deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſtehr zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe higerlegh⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mi. f. „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Begebenheiten, welche wir zu erzählen im Begriff ſind, fielen in der Zeit vor, in welcher Florenz von dem Heer Karls V. belagert wurde, der, um den zu Barcellona mit Clemens VII. geſchloſſenen Vertrag zum Vollzug zu bringen, die Florentiner zwingen wollte, ſich der Herrſchaft der Medici wieder zu unter⸗ werfen.: Das Volk zu Florenz weigerte ſich, die Medici und wenn auch nur als bloße Privatleute aufzunehmen, und vertheidigte ſich, ermuthigt durch das Andenken an die ſo leicht gewordene Vertreibung eben dieſer Medici im Jahre 1521, durch die Weiſſagungen des Mönchs Gi⸗ rolamo Savonarola, durch den Wunſch, frei zu leben, und durch die Waffen und Befeſtigungen, mit denen es durch die Sorgfalt der Partei, welche die Piagnoni genannt wurde, verſehen war. Die Piagnoni oder Demokraten ſahen leicht ein, daß der Kaiſer und der Pabſt ſich nicht damit begnügen würden, die Medici und die übrigen verbannten Pallaschi als einfache Bürger ins Vaterland zurückzuführen, ſondern daß ſie unter dieſem beſcheidenen Verlangen die Abſicht verbar⸗ gen, ſie dort zu Herren zu machen.. Es war an einem Morgen gegen Ende des Okto⸗ bers des Jahres 1529 und die Morgenröthe ſchien mehr Mühe als ſonſt gehabt zu haben, zu erſcheinen, denn N kaum vermochte ſie den dichten Nebel, der Florenz be⸗ deckte, zu durchdringen; es fiel ein dichter, langſamer und kalter Regen, den man beinahe hätte Schnee nen⸗ nen können, und auf den Straßen war, außer hie und da einem Soldaten und den Rotten der Nachtſchaar— wächter, welche, erſtarrt und in ihre Mäntel gewickelt, in den Regierungspalaſt zurückkehrten, die Kaputze ſo weit als möglich ins Geſicht gezogen, keiner lebenden Seele zu begegnen. Alle Thüren und Fenſter waren geſchloſſen, und die verriegelten Läden zeigten, daß der größere Theil der Bürger noch in Schlaf verſunken war. Man be⸗ gann die Kirchen zu öffnen, aber es befand ſich dort noch Niemand, die Kirchendiener ausgenommen, welche mit Auskehren beſchäftigt waren und etwa ein Sakri⸗ ſtan, der darauf Acht hatte, daß die Altäre ihren Auf⸗ putz erhielten. Nur in San Marco bei den Dominikaner⸗Mönchen hatten die Glocken, welche eine Stunde vor Tag das Todtengeläute erſchallen ließen, ſchon eine kleine Anzahl von Gläubigen verſammelt. Das Innere dieſer Kirche war damals noch nicht mit den Säulen in regelmäßiger Reihe und mit den Altären geſchmückt, welche Gian Bologna ſpäter er⸗ richtete, ſondern hatte ſich noch in ſeinem einfachen ſtrengen Ausſehen erhalten, wie es von dem ältern Cofimo erbaut worden war.“ 8 Vor dem Hauptaltar, zwiſchen vier großen eiſer⸗ nen Leuchtern war eine Bahre auf die Erde niederge⸗ ſetzt, auf welcher die Leiche eines Jünglings lag, der nicht über fünfundzwanzig Jahre alt zu ſein ſchien, zwiſchen ſeinen über die Bruſt gefalteten Händen war ein Crucifix befeſtigt, und der Boden, wie auch die Todtenbahre, war nach florentiniſcher Sitte mit Blu⸗ men und Orangenblüthen beſtreut und über dem Kiſſen, welches ſein Haupt ſtützte, waren zwei geweihte Ker⸗ —,— zen angezündet, mit welchen die Andächtigen den Todten zu bekreuzen pflegten.. Obgleich er die Ordenskleidung des heiligen Do⸗ minikus trug, konute man doch annehmen, daß ſie ihm erſt nach dem Tode aus Frömmigkeit angezogen worden war, daß er ſie aber im Leben nicht getragen hatte, und für dieſe Annahme zeugte ein Schwert und ein Schild mit einer rothen Lilie im weißen Feld(dem Wappen der Gemeinde von Florenz), welche zu den Füßen des Todten aufgehängt waren. Da die Meſſe noch nicht begonnen hatte, brannte nur ein einziger Leuchter. Der röthliche Schein deſ⸗ ſelben beleuchtete eine Gruppe von Leuten, welche zu⸗ erſt gekommen waren, und, um die Leiche verſammelt, auf den Knieen liegend beteten. Die nächſten Geſtalten beſtralte er mitj enem grellen Lichte, welches auf Rem⸗ brands Gemälden ſo häufig vorkommt und das in immer ſchwächerem Maße auf die Gegenſtände fiel, je entfernter ſie ſich befanden, und ſich zuletzt im Hinter⸗ grunde in völlige Finſterniß verlor. Nur in der Höhe wurde die Dunkelheit nach und nach durch die großen Bogenfenſter des Gewölbes vermindert, durch deren Glasſcheiben das blaſſe Frühlicht hereinzuſchimmern be⸗ gann. Es verging keine Minute, ohne daß ein oder zwei oder drei Männer auf einmal eintraten, welche durch ihre ſchweren Schritte, das Klirren ihrer Sporn⸗ räder und das halbdunkle Leuchten ihrer Bruſtharniſche und Panzerhemde ſich als Krieger kund gaben. Als ſie näher getreten waren, geſellten ſie ſich zu den be⸗ reits Anweſenden, ſtießen die Schäfte ihrer Picken oder großen Musketen auf die Erde(denn alle trugen die eine oder die andere dieſer Waffen) und blieben mit traurigem Geſichte und in demüthiger Haltung ſtehen. Kurz darauf erſchien, von zwanzig gutbewaffneten Leuten begleitet, der Bannerträger des goldenen Löwen von San Giovanni. Es war eine Fahne, wie ſie das Fußvolk auch heutzutage noch gebraucht, mit einem darauf gemalten Löwen im weißen Felde; der Mann, der ſie trug, hielt mitten in dew Kirche und blieb dort in der Mitte der Seinigen ſtehen. So wuchs nach und nach der Haufe und drängte ſich um die Bahre und um die Gruppe, welche der⸗ ſelben am nächſten ſtand und aus den nächſten Ver⸗ wandten des Verſtorbenen zu beſtehen ſchien. Zwei Schritte von deſſen Füßen ſtand ein in Jah⸗ ren weit vorgerückter Greis; er war bekleidet mit dem Lucco, einer im Florentiniſchen Staat beſonders bei Vornehmern gebräuchlichen Kleidung. Dies war ein Anzug von ſchwarzem Zeug mit Leder gefüttert und an den Seiten, da wo die Arme durchgeſteckt werden, offen, und, wo er ſich dem Halſe anſchließt, in Falten gezogen. Auf dem Haupte trug er ein Barett, welches rund um mit Wolle beſetzt war. Die Geſtalt dieſes breitſchultrigen und hochgewach⸗ ſenen Greiſes war ſtark und rüſtig. Auf ſeinen Wan⸗ gen verweilte noch die kräftige Färbung, welche eine ſehr gute, noch durch kein Laſter geſchwächte Körper⸗ beſchaffenheit verräth. In ſeinem langen und dichten Bart und unter den wenigen Haaren, welche unter ſeiner Mütze hervor⸗ hingen, war kein Härchen, das nicht ſchneeweiß ge⸗ weſen wäre, nur die Augenbrauen behielten noch theil⸗ weiſe die braune Farbe und ein häufiges Zuſammen⸗ ziehen der Muskeln in der Nähe derſelben gab ſeinen ſchwarzen Augen einen ungemein ſtolzen Blick. Der Name dieſes Greiſes war Niccolo oder Herr Cione oder Herr Lapo de Lapi, aus einem plebejiſchen Geſchlecht, einer der Zunftmeiſter der Seidenarbeiter, der ſich rühmen konnte, neunundachtzig Jahre alt ge⸗ worden zu ſein; denn ſo alt war er wirklich und bei völlig tadelloſem Leben, nie in der Liebe für ſein Vater⸗ land und ſeinen plebejiſchen Stand, für den er Leben und Vermögen mehr als einmal eingeſetzt hatte, ge⸗ * —— 9 wankt zu haben, wenn nicht ein ſolches Leben ihm zu natürlich geweſen wäre, um ſich deſſen überhaupt rüh⸗ men zu wollen. Einer der erſten und ergebenſten Anhänger des Mönchs Girolamo Savonarola, ſo lange dieſer lebte, beweinte er ihn und im Tode verehrte er ihn, wie einen Märtyrer, auch ſuchte er bei jeder Handlung und zu jeder Zeit, ohne Rückſicht auf irgend Etwas in der Welt, die ſtrengen Grundſätze diefes Mönchs in Aus⸗ übung zu bringen, durch welche er ſich, wir müſſen es bekennen, zuweilen verleiten ließ, die ſanfte Lehre des Evangeliums in tpranniſche und unausführbare Vor⸗ ſchriften zu verwandeln. Herr Cione, Niccolos Vater, war in die Verſchwö⸗ rung der Anhänger des Rinaldo degli Albizzi ver⸗ wickelt geweſen, der es gelang, jenen Coſimo, der den Beinamen Vater des Vaterlands führte, aus Florenz zu verjagen, weshalb er nach deſſen Rückkehr mit vielen ſeiner Genoſſen ſein Leben in der Verbannung beſchließen mußte. Niccolo, auf einem Landgute zu Puglia, dem Ver⸗ bannungsorte ſeines Vaters, geboren, war Zeuge ſei⸗ nes Elends in den letzten Jahren und ſeines unbe⸗ achteten Todes geweſen, und hatte, umgeben von allen Leiden der Verbannung, nicht umhin gekonnt, mit den erſten Eindrücken der Kindheit einen furchtbaren Haß gegen die Medici und die Partei der Palleschi einzu⸗ ſaugen. Wie er nun dieſen Haß mit dem Evangelium, das er bekannte, in Einklang bringen mochte, wird derje⸗ nige verſtehen können, welcher weiß, von welcher Be⸗ ſchaffenheit die Logik der Parteimänner zu ſein pflegt. Nach vielen Jahren war es ihm geglückt, nach Florenz zurückkehren zu dürfen, er hatte den Tuchladen ſeines Vaters wieder eröffnet und dabei ſo großen Gewinn gemacht, daß er im Jahr 1494 der Stadt damit zu Hilfe kommen konnte, als ſie durch König 10 Karls vIII. Anhang und Piero Medicis Feigheit ſo ſchwere Gefahr lief. Bei dieſer Gelegenheit hatte man geſehen, wie ſehr der Staat auf die Ergebenheit des gemeinen Volks, beſonders der Seidenarbeiter und der Handwerker überhaupt rechnen durfte; denn Piero Cap⸗ poni ſtellte in der Nacht wor dem Tage, an welchem er die Vertragsbedingungen vor Karls Augen zerriß, über 6000 derſelben auf ihre Poſten. Dieſe Zuneigung der Menge, entſprungen aus der Ehrfurcht, welche ſeine Tugend einflößte, aus der all⸗ gemeinen Anerkennung ſeines für das Volkswohl un⸗ aufhörlich regen Strebens, das ihm nie zum Deck⸗ mantel ſeines Privatvortheils diente, hatte ſich immer ver⸗ rößert und als die Medici im Jahr 1512 zurück⸗ ehrten, war es die Furcht vor deröffentlichen Meinung, die ihn vor ihren Verfolgungen rettete. Sein Ruf allein genügte, ihn zugleich vor den Schmeicheleien und Verführungen zu bewahren, mit welchen die Par⸗ tei der Palleschi nicht aufhörte, ihre Gegner zu locken und von 1512 bis 1527, das Jahr der letzten Ver⸗ jagung der Medici, wurde er zwar von dieſen arg⸗ wöhniſch beobachtet, aber doch in Ruh gelaſſen und von den Anhängern der Volksherrſchaft als einer ihrer Häupter angeſehen, auf den man mehr, als auf jeden andern, hoffen könne, ſobald ſich eine günſtige Gelegen⸗ heit für die Freiheit biete. Die Freundſchaft, die ihn ſo eng mit Bruder Gi⸗ rolamo vereinigt hatte, die treue Beobachtung ſeiner Grundſätze und beſonders der blinde Glaube, den er ſeinen Weiſſagungen ſchenkte, ließen endlich ſo zu ſa⸗ gen ihm zu Liebe unter dem Volke diejenige Art Gottes⸗ verehrung fortleben, welche er durch den berühmten Dominikaner angenommen hatte. Sogar die Mönche von San Marco hielten ſehr viel auf ihn, betrachteten ihn als Einen der Ihrigen und hatten für ſeine Worte eine faſt eben ſo große Verehrung, als ſie für die des Savonarola gehabt hatten. 41 Zwei Jahre vor dem Zeitpunkt dieſer Geſchichte, als durch den Abzug des Cardinal von Cortona und des Ippolhta und Alexandra von Medici Florenz zur Volksherrſchaft zurückkehrte, hatte er ſich mit Niccolo Capponi und Filippo Strozzi vereinigt, die Stadt zu retten, welche, zwiſchen ſo verſchiedenen Meinungen und ſo vielen verſchiedenen Parteien ſchwankend, in Gefahr war. Er war einer von den Zehnherrn der Freiheit und des Friedens geweſen, aber mehr, als auf obrigkeitliche Aemter, gründete ſich ſein Anſehen auf das Vertrauen, das die Menge in ihn ſetzte. Man fing an, von einer Belagerung zu flüſtern, aber Niccolo auf die berühmte Weiſſagung des Bruders Girolamo:„Florentia flagellabitur et post Flagella renovabitur“ bauend, hielt immer zu der Partei, welche jeden Vertrag mit den Medici zurückwies, und bemühte ſich ſoviel in ſeiner Macht ſtand, das Volk zur Ver⸗ theidigung zu reizen. Unter Anführung des Filibert von Chalons, Prinzen von Oranien, erſchien ein feindliches Heer, welches unterhalb der Hügel, welche eine halbe Tagreiſe von Florenz entfernt find, am 24. Oktober 1529 ein Lager ſchlug, und Niccolo hatte in den wenigen Tagen, welche ſeit Anfang der Belagerung verſtrichen waren, ſchon der Leichenfeier eines ſeiner Söhne beigewohnt, welcher unter den Mauern kämpfend, gefallen war. Nun befand er ſich bei der Beſtattung des zweiten mit hoher Stirne, heiterem Geſicht und ganz Gott ergebe⸗ nem Gemüthe, welchem er nicht allein das Leben die⸗ ſer ſeiner beiden Söhne, die er für Märtyrer hielt, willig darbrachte, ſondern auch das der⸗andern noch lebenden und ſein eigenes gern geopfert hätte, wenn er nur Florenz dadurch hätte retten können. Von Frau Fiore, ſeiner Gattin, welche wenige Jahre vorher geſtorben war, hatte er fünf Söhne und zwei Töchter gehabtz die drei lebenden Söhne waren beiihm an der Bahre, zwei von ihnen trugen das Panzerhemd 12 und den Bruſtharniſch, welches in der damaligen Zeit, wie man geſtehen muß, die florentiniſche Jugend ſich nicht nehmen ließ. Der jüngſte hieß Bindo und war ein ſchöner Junge von vierzehn Jahren, aber dem Bau, ſeinem Wuchs nach hätte man ihm wenigſtens achtzehn geben können. Er hatte kein Panzerhemd än, noch, wie ſeine Brüder, ein Schwert an der Seite. Der ſchöne Bau ſeiner vollkommen regelmäßigen Glieder, die braune und kräftige Farbe ſeines Fleiſches, die ſchwarzen beweglichen lebendigen Augen, in wel⸗ chem der Stolz ſeines Vaters lag, gemäßigt durch die Anmuth ſeiner Jugend, erregten den Gedanken, daß ihm ein Schwert an der Seite und ein Harniſch auf der Bruſt gut ſtehen würden; aber beſonders das Broße Herz und die beſondere Kühnheit, die er von Kindheit an gezeigt hatte, machten ihn würdig, von nun an die Waffen ebenfalls zur Vertheidigung des Vaterlands zu tragen. Niccolo fand ſich Zug für Zug in dieſem ſeinem Sohn wieder, ſowohl in den Formen des Körpers, als in den Gaben des Geiſtes, deshalb liebte er ihn, obgleich er dieſes weder zeigen, noch zugeben mochte, zärtlicher als die andern.. Dieſe Zärtlichkeit hatte ihn bis jetzt gehindert, den Bitten Bindo's nachzugeben, der ſich ſehnte, mit den andern florentiniſchen Jünglingen zu kämpfen. Niccolo ſagte oft zu ihm: Du wäreſt mir ein ſchöner Soldat mit vierzehn Jahren.... Du biſt ein Kind, Bindo, laß die ältern vorangehen, nur zu bald. wird auch Deine Zeit kommen.— Endlich hatte er ihm, um ihn zu beruhigen, ver⸗ ſprochen, daß ſo bald einer von ſeinen Brüdern getöd⸗ tet ſein würde, er ihm erlauben wolle, die Waffen an deſſen Stelle zu ergreifen. Die Zeit, dieſes Verſprechen zu halten, war gekommen und Niccolo war nicht der Mann, der es gebrochen hätte. Bevor er am Morgen mit ihm aus dem Hauſe 13 ging, hatte er nicht umhin gekonnt, trotz ſeiner ſon⸗ ſtigen Strenge den Sohn zu liebkoſen. Er hatte ihn zu ſich in ſein Zimmer gezogen und dort zu ihm ge⸗ ſagt: . Mein Bindo, bis jetzt warſt Du ein Kind, von nun an mußt Du ein Mann ſein! Sei es in Gottes Namen.... Es iſt gut, daß Du bald kennen lernſt, wie es hienieden zugeht. Bitte Gott, daß er Dich zu einem braven Mann mache, er möge Dir helfen, wie ich Dir meinen Segen gebe. Der Greis küßte den Sohn, mit einer Rührung, die ſich durch eine geringe Veränderung der Augen und der Stimme verrieth, und ſo kamen ſie nach San Marco. Zenes innere Leben, jenes raſchere Schlagen der Pulſe, welches aus einer heftigen Gemüthsbewe⸗ gung entſpringt, bewegten die Bruſt Bindo's, als er ſich neben der Bahre befand, auf der ſein armer Bac⸗ cio lag(ſo hieß er), den er immer ſo kräftig, ſo mun⸗ ter geſehen hatte, nun blaß, unbeweglich und den Tod in ſeinen Zügen. In Bindo's Alter kommt uns der Tod noch wie etwas Unmögliches vor. Er ſah unter der Mütze mitten auf der Stirne, ein rundes Loch, ſo groß wie ein Thaler, von der Kugel eines der großen Schießgewehre, welche man im fünfzehnten Jahrhundert gebrauchte. Er hatte bis zu dieſem Tage oft von Waffenthaten, von Wunden, Fn Todten geſprochen oder ſprechen gehört, er hätte ſich entflammt bei dieſen Geſprächen und brannte, ſelbſt handelnd dabei zu ſein; aber nun ſah er vor den Au⸗ gen ſelbſt wahr und wirklich die furchtbaren Folgen und das iſt kein kleiner Unterſchied. Zwei heiße Thränen wollten ihm von den Augen⸗ liedern niederfallen, und er fühlte ſein Herz auf eine Art erſchüttert, die ihm wirklich neu war.. Er erſchrack einen Augenblick vor ſich ſelbſt und fragte ſich: Sollte ich Furcht haben? Wir bitten den Leſer nicht bejahend guf die Frage Bindo's antworten zu wollen; denn er würde ſich täuſchen. Das Gefühl, das er empfand, war nicht Furcht; es war eine Miſchung von Erſtaunen, Betrübniß und Sehnſucht nach Ruhm, Entrüſtung, und es iſt kein Wunder, daß er in ſeinem Alter nicht im Stande war, ſich Rechenſchaft dafür zu geben. Von den andern Söhnen Niccolo's hieß der ältere, ein Mann von über vierzig Jahren, Averardo, der zweite Vieri. Die beiden Mädchen mit gebogenen Knieen auf den ſitzend, hatten in einiger Entfernung von den Männern Platz genommen. Die ältere hieß Laldomine oder Laudomig, die jüngere Liſa. Indeſſen hatte der Bruder Sacriſtan die vier Ker⸗ zen am Hauptaltar angezündet. Er näherte ſich der Bahre, indem er das Rohr hielt, an welches ein Stück Docht befeſtigt war, und nachdem er die drei Leuchter angezündet hatte, ſagte er zu Niccolo, als er ſich in deſſen Nähe befand, mit leiſer Stimme, indem er auf den Todten deutete: Es war ein Lapi, Herr Niccolo, und hat nicht aus der Art geſchlagen. Friede ſei ſeiner Seele.— Amen, erwiederte der Greis.— Und der Mönch ging mit einem Seufzer in die Sacriſtei. Einen Augenblick darauf begann die Meſſe. Der Meſſeleſende war Bruder Benedetto von Faenza, Su⸗ perior des Kloſters, ein ehrwürdiger Greis, der das ganze Gewicht der Jahre zu empfinden ſchien. Der Laienbruder, der im Chorrock miniſtrirte, war keiner von denen, die man anblickt und dann das Auge anderswohin wendet, ohne ſich weiter darum zu bekummern, wie es mit dem größten Theil der Ge⸗ ſichter geht, denen man begegnet. Dieſer hatte im Gegentheil eine Phyſionomie und ein Betragen von ſolcher Originalität und etwas gewiſſes Widerſprechen⸗ des und Unharmoniſches in ſeinem ganzen Weſen, daß, einmal geſehen, es unmöglich ſchien, ihn aus dem Aug zu verlieren oder aufzuhören, ihn zu be⸗ rachten. Er ſchien ungefähr fünfzig Jahre alt, hochgewach⸗ ſen und mager, aber ſehnig und aufrecht wie ein Jüng⸗ ling. Das Auge, und hier muß der Ausdruck buchſtäb⸗ lich genommen werden, denn er hatte nur eines, blickte kühn und die rechte Wange war von einer langen Narbe durchfurcht. Ferner zeigte jede ſeiner Bewegungen und Verrichtungen eine Unbefangenheit, welches ſon⸗ derbar gegen das Kleid, das er trug, abſtach. Den⸗ noch konnte man unmöglich etwas Ungeziemendes, oder etwas, was wie Unehrerbietigkeit ausſah, an ihm fin⸗ den, vielmehr war ſein Blick niedergeſchlagen, ſeine Haltung geſetzt, er antwortete zu rechter Zeit mit ver⸗ nehmlicher Stimme, ohne die Wörte zu verſchlucken, wie es die meiſten Kirchendiener machen, wenn ſie die Meſſe bedienen. Deſſen ungeachtet koſtete es nicht lange Zeit, zu bemerken, daß es ihm in dieſem Augenblick eine nicht unbedeutende Anſtrengung koſtete, die Lehre age quod Agis zu befolgen. Die Geſchütze, welche von den Kaiſerlichen auf Giramonte aufgepflanzt waren, ließen manchen Schuß ertönen. Aber er machte ſich nichts daraus, wie aus etwas Alltäglichem, nach und nach aber wurden die Schläge zahlreicher und häufiger, und viele der Sol⸗ daten, die ſich in der Kirche befanden, um dem Leichen⸗ begängniß ihres Kameraden beizuwohnen, fingen an, zu flüſtern und ſich ins Ohr zu ſprechen, indem ſie die Blicke gegen die Thüre mit unfreiwilliger und gewiß un⸗ nützer Bewegung wendeten; denn dort konnten ſie die Erklärung einer Begebenheit, die in ſolcher Entfernung vorging, doch nicht finden. Ihre Reden waren ungefähr ſolche: Sie fing bald an zu pfeifen dieſen Morgen, die „ Chimäre).— Nun, es wird ein Freudenfeuer ſein, wegen eines neuen Unheils, das uns auf den Hals kommt. Möchtet ihr ſterben, ſo viel ihr ſeid!—(Man hörte einen ſtärkeren Schuß.) Hörſt Du, hörſt Du? das muß die Donnerbüchſe des Malateſta**) ſein.— Hört, was für ein Schlag! Welcher Morgin iſt jetzt ohne Muſik? Heute kriegen, morgen liegen. Elend dem, der übrig bleibt. O, was wird das bedeuten? Blinder Lärm u. ſ. w. Dieſe Worte und andere ähnliche, welche mitten aus dem Haufen hervordrangen, der im Hintergrund der Kirche ſtand, bildeten ein Gemurmel, das, mit den Schüſſen verbunden, den armen Laienbruder ſehr zer⸗ ſtreute. Er wagte 35 ſich ganz umzudrehen, aber man ſah ihn nicht mehr unbeweglich, wie vorher, bei ſeinem Dienſt ſtehen bleiben, er ſpitzte das Ohr und warf zuweilen nur über die Schulter und gleichſam auf der Flucht einen Blick nach der Thüre. Niccolo gefiel es gar nicht, in der Kirche ein ſol⸗ ches Flüſtern zu hören, und kaum den Kopf hinwen⸗ dend nach dem, der es verurſachte, ſagte er mit feſter und deutlicher, obgleich gedämpfter Stimme: Iſt es doch, wie wenn wir auf dem Markt wären!— Ein gefürchteter Schulmeiſter, der mit barſcher Stimme etwa dreißig Kindern Stillſchweigen gebietet, wird nicht vollſtändiger noch ſchneller Gehorſam finden, als Niccolo von dieſer Schar, welche aus Männern ²) So hieß ein Geſchütz, das die Sieneſen mit jener liebe⸗ vollen Zuvorkommenheit in das Lager geſendet hatten, welche die Italiäner der damaligen Zeit gegen einander bewieſen. **) Eine große Feldſchlange von Meſſer, Vincenze Briguai bedient. Sie wog achtzehntauſend Pfund. Auf der La⸗ fette befand ſich ein Elephantenkopf und die jungen „ —— Leute hatten ſie nach dem Anführer der S die Feldſchlange des Malateſta getauft. „ 17 beſtand, die ſich von andern doch etwa nicht ſo leicht den Mund hätten verſchließen laſſen. Das Stillſchwei⸗ gen war auch allgemein und vollſtändig, ſo daß der Prieſter, der am Altar die Myſterien kaum mit halber Stimme herſagte, von einem Ende der Kirche bis zum andern gehört werden konnte. Aber dieſe Ruhe ſollte nur kurze Zeit dauern. Auf einmal fielen auf einen ſtärkeren Schuß der Geſchütze des Lagers die Glasſcheiben, das Blei und „ er Holzrahmen von einem der größeren Fenſter, in kleine Stücke zerbrochen, in die Kirche herab, ſich zer⸗ ſchmetternd und abprallend an den Geſimſen, an den Mauern und an einem Vorſprunge und ſo viel Schutt und Staub und Spinnweben mitnehmend, als wenn das ganze Gewölbe zu Grunde gegangen wäre. Zum Glück fiel ein großer Theil der Trümmer auf einen Altar, der mit einem Geländer umſchloſſen war, ſo daß Niemand verletzt wurde. Es war damals Sitte bei den Soldaten, wenn ſie in einem Lande Lager bezogen, ſo oft ihnen der Sold ausbezahlt wurde, oder am Namensfeſt des Re⸗ genten, der ſie bezahlte, oder überhaupt bei Gelegen⸗ heiten, an denen man für gut fand, Fröhlichkeit zu zeigen, die Lafetten der Geſchütze, welche aufgepflanzt waren, um die Baſteien zu beſchießen, um eine Spanne niederer zu machen, und dann auf Gerathewohl, ohne zu zielen, Feuer zu geben, ſo daß die Kugeln im Bo⸗ gen bis über die Mauern flogen und mitten in der Stadt niederfielen, wo ſie, Gott weiß, wie Viele, ver⸗ ſtümmelten und tödteten, die damit ſo wenig zu thun hatten, als die Perſon, die uns die Höflichkeit erzeigt, dieſes Buch in die Hand zu nehmen. Und dieſes ſchöne Suenügtn⸗ damit man Alles weiß, nannte man Freuden⸗ euer. Das Lager des Prinzen von Oranien befand ſich Niccolo de'Lapi. t. 2 18 gerade in einem dieſer Anfälle von guter Laune, und da dieſen Morgen Freudenſchüſſe gethan wurden, traf eine Kugel die Kirche von San Marco, eine andere verwundete auf dem Platze San Giovanni einen der beſten Soldaten des Hauptmanns Sandrino Monaldi und in andern Gegenden der Stadt wurde noch man⸗ cher unerwartete Schaden zugefügt. Dieſer Zufall machte weder auf die Soldaten noch auf Niccolo oder ſeine Söhne großen Eindruck. Die beiden Mädchen erſchracken ein wenig, aber ihr Aus⸗ ſehr veränderte ſich nicht und ſie gaben ſich bald zu⸗ rieden. Der, der ſich am wenigſten muthig von allen zeigte, und dem ſein Alter und Stand zur Entſchul⸗ digung diente, war der Geiſtliche, der Meſſe las. Das Gefühl der Furcht überwand in ihm einen Au⸗ genblick jede andere Rückſicht, und, die Wahrheit zu ſagen, mußte ein ſolcher Sturz und ein ſolches Gepolter, das er nicht erwartete, einen gewiſſen Eindruck machen; er krümmte die Schultern, ſenkte das Haupt, bedeckte ſich mit den Händen und ſagte: Mein Gott, Erbar⸗ men! Und wenn der rüſtige Laienbruder ihn nicht un⸗ ter den Schultern feſtgehalten hätte, ſo wäre er viel⸗ leicht gefallen. Bis dahin war wenig Schlimmes vor⸗ gefallen und der Laienbruder hatte ſich verdient ge⸗ macht, auch wenn es nicht ſein Oberer geweſen wäre. Das Schlimme war, daß, während er ihn auf⸗ hob und ihn ſo verzagt ſah, über einen Unfall, der ihm ſehr leicht vorkam, ihn eine ſolche Luſt zu lachen anwandelte, daß er trotz ſeiner Bemühungen, ſie zu überwinden, ſich endlich gehen laſſen mußte und in das helltönendſte und plumpſte Gelächter von der Welt aus⸗ brach, und die Hände beſchäftigt hatte, den gu⸗ ten Greis zu halten, der noch immer wie ein ſchwan⸗ kendes Rohr zitterte, weder den Kopf anders wohin wenden, noch ſich die Hand vor den Mund halten, . 19 noch ſich ſonſt mit einem der Mittel helfen konnte, die man in ſolchen Fällen gewöhnlich anwendet. Zweites Kapitel. Viele der Umſtehenden hatten an dem Schrecken des Mönchs, der die Meſſe las, Antheil genommen. Bei der Ehrfurcht, die man gegen ihn hegte, hatte es der größere Theil mißbilligt, daß der Laienbru⸗ der ſo keck geweſen, ihm auf dieſe Art ins Geſicht zu lachen, und ſie verwunderten ſich, indem ſie ihn für einen bäuriſchen Laienbruder hielten, für irgend Einen, der das Grabſcheid verlaſſen habe, um in das Kloſter zu gehen. Sie irrten ſich, und damit auch der Leſer nicht über ſein Benehmen erſtaune, wollen wir ihm ſagen, wer der Laienbruder war, ſo kurz, als es möglich ſein wird. Die Italiäner kennen heut zu Tage die Geſchichte ihres Vaterlands; wenn alſo unſer Leſer ein Italiäner iſt, ſo wird ihm ohne Zweifel ein Kampf im Gedächt⸗ niß ſein, der bei Barletta von den Unſrigen gegen die Franzoſen ausgefochten wurde, wo die Letztern die Ver⸗ lierenden waren. Wenn aber dieſes Buch einem Fremden in die Hand geräth, ſo wollen wir ihn bitten, einen Blick zu werfen in Guicciardini oder Muratori, und dort wird er dieſen Kampf erwähnt und unter den italiäniſchen Kriegern einen gewiſſen Tito von Lodi aufgezählt fin⸗ den, mit dem Beinamen Fanfulla, der ein beſonders tapferer Mann, aber von vriginellem und launigtem Charakter war. Dieſer hatte, als Gonſalvo das Königreich Neapel 20 völlig erobert hatte, gleich den andern Leuten aus der Schar des Herrn Prospero Colonna, zu der er ge⸗ hörte, ſeinen Antheil an der Beute der Beſiegten er⸗ halten und verwandelte ſie in größter Eile in zwei⸗ hundert ſchöne Ducaten in Gold. Am letzten Tag des erſten Monats, den er in Neapel zubrachte, nachdem er dieſe Summe erhalten, mußte er ſich von dem letzten dieſer Ducaten trennen, weicher in die Börſe derjenigen wanderte, die das Landsknecht mit beſſerem Glück oder größerer Schlau⸗ heit als er ſpielten, um den andern hundertneunund⸗ neunzig Geſellſchaft zu leiſten. Er hätte zwar noch ein ſehr gutes Pferd und eine ſehr gute Rüſtung zu verkaufen oder zu verſetzen ge⸗ habt und ſich ſo auf eine andere Weiſe leichter machen können, aber er hatte doch Verſtand genug zu merken, daß es gerade geweſen wäre, wie wenn ein Blinder die Geige verkaufen würde, die ihm Unterhalt ver⸗ ſchafft. Er zog ſich zurück und tröſtete ſich mit den Wor⸗ ten:„Ich habe mich wenigſtens ſo bekannt gemacht, daß ich, wohin ich mich wende, Brod finde.“ Herr Prospero hatte ihn nicht mehr in ſeiner Schar haben wollen, wegen eines gewiſſen Streits, in den er mit einigen Kameraden gerathen, in welchem er Unrecht gehabt und ſich nach ſeiner Art mit Schlä⸗ gen Recht verſchafft hatte. Deſſen ungeachtet begab er ſich, als er ſich auf dem Trockenen ſah, zu demſelben in den Palaſt Gra⸗ vina auf dem Platze, wo man heutzutage den Brunnen von Montaliveto ſieht, ohne ſich darum zu bekümmern, daß er ein Vorzimmer, welches eben mit dieſen ſeinen Gegnern angefüllt war, durchſchreiten mußte, und als er ſich Prospero gegenüber befand, ſagte er: er komme um nichts Anderes zu bitten, als um ein ſchriftliches Zeugniß, wie er bei dem Kampf bei Barletta geſtrit⸗ ten habe, und dann wöchte er die Gefälligkeit haben, 21 ihm zu ſagen, welches das nächſte Land ſei, wo man Krieg führe. Herr Proſpero, welcher ihm dennoch wohl wollte, da er ihn als einen ſo verwegenen Teufel kannte, wie es wenige gab, ſtetlte ihm einen Schein aus, wie ei⸗ nem Wohlverdienten, ganz voll von ſeinem Lob, dann ſchickte er ihn in das römiſche Gebiet, wo er ſich mit der Partei Colonna gerade während der Stürme ver⸗ einigte, welche dem Tode Alexanders VI. folgten und das kurze Pontificat Pius I1I. und den Anfang desje⸗ nigen von Julins 11. beunruhigten. Er folgte dieſem kühnen Oberprieſter bei ſeinen Unternehmungen in der Romagna, hernach, um es nicht zu lang zu machen, wechſelte er nach ſeiner Ge⸗ wohnheit die Herrn bis zum Jahr 1527 und es fiel in dieſer Zwiſchenzeit keine berühmte Waffenthat in Italicn vor, bei der er ſich nicht befand. Er ließ ein Auge in der Schlacht bei Ravenna, zwei Finger der linken Hand bei Marignano, blieb für todtgehalten auf dem Schlachtfeld von Pavia lie⸗ gen, und obgleich er nach ſolchen Kämpfen ſich genöthigt ſah, ein wenig zu hinken, und an den Stellen, wo er verwundet war, Schmerz empfand, ſo oft das Wetter ſich ändern wollte, obgleich ſeine ſchwarzen Knebelbärte nunmehr ſchienen halbgrau werden zu wollen, ſo finden wir ihn nichtsdeſtoweniger am Mor⸗ gen des 6. Mai 1527(und Gott weiß, wie gern wir es verſchweigen möchten) am Fuß der Mauern von Rom, eine lange hölzerne Leiter mit beiden Händen im Gleichgewicht haltend, mitten unter der Hefe der zügelloſeſten Räuber, welche in jener Zeit den Namen Soldaten führten und unter Bourbon's Anführung im Begriff waren, die Hauptſtadt der chriſtlichen Welt mit Sturm zu nehmen. Geſagt, gethan, war die Leiter Fanfullas, wie an die Mauer⸗Zinken befeſtigt und von unten bis oben, mit ebenſo vielen dieſer Teufel angefüllt, als ſie Sproſ⸗ ſen hatte. Auf der oberſten, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, war Fanfulla, den ſeine Kameraden einen Augen⸗ blick nachher ſich zwiſchen die Zinnen hineinwerfen und im Pulverdampf verſchwinden ſahen; als ſie ihm aber folgen wollten, wurden ſie zurückgetrieben, und konn⸗ ten ſo die Mauern erſt einige Minuten nachher über⸗ ſteigen. d So fruchtbar auch ein menſchliches Gehirn ſein mag, die ſonderbarſten und ſchändlichſten Begebenheiten zu erſinnen, aus denen man ſich ein Bild von der Plünderung, welche Rom bei dieſer Gelegenheit von dem Heere Bourbon's erfuhr, machen könnte, ſo wird man immer weit hinter den Greueln zurückbleiben, de⸗ ren Andenken uns die Geſchichtſchreiber überliefert haben. Es verging ein Tag, darauf ein anderer, und noch ein anderer und es entſtand unter den Soldaten ein Geflüſter: Wo iſt Fanfulla? Was iſt aus Fanfulla gewor⸗ den? Alle fragten ſo und Fanfulla erſchien nicht. Diejenigen, welchen e bekannt iſt, von welchem Schlag das gute Herz der Kriegsleute ſei, wird es keine Mühe koſten, zu glauben, daß trotz dieſer Auf⸗ merkſamkeit Fanfulla nicht zu finden, nach ihm zu fragen, ihn für todt und begraben zu halten, und nicht mehr an ihn zu denken, alles dieſes das Werk einer Viertelſtunde war. Aber Fanfulla war nicht todt. Er befand ſich ruhig und zufrieden in dem Keller eines Domherrn von Santa Maria in Traſtevere, wo er ſich eingeſchloſſen und Herrn und Magd gezwungen hatte, ihm das beſte Faß zu zeigen. Nachdem er ſich hier ſehr nach ſeiner Bequemlich— keit ausgeruht und ein Ausſehen wie ein Prälat ver⸗ ſchafft hatte, brach er nach drei Tagen wieder auf. Aber der arme Domherr, war es nun der Schrecken, ſich die ganze Zeit in der Gewalt eines Menſchen von M NM —— 23 dieſem Schlag zu ſehen, von dem er jeden Augenblick fürchten zu müſſen glaubte, daß er ihn mit einem Seitenhieb ſeines verwünſchten langen Degens den Kopf abhauen könnte, oder war es der Kummer dar⸗ über, daß Fanfulla, wenn er betrunken war, um zwi⸗ ſchen der einen oder der andern Mahlzeit etwas zu thun zu haben, ihn mit Gewalt fechten lehren wollte, und wie er nicht nach ſeinem Willen that, die Hiebe hagelten, kurz, der Domherr legte ſich, ſoviel iſt gewiß, ins Krankenbette und ging nach wenigen Tagen in die andere Welt. 2 Wir befinden uns endlich nah daran, von unſerm Helden aus Lodi Gutes erzählen zu können, es bleibt nur noch übrig, ſeinen letzten Streich zu erzählen, wel⸗ cher jedoch das gewöhnliche Sprüchwort nur zu wenig Lügen ſtraft. Nichts iſt ſchwerer abzunagen, als der Schwanz. Als er endlich halb betäubt und finnlos aus dem Keller des armen Domherrn heraustrat, fand er die Stadt bezwungen und völlig unterworfen und die Kir⸗ chen, die Paläſte, die Hütten, die unglücklichen Bür⸗ ger, ihre Kinder, kurz alles der Willkür, ich will nicht ſagen des Heeres, denn dieſer Name ſetzt Hauptleute voraus, die befehlen, und Soldaten, die gehorchen, ſon⸗ dern dieſes Haufens von Mördern ohne Geſetz, ohne Glauben, ohne Rückſicht und ohne Erbarmen preis⸗ gegeben. Clemens VII. konnte von der Höhe des Caſtells Sankt Angelo, wo er eingeſchloſſen war, die Feuers⸗ brünſte durch die Stadt ſich hinſchlängeln ſehen und hörte das Geheul, die Klagen, das Jammern derer, welche man durch Martern zur Anzeige ihrer verborgenen Schätze zwingen wollte, und das raſende Geſchrei, das wilde Gelächter, das zügelloſe Jubeln der Sieger. Die Straßen Roms entlang ſah man hier ein brennendes Haus, dort ein eben von den Flammen verzehrtes, das zum unförmlichen und geſchwärzten 24 Gerippe geworden war. Auf den Gipfeln der Mauern, welche aufrecht geblieben waren, ſah man noch rau⸗ chende Balken auseinandergeriſſen und hervorragend liegen; auf Bergen von Truͤmmern, von Schutt, von Brettern und zerbrochenen und braungeröſteten Ge⸗ räthen lagen verſtümmelte Leichname, von welchen viele alles menſchliche Ausſehen verloren hatten und aus den Trümmen hervor den Arm, den Fuß oder den Kopf ſtreckten. Alles war endlich mit Blut beſpritzt, ſchmutzig und mit aller Art Unrath befleckt. Weiter hin fiel mit krachendem Praſſeln der An⸗ geln die Thüre eines Palaſtes nieder, der Haufen der Plunderer drängte ſich brüllend in das Innere, in ei⸗ nem Augenblick war von den Kellern bis an das Dach alles mit dieſen Räubern angefüllt, aus den ſammt den Rahmen ausgeriſſenen Fenſtern regneten auf die Straße herab durcheinander Schränke, Stühle, Tiſche, Gemälde, Gefäße, eherne Urnen, ſeidene Bettdecken, Hausrath von jeder Gattung; unter denen, welche auf der Straße die Beute erwarteten, ſah man manchen, welcher verſtümmelt oder übel zugerichtet wurde durch irgend ein Stück Geräthe, das ihm unverſehens auf den Rücken ſtürzte, andere ſtrebten wüthend nach der gleichen Beute, zogen die Schwer⸗ ter, verwundeten ſich und dann kam ein neuer Haufen herbei, der ſie ihnen aus der Hand riß und damit da⸗ von floh. Zeuge, Kleider von großem Werth blieben an den Geſimſen, an den Gittern hängen, wo ſie theils wegen des Ueberfluſſes der Beute, theils unbeachtet lie⸗ gen blieben, bis ſie mit den Spitzen der Partiſanen und Piken heruntergeholt wurden. Auf einmal erhob ſich ein allgemeines ſtärkeres Gebrülle, alle wendeten das Geſicht, alle öffneten den Mund: Wo? was? was gibt es?— Sieh dort, dort, dort oben— Alle ſahen in die Höhe. An einem Fenſter befand ſich ent⸗ weder aufrecht, oder auf den Knieen, oder halb heraus hängend irgend eine alte, eine ehrbare Frau, blaß, 25 verlaſſen, wie eine Trödelwaare, welche entweder um Mitleid flehte, oder ein Geſchrei ausſtieß. Der Haufe verlangte ſogleich nach ihr.— Herunter, herunter, zu uns, komm. Man gab ihr einen Stoß, ſie kam auf die Erde, unter Gelächter und Lebehochrufen und blieb zerſchmettert auf dem Pflaſter liegen oder in der Luft hängen, auf den Spitzen der Piken. Wenn alles verwüſtet war, wurde Feuer angelegt, um falls die Hausbewohner ſich verborgen hatten, dieſe hervorzu⸗ treiben. Wurden dieſe zuweilen ohne ein ſolches Mittel in Schlupfwinkeln, in Kaminen, in Kellern, an geheimen Orten, in Abzugsgräben entdeckt: ſo wurden ſie mit Gewalt herausgezogen und ſahen das Licht der Sonne nur wieder, um herumgeſtoßen und mißhandelt, ganz betäubt in dieſe Geſichter zu blicken, welche von Wuth, von der Trunkenheit und von der Luſt, würgen, zer⸗ ſtören, ſchänden zu können, erglühten, und halb wahn⸗ ſinnig zu werden beim Anblick der Dolche, die ihnen jeden Augenblick unter die Augen glänzten, der Seile, der glühenden Stahlplatten, die bereit gemacht wur⸗ den, ſie zu martern, der geſchändeten und dann ver⸗ ſpotteten Mädchen, der Frauen, die man, wenn ſie alt oder häßlich waren, von Leitern herabfallen, oder unter dem Stock ſterben ließ, und der Jünglinge, die man ſo ſehr entehrt hatte, daß ihre unglücklichen El⸗ tern beklagten, ſie noch am Leben zu ſehn. In den Kirchen wurden die Heiligenbilder zer⸗ brochen und zerlrümmert, Gemälde und Altarblätter beſudelt und zerriſſen, heilige Gefäße und Geräthe in Stücke zerſchlagen, um ſie leichter zu vertheilen. Als die Zerſtörung vollendet und Nichts mehr zu thun übrig war, wurden ſie die Wohnung der Soldaten, die ſich dort einquartirten und die Ställe der Mauleſel und Pferde, denen die Altäre zur Krippe dienen mußten. Bänke und Beichtſtühle brannten, in Stücke zer⸗ ſchlagen, in einem Winkel unter Keſſeln und mit Fleiſch „ 26 beſteckten Bratſpießen, in einem ahi ſchmauſten Tag und Nacht an beſtändig gedeckten Tiſchen Soldaten und betrunkene Buhldirnen, in prieſterliche Prunkkleider ge⸗ hüllt, und mitten unter ihnen Nonnen, ehrbare Frauen und anſtändig gekleidete Mädchen, welchen Schrecken, Schläge und Kummer ſo ſehr alle Beſinnung geraubt hatten, daß ſie nicht mehr wußten, wo ſie waren und was ſie thaten, und zu jedem Beliebigen ſich von die⸗ ſem verlorenen Volk gebrauchen ließen, welches ihre Ohren mit Zoten, mit ſchrecklichen Flüchen und mit unzüchtigen Liedern betäubte. u die eben beſchriebene Art war unter andern Kirchen auch San Giovanni eine Soldatenkneipe, ein. Stall, ein Haus der Unzucht geworden, als gegen Einbruch der Nacht, aus ſeinem Keller kommend, Fanfulla dort eintrat. Er hatte blos den Bruſtpanzer an; den Helm, die Armſchienen, die Schienbein⸗ und Schenkelrüſtung hin⸗ gen auf ſeinem Rücken in einen Bündel gebunden und an ſein Schwert befeſtigt, das er auf der Schulter trug und mit der linken Hand regierte. Auf dem Haupte trug er das Barett des Domherrn und unter dieſem erſchien ſein begeiſtertes Geſicht halb vergnügt, halb ſchläfrig durch den ſtarken Trunk, den er gethan tte. 5. Er blieb pfeifend unter der Thüre ſtehen und be⸗ trachtete das ſonderbare Gewimmel da innen. Viele Weinfäſſer waren aufrecht hingeſtellt, und auf deren Böden Fenſterladen, Bretter, Thorflügel hingelegt, ſo daß ſie einen Tiſch bildeten, ſo lang als das Schiff der Kirche. Die Speiſen ſtanden auf kei⸗ nem Tiſchtuch, aber dieſer Mangel war überflüſſig er⸗ ſetzt: denn Kelche, Salzbüchſen, Platten und andere ſilberne Gefäße nach dem Geſchmacke des Benvenuto Cellini, fein mit dem Meißel gearbeitet, Fläſchchen und Pokale, welche die Tiſche der Cardinäle und Prälaten 27 geziert hatten, glänzten nun in den plumpen braunen Händen der Soldaten. Altarkerzen beleuchteten dieſe Orgien, und wo ihrer vielleicht zu wenig ſchienen, hatte man in die Spalten der Tiſche Stücke von Fackeln und Lichtern geſteckt, bald lange, bald kurze, und einige ſo zerbrochen und verſtümmelt, daß das angezündete Ende auf den Tiſch fiel und ihn nach und nach anzündete, ohne daß ZJe⸗ mand darauf acht gab. An einem Ende deſſelben ſtand ein voller Oelktug, ſtatt eines Lichts, in welchem ein zuſammengedrehtes Altartuch als Docht brannte, am andern war ein halbes Faß geſpalten und in dem⸗ ſelben ein Haufen von ungefähr fünfzig Lichtern, deren Flammen ſich wechſelsweiſe anzogen, vereinigten, unt⸗ eine einzige große Flamme bildeten. An beiden Seiten des Tiſches ſaß man auf Kirchen⸗ bänken, der eine aß, ohne um ſich zu ſehen, der andere ſchlief, die Arme auf den Tiſch geſtützt und den Kopf auf dieſe. Vier bis ſechs ſpielten Würfel oder Lands⸗ knecht oder Germini, und beim geringſten Anlaß, über den man ſich nicht einmal verſtändigte, entſtand Ge⸗ ſchrei,ein Erguß aller möglichen Schimpfreden, ein Zanken, ein ſich bei den Haaren packen, ein Schwingen der Dolche, und wenn einer unter den Tiſch gefallen war, ver⸗ wundet oder getödtet, ſo blieb er da bei den andern, welche ſchon vorher in Wein oder Schlaf begraben wa⸗ ren, liegen, die Kameraden aber fuhren fort zu ſpielen. Ein großer und ungeſchlachter Kerl hatte ſich, ſo lang er war, auf dem Tiſche ſelbſt zum Schlafe ausgeſtreckt, ganz begoſſen von dem Wein, der aus den von ihm umgeworfenen Gefäßen floß, mit ſchmutzigen Stiefeln auf den Silberplatten und ſchnarchte auf dem Geſicht liegend, ohne auf den Teufelslärm um ihn her Acht zu geben.. Die ſchmutzigſten Buhldirnen bewegten ſich in die⸗ ſer Unordnung, wie die Würmer in verdorbenem Waſ⸗ 28 ſer ſchwelgen, ſie liefen da und dorthin mit ihren 8 glühenden Augen und ihren entzündeten Wangen, einige ganz entgürtet, andere halbnackt, empfangen auf der einen Seite mit ſchmutzigen Liebkoſungen, dort mit ſchimpflichen Worten, mit Schlägen und Stößen, ohne daß ſie ſich um das eine oder das andere mehr oder we⸗ niger zu bekümmern ſchienen. Ein Soldat, der rücklings auf ein leeres Faß ge⸗ ſtiegen war, blies auf einer Pfeife und brachte Pfiffe hervor, welche ſich trotz der Stimmen des Geſchreis, der Geſänge und des allgemeinen Lärmens hörbar machten; ein anderer ſchlug mit einem Maulthierzaum voll Schellen mit ſtarken Hieben auf das Faß, um den Takt dazu zu ſchlagen; ein dritter klopfte mit ei⸗ nem Rauchfaß auf einen umgeſtürzten Seſſel, und dieſe teufliſche Muſik diente denen, die ſich noch auf den Füßen halten konnten, zum Tanzen. Fanfulla blieb einen Augenblick auf der Schwelle ſtehen, krank gemacht durch den Modergeruch des Weins, des Unflats, des Gebratenen, das von dem Innern ausging, dann kam er vorwärts und warf die Eiſen⸗ rüſtung, die er auf dem Rücken trug, ohne weder die Häfen noch die Gläſer zu berückſichtigen, auf den Tiſch, und zerbrach davon, ſo viel er nur traf. Das Geräuſch, das die Waffen im Fall machten und das Zerbrechen der Schüſſeln und Teller machte, daß einer, der am Tiſche ſitzend ſich umdrehte, ihn anfah und als er ihn ins Geſicht gefaßt hatte, ſchrie: „Ah Fanfulla!—“ Und dann ein anderer— und noch ein anderer und wieder ein anderer, dann fingen alle an zu brül⸗ len, mit den Händen zu klatſchen und mit den Fäuſten auf den Tiſch zu ſchlagen.* „Fanfulla, Fanfulla iſt wieder gekommen! Schiel⸗ auge iſt von den Todten auferſtanden.“(Dieſen Na⸗ — men hatten ſie ihm gegeben, weil er nur ein Auge atte. 3b lebe der Hund von Schielauge!“ „Wir glaubten Dich ſeit drei Tagen in der Hölſe. Wo biſt Du bis jetzt geweſen, roher Antichriſt?“ „Komm daher, trink.... Es wird Dir nicht um den Leib gehen.— Heh, heh, Wein her, Fleiſch her! — Für Fanfulla, der wieder da iſt.— Todtgeſchlagen, wer nicht gut dazu ſieht.— Es lebe Fanfulfa, es lebe Schielauge! Hoch!“ Dieſes letzte:„Hoch!“ gab einen ſolchen Lärm von allen vereinten Stimmen, daß es ſogar gelang, das Pfeifen des Schnurr⸗Pfeifers zu übertönen, den, der mit dem Zaum ſchlug, ſowie den andern mit dem Rauchfaß, zum Aufhören brachte, den Tanzenden„Halt!“ gebot, und den auf dem Tiſch Ausgeſtreckten aufer⸗ weckte, welcher ein häßliches, wunderliches, vom Schlaf entſtelltes Geſicht erhob, mit übler Laune um ſich blickte, ſagte:„Mögt ihr durch den Dolch umkommen!“ und den Kopf zwiſchen die Arme legend, bald wieder zu ſchnarchen begann. Derjenige, welcher vom Haufen ſo ſchmeichelhafte Zeichen von Wohlwollen empfing(der Leſer ſehe nicht ſo genau auf die Ausdrucksweiſe, denn Alles muß ſo verſtanden werden, wie wir im vorigen Capitel ge⸗ ſagt haben), unſer Fanfulla ſtand aufrecht, die Arme auf die Bruſt gedrückt, lächelnd vor Wohlgefallen, ſich in der Achtung und Liebe dieſer ehrlichen Leute ſo hoch ſtehen zu ſehen. Eine ganz ſchmutzige und zerlumpte, bis an die Spitzen der Haare von Fettſchmutz glänzende Köchin brachte Speiſen, welche verlangt worden waren, aber Fanfulla ſchlug mit einem Schlag von unten Alles in die Luft. „Was zu eſſen— habt ihr geglaubt, ich ſei Hun⸗ ger geſtorben?“ 3 Die Magd zog ſich erſchrocken zurück; er nahm 30 das Barett des Domherrn, ſetzte es dem auf den Kopf, der ihm am nächſten ſaß, und ſagte zu ihm: „Zu trinken!“ „Erſt mußt Du uns erzählen, wo Du dieſe drei Tage über geweſen biſt.“ „Bei den dreißigtauſend paar Teufeln, die euch holen ſollten, ſo viel ihr da ſeid. Zu trinken!“ Um den Leſer mit dieſem Geſchwätz nicht zu ſehr zu ermüden, wollen wir ſagen, daß er nach dem Trunke(und Gott weiß, ob es auf einen Getauften regnete) ſo gut er konnte, mit dicker Zunge und un⸗ ſicherer Ausſprache ſeine Abenteuer mit dem Domherrn erzählte. Jedesmal am Schluſſe eines Satzes ſeiner Geſchichte, da wo der Schreiber einen Punkt machen würde, ſetzte der Erzähler ein Glas Wein und die Sätze waren gegen den Gebrauch der Fünfhundert kurze und viele. Kurz darauf erſchien in der Kirche, von unge⸗ fähr zwanzig dieſer Straßenräuber herbeigeſchleppt, ein armer unglücklicher Greis, den ſie ſo zu ſagen aus⸗ gegraben hatten, indem er aus ſeinem Verſteck in der Tiefe eines Kellers gezogen worden war. Er ſchien ungefähr ſiebenzig Jahre alt zu ſein, zitternd, gekrümmt, im bloßen Hemde, welches ihm bis ans Knie ging, und fleiſchloſe Schenkel, Knochen, die an den Gelen⸗ ken hervorſtanden, abgezehrte Beine, welche an den Knöcheln durch das Alter angeſchwollen waren, ſehen ließ. Er hatte noch einen rothen, zerriſſenen und herabhängenden Strumpf, der einzige Ueberreſt des Purpurs. Dieſer ſo unwürdig behandelte Mann war ein Cardinal, menſchenfreundlich, ohne Hochmuth, von engelhaftem Gemüthe, kurz: ein heiliger Mann. Als er ſich entdeckt ſah, überließ er den Soldaten das wenige, das er hatte retten können, indem er es in eiliger Haſt in ein Verſteck trug, während ſchon durch Rom das Gerücht ging, daß die Mauern über⸗ ſtiegen ſeien. Der Schatz war klein, denn er gab 31 Alles zu Almoſen her, weßhalb die Soldaten, welche nicht zu glauben vermochten, ein Cardinal könne arm ſein, für gewiß annahmen, daß er den größern Schatz nicht entdecken wolle und ſein Gut mehr als ſein Le⸗ ben liebe. Zuerſt verſuchten ſie ihn zu ſchrecken, bald aber gingen ſie von Worten zu Schlägen über, riſſen ihm die Kleider vom Leibe, ſtießen ihn mit den Grif⸗ fen ihrer Schwerter und Dolche, und als ſie ſahen, daß Alles vergeblich war, ſchleppten ſie ihn nach San Giovanni, um zu überlegen, auf welche Art man ihn martern wolle. Das Gebrüll und der Lärmen wuchſen, wo mög⸗ lich, bei der Erſcheinung dieſes neuen Haufens, wel⸗ cher vor dem Faß ſtehen blieb, auf welchem ſich der Mann mit der Pfeife befand. Dieſer fing an, den Richter zu ſpielen und den armen Greis auszufragen, der, beim Anblick ſo abſcheulicher Entweihung, die eigene Gefahr vergaß, und ſeine Augen mit den Hän⸗ den bedeckend, in einen Thränenſtrom ausbrach. Man machte aber nicht viel Worte und war daran, zu Thätlichkeiten zu ſchreiten. Schon ergriff ein lutheriſcher Soldat, von denen, die in Italien mit Georg von Frondsberg eingedrungen waren, ein glühendes Eiſen, um die Marter zu beginnen, als eine Hand, die ihm wie eine Zange vorkam, ihn bei der Pulsäder des rechten Arms packte und das Eiſem ihm zu Füßen fiel. Es war die Hand des Fanfulla. Die Trunken⸗ heit hatte bei dieſem zwei Grade: im erſten war er vergnügt, munter, gleich bei der Hand, voll Geläch⸗ ter und Narrheiten, ſo lang der Wein noch nicht in zu großem Ueberfluß genoſſen war; wenn er dann zu trinken fortfuhr, gerieth er in den zweiten und dann wurde er betrübt, ganz zärtlich, ganz widerwärtig, er umarmte und küßte, wer ihm in die Nähe kam, ſo daß es ein Wunder ſchien, wenn er ihn nicht er⸗ droſſelte. 32 In dieſem kritiſchen Augenblick befand er ſich zum Glück des gefangenen Alten im letztern Zuſtand. Er ſtieß den Soldaten mit ſolcher Gewalt zurück, daß er faſt die Füße in die Luft ſtreckte und fing an zu ſchreien:„So geht man nicht um mit ehrbaren Leuten... So ſchändet man nicht das Fleiſch von Chriſten! Ihr abtrünniges Hundevolk! Ja Hunde, Hunde ſeid ihr, tauſendmal Hunde Glaubet Ihr, 1 ich hätte Furcht, weil Ihr ſo viel ſeid? Ich hatte euch 35 auch in zehn Jahren, eh ihr geboren ward.(Der Leſer bemerke, daß die ſonderbaren Verwandlungen, welche die Worte Fanfulla's durch lallende Ausſprache erfuhren, 8 ſich durch die Orthographie nicht wohl bezeichnen laſſen, * daher möge ſeine Phantaſie dieſen Mangel ergänzen.) 1 Sieh doch, wie man ihm mitgeſpielt hat.. Und ſie ſchämen ſich gar nicht die Räuber.. armer Alter... aber keine Frucht haben..,(und hiebei warf er ſich mit dem ganzen Körper auf ihn und küßte und um⸗ 1 armte ihn). Keine Furcht haben.... Da iſt Dein Freund Fanfulla! Du wirſt ſehen, was das zu bedeu⸗ 3 ten hat. Das ſind Leute ohne Glauben.. lutheriſche, in Bann gerathene, die thun das Schlimmſte, was ſie können. Was kannſt Du von ihnen hoffen?“ „Und was kannſt Du hoffen, Stück von einem Eſel,“ ſchrie einer von den Raſenden, Geld von einem Eardinal zu entlocken, ohne den Strick, ohne das Fe 3 .„Bei der Biſchofsweihe, die ich empfangen habe,“ ſagte der alte Cardinal, indem er die fleiſchloſen und zitternden Hände gegen ſeine Verfolger ausſtreckte, „ſchwöre ich euch, daß ich nichts Anderes habe, weder Gold noch Silber, Nichts, Nichts, ihr habt Alles genommen.“ „Das mache Tölpeln weiß,“ ſagte einer von denen, die ihn hergeführt hatten, indem er ein Bün⸗ del in den Kreis warf, ſo daß es aufging und einige heilige Gefäſſe, einen Becher mit einem ſilbernen Becken —— 33 und andere Sächelchen von geringem Werth heraus⸗ fielen.„Da iſt der Schatz,“ fuhr er fort,„und wei⸗ ter hat er Nichts, der Cardinal.— Seht doch ein wenig nach, ob das liebe Kind alle Zähne im Mund hat— bringt einmal dieſes Eiſen her, daß es an den Leib, an das Blut geht— ich will ihm das Herz ſieden!“ Fanfulla trat auch diesmal ins Mittel und hin⸗ derte die Ausübung der Drohung. „Hörſt Du, Ohm Cardinal... Du riechſt ja ſchon nach dem Grabe.. Was willſt Du— das ſind grobe Bengel, ein niedriges Volk, ohne Glauben— Worte thun da wenig Wirkung, es müſſen Ducaten ſein, Goldgulden, ſie machen da keinen Spaß mit Dir. Mortuus est in camiciola... für dieſe iſt einen Chriſten zu tödten, gerade als wenn man einem eine Mücke aus dem Geſicht jagt. Ohne das: zahl mich nur! ohne das„Mammona iniquitatis,“ wie ihr Prie⸗ ſter ſagt, ſtecken ſie Dich an den Bratſpieß, wie ein Rebhuhn. Seele, Geiſt, Zeuer an den Lumpen.. Ein Wort iſt bald geſagt....“ Da raunte Fanfulla ihm ins Ohr:„Wo iſt der Schatz begraben?“ „Aber ich habe euch ſchon geſagt, daß ich keinen Schatz habe. Gott weiß es, der uns ſieht, ich bin ein armer Prieſter. Glaubt ihr denn etwa, daß ich in der jetzigen Zeit an einen Sack Goldgulden denken möchte?“ Fanfulla wendete ſich, ſchüttelte nachdenklich den Kopf, ſtrich mit den Fingern zuerſt den einen Knebel⸗ bart, dann den andern und ſagte: „Ich glaub' es auf meine Weiſe und Du ſagſt es auf die Deine.“ Dann neigte er ſich zu dem Ohr des Cardinals, legte ihm eine Hand auf die Schulter, die er immer packte, je weiter er in ſeiner Rede kam, und agte: „Habt Ihr verſtanden, daß es um die Haut geht? Nicerlo de' Lapi. 1. 3 Wie ſoll man es Euch denn ſagen? Auf deutſch? Fahr nur fort, fahr nur fort den Indianer zu ſpielen, Du wirſt daran denken. Es verſteht ſich ja ſchon, daß Du nicht Alles gibſt.(Er fuhr fort, indem er die Stimme dämpfte, daß die Andern es nicht hören ſollten.) Ein tauſend Seudi, Zechinen wird beſſer ſein.— Wie viel macht das aus! Das ſind faule Trunkenbolde vom erſten bis zum letzten. Seht dieſe Race von Schwei⸗ nen da gilt es verſtändig ſein... Ich bin allein und unter ſo vielen ein einziger, dem das Gehirn richtig iſt.— Laß Dich nicht martern, mein lieber Prieſter! Das Geſpräch ging noch eine Weile in dieſem Ton fort, und endigte, wie es endigen mußte. Der Greis verſicherte beſtändig, daß er Nichts habe, und es war die Wahrheit. Die Soldaten beſtärkten ſich in der Ueberzeugung, daß er Etwas habe und die Folge davon war der Beſchluß, ihn durch Martern zu zwingen, die verborgenen Schätze zu entdecken. Der gute Wille Fanfulla's wurde unmächtig gegen die Zahl. Als er wirklich einſah, daß die Sache ſei⸗ nes Schützlings hoffnungslos ſei, ſprang er von Neuem in vie Mitte, warf ſich in die Bruſt und brüllte wie ein Begeiſterter: „Auf, Jungen, alle ſtill und hört zu, wenn euch das zuſagt. Wir wollen ihn auf eine Todtenbahre legen und einen Leichenzug durch Rom mit ihm anſtel⸗ len mit Wachskerzen; wer weiß, wenn er merkt, daß es da hinaus will und einſieht, was es heißen will, in die andere Welt zu reiſen, wird ihm die Grille aus dem Kopfe gehen.“ Man hörte ein Geſchrei von ſtreitenden Stimmen, die zuſammen den Vorſchlag billigten, beſpotteten oder zurückwieſen. Endlich aber beſchloß die Mehrzahl, in der Hoffnung, Stoff zum Lachen zu finden, und von der Sonderbarkeit des Gedankens gelockt, daß er ausge⸗ führt werden ſolle. 35 In einem Augenblick waren Wachskerzen, die Todtenbahre, Trauerſchmuck und die Kaputzen, aufge⸗ funden. Halb wahnſinnig geworden, verließ die thö⸗ richte Schar mit dem armen Alten auf der Bahre Kirche und machte ſich gegen Banchi hin auf den eg. Nun hätteſt Du das ſeltſamſte Schauſpiel ſehen können; der Eine hatte ein Meßgewand verkehrt ange⸗ zogen, der Andere trug den Rauchmantel und unter demſelben den Degen umgürtet, den er mit der Spitze drei Spannen hoch über der Erde hielt, Fanfulla ging vor der Scheinleiche her mit einem Beſen, den er in einen Waſſereimer voll Wein tauchte, und wie einen Weihwedel gegen alle diejenigen, die ihm begegneten, gebrauchte, im Zuge ſah man Beſichter wie Gott ſie nicht alle Tag erſchafft: Frauen darunter, von teuf⸗ liſchem Ausſehen, häßlicher noch als die Männer. Man hörte einen Geſang, der mehr Geheul als Geſang war, womit der der Prieſter nachgeahmt werden ſollte; hier lachte, dort brüllte einer, dort ahmte einer irgend ein Thier nach, ein anderer pfiff, ein anderer blies auf einer leeren Flaſche, wieder ein anderer ſchlug Pfan⸗ nen und Küchengeſchirr an einander, mehrere ſangen Zotenlieder und alle Stimmen, von welchen dieſes Geſchrei ausging, durch Trinken und Brüllen rauh ge⸗ worden, ließen ſich in einem Gemiſch von deutſchen, ita⸗ liäniſchen und ſpaniſchen Worten und noch in andern Sprachen vernehmen, denn in dieſem Haufen gab es von jedem Volk und von jedem Menſchen⸗ alter. Dieſes Gefindel machte ſo viele Stunden lang die Runde durch Rom unter großem Lärm und kehrte bei vorgerückter Nacht nach San Giovanni zurück. Als . Vahre niedergeſetzt hatten, ſagten ſie zum Car⸗ inal: „Auf Herr, ſteht auf, wir wollen miteinander ſprechen.“ Aber es war nicht mehr in ihrer Macht, ihn mar⸗ tern zu können. Der Alte hatte ſo großen Leiden nicht widerſtanden, und war auf der Straße geſtorben. Fanfulla wurde einige Tage darauf, als er bei dem Thor Sankt Spirito vorüberging, um die Wache ab⸗ zulöſen, von einigen Trümmern auf den Kopf getrof⸗ fen, die die Geſchütze des Caſtells von den benachbar⸗ ten Mauern heruntergeworfen hatten. Er kam dem Tode nah und genaß langſam, lange Zeit, nachdem das Heer in Folge des mit dem Pabſt Clemens ge⸗ ſchloſſenen Vertrags, mit ſeiner Beute beladen, aus Rom fortgezogen war. Die Pflege eines armen Prieſters hatte für ſeinen Körper und ſeine Seele ſo wohlthätige Folgen, daß wir den guten Fanfulla unſerm Leſer als einen ganz nenen Menſchen vorſtellen können. Er wurde ein vom vorigen völlig verſchiedenes Weſen, oder was eben ſo viel ſagen will, ein ehrbarer Mann. Er hielt dafür, daß ſeine Sünden ſehr groß ſeien und er daran denken müſſe, ſchon in dieſer Welt ein wenig Buße zu thun, um es nicht ganz in der andern thun zu müſſen. Er befand ſich in der Wahl, ob er Mönch werden oder ein Weib nehmen ſollte.(Unſere Leſerin nehme es ihm nicht übel und bedenke, daß er, obgleich ein guter Menſch, doch nochimmer Fanfulla war.) Endlich blieb er bei dem erſten Entſchluß. Er verließ Rom eines Morgens auf einem guten Pferd, die Waffen angezogen und an der Seite, er trug am Degengefäß einen Roſenkranz und am Griff ſeines Dolches eine Geißel, Geräthe, die er jeden Abend in der Herberge anwendete. Ueber Viterbo, Radicofani und Siena kam er endlich nach Florenz und an die Pforte des Kloſters San Marco und klopfte mit dem Lanzenſchaft an. Der Pförtner trat heraus und fragte, was er wolle. „Ihr ſollt mir den Stall zeigen, um dieſes Pferd einzuſtellen, denn ich will Mönch werden.“ Anfänglich glaubte der Pförtner, er ſei betrunken 37 oder ein Narr, aber nach vielen Fragen und vielen Schwierigkeiten, nach einer Flut von Aber, von Wie und von Warum entſchloß er ſich, ihn eintreten zu laſſen und dem Bruder Benedetto von Faenza vorzu⸗ ſtellen. Als dieſer den Wunſch des ſonderbaren Bitt⸗ ſtellers anhörte, und ſein Kleid, ſeinen Wuchs und ſein Ausſehen betrachtete, konnte er nicht recht ins Klare kommen, ob er im Ernſt oder im Spaß redete. Ohne eine beſtimmte Antwort zu geben, nahm er ſich einige Tage Bedenkzeit, um in denſelben ſeinen geiſtlichen Beruf zu prüfen. Nach deren Verlauf glaubte er den Zweifel, der ihm noch übrig blieb, beſeitigen zu müſſen, und entſchloß ſich, ihn als Laienbruder auf⸗ zunehmen. Fanfulla legte ſeine ganze Rüſtung ab, zog das Gewand des heiligen Dominikus an, und legte ſich den Namen Bruder Giorgio von Lodi bei. In wenig Tagen lernte er ſo viel von ſeinem neuen Handwerk, daß er eine anſtändige Rolle im Chor und im Refer⸗ torium ſpielen konnte, und das Pferd, welches lange Zähne und eingefallene Augen zu bekommen anfing, lernte ebenfalls Säcke tragen und die Mühle im Garten drehen. Zur Zeit, in welcher wir ſeinen al⸗ ten Herrn als Meßdiener getroffen haben, waren ſchon zwei Jahre verfloſſen, ſeit beide das Leben im Lager mit dem im Kloſter vertauſcht hatten, und ſie waren mit ihrem neuen Stande zufrieden, mit dem einzigen Unterſchied, daß es nicht wohl glaublich iſt, daß dem Pferde die Zeiten wieder in den Sinn kamen, in welchem es unter einem Lanzenreiter lief, während ſie ſich im Gegentheil zuweilen noch ſehr lebhaft dem Gedächtniß des Reiters darſtellten. Drittes Kapitel. Die Todtenmeſſe ward ohne weitere Störung be⸗ endigt, der Meßprieſter legte das Meßgewand ab, nahm den Rauchmantel um, um bei dem Leichnam die letzten Leichengebräuche vorzunehmen und ſtieg vom Altar herab; drei Chorknaben trugen die zwei Leuchter vor. Giorgio folgte mit dem Keſſelchen mit Weih⸗ waſſer Die Menge zog ſich von der Bahre zurück, um welche herum blos Niccolo und ſeine Söhne blieben, ſie ſprachen Gebete, vollzogen die vorgeſchriebenen Ge⸗ bräuche und Beſprengungen, und als die Prieſter in die Sacriſtei zurückgekehrt waren, hieß Niccolo Bindo ſich nähern, löste den Schild und das Schwert Bae⸗ cio's ab, hielt ſie mit der linken Hand, und legte die b rechte auf das Haupt des Sohnes, zu welchem er agte: „Bindo, dieſes Schwert und dieſer Schild, die ich Dir gebe, ſie gehörten Baccio, den Du hier als Leiche ſiehſt, weil er ſeine Pflicht als guter Bürger ge⸗ than hat. Nun! ſieh mir in die Augen! kömmt es Dir vor, als ob ich weine.“ Der Knabe machte ganz beſtürzt mit dem Kopf ein Zeichen der Verneinung. „Und wenn ich nicht weine, Du weißt, daß es nicht darum iſt, weil ich für dieſen meinen Sohn und Deinen Bruder nur geringe Liebe gehegt hätte, ſon⸗ dern weil ich erkenne, daß jeder Menſch zuerſt Gott unſerm Herrn und ſeinem heiligen Glauben, für's zweite aber dem Vaterland verpflichtet iſt, und daß man in ihrem Dienſte ſeine Kräfte opfern muß, und überzeugt bin, daß denen, die ſo thun, ein ehrenvolles Gedächtniß in dieſer Welt und ewige Vta in 39 der andern aufbewahrt iſt, und daher ſeinen Tod für ſchön und beneidenswerth halte. Wenn ich nun weinen würde, weil er, uns in dem Elend dieſes Lebens zurück⸗ laſſend, hingegangen iſt, die unendlichen Wonnen des andern zu genießen, ſo würde ich glauben, mich des Undanks gegen die Güte Gottes und des Neides we⸗ gen der Belohnung, die ihm für ſeine Tugenden ge⸗ worden, ſchuldig gemacht zu haben. Nimm nun dieſe Waffen im Namen Gottes; beſtrebe Dich, ſo tapfer zu ſein, wie Baccio war, und mit ihnen in der Hand ſieg oder ſtirb: und wie Du den Fluch eines Vaters, den Zorn Gottes und die Schande bei den Menſchen fürchteſt, habe immer vor Augen, mit welchem Ge⸗ ſichte und mit welchem Herzen Du mich ſtehen geſehen haſt an der Bahre eines tapfer gefallenen Sohns, wiſſe, daß ich auf Dich an ſeiner Stelle mit demſel⸗ ben Auge blicken würde: Gott würde mir die Kraft geben.... Aber wiſſe noch(hier hob er in einer ſtol⸗ zen und furchtbaren Stellung die Hand, die er bisher auf den Kopf Bindo's gelegt gehabt hatte, hoch em⸗ por), daß wenn Du, was Gott nicht wolle.... Dich zeigen ſollteſt als. Nein, ich will meinen Mund nicht mit dieſen Worten beſchmutzen, noch an eine ſolche Entehrung in meinem Blute auch nur denken.. Genug, Du haſt mich verſtanden.... dann aber, wenn Dir das Leben noch irgend lieb iſt, ſo mache, daß dieſe meine Augen Dich nie wieder zu ſehen be⸗ kommen.“ Nach dieſer Rede, die von einem Mann von ſol⸗ chem Anſehen, bei ſolcher Gelegenheit und mit ſo ern⸗ ſtem Nachdruck wie hier geſprochen, auf Bindo und die Umſtehenden einen großen Eindruck machten, wollte er ihm den Degen umgürten. Das Kind hob die Arme empor und ließ ihn gewähren. Aber der Gürtel, der dem Wuchſe Baccio'ß wohl anſtand, war zu weit für den des Bruders. Niccolo ſagte: „Du biſt zu mager, mein armer Bindo;“ und die Suab drei oder vier Löcher zurückſchiebend, fuhr er ort: „So wird es gut ſtehen...“ Aber zu gleicher Zeit dachte er an die harte Noth⸗ wendigkeit, die ein ſo zartes Kind zwang, ſich ſo gro⸗ ßen Gefahren auszuſetzen, er dachte an den Untergang, der Florenz bevorſtand und an den, der Schuld daran war; ſein Geſicht wurde finſter und er konnte einen Seufzer nicht zurückhalten, während er den Gürtel anſchnallte. Als dieſes geſchehen war, wendete er ſich zu Herrn Giovani Gondi, Hauptmann des goldenen Löwen, der mit einem ſehr ſchönen Panzerhemd, das bis an die Schenkel reichte, bekleidet, neben ſeinem Banner hielt. „Herr Giovanni,“ ſagte er ruhig und mit heitrer Miene zu ihm:„wenn ich einen Sohn verloren habe, ſo kommt Ihr doch nicht um einen Soldaten. Hier iſt ein Stellvertreter für Baccio, und ich hoffe zu Gott, daß er ſich nicht als ein geringerer als dieſer zeigen wird.“ „Und Ihr, tapferer Bürger, verſchmäht ihn nicht, weil er noch ſo ſehr ein Kind iſt; David war auch noch ein Kind, als er den Goliath überwand.“ Das Geflüſter und die abgebrochenen Worte, welche ſich unter den Soldaten erhoben, zeigten Bewunderung und Ehrfurcht für Niccolo, Achtung und Liebe für den Jüngling. „Der iſt a us einem Geſchlecht, das nicht aus der Art ſchlägt!“—„Dieſer Alte iſt von ſtarrem Eiſen!“ —„Sieh, ob er auch nur eine Thräne vergießt! Und der Sohn! Ich kann Dir ſagen, daß er nicht ſpaßt!“ —„Gib ihm ein paar Jahre Zeit!“—„Ein paar Jahre? Geh, geh zum Thurm de Mercatonuvo, wo der Sohn des Grechetto fechten lehrt. Geh einmal Mergens hin, Du wirſt ihn ſehen, wie er mit Schwert und Dolch ſpielt. Und geſtern verſuchte er ſich mit Morticino, Du weißt doch, was der für ein kleiner 41 Teufel iſt.... Nun, er hat ihm einen guten Stoß ge⸗ geben, und, beinah wären ſie wirklich an einander ge⸗ rathen hu Soldat trat mit einem Buch vor, in wel⸗ chem die Namen der Fähnlein geſchrieben waren, er öffnete es und hielt es Gondi vor, welcher einige Zei⸗ len hineiſchrieb und es dann Niccolo hinreichte. Dieſer las mit lauter Stimme folgende Worte: „Am.. October 1529. Bindo, Sohn des Herrn Niccolo, Sohns des Herrn Cione de Lapi aus der Zunft von San Giovanni... Es iſt hut Hör mich an, Bindo! wiſſe, daß von nnn an dieſer hier (auf den Hauptmann zeigend) Dein Vater iſt. Die⸗ ſes da(auf das Banner deutend) iſt Dein Haus. Dieſe hier(auf die Soldaten deutend) Deine Brüder... Nun knie nieder,(Bindo gehorchte: der Vater legte ihm die Hände auf und die Augen zum Himmel erhe⸗ bend, ſagte er mit lauter Stimme:) Bindo, ich gebe Dir meinen Segen.“ Der Leſer kennt nunmehr genug den Charakter und die Gedanken der in diefer Scene handelnd aufge⸗ tretenen Perſonen, um ſich eine Vorſtellung von den verſchiedenen Gefühlen zu machen, die ſie in ſolchem Augenblick empfanden. Einige Minuten lang ſprach keiner, keiner bewegte ſich, nur Bindo erhob ſich, um⸗ ſchlang mit der rechten(die linke war durch den Schild gehindert) die Bruſt des Vaters unter der Achſel, lehnte ſeine Stirne an ſeine Bruſt und blieb unbeweglich. Die Hände des Greiſes, die man doch endlich beben ſah, verſenkten ſich in das dichte Haar des Sohnes, und als dieſer den Kopf erhob und ſich aus dieſer Umarmung loswand, rannen einige Tropfen am Tuch des Lucco herab. Viele der Soldaten, welche die innigſten Freunde Baccio's geweſen waren, näherten ſich jetzt der Bahre, und einer nach dem andern bekreuzte ihn mit den geweihten Kerzen. Die Bewegung der Lippen deutete an, daß ſie mit leiſer Stimme Gebete für ſeine Seele herſagten. Bruder Benedetto, der mit einigen Mön⸗ chen gekommen war, um Niccolo ein Wort des Tro⸗ ſtes zu ſagen und ihn beim Herausgehen aus der Kirche Ehre zu erweiſen, redete ihn ehrerbietig an. „Bruder Benedetto,“ ſagte der Greis, während er ſich anſchickte, fortzugehen;„ich empfehle Euch in Euren Gebeten an Lamberto zu denken, daß ihn Gott geſund und wohl zurückſende, er hat mir geſchrieben, daß er in wenigen Tagen in Florenz ſein wird. Aber die Pferde des Marcheſe del Vaſſo ſind auf der Straße nach Bologna geſehen worden. Gott wolle nicht, daß— Liſa, ſei gutes Muths(fuhr er fort zu der Tochter gewendet, die bei dieſen Worten eine Bewe⸗ gung verrathen hatte); Lamberto iſt kein Narr und weiß, was er zu thun hat, und es werden nicht viele Tage vorbei gehn, ſo wird er mit Gottes Hilfe wie⸗ der da ſein, wo ihn ſolche Böcke nicht mehr ſtoßen.“ Liſa ſchmiegte ſich an die Schweſter und verbarg ihr Geſicht ſo, daß es nicht möglich war, zu erkennen, mit welchem Gefühl ſie die Rede des Vaters aufnahm. Diejenigen von den Umſtehenden, denen es bekannt war, daß zwiſchen Lamberto und Liſa eine Verlobung geſchloſſen ſei, urtheilten, daß dieſes Verbergen von der Schamhaftigkeit herrühre, welche die Mädchen bei dergleichen Gelegenheiten zu zeigen pflegen. Indeſſen ging Niccolo, umgeben von ſeiner Fa⸗ milie und gefolgt von allen, die in der Kirche waren, hinaus, und es blieb Niemand anders in der Kirche zurück, als der Sacriſtan, der einen Saum des Leichen⸗ tuchs über das Geſicht des Todten zog, die Lichter auslöſchte und ebenfalls zur Thüre der Sacriſtei hin⸗ ausging. Bruder Giorgio war nach geendigter Meſſe in ſeine Zelle gegangen und hatte ſich dort eingeſchloſſen. Das Lachen, das ihm in der Kirche entſchlüpft war, ärgerte ihn; er ſah ein, daß er Unrecht gethan hatte, 43 und empfand jene Bitterkeit, jenen Haß gegen ſich ſelbſt, der im Herzen der Menſchen entſteht, wenn ſie fortwährend gegen veraltete Angewöhnungen zu kämpfen haben. Es war in ihm der Wille durchaus nicht erkaltet, durch die Strenge des klöſterlichen Lebens die Irrthü⸗ mer des vergangenen wieder gut zu machen, und in dieſen erſten zwei Jahren war es ihm mit wenig An⸗ fechtung gelungen. Wenn ihm ſeine Einbildung manch⸗ mal Waffenthaten vor das Gedächtniß führte, ſo hielt er dieß, der Ermahnung ſeines Oberen gemäß, für Verſuchungen des Teufels, und bemühte ſich ſolange, bis es ihm gelang, ſie zu vertreiben. Er hatte ſeinen eigenthümlichen Charakter, der keinen Zügel duldend, leicht zu entzünden und ſchnell von Worten zu Thaten überzugehen fähig war, faſt ganz beſiegt. Die andern Mönche wußten ihm Dank für die Mühe, die er ſich gab, auf ſeinem Grundſatz zu beharren, indem ſie Rückſicht darauf nahmen, wie er geweſen war. Sie mochten ihn zwar im Innern nicht ſehr gern haben, denn Bruder Giorgios Benehmen hatte etwas an ſich, was für ruhige Menſchen nur widerwärtig ſein kann (weßhalb ſie ihn unter ſich gewöhnlich Bruder Bombardo benannten), doch pflegten ſie jedes Geſpräch über ihn mit der Bemerkung zu ſchließen:„Zuweilen glaubt er, er habe noch die Lanze am Schenkel und will ſich nicht ermahnen laſſen, aber doch iſt der arme Kerl im Ganzen nicht böſe.“ Als ſich aber die Belagerung genähert hatte, als man in Florenz Nichts mehr ſah, als Reiter, Fuß⸗ ſoldaten und Bewaffnete, und Tag und Nacht Nichts hörte, als eine unaufhörliche Entladung von Geweh⸗ ren und Geſchütz, Trommelſchlag, Pfeiffen und Trom⸗ petenklang, und von Nichts ſonſt die Rede war, als von den Arten anzugreifen und ſich zu vertheidigen und über die Wechſelfälle des Kriegs, die den Tag über vorgefallen waren, da begann das Gewand des heiligen Dominicus dem Bruder Giorgio ſchwerer vor⸗ zukommen, als vier Rüſtungen. Nachts, während das Schweigen um ihn her nur durch das langſame und tiefe Schnarchen der Mönche, die in den benachbarten Zellen ſchliefen, unterbrochen wurde, fand der arme Laienbruder wenig Ruhe: denn jeden Augenblick weckten ihn hundert Schlachtbilder, die ihm ſogleich im Traume vorkamen, ſobald er das Auge ſchließen wollte. Gezwungen, zu wachen, wen⸗ dete er ſich zum Gebet, und wenn dieſes nicht hinreichte, in ihm heilige Gedanken zu erwecken, ſo griff er zornig nach einer Geißel, welche beſtändig an der Mauer über dem Kiſſen hing, und fing an, ſich, weit ausholend, auf den Rücken zu ſchlagen, mit geſenktem Haupte, mit geſchloſſenen Augen und mit den Zähnen knirſchend, und in dieſem Kampf gegen ſich ſelbſt be⸗ trug er ſich eben ſo erbarmungslos, wie er ſich in vieten gegen Andere betragen hatte. Häufig entſtand die Verſuchung aus gegenwärtigen und wirklichen Urſachen. Er hörte, wie ſich von ferne der Hufſchlag eines Reiterhaufens erhob, er ſpannte das Ohr, hielt den Athem an: das Geräuſch wuchs und wuchs mehr, ſie ergoßen ſich auf den Platz San Marco, als ſie vor ſeinen Fenſtern vorbeikamen, machte der Schall die Glasſcheiben klirren, ſie entfernten ſich, das Geräuſch verminderte ſich, beim Wenden um eine Ecke konnte man es kaum noch vernehmen, dann hörte es ganz auf. Jetzt erſt athmete er wieder; denn in Folge langer Uebung hatte er mitten in dieſem ver⸗ wirrten Tongemenge alle die verſchiedenen Arten von Geräuſch und die Urſachen, die es hervorbrachten, unterſchieden. Er hätte zu ſich ſelbſt ſagen können: das iſt ein Schild, der erſchüttert worden iſt, das iſt eine Schwertſpitze, die an eine Beinſchiene geſtoßen hat, das iſt ein Pferd, das beim Spornen mit einem Fuß auf dem Pflaſter geſtrauchelt iſt, das iſt ein Lanzen⸗ ſchaft, der einen Helm verletzt hat c. 7c. 4 Ein ſolches Leben in fortwährendem Verlangen hatte ihm zuletzt den Schlaf völlig genommen und er glaubte, wahnſinnig werden zu müſſen. Bei Tage zeigte er ſich unverträglich gegen Seinesgleichen, verſchloſſen gegen ſeine Obern, und ſo oft ein Schuß aus den Stücken an ſein Ohr drang, ſagte er zwiſchen den Zähnen: So halte ich es nicht aus! Als er in den Orden getreten war, war ſeine Geſundheit und ſeine körperliche Beſchaffenheit ge⸗ ſchwächt, von den großen ausgeſtandenen Leiden her⸗ abgekommen und vielleicht, ohne ihm Unrecht zu thun, hatte dieſe Abnahme ſeiner körperlichen Kräfte theilweiſe ſeinen Beruf beſtimmt; aber das ruhige und regelmäßige Leben hatte ihn wieder hergeſtellt, und als er ſich nun von Neuem ſtark und geſund, wie je einmal, fühlte, ſo hatte er Recht, zu ſagen: So halte ich es nicht aus. Dieſe trefflichen Worte waren ſchon wieder aus ſeinem Mund gegangen, als er die Schritte eines Mannes vernahm, der ſich der Thüre näherte. Als er dort angekommen war, klopfte er zweimal mit den Fingerknöcheln an, und ſagte:„Deo gratias.“ „Deo gratias, auf immer! herein!“ antwortete Bruder Giorgio, aber die üble Laune, mit der er dieſe Worte ausſprach, ſtimmte wenig zu deren Sinn. Er öffnete und es trat ein Laienbruder herein und ſagte zu ihm: „Bruder Benedetto verlangt nach Euch.“ Bruder Giorgio dachte ſich gleich, um was es fich handle, und ſagte: das geht mich an, jedoch ging er freimüthig hin, und auf dem Weg entſchloß er ſich, ſo⸗ bald ſich ihm Gelegenheit darbiete ſich um jeden Preis von dieſer Pein zu befreien. Er traf ſeinen Oberen am Schreibepult„er hatte die Brille auf der Naſe und war beſchäftigt, den hei⸗ ligen Auguſtin in Folio zu leſen. Bruder Benedetto hob die Naſe in die Luft, um ſeine Augäpfel, die Glä⸗ C ſer der Brille und das Geſicht des Laienbruders in gleiche Linie zu bringen; er betrachtete ihn einen Augen⸗ blick, als ob ihm ſeine Miene dazu dienen ſollte, die Doſis in der Predigt, die er ihm halten wollte, abzu⸗ meſſen. Das Geſicht des Bruders Giorgio war reu⸗ und demüthig, aber in dieſem Augenblicke mochten Beſcheidenheit und Demuth auf ſeinem Geſichte Furcht erregen. Der gute Greis faßte jedoch Muth und den Wider⸗ willen überwindend, den er fühlte, ſo genau mit einem ſolchen Menſchen auf irgend Etwas einzugehen, nahm er die Brille ab, legte ſie auf das Buch und ſagte: „Bruder Giorgio, ſeit einiger Zeit bemerke ich gewiſſe Dinge, die mir wenig gefallen. Ich hätte vielleicht früher als jetzt mit Euch darüber ſprechen ſollen, da ich aber zweifelte, ob ich nicht im Irrthum fein möchte, wenn ich von Eurem Benehmen übel dächte, und noch erwartete, Ihr könntet Euch in irgend einer Art ändern, bin ich ruhig geblieben, aber nun iſt es doch nöthig, daß ich meine Pflicht thue. Was ſind das für Neuigkeiten, mein lieber Sohn? Ich jinde Euch nicht mehr wie früher eifrig in Eurer Pflicht, ſonſt ward Ihr immer in der Kirche und von den Beichtſtühlen faſt nicht wegzubringen, ſonſt hörtet Ihr den Tadel mit heiterem Geſicht und gutem Willen zur Beſſerung an. Nun ſehe ich Euch immer mit fin⸗ ſterer Miene, wenn man mit Euch ſpricht, ſfieht es aus, als ob Ihr es übel nähmet, die Brüder ſagen nicht anders, Bruder Giorgio iſt ein ganz anderer ge⸗ worden, man kann nicht mit ihm auskommen. Er⸗ innert Euch, mein lieber Sohn, den beſten Theil Eu⸗ res Lebens habt Ihr dem Teufel gegeben, der Herr hätte Euch auf dem Wege zur Hölle laſſen können, er hat Erbarmen gehabt, ſtoßt nicht zurück, was er Euch geſchenkt hat; nun da Ihr ihm den andern Theil ge⸗ weiht habt, kehrt in den Jahren Eures Lebens, die Euch noch übrig bleiben, nicht wieder um, mein lieber 47 Sohn. Heute Morgen und gar während der Meſſe, was denkt Ihr? eine ſolche Unordnung! ein ſolches Aergerniß! „Es thut mir leid, Euch über Etwas tadeln zu müſſen, wobei ich mich ſelbſt mitſchuldig finde, ich möchte nicht(denn wir ſind alle des Erbarmens be⸗ dürftig), daß irgend ein Groll gegen Euch ins Spiel käme, weil Ihr über mich gelacht habt, über meine Verzagtheit. Ich habe auch gefehlt, mein Sohn, ich bekenne es; hätte ich, wie es meine Pflicht war, meine Gedanken auf Gott gerichtet gehabt, ſo wäre ich nicht von etwas Geringfügigem aus der Faſſung gebracht worden. Was haben wir alſo zu thun? Uuns beide erniedrigen, erkennen, daß wir gebrechliche Menſchen ſind, die ohne die Gnade bei jedem Schritt fallen kön⸗ nen und deshalb nicht ermangeln, was an uns liegt, zu thun, mit Gebeten und Büßungen ſie zu er⸗ langen.