——— Leibbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literätur von 187 Ednard Otimann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1 Otensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em— pfangnahme unv Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf⸗ Monat: 1 Mr— Pf 1 Mr 50 Pf. 2 Ter.— Ff „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſ endun — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden unt der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorge. 6. Schadenersatz. 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Wir haben in dem dritten Kapitel unſerer zweiten Abtheilung eine leichte Idee von dem offenen und lie⸗ benswürdigen Charakter der Madrider, ihren Eigen⸗ ſchaften und Tugenden gegeben. Jetzt wollen wir mit unſeren ſchwachen Kräften die gute Geſellſchaft dieſer Hauptſtadt zu ſchildern verſuchen, um den Ab⸗ ſtand vor Augen zu ſtellen, der zwiſchen den Sitten der ungeheuren Mehrzahl und derer, die wir in der Kneipe des Vaters La Bouillie und in dem Salon der Mar⸗ quiſe de la Bourbe angetroffen haben, beſteht. Wir haben uns die Aufgabe geſtellt, in dieſem dritten Theile das Anziehende der Tugend neben die Folgen bes Laſters zu ſtellen, um ſo eine heilſame Lehre herauszuziehen. Der Aſſociationsgeiſt hat in S anien, beſonders aber in Madrid, außerordentlich zugenommen. Trotz der politiſchen Kämpfe, die ſonſt überall tödlichen Haß er⸗ zeugen, ſieht man ſeit einigen Jahren in unſerer Haupt⸗ ſtadt künſtleriſche und wiſſenſchaftliche Anſtalten erblühen, welche ihre Entſtehung einzig dem rühmlichen Ehrgeiz unſerer hoffnungsvollen, arbeitſamen, kräftigen Jugend verdankt, die, enthuſiaſtiſch für Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften glühend, darin einen ruhmvollen Fortſchritt des eſammten Vaterlandes erblickt. Das Lyceum, das In⸗ ſüut, das lyriſche Muſeum, das Madrider Muſeum kön⸗ nen mit Stolz als eben ſo viele Muſteranſtalten auf⸗ Izeo, Marie. U. 1 geführt werden, und wir fürchten, trotz aller Achtung vor dem Auslande nicht zu übertreiben, wenn wir be⸗ haupten, daß man zu London und Paris ſchwerlich größere und beſſere Reſultate finde. Jeden Tag ſieht man neue Kunſtſchöpfungen, welche zu den beſten Hoff⸗ nungen berechtigen. Dieſe Cirkel haben eine große Anzahl von Mit⸗ gliedern; jeder hat eine beſondere Tendenz, und ſteht unter einem gewählten Vorſtande; im Ganzen genom⸗ men ſieht man aber hier eine ernſte, durch die Bande ächter Freundſchaft verbundene Jugend, welche nicht nur ſelbſt mit Erfolg Wiſſenſchaften und Künſte kultivirt, ſondern von Zeit zu Zeit auch dem öffentlichen Publikum an⸗ genehme und bildende Genüſſe darbietet. Man hält Preisſitzungen, Blumenſpiele; man gibt Konzerte, dramatiſche Vorſtellungen, und in den Salons herrſcht eine herzliche, brüderliche Eintracht. Dieſe Anſtalten haben öffentliche Lehrſtühle, wo von Mitgliedern über Literatur, Malerei, Zeichnen, Muſik, Mathematik, Logik, Philoſophie, Geographie und Sprachkunde Vorleſungen gehalten werden. Es gibt Penſionsanſtalten für Kinder, Schulen für die heran⸗ wachſenden Knaben, und ein Gymnaſium. Die Preis⸗ ſitzungen, die dramätiſchen und muſikaliſchen Vorſtellun⸗ gen ſind immer ſehr beſucht, und es gibt in Madrid nur noch eine kleine Anzahl frömmelnder Familien, die unter dem Vorwande der Religion dieſe erheiternden Spiele und das öffentliche Theater meiden, während die Mütter den ganzen Abend hindurch die Läſterchronik handhaben, und die züchtigen Töchter die Gemeinplätze und zuckerſüßen Reden ihres Galans und präſumtiven zukünftigen Gemahls anhören. Noch gibt es Abendgeſellſchaften von guten Leuten, die viele Stunden lang ihre Ternen und Quaternen mit Rechenpfennigen zudecken, während der gewöhnlich ſehr dicke Hausherr die Nummern aus einem alten Sacke 3 der Ehefrau herauszieht, und mit der Wichtigkeit eines römiſchen Senators ausruft. Auch ſieht man noch kleine Herren und Damen, welche Pfänderſpiele allem Anderen vorziehen Aber ſeit Erfindung der Kuhpocken iſt dieſe Unter⸗ haltung in Mißkredit gekommen, wie die Werke eines gewiſſen Dichters ſeit der Erfindung des könig⸗ lichen Statuts, oder wie der Zunder ſeit der Be⸗ kanntmachung der Zündhölzchen. Es war eilf Uhr Abends. Zwei geräumige, durch Glasthüren, deren Flügel an die Wand gelegt werden konnten, verbundene Säle waren von unzähligen Kerzen beleuchtet. Koſtbare Gemälde der berühmteſten ſpaniſchen Maler, eines Murillo, Cano, Zurbaran, Velasquez, Ribera, Goya und Anderer der neueren Zeit, bedeckten die Wände, wo ſie geſchmackvoll geordnet zwiſchen großen Spiegeln hingen. Mit dem farbigen Schmelz derſelben bildeten die blendend weißen Draperien über den Fenſtern und Thüren einen hübſchen Kontraſt. Seſſel von dickem Bambus oder indiſchem Rohr, alle Arten eleganter Fauteuils, Sophas, Divans und dergleichen waren in großer Anzahl vorhanden; auf marmornen Kon⸗ ſoltiſchen, die in gehöriger Enfernung von einander aufgeſtellt waren, ſah man zierliche Blumenvaſen und prächtige Standuhren unter Glasglocken. Allein alle dieſe und ähnliche Meubles und Zierathen waren nicht geſchmacklos zur Schau geſtellt, ſondern im richtigen Verhältniß zum Ganzen mit feinem Sinn geordnet. Die Geſellſchaft war in anſtändig lebhafter Bewe⸗ gung, und beſtand aus Perſonen von allen Ständen: man ſah hier den Grafen neben dem Kaufmann, den Künſtler neben dem Edelmann, den Granden von Spa⸗ nien bei dem Literaten: Alle ohne jene geſuchte Etikette, welche jene ſogenannten vornehmen Geſellſchaften, wo man nur das Vorrecht hat, ſich zu Tode zu langweilen, unerträglich machen. Galanterie, Eleganz⸗ Geiſt, Schön⸗ heit, natürliche Ungezwungenheit und edler Freimuth herrſchten in dieſem ausgewählten Kreiſe, den die Ba⸗ ronin** einmal wöchentlich in ihrem Hauſe vereinigte, und der ſeines Gleichen nicht in Madrid hatte. In einem der Zimmer ſpielte man erlaubte Spiele, mehr zur Unterhaltung, als zum Geldgewinn, da die Sätze nieder waren. In den anderen wechſelte Tanz und Geſang ab. Ueberall und jeden Augenblick ſah man die Dame des Hauſes mit liebenswürdiger Sorgfalt den einzelnen Gruppen, aus denen der ganze Kreis beſtand, ſich wid⸗ men. Sie beſuchte die Spieltiſche, immer das freund⸗ liche Lächeln, das heitere, liebreiche Wort auf den Lip⸗ pen; dann auch den Ballſaal, und überall erregte ſie Freude und heitere Geſelligkeit. Saß ſie am Klavier, ſo ſpielte und ſang ſie mit bewundernswürdiger Fertigkeit; dann konnte ſie plötz⸗ lich aufſtehen, den nächſten Herrn an der Hand faſſen und ausrufen:„zum Tanze!“ und man ließ ſich nicht lange bitten, einer ſo liebenswürdigen Vortänzerin zu folgen. Auch darf man dieſe himmliſche Ungezwungenheit der tugendhaften Frau nicht zur Koketterie, wie man ſie in den verderbten Kreiſen der großen Geſellſchaft ſindet, halten. Die Liebenswürdigkeit Emiliens, der Freimuth ihres Charakters, ihre ſeltenen Vorzüge, ihr Talent, ihre Bildung, ihre Eleganz, ihre Schönheit, alle dieſe Eigenſchaften ſind der Mehrzahl der Madrider Schönen eigen, und wir können ohne Uebertreibung ſagen, unſere Emilie ſei nur der Typus der Töchter des Manzanares. Der Leſer erinnert ſich, daß der junge Bellaflor vor ſeiner Bekanntſchaft mit Marien, ehe er jene hef⸗ tige Leidenſchaft für ſie gefaßt hatte, einer der gewandte⸗ ſten Courmacher bei den Damen geweſen war. Jetzt„ gab er ſich, wie ſchon geſagt, Mühe, ſeine alte, ge⸗ wohnte Leichtigkeit und Galanterie wieder anzunehmen, und da er keine Dame ſah, die ihn hätte die Reize der treuloſſen Marie vergeſſen machen können, als die Baronin, ſo wollte er ihre Eroberung verſuchen, um ſich zugleich für die ſeiner Liebe vermeintlich wider⸗ fahrene Verhöhnung zu rächen. Nur ſo können wir die Liebeserklärung am Morgen, und ſeine Anweſenheit bei der Abendgeſellſchaft, nachdem jene Scene ihn hatte nicht ſehr ermuntern können, erklären. Der Marquis fand keine Gelegenheit, die Baronin zu ſprechen, da dieſe ihn geſchickt zu vermeiden wußte; allein ſeine ſprechenden Bücke entgingen ihr nicht, und ſie wußte ihre Ungeduld über die Hartnäckigkeit des jungen Mannes bewundernswürdig zu verhehlen. Die Stunde zum Aufbruch war gekommen, der größte Theil der Geſellſchaft war ſchon fort, als die Baronin den Marquis allein in einer Ecke ſitzen ſah, und voll natürlicher Güte zu ihm ſagte: „Sind Sie betrübt, mein Freund?“ „Sie kennen,“ ſagte er,„die Urſache ſehr wohl.“ „Seien Sie klug, mein Herr. Sie wiſſen, daß i über eine gewiſſe Sache Erklärung fordern kann.“ „Ehe Sie es verlangten, wünſchte ich, dieſe Er⸗ klärung Ihnen zu geben; Sie meinen doch den Vor⸗ fall von heute Morgen?“ „Ganz recht; über das junge Mädchen im Hoſpital.“ „Sie ſollen befriedigt werden, gnädige Frau; da ich fürchtete, Sie, wie dieß auch geſchah, nicht ſprechen zu können, und mir doch ſo viel daran liegt, Ihre gute Meinung nicht zu verlieren, ſo habe ich dieſes Billet geſchrieben, das ich Sie anzunehmen bitte.“ In der That, Sie find ſehr vorſichtig; auch iſt dieß eine zu ernſthafte Sache, um dieſelbe vor aller Welt zu verhandeln, und Sie haben wohlgethan, Ihre Erklärung, die vielleicht von Nutzen ſein kann, ſchrift⸗ lich zu machen.“ Sie nahm das Billet und ſagte: 6 „Für jetzt genug. Später, wenn wir einmal allein ſind, wollen wir wieder von der Sache reden.“ „Ich bin Ihr Sklave,“ antwortete der Marquis. Die Verſammlung verließ nun das Haus, und Bellaflor warf einen letzten, zärtlichen Blick auf Emilien. Dieſe ging in ihr Kabinet, öffnete das Billet und las:„Ich bin Ihnen, anbetungswürdige Freundin, eine Erklärung ſchuldig, da ich um keinen Preis von der, die ich am meiſten liebe, mit falſchem Verdachte ange⸗ ſehen werden möchte. Ich will, um jeden Argwohn zu zerſtören, Alles ganz aufrichtig geſtehen: allerdings ſtund ich mit dem jungen Mädchen im Hoſpital in einem Liebesverhältniß... konnte mein Herz ſich län⸗ ger an ein Geſchöpf binden, das durch ſeine ſchlechte Aufführung an einen ſolchen Ort gekommen war? Schon lange verdient Marie, ſo heißt das Mädchen, nur meine Verachtung; wenn ich ihr Loos durch einige Geldopfer mildern wollte, ſo folgte ich nur der Stimme des Mitleids. „Sie allein, geliebte Freundin, ſind der Gegenſtand meiner Liebe, und der geringſte Strahl von Hoffnung wird ewig beglücken Ihren ergebenen Louis de Mendoza.“ Die Baronin lächelte und legte das Billet in ein Fach ihres Toilett⸗Tiſches. Siebentes Rapitel. Mutter und Tochter. Als wir im erſten Kapitel unſerer dritten Abthei⸗ lung von dem Hoſpital ſprachen, ſagten wir ſchon, die ganze Einrichtung, Verwaltung, Ordnung, Reinlichkeit u. dgl. verdiene volle Anerfennung, mit Ausnahme der Abtheilung für die Schwangeren und für die Irren. Ferner bemerkten wir, daß wir dem ſtädtiſchen Wohlthätigkeitsausſchuß feinen Vorwurf deßhalb ma⸗ chen, ſondern für ſeinen Eifer Lob ſpenden müſſen, da er dieſe nothwendigen Verbeſſerungen in's Auge gefaßt habe, und ſchon zur Ausführung geſchritten wäre, wenn es ſeine pekuniären Mittel erlaubt hätten. Die periodiſche Preſſe hat dieſe Fürſorge verdien⸗ termaßen gewürdigt;*) wir aber, die wir die Sache *) Der Eifer, welchen der Wohlthätigkeitsausſchuß in Erfüllung ſeiner Pflicht beweist, iſt ſehr zu loben. Wir wiſſen, daß er an die ſtädtiſche Behörde den Plan zu einem großen Irrenhaus, das außerhalb der Stadt errichtet werden, und alle Hülfsmittel für die Verſorgung und Heilung der Unglücklichen darbieten ſoll, eingereicht hat. Dieſe Anſtalt müßte „ Höfe, geräumige Gärten, bequeme Zimmer, und geſunde Zellen für die armen des Verſtandes Be⸗ raubten enthalten; mit einem Wort Alles, was die neuere Heilkunde zu fordern berechtigt iſt. Einige Mitglieder der ſtädtiſchen Behörde haben den vor⸗ gelegten Plan mit dem wohlverdienten Intereſſe erfaßt und ſich vorgenommen, das wichtige Vor⸗ haben aus allen Kräften zu unterſtützen. Unter⸗ deſſen zieht der Wohlthätigkeitsausſchuß die nöthi⸗ „ ——— ver leidenden Menſchheit vertheidigen, wollen dem Aus⸗ ſchuſſe die Dringlichkeit dieſer nothwendigen Verbeſſe⸗ rungen wiederholt an's Herz legen. Die Zellen ſind in geringer Anzahl vorhanden, feuchte Kellerlöcher, und ſo ungeſund als möglich. Die unglücklichen Irren werden in dieſe Höhlen wie wilde Thiere eingeſchloſſen, ohne daß man ihnen die erforderliche ſorgfältige Behandlung widmen konnte. Um den Eintritt zu erlangen, muß man zwei Zeug⸗ niſſe, eines vom Seelſorger des Kirchſpiels, das andere vom Commiſſär des Stadtviertels unterſchrieben, bei⸗ bringen. Die Nahrung iſt: Morgens eine Taſſe Chokolade mit einem Weck; Mittags und Abends ein kleines run⸗ des Laibchen Brod, ein Viertelpfund Fleiſch mit Kicher⸗ erbſen und grünen Kräutern. Das Bett beſteht in einem eiſernen Geſtelle, zwei Wollmatrazen, zwei Leintüchern, einem Kopfkiſſen und einer der Jahreszeit angemeſſenen Decke. Die wüthenden Irren bewohnen oben berührte, gen Erkundigungen ein, ſucht in der Umgebung Madrids nach einem paſſenden Gebäude, oder we⸗ nigſtens nach einem Bauplatze, der den Erforder⸗ niſſen entſpräche. Dieſe Unternehmung iſt um ſo lobenswerther und dringlicher, da Spanien, das Land, in dem die erſten Irrenhäuſer errichtet wur⸗ den, gegenwärtig keine einzige Anſtalt der Art be⸗ ſitzt, die den jetzigen Anforderungen nur von wei⸗ tem entſpräche. Ja! Madrid ſteht hierin ſogar hinter manchen Provinzial-Hauptſtädten zurück, da in dem Hoſpital durchaus die nöthige Vorkehrung mangelt. Es iſt gewiß ſehr zu hoffen, daß die Bemühung des Wohlthätigkeitsausſchuſſes bald den gewünſchten Erfolg habe. Heraldo, 21. Juni 1845. 3 ₰ 9 enge, feuchte Kellerlöcher. Für die Frauen iſt eine be⸗ ſondere Abtheilung vorhanden. Eine dieſer Unglücklichen war früher in ganz Ma⸗ drid durch ihre Liebeshändel, ihren Staat und ihre lei⸗ denſchaftliche Vorliebe für den Fandango bekannt. Sie war als Obſthändlerin die Heldin des Marktes, und tanzte mehrmals auf dem öffentlichen Theater die Na⸗ tionaltänze. Eines Tags hatte die Unglückliche eine lange Unterredung mit einer ehemaligen Freundin, welche gleich der Mutter Espérance fromm geworden war, als ihr bisheriges Leben nicht mehr gehen wollte. Erſchreckt durch die fürchterlichen Höllenſtrafen, womit ihr jene drohte, beſchloß das Mädchen, zu einem von der From⸗ men bezeichneten Beichtiger zu gehen. Dieſer ſteigerte durch ſein Schreien und ſeine übertriebenen Drohungen mit ewiger Verdammniß die Angſt und Geiſtesverwir⸗ rung der bußfertigen Sünderin ſo ſehr, daß ſie wahn⸗ ſinnig wurde und die Flammen der Hölle zu fühlen glaubte. Man berief einen Arzt, der die Bäder von Trillo verordnete. Der glühende Eifer der Armen war ſo groß, daß ſie, obgleich ihr ein Wagen zu Dienſt ſtand, den Weg dahin barfuß zurücklegte. Das letzte Endreſultat dieſer Bekehrung iſt nun aber, daß das un⸗ glückliche Opfer der intoleranten, heuchleriſchen Fröm⸗ migkeit in einer jener abſcheulichen Höhlen des Hoſpi⸗ tals eingeſperrt liegt. Wie viel Unheil hat nicht ſchon jene Intoleranz mancher Diener Gottes, der doch die Liebe und Nachſicht ſelbſt iſt, angerichtet! Außer jenen engen Zellen gibt es zwei Zimmer für die Rekonvoleezenten, denen man auch erlaubt, einige Stunden des Tages in dem zum Hauſe gehörigen Gar⸗ ten zuzubringen. Auf einer Bank im Garten ſah man zwei blaſſe, abgezehrte Frauen, welche beide ein tiefes Schweigen beobachteten und in ernſte Gedanken verſunken ſchienen, Die Aeltere hatte grüne Brillen vor den Augen, durch 10 welche ſie nur mit Mühe die umgebenben Gegenſtände erkennen konnte; dieß war Louiſe. Marie ſaß neben ihr und betrachtete mit ihren großen verwirrten Augen die arme Mutter, welche ſie nicht erkannte und auch dieſe war weit entfernt, zu vermuthen, daß ſie die lang⸗ beweinte Tochter neben ſich habe. Die Armen konnten ſich, trotz der heiligen Bande des Blutes unmöglich erkennen, denn ſie waren durch die langen und herben Leiden gar zu entſtellt; beſon⸗ ders Marie, deren Stimme durch das wahnſinnige Heu⸗ len ganz rauh geworden und deren Vernunft, obgleich die hitzigen Fieberanfälle nicht mehr eintraten, noch ſehr geſtört war. „Sie ſind ohne Zweifel eine gute Frau,“ ſagte end⸗ lich Marie,„denn in dieſem Hauſe gibt es nur einen boshaften Menſchen. ach! ja, einen recht boshaften Menſchen. der mich hinter die Gitter verſchloß.. der mir immer mit Schlägen drohte... WMein zwei⸗ ter Vater. denn, ſehen Sie, ich habe zwei Väter der erſte ein Engel doch hat er auf dem Schaffot ſterben müſſen. aber Thomas wird mir ſeine Mörder finden helfen... ſein Vater wurde auch gemordet. und dann rächen wir uns gemein⸗ ſchaftlich... Jetzt habe ich einen andern Vater, der nicht will, daß man mich ſchlage, der den boshaften Menſchen fortgeſchickt hat und mich durch Thomas be⸗ dienen läßt. denn ich bin krank.. ich habe ſo viel leiden müſſen aber jetzt iſt mir viel beſſer.“ Louiſe dachte wohl, das junge Weib bei ihr ſei verrückt, allein die letzten Worte hatten ihr Herz ge⸗ rührt und ſie glaubte, ſie habe wirklich durch den ſchrecklichen Tod ihres Vaters den Verſtand verloren. „Und ich beklage mich noch!“ ſagte ſie traurig zu ſich ſelbſt..„Zwar bin ich von meinem Gatten, meinen Kindern getrennt, aber mein Wohlthäter hat mir ver⸗ ſprochen, ſie bald zu mir zu bringen; ich werde ſie ſehen„ich, die ich ſie ſo lange nicht ſah! Ach 3 —,——— cr — 11 wie ſüß iſt dieſer Gedanke!... Und dieſe Arme be⸗ weint nicht nur den Tod ihres Vaters, ſondern eine herbe, vielleicht ſogar unverdiente Schmach. Was würde ich anfangen, wenn Anſelm oder eines meiner Kinder auf dem Schaffot ſterben ſollte? Schon der Gedanke macht mich erzittern!... Auch ich würde wahnſin⸗ nig. Ich will Mitleiden mit ihr haben und ihre düſteren Gedanken zu zerſtreuen ſuchen.“ Darauf wandte ſie ſich zu Marie und ſagte:„Ihr müßt dieſen traurigen Erinnerungen nicht nachhängen,“ ſondern, da Ihr nun einen zweiten Vater habt, der für Euch ſorgt, jene peinlichen Gedanken verſcheuchen und nur auf Wiederherſtellung Eurer Geſundheit ſinnen. Gott will, daß wir zum Troſt derer, die uns lieben, das Leben behalten.“ „Man hat mich nicht getäuſcht,“ ſagte Marie, „Sie ſind eine gute Frau. Ihre Worte thun mir ſo wohl.. Lch! ich ſpreche ſo gerne mit Leuten, die mich lieben... Meine Feinde haben mir ſo viel Uebles gethan!.. Aber Sie, nicht wahr, Sie lieben mich?.. „Ja, meine Tochter,“ antwortete gefühlvoll Louiſe. „Meine Tochter!“ rief Marie laut„meine Tochter!.... Dieſe ſüßen Worte.. der Ton, mit dem Sie dieß ſprachen, erinnert mich an meine arme Mutter?“ „Und wo iſt ſie, Eure Mutter?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Marie in ſich gekehrt, und mit geſenktem Haupte...„Sie iſt geſtorben.. Aber ich habe ſie nicht getödtet...“ fügte ſie mit Bli⸗ tzesſchnelle bei.„Nein, nein nicht ich. Dann legte ſie ihre Hand auf Louiſens Arm und ſagte:„Nicht wahr, es iſt unmöglich, daß eine Tochter ihre Mutter tödte?“ Louiſe ſchauderte bei dieſer Fragez allein da ſie ihren verwirrten Zuſtand bedachte, ſo verſuchte ſie jene zu tröſten und ſagte raſch: „Unmöglich, mein Kind. Eine gute Tochter iſt der 12 ſt ihrer Mutter und es kann zwiſchen ihnen nur reine, unauslöſchliche Lisbe ſtatt haben.“ „Ja, Ja,“ rief Marie,„rein und feurig, wie ich ſie für meine Eltern fühlte.. für meine Mutter... für meinen geliebten Vater. die ich nie wieder ſehen werde..“ Ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Weine, weine, armes Kind... möchten dieſe Thränen Dein Herz erleichtern!“ Louiſe nahm Marie zärtlich bei der Hand... das junge Mädchen aber warf ſich, von ſympathetiſchem Gefühl bewegt, in die Arme ihrer Mutter und vergoß einen Strom von Thränen. Während dieſe beide ſich eng umſchloſſen hielten, wie wenn die Natur die Bande des Blutes wunderbar in ihrer Stärke offenbarte, erſchienen zwei Perſonen unter dem Gartenthore. Es war die Baronin*** und ihr würdiger Bru⸗ der, der Dokter Aguilar, der noch von dem, was zwi⸗ ſchen Anſelm und ſeinen Gefängnißgenoſſen ſich ereig⸗ net hatte, und von dem ſchlechten Erfolge ſeiner Be⸗ mühungen bei dem Prokurator tief betreten war. „Ein neues Unglück!“ rief er verzweiflungsvoll: „Liebe Schweſter, alle unſere Anſtrengungen find vereitelt, alles iſt verloren!“ ———————————— AIchtes Rapitel. Die Trennung.⸗. Doktor Aguilar war bei dem Anblick, daß ſich Mutter und Tochter zärtlich umarmt hielten, ſehr er⸗ ſchrocken; er glaubte, ſie hätten ſich erkannt und eben 13 das wollte er vermeiden, weil es jetzt noch die lichſten Folgen nach ſich ziehen konnte. Deshalb er auch dem Neger Thomas ſtrengen Befehl gegeben⸗ daß Marie das ihr angewieſene Zimmer nicht verlaſſen Wie Marie oben ſchon geäußert hatte, war näm⸗ lich der Neger Thomas zu ihrer Bedienung beſtellt worden, um den Aufwärter, der ſie anfangs hart be⸗ handelt hatte, nicht in ihre Nähe zu bringen. Nach ſeiner Verabſchiedung aus dem Hauſe der Marquiſe, hatte er Marien beſucht und der Arzt dabei bemerkt, wie dieſe die uneigennützige Theilnahme des ehemali⸗ gen Dieners freundlich erwiederte. Er glaubte hier ein neues Mittel zu ihrer leichteren Heilung und zur Entdeckung näherer Umſtände gefunden zu haben; jedoch hatte Marie noch eine weibliche Bedienung, die ſie mit aller Rückſicht behandelte, da ſowohl Marquis de Bel⸗ laflor als der mitleidige Arzt ſich ſo ſehr für Marien intereſſirten. Aguilar fürchtete bei einer etwaigen Erkennung von Mutter und Tochter, für die letztere eine zu hef⸗ tige Gemüthsbewegung und bei der erſten einen Erguß von Thränen, welche die regelmäßige Heilung ihrer Augen plötzlich unterbrechen konnte. Deßwegen rief er bei ihrem Anblick aus „Alles iſt verloren!“ Thomas erſchien, um die etwaigen Befehle zu em⸗ pfangen, wurde aber von dem Arzt mit den heftigen, bekümmerten Worten angeredet: „Einfältiger! So befolgſt Du meine Befehle? Habe ich nicht ausdrücklich geſagt, Marie dürfe ihr Zimmer nicht verlaſſen?“ „Es iſt wahr, Herr Doktor,“ erwiederte der Ne⸗ ger demüthig;„aber der Tag war ſo ſchön.. die Sonne ſo freundlich, daß es mir ſchien, als ob ich dem Fräulein wohl eine kurze Zerſtreuung im Garten er⸗ lauben dürfe. Sie war allein, denn die Aufwärterin 14 war ausgegangen, um Syrup zu holen.„als ſie nun zum Fenſter hinaus ſah, rief ſie mich und ſagte mit Thränen in den Augen: Thomas, da Du ſo gut biſt, wirſt Du mir wohl einen Gefallen thun, nicht wahr? Ich antwortete gerührt, wenn es in meiner Macht ſteht, ganz gewiß, mit Vergnügen. Nun fuhr ſie fort: Du ſiehſt, wie die Sonne ſo ſchön im Garten ſcheint, wie man dort ganz heiter ſpazieren gehen könnte ich bin ſchon ſo lange eingeſchloſſen!.. Wenn mein zwei⸗ ter Vater da wäre, er würde mir gewiß erlauben... Aber Du biſt ſo gut gegen mich, wie er... Du haſt mich aus dem Gefängniß befreit, in das mich der bos⸗ hafte Menſch geworfen hatte.. Ach! ja.. Du läßeſt mich auch in den Garten gehen. Was ſoll ich nun, Herr Doktor, bei einer ſolchen Bitte thun?“ Die Baronin, ganz gerührt von der Erzählung des Negers, ſagte leiſe zum Doktor: „Lieber Bruder, er verdient keinen Vorwurf.“ „Und doch,“ erwiederte traurig Aguilar,„hat er ein großes Unglück verſchuldet.. ein vielleicht nicht mehr gut zu machendes Unglück!“ In dieſem Augenblick wandte ſich Marie um, be⸗ merkte den Doktor und lief herbei, ihm die Hand zu küſſen. „Ach!.. mein Vater.„welch glücklicher Tag!“ das Mädchen ſtutzte, als ſie die elegantgekleidete Baro⸗ nin erblickte: eine lebhafte Aufregung zeigte ſich im Lächeln ihres Mundes; ſie betrachtete, wie es ſchien, mit Vergnügen das ſchöne Geſicht, den feinen An⸗ zug der Neuangekommenen und muſterte ſodann ihre eigene Doilette. Der Anblick Mariens nahm, trotz des kläglichen Zuſtandes, indem ſie ſich befand, das gefühlvolle Herz der Baronin für ſie ein. Die Wahnſinnige aber konnte ihrer Seits nicht müde werden, die anmuthige Emilie zu bewundern. Nach und nach ſtreckte ſie die Hand aus und berührte den Shawl der Baronin; dann ſah *— ꝛ ——— M W —— v 8 — W — S 8 15 ſie dieſelbe an, und nahm, als dieſe lächelte, plötzlich den Gegenſtand ihrer Wünſche, warf ihn mit unbe⸗ ſchreiblicher Anmuth über ihre eigenen Schultern und ſah voll der innigſten Freude bald den Doktor, bald deſſen Schweſter an. Dieſe ſtumme Scene hatte einige Augenblicke ge⸗ dauert, als der Doktor zu Marien ſagte: „Gut, gut; Sie ſcheinen heute recht heiter.“ „Ich bin es auch in der That, mein Herr,“ ant⸗ wortete Marie;„ich bin ſo gerne im Garten„. dann habe ich jene arme Frau umarmt..„dieſe da, welche vort auf der Bank ſitzt.. Sie liebt mich auch, ſie 2Ach! Es gibt hier viele Leute, welche mich lie⸗ ben, nicht wahr?... Sie vor Allen, dann Thomas die Aufwärterin.. jene Frau„..“ das arme Mädchen zählte an den Fingern...„dieß macht ſchon vier.. Und wenn dieſe Dame mich auch gern hätte.. „Ach ja!“ rief die edelmüthige Baronin, indem ſie die fleiſchloſe Hand der Armen faßte und einen Kuß auf deren feuchte Wange drückte, auch ich liebe Sie von Herzen.“ „Fünf! Fünf!... Fünf, die mich lieben,“ rief die arme Närrin, indem ſie vor Freude hüpfte. „Sagen Sie mir, Marie,“ fuhr der Arzt fort, „wer iſt denn jene Frau?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete gleichgültig Marie. „Wäre es möglich!..“ rief Aguilar und lief zu Louiſe in das Innern des Gartens. Dort ſprach er lange mit der Mutter, während die Baronin ſich freundlich mit Marien unterhielt, dann kam der Dokter voll Freude zurück und ſagte ganz leiſe zu ſeiner Schweſter: „Sie haben ſich nicht erkannt.. man muß ſie trennen. Es iſt noch möglich, ſie zu heilen. Könnte ich eben ſo den Vater retten!“ Dann wandte er ſich zu Marien und ſagte:„Sie befinden ſich alſo heute beſſer?“ 2 „Ja mein Herr, ja; der Kopf ſchmerzt mich nicht „Wollten Sie nun nicht dieſes Haus verlaſſen?“ „Ach nein!.. ich will es nicht verlaſſen„ will nicht zu meiner Tante zurück„ dort ſind meine Henker. und der abſcheuliche Mönch! Ich will im⸗ mer hier bei Thomas bleiben. weil mich Thomas nie ſchlagen wird.. Thomas wird mir die Mörder mei⸗ nes Vaters ſuchen helfen.“ „Und wenn Thomas Sie zu der Dame, die Sie ſo ſehr liebt, begleiten würde?“ „Meine Tante ſagte auch, ſie liebe mich, und ließ mich auf dem harten Boden ſchlafen.“ „Denken Sie nicht mehr an jene Tante. Dieſe Dame liebt Sie mehr als Jemand auf der Welt. Sie wiſſen, daß ich Sie nie getäuſcht habe. Dort iſt ein viel ſchönerer Garten als hier und Thomas wird wie bisher für Sie ſorgen.“ „Und man wird mir mein Medaillon nicht neh⸗ men?“ „Nein, Marie,“ ſagte die Baronin mit unausſprech⸗ licher Sanftmuth;„wir werden immer beiſammen ſein, wie zwei Schweſtern und Alle im Hauſe werden Sie lieben.“ „Und ich werde Sie alle Tage ſehen?“ fragte Marie den Doktor mit einem Blicke, in dem ſich ihre ganze Dankbarkeit ausſprach. „Alle Tage,“ antwortete er gerührt. Marie gab endlich dieſem freundlichen Zuſpruche nach und fuhr nach erhaltener Erlaubniß von Seite des Hospital⸗Vorſtandes, am 1. Juli 1836 Mittags mit Emilien, dem Doktor und Thomas in das Hotel der Baronin*** Aguilar beſtand nicht nur deshalb darauf, Marien aus dem Hospital zu nehmen, weil er ſie von ihrer Mutter trennen wollte, ſondern beſonders auch darum⸗ 17 5 weil die Anſtalt aller nöthigen Hülfsmittel entbehrte, um die zu hoffende Heilung der armen Wahnſinnigen in's Werk zu ſetzen. So kommen wir noch einmal darauf zurück, die ſtädtiſche Behörde von Madrid ernſtlich zu erinnern, daß ſie den Plan des Wohlthätigkeits⸗Ausſchuſſes ſo bald als möglich zur Ausführung bringe. Schon iſt ein Jahr ſeit der erſten Anregung dieſes Gedankens vergangen und noch iſt nichts dafür geſchehen, um eine paſſende, geräumige, mit den nöthigen Zimmern, Sä⸗ len, Gärten und ſonſtigen Bedürfniſſen verſehene An⸗ ſtalt herzuſtellen. Und nicht nur Madrid bedarf einer ſolchen Einrichtung: jede Provinzial⸗Hauptſtadt ſollte ein wohleingerichtetes Irrenhaus beſitzen, das nicht nur eine Verſorgungs⸗ und Bewahrungs⸗Anſtalt wäre, ſon⸗ dern alle von der modernen Heilmethode als nothwen⸗ dig erachteten Mittel darböte. Vielleicht möchte es ſcheinen, als ob wir die Sache zu dringend darſtellen und zu oft darauf zurückkommen— aber ſo lange ſolche Bedürfniſſe von den Behoͤrden und Machthabern über⸗ ſehen werden, ſo lange dieſe kein theilnehmendes Herz für die Leiden der Menſchheit zeigen, werden wir uns durch keinen Tadel von unſerm Recht, unſerer Pflicht, darauf hinzuweiſen, abhalten laſſen. ———————— NMeuntes Rapitel. Gin Entſchluß. — Zwei Tage waren verfloſſen, ſeitdem Patricius den Prkurator beſucht hatte: der rachſüchtige, blutgierige tc, Marie. U. 5 18 Mönch war außer ſich vor Vergnügen. Die Nachrich⸗ ten von den Rebellenheeren lauteten ſehr günſtig, alles ging nach ſeinem Wunſch. Die liberale Heeresabthei⸗ lung des Oberſt Valdes war in der Ebene von Bagnon durch Serrados und Cabrera gänzlich geſchlagen wor⸗ den; ſo daß die Regierung den Befehlshaber zurück rief und zur Verantwortung dafür zog, daß er über ſechs⸗ hundert Mann dem Feinde hatte in die Hände fallen laſſen, der ſie mit kannibaliſcher Grauſamkeit metzelte. Die Inſurgentenbanden Niederaragoniens hatten eben⸗ falls einige Vortheile errungen und ſchritten kühner einher. Quilez belagerte Alcoriza und verbrannte, da er die kleine Feſtung nicht einnehmen konnte, wenigſtens das Städtchen; ebenſo machte er es bei Montalvan. Dieſe unerhörten Grauſamkeiten nannte das Haupt des Würgengel⸗Bundes erhabene Heldenthaten. Kein Mit⸗ glied befolgte den Wahlſpruch: Omnes, qui sicut nos Vo non cogitant, exterminentur mit größerer Conſequenz als unſer Mönch. Nicht nur Rachedurſt wegen Mariens Weigerung, ſondern auch rein politiſcher Haß hatte ihn vergeſſen laſſen, daß Anſelm ſein Lebensretter war; er verfolgte den Liberalen, den Nationalgardiſten, den Freiheitsſoldaten in ihm und freute ſich mit blutdür⸗ ſtiger Wuth, ihn dem ſchmählichen Tode am Galgen verfallen zu ſehen. Patricius war der ächte Typus für alle Anhänger und Vertheidiger der Inquiſition. Er und ſeine Genoſſen hatten wirkſam an dem Falle des Miniſteriums Mendizabal mitgearbeitet und redlich dazu beigetragen, daß die Macht ſolchen Händen anvertraut wurde, die dem Volke nicht das mindeſte Zutrauen einflößten.*) *) Wie konnte das Volk Zutrauen und Anhänglich⸗ keit an dieſe Regenten haben, denen augenſchein⸗ Friede, die Freiheit, die Wohlfahrt der Nation? lich ihre Partei mehr am Herzen lag, als der * 5 1 4 19 Der Mönch Patricius beſaß große Laſter und große Vorzüge,„die Eigenſchaften des Blitzes: trotz ſei⸗ Fügen wir ferner bei, daß unter den Maſſen ſich täglich feſter die nicht ungegründete Anſicht bil⸗ dete, das neue Miniſterium und deſſen Partei hege Abſichten und Tendenzen, die denen des Volkes und der bisherigen Volksabgeordneten ſeit 1835 gerade widerſprächen. Das Miniſterium Mendiza⸗ bal unterlag einer Hofintrigue und mit ihm ſah ſich die Revolution von der Partei beſiegt, welche Volk und Kammer bisher bekämpft hatten. Allein die Revolution war übermächtig, weil ſie noth⸗ wendig war, und ſchwache Menſchen konnten jetzt ſo wenig, wie früher, ihren zeitgemäßen Gang aufhalten. Das Volk hat eine furchtbare Gewalt, der man ſo wenig auf die Länge entgegen treten fann, als einer Ueberſchwemmung, die regelmäßig jedes Jahr gewiſſe Gegenden überfluthet. Es gibt keinen Damm, der die aufſteigende Fluth des Mee⸗ res zurückdrängen könnte; was ſich ihr widerſetzt, wird überſchwemmt oder durchbrochen. Das revo⸗ lutionirte Volk iſt wie das Meer; nach der Fluth, nach dem Sieg, geht es in ſeinen regelmäßigen Stand zurück, dann fällt das Meer und Ebbe tritt ein: jetzt haben die Intriguanten gewonnenes Spiel, ſie betrügen, betäuben, verderben und verachten das Volk nach Belieben. Allein die Fluth ſteigt wieder, das Volk erhebt ſich und in einundzwanzig Stunden ſind alle die ſchönen Schranken und Schutzwehren der Zwingherrſchaft zerſtört. Seit der Erhebung des Miniſteriums Mendizabal fing die Herrſchaft der Intrigue an, und das Volk verlor von Tag zu Tag an Einfluß; das Mi⸗ niſterium fiel und die früher beſiegte, dem Volke und der Revolution feindliche Partei gelangte an's ——————— ———— 20 ner mönchiſchen Dickleibigkeit war er thätig, glühend, ein blitzſchnell zuckender Strahl der Zerſtörung. In der Zeit einer ſolchen Kriſe gönnte er ſich kei⸗ nen Augenblick Ruhe. In Verbindung mit allen be⸗ deutenden Männern des Hofes begünſtigte er mit ſel⸗ tenem Talent und mit teufliſcher Gewandtheit jede Palaſtintrigue, die ſeinen Abſichten förderlich ſein konnte. In allen miniſteriellen Kreiſen rieth er zu ſtrengen Maßregeln gegen das Volk, predigte er den Vortheil einer Schreckensherrſchaft, die Nothwendigkeit einer Auflöſung der Nationalgarde. Der Mönch fühlte wohl, daß dieſe dem Bürger⸗ thum entſproſſene Schutzwehr, welche auf der einen Seite jeder Störung der Ordnung entgegentrat, auf der andern Seite die Mißbräuche, die der freieren Entwicklung des Staatslebens hindernd im Wege ſtanden, wegzu⸗ räumen trachtete,— daß die Nationalgarde einen un⸗ zerſtörbaren Wall für die Sache der Freiheit bilde, an dem alle Bemühungen ſeiner Partei, um das Volk wieder in die alte Knechtſchaft zurückzuführen, ſcheitern würden. Er wußte ebenfalls recht gut, daß ohne den hel⸗ denmüthigen und ausdauernden Beiſtand, deſſen ſich die Sache der Freiheit von allen Nationalgarden in ganz Spanien erfreute, Don Carlos längſt den Thron des heiligen Ferdinand eingenommen hätte. Er war täglich Zeuge von der Kriegszucht, der Tapferkeit, den Vor⸗ zügen der madrider Nationalgarde, und ſuchte eifrig ihre Auflöſung zu bewerkſtelligen, da die Vertheidiger der abſoluten Monarchie, ſo lang dieſe liberale Macht be⸗ ſtand, keinen Sieg hoffen durften. Die Maßregeln des Geheimbundes ſahen ſich mit dem beſten Erfolge gekrönt. Die Nationalgarde von Madrid wurde, wie man im Verlaufe unſerer Erzäh⸗ Ruder; allein dieß dauerte nur ſo lange, bis zur Zeit der Fluth der Volksocean wieder emporſtieg. Chronique contempor. Bd. 3. S. 155. — K e 21 lung hören wird, aufgelöst, und eben dieſe Maßregel trug weſentlich zum Sturze des reaktionären Kabinets pei. Doch wollen wir dem Laufe der Ereigniſſe nicht vorgreifen, und nur bemerken, welche glänzende, ein⸗ flußreiche Rolle Patricius, der reiche Bankier, der ver⸗ traute Freund der Miniſter in dieſer bewegten Zeit zu Madrid ſpielte. Der Mönch Patricius und der einfältige Marquis de la Cröétiniere ſind zwei vollkommene Typen von je⸗ nen ſitten⸗ und charakterloſen Leuten, welche unter ſolchen Verhältniſſen große Reichthümer gewinnen können. Beide hatten zu gleicher Zeit, aber auf gerade entge⸗ gengeſetzte Weiſe ihr ungeheures Vermögen erworben. Der Marquis hatte ſeinen Zweck durch Schwachheit, Abtrünnigkeit, Feigheit erreicht; der feile Schmeichler des Machthabers, war er immer für das beſtehende Miniſterium, lobte blindlings Alles und reichte bei eintretenden Kriſen ſeine dienſtwillige Hand, nicht ohne reiche Entſchädigung dafür zuruck zu erhalten. Der Mönch dagegen, immer heuchleriſch, zurück⸗ haltend, heimtückiſch, lobte nichts, als was ſeinen Pla⸗ nen förderlich ſchien, tadelte Alles, was ihnen ſchaden konnte: allein er that dieß mit unvergleichlicher Ge⸗ ſchicklichkeit, mit großem Geiſt, mit hinreißender Be⸗ redſamkeit. Dieſe verderbliche Schlange wußte die Freundſchaft derer zu erlangen, die als nächſte Opfer fallen ſollten und der geneigte Leſer weiß, wie das fürſtliche Vermögen erworben wurde. Die bedeutenden Geſchäfte und Unternehmungen⸗ welche er mit ſo viel Umſicht und Scharfſinn leitete, hätten jede gewöhnliche Fähigkeit erſchöpft; für ihn aber war es nur eine leichte Zerſtreuung, woneben er noch genug Zeit übrig hatte, ſeinen Gelüſten und Laſtern nachzuhängen⸗ Stolz auf ſeinen Glücksſtern und ſchon die Hand am Ziele, voll Zuverſicht, ſeinen Herrn triumphiren zu ſehen, und dieſen dann, ein zweiter Calomarde, unum⸗ 3 22 ſchränkt zu beherrſchen, blickte er nicht nur voll Ver⸗ achtung auf die übrige Welt herab, ſondern warf auch einen glühenden, zornigen Haß auf Alles, was ſeinen Wünſchen nur im geringſten in den Weg trat. Auch hier alſo Grund genug zu ſeinem teufliſchen Betragen gegen Marien und ihren Vater; und eben dieſe Stim⸗ mung reizte ihn auch, gegen ſeine Creaturen, denen er Geld anvertraut oder Rang und Anſehen verſchafft hatte, ſeine Uebermacht unbarmherzig geltend zu machen. Bisher hatte die Marquiſe de la Bourbe ſeine leiſeſten Wünſche beobachtet und als Befehle demüthig befolgt; allein dieſe Dame, welche ihre vermeintliche Tochter an den reichen Marquis de la Crétiniére ver⸗ mählt, ihre Salons von den angeſehenſten Perſonen des Hofes beſucht ſah, mußte ſich durch ſolche Aufträge beleidigt fühlen, wodurch ſie zum feilen Werkzeuge der gemeinen Lüſte des Mönches herabgewürdigt wurde. Auf demſelben Sopha, wo Mutter Esperance ſie gedutzt und an die alten Verhältniſſe erinnert hatte, ſaß die Marquiſe in Nachdenken und Betrachtung ver⸗ ſunken. „Gewiß verdanke ich dieſem Menſchen viel;“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„oder eigentlich alles. ja, aber die Gegendienſte, die ich ihm ſo willig geleiſtet habe, ſind ſolcher Art, daß meine Schuld längſt dadurch gedeckt iſt und ich ihm keine Erkenntlichkeit ſchuldig bin. Hat er mich reich gemacht, ſo iſt davon nicht wenig in ſei⸗ nen Beutel gefloſſen.. er unterſtützte mich mit Geld, ich betrieb die Sache liſtig. das Geſchäft ging gut „ jedes hat ſeinen Antheil daraus gezogen.. dieß iſt Alles. Welcher Kontrakt könnte mich nöthigen, dieſes Geſchäft länger fortzuſetzen? Keiner ſo viel ich weiß.„ die Erkenntlichkeit?.. die Dank⸗ parkeit?.. Weg damit! Das iſt zum Lachen! Laß ſehen: was hat ihn vermocht, mir Geld zu geben, mir den Titel einer Marquiſe zu verſchaffen? Der Wunſch, durch meinen Eifer und meine Thätigkeit ſein — 23 Kapital zu vermehren, ſeinen Gelüſten und Launen zu fröhnen. Es iſt ſonnenklar, daß da überall keine Spur von der Abſicht zu ſehen iſt, mir einen uneigennützigen Dienſt zu erweiſen.. Er hat mich zur Staffel ſeines Glücks gemacht, und es iſt geglückt„ dieß iſt ſicher, unwiderſprechlich. Nun alſo... ich bin ihm ſomit keine Erkenntlichkeit ſchuldig, ſondern er mir im Gegentheil. Ich bin feſt entſchloſſen; ich werde mich ſolcher Herabwürdigung nicht mehr unterwerfen; ich will nicht länger das Werkzeug ſeiner abſcheulichen. Lü und Lei aften ſein, die am Eudẽ müt Schande bringen. Ich beſitze eine Million, nehme einen hohen Rang in der Geſellſchaft ein ich muß anfangen, meine Würde zu behaupten... ich kann jetzt ehrlich leben und will mich beſſern Ja Aber dieſer Menſch kennt alle meine Geheimniſſe.. wenn er da⸗ mit herausrückte?.. Großer Gott! welche Schande! ich ſtürbe vor Scham„. Eine freundliche Aus⸗ einanderſetzung mit ihm wäre doch beſſer wenn er dann nicht nachgiebt.. einen Bruch herbeiführt.. dann.. Nun! Dann wird er wohl ſchweigen, denn ſo viel er von mir weiß, ſo viel weiß ich von ihm. Mein Entſchluß ſteht feſt Das Anſchlagen einer Glocke rief die Marquiſe aus ihren Betrachtungen. Einen Augenblick nachher trat der Mönch ein. Ehe wir jedoch die Unterredung dieſer beiden wür⸗ digen Genoſſen belauſchen, wollen wir ſehen, wie ſich Marie in ihrer neuen Behauſung gefällt. 3 13 24 Zehntes Rapitel. Die Kriſis. Marie hatte in dem Hotel der Baronin*** eine ruhige Nacht zugebracht. Das ihr angewieſene Schlaf⸗ zimmer war einfach aber nett und ſah auf den Garten, in den man durch eine Gallerie und über eine mar⸗ morne Freitreppe hinabgelangen konnte; doch war jetzt die Verbindungsthüre geſchloſſen. Die Heilung Mariens vom Wahnfſinn, ging ſichtlich vorwärts, allein ihre Seele verfieb nun in eine tiefe, ſchmerzliche Melancholie. Die ärztliche Behand⸗ lung hatte die Krankheit zwar gehoben, allein die Ur⸗ ſachen waren noch vorhanden und ſo lange dieſe nicht vollſtändig beſeitigt waren, mußten auch, beſonders bei der nun eintretenden großen Hitze, Rückfälle befürchtet werden. Oft ſieht man Leute von geſtörter Vernunft den Winter ganz ruhig zubringen, während ſie im Som⸗ mer in Raſerei verfallen. So lange der Grund einer ſolchen Seelenſtörung nicht gehoben iſt, ſo lange iſt auch die Heilung nur problematiſch. Die Urſachen, welche Mariens Wahnſinn erzeugt hatten, beſtanden nur in der Einbildung. Der grau⸗ ſenvolle Tod ihrer Eltern, wie ihn der Mönch ihr vor⸗ ſtellte, und das Billet ihres Geliebten, wonach ſie ſich von ihm verachtet ſah, hatten auf das zartfühlende Ge⸗ müth Mariens einen zerſtörenden Einfluß ausüben müſ⸗ ſen. Konnte man nun dieſe gräßliche Phantasmagorie, welche das arme Mädchen peinigte, verſchwinden ma⸗ chen, ſo war auch die Urſache der Krankheit gehoben, und kein Rückfall mehr zu befürchten. Bis jetzt hatte Aguilar nur die Krankheit ſelbſt ins Auge gefaßt und zu heilen verſucht und daher mit größter Sorg⸗ „ 25 falt alles vermieden, was ihr Empfindungsvermögen hätte aufregen können. Da aber jetzt die eigentliche Krankheit gehoben und an deren Stelle eine tiefe Schwermuth getreten war, ſo mußte man nun auf die Urſache ſelbſt hinwir⸗ ken und jene Täuſchungen zerſtören. Dazu jedoch ge⸗ hörte ein ſehr richtiger Takt, außerordentliche Behut⸗ ſamkeit, denn, ſchlug das Unternehmen fehl, ſo hatte man einen ſchlimmern Wahnſinnsausbruch zu befürch⸗ ten, als der erſte geweſen war. Bei ſolcher Sachlage hielt Doktor Aguilar es fürs Beſte, den kritiſchen Verſuch ſeiner Schweſter anzuver⸗ trauen, deren Liebenswürdigkeit und feiner Takt, wo irgend möglich, einen glücklichen Erfolg ahnen ließen. Nach der nöthigen Unterweiſung krat dieſer Engel der Freundlichkeit in das Zimmer Mariens, eben als dieſe das geliebte Medaillon mit einem Strom von Thränen bedeckte. Die wohlmeinende Baronin that, als ſehe ſie nichts, nahm das Mädchen bei der Hand und ſagte freundlich: „Nun! Marie! Wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Sie hatten eine gute Nacht„ „Ja, Madame,“ antworte gelaſſen die Arme,„ich habe gut geſchlafen. und habe ſeit lange meinen Kopf nicht ſo frei gefühlt... aber hier, in meinem Her⸗ zen„ „Sie müſſen ſich zerſtreuen, mein Kind; wir wol⸗ len in den Garten hinuntergehen, da finden Sie Blu⸗ men, Vögel... Sind Sie nicht gern in meiner Nähe?“ „Ja, Madam,“ ſagte Marie und fügte mit einem tiefen Seufzer bei:„Ach! ich war auch gerne bei der Marquiſe de la Bourbe!... Sie nahm mich auf, ſchien ſo gut, ſo edelmüthig, freundlich, ſie überſchüt⸗ tete mich mit ihrer Güte.„ und doch hinterging ſie mich Hinterging mich, um mich noch mehr zu quä⸗ len! Was hatte ich ihr denn gethan? ich ſuchte „ * 26 ihr in allem zu Gefallen zu leben ich Unglückliche „ ich habe Niemand„ mich betrügen Alle Alle freuen ſich, mich leiden zu ſehen!. Die Baronin konnte ſich der Thränen nicht enthal⸗ ten; Marie ſagte, da ſie dieß bemerkte, mit Erröthen: „Sie weinen, Madame? Verzeihen Sie meinem Uebermaß von Schmerz... Ich habe ſo viel erdul⸗ den müſſen!„habe ſolche gräßliche Täuſchungen erfahren!.. allein ich hatte nicht die Abſicht, Sie zu beleidigen... Ach nein; Sie wollen mich nicht betrügen.. ich bin deſſen gewiß„ es wäre auch zu boshaft, das Unglück eines armen Mädchens noch zu vermehren, das ſo viel gelitten hat und ſich in ſeinem Ge⸗ wiſſen nichts vorzuwerfen hat es wäre zu bos⸗ haft und Sie ſind ſo gut!.. Sie ſind ja die Schwe⸗ ſter des Mannes, dem ich Alles verdanke meines Vaters LQch ja! Sie lieben mich, wie er.. Nicht war Madame?“ Emilie konnte vor Rührung nicht ſprechen, allein Marie verſtand den ſtummen Wink ihrer Wohlthäte⸗ rin und fuhr fort: „Wie unbedachtſam war ich!. Vergebung, Madame, Vergebung!„ich hätte ſolcher Güte nicht mißtrauen ſollen.. ich erkenne es ich bin eine Undankbare.aber Sie ſind ſo edelmüthig! Sie beklagen mein Unglück... denn Sie wiſſen ja, daß ich eine Närrin bin„ich weiß es auch. ach ja! ja ich bin eine Närrin, nicht wahr? und man darf ſich über meine Unbedachtſamkeit nicht wundern aber mein zweiter Vater wird mich bald heilen... Ich fühle mich ſchon ſehr erleichtert!. „Ja meine Liebe; ja,“ ſagte die Baronin, welche ihre Aufregung unterdrückte;„wir haben Sie hieherge⸗ bracht, um Sie beſſer zu pflegen und in wenigen Tagen, hoffe ich, werden Sie ſich ganz wohl befinden. Ich täuſche Sie nicht, Marie, niemals. Haben Sie Ver⸗ trauen zu meinem Bruder?“ — WW ——— M—„ „Er war mein Retter und ich ſollte„ „Nun wohl: da er Sie zu mir gethan hat, ſo müſſen Sie denken, daß ich mit dem Herzen einer Mut⸗ ter für Sie ſorgen werde; wenn Sie nur mit gutem Willen daran gehen, ſo wird Ihre Heilung ſchnell und leicht vor ſich gehen; und dann... dann werden Sie ganz glücklich ſein.“ „Glücklich, Madame!“ ſagte Marie mit Kopfſchüt⸗ teln;„für mich gibt es kein Glück mehr auf dieſer Welt.“ „Warum das?“ „Ich beweine den Tod meiner Eltern die Un⸗ dankbarkeit des einzigen Mannes, den ich liebte.“ „Man muß dieſe traurigen Gedanken los zu wer⸗ den trachten„und dann„ wer hat Ihnen ge⸗ ſagt, daß Ihre Eltern todt ſeien?. Haben Sie mir nicht eben geklagt, daß Ihre Feinde Vergnügen daran fanden, Sie zu kränken?“ „Mein Gott! mein Gott!“ ſchrie Marie, in⸗ dem ſie ihre gefalteten Hände und die Augen voll Thränen zum Himmel aufhob.„Ach! wenn dieß auch eine Täuſchung geweſen wäre!“ „Warum nicht? Dieſe boshaften Leute ſind zu allem fähig... Aber es wäre nicht klug, ſich zu ſchnell dem frohen Vertrauen. hinzugeben.“ „Sie wollen nicht, daß ich mich dieſem frohen Ge⸗ danken mit Zuverſicht hingebe und doch könnte dieß allein mein Leben retten... Ach wenn meine Eltern noch lebten.. wenn mein Geliebter mich nicht haßte. „Nun, und dann. was wäre dann 2 „Sie fragen mich noch?. dann wäre ich über⸗ glücklich, die Glücklichſte auf der Welt.“ „Aber dieſes plötzliche Glück, könnte es nicht Ihrer Geſundheit ſchaden?“ „Meiner Geſundheit ſchaden! Ach! mein von furchtbaren Qualen zerriſſenes Herz kann nur durch eben ſo maßloſe Freude geſunden. Sehen Sie, Ma⸗ 6 28 vame, ſchon der Gedanke, die Nachricht von meiner Eltern Tod könnte eine Lüge ſein, hat mein ganzes Weſen umgeändert.“ „Wohlan Marie! Seien Sie glücklich.““ „Was ſagen Sie, Madame.“ „Ihr Vater, Ihre Mutter, beide leben noch!“ „Sie leben,“ ſchrie Marie mit dem höchſten Aus⸗ vruck kindlicher Liebe;„ſie leben;“ wiederholte ſie, in⸗ dem ſie ihre Hände zum Dankgebet gen Himmel er⸗ hob.. Dann ſiel ſie der Baronin um den Hals und ſagte:„Ich bin nicht mehr närriſch„ was ſage ich? ich bin es mehr, als ie„. närriſch vor Freude. vor Glück... Es iſt wahr, nicht wahr? Ja, ja! es iſt wahr, denn Sie ſind von Gott geſegnet. Aber wie kann ich je Ihre Güte ver⸗ gelten?„ „Marie, Ihr Glück ſei meine Belohnung. Jetzt aber wollen wir in den Garten hinabgehen„ wir haben einander viel zu ſagen. Dort unter dem Schat⸗ ten der Bäume, beim balſamiſchen Geruch der Blumen, beim fröhlichen Geſang der Vögel, dem Geplätſcher der Wellen, wollen wir frühſtücken; dort erzählen Sie mir alle Ihre bisherigen Leiden. Der romantiſche Ort iſt trefflich zu ſolchen Herzensergießungen geeignet. Laßt uns gehen, liebe Freundin; aber verhehlen Sie mir nichts, ich bitte Sie.. Ich habe das bren⸗ nendſte Verlangen und die feſte Zuverſicht, all' Ihre Leiden, all ihren Kummer tilgen zu können.“ „Wohin Sie wollen, Madame Sie ſind mein Schutzengel es wird mir eine ſüße Wohlthat ſein, die Geheimniſſe meines Herzens in den Buſen einer ſo edelmüthigen Freundin ausſchütten zu können.“ Ekben zu der Zeit da Marie ihre Lebensgeſchichte der Baronin erzählte, als dieſe beiden tugendhaften Herzen ſich in innigſter Freundſchaft verbanden, zerriß der Bund jener zwei Verfolger Mariens und die Un⸗ . 29 terredung der Marquiſe mit dem wüthenden Mönche iſt wahrlich zu grotesk, als daß wir dieſelbe dem geneigten Leſer vorenthalten ſollten. Eilftes Rapitel⸗ Eine abſchlägige Antwort. „Guten Tag, liebe Freundin,“ ſagte Patricius beim Eintritt in das Zimmer der Marquiſe, legte ſeinen Hut auf einen Stuhl und nahm neben ihr auf demſelben Sopha Platz, der ſchon vorher unter dem ungeheuren Gewicht der Dame ächzte und jetzt zu brechen drohte. „Sehr erfreut, Sie zu ſehen,“ antwortete die Mar⸗ quiſe. Nach dieſer gegenſeitigen Höflichkeit nahmen ſie ihre Doſen und tauſchten freundſchaftlich ihre Priſen. Die Marquiſe nießte dreimal und dankte dreimal dem from⸗ men Gott helf! des Mönches. Dann ſpielte das Sack⸗ tuch: die Marquiſe entfaltete das ihrige weit, führte es mit beiden Händen an die weit geöffnete Naſenmün⸗ dung, welche nun einen Ton, gleich dem von einer ſchlecht geblaſenen Trompete, ausſtieß, während der Mönch das ſeinige unentfaltet unter der unempfind⸗ lichen Naſe hin⸗ und herrieb, ſo unempfindlich gegen die Einwirkung des Tabaks, wie ſein Herz gegen die Regungen der Menſchlichkeit. „Juerſt, meine theure Freundin,“ ſagte der Mönch mit dem Tone der Zufriedenheit,„will ich Ihren Glück⸗ wunſch entgegennehmen, und dann wollen wir berath⸗ ſchlagen, auf welche Weiſe man des jungen Mädchens wieder habhaft werden könnte.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Patricius,“ ſagte die Marquiſe.„Was den Glückwunſch betrifft⸗ den ich Ihnen von Herzen abſtatte, weil ich annehme, es be⸗ treffe eine günſtige Neuigkeit, ſo erwarte ich Ihre gü⸗ tige Mittheilung, da ich mich für Ihre Unternehmun⸗ gen und deren günſtigen Erfolg ſehr intereſſire, wie Sie wohl wiſſen.„Allein in Betreff Mariens, die ins Hoſpital gebracht haben, begreife ich „Ich will mich näher erklären. Ihren Glückwunſch erbitte ich mir wegen der glänzendeu Ausſicht, die mir die Zukunft eröffnet. Ich rede ohne Rückhalt: unſre Freundſchaft iſt zu alt, wir ſind zu eng an einander gekettet, unſer Glück iſt zu nahe verbunden, alſo— hören Sie“ nit leiſer Stimme fuhr er fort:„der Sieg von Don Carlos iſt ſicher... und dann dann er wird König ſein„ und ich... der unum⸗ ſchränkte Gebieter.“ „Ach! mein Gott! Sind Sie toll geworden?“ „Durchaus nicht, durchaus nicht; ich bin noch ſehr gut bei Sinnen, Frau Marquiſe. Das Repräſentativſy⸗ ſtem fällt in Trümmer, ſtürzt zuſammen; unſere Truppen ſiegen überall.. ich habe unerſchöpfliche Hülfsquellen in meinen Händen... und die Liberalen, welche uns für Thoren halten, ſind durch meine liſtigen Ränke in offenen Zwiſt gegen einander ausgebrochen.. All' ihr Talent ſcheitert an unſerer Liſt... Gomez rückt heran„ die Bedingungen der Uebereinkunft ſind nach meinem Wunſche Ha! Sobald es uns gelang, die Macht⸗ haber zu demoraliſiren, ſo wußte ich, daß der Sieg unſer ſein würde. Ich mache Ihnen dieſe Eröffnung, weil der Triumph unſerer Sache entſchieden nahe iſt und weil ich Ihnen einen Beweis meines Vertrauens und meiner Freundſchaft dafür, daß Sie meine Ge⸗ heimniſſe immer ſo diskret behandelt haben, geben wollte. Jetzt aber bitte ich zum Dank für das, was ich ſchon für Sie gethan habe und ferner in noch reichlicherem ——— „ —„e—————— * 34 Maße thun werde, Sie um eine kleine Gefälligkeit. Espérance, dieſe gute und chriſtliche Frau, die keinen ihrer Nebenmenſchen leiden ſehen kann, hat ſich, von meiner Liebe für Marien gerührt, täglich nach dem Be⸗ finden des armen Mädchens erkundigt. Es geht beſſer mit ihr und ſie ſteht im Begriffe, das Hoſpital zu ver⸗ laſſen. Nun müſſen wir wiſſen, was aus ihr wird, oder vielmehr... wir müſſen ſie eiligſt zurückfordern.. denn Marie hat einen Geliebten und ich würde, wenn dieſer ihren Beſitz erlangte, außer mir gerathen. Frau Marquiſe, Sie können in dieſem Augenblick mich zum glücklichſten der Menſchen machen und ich hoffe nicht, daß Sie vergeſſen haben, wie ich mir erwieſene Gefäl⸗ ligkeiten zu lohnen weiß.“ Die Marquiſe, welche dieſen ganzen Sermon mit der größten Aufmerkſamkeit angehoͤrt hatte, zweifelte keinen Augenblick, daß der lügneriſche Mönch den ganzen brillanten Eingang von dem nahe bevorſtehenden Sieg des Don Carlos nur erfunden habe, um ſie für ſeine weitere Bitte zu gewinnen. Sie ſpottete im Innern darüber, und war nur um ſo feſter entſchloſſen, die Zu⸗ muthungen, welche ihrer Eigenliebe zu nahe traten, zurückzuweiſen. „Herr Patricius,“ ſagte die Marquiſe, indem ſie kokett den Fächer ſpielen ließ,„Sie wiſſen, daß ich Ihnen jederzeit Proben meiner wärmſten Freundſchaft gegeben habe und gewiß, Sie verdienen noch mehr„ „Zu viel Güte,“ ſagte der Mönch, indem er ſich achtungsvoll verneigte. „Ich meinte nämlich,“ ſetzts die Marquiſe hinzu, „daß wir uns gegenſeitig Proben von Freundſchaft und Theilnahme gegeben haben. Eben dieſem gegenſei⸗ tigen Austauſche verdanken wir beide unſere Stellung in der höchſten Geſellſchaft. Freunde müſſen ſich auf dieſe Weiſe unterſtützen und es iſt dieß eine Labſal für edelmüthige Herzen.“ „Ganz richtig, Frau Marquiſe... und ich habe niemals daran gezweifelt, daß. 4 „Allein es gibt,“ unterbrach ihn die Dame,„Dienſt⸗ leiſtungen, Gefälligkeiten, die einen gewiſſen, gehäſſigen Charakter an ſich tragen Sehen Sie, offen ge⸗ ſprochen, mein Freund, glauben Sie wohl, daß eine Frau von meinem Range die.. „Mein Gott! Frau Marquiſe, ſeit wann,“ rief der Mönch, ganz betäubt von dieſer Wendung,„ſeit wann„ „Mein Herr,“ fuhr die Dame mit noch ernſterem Tone fort,„für ſolche Aufträge gibt es in Madrid eine Menge Celeſtines(Kupplerinnen), und Ihr Eigen⸗ ſinn in dieſer Hinſicht beleidigt offenbar meine Würde.“ „Ich falle aus den Wolken. „Sagen Sie: bin ich eine Marquiſe, oder nicht?“ „Gewiß ſind Sie es. Allein... „Wir müſſen uns beſſer verſtehen, mein Herr; ſcheint es Ihnen nun anſtändig, daß eine Marquiſe die Unterhändlerin in einem ſolchen Liebesverhältniß ſpiele?“ „Mein Gott! Sieht man was Anderes in Ma⸗ drid? Allein das verwunderlichſte an der Sache iſt, Frau Marquiſe de la Bourbe,“ rief der Mönch mit ſatyriſchem Tone,„daß Sie eine ſolche Undankbarkeit ge⸗ gen den wagen, der die Waſſerverkäuferin, die Mutter Nicolas zur Marquiſe erhoben hat.“ „Sachte, mein Herr,“ erwiederte die Marguiſe, in⸗ dem ſie auffuhr und ihren Fächer konvulſiviſch hin und her ſchwenkte;„denn wenn Sie glauben, daß ihre Mönchs⸗ erziehung Sie berechtige, Jedermannzu beleidigen, ſo kann ich Ihnen auch vor Augen ſtellen, daß, wenn ich Ihnen verpflichtet bin, Sie es mir noch mehr ſind, da Sie ohne meine thätige Mitwirkung zeitlebens ein Bruder Schmal⸗ hans, ein entlaufener Schmutzfinkoder, wenn's hoch kommt, vielleicht Redakteur eines abſolutiſtiſchen Winkelblättchens — —,— — 33 oder Küchenmeiſter in einer ſchmierigen Kneipe geblie⸗ ben wären.“ „Frau Nikolas,“ ſchrie der Mönch, der jetzt auch aufſtand und ſeinen Hut aufſetzte,„hat Frau Nikolas ganz vergeſſen, daß ich mich für dieſe Schmähungen blutig rächen kann?“ „Ach! Ja!.. Es iſt wahr,“ rief die Marquiſe mit ſpöttiſchem Lachen, indem ſie die Hände in die Hüf⸗ ten ſtemmte,„ohne Zweifel kann mich der Henker henken laſſen, wenn Don Carlos geſiegt hat.. wenn die Unterhandlung mit Gomez gelungen iſt.. wenn der Herr allmächtiger Miniſter iſt?. Nicht wahr?„. Ha ha ha!. Der Spaß iſt herrlich!„. Nur Schade, daß ich die Herren ſammt und ſonders vorher an den Galgeu bringen kann.“ .„Pſt! Wollen Sie ſchweigen,“ rief Patricius zitternd, indem er der Marquiſe den Mund zuhob;„der Gedanke ſchon macht mir eine Gänſehaut.“ „Wiſſen Sie, mein ſchöner Herr Patricius, daß Sie mit dieſem Vollmondsgeſicht mit der hänfenen. Halsbinde, der heraushängenden Zunge„ halt ich glaube nicht, daß Sie noch häßlicher ſein werden, als Sie bis jetzt ſchon ſind. „Was wollen Sie, Madame,“ erwiederte der Mönch in erzwungener Ruhe, indem er mit ſeinem Aermel über den wieder abgenommenen Hut hinfuhr,„wir ſind nicht alle ſo gut davon gekommen, wie Marquiſe de la Bourbe... Was ich an Ihnen,“ fügte er mit halb⸗ ſcherzendem Tone hinzu,„beſonders liebenswürdig und unbezahlbar finde, iſt dieſer immer heitere, kurzweilige Charakter.. Wohlan! Laſſen Sie uns Friede machen, Ich erkenne meine Schuld... Ich hätte Ihnen dieſen Vor⸗ ſchlag gar nicht machen ſollen, da ich mir ja noch auf andere Weiſe in der Sache helfen kann. Aber Sie müſſen auch geſtehen, daß Sie Ihre ſatyriſche Rache beinahe zu weit getrieben haben.“ 65 Szco, Marie. U. v— W M——* W N N M wW 8 8 ———— 34. „Dieß iſt möglich; warum haben Sie aber auch einen ſolchen Streit veranlaßt?“ „Nichts mehr davon! Geben Sie mir zum Pfand des erneuerten Friedens eine Priſe und ſchnupfen wir auf ewige Freundſchaft!“„ „Hier iſt meine Doſe, mit größtem Vergnügen,“ ſagte die Marquiſe. „Beliebt es Ihnen?“ erwiederte der Mönch. So endigte die Beſprechung, wie ſie angefangen hatte, und Beide trennten ſich in ſcheinbar feſterer Freundſchaft, als je.... Aber ein Mönch vergiebt nie. Die Weigerung und die höhniſche Drohung der Mar⸗ quiſe hatten den ſchlimmſten Eindruck auf Patricius ge⸗ macht und ſollten gräßliche Folgen nach ſich ziehen. Pwölftes Rapitel. Die Thürglocke ertönte ſchrill und heftig; Mutter Espérance erhob ſich brummend von ihrem Sitze, da ſie nicht gewöhnt war, ſo ungeſtüm läuten zu hören. Sie öffnete: ganz außer ſich ſtürzte der Mönch herein und eilte in ſein Kabinet, ohne nur ſeine Herzens⸗Ver⸗„ traute, das blinde Werkzeug ſeiner Schändlichkeiten, die hölliſche Theilhaberin an ſeinen Verbrechen, zu grüßen. Er warf ſeinen Hut auf den Stuhl, vertauſchte ſeinen Frack gegen einen Schlafrock, und ging mit ſchnel⸗ len Schritten und heftigen Geberden, die den aufgereg⸗ ten Zuſtand ſeiner Seele verkündigten, auf und nieder. „Mein Gott! Ehrwürdiger Vater,“ rief die Alte, N — S— v8 8— a — 35 welche zitternd an der Thüre ſich zeigte,„mein Gott! Nie habe ich Sie in ſolcher Aufregung geſehen... Was für ein Unglück iſt denn geſchehen?“ „Unglück!... Nichts dergleichen, meine Schwe⸗ ſter,“ antwortete der Mönch;„allein nichts widert ſo an, als Wohlthaten mit Undank belohnt zu ſehen.“ „Aber, mein Gott! Was gibt es denn?“ „Was es gibt?.. Mutter Nikolas, dieſe elende Waſſerverkäuferin, die ich aus der Hefe des Volks herauf in die hohe Ariſtokratie verſetzt habe, iſt ſo übermüthig geworden, daß ſie mich eben mit der empörendſten behandelt hat.“ „Nicht möglich!. Aber könnte das Folgen haben?“ „Sehen Sie! dieſe Frau iſt der Teufel; wenn wir ſie nicht aus ihrer Stellung treiben, kann ſie uns ſehr ſchaden.“ „Wie ſo? Haben Sie denn ganz mit einander gebrochen?“ „Scheinbar ſind wir beſſere Freunde, als je... Es ging kurz ſo zu: Ich verlangte, ſie ſollte Marie wieder aufnehmen; da antwortete ſie mir mit unver⸗ ſchämtem Hochmuthe, ſie könne ihre Stellung nicht mehr durch ſolche Gefälligkeiten gegen mich herab⸗ würdigen.“ „Wie? hat denn die Prinzeſſin ihre Herkunft ver⸗ geſſen?“ „Ich habe ihr meine Wohlthaten in's Gedächtniß zurückgerufen.“ „Nun und dann?“ „Dann ſagte ſie, fie ſei mir ſchuldig, habe ſogar noch gut bei mir.“ „Welche Frechheit!“ 5 „Darauf habe ich ihr, vor Zorn pite mir, ihr Se unter die Naſe Berisben⸗ 36 „Ganz recht!... das mußten Sie thun nun war ſie natürlich geſchlagen,. ſie verſtummte.“ „Die?.. Ja freilich! Unverſchämter als vorher traktirte ſie mich mit unzähligen Schimpfreden... nannte mich einen Bruder Schmalhans„4 „Bruder Schm. „Einen entlaufenen Schmutzmichel!“ „Schmutz.... das iſt gräßlich das ſchreit um Rache. Wer die Diener der Kirche beleidigt, beleidigt Gott ſelbſt.. Es iſt eine Ketzerin.“ „Gewiß, meine Schweſter; eine Ketzerin von der ſchlimmſten Sorte, eine Peſtbeule der Chriſtenheit, eine giftige Seelenverderberin, die man auf jede Weiſe zum Heil der Frommen vertilgen und ausrotten muß.“ „Mein Gott!... mein Gott!“ rief die weibliche Schlange, indem ſie das Kreuz machte,„gibt es ſolche ſchlechte Leute in der Welt!. die Diener des Herrn zu verſpotten! das iſt gräßlich!“ „Das iſt noch nicht Alles, meine Schweſter.“ „Um Gottes willen! noch nicht einmal Alles?“ „Nein, liebe Freundin! Dieſe Viper hat die Frech⸗ heit ſo weit getrieben, mir mit einer Anklage zu drohen.“ „Mit einer Anklage?“ „Wie ich ſage„ſie äußerte, ſie habe die Macht in Händen, alle für Don Carlos Verſchworenen den Händen des Gerichts zu überliefern.“ „Ich zittre!“ „Dieß iſt das Einzige, was mich beunruhigt; denn dieſe Megäre iſt fähig, etwas der Art zu thun. Frei⸗ lich habe ich darauf den Ton geändert und gethan, al ob ich Alles nur im Scherz geſagt hätte; ich habe ſie ſogar um Verzeihung gebeten, ſie mit Schmeicheleien überhäuft, und ſo ſind wir äußerlich als die beſten Freunde geſchieden. Aber ihre Drohung liegt mi zentnerſchwer auf der Seele, und ſo lange dieſe nicht ganz unſchädlich gemacht iſt, hnß ich keine Ruhe. c drei beglaubigte Exemplare.“ der mit den Worten:„Wenn man den Wolf nennt, 37 „Wie aber dieß bewerkſtelligen 2“ „Man muß dabei mit der größten Thätigkeit und Schnelligkeit verfahren, ſonſt kann ſie uns Alle in's Verderben ſtürzen.“ „Wir müſſen alſo überlegen!“ „Im Hergehen habe ich nachgedacht und gefunden, das Beſte wäre, ſie mit ihrem Schwiegerſohne zu veruneinigen.. So lenken wir ihre Aufmerkſamkeit anderswohin, und ich zeige mich ihr, um meine Abſicht zu verbergen, freundlicher als je.