und trat eben auf die Gallerie vor der Hausthüre, wo man auf zwei Treppen hinaufſteigt, als die Soldaten kamen, welche den Bevollmächtigten brachten. Sie legten ihm denſelben vor die Füße; er blieb liegen und vermochte ſich nur auf einem Arme zu halten; den Kopf aber hob er hoch und blickte wilder als je.“ Hier hielt Fanfulla einen Augenblick inne; dann wurde ſeine Miene ernſt und traurig, was ſonſt gar Riccolo de' Lapi. M. 13 ſchüttelnd: 194 nicht in ſeiner Natur lag, und dann ſagie er kopf⸗ „Ich würde das wenige Blut darum geben, das ich noch habe, wenn ich das nicht geſehen hätte, was ich Euch jetzt erzählen muß.“ Nach einer nochmaligen Pauſe erzählte er weiter: „Maramaldo nähert ſich ihm und ſagt: Biſt du end⸗ lich einmal da, feiger Krämer? Aber Ferruccio läßt ihn nicht ausſprechen, ſondern wirft ihm ſeine Schimpf⸗ reden in den Hals zurück, als wäre er geſund und bewaffnet und nicht in der Lage, in der er ſich befand; und während ſie einander Schimpfreden ſagten, ſehe ich Maramaldo mit ſeiner rechten Hand hinter dem Rücken nach etwas ſuchen, bis er den Griff ſeines Dolches findet. Er ergreift ihn und zückte ihn plötz⸗ lich Ferruccio in das Geſicht. Ich ſah ihm gerade in die Augen; er bewegte ſie nicht; er wendete ſie nicht ab, und zweimal wurde ihm die Klinge in den Hals geſtoßen, und durch das Blut hindurch, das ihm aus dem Halſe ſprudelte, rief er ſterbend:„Elende Memme! Du erſtichſt einen todten Mann!“ „Dik Schurken hatten mir die Hände auf den Rücken gebunden, ſonſt hätte ich ihn mit den Nägeln und mit den Zähnen gerächt. Solche Menſchen nennen ſich Kriegshauptleute! Banditenhäuptlinge ſollte man ſie heißen! ſie find eine Schandéè des Kriegshandwerks! „Ich wurde in ein nahes Haus gebracht und dort nahm mich derjenige, der mich gefangen hatte, in Augenſchein. Ich erkannte ihn wieder, denn wir wa⸗ ren mit einander in Bourbons Heer; es war ein ge⸗ wiſſer Velasco. Er ſagte zu mir:„Wahrhaftig, ich hätte nicht gedacht, daß Du es wäreſt!“ Wir unter⸗ hielten uns mit einander, kurz er war ſo höflich gegen mich, daß ich mir die Freiheit nahm, ihm zu ſagen: Sieh, was für ein Löſegeld ſoll ich Dir bezahlen? Kehre mich um, und Du findeſt keinen Dukaten!“ „Aus alter Frrundſchaft— denn ich kenne faſt alle — 195 Soldaten, die ſich ſeit zwanzig Jahren in den Kriegen Italiens herumtreiben und, ohne mein Verdienſt, wohen mir alle wohl— ließ er mich gehen. Zwar habe ich ihm verſprochen, ihm etwas zu geben, ſobald ich ein paar Golvſtücke zuſammenbringe; ich fürchte aber, er werde ein wenig warten müſſen. „Nunmehr dachte ich an Lamberto. Gott weiß, wie es gekommen iſt, es war ſchon Abend geworden und die Soldaten in der Stadt ließen ſich es wohl ſein, tranken und ſpielten, plünderten, kurz ſie machten es wie immer. Ich ſchlich mich hinaus und nahm mir feſt vor, Lamberto aufzufinden, er möge leben oder todt ſein, und ich dachte an Euch, Madonna Laudomia. Ich ſagte zu mir:„Wie willſt du ohne ihn zurück⸗ kehren!“ Ich fing an, auf den Hügeln herum zu ſuchen, die von Leichen und Sterbenden bedeckt waren. Es war eine ſternhelle Nacht. Die einen winſelten, die andern fluchten über Gott und die Heiligen; Andere flehten mich an, wie ſie mich vorbeikommen ſahen; aber was konnte ich thun. Ich ſagte:„Empfiehl Dich Gott, lieber Bruder!“ und ging weiter, denn wenn ich Alle hätte anhören wollen, wäre ich in einem gan⸗ zen Monat nicht fertig geworden. Kurz, nach ein paar Stunden, die mir doppelt ſo lang vorkamen, da meine. Kopfwunde mich ſehr ſchmerzte und ich mich wie zer⸗ ſchlagen fühlte, ſo daß ich jeden Augenblick glaubte umzufallen, um nicht wieder aufzuſtehen, fand ich ihn in jener Tiefe und, Gott ſei Dank! lebend. Wir wollen einander helfen, Lamberto, denn das Feſt iſt aus und zu Ende! und ich erzählte ihm Alles. Wie wir nun beide das todte Pferd auf die Seite ſchafften und dann Mittel fanden, hieher zu gelangen, iſt nicht der Mühe werth, zu erzählen; kurz, wir find da und wenn ich gehofft habe, Florenz wieder zu ſehen, ſo will ich den Hals brechen. nene Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Nacht, welche dieſem ſtürmiſchen Tag folgte, verging für die Florentiner unter Zurüſtungen und ängſtlicher, argwöhniſcher Erwartung der wichtigen Vorfälle, welche man auf den kommenden Tag vorher⸗ ſah. Sogar in denjenigen Stunden, wo der Schlaf ſonſt wegen der drückenden Hitze jede Sorge und jede Erinnerung an die tägliche Arbeit zu beſiegen pflegt, blieb ganz Florenz wach. Wenn man durch die Stra⸗ ßen ſchlenderte, begegnete man Niemand, aber die Helle, welche da und dort durch die Fenſter ſchimmerte, der Lärm und die Stimmen, die man im Innern der Häuſer vernahm, verrieth deutlich, daß dieſes unglück⸗ uͤche Volk die Annäherung der letzten Scene jenes langen⸗ und blutigen Trauerſpiels im Voraus ahnte und daß die Leidenſchaften, der Parteihaß um ſo hef⸗ tiger glühten, je näher man daran war, daß die Hoff⸗ nungen und Wünſche jedes Einzelnen unwiderruflich entweder gekrönt oder getäuſcht werden ſollten. Der ärmere, folglich der größere Theil der Bür⸗ ger, welcher bei ſolchen Gelegenheiten immer den beſten und redlichſten Willen zu zeigen pflegt und ohne Nebenzwecke und Ränke zu Werke geht, oft aber gerade deßwegen für die Heuchleriſchen und Schlauen bezahlen muß, rüſtete ſich in dieſen nächtlichen Stunden auf den offenen Kampf für den morgenden Tag und hoffte auf den Sieg, bereit, denſelben mit vielen Opfern zu erkaufen. Es wäre ein ſchönes und erhabenes Schauſpiel geweſen, wenn einer in das Geheimniß aller dieſer niedern Hütten hätte eindringen können und die Zuberei⸗ tungen zu dieſem großen Opfer zu ſehen⸗ Ruhig rüſteten 197 ſich dieſe Männer zum Tode für das Vaterland und um welchen Preis? mit welcher Hoffnung? Etwa derjenigen, ihr Loos zu verbeſſern und ſich durch den Sieg zu bereichern? Nein! Ihr Zuſtand, das wußten ſie wohl, konnte ſich nicht ändern; Armuth und An⸗ ſtrengung wären nachher wie vorher ihr Lebenslauf geweſen; aber das bedachten, das erwogen ſie nicht; ſie liebten ihr Vaterland, wie man eine Mutter liebt, oder wie eine Geliebte. Es war ihr erſter Gedanke von Kindheit an geweſen, ſollte einſt noch der letzte ihrer Greiſenjahre ſein; ſie gaben ihr Leben für daſſelbe, gerade mit der Empfindung, mit der es ein Liebender der Geliebten opfert, ohne einen andern Lohn zu er⸗ w als eben die Freude, zu ihrer Rettung zu erben. Wie innig, wie heiß werden in dieſer Nacht die Gebete der Mütter und der Greiſe geweſen ſein! Wie viele Thränen wurden heimlich vergoſſen! Wie viele Gelübde, wie viele Verſprechungen ſtiegen von un⸗ ſchuldigen Seelen zu Gott empor, die auf ihn allein ihre Hoffnung ſetzten! Die unendliche Mannigfaltig⸗ keit aller dieſer Familienbilder, wie ſie das Innere ſo vieler Häuſer bot, mag die Phantaſie verwirren, wenn man das ernſte Mutheinſprechen der Greiſe, die kühne zuverſichtliche Hoffnung der Jünglinge, den ehrenvollen und unwiderruflichen Entſchluß Aller bedenkt; aber das Herz blutet, wenn man ferner erwägt, daß es zu glei⸗ cher Zeit Bürger in Florenz gab, welche die Sorge wach hielt, wie ſie allein dem allgemeinen Schiffbruch entrinnen, ihr Leben um den Preis des Verrathes erkaufen und für das Blut und vie Freiheit ihrer Brü⸗ der noch Schätze für ſich gewinnen möchten. Nur zu viele gab es deren; es war dieß die Partei der Vornehmen, auf welche ſich Malateſta beſonders verließ und die aufzuwiegeln Troilo und Nobili, wie wir geſehen haben, den Auſtrag erhalten hatten. Ihre Aufgabe war leicht; denn ihr Plan war zur Reife gediehen und der Eigennutz überwog jede andere Rückſicht bei Männern, die ſich für das gemeine Wohl erſt noch ſo eifrig und willig geſtellt hatten; aber ſie waren reich, ſie hatten etwas zu verlieren, und hatte ſich nicht geirrt, wenn er ihnen nicht raute. Als Troilo und Nobili Malateſta verlaſſen hatten, gingen ſie vom Einen zum Andern dieſer Partei und je nach Umſtänden gelang es ihnen bald durch zwei⸗ deutige Reden, bald durch offene Verſprechungen, ſie wirklich von der Sache des Volks abzuziehen und zu den Maßregeln zu bewegen, die ſie nachher wirklich ergriffen und ſo den völligen Untergang des Staates herbeiführten. Endlich entſchwand dieſe Nacht; die erſehnte und gefürchtete, aber von ſo Vielen mit muthiger Faſſung erwartete Morgenröthe umzog bereits mit ihrem reinen Purpur die Anhöhen um Vallombroſa. Als ihre Stralen in die Häuſer zu dringen begannen und dort die düſtere Glut der Lichter überwanden, beleuchteten ſie in jeder Familie eine traurige Abſchiedsſcene, Um⸗ armungen und Thränen, raſche, glühende Worte der Weiber, Segnungen der Greiſe und der Väter, und nach und nach wurde Lärm in der Stadt, dumpfes Brauſen von Stimmen, von Schritten, von ſich öffnen⸗ den und heftig zugeſchlagenen Thüren, und die Bürger traten bewaffnet aus den Häuſern, um ſich zu ihren Fahnen zu ſammeln. Sie tauſchten das letzte Lebe⸗ wohl, wechſelten die letzten Blicke mit ihren Angehö⸗ rigen, mit ihren Weibern und Kindern, die ſie in Thränen auf den Schwellen zurückließen. Als die Sonne aufging, war der Marktplatz bereits nicht weniger als am Tage vorher von Volkshaufen gefüllt und die Rathoherren zur Berathung verſammelt. Da ſah man eine Schar von Männern zu Pferde von der Vacchareccia her eintreffen, an deren Spitze Cencio Guercio; ſie begaben ſich gerade auf das Pa⸗ 199 lagio zu. Von dem hin und her vrängenden Volke mit nicht ſehr freundlichem Gemurmel empfangen, ſtieg er vom Pferd und die Treppen hinauf, wo die Ver⸗ ſammlung ſich befand, und entledigte ſich mit anma⸗ ßenden Worten des Auftrags, welchen Malateſta ihm ertheilt hatte. Der Verräther hatte in dieſer Nacht keine Zeit verloren; da er wohl wußte, wie ſehr man allgemein gegen eine Capitulation und für die Fortſetzung des Kampfes geſtimmt war, ſo hatte er den genannten Cencio und noch einen andern zu Don Ferrante in das Lager geſchickt, und dieſe waren wit einer Taſche voll Vertragsartikel zurückgekommen, nach welchen die Medici in die Stapt zurückberufen werden, die Staats⸗ verfaſſung aber republikaniſch bleiben ſollte.. Dieſe trug Cencio alſo vor und ſagte, Malateſta rathe dazu, ſie anzunehmen und ermahne ſie, das äußerſte Verderben von Florenz abzuwenden, da ihre Sache doch verloren ſei. Er ſprach ſo anmaßend, daß der Gonfaloniere nahe daran war, ihn verhäften zu laſſen. Zu ſpät bemerkten die Rathsherrn ihren Fehler, ſich auf dieſen Schurken verlaſſen zu haben, der ſeine Larve jetzt ſo ſchamlos abnahm; zugleich hörte man auf dem Marktplatze das Volk nach der Schlacht rufen. Cencio wurde mit noch ſtolzeren Wor⸗ ten verabſchiedet und ihm aufgetragen, Malateſta zu ſagen, wie wir es mit Varchis Worten wiedergeben: „Die Rathsverſammlung habe dieſen ſo oft vorgeſchla⸗ genen und zurückgewieſenen Antrag wiederholt verwor⸗ fen und beſchloſſen, daß auf jeden Fall gekämpft wer⸗ den ſolle; daher ertheilen ſie, die Rathsherrn, ihm den Befehl und erſuchen ihn als Bürger bei ſeiner Ehre und zu ihrer Rettung, daß er ſeinen Soldaten den Befehl auszurücken ertheile, denn es ſei von ihrer Seite ſchon jede Vorkehrung getroffen und Alles vorhanden, was er zu dieſem Zweck verlangt habe, und noch et⸗ was mehr.“ 200 WMalateſta hatte indeſſen voll ängſtlicher Beſorgniß ſeine peruginiſchen und corſiſchen Leibwachen, die ihm beſonders ergeben waren, um ſich geſammelt und ſo die Antwort aus dem Palagio erwartet, bald in trotzi⸗ ger Haltung, bald ſie durch Ermahnungen und Ver⸗ ſprechungen zu gewinnen ſuchend. Als Cencio die Ant⸗ wort der Rathsherrn überbracht hatte, erkannte er, daß ihm kein weiterer Ausweg blieb und entſchloß ſich, ſeinem Plan zu Folge ſeine Entlaſſung von der Stelle des Oberfeldhauptmanns zu fordern, um nicht einem Befehl gehorchen zu müſſen, der ihn um den Lohn ſeines Betrugs pringen könnte. Er glaubte übrigens nicht, daß dieſe Entlaſſung angenommen werden würde, ſondern hoffte im Gegentheil, die Standhaftigkeit der Florentiner auf dieſe Weiſe zu brechen und ſie dadurch, daß ſie keinen Feldherrn mehr hätten, zu zwingen, die Capitulation anzunehmen. Er ſchrieb alſo einen langen Brief in dunkeln und zweideutigen Ausdrücken an die Rathsherrn(denn offen zu Werk zu gehen vermochte er nicht); er ſuchte dar⸗ zuthun, wie er ehrenvoll und treu die Pflicht eines Oberfeldherrn erfüllt und ſich alle Mühe gegeben habe, die Stadt von dieſer Belagerung zu entſetzen. Der Erfolg habe gezeigt, daß ſein Rath, keine Ausfälle zu unternehmen, gut geweſen ſei, und er wolle ſich mehr als je an dieſen halten, da durch ſo große Verluſte die Kräfte der Bürger geſchwächt und ihre Feinde ihnen ſo ſehr überlegen ſeien. Er könne es nicht mit an⸗ ſehen, daß eine ſo edle Stadt zu Grunde gehe, wenn man der entgegengeſetzten Meinung folge, und da die Rathsherren beſchloſſen hätten, es doch durchzuſetzen, 5 er lieber ſeine Entlaſſung nehmen und ab⸗ ehen. Malateſta hatte auch den Stephano Colonna de⸗ müthig gebeten, ihn zu unterſtützen und dieſer will⸗ fahrte ihm, ſei es nun, daß ihm der König von Frank⸗ reich es ſo befohlen hatte, deſſen Soldat er war, oder 201 aus einem andern Grunde. Genug, auch er ſetzte ſeine Unterſchrift bei, und kaum geſchrieben, wurde er in das Palagio gebracht. Der Unwille und die Empörung, welche unter den Rathsherren bei Durchleſung eines Briefes entſtanden, der die Schlechtigkeit dieſes Verräthers ſo offen dar⸗ legte, läßt ſich nicht beſchreiben. Ohne Aufſchub faß⸗ ten ſie einſtimmig den Beſchluß, die Abdankung des Malateſta anzunehmen. Es wurde ſogleich eine Ant⸗ wort geſchrieben, in der man, ohne lange Beſchuldigun⸗ gen und Vorwürfe, welche ſich mit der Würde der Republik nicht gut vertragen hätten, ſein Begehren mit ehrenvolleren Worten annahm, als er verdiente. Die Bevollmächtigten Andreolo Niccolini und Francesco Zati erhielten den Auftrag, Malateſta die⸗ ſen Brief zu bringen und nahmen den Notar Leo von Carlignano mit, um dieſen Act zu beglau⸗ gen. Das Voſk wartete ungeduldig den Erfolg dieſer Unterhandlungen ab. Man ſah drei Maulthiere von den Thürſtehern an das Portal des Palaſtes führen; bald darauf erſchienen die genannten Bevollmächtigten, ſtiegen auf und machten ſich unter Vorritt von zwei Herolden durch die Menge hindurch auf den Weg, die ſich den wichtigen Auftrag, zu welchem ſie geſendet waren, zuflüſterte. Als ſie an das Ende des Via maggio, wo die erſten Wachen des Malateſta ſtanden, gelangten, geſtatteten ihnen dieſe den Durchzug, aber mit beleidigenden Worten und mit finſteren Blicken, aus denen ſie auf den Empfang ſchließen konnten, der ſie bei dem Feldhauptmann erwartete. Endlich ſtiegen ſie im Hofe ab, gingen die Treppen hinauf und fan⸗ den ihn in dem Saal, in welchem er gewöhnlich Audienz gab, auf einem Lehnſeſſel, von zahlreichen Wachen umgeben. Er empfing die Bevollmächtigten mit finſterer und hochfahrender Miene und erwiederte ihren Gruß kaum mit einem Kopfnicken. 