“ Bruder Giorgio, den ein ſtrenger Tadel vielleicht erzürnt hätte, fühlte ſich durch die Sanftmuth und die ſchlichte Demuth ſeines Obern gerührt. „Ihr ſeid ein Heiliger,“ ſagte er zu ihm,„und ich habe tauſendfaches Unrecht gethan... aber...“ „Nein, mein Sohn, ich bin kein Heiliger, ich bin ein größerer Sünder als Ihr, und ich weiß nur zu ſehr, wie ich daran bin! Aber darum handelt es ſich jetzt gar nicht. Es iſt mir lieb, zu ſehen, daß Ihr Euren Irrthum erkennt, mehr wollte ich nicht: denn üble Gewohnheiten find wie das Unkraut, wenn man es auf der einen Seite ausrottet, ſo keimt es auf der andern wieder hervor. Ich habe Mitleid mit Euch, daß Ihr ſo lange Jahre unter den Soldaten gelebt habt, mitten unter zügelloſen Menſchen z da gewöhnt man ſich an dieſes ungebundene wechſelnde Leben; wenn dann ein Menſch ſich zur Ordnung begeben will, ſo koſtet das Mühe.. ich habe Mitleid mit Euch. Aber,“ (Cfuhr er lächelnd fort, um den Tadel mit ein wenig Scherz zu verſüßen),„auch da handelt es ſich von Kriegen und es gilt, alle Feinde zu vernichten; in die⸗ ſem Krieg müſſen ſich Alle waffnen und wir mehr als die Andern, man muß immer aufrecht da ſtehen und immer kämpfen; violenti rapiunt illud.“ Bevor wir die Antwort des Bruders Giorgio er⸗ zählen, bitten wir den Leſer nachzudenken, ob es ihm je begegnete, daß er, während einer Unterhaltung mit irgend Jemand unter vier Augen, über eine Sache, die ihm ſehr am Herzen lag, beiläufig ein Wort ver⸗ nahm, das ſeine ganze Aufmerkſamkeit anzog: der An⸗ dere geht in ſeiner Rede weiter, und er immer dieſes Wort wiederkauend, hört Nichts davon; kommt dann zu ſich zurück, will den Faden der Auseinanderſetzung wieder aufnehmen, da er aber nicht Alles gehört hat, entſtehen Mißverſtändniſſe und man muß wieder von vorne anfangen, um ſich zu verſtändigen. Wenn dieſe Lage unſerm Leſer nicht fremd iſt, ſo wird es viel⸗ leicht für ſeine Angelegenheiten nachtheilig ſein, aber um ſo beſſer zum Verſtändniß dieſer Geſchichte, da es dem Bruder Giorgio begegnete, daß er ſich gerade in dieſem Falle befand. Da er aus den erſten Worten ſeines Obern ge⸗ ſchloſſen hatte, daß er mehr als er erwartete, in bonis war, begann er, ſtatt ihn mit Aufmerkſamkeit bis ans Ende zu hören, nachzudenken, wie er mit ihm zu ſprechen habe, um ihm zu verſtehen zu geben, daß er ſeiner Mönchsrolle überdrüſſig ſei; ſo daß die ganze Predigt des Bruders Benedetto, wenn ſie je zu dem Bhr des Laienbruders gelangte, gewiß nicht weiter vordrang: nur bei den letzten Redensarten, auch hier handelt es ſich von Kriegen.. in dieſem Krieg müſſen ſich alle bewaffnen— rüttelte er ſich auf, und ſein wun⸗ derliches Gehirn, welches ſehr ſchwer mehr als eine Vorſtellung auf einmal faſſen konnte, legte ſie in dem Sinn aus, der ihm am meiſten zuſagte. Er fühlte ſich ganz getröſtet und ſagte zu ſich ſelbſt; 49 Er wird auch eingeſehen haben, daß wenn wir nicht alle gegen dieſe Kaiſerlichen einander beiſtehn und wenn nicht alle Mönche auch dazu helfen, die Geſchichte ein übles Ende nehmen wird. Nicht jedes Uebel kommt, um Schaden zu bringen! Der Schuß von heute Morgen hat ihn überzeugt, daß es jetzt Ernſt wird. Dieſe Gedanken, welche uns zu einer über eine Seite langen Erklärung genöthigt haben, gingen wie ei Blitz durch den Sinn des Bruders Giorgio, der nun jede Schwierigkeit für überwunden hielt und mit dem Redefluß eines ſolchen, dem für ſeine eigenen Wünſche unerwartet eine Thüre geöffnet iſt, ſagte: „Bruder Benedetto, ich habe gar keinen andern Wunſch auf der Welt und wenn ich eine Zeit über ſo ſo ſehr übler Laune war, ſo müßt Ihr wiſſen, es iſt wegen nichts Anderem, als deswegen geweſen, daß ich mich mit Gottes Hilfe doch noch für Etwas gut halte, und daß ich mich in dieſem Krieg glaubte zu läſſig zu betragen(im Gegenſatz zu dem andern, in welchem ich mich ſo lange Jahre abgearbeitet habe und faſt immer zu einem ſchlechten Zweck). Ich bin gewiß, daß das Streiten mir vor Gott ein Verdienſt ſein wird, und hab im Sinn, es zu thun. und ich werde das Beſte thun, was ich vermag, und möge mich Gott ſeines Ruhmes würdig machen und möchte es lieber heute als morgen ſein.“ Der Greis fuhr fort, es auf ſeine Art zu ver⸗ ſtehen; zum Theil wunderte er ſich, einen ſolchen Eifer in ſeinem Laienbruder zu ſehen, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ei, ei, das Mittel hat ihn alſo geändert!“ Sehr zu⸗ ihn ſo gut aufgelegt zu finden, fuhr er alſo ort: „Seid geſegnet, mein lieber Sohn, tauſendmal geſegnet.... Nunmehr iſt er auf rechtem Wege(und er ſchlug ihm lächelnd auf den Arm). Solche Käm⸗ pfer, die ſo viel anwenden, ſich zum Guten zu wen⸗ 4 Nieccolo de' Lapi. l. S 8 S N den, thun es dann ohne Schonung, Alles kommt dar⸗ auf an, ſie lenken zu können... Auf nun, es iſt Zeit, daß Ihr den großen Muth, den Ihr in den Kriegen, die, wie Ihr geſagt habt, für weltliche Zwecke geführt wur⸗ den, hattet, in dieſem für heilige Zwecke anwendet, der Kampf wird lang und ſchwer ſein... der Feind mächtig und verſchlagen.... Leo rugiens; aber Gott wird mit Euch ſein, fürchtet Euch nicht..“ „Mich fürchten?“ erwiederte Bruder Giorgio ver⸗ wundert und lächelnd;„ich habe nie gewußt, von wel⸗ cher Farbe die Furcht iſt.“ Und leiſe fügte er hinzu:„Du haſt Urſache, von Furcht zu ſprechen!“ „Ich weiß es, ich weiß es, Ihr ſeid nicht furcht⸗ ſam, aber bedenken wir; auch das zu große Vertrauen auf unſere Kräfte iſt ein Uebel, ein ſchweres Uebel, ſetzen wir nicht zu viel Fleiſch ans Feuer. Geht hin und Gott helfe Euch, und gebe Euch Kraft.“ Bruder Giorgio machte Anſtalt zum Fortgehn. Als er an die Thüre gekommen war, kam ihm noch ein Gedanke in den Sinn und er kehrte um und fing wieder an: „Bruder Benedetto, ich habe Euch um eine Gunſt zu bitten.“ „Sprecht nur, wenn ich kann.“ „O, was das betrifft, es iſt genug, wenn Ihr wollt aber ich ſeh' auch wohl ein... es iſt nicht recht... wer gibt und nimmt es wieder, ſagt das Sprüchwort, muß in die Hölle nieder... Aber ich finde kein anderes Mittel.... Ihr werdet es mir nicht übel nehmen.. „Nun ſprecht zu, redet frei heraus.“ „Nun ſo ſeht denn... ich bins nicht ſo gewohnt zu Fuß, ich bin von der alten Schule, verſteht Ihr wohl.. denn erſt ſeit etwa zwanzig Jahren her ſieh man(die Schweizer wollen wir aus dem Spiel laſ⸗ ſen) ordentliche Leute unter das Fußvolk treten.. 54 Und man kann auch ſagen, daß der erſte, der es in Ruf gebracht hat, der Herr Gonzalo Hernandec ge⸗ weſen iſt... dann der große Capitano.... Ihr wer⸗ det ihn haben nennen hören, und die Wahrheit zu ſa⸗ gen, iſt es ihm ſehr gut bekommen, daß in der Schlacht von Cerignola die franzöfiſchen gens d'armes... wenn Ihr ſie nur geſehen hättet eine Schlacht eingehen, es hätte geſchienen, ſie dürften mit den ſpaniſchen Fuß⸗ ſoldaten gleichſam Thonfiſche einſalzen: aber ſie, feſt ſtehend mit ihren gleichgehaltenen Piken, waren, wie in die Erde genagelt.... und dieſe Erdbeben von Franzoſen darauf wie Blitze... Sankt Denis! Sankt Denis! Da hätte kein Sankt Denis halten können, es war, wie wenn man eine Baſtei erſchüttern wollte.“ Der Leſer denke ſich, wie Bruder Benedetto, als er dieſe Rede hörte, die Augen aufriß, und glaubte, daß Bruder Giorgio ganz und gar verrückt worden ſei. Aber es war noch nicht aus. „Genug, laſſen wir das Fußvolk ſein... ich weiß wohl, es gibt auch unter ihnen brave Leute.... aber jeder muß ſein Handwerk treiben, und ich bin jetzt zu bejahrt, um ein neues zu lernen. Und wenn Ihr wollt, daß ich etwas Gutes ausrichte, ſo müßt Ihr mir erlauben, ich ſeh' ein, daß es eine große Kühn⸗ heit von meiner Seite iſt, Ihr werdet Euch wundern, aber bei der Lage, in der die Stadt iſt, wird es mir, glaube ich, mit zweihundert Ducaten nicht glücken. Wer ſie hat, wendet ſie für ſich an, und dann, wer wird mir das Geld geben, überhaupt, um nicht zu lange Worte zu machen, wenn Ihr mir nicht Erlaub⸗ niß gebt, daß ich mich meines Pferds bedienen darf, ſo werde ich in Verlegenheit ſein.“ In der Hälfte dieſer Rede hatte Bruder Benedetto wieder die Brille aufgeſetzt und beide Hände auf die Arme des Lehnſtuhls geſtützt; er bog ſeinen Leib vor⸗ wärts, erhob ſeinen Kopf gegen den Laienbruder und ſah ihn ſtarr, ſtarr an. Als er aufhörte zu ſprechen, ſchwieg der Alte eine halbe Minute, indem er ihn immerfort anſah, und ſagte mit einer Stimme, die die größte Verwunderung ausdrückte: „Pferd, Pferd? Was, bei Gott, hat das Pferd damit zu thun? aber wie verſteht Ihr es denn? habe ich Euch denn geſagt, Ihr ſollt hingehen und eine Lanze brechen?“. „Aber, mein Bruder Benedetto, es iſt ja nichts Böſes um das Lanzenbrechen: daß es ſich hier in üblem Sinn nehmen ließe.... und wie ich Euch geſagt habe, es geht wohl noch, daß ich das Handwerk zu Pferd treibe, aber zu Fuß——“ „Und wer hat Euch geſagt, daß Ihr das Hand⸗ werk treiben ſollt und ob Ihr es zu Fuß oder zu Pferd thun ſollt, bei dem Heil, das Gott Euch ſchenken möge. Was ſind das für Narrheiten? Ich ſage Euch, Ihr ſollt Eure Pflicht als guter Menſch thun, und Ihr kommt mir da mit einem Pferd, mit Piken und mit Fußvolk. Ich glaube, Ihr wollt Euch über mich luſtig machen. Geht, geht, ich hab' mich jetzt ins Klare gebracht und ich gab Euch ſo Gehör. Herr, Herr, gieb mir Geduld mit dieſem Menſchen!“ „Bruder Benedetto, erzürnt Euch nicht,“ ſagte Bruder Giorgio, der ſeinen Irrthum erkannte, und ganz bekümmert war, ſich wieder am Anfang zu ſehn, während er ſeine Angelegenheiten ſchon zurecht gebracht zu haben geglaubt hatte, es iſt nichts Schlimmes daran. Ihr habt es auf Eure Weiſe verſtanden, und ich verſtand es auf die meinige.“ Als er nun ſah, daß der Superior ſchwieg und ſeufzte mit einem gewiſſen Kopfſchütteln, das nichts Gutes zu bedeuten hatte, faßte er den feſten Entſchluß, da er einmal ſeine Geſinnungen entdeckt hatte, es durch⸗ zuſetzen, und ſagte in einem Ton, der nicht mehr miß⸗ verſtanden werden konnte: „Wohlan, Bruder Benedetto, hört mich an. Wenn M W 53 Ihr nicht nach mir geſchickt hättet, wäre ich ſelbſt ge⸗ kommen; ich leide zu große Pein, um fie aushalten zu können. Ich bekenne Euch, daß ich heute während der Meſſe mich verfehlt habe, und ich bitte Euch, mir zu verzeihen, wie ich hoffe, daß der Herr, mein Gott, mir verzeihen wird. Ich bekenne Euch, daß die andern Mönche tauſendfachen Grund haben, ſich über mich zu beſchweren, denn mein Betragen iſt nicht das eines guten Mönchs. Ich bin ein roher Menſch, ein Stück böſes Fleiſch, aber vielleicht habe ich auch zu leiden genug, wenn ich mich ſehne, den Schlaf verliere, und mich Tag und Nacht abquäle, daß ich nicht auf den Mauren bin, während man Feuer gibt!.... Ich bin genug damit geſtraft, daß ich eine ſo närriſche Natur habe, Ihr dürft nur ſagen, eine ſo verkehrte, daß es mir nicht wohl iſt, wenn ich nicht mitten unter Piken, Musketen, Lärmen und tauſenderlei Strapazen bin? Ich habe nicht ermangelt, meine Pflicht zu thun, wie Ihr mich es gelehrt habt, um dieſe Erinnerungen auszu⸗ löſchen. Ich habe gefaſtet, gebetet, mich gegeißelt, und das ſind Späſſe geweſen! Nun verſichere ich Euch, daß mein Herz ſich nicht um eine Spanne von dem ruhmvollen Patron Sankt Dominiecus noch von ſeiner heiligen Regel abgewendet habe, und daß ich in der⸗ ſelben leben und ſterben will. Ich erinnere mich an meine Sünden und weiß, daß ich Buße zu thun habe, und will ſie thun. Ich geh' in dieſen Krieg nicht, um meinen Vortheil zu fuchen, noch um einen Grad höher zu ſteigen, noch aus andern weltlichen Zwecken. Ich gehe hin, weil ich es auf dieſe Weife nicht mehr aus⸗ halten kann, weil ich wahnſinnig werden würde, ich gehe hin, um dieſe Volksherrſchaft zu vertheidigen, wie es unſer ſeliger Bruder Girolamo wollte, und was die Buße betrifft, ſo werdet Ihr ſie thun im Kloſter, ich unter den Mauren im Schnee und in Kälte, Ihr wer⸗ det faſten und ich werde auch faſten, Ihr werdet Euch geißeln und ich werde Degen und Spieße finden, die mich zurichten werden Gott weiß wie, ich bin nicht in Sacris. Ihr wißt, ob ich lateiniſch kann, aber ich bin auch dabei geweſen,.. ich denke noch wohl an den Cardinal Sanſeverino, ich habe ihn geſehen mit dieſen paar Augen(denn damals hatte ich noch beide) in der Schlacht von Ravenna auf einem ſchönen tür⸗ kiſchen Braunen, ſo wohl beritten, ſo kühn und gut bewaffnet, daß ich ihn darin nicht dem Herrn Gio⸗ vanni*) nachſetze. Berannte nicht Napoleone Orſino, der Abt von Farfa, berannte er nicht Caſentino mit ſeinen leichten Reitern, und dann ſo viele andere? Wenn es einen Fall gibt, daß auch ihr Prieſter zur Vertheidigung helfen ſolltet, ſo iſt dies ohne Zweifel einer, und wollt Ihr, daß ich es Euch deutlich ſagen ſoll? Dieſes Heer iſt nicht zum Spaß da, und ich ſehe große Wolken ſich um Florenz zuſammenziehen, und wenn nicht einer von uns für drei gilt, ſo kann die Zeit kommen, daß wir es zu bereuen haben. Ich kenne dieſe Braucher**), dieſe Landsknechte habe ich bei der Plünderung von Rom geſehen, dort nur zu ſehr.... Auch ich.. Es iſt genug, Gott verzeih' mir's. Und wenn es ihnen gelingt, einen Tag oder den andern die Stadt zu gewinnen, lebe wohl Paris. Da wird keine Stadt oder Kloſter erhalten. Nun habt Ihr mich gehört, Ihr tennt meine Geſinnungen— gebt mir alſo Erlaubniß, und mit Gottes Hilfe werdet Ihr es nicht zu bereuen haben.“ Der gute Greis blieb, als er dieſe entſchloſſene Rede hörte, ganz ſprachlos. Er war nicht entblößt von dem Muth, der einen tugendhaften Menſchen auf⸗ recht erhält, wenn es ſich von Erfüllung der eigenen Pflicht handelt, aber wie man geſehen hat, war die *) Johann von Medici, der als Muſter eines vollkomme⸗ nen Soldaten galt. 4 *) Spottnamen der ſpaniſchen Soldaten, weil ihre Offiziere die Quartierbillete mit den Worten anfingen: Wir brauchen. —— v— 1 eigentliche Kühnheit des Soldaten nicht ſeine Sache, und man kann glauben, daß er ſich viel lieber von dieſen verwünſchten Geſchützſtücken weit entfernt be⸗ funden hätte, daher kam es ihm als etwas ſo Närri⸗ ſches vor, nunmehr einen Mann an den Gränzen des Greiſenalters zu ſehen, der nicht mehr leben zu kön⸗ nen ſchien, wenn er ſich nicht mitten unter die Flinten⸗ ſchüſſe warf, daß er den armen Laienbruder nah daran glaubte, den Verſtand zu verlieren. Daher hütete er ſich wohl, ihn zu ſchelten, und indem er die Sache ſo eilig und in Haſt überlegte, ſagte er zu ſich ſelbſt: es wird nicht übel ſein, ſich ihn auf gute Art vom Hals zu ſchaffen, ehe er einen von ſeinen Streichen macht und uns das Haus über dem Kopf zuſammenſtürzt, und antwortete ihm, ohne Unruhe zu verrathen: „Gewiß, das hatte ich nicht erwartet.... aber wenn Eure Sehnſucht ſo groß iſt, die ich meines Theils nicht verſtehen kann, genug, wenn es Euch ſo gefällt, va Ihr nicht in sacris ſeid, werde ich es Euch zugeben können. Aber denkt wohl an die Gefahren, denen Ihr entgegen geht. Die des Körpers mögen hingehen, aber wie wird es gehen mit Eurer Seele? Ihr kehrt in das alte Leben zurück, kehrt zurück unter die böſen Geſell⸗ ſchaften, unter Schurken, die Euch tauſend Gelegen⸗ heiten zum Böſes thun bieten werden.“ „Was das betrifft, ſagt Ihr die Wahrheit, aber Gott kennt meine Abſichten, er wird mir helfen.“ „Dann erinnert Euch, die Vertheidigung iſt er⸗ laubt, aber ſie muß mit ſo wenig Schaden als mög⸗ lich geſchehen cum moderamine inculpatae tutelae, man muß weniger tödtliche Theile treffen, weder den Kopf noch die Bruſt.“ Der Laienbruder konnte ſich nicht enthalten, ein wenig zu lächeln, als er dieſe Lehren vernahm, zeigten, wie wenig der Superior die Grundſätze die beim Kampf gelten; aber dennoch hörte er bi 56 Ende mit geſenktem Haupte(und ohne daß es ihm peinlich vorkam), ſo groß war die Freude, die er em⸗ pfand, daß er ſich wieder Soldat werden fühlte, eine letzte Ermahnung des Bruder Benedetto, voll Rath⸗ ſchläge und Lehren über die Mildthätigkeit, über die Klugheit, über gute und böſe Beiſpiele, die, da ſie ein wenig lang geweſen iſt, wir nicht Wort für Wort wieder zu geben gedenken. Als ſie geendigt war, ſagte Bruder Giorgio: „Alſo ſeid Ihr jetzt zufrieden, daß ich mich des Pferds bediene.“ „Ja, ja, denn in jedem Fall ſind die Nüſſe ge⸗ malen und für die Oliven mag der Eſel dienen. Gott ſegne Euch!“ Bruder Giorgio ging zufrieden fort. Der Andere ſah ihm nach, faltete die Hände, drückte die Lippen zuſammen und erhob die Augen zum Himmel. 6 —.—————— Viertes Kapitel. „Das Pferd iſt gefunden, nun meinſt du Alles ge⸗ than zu haben!.. Nun, ſieh noch zu, ob es Dich wird tragen können, denn man muß die Rechnung nicht ohne den Wirth machen.“ So ſagte Bruder Giorgio, indem er ſich auf den Weg in den Stall machte. Er ging nachdenklich mit kleinmüthigem Herzen, wie Jemand, der ſich gezwungen fühlt, eine Ausgabe zu machen, und da er nicht ge⸗ rade auf das Stück hin, die Münzen, die er in der Börſe hat, gezählt, daran geht, ſie zu zählen, aber ſein Herz ſagt ihm, daß ſie nicht ausreichen werden. In den erſten Zeiten, nachdem er in das Kloſter 57 eingetreten war, beſuchte er ſo oft als möglich ſein Pferd, und bemühte ſich immer, irgend Etwas auszu⸗ ſpüren, um die Kargheit und die ſchlechte Beſchaffen⸗ heit der Ration zu ergänzen, die der Gärtner ihm reichte. Für ein Thier, das gewöhnt war, ſich Tag für Tag den Leib mit Stroh, Gerſte und Saat⸗ Futter zu füllen, bedurfte es mehr als die Koſtgenoſſen⸗ ſchaft mit einem Eſel und zwei abgezehrten Kühen, welche ſeine Gefährten im Stall und an der Arbeit waren. Trotz der Sorgfalt des Bruders Giorgio fingen nach dem erſten Monat die Knochen der Hüften an hervorzutreten, dann zeigten ſich die Rippen, der Hals, der Rücken und die Kruppe gewöhnte ſich, in gleicher Linie zu ſtehen, auch die Ohren vermochten nicht mehr dem Geſetz der Schwere zu widerſtehen und neigten ſich über die Schläfe herab, das Auge wurde trübe und der arme Greif(ſo hatte ihn früher Fanfulla ge⸗ nannt) erlangte die ernſte und betrübte Unbeweglichkeit ſeines Nachbars Langohr. Bruder Giorgio hatte nicht mehr das Herz, dieſe rauhe Verwandlung bis zum Ende mit anzuſehen, er verließ ihn als Verzweifelter, und hatte ſeit einem Jahr den Fuß nicht mehr in den Stall geſetzt. Er ging nun hinein, auf das Schlimmſte gefaßt. Ueber die Kühe und den Eſel ſah er den Rücken ſeines unglücklichen Greif ſich erheben; aber er glich einem von den ſeltenen Gethieren, die man in den Muſeen aufbewahrt, oder um es beſſer zu ſagen, ihrer auf vier Balken und wenigen Leiſten in die Quere ausgeſpannten und da und dort mit Stroh und Kratzwolle ausgeſtoppten Haut. Bruder Giorgio fuhr ſich in die Haare und war daran, ſich umzuwenden und hinauszufliehen, als ob er den Teufel geſehen hätte, doch hielt er ſich zurück. So lange noch ein Faden von Hoffnung war, wollte er nicht darauf! zichten. Er betrachtete den Rücken und die Beine —— 58 glaubte keinen beſondern Schaden daran zu finden, er machte einen Scheffel Gerſte und Futter zuſammen, und nachdem er es getränkt hatte, ſetzte er ihm denſelben vor. Bei vollem Leib wollen wir uns wieder ſprechen, ſagte er, und ließ es dann ſtehen. Nun dachte er daran, einen Blick auf ſeine Waf⸗ fen zu werfen, und ſagte: auch da wird es Kummer geben. Er begab ſich in eine Kammer im Erdgeſchoß, eine Art Rumpelkammer, wo er ſie gelaſſen hatte, um die Kutte anzuziehen. Es war ein großes Zimmer in einem Winkel des Kloſters gelegen, und da lag, wirr durcheinander geworfen, ein Berg von altem Haus⸗ rath, von Geräthſchaften der Sacriſtei; es waren da Leitern, Zimmerholz, um es aufzubewahren, Krüge, Matten, Aepfel, die unter dem Stroh weich werden ſollten, Knoblauch und Zwiebeln, an den Nägeln des Gewölbs aufgehangen, und unter dieſer Verwirrung fand er theils an der Mauer hängend, theils auf den Voden gefallen, alle Stücke, die ſeine Rüſtung aus⸗ machten, mit dem Sattel, dem Zaum und dem andern Geſchirr des Pferds. Das Eiſen war voll Roſt, das Leder aufgeſprungen und bedeckt mit einer Kruſte von grünem und blauen Schimmel. Von den Spinnweben übrigens und von dem Staub gar nicht zu reden. Er fügte Alles aufs Beſte zuſammen und trug das Ganze in ſeine Zelle. Nit Hilfe eines Näpfchens voll Hel und eines Stück weichen Holzes machte er ſich daran, die Oberfläche zu putzen, bis er nach einer guten Stunde Arbeit entdeckt hatte, daß der Roſt die Waffen nicht ſo ſehr beſchädigt hatte, um ſie unbrauch⸗ bar zu machen.. In den Stall zurückgekehrt, wo ſich dann dat Pferd von ſeinem Mangel ein wenig erholt hatte löſte er es von der Krippe und zog es in einen Hof der zwiſchen dem Haus und dem Garten war. Nach dem er ihm den Zaum angelegt hatte, war er mi ug tte 59 einem Sprung oben und fing an, auf dem bloßen Rücken zu verſuchen, es eine Runde machen zu laſſen. Das arme Thier, das ſich ſatt fühlte, was ihm ſeit langer Zeit nicht mehr begegnet war, war wieder mu⸗ thig geworden, und benahm ſich noch beſſer, als der Reiter gedacht hatte. Dieſer ſprang vergnügt auf die Erde, ſehr zufrieden und ſich damit tröſtend, daß bei einem beſſeren Futter es in einigen Tagen gelungen ſein würde, es wieder aufzuwecken, und kehrte in ſeine Zelle zurück. Um nicht Zeit zu verlieren(denn jede Minute fühlte er ſeine Sehnſucht wachſen), ſchickte er ſich an, gleich auszugehen, um zu ſehen, wo er gebraucht wer⸗ den könnte. Er machte ſeinen Bart und ſeine Haare zurecht, ſchüttelte ſeine Kutte, zog ſich die Kaputze über die Augen, und befand ſich bald auf dem Platze San Marco. Auf dem Wege gegen Renajo de Deſe⸗ ris tori über die Brücke Rubaconte oder alle Grazie ge⸗ nannt, wo der Herr Malateſta Baglioni, Oberfeldherr der Florentiner, wohnte. Die Zeit, die er auf der Straße zubringen wird, glauben wir(ehe wir auf etwas Anderes eingehen) nicht unnützlich anzuwenden, dem Leſer einen Ueber⸗ blick zu geben, in welcher Lage Florenz ſich damals befand, und ihm die politiſchen Conjuncturen ins Ge⸗ dächtniß zu führen, die es dahin geführt hatten. Seit den erſten Jahren des ſechszehnten Jahrhun⸗ derts war Europa in Aufregung. Drei Männer, denen es verliehen war, die Menge hinter ſich herzuziehen durch das Anſehen des Rangs, durch die Macht der Waffen und die des Genies, Karl V., Franz l. und Martin Luther, ſchienen es in jener Zeit darauf anzulegen, wer von ihnen am meiſten die Menſch⸗ heit von unten zu oberſt zu kehren vermöchte. Die beiden erſten waren Feinde geworden, ſeit ſie aufhörten, Nebenbuhler in ihren Anſprüchen an die kaiſerliche Krone zu ſein, welche von JFarl gewonnen worden war. Sie erhoben die Waffen gegen einander und verharrten, ſo lange ſie lebten, in einem fortwährenden Wechſel von langen, ſchweren, mit Be⸗ trug und Grauſamkeit befleckten Kriegen und kurzem ſchimpflich bewilligten und gewaltthätig geſtörtem Frie⸗ den. Der dritte, ein armer Auguſtinermönch, bewaff⸗ net mit Gelehrſamkeit, mit Genie und jede Probe hal⸗ tender Kühnheit, mächtig durch die ſchlimme Stim⸗ mung, welche die Mißbräuche der kirchlichen Rechtspflege unter den Völkern Deutſchlands erzeugt hatten, erregte jenen Brand, der den Katholicismus in der Hälfte Europa's verzehren ſollte. Der Ehrgeiz, die eitle und verderbliche Ruhmſucht und der religiöſe Fanatismus, welche die herrſchenden Lei⸗ denſchaften dieſer drei Männer waren, wurden die Lei⸗ denſchaften Aller in dem ſechszehnten Jahrhundert, an deſſen Beginn die menſchliche Geſellſchaft eine neue Bahn einſchlug, die ſie betreten ſollte, ohne rückwärts zu ſehn, bis das ganze achtzehnte hindurch. Die Könige, die bis dahin ſonſt nur kurze und örtliche Kriege mit Hilfe von Vaſallen, die verpflichtet waren, ihnen nur auf eine beſchränkte Zeit zu folgen, geführt hatten, gelangten jetzt zu Geld, indem ſie die Abgaben vermehrten, um Soldaten bezahlen zu kön⸗ nen, welche ihre Fahnen nicht mehr verließen, und dem Fürſten zu Gebot ſtanden, wo und ſo viel es ihm gutdünkte. Damals wurde der Grund gelegt zu dem Spſtem der zahlreichen und ſtehenden Heere und der immer ſteigenden Abgaben, ein Syſtem, welches jedes vernünftige Maß überſtieg und dadurch unſerm Zeit⸗ alter die ſchwerſten Bedrängniſſe verurſacht. Um hinter dieſen neuen Zuſtänden nicht zurückzu⸗ bleiben, erweiterte ſich die Staatskunſt, anſtatt daß ſie vorher faſt ganz innerhalb der Gränzen jeder Na⸗ tion beſchränkt war, und faßte den Plan, das euro⸗ päiſche Gleichgewicht feſtzuſtellen, durch welches die Herrſcher zu größerer und feſterer Macht kamen und d 61 einander wechſelſeitig dadurch hoben, daß ſie ſich ge⸗ wiſſermaßen die einen durch die andern befeſtigten. Die Religion, die bis dahin auf Autorität begrün⸗ det war, wurde in die Länge durch ſelbſtſtändige Prüfung erſchüttert, und der Glaube wurde durch den Umſturz zerſtückelt, wenn uns der Ausdruck geſtattet iſt, in ihm ſo viele als es Anhänger der Revolution waren. Die Kräfte derſelben ſtellten ſich zwiſchen die eiferſüchtigen Monarchen, und ſtörten bald, bald unter⸗ ſtützten ſie ihre Plane, indem ſie ihre Zänkereien ver⸗ wickelter machten und alle kleinern Staaten nöthigten, mehr oder weniger daran Antheil zu nehmen. Die großen Wechſelfälle, die daraus folgten, zu erzählen, gehört nicht zu unſerer Geſchichte, es wird genügen, flüchtig diejenigen zu berühren, die einen genauen Ein⸗ fluß auf das Schickſal der Florentiner hatten. Nach dem Vertrag von Madrid, in welchem Franz I. ſeine Freiheit wieder erhielt, zeigte ſich bald, daß das Unglück und die nicht ſehr großmüthige Be⸗ handlung von Seiten Karl V. in dem franzöſiſchen Monarchen jene ritterliche Biederkeit verlöſcht hatten, die ihn bis dahin ſo oft verleitet hatte, das Vertrauen bis zur Leichtgläubigkeit und die Großmuth bis zur Unklugheit zu treiben. Er fand nicht nur Mittel, die Weigerung, Burgund dem Vertrag gemäß abzutreten, zu beſchönigen, ſon⸗ dern er machte ſich auch zum Haupt eines Bündniſſes gegen Karl V., die heilige Liga genannt, an die ſich die vornehmſten Staaten Italiens anſchloßen, welche die unmäßige Macht des Kaiſers argwöhniſch machte. Es vereinigten ſich der Herzog Sforza, Clemens VII. und die Florentiner, welche den Planen eines Pabſtes dienen ſollten aus dem Hauſe Medici, welches damals ihre Stadt beherrſchte. Aber von einer Seite wollte der Herzog von Urbino, Feldherr des Heers der Liga, ein⸗ gedenk der Beleidigungen, die er von dieſer Familie erfahren hatte, ſich nicht mit gutem Muthe dazu her⸗ geben, von anderer Seite bediente ſich König Franz, der nur varauf ausging, die Freiheit ſeiner Söhne zu erhalten, die in Spanien als Geiſeln geblieben waren, der Streitkräfte der Italiäner, um ſeine fortwährenden Vorſpieglungen am Hof zu Madrid zu bekräftigen, twel er auf dieſe das ganze Gewicht des Krieges wälzte. Die Verbündeten überzeugten ſich bald von ſeiner zweifelhaften Treue, wurden kälter und dachte jeder an ſeinen eigenen Vortheil. Der Pabſt, welchen die von der Partei Colonna im Einverſtändniß mit Don Ugo di Moncada, Vice⸗ könig von Neapel, belagert und gezwungen hatten, in das Caſtell Sankt Angelo ſich zu flüchten, ſchloß einen Vertrag, welchem zu Folge er der erſte ſein ſollte, ſich von der Liga loszumachen und ſeine Leute aus der Lombardei zurückzurufen. Dieſe Ereigniſſe fielen im Jahr 1526 vor. Indeſſen verſtärkte ſich Karl V. in Italien. Die Soldatenſchwärme, welche mit Georg von Frondsberg eingedrungen waren, hatten ſich mit Bourbon vereinigt und ſetzten ſich gegen Rom in Bewegung. Der Pabſt, an der Lockſpeiſe eines mit dem Vicekönig geſchloſſenen Waffenſtillſtands gefangen, glaubte ſicher ſein zu kön⸗ nen, und verabſchiedete ſein Heer. Aber die Soldaten Bourbon's nahmen, ohne ſich um den Waffenſtillſtand oder etwas Anderes zu kümmern, Rom ein und über⸗ gaben es der merkwürdigen Plünderung, die wir im zweiten Capitel erzählten. Damals erregten die Florentiner, indem ſie Cle⸗ mens VII. für abgeſetzt hielten, eine Empörung, und nachdem ſie faſt unter den Augen des Heers der Liga den Cardinal von Cortona und Jppolito und Aleſſan⸗ dro von Medici verjagt hatten, änderten ſie die Ver⸗ faſſung der Stadt und begannen wieder, ſich als Re⸗ publik zu regieren. . 63 6 Aber der neue Staat hatte keinen beſonders feſten rund. Es lag nicht im Vortheil Karls V., daß die Flo⸗ rentiner, welche ſo lange mit Frankreich befreundet geweſen waren, frei blieben. Der Pabſt wollte um jeden Preis vor ſeinem Tode die Familie der Medici in der Herrſchaft von Florenz befeſtigt ſehen und die Venetianer, jener Politik gemäß, die in den italiäniſchen Staaten für fein gehalten wurde, bis ſie nachher Stückweiſe den Sturz Aller herbeiführte, wünſchten vielleicht ingeheim, herbeiführen zu helfen die Pie⸗ derlage der Florentiner. Nur König Franz hätte ſie vertheidigen können und ſollen, aber bald gewahrten ſie(und viele ſind es nachher gewahr geworden), daß die Franzoſen vortrefflich verſtehen, andere zum eige⸗ nen Vortheil in verwickelte Lage zu bringen, und es ihnen dann überlaſſen, daß ſie ſich daraus ziehen, ſo gut ſie können. Der Kaiſer beabſichtigte nach Ztalien zu ziehen, und es auf ſeine Weiſe in Ordnung zu bringen, ehe er an die Angelegenheiten in Deutſchland dächte, und erkannte, daß er nöthig habe, daß irgend ein italiäni⸗ ſcher Fürſt es mit ſeiner Partei halte. Der Pabſt, der ſeit längerer Zeit Anerbietungen machte, Frieden zu erhalten, wurde als Verbündeter Karls gewählt, der die Mißhandlungen wieder gut zu machen wünſchte, welche ſeine Soldaten das Haupt der Chriſtenheit hat⸗ ten erdulden laſſen. Während man daran war, langſam die Artikel des allgemeinen Friedens zwiſen Karl, Franz und ihren Verbündeten zu berathen, hör.“ Europa mit Er⸗ ſtaunen, daß der Vertrag von Barcellora die Zwiſtig⸗ keiten zwiſchen dem Pabſt und dem Kaiſer grendet habe, 5 unter Bedingungen diejenige aufgen'nmen akte, in Florenz die errſchaft ici wiet r herzuhrlen 3 5 ſchaft der Medici wiev. Dieſe unglückliche Stadt ſaß die Wolken über ih⸗— — rem Haupte dichter werden, und als bald darauf auch König Franz den Frieden von Cambrai beſtätigt hatte, in welchem er zu ſeiner ewigen Schande alle ſeine Ver⸗ bündeten verließ, erkannten die Florentiner, daß ſie nun auf Nichts mehr Hoffnung ſetzen könnten, als auf Suit auf die Gerechtigkeit ihrer Sache und auf ſich elbſt. Aber um ſich ihrer eigenen Kräfte bedienen zu können, hätten ſie untereinander ſelbſt völlig eines Wil⸗ lens ſein ſollen. Allein ſtatt deſſen hielten die Parteien der Piagno⸗ nen und der Palleschen, unverſöhnlich durch alten Haß und neue Veleidigungen, die Stadt getheilt. Diejenigen unter den Bürgern, welche im Ruf ge⸗ ſtiegen und bereichert waren im Schatten des Hauſes Medici, größtentheils Leute, denen es gut ging, ver⸗ gnügungsſüchtig und prunkliebend, dann auch viele unter den Leuten aus dem Volk, Handwerker, welchen der große Aufwand irgend einer Familie vielleicht ge⸗ theilten Gewinn brachte, hatten die Verjagung derſel⸗ ben mit Schmerz geſehen, und waren bereit, die Ge⸗ legenheit zu ergreifen, ihr zur Rückkehr zu helfen und ihre Partei, welche von dem medicäiſchen Wappen ſechs rothe Kugeln im goldenen Feld, den Namen trug, hie die der Palleschen. Dieſe bekümmerten ſich nicht um die Freiheit und zogen ein fröhliches Leben und die Freiheit der Sitten vor, deren ſie ſich unter der Herr⸗ ſchaft der Medici erfreuten. Ihre Gegner, ſo zu ſagen Zöglinge des Mönchs Girokamo Savonarola und Nachfolger ſeiner ſtrengen Lehre, bekannten ſich zu der äußerſten Härte der Lebens⸗ weiſe, Abſcheu vor Scherzen und auch erlaubten Ver⸗ gnügungen und begünſtigten die Volksherrſchaft im aus⸗ gedehnteſien Sinne. Die Gewohnheit, immer Grund⸗ ſätze der Moral und ſtrenge Vorſchriften im Munde zu haben und fortwährend über die Zügelloſigkeit des Lebens in dieſer Welt zu weinen, wurde die Veranlaſ⸗ ſung, daß man ſie die Piagnoni nannte. Ob nun dieſer Eifer für Religion und Freiheit in Jedem aufrichtig war, oder Jedem dazu diente, gewalt⸗ thätige und ehrgeizige Plane zu verſtecken, wollen wir nicht unternehmen zu entſcheiden, denn zu jeder Zeit haben die Parteihäupter auf ihre Fahne geſchrieben: wir wollen Religion, Freiheit, Gerechtigkeit für Alle! und haben ſo Anhang gefunden; während, wenn ſie ſtatt deſſen geſchrieben hätten, was oft die Wahrheit war: wir wollen eine Religion, die uns dient, Frei⸗ heit für uns allein und Gerechtigkeit auf unſere Weiſe, ſie keine gefunden hätten, und obgleich eine ſolche Wahrheit auf der Hand zu liegen ſcheint, ſo iſt doch ein großer Theil von den Unfällen in dieſer Welt daher gekommen, daß man ſie nicht beherzigt hat. Der Kampf zwiſchen dieſen zwei Parteien war übrigens nichts weniger als offen. Die Piagnonen hatten die Stadt inne und den Palleschen mußte es viel gethan ſcheinen, wenn ſie mit allem Fleiße ihre edanken verbergen konnten, und ſie erlangten durch Heuchelei, daß ſie nicht in Stücke gehauen wurden, in⸗ dem ſie beim geringſten Verdacht auf die Folter gelegt und entweder ins Gefängniß oder an den Galgen ge⸗ ſchickt wurden. Aber für dieſe Unterdrückung wuchs in ihnen der Haß gegen die feindliche Partei, ſie erſetzten die Stärke durch Schlauheit, und ihre geheimen Ränke, die Medici wieder einzuſetzen, erhielten ſich fortwährend im Gang und führten endlich den Sturz der Republik herbei. Unter dieſen zwei gegenüber ſtehenden Parteien befanden ſich, wie es immer in Zeiten der Umwälzung geſchieht, eine dritte, die Neutralen genannt, welche gemäßigtere Wünſche hatten. Obgleich auch dieſe die Freiheit wollten, ſo hätten ſie ſich doch dazu hergegeben Niccolo de' Lapi.„, 5 einen Vertrag mit dem Pabſt zu ſuchen, um zu forſchen, ob nicht, wenn man zugebe, daß die Medici als bloße Bürger zurückkehrten, der Krieg vermieden und zu gleicher Zeit der Staat gerettet werden könnte. Dieſe Partei, Ottimati genannt, weil zu derſelben viele von den Reichſten und deshalb Furcht⸗ ſamſten gehörten, hatte zum Oberhaupt Niccolo Cap⸗ poni. Dieſe waren wie wir ſehen werden, am Ende Urſache des Verluſts der Freiheit. Es verbreitete ſich indeſſen durch ganz Italien die Neuigkeit, daß Karl V. zu Genua gelandet ſei mit grvßem Kriegsgeräth: und wenn Alle darüber in Be⸗ wegung geriethen, ſo erſchracken die Florentiner mehr darüber als die Uebrigen. Aber nach und nach faßten ſie Muth durch die Tröſtungen des Oberbannerherrn Carducci und der meiſten andern Bürger von der Par⸗ tei der Piagnonen, unter welchem die vornehmſten waren: Niccolo Guicciardini, Giovani Batiſta Cei, Bernardo von Caſtiglioni, Jacopo Gherardi und Luigi Soderini; ſie beſchloßen, ſo große Rüſtungen, als ſie nur konnten, zu veranſtalten, und zuletzt lieber ſterben zu wollen, als die Freiheit verlieren. Der Partei der Neutralen gelang es jedoch, den Beſchluß durchzuſetzen, daß Geſandte an den Kaiſer ge⸗ chickt wurden; es wurden gewählt Tommaſſo Soderini, Matteo Strozzi, Raffaello Girolami, Niccolo Capponi, welche ſchnell nach Genua reiſten. Die Antwort des Kaiſers, obgleich ſehr ſanft ge⸗ geben, war kurz und unbedingt, denn er war entſchloſ⸗ ſen, Clemens VII. in Allem Genüge zu leiſten. Seine Worte waren, ſie ſollten den Pabſt ehren. Dar⸗ unter war verſtanden: Florenz follte der Raub des Hauſes Medici werden. Der Großkanzler wendete darauf gegen die Rednet härtere Mittel und Worte an. Er ruͤckte mit den ge⸗ wöhnlichen Anſprüchen hervor, Florenz ſei ein Lehen des Reichs und die Florentiner hätten, indem ſie in 67 Bund mit König Franz getreten ſeien, ihre Rechte, ihre Privilegien und die Freiheit verloren, es ſei alſo ſehr viel Menſchlichkeit von Seiten des Kaiſers, daß er ſich bewegen laſſe, ihre Treuloſigkeit und ihren Un⸗ dank zu verzeihen, unter der einzigen Bedingung, daß ſie die Medici wieder einſetzten. Die Geſandten erwiederten nur vier Worte: Flo⸗ renz ſei immer frei und ſelbſtändig geweſen. Die Ver⸗ handlung wurde abgebrochen und ſie reiſten ab. Das Verſchwinden der letzten Hoffnung, den Krieg zu vermeiden, erhob den Muth der Florentiner, anſtatt ihn niederzuſchlagen. Mit einer Großherzigkeit und einer Kühnheit, von der die Geſchichte wenig Beiſpiele hat, und die ein beſſeres Glück verdient hätten, beſchloſſen ſie, ſich aufs Aeußerſte zu vertheidigen, ohne ſich zu bekümmern weder um den Verrath der Franzoſen noch um den Zorn des Pabſtes Clemens, noch um die ungeheure Verwegenheit, allein der ganzen Macht Karls V. wider⸗ ſtehen zu wollen. Es zerreißt das Herz, eine ſolche Menge Bürger zugleich mit den Frauen und bis auf die Kinder hinab, ſich Alle mit ſolcher Kühnheit entſchließen zu ſehen, dem Glück die Spitze zu bieten, mit ſolcher Bereitwilligkeit der Seele den Gefahren eines ſo ungleichen Kampfs; dem Mangel, dem Hunger, den Wunden, dem Tode trotzen, viel eher, als eine Ungerechtigkeit leiden zu ſehen, und dann zu bedenken, zu welchem Ende ſo viele Tugend führen ſollte. Wir können dem Wunſch nicht widerſtehen, den Leſer aufs Genaueſte mit den Mitteln bekannt zu ma⸗ chen, die ſie anwendeten, um ihren hochherzigen Vor⸗ ſatz zur Ausführung zu bringen, und halten uns für ſcher⸗ daß er uns dafür keinen ſchlechten Dank wiſſen wird. Fünftes Kapitel. Zuerſt wurde nach einmüthigem Beſchluß die Jung⸗ frau Maria dell' Impruneta und das Gemälde der heiligen Maria Primerana von Fieſole ehrerbietig fromm nach Florenz gebracht, wo man ſie in Sankt Maria del Fiore in der Kapelle des Sankt Zanobi aufſtellte. Dann beſoldeten ſie viele neue Hauptleute, be⸗ ſonders von denen der ſchwarzen Banden, verſtärkten die Compagnien, ſo daß nach allgemeiner Muſterung ſich nur allein in Florenz, ohne die Umgegend zu rech⸗ nen, mehr als achttauſend beſoldete Fußſoldaten unter ſechs Oberſten und ungefähr achtzig Hauptleuten be⸗ fanden, von welchen ſiebenzehn Florentiner waren. In den vier Vierteln, in welche Florenz eingetheilt wurde, Sankt Spirito, Santa Croce, Sankt Gio⸗ vanni und Santa Maria Novella, hatten ſie über⸗ dies je vier Fähnlein, unter welchen die ganze Jugend ſo eingeſchrieben war, daß ſie ſechszehn Scharen, jede ungefähr vierhundert ſtark bildeten, jede von dieſen erwählte mit ſchwarzen Bohnen den Hauptmann, den Lientenant, den Fähndrich und die Rottenmeiſter. Dieſe mit Piken, Bruſtpanzern und Feuergewehren bewaff⸗ neten Banden, wohlgeordnet und aufs beſte ausgerü⸗ ſtet, beſtanden aus allen Männern von fiebzehn bis vierzig Jahren. Sie mußten ſich in jedem Monat auf einem Platz in ihrem eigenen Viertel verſammeln, wo ſie Schwenkungen machten und mit ihren Schießgeweh⸗ ren nach der Scheibe ſchoßen und, ſich ſo in allen Ob⸗ liegenheiten des Kriegsdienſtes übend, gelangten ſie ſehr bald ſo weit, eine Vergleichung mit dem beſoldeten Fußvolk aushalten zu können. Ferner war verordnet, daß in jedem Jahr vier von dieſen Jünglingen in einer der Hauptkirchen jeder einen Vortrag halten ſollte, der 60 von der Freiheit handeln müſſe. Es gefiel Gott nicht, dieſer Einrichtung langes Leben zu ſchenken. Außer dieſen, welche alle Fußſoldaten waren, ſtanden Amico d'Arſoli und Jacopo Bichi von Siena im Dienſte des Gemeinweſens mit ihren Reitern, die ſich im Gan⸗ zen nicht auf vierhundert beliefen. Herrn Ercole d'Eſte, erſtgeborenem Sohn des Her⸗ zogs von Ferara war als Oberfeldhauptmann der Flo⸗ rentiner der Oberbefehl der beſoldeten Kriegsmacht be⸗ ſtimmt. Die Zehn ließen ihm bedeuten, daß er ſich in Bereitſchaft zu ſetzen habe, und es wurden ihm zu gleicher Zeit dreitauſendfünfhundert Ducaten aus⸗ bezahlt, die ſie gehalten waren, ihm zur Zeit der Heerführung zu liefern, um tauſend Fußſoldaten als ſeine Leibwache zu beſolden. Aber Herzog Alfons wollte, trotz dem gegebenen Wort, ſei es nun, daß er dem Pabſt nicht traute, oder ſich mit dem Kaiſer zu ver⸗ feinden fürchtete, unter leeren Vorwänden weder den Sohn ſchicken, noch das Geld wiedergeben. Wegen dieſes Verraths mußten die Florentiner den Oberbefehl dem Herrn Malateſta Baglioni, Sohn des Giovanni Paolo, der im Solde der Republik ſtand, übertragen, und ſie ſchickten nach Perugia den Ber⸗ nardo da Verazzano, der ihn auf jede Art mit Lieb⸗ koſungen ſchmeicheln ſollte, um ihn treu zu erhalten, damit er ſich nicht von dem Pabſt beſtechen laſſe, welcher fortwährend ſich darum Mühe gab. Malateſta ſagte zu und ergriff den Oberbefehl zum Unglück der Florentiner. Man iſt anfangs verſucht zu fragen, warum dieſe ſo viel Vertrauen auf einen Mann ſetzten, den ſie aus vielen Gründen hätten für verdächtig halten ſollen? Erſtens aber drängte die Zeit und es ward nicht leicht, ſo ſchnell einen andern zu finden, der Malateſta an Kriegs⸗ erfahrung aufgewogen hätte. Dann waren die Ge⸗ ſetze des Kriegsweſens in dieſem Jahrhundert ſo ſchwan⸗ kend, und die Kriegszucht ſo verdorben, daß die ver⸗ ſchiedenen Hauptleute der Scharen, welche ein Heer ausmachten, ſich nicht bereit gezeigt hätten, einem ihres Gleichen zu gehorchen, der wegen ſeiner Tapferkeit zum DOberbefehl erhoben worden wäre, und kaum dahin ge⸗ bracht wurden, einem ſolchen ſich unterzugeben, der ſich einen unabhängigen Fürſten nennen konnte. Damit nun das Geld nicht mangeln ſollte, um dieſe Leute zu bezahlen, wurden ſechszehn ſogenannte Bankbeamte gewählt, welche vor allem dem Gemeind⸗ weſen achtzigtauſend Goldgulden vorſchießen ſollten. Sie behielten ſich zu ihrem Nutzen zwölf Procent vor. Es wurde ein Magiſtrat aus vier Bürgern gewählt, welche ein Anlehen aufnehmen ſollten, das nicht aufge⸗ kündigt werden dürfe, und zu gleicher Zeit wurde an⸗ geordnet, daß die Rückſtände der frühern Abgaben be⸗ zahlt werden ſollten. Nebenbei verkaufte man die Gü⸗ ter jeder der einundzwanzig Zünfte und die der Brü⸗ derſchaften und Geſellſchaften, ſo in der Stadt wie auf dem Lande. Clemens VII. hatte in einem ſeiner Breven erlaubt, daß dieſe geiſtlichen Güter verkauft werden dürften, als die Medici noch in Florenz waren, damit das Geld, das man daraus löſen würde, von dieſen angewendet werden könnte, um ſich in der Herr⸗ ſchaft zu behaupten. Bisher hatten ſie von dieſer Er⸗ laubniß keinen Gebrauch gemacht, welche nun zum der Vertheidigung der Freiheit angewendet wurde. Vor 1526 wurden die Mauern von unzähligen Thürmen vertheidigt, die die Medici abtragen ließen, auf den Rath Pietro Navarros nun beſchäftigte ſich Michel Angelo Buonarotti, welcher anfangs zu zaudern geſchienen hatte, ſich Florenz zu nähern, während es bedroht war, aber dann bald in ſih gegangen, ſich dahin begeben hatte, um die Pflicht eines guten Bür⸗ gers zu erfüllen, damit, die Mauern von jeder Seite u befeſtigen. Er zog in ihren Kreis den Hügel, der ch zwiſchen dem Thor Sankt Niccolo und Sankt 71 Miniato befindet, indem er ihn mit einem Schanzwall umgab, und das Kloſter, die Kirche und den Thurm in eine Feſtung verwandelte. Er führte noch viele an⸗ dere Schanzwälle auf, wo es ihm nöthig ſchien, mit ihren Ecken und Graben und Schießlöchern, wie es die Kunſt in der damaligen Zeit lehrte. Der äußere Ueberwurf dieſer Schanzwälle war von rohen Ziegeln aus geſtampfter Erde, gemiſcht mit zer⸗ riebenem Werg, gemacht, das Innere war von Erde und ſehr dichtem und gepreßtem Reisholz. Im Rath der Achtzig ging eine Vorſichtsmaßregel durch,„daß alle Burgen in der Stadt von Grund aus zerſtört werden ſollten und daß alle Gebäude im Um⸗ kreis von einer Meile, kleine oder große, heilige oder profane, welche irgend eine Bequemlichkeit denen außen, oder eine Unbequemlichkeit denen innen bringen möch⸗ ten, niedergeriſſen und dem Boden gleich gemacht wer⸗ den ſollte u. ſ. w.“ Die Herrn wurden jedoch als Gläubiger einge⸗ ſchrieben mit dem Werth, welcher nach der Schätzung anerkannt wurde. Die Burgen waren in jener Zeit faſt eben ſo viele Städte, die Gegend war überall voll Landhäuſer, Paläſte, Kirchen und Blumengärten, reicher und beſ⸗ ſer geſchmückt, als in irgend einem Land der Welt. Es iſt nicht möglich, den Schaden ſich vorzuſtellen, der für das öffentliche Wohl und für Privatleute aus die⸗ ſer Zerſtörung entſprang, in welcher einzelne Familien um mehr als zwanzigtauſend Goldgulden beſchädigt wurden. Aber die Bürger, weder auf das Geld, noch auf die Beſitzungen ſehend, nahmen einmüthig den Vor⸗ ſchlag an, zogen in Haufen hinaus, Jünglinge und Greiſe, Reiche und Arme, und die Herren ſelbſt gin⸗ gen an dieſes oder jenes Landhaus und zerſtörten nicht allein die Häuſer, ſondern verwüſteten Küchen und Blumengärten, Brunnen und Fiſchteiche, hieben mit Aexten die Fruchtbäume nieder, oder die zum Schmuck dienten, rotteten aus Weinberge, Oelbäume, Cedern, Pomeranzenbäume und kehrten nach Florenz zurück, mit Maulthieren und Eſeln, mit Faſchinen beladen, die ſie dann anwendeten, um die Schanzwälle aufzu⸗ führen. Die feſter gebauten Häuſer wurden mit einem Werkzeug zerſtört nach Art eines Widders: es war ein Balken, der mit Seilen wagrecht in der Schwebe gehalten und mit großer Gewalt von vielen Männern geleitet und geſchleudert wurde, welche heftig mit dem⸗ ſelben ſtoßend und mit Geſchrei einander ermuthigend lange Stücke Mauern zu Boden ſchlugen. Der Pöbel gab dieſem Werkzeug einen Namen, den wir nicht zu dem Ohr des Leſers bringen dürfen, ſonſt wurde er genannt Battitojo. Im Verlauf dieſer Verwüſtungen ereignete ſich eine Begöbenheit, welche darthut, wie hoch die Men⸗ ſenin damaligem Jahrhundert den Werth der Künſte ätzten. Ein Haufe von Bürgern, Soldaten und Bauern hatte mit einer dieſer Maſchinen einen guten Theil der Kirche und des Kloſters von Sankt Salvi nieder⸗ eworfen. Als ſie mit dem Einreißen an den Ort ge⸗ ommen waren, wo ſich ihnen das Refectorium zeigte, in welchem das Abendmahl abgebildet war, ein Werk des Andrea del Sarto, ſo blieben auf einmal Alle ſtehen, faſt wären ihnen die Arme niedergeſunken, und da keiner den Muth hatte, die Hand an dieſes Meiſter⸗ werk zu legen, ſo ließen ſie dieſes Stück Mauer ſtehen, und die Malerei blieb unverſehrt. Der Palaſt des Jacopo Salviati, das Landhaus zu Careggi, dem Hauſe Medici gehörig, wurden von einem Haufen junger Leute verbrannt, angeführt von Dante und Lorenzo da Caſtiglione, den grimmigſten Feinden, welche dieſe Familie hatte; Caſtello und Pog⸗ gio Cajano hatten beinahe das nämliche Loos. Da 73 jedoch dieſe Verheerungen nicht im Dienſt der Stadt ausgeführt waren, ſondern nur um den Haß gegen die Feinde zu ſtillen, ſo wurden ſie von ernſten Män⸗ nern getadelt und der Oberbannerherr Carduccio gab den Befehl, daß die Urheber geſtraft werden ſollten. Aber die Zeit erlaubte keine zu große Strenge gegen ſolche freche Vergehen und der Befehl hatte keine Wirkung. Der Prinz von Oranien, Vicekönig von Neapel, hatte indeſſen vom Kaiſer den Befehl erhalten, ſeine Trup⸗ pen zuſammenzuziehen und ſie gegen den florentiniſchen Staat dem Pabſte zur beliebigen Verfügung zu ſtellen. Der Vicekönig kam in Rom an in den letzten Tagen des Julius mit hundert Reitern und tauſend Büchſen⸗ ſchützen und nahm ſein Quartier in Borgo im Palaſt Salviati. Als er zur Unterredung mit ſeiner Heiligkeit ge⸗ kommen war, gab es viel zu thun, ehe ſie miteinander einig wurden. Dem Pabſt, der von ſtrengem und argwöhniſchem Charakter war, kam es ſchwer an, Geld aufzuwenden und Subſidien vorzuſchießen, der Prinz Vicekönig dagegen, ein ſtolzer Mann, konnte es nicht dulden, daß man mit ſo erbärmlichen Anſtalten an eine ſo wichtige Unternehmung ſchreite. Endlich kamen ſie über die Summen überein, welche die apoſtoliſche Schatzkammer auszahlen ſollte, und der Prinz ging nach Aquila, wo das Heer unter Gian d'ürbino ge⸗ blieben war, um es gegen Fuligno in Bewegung zu ſetzen, wo ſich das Heer verſammeln ſollte. Zu jener Zeit füllte ſich Rom, durch die Zuberei⸗ tungen zu einem ſolchen Krieg in Bewegung geſetzt, mit Bewaffneten. Spanier, Deutſche und Ztaliener, Sol⸗ daten aufs Gerathewohl ſchaarten ſich in Haufen, von der Begierde angezogen, Florenz zu plündern. Sie waren ſo überzeugt, daß dieſes geſchehen würde(und wollen wir noch fortfahren, die gute alte Zeit zu lo⸗ ben*), daß es welche gab, die vor Gericht geladen und fürchtend, daß ſie durch dieſe Verſpätung nicht zur rech⸗ ten Zeit ankommen würden, ihren Gegnern Anforder⸗ ung von Entſchädigung und Zinſen machten, dafür, daß ſie ſich nicht bei der Plünderung von Florenz be⸗ fänden. Der Pabſt fühlte ſich beleidigt, daß die Republik Geſandte an den Kaiſer und nicht an ihn geſchickt hatte, und ſchien ſo begierig, ſich zu rächen, daß Nie⸗ mand wagte, zu verſuchen, ihn zu beſänftigen. Nur zwei florentiniſche Bürger, Jacopo Salviati und Ro⸗ berto Pucci ſprachen offen zu ihm und gaben ihm zu erwägen, in welche Gefahr er ſein Vaterland bringe, und welcher Schande er ſich ſelbſt ausſetze. Aber Clemens hatte ſich überredet, zu glauben, daß die Florentiner ſich unterwerfen würden, ehe ſie noch aufs Aeußerſte gebracht wären, und ging von ſeinem Vorſatze nicht ab. Durch die Bemühung des Prinzen von Oranien war das Heer bald in den Ebenen von Fuligno ver⸗ ſammelt, in der Zahl von fünfunddreißigtauſend Fuß⸗ ſoldaten und ungefähr tauſend zweihundert Reitern. Unter dieſen befanden ſich die Deutſchen, die von Georg von Frondsberg nach Italien geführt waren, oder viel⸗ mehr diejenigen, welche übrig geblieben waren vom Krieg, von der Peſt zu Rom und vom Hunger zu Neapel, alte und ſehr tapfere Soldaten. Die erſten Herren und Bandenführer von Italien ſtanden an der Spitze dieſer Leute. Unter die ausge⸗ zeichnetſten Heerführer zählte man D. Ferrante Gon⸗ zaga, Bruder des Markgrafen von Mantuaz Pier Luigi Farneſe; Giovanni Battiſta Savello; Marzio, Piero; Sciarra Colonna; der Graf Pier Maria Roſſi von S. Secondo aus Parma; Aleſſandro Vitelli von Citta di Caſtello; Bracciv und Sforza Baglioni; ſpä⸗ ter kam dazu der Markgraf von Vaſto; Herr Ascalino Aſtigiano und Giovanni da Saſſatello, welcher es für gut hielt, nachdem er Sold von den Florentinern em⸗ 75 pfangen hatte, ohne ihnen das Geld wieder zu geben ſeine dreitauſend Soldaten in das Lager des Oranien zu führen. Fabrizio Maramaldo, ein Sardinier, der weder angewieſen noch gerufen worden war, dem Kaiſer zu dienen, plünderte und würgte indeſſen im Sieneſiſchen und im Gebiet von Volterra mit dreitauſend, mehr Räubern als Soldaten. Dies war die ſchöne Art Krieg zu führen, deren man ſich in der damaligen Zeit bediente. Perugia, Cortona, Arezzo, fielen bald in die Hand der Kaiſerlichen, welche durch das obere Arnothal ohne große Schwierigkeiten gegen Florenz hinabſtiegen. Die Fortſchritte des Feindes hatten die Gemüther vieler Bürger einigermaßen erſchüttert, und der Partei der Gemäßigten gelang es, zu bewirken, daß Geſandte zum Pabſt geſchickt wurden. Sie begaben ſich zu ihm in großer Schwierigkeit, denn die Straßen waren ab⸗ gegraben, die Päſſe verſperrt und die Gegenden von Plünderern durchzogen. Die Antwort Pabſts Clemens war: da es ſich um ſeine Ehre handle, ſo verlange er, daß ſich die Flo⸗ rentiner ihm auf Gnade und Ungnade ergeben, dann werde er der ganzen Welt zeigen, daß er auch Floren⸗ tiner ſei und ſein Vaterland liebe. Sobald der Ausgang dieſer Geſandtſchaft in Flo⸗ renz bekannt wurde, wendeten ſich die Gemüther, je⸗ den Gedanken an Vergleich ablehnend, zu Vermehrung 2 und zur Verſtärkung der Vertheidigungs⸗ erke. Die Arbeiten an den Mauern, welche ſchon weit vorgeſchritten waren, wurden mit größerer Thätigkeit fortgeſetzt, beſonders diejenigen um den Schanzwall von Sankt Miniato herum, und der Oberbannerherr ermunterte ſie in Perſon mit unglaublichem Eifer. Wenn die Sonne untergegangen war, wurde die die ganze Nacht hindurch bei Fackelſchein fort⸗ geſetzt. Mit den Handwerkern und Schanzgräbern verei⸗ nigten ſich Soldaten, Jünglinge, Frauen, Greiſe, Kin⸗ der, indem ſie Jeder den Andern belehrten, mitzuhelfen, wo es ihre Kräften zuließen, indem ſie Erde, Steine, Reiſigbündel trugen, und ſich zu den niedrigſten und mühſamſten Dienſten mit der ſtolzen Heiterkeit her⸗ gaben, welche beim Herannahen ſehr großer Gefahren in demjenigen erwacht, der ihr durch eine gerechte Sache zu begegnen weiß. In Kurzem waren die Befeſtigungen zu Ende ge⸗ bracht, ſo daß ſie für ein Heer der damaligen Zeit nicht zu erſtürmen waren. In dem Maße, in welchem ſich die Gefahr näherte, wurde die Partei der Piagnonen ſtrenger gegen die Palleschen. Viele von dieſen aus den erſten Häuſern von Florenz waren in der Furcht vor den Gefahren der Belagerung oder vor den Verfolgungen ihrer Geg⸗ ner entflohn, welche ſie vor den Obrigkeiten anklagten, auf den öffentlichen Plätzen und auf den Straßen miß⸗ n und oft verſucht hatten, ihnen Schaden zu thun. Dante da Caſtiglione, ein wilder, ſehr heftiger Jüngling, Sorrignone, der Cardinal Rucellai, Pietro Poldo dei Pazzi, Dominico Boni und andere von der den Medici ſeindlichen Partei, hatten die Stadt mit dieſen ihren Unthaten erfüllt, und waren, während ſie vorgaben, für die Freiheit zu kämpfen, die erſten, welche ſie zerſtörten. Verſtändige Männer, welche noch einſahen, wie ſehr ſolche Mittel der Freiheit entgegenwirken mußten, unterſtützten ſie nichtsdeſtoweniger, um nicht für kalt zu gelten, und wurden ſo von dieſen Wüthenderen fort⸗ gewaltſame und ausſchweifende Beſchlüſſe zu aſſen. Zu dieſer Zeit wurde, um zu verhindern, daß 77 nicht noch Andere aus der Stadt entfliehen möchten, und um zu bewirken, daß die Entflohenen zurückkehr⸗ ten, alle diejenigen, welche ſich außer der Stadt be⸗ fanden durch öffentlich bekannt gemachten Befehl vor⸗ geladen, ſich vor der Obrigkeit binnen einer beſtimm⸗ ten Zeit zu ſtellen. Diejenigen, welche nicht gehorchten, wurden als Empörer verbannt, und ihre Güter einge⸗ zogen. Einige kehrten jedoch zurück. Auf Baccio Valori, Bevollmächtigter des Pabſtes im Lager des Prinzen von Oranien, wurde überdies als auf einen Vaterlands⸗Verräther ein Preis von tauſend Goldgulden für den, der ihn lebendig und fünfhundert für denjenigen, der ihn todt einliefern würde, geſetzt. Ferner wurde nach einem alten Geſetz gegen Verräther des Vaterlands ein Verzeichniß ſei⸗ nes Hauſes von oben bis unten beſudelt und zer⸗ riſſen. Indeſſen erhielt der Pabſt von Stunde zu Stunde Nachrichten aus dem Lager, da er vernahm, daß die ganze Gegend durch Feuersbrünſte, Räubereien und tauſend Unfälle verwüſtet werde, erregte dies vielleicht ſein Mitleid, und in der Meinung erſtarkt, daß die Florentiner geſchmeidiger werden würden, ſobald ſich das Heer im Herzen ihres Staates befände, beſchloß er, bevor Alles verwüſtet werden würde, den Erz⸗ biſchof von Capua nach Toskana zu ſchicken. Er gab ihm den Auftrag, über Florenz zu gehen, das noch offen war, unter dem Vorwand, ſich zu dem Prinzen von OHranien begeben zu wollen, und ſo nach ſeinen Kräften zu verſuchen, ob es kein Mittel gebe, daß die ſich unterwürfen, ohne die Sache weiter zu treiben. Der Erzbiſchof kam an, wohnte bei Angnolo della Caſa, und bald erhob ſich im Volke ein Gericht, er ſei gekommen, um die Häupter der Stadt zu beſtechen. Es wurden vom Rath vier Bürger abgeſchickt, 78 um die Urſache ſeiner Ankunft zu vernehmen: er ant⸗ wortete, auf der Reiſe in das Lager ſei er ſeiner Be⸗ quemlichkeit wegen über Florenz gereiſt. Zu gleicher Zeit erbot er ſich, zwiſchen den Bürgern und Seiner Heiligkeit zu vermitteln. Dieſes Anerbieten wurde nicht angenommen, wie Clemens es ſich vorgeſtellt hatte, und man ließ den Erzbiſchof von der Porta St. Niccolo hinaus bis zu den erſten Wachen des Lagers geleiten. Der Argwohn gegen die Palleschen wuchs durch die Ankunft dieſes Mannes bei der Regierung und im Allgemeinen, es wurden daher ſechs Männer gewählt, welche zugleich mit dem Oberbannerherrn diejenigen unter den Bürgern aufſpüren ſollten, die ſie für Be⸗ günſtiger der Medici, oder für verdächtig hielten, die Freiheit des Staats zu gefährden. Dieſem Geſetz zufolge wurden viele verhaftet und im Palaſte verwahrt gehalten, wo ſie faſt bis zum Ende der Belagerung in ſtrengem Gewahrſam blieben. Alle Spanier, welche ſich des Handels wegen in Florenz befanden, wurden in ein Haus eingeſchloſſen und Jemand aufgeſtellt, ſie zu bewachen, für ihre Be⸗ dürfniſſe freundlich zu ſorgen, aber ſie mit Niemand ſprechen, noch irgend Etwas ſchreiben zu laſſen, was nicht auf ihre Privatangelegenheiten Bezug habe. Zu dieſer Strenge, welcher die Unfälle der Stadt zur Entſchuldigung dienten, kamen andere grauſamere keine Vernunftgründe gerechtfertigte Maß⸗ regeln. Carlo Cocchi wurde das Haupt bloß deßwegen abgeſchlagen, weil ihm die Aeußerung entſchlüpft war, Florenz gehöre den Medici, und deßhalb müßte man ſie 5 Herrn annehmen, ohne es auf Krieg ankommen zu laſſen. Andere wurden auf die Vermuthung hin, geheime Intriguen mit dem Papſte zu ſpinnen, auf die Folter gelegt, und es iſt nur zu ſehr wahrſcheinlich, daß viele, 79 welche auf dieſe Weiſe als Opfer fielen, entweder un⸗ ſchuldig waren, oder wenigſtens geringere Strafe ver⸗ dienten; denn nur zu häufig entſpringen aus einer Ungerechtigkeit hundert; aber jene ungerechten und gewaltſamen Mittel, deren ſich die beiden Parteien jedesmal bedienten, ſo oft ſie zur Macht gelangt ſind, Mittel, die ſie thörichterweiſe für die ſicherſten anſahen, fich aufrecht zu erhalten, waren ſtatt deſſen die wahre Urſache, daß keine von ihnen ſich auf die Dauer hal⸗ ten konnte, bis das Lvos von Florenz unwiderruflich durch fremde Waffen feſtgeſtellt wurde. Endlich erſchien das Heer und am 14. October ſchlug es ſein Lager in der Ebene von Ripoli um das Kloſter del Paradiſo herum. Man erzählt: die ſpani⸗ ſchen Soldaten hätten, als bei der Ankunft auf der Apparita auf einmal die ganze Stadt Florenz ſich vor ihren Augen ausbreitete, mit unſäglicher Freude ihre Piken ſchüttelnd ausgerufen: Senora Florencia apa- reja los brocädos que' venimos a comprarlos a medida de picas.*) Am 17. wurde zu Giramonte ein Laufgraben eröff⸗ net, am 24. ſchlug der Prinz ſein Lager auf den Hügeln, welche ſich eine halbe von Florenz entfernt von der Porta St. Niccolo bis zur Porta Friano erheben, und am Morgen darauf zeigte ſich Malateſta Baglioni auf Befehl der zehn für Freiheit und Frieden Ver⸗ ordneten bei Sonnenaufgang auf den Schanzwällen von St. Miniato, begleitet von den Hauptleuten und Offizieren des Heers. Und gefolgt von allen Glöcknern der Stadt und langen Trompetenſtößen und unter fortwährendem Trommelſchlag ließ er alles große und kleine Geſchütz entladen, welches in großer Anzahl vorhanden war, gleichſam um die Feinde zu grüßen und zur Schlacht herauszufordern. Halte deine Brokatzeuge in Bereitſchaft, Frau Florenz, wir wollen ſie nach dem Ellenmaß der Picken kaufen. 80 Das Getöſe dieſes Knalls erſchütterte die Stadt und die Mauern, und wiederhallte an den Hügeln und in den Thälern von Florenz. Die Schanzwälle waren einige Minuten lang vom Rauch verborgen, und die Florentiner erfuhren, daß die ſo gefürchtete Belagerung endlich begonnen habe. Dieſe Demonſtration geſchah übrigens blos um der kriegeriſchen Sitte der Zeit nachzukommen und brachte gar keine Wirkung hervor. An den folgenden Tagen wendeten die Belagerer ihre erſten Operationen gegen den Glockenthurm von St. Miniato, auf welchem ſich ein berühmter Büchſen⸗ meiſter, Namens Gio d'Antonio mit dem Beinamen Lupo, befand, welcher dem feindlichen Lager großen Schaden that. Der Prinz ließ vier große Kanonen auf den Schanzwall von Giramonte aufpflanzen, welche drei volle Tage fortfuhren, den Glockenthurm zu be⸗ ſchießen. Dieſe Stücke entluden ſich zweimal in einer Stunde und für die Geſchütze des 16. Jahrhunderts ſchienen ſie ſchnell zu ſein. Ferner gingen ihre Ku⸗ geln bald rechts, bald links, bald hoch, bald nieder und wenn ſie zuweilen den Glockenthurm trafen, be⸗ ſchädigten ſie ihn nur wenig, wegen der zu weiten Ent⸗ fernung und da er ſehr feſt war, und warfen blos den Mörtel der Uebertünchung herab. Die Belagerten ließen nichts deſto weniger, damit (wie Varchi ſich ausdrückt) derjenige, der mit ſolcher Keckheit herangekommen ſei, um ganz Florenz zu neh⸗ men, nicht einmal einen jener Thürme nehmen ſollte, denſelben an der Seite, welche nach den Feinden hin⸗ ſah, mit großen Ballen Wolle ſchützen. Und als es zu einer Wette gekommen war, und die Florentiner auf jeden Fall den Preis gewinnen wollten, verboll⸗ werkten ſie den Thurm in einer Nacht mit einem gro⸗ ßen Berg von Erde, ſo daß die Kaiſerlichen von der Unternehmung abſtehn mußten. — 81 . Die Belagerer pflanzten nun eine Feldſchlange auf und nahmen den Polaſt der Rathsherren zum Ziel. Aber beim Losſchießen ſprang das Stück und die Ku⸗ gel fiel in das Haus des Scharfrichters, daher nahm Herr Silveſter Aldobrandini Gelegenheit, zwei Sonette zur Verſpottung des Papſtes zu machen, welche ſo anfingen: armer Thurm, unglückliches Gebäude!“ un „Es kam Baccio Valor vom heiligen Vater.“ In den erſten Tagen des November wurde man in vielen kleinen Scharmützeln handgemein, welche kei⸗ nen wichtigen Erfolg hatten. Die jungen Leute aus der Stadt zogen jeden Tag in Schwärmen hinaus, um ſich mit dem Feinde zu meſſen, gegen den ſie einen Un⸗ willen um einer Urſache willen gefaßt hatten, welche die Sitten der damaligen Zeit lebhaft darſtellt. Die Ausübung des Kriegsdienſts wurde damals als ein Gewerbe betrachtet, zu welchem derjenige kein Recht hatte, der nicht unter die Soldaten eingeſchrieben und nach den Vorſchriften einge⸗ reiht war. Dieſe betrachteten ſich unter einander wie die Glieder einer und derſelben Brüderſchaft, unter welchen, wenn ſie auch Feinde waren, die Uebereinkunft beſtand, gewiſſe Vorſchriften und Rückſichten wechſel⸗ ſeitig zu beobachten. Die Folge dieſes Gebrauchs war, daß die kaiſerlichen Soldaten, größtentheils im Kriege alt geworden, und ſo zu ſagen der Kunſt, die ſie ausübten, corporationsmäßig angehörend, die Florentiner mit Verachtung anſahen, weil fie(wie ſie ſich ausdrückten) ſich das Recht anmaßten, die Waffen zur Vertheidigung ihres Vaterlandes zu ergreifen, und wollten nicht darein willigen, gegen ſie nach Kriegs⸗ gebrauch zu handeln, wie gegen andere Soldaten, in⸗ dem fie erklärten, ſie ſeien keine ſolchen, obgleich ehren⸗ werthe Männer. Niccrlo de' Lapi. 1. 6 82 Unter den Thorheiten des menſchlichen Stolzes wird dieſe nicht die am wenigſten ſonderbare ſein. Die Jugend nahm dieſes ſo übel, daß ſie ſo weit ging, ſich mit vielen grauſamen Handlungen zu be⸗ flecken; unter andern hatten Vincenzo Aldobrandini und Morticio Degli Antinori zwei Spanier gefangen genommen, und anſtatt ihnen Auslöſung anzubieten, hieben ſie ſie nieder. In dieſem Zuſtand befanden ſich die Angelegen⸗ heiten zu Florenz an dem Tage, an welchem Bruder Giorgio das Kloſter St. Marco verließ, und auf das Haus des Malateſta Baglioni zuging. Sechstes Kapitel. Das Volk von Florenz war vortrefflich zur Ver⸗ theidigung gerüſtet. Die Mauern ſtark, das Kriegs⸗ volk zahlreich und gut eingeübt, der Schatz wohl ver⸗ ſehen, die Lebensmittel im Ueberfluß vorhanden, die Gemüther von Vaterlandpsliebe entflammt, aber es zog eine Schlange im Buſen groß, und dieſe Schlange war Malateſta Baglioni. Seine Vorfahren waren Oberhäupter der Edelleute und der Gibellinen in Perugia geweſen, wo ſein Vater, Gian Paolo, ſich gegen das Ende des fünfzehnten Jahr⸗ hunderts zum Herrn aufgeworfen hatte, und obgleich er zweimal daraus verjagt wurde, zuerſt von Ceſare Borgia, zum zweiten Mal von Julius dem Zweiten, war es ihm doch von Neuem gelungen, ſich dort zu befeſtigen. Endlich lockte ihn Leo der Zehnte, welcher Perugia mit dem Kirchenftaate vereinigen wollte, mit 83 freigebigen Verſprechungen und mit ſicherem Geleit nach Rom, wo er ſtatt der Aufnahme, die er ſich verſprach, auf die Folter gelegt und dann enthauptet wurde. Der Haß, den man allgemein wegen ſeiner Frevel⸗ thaten gegen ihn hegte, veranlaßte, daß Leo durch die öffentliche Stimme wegen des verrathenen Vertrauens freigeſprochen wurde. Die Grundſätze Malateſta's waren denen ſeines Vaters ähnlich. Zuerſt war er Bandenführer im Dienſt der Vene⸗ tianer, dann Herr von Perugia, nun, wie wir geſehen haben, Oberfeldherr der Florentiner. Er war ein Mann von kaltem, verſtändigem, ſehr ſchlauem Sinne, von unermüdlicher Hartnäckigkeit in ſeinen Vorſätzen, zornig, geizig, zäh in Privatfeindſchaften und ein unübertreff⸗ licher Meiſter im Betrug, in der Kunſt, ihn zu ver⸗ bergen und zu ſchminken, bis er ſeinen Zweck erreicht hatte; perſönlich tapfer und kühn und ein ſehr erfah⸗ rener Feldherr. Kurz, er war ein Muſter jener kleinen despotiſchen Oberherrn, welche Jahrhunderte lang in faſt allen italiäniſchen Staaten emporſtiegen, fielen und wieder zum Vorſchein kamen. Bald Fürſten, bald Ban⸗ denführer im Dienſt anderer Fürſten oder von Repu⸗ bliken, welche mächtiger waren, als ſie, oft Häupter einer Partei von Verbannten oder von Räubern, Leute, die jedes Geſchick verſucht hatten, in Allem muthig, unerſättlich, unruhig, Männer, die unter häuslichen Schandthaten und bürgerlichen Zänkereien erzogen, nach einem in beſtändigem Wechſel von Gewaltthat und Liſt zugebrachten Leben meiſtentheils ihr Leben endigten, un⸗ terdrückt und verrathen von mächtigen und offenen Fein⸗ den, oder unter dem Meſſer von Meuchelmördern oder ihrer nächſten Verwandten. Denn zu jener Zeit er⸗ ſchien mehr, als in jeder andern, als wahr der Spruch Juvenals: Ad generum Cereris sinc caede et vulnere pauci descendunt reges et sicca morte tyranni. 81 Es ſchien nicht, als ob dieſe Schurken irgend eine Vorſtellung von Religion oder von Treue hätten. Dennoch hatten ſie auf ihre Art ſowohl das Eine, als das An⸗ dere, ſo ſehr iſt es wahr, daß Diogenes, als er den Menſchen ein zweibeiniges Thier ohne Federn nannte, hätte beifügen ſollen, ein unconſequentes. Sie bauten Kirchen und erhielten Mönche, bereicherten Klöſter, glaub⸗ ten an Gott, an's Evangelium und an den Pabſt, und ferner noch mit derſelben Logik an Hexen, Alchymie und an Aſtrologie. Auch Malateſta ſchenkte blindes Zutrauen einem jüdiſchen Aſtrologen, genannt Meiſter Barlaam, aus Ungarn gebürtig, welcher mit der Wahrſagerkunſt ein großes Wiſſen in der Arzneikunde vereinigte. Er lebte im Hauſe Paglioni's, folgte ihm in allen ſeinen Unternehmungen und bereicherte fich mit ſeinem Gelde. Man kann jedoch nicht ſagen, daß Alles gleicher⸗ weiſe geraubt wurde, einen Theil davon gewann er verdienterweiſe durch die fortwährenden Curen, welche die ſchweren Krankheiten ſeines Herrn verlangten. Die ſurchtbare Krankheit, durch welche Amerika ſich ſo vollſändig an Europa gerächt hat, und die im fünfzehnten Jahrhundert langſam oder nie geheilt wurde, verzehrte langſam Malateſta. Er hatte von Natur eine kräftige körperliche Beſchaffenheit erhalten, durch die er die Mühen und Unbequemlichkeiten des Kriegsdien⸗ ſtes ertragen konnte, bis die Folgen der Ausſchweiſung die Geſundheit und die Kräfte in ihm zerſtört hatten. Vorher war er breit an Schultern und Bruſt, von ſtar⸗ kem und braunem Geſicht, ſchwarzen und kurzen, ge⸗ ringelten Haaren, kurz, die Stärke ſelbſi. In welchen Zuſtand ſeine Leiden ihn gebracht hat⸗ ten, werden wir bald ſehen. Der Palaſt Serristori, wo er wohnte, war, wie er es noch iſt(obgleich völlig verändert), im Hinter⸗ grund auf dem Hauptplatz nahe bei dem Ponte Alle⸗ 85 grazie gelegen. Die Rückſeite ſah auf den Mühlgra⸗ ben und auf den Arno. An eben dem Morgen, von welchem an unſere Geſchichte begonnen hat, eine Stunde vor Tagesanbruch, war der ganze Palaſt ſtill, das Thor geſchloſſen und nur das Einlaßthürchen angelehnt, an welchem ein Soldat Wache ſtand, bedeckt mit Eiſen an den Armen, auf dem Kopfe und auf der Bruſt, mit den langen Beinkleidern von 1500 mit roth und ſchwarzen Schli⸗ tzen und mit Zwickelſtrümpfen von gleicher Farbe. Auf der Schulter hielt er eine lange Partiſane, und ging langſam unter dem Portal des Einganges auf und ab, mit den Füßen ſtampfend, um ſich zu er⸗ wärmen. Die Leute von der Wache ſchnarchten, in ihre Mäntel gehüllt, auf Stroh darniedergeſtreckt, in einem Winkel, nahe bei einem Haufen Aſche und ausgelöſch⸗ ten Kohlen, Ueberreſten des Feuers, das während der „Nacht da unterhalten worden war. In dem erſten Stockwerk ſchlief Alles gleichmäßig. Nur Malateſta war ſchon eine Zeitlang auf. Er ſaß auf einem Bett in Form eines rechten Winkels von ſchwarzem Holz mit Schnitzwerk gearbeitet, die Blatt⸗ ſeiten in Abtheilungen getrennt, auf deren jeder eine Geſchichte aus der Mythologie in erhabener Arbeit dargeſtellt war. Die Geſimſe, welche dieſe Geſchichten einſchloſſen, ſtellten ein ſonderbares und verwickeltes Gemiſch von Laub und von Thierfiguren, von Larven und Arabesken jeder Art vor; das Bett erhob ſich auf einem Schemel, welcher, ungefähr eine Spanne hoch über dem Fußboden erhoben, daſſelbe umgab. Neben dem Bette auf einem runden Tiſch, gehal⸗ ten von einer ganz gekrümmten Figur eines Adlers, brannte ein ſilberner Leuchter, um welchen in Unord⸗ nung herumlagen ein ſehr ſchöner Dolch mit Schnüren und Quaſten, um ihn anzuhängen, Ringe und Hals⸗ ketten, ein Reliquienkäſtchen und ein Kleinod von ſo ſonderbarer Form, daß der Gebrauch deſſelben ſchwer zu errathen war. Es war ein rundes und wie eine Münze gepreßtes Kleinod von Granatblüthenfarbe, an⸗ gebunden an ein Drahtkettchen. An einer Spitze, eben⸗ falls von Stahl, welche an der Kette angebracht war, blieb er durch Anziehungskraft, wie eine Magnetnadel, aufgehangen, welche in dem obern Theil eines Kreiſes befeſtigt war, zwiſchen welchem das Kleinod in der Schwebe hängen blieb. Es ſtand befeſtigt auf ei⸗ nem kleinen Piedeſtal von ſchwarzem Holz; das Ganze war ferner mit Buchſtaben und cabbaliſtiſchen Zeichen verſehen. Das Zimmer war mit rothem Leder, mit goldenen Arabesken geziert und ausgeſchmückt, Gemälde an den Wänden, Lehnſeſſel umher, ebenfalls von Leder, voll Buckeln und Franſen. Zwei große Schafhunde ſchnarch⸗ ten in einem Winkel. Der Anblick des Malateſta war der eines ausge⸗ grabenen Todten. Ausgehöhlte Augen und Wangen, die Haut bleigelb, Bart und Haare, früher ſo dicht, jetzt ſelten und ſchwach, denn beim geringſten An⸗ laß gingen ſie aus und ſielen herab. Ueber dem Hemd hatte er ein mit roſenfarbenem Seidenzeug ausge⸗ nähtes Wamms, welches vorn offen blieb, und eine fleiſchloſe Bruſt ſehen ließ, an welcher man hätte die Rippen zählen können. Dieſe waren blos von der Haut bedeckt, welche zwiſchen der einen und der andern in tiefe Furchen eingeſchrumpft war; verdickte und verdor⸗ bene Säfte waren an den Gelenken ſtehen geblieben, waren da geronnen und ſo verhärtet, daß ſie die Be⸗ wegung derſelben hemmten, und die Arme dadurch feſt angezogen ſchienen. Er war im Begriff, ein großes Glas Decoct zu ſchlürfen, welches er von dem nahen Tiſche genommen hatte, und blickte mit ſardoniſchem Lächeln auf einen Mönch, welcher zwei Schritte vom Bette ihm gegenüber ſaß. Dieſer hatte das Gewand des heiligen Franciscus 87 an. Die Kaputze bedeckte ſein Geſicht und ſeine Augen ſo, daß Nichts ſichtbar war, als ein wenig von der Naſe und zwei rothe und gut genährte Wangen. Der Bart, welcher weiß und ſehr groß war, bedeckte Mund und Kinn und endigte gegen den Gürtelſtrick hin. Er hatte den Kopf geſenkt und hielt mit einer Hand das Kinn, ſeine Bruſt ſchwoll von Seufzern und er war ſichtbar ganz verſunken in Gedanken, die ihn ſehr heftig erſchütterten. Er murmelte mit leiſer Stimme: „Es wäre gar zu niederträchtig, es wäre nicht möglich, ich fühle mich dazu nicht fähig.“ Und er fuhr fort, die Augen zu Boden geſenkt zu halten, denn wenn er ſie Malateſta in's Geſicht erhoben hätte, und ſein teufliſches Lachen geſehen, ſo glaube ich, wäre er hinausgeftürzt und geflohen. Gut für ihn, wenn er dieſes gethan hätte. Endlich ſagte Baglioni mit ſpöttiſchem Ton und zugleich ganz ruhig; „Es iſt gar nicht mehr davon die Rede„es wird dem Hauſe Medici nicht an Einem fehlen, der ihm dieſen geringen Dienſt thun wird, ohne ſolche Ziere⸗ reien und Kinderpoſſen. Du weißt doch, nicht wahr? daß es Kinder gibt von 10 zu 20, von 50 bis zu 70 Jahren? Herr Baccio Valori, der ſo groß Rüh⸗ mens von Dir macht, ſcheint es nicht zu wiſſen.„ Geh, geh, es wird nicht an Einem fehlen, der den Ball fängt, wenn Du nicht willſt, und wenn auf dem Thor des Pallaſtes die Kugeln ſtehen werden, ſo wird es Einen geben, der im Hauſe Medici praſſen und darauf bedacht ſein wird, ſich ein gutes Leben zu verſchaffen, der zum Himmel erhoben werden wird, dem es nicht fehlen wird an Pferden(Malateſta ſprach langſam und ſprach dieſe Worte deutlich aus), nicht an Hunden, noch an Plaudergeſellſchaften.... nicht an Kleidern... nicht an Gold, noch an Bällen und Schau⸗ ſpielen.., und wenn er nach und nach Etwas überdrüſſig „ 88 ſein wird, ſo wird er auch ſeltſame Wünſche befriedi⸗ gen können, und Du wirſt es anſehen und fagen: wie es dieſer hat, könnte ich es auch haben... ich kann Dir ſagen, es wird Dir ein ſchönes Vergnügen ſein.“ Der Mönch keuchte, ſeine Bruſt hob ſich unter ſei⸗ nen Seufzern, aber doch ſchwieg er. „Es iſt wahr,“ fuhr Malateſta fort,„daß es un⸗ ter dieſen Umſtänden zu Deinem Beſten ſein wird, es nicht mit anzuſehen und Florenz hinter Deinen Rücken zu bekommen. Den Herren Mediei dürfte es nicht ſehr wohl gefallen, daß ein Mann, der ſo viel für ſie weiß, und ihnen nicht hat dienen wollen, noch lange den Ge⸗ ruch des Brodes in der Naſe haben ſoll.“ In dieſem Augenblick ſchlug die Uhr vom Thurm des Pallaſtes die zehnte Stunde. „In einer Stunde iſt es Tag. Gehe hin mit Gott, aber merke Dir wohl, wenn Dich der Teufel verſuchen ſollte, Dich länger noch mit Staatsangele⸗ genheiten zu befaſſen, daß man Mann ſein muß und nicht ein Kind, wenn man ſich ſo in Etwas einläßt, und erinnere Dich daran immer, daß dieſes(er be⸗ rührte ſeine Zunge mit der Spitze ſeines Zeigfingers) zuweilen den Kopf koſtet, und wenn etwas von dem, was zwiſchen uns geſagt worden iſt, bekannt würde, dieſe zwei Schafhunde da werden nicht geſprochen ha⸗ ben, das weiß ich, und dann werde ich wiſſen, an wen ich mich zu halten habe.“ „Ein ſolcher Verrath!“ ſagte der Mönch, wie mit ſich ſelbſt ſprechend. „Ein Verrath,“ wiederholte zweimal Malateſta, mit ſeinem gewöhlichen Lachen,„ich ſehe es noch kommen, daß man zu den Achten wird gehen müſſen und ihnen ſagen, wiſſet, daß wir auch die Herrſchaft wegnehmen wollen, um ſie den Medici zu geben, alſo nehmt Euch wohl in Acht. Und es ſcheint mir doch, als hätteſt Du Hirn unter dem Barett!“ 89 „Aber der unglückliche Greis... die Tochter, die Familie.... „Ei, ſieht es denn Bardi, Strotzi, Frescobaldi, man ſollte glauben, es ſei etwas Wichtiges, daß wir ſo viel Rückſicht haben müſſen, hältſt Du das für Ge⸗ danken, würdig eines Edelmannes wie Du, wenn es ſich von ſo wichtigen Dingen handelt, daß Fürſten und Herren ihr Leben dran ſetzen, und Du handelſt mit mir um einen Seidenarbeiter, als wenn es franzöfiſche Kö⸗ nige wären?“ Der Mönch erhob ſich auf einmal, als hätte ihn eine Stahlfeder vom Seſſel in die Höhe geſchnellt... Er näherte ſich dem Bette, nahm Malateſta bei der Hand, drückte ſie ihm und ſagte mit heftiger Stimme: „Ich will Alles thun. Verdammt ſei die Stunde, in der ich auf die Welt kam.“ Malateſta lachte über dieſe Heftigkeit, zog ſeine Hand an ſich und fuhr mit einem gewiſſen Tone der Verachtung fort: „Ei, ei, Du haſt Deine Meinung geändert, die Serupel ſind alſo vorüber? wie viele Minuten wird dieſer Entſchluß dauern?