“ „Das iſt nicht übel... allein Sie ſagen, die Zeit dränge, und um eine Familie in Uneinigkeit zu bringen, iſt immer eine geraume Zeit nöthig. In den Sachen bin ich ſo erfahren, wie Eine.“ „Doch haben wir eine geſchickte Handhabe. Wiſ⸗ ſen Sie, wo Hedwig getauft worden iſt?“ „Welche Frage? Ich bin ihre Pathin. St. Ilde⸗ fonſo, und wenn es weitere Zeugen braucht, ſo iſt ihr Taufpathe, Vater Lezard, gerade vom Bagno zurück⸗ gekommen.“ „Vortrefflich!... Mehr braucht es nicht. Schnell, meine Schweſter, einen Taufſchein des Mädchens. „Ich eile wenn der Herr Gemahl wüßte, welchen Bären er ſich hat aufbinden laſſen.“ Die Hausglocke unterbrach die Redenden. Die Alte lief weg, um zu ſehen, wer es ſei, und kam eiligſt wie⸗ kommt er gerennt... der Marquis de la Erötinisre. 3 habe geſagt, ich wolle nachſehen, ob Sie zu Hauſe eien. „Was will der von mir?... Thut nichts laß ihn hereinkommen.“ Die Hexe ging hinaus, und wenige Augenblicke nachher trat der Marquis ein. Der Mönch eilte, ihn zu begrüßen, und die beiden 38 Herren drückten ſich die Hände zum Zeichen der innig⸗ ſten Freundſchaft. „Wenn ich Sie etwa ſtöre, Herr Patricius,“ ſagte der Marquis,„ſo komme ich wieder.“ „Durchaus nicht, Herr Marquis, ich habe nichts Preſſantes zu thun, und wenn auch,“ ſagte der Mönch höflich,„ſo geht Ihre Unterhaltung dem wichtigſten Geſchäfte vor.“ „Sehr verbunden für Ihre Güte, und gewiß würde ich mich ſehr glücklich ſchätzen, wenn ich einmal Ge⸗ legenheit fände, Ihnen meine Achtung und Anhänglich— keit zu beweiſen.“ „Ich bin deſſen überzeugt; aber, vor Allem. wie befindet ſich die gnädige Frau?“ „Sie iſt ein wenig leidend... doch hat es keine Bedeutung.“ „Ei! Ei! die Folgen des neuen Standes...“ „Immer ſind Sie doch ein Schäcker, Herr Pa⸗ tricius.“ „Aber ſo legen Sie ab, ſetzen Sie ſich gefälligſt, und kommen wir zur Sache.“. Als Beide ſich geſetzt hatten, fing der Marguis an: „Mein Lieber, ich gebe Ihnen einen größen Be⸗ weis meiner Freundſchaft... ich vertraue Ihnen et⸗ was an, was ich ſonſt gegen Niemand Welt über die Zunge gebracht hätte.. nicht einmal gegen meine Frau, die ich ſo ſehr liebe— gerade, um ſie nicht zu bekümmern.“ „Erklären Sie ſich offen, und rechnen Sie g meine Freundſchaft, meine Verſchwiegen eit. „Es iſt mir ſehr lieb, darauf zählemzu d Slie erinnern ſich, daß bei dem Sturze Mendizabals die Staatspapiere fortwährend ſanken. Man mußte an⸗ hmen, ein neues Miniſt würde ſie wieder ſtei⸗ n machen, und da ich leider früher als jeder Andere ie neue riteienbin ſo ſteckte ich große Summen hinein, und bin damit gegen alle Vermu⸗ 39 thung geſcheitert. Mit einem Wort, ich muß die Bril⸗ lanten meiner Frau verkaufen, um meine Verbindlich⸗ keit zu decken, wenn ich nicht innerhalb drei Tagen einen Freund finde, der mir eine halbe Million Realen vorſtreckt. Es leidet keinen Aufſchub. Ich nehme jede Bedingung an.. Sie kennen beſſer, als jemand Anders, die Sicherheit, die ich zu leiſten vermag. und ich hoffe, daß Ihre Freundſchaft mich aus dieſer augenblicklichen Verlegenheit reißt.“ Patricius hatte dem Marquis aufmerkſam zuge⸗ hört, die Augen zu Boden geheftet, die Hände über dem Bauche gefaltet, während die Daumen ſpielten; plötzlich erhob er den Kopf, ſah den Marquis feſt an, und ſagte mit der größten Kaltblütigkeit: „Was mich betrifft, Herr Marquis, ſo iſt es mir unmöglich, Ihnen dieſe Gefälligkeit zu erweiſen... Meine Kaſſe iſt gegenwärtig ganz auf der Neige Ich habe wohl einen Freund, der ſonſt Geld aus⸗ lieh... aber nur unter gewiſſen Bedingungen, und gegen beſondere Sicherheit... ſo iſt er übrigens in kurzer Zeit zu ſehr großem Vermögen gelangt„. Seit längerer Zeit borgt er nichts mehr, um nicht von Undankbaren mit dem Namen Wucherer belegt zu wer⸗ den doch will ich mein Möglichſtes thun, ihm Vernunft beizubringen— aber auf ziemlich ſtarke Be⸗ dingungen müſſen Sie ſich gefaßt machen.“ „Ich bin zu Allem bereit, und wünſche nur das Reſultat bald zu erfahren, um aus der Unruhe zu kommen.“ „Der Mann iſt blos Abends zu Hauſe. Auf jeden Fall laſſe ich Ihnen, wenn ich nicht ſelbſt kommen kann, vor Mitternacht Antwort ſagen. Machen Sie, daß Sie vorher nach Hauſe kommen.“ „Ich werde nicht verfehlen; aber vergeſſen Sie nicht, daß mein Glück vom Erfolg Ihres Ganges ab⸗ hängt.“ 40 „Sorgen Sie nicht— ich thue Ihnen zu gerne einen Gefallen, als daß ich nicht... „Ich weiß es. kenne ja Ihr gutes Herz... und eben das hat mich bewogen, Ihnen mein Geheim⸗ niß anzuvertrauen.“. „Ich habe gute Ausſichten.“ „Ewig würde ich Ihnen zu Dank verpflichtet ſein.“ Die beiden Gauner drückten ſich die Hände, und ſchieden unter einem Schwall von Höflichkeiten, wobei jedoch der Marquis nicht erlaubte, daß ihm der Mönch weiter, als bis an die Thüre das Geleite gab.“ Vreizehntes Rapitel. Die Beſprechung. Seitdem Marie aus dem Munde der Baronin 38 wußte, daß ihre Eltern noch lebten, daß jenes verhäng⸗ nnnißvolle Billet wahrſcheinlich nur eine Folge teufliſcher Verläumdung war; kurz ſeitdem ihr Gemüth wieder eeinige Ruhe und Zuverſicht gewonnen hatte, waren alle Spuren des Wahnſinns verſchwunden, und die ſorg⸗ fältige Behandlung, welche man ihr angedeihen ließ, ſ den beſten Einfluß auf ihre raſche Wiederher⸗ ellung. Die Baronin hielt ſich ſtreng an die Verordnun⸗ gen ihres Bruders, und war zu klug, um ſich die ge⸗ ringſte Unvo ſſchtigkeit zu Schulden kommen zu laſſen. ie hatte Marien nichts von der traurigen Lage ihrer Eltern geſagt. Die Arme wußte nur, daß ſie noch lebten, und ergab ſich in des Doktors Willen, der ihr begreiflich gemacht hatte, daß ſie dieſelben nicht wieder⸗ — 41 ſehen dürfe, ehe ihre Krankheit vollſtändig gehoben wäre. Ebenſo wenig hatte man ihr etwas von der glücklichen Heilung ihrer Mutter geſagt, da die Ba⸗ ronin dieſe freudige Ueberraſchung auf gelegenere Zeit aufſparen wollte. Marie hatte dagegen ihre ganze Lebensgeſchichte ohne den mindeſten Rückhalt erzählt, und dabei weder die unverſchämte Zudringlichkeit des Mönches, noch ihre Liebe zu Mendoza verſchwiegen. Es war dieß das erſte Mal, daß ſie die Geheimniſſe ihres Herzens in den Buſen einer zärtlichen Freundin ausleerte, und es ge⸗ währte ihr dieß eine große Erleichterung, da ſie bei der Baronin Troſt und nicht ungegründet ſcheinende Hoffnung fand. Nun konnte ſie den Unterſchied zwi⸗ ſchen der ungeſchminkten Liebenswürdigkeit ihrer neuen Beſchützerin und den erheuchelten Liebkoſungen der dicken Marquiſe deutlich erkennen, und ſie überzeugte ſich all⸗ mälig, daß ſie jetzt nicht getäuſcht werde. Hier ſah ſie ſich zwar nicht mehr von dem üppigen Lurus, der ſie in dem Hauſe der Marquiſe de la Bourbe geblendet hatte, umgeben; allein ihre Zimmer, früher von der Baronin bewohnt, waren nett; ihre Toilette einfach, aber geſchmackvoll. Auch von Thomas müſſen wir dem Leſer kurze Nachricht geben. Dieſer treue Freund Mariens war als Diener in das Haus der Baronin getreten und die offene Seelen⸗ güte des Doktor Aguilar, ſo wie die Art, wie er von ſeiner neuen Gebieterin behandelt wurde, hatten ihm nach und nach die Ueberzeugung beigebracht, daß nicht alle civiliſirten Menſchen Mörder ſeien. Er verſöhnte ſich allmählich mit den Europäern und bewahrte nur noch gegen die Feinde Mariens einen tödtlichen Haß. Die Baronin fühlte ſich nicht weniger glücklich, als ihre Schutzbefohlene, da kein Vergnügen dem ſüßen Gefühl zu vergleichen iſt, das der Wohlthätigkeit ent⸗ ſpringt. Ach! Niemand beneide diejenigen, welche ihre 42 Schätze mit Bällen, Banketten, in ſkandalsſen Orgien vergeuden. Sie verſchleudern das Gold an ihre unver⸗ ſöhnlichſten Feinde, welche ihnen zwar ins Geſicht ſchmei⸗ cheln, allein hinter dem Rücken nur um ſo ſchlimmer von ihnen reden; auf die ſchändliche Schlemmerei und Liederlichkeit folgt ſpät aber ſicher eine bittere Reue. Wer ſein Vermögen zu Wohlthaten verwendet, ſieht nichts als Freunde um ſich, hört nur die ſüße Stimme der Dankbarkeit, allein genießt wahre Freude. Die ſchöne, edle Emilie war ganz mit dem Ge⸗ danken an die arme Marie beſchäftigt, als ſie Schritte hörte; ſie hob die Augen und erblickte Don Louis de Mendoza. „Welches Glück, theure Freundin!“ ſagte der Marquis, indem er ſich achtungsvoll verbeugte;„ich finde Sie allein! Sie glauben nicht, wie ſehr ich mich nach dieſem glücklichen Augenblick geſehnt habe. Wie konnte ich, mitten unter dem übrigen Schwarm der Anbeter ein Wort an Sie richten? Sie begreifen ſicherlich meine Ungeduld nach der Ihnen von mir ſchrift⸗ lich übergebenen Erklärung. Ich ſehe Ihrer Antwort mit all' der Aengſtlichkeit entgegen, wie einer Entſchei⸗ dung über Leben und Tod.“ „Immer noch die gleiche Unbeſonnenheit,“ antwor⸗ tete die Baronin ſanft.„Ruhig mein Freund, ruhig. Nehmen Sie Platz und laſſen Sie uns vernünftig ſprechen, wenn ſie deſſen fähig ſind.“ Der junge Mann ſetzte ſich neben die Baronin und rief: „Ach! Zögern Sie nicht, mir mein Schickſal zu verkünden„. Haben Sie Mitleiden mit mir.“ „Wirklich mein Freund,“ ſagte die Baronin mit ernſthaftem Tone,„glauben Sie mir, ich habe Mitlei⸗ den mit Ihnen.“ „Gnädige Frau! „Ja, Ihre Verirrungen erregen mein Mitleiden! Wenn dieſe Liebe, welche Sie für mich zu fühlen wäh⸗ 43 nen und die ſie ohne Zweifel noch an viele andere Frauen verſchwenden, nur eine reine, auf gegenſeitige Achtung gegründete Freundſchaft wäre, wie ſie das Erb⸗ theil tugendhafter Seelen iſt, ſo wäre ich ſtolz darauf, ſie zu verdienen, da ich an Ihnen alle Eigenſchaften wahren Adels finde.. ich ſchmeichle und lüge nicht, ſondern meine Zunge iſt jederzeit die treue Dolmetſcherin meines Herzens.“ „Nun wohl, liebenswürdige Emilie, da ich von Ihnen ein ſo günſtiges Urtheil vernehme... da Sie ſagen, Sie würden ſich durch meine Freundſchaft ge⸗ ſchmeichelt fühlen„.„ warum verſchmähen Sie ein zärtlicheres Gefühl?.. Freundſchaft!.. empfindet ein großmüthiges Herz für die ganze Welt... Sie ſagen, die meinige würde Sie ſtolz machen! Wie ſollte ich aber nur Freundſchaft für ein Weſen empfinden, deſſen Schönheit, Tugend, tauſendfacher Liebreiz mein Herz zur feurigſten Bewunderung hinreißen?“ „Sie ſprechen von Tugend„ wo bliebe dieſe, wenn ich eine verbrecheriſche Liebe theilen könnte? Ha⸗ ben Sie vergeſſen, daß ich verheirathet bin?“ „Ich weiß es leider nur zu gut!“ „Nun wohl, wenn Sie es wiſſen, wie können Sie mir einen ſo ſchmachvollen und entehrenden Antrag machen? Wiſſen Sie, daß ſchon ein ſolcher Antrag eine Beleidigung iſt, denn, um ihn einer Frau zu machen, muß man dieſe für fähig halten, ihn anzunehmen„.. Iſt das die erſte Probe Ihrer Freundſchaft, welche Sie mir geben? Mich in Unrecht und Schande ſtürzen! Sie lieben mich und verlangen, ich ſolle meiner heilig⸗ ſten Pflicht untreu werden.. den Mann verrathen, dem ich am Altare Treue geſchworen..„ich ſoll den allgütigen Gott, an deſſen Altären ich den Schwur ge⸗ leiſtet habe, beleidigen! Ich ſoll Eid und Ehre brechen! Sie lieben mich und wollen, daß ich mich zu jenen von der Geſellſchaft gebrandmarkten, gefallenen Frauen rechne? Sie wollen Unfrieden in mein Haus, na⸗ — ———————— 8 ———————— 44 gende Reue in meine Seele bringen?. ewige Gewiſ⸗ ſensbiſſe ſollen den Frieden meiner Seele ſtören.„ und Sie lieben mich!... Ach! Sie denken gewiß nicht daran! Vergegenwärtigen Sie ſich nur die unausweich⸗ lichen Folgen einer ſolchen Liebe!.. Sagen Sie nicht, es ſei ſehr häufig ſo... Ach! Alle Verbrechen finden ſich überall nur zu häufig; allein fragen Sie ſolche Verbrecher, fragen Sie Ihr eigenes Herz, Ihre Ver⸗ nunft und ich bin gewiß, falls ihre Liebe zu mir eine wahre iſt, daß Sie der erſte ſein werden, Ihren Irrthum einzuſehen, für mein wahres Glück zu ſprechen„ und dieſes iſt nirgends, wo ein gutes Gewiſſen fehlt. Glauben Sie nicht, die Verirrungen eines Gemahls berechtigen die Frau zu einer ſo ſchändlichen Wieder⸗ vergeltung.. Ich weiß nicht, was mein Ge⸗ mahl thut.. ich enthalte mich in Beziehung auf ihn jedes Verdachts.. Wenn er aber auch ſeine Pflichten vergeſſen ſollte, ſo könnte dieß mich nur ſchmer⸗ zen, aber nie bewegen, durch eigene Untreue ſeine Ver⸗ irrung zu rechtfertigen... Wer weiß, ob ihn meine Treue nicht endlich zur Tugend zurückführt?“ Bei dieſen letzten Worten rollte eine Thräne über die von Purpurröthe übergoſſene Wange der Ba⸗ ronin. „Ach! Vergebung Emilie, Vergebung!“ rief Don Louis in höchſter Verwirrung und Aufregung;„ich war ein Wahnfinniger, ich geſtehe es... Ich kannte Sie nicht, kannte mich ſelbſt nicht... Entſchuldigen Sie meine Unbedachtſamkeit.. Ich habe Sie betrübt und erſt jetzt weiß ich, wie ich Sie liebe, jetzt da ich durch Sie jene reine Liebe kennen lerne, die neben der höchſten Achtung und Bewunderung für die Tugend beſtehen kann.— Ach! Jetzt verweigern Sie mir den ſüßen Namen eines Freundes nicht und erlauben Sie, daß ich zum Beweis meiner aufrichtigen Gefinnung Ihnen das Geheimniß meines Herzens anvertraue.“ „Jetzt endlich find Sie, wie ich Sie wünſche, und 45⁵ ich freue mich unbeſchreiblich darüber. Von heute an ſoll unſre Freundſchaft unaufhörlich ſein. Reden Sie, vertrauen Sie mir die Leiden Ihres Herzens. Wer weiß, ob ich dieſelben nicht, ſo drückend ſie ſein mögen, lindern kann.“ „Ach, gnädige Frau.. ich bin ſehr unglücklich. Ich habe alle möglichen Anſtrengungen gemacht, um über eine unwürdige Leidenſchaft Herr zu werden aber ohne Erfolg. Ich hoffte durch eine neue Liebe die alte, welche mich verzehrt, erſticken zu können und hatte... Verzeihung, ſchöne Emilie Sie dazu er⸗ koren, weil ich in dieſem Falle des Erfolgs gewiß war. Sie haben mir die Thorheit und das Unrecht mei⸗ nes Strebens gezeigt; allein großmüthig boten Sie mir anſtatt Ihrer Liebe Ihre Freundſchaft, deren Rath von nun an alle meine Entſchlüſſe lenken ſoll.“ „Sie kennen noch nicht einmal alle meine Eigen⸗ ſchaften,“ ſagte die Baronin lächelnd. „Wie ſo? ich begreife nicht...“ „Sie kennen ein geheimes Talent Ihrer Freundin noch nicht.“ „Darf ich es wiſſen?“ „Niemand kennt es und traut es mir zu.“ „Ich weiß nur, daß Sie eben ſo tugendhaft als ſchön ſind.“ „Ich danke für das Kompliment, aber ich beſitze noch andere Eigenſchaften.“ „Laſſen Sie hören.“ „Ich bin eine Hexenmeiſterin.“ „Emilie! das iſt nicht ihr gewohnter Edelmuth... ſich über einen Unglücklichen luſtig zu machen 14 „Durchaus nicht; ich mache mich nicht luſtig über Sie, und will Ihnen ſogleich eine Probe davon geben: Es ſind jetzt ungefähr zwei Jahre, daß Sie Marie, jenes Mädchen im Hoſpital, von der wir unlängſt ge⸗ ſprochen haben, kennen.“ „Allerdings.“ 46 „Bei Ihrem zweiten Zuſammentreffen kauften Sie von ihr einen Kanarienvogel um einen Quadrupel.“ „Auch das iſt richtig.“ „Eben dieſen brachte Sie Ihnen wieder an dem Tage eines gewiſſen Duells.„. „Unfaßlich!“ „In dem Sie beſinnungslos auf dem Kampſfplatz blieben; die Arme hielt Sie für todt.. „Wie aber!. „Bis Sie bei einem Stiergefecht.. „Iſt's ein Traum?“ „Sich wiedererkannten und eine Zuſammenkunft für den nächſten Tag verabredeten.“ „Ganz richtig, liebe Freundin, Alles ganz richtig. Und an dieſem Tage, den ich für den ſchönſten meines Lebens hielt... Ach! da erfuhr ich, daß die Angebetete ſich entehrt hatte— ich ſchickte ihr, anſtatt ſelbſt zu kommen, ein Billet mit meinen Abſchiedsworten. In der St. Johannisnacht traf ich ſie bleich, abgezehrt, wahnſinnig, von Menſchen, die ſie ſchlugen, verſolgt. Ich führte ſie ins Hoſpital, ohne zu wiſſen, wer ſie ſei, doch bald erfuhr ich, daß ihre laſterhafte Lebensweiſe ſie ſo weit gebracht hatte. Trotz deſſen, trotz ihres Un⸗ danks, trotz aller Vernunftgründe... fühlte ich noch ein Verlangen, für ſie zu ſorgen fühlte ich noch Liebe für dieſes ſchuldhafte Weſen. Nun ſagen Sie ob ich nicht bemitleidenswerth bin?“ „Vielleicht nicht ſo ſehr, als Sie glauben.“ „Was ſagen Sie, gnädige Frau?“ „Ich ſage, verzeihen Sie mir die Freiheit... ich ſage, daß Sie durchaus kein Mitleid verdienen.“ „Wie ſo?“ 6 „Daß Sie im Gegentheil ſehr zu tadeln find.“ „Zu tadeln, ich?“ ½ „So ſind die Männer!... Bei dem leiſeſten Scheine laſſen Sie ſich von Ihrem heftigen Charakte hinreißen„ und werden aus Irrthum grauſam. Wie — 47 viele Frauen ſind dadurch unglücklich geworden! Wiſſen Sie, daß Marie unſchuldig iſt... daß Sie nicht einen Augenblick aufgehört hat, Ihrer Liebe würdig zu ſein und daß Ihre Undankbarkeit, Ihre Vernachläßi⸗ gung allein Schuld an jenem Wahnſinn war?“ „Großer Gott! Wäre es möglich!... Ach haben Sie Erbarmen, machen Sie meine Lage nicht noch jam⸗ mervoller, als ſie bis jetzt war!“ „Alles, was man Ihnen Nachtheiliges über die Tugend Mariens ſagte, iſt eine infame Verleumdung.“ „Wäre es möglich?.. Ach dann iſt mein Un⸗ glück noch größer. ich könnte den Gedanken nicht tragen, an dem jammervollen Zuſtande Mariens Schuld zu ſein!“ „Allein vielleicht iſt der Zuſtand nicht ſo jammer⸗ voll, als Sie ſich ihn vorſtellen.“ „Die Arme ſeufzt in einem Kerker... ohne Be⸗ wußtſein, ohne Verſtand.“ „Aber wenn ſie ſtatt deſſen ein bequemes Zimmer bewohnte? ihre Vernunft wieder erlangt hätte?.. „Bei Allem, was Ihnen theuer iſt, Emilie, ſtei⸗ gern Sie meine ängſtliche Neugier nicht länger.“ „Gut mein Freund. Ich wiederhole Ihnen, daß Marie unſchuldig iſt, und ihren völligen Verſtand wie⸗ der erlangt hat; ferner ſage ich Ihnen, daß ſie hier iſt, bei mir, und daß ich ſelbſt Sie zu ihr führen werde. Allein zuvor muß ich ſie vorbereiten, damit eine ſo hef⸗ tige Aufregung ihrer noch ſchwachen Geſundheit nicht ſchädlich werde. Haben Sie nun Vertrauen zu mir?“ „Wer könnte dieß in höherm Grade verdienen, als Sie, mein Schutzengel?“ „Nun wohl! Wir müſſen jetzt unſrer Beſprechung ein Ziel ſetzen und ich werde die Beſchäftigung mit Ihrem Glücke als meine ſüßeſte Pflicht anſehen. Je⸗ doch muß ich, ehe Ihnen meine Fürſprache zu Theil wird, weitere Aufklärung haben... Marie iſt die Tochter eines Handwerkers..“ „Sie wird meine Gemahlin.“ Sehr gut! Aber man wird eine ſolche Heirath adeln.“ „Ich beklage die Thoren, welche ſich darüber ärgern.“ „Man wird ſagen, Marie ſei nicht von Adel! „Ich werde dagegen erwiedern, ſie iſt tugendhaft.“ „Vortrefflich!... Aber Ihr Herr Vater?“ 8 „Von ihm habe ich dieſe Grundſätze; mein Vates hat gewiß nichts gegen dieſe Verbindung.“ „So ſteht Ihrem Glücke nur noch ein Hinderniß im Wege.“ „Ein Hinderniß? und welches?“ „Der Vater Mariens ſchmachtet in einem ſchauer⸗ lichen Gefängniſſe, das er nur verlaſſen wird, um auf das Schaffot zu ſteigen.“ „Großer Gott! Alſo iſt alles wahr, was man mir geſagt hat!“ „All' dieſes iſt nur die Folge von abſcheulichen Intriguen. Suchen Sie meinen Bruder aufz erzählen Sie ihm unſere Unterhaltung, er wird Ihnen Umſtände von der höchſten Wichtigkeit enthüllen. Wiſſen Sie ſeine Wohnung?“ „Ja, gnädige Frau.“ zen „Eben jetzt treffen Sie ihn am gelegenſten. Die Zeit drängt, wenn wir den Vater Mariens retten wollen.“ „Die Liebe wird meine Schritte leiten. Leben Sie wohl, theure Freundin.“ Die Baronin grüßte mit freundlichem Blicke und der junge Marquis entfernte ſich voll Muth, Hoffnung und Liebe. „ 1 ———„—„— 49 Pierzehntes Rapitel. Die Anziehungskraft der Tugend. Kaum hatte Louis de Mendoza das Haus verlafſen, als die Baronin das Zimmer Mariens betrat. Das Mädchen eilte ihr entgegen, um die Hand ihrer Wohl⸗ thäterin zu küſſen, dieſe aber drückte einen Kuß ſchwe⸗ ſterlicher Liebe auf ihre Wangen. Marie rief voll zärtlicher Verſchämtheit: „Gnädige Frau, ich bin ſo großer Güte nicht werth... Haben Sie vergeſſen, daß ich die Tochter eines armen Taglöhners bin?“ „Ich weiß es, Marie, ich weiß es und eben dieſe beiden Eigenſchaften empfehlen Sie meiner Liebe. Eine trotz aller Armuth reine, unbefleckte Tugend verdient unſre höchſte Hochachtung, da ſie ſo ſchwer iſt; ein ehr⸗ licher Arbeiter aber hat Anſpruch auf Achtung, weil er nützlich iſt, nützlicher als all' das Hofgeſindel, das nur von dem Lohne ſeiner feilen Schmeichelei lebt. Aber Sie ſind betrübt? Marie, was haben Sie? Fühlen Sie ſich nicht glücklich in meiner Nähe?“ „Ach, gnädige Frau, ich verdiene Ihre zu große Güte nicht! Ich habe durch die liebevolle Sorgfalt Ihres Herrn Bruders und durch Ihre zärtliche Ver⸗ pflegung meine Geſundheit wieder erlangt.. ſobald ich auch wieder kräftig genug bin, um zu arbeiten, werde ich Sie um eine Gnade bitten.“ „Reden Sie doch; ich verlange ja nichts ſo ſehr, als Ihre Wünſche zu befriedigen.“ „Man hat mir ſo eben dieſe Kleider gebracht..“ Marie deutete auf einen Pack mit Kleidern, der auf einem Stuhle lag. Izco, Marie. I. 4 50 „Nun wohl?. Haben Sie dieſelben anpro⸗ pirt?“.. Sie müſſen Ihnen herrlich ſtehen.“ „Nein, gnädige Frau„ ich habe ſie nicht an⸗ probirt. ihr Anblick erfüllt mich mit Schrecken. Ich danke Ihnen für Ihre Großmuth... allein ich bin in niederm Stande geboren und hätte nie die tu⸗ gendhaften Lehren meiner Eltern außer Augen laſſen ſollen. Als mich der Mangel von meinem elterlichen Hauſe trieb, hatte ich keinen andern Zweck, als in Dienſt zu treten, um durch meinen Lohn das Lvos mei⸗ ner Eltern zu erleichtern„. Ich fiel in jene teuf⸗ liſche Schlinge und alle meine Vorſätze und Plane wa⸗ ren zernichtet.. Wenn Sie ſich wirklich für mich intereſſiren, gnädige Frau, wenn Sie mich glücklich ſehen wollen, ſo ſteht es in Ihrer Macht, den höchſten Wunſch meines Ehrgeizes zu befriedigen. Seit jener Nachricht, daß meine Eltern noch leben, fühle ich mich geſtärkt, geſund, mein Kopf iſt frei und ungeſchwächt; Alles dieß verdanke ich Ihrer Güte! Laſſen Sie das edle Werk Ihrer Großmuth nicht unvollendet, gnädige Frau, verweigern Sie meine Bitte nicht.“ „Was wünſchen Sie denn 2. „Nehmen Sie mich in Ihren Dienſt.“ Die Baronin konnte vor tiefer Rührung kaum ant⸗ worten. „In den erſten Tagen,“ fuhr Marie forte„werde ich Ihnen nicht von großem Rutzen ſein„„ich habe wenig feine Sachen genäht, ich kann nicht bügeln.. allein ich will es lernen, will mir alle Mühe geben„. Sie ſind ja ſo gut, ſo nachſichtig. In Beziehung auf Lohn mache ich keine Anſprüche.. was Sie mir ge⸗ ben wollen, es mag noch ſo wenig ſein.. es wird ge⸗ nügen, um meine Eltern zu unterſtützen, denn ſie ſind an Entbehrung gewöhnt„. Sie weinen, gnädige Frau?... Ach! wie glücklich bin ich!. haben Mitleiden mit mir, und dieſe koſtbaren Thrän zeigen an, daß Sie meinen Bitten Gehör ſchen 51 Mein Glück wäre vollkommen, wenn Sie mir jetzt gleich eine günſtige Antwort ertheilten... mir erlaubten, daß ich zu meinen Eltern eile, ſie wiederſehe, ſie umarme, ihnen ſage:„„Da nehmt, es iſt nicht viel, aber der Lohn meiner Arbeit, ehrlich erworben.. Ihr ſeid nunmehr vor dem Hungertode geſchützt.“.. Ach, gnädige Frau! dieß iſt fortan mein einziger Stolz; ich kann dieſe prächtigen Kleider nicht anſehen; ihre Er⸗ mahnt mich zu ſehr an mein grauſames Ge⸗ chick!“ „Edelmüthiges Kind,“ rief die Baronin, Thränen in den Augen,„ſolche tugendhafte Geſinnungen können nicht unbelohnt bleiben. Nein! Sie ſind nicht zur Dienſtbarkeit geboren, ich muß Sie davon zurückhalten. Sie bleiben bei mir als meine Tochter, als meine Schweſter. Ich bin allein... Gott hat mir keine Kinder geſchenkt ich habe nur meinen Bruder.. mein Gemahl iſt immer abweſend. ich fühle eine Leere in meinem Innern und dieſe müſſen Sie ausfül⸗ len. Auch ich habe meinen Kummer, wie Jedermann, und entbehre einer Freundin, die mich tröſten könnte .. Dieß wäre die Aufgabe, die ich Ihnen zutheile.“ „Ach ja! gnädige Frau, ja„.ich will Sie trö⸗ ⸗ ſten,“ rief Marie voll zärtlicher Theilnahme,„will Sie lieben, wie Sie Niemand liebt. All' mein Stre⸗ e ben wird nur ſein, Sie zufrieden zu ſtellen und ich e will, wenn Sie mich Ihres Zutrauens würdigen, mit . Ihnen weinen, mich mit Ihnen freuen.. ohne jedoch aufzuhören, Ihre Dienerin zu ſein.“ f„Niemals Marie, niemals!“ e⸗„Dann gnädige Frau,“ ſchluchzte Marie,„dann e⸗ kann ich Ihre Wohlthaten nicht annehmen... und id will ſogleich zu meinen Eltern zurück... ich darf ſie ge nicht länger verlaſſen... ihr Elend bringt mich zum ie Sterben.“ en„Ganz recht,“ ſagte die Baronin, indem ſie ſich voll Betrübuiß niederſetzte; dann fuhr ſie nach einer kurzen neee— .—. Rde 52 Pauſe mit ernſtem, würdigem Tone fort:„Sie können nichts dafür, daß ich mich getäuſcht habe. ich habe mich zu leicht einer trügeriſchen Jluſion hingegeben. Ich glaubte eine zärtliche Freundin gefunden zu haben, die meine Empfindungen theilt. Sie weigern ſich was iſt da weiter zu machen? Ihre Aufrichtigkeit iſt viel beſſer⸗ als alle jene lügneriſche Heuchelei, wo man ſich aller Welt Freund nennt, bis es zur Probe kommt. Ich danke Ihnen für die Offenheit, mit der Sie mir Ihre Trennung ankundigen. Ich werde nie meine Stellung und mein Verhältniß zu Ihnen mißbrauchen, um Ihre Rückkehr zu verlangen, wenn Ihnen nicht ſelbſt daran liegt. Es gibt in der Welt ſchon genug erlogene Freund⸗ ſchaften... Ich hatte mir geſchmeichelt, endlich eine vertraute Freundin zu beſitzen, die mir die langen Stun⸗ den meiner Einſamkeit verſüßen könnte.. ich habe mich getäuſcht; aber meine freundſchaftliche Geſinnung für Sie iſt darum nicht geſchwächt. Ich beſitze kein Recht auf Sie und will keines beſitzen, Sie können frei ſchalten und walten. Wenn Sie der Meinung ſind, die Anordnung meines Bruder, der als Arzt aus Sorge für Ihre Geſundheit verboten hat, ohne ſeine vorgängige Erlaubniß Ihre Eltern zu beſuchen, verdiene keine Be⸗ rückſichtigung, ſo gehen Sie, wann Sie wollen. Wenn Sie ſich durch das geringe Verdienſt, das ich mir viel⸗ leicht um Sie erworben habe, nicht aufhalten laſſen. ſo verlaſſen Sie mich„es iſt nicht die erſte Täu⸗ ſchung, die ich erfahre.“ Der ernſte und würdige Ton, mit welchem die letz⸗ ten Worte geſprochen wurden, erfüllte Marie mit Schmerz und Scham; ſie fürchtete, die Achtung gegen ihre Wohl⸗ thäterin verletzt zu haben, warf ſich der Baronin zu Füßen und rief: „Verzeihung, gnädige Frau Verzeihung! Nie wollte ich Ihr Mißfallen erregen, nie Sie be⸗ leidigen.“ „Ich weiß es wohl, meine Tochter und zweiſte vS N * 2 —, 53 nicht daran,“ ſagte die Baronin, indem ſie Marien auf⸗ hob und mit ſanftem Tone fortfuhr:„Trocknen Sie Ihre Augen und ſprechen wir nicht mehr davon. Sie bleiben bei mir und werden gehalten, wie es ſich für die Braut des Marquis von Bellaflor ſchickt.“ „Ach, gnädige Frau,“ ſagte Marie, indem ſie die Augen erröthend niederſchlug,„Barmherzigkeit, drücken Sie mich nicht zu Boden. Die Schule des Unglücks war hart, allein lehrreich. Als junges, unerfahrenes Mädchen glaubte ich den Worten eines Mannes, der nie ſein Geſchick an das meinige knüpfen kann.. Ach! Mein Vater ſagte es mir.. aber ich.. vergaß mei⸗ nen Stand, liebte ihn bis zum Wahnſinn und glaubte einſt an ſeiner Seite leben zu fönnen... Ich Arme!... Jetzt erſt ſehe ich die unüberſteigliche Kluft, welche uns trennt... Ach! keine Thorheit mehr, gnädige Frau, keine unvernünftige Hoffnung!“ „Das heißt, Sie lieben ihn nicht mehr?“ „Mehr als je, gnädige Frau; warum ſollte ich vor Ihnen mein Herz verhüllen? Er war meine erſte Liebe und wird auch meine letzte ſein; ich werde ihm meine Treue bis zum Tode bewahren. Ich weiß ganz wohl, daß er in der großen Welt, die ihn umgibt, tau⸗ ſenderlei Zerſtreuungen findet; vielleicht aber denkt er doch manchmal mitleidsvoll an mich...„„arme Ma⸗ rie,“ ſagt er doch wohl einmal,„„meine Liebe hat Dich zum Wahnſinn gebracht! es thut mir leid.““ Vielleicht würdigt er mich ſogar einer Thräne des Er⸗ barmens... Aber ſeine Zukunft gehört einer glück⸗ licheren Frau; das iſt billig. Möge dieſe ihn ſo lieben, wie ich ihn liebe...“ ſie verhüllte ihr Ange⸗ ſicht in ein Taſchentuch und weinte heftig. „Ach ja! Ja. Don Louis wird ſich geliebt fin⸗ den, wie er es verdient.. Er wird all' das Glück beſitzen, das Sie ihm wünſchten.“ „Dann wird er ſehr glücklich. 54 „Er wird es bei Ihnen, mit Ihnen, die ihn nie verlaſſen wird.“ „Nein, gnädige Frau: das iſt nicht möglich.“ „Und wenn ich Ihnen ſage, daß er mehr als je in Sie verliebt iſt.“ „Wenn dem ſo wäre, hätte er mir nicht jenes fürchterliche Billet geſchrieben, das mein Herz zerriß. Dieſes Abſchiedsbillet war ſicher von ihm, denn ſonſt hätte er mich nicht meinen Henkern zur Beute überlaſ⸗ ſen. In dieſem grauſamen Billet begnügte er ſich nicht damit, mir die Liebe aufzuſagen, ſondern beſchimpfte mich noch dazu durch die abſcheulichſten Vorwürfe.“ „Das iſt wahr, Marie, das iſt wahr; dieſer Brief war von ihm. Aber bedenken Sie, daß er denſelben in einem augenblicklichen Wahnſinn, von der Eiferſucht verblendet, ſchrieb. Man machte ihn glauben, Sie hätten ſich die größten, unverzeihlichſten Fehler zu Schulden kommen laſſen. Ihre Feinde die Ihnen ſo viel Leid zugefügt haben triumphirten auch über die Leichtgläubigkeit Ihres Geliebten... Allein er hat Ihre Unſchuld erkannt, er liebt Sie, ich wiederhole es, mehr als je, und ſein höchſter Wunſch iſt, Ihre Liebe von neuem zu verdienen.“ „Meine Liebe!— Ach!. wäre er untreu. ſchuldhaft geweſen... ich müßte ihn doch immer lie⸗ ben allein dieß alles iſt nur ein Traum.... wenn es wahr iſt, daß er meine Leidenſchaft erwiedert. Ich Thörin!„was ſage ich? Ueberlaſſe ich mich ſchon wieder unmöglichen Illuſionen?. Ich, ein ar⸗ mes Mädchen Nein, ich darf die Worte meines tu⸗ gendhaften Vaters nicht vergeſſen... Nein, ich bin nicht dazu geboren, um mich mit einem Manne von ſo hohem Range zu verbinden.“ „Alle tugendhaften Seelen ſind gleich, und es gibt in der Welt keine andere unüberſteigliche Scheidewand als die, welche Laſter und Tugend trennt. Don Louis de Mendoza iſt zu aufgeklärt, um ſich durch die 55 Vorurtheile der Menſchen irren zu laſſen. Ich kenne ſeine Geſinnungen von Grund aus und weiß, daß Ihre niedere Geburt eher eine Empfehlung als ein Hinder⸗ niß in ſeinen Augen iſt. Nur unvernünftiger, verächt⸗ licher Hochmuth ſieht auf die Armuth herab. Erröthen Sie nicht über ihren Stand, Ihre Tugend wird ihn je⸗ derzeit ehren; und ich ſelbſt fühle mich viel mehr ge⸗ ehrt durch Ihre Freundſchaft, als durch die jener ſchmeichleriſchen, trügeriſchen Freundinnen, die ich in der großen Welt finde. Mit einem Worte, Don Louis be⸗ tet Sie an, will Ihr Gatte ſein und zweifelt nicht an der Beiſtimmung ſeines Vaters.“ „Entſchuldigen Sie meine Verwirrung, gnädige Frau. Iſt es wahr, was Sie ſagen? Ach ja! Sie ſind ſo gut, Sie täuſchen mich nicht... Aber.. werden Sie nicht böſe„„ wer konnte Ihnen das Alles ſagen?“ „Wer? Rathen Sie ſelbſt.“ „Ich ſoll rathen?.. Ich Arme„ wie kann ich das?“ Marie erröthete unwillkürlich, ſchlug die Augen nieder und machte ſich mit ihrem Taſchentuche zu ſchaffen. „Ich will Ihnen helfen; es iſt ein junger Mann, den Sie ſehr gut kennen,“ ſagte Emilie. „Den ich kenne?“ „Recht hübſch Marie ſah auf und zeigte durch ein freundliches Lächeln, daß ſie nun ihre Freundin verſtanden hatte. Dieſe fuhr fort: „Blondlockig. blauaugig...“ „Ach! gnädige Frau!“ rief Marie im höchſten Ent⸗ zücken,„er ſelbſt. er ſelbſt hat es Ihnen geſagt?“ „Ganz recht; Don Louis iſt ſo eben erſt wegge⸗ gangen.“ „Und ich habe ihn nicht geſehen!“ „Sie werden ihn ſehen, wenn er ſich Ihrer Ver⸗ gebung würdig gemacht hat.“ 56 „Ach, gnädige Frau, ich habe ihn nie für ſchuldig gehalten.“. „Doch hat er einen großen Fehler begangen, daß er ſich hinreißen ließ, Ihnen das Billet zu ſchreiben. Er muß dieſes Vergehen durch eine edle That wieder gut machen. Zweifeln Sie nicht daran, er wird ſich Ihrer Liebe würdig zeigen.“ „Ach, ich ſterbe vor Wonne„. Ach, gnädige Frau, erlauben Sie, daß ich zu meinen Aeltern eile, ſie umarme, von Ihnen, von dem Glück, das ich Ih⸗ nen ſchuldig bin, ſpreche.“ „Das... gehört nicht zu meinen Befugniſſen, wie Sie wiſſen; das iſt ganz Sache des Arztes. Unterdeſſen dürfen Sie beruhigt ſein; Ihrer Familie geht nichts ab, und die Perſonen, welche an Ihnen ſo großes Intereſſe nehmen, vergeſſen die Ihrigen gewiß auch nicht.“ „Ach ja! gnädige Frau, Ihr Herr Bruder... ich will ihm gehorchen, gleich Gott. Er ſoll zufrieden mit mir ſein, wenn er mich ſo wohl trifft!... denn Sie ſehen es ja... ich bin ganz hergeſtellt.. vollkommen. Gewiß erlaubt er mir, meine Aeltern zu beſuchen. Mein Gott! mein Gott! wie kann ich ſo viele Wohlthaten vergelten?“ „Wenn Sie mich immer und ewig lieben.“ „Ach immer! ewig!“ Die beiden Freundinnen ſielen einander in die Arme. 57 Fünfzehntes Rapitel. Folgen des Laſters. Es war drückend heiß wie in den Hundstagen und doch war erſt der 3. Juli. Es ſchlug eilf Uhr Nachts. Eine junge, blaſſe, ſchwarzgekleidete Frau ſaß re⸗ gungslos und nachdenklich neben einem reichen Putz⸗ tiſche, auf den ſie ihren rechten Arm ſtützte, während die Stirn auf der innern Fläche der Hand ruhte. Zwei Kerzen erleuchteten das elegante Gemach, deſſen Ausgänge ſämmtlich geſchloſſen waren, mit Aus⸗§ nahme eines Fenſters, das man ohne Zweifel offen ge⸗ laſſen hatte, um der friſchen Luft Zugang zu ver⸗ ſchaffen. Das Fenſter war nicht hoch über der Straße, und hatte unten eine Gitterverkleidung, die das Einſteigen nur um ſo bequemer machte; ein Fehler, den man an ſehr vielen Häuſern Madrids findet. Plötzlich gingen die beiden Flügel ganz auf, und man ſah einen Mann, der trotz der großen Hitze in einen weiten, mit karrirtem, ſchottiſchem Zeuge gefüt⸗ terten Kamelot⸗Mantel gehüllt war. Die Marquiſe de la Crétinière(dieß war die oben beſchriebene Dame) erhob ſich ſchnell, aber nicht, um zu Bhen ſondern um ihrem Geliebten hülfreiche Hand zu eiſten. Dieſer ſprang in's Zimmer, ſchloß das Fenſter und legte ſeinen Mantel ab. Er war jung, hübſch und gut gekleidet. Es war einer jener eleganten Glücksritter Madrids, ein würdiger Genoſſe Rognonets; allein noch hübſcher und leichtſinniger. Ohne Schulbildung und nur mit jener leicht⸗ſatyriſchen Kaffeehaus⸗Beredtſam⸗ 3—*—. 58 keit ausgeſtattet, benahm er ſich dennoch als Litterator in der großen Welt. Jeden Abend perorirte er im Café du Prince, ſtritt mit andern Poeten ſeines Ge⸗ lichters, läſterte die guten Schriftſteller, und brachte tauſend Dummheiten vor, wie dieß jene angehenden Literaten in der Gewohnheit haben, die gewaltigen Lärm machen und ſich ſelbſt Donner⸗Poeten nennen. Dieſer faſhionable, nach Veilchenduft riechende Gelehrte nannte ſich Don Fauſtino Asnar. „Es iſt ſpät, mein Freund„ ſagte Hedwig mit ſanfter Stimme, indem ſie ihren Geliebten traurig anſah. Anſtatt zu antworten, lief der junge Mann haſtig und wie außer ſich im Zimmer auf und ab. „Mein Gott! Was haſt Du?“ fragte die Mar⸗ quiſe;„haſt Du einen Kummer?“ „Laß mich!“ erwiderte Asnar trocken, warf ſich auf den Sopha, und ſagte:„ich bin zu Grunde gerichtet!. Verfluchter Streich „Haſt Du verloren?“ „Nicht allein Alles, was ich beſaß, ſondern noch fünfzigtauſend Realen darüber, und ich muß dieß ſpäte⸗ ſtens morgen bezahlen. Du mußt mir jetzt aushelfen, wie ich Dir vor wenigen Tagen geholfen habe.“ „Es iſt wahr... Es war der Beweis Deiner Liebe der Preis meiner Schande!“ „O! das iſt edel!! das brauchte ich noch. Du ſagſt, meine Liebe ſei Deine Schande?“ „Vergebung, Freund, ich wollte Dich nicht belei⸗ digen aber, wer weiß 2... vielleicht wäre ich ohne die Nothwendigkeit, einen Dienſt von Dir anzu⸗ nehmen, eine ehrliche Frau geblieben. Ich befand mich, ach! in einer ſo ſchrecklichen Lage!... das Spiel hatte mich zu Grunde gerichtet. ich machte Schulden, und mußte, um nicht den Zorn meines Gemahls zu reizen, Dein Anerbieten annehmen... Du zahlteſt für mich aber Du weißt, um welchen Preis!“ 59 „Dich trifft Dein eigenes Verdammungsurtheil! Wenn Du mich nicht liebteſt... wenn Du meiner Leidenſchaft nachgabſt, nur um die nöthige Summe Gel⸗ des zu bekommen„. ſo haſt Du mich ſchändlich be⸗ trogen. Du ſagteſt mir, Du müſſeſt einen bedeutenden Beweis meiner Liebe haben, ehe Du Gegenliebe ge⸗ währeſt. Dein Verluſt im Spiel gab Gelegenheit, und ich ſtellte mein ganzes Vermögen zur Verfügung mei⸗ ner Geliebten. Wenn Du dieſe Rolle nur geſpielt hät⸗ teſt, um aus der Verlegenheit zu kommen; wenn Dich Habſucht, und nicht Liebe, in meine Arme geführt hat, ſo will ich von einem ſo ſchmählichen Verhältniſſe nichts mehr, und fordere das ſchändlich erheuchelte Geld zu⸗ rück. Wollteſt Du es mir abſchlagen, ſo möge die ganze Stadt Deine niedrige Aufführung erfahren!“ „Raſender! Was ſagſt Du?... Deine üble Laune macht Dich blind; nur deßhalb kannſt Du ſo grobe Beleidigungen gegen mich ausſtoßen„. Welche Er⸗ niedrigung für eine Frau, die ihre Pflicht geopfert hat!“ Hedwig trocknete ihre Thränen, näherte ſich ihrem Ge⸗ liebten, nahm ihn zärtlich bei der Hand und ſagter „Ich geſtehe es, mein Freund, und dieß kann mich vielleicht wieder in Deiner Meinung heben, die Noth hat mich vielleicht noch mehr, als die Liebe, dazu ge⸗ bracht, meine Ehre, meine Pflicht, meine Tugend Dir zu opfern; allein Deine Liebkoſungen haben meine ſchwache Neigung in eine übermächtige Leidenſchaft ver⸗ wandelt. Mein Herz glüht von einer Flamme, die nie erlöſchen wird, und mein Leben endet mit Deiner Liebe. Ja, Fauſtino, ich liebe Dich wahnſinnig.“ Bei dieſen Worten drückte ſie einen glühenden Kuß auf die Hand des jungen Mannes, und befeuchtete ſie mit Thränen. „Du liebſt mich!... Gut!l wenn es wahr iſt, ſo weißt Du, was Du zu thun haſt... Du haſt gewiß nicht vergeſſen, wie ich Dir meine Liebe bewieſen habe?“ 3 unglückliche!. ich habe gar nichts 60 nichts auf Gottes Welt. Ehe ich Deine Großmuth an⸗ rief, verkaufte ich meine Brillanten, und ich zittre vor dem Gedanken, daß mein Gemahl es einmal erfahren muß.“ „Hedwig, Deine Lage iſt ebenſo ſchrecklich, wie die meinige... Ein gräßlicher Sturm droht über uns loszubrechen, und wir haben nur eine einzige Rettungs⸗ planke.“ „Du machſt mich erſtarren.“ „Wir müſſen fliehen.. Madrid verlaffen.“ „Fliehen?“ „Oder Zeugen unſeres Sturzes, unſerer Schande ſein. Ach! Ich jedoch habe dieſen traurigen Muth) nicht. Fliehe mit mir, oder ich zerſchmettere mir hier vor Deinen Augen das Gehirn.“ „Erbarmen, mein Freund, Erbarmen!“ rief die junge Frau, indem ſie vor ihrem Geliebten, der eine Piſtole an die Stirn gedrückt hatte, niederfiel. „Fliehſt Du mit mir?“ „Ja„ja..“ rief Hedwig mit entſchloſſenem Tone, ſtand auf, trocknete ihre Thränen, und ſagte: „ich bin zu Allem bereit.“ „Wohlan, es braucht nur ein Leichtes, um unſer Vorhaben gelingen zu machen. Du mußt wiſſen, wo Dein Gemahl ſein Geld aufbewahrt.. das müſſen wir haben.“ „Ein Diebſtahl!“ „Es handelt ſich jetzt nicht um unnütze Deklama⸗ tionen. Dein Gemahl iſt mein verhaßter Nebenbuhler, den ich verabſcheue, und der von mir nicht die mindeſte Rückſicht zu erwarten hat. Entweder er, oder ich: Wähle! Mit mir wirſt Du in einem fremden Lande eine glückliche Zukunft finden. Hier erwartet Dich Verachtung, Schande, die Strafe der Ehebrecherin.“ „Du machſt mich beben!“ „Es iſt keine Zeit zu verlieren. Mein Wagen hält zwei Schritte von hier. Nehmen wir ſo viel Geld als 61 Unterkunft, und morgen.. verlaſſen wir Spanien für immer. Trägſt Du noch Bedenken?“ „Nein. Ich habe ſchon geſagt, daß ich zu Allem bereit bin; warte einen Augenblick.“ Die würdige Tochter Marceau's„Ohne⸗Seele“ entfernte ſich, und kam alsbald mit einem Schlüſſelbund urück. „Was ſind das für Schlüſſel?“ fragte der diebiſche Elegant. „Einen davon brauchen wir nothwendig; folge mir. Es iſt eilf und ein halb; mein Gemahl kommt erſt um drei Uhr.“ Die Elenden eilten zu einem neuen Verbrechen. Kaum wenige Minuten nachher kam der Marquis, der ſehnlich auf die Antwort des Mönches harrte, nach Hauſe. Der Mönch hatte Wort gehalten. Mutter Espérance erwartete den Marquis an der Hausthüre und über⸗ gab ihm ein Päckchen. Voll ängſtlicher Neugier näherte ſich der Marquis einer Lampe, erbrach das Sigel, entfaltete das Couvert und las: „Alle meine Bemühungen waren fruchtlos; es bleibt Ihnen nur übrig, Madrid zu verlaſſen, und Sie müſſen zu dieſem Auswege greifen, um nicht das all⸗ gemeine Geſpött zu ſein. Die Armuth iſt unerträglich, beſonders wenn Schande und Unehre damit zuſammen⸗ trifft. Ich muß Ihnen leider eine ſchreckliche Nachricht geben; allein mein Gewiſſen erlaubt mir nicht, ſie noch in ein größeres Unglück ſtürzen zu laſſen. Man hat Ihre Leichtgläubigkeit auf's Niederträchtigſte mißbraucht: Ihre Frau iſt die Tochter eines Fleiſchers. eines Mörders, der ſo eben im Gefängniſſe ſtarb.“ Es iſt unmöglich, den Eindruck zu ſchildern, den dieſer Donnerſchlag auf den unglücklichen Marquis machte. Eben jetzt, wo er mit Ungeduld auf eine günſtige Antwort möglich, und fliehen. Für die Nacht weiß ich eine 62 von dem Mönche, ſeine letzte Zuflucht, hoffte, ſtürzte ihn dieſer vollends in einen Abgrund von Schande. Nicht nur die Ehre hatte er verloren, ſondern auch alle die Vortheile, welche ein hoher Rang verleiht, ohne daß ihm der mindeſte Troſt blieb. Die Gattin ſah er un⸗ würdig ſeines Vertrauens und ſeiner Liebe. Arm und entehrt, würden ihm, das wußte er nur zu gut, die⸗ jenigen, welche bis jetzt die Kiedrigſten Schmeichler gewe⸗ ſen waren, zuerſt in's Geſicht ſpucken... in dieſem verzweiflungsvollen Augenblick ſollte er nun den letzten Gnadenſtoß erhalten. Er las noch einmal, betrachtete dann auch das bei⸗ gelegte Blatt: es war der Taufſchein ſeiner Frau. Außer ſich wollte er gerade noch einmal ſeine Augen von der Wahrheit des Geleſenen überzeugen, als er das Klingeln einer wohlbekannten Glocke hörte, die ihm kund that, daß Diebe an ſeiner Kaſſe ſeien. Der Schrank, welcher dem Marquis als Kaſſe diente, war ſo einge⸗ richtet, daß neben anderen Zierrathen zu beiden Seiten des Schloſſes zwei halbe Ringe oder Handſchellen an⸗ gebracht waren, von denen ſich eine mit der richtigen Art zu öffnen nicht vertraute Hand ſogleich erfaßt fühlte, während im Innern des Schrankes eine Glocke die Gefahr dem Hauſe verkündete. Wer kann den Schrecken der verbrecheriſchen Gat⸗ tin malen, als ſie ſich ſo gefangen ſah? Ihr Mit⸗ ſchuldiger entfloh bei dieſem Anblick durch das Fenſter, das ihm vorher als Eingangsthüre gedient hatte. Alle Dienſtboten eilten beim Schall der Glocke herbei. Welch' ein Schimpf für den Marquis!... welche Schande!.. welche Schmach für die vornehme Dame, ſich von den eigenen Dienſtboten bei einem Dieb⸗ ſtahl ertappt zu ſehen. Der Marquis war, ein Piſtol in jeder Hand, her⸗ heigeeilt. Bei dem Anblick, der ſich ihm darbot, mäßigte er ſeinen Zorn, und rief mit ſcheinbarer Ruhe: „Du biſt es, Hedwig?„ Was Du uns in 3 . 63 Schrecken verſetzt haſt! Warum ſpielſt Du auch mit Sachen, die Du nicht verſtehſt?...“ Er berührte eine Feder, die Handſchellen öffneten ſich, und die Glocke verſtummte; darauf ſagte er zu ſeinen Dienern: „Geht wieder an Euer Geſchäft!.. es war nur ein Scherz.“ Sobald Hedwig ſich mit dem Marquis allein ſah, ſiel ſie ihm, die bitterſten Thränen weinend, zu Füßen. Der Marquis wandte ſtolz den Kopf ab, und rief mit feierlichem Tone: „Erhebe Dich, verbirg Deine Schande in dem ſchmutzigen Winkel, wo Du das Licht der Sonne er⸗ blickt haſt. Flieh, und nimm meinen Fluch mit Dir!“ Die Ehebrecherin entfloh. Kurz darauf wurde das Haus noch einmal durch einen Schuß in Allarm geſetzt⸗ Man lief voll Schrecken nach dem Zimmer des Herrn, der, die Piſtole neben ſich, in ſeinem Blute lag. Zu derſelben Zeit eilte die unglückliche Hedwig nach dem Hotel der Marquiſe de la Bourbe. Dort ſtanden alle Thüren offen, und Polizei bewachte die Ausgänge. Man ließ ſie eintreten. Sie traf die Marquiſe allein, ohne einen Freund, in ihrem Salon, von Sol⸗ daten bewacht. Sie ſtürzten einander in die Arme, und weinten in ſtummem Schmerze. Kurze Zeit nachher wurden beide in ein Zuchthaus gebracht. Kaum war dieß alles geſchehen, ſo meldete ein Agent des Geheimbundes die Sache dem Mönche, der zu Hauſe mit Mutter Espérance den Roſenkranz etete. Pierte Abtheilung. Tugend verleiht Adel. Erſtes Rapitel. Die Ueberraſchung. Die carliſtiſchen Banden, welche gegen das Ende des Jahres 1835 durch verſchiedene Niederlagen in völlige Auflöſung gebracht worden waren, hatten ſich ſeit dem März in Catalonien, Aragonien und Valencia wieder gebildet und begingen überall ſo abſcheuliche Frevelthaten, daß die Liberalen in ganz Spanien dar⸗ über entrüſtet waren. An den ſchmählichen Siegen des Feindes, an der Thatloſigkeit, Unordnung, Entblößung der liberalen Armee erkannte man die teufliſche Wirkſamkeit„ jenes Geheimbundes, deſſen Rathſchlägen und Einflüſſen das durch Heuchelei und verrätheriſche Abtrünnigkeit an's Ruder gekommene Miniſterium ganz ergeben ſchien. Alle Maßregeln deuteten auf den macchiavelliſtiſchen Plan hin, den Carliſten in die Hände zu arbeiten, die Liberalen nieder zu halten, und eine ſo verzweifelte Lage der Dinge herbeizuführen, daß endlich keine an⸗ dere Wahl übrig bliebe, als mit dem Prätendenten zu 65 unterhandeln. Dieſer hölliſche Plan war nach den Aus⸗ ſagen von Patricius in dem Club der„Würgengel“ ausgeheckt worden und Gomez, der im geheimen Ein⸗ verſtändniſſe mit dem Mönche ſtand, ſollte ihn aus⸗ führen. Die ganze Nation glaubte mit Recht an die Eriſtenz eines ſolchen Complotes gegen die Freiheit. Wie hätte es auch anders ſein können? Alles deutete darauf hin: die Fortſchritte der Rebellen, der elende Zuſtand unſerer braven Armee, die Mißachtung der vortrefflich geſinnten Nationalgarde und die Verfolgung der Volksfreunde. Die Unzufriedenheit war allgemein. In ganz Spa⸗ nien hatte das Miniſterium nur die Feinde des Volkes für ſich. Der Vulkan, deſſen Ausbruch die Plane jenes Geheimbundes vernichten ſollte, fing ſchon an zu kni⸗ ſtern und nur der einfältige Stolz jener armſeligen Gewalthaber konnte ſie vergeſſen laſſen, daß gegen den gerechten Zorn eines Volkes, das frei ſein will, keine irdiſche Macht ausreicht. Dieſelbe Revolution, welche Mendizabal geſtürzt und die Gewalt in die Hände von Iſturiz und Galiano ge⸗ legt hatte, mußte unzweifelhaft eine noch größere Macht über dieſe Miniſter und ihren Anhang entfalten. Man denke ja nicht, wir erfinden dieſe Verhält⸗ niſſe und Ereigniſſe nur zum Behufe unſeres Romans! Alle politiſchen Thatſachen, die wir mit unſerer Ge⸗ ſchichte verweben, tragen den heiligen Stempel der Wahrheit. Die Chronique contemporaine ſpricht ſich in ihrem dritten Bande Seite 155 folgendermaßen aus: „Das Miniſterium hatte durch eine Cortesauflöſung an das Volk appellirt, und jeder Vernünftige mußte einſehen, daß dieſe kecke Ausforderung ſchlimme Folgen haben würde. Die Nation hob den ihr vom verblende⸗ ten Miniſterium hingeworfenen Handſchuh auf und die Oppoſition ſiegte bei den Wahlen, obgleich das Mini⸗ Jzco, Marie. U. 5iſ 66 ſterium gewaltſamer Weiſe alle Beamten, die nicht ſeine unduldſame, unſinnige Politik theilten, ab⸗ ſetzte und die gehäſſigſten Mittel anwendete, um ſich die Majorität bei den Wahlen zu ſichern. Allein da ihm das moraliſche Uebergewicht abging, mußte es ſich endlich auf die Bajonette verlaſſen; eine unverant⸗ wortliche Maßregel in einem Repräſentativſtaat, deſſen einzige Stütze die öffentliche Meinung ſein ſoll und wo ein geſetzmäßiges Miniſterium, das ſeine Politik von der Nation verworfen ſieht, kein anderes Mittel übrig hat, als einen ehrenvollen Rückzug. Je deutlicher das Kabinet ſeinen Sturz vorausſah, um ſo gewaltſa⸗ mer wurden ſeine Maßregeln, und man konnte die wachſende Verlegenheit und Furcht desſelben aus den ſteigenden Uebergriffen der militäriſchen Machthaber erkennen, was jedoch nur den Zündſtoff der allgemeinen Entrüſtung vermehrte. Die Freiheit der Nation war dem Untergang nahe; es blieb den Liberalen kein anderes Mittel, als der offene Kampf gegen ihre Unterdrücker. Ueberall brach die allgemeine Entrüſtung in hellen Flammen aus. Nur in Madrid ſah man ſich zu geheimen An⸗ ſchlägen gezwungen und der unerſchrockene Don Louis de Mendoza ſäumte nicht, ſich mit anderen jungen Männern von erprobtem Muthe zu verbinden; unter dieſen war auch der Sergeant Don Eugen Garcia, ein ächter Liberaler von erprobter Rechtſchaffenheit und entſchiedenem, vor keinem Hinderniſſe zurückbebendem Muthe. In wenigen Tagen ſollte die Conſtitution vom — Jahr 1812 offen verkündigt werden. Man zählte auf die Mitwirkung einiger Offiziere, auf die Mehrzahl der Unteroffiziere, auf alle Soldaten der Garniſon und auf ein Bataillon der Nationalgarde, deſſen Comman⸗ dant ſeit den letzten Wahlen Mendoza war. 1. Der Sieg ſchien gewiß; denn nach dem Stand der öffentlichen Meinung durfte man nicht daran zwei⸗. — S— — 8 vN8 —, M w——— 67 feln, daß alle Liberalen bei dem erſten Ruf der Frei⸗ heit ſich dem heiligen Kampfe anſchließen würden. Don Louis hatte ſich über den Ort, wo der un⸗ glückliche Vater Mariens gefangen ſaß, Gewißheit ver⸗ ſchafft und faßte den Entſchluß, ihn bei der erſten Ge⸗ legenheit ſelbſt zu retten. Voll Zuverſicht zu dem Gelingen ſeines Planes, erſchien er im Hotel der Ba⸗ ronin und verſprach, ohne jedoch zu ſagen, auf welche Weiſe es ausgeführt werden ſollte, in wenigen Tagen Marien ihren Vater zuzuführen. Die Baronin, welche durch Aguilar erfahren hatte, daß der unglückliche Anſelm zum Tode verur⸗ theilt ſei, vernahm dieſes Verſprechen mit Freude, da nur dieß noch das Glück Mariens trüben konnte. Sie verſprach nun auch Don Louis, ihm den andern Tag eine Zuſammenkunft mit ſeiner Geliebten verſchaffen zu wol⸗ ken. Dieſe befand ſich in der That jetzt in einem ſo kräftigen Geſundheitszuſtande, daß man wohl etwas der Art wagen durfte; ihre Stimme hatte den alten Wohl⸗ laut wieder erlangt und auch die Wangen färbten ſich mit jenem ſanften Carmin, der das Geſicht der Brü⸗ netten ſo ſehr verſchönt. Don Louis war voll Ent⸗ zücken und konnte die Stunde kaum erwarten, da er aus Mariens eigenem Munde ihre Verzeihung, ſein Glück vernehmen ſollte. Unterdeſſen wollte er der Geliebten eine freund⸗ liche Ueberraſchung bereiten und benützte die Zeit, wo Marie ſich im Bade befand, dazu, ihr Zimmer auf eine Weiſe zu zieren, die dem unſchuldigen Mädchen gewiß lieber war, als der glänzendſte Lurus. Nach ſeinem Weggehen verfügte ſich die Baronin in den Garten, um Marien aus dem Badekabinet zu holen und in ihr Zimmer zu führen und wer vermöchte die Freude des Mädchens zu ſchildern!... „Mein Kanarienvogel!“ rief ſie mit Thränen in den Augen und lief zu dem Käfig;„mein armer Ka⸗ narienvogel!“ wiederholte ſie mit innigſter Rührung, 68 während dieſer mit den Flügeln ſchlug, ſeinen kleinen Schnabel durch das Gitter ſtreckte und einen Kuß von ſeiner geliebten Herrin zu verlangen ſchien. Marie ſtieg auf einen Stuhl und bot ihm die Lippen; da hüpfte das Thierchen hin und her und fing eine freudige Melodie zu pfeifen an, während eine neue noch größere Ueberraſchung unſere Marie in Anſpruch nahm. Der Doktor trat ein und ſagte: „Marie, ein Beſuch!“ Marie hüpfte vom Stuhl herab, wandte ſich um und ſtieß einen Schrei des freudigſten Entzückens aus: „Meine Mutter!“ „Meine Tochter!“ Dieß waren die einzigen Worte, welche man im erſten Augenblicke der Vereinigung Louiſens mit ihrem Kinde vernahm. Marie fiel ihrer Mutter um den Hals; Seufzer und Thränel erſtickten jedes Wort.— Die andern Kinder weinten ebenfalls vor Freude und Rührung. Auch die Baronin und ihr Bruder, welche bei Seite ſtanden, konnten ſich der Thränen nicht ent⸗ halten. Als Marie ihr Herz durch einen Thränenſtrom erleichtert hatte, umarmte ſie ihre Geſchwiſter und „Manuel!! Roſa! Joachim. „Marie!. Marie!...“ fing Louiſe wonnetrunken an,„meine geliebte Tochter, ich will Dich ſehen. will Deine theuren Züge betrachten.. wie ſchön Du biſt, mein Kind.“ „Mutter! Mutter!„„ ſchrie Marie er⸗ ſtaunt.„Großer Gott! Iſt es möglich?“ 8 „Ja ja.„Tochter, ich kann Dich ſehen!“ „Gott! Gott!. Iſt es ein Traum ach möchte ich nie erwachen!“ 5 — 69 „Nein, es iſt kein Traum, meine liebe Tochter... i Wahrheit... Da, fieh, wie ich Deine Hand fa e 4 Louiſe ergriff die Hand ihrer Tochter und küßte e. „Zu viel, gütiger Gott, zu viel Glück auf ein⸗ mal! WMutter geliebte Mutter!.. Allein wie haſt Du Dein Augenlicht wieder erhalten?.. Wer hat dieſes Wunder bewirkt?“ „Da ſieh meinen Retter!“ Louiſe zeigte auf Doktor Aguilar. „Er!— Er, der auch mich gerettet hat! Marie warf ſich dem Arzt zu Füßen. Die Geſchwiſter folgten ihrem Beiſpiele, während Louiſe voll des innigſten Dankes ſagte: „Mein Herr! wir können Ihre Wohlthaten mit Nichts vergelten... Sie haben eine ehrliche, arme Familie glücklich gemacht, die ſtets zu jedem Opfer für Sie, ihren Wohlthäter, bereit ſein wird.“ Aguilar hob Marien und die Kinber auf und ſagte: „Ich weiß es, ich weiß es; Euer Glück iſt meine beſte Belohnung.“ Marie ſchaute ſich erſchrocken um und fühlte ſich plötzlich von einem düſtern Gedanken befallen. „Was haben Sie, Marie?“ fragte die Baronin; „was iſt der Grund Ihrer Angſt?“ „Mein Vater! mein Vater!.. Wo iſt er?“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ antwortete Emilie; vaber Sie müſſen ruhig und gelaſſen ſein.“ „Ruhig?„ Gelaſſen?... Mein Gott? warum? Ich zittre. Nie iſt doch ein Glück vollkom⸗ men! Iſt ihm ein Unfall begegnet?“ „Nein, mein Kindz Sie wiſſen, daß in unſern revolutionären Zeiten der leiſeſte Verdacht hinreicht, um Jemand ins Gefängniß zu bringen„„ Ihr Vater „Iſt im Gefängniß?“ „Ja, Marie, ſo iſt es; aber das darf Sie nicht beunruhigen. Bald wird ſeine Unſchuld an den Tag kommen und er befreit ſein.“ ⸗ „Ich will ihn ſehen ihn tröſten!. „Unmöglich! Er iſt im Kriminalgefängniß!“ „Im Kriminalgefängniß!... Allein wie wiſſen Sie denn, daß er ſeine Freiheit bald erhalten werde?“ „Weil der, welcher ihn um jeden Preis zu retten geſchworen hat, es mich verſichert.“ „Und wer iſt dieſer edelmüthige Mann?“ fragte Marie voll Feuer. „Don Louis de Mendoza,“ antwortete die Baronin mit Nachdruck. Marie ſchlug die Augen nieder. Ein himmliſches Lächeln verſchönte ihre Züge und ihr verblaßtes Antlitz färbte ſich mit feuriger Gluth. Der Name des Ge⸗ liebten war ihr eine ſichere Bürgſchaft. Don Louis de Mendoza hatte geſchworen, ihren Vater zu befreien: Don Louis war ein Ehrenmann, der ſeinem Worte nicht untreu werden konnte und ſo ſah ſie ſich dem An⸗ gebeteten ſchon im Voraus zum glühendſten Dank ver⸗ pflichtet. „Nur zu nur zu,“ rief der Arzt mit heiterem Tone,„nur keine Angſt ohne Noth! Sicherlich geht Alles nach Wunſch und wir brauchen unſer Glück nicht durch traurige Gedanken zu ſtören. Wir eſſen jetzt zu⸗ ſammen und wollen einige vergnügte Stunden im Vor⸗ geſchmacke des künftigen Glückes, das alles Ungemach vergüten ſoll, verbringen. Mit Anbruch der Nacht keh⸗ ren Louiſe und die Kinder in ihre alte Wohnung zu⸗ rück, wo ſie, wenn auch nicht üppig, doch ohne Sorge und Noth leben können. Für Manuel ſuchen wir einen guten Platz, wo er arbeiten kann und ſo geht Alles nach Wunſch.“ Thomas verkündigte, daß das Eſſen ſervirt ſei. 71 Doktor Aguilar führte Louiſen, die Baronin Ma⸗ rien; Alle waren ſelig vor Glück und Freude. Pweites Rapitel. Die Liebe. Von allen Leidenſchaften, welche das menſchliche Herz beſtürmen, iſt die Liebe die mächtigſte. Die Ge⸗ ſchichte aller Zeiten und aller Nationen beweist es, daß bei weitem die Mehrzahl der bewunderten und ange⸗ geſtaunten Großthaten aus der Liebe als ihrer Quelle entſprangen. Sie ſchafft Helden, und läßt dieſe Thaten verrichten, die an's Unglaubliche gränzen. Leider aber iſt es nicht immer der Weg der Tugend, auf den ſie ihre Sklaven führt; entflammt ihr Strahl große, edle Herzen zum kühnſten Heldenmuthe, ſo treibt ſie niedrige Seelen noch öfter zu den ſchlimmſten Verbrechen, zur grauſamſten Rache. Unbeſiegbare Männer, welche die Welt zittern machen, Eiſenherzen, die vor keiner Ge⸗ fahr erblaſſen, die mitten unter Sterbenden und Tod⸗ ten ein heiteres, ruhiges Antlitz zeigten, beugen ſich vor der unwiderſtehlichen Gewalt der Schönheit, und legen ihr all' ihre Siege, all' ihre Lorbeeren zu Füßen. Nichts iſt den Qualen einer einſeitigen, unerwi⸗ derten Liebe zu vergleichen; ſie vermögen das beſte Herz, den ruhigſten Verſtand, zu ungeahnter Gluth der Leidenſchaft, ja zum Verbrechen zu treiben: wie ſchreck⸗ lich müſſen aber dann die Folgen ſein, wenn ein ſchon zerrüttetes Gemüth, eine unbezähmte Sinnlichkeit da⸗ durch zur Wuth gereizt wird. Betrogene Liebe, leider eine häufige Erſcheinung, 72 treibt ebenfalls zu beklagenswerthen Thaten, und die Wuth der Eiferſucht ſtillt ſich nur mit Blut. Welch' ein anderes Bild gewährt aber die gegen⸗ ſeitige, reine, himmliſche Liebe zweier Seelen, die nur für einander geboren zu ſein ſcheinen! Die heilige Himmelsflamme entzündet ſolche Herzen zu dem ſchönſten Opfer für den Gott der Liebe. Der glückliche Augenblick, der unſre beiden Lieben⸗ den vereinigen ſollte, war nahe. In einem Salon des Hotels der Baronin ſaß dieſe mit Marien auf einem Sopha; beide elegant aber ein⸗ fach gekleidet, waren in eifrigem Geſpräch begriffen. „Sie ſind blaß, Marie,“ ſagte die Baronin,„aber immer ſchön und intereſſant. Fühlen Sie ſich wohl?“ „Ganz wohl! gnädige Frau,“ antwortete Marie; „ich habe zwar heute Nacht nicht viel geſchlafen, allein mein Herz war voll von Wonne und Glück.“ „Guter Gott! Jetzt meine Theure, da Ihr Glücks⸗ ſtern zu leuchten anfängt, müſſen Sie geſund bleiben. Allein ich denke Ihre Bläſſe darf uns nicht beun⸗ ruhigen, denn ſie iſt ohne Zweifel nur durch die Auf⸗ regung des gegenwärtigen Augenblicks hervorgebracht.“ „Ich glaube ja, gnädige Frau.“ „Gnädige Frau immer dieſe ceremonielle An⸗ rede! Wiſſen Sie nicht, daß mich das kränkt?“ „Wie gut Sie ſind, meine großmüthige Freun⸗ din! ſagte Marie ſchüchtern. „So iſt's recht,“ rief die Baronin, indem ſie die Hand des Mädchens liebreich drückte., „Ich fühle mich ſo bewegt... mein Herz pocht heftiger als je und doch hat dieſe Aufregung ne⸗ ben der Unruhe zugleich etwas ſo Angenehmes, daß ich es nicht ſchildern kann.“ „Das iſt ganz natürlich. Aber warum zittert Ihre Hand?.. Es fehlt Ihnen doch nicht an „Ich weiß es nicht?“ 73 „Fürchten Sie die Ankunft des Mannes, der Sie anbetet?“ „Nein, theure Freundin, nein, ich fürchte ſeine An⸗ kunſt keineswegs; aber mein Herz fühlt ſich von tau⸗ ſend widerſprechenden Gefühlen beſtürmt. Ich ſehne mich nach dem Augenblicke, der dieſen liebenswürdigen und achtungswerthen Mann mir zuführt, und fürchte zu gleicher Zeit, die Liebe eines armen Mädchens ſei zu gering für ihn. Nie, auch nicht im Traume, habe ich ehrgeizige Gedanken gehabt, allein jetzt möchte ich eine Königin ſein, um Krone und Szepter ihm zu Füßen legen zu können.“ „Dieß wäre, nach ſeinen Grundſätzen zu urtheilen, nicht einmal von großem Werthe für ihn. Beunruhigen Sie ſich nicht alſo, liebes Kind. Statt ſolchen roman⸗ haften Träumen nachzuhängen, ſollten Sie auf Ihre tugendhafte Armuth ſtolz ſein. Eben das verſichert Sie der reinen Liebe Mendozas, der Sie nur um Ihrer Tugend und Schönheit willen liebt, und, wie noch man⸗ cher reiche, hochgeſtellte Mann, dieß für die ſchätzens⸗ wertheſte Heirathsgabe hält, welche ihm ſeine Frau mitbringen könnte.“ Das Rollen eines Tilbury, welcher an der Haus⸗ thüre hielt, unterbrach dieſes Geſpräch. Die Baronin lief an's Fenſter, eilte zurück, umarmte Marien und rief voll Freude: „Er iſt's ich wußte wohl, daß er vor der feſtgeſetzten Stunde fommen würde.“ Marie ſtrich zitternd die Falten ihres Kleids zu⸗ recht, ſah nach, ob das Medaillon, das ſie an einem ſchwarzen Sammtbande trug, recht hänge, ergriff die Hand der Baronin und drängte ſich voll Verwirrung und Furcht ſo nahe als möglich an dieſelbe. Sobald der junge Marquis von Bellaflor unter der Thüre erſchien, rötheten ſich ihre Wangen; ihre ſchönen Augen füllten ſich mit Thränen und ſuchten Schutz hinter dem Taſchentuche. 74 Don Louis de Mendoza war einfach, aber geſchmack⸗ voll gekleidet: die Schleife der ſchwarzen Atlaskravatte ſiel auf ein zierlich gefälteltes Hemde von der feinſten holländiſchen Leinwand, das vorn mit drei kleinen ſchwar⸗ zen Knöpfchen, jedes durch einen Brillanten geſchmückt, zuſammengehalten wurde; die hellbraune Shawlweſte ſtand gut zu der grünlichen Bronzefarbe des Frackes, deſſen ſchön gearbeitete Knöpfe wie Gold funkelten; die weißen, eng anliegenden Beinkleider, die lackirten Stie⸗ fel, die ſtrohgelben Handſchuhe, das leichte Rohr mit goldenem Knopfe vollendeten den geſchmackvollen An⸗ ug⸗* Wenige Schritte vom Sopha entfernt wiederholte Don Louis ſeine ſtumme Verbeugung; ſeine Augen richteten ſich unwillkürlich auf Marien, die er zwar etwas verändert und blaß, aber nicht minder ſchön fand; eben dieſe rührende Bläſſe, deren Urſache ihm ſo wohl bekannt war, vermehrte nur das Intereſſe, das er für ſie fühlte. „Ich ſehe mein Lieber, Sie ſind pünktlich,“ ſagte die Baronin, um die Spannung aufzuheben. „Meine theure Freundin,“ erwiederte Don Louis, „ich nahm mir die Freiheit, der beſtimmten Stunde etwas vorauszueilen, weil es mir... wirklich. weil es mir unmöglich war, meine Ungeduld länger zu zähmen. Ich hoffe, Sie werden mir dieſen Ungehorſam verzeihen, und den Beweggrund natürlich finden.