202 Ees gehörte viel Muth dazu, daß dieſe Männer ſich ohne Beben in der Gewalt ſo vieler Leute ſehen konnten, deren Geſichter nichts Gutes weiſſagten, und die in dieſem Augenblick wohl Feinde genannt werden konnten und wußten, welchen Auftrag ſie brachten. Sie gingen muthig an die Erfüllung ihrer Pflicht und Niccolini zog den Brief heraus und fing an ihn laut vorzuleſen. Aber ſchon bei den erſten Worten ſprang Mala⸗ teſta wüthend auf, rannte auf ihn zu, zog ſeinen Dolch und verſetzte ihm mehr als eine Wunde. Er hätte ihn getödtet, wenn nicht ſeine Wachen ſelbſt, die Fol⸗ gen einer ſo abſcheulichen Hanblung fürchtend, ihm die Hand gehalten hätten, oder vielmehr, wenn die Schwäche ſeines Arms nicht ſeinen Stoß unſicher und weniger gefährlich gemacht hätte. Als Zati ſeinen Gefährten ſo zugerichtet ſah, verlor er auf einen Augenblick den Muth und bat Malateſta um ſein Leben, der, vom Zorn geblendet, auch ihn bedrohte und ſich kaum bewegen laſſen konnte, ihn zu ſchonen. Nun erhob ſich ein ungeheurer Lärm im ganzen Hauſe, auf dem Hofe und in der Straße. Die Sol⸗ daten, welche zur damaligen Zeit jede Gelegenheit be⸗ nützten, um Beute zu machen, nahmen den Herolden ihre ſilbernen Stäbe ab, raubten die Maulthiere und ſogar den Mantel des verwundeten Bevollmächtigten, welchen Alemanno de Pazzi wegführte, freundlich un⸗ terſtützte und heilen ließ. Malateſta ſchäumte vor Wuth und Aerger, ſo vielen Hoffnungen entſagen zu müſſen, lief wie wahnfinnig umher und rief: Florenz ſei keine Stadt für Mauleſel und er wollte es retten trotz aller Verräther. Nun entſtand die entſetzlichſte Verwirrung und Jedem wurde klar, daß nur die Gewalt jetzt entſchei⸗ den könne, wer Herr von Florenz bleiben werde, die Rathsverſammlung oder Malateſta; Letzterer aber war nicht ſo ſehr durch den Zorn verblendet, daß er nicht 203 begriffen hätte, daß es nicht Zeit ſei zu Worten und Pralereien, ſondern zu kräftigem und raſchem Thun. Unterdeſſen war Zati auf den Marktplatz zurück⸗ gekehrt und mit iihm der Notar und die beraubten Herolde. Ihre Kleider waren zerriſſen und das Volk ſah ſie verwundert in ſolchem Aufzuge das Palagio betreten. Kaum aber erfuhr man, was vorgefallen, ſo erhob ſich ein ſo fürchterliches Wuthgebrüll und Ge⸗ ſchrei nach Rache, daß die Berge und das Arnothal davon wiederhallten, und der Gonfaloniere ſeinen Tra⸗ banten zurief, ihm die Rüſtung zu bringen und das Pferd vorzuführen, indem er die beleidigte Republik um jeden Preis retten, und an der Spitze des ganzen Volkes gegen Malateſta ziehen wolle.„Ich will ſehen,“ ſagte er,„ob es ein Verräther allein mit ganz Flo⸗ renz aufnehmen kann.“ Der Befehl wurde im Nu ausgeführt, die Rüſtung kam, ein großes Schlachtroß ward an die Thüre geführt, deſſen Reitzeug ganz mit florentiniſchen Lilien überſät war. Das Volk reihte ſich unte die Zurüſtungen in Schlachtordnung, und man ſah die Menge ſich bewegen, ſich zertheilen und ſich wieder ſammeln. Zeder eilte zu ſeiner Fahne, ſetzte ſeine Waffen in Stand, der Eine zündete an der Lunte des Andern die ſeinige an, und unter dieſer Bewaff⸗ nung wurde ein dumpfes Brauſen gehört, gleich dem unterirdiſchen Getöſe eines Erdbebens. Dieſer Lärm wuchs und wurde durch das Sturmläuten der großen Glocke übertönt, die ſchon oft die letzte Stunde eines Verräthers verkündigt hatte. Die wohlklingenden tie⸗ fen Klänge des anſchlagenden Erzes hallten in jeder Bruſt wieder und zündeten neue Funken an, wie die Roſſe in der Schlacht durch das Schmettern der Trom⸗ peten angefeuert werden; denn dieſer Klang in einem Augenblicke bei ſo dringender Gefahr, ſchien die Stimme zu ſein, welches ſeine Söhne um Hilfe anrief. Unter den Bannern der Stadtviertel, welche auf dem Marktplatze im Winde flatterten, zeichnete ſich der goldene Löwe von San Giovanni aus, und in der erſten Reihe befand ſich Niccolo mit ſeinen Söhnen. Der grimmige Greis war gegen tauſend Bitten, gegen das Abmahnen der Freunde und das Schluchzen ſeiner Töchter taub geweſen und wollte an dieſem Tage für die Entſchei⸗ dung des Looſes von Florenz durchaus mitkämpfen; wenn auch nicht durch die Stärke des Arms, ſo hoffte er, und zwar mit Recht, durch ſein Beiſpiel zu helfen⸗ und welcher Fuß hätte ſich zurückziehen, welches Herz wanken können, wo ein ſo muthiger und ehrwürdiger Mann gegenwärtig war. Er hatte das Oberkleid abgelegt und ſtatt deſſen ein glänzendes Panzerhemd angezogen; er trug ein Schwert an der Seite und die Lanze in der Hand, ſtatt des Barett's eine Blechhaube, unter welcher die ehrwürdigen grauen Haare hervorſahen und ſeinen Hals bedeckten, während ein weißer und ebenſo dichter Bart bis auf ſeine Bruſt herabhing. Sein Wuchs ſchien nicht mehr durch die Jahre gebeugt, er ſtand aufrecht und hielt ſich feſt auf den Füßen, die ein we⸗ nig mager, aber von ftarken und ſchönen Verhältniſſen waren. Sein Blick leuchtete von dem Feuer der Ju⸗ gend und eine ungewohnte Glut röthete ſeine Wan⸗ gen. Trotz des Getümmels und der vielen Sorgen, welche die Menge bewegten, hatten Viele ihre Augen auf ihn gewendet, man deutete mit den Fingern auf ihn, unter Aeußerungen des Wohlwollens, der Bewun⸗ derung und der Ehrfurcht, während er unbeweglich ſtand und mit ruhigen und ſtolzen Augen, in welchen ein unwiderruflicher Entſchluß zu leſen war, umher⸗ blickte. Der unſtäte Schatten des Panners, das über ſeinem Haupte flatterte, bedeckte ihn bald und verdun⸗ kelte den Glanz ſeiner Waffen, bald entfernte er ſich und ließ ſie von Neuem in den Stralen der Sonne erglänzen. Im Hof des Palagio war indeſſen der Gonfalo⸗ 205 niere in voller Rüſtung erſchienen und zu Pferd ge⸗ ſtiegen. Er brach auf und die große Hauptfahne wehte ihm voran. Das Volk folgte in der ſchönſten Ordnung, ein Stadtviertel nach dem andern, die Trompeten vom Rathhauſe ſchmetterten, die Glocken vom Palagio und vieler Kirchen läuteten, man hörte den Ruf:„Es lebe der Löwe! Es lebe das Palagio! Tod den Verräthern! Nieder mit Malateſta!“ Die Erde ſchien unter ſo vie⸗ len Schritten zu zittern, die Mauern zu wanken, da der Schall ſo vieler Stimmen von ihnen abprallte, vermiſcht mit dem Klirren der Rüſtungen, die im Ge⸗ dränge an einander ſtießen, und dem Raſſeln der Pul⸗ verwagen, die über Vaccheveccia daherfuhren, um im Nothfall die Mauern und Thore des Palaſtes Mala⸗ teſta's einſchießen zu können. Jener aber hatte den Sturm, der ihm auf den Hals kommen ſollte, ſchon vorhergeſehen, und zu dem letzten und niederträchtigſten Vertheidigungs⸗ mittel gegriffen, das ihm übrig blieb, und zugleich das Fürchterlichſte und Sicherſte war, das ſich erdenken ließ, gegen welches das Florentiniſche Volk keinen Schutz hatte. Der Verräther ließ den Porro Stipiciano aus dem Caſtell di Pirro mit ſeinen Leuten in die Ver⸗ ſchanzungen eindringen und ſendete dem Margutte von Perugia Botſchaft, daß er das Thor von S. Pier Gat⸗ tolini angreifen ſollte, welches dieſer wüthend ſtürmte und den Hauptmann Altoriti, der es zu bewachen hatte, zurücktrieb. Zu gleicher Zeit wendete dieſer die Kanonen, welche auf dem Thorthurme ſtanden, gegen die Stadt. Das kaiſerliche Lager war durch Malateſta von dieſen Ereigniſſen in Kenntniß geſetzt; es erhob ſich und war bereit, auf ein Zeichen von ihm zu ſtürmen und in die Stadt zu dringen. Die wilden Horden der Deutſchen und Spanier ſchüttelten ihre Lanzen und ſtie⸗ ßen ein Jubelgeſchrei aus, in der Meinung, daß die Plünderung von Florenz bevorſtehe. Sie hofften auf 206 Gewinn, auf Beute, auf Mord und Schändung, kurz auf die Erfüllung ihrer langen, ſo oft getäuſchten Hoffnungen. So hatte ſich Malateſta den Rücken durch das ganze kaiſerliche Heer gedeckt und konnte perſönlich ficher, der Wuth des vereinten Volkes lachen. Uebri⸗ gens lag ihm zuviel daran, daß die Sache nicht aufs Aeußerſte getrieben werde und das Volk ſich zurück⸗ ziehe, ohne daß er ihm die Hülfe, die von Außen kam, entgegenzuſetzen brauchte, und zwar durch die bloße Furcht vor dieſer. Dieſe Urſache lag in der Beſorg⸗ niß oder vielmehr in der Gewißheit, daß, wenn die Horden aus dem Lager ſtürmend in Florenz eindrängen und der Kampf in der Stadt ſich entſpinnen würde, dieſe geplündert und zerſtört werde, was gegen den ausdrücklichen Willen des Pabſtes war, der ſie unver⸗ ſehrt mit allen ihren Reichthümern in ſeine Gewalt be⸗ kommen wollte. WMalateſta ſchickte alſo dem Volkshaufen einen von ſeinen Leuten entgegen, der ihnen auf dem Ponte Vecchio begegnete. Dieſer ſagte zu dem Gonfaloniere und den Rathsherrn: So wie ſie noch einen Schritt weiter gin⸗ gen, werde das ganze kaiſerliche Heer in die Stadt gelaſſen. Einige Bürger, welche Zeugen der Erobe⸗ rung des Thors S. Pier Gattolini geweſen waren, beſtätigten es, daß Malateſta im Stande ſei, dieſe Drohungen in's Werk zu ſetzen und traten zugleich zwi⸗ ſchen die Rathsherren und die erſten des Volkes, welche ihnen nachkamen, faßten bald dieſe, bald jene bei den Händen und überredeten durch Ermahnungen, Bitten und Thränen die Menge, ſich zurückzuziehen und nicht durch eine nunmehr verzweifelt gewordene Unterneh⸗ mung, die nur den allgemeinen Untergang zu Folge haben könne, Gott verſuchen zu wollen. Aber bei ſo aufgeregten Gemüthern brauchte der Unwille Zeit, um der Vernunft zu weichen, und die Sendung Malateſta's empörte die Menge mehr als je. Der Durſt nach Rache und der Wunſch, angreifen zu können, wurde eher ge⸗ 207 ſteigert, als gebändigt; aber die Worte der Bürger, die ſich in's Mittel gelegt hatten, waren ſo überzeugend und die Gewißheit ſo augenſcheinlich, daß jetzt keine Gewalt auf Erden mehr dieſes unglückliche Volk retten könne, daß zuletzt der Gonfaloniere und die Raths⸗ herrn trauernd, an aller Rettung verzagend und ihr Schickſal verfluchend, die Grauſamkeit des Pabſtes und die Verräther, die ſein Werkzeug geweſen waren, ver⸗ wünſchend, dem Volke den Befehl ertheilten, ſich zu⸗ rückzuziehen und das Vorhaben aufzugeben. Als die vordern Züge des Volkshaufens auf dem Ponte Vecchio ſtehen blieben, entſtand eine derjenigen der Flut ähnliche Wirkung nach einem der bisherigen Richtung entgegengeſetzten Ziel. Die Menge machte eine wellenförmige Bewegung, gleich der jener Ringe, aus welchen der Körper der Raupen zuſammengeſetzt iſt. Zu gleicher Zeit verbreitete ſich rückwärts von Munde zu Munde das Gerücht von dem Hinderniß, auf das man geſtoßen war, erſt ohne Abweichungen und Erläuterungen wiederholt, bald aber in verſchiede⸗ nen Verwandlungen und Vergrößerungen, ſo daß zuletzt die furchtbare Nachricht durch alle Reihen ging, die Kaiſerlichen ſeien von der entgegengeſetzten Seite in Florenz eingedrungen und in der ganzen Gegend jen⸗ ſeits des Arno werde bereits gemordet und geplündert. Von der größten Kühnheit pflegt die Menge leicht zu der größten Muthloſigkeit überzugehen, um ſo mehr, wenn ſie ſich von einer unbekannten Gefahr bedroht ſieht, gegen die ſie keine Vertheidigung kennt und die zudem noch durch die Einbildungskraft vergrößert wird. Auf die Sorge für das allgemeine Beſte folgt alsdann diejenige für den Privatvortheil, und jetzt, da die Bür⸗ ger daran verzweifelten, ihr Vaterland retten zu kön⸗ nen, dachten ſie um ſo lebhafter an ihre Weiber und Kinder und an ihr Hausweſen; Zeder erinnerte ſich an ſeine Lieben, die er ſchutzlos im Hauſe zurückgelaſſen, Jeder dachte ſie ſich ſchon in der Gewalt der Deutſchen 208 und der Spanier und im feindlichen Lager, Jeden er⸗ griff der Gedanke, ſchnell zu ihrer Vertheidigung zu eilen, und in wenigen Augenblicken zerſtäubten die erſt ſo eng gewordenen Reihen.