“ „Er wird nur zu lange dauern, zu meinem Un⸗ glück. Und wenn ich bei dieſer Unternehmung den Hals breche, ſo wird es mir ganz recht geſchehen.“ „Nun hör mich an,“ fagte Malateſta mit plötzli⸗ cher Veränderung in Stimme und in Miene.„Was das betrifft, ſo muß derjenige, der ſich keiner Wagniß unterziehen will, in dem Geleiſe ſeines Vaters blei⸗ ben. Aber wer darüber hinausgeht und ein Mann von einiger Bedeutung werden will, und ſein Leben nicht in Niedrigkeit mit Wollehaſpeln oder Tuchſcheeren zu⸗ bringen will, muß ſich dem Glück in die Arme wer⸗ fen. Glaubſt Du, die Medici werden Dich reich und groß machen wollen, weil Du, als es Zeit war, zu handeln, ſtatt deſſen, Deinen Leib gekitzelt haſt? Du haſt die Wahl. Du weißt wohl, daß dieſes Haus im⸗ 90 mer die Verdienſte belohnt hat, von welchem Hauſe es auch iſt, wie es ſich auch immer in vollem Maße ge⸗ rächt hat. Und hätten ihre Vorfahren keine andere Geſinnung gehabt, als Du, ſo ſtünde das Wappen mit den Kugeln nunmehr angeheftet über der Thüre eines Tuchladens und nicht auf Palläſten und Feſtungen. Die Welt gehört dem, der ſie nimmt, und nicht dem⸗ jenigen, der zwiſchen ſolchen Gewiſſensſerupeln und Befürchtungen ſchwankt.“ „Wohlan, es ſoll geſchehen... wenn ſich nur eine Gelegenheit finden würde, denn vor der Hand ſehe ich keinen Weg.“ „O, meinſt Du, Niccolo werde es nicht gern ſe⸗ he. Liſa mit einem Deines Gleichen verheirathet zu wiſſen. „Niccolo? Aber wißt Ihr denn nicht, was Nic⸗ colo für ein Mann iſt? Er würde ſie lieber mit eigenen Händen abſchlachten, ehe er ſie einem Andern, als ei⸗ nem aus dem Volke, geben würde, dann gar mir?“ Einem aus der Partei der Palleschen? Man ficht wohl, daß Euer Herrlichkeit ihn nicht kennt... wenn Niccolo wüßte, wie die Sachen ſtehen, wer weiß? Aber wer wäre ſo kühn, ihm Etwas davon zu ſagen?“ „Ich habe Dich verſtanden,“ erwiederte Malateſta, „aber indeſſen gehe hin mit Gott; denn ich möchte nicht, daß es Tag wird, während Du auf der Straße biſt. Sage Herrn Baccio, daß ich mich ihm empfehle.“ Der Mönch öffnete eine Seitenthüre, welche unter einem Stück Tapeten verborgen war, und ging hin⸗ eg. „Auch dieß ginge nun gut,“ ſagte Malateſta, als er ſich allein fand, und rieb ſeine Hände, wie er zu thun pflegte, wenn er zufrieden war. Aber dieſe Be⸗ wegung verurſachte ihm ſchmerzhafte Stiche, die ihn zwangen, inne zu halten, es entſchlüpfte ihm ein Ach, biß ſich auf die Unterlippe und verwünſchte ſeine eiden. 91 Er rief mit lauter Stimme zweimal: „Barlaam.“ Es erſchien ein kleiner, wie geräuchert ausſehender Greis mit einem ſo runzlichten Geſicht, das aus lau⸗ ter Bündeln Bindfaden zuſammengeſetzt ſchien, einer ſcharf vorſtehenden und gebogenen Raſe, zwei Augen wie Pfefferkörner und einem immer lachenden Mund, aber mit demüthigem Gelächter, welches, von keinem Aus⸗ druck der Fröhlichkeit im übrigen Geſicht begleitet, viel⸗ ſ als eine krampfhafte Verzerrung der Lippen er⸗ eint. „Ich glaube,“ ſagte Malateſta,„daß die Hälfte von alle dem verwünſchten Holz, das Du mir ſeit ei⸗ nem Monat, bis daher, haſt verſchlucken laſſen, hinge⸗ reicht hätte, um Dich lebendig zu verbrennen... und Gott weiß, ob ich nicht beſſer dabei gefahren wäre.“ „Eure Herrlichkeit,“ antwortete der Greis ohne in Verwirrung zu gerathen,„hätten dann einen guten und getreuen Diener weniger.“ „Aber weißt Du nicht, Du Feind Gottes, daß ich nicht eine Stunde die ganze Nacht hindurch mich wohl befinde, daß es mir iſt, als ob ich mit Nadeln in das Mark der Gebeine hinein geſtochen würde. Koſtet es ſo viel, ein Kraut, ein Pulver, einen Teufel zu finden, der mir eine Stunde Schlaf verſchafft? Bei Gott, ich werde nicht immer Geld verſchwenden an Einen, der mich martert.“ S „Dieſen Sommer werde ich die Schwalbenwurz fin⸗ den, ein Stein, der in dem Bauch der Schwalbe ent⸗ ſteht, und Eure Herrlichkeit wird dieſen Stein in ein Stück Zeug binden und unter der linken Bruſt an das Hemd nähen, ſo daß es die Haut berührt... Oder wen ich nur nach Dalmatien reiſen dürfte, da iſt ein erg—. „„Es wäre beſſer, Du gingeſt in die Hölle, ich fürchte, ich werde vor Dir dort ſein.... Ich habe Dich 92 verſtanden... Auf, hebe Dich hinweg und rufe Heirn Benedetto und mach ſchnell.“ Der Alte ging hinaus. Herr Benedetto de Nobili, Doctor der Rechte, ein großer Freund der Medici, kam oft mit Malateſta zu⸗ ſammen, um mit ihm über die Intereſſen der Partei der Palleschen zu berathen. Er kam Nachts zu ihm und wendete alle Sorgfalt an, daß man dieſe Beſuche im Pallaſt nicht erfuhr, denn in jener Zeit war nicht zu ſpaſſen. Herr Benedetto war ein alter, großer Mann, von ſchöner und ernſter Geſtalt, ſonſt ein Menſch von ge⸗ meinem und bösartigem Charakter, gierig, verſtellt, ſehr geſchickt im Auffinden von Ränken und ein großer Heuchler. Er allein unter den Palleschen hatte mit Baglioni Verkehr, und dieſe Vorficht war nöthig, da⸗ mit der Oberfeldhauptmann nicht bei dem Volk in Ver⸗ dacht gerathe, was die Hoffnungen der mediceiſchen Partei ganz umgeſtürzt haben würde. Während der Mönch und Malateſta die Unterre⸗ dung zuſammen hielten, welche wir erzählt haben, befand ſich Herr Benedetto wartend in einem nicht entfernten Gemach. Mancher wird ſagen, konnte er nicht bei der Verhandlung gegenwärtig ſein und fie unterſtützen? Malateſta war gewohnt, was ſich unter vier Au⸗ gen ſagen ließ, nicht unter ſfechs zu ſagen. Herr Bene⸗ detto trat ein, er hatte den Lucco an, die Kaputze auf dem Kopf. Er machte es ſich auf dem Seſſel bequem, wo der Mönch geſeſſen war und ſagte: „Und nun?“ „Nun die Sachen gehen gut,“ erwiederte Baglioni, „da iſt ein Brief von Herrn Bacciv.“ Er zog unter dem Kiſſen ein kleines Blatt hervor, das der Mönch unter die Kutte genäht gebracht hatte. Er war in Ziffern geſchrieben. „Eines führt er aus, hundert denkt er aus, dieſer Mann,“ ſagte Malateſta lächelnd. 9 Er öffnete das Blatt und las die erſten Zeilen mit dem unverſtändlichen Murmeln, mit welchen man gleich⸗ gültige Dinge übergeht, um zu den wichtigen zu kom⸗ men, und fuhr fort: „Geſtern ſprach ich mit Troilo Degli Artinghelli von den ſchönen Frauenzimmern in Florenz und er er⸗ zählte mir von einem ſchönen Mädchen, der er den Hof gemacht und ſie dann heimlich geheirathet habe, (auf welche Art, wird er Euch erzählen,) eine Tochter des Niccolo de' Lapi. Ich machte mir gleich einen Plan über Troilo, der der gewandteſte, ſpaßhaſteſte und geiſt⸗ reichſte Menſch in Florenz iſt, und hielt für gut, ihn zu Euch zu ſchicken. Wenn es ihm gelingt, ſich in das Haus Niccolo's einzudringen, von ihm als Schwie⸗ gerſohn aufgenommen zu werden und die Rolle von einem der ihrigen zu ſpielen, ſo weiß er ſich ſo gut zu benehmen, daß er Alles wird erfahren können, uns trefflich während der Belagerung dienen und endlich es dahin bringen, daß dieſe Piagnoni wirklich Urſache zum Weinen bekommen. Ich habe mich dem Jüngling nicht ganz entdecken wollen, weil, als ich ihm ſo von fern einen Wink gab, er mir Bedenklichkeiten zu machen ſchien. Aber er iſt ein armer Edelmann und liebt den Aufwand und ein fürſtliches Leben, er iſt bei Hof unter den Herrſchaften zu ſein gewohnt, und kann es nicht leiden, ſeine Stiefel alle Tage mit dem Koth dieſes Lagers beſpritzen zu müſſen. Es wird ihm nichts Un⸗ angenehmes ſein, bei den Herren Medici in Gunſt zu kommen und von ihnen gebraucht zu werden. Ich habe Eurer Herrlichkeit mehr geſagt, als nöthig iſt, und wenn ſie noch dieſelbe iſt, das Anſehen und die Klugheit, die ſie beſitzt, ſo wird ſie ihn ſehr leicht herumbringen können.“ „Er hat es nicht übel ausgedacht, der Erzſpitz⸗ bube, nicht?“ „Sehr gut ſogar. Alles kommt darauf an, daß es gelingt. O, ich kenne den jungen Menſchen recht 6 3 94 gut, vom Sehen wenigſtens, und ſeine Voreltern ſind von Sanct Gimignano Ich erinnere mich an ihn, wie ſie Chintana ſpielten, vor dem Thor des Pallaſtes Me⸗ dici, er hatte ein türkiſches Pferd, welches rannte wie ein Blitz, und er hielt gegen die Sarazenen mit ſo ſchöner Anmuth, als man irgend kann, und dann iſt er ſchön wie die Sonne. O, ſein Vater galt Alles bei dem großen Giüulianv. Der Sohn, wenn er nicht aus der Art ſchlägt, muß von Grund aus Pallesche ſein, aber wie, beim Himmel, hat er es gemacht, in das Haus dieſer Schlange von Riccolo ſich einzudrängen?“ „Ich will es Euch ſagen, Herr Benedetto, und Ihr wollt es nicht lang machen, damit es nicht hell wird, wenn man Euch von da fortgehen ſieht.... Troilo ſah alſo dieſe Tochter des Niccolo, welche Liſa heißt, bei einem Feſt der Machthaber, bevor die Me⸗ dici abzogen.— Er entdeckte, wer ſie war, forſchte das Haus aus, und wußte es durch Thun und Re⸗ den ſo weit zu bringen, daß das Mädchen ſich in ihn verliebte; aber in Florenz gab es keine Gelegenheit, zuſammen zu kommen.— Niccolo ging mit ſeiner Fa⸗ milie auf ein Landgut, das er bei Poggio in Cajano hat. Troilo, der ſich in Poggio mit den Herrn Ale⸗ ſandro und Ibollito befand, und Liſa durch nichts ſeinem Willen geneigt machen konnte, denn das Mädchen wollte durchaus geheirathet ſein, Troilo, ſage ich, ſprach mit den Herren Medici und beklagte ſich, daß er gefan⸗ gen ſei und wie es unter jungen Leuten geht, die Sache wurde ins Lächerliche gezogen und als es zu weit ge⸗ kommen war, ob ſie dieſe Probe aushalten würde, be⸗ ſchloßen ſie, mit der Tochter des Niccolo zugleich den originellſten und anmuthigſten dummen Streich zu ſpie⸗ len, von dem Ihr je gehört habt. Troilo machte Liſa glauben, er ſei es zufrieden, ſie zur Frau zu nehmen, aber unter dem Vorwand der Furcht, daß Niccolo eine ſolche Verlobung nie zugeben würde, behauptete er, die Sache insgeheim ausführen zu müſſen. Liſa ergab ſich, obgleich wider Willen, darein. Man ordnete an, daß ſie ſich eines Morgens bei Zeiten in einem Pfarrhaus einfinden ſollte, eine Meile von Poggio entlegen.— Sie brachten zuwege, daß der Pfarrer nicht zu Haus war— da kleidete ſich ein gewiſſer Michele in das Gewand des FPrieſters in Meßrock und Stola. ℳ WMalateſta lachte immer mehr und mehr, je weiter er dieſe ſchändliche Handlung erzählte, welche ihm die artigſte Poſſe von der Welt ſchien. „Und er vollzog die Vermählung mit allen Cere⸗ monien, die ihm gelehrt worden waren... „He he he he, die närriſchen Leute!.... Und das wird eine ſchöne Mühe geweſen ſein, wer von der Sache wußte, nicht herauszuplatzen, he he he he! Liſa war zufrieden und angeführt.... Und die Herren Me⸗ dici machten ſich einen trefflichen Spaß daraus und hat⸗ ten noch mehrere Tage zu lachen, he he he he!“ Herr Benedetto, von bösartigem Charakter und überdieß Feind des Niccolo, aus Gründen, die wir bald ſehen werden, lachte ebenfalls mit einem ſtoßrei⸗ chen Gelächter, das ihm den Bauch hüpfen machte, als wenn er im Trapp geritten wäre. Als er jedoch hörte, daß bei dieſem Betrug kirchliche Dinge ins Spiel ka⸗ men, wendete er ſich und mißbilligte mit dem Kopf, doch nicht, ohne ein wenig unter dem Barte zu ichern. Hier hätte er nicht nöthig gehabt, den Heuchler zu ſpielen, aber wer einmal die Gewohnheit angenommen hat, thut es zuletzt, ohne es zu bemerken. „Oh, oh,“ ſagte er endlich mit einem gewiſſen betrübten Geſicht:„das iſt denn doch ein wenig ftark, eine Entweihung!“ Malateſta wendete das Auge im Gemach umher, als wenn er zu entdecken geſucht hätte, ob Niemand ta ſei⸗ dann wandte er ſich wieder zu dem Doctor und agte: „Herr Benedetto, hier ſind wir allein, müßt Ihr —— —— ——— 96 wiſſen. Alſo ſpielt mir da nicht den Piagnone, bei mir iſt Euer Athem verſchwendet, wir kennen uns, wenn der Teufel einen von uns zu holen hätte, würde er ſich in Verlegenheit finden, den Schlechteren heraus⸗ zukennen. Wenn Ihr auf dem Markt ſeid, macht aus dem Bruder Girolamo, ſo viel Ihr wollt, aber hier die Karten auf den Tiſch.“ Herr Benedetto fühlte ſich getroffen und ſagte bei, ſich: es geſchieht mir Recht, aber er ſchwieg. „Kurz,“ fuhr Malateſta fort,„Niccolo erfuhr Nichts von dieſer Ehe. Nach, ich weiß nicht, wie langer Zeit gebar Liſa einen Sohn und mit Hülfe einer Schwe⸗ ſter von ihr, die in das Geheimniß gezogen wurde, als bei der andern der Körper anfing, zuzunehmen, ging die Sache ſo verborgen vor ſich, daß Niemand im Hauſe es bemerkte. Troilo hatte ſich indeſſen we⸗ gen des Kriegs, den man erwartete, fort begeben, um ſich mit den Palleschen zu vereinigen, und hat nicht mehr weder an Liſa, noch an Niccolo noch an ſolche Späſſe gedacht. Das Kind, ſagte er, muß in einem Hauſe in Florenz ſein, aber man weiß nicht, wo. Es iſt nun nölhig, es aufzufinden und zu machen, daß Riccolo Alles erfährt. Piagnone oder Nichtpiagnone, ſo wird er wohl zufrieden ſein müſſen, Troilo zum Schwiegerſohn zu haben.“ „Und iſt Troilo entſchloſſen, ſich in dieſe Intrigue einzulaſſen?“ „Er wollte nicht und benahm ſich bei mir wie ein tind, aber ich habe ihn recht heruntergemacht und habe ihm zu verſtehen gegeben, daß Gewiſſen und Treue und Glauben es find, bei denen man Hunger ſtirbt.... Wohl, ich kann Euch ſagen, daß er ein tüch⸗ tiger Mann werden wird. Die Kätzchen öffnen heut⸗ zu Tage die Augen bei Zeiten, und Ihr als Floren⸗ tiner, der die Gelegenheit hat, werdet es leicht ver⸗ mögen, alſo geht es Euch an. Wohlan, für's Erſt muß man wiſſen, wer das Kind unterhält und in wel — —— —— —— —— e 97 chem Hauſe es iſt. Für's Zweite machen, daß Niccolo Alles erfährt.. aber was weiß ich.. Man könnte es auch ſo machen, daß man ihm das Kind in's Haus bringt.. unverſehens— kurz, überlegt es Euch. Ent⸗ weder, er wird die Sache vertuſchen wollen, und mit Freuden Troilo aufnehmen; oder es gibt einen Scan⸗ dal, er macht einen Lärm für dreißigtauſend Teufel, beſchimpft ſeine Tochter wie einen Hund, er wird ſie verfluchen, er wird ſie aus dem Hauſe jagen und dann wird ſich Liſa an Troilo wenden müſſen, und wenn bei dem Alten die erſte Wuth erkältet iſt, dann wird er nach unſerem Willen eſſen müſſen, und wenn er platzen ſollte.“ „Gut, gut. Alles das iſt nicht ſehr ſchwer, über⸗ laßt die Sorge nur mir.“ „Geht nun, um Gottes willen, denn es wird gleich zwölf Uhr ſchlagen. Muth und Klugheit, Gott helfe Euch!“ Die beiden Schurken trennten ſich. Der Doctor gelangte durch gewiſſe Schlupfwinkel wieder auf die Straße. Malateſta blieb zurück mit ſeinen Leiden und vielleicht mit dem Vergnügen, ſo vielen Unglücklichen noch ſchlimmere bereitet zu haben. Siebentes Kapitel. Der Sal, wo Malateſta gewohnt war, Rath zu halten und Beſuche zu empfangen, weßhalb wir ihn Empfangſal nennen wollen, war ein großes langes immer, gegen die Straße hin, geſchmückt mit Fresco⸗ Malereien von Francia und Pietro Perugino, em⸗ Niccolo de' Lapi. 1. 7 98 pfing ſein Licht von ſechs Fenſtern, und unier der Bruſtwehr jedes derſelben ſtanden zwei Bänke von Backſtein mit Platten von Marmwor bedeckt, in der Mitte der Wand im Hintergrunde war eine Art von Tafel oder ein Poſtament von Holz, in welchem die Fahne des Malateſta befeſtigt war, da und dort waren nach Art von Trophäen viele von ſeinen Waffenſtücken aufgehängt, beſonders bewundernswürdig durch ihre Beſchaffenheit und durch ihre Leichtigkeit, eine noth⸗ wendige Eigenſchaft, wenn ein von Krankheiten ge⸗ ſchwächter Mann ſie tragen ſollte. Es war Sitte, daß jeden Morgen bei Aufgang der Sonne die Hauptleute der Wache an den Thoren der Stadt an Malateſta einen ihrer Offiziere ſchickten, um Bericht zu erſtatten, ob nichts Neues während der Racht vorgefallen ſei, und für den Tag ſeine Befehle zu hören. Zu der damaligen Stunde befanden dieſe ſich ſchon alle verſammelt in dem Vorzimmer, und da gerade in der Zwiſchenzeit das Schießen der Artillerie des Lagers begonnen hatte, hatten ſie ſich an den Fen⸗ ſtern aufgeſtellt, welche gegen den Ponte alle Grazie hin⸗ ſahen, und ſprachen unter einander von dieſem Lärm. Da ſie nicht zweifelten, daß, wenn es etwas Wichtiges gebe, bald ein Bote ankommen müſſe, um Nachricht darüber zu geben, gaben ſie aufmerkſam Ach⸗ tung bald auf die Seite von S. Niccolo, bald auf die Brücke, ob nicht einer erſcheine. Aber auf dem ganzen Platze, ſo weit das Auge reichen konnte, war keine lebende Seele zu erblicken, es regnete, und bei dem Wetter, der Einſamkeit, dem Ueberdruß des Vorzim⸗ merwartens und dem dumpfen und fernen Brummen der Geſchütze, war es eine jener Stunden, welche Je⸗ dem die lange Weile aufbürden. Auf einmal, ſiehe da, kommt von Ponte alle Grazie her ein Mönch von S. Marco, von dem man, wenn man ſah, welchen Schritt er führte, ſagen mußte, daß ihn die Kutte nicht ſonderlich hinderte. ——„ N—** — — — N — 99 ie Soldaten aller Zeiten und aller Nationen (wenigſtens glauben wir ſo) haben immer einen ent⸗ ſchiedenen Ruf gehabt, zu ſpaſſen und ſich über den Nächſten luſtig zu machen, unter ihnen koſtet eine Stachelrede zuweilen einen guten Degenſtoß, daher überlegen ſie, ehe ſie ſprechen, wenn ſie aber an einen gerathen, der ihren Scherzen mit Degenſtößen nicht antworten kann oder will, dann laſſen ſie ſich gehen... So wenig iſt es wahr, daß der Menſch von Natur ein großmüthiges Thier iſt. Es war ihnen alſo kaum dieſer geſegnete Mönch zu Geſicht gekommen, ſo lachten alle und ſchrieen: „Seht da die Neuigkeit!— Seht da den Eil⸗ boten, ſeht den Eilboten mit dem Bannfluch!“— Und der Bruder ging vorwärts! Als er nun unter den Fen⸗ ſtern war, und anſtatt ſeines Wegs zu gehen, zum Thore hereintrat, wuchs das Lachen und die Freude, und überdies dachten ſie, um die Zeit zu vertreiben, ſo lange Malateſta uns warten läßt, und um die Langeweile fortzubringen, wollen wir uns ein wenig beluſtigen. Aber der Mönch konnte in Allem ſeinen Mann ſtellen, denn es war unſer Freund Fanfulla. Als er in den Hof trat und die Stalljungen ſah, welche unter der Thorhalle Pferde ſtriegelten, Solda⸗ ten auf der einen, Gewehre und Piken auf der nnir Seite, und dieſe pldatiſche Atmoſphäre atker, hätte er ſein Herz weit werden gefühlt. Einiges Gelächter hinter feinem Ricken hatte er wohl bemerken können, und es war auch wohl ein Scherz über ſeine Kutte an ſein Ohr gelangt, aber ſo zufrieden und voll von ſeinem Vorſatz, wie er war, hätte er ſich in dieſem Augenblick nicht umgewendet, wenn eine Mine hin⸗ ter ſeinem Rüken geſprungen wäre. Man füge noch hinzu, daß er auf dem Wege ſeine Zeit nicht verloren und ſich ein Stück Beredſamkeit zuſammen⸗ geſetzt hatte, mit dem er ſich Ehre machen, und ſeine Bitte dem Feldherrn der Florentiner würdig vor⸗ ———————— 100 tragen könnte, und dieſe Arbeit hielt ſeinen Verſtand zu beſchäftigt, als daß er ſich um etwas Anderes hätte bekümmern können. Da wir einmal bei dieſem Gegenſtand ſind, ſo wollen wir dem Leſer entdecken, daß auch Fanfulla die unglückliche Eigenſchaft an ſich hatte, welche alle Männer von irgend einem Werth zu beherrſchen ſcheint, wenig Anſprüche zu machen in der Kunſt, die ſie ver⸗ ſtehen, und viele in der, die ſie nicht verſtehen. Trotz dem alſo, daß er ein guter Soldat war, machte er ſtatt deſſen den Anſpruch, ein guter Redner zu ſein, zumal, weil er während ſeines Mönchslebens durch An⸗ hören von Predigten, durch Leſung von Büchern über jeden Gegenſtand, Unterhaltung mit Mönchen und allen denjenigen, die in's Kloſter kamen, ſein Gedächtniß mit einigen hundert Redensarten, Sprüchwörtern, ſchö⸗ nen und gezierten Sätzen ausgeziert hatte, aber ver⸗ ſteht ſich, ausgeziert, wie die Bude eines Kunſiſchrei⸗ ners oder eines Trödlers ſein kann. Er ſtieg die Treppen hinauf, ging in das Vor⸗ zimmer, begrüßte die Truppe, näherte ſich dem Thür⸗ ſteher und ſagte zu dieſem: „Mit Gunſt, wenn es ſein kann, möchte ich zwei Worte mit Sr. Herrlichkeit ſprechen.“ — Euer Name?“ „Wartef Siorgio von Lodi von San Marco.“ SWartet, äver ich kann Euch ſagen, es wird einige Zeit dauern, ſeht nur, wie viele Leute in Vorzimmer find.“ Fanfulla ſetzte ſich, ohne etwas veiter zu antwor⸗ ten, neben einen Tiſch und ftützte einen Aem darauf, ſtreckte die Beine auseinander, und ingem er ſachte mit den Fußſpitzen in der Luft ſchwippte, blieb er⸗ ohne Jemand ins Geſicht zu ſehen, ganz von den Gedanken an ſeine Rede in Anſpruch genommen. Er war nicht unzufrieden mit der Art, wie er ſie ausgedacht hatte, er hätte doch gern ein wenig Philoſophie hineinge⸗ racht, wie es ſeinen Schriften zufolge Eellini gemacht 101 hat, als er von der Art, einen Diamant zu faſſen, mit Paul dem Dritten ſprach. Jedermann bemerkt, wie wenig in beiden Fällen die Philoſophie am Platz war; und um ſo mehr die des Fanfulla, welche bloß in einer dunkeln Vorftellung von Phyſik, wahr oder falſch, dar⸗ auf kommt's nicht an, und in irgend einem Traum von Aſtrologie beſtand. Während er ſich dieſe Mühe gab, hatten die Offi⸗ ziere, welche früher hinausgeſehen, den Fenſtern den Rücken gewendet, den Mönch genau betrachtet und ſa⸗ hen jetzt einander, da ſie ihn von ganz anderem Geſicht und anderen Manieren fanden, als ſie erwarteten, ver⸗ wundert an. „Was denkſt Du davon?“ fragte der Eine,„über dieſes Geſicht eines Knechtes Gottes? würde es nicht gut ſtehen auf dem Hals eines Häſchers?“ „Teufel,“ ſagte ein Anderer,„bloß ein Auge, eine Hiebwunde in dem Geſicht, man muß ſagen, daß, wenn ſie den Prior zu wählen haben, ſie ſich den Spaß ma⸗ chen, die Suppenſchüſſeln fliegen zu laſſen, die ehr⸗ würdigen Herren.“ „Er wird ſich mit der Katze im Refectorium ge⸗ rauft haben.“ „O, er wird die Kellertreppe hinunter gefallen ſein.“ „Oder er wird geglaubt haben, irgend⸗ein Ehe⸗ mann wolle ein Auge zudrücken und ſtatt deſſen wird es der Ehemann ihm zugedrückt haben.“ Während ſie dieſe Thorheiten mit vielem Gekicher ſagten, hatten alle die Augen auf Fanfulla gerichtet. Dieſer gab im Anfang weder wenig, noch viel auf fie Acht; wie Einer, der mit einem wichtigen Gedanken im Kopf, der ihn beſchäftigt, und nicht gewohnt, ſich je verſpotten zu hören, bildete er ſich nicht ein, es könne Jemand geben, der ſich ſolche Freiheit mit ihm herausnehme. Endlich aber ſchöpfte er Verdacht, und als er einen Augenblick ihnen Gehör geſchenkt hatte, erkannte er, daß ſie es gerade mit ſeiner Perſon zu ——— 3 3 3 102 thun hätten; herumblickend ſah er, daß gar kein an⸗ derer Mönch im Vorzimmer ſei, er füblte jene gewiſſe Bewegung in der Bruſt, die man empfindet, wenn der Zorn auffteigt; aber da er noch friſch von der Rede des Bruders Benedetto und von ſeinen feſten Vorſätzen, nicht in die alten Gewohnheiten zurückzufallen, herkam, ſagte er bei ſich ſelbſt, indem er nur ein wenig keuchte und die Beine unter der Kutte zuſammenzog: „Muth, Fanfulla, nicht wieder anfangen mit Dei⸗ nen Streichen!“ Und mit niedergeſchlagenen Augen bemühte er ſich, ein anderes Ausſehen anzunehmen, das ſeinem Geſicht ſo gut ſtand, wie zwei Grenadierſchnurrbärte auf dem Ge⸗ ſicht von der Madonna von Raphael ſtehen würden. Aber das dumme Spaſſen, das Gelächter und die Spottworte fuhren fort; in der ganzen Haltung Fan⸗ fulla's erſchien kein anderes Zeichen von dem, was er empfand, außer ein häufiges Schütteln ſeiner Kniee, welche auf und abgingen in der Bewegung eines Eſels, welcher eine Laſt trägt, aber im Innern bewegte ſich ſein Blut wie das Waſſer in einem Kochtopf, wenn es anfängt, zu ſieden. Ueber ſeinem Kopfe ſtand, fünf Ellen hoch über der Erde, in die Mauer befeſtigt, eine von den Uhren, welche mit Gegengewichten in Bewegung geſetzt werden, und dieſe hingen gerade vier Zoll von der Naſe des Fan⸗ fulla, deſſen Finger darnach juckten, wie ſich ein Schüler nach einer Weintraube ſehnt, und er ſagte zwiſchen den Zähnen: „Seht zu, ob es nicht ausſieht, als ob ſie mir aus Hohn unter die Hand kommen wollte und um mich auch zu ſpotten, nun, da ich den Heiligen ſpiele und ſie nicht anwenden kann! Wäre es vor zehn Jahren, da thäte es ſich! Ihr, meine lieben Spaßmacher, ihr würdet ſehen, wie ich euch die Gewichte an den Buckel werfen würde und euch das Credo lehrte.“ Und während er mit einem Seufzer zu erkennen gab, welche Widerwärtigkeit es hier für ihn ſei, den 103 Heiligen ſpielen zu müſſen, erhob ſich ſeine Hand faſt von ſelbſt gegen dieſe ſchönen bleiernen Cylinder, die er bei dieſer Gelegenheit ſo trefflich als Wurfwafſen hätte benützen können, und liebkoste ſie, indem er ſie zwiſchen den Fingern drehte. Welche furchtbare Ver⸗ ſuchung! Aber der Leſer erſchrecke nicht, Fanfulla ging als Sieger daraus hervor. Indeſſen fuhren ſeine Gegner, ſicherer gemacht durch ſein Stillſchweigen, fort. Es begann bis zur Rückſichts⸗ lofigkeit zu gehen. Ein kleiner junger Soldat, mager und bartlos, wollte auch ſeinen Witz über das Auge des Mönchs loslaſſen, welcher nun, da er ſich von einem Gecken von ſolchem Wuchs beleidigt fühlte, ſich nicht mehr halten konnte. Er ſprang auf, wurde auf einmal wieder der ehemalige Fanfulla, und ſich lang⸗ ſam gegen die Gruppe der Offiziere hinbewegend, ſagie er mit dem Weſen Eines, der Etwas überſatt hat: „Ihr ſolltet Euch, meine werthen Herren, an das ſchöne Sprüchwort erinnern, daß jedes ſchöne Spiel nicht lang dauert, und dieſes fängt an, wenn ich mich nicht irre, zu lange zu dauern... Und Ihr, ſchönes Bürſchchen(er wendete ſich an den jungen Menſchen, der zuletzt geſprochen hatte), lernt erſt Euren Unterhalt verdienen und etwas Warmes in den Leib bekommen, bevor Ihr den Soldaten ſpielen wollt mit dieſen vogel⸗ ſcheuchen Schultern! Ich ſehe Euch und ſehe Euch wieder nicht, ſo ſchwindſüchtig und ſchwächlich kommt Ihr mir vor, und für's Uebrige müßt Ihr noch wiſſen, daß vieſes Auge mir von der Spitze einer ſpaniſchen Pike in der Schlacht von Ravenna ausgeſtoßen wurde, während Euch die Amme die Beinkleider auszog, daß ich den Schnitt, den ich auf dem Schädel trage, erhielt, weil ich den tapfern Herrn, den König Franzesco, ver⸗ theidigen wollte in der Schlacht von Pavia, während Euch die Amme Mehlbrei gab und den Hintern voll⸗ ſchlug, daß dieſe zwei Finger mir weggemäht wur⸗ den bei Marignano, vermittelſt eines langen zweihändi⸗ — 104 gen Schwerts von einem Schweizer aus Unterwalden, während Euch die Amme. Aber den letzten Ausdruck Betreffs dieſer lieben Amme, wenn Fanfulla ihn auch ſagte, wollen wir der Kürze wegen in der Feder laſſen. Dann fuhr er fort:„Um Euch nicht beſchwerlich zu fallen, will ich Euch rund herausſagen, ſo rund wie ein Brunnenloch, daß, wenn ich nicht Mönch wäre, und noch meine Haut von früher hätte, ich Euch ſchon vor die Thüre hinausgeworfen hätte, um Euch ein Wört⸗ chen zu ſagen, wie es unter Soldaten Gebrauch iſt, aber da ich dieſe Kutte auf dem Leibe habe, wenigſtens für jetzt, ſo bitte ich Euch, die Höflichkeit gegen mich zu haben„ mich in Ruhe zu laſſen, denn ich bin nicht gewohnt, das Spielwerk von Aarren zu ſein und die Geduld habe ich nur unter der Kutte.“ Durch dieſe lange Rede wurden die Soldaten(und der junge Menſch mehr als die andern) verblüfft und be⸗ ſchämt, wie es immer demjenigen geht, der einen Streich zu führen ſucht, und ſtatt deſſen einen bekommt. Sie er⸗ griffen den Ausweg, den immer im ähnlichen Fall der⸗ jenige ergreifen muß, der nur einen Funken Verſtand hat, ſie gaben ihm Recht, entſchuldigten ſich, ſo gut ſie konnten, und der einzige von ihnen allen, der den Mund bis jetzt noch nicht geöffnet hatte, und es war ein in Jahren ſchon vorgeſchrittener Mann, ſagte lachend: „Als ich bei den Spaniern ſtand, habe ich das Sprüchwort gelernt, welches ſo heißt. o tal cree tosar, y vuelve trasquilado.“ Durch dieſen Einfall wurde die Sache ins Lächer⸗ liche gezogen. Aber das eben begangene Verſehen er⸗ regte in Allen eine große Neugierde, mehr über einen ſo ſonderbaren Mann zu erfahren. Sie baten ihn da⸗ her höflich, entdecken zu wollen, wer er ſei, und einige, die ſich bei den von ihm erwähnten Waffenthaten be⸗ funden hatten, umgaben ihn und drangen noch mehr in ihn, als die andern. 105 Fanfulla hatte es, wie alle leidenſchaftlichen Män⸗ ner und ſolche, die in ihrem Leben viel durchgemacht haben, gerne, zu erzählen und von ſich ſelbſt zu ſpre⸗ chen, daher ſagte er, ohne ſich bitten zu laſſen, woher er ſei, nannte ſeine Eltern und endlich, nachdem er ſeinen Namen geſagt hatte, fügte er hinzu: „Aber unter den Soldaten hieß ich immer Fan⸗ fulla.“ Es erſcholl ein allgemeines Ah der Verwunderung und Freude, denn in der damaligen Zeit wußten ſogar die Kinder von der merkwürdigen Herausforderung, die von den Italiänern vor ſechsundzwanzig Jahren ſiegreich ausgefochten worden war, und kannten die Namen der Lanzenreiter, die in derſelben gekämpft hatten, welche unter den Soldaten ſehr in Ehre ge⸗ halten wurden. Unter den Unteroffizieren, welche ſich da befanden, war einer, der im ſpaniſchen Heer unter Gonſalvo gedient hatte, Zuſchauer des Kampfs bei Barletta geweſen war und Boscherino hieß. Er öffnete die Arme, warf ſich Fanfulla an den Hals und ſagte: „Und wer Teufel hätte Dich erkannt mit dieſem weiß und ſchwarzen Ueberwurf. Fanfulla ein Mönch? Ei, ei, ei! Ehe ich ſterbe, kann ich hoffen, den Sultan als Cardinal zu ſehen. Aber, aber, nur Geduld, laßt es Euch ſagen, Du wirſt Dich beſſer ausreden mit dem Schwert unter der Hüfte, und kennſt Du mich nicht? Man ſieht wohl, daß ich die Haut und das Haar verändert habe, Boscherino, wir find alt geworden, aber die Beine tragen uns noch.“ Sie tragen uns nur zu ſehr, wenigſtens ſpreche ich für mich ſo,“ entgegnete Fanfulla, den alten Ka⸗ meraden wieder erkennend und ihn umarmend,„wenn fie mich nicht ſo gut tragen würden, wäre ich ſtill und ruhig im Kloſter geblieben, und als ich dort eintrat, es find zwei Jahre, glaubte ich, die Grillen ſeien mir für immer aus dem Kopf; denn mit ſolchen Unfällen, 106 und noch den letzten Schlag von der Plünderung zu Rom zugerechnet, fühlte ich mich kränkelnd, wie ein geſpaltener Lanzenſchaft; was willſt Du, mit zwei Jahren Ruhe und alle Tage angerichtetem Eſſen bin ich wieder ſtark geworden.“ Und hier begann nun zwiſchen den beiden Freun⸗ den ein Geſpräch, ſo voll von„erinnerſt Du dich an Dieſen, erinnerſt Du dich an jenen Andern,“ daß es gar nicht aufhören wollte, endlich ſagte Boscherino, nachdem er viele alte Gefährten erwähnt hatte: „Und der arme Ettore, erinnerſt Du dich ſeiner? Was für ein Narr bildete ſich's ein, in der Zeit Triſtans unter Königin Iſolde zu leben, ein ſolches Ende zu nehmen, er hatte ſich's wirklich mit der Laterne geſucht, er wollte nicht trinken, denkt nur, ich ſagte zu ihm, als ich ihn in einem ſolchen Todtengeſicht ſah: Ettore, gehen wir zu,— zu— wie zum Teufel, hieß jener Wirth zur Sonne? Ah, es fällt mir ein, Arſe⸗ nico, gehen wir zu Arſenico, ſagte ich zu ihm, er hat einen göttlichen Wein. Du weißt doch von dem, der den Propf emporſchießt.. was willſt Du; das war, wie wenn ich hätte ſagen wollen.. Du willſt alſo nicht trinken, ſagte ich ihm: nun Du wirſt ſchon ſehen. Und wahrhaftig, er wollte mich gewiß nicht anlügen. — Run, zu wem ſage ich denn das. Du warſt ja ſein Kamerad und weißt....“ „Ich weiß nur zu gut,“ unterbrach ihn Fanfulla, indem er ſein beſcheidenes und betrübtes Geſicht wieder annahm,„doch davon muß man nicht mit mir ſprechen, ich Kettennarr war damals die Urſache von allem Unglück, ich führte jenes Frauenzimmer in den Irrthum...“ „Wie, wie?“ fragte dringend Boscherino. „O, was das wie betrifft,“ entgegnete der andere, „habe ich Dir ſchon geſagt, daß ich von allem dieſem Nichts ſprechen will. Es ſind ſchon alte Sachen und es läßt ſich da nicht mehr helfen.“ „Es foll als nicht geſagt gelten,“ erwiverte Bos⸗ ¹ 3 107 cherino lächelnd, mit ein wenig Zorn.„Und von der Sarazenin kann man doch ſprechen? Wie hieß die ſchöne kleine Mohrin mit dem Zeug, das ſie um den Kopf gewickelt hatte?“ „Zoraide,“ erwiderte Fanfulla.„Was das be⸗ trifft, will ich Dir ſo viel davon ſagen, daß Du zu⸗ frieden ſein ſollſt: Erinnerſt Du dich, wie im Anfang des Pontificats Giulio des Zweiten, Valentino int Kaſtell gehalten wurde?“ „Wohl damals... Aber hier gab der Thürhüter Fanfulla einen Wink, welcher, ganz in Feuer gerathen in ſeiner Erzählung, ihm kein Gehör gabz er näherte ſich ihm daher, zog ihn am Aermel und ſagte ihm, Indem er ein Stück Tapete empor hob, welches vor dem Thor des Sales des Malateſta hing: „Tretet ein, Bruder Giorgiv.“ Damit richtete er zweierlei Unheil an: Boscherino und ſeine Kameraden blieben wie manche andere, mit dem Wunſch im Innern zurück, zu hören, was aus Zoraide geworden ſei, und der gute Fanfulla, welchem durch den mit den Unteroffizieren gehabten Streit und die eben gehaltene Unterredung ſeine Rede entfallen war, hatte keine Zeit, ſeine Vorſtellungen zu ordnen und ſich vorzubereiten, ſie mit Gewandtheit darzuſtellen. Unverſehens in die Gegenwart des Oberfeldhauptmanns verſetzt, erging es ihm ungefähr, wie es einem Kutſcher ergehen würde, der mit vier eigenſinnigen Pferden fährt und aus Schläfrigkeit oder Nachläßigkeit ihnen die Zügel auf dem Hals gelaſſen hat; wenn dieſe aus irgend einer unvorgeſehenen Urſache eine Carriere an⸗ ſchlagen, ſo vergeudet er eine halbe Stunde, ehe es ihm gelingt, die Zügel in Wirkſamkeit zu ſetzen, und, indem er in der Verwirrung rechts zu ziehen glaubt, links zieht, und wenn nicht ein großes Glück ihm hilft, den Hals bricht. Aber Fanfulla machte die Erfahrung, daß große 108 Glücksfülle ſelten vorkommen. Als er fühlte, daß ſeine Rede ihm bis in die Fußſohlen hinuntergefallen war, ging er vorwärts mit dem Muth eines Mannes, der ohne Waffen in den Kampf hätte gehen ſollen. Dennoch machte er aus der Nothwendigkeit eine Tugend, und ohne ganz den Muth zu verlieren, grüßte er Malateſta mit ehrerbietigem, aber unbefangenem Weſen und ſagte, indem er ſo ein wenig dazwiſchen hinein huſtete, um Zeit zu gewinnen: „Großmächtiger Herr Feldhauptmann, wenn ich mir die Unannehmlichkeit gemacht habe, daher zu kom⸗ men.. um mich beſſer auszudrücken, wenn ich daher gekommen bin, Euch beſchwerlich zu fallen, ſo iſt ein Wunſch die Urſache, der Euch vielleicht ſehr unzuſam⸗ 13 menſtimmend ſcheinen wird mit der Kleidung, die ich 3 anhabe; aber, wenn es wahr iſt, was die Aſtrologen 11 behaupten, daß der Menſch ſich dem Einfluß nicht ent⸗ 1 ziehen kann, mit welchem die Sterne, oder wir wollen ſagen, die Planeten ſchon von Geburt an Richtung 1 geben, und mit unveränderlichem Geſetze die Hand⸗ 3 lungen und Werke ſeines Lebens leiten, oder vielmehr, 1 wenn die Philoſophen und Phyſiker lehren, daß man 1 keine gute Frucht gewinnen kann, wenn man an ein und daſſelbe Joch Tiger mit Lämmern ſpannt, daß je⸗ 1 des Thier auf ſeine Weiſe behandelt ſein will und es nur eine ſehr große Thorheit wäre, zu verlangen, daß es gegen ſeine Natur gehen ſoll, und wer es anders verſteht, der gibt, wie die gemeinen Leute ſagen, der Gans Salat zu hüten... und aus dieſem Grunde wie ich ſagte, bin ich gekommen, weil ich mich noch ſehr geſchickt fühle, meiner ſtarken Leibesbeſchaffenheit wegen 8 die Kunſt auszuüben, welcher mich der Himmel allein 13 zugeneigt hat, und da ich das Bedürfniß geſehen habe, welches in dieſen Bedrängniſſen dieſe Stadt haben 1 kann, Männer zu erhalten, die unſer Gewerbe ver⸗ ſtehen, denn von beſagtem Gewerbe wird man zu⸗ weilen Erfahrenere finden, als ich bin, aber niemals 109 Jemand, der es mit größerer Treue geübt hat, und vielleicht, wenn ich nicht fürchtete, Euch langweilig zu werden, könnte ich Euch zeigen, daß, was die Erfah⸗ rung betrifft.. und könnte Euch erzählen.. Malateſta gab Fanfulla Gehör und hatte ihn an⸗ fangs viel weiter kommen laſſen, als viele andere, um des Kleides von S. Marco willen, das er an⸗ hatte, denn damals mußte man in Florenz ſehr viel Ehrfurcht für dieſes Kloſter haben, aber als er an ihm darauf ein Geſicht bemerkte, welches, um die Wahrheit zu ſagen, viel von dem eines Narren hatte, und aus ſeinem ſonderbaren Geſchwätz ſchloß, daß er einen Sparren zu viel haben müſſe, hatte er nicht ſo viel Geduld, ihn bis zum Schluß kommen zu laſſen, und um ihn ſich vom Halſe zu ſchaffen, ſchnitt er ihm die Rede kurz ab, und ſagte zu ihm mit einer Stimme, in weniger Hoflichkeit lag, als in den Aus⸗ drücken: „Da Ihr von S. Marco ſeid und auch Eurer eigenen Perſon wegen will ich gern für Euch thun, was ich kann, aber ich muß vorher wiſſen, was Ihr wollt. Was iſt das für ein Gewerbe, das Ihr mir noch zu nennen habt? vielleicht ſeid Ihr der Pater Wundarzt des Kloſters, und wollt Euch unſerer Wun⸗ Ich werde Euch guten Dank dafür wiſſen.“ Fanfulla ſagte halb im Zorn zwiſchen ſeinen Zähnen: „Heut iſt doch der Tag, da mich Niemand ver⸗ ſtehen will.“ Darauf mit lauter Stimme: „Ich werde Euch wohl dienen, wenn Ihr wollt, Wunden zu geben und nicht ſie zu heilen, und um es in Einem Wort auszumachen, ſo wiſſe Eure Herrlich⸗ keit, jetzt bin ich Bruder Giorgio von Lodi, aber eh⸗ mals war ich Fanfulla von Lodi und bin bereit, es wieder zu werden, ſobald es geſchehen kann, ſobald nur Euer Gnaden ſich meiner bedienen will, und ich 3 S ———— 1¹⁰ hoffe, Euch ſehen zu laſſen, daß zwei Jahr im Kloſter mich nicht ſo veränvert haben, daß ich nicht noch zu Etwas gut wäre und hier,“ indem er ein Blatt aus dem Buſen zog,„hier ſeht das Zeugniß des Herrn Proſpero Colonna, dann glaube ich, daß Eure Herr⸗ lichkeit mich nicht zum erſtenmal erwähnen hören wird.“ Malateſta rief lachend aus: „O, Du Galgenſtrick, warum ſagteſt Du mir das nicht gleich, ohne mich mit ſolchen Mährchen von Aſtro⸗ logen und Phyſikern verwirrt zu machen, daß ich Dich für einen Prediger hielt? O, wenn es ſo iſt, und Dein Sinn darauf ſieht, die Lanze wieder zu ergreifen, ſo nehme ich Dich ſehr gerne an, und werde Dich ver⸗ wenden und wohl überlegt, glaube ich, haſt Du Recht, denn Du magſt, nach dem, was ich gehört habe, als Lanzenreiter beſſeres Glück machen, wie als Prediger.“ Als er darauf das Wohlverhaltungszeugniß des Proſpero Colonna geleſen hatte, ſagte er, indem er es ihm zurückgab: „Es war nicht nöthig, ich wußte ſchon ohne das, daß Du ein tapferer Mann biſt.“ Malateſta, von der Neuigkeit des Falls bewogen, wollte doch erfahren, durch welche Umſtände ein ſo be⸗ rühmter Soldat ſein Leben als Mönch habe endigen wollen, und Fanfulla willfahrte ihm ſehr gerne. Als er Alles gehört hatte, wendete er ſich an Amico d'Arſoli, Haupt⸗ mann einer der Reiterſchwärme, welche im Dienſte der Florentiner waren, und der mit andern Offizieren ge⸗ genwärtig war und ſagte ihm: „In meinem Dienſt werdet Ihr zufrieden ſein, die⸗ ſen in Eure Schar aufzunehmen. aber beiläufig ge⸗ ſagt, Fanfulla, wie verhält es ſich mit der Rüſtung und mit dem Pferd? Denn Du möchteſt doch wohl nicht anfangen, das Gewerbe zu Fuß zu treiben, wie ich vorausſetze?“ „Mit Waffen,“ entgegnete Fanſulla,„bin ich gut verſehen, was das Pferd betrifft, iſt es, die Wahrheit 111 zu ſagen, ein wenig mager, aber wenn es Goit ge⸗ fallen wird, ſo kann es geſchehen, daß, wenn wir einen von dieſen Deutſchen da außen zu Geſicht bekommen, ich mir ein beſſeres verſchaffe und mit der Spitze der Lanze bezahle.“ „In Gottes Namen,“ antwortete Malateſta.... In jedem Fall wirſt Du gleich Sold haben, wenn es ja Dir in Etwas fehlen ſollte; geh nun, nimm Deine Waffen und komm wieder; denn bald werde ich Jedem zu thun geben.“ Fanfulla ging hinaus, denn er hätte aus der Haut fahren mögen vor Freude, und wie ein Blitz war er im Kloſter. Dort hatte ſich ſchon das Gerücht verbreitet, daß Bruder Bombarde, ſo nannten ſie ihn, fortgehe, und da alle auch die Urſache kannten, ſo waren viele Mönche und Laienbrüder im Kloſter neugierig, ihn abgehen zu ſehen, verwandelt in einen Lanzenreiter. Kaum war er angekommen, ſo hatte er ſein Pferd geſattelt und in den Hof geführt, war dann in ſeine Zelle hinauf⸗ geſtiegen, hatte ſeine Waffen angezogen und angehängt und über den Bruſtpanzer, wie ein Uebergewand, die Patienz des St. Dominicus von ſchwarzem Zeug, welche das Wehrgehänge des Schwerts ihm an den Leib ge⸗ drückt hielt. Um vom Mönch ſo viel er konnte, bei⸗ zubehalten, nahm er überdieß noch den Roſenkranz und hing ihn an ſeinen größten Dolch, den er an der rechten Seite trug, und in dieſem Aufzug begab er ſich in die Zelle des Bruders Benedetto, da er es nicht für ehrenvoll hielt, fortzugehen, ohne Abſchied zu nehmen. Als er ſeine letzten Ermahnungen beſcheiden angehört und ihm die Hand geküßt hatte, ſtieg er in den Hof hinab, wo er die Mönche antraf, die ihn erwarteten, um ihm Lebewohl zu ſagen. Nachdem er die einen gegrüßt, die andern umarmt und einigen die Hand gedruckt hatte(dieſe waren nicht die Glücklichſten, denn da er ſtark war, und dazu einen 112 eiſernen Handſchuh anhatte, war es daſſelbe Vergnügen, als wenn man die Finger von einer Zange berührt ge⸗ fühlt hätte), ſchickte er ſich an, in den Sattel zu ſteigen. Aber wenn er gehofft hatte, daß auch dem Pferde der kriegeriſche Geiſt wiedergekehrt ſei, ſo mußte er bald bemerken, daß er ſeiner Standhaftigkeit Unrecht gethan hatte. Früher war es nicht ſeine Art, ihn feſt im Steigbügel zu halten und kaum fühlte es den Mann im Sattel, ſo ging es fort wie ein Blitz. Nun ge⸗ ſtattete es ſtatt deſſen, daß ſein Herr ganz bequem auf⸗ ſtieg, und machte keine andere Bewegung, als daß es ſich ganz auf die linke Seite bog, wo es das Gewicht fühlte. Es bedurfte ein paar tüchtiger Sporenhiebe, um es in Bewegung zu ſetzen und noch ſtärkere waren nöthig, daß es ſich gegen das Thor, das auf den freien Platz führte, in Bewegung ſetzte, anſtatt ſich in den Stall zu begeben, wie es ſich hartnäckig zu thun be⸗ mühte, trotz dem, daß der Zügel ihm den Kopf auf die entgegengeſetzte Seite drehte. Doch, wie es Gott gefällt, mit Spornen und Wiederſpornen, Ziehen, trat es endlich in das Thor und ging ſeinen Weg, während Fanfulla nicht aufhörte zu ſpornen, fortritt und ſich umwendete, gegrüßt und grüßend, ſo lang er ſehen und geſehen werden konnte. Wenige Tage nachher, ungefähr ſechs Uhr Rachts, machte er einen Umzug durch Florenz, an der Spitze von ſechs Hellebardieren, beſuchend und wiederbeſuchend alle Straßen und Gäßchen des Quartiers von St. Gio⸗ vanni, indem er machte, was man jetzt Patrouille oder Runde nennt, damals aber die Wache hieß. Es war ein rauhes, garſtiges Wetter, wie es oft in Florenz der November bringt, kalt, windig, und der Re⸗ gen ſtrömte wie aus Waſchſchüſſeln. Fanfulla be⸗ kümmerte ſich nicht darum, und um ſeine Schar zu unterhalten, die aus jungen, neu ausgehobenen Soldaten beſtand(auch, indem er darauf dachte, die Urſache ſein zu wollen, daß ſie etwas Gutes thäten), ließ er ſie, wäh⸗ 113 rend ſie den Weg machten, den Roſenkranz beten, er, als der Erſte, voran, und die andern hinter ihm, in einer Reihe längs der Mauer, um weniger durchnäßt zu werden. Der Leſer glaube jedoch nicht, daß die damaligen Soldaten ebenſo viele Kapuziner waren, denn wenig⸗ ſtens beteten die Kameraden des Fanfulla nur aus Furcht vor dem Griff einer großen Partiſane, die er auf der Schulter hatte, mit der er ſchon Miene gemacht hatte, den Rücken eines von ihnen ausſtäupen zu wollen, der ſich hatte einfallen laſſen, den Freigeiſt zu ma⸗ chen. Ueberzeugt alſo von dieſem Argument, welches, wenn die Regeln der Verskunde es erlaubt hätten, ſehr wohl mit den übrigen in den ſchönen Vers der Ab⸗ handlung über Logik hätte eingeſchloſſen werden können: Barbara, celarent, dario, ferio, baralipton— gingen ſie ſchon ſeit einer Stunde mit dem Verguügen einher, welches derjenige wohl kennt, der zuweilen in einer rauhen Winternacht fieben oder acht Leuten von der Wache die Parole geben mußte. Als ſie ſich zuletzt in die Gegend von St. Michele wendeten, um nach der Porta roſſa zu gehen, ſahen ſie bei dem Licht einer Fackel, die ſie bei ſich hatten, nahe an der Mauer auf der Erde etwas wie einen Bündel Kleider, daher näherten ſie ſich, und bemerkten bei auf⸗ merkſamer Betrachtung, daß es ein Weib war. Sie hatte, um ſich vor dem Waſſer zu ſchützen, die Kleider über den Kopf gezogen, und ſo, wie ſie zu ſehen war, ganz eingeweicht und beſudelt von Koth, ließ ſich ſchließen, daß ſie ſchon eine Weile ſo zugebracht haben mußte. Wäre ſie gelegen, ſo hätte man ſie vielleicht für das Opfer einer Gewaltthätigkeit halten können, aber ſie ſaß. „Was bei'm Teufel. was bei dem Herrn wird das ſein?“ ſagte Fanfulla, mit ſeinen Leuten ſtillſtehend, um ſie zu betrachten. „Eine davongelaufene Rärrin,“ ſagte der eine. Niecolo de' Lapi. 1.— 1¹4 „Es ſcheint eine Figur aus der Hölle des Dante,“ ſagte ein anderer, der den Gelehrten ſpielen wollte. „Wäre es die Johannisnacht,“ fügte ein dritter ji„ſo könnte man glauben, es wäre.. es möchte ein 1. „Ja, wahrhaftig, eine Here,“ erwiederte mit einem verächtlichen Lächeln der Freigeiſt der Schar,„fiehſt Du nicht, daß ſie keinen Ziegenfuß hat.... Du, Un⸗ wiſſender?4 „Wir wollen überhaupt zuſehen,“ meinte Fanfulla, näherte ſich ihr und ſagte:. „He da, Mädchen, he, Mädchen da, Weib da, mit Euch ſpreche ich, he!“ Aber ſie bewegte ſich nicht. Er wiederholte noch zwei und drei Mal ſeinen Ruf; dann hob er die Klei⸗ der weg, die ſie verbargen, nahm ſie bei dem Arm, ſchüttelte ſie und ſie erhob nun langſam den Kopf und zeigte ein Geſicht, das, wie man ſchließen konnte, ſchön geweſen ſein mußte, aber in dieſem Augenblick kalt und bleich erſchien, wie das eines Leichnams. Die Augen waren aufgeſperrt, aber verzogen und verlöſcht und hefteten ſich auf die Umſtehenden, anſcheinend ohne Sehkraft. Auf dem Schvoße hatte ſie ein Kind, das erſt vor Kurzem ganz eingehüllt war in eine Decke von Wolle, mit runden Wangen, ganz Milch und Blut, denn indem die Mutter mit dem Arm und Kopf ein Dach machte, war es ihr gelungen, es vor Waſſer und Kälte zu beſchützen. Ganz auf einmal bewegte ſich die Arme, wie wenn ſie erwacht wäre und ſich von dieſer Erſtarrung aufgeſchüttelt hätte und ihre erſte Bewegung war, das Kind an die Bruſt zu drücken, indem ſie es wieder mit den Händen und Kleidern bedeckte, während Fanfulla zu ihr ſagte: „O, was, bei dem Herrn, macht Ihr hier zu dieſer Stunde, auf dieſe Art? Muth, auf, erhebt Euch, was iſt Euch zugeſtoßen, ſagt, wo Ihr zu Hauſe ſeid, wir wollen Euch hinführen.“ 3 11⁵ „Wo ich zu Hauſe bin?“ antwortete das Mädchen, in eine Flut von Thränen ausbrechend,„ich habe kein Haus mehr, ſeht, mein Haus iſt hier dieſer Koth, dieß iſt mein Dach, die Wiege dieſes meines armen un⸗ glücklichen Sohnes!“ Und ſo ſprechend drückte ſie dem Kind auf den Mund einige Küſſe der Verzweiflung, die es aufweckten, und aufwachen und weinen, war ein und daſſelbe. „Ein ſchöner Geſchmack, den armen Unſchuldigen aufwecken und weinen zu laſſen, der Nichts dabei zu thun hat,“ ſagte Fanfulla, der am Ende doch ein gu⸗ tes Herz hatte, wie es überhaupt alle Tapfern und ein wenig handfeſten Leute nach einer ſonderbaren Laune der menſchlichen Natur haben. „Aber habt Ihr nicht Eltern, einen Mann, einen Vater, eine Mutter wenigſtens?. So ſchlecht es gehen mag, eine Mutter wenigſtens haben wir 2 e.“ ⸗ Und das Weib weinte immer ſtärker, ohne eine andere Antwort zu geben. „O überhaupt,“ ſagte Fanfulla,„wir bedürfen etwas anderes, als weinen und verzweifeln; es iſt Nacht, es regnet und iſt kalt, und dieſes Kind wäre morgen nicht mehr am Leben, daher kommt weg von da; unter Dach wollen wir hören, was geſchehen iſt... Gehen wir.“ Und mit ſanften Worten, aber doch ein wenig Ge⸗ walt gebrauchend, hob er das Weib von der Erde auf und ging mit ihr fort mit langſamem Schritt, nicht aufhörend, ſie zu leiten und zu tröſten und endlich auch ihr Kind tragend, das ſich am Halſe des Fanfulla ſchön ausnahm, bis er ſie in den Pallaſt der Regierung in die Erdgeſchoßgemächer geführt hatte, welche von der Thor⸗ wache eingenommen waren, wo es wenigſtens nicht reg⸗ nete und auch ein gutes Feuer angezündet war. Hier nach und nach ſich erholend und ein wenig wieder her⸗ geſtellt, begann das Weib zu ſprechen. Anfangs war —— —— — —— 116 ſie wie argwöhniſch, viele Soldaten um ſich herum ſehend, die ſie ohne Umſtände betrachteten, und ſich auch nicht enthielten, jeder dasjenige zu ſagen, was ihm hinſichtlich ihrer einfiel: aber da Fanfulla bemerkte, daß dieſe Unterſuchung und dieſe Reden ſie beleidigten, ließ er ſie in ein benachbartes Zimmer fich zurück ziehen, theils mit guten Worten, theils indem er ſich ſtellte, als ob er ſich erzürne, und jenes Argument gebrauchen zu wollen, das oben angedeutet wurde, welches die Lchrer der Logik vergeſſen haben, zu erwähnen. Er wußte nicht warum, aber er fühlte Antheil an dieſer Unbekannten, und es gibt Nichts, was er nicht gethan hätte, um ihr Troſt zu gewähren. Auch das Weib, ein wenig beruhigt und ermuthigt, durch das gute Herz, welches durch die zwar ein wenig rau⸗ ben, aber doch leutſeligen Manieren des alten Solda⸗ ten durchblickte, ließ ſich überreden, ſich ihm zu eröff⸗ nen und ihm ihre Unfälle zu erzählen. Aber in Erwä⸗ gung, daß dieſe Erzählung unzuſammenhängend ausfal⸗ len würde, wie ſie ſich von einer in ſolcher Gemüthsbe⸗ wegung und Gedanken verſetzten Perſon erwarten ließe, halten wir für gut, ſie wegzulaſſen. Indem es jedoch nöthig iſt, daß der Leſer erfahre, wer ſie war, und ihre Unfälle kennen lerne, ſo müſſen wir deßhalb die Begebenheiten ein wenig weiter rückwärts wieder auf⸗ nehmen und viele, die Familie Niccolo's beſonders an⸗ gehende Dinge vorbringen, für welche wir bis jetzt n Erzählung keinen Platz zu finden gewußt haben. Achtes Kapitel. Dem Seitenthürchen von Santa Maria Maggiore gegenüber ſieht man jetzt ein Haus von der einfältigen und charakterloſen Bauart des achtzehnten Jahrhunderts, das, nachdem es früher der Gaſthof zum ſchwarzen Adler geweſen war, heut zu Tage Neu⸗York genannt wird. Auf demſelben Boden, welcher zuerſt von dem Semi⸗ nar eingenommen war und theilweiſe noch älter von den Häuſern der Carretani, befand ſich in der Epoche, von der wir ſchreiben, dasjenige, das Niccolo gebaut hatte, zwiſchen dreizehn und vierzehnhundert und ähnlich eini⸗ gen aus dieſer Zeit, die noch in Florenz zurück blieben. Gott möge ſie noch eine Weile erhalten und ſie von einem Hausherrn befreien, wie diejenigen ſind, welche, um den Miethzins zu vermehren, aus einem Gemache vier machen, Fenſter öffnen, Vorderſeiten weiß anſtrei⸗ chen. Aber unterlaſſen wir dieſe Rede, denn es iſt ein thörichter Kampf, von Erinnerungen, von Baukunſt zu ſprechen mit demjenigen, der mit dem Geldpunkt antwortet. Das Haus, wo die Familie der Lapi wohnte(durch die Via de Conti von den Carneſecchi getrennt), war viereckig, feſt, maſſiv, dreiſtöckig, vom Erdgeſchoß an, von ausgehauenen und von der Zeit ge⸗ ſchwärzten Steinen, die Mauern von oben ganz voll von gemeißelten Arabesken und an dem Giebel ein Altan, gehalten von dünnen kleinen Säulen. Das Dach ragte ellenweit hervor und die Balken des Dachſtuhls, die es hielten, verlängerten ſich über die Mauer hin⸗ aus, und erſchienen wie große Tragſteine mit irgend einer Schnitzarbeit roh ausgeſchmückt. Die Fenſter des Erdgeſchoßes, dem Blick deſſen, der auf der Straße war, vielleicht ein wenig zu ſehr ausgeſetzt, waren mit großen Riegeln verſehen, unter dieſen befand ſich eine 118 ſteinerne Bank, ſo breit als die Vorderſeite war, und über dieſer in der Höhe von zehn Ellen waren zwiſchen den Querriegeln eiſerne Klammern drei Ellen lang, nach innen gebogen mit einer Oeffnung an dem Gipfel, wo bei Gelegenheit von Feſten Fackeln oder Standarten aufge⸗ pflanzt wurden, und von welchen ein ſehr großer Ring herab hing. An dem Winkel des Pallaſtes befand ſich ferner in gleicher Höhe eine von den Laternen, aber von Eiſen, wie man ſie noch ſieht an den Winkeln des Pallaſtes Strozzi, ein Werk des Caparra. An dem Thor, welches in der Mitte lag, klopfte man mit zwei großen bronzenen Glocken, welche aus dem Mund zweier Löwenlarven hingen, und wenn man ſah, wie die Lä⸗ den überall mit Kloben und Metallplatten beſeſtigt waren, ſo entſtand die Meinung, daß für Diebe in dieſem Hauſe ein Beſuch eine verlorene Zeit geweſen ſein würde. Beim Eintritt trat man in einen Thorgang, deſ⸗ ſen Gewölbe mit Schildereien al Fresco verſehen war und welcher in einen viereckigen Hof ging, in welchem man unter einer luftigen und wohl angelegten Vorhalle viele geſchichtliche Gemälde in Frescv ſah, aus der Zeit und Schule des Maſarcio. In der Mitte des obengenannten Thorgangs führten zwei Thüren in das Erdgeſchoß. Die zur linken Hand führte in vier Säle, wo Niccolo ſeinen Laden hatte und ſein Schreibzim⸗ mer, wo er ſich mit ſeinen Söhnen ſeinen Handels⸗ geſchäften hingab: die andere zur rechten diente zum Eingang in ſeine Wohnung, die er vorgezogen hatte, weil ſein Alter, obgleich rüſtig, es ihm doch ſchwer machte, Treppen zu ſteigen. Das erſte Stockwerk war eingenommen von den Söhnen, das letzte von den Töchtern und Frauen, welche ſich ſo in dem angeſehen⸗ ſten und vom übrigen Hauſe völlig abgeſchiedenen Orte befanden. Das Gemach des Alten(fort mit den Beſchreibun⸗ gen, wird der Leſer ſagen, aber wie kann man eine 4⁴9 Gruppe beſchreiben, ohne zugleich ein wenig in Lo⸗ calität einzugehen) war in allem demjenigen an⸗ gepaßt, der es hewohnte, alſo von ernſtem und ſchwe⸗ rem Styl. Es war austapezirt mit einem Stück flandriſcher Tapete, welches verſchiedene bibliſche Ge⸗ ſchichten darſtellte, mit einem Getäfel von dunkelm Holz, mit großen Schränken und enthielt außerdem nur folgen⸗ des weniges Geräthe: ein Bett von glänzendem Rußholz, in einem viereckigen Seitenkämmerchen, mit violettem Zeug, war von vier kleinen Säulen getragen, aufge⸗ pflanzt auf einem Untergeſtell, welches an der Stelle einer Eſtrade oder anſtätt einer Unterlage das Bett umgab und dazu diente, hinauf zu ſteigen, zwei große Kiſten von Holz, ganz von erhabener Schnitzarbeit (Niccolo's Weib hatte ſie in das Haus gebracht, als ſie als Verlobte gekommen war, und nach dem damali⸗ gen Gebrauch enthielten ſie die Ausſteuer), endlich meh⸗ rere große Lehnſeſſel von violettem Leder, feſtgehalten mit meſſingenen Nägeln. Neben dem Bette war eine Niſche in der Mauer, vier Ellen hoch von dem Boden auf, in welcher aufge⸗ hängt war eine Dominicanerkutte, und unter derſelben eine Urne von Silber, geſtaltet wie ein kleiner Coffer, und eine Lampe, welche an einer Kette von dem Getäfel herab hing, brannte davor. Die Kutte war die letzte, die der Mönch Savonarola getragen hatte, deſſen Bild man an die nahe Wand angeheftet ſah, in einen Rah⸗ men von Ebenholz eingeſchloſſen, es war dieſelbe, die man ihm bei ſeiner Hinrichtung vom Leib gezogen hatte; die urne enthielt die Aſche des Scheiterhaufens, auf welchem er verbrannt worden war, und dieſe Dinge, welche Niccolo als Reliquien eines Märtyrers in Ehren hielt und als Andenken an einen Lehrer und Freund, wurden von ihm mit zärtlicher und hoher Verehrung aufbewahrt. Wenige Tage nach der Leichenfeier des Baccio ſaß Niccolo nach dem Abendeſſen da, wo er ſich gegen die Dämmerung hin zu begeben pflegte, unter der Decke eines großen Kamins, in welchem ein gutes Feuer brannte, er hatte um ſich alle die Seinigen vom Hauſe und einige von den Männern, welche damals in Florenz am meiſten vermochten und ſich dort häufig Abends zuſammenfanden, nicht, daß etwa Niccolo damals irgend eine obrigkeitliche Stelle bekleidet hätte, ſondern wegen der Zuneigung, die ſie zu ihm fühlten, der hohen Ach⸗ tung wegen, in der ſie ſeine Erfahrung in Staatsange⸗ legenheiten hielt, und wegen ſeines Anſehens in der Partei der Piagnonen, von welcher er ſich das Haupt und die Seele nennen konnte. Es befand ſich da Bernardo von Caſtiglivne, Va⸗ ter des Dante, der grimmigſte Haſſer des Namens Pallesche und einer der berühmteſten ſeiner Partei, der⸗ jenige aus den Leuten vom Volk, welche die ausge⸗ dehnteſte Volksherrſchaft verlangten, welche übrigens neben ſich hatte die Partei der Optimati, von wel⸗ cher, wie wir ſagten, das Haupt geweſen war der Bannerträger Niccolo Capponi. Es befanden ſich ferner da zwei Dominicaner⸗Mönche, Bruder Benedetto von Faenza, den wir als Superior von St. Marco gefunden haben, ein ſehr braver Mann und von ſehr ausgebreiteten Kenntniſſen ſowohl in thevlogiſchen Gegenſtänden, als auch in lateiniſchen und griechiſchen Wiſſenſchaften, aber von zu ſanftem Cha⸗ racter für die damalige, kühne und furchtbarſte Rath⸗ ſchläge erheiſchende Zeit, und Bruder Zaccaria von Fiviz⸗Zano von St. Maria Novella, ein beredter Pre⸗ diger und ein mächtiger Aufreger des Volks, welches von ihm zur Freiheit entflammt wurde mit der an⸗ e und weiſſagenden Beredtſamkeit des Savo⸗ narola. Es befand ſich auch da Francesco Ferruceio, welcher aus einem Kaufmann ein Soldat geworden war, ein Mann, von dem man ſagen konnte, daß an ihm Seele und Leib von gediegenem Eiſen ſeien, einer von denen, 121 die man tödten kann, aber nicht beſiegen, die ſich nie⸗ mals beugen, einer von denen, welche zuweilen allein hinreichen, um den Umſturz von Staaten aufzuhalten: ein unerſchrockener Soldat, ein umſichtiger Feldherr, glücklich in Parteikämpfen, ſtreng in Kriegszucht und unbengſam den Soldaten gegenüber, den ſie deſſenun⸗ geachtet liebten, weil ſie ihn zu gleicher Zeit als ge⸗ recht und freigebig kannten. Ein warmer Bewunderer der Kriegsart und der Schule des Giovanni von Me⸗ dici, Hauptes der ſchwarzen Banden, dem er nach⸗ zuahmen ſuchte, da man unter ſeinen Anhängern ſagte, daß er den Herrn Giovanni zu ſehr ſpielen wolle. Er befleckte, wie wir ſagen müſſen, ſo viele Tugenden durch manche grauſame Handlung, aber wir mögen bedenken, daß er im ſechszehnten Jahrhundert lebte, daß er ſein Vaterland liebte und daß er deſſen lan⸗ gen und ſchmerzlichen Kampf ſehen und ſeinen unver⸗ meidlichen Sturz vorherſehen ſollte. Bernardo ſaß neben Niccolo, ſprach mit ihm ehr⸗ erbietig und ſchien ein Geſpräch von Wichtigkeit auf die Bahn gebracht zu haben. Bruder Benedetto, ge⸗ dankenvoll bald die Fläche, bald den Rücken der Hand dem Feuer zuwendend, kam hierauf zunächſt zu ſeiner Rechten, dem Halbzirkel um das Kamin herum folgend ſaß Bruder Zaccaria, der zwei ſchwarze Augen, ge⸗ ſpalten wie diejenigen des olympiſchen Jupiters von Phidias an die Decke heftend, den langen und dichten Bart mit der ſtolzen und begeiſterten Bewegung des Moſes von Michel Angelo hielt. Francesco Ferruccio, aufrecht in der Mitte, wendete dem Feuer den Rücken, und ſein nach dem Flackern der Flamme hin⸗ und her⸗ wankender Schatten war auf die Wand gebrochen über⸗ getragen, wo er in rieſigen Verhältniſſen ſeine hohe und kräftige Geſtalt wiedergab. Durch das Gemach hin auf Seſſel niederge⸗ worfen und ermüdet von den Abmattungen des Ta⸗ ges waren Averardo und Vieri, Niccolo's Söhne mit 122 ihren Bruſtpanzern bewaffnet. Bindo ſtand aufrecht ne⸗ ben einem Tiſch, wo Liſa und Laudomia beſchäftigt wa⸗ ren, Charpie zu zupfen und Binden zu nähen für die Verwundeten: er hielt in den Händen einen von ſeinen Helmen, mit deſſen Poliren er eben fertig geworden war, und nun mit halbem Auge umherſehend, ob der Vater auf ihn Acht habe, bat er leiſe Laudomia, ſie möchte ihm ein paar Federn ſuchen, um ſich einen Helmbuſch zu machen. Das Mädchen ſchüttelte den Kopf mit einem trüben Lächeln und winkte ihm, zu ſchweigen. Vielleicht erinnerte ſie der Anblick des gu⸗ ten Degens Baccio's an der Seite des Knaben an den getödteten Bruder, vielleicht beſchäftigten ſie noch ängſt⸗ lichere und durchbohrende Gedanken über die ſchlecht be⸗ rathene und unglückliche Schweſter. Liſa war um ein Jahr jünger, ſie war achtzehn alt, beide konnte man ſchön nennen, aber dem Anſehen nach hätte Jedermann Laudomia für die jüngere gehal⸗ ten. Auf ihrem ſittſamen und ſchwermüthigen Geſicht, in der langſamen und anmuthigen Bewegung ihrer blauen Augen und ſogar ihrer Stimme und Gebärde, leuchtete jenes jungfräuliche und unbefleckte Weſen, wel⸗ ches jedes Auge unterſcheidet, jedes Herz fühlt, und doch zu erklären unmöglich iſt, welches ohne dem einen Alter mehr, als dem andern eigen zu ſein, ohne irgend einem Stand ausſchließlich anzugehören, oft das Geſicht einer Mutter vieler Söhne ſchmückt, und vergebens ge⸗ ſucht wird auf dem eines Mädchens: dieſes, ich weiß nicht was(wenn ich wagen dürfte es zu ſagen), welches vurch die körperliche Hülle durchſchimmernde Schönheit der Seele zu ſein ſcheint, welche, während ſie in Wahr⸗ heit etwas von der Schönheit Unterſchiedenes iſt, den⸗ noch immer ſie entweder unwiderſtehlich und göttlich macht, oder ſie mit⸗Wucher aufwiegt, dieſes endlich, welches ſogar die Mißhandlungen des Glückes rächt, in⸗ dem es geehrt und erhaben macht die niedere und dunkle Armuth. —— 123 Dieſer Heiligenſchein einer noch nie von einem Ge⸗ vanken einer Schuld befleckten Seele machte aus dem Ge⸗ fichte der Laudomia das Geſicht eines Engels, und ihr Leben war auch nicht verſchieden von dem geweſen, was ihr Anblick anzeigte. Mit fünfzehn Jahren von der Mutter als Waiſe zurückgelaſſen, hatte ſie mit früh⸗ reifem Urtheil erkannt, daß es ihr zukam, die Stelle derſelben bei ihrer Schweſter zu vertreten, und ſie hatte dieſes Amt übernommen und ſchon viele Jahre behaup⸗ tet. Für den andern Theil der Familie war ſie ſo zu ſagen die Spindel, um welche ſich die Fäden der häus⸗ lichen Sorgen drehten. Wenn ferner im Hauſe irgend ein mißfälliges Wort fiel, ſo war es Laudomia, die durch ein geſchickt und zur rechten Zeit geſprochenes Wort es zum Schweigen brachte, oder in's Spaßhafte zog, wer einen Kummer hatte, vertraute ihn ihr an, denn mit ihrer ſanſtmüthigen Weiſe ſchien ſie ihn ſo⸗ gleich zu dem ihrigen zu machen, indem ſie ſich mit Betrübniß darüber beklagte, aber doch immer ein Mit⸗ tel oder einen Troſt dafür fand. Wenn es Wichti⸗ ges zu beſchließen galt, ſo hörte Niccolo mehr auf ſie, als auf irgend jemand Anders, und ſie gelangte mit einer ſchüchternen und ſich ſelbſt mißtrauenden Rede, aber mit ſicherem Urtheile faſt immer dahin, den beſten Rath zu geben. Ueberhaupt wurde ſie ſowohl von den Ihrigen, als außer dem Haufe unter den Freunden und ar nicht anders genannt, als der Engel des api. Ungefähr ein paar Jahre vor dieſer Zeit hatte ſie häufig einen nach Art eines Edelmanns gekleideten Jüngling bemerkt, der faſt jeden Tag unter den Fen⸗ ſtern des Hauſes vorüberging, bald allein, bald mit ſeinen Freunden, häufiger noch auf ſeinem ſchönen ſpa⸗ niſchen Reitpferd, welches er vortrefflich lenkte, und ſie hatte zu Liſa geſagt, welche in Arbeit neben ihr ſaß: „Welch' ein ſchöner, junger Mann!“ aber ohne weiter daran zu denken, und wie ſie geſagt haben würde: 124 „Welch' ſchöne Blume!“ und ſo oft er vorüber kam, betrachtete ſie ihn mit Vergnügen und arglos, wie ſie ein Mädchen von derſelben Schönheit betrachtet haben würde. Eines Tages ritten die regierenden Herren Aleſſandro und Ippolito von Medici, durch die Stadt ziehend, unter dem Hauſe Lapi vorbei, und die beiden Schweſtern ſahen mit einiger Verwunderung dieſen jun⸗ gen Menſchen neben ihnen reiten. Alle drei erhoben zugleich das Haupt und blickten ſie an, dann, als ſie vorüber waren, wendete einer nach dem andern ſich um und ſie lachten unter ſich. Laudomia, welche das Geſicht hingewendet gehabt hatte, zog ſich zurück und erröthete zum erſtenmal. Die⸗ ſes Gelächter ſchien ſie zu beleidigen und ſie empfand beinah ein Gefühl von Demüthigung und von Reue, ohne zu wiſſen, warum. Auf jeden Fall wendete fie, gelchrig der innern, geheimnißvollen Stimme, welche für junge Leute ein weiſer und eben ſo ſicherer Führer iſt, als die Erfahrung und Schamhaftigkeit genannt wird, von nun an, wenn Reiter vorüber kamen, das Geſicht nicht mehr und blickte nicht mehr auf die Straße. Aber die arme Liſa, obgleich von der Schweſſer ermahnt, daſſelbe zu thun, eigenfinnig, wie ſie war, machte es nur zu ſehr anders. Das erſtemal hatte ſie wie Laudomia, den ſchönen Jüngling betrachtet, nach⸗ her ohne ihr Gehör geben zu wollen, ſenkte ſie, wenn ſie von weitem das Geräuſch des Pferdes auf dem Pflaſter hörte, den Kopf, erröthete, machte ſich an das Fenſter und ſchien etwas ganz Anderes zu betrachten, während ſie doch das Aug' ſchnell auf den Reiter, der vorbeikam, fallen ließ. Die Put Laudomia bemerkte ohne Mühe, was dar⸗ unter ſtack, ſie erwähnte es leicht mit wenigen Worten gegen die Schweſter, welche mit hartnäckigem Läugnen es ihr faſt übel nahm, aber ihr Geſicht war wie eine Feuerflamme geworden. Laudomia erkannte, wie die Sache ſtand und ſchwieg. B n t —— M —,7 125 Sie wußte wohl, daß Liſa einen Kopf hatte, der ſich nicht leiten ließ mit einem Seidenfaden. Liſas Herz war wirklich gut, ihr Geiſt war großmü⸗ thig und redlich, aber ihre Mutter, die ſie für ein Wun⸗ der hielt, und über alles in Thränen zerfloß, was ihr ge⸗ than und geſagt wurde, hatte nicht oder zu ſpät erkannt, wie Unglück bringend ihre Liebe ſei, welche, um einem Mädchen eine kleine Thräne zu erſparen, verſäumt, ſie zu gewöhnen, nicht zu glauben, daß jedes Ding und je⸗ der Menſch ſich immer nach ihren Wünſchen richten muͤſſe. Von Kindheit an gewöhnt, zu wollen, konnte ſie nicht dul⸗ den, daß es nicht darnach gehen ſollte, gewöhnt an Lobes⸗ erhebungen(und man hätte ſagen können, Schmeiche⸗ leien der Mutter) hielt ſie jeden noch ſo geringen Tadel, den ein Anderer verſucht hätte, für aus Uebelwollen entſprungen und ſtatt daß eine kluge und von Anſehen begleitete Leitung ſie hätte zu einer Frau machen können von hoher Denkweiſe und ſtandhaftem Geiſte, war ſie, ſich ſelbſt überlaſſen, ſtolz und hart⸗ näckig geworden. Seit jenen erſten Worten, welche damals von Laudomia ihrer Schweſter über den Jüngling geſagt worden waren, waren ſie nicht mehr auf dieſen Ge⸗ genſtand zurückgekommen, und wie unter zwei Perſo⸗ nen, welche gewohnt ſind, ſich wechſelweiſe jede ihrer Gedanken zu ſagen, Nichts ſo ſehr geeignet iſt, Kälte zu veranlaſſen, als wenn es eine Saite gibt, welche von beiden nicht berührt werden darf, ſo war zwiſchen ihnen, ich will nicht gerade ſagen, ein Bruch entſtanden, aber Jede von ihnen betrachtete die Andere nicht mehr mit demſelben Auge, wie früher. Laudomia wußte nur zu ſehr, daß mit ihrer Schwe⸗ ſter von ihrer Liebe zu ſprechen(ſo unerfahren ſie war, bemerkte ſie wohl, daß es Liebe genannt werden mußte) und ſich ihr nicht günſtig zu zeigen, Gefahr laufen hieß, ſie ohne andern Vortheil ganz von ſich zu entfernen. Gegen ihr Gewiſſen zu ſprechen und ihr zu ſchmeicheln, 126 war ſie unfähig, auch nur den Gedanken zu hegen; fie ſchwieg daher und betete zu Gott, er möge ſie vor großer Gefahr behüten. Aber jeden Tag bemerkte ſie mehr, daß ihre Ge⸗ bete nicht erhört wurden und daß Liſa's Herz immer ſchwächer wurde. Sie ſah ſie nach und nach im Be⸗ nehmen und Ausſehen ſich verändern, und das ver⸗ nachläßigen, was ihr bis dahin gefallen hatte: einige ſchönen Blumen, die ſie auf der Terraſſe des letzten Stockwerks hielt, und dieſe mit eigener Hand zu zie⸗ hen, immer ſehr großes Vergnügen gehabt hatte, welk⸗ ten, da ſie nicht begoſſen wurden. Ein kleiner Vogel, der ihr Liebling war, wäre faſt geſtorben, weil er zwei Tage ohne Futter geblieben war, und was Laudomia am meiſten kränkte, ſie ſah ſie die Uebungen der Reli⸗ gion verſäumen oder ſehr nachläſſig in der Art, ſie aus⸗ zuüben, ſich benehmen. Zede von dieſen Beobachtungen waren Stiche in das Herz der guten Laudomia. Indeſſen kam der Tag des erſten Mai, ein Feſt, das in Florenz von den Machthabern und beſonders von den Mädchen gefeiert wurde mit Tänzen und anderem Zeitvertreib, und mit den beſten Kleidern ge⸗ ſchmückt, mit Blumen bekränzt, liefen ſie zuſammen, dem Lanzenbrechen, Carouſſel⸗Reiten oder dem Kolbenkampf zuzuſehen. Liſa und Laudomia gingen mit einer ihrer Verwandtin, das Feſt zu ſehen, und als ſie ſich auf dem Platz S. Croce in einem großen Gedränge befanden, ſah man plötzlich Liſa nicht mehr und ſo ſehr ſie auch ſuchten, gelang es ihnen nicht, ſie auszuforſchen. Sie kehrte jedoch bald nach ihnen nach Hauſe, und wenn Niccolo und die Andern kein großes Gewicht drauf legten, wie auf einen bei ſolcher Verwirrung ſehr gewöhnlichen Zufall, ſo verſtand es Laudomia, ob⸗ gleich ſie es nicht ſagte, doch anders und tauſend Gründe des Argwohns wälzten ſich durch ihr Gemüth. Aber ſie wußte auch mehr davon, als die Uebrigen. Jenen ganzen Abend konnte Liſa, ob ſie ſich gleich glle 127 Mühe gab, ſo wie gewöhnlich, zu erſcheinen, doch dem forſchenden Auge der Schweſter eine gewiſſe Scheu nicht verbergen, etwas gewiſſes Neues im Blick und in dem ganzen Weſen. Laudomia hatte, indem ſie dieſe Zeichen einer im⸗ mer wachſenden Liebe bemerkte, die ſie zwiſchen tauſen⸗ verlei dunkelm und ſchmerzlichem Verdacht befangen hielten, gerechte Gründe, eine ſehr bittere Betrübniß darüber zu empfinden. Sie ſah nur zu gut, daß kein günſtiges Ende zu hoffen war. Der junge Mann war ron der Partei der Palleschen, von der Partei, welche ihrem Vater und ihrem ganzen Hauſe unermeßliches Uebel zugefügt, die ſich immer den Geſetzen und der alten Freiheit von Florenz feindlich gezeigt hatte. War nun anzunehmen, daß Niccolo einen Schwieger⸗ ſohn von dieſer Partei hätte haben mögen? Zu all dieſem füge hinzu, daß das Mädchen geſchickt und ohne die Brüder und Freunde des Hauſes etwas merken zu laſſen, nachgefragt hatte, wer dieſer ſei, über ihn Dinge erfuhr, die ihr ſehr mißfielen, er ſei ein gewiſſer Herr Troilo degli Ardinghelli, ein Günſi⸗ ling der Medici, ein höfiſcher Mann und von ungebun⸗ dener Lebensweiſe. Zu dieſen Beweggründen, welche die Intereſſen der Familie und der Partei angingen, kam ein anderer, das Innere des Hauſes ſelbſt betreffender. In der Werkſtatt Niccolos arbeitete ein junger, kaum bärtiger Mann, der von Kindheit im Hauſe er⸗ zogen war und Lamberto hieß. Dieſer war ſehr nie⸗ drig geboren. Sein Vater, ein Handwerker, hatte wegen ſeiner Ehrlichkeit und weil er von ſehr gutem Verſtande war, die Gunſt Niccolos erhalten, der ihn von einem armen Handwerker bis zu einem Zunftmei⸗ ſter ſeines Gewerbes erhoben hatte. Dieſer Ehrenmann bezahlte mit ſeinem Blute die Verpflichtungen, die er gegen ſeinen Wohlthäter hatte. 128 Als nämlich am6. April 1498 die Feinde des Bru⸗ ders Girolamo das Kloſter und die Kirche von S. Marco erſtürmten, rotteten ſich ſehr viele Piagnonen und un⸗ ter ihnen Niccolo mit Piero, dem Vater des Lamberto, zuſammen und ſchloſſen ſich dort ein, um ihn zu ver⸗ theidigen. Die Schlacht dauerte viele Stunden der Nacht, indem die Belagerer in großer Anzahl waren und mit Waffen jeder Art kämpften, mit Schießgeweh⸗ ren und Steinen, während die Belagerten kräftigen Widerſtand thaten, nicht anders, als es bei der Erobe⸗ rung einer Feſtung gewöhnlich iſt. Der Pater mit ſei⸗ nen Mönchen ging in Proceſſion durch das ganze Klo⸗ ſter, begab ſich dann in die Kirche, nahm das Sacra⸗ ment aus dem Tabernakel, ſtellte es auf den Altar, und im Gebet niederknieend, ſangen alle zuſammen„Sal- vum fac populum tuum, Pomine, et benedic haere- ditati tuae,“ indem ſie von Augenblick zu Augenblick das Märtyrerthum erwarteten. Dennoch wollte der Pa⸗ ter nicht zugeben, daß mau ſich der Waffen bedienen ſolle, um ihn zu vertheidigen. Bruder Dominico von Pescia und viele edle Bürger, unter welchen ſich Fran⸗ cesco Valore, Battiſta Ridolfi und T. Davanzati be⸗ fanden, drängten ſich herum und beſchloſſen, ihre Geg⸗ ner mit den Waffen zurückzuſchlagen, welche zuletzt, nachdem das Thor der Kirche von Feuer verzehrt war, in Haufen eindrangen und ein wüther des Handgemenge mit den Piagnonen und den Mönchen begannen, wel⸗ ches viele Stunden dauerte. 3 Ein Novize Namens Heinrich, ein Deutſcher, ſprang hervor und tödtete mit einem Feuergewehr viele Feinde und jedesmal, ſo oft er Feuer gab, rief auch er: Sal⸗ vum fac populum tuum, Domine u. ſ. w. u. ſ. w. Und ein Mönch von Biliotti hieb mit einem Crucifir von Meſſing dem Jacopo di Tanai de'Nerli ein Auge aus, und dieß ſoll geſagt ſein, um eine Vorſtellung davon zu geben, wie die damaligen Zeiten waren. Niccolo, we lcher damals 53 Jahr alt war, kämpfte 129 mitten in der Kirche gegenüber dem Altar der heil. Jungfrau und hatte ſeinen getreuen Piero mit ſich ge⸗ bracht(ſo hieß der Vater des Lamberto), als dieſer einen Gegner bemerkte, auf welchen Niccolo nicht Acht gab, der mit einer großen Partiſane einen ftarken Stoß gegen ihn führte, welcher ihn durch und durch gebohrt haben würde, warf er ſich, keine andere Art findend, ihn abzu⸗ wehren, dazwiſchen und empfing das Eiſen in die Bruſt, das ihm durch den Rücken wieder hinaus ging, und in Blut überſchwemmte Niecolo vom Kopf bis zu den üßen. Einige Mönche eilten herbei, wie man zu thun pflegt mit einem, der fiel, nahmen den Verwundeten auf und trugen ihn zum Altar hin, wo er, nachdem er mit großer Freude das Abendmahl genommen und Gott für dieſen Tod gedankt hatte, ſich zu Niccolo wen⸗ dete, welcher ihm nicht ohne Thränen den Kopf hielt, und zu ihm ſagte:„Ich hinterlaſſe Nunziata— im ſiebenten Monat.. Empfohlen ſei Euch mein Sohn oder meine Tochter, was es nun ſein mag!“ Und ohne Etwas weiter ſagen zu können, gab er Gott ſeine Seele zurück. Von da an, wie Jeder es ſich denken kann, ſorgte Niccolo aufs eifrigſte für Nunziata, und Lamberto, zwei Monate ſpäter geboren, wurde nachher immer behan⸗ delt, wie wenn er ſein Sohn geweſen wäre, und da er fand, daß er keict auffaßte, ließ er ihn ſo viel ler⸗ nen, daß er in Schriften erfahren wurde, übertrug ihm, mit guter Belohnung ſeine Bücher zu halten, und dachte Tag und Nacht darauf, wie er es anzufangen habe, um ihm eine Stellung zu geben und auf dieſem Wege die große Verpflichtung abzutragen, die er ge⸗ gen den Vater hatte. Niccolo war ein reicher Kauf⸗ mann, daher hatte er nur zu Lamberto ſagen können: „Nimm Dir ſo und ſo viel an Geld und mache damit Deine Geſchäfte.