“ Der Marquis ſetzte ſich den beiden Schönen gegen⸗ über. „Ich will meine Verzeihung ertheilen,“ ſagte die Baronin lächelnd,„und um ſo lieber, da eine andere Perſon dieſe Ungeduld zu theilen ſchien.“ Mit dieſen Worten blickte die Baronin Marien freundlich an; dieſe ſchlug die Augen nieder und ſpielte maſchinenmäßig mit der Schleife ihres Gürtels. „Wäre es möglich?“ rief Don Louis, der ſeine frendige Aufregung nicht länger zurückhalten konnte. —— 75 Er ſetzte alsbald hinzu: „Wer aber konnte wohl meine Ungeduld getheilt haben? Kennen Sie, Fräulein,“ ſagte er zu Marien, „eine Perſon, der meine Gegenwart Freude macht?“ Marie konnte keine Antwort finden, allein ſie ſah ihn mit einem ſo freundlichen Lächeln an, daß darin mehr ausgedrückt war, als alle Reden vermocht hätten. „Dieſes göttliche Lächeln,“ rief Don Louis voll En⸗ thuſiasmus,„gibt mir das Leben wieder; ich ſehe darin die Vergebung meiner Thorheit, meines ungerechten Mißtrauens, der unverzeihlichen Leichtfertigkeit, mit der ich Ihre reine Tugend beleidigen konnte.“ „Lieber Gott! Mein Freund,“ erwiederte die Ba⸗ ronin,„wir wollen von dem Vergangenen ſchweigen. Es genügt ein für allemal, daß Marie ſich ſo benahm, wie es die ſtrengſte Tugend forderte; daß ſie Ihrer Liebe würdig iſt, und daß Sie den Fehler, den Ihre Eiferſucht verſchuldet hat, eingeſehen haben und gut machen wollen; und eben darum— wann können Sie dem tugendhaften Anſelm die Freiheit verſprechen?“ „Gnädige Frau,“ antwortete Don Louis mit feier⸗ lichem Tone und indem er die Hand betheuernd auf's Herz legte,„ich ſchwöre bei Marien, dem theuren Ge⸗ genſtand meiner Liebe, daß ſie ihren Vater in wenigen Tagen umarmen ſoll!“ „All' mein Glück kommt alſo von Ihnen,“ rief Marie entzückt.„Wie kann ich jemals dieſe Wohltha⸗ ten vergelten?“ „Durch Ihre Liebe, ſchöne Marie,“ antwortete Don Louis gerührt.„All' mein Ruhm, all' mein Ehr⸗ geiz beſteht nur darin, von Ihnen geliebt zu werden.. Ach! Sagen Sie.. Sagen Sie Soll ich Hoff⸗ nung faſſen?“ „Ach! Was ſoll ich antworten?“ ſagte Marie er⸗ röthend und mit Thränen übergoſſen.„Doch könnten dieſe Thränen des Dankes noch eine andere Bedeutung 76 für Sie haben: ſie mögen alle Gefühle meines Herzens enthüllen.“ „Ja, mein Herr,“ nahm die Baronin mit liebens⸗ würdiger Freundlichkeit das Wort,„dieſe köſtlichen Thrä⸗ nen ſagen Ihnen, daß Sie Mariens erſte, reine Jugendliebe ſind. Allein dieſe Liebe verdient nach ihrem ganzen Werth geſchätzt zu werden und ich fürchte nicht, daß Sie je durch blinde Eiferſucht, ungerechten Argwohn ihr gegenſeitiges Glück ſtören werden. So find wir nun einig und die Abſicht unſerer Zuſammenkunft iſt erreicht: Beide ſehen ſich geliebt, fühlen ſich in gegenſeitiger Liebe glücklich. Damit Sie aber freier und ungeſtörter plaudern, Ihr Herz erleichtern können, will ich mich an meinen Flügel ſetzen.“ Wirklich nahm die liebenswürdige Baronin einen Stuhl und ſpielte Phantaſien über die beliebteſten Opern⸗ themas, während unſere Liebenden des ungeſtörten Ge⸗ ſprächs ſich freuten. iſt es denn wahr, Marie, daß Sie mich lie⸗ en?“ „Ja, Don Luuis; ſeit ich Sie zum erſtenmale ſah, habe ich Sie immer geliebt.“ „Dieſes ſüße Geſtändniß macht mich unbeſchreiblich glücklich; auch ich liebe Sie von ganzer Seele und werde alles thun, um den Tag unſerer Verbindung zu beſchleunigen. Mein Vater kommt bald hieher und wird, ich bin deſſen gewiß, unſern Bund gutheißen und ſeg⸗ nen. Hundertmal hat er mir empfohlen, ich ſolle die Vorurtheile der Welt hintanſetzen und nur auf die Tu⸗ gend, die einzige Garantie des Glückes, bei der Wahl meiner künftigen Frau ſehen. Ja, Marie, ich werde mich jederzeit beſtreben, Ihr Loos ſo freundlich als möglich zu geſtalten und wir Beide werden gewiß glücklich ſein.“ „Wie könnte ich daran, wie an Ihrer Liebe zwei⸗ feln, da Sie mich die Arme, Niedriggeborene wählen, für mich allen anderen glänzenden Ausſichten entſagen? „ * 77 Wie verdiene nur ich armes Mädchen ſolche Liebe!.. Ja, die Frau Baronin hat Recht, das eben muß mein Stolz ſein.. Und nach dieſem Allem, könnte ich da je auch nur einen Augenblick aufhören, Sie zu lie⸗ ben, Sie auch nur einmal vergeſſen!. Ach! Sie glauben das nicht nein, mein Freund, Sie können das nie glauben.“ „Abgott meiner Seele!“ rief der Marquis außer ſich. und wollte eben fortfahren, als die Baronin ſich nach den Liebenden umwandte und mit einem freund⸗ lichen, aber doch ein wenig boshaften Lächeln ſagte: „Wie finden Sie die letzten Variationen? ſie ſind von Thalberg.. Sie haben ſicherlich mit der größten Aufmerkſamkeit zugehört.. Allein jetzt kommen Sie näher, denn ich möchte wirklich gehört werden.. Ich will Ihr Glück durch eine gerade dazu paſſende Ro⸗ manze feiern. Ja meine Freunde, nicht anders.“ Marie und Don Louis rückten Stühle an das Kla⸗ vier und die Baronin ſang mit herrlicher Stimme und ſchönem Vortrage folgende Strophen. Galas purpurinas del vergel de honor carecen de espinas las rosas de amor. Candidas palomas exentas de orgullo, vuestro dulce arrullo dice encantador: Que entre los halagos de dos almas finas carecen de espinas las rosas de amor. Sola in la pradera- 1o tortola! gimes — 78 y tu seno oprimes con fiero dolor!.. Si junto ä tu amado de jubilo trinas no hallaras espinas en rosas de amor. Bella mariposa que ornas el tomillo lindo gilguerillo dulce ruisenor, Vuestro gozo espresa con frases divinas que non tiene espinas la rosa de amor. Hermosas palmeras que ufanas se mecen arroyos que ofrecen su riego a la flor, Dicen a los besos de auras matutinas que non tiene espinas la rosa de amor. Peces salpicados de vivos matices, saludad felices al sol bienhechor. Amad; y en el seno de ondas cristalinas decid: no hay espinas en rosas de amor. ſoh amor! te saludo, iman de mi anhelo, balsamo del cielo, don consolador! 79 Gozadle en buen hora almas peregrinas que no ofrece espinas la rosa de amor.*) Die beiden Liebenden, die während des Geſanges oft bedeutſame, empfindungsvolle Blicke gewechſelt hat⸗ ten, applaudirten am Schluſſe voll enthuſiaſtiſcher Freude. „Gnädige Frau,“ ſagte Don Louis,„Sie vereinigen alle Vorzüge: Talent, Bildung, Schönheit, Edelmuth.. „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Freund,“ antwor⸗ *) Purpurne Zierden des Gartens der Ehe; die Ro⸗ ſen der Liebe haben keinen Dornen. Liebliche, unſchuldige Tauben, euer zartes Girren ſagt: bei der Liebe zweier, ſanfter Herzen haben die Roſen keine Dornen. Einſam ſeufzeſt Du jetzt, liebliche Taube auf der Wieſe und verzehrſt Dich in lieben⸗ dem Schmerz. Aber wenn Du vereinigt in treuer Liebe jubelſt, ſo haben die Roſen der Liebe keine Dornen. Schöner Schmetterling, der Du auf dem Thy⸗ mianzweige Dich wiegeſt, fröhlicher Finke und Du zärtliche Nachtigall, eure Freude ſagt in ewigen Tönen,„die Roſen der Liebe haben keine Dornen.“ Die ſchöne Palme von Weinreben umſchlungen, der rieſelnde Bach, der die Wieſenblumen erfriſcht, ſagen bei dem Kuß des Morgenwindes:„die Ro⸗ ſen der Liebe haben keine Dornen.“ Ihr buntfarbigen Fiſche genießet die wohl⸗ thätige Sonne; auch in eurer eryſtalliniſchen Fluth heißt es:„Die Roſen der Liebe haben keine Dornen.“ Dich grüß' ich, o Liebe! Magnet meiner Seele, Balſam vom Himmel, göttlicher Troſt! Genießet die glücklichen Stunden, ihr Pilgrimme auf Erden! Die Roſen der Liebe haben keine Dornen. 3 8⁰ tete lächelnd die Baronin;„keine Schmeicheleien, es könnte Jemand darüber böſe werden.“ „Ueber eine ſolche Wahrheit böſe werden!“ ſagte Marie.„Ja, gnädige Frau, Sie beſitzen alle Vorzüge, auf welche eine Frau ſtolz ſein kann.“ „Sehr artig, nur viel zu viel!“ antwortete die Baronin;„und jetzt wollen wir den Schatten des Gar⸗ tens aufſuchen.“ Emilie nahm Marien bei der Hand, bot dem Mar⸗ quis ihren andern Arm und verließ mit Beiden den Salon. Während dieſe ſo zum erſtenmal das reine Glück der Liebe genoſſen, brütete der Mönch über neuen An⸗ ſchlägen gegen die beiden Liebenden und der geneigte Leſer wird uns gefälligſt in die Wohnung jenes Böſe⸗ wichts begleiten. ————————„ Drittes Rapitel. Neue Anſchläge. Es war an einem der heißeſten Tage des Monats Juli. Patricius hatte die Gewohnheit, eine lange Sieſta zu halten, dagegen früh aufzuſtehen, um die erfriſchende WMorgenkühle zu genießen. Sogleich nach dem Auſſtehen trank er ein großes Glas Milch mit Gerſtenwaſſer, was zur Verdünnung ſeines Blutes diente. Dann rauchte er eine große Ci⸗ garre und beſorgte bis zur Chokolade ſeine weitläufige Korreſpondenz. Um acht Uhr Morgens kam Mutter Espérance, um ſein Bett zu machen und ſagte: 84 „Heute, ehrwürdiger Vater, müſſen Sie ſich ein wenig gedulden. Ich machte eben erſt mein Feuer und die Chocolade wird noch nicht ſogleich fertig ſein: ich habe nämlich die befohlenen Erkundigungen eingezogen und nachher eine Meſſe in der Kirche zum guten Erfolg gehört.“ „Schon gut, Schweſter, was bringen Sie Neues?“ „Unglaubliches.“ vin „Schnell, kommen Sie, das Bett kann warten; ſetzen Sie ſich und erzählen Sie mir Alles.“ Die Frömmlerin ſetzte ſich neben den Mönch, der eine Priſe nahm und die Doſe ebenfalls ſeiner Geſell⸗ ſchafterin darreichte. „Ich habe wichtige Entdeckungen gemacht. Zuerſt: Mutter Nikolas und die edle Hedwig befinden ſich in der Galeere.“*) n *) Seit dem Jahr 1610 ging man damit um, ein beſonderes Gefängniß für übelberüchtigte Frauen zu errichten und wies zu dieſem Zweck gewiſſe Strafeinkünfte an. Im Jahr 1722 bekam dieſes beſondere Gefängniß den Namen Galeere und wurde mit dem großen Hoſpitale in der Atocha⸗ ſtraße verbunden, wo es kärglich durch Legate und Almoſen fortheſtand, bis bei der Revolution vom 2. Mai 1808 alle dort Eingeſchloſſenen entwiſchten. Vom Jahr 1837 an wurde dieſe Anſtalt in das eingegangene Montſerrat⸗Kloſter verlegt und im Jahr 1842 der Aufſicht der philantropiſchen Ge⸗ ſellſchaft übergeben, welche nun eine ganz verän⸗ derte Einrichtung getroffen hat. Man lehrt die Gefangenen Leſen, Schreiben, Rechnen; haäͤlt ſie zur Ordnung und Thätigkeit an und kann jetzt gut 113 Perſonen unterbringen„ während ſonſt kaum 50 Raum hatten. 1 Handbuch von Madrid. S. 35 Iseo, Marie. U. 6n nig 82 „Ich weiß das ſchon ſeit geſtern,“ ſagte Patricius. „Der Selbſtmord des Marquis kam uns ſehr zu ſtat⸗ ten. Die Blinden rufen heute ſchon ein Lied über die Thaten und das Leben der Marquiſe de la Bourbe aus und ſo ſieht ſie ſich, da der Scandal zu groß iſt, von allen ihren Freunden verlaſſen.“ „Aber ſagen Sie doch, ehrwürdiger Vater, könnte ſie nicht gefährliche Anzeigen machen?“ „Nichts da! An dem Tage, wo ſie mir mit dem Galgen drohte, hatte ich eine einfältige Furcht... denn ſehen Sie, ſchon der Gedanke an das Schaffot macht mir Nervenzucken.. aber ſpäter habe ich dar⸗ über nachgedacht und mich überzeugt, daß, wenn ich die Sache geſchickt angreife, nichts zu fürchten iſt. Es ging nun auch alles wie am Schnürchen. Welchen Glauben wird man einer ſo verrufenen Frau ſchenken? Dann aber liegt es im eigenen Intereſſe der Regie⸗ rung, die viel mehr weiß, als jene ſagen könnte, jede Anzeige zu unterdrücken. Nun, und weiter?“ „Ferner habe ich Näheres über Marien, deren Ge⸗ ſundheit ſich täglich beſſert, erfahren.“ „Iſt ſie bei ihrem Geliebten?“ fragte der Mönch heftig. „Nein; ſie lebt bei der Schweſter des Hoſpital⸗ arztes, bei einer jungen, liebenswürdigen Dame, deren Gemahl gegenwärtig auf Reiſen iſt.“ „Dieß iſt nicht übel, aber nicht hinlänglich. Zuerſt muß man ſo ſchnell als möglich den Namen der Dame erfahren.“ „Dieß wird nicht ſchwer ſein.“ „Nun gut! dieß iſt heute noch auszuforſchen und ebenſo, ob der Verführer Mariens bei der ganzen Ge⸗ ſchichte im Spiele iſt und etwa das Haus, wo Marie wohnt, beſucht... Alles dieß iſt wohl möglich, aber ich möchte Gewißheit darüber haben. Ich ſelbſt mag nicht in das Hoſpital gehen, denn als ich Marien dort⸗ hin brachte, geſchah dieß im Namen der Marquiſe de 83³ la Bourbe.. da ich andere Mittel habe, ſo wäre ein ſolcher Schritt nicht klug.“ „Natürlich! Bin ich denn nicht da, und mir ver⸗ ſchlägt es nichts! Zu was ſollen Sie ſich ausſetzen?“ „Und Vater Labouillie?“ fragte Patricius. „Iſt er nicht gekommen?„. Ach, der Tauge⸗ nichts!.. Er ſagte, er wolle ſogleich kommen.“ „Taugenichts iſt er keiner; wenn er nicht kommt, ſo iſt's gewiß nicht ſeine Schuld. Er iſt ein thätiger Mann, der unſer ganzes Zutrauen verdient und der heiligen Sache unſers geliebten Königs Carlos große Dienſte erwieſen hat. Er ſteckt ſo tief darin wie wir, iſt geſchickt, muthig... kurz ein ächter Royaliſt.“ „Ja ja er unternimmt Alles. ſcheut ſich vor nichts, und iſt ſehr fromm. und ſehr tapfer Während des Unabhängigkeitskrieges gegen die Franzoſen ermordete er alle Franzoſen, die er ſchlafend traf. es iſt ein wahres Vergnügen, ihm zuzuhören. Und jetzt! Ach! Wenn es gegen Juden oder Reger geht denn er iſt ein ſo guter Chriſt!. So voll Ehrfurcht vor den Dienern der Kirche!“ In dieſem Augenblick ſchellte es; die Alte lief an die Thüre und traf die eben beſprochene Perſon. „So recht!“ rief ſie;„der Herr iſt ſchon unge⸗ duldig.“ Der Bandit eilte in das Zimmer des Mönches. „Gelobt ſei Gott!“ ſagte er in ſeinem andaluſi⸗ ſchen Dialect und zog den niedern Hut vom Kopfe. „Guten Tag, mein Freund.“ „Was ſteht zu Dienſten, lieber Herr?“ „Ich will es Euch ſagen, Vater Labouillie, und Euch damit einen großen Beweis meines Wohlwollens, meines Vertrauens geben. Es handelt ſich um etwas Wichtiges, wozu die größte Vorſicht erforderlich iſt.“ „Sagen Sie nur wohin und was, mehr braucht es bei mir nicht. Ich bin ein Mann von Wort, damit iſt Alles geſagt.“ * 84 „Seid Ihr ſchon hie und da in der Fontana d'Oro geweſen?“ „Da habe ich meine Naſe noch nicht hineingeſteckt, da geht es mir zu vornehm her; aber ich kenne das Haus„ „In der St. Hieronymus⸗Straße.“ „Ganz richtig.“ „Dort wohnt ein abſcheulicher Menſch, ein Erz⸗ ketzer, einer der ſchlimmſten Feinde unſerer heiligen Re⸗ ligion und des Thrones. Eine ſolche Schlange aus der it zu ſchaffen, wäre gewiß ein Gott wohlgefälliges er 3 „Sein Signalement, und ich mache ihn in einem t kalt; ich habe eben mein Meſſer friſch ſchleifen aſſen.“ Er zog aus ſeiner Hoſentaſche ein ungeheures Meſſer, das er dem Mönche mit den Worten zeigte: „Dieß iſt meine Nadel.“ „Ich kenne Euern Muth.“ „Man darf nur ſagen: Auf ſie, es ſind Feinde Gottes. Iſt unſer Mann überflüſſig ſo ſoll er fort 6 „Es wäre ein Werk der Barmherzigkeit. die Belohnung dafür iſt meine Sache„ und Ihr wißt“ „Ei, ich weiß wohl, Sie ſind kein Knauſer.“ „Es hat aber keine ſolche Eile, daß man deßhalb das Mißlingen der Sache riskiren müßte. Ihr ſucht eine Gelegenheit, wo man es ſicher und ohne Gefahr thun kann.“ „Wie nennt ſich der Todte?“ „Er heißt Don Louis de Mendoza.“ „Werd es nicht vergeſſen.“ „Er iſt Commandant der Nationalgarde und wohnt in der Fontana d'Oro.“ „Er ruhe ſanft! das iſt Kinderſpiel.. und 3 „Klugheit, Vorſicht, Verſchwiegenheit!“ * 85⁵ „Stumm und bei der Hand. Iſt das Alles 2“ „Ja. Die Belohnung wird dem Dienſt entſprechen indeß hier eine kleine Abſchlagszahlung.“ Der Mönch ließ dem Schenkwirth einen Quadru⸗ . pel in die Hand fallen. „Gott vergelt es Euch,“ ſagte dieſer, ſteckte das Gold in die Taſche, bot dem Mönche die Hand und eilte weg. Piertes Rapitel. Die Bildergallerit. Wir haben ſchon erwähnt, daß die Schönheit der Baronin durch die Vorzüge eines ſeltenen Talents und einer ausgezeichneten Bildung noch gehoben wurde. Außer dem ſeelenvollen Geſang, dem virtuoſen⸗ mäßigen Clavierſpiel beſaß ſie die Kunſt des Apelles in einem ſo hohen Grade, daß die ausgezeichnetſten Meiſter ihre Kennerſchaft und Uebung, namentlich im Fache der Landſchaft und des Miniaturbildes hätten beneiden dürfen. Sie porträtirte Marien und traf dieſe ſo voll⸗ . kommen, daß man ein Spiegelbild zu erblicken glaubte. Marie hoffte ihren geliebten Marquis damit zu überraſchen. „Wie glücklich müſſen Sie ſein, theure Freundin!“ ſagte Marie voll Bewunderung zu Emilien. „Wie ſo?“ fragte lächelnd die Baronin „Wie muß Ihr Gemahl Sie lieben! Alles, was man nur wünſchen möchte, beſitzen Sie; Schönheit, Jugend, Reichthum, Seelengüte, Talent, Bildung. 86 Wie ſehr hatte Don Louis Recht: Sie ſind ein Muſter von Vollkommenheit! Gewiß, gewiß werden Sie von ihrem Gemahl angebetet.. Er iſt jung, hübſch; er weiß die Reize ſeiner Gemahlin zu ſchätzen.ich bin davon überzeugt wie ſehr wünſcht mein Herz, Sie glücklich zu wiſſen! Sagen Sie, daß es ſo iſt.“ Die Baronin ſeufzte und antwortete nicht. „Großer Gott!... Sie ſeufzen ſagte Marie voll Unruhe.„Sie ſind unglücklich?“ „Nein nein, meine Tochter,“ antwortete Emilie, ſich heiter ſtellend;„mein Mann liebt mich. iſt zwar ein wenig leicht... aber er liebt mich und ich hoffe ihn wieder auf den guten Weg zurück zu brin⸗ gen, wenn er ſich davon verloren haben ſollte. Schon dieſe Zuverſicht genügt zu meinem Glücke... Sonſt verlangen wir Frauen ſo gar viel.“ „Ach! Wenn Ihr Herr Gemahl ſich nicht gut auf⸗ führt, ſoll er es mit mir zu thun haben. Ich möchte ihn wohl kennen lernen.“ „Dieß wird bald geſchehen, da er in wenigen Ta⸗ gen zurück kommt.“ „Gut! dann„wenn er Sie nicht bis zur Ra⸗ ſerei liebt, ſo ſoll er mich hören... denn ich will, daß Sie ſo glücklich ſein ſollen wie ich, daß Ihr Ge⸗ mahl Sie ſo liebe, wie mich Don Louis.. Apropos, welche freudige Ueberraſchung wird dieſem mein Por⸗ trät gewähren! es iſt ſo ähnlich! Lieber Gott! wenn ich ein ſolches Talent hätte!.. Es iſt ein ſo ſchöne Sache um die Malerei!. Sie glauben nicht, wie gerne ich die Gemälde in ihrem großen Salon be⸗ trachte.“ „Wirklich? Nun gut! Heute, jetzt im Augenblicke können wir in die Gemäldegallerie gehen. Da werden Sie erſt Ihre Wunder ſehen!“ Die Baronin klingelte, Thomas erſchien. „Meinen Wagen,“ ſagte die Baronin. „Er ſteht ſchon bereit,“ antwortete der Neger. 87* „So laſſen Sie uns gehen, Marie.“ „Eine halbe Stunde nachher hielt der Wagen an dem großen Thor des Muſeums der bildenden Künſte von Madrid. Dieſes Gebäude wurde im Jahre 1785 auf Be⸗ fehl Carls III. von Don Juan de Villanueva aufge⸗ führt. Sein Grundplan iſt rechtwinklich; die Mittel⸗ vartie iſt ein Parallelogramm von 378 Fuß Länge auf 74 Fuß Breite, das ſich ſeitwärts mit zwei Quadrat⸗ bauten von bedeutenden Dimenſionen endigt; das Ganze bietet einen koloſſalen, majeſtätiſchen Anblick dar; die Hauptfagade iſt bewundernswerth und bildet eine der herrlichſten Zierden des Prado. Eine elegante Gallerie von vierzehn Arkaden mit Rundbögen und von vier mit geradlinigem Schluß, deren Enden zwei große Vorſprünge bilden, mit fünf Fenſtern im erſten und fünf Balfonen im zweiten Stocke macht einen edlen, maleriſchen Eindruck. Ein anderer Bau auf 64 Fuß Länge, um 24 Fuß vorſpringend, mit fünf 40 Fuß ho⸗ hen Säulen und Pilaſtern von Colmenar-Stein bezeich⸗ net den Haupteingang; auf dem Krönungsgeſimſe ruht eine Attique mit Giebel, in deſſen Felde ein Basrelief ſich befindet, Minerva, wie ſie den ſchönen Künſten Kränze austheilt. Die Fagade rechts geht gegen die St. Hieronymus⸗ ſtraße zu. Ihr Haupteingang führt in ein mit acht Säulen geziertes Veſtibül und in eine Gallerie, auf welche ſich die Saalthüren pffnen. Es ſind zwei Sei⸗ tenſäle von 141 Fuß Länge auf 38 Fuß Breite. In der Mitte iſt ein quadratiſcher Raum, der mittelſt eines herrlichen Bogens in einen gewölbten Saal führt, deſ⸗ ſen Rechteck 173 Fuß Länge auf 36 Fuß Breite mißt und deſſen Höhe 35 Fuß beträgt, und der durch Ni⸗ ſchen und allerlei geſchmackvolle Ornamente verziert iſt. Im Mittelpunkt befindet ſich ein Bau von 44 Fuß Höhe, deſſen Oberlicht eine ſchöne Beleuchtung gewährt. 88 Zur Linken ſieht man noch einen andern Raum von 88 Fuß Länge auf 50 Fuß Breite; hinter dem Haupt⸗ ſaal aber iſt ein runder Salon, der durch vier Thüren den Austritt in eine weite vom Hofraum umgebene Gallerie geſtattet, die nach zwei anderen ſehr geräumi⸗ gen Sälen führt. Ein quadratiſcher Gelaß endlich vervollſtändigt das ungeheure Gebäude. Die Gemäldeſammlung dieſes großartigen Muſeums, der Stolz der ſpaniſchen Nation, wird von allen Ken⸗ nern, Fremden wie Einheimiſchen, als die erſte in der Welt anerkannt. Sie enthält über zweitauſend Stücke, worunter die ausgezeichnetſten Meiſterwerke eines Ra⸗ phael, Coreggio, Michelangelo, Titian, Dominichino, Albano, del Sarto, Vaſano, Guido Reni, Boscho, Parmegiano, Leonardo da Vinci, Saſſa⸗Ferrato, Tin⸗ toretto, Salvator Roſa, Vacara, Paul Veroneſe, Piombo, Caracchi, Rubens, Teniers, Rembrandt, Van⸗ Dyk, Mengs, Lorenes, Albrecht Dürer, Pouſſin, Mu⸗ rillo, Velasquez, Cano, Ribera, Juanes, Zurbaran, Rivalta, Morales, und unzähliger Anderer, die mir der Raum zu neünen verbietet ½. iln Marie, mit feinem Gefüht u und regem Auffaſſungs⸗ vermögen begabt, ſtand entzückt vor dieſen Meiſterwer⸗ ken. Die Baronin deutete auf Nro. 138 und machte folgende Bemerkung: „Dieſe halbnackte Mittelſigur ſtellt Baecchus vor, das Haupt mit Rebenlaub umwunden, und auf einem Faß, ſeinem Throne, ſitzend.“ „Und was iſt's mit dem, der vor iht kniet?“ fragte das Mädchen. „Bacchus krönt ihn mit Epheu, und die Umſtehen⸗ den geben ihren Beifall zu erkennen, da der Gekrönte ohne Zweifel ein tapferer Trinker war.“ „Welche Vollendung in den Geſichtern! Welcher Ausdruck! Welche Natürlichkeit!“ Es iſt auch ein Meiſterſtück von Velasquez. 1 ——.——— iieie ſtarb.“ 89 Diego Velasquez de Silva wurde im Jahr 1599 zu Sevilla geboren; Schüler und Schwiegerſohn von Pa⸗ cheko, ſah er ſich bald von Philipp IV. begünſtigt. Er ſtudirte die klaſſiſchen Maler Italiens, und gründete die große Malerſchule von Madrid, wo er im Jahr 1660 Die beiden Frauen ſchritten weiter. Noch größere Bewunderung zeigte Marie für Nr. 726. „Wahrhaftig, Sie zeigen einen Geſchmack, wie der beſte Kenner,“ ſagte die Baronin.„Das Werk, das Sie ſo ſehr ergreift, iſt die heilige Familie, gewöhnlich nur die Perle Raphaels genannt; eine mit ſeltener Meiſterſchaft ausgeführte Copie davon verdankt man dem talentvollen Valencianer Don Joſeph Bonilla. Raphael Sanzio, nach ſeinem Geburtsort auch Urbino genannt, erblickte das Licht der Welt im Jahr 1483. Er lernte bei Pietro Perugino, übertraf ſeinen Meiſter bald, und gründete die neuere römiſche Schule, welche in der Malerei den erſten Preis davon trug. Er ſtarb im Jahr 1520, und hinterließ bedeutende, berühmte Schüler.“ nn; „Mit welcher Grazie das Kind auf dem Schoße der heiligen Mutter ruht!“ rief Marie.„Wie der kleine Fuß ſich ſo natüklich gegen das Kinderbettchen ſtemmt! Der andere Knabe iſt ohne Zweifel der heilige Jv⸗ hannes.“ „Wie Sie ſagen; es iſt der heilige Johannes, der unter ſeinem Schafspelze dem Jeſuskinde Früchte an⸗ bietet, während dieſes ſeine Mutter freundlich anlächelt, und gleichſam um Erlaubniß bittet, dus Geſchenk anneh⸗ men zu dürfen.“ „Mit welch' himmliſcher Güte Maria ihn betrach⸗ tet! Und die anderen Perſonen, wen ſtellen dieſe vor?“ „Die kniende Perſon bei Maria iſt die heilige Anna, und weiter zurück der heilige Joſeph. Dieſes Gemälde kam zuerſt in den Beſitz Karls I. von England; als es 90 nach dem Tode deſſelben in den Beſitz Ferdinands 1V. kam, rief dieſer:„dieß iſt die Perle aller meiner Ge⸗ mälde!“ und ſeit dieſer Zeit blieb ihm der bezeichnende Name.“ „Guter Gott!“ rief Marie beim Anblick von Nr. 747,„wie natürlich die Hühner an dem Baume hän⸗ gen! Sehen Sie, und dieſe, welche noch ungerupft auf dem Boden liegen!“ „Dieſes Gemälde iſt von Giacomo Nani, einem be⸗ rühmten Italiener, der aus Caprice nur todte Vögel malte.. Halten Sie, hier, Nummer 784, iſt eins der beſten Stücke in der ganzen Sammlung: der Sturz Chriſti mit dem Kreuze, gewöhnlich Pasmo de Sicilia (das Wunder Siciliens) genannt, und eines der größten Meiſterwerke Raphaels; auch dieſes wurde von Sardo, einem mit den Meiſterwerken Italiens innigſt vertrauten Maler, innerhalb neun Monaten muſterhaft kopirt.“ Während Marie ganz entzückt da ſtand, ſprach die Baronin weiter: „Die Geſchichte dieſes Gemäldes bietet merkwürdige Erſcheinungen dar. Im Jahr 1810 führten es die ſieg⸗ reichen Franzoſen nach Paris; und dort ging es von Holz auf Leinwand über. Im Jahr 1816 wurde es an Spanien zurückgegeben.— Betrachten Sie den Ausdruck der Geſichter! Dieſe Weiber, welche um Chriſtus wei⸗ nen! Er verkündet ihnen den Untergang Jeruſalems, und ſagt:„Weinet nicht über mich, ſondern über Eure Kinder!“ Eine Menge Menſchen zu Fuß, und Solda⸗ ten zu Pferd füllen die Szene, und erſtrecken ſich von Jeruſalem bis Golgatha, das man in der Ferne ſieht. Simon von Cyrene, der das Kreuz aufnimmt, hilft Jeſus aufſtehen, während zwei Soldaten den Erlöſer mit groben Schimpfworten anfahren.“ Marie hatte Thränen im Auge, die theils der ſchö⸗ nen Kompoſition, theils dem dargeſtellten Stoffe galten; im Weitergehen rief ſie plötzlich: Vie ſchon iſt dieſes Jeſusfind!“(6s war Nr. 766.) 91 „Es iſt in der That eine herrliche Kompoſition,“ ſagte die Baronin;„der Maler war einer der beſten Schüler Titians.“ „Wie hieß er?“ „Giacomo Palma, der ältere, zu Serinalla bei Ber⸗ gamo geboren. Man kennt weder ſein Geburts-, noch Todesjahr genau; wenigſtens habe ich es nirgends an⸗ gegeben gefunden. Man weiß nur, daß er im 16ten Jahrhundert blühte, und nur achtundvierzig Jahre alt wurde.“ „Was ſtellt das Gemälde dar?“ „Es iſt die Anbetung der Hirten.“ „Wie ſchön das Kind iſt, das auf den Knien Ma⸗ ria's ſitzt!“ „Sehen Sie, mit welcher kindlichen Grazie es den Hirten liebkost!“ „Wahrhaftig... und dieſe bieten ihm, wenn ich mich nicht täuſche, Früchte an.“ „Und dann das Lamm, weiter entfernt, das wie lebendig ausſieht. St. Joſeph ſitzt zur Linken, auf ſei⸗ nen Stock geſtützt, und hört dem Hirten zu.“ „Das Gemälde 787 iſt ſehr groß.“ „Freilich! Es hat koloſſale Dimenſionen, und iſt von Titian gemalt. Es ſtellt den Prometheus dar, welcher nach der Fabel die erſten Menſchen aus Thon bildete, dann mit Hülfe von Pallas in den Olymp ſtieg, und dort das heilige Feuer ſtahl, das ihnen Leben gab. Erzürnt über dieſen Diebſtahl, befahl Jupiter dem Merkur, Prometheus an den Gipfel des Berges Kaukaſus anzu⸗ ſchmieden, wo ein Adler ſeine Leber fraß, die ihm zur ewigen Qual jeden Tag wieder wuchs.“ „Gott! das iſt ſchrecklich!“ „Endlich befreite ihn Herkules von dieſem Leiden.“ Man ging weiter, und das Mädchen rief bald wieder: „Welch' hübſches Gemälde, dieſe Nummer 7971. Was ſtellt das vor?“ 92 „Es iſt die Vereinigung zweier glücklichen Lieben⸗ den“ antwortete die Batonin mit freundlichem Lächeln, „wie etwa Don Louis Mendoza und eine meiner Be⸗ kannten.— Betrachten Sie dieſen hübſchen jungen Mann, der jener reichgekleideten jungen Dame den Ehering an den Finger ſteckt; über ihnen ſchwebt Kupido mit einem Doppeljoch in der Hand. Nach den alten Inventarien iſt es Ferdinand der Fünfte und Iſabella.“ Freude ſtrahlte aus den Augen Mariens, und ihr freundliches Lächeln zeigte deutlich, daß die vorige An⸗ ſpielung ihr nicht mißfallen hatte. „Wenn dieſer glückliche Moment je für mich ein⸗ tritt, ſo habe ich mein Glück nur Ihnen zu verdanken.“ Nachdem ſie ſo die ganze Gemäldegallerie beſichtigt hatten, kehrten beide Freundinnen nach Hauſe zurück, und ſchickten dem Marquis Abends das Portrait ſeiner Geliebten, die Arbeit ſeiner Freundin. 6 Fünftes Rapitel. Ein Ball in der Schenke. „Laurent! Laurent!“ ſchrie der Neger Thomas, in⸗ dem er wie ein Kind Freudenfprünge machte. „Was gibt's?“ antwortete der Kutſcher der Ba⸗ ronin;„hat Dein Hirn Schaden Zelitten 7“ pi „Du weißt ja. der kleine Marquis Bellaflo hat mir eine Dublone gegeben?“ 1 „Ja doch; willſt Du mich etwa eiferſüchtig machen?“ „Ach wie häßlich! Nein im Gegentheil, ich will Dir Deinen Theil davon geben. Ich will ich zahle Dir alle Schoppen, die Du auf die Geſundheit meines M theuren Fräuleins, Deiner guten Herrin und des hra⸗ ven Marquis trinkſt.“ „Top, ich bin dabei... aber wann?“ „Jetzt gleich.“ „Jetzt gleich?„ Aber, wenn die Damen aus⸗ fahren wollen?“ „Sie brauchen heute keinen Wagen, und ich habe die Erlaubniß erhalten, Dich zu regaliren.“ „Und deßhalb ſpringſt und hüpfſt Du ſo?“ „Ich bin kein Schlemmer, denn das iſt häßlich; aber heute, ſiehſt Du, heute könnte es einen Haarbeutel abſetzen.. denn, wenn ich die Geſundheit meines angebeteten Fräuleins trinke, da kann ich mich nicht halten zum Glück habe ich feſte Beine doch. wir wollen ſehen... Alſo zieh Dein Wamms an, und laß uns gehen.“ Laurent war ein hübſcher und luſtiger Junge; Thomas war, obgleich ein Neger, doch nicht übel, be⸗ ſonders wenn er ſich geputzt hatte. Sie kleideten ſich ſo elegant als möglich und zeigten ſich vor dem Weggehen noch der Baronin, um ihre Befehle zu vernehmen. Dieſe ſagte ihnen, ſie ſollten ſich klug auf⸗ führen, und darnach ſprangen ſie luſtig, wie losgelaſſene Vögel, auf die Straße. „Alſo,“ ſagte Thomas,„wohin gehen wir?“ „Warte— iſt heute nicht der zwölfte?“ „Meiner Treu, ich glaube, Du haſt Recht.“ Es war wirklich der zwölfte Juli 1836. „Herrlich!— Mutter Marianne gibt heute, an ihrem Namenstage, einen Ball... komm dahin.. willſt Du?“ „Ich gehe überall mit, wo Du willſt.“ „Es gibt vortrefflichen Braten.“ „Ich halte mehr auf ein gutes Glas Wein.“ „Das kann neben einander ſein, und bei beidem noch etwas für's Herz. Tanzſt Du gerne?“ 94 „Das heißt, ich ſehe gerne tanzen... denn ich für meine Perſon, bin nicht darauf eingerichtet.“ „Aber ich! Wenn ich beim Klang der Mandoline meine Sprünge machen kann, ſo werde ich um zehn Jahre jünger. Du wirſt ſehen, wie zierlich die Camarde Dir den Zorongo tanzt.“ „Wer iſt denn das, die Camarde?“ „Die Tochter von Mutter Marianne, eine kleine Brünette zum Freſſen, aufgeweckter als ein kleiner Teu⸗ fel.. mit einer ſchlanken Taille... die einen ver⸗ rückt macht. Das letzte Jahr habe ich ihr die Cour gemacht.“ „Aha„ deßhalb ſoll ich dorthin... übrigens iſt es mir eins. Vorwärts... wir trinken ein Glas; dann tanzſt Du mit Deiner Camarde... und ich leere die Flaſche auf das Wohlſein meines lieben Fräuleins.“ So famen die Beiden bis an den Eingang der St. Antoniusſtraße. Kaum ſollte man glauben, daß es in der Haupt⸗ ſtadt Spaniens eine ſolche Straße gebe. Es iſt eine einzige, lange Kothlache, rechts und links von einer er— bärmlichen Reihe ungleicher, baufälliger Hütten umgeben. Die verrauchten und durchlöcherten Mauern; die mit Lumpen bedeckten Frauen, welche ſich mitten in der Straße ſonnen; die kleinen Rangen, welche im Hemde, oder noch leichter gekleidet, ſpielen; der Miſt, der von allen Seiten einen peſtartigen Geruch ausdünſtet— Alles dieß könnte zu der Meinung berechtigen, die Po⸗ lizei habe von dieſem Schmutzloche noch keine Kunde erlangt, wenn man nicht in allen Ecken dieſer Straße Tagediebe mit verſchränkten Armen in der Uniform jener Schutzbehörde antreffen würde, die eben da ihre Höhlen haben. Eben hier drängen ſich die Luſtdirnen auf eine wahrhaft ſkandalöſe Weiſe, und es vergeht kein Tag ohne einen Auflauf, keine Nacht ohne eine Dolchſtich, ſo daß hier das Elend, die Unordnung die Entſittlichung den höchſten Gipfel erreichen. 95 Mit Widerwillen haben wir dieſes abſchreckende Ge⸗ mälde entworfen; allein da wir eine vollſtändige Schil⸗ derung der Sitten und Gewohnheiten der intereſſanten Stadt geben wollten, ſo mußten wir auch ohne Rück⸗ ſicht auf die Ehre derſelben die volle Wahrheit ſagen; denn die Gerechtigkeit und das öffentliche Intereſſe ge⸗ bieten uns, ſolche Uebelſtände der Regierung vor Au⸗ gen zu legen, damit dieſe Alles, was den Sitten der Hauptſtadt ſchaden, und den Fortſchritt der Civiliſation hemmen könnte, entferne. Allein wir fordern nicht, daß man ſogleich mit Strafen und Einkerkerung gegen dieſe Unglücklichen verfahre, welche das Elend zum Dienſt der Unzucht ge⸗ nöthigt hat; wir verlangen Schutz, Fürſorge für ſie, um ihr Leben zu ändern, ſie zu retten. Wir haben ſchon mehrmals den Satz ausgeſprochen, und wieder⸗ holen ihn nochmals: man ſteure der Noth, und greife ſo das Uebel an der Wurzel an. Ebenſo haben wir durchaus nicht die Abſicht, die ehrenhaften Perſonen, welche ohne Zweifel in dieſer Straße wohnen, beleidigen zu wollen; allein wir ſind der Ueberzeugung, daß ſie ſelbſt ſchon oft die ähnliche Beobachtung gemacht haben werden, und nur durch irgend einen Umſtand gezwungen in dieſer Straße wohnen bleiben. Uebrigens muß man geſtehen, daß keine Straße ihren Namen mit mehr Recht trägt, als eben die St. Antvnius⸗Straße, da ſie beſonders nach dem Regen eine wahre Miſtpfütze iſt, und dem Schwein alle Gelegenheit bietet, ſich voll zu ſtopfen und zu mäſten. Und damit den glucklichen Bewohnern dieſes Para⸗ ² dieſes ja nichts fehle, ſo fängt man von Nachts zehn Uhr an die Ausdünſtungen jenes heilſamen Balſams zu riechen, welchen die Karren Sabatini's eben durch die St. Antonius⸗Straße in ihr Montfaucon, in der Rogueros⸗Straße, führen, ſo daß dieſe Straße die ganze 96 Nacht hindurch die Gegenwart jener ironiſch ſogenann⸗ ten Reinlichkeits⸗Karren zu genießen hat. Wir haben trotz des Naſerümpfens mancher zu de⸗ likaten Leute ſchon im Anfang unſeres Buches uns dar⸗ über ausgeſprochen, daß man dieſen heilloſen Mißbrauch abſtelle, wonach die Bewohner der Hauptſtadt Spaniens von keinem Theater, keinem Ball, keiner Abendgeſell⸗ ſchaft nach Hauſe gehen können, ohne gegen dieſe Rein⸗ lichkeits⸗Karren, welche die ganze Stadt verpeſten, an⸗ zurennen.*) Wenn die Regierung nicht durch Jemand in Paris umfaſſende Studien über die dortige geruch⸗ loſe Reinigung machen laſſen will, ſo hat ſie noch zwei andere Mittel, dieſem Uebelſtande abzuhelfen: ein⸗ mal dürfen die Wagen Sabatini's nur etwas ſpäter ihren Corſo beginnen, oder muß man befehlen, daß alle Spanier ihre Naſen mit ſpaniſchem Wachs verſtopfen. Gewiß thut man wohl daran, daß man die Haupt⸗ ſtraßen verſchönert, das Trottvir breiter macht, die lä⸗ ſtigen Gitter wegſchafft, das Pflaſter unterhält und ver⸗ beſſert; daß man für die öffentlichen Spaziergänge ſorgt, dort, in den breiteren Straßen und auf den großen Plätzen ſchöne Bäume pflanzt, eine entſprechende Be⸗ leuchtung einführt— Alles dieß iſt gut, ſehr gut, treff⸗ lich, lobenswerth; denn dieſe Arbeiten verſchönern einer⸗ ſeits die Stadt, ſie beweiſen den Eifer und das Streben der Behörden für Civiliſation, andererſeits beſchäftigen ſie manchen armen Arbeiter, der ſonſt brodlos wäre und ſich in der Verzweiflung vielleicht zu Unordnungen hinreißen ließe. In der Hinficht habe ich nur zu lo⸗ ben. Aber gegen dieſe Verſchönerungen ſticht die Ver⸗ nachläßigung der entlegeneren Stadtheile ſo grell ab, daß man gegen die ſtädtiſche Polizei mit Recht eine ſchwere Anklage wegen ſchreiender Ungerechtigkeit erhe⸗ ben könnte. Alle Einwohner der Hauptſtadt haben *) Seit unſerer erſten Bemerkung gegen dieſen Niß⸗ brauch hat die Regierung Kloaken anlegen laſſen. 97 gleiches Recht auf die Fürſorge der Verwaltung, und es iſt nicht billig, die ärmlichen Diſtrikte ganz zu ver⸗ nachläßigen, während man den ſeit undenklicher Zeit bevorzugten Straßen, die ruhig mit den lururiöſen Ver⸗ ſchönerungen, womit man ſie bedenkt, zuwarten könn⸗ ten, allein alle Fürſorge zuwendet. In eben dieſer St. Antonius⸗Straße hielt Mutter Marianne ihre elende Kneipe, welche nur aus einem quadratiſchen Gemache beſtand, an deſſen durch Rauch geſchwärzten Wänden Heiligenbilder oder Abbildungen von Stiergefechten angebracht waren, die man mit Kirſchenſaft und Safran bemalt hatte. Dieſe zerriſſe⸗ nen und zerfetzten Bilder ließen das gekaute Brod ſehen, womit man ſie angepappt hatte, oder waren ſie auch durch breitköpfige Schuhnägel, wie ſie die Waſſerträger an den Stiefeln tragen, befeſtigt. Auch ſah man an den Theilen der Wand, die nicht ganz durch Rauch geſchwärzt waren, mit Kohle eine Menge gemeiner, ehniſcher Sätze hingeſchrieben, deren Ausdrucksweiſe keineswegs immer den Geſetzen der Aka⸗ demie entſprach. Die Sitze dieſes Salons beſtanden in zwei Dutzend meiſt zerbrochener Stühle, ohne Stroh; auch dienten einige alte Bettſeiten, die man über mächtige Steine oder Backſteinhaufen gelegt hatte, als Divane und Sophas. Wenn es wahr ſein ſollte, daß Abwechslung das erſte Grundprinzip der Schönheit iſt, ſo gibt es nichts Eleganteres, als den Parketboden dieſer Schenke, der eine förmliche Moſaik darſtellt. Es war eine fonfuſe Miſchung von Pflaſterſteinen, Ziegeln und Backſteinen, deren Zwiſchenräume mit Thon und einer Art Mörtel ausgefüllt waren. Damit man endlich nicht die Wohl⸗ gerüche, welche das Serail des Orients durchduften, vermiſſe, hatte man dieſes Eldorado mit dem Waſſer beſprengt, das ſeit einer Woche zum Wäſſern von Stockfiſchen benützt worden war. F Jzco, Marie. U. 5 98 Die reichen Toiletten und die vornehme Haltung der Geſellſchaft entſprachen der Annehmlichkeit des Orts, welcher nur durch eine tabaksdoſenähnliche Spelunke, die auf den Stall hinausging, Licht empfing. Eben dieſe letztere diente als Büffet, und hatte als Draperie nur ein dichtes Spinngewebe, das ſich an allen Ecken und über alle Wände hinzog, und die natürliche Düſterheit noch vermehrte. Statt der prächtigen Kronleuchter, die ſonſt von der Mitte der majeſtätiſchen Kuppel herabhängen, ſah man nur eine ſchwindſüchtige Lampe an einem ganz mit Mücken beſetzten Schilfrohr befeſtigt, und dieſe Lampe goß zugleich mit ihren bleichen Strahlen einen ſehr bemerklichen Duft über die glückliche, elegante Geſellſchaft aus. Bei dieſer ſonderbaren Beleuchtung erblickte man die ſeltſamſten, wildeſten Phyſiognomien; es waren die ſcheußlichſten Karikaturen, Frazzen, wie ſie nur das La⸗ ſter und die Liederlichkeit erzeugen kann. Der weibliche Theil der Geſellſchaft rechtfertigte durchaus nicht die ſonſt übliche Benennung des ſchönen Geſchlechts; die Meiſten waren in ſchmutzige Lumpen gehüllt, barfuß, oder in zerriſſenen Strümpfen; durch die Oeffnungen des Kleides ſah man die ſchlaffe, ſchwarzbraune Haut des befleckten Körpers. Dieſe blei⸗ chen, unförmlichen Geſtalten trugen, von fieberhafter Freude belebt, ihr Elend, ihre Verderbtheit, ſelbſt ihre Gebrechen zur Schau. Die Nacktheit der Männer, ihre rohen Manieren, ihre Zoten und Blasphemien zeigten deutlich, weß Gei⸗ ſtes Kinder es waren: Zuchthäusler, Straßenräuber und dergleichen. Der Anzug dieſer Leute beſtand in einem breitkrämpigen Hute, farbigem Hemde, einem Wamms, das über die Schulter geworfen wurde, einem wollenen Gürtel, geſtreiften, ſchmutzigen und meiſt geflickten oder zerriſſenen Beinkleidern.. Außer dem unerläßlichen ungeheuern Meſſer, das 99 ſie im Gürtel oder in der Hoſentaſche trugen, hatte jeder noch einen tüchtigen Knittel oder wenigſtens einen langen Eſchenſtab, den ſie nicht einmal beim Tanzen ablegten, ſondern hinten durch den Gürtel ſteckten. Der Gehörnte, ein ausnehmend luſtiger, ſchon ziemlich bejahrter Kerl, der ſeinen Namen daher hatte, daß er die Untreue ſeiner würdigen Gattin, der Ge⸗ ſchorenen, mit philoſophiſcher Reſignation ertrug; der Gehörnte ſaß, wie Bacchus, auf einem alten Faſſe, ſpielte die Guitarre, und ſang Lieder, die wir des An⸗ ſtands halber unſern Leſern nicht mittheilen dürfen. Als Thomas und Laurent in dieſen ſeltſamen Ball⸗ ſaal eintraten, tanzte vie berühmte Camarde, die alte Liebe des Letzteren, gerade den Bolero mit Francinet, dem Nagelſchmid. Ein langes Hurrahjauchzen belohnte die Grazie und Leichtigkeit, mit welcher dieſe nicht ſehr verſchämte Dame ihren Lieblingstanz aufführte, und dabei eine ächt ſpaniſche Beweglichkeit der Taille zeigte. Ihr ſchlanker, gelenkiger Körper machte die wollüſtigſten Bewegungen, und ihr Anzug war zwar nicht luxuriös, aber ſo nett und reinlich, daß er gegen die Lumpen der Uebrigen nur um ſo vortheilhafter abſtach. Dieſer Tanz, der den Zuſchauern ſo wohl gefiel, beſtand darin, daß ſie ihrem Tänzer, mit ſchwebendem Gange, die Arme halbkreisförmig emporgehoben, mit den Händen die Ka⸗ ſtagnetten ſchwingend, den Kopf zierlich zur Seite ge⸗ neigt, mit lächelndem Antlitz entgegenging, wobei die Füße bald mit den Zehenſpitzen, bald mit den Ferſen ſo feſt auftraten, daß der Körper, von einer leichten Bewegung der Hüfte unterſtützt, in einen lebhaſten Schwung verſetzt wurde; alle dieſe höchſt ausdrucks⸗ vollen Bewegungen erregten den lebhafteſten Beifall. „Vortrefflich, unvergleichliches Mädchen!“ rief Lau⸗ rent, ſobald die allgemeine Aufregung nachließ und er ſich Gehör verſchaffen zu khnnen glaubte. Dieſer Aufruf erregte Aufmerkſamkeit, aber noch 100 mehr die Erſcheinung der zwei Neuangekommenen, de⸗ ren anſtändige Kleidung gegen den Schmutz und die Zerriſſenheit der Uebrigen im ſtärkſten Kontraſte ſtand. Der Ball wurde einen Augenblick unterbrochen, Mutter Marianne eilte zu ihrer Tochter und ſagte: „Mimi, ſiehſt Du nicht den Schatz, den uns der Herr heute zuführt?“ „Laurent!“ rief das Mädchen, indem ſie auf ihren Liebhaber zueilte und ihn zutraulich bei der Hand faßte. „Gott! Wie hübſch das iſt! Du hätteſt nicht gelege⸗ ner kommen können, lieber herrlicher Schelm.“ Dann fügte ſie zu den Umſtehenden ſich wendend hinzu:„öff⸗ nen Sie die Reihen, meine Herren, denn hier kommt der graziöſeſte Tänzer, die Zierde Spaniens. Gehörn⸗ ter, greif tüchtig in deine Mandoline und ſpiele uns einen auf, daß alle Poren vor Freude ſchwitzen.“ „Gibt es irgendwo ein Vergnügen ohne Dich, kleine Katze? Laß mich noch ein Glas in Ruhe mit meinem Kameraden trinken und dann ſtehe ich zu Dienſten. „Geh, Ungeheuer! haſt Du meiner ſchon vergeſſen?“ „Willſt Du mich meiſtern?.. doch ſpäter davon.. unterdeſſen ſage ich Dir, daß ich Dich mehr, als je liebe.“ Während Camarde und Laurent ſich ſolche Schmei⸗ cheleien ſagten, brachte Mutter Marianne Thomas einen kleinen Krug Branntwein. Die beiden Freunde tranken einige Becher, worauf Laurent mit ſeiner alten Gelieb⸗ ten tanzte und den Branntwein dem Neger ließ, der während des Zuſchauens ſo tapfer zutrank, daß er bald nicht mehr ganz hell aus den Augen ſah. „Noch einen Becher, Mutter Marianne!“ ſchrie der Reger; denn ich will die Geſundheit meines theu⸗ ren Fräuleins ausbringen und wäre es auch nur, um⸗ ihre Feinde zu ärgern.. Ja, ja!... So bin ich . Mutter Marianne... Mutter Mar...“ „Hand her, mein lieber Thomas,“ rief ein dicker Kerl, der wie ein Schaffner gekleidet ſo eben in die Schenke trat. 101 „Da!. Du hier, Eidechſe!... Ich glaubte Dich im Bagno.“ „Ei wahrhaftig, man hatte mir dort einen Platz angewieſen, allein ich prannte mich weiß und die Richter fanden, daß ſie ſich geirrt hätten; ſo bin ich nun da.— und ſuche Dich.“ „Du ſuchſt mich?“ „Ich ſuche einen entſchloſſenen, muthigen Mann. Ich zweifelte nicht daran, hier einen ſolchen zu finden, war aber weit entfernt, an Dich, den alten Genoſſen meiner Heldenthaten in Cadir, zu denken. Ich wußte ja nicht, daß Du in Madrid wäreſt.“ „Ich war damals Dein Genoſſe, weil ich meinen Vater rächen wollte... aber ich war nie ein Verbrecher.“ „Ich ſage das auch nicht; aber iſt Dein Vater vom Tode auferſtanden.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Daß Dein Rachedurſt immer noch derſelbe ſein ſollte, wenn Du wenigſtens Deinen Vater nicht ver⸗ geſſen haſt.“ „Nie, Eidechſe, nie! Aber ich bin klüger gewor⸗ den. Wenn ich die Mörder meines Vaters träfe, würde ich ihnen das Herz aus dem Leibe reißen... aber Unſchuldige will ich keine mehr morden.“ Eben jetzt brachte die Wirthin einen neuen Krug Branntwein; Thomas nahm ihn und ſagte zu ſeinem alten Kameraden: „Da trink, ich bezahle; aber Du mußt auf die Geſundheit meines Fräuleins trinken. denn ſiehſt Du, Eidechſe, ihr Vater wurde ebenfalls gemordet, und auch dieſe Mörder ſuche ich.“ „Ich trinke, aber unter einer Bedingung„ ant⸗ wortete der Mörder. „Wie ſo?“ Daß Du auch mit mir trinkſt... auf die Ge⸗ ſundheit von wem Du willſt.“ „Nun meinthalb, laß uns trinfen immer wie⸗ 102 der auf die Geſundheit meines Fräuleins.. wir ſuchen die Mörder ihres und meines Vaters zuſammen.“ „Ich kenne einen davon.“ „Was ſagſt Du?“ ſchrie Thomas, die Augen voll Wuth aufſperrend.„Sprich.. Du führſt mich an?“ „Nein, ich führe Dich nicht an. Geh nur mit mir. Wir trinken in einem andern Wirthshauſe, wo Du alles erfahren ſollſt. Heute kannſt Du deinen Vater rächen.“ Thomas war ſchon ganz wirr im Kopfe und ging, ohne an Laurent zu denken, mit dem fürchterlichen Mör⸗ der, der ihn in Cadir zu den gräßlichſten Mordthaten benützt hatte. Sechſtes Rapitel. Das neue Kaffeehaus. Es war an einem jener drückenden Juli⸗Abende, wo ganz Madrid vor derunerträglichſten Hitze ſchmachtete. Alle Kaffeehäuſer und Konditoreien waren über⸗ füllt. Die Kellner konnten nicht fertig werden, ſo groß war die Menge derer, welche alle auf einmal bedient ſein wollten. Es gab damals in Madrid ein ſehr berühmtes Kaffeehaus; ſeine günſtige Lage in der Alkala⸗Straße gegenüber dem Zollhauſe, ſeine ungeheuren Räume, die prächtigen Säulen, die ſchönen Spiegel, die koloſ⸗ ſale Uhr, und mehr als alles Andere die regelmäßige, ſchnelle Bedienung und die Güte der n räumten ihm den erſten Platz unter allen ähn 5 S, en Anſtalten ein. Dieſes Kaffeehaus, welches nach ſo langer Dauer —,— 103 im vorigen Jahre einging*), war an ſeinem letzten Tage ſo neu, wie an ſeinem erſten, da es den Namen „Neues Kaffeehaus“ trug. Eben dieſes Kaffeehaus war ſeit langer Zeit der Sammelplatz der Liberalen geweſen und trug daher auch den Namen„Kaffeehaus des Fortſchritts;“ ſehr häufig wurden hier Unternehmungen beſprochen, die zwar picht ſelten zum Schaden ihrer Theilnehmer ausſchlu⸗ ſgen, aber jederzeit von der reinſten Vaterlandsliebe ein⸗ gegeben waren. Habt Ihr jemals den Donner des ſtürmiſchen Mee⸗ res vom entfernten Ufer gehört?— So war das Ge⸗ räuſch im neuen Kaffeehaus. Man ſah da eine unabſehbare Reihe von Tiſchen, alle von leidenſchaft⸗ lich aufgeregten Leuten beſetzt, welche mit der größten Heftigkeit von Politik ſprachen; ihre Stimmen übertäub⸗ ten den lauten Schlag der Glocke. Hie und da tönte etwas dazwiſchen, wie der entfernte Schuß eines Ge⸗ wehres: es war das Kuallen der Stöpſel auf den Bier⸗ laſchen, welche den ſchäumenden Saft von ſich geben Wir ſägten oben, an allen Tiſchen ſei politiſirt worden; dieß iſt nicht ganz richtig, denn an einem Tiſche ſaßen⸗ angehende Literaten, welche nach Herzens⸗ luſt den Affen ſpielten. Nichts außer ihnen ſelbſt fand Gnade vor ihren Augen. Kein Theater, kein Schau⸗ ſpieler, kein Dichter. Nur ſich gegenſeitig überſchütte⸗ ten ſie mit den ungemeſſenſten Lobſprüchen.„ So wie aber einer wegging, ſogleich legte man ihn auf's Secierbrett und ließ kein gutes Haar an ihm. Dieſe Sorte von literariſchen Straßenjungen iſt heute eben *) Zu derſelben Zeit wurde in eben dieſer Straße, aber noch näher am Prado und noch eleganter, ein anderes meues Kaffeehaus von einigen Schwei⸗ zern gegründet. 104 noch ſo, wie ehemals. ebenſo unverbeſſerlich, ebenſo unfruchtbar. Laſſen wir ſie daher in Frieden. An einem andern Tiſche ſprach man von den Wah⸗ len, alles hoffte auf den Sieg der liberalen Sache. Man beglückwünſchte einen jungen blondlockigen Mann, der mehrere der Gäſte mit Punſch regalirt hatte. Dieſer freigebige, junge Mann, deſſen liberale Geſinnung und ausdrucksvolle Beredtſamkeit von dem ganzen Kreiſe mit einer Stimme anerkannt wurde, war Don Louis de Mendoza. Jeder rühmte ſeine Thätigkeit bei den Wahlen und ſchrieb ſich einen Theil von dem Ruhm zu, wenn die Kandidatur des Marquis ſiege; allein unter dieſen Allen zeichnete ſich Einer durch ſeine Späße und durch die übertriebene Anpreiſung ſeines Liberalismus und ſeines Muthes beſonders aus. Er hatte ganz das Anſehen eines Andaluſiers, trug trotz ſeines vorgerückten Alters ein verziertes Wamms und einen Zuckerhutartigen Hut mit breiter Krämpe. Er erzählte tauſende von Helden⸗ thaten, die er im franzöſiſchen Krieg unter Mina ver⸗ richtet habe, ebenſo, daß er mit Torrijos ins Exil ge⸗ gangen. Er rühmte ſeine Geſchicklichkeit in Behand⸗ lung größerer Volksmaſſen und ſagte, er könne die Entſcheidung der Wahlurne nach Gefallen lenken. Er ſpielte den Reichen und warf mit großen Summen um ſich, die er an die Bürger vertheilt habe, um ſie frei und nach eigenem Gewiſſen ſtimmen zu machen, vorausgeſetzt, daß ſie den von ihm anempfohlenen Kan⸗ didaten wählen. Alles hörte ihm mit offenem Munde zu und auch Don Louis hatte ſeine Freude an den Scherzen und den augenfälligen Uebertreibungen des Mannes.. Man ſprach weiterhin von den karliſtiſchen Ver⸗ ſchwörungen und da zeigte ſich unſer Andaluſier bereit, alle Feinde der Freiheit mit Haut und Haar aufzu⸗ freſſen. Es ſchlug zehn Uhr Abends und Don Louis ſtand —— 105⁵ auf, um noch einen Beſuch bei der Baronin zu machen, als der Andaluſier ſich ihm näherte und den Wunſch ausdrückte, ihn zu begleiten. Sie verließen zuſammen das Kaffeehaus. Dieſer Andaluſier war kein anderer, als Vater La⸗ bouillie, der Anführer der Hülfstruppen jenes meuch⸗ leriſchen Geheimbundes, das Mordwerkzeug des Mönches. Der feige Schenkwirth hatte feſt im Sinn, Don Louis zu ermorden und die verheißene Summe zu ge⸗ winnen.“ „Herr Marquis,“ ſagte er mit leiſer Stimme, als ſie auf der Straße waren,„nur ein einziges Wort ins Geheim. „Was gibt es?“ fragte der junge Mann. „Es gibt ein gefährliches Neſt auszunehmen, eine Kitte Vögel, die ſür den kleinen Schnurrbart konſpiriren. Sie kommen hier in der Nachbarſchaft zu⸗ ſammen.“ „Iſt dieß wahr?“ „Sie können Alles ſehen und hören, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Eben jetzt betraten ſie eine kleine Straße, in der ſich Niemand rührte. Der Wirth glaubte eine ſo günſtige Gelegenheit benützen zu müſſen.. und fuhr mit der Hand nach dem Meſſer. „Um welche Stunde kommen ſie zuſammen?“ fragte der junge Mann mit einer Sicherheit, die deutlich zeigte, daß er die ihm drohende Gefahr nicht ahne. Der Mörder antwortete nicht. Seine Feigheit über⸗ wältigte ihn, er fürchtete, die Straße ſei nicht ab⸗ gelegen genug, und dachte den Zweck doch zu erreichen, auch wenn er eine andere Hand den Streich für ſich führen laſſe. „Ich frage, um welche Stunde jene ſich vereini⸗ gen?“ wiederholte Don Louis. „Gegen eilf Uhr Abends,“ antwortete der Mörder. „Nichts einfacher. Wenn ſie die Leute auf der That 106 ertappen wollen, ſo erwarte ich Sie um halb zwölf Uhr auf dem Katzenplatz. Wenn ich nicht ſelbſt ſollte kommen können, ſo ſchicke ich einen vertrauten Mann dorthin. Heute ſehen Sie ſich die Sache an, und han⸗ deln dann nach Gutdünken.“ „Ach ja! ich muß mich vorher vergewiſſern... Vielleicht iſt die Sache wichtig! Aber wäre es nicht beſſer, Sie kämen ſelbſt?“ „Laſſen Sie mich machen... Fürchten Sie nichts. Sie können der Perſon, die ich ſchicke, ganz ver⸗ trauen.“* „Gut! Aber wie ſoll ich dieſe erkennen?“ „Er wird zu Ihnen ſagen: kann ich meine Cigarre anzünden? dieß iſt ihr Mann. Um halb zwölf!“ „Ich werde nicht ermangeln... Um halb zwölf auf dem Katzenplatz!“ Sie reichten ſich die Hand und im Weggehen ſagte der Schenkwirth mit zufriedenem Tone: „Armer Junge! Vor Mitternacht requiescat!“ Siebentes Rapitel. Ds G Die Baronin** ſah ihre Freunde nur einmal in der Woche bei ſich. Die andern Abende verbrachte ſie im Theater und hatte deßhalb ſowohl im Prinzen- als im Kreuz⸗Theater eine Loge gemiethet. An dem Tage, wo ſie mit Marien die Gemälde⸗ gallerie beſucht hatte, wollte ſie Abends nicht aus⸗ gehen und ließ dieß Don Louis in der Hoffnung, er werde auch erſcheinen, ſagen. — 107 Wirklich kam er kurz nach zehn Uhr, um andert⸗ halb glückliche Stunden bei Marien und ſeiner Freun⸗ din zuzubringen. Sie erzählten ihm ihren Beſuch in der Gemäldegallerie und verſchwiegen auch die ſcherz⸗ hafte Anſpielung, welche die Baronin auf die künftige Vermählung der beiden Liebenden gemacht hatte, nicht. „Ach!“ rief Don Louis lebhaft,„wenn dieſer Au⸗ genblick erſcheint, dann bin ich der glücklichſte aller Sterblichen!... Und Sie, liebenswürdige Marie?“ „Sie wiſſen wohl, daß ich keinen anderen Wunſch habe, als Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden,“ antwortete Marie mit ſanftem, ausdrucksvol⸗ lem Tone. „Dieſe ſüßen Worte,“ fuhr der junge Mann en⸗ thuſiaſtiſch fort,„erfüllen mein Herz mit ſtolzer Freude! Ach! Geliebte! Sie werden Ihre Liebe für mich nie zu bereuen haben.. ich will mich Ihrer Liebe wür⸗ dig zeigen, ſie von ganzer Seele erwiedern und Alles thun, was Sie nur freuen kann.“ Ich verlange nur Eines, nur das Einzige,“ ſagte Marie beſcheiden,„und das genügt zu meinem Glück; Ihre Liebe.“ „Recht ſo, meine theuren Freunde,“ ſagte heiter die Baronin;„allein ſo gerne ich Euer Glück mit an⸗ ſehe, ſo bitte ich doch, dieſe zärtlichen Redensarten für eine andere Zeit zu fparen, ich moͤchte ſonſt neidiſch werden. Wir Frauen ſind immer ein wenig eiferſüchtig, und Schmeicheleien, die man an eine andere in unſerer verſchwendet, verwunden nicht ſelten unſer erz.“ Dieſer Scherz, den die Baronin voll der heiterſten Laune ausſprach, machte auf Marien einen Eindruck, von dem ſie ſich nicht ſogleich Rechenſchaft geben konnte. Es ſchien ihr undenkbar, daß die zärtlichen Worte, welche ihr Geliebter an ſie richtete, und ihre zärt⸗ lichen Entgegnungen, irgend Jemand verletzen könn⸗ ten und am wenigſten eine Freundin, welche ſo großen 108 Antheil an ihr nahm. Andererſeits hatte ſie bemerkt, daß die Höflichkeiten, welche Don Louis ſchon vermöge des guten Tones an die Baronin richten mußte, von dieſer mit beſonderem Wohlgefallen aufgenommen wur⸗ den. Marie befand ſich, ohne es zu wiſſen, unter der Herrſchaft einer grauſamen Leidenſchaft. Eine unbedeu⸗ tende Miene, ein ganz unbewußter Blick, den Don Louis auf eine andere Perſon heftete, verurſachte in ihr Befürchtungen, die das angeſtrengteſte, kälteſte Nach⸗ denken kaum wieder verwiſchen konnte. Was hatte Marie bei einem Geliebten, der ihr ſo unzweideutige Beweiſe ſeiner innigen Liebe gab, zu fürchten? Was konnte ſie von einer ſo edelmüthigen Freundin beſorgen? Und doch erfüllte ein düſterer Gedanke ihre Einbildungs⸗ kraft und quälte ihr Gemüth: auch die Marquiſe de la Bourbe hatte ſich ihr Anfangs wohlthätig, edel⸗ müthig gezeigt. Don Louis, der Solches weit nicht ahnen konnte, erwiederte der Baronin mit ſeiner gewohnten Höflich⸗ keit: „Entſchuldigen Sie, verehrte Freundin, entſchul⸗ digen Sie. Dieß ſind die Folgen Ihres Edelmuths. Sie haben das Glück zweier Liebenden gemacht, und wir, Marie und ich, genießen das Vergnügen, Sie zum Zeugen unſerer reinen Liebe zu haben. Allein dieſe Liebe, die wir Ihrem Schutze verdanken, iſt gewiß nicht ſo egoiſtiſch, um den Gedanken an unſre Pflicht gegen eine ſo zärtliche Freundin aus unſerm Herzen zu ver⸗ wiſchen. Glauben Sie meiner aufrichtigen Verſicherung, gnädige Frau, Sie werden mir ſtets die theuerſte Freundin bleiben. Dieſe delikaten Aeußerungen, welche der junge Mann ſchon aus Liebe zu Marien thun mußte, wurden von dem unerfahrenen Mädchen ſo aufgenommen, wie es die Baronin vorhin im Scherze von ſich geſagt hatte. „Genug davon,“ ſagte die Baronin.„Wiſſen Sie, * 6 109 Don Louis, daß Marie eine wahre Kennerin in Hinſicht der Malerei iſt?“ „Ach! das iſt nicht edelmüthig, daß Sie dieſes ſagen, gnädige Frau,“ erwiederte Marie ſchamroth. „Warum nicht? Glauben Sie, es ſei Spott? Ich erlaube mir ſolchen gegen Niemand⸗ am wenigſten aber gegen Perſonen, die ich liebe, und unter dieſen nehmen Sie, wie Sie wohl wiſſen, den erſten Platz ein.“ Mit dieſen Worten umarmte die Baronin Marien und zerſtreute ſo, ohne es zu wiſſen, die lächerliche Ei⸗ ferſucht derſelben für einen Augenblick. „Wie?“ ſagte Don Louis lächelnd,„Marie ver⸗ ſteht ſich auf Malerei?“ „Die gnädige Frau ſagt ſo,“ erwiederte Marie, „weil alle Gemälde, welche ich ſah, mir gefielen.“ „Eben dieß beweist Ihr Verſtändniß,“ antwortete die Baronin,„da alle ſehr ſchön ſind; und gerade bei denen, welchen der Preis zugehört, haben Sie ſich am längſten verweilt.“ „Dieß iſt vielleicht nur Zufall.. während Sie . ja das iſt ein Unterſchied„. während Sie wie ein Mann vom Fach darüber urtheilen.“ „Wie eine Dilettantin, wollen Sie ſagen.“ „Wie! Sie malen auch?“ fragte Don Louis. „Hie und da um von den häuslichen Sorgen auszuruhen; Marie beſitzt eine kleine Probe meiner un⸗ bedeutenden Kunſt.“ Bei dieſen Worten erröthete Marie und holte aus ihrer Taſche ein prächtiges Cigarren⸗ Etui mit ihrem Bildniß.“ „Was ſeh ich? Marie!.. ach ja. ſie Der verliebte junge Mann konnte ſich nicht ent⸗ einen Kuß auf die Hand ſeiner Geliebten zu . dann ſetzte er zu der Baronin ſich wendend 3 11⁰ „Aber das iſt wirklich vortrefflich!... Iſt das Ihre Arbeit?“ „Ja, Herr Marquis,“ antwortete lächelnd die Ba⸗ ronin;„es iſt ein Geſchenk, das wir Beide Ihnen ge⸗ ben. Sie ſehen darin ein Zeugniß von Mariens Liebe und einen Beweis wenn nicht meines Talents, ſo doch meines freundſchaftlichen Wohlwollens.“ Marie fühlte ſich dadurch gereizt, daß die Baronin die Hälfte des Geſchenkes ſich vorbehielt und wurde noch aufgeregter, als Don Louis mit ausgeſuch⸗ ter Höflichkeit zu Emilien ſagte: „Seien Sie verſichert, daß ich dieſes koſtbare Kleinod als ein Andenken an die beiden Schönen, die alle Wünſche meines Herzens erfüllen, ewig bewahren werde.“ Don Louis nahm voll Wonne Abſchied von den beiden liebenswürdigen Frauen, Marie aber blieb nach⸗ denklich und melancholiſch. Es war halb zwölf Uhr, als Don Louis während eines ſchrecklichen Gewitters auf dem Katzenplatze an⸗ langte und dort zwei Männer antraf⸗ die ihn ermorden ſollten. Achtes Rapitel. Der Mord. Während Don Louis pei den beiden Damen ſei⸗ nen Beſuch machte, hatte ſich der Himmel mit dicken, ſchwarzen Wolken umzogen⸗ die alsbald in ein heftiges Gewitter ausbrachen. Oft tönte der Donner wie das —————— W 111 ferne Brüllen eines ſterbenden Löwen, oft entlud er ſich mit gräßlichem Krachen über den Häuptern der Mör⸗ der und ihres Opfers; wollte der Himmel den erſteren ſeinen göttlichen Zorn verkünden, oder letzteres vor der drohenden Gefahr warnen? Der galante Don Louis war als ein ächter Spa⸗ nier, ſobald es ſich um ein kühnes Unternehmen han⸗ delte, gegen jedes Hinderniß gewappnet und der grol⸗ lende Donner, der in Strömen fallende Regen konnten ihm höchſtens ein Lächeln abgewinnen und er rief, als einer der Mörder das verabredete Zeichen gegeben hatte, mit fröhlicher Laune: „Bei Gott! die Traufe kommt zur rechten Zeit, man wäre ſonſt verſchmachtet!“ Die Moörder ſchwiegen zu dieſer Scherzrede und der junge, nichts ahnende Mann glaubte nur, der Re⸗ gen mache ſeine Begleiter mißmuthig. „Sie antworten nicht, meine guten Herren,“ fuhr Don Louis fort;„mißſtimmt Euch der Regen? Das lohnt nicht der Mühe, und wenn Ihr etwa wegen Eurer Kleider beſorgt ſeid, ſo habt keine Sorge: ich werde Euch eine Belohnung geben, die den Schaden vollkommen erſetzen ſoll. Oder habt Ihr Furcht wegen Eurer Geſundheit? Das paßt nur für Frauen, nicht für Männer, wie wir find.“ Auch jetzt kam keine Antwort. Der Augenblick der ſchrecklichen That war gekommen, und der ältere der Mörder brauchte nur das verabredete Wort zu ſagen, um über den edlen Marquis herzufallen. Don Louis, der noch in überſchwänglicher Wonne ſchwärmte, un⸗ terbrach fürderhin das allgemeine Schweigen nicht, und ging, trotz des gräßlichen Sturmes in freundliche Ge⸗ danken verſunken, voran, während die beiden Mörder, ihr Meſſer in der Hand, ihm folgten. Die Nacht war ſo dunkel, die Laternen durch den Regen ſo undurchſcheinend, daß man unmöglich etwas genau unterſcheiden konnte. 112 Einer der Banditen ging links von Don Louis, der andere dicht hinter ihm, um ſicher den erſten Stoß zu thun. „Jetzt!“ ſchrie das Ungeheuer, das zur Linken des Marquis lief. ein gräßliches Aechzen folgte dieſem Schrei das Opfer fiel auf das Pflaſter. Dieſes ſchreckliche Jetzt war das verabredete Zei⸗ chen, wo beide dem jungen Mann den Mordſtahl in die Bruſt ſtoßen ſollten... allein eben der Räuber, welcher das Wort gerufen hatte, fiel tödtlich getroffen von der Hand ſeines Gefährten und dieſer letztere warf in demſelben Augenblick den nichts ahnenden Marquis mit der andern Hand auf die Seite, um ihn vor dem Mordſtahle des ältern Banditen zu ſichern. „Jetzt!“ rief der Mörder mit dem vergnügten Gelächter einer gelungenen Rache,„jetzt empfängſt Du den Lohn für Deine Gräuelthaten, abſcheulicher Mör⸗ der! Du haſt es ſelbſt geſagt: heute räche ich meinen Vater, denn heute vergieße ich das Blut eines Mör⸗ ders!„ Genug der Mordthaten!.. zu denen mich Dein teufliſcher Mund angeſpornt hat!“ „Räuber! Mörder!“ ſchrie Don Louis, indem er ſich, nur mit ſeinem Regenſchirm bewaffnet, auf den Moͤrder ſtürzte. „Gnädiger Herr! ich bin Thomas, der Neger; ich habe Ihnen ſo eben das Leben gerettet!“ „Hilf dem Unglücklichen,“ ſagte Don Louis, von dem Aechzen des Vaters Eidechſe zum Mitleiden ge⸗ ſtimmt. „Hier iſt keine Hülfe mehr möglich,“ ſtöhnte der Sterbende im letzten Todeskampfe.