— Da und dorthin eilten die Bürger über die Stra⸗ ßen und öffentlichen Plätze und durch die kleinen Gäß⸗ chen; jeder glaubte tauſend Jahre zu brauchen, bis er an ſeine Hausthüre kam und fürchtete, die kaiſerlichen Soldaten ſchon eingedrungen zu finden. Mit geſenkten Häuptern, athemlos und weinend, jeder nach ſeinem Charakter zu Gott betend sder ihn in fürchterlichen Läſterungen verwünſchend, der Eine den Pabſt verflu⸗ chend, der Andere den Bruder Girolamo, den ſie einen Gaukler nannten, der ſie betrogen habe. Nach und nach verbreitete ſich das Entſetzen in den Häuſern und in den Familien, überall erhob ſich Weinen und Wehe⸗ klagen der Weiber und Kinder, und die, die allein zu Hauſe waren, und ihre Männer nicht wieder erſchei⸗ nen ſahen, ſtellten ſich gleich das Schlimmſte vor und hielten ſie ſchon für todt, hörten ſie dann das Geſchrei und Weinen aus den benachbarten Häuſern, ſo ſtürz⸗ ten ſie ganz unſinnig und wüthend mit den kleinen Kindern auf den Armen heraus, zogen die größeren hinter ſich her, die ſich furchtſam an ihren Kleidern hiel⸗ ten, irrten durch die Straßen und ſuchten den Zu⸗ fluchtsort einer Kirche zu erreichen. Dann legten ſie ihre Kinder zu den Füßen der Altäre nieder und fleh⸗ ten mit gerungenen Händen, jeden Augenblick wäh⸗ nend, die Hände der Soldaten in ihren Haaren zu fühlen, Gott um Barmherzigkeit an.. Aber nicht alle Familien, die es gerne gemocht hätten, gelang es, ſich ganz an heilige Stätten zu ret⸗ ten; bei vielen gab es, wie häufig vorkommt, Kranke oder Verwundete, die nicht vom Bette aufſtehen konn⸗ ten, oder Greiſe, vetheh die Laſt der Jahre ſo geſchwächt waren, daß ſie ſich nicht bewegen und ſich nicht helfen konnten. Hier entſtand ein neuer und ——— ——— W— 209 ſchmerzlicher Kampf zwiſchen dem Wunſche, Zeden, der fliehen konnte, in Sicherheit zu bringen, und der Noth⸗ wendigkeit, diejenigen allein und unbeſchützt zu laſſen, welche egzutragen zu viele Zeit und zu viele Arme koſtete. Dieſe mißliche Lage veranlaßte bewunderungs⸗ würditze Aeußerungen von Seelengröße, Menſchenliebe und Kindlichkeit. Der Wille zu helfen, verlieh ſchwa⸗ chen Perſonen übernatürliche Kräfte; man ſah junge Mädchen den Vater oder die ohnmächtig gewordene Mutter forttragen und mit erſchöpften Kräſten an der Schwelle einer Kirche nisderlegen, wo ſie von mitlei⸗ digen Armen aufgenommen und an die Füße der Al⸗ täre gelegt wurden. Dieſen tugendhaften Handlungen gegenüber bemerkte man aber auch andere rohe und ſcheuß⸗ liche, und manche Mütter vergaßen aus Furcht und Beſorgniß für ihre Söhne jedes andere Gefühl. Sie ließen die Häuſer offen und dort alle diejenigen allein, welche nicht Kraft genug hatten, ihnen zu folgen, und zuweilen geſchah es, daß nicht von den feindlichen Soldaten, ſondern von der Hefe der Gauner in der Stadt Räubereien und Mordthaten an den Verlaſſenen begangen wurden. Diejenigen Bürger, welche ihr Haus leer fanden, fragten nach ihrer im Schrecken geflüchteten Familie in der Nachbarſchaft, ſuchten ſie auf den Straßen und führten ſie wieder zurück, woher ſie gekommen waren; die Bürger waren durch die Bemühungen der Raths⸗ herren über die bevorſtehende Plünderung wieder ein wenig beruhigt worden. An jeder Brücke war ein Fähnlein Wache aufgeſtellt, um ſich gegen alle diejeni⸗ en, die von dem entgegengeſetzten Arnoufer herüber ommen würden, zu vertheidigen; daher hatte bei vie⸗ len der plötzliche Schrecken wieder einer neuen Hoff⸗ nung Plaß gemacht, und viele Stimmen unter dem auf dem Warktplatze verſgmelten Volke, obgleich nicht mehr ſo kühn wie vorherg riefen von Neuem nach ei⸗ ner Schlacht. Es waren aber auch nicht wenige für Niccolo de' Lapi. U. 14 den Vergleich, und einige Bürger, welche das Vater⸗ land und die Freiheit höher achteten, als das Leben, eilten zu dem Löwenbilde an der Seite des Pelagio, umarmten ſich auf dem rauhen Stein, der ihm zur Grundlage diente, benetzten ihn mit Thränen, bedeckten ihn mit Küſſen und ſchwuren, die ehrwürdige Repu⸗ blik bis auf den letzten Mann zu vertheidigen und viel lieber zu ſterben, als ſie zu verlaſſen. Natürlich war Niccolo nirgends anders, als an der Spitze dieſer Begeiſterten; ſogar in dieſer äußer⸗ ſten Noth konnte er auch nicht einmal die Möglichkeit glauben, daß Florenz fallen könne. Konnte er den Bruder Girolamo für einen Betrüger halten und ſeine Weisſagungen für Lügen erklären? Zu den Füßen des Löwen von allen Angehörigen ſeiner Familie und vielen Bürgern umgeben, flößte er allmälig mit ernſten und begeiſterten Worten allen Herzen denſelben Glauben und dieſelbe Zuverſicht ein, welche das ſeinige unerſchütterlich erfüllten, und als ſich die Sonne zum Untergang neigte und die Sterne zu leuchten begannen, war er trotz der dringenden Bitten der Seinigen nicht zu bewegen, dieſen Ort zu verlaſſen; denn dieſe wollten es nicht dulden, daß er ſich ſo großen Unbequemlichkeiten ausſetze und fürch⸗ teten, es möchten neue Unfälle in der nächſten Nacht durch einen Aufſtand der Palleschi herbeigeführt wer⸗ den. Er weigerte ſich beſtimmt, nach Hauſe zu gehen, und von ſeinem Beiſpiel hingeriſſen, brachten noch viele andere Bürger die Stunden des Schlummers ebenfalls auf dem Marktplatze zu. Es läßt ſich leicht denken, wie ſie für die meiſten vergingen; voll Kum⸗ mer und Sorge, voll Furcht vor dem hereinbrechenden Elend, mit welchem der Morgen drohte. Erſt um Mitternacht folgte ein tiefes Schweigen auf den Lärm dieſes geräuſchvollen Tages; auf dem Marktplatze ver⸗ nahm man Nichts mehr, als die Schritte der Schild⸗ wachen oder das klägliche Geſchrei der Eulen, welche — — 211 um die Zinnen der Thörme flatterten, und von Zeit zu Zeit das Schlagen der Uhren. Endlich muß auch Riccolo der Ermattung nachgeben; erſtützte ſein Haupt auf ein Beite, das aus den Mänteln ſeiner Söhne bereitet war und ſchlief zu den Füßen des Löwen, während dieſe ſtumm und nachdenklich an ſeiner Seite wachten. Zwei Stunden vor Tag ſtieg der Mond, der im letzten Viertel war, bleich und matt über die Gebäude im Oſten hervor und beleuchtete mit Silberſchimmer das Angeſicht des ſchlafenden Greiſes. Lamberto hatte ihm unbemerkt die Blechhaube abgenommen und, unt ihn vor dem feuchten Nachtthau zu ſchützen, ihm den Saum eines der Mäntel über das Haupt gezogen und die erhabene und ruhige Heiterkeit, welche auf Nicco⸗ lo's Zügen lag, ſein regelmäßiger und tiefer Athem zeigten, daß ein tapferer und fleckenloſer Mann auch auf der nackten Erde im äußerſten Unglück und unter den größten Gefahren ruhig ſchlafen kann. Schwerlich fanden in dieſer Nacht und zu eben dieſer Stunde Karl v. und Clemens VlI. auf ihren Betten von Flaumfedern, Seide und Gold einen gleich ruhigen Schlaf. Eine neue Verwirrung, welche durch lange Jn⸗ triguen vorbereitet war, brach nun aus, beſchleunigte Sturz des Staates und machte ihn noch ſchmerz⸗ er. Die Partei der Vornehmen hatte ſich wirklich ent⸗ ſchloſſen, ſich von dem übrigen Volke loszuſagen. Vier⸗ hundert Jünglinge aus den vornehmſten Häuſern von Florenz traten mit dem erſten Erſcheinen der Morgen⸗ röthe auf dem Platze Sanct Spirito bewaffnet zuſam⸗ men, indem ſie nach Varchi's eigenen Worten die Hei⸗ ligkeit des Sacraments des Altars verletzten, das fie ſo vielmgl und auf ſo mancherlei Weiſe auf die Er⸗ haltung der Republik genommen hatten. Sie wählten dieſen Ort, um Malateſta näher zu 212 ſein und mit ihm in Verkehr zu treten; ſie wollten die Rathsverſammlung zu einem Vergleich zwingen, durch welchen ihnen ihr Rang und ihre Reichthümer gerettet werden könnten. Als es ruchbar wurde, eilte Ber⸗ nardo de Verrazzano, Befehlshaber der Bürgermiliz dieſes Stadtviertels, herbei und gab ſich Mühe, ſie mit guten Worten zu ihrer Pflicht zurückzubringen. Er ſetzte ihnen auseinander, von welcher Wichtigkeit es wäre, wenn bei dieſer Gefahr das ganze Volk nur nach einem Willen handeln würde, daß man auf dieſe Weiſe noch viel vortheilhaftere Bedingungen erhalten könne, während im Gegentheil Spallung und Zwie⸗ tracht den Feinden größeren Muth geben müßte und ſie weniger leicht zu behandeln und anmaßender ma⸗ chen würde. Aber ſeine Worte waren in den Wind geſprochen; man ſtieß ihn zurück und überſchüttete ihn mit niedri⸗ gen Drohungen, beinahe wurde er von Maricimo degli Antimori getödtet, der mit der Büchſe auf ihn zielte und bereits die angezündete Lunte der Zündpfanne näherte, auch wirklich Feuer gegeben haben würde, wenn ihn die Umſtehenden nicht zurückgehalten hätten. Als die Nachricht von dieſer Meuterei im Pelagio ankam, ſendeten die Rathsherrn, die ſich jetzt ganz verloren gaben und unter ſo vielen Gefahren, die ſie bedrohten, nicht mehr wußten, was ſie thun und wie ſie ſich helfen ſollten, um einen letzten Verſuch zu ma⸗ chen, den Befehlshaber der Miliz von San Maria Novella, Roſſo de Buonvelmonti, an ſie ab, um fie zu bitten, doch das äußerſte Unglück der Republik nicht herbeiführen zu wollen, unter denſelben Gründen, welche bereits Verrazzano vergeblich angewendet hatte. Sie blieben aber auch zum zweitenmale ohne Erfolg und es wurde geantwortet, daß ſie von nun an keinen Herrn haben wollten, als Malateſta. Nun verzweifelte Buondelmonti daran, ſie bere⸗ den zu können und begab ſich zu dieſem, um ihn von 213 Seiten der Rathsherrn zu bitten, er möge ſein An⸗ ſehen anwenden, um dieſe jungen Leute von Sanct Spirito zu entfernen. Der Leſer kann ſich denken, ob ihm dieſe Bitte gewährt wurde; denn ſchon hatte Ma⸗ lateſta an dieſe Bürger geſchickt und ſie mit ſeinen ge⸗ wöhnlichen Verſprechungen der Herſtellung einer Oli⸗ archie gewonnen, wie ſfie es wünſchten. Er erklärte ſo bereit, ihnen zu helfen und ſagte dem Bevollmäch⸗ tigten der Rathsverſammlung gerade heraus, daß er es mit denen auf dem Platze Sanct Spirito halte i mit Niemand ſonſt, als mit ihnen, zu thun haben wolle. Obgleich dieſer Aufruhr der Vornehmen, wegen“ der geringen Anzahl derſelben, nicht beſonders wichtig ſchien, war es doch der Schlag, der unter tauſend an⸗ dern zuletzt den Fall der Florentiniſchen Republik ert⸗ ſchied, gerade wie eine alte, feſtgewurzelte Eiche, welche umgehauen werden ſoll, nachdem das Beil durch lange Arbeit mit vielen Hieben ſie faſt durchſchnitten hat, durch einen leichten Stoß gefällt werden kann. Die jungen Leute von Sanct Spirito kamen jetzt furchtlos auf den Marktplatz und ſtellten ſich in ſtei⸗ gender Unverſchämtheit unter dem Schutzdach der Pi⸗ ſani aufz; wo fſie ſich den Piagnoni drohend gegen⸗ über lagerten, und wenn ſie, wie es leicht hätte ge⸗ ſchehen können, in Kampf gerathen wären, ſo weiß Gott, welches Elend über die Stadt gekommen wäre; aber der Haufe der Letzteren war ſehr dünne gewor⸗ den, va ſich die meiſten in der Ueberzeugung entfernt hatten, daß ein längerer Kampf gegen das Schickſal nur größeren Nachtheil herbeiführen und weniger der Tod für das Vaterland, als der Untergang deſſelben durch die Hartnäckigkeit ſeiner Vertheidiger daraus entſpringen werde. — Neunundzwanzigſtes Kapitel. Als nun dieſe Partei bemerkte, daß Florenz in ihrer Gewalt war, forderten ſie vor Allem von der Rathsverſammlung die Freilaſſung derjenigen Bürger von der Partei der Palleschi, welche ſeit dem Anfang der Belagerung in dem Palagio gefangen gehalten worden waten. Die Rathsherren mußten gehorchen, da es mit ihrer Oberherrſchaft zu Ende war und ſetz⸗ ten ſie ſogleich in Freiheit. Man ſah ſie bald das Palagio verlaſſen und ihren Befreiern danken, worauf ſie auch Malateſta ihre Aufwartung machten, um ihm ihre Dankſagungen darzubringen. Bufini, ein Augenzeuge dieſer Begebenheit, ſchreibt an Varcht, daß er und die wenigen noch übrigen Piag⸗ noni, obgleich ſie in dieſem Augenblick eher an den Tod als an das Leben gebacht, doch über den Aufzug vieſer Leute geſtaunt hätten; denn ſie hatten alle Sorg⸗ falt auf ihr Aeußeres vernachläſſigt und erſchienen mit langen Bärten, wie die Einſiedler von Falterona. Durch dieſe Gewaltthat der Vornehmen waren die Rathsherren ganz auf ſich ſelbſt beſchränkt und da kein Ausweg mehr übrig blieb, gezwungen, der Ueber⸗ macht zu weichen: der Rath der Achtzig wurde in den großen Saal des Palagio zuſammengerufen. In dem⸗ ſelben Saal, der auf Antrag des Bruders Girolamo den Berathungen deſſelben angewieſen worden war und welchen Vaſari einige Jahre ſpäter mit geſchicht⸗ lichen Darſtellungen der Schlachten, welche die Skla⸗ verei der Florentiner nachher feſter ſchmiedeten, aus⸗ malte. Dieſe Rathsverſammlung nun wählte nach langem Kampf und in tiefem Kummer eine aus vier Mitgliedern beſtehende Geſandtſchaft an Don Ferrante 215 mit dem Auftrage zu unterhandeln, jedoch bei dem Ver⸗ trage auf der Beibehaltung der Freiheit von Florenz feſt zu beſtehen. Dieſe Klauſel wird dem Leſer wie eine bittere Zronie vorkommen und der Erfolg lehrte, daß ſein Ur⸗ theil nicht unrichtig iſt. Aber es liegt in der menſch⸗ lichen Natur, ſich gerade dann am hartnäckigſten an Worte zu hängen, wenn die Wirklichkeit des mit ihnen verbundenen Begriffs verſchwinden will. Die Geſandten zogen ab und begaben ſich in die Villa Guicciardini, welche den Beinamen Bugia führte, wo Baccio Valori ſein Quartier hatte. Sie unter⸗ hanbelten mit ihm und mit Don Ferrante und ſetzten nach langer Erörterung vie Bedingungen der Uebergabe feſt. Erſt mit einbrechender Nacht brachten fie dieſel⸗ ben nach Florenz. Niccolo war, obgleich beinahe von Allen verlaſſen, immer an derſelben Stelle auf dem Marktplatze ge⸗ blieben. Als ihm angekündigt wurde, daß Alles vor⸗ über ſei, daß jede Hoffnung entſchwinde und daß Flo⸗ renz nun doch endlich in die Hände der Palleschi ge⸗ rathe, empfand er einen Kummer, der ſich nicht be⸗ ſchreiben läßt und jeden anvern, ſei es Verluſt der Güter oder der perſönlichen Freiheit und ſogar des Lebens übertraf, um ſo ſchmerzlicher, als er den uner⸗ ſchütterlichen Glauben an ein glückliches Ende ſein ganzes Leben hindurch genährt hatte. Höchſtens der Kummer, in einem Jugendfreunde einen Verräther zu finden, läßt ſich