“ Aber erſtens war er der Meinung, Niecolo de' Lapi. 9 130 daß Verpflichtungen ſolcher Art ſich nicht wohl mit bloßer Münze aufheben ließen, dann auch, da er eine ſtarke Familie hatte, dünkte es ihm ungerecht, das Ver⸗ mögen ſeiner Söhne um eines Grundes willen zu ver⸗ ringern, der ihn allein anging. Es war in ihm der Gedanke entſtanden, Lamberto eine ſeiner Töchter zu geben mit einer ſolchen Mitgift, daß er wohl beſtehen könne, und ſo gelang es ihm dann, alle Bedenklichkeiten zu heben. Aber, obwohl der Jüng⸗ ling, der ſchon über zwanzig Jahre alt war, ein ſol⸗ cher war, der von keinem Mädchen eine Zurückweiſung zu fürchten hatte, ſo beſaß Niccolo doch zu viel Ver⸗ ſtand und zu viel Gerechtigkeit, um vorher eine ſolche Verlobung anordnen zu wollen, ohne vorher das Herz und den Willen desjenigen, der ſie eingehen ſollte, ſehr genau zu kennen. Die erſten Schritte zu thun und es ihm ſelbſt vorzuſchlagen, ſchien ihm mit ſeiner Ehre nicht vereinbar; daher überließ er es der Zeit und wartete, ob irgend eine Gelegenheit die Erfüllung⸗ dieſes ſeines Planes begünſtigen möchte. Daß Niccolo im Sinne hatte, Lamberto zu ſei⸗ nem Eidam zu machen, ohne ſich zu bekümmern, daß er von ſo armer Herkunft war, durfte Niemand Wun⸗ der nehmen, welcher beide kannte. Der Greis gehörte nicht zu denen, die die Ariſtokratie der Adelichen haſ⸗ ſen, weil ſie ſie beneiden, und welche ſie ſtürzen wol⸗ len, um die Stelle derſelben einzunehmen. Er hielt jeden Mann für den Sohn ſeiner eigenen Werke und ſchätzte ihn nach dem Maße ſeiner Tugenden, und daher hielt er immer dafür, daß einer Stadt gefährlich ſeien dieſe Parteien und Kaſten von Großen oder Kaſten von Staats⸗ männern oder von Kaufleuten oder von welcher andern Herkunft ſie ſein mögen, welche ſich, mit einander ver⸗ bindend und von den andern Bürgern abſondernd und es verſchmähend, mit jemand verwandt zu werden, der nicht zu den Ihrigen gehört, gewaltthätige Handlun⸗ gen und ſtolzes Betragen annehmend, Anſehen, Reich⸗ 131 thümer und Ehrenſtellen zu erhalten ſtreben, nicht we⸗ gen einer beſondern Tugend, die ſie an ſich haben, ſondern eines bloßen Zufalls wegen, daß ſie in dieſer ihrer Partei geboren find, oder ihr auf irgend eine Weiſe angehören. Aber wie ſelten ſind die Männer, welche wie Rieccolo die Mißbräuche aus der bloßen Liebe für das Billige und Ehrbare verabſcheuen, und nicht aus Furcht, in einen Schaden dadurch zu gerathen, oder aus Aer⸗ ger, ſich deſſen nicht bedienen zu können, um Andere dadurch zu unterdrücken. Lamberto hätte ferner von ſeiner Seite verdient, auch von einem ſolchen Vater unter diejenigen gerech⸗ net zu werden, welche Geburt und Reichthümer nicht höher ſchätzten, als recht war. Wenn der Leſer wünſcht, ſich das Bild Lam⸗ berto's vorzuſtellen, ſo denke er ſich einen hochgewach⸗ ſenen jungen Mann, der durch das vollſtändigſte Eben⸗ maß der Glieder zu Allem geſchickt iſt, was ein Menſch unternehmen kann, wenn es Stärke und Gewandtheit erfordert. Und dieß mag für das Phyſiſche genug ſein. In moraliſcher Beziehung hatte ihn die Natur mit je⸗ nem Geſchenke begünſtigt, das ſie ihren Lieblingen auf⸗ hebt, denjenigen, welche ſie ohne Unterſchied des Stan⸗ des und des Glücks zu größern Unternehmungen be⸗ ſtimmt, ein Geſchenk, welches man lieber zu den Vollkommenheiten rechnen kann, ein fruchtbarer Saame ſchöner Handlungen und großer Tugenden und von al⸗ lem, was es Erhabenes im menſchlichen Wirken gibt, ein ſtrenger Richter, der in das Ohr eines mit Bei⸗ fall überhäuften Mannes ſagt:„Du hätteſt mehr thun können;“ ein Sporn, der immer denjenigen treibt, der geboren iſt, ihn zu fühlen, weil er bei jedem Ding, bei jeder Handlung ſieht, um wie viel der Weg län⸗ ger iſt, den er zu machen hat, um zur Vollkommen⸗ heit zu gelangen, als der, den er ſchon gemacht hat, eine Pein für die Seele und zugleich ihr Leben, die Quelle ſo großer Freuden. Wäre es vielleicht der Eindruck, welcher in dem Menſchen von dem göttlichen Odem zurückgeblieben iſt, mit welchem der Herr ihn aus dem Nichts gerufen hat? Dieſe edle Leidenſchaft, welche in Lamberto mit dem Wachſen der Lebensjahre immer glühender wurde, hatte ihn angeregt, mit allem Eifer das Glück zu be⸗ nützen, in einem Hauſe erzogen zu werden, wo ſich ſeinem Geſichtskreis alle Mittel befanden, in den Schu⸗ len erzogen zu werden, welche eine vollſtändige Ent⸗ wicklung der phyſiſchen und moraliſchen Eigenſchaften veranlaſſen. Vielleicht vorausſehend, daß ſein Leben nicht ganz in einem Laden vorübergehen würde, hatte er ſich bemüht, ſich einer glänzenden Stellung gewach⸗ ſen zu machen, indem er ſeine Geſundheit und ſeine Kräfte durch jede Art ritterlicher Uebungen abhärtete, in welchen er, mehr als irgend Jemand, vor⸗ treffliche Fortſchritte gemacht hatte, und ſeinen Ver⸗ ſtand zur Reife bringend, beſonders durch das Leſen der Geſchichtſchreiber, mit denen er die Reden in Ein⸗ klang brachte, die er im Hauſe von Niccolo hörte, und von jenen Staatsmännern, welche da zuſammen kamen, war er dahin gelangt, ſich ein Capital von gründlichen und verſchiedenartigen Kenntniſſen zu ſam⸗ meln, und durch dieſe und die von der Kindheit her angenommene Gewohnheit, Nichts zu thun, keine Mei⸗ nung anzunehmen, ohne vorher ſehr darüber nachge⸗ dacht zu haben, war er in einem Alter ein Mann ge⸗ worden, in welchem viele Andere wenig mehr als Kin⸗ der ſind. Uebrigens iſt es wahr, um ſeine Fehler nicht zu verſchweigen, daß gerade wegen ſeiner Liebe für das Schöne und Vollkommene er fich leicht und mit un⸗ glaublicher Heftigkeit für gewiſſe Dinge und Perſo⸗ nen entflammte, von welchen er ſich einbildete, daß ſie etwas Großes an ſich hätten, und daß er ſich dieſelben mit ſeiner warmen Phantaſie mit einer viel größern 133 Vollkommenheit ausmalte, als wirklich der Fall war. Und wenn er dann erkannte(wie es gewöhnlich zu ge⸗ hen pflegt), daß er ſich theilweis oder ganz getäuſcht habe, ſo ging er von unmäßiger Bewunderung zu un⸗ mäßiger Verachtung über. Es wird vielleicht nicht zur Unzeit ſein, zu bemer⸗ ken, daß wenn junge Leute von feurigem Gemüthe und großmüthigem Herzen, wie Lamberto, ſich gegen dieſe Sucht voreiliger und ausſc weifender Urtheile bewah⸗ ren könnten, ſie viele Irrthümer vermeiden würden; ſie würden ſich nicht ſo viele Ungerechtigkeiten vorzu⸗ werfen haben, und viele Uebel, die daraus folgen; und die Unannehmlichkeit verſchwundener Täuſchungen würde ſie nicht gegen die Menſchheit den blinden und ſtolz Haß faſſen laſſen, der vielleicht viele dichteriſche Reden hervorgebracht, aber niemals die Menſchen tugendhaf⸗ ter und glücklicher gemacht hat. Man könnte noch beweiſen, daß dieſe Sucht ihn härter für die andern und verliebter in ſich ſelbſt ge⸗ macht hat, indem ſie ihm die Erkenntniß einer ſehr ge⸗ meinen und für jedes Hirn offenbaren Wahrheit nahm, daß es nämlich in der Welt viele Schelme gibt, aber auch viele Biedermänner, und die einen und die andern, auch jene wilden Haſſer unſeres menſchlichen Geſchlechtes mit dazu gerechnet, thun, unter einander gemiſcht, gute Handlungen und Narrenſtreiche, ſo daß am Ende Alles darauf hinausgeht, die heilige Unpar⸗ teilichkeit zu haben, das Eine vom Andern zu ſondern, das Gute zu loben, das Böſe zu tadeln, die Menſchen zu beklagen, die nach ihrem Charakter immer zwiſchen beiden ſchweben müſſen, und endlich ſie ermahnen und ihnen helfen, wenn es ſein kann, anſtatt ſie zu plagen und unnützerweiſe zu verfluchen. Dieſe Ueberlegungen wären jedoch für Lamberto ganz unnütz geweſen. Er hatte wenig Unfällen begeg⸗ net und ſtatt deſſen in der Familie ſeines Beſchützers un⸗ zählige Freundſchaftsbezeugungen gefunden, ſein Charakter 134 hatte dadurch keine Gründe gefunden, herb zu werden, und trotz dem Fehler, den wir ihm beigelegt haben, hatte ſein fittliches Benehmen, ſein gefühlvolles und ehrba⸗ res Weſen und die zärtliche Dankbarkeit, die er Nic⸗ colo zeigte, ihm die Liebe des Greiſes, der Söhne und Aller, die er kannte, erworben. Es fand ſich jedoch im Hauſe eine Perſon, die ihn liebte, vielleicht ohne es auch nur ſelbſt bemerkt zu haben, und zwar auf eine ganz andere Art, als die Uebrigen. Dieß war Laudomia. In Wahrheit, wenn je zwei Herzen einander hät⸗ ten begegnen ſollen: ſo waren es die ihrigen. Aber obwohl Lamberto die Sympathie für ſie fühlte, welche aus der Aehnlichkeit der Charaktere entſpringt, ſo wurde er doch von dem reinen und jungfräulichen Schimmer, der ſie umgab, zurückgehalten, um deſſen willen er ſich für zu niedrig hielt für etwas ſo Hohes und Göttliches. Nur wenige Male ſah er, noch ſeltener ſprach er ſie, und es kam ihm ſogar vor, als ob Laudomia we⸗ nig auf ihn Acht habe und ihn meide. Der⸗ſchüchterne und ehrbare Jüngling dachte: Verdiene ich vielleicht einen ihrer Blicke? Aber Niccolo's Tochter war weit entfernt, ihn zu verachten, und ſie floh ihn, geleitet von der innern Schamhaſtigkeit, welche ihre Führerin war. Liſa dagegen benahm ſich ganz anders gegen Lam⸗ berto. Sie behandelte ihn mit der vertraulichen Si⸗ cherheit Einer, die gewiß iſt, daß man ihr Nichts dagegen einwendet. Lamberto's licbevolle und reine Seele befand ſich in dem Zeitraum, wo ſie ſich ſo leicht der Liebe öffnet, wie dem Anhauch eines neuen Lebens; wo man die Macht derſelben früher fühlt, als der Gegenſtand gefunden iſt, auf welchem ſie haften ſoll. Eine Zeit voll Gefahren und Bangig⸗ keiten, voll Wonnen und ängſtlichem Sehnen, wo der Menſch faſt immer von der erſten Schlinge gefangen und von der leichteſten Lockſpeiſe angezogen wird. Alles kommt darauf an, nicht zu fallen. 135 Das Herz des Jünglings, welcher nicht gewagt hatte, ſeine Wünſche bis zu Laudomia zu erheben, wen⸗ dete ſich nach und nach zu Liſa, faſt ohne es zu be⸗ merken und zu wollen, und endlich gab er ſich über⸗ wunden, indem er in ſie allein ſein ganzes Glück und ſein ganzes Denken ſetzte. 2 Der aufmerkſame und feine Sinn, den die Ratur in jedes Weib gelegt hat, und der der Erfahrung vor⸗ angeht, zeigte Aſa, ſo jung ſie auch war, welches Lam⸗ berto's Geſinnung gegen ſie war. Sie freute ſich, ſich geliebt zu wiſſen. Und welches menſchliche Herz erfreut ſich nicht daran, wenn es nur unbefleckt und unſchul⸗ dig iſt? Aber dieſes Wohlgefallen entſprang vielleicht bei ihr mehr aus der Eigenliebe, als aus dem Herzen. Da ſie von ſich ſehr hoch dachte, war ihr dieſe Liebe theuer, als ein Beweis mehr, wie viel ſie ſelbſt werth ſei. Wenn man will, war ihr auch Lamberto theuer; ſie würde ihn vielleicht unſinnig geliebt haben, aber ſie konnte rie Vorſtellung nicht in den Kopf bringen, das Weib eines Mannes zu werden, der ſein Leben mit dem Ellenmaß in der Hand beim Brocatmeſſen zubringe. Lamberto ſeinerſeits ſetzte ſchon von Natur und da er in ſich ſelbſt eine ſo niedrig ſtehende Perſon ſah, Mißtrauen in ſich ſelbſt, theilweiſe errieth er auch die Gedanker des Mädchens: und ſo verlor er manchmal wirklich alle Hoffnung, manchmal, wenn er wieder fühlte, wie ſehr ihn Riccolo werth hielt und wie einen Sohn behandelte, wurde er wieder ein wenig ermuthigt, und der Alte, welcher nur, ſoweit ſein vieles Nachden⸗ ken es geſtattete, ſich Mühe gab, zu entdecken, welches die Geſinnung ſeiner Töchter für ſeinen Lamberto ſei, und beinahe für gewiß hielt, daß zwiſchen ihm und Liſa Etwas vorgehe, ließ es ſich angelegen ſein, ohne zu offene Schritte zu thun, doch durchblicken zu laſſen, daß er einer Vereinigung zwiſchen ihnen kein ſehr gro⸗ ßes Hinderniß in den Weg legen würde. Als er endlich mit Beiden eines Tags allein im 136 Zimmer war, ging ſie zufällig hinaus und Lamberto blickte ihr nach, ohne zu bedenken, daß er beobachtet werden könne, mit einem vielſagenden Blick. Niccolo he legte ihm die Hand auf das Haupt und ſagte zu ihm: „Lamberto, ich wünſche Dir alles Gute, was ich habe, denn ich kenne Dich ganz als einen wackern ann, und wiſſe, daß, wenn ich Liſa einen Gatten geben will, ich nicht darauf ſehen werde, daß er reich ſei, noch von einem großen Hauſe: ſondern daß er ein wackerer Junge ſei und daß er ihr gefalle.“ Und nach⸗ dem er mit liebevollen Blicken auf den Jüngling, deſſen Geſicht ausſah wie ein Kohlenfeuer, eine Weile inne gehalten hatte, wiederholte er noch einmal:„Daß er ihr gefalle, Du haſt mich verſtanden.“ Niccolo war ſchon aus dem Zimmer hinausgegangen, als bei Lam⸗ berto noch kein Puls geſchlagen, kein Glied ſich gerührt hatte; ſo ſehr glaubte er zu träumen. Endlich ſchüt⸗ telte er ſich auf, und, ganz närriſch vor Freude, ſagte er:„Wenn ich ſie jetzt nicht zu gewinnen weiß, ſo habe ich mich über mich ſelbſt zu beklagen.“ Jedoch um dieſe Freude zu trüben, mußte ihm plötzlich einfallen, daß er zu errathen geglaubt habe, daß Liſa zu ſtolz ſei, um ihre Liebe auf einen Mann von niederer Herkunft zu wenden und zum erſten Mal in ſeinem Leben fühlte er Aerger über die dunkle Armuth ſeiner Eltern; zum erſten Male dachte er ſeufzend:„v, wäre ich als Edelherr geboren!“ Bald aber ſchämte er ſich beinahe vor ſich ſelbſt über dieſen unnützen Gram' und ſagte, den Kopf ſchüttelnd: „Bin ich vielleicht nicht ein Menſch wie ein anderer?“ Und mit glühender Phantaſie ſah er faſt leiblich vor ſeinen Augen geſchart alle diejenigen, die in Italien durch ihre Tapferkeit aus einem niedern Herkommen zu Rang und Anſehen emporgeſtiegen waren. Er erinnerte ſich an das, was er geleſen hatte von Caſtruccio, von Uguccione della Faggiuola und von Sforza, und indem ——— — — 137 er jene Stelle in Dante's Fegfeuer auf ſich bezog, rief er aus:„Ich bin doch von dem Lande: . Wo ein Marcell kann werden Ein jeder Landmann, der antritt zum Kampfe.“ Dann von einer Vorſtellung zur andern übergehend, befeſtigte er ſich immer mehr in dieſen Gedanken und überlegte ſo:„Niccolo zwar würde mir Liſa geben, weil ich der Sohn deſſen bin, der ſein Blut für ihn gegeben hat; aber er wird deßwegen doch nicht umhin können, zu bedenken, daß ich nur der Sohn eines armen Handwerkers bin, und daß er Liſa, wenn er wollte, dem erſten Manne in Florenz würde geben können, und dieſer ihm noch ſehr dafür Dank wiſſen würde.“ Der edle Stolz in Lamberto's Seele empörte ſich bei dem Gedanken, daß ſein Wohlthäter, daß Liſa nicht einſt Urſache haben ſollten, auf ihn ſtolz zu ſein, und indem er ſich in dieſer Vorſtellung erhitzte, glaubte er ſchon, Laudomia als die Verlobte irgend eines Großen zu ſehen, zu ſehen, wie der Schwager ſich des armen Seidenarbeiters ſchämte, wie die Freunde und der ge⸗ meine Haufen ihn von der Seite anſahen, wie ſeine Liſa(nach ſeiner Gewohnheit ſtellte er ſich ein Ideal unter ihr vor), von dieſer Verachtung gekränkt, ihn würde vertheidigen wollen; wie fſie nöthig haben würde, ſeine Stütze zu ſein, faſt ihn zu beſchützen!.. Dieſe Vorftellung durchbohrte ihn auf einmal ſo peinlich, ein ſolches Leben zu führen, ſchien ihm ſo ſchmerzlich und elend, daß er mit plötzlicher Entſchließung in ſeinem Innern beſchloß, um jeden Preis ſich diejenige zu er⸗ werben, welche er fühlte verdienen zu können. Voll Kühnheit und Hoffnung, ſah er auf einmal vor ſeinen Augen gleichſam ein neues Schauſpiel vorübergehen, glanzerfüllt von Waffenthaten, Wechſelfällen und Ruhm: im Hintergrund deſſelben erblickte er ſich ſelbſt, berühmt im Kriegsweſen, Herr einer Burg, geehrt und mächtig, und Liſa einer großen Edeldame gleich geachtet und von ihren Gefährtinnen und Freundinnen beneidet. Trunken von dieſen verführeriſchen Bildern und ſich gekräftigt an Geiſt und Körper und zu jeder ſchwierigen Unterneh⸗ mung geſchickt fühlend, rief er, faſt unwillig, daß ihm dergleichen Gedanken nicht ſchon früher gekommen wa⸗ ren, aus: „Es iſt doch ein Glück, vaß ich endlich bemerke, daß ich ein Herz und einen Arm, wie jeder andere Mann habe!“ Und er fügte hinzu:„Wenn Gott mir hilft, wie ich mir ſelbſt helfen werde, ſo wird Niccolo nicht über ſeinen Schwiegerſohn zu erröthen und Liſa kein anderes Weib zu beneiden haben.“ Lamberto's Vorſatz, fich dem Waffengewerbe zu widmen, war in dem damaligen Jahrhundert nicht ohne eine gewiſſe Wahrſcheinlichkeit, ein glänzendes Glück zu gewinnen; wohlverſtanden, daß derjenige, der daſſelbe ergriff, in einem ausgezeichneten Grade die Gaben beſaß, welche zu einem ſolchen Amte geſchickt machen, und daß eine Musketenkugel ihn nicht zu bald daran verhinderte, ſie geltend zu machen. Noch galt im Kriegsweſen der Gebrauch der Bandenführer, und jedem ſtand es frei, es zu werden, wenn er nur zu einem ſolchen Ruhm unter den Kriegern emporſtieg, daß viele damit zufrieden ſein wollten, ihn zum Ober⸗ haupt zu haben. Da jeder Soldat das Gewerbe auf eigene Rechnung und als ein Mittel, ſich zu bereichern und einen Grad höher zu ſteigen, trieb, ſo liefen ſie demjenigen Bandenführer in größerer Anzahl zu, bei welchem ſie ſich das beſte Glück verſprachen. Dieſer konnte, indem er nach ſeinem Gefallen annahm oder abwies, ſich eine auserleſene Schar bilden; und dieſes Mittel, ein Heer zu ſammeln, hatte das Gute, daß Niemand ohne perſönliche Tapferkeit und ohne große Erfahrung im Kriegsweſen zum Oberbefehl gelangte. Aber im Augenblick, als er ſeine Entſchließung zur That machen wollte, trat ihm ein Gedanke, zwar 139 nicht als unüberwindliches Hinderniß, aber doch we⸗ nigſtens als eine Schwierigkeit entgegen, welche immer um ſo wichtiger iſt, je tugendhafter der Menſch iß, dem ſie begegnet. Lamberto hatte noch eine Mutter. Sie war, bevor ſie einen Mann nahm, eine gute Bäurin aus dem Luccheſiſchen geweſen, war mit Piero nach Florenz gekommen und hatte mit ihm viele Jahre gelebt, ehe Lambherto geboren wurde. Man hätte auf ſie die Lobrede anwenden können, die in den vier Wor⸗ ten enthalten iſt, welche einer alten römiſchen Dame als Grabſchrift dienten: Domum mansit— lanam fecit. Aber ich glaube eine meiner Leſerinnen, wenn ich das Glück haben werde, eine zu finden, lächelnd ſagen zu hören:„Wir armen Frauen ſollen nun ſchon zu nichts Anderem gut ſein, als zu Hauſe zu bleiben und zu ſpinnen!“ O meine lieben Frauen,(ich ſetze ſchon voraus, daß wir darüber einig ſind, die Worte der Grabſchrift nicht zu buchſtäblich zu nehmen), wenn ihr wüßtet, wie groß, edel und wichtig in meinen Augen die Pflicht euch macht, die euch von der Vorſehung in der Welt angewieſen iſt! Wenn das wahre Schöne, das wahre Große, das Wichtige endlich nach dem Nützlichen und nach der Tu⸗ gend gemeſſen werden muß, wer kann ſich für wichtiger halten, als ein gutes Weib, eine gute Mutter? Wer leitet die erſten Schritte, wer tröſtet den erſten Kum⸗ mer dieſer ſtolzen Männer, die dann, wenn ſie heran⸗ gewachſen find, ſich für mehr halten, als ihr, und doch zu euch ihre Zuflucht nehmen müſſen, wenn ſie eine Erleichterung für die Leiden des Lebens finden wollen? Wer iſt, wie ihr, fähig, ein Leben voll Opfer zu führen, ſich ganz für den Nutzen, für die Glück⸗ ſeligkeit derjenigen Perſon aufzuopfern, der ihr eure Liebe geſchenkt habt? Die Heldenthaten der Männer werden immer durch Beifall und Lobeserhebungen unterftützt; bei euch dagegen bleibt Alles, was die Tugend in einem menſchlichen Herzen Kühnes und Großes wirken kann, meiſtens verborgen und vergeſſen zwiſchen den vier häuslichen Wänden. Und deſſen un⸗ geachtet ſeid ihr tugendhaft und nützlich, welcher Ruhm, welches größere Verdienſt! Wüßtet ihr, wie ſehr in eurer Hand das Wohl der menſchlichen Geſellſchaft liegt, wie Alles am Ende auf guten Familienverhältniſſen ruht! Wüßtet ihr, wie ſehr es von euch abhängt, die Männer großmüthig, kühn, vaterlandsliebend zu machen, ſie menſchlich zu machen, arbeitſam, weiſe, höflich und ſittlich, ſo würdet ihr unſerem Geſchlecht die traurigen Vor⸗ rechte nicht beneiden, Männer in der Schlacht zu tödten, oder mit Arzneifläſchchen und Recepten, welches die beiden verſuchteſten Mittel ſind, ſie in die andere Welt zu ſchicken, ſie zu quälen oder zu Grunde zu richten mit Geſetzbüchern, Prozeſſen und tauſend Rän⸗ ken, ihnen das Recht zu verdrehen und ſie mit Büchern zu betrügen.. und Gott wolle, daß die artige Leſerin nicht aus eigener Erfindung beifüge:„Und ſie mit Er⸗ zählungen, wie dieſe, gähnen zu machen Aber ich will nicht hinzu fügen, die undankbare, denn wenn die Frauenzimmer dicsmal nicht auf meiner Seite ſind, ſo iſt keine Hoffnung mehr. Nun kehren wir zu der Mut⸗ ter Lambertos zurück. Neuntes Kapitel. Sie war immer nicht nur ein treues und unbe⸗ flecktes Weib geweſen, denn wenn dieſes auch einem — — e m 141 Mann in Beziehung auf die Ehre genügt, ſo genügt es nicht in Beziehung auf das Glück, aber ſie hatte es verſtanden, in den Gränzen eines armen Hauſes eine Haushälterin zu ſein ohne Geiz, indem ſie dafür ſorgte, daß ihr Mann und eine Magd an Nichts Mangel hät⸗ ten und ſich ihrem Stande gemäß ehrbar gekleidet ſehen laſſen konnten. Nichts deſtoweniger fand ſie am Ende jeden Jahres Mittel, einiges Geld für unvorhergeſehene Fälle zurückzulegen. Wenn nun die Unterſtützung nicht ausreichte, welche an Piero von Nieccolo bezahlt wurde, ſuchte ſie es zu ergänzen durch Arbeiten mit dem Ha⸗ ſpel, welchen ſie den ganzen Tag und einen Theil der Racht drehte, ſo daß die Rachbarin, wenn ſie ihre Kinder ſchalt, weil ſie unruhig waren und nicht ſtill bleiben wollten, zu ihnen ſagte:„Du biſt wie der Haſpel der Nunziata.“ Es iſt wahr, daß die gute Frau, der vortrefflichen Ordnung bewußt, mit der ſie das Haus regierte, ſich zuweilen beigehen ließ, ein wenig zu ſchelten, wenn unter ihren Untergebenen irgend Zeichen von Empörung erſchienen, aber da ſowohl Untergebene als Regierung in der Hauptſache einig und beide mit der Wirklichkeit zufrieden waren, ſo ging es mit der Familie des Piero, wie in England, wo, wenn ſich auch hie und da ein Widerſtand erhebt, doch Niemand die Sache auf die Spitze treiben will, den Staat ganz umzuſtürzen. Wenn die Vergleichung ein wenig zu unähnlich zu dem Maaß⸗ ſtab iſt, ſo iſt doch die relative Erheblichkeit ungefähr dieſelbe, daher bitten wir den Leſer, ſie anzuwenden. So lange Piero gelebt hatte, war es auf dieſe Weiſe gegangen. Nach ſeinem Tode hatte Niccolo zu ſeiner Zeit den kleinen Lamberto in ſein Haus gezogen und für Nunziata ein Häuschen eingerichtet, das er nicht weit hinter San Lorenzo beſaß, wo die gute Frau, als ihre Jahre zugenommen hatten und die Schwächen des Alters gekommen waren, die Arbeit mit dem Haſpel ein wenig ruhen laſſen konnte, durch die Unterſtützungen Niecolo's, von welchen ſie, kann man ſagen, faſt ganz lebte. Ihr Haus beſtand blos in einem kleinen Gemach und einer kleinen Küche, aber wie Nunziata ſich immer an Ordnung und Reinlichkeit ergötzt hatte, ſo hielt ſie es geordnet und rein, wie einen Spiegel. Ueber ihrem immer friſch gemachten Bette, welches keine Falte warf, waren einige Blumen geſtreut, wie es damals in Florenz der Gebrauch war, an die Mauer geheftet über dem Kiſſen waren viele Gegenſtände reli⸗ giöſer Verehrung: der Olivenzweig, die Palme, das Sſterwachs und Marien und Heiligenbilder. Auf der andern Seite des Gemachs befand ſich ein Geſtell mit in Ordnung darauf geſetztem Geſchirr von Erde und von Zinn, welches glänzte, wie wenn es Silber ge⸗ weſen wäre, und in der Mitte vielerlei Laub nach da⸗ maliger Sitte. Ein Tiſch, einige Seſſel, der Haſpel, der unzertrennliche Gefährte ihres ganzen Lebens; ſo war das Zimmer der Nunziata. Ihre Geſtalt war klein und abgezehrt, wie bei einer Frau, die es ſich in ihrem Leben zu ſauer hatte ma⸗ chen müſſen, um fett werden zu können; ihre Kleider waren von rauhem Stoff, aber gut geordnet und ohne einen Flecken. Die gute Alte lebte glücklich in dieſem Häuschen, ohne andere Geſellſchaft, als einen ſchwarzen Kater, der mehr Gefährte als Unterthan genannt werden konnte, wenn man ſah, wie er ſich beim Mittag⸗ und Abend⸗ eſſen benahm. Sie kochte und bediente ſich ſelbſt, nur daß die Nachbarin, bald die eine, bald die andere, die ſie alt und ſchwach fanden, das Waſſer holte, das ſie nöthig hatte, aus Gutmüthigkeit, nicht für Lohn, denn im Allgemeinen(helfet auch ihr Reichen und Herrn) unterſtützen ſich die Armen unter einander, wenn ſie ſich nicht mit dem Vermögen helfen können, mit den Händen, In ihrer Einſamkeit ſelten unterbrochen, hatte die 143 gute Alte doch einen lebendigen, unaufhörlichen Ge⸗ danken, der ſie ganz beſchäftigte, den— an ihren Sohn. Indem ſie damit anfing, daß ſie ihn mit ihrer eigenen MWilch aufzog, und dann fort und fort die Jahre der Kindheit, des Wachsthums und des Jünglingsalters hindurch hatte ſie alle die Mittel angewendet, welche ihre Liebe ihr an die Hand gab, ihm eine ſolche Grund⸗ lage zu geben, daß er vor allen Dingen ein ehrenwer⸗ ther Mann werde, und dann alles das Glück genießen könne, das mit ſeinen unbemittelten Umſtänden ver⸗ einbar war. In der Art, wie ſie ihn im Hauſe Lapi geſtellt ſah, ſah ſie ein Zeichen, daß ſo große Sorgfalt und ſo viel Nachdenken doch zu etwas nützlich geweſen ſeien, und nun that ſie Alles, daß Lamberto durch ſein Betragen mit jedem Tag ſeine Lage verbeſſern möchte. Als er ihr eines Tages ſeine Liebe zu Liſa und die Hoffnungen, die er nährte, vertraute, erſchrack das gute Weib, da ſie in der Welt nichts Größeres, Rei⸗ cheres, Mächtigeres, als das Haus Lapi denken konnte, von dem ſie glaubte, daß es ſchon an den Himmel reiche und wo ſie ihren Sohn im Dienſt, ein wenig mehr als einen Knecht, anſah, da ſie zudem noch das eigenſinnige Köpſfchen Liſa's kannte, ganz bis zum Zit⸗ tern, ihr Sohn könne durch dieſe Liebe Niccolo erzür⸗ nen und ſeine Lage ganz verderben. Daher ſuchte ſie, ihm zu zeigen, wie große Gefahr er bei einer ſolchen Sache laufe, bat ihn ſehr, davon abzuſtehen und ſagte ſeufzend zu ihm: „Hätteſt Du wenigſtens Deine Liebe Laudomig zu⸗ gewendet: dieſe, mein Sohn, wäre für Dich, aber auch nicht Deinesgleichen, denke daran, Lam⸗ erto. Nunziata lebte, wie alle bejahrten Frauen, welche den ganzen Tag allein ſind, und wenn ſie Etwas haben, was ihnen Beſorgniß einflößt, dadurch, daß ſie mit ihren Gedanken immer wieder darauf kommen, ſich das Gehirn erhitzen und es ſich viel furchtbarer und gefähr⸗ 144 licher ausmalen, als es wirklich iſt, in ſehr großer Be⸗ ſorgniß für den Sohn, und wenn dieſer kam und ei⸗ nige Stunden bei ihr zubrachte, bemühte ſie ſich mit allen Gründen und allen Liebkoſungen, die eine lie⸗ bevolle Mutter erfinden kann, ihn zu bewegen, den Plan zu befolgen, von dem ſie glaubte, daß er zu ſeinem Beſten wäre. Die Sachen waren in dieſem Stande, als die Rede Riccolo's die Hoffnung Lamberto's in Gewißheit ver⸗ wandelte und ihn zu den Entſchlüſſen antrieb, die wir angedeutet haben. Aber wie ſich der Mutter ankündigen, wie ſich von ihr trennen und vielleicht für immer? Wie ihr ſagen, der ängſtlichen, über alle Mütter liebevollen Frau: „ich verlaſſe Euch und gehe in den Krieg.“ Lamberto ließ, obgleich ihn dieſe Vorſtellungen vielen Kampf ko⸗ ſteten, ſich nicht irre machen. Er wußte, daß ſeine Mutter, wie alle Frauen des ſechszehnten Jahrhunderts, an die Vorſtellung ge⸗ wöhnt war, daß es zuweilen tugendhaft und männ⸗ lich, die Waffen zu ergreifen, und die Männer und Söhne davon abzuhalten, wenn ſie gerechte Urſache zu tämpfen haben, eine gemeine und niedrige Handlung ſei. Wirklich hatte Nunziata, in ſtürmiſchen und kum⸗ mervollen Zeiten aufgewachſen, ſowohl durch die Be⸗ gebenheiten, die ſie geſehen, als durch die Reden, die ſie gehört hatte, ihren Geiſt längſt an tapfere und kühne Gedanken gewöhnt; als daher Lamberto, nachdem er Niccolo's Worte wiederholt hatte, ihr ſein Herz ganz öffnete, indem er zu ihr ſagte, was er auszuführen beſchloſſen habe, mit allen Gründen und Rückſichten, die er lange in ſeinem Herzen abgewogen hatte, ſo ſchien ſie zwar anfänglich zu einem ſolchen großen Opfer ſich nicht entſchließen zu können, nach und nach aber ergab ſie ſich, wenn nicht zufrieden, doch wenig⸗ ſtens gefaßt in die Gründe des Sohns. Sie war arm, fie hatte keine Gelehrſamkeit, aber ſie war der groß⸗ 14⁵ müthigen Gedanken fähig, die in einer ſchönen Seele, auch ohne Hülfe der Bücher keimen. Als der erſte Schrecken vorüber war und ſie die Sache ruhiger be⸗ trachtete, gefiel ihr der Gedanke Lamberto's, ein ſo großes Glück nicht anzunehmen, bevor er ſich deſſelben würdig gemacht habe. Sie empfand einen edlen Stolz, indem ſie dachte, daß ihr Sohn der Eidam eines der erſten Bürger von Florenz werden würde, ohne dabei blos einer Menſch⸗ lichkeit verpflichtet zu ſein, daß ſie dem Mann, von welchem ſie fortwährende Wohlthaten empfangen hat⸗ ten, wenigſtens einigermaßen würden vergelten können, daß ſie doch endlich auf irgend eine Weiſe ſich für ihn verdient machen könnten, oder wenigſtens zeigen, daß ſie allen Fleiß darauf gewendet hätten, ſo daß, wenn es fehlen ſollte, es dem Glück und nicht der Niedrigkeit der Denkungsweiſe zugeſchrieben werden müßte. Kurz, Lamberto's Abreiſe wurde einmüthig beſchloſſen. Während er ſich heimlich Waffen, Kleider und an⸗ dere Dinge, die er nöthig hatte, in Bereitſchaft ſetzte, indem er theils ſein eigenes Geld ausgab, theils das ſeiner Mutter, welche für dieſes ſein Bedürfniß ihm alle Erſparniſſe ſchenken wollte, die ſie in ſo vielen Jahren gemacht hatte, befeſtigte ihn eine Aeußerung, welche dem Munde Liſa's entſchlüpft war, immer mehr in ſeinen Entſchlüſſen und beſchleunigte die Ausführung. Er hörte ſie eines Tages, als ſie mit ihren Brüdern von einem jungen Menſchen ſprach, der mit ihnen ver⸗ wandt war, und ſich dem Studium der Rechte widmen wollte, ſagen: Was mich betrifft, ſo halte ich den für keinen Mann, den ich nicht zu Pferd ſehe, mit dem Panzer auf der Bruſt. Dieſe Worte klangen ins Ohr des Lamberto, wie wenn fie zu ihm geſagt hätte: Zetzt, wenn Du mich haben willſt, ſo weißt Du, was Du zu thun haſt. 3 Zwei Tag nachher klopfte der Jüngling in der Niccolo de' Lapi. 10 146 erſten Morgenfrühe, mit allen Waffen angethan, an die Thüre der Nunziata, um ſie zu umarmen und ihren Segen zu Lerlangen. Der Leſer wird ſich leicht die Gebärden und die Worte vorſtellen können, ohne daß wir es unternehmen, ſie bis ins Einzelne zu beſchreiben. Im Augenblick des Abſchieds nahm die arme Alte den Kopf des Sohns zwiſchen ihre fleiſchloſen und zittern⸗ den Hände, er hatte das Knie auf die Erde gebeugt, ſie kußte ihn auf die Stirne, ſegnete ihn und ein Cru⸗ cifir von Meſſing um ſeinen Hals hängend, ſagte ſie zu ihm:„Dieſes laß nie von Dir, mein Sohn, es wird Dir Glück bringen!“ Und Lamberto ſchied. Aber bevor er ſich auf den Weg machte, nach der Porta S. Gallo, wohin ſein Weg führte, wendete er ſein Pferd und hielt es am Thor des Hauſes Lapi an. Er hatte nie den Muth gehabt, ganz gerade und offen zu Liſa zu ſprechen, aber nun im Augenblick der Tren⸗ nung machte ſein gefaßter Entſchluß ihn muthig, die Waffen, die ihn bedeckten, ſchienen ihn ſchon in einen ganz andern Menſchen verwandelt zu haben, und viel⸗ leicht, er war noch ſo jung, freute er ſich, ſich Liſa zu zeigen, ganz glänzend von Eiſen, und dachte, wenn ich fern ſein werde und ſie ſich meiner erinnern wird, ſo wird fie mich ſehen mit Schwert und Schild und nicht mit dieſer verwünſchten Elle und dieſen verwünſch⸗ ten Brocaten. Er ſtieg vom Pferd und entſchloſſen die Treppen hinaufgeſtiegen, gelangte er zu dem Altan des letzten Stockwerks. Liſa, gerade erſt aufgeſtanden, war hin⸗ ausgegangen mit einer Gießkanne, um ihre Blumen ien ehe die Sonne aufgehen möchte. Ihre orte waren eilig und kurz: „Wenn ich zurückkehre,“ ſagte Lamberto, indem er ſich zwei Schritte von dem Mädchen entfernt hielt, und die Hände wie im Gebet gefaltet hatte,„wenn ich zurückkehre, werde ich Eurer würdig ſein, wenn ich nicht zurückkehre, ſo wird man ſagen, daß Euer Lam⸗ 147 berto das Leben verloren haben wird, um Euch zu ver⸗ dienen; wenn das geſchehen wird, werdet Ihr an mich denken? wenn Gott für mich ein beſſeres Geſchick er⸗ hält, werdet Ihr zufrieden ſein, mich zu erwarten?“— Liſa hatte ſich an das Mäuerchen des Altans ge⸗ lehnt, denn dieſe unvorhergeſehene Erſcheinung, dieſe Waffen, die zugleich ernſten und zärtlichen Worte des Jünglings, hatten ihr Herz wirklich in ſolche Verwir⸗ rung geſetzt, daß ihre Knie zitterten. Sie fühlte ihr Geſicht von einer Wolke von Thrä⸗ nen verſchleiert, und erwiederte mit leiſer Stimme, indem ſie den Kopf nach einer andern Seite wendete: „Ja, armer Lamberto!“ Dann ſtreckte ſie die Hand aus nach einem ganz in Blüthe voll Roſen ſtehenden Gefäß, pflückte eine davon, gab ſie Lamberto und floh in ihre Gemächer. Lamberto war in einem Augenblick auf der Straße: die Bewegung des auf das Pferd Springens entblät⸗ terte die Roſe und ein ſchwacher Wind, welcher blies, zerſtreute deren Blätter. Lamberto ſah ſie ganz er⸗ ſchrocken zitternd umherfliegen und ſich völlig zer⸗ ſtreuen. Er ſteckte ſeufzend den Stiel und die Blät⸗ ter, welche übrig blieben, in den Buſen, und beſchleu⸗ nigte ſeinen Weg mit bangem Herzen und dem Ge⸗ an die Roſe, die ſo kurze Zeit hatte ganz bleiben önnen. Wir wollen ihn nicht verlachen, den armen Jüng⸗ ling; wenn das Herz in ſolcher Lage iſt, ſo reicht eine Kleinigkeit hin, es zu betrüben, wie zu tröſten. Liſa hatte indeſſen den Hergang ihrer Schweſter erzählt, und bald wußten auch Nieccolo und die Brüder von Lamberto's Abreiſe. Als ſie in ſein Zimmer hinauf⸗ ſtiegen, fanden ſie auf dem Tiſch zurückgelaſſen einen Brief an Niccolo, in welchem der Jüngling, nachdem er ihm den Dank abgeſtattet hat, den er für ſo vieles Gute, das er von ihm erhalten, ſchuldete, nachdem er 148 um Verzeihung gebeten hatte, daß er abreiſe, ohne Ab⸗ ſchied zu nehmen und ohne von Riccolo, wie von einem Vater den Segen erhalten zu haben, ſich ihm ganz eröffnete, indem er ihm erklärte, daß trotz der großen Liebe, die er für Liſa nähre, trotz der gütigen Worte ihres Vaters, er doch nicht ſo blind ſei, nicht einzu⸗ ſehen, wie tief ſeine Perſon unter dem Glück ſtehe, das er ihn hoffen laſſen wolle, daß es ihm als eine große Niederträchtigkeit erſchienen wäre und als eine zu unwürdige Erkenntlichkeit für ſo große Wohlthaten, ſogleich das großmüthige Anerbieten, welches Niccolo ſeinem edlen Character gemäß gemacht habe, anzuneh⸗ men, daß er hingehe, alle Tugenden des Geiſtes und Kräfte des Körpers anzuwenden, um wenigſtens der Welt zu zeigen, daß, wenn er ein niedriger und armer Mann ſei, er doch den Geiſt und die Denkweiſe beſitze, die ein beſſeres Loos verdienen. Er bat endlich Liſa, einiger⸗ maßen an den zu denken, der ſie ſo treu liebe, und ein paar Jahre auf ihn zu warten, indem er hoffe, ſie, noch ehe dieſe verlaufen wären, ſolche Kunde von ſich vernehmen zu laſſen, daß ſie ſagen müſſe: Lamberto iſt ein Mann geworden. Und das Letztere hatte er unterſtrichen, indem er ſich auf die Worte Liſa's beziehen wollte. Niccolo, welcher ſeinem ſtolzen Charakter gemäß tapfere Charaktere liebte, bewunderte den Entſchluß, welchen Lamberto gefaßt hatte, und obgleich es ihm ſehr zuwider war, ſo konnte er ſich nicht enthalten, ſeine edle Denkungsart zu loben, und Liſa, welche erwog, daß der Jüngling nur aus Liebe für ſie ſo großen Mühen und ſo großen Gefahren entgegen ging, an der ſchwachen Seite ihres Herzens gefaßt, wuchs in ihren eigenen Augen und fühlte, daß ſie auf einen ſol⸗ chen Liebhaber ſtolz ſein konnte. Bei jedem Weibe, welches von gleichem Charakter iſt, wie Liſa, bleibt es ſelten aus, daß die geſchmeichelte Eigenliebe die Pforten der Liebe aufſchließt: und da 149 fie ihn in dieſen erſten Augenblicken von Allen zurückſehnen und loben hörte, glaubte ſie ihn zu lieben und liebte ihn vielleicht wirklich. Als ſie von Niccolo in der er⸗ ſten Hitze befragt wurde, erwiederte fie, ſie ſei es zu⸗ frieden, auf ihn zu warten, und in ihrer unerfahrenen Einfältigkeit ſah ſie ihn ſchon als Herrn eines König⸗ reichs zurückkommen. Willſt Du nun wiſſen, o Leſer, wer Niccolv in den Sinn gegeben hatte, das zu ſagen, was er zu Lam⸗ berto ſagte? Es war die gute Laudomia geweſen, welche ſcine Liebe bemerkt hatte und ſie für ein großes Glück ſür die Schweſter hielt, mit ihrer himmliſchen Güte, ſogleich jeden Gedanken an ſich ſelber verbannt oder wenigſtens in den tieſſten Grund des Herzens zurück⸗ gedrängt hatte, um ſich blos mit dem Glück Liſa's und Lamberto's zu beſchäftigen, denn von dieſem Augenblick an liebte ſie ihn immer, wie wenn es ihr Bruber ge⸗ weſen wäre. So wahr iſt es, daß auf dieſer Welt zuweilen in einem unbekannten Winkel verborgen Herzen leben, in Vergleich mit welchen Alexander, Cäſar und ſo viele andere dieſen Aehnliche nur ein ärmliches und niedriges Geſchlecht find, und der Unterſchied iſt leicht zu faſſen. Die Letzteren quälen Andere, um ſich zu nützen, die Er⸗ ſteren quälen ſich ſelbſt, um Andern zu nützen. war ein Jahr, ſeitdem Lamberto abgereist war, und außer einem früheren Brief, in welchem er ſchrieb, er ſei im Sold des Herrn Filippino Doria und kämpfe auf ſeinen Galeeren, hatte man nichts Weiteres über ihn erfahren können. Man fing an, zu fürchten, es möchte ihm ein Uebel zugeſtoßen ſein, und im Herzen Liſa's begann ſein Bild verdrängt zu werden durch die Entfernung, durch die Ungewißheit des Ausgangs, und mehr als Alles, weil Troilos Bild deſſen Stelle ein⸗ zunehmen anfing. Es läßt ſich denken, daß es der armen Laudomia Schmerz verurſachte, dieſen Lamberto, den ihr Herz ſo gut zu erkennen und zu ſchätzen gewußt hatte, dem ſie ferner mit ſo vieler Tugend entſagt hatte, um die Schweſter glücklich zu machen, dieſer Lamberto, der Vaterland, Verwandte, Gemächlichkeit und Freunde verlaſſen und eine ſo hohe Denkungsart Liſa's zu Liebe gezeigt hatte, Lamberto, ſage ich, ſobald vergeſſen zu ſehen, wegen eines Gecken, wegen eines hungerlei⸗ deriſchen Höflings, wegen eines von der Partei, von welcher über Florenz und über ihr Haus ſo viel Un⸗ glück gekommen war. Laudomia war eiferſüchtig auf die Ehre Lambertos und konnte nicht dulden, ihm ſo großes Unrecht zufügen zu ſehen; dieß war die mäch⸗ tigſte Urſache, um welcher willen das Benehmen der Schweſter ſie ſo ſehr beleidigte. Als ſie ihren herben Kummer nimmer verſchwei⸗ gen konnte, nahm ſie eines Abends in der Däm⸗ merung, in der Stunde, die man vor andern die Stunde des Vertrauens nennen kann, bei den Händen und ſagte faſt weinend:„O, Liſa, o, der arme Lam⸗ berto, ſeine Treue, ſeine Liebe, haſt Du denn Alles vergeſſen?“— Auf dieſe Worte erwiederte Liſa kurze, aber bittere und ſtolze Worte! Laudomia ſchwieg, ging aus dem Zimmer, und als ſie ſich allein fand, weinte ſie gebrochen, wie man weint, wenn man über die Tugend, über den Werth einer Perſon, die man liebt, zu ſagen gezwungen iſt: ich hatte mich getäuſcht. Bald aber kam die Zeit, in welcher die Kälte, die ſie fühlte, verſchwand, und fich in Mitleiden, in eine noch wärmere, zärtlichere Sorgfalt, als je verwandelte. Gegen das Ende des Mai's begab ſich Niccolo mit ſei⸗ ner Familie auf ein Landgut, das er bei Poggio a Cajano hatte, einem Luſtſchloß der Herren Medici. Er und ſeine Söhne reiſten wegen ihrer Geſchäfte fort⸗ während nach Florenz, ſo daß oft die beiden Schwe⸗ ſiern allein blieben mit einer alten Magd, Namens Monafede, gut, aber leichtgläubig und von ſo beſchränk⸗ tem Verſtand, daß man ihn nicht ſchlechter finden konnte. Eines Morgens fand Laudomia, welche bei der „ 151 Schweſter zu ſchlafen pflegte, als ſie erwachte und mit der Sonne aufſtand, ſie nicht an ihrer Seite. Sie dachte, ſie wäre in den Garten hinabgegangen, um die kühlen Stunden zu genießen, und ging dorthin, aber Liſa war nicht da, und nicht einmal die Magd, ſo daß ſie nicht wußte, was fie davon denken ſollte. Nach einer Weile erſchienen Beide, aber wie erſchrocken und ver⸗ wirrt und es ſchien, als redeten und antworteten ſie * ganz verkehrt. Laudomia fing an zu zittern, führte ihre chweſter in ihr Zimmer und fragte ſie bekümmert, was ſie ſo früh aus dem Hauſe geführt habe und was dieſe ihre Beſtürzung ſagen wolle. Das unvorſichtige Mädchen brach in einen Strom von Thränen aus, warf ſich ihr an den Hals und ſagte: Ich bin ſein Weib! Laudomia ſtand, als ſie dieſe ſchreck⸗ lichen Worte hörte, die in ihrem Ohr, wie die Weiſ⸗ ſagungen unendlicher Unglücksfälle klangen, ohne Athem holen zu können, und das Geſicht mit den Händen be⸗ deckend, konnte ſie nur ſagen: O, Unglückliche, was haſt Du gethan! Als ſie nun ſah, daß ſie in dieſem Augenblick nichts Anderes von der Schweſter herausbringen könne, lief ſie, um ſich Klarheit zu verſchaffen, zu der Magd und mit bekümmerten Worten, bald bittend, bald ſie ſchel⸗ tend brachte ſie endlich die arme Alte zum Reden, welche ſich ſehr wundernd, Laudomia durch dieſe Be⸗ gebenheit ſo verwirrt zu ſehen, nicht aufhörte, zu ſagen, daß Troilo ein großer Edelmann und eine ſehr ehren⸗ volle Partie für Liſa ſei, und daß, wenn er die Sache ſo im Geheimen habe abmachen wollen, man das bei großen Herren nicht ſo genau nehmen müſſe, indem ſie auch ihre eigenen Einfälle hätten, und daß Niccolo ſich am Ende ſchon zufrieden geben würde, und andere ähnliche Dummheiten. Kurz, um es mit einem. Wort zu ſagen, es war geſchehen, und die ſchändliche Art, wie, kennt der Leſer, aber keine von den armen Frauen kannte ſie. Zudem 152 erzählte die Magd, um Laudomia dadurch mehr zu be⸗ ruhigen, ganz genau die Feierlichkeiten, erhob die Höf⸗ lichteit des Bräutigams und verſicherte, Alles ſei, wie es ſich gehöre, in der Kirche mit Prieſterzeugen zuge⸗ gangen, ſo daß das großherzige Mädchen einſah, daß Nichts vergeblicher und unnützer ſei, als verzweifeln, wenn dem Uebel nicht mehr abzuhelfen iſt, und den weiſen Entſchluß faßte, alle Sorgfalt darauf zu ver⸗ wenden, den traurigen Folgen zuvorzukommen. Ihr erſter Gedanke und der Rath, den ſie Liſa gab, war, ſich gleich Niecolo zu Füßen zu werfen und Alles zu bekennen, aber dieſe hatte nicht Muth genug, ihn zu befolgen. Nur ſelten iſt ein Menſch, der einen ſolchen Rath nöthig hat, fähig, ihn zur Ausführung zu bringen. Man hofft einen erſten Fehltritt durch Ver⸗ ſtellung zu bedecken, aber das Uebel, welches bald er⸗ kannt, Heilmittel zulaſſen würde, wird unbekannt auch unheilbar. Hätte Liſa ihrer Schweſter Gehör gegeben, ſo hätte ſie ohne Zweifel der erſten Wuth Niccolo's be⸗ gegnen müſſen, aber, wenn dann jener die Beweiſe der Giltigkeit der Ehe hätte in der Hand haben wollen, ſo würde man die niedrige Schurkerei, die darunter verdeckt war, entdeckt haben, und die arme Liſa hätte nicht geendet.. Aber wir wollen die Begebenheiten der Ordnung nach erzählen. Das menſchliche Herz iſt ſo ſehr von der Selbſt⸗ liebe eingenommen, daß auch die edelſten Seelen ihr wenigſtens zum Theil unterworfen find. Als Laudomia den Fall der Schweſter gehört hatte, konnte ſie nicht umhin, gleich zu denken: Alſo iſt Lamberto frei! Aber ſie betrübte ſich ſo ſehr, einen ſolchen Gedanken faſt zuerſt gehabt zu haben, es ſchien ihr etwas Abſchen⸗ liches und Niedriges, daß ſie ein Glück für ſie ſelbſt habe finden können in der Schuld ihrer Schweſter, daß ſie in ihrem unſchuldigen Einfall ſich ſchon für eine Verdorbene hielt und bitterlich weinte. Sie verdoppelte ihre Sorgfalt für Liſa, und es ſchien, als ob dieſe 153 Vermehrung ver Zärtlichkeit ihr Herz erleichterte, indem ſie es faſt für eine Vergeltung des Unrechts hielt, das ſie ihr gethan zu haben glaubte. In der Hoffnung, daß die Zeit ſpäter irgend eine günſtige Gelegenheit bieten möchte, der Sache eine beſſere Wendung zu geben, wähnte ſie als den beßten Entſchluß(denn in jedem Fall war es doch Troilo's Weib), ihr zu helfen, dieſe Ver⸗ einigung geheim zu halten und die Gelegenheit zu er⸗ leichtern, daß ſie zuweilen heimlich mit ihrem Gatten zuſammenkommen konnte. Es ging ſo mehrere Monate fort, aber mit gerin⸗ ger Befriedigung für die arme Liſa, da ſie ihn ſehr ſelten ſehen konnte, wegen der Abhängigkeit, in der ſie lebte, da ſie ferner gezwungen war, ihr Mißver⸗ gnügen zu unterdrücken und im beſtändigen Argwohn zu leben, ſo war ſie abgemagert, hatte die Jugend⸗ blüthe verloren und erſchien nicht mehr als dieſelbe, wie früher. Das Verſchwinden ihrer Schönheit ver⸗ urſachte ihr um ſo größeren Schmerz, als ſie von Sei⸗ ten des Troilo eine gewiſſe Erkältung zu bemerken ge⸗ glaubt hatte, welchen ſie dagegen mit jedem Tag lei⸗ denſchaftlicher liebte. Anfangs, als es ihm nicht ge⸗ lang, ſich ihr zu nähern, zeigte er ſich ihr doch auf der Straße, in der Kirche, wo er nur konnte; dann hatte es geſchienen, daß er nach und nach in dieſen Aufmerk⸗ ſamkeiten nachließ. Das arme Mädchen fühlte ſich, wie es natürlich iſt, von Argwohn gepeinigt, Gedanken der Eiferſucht, um ſo peinigender, je weniger ſie im Stande war, die Wahrheit zu erfahren, keimten in ihrem Her⸗ zen, und Alles zuſammengenommen, führte ſie ein trauri⸗ ges und unzufriedenes Leben, und erndtete nur zu bald die bittern Früchte des begangenen Irrthums. Aber die Unglückliche war kaum im Anfang ihrer Leiden. Sie bemerkte auf eine Art, daß ſie nicht mehr daran zweifeln konnte, daß ſie bald nicht mehr allein ſein werde, die Strafe ihres Fehltritts zu tragen. ₰ Dieſer Augenblick, welcher ſonſt wohl, voll nur 154 neuer Freude, voll ſo ängſtlicher Sorgfalt von Neu⸗ vermöhlten erwartet wird, war für die arme Liſa wie die Ankündigung eines Unglücks. Und nun neue Beweggründe und neue Schwierigkeiten, es zu ver⸗ bergen, Vermehrung der Leiden für jetzt, Vermeh⸗ rung der Befürchtungen für die Zukunft. Es iſt vergeblich, in ausführlicher Erzählung über die Mittel ſich zu verbreiten, die von beiden Schweſtern angewendet wurden, um mit dieſen letzten Tagen der Angſt und des Schmerzens zuerſt die Mutter und dann das Kind zu verbergen. Die Erfahrung hat öfters ge⸗ zeigt, daß Begebenheiten, wie dieſe, geheim und unbe⸗ achtet auch in Familien vorgehen können, in welchen das mütterliche Auge wacht; im Hauſe Lapi war es ferner etwas Leichtes, es vor Niccolo zu verhehlen, der, tauſend Meilen weit von ſolchem Argwohn entfernt, ganz in Anſpruch genommen von Gedanken an die Stadt und an ſeinen Handel, oft außer dem Hauſe, und wenn er darinnen war, immer in ſeinen Erdgeſchoß⸗ zimmern eingeſchloſſen war. Aber dieſes mit ſo großem Fleiße und ſo lange Zeit bewahrte Geheimniß wäre beinah durch Veran⸗ laſſung Liſa's ſelbſt entdeckt worden. So ſehr auch Laudomia und die Magd ſie beſchworen, konnte man ſie auf keine Weiſe überreden, daß ſie ſich von ihrem Kinde trennte, um es einer Amme anzuvertrauen. In einem gelehrigen Charakter hätte dieſe Liebe, obgleich ſchön unb tugendhaft, ſich doch faſt unter die unum⸗ gängliche Nothwendigkeit gebeugt, aber ſie wollte, und als ſie Widerſpruch fand, wollte ſie mit ſolcher Heftig⸗ keit, mit ſolchem Wüthen, daß ſie in dieſen Augen⸗ blicken der Schwäche für ihr Leben fürchten ließ, und es doch nöthig war, ſich darein zu geben und ſie zu be⸗ friedigen. Aber nun war es unerläßlich, ſich einem andern Weibe anzuvertrauen; unter dem Vorwand, daß zur Aufſicht der Kleider eine weitere Magd nöthig ſei, wurde ein Mädchen in das Haus genommen, aus ———————— — 15⁵ einem ſehr entfernten Stadtviertel. Da dieſe mit dem Kinde Liſa's dahin kam, wurde ſie für die Mufter ge⸗ halten und geglaubt, daß ſie es ſtille. Da im Hauſe Niemand als Männer waren, welche den Kopf von ganz Anderem voll hatten, ging auch dieſes gut. Wenn Riccolo oder einer von den Söhnen zuweilen oben das Geſchrei des Kindes hörten, ſagten ſie zu den Mädchen: Warum, bei Gott, habt ihr in das Haus die ſchlechte Dirne ge⸗ bracht, fehlt es denn an Weibern in Florenz? Aber es wurde immer bald wieder ruhig. Die Männer ſprachen und die Frauen thaten auf ihre Weiſe, wie es meiſtens in Familien geht, wenn zwiſchen Männern und Frauen über häusliche Ange⸗ legenheiten geſtritten wird. Troilo war indeſſen trotz der Verjagung der Me⸗ dici und der Niederlage der Partei der Palleschen mit einer ziemlichen Anzahl ſeiner Gefährten in Florenz eblieben und trieb ſich da herum, um in der Nähe zu ein, wenn es ſich thun ließe, ſeine Oberherrn und ſeine Partei zu unterftützen. Als nun die Feldherrn Karls des Fünften offen mit den Florentinern brachen und der Argwohn bei den Regierenden wuchs, welchem zu Folge man immer ſtrengere Maßregeln gegen die Be⸗ günſtiger der verbannten Familien ergriff, dünkte es vielen an der Zeit:„nun wäre die Flucht zu ergreifen.“ Liſa's Verführer reiste ebenfalls heimlich ab und begab ſich in das Lager der Kaiſerlichen, welche ſich in Fu⸗ ligno ſammelten. Er konnte oder wollte nicht mit der Tochter Niecolo's ſprechen, bevor er Florenz verließ, doch ſchrieb er ihr ſo, daß er ſie am Ende tröſten und beruhigen konnte. Es ſei, ſchrieb er, nicht die Art eines redlichen und ehrbaren Edelmanns, ſeinen Herrn die Treue zu brechen und ſie im Unglück zu verlaſſen, ſie möge gutes Muthes ſein, möge für ſich und ihren kleinen Arri⸗ guccio Sorge tragen; ſie möge beſſere Zeiten hoffen, und dann folgten Betheurungen der Liebe, Schwüre, 156 niemals in derſelben wanken zu wollen u. ſ. w. Wie weit dieſe Ausdrücke aufrichtig waren, iſt ſchwer zu beurtheilen, denn nicht immer geben ſogar die entge⸗ gengeſetzten Wirkungen einen hinreichenden Grund ab, um verfichern zu können, daß ſie in der Abſicht, um ſie zu brechen, herbeigeführt wurden. Die Thatſache iſt aber, daß von dieſem Brief an Troilo ſich den Seini⸗ gen nicht verdächtig machen wollte durch den Schein, ein Verſtändniß in Florenz zu unterhalten, oder daß wirklich ſchon jeder Gedanke von Tugend, Ehre und Opfer in ſeinem Herzen verlöſcht war, fie erhielt we⸗ der mehr einen Brief, noch irgend eine Botſchaft, welche ihr über ihn Nachricht gegeben hätte; und ob ſie darüber unzufrieden und tröſtlich war, könnt ihr euch denken. Nur nach einigen Monaten, als ſchon die Feinde vor Florenz im Lager waren, erfuhr ſie durch einige Gefangene, daß Troilv im Lager wäre, Stet den Edelleuten des Prinzen von Oranien diente. Nun begann die Unglückliche die Augen zu öffnen und für gewiß zu halten, daß Troilo an ihr ein Ver⸗ räther ſei, wie er es an dem Vaterland war. So nah ſein, dachte ſie, und mir nicht eine Zeile ſchreiben, mir nicht ein Wort ſagen laſſen, o wäre ich, wo er iſt, wäre ich in ſeinen Kleidern, ſo würde ich wohl die Mittel zu finden wiſſen. Laudomia, welche denſelben Argwohn noch früher, als die Schweſter gefaßt hatte, zwang ſich doch, ihn zu verbergen und den vermeintlichen Schwager zu ent⸗ ſchuldigen, und manchmal von dem ſehnlichen Wunſche verführt, konnte ſie ſich nicht entſchließen, ihn trotz die⸗ ſes Benehmens als einen Schurken und Verworfenen zu betrachten. Obgleich ſie ſich täuſchte, da es unmöglich iſt, ſich eine niedrigere Schurkerei vorzuſtellen, als diejenige, mit welcher er Liſa verrathen hatte, ſo war er viel⸗ leicht doch nicht geboren, um ein Laſterhafter zu ſein, 157 und hätte den Samen zu vielen Tugenden vielleicht in ſich gehabt, wenn ſie nicht ein Laſter, das gefährlichſte von allen, erſtickt hätte, die Ruhmredigkeit. Dieſe leichtgläubigſte und zu gleicher Zeit trügeriſchſte Leiden⸗ ſchaft führt den Menſchen gerade zu dem entgegenge⸗ ſetzten Ziel von dem, welches er ſich vorſetzt und ſetzt fich vor allen in oberflächlichen Köpfen feſt. Troilo hatte ſich ihm zu ſeinem Unglück von Kind an hinge⸗ geben und da er ſich von Kindheit in Geſellſchaft von Männern befand, unter welchen die Lehre:„ehre die Tugend!“ Verachtung erndtete, ſo ergab er ſich dem Laſter nicht ſo ſehr aus eigener Zuneigung als aus Ruhmredigkeit. Der Verrath, den er an Liſa verübte, wurde von ihm angeordnet und ausgeführt, um ſich rühmen zu können, eine Wette gewonnen zu haben. Wahr iſt es, daß er ſie anfangs liebte, oder vielmehr, um ein ſolches Wort nicht zu entweihen, daß ihm ihre Schön⸗ heit gefallen hatte. Vielleicht ſeinen eigenen Gedanken überlaſſen, wäre er nicht ſo weit gegangen, ihr einen ſolchen Betrug zu ſpielen, aber verſpottet von ſeinen Kameraden, die ihn verlachten, daß er ſo viel Rückſicht für eine von gemeinem Volke, für die Tochter eines Piagnone habe, opferte er in barbariſcher Rohheit einer elenden Eitel'eit die Ehre dieſer Unglücklichen und den Frieden einer ehrbaren und edlen Familie. Nun, da der Leſer deren traurige Unfälle kennt, kehren wir dahin zurück, wo Niccolo unter den Seinigen in der Weiſe ſaß, wie wir es im Anfang des vorher⸗ gehenden Kapitels beſchrieben. — Zehntes Kapitel. Als die Unterredung zu Ende war, welche Riccolo leiſe mit Caſtiglione gepflogen hatte, wurde das Geſpräch allgemein und wendete ſich auf die Angelegenheiten des Staates und auf die Maßregeln, die zu ergreifen ſeien und hier unter dem Einfluſſe der Mönche von St. Marco und Niccolo's verhandelt wurden, faſt ehe ſie zur öffentlichen Berathung kamen. Wie wir im fünften Kapitel andeuteten, war Cocchi der Kopf abgeſchlagen worden, wegen unbedachtſamer Worte in Betreff der Medici. Herr Ficino Ficini, der in denſelben Irrthum gefallen war, wurde eingezogen, auf die Folter gelegt und zu derſelben Strafe verdammt. Das Urtheil ſollte gerade zu derſelben Stunde vollzogen werden, im Hofe des Gefängniſſes bei Fackelſchein, und die Zwieſprache, welche Herr Bernardo mit Rieccolo gehalten, hatte gerade dieſen Fall zum Gegenſtand ge⸗ habt. Wenige Augenblicke darauf klopfte ein Thür⸗ ſteher des Raths an die Thüre des Hauſes Lapi; er wurde eingeführt, trat ein, wendete ſich zu Niccolo und ſagte: „Der großmächtige Oberbannerherr läßt Euch wiſ⸗ ſen, daß in dieſem Augenblick der Kopf abgeſchlagen worden iſt dem Herrn Fieino, und daß er als ſehr guter Chriſt geſtorben ſei.“ „Es iſt gut,“ antwortete der Greis, ohne ſeine Stellung zu verändern, und der Thürſteher ging hin⸗ aus. Aber die Umſtehenden, und beſonders die Frauen, wurden von dieſer Botſchaft erſchüttert und alle zuſam⸗ men fragten ſie ängſtlich, weßhalb eine ſolche Hinrich⸗ tung vorgenommen worden ſei. „Es iſt ein Feind weniger gegen dieſe Stadt,“ erwiederte Niccolo,„er war ſo kühn, öffentlich zu ſagen, 159 daß ſich Florenz beſſer befunden habe unter den Kugeln, als unter der Volksherrſchaft: wer ſich mit Worten als Verräther zeigt, von dem iſt zu erwarten, daß es zu Thaten kommt.“ Alle ſchwiegen mit geſenktem Geſicht und Auge. Bruder Benedetto erhob die Angen zum Himmel mit einem zurückgehaltenen Seufzer. Die beiden Mädchen ließen ihre Hände auf die Arbeit finken, ſahen einander erſchrocken an, Ferruccio näherte ſich dem Kamin, warf ſich in einen Seſſel und ſagte: „So hätten wir der Schlange den Kopf zertreten ſollen, wie man ihr nun den Schwanz abzutreten ſucht, und die Stadt wäre nicht in dieſer Lage. aber die Männer bezahlen oſt ihre Irrthümer mit dem Leben und die Völker mit der Freiheit. Hätte man beim Ein⸗ dringen des Königs Karl Anno 1494 Piero und ſeine An⸗ hänger und vor drei Jahren Ippolito und Aleſſandro nicht verjagt, ſondern vertilgt, ſo hätte man das Blut von Vielen mit dem von Wenigen erſpart.... Die Piſaner nennen uns Blinde wegen der Säulen von San Giovanni, fie haben ganz andere und wichtigere Urſachen, uns ſo zu nennen... Wir haben nicht ein⸗ zuſehen verſtanden, daß für die Medici die ficherſte Verbannung in San Lorenzo iſt.. Auf die ſtrengen Worte des Ferruccio, welche theil⸗ weiſe nur zuviel Wahrheit enthielten, blieben alle einige Minuten nachdenklich und ſtumm. Indeſſen war die Stunde gekommen, in welcher man nach der Sitte der Familie das gemeinſchaftliche Abendgebet vornahm. Nic⸗ colo ſtand auf, wandte ſich zu Bindo, welcher den Wink verſtand, hinausging und kurz darauf einen Hau⸗ fen von Handwerkern und Buchhaltern aus dem Laden Niecolo's einführte, welche den Gebrauch hatten, ſich bei dieſen Gebeten einzufinden, und ſtill und ehrerbietig an der Thüre niederknieten. Der Alte zog ein Gebet⸗ buch aus einem Kaſten, reichte es dem Bruder Zac⸗ caria und ſagte zu ihm: 160 „Mehr als einmal verrichtete in weniger unglücklichen Zeiten unſer ruhmreicher Bruder Girolamo das Amt, welches jetzt von Euch verrichtet wird... Wie oft, ſagte er hier in dieſem Zimmer zu uns: Sohn, die Leiden werden kommen, man wird dulden und kämpfen müſſen, aber dann Florenz erneuert werden. Der erſte⸗ Theil der Weiſſagung iſt wahr geworden, wir wollen ihn nun bitten, daß er von Gott die Erfüllung des zweiten erlange, Friede und Freiheit für dieſes Volk erhalte, daß der, welcher für daſſelbe kämpft, einem rühmlichen Sieg oder einem ehrenvollen Tod begegne.“ „Amen,“ erwiederte Bruder Zaccaria. Er nahm das Buch und kniete nieder unter die Niſche, wo die Aſche des Savonarvla ſich befand, die andern knieten um⸗ her das Genkach entlang. Noch den gewöhnlichen Gebeten bat er für die Seelen derer, welche ſchon ihr Leben bei der Belagerung gelaſſen hatten, und dann beſonders für diejenige des Baccio. Niccolo ſah man bei'm Namen ſeines Sohnes ſeine Hände wie in glühendem Gebete falten und die Augen zum Himmel heben, voll heiterer Entſagung. Indeſſen fühlte Bruder Zaccaria durch die Worte, welche kurz vorher von dem Alten geſprochen worden waren und durch dem Anblick der Kutte des Bruders Girolamo noch glühendere Gedanken an Gott und das Vaterland in ſeinem Herzen aufwallen. Durch fort⸗ währende Uedung war es ihm leicht geworden, aus dem Stegreif zu ſprechen, denn Niemand beſaß damals durch die Gabe der Natur in größerem Grad, als er, eine kühne und von den Zeitereigniſſen aufgeregte Be⸗ redtſamkeit, noch war Jemandes Geiſt geneigter, davon Gebrauch zu machen. Am Ende ſeines Gebets wurde der Ton ſeiner Stimme lauter und als er es geendet hatte, fuhr er, ohne ſich umzuwenden, noch ſich zu unterhre⸗ chen, fort und ſagte: „Nein, ſie werden nicht von den Winden zerſtreut werden, Deine Worte, o ruhmreicher Bruder Giro⸗ — ——— ———— 161 lamo, und die Feinde desjenigen, der auf Gott ver⸗ traut, werden Staub und Aſche werden. Exurgat Deus et dissipentur inimici ejus! iehe, ſchon erfüllen ſich Deine Weiſſagungen. Die Hand Gottes liegt ſchon ſchwer auf dem unglücklichen Florenz. Nun iſt es Zeit, zu dem Herrn zu rufen, ſich mit Aſche zu be⸗ ſreuen, hinzueilen und Buße zu thun. Nun iſt es Zeit, ſich zu bewaffnen mit Standhaftigkeit und Tapferkeit, um zu erlangen, daß die Erbarmung wahr werde, wie die Geißel wahr geworden iſt. Wenden wir uns zu unſerem einzigen König, unſerem einzigen Herrn, Jeſus Chriſtus Erinnere Dich, rufen wir aus, daß dieſes Volk Dich zu ſeinem einzigen König gewählt hat. Sieh, Deine Feinde kommen ſchon, Dir das Reich zu nehmen, um ſich auf Deinen ruhmreichen Thron zu ſetzen; werde ein Schild für dieſes Volk, welches ſonſt Riemand ge⸗ hören will, als Dir. Biſt Du nicht ein ſtarker und eifriger Gott, der ſich erzürnte über Iſrael, als es einen König ſuchte? Biſt Du nicht derfelbe, der zum Propheten Samuel ſagte: Non enim te abjecerunt, sed me, ne regnem super eos! Biſt Du nicht der Gott, der zu den undankbaren Juden, als er ihnen zum letzten Mal Barmherzigkeit erzeigen wollte, durch den Mund des Propheten ſagte: „Et constituet sibi tribunos et conturiones et cratores agrorum suorum, et messores segetum, et fabros armorum et curruum suorum. „Fitias quoque vestras faciet sibi unguenta- rius, ete. „Es ſind doch dieſes,“ fuhr er fort,„Deine Dro⸗ hungen gegen Den, der ſich Deiner Herrſchaft entziehen will; ſei Du alſo Richter, o höchſter Gott, zwiſchen Dir und Deinem Volke, und wenn es kämpft, um nur Dir zu gehorchen, und das Knie nicht vor Dagon und Belial zu beugen, ſo kämpfe mit uns, errette uns vor dem Schwerte der Amoniter und Amalekiter, exurge, Niccolo de' Lapi. I. 11 162 exurge, Domine, und zerſtreue alle Deine und unſere Feinde.“ Dieſe Worte, in faſt weiſſagendem Tone geſprochen, nachdrücklich, weil ſie von Einem vorgebracht wurden, der daran glaubte, erregten unter den Umſtehenden ein Murmeln des Beifalls. Niccolo, der in ſeinen Adern noch die Glut eines Dreißigjährigen fühlte, wenn es ſich vom Vaterland und von den Palleschen handelte, ergriff Ferruccio am Arm und ſagte knirſchend:„Nein, bei Gott, ſie ſollen nicht nach Florenz kommen, dieſe Verfluchten; und ſo lange ihr leben werdet, tapfere Jünglinge, ſo lange ich am Leben ſein werde, ſollen die Kugeln die Lilten nicht verjagen; gegen die Feinde außen das Schwert, gegen die innen das Beil. Recht gut lehrte uns unſer Bruder Girolamo bei der Verſchwö⸗ rung des Bernardo del Nero, wie man Verräther aus dem Wege räumt. Sie wollen Krieg und Tod, und ſie ſollen ihn haben, und ihr verbrecheriſches Blut falle auf ſie ſelbſt.“ „Krieg und Tod,“ wiederholte wild Ferrucciv,„Haß und ewiger Fluch allen Palleschen! Könnte ich ſo mit dieſem,“ und er ſchlug auf das Degengefäß,„das Herz ſpalten allen denen, die innerhalb und außerhalb der Mauern ſind!“* Niccolo, ſeine Söhne und Caſtiglione erwiederten dieſe blutigen Worte mit einem finſtern Lachen. Bruder Benedetto dachte ſeufzend:„In welchen traurigen Zeiten iſt es mir beſtimmt, zu leben!“ Bruder Zaccaria hatte kaum mit einer erſten Bewegung des Geſichtes Fer⸗ ruecio Beifall zu erkennen gegeben, als er auch gleich wieder ſeine Züge veränderte, die Augen niederſchlug und ſchwieg. 2 Wer aber nun wirklich gleichſam einen Meſſerſtich in's Herz dringen fühlte, war die arme Liſa, und die Augbrauen finſter gegen Ferruccio zuſammenziehend, ſagte ſie zu ihm:„Man kann ein Bürger ſein ohne die Gefinnungen und Worte eines Schlächters.“ Aber 163 die liebevolle Laudomia, die in ihrem Herzen geleſen hatte und einſah, wie ſehr ſolche Reden ſie kränken mußten, und wie leicht es ſein würde, daß, wenn ſie ſich entgegenſetze, ſie ſich eine Unklugheit zu Schulden kommen laſſen möchte, faßte Muth, fiel ihr in's Wort und ſagte mit ihrem Weſen, das ganz Sanftmuth war: „Herr Ferruccio, auch ich liebe das Vaterland und halte mich für eine gute Bürgerin, auch ich hoffe, daß eure Schwerter, unterſtützt durch die Gnade, welche Gott der Gerechtigkeit verſpricht, unſere Stadt retten werden von den Händen der Medici und jedes andern Tyrannen; aber wenn ich glaube, daß die Sehnſucht von dem, der ihn zu unterdrücken ſucht, befreit zu wer⸗ den, einem Chriſten geſtattet iſt, wenn ich es für er⸗ laubt, ja ſogar für ein heiliges Werk halte, mit Wun⸗ den und Tod die Feinde des Vaterlandes zurückzutreiben, ſo finde ich nicht, daß unſer göttlicher Erlöſer uns er⸗ laubt habe, ſie zu haſſen, uns ihrer Niederlage zu freuen, vergnügt zu werden über ihren Tod aus Ge⸗ fallen an Rache. Sprecht Ihr nicht das Paternoſter, Herr Ferruccio?“ Ferrucciv und die Andern wußten dieſen ſanften Worten Nichts zu antworten, und in Wahrheit war es nichts Leichtes, ihr einen guten Grund entgegen zu halten; Bruder Zacraria, deſſen Seele zwar in Bezug auf politiſche Meinungen ganz Feuer war, der jedoch zu gleicher Zeit ein redlicher, ſtrenger und tugendhafter Mann war, und in deſſen Herz dieſelben Gedanken, wie bei Laudomia aufgeſtiegen waren, ohne daß er ge⸗ wagt hatte, ſie zu offenbaren, wendete ſich nun zu Bruder Benedetto und ſagte: „Was wir Diener des Evangeliums hätten ſagen ſollen, das hat Laudomia geſagt. Gott ſprach oft durch den Mund der Unſchuld, er möge Dich ſegnen, gutes Mädchen.“ Laudomia erröthete und ſchwieg und Liſa nahm heimlich ihre Hand und zog ſie an die Lippen und dankte ihr auf dieſe Weiſe ſtumm, daß ſie ihr Herz ſo genau errathen hatte. Niccolo war wie in tiefe Gedanken verſunken ſte⸗ hen geblieben, in dieſem Angenblicke hielt es ſchwer, daß die Leidenſchaften der Partei, der ſo viele Jahre genährte Haß gegen die Palleschen ſich aufrecht erhiel⸗ ten gegen die erhabene Sanſtmuth, die ſich in den Worten der Tochter hören ließ, er näherte ſich ihr, legte eine Hand auf ihr Haupt und ſagte zu ihr: „Sei geſegnet, theure gute Laudomia.“ Sogar der wilde Ferruccio(ſo groß und unbeſieg⸗ bar iſt die Kraft der Tugend) näherte ſich dem Mäd⸗ chen, ſah ſie im Augenblick ehrerbietig und verwundernd an, aber dann ſagte er ſcheltend zu ihr: „Ihr ſprecht gut, Laudomia, aber wie man heut zu Tage lebt, würde man mit allem dieſem Verzeihen wenig ausrichten; wenn ein Feind auf den Beinen iſt, ſo bring ihn zum Liegen, wenn Du kannſt, und wenn er liegt, ſo halte Dich nicht damit auf, ihn vom Bo⸗ den aufzuheben; wer den Gehenkten abſchneidet, den henkt der Gehenkte. Uebrigens bin ich Soldat und kein Geiſtlicher, ich liebe mein Vaterland und bin der Feind ſeiner Feinde. Könnte ich ſie alle umbringen, ſo würde ich nicht unterlaſſen, es zu thun, und übrigens miſche ich mich in nichts weiter.“ „Ich läugne nicht, daß man ſie tödten könne, daß man es zuweilen müſſe,“ erwiederte Laudomia und er⸗ hob ſchüchtern ihre blauen und heitern Augen gegen das harte und verſtörte Geſicht des wilden Republica⸗ ners,„aber kann man denn nicht vielleicht zu gleicher Zeit die ſchmerzliche Nothwendigkeit beklagen, die uns zwingt, ſo vieles Blut zu vergießen? Kann man nicht vielleicht Mitleid für ſie fühlen, anſtatt fie zu haſſen? Kann man nicht wenigſtens für ſie beten, denn im Tode laſſen ſie doch untröſtliche Frauen und Mätter zurück? Haben ſie denn nicht eine unſterbliche Seele, die auf ewig gerettet oder verloren werden kann? Ihr, 165 Bruder Zaccaria ſagtet, daß es nun Zeit iſt, Mitleid und Verzeihung von Gott unſerm Herrn zu verdie⸗ nen. Glaubt Ihr nicht, daß anſtatt Freude zu haben an dem Haß gegen die Palleschen, an dem Bilde ih⸗ rer zuckenden Glieder, es ein beſſerer Weg ſein würde, dieſes Erbarmen zu verdienen, wenn man für ſie be⸗ tet, wenn man Gott um die Kraft bittet, ſie zwar zu⸗ rückzuſchlagen und ſich gegen ſie zu vertheidigen, aber, während wir uns als gute Bürger zeigen, nicht zu vergeſſen, daß wir Chriſten ſind?“ Bei dieſen Wort fieten, von faſt unbeſiegbarer Gewalt bezwungen, Bruder Zaccaria zuerſt und dann alle Andern und ſogar Ferrucio auf die Knie. Der Mönch erhob ſeine Stimme, nicht mehr furchtbar und wie vorher, ſondern ſanft und demüthig. „Gott der Güte,“ ſagte er,„ex ore infantium et lactentium perfecisti laudem. Ein Mädchen hat deinen Namen verherrlicht, mehr als wir, die wir doch deine Diener find.— Nun erhöre dieſes unſer neues Gebet, errette dein Volk von den gewaltthätigen Hän⸗ den der Gottloſen, aber erinnere dich, daß dieſe Gott⸗ loſen unglücklicher ſind, als wir, denn ſie erklären ſich als deine Feinde und verläugnen deinen heiligen Na⸗ men, führe uns ins Gedächtniß, daß es unſere Brüder find, daß wir Alle deine Söhne ſfind, laß uns beden⸗ ken, daß wir Alle auf gleiche Weiſe mit Blut erkauft ſind, gieße alſo in ſie das Gefühl der Gerechtigkeit, in uns das der Sanftmuth, verleihe ihnen die Verzei⸗ hung, uns die Kraft, ſie zu gewähren und für ſie bei dir zu erflehen. „Wir empfehlen dir, o Herr, vor allen Andern den Kaiſer Karl den Fünften, der iſt unſer grimmig⸗ ſter Feind! Wir empfehlen Dir Pabſt Clemens, wir empfehlen Dir das ganze Haus Medici.. (Dieſe Worte erſchienen ſo neu, ſo ungeheuer, daß ſie Jeden erſchütterten.) 166 „Wir empfehlen dir alle unſre Feinde, die Pal⸗ leschen. Die arme Liſa, welche, das Geſicht in den Hän⸗ den verborgen, auf den Knieen lag, fühlte bei dieſem Gebet zwei Thränenbäche an den Händen und Armen herabrinnen. „Wir empfehlen dir endlich alle diejenigen, die uns Unrecht gethan haben oder thun wollen. Empor⸗ ſteigen möge, o Gott, dieſes unſer Gebet bis zum Fuße deines Thrones, und deinen Verſprechungen ge⸗ mäß möge es uns das Erbarmen gewinnen und die i die wir unſern Brüdern nicht verſagt aben.“ Als dieſes Gebet geendet war, erhoben ſich Alle mit heiterem und zufriedenem Geſicht, denn dieſes war die erſte Frucht eines Sieges, den die Menſchenliebe über die Wuth des Haſſes und der Parteiwuth davon trug. „Hört, die Trojana läutet,“ ſagte Herr Bernardo, „es iſt Zeit mit Gott zu gehen.“ zer Dann wendete er ſich zu Laudomia und ſagte lä⸗ elnd: „Ich werde nicht zu den Achten gehen und ihnen ſagen, zu was für Gebeten ihr uns dieſen Abend veran⸗ laßt habt; denn ich möchte nicht, daß wir, die wir alle im Bett zu ſchlafen hofften, bei dem Häſcherhauptmann ſchlafen möchten.“ Dann grüßte er Niccolo und Alle gingen hinaus. Die Mönche machten ſich auf den Weg in das Kloſter, er in ſein Haus und Ferruccio ſagte: er wolle in den Pallaſt gehen wegen gewiſſer Geſchäfte, die er bei dem Oberbannerherrn hatte. Die Begebenheiten, welche dieſen Abend vorgefal⸗ len waren, hatten ein wenig Balſam in das Herz Liſa's gegoſſen. Gewöhnt, von den Palleschen nie anders ſprechen zu hören, als wie man von wilden Thieren ſprechen würde, immer die Ohren voll blutiger Worte 167 gegen ſie, hatte ſie ihr Herz durch dieſes Gebet er⸗ quickt gefühlt, wie durch einen Thau vom Himmel. Ohne ſelbſt erklären zu können, welche Hoffnungen ſie daraus ſchöpfen könnte, glaubte ſie doch wenigſtens ein erſtes Tagen einer weniger trauriger Zukunft zu erblicken. Sie ſtieg mit Laudomia in das Zimmer hinauf, ſchloß ſich dort ein, und als ſie recht ſicher war, nicht überraſcht zu werden, lief ſie in das be⸗ nachbarte Zimmer an die Wiege ihres Kindes, und fand es ruhig ſchlafen. Während es ſich wälzte, wie es die neugebornen Kinder machen, hatte es das Betk⸗ chen in Unordnung gebracht. Ein kleines, rundes und weißes Beinchen, mit einem roſenrothen Füßchen, ſah unter der Decke hervor, die Arme lagen da, der an⸗ dere dorthin geworfen, mit kleinen und fetten Händ⸗ chen, und die volle und runde Bruſt glänzte ſo weiß und rein, daß ſie wie Atlas ausſah und zum Küſ⸗ ſen reizte. Die arme Mutter legte ſich ganz über die Wiege, dennoch Acht gebend, ihn nicht aufzuwecken, und die Thüre öffnend tauſend Gefühlen, die ſie den ganzen Abend im Herzen hatte verſchloſſen halten müſſen, be⸗ gann ſie gebrochen zu weinen. Dann, nach und nach beruhigt, ſagte ſie zu dem Kinde, das nun wieder zu ſich gekommen war, die Augen geöffnet hatte und mit den Händchen bald an ein Füßchen griff, bald Liſa's Kinn liebkoste: „Armer Arriguccio, mein Spätzchen, Liebling der Mutter, weißt Du, ſie haben auch für Dich am Ende gebetet, ſie haben auch für den Papa gebetet.“ Dann wendete ſie ſich zu Laudomia und ſagte zu ihr: „Weißt Du, daß ich daran geweſen bin, Alles zu entdecken? Als Bruder Zaccaria geſagt hatte, beten wir für unſere Feinde, die Palleschen, hat nur ein Härchen gefehlt, ſo hätte ich geſagt: beten wir alſo auch für meinen Mann.“ g „In Wahrheit weiß ich nicht, was ich Dir ſagen 168 ſoll,“ antwortete Laudomia,„in manchen Augenblicken möchte auch ich beinahe denken, daß es unſer Beſtes „Ze mehr ich daran denke, deſtv mehr bereue ich, daß ich es nicht gethan habe. Du ſiehſt, was wir für ein Leben voll Angſt führen, ſo können wir es nicht immer aushalten, übrigens weißt Du wohl, daß für meinen Charakter dieſes beſtändige Heucheln, dieſes Verſtecken, dieſes Verſtellen etwas zu Hartes und Uner⸗ trägliches iſt... Ich bin eine Einfältige geweſen, den Augenblick nicht erfaſſen zu können, da ihre Herzen ein bischen weniger hart als gewöhnlich waren. Hätte ich geſprochen, ſo hätte es geſchehen müſſen, daß der Lärm weniger groß geworden wäre, wenn ſie nicht ihre Worte und Gebete Lügen ſtrafen wollen.“ Laudomia theilte dieſe Hoffnung nur bis auf ei⸗ nen gewiſſen Punkt, ihr klarer Scharffinn zeigte ihr, daß auf eine augenblickliche Rührung ſchlecht zu bauen war, und daß deßwegen nicht nothwendig zu glauben war, daß in Haß und in Rache verhärtete Herzen ſich ſo ſchnell und ſo ganz verändern könnten; daher ſagte ſie zu der Schweſter: „Meine Liſa, was das betrifft, ſo weiß Gott, was geſchehen ſein würde, und was mich betrifft, wie ich nie mich damit abgegeben habe, Dir einen Rath zu geben(außer jenem erſten), ſo wage ich es auch jetzt nicht; was ich Dir ſage, iſt: daß, was Du immer be⸗ ſchließen magſt, Du mich immer bereit finden wirſt, Dir zu helfen, Dich zu leiten, Dich zu tröſten, ſo lange meine Kräfte und mein Leben dauern. „Du weißt doch, daß ich von der Liebe lebe, die Du für mich hegſt, von der Liebe, die die Meinigen im Hauſe für mich hegen, ich verſtehe keine andere Freude, außer der, geliebt zu ſein und darauf zu den⸗ ken, das Glück, die Zufriedenheit, den Frieden deſſen, der mich liebt, herbeizuführen.“ Die arme Laudomia dachte vielleicht in der gehei⸗ 169 men Tiefe ihres Herzens an Lamberto, als ſie dieſe Worte ſagte, da ſie jedoch nicht wagte, den Gedanken an ihn zu ſehr feſt zu halten, trug ſie ihn auf Liſa und ihre Familie über, wo er auf einem Gegenſtand weilte, auf dem er haften konnte. Liſa warf ſich ihr zärtlich an den Hals und ſagte: „Ich glaube, daß das Herz eines Engels nicht anders beſchaffen iſt, als das Deinige. Hätte ich Dir ſo Gehör gegeben jenen Morgen, bei der Rückkehr aus der Kirche. aber nachher kam es mir jeden Tag ſchwerer vor. Was läßt ſich darüber ſagen, daß ich heute Abend mich ſtatt deſſen mit ſolcher Gewalt getroffen fühle, Alles zu bekennen, zu enthüllen?“ „Manchmal,“ entgegnete Laudomia,„legt uns St das an das Herz, was er von uns gethan haben wW „Wohlan,“ ſagte Liſa entſchloſſen,„ich will thun, was Er mir eingibt. Morgen werden dem Vater noch nicht entfallen ſein die Worte und die Gebete des Bru⸗ ders Zaccaria; es wird genug ſein, daß er mich dafür ſtraft, daß ich für ihn ſo wenig Ehrfurcht gehabt, und mich ohne ſein Wiſſen verheiratet habe, aber er wird die Verzeihung nicht verſagen wollen, die er wenige Stunden vorher für ſeine Feinde angerufen hat, er wird mich nicht als Tochter verläugnen, mich nicht fort⸗ jagen, blos, weil ein Pallesche ſein Schwiegerſon gewor⸗ den iſt. Und dann wollen wir uns ihm zu Füßen wer⸗ fen mit Arriguccio, wir wollen zu ihm bitten, wie man zu Gott bittet; Gott verſagt die Verzeihung nicht, wird er ſie verſagen können?“ Hoffnung iſt ein Uebel, welches leicht anſteckt, wenn man ſie überhaupt ein Uebel nennen kann, auch dann, wenn ſie betrügeriſch iſt. Laudomia überredete ſich am Ende auch, daß nach einem anfänglich heftigen Ausbruch von Zorn, er ſich doch würde in Ordnung bringen laſſen. Liſa ſetzte ſich neben die Wiege, nahm das Kind 170 auf den Schoß, enthüllte ſich den Buſen, reichte ihm denſelben dar und ſagte: „Nimm, kleiner Engel, und Gott wolle, daß, wenn Du groß geworden ſein wirſt, dieſe verwünſchten Par⸗ teiungen vorüber ſein mögen.“ Als das Kind die Milch gierig ſaugte, ſagte Liſa lächelnd zu ihm: „Du hätteſt doch nöthig, mir ein wenig Kraft auf morgen zu laſſen.. Aber Gott wird ſie mir geben.“ Nach und nach fing das Kind an, die Augen zu ſchließen, und die Mutter, mit dem Seſſel ſchaukelnd, ſang leiſe ein Liedchen, ſo daß es ganz einſchlief. Lau⸗ domia, hinter der Schweſter aufrecht ſtehend, ordnete ihr indeſſen die Haare und ſchloß ſie zuletzt in ein Netzchen ein für die Nacht. Monafede, einige Schüſſeln forttragend, machte ſich zu thun, indem ſie die Betten der beiden Mädchen zurecht machte, und die Wiege Arrigueccio neben das Bett Liſa's trug. Sie hatte aufmerkſam die Unterredung der Schwe⸗ ſtern angehört, aber der letzte Entſchluß leuchtete ihr nicht ſehr ein und indem ſie ſich an den Antheil erinnerte, den ſie an dem Vorfall mit Liſa gehabt hatte, glaubte ſie ſchon Niccolo mit dem ganzen Hauſe auf dem Hals zu haben; daher fing ſie, als fie ſchwiegen, mit vielen Seufzern und vielem Kopfſchütteln, indem ſie dabei fortfuhr, das, was für die Nacht zu thun war, in Be⸗ reitſchaft zu ſetzen, zu ſchelten an. „Hm! Gott mache, daß das gut geht!... Es iſt gleich geſagt, Alles erzählen l... Und dann? Wenn es krumm geht? Wenn es einen Teufelslärm gibt?... So lebt man doch wenigſtens mit ein wenig Rückſicht, es iſt wahr, wir ſtehen wie auf Nadeln, aber im Ganzen iſt es bis jetzt nicht ſchlimm gegangen, und einen Tag oder den andern kann man auf irgend eine Art den Weg finden, aus dieſem Wirrwar zu kommen. Aber wenigſtens, um Gottes willen, ſagt ihm nicht, daß ich 171 Euch die Hand dazu geboten habe, daß ich es geweſen Ihr wißt auch wohl, ich habe Nichts dabei zu un.“ „Nein, nein, ich werde ihm Nichts ſagen,“ erwie⸗ derte Liſa, über die Furcht der armen Alten lächelnd. „Ich ſaße Euch die Wahrheit, Ihr müßt ſchon einen großen Muth haben, wenn Ihr die Stirne haben ſollt, dem Herrn Niccolo zu ſagen: Ich bin das Weib des... O, heilige Frau!.. blos daran denken... Er iſt ein recht wackerer Mann, man kann Nichts dawider ſagen, er iſt ein Heiliger, aber, wenn er auf gewiſſe beſon⸗ dere Dinge kommt, da wird er ein nur zu böſes Thier... Es iſt eine Weile her, daß ich in dieſem Hauſe bin, und wie ich ihn geſehen habe bei gewiſſen Gelegenhei⸗ ten, ſo habt Ihr ihn nicht geſehen, er hätte den Herrn Giovanni zum Zittern gebracht. Wenn dann gar die Teufelei mit der Lilie und den Kugeln dazwiſchen kommt... dann nimmt Euch in Acht.. Ich kann es freilich nicht verſtehen, was, bei Gott, ſie darunter verſtehen wollen, was ich weiß, iſt das, daß, als Herr Lorenzo am Leben war, und die Florentiner„Kugeln“ ſchrien, das Korn nicht 7 Liren der Scheffel koſtete, und der Wein nicht acht und zehn Goldgulden, wie heut zu Tage, übrigens haben die Herren und die Reichen ihren eigenen Kopf, und ich miſche mich nicht darein; aber ich wollte von Herrn Niccolo ſprechen und wenn er in Zorn geräth... Als die Franzoſen kamen, Anno 94, Ihr wart damals noch in Gottes Schooß, da machten die Untertoffiziere vom Heer, wie es bei dieſer Nation Sitte iſt, den ſchönen Frauen zu Florenz den Hof: ein gewiſſer Haupt⸗ mann von den Gascogniern, den verſuchte der böſe Feind ſelbſt, daß er anfing, oft beim Haus vorbeizugehen, wegen Frau Fiore, Eure Mutter; eines Tags kommt der Herr nach Hauſe, und da gerade unter dem Thor findet er ihn auf den Beinen. Ich kann Euch ſagen: zwei Worte und ein gewiſſes Geſicht, das er ihm machte, und der Hauptmann hielt für gut, ſich nach 172 einem andern Quartier umzuſehen. Kurz, bedenkt wohl, was Ihr thut.