„Nein. Verge⸗ bung!.. Gnade, Don Louis!.. Es iſt wahr, ich wolite Sie für ein elendes Stück Geld.. er⸗ morden „Wie? dieſe carliſtiſche Verſchwörung, die ich aus⸗ kundſchaften ſollte, war nur ein ſchändlicher Fallſtrick?“ rief der junge Mann heftig„und der Menſch, — 113 der ſich ſo viel mit ſeinem Liberalismus wußte, war ein Verräther?“— „Er war,“ ſagte der Sterbende mit Anſtrengung, „wie ich das Werkzeug eines mächtigen Verbrechers.“ „Eines mächtigen Verbrechers?.. „Der in der Hieronymusſtraße„. wohnt.“ „Und heißt?“ „Don Pa tri eius Ach! Ich kann nicht mehr Gna„ de ich... ſter be„ „Er iſt todt. ſein Puls ſchlägt nicht mehr,“ ſchrie Don Louis. „Laſſen Sie uns fliehen,“ ſagte der Neger,„nach⸗ her will ich Ihnen alles erklären.“ Es war, wie wenn das Blut des Mörders den Zorn des Himmels verſoͤhnt hätte: das Gewitter hatte beinahe plötzlich aufgehört. 8 „Erkläre mir nun, Thomas,“ ſagte Don Louis, während ſie beide ſich eilends von dem Orte entfern⸗ ten:„ich bin neugierig, die geheimnißvollen Urſachen eines ſo ſchrecklichen Ereigniſſes zu erfahren.“ „Zuerſt muß ich Ihnen ſagen, gnädiger Herr, daß ich mit dem heißeſten Rachedurſt in Cadir an's Land ſtieg... denn Europäer hatten meinen Vater getödet. Es iſt jetzt nicht die Zeit, Ihnen die einzelnen Ereig⸗ niſſe meines Lebens zu erzählen. Der Durſt nach Rache hatte mich mit dem Räuber in Verbindung gebracht, der als Mörder von Profeſſion mir mehrmals Gele⸗ genheit gab, das Blut weißer Männer zu vergießen. Später ging ich nach Madrid und trat bei der Mar⸗ quiſe de la Bourbe in Dienſt, wo ich das Fräulein fennen lernte. Mir gab man zuletzt den Auftrag, ihr das Medaillon zu nehmen, oder ſie zu tödten.“ „Marie?“ „Ja, gnädiger Herr; und ich kam einmal ſchon Jzeo, Marie. I. 1 114 während der Nacht in ihr Zimmer mit der Abſicht, ſie zu morden„ allein durch ihren Anblick entwaffnet, erklärte ich mich fortan für ihren Beſchützer. Eben des⸗ halb wurde ich von der Marquiſe de la Bourbe aus dem Hauſe gejagt, als man das Fräulein in das Ho⸗ ſpital brachte. Sie verzeihen, daß ich ſo viel von mir reden muß „Sprich nur weiter fort!“ rief Don Louis voll ängſtlicher Spannung. „Gut! Ich hatte das arme Fräulein ſo lieb ge⸗ wonnen, daß ich nicht ohne ihren Anblick leben zu können glaubte. Ich meldete mich bei dem Hoſpital und man nahm mich zu ihrer Bedienung. Ich beglei⸗ tete ſie auch in das Haus der Frau Baronin und hoffe, ſie nicht verlaſſen zu müſſen, da ich nun das Glück hatte, Ihnen Beiden das Leben zu retten.“ „Ich werde ſolche Dienſte nie vergeſſen,“ rief Don Louis in großer Aufregung. „Wenn mir nur das Fräulein gewogen bleibt, weiter will ich nichts.“ „Du kannſt auf meine Erkenntlichkeit rechnen; auch ich werde Dir gewogen bleiben... Du wirſt bei uns bleiben„Allein wie kamſt Du heute in die Ge⸗ ſellſchaft jenes Mörders?“ „Das ging ſo zu, gnädiger Herr: Heute nach Tiſche erlaubte mir die Frau Baronin, den Kutſcher mit dem Trinkgelde, das Sie mir für das Hertragen des Vogelkäfigs gegeben hatten, zu regaliren. Wir gingen in eine Schenke und dort traf ich den Mörder, den ich ſchon zu Cadir gekannt hatte. Ich hatte etwas zu viel auf die Geſundheit des Fräuleins getrunken und war nicht mehr ganz richtig im Kopfe. Das Un⸗ geheuer führte mich, ich weiß nicht mehr wie, in eine andere Kneipe, wo wir wieder tranken und ſprach mir immer von meinem Vater vor, und daß ich mich an ſeinen Mördern rächen müſſe. Mit meiner Trunkenheit kam auch die Rachſucht wieder und da jener Böſewicht „ 11⁵ dieß bemerkte, verſprach er mir nun, mir den wahren, wirk⸗ lichen Mörder meines Vaters zu zeigen... Endlich ver⸗ ſcheuchte die Kühle des Regens und das Warten nach und nach die Wirkung des Branntweins und ich fing an zu merken, daß hier ein Schurkenſtreich im Werke ſei, als ich trotz der Dunkelheit Sie an Ihrer Geſtalt und Ihrer Stimme erkannte: nun war ich ſchnell ent⸗ ſchloſſen... was blieb mir weiter übrig? Nur das, was ich that.“ „Komm, Thomas, laß Dich umarmen dieß ſei ein Pfand meiner ewigen Dankbarkeit.“ „Es iſt die ſchmeichelhafteſte Belohnung, gnädiger Herr, die mir werden konnte. Jetzt aber, gnädiger Herr, bitte ich Sie, mit mir zur Frau Baronin zu ge⸗ hen, um mich bei derſelben wegen meines Ausbleibens zu entſchuldigen, ſonſt könnte ſie mich fortſchicken.“ „Das iſt nicht mehr als billig; allein dem Fräu⸗ lein darfſt Du kein Wort von dem Vorfall ſagen. Ich werde der Frau Baronin Deine muthige That erzäh⸗ len und ſie wird Dich nicht nur nicht fortſchicken, ſon⸗ dern nur um ſo lieber haben. Ich verlange nur von Dir, daß Du keine Schenke mehr beſuchſt, und Dich nicht mehr mit ſolchen Uebelthätern einläſſeſt.“ „Ich verſpreche es Ihnen, gnädiger Hern Ich werde mich nie von dem Fräulein trennen„ Allein wir haben noch von Etwas zu reden.“ „Von was noch?“ „Die letzten Worte des Todten laſſen mich glau⸗ ben, daß derſelbe dicke Herr, der mir bei der Marquiſe de la Bourbe befohlen hatte, Marien ihr Medaillon zu nehmen oder ſie zu tödten, auch den Moͤrder gegen Sie gedungen hat.“ „Darüber bin ich ſchon im Reinen. Schon lange ſuche ich dieſen Mann. jetzt weiß ich ſeine Woh⸗ nung und.. „Wenn es weiter nichts iſt..„ich kann Sie an 116 ſeine Hausthüre führen. Und was ſagen Sie dazu, gnädiger Herr?. wenn ich ihn nun tödtete? Eiiner mehr oder weniger... er iſt ohnedieß ein ſchändlicher Kerl. es wäre meine letzte Rache⸗ ung.“ „Ah! Nichts dergleichen! Nie! Du haſt verſpro⸗ chen, es ſei dieß das letzte den Manen Deines Vaters dargebrachte Blut.. wenn Dir Etwas an meiner Achtung und Gewogenheit liegt, ſo mußt Du Dein Ver⸗ ſprechen halten.“ „Ich ſchwöre es Ihnen, gnädiger Herr!“ twas nach Mitternacht erreichte Don Louis mit Thomas das Hotel der Baronin. Marie befand ſich in nachdenklicher, trauriger Stim⸗ mung auf ihrem Zimmer. Die Baronin ſprach eben mit ihren Leuten von dem langen Ausbleiben des Ne⸗ gers, als dieſer mit Don Louis eintrat. Die Diener entfernten ſich. „Großer Gott!... Blut!“ ſchrie die Baronin. Thomas hatte wirklich Blutſpuren an ſeinen Kleidern. „Leiſer, theure Freundin!“ ſagte Don Louis... und erzählte den ganzen Hergang. Die Baronin war erſtaunt. Thomas mußte die Kleider wechſeln... zum Glücke hatte Niemand von der Dienerſchaft jene Blutſpuren bemerkt. Der Marquis empfahl der Baronin dringend, Ma⸗ rien Richts von der ganzen Sache zu entdecken, um ihr jede Angſt zu erſparen; allein dieſe hatte Thomas kommen hören und war aus ihrem Zimmer nach dem der Baronin geeilt, ſtand aber plötzlich ſtill, als ſie die Stimme ihres Geliebten erkannte, wie er eben im Weg⸗ gehen zu Emilien ſagte: „Ueberhaupt nur Vorſicht, liebe Emilie! daß Marie Nichts davon erfährt, Nichts von unſerm Ge⸗ heimniß ahne, ſonſt könnte es Gott weiß was für Fol⸗ gen haben!“ 117 Marie wußte, daß Don Louis ſchon vor einer Stunde fortgegangen war.. Was that er denn jetzt zu dieſer Zeit bei der Baronin? Dieſe Bemerkung und die letzten Worte ihres Ge⸗ liebten, die für ſie eine ſo unglückliche Bedeutung zu haben ſchienen, machte das Blut in ihren Adern er⸗ ſtarren. UMeuntes Rapitel. Eine neue Perſon. Es gibt kein vollkommenes Glück unter der Sonne: dieß iſt zwar eine triviale, aber leider unumſtößliche Wahrheit. Konnte ſie, die Tochter eines armen Tage⸗ löhners, mehr verlangen, als ſie gegenwärtig beſaß? Beſchützt vor ihren Feinden, geheilt von dem ſchauder⸗ haften Wahnſinne, von einer edelmüthigen Freundin mit Wohlwollen aufgenommen, ſah ſie ihr Herz durch die Liebe und den Treuſchwur eines ehrenhaften Ge⸗ liebten befriedigt, der mit Reichthum und hohem Rang ritterliche Zeſeſi und Schönheit vereinigte. Sie konnte ihre Geſchwiſter und ihre geliebte Mutter jeden Tag ſehen. Ihre Geſchwiſter, ihre von der Blindheit geheilte Mütter lebten zwar beſcheiden, aber behaglich. Inſelm ſeufzte zwar noch in ſeinem Kerker, allein ſeine Befreiung mußte bald erfolgen: Marie hatte das feier⸗ liche Verſprechen ihres Geliebten dafür. Sie, die Nie⸗ driggeborene, ſtand im Begriffe, zugleich in dem Ge⸗ liebten ihres Herzens einen Mann von dem höchſten Range zum Gatten zu bekommen. Was konnte die Tochter eines armen Taglöhners mehr verlangen? 118 Und doch fühlte ſich Marie mitten in dieſem Glück unglücklicher als jemals: ein bis jetzt noch nicht ge⸗ kannter Schmerz verzehrte ihr Herz⸗ Wer weiß genau, was in dem Herzen eines jun⸗ gen Mädchens vorgeht? Wer kann ihre Gefühle ab⸗ meſſen, wenn einmal die Liebe von ihrem Herzen Beſitz enommen hat? Man verwechſele nur nicht Koketterie mit Liebe und bedenke, daß die Flamme der keuſchen, unſchuldigen Liebe eine göttliche Offenbarung iſt. Marie liebte Don Louis mit aller Gluth, aller Heftigkeit einer erſten Jugendliebe, und dieſe feurige Leidenſchaft hatte ſo ſehr die Oberhand bei ihr gewon⸗ nen, daß ſie darüber oft ſogar die Wohlthaten ihrer Beſchützer, ja ſelbſt die ſprechendſten Beweiſe von Freundſchaft, welche ihr die Baronin gab, vergaß oder überſah. Egoiſtiſch und mißtrauiſch, wie alle leiden⸗ ſchaftlich Liebenden, bildete ſie ſich ein, die Reize ihres Geliebten müßten auf alle Weiber denſelben Eindruck machen, wie auf ſie. Der unſchuldigſte Blick erregte ihren Verdacht. jede Höflichkeit ſchien ihr eine Liebeserklärung... und natürlicherweiſe waren eben dieſe beängſtigenden Ideen um ſo verzehrender, quälender, je mächkiger die Liebe das junge Mädchen beherrſchte. Die heitere Liebenswürdigkeit der Baronin und die Höflichkeit des Marquis gegen dieſe ſchien den verblen⸗ deten Augen Marien's das Anzeichen einer erwachenden Liebe zu ſein. Wie ſehr mußte dieſer ungerechte Ver⸗ dacht durch die geheimnißvollen Abſchiedsworte ihres Geliebten, den ſie ſchon längſt fortgegangen glaubte, gerechtfertigt erſcheinen. Man kann ſich daher nicht vorſtellen, welche kum⸗ mer⸗ und unruhevolle Nacht Marie zubrachte; und eben zu dieſer Zeit dachte ihr Geliebter nur an ſie, ihre Schönheit, ihr zukünftiges Glück, und ergriff eine Feder, um ſeine Gefühle in zärtlichen, liebeathmenden Verſen guszudrücken, die wir aber unſern Leſern erſparen wol⸗ 1¹9 len, da doch die Wenigſten derſelben ſich gerade auch in einem ähnlichen Liebesparorismus befinden mögen. Allein nachdem er ſeinen Liebesempfindungen ſo Genüge geleiſtet hatte, kamen ihm die verbrecheri⸗ ſchen Ideen des Mönches Patricius plötzlich in's Ge⸗ dächtniß. Da Don Louis nun die Bosheit des unwürdigen Nebenbuhlers und ſeinen Aufenthalt kannte, ſo hätte er ihn leicht bei den Gerichtsbehörden verklagen und ſich ſo rächen können; allein die Rolle eines Denun⸗ cianten iſt nicht für ein edles, wahrhaft liberales Herz. Don Louis war ein ächter Edelmann und wußte, daß es Fälle gibt, wo das Geſetz der Ehre über das ge⸗ ſchriebene Geſetz geht. Wir ſind weit entfernt davon, den barbariſchen Gebrauch des Duells zu rechtfertigen, und behaupten zu wollen, daß man alle Streitigkeiten mit der Degen⸗ ſpitze ausfechten ſolle; allein ſo gut jeder Vernünftige die einfältige Ausforderung eines Raufers mit Verach⸗ tung zurückweiſen wird, ſo gut muß man anerkennen, daß es Umſtände geben kann, wo das Duell eine frei⸗ lich immer beklagenswerthe Nothwendigkeit wird. Man „Es iſt dieß ein Irrthum, den man beſonders in einem konſtitutionellen Staate auf's Entſchiedenſte be⸗ kämpfen muß; die Bürger eines ſolchen dürfen als Richtſchnur und Richter nur ihr Geſetz und ihre Behör⸗ den anerkennen. „Wir hoffen, die menſchliche Vernunft werde end⸗ lich ein ſo verderbliches Vorurtheil, den einzigen Ueber⸗ reſt der früheren barbariſchen Zeit, verdammen.“*) Wir wiſſen nicht, ob der Verfaſſer dieſer aller⸗ dings ſtreng moraliſchen Sätze mit heiliger Reſignation *) Dieſe beiden Sätze ſind von neuem Datum und ſtehen in dem„ſozialen Theater“ von Fray Ge⸗ rundio, Buch I. Seite 408. 120 und leidenſchaftloſem Zuſtande eine Ohrfeige von nie⸗ derträchtiger Hand annehmen würde; ob er wie unſer großer Moratin nach einer groben Beleidigurg eine Prieſe nehmen und die Meſſe hören würde; ob er ſich ungeſtraft von einer heilloſen Schmähſchrift verleumden ließe, mit philoſophiſcher Ruhe die Befleckung ſeines Ehebettes dulden würde. Wenn die eigenhändige Be⸗ ſtrafung ſolcher Beleidigungen ein Act der Barbarei iſt, ſo ziehen wir in einem ähnlichen Falle den Namen eines Barbaren dem eines Civiliſirten vor. Die Re⸗ gierung darf nur ein wachſames Auge auf die Uebel⸗ thäter haben, ſo wird der ehrliche Mann nicht leicht in einen ſolchen Fall kommen. Don Louis wußte als ein braver Edelmann ſehr gut, daß es trotz jener wohlgemeinten Lehren Verhält⸗ niſſe gibt, wo ein junger Mann ſich unauslöſchlichen Schimpf zuziehen würde, wenn er ſeine Streitſache vor. den Gerichten ausfechten wollte. So erwartete er nur den Anbruch des Tages, um von Patricius Rechen⸗ ſchaft über ſein niederträchtiges Verfahren zu fordern, und war ſo eben im Begriff, ſich zum Ausgehen anzu⸗ kleiden, als der Aufwärter haſtig hereinkam und tiet „Herr!„Herr!“ „Was gibt es?“ „Es kommt ein Freund zu Ihnen.“ „Ein Freund?“ „Ja wohl und ein recht guter... allein er hat mir verboten, ihn zu nennen. Da kommt er ſchon Können Sie es nicht errathen?.4 „Was für ein Mann iſt es denn?“ „Ein Mann ſo ſo. ziemlich dick.“ „Das iſt Don Patricius!“ dachte Don Louis ärger⸗ lich; er kommt mir noch zuvor.“ Man hörte Schritte, Don Louis wandte ſich nach der Thür und flog mit einem Freudenſchrei in die Arme des Eintretenden: „ . 12¹ „Mein Sohn!“ erwiederte dieſer mit großer ührung. Wirklich war der alte Marquis von Bellaflor aus Saragoſſa nach Madrid gekommen. Während Beibe ſich umarmt hielten, lachte der kleine Aufwärter mit ſchelmiſcher Freude über die gelungene Ueberraſchung. Zehntes Rapitel. Die Rückkunft des Gemahls. Die traurige Stimmung Mariens ſtach auffallend gegen die heitere Laune der Baronin ab. Letztere beſaß den ſeltenen Vorzug einer beinahe immer gleichen, fröh⸗ lichen Stimmung, was ihren Umgang ſo anziehend, ihre ganze Erſcheinung ſo liebenswürdig machte; heute aber war ſie beſonders heiterer Laune, da ſie einen Brief erhalten hatte, wonach ihr Gemahl noch an demſelben Tage zurückkehren wollte und ſie bat, ihn zu Aranjuez abzuholen. In ihrer Frende lief ſie zu Marien, um dieſer die Nachricht mitzutheilen und ihr zu ſagen, daß ſie Beide nach dem Frühſtück dem Gemahl entgegen fahren wollten. Marie hatte, wie ſchon erwähnt, eine qualvolle Nacht zugebracht und ſich endlich überredet, ihr Ge⸗ liebter ſei ihr untreu und ſtehe in einem verbrecheri⸗ ſchen Verhältniß zu der reizenden Frau, die ſich ihre Freundin nenne. Dieſer ſchreckliche Gedanke hatte ſie ſogar im Traume verfolgt und ſich ſo ihrer ganzen Seele bemächtigt. Es ſchien ihr freilich auf der einen Seite kaum denkbar, daß das menſchliche Herz ſolcher X 122 Falſchheit, ſolcher Heuchelei fähig ſein ſollte; allein die traurigen Erfahrungen, die ſie gemacht, die verräthe⸗ riſche Güte der Marquiſe de la Bourbe, die Lügen des Mönches, alle die Bosheit, deren Opfer ſie ſo lange geweſen, hatten ihr ein Mißtrauen eingeflößt, das ſogar ihre Wohlthäter nicht verſchonte und ſich bis zu einem ſolchen Grade ſteigerte, daß ein Dritter, der dieſe Vorgänge nicht gewußt hätte, darin noch die Nachwirkung ihrer Geiſtesverwirrung geſehen haben würde. Als ſie daher die Baronin ſo voll Freude über die Ankunft ihres Gemahls ſah, konnte ſich Marie nicht enthalten, ganz erſtaunt zu fragen: „Haben Sie denn wirklich im Ernſt eine ſolche Freude über die Rückkunft Ihres Gemahls?“ „Ganz gewiß,“ ſagte die Baronin;„er war nicht lange fort und doch dünkte mich ſeine Abweſenheit eine halbe Ewigkeit. Glauben Sie denn, Marie, nur Sie allein verſtehen zu lieben? Ach! Wir armen Frauen überlaſſen uns, wenn wir einmal lieben, dieſer Leiden⸗ ſchaft nur zu ſehr mit ganzer Seele; wir wiſſen unſere Empfindungen nicht zu verbergen und das ſehr zu un⸗ ſerm Schaden, denn die Männer benützen unſre Schwäche und ſetzen oft ihren Stolz darein, uns weinen zu ma⸗ chen. Die wahre Liebe iſt etwas ſehr ſüßes, verurſacht aber nicht ſelten bittere Schmerzen, indem der Mann, ſobald er ſich geliebt weiß, häufig den Gleichgültigen ſpielt; wir aber denken dann immer gleich das Schlimmſte und quälen uns mit den Einbildungen einer lächerlichen Eiferſucht. Es iſt recht ſchlimm, daß wir Frauen je verliebter, auch deſto eiferſüchtiger ſind.... O! Sie werden das, liebe Freundin, Sie werden das auch noch durchzumachen haben.“ Marie erröthete, als die Baronin ſo ſprach. Es ſchien faſt, als habe dieſe den Seelenzuſtand ihrer jungen Freundin errgthen und wolle ſie durch Ironie über ihren Fehler belehren. Marie wurde bei der ſichtbaren —,— 123 Freude Emiliens wieder zweifelhaft und fühlte ſich mehr als je dem furchtbarſten Zwieſpalte anheim gegeben. „So ſind Sie alſo eiferſüchtig?“ fragte Marie mit erzwungenem Lächeln. „Ach ja! überaus eiferſüchtig,“ antwortete die junge Frau;„allein ich habe mir Mühe gegeben, dieſen Feh⸗ ler und dieſe Selbſtpeinigung, zu der oft nur trügeriſche und lächerliche Gründe vorliegen, zu verheimlichen. Durch ernſte Beherrſchung meiner ſelbſt bin ich dahin gelangt, dieſe peinigende Unruhe, welche mein ganzes Leben verbittern würde, wenigſtens äußerlich zu über⸗ winden. In der That war es vor meiner Verheira⸗ thung, als mein Mann mir noch den Hof machte, nicht zum Aushalten;. ich glaubte, alle Frauen ſeien in ihn verliebt.„. Ein bloßer Blick. eine Höflich⸗ keit. eine Bewegung... Alles machte mich zittern.“ „Wirklich,“ rief Marie, die einen Troſt für ihr bangendes Herz in dieſen Worten fand. „Und Sie, waren Sie nicht auch betrübt, als Don Louis etwas ſpäter zu uns kam, als Sie gehofft hat⸗ ten? Es gibt keine Liebe ohne Eiferſucht, meine Freun⸗ din; aber nehmen Sie ſich in Acht: die Eiferſucht der Frauen treibt die Männer von ihnen.“ Thomas unterbrach dieſes Geſpräch, indem er mel⸗ dete, daß das Frühſtück bereit ſtehe. Nach einer leichten Mahlzeit ſetzten ſich die beiden Freundinnen in den Wagen, um nach Aranjuez zu ſh Nachdem unſre Schönen ſechs Wegſtunden zurück⸗ gelegt hatten, gelangten ſie aus der dürren Ebene, die Madrid umgibt, in ein köſtliches Thal. Der Weg war mit hundertjährigen Bäumen beſetzt, unter deren dich⸗ tem Schatten der Wanderer Schutz vor den glühenden Strahlen der Sonne fand. Buſchige Haine, grüne Auen, maleriſche Gartenanlagen, die an paſſenden Stel⸗ 124. len durch Bildſäulen, Raſen, Springbrunnen verſchönert waren, boten dem Auge alle Reize einer reichen, durch Kunſt gehobenen Vegetatiovn dar. Das Murmeln der Quellen, der geſchlängelten Bäche, welche überall hin Erfriſchung bereiten, der Geſang der Vögel, Alles dieß zuſammen gab dem lieblichen Thale des Tajo und Jarama einen wahrhaft poetiſchen Anſtrich. Der Wagen näherte ſich einem Rondeel, auf das zwölf majeſtätiſche Alleen münden. Marie war voll Staunen über die Arkaden, die den Parnaß und die übrigen Schön⸗ eiten. Als ſie über eine hängende Brücke fuhren, fragte Marie? „Was iſt das für ein Fluß?“ „Dieß iſt der Tajo; vor Ihnen liegt Aranjuez, rechts der Königspalaſt... „Und dieſer ſchöne Garten?“ „Dieß ſind die Inſelanlagen zwiſchen dem Tajo, dem Jarama und der grünen Brücke; ein gemauerter Graben, der mit einem eiſernen Gitter und ſchönen Vaſen verziert iſt, umgibt das Ganze. Der Palaſt dort iſt auf Befehl Philipps II. von dem berühmten Juan de Herrera aufgeführt worden.“ „Und jener Garten links?“ „Das iſt der Prinzengarten, ebenſo ſchön und bu⸗ ſchig; Karl V. ließ ihn noch als Prinz von Aſturien anlegen. Sein Umfang beträgt 6905 Varas. Der Tajo bewäſſert den von jedem Kenner bewunderten bo⸗ taniſchen Garten, der die ſeltenſten Pflanzen Amerikas und Aſiens enthält. Eine Bucht bietet den fürſtlichen Perſonen Gelegenheit dar, ſich auf ihren äußerſt elegan⸗ ten Jachten durch Schifffahren zu vergnügen; das präch⸗ tige Labyrinth enthält ein zweites Palais, das trotz ſeines beſcheidenen Namens, Bauernhaus, aufs ver⸗ ſchwenderiſchſte meublirt iſt.“ „Wir kommen alſo jetzt nach Aranjuez,“ ſagte 125 Marie,„wenn der Ort nur halbwegs dieſen Pracht⸗ bauten entſpricht...“ „Sie dürfen freilich nicht nach dem Bisherigen ur⸗ theilen,“ erwiederte die Baronin;„gewöhnlich zählt Aranjuez nur viertauſend Einwohner, zur gegenwärti⸗ gen Jahreszeit aber über zwanzigtauſend. Mit dem Frühling zieht die elegante, vornehme Geſellſchaft Ma⸗ drids hieher, um das Landleben zu genießen. Es iſt ganz nach holländiſcher Art durch den Marquis Gri⸗ maldi, der früher im Haag Geſandter war, angelegt wor⸗ den: die Straßen ſind breit, ſchnurgerade, die Häuſer bunt bemalt, etwas monoton, aber die vielen Paläſte gewähren dennoch einen majeſtätiſchen Anblick.“ Die Baronin übertrieb keineswegs, hatte aber nicht Zeit, ihre Beſchreibung weiter fortzuſetzen, da fie plötz⸗ lich voll Freude aufſchrie: „Mein Mann!. Emilie ſah, wie der Wagen anhielt. Der Bediente öffnete den Kutſchenſchlag und die Baronin umarmte einen Herrn in ſehr elegantem Reiſeanzug. Nachdem beide Gatten ſich freundlich begrüßt hat⸗ ten, nahm die Baronin ihren Gemahl bei der Hand und führte ihn zu Marien, die ſo eben aus dem Wa⸗ gen ſtieg und ſagte: „Sieh, lieber Mann, hier ſtelle ich Dir meine beſte Freundin vor.“ Bei dem erſten Blick, den der Neuangekommene und Marie wechſelten, waren beide wie verſteinert. Der Gemahl Emiliens war Baron Lac. Durch dieß war die Lage des armen Mädchens nur noch kritiſcher und verzweiflungsvoller geworden. Fünſte Abtheilung. Die Eiferſucht. Erſtes Rapitel. Anfang der Anarchie. Es iſt unwiderſprechlich, daß die Anarchie der ſchlimmſte Zuſtand iſt, in den eine Nation verfal⸗ len kann. Von jeder Furcht vor dem Geſetz und der Obrigkeit befreit, tauchen überall die abſcheulichſten Lei⸗ denſchaften auf, die ihre brutale Befriedigung auf die gehäſſigſte Weiſe fordern. Gewiß haben die privilegirten Klaſſen einen ſolchen Zuſtand noch mehr zu fürchten, als das Volk; denn es liegt leider in der menſchlichen Natur, daß nicht leicht Jemand einen Vorrang, ein Vorrecht vor den Uebrigen voraus hat, ohne dieß zu ſeinen egoiſtiſchen Zwecken, zum Nachtheil der Anderen zu benützen, und die Reichen wiſſen wohl, daß ſo macher Arme ſie für das oder jenes zur Rechenſchaft ziehen könnte; während die un⸗ tern Klaſſen niemand ſchaden können, als ſich ſelbſt, ſo lange die Geſetze gelten, und bei eintretender Anar⸗ ———,—— 127 chie nichts zu verlieren haben. Darf man deshalb aber annehmen, das Volk wolle Anarchie und bezwecke bei einem Aufſtande dieſe? Dieß wäre eine ebenſo abſurde als gehäſſige Verleumdung. Wenn das Volk, durch den Mißbrauch der Gewalthaber und das daraus ent⸗ ſtehende Elend genöthigt, aufſteht, ſo geſchieht es nur, um dieſen Mißbräuchen ein Ziel zu ſetzen und um einen wahrhaft geſetzlichen Zuſtand, eine ſichere Garantie gegen die Veruntreuungen der Gewalthaber einzufüh⸗ ren. Nie hat es wohlthätige Geſetze und Anſtalten, die ſeine Rechte beſchützen und ſeinen Wohlſtand beför⸗ dern, angegriffen; ſondern nur dann, wenn es ſich bis zum unerträglichſten Elend herabgedrückt fühlt, wenn es ſieht, wie der ſaure Schweiß ſeiner Arbeit in Ueppig⸗ keit und Laſterhaftigkeit vergendet, an nichtsnutzige Hof⸗ ſchranzen verſchwendet wird, während den arbeitenden Klaſſen, der Grundlage des Volkes, der gebührende Lohn entzogen, die Möglichkeit des Verdienſtes entriſ⸗ ſen wird— nur dann erhebt ſich das ſouveraine Volk und nimmt ſeine angeborenen Rechte zurück. Dieſes 3 an mühevolle Arbeit, an Entbehrung gewöhnte Volk will eine Regierung, die ſich auf die anerkannten Rechte des Volkes, auf die von den Repräſentanten des Lan⸗ des genehmigten Geſetze ſtützt; es weiß aus leidiger Erfahrung nur zu gut, daß die bürgerliche Ordnung, die Sicherheit eines jeden Einzelnen gefährdet iſt, ſo⸗ bald die Regierung ſelbſt oder irgend eine Partei den Geſetzen ungeſtraft Hohn ſprechen darf. Wie konnte man nun den gerechten, gegen die Willkührherrſchaft ausbrechenden Zorn des Volkes zu einem Beweis ſtem⸗ peln wollen, daß dieſes nur Anarchie herbeizuführen wünſche, während gerade die Achtung vor dem Geſetze, die Anhänglichkeit an die Konſtitution die bewegende Urſache war! Iſt geſetzmäßige Ordnung denkbar, wenn die voll⸗ ziehende Macht die Landesverfaſſung zum Geſpötte macht? Iſt da Gerechtigkeit zu hoffen, wo der Par⸗ 128 teigeiſt über die Achtung vor dem Geſetz triumphirt? Kann man da von perſönlicher Sicherheit und Freiheit reden, wo ſich Alles unter dem Schwerte eines mili⸗ täriſchen Diktators beugen muß? Nun wohl! Weil das Volk ſich gegen einen ſolchen, der Anarchie die Wage haltenden Zuſtand offen erklärte, deshalb behaup⸗ tet man, es ſuche Anarchie und Umſturz! Dieſe Ver⸗ leumdung gränzt an's Abſurde; und zudem hat gar manche derartige Manifeſtation des Volkswillens ihre guten Folgen gehabt. Nach allem Bisherigen iſt es klar, daß gerade in den Gewaltſtreichen der Machthaber, in ihrer Willkühr⸗ herrſchaft, ihrer betrügeriſchen Verwaltung die Grund⸗ urſache und der Urſprung der Anarchie zu ſuchen iſt. Man hört manchmal von Leuten, die für aufge⸗ klärt gelten, den Satz aufſtellen, die Regierung müſſe, um Ungeſetzlichkeiten zu verhüten oder zu beſtrafen, ebenfalls ſich außer dem Geſetze ſtellen: dieß iſt wie⸗ derum eine große Abſurdität. Sind die Geſetze nur dienlich, um Unſchuldige zu ſtrafen? Zu was braucht man die Gerichte, wenn nicht Pflichtverletzungen aller Art die Strenge des Geſetzes zu fürchten haben? Freilich kann nur eine höhere politiſche Weisheit ein⸗ ſehen, daß man, um den Thron der Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten, die Geſetze, auf denen ſie ruht, umſtürzen muß; dieſer abſcheuliche Grundſatz könnte vielleicht nur ein verächtliches Lächeln hervorrufen, wenn er nicht in unſerm armen Vaterlande ſo traurige Folgen hervor⸗ gebracht hätte. Sicherlich iſt es beinahe immer die Regierung ſelbſt, welche das Volk zum Aufſtande nöthigt. Wo die oberſte Gewalt in guten Händen iſt, da ſchweigt, gehorcht das Volk; da ſegnet es die wohlthätige Re⸗ gierung. Die Anarchie iſt eine exotiſche Pflanze, welche in einem gut geordneten Staate nicht Wurzel ſchlagen kannz denn ſobald der Geiſt des Ungehorſams ſein Haupt erheben will, ſieht er ſich von der Macht des Geſetzes niedergedrückt, und nirgends wird die Stimme des Aufruhrs ein Echo in den Herzen der Bürger fin⸗ den, wenn dieſe eine wohlmeinende Regierung an der Spitze des Staates ſehen. Allein die Geſchichte ſelbſt ſpricht am deutlichſten für unſern Satz, duß Aufruhr und Anarchie immer eine Folge verkehrter Regierungsmaßregeln ſei. Das Miniſterium von 1836 beſaß die Zuſtimmung der Nation keineswegs, da es ſich ſchon vor ſeiner förmlichen Konſtituirung als reaktionär und despotiſch ankündigte; und ſobald einzelne Mitglieder deſſelben mit ihren kecken Entwürfen vorzutreten wagten, wurde ihnen eine ſtrenge, aber wohlverdiente Züchtigung zu Theil. In der zweiten Kammer war das Miniſterium durch die Miniſter des Seeweſens und des Innern vertreten. Als letzterer das Wort verlangte, bemerkte ein Depu⸗ tirter mit eben ſo viel Anſtand als Kühnheit, die ſchwarze Bank ſei nicht geſetzmäßig von dieſen Mini⸗ ſtern in Beſitz genommen worden.*) Wirklich hatte *) Die Geſchichte der Gegenwart erzählt dieß folgendermaßen: „Am Anfang der Debatte ereignete ſich ein Vor⸗ fall, welcher die gänzliche Verachtung, die Jeder⸗ mann gegen das neue Miniſterium hegte, deutlich vor Augen legte. Der Miniſter der Marine und der des Innern hatten ſich auf die Miniſterbank geſetzt; als letzterer nun das Wort ergreifen wollte, fragte der Abgeordnete Pizarro den Präſidenten, ob die Kammer offiziell von der Ernennung der neuen Miniſter in Kenntniß geſetzt worden ſei. Es zeigte ſich, daß dieſe wichtige Formalität abſicht⸗ lich oder unabſichtlich von der Regierung verſäumt worden war, und die Kammer beſchloß einſtimmig, daß Beide die ſchwarze Bank als Eindringlinge verlaſſen ſollten. Die Zuſchauer auf der Tribüne applaudirten, und vermehrten dadurch den Schimpf Izeo, Marie. I. 9 130 die Regierung die geſetzmäßige Anzeige an die Kammer von der Zuſammenſetzung des neuen Miniſteriums ver⸗ ſäumt. Die beiden Miniſter mußten ſich, nach einem durch Akklamation gefaßten Kammerbeſchluß, als Ein⸗ dringlinge zurückziehen, wobei die Tribünen ihren leb⸗ haften Beifall kundgaben. Später wurde in derſelben Kammer ein Antrag von ſiebenundſechzig Deputirten geſtellt und angenom⸗ für die ſo ſchmählich hinausgewieſenen Miniſter. Bei der nun folgenden Berathung vertheidigten Olozaga, Landero und Lopez die alſo vollzogene Proteſtation gegen das Miniſterium aufs glänzendſte, ſo daß die Maßregel mit ſechsundneunzig gegen zwölf Stimmen gebilligt wurde; ſechs Deputirte enthielten ſich der Abſtimmung. Es war dieß eine der merkwürdigſten Sitzungen der zweiten Kam⸗ mer, und die Kurſe fielen beträchtlich.“ Ein ſolches Verfahren von Seiten der Kammer, und das gänzliche Stillſchweigen des erſten Mini⸗ ſters ließen die Auflöſung der Cortes vorausſehen. Sollte dieß einmal geſchehen, ſo wollte die Kam⸗ mer es mit Ehre thun. Daher wurde am 22ſten ein von ſiebenundſechzig Deputirten unterzeichneter Antrag eingebracht, des Inhalts, daß die Miniſter das Zutrauen der Kammer nicht verdienen. Bei der darauf folgenden Berathung wurde der Antrag von Morales, Caſtell, Soria und Parejo bekämpft, von Olozaga, Caballero, Alday und Lopez verthei⸗ digt, und endlich mit achtundſiebenzig gegen neun⸗ undzwanzig Stimmen angenommen. Die Miniſter verließen vor der Abſtimmung den Saal, und man konnte in ihren trotzigen Mienen deutlich leſen, daß ſie keine Gefahr ſcheuen würden, ſich für die⸗ ſen Schimpf an der Kammer zu rächen. Auch er⸗ ſchien das verhängnißvolle Dekret der Kammer⸗ Auflöſung alsbald. „ 131 men, des Inhalts: daß das Miniſterium das Zutrauen der zweiten Kammer nicht beſitze.*) *) Der Miniſterpräſident bethätigte im Laufe ſeiner Verwaltung die reaktionäre Geſinnung, der er ſeine Erhebung verdankte, ſowie ſeinen perſönlichen Rache⸗ durſt. Den Tag nachher erfolgte die Bekannt⸗ machung der neuen Miniſter an den Congreß; aber eben, als drei dieſer Miniſter in die Kammer ein⸗ traten, wurde folgende, von ſechsundvierzig Depu⸗ tirten unterſchriebene Proteſtation als Antrag der Kammer vorgelegt: 1) Die außerordentliche Vollmacht, welche durch die vorige Kammer dem Miniſterium ertheilt wurde, erliſcht mit der Eröffnung der neuen Kammer. 2) Wenn die Kammer vor Bewilligung des Budgets vertagt oder aufgelöst werden ſollte, ſo iſt jeder Steuereinzug ungeſetzlich. 3) Alle Anlehen oder Vorausnahmen, welcher Art ſie auch ſein mögen, die ohne Genehmigung der Cortes geſchehen ſollten, ſind null und nichtig. Die Miniſter, entſchloſſen, ihre Stellen zu be⸗ haupten, hoben den Handſchuh auf, und der Mini⸗ ſterpräſident, ein gewandter, in parlamentariſchen Kämpfen erfahrener Redner, bekämpfte dieſe ver⸗ letzenden Anträge; allein der Congreß nahm ſie an, und die Miniſter ſahen ſich gegenüber der feind⸗ ſeligen Kammer auf die Unterſtützung, welche ſie am Throne fanden, beſchränkt. Die Erbitterung wurde immer ſtärker, die perſönlichen Leidenſchaften immer gereizter, und am 21. Mai legten ſieben⸗ undſechzig Deputirte die von ihnen unterſchriebene Erklärung auf den Tiſch des Kammerpräſidenten, daß das gegenwärtige Miniſterium das Vertrauen der Nation nicht verdiene. Achtundſiebenzig De⸗ putirte gegen neunundzwanzig bejahten den Antrag; dreizehn gaben ihre Stimmen nicht ab. Da jede 132 * Die Cortes wurden aufgelöſt, die kecken Miniſter aber blieben in ihrem Amte. Nicht zufrieden mit dieſer gewagten Entſcheidung, und zu den gefährlichſten Maßregeln entſchloſſen, legten ſie der Königin-Regentin ein Manifeſt zur Unterzeich⸗ nung vor, das wie eine Zündfackel alle Leidenſchaften 2 entflammte, und die längſt drohende Empörung zum Ausbruch brachte.*) gütliche Uebereinkunft ſomit unmöglich geworden war, ſo löſte am 23. Mai der Miniſterpräſident die Kammer auf, wie vier Monate vorher, nur aus ent⸗ gegengeſetzten Gründen, die vorhergehende Sitzung geſchloſſen worden war. So hat die Eiferſucht und der Haß der Parteien in Spanien von jeher die Segnungen des konſtitutionellen Syſtems unmög⸗ lich gemacht.“ Flores, Geſch. Espartero's, Bd. 1, S. 306.* *) Die Miniſter richteten an Ihre Majeſtät eine Er⸗ klärung über die Beweggründe, welche zu einer Kammerauflöſung nöthigten, worin die Deputirten hart angegriffen wurden. Die Sprache dieſer mi⸗ niſteriellen Erklärung war ſchroff, die Grundſätze ganz im Widerſpruch mit denen, welche jene Staats⸗ männer bis jetzt für die ihrigen erklärt hatten; nicht zufrieden damit, mußte die Königin⸗Regentin ein Manifeſt erlaſſen, das die Abſichten und die gänzliche Umwandlung dieſer bisherigen Vorkämpfer der progreſſiſtiſchen Oppoſition der ganzen Welt„ offenbar machte. Aus dieſem Manifeſt ſprach die heftigſte Leidenſchaft, die gänzliche Mißachtung der Volksrepräſentation, der erbittertſte Grimm über die wohlverdiente, von der Kammer erhaltene Zu⸗ rechtweiſung. Die Miniſter, welche allein für die⸗ ſes Manifeſt verantwortlich ſind, goßen hier durch den Mund des Staatsoberhauptes ihren eigenen, 1 reichen Vorrath von Galle aus, und brachten da⸗ 133 Das von aller moraliſchen Macht verlaſſene Ka⸗ binet verließ hiemit gänzlich den geſetzlichen Weg, und vertraute fortan allein auf die Unterſtützung der Ba⸗ jonette. Dieß iſt bei allen Regierungen das Kennzeichen des herannahenden Todes: und nur aus dem Todes⸗ kampf ſelbſt iſt eine ſolche ſinnloſe Verwirrung zu er⸗ klären. Der Mönch Patricius nahm das größte Intereſſe an dem Triumphe des Miniſteriums, das ihn die Ver⸗ wirklichung ſeiner glänzenden Träume hoffen ließ; des⸗ halb wurden alle Mittel des Geheimbundes dafür in Bewegung geſetzt. Um den Sieg bei den neuen Wahlen zu ſichern, wurde mit vollen Händen Gold geſpendet, und wir wer⸗ den in dem folgenden Kapitel ein Wahlbanquett ſchil⸗ dern, um die Art und Weiſe, wie die Gewalthaber ihre Leute zu bearbeiten ſuchten, einigermaßen darzuſtellen wobei wir jedoch das, was dem ſittlichen Auge des Le⸗ durch die allerhöchſte Perſon in eine ganz falſche Stellung. Die Gewaltthätigkeit aller dieſer und der fol⸗ genden Maßregeln zeugte deutlich von der ge⸗ fährlichen Lage der Miniſter, welche der drohen⸗ den Volksbewegung durch energiſche Vorkehrungen zuvorkommen wollten. Der Kriegsminiſter erließ ein Umlaufſchreiben an alle ſeine Untergebenen, worin dieſen die ſtrengſte Verantwortlichkeit in Betreff etwaiger Pronunciamentos auferlegt, und zugleich das Verfahren angegeben wurde, wie ſolche Verſuche ſchon im Beginn erſtickt, und die Abſich⸗ ten des Miniſteriums gefördert werden könnten. Die neuen Cortes wurden auf den 20. Auguſt zu⸗ ſammenberufen, und ſchon ſprach man von einer Reviſion des estatuto royal.“ Panorama Espagnol, Bd. III. S. 144. 134 ſers anſtößig ſein könnte, aber bei allen dieſen Or⸗ gien eine Hauptrolle ſpielte, gewiſſenhaft verſchleiern wollen. Zweites Rapitel. Die wohlverſtandene Freiheit. In dem Hotel zum Schimmel ſindet man einen Salon, der eine Tafel für zwanzig Couverte faſſen kann. Dieſer Salon iſt ganz iſolirt(ein unter gewiſ⸗ ſen Umſtänden ſehr beachtenswerther Umſtand), hat einen verſteckten Eingang, und nichts, was darin ge⸗ ſchieht oder geſprochen wird, kann zur Kenntniß der übrigen Gäſte kommen. Die Aufwärter des Hauſes kennen als gewiegte Burſche ihre Pflicht ſo gut, daß ſie nicht nur nichts verrathen, was etwa vorkommt, ſondern gleichſam ſtumm, taub und blind, nur ſich ſo viel zeigen, als unumgäng⸗ lich nothwendig iſt. Wirklich ſaßen um eine mit Speiſen und Geträn⸗ ken wohlbeſetzte Tafel zwanzig Perſonen: zehn junge, ſehr hübſche Damen, die trotz ihrer allbekannten ſean⸗ dalöſen Aufführung dennoch von der madrider Polizei geduldet werden, da ſie nur mit Leuten comme il Faut zu thun haben; ferner zehn Herren, lauter Erz⸗ miniſterielle, und unter dieſen Patricius, der ſich vor Allen durch Lebhaftigkeit und Feuer auszeichnete. „Meine Herren,“ ſchrie unſer Held, einen Cham⸗ pagnerkelch in der Hand,„wir feiern den Sieg der Ordnung, der Moral, der wohlverſtandenen Frei⸗ heit. Die Revolutionäre arbeiten mit unermüdlichem 135 Eifer, um den Sieg bei den Wahlen davon zu tragen, und wenn genſetzen, wir ihnen nicht alle unſere Energie entge⸗ ſo werden wir die Schauderſcenen des revo⸗ lutionären Frankreichs ſich hier in Spanien wiederholen ſehen. Glü entſchloſſen Friedens, cklicherweiſe haben wir ein Miniſterium, das iſt, auf dem Weg der Einigung und des den es muthig beſchritten hat, ebenſo kühn vorwärts zu ſchreiten. Wir, die wir freiwillig, ohne alle anderen Nebenrückſichten, als nur das Wohl des Vater⸗ landes im Auge, ſeine Vertheidigung übernommen haben, müſſen alle unſere Kräfte, unſere ganze Wachſamkeit zu⸗ ſammennehmen, um ihm die Macht zu ſichern und unſern Zweck zu erreichen. Dieß iſt der Zweck un⸗ ſeres heutigen Beiſammenſeins; wir ſind hier im Na⸗ men der Ordnung, des Friedens verſammelt. Die liebenswürdigen Damen neben uns haben ihre ver⸗ führeriſche Beredtſamkeit, ihre unwiderſtehlichen Reize als Hülfstruppen angeboten, um uns Proſelyten zu werben. Auch wir find für den bevorſtehenden Wahlkampf nicht unthätig geweſen und wollen un⸗ ſere Bemühungen und deren Erfolg einander mit⸗ theilen. Zuvor aber ſei mir erlaubt, einen Toaſt auf un⸗ ſere ſchönen Bundesgenoſſinnen auszubringen„„ich trinke auf das Wohlſein unſerer ſchönen Bundesgenoſ⸗ ſinen in Politik und Liebe!“ Unter Nachbarin ſtürmiſchem Beifall ſtieß Jeder mit ſeiner an und leerte den Kelch auf einen Zug, wo⸗ durch die Lebhaftigkeit der Geſellſchaft ſichtlich erhöht wurde. „Mein e Herren,“ rief ein Finanzbeamter,„es wird zur Ordnung unſerer Verhandlung dienlich ſein, wenn wir einen Präſidenten ernennen und ich ſchlage unſern verehrten Don Patricius dazu vor.“ „Ange nommen! angenommen!“ riefen Alle. Patricius erhob ſich und ſagte:„ich danke der verehrten Geſellſchaft für dieſe Ehre...“ darauf nahm er wieder Platz und rief:„die Sitzung iſt eröffnet.“ „ * „Ich bitte um das Wort,“ ſagte eine der zehn Po⸗ litikerinnen. „Sie haben es,“ antwortete Don Patricius. „Ich habe mich durch einen Blick, unſere bered⸗ teſte Sprache, mit meinen Kamerädinnen verſtändigt und* bringe in unſer aller Namen einen Toaſt auf unſere liebenswürdigen Herren hier, ſo wie auf das Gelingen ihrer Bemühungen und Abſichten; möge in Spanien Ruhe, Ordnung und Friede herrſchen, und möchten vor Allem Ihnen ihre einträglichen Stellen und Aem⸗ ter bleiben, damit ſie noch ferner ihren zärtlichen Freun⸗ dinnen unzweideutige Beweiſe Ihrer Galanterie und Großmuth zu geben im Stande ſind!“ Vivats und Händeklatſchen folgten dieſem Toaſt, der nicht wenige Flaſchen Malaga leeren half. Nun kam die Reihe an einen Polizeibeamten, der ſich die Lippen mit der Serviette wiſchte und fröhlich ausrief: „Ich werde nicht lange ſprechen, denn die Augen⸗ blicke ſind koſtbar und ich habe ſchon bemerkt, meine Herren, daß man um ſo weniger ißt, je mehr man ſpricht.(Allgemeine Heiterkeit.)... Ein Regierungs⸗ beamter muß gefräßig ſein... und man ſieht des halb ſo viele, die mit beiden Backen kauen.(Lachen.) Ich will mich daher begnügen, wenn ich zur Beruhigung der Geiſter etwas beitrage; ich meine nicht die Geiſter in den Flaſchen, ſondern die der Perſonen. Man hat alle geeigneten Maßregeln ergriffen, um uns unſere Stellen und Aemter zu ſichern, denn damit iſt nothwendig die Nuhe und Ordnung im Lande geſichert(donnern⸗ der Beifall.) Man hat an alle irgend wie von der Regierung abhängigen Perſonen Circulare verſendet, um unſere Candidaten zu empfehlen; hälfe das noch nicht, ſo würde man die Armee ſtimmen laſſen, und dann iſt unſer Sieg unzweifelhaft. Die Wahl ſoll ganz frei ſein, ſofern nur unſer Candidat nicht darunter leidet; ſo verbinden wir die Si⸗ 137 cherung unſeres Sieges mit der Wahrung der parla⸗ mentariſchen Formen und mit der fonſtitutivnellen Frei⸗ heit der Wahlen.“(Sehr gut! Sehr gut! langer Beifall ¹) „Ich, meine Herren,“ ſagte eine der Politikerinnen, „habe die Ehre, der verehrten Verſammlung anzuzei⸗ gen, daß ich ſchon mehr als tauſend Bülletins an meine Anbeter vertheilt habe, obgleich meine beſten Freunde noch keine erhalten haben.“ „Ich habe auch wenigſtens eben ſo viel ausge⸗ theilt... Und ich auch. Und ich auch„ riefen alle die andern Sylphiden. „Es leben unſere Schönen!“ rief der Mönch. „Sie ſollen leben!“ wiederholte die ganze Ge⸗ ſellſchaft. Auf dieſes enthufiaſtiſche Geſchrei folgte eine To⸗ desſtille, da die zwei Aufwärter eintraten, um die Tel⸗ ler zu wechſeln. Doch dauerte die Ruhe nur einen Au⸗ genblick, denn ſobald die koloſſale Paſtete, umgeben von vier Platten mit Krebſen auf der Tafel erſchien, erhob ſich ein allgemeiner, dreifacher Beifallsruf. Die Aufwärter entfernten ſich und der Mönch nahm 3 allgemeine Aufmerkſamkeit auf's neue in An⸗ pruch. „Meine Herren,“ ſagte er ſich aufrichtend, ſo daß man ſein geröthetes Geſicht, das einem vom Thau befeuch⸗ teten Liebesapfel ähnelte, um ſo beſſer ſah,—„die Thoren, die unſere Abſichten nicht durchdringen, nennen uns Krebsgänger, uns kluge Männer der wohlver⸗ ſtandenen Freiheit. Meinethalben! dieſer Titel iſt uns recht, denn ich wenigſtens bin ſtolz darauf, zur Krebs⸗ gattung zu gehören! In der Hitze der Rede ſtürzte er ein Glas nach dem andern hinunter. „Ich auch— ich auch, wir Alle.“ Jeder trank ſeinen Kelch aus. „Ein einziger Umſtand macht mir Angſt,“ fuhr der Mönch mit ironiſchem Tone fort:„daß wir näm⸗ 138 lich unſers Gleichen eſſen und daß ſomit unſere Feinde das Recht haben, uns Menſchenfreſſer zu nennen.“ Dieſer Scherz wurde mit lautem Beifallsgelächter aufgenommen. „Es leben die Menſchenfreſſer!“ riefen einige Stimmen; dieß Geſchrei, das Händeklatſchen, das Stam⸗ pfen mit den Füßen, das Anſchlagen der Teller und Gläſer mit dem Meſſer, alles das zuſammen, brachte einen gräßlichen Lärm hervor. Der Eifer, mit welchem man dem Champagner, Keres, Malaga und anderen vorzüglichen Weinen zu⸗ ſprach, konnte nicht verfehlen, die ſichtbarſten Proben von der Ordnung und Moral dieſer Geſellſchaft zur Erſcheinung zu bringen. „Herr Rognonet hat das Wort,“ ſprach ein ſtot⸗ ternder Mund;„er ſpre che von. von den M.. WMenſchen freſſern und von den Kr... Krebſen „Herr Rognonet iſt melancholiſch,“ ſagte die Nymphe neben ihm.„Seit die Marquiſe de la Bourbe im Korrektionshauſe ſitzt, trauert der arme Junge.“ „Meine Herren,“ erwiederte der junge Mann,„ich kenne zwar den Angeber der Marquiſe nicht; allein ich trinke auf ſein Wohl.“ „Auf die Geſundheit des Angebers der Marquiſe!“ ſagte der tückiſche Mönch. „Der Angeber!.. und wenn, wie ich hoffe, un⸗ ſere Sache ſiegt und ich in die Kammer komme, ſo verpflichte ich mich, den Antrag zu ſtellen, daß man in allen Hauptſtädten Spaniens ungeheure Gefängniſſe baut, um da die alten Frauen einzuſchließen. Man darf ſich kein Gewiſſen daraus machen, aus dieſen weib⸗ lichen Eulen den größtmöglichſten Gewinn zu ziehen, ſobald man denſelben nur zum Nutzen der fröhlichen Jugend anwendet.“ „Bei dem ſchönen Asnar, der von den Reizen der Tochter ganz bezaubert ſchien, war es natürlich die⸗ ſelbe Sache?“ 8 139 „Ich verlange das Wort in perſönlicher Angele⸗ genheit,“ rief der Genannte.„Man bringt da Sachen auf's Tapet, die mir eine Gänſehaut machen. Der arme Marquis de la Crétiniére zerſchmetterte ſich das Hirn durch einen Piſtolenſchuß und die Erinnerung an jenes romantiſche Ereigniß macht mir immer noch ein kaltes Grauſen.(Dabei trank er ein Glas Carignena.) Meine Herren!— Nichts natürlicher als mein Haß gegen alle alten, runzlichen Weiber, dieſe Vogelſcheuchen der Liebe. Aber daß Herr Rognonet ſeine Angebetete, Gött⸗ liche auch unter die Nachteulen zählt, iſt eine parla⸗ mentariſche Ketzerei, eine ſcandalöſe Apoſtaſie und Ver⸗ rätherei, welche die geehrte Verſammlung nicht unge⸗ ſtraft hingehen laſſen ſollte.“ „Dieß iſt keine Apoſtaſie, keine Verrätherei, ſon⸗ dern ganz einfach die Zurücknahme eines früheren Irr⸗ thums,“ antwortete der Stutzer.„Die Geſchichte der Gegenwart beweist uns augenſcheinlich, daß die Ueber⸗ zeugung ein Hemd, ein Kleidungsſtück iſt, das man jeden Tag wechſeln kann und muß. Dieß iſt eine der nothwendigſten und heilſamſten Geſundheits⸗Maßre⸗ eln. Nun ließ der unerſchrockene Asnar nach ſpaniſcher Weiſe das Wort Aufgepaßt ertönen, ſprang in Hemd⸗ ärmeln, den Frack als Mantel auf der Schulter, die Flaſche in der Hand, auf den Tiſch und ſchrie: „Wenn es ſo iſt, Topp! auch ich trinke auf die Vertilgung der Nachteulen!“ „Aber ich,“ ſchrie ein renommirter Säufer,„ich bin ein Freund der Nachteulen, denn es gibt nichts angeneh⸗ meres, als eine gute Eule trinken!(Spa⸗ niſcher Ausdruck für ſich toll und voll ſaufen.) „Ich aber,“ rief ein bekannter Spieler,„halte es mit den Griechen; es leben die Griechen.* *) Griechen nennt man in Spanien und Frankreich Spieler von Profeſſion, welche darauf ausgehen, 140 „War die Frau des Marquis de la Cröétinière wirklich die Tochter eines Fleiſchers?“ fragte eine So⸗ pranſtimme. „Es iſt dieß eine böſe Geſchichte,“ antwortete Patricius, der ein großes Stück Paſtete hinabwürgte, „aber man will es für ganz ſicher behaupten.“ „Bomba!“(das ſpaniſche Aufgepaßt) rief eine meckernde, ſtotternde Stimme, welche vorhin Herrn Rognonet zum Reden aufgefordert hatte,„ich trinke ich trinke und nach langer Pauſe:„Auf Ehre, ich weiß nicht mehr, auf was ich trinken wollte. Ach! ja! jetzt! ich trinke auf.. einen Verſöhnungs⸗ und Freundſchaftskuß!“ „Angenommen!“ rief ein Anderer.„Laßt uns küſſen!“ er küßte ſeine Nachbarin. „Auf die Verſchmeizung und Vereinigung Aller!“ rief ein Dritter. „Es lebe die Vereinigung!“ riefen Alle. Jeder um⸗ armte die nebenſitzende Bachantin. Die folgenden Scenen mag uns der geneigte Leſer erlaſſen; denn nur mit Widerſtreben ſind wir bisher der Orgie jener Leute gefolgt, die ſich mit ſolcher Un⸗ verſchämtheit Freunde der Ordnung, der Moral, der wohlverſtandenen Freiheit nennen. unerfahrne Leute zu rupfen und auch die unedel⸗ ſten Mittel nicht verſchmähen, um zu gewinnen. 141 Prittes Rapitel. Die Erlaubniß. Die Wohnung Anſelms, welche während der Abweſen⸗ heit der Familie mehr durch Vernachläßigung des Ver⸗ miethers, als durch ſeine Nachſicht unberührt geblie⸗ ben war, ſah ſich von neuem im Beſitz der tugendhaf⸗ ten Louiſe und ihrer Kinder, Manuel, Roſa und Joa⸗ chim. Der Miethpreis war ganz bezahlt worden, und dieſer ſonſt ſo ärmliche Aufenthalt, der trotz der äußer⸗ ſten Reinlichkeit das Bild der traurigſten Armuth dar⸗ bot, ſah dem Beſchauer jetzt freundlich entgegen. Auf den weißen Wänden erblickte man wie früher die Bild⸗ niſſe von Riego, Mina, Laci, Empecinado, Torrijos und Manzanares, jener großen Männer, welche Anſelm mit innigſter Verehrung im Herzen trug. Louiſe hatte ih⸗ nen vergoldete Rahmen gegeben. Der alte zerſprungene Spiegel war durch einen neuen, hübſcheren erſetzt. Die Stühle und übrigen Meubel waren durchaus nicht lu⸗ ruriös, aber reinlich und bequem. Louiſe und Roſa ſchliefen in einem Bette. Manuel und ſein Bruder hatten ein eigenes in Mariens Zim⸗ mer, und dieſe Betten waren hinreichend mit Matrazen, Tüchern und Kiſſen verſehen. All dieſes verdankte Louiſe einem durch die Baronin von Lar geſtifteten wohlthätigen Vereine, der ſich zur Aufgabe machte, arme, unglückliche Familien zu unterſtützen.*) *) Außer jenem Verein für Hausarme, deſſen wir oben ſchon Erwähnung gethan haben, beſtehen in Madrid noch andere wohlthätige Vereine, von welchen wir folgende als die bedeutendſten hervor⸗ heben wollen: 142 Geldgeſchenke waren Louiſe von der Baronin zu⸗ gekommen und durch eben dieſe hatte ſie und Roſa Frauenverein zur Unterſtützung der madrider Nonnen. Von den achtbarſten Da⸗ men Madrids geſtiftet, hat dieſer Verein den Zweck, den armen, aus ihren Klöſtern verjagten, ihrer Einkünfte beraubten Nonnen zu Hülfe zu kommen, Die fromme Marquiſe de Malpica, welche die erſte Anregung dazu gab, ſah ſich alsbald von einer großen Anzahl anderer, gleichgeſtimmter Damen unterſtützt und ſchon haben ihre Bemühungen einen ſchönen Erfolg gehabt. Von dem Stiftungstage, dem 14. März 1841 bis zum Ende des erſten Jah⸗ res belief ſich die Einnahme des Vereines auf 161972 Realen und 33 Maravedis; im Jahr 1843 vertheilten ſie 200580 Realen. Hülfsverein zur Mutter Gottes. Eine Brüderſchaft, die im Jahr 1615 errichtet, ſeit dem Jahr 1702 im Hoſpital ſeinen Sitz hat und auch über das Waiſenhaus die Oberaufſicht führt. Sie beſteht aus den achtbarſten, wohlthätigſten Per⸗ ſonen und hat ſich namentlich die ausgedehnteſte Beſorgung der Kranken zum Zwecke geſetzt, wo⸗ durch unendlich viel Segen gewirkt wird. Die Statuten der Geſellſchaft wurden im Jahr 1842 erneuert und von der Regierung genehmigt, die ſich dabei das Ernennungsrecht des oberſten Di⸗ rektors aus drei von der Brüderſchaft gewählten Candidaten vorbehielt. Im Jahr 1843 betrugen die Ausgaben 279059 Realen und 6 Maravedis, womit 3513 Perſonen aller Art unterſtützt, 132 Bäder ge⸗ reicht, 48 Kinder mit Ammen verſorgt, 1893 Arme und 240 Waiſen verköſtigt wurden, ohne eine Menge anderer zufälliger Unterſtützungen zu rech⸗ nen. Eine andere Brüderſchaft, ebenfalls zu unſe⸗ — 143 Arbeit erhalten, deren Ertrag regelmäßig ausbezahlt wurde. Andererſeits fand Manuel durch die Vermittlung des guten Dr. Aguilar in der Druckerei der literariſchen Geſellſchaft von Madrid einen Platz. Bei der haushälteriſchen Sparſamkeit Louiſens und bei den einfachen, beſcheidenen Bedürfniſſen der an Ent⸗ behrungen aller Art gewöhnten Familie reichte das Einkommen derſelben zu einem ganz behaglichen, glück⸗ lichen Leben hin, das durch die frohe Ausſicht auf An⸗ ſelms baldige Befreiung beinahe ungetrübt erſchien. Wenn die Seele ruhig und zufrieden, das Ge⸗ wiſſen rein, Geiſt und Körper angemeſſen beſchäftigt ſind, ſo erblüht die früher geſchwächte Geſundheit aufs neue, wie eine Frühlingsblume nach dem Froſte des Winters. Die arme Louiſe, die durch eine lange Reihe von Unglücksfällen ſich in einen ſo jammervollen Zuſtand verſetzt geſehen hatte, die blinde, bekümmerte, unnütze Louiſe hatte ihr Geſicht, ihre Geſundheit, den friſchen Glanz ihrer früheren Jahre wieder erlangt. Der weiße Teint ihrer regelmäßigen Geſichtszüge war durch ein ſanftes Roth gehoben und nur etwas erinnerte an die vergan⸗ ſerer Lieben Frauen genannt, beſteht ſeit 1733 in der Parochie von St. Johann, und be⸗ ſitzt ein eigenes Haus in der Roſenſtraße, wo⸗ ſelbſt ſchwangere Frauen, deren Verhältniſſe Ge⸗ heimhaltung ihres Zuſtandes verlangen, aufgenom⸗ men werden; außerdem beſchäftigt ſich die Brü⸗ derſchaft mit Miſſionen und mit Ausſtattung von armen Brautleuten. Der Verein zum guten Hirten wurde von hochgeſtellten Perſonen im Jahr 1799 geſtiftet, um den Kriminalgefangenen zu Madrid, ſowohl durch geiſtlichen Zuſpruch als auch durch Gewäh⸗ rung von Arbeit, ihre Lage zu erleichtern. 144 genen Leiden: ein leichter, bläulicher Schein um die von ſanfter Herzensgüte ſtrahlenden Augen. In ihrem Glückstraume erwartete ſie jeden Augen⸗ blick ihren geliebten Anſelm zur Thüre hereintreten zu ſehen und ſchmückte ſich täglich mit ihrem ſchönſten Putze, wie damals, als der tapfere Anſelm in ſeiner glänzenden Uniform um ihre Hand und ihr Herz an⸗ gehalten hatte. „Ja ja,“ ſagte ſie in ihrer Wonne,„ſeine Freude wird unbegränzt ſein, wenn er unſer Glück ſieht. Der theure, geliebte Anſelm! Er hat ſo viel erduldet, daß er wohl eine ſolche Vergütung verdient! Wenn er er⸗ fährt, daß ſeine Marie glücklich iſt wenn er ſieht, daß ich Geſicht und Geſundheit wieder erlangt habe... wenn er ſeine Kinder umarmen darf uns alle glücklich und von wohlthätigen Freunden umgeben ſieht.. guter Gott, er wird närriſch vor Freude und Glück!“ „In dieſem Augenblicke ließ ſich eine jugendliche, kräftige Stimme hoͤren: es war Manuel, der einen Vers aus jenem bekanten politiſchen Liede von Altés⸗ Gurena ſang: „Todo conde 6ö marqués nace hombre; sus dictados vinieron despues: por sus prendas al hombre estimemos, no ten solo por conde 5 marquéès.“*) Roſa und Joachim ſprangen ihm entgegen und Louiſe, die ſich der gegenſeitigen Geſchwiſterliebe freute, drückte ihm einen Kuß auf die Stirne. Er ſprach traurig: „Ich durfte heute den Vater noch nicht beſuchen immer heißt es Geduld, nur Geduld!“ Darauf *) Der Menſch war, ehe es Grafen und Marquiſe gab; dieſe kamen erſt ſpäter: nicht nach dem Rang, ſondern nach dem Verdienſt ſchätzen wir den Men⸗ ſchen. 145⁵ fuhr er mit heiterem Tone fort:„Wiſſen Sie wohl, Mutter, daß ich einen fürchterlichen Hunger habe?“ „Ich zweifle gar nicht daran, mein Sohn,“ ant⸗ wortete Louiſe;„ſo lange zu arbeiten!.. Aber der Tiſch iſt gedeckt und das Eſſen iſt fertig; wir warteten nur auf Dich.“. „Das iſt mir nicht recht. Es iſt mir ſo gar oft unmöglich, zu rechter Zeit zum Eſſen zu kommen; gerade wenn ich die Druckerei verlaſſen will, gibt es unvorhergeſehene Arbeit und„deshalb iſt es mir nicht recht, wenn Ihr Euch wegen meiner genirt.“ „Natürlich! Glaubſt Du denn nicht, daß ich un⸗ möglich eſſen könnte, ohne Euch Alle um mich zu ha⸗ ben?. Setzt Euch, meine Kinder... Es iſt doch recht traurig, daß Du Deinen Vater nicht beſuchen durfteſt„ Doch ſcheinſt Du mir guten Muthes und dieß iſt mir doppelt recht, da ich heute Dein Leibgericht für Dich gemacht habe.“ „Stockfiſch?“ „Und gebratene Kartoffeln; zum Nachtiſch bekommſt Du getrocknete Trauben.“ „Herrlich! eine königliche Mahlzeit!. Ich will gehörig einhauen! Es riecht ſchon ſo verführeriſch!.. der Stockfiſch iſt gewiß ſehr gut.“ Roſa holte die Schüſſel vom Ofen und ſtellte ſie auf den Tiſch; Manuel ſchnitt Brod auf und bot es herum. „Wie gut, liebes Mütterchen!“ rief der Junge, als er den letzten Biſſen auf dem Teller hatte;„ich muß noch einmal kommen! 4ℳ er nahm ſich eine zweite Portion. „Das freut mich herzlich,“ ſagte die Mutter ver⸗ gnügt. „Ja, aber es kommt noch etwas Anderes, liebe Mutter,“ ſagte der Schelm;„ich habe eine Bitte an Sie, welche Sie mir nicht abſchlagen ſollten.“ Jzco, Marie. U. 10 6 146 „Wenn es nichts Unrechtes iſt?... „Im Gegentheil, etwas recht Gutes, was mein Vater, wenn er bei uns wäre, gewiß billigen würde.“ „So laß einmal hören.“ „Ich möchte Nationalgardiſt werden.“ „Du biſt nicht recht bei Troſt, Manuel Du biſt erſt vierzehn Jahre alt.“ „Das macht Nichts! Ich bin ſtark und kräftig; man hält mich wenigſtens für ſechzehn... Das wäre ſchön, wenn ich nicht vor der geſetzlichen Zeit einträte! Ich möchte mich als Freiwilliger melden! Wenn mein Vater da wäre, er würde gewiß vor Freude weinen.“ „Ich ſchlage es auch nicht ab, mein Sohn... Aber wenn Dir ein Unfall begegnete.. Denke an Deinen armen Bruder!... Schmerzliche Thränen rollten über ihre Wan⸗ gen„Erinnere Dich, wie das Vaterland Deinem verdienten Vater lohnt!“ „Ach! das kommt nicht vom Vaterlande, das kommt von den heilloſen Gewalthabern! Und wenn nicht Alle, denen das Herz auf dem rechten Flecke ſitzt, jetzt für die Freiheit zu den Waffen greifen, ſo weiß ich nicht, was noch aus Spanien werden ſoll. Wer weiß, ob ich nicht mein Gewehr brauche, um den Va⸗ ter gegen ſeine Verfolger zu vertheidigen?“ „Du haſt Recht, mein Sohn! Aber nimmt man Dich auch?“ „Wie kannſt Du fragen?“ „Und wird es Dich nicht in Deiner Arbeit ſtören?“ „Ich bin der Einzige in der ganzen Druckerei, der nicht unter der Nationalgarde iſt, und unſer Herr hat mir geſagt, er wolle mich, falls Sie es erlauben, an einen ſeiner Bekannten, welcher Commandant der Nationalgarde iſt, empfehlen, daß ich die Uniform ge⸗ ſchenkt bekomme.“ — 147 „Auf dieſe Art kann ich es gar nicht abſchla⸗ en.“ „Tauſend Dank, liebe Mutter! Gott ſegne Dich!“ rief Manuel, indem er ſeine Mutter umarmte. „Ich will auch, wenn ich ſo groß wie Manuel bin, Nationalgardiſt werden,“ ſagte der kleine Joachim. So war die Mahlzeit heiter beendigt und Manuel feſt entſchloſſen, ſich ſobald als möglich beim Commando zu melden. Piertes Kapitel. Der Freiwillige. Es war ſechs Uhr Abends. Der Marquis Bellaflor und ſein Sohn Don Louis bewohnten in der Fontana d'Oro ein viel größeres Ap⸗ partement, als das war, was der junge Mann früher gemiethet hatte. Sie aßen um zwei Uhr, ruhten dann ein wenig, und gingen gegen Abend zuſammen ſpazieren. Der Marquis war nahe an ſechzig. Unter ſeinen beinahe glatt geſchornen Haaren ragte eine breite, würde⸗ volle Stirne hervor. Seine Geſichtszüge waren edel und ausdrucksvoll; die Geſichtsfarbe zeugte von feſter Geſundheit. Blond wie ſein Sohn, hätte man trotz ſei⸗ nes vorgerückten Alters kaum ein graues Haar bei ihm finden können. Er trug keinen Backenbart, aber einen kleinen, kurzen Schnurrbart; ſeine Zähne waren weiß wie Elfenbein; die klugen, aber gutmüthigen Augen ſtimmten vortrefflich zum Ganzen. Sein Wuchs war kräftig, aber nicht hoch, voll und wohl proportipnit. Seine Manieren zeigten den Mann von ſfeiner Erzie⸗ 148 hung, ſeine Kleidung war elegant, aber einfach und be⸗ quem, wie es Leuten von geſetztem Alter wohl anſteht. Geſuchter Putz, eine affektirte, prätentiöſe Sprache, goldene Ketten, prächtige Schmuckſachen verrathen ge⸗ wöhnlich eine niedere Geburt und die Sucht, eben dieſe zu verheimlichen; und wenn dieß ſchon an jungen Leu⸗ ten einen ſchlechten Eindruck macht, ſo kann man ſich kaum eines mitleidigen Achſelzuckens enthalten, ſo oft ein lächerliches Alter die Gebrechen der Jahre unter einem ſolchen unzeitigen Putz verbergen will. Dieß war nicht der Fehler bei dem Marquis von Bellaflor. Seine Beſcheidenheit, ſein liebreiches, feines Betragen, ſeine von aller Pedanterie entfernte geiſtvolle Unterhaltung, machten den Umgang mit ihm äußerſt angenehm; allein er beſaß daneben einige Eigenſchaf⸗ ten, die nicht minder achtungswerth, doch kaum zu der ſonſtigen Sanftmuth ſeines Charakters zu ſtimmen ſchie⸗ nen. Er war ein ſtrenger und ernſter Richter in Hin⸗ ſicht der ſeinem Stande eigenthümlichen Schwachheiten; verdammte rückſichtslos als konſequenter Demokrat die Vorurtheile der Ariſtokratie; Freund und Beſchützer eines jeden rechtlichen Mannes gab er ſich nie dazu her, mit dem Unrecht und der Schlechtigkeit zu unter⸗ handeln. Die Böſen hatten an ihm einen unverſöhn⸗ en Feind; die Guten einen warmen Freund und Heifer. Don Louis de Mendoza betrachtete ſeinen Vater als ſeinen beſten, intimſten Freund. Von der früheſten Jugend an gewohnt, ihn zu dutzen und ihm Alles ohne Rückhalt anzuvertrauen, hatte er doch bis jetzt aus ſeiner Liebe ein Geheimniß vor ihm gemacht, nicht etwa, weil er gefürchtet hätte, ſeine Liebe zu der Hand⸗ werkerstochter möchte von dem Marquis mißbilligt werden, ſondern weil er ſich der väterlichen Zuſtimmung, die er als gewiß vorausſetzte, erſt durch die Befreiung des armen, unſchuldigen Anſelm würdig beweiſen wollte⸗ 3 Doch konnte die Erklärung darüber nicht lange „ 149 mehr ausbleiben und Don Louis wartete nur noch auf eine Volksbewegung zu Gunſten der Konſtitution vom Jahr 1812, um ſeine Abſicht auszuführen und Marie ſeinem Vater ſelbſt vorzuſtellen. Beide, Vater und Sohn, waren in vertrautem Ge⸗ ſpräche, als der Aufwärter Don Louis einen Brief brachte und ſagte, der Ueberbringer hätte den Wunſch ge⸗ äußert, Don Louis ſelbſt ſeine Aufwartung machen zu dürfen. Dieſer las das Schreiben und ließ den Angemelde⸗ ten eintreten. Manuel trat raſch ein, nahm ſeinen Hut ab und grüßte die Anweſenden achtungsvoll. Er hatte die Züge ſeiner Mutter, blonde Haare, blaue Augen; ein freund⸗ liches Lächeln verſchönerte ſeine ohnedieß angenehmen Geſichtszüge. Er trug ſeine Feiertagskleider und zeigte ſich als ein hochaufgeſchoſſener Junge. „Sind Sie der Ueberbringer dieſes Briefes?“ fragte Don Don Louis leutſelig. „Ich ſelbſt, zu dienen,“ antwortete Manuel, indem er ſich aufrecht ſtellte, um nicht zu jung zu erſcheinen. „Recht gut! hübſches Geſicht...“ indem er dem Jungen auf die Schulter klopfte und ſich zu ſeinem Vater wandte:„dieß ſcheint ein hoffnungsvoller Burſche; er iſt nach dieſem Briefe erſt vierzehn Jahre alt und iſt ſchon ſo groß, ſo ſtark! Es gibt bald einen hübſchen Gre⸗ nadier... Er will freiwillig in die Nationalgarde eintreten.“ „Wie?“ fragte der Marquis Bellaflor,„Sie möch⸗ ten ſchon Soldat ſein?“ „Ich möchte nicht in der Armee dienen, weil ich ſonſt meine Eltern verlaſſen müßte; allein ich ſchäme mich, alle meine Kameraden in der Druckerei mit Schnurr⸗ bärten zu ſehen... beſondees da ich mich auch ſchon rafiere.“ 4 „Sie wollen alſo in die Nationalgarde inkn, 150 um einen Schnurrbart zu tragen?“ fragte der alte Marquis lächelnd. „Nein, mein Herr ſondern um das Vaterland und die Freiheit zu vertheidigen.“ „Gut! Recht gut!... Sie ſind, ſcheint es, liberal?“ „So gut wie mein Vater,“ antwortete Manuel mit Selbſtbewußtſein. „Das iſt herrlich!