mit dieſem Schmerz vergleichen. Wer möchte ſich die Umwälzung, welche in der Seele des alten Volksmannes vorging, vorſtellen, ge⸗ ſchweige denn ſie beſchreiben können? Plötzlich, wie wenn ein Schleier zerreißt, entſtand der Argwohn in ſeiner Seele, daß ihn der Bruder Girolamo getäuſcht habe. Im Alter von neunzig Jahren erfuhr der unglück⸗ liche Greis, daß er noch nicht alles Elend des Lebens kennen gelernt habe. Während die Seinigen ihn trö⸗ 216 ſtend umſtanden und auf die plötzliche und furchtbare Veränderung ſeiner Geſichtszüge ängſtlich Acht hatten, wie ſeine Stirne, ſeine ſonſt ſo furchtlos blickenden Au⸗ gen ſich nach dem Boden richteten, wie ſein Geſicht sine gelbe Farbe annahm und eine ſo troſtloſe Ver⸗ zweiflung ausdrückte, daß die Umſtehenden fürchteten, er könne jeden Augenblick todt zur Erde fallen, be⸗ mühte ſich Alles, mit Worten und Gründen, wie ſie Jedem gerade aus dem Herzen kamen, ihn zum Leben zu bringen und langſam in ſein Haus zurückzuſchleppen. Es gelang ihnen, ihn dorthin zu führen, indem ſie ftill jene Straßen durchzogen, die kurz vorher von der Volksmenge erfüllt und ſo voll Geſchrei und Lär⸗ men geweſen waren, jetzt aber dunkel, verlaſſen und ſtill erſchienen. Nur da und dort hörte man Schluch⸗ zen und unterdrücktes Wehklagen in die Lüfte empor⸗ ſteigen, ohne daß ſich erkennen ließ, woher es kam. Als Niccolo die dunkeln Mauern ſeines Hauſes wieder erblickte, das er ſo lange Jahre frei bewohnt hatte und jetzt als Sklave bewohnen oder verlaſſen ſollte, ver⸗ mehrte ſich noch die Bitterkeit ſeines Kummers, wie wenn ein Wanderer die Mauern zum erſtenmal wieder ſieht, welche er lange mit einem theuern Weſen be⸗ wohnte, das der Tod ihm für immer geraubt hat. Als er die Schwelle überſchritt, als er in ſein Zimmer trat, zog es ihm die Bruſt zuſammen, wie wenn er ein Gefängniß beträte. Er fand ſeine Töchter in Thränen, ſie gingen ihm entgegen und umarmten ihn noch bit⸗ terlicher weinend. Er ſtieß ſie nicht zurück, erwiederte aber auch keine ihrer ſtummen Liebkoſungen; er ließ ſich die Rüſtung abnehmen und warf ſie weit von ſich auf die Erde; er warf auf ſie den letzten bitteren Blick, dann ſchaute er nach oben zu der Niſche, wo die Aſche des Bruders Girolamo aufbewahrt war und blickte ſtarr auf dieſe Gegenſtände, die im jetzigen Augenblick einen ſolchen Sturm von Gedanken bei ihm erregen ſollten. So blieb er lange, bis ſich endlich der Un⸗ 217 glückliche an die Gegenwart der Seinigen erinnerte, die ihn tief bewegt umſtanden und kaum zu athmen wagten; dann weinte er lange und bitter. Wenn Prophezeiungen und Propheten ſich als ir⸗ rend erweiſen, ſo wird der Grund in allem Andern eher als in ihnen geſucht; denn da der Glaube mehr ein Gefühl des Herzens als eine Thätigkeit des Ver⸗ ſtandes iſt, ſo hält ihn das Herz hartnäckig feſt und vertheidigt ihn gegen die Angriffe der Vernunft und ſogar gegen die unumſtößliche Wirklichkeit, und gerade bei Weiſſagungen fehlt es nie an Ausflüchten, um, wenn die Ereigniſſe der Erwartung nicht entſprochen haben, ſich zu überreden, die Schuld habe an dem ge⸗ legen, der ſie nicht richtig zu erklären oder die Bedin⸗ gungen derſelben nicht zu erfüllen gewußt habe. So vermochte Niccolo den Glauben an Bruder Girolamo nicht auf einmal abzuſchwören; denn er war das belebende Princip ſeines ganzen Lebens geweſen; er vermochte nicht auf einmal das zu verabſcheuen, was er angebetet hatte, und ſogar in dieſer fürchter⸗ lichen Probe, auf die er geſtellt war, dem letzten Troſte, der letzten Hoffnung, die ihm blieb, nicht zu entſagen. „Wenn nun unſere Sünden ſo groß geweſen ſind, daß ſie uns ves göttlichen Erbarmens unwerth ge⸗ macht haben, ſollen wir, um das Maaß voll zu ma⸗ chen, auch noch den Glauben verlieren? Es war uns Sieg verſprochen, haben wir aber gekämpft? Warum haben wir uns feige zurückgezogen? Warum ergaben wir uns? Kann Gott dergleichen Menſchen helfen? O Fiorenz! ich habe auf Deine Kräfte gehofft und nicht auf die Kräfte Gottes und er hat Dich Deinen Kräften allein überlaſſen. Quare, quare dubitaste 2 Dieſe Gedanken entlockten Niccolo einen Strom von Thränen und befeſtigten in ihm jenen Glauben, der zwar zum Wanken gebracht, aber nie ganz nieder⸗ geſchlagen werden konnte. Seine Züge und ſeine Ge⸗ ſtalt kehrten zu ihrer ernſten und ruhigen Haltung zu⸗ 218 rück, die nur für einen Augenblick gebeugt geweſen war, und er ſagte zu ſeinen Söhnen Lamberto und Troilo: „Meine lieben Söhne, wäret ihr minder tapfere und zuverläſſige Männer, als Ihr ſeid, ſo würdet Ihr das, was ich euch ſagen will, für Thorheit und für das Irrereden eines alten Mannes anſehen Ihr aber, die Ihr die Verheißungen kennt und an fie glaubt, welche Gott dieſer Stadt durch den Mund ſeines Pro⸗ pheten verkündigen ließ... Ihr, denen, Gott ſei Dank, weder Feilheit noch Furcht bekannt iſt, Euch kann ich wohl ſagen, auch wenn noch ſo Viele glauben, daß wir verloren find, ja, bei Gott, ich kann Euch ſagen, daß unſere Hoffnung durchaus nicht unwiderbringlich dahin iſt. Nein! denn wer weder an Gott noch an ſich ſelbſt verzweifelt, der bleiht immer auf dem Wege des Heils. Sollte man ſagen können, daß das ganze Volk von Florenz, daß ſo viele tauſend Bürger nicht mehr Kraft in den Armen, nicht mehr Mittel, ſich zu vertheidigen, haben? Und warum? Weil einige Feiglinge an dem öffentlichen Wohl verzweifeln und ſich den Feinden des Staats in die Hände liefern. Weil vierhundert Vor⸗ nehme(o Lamberto, erinnerſt Du Dich daran, ich hatte Dir es wohl geſagt) ihre Schwüre mit Füßen treten und Verräther werden wollen: deßwegen alſo ſollen wir nicht mehr wir ſelbſt ſein? Deßwegen ſollen wir nicht mehr diejenigen ſein, die wir geſtern waren? Haben denn unſere Waffen weder Spitze noch Schneide mehr? Sind wir an Zahl verringert? Iſt die Macht unſerer Feinde gewachſen? Nun ja, es iſt wahr, wir find ſchwächer geworden um vierhundert Verräther und um eben ſo viele haben ſich die Palleschi verſtärkt, und iſt das nicht eine Schande, eine Schmach, daß dieß hinreichen ſoll, ein ganzes Volk zu entmuthigen und zu entwaffnen? Verzweifle wer will, ergebe ſich, wer will; ich verzweifle nicht und ergebe mich nicht O Ferruccio, o Ferruceio! Du haſt uns doch gelehrt⸗ wie man kämpft, und wir in einer bewaffneten volk⸗ 219 reichen Stadt mit feſten, unbeſchädigten Mauern! O Schmach, o ewige Schmach! Wohlan, es iſt nicht Zeit zu Worten, ſondern zu Thaten; die Stunden drängen, die Nacht verfließt. Ich will noch einen Verſuch ma⸗ chen, und Gott wirv uns helfen. Geht hinaus und wandelt durch die Stadt zu den Männern unſerer Par⸗ tei, zu unſern Handwerkern, den armen Männern aus dem Volt... O unter denen find keine Verräther! In ihnen und nicht in den Vornehmen ruht die Stärke unſerer Stadt... Um Mitternacht wollen wir alle in St. Marco zuſammenkommen und einen feſten Be⸗ ſchluß faſſen über das, was wir thun wollen; dort wollen wir ſehen, ob es in Florenz noch Männer gibt. — Ich gehe und erwarte Euch dort; jeder von Euch komme vor die Thüre rechts vom Garten; ich werde dafür ſorgen, daß fie ſich demjenigen öffnet, welcher ruft; St. Marco und die Freiheit!— Zetzt geht, es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Die muthigen ZJünglinge nahmen den Auftrag freudig an und machten ſich auf, begeiſtert von dem Gebanken, daß es doch noch irgend etwas für das Va⸗ terland zu thun gebe. So bald ſie die Hausthüre er⸗ reicht hatten, trennten ſie ſich und Zever ſuchte diejeni⸗ gen auf, mit welchen er den meiſten Umgang hatte und in die er das größte Vertrauen ſetzte; auch Nic⸗ colo verließ ſeine Töchier in Thränen über die unbe⸗ kannten Gefahren und neuen Unglücksfälle, die fie vor⸗ her ahnten und begab ſich nach St. Marco. Troilo war mit den Andern ausgegangen, ſchein⸗ bar der eifrigſte und begeiſtertſte von Allen; als er ich aber allein befand(er hatte zufällig den Weg nach S. Trinidad genommen), ſtand er plötzlich ſtill und ſagte kopfſchüttelnd: „Ich ſage, der Alte hat den Teufel und ſeine Großmutter im Leibe, und ich, der ich mir einbildete, endlich aus der Schlinge zu ſein!... Da wären wir ja wieder am Anfang!... Der iſt nicht zufrieden, 220 1¹ bis wir ihn ganz zu Boden gebracht haben, und wenn 3 er keine Narren findet, die auf ihn hören, ſo iſt er im Stande, allein mit ſeiner Picke hinauszugehen und das 1 Lager anzugreifen. Unter dieſem Selbſtgeſpräch hatte er ſich wieder 1 auf den Weg gemacht, die Brücke überſchritten und befand ſich in dem Hauſe des Malateſta, welchen er von dieſem neuen Vorfall benachrichtigen wollte. Alle Straßen in veſſen Umgebung waren voll Soldaten der Bürger von der Partei der Pallescht. Dieſe gingen mit fröhlichen Geſichtern lautredend umher; ihr Benehmen, ihre Bewegungen, ihr Lachen zeigten deutlich von der Veränderung in ihrer Lage und der Sicherheit, die ſie jetzt genoſſen. Der Hof und die Fenſter des Palaſtes glänzten von tauſend Lichtern und im Innern war ein Getöſe, ein Ab⸗ und Zuren⸗ nen, ein Hin⸗ und Herſenden von Dienern, ſo daß man wohl ſah, daß alle an dieſem Ort Verſammelten blos daran dachten, ſich zu vergnügen und der Luſtbar⸗ 1 keit zu pflegen. 1 Troilo ließ Malateſta durch einen Kammerdiener, der ihm begegnete, ſagen, daß er ihm eine Sache von großer Wichtigkeit mitzutheilen habe, die keine lange 1 Zögerung geftatte, und wurde ſogleich eingeführt. Er defand ſich mit Baccio Valori in ſeinem Arbeitszim⸗ mer in vertrautem Geſpräch und Troilo hörte beim Eintreten folgende Worte: „Ich werde nicht ermangeln, an Seine Heiligkeit zu ſchreiben, aber Sie könnte auch finden, daß Ihr Eure Forderungen zu hoch ſtellt. Dieſe Worte bezogen ſich auf die unverſchämten Forderungen, welche Malateſta für das Blut der Flo⸗ rentiner an den Pabſt geſtellt hatte. Beim Eintreten des jungen Mannes ſchwiegen Beide, er konnte aber wohl bemerken, daß in ihren Geſichtszügen eine große Veränderung vorgegangen war; ſie ſchienen kaum die⸗ ſelben Perſonen zu ſein. Der Feldhauptmann ſchien 221 weniger mager, er hatte eine geradere Haltung ange⸗ nommen und Baccio ſchien um zwanzig Jahre jünger geworden zu ſein. Sie empfingen ihn freudig, aber nicht mit gleicher Aufrichtigkeit; denn ſeit dem Siege hatten die Schurken bereits ihre Rollen vertauſcht und ihre Intereſſen konnten ſich von jetzt an nicht mehr ſonder⸗ lich mit einander vertragen. Baccio ſah ſich von den An⸗ forderungen aller derjenigen, deren er ſich zu ſeinen Zwecken bedient hatte, beſtürmt und gemahnt, ſeine glänzenden Verſprechungen zu erfüllen; wenn er ſich aber die Gunſt des Pabſtes Clemens erhalten und nicht Gefahr laufen wollte, ſelbſt leer auszugehen, ſo wußte er wohl, daß der beſte Rath, an den er ſich halten konnte, der war, welchen Guido von Monforte Bonifaz VIII. gab und Dante mit dem Vers ausdrückt: Ein groß Verſprechen und ein kleines Halten. Welchen ſchweren und ärgerlichen Kampf er zu beſtehen haben würde, ſah er ſchon aus den Anforde⸗ rungen des Malateſta, die er vernommen hatte und über welche er beim Eintritt Troilos mit ihm mäkelte. Natürlich war es daher, daß der Anblick des Letzteren ihm auch gerade nicht ſonderlich gelegen kam, wie wenn Jemand ſich mit einem unerbittlichen Gläubiger herumzankt und gleich darauf ein neuer dazukommt. Baccio war jedoch zu ſchlau, als daß er nicht ſeine Gedanken unter einem anmuthigen und gefälligen Be⸗ nehmen zu verſtecken gewußt, während Malateſta, ſo zu ſagen, daſſelbe Intereſſe wie Troilo hatte und einen Mitkämpfer in ihm erblickte, alſo nicht nöthig hatte, ſich zu verſtellen, wenn er ihn ein freundliches Geſicht ſehen ließ. Er reichte ihm alſo die Hand und drückte ſie, dann ſagte er zu Valori: „Auch dieſer junge Mann hat ſich als Ehrenmann betragen und weder Mühen noch Gefahren geſcheut, und wenn Alles ſo nach dem Wunſche Seiner Heilig⸗ keit gegangen iſt, ſo hat man es gröbßtentheils ihm zu verdanken. Sag mir nun einmal, Troilo, habe ich Pir einen ſchlechten Rath gegeben, als ich Dich zu die⸗ ſer Unternehmung ermuthigte? Biſt Du jetzt zufrieden? Baccio ſuchte durch ein erzwungenes verſtelltes Lächeln ſeinen Beifall mit den Worten Malateſta's auszudrücken, dem er innerlich Peſt und Tod auf den Hals wünſchte und der Andere fuhr ganz heiter fort: „Muth, Muth, mein lieber Junge! Jetzt iſt es aus mit Predigten und Miſerere ſingen und mit Prozeſſio⸗ nen! Zetzt haben Deine Plagen aufgehört und es iſt der Wille Seiner Heiligkeit, daß ſeine Diener, die ſeine Sache unterſtützt haben, die Belohnungen erhalten ſol⸗ len, die ſie verdienen, und Herr Baccio hier wird die großmüthigen und erhabenen Abſichten Seiner Hei— ligkeit wohl auszuführen wiſſen. Dann braucht man nür zu ſagen, daß der Pabſt vom Hauſe Medici iſt, und dieſes kennt weder Undank noch Knickerei.“ Malateſta kannte eben ſo gut die Geſinnung des Pabſtes Clemens, als er die Gedanken Baccio's durch⸗ ſchaute, daher ſprach er dieſe Worte wahrſcheinlich in der Abſicht, ihn zu reizen, und Troilo entgegnete in demſelben Ton: „Ei, das weiß ich, das weiß ich; man braucht es mir nicht zu ſagen und was Herrn Baccio betrifft, ſo iſt er ein Biedermann, der mir wohl will und ich bin ganz überzeugt, daß er Tag und Nacht an meinen Vortheil denkt. Jetzt aber handelt es ſich nicht um Dergleichen, denn ès iſt ein neues Gewitter im Anzug, und ich bin gekommen, Euch davon zu benachrichtigen.