“ „Fede, laß mich gehen, ich bin ſchon entſchloſſen, und Du weißt, daß ich mich nicht ändere.“ „Ich weiß es, ich weiß es nur zu gut... Genug, Gott mache, daß nicht meine Wahrſagung in Erfüllun geht: aber von dem Tag, als die Löwen ſich prſt haben, und die Löwin geſtorben, iſt es überhaupt nicht mehr gut gegangen, weder für Florenz noch für das Haus. Ich habe ſchon immer von alten Leuten ſagen gehört, daß es keine ſchlimmere Vorbedeutung für dieſe Stadt gibt... Und geſtern Nacht bei ruhiger Luft hörte man bis daher das Gebrüll des großen Löwen, der mit der Giraffe kam, als ihn der Sultan dem Herrn von Florenz zum Geſchenk ſchickte, Anno 88. Das arme Thier wird wohl wiſſen, warum es ſo ſchreit..“ „Und ich weiß es auch,“ antwortete Liſa,„und will es Dir gleich ſagen: Er ſchreit, weil er Hunger hat, jetzt, wo das Eſelsfleiſch ein Carlin das Pfund gilt, wird er magere Koſt bekommen.“ „Hört, hört, wahrhaftig, er hört nicht auf zu heulen!.. Die drei Frauen hörten auf einmal auf, zu plau⸗ dern, Liſa hielt mit dem Seſſel inne, Fede hielt ſogar den Athem an, jedes ſpitzke die Ohren. Da zu ſpä⸗ ter Stunde die ganze Stadt ruhig, der Ort im Hauſe gelegen, und nicht zu weit entfernt vom Palaſt der Herren war, hinter welchem ſich der Käfig der Löwen befand, hörte man von Zeit zu Zeit das dumpfe und rauhe Gebrüll dieſer Thiere herandringen, die bei dem Mangel während der Belagerung(Liſa hatte es richtig er⸗ rathen) Hunger litten. Aber während die armen Frauen ganz Ohr waren, dieſes ferne Gebrüll zu vernehmen, er⸗ ſcholl ein ſchrecklicher und naher Ton, Riccolo's Stimme, mit wüthenden Fauftſtößen an die Thüre ſchlagend pie „Oeffne, elende Dirne!“ Eilftes Kapitel. Unter den vielen Geſetzen und Einrichtungen, durch welche der florentiniſche Staat regiert wurde, befand ſich eine, welche, obgleich ſie zum Schutze der Freiheit beßtimmt war, dieſer nicht ſelten hinderlich war und gerade die ſchlimmſten Wirkungen hervorbrachte. Man nannte dieſe die Trommelklage. Damit jeder Bürger einen geheimen, ſichern und zu jeder Zeit offenen Weg hatte, um den Magiſtrats⸗ perſonen denjenigen anzuklagen, der Anſchläge gegen den Staat brütete, und zugleich jeden Verdacht abzu⸗ ſchneiden, falls der Angeſchuldigte mächtig und gefürch⸗ tet war, waren an verſchiedenen Orten der Stadt ge⸗ wiſſe Käſtchen angebracht, Trommeln genannt, unter deren Deckel ſich eine Spalte befand, in welche man Briefe oder Karten werfen konnte, und der Schlüſſel dieſer Trommeln war im Beſitz der Regierung. Wer nun der letzteren eine Anklage gegen einen Bürger zukommen laſſen wollte, warf ſie in eine ſolche Trommel(und dieß hieß man trommeln), dann brach man ein großes Stück Geld in zwei Stücke, und be⸗ hielt davon die eine Hälfte, die andere ſchloß man in den Brief ein, um in der Folge, wie es ſich als gut erweiſen ſollte, ſich als Urheber zu bekennen, das Mit⸗ tel dazu in Händen zu haben. Dieſe Trommelklagen gewährten jedoch immer ge⸗ ringen Vortheil, wenn ſie überhaupt irgend einen ge⸗ währten, und häufig dienten ſie der Bosheit, dem Haß und den Privatfeindſchaften feiger und nieder⸗ trächtiger Menſchen. Herr Benedetto de Nobili unter andern, welcher, wie ſich der Leſer deſſen erinnert, mit Malateſta ſich berathen hatte, was zu thun ſein möchte, um RNiccolo 174 zu zwingen, Troilo als Eidam anzunehmen, hatte ſich ſo ſehr bemüht, daß es ihm gelungen war, zu entde⸗ cken, wo ſich das Kind Liſa's befand. Er erkannte nun, daß er ſeine Abſicht ſehr leicht auf dem Weg der Trom⸗ melklage erreichen könnte. Er ſchrieb deßhalb einen Brief, welcher zu dieſem ſeinem Endzweck abgefaßt war, und warf ihn in die Trommel, welche an der Mauer des Pallaſtes der Regierung auf der Seite Dogana angebracht war, und dieſer gerieth in die Hand des Gonfaloniere Car⸗ duccio an demſelben Abend, an welchem die im vorigen Kapitel erzählten Ereigniſſe vorfielen. Der Brief lautete alſo: „Hochgebietender Herr! „Da es zur Kenntniß einiger Bürger gekommen iſt, welche das Vaterland und deſſen jetzige volks⸗ dienliche Verfaſſung lieben, daß Jemand vorhan⸗ den ſei, welcher wünſcht und ſich bemüht, Neue⸗ rung einzuführen, und mit den Feinden des Na⸗ mens und der Freiheit der florentiniſchen geheime Unterhandlungen führt, ſo halten ſich dieſe für verpflichtet, diejenigen davon zu benachrichtigen, welche zur Verhinderung eines ſo großen Uebels einſchreiten können. „Es möge daher Eure Herrlichkeit wiſſen, daß von Vielen über die Handlungsweiſe des Herrn Niccolo de Lapi gewichtige Zweifel erhoben wer⸗ den, und daß man glaubt, daß eine Strenge gegen die Partei der Palleschi nur ein leerer Vorwand ſei, um feindliche Entwürfe gegen die beſtehende Regierung zu verdecken. Die Urſache dieſes Ver⸗ dachts beſteht darin, daß man weiß, daß vielmal vor dem Beginn der Belagerung in ſeinem Hauſe nächtlicher Weile und in einem Zimmer, welches Zuf die Straße dei Conti hinausſieht, Troilo degli Ardinghelli heimlich verſteckt war, welchem Niccolo die Liſa verheiratet hat und, um die Verwandtſchaft 175 verborgen zu halten, indem er vielleicht nicht daran zweifelt, daß es Verdacht im Volke verurſachen möchte, unterhält nunmehr ein aus dieſer Ehe erzeugtes Kind, ſehr wohl verwahrt, in gewiſſen abgeſonderten Gemächern im obern Theile ſei⸗ nes Hauſes. „Es wollen auch einige den Troilo bei Nacht, auch in den jetzigen Tagen, in welchen das Lager der Feinde unter der Mauer iſt, in das Haus gehen geſe⸗ hen haben, obgleich es bekannt iſt, daß der genannte Troilo ſich in den Dienſten des Prinzen von Ora⸗ nien und als Soldat bei den Feinden von Florenz befindet.(Dieſes war ganz falſch, und Herr Be⸗ nedetto wußte es beſſer als alle Andere.) Hieraus wird Eure Herrlichkeit ſich von der Wahrheit der Thatſachen überzeugen können und beurtheilen, ob egen ſo geheim geſponnene Ränke Etwas vorzu⸗ ehren ſei, und ſich eine Vorſtellung von einem guten und gehorſamen Bürger machen. Jedenfalls hat man nicht ermangeln wollen, Euch davon zu benachrichtigen.“ Carduccio erſtarrte, als er dieſe Anklage las. Nic⸗ colo, ſeinen Freund, den Mann, auf welchen nie ein Verdacht gefallen war, für einen Verräther halten, ihn auch nur für fähig halten, ſich zu verſtellen, dazu konnte er ſich nicht bereden. Andern Theils führte der Brief ſo beſtimmte Thatſachen an, die ſich ſo bald be⸗ ſtätigen konnten!.. Er war einen Augenblick ganz außer ſich, aber bald ſiegte in ſeinem Herzen die gute Meinung, die er von dem volksdienlichen Alten hatte, und er be⸗ ſchloß, ihm dießmal zu zeigen, wie feſt er ſich in ſei⸗ nem Zutrauen geſtellt habe. Es befand ſich eben Ferruccio gegenwärtig; er machte. ein Päckchen, in welches er den Brief legte, ſiegelte es und bat ihn, er möchte ihm den Dienſt leiſten, die⸗ ſes ſogleich Niccolo zu bringen und ihm dazu die fol⸗ genden Worte ſagen:„Der Gonfaloniere ſchickt Euch dieſe Schrift, damit Ihr daraus ſehen mögt, wie viel er auf Euch hält.“ Er gedachte ſich des Ferruccio und nicht eines Dienſtboten zu bedienen, damit, wenn auf dem Geſichte Niccolo's beim Leſen einer ſo ungeheuren Anklage irgend eine Bewegung erſcheinen ſollte, dieſe nur von einer befreundeten und klugen Perſon geſehen werden möchte, und ſo nicht in Jedermanns Mund kommt. Ferruccio traf de Lapi zu Hauſe, und dort einge⸗ laſſen, nicht ohne daß ſich Niccolo verwunderte, ihn ſo bald wieder erſcheinen zu ſehen, gab er ihm den Brief in die Hand, indem er die eigenen Worte des Car⸗ duccio ihm wieder ſagte. Niccolo öffnete ihn, las und blieb einen Augen⸗ blick ſtumm und unbeweglich. Dann richtete er ſich auf den Füßen empor, begab ſich näher ans Licht, rieb ſich mit der Hand die Augen und die Stirne, blickte dem Ferruccio ſtarr ins Geſicht, als wenn er ſich hätte überzeugen wollen, daß er es wirklich ſei und fing das Blatt von vorn zu leſen an. Rachdem er mit dieſem zweiten Leſen fertig war, und ſich überzeugt hatte, daß alles dieſes kein Traum ſci, ſo dachte er anfangs, es ſei dieß nur eine Reihe von Lügen, welche ſeine Feinde erfunden hätten, um ihn in Mißkredit zu bringen, und das war ſein Glück, denn wenn er gedacht hätte, dieß könnte wahr ſein und beweisbar, ſo würde er ſo unverſehens darüber belehrt, todt niedergefallen ſein. Zwei oder dreimal begann er zu ſprechen, aber die Zunge blieb ihm im Munde gefeſſelt, und er ſchwieg endlich, nachdem er alle Mühe aufgeboten hatte, den Sturm, den er in ſei⸗ nem Innern fühlte, zu beſänftigen, bat er Ferruccio, er möchte dem Carduccio für ſeine höfliche Meinung dan⸗ ken, und verabſchiedete ihn mit abgebrochenen, aber liebevollen Worten. 177 Dann wendete er ſich zu ſeinen Söhnen, die allein zurück geblieben waren, mit einem Blick, der ſie zittern machte, und ſagte zu ihnen mit jener Stimme, wel⸗ cher Niemand im Hauſe wagte, etwas zu erwiedern: „Niemand ſei ſo keck, aus dieſem Gemach zu ge⸗ hen, bis ich zurück komme; ich werde bald wiſſen, ob auch unter dieſem Dach Verräther leben.“ Die drei Jünglinge blickten einander beſtürzt und verwirrt ins Geſicht, ohne ein Wort zu ſagen, Nie⸗ colo nahm ein Licht mit der Linken, machte ſich auf den Weg, hinaus zu gehen, riß, als er bei Vieri vor⸗ bei kam, dieſem den Dolch von der Seite, überſchritt die Schwelle, ſchloß die Thüre und fing an, die Treppe hinauf zu ſteigen. Als er den erſten Abſatz zurückge⸗ legt hatte, hielt er einen Augenblick inne, um ſich zu beſinnen, dann warf er die Waffe weit von ſich, welche rutſchend bis ganz unten die Treppe hinab fiel. Er kam zu der Thüre des Gemachs, wo die Töch⸗ ter ſchliefen. Dort blicb er wieder, einen Augenblick horchend, ſtehen, dann legte er das Auge an das Schlüſſelloch, und der arme, unglückliche Greis wurde endlich ſeiner Schande gewiß. Liſa ſäugte gerade das Kind. Bei dieſem Anblick wurde das Licht ſeiner Augen verwirrt, er ſchlug zweimal mit der entſchloſſenen Fauſt dergeſtalt an die Thüre, und mit einer Stimme, die wie das Gebrüll eines reißenden Thiers erſchien, ſtieß er den Schrei aus, den wir kurz vorher erzählt haben. „Oeffne!. Elende Dirne—“ Es vergingen zwei oder drei Secunden und Rie⸗ mand öffnete. Niccolo trat mit einem gewaltigen Stoß die worſche Thüre ein, überſchritt ſie und blieb mitten im Gemach ſtehen. Die beiden Mäd⸗ chen waren plötzlich eiskalt und bleich wie Marmor⸗ bilder geworden, und der Alte blieb ſtumm und wie von eigem krampfhaften Beben ergrifſen, und heſtete auf Liſa zwei Augen voll Feuer, die ſie verzehren zu Niccolo de' Lapi. 1. 12 178 wollen ſchienen, als wenn ſie von Wache geweſen wäre. „Sy iſt es denn wahr!“ rief er endlich, ein Ge⸗ brüll ausſtoßend, das die Söhne im untern Stock hörten und von der Wuth des erſten Ungeſtüms außer ſich gebracht, ergoß er ſich gegen ſeine Tochter in den gräßlichſten und den ſchmähendſten Worten, die je zu — —— einem Weibe geſagt worden find, ſo daß Laudomia zitternd und bebend, auf das Geſicht niederfiel, ge⸗ waltig weinend, und den Rock des Vaters beim Saum ergriff; aber dieſer ſich umwendend, wie eine Schlange, welcher auf den Schweif getreten wird, rieß ihn ihr aus der Hand und das beſtürzte Mädchen fiel mit den Armen und der Stirne auf den Boden. Liſa, das Haupt zwiſchen den Knien haltend(ſie hatte bei dem erſten Anklopfen Niccolos das Kind in die Wiege ge⸗ legt) hatte ſich noch nicht gerührt. Nach dieſem erſten Ausbruch ſchwieg der Greis einen Augenblick, wie um wieder Athem zu ſchöpfen, aber bald fuhr er fort: „Sage mir, hölliſches Weib, Du meine Schande, Schande Deines Hauſes, konntet ihr nicht vorher mich tödten und dann thun, was Du gethan haſt? Gab es keine Meſſer mehr in Florenz? Koſtet es ſo viel, den letzten Lebenshauch eines Greiſes von neunzig Jahren auszulöſchen, reicht es nicht hin, ihn vorher zu neh⸗ men, und dann, wenn Du wollteſt, Dich mit Seele und Leib dem Feind zu überliefern? Mir das Leben nehmen? Was hätteſt Du mir da genommen? Aber die Ehre rein erhalten ſo viele Jahre hindurch, unbe⸗ rührt bis auf heute!... Nun, da ich ſchon einen Fuß im Grabe habe, bewirfſt du, Verderbte, mein Haupt mit Koth? Dieſe grauen Haare, die der Ruhm meiner Söhne ſein ſollten und Deine Ehre, ſchmutzige Ver⸗ brecherin!. Und wenn Du nicht fähig warſt, einen Dolch handhaben zu verſtehen, warum ſagteſt Du es nicht dieſem Deinem elenden Schergen... Es wäre eine Unternehmung geweſen für einen Edelmann, einen — ki 179 Pallescho, einen verfaulten Höfling der Medici, einen Greis von hinten abzuſchlachten.. aber der Verräther wußte, daß er mir es ſchlimmer machen konnte.. doch beim Kreuz Gottes, ich werde ihn ſeinen Irrthum einſehen lehren, daß er Niccolo am Leben ließ, und er wird es zu bereuen haben, wann es nicht mehr Zeit dazu ſein wird. Averardo.. Vieri..1“ Die Jünglinge, welche ganz Ohr waren, liefen herbei auf den Ruf Niecolo's, dieſer gab ihnen den Brief, den ihm Cartuccio geſchickt hatte, zu leſen, und rief aus:„Wer von uns wird ſo kühn ſein, nun⸗ mehr noch die Augen zu erheben, Lamberto gegenüber, dieſem geehrten und rechtſchaffenen Jüngling und dem eben ſo unglücklichen?“ Und nun einen Augenblick ſtille haltend, wie be⸗ lehrt von einem neuen Gedanken, fuhr er fort: „Der Unglückliche, ich bin doch ein Thor, er wird vielmehr Gott zu danken haben und ihm Gelübde zu löſen, daß er ihn davor gerettet hat, ſich mit dieſer Elen⸗ den, mit dieſer Frechen zu verbinden, die ihres Glei⸗ chen verrathen konnte, um ſich einem niederträchtigen Verräther, einem tauſendfachen Verräther hinzugeben. „Fort aus dieſem Hauſe!“ ſchrie er mit Wuth und immer wachſender Stimme,„fort nun, gleich, Du und dieſes Kind, geh, bring' es ſeinem Vater, ſag ihm, er ſoll Gott dafür danken, daß ich weder ein Pallescho noch ein Edelmann, noch ein Höfling bin, daß, wenn ich ein ſolcher wäre!.. daß ihr genug erreicht habt, daß ihr lebendig aus meinen Händen gekommen ſeid... aber Gott ſelbſt iſt es geweſen, der es nicht geſtattet Fiſaß ich bis da herauf kommen ſollte mit jenem 0* Während Niccolo dieſe Worte hervorſtieß, hörte Laudomia nicht auf, auf dem Boden zu ſchluchzen, wäh⸗ rend ſie die Knie ihres Vaters zu umfaſſen ſuchte, der es jedoch durchaus nicht zugab und ſie immer zurück⸗ 180 ſtieß. Die Brüder, die ihn ſo ſehr in Wuth gerathen ſahen, wagien es nicht, ſich ihm zu nähern. Liſa, welche, ohne ſich zu hewegen, und ohne den Mund zu öffnen, dieſe große Schmähung bis zu Ende angehört hatte, ſo lange ſie nur gegen ſie allein ging, erhob ſich, als ſie ihren Mann einen Verräther nennen hörte, und fand in ihrer kühnen Natur ihre Stärke wieder, welche nach Art einer Stahlfeder, je mehr ſie gedrückt wurde, deſto kräftiger fich wieder aufrichtete. Sie erhob ihre blaſſe Stirne, und, indem ſie ihren Vater mit einem ſchwachen, aber ſicheren Auge be⸗ trachtete, kniete ſie in der geringen Entfernung von ihm, in der ſie ſich befand, nieder und ſagte zu ihm: „Würdigt Ihr mich, Euch vier Worte zu ſagen, bevor ich aus dieſem Hauſe gehe?“ Niccolo antwortete:„Sprich und mach ſchnell.“ „Wenn Ihr mich getödtet hättet, ich verdiente es wohl, ich kann es nicht leugnen, ich bekenne, daß ich einen großen Fehler begangen habe, indem ich mich von dem Gehorſam entſernte, den ich Euch ſchuldig war, und ich erkenne, daß ich Euch wenigſtens, nach⸗ pen das Uebel geſchehen war, Alles hätte bekennen ollen.. „Laudomia, welche hier iſt, und welche Nichts erfuhr, bis Alles zu Ende geführt war, rieth es mir; ich bin es geweſen, die nicht gewollt hat. Alle Schuld iſt alſo mein und es iſt billig, daß ich die Strafe da⸗ für trage und Alles, was Ihr mir geſagt habt oder ſagen werdet, welches auch die Strafe ſein mag, die Ihr über mich verhängt, Alles werde ich hinnehmen und Eure Hände ſegnen und ich werde ſagen, daß ich es ſehr wohl verdient habe; aber wenn Ihr mein Herr und mein Beſchützer ſeid, ſo ſeid Ihr es nicht zugleich über die Ehre und den Namen Troilos, der nie an irgend Jemand zum Verräther wurde.“ „Ich will ſo viel Geduld haben, Dich bis zum Ende anzuhören...“ 181 Niccolo ſprach es mit einem bittern Gelächter. „Und,“ begann Liſa wieder,„er wird in dieſer Beziehung der ganzen Welt gegenüber Probe hal⸗ ten können. Wenn er zu der Partei der Palleschi gehört, ſo iſt er bei derſelben, bei der ſeine Vorfahren waren, und das will nichts Anderes heißen, als daß er eine andere Anſicht hat, als das Volk in dieſer Stadt. Und es wäre etwas gar Ungeheures, ſagen zu wollen, daß die vielen Bürger, die außerhalb dieſer Mauern ſind, alle Verräther ſeien.“ „Und Du, Niedrige, Ruchloſe, biſt ſo kühn, Dein Vaterland auf dieſe Weiſe zu läſtern, im Hauſe Nic⸗ colo's, und Du, Närrin, glaubſt, daß er's duldet? Und während Du dich unter die Erde verbergen ſollteſt, und vor Scham ſterben, und Gott und mir danken, daß Du noch das Tageslicht ſiehſt, bleibt Dir ſtatt deſſen noch Frechheit genug, zu ſprechen? Und es fehlte nicht viel, daß ſie ſagte: eine Gute und die Tugendhafte ſei ſie geweſen, und er ihr Liebſter ein Ehrenmann; und iſt er nicht ein Verräther, der mit bewaffneter Hand gegen ſein Vaterland heranzieht?... O, daß ich eben dies erkennen muß, was für eine Natter ich im Buſen hielt, daß die Stunde verflucht ſei, da Deine Mutter zu meinem Unglück Dich empfing... Auf, zu wem ſpreche ich? ich, der ich zu viel geduldet habe... Auf, fort aus dieſem Hauſe... Als er dieſe Worte geendet, warf er ſich auf Liſa, packte ſie bei den Haarflechten und ſchleifte ſie auf allen Vieren bis gegen die Thüre, trotz der Thränen und dem beſtändigen Geſchrei Laudomia's. Nun legten ſich die Söhne, von Mitleid für die arme Schweſter ergriffen, in's Mittel und nahmen ſie ihm aus der Hand. „Weg,“ ſagte Vieri, der jüngſte von den Zweien, der ſehr gutmüthig war und einer von den Charak⸗ teren, die nicht von Unglück reden hören können,„weg, Alles will am Ende ſein Ziel haben, und es iſt wohl 182 genug, daß ſie fortgeht, wenn Ihr ſie nicht im Haus haben wollet.. „O mein Vater,“ unterbrach ihn Laudomia,„es iſt wahr, wir haben einen großen Fehler begangen, aber Gott verzeiht doch demjenigen, welcher bereut und um Erbarmen bittet.. Wenn das, was Euch am meiſten beleidigt, das iſt, daß ſie einen Pallescho geheiratet hat, habt Ihr nicht noch vor drei Stunden für ſie gebetet?... Und wenn Ihr nicht verzeiht, wie wollt Ihr, daß Gott, entſchuldigt mich, lieber Vater, wenn ich ſo kühn bin, wie wollt Ihr, daß Gott Euch verzeihe?“ Riccolo ſchrie:„Spiele mir nicht noch die Ueber⸗ kluge, ich habe nicht nöthig, von Dir, Einfältige, zu erfahren, was ſich hier geziemet, zu thun. Da wird man noch am Ende zuſehen und ſich von dem Palleschi die Töchter ſchänden laſſen müſſen, um Deinem Ge⸗ wäſch Gehör zu geben... Bekümmere Dich um Dich und Deine Geſchäfte, Du. Und Du(indem er ſich zu Liſa wandte) nimm dieſes Kind und hebe Dich fort, und gehe hin in das Elend, das Gott Dir ſchenken möge Das arme Mädchen, welches bis dahin auf dem Boden liegen geblieben war, hingeworfen wie ein Trö⸗ delzeug, während ihre Haare über Schultern und Ge⸗ ſicht herabhingen, ſtieß von Zeit zu Zeit ein krampf⸗ haftes Schluchzen aus der Bruſt hervor, und erhob ſich mit großer Mühe. „Gott iſt gerecht,“ ſprach ſie gebrochen.„Er und nicht Ihr wird mich zu richten haben.. Und er wird ſehen, ob ich verdiente, behandelt zu werden auf dieſe Weiſe. Für meinen Ungehorſam, was das be⸗ trifft, war ich ſchuldig, es iſt wahr, aber er iſt mein Gatte, er iſt nicht mein Liebſter, wie Ihr ſagt, ich habe nicht geſündigt. Das, daß er ein Pallescho iſt, o was das betrifft, Gott ſteht auf keiner Partei; ich bin überzeugt, daß Gott weder ein Pallescho noch ein 183 Piagnone iſt.... Er verflucht dieſe Spaltungen.. dieſen Haß dieſe Wuth. „Er verflucht die ruchloſen Kinder,“ ſchrie Niccolo, „die Kinder, welche nicht gehorchen, und den ſchänden, der ihnen das Leben gab, und ſein Alter betrüben und ihn verzweifelt in die Grube jagen, Du, Ruchloſe, wirſt es gewahr werden.“ Hier fand die erſchreckte Laudomia, deren Sinne und Verſtand beinahe verwirrt waren, durch das ſchreck⸗ liche Schauſpiel, deſſen Zuſchauerin ſie war, und durch die gräßliche Verwünſchung, die der Greis auf das Haupt ihrer unglücklichen Schweſter geſchleudert hatte, nicht mehr Kraft zu Worten, aber ſie verſuchte mit Seufzern, mit Thränen, mit Knieumfaſſen und die Füße des Vaters küſſend, wie wenn ſie trunken und unfinnig geworden wäre, ihn umſchlingend und ſich an ſeine Kleider anhängend, ihn zum Mitleid zu bewegen. Aber der unglückliche Greis war(nicht nur ſo, wie man zu ſagen pflegt, ſondern wirklich) außer ſich, und jedes Lichts, jedes Geſühls der Vernunft beraubt, warf er Laudomia mit ſo gewaltigem Stoß zurück, daß ſie da⸗ von auf den Boden ſtürzen mußte; ſie fühlte zuerſt einen heftigen Schmerz am Kopf, nach und nach fühlte ſie Nichts mehr und wurde ohnmächtig. Niccolo's Söhne umringten, als ſie die grauſame und wüthende Handlung des Greiſen erblickten, der mit entſtelltem Geſicht und mit borſtigen Haaren nnter der gelben Stirne, durch ſeine Bläſſe, durch das Zit⸗ tern ſeiner Glieder, durch vas Irren ſeiner Augäpfel anzeigte, daß er nah daran war, die Befinnung zu ver⸗ lieren, wie er gerade ein Zeichen gegeben hatte, daß ſein Verſtand verwirrt war, ihren Vater mit unter⸗ würfigen und beſcheidenen Worten, und indem ſie nur in ſehr gemäßigter Weiſe Gewalt anwendeten, ent⸗ fernten ſie ihn aus dem Gemach ſeiner unglücklichen Töchter. Liſa mit dem weinenden Kind am Hals ging hinaus und trat auf die Straße, ohne ſich mehr —— 184 umzuſehen. Bei dem Vater hatte ſich indeſſen die Wolke verzogen, welche ihm für einen Augenblick gleichſam den Verſtand entzogen hatte, er machte ſich aus den Armen ſeiner Söhne los und ſchloß mit Heftigkeit die Hausthüre, ſchob den Riegel vor, und ohne mehr ein Wort zu ſagen, ging er in ſein Zimmer und kehrte den Schlüſſel der Thüre um. Es war gegen 6 Uhr, alſo in dieſer Jahrszeit nah an Mitternacht; der Nordwind ſtieß von der Seite her einen tüchtigen und eifigen Regen herab, und die arme Liſa wandelte auf Geradewohl in der Dunkelheit ein⸗ her, bald ſtolpernd, bald bis an die Hälfte des Fußes in die Pfützen von Waſſer und Schlamm tretend, von denen die Straße angefüllt war, aber ohne ſich um irgend etwas Anderes zu bekümmern, an etwas Ande⸗ res zu denken, als ihren Knaben feſt an den Buſen gedrückt zu halten, und ihm die Kleider über den Kopf und Rücken zu decken, um ihn vor dem Waſſer und der Kälte zu ſchützen. Sie hatte Acht darauf, dicht an der Mauer zu gehen, und um die Richtung zu finden(denn da fie die Hände beſchäftigt hatte, konnte ſie ſich nicht anhal⸗ ten), erhob ſie von Zeit zu Zeit die Augen, und folgte der Linie der Dächer, welche in dieſer allgemeinen Dun⸗ kelheit zuverläſſiger waren als der Himmel, von dem kaum ſo viel erſchien, daß man ihn unterſcheiden konnte. Sie ging ſo eine gute Strecke hin und her irrend, und nach und nach zerſtörte die Vorſtellung ihres gegenwär⸗ tigen Zuſtands, ihre Gefahr, das Leiden ihres Sohns, jeden andern Gedanken. Die Vorſtellung, daß, wenn ſie ohnmächtig werden würde, der arme Arriguccio im Koth, an Kälte und Entbehrung ſterben müßte, viel⸗ leicht in wenigen Minuten, reichte hin, ihr einige Kraft wieder zu geben, die ſie ſchon ſchwinden fühlte; ſie be⸗ tete aufrichtig zu Gott, und indem ſie ſich beſann, wel⸗ chen Ausweg ſie ergreifen ſollte, entſchloß fie ſich, zu einer Verwandtin zu gehen, die ſich immer licbevoll ——— 185⁵ gegen ſie gezeigt hatte. Aber ſie wohnte weit weg am Thor San Friano, ſie kannte jedoch keine andere Zu⸗ flucht und machte ſich auf den Weg. Wenig bekannt in den Straßen, ſo im Dunkeln und in ſo gedrängter Arbeit der Seele verlor ſie, wie man zu ſagen pflegt, den Kopf, und wußte nicht mehr, in welcher Straße ſie ſich befand. Sie hielt einen Augenblick inne, um Athem zu holen und ihre Vorſtellungen zu ſammeln, und in⸗ dem ſie den zurückgelegten Weg berechnete, war ſie der Meinung, fie befinde ſich dem Dom gegenüber, von wo ſie ſich durch den Corſo degli Adimari gegen den Arno hin wenden konnte. Aber indem ſie ſich von einer Mauer wegwendete, die ſie an den Schultern hatte, und vor⸗ wärts ging, indem ſie ſich auf dem Flatze glaubte, ſtieß ſie nach acht Schritten an eine Mauer, eingeſackt von einer engen Straße, denn ſie hatte ſich, ohne es zu bemerken, hinter den erzbiſchöflichen Palaſt gewen⸗ det und war über Calimala gegen Portaroſſa hin ge⸗ kommen. Nunmehr jeder Vorſtellung über den Ort, wo ſie ſich etwa befinden könnte, gänzlich entbehrend, fühlte ſie zugleich mit der Hoffnung die Seele und die Kräfte ſchwinden und fing an, gebrochen zu weinen, doch er⸗ hob ſie unter dem Schluchzen ihre ſchwache Stimme und rief um Gotteswillen um Hülfe. Aber kein Fenſter öffnete ſich, kein Licht erſchien. „O mein Gott, mein Gott,“ ſagte die Arme, in⸗ dem ſie den Sohn an ihren Buſen drückte,„ſoll er auf dieſe Weiſe ſterben müſſen, mitten in Florenz!“ Und ſie erhob die Stimme lauter, zuletzt bis zu einem verzweifelten Gekreiſch. Alles vergeblich, da durchging ſie in Gedanken die Urſachen ihres gegen⸗ wärtigen Unglücks, ſie überdachte im Flng den Partei⸗ haß, die Gebete von jenem Abend ſelbſt, das Wü⸗ then der Piagnoni, ſie verwünſchte ſie, ſie verwünſchte ihr Vaterland, aber ihr Schmerz hatte ſich in Wahn⸗ ſinn verwandelt. Sie verdiente Mitleid. Es wuchs 186 nun die Beengung ihres Athems, ein kalter Schweiß trat ihr aus allen Poren, und ſie glaubte den Athem in der Kehle gefrieren zu fühlen, ihre Kniee verſag⸗ ten ihr gänzlich den Dienſt, ſie mußte ſich an die Mauer lehnen, ein tödtliches Erſtarren überfiel ihre Glieder, durch welches nach und nach auch ihre Beſin⸗ nung ſich verdunkelte. Es war nicht Schlaf, es war nicht Ohnmacht, aber eine Miſchung von beiden. Sie blieb in dieſem Zuſtand kurze Zeit; denn zu ih⸗ rem Glück kam die Scharwache, von Fanfulla geführt, von welchem ſie auf die Weiſe, wie wir es im ſiebenten Capitel erzählt haben, aufgenommen und erquickt wurde. Hatte er beim erſten Anblick dringenden Antheil an ihr genommen, ſo bewies er noch um ſo größeren, als er ihre Unfälle gehört hatte, er bot ſich ihr in Allem, was in ſeiner Macht ſtand, an, und fragte ſie zugleich, was ſie nun zu beginnen denke. Aber ſie wußte es ſelbſt nicht. Zu jener Verwandten zu gehen, wie ſie ſich vorgenommen gehabt hatte, als ſie ſich allein und von Allem verlaſſen fand, konnte ſie ſich nunmehr nicht ent⸗ ſchließen. Die Leute in jenem Hauſe waren wüthende Piagnoni, wie alle Verwandte und Freunde der Lapi, und außerdem, da ſie in dieſem Augenblick größeren Abſcheu, als je, gegen dieſen wüthenden Haß ſühlte, ſo war ſie noch ſehr ungewiß, ob ſie, wenn ihre Ehe mit einem Pallescho bekannt wurde, Liebkoſungen und gute Aufnahme gefunden hätte, oder ſtatt deſſen Vorwürfe und ſchlimme Behandlung. L Obgleich ſo tief gefallen, ſträubte ſich ihre Seele dagegen, in einem fremden Hauſe ſich in Geſtalt einer Schuldigen und Flehenden zu zeigen. Sie antwortete daher dem Fanfulla, daß, wenn Gott und er ihr nicht helfen würden, ſie für ihren Theil nicht wüßte, was aus ihr werden ſolite. „Es würde für Euch,“ fügte ſie hinzu:„ein Mit⸗ tel und das Beſte, mich von Sorgen zu befreien, ſein, 187 mich ins Lager zu führen, um meinen Mann aufzu⸗ ſuchen.“ „Ei, mein Töchterchen, ins Lager! Gewiß; ein Weg wie in den Küchengarten! Erſtens nach öffentlichem Ausruf des Herrn Malateſta kann Niemand aus Flo⸗ renz gehen, außer auf Befehl und um zu kämpfen; dann iſt es auch keine Kleinigkeit! Ein Weibchen zu führen von eurem Wuchs, von eurer Geſtalt, mit einem Kind, das, wenn es ihm einfällt, ſich mit Heulen darein miſcht; gute Nacht, das ſparen wir bis zuletzt auf. Der armen Liſa ſchwollen die Augen von Thränen, als ſie ſah, daß ihr der Weg abgeſchnitten war, ſich zu dem zu begeben, der noch immer der Herr ihres Herzens war. Sie ſeufzte und ſchwieg, Fanfulla, wel⸗ cher einen Augenblick nachgedacht hatte, ſchüttelte den Kopf, wie wenn er ſich entſchloſſen hätte, und ſprach: —„Nun wohlan, auf einige Zeit, bis er kommen wird. denke ich. kommt mit mir.“— Er hing ſich den Knaben an den Hals, und ging, mit der andern Hand Liſa führend, aus der Wachtſtube, als es kurz vor Morgendämmerung war, und nach einigen Minuten blieb er an der Thüre eines Häuschens in der Via larga ſtehen, nach acht oder zehn Stößen wurde die Thüre geöffnet. Erwarte mich hier einen Augenblick, ſagte Fanfulla, indem er hineinging. Nach einigen Minuten erſchien er wieder und ließ Liſa ein, die in einer ärmlichen Kammer eine von Dürftigkeit abgezehrte, aber gutmü⸗ thig ausſehende Alte traf, welche ſie mit ſichtlichem Wohlwollen und Mitleid empfing. Es läßt ſich denken, oo das Mädchen Erquickung jeder Art nöthig hatte; einige wenige konnte ſie finden; aber mit Liebe in die⸗ ſer Noth herbeigebracht, reichte ſie doch hin, ihr Un⸗ terſtützung zu gewähren, und als man ſie mit ihrem Kind auf ein ſchlechtes Bettchen gelegt hatte, dankte ſie Gott, daß ſie noch ſo viel Milch in ſich fand, um es ſtillen zu können. Als ſie es ſchlafen ſah, beſiegte die 188 Müdigkeit nach und nach das Gefühl ihres Unglücks und verſenkte ſie in einen ruhigen und tiefen Schlaf. „ Indeſſen hatte Fanfulla kaum bemerkt, daß es mit ihr gutging, als er hinausging, indem er ihr verſprach, daß er ſich wieder ſehen laſſen würde. Als er auf der Straße war, wandelte er mit geſenktem Haupt, die Hände auf dem Rücken, den Kopf ſchüttelnd und pfei⸗ fend; dann brach er auf einmal in ein Gelächter aus und ſagte: „Nun, da der Hauptmann Fanfulla für gut gefunden hat, ſich zum Ritter dieſer Dame aufzuwerfen und ihr ge ſagt hat, er denke daran. an den Bäcker, wohlverſtan⸗ den, ſo wollen wir ein wenig ſehen, wenn er es nicht übel nimmt, mit was für Pfennigen er die Ausgabe be⸗ ſtreiten will? Und erinnerſt Du Dich nicht, daß das Land belagert iſt, und wenn der Hunger nicht wächst, weil dieſer unmöglich größer werden kann, als er ſchon iſt, ſo wächst wenigſtens jeden Tag der Preis des Brodes! Antwortet mir—!“ Die Antwort des guten Fanfulla war, ein zweites Gelächter herauszupreſſen, und er ſagte: „Das iſt alles meine eigene Sorge, Herr Haupt⸗ mann. Uh, wäre nur die Zeit der Plünderung von Rom..„ Aber zugleich gab er ſich mit der Hand einen Streich auf den Mund und erinnerte ſich an die großen Büßungen, die ihm wegen der damaligen Plünderung aufgelegt worden waren, eben um den übel erworbe⸗ nen Gewinn, den er damals gemacht hatte, abzuver⸗ dienen. Er nahm in die Hand die wenigen Münzen, die er bei ſich fand von der Zahlung, die er von Herrn Malateſta auf Abſchlag erhalten hatte. Der Arme hatte den größten Theil davon der Wirthin Liſa's für deren Unterhalt gegeben und kaum ein Drit⸗ tel für ſich behalten, aber der Vorrath konnte ſowohl für den Einen als für die Andere kaum eine Woche hinreichen. Im Ueberlegen und Wiederüberlegen kam ihm endlich ein Gedanke, aber dieſer mußte furchtbar —.—ůůůÜůÜůÜÜY— — 189 für ihn ſein, denn er erpreßte ſeiner Bruſt einen Seuf⸗ zer, als wenn er ſich wirklich mit einem Eiſen durch⸗ bohrt gefühlt hätte. Er krümmte ſich, er kämpfte, er ſtieß den Gedan⸗ ken zurück, jagte ihn ſort und verdoppelte ſeinen Schritt, hoffend, ihn hinter dem Rücken laſſen zu kön⸗ nen, aber dieſer verwünſchte Gedanke ſummte ihm im Kopf, plagte ihn und, auf dreien Seiten fortgejagt, er⸗ ſchien er auf der vierten wieder, und obgleich er nicht abließ, ihn zu quälen, hatte er doch eine ſo unwider⸗ ſtehliche Anziehungskraft, daß er zuletzt die Oberhand behielt und der arme Fanfulla nach ſeinem Willen thun Greif mußte. Wißt Ihr, was das für eine Idee war? Ab⸗ danken. Nichts Geringeres, als das aufgeben, was er das Handwerk zu Pferd nannte, aufhören Gensd'arme zu ſein, unter die Infanterie zu treten und ſeinen alten Greif zu verkaufen. Ein Herz wie Fanfulla's gibt es nicht mehr in dieſem Jahrhundert der Selbſtſüchtigen! Sein Mitleid mit dem Zuſtande Liſa's und die Ehre, die er darein ſetzte, ſeinem Verſprechen nicht un⸗ treu zu werden, war ſo groß, daß er ſich, da er keine andere Art fand, an dieſe halten mußte, obgleich es ihm über Alles hart und ſchmerzlich war. Er verfolgte ſeinen Weg mit gebeugter und niedergeſchlagener Stirne wie Einer, der ſich ſchon von ſeinem Range herabge⸗ fallen fühlte, und in der Furche der Narbe, welche ihm die Wange theilte, rann langſam eine gewiſſe Feuch⸗ tigkeit herab, die bei jedem Andern eine Thräne ge⸗ heißen haben würde. Aber Fanfulla, wer zum Henker hätte von ihm ſagen wollen, daß er weinte! Er begab ſich in den Stall, wo er das Pferd hielt, und dachte, als er es anſah: „Wer, willſt Du denn ſoll dieſes arme Thier 190 kaufen 2“ Er wendete den Blick und den Kopf von ſei⸗ nem alten Gefährten ab, gegen welchen er faſt den Verräther zu machen glaubte, und begab ſich eilig dahin, wo die Männer von der Compagnie des Herrn Amico d'Arſoli ihr Quartier hatten. In den Scharmützeln, welche alle Tage vorfielen, blieb immer einer davon unberitten. Und Fanfulla bot ſein Pferd einem von dieſen an, und obgleich völlig zu dem großen Opfer entſchloſſen, blieb ihm doch ein Reſt von Hoff⸗ nung im Herzen, daß er keinen finden möchte, der das Geſchäft eingehen wollte, weil das Thier gar zu abgelebt war. Aber zu jener Zeit brauchte man nach einem Tölpel nicht weit zu ſuchen, und einer von den Unteroffizieren ließ ſich gefallen, dreißig Ducaten da⸗ für zu bezahlen. Unſer armer Freund nahm das Geld und ſteckte es ſchnell in die Taſche. Er zog aus der⸗ ſelben den Schlüſſel zum Stall und übergab ihn dem Käufer, indem er ihm den Ort anzeigte, wo er war. Alles dieſes, ohne ihm in's Geſicht zu ſehen, und er wendete ſich ſeufzend hinweg und ſagte: Es iſt vorbei. Dieſe Summe, welche zu gewöhnlicher Zeit für Liſa auf mehrere Monate hingereicht hätte, konnte bei der Theurung, welche durch die Belagerung herbeigeführt war, nicht auf das Viertel dieſer Zeit hinreichen. Es kam noch ein Umſtand hinzu, welcher es noch ſchneller zuſammenſchmelzen machte. Liſa wurde krank. So große Bewegung, ſo große Leiden entzündeten ihr Blut, es fiel ſie ein heftiges Fieber an, welches ſie zwei Wochen hindurch nicht mehr verließ, und als ſie durch die anhaltenden Bemühungen der Alten, eines rechtſchaffenen Arztes, und mehr als alles Andern des guten Fanfulla wieder auf die Beine gebracht war, fand fie ſich bei wenigen Kräften und noch weniger Geld. Die Alte hatte für ſich ſelbſt Nichts, alſo konnte ſie Nichts geben. Fanfulla, ohne anvere Hülfsmittel, als den Sold eines Fußſoldaten, that das wenige, was er 191 konntez aber wenn dieſes hinreichte, um nicht zu ſter⸗ ben, ſo war es nicht genug, um auskommen zu kön⸗ nen. Und als die arme Liſa bemerkte, daß er ihrer⸗ wegen in Mangel lebte, verbarg ſie ihm ihr eigenes Leiden, das Bevürfniß beſſerer und reichlicherer Speiſe, welches Gewohnheit, Jugend und die Erneurung ihrer Kräfte ſie ſehr dringend empfinden ließen; kurz, Nic⸗ colo's Tochter, geboren und zu leben gewöhnt in Be⸗ quemlichkeit und Ueberfluß an allen Gütern, lernte nun zum erſte Mal die ſchrecklichen Bedrängniſſe des Hun⸗ gers kennen.. Die Alte, welche ſie im Hauſe aufgenommen hatte, und Niccoloſa genannt wurde— ihre Beſchäftigung war Linnen zu waſchen, zu nähen und auszubeſſern— war mit Fanfulla in Bekanntſchaft gekommen, als er in St. Marco wohnte, wo er oft, weil ſie ſo nah am Kloſter war, Altartücher und anderes Weißzeug zu ihr brachte, und da er fie für eine rechtſchaffene und gutmü⸗ thige Frau hielt, hatte er ihr Liſa ins Haus gebracht, wo ſie gern aufgenommen und eben ſo gut behandelt wurde, ſo lange das Geld reichte. Aber als dieſes erſchöpft war, kam die arme Alte ſo ſehr ins Gedränge, daß ihr eigenes Leiden ihr das Mitleid für Andere nahm. Eines Tags ſtieg ſie in das Kämmerchen Liſa's mit bekümmertem Geſichte hinauf, ſagte aber in gutmüthigem Tone: ſie müſſe ihr nur erklären, daß wenn ſie in ihrem Hauſe zufrieden wäre, ſie dort blei⸗ ben möchte, ſie habe nicht die Abſicht, ſie mitten auf die Straße auszuſetzen, was aber die Lebensmittel ſo müſſe ſie darauf denken, ſich damit vorzu⸗ ehen. „Und wie mich damit verſehen?“ dachte ſeufzend Liſa, welche ſeit vielen Tagen von ein wenig Brod lebte, woran mehr Kleie, als Mehl war, und ſie war nah daran, den kleinen Vorrath ſchwinden zu ſehen, den ſie ſich davon verſchafft hatte. Kleider von irgend einem Werth, Ringe hatte ſie nicht zu verkaufen, da 192 ſie, man könnte ſagen, im bloßen Hemd, aus dem Haus gegangen war. Und hätte ſie in ſo großem Elend wenigſtens allein zu leiden gehabt, aber ſie hatte einen Sohn, der von ihrer Milch leben mußte. Der arme Arriguccio, den wir ſo ſchön, ſo blü⸗ hend und ſo voll beſchrieben haben, hatte ſich in weni⸗ gen Wochen ſehr verändert, ſeine runden und feſten Glieder waren, ſo zu ſagen, ſchlaff und welk geworden. Die früher glänzende und geſpannte Haut hing nun ſchlaff und biegſam bei jeder Bewegung des Kindes. Jeden Tag betrachtete ihn die arme Mutter beim An⸗ und Auskleiden, ſie erforſchte mit thränenfeuchten Augen ſeine ganze Geſtalt, und an jedem Tage ſchien er ihr auf das Aeußerſte abgezehrt, an jedem Tage glaubte ſie irgend ein Knöchlein weiter hervorſtehen und weniger bedeckt zu finden, als vorher, und wenn auch dieſes Abnehmen nicht ſo ſchnell war, als die mütterliche Beſorgniß es ſich einbildete, ſo war es doch wirklich und anhaltend. Bei dem neuen Faſten und der Unmöglichkeit, oft den Anzug zu wechſeln, da die Arme keine Kleider hatte, war die zarte und feine Haut des Kin⸗ des an vielen Orten, wo die Reibung häufiger war, roth geworden und ſchien nah daran, zu zerreißen. ———— Zwölftes Kapitel. Die unglückliche Mutter verfolgte ängſtlich und be⸗ bend den Fortſchritt dieſer Leiden, zerſchmelzend in Thränen und in Küſſen, die ſie zu tauſenden auf den armen, elenden, kleinen Körper drückte, als ob ſie die Kraft haben ſollten, ihm die Schönheit und den Glanz ——— 193 von früher wiederzugeben. Aber dieſe Kraft, die ſich eine Zeit lang noch in ihrem Buſen befand, hatten Schmerz, Mangel, Hunger faſt ganz erſchöpft. Die Schreckniſſe ihrer Vertreibung aus dem väter⸗ lichen Hauſe, die Kälte jener erſten Nacht hatten ihre Wilch plötzlich vertrocknet, und ihre Art zu leben, war nicht geeignet, ſie ihr gleich wieder zu geben. Das Kind, welches nicht mehr geſättigt wurde, weinte fortwährend, die Arme, jeder Hilfe und jedes Mittels, ſich Nahrung zu verſchaffen, beraubt, hatte es den ganzen Tag an ihrem Buſen hängen; aber dieſes verhinderte doch nicht, daß das Kind, das ihn leer fand, vergeblich ſaugend dahin welkte, und ſich bald davon losmachend in ein heiſeres und untröſtliches Weinen ausbrach. Gerade an dem Tage, an welchem die Niccoloſa ihr jene ſchmerzlichen Worte geſagt hatte, fühlte fich das arme Mädchen, als ſie gegen Abend allein im Hauſe geblieben war, ſchwächer und kränker, als ſonft; dieſes fortwährende ihr Kind an die Bruſt Halten hatte fie aufgerieben. Ein heftiger Schmerz an den Bruſt⸗ knochen verhinderte ſie, Athem zu holen, und von Zeit zu Zeit fühlte ſie ſich am Erſticken. Neben dem Fenſter ſitzend, mit ihrem Sohn auf den Knieen, welcher ſchwach und weinend eingeſchlafen war, oder ſich vielmehr in der Erſchlaffung befand, welche mit der Kraftloſigkeit vereinigt iſt, ſah ſie die Dämmerung hereinbrechen und dachte mit Schrecken an die bevorſtehende Finſterniß einer langen Winternacht. Da ſie kein Licht hatte, war ſie gezwungen, ſobald es Nacht wurde, zu Bett zu gehen; und dieſe ewig lan⸗ gen Stunden, die ſie in der Dunkelheit zubrachte, ohne ein Auge ſchließen zu können, und mit verzweifelter Bemühung, ein Mittel zu finden, das Weinen ihres Sohnes zu flillen, verſetzten ſie, wenn ſie nur daran dachte, in einen Schauer von Furcht und waren viel⸗ leicht die härteſte Qual ihres gegenwärtigen Zuſtands. Niecolo de'Lapi. 1. 13 194 Bald erhob ſie die Augen, nach dem grauen Him⸗ mel vlickend, welcher jeden Augenblick ſchwärzer wurde. Bald ließ ſie betäubt und von Thränen umflort, ſie auf das erhitzte Geſicht des Kindes fallen und zählte ſeine Athemzüge, die ihr nach und nach immer häufiger und beſorgnißerregender zu werden ſchienen. Sie glaubte zu bemerken, daß die gläuzende Weiße ſeiner Haut ſich, wie mit einem Nebel, mit Gelb umzog, beſonders an den Lippen; beſtürzt erhob ſie ſich und hoffend, daß dieſe Erſcheinungen die Wirkung des wenigen Lichts ſein möchten, nahm ſie das Kind, legte es mit dem Geſicht gegen das Fenſter und ſah, daß die gelbe Farbe keine Täuſchung war, ſie ſah, daß die dürren Lippen dunkel und blau wurden, die halb geſchloſſenen Augen ſich auf einmal öffneten, der Augapfel einen Augenblick herum⸗ irrte und dann unter dem Augenlied verſchwand. Die unglückliche Mutter ſtieß einen Schrei aus; denn ſie glaubte, die letzte Stunde ihres Sohnes ſei gekommen, ſie trug ihn beköͤmmert auf das Bett, nahm ihn blitz⸗ ſchnell aus den Windeln, und zitternd vor Angſt, vor Eile, vor Ungewißheit, fing ſie an, ihn zu reiben und ſuchte mit dey Händen, mit dem Hauch, und ohne daß ſie es bemerkte, mit den Thränen, die ihr aus den Augen regneten, die Lebenswärme bei ihm wieder anzufachen. Hierauf ließ ſie nach und ſann neue Mittel aus, ſie legte ihren Mund auf den des Kindes, um ihn zu be⸗ decken und zu erwärmen; dann ließ ſie zwiſchen die Lippen einen Tropfen Milch fallen, welchen ihr kaum gelang aus dem Buſen hervorzupreſſen, aber die Freude, ihn ſie einſchlucken zu ſehen, die ſie mit ihrem Leben erkauft haben würde, hatte ſie nicht. Da richtete ſie ſich heftig empor, verzehrte ſich in Thränen, rang krampf⸗ haft die Hände, oder raufte ſich die Haare. „O, mein Sohn, ſagte ſie, v, Liebling der armen Mutter, o, verlaſſe ſie nicht!. Nein, nein, nein! O, wenn er mich nur wenigſtens anſehen würde, o, mein Gott, mich, die ich nichts Anderes in der Welt —— — 5 habe, als meinen armen, kleinen Engel, und auch die⸗ ſer will mich verlaſſen; o, mein Arriguccio, ſieh' Deine arme Mutter an, o, lächle, o, noch einmal lächeln ſehen dieſes theure Mündchen und dann ſterben. O, mein Gott, mein Gott, nimm mir Alles, ja Alles und Alle, aber mein Kind, meinen Liebling, o, nein, es iſt nicht mögli, o, Du kannſt es nicht wollen!“ Aber das Kind, unbeweglich und kaum athmend, gab kein Zeichen, das einen Schatten von Hoffnung hätte geben können. Die unglückliche Liſa blickte ihn eine Zeit lang mit getrockneten Thränen und gläſer⸗ nem Blick an, aber indeſſen bewirkte, was die Anſtren⸗ gungen, die Sorgen und das Weinen der Mutter nicht vermocht hatten, die Natur, und der Krampf, welcher das Kind angefallen hatte, legte ſich nach und nach. Das Weib bemerkt auch die erſten Zeichen, ſie ſah, daß die natürliche Farbe zurückkam, die Augen heiter wurden, die Züge ſich wieder ordneten, ſtill und bebend begleitete ſie dieſe Veränderung mit immer raſcherem Athmen, aber als ſie die Lippen ihres lieben Kleinen ſich zu einem Lächeln öffnen ſah, da war ein ſolches Entzücken von Freude, von Weinen und Lachen zu glei⸗ cher Zeit, die Trunkenheit, die innere Bewegung war ſo groß, daß ſie ſich nicht auf den Füßen haltend⸗ neben dem Bett auf die Knie fiel und ausrief, indem ſie die Kniee und die Füße ihres Sohns mit Küſſen bedeckte: „O Gvott, er wußte es!.. O es war nicht mög⸗ lich. Es wäre zu viel für eine arme Mutter ge⸗ weſen, für eine unglückliche. Unglücklich? Wer ſagt, daß ich unglücklich bin? daß ich arm bin? WMein Liebling iſt mir zurückgekehrt, er ſieht mich an und lacht, ich habe ihn lachen geſehen ich bin glück⸗ lich, ich bin reich, ich bin zu ſehr beglückt, ich verlange nichts Anderes, ich habe keinen Sinn für ein anderes Gut, für eine andere Liebe o Arriguccio, Du hät⸗ teſt die arme Mutter getödtet, o Du Böſer, nein, nicht 196 Böſer, Du Engel, Du Engel des Himmels, Du haſt mir eben das Leben wieder geſchenkt!“ „ NRicht genug, daß ſie mit dieſen Worten ſo unge⸗ zähmten und mächtigen Gefühlen ihren Lauf ließ, ſchloß fie mit einem Strom von Thränen und tauſend Küſſen und tauſend Liebkoſungen. Indeſſen war es ganz Nacht geworden. Als im Herzen Liſa's der Sturm ſo ſtarker Gefühle ſich gelegt hatte, fing ſie an, ihren Zuſtand zu überlegen, die Ge⸗ fahr, daß, wenn es ſo fortdauern ſollte, jenes Unglück, welches ſo eben erſt gedroht hatte, ſich wirklich ereignen könnte. Mütterliche Liebe beſiegte die Furcht, die ſie bei dem bloßen Gedanken an den Vater empfand, und fie entſchloß ſich, zu ihm zu gehen, ohne Zeit zu verlie⸗ ren, um das Leben ihres Sohnes zu bitten, es zu er⸗ halten, oder zu ſeinen Füßen zu ſterben. Arriguccio ſchlief. Sie machte über ihn das Zei⸗ chen des Kreuzes, befeſtigte ihn ſo, daß er, wenn er ſich bewegte, nicht Gefahr lief, zu fallen, ſie küßte ihn, und ſtieg, ſich anhaltend, in die Kammer zu ebener Erde hinab, wo ſich die Niccoloſa befand. „Um Gotteswillen,“ ſagte ſie zu ihr:„Seid auf⸗ merkſam, wenn Arriguccio weinen ſollte, ich komme gleich zurück.“ Die Alte ſchalt ſie, daß ſie Abends allein ausgehen wollte, aber vergebens, denn Liſa war ſchon fortgegan⸗ gen und hörte ſie nicht mehr. Die Nacht war dunkel, die Straßen öde, kaum war irgend eine Werkſtätte offen, und der ſchwache Glanz der Lichter von Innen reichte kaum hin, den Weg nicht zu verfehlen. Liſa ging an der Mauer hin mit ſchnellem Schritt, in we⸗ nigen Minuten war ſie an der Hausthüre der Lapi, die ſie zum erſtenmal wieder ſah. Bei dieſem Anblick weinte ſie, aber als dieſe Thränen getrocknet waren, und ihr Fuß auf der erſten Treppe ſtand, durch welche man zu der Schwelle hinaufſtieg, fühlte ſie ihren Muth ſchwin⸗ den und ſie vermochte es nicht, mit der Hand zu der 197 Glocke hinaufzulangen, welche dazu diente, um anzu⸗ läuten. Sie ſah ein Licht an den Fenſtern der Erdgeſchoß⸗ gemächer Niccolo's und ſtieg auf die Bank von Mar⸗ mor, welche ſich, ſo breit die Vorderſeite war, ausdehnte. Es gelang ihr, indem ſie ſich an der Simſe hielt, ſich ſo weit emporzurichten, daß ſie in das Innere ſehen konnte. Im Gemache befand ſich Niemand weiter, als Niccolo und Laudomia, er in ſeinem Lehnſeſſel unter dem Kamin, ſie am Arbeitstiſch, beide unbeweglich und ſtumm. Auf beider Geſicht waren ſolche Spuren zu er⸗ kennen, daß, wer ihre Schickſale nicht wußte, ſie eben⸗ ſowohl einem erlittenen Unglück, als einer eben über⸗ ſtandenen Krankheit zuſchreiben konnte. Liſa, welcher das Erſte bekannt war, ahnete das Zweite und täuſchte ſich nicht. Wir erzählten, wie am Ende jener ſchrecklichen Scene, während Liſa aus dem Hauſe gejagt wurde, Laudomia ohnmächtig auf der Erde liegen blieb; unter⸗ ſtützt von der Magd erholte ſie ſich inſoweit, daß ſie kaum, mit fremder Hülfe zu ihrem Bett gelangen konnte, aber ſchon vom Fieber ergriffen und von einem Entſchwinden des Bewußtſeins, war ſie mehrere Tage lang in Lebensgefahr und noch viele andere im Bette, und gerade an dieſem Tage war ſie zum erſtenmal in Niccolo's Gemach herabgeſtiegen. Ihm ſelbſt war es nicht viel weniger ſchwer ge⸗ fallen, aber bei der Feſtigkeit ſeines Sinnes und ſeines Körperbaues hatte er ſich weder ins Bett legen noch Aerzte zu Rathe ziehen, noch irgend eine lebendige Seele ſehen wollen; die Söhne, welche ſich ein Wort von Liſa hatten entſchlüpfen laſſen, hatte er fortgejagt und nur Laudomia hatte er es erlaubt, aber mit der ausdrücklichen Bedingung, daß ſie nie mehr das Ge⸗ ſpräch darauf bringen ſollte, dann endlich wurde ver⸗ boten, bei ſeiner Ungnade irgend Etwas auf irgend eine — Weiſe gemein zu haben mit dem Weibe, wie er ſich ausdrückte, dieſes verrätheriſchen Pallescho. Laudomia hatte jedoch, ſo bald ſie ſich nur irgend ſo weit erholt hatte, zuſammenhängend denken zu kön⸗ nen, einſehend, daß man Maßregeln ohne Wiſſen des Alten ergreifen mußte, mit den Brüdern verabre⸗ det, die arme Liſa aufzuſuchen, es koſte, was es wolle. Und die Wahrheit zu ſagen, hatten ſie in Florenz das Unterſte zu oberſt gekehrt, aber ohne irgend einen Er⸗ folg, und Laudomia war mehr, als Alle, darüber in Ver⸗ zweiflung. Liſa betrachtete aufmerkſam bald den Vater, bald die Schweſter; die Bläſſe, die Betrübniß beider, dieſe Unbeweglichkeit, dieſes Schweigen waren eben ſo viele Dolchſtiche, die ihr Herz zerfleiſchten. Siehe, was Du veranlaßt haſt, ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„ ſiehe hier, wie weit Du gebracht haſt Deinen Vater, einen armen Greis„Deine Schweſter„ dieſen Engel ohne Wackel„ und Du hoffſt noch, daß Gott Dir es nicht eben ſo machen ſoll? Du hoffſt, daß er Dir Dei⸗ nen Sohn zum Troſt laſſen ſoll?. Und hier konnte ſie, ergriffen von dem Gedanken, daß die Rache Gottes vielleicht darin beſtehen könnte, ſie gerade in dem Leben ihres Kindes zu verwunden, ſich nicht mehr halten, und brach in ein ſo lautes Schluch⸗ zen aus, daß Laudomia und Niccolo es hörten. „Wer weint hier?“ ſagte der Greis, indem er auf⸗ ſtand und an's Fenſter ging, es zu öffnen. Als Liſa ſah, daß der Vater ſich bewegte, war ſie von Schrecken ergriffen, hinabgeſtiegen, und, niedergeworfen auf das Pflaſter der Straße, ſprach ſie: „Ach Vater, für mich bitte ich um Nichts ich verdiene Nichts. aber mein unglückliches Kind, welche Schuld hat es daran, wenn ſeine Mutter eine Verirrte iſt?. Wenn ſein(die arme Liſa hatte noch ſo viel Befinnung, Troilo in dieſem Augenblick nicht zu nennen). Ach Vater, mein armes unglückliches Kind lebt — 199 von meiner Milch und ich habe keine mehr„ ich habe keine Kraft mehr, ich habe keinen Athem, kein Leben mehr der Hunger, mein Vater!.„der Hun⸗ ger!. O mein Gott, wenn Ihr je den Hunger gefühlt habt, und ein Kind geſehen, das an Hunger ſtirbt!——“ Liſa erhob am Schluß dieſer Worte ihr Haupt be⸗ bend empor, denn ſie dachte, Niccolo könne unmöglich ſo grauſam ſein, nicht zum Mitleid gerührt zu werden, ſie glaubte ſchon ihren Vater am Fenſter in einer gü⸗ tigen Stellung zu erblicken, aber das Fenſter war ge⸗ ſchloſſen, das Licht verſchwunden. Die Unglückliche war in Verſuchung, ihre Stirne auf den Steinen zu zer⸗ ſtoßen, ſo groß war die Verzweiflung, die fie ergriff. Riccolo hatte kaum ſeine Tochter bemerkt, ſo hatte er ſich gleich zurückgezogen, aber er verlor keines ihrer Worte. Laudomia hatte ſich ihm, ohne eine Sylbe hervorzubringen, genähert, und ſtiill weinend umfaßte ſie ſeine Kniee, aber der Greis hob ſie mit Gewalt empor und mit ausgeſtrecktem Zeigefinger nach der Thüre weiſend, ſagte er mit einer Stimme, welche drohend und ſtreng ſein ſollte, ohne daß es ihm ganz gelingen wollte: „Laudomia, ich ändere mich nicht, gehe hinaus, hinauf in Dein Zimmer, ich befehle es Dir.“ Als er ſah, daß ihm nicht ſogleich gehorcht wurde, wiederholte er den Befehl, und zwar mit jenem Tone, welchem Niemand im Hauſe ſich zu wiederſetzen wagte. Die arme Laudomia ging hinaus, indem ſie ihr Geſicht mit den Händen bedeckte. Nachdem der Greis ſo ein wenig horchend ſtehen geblieben war, ging er, als er das Geräuſch der Schritte Laudomia's, welche langſam emporſtieg, ſich verlieren hörte, ſchnell in das Gemach⸗ welches zur Speiſekammer diente, wickelte in ein Tiſch⸗ tuch ſo viel Brod, als es faſſen konnte, öffnete die Hausthüre, ließ den Speiſevorrath auf der Schwelle und verriegelte ſie wieder. Die arme Liſa hatte ſich, ſobald ſie öffnen hörte, ſogleich von dem Orte, wo ſie 200 lag, mit all der Schnelligkeit erhoben, welche ihre ge⸗ ringen Kräfte ihr geſtatteten, ganz ängſtlich, wie man ſich vorſtellen kann, und zwar in der Hoffnung, ſie werde in's Haus aufgenommen werden: aber ſie kam erſt herbei, als der Riegel wieder in die Angeln ge⸗ ſchoben worden war, und erblickte am Boden das Tuch mit Brod. So viele Erniedrigung, ſo viele Leiden hatten ſie ganz niedergeworfen, ſie hatte keine Kraft mehr, weder zu Thränen, noch zur Klage. Sie ſetzte ſich auf die Schwelle, nahm ein Brod und begann(denn ſie fühlte ſich vor Hunger ganz ſchwach werden) mit Gier zu eſſen. Ausgelöſcht oder wenigſtens unterbrochen war jedes Gefühl ihrer inneren Leiden, und vor Sehn⸗ ſucht ſeufzend, dachte ſie:„Wie ich mich erhole! wie gut hätte mir ein wenig Feuer und ein wenig Wein gethan, ſo erkältet und ſo ſchwach, wie ich bin!“ Laudomia war indeſſen kaum hinaufgeſtiegen, ſo kam ſie wieder ohne Licht herunter, barfuß, um kein Geräuſch zu machen, indem ſie hoffte, die Wachſamkeit ihres Vaters zu täuſchen und zu Liſa gelangen zu kön⸗ nen. Von oben herab lauſchend, ſah ſie, was Niccolo that, ſie ſah ihn ſtillſtehen, nachdem er die Thüre ge⸗ ſchloſſen hatte und mit geſenkter Stirne einige Minuten ſo bleiben, die ihr wie Jahrtauſende vorkamen, dann ſich die Augen mit der Rückſeite der Hand trocknen und endlich wieder in ſeine Gemächer gehen. Laudomia ſprang nach dem Riegel, ſchnell öffnete ſie, ſchnell ging ſie auf die Straße, welche dunkel und verödet war. Sie machte einige Schritte und rief mit leiſer Stimme, aber ſo deutlich als möglich:„Meine Liſa!“ Niemand antwortete, und doch dachte ſie:„Liſa kann noch nicht ſo weit ſein, daß ſie mich nicht hört, o, wüßte ich nur, nach welcher Seite hin ſie ſich ge⸗ wandt hat? Sie vielleicht da in der Nähe haben und doch nicht finden können, und wenn ich dieſe Gelegen⸗ heit nicht benütze, ſehe ich ſie vielleicht nie mehr; ich werde lauter ſchreien, es geſchehe, was will!“ Und die —— ———— 201 gute Laudomia rief mit ſcharfer Stimme zwei Mal ihrer Schweſter. Eine Stimme, keine weibliche, ſondern eine ſtarke, eine männliche, antwortete mit den Worten: „Wer kann Liſa auf der Straße und zu dieſer Zeit rufen?“ Und ſogleich war ein bewaffneter Reiter neben ihr, der die Zügel anhielt, während das beſtürzte Mädchen an die Hausthüre zurückfloh. Sie trat ein, ſchloß aber nicht und drehte ſich unentſchloſſen um, denn nachdem die erſte Angſt vorüber war, glaubte ſie, dieſe Stimme nicht zum erſten Mal zu hören. Der Reiter kam vorwärts, ſtieg ab und ſagte: „Laudomia, Ihr ſucht Liſa auf der Straße, zu dieſer Stunde?“ „O, Lamberto!.. Aber ſie konnte Nichts weiter ſagen, denn dieſe ſo unerwartete Erſcheinung war für ſie wie ein Blitzſtral. Sie hatte jedoch ſo viel geſeufzt, auch nach dem Vor⸗ fall mit ihrer Schweſter, daß ſie wohl einſah, wie ſchmerz⸗ lich es ſein würde, ihm zu erzählen. Aber die Vorſtel⸗ lung von der Nähe Lamberto's beruhigte ſie; ſie glaubte nun einen Führer, eine Stütze zu haben, der Hilfe würde finden können, wo Niemand welche fand, und Rath⸗ ſchläge, wo ſie ſonſt Jedermann fehlten. Wenn ſie ſich ſeine Ankunft vorgeſtellt hatte, ſo hatte ſie ſich dieſelbe auf eine Art gedacht, daß ihr die Zeit nicht fehlen würde, ſich auf eine Rede vorzubereiten; nun aber ſo unver⸗ ſehens überfallen, konnte ſie eine Zeitlang weder ſpre⸗ chen noch antworten. Sogleich aber kam ſie wieder auf den Gedanken, daß ſich Liſa während dieſer Zeit immer weiter ent⸗ fernte, und ſie entſchied ſich entſchloſſen und ſagte mit ſchnellen und dringenden Worten: „Lamberto, Gott hat Euch hieher geſchickt.. Liſa war eben da, ſte wird nicht weit ſein, wir wollen ſie ſuchen; ich kann Euch nichts Anderes ſagen, als wenn 202 ein Augenblick verloren wird. wir wollen gehen, wir wollen gleich gehen.“ Lamberto, tauſend Meilen weit von der Wahrheit entfernt, fühlte bei dieſen ſonderbaren Worten einen Stich im Herzen; er merkte wohl, daß etwas Wichtiges dahinter ſei, aber ſtark und zartfühlend, wie er war, verbannte er jeden andern Gedanken; ohne weiter zu fragen, folgte er dem Mädchen, welches durch eine ſolche Geſellſchaft ermuthigt, ſich vornahm, ſo lange zu ſuchen, bis ſie die Schweſter gefunden hätte. Sie wandten ſich gegen den Dom hin und riefen mit jedem Schritte Liſa beim Namen. Aber bevor wir den Erfolg dieſer Nachſuchung be⸗ richten, wird es gut ſein, Einiges von den Begeben⸗ heiten Lamberto's zu erzählen, von dem Tag an, als er das Haus der Lapi verließ. Zu jener Zeit wüthete der Krieg zwiſchen KarlV. und Franz I. Das florentiniſche Volk, das nach alter Gewohnheit dem Glücke Frankreichs folgte, hatte in der franzöſiſchen Armee einen ſeiner Bürger, den berühm⸗ teſten und tapferſten Krieger, der damals in Italien war, Johann von Medicis, Hauptmann jener berüch⸗ tigten Banden, die nach ſeinem Tode die ſchwarzen Banden genannt wurden. Lamberto nahm ſich vor, in ſeine Schule zu gehen, und erhielt von einem mit den Lapi befreundeten Bürger einen Brief, der ihn dem florentiniſchen Hauptmann dringend empfahl. Da er wußte, daß er ſich in der Lombardei befand, wo ſchon die deutſchen Kriegsvölker hausten, welche unter Georg Frondsberg durch die Thäler der Etſch nach Italien herunterzogen, nahm er ſeinen Weg über Bologna, Parma und Piacenza, und nach einigen bequemen Tag⸗ reiſen, um nicht bei ſeiner Ankunft zu beſchwerlich zu Pferde zu ſitzen, befand er ſich nach wenigen Tagen in Mailand. Land und Herzogswürde waren in den Händen des Kaiſers, und alles war voll von deutſchen und ſpani⸗ — — 203 ſchen Waffen bis an die Ufer der Adda. Jenſeits des Fluſ⸗ ſes lag das franzöſiſche Heer zerſtreut, durch die Flecken und Landſtriche der Ghiara d'Adda, und Johann befand ſich mit ſeinen Banden in dieſem Augenblick zu Rivolta mit einem Theil ſeiner Leute. Die übrigen hatte er von Vaila bis gegen Caſirate hin zerſtreut. Rivolta liegt nicht weit von dem linken Ufer der Adda, zwei Meilen unter Caſſano, wo Lamberto die Brücke hätte überſchreiten müſſen, aber es ließ ſich eine dichte Schar Kaiſerliche ſehen, welche, wenn ſie einen Bewaffneten dem feindlichen Lager zuziehen geſehen hätten, ihn ohne Zweifel aufgehalten haben würden. Er mußte ſich alſo nach einem andern Uebergangspunkt umſehen. Der leichteſte und zugleich der gefährlichſte war der, Rivolta gegenüber durch die Adda zu waten, und dieſen ergriff Lamberto, indem er dachte, es würde ihm mehr, als der Empfehlungsbrief, bei Herrn Johann nützen, wenn er bei ſeiner Ankunft im Lager ſchon irgend ein Zeichen ſeines Muthes unter deſſen eigenen Augen ablegen könnte. Nach dieſer Ueberlegung reiste er eines Morgens in den letzten Tagen des Junius vergnügt und heiter von Mailand ab, auf ſeinem gu⸗ ten Pferd, das er von der Reiſe hatte ausruhen laſſen, und mit Waffengeräth aller Art auf's Beſte verſehen, und, durch viele Scharen von Soldaten, die ihn von einer der kaiſerlichen Partei hielten, frei hindurchziehend, fand er ſich kurz nach Mittag da, wo die Fluren auf⸗ hörten, angebaut zu ſein, ſich mit Wald überzogen und das mit Kies überdeckte Erdreich die Nähe des Fluß⸗ bettes anzeigte. Er folgte der Straße, welche ſich hinter einiges Buſchwerk wandte, bald ſteinigt, bald in Sand ver⸗ graben, und auf einer geringen Anhöhe angelangt, be⸗ merkte er mitten in einem breiten Bette von trockenem und ſehr weichem Kies die reißende und reine Welle der Adda herabfließen; jenſeits ſah er auf dem Kirch⸗ thurm von Rivolta das Banner des Herrn Johann von 204 Medieis flattern, mit den Kugeln der Mediceer. Dieſer Anblick konnte nicht verfehlen, Einen, der aus dem florentiniſchen Volk entſproſſen war, zu beleidigen, und zähneknirſchend und das Pferd ſpornend, dachte Lam⸗ berto:„Verwünſcht, daß ich doch unter dieſem Zeichen kämpfen muß!“ Aber er erinnerte ſich bald, daß der⸗ jenige Zweig der Mediceer, von welchem der tapfere Hauptmann ſtammte, der Todfeind desjenigen war, der ſo ſehr auf Florenz gelaſtet hatte, und nachdem er dieſe läſtigen Gedanken verbannt hatte, ging er vorwärts. Hierauf ſetzte er ſich, indem er erkannte, daß hier für ihn die größte Gefahr ſei(denn zur Zeit des Krie⸗ ges gilt es, wie Jedermann weiß, für ein verdächtiges Benehmen, die Linie, welche die Feinde von den Freun⸗ den trennt, zu überſchreiten) und vermuthend, daß er einer Schar von Kaiſerlichen begegnen würde, welche als Vedette an dieſem ufer hinziehen möchte, feſter im Sattel, war, Schild und Lanze in Bereitſchaft haltend, ganz Auge, ſetzte jedoch ſeinen Weg fort, um nicht unverſehens angegriffen zu werden. Er hatte ſich zu rechter Zeit vorgeſehen, denn kaum aus dem Wald getreten, war er erſt zehn Schritte auf dem nackten Kies geritten, als er hinter ſeinem Rücken ein Kniſtern der Zweige hörte, und als er ſich nach dem Geräuſch umdrehte, ſah er aus den Gebüſchen drei Armbruftſchützen zu Pferd und zwei Reiſige hervorkom⸗ men, die ihm alſogleich im kurzen Galopp auf den Hals kamen. Er hatte am gegenüberliegenden Ufer eine gute Anzahl Soldaten bemerkt, von den Banden, die er aufſuchte, und unter ihnen Zwei zu Pferd mit anſehnlicher Umgebung, welche, wie er glaubte, ab⸗ warteten, um zu beobachten, was aus dieſer Begeg⸗ nung werden ſollte. Er dachte in ſeinem Herzen:„O, wäre der dort der Herr Johann!“ Und dieſe Hoff⸗ nung verdoppelte ſeine Kampfbegierde und ſogar ſeine Kräfte, und er ſagte zwiſchen den Zähnen:„Einer —— ——— 205 gegen Fünfe! Das iſt eine ſchöne Gelegenheit. Jetzt mag mir Gott helfen!“ Hervorſpringend rief ihm einer der Behelmten zu: — Wer biſt du, und mit wem hältſt du es?— Mit Niemand, erwiederte Lamberto. Ohne Anſtalt zu ma⸗ chen, weder ſich fortzubewegen noch zurückzugehen.— — Wer ſoll leben? erwiederte der Andere die Lanze vorhaltend. Es lebe Herr Johann von Medici. Es lebe Flo⸗ renz, und Tod den Verräthern! ſchrie Lamberto, ſo daß dieſer Schrei auf dem andern Ufer gehört wurde, hundert Stimmen denſelben wiederholten, aber während er ihn ausſtieß, hatte der Jüngling die Sporen ge⸗ waltig ſeinem Pferd in die Seiten geſtoßen, ſich auf ſeinen Gegner geſtürzt und mit der Lanze an ſeinem Sattel vorbei ſtoßend, traf er ihn in den Schenkel und verließ ihn, der ganz zuſammengekrümmt im Fall be⸗ griffen war, und wendete ſich zu dem Andern. Es war ein Glück für ihn, daß auf dieſem Kiesboden voll kleiner und großer Steine, die Pferde ſich ſchlecht re⸗ gieren ließen, weshalb nicht Alle auf einmal an ihn gelangen konnten, indem er dann gewiß niedergemacht worden wärez dennoch aber war es eine ſchwierige Unternehmung, ſo tapfer er auch war und ſo verzwei⸗ felt er ſich im Handgemenge hielt, ſich gegen vier zu vertheidigen. Zedoch waren ſie in kurzer Zeit auf drei zuſammengeſchmolzen, denn Lamberto hatte mitten in dieſem Anſturm noch einen fallen ſehen, ohne bei ſo vielen Streichen zu bemerken, ob ihn einer getroffen e. So beſtändig ſich umeinander herumdrehend und kämpfend, hatten ſie ſich dem Ufer genähert, und Lam⸗ berto, welcher vom andern Ufer her das Geſchrei': „Mach' dich davon, mach' dich davon!“ in ſeine Oh⸗ ren ſchallen hörte, wollte lieber in Stücken gehauen ſein, als ſich ergeben. Er erkannte endlich, daß ein 26 Kampf gegen ſo Viele zu viel von ſeinen Kräften und ſeinem Glück gefordert war. Er faßte ſeinen Entſchluß, und warf ſich mit ſei⸗ nem Pferde in den Fluß, zwei von den Feinden am ufer laſſend. Aber der dritte folgte ihm faſt zu glei⸗ cher Zeit, ſo daß den Pferden bald das Waſſer bis an die Bruſt ging und das Lamberto's den Kopf des feind⸗ lichen Reiters an der Kruppe hatte. Der muthige Jüngling drehte ſich um und hieb nach dem Reiter. Er konnte zwar den Bruſtharniſch, von welchem derſelbe beſchützt war, nicht durchhauen, ober er traf ihn ſo kräftig, daß die Klinge in Stücke ſprang, und der Stoß, mit welchem das Pferd des Gegners getroffen wurde, welches ſich ohnedieß auf dem ungewiſſen Boden ſchlecht regieren ließ, prallte ſo heftig an, daß ihm die Schenkel wankten und Roß und Reiter in einem Fall untergingen und ein Ausbruch von Geſchrei lobte vom Ufer aus den ſchönen Stoß Lamberto's. Einige Arqueboufſire des Herrn Johann von Medicis hatten indeſſen mit ihren Schüſſen die Feinde zurückgetrieben und Lamberto blieb kein anderer Kampf mehr, als der mit dem Fluß. Unterdeſſen ſah er ziemlich weit von ſich ab den Kopf des gefallenen Pferds, das in Sicherheit ſchwamm und wenig Arm⸗ längen weit entfernt den Reiter in der Lage eines Menſchen, der die Beſinnung verloren hat. Lamberto, welcher kurz vorher im ehrlichen Kampf ihn gern umgebracht hätte, that's nun Leid, ihn ertrin⸗ ken zu ſehen. Er wendete die Zügel gegen ihn, während die Soldaten des Herrn Johanns, als ſie ſeine Abſicht merkten, ihm mit großem Lärmen zuriefen:„Laß ihn ſaufen!“ Der Beſiegte befand ſich zu ſeinem Glück nicht in der Strömung des Fluſſes, ſondern an einer Stelle, wo das Waſſer, von einer Bucht des Ufers zurückgeſto⸗ ßen, ſich links abwendete. Daher wurde es Lamberto leicht, ihn einzuholen, und bei den Panzerriemen zu ergreifen, und ihn hinter ſich ziehend, wendete er das 207 Pferd zum Uebergang in den Strom ſelbſt. Dieſer war in der Mitte tief und reißend. Das arme Thier mußte faſt doppelte Laſt tragen und wenig fehlte, ſo wäre das Mitleid Lamberto's ihm ſchlecht bekommen, dennoch faßte er, ohne den Kopf zu verlieren, mit der linken Hand die Mähne des Pferdes, welches kaum den Kopf außer dem Waſſer hatte, und es mit der Stimme und den Sporen antreibend, gelang es ihm endlich, jedoch weitab von ſeinem Weg, das andere Ufer zu erreichen. Er wurde mit großen Ehrenbezeugungen von den Soldaten empfangen, welche ſeinc ſchöne Waffenthat mit angeſehen hatten, und viele begaben ſich in das Waſſer, um ihm zu helfen, herauszuſteigen, und ihm die Laſt jenes halbtodten Mannes abzunehmen, unter Scherzen über den ſchönen Stör, den er, wie ſie ſag⸗ ten, aufgefiſcht habe. Unterdeſſen kam ein junger Mann zu Pferd her⸗ bei, von ernſtem Anſehen und ſehr kräftigen Gliedern, mit einem Koller und einem rothen Schild am Arm, auf welchem die ſechs Kugeln im goldenen Feld gemalt waren. Alle wichen in Ehrerbietung zurück, und er hielt nahe bei Lamberto, welcher ganz von Waſſer triefend, (on den Schultern träufelten auch noch Blutstropfen) abgeſtiegen war. Mit barſcher Rede, aber lächelnd und freundlich, ſagte der Unbekannte zu ihm:—„Wer biſt du, der in meinem Namen gegen fünf Männer focht?“ —„Mein Name iſt zu niedrig und unbedeutend, daß er nicht Euer Excellenz neu ſein ſollte, erwiederte Lam⸗ berto, glücklicher als man es irgend glauben kann, daß er bei dieſer Gelegenheit von dem Hauptmann ſelbſt geſehen worden war, ich habe jedoch hier einen Brief von einem Herrn(er nannte den, der ihn geſchrieben hatte); wenn ihn das Waſſer nicht unleſerlich gemacht hat, wird er Ew. Excellenz Auskunft über meine Ver⸗ hältniſſe geben können, und beglaubigen, wie groß mein 208 Verlangen iſt, in dieſer erſten und bewundernswürdigen Schule der italiäniſchen Kriegskunſt zu lernen.“ Bei dieſen Worten ſchnallte er auf der einen Seite die eiſerne Bruftbedeckung los, ſuchte in ſeinem Buſen und zog ein Papier heraus, das das Waſſer größtentheils verſchont hatte. Johann von Medicis nahm es und ſagte zu ihm: „Was das Lernen betrifft, ſo fehlt dir nicht viel zur Meiſterſchaft, ſcheint es, doch wollen wir ſehen.“ Während Johann von Medicis las, befriedigte Lamberto die Begierde, die er ſchon lange fühlte, einen ſo tapfern und berühmten Herrn von Angeſicht zu ken⸗ nen. Er bewunderte ſein ſtolzes Anſehen, ſeine kühne und ungezwungene Haltung bei'm Reiten, er betrach⸗ tete ihn mit der leidenſchaftlichen Bewunderung, welche jede großmüthige und vom Ruhm noch nicht geſättigte Seele beim Anblick eines Mannes ergreift, der ſich ſchon durch große und ehrenvolle Unternehmungen be⸗ rühmt gemacht hat. Er hätte nie gewagt, auf ein ſo günſtiges Schickſal zu hoffen, wie es ſich ihm bei die⸗ ſem Zuſammentreffen gezeigt hatte, und daß er auf einmal zu ſolcher Ehre bei ſeinen neuen Genoſſen ge⸗ langt war, wohl aufgenommen und in der Gegenwart von einem ſo großen Manne gelobt wurde, das erhob ihn zu einem zu großen Gefühl von Glückſeligkeit, als daß er es nicht hätte für einen Traum halten ſollen. Mit klopfendem Herzen und die Augen feucht vor Freude, mit einem ſo lebendigen Umherblicken, welches ihn, der eben noch Beweiſe ſo großer Kühnheit gegeben hatte, noch ſchöner machte, erwartete er unbeweglich, bis Johann aufgehört hatte, zu leſen. „Du warſt bei Herrn Rieccolo?“ fragte zuletzt Johann, die Augen gegen Lamberto emporhebend und die Augbrauen ein wenig runzelnd. Dann fügte er hinzu, indem er mit der Rechten auf ſeinen Schild ſchlug:„Bei dem größten Feind dieſes Schildes alſo?“ Lamberto war ſo bezaubert von der Gegenwart 209. Johanns, daß er nahe daran war, die Partei des Volks und Niccolo mit derſelben zu verleugnen. Aber er gehörte zu den Gemüthern, welche unfähig ſind, irgend einen Flecken von Feigheit an ſich zu dulden, und daher erwiederte er nach augenblicklicher Unent⸗ ſchloſſenheit zugleich beſcheiden und kühn: „Euer Excellenz, Niccolo iſt ein Volksmann, er liebt die Freiheit von Florenz und iſt nur der Feind ihrer Feinde.“ „Und deßwegen kann er kein Pallescho ſein. Gut, Lamberto. So ſpricht ein tapferer Mann, der Du biſt.“ Und dann fügte er lachend hinzu:„Ich bin ja auch kein Pallescho mehr; Pabſt Clemens würde mir einen Poſſen ſpielen, wo er könnte, und ich ihm. Auf, es ſteht gut, Du haſt eine ſolche Probe abgelegt, daß dieſer Brief auch in der Adda hätte untergehen können. Hauptmann Pucecino, ſchreib' dieſen braven jungen Mann in die Compagnie ein, und heute Abend kommſt Du mit ihm zum Eſſen in das Schloß.“ Nach dieſen Worten wandte er ſein Pferd und nahm in kurzem Galopp den Weg nach Rivolta. Dreizehntes Kapitel. DDer Hauptmann Puccino, welchem Lamberto an⸗ vertraut worden war, trat vor, um ihn in's Quartier zu führen. „Gehen wir, mein Tapferer,“ ſagte er zu ihm, „das Waſſer, welches an Dir herabträufelt, iſt, wie ich ſehe, nicht ganz ungefärbt.“ L Riccolo de' Lapi. I. 14 21⁰ „Es iſt nicht von Bedeutung,“ erwiederte Lam⸗ berto, eine kleine Ritze da an der Schulter. Laßt mich erſt nach dem Armbruftſchützen ſehen, den ich zum Gefangenen gemacht habe, ob er hienieden iſt oder jenſeits.“ Unter dieſen Worten begaben ſie ſich dahin, wo man den Gefangenen vorher hingelegt hatte; er fand ihn mitten in einem Kreis von Soldaten, und ſchon hatte er ſich aufrecht hingeſetzt und ſchien nicht weit davon, völlig wieder zum Bewußtſein und zu Kräſten zu kommen. Während Lamberto ſich im Fluß bemühte, ihn an's ufer zu ziehen, hatten die Soldaten, ſeine Gefahr und ſeine fortdauernde Anſtrengung bemerkend, unter ſich geſagt:„Er wird enden, wie Francesco Sforza, wel⸗ cher, während er einen von ſeinen Pagen, der im Fluß Pescara verſank, retten wollte, ſelbſt ertrank.“ Als man nun ſah, daß der Jüngling ſich mit Eh⸗ ren aus der Sache zog, fing einer an zu rufen:„Es lebe Sforza!“ und ein anderer:„Bravo Sforza und wohl bekomm' es Dir, kleiner Sforza!“ und bei dem Jagen nach Beinamen, welches damals beſonders unter den Soldaten in Italien üblich war, und da ihnen auch der Name Lamberto's nicht bekannt war, blieb ihm ſo der Name: Sforza, Sforzino, den er behielt, ſo lang er lebte, und den er zur Erinnerung an ſeine Heldenthat gern hörte. „Komm daher, Sforzino,“ ſagte lächelnd einer von den Soldaten,„diesmal haſt Du das Löſegeld eines Fürſten gewonnen.“ Lamberto näherte ſich und ſah, was für ein fürſt⸗ liches Ausſehen ſein Gefangener hatte. Es war ein kleiner und unterſetzter Kerl mit einem runden und dummen Geſicht, Haare und Knebelbart blond, wie gekämmter Flachs, und in Waffen und Kleidern vom ärmſten Aufzug. „Es kommt uns ſo vor,“ ſagte Lamberto, und 211 auch er lächelte.„Wir wollen hören, wer Du biſt und wie Du heißeſt.“ „Ich, mein Herr, ſein arme Soldat Schweizir, kommen nach Italien mit Hauptmann Altſar. Denn gedacht haben, hier trinken viel gut Wein, und im Gegentheil getrunken haben viel Waſſer.“ Und in dieſem Ton fortfahrend, erzählte er, er ſei aus dem Kanton Zürich, heiße Moritz Schuber und könne kein Löſegeld bezahlen, denn er ſei ein armer Soldat, aber er wolle ſich bereitwillig erweiſen, dem⸗ jenigen beſtändig als Diener zu folgen, der, anſtatt ihn niederzuhauen, ihn aus dieſem verwünſchten Waſſer gezogen habe, das er ſo ſehr verabſcheue. Lamberto ſtellte ihm dagegen vor, daß er auch ſelbſt kein reicher Soldat ſei, und daß er von ihm keine Löhnung erhalten könne, aber der Schweizer be⸗ theuerte, daß er ſich niemals der großen Verpflichtung, die er gegen ihn habe, werde entledigen können, da er durch ſeine Hilfe von dieſem Waſſertod gerettet worden, der über Alles traurig ſei; er wolle auf alle Fälle dem Glücke ſeines Retters folgen. Dieſer er⸗ kannte unter ſeinen rauhen Worten eine ſo aufrichtige und redliche Einfachheit, und hatte ihn noch dazu als kühnen Mann erprobt, und als ſolchen, der ſeine Mei⸗ nung mit den Waffen in der Hand am beſten ſagen könne. Daher entſchloß er ſich, ihn anzunehmen. „Hauptmann Puccino, ich ſteh' Euch zu Dienſten,“ ſagte er, zu ſeinem Führer gewendet, und ſie machten ſich alle Drei in das Quartier auf den Weg, während die Soldaten Lamberto ſcherzend nachriefen: „Der Sforzino ſoll leben! Du haſt eine ſchöne Beute gemacht. Statt eines Löſegelds wirſt Du jetzt für dieſen Narren Geld ausgeben müſſen.“ Das Schloß, wohin Herr Johann Lamberto und den Hauptmann Puceino eingeladen hatte, war drei Meilen entfernt, es ſtieg über der Erhöhung eines mit Gebüſch überſäten und von ausgetretenem Gewäſſer —— 2¹2 überfluteten Ufers empor. Um das Schloß herum bil⸗ deten viele ärmliche Bauernhäuſer, großentheils mit Stroh bedeckt, einen kleinen Flecken, genannt Caſi⸗ rate. Hauptmann Puccino und Lamberto, mit ſeinem neuen Diener, kamen um 23 Uhr dort an und ſtiegen alle Drei, die Soldaten hatten aus Menſchlichkeit auch dem Schweizer ſein Pferd aufgefiſcht, im Hof des Schloſſes von ihren Pferden. Es war ein unregel⸗ mäßiger, eingeſchloſſeuer Raum, aus Gebäuden von verſchiedener Geſtalt zuſammengeſetzt, umgeben mit enem Graben und beherrſcht von einem großen vier⸗ eckigen, ſteinernen Thurm, der ſich am Rande des ufers erhob. Dort befand ſich das Zimmer Johanns von Medicis und, um den neuen Ausdruck zu gebrau⸗ chen, ſein Hauptquartier. Nachdem Lamberto gut aufgenommen worden und man ſeine kleine Wunde an der Schulter ärztlich be⸗ ſorgt hatte, wurde er in einen großen Sal im Erd⸗ geſchoß geführt, wo für ungefähr dreißig Perſonen ge⸗ deckt war, denn der prachtliebende und großmüthige Herr Johann hielt beſtändig offene Tafel für ſeine Of⸗ fiziere. Er empfing den jungen Mann wie einen alten, vertrauten Bekannten, grüßte ihn mit der Hand und zu dem Burgherrn Galeazzo Meneclozzo, dem Beſitzer dieſer Gegend, und vielen Offizieren, die ſich ſchon zum Eſſen vereinigt hatten, gewendet, erzählte er ih⸗ nen die Waffenthat Lamberto's am Ufer der Adda. Nach und nach kamen die andern Eingeladenen anz es wurde in großen Schüſſeln kalte Käche aufgetragen, nach der Sitte der Zeit, welche wollte, daß man mit Speiſen anfing, und Jedermann ſetzte ſich zu iſch. ſi ein vollkommenes Bild von Johann von Me⸗ dicis haben will, der füge an einen Napoleonskopf zwei dunkelbraune Knebelbärte und ſetze ihn auf einen gro⸗ ßen und kräftigen Körper. % 213 Lamberto glaubte ſich nicht ſatt an ihm ſehen zu können, und während er Alle, die am Tiſche ſaßen, Einen nach dem Andern betrachtete, und ihre kühnen und trotzigen Züge, die kräftigen Glieder, die kriege⸗ riſche Haltung ſeiner neuen Gefährten bemerkte, fühlte er ſich ſo zufrieden, und dieſe Zufriedenheit war in ſei⸗ nen Zügen ſo deutlich ausgedrückt, daß Puccino ſeine Gedanken errieth. „Was meinſt Du, Sforzino? Ich kann Dir ſagen, daß Du Dich rühmen darfſt, heute Abend mit den er⸗ ſten Helden Italiens zu ſpeiſen. Sieh! dieſer zur Rech⸗ ten iſt Orazio Baglione, Sohn Pagelo's und Bruder Malateſta's, der eine Weile bei den Venetianern ge⸗ dient hat. Der Andere zur Linken, dieſer kleine mit zwei Augen, ſcharf wie Pfeffer, iſt Jvo Biliotti. Sam⸗ piero von Baſtelica iſt jener Andere. Den dort wirſt Du kennen lernen: es iſt unſer Florentiner, Ccechino del Piffero nennen wir ihn: aber er iſt ein Cellini. Sein Bruder iſt ein ſehr kunſtreicher Goldſchmied; es ſteht ſeiner Hand aber doch der Dolch beſſer an, als der Grabſtichel.