“ rief der Marquis, indem er den jungen Menſchen umarmte.„Nur auf der Jugend beruht Spaniens Hoſſnung.“ „Warum iſt Ihr Vater nicht mit Ihnen gekom⸗ men?“ fragte Don Louis. „Wie, mein Herr?“ antwortete Manuel ernſt,„bin ich denn ein Kind? Außerdem wird in dieſem Briefe ſtehen, daß ich die Erlaubniß meiner Mutter habe? „Ja wohl; aber die des Vaters?“ „Mein Vater konnte ſeine Erlaubniß nicht er⸗ theilen.“ „Iſt er abweſend?“ „Nein.“ „Nun? Was für ein Hinderniß... „Mein Vater iſt im Gefängniß und ich darf ihn nicht ſprechen.“. „Im Gefängniß?“ „Mein Gott! ja.“ „Warum?“ „Ich weiß es nicht. Wahrſcheinlich weil er ehr⸗ lich und liberal iſt.“ Mehr braucht man heut zu Tage nicht!“ rief der Marquis.„Wie heißt Euer Vater?“ „Anſelm.“ „Anſelm„der Furchtloſe?“ fragte Don Louis ganz erſtaunt. „Eben der.“ dieſen Worten ſchloß Don Louis den Bruder ſeiner geliebten Marie in die Arme: Mein Vater,“ ſagte er gerührt,„dieſer junge 151 Mann gehört einer der achtungswertheſten Familien Madrids an; ſein Vater iſt ein Muſter von Rechtſchaf⸗ fenheit.“ „Du kennſt ihn alſo?“ „Ich kenne ihn ſeinem Rufe nach. Die ganze Stadt iſt darin einig, daß es keinen rechtſchaffeneren Mann gibt; allein auch keinen unglücklicheren.“ Zu Manuel gewandt, ſetzte er bei:„Ich nehme Euch an und werde Euch morgen um 9 Uhr dem Hauptmanne der erſten Kompagnie vorſtellen. Und nun umarmt mich als Kamerad.“ „Von ganzem Herzen, Herr Kommandant,“ und der junge Schelm umarmte den Geliebten ſeiner Schweſter. „Auch mich!“ rief der Alte;„ich bin auch ein Li⸗ beraler.“ „Ja dann von ganzem Herzen,“ antwortete Ma⸗ nuel, umarmte den alten Marquis, ſetzte den Hut auf, grüßte militäriſch und entfernte ſich, indem er folgen⸗ den Vers von dem bekannten Dichter Charles Aribeau ſang: Libertad, libertad, sacrosanta nuestro numen tu siempre seras podras ve nos morir en tus aras que vivir in catenas jamäs.*²) Dieſer brave Junge iſt der wahre Typus unſerer arbeitſamen, tugendhaften Jugend, der Hoffnung Spa⸗ niens; ſie glüht von Vaterlandsliebe und trägt den ächten Stolz des Spaniers in der unentweihten Bruſt. Sie namentlich ſpricht gebieteriſch das von dem ganzen arbeitenden Stande tief gefühlte Bedürfniß aus, daß man den Klaſſen, welche mit ihrem Schweiß und Blut *) Freiheit, heilige Freiheit, dich verehren wir gö lich lieber an deinem Altar ſterben, als Ketten leben. 152 den Staat erhalten, nicht das edelſte Recht des Bür⸗ gers, das Recht der Wahl entziehe. Dieß weiß unſre Jugend wohl und verlangt es auch und wird es einſt, wenn die Freiheit ſiegt, erhalten.“ Fünftes Rapitel. Die Ciferſucht. Am 14. Juli 1836 kam der Wagen des Baron von Lac mit Anbruch der Nacht von Aranjuez nach Madrid zurück. Die Baronin war zu ſcharfſichtig, um nicht die auffallende Verwirrung ihres Gemahls und Mariens bei ihrem Zuſammentreffen wahr zu nehmen; allein obgleich eiferſüchtig, wie jede liebende Frau, hatte ſie ſich verſtellen gelernt, um jeden häuslichen Zwiſt, der das Uebel nur ärger macht, zu vermeiden. Dieſe ſcheinbare Ruhe nahm der Baron, deſſen Geiſt ſehr beſchränkt war, für baare Münze, für leicht⸗ gläubiges, unſchuldiges Zutrauen. Dieſer Mann, der in jeder Beziehung ſo tief unter ſeiner Gemahlin ſtand, glaubte ſie doch zu überſehen und ſah ihre Nachſicht für Mangel an Scharfblick an, während die arme Emilie im Geheim die bitterſten Thränen über ſeine Untreue vergoß. Durch den ſcheinbaren Gleichmuth Emiliens aufgemuntert, trieb der Treuloſe ſeine Frech⸗ heit ſo weit, daß er in Gegenwart der Baronin Ma⸗ t den Hof machte, indem er glaubte, ſie bemerke es gar nicht, oder nehme dieſe verliebten Aeußerungen für leichte Galanterie. Während der ganzen Fahrt von 153 Aranjuez nach Madrid hatte der Baron nicht aufge⸗ hört, ſeiner Frau darüber Lobſprüche zu ertheilen, daß ſie Marien aufgenommen, ſie zu ihrer Freundin und Begleiterin gemacht habe. Er ging in dieſen Aeuße⸗ rungen, in ſeinen Schmeicheleien gegen Marien ſo weit, daß Emilie in der Erinnerung an jene erſte Verwir⸗ rung nicht umhin konnte, eine geheime Beziehung zwi⸗ ſchen Beiden anzunehmen. Sie fing an, an der Auf⸗ richtigkeit ihrer Freundin irre zu werden; die erſten Ausſagen von Don Louis kamen ihr wieder ins Ge⸗ dächtniß.. ſie ſchauderte. Um 9 Uhr treffen wir alle drei in dem Salon der Baronin. Marie ſaß auf einem Sopha und wußte durchaus nicht, wie ſie ſich der ganz unzeitigen Zu⸗ dringlichkeit des Barons entziehen ſollte. Die Baronin ſetzte ſich an's Klavier und ſpielte jenes Lied„Roſen der Liebe“, welches Marie an jene erſte, ſüße Unterhal⸗ tung mit ihrem Einziggeliebten erinnerte. Eben jetzt trat Don Louis ein; trotz dem, daß er vorher keinen Verdacht hatte, ſo fühlte er ſich doch nach und nach bitter durch die emphatiſchen Lobſprüche und die übertriebenen Komplimente geärgert, welche der Baron an Marien richtete. Der Baron wußte von dem Verhältniſſe Mariens zu Don Louis nichts und glaubte als alter, nicht ge⸗ rade verſchmähter Liebhaber ſchon einige Rechte zu haben. Die Verwirrung des armen, jungen Mädchens war ſo groß, daß ſie kein einziges Wort finden konnte, um den zudringlichen Mann zurückzuweiſen; ja ſo ſehr fühlte ſie ſich beängſtigt und gedrückt, daß ſie nicht ein⸗ mal ihren Geliebten anzuſehen wagte. Der junge Mann, erbittert über ein ſolches Verfahren von Seiten ſeiner Geliebten, glaubte ſich durch gänzliche Vernach⸗ läßigung derſelben rächen zu müſſen. Er verließ plotzlich den bisherigen Sitz, näherte ſich der Baronin, die noch am Flügel ſaß und ſagte mit bedeutſamem Tone: „Vortrefflich, holde Freundin! Vortrefflich! Jeden 154 Tag machen Sie größere Fortſchritte und ich weiß nur einem Ihr Talent zu vergleichen.“ „Ich danke Ihnen, lieber Don Louis,“ antwortete die Baronin, ohne daß ſie zu ſpielen aufhörte.„Und was iſt dieſes Eine?“ „Der ausgeſuchte Geſchmack, Ihr Schönheitsſinn, der Ausdruck, mit welchem Sie der unbedeutendſten Kompoſition erſt einen Werth verleihen und dann Ihre ſtaunenerregende Fertigkeit; Alles das zuſammengenom⸗ men iſt ſo vollkommen, daß ich es nur mit den Reizen vergleichen kann, womit die Natur Sie zu ſchmücken ſo gütig war.“ „Immer artig und galant!“ erwiederte leiſe die Baronin. „Es iſt nicht Galanterie, ſchöne Emilie, mit bos⸗ hafter Abſicht; es iſt nur Gerechtigkeit.“ Solche Redensarten verfehlen ſelten ihren Zweck. Während ſie das Herz Mariens mit dem bitterſten Grame erfüllten, erregten ſie die Aufmerkſamkeit des Barons. Dieſe Vertraulichkeit, dieſe übertriebenen Lobſprüche und die anderen Galanterien, mit welchen der junge Mann in ſeiner leidenſchaftlichen Eiferſucht ganz laut die Ba⸗ ronin, die er gar nicht mehr verließ, überſchüttete, muß⸗ ten bei dem leichtſinnigen Baron zum erſtenmale in ſeinem Leben eine beunruhigende Eiferſucht erwecken. Endlich entfernte ſich Don Louis mit den übertrie⸗ benſten Komplimenten gegen Emilien, grüßte affektirt höflich den Baron, würdigte aber Marien keines Blik⸗ kes und verwünſchte ſie, trotz ſeiner immer gleich heißen Liebe. Ach! die Eiferſucht zieht die Bande der Liebe nur immer feſter an. Marie dagegen riß, in ihrem Zimmer angelangt, das Medaillon ihres Geliebten vom Halſe und verbarg es in einer Schublade ihres Schrankes. —— 155 Sechſtes Rapitel. Die anonymen Briefe. Fünf Tage waren ſeit dem Tode des Vater Ei⸗ dechſe verfloſſen. Der Mönch hatte nicht nur von Labouillie erfahren, daß ſein Plan auf den jungen Marquis mißglückt ſei, ſondern er wußte auch, daß dieſer ihn mehremale aufgeſucht habe. Natürlich hatte man ihn immer unter dem Vor⸗ wande abgewieſen, der Mönch ſei nicht zu Hauſe; denn dieſer feige Satyr zitterte ſchon bei dem Gedanken an den tapferen Feind, den er jetzt nur um ſo mehr fürch⸗ tete, da er der Meinung war, dieſer hätte jene zwei Mörder allein ſich vom Halſe geſchafft. Die Angſt des Mönches über dieſe oftmaligen Be⸗ ſuche war daher ſchrecklich, denn natürlich erkannte er ſeinen Feind aus der Beſchreibung ſeiner Leute deutlich. Durch die boshafte Spionerie der Mutter Espé⸗ rance erfuhr er auch alles, was in dem Hauſe des Baron Lac vorging. Es ſchien ihm nun nöthiger als je, dort Zwietracht zu ſäen, nicht nur, um ſich an Ma⸗ rien zu rächen, dieſe mit ihrer Beſchützerin zu entzweien, ſondern hauptſächlich, um den Marquis eiferſüchtig zu maches und von ſeinen Racheplänen abzuziehen. Voll von dieſem Gedanken hatte er längere Zeit ohne Unterbrechung fortgeſchrieben, nur daß er von Zeit zu Zeit eine Priſe nahm, und ſein Geſchriebenes mit wohlgefälligem Blick betrachtete, wie etwa ein Dichter nach glücklich vollendetem Werke, oder ein Reimſchmied nach mühſam gefundenem Verſe. Als Patricius fertig war, ſteckt er die blaugefärbte Feder hinter das Ohr, ſtreckte ſich, machte eine unge⸗ heure Papiercigarre aus feinem braſilianiſchen Tabak; 156 dann zog er aus einer Büchſe Stein, Stahl und Zun⸗ der(denn die Mönche lieben die neuen Feuerinſtrumente ſo wenig, wie die liberalen Staatseinrichtungen) und zündete ſeine Cigarre an, deren Rauch er mit lächerli⸗ cher Gravität theils durch die Naſe, theils durch die Lippen ſtrömen ließ. Nachdem er ſo einer leider in ganz Spanien ein⸗ heimiſchen Gewohnheit gefröhnt hatte, rückte er den Stuhl wieder an ſeinen Schreibtiſch, nahm ein beſchrie⸗ benes Blatt in die Hand und rief:— Ganz gut! Die Anonymität iſt doch ein prächtiges Mittel! Man wirft ein Billet durch die Thüre und Niemand kann ahnen, woher es kommt. Wollen ſehen, was Baron Lac zu dieſem Briefe ſagt: „Jemand, dem an der Ehre des Herrn Baron ſehr viel gelegen iſt, freut ſich von Herzen über deſſen Rück⸗ kehr. Der Herr Baron dürfte wohl die Aufführung ſeiner Gemahlin etwas beobachten und überwachen, denn während ſeiner Abweſenheit hat der junge Mar⸗ quis von Bellaflor ſehr häufig Beſuche dort abgeſtattet. Vielleicht macht der junge Stutzer auch der neuen Ge⸗ ſellſchaftsdame den Hof; allein man iſt eher verſucht zu glauben, daß dieſe nur als Stichblatt benützt wird. Der Schreiber dieſes Briefes verlangt nicht, daß der Herr Baron dieſen Zeilen Glauben beimeſſe; er wünſcht nur, daß Herr von Lae ſelbſt beobachte. Das Unan⸗ genehme ſolcher Eröffnungen verhindert den Schreiber, ſich zu nennen oder perſönlich den wohlgemeinten Rath zu ertheilen. Man hat durchaus nicht die Abſicht, den Herrn Baron zu bekümmern, oder Unfrieden in ſeinem Haus ſtiften zu wollen; nur ſeine Ehre will man wahren. Der Herr Baron wird von dieſer freundſchaftlichen Benach⸗ richtigung gewiß den entſprechenden Gebrauch machen.“ Der Brief iſt ganz gut! Das man gibt ihm einen geheimnißvollen Anſtrich, der ſeine Wirkung nicht ver⸗ fehlen wird. Jetzt den an die Baronin:— die Frauen muß man bei ihrer Eigenliebe angreifen; ich habe 4 — E 157 deßhalb geſchrieben, als ob der Brief von einer Freundin käme, die ſie liebt und ſich über ihre Unvor⸗ ſichtigkeit ärgert: „Emilie, Du biſt doch recht unſchuldig und kurz⸗ ſichtig. Ganz Madrid ſpottet über Dich. Ich, die ich Dich herzlich liebe, beklage und warne Dich. Daß Du Deinem Manne ſeine Kurmachereien verzeihſt, iſt ſehr philoſophiſch von Dir, aber daß Du jetzt ſeine Geliebte in Dein eigenes Haus aufnimmſt, iſt höchſt lächerlich. Du genoßeſt bisher den Ruf einer ſehr klugen und talent⸗ vollen Frau, aber dieſe übertriebene Güte und Nach⸗ ſicht bringt Dir Schaden. Möglich, daß Du meine wohlgemeinte Anzeige nicht benützeſt und ſo einen neuen Beweis Deiner philoſophiſchen Geſinnung gibſt, trotzdem verſichere ich Dich, daß ich Dich liebe und tiefbeküm⸗ mert darüber bin, Dich in allen Zirkeln Madrid's ver⸗ lacht zu ſehen. Eine Deiner aufrichtigſten Freundinnen.“ Bravo! Da iſt nichts zu ändern. Wir wollen eine Priſe nehmen und ſehen, wie wir dem jungen Herrchen ſchreiben: „Mein lieber, ſehr geehrter Herr! Nehmen Sie es nicht ungütig, wenn man ihre ausnehmende, köſtliche Herzensgüte preist. Sie ſcheinen mit Ihrer Sirene ſehr zufrieden, und doch übt Herr Baron von Lac das Herrenrecht im vollſten Maße bei ihr aus. Seien Sie ein Gimpel! Seien Sie immerhin ein Gimpel! Sie haben ſich doch nicht zu beklagen; Ihre Unſchuld wird einſt reich⸗ lich belohnt werden, denn die Armſeeligen erwartet des Himmels Freude.“ „Man kann es unmöglich beſſer machen... Und doch ängſtigt mich dieſer unbeſonnene Burſche„ er verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Allein das wird ihn ſchon anderweitig beſchäftigen und mir Ge⸗ legenheit geben, ihn fortzuſchaffen. Nun zum letzten Meiſterſtücke, zu dem Brief an jenes grauſame Mäd⸗ chen, das ich einſt ſo wahnſinnig liebte und jetzt ſo — 158 glühend haſſe Ich haſſe ſie.. das iſt wahr; aber wenn ſie ſich meiner Leidenſchaft hingäbe„. Iſt es nicht eine Schande, daß die Schönheit der Frauen den Mann ſo weit herunterbringt!“ „Marie, mit Recht ſagt man, daß jede Lebenser⸗ fahrung für Dich verloren ſei. Nach Allem, was Du bei der Marquiſe, die Dir Anfangs ſchmeichelte, um Dich nachher deſto ärger zu martern, erlitten haſt, trauſt Du wiederum den ſcheinbaren Wohlthaten einer Baro⸗ nin! Thörin! beobachte die Aufführung Deiner Be⸗ ſchützerin beobachte das Benehmen deſſen, den Du für Deinen Geliebten hältſt, und deren, die ſich Deine Beſchützerin nennt, und Du wirſt den Grund ihrer Heu⸗ chelei bald durchſchauen. Don Louis und die Baronin ſtehen in einem ſtrafbaren Verhältniß; die Baronin ſuchte daher als verheirathete Frau einen Vorwand, der vor den Augen ihres Mannes die Beſuche des Liebhabers in ihrem Hauſe rechtfertigte: Du, arme Betrogene, biſt der Deckmantel jenes verbrecheriſchen Umgangs. Fliehe, unſchuldige Jungfrau, fliehe dieſen verpeſteten Aufent⸗ halt; kehre an den väterlichen Heerd zurück, wo Dich zwar Armuth, aber die Liebe der Deinigen und in ihrem Kreiſe die Tugend erwartet, ohne welche keine Ruhe des Gewiſſens denkbar iſt. Folge dieſem wohlgemeinten Rathe, der aus einem Freundesherzen kommt.“ Der Mönch war mit dieſem Brief ebenſo zufrieden, wie mit den übrigen und hoffte nicht ohne Grund, daß ſie bei allen, an die ſie gerichtet waren, die empfind⸗ lichſte Saite berühren würden; denn wie die Verhält⸗ niſſe gerade waren, mußten dieſe abſcheulichen Lügen dieſelbe Wirkungſthun, als ob ſie die lauterſte Wahrheit geweſen wären... Die anonymen Briefe werden ſehr häuſig von nei⸗ diſchen, verläumderiſchen und boshaften Leuten ange⸗ wendet; denn mag man ſich noch ſo ſehr dagegen weh⸗ ren, es bleibt immer etwas von dem Gifte hänge — *—***. — —— N*— W v — — 8* N 159 Allein das Schändlichſte iſt, daß ſchon manchmal die Polizei, welche eben den Schutz der perſönlichen Sicher⸗ heit zum Zwecke hat, auf anonyme Anzeigen hin un⸗ ſchuldige, boshaft verleumdete Perſonen gefangengeſetzt und durch das langſame eriminelle Verfahren gefoltert at. Unglückliches Land, das unter ſolchen Willkühr⸗ maßregein ſeufzt und ſie geduldig erträgt! Lieber unter Hottentotten leben, als unter einer Nation, wo ſich die Geſetze zum Werkzeug für feige Rache und ſchändlichen Verrath mißbrauchen laſſen müſſen. Die geachtetſten, ruhigſten Bürger ſehen ſich ſolchen Angriffen wehrlos ausgeſetzt; auf die infame Denunziation eines feigen, verächtlichen Lügners wird der Sohn vom Herzen der Mutter, der Mann aus den Armen der Gattin geriſſen. Die Schlechten triumphiren, während die Guten ein Opfer der ſchamloſeſten Büberei werden. Doch Gott ſei Dank! Der Gerechtigkeit und Sittlichkeit muß end⸗ lich der Sieg bleiben.. Spanien hat leider mehrere Beiſpiele ſolcher ſchändlichen Verfolgungen aufzuweiſen; allein wir wollen hoffen, daß ſolche nicht wieder vor⸗ kommen und daß die ganze Strenge der Geſetze auf die Schurken fällt, welche das niederträchtige Gewerbe verleumderiſcher Angeberei treiben. Patricius ſchloß die Briefe und wollte eben die Adreſſen ſchreiben, als die Glocke heftig anſchlug, Mutter Espérance ſchrie und eilende, dröhnende Schritte ſich der Thüre näherten; er wandte ſich und zitterte vor Schrecken:„ Don Louis de Mendoza ſtand auf der Schwelle ſeines Zimmers. Siebentes Kapitel. Der Mönch und der Liebhaber. „Ha! finde ich Sie endlich!“ ſchrie Don Louis mit drohender Stimme;„das iſt nicht übel.“ „Wie ſo, mein theurer Freund?“ antwortete der Mönch, der den Schlafrock anzog, Don Louis entgegen⸗ ging und ſein Möglichſtes that, um unbefangen zu er⸗ ſcheinen. Don Louis ſah ihn verächtlich an, ſtieß die darge⸗ botene Hand zurück, behielt ſeinen Hut auf dem Kopfe und ſagte: „Wie können Sie die Frechheit haben, mir die Hand reichen zu wollen? „In Wahrheit, ich falle aus den Wolken,“ erwie⸗ derte der Mönch.„Wie! Sind Sie nicht mehr mein Freund? Haben Sie ſo bald die Beweiſe meiner auf⸗ richtigen Freundſchaft vergeſſen? Wären Sie ohne meine aufopfernde Fürſorge von Ihrer tödtlichen Wunde wie⸗ dergeneſen? Doch ſprechen wir nicht mehr davon.... Ich that nur meine Pflicht, nichts weiter. Laſſen Sie hören, welche Verleumdung die Bosheit gegen mich er⸗ ſonnen hat? Ich freute mich ſo ſehr, als ich Sie in mein Zimmer eintreten ſah bot Ihnen die Hand mit ſolcher aufrichtigen Liebe und Zuneigung! Sie weiſen mich zurück? Welchen Grund haben Sie, mein Freund, zu einem ſo undankbaren Benehmen?“ „Das will ich Ihnen ſagen,“ rief der junge Mann ganz entrüſtet;„Sie ſind ein feiger Heuchler!“ 2 „Mein Herr!“ ſchrie der Mönch heftig. fügte aber, ſeinen gewöhnlichen, ruhigen Ton annehmend mit 3 geheuchelter Sanftmuth bei:„Ich werde mich mit einem Manne, den ich ſo ſehr liebe, nicht zanken; ich bin der — At 161 Aeltere, und will mit der Mäßigung vorangehen; glau⸗ ben Sie Urſache zur Unzufriedenheit über mich zu haben, ſo bitte ich Sie, mich nicht ungehoͤrt zu verdammen. Ich bin ein Mann von Ehre;z ſollte meine Erklärung Ihnen nicht genügend erſcheinen, ſo... bin ich jeder⸗ zeit bereit. ſo leid es mir thun würde... Ihnen Satisfaktion zu leiſten. Jetzt ſagen Sie ruhig, was Sie gegen mich haben.“ „Wie können Sie Ihr ſchändliches Betragen gegen mich nur rechtfertigen wollen? Es gibt Beleidigungen, die allein der Degen auszugleichen vermag. Ich kenne alle Ihre Schandthaten, weiß, daß Sie jenes un⸗ ſchuldige Mädchen zuerſt verführen wollten und dann, als Ihre ſündliche Leidenſchaft Widerſtand fand, dieſelbe marterten, bis die Arme wahnſinnig wurde.“ „Guter Gott! Mein werther Freund,“ erwiederte der Mönch, indem er den Kopf ſchüttelte und die Hände über dem Bauche faltete,„Sie haben mich einen Heuch⸗ ler genannt mich beleidigt. und das Alles, weil ich als wahrer Freund gegen Sie gehandelt habe doch Geduld!„ich darf mich über ſo etwas nicht ereifern. Ich will ruhig, gelaſſen ſein; aber be⸗ denken Sie zugleich, daß ich mich dennoch nicht unge⸗ ſtraft beleidigen laſſe. Wir haben eine Ehrenſache ab⸗ zumachen und dieß müß ohne Lärm, ohne Skandal, mit Ruhe und Kaltblütigkeit vor ſich gehen, wie es gebil⸗ deten Leuten geziemt. Wenn Sie ſiegen, ſo iſt es kein großer Schaden, denn ich ſchlage das Leben nicht hoch an und habe zuerſt als Freund und dann als Mann von Ehre meine Pflicht gethan. Sollte ich aber obſie⸗ gen, ſo würde ich es zeitlebens bedauern, einen Mann getödtet zu haben, den ich zärtlich liebte, dem ich das Leben rettete. Allein ich weiß es wohl, das Geſetz der Ehre geht Allem vor und Sie haben richtig bemerkt: Es gibt Beleidigungen, die allein der De⸗ gen auszugleichen vermag.“ Izco, Marie. U. 11¹ 162 Der junge Marquis war auf's Aeußerſte erſtaunt, von dem Mönche eine ſo würdige Sprache zu hören. Er bewunderte nicht nur die edlen Ausdrücke, ſondern noch mehr die impoſante Ruhe, die den mißtrauiſchſten Menſchen getäuſcht hätte. Nach kurzem Schweigen fuhr der Mönch fort: „Nach obiger Erklärung, welche Sie in Hinſicht des Ehrenpunktes befriedigen muß, darf ich Ihnen wohl geſtehen, daß es mir innig leid thut, Sie immer noch blindlings dem Mädchen hingegeben zu ſehen, das Sie ſchon einmal ſo ſchändlich betrogen hat.“ „Mein Herr,“ rief der junge Marquis mit ernſter Stimme,„erlauben Sie ſich nicht ferner, in meiner Gegenwart ein anſtändiges Mädchen, deren Tugend alle Achtung verdient, zu ſchmähen.“ „Eben darin beſteht die unſelige Verblendung, die ich nicht genug beklagen kann. Sie halten dieſes Mäd⸗ chen für tugendhaft und ehrbar; ich muß wohl ſchwei⸗ gen, wenn Sie daſſelbe mit ſolchem Eifer vertheidigen. Ich will daher von der Vergangenheit ganz ſchweigen; betrachten Sie aber einmal ihre gegenwärtige Auffüh⸗ rung.. Ganz Madrid nimmt ja ein Aergerniß an ihrem Liebeshandel mit dem ſchändlichen Baron Lac.“ „Wie, mein Herr, was wollen Sie damit ſagen?“ „O! Nichts weiter: ich müßte Sie nur betrüben, und das will ich doch trotz des Vorgegangenen nicht. Ich ſchweige lieber, ſonſt würden Sie Sachen hören...“ Don Louis fühlte ſein Herz ſo von der glühendſten Eiferſucht zerriſſen, daß er bei dem Namen des Barons Alles, die Bosheit, die bekannte Gleisnerei des Mön⸗ ches, vergaß und in dieſer blinden Leidenſchaft den ſchändlichen Tartüffe krampfhaft beim Arme faßte, ihn anſtarrte und mit erſtickter Stimme rief: „Du biſt kein Menſch! Du biſt eine Schlange, von der Hölle zu meiner Qual ausgeſpieen. Rede„ich will es!. Rede! Was weißt Du von Marien * 163 dieſem abſcheulichen Menſchen, deſſen Namen Du eben nannteſt?“ „Guter Gott! Lieber Marquis, beruhigen Sie ſich . Betrachten Sie mich als ihren Freund, der nicht ſehen kann, wie Sie ſich entehren, für ihr ganzes Leben un⸗ glücklich machen.. aber ich ſage es noch einmal. ich will lieber ſchweigen.“ „Unglücklicher!... rede oder fürchte meine Wuth.“ Bei dieſen Worten knirſchte der arme junge Mann vor Wuth; er faßte den Mönch vorn an der Bruſt und ſchaute ihm mit halb wahnſinnigem Blicke in's Geſicht, die weitere Mittheilung voll ängſtlicher Span⸗ nung erwartend. „Sie bringen mich um, mein Herr,“ ſagte der Mönch gelaſſen;„ſo lange ich Sie ſo ſehe, werde ich kein Wort weiter reden. Bleiben Sie ruhig und ich will die Sache offen mit Ihnen beſprechen; denn mir ſelbſt liegt daran, daß Sie meine aufrichtige Freundſchaft gegen Sie erkennen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Don Louis, indem er den Mönch los ließ,„es iſt wahr, ich war zu heftig.“ Der arme junge Mann nahm ſeinen Hut ab; der Schweiß troff von ſeiner Stirn; er erzwang ein Lächeln und hielt ſich mit der größten Anſtrengung ruhig. „Wohlan! Ich bin ganz ruhig,“ ſagte er, während die fürchterlichſte Eiferſucht ſein Herz zerriß;„Sie ſehen, ich kann lachen und habe meine Beſinnung wie⸗ der Reden Sie frei und offen.. Was ſagt man in Madrid von Marien und dem Baron?“ „Was wird man ſagen! Man findet es höchſt lächerlich, daß die Baronin das Mädchen in ihrem Hauſe beherbergt, welcher der Baron ſchon bei der Marquiſe de la Bourbe den Hof gemacht hatte; man tadelt den Baron, daß er die Gutmüthigkeit ſeiner Frau ſo ſehr mißbrauche; man ſagt endlich„„ poll ich Alles her⸗ ausſagen?“ „Fahren Sie fort,“ ſagte Don Louis. 164 „Nun wohl!.. Aber werden Sie nicht böſe, denn es iſt ja nur eine Vermuthung des Publikums... Man behauptet, die ganze Sache beruhe auf einer güt⸗ lichen Uebereinkunft, ſo daß, während der Gemahl ſich mit dem Mädchen vergnügt, die Baronin ein zartes Verhältniß mit einem liebenswürdigen jungen Marquis unterhalte.“ „Schändlicher Verläumder!“ ſchrie Don Louis voll Entrüſtung. „Sachte, mein Herr,“ erwiederte der Mönch, der mit bewundernswürdiger Geiſtesgegenwart die einzige Stellung einnahm, die ihn retten konnte;„Seien Sie ruhig! Ich habe nur zu lange Nachſicht vorwalten laſſen; be⸗ denken Sie Ihrerſeits, daß ich mich nicht ungeſtraft be⸗ leidigen laſſe, daß ich ein Mann von Ehre bin letzten Worte ſagte er mit beſonderem Nach⸗ druck. „Ach jal“ erwiederte Don Louis mit verächtlichem Lächeln;„ich habe allerdings glänzende Beweiſe von Ihrer Ehrenhaftigkeit, Ihrem Muthe Sie ein Mann von Ehreſ. der die ſchändlichſten Mit⸗ tel gebraucht, um ſich ſeiner Nebenbuhler zu entledi⸗ gen! der mit den ſchmutzigſten Diebshöhlen in Verbindung ſteht!.. der Banditen dingt, um ſeinen Rachedurſt zu kühlen.“ „Das iſt zu viel! Das iſt zu viel!“ ſchrie der Mönch.„Was auch dieſe Schmähungen, deren Sinn ich nicht begreife, heißen mögen.. jetzt iſt es an mir, Satisfaction zu fordern.“ „Sie verlangen ein Duell!“ ſagte der junge Mar⸗ quis mit Verachtung. „Ja, ein Duell; aber eines auf Leben und Tod... Verſtehen Sie?“ „Auf Leben und Tod! Natürlich.“ Die beiden Ri⸗ valen gaben ſich die Hand. Patricius nahm eine Priſe und ſagte mit bewun⸗ dernswürdiger Kaltblütigkeit: 6 165 „Heute Abend erwarte ich Sie und Ihre zwei Zeugen im Kaffeehaus zum Prinzen und überlaſſe Ihnen die Wahl der Waffen. Ich werde ebenfalls mit zwei Zeugen erſcheinen.“ „Ich werde nicht fehlen,“ erwiederte Don Louis und eilte weg. Am Abend kamen ſie ausgemachtermaßen zuſam⸗ men: Don Mendoza wählte Piſtolen und der Mönch bedung eine Entfernung von nur fünf Schritten, damit der, welcher den erſten Schuß bekomme, gewiß ſeinen Gegner tödte. Achtes Rapitel. De Machtmuſik. Am 17. Juli 1836 feierte die progreſſiſtiſche Par⸗ tei den Sieg, den ſie bei den Wahlen davongetragen hatte, und brachte den neugewählten Abgeordneten eine Nachtmuſik. Don Louis de Mendoza, Kommandant eines Na⸗ tionalgarde⸗Bataillons von Madrid, war ebenfalls durch die öffentliche Stimme unter die Cortes berufen wor⸗ den. Der alte Vater, deſſen demokratiſche Geſinnungen dem geneigten Leſer ſchon bekannt ſind, war voll Freude, ſeinen Sohn ſo allgemein geachtet zu ſehen. Die Fontona d'Oro war mit Liberalen angefüllt und der alte Marquis erſchien wie neu verjüngt unter der lärmenden Menge. Seine Freude, ſeine liebens⸗ würdige Zuvorkommenheit gegen Alle, die gekommen waren, ihm Glück zu wünſchen, die feine Art, mit wel⸗ cher er den hochgeſtellten Adeligen wie den ehrſamen 166 Bürger gleich höflich zu begrüßen wußte, ſein offener Freimuth, ſeine Beredtſamkeit, der hohe Flug ſei⸗ ner politiſchen Ideen erwarben ihm bald die allge⸗ meinſte, theilnahmsvollſte Achtung aller Liberalen von Madrid. Daß den Speiſen und Getränken des Wirthes ge⸗ hörig zugeſprochen wurde, braucht kaum bemerkt zu werden. Allein während dieſer ihm geltenden Ehren⸗ bezeugungen ſetzte der junge Margquis an dem bezeich⸗ neten Zuſammenkunftsorte die Bedingungen zu dem bevorſtehenden Duelle feſt, das ihn den Armen des Vaters entreißen, die glänzenden Hoffnungen mit einem Schlage vernichten konnte. Der Vater, welcher die drohende Gefahr nicht kannte, glaubte ihn glücklich und freute ſich ſeines Glückes. Doch war eben jetzt der junge Mann in düſteres Nachdenken verſunken: Furcht vor dem auf den andern Tag feſtgeſetzten Duelle war gewiß nicht der Grund, denn Feigheit war ſein geringſter Fehler. Die peini⸗ gendſten Zweifel der Eiferſucht zerriſſen ſein Herz. Ohne die Aufdringlichkeit des Barons und das ſonder⸗ bare Benehmen Mariens hätte er freilich den trügeri⸗ ſchen Worten jenes abſcheulichen Nebenbuhlers keinen Augenblick Glauben beigemeſſen.„Marie treulos!“ ſagte er ſich in untröſtlichem Schmerze;„nein! Undankbarkeit und Untreue haben keinen Raum in einem ſo gefühl⸗ vollen Herzen... Und doch ſchenkte ſie mir keinen Blick, während der neue Nebenbuhler ihr ſeine faden Schmeicheleien ſagte. Wer beweiſ't mir aber, daß ſie Wohlgefallen daran fand? Vielleicht empfand ſie einen tiefen Ekel daran, um ſo mehr, da ſie ſich mir nicht mittheilen konnte.. Eitler Wahni Hat die Lebe feine andere Sprache, als die der Worte? Reicht für zwei liebende Herzen nicht ein Blick, eine Bewegung hin, um ſich verſtändlich zu machen? Ein einziger Blick, ein Lächeln von ihrem Munde hätte mich beruhigt.. ſo 167 lange ich da war, blieb ihr Auge feſt auf den Boden gehef⸗ tet! Ach, ihre Verwirrung war nicht die einer ſcham⸗ haften Zurückhaltung, es war die Verwirrung des Schuldbewußtſeins Ja. ja Marie iſt ſchuldig; ihre Beſcheidenheit, Schüchternheit, Unſchuld, ihre ſanfte Rede.. ihr einfaches, liebenswürdiges Betragen. ach, Alles, Alles iſt nur Lüge, Heuche⸗ lei! Kann die Koketterie ſo weit gehen! Achl es iſt nur zu wahr.. und doch kann mein zerfleiſchtes Herz nicht an ſolche Bosheit glauben. Guter Gott! kann ſich unter der Hülle eines Engels das Herz eines Teu⸗ fels bergen?.. Aber ich war ſelbſt Zeuge ihres Verraths... vor meinen Augen hat ſie ihre Undank⸗ barkeit zur Schau getragen.. mich abſichtlich belei⸗ digt, gemartert.. das iſt ſchändlich! Und doch kann ich ſie nicht haſſen... Was ſage ich?„ſie haſſen? . Itch liebe ſie noch bis zum Wahnfinn, trotz dem, daß ich ſie verachten muß... Mein Hirn glüht.. Wenn der Mönch Recht hätte! Wenn ihr früherer Wahnſinn Folge ihres ſchlechten Lebenswandels wäre! Fort mit den raſenden Gedanken!„ Die Ver⸗ worfenheit deſſen, der Marien anklagt, iſt mir durch einen Sterbenden bezeugt. ein Sterbender lügt nicht!“ Unter ſolchen düſtern Zweifeln erreichte Don Louis ſein Hotel. Bei ſeinem Eintritte ſchallte ihm ein lautes Lebe⸗ hoch entgegen. Sein Vater umarmte, die Uebrigen begrüßten ihn herzlich. Alle rühmten ſein Glück, ſeine glänzende Zukunft, während er ſich im Innern ſo un⸗ glücklich fühlte, den Tod vor Augen ſah. Don Louis wußte als Mann von Welt den na⸗ genden Schmerz zu unterdrücken, unter den röhlichen den Ton der heiterſten, liebenswürdigſten Laune anzu⸗ ſtimmen. Toaſte auf die Freiheit, auf die Nationalunabhän⸗ gigkeit, auf die Volfsſouveränität, auf die Vertreter 168 des Volkes wurden ausgebracht.. kurz, Nichts ver⸗ ſäumt, was bei ähnlichen liberalen Feſten zu geſchehen pflegt. So hörte man auch patriotiſche Improviſatio⸗ nen, Gedichte, und unter anderen ſagte einer ſeiner näheren Bekannten, der vielleicht von der Liebe des jungen Marquis Kunde hatte, folgendes Gedicht: Brindo por el jöven bello que de ser libre hace alarde, que nunca ha sido cobarde ni doblö el altivo cuello. De su valor al destello hündase el bando opresor, jamäs vea en derredor ni un tirano, ni un verdugo. Nunca se rinda à mas yugo que al feliz yugo de amor.*) Während die ganze Geſellſchaft in enthuſiaſtiſchen Beifall ausbrach, konnte ſich Don Louis eines ſchweren Seufzers nicht erwehren. So dauerte das heitere Feſt bis um ein Uhr nach Mitternacht, als ihm ein unvorhergeſehenes Ereigniß plötzlich ein Ende machte. Eben ſchlug die Glocke ein Uhr, als ein röthliches Feuer, ähnlich dem Wiederſcheine einer Feuersbrunſt, die St. Hieronymusſtraße beleuchtete. Es waren die Offiziere des Nationalgarde-Bataillons, deſſen Kom⸗ mandant Don Louis war, welche mit ihrer Muſik her⸗ *) Ich trinke auf den ſchönen Jüngling, die Zierde der Freiheit, der nie ſeine kühne Stirne unter ein ſchimpfliches Joch beugt. Vor ſeiner Manneskraft erbebe die Schaar der Tyrannen; keinen Deſpoten, keinen Schergen dulde er in ſeiner Nähe. Nie u er ein Joch auf ſich, als das ſüße Joch der iebe. — 160 beikamen, um ihm eine Ehre zu erweiſen. Eine Menge anſtändiger, ehrenhafter Bürger hatten ſich angeſchloſ⸗ ſen und begleiteten, Wachsfackeln in der Hand, den Zug*). Kaum aber hatte die Nachtmufik begonnen, *) Die Abgeordneten, welche Madrid(Stadt und Amt) wählte, waren ſämmtlich Progreſſiſten. Die Ein⸗ wohnerſchaft der Hauptſtadt begrüßte dieſen Erfolg mit dem lauteſten Enthuſiasmus und in der Nacht vom 17. Juli brachte man den Gewählten einen feſtlichen Fackelzug mit Muſik. Dieſe Aeußerung der Volksſtimmung mißfiel begreiflichermaßen der Regierung ſehr und der Generalkapitän, der ſchon zuvor durch zahlreiche Patrouillen die friedliche Bürgerſchaft in Unruhe verſetzt hatte, näherte ſich in der Fürſtenſtraße den zuletzt gehenden Perſonen, welche der Nachtmuſik folgten, und fragte ſie, ob ſie Erlaubniß hätten, zu ſolcher Nachtzeit in den Straßen ſpazieren zu gehen. Dieſe unſchuldigen Leute, die ohne allen anderen Zweck nur mitgingen, um Muſik zu hören, antworteten, ſie hätten keine an⸗ dere Erlaubniß als die der Muſiker. Dieß wurde von der Militärgewalt laut ihres eigenen Tags⸗ befehls als der Beweis einer Zuſammenrottung, als das Sympton einer beabſichtigten Emeute ange⸗ ſehen; geſtützt auf den Artikel VI. des ſechsten Abſchnitts der Kriegsordnung, wo es heißt, daß in Garniſonen keine Volksfeſte und andere außer⸗ ordentliche Verſammlungen des Volkes Statt finden dürfen, ohne den Gouverneur oder die Beamten davon in Kenntniß zu ſetzen, ließ der General⸗ kapitän, ohne Rückſicht darauf, daß er weder Gou⸗ verneur, noch ſtädtiſcher Beamter war, und daß die Sorge für die öffentliche Ruhe Sache der Civil⸗ behörden iſt, die ganze Volksmaſſe durch ſeine be⸗ waffnete Macht auseinander jagen. Dieſe ächt ſoldatiſche Maßregel erbitterte das Volk, das, bis 170 als die bewaffnete Macht erſchien und trotz der Prote⸗ ſtation der angeſehenſten Bürger, trotz des Wieder⸗ ſpruchs der ſtädtiſchen Behörden, in deren Obliegenheit hier eingegriffen wurde, die ganze verſammelte Menge auseinander jagte und alle Perſonen, welche Uniform trugen, ja Don Louis ſelbſt, verhaftete Dieſe unerhörte Willkührmaßregel war durch eine infame Denunciation des Mönches veranlaßt und aus dieſem Grunde ſtammte ſein Muth, den er bei ſeiner letzten Zuſammenkunft mit Mendoza an den Tag gelegt hatte. Der ſchelmiſche Prieſter hatte das Duell ruhig auf Tagesanbruch beſtimmen können, da er voraus wußte, daß Don Louis gleich nach Mitternacht verhaf⸗ tet würde. Welche Täuſchung! Seiner Geliebten hatte Don Louis die Rettung ihres Vaters, ſeinen Meinungs⸗ genoſſen die Freiheit des Landes verſprochen.. und ſah ſich nun widerrechtlich verhaftet und in das Kri⸗ minalgefängniß von St. Baſilius geführt, wo ein Truppenpoſten aufgeſtellt war; denn die Regierung ſtützte ſich in dieſen letzten Tagen der ängſtlichen Selbſt⸗ erhaltung nur noch auf die Gewalt der Bajonette. Die Gefangennehmung eines ſolchen Mannes betrübte nicht nur den zärtlichen Vater auf's Tiefſte, ſondern ſchüch⸗ dahin ganz ruhig und friedlich, nun in ein lautes Schreien ausbrach und eine drohende Haltung annahm. Die Nationalgarden, welche man in Uniform traf, wurden alsbald verhaftet, wie wenn es ein Verbrechen wäre, dieſe populäre Kleidung zu tragen. Die Folgen dieſer unüberlegten Maß⸗ regeln zeigten ſich für die Regierung höchſt nach⸗ theilig, denn Nichts raubt einer Staatsgewalt ſo ſicher und ſchnell die Achtung, als die brutale Dumm⸗ heit und der ſoldatiſche Uebermuth ihrer Agenten. Chronique contem. Bd. III. S. 155. 17¹ terte für den Augenblick die ganze Partei ein, da jeder ein gleiches Schickſal fürchtete. NMeuntes Rapitel. Eine unfreiwillige Erklärung. Im Hotel der Baronin hatte ſich Alles geändert. Seit der ſo erſehnten Zurückkunft des Gemahls war die Einigkeit ſo ſehr geſtört, daß ſich die beiden Gatten und Marie nur bei Tiſche ſahen, wo ſie kaum ein Paar Worte wechſelten. Nur der Baron hatte ſeine Kur⸗ macherei gegen Marie noch nicht aufgegeben und be⸗ harrte bei ſeinen verbrecheriſchen Abſichten, trotz dem, daß das arme Kind Nichts darauf antwortete, ſondern durch deutliche Beweiſe ihres Mißvergnügens ſeiner Keckheit Schranken zu ſetzen ſuchte. Der unverſchämte Verführer hielt ſich nicht ein⸗ mal in Gegenwart ſeiner Gemahlin zurück, ſondern ſchien abſichtlich ſeine Liebe für Marie zeigen zu wol⸗ len; überzeugt, daß während ſeiner Abweſenheit Don Mendoza das Herz ſeiner Frau gewonnen habe, glaubte er ſ verletzte Ehre offen auf dieſe Weiſe rächen zu dürfen. Die philoſophiſche Reſignation der Baronin war nun ebenfalls erſchöpft, beſonders ſeitdem Marie, durch ein ähnliches Gefühl geleitet, ihre Wohlthaten nur mit Widerwillen anzunehmen ſchien. Dieſes arme Mädchen, das nicht mehr an dem verbrecheriſchen Einverſtändniß zwiſchen Don Louis und Emilien zweifelte, konnte dieſer, ihrer früheren Freundin und Beſchützerin, nicht mehr mit der alten 172 Liebe entgegentreten, da ſie in ihr nur eine verhaßte Nebenbuhlerin, eine heuchleriſche Freundin zu ſehen glaubte. Die anonymen Briefe von Patricius hatten treff⸗ lich gewirkt und die Baronin wollte nur noch mit ihrem Bruder reden, ehe ſie Marien, von der ſie ſich ſ ſchändlich betrogen wähnte, aus dem Hauſe ent⸗ ernte. Das unglückliche Mädchen ſaß, die bitterſten Thrä⸗ nen vergießend, in ihrem einſamen Zimmer; nie hatte ſie ſich ſo unglücklich gefühlt als jetzt, da ſie ſich von Freundſchaft und Liebe hintergangen glaubte. Zu wem in der Welt ſollte ſie nach ſo bittern Erfahrungen noch Zutrauen fühlen?... Nur einen Einzigen gab es, gegen den ſich kein Verdacht in ihrem Herzen regte.. Aber dieſer Mann, ihr Retter, der Retter ihrer Mut⸗ ter, ihr zweiter Vater, war zugleich der Bruder der Baronin, und Marie hatte ſich vorgenommen, lieber ihren Gram tief im Innerſten ihres Herzens zu ver⸗ ſchließen, lieber zu ſterben, als ihm durch ihre Klagen Kummer und Beſchämung zu verurſachen. Noch etwas laſtete ſchwer auf ihrem Herzen: ihr Vater war im Gefängniß, und Don Louis hatte ver⸗ ſprochen, ihn zu retten; was konnte ihm, der ſolches Spiel mit der Tochter trieb, an der Freiheit des Va⸗ ters liegen? Konnte ſie ſeinem Wort noch trauen, da er den heiligen Schwur treuer Liebe gebrochen hatte? In ſolche trübe Gedanken verſunken, ſaß Marie auf ihrem Zimmer, als Doktor Aguilar ſie eines Morgens beſuchte. Kaum hatte der wackere Arzt die Gefangennehmung des jungen Marquis erfahren, als er Marien zu be⸗ ſuchen eilte, um ihr jede gefährliche Gemüthserſchütte⸗ rung zu erſparen, und ihr die Nachricht ſo ſchonend als möglich beizubringen. „So traurig, Marie! Immer noch ſo traurig,“ 173 fragte Don Antonio, da er zu dem bekümmerten Mäd⸗ chen eintrat. „Wundern Sie ſich nicht, mein guter Vater. doch ich fühle mich wohl... ich bin ganz ge⸗ ſund; nirgends aber würde ich mich ſo ſchnell erholen, als bei meiner Mutter... Ich bin ſchon ſo lange von meinen Eltern, meinen Geſchwiſtern getrennt; es ſcheint mir eine Ewigkeit, daß ich das väterliche Haus verlaſſen habe. Trotz aller Entbehrungen war ich da⸗ mals am glücklichſten, als ich meiner Mutter beiſtehen, unter Müh und Noth mich ihrer Liebe würdig zeigen konnte; und wenn ich nun denke, daß ſie mehr als je der Ruhe bedarf, um das durch Ihre Hülfe neu er⸗ langte köſtliche Gut des Augenlichts zu bewahren, ſo wird meine Sehnſucht, ihr beiſtehen zu dürfen, täglich dringender, meine Entfernung von ihr mir immer un⸗ erträglicher. Sehen Sie, dieß iſt der Grund meiner Traurigkeit; ſeien Sie überzeugt, ſo lange ich von meinem elterlichen Hauſe entfernt bin, blüht mir kein Glück. Ich warte nur auf Ihre gütige Erlaubniß, um in meine beſcheidene Wohnung zurückzukehren, die ich nie hätte verlaſſen ſollen. Die Liebe meiner Mutter und Geſchwiſter, der treue Rath meines Vaters, wer⸗ den mich für Alles entſchädigen.“ „Ihren Puls ſehr ſchwach, kaum fühlbar.. Wenn Sie dieſe Melancholie nicht mit aller Anſtren⸗ von ſich weiſen, ſo iſt alle meine Mühe um⸗ on S „Bei meiner Mutter werde ich bald ganz geneſen.“ „Ich darf Ihrem Wunſche jetzt nicht entſprechen. Ein Arzt muß ſeinen Plan bis an's Ende konſequent verfolgen. Wenn durch dieſen Wechſel der Erfolg Ihrer vollſtändigen Heilung gefährdet würde, ſo könnte ich mir das nie vergeben... Sind Sie denn ſo ungern in dieſem Hauſe?“ „Ach nein, mein Herr,“ antwortete das Mädchen 174 mit erzwungenem Lächeln, während eine Thräne ihrem Auge entrollte und ſie Lügen ſtrafte. „Marie,“ ſagte Aguilar mit feierlichem Ernſte,„Sie ſind nicht zufrieden... nicht glücklich.“ „Ach das iſt nur zur wahr,“ antwortete Marie, und Thränen ſtürzten unaufhaltſam über ihre Wangen. „Weinen Sie, weinen Sie, meine Tochter,“ ſagte der Arzt gerührt;„das erleichtert Ihr Herz; allein Sie bedürfen noch eines wirkſameren Troſtes. Schütten Sie Ihr Herz vor mir, Ihrem beſten Freunde, den Sie Ihren zweiten Vater nannten, aus, vertrauen Sie ſich mir an, und ich will ſehen, was mit Gottes Hülfe zu thun iſt.“ „Ach!“ antwortete ſie ſeufzend,„man hat mich verrathen!“ „Verrathen! Wer?“ Marie konnte nicht antworten: ihre Stimme war erſtickt. „Halten Sie Ihren Geliebten für untreu? Haben Sie irgend einen Verdacht gegen ihn?“ „Wollte der Himmel, es wäre nur ein Verdacht! Ach! Ich habe nur zu deutliche Beweiſe ſeiner Un⸗ treue.“. „Wäre es möglich?“ „Eben das letzte Mal, als ich ihn ſah, hatte er die Grauſamkeit, mit ſeiner Unbeſtändigkeit vor meinen Augen zu paradiren.. Herr Doktor Aguilar hielt es für rathſam, jetzt die Verhaftung des jungen Marquis kund zu thun⸗ „Beruhigen Sie ſich, Marie: wenn Ihr Geliebter Sie nicht befucht hat, ſo geſchah es deshalb, weil er verhaftet iſt.“ „Verhaftet!“ ſchrie das arme Kind voll Schrecken. „Ja, wegen eines leichten Dienſtfehlers verhaftet; Sie wiſſen, daß er Kommandant der Nationalgarde iſt, und da gibt es hie und da häckliche Auſträge. v2. 175 Aber er wird gewiß bald wieder in Freiheit geſetzt werden.“ „Droht ihm gewiß keine Gefahr?“ „Sicherlich nicht. Aber in wiefern ſoll er Sie denn verrathen haben?“ „Weil er... eine Andere liebt.“ Die Thränen hinderten Marien aufs Neue am Sprechen, und die Arme verbarg voll Schmerz das Geſicht in ihren Händen. „Eine Andere! Iſt das möglich?„. Sagen Sie mir Alles; entdecken Sie mir den Namen Ihrer Nebenbuhlerin.“ „Ich kann und darf das nicht.“ „Sie dürfen es nicht!.. mir, Ihrem beſten Freunde, Ihrem zweiten Vater?“ Der Doktor blieb einen Augenblick nachdenklich ehen. „Ach! Erbarmen!.. Wenn Sie mir Ihre Liebe beweiſen wollen.“ „Wie, mein Kind! Braucht es noch Beweiſe mei⸗ ner Zuneigung, des warmen Intereſſe, das ich an Ihrem Schickſal nehme? Habe ich Ihr Vertrauen noch nicht verdient?“ „Gott iſt mein Zeuge, daß ich Ihnen gern Alles ſagen würde; allein mein Unglück will, daß auch dieſer Troſt mir verſagt ſein ſoll. Eine heilige Pflicht hin⸗ dert mich, mehr zu ſagen... Ach! es iſt nicht Man⸗ gel an Zutrauen.. Im Gegentheil; die Dankbarkeit gegen Sie legt mir Stillſchweigen auf.. Allein dennoch hängt die Linderung meiner Qual nur von Ihnen ab.“ „Nur von mir?.. Reden Sie.. was ſoll ich thun?“ „Erlauben Sie, daß ich dieſes Haus verlaſſe!“ „Dieſes Haus verlaſſen!“ Der Arzt ſah nachdenk⸗ lich auf den Boden. 176 „Ich bin ſchon ſo lange von meiner Mutter ge⸗ trenntl Ich verlange ſo ſehr nach ihr!“ „Dieſes Haus verlaſſen!“ wiederholte der Doktor nachdenklich;„und Sie nennen mir den Namen Ihrer Nebenbuhlerin nicht, weil es Ihnen die Dankbarkeit gegen mich verbietet! Marie,“ fuhr er voll würdigen Ernſtes fort,„ich habe Alles verſtanden; entfernen Sie einen ſolchen unwürdigen Verdacht; meine Schweſter iſt deſſen nicht fähig.“ „Ach, mein Herr!“ rief Marie voll Scham, ſich verrathen zu haben. „Mehr als je beſtehe ich jetzt darauf, daß Sie dieſes Haus nicht verlaſſen; ehe das geſchieht, müſſen Sie von der ſchlechten Meinung über meine Schweſter, welche dieſe wahrlich nicht verdient, zurückgekommen ſein.“ Ein Bedienter des Doktor Aguilar trat ein, und ſagte: „Mein Herr! Ein Aufſeher des Hospitals hat den Herrn Doktor aufgeſucht, und da er Sie nicht zu Hauſe traf, mir dieſes Billet übergeben, damit ich es ſo ſchnell als möglich in Ihre Hand überliefere.“ „Wahrhaftig; auf der Adreſſe ſteht preſſant; Sie erlauben wohl, mein Fräulein?“ Er las, wie folgt:„Mein Herr, vor einer Stunde hat man eine Kranke aus dem Arbeitshauſe in das Hoſpital gebracht. Ihr Zuſtand iſt bedenklich, und das Uebel verſchlimmert ſich von Minute zu Minute. Sie werden daher erſucht, ſogleich in das Hoſpital zu kommen, beſonders da die Kranke ſelbſt das lebhafteſte Verlangen zeigt, Ihnen Geheimniſſe von Wichtigkeit anzuvertrauen. Da die Kranfe jeden Augenblick die Beſinnung verlieren kann, r⸗ ich mich, Ihnen dieſe Nachricht zukommen zu laſſen.“ Der Arzt grüßte und entfernte ſich eilends, wäh⸗ rend Marie derwirrt und rathlos zurückblieb⸗ ie 4 177 So verfloßen mehrere Tage, ohne daß ſich in den Verhältniſſen Mariens eine weſentliche äußere Verände⸗ rung ergab; der würdige Hoſpitalarzt hatte aber unter⸗ deſſen durch die Ausſagen der Sterbenden wichtige Ent⸗ deckungen gemacht. Marie ſaß eines Morgens, ſchon im Monat Au⸗ guſt, ſtill und nachdenklich in ihrem Zimmer, als eine ſonore Stimme ſie mit dem Worte„ſchöne Marie!“ aus ihren Träumen aufſchreckte. Mit dieſem Worte betrat nämlich Baron Lac zum erſten Mal das jungfräuliche Zimmer, um ſeine ſchänd⸗ Verführungskünſte gegen das arme Kind zu ver⸗ uchen. Zu gleicher Zeit hatte die Baronin mit ihrem Bru⸗ der eine wichtige Unterredung, welche der Leſer in dem folgenden Kapitel erfahren ſoll. Zehntes Kapitel. Bruder und Schweſter. Während des Sommers hatte Doktor Aguilar die Gewohnheit, ſehr frühe aufzuſtehen und zu ſtudiren, da er der Ueberzeugung war, daß ein Arzt, um ſeiner Pflicht vollkommen zu genügen, immer auf dem Laufen⸗ den in ſeiner Wiſſenſchaft bleiben müſſe. Um ſeinen Obliegenheiten als Hoſpital-Arzt deſto leichter nachkommen zu können, hatte Aguilar eine hübſche Wohnung in der Atochaſtraße gemiethet. Sein Schreibzimmer beſtand in einem zierlichen Jzeo, Marie. n. 12 . 178 Salon, an deſſen Wänden Glasſchränke aus Akajou⸗ holz die ausgebreitete Bibliothek enthielten, welche nicht nur die beſten mediziniſchen, chirurgiſchen und natur⸗ wiſſenſchaftlichen Werke des In⸗ und Auslandes, ſon⸗ dern auch eine Menge ſchönwiſſenſchaftlicher Bücher umfaßte. Doktor Aguilar verſtand und ſprach mehrere fremde Sprachen, und las gerne zur Erholung zwiſchen ſeine beruflichen Studien cinen franzöſiſchen oder engli⸗ ſchen Dichter. Am 15. Auguſt 1836 um 7 Uhr Morgens wurde ihm ein Beſuch angemeldet, der ihn zu dieſer Stunde und bei der damaligen, durch die politiſchen Unruhen veranlaßten Unſicherheit der Straßen doppelt über⸗ raſchte. „Du hier, liebe Emilie!“ ſagte Doktor Aguilar, als die Baronin bei ihm in's Zimmer trat. „Ja, lieber Bruder,“ antwortete die Baronin.„Ich habe Dir Wichtiges mitzutheilen. Es gibt Verhältniſſe, die man auf irgend eine Weiſe, ſogar gewaltſam, bre⸗ chen muß, wenn es Zeit iſt. Niemand kann einem Skandal, einer aufgeregten Szene ſo abgeneigt ſein, als ich, und ich hüte mich, wie Du weißt, ſeit je vor leidenſchaftlichen Maßregeln; allein es gibt Verhält⸗ niſſe, wo fernere Nachſicht eine Schande, ruhiges Gehen⸗ laſſen eine niederträchtige Feigheit wäre.“ „Das begreift ein Arzt leicht; denn wie oft muß man einen Arm oder ein Bein amputiren, um den übrigen Leib zu retten!.. Aber dieſer Eingang macht mich für Dich zittern, arme Schweſter!“ „Höre mich ruhig an; denn Deinen Rath nehme ich in Anſpruch, um meine Ehre zu ſchützen.“ „Rede„ Deine geheimnißvollen Worte machen mir tödtliche Angſt. Du weißt wohl, liebe Schweſter, daß Du den erſten Platz in meinem Herzen einnimmſt.“ „Ich weiß das wohl, und ſeit dem Tode unſerer Eltern habe ich kein Herz auf der Welt, das mich liebt, als das Deinige.“ M— e, 2 P t⸗ ⸗ en 9 ne en er, . 4 rer 179 Emilie konnte nicht weiter reden; ihr Athem ſtockte, und ein Strom von Thränen floß über ihre von Scham gerötheten Wangen herab. Ihr Bruder dagegen wurde blaß, wie der Schnee. „Ja, gute Schweſter, meine Liebe gegen Dich iſt unwandelbar;“ dann fügte er mit zitternder Stimme bei:„Aber wie? Haſt Du nicht Deinen Gemahl?“ „Mein Gemahl. „Rede 1“ „Er iſt mir untreu geworden!“ Bei dieſen Wor⸗ ten zerfloß das arme Weib in ſchmerzlichen Thränen. Aguilar öffnete unwillkührlich ſeine Arme, und um⸗ fing die Schutz ſuchende Schweſter. „Auch dieſe?“ rief der Doktor.„Weine, weine, ſo viel Du kannſt, liebe Emilie! Erleichtere Dein Sei Thränen, und vertraue Deinem Bruder es. „Ach! wie wohl mir dieſe Worte thun! Seit ich weine, ſeit ich Dir mein Herz zu öffnen angefangen habe, erleichtert ſich die Laſt meines Kummers„ lindert ſich der nagende Schmerz in meinem Innern.“ „Siehſt Du?.. Nun wohl, trockne Deine Thrä⸗ nen, und erzähle mir ruhig... oft ſind unſere Uebel in der Einbildung viel größer, als in der Wirklich⸗ keit.. Vielleicht finde ich ein Heilmittel für Deine Leiden.“ „Es gibt kein anderes Mittel mehr, als Tren⸗ nung ich gehe vielleicht darüber zu Grunde. aber eine Trennung von meinem Manne iſt unver⸗ meidlich.“ „Nur ſachte!“ unterbrach ſie der Arzt.„Ehe man zu dieſem Letzten ſchreitet, müſſen alle anderen Mittel vorher erſchöpft ſein. Es wäre dieß ein ärgerliches Ereigniß, deſſen unangenehme Folgen Du allein zu tragen hätteſt. Leider beſitzt Spanien noch kein Geſetz, das die Scheidung der Ehe legaliſirte, und denjenigen, 180 die ohne Gefahr des Leibes und der Seele nicht länger zuſammen leben können, die Freiheit gäbe. Unzählige Leiden und Verbrechen ſind die Folge von dieſem Man⸗ gel; allein da es nun einmal ſo iſt, ſo muß man durch Klugheit den Schaden vergüten, den die Einſeitigkeit des Geſetzes verurſacht, muß bedenken, was man ſich, aber auch, was man dem öffentlichen Anſtande ſchuldig iſt, und nicht vergeſſen, daß nicht ſelten die gerechteſte, bitterſte Thräne dem Geſpötte der Welt verfällt. Des⸗ halb wollen wir eine ſo wichtige Sache reiflich über⸗ legen, und vor Allem. nenne mir die Mitſchuldige Deines Gemahls: ein Name gibt oft auf einmal Licht in eiuer dunkeln Sache.“ „Wohlan! Aber lieber Bruder, Du wirſt erſtau⸗ nen.. Du hätteſt gewiß nie geglaubt, Deine Wohl⸗ thaten ſo mit Undank belohnt zu ſehen.“ „Laß hören!“ „Es wird Dich tief betrüben.“ „Thut nichts; nur immer zu.“ „Es iſt eine Perſon, von welcher Du bisher die beſte Meinung hatteſt, die Du väterlich liebteſt.“ „Marie?“ fragte der Doktor ungeduldig. „Eben ſie.“ „Das iſt nicht wahr,“ antwortete feſt und be⸗ ſtimmt der Doktor.„Nein, ich wiederhole es noch ein⸗ mal, und bitte Dich, mir meine feſte Aeußerung nicht übel zu deuten: es iſt nicht wahr! Marie iſt ein Mu⸗ ſter von Tugend... eine ſolche Niederträchtigkeit ließe ſich mit dem Adel ihrer Seele gar nicht reimen. Meine Se Schweſter, merke wohl auf: Ihr Beide ſeid das Dypfer einer neuen Schurkerei, welche von den Feinden jenes armen Mädchens herrührt... Marie iſt un⸗ ſchuldig, das ſchwöre ich; und das augenſcheinliche Zu⸗ ſammentreffen gewiſſer Umſtände läßt mich einen ge⸗ heimnißvollen Zuſammenhang vermuthen, den ich ſogleich enträthſeln zu können hoffe.“. „Einen geheimnißvollen Zuſammenhang?“ 6. M M S N—— W 181 „Ja wohl, Emilie! Schon ſeit lange verzehrt ſich Marie in den bitterſten Qualen der Eiferſucht, und weißt Du, wer der Gegenſtand Ihres Argwohns iſt?“ „Wer?“ „Du ſelbſt, Emilie; und mit eben der Beſtimmt⸗ heit, mit welcher Du jene Unglückliche des Einverſtänd⸗ niſſes mit Deinem Gatten bezüchtigſt, mit eben dieſen Thränen behauptet ſie, Du ſteheſt in einem ſtrafwürdi⸗ gen Verhältniß zu ihrem Geliebten.“ „Mein Bruder!“ „Nein! Ich habe mich falſch ausgedrückt: nicht ſie hat es mir geſagt, nicht mit Worten behauptet, ſondern ich habe es errathen. Sie will durchaus Dein Haus verlaſſen, das Wohlleben meiden, im Schoße ihrer Familie Ruhe und Vergeſſenheit ſuchen.“ „Iſt das möglich?“ „Ich bin von der Unſchuld Mariens ſo gewiß über⸗ zeugt, wie von der Deinigen, liebe Schweſter; und dennoch betrachtet Ihr Euch mit argwöhniſchen Augen, laßt Euch durch ein ebenſo ungerechtes, als beklagens⸗ werthes Mißtrauen zu gegenſeitigem Haß verleiten?“ „Allein, mein lieber Bruder, ich habe gewiß trif⸗ tige Gründe zu meinem Argwohn, zu meinem Haß. Jeden Tag leide ich unter dieſem ſchändlichen Verhält⸗ niſſe, ſo daß ich es nicht länger ertragen kann; auch mußt Du wiſſen, daß ihr Einverſtändniß nicht erſt von heute iſt. Es iſt ſchon lange her, daß ſie ſich lieben, und ſchändlicherweiſe mußteſt Du ſelbſt es ſein, der mir dieſe abſcheuliche Nebenbuhlerin in das Haus brachte. Trotz ihrer liſtigen Verſtellungskunſt konnten ſie mich nicht ſo täuſchen, daß ich ihr Einverſtändniß nicht ſo⸗ gleich beim erſten Wiederſehen in Aranjuez bemerkt hätte. Schon damals argwöhnte ich ein ſolches Verhältniß, und fand mich leider nicht getäuſcht. Seit ſeiner An⸗ kunft vernachläßigt mich mein Gemahl auf's Schänd⸗ lichſte, ſpricht kein Wort mit mir, ſieht mich mit Augen voll des tiefſten Haſſes an, und treibt die Frechheit 182 ſo weit, Marien in meiner Gegenwart den Hof zu machen.“ „Und Du nimmſt Deinerſeits die Schmeicheleien von Don Louis in Gegenwart Mariens an?“ „Es iſt wahr; aber nur mit Widerwillen.“ „Iſt Marie auf irgend eine Weiſe dem Baron ent⸗ gegengekommen?“ „Das will ich nicht ſagen; aber das iſt gewiß, daß ganz Madrid von dieſem Liebesverhältniſſe ſpricht, wie Du aus dieſem Briefe einer meiner Freundinnen erſehen kannſt.“ Die Baronin übergab ihrem Bruder den bewußten anonymen Brief. „Sehr gut,“ ſagte Doktor Aguilar ganz ruhig, nachdem er geleſen hatte,„und eben dieſer Brief be⸗ ſtärkt mich in meiner Anſicht, daß hier eine teufliſche Schurkerei zu Grunde liegt. Glücklicherweiſe habe ich den Faden, der uns aus dieſem Labyrinthe führen ſoll, ſchon in Händen. In der letzten Zeit habe ich wichtige Entdeckungen gemacht, und bald werdet Ihr Beide, Du und Marie, erfahren, welcher Verläumder Euch ſo ſchändlich betrogen hatte. Jetzt komm, liebe Schweſter, laß uns gehen!“ „Wohin?“ „Nach Hauſe zu Dir.“ „Was willſt Du thun?“ „Unterwegs werde ich Dir Alles entdecken und hoffe Dir die Wiederkehr Deines ehelichen Glückes weis⸗ ſagen zu dürfen.“. „Wollte Gott, es ſei ſo! Aber ich fürchte, Dein guter Glaube täuſcht Dich.“ Doktor Aguilar kleidete ſich in aller Eile an und fuhr raſch nach dem Hotel des Baron Lac. ₰ 2 183 Eilftes Rapitel. Die Verführung. Während der Doktor Aguilar in ſo ernſtem Ge⸗ ſpräch mit ſeiner Schweſter begriffen war, verſuchte Baron Lac ſeine ganze Verführungskunſt gegen das unglückliche Mädchen. „Schöne Marie!“ So trat er keck in das jung⸗ fräuliche Zimmer. Marie wandte ſich und ſprang erſchrocken bei dem unerwarteten Beſuche auf. „Herr Baron!“ rief ſie, konvulſiviſch zitternd. „Erſchrecken Sie nicht,“ erwiederte der Baron zärtlich,„ich bin es nur.. Ihr beſter Freund, der ſich am meiſten für Ihr Glück intereſſirt; der einſt ſich ſchmeicheln durfte, Ihre Zuneigung gewonnen zu haben. Liebenswürdiges Mädchen! Erinnern Sie ſich nicht, wie Sie mich Gegenliebe hoffen ließen?“ „Wahrhaftig, Herr Baron,“ antwortete Marie, nachdem ſie ſich etwas von ihrem Schrecken erholt hatte,„ich begreife nicht, wie Sie ſolche Erinnerungen wieder auffriſchen mögen, die Sie im Intereſſe Ihrer eigenen Ehre hätten auf jede Art vergeſſen machen ſollen. Allein da Sie ſelbſt darauf hindeuten, ſo muß ich Ihnen in's Gedächtniß zurückrufen, durch welche unevle Liſt Sie ein Wort der Hoffnung von mir zu er⸗ haſchen wußten. Sie ſprachen von Ihrer reinen, un⸗ ſchuldigen Liebe, wie Sie mir Hand und Herz unter dem Segen des Himmels anbieten. Sie wollten ein armes, unerfahrenes Mädchen ſchändlich betrügen! Ich glaubte, Sie würden nach einem ſolchen Benehmen nie ohne Schamgefühl vor mir erſcheinen können und jetzt erinnern Sie mich ſelbſt daran, um Erhörung Ihrer . 184 ſtrafbgren Wünſche zu erlangen! Was denken Sie denn von mir? Ich bin zwar arm, ſehr arm, Herr Baron, aber ein Reichthum bleibt mir immer, und das iſt meine Ehre, meine Tugend. Sie ſind von edler Geburt, Herr Baron; wenn Ihre Geſinnungen es auch ſind, ſo achten Sie meine hülfloſe Lage und ſtehen Sie von einem Be⸗ gehren ab, das nie erfüllt werden kann.“ „Wie ſollte ich davon abſtehen, Sie zu lieben? Das iſt unmöglich! Ich weiß, daß ich einen großen Fehler mir habe zu Schulden kommen laſſen; aber eben das iſt ein Beweis meiner übermächtigen Liebe. Die Furcht vor einer Zurückweiſung ließ mich meine wahre Lage verheimlichen. Ach! Wie habe ich mich damals nach meiner Freiheit zurückgeſehnt, um ſie Ihnen zu Füßen zu legen! Aber jetzt, da Sie alles wiſſen, müſſen Sie mir jene Liſt verzeihen, an der allein Ihre Liebenswürdigkeit Schuld iſt, und die Wunden heilen, welche Ihre Schönheit verurſacht hat. Anbetungs⸗ würdige Marie! Ich kann nicht leben ohne die Hoff⸗ nung, einſt noch Ihre Liebe zu erringen.. Laſſen Sie mir dieſen einzigen Troſt und ich halte mich für den Glücklichſten der Sterblichen.“ „Geben Sie dieſe ſtrafwürdige Hoffnung auf, Herr Baron; alle Ihre Bemühungen find vergebens und ich bitte Sie, nie mehr eine Sprache gegen mich zu ſpre⸗ chen, die ich durchaus nicht anhören darf und will.“ „Sie find eben ſo grauſam als ſchön, Marie; allein glauben Sie feſt, es iſt mir unmöglich, dieſe Liebe zu erſticken, da eben ſie das Glück meines Lebens aus⸗ macht. Eine ſo glühende, wahre Liebe, wie die, welche Sie mir eingeflößt haben, hört nie auf, kann durch keine Macht erſtickt werden. Und Sie, die Sie durch Ihre Liebenswürdigkeit, Ihre Reize, Ihre Tugend, täglich dieſem Vulkan neuen Nahrungsſtoff zuführen, wollen ſeinen Ausbruch hindern; Grauſame! Ein ſol⸗ ches Wunder iſt Ihnen nicht möglich! Ich will nur für Ihre Liebe leben nur Sie anbeten„ Ihr Sklave 185 ſein alle Ihre Gebote blindlings erfüllen 1.. nur in dieſem Einzigen kann ich nicht gehorchen. Be⸗ fehlen Sie unbedingt über mich; Alles ſoll geſchehen nur Sie vergeſſen, das kann ich nicht.“ „So folgen Sie Ihrer verbrecheriſchen Leidenſchaft; — aber das ſage ich Ihnen nochmals: lieber ſterben, als Ihren entehrenden Anträgen nachgeben.“ „Was ſagen Sie, Marie? Sie mißverſtehen meine heiße Liebe ganz. Das was mich zu Ihnen hinzieht, iſt der glühende Wunſch, Sie glücklich zu ſehen, alle ihre Wünſche zu erfüllen. Ich ſuche keinen anderen Ruhm, als den, ihre unſchätzbaren Tugenden und Reize zu bewundern; keinen Lohn, als die Hoffnung auf Ihre Gegenliebe; dafür ſoll mir kein Opfer zu ſchwer ſein. Sie ſind die Königin meines Herzens und wer⸗ den ich kenne Ihre Beſcheidenheit und thue es nur, weil es mich ſelbſt glücklich macht, Ihnen all das Meinige anzubieten... mein Schätze, meine Equipa⸗ gen, meine Diener, mich ſelbſt zu ihren Füßen ſehen. Sagen Sie ein Wort, und ich mache ſie zur beneidet⸗ ſten Frau von Madrid... Sagen Sie das einzige Wort und ich bin ſtolzer auf mein Glück, als der höchſte Monarch auf ſeine Krone.“ „So muß ich denn reden, wie ich es mit einem Manne von Ihrem Stande und Ihrer Bildung nie für nöthig gehalten hätte. Ihre Aufdringlichkeit iſt mir verhaßt. Ich muß Ihnen die reine Wahrheit ſagen, da Sie es nicht anders wollen; ich liebe Sie nicht, Herr Baron, und könnte Sie niemals lieben. Noch mehr: dieſe lockenden Anerbietungen, mit denen Sie mich zu ködern glauben, können nur meinen Vorſatz, feſt in der Tugend zu bleiben, beſtärken. Im gräßlichſten Elende, mit einer von Hunger beinahe erſtickten Stimme hat mir mein Vater hundertmal geſagt:„„Es gibt nur einen wahren Schatz für das ehrbare Weib, und das iſt ihre Tugend.““ Ich wahre die meinige und bedaure die verachtungswürdigen Geſchöpfe, welche um Gold 186 und Reichthum ſich dem hingeben, der ihnen am mei⸗ ſten bietet. Ich rede ernſtlich und Sie werden es an dem Ausdrucke meines Geſichts erkennen, mit welcher Indignation ich Ihren entehrenden Antrag aufnehme. Entweder kann Ihnen eine Frau, die Sie nur aus Eigennutz liebt, nicht genügen, oder Sie haben nie empfunden, was wahre Liebe iſt.“ „Ach was! Spiele nicht länger die Unſchuldige, Marie,“ ſagte der Baron, indem er ſeinen Angriffs⸗ plan änderte.„Du biſt ein Kind und haſt noch jene romanhaften Ideen, die nicht mehr an der Zeit ſind. All' Dein Geſchwätz iſt recht nach der alten Mode, klei⸗ nes Närrchen. Das Leben iſt nur ein Traum, und zwar einer, den man nur einmal träumt. Glaube mir, der Zauberer in dieſem Mährchen von Tauſend und einer Nacht iſt das Gold; dieſes iſt der Gott, der alles macht und alles kann.“ „Sie haben Recht, Herr Baron, ich bin noch ein Kind; allein ich habe das Laſter kennen gelernt; ich habe in der Schule des Unglücks Erfahrungen ge⸗ ſammelt.“ „Wieder eine Kinderei! Das Unglück iſt nur für die Einfältigen auf der Welt. Sei vernünftig, Marie „ſpiele nicht mehr das Kind.. Komm her...“ Der Baron ſprach die letzten Worte mit dem Tone eines erfahrenen Wollüſtlings und wollte Marie keck umfaſſen; allein die tugendhafte Tochter des armen Tag⸗ löhners widerſtand jeder Verführung und bewahrte ihr Herz vor jeder unedlen Neigung. Sie liebte Don Louis und war, trotz der feſten Ueberzeugung von ſeiner Un⸗ treue, weit entfernt von jener ſtrafbaren Sitte anderer Frauen, die ſich für die Untreue ihrer Gatten durch eigene Untreue ſchadlos halten. „Herr Baron,“ ſagte ſie mit äußerſter Entrüſtung, „wenn Sie ſich nicht mäßigen, ſo muß ich Lärm machen.“ „Ja, ja!“ ſagte der Baron mit boshaftem Lächeln, — M M 187 „rufe nur, läute nur, Kind, das Du biſt! die Dienſt⸗ boten ſind zu weit entfernt und können Dich nicht hörenz meine Frau iſt ausgegangen... Weißt Du auch, wo ſie hingegangen iſt, die Duckmäuſerin? Ohne Zwei⸗ fel zu ihrem kleinen Mendoza, um den zu tröſten. Du ſiehſt, alle Frauen ſind weniger grauſam als Du.. Ich weiß, daß Du wegen des Marquis auf meine Frau eiferſüchtig biſt... um ſo mehr haben wir Grund, uns zu verſtändigen. Eine ſolche Entſchädigung iſt ganz natürlich. Mach nur keine Zierereien mehr... laß Dich umarmen„ Marie wollte fliehen; der Baron verrannte die Thüre und ſo blieb dem armen Mädchen nichts mehr übrig, als mit lauter Stimme ihrem alten Beſchützer, dem Neger Thomas zu rufen. Der Verführer ſprach lächelnd: „Dein kleiner Neger iſt im Stalle; wie kann er Dich hören? Alles iſt unnütz... wir ſind allein.. Du kannſt durchaus nichts machen. 