“ Hier erzählte er, wie Riccolo, ſich noch immer nicht für beſiegt haltend, einen letzten Verſuch ma⸗ chen wolle und den Auftrag gegeben habe, die Piag⸗ nioni zu einer nächtlichen Zuſammenkunft im Kloſter S. Marco zuſammen zu berufen, um irgend eine ver⸗ zweifelte und wahnfinnige Unternehmung zu verabreden. „Nicht, daß ich etwa glaubte, daß ſie jetzt noch viel ſchaden können,“ fuhr Troilo fort;„es kommt auch noch darauf an, ob ſich viele einfinden, die im jetzigen Augenblick noch verblendet und raſend genug find, um fich in eine ſolche Unternehmung zu ſtürzen; doch ſchien mir die Sache zu wichtig, um ſie leichtſinnig zu über⸗ ſchen, daher wollte ich Euch um ſo lieber davon Nach⸗ richt geben, als ich felbſt an vieſer Berathung Theil nehmen ſoll und Euch daher in irgend etwas werde helfen können.“ „Du haſt recht wohl daran gethan, uns Nachricht hiervon zu geben,“ entgegnete Baccio,„denn viel⸗ leicht.. Laß mich einen Augenblick nachdenken.“ Als Malateſta bemerkte, wie Baccio die Hand auf das Kinn ſtützte und mit ernſtem gedankenvollem Ge⸗ ficht ſehr wichtige Betrachtungen über die Melvung Trvilo's anzuſtellen ſchien, ſagte er zu dieſem mit höh⸗ niſchem Lächeln: „O, was glaubt Ihr, daß dieſe anfangen können? Wenn nicht, wie fſie ſich einbilden, die Engel vom Himmel kommen.... Das möchte ich aber einmal ſehen! Wenn die Engel mit dem Pabß Händel an⸗ fingen, das wäre eine ſchöne Geſchichte.“ Ohne auf dieſe Worte Acht zu geben, ſtreichelte Baccio ſein Kinn mit der Hand, drückte die Unterlippe vor, wiegte den Kopf, wie man das Für und Wider eints Planes überlegt und ſagte zuletzt entſchloſſen: „Auch ich weiß, daß die Piagnoni uns jetzt wenig mehr ſchaden können Wie aber, wenn ſie uns zu Etwas helfen ſollten? Wenn wir durch ihre Thor⸗ heiten es dahin bringen können— Ich weiß wohl, was ich ſage.“ Hier unterbrach er ſeine Rede und verfiel wieder in Nachdenken und ſeine beiden Zuhörer blickten ihn an und warteten darauf, bis er ſeinen Plan entwickeln pe Alle Drei ſchwiegen eine Zeitlang, dann ſagte accio: „Sagt mir einmal, Herr Malateſta Der Uebergabsvertrag iſt alſo beſtätigt; die Stadt iſt un⸗ ſer, ich gebe es Euch zu; aber hier unter uns, wo uns Niemand hört, kann ich Euch fragen: Sind wir eben ſo ſehr dieſes Heeres gewiß? Sind wir gewiß, daß es nichts Anderes wollen wird, als wir? Werden dieſe Teufel von Deutſchen und Spaniern nach einer Belagerung von elf Monaten, nach ſo vielen Unfällen und Mühſeligkeiten ſich geneigt finden laſſen, der Plünderung von Florenz zu entſagen? Werden fie ſich mit dem doppelten Sold begnügen und ruhig ab⸗ ziehen, ohne irgend etwas gegen die Stadt zu unter⸗ nehmen? Wenn ſie nun Alles umkehren wollten, wer würde ſie daran verhindern oder zurückhalten können? Der Prinz iſt todt; Gian d'Urbino iſt todt und welche Gewalt hat Don Ferrante über dieſe Räuber? Wenn Florenz geplündert würde, ſo wißt Ihr ſo gut wie ich, was für einen Dank vom Pabſte wir dafür zu erwar⸗ ten hätten: Ihr, Herr Malateſta, dürftet darauf rech⸗ nen(um es gerade herauszuſagen), Perugia nie wie⸗ der zu ſehen, ich dürfte mein Leben, wer weiß wo? hinſchleppen, und von Troilo wäre gar nicht die Rede. Die Worte des Baccio enthielten ſo viel Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß die beiden Andern darüber erſchraken, denn ſie hätten alles Andere in der Welt lieber gethan, als die Belohnung in die Schanze geſchlagen, welche jetzt die Hauptſache für ſie war. „Hört mich jetzt an,“ fuhr Baccio fort;„ſo lange das Lager eins iſt und nur einen Willen hat, iſt es ſtärker als wir; aber wenn ich nicht irre, wird es nicht ſchwer ſein, Zwietracht in daſſelbe zu bringen. Wir wollen eine ſolche unter ihnen anfachen, dann werden ſie genug damit zu thun haben, wie ſie ihr Leben davon bringen, anſtatt daran zu denken, in Florenz einzudringen.. Ihr werdet fragen, auf welche Art ich ſie entzweien will? Dazu ſoll mir Niccolo und ſeine Piagnoni helfen. Nun, fuhr Baccio mit einem wohlgefälligen Lächeln fort, gebt mir nur eine 225⁵ Minute Zeit zum Nachdenken, ſo kann ich immer mich und Andere aus der Schlinge ziehen. Der Schurke wiegte ganz vergnügt ſein Haupt und lachte; dann wendete er ſich zu Troilo und ent⸗ wickelte ausführlich ſeinen Anſchlag. Er unterrichtete ihn meiſterhaft über die Art, wie er ſich bei der nächt⸗ lichen Zuſammenkunft mit den Piagnoni zu benehmen habe, und fügte dann mit boshaftem Grinſen hinzu: Wenn die Sache gut geht, haben wir noch einen andern Gewinn, denkt nur, wie vielen Sold wir dann vielleicht weniger zu zahlen haben. Bin ich ein guter Haushalter, he?— Ich ziehe den Hut vor Euch, Herr Baccio, ſagte Malateſta lachend und fügte mit einem in Perugia üblichen Schwur hinzu:„Bei Gott, was Ränke betrifft, bin ich ein Schuljunge gegen Euch.“ Immer mehr für ſeinen Plan eingenommen fuhr Baccio fort: Ich finde noch einen andern Vortheil dabei; mein Gedanke gehört zu denjenigen, die ſich nach allen Sei⸗ ten als richtig bewähren. Bei dieſer Gelegenheit wird man die raſendſten von den Piagnoni, diejenigen, von welchen weder Ruhe noch Friede zu erwarteu iſt und die wir durchaus vernichten wollen, kennen lernen, und je mehr von ihnen bei jenem Kampf in die andere Welt wandern, deſto weniger hat der Henker zu thun und deſto weniger wird gegen uns, gegen den Pabſt und gegen das Haus Medici Haß erregt. Auch mit dem Haß muß man haushälteriſch umgehen. Die⸗ ſen Niccolo möchte ich noch weit lieber als die Andern durch eine gute Büchſenkugel los werden, ohne daß ich nöthig hätte, ihn auf's Blutgerüſte zu liefern, denn er beſitzt gar zu große Gunſt bei dem Volke und in einem neuen, unbefeſtigten Staate, wie der unſrige, iſt es keine Kleinigkeit, mit Männern von Riccolo's Schlag zu thun zu bekommen. Es iſt alles zu wetten, daß er, Niccolo de' Lapi. U. 15 226 ſo alt er auch iſt, an dieſem Kampfe ſelbſt Theil nimmt; daß er es wenigſtens will, daran zweifle ich nicht.“ „O, was den Willen betrifft, wird er nur zu viel haben, ob er aber kann, iſt eine andere Frage, wenig⸗ ſtens war er heute Abend ſehr erſchöpft. Auf jeden Fall könnte es ſich ereignen „Wenn er dieſes Ende nimmt, um ſo beſſer für ihn denn ſonſt muß man jede Rückſicht bei Seite ſetzen und das Volk ſagen laſſen, was es will. Er gehört nicht zu denen, die man lebend in Florenz laſſen kann, wenn man das Haus Medici hier fefte Wurzel faſſen laſſen will.„Aber daran wollen wir denken, wenn Alles geſchehen iſt. Jetzt zu etwas An⸗ derem. Wenn jene in's Handgemenge kommen, wie willſt Du Dich aus der Schlinge ziehen, Troilo? Ich möchte nicht, daß Du gerade jetzt untergehen ſollteſt, wo wir nahe am Hafen find. Richt als ob Baccio für das Leben des jungen Mannes ſonderlich beſorgt geweſen wäre; denn wäre ſchon Alles vorüber geweſen, ſo würde er gern auch auf ihn die Berechnung angewendet haben, die er ſo eben hinſichtlich der Löhnung der Soldaten entwickelt hatte. Jetzt aber konnte er ihn noch brauchen, falls Riccolo am Leben blieb, um ein Mittel zu finden, den Letzteren ohne Geräuſch und Aufſehen in die Hände zu bekommen. „Ihr wißt,“ erwiderte Troilo,„daß ich mich bisher nicht ſonderlich um Lebensgefahren bekümmert habe; dann lächelte er ein wenig und fügte hinzu: Wenn ich jedoch die Wahrheit ſagen ſoll, ſo bin auch ich der Meinung, daß bei den jetzigen Umſtänden meine Haut ein paar Dukaten mehr werth iſt, als vor einem Mo⸗ nat, und wenn ich meine Rolle in dem Luftſpiele aus⸗ ſpielen könnte, ohne den Hals zu brechen, ſo wäre es mir nicht unlieb.“ „Laß das meine Sorge ſein,“ ſagte Bascio ent⸗ 227 ſchloſſen, reichte ihm die Hand und fuhr ſort:„Geh' und mache noch einmal den Piagnoni mit den Andern und fürchte Nichts, denn ich will ſchon ein Mittel finden, Dich vor jeder Gefahr zu bewahren. Du haſt doch Vertrauen auf mich?“ Troilo ſagte bei ſich ſelbſt: Trauen oder nicht n ich muß die Flaſche austrinken. Dann ſagte er laut: „Wohlan, Herr Baccio, Ihr ſeht, daß ich nicht mäckle, wo es Gefahren gibt, und Ihr werdet Euch ſeiner Zeit daran erinnern; jetzt aber laßt mich gehen und wir wollen das Beſte hoffen.“ „Geh' Du nur und ſei gutes Muthes,“ erwiderte Baccio,„an Auswegen fehlt es mir nicht und ich werde Dich ſchon aus der Schlinge zu ziehen wiſſen. Aber — Chier ſah er ihm in's Geſicht und erhob den Zeige⸗ finger, um ſeinen Worten größeren Nachdruck zu geben) verſtändig und klug!... Bedenke, daß dieß Deine letzte Mühe iſt, nach welcher Dich Belohnung und ein vergnügtes Leben erwartet.“ Troilo ging hinaus und brummte zwiſchen den Zähnen:„Die letzte Mühe? Ich möchte gerade nicht, daß es wirklich die letzte wäre.“ Deſſenungeachtet mußte er ſich fügen(denn jetzt war Baccio ſo zu ſagen Herr von Florenz und er durfte ſich nicht über ihn luſtig machen, wie damals im Lager, wo Alles noch dem Zufall anheimgeſtellt und voll Gefahr war); er entſchloß ſich daher, den ihm gewordenen Auftrag pünktlich und auf jede Gefahr hin zu vollziehen. Indeſſen war Nieccolo mit großer Beſchwerde und nicht ohne Gefahr(denn in jener Zeit der Verwirrung waren die Straßen unſicher) an dem Thore von S. Marco angekommen. Er klopfte auf ſeine eigenthümliche Weiſe, mit der er ſich zu erkennen zu geben pflegte; hierauf kam der Pförtner und fragte von innen, ob er allein ſey? Als 228⁸ dieß bejaht wurde, öffnete er die Thüre halb und mit Vorſicht, und ſobald er ihn hineingelaſſen hatte, ſchloß er eilig alle Schlöſſer, welche am Thore waren. Es war ein alter Laienbruder, der noch von der Zeit des Fra Girolamo her dieſes Amt verwaltete, ein einfacher Mann und der Sache des Kloſters, ſo wie der Partei der Piagnoni ſehr ergeben. „Verzeiht, Herr Niccolo,“ ſagte er,„daß ich Euch fragte, ob Ihr allein wäret; aber ich erinnere mich noch der Begebenheiten vom Jahre 98 und mir kommt es vor, als ſollten jene Zeiten wiederkehren. Ach, die Züchtigungen, die unſer heiliger Meiſter uns vorher⸗ ſagte, find noch nicht vorüber! Gott erbarme ſich unſer!“ „Muth, Bruder Gaudenzio! Er verläßt Niemand, außer die ſich von ihm wenden,“ ſagte Niccolo eintretend, und der alte Mönch faltete die Hände und erwiderte: „Amen!“ und bemerkte, während er ihm nachſah, wie langſam, matt und traurig Niccolo auf die Thüre des erſten Hofes zuging.„Armer alter Mann!“ ſagte der Mönch zuletzt und trat kopfſchüttelnd und ſeufzend wie⸗ der in ſeine Zelle am Thor. Die Erſchöpfung Nicco⸗ lo's, die bei einem Greis von ſo hohen Jahren, den die Aufregungen und Leiden der letzten Tage ſo ſehr gebeugt hatten, nur zu natürlich ſein mußte, wurde in jener Nacht noch durch den Zuſtand der Atmoſphäre vermehrt. Ueber das Arnothal und über Florenz hat⸗ ten ſich tiefhängende und vichte Wolken ausgebreitet, die einen dichten Nebelſchleier bildeten und jeden Luft⸗ zug verhinderten, ſo daß auch nicht der mindeſte Hauch den Athem in dieſer drückenden, todten Schwüle erfriſchte. Die Lampen des Kloſters, die, in großen Zwiſchen⸗ räumen aufgeſtellt, mehr zum Wegweiſer als zur Er⸗ hellung der Gänge dienten, brannten mit gerader und unbeweglicher Flamme und warfen nur ſchwache Licht⸗ ſtreifen auf die Mauer und auf das Gewölbe, alles Andere war dunkel; aber ſchwärzer als alles Uebrige erſchienen die Bogen des Kreuzganges, durch welche 229 man ſonſt den Himmel ſah, außer daß der Winkel nach Norden von Zeit zu Zeit durch einen bleichen zuckenden Lichtſtrahl erhellt wurde, der an der Vorderſeite des Kloſters hinirrte und von Zeit zu Zeit die kleinen Fen⸗ ſter der Zellen, die Linien der Geſimſe und den Brun⸗ nen mitten im Hofe erkennen ließ; dann verſchwand wieder Alles in ein noch ſchwärzeres Dunkel als vor⸗ her und man glaubte(aber ſo ſchwach und fern, daß unmöglich zu erkennen war, von welcher Seite es kam) ein dumpfes fortdauerndes Rollen des Donners zu ver⸗ nehmen, ungefähr wie dasjenige, das ein ſchwerer Kör⸗ per hervorbringen würde, der in einem unterirdiſchen Gewölbe dahingeſchleift wird. Niccolo ſtieg langſam und mit Mühe die Treppen hinan und befand ſich am Eingange des Schlafſaales im erſten Stock, der gegen die Straße del Maglio hinausſieht. Dort blieb er, um einige Augenblicke auszuruhen, vor einem Bilde der Verkündigung ſtehen, einem Frescogemälde, welches Bruder Angeliko auf die gegenüberſtehende Wand geworfen hatte. Der Strahl einer kleinen Lampe, die dort brannte, fiel auf die einfachen und himmliſch ſchönen Züge der heiligen Jungfrau, die fromme und liebliche Erfindung eines unbefleckten, liebevollen Herzens, auf die erha⸗ bene und ehrwürdige Geſtalt des Erzengels mit großen, ausgebreiteten und zugeſpitzten Flügeln, mit den wal⸗ lenden Haaren, dem langen, bis zu den Füßen reichen⸗ den Gewand, welches die Form der Glieder mehr an⸗ deutet, als zeigt, auf die ſchlanken Säulen und die Schwibbogen eines Gewölbes, unter welchem die bei⸗ den Geſtalten angebracht waren. Vor dieſem Bilde beugte Niccolo ſein Haupt und faltete ſeine Hände. Er betete einige Augenblicke, flehte um die Unterſtützung des Himmels für die Unternehmung, die er ſich vor⸗ geſetzt hatte, und gelobte für den Fall eines glück⸗ lichen Ausgangs ſein ganzes noch übriges Vermögen auf den Bau einer Kirche zu Ehren der heiligen Jung⸗ 230 frau zu verwenden. Als er ſeine Augen wieder erhob, fah er an der oberſten Spitze des Bogens, auf wel⸗ chem das Gewölbe der Decke des Schlafzimmers ruhte, das verhaßte Wappen der Medici, welches Cofimo der Aeltere, der Gründer dieſes Kloſters, dort hatte anbrin⸗ gen laſſen. Dieſes Zeichen betrachtete er beinahe als eine un⸗ heilverkündende Viſion, als das verhängnißvolle Vor⸗ zeichen eines Mißgeſchickes, das ihn verfolgte. Er wen⸗ dete ſeinen Blick empört hinweg und entfernte ſich nach der erſten Seite, wo er nur wenige Thüren vorüber⸗ ging und auf die Zelle des Bruders Zaccaria di Fi⸗ vizzano öffnete. Die beiden Freunde umarmten ſich, ohne ein Wort zu ſagen, und der Mönch bemerkte wohl, daß Niccolo's Ankunft, zu dieſer ſpäten Stunde, einen wichtigen Grund haben müſſe. „Iſt es moglich,“ ſagte er zu ihm, während er noch von ſeiner Umarmung die Hände auf ſeine Schultern gelegt hatte und ihn feſt anblickte:„Iſt es möglich, daß uns noch eine Hoffnung übrig bleibt?