“ Lamberto hatte bemerkt, daß mitten unter dieſen unten im Hintergrund der Tafel ſich eine Frau befand, welche in Mannskleidern und im Allgemeinen den An⸗ dern ähnlich, nicht ſo auf den erſten Blick ins Auge fiel. Als er ſie darauf genauer betrachtete, enthüllten ihm die Locken von ſchwarzen Haaren, welche ſich an der Seite unter einem roſafarbenen Baret mit gefranz⸗ tem Saume ſehen ließen, das ſie wie trotzig auf dem Ohr trug, und die volle Bruſt, welche nicht ganz ver⸗ borgen war unter einem Wamms mit ſchwarzen und roſenfarbenen Streifen, deutlich ihr Geſchlecht. Der bloße Anblick hätte vielleicht nicht hingereicht, darüber Kenntniß zu verſchaffen, denn alles dieſes konnte auch wohl einem ſchönen Jüngling von achtzehn Jahren an⸗ gehören. Der raſche und herausfordernde Blick ihrer Augen, ihr unbändiges Gelächter und eine gewiſſe 214 Schamloſigkeit in jeder Bewegung und in Allem, was ſie that, deuteten zudem auf alles Andere, als auf weibliche Zurückhaltung. Ihr Geſicht, aufmerkſam und ein wenig lang be⸗ trachtet, ſetzte ſich ſo zu ſagen, wieder nach und nach anders zuſammen: alsdann fiel ihr Blick erloſchen und finſter auf die, die ſie umgaben, ihre vollen und rothen Lippen ſchloßen ſich, indem ſie dem Blick zwei Reihen ſehr weißer Zähne entzogen und ſchienen, blaß und fein geworden, ganz andere Gefühle, viel tiefer als vor⸗ her, auszudrücken: Verachtung, Spott, Ironie, Zorn und manchmal auch Schmerz. Und wie Du es am wenigſten erwartet hätteſt, plötzlich erſchien von Neuem auf dem Geſicht eine trunkene und unbändige Freude. Man hätte glauben ſollen, daß zwei Seelen in dieſem Körper abwechſelnd herbergten. Lamberto mit dem Auge nach ihr hinzeigend, ſagte lächelnd zu Puccino: „Iſt dieſer ſchöne Junge auch einer der erſten Ta⸗ pfern Italiens?“ ⸗ „Dieſer, oder um beſſer zu ſagen, dieſe Junge⸗ (denn Du biſt ein guter Hund und haſt gleich den Ha⸗ ſen aufgeſtöbert,) hat vielleicht vor Allen, ſo viel ihrer da ſind, keine Furcht, wenn ſie die Waffen in der Hand haben, ſie iſt das originellſte Geſchöpf, das Du je geſehen haſt. Mann, Weib, Soldat, Buhlerin.. das Letztere, fuhr er lächelnd fort, das Letztere, glaube ich, mehr als alles Andere, aber ſie iſt keine von den gewöhnlichen, denn ſie gehört bald Allen, bald Keinem, bald lacht ſie und macht ſich gute Zeiten und verführt einen Lärmen wie dreißigtauſend, bald läßt ſie ſich nicht einmal ſagen: welche hübſche Augen ſie im Kopfe habe, ohne daß ſie mit einer Speiſekarte von Schimpfwörtern aufwartet; bald liebevoll, bald falſch wie der Teufel. Ich ſage, ſie hat einen Sparren zu viel. Gewiſſe Leute wollen dahinter etwas Großes verſteckt ſehen, (denn man weiß nicht, wo ſie hergefahren kommt,) ———————————— 215 man will, ſie ſei.. ſie ſei. was weiß ich, man ſagt ſo viel davon! Was mich betrifft, wenn ich ihr ins Geſicht ſehe, ſo kommts mir vor, ſie ſei Zigeunerblut, aber das iſt gewiß, ſie iſt eine halbe Närrin, um nicht zu ſagen ganz närriſch.“ ünterdeſſen war Herr Johann, welcher nicht die Geduld beſaß, lang bei Tafel zu ſitzen, aufgeſtanden, und der größere Theil der Slaſn war mit ihm in den Hof gegangen. Einige blieben ſitzen und unter den Andern blieb auch Lamberto, um Puccino zuzuhö⸗ ren, und dem Frauenzimmer, welches mit ihren Nach⸗ barn Kurzweil trieb und lachte. Der junge Mann, in Niccolo's Hauſe an die ſtrenge Tugend der Piagnonen gewöhnt, das reine Bild Laudomia's in ſeiner Seele und das Liſa's in ſeinem Herzen, betrachtete das Frauen⸗ zimmer einen Augenblick. Ob er aber gleich in einem Alter war, wo die Sinne leicht entflammt werden, ſo betrachtete er ſie doch mit Widerwillen und machte eine Bewegung, aufzuſtehen und fortzugehen. „Bleib hier bei uns, Sforzino,“ ſagte der Haupt⸗ mann Cattivanza degli Strozzi, welcher neben dem Frauenzimmer ſaß.„Bleib hier, denn Signora Sel⸗ vaggia will Dich kennen lernen.“ Als er darauf ſah, daß der Jüngling geringe Luſt bezeugte, dieſe Bekanntſchaft zu machen, fuhr er fort: „Ei, komm her, wenn Du auch von Piagnonen herſtammſt, mußt Du deßwegen ein ſchönes Mädchen für den Teufel halten? oder fürchteſt Du, daß Dich ihr Athem verpeſtet? Ich höre ja ſagen, daß ſeit man in Florenz den Bruder Girolamo gebraten hat, die Dämchen vom gelben Schleier*) die Schleppen länger als je tragen, daher kann es Dir auch nicht als etwas Neues vorkommen.. *) Die öffentlichen Dirnen mußten damals in Florenz gelbe Schleier als Abzeichen ihres Gewerbes tragen. 3 3 Anmerk. d. Ueberſ. —— 216 Lamberto fühlte den Stachel der Fronie dieſer Worte, er zuckte die Schultern, ging auf die Thüre zu und ſagte: „Zum Henker mit den Buhlerinnen und den“... aber er konnte ſeinen Satz nicht enden, denn alle fielen ihm mit Geheul und Geſchrei in die Rede.„Oho, Piag⸗ none, bravo Piagnone, es lebe der Piagnone!“ Auf dieſen Sturm wendete er ſich um, obgleich er ſchon nahe an der Thüre war, indem er ſich gerade dem Tiſch gegenüber ſtellte und ſeine Augen auf Cattivanza heftete, ſagte er, ohne den Grimm zu zeigen, der ihn ergriffen hatte: „Es iſt heute der erſte Tag, daß ich mich in die⸗ ſer ſo ehrenwerthen Geſellſchaft befinde, und deßhalh iſt es meine Pflicht, mich beſcheiden zu zeigen, und obgleich Ihr Euch über mich luſtig macht, vielleicht mehr, als ich es verdiene, ſo will ich mich deßhalb doch nicht über Euch erzürnen. Ich will Euch blos ſa⸗ gen, daß ich mich deſſen rühme, von den Piagnonen herzuſtammen. Wollte Gott, daß ich ſo ſehr, als ich es wünſchte, mich rühmen könnte, der Lehre des ſeli⸗ gen Bruders Girolamo zu folgen; um Euch aber den Grund hievon ganz deutlich zu ſagen, ſo geſchieht es deßhalb, weil Girolamo Savonarola zunächſt nach der Verherrlichung Gottes nach der Freiheit des florentini⸗ ſchen Volkes ſtrebte, welches ſeine Gegner in die Skla⸗ Lerei verſetzt haben. Ich gebe Euch zu, daß er wenig Freude an Buhlerinnen hatte, während viejenigen, welche ihn umgebracht haben, ſich ſehr an dieſen er⸗ götzten. „Euch dünkt vielleicht, er habe Unrecht gehabt, denn nicht alle Köpfe denken auf gleiche Weiſe. Und was das Denken betrifft, ſo wißt, Cattivanza, ich glaube, daß unſer lieber Gott jedem Menſchen ein Hirn für ihn allein geſchenkt habe, ohne einen einzigen davon entblößt zu laſſen, ausdrücklich in der Abſicht, daß Je⸗ der ſich ſeines eigenen bedienen ſoll. 217 „Wäre es vielleicht ſeine Abſicht geweſen, daß ein einziges Hirn für mehrere Menſchen dienen ſolle, ſo hätte er nicht ſo viele Mühe gehabt, und wenn er allen Denen, die keines gehabt hätten, Kürbis⸗Samen, oder irgend etwas Anderes in den Kopf gethan hätte, ſo hätte es weniger gekoſtet.“ Bei dieſer Rede konnten Viele ſich des Lachens nicht enthalten, und Lamberto, der zuerſt von Demjenigen, der ihn aufzog, überwunden zu ſein ſchien, erlangte nach und nach in der Seele eines Jeden ſeinen Vor⸗ theil wieder. „Weil nun,“ ſo fuhr er fort,„dieſes geſegnete Hirn Gott auch mir verliehen hat, ſo geſtattet, daß ich es gebrauche, wie es mir gut dünkt. Ich weiß recht wohl, daß es unter den Soldaten Sitte iſt, ſich mit dem nächſten beſten Weibsbild zu vergnügen, Niemand wird aber ſagen können, daß Einer, der nicht ſo thut, für keinen guten und perſönlich tapfern Mann zu hal⸗ ten ſei, und wer es etwa behaupten wollte, den würde ich leicht ſeines Irrthums überführen können. Da wir nun über dieſen Junkt einig ſind, daß man doch ein Mann von Werth ſein kann, ohne ſich mit ſchlechten Dirnen abzugeben, ſo werdet Ihr zufrieden ſein, Haupt⸗ mann Cattivanza, und ich ſage daſſelbe allen den ehren⸗ werthen Leuten, welche nunmehr meine Waffengenoſſen ſind, ihr werdet, ſage ich, zufrieden ſein, mich als treuen Bruder zu haben, mich auf jeden Befehl von Euch bereit, aber was das betrifft, daß ich ein Pia⸗ gnone bin, oder daß ich Dieſes oder Jenes thue oder nicht thue, darüber bitte ich Euch, wollet mich meiner eigenen Denkweiſe überlaſſen, und in allem Uebrigen habt Ihr mich immer für Eure Sache, auf Alles, was Euch belieben mag, gerüſtet.“ Die eigene Meinung, Meſſern oder Beilen ge⸗ genüber, frei in's Geſicht zu bekennen, iſt vielleicht zu⸗ weilen weniger ſchwer, als ſie offen dem gegenüber auszuſprechen, welcher Spott und Scherze entgegen⸗ 218 ſetzt. An dieſem Zug erkennt man ein erhabenes un großmüthiges Herz, und das Lamberto's war ein olches. „Was willſt Du, daß ich Dir ſagen ſoll?“ erwie⸗ derte Cattivanza in einem Tone zwiſchen dem des Ueber⸗ zeugtſeins und des Spotts:„Du haſt Recht! daß Du Deine Hände zu gebrauchen weißt, haben wir geſehen, ſo daß man nicht widerſprechen kann, das Uebrige richte auf Deine Art zurecht, mich, meines Theils, kümmerts wenig, und Niemand hier wird Dir ein Hinderniß in den Weg legen, denn, bei Gott, Du biſt ein ehren⸗ werther Junge, komm her, wir wollen trinken und Freunde ſein.“ „Von ganzem Herzen und von ganzer Seele,“ entgegnete Lamberto, vie Hand ergreifend, die ihm ſein Gegner darbot, und dann eine nach der andern, die Hände Aller. Die Becher wurden gefüllt, ſie leerten ſie in Friede und Eintracht, und Lamberto ſtand bei Allen in noch beſſerer Achtung, als vorher. Der Hauptmann Puccino, welcher, während Lam⸗ berto mit ſo wenig Ehrfurcht von Fräulein Selvaggia uns ihres Gleichen ſprach, ihm immer Winke gegeben, oder halblaut zugerufen:„Habe Acht auf Dich, Sfor⸗ zino!“ fügte nun hinzu, indem er ihm auf die Schul⸗ tern klopfte: „Danke Gott, daß Du ein ſchöner Junge biſt. Wenn ein Anderer die Hälfte von dem geſagt hätte, was Du geſagt haſt, ſo würde er bald erfahren haben, wie viel Zoll lang dieſe krumme Klinge ſei, welche die Signora am Hals trägt!“ Und er deutete auf einen ſchönen, kleinen Dolch, den ſie an der Bruſt an einer goldenen Kette hängen hatte. Puccino hatte es jedoch nicht getroffen, als er die Gedanken Selvaggia's beurtheilte. Die Worte Lam⸗ berto's hatten, anſtatt ihren Zorn zu erregen, jenen räthſelhaften und tiefen Ausdruck auf ihrem Geſichte hervorgerufen, den wir kurz zuvor andeuteten, während 219 der ganzen Verhandlung war ſie mit niedergeſchlagenem Aug? dageſeſſen, ohne den Mund zu öffnen. Bei die⸗ ſer Rede erhob ſie das Haupt und die Augenbrauen ge⸗ gen Puccino zuſammenziehend, ſagte ſie: „Was weißt Du davon, was ich denke, und ob dieſer mir ein ſchöner Junge zu ſein ſcheint oder nicht, und ob ich mir das zur Schande anrechne, was er ge⸗ ſagt hat? Bekümmere Dich nicht um das, was ich thue, Du biſt mir immer wie ein Eſel vorgekommen und ſo eben mehr, als je.“ „Böſes Wetter!“ ſagte Lachend Puceino und nahm Lamberto beim Arm, wiederholend:„Böſes Wetter, Sturm in der Luft!“ So zog er ihn hinaus in den Hof. „Laß ihn gehen und er ſoll nur nach ſeinem Ge⸗ fallen den Heiligen machen,“ ſagte Cattivanza zu dem Frauenzimmer.„Wir wollen darauf denken, es uns wohl ſein zu laſſen, meine Seele. O, geſegnet ſeien dieſe ſchelmiſchen Augen! Ich bin bis zum Sterben in Dich verliebt!“ Und mit dieſen Worten wollte er ihre ſchlanke Geſtalt mit den Armen umfaſſen, aber ſie antwortete ihm mit einem Schlag in's Geſicht und ſie ſchlug nicht zum Spaß. „Hebe Dich weg, denn Du haſt mich beſchimpft!“ Und ſie ſtand auf, um fortzugehen. „O, ich ſeh es noch kommen, daß Du noch eine Piagnona(Betſchweſter) wirſt, wenn ich Dich je ein Kreuz machen ſehen würde; es wäre, ſo wahr ich an Gott glaube, das erſte.“ Dieſe Antwort des Strozzi wurde jedoch nicht mehr von der Dame gehört, welche, ohne auf ihn Acht zu haben, verſchwunden war. Auch er mit den Andern entfernte ſich nun, jeder ſeinem Geſchäft nachgehend, denn es fing an dunkel zu werden, aber er unterließ nicht, vor ſich hin zu brummen:„Der Sforzino ſoll nur den Piagnone machen, ſo viel er will, das iſt ſein Schaden, aber wenn ich gar ſehen muß, daß dieſes Uebel anſteckt, dann werden wir mit einander ein Wort zu reden haben.“ Nach zwei Tagen brach das Lager gegen Mantua auf, in der Abſicht, den Deutſchen unter Georg von Frondsberg die Spitze zu bieten, welche, fünfzehn tau⸗ ſend Mann ſtark, dem alten Gebrauch folgten, im Rücken der JItaliäner auf Discretion zu leben. Man muß bemerken, daß in ſolchen Fällen das Wort Dis⸗ cretion Indiseretion bedeutet. Die Rotten des Herrn Johann von Medicis befanden ſich nach einigen unbe⸗ deutenden Scharmützeln am Po, nahe bei Governolv. Lamberto hatte auf dem Wege, indem er die Pflicht eines guten Soldaten erfüllte, ſo oft ſich ihm eine Ge⸗ legenheit darbot, und, wenn es ruhig herging, ſich leutſelig und als guter Geſellſchafter zeigte, das Wohl⸗ wollen ſeiner Kameraden erworben, mit welchen er öfters auf dieſelben Geſpräche, wie ſie beim Eſſen über Selvaggia geführt wurden, freundlich zurück gekom⸗ men war. Sie hatte ſich zwar bei dem Heere gehalten, aber ohne je in Geſellſchaft mir irgend Einem zu reiten, oder irgend Jemand anzureden. Lamberto ſah ſie zwei oder dreimal an ſich vor⸗ bei reiten auf einem türkiſchen Pferd, ſchnellfüßig und gewandt, wie ein Hirſch, mit einem Koller bekleidet und einen Wurfſpieß in der Hand, und bald wieder verſchwinden in dem Staub, den die Menge, welche der Hauptſtraße folgte, erhob. Eines Tags, als einige deutſche Plänkler ein wenig Stand hielten, und man ſich theilen mußte, ſah er ſie auf einmal aus dem Ge⸗ dränge der Scharfſchützen hervorſprengen und, an ihm vorüberkommend, rief ſie ihm zu, ohne ſich aufzuhalten: „Wenn ich als Weib Nichts gelte, ſo gelte ich als Mann!“ Und weg war ſie, wie ein Pfeil. Nach einigen Tagen wurde der tapfere und un⸗ glückliche Johann von Medici von einer Falconet⸗ kugel in das Bein getroffen, nach Mantua gebracht 5 221¹ und ſchied bald darauf aus dieſem Leben. Seine Ban⸗ den beklagten bitter den Tod desjenigen, der unter ih⸗ nen mehr durch Muth als durch Rang der Erſte ge⸗ weſen war, ſie kleideten ſich aus Trauer ſchwarz und erhielten von da an ſpäter den Namen„ſchwarze Ban⸗ den.“ Und da ſie unter ihnen das Gedächtniß an die Lehren und Anordnungen ihres Feldherrn lebhaft be⸗ wahrten, ſo waren ſie immer der Schrecken ihrer Feinde und immer, wo ſie auch angriffen, blieben ſie Sieger. Lamberto, welcher gehofft hatte, dadurch, daß er dem Glücke des Herrn Johann von Medici folge, bald zu dem Range empor zu ſteigen, auf welchem er mit Ehren ſeine Gedanken zu Liſa erheben könnte, Lam⸗ berto, deſſen Ehrgeiz durch den bereits errungenen Beifall zu neuen Anſtrengungen ermuntert wurde, em⸗ pfand einen doppelten Schmerz und wußte nicht, was er für einen neuen Entſchluß faſſen ſollte. Obgleich Orazio Baglione den Befehl über die Schar übernom⸗ men hatte und ein Kriegsmann von großem Rufe war, fühlte Lamberto dennoch, ſie werde ſich auflöſen müſ⸗ ſen oder wenigſtens viel von ihrem Rufe verlieren, und obſchon dieß nicht wirklich geſchah, war ſeine Be⸗ fürchtung doch nicht ganz ohne Grund. Er wurde aus dieſer Verlegenheit durch ein ſelt⸗ ſames Zuſammentreffen gezogen, das er mit Selvag⸗ gia hatte. Er war kein ſo ſchlechter Beobachter, daß er nicht gleich anfangs bemerkt hätte, daß Selvaggia ein Auge auf ihn hätte und einen Plan in Bezug auf ihn ſchmie⸗ dete. Er ſagte lachend zu ſich ſelbſt: Ich bin keine Droſſel für Deine Retze! indem er dachte, es ſei blos ihre Abſicht, wie es die Art der Buhlerinnen iſt, ihm Geld abzuzapfen. Da er ſich in dieſer Beziehung ſicher fühlte, dachte er nicht weiter daran. Eeines Abends ging er einen Bogenſchuß weit von den Zelten hinweg und ſetzte ſich an den ſandigen Ufern des Po, wandte die Augen auf die untergehende Sonne, 222 welche im Begriffe war, ſich hinter den dichten und langen Reihen der Pappeln zu verbergen, mit denen das gegenüberliegende Ufer bedeckt war, und bewun⸗ derte die ſanſte und majeſtätiſche Strömung des Fluſ⸗ ſes, welcher den Bäumen und der erglühten Helle des Weſthimmels einen zitternden Spiegel vorhielt. Er dachte bei ſich an die ſchönen Sommerabende daheim am Ufer des Arno, wie er außerhalb des Thors am Rand des Fluſſes hinwandelte und die Sonne hin⸗ ter die Hügel von Artimino niederſteigen ſah. Er erinnerte ſich, daß er, von dieſen Orten aus den Blick rückwärts gegen Morgen wendend, ſo vielmal beob⸗ achtet hatte, wie ſchön der Anblick von Florenz ſich zeigte im letzten Sonnenſtral mit ſeinen dunkeln und mit Zinnen gezierten Paläſten, ſeinen unzähligen Thür⸗ men, ſeinen Brücken, ſeinen Kirchen, er ſah im Geiſte die große Kuppel von Santa Maria del Fiore und die goldene Kugel, die von ferne, wenn die Sonne von der Seite traf, wie ein Stern erſchien, der anf einem Berggipfel ruhe, er ſah den Glockenthurm mit der Wofaikarbeit des Giotto, den höchſten Thurm des Re⸗ gierungspalaſtes und auf deſſen Spitze den ſteigenden Löwen der Republik ſich drehen nach der Richtung der Winde, und er dachte: „Du biſt freilich vielen Stürmen ausgeſetzt, aber halte dich nur allzeit feſt!“ Armer Lamberto, er wußte nicht, daß dieſe Täuſchung bald für immer fallen ſollte ſammt jenem ſtolzen Sinnbilde. Dieſes ſchöne, aber lebloſe Gemälde erhielt auf einmal Leben und Gefühl durch die Bilder Liſa's, Laudomia's, Niccolo's, ſeiner Söhne, der Geſpielen ſeiner Kindheit, durch das Andenken an Worte, die geſagt oder gehört worden waren, an Blicke, an Winke, an jene Begebenheiten, auf die man gar nicht Acht zu haben glaubt, die aber nachher beſtändig im Herzen bewahrt bleiben. Von dem bittern, aber doch eben jetzt zugleich theuern Gedanken an die arme alte 223 Mutter, die bis zum letzten Augenblick der Abreiſe die mütterliche Liebe ſo weit auszudehnen gewußt hatte, daß ſie unter einem Lächeln der Hoffnung die entſa⸗ gende Ueberzeugung verbarg, ihren Sohn nie mehr wieder zu ſehen, außer im Himmel. Er hatte in ih⸗ rem letzten Blick dieſen ſchmerzlichen Gedanken geleſen und hatte mit einem Herzen, das die gleiche Furcht durchbohrte, ebenfalls eine Hoffnung geheuchelt, die er in Wahrheit wenig fühlte. Solche Erinnerungen über⸗ ſielen ihn nun wie ein Vorwurf des Gewiſſens und er ſagte zu ſich ſelbſt: und Du konnteſt ſie verlaſſen und wenn Du ſie nun nicht mehr wiederſehen ſollteſt!— — Und die Hand vor die Augen preſſend, weinte er. Das Gewölbe des Himmels hatte ſich indeſſen mit Sternen bevölkert, die letzte Dämmerung war kaum noch in Weſten ſichtbar mit einem Streifen gelblichten Lichts, auf welchem die vom Nachtwind leicht bewegten Wipfel der Pappeln erſchienen. Da hörte er einen Schritt, der ſich leiſe auf dem Sande näherte. Er erhob das Auge und ſah eine dunkle, in einen Mantel gehüllte Geſtalt, welche auf ihn zu⸗ kam. Wie ungelegen, ſagte bei ſich Lamberto, den es ſchmerzte, aus ſeinen theuerſten Gedanken geriſſen zu werden, und er war im Begriff, eine Bewegung zu machen, ihr auszuweichen. Aber die Geſtalt hatte ſich zwei Ellen weit von ihm niedergeſetzt und nach einem augenblicklichen Schweigen ſagte ſie zu ihm mit leiſer und demüthiger Stimme: „Sage mir, o ZJüngling, haſt Du nicht in Deinem Lande ein Weib zurückgelaſſen, das Dich liebt, das Du mehr als Alles in der Welt liebſt? Dachteſt Du nicht eben jetzt an ſie? Antworte mir, Gott möge Dich trö⸗ ſten, antworte mir aufrichtig.“ Die Stimme war eine weibliche. Lamberto ſagte bei ſich ſelbſt: das iſt Selvaggia! und der Gedanke, daß eine Buhlerin ſich einmiſchen ſollte in die erhabe⸗ nen und reinen Gedanken an ſein Vaterland, an ſeine 224 Mutter, an ſeine Liſa, erregte in ihm jenen Abſcheu, den man empfindet, wenn man mitten unter wohlrie⸗ chenden und unberührten Blumen ein ſchmutziges und ekelhaftes Inſect verſteckt ſieht. Dazu der Verdacht, daß dieſe plötzliche Er⸗ ſcheinung zu dieſer Stunde“ an dieſem einſamen Ort, ein Fallſtrick ſein möchte, welchen ihm die Buhlerin lege. „Was gehen Euch meine Angelegenheiten an?“ erwiederte Lamberto mit abgebrochener und ernſter Stimme. „O, ich miſche mich nicht darein; ich weiß es, ich bin nicht würdig, mich darein zu miſchen verlange ich denn ſo viels Ich ſehe, daß ich Dich beleidigt habe, und Gott weiß, ob ich daran dachte, aber ich wußte nicht, mit welchen Worten ich anfangen ſollte, zu Dir zu ſprechen, und ich habe es nöthig, daß ich mit Dir ſpreche.. ich hoffte, wenn ich Dir Seſnſi nennen würde, die Du mit Deiner Liebe beglückſt, da hoffte ich, würdeſt Du einen Augenblick vergeſſen, daß ich Selvaggia bin, und würdeſt mich eine Minute anhören, ohne Dich zu erzürnen. O Jüngling, den Schlangen, welche durch das Röhrig der Sümpfe hinſchleichen, ver⸗ ſagt Gott Luſt und Sonne nicht, wirſt u einem Ge⸗ ſchöpf, das vor Dir mit der Stirne im Staube liegt und um zwei Worte Troſtes bittet, einen Fußtritt ins Geſicht geben?“ Und bei dieſen Worten ſiel Selvaggia wirklich mit der Stirne auf den Sand, welcher ſchn durch den Thau befeuchtet war. „Ich will Euch weder wohl noch übel, Signora,“ erwiederte Lamberto, noch mehr in der Meinung befe⸗ ſtigt, daß dieſe warmen Worte, dieſes Benehmen, und dieſe bewegte Stimme eine bloße Komödie ſeien,„und wenn Ihr Etwas von mir wollt, ſo begnügt Euch, es mir in zwei Worten zu ſagen, aber aus Eurem Munde gehe kein Wort über ein anderes Weib. Ihr habt mich verſtanden, ich bin nicht der Mann, der das erträgt.“ 225 „Ich bekenne es, ich bin nicht werth, Deine Ge⸗ liebte zu nennen. Biſt Du zufrieden, iſt Dir noch ir⸗ gend ein Wort der Verachtung übrig geblieben, das Du mir noch nicht geſagt haſt, wohlan, ſage es mir nur, ſchütte Dich aus, zertritt diejenige, die demüthig und bebend hergekommen iſt, Dich anzurufen, wie es der elendeſte Wurm machen würde, wenn ihm Stimme und Verſtand gegeben wäre, ſich an den Schöpfer des Weltalls zu wenden. O, freue Dich Deiner Tapferkeit, Deiner Tugend, und wenn Du mit Gott ſprichſt, ſo zu ihm: ich danke Dir, daß ich nicht bin, wie dieſe.“. Die tiefe Ueberzeugung, welche Lamberto über den Charakter dieſes Weibes hegte, konnte doch nicht ver⸗ hindern, daß dieſe demüthigen Worte, die Art, wie ſie vorgebracht wurden, der Ton der Stimme, mit der ſie ausgeſprochen waren, den Weg zu ſeinem Herzen fan⸗ den, und in ihm einen Zweifel und beinah ein Gefühl des Mitleids erregten, daher ſagte er auch mit weniger Härte in Mienen und Worten: „So wahr ein Gott iſt, Signora, Ihr ſetzt mich in Erſtaunen. Euch verachten, Euch niedertreten, wie gehört das in vieſes Geſpräch? Entweder, Ihr wiſſet, welche Meinung ich von Euch, von Eurer Lebensweiſe haben kann, und dann, wenn es Euch nicht gefällt es anzuhören, warum bringt Ihr mich dazu, es Euch kund⸗ thun zu müſſen, oder Ihr kennt meine Meinung, und glaubt, ſie nicht zu verdienen, warum bekümmert Ihr Euch denn darum?“ „Weil ich ſie kenne, weil ich wohl weiß, welche Unglücksfälle mich dahin gebracht haben, fie zu verdie⸗ nen, deßwegen bekümmere ich mich darum, deßwegen habe ich mich geworfen in Deine. zu Deinen Füßen.... Zum erſtenmale nach ſo vielen Jahren hab ich wieder ein menſchliches Antlitz geſehen, das mir nicht wie das eines Stumpfſinnigen oder eines reißenden Thiers erſchien. Niccolo de' Lapi. I. 15 226 O, was ſah ich Verirrte! Erſchienen iſt mir das An⸗ geſicht, die Stimme eines Engels, der ſich bis zu mei⸗ nem Schmutz herabbeugte und mir die Hand reichte, mich emporzuheben. O, wäre ich Dir begegnet, als ich fünfzehn Jahre alt war! Aber ſtatt deſſen fuhr, glaube ich, ein Dämon der Hölle in einen menſchlichen Körper, um mich zu ſeiner Beute zu machen. O, Jüngling, Gott allein hat das Recht, zu verachten und zu ſtrafen, denn er kennt Alles, und deßhalb gerade glaube ich, daß er endlich Mitleid mit meinen Leiden gefühlt und gewollt hat, daß ich Dir begegnen ſollte. Aber Du kennſt die furchtbare Reihe derſelben nicht! Wären ſie Dir bekannt, ſo würdeſt Du mit mir weinen. O wei⸗ gere Dich nicht, ſie anzuhören. Dein Verdruß wird nicht lange dauern, wenige Worte werden hinreichen, denn nach ſo vielen Jahren biſt Du der erſte Menſch, mit dem es mich verlangt, von Reue zu ſprechen, ohne zu argwöhnen, neuem Spott und neuen Mißhandlun⸗ gen zu begegnen.“ Lamberto dachte: da kommt wieder eines von den gewöhnlichen Mährchen dieſer Leute! Da er jedoch kei⸗ nen Grund hatte, das zurückzuweiſen, was ſo dringend von ihm verlangt wurde, ſagte er: „Wenn Alles, was Ihr mir ſagt, die Wahrheit iſt, ſo ſprecht, Signora, ich will Euch anhören.“ „Wenn es die Wahrheit iſt!“ Und die arme Un⸗ glückliche blieb, ſich mit den Händen vor die Stirne ſchlagend, einen Augenblick ſtumm, dann ſchüttelte ſie Haupt und ſagte ſo leiſe, daß man es kaum hören onnte: „Schenkt man Buhlerinnen Glauben?“ „Du haſt Recht,“ fuhr ſie dann fort, ſich zu Lam⸗ berto wendend,„dieſe Beleidigung gebührt mir. Aber Du wirſt gleich ſehen, ob ich Dir die Wahrheit ſage. Ob mich Deine Verachtung drückt, haſt Du erkennen können. Zweifelſt Du daran? Nun, es gibt Etwas, was Du nicht weißt, was ich Dir hätte verbergen kön⸗ 227 nen, was mich, wo möslich, noch niedriger, noch weg⸗ geworfener in Deinen Augen machen kann, nichtsdeſto⸗ weniger ſollt Du auch das wiſſen... ich hin keine Chriſtin!— Ein ungariſcher Jude war mein Vater. Nein Vater? Und muß ich ihm denn einen ſolchen Na⸗ men geben? Sollte ich nicht ſagen: mein grauſamſter Feind? Durch ihn bin ich, was ich bin. Durch ihn habe ich verloren: Vaterland, Verwandte, Freunde. Hat eine Buhlerin Verwandte, Freunde, Vaterland?“— Hier hielt ſie einen Augenblick inne, um nachzudenken. Dann ſagte ſie mit noch ſchmerzlicherer Stimme:„Und ging ich vielleicht nicht rein aus dem Schooße meiner Mutter? Hatte ich vielleicht nicht von Gott, wie andere Geſchöpfe, ein Herz, fähig der Liebe, fähig der Tugend erhalten? Wer raubte mir dieſen Schatz? Wer be⸗ ſchmutzte dieſe göttlichen Gaben, welche mein waren, welche der Antheil am Guten, an der Glückſeligkeit der mir vom Allmächtigen zugewieſen war? er e— 4 Und hier ſchwieg ſie wieder einen Augenblick und ſah Lamberto mit Augen an, welche flammten und drükkte feſt ſeinen Arm, dann fuhr ſie fort mit zittern⸗ der Stimme und bebenden Lippen: „Schenke mir glauben, Jüngling, wenn du den Muth dazu haſt. Ich war allein eines Nachts, allein in meinem Gemach.. Meine Mutter war nicht mehr auf der Welt... O wenn ſie am Leben geweſen wäre!.. Sie hätte mich vertheidigt!.. Sie klopften an die Thüre.. ich hörte die Stimme meines Vaters, er rief mir... ich öffnete. ein Mann war bei ihm, er ſchien ein zürſt nach ſeiner Kleidung, ſeiner ſtolzen Stirne zu ſchließen. Ich blickte ihn an, ungewiß, er⸗ mein Vater verſchwand, die Thüre ſchloß ich „Er hatte ſein eigenes Blut verkauft.. „Iſt es nöthig, daß ich dir den Fortgang meiner Unfälle erzähle? Du, ſo tugendhaft, du, ſo edel und N großmüthig. Wirſt du begreifen können, wie man es aufit um ſo Gräßliches zu überleben, wie man ſich 1 nach und nach abhärtet in der Schande, in der Schuld, wie zuletzt ein Weib jede Scham mit Füßen treten kann, für Nichts mehr Sinn haben, als für das Ver⸗ gnügen, kein Herz mehr, als dieſes, zu lieben, Liebe aufzuſuchen und ſich darin zu berauſchen? Ich erſchrecke Dich!„Ich ſehe es... aber ſage mir, ſei du mein Richter, wo war meine Vertheidigung, meine Hülfe? Wie war es möglich zu wiverſtehen, obzuſiegen, mich zu retten? Nun denn, zuerſt verrathen, dann geſchän⸗ bet, zuletzt fortgejagt wie ein unreines Thier, unter die Füße Aller geworfen. Wenn ich manchmal die Stimme erhebe, um Mitleid zu flehen, wenn ich die Hand ausſtrecke, in der Hoffnung, daß eines Freundes Hand ſich rühren werde, mir zu helfen, ſo treffe ich auf Nichts als Beleidigungen, ich höre nur Spottreden, Jedermann ſtößt mich in meinen Schlamm zurück! Mein Elend, meine Klage iſt eine Beluſtigung für den, der einen Augenblick es der Mühe werth hält, ſich darum zu bekümmern O Gott im Himmel, was hatte ich gethan, daß ich auf die Welt kam, um ſolche Miß⸗ handlungen zu erleiden? O Jünglinn, Du, dem keine Verbrechen auf der Seele laſten, der Du ſchön biſt, tapfer, tugendhaft, der Du Dich mitten in Gefahren und Mühen niederlegſt mit dem Gedanken an Deine Lieben, wüßteſt Du, was es heißt, mit einem glühen⸗ den, liebedurſtigen Herzen geboren und nie geliebt wor⸗ den zu ſein, nie von irgend Jemand, nicht einmal vom Vater! Würdeſt Du dieſes gräßliche Elend kennen, Du würdeſt Dich wundern, daß ich noch in meinem Aeußern und vielleicht in meinem Herzen irgend etwas Menſch⸗ liches bewahrte, Du würdeſt ſtaunen, daß ich mich nicht wie ein reißendes Thier auf Alle geworfen habe, die ich antraf von dieſem verderbten und grauſamen Ge⸗ ſchlecht, das mich verrathen, das mich gejagt hat in dieſen Abgrund des Elends und mir nunmehr allen 229 Troſt verſagt!... Wenn man mir ſagte, daß es noch eine Seele in der Welt gäbe, die mich aufnehmen, meine Thränen trocknen würde wenn man mir ſagen würde: es gibt noch ein Geſchöpf auf der Erde, das Dich lieben wird, wenn Du es zu verdienen verſtehſt —— o Gott der Güte, mein Glück würde zu groß ſein, ich würde mich nicht faſſen können in ſo großer Freude, ich würde die ganze Welt durchlaufen, um die⸗ ſes Weſen auszuforſchen, wenn ich es ſehen würde jen⸗ ſeits eines Meers von Feuer, würde ich mich hinein⸗ ſtürzen, um mich mit ihm zu vereinigen, ich würde ſeine Kniee umfaſſen!— Was könnte ich ihm dann anbieten, um es für eine ſolche Gäte zu belohnen, was könnte ich thun, um mich dieſer Güte würdig zu machen?— O Jüngling, wenn Du wüßteſt, mit wie wenig ich zu⸗ frieden ſein würde, Dein Herz, ich ſehe es, hat ſchon einen Port gefunden, wie es ihn verdient, aber Du liebſt vielleicht noch Dein Streitroß und glaubſt, damit kein Unrecht zu begehen gegen irgend Jemand—— Du liebſt Deinen Jagdhund;— nach Deinem Roß, nach Deinem Jagdhund verſchmäh es nicht, daß ich von Dir einen Deiner Gedanken erflehe. Laß einen Blick von Dir auf vie arme Selvaggia fallen, der mir ſagen mag: Arme Kleine, ich bemitleide Dich!—“ „O, mein Gott, er antwortet mir nicht!“ fügte das unglückliche Weib aufſchreiend hinzu und brach in Thränen aus. 3 Vierzehntes Kapitel. Wenn Lamberto mit der Antwort zögerte, ſo ge⸗ ſchah es aus ganz andern Urſachen, als Selvaggia vorausſetzte. 230 Ihre Worte, denen er nun Glauben ſchenken zu müſſen glaubte, hatten ſeinem Herzen ein tiefes Mitleid eingeflößt, aber ein vorgefaßter Verdacht, den er nicht ganz zum Schweigen bringen konnte, überredete ihn, auf ſeiner Hut zu ſein, und das Mitleid, das er em⸗ pfand, nicht völlig zu zeigen. Daher bemühte er ſich, feſter Stimme und ruhigem Ausſehen zu ihr zu agen: „Ihr verlangt Mitleid, Signora? Wer könnte es verweigern um ſo ſchmerzlicher und furchtbarer Be⸗ gebenheiten willen, wie die Eurigen waren, aber Ihr erniedrigt Euch zu ſehr, denn ein Geſchöpf, das nach dem Ebenbild Gottes geſtaltet iſt, ſoll ſich nicht mit den Thieren vergleichen.“ „Ich erniedrige mich zu ſehr? Und wie kannſt Du dies ſagen, wenn ich auch ſo nicht einmal dazu gelange, das Wenige zu erreichen, um das ich Dich bitte? Ko⸗ ſtet es Dich ſo viel, mir geradezu zu ſagen, arme Sel⸗ vaggia, ich nehme Dich als Sklavin an? Koſtet es Dich ſo viel, mir einen glücklichen Augenblick zu ſchenken, eine Minute des Troſtes mit einem Worte, das ganz aus dem Herzen gegangen wäre, und ſtatt deſſen fer⸗ tigſt Du mich ab mit einem: Ihr erniedrigt Euch Die Tugend iſt ſchön, ach, aber ſie iſt hart und ſtolz.“ „Nein, Selvaggia, ich habe keine Tugend, und noch viel weniger bin ich hart und ſtolz gegen Dich, ich fühle in meiner Seele Dein Unglück, und ſtände es in meiner Macht, Dich davon zu befreien, ſo würdeſt Du nicht mehr viel zu leiden haben. Aber dahin rei⸗ chen meine Kräfte nicht, die Kraft Gottes wird es zu⸗ wege bringen, wenn Du ihm Dich anheimſtellſt. Ich habe Dir nicht geantwortet, wie es Dein Wunſch ge⸗ weſen wäre, weil es nict in meiner Macht ſteht, ihn zu erfüllen. Verlange nicht weiter, Selvaggia. Be⸗ denke, daß eine ſtarke Seele ſich immer über ihr Schick⸗ ſal erheben kann, daß die Tugend niemals ganz aus dem Herzen eines Menſchen weicht, außer auf ſeinen 231 ausdrücklichen Willen hin, und durch dieſes Mittel kaun es immer noch eine Rückkehr für Dich geben. Du kannſt Dich wieder erheben, kannſt noch auf der Erde Achtung und Liebe hoffen, wenn Du es nur willſt. Ich habe Bich angehört, was ich Dir ſagen konnte, habe ich Dir geſagt. nun geziemt es ſich, daß wir uns trennen.... Gott ſchenke Dir das Glück und den Frie⸗ den, um den ich zu ihm für Dich bete. Lebe wohl!“ Lamberto entfernte ſich mit eiligem Schritt, und es war Zeit dazu. Dieſe Reden hatten ihn verwirrt, er bemerkte, daß der ſicherſte Entſchluß für ihn der war, dieſes Weib zu fliehen. Ihre Schönheit, ihr Unglück, ihre Vergehungen und ihre Reue ſogar machten es ihm intereſſant, machten aus ihr ein neues, eigenthümliches Weſen, kurz, es war das Beſte, ſie zu fliehen, und Lamberto war in wenigen Minuten in ſein Quartier zurückgekehrt. Selvaggia folgte ihm mit den Augen, ſo lange die wenige Sternhelle ihr ihn zu ſehen erlaubte. Als fie ihn nicht mehr ſah, fühlte ſie in ihrem Herzen eine öde Einſamkeit. Es ſchien ihr, ſie ſei die einzige Ueber⸗ lebende auf Erden. Die Gottloſen, dachte ſie, verlachen mich, wenn ich kaum ein Wort vorbringen will über dieſe Hölle, die ich im Herzen fühle. Dieſer Tugend⸗ hafte läßt mich in Verzweiflung zu ſeinen Füßen ſter⸗ ben. Wende Dich zu Gott, ſagt er und verläßt mich! O mein Gott, der Du allein mein Elend kennſt, der Du allein meine Klagen hörſt, warum haſt Du mich denn vergeſſen? O ich Arme, werde ich denn wirklich ſterben müſſen, ohne die Süßigkeit gefühlt zu haben, geliebt zu werden? Und wüthend, ich möchte ſagen raſend geworden durch dieſen Gedanken, lief ſie wie eine Wahnfinnige längs dem Ufer des Fluſſes hin. Auf einmal ſtand fie ſtille, wie erſchüttert von einem neuen Gedanken. 8 „Und bin ich denn gewiß, daß er mir Glauben geſchenkt hat?... Und noch einen Augenblick überle⸗ 232 gend, rief ſie, auf einmal ganz verändert im Geſicht durch eine unerwartcte Hoffnung:„Nein, nein, er hat mir nicht geglaubt, er hat gemeint, ich täuſche ihn, o, wenn er gewiß geweſen wäre, daß ich ihm die Wahr⸗ heit ſogte, ſo hätte er mir nicht ſo geantwortet, mich nicht ſo verlaſſen.... O, ich kenne ihn, er iſt groß⸗ müthig, er iſt aut, es gibt doch noch Hoffnung, ich danke Dir, o Gott der Güte!“ Uad ſie ſiel auf die Kniee nieder, erhob die Arme gen Himmel und wieder⸗ holte:„Ich danke Dir, daß Du ſo bald mein Gebet erhört haſt, daß Du meinem Herzen den Schatz, den ungeheuren Schatz zugewendet, die Hoffnung. Ja, s wird der Tag kommen, da Du mir Glauben ſchenken wirſt, Lamberto, Du wirſt dann ſehen, daß ich Dich nicht betrogen hatte, der Tag wird kommen, da Du mir ſagen wirſt: Arme, kleine Selvaggia, endlich glaube ich Dir. Du biſt mir theuer, es wird nicht Liebe ſein, nein, könnte ich je träumen, Liebe zu er⸗ reichen, ich, das niedrige, ich, das elende, ich, das weggeworfene Geſchöpf, die Liebe dieſes Engels? Wo iſt das Weib auf Erden, das ſeiner werth iſt? Ach ja, es muß ein ſolches geben. Nun, ich werde dieſe lieben, ich werde ihre Sklavin ſein, da ſie meinem Herrn“ theuer iſt. Vielleicht werden ſie ſo meine Gegenwart ertragen können, vielleicht werde ich es ſo erreichen können, daß ſie mich nicht fortjagen, vielleicht, wenn ich meiner letzten Stunde nahe gekommen ſein werde, wenn ſie ihm ſagen werden, die arme Selvaggia iſt am Hinübergehen, wer weiß, dann wird er villeicht an mein Bett kommen, und wenn mir noch ſo viel Stimme übrig bleiben wird, mit ihm zu ſprechen, werde ich ihn bitten, mich die Seine zu nennen, ehe ich ſterbe; ich werde dann ſeine Hand auf meine eiskalte Stirne gelegt fühlen, er wird zu mir ſagen: Meine Selvaggia! Dann werde ich Nichts mehr fühlen, ich werde todt ſein!“ Unter dieſen Gedanken war das arme Mädchen ganz außer ſich gekommen. Gott weiß, wie lange es 22 ii 233 in dieſem Zuſtande blieb. Als ihr die Fähigkeit, zu denken und zu überlegen, zurückkam, brach im Oſten die Morgenröthe an, ſie erkannte das Ufer des Po, die Zelte des Lagers, ſie ſah verwirrt um ſich und fragte ſich ſelbſt:„Was mache ich hier? wo beſinde ich mich? wer bin ich?“ Eine nicht weit entfernte Stimme, es waren Soldaten, welche herbeikamen, ihre Pferde im Fuß zu tränken, antwortete mit überlautem Gelächter: „Du biſt die Buhlerin der ſchwarzen Banden! Nun weißt Du, wer Du biſt!“ Die Arme ſtieß einen Schrei aus und entfloh... ——————————— Ein Jahr ſpäter, in der Mitte des April, ſegelte die Flotte des Filippino Doria um Mittag durch die Meere von Amalfi, die Schiffsſchnäbel Capri und dem Vorgebirg Campanella zugewendet. Es waren fünfzehn Galeeren, mit welchen der Neffe des Andreas den Meerbuſen von Neapel blockirt hielt, damit keine Hilfs⸗ macht ſich mit den Kaiſerlichen vereinigen könnte, welche dort von Lautrec belagert wurden. Ihr Vizekönig, Hugo von Moncada, welcher um jeden Preis das Meer frei machen wollte, hatte beſchloſſen, ſich mit Filippino zu meſſen und ſetzte ſich mit ſeinen Galeeren, die er mit der Blüthe des ſpaniſchen Adels und Volks bemannt hatte, zur Aufſuchung des Feindes in Bewegung. Dieſer, mit ſeinem Plan bekannt, ſtand gerüſtet, ihn zu em⸗ pfangen. Die Schlachtordnung der Seetreffen, die Geſtalt der Schiffe, Alles iſt heutzutage verändert. Die Ga⸗ leeren des Mittelalters find von den Meeren ver⸗ ſchwunden, im innern Hafen von Genua ſchwimmt noch eine davon in einem Winkel, entmaſtet und verlaſſen, Sturm, Winter und Regen werden in wenigen Jahren dieſes einzige Symbol der untergegangenen Macht der Genueſer zerſtört und verſchwinden gemacht haben. Wa⸗ rum bewahren ſie nicht wenigſtens das letzte von dieſen 231 ſchnellen Schiffen, auf welchen kühn und ſiegreich ſo viele Jahrhunderte lang die Seeleute Italiens und der Levante ſchifften? O Genueſer, könnet ihr wollen, daß dieſe Zeichen eures Ruhmes ſich verlieren ſollen, der doch zugleich der Ruhm Italiens, der auch der unſerige iſt? Behaltet das Andenken davon, bewahrt dieſe letz⸗ ten Reliquien. Die Ehre Italiens verlangt es von euch, die Italiäner beſchwören euch darum, Männer von Genua! Das Schiff Filippinos bewegte ſich langſam gegen das hohe Meer hin, getrieben von einem leichten Oſt⸗ wind, der von der Seite her die breiten lateiniſchen Segel traf, welche ganz entfaltet waren, um die ſchwache und unterbrochene Briſe aufzufangen. Die Ruder blie⸗ ben aufgehangen über dem Meer erhaben und die Ga⸗ leeren, bald ſich auf die Seite neigend, wenn der Wind ſich erhob, bald ſich wieder erhebend, wenn er ſchwächer wurde, durchſchnitten das Meer mit einem langſamen und majeſtätiſchen Wogen und bereiteten ſich ſtill zur Schlacht. Keine Auſregung, keine Verwirrung war bei die⸗ ſen Vorbereitungen ſichtbar. Dieſe Soldaten, dieſe Matroſen wußten ſeit langer Zeit nicht mehr, daß Kämpfen etwas Anderes, als Siegen ſei. Auf dem Vordertheil, wo die furchtbaren Kanonen des Schiffs⸗ gangs unter vier Feldſtücken von geringerem Caliber ihren ungeheuren und rauchenden Schlund gegen den Feind richteten, ſaßen die Bombardiere, nachdem ſie dieſelben mit Kugeln geladen hatten, die manchmal ſechzig Pfund wogen, im Geſpräch beiſammen, und mancher ſchloß bei der Hitze des Mittags die Augen und überließ ſich ein wenig dem Schlummer. Die Armbruſtſchützen, die ſich in der Schlacht auf dem Vordercaſtell, welches die Artillerie bedeckte, zu ſcharen pflegten, ſtanden da, bewaffnet mit Bruſthar⸗ niſchen, Beinſchienen, eiſernen Pickelhauben, ſich lehnend auf ihre Büchſen, in der Hand brennende Lunten hal⸗ 235 tend, bereit Feuer zu geben; hinter ihnen andere Fuß⸗ ſoldaten mit Piken, Hellebarden, Partiſanen und an⸗ dern Waffen. Einige hielten an der Sculter empor⸗ gehoben lange zweihändige Schwerter mit geſchlängelter Klinge; es waren auch Tartſchen und Schilde zu ſehen, welche außerdem, daß ſie zur Vertheidigung dienten, auch noch angriffsweiſe benutzt werden konnten, ver⸗ möge des ſpitzigen und ſtarken Eiſens, das in ihrer Mitte befeſtigt war. Man ſah überhaupt die ganze vielfältige Mannigfaltigkeit von Waffen und Rüſtungen, welche die kräftigen Arme unſerer Väter und ihre tapfern Herzen ganze Tage hindurch gebrauchten und führten, ohne zu ermatten. Der Gang der Galeere, ein vier Ellen breiter Raum, der ſich vom Hintertheil zum Vordertheil zwi⸗ ſchen den längs den Seiten ſitzenden Scharen der Ruderer ausbehnte, war ebenfalls gedrängt voll Sol⸗ daten, welche als Reſerve bereit ſtanden, ſich vorwärts drängend, wenn die vordern gefallen ſein würden, oder als Enterer auf das feindliche Schiff ſpringen ſollten. Die Ruderer, je fünf an einem Ruder, Arme und Bruſt entblößt, an die Bank gefeſſelt, auf der ſie ſaßen, mit Ketten, die nur von ihrem Leichnam abge⸗ ſchmiedet werden ſollten, waren größtentheils türkiſche Sklaven, zum Rudern verurtheilte Verbrecher und Kriegsgefangene. Auf den Galeeren des Andreas be⸗ ſtand die Mehrzahl aus Spaniern. So viel er daron in die Hände bekommen konnte, ſetzte er an's Ruder, denn er haßte ihre Nation über Alles. Für dieſe unglückſelige Sklavenbande war die be⸗ vorſtehende Schlacht ein gewöhnliches Ereigniß, ein Spiel, bei dem das Leben auf dem Satz ſtand; ver⸗ loren ſie es, ſo entgingen ſie tauſend Mühſeligkeiten, gewannen ſie es, ſo genoßen auch ſie, freilich zu einem ſehr geringen Theil, die Freuden des Siegs, denn ihre Herren waren bei ſolchen Gelegenheiten freigebig gegen ſie mit beſſerer Speiſe und mit Wein. 236 Jedoch war der Muth, den dieſe Unglückſeligen beim Herannahen der Schlacht zeigten, mehr, als ſonſt Etwas, die dumpfe Reſignation von Verzweifelten. Ob die Kugeln der feindlichen Artillerie durch ihren Haufen durchſchlugen, oder in den Körper der Galeere eindringend, dieſe in Stücke rißen oder, wie es oft ge⸗ ſchah, das Schiff in Brand ſteckten, ſie ſahen nur den Tod, einen ſicheren, einen grauſamen, ohne Verthei⸗ digung, ohne ſich, angekettet, wie ſie waren, auf ir⸗ gend eine Weiſe helfen zu können, ohne irgend eine der ſtürmiſchen Leivenſchaften zu fühlen, die dem Men⸗ ſchen den Tod weniger hart erſcheinen laſſen. Konnten ſie denn eine Empfindung haben von Vaterlandsliebe, Parteiwuth, Stolz über einen Sieg, kriegeriſche Ehre? Nur den blutigen und thieriſchen Inſtinkt, der den Menſchen gegen den Menſchen in der Wuth des Kampfes treibt, nur an dieſer Trunkenheit konnten ſie ſich er⸗ freuen. Während die Soldaten, die Matroſen, die freien Männer auf der Galeere ſich bewegen, durch⸗ einander treiben, kämpfen und auf irgend eine Weiſe Sieg oder Rettung herbeiführen konnten, mußten ſie rudern und ſchweigen und ſich tödten oder verſtümmeln laſſen, immer ſchweigend und rudernd, denn mit jeder weniger ſklaviſchen Handlung verdienten ſie ſich nur den Ochſenziemer und manchmal den Dolch des Skla⸗ ven⸗Aufſehers. Rückwärts auf dem Hintertheil, das ſich rund Laubwerk verziert, gemalt und oft auch vergoldet und mit ſchönen Vorhängen, mit Quaſten und Behängen bedeckt war, auf dieſer erhabenen Stelle ſtanden der Befehlshaber der Galeere und die angeſehenſten Offi⸗ ziere der Schiffsſoldaten. Dort auf der äußerſten Spitze, welche ſehr weit über den Rumpf des Schiffs hervorragte, waren drei große Laternen, welche bei Nacht angezündet wurden. Dort flatterte das Banner von Genua, das rothe Kreuz im weißen Felde, und ausſchweifte und außerhalb mit Bildwerken und mit 8 237 daſſelbe Wappen ſah man auf den Fähnchen und Wim⸗ peln, welche in großer Zahl die Segelſtangen und die Maſte der Galeere ſchmückten. Waffen, Ruder, Taue, Galeerenſklaven, Matroſen, Soldaten, Officiere, Alles war bereit, Alle waren auf ihrem Poſten. Die größere Anzahl heftete ihre Blicke auf den Korb des Hauptmaſtes, wo ein wachehaltender Matroſe ein Signal geben ſollte, ſobald er ein feind⸗ liches Schiff ſehen würde. Die blauen Wogen ſtralten in ihrer Höhlung die Purpurfarbe der Ruder und der langen Seiten des Schiffs, die Vergoldungen des Hin⸗ tertheils, die weiße Farbe der Segel, den Glanz der Waffen, die verſchiedenen Farben der Fahnen und Pa⸗ niere wieder, und dieſe wiedergeſtralten Farben er⸗ ſchienen noch lebhafter durch den weißen Schaum, der ſie durchkreuzte, hervorgebracht durch die Furche, welche der Kiel des Schiffes in das Meer ſchnitt. Fünf Galeeren, jede fünfzig Ellen von der andern enifernt, bildeten die Schlachtlinie, drei hatten ſich in's Meer auf der Seite hin ausgedehnt, um dann in die Flanke oder den Rücken des Feindes zurückzukehren, wenn das Gefecht angefangen haben würde. Viele kleinere Schiffe, aufs beſte bewaffnet, hielten ſich auf den Seiten, um mit Schüſſen aus Musqueten und Arquebouſen zu ſchaden. Auf dem Vordercaſtell des Hauptſchiffes ſtand auf⸗ recht Lamberto mit einer Sturmhaube auf dem Kopf, auf deren Spitze eine lange, am Rand rothe Feder be⸗ feſtigt war. Seine Bruſt, ſeine Arme und ſeine Schenkel waren mit polirtem Erz bedeckt. Seine Strümpfe, bis über das Knie reichend, waren von derſelben Farbe, wie die die Feder, am rme trug er einen Schild, überzogen mit geſtepptem Sammt, und in ſeiner Rechten einen am Gefäß faſt handbreiten Degen, ſtark und ſcharf an der Spitze, mit der Inſchrift längs deſſelben:„Praemium virtutis,“ eine Waffe, die er mit ſeiner Tapferkeit gewonnen 238 hatte. Denn während der Zeit, die wir mit gleichen Füßen mit ſolcher Ungezwungenheit überſprungen ha⸗ ben, hatte er weder getändelt noch gefaulenzt. Noch bevor er mit Selvaggia die nächtliche Zu⸗ ſammenkunft hatte, die wir oben erzählt haben, fühlte er ſich veranlaßt, wie wir ſchon ſagten, ſein Glück an⸗ derswo zu ſuchen. Nachdem er Selvaggia angehört und erkannt hatte, welches heftige Temperament ſie be⸗ ſaß, daß ſie ſich ſchwer von dem Plan abbringen laſ⸗ ſen möchte, ihn um jeglichen Preis zu dem Ihrigen zu machen, hielt er es für den ſicherſten und ehrenvollſten Entſchluß, das Lager zu verlaſſen, und nach kurzem Abſchied von Orazio Baglione ging er am Morgen darauf mit ſeinem ſchweizeriſchen Diener von den Zel⸗ ten weg. Hätte er ſich mit den Kaiſerlichen vereinigen wol⸗ len, ſo hätte er es hoch bringen können, aber er meinte, daß mit dem Glücke Frankreichs das von Florenz Hand in Hand gehe. Er dachte, daß die Abſicht Karls des Fünften daraufgehe, Italien zu beherrſchen, und die Franz des Erſten, ihm die Freiheit zu ſchenken. Armer Lamberto, man ſieht wohl, daß er jung war! Der berühmteſte der italiäniſchen Feldherrn, welche der franzöſiſchen Partei folgten, war zu jener Zeit ohne Widerſpruch Andreas Doria. Lamberto befand ſich nach wenigen Tagen in Genua, erhielt die Er⸗ laubniß, Doria's Banner zu folgen, und beſtieg ſeine Galeere, welche auslief, um die Flotte aufzuſuchen und zu bekämpfen, welche Hugo de Moncada, Vice⸗ könig von Neapel, von Spanien aus an vie Küſte des Königsreichs Neapel führte. In der Schlacht, in wel⸗ cher dieſer beſiegt und in die Flucht getrieben worden war, ſprang Lamberto unter den Augen des Andreas zuerſt auf das feindliche Admiralſchiff und erhielt zur Belohnung für dieſe Waffenthat das ſchöne Schwert, welches er nunmehr ſchwang, in der Erwartung, den⸗ ſelben Feind zum zweitenmal zu bekämpfen. 239 In der kurzen Zeit, die er bei Johann von Me⸗ dicis zugebracht, hatte er einmal an ſeine Mutter und Niccolo geſchrieben; einen zweiten Brief hatte er von Genua aus vor ſeiner Einſchiffung geſendet, aber va⸗ mals waren die Poßten nicht ſo geordnet, wie heutzu⸗ tage, und nur einmal hatte er nach langer Zeit eine Antwort von Niccolo erhalten können. Obgleich ſo im Dunkeln über das zu leben, was ihn am engſten bedrückte, überaus ſchmerzlich für ihn war, tröſtete er fich doch durch den Gedanken an die große Freude, die er ſpäter verurſachen würde, wenn er unverhofft und würdig, Liſa die Hand zu bieten, zurückkehre. Dieſe wenigen Winke reichen hin, um im Leben Lamberto's keine zu lange Lücke zu laſſen. Nun kehren wir zu der Flotte Filippino's zurück. Die Sonne ſtieg ſchon gegen Weſten hinab und der Genueſiſche Feldherr, in der Meinung, daß an dieſem Tage ſich die Feinde nicht mehr zeigen würden, war im Begriff, das Zeichen zu geben, die Schiffe ge⸗ gen Salerno zu wenden, als vom Maſtkorb der Ga⸗ leere, auf welcher ſich Lamberto befand, mit anhalten⸗ der Stimme gerufen wurde: ein großes Segel!— Ein dumpfes Murren, ein Geräuſch, eine Bewegung ohne Unordnung unter den Ruderſklaven und Solda⸗ ten folgte dieſem Ruf, und zu gleicher Zeit erhob ſich die wohlklingende Stimme jedes der Hauptleute, welche die letzte Befehle gaben. An einem Tau, welches an der Maſtſpitze des Admiralſchiffs befeſtigt war, ſah man ſchnell die Flagge des Doria emporſteigen, welche im Hauch des Windes flatternd ſich entfaltete, und ein allgemeines und gleichzeitiges Geſchrei begrüßte dieſes Schlachtzeichen, wiederhallend im Meer und an den Gebirgen von Salerno. Die Ruder, welche eben noch in die Höhe gehoben und unbeweglich gehalten worden waren, tauchten ſich alle auf einmal in das Meer, bewegt durch einen ein zigen Willen, fuhren die Galeeren zuſammen dahiu 240 ſchnell, wie abgeſchoſſene Pfeile, hinter ſich laſſend die ſchäumende und bewegte Welle. Nach dem erſten Se⸗ gel war bald ein zweites erſchienen und es kam hinter den Klippen des Vorgebirges von Campanella noch ein anderes und wieder ein anderes hervor, endlich be⸗ fanden ſich im Zeitraum von einer halben Stunde, beide Flotten, wenig mehr, als einen Kanonenſchuß von einander entfernt, ſich gegenüber. Filippino Doria, ein Mann von mittlerer Statur, mager und ſehnig, ſtand auf dem Hintertheil auf ver rechten Seite der Galeere unter der Hauptfahne, ein Ort, den er, als Oberbefehlshaber der Flotte, ſo lange die Schlacht dauerte, zu behaupten hatte. Bedeckt mit glänzenden und vergoldeten Waffen ließ er Nichts von ſich ſehen, als ſein von der Sonne gebräuntes, vom Wind und den Seeſtürmen gefurchtes Geſicht, deſſen Züge ein wahres Urbild des Geſchlechts der genueſi⸗ ſchen Seeleute bot. Und als Seemann, als vollkommener Mann des Meeres, konnte er ſich einen Reffen des Andreas nen⸗ nen, da er in der Schule eines ſo großen Mannes ge⸗ lernt hatte, nicht nur die Bewegungen einer Flotte zu leiten, ſondern ebenſowohl eine Galeere gleich einem einfachen Bootsmann zu ſteuern. Wenn wir dieſes ſein Verdienſt anſühren, ſo geſchieht es, weil in jener Zeit bei vielen Nationen zum Beiſpiel bei den Fran⸗ zoſen, häufig zu Feldherrn in Seekriegen Edelleute erwählt wurden, welche, blos in dem Kriegsdienſt zu Lande geübt, den Schiffsleuten die Leitung des Seeweſens ganz überließen und ſich dann blos die oberſte Leitung der Unternehmung vorbehielten, indem ſie während der Schlacht keinen andern Gedanken hat⸗ ten, außer an der Spitze ihrer Soldaten tapfer zu kämpfen, wie ſie es gethan haben würden auf dem fe⸗ ſten Boden einer Citadelle oder eines Laufgrabens. Neben Filippino ſtanden der Lieutenant des Admiral⸗ ſchiffs und Herr von Croix, von Lautrec auf die Flotte 241 mit dreihundert Arqueboufieren zur Unterftützung ge⸗ ſchickt; andere Officiere ſtanden auf einem weniger er⸗ habenen Ort, bei dem erſten Ruder auf der rechten Seite, welches ſieben Ruderer hatte, und auf der lin⸗ ken Seite ſtand ebenfalls an ſeinem Schlachtpoſten der Capitain der Galeere ſelbſt, alle die Augenbrauen zu⸗ ſammengezogen und die Augen feſt auf die feindlichen Schiffe geheftet, deren Vorhaben und Bewegung ſie auskundſchafteten mit der ernſten, ruhigen und entſchloſ⸗ ſenen Haltung der tapferſten Männer. Der Oberaufſeher der Galeerenſklaven befand ſich oben am Siffsgang nah' bei dem Hirter theil mit ei⸗ ner ſtarken Ochſenz emer über der Schulter, einen kur⸗ zen, breiten, ſcharfen Degen an der Seite, die Arme über die Bruſt gekreutzt. Er hatte auf dem Kopf einen Helm von ſchlechtem und roſtigem Eiſen, ein Panzer⸗ hemd auf dem Rücken, weite Hoſen an den Beinen und bloße Füße. Acht Gehülfen und Unteraufſeher gingen auf dem Schiffsgang auf und ab, mit langſamen Blicken und von der Seite her, beobachtend, ob jeder Ruderſtlave ſeine Pflicht thue, wo irgend einer im Ruderſchwung langſamer wurde, ſah man in der ſchnellſten Bewegung den Ochſ nziemer in der Luft und, die Geſtalt der Z ffer 8 b ldend, fiel ſie pfeifend auf den Rucken des Schul⸗ digen und zugleich auf die ſeiner Nachbarn, denn das genau zu beachten, gaben ſich dieſe Züchtiger wenig Mühe. Alles dieſes geſchah im tiefſten Schweigen, denn die ſtrenge Kriegszucht der genuefiſchen Galeeren er⸗ laubte nicht zu ſprichen, wenn die O ficiere auf ihren Schlachtpoſten waren. Auch hörte man kein anderes Geräuſch, als das der wechſelsweiſe getroffenen Wellen, das Knarren der Schiffswände unter dem Druck der Räder und das Geräuſch der Ketten, welche bei dem Aufſtehen und dem ſchweren Zurückfallen der Ruder⸗ ſtlaven auf ihre Bank an einander ſtießen. Niccolo de' Lapi. I. 16 Obgleich Niemand ſprach, meldeie ſich doch der Oberaufſeher von Zeit zu Zeit, indem er bald dem Capitain, bald Filippino ins Geſicht ſah, als ob er auf einen Befehl wartete, der ihm hier am Platz zu ſein ſchien. Um vas zu verſtehen, was wir nun ſogleich erzäh⸗ len werden, muß man wiſſen, daß unter den letzten Ausruſtungen einer Galeere, die ſich zum Kampf be⸗ reitete, die gehörte, gewiſſermaßen Wälle oder Ver⸗ ſchanzungen zu errichten, die das Schiff von der Seite her theilten, die eine am vordern Tyeil hinter den Ge⸗ ſchützen, die andere am Maſtbaum, und dieſe Verſchan⸗ zungen wurden Bollwerke genannt; jedes von dieſen Bollwerken war zuſammengeſetzt aus zwei ſechs Fuß hohen Bretterwänden, aufrecht erhalten durch Balken, welche auf dem Schiffsgang und auf den Schiffswän⸗ den aufgepflanzt wurden. Der Raum zwiſchen den beiden Bretterwänden, ungefähr eine Elle breit, wurde ausgefüllt durch zu⸗ ſammengerollte Ankertaue und die Außenſeite gegen das Vordertheil hin mit einem Strohgeflecht bekleidet, womit man die feindlichen Kugeln aufzuhalten oder wenigſtens zu ſchwächen beabſichtigte, welche längs des Schiffes einfallend, eine zu große Niederlage unter den Galeerenſklaven hätten anrichten können; oder auch, wenn es ſich ereignete, deß bei der Enterung die Feinde auf das Schiff ſprangen, konnte man hinter vieſen Wällen die Vertheidigung verlängern und manchmal durch neues San meln und Angreifen den verlornen Theil des Schiffs wieder erobern. Der Oberaufſeher wendete ſich alſo, wie wir er⸗ zählt haben, mehreremal gegen ſeine Oberen hin, bis der Capitän ſeine Gedanken bemerkend, zu Filippino ſagte: Wenn Uscia ſo meint, ſo wollen wir das Boll⸗ werk des Vordertheils emporrichten. Doria nickte zur Bejahung mit dem Kopf und der Oberaufſeher mit jenem langen Ahoi welches die See⸗ 243 leute aufmerkſam macht, rief: Ahoi! das Bollwerk des Vordertheils empor! Bei dieſem Ruf erhob ſich am Vordertheil ein Untereinandermiſchen der Matroſen ohne Unordnung, und man ſah auf einmal die Balken, die Bretterwand und die gewundenen Taue emporheben, welche auf die vorbeſchriebene Weiſe geordnet wurden. In fünf Minuten war Alles in Ordnung und die Män⸗ ner, die dieſe Arbeit ausgeführt hatten, nahmen wieder ihre Poſten ein und ihre Unbeweglichkeit wieder an. Ein Capuciner Mönch, Capellan der Galeere, hatte indeſſen ſeine Stola angezogen und las, mitten auf dem Hintercaſtell ſtehend, mit einem Rituale in der Hand, einige Gebete vor, dann erhob er die Hand und bezeichnete mit einem großen Kreuz die Galeerenſtlaven und die Soldaten, welche alle, von Doria an bis zum letzten Schiffsjungen, das Zeichen des Kreuzes machten. Darauf erhob Filippino die Stimme und ſagte: „Muth, Jungen, im Namen Gottes und im Namen Johannes des Täufers, der Tag wird unſer ſein! Acht Galeeren gegen ſechs. Seht nur, wie ſie herankommen! Beim heiligen Catino, ſie nehmen nicht mehr als vier Ruderlängen in einem Strich!“ Und Filippino, ſeine Officiere und der Oberauf⸗ ſeher lächelten, als ſie den ungewiſſen und unregel⸗ mäßigen Ruderſchlag der feindlichen Galeeren erblickten. „Auf,“ fuhr Doria fort,„ich hoffe, daß jeder ſeine Pflicht thun wird, wie er es gewohnt iſt, zur Ehre Genua's und des Dienſtes des allerchriſtlichſten Königs. Oberaufſeher, laß ein Weinfaß für die Ruderſklaven herumgehen.“ Der Befehl wurde ſogleich ausgeführt, und die Aufſeher brachten ein Fäßchen Wein herbei, welches bei allen Ruderbänken herumging und woraus Jeder nach der Reihe trank, was beſſere Wirkung that, als der Gedanke, Genua zu verherrlichen oder dem König von Frankreich zu dienen. „Nun, mein Herr,“ ſagte Filippino zu dem Haupt⸗ 24⁴ mann der franzöſiſchen Arquebouſiere,„laßt Eure Leute fich bereit halten, denn ich will, bei Gott, daß wir heute Abend einen Becher Alicante am Bord des ſpa⸗ niſchen Admiralſchiffs trinken.“ „Wenn es nicht geſchieht, ſo wird es nicht meine Schuld ſein,“ ſagte vergnügt der Franzoſe, und zu den Seinigen gewendet, hob er nach einigen Minuten der Ermuthigung den bloßen Degen in die Höhe und rief, wie es die Sitte ſeines Volkes iſt:„Vive le Boi!“ Und mit dieſem Geſchrei verband ſich das:„Es lebe Genua!“ ausgeſtoßen von Doria's Leuten, und weiter⸗ hin das:„Viva Espana!“ welches die feindlichen Ga⸗ leeren hören ließen. Die beiden Flotten hatten ſich indeſſen bis auf einen halben Kanonenſchuß genähert und Filippino gab dem Steuermann, der ſeinen Blick ſtarr auf den Ad⸗ miral geheftet hielt, und jeden ſeiner Gedanken augen⸗ blicklich errathen und ausführen zu wollen ſchien, einen Wink und regelte den Lauf der Galeeren ſo, um ſie dem ſpamſchen Admiralſchiff gegenüber zu bringen, nicht ſo gerade, daß die Geſchütze deſſelben der Länge nach ein⸗ ſchlagen konnten, und nicht ſo ſehr von der Seite, daß er nicht mit ſeinen eigenen in der möglichſt genauen Richtlinie hätte ſchießen können. Auch die Spanier ſtrebten nach dieſem Vortheile, aber weniger erfahren und weniger geſchickt, bewegten ſie ſich nur mühſam und unficher. „Bombardiere, auf eure Poſten und aufgemerkt!“ rief Filippino. Dann kehrte er ſich zu dem Oberhaupt der Galeerenſklaven. „Ganze Ruderkraft, Oberaufſeher!“ „Dieſer warf ſich mitten in den Schiffsgang mit dem Ochſenziemer in der Luft und ſchrie: „Zugerudert, zugeruvert!“. Daſſelbe Geſchrei wiederholten die Gehilfen und die Unteraufſeher, einen Hagel von Streichen zur Rech⸗ ten und Linken auf die Ruderſklaven abladend, und 245 verdoppelnd ihre Schnelligkeit und ihre Kräfte, ſah man die Sklaven ihre Rücken bewegen, ihre Arme ſich ausſtrecken, in welchen die angeſchwollenen Muskeln unter der Haut zu zittern ſchienen, und die Galeere, mit neuem und ſehr heftigem Schwung vorgetrieben, fing an, auf der Welle zu fliegen, wie ein Schlitten über einen gefrornen Teich. Filippino war ganz Auge, er ſah den Augenblick gekommen, er warf ſich auf die Handhabe des Steuer⸗ ruders und wandte mit eigener Hand das Schiff auf die linke Seite, fand es in der Linie, in der er es haben wollte und rief:„Feuer!“ Und ein furchtbarer Knall von den fünf Feldſtücken des Vordertbeils ſcheint wie durch Zauber eine dichte und weiße Wolke zu erzeugen, welche einen Augenblick lang Alles um die Galeere her verhüllt. Filippino, der vor dem Rauch den Feind nicht ſah, bog ſich ganz über den Schiffsrand hinaus und machte eine Geberde der Ungeduld, als er deſſen ungeachtet die Wirkung ſeiner Schüſſe noch nicht bemerken konnte. Aber bald zerſtreute ein Hauch des Windes den Rauch und das ſpaniſche Admiralſchiff erſchien auf die Seite gebeugt durch das Gewicht ſeiner Segelſtangen, welche zerſchoſ⸗ ſen theils zwiſchen die Ruderbänke, theils ins Meer gefallen waren. Die Matroſen hatten jedoch bald die Stümpfe mit Aerten völlig abgehauen und über Bord geworfen. Die Galeere erhob ſich und begann ſich nun gleichfalls mit Rauch zu verhüllen, der ſich erhob in dichten, wirbelnden Ballen, bald grau, bald weiß, bald vergoldet am Rand durch die gegenüber darauf fallen⸗ den Stralen der ſinkenden Sonne. „Es lebe Genua und vorwärts, denn das Admi⸗ ralſchiff iſt unſer!“ rief Filippino, vergnügt über den glücklichen Anfang und daß er ſeine Schiffe, alle aufs beſte gelenkt, einen dichten Kugelregen auf den Feind werfen ſah, der in Wahrheit ſeiner Seits auch ant⸗ wortete, wie es ſeine Pflicht war. Die Musketen don⸗ 24⁴6 nerten ebenfalls von beiden Seiten, und ſo war die reine Helle des Himmels bald von einem dichten Dampf verhüllt, in welchen die Scheibe der Sonne blutig und ſtralenlos zu ſchimmern ſchien, wie wenn ſie von ge⸗ ſchmolzenem Kupfer geweſen wäre. Und des Admirals Schiff war immer voran, ge⸗ radeaus, ſchnell, ein dichtes Feuer von ſeinem Vor⸗ dertheil ſpeiend, denn Doria hatte im Sinn, ohne ſich weiter einzulaſſen, das feindliche Admiralſchiff anzu⸗ greifen, es wo möglich durch den Stoß des Anpralls in den Grund zu bohren oder durch Entern zu nehmen. Die Luft war erfüllt von einem beſtändigen und lauten Krachen, welches nickt verhinderte, daß man das fortwährende Pfeifen der Kugeln hörte, welche zu hunderten an den Seiten und über dem Kopf vorbei fuhren und zuweilen auch trafen, durch die Maſte, die Segelſtangen, die Schiffswände fuhren und Splitter und Bruchftücke davon mitnahmen, ohne daß ſie bis jetzt großen Schaden angerichtet hätten. Endlich öffnete ſich doch eine große Kugel einer Gangkanone mit Krachen den Weg durch die Bretter⸗ wände des Bollwerks vom Vordertheil, mitten durch die Galeere von der Seite her durchfahrend und, ſo viel ſie an Glicdern von Ruderſklaven auf ihrem Weg fand, mit ſich reißend. Die Nachbarn dieſer Unglücklichen, bedeckt mit Blut und dem zitternden Eingeweide ihrer Gefährten, welche fürchterlich verſtümmelt todt lagen oder halb lebend und ſtöhnend unter den Bänken zuckten, ſchienen den Lauf des Schiffes anhalten zu wollen, als es von größ⸗ ter Wichtigkeit war, demſelben die äußerſte Gewalt zu geben, und einige ſtießen ein jämmerliches und ver⸗ zweifeltes Geſchrei aus. „Oberaufſeher!—— Gottes Tod!—“ Filippino ſchrie es, indem er wüthend den Degen erhob und der Oberaufſeher warf ſich ergrimmt mit ſeinen Gehülfen auf dieſe Unglücklichen und führte nicht mehr mit dem 247 Ochſenziemer, ſondern mit dem kurzen Degen, bald flach, bald ſcharf, wüthende Streiche auf ihre nackten Rücken, indem er ſchrie:„Zugerudert, Geſindel, ich will euch Furcht lehren! Vorwärts, vorwärts, einen Knebel in . euch allen, und dann heult, wenn ihr önnt!“ Und mit Fuchtlen und ſcharfen Hieben ſein Wort unterſtützend, hatte er's bald dahin gebracht, daß Jeder ſeinen Knebel im Mund hatte, und der Lauf des Schif⸗ ſes mit neuer Kraft wieder begann. Fiſippino war immer am Steuer, wüthend, daß er vor dem dichten Rauch und weil die Luft, nachdem die Sonne untergegangen war, ſich nach und nach im⸗ mer mehr verfinſterte, das ſpaniſche Ahmiralſchiff nicht gut unterſcheiden und den Ort genau bemerken konnte, . es mit dem Schnabel ſeiner Galeere treffen önnte. Aber das Glück, das ihn begünſtigen wollte, zeigte auf einmal in einem Zwiſchenraume freien Himmels, wo der Rauch auf einen Augenblick durch den Wind verjagt war, die Spitze des Hauptmaſtes der feindlichen Galeere, um welche die ſchwere gelb und rothe Flagge Spaniens ſich flatternd herumſchlang. Dieß reichte bin, um zu berechnen, wo das Vor⸗ dercaſtell ſein mußte, er lenkte das Steuerruder mit Macht und ſchrie: „Aufgepaßt! Zum Angriff!“ Eine nur zu nöthige Erinnerung, damit jeder auf ſeinen Füßen feſt ſteben und ſich bereit halten möge, auf das feindliche Schiff zu ſpringen, um deſſen erſte Unordnung zu benützen. „Es verging eine Minute ſchrecklicher Erwartung, der dichteſten und furchtbarſten Schläge auf die Ruder⸗ ſtlaven, des raſcheſten Gangs des Schiffs, eine unbe⸗ ſchreibliche Spannung bei den Kämpfenden, und end⸗ lich ereignete ſich die gewichtige Begegnung mit einem Geräuſch, einem dumpfen und ſchrecklichen Krachen aller Rippen der Galeere, daß ſie auf einmal anhielt, als wenn ſie auf Klippen geſtoßen wäre, ihr Schnabel war ſchief eingedrungen in das Vordercaſtell des feindlichen Schiffs, die Waſſer ſchwollen unten an und erhoben ſich in die Luft geſchleudert zwiſchen den zwei Galeeren in hohen und weißen Stralen. Viele, ob ſie gleich auf ihrer Hut waren, fielen bei dem Stoß ins Meer, Segel⸗ ſtangen, Taue und Ruder verſchlangen ſich, ſtießen an einander, zerbrachen und flogen in Stücke. Aus den Büchſen der Arquebvufiere ſtrömte ein dichter Hagel von Kugeln und von allen Seiten ſtürzten ſich Alle, die kampffähig waren, gegen den Ort hin, wo durch das Zuſammenhängen der beiden Gaieeren der Uebergang von der einen auf die andere möglich, wo nicht leicht war, und dort entzündete ſich der wüthendſte und ver⸗ zweifeltſte Kampf mit blanken Woffen, Schwertern, Dolchen, Meſſern, mit ſchweren und breiten Aexten, ein blutiges und beharrliches Ringen. Ein fortwäh⸗ rendes Sichanklammern, Fortſtoßen, Fallen, Wieder⸗ aufſtehen, Vorſtürzen, Sichanfallen, das bei dem wach⸗ ſenden Dunkel der Nacht immer furchtbarer und mör⸗ deriſcher wurde. Dieſe hölliſche Scene zu beleuchten, diente zum Theil das Fortwähren der Kanonen⸗ und Musketen⸗ ſchüſſe und das Licht der am hintern Thbeil der Galee⸗ ren hängenden Laternen, welche, als es Nacht wurde, angezündet worden waren, aber zu dieſem düſtern und ungewiſſen Lichte kam bald ein anhaltendes und glän⸗ zendes, angezündet von einer ſpaniſchen Galcere, wel⸗ che ſchnell zu einer einzigen und großen hin und her getriebenen Flamme wurde, bald ſich erhob, bald wie⸗ der ſank, während ſich vas große Feuer in tauſend Stralen auf den Wellen ſpiegeite. Dieſes Schiff war ungefähr fünfzig Ellen von den beiden an einandergefeſſelten entfernt, und es ging von demſelben ein ſehr lebhaftes Licht und eine ſehr heiße Elut aus. Das Geſchrei der verzweifelten und unglückſeligen Galeerenſklaven, welche, an ihre Bänke 249 angekettet, ſich das Fleiſch röſten fühlten, ohne ſich los machen zu können und nach und nach eines lang⸗ ſamen und ſehr grauſamen Todes ſtarben, ohne daß die Matroſen und Soldaten, nur auf ihre eigene Ret⸗ tung bedacht, ſich irgendwie um ſie bekümmert hätten. Aber weder dieſes furchtbare Schauſpiel, noch die Gefahr der wahrſcheinlich bevorſtehenden Exploſion des Pulvermagazins auf dem feindlichen Schiffe hielten die Wuth des Kampfes auf dem Admiralſchiff zurück, auf welches von Zeit zu Zeit Wolken von Funken oder von ſtinkendem und dichtem Rauch herüberflogen, wie ſolche betheerte Schiffe, wenn ſie brennen, hervorbringen. Filippino hatte kaum die Galeere dahin gebracht, mit der feindlichen zufammenzuſtoßen, als er dem Steuermann das Steuer überließ und mit Herrn de Croix und mit ſeinen Offizieren an den Ort eilte, wo das Handgemenge am dickteſten war, und alle legten ſchöne Proben ihrer perſönlichen Tapferkeit ab. Lamberto, welcher auf dem Vordercaſtell ſtand, ſeinen Diener Moritz on der Seite und von vielen franzöſiſchen Scharfſchützen umgeben, hatte unter die⸗ ſen einen bemerkt, der ſich ihm an die Seite geſtellt hatte, und der, anſtatt wie ſeine andern Gefährten einen eiſernen Hut auf dem Kopf zu tragen, eine Sturmhaube trug, die ſein ganzes Geſicht verbarg. Er hatte jedoch nicht Zeit, den Mann lange zu beob⸗ achten, denn die Galeeren ſtießen zuſammen und es begann die beſchriebene Schlacht, an welcher Lamberto den lebhafteſten Theil nahm und, da ſich bei ihm nicht wenige von den Soldaten befanden, die unter Herrn Johann von Medicis gedient hatten, ſtürzte ſich Lam⸗ berto unter die Feinde mit dem Rufe: „Es lebe Herr Johann! Her zu mir, ihr von den ſchwarzen Banden!“ So bewog er ſeine Gefährten, ſich ihres Rufes würdig zu zeigen, und wenn ihm ein ſchöner Angriff gelungen war, riefen einige von dieſen: 250 „Es lebe Sforzino!“ So machten ſie ſich unter einander Muth, ſich tapfer zu betragen. Nach langem Kampf, nach unendlichem Morden gelang es ihnen endlich doch, den Feind zu überwin⸗ den, ihn zurückzuſchlagen, und ſich in Maſſe auf ſein Schiff zu werfen, und nun wuchs, wenn es irgend noch wachſen konnte, das Gehetz und die Wuth, ſich jede Hand breit vom Stiff wie eine Feſtung ſtreitig zu machen, welches ſchlüpfrig von Blut und ſchwan⸗ kend auf den Wogen, jeden Augenblick unter den Fü⸗ ßen der Kämpfenden verſchwinden zu wollen ſchien, welche bald an einander ſich klammerten, bald ſich vrehten und zurückſtießen, oft köpflings aus den Schiffs⸗ lucken fielen, wo viele durch das Gewicht ihrer Waf⸗ fen, durch die bewegten Wellen bald in den Grund geriſſen waren, viele umkamen, auf den Kopf getrof⸗ fen von denen, welche darauf warteten, ihnen den Reſt zu geben und die Freunde aus dem Waſſer zu zie⸗ hen. Einigen wenigen gelang es doch, ſich an dem Vordertheil, oder an das Ruder einer Barke anhaltend, ihr Leben zu retten, aber die Höhlungen und die Rücken der Wellen ſah man voll von den hohen Willen ge⸗ ſchaukelten Kähnen, von Schwimmenden, vpn halb Er⸗ trunkenen, von Trümmern, von Brettern und zerbro⸗ chenen Ruderſtangen, denn die Flammen der brennen⸗ den Galeere beleuchteten den ganzen Umkreis mit ei⸗ nem ſehr lebhaften und rothen Licht. Don Hugo de Moncada, Vicekönig von Neapel, erkannte, nachdem er Alles gethan, was ſich thun ließ, um ſein Schiff zu vertheidigen, daß er beſiegt und ohne Rettung verloren war, er verſchmähte es, ſich zu er⸗ geben und beſchloß zu ſterben, aber ſeinen Tod dem Feinde theuer zu ver'aufen. Umgeben von ſeinen Evelleuten und von den Hauptleuten ſeiner Soldaten, unter welchen ſich Ceſare Fieramosca, Don Pietro Urias, Antonio Colonna, der Herr del Guaſto und viele Andere befanden, bot er dem Feinde die Spitze 251 hinter dem Hauptmaſt, nahe bei dem Steuerruder, und erwartete, eingehüllt in einen funkelnden, damascirten Harniſch, mit einem Schilde bedeckt, mit dem golde⸗ nen Vlies auf der Bruſt, den letzten Angriff der Leute Filippino's, welche Tod und Verderben bringend, durch den Schiffsgang ſich auf ihn warfen. Lamberto ſtürzte vorwärts, um der Erſte beim Angriff zu ſein, aber ohne daß er es wußte, wie, kam ihm jener Soldat mit der Sturmhaube zuvor, den er immer in ſeiner Nähe gefunden und der ihm oft während der Schlacht Hülfe geleiſtet hatte, und hier nun fiel dieſer von vielen Streichen zugleich getroffen und fortgeſtoßen aus den Schiffslucken in's Meer. Es kam Lamberto vor, als ob er im Fallen ſeinen Namen rufe, aber umringt, wie er war, von Feinden, den Kopf betäubt von ſo großem Geräuſch und Geſchrei, war er doch nicht gewiß, ob er wirklich ſich rufen gehört habe, oder ob es Einbildung geweſen ſei. Zudem wurde nach Kurzem, aber ſehr heftigem Kampf der Reſt der Spanier zuſammengehauen und aufgerieben. Getödtet wurden der Vicekönig, Fieramosca, und faſt alle Diejenigen, welche auf ſo verzweifelte Weiſe die Vertheidigung zu verlängern geſucht hatten. Das ſpaniſche Admiralſchiff war in die Gewalt der Genueſer gefallen, welche die Hauptflagge von Caſtilien niedergeworfen und ſtatt der⸗ ſelben unter tauſendfachem, freudigem Siegesgeſchrei das Kreuz von Genua aufpflanzten. Und zum Wegnehmen des Schiffs hatten nicht wenig die Galeeren beigetragen, welche Doria in das hohe Meer geſendet hatte, ehe der Kampf anfing. Dieſe waren in dem Rücken der Spanier zurückgekehrt und hatten ſie mit Geſchütz beſtürmt. Eine Kugel hatte un⸗ ter andern noch zuletzt das Admiralſchiff getroffen und durchbohrt, eine Hand breit unter dem Waſſerſpiegel. Daher waren die Genueſer kaum Herren davon, kaum hatte Lamberto Zeit gehabt, den Degen eines ſpaniſchen Edelmanns, des Grafen von Aquia, in Empfang zu 252 nehmen, der ſich als Gefangener ergeben hatte, als man bemerkte, daß die Galeere anfing, unterzuſinken. Filippino befahl ſeinen Leuten, ſie zu verlaſſen, und es läßt ſich glauben, daß ihm ohne Zögerung ge⸗ horcht wurde. Ein Theil warf ſich in die Boote, einem Theil gelang es, ſich an das Vordertheil des Admiral⸗ ſchiffs anzuklammern, und in wenigen Augenblicken war das Schiff von den freien Menſchen geleert, aber die Galeerenſklaven blieben da, und keine menſchliche Kraft hätte ſie erretten können. Schon waren ſie bis an den Gürtel im Meer und aus dem Innern der Galeere, aus den hohlen und niederen Sciten des Kiels ging die durch das hereingetriebene Waſſer fortgetriebene Luft heraus mit einem dumpfen Geräuſch(faſt, wie ein Dichter ſagen würde, wie eine Klage des Schiffs, wel⸗ ches ſeinen Untergang fühlte). Aber ganz andere Klägen(und nur zu wenig Poeſic) erhoben ſich in dem finkenden Schiff, ein ganz anderes Geſchrei ſtießen die unglücklichen Ruderſklaven aus. Theils verſuchten ſie, mit furchtbaren und un⸗ nützen Anſtrengungen, die Ketten zu zerreißen, theils warfen ſie, ſich krümmend, ihre Geſtalt hin und her, Viele weinend und um Erbarmung ſchreiend, die An⸗ dern Verwünſchungen und Flüche heulend, während das Waſſer immer mehr wuchs. Nach wenigen Augenblicken kam eine Woge heran, und wo man erſt noch die Schiffsſeiten, das Hinter⸗ theil, die Spitze des Admiralſchiff's, die Köpſe, die ausgeſtreckten Arme der unſeligen Ruderſtlaven geſehen hatte, erblickte man Nichts mehr, als weißen und gur⸗ gelnden Schaum. Noch ragten die Maſte hervor, doch auch dieſe ſanken blitzſchnell und verbargen ſich im Meer, und in ſelbem Augenblick erſchütterte und be äubte ein ſchrecklicher und plötzlicher Knall mit einem Blitz von ganz weißem Lichte das Meer, die Berge, die Flotte und ließ dann Alles im tieſſten Dunkel. Dann nach einem Augenblick ein Regen von allen Seiten von Bal⸗ ————— ——————— ken, Stangen, von loßgeriſſenem Eiſen, von menſch⸗ lichen Gliedern, von tauſenderlei Trümmern, welche in's Meer oder in die Galeeren fielen, tödtend oder verſtümmelnd. Dann ein beſtürztes und furchtſames Schweigen, in welchem man Nichts mehr hörte, als das Pfeifen des Windes zwiſchen den Tauen und Segel⸗ ſtangen, und das Brauſen der Wellen, die an die Schiffe anſchlugen, oder fernher an den Brandungen der Küſte brüllten. Lamberto wurde nach dieſer Waffenthat mit einer Depeſche zu dem Heere Lautrec's geſchickt. Als dieſes beſiegt und zerſtreut war, ging er nach Puglia mit Renzo da Cere. Endlich aber, als Florenz belagert wurde, beſchloß er, ſogleich herbeizueilen und gegen die Belagerer zu fechten. Nicht ohne Schwierigkeit gelang es ihm, eines Abends in die Stadt zu gelangen, und als er, wie es ſich glauben läßt, mit klopfendem Her⸗ zen bei dem Hauſe der Lapi ankam, traf er in der be⸗ ſchriebenen Weiſe mit Laudomia zuſammen. . Fünftehntes Kapitel. Ihre Nachforſchungen dauerten nicht lange, denn Laudomia bemerkte bald, daß es eine Thorheit war, irgend einen Erfolg davon hoffen zu wollen, und ſie hatte bald Lamberto an die Hausthüre zurückgeführt. Lamberto hatte ein wenig geſchwiegen, zwiſchen tauſend Gedanken und tauſenderlei Ahnungen ſchwebend, zuletzt konnte er ſich nicht mehr halten, und als er ſah, daß man auf dem Rückweg war, ſo ſagte er, indem er Laudomia am Arm feſthielt: 254 „Aber werde ich nicht erfahren dürfen, was alles dieſes zu bedeuten hat?