4 „Sie ſind nicht ſo allein, als Sie glauben,“ ſagte die Baronin, indem ſie mit ihrem Bruder eintrat. Die beiden Neueintretenden hatten den größten Theil des eben erzählten Zwiegeſprächs gehört. „Was bedeutet dieß?“ fragte der Doktor ernſt. „Mein Gott! Nichts, gar nichts; wir treiben Scherz,“ antwortete der Baron in einiger Verwirrung. „Bei Gott! das iſt ein höchſt unziemlicher Scherz!“ erwiderte der Arzt im höchſten Zorne. 7 „Was wollen Sie damit ſagen, mein Herr!“ rief der Baron;„Erlauben Sie ſich, mir Vorwürfe zu ma⸗ chen? das dulde ich nicht und Sie thäten beſſer, dieſel⸗ ben gegen Ihre Frau Schweſter zu richten.“ „Gegen meine Schweſter?“ „Leſen Sie und dann urtheilen Sie, ob ſie es nicht verdient; leſen Sie nur.“ Mit dieſen Worten übergab der Baron dem Doktor den nnonymen Brief des Mönches. — 188 Doktor Aguilar war erſtaunt über die Gleichheit der Handſchrift, des Siegels, der Tinte, des Couverts zwiſchen dieſem und jenem Brief, den ihm ſeine Schwe⸗ ſter gezeigt hatte. Er verglich ſie aufmerkſam und fragte Marien, ob ſie nicht auch einen ähnlichen Brief erhalten hätte, und das Mädchen überreichte nun den dritten, der äußerlich ganz gleich, nur in ſeinem In⸗ halte verſchieden war. „Nun iſt Alles entdeckt!“ rief der Arzt voll Freude; „aber ich muß geſtehen, daß Ihr, meine lieben Freunde, gegenſeitig ſo leichtgläubig geweſen ſeid, daß freilich der boshafte Feind leichtes Spiel hatte. Zu was nützt die Freundſchaft, wenn man nicht einmal bei ſeinen Freunden vor einem unwürdigen Verdachte ſicher iſt? Ihr habt Euch alle drei gleiche Schuld vorzuwerfen, die Schuld der leichtgläubigſten Verdächtigung, und Ihr könnt nichts beſſeres thun, als Euch gegenſeitig zu vergeben, in Zukunft beſſet auf Eurer Hut zu ſein und Euch wechſelſeitig höher zu achten.“ Dieß ſagte der Arzt mit einem freundlichen, wohl⸗ wollenden Tone. Der Baron, der einzige Schuldhafte, nahm den Antrag günſtig auf und rief mit ſcheinbarer Entrüſtung: „Mir kann nichts lieber ſein, Herr Doktor, als wenn ich meine Frau frei von der ihr zugemutheten Schuld finde, denn Sie können Sich mit all' Ihrer Philoſophie nicht vorſtellen, wie ſauer es mir wurde, aus rachfüchtiger Eiferſucht eine Leidenſchaft zu heu⸗ cheln, die nicht in meinem Innern war. Allein wie erklären ſie das Räthſel?“ „Ganz einfach: gewiſſe Perſonen, die ein In⸗ tereſſe dabei hatten, Unfrieden in dieſem Hauſe zu ſtif⸗ ten, richteten an Jedes von Ihnen einen anonymen Brief, der gerade einen Schein von Wahrſcheinlichkeit haben konnte.“ Der Doktor las nun die drei Briefe der Reihe 189 nach, und wir wollen ſie, um dem Leſer das Nachſchla⸗ gen zu erſparen, ebenfalls wieder herſetzen. „Jemand, dem an der Ehre des Herrn Barons ſehr viel gelegen iſt, freut ſich von Herzen über deſſen Rückkunft. Der Herr Baron dürfte wohl die Auffüh⸗ rung ſeiner Gemahlin etwas beobachten und überwa⸗ chen, denn während ſeiner Abweſenheit hat der junge Marquis von Bellaflor ſehr häuſig Beſuche dort abge⸗ ſtattet. Vielleicht macht jener Stutzer auch der neuen Geſellſchaftsdame den Hof; allein man iſt ſehr verſucht, zu glauben, daß dieſe nur als Stichblatt benützt wird. Der Schreiber dieſes Briefes verlangt nicht, daß der Herr Baron dieſen Zeilen allein Glauben beimeſſe; er wünſcht nur, daß Herr von Lac ſelbſt beobachte. Das Unangenehme ſolcher Eröffnungen' hindert den Schrei⸗ ber, ſich zu nennen oder perſönlich den wohlgemeinten Rath zu ertheilen. Man hat durchaus nicht die Abſicht, den Herrn Baron bekümmern oder Unfrieden in ſeinem Hauſe ſtiften zu wollen; nur ſeine Ehre will man wah⸗ ren, Der Herr Baron wird von dieſer freundſchaftlichen gewiß den entſprechenden Gebrauch machen.“ „Emilie, Du biſt doch recht unſchuldig und kurz⸗ ſichtig. Ganz Madrid ſpottet über Dich. Ich, die ich Dich herzlich liebe, beklage und warne Dich. Daß Du Deinem Manne ſeine Kurmacherei verzeihſt, iſt ſehr philoſophiſch von Dir, aber daß Du jetzt ſeine Geliebte in Dein eigenes Haus aufnimmſt, iſt höchſt lächerlich. Du genoßeſt bisher den Ruf einer ſehr klugen, talent⸗ vollen Frau, aber dieſe übertriebene Güte und Nach⸗ ſicht bringt Dir Schaden. Möglich, daß Du meine wohlgemeinte Anzeige nicht benützeſt und ſo einen neuen Beweis Deiner philoſophiſchen Geſinnung gibſt, trotz dem verſichere ich Dich, daß ich Dich liebe, und 3 190 tief bekümmert darüber bin, Dich in allen Eirkeln Ma⸗ drids verlacht zu ſehen. Eine Deiner aufrichtigſten Freundinnen.“ „Marie, mit Recht ſagt man, daß jede Lebenser⸗ fahrung für Dich verloren ſei. Nach allem, was Du bei der Marquiſe, die Dir Anfangs ſchmeichelte, um Dich nachher deſto ärger zu martern, erlitten haſt, trauſt Du wiederum dem ſcheinbaren Wohlwollen einer Ba⸗ ronin! Thörin! Beobachte die Aufführung Deiner Be⸗ ſchützerin; beobachte das Benehmen deſſen, den Du für Deinen Geliebten hältſt und deren, die ſich Deine Be⸗ ſchützerin nennt, und Du wirſt den Grund ihrer Heu⸗ chelei bald durchſchauen. Don Louis und die Baronin ſtehen in einem ſtrafbaren Verhältniß; die Baronin ſuchte daher als verheirathete Frau einen Vorwand, der vor den Augen ihres Mannes die Beſuche des Lieb⸗ habers in ihrem Hauſe rechtfertigte. Du, arme Betro⸗ gene, biſt der Deckmantel jenes verbrecheriſchen Um⸗ gangs. Fliehe, unſchuldige Jungfrau, fliehe dieſen ver⸗ peſteten Aufenthalt! kehre an den väterlichen Herd zu⸗ rück, wo Dich zwar Armuth, aber die Liebe der Deinigen und in ihrem Kreiſe die Tugend erwartet, ohne welche keine Ruhe des Gewiſſens denkbar iſt. Folge dieſem wohlge⸗ meinten Rathe, der aus einem Freundesherzen kommt.“ „Welche Frechheit!“ „Welche Schändlichkeit!“ „Wie boshaft!“ riefen die drei, welche ſo leicht in die Falle gegangen waren. „Laßt Eure unnöthigen Deklamationen,“ ſagte heiter Aguilar,„ich will den ſchuldigen Urheber ſchon zu finden und zu beſtrafen wiſſen; Ihr aber verſöhnt Euch unterdeſſen zu neuer, herzlicher Liebe.“ „Von ganzem Herzen!“ rief der Baron und eilte in die Arme ſeiner Gattin, die ihn liebevoll aufnahm. . S S u vvS S NMMM— —— S* N — — v n te n nt te 191 Marie und die Baronin umarmten ſich gleichfalls und der Doctor verließ in der glücklichſten Stimmung das Haus ſeiner Schweſter. Das arme Mädchen war zwar noch nicht ganz von der Unſchuld ihres Geliebten überzeugt, wollte ſich aber eines beſſern bereden und eilte, das Medaillon, welches ſte an jenem verhängnißvollen Abende von ſich gewor⸗ fen und in einen Schrank gelegt hatte, wieder hervorzu⸗ holen. Mit demſelben erfaßte ſie ein offenes Billet, das an die Baronin adreſſiirt und wie ſie deutlich ſah, von Don Louis geſchrieben war. Marie erbebte; mit unſäglicher Angſt las ſie fol⸗ gende Zeilen, die der Leſer bereits kennt: „Ich bin Ihnen, anbetungswürdige Freundin, eine Erklärung ſchuldig, da ich um keinen Preis von der, die ich am meiſten liebe, mit falſchem Verdachte ange⸗ ſehen werden möchte. Ich will, um jeden Argwohn zu zerſtören, alles ganz aufrichtig geſtehen: allerdings ſtand ich mit dem jungen Mädchen im Hoſpitale in einem Liebesverhältniß... allein konnte mein Herz ſich län⸗ ger an ein Geſchöpf binden, das durch ſeine ſchlechte Aufführung an einen ſolchen Ort gekommen war. Schon lange verdient Marie, ſo heißt das Mädchen, nur meine Verachtung; wenn ich ihr Loos durch einige Geldopfer wollte, ſo folgte ich nur der Stimme des Mit⸗ eids. Sie allein, geliebte Freundin, ſind der Gegenſtand meiner Liebe und der geringſte Strahl von Hoffnung würde ewig beglücken Ihren ergebenen Louis de Mendoza.“ Der geneigte Leſer wird ſich erinnern, daß Don Louis dieſes Billet zu jener Zeit der Baronin über⸗ gab, als er Marien noch für ſchuldig hielt, und daß die Baronin das Briefchen in eine Schublade ihres 192 Toilettetiſches legte. Die Baronin hatte früher vasſelbe Zimmer, wo Marie jetzt ſich aufhielt, bewohnt und ſo kam die ganze Sache. Kaum konnte das arme Mädchen die letzten Zeilen des verhängnißvollen Briefes leſen; ſie verlor die Be⸗ ſinnung und ſank wie todt zu Boden. PBwölftes Rapitel. Der Neger. Es ſchlug zehn Uhr Morgens, wo der treue Tho⸗ mas jeden Tag das Käſig des Kanarienvogels rei⸗ nigte. Der gute Menſch war nicht wenig erſchrocken, ſein geliebtes Fräulein auf dem Boden ohne Beſinnung liegend zu finden. Zuerſt hielt er ſie für todt, und konnte vor Schmerz fein lautes Wort hervorbringen, ſondern nur ſtöhnen und ſeufzen; als aber ohne ſeinen Willen aus dem Waſſergefäße, das er in der Hand hatte, einige Tro⸗ pfen auf ihr Angeſicht fielen, gab ſie Zeichen des Le⸗ bens von ſich; er hob ſie auf, legte ſie auf den Sopha, hielt ihr ein Riechfläſchchen, das auf dem Toilettetiſch ſtand, unter die Naſe, worauf das arme Mädchen die Augen öffnete und ſeufzte. „Welches Glück!“ rief der Neger voll Freude, ohne andern Beiſtand das Fräulein wieder zum Leben gebracht zu haben.„Ich bin es,“ fügte er bei,„ſeien Sie ruhig!. Es war nur eine leichte Ohnmacht M N —— — — — e 193 „Wo bin ich?“ ſagte Marie mit erloſchener Stim⸗ mez„was iſt geſchehen? iſt es ein Traum?„. das Billet.. wo iſt es, das unſelige Billet?. Ach ſuche es, mein Freund.. es muß dort auf dem Boden liegen.“ „Ja, da ſehe ich eines, Fräulein.“ Der Neger hob es auf und gab es Marien. „So iſt es doch wahr!“ Marie las das unſelige Blatt noch einmal und vergoß einen Strom von Thränen.„„ dann küßte ſie k Medaillon und hing es von neuem um ihren als. Der arme Thomas betrachtete ſie voll Mitleid und ſagte nach längerem Schweigen: „Ich habe kaum das Herz, Fräulein, Sie um die Urſache Ihres Kummers zu fragen. Ein armer Sklave ein elender Neger kann kein Vertrauen einflößen „aber wenn ich den Grund Ihres Leidens errathen könnte„wenn ich wüßte, wer der Schändliche iſt, durch den Sie ſo viel leiden... „Klage Niemand an, Thomas ich. ich al⸗ lein meine Leichtgläubigkeit... meine Unerfahrenheit dieß iſt der Grund meiner Leiden. Die Vergangen⸗ heit hatte mich nicht belehrt... nicht die trübe Er⸗ fahrung, welche ich ſchon einmal in der guten Geſell⸗ ſchaft gemacht hatte.. Weißt Du, Thomas weißt Du, was die gute Geſellſchaft iſt?“ Der Neger erſchrack: Marie hatte in dieſem Au⸗ genblicke ein ganz verſtörtes Angeſicht; ihre Augen wa⸗ ren ſtarr und wie die einer Wahnſinnigen. „Höre Thomas,“ fuhr die Arme fort:„gute Ge⸗ ſellſchaft heißt Schlechtigkeit Treuloſigkeit.. Ver⸗ rath Dieberei... In der großen Welt findet man keine wahre, redliche Seele.“ „Fräulein.. Fräulein... um Gottes willen! be⸗ ruhigen Sie ſich!“ Izco, Marie. 1. 13 194 „Du haſt Recht, Thomas, ich muß ruhig ſein.. All dieß iſt nur eine Strafe vom Himmel dafür, daß ich den wohlmeinenden Rath meines Vaters verab⸗ ſäumt habe. Ich habe viel gelitten.. aber es ſoll auch eine heilſame Lehre für mich ſein... Thomas, jetzt gleich verlaſſe ich dieſes Haus für immer.“ „Dieſes Haus!. wo Sie mit ſo viel Gaſtfreund⸗ lichkeit aufgenommen wurden; wo die Frau Baronin Sie mit ſolcher Güte überhäuft hat!“ „Thomas, eine andere adelige Dame hat mir An⸗ fangs auch Wohlthaten erwieſen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß man hier in dieſem Hauſe auch zu täuſchen verſteht.“ „Gott! wäre es möglich?“ „Ja, mein Freund; und ich bin feſt entſchloſſen, zu meinen Eltern zurück zu kehren.“ „Haben Sie es auch wohl bedacht, Fräulein 2 „O genug, genug Lebe wohl, Thomas.“ „Lebe wohl? Sie denken doch nicht?“ „Ich kann keinen Augenblick mehr hier bleiben.“ „Lebe wohl Was poll das heißen? Glauben Sie denn, der arme Sklave könnte ferne von Ihnen leben?... Ich habe geſchworen, Sie nie zu verlaſſen.“ „Es kann nicht anders ſein, mein Freund„es bricht mir zwar das Herz, denn Du biſt der Einzige, der mich nie betrogen hat.“ „Aber ich, ſehen Sie, ich liebe Sie wie meinen Vater, und werde Ihnen überall hin folgen.“ „Armer Thomas!.. Tugend iſt doch immer bei der Armuth!. ich wünſchte nichts ſo ſehnlich, als Dich immer bei mir zu haben, Dir ein bequemes, glückliches Leben zu verſchaffen; aber bedenke, mein Freund, daß ich zu meinen Eltern gehe, die ebenfalls ganz von Mitteln entblößt ſind... ſo ſehr, daß ſie oft em grauſamſten Mangel anheim fallen.“ „Nun! Was thut das? Habe ich denn große Be⸗ 4 3 ch in ⸗ en n, en bei als es, ein lls oft! Be⸗ 195 dürfniſſe?. Ein Winkel in der Hausflur iſt Alles⸗ was ich brauche alles, was ich verlange, iſt„ Sie täglich zu ſehen und was meine Nahrung be⸗ trifft.. wenn ich keine Arbeit finde, ſo kann ich bet⸗ teln.. Wenn es einmal Ihrem Vater oder Ihnen feh⸗ len ſollte, ſo theilen wir. Sie ſehen wohl, es iſt nicht nöthig, daß wir uns trennen.“ Der Neger ſagte dieß ſo einfach und natürlich, daß Marie dem Drange ihres Herzens nicht widerſtehen konnte, ſondern den Neger in ihre Arme ſchloß. Allmächtige Gewalk der Tugend! ein elender Sklave, ein häßlicher Neger ſah ſich von der reizenden Schön⸗ heit umſchlungen, von welcher kein Gold, keine Schmei⸗ chelei die geringſte Gunſtbezeugung erlangen konnte! „Wohlan!“ rief Marie entſchloſſen;„folge mir, Thomas.“ „Bis zum Grabe, Fräulein.“ „Nicht mehr alſo, mein Freund; von nun an mußt Du mich Schweſter nennen. Fort.. wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Fürchten Sie ſich nicht vor dem Auflauf auf der Straße?.. Soll es wirklich fortgehen?“ „Jetzt im Augenblick; ſchon jetzt, nur durch den Ge⸗ danken, fühle ich mich geſtärkt und ruhiger. Nicht wahr? Du trägſt meinen Kanarienvogel? Er gehort auch zur Geſellſchaft der Unzertrennlichen. Wir wollen durch die Gartenthüre gehen.“ „Fort!“ Thomas ergriff den Käſig; Marie nahm unwill⸗ kührlich und ohne darüber nachzudenken, ihren Shawl und Strohhut, und beide Flüchtlinge verließen das Haus ohne von irgend Jemand bemerkt zu werden. Am 15. Auguſt 1836 kehrte die unglückliche Ma⸗ rie noch unglücklicher in das elterliche Haus zurück, als da ſie fortgegangen war, und begleitet von einem eben ſo armen Freunde. Das argloſe Kind dachte nicht, 196 daß noch ein härterer Schlag auf ſie warte, der ihr den verzweiflungsvollen Gedanken des Selbſtmordes aufnöthigen ſollte. Allein wir wollen dem ruhigen Verlauf unſerer Geſchichte nicht voraus eilen, ſondern für einige Zeit dieſe häuslichen Angelegenheiten außer Augen laſſen, um die politiſchen Ereigniſſe jener Epoche genauer zu betrachten. Sechſte Ibtheilung. — Volksſonveränetät. —— Erſtes Rapitel. Die laute Stimme der Nation. Es war ein verhängnißvoller Tag für Spanien, welcher aus der kränkelnden Einbildungskraft eines mehr anſpruchsvollen als fähigen Dichters den Miſchmaſch von unverſchämten Schmeicheleien gegen die Krone, von trügeriſchen Verſprechungen gegen das Volk, von irrigen, widerſprechenden Principien, von abſurden und entwürdigenden Maßregeln, welche das königliche Statut ansmachen, jenes Meiſterſtück des Servilismus und der Falſchheit, jenes unverſchämte Pasquill auf die wahre Freiheit der Nation entſtehen ſah. 3. Nicht Parteiintereſſe iſt es, was mich ein ſo ſtrenges Urrtheil über jenes Machwerk fällen läßt, ſondern reine Uueberzeugung. Leider iſt es uns nicht vergönnt, dieſes merkwürdige Aktenſtück nach ſeinen Einzelnheiten durch⸗ zugehen und dem geneigten Leſer die vielfachen Mängel und Fehler deſſelben darzulegen; doch wollen wir im 198 Vorbeigehen die augenfälligſten Verkehrtheiten deſſelben erwähnen, um unſer Urtheil und das des ſatyriſchen Larra zu rechtfertigen, welcher das königliche Statut ein Kleid nannte, das zu eng und zu kurz für den Körper ſei, den es bedecken ſolle. Arguelles ging noch weiter: das königliche Statut iſt eine Apoſtaſie, rief er mit energiſcher Stimme. Die Nation hat längſt darüber abgeurtheilt und es mit tiefſter Verachtung verworfen. Das königliche Statut errichtete eine erſte Kam⸗ mer, die Verſammlung des Proceres oder der Pairs, deren Anzahl ohne beſtimmte Gränzen iſt und auf deren Ernennung die Krone den unbedingteſten Einfluß aus⸗ übte. Dieſe Parodie einer Repräſentativ⸗Verfaſſung wurde vervollſtändigt durch die Errichtung einer zwei⸗ ten Kammer, Verſammlung der Procuradores, deren Ernennung einer kleinen Anzahl Wähler überlaſſen war. Um ferner einen Begriff von der Unmacht der zweiten Kammer zu bekommen, darf man blos wiſſen, daß ſie nur ſolche Anträge und Fragen behandeln ſollte, die durch königl. Ordonnanz ihr vorgelegt wurden, und daß außer⸗ dem die vollziehende Gewalt mit einem einfachen Veto jede mißliebige parlamentariſche Maßregel hindern konnte; ſomit konnte ein Procurador, der unter anderm drei⸗ tauſend Franken Einkünfte und ein Alter von dreißig Jahren beſitzen mußte, nicht wohl der Regierung zu gefährlich werden. Und dazu kommt noch: die Regie⸗ rung hatte ſich das unumſchränkte Recht vorbehalten, das Parlament ſuspendiren, auflöſen, zuſammenrufen, eröffnen und ſchließen zu dürfen, wie es ihr beliebe. Das Werk dieſes verhängnißvollen Mannes (Martinez de la Roſa) war nichts als eine Beleidigung gegen die Rechtsanſprüche des Volfes und dieſes ver⸗ langte mit vollem Rechte die Erfüllung der heiligen Ver⸗ ſprechungen, welche man ihm gemacht hatte. Es wollte eine ſtarke, aber gerechte Regierung, unter deren Schutz der Bürger ruhig leben, der mit ſo vielem Blut und 3 S— S— 8 8 ——— —,— S 8 v — N S c X— S N* MN —— —— N 8. — — 199 ſo herben Thränen befeuchtete Baum der Freiheit friſch auf⸗ blühen könnte; ſchon der Gedanke an eine Unterhandlung mit Carlos, an Wiedereinführung der abſolnten Königs⸗ gewalt drohte den Volkszorn zum Ausbruch zu bringen. Dennoch hofften die Liberalen Madrids, nach dem Wahlſiege auf parlamentariſchem Wege vorwärts ſchrei⸗ ten zu können. Malaga, dieſe freiſinnige, heldenmüthige Stadt, erhob ſich am 27. Juli; das Volk proklamirte, unter⸗ ſtützt von der Nationalgarde und Garniſon, in feier⸗ licher Verſammlung die Verfaſſung vom Jahr 1812. Dieſe Bewegung theilte ſich in reißendem Fluge der Bevölkerung Andaluſiens mit und bald erſcholl die laute Stimme der Nation durch ganz Spanien. Die reißenden Fortſchritte des Aufſtandes erſchreck⸗ ten die Regierung; allein je größer die Furcht, um ſo tyranniſcher ihr Auftreten, und alsbald war ſie entſchloſſen, ſich mit Hintanſetzung aller Geſetze nur auf das Mili⸗ tär zu ſtützen. Da die heldenmüthige Nationalgarde von Madrid mit den Aufſtändiſchen harmoniſirte, und die Regierung ſomit eine Verpflanzung des Aufſtandes nach der Haupt⸗ ſtadt ſelbſt befürchten mußte, ſo wurde die National⸗ garde für aufgelöst und Madrid ſelbſt in Blokadeſtand erklärt. Den 5. Auguſt wurden alle Behörden der Stadt dem Kriegsminiſter untergeordnet; an die Stelle der Gerichte trat eine Militärkommiſſion, Schrecken ſollte das erbitterte Volk in Schranken halten. Don Louis de Mendoza wurde verbannt und ent⸗ rann nur durch die Fürſprache einflußreicher Perſonen dem Tode, den das kriegsgerichtliche Urtheil über ihn ausgeſprochen hatte. Anſelm war zum entehrenden Tode der Erdroß⸗ lung verurtheilt worden. Der Gerichtshof übergab ihn dem Richter erſter Inſtanz, der nun für den Voll⸗ zug des Urtheils ſorgte: der Tag zur Hinrichtung wurde 200 beſtimmt, die Brüderſchaften, welche für den geiſt⸗ lichen Zuſpruch und für die Begräbniß zu ſorgen hat⸗ ten, wurden davon benachrichtigt, ſowie der General⸗ kapitän, der die militäriſche Bedeckung dazu hergeben mußte. Anſelm, der arme Taglöhner, fand keinen Für⸗ ſprecher; auf den 14. Aug. war der Tag der Hinrich⸗ tung beſtimmt und am 15. verließ Marie das Haus der Baronin, ohne nur eine Ahnung von dem Schick⸗ ſale ihres Vaters zu haben. Pweites Rapitel. Das Urtheil. Seit Anſelm mit eigener Hand den Vater Marceau, den Mörder ſeines Sohnes, umgebracht hatte, war er in ein beſonderes, viel ſtrengeres Gefängniß geworfen worden. Man ließ ihm die Nahrung nur unter den behutſamſten Vorſichtsmaßregeln zukommen und bewachte ihn mit der größten Sorgfalt; nur dem Mönche Pa⸗ tricius gelang es durch teufliſche Liſt, ihm folgendes Billet zukommen zu laſſen: ———— „Nur Muth, Anſelm! Du läufſt große Gefahr, wenn Deine Tochter nicht Dich rettet; aber ein unter⸗ nehmender Geiſt und ein hübſches Geſicht vermögen Alles. Der Gönner Deiner Tochter muß auch für den Vater ſorgen: nichts iſt billiger. Beunruhige Dich nicht wegen Deiner Familie.„ſie iſt in den beſten Umſtänden, denn Marie hat mehr als einen Hülfsfond. vn 201 Es iſt dieß ein Kind, das Dir alle Ehre macht; ſie hat die vornehmſten Bekanntſchaften und es läßt ſich gar nicht denken, daß ſie unter ſolchen Umſtänden ihres armen Vaters vergeſſen ſollte; denn obgleich eitel, be⸗ ſonders ſeit ſie Equipage und Lakaien hält, iſt ſie doch einer ſolchen Undankbarkeit nicht fähig. Ich gebe Dir dieſe Nachricht, damit Du den Muth nicht verlierſt, ſondern Dich noch der mächtigen Fürſprache Deiner Tochter getröſteſt. alſo Muth! Ein Freund.“ Tauſend widerſprechende Ideen hatten die glühende Einbildungskraft Anſelms durchkreuzt und ſeine Ver⸗ zweiflung auf den höchſten Grad geſteigert. Jetzt be⸗ fand ſich ſein Geiſt in jenem Zuſtand gänzlicher Ab⸗ ſpannung, der nach heftiger Aufregung jedesmal ein⸗ tritt und nur bei einfältigen, ſtumpfen Menſchen na⸗ türlich zu ſein ſcheint. Der Unglückliche wußte wohl, daß nach jenem Vorfalle nichts mehr für ihn zu hoffen war; allein weit entfernt, ſich Gewiſſensbiſſe darüber zu machen, fühlte er im Gegentheil ſeinen Rachedurſt noch nicht befriedigt und wünſchte nur, den übrigen Mördern ſeines geliebten Sohnes das gleiche Ende bereiten zu können. Niemand nenne ein ſolches Gefühl grauſam und barbariſch!. Kein Vater in der Welt wird anders empfinden; und könnte einer die Mörder des eigenen Sohnes ohne Haß betrachten, ſo wäre dieſe Apathie das Zeugniß eines entmenſchten Herzens. Anſelm hatte lange Zeit mit den bitterſten Empfin⸗ dungen gekämpft und nur nach und nach hatten ſich ſeine Thränen ſo wie ſeine geiſtige Kraft erſchöpft. Der anonyme Brief des Mönches hatte ihm die letzte vergiftete Wunde beigebracht und nun verfiel er in eine gänzliche Unempfindlichkeit. Sein unordentliches Haar, ſein langer Bart, ſein ſtierer Blick, das froſtige Lächeln einer bleifarbenen Lippen gaben ſeinem abgemagerten Geſicht einen furchtbaren Ausdruck. 202 In dieſem Zuſtand völliger Unempfindlichkeit er⸗ wartete Anſelm das verhängnißvolle Urtheil. Den 11. Anguſt morgens wurde er aus ſeinem bisherigen Gefängniß abgeholt, um in eine andere Zelle gebracht zu werden. Der Gefängnißwärter hielt an der Thüre und legte dem Gefangenen in Gegenwart einiger Perſonen unheilweiſſagenden Ausſehens ungeheure, ſchwere Hand⸗ ſchellen und Fußeiſen an. Es waren die Nichter, die Gerichtsdiener, die barm⸗ herzigen Brüder und die Prieſter, welche dem Verur⸗ theilten den letzten Zuſpruch ertheilen ſollten. Nachdem die Identität der Perſon aufs neue kon⸗ ſtatirt war, verlas der Gerichtsſchreiber das Todes⸗ urtheil. Man erlaube uns hier im Fortgang unſerer Er⸗ zählung einen Stillſtand zu machen und eine der wich⸗ tigſten Fragen, welche die Menſchheit gegenwärtig be⸗ ſchäftigen, gewiſſenhaft und kurz zu erörtern. Soll die Todesſtrafe abgeſchafft werden? Nicht die Eitelkeit, uns als einen Menſchenfreund zu zeigen, nicht der Wunſch, mit ſchönen Gefühlen und Redensarten zu paradiren, ſondern reine, lautere Ab⸗ ſicht, die durch langes Studium gewonnene feſte Ueber⸗ zeugung treibt uns an, mit all' der uns zu Gebote ſtehenden Kraft für Abſchaffung der Todesſtrafe zu ſpre⸗ chen. Wir bedauern, hier nicht alle unſere Reflerionen über dieſen Gegenſtand im Zuſammenhange wiederholen zu können, denn die Beweiſe für unſere Anſicht ſind ſo zahlreich, ſo logiſch und ſchlagend, daß jeder Unbe⸗ fangene zugeſtehen müßte, die Todesſtrafe ſei ungerecht, tyranniſch, gegen Gottes Geſetz, vor Gott und den Men⸗ ſchen nicht zu vertheidigen. Die Todesſtrafe iſt das Schmählichſte, Abſcheulichſte unſerer modernen, ſo hoch geprieſenen Civiliſation. Wies 203 Hat die menſchliche Geſellſchaft das Recht, ſich ſelbſt nach Willkühr gegenſeitig zu morden? Darf ſie in die All⸗ macht Gottes eingreifen? Darf ſie das vollkommenſte Werk der Schöpfung zerſtören? Einem Menſchen, der ſeine Rechte zum Nachtheil Anderer mißbraucht, dieſe, ſo weit ſie von der Geſellſchaft verliehen und ge⸗ währleiſtet ſind, zu entziehen, mag unter Umſtänden recht und billig ſein; aber ihm etwas zu entziehen, was man ihm nicht gegeben hat, das iſt ein infamer Raub; ihm das zu nehmen, was er allein von Gott hat, iſt eine Gottesläſterung. Als ſtärkſter Grund für dieſe abſcheuliche, barba⸗ riſche Maßregel wird gewöhnlich angeführt: Wenn ge⸗ ſchichtlich die Regierungen aller Nationen und aller Zei⸗ ten die Todesſtrafe geſetzlich angewendet haben, ſo iſt ſicher anzunehmen, daß ſie hierin durch einen natürli⸗ chen Inſtinkt geleitet worden ſeien. Man könnte nicht begreifen, wie die weiſeſten, gerechteſten und wohlwol⸗ lendſten Menſchen, an Charakter, Sitten und Nationa⸗ lität ſonſt ſo verſchieden, gerade hierin, in der ſchreck⸗ lichen Nothwendigkeit, das Blut ihrer Mitmenſchen zu vergießen, ſo übereinſtimmen ſollten. Wie könnte man einen gewichtigeren Beweis für die Nützlichkeit, ja für tie abſolute Nothwendigkeit dieſer ſchrecklichen Maßregel nden? Allein haben nicht alle katholiſchen Länder ehemals die Inquiſition und die Tortur für heilſame und zur Aufrechthaltung der Religion und der Ordnung unum⸗ gänglich nothwendige Anſtalten angeſehen! Dieſelben Gründe, welche jetzt noch für den Juſtizmord, die Todes⸗ ſtrafe, angeführt werden, galten früher ebenſo für die Tortur und für die Inquiſition. Man glaubte, alle Bande der Ordnung würden ſich auflöſen, ſobald dieſe gehäſſigen Zwangsmaßregeln wegfielen... Nun! Sie ſind weggefallen, die menſchliche Vernunft hat ihnen endlich das Urtheil geſprochen: und iſt nicht die menſch⸗ liche Geſellſchaft heutzutage ebenſo ſittlich und ebenſo 204 glücklich, als in ienen Zeiten blutdürſtigen Angedenkens, wo ſie durch die Unmenſchlichkeit der Inquiſition dezimirt wurde? Eines Tages wird auch dieſer Eingriff in das göttliche Recht, wird auch die Todesſtrafe ſchwinden. Erſt dann kann die menſchliche Civiliſation ſich eines wahren, entſcheidenden Fortſchritts rühmen. Dann wird man ſehen, daß die Böſen nicht ſchlimmer, die Guten nicht weniger geſichert ſind, und einen Irrthum beklagen, der ſo viel Blut koſtete. Die Todesſtrafe muß aus dem Geſetzbuche ausge⸗ merzt werden, denn die menſchliche Geſellſchaft hat kein Recht, ein Verbrechen durch ein noch größeres, weil lang vorausbedachtes, zu beſtrafen. Sie iſt nicht be⸗ rechtigt, einen noch ſo ſchädlichen und verbrecheriſchen Menſchen, den eine andere Strafe zu einem nützlichen, tugendhaften Glied der menſchlichen Geſellſchaft machen könnte, zu tödten. Der letzte Zweck des richterlichen Urtheilsſpruches muß Gerechtigkeit ſein, nicht Rache. Das einzig geeignete Strafmittel iſt Beſſerung, nicht Vernichtung. Wenn man einen Mann der Vernichtung weiht, der wahrſcheinlich auf den Weg der Tugend zu⸗ rückgekehrt ſein würde, der vielleicht in einem Anfall der Wuth, der Verblendung, der momentanen Geiſtes⸗ zerrüttung, oder von einer übermächtigen Leidenſchaft, oder dem verzweiflungsvollſten Kummer und Elend ge⸗ trieben, ein Verbrechen beging, deſſen Größe weit über ſeine Abſicht hinausreichte, ſo iſt es nicht er allein, den man vernichtet; auch ſeine vielleicht unſchuldige, tadel⸗ loſe Familie unterliegt demſelben Schickſale; ſie ſieht ſich verlaſſen, beinahe immer von einem unüberwindli⸗ chen Mißtrauen verfolgt; ihrer Stirne iſt das ent⸗ ehrende Kainszeichen aufgedrückt, das durch keine Tu⸗ gend, kein Verdienſt verwiſcht werden kann! Und dieß nennt ihr gerecht, fittlich!... Iſt es auch nur po⸗ litiſch klug? Nein, gewiß nicht! Und wenn der Rich⸗ ter nun einen beklagenswerthen Irrthum begangen hat; wenn das Opfer im Grabe noch ſeine Unſchuld beweiſt, — 205 wie es nicht ſo ſelten geſchieht, und noch viel häufi⸗ ger geſchehen würde, wenn nicht mit der Beſtrafung auch die Unterſuchung aufhörte, welche Entſchädi⸗ gung wird dann der zertretenen Unſchuld? Wel⸗ ches Mittel hat die Juſtiz, um ihren mörderiſchen Irrthum wieder gut zu machen? Keines! Die Fa⸗ milie des unſchuldig Gemordeten hat ſtatt allen Er⸗ ſatzes nur unverſiegbare Thränen, als Erbſchaft eine unverdiente Schmach, die Verachtung und den Spott einer barbariſchen Menge, welche die abſcheulichen Juſtiz⸗ morde dadurch zu entſchuldigen meint, daß ſie durch das Wohl des Staates gefordert ſeien. Und doch hat ein großer Rechtsgelehrter ſelbſt geſagt. es ſei beſſer, hun⸗ dert Schuldigen das Leben zu laſſen, als einen Un⸗ ſchuldigen ungerecht zu tödten. Was ſoll man aber, fragen die Vertheidiger der Todesſtrafe, mit gefährlichen Verbrechern anfangen? Iſt es denn ſo ſchwer, ſie in ewiger Haft zu halten? Kann man nicht auf dieſe Weiſe ihre ſchädlichen, rechts⸗ widrigen Abſichten unwirkſam machen? Hat nicht die Geſellſchaft denſelben Vortheil davon, als wenn ſie gar nicht mehr da wären? Außerdem, fragt ſie ſelbſt, ob nicht der Gedanke, zeitlebens eingeſchloſſen zu ſein, ſchreckhafter iſt, als der Tod, dem ſo Mancher ſchon hundertfach in's Auge ſah? Wenn nun durch die lebens⸗ längliche Gefangenſchaft derſelbe Zweck eben ſo gut er⸗ reicht wird, warum ſoll man fortfahren, dieſe abſcheu⸗ lichen Schauſpiele der Barbarei und des Elends vor⸗ zuführen, in denen das ungebildete Volk eher einen Svporn zur Brutalität, als eine abſchreckende Warnung findet? Man wird keck behaupten können, daß es kei⸗ nen todeswürdigen Verbrecher gibt, der nicht ſchon der Hinrichtung von Seinesgleichen beigewohnt hätte. Die⸗ ſen Umſtand ſollte der Geſetzgeber nicht außer Augen laſſen. Allein um unſere Grundſätze, die der modernen Ci⸗ viliſation, erfolgreich durchzuführen, müßte man zuerſt eine vollſtändige Umwandlung mit den geſammten Ge⸗ 206 fängnißanſtalten des Königreichs vornehmen, und ihrer Einrichtung jenes rührende Motto, das man an dem Gefängniſſe zu Cadix ſieht:„Haß dem Verbrechen, Mitleiden dem Verbrecher!“ zu Grunde legen. Alle dieſe Gefängniſſe, welchen Namen ſie nun tragen, müßten Schulen der Beſſerung, nicht Strafplätze ſein. Wie mancher Unglückliche, welcher unverdorben das Zuchthaus betritt, lernt dort den Inbegriff aller Laſter kennen, und erwartet ſehnſüchtig die Befreiung, um ſein Leben fortan mit Raub und Mord zu friſten. Wenn alle Korrektionshäuſer nach vernünftigen Grundſätzen ein⸗ gerichtet wären, ſo hätte Spanien einen unberechen⸗ baren Vortheil davon. Eingeſchloſſen und zur Arbeit genöthigt, würden die Verbrecher nach und nach in ſich gehen, aufrichtig bereuen und am Ende nützliche Glieder der Menſchheit werden.*) *) Mit wahrer Befriedigung können wir als Muſter⸗ anſtalt das Bagno von Sevilla hier nennen. Das Journal von Sevilla gibt hierüber folgenden Be⸗ richt: „Wir beſuchten das Bagno dieſer Hautpſtadt, und fanden nicht nur unſere günſtige Meinung, die wir von dieſer Anſtalt hatten, auf's Neue be⸗ ſtätigt, ſondern namentlich die irrige Meinung derer widerlegt, welche bis jetzt vorgaben, als ob„ Spanien keine guten Pönitentiär-Anſtalten beſitze. „Wir verdanken es der Güte und dem freund⸗ lichen Eifer unſerer beiden Begleiter, des Herrn Marquis von Sobramonte und des Herrn Kom⸗ mandanten und Generalmajors Don Martin Lerida, daß uns die reichen und verſchiedenartigen Pro⸗ dukte dieſer ungeheuren Manufaktur zu vollſtändi⸗ ger Ueberſicht vorgelegt wurden. Sevilla kennt die Produkte genau, da dieſelben großentheils hier ver⸗ ——— 207 Man wende mir nicht ein, was der berühmte Ver⸗ faſſer der Geheimniſſe von Paris ſeinem Rudolph in kauft und jährlich in öffentlicher Ausſtellung ge⸗ zeigt werden. „Es wäre unbillig, irgend eine Werkſtätte dieſer Anſtalt vor den andern auszuzeichnen, da Ordnung und vortreffliche Arbeit bei allen gleicherweiſe vorherrſcht. Man findet hier unter anderm reiche ſeidene Bänder, feine, gewobene Stoffe, Tafelzeug und hänfene Gewebe. In der Sattlerwerkſtätte zeigte man uns ausgezeichnet ſchöne Tilburys, deren Firniß dem engliſchen und franzöſiſchen völ⸗ lig gleich kommt; ebenſo prächtiges Pferdsgeſchirr; in der Schuhmacherwerkſtätte ſahen wir vortreff⸗ liche Arbeit zu äußerſt billigen Preiſen. Man müßte, wollte man alle die bemerkenswerthen Ge⸗ genſtände erwähnen, viele Seiten füllen. „Wir machten die Bemerkung, daß die Unglück⸗ lichen, welche das Schickſal an dieſen Ort gebracht hat, ſehr gut behandelt werden, und ihren Vorge⸗ ſetzten mit großer Achtung begegnen. „Das prächtige Gebäude ſelbſt wird äußerſt rein⸗ lich, anſtändig, ja mit einem gewiſſen Lurus unter⸗ halten. In den Schlafſälen findet man Spiegel, Vogelkäfige, und die Hängematten ſind alle in gleicher Höhe ſymmetriſch an der Wand herum vertheilt. Die Apotheke iſt wohl eine der elegan⸗ teſten in Sevilla, und eben jetzt wird ein großes Unterrichtszimmer gebaut, das äußerſt geſchmack⸗ voll eingerichtet iſt. „Das Krankenzimmer iſt wie man es nur wün⸗ ſchen kann, und ſein Anblick gereichte uns zur höch⸗ ſten Freude. Die Gefangenen finden hier eine ſorg⸗ liche Pflege, gleich der im eigenen Hauſe. Wer im Reichthum geboren und erzogen iſt, ſieht ſich hier nicht auf das harte Krankenlager geworfen; 208 den Mund legt, da dieſer die Strafe für den Schul⸗ meiſter beſpricht:„In das Bagno! Nein, nein!.. ſein Kopf ruht auf weichen Kiſſen, ſein Leib auf feinem Linnen; die Andern genießen jede Berück⸗ ſichtigung und Bequemlichkeit, welche ihre Krank⸗ heit erfordert. Die Luft iſt durchaus nicht wie in andern Krankenzimmern und Armenhäuſern, indem ſie fortwährend durch Röhren, welche in den Stu⸗ benboden eingelaſſen ſind, erneuert wird. „Eine angenehme Ueberraſchung bereitete uns die Muſikbande der Anſtalt, welche zur Erheiterung des unglücklichen Looſes dieſer Gefangenen gewiß viel beiträgt; die Meiſten lernten dieſe Kunſt erſt in der Anſtalt. Wir hörten ſie beim Zapfenſtreich einige Stücke ſpielen, und bewunderten die Pünkt⸗ lichkeit der Ausführung. Die ganze Anordnung iſt eine dem militäriſchen Muſter nachgebildete. „Wir ſind feſt überzeugt, daß das Bagno von Sevilla dem Zweck der Geſetzgebung vollkommen entſpricht. Man lehrt den, der es noch nicht konnte, arbeiten, und der Müßiggänger muß dieſe üble Gewohnheit, die Grundurſache ſo vieler Laſter und Vergehungen, aufgeben; man bildet den Verſtand durch Elementar-Unterricht, man lehrt Zeichnen u. dergl.; kurz die ganze Maſſe wird dadurch nach Geiſt und Herz weſentlich gebeſſert. Allein das iſt noch nicht genug: ein Theil des Erlöſes aus den Arbeiten wird zwar zur Unterhaltung dieſer Anſtalt, die dem Staate keinen Heller koſtet, abgezogen; aklein der Reſt gewährt den entlaſſenen Straf⸗ gefangenen immer noch ſo viel, um deſto leichter einen Platz in der ehrlichen Geſellſchaft zu finden und auszufüllen.„ „Wir wollen ſchließlich der ganzen Nation die ausgezeichneten Leiſtungen der Aufſichts⸗Behörden dieſer Strafanſtalt zum wohlverdienten Danke 209 Dein eiſerner Körper ſpottet der Arbeit und der Peitſche des Zuchtmeiſters. Ketten können zerriſſen, Mauern durchbrochen, Wälle überſprungen werden; und gewiß würdeſt Du eines Tags auf's Neue gegen die menſch⸗ liche Geſellſchaft mit Mord und Raub losbrechen.“ Man wende dieſe redneriſchen Worte ja nicht auf alle Verbrecher an; denn glücklicherweiſe ſind ſolche Exem⸗ plare, wie hier eines der phantaſiereiche Verfaſſer in ſeiner Sittengeſchichte von Paris aufgeſtellt hat, nicht häufig, und auch dann wäre es noch nicht unmöglich, ſie zu meiſtern. Welchen Menſchen, ſei er noch ſo wild und grauſam, dürfte man mit Tigern, Hyänen und Löwen vergleichen? Werden nun dieſe Thiere gebän⸗ digt, warum nicht auch ein Menſch? Und dann, mag man ſich die Schwierigkeit, ſolche verderbte Naturen zu meiſtern und unſchädlich zu machen, noch ſo groß vorſtellen, was iſt dieß gegen die Unmöglichkeit, einem unſchuldig Hingerichteten das Leben, ſeiner Familie einen genügenden Erſatz zu geben.. Wenn wir aber die Todesſtrafe in allen Fällen für ungerecht, barbariſch, unſittlich halten, um wie viel mehr bei politiſchen Ver⸗ gehungen und Fehlern; denn politiſche Verbrechen gibt es eigentlich nicht. Kann man ohne Schauder das endloſe Namens⸗ verzeichniß edler, tapferer Spanier betrachten, welche in den letzten, traurigen Zeiten der bürgerlichen Un⸗ —— „ ruhen das Opfer ihres Muthes geworden ſind? Dieſe Blutſcenen, durch welche alle Parteien ohne Aus⸗ nahme den Charakter des ſpaniſchen Volks befleckt, die Revolution, welche ſo herrliche Früchte bringen ſw geſchändet, überall Haß und Rachſucht verbreitet aben. empfehlen, und hoffen, daß die Regierung, durch die allgemeine Stimme genöthigt, ihnen denſelben nicht vorenthalten werde.“ Jzeo, Marie, I. 14 210 Wie viele verdiente, tapfere Männer, die ihr Blut für Freiheit, Vaterland und Thron willig zum Opfer brachten, denen man kein anderes Verbrechen vorwer⸗ fen konnte, als redlich ihrer Ueberzeugung gefolgt zu ſein, ſind dem barbariſchen Schreckensgeſetz der Par⸗ teien zum Opfer gefallen, und haben die Annalen un⸗ ſerer Geſchichte mit Blut gedüngt! Die Namen Porlier, Empeecinado, Laci, Riego, Torrijos, Iriarte, Borſo, Leon, Zurbano, Donna Ma⸗ riana Pineda und unzähliger kenntnißvoller, edler, vaterlandsliebender Männer, welche den Tod des Ver⸗ brechers erlitten haben, geben eine Idee von dem uner⸗ ſetzlichen Verluſt, welchen das Schwert des Ge⸗ ſetzes unſerem armen Spanien zugefügt hat. Gott wolle den Tag bald erſcheinen laſſen, wo wir uns dieſer bejammernswerthen Verblendung mit Abſcheu bewußt werden; möchte die Menſchheit bald, recht bald die unermeßlichen Vortheile erkennen, welche für ſie aus der Abſchaffung der Todesſtrafe entſtehen werden! Moͤchten doch wenigſtens von jetzt an die politi⸗ ſchen Verurtheilungen ein Ende haben; möchte man für immer auf jene blutigen Schauſpiele verzichten, die „ mit dem Blute ſo vieler Helden bezeichnet ſind! Einſt, in einer erleuchteteren, ſittlicheren Zukunft, wird ganz Spanien zu dem Pantheon wallfahrten, wo die Reſte ſo vieler Märtyrer aus allen Parteien friedlich neben einander ruhen, und die Aſche jener Edlen, welche ihr Leben für den Ruhm des Vaterlandes hingegeben haben, mit Thränen des Dankes und der Wehmuth benetzen! Anſelm hörte das Tobesuriheil mit ſchrecklichet Ruhe an. Er wurde alsbald, der Gewohnheit gemäß, durch die barmherzigen Brüder unterſucht, ob er nicht ein Werkzeug bei ſich hätte, womit er ſeinem Leben ein freiwilliges Ende machen könnte, und nachdem ſich nichts derartiges bei ihm vorfand, in die Sterbkapelle geführt. —————— — —— *— vM S— MMM— S S S — 211 Vrittes Rapitel. Die Umgebungen von Madrid. Während die mit Blindheit geſchlagene Regierung durch Unterdrückung und Gewaltmaßregeln, unfehlbaren Anzeichen der Verzweiflung und des nahen Untergangs, ihre Macht in der Hauptſtadt befeſtigt zu haben wähnte, errang die liberale Partei den entſcheidenden Sieg zu San⸗Ildefonſo.. Allein ehe wir dem Leſer die wich⸗ tigen Ereigniſſe, die ſich auf jenem königlichen Land⸗ ſitze, auch La Granja genannt, begeben, näher erzäh⸗ len, möge es uns erlaubt ſein, da wir einmal doch die Hauptſtadt verlaſſen, eine kurze Abſchweifung in die Umgebungen Madrids überhaupt zu machen, und die Merkwürdigkeiten derſelben genau zu beſchreiben. Ueberlaſſen wir daher für einen Augenblick die zärtliche, treue Louiſe ihren ſüßen, trügeriſchen Hoff⸗ nungen, während der unglückliche Anſelm die letzten Tröſtungen der Religion empfängt, und Marie, in ver⸗ zweiflungsvoller Flucht, auf dem Punkte ſteht, auf's Neue eine Beute des Wahnſinns zu werden. Don Mendoza mag in ſeiner finſtern Gefängnißzelle bekla⸗ gen, daß er weder dem Vaterlande, noch dem Vater ſeiner Geliebten als rettender Engel erſcheinen kann, während der teufliſche Mönch Liſt auf Liſt häuft, um die Plane ſeines Ehrgeizes und ſeiner Rachſucht zugleich zu fördern. Später wollen wir den Faden unſerer Geſchichte wieder aufnehmen; jetzt aber mit dem Leſer uns an der erquickenden Landluft ſtärken. Madrid zählt fünf Hauptthore: das Alkala⸗, Atocha⸗, Toledo⸗, Segovia⸗ und Bilbao⸗Thor. Das Erſtere führt auf die Straße nach Aragonien und Catalonien. Es bildet einen Triumphbogen, den X ——— 1 1 3 2¹2 Sabatini zum Andenken an die Ankunft Karls MI. er⸗ baut hat; von den fünf Portalen ſind die drei mitt⸗ leren gewölbt, die beiden äußern geradlinig. Acht ko⸗ rinthiſche Säulen, deren Kapitäle nach denen des Mi⸗ chael-Angelo in Rom gefertigt ſind, ſchmücken den äußern Raum. Ueber dem Geſimſe befindet ſich eine Attique mit einem Frontiſpice, auf welchem das könig⸗ liche Wappen, mit Trophäen untermiſcht, von einer Ruhmesgöttin gehalten wird. Die äußere Seite des Thores hat ſtatt der Säulen Pilaſter, Löwenköpfe und andere Ornamente, welche von Robert Michel gearbei⸗ tet ſind. Die Höhe des Thores, den Wappenſchild un⸗ gerechnet, beträgt ſechzig Fuß, die Arkaden haben eine Breite von ſiebzehn, eine Höhe von vier und dreißig Fuß. Das Material des Gebäudes ſelbſt iſt grauer Sandſtein, die Ornamente dagegen ſind von Colmenar. Die Gatter ſind von Eiſen und auf den zwei Seiten ſtehen die Inſchriften: Rege Carolo III. Anno MDCCLXXVIII. Das Thor von Atocha liegt gegen Süden und führt nach dem Spaziergang des Delicias. Es wurde im Jahre 1748 in einem ſo abenteuerlichen Geſchmacke ausgeführt, daß man es am Ende der Zwanzigerjahre durch den Architekten Mariaqui verändern ließ. Es be⸗ ſteht in drei gleichförmigen Arkaden und ſeine äußere Attique iſt mit dem königlichen Wappen, das von Ge⸗ nien gehalten wird, geziert. Das Toledo⸗Thor eröffnet die Straße nach Andalu⸗ ſien; der Bau wurde im Jahre 1813 von dem Architekten Aguado begonnen und im Jahr 1827 vollendet. Es bildet einen Bogen von ſechs und dreißig Fuß Höhe und achtzehn Fuß Breite und hat joniſche Säulen; zwei Durchgänge auf der Seite ſind geradlinig. Auf der äußeren Fagade ſteht eine Figur(Spanien) über den zwei Hemiſphären ſchwebend und von Ornamenten umgeben; auf der innern wird das Stadtwappen von S N — 5— 8 8 8 W NM— —.———— 2¹13 zwei Genien gehalten; eine Inſchrift erinnert an die Rückkehr Ferdinands VII. Das Segovia⸗Thor, welches auf die Straße von Caſtilien und Gallizien führt, wurde am Anfange des ſiebzehnten Jahrhunderts erbaut. Es iſt ſo armſelig und geſchmacklos, daß wir weiter nicht davon reden wollen. Das Bilbao⸗Thor wurde im Jahr 1787 erbaut, hat nur einen ſehr großen Bogen und zwei hübſche Seitenpforten. Die anderen kleineren Thore haben keine architektoni⸗ ſche oder ſonſtige Bedeutung. Unter den mannigfachen Promenaden um Madrid iſt die der kaſtilianiſchen Fontaine die hübſcheſte, ſo⸗ wohl durch die Gartenanlagen, die dichten Gebüſche, die lieblichen Blumenboskette, als durch die zierliche Schwanen⸗Fontaine und den prächtigen Obelisken in der Mitte einer Rotunde, welche die Promenade ſchließt. Dieſes erſt in der neueſten Zeit ausgeführte Werk gibt für die Tüchtigkeit unſerer Baumeiſter und Bildhauer ein glänzendes Zeugniß. Der berühmte Manzanares, ein beinahe immer trocken liegender Fluß, entſpringt bei der Stadt glei⸗ chen Namens, ſieben Stunden von Madrid und durch⸗ läuft in ſüdöſtlicher Richtung den Prado, ſo daß das Landhaus, ein königliches Beſitzthum rechts, Madrid aber links liegt und verbindet ſich zehn Stunden von ſeinem Urſprung mit dem Jarama. Letzterer Fluß nährt ſich hauptſächlich von dem Schneewaſſer der Gebirge und liegt beinahe den ganzen Sommer über ebenfalls trocken. 5 Außerhalb des Segovia⸗Thores ſteht die Segovia⸗ Brücke; ſie wurde unker Philipp I. durch Juan de erbaut und bietet einen ſehr ſchönen Anplick ar. Eine andere, die Toledo⸗Brücke, wurde im Jahre 1735 unter der ſtädtiſchen Verwaltung des Marquis 3 — 2¹4 de Vadillo erbaut; die Pfeiler und Arkaden ſind zwar prächtig, aber nach dem überladenen Geſchmack der Zeit von Churriguera. Vier andere Brücken führen nach St. Ferdinand, nach dem Landhauſe, nach St. Iſidor und St. Antonio von Florida. Unter der Regierung Carls III. wurde die Han⸗ delskompagnie Martinengo und Konſorten gezwungen, einen ſchiffbaren Kanal von der Toledo⸗Brücke bis an den Jarama zu führen; dieß iſt der Urſprung des heute noch beſtehenden Kanals, der eine Länge von zwei Stunden hat und mit prächtigen Bäumen beſetzt iſt. Die jetzt ſo dürre, traurige Ebene um Madrid war früher voll von herrlichen Wäldern und ſaftigen Weidenz das Waſſer, die Lebensquelle jedes Wachs⸗ thums, floß in Fülle und erfriſchte Land und Men⸗ ſchen. Der übermüthige Stolz eines Regenten verwan⸗ delte die lachenden Fluren in eine traurige Sandwüſte; um majeſtätiſche Paläſte zu erbauen, wurden die Wäl⸗ der ausgerottet und mit den ſchattigen Bäumen ver⸗ trockneten auch die Quellen. Unter der Regierung Carls III. ſah man endlich den begangenen Fehler ein und ſuchte ihn wenigſtens ſo viel möglich dadurch wieder gut zu machen, daß man zwei Millionen Bäume an den Kanal und in den königlichen Gartenanlagen, die wir nun in der nöthi⸗ gen Kürze beſchreiben wollen, pflanzte. Das königliche Landhaus, ſeit den Zeiten Carls III. als Jagdhaus benützt, liegt weſtlich von Madrid auf dem rechten Ufer des Manzanares, nicht weit von dem königlichen Schloſſe, wohin eine hübſche Brücke und ein unterirdiſcher Gang führt. Der Hauptfagade des Hauſes gegenüber iſt ein prächtiger Springbrunnen; ein großer See und meh⸗ rere Weiher dienen theils dem Federwild zum Aufent⸗ halt, theils zur Bewäſſerung der Baumgüter, Garten⸗ M M wW— 2¹⁵ länder, Boskette u. dgl., die zuſammen einen Umfang von drei Stunden haben. Monkloa iſt ein anderes Luſthaus, das ehemals den Herzogen von Alba zugehörte. Es liegt eine Vier⸗ telſtunde von Madrid gegen Nordweſt, und iſt von Weinbergen, Olivengärten und Baumgütern umgeben. Jetzt iſt eine Fayence⸗ und Porzellain⸗Fabrik dort er⸗ richtet. Einer der hübſcheſten Punkte in der Umgebung von Madrid iſt das Gut und Landhaus, welches der Herzog von Oſuna zu Alameda beſitzt; ſieben Viertel⸗ ſtunden von der Hauptſtadt entfernt, links an der Al⸗ kalaſtraße gelegen, bietet dieſer Landſitz einen wunder⸗ ſchönen Anblick dar. Außerdem gibt es noch verſchiedene, einzeln gele⸗ gene Landhäuſer und Güter, deren Aufzählung zu weit führen würde. Doch wollen wir folgende benennen, die einer beſonderen Bemerkung werth ſind: In Unter⸗ Carabanchel die Viſta Allegre, ein Landhaus der Königin⸗Mutter Marie⸗Chriſtine; in Ober⸗Cara⸗ banchel die Gärten der Grafen von Chinchon, des Marquis Belgide, der Gräfin Montijo und Anderer; in Pozuelo das Bad des Herrn Peter Cano, und das Beſitzthum der verwittweten Baronin Eroles; in Cha⸗ martin das Palais der Herzoge von Infantado, wel⸗ ches Napoleon im Jahr 1808 bewohnte; zu Villavicioſa das Schloß der ebengenannten Herzoge. Zwei Stun⸗ den nordweſtlich von Madrid erhebt ſich der Pardo, der Winterpalaſt der ſpaniſchen Könige, den man nicht mit dem Prado verwechſeln muß, und der unter Carl III. erbaut, von Ferdinand VII. aber ſehr verſchönert wurde. Säle mit ſchönen Fresken und reichen Tapeten, welche die ſpaniſchen Sitten und Gebräuche darſtellen, elegante Meubeln, koſtbare Pretioſen, ein ſchönes Theater, ein allerliebſter Garten, ein ungeheuerer Wald, all' das macht den Pardo zu einem äußerſt angenehmen Auf⸗ enthalte, der jedoch in Hinſicht der Pracht und Schön⸗ 216 heit mit den herrlichen Beſitzthümern der ſpaniſchen Krone, mit Aranjuez, Eskurial und St. Ildefonſo oder La Granja, die wir in den nächſten Kapiteln etwas ge⸗ beſchreiben wollen, keine Vergleichung aushalten ann. Piertes Rapitel. Aranjuez. Die Geſchichtsforſcher ſtimmen über den Urſprung dieſes Namens nicht überein: die Einen behaupten, das Dorf Aranjuez ſei zuerſt eine Beſitzung der Jakobs⸗ Ritter geweſen, die es nach einem römiſchen, dort ge⸗ fundenen Altare(ara jovis) ſo benannt hätten, und erſt ſpäter eine königliche Domäne geworden; Andere ſagen, der Name komme von Aranz, was ehedem einen königlichen Burgflecken bedeutet habe. Nach dem Garten zu bietet das Schloß einen et⸗ was einförmigen Anblick dar: der Tajo fließt unter den Fenſtern und bildet hier einen ſehr hübſchen Waſ⸗ ſerfall. Die Hauptfagade dagegen iſt vom Garten ab⸗ gewendet und läßt durch ihre Pracht den Lurus, welcher im Innern herrſcht, ahnen. Das Ganze wurde unter Philipp II. durch den berühmten Herrera er⸗ baut. Mit Worten die Wunder von Aranjuez zu be⸗ ſchreiben, iſt eine nicht wohl zu löſende Aufgabe; die ungeheuere Ausdehnung der lieblichen Wieſengründe, die prächtigen Springbrunnen, die dichten Haine, die Feengärten, die angenehme Temperatur(beſonders vom April bis Juli), der balſamiſche Duft der Blumen, die 217 ſaftigen Früchte, die unzähligen Gewächſe, die Rein⸗ heit des Himmels, der Glanz der Sonne— Alles zu⸗ bildet ein Wunderwerk der Natur und der unſt. Wenn man von der öſtlichen Seite her dem Schloſſe naht, bemerkt man zuerſt den ungeheuren Weiher und die Tajo⸗Fontaine. Der Flußgott iſt hier als ein Greis dargeſtellt, während eine Schlange aus ihrem Rachen einen fünf und fünfzig Fuß hohen Waſſerſtrahl in die Höhe wirft; fünf weitere allegoriſche Figuren vollenden die Gruppe. Nicht weit davon iſt der große Fiſchweiher; in der Mitte desſelben erhebt ſich eine andere Gruppe Czwei Kinder mit einer Gans ſpielend) deren Waſſerſtrahl bis zu einer Höhe von vierzig Fuß aufſteigt. In den Seitenpartien dieſes ungeheuren Sees erblickt man meh⸗ rere andere Gruppen mit Springbrunnen. Drei nach verſchiedenen Richtungen auslaufende Pappelalleen, deren ſymmetriſch zugeſtutzte Bäume mit unzähligen, auf marmornen Sockeln ſtehenden Blumen⸗ töpfen untermiſcht ſind, gewähren eine bezaubernde Perſpektive. Auf der Inſel findet man außer ſchönen Blu⸗ menbeeten und Platanengruppen einige Freitreppen und Fontainen, unter denen ſich beſonders die des Her⸗ kules und des Apollo auszeichnen, deren letzte auf einem kleinen Rondeel, Sonnenthor genannt, ſteht. Auf einer andern kleinen Inſel ſieht man eine zierliche Rotunda von Jaspis und Marmor, dann ein Mauſoleum von egyptiſchem Granit und ferner eine lieblich von den ſchönſten Blumen bekränzte Grotte, ⸗ wobei ein gigantiſcher Albubues ſich über alle die be⸗ ie nachbarten Bäume erhebt und die magiſche Inſel be⸗ e, ſchattet. ie Unter den unzähligen Springbrunnen wollen wir m noch den erwähnen, deſſen Waſſerſtrahl als Zeiger ie einer Sonnenuhr benutzt wird. —„ S M v 5—— — NM M 218 Die Rondeele werden durch ſchwarze Linden, Nuß⸗ bäume, Kaſtanien und Buchsbäume gebildet. Der Eingang zum Prinzengarten iſt mit acht mar⸗ mornen, joniſchen Säulen geziert. Die Alleen und Rondeele ſind durch Platanen, Erlen, Pappeln, Ulmen, amerikaniſche Akazien, Myrthen, Ahorn, babyloniſche Weiden und Lorbeerbäume gebildet. Wollten wir alle die Wunder dieſer prächtigen Gartenanlagen, welche einen Umfang von eintauſend neunhundert kaſtiliſchen Metern haben, beſchreiben, ſo würden wir gar nicht endigen können. Das Bauernhaus ſollte wirklich anfangs ganz in ländlichem, einfachem Stiele gehalten werden, allein die königliche Prunkſucht erlaubte das nicht und ſo iſt der Titel nun viel zu beſcheiden für die Sache. Die Fagade iſt mit ausgezeichnet ſchönen, von den beſten Bildhauern Spaniens gearbeiteten Statüen ge⸗ ſchmückt und trägt die Inſchrift: Unter der Regierung Karls IV. im Jahr 1803. Fünfzehn Büſten und zwölf ungeheure Vaſen von karariſchem Marmor ſchmücken dieſes wahrhaft könig⸗ liche Gebäude, das ſo viele Kunſtſchätze in ſich ver⸗ birgt, von außen. Eine Treppe mit geſtreiften korinthiſchen Säulen von rothem Marmor aus Cabra und Kapitälen von weiſem Marmor, mit einer Bruſtwehr aus Bronce und einem Geländer aus Akajouholz führt zu zweiund⸗ zwanzig Sälen, von denen jeder beſonders erwähnt zu werden verdient. Der erſte iſt von Velasquez gemalt und hat wun⸗ derſchöne Landſchaften und Jagdſtücke. Der zweite iſt ſehr groß und mit Draperien in etruriſchem Geſchmacke dekorirt. Vier Tiſche, Lehnſtühle von koſtbarem Holze und ſchwerem Seidenzeug, kleine Tiſchchen von weißem Marmor in den Ecken, zwei broncene Kandelaber, acht Dreifüße von Kryſtall, zwei prächtige Uhren mit Glasglocken und zwei hoͤchſt ge⸗ — 2¹9 ſchmackvolle Kronleuchter bilden das Ameublement die⸗ ſes ächt königlichen Saales. Der gemalte Plafond, von Velasquez und Maella, ſtellt verſchiedene allegoriſche Figuren nebſt den Wappen von Spanien, Parma und Oeſtreich dar. Der dritte hat ſeidene, mit Blumen durchwirkte Tapeten, drei marmorne Tiſche mit chineſiſchen Por⸗ zellain⸗Sachen, vierzehn vortrefflich geſchnitzte Seſſel und neun Landſchaften von Brambilla; der von Velas⸗ quez gemalte Plafond ſtellt Neptun auf ſeinem Wagen, die Winde, Kupido und die Grazien dar⸗ Auch der vierte hat ſeidene Tapeten. Einige Va⸗ ſen von chineſiſchem Porzellain, mit ſehr hübſchen Mi— niaturen verdienen Erwähnung. Der Plafond iſt von Perez und ſtellt Venus auf ihrem Wagen, von Pfauen und Liebesgöttern gezogen, vor. Der fünfte, ſechste und ſiebte iſt ganz im Geſchmack der vorigen mit Vaſen, Uhren, Kronleuchtern, Pla⸗ fondgemälden von Perez und YPapelli geſchmückt. Der achte könnte wohl das achte Wunder der Welt genannt werden. Mit Silber, vergoldetem Bronce, ſeltenem und koſtbarem Holze und ungeheuren Spie⸗ geln ausgeziert, ſchließt er noch ſechzehn verſchiedene, äußerſt werthvolle Gemälde ein. Der neunte trägt den Namen„Cabinet re- tiréz“ er iſt in Stuck, mit Arabesken, Moſaik und etruriſchen Reliefs ausgeführt. Ausgezeichnet ſchöne Meubeln von vergoldetem Bronce und Holzſchnitzereien, wie die Plafondgemälde von Velasquez paſſen zum anzen. Auch der zehnte, eilfte und zwölfte ſind mit ſeide⸗ nen Tapeten behangen und mit Plafondgemälden von Perez, Brambilla und Velasquez geſchmückt. Der dreizehnte hat goldgeſtickte Tapeten, drei zier⸗ lich geſchnitzte, vergoldete und bemalte Tiſche, vier präch⸗ tige Uhren, zwei Vaſen von ſächſiſchem und zwei von 220 franzöſiſchem Porzellain. Maella und Velasquez haben den Plafond gemalt. Der vierzehnte, fünfzehnte und ſechzehnte Saal hat chineſiſche Tapeten. Die Plafondgemälde ſind von Perez und Duque. Der ſiebzehnte Saal, die Gallerie genannt, iſt aus verſchiedenen Arten von Marmor gearbeitet; vier etru⸗ riſche Tiſche, acht Gipsſtatüen, ſechzehn Marmorbüſten aus Rom, vier herrliche Kandelaber und eine koſtbare Standuhr von Marmor und Bronce ſchmücken dieſes Gemach, deſſen Boden von Moſaikarbeit iſt. Der von Velasquez gemalte Plafond ſtellt die Morgenröthe, die Nacht, den Ackerbau und den Handel dar. Der achtzehnte Saal iſt mit beſonders reichen, goldgeſtickten Tapeten und Draperien geſchmückt und enthält ein hübſches Billard. Auf dem Plafond hat Maella die vier Elemente in allegoriſchen Figuren dargeſtellt. Die vier übrigen Säle ſind in dem zweiten Stock⸗ werke und geben an Reichthum und Pracht den andern nichts nach. Auch da findet man prächtige Tapeten, ſeidene, gold⸗ und filbergeſtickte Draperien, chineſiſche Stoffe, zierlich geſchnitzte Lehnſtühle und Tiſche, Uhren Kronleuchter, Kandelaber, Vaſen, Armleuchter, Spie⸗ gel, Gemälde, Marmor, Kryſtall, Porphyr, Porzellain, Bronce und dieß Alles, ſo koſtbar und ſo geſchmackvoll, als man es ſich nur zu denken vermag. Dieſer aſia⸗ tiſche, unerhörte Lurus, dieſe Feengärten, dieſe kryſtall⸗ hellen Gewäſſer gaben Aranjuez einen Zauber, wie ihn höchſtens die orientaliſche Phantaſie in tauſend und einer Nacht dichteriſch darzuſtellen wußte. Allein wie viel Blutstropfen, wie viel ſauren Schweiß koſtete dieſe ſardanapaliſche Pracht dem Volke? Und was hat dieſes dafür erhalten? Was anders, als Hunger, Arbeit, Unterdrückung, Gefängniß und den Galgen! Nach dieſem Prachtſitz des Königsthums wollen 5 —,————— 221 wir nun das elende Gefängniß betrachten, in welchem Don Louis gefangen ſitzt. Fünftes Rapitel. Sankt⸗Baſilien. Es gibt in Madrid eine ſehr bekannte Straße, del Deſenganno, was, genau überſetzt, Wahrheitsſtraße heißt, in deren Mitte ſich aber der Palaſt der Lüge be⸗ findet. 8 Es iſt dieß ein altes, ſehr großes Gebäude, deſſen zahlloſe Ritzen und Spalten den leichtgläubigen Tho⸗ ren, welche hier in dieſem Bazar der Unſfittlichkeit, Börſe genannt, Reichthümer gewinnen wollen, ihr ſicheres Verderben vorauszuſagen ſcheinen. Wie viel Tauſende, welche dem Namen der Straße zum Trotz, die ſchlechten Künſte der Börſenſpekulanten auch pro⸗ biren und mit Reichthum beladen, nach Hauſe zurück⸗ kehren wollten, haben kaum das Leben, kaum die noth⸗ dürftigſten Lumpen zu ihres Leibes Deckung gerettet. Bei dem Anblick der reichen Equipagen, die vor dem Thore des Hauſes halten und der angeſehenen Kapitaliſten, welche in den Sälen umhergehen, wäre man verſucht zu glauben, das Steigen und Fallen der Kurſe ſei nur das Ergebniß gewiſſer politiſcher Ereig⸗ niſſe, welche der Klügſte auch am ſicherſten zu berech⸗ nen verſtehe; dem iſt aber nicht ſo: das ſpekulativſte Talent, der klarſte Kalkul ſcheitert an der Lügenhaftig⸗ keit und Schamloſigkeit gewiſſer Perſonen, die ihren hohen Rang, ihre erhabene Stellung leider oft genug zu den verächtlichſten Machinationen mißbrauchen. 222 Wir ſfind weit entfernt, die achtungswerthen Kapi⸗ taliſten, welche nothwendigerweiſe die Börſe beſuchen, anzugreifen und zu ſchmähen; ſie ſelbſt werden uns der Wahrheit gemäß darin beiſtimmen, daß eben hier der Sitz der ſchamloſeſten Betrügerei und Lügenhaftigkeit ſei. Hier regiert nur ein Intereſſe, das des ſchmutzig⸗ ſten Eigennutzes: da gibt es keine Freundſchaft, kein Mitleiden; der Durſt nach Gold muß befriedigt wer⸗ den, mag auch der Untergang eines Bruders, eines Freundes, die nothwendige Folge davon ſein. Es han⸗ delt ſich nur darum, ſchnell ein ungeheures Vermögen zu erwerben. Allein wenn es Euch gelingt, ſo kommen hundert Andere an den Bettelſtab? Was thut das? Zu dieſem Zweck iſt alles erlaubt! Wie mancher ſchlechte Miniſter hat das Wohl des Volkes wegen einer gewinnreichen Börſenſpekulation aufs Spiel geſetzt! Und ſogar die höchſten Perſonen nehmen an dieſem ſchändlichen Spiel Antheil, anſtatt endlich einmal daran zu arbeiten, daß der längſt un⸗ tergrabene Kredit des Landes wieder eine feſte Grund⸗ lage bekomme! So lange die Unfittlichkeit noch ſo ſchrankenlos in den obern Regionen der Geſellſchaft herrſcht, ſo lange iſt kein Gedeihen für die Nation zu hoffen. Man ſpricht verächtlich von dem Pöbel, von der Kanaille, die der Freiheit gar nicht werth ſei. Elende! Beſſert an Euch ſelbſt, legt Eure Laſter ab, und das Volk, welches Ihr ſo unverdient ſchmähet, wird weit entfernt von einem Gedanken an Revolution im Schweiße ſeines Angeſichts das ihm vorgeſchriebene Tagwerk verrichten. Ein Theil dieſes ehemaligen Baſilien⸗Kloſters war unter Mendizabal als Artilleriekaſerne der Madrider Nationalgarde benützt worden; der ſchwarzgallichte Queſada aber errichtete dort ein Militärgefängniß. In einer dieſer Zellen ſaß unſer tapferer Don Louis als Kriminalgefangener. Die Bitterkeit ſeines einſamen Gefängniſſes wurde ℳ 223 zwar durch die Hoffnung verſüßt, daß ſein Tod gerochen und die Freiheit dennoch erkämpft werden würde; allein der Gedanke an ſeinen bejahrten, ihn ſo zärtlich lie⸗ benden Vater, deſſen einzige Freude und Stütze er war, zerriß ſein durch andere Zweifel und Sorgen tief be⸗ kümmertes Herz.— Marie! Sollte der Mönch Recht haben? Sollte in einem ſo jungen, zärtlichen Herzen der ſchmählichſte Undank, die durchdachteſte Verſtellung wohnen können? „Nein, nein ſie iſt gewiß unſchuldig..„iſt meiner heißen Liebe würdig,“ rief der junge Mann, deſſen Leidenſchaft nur um ſo mehr wuchs, je weniger er ſie in dieſem Leben wiederzuſehen hoffte.„Ich war undankbar, ein elender Thor, daß ich nur einen Augen⸗ blick an ihrer Treue zweifelte! Verzeihung.. Engel der Sanftmuth! Guter Gott! Wie blind iſt doch die Eiferſucht!. Und ich muß ſterben, ohne ſie verſöhnt zu haben? Sie werden mich tödten, die Tyrannen, denn ihr Zorn, ihre Angſt iſt mitleidslos... Ich habe gegen ſie konſpirirt... werde ihre Gnade nie erbet⸗ teln„ſie würden mich auch nie begnadigen. Ich ſterbe für die Freiheit meines Vaterlandes das iſt ein ſüßer Troſt es wäre mein Stolz, wenn nicht mein armer Vater darunter leiden müßte wenn ich den armen Vater meiner Geliebten hätte befreien können. Nur wenige Augenblicke noch und ich werde zum Tode geführt!.. Sie werden mich tödten, die ſchändlichen Mörder... ſie werden auch den un⸗ ſchuldigen Anſelm tödten!... Und Marie wird, wenn ſie ihres Vaters Grab mit Thränen benetzt, keine einzige für mich vergießen!... Marie, Abgott mei⸗ ner Seele! Ich ſtehe am Grabe und bin mehr als je von Deinen Reizen, Deiner Tugend beſeligt, von Dei⸗ ner Unſchuld überzeugt.. die letzte Bewegung meiner Lippen wird Deinen ſüßen Namen flüſtern! Allein ſterben, ohne Deine Vergebung erhalten zu haben.. Wer weiß, ob Du nicht mein Andenken verfluchen wirſt? 