“ „Auf Menſchen nur wenige, Bruder Zaccaria, aber noch ſehr viele auf Gott; ich bin dieſe Nacht hie⸗ hergekommen, weil ich nicht glauben kann, daß er uns ganz verlaſſen, daß er in ſeinem Zorne unſern gänz⸗ lichen Untergang beſchloſſen hat. weil ich mich nicht überzeugen kann, daß unſer heiliger Märtyrer dieſes arme Volk ſo ganz verlaſſen hat und ihm nicht helfen ſollte, daß er es nicht vom Himmel herab gegen die Tyrannen vertheidigt, wie er es, ſo lang er lebte, auf Erden unter uns that. O ja, ich glaube es ganz gewiß, dieß iſt nur eine Prüfung, eine furchtbare Prüfung, die Gott zuläßt, unſern Glauben zu erpro⸗ ben.. Gehen wir als Sieger daraus hervor„ Laſſen wir ihn nicht erſchüttern, laſſen wir uns nicht ſchrecken, ärgern wir uns nicht beim Anblick unſeres Elends, und ſo wahr Gott lebt, er wird ſeine Gläu⸗ 231 bigen nicht verlaſſen, wird ſie nicht in die Hand ihrer Feinde geben, und nach dem Kummer, nach der Prü⸗ fung, wird Freude und Sieg folgen. Nach dieſen Worten, mit welchen die Gedanken und Wünſche des kühnen Mönches völlig übereinſtimm⸗ ten, da dieſer eben ſo begeiſtert als Niccolo war und in der Blüthe ſeiner Jahre ſtehend, ihn an Stärke noch übertraf entwickelte der Greis ſeinen Plan und ſagte ihm, daß er ſeine Söhne ausgeſendet habe, um die ge⸗ ſunkenen Hoffnungen der Piagnoni wieder zu beleben; ſie ſollen ſich vereinigen und dieſe Nacht im Kloſter eingelaſſen werden, um zu berathen, welcher Entſchluß jetzt in dieſer Gefahr als der beſte erſcheine; Niccolo unterſtützte ſeine Anſicht mit vielen Gründen und es gelang ihm ohne Mühe, denſelben Geiſt, daſſelbe Selbſt⸗ vertrauen und dieſelbe Standhaftigkeit dem Mönche einzuflößen, die ihn belebte. Dann beſchloßen ſie, ſogleich zu dem Superior, Bruder Benedetto zu gehen, und ihn von dem zu benachrichtigen, was angeordnet werden ſollte. Sie trafen den guten Alten ſchon zu Bette, und es iſt nicht erſt nöthig zu ſagen, daß er erſchrak, als er Niccolos waghalſigen Plan vernahm; denn man kann es ſich wohl denken, wenn man ſich ſeinen furcht⸗ ſamen und milden Charakter, der aller moraliſchen Stärke entbehrte, kennt. Er war gewöhnt, ſich Andern als Spielzeug zu überlaſſen und befolgte bei dieſer ſo gefährlichen und ſchwierigen Lage um ſo mehr das gleiche Syſtem, als er ſelbſt fühlte, daß er weit weni⸗ und Muth, als die andern Beide, efitze. Seine Worte waren voll Seufzer, Klagen und Befürchtungen; er ſchloß damit, alles der Einſicht Ric⸗ colos anheim zu ſtellen und Gott zu bitten, daß er die Stadt und das Kloſter gegen Plünderung und das Verderben, welches bevorſtand, bewahren möge. Hierauf verließ Riccolo den Bruder Benedetto * und ſtieg in die Kirche hinab, um zu warten, und Bruder Zaccaria ging von Zelle zu Zelle, um die Brüder aufzuwecken und zu benachrichtigen. Bei denen, auf die er das meiſte Vertrauen ſetzte, machte er den Anfang. Die Mönche traten aus ihren Zellen und man ſah ſie im Geſpräch über das eben Gehörte zu zweien oder zu dreien auf die Kirche zugehen, oder ſich in klei⸗ nen Kreiſen zuſammen finden und ſich unterhalten, die Einen nachdenklich und traurig, die Andern kühn und geſprächig. Sie erſchienen in ihren weißen Kutten, viele mit brennenden Wachslichtern in der Hand, die ihre Geſichter von unten beleuchteten; dieſe hatten größtentheils einen ernſten, wahrhaft männlichen Aus⸗ druck und erſchienen in der halben Beleuchtung eckiger, ſchroffer und runzliger als fonſt. Die Lichter, die weiße Farbe der Kutten und der Mauer ließen das Gewölbe noch dunkler erſcheinen, da die Zellen, welche ſich in der Nähe des Schlaf⸗ ſaals befanden, nach einem eigenen Bauſyſtem eine eigene Unterdecke hatten, die ſie abſchloß und vor Kälte bewahrte. In Kurzem war das ganze Konvent, das aus beinahe zweihundert Mönchen beſtand, in der Kirche beiſammen; der größere Theil von ihnen hatte ſeit ungefähr vierzig Jahren Antheil an den Schickſalen des Staates und an den Berathungen darüber gehabt; ſie waren an Gefahren, Revolutionen und Bürger⸗ kriege gewöhnt, daher hatte dieſe nächtliche Zuſammen⸗ kunft weder Erſtaunliches noch Schreckliches für ſie, denn in der vamaligen Zeit hatten auch diejenigen Männer, welche zu den friedlichen Ständen gehörten, etwas Kühnes und Kriegeriſches, welches der Fortſchritt der Civiliſation in der neueren Zeit mehr und mehr aus der Geſellſchaſt verwiſcht hat. Indeſſen ſchlug eine im Hintergrunde des Schlaf⸗ ſaals angebrachte Uhr, auf einem engen und hohen Ka⸗ ſten von Nußbaumholz, in welchem ſich der Pendel 233 bewegte und die Gewichte herabhingen, die Mitter⸗ nachtsſtunde; bald darauf ſchlug auch die Uhr der Sacriſtei und dann diejenige des Glockenthurmes. Es war die beſtimmte Stunde und es konnte nicht mehr lange anſtehen, daß die Erſten erſcheinen würden. Ein Mönch wurde abgeſchickt, um an der Gartenthüre ge⸗ gen die Str aße del Maglio zu warten, und ermahnt, jeden einzulaffen, der die Lvoſung: S. Marco und Frei⸗ heit, geben würde. Dreißigſtes Kapitel. Niccolo war indeſſen in die Kirche hinabgeſtiegen und vor dem Hauptaltar auf die Kniee geſunken. Ein Sacriſtan zündete vier Wachslichter an, welche das Dunkel ein wenig zerſtreuten, denn ſo wenig Licht reichte nicht hin, einen ſo weiten Raum ganz zu er⸗ hellen; von Zeit zu Zeit aber thaten dieſes die zucken⸗ den Blitze, welche in den mannigfaltigen Farben der gemalten Scheiben gleich einem ſchnell wieder ſchwin⸗ denden Regenbogen durch die Kirche fuhren, um dann die Finſterniß noch dunkler, das Licht der Kerzen noch matter erſcheinen zu laſſen. Die Flämmchen, die bisher aufrecht und unbe⸗ weglich gebrannt hatten, begannen auf einmal zu wan⸗ ken und ſich zu beugen und wurden ſo klein, als wenn ſie erlöſchen wollten, denn das Gewitter, das auf den Gebirgen von Mugello emporgeſtiegen war, hatte ſich ſchon genähert; es erhob ſich jener feuchte und friſche Wind, der dem Orkane voranzugehen pflegt, und drang pfeifend durch die Spalten der Fenſter, brach ſich un⸗ ter den Thorhallen des Kloſters, durchzog die Gänge 234 und alle Winkel des Gebäudes und ſchlug mit raſchem Zuge Thüren und Fenſter auf und zu, als wenn er dor dem herannahenden Ungewitter warnen wollte. Der Donner rollte lauter un? näher, als ziehe er durch die höheren Gegenden der Luft, fern beginnend, dann über dem Haupie mit dem Geräuſche entladener Ge⸗ ſchütze losbrechend, endlich ſich wieder entfernend und noch lange in den entlegenen Schluchten der Berge fortmurrend. Die erſten Regentropfen fingen an ſchräg auf die Scheiben zu fallen, nach und nach fielen ſie immer häufiger und dichter, bis ſich mit dieſem Ge⸗ räuſche das feine und trocknere Raſſeln des Hagels vermiſchte, der auf den Dächern abprallte und von da auf Mauern und Fenſter ſtürzte. Mit jedem Donner⸗ ſchlag wuchs das Toben und Gebrüll des Windes; mn hörte die Bäume des Kloſtergartens entwurzelt allen. Kaum bemerkte Niccolo dieſes Getöſe, denn er war ganz allein mit dem Vorhaben beſchäftigt, um deſſen glücklichen Ausgang er Gott anflehte. Die Veränderung, welche in der Beſchaffenheit der Atmo⸗ ſphäre eingetreten war, die Abkühlung derſelben durch das Gewitter, friſchte ſeine Lebensgeiſter wieder auf und verlieh ihm ſo zu ſagen ein neues Leben, welches ſeine Hoffnungen höher ſieigerte als je. Indeſſen hatte ſich die Kirche mit Mönchen ange⸗ iit 6 Bruder Zaccaria näherte ſich Niccolo und ſagte zu ihm: „Dieſes Unwetter iſt zu unſerem Vortheil; die Unſerigen werden ihre Häuſer verlaſſen und hieher tommen können, ohne beobachtet zu werden.“ Eben erſchien Lamberto ganz durchnäßt an der Thüre der Sacriſtei; er trieſte, wie wenn er durch ei⸗ nen Fluß geſchwommen wäre. Niccolo blickte ihm feſt in die Augen, während er ſich ihm näherte, um in denſelben den Erfolg ſeiner Bemühungen zu leſen; aber ſeine Mienen ſchienen nichts Gutes zu verkünden. 235 Als er heran getreten war, ſagte er mit finſterem Ge⸗ fichte: „Ich habe das Möglichſte gethan und Manchen aufgefiſcht; aber nur vom gemeinen Volk, von Euren Arbeitern in der Vorſtadt San Maria„O dieſe find alle bereit und werden kommen, wohin Ihr wollt; ich bin von Haus zu Haus gegangen und Niemand iſt zurückgeblieben; ſogar die Weiber waren die erſten, welche ihren Männern Muth einſprachen. Geht, geht! ſagten ſie, Herr Niccolo weiß wohl, was zu thun iſt! leben wir nicht von ſeinem Brode? Es iſt alſo eure Pflicht, daß ihr euer Leben für ihn und das, was er im Sinne hat, aufs Spiel ſetzt.— So ermuthigten ſich dieſe armen Leute unter ein⸗ ander und machten ſich fertig, bald werdet ihr ſie hier erſcheinen ſehen; aber die Angemäſteten, die Geld⸗ leute unter den Bürgern, mit denen hat es eine andere Bewandtniß.“ Er ſchüttelte den Kopf und ſeufzte. „Einige find flüchtig, Andere haben ſich verſteckt, wieder Andere waren nicht anzutreffen und die Wenigen, die ich geſehen habe.... da war es, als hörten ſie einen Unſinnigen, als ſagte ich die größte Thorheit. Was ſollte ſich jetzt noch thun laſſen? ſagten ſie; das iſt ja, wie wenn jemand ſeine Fauſt gegen den Him⸗ mel ſtrecken wollte! Viele verleugnen den Bruder Gi⸗ rolamo und ſagen: Endlich ſind wir aufgeklärt! und verwünſchen den Tag und die Stunde, da fie ihm ge⸗ glaubt haben. Villeicht liegt es blos an meinem ſchlechten Glück, vielleicht haben meine Brüder und Troilo mehr ausgerichtet. Es kann nicht mehr lange anſtehen, daß ſie kommen; wollen wir von ihnen beſ⸗ ſere Nachrichten hoffen!“ Als Lamberto dieſe Worte geſprochen hatte, trat er auf die Seite, während Niccolo rief:„Und da ſa⸗ gen ſie, Gott habe ſie verlaſſen! Gott habe ihnen nicht helfen wollen! während doch ſie es find, die ihn 236 verlaſſen und ihren Propbeten verleugnen. O, armes Volkl armes Florenz!“ Er kreuzte die Arme über die Bruſt, ſann in dieſer Stellung eine Weile nach und fuhr dann fort: „Laßt uns auf die Andern warten!“ Die Mönche hatten ſich um Lamberto gedrängt, um zu hören, was er mitbrächte. Nunmehr löſten ſie dieſen Kreis auf und ihre Mienen und halblaut ge⸗ ſprochenen Worte zeigten mehr Muthloſigkeit als Ver⸗ wunderung; einige bildeten Gruppen von vier oder fünf, andere ſetzten ſich auf Bänke, wieder andere gingen im Hintergrund der Kirche auf und ab und unterhielten ſich je nach ihren verſchiedenen Leiden⸗ ſchaften und Gemüthsanlagen; die einen ſahen in der Einnahme der Stadt bloß den Untergang der Volks⸗ herrſchaft, ſprachen von Freiheit und bejammerten de⸗ ren Verluſt, die Andern ſahen ein, daß das Kloſter den Einfluß verlieren werde, den es zur Zeit der Re⸗ publik behauptet hatte, ärgerten ſich darüber und ſag⸗ ten:„Da gewinnen es die Minoriten“*) zum zweiten⸗ mal.“ Der Bruder Glöckner fügte faſt weinend hin⸗ zu:„Unſere arme Glocke wird wieder ins Franzis⸗ kanerkloſter wandern müſſen!“ Vielen Andern lag mehr die Religion am Herzen; fie beklagten, daß die fromme Lebensweiſe, welche durch die Ermahnungen und Bei⸗ ſpiele des Savonarola aufrecht erhalten worden war, untergehen werde und jammerten:„Jetzt kommen die Medici wieder; wer wird dieſes Volk nun im Zaum halten können? Da geht es von vorn an und ſchlim⸗ mer als vorher mit Spielen, Wirthshäuſern, Unzucht, und nun bedenke man, daß die Medici dieſes Kloſter *) Die Minoriten und das Kloſter San Marco beſtand ſeit den Zeiten des Bruders Girolamo eine eiferſüchtige Zwietracht und die Erſteren trugen viel zum Untergang des Letzteren bei; auch bewirkten ſie bei dieſer Gelegenheit, daß letztem die Glocke genommen und nach San Francesco ge⸗ pracht wurde. Nachher wurde ſie zurückgegeben. gegründet haben! O, Gott kennt ſolche Kirchenſtifter nicht, bei denen die guten Werke nur dazu dienen, das Volk zu betrügen.“— Einige gab es auch, die von jeher in ihrem Innern nicht viel an Bruder Gi⸗ rolamo geglaubt hatten, obgleich ſie es nicht laut wer⸗ den ließen, um nicht deßhalb verfolgt zu werden. Dieſe blickten ſich mit verſtohlenem Lächeln an und wieder⸗ holten unter einander mit höhniſcher, halblauter Stimme die berühmten Worte des Mönches:„Biſt Du nun aufgeklärt!“*) Unterdeſſen wuchs die Wuth des Sturmes, wäh⸗ rend dieſe Verſammlung von weißen Geſtalten, die in dem Halbdunkel der alten Hallen von San Marco umherirrten, mehr und mehr einer Scene aus der an⸗ dern Welt glich. Nur die vier ſchwachen Leuchten am Hauptaltar ſchimmerten, wie Sterne durch den um⸗ wölkten Himmel flimmern, auf kurze Zeit verſtärkt durch den raſchen Stral der Blitze. Das Geräuſch des Regens, die häufigen Donnerſchläge, von welchen die Mauern in ihren Grundveſten erbebten, die Wuth des Windes, wenn er mit ſeinem Pfeifen durch enge Gänge zog, das beinahe wie eine menſchliche Stimme klang: alles dieſes glich einem Geheul, einer Klage, ja man hätte geglaubt das ferne Gebrüll reißender Thiere zu vernehmen. Einige Mönche, welche furcht⸗ ſamer und abergläubiſcher als die übrigen waren, hiel⸗ ten dieſen Aufruhr der Natur für ein Werk böſer Gei⸗ ſter und es kam ihnen beinahe vor, als kämen dieſe *) Als Kaiſer Maximilian 1496 mit den Truppen des Herzogs von Mailand und der Flotte der Venetianer nach Livorno kam, um die Staatsverfaſſung von Florenz zu än⸗ dern, hielten ſich die Florentiner für verloren und die Feinde Savonarolas riefen einander zu:„Biſt du nun darüber auf⸗ geklärt, daß uns dieſer Mbnch betrogen hat.