“ „O, Lamberto, ich bitte Euch, kehren wir zuerſt zum Vater zurück,“ antwortete Laudomia, indem ſie ihn mit ſich ſortzog. Mit ſchnellem Schritt kamen fie an und gingen in das Haus. Der Jüngling klopfte an die Thüre Riccolo's und rief ihm, und während Niccolo zögerte, zu kommen und zu öffnen, nahm ſie Lamberto bei der Hand und ſagte ihm in großer Bewegung weinend in's Ohr: „O, ſagt ihm Nichts, was ihn betrüben könnte, den armen Vater.“ Dann, als ſie die ſchweren Schritte des Greiſes hörte, der ſich näherte, trat Lamberto ein wenig auf die Seite, damit ihn der Vater nicht unverſehens zu⸗ vor anblicken ſollte, und indeſſen öffnete ſich die Thüre. Riccolo, heftig bewegt durch die Erſcheinung Liſa's, für die er, troß ſeiner furchtbaren Charakterſtärke, im⸗ mer noch das Gefühl eines Vaters hatte, erſchien mit aufgeſchwollenem und bleichem Geſicht und mit unſiche⸗ rem Gang; indem er glaubte, Laudomia komme, um bei ihm den Reſt des Abends zu bleiben, denn cs war noch nicht ſo ſpät, kehrte er, ohne mit ihr zu ſprechen, in das Gemach zurück, ſetzte ſich wieder auf ſeinen Lehn⸗ ſeſſel am Kamin und nahm ein Gebetbuch in die Hand, das er zu leſen beſchäftigt war. Aber Laudomia näherte fich ihm und ſagte mit ſo fröhlichem Geſicht als ſie konnte: „Ich habe eine gute Neuigkeit, lieber Vater, wißt Ihr, wer angekommen iſt und da außen ſteht?.„ „Lamberto?“ erwiederte der Greis, indem er plötz⸗ lich das Geſicht erhob und eine Bewegung machte auf⸗ zuſtehen.„O komm, komm, mein Sohn!“ rief er, und Lamberto, der ganz Ohr war, befand ſich blitz⸗ ſchnell auf den Knieen vor Niccolo, der ſeinen Kopf zwiſchen die Hände nahm und ihn an ſeine Bruſt drückte. Laudomia, aufrecht und die gefalteten Hände und Augen gen Himmel erhoben, betete zu Gott, daß er ihnen 255 allen Dreien über dieſen ſchrecklichen Augenblick hinüber helſen möchte. So blieben ſie einen Augenblick ſprachlos; dann hielt Niccolo das Geſicht Lamberto's von ſich ab, legte idm eine Hand auf die Stirne und ſah ihn ſtarr an;z endlich ſagte er mit einem entſchloſſenen Seufzer: Du haſt kein Geſicht mehr wie ein Kind, das iſt das Geſicht eines ſtarken und kühnen Mannes, gut ſteht Dir dieſe dunkle Farbe... gut ſteht Dir dieſe Narbe, die Deine Wange ſpaltet... Du haſt Deine Verſpre⸗ chungen gehalten, Lamberto, aber wir?. Und hier erhob der arme Greis die entfleiſchten Hände gen Himmel, ſchlug ſich damit vor die Stirne, beveckte ſeine Augen und verharrte ſo lange in Still⸗ ſchweigen, bis er die Neigung, zu weinen, überwun⸗ den hatte. „Und wir,“ ſuhr er fort,„die wir gedacht hatten, Dich wieder zu ſehen, Dich willkommen zu heißen, mit Frohlocken Dir alle die Arme zu öffnen und Dir zu ſagen: Nun ſei wirklich der Unſere!... ich, der ich Dich zu empfangen geglaubt hatte mit ſicherer und heiterer Stirne, ich ſtehe hier vor Dir, und es iſt das erſte Mal in neunzig Jahren!. ich ſtehe hier wie ein Verbrecher, der gezwungen iſt, ſeine Schande mit ſei⸗ nem eigenen Mund zu vekennen! Ich würde mich ge⸗ drungen fühlen, auf die Kniee vor Dir zu fallen, aber Du würdeſt es nicht zugeben wollen... Hör mich an, Lamberto, und ſei ein Mann, wie es Dein Aeußeres verſpricht.“ Der arme Jüngling, welcher ganz verwirrt war, lag noch immer mit einem Kute auf der Erde und ſah den Greis mit verwunderten Augen an, ich möchte faſt ſagen, mit Blicken voll Schrecken, denn aus dem Munde Niccolo's waren ſolche Worte wirklich furchtbar und ließen das Schlimmſte vermuthen. „Herr Niccolv, Ihr tödtet mich mit dieſen ſo dun⸗ 256 keln Reden, ſprecht um Gotteswillen und zweifelt nicht an mir!“ „Wohlan, ſo wiſſe denn, daß ich entehrt bin, daß mich, Dich, ihr Haus, das Vaterland verrathen 0 3 Lamberto war mit einem Sprung auf den Füßen, und, ohne es zu bemerken, mit der Hand am Gefäß ſeines Degens: „Beim ewigen Gott, das kann nicht ſein! Ihr ſeid in Irrthum gerathen, und wer Euch vieſe Mährchen geſagt hat, der lügt in ſeinen Hals hinein!“ „Lamberto,“ begann Niccolo wieder, indem er ihn beim Arme nahm und ihn an ſeiner Seite niederſitzen hieß,„ich, der ich zu Dir ſpreche, bin ihr Vater, Du weißt es, ſchweige alſo und höre zu. Ja, Liſa hat uns alle verrathen;. aus dem Blute der Lapi, aus dem Blute Riccolo's hat ein Weib erzeugt werden können, fähig, ſich einem Verräther in die Arme zu werfen, einem Feind dieſes Volkes, dieſer Stadt. So iſt das Gericht Gottes über dieſes Haus ergangen... Justus es, Domine, et rectum judicium tuum.“ Und hier mußte der arme Grris einen Augenblick ſchweigen, um wieder Athem zu ſchöpfen. Er erhob ſich, ging zu einem Kaſten, öffnete den⸗ ſelben, nahm ein Papier heraus, kehrte zu Lamberto zurück und reichte es ihm hin. „Wir waren hier eines Abends verſammelt, um zu Bett zu gehen, es wurde geklopft: Fertuccio trat herein und gab mir dieſen Brief vom Go faloniere: lies ihn!.. Lamberto las, ſein Geſicht, das zuerſt roth und faſt violett geworden war, wurde nach und nach bleich. „Uad alles das wäre wahr?“ „Es war wahr.“ Und nun erzählte ihm Niccolo, wie er in das Gemach ſeiner Töchter hinaufgeſtiegen ſei und Liſa mit dem Kinde gefunden habe, und dann glles Uebrige, was der Leſer weiß, bis zu dem letzten Vorfall von heute Abend. Und Lamberto hörte zu bis zum Ende, ohne zu unterbrechen, ohne irgend ein Zei⸗ chen zu geben von dem, was er im Herzen fühlte, nur daß ſein Ringelpanzer von Zeit zu Zeit erdröhnte und zwar von dem krampfhaften Beben, das er in allen Gliedern fühlte. Als Niccolo aufgehört hatte, zu ſpre⸗ chen, blieben alle Drei einige Minuten ſtumm. Bevor Lamberto mit Laudomia ins Haus getreten, hatte er ſich von ſeinem Diener ein Päckchen und das Schwert geben laſſen, das er von Andreas Doria erhalten, und hatte Alles auf den Tiſch neben Niccolo niedergelegt. Jetzt ſtand er auf, öffnete das Päckchen und zog eine goldene Kette, dann einige Papiere, welche alle mit ſeinem Lobe gefüllt waren von Filippino und Andrea Doria, ſowie einen Wechſel für das Löſegeld des Grafen Aquila hervor, den er in der Schlacht von Salerno zum Ge⸗ fangenen gemacht hatte, hielt das Schwert und die Papiere einen Augenblick in der Hand, warf dann Alles auf den Boden, und ſagte, den Kopf ſchüttelnd, mit einem bittern Lächeln, das Laudomia erſtarren machte: „Dieſer Plunder hat mich viel Blut gekoſtet; bei Gott, das iſt gut angewendet geweſen!... Dann wickelte er ein Papierchen auf, zog einen vertrockneten Roſenſtengel mit einigen welken Blättern heraus, warf ſie in's Feuer, das ſie in einem Augen⸗ blick verzehrt hatte, und ſagte knirſchend zu ſich ſelbſt: „O, warum kam es mir in den Sinn, nach Florenz zurückzukehren?1... Niccolo hörte dieſe Worte, erhob ſich, legte ihm eine Hand auf die Schulter und ſprach zu ihm mit zu gleicher Zeit ſanſter und nachdrücklicher Stimme alſo: „Lamberto, biſt Du nicht ein Florentiner, iſt nicht Dein Vaterland nunmehr bedroht von ſo vielen Feinden? Und Du kannſt es bereuen, daß Du gekom⸗ men biſt, es zu vertheidigen? Gott weiß, ob ich Dich Niccolo de' Lapi. 1. 17 258 mit meinem Leben von Deinem gerechten Schmerz möchte befreien können... Auf dieſe Weiſe würde Gott mei⸗ nen Tod und nicht meine Schande gewollt haben!.. Aber wer könnte ſein Haupt gegen ihn, gegen ſeinen Willen erheben wollen?.. Das Uebel läßt ſich nicht abwenden. Und dieſes Uebel betrifft mich und Dich und dieſes arme Haus, wenige Privatperſonen, und dürfen wir daran denken, dürfen wir uns ſo ſehr dar⸗ über bekümmern, wenn ein ungeheures Weh, ein all⸗ gemeiner uud nahe drohender Untergang unſerm Vater⸗ land bevorſteht? O, Lamberto, hier haben die Greiſe, die Weiber, die Kinder ihre Hand zur Vertheidigung zu erheben, und Du?...“ „O, ſagt mir Nichts weiter, Herr Niccolo, denn Ihr durchbohrt mir die Seele, es iſt ein Augenblick geweſen, denn am Ende iſt das Herz doch nicht von Eiſen.. Ja, Herr Niccolo, ja, mein Vater(denn dem Schickſal zum Trotz will ich Euch nie mehr anders nennen), dieſer Arm, dieſes Blut gehört Florenz an, meine Kräfte, mein Leben, Alles weihe ich dem Vater⸗ land, der Vertheidigung dieſes Volkes und unſerer Frei⸗ heit... Gott wollte ein ſo großes Gut, eine ſo große Freude meinem Leben entziechen—— geſegnet ſei ſein heiliger Name!—— denn das Beſte von Allem nahm er mir nicht, das Glück, zu kämpfen und zu ſterben für das Land, wo ich geboren wurde, in der Verthei⸗ digung dieſer Mauern, welche meine Lieben, meine Freunde, meine Brüder umſchließt! Ihr werdet mich von den Zinnen herab in meinem Blute fallen ſehen, Ihr werdet ſagen: Lamberto ſtarb den Tod eines tugend⸗ haften, eines tapfern Bürgers, und ich werde auf im⸗ mer in Eurem Herzen, in Eurem Gedächtniß bleiben —— o, mein Vater, ich rede wie ein Thor., aber in einem Augenblick das zu verlieren, was man ſo viele Jahre hindurch als das höchſte Gut im Auge gehabt hat, was man mit ſolchen Mühen bezahlt hat!.. Ich bin außer mir gekommen... Vergebt mir. O, wie 259 Viele würden ſich glücklich ſchätzen... Nun ſehe ich es ein— wie Viele würden Gott preiſen, für ihr Vater⸗ terland das Leben hingeben zu können, und müſſen es auf jämmerliche Weiſe dahin ſchleppen und zuletzt unnütz und im Dunkel verlieren! Und ich dagegen? Gott, ich danke Dir, ich danke Dir, Chriſtus, unſer König, daß Du mich unter Deinem Banner verſammelt haſt! Es ſoll nun von nichts Anderem mehr die Rede ſein, mein Vater! von nichts mehr, außer von kämpfen, ſiegen oder ſterben für das Vaterland, für ſeine Freiheit...—“ Und während er dieſe Worte ſprach, hatte er ſein Antlitz emporgehoben, ſeine Augen funkelten. Niccolo umarmte ihn mit dem Ungeſtüm der Liebe und Freude, und die arme Laudomia, welche immer aufmerkſam und ſtumm während dieſes Geſprächs geblieben war, hatte, ohne es gewahr zu werden, zwiſchen ihre weißen und zarten Händen Lamberto's kräftige Rechte gedrückt. Einen Augenblick darauf kam ſie zu ſich und ließ dieſe Hand fahren, und kurz nachher ging ſie erröthend aus dem Zimmer und ſagte, ſie gehe, um Befehl zu geben, wo die Pferde und der Diener Lambertos un⸗ tergebracht werden ſollten. Die beiden Zurückgebliebenen ſetzten ſich an das Feuer und Niccolo fuhr fort:» „Du haſt gut geſprochen, Lamberto, nunmehr iſt es Zeit, nicht an die Unſerigen, ſondern an die Unfälle unſeres armen Vaterlands zu denken. Aber wir wollen gutes Muthes ſein, Alles, was geſchieht, iſt vorher⸗ geſagt worden von unſerm heiligen Meiſter, je ſchwerer die Geißel niederfällt, deſto näher kommt die Krone und der Sieg, je unvermeidlicher der Untergang ſchei⸗ nen wird, deſto näher wird uns die Hilfe ſein. Wenn es ſcheinen wird, als hätten alle Menſchen uns ver⸗ laſſen oder verrathen, dann wird ſich die Kraft Gottes orheben, dann werden ſeine Engel auf dieſe Mauern niederſteigen und ſie vertheidigen. So weiſſagte Bru⸗ der Girolamo. Wer wird ſagen können, daß er je⸗ 260 mals gelogen habe? Sie ſollen kommen, alle die Heere des Pabſtes und des Kaiſers, ſie ſollen kom⸗ men alle Heere der Erde, werden ſie wiverſtehen können dem Schwert eines einzigen der Seraphin, je⸗ nem Schwert, das Lucifer in den Abgrund ſtürzte?—“ Lamberto, welcher unbeweglich in das Feuer ſtar⸗ rend da ſaß, antwortete nur hingeworfen:„Ihr ſagt die Wahrheit!“ blos um zu zeigen, daß er zuge⸗ hört habe, aber von der ganzen Rede des Greiſes hatte er dennoch keine Sylbe gehört. Die Gedan⸗ ken, welche ſein Gemüth bewegten, waren zu mäch⸗ tig, als daß er im Stande geweſen wäre, auf den Andern Acht zu haben. Er ſagte zu ſich ſelbſt:„Du verließeſt die alte Mutter kränklich, ſchon mit einem Fuß im Grabe, Alles für Lifa, nur ihre Liebe zu ge⸗ vinnen, ihre Hand zu verdienen. Nun biſt Du ja zurückgekehrt. Wo iſt Deine Mutter? Tod! Wo iſt Liſa? Schlimmer, als todt. Sie iſt davon gelaufen mit einem Verräther!...“ „O, Goit iſt gerecht.“ Es war ein Glück für den armen Jüngling, daß er mit der Einwilligung ſeiner Mutter abgereist war, vaß ſie ihn geſegnet hatte; wenn es ſich anders ver⸗ alten hätte, dann würde ihn der Schmerz getödtet haben. Niccolo fuhr indeſſen fort, um ihn mehr, als er es vermochte, von dem Gedanken an ſein Unglück ab⸗ zubringen, und von dem der Vertheidigung zu ent⸗ flammen: „Aber weil Gott uns auf den äußerſten Fall ſeine Hilfe verſprochen hat, ſo dürfen wir deßwegen doch nicht unterlaſſen, uns ſelbſt zu helfen, ſo lange die Kräfte und das Leben hinreichen. Man hat an Alles gedacht, Lamberto, und die Angelegenheiten werden auf eine Art geleitet, daß dieſes Heer nur wenig gewinnen wird. Bis zum jetzigen Augenblick iſt derjenige, der — 261 ſich rühmte, Florenz in einem Schluck zu verſchlingen, noch nicht einmal fähig geweſen, mit dem Thurm von S. Miniato fertig zu werden..“ „Sagt mir, Herr Niccdlo,“ unterbrach Lamberto, aber das Wort erſtarb ihm auf den Lippen. Er wollte nach ſeiner Mutter fragen, von ihren letzten Augen⸗ blicken ſprechen, wiſſen, ob ſie ſeinen Namen genannt habe, ob ſie, eh ſie hinüberſchied, verlangt habe, ihn ſehen zu können, ob ſie ihn geſegnet habe, ob ſie ihm ſeine Entfernung verziehen habe, und hundert andere Dinge, aber im Augenblick, da er das Wort ergreifen wollte, war ihm der Muth dazu entfallen. Solche Wun⸗ den des Herzens ſind ſo tief, ſo herbe und reizbar, daß ſie ſich auf keine Weiſe behandeln laſſen. Nur ſchwer entſchließt ſich der Menſch, ſie zu enthüllen, davon zu ſprechen; es ſcheint, daß dieſe Gedanken ſchon an ſich ſo ſchmerzlich, wenn ſie ſtill und tief auf der Seele laſten, mit der Stimme ausgedrückt gar zu ungeheuer und furchtbar werden würden, und es iſt dem zu Muthe, als wenn ſie um einen einzigen Grad verſchlimmert über die menſchliche Kraft hinausgehen würden. Daher hielt er einen Augenblick inne und wiederholte dann die Worte, aber mit veränderten Gedanken. 3 „Sagt mir, Herr Niccolo, wißt Ihr, wohin ſich Eure Tochter ee hat?“ „Du willſt ſagen, Liſa... denn meine Tochter iſt Laudomia,“ erwiederte der Greis mit ſtrengem Ge⸗ ſicht,„ich weiß es nicht und bekümmere mich nicht darum, es zu wiſſen. Merke wohl, Lamberto, bevor ich einen Entſchluß faſſe, ſo denke ich darüber nach, und wenn ich Etwas beſchloſſen habe, ſo ändere ich mich nicht. Nun wollen wir von Florenz reden, wir wollen an Dein Geſchäft denken. Du kommſt zu Pferd, Du trägſt die Rüſtung eines Lanzenreiters. Wenn Du mir Gehör geben willſt, ſo will ich Dich in die Compagnie des Arſoli bringen. Er iſt ein tapferer Mann und ſeine Leute ſind gut und ſie haben Pferde nöthig, um gegen Mugello hin die Wege offen und das Land rein zu halten, wo ſchon die Truppen des Landgrafen von Vaſto ſtreifen.“ „So werde ich thun.. aber jener.. dieſer Troilo, wo iſt er?“ „Er iſt im Lager, o was gehen Dir für Gedanken durch den Kopf? Wollteſt Du etwa? Weißt Du nicht, daß er ihr Mann iſt? Wenn Du ihm in der Schlacht begegneſt, ſo ſtoß ihm das Schwert durch den Leib.. Es iſt Dir erlaubt... aber ohne Zweifel wird das nicht geſchehen.... Verräthern begegnet man nicht in der Schlacht; auf, auf, weg mit dieſem Gedanken! Sei Mann, Lamberto.“ Der Jüngling ſchlug mit der Fauſt auf den eiſer⸗ nen Schenkelharniſch und ſprang auf die Füße. „Ihr habt tauſendmal Recht. Gehen wir alſo zum Arſoli und verſehen uns mit dem Nöthigen.... Und nun... Dennoch muß ich nach den Brüdern fragen. Wie geht es Baccio?“ „In der Schlacht gefallen.“ „Bernardo?“ „In der Schlacht gefallen.“ „Uind Bindo und Vieri und Averardo?“ „Bereit, die Mauern zu vertheidigen und ihren Brüdern zu folgen, wenn es Gott ſo verhängt haben wird. Ach ja, wir wollen ihnen folgen und Gott möge mich zuerſt rufen, denn der Ausgang aus dieſem Leben wird mir der Ausgang aus einem großen Leiden ſein.“ Lamberto ſtand auf, um hinauszugehen, aber der Greis hielt ihn auf. Er öffnete einen Kaſten und zog einen Bund Schlüſſel heraus. „Dieſes,“ fagte er,„find die Schlüſſel des Hauſes, wo die arme Nunziata wohnte; aber bevor Du hin⸗ gehſt, ſieh, daß Du mit Fivizzano in S. Marco ſpre⸗ chen kannſt. Er ſoll Dir Etwas ſagen; was für Dich wichtig iſt.“ „O meine geſegnete Mutter!“ ſagte Lamberto und nahm die Schlüſſel und küßte ſie und zwei Thränen fielen ihm die Wangen herab. „Deine Mutter iſt an einem beſſern Ort, als wir ſind. Und ſie ſtarb Gott preiſend, daß ſie an Dir einen tapfern und rechtſchaffenen Sohn habe.“ „Sagt Ihr die Wahrheit?“ fragte Lamberto ganz bebend und im Geſichte verändert durch die unſägliche Erquickung, die ihm dieſe Worte verſchafften. „Ja, ich ſage Dir die Wahrheit und Fivizzano, der in der letzten Stunde ihr Beichtiger war, wird Dir mein Wort beſtätigen.“ „O, gelobt, gedankt ſei Gott tauſendmal von dieſer heiligen und reinen Seele, welche nun in der Verherr⸗ lichung ſelig iſt.“ Und bei dieſen Worten unterbrach der tapfere Jüngling den Vater und brach in Thränen der Freude aus; denn er ſchien wirklich zu einem neuen Leben zu erwachen. So blieb er einen Augenblick, dann riß er ſich aus des Greiſes Umarmung und ging hinaus, ohne ſich mehr umzudrehen, während Niccolv zu ihm ſagte: „Erinnere Dich, daß dieſes Haus das deinige iſt, und daß man bereits Alles zu Deiner Aufnahme vor⸗ hat. Geh nun und laß Dich bald wieder ſehen.“ Lamberto wandte ſich gegen S. Marco und wäh⸗ rend es ihn früher, man könnte ſagen, in Schrecken ſetzte, nach ſeiner Mutter zu fragen, konnte er ſtatt deſſen jetzt, ganz verändert durch die Worte Niccolv's, die Zeit nicht erwarten, ſich bei denen zu befinden, mit denen er von ihr ſprechen könnte, und die ihm über tauſend Einzelnheiten genügende Auskunſt geben möch⸗ ten, die er zu erfahren brannte. Sich in Gedanken in ſein künftiges Leben zu verſetzen und ſich da allein zu finden, ohne ſeine Liſa, mit dem beſtändigen Andenken, von ihr ſo grauſam verrathen worden zu ſein, war ein 264 ſchreckliches Unglück, aber eines von denen, die nicht ſchwächen, ſondern manchmal dazu dienen, eine ſtarke und tugendhafte Seele zu erheben. Aber Tage, Mo⸗ nate, Jahre durchleben, alt werden, und immer mit dieſem Vorwurf im Herzen: Deine ſterbende Mutter ſuchte Dich vergebens bei ihrem Bette, in ihrem Herzen ſtieg der Gedanke auf, Dich undankbar zu nennen, ein Anderer ſchloß ihre Augen, legte ihre ſtarren Glieder zurecht. dieß war eine ſolche Pein, daß er ſie auch nicht in Gedanken ertragen konnte. Und in Wahrheit, welches menſchliche Gemüth iſt ſtark genug, um der⸗ ſelben gewachſen zu ſein? Begierig, ganz aus dieſer Angſt zu kommen, und mit einer ungeduldigen Hoffnung, daß die Worte des Mönches ihm vollkommene Erleichterung gewähren wür⸗ den, befand er ſich bald an dem Eingang des Kloſters. Bei der ſpäten Stunde koſtete es Mühe, ſich Einlaß zu verſchaffen, aber als er ſich nannte, wurde er eingelaſ⸗ ſen, und in wenigen Augenblicken befand er fich in der Zelle des Bruders Zaccaria von Fivizzanv. „Ich bin Lamberto,“ ſagte er zu dem darüber ver⸗ wundetten Mönch, daß ein ganz mit Stahl bedeckter Mann mit ſolchem Ungeſtüm in ſolcher Zeit in ſeine Zelle kam.„Ich bin in dem Hauſe der Lapi vor unge⸗ fähr einer Stunde abgeſtiegen ich weiß Alles. Niccolo, der arme Greis, hat mir ſelbſt von Liſa er⸗ zählt Cott will es ſo!. aber ich weiß, daß Ihr mit mir zu ſprechen habt, daß Ihr es waret, der mei⸗ ner armen Mutter die Augen ſchloß Verzeihet mir, wenn ich Euch zu dieſer Stunde beſchwerlich falle, aber ich habe nicht bis morgen warten können. O, tröſtet mich, denn ich bedarf es. Sagt mir, daß ſie mich ſeg⸗ nete, daß ſie mich nicht einen Undankbaren nannte, daß ſie mir meine Entfernung verzieh, redet um Gottes⸗ wi „Lamberto,“ erwiederte der Bruder, ihn umarmend, „Du biſt ein rechtſchaffener Junge, und dieſe Deine Furcht gibt den Beweis davon. Nun, beruhige Dich, Nunziata war Mutter, aber ſie war eine hochherzige Mutter, und ſie liebte Dich um Deiner und nicht um ihrer ſelbſt willen. Ja, ſie ſegnete Dich, und weit ent⸗ fernt, über Dein Thun ein ungünſtiges Urtheil zu fällen, ſagte ſie mir, ſie ſterbe zufrieden, daß ſie Dich auf dem Weg ſehe, ein tüchtiger und rechtſchaffener Mann zu wer⸗ den. Wenn Gott mir den Troſt verſagen will, ſagte ſie, ihn hier neben meinem Bette zu haben, ſo wird es viel⸗ leicht zu unſerem Beſten ſein, weniger bitter wird ſein dieſe letzte Trennung, und er wird mich vielleicht auf dieſe Weiſe von jedem Gedanken an dieſes Irdiſche entheben wollen, damit er ſich ganz zu mir und zu den Gedanken an meine Seele wende. „Zwei Stunden vor ihrem Scheiden(es war in der Abenddämmerung) rief ſie mich zu ſich und ſagte zu mir: Bruder Zaccaria, zieht dieſes Tiſchchen herbei, ſetzt Euch hier an dieſes Kopfkiſſen und ſchreibet ein paar Worte, die ich im Sinne habe Lamberto zukommen zu laſſen. Ich kenne ihn, er wird Troſt nöthig haben, durch mehr als eine Zeile. Ich ſchrieb und fiegelte das Blatt, dann fügte ſie hinzu: ich fühle, daß mein Athem verlöſchen will: nur noch um ein Kleines, ſo werde ich nicht mehr ſprechen können, dieſer letzte Hauch, der mir übrig hleibt, ſei für meinen Lamberto! Und ſie ſtreckte die bebende Hand aus, wie wenn Du ge⸗ genwärtig geweſen wäreſt und vor ihr knieteſt, und ſie Dir ſie auf das Haupt legte und fügte bei: ich bitte Dich, allmächtiger Gott, meinen Sohn zu ſegnen, wie ich ihn ſegne. Mache ihn gut in dieſem Leben und glücklich im andern. Sie konnte nicht weiter ſprechen; ſie ſprach nichts mehr und ging ruhig und heiter hin⸗ über.“. Lamberto weinte ſeit dem Anfang dieſer Rede wie ein Kind; Bruder Zaccaria reichte ihm das Blatt, das der Jüngling tauſendmal küßte und in einem Augen⸗ lick ganz mit Thränen durchnäßt hatte. 266 „Weine, denn Du haſt ein Recht dazu,“ ſagte der gerührte Mönch,„weine, Lamberto, denn keine Liebe wiegt die Liebe einer. Mutter auf, und wenn der Tod fie verlöſcht hat, ſo erſetzt ſie keine andere. „Abcr was ſage ich verlöſcht? Sie iſt nur reiner geworden und glühender in dieſer unermeßlichen Liebe, die Alles ſieht, die unſere Thränen zählt, um ſie nach⸗ her in eine deſto größere Freude zu verwandeln. Sie liebt Dich dort oben im Paradies, wie ſie Dich auf Erden liebte und noch mehr, wenn es möglich wäre, ſie theilt dieſen Deinen Schmerz, ſie dankt Dir für dieſes Weinen.“ „O wie ſehr that ich Unrecht, rief Lamberto mit verdoppeltem Schluchzen, ich hätte es vorher ſehen ſol⸗ len, ſie, die Arme, ließ mich abreiſen, weil. ſie dachte nur an mich. um mich zufrieden zu ſehen aber ich hätte es vorherſehen ſollen, als ich ſie ſo allein ließ, daß Trauer, Furcht vor den Gefahren, in die ich mich begab ich hätte es doch wiſſen ſollen, daß ſie nicht würde überleben können, dieſes fortwährende Lei⸗ den, daß der Schmerz ſie tödten würde.“ „Hör' mich an, Lamberto, es geſchieht zuweilen, daß, wenn wir einen Entſchluß ergreifen, dieſer auf irgend eine Weiſe zur Schuld ausſchlägt. Wenn Du gefehlt zu haben glaubſt, ſo ſei es fern von mir, daß ich Dich davon abbringe, Schmerz darüber zu fühlen und Verzeihung bei dem zu ſuchen, der beſſer als wir unſer Herz kennt. Aber aus dem, was ich von Dir und Deiner Mutter durch dieſe Macht, welche von der Kirche ihren Dienern mitgetheilt wird, weiß, ſage ich Dir, daß du Dich nicht länger mit dieſer Furcht quälen ſollſt, ich weiß, du biſt des Herzens deiner Mutter ſicher und du wirſt in dieſem Blatt einen beſſern Be⸗ weis davon finden, als es meine Worte find, alſo gib Dich zufrieden.“— Lamberto hatte ſich indeſſen in der Ungeduld, das Schreiben ſeiner Mutter zu leſen, dem Licht genähert, und entfaltete das Blatt, aber Bruder —— —— 267 Zaccaria ſagte zu ihm. Nicht jetzt, mein Sohn, denn es iſt nicht erlaubt, ſich bei vorgerückter Racht im Klo⸗ ſter aufzuhalten, und dann wird es vielleicht beſſer ſein, daß du dieſes allein und in Ruh' lieſeſt. Wenn Du dann dieſem deinem gerechten Schmerz den Lauf gelaſſen haſt, ſo beſchwichtige jeden Gedanken an Deine Privatleiden, dem großen und tugendhaften Gedan⸗ ken an Dein Vaterland gegenüber, es hat kräftige, und nicht durch Klage verweichlichte Männer nö⸗ thig. Deine Kräfte, Dein Leben gehören nicht Dir, ſondern dieſer Stadt, ſie ſollen nicht unnütz vergeudet werden, während es Zeit iſt, ſie zu ihrem Wohl zu gebrauchen. „Dahin ſtellte Dich Gott, da weiſt Dir Deine Mut⸗ ter vom Himmel herab Deinen Platz an, kämpfe und ſtirb für die Freiheit dieſes Volks, und Du wirſt mehr Ehre im Gedächtniß derſelben erndten, als in einem Weer von Thränen. O mein Sohn, Gott hat in ſei⸗ nem Zorne die Sünden unſerer Väter gut geſchrieben, das Geſchrei unſerer Ruchlofigkeiten iſt bis zu ſeinem Thron gedrungen, ſie müſſen abgewaſchen werden, ab⸗ gewaſchen werden mit Blut. Geh' nun, denn zu die⸗ ſer Stunde ſollte ſich Niemand von Außen im Kloſter befinden, und ſchon ſo lange biſt du geblieben.“ Die ernſten Worte des Mönchs, ſo ähnlich denen, die er kurz vorher von Niccolo gehört hatte, und die eine Strafrede zu enthalten ſchienen, bewirkten, daß der Jüngling den Kopf emporhob. Eine glühende Hitze ſtieg ihm in die Wangen, er drückte dem Bruder Zarcaria die Hand, und als er ihn anſah, ſfuhr ein Blitz von Unwillen von Auge zu Auge, aber gleich wieder ſich faſſend, ſagte er: „Ich bedurfte Euern Troſt in Bezug auf das, was meine Mutter anging; Gott lohne es Euch, daß ich durch Eure Worte zum Leben zurückgekehrt bin. Aber was das Vaterland betrifft, ſo bin ich Florenti⸗ ner und ich darf ſagen: ich bin einer der Lapi. Das 268 Uebrige wird Euch ſagen, wer nach einigen Tagen meine Thaten geſehen haben wird.“ So ſprechend ging er hinaus. Als er auf dem Platze von St. Marco war, ſtand er ſtill und ſagte mit zum Himmel gehobenen Händen:„Gott, ich vanke dir!“ Er glaubte ſeinen Athem freier aus der Bruſt emporſteigen, ſein Blut ſchneller fließen zu füh⸗ len und kräftiger auf ſeinen Füßen zu ſtehen, aber das Blatt, das er in den Händen hielt, wollte er leſen und bald und allein ſein, damit Niemand hinzukomme, ihn zu unterbrechen. Es war ſehr finſter, damals gab es in Florenz keine Laternen(ictzt verlöſchen ſie zu bald, aber es gibt doch welche, es iſt immer ein Fort⸗ ſchritt). Er ſah ſich um, ob von weitem die Lampe eines Marienbildes ſichtbar ſei, er erblickte die Helle derjenigen, welche ſich an der Ecke der Via larga be⸗ findet und die auch in der damaligen Zeit dort war. Obgleich durch die Worte des Fivizzano großen Theils beruhigt, hörte doch eine innere Stimme nicht auf, ihn anzuklagen und zu ſagen:„Die Menſchen ſprechen dich frei, aber Gott fieht, daß du im Herzen immer noch Zweifel hegſt, ob du Unrecht thateſt, deine Mutter zu verlaſſen; du haſt vorhergeſehen, doß das möglich ſei, was nur zu bald geſchehen iſt, und doch biſt du fortgegangen.“ Er fühlte das Bedürfniß einer Sühne, und der bittere Schmerz über den Verrath Vſa's verwandelte ſich ihm, ſo zu ſagen, in eben ſo große Wonne, indem er dachte:„dieſe Züchtigung gl⸗ bührte mir!“ Und er betete zu Gott mit den Worten: „wenn je der menſchlichen Schwäche zufolge arme Scelen zurückgehalten worden ſind, die noch nicht zum An⸗ ſchauen Gottes zugelaſſen werden, ſo empfange meine Leiden anſtatt der ihrigen. Laß mich allein in dieſem Leben dulden und mache ſie glücklich in jenem!“ Dann wieder an den Brief denkend, wünſchte er darin ir⸗ end einen ſchmerzlichen Befehl zu finden, und bereitete ſch, was es auch ſein möchte, es pünktlich mit Freu⸗ F den zu befolgen, mit jenem Ungeſtüm, der einer Seele eigen iſt, unfähig, ſich mit dem Gewiſſen abzufinden, unfähig, ſich mit Scheinmitteln zu begnügen, und ge⸗ trieben durch ſeine natürliche Anlage, in jeder Hand⸗ lung das Größte zu erſtreben, wie es die Jagend mit ſich bringt. Der beſſere, der edlere Theil ſeines Herzens em⸗ pfand dieſe Neigung, bildete dieſe Vorſätze, aber in der anderen ſchwächeren, in welchem immer die Lei⸗ denſchaften, wenn auch gezähmt, eine Zuflucht finden, barg ſich noch immer, wie in einem Laufgraben, das Bild ſeiner verlorenen Liebe, bereit hervorzutreten, ſo wie es kaum das Feld ſrei gefunden haben würde. Indeſſen war er im Bereich der Lampe ange⸗ kommen, er öffnete das Blatt, küßte es und begann zu leſen. Es lautete ſo: „Es ſind einige Monate, daß ich Nichts mehr von Dir weiß, aber Gott wird nicht wollen, daß es Dir übel geht. Du wirſt zurückkehren und wirſt Deine Mutter nicht mehr finden; denn Gott geſiel es nicht, daß ich Dich erwarte, außer im Paradieſe, und ſo viel hoffe ich von ſeinem Erbarmen. Nun nähert ſich mein Leben dem Erlöſchen. Wenige Worte alſo: Behalte im Sinn, mein Sohn, daß Deine erſte Pflicht gegen den Herrn unſern Gott iſt und ſeinen heiligen Glauben; dann gegen Dein Vaterland, in deſſen Liebe jede Tugend enthalten iſt, denn die tugendhaften Bür⸗ ger, und nichts Anderes, machen die Städte glücklich“ und mächtig(dieſe Gedanken, welche dem Leſer viel⸗ leicht über die einer Bäurin hinaus zu gehen ſcheinen, hatten ſich in das Gemüth der Nunziata durch ihren Zutritt in dem Hauſe des Niccolo eingeprägt). Erin⸗ nere Dich beſtändig Deines Vaters und Deiner Mut⸗ ter, welche darauf bedacht waren, Dich ehrbar zu er⸗ ziehen nach ihrem geringen Vermögen und die Dir zwar nicht Vieles hinterlaſſen konnten, aber die doch beide, Gott ſei Dank, einen guten Namen hinter⸗ 0 ließen, ſo daß Du Dich nie ihrer zu ſchämen brauchſt, und ſo viel an Dir liegt, handle ſo, daß durch Dein Betragen ihr Gedächtniß immer geſegnet bleibe. Wenn Gott Dich zu höherem Glück emporſteigen laſſen will, ſo erhebe Bich nicht in Stolz, und erinnere Dich, daß auch Du von Armen geboren biſt. Liebe und unter⸗ ſtütze alſo die Armen und von den Reichen halte ſo viek, als Deine Pflicht iſt, und nicht mehr. Ueber Liſa habe ich immer ſo geurtheilt, wie es ſich jetzt durch die That beſtätigt. Von Anfang an, wie Du weißt, ſchien mir dieſe Deine Liebe zu keinem guten Ende zu führen. Ich wollte Dich nur nicht betrüben. Nun Gott ſie dir entriſſen hat, erkenne ich, welchen Schmerz Dir dieß verurſachen wird, aber ſei feſt verſichert, daß Alles, was geſchehen iſt, zu Deinem großen Glück ge⸗ reichen wird. Ich ſagte es ſchon, daß Laudomia ein Weib für Dich ſei! Nun nicht als Befehl, aber als Rath empfehle ich Dir, ſo gut ich kann, auf ſie Deine Liebe zu übertragen. Ich bitte Gott, daß er ſie zu Deiner Gattin mache, und ich wüßte Dir kein größe⸗ res Glück zu wünſchen. Lebe wohl, mein lieber, guter Sohn, ſo viele Dinge möchte ich Dir noch ſagen, aber meine Kraſt ſchwindet. Sei geſegnet im Namen des Vaters, des Sohnes und des heil. Geiſtes!“ Unterſchrift: „Die Mutter.“ Und dieſe Unterſchrift hatte ſie, obgleich mit großer Fhe doch noch mit ihrer eigenen Hand ſchreiben wollen. Wer könnte mit Worten die Fülle der Gefühle ausdrücken, welche das Herz des Jünglings in dieſem Augenblick überſchwemmten? Wenn Du, Leſer, eine Mutter gehabt haſt, die ihr ganzes Leben lang einzig und allein an Dein Glück gedacht hat, welche nur da⸗ für Sinn hatte, ſich zu bemühen, Dir Freude zu ma⸗ chen, wenn ſie Deine Erquickung, Deine Führerin, Deine Vorſehung war, ſo haſt Du nicht nöthig, daß ich Dir auseinanderſetze, was das Herz Lamberto's bei Leſung dieſes Blattes empfinden mußte, wenn ſie Dir aber Gott noch nicht genommen hat, ſo kann keine Entwicklung hinreichen. Möge das größte der Leiden für Dich noch lange ein Geheimniß ſein. Es ſchlug Mitternacht auf dem Thurme des Pal⸗ laſtes und Lamberto war unbeweglich an demſelben Ort kniend, das Haupt an die Mauer gelehnt, und nach einem langen und gebrochenen Weinen fühlte er, wieder überdenkend, wie viel Liebliches, Zartes in die⸗ ſem Blait war, den Sturm, der ihn erregt hatte, auf⸗ hören und über ſein Herz einen Frieden ſich verbreiten, eine zwar wehmüthige, aber entſagende und vertrauende Ruhe. Kurz vorher noch unfähig, über irgend Etwas nachzudenken oder ſich zu entſchließen, begann er nun ſtatt deſſen nach und nach, faſt wie beim Entſchwinden eines dichten Dunkels, die Seelenkräfte wieder unter⸗ ſcheiden und Vorftellungen bilden zu können. Von ſo vielen heftigen Gefühlen blieb ein einziges lebhaft und mächtig, das, in Allem dem Willen, den Rathſchlüſſen der Mutter zu folgen, ſich der Tugend, dem Vaterland, Laudomia zu ſchenken. 5 Aber konnte er hoffen, ihr ſo bald ein freies und würdiges Herz anbieten zu können. Er ſeufzte, von dieſem Zweifel bewegt, denn in dieſem Augenblick war es ihm weniger als je möglich, ſich ſelbſt zu kennen und ſeine Neigungen, ſeine Wünſche. Er ſah ein Leben voll Sorgen und Mühen vor ſich, aber er wendete ſich ſchnell von dem Beginnen ab, ſie kennen zu lernen oder zu zählen, und ihnen, wo es auch ſei, entgegen zu treten, entſchloſſen, fand er endlich Ruhe in der tröſtenden Vorſtellung einer erfüllten, heiligen Pflicht. Er bereitete ſich mit der Schnelligkeit und der Freude auf das Leiden vor, die nur die Religion geben kann, denn ſie allein beſitzt Macht genug über das Herz eines Menſchen, um ihn zu überzeugen, daß das Leiden ein Glück iſt, ſie allein unterweiſet ihn, anſtatt ihn zu leh⸗ ren, den Schmerz zu fliehen, oder ihn mit ſtolzer und ungeduldiger Entſagung zu ertragen, darüber vergnügt zu ſein und einen Gewinn in ihm zu finden. Sie allein dient dem Menſchen als Führerin und Begleiterin⸗ in den Tagen des Unglücks und trägt den Ruhm davon, zu verhindern, daß er ein den Menſchen unnützes und ſchädliches Werkzeug wird. Dieſes Gefühl, welches Lamberto abhielt, ſich der Verzweiflung hinzugeben⸗ und ihn ſtatt deſſen, wie man vald ſehen wird, zu einem thätigen und tapfern Bür⸗ ger machte, beherrſchte ſeine Seele, denn die Männer dieſes Jahrhunderts, welches nur zu ſehr von ſo viel Blut und ſo viel Verbrechen verfinſtert war, konnten wenigſtens das nicht, Allem den Glauben zu verſagen, außer dem Gold und den Genüſſen, die man mit dem Golde kauft. Sie beſaßen, es iſt wahr, Haß, unmäßige und raſende Liebe, aber das nur, weil ſie glaubten, das ſeien Dinge, die die Einen oder die Andern verdienen. Der vergiftete Hauch der Gleichgiltigkeit, des als Grund⸗ ſatz aufgeſtellten Zweifels hatte dieſe Herzen nicht zu Eiſen erſtarrt, ſie konnten frei und ſicher ſchlagen für den Glauben, den ſie gewählt hatten, ſie konnten Alles opfern, ihm zu folgen und ihm den Sieg zu verſchaffen, ſie konnten mit erhobenem Haupte ſagen:„wir glauben, daß es auf der Welt höhere, wichtigere, ſchätzenswer⸗ there Dinge gibt, als Reichthümer, Beguemlichkeiten und Vergnügungen!“ ohne Argwohn, daß Hohn ihren Worten entgegen geſetzt werde, daß ihr edles Opfer aufgenommen würde mit dem Lächeln des Spottes und des Mitleids. Ein Glück für Lamberto, daß er nicht dreihundert Jahre ſpäter geboren war, und daß er folglich nicht in Verſuchung gefallen war, gewiſſen Helden nachzu⸗ ahmen, die die neuere Literatur uns als Muſter der Stärke, großartigen Denkens und kühnen Handelns darzuſtellen ſcheint. Vom Unglück getroffen, verrathen in ſeinem theuer⸗ ſten Gefühl, hätte er gedacht, das Leben ſei ein Pfad ohne Ziel, die Tugend ein Wahnbild, die Ausübung derſelben eine Mühe ohne Lohn, er hätte in der Menſch⸗ heit eine Heerde von Elenden oder Verbrechern geſehen, das Ende der Leiden und nach dem Tode das Nichts. Vielleicht würde er ſich getödtet haben, vielleicht wäre er wie ein wildes Thier auf die Menſchen ge⸗ ſtürzt und ein Verbrecher geworden, um ſich an ihnen zu rächen, er hätte angebetet als ſeinen Götzen das Vergnügen, und zuletzt hätte er zu ſich ſelbſt geſagt: „Ich allein bin großmüthig, ich allein bin mächtig ge⸗ gen das Unglück, ich bin mehr werth als alle!“ Aber er hatte diee Gedanken nicht, denn entfernt war noch das Jahrhundert, in welchem Dichtkunſt und Wiſſen⸗ ſchaften denjenigen großherzig und ſtark nennen ſoll⸗ ten, der von den Leidenſchaften beſiegt wird, und den ſchwach und klein, der über ſie Sieger wird. Sechszehntes Kapitel. Als Liſa im Angeſicht des Vaters die Hausthüre ſich hatte verſchließen ſehen, nachdem ihr Elend, ihre Bitten, ihr Weinen, Alles vergeblich geweſen war, ſtand ſie auf, nachdem ſie einen Augenblick auf der Treppe an der Schwelle geruht hatte, um dahin zurück⸗ zukehren, wo ſie den Sohn gelaſſen hatte. Mit der Linken hielt ſie ſich an der Mauer, in der Rechten trug ſie das wenige Brod, in welchem, könnte man ſagen, die wenigen Lebenstage gezählt waren, welche ihr und ihrem Kinde übrig blieben, und ſie ging fort und ſagte Niccolo de' Lapi. I. 18 274 mit demüthiger Stimme:„O meine Sünde muß doch groß ſein!“ Angekommen an der Thüre des Häuschens in der Via larga hörte ſie das Weinen des armen Arriguccio, vermengt mit dem Geſang der Alten, welche, da ſie keine andere Weiſe finden konnte, ihn ſo zu beruhigen ſuchte. Sie ſtieg haſtig hinauf und fand das verküm⸗ merte Geſchöpf auf dem Schvoß der Niecoloſa, welches ſich mit den Händen in die Kleider vergrabelte, die trockenen Lippen öffnete, und die Bruſt ſuchte. Sie warf das Tuch mit Brod auf einen Tiſch, nahm den Sohn an den Hals, ſetzte ſich, öffnete in einem Augenblick das Kleid, und fand, daß ſie noch ſo viel Milch hatte, ihn einen Augenblick zu ſtillen.„O wenn mein Blut die Stelle der Milch vertreten könnte!“ ſagte ſeufzend die unglückliche Mutter. Die Alte hob einen der Zipfel des Tuchs auf, und erblickte das herbeigebrachte Brod. „Das,“ fagte ſie,„iſt doch Etwas, Gott ſei Dank, aber wie lang wird es dauern, und wer hat Euch es gegeben, wo waret Ihr, Ihr ſeid ſo in Haſt ausgegangen.“ „Beim Vater.“ „Und nichts Anderes, iſt es Euch nicht geglückt?“ „Nichts, Nichts. Ich habe keine Seele mehr auf der Welt, die ſich um mich bekümmert, die mich unter⸗ ſtützt. O! aber es lebt der Vater dieſes Unſchuldigen, wenn ich durch Flammen hindurch müßte, ich würde ihm ihn bringen, es iſt doch ſein Blut. Wenn Fanfulla mich hinführen will, ſo ſoll er es thun, wenn nicht, ſo geh ich allein. Was kann mir dann am Ende geſchehen? Daß ſie mich umbringen, und ſterben wir denn nicht hier nach und nach Glied vor Glied?“ „Ihr ſagt die Wahrheit und nach meiner Meinüng iſt hier keine Zeit zu verlieren, und um jedes Bischen, das man zögert, kommt dieſes Kind ſo weit zurück, daß es vergeblich wird, ihm zu helfen.“ Die beiden Frauen ſchwiegen einige Minuten, wäh⸗ 275 rend das Kind ganz unruhig geworden durch die Ma⸗ gerkeit der Nahrung, bald ſich weinend von der Bruſt losriß, bald durch Liebkoſungen beſchwichtigt, ſich den Schnuller in den Mund ſtecken ließ, bis nach langer Dauer dieſer Bangigkeit es in dieſelben Krämpfe ver⸗ fiel, von denen es am vorigen Abend ergriffen war. Die Vorzeichen des neuen Anfalls wurden ſichtbar und Liſa beſchäftigte ſich ſogleich, ihm zu helfen und ſagte weinend:. „O heilige Jungfrau, helfet mir— nun bekommt er wieder die Gichter. O, dießmal wird es das letzte⸗ mal ſein. Es iſt nicht mehr an der Zeit, man könnte zum Apotheker ſchicken, er hat vielleicht irgend eine Latwerge. O, lauft hin.“ „Liebe Tochter, es hat gerade Mitternacht geſchla⸗ gen und der Herr Nuto daneben, wenn der im Bette iſt, ſteht er nicht auf für den Pabſt.“ „Aber verſucht es wenigſtens, daß Gott es Euch lohne; wollt Ihr es unſchuldig ſterben laſſen, ohne einen Finger zu rühren?“ Die Alte, welche keinen Fuß aus der Thüre allein zu dieſer Stunde geſetzt hätte, ſelbſt wenn es gegolten hätte, ein Königreich zu gewinnen, blieb ſtehen, ohne daß ſie Miene machte, Liſa befriedigen zu wollen, und ſagte zu ihr: „Das Kind kommt mir jetzt gebeſſert vor. Ihr werdet ſehen, Frau, daß es nichts zu bedeuten hat.“ Liſa, welche ſich von dieſer keine Hülfe verſprechen konnte, und ihren Sohn im Augenblick nicht verlaſſen wollte, warf ſich an das Fenſter und ſagte: o, wird Niemand vorbeigehen, der uns helfen will. Sie ſah auf die Straße, es war dunkel, ſie ſtrengte ihr Ohr an, kein Schritt ließ ſich hören. Sie wendete das Herz und den Blick nach dem Marienbild, das wenige Ellen entfernt war, und das Auge unter die Lampe heftend, ſah ſie im Schatten Etwas ſchim⸗ mern; ſie ſchärfte die Blicke und bemerkte einen bis 276 ans Knie bewaffneten Mann, der dem Anſchein nach ganz im Gebet verſunken war. O, dachte ſie, er iſt Soldat, aber hier allein zu beten, zu dieſer Stunde, das kann nur ein rechtſchaffener Mann ſein! Und die Stimme erhebend, rief ſie ihm zu: „O Soldat dort! komm daher an die Thüre, ſo wahr Gott Euch helfen mag und die heilige Jungſrau, wir ſind zwei Frauen allein mit einem Kind, welches in Ge⸗ fahr iſt, zu ſterben, wenn Ihr nicht helft; Gott wird ſich dieſes in Barmherzigkeit erinnern.“ Der Soldat ſprang bei dieſem Ruf auf die Füße, mit einer Gewandtheit, welche Liſa in Verwunderung ſetzte; ſie konnte ihn im Dunkeln nicht ſehen, aber ſie bemerkte an dem Schall der Schritte, daß er ſich dem Fenſter genähert hatte, welches über der Straße ungefähr anderthalb Mann hoch war. Sich ſeines guten Willens verſichert haltend, bat ſie ihn ganz beſorgt, zum Apotheker zu laufen und ſchnell mit irgend einer Arznei zurückzukehren und fügte viele Dankſagungen und Segnungen hinzu. Der Sol⸗ dat machte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, eilig auf den Weg. „Er antwortet mir nicht,“ dachte die junge Frau; wird das ein gutes oder böſes Zeichen ſein? Und ganz bebend folgte ſie dem Geräuſch der Schritte, welche ſichgentfernten; nach einer Minute verkündete ihr ein wüthendes Pochen von der Seite der Apotheke her, daß der Soldat daran dachte, ſie zu unterſtützen. Er dachte daran, der gute Lamberto, denn er hatte ſie gleich wieder erkannt, und in der erſten Aufregung hatte er zu ſich geſagt: was geht mich der Sohn eines Verräthers an? Aber ſich bezwingend und mit einem beſſeren Schluß im Herzen betete er ſo in ſeinem In⸗ nern: Gott vergebe meiner Mutter jede ihrer Sünden, ſo wie ich dieſer vergebe. Der Apotheker erhob ſich ſchlaftrunken, indem er alles Uebel auf den herabwünſchte, der ihn im Schlafe ſtöre, und er ſchwor, daß wenn er nicht fort⸗ gehe, er es zu bereuen haben würde. Als er aber merkte, daß derjenige, welcher pochte, eine Rüſtung an⸗ hatte und ihn ſagen hörte: Wenn Du nicht aufmachſt, ſchurkiſcher Apotheker, ſo werfe ich Dir die Thüre mit⸗ ten auf die Straße! da wurde er wie ein Habicht, öff⸗ nete, gab Lamberto ein Gläschen, das, wie er verſprach, die Wirkung thun ſollte, die er verlangte, und Lamberto war ſchnell unter dem Fenſter Liſa's, welche, als ſie ihn kaum zurückkehren hörte, herunterkam, ihm entgegen, und ihn unter der Hausthüre erwartete. „O Gott, er möge Euch belohnen und Euch Zufrie⸗ denheit geben, das Kind iſt ein wenig beſſer, aber es könnte wieder kommen. O wackerer Mann, weil Eure Gefälligkeit ſo groß iſt, ſo bitte ich Euch noch um eine andere Gunſt, geht hin in das Quartier der Compa⸗ gnie des Arſoli, fragt nach einem Lanzenknecht, welcher Mönch in St. Marco war und Fanfulla heißt, ſagt ihm, er möchte um Gotteswillen kommen, ſobald es Tag wird, denn ich habe ſehr nöthig ihn zu ſprechen.“ Bei dieſen Worten empfing ſie das Arzneiglas und bemerkte, daß die Hand des Soldaten zitterte, ſie konnte ihm nicht ins Geſicht ſehen, denn er hatte das Vifier herabgelaſſen, aber ſie bemerkte zwei Kaſtanien⸗ braune Augen, die ſolche Blitze nach ihr ſchoſſen, daß es ſie faſt erſchreckte, auch hörte ſie in der Höhlung des Helms das Geräuſch von ſchweren und häufigen Athemzügen. Sie blieb einen Augenblick in Spannung, es lief ihr ein Argwohn durch die Seele. Wäre es vielleicht Troilo, der, weil er für einen Feind der Stadt gehalten wurde und vielleicht fürchtete, es könnten noch andere Leute im Hauſe ſein, ſich nicht entdecken wollte? Sie betrachtete ihn und maß ſeinen Wuchs und es ſchien ihr Alles zuzutreffen. Und wenn, dachte ſie, er ſich doch meiner, unſeres Arriguccio erinnert hätte, meine Liebe war doch nicht vergeblich verſchwendet, ohne Zweifel, er iſt's. Und zuletzt ſagte ſie mit feuchten Angenliedern und unſicherer Stimme zu ihm:„Laßt 278 mich doch wiſſen, gegen wen ich eine ſo große Verpflich⸗ tung habe, hebt wenigſtens dieſes Viſier empor, ſprecht, rechtſchaffener Jüngling, o ſprecht, Ihr, den ich faſt ſchon glaube errathen zu haben, mein Herz ſagt mir, daß ich mich nicht täuſche, ihr könnt ohne Argwohn ſpre⸗ chen, wir ſind ganz allein, ich und eine arme Alte, in dieſem Hauſe, es iſt Nichts zu fürchten.“ Und fie täuſchte ſich mit dieſer Vorſtellung ſo ſehr, daß ſie allen Zwei⸗ fel verbannte und mit leiſer Stimme, aber voll Lei⸗ denſchaft zu ihm ſagte: „Ach ja, du biſt Troilo, du haſt dich einmal deiner Liſa erinnert, ich wußte es, ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. O ſprich, ſprich, denn du bringſt mich um... Sie ſah den Soldaten ſeine Hand an's Viſier le⸗ gen, es langſam, langſam erheben, und ein blaſſes An⸗ geſicht enthüllen, das ſie nicht gleich erkannte und deßwe⸗ gen beſtürzt zurückwich.„Gott gebe,“ ſagte der Jüngling, „daß Troilos Treue Euch nie entſchwinde, aber er iſt im Lager und kämpft gegen ſein Vaterland, der, der Euch Hülfe geleiſtet hat, iſt Lamberto.“ Liſa hielt ſich bei dieſen Worten an die Thüre, um nicht zu fallen. Als fie ſprechen wollte, war ſie allein. Am andern Morgen, ſobald es Tag wurde, klopfte Fanfulla an ihre Thüre. Er fand ſie noch voll Bewegung über die Gefahr ihres Kindes und über die unverhoffte Erſcheinung Lam⸗ berto's. Kaum ſah ſie denjenigen, der ihr mit ſo groſ⸗ ſem Wohlwollen in ihrer großen Noth beigeſtanden hatte, ſo eröffnete ſie ihm nach vielen Worten des Danks ihr Vorhaben, betheuerte, daß ſie auf keine Weiſe dieſes Leben mehr ertragen zu können glaube, und wollte um jeden Preis, und auf welche Weiſe es immer geſchehen könne, in das Lager gehen und ſich mit ihrem Sohn in den Schutz Troilo's begeben. Sie bat Fanfulla, er ſolle ihr Führer ſein und es gelang ihm nicht, ſie von den Gefahren zu überzeugen, denen 279 . 5 ſie ſich ausſetzten, unter welchen er für die größte hielt (obgleich er ſie nicht andeutete), daß ſie von Troilo zurückgewieſen werden könnten, den er überhaupt für einen Schurken hielt und ihm zutraute, daß er alle Mittel aufbieten werde, um ſich der Erfüllung ſeiner Pflicht zu entziehen. Alle Beredtſamkeit, alle Bitten Fanfulla's waren vergeblich, und als er, um ſie zu verſuchen, ihr ſagen wollte, daß er ſie in keinem Fall begleiten würde, denn er wußte nicht, welches hart⸗ näckige Köpfchen ſie hatte, ſagte ſie ihm, ohne verwirrt zu werden und indem ſie ihm die Dankbarkeit äußerte, die ſeine liebevolle Geſinnung verdiente:„Dann lebt 2 Gott gebe Euch alles Glück, ich werde allein gehen.“ Fanfulla, welcher bloß deßwegen ſo geſprochen hatte, um ſie von ihrem Vorhaben abzubringen und der lieber das Leben gelaſſen hätte, als ſie in der Ge⸗ fahr zu verlaſſen, ſeufzte und wiederholte ſeine Lieb⸗ lingsredensart:„Wahrhaftig, mich rührten doch ſtets die Frauen!“ Dann fügte er hinzu:„liebe Frau, be⸗ dient Euch meiner als Eures Eigenthums.“ Sie begannen darauf vereinigt über die Art zu berathen, wie man es anfangen müſſe, um aus der Stadt zu kommen und in das Lager zu gelangen. Was das Herauskommen betraf, fand das keine Schwierig⸗ keit, denn die Thore rechts vom Arno waren offen ge⸗ blieben, aber man mußte einen Weg finden, über den Fluß zu kommen und dann ſich in die Quartiere des Feindes einzuſchleichen, ohne daß die Frau von der Sit⸗ tenloſigkeit der Soldaten zu fürchten hatte, von denen man ſich ſo viele Greuelthaten erzählte, daß die ganze Ge⸗ gend umher merklich leer von Bewohnern geworden war. „Ich würde,“ ſagte Fanfulla,„meine Mönchskutte wieder anziehen und darunter meine guten Waffen, und Ihr, Frau, wenn Ihr ein Nonnenkleid bekommen könntet, würdet den Schildwachen ſagen, daß wir Almoſen für das Kloſter zu ſuchen gehen,„ und 280 dann.„aber halt!.. und das Kind.. Nonnen mit Kindern am Hals, das iſt nicht gewöhnlich und Mön⸗ chen noch viel weniger.. Nein⸗ nein, nein, das Ding geht krumm, wir wollen alſo nachdenken. Wenn Ihr nur die Kutte eines Laienbruders, eines Novizen be⸗ kommen könntet, ei, das iſt aber noch ſchlimmer. Da iſt immer das liebe Kind! Verwünſcht, daß die Mönche keine Weiber haben„ Aber uns als Zigeuner verkleiden, dann können wir Kinder nehmen, ſo viel wir wollen. Ja, ja, das iſt das Beſte. Die treiben ſich überall herum, und Niemand von ihnen hat einen Verdruß dabei. Laßt mich machen, ich will ſchon einen finden, der mir einen zerriſſenen Ueberrock leiht, ich werde mir ein Leintuch zu verſchaffen wiſſen, und Ihr bemüht Euch, irgend tinen Lappen zum Anziehen oder Auſſetzen zu bekommen und einen Pack auf den Rücken zu binden, und ſorgt dafür, Euch dieſes weiße Geſicht und die weißen Hände zu färben, denn wenn man mit Soldaten zu thun hat, das ſage ich Euch, da muß man frühe aufſtehen. Wohlan, Frau, ſeid gutes Muths, ich bringe Euch auf jeden Fall hin. In ein paar Stun⸗ den, wenn es Gott gefällt, ſoll das Nöthige gethan ſein. Alſo jetzt, auf Wiederſehen.“ Fanfulla ging einen Fiſcher zu ſuchen und wies ihn an, einen ſeiner Kähne eine Meile weit unter das Thor St. Niccolo zu bringen, wo er ſie erwarten ſollte, um auf das andere Ufer überzuſetzen. Um die beſtimmte Stunde begab er ſich zu Liſa, er zog ein gutes Panzerhemd mit Haften von Ringel⸗ chen an, einen Dolch und einen kurzen Degen an die Sette, er bedeckte dieſe Rüſtung mit einem abgenut⸗ ten Oberrock und einen abgenutzten Hut mit breiten Krempen, der eine eiſerne Hand verbarg, und nach⸗ dem ſie der Niccoloſa Lebewohl geſagt hatten, mach⸗ ten ſie ſich auf den Weg, als der Himmel anfing ne⸗ belig zu werden. Sie gingen hinaus durch das Thor 281 la Croce und zur rechten Hand gewendet, kamen ſie an das Ufer des Arno, der ſehr angeſchwollen durch die Regengüſſe daher floß, und ſchweigend dem Ufer des Fluſſes folgend, ſtiegen ſie dem Stromlauf entge⸗ gen aufwärts. Von Zeit zu Zeit kamen ſie an ſchwie⸗ rige Stellen, mehr als ein Graben, der in den Arno mündete, machte ihnen große Beſchwerde. Dann nahm der gute Fanfulla unter den rechten Arm die Frau, un⸗ ter den linken das Kind und ging ins Waſſer mit langſamen und vorſichtigen Schritten und trug ſie auf das jenſeitige Ufer. „Wie viel Unbequemlichkeit habt Ihr für uns zu leiden!“ ſagte Liſa ganz gerührt, und er, der in drei und fünfzig Jahren eines unter tauſend widerwärtigen Unfällen durchgearbeiteten Lebens nie gewußt hat, was üble Laune ſei(ausgenommen in der letzten Zeit, die er in St. Marco zubrachte), antwortete: „Ei, meine Frau, wenn es mir an die Haut ge⸗ hen ſoll, dazu gehört etwas Anderes, als vier Tropfen Waſſer, ſeht, ich bin wie die Eſel, die im Stall, und wenn es ihnen zu gut geht, krank werden, arbeiten und brüllen.“ Als er nachher ſah, daß ſie müde und traurig ſei, ſuchte er ihr mit folgenden Worten Muth zu machen:„Ihr ſeid freilich noch gar nie aus dem Gängelwagen des Vaters herausgekommen, da kommt es Euch als etwas Großes vor, ſo bei Nacht über dieſe Orte zu gehen, aber fürchtet Euch nicht, Ihr ſeid in Geſellſchaft eines Mannes, der Euch gegen Hundert ver⸗ theidigen würde. Was wollt Ihr, wer nicht ſterben will, muß Arbeit haben. An alle kommt die Reihe. Uno ich, der ich davon zu reden weiß, ich ſage Euch das geradezu. Wenn man meint, die Welt gehe jetzt in Trümmer, wie ein Blitz das Rad ſich dreht, der Wind ſich wendet und man iſt gerettet.“ Hier ſuchte Liſa, die ſich nunmehr nur mühſam fortſchleppte, ein wenig ausruhen zu können, und wen⸗ dete, ſich auf die Erde ſetzend, die feuchten Augen Flo⸗ 282 renz zu, von wo ſie wenig mehr als eine halbe Meile entfernt waren. Der Dunftkreis, welchen ein im obern Theile des Himmels dünner und nur im Geſichtskreis dichter Nebel einnahm, war ſchwach von dem abneh⸗ menden Mond erleuchtet, der im Begriff war, unter⸗ zugehen. Er ſchien röthlich und ohne Stralen und ſtand wenig höher, als die Gebäude und Thürme in der Stadt, welche ausſah wie eine dunkle und zackige Maſſe, ohne daß irgend ein Feuer, irgend ein Licht dieſe unförmliche Dunkelheit unter brach, ohne irgend eine Stimme oder Geräuſch, das an das Leben erinnert hätte. Ein Dichter hätte ſagen können: Sie ſinnen nach über das Schickſal, das ihnen bevorſteht. Nur das dumpfe und ferne Geräuſch der Fluten, welche gegen den Damm bei den Mühlen der Serris Tori ſich brachen, traf Liſa's Ohr und erfüllten ihr Herz mit einem unerklärlichen Gefühl des Schreckens, von welchem die angſivollen Gedanken, die ſie bewegten, abwechſelnd die Urſache und die Wirkung waren. So lange ſie in Florenz ge⸗ blieben war, war ſie, obgleich von ihrem Hauſe ver⸗ trieben, doch immer ſcheinbar durch irgend ein Band mit demſelben und ihrer Familie vereinigt, ſie konnte immer noch eine Ausſöhnung für möglich halten. Nun glaubte ſie durch ihre Abreiſe das letzte Band gebrochen zu haben, das ſie noch an die Ihrigen, an ihr Vater⸗ land, an die Freundinnen ihrer Kindheit, an die theu⸗ ren und fortwährenden Andenken der Orte knüpfte, wo ſie die reinſten Freuden und die kürzeſten Leiden des Lebens empfunden. Erzogen in Gedanken an Liebe zum Vaterland, von Kindheit an gewöhnt, deſſen Feinde zu verabſcheuen, ihr Ohr noch voll von den ſchmähenden Namen, die ſie von ihrem Vater und von ihren Brü⸗ dern gegen jeden hatte ausſprechen hören, der ſich feind⸗ lich gegen die Lehren Savonarola's und die Freiheit er⸗ wieſen hatte, konnte ſie trotz ihrer Liebe zu Troilo weder die erſten Eindrücke ihrer Kindheit aus ihrem Herzen verbannen, noch die Vorſtellungen auslöſchen, die ihr be⸗ ſtändig ſchön und heilig ſo lange Zeit geſchienen hatten, und die die Liebe überwunden hatte, ohne ſie ganz zerſtören zu können. Sie betrachtete ſich nun als Em⸗ pörerin gegen den Vater, als Empörerin und Feindin gegen das Vaterland. Sie füblte ſich verfolgt von dem Fluche Niccolo's, von dem aller tugendhaften Bür⸗ ger, welche hinter dieſen Mauern zurückblieben, um dort entweder vom Hunger oder vom Stahl zu fallen, ſie betrachtete den Thurm des alten Palaſtes, indem ſie, ſo zu ſagen, die e von dem Volk und der Freiheit von Florenz ſich perſönlich darzuſtellen ge⸗ wohnt war, und ſie glaubte ein rächendes Geſpenſt zu ſehen, das ihre Flucht ausſpähe, um ſie dann einzu⸗ holen und mit einem neuen und furchtbarern Unglück zu ſtrafen. Und wenn ſie nun ihr Gemuͤth von dieſen trauri⸗ gen Bildern abwendete und ſich durch den Gedanken an Troilo erheitern wollte, den ſie wieder ſehen ſollte, ſo wurde dieſe Hoffnung immer wieder durch einen Zweifel getrübt, den ſie zu ihrem Herzen nicht zulaſſen wollte, aber der ſich doch immer aufdrang und durchaus immer wieder Eingang zu finden ſich anſtrengte, und der ihr ſagte: Biſt Du ſeiner Treue gewiß, biſt Du gewiß, daß er Dich aufnimmt, kannſt Du Dich ſo ſehr auf ihn ver⸗ laſſen, der Dir ſeit einem Jahre weder geſchrieben, noch ein Wort über ſein Ergehen hat ſagen laſſen? Dieſer quälende Verdacht wurde ihr ſo peinlich, daß, als ſie aufſtehen und den Weg fortſetzen wollte, ſie eine ſolche Ungewißheit nicht ertragen konnte, und ſich ſehnte, derſelben ſchnell und um jeden Preis ledig zu werden. Kurz darauf trafen ſie auf den Kahn, ſie traten ein und nicht ohne große Mühe wegen der Gewalt des Stromes wurden ſie auf das andere Ufer übergeſitzt. An's Land getreten, ſetzten ſie wieder ihren Weg fort, um hinter den Hügel zu gelangen, wo die Villa Bu⸗ gia, nachmals Guictiardini genannt, liegt. Als es Fan⸗ 284 fulla Zeit ſchien, verließen ſie den Fluß, wendeten ſich zur rechten Hand, quer über die Straße von Arezzo; ſie wanderten durch die Olivengärten, um den Rücken des Hügels zu erſteigen. Er hatte im Sinn, nachher in das Thal von Ema hinabzuſteigen und wieder em⸗ porzuklimmen nach St. Margherita a Montici, ein Kirchlein, wo ſich die Banden des Sciarra Colonna befanden, nicht weit entlegen von der Ebene von Giul⸗ lari, welches das Hauptquartier genannt werden konnte, denn es war der Aufenthalt des Prinzen von Oranien. Es erſchien glaublich, daß Troilo, als Edelmann und als Krieger, ſich auch dort beſinde, oder daß es wenigſtens leicht ſein würde, ſeine Spuren zu finden. Aber je mehr ſie ſich dem Ziel ihrer Reiſe näherten, deſto mehr wuchs in Fanfulla der Verdacht, daß ihre Unternehmung unglücklich ausfallen möchte. Als ſie an der Stelle waren, von wo ans man bloß den letzten Abhang zu erſteigen hat, um in St. Margherita zu ſein, ſagte Fanfulla: „Wohlan, halten wir uns da einen Augenblick auf, ruhen wir wieder ein wenig aus, denn dieſes Auf⸗ und Abſteigen muß Euch recht tüchtig angegriffen haben, und da wir, Gott ſei Dank, bis jetzt noch Niemand ange⸗ troffen haben, ſo wollen wir die Art überlegen, um uns mit Ehren aus dieſer Unternehmung zu ziehen.“ Wit dieſen Worten nahm er aus der Taſche ein Brod und eine Flaſche voll Wein und, beides der Frau hinhaltend, ſagte er: „Das wird Euch die Lebenskraft auffriſchen.“ „An Alles habt Ihr gedacht,“ ſagte Liſa, welche, an ſolche Unbequemlichkeiten nicht gewöhnt, ſich erſchöpft fühlte. Sie genoß ein wenig Brod und trank dazu einen Schluck Wein, eine Erquickung, welche nicht zu gele⸗ generer Zeit hätte angeboten werden können. Aber Fanfulla genügte es nicht, ihren Gliedern ein wenig Kraft wieder zu geben, er hätte lieber ein Mittel finden mögen, ihren Muth zu ſtärken und ſie auf den Fall * vorzubereiten, daß Troilo ſie entweder ganz zurückweiſen könnte oder auf eine Weiſe empfangen, welche ungefähr das Nämliche zu bedeuten hätte; er ſuchte im Gehen nach paſſenden Worten und ſagte endlich: „Seht, Frau Liſa, ſo iſt mein Gedanke, wenn wir nun bald in S. Margherita ſein werden, ſo bleibt Ihr dort zwiſchen den Oliven verſteckt, ich will vorwärts gehen, und wenn ich ihn finde und habe, will ich ihn Euch herführen, aber es iſt beſſer, wenn Ihr ihm nicht ſagt, wer Ihr ſeid. Ihr wißt ſchon, die Soldaten haben in Kriegszeiten tauſenderlei Unglück, denkt Euch nur zum Beiſpiel, daß es in der Schlacht ſchlecht geht, und man zurückgeſchlagen wird, da ſteigt der Zorn bei jeder Kleinigkeit auf, das habe ich auch erfahren, aber man muß nicht ſo viel Aufſehens davon machen. Es könnte ſich unglücklicher Weiſe treffen, daß Ihr Gefahr liefet, mit einem Kind von ſo geringem Alter, es könnte Euch irgend ein böſes Wort geſagt werden. Bewaffnet Euch alſo mit Geduld und nimmt es auf ſeine Weiſe hin, denn wenn man immer mit ſo viel Pfund Eiſen auf dem Rücken im Regen, in Kälte, in tauſend Wider⸗ wärtigkeiten, da nimmt man ein etwas rauhes Betragen an und dann könnte ich mich doch täuſchen und ich hoffe auch und glaube, baß es ihm nicht unange⸗ ſein wird, Euch nach ſo langer Zeit wieder zu nden.“ Und im leiſen Selbſtgeſpräch fügte er hinzu: Mache du nur, daß ich dich aus dem Lager führen kann, denn wenn ich ſehe, daß du ein bischen über die Schnur hauen willſt, ſo weiß ich ſchon, wie man es machen muß, um dir den rechten Weg zu zeigen. Und ſo groß war die Liebe, die er ſür Liſa hegte, er fühlte ſolches Mitleiden mit ihren Unfällen, daß er ſich verſprach, wenn die Sache ſchlimm gehe, ſie zu ſeiner eigenen zu machen, und er war nicht der Mann, der ſein Wort nicht hielt. Sie ſetzten ihren Weg fort und nachdem ſie eine halbe Stunde emporgeſtiegen waren und ſich einen hal⸗ ben Büchſenſchuß weit von S. Margherita entfernt befanden, ſchien es Fanfulla Zeit, inne zu halten; er fand ein Gebüſch, das ſehr gelegen war, als Verſteck zu dienen, und ließ Liſa ſich dahinein verbergen, indem er ihr mit der Hand den Durchweg durch die dichten Zweige öffnete. Unter dieſen Büſchen waren viele Dornen, die man wegen der Dunkelheit nicht bemer⸗ ken konnte, außer man fühlte, daß man ſich damit in den Finger geſtochen hat, aber das Schlimmſte war, daß einer von dieſen Dornen, als Fanfulla die Hand zurück⸗ zog, mit der er ſie berührt hatte, durch ſeine Schnell⸗ kraft an ſeinen frühern Ort zurückkehrend, mit Gewalt an die Wange des Kindes ſchlug. Bis dahin war es faſt immer von Fanfulla getragen worden und die Be⸗ wegung des Gehens hatte es eingeſchläfert, aber nun, von dieſen Dornen geritzt, ſchrie es, ſo laut es ſeine Kehle vermochte. Sie legten ihm beide eilig die Hände auf den Mund, aber theils aus Rückſicht, daß es nicht erſticken möchte, theils, weil es ſich krümmte, konnten e nicht vermeiden, daß dieſe Stimme im Quartier des Colonna gehört wurde. Fanfulla bemerkte, als er ſich umſah, auf einmal um den Olivengarten her⸗ um ſich viele luchtende Punkte bewegen, gleich Irr⸗ lichtern, und als erfahrner Mann bemerkte er, daß es Soldaten mit den angezündeten Lunten ihrer Büchſen waren, die nach der Richtung des Geſchreies zueilten. Ihre Schritte und die Stimmen ertönten bald ſehr nah' und ein ſpaniſcher Soldat ſchrie dem andern vor⸗ aus mit einem gewiſſen plumpen Gelächter: „Ahora, ahora voy a darle tal santiguado a este ninno que non ha de despertarse hasta el dio del juicio.“* *) Nun nun! Ich will dir das Kind ſchweigen machen, daß es nicht mehr aufwachen ſoll bis zum Tag des Gerichts. 287 „Tencos,“ ſchrie ein Anderer,„veamos antes... podria ser alguna dama principal de esta tierra que se, huyese y me gustaran mas sus florines que los cascos de este hideputa... no parecce si no que ya se le salex las tripas*“* „I que garganta que tienes hijo mio 1“*2) fügte ein Dritter hinzu. „Ei, die kleine Kröte. Ich wette meinen Kopf ge⸗ gen ein Stückchen Commisbrod, es iſt der Sohn eines Mönchs. Singt er nicht gerade wie bei der Meſſe? Warte, warte nur: der Schnuller iſt nicht weit. Wäre Fanfulla allein geweſen, ſo würde er gleich gewußt haben, was zu thun ſei. Er hätte ſich köpf⸗ lings unter ſie geſtürzt, das Schwert in der Rechten und den Dolch in der Linken; und ehe man ſagt: auf Wiederſehn! wäre er außer Verlegenheit oder in der andern Welt geweſen. Hier aber mußte mit Liſt zu Werke gegangen werden. Daher ſagte er zu Liſa, welche, ihren Sohn an den Buſen drückend, ihre Seele Gott empfahl: „Bebt nicht, und laßt mich machen!“ Dann wen⸗ dete er ſich zu dem Spanier, der ihn zuerſt einholte: „Detengase, senor caballero.“(Die damaligen Soldaten verſtanden faſt alle Spaniſch, und zwar aus demſelben Grunde, aus dem ſie 25 Jahre früher Fran⸗ zöſiſch verſtanden.)„Detengase... somos pobres gi- tanos y veniamos al campo para sonar y tenor re- gocyados a van!... Somos pobres aliora pero era- mos vicos no hay mas que un momento... BReva- bamos an balsillo con cien florinos... y alganos soldados alemanos que se audaban por ahi nos *) Wartet noch. Wir wollen erſt ſehen. Es könnte eine vornehme Edelfrau aus der Gegend ſein, die flüchten will und ich möchte lieber ihre Gulden, als das Hirn dieſes Sohnes einer. *) O, ſeine Lunge platzt nicht: dir ſteht ein gutes Mund⸗ ſtück zu Gebote, mein Söhnchen. — 288 despo⸗ le han quittado... los majaderos me har leorcada las espaldas a mi con sus alabardas V à esta pobrevita lje han dodo un recio bojeton que ha cogido aun a esto ninno... Allà, alla, miren entro los ärböoles aun los veo que se van à Presa aleans endos pardios, V del balsillo nos daräàu le que qui si even.*) Die Soldaten näherten ſich, und Fanfullas und ſeiner Begleiterin unſcheinbarer Anzug, den ſie, ſoweit es die Dunkelheit erlaubte, bemerkten, überredete ſie, ſeinen Worten Glauben zu ſchenken. Jener fuhr mit verſtellter Aufregung fort, ſie anzureizen, der Spur derjenigen, die ihn beraubt haben ſollten, zu folgen, indem er nicht unterließ, ihnen durch Geberden den Weg hinabwärts anzudeuten, auf welcheg ſie die Räu⸗ ber noch einholen würden: „Friſch auf, Burſche, um Gottes willen, ſonſt ver⸗ fehlt ihr ſie! Der den Beutel genommen hat, iſt ein kleiner hagerer Mann mit einer Heugabel ſtatt einer Büchſe; er iſt kenntlich genug. Fünfe oder Sechſe ſind es im Ganzen und nicht weiter.“ Er hatte nicht nur Sorge getragen, die Soldaten auf den entgegengeſetzten Weg von demjenigen, den er ſelbſt einzuſchlagen beabſichtigte, zu weiſen, ſondern auch mit gutem Grunde den Diebſtahl den Deutſchen aufgebürdet, da er die Eiferſucht der verſchiedenen Na⸗ *) Haltet ein, Herr Ritter, haltet ein! Wir ſind arme Zigeuner, und kommen ins Lager, um zu ſingen und Eu⸗ ver Herrlichkeit Freude zu machen. Jetzt ſind wir ganz arm, abed eben noch waren wir reich. Wir hatteneinen Beutel mit 100 Gulden, aber deutſche Soldaten ſind herbeigekom⸗ men und haben ſie uns geraubt. Die Schufte haben meinen Ruüͤcken mit ihren Hellebarden bearbeitet, und dieſer Armen einen Streich verſetzt, der auch das Kind getroffen hat. Dort! dort! ſeht, unter den Bäumen. Wie ſie laufen! Wahrhaftig, ihr könnt ſie noch einho⸗ len, und euren Theil an der Beute nehmen. 289 tionen, aus denen das kaiſerliche Heer beſtand, ſehr gut kannte. Daraus kann man ſehen, ob Fanfulla ſo einfältig war, als neidiſche und boshafte Menſchen glauben machen wollten. Die Soldaten gingen wirklich in die Falle. Ob⸗ gleich fie Nichts, was einem Menſchen gleich ſah, trotz aller Mühe, durch die Bäume hindurchzuſpähen, ent⸗ decken konnten. Sie mochten unferem Freund entweder ein beſſeres Geſicht überhaupt oder die Fähigkeit der Katzen zutrauen, im Dunkeln zu ſehen. Kurz, der ganze Auftritt dauerte überhaupt höchſiens ein Ave Maria lang, ſie ſchlugen einen Trab an, und waren in we⸗ nigen Sprüngen durch das Olivenwäldchen hinabge⸗ rannt. 3 3 2 „Ei, ſeht die bannbeladenen Schufte! Bis hieher, bis an unſer Lager kommen ſie, um Beute zu machen. Laßt uns die deutſchen Memmen in Stücke hauen, wenn fie uns in die Hände fallen!“ Dieſe Drohungen, ver⸗ miſcht mit ſchrecklichen Flüchen, verhallten zugleich mit den Schritten der Davoneilenden. Fanfulla athmete leicht auf und ſagte lächelnd: „Gute Jagd, meine Jungen! Zetzt, edle Frau, raſch fort, ehe ſie wiederkehren.“ Die arme Liſa war mehr todt, als lebendig vor Schrecken, verließ jedoch, wohl einſehend, wie nöthig es ſei, noch zu rechter Zeit zu fliehen, ſo ſchnell als möglich die Dornhecke. Da ſie ſich nur mit Mühe aufrecht erhielt, ſo wurde ſie von Fanfulla unterſtützt, der das nunmehr beruhigte Kind auf dem andern Arme trug. Sie änderten ihren ſrüheren Plan und beſchloſ⸗ ſen, ſich ſo viel als möglich, den Ebenen von Giullari zu nähern, wo der Prinz in der Villa Guicciardini ſein Hauptquartier hatte, und Gott wollte, daß ſie ohne weitern Unfall eines der letzten Häuſer am Fuße der Mauern erreichten. Niccolo de' Lapi. 19 290 Dort war kein Dorngehäge, aber ein Haufen von, vürrem Haidekraut, wo ſich das Frauenzimmer ver⸗ bergen konnte. Diesmal hatte ſie wohl Acht, daß das Kind durch keine neue Verletzung zum Schreien ge⸗ bracht wurde, Fanfulla ſprach ihr auf's Neue Muth ein und machte ſich allein auf den Weg, Troilo auf⸗ zuſuchen. Bald gelangte er auf die Straße und durch dieſe auf den in ver Mitte gelegenen Marktplatz. Dieſer war dreieckig, zwei Seiten wurden von den ärmlichen Hütten der Einwohner, die dritte durch die Porderſeite der kleinen Kirche gebildet, der einzigen jener Gegend; in der Mitte war ein Ziehbrunnen un⸗ ter einem Wetterdach, und neben daran war ein Gal⸗ gen errichtet, an welchem faſt täglich eine Hinrichtung ſtattfand, ſei es nun, daß man einen unglücklichen Bauer, der Lebensmittel nach Florenz bringen wollte, oder einen Spion ergriffen hatte, oder daß Soldaten fich Vergeben gegen die Kriegszucht zu Schulden kom⸗ men ließen; denn in der damaligen Zeit bediente man ſich des Stranges, um ein Heer im Zaume zu halten, und der Kriegsgebrauch hatte noch nicht beſtimmt, daß der Tod durch das Hängen die Ehre verletze und der durch Erſchießen ſie unbefleckt laſſe. Unſere armen Vä⸗ ter lebten noch in dem bedauernswerthen Wahn, daß die Schande in dem Vergehen beſtehe, und nicht in der Beſtrafung. Jener Marktplatz, den man heutzutage zu jeder Stunde frei paſſiren kann, ohne jemand Anders als harmloſen Bauern zu begegnen, die den Gruß in ihrer rietigen wohltönenden Sprache höflich erwiedern, oder Schwärmen von Städtern, die auf einer Landpartie begriffen find; jene Hütten, heutzutage ein Bild freund⸗ licher und zufriedener Armuth, jene Thüren, welche gegenwärtig mit Kindern jeder Größe und mit Frauen, die ſich mie der nützlichen und feinen Arbeit des Stroh⸗ ſlechtens beſchäftigen, vollgeſtopft find, boten, als Fan⸗ fulla dort ankam, den Anblick der Unordnung, des 291 Gewirrs durch einander ſchreiender, ungewöhnlich aus⸗ ſehender Männer. Der ſchmutzige, unreine Boden war durch das viele Hin⸗ und Herziehen von Menſchen und Pferden zerſtampft, die Häuſer mit Kriegern gefüllt, die Mauern beſudelt und von Rauch geſchwätzt, die Kirche war in eine Schenke verwandelt, und die vielen Marketender, die mit ihren Brodkörben und Weinfäſ⸗ ſern auf dem Platze feil hatten, wählten dieſen Ort mit gutem Grunde, denn Galgen und Pranger waren eine vortreffliche Mahnung für diejenigen, die ſich zu Finte kommen laſſen konnten, das Zahlen zu ver⸗ geſſen. Während Fanfulla ſich nach Jemand umſah, der ihm Troilo's Quartier zeigen könnte, vernahm er ein Gelächter unter den Umſtehenden und bemerkte, daß die Menge ſich nach dem Richtplatze hindrängte; auch ſah er eine Leiter anlehnen und einen Mann hinauf ſteigen, um die Seile zurecht zu richten. Neugierde trieb ihn, näher zu treten, und ließ ihn eine Frau er⸗ blicken, die nicht weit vom Galgen ſtand und die zum Tode verurtheilte Perſon zu ſein ſchien. Die Hände waren derſelben über den Rücken gebunden, während ſie einem Kapuziner knieend beichtete. Fanfulla wun⸗ derte ſich, daß ein Weib gehangen werden ſollte; aber noch weit mehr bei der Bemerkung, daß die Scheide eines Schwertes unter ihren Kleidern hervor ſah. Eben als er im Begriffe war, nach dem Vergehen dieſes Weibes zu fragen, richtete ein Korporal, der ſich in die Nähe gedrängt hatte, an einen der zuſehen⸗ den Soldaten die Frage, warum dieſes Weib gehangen werden ſolle. „Sagt vielmehr dieſer Burſche,“ erwieverte der Soldat lachend.„Es iſt ein ſonderbarer Fall geweſen; aber Fruga da war dabei. Er behauptet, den Jun⸗ gen und ſeine Familie zu kennen; denn er iſt aus Florenz, er iſt der Sohn eines Piagnonen, eines Sei⸗ denarbeiters.“ 292 „Aber was hat er denn verbrochen,“ wiederholte der Korporal ungeduldig. „Er hat einen gewiſſen Herrn umbringen wollen, Trojano oder Troilo, was weiß ich, der Name thut nichts zur Sache, er dient hier in der Leibwache des Prinzen. Dieſer Junker ſoll eine Schweſter des Bur⸗ ſchen entehrt haben, und um dieſe Schmach zu rächen, iſt er in Weiberkleidern bei Anbruch der Dämmerung ins Lager gekommen, hat ſich an einem abgelegenen Ort verborgen und von dort einen Knaben an den Ritter geſandt mit der Botſchaft: ein Mädchen wolle ein Stelldichein Der Schelm dachte, er ſolle keinen Argwohn ſchöpfen, und allein kommen. Troilo iſt zwar gekommen, aber hinter ihm in einiger Entfernung vier Soldaten. Kaum hatte er ſich der vermeintlichen Dame genähert, ſo ruft ihm dieſe zu:„vertheidige Dich, Verräther!“ und zuckt das Schwert gegen ihn. Der Junker hat kaum Zeit, den Degen zu ziehen und zwei oder drei Hiebe zu pariren; aber ſeine tapfern Leute liefen herbei, packten den Burſchen von hinten und hielten ihm die Arme feſt. So wurde er gebun⸗ den, und nun wird ihm der Meiſter dort die Kehle ein wenig zuſchnüren.