224 Ob Du nicht am Grabe Deines Vaters ausrufeſt: er hat mich ſchmählich belogen, meinen Vater dem Henker überlaſſen!. Halt! halt! Was vermehre ich Thor meinen Schmerz durch ſolche Gedanken!.. Marie, das ſanfte, zarte Mädchen, wird nicht ungerecht ſein.. undankbar.. in Deinem Herzen hat kein Haß, kein Fluch Raum„. Ja auch ſie wird an meinem Grabe weinen.“ Nach kurzem, gedankenvollem Schweigen richtete er ſich ſtolz auf, trocknete den Schweiß von der Stirne und ging mit feſtem Schritte, ruhigem Auge und hei⸗ terem Lächeln im Zimmer umher. „Ich ſterbe für die Freiheit meines Vaterlandes mein Gewiſſen iſt ruhig... ich habe meine Pflicht erfüllt.. ich habe nie eine andere Souveränetät als die des Volkes anerkannt. Mögen die Tyrannen auf ihren goldnen Stühlen ſitzen ich werde ſtolzer als ſr als ſie auf meinem Armenſünderbänkchen ein. Die letzten Worte wurden mit dem feierlich⸗ſtolzen Ausdrucke des ächten Heldenmuthes ausgeſprochen. „Aus der Volksſouveränetät allein entſpringt alle geſetzliche Macht,“ wiederholte Don Louis. Dieſer Satz iſt unumſtößlich. Welche Regierungsform in einem Lande erxiſtiren mag, ſo empfangen alle Beamten, von dem höchſten auf dem Throne bis zum niederſten, ihre Beſtallung vom Volke, damit jeder nach ſeiner Stellung und nach den Geſetzen verfahre. Das Volk hat das Recht, ſich die ſeinem Willen am beſten entſprechende Regierungs⸗ form zu wählen. Das göttliche Recht, der Titel„von Gottes Gnaden,“ den manche Gewaltherrſcher für ſich in Anſpruch nehmen, iſt eine veraltete Lächerlichkeit, ein Deckmantel des maßloſen Ehrgeizes und der Laſter⸗ haftigkeit mancher Regenten. Die Natur hat allen Menſchen die gleichen Rechte gegeben und es heißt Gott läſtern, wenn man behaupten wollte, er habe einzelnen Wenigen das Monopol gegeben, die unverhältnißmäßige Mehrheit, das ganze übrige Volk nach Gutdünken in ſklaviſcher Abhängigkeit zu halten. Es gibt kurzſichtige, charakterloſe Publiziſten, welche jeden Angriff auf die gerade beſtehende Gewalt für illegitim, ungeſetzlich ausgeben. Es mag freilich gegen die beſtehenden Geſetze ſein; aber wie? wenn dieſe Ge⸗ ſetze ſelbſt ungeſetzlich wären, wenn ſie ſelbſt des Stem⸗ pels der Aechtheit entbehrten, den ihnen der Volkswille allein aufdrücken kann. Etimologiſch genommen heißt legitim freilich nichts anderes, als geſetzlich; allein dieſe Definition kann keiner der politiſchen Parteien genügen; denn wenn obige Deutung die richtige wäre, ſo könnte eine abſo⸗ lute, ſtarke Regierung die abentheuerlichſten Geſetze er⸗ finden und einführen und es gäbe nichts Geſetzmäßiges, als was von einer Regierung käme, wäre ſie auch noch ſo laſterhaft und ihre Geſetze noch ſo verkehrt. Eine uſurpirte Regierung wäre dann ebenfalls ſo legitim, wie die, welche ſich auf den freien Willen des Volkes gründet. Alle Throne, alle Regierungen und Regen⸗ ten in der Welt wären daher ohne Unterſchied legitim geweſen! Eine gute Logik!... Die Geſchichte mag für uns ſprechen! Ohne auf fremde Länder und entfernte Zeiten uns beziehen zu müſſen, wird ſchon die Art und Weiſe, wie die Bourbonen auf den ſpaniſchen Thron gelangten, be⸗ weiſen, daß allein die Zuſtimmung des ſouveränen einer Regierung die wahre Legitimität verleihen ann. Karl II. vergaß im Augenblick des Todes, daß es den Cortes des Reiches zuſtand, über die Krone Spa⸗ niens zu verfügen, und vermachte, wie wenn er ein unbedeutender Privatmann wäre, ſein Erbe an die Familie Bourbon, indem er ſo durch ſein Teſtament Jco, Marie. U. 15 die Grundgeſetze der Monarchie umſtieß. Auf einen ſolchen Grund fußte die Regierung Philipps V., und es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre dieſer durch die An⸗ hänger Oeſterreichs vom Throne geſtoßen worden. Hätten dieſe geſiegt, ſo wäre wahrſcheinlich der öſter⸗ reichiſche Thronbewerber legitim geweſen? Sehet, Ihr ſogenannten Konſervativen, die Ihr dem Volk die un⸗ beſtreitbare Souveränetät, das einzig feſte und erhal⸗ tende Prinzip, ableugnen wollt; ſehet wie Ihr mit Eurer barocken Anſicht und ſcheinbaren Mäßigung den Wechſel, die Unſittlichkeit und Anarchie befördert! Ihr ſprecht jedem Uſurpator, ſei ſeine Sache nun gerecht oder nur ſiegreich, das Wort, ſo daß Joſeph Bonaparte, wenn er ſich hätte auf dem Throne Spaniens behaupten können, für Euch legitim geweſen wäre, daß Ihr mor⸗ gen die Legitimität des Großtürken verehren würdet, wenn dieſer die Macht hätte, Spanien zu erobern! Welche Erniedrigung!... Welch' ſchmähliche Grundſätze! Noch viel unverſchämter und frecher aber ſprechen ſich die aus, welche auf der äußerſten Rechten die Anſich⸗ ten des Würgengelbundes verfechten. Die ab⸗ ſolutiſtiſchen Journale, die Vorkämpfer des Mönchthums und der Inquiſition ſprechen heute noch mit der gleichen Unverſchämtheit wie jemals von dem göttlichen Recht der Könige, als dem einzigen Grunde der Legitimität. Nach ihnen war die Thronbeſteigung der Königin Iſa⸗ bella eine revolutionäre Erſcheinung, welche nur dadurch legitimirt werden könnte, wenn der Sohn von Don Karlos berufen wird, den Thron mit Iſabellen zu thei⸗ len; denn, ſagen ſie, da der Graf Montemolin das göttliche Recht für ſich hat, kann er allein den Volks⸗ willen, dem die Tochter Ferdinands ihre Erhebung ver⸗ dankt, heiligen. Das monarchiſche Recht hat gleich allen andern politiſchen Rechten keinen andern Grund, als den Volks⸗ willen. Dieß iſt jetzt aber nicht mehr bloß eine ſpeku⸗ lative Wahrheit, ſondern in dem Grundgeſetz Spaniens 227 mit deutlichen Worten ausgeſprochen, ſo daß jene Ver⸗ theidiger des göttlichen Rechtes ſich in offenem Wider⸗ gegen die feierlich beſchworene Conſtitution be⸗ inden. Dieſe von den Abſolutiſten mit ſolcher Keckheit ver⸗ langte Heirath mit dem ſpaßhaften Grafen Montemolin hätte ganz Spanien wieder in Verwirrung gebracht, und Ströme von Blut fließen machen. Doch werden dieſe Bemühungen überall ſcheitern, da die Völker aller⸗ wärts zum klaren Bewußtſein ihrer Rechte und ihrer Kräfte gekommen ſind, und da die erleuchtetſten Män⸗ ner Europa's dieſem Geiſt des Fortſchritts nicht hem⸗ mend in den Weg treten, ſondern ihn ruhig, ohne Blut⸗ ohne ſtürmiſche Aufregung, weiter zu fördern reben. Der Pariſer Conſtitutionnel(vom 28. Juni 1846) ſpricht ſich, nachdem er die Zerſetzung der Torypartei und den Sturz Sir Robert Peels hiſtoriſch beleuchtet, folgendermaßen aus: „Es ſcheint ſich in der That nach und nach eine Art ſolidariſcher Verbindung unter den conſtitutionellen Staaten Europa's zu bilden. Damit meinen wir natür⸗ lich nicht, daß einer dieſer Staaten dem andern unter⸗ geordnet ſei, oder daß eine Miniſterkriſe hier, noth⸗ wendig auch dort eine ſolche herbeiführen müſſe. Nein! Die zwei Staaten ſind ganz unabhängig von einander, und gehorchen nur ihrem eigenen Willen. Allein der Ideenaustauſch iſt ein ſo raſcher, daß in Staaten von ähnlicher Geſtaltung zu gleicher Zeit auch ähnliche Er⸗ ſcheinungen natürlicherweiſe eintreten werden. Dieſel⸗ ben Hoffnungen, Befürchtungen, Gedanken bewegen ſolche Völker, und die Gegenwirkung von Fortſchritt und Reaktion zeigt ſich ſeit dem Jahr 1830 in einem großen Theile Europa's gleichförmig. „Die Julirevolution hat Europa mächtig bewegt, und mehrere Conſtitutionen zu Tage gefördert; Belgien, Spanien, Portugal haben eine Verfaſſung erlangt; 228 Deutſchland hat ſich allmälig aufgerafft; in England haben die Whigs die Stelle der Tories eingenommen. „Allein auf dieſen liberalen Anlauf folgte eine Periode der Reaktion. Die Tories gelangten wieder an's Ruder, und zwar zu derſelben Zeit, als auch bei uns(in Frankreich) ein reaktionäres Miniſterium die Gewalt in die Hände bekam. Jetzt nähert ſich die reaktio⸗ näre Periode ihrem Ende, und die liberalen Ideen ha⸗ ben wieder die Oberhand: die militäriſche Diktatur in Spanien iſt geſtürzt; in Belgien haben die Liberalen neue Kraft gewonnen, und ihr Sieg ſcheint gewiß; Deutſchland, wo neben den politiſchen noch religiöſe Wirren aufgetaucht ſind, hofft auf eine conſtitutionelle Geſtaltung Preußens; in England hatte das Tory⸗ miniſterium ſchon ſeit längerer Zeit Whig-Ideen ver⸗ fochten, jetzt aber treten die Whigs ſelbſt wieder an die Spitze. In Frankreich gehen jetzt die Wahlen vor ſich; auch hier wird ſich die Analogie nicht verkennen laſſen.“ So gebt endlich Eure Hoffnung auf, ihr würdigen Schüler und Genoſſen des Mönches Patricius, und ge⸗ ſtehet trotz eures Stolzes, daß Tugend, Verſtand, Macht, Gerechtigkeit, Souverainetät, Legitimität bei dem Volke anzutreffen ſind, während die armſeligen Coterien der Höflinge nur frechen, ſelbſtfüchtigen Ehrgeiz athmen. Aber das von euch ſo tief geſchmähte Volk wird ſeine Freiheit trotz eurer Anſtrengungen dennoch erlan⸗ gen, und achtet ſchon jetzt, wenn es ſich darum han⸗ delt, ſein Recht zu behaupten, nicht mehr auf die ari⸗ ſtokratiſchen Intriken; das göttliche Recht wohnt allein dem Volke bei, und dieſes allein kann beſtimmen, wie und von wem es regiert ſein will. So wird Iſabella II. als legitime Königin von Spanien betrachtet, ſeit die Nation durch ihre Ver⸗ treter ſie in⸗dieſer höchſten Würde anerkannt hat. Sollte aber Jemand noch Zweifel haben, ſo be⸗ trachte er die Geſchichté Frankreichs, wo die Nation von einem aus der Revolßtion hervorgegangenen Bür⸗ 229 gerkönig regiert wird, der ſich legitimen König der Franzoſen nennt. „Betrachtet Frankreich,“ rief vor Kurzem ein an⸗ deres liberales Blatt,„und ſeine neueſte politiſche Ge⸗ ſchichte, ſo ſehet ihr, wie ein König, der ſich legitim nannte, entthront und enthauptet wird durch eine Re⸗ volution, die ebenfalls auf Legitimität Anſpruch machte; bald werdet ihr ſehen, wie ein Mann dieſer Revolution Herr wird, ſich durch eigene Macht auf den vakanten Thron ſetzt, ſich ſalben und als legitimen Kaiſer aner⸗ kennen läßt; nach ſeinem Sturze tritt eine ebenfalls ſich legitim nennende Reſtauration an deſſen Stelle; auch dieſe wird geſtürzt und überläßt den Thron Frank⸗ reichs dem gegenwärtigen Könige. Antwortet nun, ihr, die ihr den Grund der Legitimität nur in der realen Exiſtenz ſucht: wer iſt jetzt legitimer Konig von Frank⸗ reich? Wem gebührt das Recht auf den Thron? den Sprößlingen Ludwig's, oder Napoleon's? Heinrich V. oder Ludwig Philipp?“ Eine ſolche Frage läßt ſich nur ſicher beantworten, wenn man den Grundſatz der Volksſouveränetät aner⸗ kennt, und auf den lächerlichen Titel, König von Got⸗ es Gnaden, verzichtet Don Louis war einer der enthuſiaſtiſchſten Anhän⸗ ger der Volksſouveränetät, und erwartete den Tod für die heilige Sache der Freiheit mit heldenmüthiger Stand⸗ haftigkeit.(Von der Umwandlung des Todesurtheils in Verbannung wußte er nichts.) Plötzlich hörte man in dem weiten Gebäude ver⸗ worrene Stimmen und den Ruf:„es lebe die Freiheit!“ Die Thüre der Gefängnißzelle, wo ſich Don Louis befand, wich plötzlich mit lautem Krachen aus ihren Angeln, und eine ſtarke Abtheilung von bewaffneten Soldaten, angeführt von dem wachhabenden Offizier, umringte den Gefangenen. Zu gleicher Zeit ſtürzte ein Pwaffneter Volkshau⸗ 230 fen in das Zimmer, und verlangte die Auslieferung des Gefangenen. Die Soldaten richteten ihre Gewehre auf den Wehrloſen, der in furchtloſer Haltung die mörderiſche Kugel erwartete. Der Anführer der Soldaten rief dem Volkshaufen entgegen, daß er den Gefangenen nicht ausliefern, ſon⸗ dern, falls ſie von ihrem thörichten Unternehmen nicht abſtehen wollten, tödten werde. Dieſe gräßliche Drohung ſteigerte nur die Erbitte⸗ rung der Patrioten; ſie ſtürzten wüthend auf den Of⸗ fizier los, und dieſer kommandirte Feuer! Wir wollen den Schluß dieſer gräßlichen Scene auf ein ſpäteres Kapitel aufſparen, und nur folgende Bemerkung beiſetzen: Wie traurig iſt die Lage eines tugendhaften, ehren⸗ feſten Bürgers in Vergleichung mit der eines verdor⸗ benen Höflings? Jener ſieht Gefahren aller Art, Ge⸗ fangenſchaft, ja den Tod vor Augen, wenn er die Wahrheit auf den Lippen und Liebe zur Freiheit im Herzen trägt; dieſer aber ſpielt mit frecher Stirne den Unterdrücker, und ſchwelgt in den marmornen Paläſten, in den herrlichen Gärten, die nirgends ſo ſchön ſind, wie in Spanien. Jetzt wollen wir, unſerem Verſprechen gemäß, in der Beſchreibung jener Königspaläſte fortfahren, und den Leſer nach dem Escorial führen. 231 Sechſtes Rapitel. Das St. Laurentius⸗Kloſter. Der Bau dieſes berühmten Kloſters, bekannt un⸗ ter dem Namen Escorial, wurde unter der Regierung Philipps II. und unter der Leitung des Johann Bap⸗ tiſt von Toledo und des Antonius von Villacartin be⸗ gonnen. Den Namen des„Heiligen⸗Laurentius zum Siege“ bekam es zum Andenken an den Sieg bei St. Quentin, welcher am Laurentiustage 1557 erfochten wurde. Die Form dieſes ungeheuren Gebäudes bildet ein rechtwinklichtes Parallelogramm, das ſich von Süd nach Nord in einer Länge von ſiebenhundert und vierzig, von Weſt nach Oſt in einer Tiefe von fünfhundert und achtig Fuß erſtreckt. Die Hauptfagade ſieht gegen Weſten; die Länge iſt oben angegeben, die Höhe bis zum Hauptgeſimſe beträgt zwei und ſechzig Fuß. Die Eckthürme haben eine Höhe von zweihundert Fuß. Auch die drei übri⸗ gen Fagaden, von welchen die nördliche drei Eingänge hat, bieten einen ſchönen Anblick dar. Die äußeren Wände ſind durch fünfzehn Thore, ſiebzehn Niſchen und eintauſend einhundert und zehn Fenſter unterbrochen. Das Ganze beſteht aus Jaspis oder Granit und zeigt meiſt die doriſche Säulenordnung. Eine harmoniſche Symmetrie herrſcht in den Thoren, Fenſtern, Pyrami⸗ den, Domen, Kuppeln und Frontiſpicen. Der innere Raum des ungeheuren Gebäudes um⸗ faßt drei Haupttheile: den Haupteingang mit dem Kö⸗ nigshofe und der Hauptkirche; der zweite Theil, gegen Mittag gelegen, enthält fünf Klöſter; der dritte, nörd⸗ liche, umfaßt mehrere Kollegien und den königlichen Palaſt. 232 Der Haupteingang führt unmittelbar in den Königs⸗ hof, der durch ſechs koloſſale Bildſäulen, welche auf dem Frontiſpice der Hauptkirche ſtehen und die Könige David, Salomo, Ezechias, Joſias, Joſaphat und Manaſſe darſtellen. Der Hof hat eine Länge von zweihundert und dreißig, eine Breite von einhundert und ſechsund⸗ dreißig Fuß. Die ungeheure Hauptkirche hat dreihun⸗ dert und zwanzig Fuß Länge und zweihundert und drei⸗ ßig Fuß in der Breite; achtundvierzig prächtige Kapel⸗ len umgeben das grandioſe Hauptſchiff. Das für die konigliche Familie beſtimmte Pantheon befindet ſich unter dem Hauptaltar; eine Treppe von Marmor und Granit führt dahin. Hinter einem ſchönen broncenen Gitter ſieht man ein Oktogon von ſechsund⸗ dreißig Fuß Durchmeſſer und achtzehn Fuß Höhe, ganz aus Jaspis und polirtem Marmor gearheitet und mit vergoldeten Bronce⸗Ornamenten geſchmückt. Sechsund⸗ zwanzig Niſchen enthalten eben jo viele Urnen, welche den traurigen Eindruck dieſes Todtenaſyles nur vermeh⸗ ren und zugleich die Thorheit wie den Stolz der Kö⸗ nige predigen. ²) *) Dieſe ſechsundzwanzig Niſchen ſind ſieben Fuß lang und drei Fuß hoch, aus braunem Marmor und vergoldetem Bronce gearbeitet. Rechts vom Altare ſtehen: Kaiſer Kark V., ſtarb den 21. Sept. 1528. — Philipp II., ſt. d. 13. Sept. 1598.— Phi⸗ lipp 1II., ſt. d. 34. März 1621.— Philipp IV., ſt. d. 17. Sept. 1665.— Karl 11., ſt. d. 1. Nov. 1700.— Luuis I., ſt. d. 31. Aug. 1724.— Karl II., ſt. d. 14. Dez. 1788.— Karl IV. ſt. d. 19. Jan. 1819.— Ferdinand VII., ſt. d. 29. Sept. 1833. Links vom Altare ſtehen: Die Kaiſerin Iſabella, die einzige Gemahlin Karls V., ſt. d. 1. Mai 1539. — Die Königin Anna, vierte Gemahlin Philipps M. ſt. d. 26. Okt. 1580.— Die Königin Margarethe, einzige Gemahlin Philipps III., ſt. d. 3. Okt. 1611. * 3 233 Dieſes Haupt⸗Pantheon iſt nur für die Könige und für Königinnen beſtimmt, wenn letztere eine direkte Nachkommenſchaft gehabt haben; die übrigen zahlreichen Mitglieder der königlichen Familie ruhen in dem Ge⸗ wölbe der Infanten.*) — Iſabella von Bourbon, erſte Gemahlin Phi⸗ lipps IV., ſt. d. 16. Mai 1696.— Marie Louiſe von Savoyen, erſte Gemahlin Philipps V., ſt. d. 14. Febr. 1714.— Marie⸗Amalie von Sachſen, einzige Frau Karls II., ſt. d. 27. Sept. 1760.— Marie Louiſe von Bourbon, einzige Gemahlin Karls IW., ſt. d. 2. Jan. 1819. Die Königinnen, welche keine Nachkommenſchaft hatten, ruhen in der andern Gruft. Dieſe Gruft hat weder in Hinſicht der Form, noch in Hinſicht des Schmuckes etwas Bemerkenswer⸗ thes und enthält vierundſechzig Leichname aus der königlichen Familie: Iſabella, dritte Gemahlin Philipps I., ſt. d. 3. Okt. 1568.— Prinz Kar⸗ los, älteſter Sohn Philipps I., ſt. d. 24. Juli 1568.— Eleonore, Gemahlin Franz I. von Frank⸗ reich, ſt. d. 18. Febr. 1558.— Prinz Ferdinand, jüngſter Sohn Karls V., ſt. 1559.— Prinz Don Juan, dritter Sohn Karls V., ſt. d. 29. März 1538.— Marie von Portugal, erſte Gemahlin Philipps I., ſt. d. 12. Juli 1545.— Marie, Tochter Philipps I., ſt. 1558.— Prinz Karl⸗Lau⸗ rentius, Sohn Philipps II., ſt. 1575.— Erzher⸗ zog Wenzeslaus, Sohn Kaiſer Marimilians M., ſt. 1578.— Prinz Ferdinand, Sohn Philipps I., ſt. 1578.— Don Juan d'Auſtria, ſt. 1578.— Prinz Diego, Sohn Philipps I., ſt. 1582.— Prin⸗ zeſſin Marie, Tochter deſſelben, ſt. 1583.— Prin⸗ zeſſin Marie, Tochter Philipps MI., ſt. 1603.— Prinz Philipp⸗Manuel, Sohn des, Herzogs von Savoyen, ſt. 1605.— Prinz Alonſo⸗Moritz, Sohn 234 Die Gränzen unſerer Aufgabe erlauben uns nicht, alle die Schönheiten und Herrlichkeiten dieſes Kloſters Philipps MMI., ſt. 1612.— Prinzeſſin Marie⸗Mar⸗ garethe, dritte Tochter Philipps W., ſt. 1627.— Prinzeſſin Iſabella⸗Maria-Thereſa, vierte Tochter deſſelben, ſt. 1607.— Prinz Karl, vierter Sohn Philipps III., ſt. 1632.— Prinz Franz⸗Ferdinand, Sohn Philipps IV., ſt. 1624.— Prinzeſſin Anna⸗ Antvinette, ſechste Tochter deſſelben, ſt. 1636.— Prinz Ferdinand von Savoyen, ſt. 1637.— Prinz Kardinal Ferdinand, ſt. 1641.— Prinz Baltha⸗ ſar Karl, ſt. 1646.— Prinzeſſin Marie, Tochter Philipps W., ſt. 1655.— Prinz Ferdinand, vier⸗ ter Sohn Philipps W., ſt. 1659.— Prinz Phi⸗ lipp Prosper, Sohn deſſelben, ſt. 1661.— Don Juan d'Austria, natürlicher Sohn Philipps W., ſt. 1679.— Marie Louiſe von Orleans, erſte Frau Karls II., ſt. 1689.— Prinz Louis⸗Philipp, Sohn Philipps V., ſt. 1709.— Louis⸗Joſeph, Herzog v. Vendome, natürlicher Sohn Ludwigs XIV., ſt. 1712.— Prinz Franz, fünfter Sohn von Phi⸗ lipp V, ſt. 1717.— Prinz Philipp-Peter, Sohn deſſelben, ſt. 1719.— Maria⸗Anna von Neuburg, zweite Frau Karls I., ſt. 1740.— Prinz Franz⸗ Sohn Karls II., ſt. 1771.— Prinz Karl⸗Clement, älteſter Sohn von Karl W., ſt. 1774.— Prinzeſ⸗ ſin Marie⸗Charlotte⸗Louiſe, jüngſte Tochter deſſel⸗ ben, 1782.— Prinz Karl⸗Anton, dritter Sohn deſſelben, ſt. 1783.— Prinz Philipp⸗Franz, vier⸗ ter Sohn deſſelben, ſt. 1784.— Prinz Karl, Zwil⸗ lings⸗Bruder des vorigen, ſt. 1784.— Prinzeſſin Marie⸗Charlotte, jüngſte Tochter des Prinzen Ga⸗ briel, ſt. 1787.— Prinzeſſin Maria⸗Anna⸗Viktoria, Tochter deſſelben, ſt. 1788.— Prinz Karl⸗Joſeph, Sohn deſſelben, 1788.— Prinz Gabriel von Bour⸗ bon, Sohn Karls IMI., ſt. 1788.— Prinz Philipp⸗ . —— 235 einzeln aufzuzählen. Man findet hier ſechsundſiebzig prächtige Springbrunnen, eilf Waſſerbehälter, vierzig Keller, vierundachtzig Statüen in Bronce, Marmor und Jaspis, zwei Bibliotheken mit mehr als vierundzwan⸗ zigtauſend gedruckten Bänden und viertauſend Manuſerip⸗ ten, zweihundert und ſieben Meßbücher, dreizehn Bet⸗ ſäle, acht Orgeln, ſiebzehn Höfe, fünf Refektorien, neun Thürme, einundfünfzig Glocken, vierzehn Vorfäle, mehr als zehntauſend Fenſter, unzählige Koſtbarkeiten, Reli⸗ quien, vierhundert und fünfundſechzig Gemälde der be⸗ rühmteſten Maler der Welt. Die Wände und Decken ſind mit Fresken von Pelegrini, Cangiaſo, Cincinnato, Carducho und mehreren andern geſchmückt. Nach all' dieſem wird der Leſer wohl begreifen, daß jeder, der es zum erſtenmal ſieht, vom höchſten Staunen erfaßt wird und daß man dem Escorial ſchon den Namen „das achte Wunder der Welt“ beilegen konnte. Das Prinzen⸗Palais iſt ganz von Werkſteinen er⸗ Maria⸗Franz, dreizehnter Sohn Karls W., ſt. 1794. — Prinzeſſin Marie⸗Thereſia, fünfte Tochter des⸗ ſelben, ſt. 1794.— Prinz Louis⸗Anton⸗Jakob von Bourbon, Sohn Philipps V., ſt. 1785. Marie⸗ Antonie von Bourbon und Lothringen, erſte Frau Ferdinands VII., ſt. 1806.— Prinz von Palma, Louis von Bourbon, ſt. 1803.— Prinz Anton⸗ Paskal von Bourbon, Sohn Karls III., ſt. 1817. — Prinzeſſin Marie⸗Iſabella⸗Louiſe, Tochter Fer⸗ dinands VII., ſt. 1818.— Marie-Iſabella-Fran⸗ ziska, zweite Gemahlin deſſelben, ſt. 1818.— Marie⸗Amalie von Sachſen, dritte Frau deſſelben, ſt. 1829.— Prinz Franz von Bourbon, Sohn des Prinzen Franz, ſt. 1821.— FPrinzeſſin Marie⸗ Thereſe⸗Karoline, Tochter deſſelben, ſt. 1829.— Prinz Eduard-Philipp⸗Marie, Sohn deſſelben, ſt. 1830.— Prinzeſſin Marie⸗Louiſe-Charlotte, Ge⸗ mahlin des Prinzen Franz, ſt. 1844. 236 baut und von dichtbelaubten, prächtigen Gärten um⸗ geben; Karl IW. ließ den Bau noch als Prinz von Aſtu⸗ rien anfangen. Die Wände ſind mit den ſchönſten Ge⸗ mälden von Caracei, Rubens, Reni, Raphael und an⸗ deren berühmten Malern geziert; die Plafond⸗Gemälde ſind von Perez, Yapeli, Duran, Gomez und Maella. Zwei prächtige Kronleuchter erhellen den Speiſe⸗ ſaal und ein ovales, anſtoßendes Zimmer. In einem dritten Gemache ſieht man dreiundzwanzig Portraits der königlichen Familien von Neapel und Spanien. Ein anderes enthält ſiebzehn Rahmen von Elfenbein. Mitten unter dieſen Reichthümern bemerkt man auch eine hübſche Porzellan-Sammlung aus der königlichen Fabrik in Retiro, im letzten Saal liegt eine prächtige Sammlung von illuminirten Kupferſtichen, welche die Loggien von Raphael darſtellen. Wir glauben dem Zweck unſeres Werkes zu ent⸗ ſprechen, wenn wir zuletzt noch angeben, wie viel Mil⸗ lionen allein an dieſen einzigen Königspalaſt verſchwen⸗ det worden ſind. Die Erbauung des Eseorial hat nach den geſam⸗ melten Rechnungen ꝛc. in den achtunddreißig Jahren, welche man dazu bedurfte, zwei Millionen, fünfmal hundertſechzigtauſend, fünfhundert Dukaten gekoſtet; für die ſeidenen Stoffe, das Gold, Silber, die Spitzen, Teppiche, die Bücher ꝛc., zahlte der Meubelverwalter ſechs Millionen, zweimal hunderttauſend Dukaten; der Werth und Preis der Gemälde wurde nicht aufge⸗ ſchrieben. Die Kirche ſammt ihren Ornamenten, dem Haupt⸗ altar, den Reliquienkäſtchen, Betſälen, Gemälden, Sta⸗ tüen, Orgeln ꝛc., koſtete eine Million und vierzigtau⸗ ſend Dukaten.* Die Sakriſtei mit ihren Ornamenten und Koſt⸗ barkeiten viermal hunderttauſend Dukaten. Die Malerei des großen Kloſters mit Oel⸗ und 237 Leimfarben koſtete achtunddreißigtauſend, einhundert und einundſiebzig Dukaten und zehn Realen. Die Bibliothef mit Ständern und dem eingeleg⸗ ten Boden fünfzigtauſend achthundert zweiundneunzig Dukaten, zehn Realen. Die ſechs Bildſäulen der Hauptfagade ſammt dem Gerüſte, um ſie aufzuſtellen, zehntauſend neunhundert fünfundvierzig Dukaten. Die Koſten für die Reliquien und für das Pan⸗ theon, deſſen Bau am 3. April 1563 begonnen und im Jahr 1584 vollendet wurde, find nicht bekannt. Man zähle dieſe Summen zuſammen und bedenke in welch' kurzer Zeit ſie ausgegeben wurden!.. Die Zahl der Kruzifire und der Heiligenbilder in den Kirchen und Zellen ſteigt bis auf fünfhundert. Das Kreuz in der großen Kapelle wiegt achtzehn Zentner und hat eine Länge von einundreißig Fuß; die bron⸗ cene Kugel wiegt vierunddreißig Zentner. Ohne die Gitter und Geländer zu rechnen, ver⸗ brauchte man in Eiſen und Nägeln zweiunddreißigtau⸗ ſend, zweihundertſechsundvierzig Zentner, oder eine Mil⸗ lion, ſechsmal hundert zwölftauſend, dreihundert Kilo⸗ gramm. Die Schlüſſel haben ein Gewicht von ungefähr ſechshundert und fünfzig Kilogramm. Das verbrauchte Blei ſtieg auf mehr als vierund⸗ zwanzigtauſend achthundert Zentner; der Eiſendraht zu den Gittern wiegt fünfundzwanzig Zentner. Die Zahl derer, welche an dem Bau beſchäftigt waren, läßt ſich nicht angeben; man kann nur behaup⸗ ten, daß es wohl keine Nation gab, von welcher nicht einzelne zu dieſem oder jenem beigetragen haben. Die Steinbrüche von Osma lieferten den Marmor; Madrid ſtiftete das Tabernakel und den Hochaltar; Guadalajara und Cuenga die Gitter; in Saragoſſa wurden die Broncearbeiten gegoſſen; aus den Stein⸗ brüchen von Filabres kam der weiße Marmor, der 238 Tauſende von Tannenbäumen aus den Wäldern von Cuenga, Balſain, Quejigal und Navas waren ver⸗ braucht worden. Zu Florenz und Mailand goß man die broncenen Bildſäulen, zu Toledo verfertigte man die Lampen, Fackelhalter, Leuchter, Kreuze, Rauchgefäße und die ſilbernen Schiſſchen. Flandern lieferte die Kandelaber und Gemälde; die Nonnenklöſter koſtbare Webereien, Stickereien und Spitzen. So beeiferte ſich Alles, das ungeheure Werk möglich zu machen... Wie koſtſpielig iſt doch das Königthum von je her für die Nationen geweſen! Welch' ein Abſtand zwi⸗ ſchen dem Lurus der goldgeſtickten Müſſiggänger am Thron und zwiſchen dem Elend der armen Handwerker, die ſich zu ewiger, mühevoller Arbeit verdammt ſehen, ohne trotz dieſem nur ihre nöthigſten Bedürfniſſe be⸗ friedigen zu können. Und dennoch findet das abſolute Königthum noch Leute, die es vertheidigen. Nur ganz verdorbene Na⸗ turen, wie unſer Patricius, können dieſe Sache zu der ihrigen machen. Schon lange haben wir ihn aus den Augen verloren; laßt uns ſehen, auf was für neue Frevelthaten dieſer unwürdige Prieſter des allgütigen Gottes ſinnt, während ganz Madrid mit ängſtlicher Spannung der Dinge wartet, die da kommen ſollen. braune, grüne, röthliche dagegen von Navas, Eſtremoz, Granada, von dem Ufer des Genil und des Aracena. 239 Siebentes Kapitel. Das böſe Gewiſſen. In den Tagen jener allgemeinen Gährung, wäh⸗ rend die Liberalen, von den Gewaltſchritten der Regie⸗ rung überraſcht, die kecken Maßregeln derſelben mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit verfolgten, erſchöpfte der Mönch alle Hülfsquellen ſeiner ſataniſchen Einbildungs⸗ kraft, nicht ſowohl allein, um die Miniſter, welche er für ſeine Verbündete anſehen durfte, zu unterſtützen, ſondern hauptſächlich mit dem Zweck, alle Leidenſchaf⸗ ten zu entfeſſeln, den Thron Iſabellas zu kompromit⸗ tiren und die einzelnen Unterabtheilungen der liberalen Partei gegen einander aufzuhetzen. Der Geheimbund des Würgengels war Tag und Nacht in Permanenz und Patricius ließ ſeinen Präſidentenſtuhl durch ein anderes Mitglied einnehmen, um die Miniſter zu be⸗ ſuchen oder bei den Verſammlungen anderer einfluß⸗ reicher Perſonen gegenwärtig zu ſein. Man konnte ohne Uebertreibung behaupten, es gehe alles unter der S Oberleitung jenes teufliſchen Geheimbundes. Der heuchleriſche Barfüßler täuſchte den feinſten Diplomaten; allein trotz ſeiner Jugend und ſeiner kör⸗ perlichen Kraft fühlte er ſich dennoch endlich erſchöpft. Dreitägige unaufhörliche Anſtrengung und der Mangel an Nachtruhe hatten ſeinen Geiſt ermüdet, der ohne dieß in ängſtlicher Beſorgniß über die vorausſichtliche Kataſtrophe war. Mit der Gefangennehmung des jungen Mendoza hatte Patricius allerdings ſchon viel gewonnen: er hatte den Empörern den entſchloſſenſten Anführer geraubt und zu gleicher Zeit ſich vor einer Privatrache ſicher geſtellt; nichtsdeſtoweniger bemerkte er mit ſeinem argwöhniſchen 240 Scharfblicke, daß die Erbitterung des Volkes mehr und mehr zunahm, die Inſurrektion ſich nach und nach über das ganze Land verbreitete und daß es ſomit gewagt geweſen wäre, länger für ein Miniſterium zu kämpfen, das in den letzten Zügen lag. Doch machte er in der Bundesverſammlung folgenden Vorſchlag, der alsbald von dem apoſtoliſchen Klub angenommen wurde: „Ich fordere von der heiligen, frommen Brüder⸗ ſchaft des Würgengels eine bedeutende Summe, um unſere Hülfstruppen ſogleich aufzubieten; die beſten Schenken ſollen zu ihrer Dispoſition geſtellt und an nichts geſpart werden, um ihren Muth zu ſteigern, ihre Zahl zu vervollſtändigen. Man predige ihnen die Aus⸗ rottung der Liberalen, errege ihren Haß durch alle möglichen Mittel und ſo möge in mitten der Anarchie, welche in der Stadt herrſcht, der heilige Eifer der bra⸗ ven Vertheidiger des Thrones und der Religion das nebrige thun.“ Nachdem dieſe Anordnung getroffen war, wollte ſich der Mönch nach Hauſe begeben, um Etwas zu ggenießen und zu ruhen; allein jeden Augenblick mach⸗ ten ihn die unruhigen Volkshaufen, welche die Straßen auf⸗ und abwogten, erbeben. Einige enthuſiaſtiſche Nationalgarden kamen die Hieronymusſtraße herab und wandten ſich gegen die Toledoſtraße. Sobald der Mönch in ihre Nähe kam, machte er ihnen auf dem Trottoir Platz, ſchwenkte ſeinen Hut und rief mit weit ſchallender Stentorſtimme: „Bürger, es lebe Riego! es lebe die Conſtitution von 1812!“ Dieſer Ruf wurde von einer ungeheuren Menge wiederholt. Der Bandit ſchrie weiter: — 6 M*— S X8 5 gegerbt.“ 241 „Tod den dickwanſtigen Mönchen!“ „Nein, Bürger,“ rief einer der Nationalgardiſten, kein ſolcher Drohruf; laßt uns den ruhmreichen Sieg, der uns erwartet, nicht beflecken.“ Plötzlich ſprengte eine Kavallerie⸗Abtheilung her⸗ bei und trieb die Menge mit flachen Säbelhieben aus⸗ einander. Da Patricius ſeinen fetten Körper nicht ſchnell genug in Sicherheit bringen konnte, ſo mußten ſeine geheiligten Schultern gar manchen Säbelhieb aushalten und nur mit Mühe gelang es ihm, mit Ver⸗ luſt ſeines Hutes und Stockes endlich die Thür ſeiner Wohnung zu gewinnen. „Gott, wie beſchmutzt Sie ſind!“ rief Mutter Espe⸗ rance, als ſie ihn eintreten ſah. „Und doch bin ich nicht übel gebürſtet worden.“ „Aber was iſt denn das, mein Vater? Sie kom⸗ men ohne Stock und ohne Hut nach Hauſe? Was iſt Ihnen begegnet?“ „Ein Unfall ich kam unter eine Bande von Schreiern; die Kavallerie jagte ſie auseinander und ſo mußte der Unſchuldige mit dem Schuldigen leiden.“ Der Mönch zog ſeinen Rock aus, warf ſich in einen Lehnſtuhl und blieb an einem alten Tiſche in der Küche ſitzen, da ihm jetzt die Einſamkeit ſeines Zimmers un⸗ erträglich ſchien. b Mutter Esperance ſetzte ſich zu ihm und Beide fuhren in ihrer freundſchaftlichen Unterhaltung fort: „Man hat Sie mißhandelt, ehrwürdiger Vater?“ fragte die alte Eule. „Ein Soldat hat mich bis an's Haus eskortirt,“ antwortete der Mönch. „Gott lohn es ihm, ſo durfte man ſich nicht an Sie wagen„ „Gerade dieſer Kamerade hat mir das Schulterblatt „Er hat Sie geſchlagen?... Jzco, Marie. I. 16 242 „Eine leichte Tracht flacher Säbelhiebe„ſo daß ich mich ſechs Monate lang nicht werde rühren können.“ „Mein Gott! welch' ein Mißgeſchick! Soll ich den Wundarzt holen?“ „Nein, nein, meine Schweſter, nein. Ich brauche vor Allem Ruhe; auch würde ich gerne vorher eine Kleinigkeit zu mir nehmen.“ „Das Eſſen iſt fertig wenn Sie wollen, daß man den Tiſch decke 8 „Ich ſage nicht Nein, meine Gute. ich will einen Biſſen eſſen und dann zu ruhen verſuchen.. aber ich will hier eſſen... der verdammte Mörder hat mir den Rückgrath zerbrochen. deckt nur die⸗ ſen Tiſch, damit ich mich nicht in das Eßzimmer ſchlep⸗ pen muß.“ —.———————— Eine ungeheure Platte mit Maccaroni, ein großer Braten, nebſt dem Viertel eines fetten Huhns, ſaf⸗ tige Kichererbſen von Sauco, Kartoffeln aus der Mancha, Schinken von Avila, Speck und Würſte von Eſtrema⸗ dura; ein junger Hahn mit ſpaniſchem Pfeffer und eingemachten Goldäpfeln, die Keule eines gebratenen Lammes; feiner, erfriſchender Salat, Aprikoſen, Einge⸗ machtes, Haferſchleim und Valdepegnas in Menge: dieß war der Biſſen, den unſer Oger verſchlang, um nicht ſchwach zu werden. Darauf nahm er eine Priſe, ſteckte eine ungeheure Cigarre in den Mund und ſchleppte ſich mit Hülfe der treuen Gefährtin in ſein Schlaf⸗ gemach, wo der arme Einſiedler ſich auf die weichen Pfühle niederließ. Kaum waren fünf Minuten verfloſſen, als die Fenſter ſeines Schlafzimmers von ſeinem Schnarchen erzitterten. Die alte Megäre liebte ihren geiſtlichen Vater viel zu ſehr, um ihn in dem beklagenswerthen Zuſtande, worin er ſich befand, zu verlaſſen; ſie ſetzte ſich alſo auf einen Stuhl im Nebenzimmer und ſuchte 2 — — 243 ihren Kummer durch ihre gewöhnlichen Gebete zu lin⸗ dern. Allein die Hitze war zu drückend, der Schlaf wollte ſie übermannen; ſie begab ſich auf den Balkon, um friſche Luft zu ſchöpfen; aber auch hier ſchlief ſie, ſobald ſie ſich geſetzt hatte, ein. Durch Zufall kam gerade ein Trupp luſtiger Stu⸗ denten unten am Hauſe vorbei. „Ei, ſeht einmal,“ rief Einer davon mit lautem Gelächter,„ſeht einmal jene Eule auf dem Balkon ſitzen!!„ „Bei meiner Treu,“ rief ein Anderer,„das iſt ein wahrer Uhu!“ „Es iſt eine Schildwache der Inquiſition!“ rief ein Dritter. „Sie trauert ſchon um die Miniſter!“ „Sie iſt ganz abſcheulich!“ „Man könnte ſie für eine Statue von Thon hal⸗ ten.. Gott! welche Naſe! Wie kommt es aber, daß dieſes ſeltene Thier nicht in einer Menagerie zu ſehen iſt?“. „Hedal Mutter Atropos! Was macht denn Ihr auf dieſer Welt?“ „Sie hört uns nicht; ſie ſchläft wie ein Murmel⸗ hier.“ „Alter Waſchlappen! Warum ſetzt man Dich nicht auf einen Feigenbaum, um die Sperlinge zu er⸗ ſchrecken 2“ „Bei meiner Ehre, es wäre ein herrliches Stück für das Naturalienkabinet, eine lebendige Mumie.“ „Vielleicht iſt's eine Hexe, die bei Nacht ſchwärmt und bei Tage ſchläft.“ „Wohlan! ich will ſie ſchon aufwecken.“. Mit dieſen Worten warf einer dieſer Spaßvögel eine Hrange ihr ſo geſchickt auf den Höcker, daß ſie uuffuhr und nun, erſchreckt von dem Hohngelächter der Untenſtehenden, ſchnell die Jalouſien ſchloß und in's Zimmer zurückeilte. Allein hier hörte ſie zu ihrem noch größern Schrecken den Mönch ſtöhnen und ſchreien: „Zu Hülfe! zu Hülfe!. man erdroſſelt mich!... man bringt mich um!“ Es war die Stimme des Mönches.„er mußte ſchwer leiden ſo erloſchen und beinahe erſtickt war das ſonſt ſo kräftige Organ. Die Alte war von Schreck beinahe gelähmt und als ſie gegen den Alfoven ſah, öffnete der abſcheuliche Satyr eben die Vorhänge und trat, blaß wie der Tod von Schweiß triefend, die Augen aufgequollen, mit allen Anzeichen eines fürchterlichen Schreckens aus dem Schlafzimmer; nachdem er einige Augenblicke lautlos auf dem Sopha gelegen hatte, richtete er ſeinen Blick auf die erſchrockene Alte und ſagte mit ſeiner gewöhn⸗ lichen ſtarken Stimme: „Es iſt nichts.. nichts, meine Schweſter.. nur ein Alpdrücken. mir träumte, ich ich.. werde gehängt.“ „Barmherziger Gott!“ rief die Fromme. „Waſſer. ach! ich bitt Euch, Waſſer! ich ſterbe vor Durſt.“ Mutter Esperance holte ſchnell ein Glas reines Waſſer, das der Cyklop auf einen Zug austrank. Die Böſen ſind oft mitten im Ueberfluſſe, mitten unter allen Genüſſen des Lebens trotz allem Anſcheine von Glück doch nicht glücklich. Nicht nur, daß ihre gierigen Wünſche nie ganz befriedigt werden können, ſondern auch außerdem findet ihre von Gewiſſensbiſſen und Angſt gefolterte Seele nirgends Ruhe, und gerade dieſe Stunden, welche dem ſonſt ſo ſchwer geplagten Armen Erholung von ſeiner ſchweren Arbeit verſchaffen, ſind für Jene die qualvollſten. Nachdem ſich Patricius erholt hatte, eilte er in den Geheimbund zurück, um dort den Vorſitz einzu⸗ nehmen. Wenige Stunden nachher ließ die Regierung ſo — — 245 kecke Ordonnanzen bekannt machen und ergriff ſo ge⸗ waltſame Schreckensmaßregeln, daß die Liberalen von Madrid ſich entſchloßen, zu La Grania, wohin uns der Leſer nun begleiten mag, eine Revolution zu ver⸗ ſuchen. — „ S—— Achtes Rapitel. . San⸗Ildefon ſo. So ſehen wir uns nun auf dem Schauplatze, wo die bedeutungsvollſte Scene unſerer Revolution vor ſich ging, eine Scene, welche zugleich den Wendepunkt be in der Geſchichte, die wir erzählen, bezeichnet. Doch möchte es, ehe wir den Faden unſerer Erzählung wie⸗ M es der aufnehmen, dem Leſer nicht unlieb ſein, wenn wir eeinen ſchnellen Blick auf jenen Zauberſitz, jenes Granja, das vielleicht ſeines Gleichen nicht auf der Erde hat, en werfen.. ne Da wir uns vorgeſetzt haben, unſerem theuern re Vaterlande die Stklle anzuweiſen, die ihm unter den en, civiliſirten Ländern gebührt; es gegen die Vorurtheile en der Unkenntniß vertheidigen, ſeine Sitten, Gebräuche, de ſeine Fortſchritte in der Civiliſation und die merkwür⸗ en digſten Denkmäler derſelben in und um Madrid darſtel⸗ en, len zu wollen, ſo hieße es unſern Zweck verfehlen, wenn wir gerade dieſes prächtige Gebäude, dieſe magiſchen Gärten, welche jeden Beſucher, Fremde wie Einheimi⸗ ſche, in Erſtaunen ſetzen, übergehen würden. Bei dieſer ſchwierigen Aufgabe wollen wir ver⸗ ſuchen, ob nicht die reine, ungeſchminkte, von jeder poetiſchen Verſchönerung entkleidete Sprache der hiſto⸗ 246 riſchen Treue das Intereſſe und die Einbildungskraft des Leſers zu feſſeln vermag. König Philipp V. war nach gewöhnlichem Aus⸗ drucke ein guter, einfältiger Menſch. Nach dem Utrech⸗ ter Frieden fühlte er ſich durch ſein geängſtigtes Ge⸗ wiſſen und ſeine Frömmigkeit zu dem Entſchluſſe bewo⸗ gen, dem Herrn in der Einſamkeit ſeine Anbetung dar⸗ zubringen, nicht nur, um für ſeine Sünden Vergebung zu erlangen, ſondern auch, um für das Glück ſeiner neuen Unterthanen, der Spanier, zu beten. Ein neuer Hiob, war er entſchloſſen, ſich ganz dem Gebete und der Buße zu weihen, und ging nun an die Gründung einer Einſiedelei. Gewöhnlich iſt es mit den Opfern der Despoten gerade wie mit denen der Mönche, die in Mitten aller ſinnlichen Freuden, aller Pracht und alles Ueberfluſſes ihre weltlichen Genüſſe durch die fromme Phraſe hei⸗ ligen: Alles in Gottes Namen und zu Got⸗ tes Ehre! Der gute Philipp legte ſich ſo das ſchmerzliche Opfer auf, nicht wenige Millionen für die Erbauung ſeines königlichen Granja aufzuwenden und einen Wohn⸗ ſitz daraus zu machen, den ſich der höchſte Herrſcherſtolz nicht herrlicher wünſchen konnte. Es iſt wahrlich nicht leicht, ſich eine Vorſtellung von der düſteren Einſiedelei zu machen, welche ſich die fromme Majeſtät zu ihren Bußübungen zu er⸗ ſchaffen wußte, und man mußte die Geſchicklichkeit eines Fürſten bewundern, der ſich für ſein beſchauliches, nur Gottes Verehrung geweihtes Leben einen ſolchen Feen⸗ palaſt erbaute, wo er, umgeben von ſeinen treuen Höf⸗ lingen, ausrufen konnte: Alles in Gottes Namen und zu Gottes Ehre. Im Jahr 1450 hatte Heinrich IV. am Fuße eines Berges zu Ehren des heiligen Ildefonſo eine Eremitage erbauen laſſen, welche mit einem kleinen Stück Landes 247 den armen Mönchen des Kloſters Parral zum heiligen Hieronymus, bei Segovia gelegen, abgetreten wurde. Dieſer Platz ſchien ganz für die erbaulichen Ab⸗ ſichten Philipps zu paſſen; ſo bemächtigte ſich deſſelben nun der abſolute Gebieter durch ein Dekret vom 23ſten März 1720 gegen einen jährlichen Grundzins von tau⸗ ſend Dukaten und hundert Tonnen Salz, ohne Zweifel, weil der gute Philipp, wie alle abſoluten Herrſcher, ſeinen allgebietenden Willen zuweilen zu verſüßen die Luſt hatte. Ebenſo kaufte er von der edlen Geſellſchaft Linage zu Segovia zweihundert Morgen Landes um den Preis von achtzigtauſend vierhundert Realen und zahlte noch außerdem zweihundert ein und ſiebenzig tauſend neun⸗ hundert acht und anzig Realen für die Erlaubniß, fünfzigtauſend vierh Adert zwei und achtzig Tannen, die er zur Erbauüng ſeiner Einſiedelei brauchte, zu ſchlagen. 3 So ſehen wir gleich Anfangs die Summe von vier mal hundertfünfzehntauſend ſiebenhundert ein und neunzig Realen ausgegeben. Der Bau der königlichen Stiftskirche wurde in demſelben Jahre begonnen und ſchon im Jahre 1724 der heiligen Dreifaltigkeit geweiht. Vier Säulen von blutrothem Marmor aus den Steinbrüchen von Cabra zierten den koſtbaren, aus Jaspis gearbeiteten Altar. Der Giebel und der Deck⸗ ſtein ſind von prächtigem Porphyr und die Niſche für das Allerheiligſte von Lapis Lazuli. Die ganze Kirche hat die Geſtalt eines Kreuzes. Das Chor ſchließt in ſeinem untern Theil zwei Reihen ſchöner Chorſtühle ein, welche neun und vierzigtauſend fünfhundert Realen gekoſtet haben. Eine Uhr kaufte man zu London um zwei und zwanzigtauſend Realen; ſie iſt von einem prächtigen Gitter umgeben. Zwei Reihen marmorner Säulen, die von Genua kamen, ſtützen die große Tribüne, welche mit zwei Engeln, die „ 248 das Wappen von Spanien und Parma tragen, geziert iſt. Auf beiden Seiten befinden ſich die für die könig⸗ liche Familie beſtimmten Tribünen. Nach ſeinem Tode(im Jahr 1746) wurde Philipp, wie es das Teſtament verlangte, hinter dem Hauptaltar beigeſetzt; allein der Sohn, Ferdinand VI., ließ die Ueberreſte ſeines Vaters 1758 in das neue Pantheon bringen, und als im Jahr 1766 Iſabella von Patma ſtarb, wurden deren Gebeine in dem Grabe ihres Gat⸗ ten beigeſetzt. Dieſes Grabgewölbe iſt von blauem, weißgeadertem Stein; der Sockel von blutrothem Marmor trägt die Inſchrift: Philipp V., dem Könige von Spa⸗ nien, dem erhabenen Regenten, dem beſten Vater, errichtet dieſes Denkmal der Sohn, Ferdinand VI. Eine ſchöne, reich verzierte Urne trägt Krone, Scepter und Königsmantel. Zwei weib⸗ liche Statuen aus weißem Marwor ſtellen die verlaſſene Armuth, das bekümmerte Spanien dar. Die Bildniſſe Philipps und Iſabellas werden von einer Ruhmesgöttin bekränzt und auch hier ſieht man die beiden Wappen von Spanien und Parma. Die Hauptfagade des Schloſſes geht gegen den Garten und wurde von Rios, einem gebornen Biscayer, für die Summe von drei Millionen drei mal hundert ſechzigtauſend Realen ausgeführt. Sie hat eine Länge von zweihundertſechzig und eine Höhe von ſechzig Fuß. In dem mittleren Theil, der aus röthlichem Stein von Sepulveda und aus Jaspis gebaut iſt, herrſcht die korinthiſche Säulenordnung. Säulen, Pilaſter, Orna⸗ mente aller Art, Bildſäulen, Vaſen, Trophäen, Wap⸗ pen, Baluſtraden, Geländer gewähren dem Auge einen abwechslungsvollen, reichen Anblick. Fünfzehn Schritte von dieſer prächtigen Fagade iſt eine marmorne Freitreppe, welche mit zwölf Gruppen von Sirenen, Genien und Liebesgöttern geſchmückt iſt. 249 Von hier kommt man zunächſt zu der neuen Kaskade und zu den verſchiedenen Springbrunnen. Die Fontaine der drei Grazien iſt äußerſt hübſch. Die runde Schale iſt der Erde gleich. In der Mitte iſt ein Felſen mit zwei Satyrn und zwei Najaden, welche mit ihren rechten Händen eine Vaſe zu tragen ſcheinen. Zwiſchen dieſen vier Figuren ſieht man eben ſo viele Maben, welche, ſowie vier andere am Piede⸗ ſtal befindliche, Waſſerſtrahlen ausſpeien. Auf oben erwähnter Vaſe ſtehen nun die drei Grazien, welche wieder eine Schale tragen, auf der ein Cupido mit einem Delphin zu ſchauen iſt, welch letzterer einen Waſſerſtrahl von ſieben und vierzig Fuß Höhe auf⸗ wirft. Nicht weit davon iſt die berühmte Fontaine der Winde, die einen höchſt bizarren Anblick gewährt. Der Hauptſtrahl hat eine Dicke von ſiebzehn Linien und eine Höhe von ſieben und fünfzig Fuß. Ebenfalls in der Nähe iſt die Fontaine der Am⸗ phitrite: vier Delphine werfen ihre Strahlen in ſchrä⸗ ger Richtung, der fünfte aber ſenkrecht in eine Höhe von zwei und fünfzig Fuß. Weiter öſtlich an der Fagade des Schloſſes hin⸗ gehend bemerkt man die Fontaine der Pomona, wo auch die finnbildlichen Figuren der beiden Flüſſe, des Duero und Adaja, zu ſehen ſind. Von da kommen wir in die Allee der Rennbahn, wo man eine herrliche Perſpective auf ſechs Fontainen und hundertvierzehn Strahlen hat, die ſich nach den verſchiedenſten Richtungen hin durchkreuzen. Unter dieſen bemerken wir zunächſt die Fontaine des Neptun, dann die des Apollo, die der Andromeda, die Korb⸗Fontaine, die der Fröſche oder der Latona; das Bad der Diana, die Fontaine der Ruhmesgöttin, mit den vier Statuen des Duero, Ebro, der Guadiana und Piſuerga. Es iſt nicht möglich, den Eindruck zu ſchildern, den 250 alle dieſe Tauſende von Statuen, Amoretten, Delphine u. ſ. w. machen, wenn, das bewegliche Element des Waſſers nach tauſend und aber tauſend verſchiedenen Richtungen ſich darüber hingießt, und man weiß nicht, ſoll man mehr die Kunſt des Bildhauers oder die des Waſſerbaumeiſters bewundern, welche Beide an dem magiſchen Effecte den gleichen Antheil haben. Wenn die Sonne den Horizont beleuchtet, borgen die Waſſerſtrahlen eine Menge maleriſcher Effecte von ihr; die Blumen und Bäume ſcheinen von Perlen über⸗ ſäet, und die Vögel beleben mit ihren ſüßen Melodien das zauberhafte Schauſpiel. Allein ſobald die Nacht ihren ſaphirblauen Sternenſchleier entfaltet, iſt der Anblick dieſer gigantiſchen Figuren noch viel bewun⸗ dernswürdiger: die koloſſalen Statuen heben ſich in ihren ſeltſamen Geſtalten wunderbar auf den Wolken oder auf dem dunkeln Grund der vielfarbigen Dünſte ab; das Firmament erſcheint wie ein Plafond mit herrlicher Moſaik, deſſen Gewölbe von ungeheuren Bäu⸗ men getragen wird; wenn nun dieſe Waſſer ſpringen, brauſen, bei dem Schimmer der Lampen ſpielen, glaubt man ſich in ein Wunderreich verſetzt zu ſehen. Die ungeheuren Waſſerſpiegel ſtrahlen alle Lichteffecte wie⸗ der; der Regenbogen erſcheint in unzähligen Nuancen auf tauſend verſchiedenen Punkten, ſo daß die kühnſte Einbildungskraft oder die gewandteſte Beſchreibung weit hinter dieſen Zauberkünſten zurückſtehen muß. Schon die bloße Aufzählung all' dieſer einzelnen Schönheiten, die uns an den Fontainen in den Gär⸗ ten, Alleen ꝛc. entzücken, wäre eine beinahe nicht zu löſende Aufgabe. Die Gärten allein haben nach einer genauen Meſſung des Obergärtners Joſeph⸗Maria Lemmi eine Oberfläche von vierzehn Millionen, ſieben⸗ mal hundert viertauſend Fuß; die eigentlichen Bäume ohne die Gebüſche erreichen eine Anzahl von drei Mil⸗ lionen, einhundert vierzigtauſend Stück. — v 8 N 251 Die Pracht im Innern des Schloſſes iſt dem äußern entſprechend. Dieſer königliche Wohnſitz von Ildefonſo, bekannter unter dem Namen La Granja(die Scheune) liegt am Fuße eines Ausläufers des Guadarama⸗Gebirges, zwei Stunden von Segovia, zwölf von Madrid. Ehe wir in dem nächſten Kapitel die wichtigen Ereigniſſe vom Auguſt 1836 erzählen, möge der Leſer in der folgenden Beilage ſich des Näheren über den Reichthum von La Granja unterrichten. Anhang zu dem vorigen Kapitel. Um dem Leſer, der die Wunder von San Ilde⸗ fonſo nicht mit eigenen Augen ſehen kann, doch eine der Wahrheit ſich nähernde Idee von dieſer Pracht zu geben, fügen wir nachgehends ein genaues Verzeichniß der Statuen, Figuren und anderer Kunſtprodukte bei, welche in der untern Gallerie des Schloſſes aufgeſtellt ſind; daneben mögen noch einige andere, aus Documenten geſchöpfte Notizen ihren Platz nden. König Philipp V., ſagt Doktor Martin Sedegno, wollte, daß die erſte Abtheilung der untern Gal⸗ lerie, die wegen ihrer Größe in mehrere Theile ge⸗ trennt war, zum Empfang der Geſandten ausgerüſtet werde. Zu dieſem Zweck verwandte man dabei alle nur denkbare Pracht: der Plafond iſt von Stuckatur⸗ arbeit, die Geſimſe und Frieſe der Thüren und Fenſter ſind mit den köſtlichſten Marmorarten Spaniens ge⸗ ziert; ebenſo befinden ſich hier Säulen aus italieniſchem und einheimiſchem Marmor. Von all dieſem ſieht man jetzt nur noch Trümmer, ———— 252 da dieſer Raum ſpäter zu einem Conzertſaale umge⸗ wandelt, dann zum Ballſpiele, zuletzt zu einer Reit⸗ ſchule benützt wurde. Im zweiten Gemache: Nichts Merkwürdiges. Im dritten Gemache; Zwei Statuen von mehr als natürlicher Größe, welche Julius Cäſar und Alerander vorſtellen; Kopf, Beine und Arme ſind von Bronce, die übrigen Theile aber von Agat oder vrientaliſchem Alabaſter. Eine Bildſäule des jungen Paris, von mehr als na⸗ Größe; ein Cupido, welcher den Apfel dar⸗ ietet. Eine Bildſäule der Venus in derſelben Größe. Eine Graburne mit Reliefs, welche ein dem Bacchus dargebrachtes Opfer vorſtellen. Man glaubt, ſie habe einſt die Aſche von Cajus Caligula umſchloſſen; ſie iſt von Marmor, das Piedeſtal hat Ineruſtationen von Jaspis. 6 Marmorbüſten, den Tag und das Feuer vorſtel⸗ end. Zwei Büſten von Stuck: die Nacht und die Meduſa. Zwei Büſten von nachgemachtem Jaspis: zwei Kaiſer⸗ Bilder. Viertes Gemach: Eine Bildſäule von weißem Marmor: Narciß mit ge⸗ neigtem Haupte; das Piedeſtal iſt von Stein. Eine Statue der Flora auf hölzernem Piedeſtale. Eine kleinere Apolloſtatue. Eine liegende Daphne. Piedeſtal von Holz Eber, mehr als halb erhabene Reliefs auf blauem tein. Zwei Steinſäulen in Moſaikmanier. Fine Venusbildſäule von Stuck. Das Piedeſtal von incruſtirtem Holze. 253 Fünftes Gemach: Eine ſteinerne Bildſäule Jupiters, wie er den Blitz in der Hand hält; das Piedeſtal iſt von Holz. Arachne mit dem Weberſchiffchen. Venus im Bade: ein Knie ſtützt ſich auf eine Schild⸗ kröte; übernatürliche Größe. Flora: öbernatürliche Größe, Piedeſtal von Holz. Eine kleinere Bildſäule, den jungen Ptolomäus vor⸗ ſtellend. Eine Bildſäule des jungen Antinous. Eine Bildſäule des Herkules. Ein Piedeſtal von Holz, mit einem Marmorrelief, ine Schlacht vorſtellend. Vier Büſten in Gips mit Piedeſtalen von Stein. Zwei kannelirte Marmorſäulen mit Büſten. Kaſtor, Pollux und Helena in Gips. Faunus mit einem Lamm auf dem Rücken, in Gips auf einem hölzernen Piedeſtal. Sechstes Gemach: Eine koloſſale Marmorbildſäule des Apollo. Acht Muſen: Euterpe, Urania, Thalia, Polyhymnia, Erato, Terpſichore, Clio, Kalliope. Vier große Büſten in Stein, ſechs in Gips. Siebentes Gemach: Dieß iſt ganz mit ſpaniſchem Marmor ausgeziert; es ſind acht marmorne Säulen, zwiſchen welchen hübſche Venezianerſpiegel mit geſchnitzten und vergoldeten Holzrahmen. Zwei Marmorbüſten von Kindern. Zwei Piedeſtale von Marmor; die Büſten, Kaiſerbilder vorſtellend, ſind von Gipsmarmor. Sechs Vaſen von Gips, Porphyr vorſtellend. Achtes Gemach. Die koloſſale Bildſäule der Kleopatra, von demſelben Künſtler, wie die im Vatikan, aber ein wenig größer. Eine Marmorſtatue, einen Penaten vorſtellend, mit einem Piedeſtal von Espejon⸗Marmor. 254 Eine Sibille. Futie ebenſo von Marmor, auf einem Espejon⸗Piede⸗ al. Faunus, ebenſo. Zwei antike, kleine Stiere, ebenſo. Sechs Büſten, ebenſo. Eine Venus und ein Greis, das Schönſte, was man ſehen kann. Neuntes Gemach: Ein Basrelief, vier Fuß lang und drei Fuß hoch, die Gefangennehmung einer Perſon vorſtellend. Es iſt von Marmor und aus der römiſchen Schule. Vier Kaiſerbüſten in Marmor. Chriſtine von Schweden, ein koloſſales Marmorbild. Eben dieſe Königin hatte an den ſpaniſchen Bot⸗ ſchafter zu Rom eine Menge dieſer ſeltenen Kunſt⸗ gegenſtände verkauft. Drei koloſſale Statuen in Gips. Eine Bildſäule, Nachahmung von Porphyr. Zehntes Gemach: Zwei Basreliefs. Eine Marmorbildſäule, den Ueberfluß des Meeres dar⸗ ſtellend, auf hölzernem Piedeſtal. Der Weltruhm, ebenſo. Der Reichthum der Erde, ebenſv. Herkules, ebenſo. Ceres, ebenſo. Ein Kind, von weißem Marmor, eine Blumenguirlande in der Hand; einen Fuß lang und einen hoch. Zwei Götzenbilder von Marmor. Eine koloſſale Bildſäule in Gips, eine Copie der Kleopatra. Eilftes Gemach: Der Glaube, in einem Schleier, von Firmin oder aus ſeiner Schule, in weißem Marmor. Eine unbekannte Frau, Piedeſtal von Holz. 255 Venus, wie ſie aus dem Bade ſteigt; ein Theil des Werkes iſt alt, ein anderer neu; das Piedeſtal iſt von Holz. Herkules. Apollo, koloſſal, von Gips. Zwölftes Gemach: Jupiter, natürliche Größe, in weißem Marmor. Julius Cäſar. Cäſar Auguſt. Julius Cäſar in dem Prieſtermantel. Vier egyptiſche Götzenbilder in egyptiſchem Granit. Sechs Büſten in weißem Marmor. Vitellius, eine Gipsbüſte. Eine Gruvpe in Gips: zwei Kinder, die ſich um einen Palmzweig ſtreiten. Zwei Frauen in Gips. Dreizehntes Gemach: Ganymed, wie er von dem Adler geraubt wird, eine Statue mittlerer Größe; ein antikes Original, dem ein Arm fehlt. Venus, in derſelben Größe. Leda mit ihrem Schwan. Vierzehntes Gemach: Jeſus Chriſtus, Basrelief in weißem Marmor, in einer Holzrahme. Der Kopf der Olympia, Basrelief. Längliches Basrelief: ein Heiliger, von Engeln empor⸗ gehoben. Basrelief mit kriegeriſchen Trophäen. Zwei Löwen als Relief. Eine Büſte des Königs Philipp V. auf einem Piede⸗ ſtal von ſchwarzem Marmor, mit vergoldeten Or⸗ namenten. Seine Gemahlin Iſabella, ebenſo. Louis l. ihr Sohn, ebenſo. Die Gemahlin desſelben, ebenſo. Julius Cäſar und Auguſtus, Bildſäulen von Gips. 256 Daphne, ebenfalls von Gips. Zwei Muſen. Fünfzehntes Gemach: Die Korbfontaine. Zwei Vaſen von Stein, mit Deckel. Herkules und Jupiter, von Gips. Vier Büſten, Gipsmarmor. Sechzehntes Gemach: Zwei Satyrn in weißem Marmor, die Schwänze, Beine und Arme in einander geſchlungen; für eine Fontaine beſtimmt. Zwei ſitzende Löwen, die Tatzen auf einem Wappen⸗ ſchilde, auch zu einer Fontaine beſtimmt. Reliefs: römiſche Schlacht. — ein Hund und ein Eber. ein Rehbock und ein Reh. die Charitas. Jeſus und ſeine Mutter. Sankt Sebaſtian, von Pfeilen durchbohrt. Mariä Verkündigung. König Philipp V. Die Mädchen von Corinth, Urſprung der korinthiſchen Säulenordnung. — Diana, Venus, Endymion und Gefolge. — Laokoon und die Schlangen. Vier kleine Graburnen.— Zwei andere Basreliefs in Marmor. Fin Relief: der Raub der Sabinerinnen. Eine kleine Statue des Bacchus. Mehrere beſchädigte und zerbrochene Büſten. 257 Aufzählung der bemerkenswertheſten Gemälde, welche ſich zu San⸗Ildefonſo befinden. In der obern Gallerie, Eingang durch den Hof Herradora(Hufeiſen). Errſſte Abtheilung: Ein großes Gemälde: Fiſche; Meiſter unbekannt. Einige Stücke aus dem Leben Chriſti; Genrebilder aus der niederländiſchen Schule. 3 weite Abtheilung: Vier große Landſchaften; vielleicht von Pouffin. Großes werthvolles Gemälde: Elieſer und Rebekka. Viele Bilder aus dem Leben Chriſti. Dritte Abtheilung: Die heilige Mutter Gottes und Franz von Sales; franzöſiſche Schule. Ein ecce homo, vielleicht von Greco. Knaben halten Blumen in die Höhe; wird Titian zugeſchrieben. Zwei junge Portraits des Infanten Don Philipp, Herzogs von Parma und ſeiner Gemahlin, Maria The⸗ reſia von Oeſtreich, einer Tochter der berühmten Kai⸗ ſerin Maria Thereſia. Beide ſitzen zu Pferde; Parma in der Ferne. Vierte Ahbtheilung: Vier Oelgemälde mit Scenen aus dem Leben Chriſti: Jeſus vertreibt die Mäckler aus dem Tempel; Jeſus ſoll geſteiniget werden, weil er den Untergang des Tempels prophezeiht hat; Jeſus als Knabe unter den Lehrern im Tempel; Jeſus heilt den Gichtbrüchi⸗ gen; wahrſcheinlich italieniſche Schule. Ueber den beiden Thüren zwei Gemälde: die Ka⸗ naniterin; Jeſus im Garten zu Gethſemane; der Mei⸗ ſter iſt nicht bekannt. Jzco, Marie. I. 17 258— Haupthof. Vorzimmer. Ein Gemälde: ein Kind hat einen Korb umgeworfen; niederländiſche Schule. Ueber der Thüre: Eine Küche mit Eßwaaren. Der Raub der Europa; nach Paul Veroneſe. 6 Die Ermordung Cäſars. Anſicht des Lateran zu Rom. Zwei große Gemälde aus der italieniſchen Schule: die Geburt des Herrn, und die Anbetung der Könige. Mehrere Gemälde aus der niederländiſchen Schule: Waſchfrauen, Jäger, Landſchaften ꝛc. Großes Bild der heiligen Jungfrau. Saal der Leibgarde. Ueber der Thüre: Plan der Promenade zu Mexiko. Topographiſcher Plan der Gärten von La Granja. Lukrezia's Tod; wird der italieniſchen Schule zu⸗ † geſchrieben. Ganzes Portrait des Kardinals Cisnéros. Längs der Wand: verſchiedene Scenen aus dem Leben Chriſti. Ein ſchöner Kopf; wahrſcheinlich ein alter Maler. Ueber dem Altare: ein Bild der heiligen Fa⸗ milie.. Zwei Urnen von Kriſtall, darin die heilige Jung⸗ frau und der heilige Paulus von Wachs. In dem anſtoßenden Saal ſieht man einige Kupfer⸗ ſtiche, welche die Trauerfeierlichkeiten bei verſchiedenen Todesfällen in der ſpaniſchen Königsfamilie darſtellen.* Gallerie des geheimen Kabinets. Eine kleine Federſtizze, die heilige Jungfrau vor⸗ ſtellend; ein Werk von großem Werthe⸗ Zimmer, das in die untere Gallerie führt. Sechs Kopien von Lebrün, Scenen aus Karls des Großen Leben. Eine Kopie nach dem berühmten Gemälde: die Perle des Eskorials. 3 * n n. r⸗ 259 Die heilige Jungfrau; Kopie nach Raphael. Viele Paſtellgemälde aus dem Leber Chriſti, welche man verſchiedenen Prinzen und Prinzeſſinnen zuſchreibt. Kurze Notizen über die königliche Kriſtallfabrik. Kurze Zeit nach der Gründung von San Ilde⸗ fonſo ließ Philipp V., um den Vermögenszuſtand der Bewohner zu beſſern, eine Kriſtallfabrik hier errichten, die nach und nach verſchiedene Schickſale und Aende⸗ rungen erlebt hat. Die erſten Lehrmeiſter waren Franzoſen und Deutſche, den Handelsbetrieb leitete ein Engländer, Simon Brun. Bis auf den Tod Ferdinands VII. hatte jede Abthei⸗ lung ihren eigenen Betrieb, und der Gewinn für die königliche Kaſſe war durchaus nicht unbedeutend. Bis zum Jahr 1833 zählte man acht Graveure, vier Glas⸗ ſchneider, eine große Anzahl Glasgießer, viele Tag⸗ löhner und Lehrlinge. Dieſe Arbeiter wechſelten ab, ſo daß die Arbeit nie aufhörte. In dem Atelier für halbfeine Waaren wurde aber nur um den andern Tag gearbeitet. Die Werkſtätten zur Bereitung des Ma⸗ zählen heute noch einhundert und fünfzig Ar⸗ eiter. Es gibt drei Oefen: einen für Fenſterglas, wobei Franzoſen arbeiten; einen für Karaffen, wobei die halbe Anzahl aus Franzoſen, die andere Hälfte aus Spaniern beſteht; einen dritten für allerlei Waaren, wieder mit Spaniern und Franzoſen. Man fabrizirt hier ſehr koſt⸗ bare, ſchöne Kriſtallwaaren, und das Ganze ſteht unter der Leitung des kenntnißreichen Diego Fernandos Se⸗ gura. Seit dem Jahr 1845 iſt die Werkſtätte der Gra⸗ veure an einen andern Ort verlegt worden, wo man mittelſt einer Waſſerkraft ſchnellere und gleichförmigere 260 Arbeit machen kann. In einer beſondern Mühle wer⸗ den die verſchiedenen Ingredienzien des Kriſtalls, Sand⸗ ſtein, Berill, Bergkriſtall*r. gemahlen. In den drei Läden der Fabrik verkauft man ſowohl en gros, als en detail. Die Arbeiter, ohne die Holzhauer und Zuträger des Materials zu rechnen, belaufen ſich auf ungefähr zweihundert Familien, welche alle gut bezahlt ſind. Jetzt iſt dieſes ſchöne Etabliſſement in den Händen der Herren Fagoago, Ceriola und Carriqueri, welche kein Opfer ſcheuen, es auf ſeinen alten Glanz zu erheben, und die beſten ausländiſchen Fabriken ähnlicher Art nicht nur zu erreichen, ſondern zu übertreffen. Die Statüen in den Gärten u. ſ. w. koſteten nach dem Inventarium vom Jahr 1748 zuſammen 1,702,800 Realen. Die Fontainen und Figuren betrugen laut der Rechnungen 22,462 Dublonen. Wie viel Millionen ſind ſomit für die drei könig⸗ lichen Schlöſſer aufgewendet worden! Mag der Fremde dieſe Werke mit Staunen, der Spanier ſie mit Eitel⸗ feit betrachten— Spanien könnte mit viel gerechterem Stolze um ſich blicken, wenn die ungeheuren Summen, der Schweiß des Landes, für das öffentliche Wohl, zur Hebung der Induſtrie, des Volksunterrichts, für Stra⸗ ßen, Kanäle, beſonders aber zur Hebung der Seemacht verwendet worden wären. Dann wäre Spanien mäch⸗ tig, reich, von den übrigen Nationen geachtet und ge⸗ fürchtet; dann würde die Armuth des Volks nicht den ſchneidenden Kontraſt bilden gegen die Königsſitze, dann würde der Schweiß des Bürgers ſeine gerechte Beloh⸗ nung finden! ——— 261 Meuntes Rapitel. Der Unteroffizier und die Königin. Wir haben den Faden unſerer Geſchichte bis zum 15. Auguſt 1836 fortgeführt, bis zu dem Tage, wo die unglückliche Marie aus dem Hauſe ihrer Beſchützerin entfloh, um in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren. Ehe wir aber weiter nach Marien uns umſehen, müſſen wir einen Blick auf die politiſchen Ereigniſſe werfen, wie ſie damals, vom 12ten dieſes Monats an, zu Madrid und La Granja, der Reſidenz der Königin⸗ Regentin, ſtattfanden. Der Aufſtand hatte ſich über den größten Theil des Landes, und über die Hauptſtadt verbreitet, und ſeine mächtige Stimme mußte nun alsbald auch unter den Hallen des Königspalaſtes wiedertönen; ſie fand dort das entſprechende Echo, und die Freiheit war ge⸗ rettet.