“ Als aber die Unternehmung des Kaiſers nach Savonarolas Vorherſagung mißglückte, hielt dieſer eine Predigt, in welcher er die Worte ſeiner Gegner zu ſeinem Vortheil anwendete. Daher nannte man dieſe Predigt:„Biſt du nun aufgeklärt?“ —— geheimnißvolle Unheil verkündenden Stimmen aus den Abgründen der Hölle, als Vorzeichen einer wahren Heimſuchung der Teufel, die ſich zu einem Angriff auf das Kloſter rüſteten, und ein alter Laienbruder ſprach ſeufzend und ſich bekreuzigend:„Scheint es doch, als ob die Nonnen von San Lucia wiever ein wenig Feiertag haben ſollten, wie damals, als der ſelige Bruder Girolamo ins Pelagio gebracht wurde.“*) Einige junge Novizen ſchauderten bei dieſen ſo ernſt und ängſtlich geſprochenen Worten zuſammen, ſie riſſen Augen und Mund auf und warteten, ob der alte Mönch ſich nicht näher erklären würde. Der Laienbru⸗ der fuhr mit betrübter Stimme fort: „Wer in dieſem Kloſter alt geworden iſt, der hat Manches durchgemacht; es hat Zeiten gegeben, da der böſe Feind uns weder Tag noch Nacht Ruhe ließ, und den armen Nonnen von S. Lucia hat er es ebenſo ge⸗ macht; aber damals lebte der Bruder Girolamo noch und der heilige Mann, Bruder Dominico von Pescia, den hätte man mit dem Teufel kämpfen ſehen ſollen! Er verſtand keinen Spaß und dennoch wurde auch ihm einmal ein Streich geſpielt, daß jeder minder Beherzte dem Teufelaustreiben für immer entſagt hätte. Hört einmall! Es wurde uns Allen eine Furcht eingejagt, daß ich es Euch gar nicht ſagen kann. Ihr kennt die Zelle, welche gegenwärtig Bruder Giordano bewohnt, mit dem Bilde unſeres Erlöſers, wie er vom Teufel verſucht wird, jenen kohlſchwarzen Teufel mit dem langen Schwanz und ben großen Hörnern. Der ſelige Bruder Dominico nahm eines Tages(was zum Ku⸗ 4) In der Nacht, in welcher das Kloſter S. Marco er⸗ ſtürmt wurde, blieben, wie der Pater Pacifico Burlamachi erzählt, die Nonnen des Kloſters S. Lucija von den Anfech⸗ tungen der böſeu Geiſter verſchont. Am Morgen darauf lie⸗ ßen ſie ſich durch den Mund der Ronnen vernehmen. Heute e haben wir bei dem Angriff auf die Moͤnche zu thun gehabt. 239 kuk kam ihm in den Sinn) einen Beſen und zerfetzte das Bild des Teufels an mehreren Stellen. Was meint ihr? Des Nachts waren wir von der Frühmeſſe zurück⸗ gekommen und er war wieder eingeſchlafen. (Die Novizen drängten ſich zuſammen und ſahen ſurchtſam um ſich, als ſollte jeden Augenblick ein Spuk in der Kirche erſcheinen.) Ungefähr um 2 Uhr nach Mitternacht hörten wir ein Geklopf und ein halb unterdrücktes Geſchrei... und wer war es?... Es war der böſe Geiſt, der, um ſich zu rächen, dem Bruder Dominico ſo viele Schläge ver⸗ ſetzte, daß er halb todt liegen blieb, das mag Gott bezeugen!*) Ich will mich gerade nicht der Tapferkeit rühmen, wenn ich aber die Zellen reinige und irgend einen Teufel ſehe, ſo empfehle ich mich Gott und ſage vor mich hin: Laß mich nur gehen, laß mich nur gehen, Thu Dir nichts Böſes und nichts Gutes. Stellt Euch vor, wenn er ſo mit dem Bruder Dominico verfahren iſt, der die Weihen hatte, da würde er mich, den armen Laienbruder, zerriſſen haben... Gott helfe mir und die heilige Jungfrau!... Jetzt zwar haben wir ein wenig Ruhe, aber damals in man⸗ cher Nacht konnten wir den Weg zu der Wendeltreppe nicht finden, wenn wir zu dem Chor hinabgehen woll⸗ ten, große, ſchwarze Katzen ſah man auf den Dächern mit Augen wie Fackeln, an den Wänden krochen Sa⸗ lamander wie die Raupen und manchmal hab' ich ſelbſt einen auf der Flamme einer Lampe ſtehen ſehen, wie er ſich am Feuer ergötzte. Das glaube ich wohl, im Vergleich mit dem hölliſchen, wird es ihm eine Ab⸗ kühlung gedünkt haben, und wie ich um eine Ecke des Schlafſaals bog, da ſtand es im Hintergrund klein, ganz klein, aber ganz Auge und Mund. O Herr, hilſ uns, meine Augen haben furchtbare Dinge geſehen!“ *) Dieß wird von Burlamachi in Savonardlas Leben als Thatfache erzähit⸗ „Und den Nonnen ging es eben ſo?“ fragte ein Novize zitternd mit leiſer Stimme. „Ebenſo! Noch ſchlimmer! Und der Teufel ſuchte bald die Eine, bald die Andere heim und ließ die ar⸗ men Mädchen Dinge thun, und was für Dinge! Aber was wollt ihr? Es war nicht ihre Schuld, ſondern es war der böſe Feind. Dann ſchickten ſie ſogleich zum Bruder Dominico und dieſer durfte ſich nur zeigen, um die Beſeſſenen zu heilen. Wenn er abgehalten war und nicht ſelbſt gehen konnte, ſo ſchickte er einen An⸗ dern mit der Bibel und ließ dem Teufel befehlen, aus⸗ zufahren. Da konnte man den Teufel ſchreien hören:„Da iſt er, da iſt er mit ſeinem Kuttenkopf,“ und wenn er un⸗ ſern heiligen Propheten nennen wollte, ſo ſagte er ſtatt Bruder Girolamo ſpöttiſch: Bruder Giraffa und andere ſolche Schändlichkeiten. Genug, wir wollen Gott dan⸗ ken, daß dieſe Prüfungen von uns genommen find!“ Dieſe Worte wurden unter andern von einem al⸗ ten Mönch vernommen, einem unſcheinbaren Mann, der durch ſeine Kaſteiungen das Anſehen einer natür⸗ lichen Mumie bekommen hatte⸗ wie man ſie z. B. im Kapuzinerkloſter in Rom fieht, aus deren Kutte nur ein mit gelber Haut überzogenes, trockenes, verzerrtes Geſicht hervorblickt. Dieſer, der in ſeinem ganzen Le⸗ ben keine glückliche Stunde gehabt hatte, weil er be⸗ ſtändig von Zweifeln geplagt wurde, ſagte mit zittern⸗ der und grillender Stimme: „Ich will Euch ſagen, Brüder, warum der Teu⸗ ſel uns jetzt nicht auf andere Weiſe plagt und nicht mehr ſichtbar erſcheint. Es geſchieht deßhalb, weil es in der Welt mehr nach ſeinem Wunſche zugeht(hier ſeufzte er). Ja nur zu ſehr! Denn in dieſem Kloſter ging es ganz anders zur Zeit des Bruders Girolamo (ein zweiter Seufzer). Wir find weichlich geworden in Speiſe, in Kleidung und in Allem, anſtatt auf den heiligen Geiſt zu achten, anſtatt das insenire pro Christo, find wir zu der Eitelkeit weltlicher Beſtre⸗ ———— A1 bungen zurückgekehrt, das Gebet wird erſt nach dem Eſſen geſprochen, gegen die Befehle des Bruders Gi⸗ rolamo; die Bibel, die wir zu ſeiner Zeit immer un⸗ term Arm hatten, iſt bei Seite gelegt und zerriſſen; kurz, meine lieben Brüder, man denkt nur wenig an's Innere. Wie ſollte ſich alſo der Teufel Mühe um uns geben, wenn wir ohnehin die Wege wandeln, die er will.“ Und hier folgte noch ein Seufzer, der für vier gelten konnte. Indeſſen wendeten ſich alle Blicke nach der Seite hin, wo ſich Riccolo befand, weil das Flüſtern in je⸗ ner Gegend etwas lauter geworden war. Es waren nämlich Niccolos Söhne, Troilo und Fanfulla einge⸗ troffen, und um fie verſammelten ſich die in der Kirche zerftreuten Mönche. Ihre Nachrichten waren nicht im Geringſten beſſer als diejenigen, welche Lamberto ge⸗ bracht hatte, und es ſtellte ſich immer mehr heraus, daß man ſich entſchließen werden müſſe, dem Schickſal zu weichen. Averardo redete zuerſt in ſeiner gewohn⸗ ten, abgebrochenen, grimmigen Weiſe und nachdem dieſer erzäylt hatte, was er ausgerichtet, was unge⸗ fähr auf das nämliche hinauslief, wie bei Lamberto, nachdem er ſich in Schmähungen auf die Burger er⸗ goſſen hatte, die ſich in keine weitere Gefahr ſtürzen wollten, warf er ſeinen Kopf wild empor, als eben ein ſtarker Donnerſchlag folgte. „Möchteſt Du vieſe verflachten Schurken in Aſche verwanveln, welche lieber ein Sklavenleben führen, als frei ſterben wollen!“ Eine ſolche Verwünſchung⸗ die in dieſem Augen⸗ blick einem Manne entfuhr, deſſen ſchrecklicher Anblick allein ſchon in Furcht ſetzen konnte, firäubte auch den kuhnſten Umſtehenden die Haare. Der ſeufzende Mönch nahm ſeinen Kopf zwiſchen die Hände und murmelte vor fich hin: Sanctus Deus, zanctus fortis, sanctus immortalis! Niccolo erhob Riscolo de' Lapi. U⸗ 16 242 ſeine Hände mit Würde gegen ſeinen Sohn, ſah ihn feſt an und ſagte: „Averardo, Du biſt in der Kirche!“ Dieſer, der den Blick eines ganzen Heeres aus⸗ gehalten hätte, vhne die Augen niederzuſchlagen, ver⸗ mochte den Niccolo's nicht zu ertragen, verſtummte und ſenkte die Augen nieder. Nun erhob ſich Bindo, trat kühn heran(denn wer verzweifelt in ſeinem Alter) und ſagte: „Wenn ich Euch aber ſage, daß ich bei den Man⸗ nelli, den Agolanti, den Spini geweſen bin und alle dieſe jungen Leute zu dem bereit gefunden habe, was wir verlangen, bei keinem aber dieſe Feigheit antraf, von der Ihr ſprecht! Es iſt wahr, daß die Alten, die Väter der meiſten von ihnen, ſie geſcholten und ſich widerſetzt haben; die Söhne aber haben mich verſichert, daß ſie heimlich ausgehen und ſich dieſe Nacht mit uns zuſammen finden wollen. Ich meines Theils verzweifie nicht, denn an muthigen Jünglingen iſt in Florenz kein Mangel, Gott ſei Dank! Man darf nur einen Anfang machen und dann, verlaßt Euch darauf, werden Alle aufſtehen und für uns ſein.“ Das Vertrauen Bindo's wurde nicht in gleichem Grade von ſeinen Zuhörern getheilt; wenn man im Kreiſe herumblickte, ſo drückten die Mienen Aller Sorge und Unruhe und Kummer aus, und ſo viele Mühe ſich Niccolo gab, heiter und unbe⸗ die Unruhe ſeines Innern. Er wendete nun ſeine Augen auf Fanfulla, der mit ſeiner gewöhnlichen aufrechten Haltung und gleich⸗ gültigem Geſichte daſtand und auf ſeinem Panzer⸗ hemde das Scapulier des Dominikaner⸗Ordens trug, zugleich Soldat und Mönch; er blickte ihn an, um ihn zum ſprechen aufzufordern, und Bruder Zaccaria drückte Riccolvs Wink in Worten aus. „Nun, Bruder Giorgio, du verſtehſt dich beſſer auf fangen zu erſcheinen, ſo verrieth doch auch ſein Geſicht ———————— 243 ſolche Geſchäfte, als wir, glaubſt du, daß ſich noch et⸗ was hoffen, noch etwas thun läßt?“ Aller Augen hefteten ſich aufmerkſam auf Fanfulla; dieſer zog die Augenbrauen zuſammen, ſenkte die Au⸗ gen, ſchüttelte den Kopf und ſtieß zwiſchen den Zähnen kurze Ausrufungen hervor, die gerade nicht von guter Vorbedeutung waren. Endlich legte er ſeine Hand auf vie Stirne, kratzte ſich bald, bald ſuchte er den Schmerz ſeiner Wunde zu ſtillen und ſagte: „Da ich kein Florentiner bin, ſo verſtehe ich mich auf dieſe Bürger nicht ſo, wie Ihr; als ich demnach hevte Abend ausging, ſagte ich zu mir ſelbſt: Geh ein⸗ mal zu denen, die du kennſt, und laß mich ein Wort zu den Soldaten ſprechen und hören, was ſie denken. Warum Seht Ihr, wenn es auf ſo etwas ankommt. Ich will gerade der Bürgermiliz nicht Unrecht thun. Ich habe nie tapferere und tüchtigere geſehen, als hier.. Aber, um es kurz zu ſagen, jeder hat einmal ſein Handwerk und zwanzig ſo im Gewerbe alt gewordene Pikenmänner, die von Kindes⸗ beinen an, ſo zu ſagen, die Kriegszucht gewohnt find und immer ein Auge bei der Katze und das andere bei der Schüſſel haben, d. h. das eine auf den Feind und das andere auf die Fahne, die die Reihen nie brechen und mitten im Kugelregen den leichten Wink des Un⸗ teroffiziers oder des Hauptmanns verſtehen und die ohne dieſes wiſſen, was fie zu thun haben, kurz, ver⸗ ſteht mich wohl, zwanzig von ſolchen ſind mehr werth, als hundert Männer, ſie mögen ſo tapfer ſein als ſie wollen, die das Gewerbe nicht kennen und bald zu viel, bald zu wenig thun und die nicht wiſſen, daß ein Heer gleich einer Säge viele Zähne hat, aber nur durch einen Willen bewegt wird und nur dann nützen kann Ich ging alſo in die Quartiere der Sold⸗ truppen ich kenne ſie ſchon Alle, und Einigen hab' ich ſelbſt das Schwert in die Hand gegeben. Ich gehe zuerſt zu denjenigen hinter Santa Croce, ich trete ein, 244 Fanfulla ruft es da, Fanfulla dort, Grüß Gott! Gu⸗ ten Tag! Was gibts? Was gibts nicht?„5ch ſage zu mir ſelbſt: Nun beweis einmal, was du kannſt! und fange an: Schöne Ehre, bei Chriſtus und der Ma⸗ donna„ Kaum hatte er dieſes geſagt, ſo ſchlug er ſich mit der Hand auf den Mund, indem er wahrnahm, daß er die Scene mit allzu großer Wahrheit darſtellte, und ſich ſogleich corrigirend fuhr er fort: „Schöne Ehre habt ihr eingelegt, die Stadt auf Capitulationen zu übergeben und es iſt nicht einmal eine Hand breit von Befeſtigungen demolirt, es fehlt auch nicht an Blei und Kugeln; ihr habt das Leder eurer Schärpe noch nicht gegeſſen. Wenn ich gewußt hätte, daß es nur Spaß wäre, ſo wäre ich in S. Marco geblieben(ich ſagte nur ſo, denn die armen Schelme haben ſich nicht ſchlecht betragen, aber mit Soldaten muß man einmal ſo ſprechen); fſie aber ſagten der Eine dieſes, der Andere das, ſie thaten ganz wütheend und ſchämten ſich wirklich.. Die Rathsherrn find Schuld geweſen, ſie und der Verräther Malateſta Der eine zuckte die Achſeln, der Andere fluchte, ein Dritter ſagte: Wir find noch da! Wer bezahlt uns und zeigt uns den Weg? Da iſt ein Hauptmann von den Gas⸗ cognern, ein tapferer Mann; wir waren miteinander bei der Einnahme von Brescia; dieſer ſagte zu mir: Geſtern, wenn das Palagio gewollt hätte, ſo würde ich mit meinen Leuten die Schar des Malateſta an⸗ gegriffen haben; ſie haben es nicht gewollt; ich habe nicht mehr zu befehlen als die Rathsherrn; heute iſt es zu ſpät.“ Fanfulla ſchwieg eine Weile, dann zuckte er die Achſeln, kreuzte die Arme auseinander und ſagte: „Er hat Recht! Was wollt Ihr ihm antworten? Im Kriege beruht Alles auf der Gelegenheit! läßt du dieſe entſchlüpfen, deſto ſchlimmer für dich.