“ 3 Der Korporal ſchüttelte den Kopf und zuckte die Achſeln, als wenn er ſagen wollte: das war auch etwas Rechtes! Dann ging er ſeinen Geſchäften nach. Fanfulla verfiel in Nachdenken; denn es kam ihm vor,(ob er gleich keinen Namen hatte auffaſſen kön⸗ nen) als möchte dieſer Vorfall mit Liſa's Angelegenheit zuſammenhängen, und wirklich war der Beichtende am Fuße des Galgens kein Anderer, als der arme Bindo, 3 ſ0 eben als guter Chriſt auf die letzte Reiſe vor⸗ ereitete. Siebenzehntes Kapitel. Am Beginn eben dieſes Abends, während Liſa mit ſo großer Unbequemlichkeit und Gefahr Florenz verließ, um Troilo aufzuſuchen, befand ſich dieſer vergnügt und gedankenlos in der Villa Guicciardini beim Abendeſſen des Prinzen von Oranien unter einem zahlreichen Kreis von Edelleuten, die ſich dort die Zeit vertrieben, wenn die kriegeriſchen Pflichten ſie nicht anders wohin riefen. Sie fanden dort einen reichen Tiſch, Karten und Würfel und alle Bequemlichkeiten, die ſich mit den Orten und Zeitläuften vertrugen. Obgleich wegen der Kargheit des Pabſtes Clemens in dieſem Heere großer Geldmangel herrſchte, und die Soldaten wegen des ausbleibenden Soldes darben mußten und ſich häufig empörten, hatten die Hauptleute doch Verſtand genug, die Sachen ſo einzurichten, daß wenigſtens ſie niemals weder Hunger noch Durſt zu leiden hatten, und hingegen immer noch eine gute Tafel bereit war. Ueber dieſen Punkt der Kriegskunſt ſcheinen alſo große Feldherren einig geweſen zu ſein, ſowohl vor, als nach Erfindung des Pulvers, und der Prinz von Oranien, der in ſeinem jugendlichen Alter von ſieben und zwanzig Jahren einer der kühnſten und erfahren⸗ ſten war, den die Geſchichte erwähnt, blieb doch in dieſer Beziehung nicht gegen die andern zurück. Die Villa Guicciardini, welche noch zu unſern Tagen in gutem Stand iſt, liegt an der Straße, die von der Ebene von Güullari nach St. Margherita a MWontici führt, beſteht aus zwei Gebäuden mit zwei Stockwerken, viereckig, oder vielmehr ſchiffsförmig ge⸗ baut, zwei ausgezackte Mauern verbinden ſie mit ein⸗ ander, und laſſen in der Mitte einen Raum, der zum Hof dient. An der Mauer gegen die Straße hin iſt 294 die Hofthüre mit einem Bogen und Thürenpfoſten. Die genſter des Erdgeſchoſſes, welche in ſchönem Verhält⸗ niß und mit anmuthigen Entfernungen von einander, nach dem Styl des Bramantesco eingerichtet find, find mit großen Eiſengittern verwahrt, die vom oberen Ge⸗ fims herabgingen und ſich an einen breiten Vorſprung, von zwei Tragſteinen gebildet, lehnten. In dem Ge⸗ bäude zur Linken desjenigen, der von dem Thor der Straße aus eintrat, wohnte der Prinz mit ſeinen Edel⸗ leuten und Pagen, in dem zur rechten Hand waren die Diener mit ihrem Gepäck und Pferden. In dem Hof, der von dem röthlichen Lichte der Kienfackeln erleuchtet wurde, befanden ſich viele Gefäße mit Orangenbäumen, von den Gärten des Landhauſes dahin gebracht, um ſie vor der Art der Soldaten zu ſchützen, und vienten als Rechen für die Hellebarden der Landsknechte, welche das Thor inne hatten. Außer⸗ halb deſſelben, längs den Mauern hin, erwarteten viele Pferde, geſattelt und gezäumt und von Lackeien gehal⸗ ten, ihre Herren. Dieſe indeſſen ließen es ſich wohl ſein, bei Würfel und Flaſchen, neben einem guten Feuer, in wohleingerichteten, ganz von Lichtern ſtralenden Sälen, während jene von der Kälte und Langeweile leiven mußten, gerade dieſelbe Idee, wie ſie ein engliſcher Lord gefaßt, der eine Miethkutſche nimmt, die ihn vor der Thüre eines Balls bei fünfzehn Grad unter Rull erwarten muß. Als das Eſſen geendet, und die Tafel verſchwun⸗ den war, kamen Karten und Würfel; der Prinz, in eine karmoiſinrothe Kaputze, mit Sammet gefüttert gekleivet, unter welcher er nichts weiter hatte, als ein Wamms und hirſchlederne Hoſen, um jeden Augenblick bereit zu ſein, die Rüſtung anzuziehen, jpielt Landsknecht mit Don Ferrante Gonzata, Co Deſſanſegonto, Pier Luigi Farneſe und ungefähr zehn ſpaniſchen und deutſchen Offizieren. Er hatte einen Haufen Goldgulden vor ſich, ſetzte auf jeden Poſten eine Hand voll, und wie fich 295 auch das Glück entſchied, blieb ſein Geſicht immer ernſt und leidenſchaftslos, denn die ritterlichen Gebräuche, welche damals beim Adel in Kraft waren, wollten, vaß man hoch ſpielte, mit Gleichgültigkeit verlor und ohne Zögerung bezahlte. Um dieſe Geſetze zu beobachten, mußte er eines Tags unter andern, wie Varchi erzählt, ſeinen Spiel⸗ gefährten das Geld geben, das ihm Pabſt Clemens als Sold des Heeres geſchickt hatte. Die Soldaten ſtarben vor Hunger, aber die Ehrenſchuld war befrie⸗ digt. Unter zwei Uebeln wählt man immer das kleinere. Durch den Sal hin unterhielten ſich Einige theils fitzend auf breiten Lehnſeſſeln, oder auf⸗ und abgehend, lachten, ſprachen von Jagd, Liebe, Waffenthaten, Streit⸗ fragen, Zweikämpfen; in dem benachbarten Gemach waren viele mit Fechten beſchäftigt, und in dieſem Augenblick hatten ſie einen Kreis gebildet und merkten auf einen Kampf mit dem Schwert und dem Dolch, in welchem Troilo und Aleſſandro Vittelli gleiche Ge⸗ ſchicklichkeit zeigten, obgleich der Erſtere von der Mehr⸗ zahl für den Beſſeren gehalten wurde. Auf den Seſſeln und Tiſchen lagen nachläſſig hin⸗ geworfen die Hüte, die Helme, die Handſchuhe, die Schwerter und die Stöcke der Eingeladenen, an der al Fresco gemalten Wand, die in viele Felder ab⸗ getheilt war, welche im Geſimſe von Gips in erha⸗ bener Arbeit ſchloſſen, hingen Waffen, Fahnen, Ban⸗ ner und Kriegsgeräthe aller Art, und die Nägel, welche dieſe feſthielten, ohne Rückſicht in die Gemälde einge⸗ ſchlagen, hatten dieſe ganz abgelöst und verdorben. Nach einer Seite öffnete ſich ein breiter und tiefer Gang, deſſen Obertheil ſehr hervorragte, und ruhte auf zwei Figuren von Jägern, welche gegen die Thür⸗ pfoſten gerichtet waren und ein Hörnchen im Mund hielten, das Geſimſe, welches ſie mit dem Kopf und dem einen Arm unterſtützten, war voll des ſchönſten Laubwerks, Thiergeſtalten und Larven, und ganz oben 296 hielten zwei runde Nymphen zwiſchen ihnen einen Schild aufrecht mit den drei Hörnchen der Guicciardini. Ein Mann von mittlerem Wuchs, deſſen Aeußeres ein früh⸗ zeitig Alter kund that, ſaß auf einem Lehnſeſſel am Feuer allein; ganz in ſeine Gedanken verſunken, ſchien er das Gelächter und den Lärmen, den man in ſeiner Umgebung machte, entweder nicht zu bemerken, oder ſich darum nicht zu bekümmern. Er war mit dem flo⸗ rentiniſchen Rock und Mantel bekleivet, einen ſeiner Arme auf den Ellenbogen geſtützt, ſtützte er ſeine Wange mit der geſchloſſenen Fauſt, ſah ſtarr in die ſtarke Be⸗ wegung der Flamme und je nach den Gedanken, die in ihm arbeiteten, zog er bald die Augenbrauen zu⸗ ſammen, bald ſchüttelte er den Kopf und zuweilen lächelte er mit halber Lippe, aber ſein Lächeln drückte alles Andere, als Heiterkeit aus. Dieſer Mann war Herr Baccio Valori, Bevollmächtigter des Pabſts im kaiſerlichen Heer, ein Mann von ſcharfſinnigem Ver⸗ ſtand, erfahren in Staatsangelegenheiten, begierig nach Macht, und im Ruf der feinſten Schlauheit. Er ſollte übrigens nach einigen Jahren erfahren, daß die feinſte Schlauheit darin beſteht, ein rechtſchaffener Mann zu ſein, denn es gelang ihm zuletzt doch nicht, ſeinen Hals por dem Beil Koſimo des Erſten zu retten. Von dem Gelingen der Unternehmung gegen Florenz hing die Erfüllung ſeiner ehrgeizigen Hoffnungen oder ſein völliger Untergang ab. Wurde die Stadt erobert, und dem mediceiſchen Joch unterworfen, ſo ſtieg er zu den höchſten Stufen empor, erhielt Ehren und Reich⸗ thümer, er war dann der Gute, der Kluge, der Freund der Ordnung und der Geſetze; wenn dagegen das Volk ſiegte, und ſeine Freiheit bewahrte, ſo blieb er in der Verbannung eines Empörers, ſeines Beſitzthums be⸗ raubt, und in der verachteten Stellung eines getäuſch⸗ ten Verräthers. Aber der Schwierigkeiten des Gelingens waren viele und ſehr ſchwere, er mußte das Lager beſtändig 297 im Ueberfluß an Munition und Proviant erhalten, während dem Pabſt auf einer Seite der Aufwand zu hoch wurde, und der Prinz auf der andern Seite, wie wir geſehen haben, nicht einmal mit dem wenigen Gelde, das von Zeit zu Zeit von der apoſtoliſchen Kam⸗ mer bezahlt wurde, gut Haus hielt. In der Seele Clemens des Siebenten war überdieß noch der Verdacht rege geworden, daß der Prinz von Oranien die Erwerbung von Florenz für ſich zu machen beabſichtige, und Valori hatte den Auftrag, ein Auge darauf zu haben, um nöthigen Falls ſeine Ränke zu vereiteln. Und zuletzt war der Partei der Piagnonen, die man gehofft hatte mit dem bloßen Herannahen des Heeres an die Mauern einzuſchüchtern, der Muth ſo ſehr gewachſen, und dieſelbe ſo bereit zur Vertheidigung, daß man vernünftige Zweifel über das Ende dieſes Krieges hegen konnte. Indem er es für etwas ſehr Wich⸗ tiges hielt, in Florenz Jemand zu haben, der ihm Tag für Tag von den Entſchlüſſen der feindlichen Partei in Kenntniß ſetze, hatte er ſich bemüht, mit vielen Pal⸗ leschen geheimen Briefwechſel zu unterhalten, erhielt aber von ihnen, da ſie der Regierung verdächtig waren, entweder zu ſpäte oder falſche Nachrichten, die ihm ent⸗ weder wenig oder Nichts halfen. Er hätte eine große Stütze an Troilo haben können, der, wenn er einmal Eintritt in das Haus Niccvlo's erhielt und ſich mit die⸗ ſem verſtändigte, ſich ſo zu ſagen im Herzen der Pia⸗ gnoniſchen Partei befunden haben würde, und im Stande geweſen wäre, ihre geheimſten Gedanken und Abſichten zu erfahren. Aber er hoffte wenig von dieſem Jüngling. Ob⸗ gleich er Malateſta verſprochen hatte, ſich zu der Unter⸗ nehmung herzugeben, wie wir im ſechsten Kapitel geſe⸗ hen haben, obgleich er auch von Valori ſelbſt ſein Wort nicht zurückgenommen hatte, ſo zeigte er ſich doch nichts weniger als begierig, es zu halten; bald fand er einen Vorwand, bald einen andern, erhob tauſend Zweifel 298 und konnte ſich nicht entſchließen, das Leben im Lager, das zwar manchmal ein wenig hart, aber doch frei, voll Ausgelaſſenheit und mit den Vergnügungen, deren er ſich im Hauſe des Prinzen erfreute, gewürzt war, mit dem langweiligen und traurigen Leben einer be⸗ lagerten Stadt voll Predigten, Prozeſſionen und Bü⸗ ßungen zu vertauſchen, wo es ihm gerade noch zukom⸗ men würde, in dem ſtrengſten Hauſe und unter dem gefürchtetſten und ſtarrſinnigſten Mann der Piagno⸗ niſchen Partei zu wohnen. Wenn alſo Baccio Valori, mit ſo vielen Gedanken im Kopf, mit dem beſtändigen Kampf gegen ſo viele verſchiedene Launen ſehr ſchlecht zufrieden war, und wenn er allein und betrübt vaſaß, ohne die Fröhlichkeit und Vergnügungen, die ihn um⸗ gaben, zu theilen, ſo iſt das nicht zu verwundern und vielmehr Gott zu danken, daß es in dieſer Welt zu⸗ weilen mehr Mühe koſtet, den Spitzbuben zu machen, als ein ehrlicher Mann zu ſein. Als das tägliche Spiel geendet war, trat ein Haufen dieſer Jünglinge in den Sal und, unter ſich verſchiedene Späſſe treibend, ka⸗ men ſie haſtig und lärmend auf das Kamin zu, und ſtießen, wie närriſch vorbeilaufend, ungeſchickt an den Lehnſeſſel, in welchem Baccio ſaß. Dieſer drehte ſich grimmig und brummend um, während Troilo ſich ihm näherte und lachend zu ihm ſagte: „Erzürnt Euch nicht, Herr Baccio, und verſcheucht dieſe Gedanken, denn Euer Geſicht wird jeden Tag um eine Elle länger. Wißt Ihr nicht, daß hundert Jahre übler Laune keinen Heller Schulden bezahlen?“ „Du biſt ein großer Narr und hätteſt Du an et⸗ was Anderes als an dieſe Späſſe gedacht, ſo wäre es viel beſſer für Dich geweſen. Setze Dich einen Augen⸗ blick nieder, Du ſollteſt doch müde ſein von der Teu⸗ felei, die ihr bis jetzt getrieben habt.“ „Müde? nie, Herr Baccio, und wenn Ihr woll, daß wir noch vier Gänge machen, werdet Ihr Euch davon überzeugen.“ 299 „Mach mir nicht den Kopf ſchwer, Gott verdamme Dich! ich bin nicht bei Laune zu Späſſen.“ Dann fuhr er fort mit freundlichem Geſicht und faſt mit bittendem Ton: „Wann gedenkſt Du überhaupt nach Florenz zu gehen? Du haſt es doch einmal dem Herrn Malateſta und mir verſprochen, Du weißt doch, wie nöthig es wäre, einen Mann dort zu haben, auf den man ſich verlaſſen kann!. „Wartet nur, Herr Baccio,“ erwiederte der Jüng⸗ ling, indem er einen andern Lehnſtuhl zu dem ſeinigen binzog und ſich mit ausgeſpreizten Beinen und offenen Armen darauf hinlegte,„ich habe ſchon verſtanden, daß Euch eine Predigt drückt, und daß Ihr Euch davon befreien wollt. Da bin ich bereit, ſie zu empfangen, dann werdet Ihr Euch beſſer befinden, ſprecht nur, ſo lang ich da dieſen Lehnſtuhl verſucht habe, habe ich keine Luſt, mich von der Stelle zu rühren.“ „Du ſpaſſeſt, Troilo, und wenn ich ſpreche, ſo ift es doch zu Deinem Beſten.“ Und indem er ihm eine Hand auf die Schulter legte und ihn feſt anſah, fuhr er mit gedämpfter Stimme fort: „O Du Narr, weißt Du denn nicht, daß eine Gelegenheit wie dieſe, ſich die Gunſt des Pabſtes Cle⸗ mens und der Herren Medici zu erwerben, Viele um jeden Preis kaufen würden, und es für ein großes Glück hielten, wenn es ihnen in die Hände fiele, und Du. 2“ „Und ich weiſe ſie nicht zurück,“ erwiederte Troilo, indem er ſich auf dem Seſſel dem Zeichen der Unge⸗ duld herumwarf.„Ihr ſeid recht eigenſinnig; es iſt bald geſagt, nach Florenz gehen zum Niccolo, nun ja, ich bin da, ich bin nun ein Piagnone geworden, ja, und ohne Weiteres wird er mir glauben, er wird mich in ſein Haus aufnehmen, ich werde Alles wiſſen, ich werde gleich Mittel finden, ſeine Geheimniſſe zu erfah⸗ ren. Ei, Baccio, Ihr reiſet wie auf der Poſt.“ „Ich läugne nicht, daß einige Schwierigkeit vor⸗ 300 handen iſt, aber die Weltbegebenheiten geſchehen nicht von ſelbſt, und wir müſſen Mühen aushalten und an⸗ wenden. Und wenn Du keine größere Luſt haſt, als die Du bisher gezeigt haſt, ſo warten wir gewiß im⸗ mer auf das Manna, das vom Himmel fallen ſoll. Wenn Ihr keine Schwierigkeiten und Gefahren zu er⸗ ſtehen hättet, ſo wären Euch keine ſo reichlichen Be⸗ lohnungen verſprochen worden.“ „O, was das betrifft,“ unterbrach ihn Troilo,„ſo werde ich ſie ſehr gut verdient haben. Denket Ihr, was für ein Vergnügen: bei Niccolo wohnen, das wird ganz daſſelbe ſein, wie wenn ich in der Höhle des heiligen Antonio zu Haus wäre. Dann wird es nöthig ſein, daß ich mich im Predigen übe, es wird nöthig ſein, daß ich irgend eine Stelle an der Hand habe, irgend eine Prophezeihung des Mönchs, halt nur, halt, eine fällt mir ein. Florencia renovabitur und dann flagellabitur. Nein, Alles verkehrt, es fängt an mit pastonabitur. Das habe ich getroffen, und ach, und dann kommt Euch das wie ein Spaß vor: hinzugehen und, Gott weiß wie lang, nichts Wenigeres, als den verliebten und getreuen Ehemann zu ſpielen. Wenn der Pabſt ein großmüthiger Mann iſt, ſo verdiene ich für das allein den Cardinalshut.“ „Ei was, Du Schelm, ſie iſt ja doch, wie ich ge⸗ hört habe, ſehr ſchön, und es iſt ja eine Weile her, daß Du ſie nicht ſaheſt, ſie wird Dir faſt ganz neu vorkommen.“ „Ja faſt, das habt Ihr gut geſagt!“ „Und dann tröſte Dich damit, daß, wenn wir Herren von Florenz ſein werden und es nöthig ſein wird, Braut⸗ ſchau zu halten, ich Dir ein Mädchen ausfinden will von ſolchem Hauſe und von ſo großer Mitgift, daß Du mir dafür guten Dank wiſſen wirſt. O überhaupt....“ „Ueberhaupt ich werde gehen, ich werde gehen, es iſt doch alles eins, ich bin nun einmal verdammt, pre⸗ digen zu hören, hier von Euch, dort von den Mönchen. 301 Wenn es nichts Anderes wäre, ſo will ich zur Abwechs⸗ lung lieber noch die ihrigen, als die Eurigen hören, mein guter Herr Baccio, welche mir ſehr langweilig zu werden angefangen haben.“ Hier ſcharten ſich viele von jenen Edelleuten um das Kamin, ſie wußten, daß Valori ſeit einiger Zeit vergeblich verſuchte, Trvilo zu dieſer edlen Unterneh⸗ mung zu treiben, und es war unter ihnen ſehr oft darüber geſprochen und nicht wenig geſcherzt worden. Nun ſagte Troilo, nachdem er verkündigt hatte, daß er ſich endlich entſchloſſen habe, abzugehen: „Es wird doch nöthig ſein, daß ich ein wenig die Rede probire, die ſie dem großen Rath halten werden, um meine Bekehrung zu feiern.“ Und er ſprang mit gleichen Füßen auf einen Lehn⸗ nnd begann mit weinerlicher und näſelnder Stimme alſo: „Ein Stral der göttlichen Gnade, meine hoch⸗ achtbaren Herren, ein Stral der göttlichen Gnade, ihr hochpreislichen Magiſtratsperſonen, herabgeſtiegen auf dieſes unwürdige Haupt durch die Vermittlung un⸗ ſers ſeligen Bruders Girolamo, kam, o hochragendes Volk, ihr ſehr edlen Wollarbeiter, Seidenarbeiter, Apo⸗ theker, ihr ſehr gnädigen und ſehr hochragenden Herren, Fleiſcher, Maurer, Färber, Gerber, kam auf mich her⸗ ab und zerſtreute endlich die Finſterniſſe, in denen ich unſelig dahinwandelte, verſtrickt durch die ruchloſen Beiſpiele und Rathſchläge dieſes gottloſen, ſchurkiſchen, ſehr verderbten und verabſcheuungswürdigen Mannes, dieſes Gefäßes aller ſchlechten, ſündlichen und verdam⸗ mungswürdigen Sünden, des Herrn Vaccio Valori.“ Bei dieſen Worten erhob ſich ein ſo lautes Lärmen und Gelächter, daß die Predigt unterbrochen wurde und die geſtörten Spieler ſich übellaunig umwendeten, aber der Prinz machte dem Lärmen ſehr ſchnell ein Ende, indem er den Kopf erhob und mit ſtarker Stimme das einzige Wort ausſprach: Friede! Dieſes machte in 302 einem Augenblick jedes Geräuſch verſtummen, ſo daß man die Stimme eines Dieners deutlich hören konnte, welcher unter der Thüre ſagte: „Herr Troilo, ein Diener verlangt nach Euch.“ „Laß ihn eintreten,“ erwiederte der Jüngling, ohne ſeinen Platz zu verändern, und gleich wurde ein Burſche eingeführt, welcher ſagte: „Eine Frau, welche mit Euch zwei Worte ſpre⸗ chen möchte, läßt Euch ſagen, daß ſie Euch dort an der Straße nach Baroncelli erwartet.“ rvilo flieg eilig von ſeiner Kanzel herab und ſagte:„Meine Herrn, die Predigt ein andersmal„ va darf man nicht warten laſſen.“ Dann fügte er mit ernſtem Geſicht hinzu:„es iſt doch recht läſtig, daß die guten Frauen ins Lager kommen, mich zu langweilen, ach, aber ich habe Mitleiden mit ihnen... Und er ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „So geht es, wenn man ein ſchöner Junge iſt. Gehen wir, Knabe, mach Dich voran, und zeig mir den Weg“ Seine Begleiter ſcherzten über ihn, und ſagten ihm Artigkeiten über ſein Glück, und Valori folgte ihm bis zur Thüre nach, und ſagte:„Du wirſt ſehen, das iſt Liſa.“ „Das wäre Waſſer auf unſere Mühle, wenn ich ſie nur treffe, und wenn dieſe Gelegenheit günſtig er⸗ ſcheint, ſo wüßte ich es am beſten zu benützen!“ Troilo ging hinaus und ſiatt Liſa's traf er Bindo, welcher mehr tapfer als klug, ſeit dem Tag ihrer Ver⸗ treibung aus dem Hauſe, ſich in den Kopf geſetzt hatte, ſeine Schweſter zu rächen, aber bis dahin nicht im Stande geweſen war, dieſen ſeinen Vorſatz auszufüh⸗ ren. Wenn Troilo allein gegangen wäre, ſo wäre es ihm vielleicht gelungen, aber jener winkte im Gehen vier Soldaten, hinter ihm zu bleiben, und die Sache ging gerade auf die Art, wie ſie im vorſtehenden Ka⸗ pitel erzählt wurde. Als der Jüngling gefangen fortgeführt wurde und 303 es ſich davon handelte, ihn aufzuhängen, hätte Troilo ihm leicht das Leben friſten können, wenn er ein Wort zu dem Offizier ſagte, der die Pflicht hatte, Ruh im Lager zu erhalten, und Unordnung und Balgereien zu beſtrafen. Er war auch daran, ſich zu entſchließen, dann ſagte er zu ſich ſelbſt: „Laſſe ich ihn aufhängen, das wird mich vielleicht von dem verwünſchten Gang nach Florenz befreien können. Dieſer Memme von Baccio wird es nie mehr in den Kopf kommen, glaube ich, mich in das Haus desjenigen zu ſchicken, deſſen Sohn meinetwegen auf⸗ gehangen worden iſt.. So verließ er den Platz und machte ſich langſam nach dem Landhaus Guicciardini auf den Weg, Baccio aber vermuthete, es könne aus dieſer Begebenheit eine für ſeine Plane günſtige Gelegenheit entſpringen, und war nicht der Mann, Kleinigkeiten zu überſehen. Da er wußte, daß zuweilen aus dem Kleinen das Große entſpringt, hatte er Troilo's Rückkehr nicht abgewartet, ſondern war kurz nachher ausgegangen und einem der Soldaten, welche geholfen hatten, Bindo gefangen zu nehmen, begegnet, als dieſer eben den Vorfall ſeinem Begleiter auf dem Rückweg erzählte. Valori fragte, was vorgefallen ſei, und kaum erfuhr er die Sache und daß man daran ſei, den Sohn des Niccolo aufzuhängen, ſo fing er an zu laufen, ſo ſehr er konnte und kam zum Glück gerade an, als der arme Knabe mit einem Fuß auf der erſten Leiterſproſſe ſtand, um die zweite zu erſteigen. Es kam Allen ſehr merkwürdig vor, den Bevoll⸗ mächtigten des Pabſtes an dieſem Ort erſcheinen zu ſehen, welcher ſich haſtig einen Weg durch die Leute bahnte mit der Stimme und mit Stößen, weßhalb der Henker die Hinrichtung aufſchob. Und Valori ließ den Knaben losbinden und vom Strick befreien, deſſen Geſicht noch bleich, wie ein gewaſchenes Leintuch war, ſprach 304- ihm mit freundlichen Worten Muth ein, nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Gedränge. „Das fehlte noch allein,“ ſagte Baccio zwiſchen den Zähnen, indem er an die Gefahr dachte, in der ſein Plan geweſen war, durch den Tod des Bindo ganz uͤber den Haufen geworfen zu werden, und wie die Schlechten ſich untereinander kennen, argwohnte er gleich, welche Berechnung Troilo veranlaßt habe, dieſe Hinrichtung zuzugeben, und während er noch immer auf das Landhaus zuging, Bindo an der Hand führend, ſagte er bei ſich ſelbſt: „Troilo, Troilo, Du biſt ein junger Fuchs, und ich bin ein alter Fuchs, wenn Du auf meinen Schaden ausgehſt; aber ich hoffe, daß es auf meine Weiſe gehen wird und nicht auf die deinige.“ Zu Haus angekommen, empfahl er den Jüngling ſeinen Dienern, daß ſie ihn mit Speiſe erquicken und ihm ein Bett zurecht machen ſollten, er ſelbſt ermu⸗ thigte ihn noch einmal mit freundlichen Worten und kehrte in den Sal zurück, wo wenige Augenblicke nach⸗ her auch Troilo erſchien. „Wäre ich nicht geweſen,“ ſagte Baccio, indem er ihm auf die Schulter klopfte,„ſo würde jetzt Dein Schwager die Ferſen im Winde zuſammenſchlagen, danke mir daher, daß ich Dich von einer großen Gefahr ge⸗ reitet habe, denn zugleich mit dieſem Kind wären alle Deine Hoffnungen auf die Gnade des Papſts zu Grunde gegangen.“ „In Wahrheit, ich habe gegen Euch eine ſehr große Verpflichtung,“ erwiederte Troilo mit einem marmornen Lächeln, wenn der Ausdruck erlaubt iſt, unter dem es un⸗ möglich war, eine Spur von dem zu bemerken, was er in dieſem Augenblick wirklich dachte, unmöglich den Meiſten, nur nicht Baccio, der ſehr wohl ſeine Gedan⸗ ken errieth und im Innern ſich über ihn luſtig machte. Indeſſen war Fanfulla, der die Vorbereitung zur Hinrichtung des Jünglings geſehen, und dann die An⸗ 305 kunft des Bevollmächtigten ſelbſt und die Befreiung Bindo's bemerkt hatte, ihm gefolgt, und kam in das Quartier des Prinzen, nachdem jener eingetre⸗ ten war. Ein Diener ging auf die Bitte des Fan⸗ fulla in den Sal, wo die Geſellſchaft war, und ſagte zu Troilo: „Da außen ſteht ein Mann, der ſieht aus wie ein Zigeuner, und ſagt, er habe Euch ein Wort zu ſagen von einer Edelfrau aus Florenz, und will nicht ſagen, wer er ſei.“ „O, überhaupt, antworiete Troilo, glaube ich, daß man ſich heut Abend auf meine Rechnung luſtig machen will; ſag' ihm, er ſoll in's Bordell gehen, er und ſie.“ „Nein, nein, warte,“ unterbrach Valori, nahm den Jüngling unter dem Arm und zog ihn hinaus, in⸗ dem er zu ihm ſagte:„Ei, man muß nicht ſo haſtig ſein, hören wir ſie zuerſt.“ In dem Vorzimmer angekommen, wo ſich Fanfulla befand, ſtellte ſich Baccio, als ob er weiter gehe und verſteckte ſich hinter eine Tapententhüre, um Alles hören zu können. Fanfulla machte Troilo eine Verbeugung, ſagte ihm, daß eine Evelfrau, die er ſehr gut kennen müſſe, von Florenz abgereiſt ſei, um ihn aufzuſuchen, und daß ſie iyn nicht weit entfernt erwarte. Auf die Frage des Jünglings, wer ſie ſei und was ſie wolle, ſagte Fanfulla zu ihm mit räthſelhafter Geberde und halb lachend: „Wer ſie iſt und was fſie will, werdet Ihr ſehen, und Ihr werdet die kleine Unbequemlichkeit nicht be⸗ reuen, die Ihr Euch es koſten laſſet, zu ihr zu kommen...“ „O, ſprich deutlich, hörſt Du, ehrlicher Mann, ich habe gewiſſen Argwohn, ſage mir, iſt es Liſa, die Tochter des Niccolo de Lapi?“ „Ihr habt es getroffen,“ entgegnete Fanſulla, der auf dem Geſichte des Troilo günſtige Gedanken für die Niecolo de' Lapi. 1. 20 306 Hoffnungen Liſa's zu leſen glaubte,„kommt nur, denn die Arme erwartet Euch wie einen Engel vom Himmel.“ Während er ſprach, gab Valori, der hinter ſeinem Rücken ſtand, indem er die Thüre emporhob, Troilo einen Wink, daß er gleich gehen ſolle. Daher ſagte dieſer: „Machen wir uns alſo auf den Weg!“ und ging Fan⸗ fulla voran aus dem Landhaus, ohne andere Geſell⸗ ſchaft mit ſich zu nehmen, da ſich die Frau, wie ſein Führer ſagte, hinter dem Hauſe und in ſehr geringer Entfernung verſteckt halten ſollte. Es wäre ſehr ſchwer, beſtimmen zu wollen, was in dieſem Augenblick in der Seele Troilo's vorging. Die Geheimniſſe des menſchlichen Herzens find ſo tief, und vas Gute findet ſich mit dem Böſem auf ſo wun⸗ derbare Weiſe gemiſcht, daß es manchmal ſehr ſchwer wird, auch die größten Schurken zu beurtheilen, viel⸗ leicht war es der Augenblick, da er ch unwiderruflich ent⸗ ſchloß, zu dieſem ſinſteren Werke die Hand zu reichen, wo ſein Gewiſſen den letzten Schrei ausſtieß. Der Gedanke, die Unglückliche wieder zu ſehen, die ſo viel durch ihn gelitten hatte, die fich ganz ſeiner Liebe er⸗ gab, ſie in ſeinen Armen zu empfangen, und gerade die ihr vertrauende Liebe zu einem Netz zu machen, in welchem ihre Theuerſten gefangen werden, und ſo in die Hand ihrer unverſöhnlichſten Feinde fallen ſollten, Alles das war ſo niederträchtig und abſcheulich, daß er ſich demſelben, ſo ſehr er auch ein Schurke war, mit aller Gewalt zu entziehen ſtrebte. Aber die Stimme ſeines guten Engels konnte nicht von ihm gehört werden, der ganz ergriffen war von der Be⸗ gierde nach einer künftigen Größe, die ihm Tag und Racht ſehr lebhaft vor das Geſicht trat, von dem ſtol⸗ zen Gedanken, der ihn überredete, es ſei ein ſehr leich⸗ tes Vergehen, ein bürgerliches Mädchen zu betrügen, wenn es ſich um den Stand und das Glück eines Edel⸗ manns handle. Dieſer Augenblick von Ungewißheit und Reue, 307 wenn es wirklich einen ſolchen gab, ging vorüber wie ein Blitz, er verhärtete ſein Herz zum voraus, um ſeine Seele nicht von Etwas, das er von Liſa hören könnte, rühren zu laſſen, und um ſich ganz zu beruhi⸗ gen, ſagte er in ſeinem Innern: Was für einen großen Schaden werde ich ihr denn gethan haben? ein Kind von einem Edelmann zu haben? als ob das nicht jeden Tag vorkömmt, aber ich werde es nicht machen, wie viele andere, und werde ihr ſo viel Geld geben, daß es hinreicht, einen Mann ihresgleichen zu finden. Während Troilo mit dieſen Gedanken einherging, wartete Liſa mit zitterndem Herzen, ſeit ungefähr einer halben Stunde und glaubte, es ſeien ſchon faſt zwei Stunden vorüber, und zitterte vor einem neuen Un⸗ glück. Im Begriff, denjenigen wieder zu ſehen, den ſie ſo ſehr geliebt hatte, hatte ſich ihr Herz, das allen Argwohn verbannte, in der einzigen Vorſtellung berauſcht, nur noch einmal mit ihm zuſammen zu tref⸗ fen und ſich in ſeinen Armen zu befinden. Aber die Arme betrübte ſich, indem ſie dachte: Gott weiß, wie er mich finden wird! Die Unglücksfälle, der Mangel, haben mich ſo abgezehrt, o was würde ich darum ge⸗ ben, ſo ſchön zu ſein als es eine Zeit gab! Und um wenigſtens alles Mögliche zu thun, ordnete ſie auf das beſte ihre Haare, warf ihr häßliches Kleid weg, das ſie angezogen hatte, um das Ausſehen einer Zigeune⸗ rin zu haben, behielt nur die Kleider, die ſie anhatte, als ſie das väterliche Haus verließ, die einzigen, die fie damals beſaß, und bemühte ſich, ſie, mehr als ſie es vermochte, artig herzurichten, und bei allen dieſen Vor⸗ richtungen war ſie ſehr beſorgt, kein Geräuſch zu ma⸗ chen, indem ſie beſtändig fürchtete, ſie möchte gehört und entdeckt werden. Endlich hörte ſie Menſchentritte auf der Straße, ſie ſtrengte ihr Gehör an, und hielt den Athem zurück. Die Schritte nähern ſich, gehen durch einen Zaun und kommen auf ſie zu, die Dunkelheit hin⸗ 308 vert ſie, zu unterſcheiden, wer ſich bewege, aber bald hört ſie die Stimme von Fanfulla ſagen: „Sei gutes Muths, Frau, da iſt er in Perſon.“ Das Mädchen wollte ſich erheben, aber die Kräſte verſagten ihr, ſie fiel auf die Knie und ſagte:—„O mein Troilo, ich habe dich wieder geſehen, eh' ich ſterbe.“ Der Jüngling hob ſie vom Boden auf und drückte ſie mit ſo zärtlichen, leidenſchaftlichen Worten an ſeine Bruſt, daß Liſa beinah' in ſeinen Armen unmächtig wurde. Da wir das Innere desjenigen, der ſie vor⸗ brachte, kennen, ſo haben wir nicht den Muth, dieſe Worte wieder zu geben. Der gute Fanfulla rieb ſich während dieſen Vor⸗ 8 die Augenlieder mit der rauhen Hand und agte: „Mag man immerhin ſehen, daß ich anfange zu weinen.“ So ging der erſte Augenblick vorüber, Troilo legte ſich das Kind an den Hals und machte ihm tau⸗ ſend Liebkoſungen, während Liſa, indem ſie ſich an dem Arm des Jünglings hielt und an ihn anſchmiegte, zu ihm ſagte: „Und ich konnte mich fürchten, du würdeſt mich ſchelten, daß ich ſo bei Nacht komme mit dieſem Kind, ich Verkehrte, ich hätte dich doch kennen ſollen? Verzeih' mir, mein Troilo, daß ich dir dieſes Unrecht gethan habe. Wir haben uns gefunden, es gibt kein Unglück mehr für Deine arme Rſa, Alles iſt vergeſſen, es war Zeit, ich habe ſo viel gelitten, weißt du, ich will es Dir ſpäter erzählen, aber jetzt denke ich nicht mehr daran.“ Und unter dieſen Worten machten ſich alle drei uf den Weg, um zurückzukehren, und Liſa fuhr mit eiſerer Stimme fort: „Nein, ich denke nicht mehr daran, denn die Seele verändert ſich in einem Augenblick, aber das 309 Geſicht, das iſt etwas Anderes, das der armen Liſa gefiel Dir einſt, o wie verſchieden wird es Dir vorkom⸗ men? Erſchrick nicht mein Troilo, ſieh jetzt mein Herz an, das zufrieden iſt, mein Geſicht wird in kurzer Zeit wiever ſo werden, wie früher, habe nur noch ein paar Tage Geduld und wenn ich mich wieder erholt haben werde, wenn es dann Gott gefällt, daß du mich noch ſchön findeſt, dann will ich zu Dir ſagen: Alles das iſt Dein Werk, mein Lieber! O ich Arme, daran denken müſ⸗ ſen, daß Du mir jetzt ins Geſicht ſiehſt!. „Pah, was ſind das für Träume,“ erwiederte Troilo lächelnd,„Du thuſt mir Unrecht, und wenn Du dieſe Gedanken nicht verbannſt, ſo werde ich zornig werden.“ Die arme Liſa, bebend, Etwas zu ſagen, was ihn beleidigen könnte, ſchwieg einen Augenblick, und ſich an ſeinen Arm ſchmiegend, fügte ſie nur noch hinzu:„Du haſt zu ſehr Recht, und ich bin eine Thörin, dir zu mißtrauen.“ Indeſſen kamen ſie an das Landhaus. Inzwiſchen hatte Baccio, durch den kurz vorher er⸗ folgten Vorgang mit Bindo ermahnt, die Schritte Troilos im Auge zu haben, ihn bei dieſem zweiten Ausgang nicht aus dem Geſicht verloren. Sie fanden ihn halbwegs, er näherte ſich ihnen, ohne daß er Liſa und Fanfulla zu kennen, oder ſich um ſie zu bekümmern ſchien, und ſagte zu Troilo: „Haltet einen Augenblick, denn ich habe Euch etwas Wichtiges zu ſagen.“ Troilo ſagte leiſe zu dem Mädchen:„Dieſer hier iſt der Bevollmächtigte des Pabſtes, Du wirſt doch nicht wollen, daß er Verdacht ſchöpft, wer Du ſeiſt, denn er hegt großen Haß gegen die Piagnonen und die, die mit ihnen zu thun haben. Bemühe dich alſo auf die Seite, Du und dieſer ehrliche Mann und war⸗ tet auf mich, ſo lange, bis ich ein Wort mit ihm ge⸗ ſprochen habe.“ Liſa machte ſich gehorſam von ſeinen Armen los und begab ſich langſam nach dem dunkelſten Theil der Straße hin. Troilo näherte ſich Valori und dieſer ſagte zu ihm voll Freude: „Iſt es Liſa?“ „Sie iſt es.“ „Nun alſo“ erwiederte Baccio,„wiſſe, daß um Deiner Abreiſe vom Lager einen beſſern Anſtrich zu geben, ich Etwas ausgedacht habe, und es ſcheint mir nichts Schlech⸗ tes. Genug, da iſt nicht Zeit, ſich in viel Reden ein⸗ zulaſſen, es war da eben dein Bedienter da, finde ein Mittel, ſie mit ihm in deine Wohnung zu ſchicken und du bleibe da; wir wollen uns unterreden.“ Troilo wendete ſich zu Liſa und ſagte zu ihr: „Aus einem ſehr wichtigen Grunde kann ich nicht mit Dir kommen, gehe mit dem Mann, den ich Dir gleich ſenden werde und fürchte Dich nicht. Wenn Dir Etwas zuſtößt, befiehl ihm und er wird Dich mit Allem verſorgen. Lebe wohl, Liſa, ſei gutes Muths, ich werde nicht lange ſäumen, wieder zu Dir zu kommen.“ Unter dieſen Worten hatte er ſie verlaſſen und traf auf ſeinen Diener mit Namen Michele, eben den, wel⸗ cher, als Prieſter gekleidet, ihm geholfen hatte, ſeine verſtellte Ehe zu ſchließen, und befahl ihm, Liſa in den Thurm del Gallo zu führen, wo er wohnte, und ſie mit Allem zu bedienen, was ſie im erſten Augenblick bedürfen möchte. Der Bediente ſagte:„Gebt wohl Acht, Herr, daß ſie mich nicht wieder erkennt.“ „Ei, das iſt nicht zu fürchten,“ erwiederte Troilo, „erſtens war ſie an jenem Morgen ſo beſtürzt, daß ſie Dir sar nicht ins Geſicht geſehen hat, zweitens iſt ſo viel Zeit vorüber gegangen und in einer ſo verſchiede⸗ nen Kleidung, mit dem großen Bart, den Du Dir haſt wachſen laſſen, wird Dich auch der Teufel nicht wieder erkennen. O geh, geh nur, es iſt Nichts zu fürchten, wenn Du mit ihr ſprichſt, ſo ſorge vor Allem — dafür, ihr ſo viel Gewäſch vorzuſchwätzen, als Dir in den Kopf kommt, um ſie ſicher zu machen, daß ich Nichts denke, Richts gedacht habe und Nichts denken werde, als an fie.“ „Ich habe verſtanden, kurz, ich muß es mit die⸗ ſer machen, wie man es mit allen euren anderen Lieb⸗ chen macht.“ „Gerade ſo.“ Der Bediente ſetzte ſich in Bewegung und ſein ſchurkiſcher Herr begab ſich wieder zu Valori, und in den Sal zurück gekehrt, an das Feuer. Baccio ſagte: „Höre mich jetzt wohl an, denn wenn Du Dich nunmehr zu benehmen weißt, ſo kann die Sache nicht fehlen, ich habe überlegt, daß wenn Du mit Liſa nach Florenz gehſt, Du dadurch nicht den Eintritt in das Haus Niccolo's erlangſt. Du mußt ein Verdienſt um ihn haben. Zu dieſem Zweck wird uns Bindo vor⸗ trefflich dienen.“. Und hier enthüllte er ihm den neuen Betrug, den er ausgedacht hatte, welchen, da der Leſer in kurzem die Ausführung davon ſehen ſoll, überflüſſig wäre, jetzt zu beſprechen. Sie vereinigten ſich dann, über die Zeichen, welche Troilo von den Dächern des Hauſes des Herrn Benedetto de Nobili geben könnte, über die Ziffer, deren er ſich bedienen ſollte, wenn es ſich zuträfe, durch Briefe in Verbindung zu treten, ſie ſetzten den Ort feſt, wo dieſe gelaſſen werden ſollten und von Männern ab⸗ geholt, welche einander nie begegnen durſten, und auf dieſe Weiſe hatte der Briefwechſel den großen Vortheil, daß, wenn einer der Boten in feindliche Hände fiel, er auch, wenn er wollte, nicht entdecken konnte, wer ihn geſchickt habe. Baccio fügte dann noch Rath⸗ ſchläge und Verhaltungsregeln und unter anderm er⸗ mahnte er ihn, ſich ſehr um die Mönche von Sanct Marco zu bekümmern, und es mit ihnen, ſo ſehr er vermöchte, zu halten, indem er glaubte, wie es auch 3¹2 wirklich war, daß dieſe auf die Sesle Niccolo's großen Einfluß hätten. „Ich will Dir einen kleinen Brief an den Nobili mitgeben, den Du in die Wäſche nähen kannſt, oder leicht anders wohin verbergen. Wohlan alſo, Troilo, zeige Dich als tapfern Mann, gehe hin im Namen Gottes, denn, wenn ich daran denke, welchen großen Gewinn Du mit ſo wenig Mühe machen wirſt, beneide ich Dich wahrhaftig. „Bald werden wir uns im Thurm del Gallo wie⸗ der ſehen, ich werde Dir Geld bringen, welches hin⸗ reichen ſoll für Deinen Unterhalt, ſo lang Du dort biſt, indeſſen benimm Dich gut mit der Frau, unier⸗ halte ſie mit Vergnügen, denn dieſes Vergnügen wird ihr theuer zu ſtehen kommen und ich gehöre nicht zu den ſchlechten Menſchen, die ſich freuen, Leiden zu verurſachen, ohne irgend einen Nutzen.“ Troilo mußte ſich in ſeinem Innern ſagen: Du biſt der große Schurke. Er ſtand auf, ſagte Valori Lebe⸗ wohl, nahm von dem Prinzen Abſchied und begab ſich in ſein Quartier, indem er auf dem Wege überdachte, wie gut der neue Betrug, den ihm Valori mitgetheilt hatte, ausgedacht ſei und für ihn die ebrerbietige Be⸗ wunderung fühlte, welche die Schelme für den empfin⸗ den, welche größere Schelme ſind, als ſie. 7 * Achtzehntes Kapitel. Die Hügel, welche Florenz von der Mittagsſeite beherrſchen, erſtrecken ſich mit ihrem Fuß in den Um⸗ kreis der Mauern hinein, ſo daß von der Straße — 1 . ————— de Bardi am Thor St. Giorgio die Stadt ſich faſt wie ein Amphitheater erhebt. Außerhalb dieſes Landſtrichs ſteigt die Anhöhe ſtufenweis empor, reich an Oliven⸗ gärten, Weinbergen und vielen zerſtreuten Häuſern, auf der halben Höhe liegt Giramonte und auf der Kuppe der Bergſpitze, von wo man in das Thal Ema hinabſteigt, ſteht der Thurm del Gallo, wo der Graf Piermaria Diſanſecondo ſein Quartier hatte, und wo auch Troilo wohnte. Dieſes Gebäude beſteht nicht nur in einem Thurm, wie ſein Name anzudeuten ſcheint. Es erhebt ſich in Form eines rechteckigen Vierecks mit einem Hof, der mit einer Halle umgehen iſt. Der Thurm, zwei Mal ſo hoch, als das übrige Gebäude, iſt ſehr ausge⸗ dehnt, auf der Spitze iſt eine Terraſſe mit Zinnen aus⸗ gerüſtet, wo ſich eine Stange befindet mit einer eiſer⸗ nen Wetterfahne, die die Geſtalt eines Hahns hat. Zu der Zeit unſerer Erzählung war der Weg, über welchen man über die Gegend von Giullari her⸗ kam, von zwei Reihen Cypreſſen umſchloſſen, durch welche Liſa und Fanfulla einhergingen, geführt von Michele, der mit einer Laterne den Weg beleuchtete. Als ſie in dem Hauſe und in dem Gemach, wo Troilo ſchlief, an⸗ gekommen waren, ſagte der Bediente: „Gnädige Frau, mein Herr hat mir befohlen, daß ich in allem Euern Willen thun ſoll. Früher kam das nicht vor, ich, der ich ihm Tag und Nacht nahe ſtehe, ich weiß recht wohl.. ſogar, wenn er ſchläft, ſeht Ihr, hat er immer Euern Namen im Munde.. noch geſtern Nacht, ohne weiter darauf einzugehen, habe ich ihn gehört, ich glaubte, er träumte, und er rief:„ich will meine Liſa! wenn ich ſie nicht wieder finde, muß ich unfehlbar ſterben.“ Es läßt ſich leicht denken, wie ſüß die Reden die⸗ ſes Betrügers dem Herzen des Mädchens klangen. Trotz des weiten Wegs und der ausgeſtandenen Müh⸗ ſeligkeiten glaubte ſie nun keine Müdigkeit mehr zu 314 fühlen, und während ſie mit dem Kind am Hals, das auf ihrer Schulter ſchlief, in den Gemächern herum⸗ ging und die große Unordnung betrachtete, die darin war, ſagte ſie lächelnd zu Fanfulla: „Man fieht wohl, daß keine Frauenzimmer da find; ſeht her, der Arme hat ein Bett, kein Hund möchte darauf ſchlafen. Und während ſie dieſe Worte ſagte, gab ſie Fanſulla das Kind und begann ſorgſam die Bettdecken zurecht zu machen, die Betttücher über⸗ zuſchlagen, dafür zu ſorgen, daß ſie gleich im Eben⸗ maß von allen Seiten herabhingen, mit der unſtreiti⸗ gen Ueberlegenheit, welche Frauen bei ſolchen Gelegen⸗ heiten eigen iſt. Als ſie das Bett nach ihrer Art ge⸗ macht hatte, ging ſie an das Uebrige im Zimmer, worunter mehrere Stühle und ein Tiſch waren, bela⸗ den mit Wäſche, Kleidern, Handſchuhen und andern Dingen, wovon viel auf die Erde gefallen war. Nur die Waffen hingen ganz zuſammen geordnet, polirt und glänzend an der Wand. Auf dem Tiſch war eine Art kleines Felleiſen, halb offen. Liſa dachte zum Glück nicht daran, weder es zu berühren noch nachzuforſchen, was es enthalte, ſie hätte vielleicht in demſelben Stoff zu gewichtigen Einwürfen gegen die Worte gefunden, die ſie ſo eben erſt von dem Bedienten gehört hatte. Als ſie mit dem Ordnen fertig war, and das Kind ins Bett gelegt hatte, ſagte ſie, indem fie es ru⸗ hig ſchlafen ſah: „O ſeht, Fanfulla, ob hier nicht wtrklich die Füh⸗ rung Gottes iſt; geſtern Nacht war es nahe daran, zu ſterben, und heute Abend, trotz aller Mühſeligkeit und Kälte dieſes Weges, ſieht es aus, als hätte ihm nie etwas gefehlt!“ Seit wie langer Zeit ſagte mir mein Herz, daß, wenn ich hieher komme, alle meine Leiden geendet ſein werden!“ Die Fortſetzung dieſer Geſchichte wird zeigen, wie ſchön es ſei, ſich auf dieſes geſegnete Herz zu verlaſ⸗ ſen, das jedoch die Meiſten, und die Frauen mehr als — 315 Alle, wie einen unfehlbaren Rath und Prophetin, an⸗ hören. Unterdeſſen war Troilo, nachdem er ſich von Va⸗ lori losgemacht, ſchleunig nach Hauſe gekommen, wo er mit ſolcher Sehnſucht erwartet wurde; er warf Hut und Stock auf einen Seſſel, athmete frei auf und ſagte mit großer Freude: „Endlich bin ich da bei Dir, und ſo wahr Gott lebt, da ſoll mich weder Bevollmächtigter, noch Prinz⸗ noch irgend Jemand ſtören, aber wie ich ſehe,“ und er warf einen Blick umher,„iſt es leicht zu bemerken, daß ich nicht mehr in der Willkühr dieſes unnützen Mi⸗ chele ſtehe, der mir dieſes Zimmer wie einen Stall hält. Meine Liſa, Du biſt Dir immer gleich, immer liebevoll, immer ein kleiner Engel!“ Dann nahm er ſie bei der Hand und ſah ihr ſtarr ins Geſicht, das durch die vielen Gemüthsbewegungen dieſes Abends aufgedunſen und nicht ſo abgezehrt und geſchunden ſchien, als es wirklich war, und ſogte zu ihr: „Gut, meine Liſa, Du haſt mich täuſchen wollen, iſt dieſes das Geſicht, das ſo dürr und häßlich ſein ſollte? Ein bischen mager biſt Du geworden, aber Du wirſt Dich von jedem Kummer erholen.“ „O, mein Lieber,“ ſagte ſie außer ſich,„iſt es denn wahr, find wir wirklich wieder vereinigt? Es kommt mir vor wie ein Traum, ich glaube manchen Augen⸗ blick, ich ſei närriſch. Wenn es ein Traum wäre, v ich Arme, wenn ich erwachte.“ Dann eryob ſie ſich, führte Troilo an das Bett und fügte hinzu: „Sieh unſer armer Arriguccio, dieſes leidende Geſchöpf mit den Knöchlein, die man durch die Haut durch fieht, Du dachteſt Dir ihn ſchöner und größer, nicht wahr? O, ich habe mich ſehr bemüht, ihn am Leben zu erhalten, aber ich hatte keine Milch mehr. O, wie viele Tage, wie viele Nächte habe ich zugebracht, ich werde Dir alles erzählen, aber nun will ich nur an 3¹6 die Gegenwart venken, das Vergangene iſt vergangen und für immer.“ Fanfulla hatte ſich bis dahin, um dieſe erſten Au⸗ genblicke nicht zu ſtören, die er für beide gleich ſüß glaubte, in Entfernung gehalten; indeſſen erſchien Mi⸗ chele mit ein wenig Nachteſſen, alle drei ſetzten ſich nieder und aßen vergnügt. Troilo wendete ſich nun zu demjenigen, welcher ſeine Frau begleitet hatie und der nach ſeinem kühnen Geſicht, ſeiner Rede und den Narben, die ihn zeichneten, ihm ein ganz anderer Mann ſchien, als welchen ihn die Lumpen, mit denen er bekleidet war, bezeichneten. Er ſagte zu ihm: „Ich habe noch nicht Zeit gehabt, Euch den Dank zu erkennen zu geben, den Eure Artigkeit gegen meine Liſa verdient.... „O mein Troilo,“ unterbrach ſie ihn,„er hat ſo viel für mich gethan, daß, wenn ich ihm mein Blut geben würde, ich ihn nicht dafür bezahlen könnte.“ „Wißt, gnädige Frau,“ unterbrach ſie Fanfulla, daß in meinem ganzen Leben, ſo alt ich auch bin, ich noch kein größeres Vergnügen hatte, als das ich die⸗ ſen Abend empfinde, Euch zuftieden und an einen fichern Ort mit Euerm Manne gebract zu ſehen. O, was zum Teufel kommt Euch in den Sinn, von Ar⸗ tigkeit, von Bezahlung zu ſprechen? Solche Mährchen ſind nichts für mich, das iſt Etwas für Buhlerinnen. Das erſtemal, wenn Euch wieder etwas begegnet, dürft Ihr mir nur ſagen: ich habe Deine Haut nöthig; das wird mir Belohnung genug ſein.“ Troilo war im Begriff, auf dieſe Worte zu ant⸗ worten und dachte gerade auf eine ſchickliche Art zu fragen, wer er ſei, denn er war ſehr neugierig, es zu erfahren, aber Michele kam ganz keuchend in das Gemach, indem er die Trippen im Lauf heraufgeſprun⸗ gen war, und ſagte: „Herr Troilo, der Herr Bevollmächzigte iſt da, er will zu Euch und ſteigt zu Euch herauf.“ Der Jüng⸗ 3 ling ſtellie ſich verwundert und wendete ſich auf dem Seſſel ungeduldig und ſagte: „Es iſt doch verwünſcht, daß ich keinen Augen⸗ blick mich in Ruhe freuen kann, es iſt doch recht lang⸗ weilig, auf, leuchte ihm und laß ihn hereintreten.“ Dann zu ſeinen Tiſchgenoſſen gewendet, fuhr er fort; „Das wird wieder wegen irgend eines Unglücks ſein, daran fehlt es nie. Geht alle Beide in dieſe kleine Kammer und gebt Acht, daß man Euch nichi hört; wenn er Euch unglückticherweiſe ſehen würde, wird er wiſſen wollen, was Ihr ſeid, und wenn ich mit ihm allein vin, kann ich mich bälder von ihm los machen.“ Fanfulla und Liſa erhoben ſich eilig, nahmen ein und zogen ſich in ein anſtoßendes Zimmerchen zurück. Kurz darau trat Baccio ein, und während Troilo ihm ſeine Verbeugung machte, ſagte er mit lauter Stimme zu ihm:„Welches Geſchäft führt Euch da⸗ her zu dieſer Stunde?“ Durch einen Wink mit dem Auge und mit der Hand zeigte er ihm, daß Liſa in dem Kämmerchen war. Baccio antwortete mit einem Blick, ſetzte ſich und fing an zu ſprechen, indem er ſich bemühte, laut ge⸗ nug zu ſprechen, um von ihr gehört werden zu kön⸗ nen. Damit die Hauptſache, die er von dem Mäd⸗ chen gehört wiſſen wollte, nur zufällig vorgebracht zu ſein ſcheine, und als wenn ein Ereigniß von geringer Wichtigkeit erzählt würde, ſagte er zu Troilo, der Prinz habe ihm aufgetragen⸗ ihm ein wichtiges Ge⸗ ſchäft anzuvertrauen, das ſehr geheim gehalten werden müſſe, er wolle ihm jetzt nichts Anderes ſagen, aber er ſolle ſich am nächſten Morgen bewaffnet zu Pferv auf dem Markt in der Ebene von Giullari einfinden, und er werde zu einer Unternehmung ausgeſchickt wer⸗ den, welche, wenn ſie glücklich für ihn ausfalle, ihm nützlich wäre; dann gab er noch viele Liebkoſungen und gute Worte hinzu, ſagte ihm, er ſei ſehr weit in der — 318 Cunſt des Prinzen vorgeſchritten, und wenn er ſie zu behalten wiſſt, werde er ſehr große Ehre und Nutzen davon haben. Dann ging er zu andern müßigſcheinen⸗ den Geſprächen über und ſagte, als wenn er ſich auf einmal erſt darauf beſinnen würde: „Ei, bei Gelegenheit, weißt Du, der junge Menſch vom heutigen Abend, derſelbe, den ich vom Galgen gerettet habe Deinetwegen, und der mir deßhalb nicht gram iſt, es iſt ihm aber nicht zu helfen.. was heute Abend nicht geſchehen iſt, ſoll morgen Statt finden.“ „Wie?“ ſagte Troilo. „Was willſt Du? Der Prinz hat, ich weiß nicht, von wem, die Sache erfahren und ſagt, man dürfe dieſe Mordthaten nicht dulden.. um ſo mehr, weil ſie ihm geſagt haben, daß er der Sohn eines Piag⸗ none, dieſes Niccolo de Lapi iſt... Bei dieſer Rede hörte man einen erſtickten Schrei im anſtoßenden Zim⸗ mer) Dieſer Raſende, hat er befohlen, ſoll morgen aufgehangen werden, und wenn er einmal geſagt hat: ich will! dann weißt Du ſchon, iſt Alles vergeblich. In einer Beziehung hat er Recht; wenn man die Frechheit dieſes Menſchen nicht beſtrafen würde, ſo würden wir unſer Leben beſtändig gegen dieſe Verräther zu ſchützen haben. Da nun das Gefängniß da unten in der Nähe des Landhauſes voll iſt, ſo iſt der junge Menſch in dieſen Thurm geführt worden, und für dieſe Nacht in dem Gewölbe im Erdgeſchoß eingeſchloſſen. Troilo bat nun Valori ſehr dringend, für ihn Fürbitte einzulegen und Mittel zu finden, ihn zu retten. „Höre mich an,“ erwiederte Baccio,„langſam, langſam, Du wirſt mit dem Kopf gegen die Mauer rennen. Aber, wenn Du mir Gehör geben willſt, ſo miſche Dich nicht in dieſe Angelegenheit, denn ein ſol⸗ cher Antheil an dem Sohn eines Piagnonen kommt mir nicht ſehr gut vor. Ich will Dir wohl, und will 319 deßhalb Nichts davon ſagen, aber denk an das, was Du thuſt, Troilo!“ So ſprechend, erhob er ſich, ging mit ihm hinaus und ſtieg die Treppen hinab. Als ſie weit genug wa⸗ ren, um von Liſa nicht mehr gehört werden zu können, brachen ſie in ein Gelächter aus, und Baccio ſagte: „Haſt Du den Schrei gehört, als ich ſagte: Niccolo de Lapi? Ich habe die Mine recht angelegt. Nun wohl, da haſt Du hundert Goldſtücke und den Brief, ſei über⸗ zeugt, daß er Dir nützlich iſt; ich habe ſchon ein Wort mit dem Grafen Piermaria geſprochen, der ſeinen Leu⸗ ten ſagen wird, daß ſie Dir in Allem zu gehorchen haben, bereite Dich zu dieſer ſchweren Unternehmung, würdig eines Kämpen der Tafelrunde, und Du wirft zu Niccolo ſagen können: da iſt Euer Sohn, befreit durch die Kraft meines tapfern Arms. Ein beſſeres Ge⸗ leit wirſt Du nicht haben können.... Wiſſe mir Dank dafür und lebe wohl.“ Troilo fand, als er in ſein Gemach wieder hinauf ſtieg, Liſa ganz außer ſich und in Thränen; ſie warf ſich ihm an den Hals und rief: „O mein Gott, mein Gott, was habe ich gehört, einer von meinen Brüdern iſt hier und man will ihn hinrichten, v ſage mir geſchwind, wer iſt es, wie, aus welchem Grunde aber, welcher iſt es von meinen Brüdern?“ „Bindo iſt es,“ erwiederte Troilo, indem er ſich ebenfalls ſehr beunruhigt ſtellte,„nur zu wohl iſt es Bindo.. der gute Junge! es iſt Alles geſchehen, weil er Dich zu ſehr liebte... und doch verzeih ich ihm und möchte ihn retten, koſte es auch.. Und dann ſchlug er ſich mit der Fauſt auf die Stirne, wie ein Verzweifelter, und erzählte Liſa das ganze Ereigniß und fügte hinzu: „Ich habe Dir Nichts geſagt, erſtlich, weil keine Zeit dazu war, dann hielt ich ihn für gerettet und hoffte ihn morgen frei nach Florenz ſchicken zu können, 320 aber wie läßt ſich nun helfen? O mein Gott, mein Gott, welche ſchreckliche Sache!“ und mit den Händen in den Haaren raufend, gab er ſich neuem Wüthen hin. „Wie ſich helfen läßt?“ rief Liſa in Verzweiflung, „aber wie kann man helfen?.. es findet ſich ein Weg es gibt ja ſo viele... aber verftehſt Du denn nicht, daß Bindo nicht ſo ſterben darf.. daß es gar zu ab⸗ ſcheulich wäre, um meinetwillen.... ſein Blut fiele auf mein Haupt. auf das Deine... auf das Haupt die⸗ ſes armen Kindes, welches da iſt. aber es iſt nicht wahr, daß es kein Mittel gibt... O ja, Troilo, ſage mir, es gibt eines.. Du haſt es gefunden. ihr ſeid zwei Männer und da bin ich.. ich allein will für drei handeln o, aber es iſt zu viel. ſoll ich auf der Seele noch das Blut dieſes Kindes haben?. es iſt zu viel, es iſt zu viel. „Beruhige Dich um Gottes willen!“ ſagte Troilo und umarmte ſie. „Beruhigt Euch,“ ſagte Fanfulla,„denn mit die⸗ ſem Raſen werdet Ihr wenig ausrichten wir wollen nachdenken, und vielleicht, ich habe mich ſchon ſchlim⸗ mer in der Klemme befunden— aber ſeht, mit Schreien richtet man Richts aus.“ „Ich ſchreie nicht,“ erwiederte das Mädchen ganz bebend,„ſeht, ich bin ganz ruhig, ich gehorche Euch, ſagt ihr mir, was ich thun ſoll, aber rettet mir Bindo! Nicht wahr, ihr habt ein Mittel gefunden?.. O wenn Ihr wüßtet, eine arme Frau, die ſchon von ſo großer Reue gequält iſt, und nun ſoll ich auch dieſen Mord auf der Seele haben. O, ſprecht doch einmal, Ihr habt kein Herz, ihr habt kein Mitleid... Troilo hatte ſich geſetzt, das Haupt zwiſchen den Händen, auf einmal ſprang er auf die Füße, nahm Liſa am Arm und ſagte entſchloſſen: „Ja, bei Gott, es gibt ein Mittel.. ein einziges und es iſt nöthig, es anzuwenden. Liſa, ich opfere Dir mehr, als das Leben. Heute Nacht um drei Uhr, ——————,—— wenn Alle ſchlafen, bleibt nur ein Mann zur Wache am Thor, ich weiß das Zimmer desjenigen, welcher die Schlüſſel zum Gefängniſſe hat. mit dieſem Dolche tödte ich ihn, dem Andern thue ich das Nämliche, wenn es mir glückt, und es kann nicht fehlen, ſo ſind wir morgen alle gerettet in Florenz.“ Liſa konnte nicht ſprechen, aber ſie warf ſich ihm in die Arme, drückte und küßte ihn an Bruſt und Ge⸗ ſicht, wohin ſie kam. Als fſie ſich beruhigt hatte, ließ Troilo ſie neben ſich ſitzen und fuhr dann fort: „Seit längerer Zeit fühlte ich mich gedrungen, dieſes Lager zu verlaſſen. Meine Voreltern waren Alle Palleschen und auch ich war einer, ich kam in dieſen Krieg, um den Medici zu dienen, aber ich dachte nie daran, wie es ſich ſeither gezeigt hat, daß dieſer Baſtard des Pabſtes auf den völligen Sturz unſeres Vaterlandes ausgehe; es iſt gerade nicht die Zeit, Dir bis in's Einzelne meine Zweifel, mein Schwanken aus⸗ zumalen, wie groß in mir der Kampf zwiſchen der Parteiliebe auf einer Seite und zwiſchen ber Liebe zu Dir und der Stadt auf der andern war. Ich ſage Dir nur dieſes, daß ich mich völlig entſchloſſen habe, für Florenz und nicht gegen daſſelbe zu kämpfen, und ich halte gerade die jetzige Gelegenheit für eine Schickung Gottes, um mir den letzten Antrieb zu geben.“ „O ſage Nichts weiter, mein Troilo, ich kann mich in einer ſo großen Freude nicht faſſen. Was wird der Vater ſagen können, wenn er dieſen Deinen Vorſatz erfährt? O mein Gott, das iſt ein zu großes Glück.. und der arme vom Großvater Verjagte, der weder Haus noch Obdach mehr hatte!.. das iſt Dein Werk, großer, preiswürdiger Gott, ich verdiente ein ſolches Glück nicht.“ „Nun,“ ſagte Fanfulla,„da Alles einen guten Gang geht, wollen wir die Zeit nicht mit Raſen und Frohlocken vergeuden und an die Ausführung denken.“ Nieccolo de'Lapi. 1. 21 322 „Ja, ja,“ ſagte Liſa und fügte, ſich zu Troilo wendend, ganz zufrieden hinzu:„Weißt Du, wenn man Hand anlegen muß, uns zu retten? Dieſer da, der Dir in ſeinem breiten Ueberrock wie ein Landſtrei⸗ cher vorkommt(und ſie klopſte Fanfulla mit der Hand auf die Schulter) dieſer, ſieh nur, wird ſich auch dabei Mühe zu geben wiſſen.“ Und ſeine Kleider auf der Bruſt anseinanderſchlagend, enthüllte ſie das Panzer⸗ hemd, mit dem er bewaffnet war. Troilo betrachtete ihn mit Bewunderung und ſie ſagte: „Soll ich Dir ſagen, wer er iſt? Niemand gerin⸗ geres, als Fanfulla de Lodi, einer von den Dreizehn bei Barletta und der Tapferſte von Allen.“ „Ihr erweist mir zu viel Ehre, gnädige Frau!“ „Was hältſt Du davon, habe ich gute Geſellſchaft gehabt, hieher zu kommen?“ Troilo hatte den Fanfulla als einen der wagehalſig⸗ ſien Teufel nennen hören, den es vamals unter den Sol⸗ daten gab, und war recht wohl mit dem ganzen Her⸗ gang bei Barletta bekannt, er fillte ſich daher ſehr zufrieden damit, ihn kennen zu lernen und eine ſo tüch⸗ tige Hülſe zu haben, in ſeinem Innern aber dachte er, „das iſt ſehr ärgerlich.“ Vorher, ſo lange er nicht wußte, wer er ſei und ihn für irgend einen Krämer aus Florenz hielt, hatte er ſich vorgenommen, ihn mit ſich zu der verſtellten Ermordung des Kerkerm iſters zu neh⸗ men, und dachte, er wird furchtſam dahinten bleiben und wenn er fieht, daß ich den Dolch führe, wird er er⸗ zählen, ich hätte ihn wirklich ermordet und man wird mir um ſo beſſer glauben, er und alle die, welche in Florenz dieſe Geſchichte erzählen hören. Nun da er wußte, wer er war, ſagte er: wenn ich ihn mitnehme, iſt er im Stande, mir die ganze Thorwache in Stücke zu hauen, es mag daraus kommen, was will. Als daher Fanfulla, immer mehr aufgerichtet durch die Freundlichkeit Liſa's und zufrieden, etwas in ſeinem Handwerk zu thun zu bekommen, ſägte: 323 „Herr Troilo, wenn es auch keine ſehr lobens⸗ würdige Handlung iſt, Einem Eines zu verſetzen, der nicht darauf gefaßt iſt, ſo will ich Euch auch doch in dieſem Fall, der nicht zu den gewöhnlichen gehört, einen dieſer Schurken niedermachen helfen oder auch alle beide.—“ Da dankte ihm Troilo und ſagte ihm, es ſei nicht klug, wenn mehr als einer an dieſe That gehe, welche ganz davon abhing, daß ſie nicht gehört würden, deß⸗ halb möchte er ihm allein das Geſchäft überlaſſen, da er die Gelegenheit des Hauſes kenne, und für das Ueb⸗ rige ſollten ſie nicht fürchten. Es war eine Stunde nach Mitternacht, und gegen drei Uhr hatten ſie ſich entſchloſſen, Hand ans Werk zu legen, auch indeſſen berechnet, daß ſie gegen Tagesan⸗ bruch ſchon ſehr weit vom Lager entfernt ſein könnten. Troilo, welcher auf Alles, was geſchehen konnte, wenn die Sache ihren richtigen Gang haben ſollte, zu denken hatte, überredete Liſa, ſich aufs Bett zu werfen und die kurze Zeit, die übrig blieb, auszuruhen. Das Mädchen fühlte ſich deſſen ſehr bedürftig und willigte ein. Als ſie ſich niedergelegt hatte, bedeckte ſie Troilo mit ſeinem Mantel und ging hinaus, indem er ver⸗ ſprach, ſo ſchnell er könne, wiederzukehren, und bei⸗ fügte, ſie ſollte nicht ängſtlich werden, wenn er zögern würde, denn unfehlbar werde er zu der beſtimmten Stunde kommen, ſie zu wecken.. Es iſt doch ein großes Glück, daß es dem Men⸗ ſchen verwehrt iſt, die Zukunft kennen zu lernen. Die wenigen glücklichen Augenblicke, die wir von Zeit zu Zeit genießen, und die uns die Schmerzen des Lebens ertragen helfen, wären verloren oder wenigſtens auf eine ſehr kleine Zahl beſchränkt. Die arme Liſa, welche nach ſo vielem Leiden mit ihrem Kind auf dem Bett ihres Gatten ruhte, den ſie gefürchtet hatte nicht mehr wieder zu ſehen, odet, wenn ſie ihn wieder ſehen würde, von ihm zurück gewieſen zu werden, welche ſich der 324 unverhofften Freude hingab, ihn nicht nur liebevoll und treu wieder zu finden, ſondern auch ihn entſchloſ⸗ ſen zu ſehen, die Partei zu verlaſſen, durch welche er immer ihrem Vater und der Stadt feindlich geblieben wäre, hätte Liſa in der Zukunft leſen können, das Herz deſſen kennen, der jetzt für ſie die Quelle ſo großer Wonne war, ſie hätte ſich aus dieſem Bette, wie aus einem Neſt von Schlangen heraus geſtürzt, und auch dieſe geringe Erquickung, dieſe kurze Ruhe wäre der Unglücklichen verſagt geweſen, welcher noch ſo viel zu leiden übrig blieb. Statt deſſen fühlte ſie, die Zukunft nicht ahnend, endlich nach ſo großen Stürmen eine heitere und ver⸗ trauende Ruhe in ihrem Herzen entſtehen, und es ſchien ihr leicht, ſo wie ſie nach Florenz zurück gekommen wären, die Gunſt des Vaters durch die Umwandlung Troilo's wieder zu erlangen, deren ganzes Verdienſt, wie ſie dachte, ihr zugeſchrieben werden würde. Daher hoffte ſie, auch bei Niccolo noch größere Gunſt, als vorher zu erlangen. Ihr Herz verſprach ihr alles Gute und die Arme gab ihm Gehör. Sich ganz dieſen Träumen von Glückſeligkeit überlaſſend, ſchlief ſie nach und nach ein, während Fanfulla, in der andern Ecke des Gemachs ſitzend und ihr den Rücken drehend, ſich damit beſchäftigte, Pſalmen und Predig⸗ ten herzuſagen, die von den letzten Ermahnungen des Bruders Benedetto in ſeinem Gedächtniß waren. Um den Schlaf zu überwinden, was jedoch beſchwerlich wurde, hielt er ſeinen Leib in der Schwebe, ohne ſich anzuleh⸗ nen, die Hände auf den Knien gefaltet, und ſprach zwar leiſe, aber deutlich und ſchnell; dann nach und nach wurde die Bewegung ſeiner Lippen weniger raſch, ſeine Augenlieder fielen herab, ſein Kopf und ſein Kör⸗ per beugten ſich langſam vorwärts, endlich verlor er das Gleichgewicht ganz, aber ſich bald wieder aufraf⸗ fend, nahm er ſeine frühere Haltung wieder an, und 325 bewegte die Lippen, und brachte in dieſer Abwechslung die Zeit zu, welche Troilo ganz anders anwendete. Sobald er von ſeinem Zimmer herabgeſtiegen war, ging er in das des Grafen und enthüllte ihm als einer vertrauten Perſon, welcher auch die wichtigſten Berathungen des Pabſtes und des Bevoll⸗ mächtigten nicht verborgen waren, Alles, was im Werk war, um ſeinen Gang nach Florenz in ein beſſe⸗ res Licht zu ſtellen, und bat zugleich, er möchte ihm dieſen ſeinen Vorſatz erleichtern. Der Graf hörte Alles und glaubte an dieſem Plan Nichts ausſetzen zu müſſen, einen einzigen Umſtand ausgenommen, der ihm nicht ge⸗ fallen wollte, nämlich, daß er Liſa und ihrem Beglei⸗ ter zu verſtehen gegeben, daß er zwei Menſchen tödten müſſe, und daß dieſes nicht wahr ſei, wenigſtens in Bezug auf einen und führte als Grund an, daß ſehr leicht durch irgend einen Gefangenen, oder auf eine andere Weiſe, welche es auch ſei, dieſe Begebenheit und daß Niemand dabei getödtet worden ſei, in Flo⸗ renz bekannt werden könne, und daß dieſes vielleicht Verdacht über die Aufrichtigkeit Troilo's und die Ur⸗ ſache, die ihn bewogen habe, das Lager zu verlaſſen, erregen könne. Troilo ſah ein, daß der Einwurf nicht ohne Grund war, aber er beſann ſich vergeblich, ohne ein Mittel zu können, wie er dieſem Uebelſtand abhelfen möchte. Der Graf enthob ihn dieſer Verwicklung, in⸗ dem er ihm ſagte, es befinde ſich unter ſeinen Leuten ein großer Freund des Anquillo da Piſa,*) der ihm zur Flucht geholfen habe und von dem er gewiß wiſſe, daß er ihm verſprochen habe, ihn zu rächen. Er *) Ein Offizier in den Truppen des Grafen Piermaria, der wegen eines mit demſelben gehabten Strettes nach Flo⸗ renz entfloh. In einem Gefecht gefangen, wurde er nach⸗ her von dem Grafen mit eigener Hand niedergemacht. 326 habe ſich entſchloſſen, ſeinem Sergeanten aufzutragen, ihn bei dem erſten Scharmützel niederſchießen zu laſſen, um ihn aus dem Weg zu ſchaffen, und fügte hinzu: Ohne ihn länger in Unbequemlichkeit zu ſetzen, will ich ihn Dir als Wache an das Thor ſtellen laſſen, und ſo mt die Zeit zu dem ſchneller herbei, was ich ihm ſchon im Herzen verſprochen hatte. Ein wenig früher oder ſpäter, wird für ihn ganz gleich ſein. „Wenn es ſich ſo verhält, und Euch Nichts darauf ankommt, und wenn Ihr dazu noch einen Grund habt, den Kerl aus der Welt zu ſchicken, ſo ſehe ich auch ein, daß die Sache mit mehr Wahrſcheinlichkeit vor ſich ge⸗ hen wird. Den Kerkermeiſter, welchen der Graf Pier⸗ maria nicht tödten laſſen wollte, da es ein Mann war, auf den man ſich verlaſſen konnte, ließ er rufen, und ſetzte ihn in Gegenwart des Troilo in Kenntniß, daß dieſer bei Nacht in ſein Zimmer kommen würde, we⸗ gen des Schlüſſels. Wenn er allein komme, ſoll er ihm denſelben geben und dann habe es keine Schwierigkeit (wenn— um alle mögliche Fälle vorher zu ſehen,) er einen Begleiter habe, ſo werde ſich Troilo ſtellen, als wenn er ihm einen Dolch in die Bruſt ſtoßen, und er ſolle dann niederfallen, ohne zu ſchreien, wie einer, der eine ſehr lebensgefährliche Wunde empfangen hat. Als ſie ſo übereingekommen waren, fragte Troilo den Grafen: „Kann ich Euch in Nichts in Florenz dienen? Nun, da ich Seidenhändler werde, wenn Ihr Sammetbrokat nöthig habt, laßt es mich wiſſen, Ihr werdet mir doch zu löſen geben— he, und ich werde Euch bald ſagen können, wie theuer die Elle.“ „Lebe wohl, lebe wohl Narr, aber wenn du mir in einem Pack von Seidenſtoffen den Kopf des Anquilloti ſchicken könnteſt. der mir es brächte, ſollte ein Trinkgeld haben, das ihm aus dem Elend helfen könnte. Sag' ihm einſtweilen, daß, wenn er 327 des Brodeſſens nicht überdrüſſig geworden iſt, er ſorgen ſoll, daß er mir nicht in die Hände falle.“ Troilo ging hinaus, und begab ſich in den Stall, wo ſein Pferd war, legte ihm Sattel und Zügel auf, und wickelte ihm den Huf in Lumpen ein, damit es, wenn es herausgezogen werden würde, es auf dem Pfla⸗ ſter nicht gehört werden könnte, und nachdem er ſo alles vorbereitet hatte, ging er wieder hinauf in das Zim⸗ mer und fand Liſa und Fanfulla eingeſchlafen. Er ſetzte ſich ſachte nieder und blieb ſo eine halbe Stunde. Als ihm der rechte Augenblick gekommen ſchien, weckte er den einen und die andere und ſagte:„Nun iſt es Zeit, machen wir uns bereit.“ Liſa war bald auf den Füßen, nahm das Kind und legte dem eingeſchlafenen den Buſen an den Mund, damit es nicht ſchreie, wenn es erwache. Troilo bewaffnete ſich, unterſtützt von Fanfulla, dann nahm er eine Laterne, die er mit dem Mantel be⸗ veckte und alle drei gingen auf den Fußſpitzen hinab. Als ſie unten in der Halle des Hofs angekommen wa⸗ ren, ſagte Troilo: Wartet Ihr auf mich, ich geh' nach dem Schlüſſel; Fanfulla wollte um jeden Preis mitge⸗ hen und ihm helfen und ſagte mit leiſer Stimme: ich will ihm zwei Finger an den Kragen ſetzen, die, das kann ich Euch ſagen, gleich mit ihm fertig werden ſollen, weßhalb der Jüngling immer mehr einſah, wie wichtig es ſei, allein zu gehen; und es gelang ihm nur mit großer Schwierigkeit, ſich von ſeinem nur zur eifrigen Gefähr⸗ ten loszumachen, indem er ihm ſagte: nein, nein, bleibt zurück und wenn Ihr mir helfen wollt, nachher, wenn Ihr mich zurückkommen ſehen werdet, werft ihr Euch, während ich den jungen Mann aus dem Gefängniß ziehe, auf die Wache, und laßt den erſten Hieb den letzten ſein. Er ſetzte ſich in Bewegung, ohne Antwort zu erwarten, und nach drei Minuten erſchten er wie⸗ der und hob den Arm in die Höhe, um die Schlüſſel zu zeigen. Fanfulla hatte ſich indeſſen an der Mauer 328 pin bis ganz nah an das Thor geſchlichen, wie ein Ti⸗ ger, der im Begriff iſt, ſich auf ſeine Beute zu ſtürzen, und hielt entblößt in der Hand ſein kurzes, breites, ſchweres, ſchneidendes Schwert; er befand ſich drei Schritte von dem wachhabenden Soldaten entfernt, welcher, beide Arme auf die Mündung des Gewehrs geſtützt, das Haupt zuweilen ſchlummernd ſenkte, und ſo eine Hand breit vom Hals ſehen ließ. Als Fanfulla Troilo kommen ſah, gab er ſich einen Schwung, führte einen Hieb und der Kopf des Soldaten fiel auf die eine Seite, der Rumpf auf die andere Seite. Fanſulla wiſchte das Schwert in dem Gras ab, ficckte es in die Scheide, hob das Gewehr des Todten auf die Schulter und begab ſich mit Liſa vorwärts unter die Cypreſſen, um in einem bedeckten und dunkeln Ort zu warten. Troilo war indeſſen in das Gefängniß hin⸗ abgeſtiegen und als er Bindo eingeſchlafen fand, weckte er ihn und ſagte ihm, er ſolle ihm folgen. Der Knabe, welcher geglaubt hatte, man komme, ihn zu tödten, ſetzte ſich zufrieden in Bewegung und befand ſich bald neben ſeiner Schweſter, die er mit größter Verwun⸗ derung erkannte und umarmte, und welche ihn zuerſt ermahnte, nicht zu laut zu werden, und ihm dann mit kurzen und warmen Worten das Vorgefallene und den Entſchluß des Troilo erzählte, worüber Beide, ſo weit es der Ort zugab, ſich ausnehmend freuten. Nun er⸗ ſchien Troilo mit dem Pferd an der Hand; unter Schweigen ſchlugen ſie hintereinander die Straße ein, welche nach Baroncelli führt, von wo ſie die Abſicht hatten, Bellosquardo umgehend, auf die Straße nach Piſa zu gelangen und, nachdem ſie den Arno auf der Brücke a Signa überſchritten, durch das Thor al Prato in Florenz einzugehen. WMit großer Vorſicht wandelnd und klüglich die Orte vermeidend, wo Banden von Soldaten lagen, kamen ſie ohne widrige Begegnung nach zwei Stunden Wegs auf die Straße nach Piſa. 329 Für den übrigen Weg gab es keine andere Gefahr mehr, außer einem Haufen Recognoscirender zu be⸗ gegnen, aber, wenn es Kaiſerliche waren, ſo hatte Troilo die Parole dieſer Nacht, wenn Florentiner, ſo gab ſich Fanfulla zu erkennen, und ſo waren ſie auf dieſe Weiſe gewiß, keinen Schaden zu leiden. Daher hielten ſie vergnügt und zufrieden über einen ſo guten Erfolg einen Augenblick inne, um Liſa ausruhen zu laſſen, dann machten ſie ſich auf und zogen weiter gegen Signa, dort überſchritten ſie die Brücke und kamen endlich über St. Donato bei Sonnenaufgang wohlbehalten und gerettet in Florenz an. Bindo war auf dem Weg an der Seite Liſa's gegangen, und hörte ſie ihre Unfälle und den ganzen Hergang von dieſem Abend erzählen, und es braucht nicht erſt geſagt zu werden, ob fie die Tapferkeit und Güte ihres Gatten verherrlichte, der, um das Leben ihres Bruders zu retten, nach ihrer Meinung den glänzenden Hoffnungen entſagt hatte, welche die letzten Worte Baccio's angedeutet hatten und die von die⸗ ſem Niederträchtigen bloß in der Abſicht geſagt wor⸗ den waren, das Opfer Troilo's größer und ihn ſo bei Niccolo, ſeiner Familie und der Piagnoni⸗ ſchen Partei beſſer erſcheinen zu laſſen. Der Jüng⸗ ling konnte voll Dankbarkeit gegen ſeinen Befreier nicht ſatt werden, ihn zu loben, und ſagte: Niccolo werde ohne Zweifel ſowohl für dieſen großen Dienſt, als weil er ſich dem Kampf gegen das Vaterland entzogen habe und ſtatt deſſen komme, ihm zu helfen, ihn zu Gnaden annehmen und ſo werde endlich ſo vielen Lei⸗ den ein Ende gemacht werden. Troilo, welcher errieth, von welcher Art die Reden Liſa's ſein würden und ſie für ſeine Plane ſehr nützlich erachtete, hielt ſich, um ihnen mehr Raum zu geben, hinter ihnen mit Fan⸗ fulla, dem er in langen Unterredungen zeigte, wie er bis dahin nut mit Widerwillen der Palleschiſchen Partei gefolgt ſei, dahin gezogen durch das Unglück und * 530 durch das Beiſpiel ſeiner Vorfahren, aber daß er von jetzt an ein guter Florentiner ſein wolle; und da er ſchön zu ſprechen wußte, und Fanfulla ein guter und argloſer Mann war, gelang es ihm bald, ihn ganz auf ſeine Seite zu ziehen, ſo daß er, noch ehe er einen Fuß in die Stadt geſetzt hatte, er ſich ſchon rühmen konnte, dort drei Perſonen zu haben, welche Zeugniß für ſeinen Werth, ſeine Tapferkeit und die Auf⸗ richtigkeit ſeiner politiſchen Bekehrung ablegen konnten. Als ſie durch das Thor al Pratv eingetreten waren, theilte ſich, ſobald ſie an das Ende des Borgo Ogniſ⸗ ſanti gekommen waren, die Geſellſchaft. Bindo ſchlug den Weg über Parione ein und die Andern längs des Arno. Aber bevor er ſie verließ, verſprach der Jüng⸗ ling, nachdem er Troilo gedankt und ihm geſagt hatte, daß er ihm das Leben verdanke, er wolle mit aller Mühe und allen ſeinen Kräften es dahin bringen, daß er im Hauſe mit aller Ehre und Zuneigung aufgenom⸗ men würde, die ſein taoſeres Betragen verdiene. Als Troilo an das Thor der Stadt gekommen war, hatte er ſeinen Helm geſchloſſen, um nicht er⸗ kannt zu werden, bevor er von der Verbannung der Empörer los geworden wäre, welcher zufolge, da er kein ſicheres Geleit hatte, es Jedem erlaubt war, Hand an ihn zu legen. Nun, nachdem Liſa in das Haus der Niccoloſa begleitet war, wo ſie ſo lange bleiben ſollte, bis die Angelegenheiten geordnet ſeien, ſchien es ihm nicht dienlich, ſich ſo gerade zum Magiſtrat als Empörer undVerbannter zu begeben, ſondern er faßte den Entſchluß, mit Fanfulla nach St. Marco zu gehen, wo er in Si⸗ cherheit bleiben konnte, bis er es dahin gebracht hätte, daß er vom Bann befreit würde. Als beide am Thore angekommen waren, ſagte Fanfulla, indem er klopfte: „Das Beſte wird ſein, zu Bruder Benedetto zu gehen, er iſt der ſanftmüthigſte von allen, und wird dieſes Geſchäft ohne Zweifel auf ſich nehmen.... Wenn 331 er Euch ein Vergnügen machen kann, ſo wird er Euch auf die Hochzeit gehen. was man nicht ſo von allen andern Brüdern ſagen kann; viele haben im⸗ mer die Nacht im Gedächtniß, in welcher das Kloſter geſtürmt wurde, und für ſie iſt ein Pallescho und der Teufel eins und daſſelbe.“ Unterdeſſen öffnete der Pförtner und ſagte, als er ſeinen alten Freund und Gefährten erkannte, indem er die Arme in die Höhe hob: „Ei, willkommen Bruder Lamberto! Es iſt eine Weile her, daß Du nicht herkamſt, und beinahe, beinahe fing man an zu fürchten... „Da hin ich, lebendig und wohlbehalten, Gott ſei's gedankt,“ entgegnete Fanfulla,„und ich komme nicht allein ich habe nöthig, ein Wort mit Bruder Benedetto zu ſprechen; ſieh her, ich habe einen Novizen gewonnen.“ Als der Pförtner den Troilo ganz in Waffen er⸗ blickte, von welchem man kaum die Augen ſah, ſagte er, während ſie gingen: „Ein ſolcher Novize wie Du, wenn ich nicht irre.“ „Ei nun, bei dem Winde, der jetzt weht, find Panzer nöthiger, als Kutten.“ Als ſie hinaufkamen, fanden ſie den guten Greis in ſeiner Zelle auf dem Lehnſtuhl, ſeinen heil. Au⸗ guſtin offen vor ſich, ſeine gewöhnliche Brille auf der Naſe, ganz wie Fanfulla ihn das letzte Mal ver⸗ laſſen hatte, ſo daß es ſchien, als hätte er ſich gar nicht gerührt. Als er eintrat und ihn ſah, konnte er nicht umhin, bei ſich zu venken: Ich frage, ob vas Le⸗ ben heißt, gerade als wäre man als Schwamm ge⸗ boren. Als er darauf ſeinem Obern die Hand geküßt, der ihn mit liebevollem Weſen empfing und fich ein wenig erhoben hatte, ihn zu umarmen, ſtellte er ihm Troilo vor, ſagte ihm, wer er war, und erzählte alle verſchiedenen Begebenheiten, durch welche Troilo hieher gekommen war, die Beſreiung Bindo's, ſeinen 332 gefaßten Entſchluß, ſich an vie Piagnoniſche Partei an⸗ zuſchließen, ſeine Wiedervereinigung mit Liſa, zu wel⸗ cher nun Nichts mehr fehlte, außer die Zuſtimmung Niccolo's. „Er wird,“ fuhr er fort,„denjenigen nicht zurück⸗ ſtoßen wollen, der ſeinen Sohn gerettet hat, aber weil es doch möglich wäre, ſind wir gekommen, um eine kleine Gunſt zu bitten. Wenn Ihr mit ihm ſprechen wolltet, ſo wird er nicht Nein ſagen können.“ Nunmehr begann Troilo, den Helm abnehmend und ein ganz demüthiges und zerknirſchtes Geſicht zei⸗ gend, mit ſo vieler Leidenſchaft und Wahrſcheinlichkeit von ſeiner Liebe für Liſa, von dem Schmerz, mit dem er ſich an ſein vergangenes Leben erinnere, von ſei⸗ nem feſten Vorſatz, ſich in Zukunft zu beſſern, zu ſpre⸗ chen, mit einem Wort, er wußte ſo gut den Piag⸗ none zu ſpiclen, daß Bruder Benedetto völlig von ſei⸗ ner Aufrichtigkeit überzeugt wurde, und alles Mögliche zu thun verſprach, um ſeine Angelegenheiten mit Rie⸗ colo und dem Rath in's Reine zu bringen. „Hier iſt nicht viel Zeit zu verlieren,“ ſagte er aufſtehend, und holte ſeinen Stock in einem Winkel; „Ihr bleibt hier im Kloſter.. Bruder Giorgio, ob Ihr gleich gegenwärtig mehr vom Soldaten, als vom Mönch an Euch habt, ſo gehört Ihr doch zum Hauſe, ich laſſe Euch daher dieſem Edelmann zur Bedienung, laßt ihn ſich erfriſchen, und ich verlaſſe mich darauf, in kurzer Zeit mit einer angenehmen Neuigkeit wieder zu kom⸗ men... Der gute Niccolo,“ ſagte er, indem er die Augen zum Himmel emporhob,„er iſt doch ein ſehr rechtſchaffener Mann, ein wenig rauh, dem Anſehen nach, das kann man nicht läugnen, aber einer vom alten Schlag, der beſte Freund, den dieſes Kloſter be⸗ ſitzt, ich möchte ihn wohl einmal in Frieden ſehen, es wäre Zeit, denn er hat Kummer erlitten... Ja, ja, wir wollen Gutes hoffen, nun iſt die Sache ſo weit gekommen, daß der Ehre vor der Welt wegen er nichts — 333 Anders wollen kann, als was wir wollen.“ Aus dem Kloſter getreten und ſeine Schritte ſo ſehr beſchleuni⸗ gend, als ſein Alter es zuließ, befand er ſich an der Thüre der Lapi. Im Hauſe befand ſich nur Laudomia, der Vater und, ſeit wenig Augenblicken angekommen, der junge Bindo, für welchen ſie, da ſie den Tag vor⸗ her Nichts von ihm erfahren hatten, in ſehr großer Be⸗ ſorgniß geweſen waren. Kaum angekommen, war er ſogleich zu Niccolo gegangen. Dieſer hatte ihn mit umwölktem Geſicht und rauhen Worten empfangen, durch welche jedoch die Freude hindurch ſchien, die er fühlte, vor ſich geſund und wohl behalten denjenigen von ſeinen Söhnen zu ſehen, welcher ihn allein ſeine gewohnte Strenge zuweilen vergeſſen machen konnte, und für welchen er, da er ihn in ſo zartem Alter ſol⸗ chen Gefahren ſich ausſetzen ſah, mehr bebte, als für die andern. Bindo fürchtete, dem innern Gefühl gemäß, wel⸗ ches das Kind auf die Gedanken und Neigung ſeiner Eltern achten lehrt, weniger, als irgend Einer den Zorn und das ſtrenge Geſicht Niccolo's, und wie er es verſtand, ſich gegen ihn in den Augenblicken des Zorns geſchickt zu benehmen, bat er ihn nun, ohne irgend Entſchuldigungen aufzuſuchen, um Verzeihung, ſich ohne ſeine Erlaubniß in eine ſo ſchwierige Unternehmung ein⸗ gelaſſen zu haben, aber, ſagte er, er habe den Wunſch nicht unterdrücken können, zu gleicher Zeit die Stadt und ſeine Schweſter zu rächen, und als er ihm frei⸗ müthig Alles erzählte, was mit ihm vorgegangen war, als er daran kam, zu beichten, daß er ſchon mit dem Strick um den Hals im Begriff war, die Leiter zum Galgen empor zu ſteigen, konnte der arme Greis, der ſchon bei ſo vielen Dingen in ſeinem Leben ſtandhaft geblieben war, ſich nicht enthalten, ſeinem Sohn um den Hals zu fallen, und ein roſenfarbener Schmelz be⸗ lebte für einige Augenblicke die Bläſſe ſeiner Wangen. Mit ungeduldiger Haſt fragte er nun, wer ihn 334 gerettet habe. Er hörte den Namen Baccio Valori und ſagte mit verſinſtertem Geſicht zu ſich ſelbſt: Mein Gott, Dein Wille geſchehe! Denn es koſtete ihn eine ziemlich mächtige Anſtrengung, den Gedanken ertragen zu kön⸗ nen, gegen dieſen Verräther eine ſolche Verpflichtung zu haben. Bindo fuhr fort, von ſeiner Gefangenſchaft zu ſprechen und von dem unvermeidlichen Tod, zu dem er beſtimmt war. Aber von dieſem, fügte ir hinzu, ret⸗ tete mich— Troilo. Bei dieſen Worten, bei dieſer neuen Schande konnte ſich Niccolo nicht mehr halten. „Troilo ſagſt du, Troilo hat dir das Leben ge⸗ ¹ rettet? Aber mein Gott, mein Gott, was habe ich ge⸗ than, daß alle Schande auf mein Haupt gehäuft wer⸗ den muß. Und Du, Feigling, mochteſt nicht lieber tau⸗ ſendmal ſterben?... Weißt Du nicht, daß man ſterben muß, daß man dem Tod früher oder ſpäter nicht ent⸗ rinnen kann2... Aber der Schande kann man ent⸗ rinnen, und daß es eine Schande iſt, dem das Leben zu verdanken, der das Vaterland verrathen hat, dem, der das Blut geſchändet hat, das dir in den Adern rinnt, dem, der dieſe weißen Haare in den Koth getreten hat, der mit ſeinem Betragen dir, deinen Brüdern und uns allen geſagt hat, daß wir eine Rotte niedriger Leute ſind, und der uns dieſe Schande geſchrieben hat auf die Stirne, auf die Mauern dieſes Hauſes, auf den Schild, den ihr am Arme haltet, und den ich euch ohne Mackel und in Ehren übergab— wußteſt du alles vas nicht?.. Und du kommſt mir lebend wie⸗ der vor die Augen?“ — Zur Vachricht! Im„belletriſtiſchen Auslande, herausgegeben von Carl Spindler,“ erſchien ſo eben: S C2 9. 8..— Whitefriars oder die Tage Farls des Zweiten. Ein hiſtoriſcher Noman. Nach der dritten Auflage des Hriginals uͤberſetzt. — * 10 Theile. Elegant geheftet à 6 Kreuzer oder 2 Neugr. das Bändchen. ½ „Wir uͤbergeben dem Publikum die ueberſetzung des vorliegenden Romans, ohne Furcht wegen der Wahl einer Entſchuldigung gegen den Leſer zu beduͤrfen. Denn ſo reichhaltig auch in der neueſten Zeit die engliſche Roman⸗ Literatur uns mit hiſtoriſchen Stoffen und mit Schilde⸗ rungen des heutigen Volks⸗ und vornehmen Lebens ver⸗ ſehen hat, ſo duͤrfen die„Whitefriars“ in Hinſicht auf epiſche Anſchaulichkeit und dramatiſche Kraſt, auf die Gewalt und das Intereſſe hiſtoriſcher Schilderung und wahrhaft tragiſcher Momente, die ſich eher zu uͤber⸗ ſchwänglich drängen als geſucht werden, und auf die Leichtigkeit und Sicherheit endlich, mit welcher die Cha⸗ raktere unterſchieden und gehalten ſind, kecklich neben Walter Scott, Bulwer und Dickens genannt werden.“ Mit dieſer aus dem Vorwort des ueberſetzers ent⸗ lehnten Stelle, wollen wir obigen Roman den Leſern beſtens empfohlen haben. Stuttgart, im April 1845. Franckh'ſche Verlagshandlung. In dem ebelletriſtiſchen Auslande, heraus⸗ gegeben von C. Spindler,? werden im Laufe dieſes Jahres neben vielen andern claſſiſchen Romanen auf⸗ genommen: Sämmtliche Werke von 6 Eugen Sure. Jedes Bändchen geheftet à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen. In Europa wenigſtens hat bis jetzt kein Dichter den außerordentlichen Beifall ſich errungen, wie ſeit drei Jahren Eugcn Sue. Seine„Pariſer Myſterieu“ ſein„Ewiger Jude“ ſind nicht nach Tauſenden von Exemplaren, in denen ſie ver⸗ breitet ſind, ſondern in Hundertauſenden in Frankreich, England, Deutſchland und Spanien zu zählen, und doch hat dieſer Dichter ſchon früher Meiſterſtücke im Fache des Ro⸗ mans geſchrieben, welche eben ſo bekannt zu werden verdie⸗ nen, wie die genannten Werke. Von vielen Seiten ſind wir aufgefordert worden, auch dieſe frühern Romane Sue's im„belletriſtiſchen Auslande“ aufzunehmen, welchem Wunſche wir mit vielem Vergnügen Folge geben.* Bis jetzt ſind von Sue's ſämmtlichen Werken in der Sammlung erſchienen: Pariſer Myſterien und Gerolſtein, 27 Theile. Der ewige Jude, 24 Theile. Thereſe Dunoyer, 5 Theile. Die Fanatiker der Cevennen, 7 Theile. Mathilde, oder Erinnerungen einer jungen Frau, 18 Thle. welche in allen Buchhandlungen Drutſchlandé, der Schweiz⸗ Hollands, Dänemarks und des k. k. bſterreichiſchen Länder⸗ gebiets à 6 Kreuzer oder 2 Neugroſchen das geheftete Bänd⸗ chen, entweder im Ganzen oder lieferungsweiſe zu haben ſind⸗ ⸗ * dx — ————