“ Während Fanfullas Rede waren nach und nach 245 viele Seiden⸗ und Wollenarbeiter und Handwerker aus dem gemeinen Volk eingetreten, Alle ſo gut ſie es o r⸗ mochten, mehr orer weniger bewoffnet; auch erſchnen Einige von den jungen Leuten, mit welchen Bindo ge⸗ ſprochen hatte, alle jeroch machten höchſtens eine Schar von zweihundert Pe ſonen aus. De Zeit verlief ſchon ſeit länger hatte die Uhr der Sakriſti zwei geſch a en und man ſah Niemand mehr erſcheinen, und riejenigen die ſich dorthin begeben hatten, fingen, als ſi ihre kleine Anzahl und die Petrübnitß, welcke tie Mienen aller Umſtehenden und ſogar Niccolo's ausdrückten be⸗ merkten, größtentheils es zu bertuen an, daß ſie ihr Haus verlaſſen hatten. Niccolo ſtand beſtürzt und ſchwankte zwiſchen ver⸗ ſchiedenen entgegengeſetzten Entwürfen. Er konnte es weder über ſich gewinnen, ſie nach Hauſe zu chicken und der letzten Hoffnung zu entſagen, noch dieſe W⸗ nigen zu einem verzweifelten Eniſchluß anzuſpo nen, der ihren gewiſſen Tod herbeiföhren mußte. Wädrend er in dieſer Ungewißheit ſchwebte, hatten die Möache mehrere Bänke längs der beiden Stiten der Kuche vom Hauptaltar an aufgeſtellt auf welche ſie ſerbſt und die Angeſehenſten der Verſammlung ſich ſetzten; das übrige Volk ſtand im Hntergrund der Krrche und ſchloß auf dieſer Seite das Viereck, welches in der Mitte leer blieb. Riccolo ſaß auf einem Lehnſeſſel, welcher an ras obere Ende deſſelben geſtellt worden war, und hatte den Bruder Zaccaria und ſeine Söhne zur Seite, die ſich ehrerbietig mit ihm unterre eten. Nun trat von der Thüre der Sakriſtei her ein alter Mann in die Mitte dieſes Vierecks, den man ſeiner Kleidung nach für einen armen Handwerker halten mußte. Er trug über ſeinen gewöhnlichen Gewindern enen ganz verroſteten Bruſtharniſch und ein Schwert an der Seite. Sein Ausſehen war das eines Manns, welchen Jahre und Leiden rem Ende des Lebens nahe gebracht hatten, dieſes aber hatte ſeine ganze Kraft 246 in ſeine Augen zuſammen gevrängt, in welchen ein ſtürmiſches Feuer brannte, das einen unbändigen und verzweifelter Entſchlüſſe fähigen Charakter verkündigte. Dieſer Greis führte einen zwölfiährigen Knaben an ſeiner Hand, der, obgleich mager und blaß, mehr verwundert als erſchreckt darüber ſchien, ſich an einem ſolchen Orte und mitten in riner ſo ernſten Verſamm⸗ lung zu befinden. Riccolo kannte dieſen Mann, denn er war immer einer der eifrigſten Anhänger der Lehren des Bruders Girolamo geweſen; er hatte bei der Vertheidigung des Kloſters im Jahre 1408 mitgekämpft und war nachher zu jeder Zeit, unter allen Regierungswechſeln derſelben Meinung unerſchütterlich treu geblieben; auch hatte er dazu mitgewirkt, daß dieſelbe unter dem Volke erhalten wurde, ſo weit ſeine Armuth und ſein geringer Ein⸗ fluß ihn dazu befähigte. „O Meiſter Simon,“ ſagte Niccolo zu ihm, wäh⸗ rend jener mit dem Knaben vortrat,„was macht Ihr hier mit Eurem Bertino 2“ „Sein Vater Piero iſt mein durch den Segen des Himmels mir geſchenkter Sohn,“ entgegnete der Greis, „und iſt im Kampfe für die Freiheit gefallen Ich und dieſer Knabe ſind allein im Hauſe geblieben. Allein in der Welt Wir haben, wie Ihr wißt, Niemand mehr und da ich nun keinen Grund mehr habe, mich um mein Leiben zu bekümmern, ſo habe ich dieſen armen Waiſen mit hieher gebracht, daß er mit den letzten Verthekvigern von Florenz lebe und ſterbe.“ Niccolo erhob Augen und Hände zum Himmel, ſchlug die Hände zuſammen und ſprach:. „O warum haben nicht alle Bürger ſo viel Muth, als dieſer arme Handwerker! O warum haben die Großen der Erde, die doch verpflichtet waren, dem Gemeinweſen das Beiſpiel zu geben, gerade dann die 247 Laſt von ſich abgeworfen, als es am meiſten galt, ſie ehrenvoll zu tragen!“ Mit immer heißer erglühender Begeiſterung, mit immer mächtiger erſchallender Stimme fuhr er fort: „Nein, das ſind nicht die Beiſpiele, die uns unſere Vorfahren hinterließen, ſie: welche Päbſten, Königen und Kaiſern die Spitze boten und die Freiheit von Florenz gegen Alle vertheidigten! O Florenz, am Fuße deiner Mauern ſank der Stolz des Kaiſers Heinrich von Luxemburg und der ganzen Macht des heiligen römiſchen Reichs!. Kaiſer Maximilian, wir ſahen es in unſern Tagen mit eigenen Augen, mußte fliehen, bevor er noch unſere Thürme erblickt hatte. Karl von Frankreich, der ſich mit der Blüthe ſeiner Ritter in unſern Thoren befand, blickteſt du ſtolz ins Geſicht, als er vich zur Sclavin machen wollte, er mußte Gott danken, daß er ſich und ſein Heer retten konnte, du aber bliebſt geehrt und in Deiner Verfaſſung. Aber, o großer Gott! iſt vielleicht die gegenwärtige Gefahr ſchwerer, als die damalige? Sind wir ganz andere als die Männer der damaligen Zeit? Iſt die Freiheit, Ehre, Religion, kein Gut mehr für uns? Sklaverei und Schande kein Unglück? Iſt es möglich, o ewiger Gott! daß wir in dem Schlamm der Feilheit ſo tief verſunken ſind? Iſt es möglich, daß unſere Sünden ſo ſchweres Gewicht haben, daß du uns ſo ſehr verlaſſen haſt, daß dein Fluch ſo ſchwer auf dieſem Volke laſtet? O Bürger, o Söhne! So ſollen wir alſo das furcht⸗ bare Wort ſprechen müſſen, es ſprechen, wir Floren⸗ tiner, und nicht lieber tauſendmal ſterben: Florenz iſt dahin! Florenz iſt Sclavin! Und wir ſind am Leben geblieben? Wir kehren zu unſern Häuſern, zu unſern Frauen und Kindern heim, denen wir dieſen Staat ſo hätten erhalten ſollen, wie ihn uns unſere Vor⸗ fahren erhalten haben Und was ſollen wir ihnen ſa⸗ gen? Wenn wir ihnen ſagen, wenn wir uns die un⸗ blutigen Schwerter abgürten und ſie bei Seite wer⸗ 248 fen, was ſollen wir ihnen ſagen? Was ſollen wir für eine Rechtfertigung ausdenken um ſie zu beruhigen, um ſie darüber zu tröſten, daß ſie nicht mehr freie Menſchen find, ſondern eine Viehheerde, die ein Rub der Mevici geworren? Wenn dieſe Tyrannen im Blute und in den Gütern Euerer Söhne wühlen, werden ſie Euch dann nicht verfluchen, Euch Feiglinge nennen? Iſt das Leben ſo viel werth⸗ daß man es um einen ſolchen Preis retten muß? Denkt nicht, daß ich ſo ſpreche, weil ich Greis bin und weil mein Einſatz in dieſes Spiel nur in wenigen Tagen beſteht, ja vielleicht nur in wenigen Stunden. Habe ich nicht Söhne? Sind ſie, die mich umſtehen, nicht auch mein Blut? Bin ich ſparſam mit dieſen?(Er legte die Hand auf das Haupt Bindo's, der neben ihm ſtand.) Habe ich mit dem Blute dieſes Knaben gegeizt, der vielleicht viele und glückliche Jahre u erwarten hat? Wer kann ſagen, daß, als ich ihn dem Vaterland ſchenkte, ich demſelben ein geringeres Geſchenk gemackt habe, als mein eigenes Leben? O meine Mitbü ger, erbarmt Euch dieſes unglücklichen Vaterlandes, denn vielleicht iſt es noch Zeit! O Jeſus Chriſtus, unſer König, habe Mit⸗ leid mit Florenz, es iſt ja doch dein Reich! Parce do- mine! Vergib unſere Sünden, vergib ſie auch dieſ s⸗ mal! Deine Rache verſchone mein Paterland! Ich biete dir für die Sünden Aller dieß unglückliche Haupt, ich biete dir dieſe meine Söhne! Mein Haus möne fallen, mein Blut möge vergoſſen werden, mein Name von dem Erdenrund verſchwinden, aber Florenz, o Florenz ſei gerettet, ſei frei, ſei glücklich!“ Er weinte vor Aller Augen mit erhobenem Ge⸗ ſichte, ſo daß man wohl ſah, vaß er ſich dieſer Thränen nicht ſchämte; er ſchloß ſeine Rede, die mehr der un⸗ hemmbare Strom ſeiner unbezwinglichen Leidenſchaft war, als ein Spiel der Redekunſt⸗ durch das er viel auszurichten gehofft hätte. Die geſenkten Häupter, die düſteren Mienen der Umſtehenden, das allgemeine 249 Schweigen, das ſeiner Rede folgte, gaben den Worten des Greiſes eine nur zu deutliche und beredte Antwort. Indeſſen hatte ſich das Gewitter, vom Sturme verjagt, nach der Gegend von Volterra hin verzogen. Nur von Zeit zu Zeit flammte noch ein Blitz auf, auf den das ferne Murren des Donners an das Ohr ſchlug. Niccolos Schmerz war jetzt noch furchtbarer als damals, als die Einnahme der Stadt entſchieden wurde; er verlor jetzt die letzte Hoffnung; jetzt erſt war Flo⸗ renz unwiederruflich für ihn gefallen, jetzt erſt fühlte er, daß er wirklich ein Sklave der Medici geworden war. Das Haupt auf die Hände geſtützt, die Ellenbogen auf die Kniee gelegt, ſaß er unbeweglich, ſo zu ſagen, vernichtet in der Unermeßlichkeit ſeines Kummers und hätte in dieſem Augenblicke Gott geſegnet, wenn er ihm den Tod geſendet hätte. Der unglückliche Greis, und es ſtanden ihm noch ſo viele Leiden bevor! Die Männer aus dem Volk und die Handwerker, die der glühenden Rede Riccolo's nur durch Schwei⸗ gen geantwortet hatten, da ſie mit dem richtigen Ge⸗ fühl, das ſich faſt immer bei Naturmenſchen findet, einſahen, daß es eine Thorheit ſei, jetzt länger wider⸗ ſtehen zu wollen, konnten den Anblick des Kummers und der Thränen dieſes Mannes, den ſie gewohnt wa⸗ ren als ihren gemeinſchatlichen Vater, als ein Weſen von höherer Beſchaffenheit und Begabung zu betrach⸗ ten, nicht aushalten; ſie waren, ſo zu ſagen, beſtürzt, daß auch er, gleich den Andern, dem Unglück und dem menſchlichen Leiden unterworfen ſein konnte, und lieb⸗ ten ihn ſo ſehr, daß dieſer Anblick ihr Herz zerriß und ſie ſich ſelbſt anklagten, als ob ſie an jedem Kum⸗ mer und an jedem Schaden, der ihn träfe, Schuld ſeien. Es begann ein Flüſtern unter dieſen armen Leuten, während Niccolo ſo unbeweglich, die Stirn in die Hände gelegt, daſaß; dem Einen entfuhren Seuf⸗ zer, die bald in Schluchzen übergingen, der Andere 250 wühlte mit ſeinen Händen in den Haaren, wieder ein Anderer wendete ſich ab, noch Einer wiſchte mit dem Rücken der rauhen Hand eine Thräne aus den Angen; Alle drückten auf ſolche oder andere Weiſe Mitleiden und ſchmerzliches Bedauern aus; denn in Ehrfurcht gehalten durch die Gegenwart ſo vieler Vornehmeren als ſie, wagten ſie es nicht, vorwärts zu kommen, ſich zu bewegen und laut zu ſprechen. Nach und nach wuchs dieſes Geräuſch; ſie began⸗ nen halb laut mit einander zu ſprechen:„Wir ſind doch recht elende Tropfen! Der arme Alte! Sieh nur, wie er weint:— Er, der uns alle geboren werden ſah! Er, der uns Arbeit verſchaffte! Wer gab uns Brod, als Er, in der theuern Zeit? Und nun, da es gilt, ſollten wir uns zurückziehen? Sollen die Großen und Reichen ſagen, daß das arme Volk undankbar iſt? Was ſagſt Du⸗ Sandro? Und du, Bozza 2 Sollen wir nicht vortreten und uns ihm zu Füßen werfen und ihn um Verzeihung bitten, ihm ſagen, daß wir bereit ſind und daß er mit uns machen kann, was er will? Willſt Du gehen? Soll ich gehen? Wollen wir alle gehen? Wir wollen gehen.“ Einige ſprachen es muthig aus und traten vorz alle Andern folgten. Sie brachen in den leeren Raum des Vierecks ein und traten ſchnell zu Niccolo vor. Dieſer erhob ſein Haupt, als er die Schritte hörte, ſie aber warfen ſich vor ihm auf die Kniee und die näch⸗ ſten berührten mit den Händen ſein Gewand, ſeine Kniee und ſprachen mit demüthigen und zerknirſchten Mienen und mit thränenden Augen, alle verwirrt un⸗ tereinander und zugleich, ſo daß man nür ſchwer ver⸗ ſiehen konnte, was ſie eigentlich wollten, außer daß die Mienen und die ausgeſtreckten Arme der entfernter Stehenden und irgend ein Ausruf, der die andern über⸗ tönte, wie:„Verzeihung, Reue, wird ſind Eure Söhne, ſo lange wir leben,“ und anderes Aehnliches, Niccolo von der Geſinnung und dem Vorſatz dieſer armen — 251 Leute überzeugen konnte. Sein Herz wurde gerühri, ſo wie das aller Umſtehenden. Er erhob liebevoll ſeine Hände und leßte ſie ſeg⸗ nend auf die Häupter der Zunächſiſtehenden, die ſie mit Begeiſterung und Ehrfurcht küßten; dann gab er ihnen ein Zeichen zu ſchweigen und aufzuſtehen. Mit vieler Mühe brachte er es endlich dahin, daß der Lärm und das Durcheinanderſprechen aufhörte, aber nicht, daß ſie ſich vom Boden erhoben. „Was wollt Ihr denn, meine Kinder, Einer von Cuch ſoll ſprechen und ſagen, was ihr wollt.“ „Bozza, Bozza ſoll ſprechen,“ riefen verſchiedene Stimmen und ein großer, hagerer Mann von unge⸗ fähr vierzig Jahren, mit männlichen, kühnen Zügen, aber wie die Anderen weinend, ſtreckte die nackten, ſehnigen Arme aus und ſagte: „Herr Niccolo, wir find unwiſſende Leute, Ihr müßt Mitleid mit uns haben; wir ſind wie das Vieh, aber was wollt Ihr? wir wiſſen es ja auch. Wir verdienten, daß man uns mit Füßen treten würde, das wiſſen wir recht wohl; aber alles Gute, das uns je geworden iſt, iſt uns durch Euch geworden; dieſe Kleider, die wir anhaben, gehören Euch. Ihr habt uns unterftützt, wenn wir krank waren, Ihr habt für uns geſorgt, wenn wir keine Arbeit hatten und was wäre bei dieſer Belagerung aus uns und aus unſern Familien geworden, wenn Ihr nicht geweſen wätet! Alles wäre verhungert. Und nun, da Ihr zum Wohl der Stadt und zu unſerem eigenen Wohl ſo geredet habt, ſo haben wir elende Menſchen uns gar nicht ge⸗ rührt. Wir haben Nichts geantwortet— ja wir find wie das Vieh(dieſes:„wir find wie das Vieh! wir ſind unwiſſende Leute!“ wiederholte er faſt beim dritten Wort und viel öfter, als es ſich ſchreiben läßt)— und nun haben wir Euch weinen ſehen und wir kön⸗ nen Euch nicht ſo weinen ſehen.— Seid guten Mu⸗ thes und weinet nicht! Wir find ja da!— Ihr könnt 252 uns hinſchicken, wohin Ihr wollt, und mit uns an⸗ fangen, was Ihr wollt, und ſo lange wir leben, ſo lange von uns auch nur noch ein Ohrläppchen da iſt! — Seht, Herr Niccolo, wir ſind Alle, zu Allem was Ihr wollt, bereit, aber ſeid guten Muthes⸗ trocknet Eure geſegneten Augen, laßt uns wieder ein heiteres Geſicht ſehen, dann werden wir wiſſen, daß Ihr uns verziehen habt und uns nicht mehr zürnt. O verzeiht uns, Herr Niccolo, verzeiht uns““ Und alle ſtreckten die Arme nach ihm aus und riefen;„Verzeihung, Verzeihung!“ —— ——