*) *) Die Revolutionen erkennen weder Geſetze, noch Reglements, weder Standesunterſchiede, noch Vor⸗ rechte an; man darf da nur Individuen, Bürger, die für ihre Rechte aufſtehen, in's Auge faſſen; ſie achten weder Staats⸗, noch Kirchen⸗Gewalten; ſie nehmen auf keine militäriſche, prieſterliche, ſelbſt nicht auf die königliche Würde Rückſicht. Sie ken⸗ nen kein anderes Geſetz, als das der Vorſehung, das weit über allen anderen ſteht. So iſt die Re⸗ volution von La Granja, vom einſeitigen Stand⸗ punkte des militäriſchen Gehorſams aus betrachtet, zwar ein Verbrechenz allein bei einer revolutionä⸗ ren Kriſe, wie damals, nichts anderes, als die natürliche Rückwirkung des allgemeinen National⸗ 262 Es war Abends zehn Uhr, als die königliche Garde, welche zu San Ildefonſo kaſernirt war, ebenfalls die Konſtitution vom Jahr 1812 proklamirte. Die Solda⸗ ten zogen, von ihren Unteroffizieren angeführt, in en⸗ thuſiaſtiſcher Freude durch alle Straßen, und ließen die Charte von Cadir hoch leben. Die patriotiſchen Häupter des Aufſtandes, weit ent⸗ fernt, ihre ruhmwürdige Unternehmung⸗ wodurch die angefangenen Transaktionen mit dem Prätendenten zu Nichte gemacht wurden, durch Gewaltthaten beflecken u wollen, zogen es vor⸗ durch Ueberredung und güt⸗ liche Vorſtellung die Regentin eines Beſſern zu beleh⸗ ren, und ſo das Vaterland zu retten. Eine Abordnung von Unteroffizieren, der muthige Eugen Garcia an ihrer Spitze, verlangte daher eine Audienz bei der Königin. Dieſe kecke Aufforderung fand begreiflicherweiſe bei den Höflingen und den herrſchſüchtigen Gewalthabern einen heftigen Widerſtand, und eben dieſe, welche meiſt ſelbſt durch ähnliche oder ſchlimmere Revolutionen ihre Stellen erhalten hatten, entblödeten ſich nicht, die jetzige Bewegung, wahrſcheinlich weil nur ein Unter⸗ offizier an der Spitze ſtand, eine gemeine Emeute zu nennen ⸗ Wir ſind weit entfernt, die Empörung der bewaff⸗ willens. Mit einem Worte: die Unteroffiziere der Garde, welche ſich der Königin-Regentin gegen⸗ über ſtellten, und ihr kühn die Stimmung des Volks und der Armee kund thaten, waren nur das getreue Echo dieſer Armee und dieſes Volks, wie ſich aus dem Erfolge ganz deutlich zeigte. Indem dieſe braven Soldaten vergaßen, daß ſie Soldaten ſeien, und ſich nur an ihre urſprünglichen Bürger⸗Rechte und Bürger⸗Pflichten erinnerten, erwarben ſie ſi um die Nation, und nicht weniger um die Königin, ein großes Verdienſt. Flores, Geſch. Espartero's, Bd. I. S. 339. * —— —— A — 263 neten Macht vertheidigen zu wollen; wenn dieſe aber jemals der Ausdruck des Nationalwillens war, ſo ge⸗ wiß damals, als der patriotiſche Garcia ſich an ihre Spitze ſtellte. Hat man vergeſſen, was der Wahlſpruch jener ver⸗ hängnißvollen Tage war: Die Gewalt der Regie⸗ rung erſtreckte ſich nicht weiter, als man von der Thurmſpitze des Schloſſes ſehen konnte... Wenn die Regierung ſo in die Enge getrieben war, wenn das ganze Land ſich gegen ihre ſchädlichen Ma⸗ rimen, gegen ihre geſetzwidrigen Gewaltmaßregeln auf⸗ lehnte, warum ſollte man jenen Patrioten ſo ſtrenge beurtheilen, der als Wortführer der allgemeinen Volks⸗ ſtimmung mit der Königin ſprach? Garcia, der ſpäter in Armuth ſtarb, weil ſein Ehr⸗ geiz ſich darauf beſchränkte, das Vaterland zu retten, weil er die verdiente Belohnung nicht erbetteln wollte, erſchien damals in der vollen Energie eines reinen Ge⸗ wiſſens, einer durch die allgemeine Beiſtimmung getra⸗ genen Ueberzeugung vor der Königin, und wagte es, den heuchleriſchen Gewalthabern die Maske abzuziehen. „Euer Majeſtät,“ ſagte er mit entſchiedenem, aber achtungsvollem Tone,„kann, umgeben von Schmeichlern, die Stimme der Wahrheit nicht vernehmen; ich komme im Namen meiner Waffenbrüder, Ihnen dieſelbe zu offenbaren, und werde ſtolz darauf ſein, wenn es mir gelingt, das Vaterland vor den ihm drohenden Gefah⸗ ren zu retten.“ „Sprich!“ antwortete die Königin, welche ihre Ent⸗ rüſtung weder verbergen konnte, noch wollte—„was verlangen die Aufrührer?“ „Majeſtät! die Aufrührer wollen den Thron Eurer erhabenen Tochter erſchüttern, ſtürzen.“ „Verwegene Soldaten!“ „Majeſtät! Nicht wir ſind die Aufrüher! der ein⸗ ſtimmige Wille einer großen Nation iſt nie aufrühreriſch. 7 264 Diejenigen dagegen ſind die Aufrührer, die Rebellen, welche dem ſouveränen Volkswillen ſich entgegenſtellen.“ „Erkläre Dich näher.“ „Ich wiederhole es noch einmal, Euer Majeſtät, nicht wir ſind die Rebellen, ſondern vielmehr Eure treu⸗ loſen Rathgeber. Die Nation will Freiheit, und nur umſonſt wird man dem mächtigen Andrang des allge⸗ meinen Willens einen Damm entgegenzuſetzen verſuchen. Die ſpaniſche Armee verlangt die Freiheit, für welche ſie auf den Schlachtfeldern von Navarra*) gekämpft *) Als die Inſurgenten ſich dem Schloſſe näherten, wollten die dortigen Wachen die Thore ſchließen, und ſich zur Wehre ſetzen; allein die Königin⸗ Muiter, die von dem Vorfall unterrichtet war⸗ verbot es ihnen, und verlangte die Abordnung der Unteroffiziere ſelbſt in ihrem Kabinet zu ſprechen. Dieß geſchah, und der Oberfeldwebel Garcia ver⸗ ſicherte im Namen der Garniſon in feſtem, aber achtungsvollem Tone, daß die Armee nicht ſich zu⸗ frieden geben würde, ehe das Land die Konſtitution, welche man ihnen auf den Schlachtfeldern von Navarra verſprochen habe, erhalten würde. Der Redner gehörte zu dem Regiment, das ſich bei den Feldzügen im nördlichen Spanien am meiſten aus⸗ gezeichnet hatte. Die Königin nahm dieſe Forde⸗ rung mit Mißvergnügen auf, und hatte den edlen Mulh, ihre Einwürfe und Gegengründe frei zu äußern; allein endlich ſah ſie ſich, nach einer lan⸗ gen, lebhaften Unterredung, überwunden oder we⸗ nigſtens überzeugt, daß die Annahme der verlang⸗ ten Konſtitution, wenn auch nicht vortheilhaft für das monarchiſche Prinzip, doch gewiß im gegen⸗ wärtigen Zeitpunkte der einzige Rettungsweg für daſſelbe ſei. Um drei Uhr Morgens unterſchrieb ſie das Dekret, nach der Meinung der Einen durch Gewalt genöthigt, nach der Anſicht Anderer abe ——— — 265 hat, und für welche ſie jeder Zeit Blut und Leben laſ⸗ ſen wird, ohne je, trotz der härteſten Entbehrungen und Mühen, einen Augenblick zu wanken. Mit einem Wort, Majeſtät, ich, der ich von früher Jugend an nur ge⸗ lernt habe, mein Blut für das Vaterland zu vergießen, und nicht in der ſchmeichleriſchen Redeweiſe erfahren bin, womit man die betrogenen Könige zum Lächeln bringt; ich erſcheine mit dem Freimuth eines alten Ve⸗ teranen, deſſen Herz für ſeine Königin und für das Vaterland mit gleicher Wärme ſchlägt, vor Euer Ma⸗ jeſtät, um Ihnen zu ſagen, daß Sie, wofern Ihre Toch⸗ ter den Thron nicht verlieren ſoll, ohne Verzug die Konſtitution von Cadix proklamiren müſſen.“ „Nimmermehr!“ rief die Königin heftig.„Unver⸗ ſchämter Soldat, haſt Du vergeſſen, was Deine Pflicht Dir vorſchreibt?“ „Majeſtät! Ich habe es nicht vergeſſen, allein vor Allem bin ich ſpaniſcher Bürger; ich bin zwar Sol⸗ dat, allein im Dienſte des Vaterlandes, berufen, ſeine Freiheit zu vertheidigen, nicht es in ſchmähliche Ketten zu ſchlagen. Wenn ich es gewagt habe, vor Eurer Ma⸗ jeſtät zu erſcheinen, ſo geſchah es nur im Intereſſe Spaniens. Der Gedanke, die Wahrheit, die reine, durch die Ueberzeugung beſtimmt, daß nur ſo ihrer Tochter der Thron erhalten werden könne. Der einfache, muthige Soldat hatte mit der hinreißen⸗ den Beredtſamkeit einer reinen Ueberzeugung ge⸗ ſprochen; er machte eine getreue Darlegung von dem Stande der öffentlichen Dinge, und die Kö⸗ nigin ſah endlich ein, daß ſie, getäuſcht von der lügenhaften, miniſteriellen Preſſe, auf dem Wege geweſen war, nicht nur den guten Eindruck, wel⸗ chen die erlaſſene Amneſtie gemacht hatte, wieder zu vernichten, ſondern den Thron ihrer Tochter auf's Aeußerſte zu gefährden. Chronique contemporaine, Bd. III. S. 157. 266 nicht durch heuchleriſche Schminke getrübte Wahrheit zu ſagen, ſie vor Euer Majeſtät, die ſo eben von dem erhabenen Throne herab den unglücklichen Verbannten die Hand der Vergebung, der Gnade gereicht hat, aus⸗ zuſprechen„dieß hat mein widerſtrebendes Gefühl überwunden, mich in dieſe Gemächer des Luxus und der verſchwenderiſchen Pracht geführt„ denn mein Pallaſt, Majeſtät, iſt das Schlachtfeld... meine Au⸗ genweide iſt die Schlacht,.„ mein Ohrenſchmaus das Pfeifen der Kugeln. mein Abgott die Freiheit des Vaterlandes. Im Namen desſelben ſage ich noch ein⸗ mal, es gibt kein anderes Mittel der Rettung, als die Conſtitution von 1812. Wer Eurer Majeſtät einen ent⸗ gegengeſetzten Rath ertheilt, meint es nicht gut mit dem Thron Eurer erhabenen Tochter, verräth, unter⸗ gräbt denſelben. Ganz Spanien iſt gegen die Verblen⸗ dung Ihrer Miniſter aufgeſtanden wer es anders ſagt, iſt ein ſchändlicher Lügner. Die Nation hat ihren mächtigen Willen laut genug zu erkennen gegeben.. wer dieſem entgegen handelt.„ich ſage es noch ein⸗ mal. der iſt der wahre Aufrührer, der Rebell.“ Mit Recht nannte ſich Garcia den Dolmetſcher des allgemeinen Volkswillens, denn nicht die kleinſte Stadt, nicht der armſeligſte Flecken war damals zu finden, wo nicht die ſtolze Fahne wehte, welche von Cadir aus einen ſo ruhmwürdigen Siegeslauf genom⸗ men hatte. Am 26. Juli hatte die ſtädtiſche Behörde zu Ma⸗ laga die Conſtitution vom Jahr 1812 proklamirt; am 29. wiederhallte dieſer Ruf zu Cadir, am 30. zu Se⸗ villa und Granada. Den 31. erhob ſich Cordova und am 1. entfaltete ganz Aragon, das unſterbliche Sara⸗ goſſa voran, dieſes Banner. Den 3. folgte Badajoz und mit ihm ganz Eſtremadura, dieſem Beiſpiel. Den 8. ſchüttelte Valencia das Joch ab, ebenſo am 11. Alikante, Murcia, Kaſtellon und Karthagena; zuletzt ſtellte ſich auch, von Barcelona aufgefordert, ganz Ca⸗ . 267 talonien unter die Fahne der Freiheit: ſo war ganz Spanien außer der Gewalt des miniſteriellen Despo⸗ tismus. Die energiſchen Worte des einfachen Unteroffiziers, obgleich von jedem redneriſchen Schmucke entkleidet, blieben nicht ohne Wirkung. Dieſe folgenreiche Unterredung eines von Vater⸗ landsliebe beſeelten Soldaten und einer muthigen Kö⸗ nigin, welche durch ihre Umgebung zum feſteſten Wi⸗ derſtande aufgefordert war, dauerte mehrere Stunden. Allein die Gründe, welche der einfache Volksmann vor⸗ zubringen wußte, waren ſo ſchlagend, ſo entſcheidend, daß die Königin endlich nachgab und am 13. Morgens 3 Uhr folgendes Deeret unterzeichnete: „Als Königin⸗Regentin von Spanien ge⸗ biete und befehle ich, daß die Conſtitution vom Jahr 1812 ſo lange in Wirkſamkeit ge⸗ ſetzt ſein ſoll, bis die Nation durch ihre ge⸗ ſetzlichen Vertreter ſich über die Annahme oder zeitgemäße Aenderung derſelben erklärt haben wird.“ Mit dieſem Decret hatte die Volksſouveränetät den vollſtändigſten Sieg errungen. Sicbente Abtheilung. Jedes Verſprechen iſt heilig. Erſtes Rapitel. Der Verurtheilte in der Sterbkapelle. ²) In einem armſeligen Gemache ſtand ein Altar mit einem Cruzifir, beleuchtet von zwei grünen Kerzen. Ein abgezehrter Mann hörte regungslos den Wor⸗ ten des Troſtes zu, welche ein Prieſter an ihn richtete. Zwei barmherzige Brüder betrachteten mit Thrä⸗ nen in den Augen die herzzerreißende Scene. Anſelm hatte ſchon beinahe zwei und ſiebzig Stun⸗ den in dieſer Wohnung des Jammers und der Buße zugebracht, ohne daß dieſer lange Todeskampf ihm eine *) In ganz Spanien wird jeder zum Tode Verur⸗ theilte die letzten drei Tage in einem Zimmer be⸗ wacht, wo ſich ein Altar und ein Kruzifix befin⸗ det; dort wird er zum Tode vorbereitet, und von 6 aus geht er ſeinen letzten Weg zum Schaf⸗ ot. — 269 Klage, ein Zeichen des Kummers oder der Verzweif⸗ lung entlockt hätte. Obgleich der Regel gemäß einem Verurtheilten in dieſen letzten traurigen Stunden alle Speiſen, die er nur wünſchen mag, gebracht werden, ſo konnten nur die inſtändigſten Bitten der mit ſeiner Pflege beauf⸗ tragten Perſonen den muthigen Anſelm bewegen, ein wenig Nahrung zu ſich zu nehmen. Mitten unter dieſen Zurüſtungen zum Tode zeigte der Unglückliche keinen Augenblick eine Schwäche des Geiſtes: ſein Antlitz war blaß, eingefallen; das Lächeln war von ſeinen bleichen Lippen gewichen und ein theil⸗ nahmloſer Blick offenbarte den Zuſtand ſeiner Seele. Er hatte gebeichtet und erwartete nun ruhig und gelaſſen die Stunde ſeines Todes. Die Stunde des Todes! Der Gedanke, daß kein Geſchöpf ſich dem verhängnißvollen Ende ſeiner Exiſtenz entziehen kann, iſt zwar alltäglich und allge⸗ mein, aber deshalb nicht weniger ſchreckhaft; obgleich der Menſch den Tod täglich vor Augen hat, ſucht er ihn dennoch zu vergeſſen und denkt nicht daran, daß nur eine innige Vertrautheit mit der Idee des Todes ihn über ſein Geſchick erheben, und ihm die Ruhe des Geiſtes ſichern kann. Wahrlich, trotz der kurzen Spanne, welche Wiege und Grab ſcheidet, überläßt der Menſch ſich den thörichtſten Leidenſchaften, wie wenn ſein Le⸗ ben ewig dauern würde; von unerſättlichen Begier⸗ den fortgetrieben, eilt er dem Tod entgegen, ohne je befriedigt zu werden. Der verlaſſene Waiſe beneidet das unausſprechliche Glück Deſſen, den die Liebkoſungen zärtlicher Eltern erfreuen.„Ach!“ ruft er voll von dem Schmerzgefühl, allein zu ſtehen,„wenn ich meine El⸗ tern hätte, wenn eine liebevolle Vaterhand meine Thrä⸗ nen trocknete, wie glücklich wollt' ich mich in meinem Unglück preiſen! Wie ſüß muß es ſein, am Bußen der Mutter auszuweinen, dort allen Kummer zu vergeſſen! 270 Gott weiß, mein einziger Wunſch iſt, nur einmal die Urheber meiner Tage zu umarmen; gegen dieſes Glück würde ich kein anderes tauſchen, denn die ſegensreiche Berührung der väterlichen Hand würde mich für alle Leiden, alle Entbehrungen entſchädigen. Der Arme, der ſeinen Lebensunterhalt von der öffentlichen Mildthätigkeit erfleht, verwünſcht die Welt, die für ihn nur Elend und Entbehrungen hat. Er ver⸗ langt nur ein Obdach für ſein müdes Haupt, ein Stuͤckchen Brod für den nagenden Hunger! eine Hütte gegen die Strenge des Winters, Arbeit, um nicht bet⸗ teln zu müſſen, dieß iſt ſein höchſter Wunſch. Nicht Reichthum, Wohlleben, nur ein beſcheidenes Auskom⸗ men iſts, was er von Gott erbittet. Täuſchung! Lüge! der Arbeiter mit dem ehrlichen Auskommen beneidet den, der ohne Abhängigkeit in Ruhe ſein Leben hinbringt; er ringt und arbeitet, bis er jenen erreicht— iſt er nun zufrieden? der Lurus ſeiner Nachbarn, die reichen Equipagen, jene feſtlichen Gelage machen in ihm das unwiderſtehliche Verlangen rege, auch in der Welt zu glänzen, auch ſich bemerkbar zu machen; dieſe fixre Idee wird zur gebieteriſchen Nothwendigkeit, welche ihn im⸗ mer weiter und weiter drängt. Das Glück behandelt ihn als Schoßkind, überhäuft ihn mit Reichthum, Ehre, Wohlleben; iſt er wohl nun glücklich? iſt er zufrieden? Wahnſinn! Bittere Täuſchung! Er iſt tauſendmal un⸗ glücklicher, als jener verlaſſene Waiſe, als der Bettler; es liegt in der menſchlichen Natur, nie zufrieden zu ſein, immer höher zu ſtreben, ſich immer ungeſtüme⸗ ren Leidenſchaften hinzugeben. Und wenn nun die angewandten Mittel, um dem Drängen des Ehrgeizes zu genügen, ſchlecht waren,— wenn Betrug, Beſtechung und tauſend ähnliche Wege ihn emporführten, wie unglücklich, wie bedauernswerth iſt er erſt dann! Legt ihm, wenn er am glücklichſten zu ſein ſcheint, die Hand auf's Herz, und Ihr werdet NW—— 271 an dem unruhigen Schlage desſelben die Qual des bö⸗ ſen Gewiſſens erkennen. Es gibt kein vollkommenes Glück auf Erden, allein der einzige Rettungsanker in jeder Noth und Gefahr iſt die Tugend. Leider iſt Tugend und Glück nicht immer verbun⸗ den. Die Leiden Anſelms und ſeiner Familie beweiſen nur zu deutlich, daß auch tugendhafte Seelen Kummer und Unglück treffen kann; aber die Ruhe des guten Gewiſſens, welche der Böſe nicht kennt, tröſtet ſie mit⸗ ten im höchſten Leiden. Deshalb iſt für den, der uneingedenk ſeiner kurzen Lebensfriſt, den ungezähmten Begierden nachgegeben hat, der Anblick des Hochgerichtes, das Herannahen der Todesſtunde etwas Schreckliches; während der Un⸗ ſchuldige darin nur den Abſchluß ſeines Lebens, die Trennung von der undankbaren Welt ſieht und auf die vergeltende Gnade Gottes hofft.. Man kündigt Anſelm an, daß er ſein Teſtament machen ſolle. „Ich beſitze nichts,“ antwortet er kalt. „Ihr täuſcht Euch, mein Sohn,“ antwortete der Beichtvater;„Ihr könnt über den dritten Theil des Opfers verfügen, das man im Augenblick der Hinkich⸗ tung zu Meſſen für Eure arme Seele einſammelt. „Warum ſollte ich nicht über das Ganze verfügen dürfen?“ fragte Anſelm unbefangen;„mit dieſem Gelde dürften meine Frau und meine Kinder vielleicht nicht betteln; die arme blinde Frau hätte es nöthiger, als meine Seele; die Seelen haben nichts mehr mit Geld zu ſchaffen.“ „Aber die Meſſen für Euer Seelenheil koſten Geld.“ „Die Meſſen!.. es iſt ja wahr, die Meſſen koſten Geld und das Geld, welches der Verurtheilte gewiſſermaßen mit ſeinem Leben bezahlt, iſt beſſer an⸗ gewendet, Pfaffen zu mäſten, als die verwaisten Kin⸗ der zu nähren. Vergebung, mein Vaterz ich ſehe wohl 272 ein, daß ich Unrecht habe, mich in dieſem Augenblick in ein ſolches Labyrinth von Gedanken und Fragen hinein zu wagen. Ich hätte meiner armen blinden Frau gerne alle die Almoſen gelaſſen, welche die mildthätigen Menſchen für meine Seele beſtimmen„es darf nicht ſein der Prieſter muß davon bezahlt werden... Meſſen für mein Seelenheil.. da kann man ſich wahr⸗ haftig des Lächelns nicht enthalten. Nun gut! Ich ver⸗ mache meiner armen Louiſe das Drittheil, über das ich verfügen darf; allein ehe ich das Schaffot beſteige, muß ich ſie ſehen; mein Vater„ich will ſie ſehen, ſie zum letzten Male küſſen; ſie ſoll mit derſelben Ruhe in der Welt bleiben können, mit der ich die heil⸗ loſe Welt verlaſſe, der ich ſo wenig Dank ſchuldig bin.“ „Laßt dieſe ſchlimmen Gedanken bei Seite, mein Sohn„ Gott wird Euch im Himmel den Lohn ge⸗ ben, den Eure Leiden auf dieſer Erde verdient haben.“ Die Klage Anſelms war gewiß nicht ungerecht! er durfte nicht einmal ſeiner Familie das Opfer hinter⸗ laſſen, das bei ſeiner Hinrichtung fiel; der größte Theil war für Meſſen, für Prieſter beſtimmt, während ſeine arme Gattin, ſeine unglücklichen Kinder, neben dem Brandmal der Schande noch Mangel und Elend in der Zukunft vorausſehen mußten. So geht die Verblendung und Ungerechtigkeit der Menſchen noch über die abſurden Privilegien in dieſer Welt hinaus, machen noch den göttlichen Heiland zu ihrem Mitſchuldigen! Ihr Unfinnigen! Schaudert Ihr nicht vor einer ſolchen Gottesläſterung zurück? Der Gott der Gnade, der Gerechtigkeit, der Langmuth ſollte ſeine ſchützende Hand nur dem entgegen ſtrecken, der im Reichthum ſtirbt, der die nöthige Summe für See⸗ lenmeſſen zahlen kann; er ſollte dem Armen ſeine Gnade vorenthalten, weil er nicht die Mittel hat, die Prieſter zu bezahlen, daß ſie für ihn beten! Glaubt Ihr, gleich wie in dieſer Welt der Reichthum Tugend verleiht, ſo — M 273 werde auch Gott, ungerecht wie Ihr, den Seufzer des Armen nicht erhören! Geht Eure Verblendung ſo weit, daß Ihr wähnt, wie auf der Welt ſo im Himmel ſei alles um Gold feil? Dieß iſt eine mehr als lächerliche Thorheit! Ihr ſchreibt Gott Eure gemeinen, eigen⸗ nützigen Leidenſchaften, Euren grauſamen Egoismus zu! Das iſt eine ſchauderhafte Gottesläſterung! Der Schöpfer der Natur iſt unendlich gut und barmherzig, und gewiß kann Armuth und Niedrigkeit nur ein Em⸗ pfehlungsbrief bei ihm ſein. Wenn nun die Meſſen der beſte Weg zum Heil ſind, warum lieſt man ſie nicht auch für den Armen? Weil er kein Geld hat, ſie zu zahlen? Gott iſt alſo geizig und handelt gleich Euch? Oder ſeid Ihr es und nicht er, der die Pforten des Himmels öffnet? Wie? dem, der in dieſer Welt ſchon genug gelitten hat, für den ſollten auch noch die Flam⸗ men des Fegfeuers und die Qualen der Hölle in höhe⸗ rem Grade beſtimmt ſein, und den Himmel, die einzige Hoffnung der Armuth, den behaltet Ihr allein den Reichen vor? Geht! das iſt eine gräßliche Got⸗ tesläſterung, eine abſcheuliche Pflichtvergeſſenheit! Und was ſoll ich von dem verlaſſenen Zuſtande der Kinder ſagen, deren Väter auf dem Schaffot ſter⸗ ben? Welch' anderer Ausweg, um nicht Hungers zu ſterben, bleibt für ſie, als ein verbrecheriſches Leben? Iſt es nicht genug, daß ſie bis zum Grabe die Uebel⸗ that eines Andern beweinen, daß ihre Stirne mit Schmach bedeckt iſt, müſſen ſie auch noch, trotz ihrer eigenen Un⸗ ſchuld, für das Verbrechen ihrer Eltern büßen! Mö⸗ gen ſie Muſter der Tugend und der Rechtſchaffenheit ſein, man wird ſie als Kinder eines Hingerichteten im⸗ mer verachten! Und wenn ſie ſich nun ſo verſpottet, verachtet und verabſcheut ſehen; wenn ſie weder Schutz noch Arbeit, noch ſelbſt ein Almoſen für ihren Hunger erhalten können, was bleibt ihnen übrig, als das Ver⸗ brechen? Iſt einmal die Scheu und Furcht überwun⸗ Jzco, Marie. 1. 18 274 den, warum ſollten ſie nicht, wie wilde, gejagte Thiere gegen die menſchliche Geſellſchaft wüthen, die ſie un⸗ gerechterweiſe zuerſt ausgeſtoßen hat? Dieß wieder eine der unſeligen Folgen der Todesſtrafe.... So lange jedoch die Todesſtrafe noch nicht abge⸗ ſchafft iſt, ſo lange wäre es wenigſtens ein Akt der Gerechtigkeit, wenn die Familien der hingerichteten Ver⸗ brecher in Rettungshäuſern untergebracht würden. Macht ſie der Staat zu Waiſen, ſo ſoll er ihnen auch den Vater erſetzen. Bei Gelegenheit der Opfer und Almoſen, die in Spanien eine reiche Quelle des Einkommens für den Klerus bilden, wollen wir auch einen flüchtigen Blick auf dieſen wichtigen Stand werfen, deſſen Verhältniß man unter zweierlei Geſichtspunkten auffaſſen kann: nämlich vom allgemeinen Geſichtspunkte des Rechts⸗ ſtaates aus und dann als ſchutzbefohlenen Stand. Vom Geſichtspunkte des Rechtsſtaates aus bildet der Klerus keine geſetzlich anerkannte Korporation; ſeine Mitglieder haben vor den andern Bürgern kein Vorrecht und der Staat iſt ihnen weder Tempel noch Beſoldung ſchuldig: der Freigebigkeit, der Frömmig⸗ keit der Gläubigen liegt es ob, für die Bedürfniſſe des Kultus zu ſorgen. In dieſem Fall, aber auch nur in dieſem Fall kann es dem Klerus erlaubt ſein, die Mild⸗ thätigkeit der Gläubigen für ſich anzurufen, ihren Un⸗ terhalt von ihnen zu erlangen und ſich für ihre ordent⸗ lichen Pflichtübungen bezahlen zu laſſen. In dieſem Fall hätte der Kleriker auch keine anderen Pflichten gegenüber von dem Staate, als jeder andere Bürger auch. Dieſes Verhältniß zwiſchen Staat und Kirche eriſtirt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika und wird von Lamennais und Natchet vertheidigt. ²) *) Die Kirche braucht keinen Theil des Staats aus⸗ zumachen; noch weniger der Staat einen Theil der Kirche„ auch ſoll die Kirche nicht mit dem ——— W———— —— 275 Wenn aber, wie in Spanien, die Kirche in einem Schutzverhältniß zum Staat ſteht, wenn letzterer, das heißt die ſteuerpflichtigen Bürger, die Koſten des Kul⸗ tus und die Unterhaltung des Geiſtlichen tragen, ſo haben dieſe nun auch die Pflicht, ihre gottesdienſtlichen Verrichtungen für Alle, reich oder arm, ohne die min⸗ deſte beſondere Entſchädigung, zu beſorgen. Zum Ueber⸗ fluſſe beſitzen ſie ja noch gewiſſe Vorrechte und Freihei⸗ ten, als Ehrenſold für beſondere, zufällige Verrichtungen, die vorkommen könnten. Die Nationen haben zwiſchen beiden Syſtemen zu wählen; ihre Vermiſchung aber gibt eine völlige Miß⸗ geburt. Wie dürfte man dem Klerus bei ſeinen Pri⸗ Staat in Wort⸗ oder Rangſtreit treten.. Der Glaube, der Kultus braucht nur die geſetzliche Freiheit, ſo jedoch, daß die Kirche für Handlungen, die den allgemeinen Staatsgeſetzen widerſprechen, verantwortlich ſein müßte... So, in die Gren⸗ zen eines natürlichen, durch die Geſetze garantir⸗ ten, aber auch überwachten Beliebens beſchränkt, kann die Religion nicht mehr vom Staate als Werkzeug des Despotismus, nicht mehr von der Kirche als Angriffswaffe gegen den Staat miß⸗ braucht werden.. dieß iſt das eigentliche, wahre Verhältniß zwiſchen Staat und Kirche.. Will man aber die Freiheit des Rechtsſtaates genießen, ſo muß dieſes Verhältniß mit all ſeinen Vor⸗ und Nach⸗ theilen, ohne Rückhalt noch Beſchränkung feſtgehalten werden.. Wollte man beide Syſteme vermiſchen, nur die Vortheile des freien Syſtemes annehmen, ohne ſeine Laſten tragen zu wollen, ſo hieße das aller Gleichheit Hohn ſprechen und durch die Mittel der Freiheit einem Despotismus den Weg bahnen, der härter drückt, als alle Gewalt des Staates— nämlich dem Despotismus der Kirche.— Natchet. 276 vilegien noch die Unabhängigkeit der übrigen Bürger zugeſtehen? Die Vortheile, die er als Korporation genießt, die perſönlichen Prärogative, deren ſich jeder Einzelne erfreut, Beſoldung, Befreiung vom Kriegs⸗ dienſt und andern Pflichten, die ſchwer auf dem Volke laſten, ſind unvereinbar mit voller Unabhängigkeit. Dieß hieße zu den fanatiſchen Zeiten der theokratiſchen Despotie zurückſchreiten. Die vollſtändige Tren⸗ nung der bürgerlichen und religiöſen Ge⸗ walt iſt eine Nothwendigkeit unſerer Zeit, eine unabweisliche Forderung der Civiliſa⸗ tion. Ueberall, wo der Kirche ein Uebergriff in die weltliche Gewalt eingeräumt wird, iſt Mißbrauch der⸗ ſelben die Folge. Erinnert Euch der Religionskriege, der Ströme von Blut, welche die Inquiſition im Na⸗ men des Heilandes vergoſſen hat! Solches kann in Staaten, welche dem Glauben keine Zwangsgewalt ein⸗ räumen, nie vorkommen... Die Jetztzeit will, daß die Religion geachtet, heilig gehalten werde, daß die Diener der Kirche den nöthigen Schutz finden, allein ebenſo, daß dieſe ſich keine weltliche Gewalt anmaßen, ſich nicht in die Staatsregierung miſchen und nicht eifrig nach irdiſchen Gütern ſtreben, welche von Chriſtus und den Apoſleln für unwerth gehalten wurden. Der Kirche kann es nie an Dienern fehlen, welche voll der feurigſten Ueberzeugung ſich ganz in ihr gei⸗ ſtiges Gebiet vertiefen. Die Pflichten und Aufgaben deſſelben ſind ſo umfaſſend und wichtig, daß kaum die geſammte Kraft eines Menſchen zureicht, dieſen voll⸗ kommen zu genügen, ohne daß er auf fern liegende Nebendinge überſchweifen dürfte. Allein auch, welche Verehrung genießt ein ſolcher wahrer Prieſter, der ſich nur mit ſeiner Aufgabe be⸗ ſchäftigt, nirgends Unfriede ſtiftet, ſondern als leben⸗ diges Muſter der Tugend und Frömmigkeit nicht ſelbſt ſich vordrängt aber doch von Allen aufgeſucht und um Rath und Beiſtand angefleht wird. — — v8—— M N — S N vNv— ——— — NM N S— NvV— 277 Doch ſcheint es leider in Spanien noch eine große Anzahl ſchlechter Pfaffen zu geben, welche jedes Mit⸗ tel für erlaubt halten, um ihrem bornirten Fanatis⸗ mus die Herrſchaft zu erſchleichen; welche nur darum den abſoluten Königsthron vertheidigen, um deſto leich⸗ ter eine geiſtliche Despotie auszuüben.. Zurück, Ihr Thoren! die Nationen kennen jetzt die Kunſtgriffe Eurer Heuchelei! „Meine Frau!... Meine Louiſe!.. Ich will meine Frau noch einmal ſehen!“ wiederholte Anſelm mit beinahe eigenſinnigem Beharren. Er hatte keine Thräne in den Augen; ſeine Ruhe, ſeine Kaltblütigkeit war ſchrecklich, es war die Ruhe der letzten Abſtumpfung! Nur inſtinktmäßig rief er nach ſeiner Louiſe.. ſein Herz, ſein Verſtand wußte nichts davon, ſo ſehr hatten die übermäßigen Leiden ſeine Geiſteskräfte, wenigſtens für den Augenblick, ge⸗ brochen. „Mein Sohn,“ ſagte der Beichtvater mit Sanft⸗ muth zu ihm,„bedenkt wohl, welch' ſchrecklichen Augen⸗ blick Ihr Eurer armen Frau bereitet! Wäre es nicht beſſer, das, was Ihr derſelben zu ſagen habt, durch mich ihr überbringen zu laſſen?“ „Nein, nein! mein Vater, nein!“ wiederholte An⸗ ſelm;„ich will ſie ſehen, will ihr das Lebewohl ſagen.“ „Wenn Ihr darauf beſteht, ſo habe ich nichts wei⸗ ter dagegen. Ich will die Erlaubniß nachſuchen.“ Der Beichtvater ſprach mit einem der barmherzi⸗ gen Brüder, welcher ſogleich forteilte. Verſöhnt mit Gott, hörte der unglückliche Anſelm mit muſterhafter Andacht eine Meſſe, empfing die heili⸗ gen Sakramente und betete inbrünſtig zur heiligen Jung⸗ frau um ihre Fürſprache. Unterdeſſen hatte man zu Anſelm's Frau geſchickt;.. jedoch hatte man ihr noch das ſchreckliche Loos, das ihren Gatten erwartete, verſchwiegen, um ihr nicht die 278 Kraft zu rauben, dem Wunſche des Unglücklichen Ge⸗ nüge zu leiſten. So nahm ſie die Einladung zum Be⸗ ſuch bei ihm als den Vorboten ſeiner baldigen Befrei⸗ ung auf. Trunken vor Freude, legte ſie ihre beſten Kleider an, um ihrem Manne ſo ſchön wie zur Zeit ihrer glücklichen Liebe zu erſcheinen. „Ich werde ihn wiederſehen— ihn nach einer ſo langen Trennung umarmen. Man ſoll vor Freude ſter⸗ ben können„. Das iſt nicht wahr, denn nie hat ein Herz größere Freude empfunden, als ich jetzt fühle.. Es iſt der Gipfel des Glücks ich fühle das Herz in meiner Bruſt mit heftiger Gewalt ſchlagen.... aber dieſe fieberhafte Aufregung tödtet nicht; im Ge⸗ gentheil, es iſt ein neues Leben, das alle vergangene Leiden vergeſſen macht, ein himmliſcher Balſam, der meinen Lebensgeiſtern neue Kraft verleiht, mir die ver⸗ welkte Jugend, den verlorenen Muth zurückgibt. Ich fühle mich wieder jung. ich empfinde jenes ſüße, ſeltſame Gefühl, das mich unwillkührlich beſchlich, wenn Anſelm ſich mir näherte wie ſchön er war.. Wie oft ruhte er, von Schweiß und Staub bedeckt, nach ruhmvoll durchkämpfter Schlacht zu meinen Füßen aus! wie ſtolz war ich darauf, von einem ſo tapfern Krieger geliebt zu werden! Ich werde Anſelm wie⸗ der ſehen. nach einer langen Nacht erſcheint der Tag des Glücks„. WMit welcher Freude wird er mich in ſeine Arme ſchließen!... Ach! wenn er be⸗ merkt, daß ich geheilt, daß ich ſehend bin viel⸗ leicht daß ihm auf einen Augenblick die Beſinnung ſchwindet!.. Wie glücklich werden wir fortan ſein.. wer weiß vielleicht darf ich ihn heute noch aus ſei⸗ nem Gefängniß führen!.. Warum nicht!.. Seine Unſchuld muß doch endlich einmal an's Tageslicht kom⸗ men; dann bleibt er immer bei mir, bei unſern Kin⸗ dern„ unſere Kinder! Was werden die für eine Freude haben.. Man könnte närriſch werden„. denn tödten kann die Freude nicht allein„ich 279 weiß nicht, was ich thue aus lauter Freude ver⸗ zögere ich den ſehnlich erwarteten Augenblick des Wie⸗ derſehens!“ Voll Ungeduld eilte ſie auf die Straße, zur Ka⸗ pelle. Großer Gott!.. die arme Frau ſtand er⸗ ſtarrt bei den düſtern Vorbereitungen.. doch ſtürzte ſie in ſeine Arme und drückte ihr Antlitz feſt an ſein entfleiſchtes Geſicht. Dieſer ſchauderhafte Schatten war nicht mehr der ſtolze Anſelm. es war das Skelett eines Greiſen. Lange graue Locken waren an die Stelle des glänzenden Haares, das ſonſt die majeſtätiſche Stirn umſchattete, getreten und ſeine ſtarren Augen ſchienen die erſchrockene Gattin kaum wieder zu erkennen. Doch erholte ſich Louiſe nach dem erſten heftigen Schreck', preßte ihren Gatten von neuem heftig in die Arme und zerfloß in Thränen. Kein Laut, kein Wort.. Ihre Stimme war ganz erſtickt. „Weine„weine.. unglückliches Weib,“ mur⸗ melte Anſelm, die Augen feſt auf ſie geheftet.„Dein Herz fühlt noch die Leiden dieſer Welt... das meine iſt kalt wie der Grabſtein... Faſſe mich in Deine Arme, gute Louiſe.ich ich kann es nicht... die ſchweren Ketten, womit meine Hände gefeſſelt ſind, hindern mich daran allein ſegnen kann ich Dich we⸗ nigſtess. Louiſe ich ſegne Dich.“ „Anſelm!.. Mein Anſelm!“ rief endlich die unglückliche Frau und warf einen Blick voll Liebe auf ihren Gatten. „Täuſche ich mich nicht, meine theure Freundin?“ ſagte kalt und ruhig Anſelm.„Du biſt nicht mehr blind?“ „Nein, mein Freund! und ich habe nicht nur mein Augenlicht wieder erlangt, ſondern kann Dir, Dank ſei der Güte unſerer mildthätigen Freunde, eine glückliche Zukunft verſprechen. Aber, lieber Anſelm, Dein Aus⸗ 280 ſehen, dieſer Ort erſchreckt mich... Wann darfſt Du wohl zu uns zurückkehren?“ Während dieſer herzzerreißenden Unterredung hiel⸗ ten ſich die barmherzigen Brüder und der Beichtvater in einem Winkel des Zimmers verborgen. „Arme Louiſe,“ flüſterte Anſelm⸗ mit Eiſeskälte, „Du glaubſt ſehend geworden zu ſein und biſt blinder als je.“ „Dein Ton, womit Du das ſagſt„ die Eiſes⸗ kälte Deiner Züge... dieſe Grabesruhe erfüllt mich mit Entſetzen!“ „Ja, Du biſt blinder als jemals... Ich ſehe das an Deinem Kleide. an Deinen Worten... Louiſe, verzichte auf die Wohlthaten der Leute, die Du mild⸗ thätige Freunde nennſt... Mildthätige Freunde!... Glaubſt Du, es gebe in der Welt wahre Mildthätig⸗ keit?. Der Egoismus iſt die einzige Triebfeder für alle Handlungen der Menſchen.. Mißtraue dieſem trügeriſchen Scheine, denn wenn Jemand etwas Gutes Dir erweiſ't, will er gewiß einen größeren Vortheil dadurch erlangen. Alle Freigebigkeit iſt nur Berech⸗ nung„„die ſcheinbar edelſten Handlungen find nur Eingebungen des perſönlichen Intereſſe. Sollte es zu⸗ fällig noch ein mildthätiges, uneigennütziges Herz geben, ſo darf es ſeiner Neignng nicht folgen, denn ſonſt würde die Welt es verſpotten, ſeine Tugend für Albern⸗ heit ausgeben. Ich empfehle Deiner mütterlichen Liebe und Sorgfalt Marien; ſie iſt verführt worden... doch kannſt Du ſie vielleicht zur Tugend zurückbringen.“ „Was ſagſt Du da, mein Freund? Marie hat ihre Pflicht, ihre Tugend nie aus den Augen verloren, iſt unſrer Liebe immer noch würdig.. der Wohlſtand, in dem Du uns triffſt, hat keine entehrende Quelle... Wenn Du unſere Wohlthäter kennen lernſt, wirſt Du das ſelbſt zugeben. Wie wir ſie lieben, wirſt auch Du ſie lieben, wenn Du wieder im Kreiſe Deiner Familie weilſt.“ — l⸗ e, 3 * 18 e, ⸗ ir mn 8 il ⸗ r n 1 e re ſt d u u 281 „In dem Kreiſe meiner Familie?.. Unglück⸗ liches Weib!... Weißt Du denn nicht, daß ich nie mehr zu Euch zurückkehre?“ „Großer Gott! was ſagſt Du? Jedes Deiner Worte macht mir Entſetzen.“ „Du weißt alſo nicht, wohin man mich alsbald führen wird?“ fragte Anſelm mit der Unempfindlichkeit eines ſchon Geſtorbenen. „Wohin denn?“ ſchrie Louiſe voll Verzweiflung. „Heute noch führt man mich auf's Hochgericht.“ „Auf's Hochgericht!... Die Arme fiel, wie von einem Blitz getroffen, rücklings nieder und hatte ganz und gar jede Beſinnung verloren. Die barmherzigen Brüder eilten herbei und trugen ſie hinaus, ohne daß dieſe herzzerreißende Scene, welche ſonſt den tieffühlenden Veteranen auf's Gräßlichſte er⸗ ſchüttert hätte, auch nur den mindeſten Eindruck, ſo weit man äußerlich bemerken konnte, auf ihn hervor⸗ brachte. Er ſagte in ſeiner fürchterlichen Theilnahm⸗ loſigkeit nur die Worte: „Armes Weib!„ Sie hat noch Empfindung... Gefühl hat noch nicht, wie ich, alle Quellen deſ⸗ ſelben im herben Leid erſchöpft.“ Eben jetzt erſchien der Henker mit zwei barmher⸗ zigen Brüdern, welche brennende Kerzen und eine Platte trugen, auf welcher das Armeſünder⸗Kleid und die für ihn beſtimmte Mütze lagen. Er legte die verhängniß⸗ vollen Kleider an, dann band ihn der Vollſtrecker des Geſetzes mit demſelben Stricke, der ihn tödten ſollte und verlangte knieend ſeine Vergebung für das, was er an ihm thun ſollte. Sollte man glauben, daß es Menſchen gibt, die ein ſolches Gewerbe treiben? Kalten Blutes und unge⸗ ſtraft ſeines Gleichen umzubringen? Ein ſolcher im Namen des Geſetzes begangene Mord ſcheint mir viel ſchändlicher, als ein räuberiſcher Anfall, bei dem der 282 Schuldige ſein Leben und ſeine Zukunft ebenfalls auf's Spiel ſetzt. Es ſchlug eilf ein halb Uhr der Prieſter er⸗ griff das Kruzifir und rief: „Nun, mein Bruder, laß uns gehen!“ „Laßt uns gehen, mein Vater,“ ſagte Anſelm mit kalter Ruhe und verließ feſten Schrittes das Gemach. Als ſie über eine der Gallerien des Gefängniſſes gingen, rief der muthige Märtyrer durch ein Fenſter, das in den Hof, den Verſammlungsort vieler Gefan⸗ ſah, zu ſeinen ehemaligen Leidensgefährten hinab: „Lebt wohl, meine Freunde! Möge mein Beiſpiel Euch nützlich ſein betet zu Gott, daß er ſich eines Unglücklichen erbarme.“ Dann verrichtete er ſein letztes Gebet vor dem Liebfrauenbilde, das über dem Portal ſteht, und ging„ vorwärts, indem er die Ermahnungen der ihn beglei⸗ tenden Prieſter mit ruhiger Würde beantwortete. Endlich kam das Grabgeleite auf den Cebada⸗Platz den alten Gerſtenmarkt, wo das Schaffot von einem Bataillon des Regiments der Königin⸗Regentin, das unter dem Befehl des Don Juan Calvet ſtand, umge⸗ ben war. Das Opfer iſt jetzt am Fuße des Galgens. Anſelm richtet ſich ſtolz auf... betrachtet ohne ſicht⸗ bare Erſchütterung den Platz, der ſeinen letzten Seuf⸗ zer hören ſoll, und ſteigt die verhängnißvollen Stufen feſten, ſicheren Trittes hinan; er ſetzt ſich kaltblütig auf„ die ſchreckliche Bank und ruft mit klangvoller, lauter Stimme: „Bürger, liebet Euer Vaterland, vertheidiget mu⸗ thig die Freiheit.. vergebet mir... und bittet Gott um Gnade für mich!“ Wir wollen die Beſchreibung dieſer gräßlichen Scene abbrechen und uns nach der unglücklichen Louiſe, nach ihren bejammernswürdigen Kindern umſehen. ————— * ——————.— 283 Jweites Rapitel. Gattin und Sohn. Auf die gräßliche Nachricht, welche Anſelm ſeiner Gattin mittheilte, war ſie, wie von einem Blitzſtrahl zerſchmettert, niedergefallen und die barmherzigen Brüder hatten ſie mit aller Sorgfalt nach Hauſe gebracht, wo die Kinder den befinnungsloſen Zuſtand ihrer Mutter mit angſtvollem Schrecken ſahen. Bald nachher, als jene wieder fortgegangen waren, ließ ſie ihre ſtarren Augen einmal rings herum laufen und wollte einige Worte ſprechen; allein dieſe Anſtrengung verurſachte eine neue Kriſis und einen neuen Anfall von beſin⸗ nungsloſer Ohnmacht. Es wäre vergeblich, wenn wir dieſe Scene beſchrei⸗ ben wollten. Die Verzweiflung von Roſa und Jvachim, welche ihre geliebte Mutter nun ganz verloren glaubten, war herzzerreißend. Es war nur ein ſtiller Schmerz, aber ſichtbar in allen Geſichtszügen und Bewegungen; ihre Glieder zitterten heftig und ihre Augen zerfloſſen in Thränen. Doch bald ſiegte das kindliche Gefühl des gänz⸗ lichen Verlaſſenſeins und nun erhoben Beide ein Ge⸗ ſchrei, das Steine hätte erbarmen mögen. Manuel, deſſen Druckerei wegen der Volksunruhen feierte, war glücklicherweiſe zu Hauſe und beſaß männ⸗ liche Stärke genug, um ſein eigenes Gefühl zu unter⸗ drücken und ſeinen Geſchwiſtern zuzurufen: „Roſa, Jvachim, weinet nicht ſo laut! Es iſt nur eine Ohnmacht... Mutter iſt unwohl, wird aber bald wieder zu ſich kommen„ſie darf uns nicht weinen ſehen ſie würde von Neuem erſchrecken und dann wäre villeicht Alles verloren helft mir lieber! JIvachim, öffne dieſes Fenſter.. laß friſche Luft ein... Roſa, ſchnell. tauche die Ecke dieſes Sacktuches in Eſſig. vielleicht hilft's!“ Die beiden Kinder gehorchten, und Manuel, der das Geſicht ſeiner Mutter mit dem naſſen Tuche rieb, ſie den Geruch des Eſſigs einathmen ließ, ſah ſeine Bemühungen bald von einem guten Erfolge belohnt: Louiſe öffnete die Augen und ſagte wenige Augenblicke nachher mit erloſchener Stimme: „Wo bin ich? Seid Ihr es, meine Kinder?... Welch' ſchrecklichen Traum habe ich gehabt! Meine Kin⸗ der, mir träumte, man habe mich in das Gefängniß Eures Vaters geführt.“ „Ei, Ihr habt nicht geträumt, gute Mutter,“ ſagte Manuel in ſeiner Einfalt;„Ihr habt den Vater geſe⸗ hen und wir erwarten mit ſehnſüchtiger Neugier, Eure Mittheilung zu hören.“ „Mein Sohn... was ſagſt Du? Iſt es alſo wahr?. Ich bin bei Deinem Vater im Gefängniß geweſen?“ „Ja freilich, Mutter... und Ihr habt hoffent⸗ lich erfahren, wann er ſeine Freiheit wieder erhalten wird.“ „Seine Freiheit!.. Großer Gott! verlaß mich nur jetzt nicht, da mein Gedächtniß wieder erwacht!... Ja, Alles iſt wahr es iſt kein Traum!“ „Mutter, Mutter! Was ſollen dieſe geheimnißvollen Worte bedeuten? Ihr antwortet nicht? Wann darf e Site ſein Gefängniß verlaſſen? Wann wird er rei „Manuel, Du biſt ein Mann.. Du wirſt nicht ſchwach werden, wie ich armſeliges Weib... Ich werde Deine Neugier mit denſelben Worten ſtillen, mit denen Dein Vater mein Herz zerriſſen hat...„„Heute ſchon werde ich dieſen Ort verlaſſen,“ ſagte er mir...“ „Heute noch wird der Vater frei!“ rief Manuel, ohne ſeine arme Mutter ausreden zu laſſen;„Mutter, — ————— 285 Ihr habt Recht, es gibt eine Freude, die wie der größte Schmerz das Herz brechen macht.“ „Was ſagſt Du, Unglücklicher? Freude für uns... für uns gibt es keine mehr! Bereitet Euch für den härteſten Schlag vor... umarmt mich, meine Kinder, umarmt mich, und verzeihet Eurer Mutter, daß ſie nicht den Muth hat, Euch das Ungeheure zu ver⸗ heimlichen. 4 „Gott im Himmel. dieſe Worte„ dieſe Thränen„. Mutter! ich bebe ich zittere vor Angſt.4 „Es iſt wahr.. ſagte die arme Frau, indem ſie ihre Augen trocknete„Iſt die Quelle meiner Thränen noch nicht vertrocknet?.. Du Manuel, mein Sohn, darfſt nicht weinen, wie Deine Mutter... Manuel, ſieh mich an! Meine Augen ſind plötzlich leer von Thränen; beim Anblick der Gefahr erwacht mein Muth auf's Neue. Erwecke den Deinen... ſei Dei⸗ nes Vaters würdig!.. Die Gelegenheit iſt günſtig... Nicht Thränen ſind jetzt nöthig.. Muth, Entſchloſ⸗ ſenheit braucht's!“ „Redet! redet! Ich bitt' Euch!“ „Wohlan!“ fuhr Louiſe mit feierlichem Tone fort, „höre die letzten Worte Deines Vaters:„Mein Weib,““ ſagte er zu mir,„ich verlaſſe dieſen Ort nur, um das Hochgericht zu beſteigen!““-. „Das Hochgericht!“ ſchrien die armen Kinder;z Roſa und Joachim brachen in lautes Weinen und Seufzen aus. „Hochgericht!“ wiederholte Manuel voll ſtarren Entſetzens; dann blieb er einige Augenblicke in tiefes Sinnen verſunken. Louiſe heftete ihre ſtarren Augen auf den Sohn und betrachtete ihn mit einem wildlächelnden Zuge, der mit dem heftigen, konvulſiviſchen Pochen ihrer Bruſt ſonderbar kontraſtirte; ihr Mund war halb geſchloſſen, 286 ihre Lippen bebten und man konnte das Klappern ihrer Zähne deutlich vernehmen. Plötzlich richtete ſich Manuel auf und ſchrie heftig: „Nein, nein, Mutter! er ſtirbt nicht!.. Ich rette ihn gewiß, ich und wenn ich Niemand finde, der mir folgt beſteige ich allein das Schaffot, tödte ſeine Henker und laſſe mich mit ihm ermorden!“ „Recht, mein Sohn.. Recht!“ antwortete Louiſe, indem ſie ihn am Arme faßte und ihm ſeinen Säbel umhing,„laufe, fliege! Erinnere Dich, daß dieſe Hen⸗ ker, die Deinen Vater zum Galgen führen, dieſelben ſind, die Deinen Bruder umgebracht haben die morgen ihre Hände in unſer Blut tauchen.. die ſich jederzeit im Blut des Armen baden Du ſiehſt ja, der Reiche wird nie geſtraft.. nie erhebt ſich für ihn der Galgen... Ach, laufe! fliege! Die Gelegen⸗ heit iſt günſtig, die ganze Stadt in Aufregung. Rette den beſten, den tugendhafteſten Mann.. Laß uns eilen! Ich begleite Dich.. ich will ſeine Ketten zer⸗ reißen, das Blut ſeiner Mörder trinken!.„ Louiſe hatte ganz das Ausſehen einer Wüthenden; der Ausdruck ihres blaſſen Angeſichts war erſchrecklich ihr langes Haar flatterte um Bruſt und Schulter. Dieſe Frau, gewöhnlich ſanft wie ein ſchwaches Lamm, heulte jetzt wie eine Wölfin, der die Jungen geraubt wurden. „Laß uns eilen!“ ſchrie ſie voll Wuth.„Ma⸗ nuel! Es geht zum Schaffot!... noch ein Augenblick, und Alles iſt vorbei.. der Henker hat ſeinen Mord vielleicht jetzt ſchon vollbracht.. Manuel!.. Ich kann Dich nicht begleiten. Ungeheuer!.. Mörder!„. Haltet ein!.. Das unglückliche Weib fiel wiederum zu Boden. Roſa und Joachim riefen um Hülfe, und im Nu war die Wohnung Anſelms von Nachbarn und Vorüber⸗ gehenden angefüllt, die das Schreien der Mutter und der Kinder herbeigelockt hatte. Einige ſtarke Männer hatten ſich der unglücklichen 287 Louiſe bemächtigt, als ſie in den ſchaudervollſten Kon⸗ vulſionen, Schaum vor dem Munde, die Worte aus⸗ ieß: „Da.„ Seht Ihr nicht?.. Seht Ihr dieſe Lache?. Es iſt Blut.. Blut eines Unſchuldigen.. Es iſt das Blut meines Mannes!.. Manuel!. Ma⸗ nuel!. Räche Deinen Vater wenigſtens wenn Du ihn auch nicht retten kannſt„ Allein Manuel war ſchon längſt, den Säbel in der Fauſt, den Blick voll wilder Entſchloſſenheit, fortgeſtürzt. Prittes Rapitel. Die unſchuld auf dem Schaffot. Kaum erfuhr man in Madrid, daß die Königin⸗ Regentin jenes Dekret unterzeichnet habe, als die Auf⸗ regung der Gemüther keine Schranken mehr kannte; und dieſe Aufregung wurde durch das geheimnißvolle Seie der Behoͤrden nur um ſo gefährlicher, dro⸗ ender. Durch dieſe unbegreifliche Handlungsweiſe, welche die Unruhe der Liberalen nur vermehren und die Ge⸗ fahr vergrößern mußte, ſah ſich endlich die Geduld der ehmaligen Nationalgardiſten erſchöpft, und obgleich ſeit der letzten Auflöſung ihrer Gewehre beraubt, hatten ſie ſich doch unter der Hand ſolche zu verſchaffen gewußt, und waren entſchloſſen, der verbrecheriſchen Widerſetz⸗ lichkeit der Miniſter und des Generals Queſada ein Ende zu machen. Es war der 14. Auguſt; vom frühen Morgen an wogte eine ungeheure Menge Volks in den Straßen 288 auf und ab. Die Zuſammenrottungen in der Puerta del Sol nahmen einen drohenden Charakter an; allein die Regierung, ſtatt vor dem übereinſtimmenden Wil⸗ len des Volks und der Regentin ſich zu beugen, trieb die Kühnheit ſo weit, mit Gewaltmaßregeln, die ſie nicht durchführen konnte, zu drohen; eben darum gab ſie Befehl, die Hinrichtung des armen Anſelm zu be⸗ ſchleunigen, indem ſie dadurch die Maſſen zu ſchrecken, ihre Aufregung zu dämpfen hoffte. Dieſe unklugen Maßregeln, dieſe Entfaltung kriegeriſcher Maſſen tru⸗ gen, weit entfernt, den gehofften Erfolg zu haben, nur dazu bei, den Rachedurſt des Volks hoher zu entflam⸗ men und blutige Etzeſſe herbeizuführen. Die Miniſter waren das blinde Werkzeug in der Hand jenes karliſtiſchen Geheimbundes. Patricius ſah ganz deutlich, daß es ſich jetzt um Sein oder Nichtſein handle, und ließ alle Minen ſpringen, um das Mini⸗ ſterium zur thatkräftigſten Energie anzuſpornen. Andererſeits wurden die Volksmaſſen von einer liberalen Geſellſchaft, die in der Wohnung des ältern Marquis von Bellaflor zuſammenkam, geleitet: es han⸗ delte ſich daher um einen Kampf zwiſchen Karlismus und Liberalismus, und es war eine Schande ſonder Gleichen, daß das Miniſterium, als die Königin⸗Re⸗ gentin die Verfaſſung vom Jahr 1812 proklamirte, ſich an die Spitze der Freiheitsfeinde ſtellte, und ſomit offene Rebellion gegen den Willen des Throns anfing. Während auf der Puerta del Sol die zahlreichen Volksmaſſen in brauſender Gährung hin und her wog⸗ ten, erhob ein muthiger, blonder Burſche, deſſen Kinn der erſte leichte Flaum zierte, trotz der angedrohten ſtrengen Strafe den Ruf:„Es lebe die Konſtitution!“ Dieſer Ruf, von Anſelms Sohn Manuel erhoben, fand in der ganzen Menge den lebhafteſten Beifall, und wurde tauſendſtimmig wiederholt. Der Wachpoſten in dem Poſtgebäude gehörte zur —— vNM S— N —— N — N 1. 8 r e⸗ e 4 289 königlichen Garde, und war vurch einige Küraſſiere verſtärkt. In Folge jenes Rufens rückte der wachhabende Offizier, von einem Theil ſeiner Truppen begleitet, ge⸗ gen die Volksgruppen, die jedoch nicht zurückwichen; Manuel redete den Offizier an, und erinnerte ihn, daß die Königin ſelbſt die Conſtitution vom Jahr 1812 be⸗ ſchworen und verkündet habe. Auf dieſe und einige andere Bemerkungen ſteckte der Offizier den Degen in die Scheide, und gab da⸗ durch ſeine Uebereinſtimmung zu erkennen; allein nun erſchien General Queſada ganz unerwartet, und ließ die Volksmaſſen durch ſein Gefolge mit flachen Säbel⸗ hieben auseinander ſprengen. Die Erbitterung ſtieg natürlich hierdurch auf den höchſten Gipfel. Doch ließ der Widerſtand des Volks und ein Schuß, der glücklicherweiſe nicht traf, den General erkennen, daß ſein Leben in Gefahr ſtehe, und er kehrte zum Poſtgebäude zurück, von wo er zahlreiche Patrouillen durch die Straßen abordnete, und auch Befehl gab, auf allen Eingängen der Puerta del Sol Kanonen auf⸗ zupflanzen. Wir haben nicht die Abſicht, die Aſche eines Un⸗ glücklichen zu beunruhigen, und die unkluge Aufführung eines Todten zum Gegenſtand ſtrengen Tadels zu ma⸗ chen.— An Euch, Ihr lebenden militäriſchen Anführer, die ſich eine Ehre daraus machen, mit dem Säbel in der Fauſt den geheiligten Altar des Geſetzes zu zer⸗ ſtören, an Euch wenden wir uns mit dem energiſchen Worte eines von der Freiheit begeiſterten Herzens, das Eure verbrecheriſche Kühnheit verabſcheut, Euern un⸗ mächtigen Hochmuth verachtet! Leider haben wir bei allen Miniſterien, die bis jetzt an das Ruder gelangten, unkluge Generale ge⸗ ſehen, die ihren mangelnden kriegeriſchen Ruhm durch Jzeo, Marie. n. 19 290 Siege über das wehrloſe Volk erſetzen wollten. Jeder⸗ zeit haben wir unſere Stimme gegen die Erxzeſſe der Militärgewalt erhoben, und waren, als im Novem⸗ ber 1842 die beklagenswerthen Ereigniſſe zu Barcelona ſtattfan den, auch da wiederum die erſten, welche gegen die Gewaltmaßregeln proteſtirten.*) *) Die Regierung, die Regierung allein war Schuld an den unſeligen Ereigniſſen in Barcelona; das beweiſen alle die vorausgehenden und gleichzeitigen Berichte, und die Depeſchen der Regierungsbehör⸗ den ſelbſt; und dieſe Anſicht ſprachen auch die De⸗ putirten in der Montagsſitzung vom 21. November 1842 aus, als die Miniſter das Wort über die Sache verlangten. Rodil beſtieg die Rednerbühne, und buchſtabirte unter allgemeinem Gelächter die Depeſchen des Generalkapitäns von Katalonien, in welchen ſtand, Van Halen könne ſich nicht halten, da die Rebel⸗ len, durch ihren Sieg muthig gemacht, die Haupt⸗ ſtadt und die nächſte Umgebung beſetzt hätten. Der Miniſterpräſident verkündigte zugleich, daß an dem⸗ ſelben Nachmittage der Herzog von Vittoria Ma⸗ drid verlaſſen werde, um die Rebellen zu be⸗ ſtrafen. Sogleich wurde ein Antrag auf den Präſidenten⸗ tiſch niedergelegt, vermöge deſſen die Kammer ihre Mitwirkung bei der Beruhigung Barcelona's an⸗ bot. Mehrere Abgeordnete ſprachen nun für oder wider dieſen Antrag; Alle aber richteten die bit⸗ terſten Anklagen gegen das Miniſterium. Prim war der erſte, welcher die Urſache des Auf⸗ ſtandes der Regierung ſelbſt zuſchrieb. Wir wol⸗ len einen Theil ſeiner Rede hier ausheben.„Wir müſſen,“ ſagte er,„uns genau erkundigen, auf wem die Verantwortlichkeit ruht, und ich erſuche die Herren Deputirten, ihr Urtheil über die Ereigniſſe —— —— — V 2 W W —— — NM M v—— 291 Großmuth ſollte, ſagten wir damals, der unzer⸗ treunliche Begleiter des wahren Muthes ſein. Der von Barcelona noch für einige Augenblicke zu ſus⸗ pendiren, da ich eben die ganze Schuld auf die Regierung ſelbſt zu wälzen geſonnen bin, indem dieſe, wie auch ſonſt wo zu einer andern Zeit, eine große Maſſe Zündſtoff dort anhäufte, um ſich das Verdienſt zuſchreiben zu können, eine Empö⸗ rung gedämpft zu haben. Ich wiederhole es, meine Herren, die Schuld liegt allein an der Regierung, welche nichts Gewinnendes, kein moraliſches Ueber⸗ gewicht hat, und heutzutage laſſen ſich die Völker nur durch dieſes, nicht durch Bajonette regieren. Das kataloniſche Volk leiſtet nur geſetzmäßigen Ge⸗ horſam, läßt ſich nicht ſtlaviſch unterjochen; dieß iſt ſeine einzige Forderung.“ Der ehrenwerthe Red⸗ ner belegt ſeine Behauptungen mit einer Menge von Thatſachen und daraus folgenden Schlüſſen. Der Graf de las Navas ſagte unter Anderm: „Ich hätte nicht das Wort verlangt, wenn nicht der Miniſterpräſident am Schluſſe des Vortrags von Rodil die Bemerkung beigefügt hätte, daß man die Revolutionäre alsbald zur Ord⸗ nung bringen und die Verfaſſung in ihrer Reinheit wiederherſtellen werde. Dieß ſind die eigenen, in das Protokoll niedergelegten Worte des Miniſters, und eben dieſe haben ſchon Herrn Peim zu der Aeußerung veranlaßt, die Frage werde auf dieſe Weiſe zum voraus entſchieden. Die Revolutionäre ſollen zur Ordnung ge⸗ bracht werden; wer aber ſind die Revolutionäre? Ich weiß es nicht. Herr Prim hat geäußert, die Regierung trage die ganze Schuld, und nur das iſt es, was ich vollkommen weiß „Allein begleiten wir einmal den Regenten mit ſeiner bewaffneten Macht. Er findet da ein als 292 Tapfere kämpft entſchloſſen mitten unter drohenden Ge⸗ fahren, ſtreitet unverdroſſen, ſo lang er ſeinen Gegner Republikaner bezeichnetes Individuum, einen von jener Partei, deren Lehren man nur bekämpft, un⸗ terdrückt, nicht beſtreitet, damit die glühende Ju⸗ gend nicht auf dem Wege des entſchiedenen, aber beſonnenen Fortſchritts weiter gehe, ſondern ſich in einen Abgrund ſtürze. Man findet Waffen; allein wenn der Jemand zur Nationalgarde gehört, muß er doch Waffen haben! Man findet eine Büchſe; vielleicht eine Entenflinte. Ich ſtimme vollſtändig mit Prim überein, daß die Schuld an der Regierung liegt.“ Herr Mata:„Ich weiß nicht genau, was vor⸗ gefallen iſt; denn bis jetzt erwarte ich noch aus⸗ führlichere, ſicherere Nachrichten; allein wenn ich die vom Miniſtertiſche verleſenen als wahr annehme, ſo komme ich zu der Ueberzeugung, daß ſie durch ungeſchickte Maßregeln der Regierung ſelbſt her⸗ vorgerufen wurden; die Kavallerie mußte in den Straßen chargiren! Dieß iſt eine Beſchimpfung der Bevölkerung Barcelona's, einer ſo ruhigen, ſo arbeitſamen Bevölkerung, und es müſſen ſehr wichtige Beweggründe geweſen ſein, welche den größten Theil dieſer Bevölkerung zum Kampfe ge⸗ gen die Regierung veranlaßte. „Schon ſeit lange ſucht die Regierung nach Stützpunkten, um ſich in ihrer kritiſchen Lage zu halten; ſollte das einer ſein? Eben ſchwebt die Baumwollefrage vor der Diskuſſion: wollte mal etwa die Provinz Katalonien, welche gerade vahei am meiſten intereſſirt iſt, abhalten, ihre Stimme in die Wagſchale zu legen?.. Herr Mendez Vigo:„Schon früher(im Jaht 1840) habe ich einen ähnlichen Antrag eingebracht E⸗ er n= U⸗ er ch n; rt, ne ne an r 8 ich ne, rch er⸗ en ng en, ehr den ge⸗ ach zu die nan abei nme uh cht. 293 noch in Waffen und zur Vertheidigung entſchloſſen ſieht; allein ſobald der Sieg ſeine Stirne mit dem Lorbeer umwunden hat, iſt ſein Ehrgeiz befriedigt, und er ſucht ſeine Freude darin, den heldenmüthigen Kampf durch milde Behandlung des überwundenen Feindes zu krö⸗ nen. Je tapferer der Gegner kämpfte, um ſo ehren⸗ voller wird der edle Sieger ihn behandeln. Solchen Edelmuth in der That zeigte das tapfere Volk von Bar⸗ celona nach dem Siege, den es über ſeine Tyrannen erfochten hatte. Allein wie Heldenmuth und Edelmuth unzertrenn⸗ lich beiſammen ſein ſollten, ſo iſt auch ſelten eine des⸗ potiſche Seele ohne Feigheit, Rachſucht, Undankbarkeit. O! wie zeigen ſie ſich da, die Tyrannen, wenn der und damals wie heute der Regierung die gleichen Vorwürfe machen müſſen. „Man mag dem Miniſterium die verlangte Voll⸗ macht geben, allein unter der Bedingung, daß mit der nöthigen Rückſicht zu Werke gegangen werde; denn es handelt ſich nicht um einen Feldzug gegen eine wilde Völkerſchaft, ſondern um die erſte, civi⸗ liſirteſte Stadt Spaniens. Ohne genaue, vorherge⸗ gangene Erkundigung und Erwägung ſollte man nicht feindlich gegen dieſe auftreten. Wer weiß, was für Gewaltthaten, Rechtsverletzungen dieſen bejammernswerthen Zuſtand herbeigeführt haben? Das ſind nicht zweihundert Republikaner, die eine ſolche Stadt in Aufruhr gebracht haben; hier müſ⸗ ſen andere Urſachen vorwalten; wenn es aber nur dieſe zweihundert Republikaner wären, ſo bitte ich den Congreß, zu bedenken, welche Stärke in ihnen und örer Sache liegen muß: denn ſo wie dieſe Stadt, können ſie auch die ganze Nation zum Auf⸗ ſtand bringen!“ Das Miniſterium hatte nicht einen einzigen Red⸗ ner für ſich. 294 Feind geſchlagen, entwaffnet iſt! Als Gebieter der rohen Maſſe fallen ſie über den wehrloſen, furcht⸗ ſamen Bürger her, und ſättigen ihren Rachedurſt in dem Blute des unglücklichen Feindes. Spanien, ganz Europa vernahm mit Erſtaunen und Entrüſtung die unerhörten Gewaltthätigkeiten, durch welche die Regierung die beklagenswerthen Ereigniſſe von Barcelona hervorgerufen hatte: dieſe willkührlichen Einkerkerungen, dieſe blutigen Kavalleriechargen, dieſe Plünderungen, die Kartätſchenſalven, womit die Scher⸗ gen des Despotismus eine Stadt von zweimal hundert⸗ tauſend Seelen, die zweite Hauptſtadt, die reichſte und arbeitſamſte Stadt Spaniens unterwerfen ſollten. Der Regent ſelbſt hatte vor aller Welt erklärt, daß er nur geſetzmäßigen Gehorſam verlange, konnte nun das großherzige Volk von Barcelona theilnahmlos zuſchauen, wie die frechen Behörden ſich nicht nur über die Konſtitution ſtellten, ſondern eines der geheiligten Blätter nach dem andern herausriſſen, um die Bürger dem militäriſchen Despotismus zu unterwerfen. Wir haben es damals geſagt, und wiederholen es wieder: Barcelona war, indem es Gewalt mit Gewalt vertrieb, in ſeinem Rechte; Barcelona erhob ſich nicht zum Aufſtand gegen die Verfaſſung, ſondern gegen die Ty⸗ rannen, welche dieſe zu Füßen traten. Die ganze Bevöl⸗ kerung erhob ſich wie ein Koloß, und mit einem Male war die drohende Barbarei der Tyrannei verſchwun— den.*) *) Folgende offizielle Depeſche rechtfertigt unſere An⸗ ſicht: Armee von Katalonien. Etzellenz! über⸗ zeugt, daß jede Rückſicht und jeder Aufſchub, wel⸗ chen man bei Eintreibung der den Kauf⸗ und Ge⸗ werbsleuten, ſowie den Grundbeſitzern Barcelona's auferlegten Steuern eintreten ließe, unnütz wäre, ſehe ich mich, obwohl ungern, zu den ſtrengſten er t⸗ in en ch ſſe en ſe t⸗ nd 3 te os er en er r⸗ el⸗ e⸗ *6 re, en 295 Und wie, Spanier! ein ſo despotiſches Verfahren macht Euch nicht raſend? Die Verfaſſung verbietet jede Auflage oder Steuer, welche nicht durch die Re⸗ präſentanten des Volks geſetzmäßig genehmigt iſt; und dieſe Menſchen, welche ſich Conſtitutionelle nennen, ent⸗ reißen mit Waffengewalt dem armen Arbeiter die ſaure Frucht ſeines Schweißes? Durch ſolche Vorfälle ge⸗ wöhnt man die Soldaten, die Vaterlandsvertheidiger, an das Henkerhandwerk, und ſtempelt ſie zu Werkzeugen der niedrigſten Tyrannei. Das Geſetz beruft ſie zur Vertheidigung der Unabhängigkeit, der Freiheit des Landes, und gemeinſam mit der Nationalgarde zum Schutz des Bürgers; und anſtatt deſſen wendet man ihre Waffen gegen die eigenen Brüder, macht aus ihnen die Staffel, auf welcher ein ehrgeiziger Diktator mit ſeinen Helfershelfern zu einer immer gefährlichern Höhe Maßregeln genöthigt, um den Befehlen der Re⸗ gierung nachzukommen. Sonach werde ich Eurer Erzellenz in den nächſten Tagen eine Liſte der Wi⸗ derſpenſtigen einhändigen, in deren Häuſer Eure Erzellenz einen Unteroffizier mit fünf Soldaten le⸗ gen wird, die dort genährt und mit ſechzehn und zwölf Realen per Mann belohnt werden müſſen; die folgenden Tage verdoppelt und verdreifacht ſich dieſe Geldſumme. Sollte nach fünf Tagen die Steuerzahlung noch nicht erfolgt ſein, ſo werden Eure Exzellenz mich davon in Kenntniß ſetzen, damit weitere Maßregeln getroffen werden können. Barcellona, den 15. Januar 1843. Antonio Sevane.“ „Herr Gouverneur! Man hat dem Stadtrath und dem Handelsvorſtand obigen Befehl mitgetheilt, damit dieſe eine Liſte der Steuerruckſtändigen, die Höchſtbeſteuerten voran, dem Kommando einreichen. Der General Dominico von Ariſtizabal.“ 296 hinanſteigt!.. Dieß iſt ein Verbrechen, gegen wel⸗ ches jeder Aufſtand gerechtfertigt und geſetzlich erſcheint! Und dennoch geſchehen noch von Seite der Militär⸗ gewalt ähnliche Verbrechen!*) *) Der erſt neulich gegen einen Richter zu Pampe⸗ lona begangene Frevel beweist augenſcheinlich, daß die Militärbehörden ſich über Alles erhaben glau⸗ ben: ein Mißverhältniß, das nur in Spanien ſtatt⸗ findet; allein ſie ſind es in der That auch, da die unfähige Regierung ihre Uebergriffe, ihre Miß⸗ bräuche duldet, und die Thorheit begeht, auch Civil— poſten mit Militärperſonen zu beſetzen, was gewiß in jedem andern konſtitutionellen Lande Aufſehen erregen würde. Folgendes iſt der Bericht des Miß⸗ handelten ſelbſt, wie er in mehreren Blättern zu leſen iſt: „An den Redakteur des Journals el Tiempo: Falls Sie geneigt wären, der Erzählung eines beiſpielloſen Frevels, der gegen meine Amtsſtellung und gegen meine Perſon durch den Generalkapitän von Pampelona verübt wurde, in Ihrem geachte⸗ ten Blatte eine Stelle zu gönnen, ſo nehme ich mir die Freiheit, den Hergang mit allen Umſtän⸗ den und ganz der Wahrheit getreu zu berichten. Ich war Richter erſter Inſtanz in oben genannter Stadt, als mir durch die öffentliche Stimme kund wurde, der General habe einige Bürger und einige Soldaten von der Garniſon in's Gefängniß wer⸗ fen und kriminell behandeln laſſen, weil ſie im Ver⸗ dacht einer Verſchwörung gegen den Staat geſtan⸗ den hätten. Immer beſtimmter und lauter wurden die Angaben, ſo daß endlich an der Wahrheit der⸗ ſelben nicht mehr zu zweifeln war. Nach dem Ge⸗ ſetz vom 17. April 1821, und nach dem Kommen⸗ tar darüber in dem juridiſchen Bülletin hatte ich die Ueberzeugung, daß der Fall, weil die Stadt —— 297 Ja es gibt heutzutage noch einen Mann in hoher amtlicher Stellung, der beinahe göttliche Ehrenbezeu⸗ ℳ unter keinem Ausnahmsgeſetze ſtand, zu meiner Kompetenz gehöre. „Somit erkannte ich es als meine Pflicht, die Kompetenz der Civilgerichtsbarkeit zu vertheidigen. Zu dieſem Ende richtete ich am 19ten dieſes in ganz höflichen Ausdrücken eine Mittheilung an den Generalkapitän, worin ich ſagte, ich hätte außer⸗ gerichtliche Anzeige davon erhalten, daß auf ſeinen Befehl ein Kriminalverfahren eingeleitet werde; dieß ſtehe nach dem Geſetze vom 17. April 1821 nur dem ordentlichen Gerichte zu, und ich ſehe mich alſo zu der Bitte genöthigt, er möchte die Unter⸗ ſuchung einſtellen, und die Angeſchuldigten ſammt den bisherigen Akten der zuſtändigen Behörde über⸗ weiſen. Im entgegengeſetzten Falle möchte er die Güte haben, mir die Gründe, welche für ſeine Kompetenz ſprechen, mitzutheilen, und mir von dem Stande der Unterſuchung ſo weit Nachricht zu geben, damit ich die Sache ſelbſt beurtheilen, und ſo vielleicht ſeine Anſicht von der Kompetenz als gerechtfertigt anſehen könnte. „Ich überſandte dieſe Mittheilung Abends acht Uhr, und gab zugleich dem Gerichtshofe Nachricht davon. Anſtatt einer bejahenden oder verneinenden Antwort, die mir nach der Inſtruktion vom Jahr 1836 hätte ſogleich zukommen müſſen, wurde von jenem Manne nun der Plan gefaßt, den abſcheu⸗ lichſten Frevel, der je gegen einen öffentlichen Be⸗ amten meiner Art begangen wurde, gegen mich auszuüben. „Um ein Uhr nach Mitternacht wurde mein Haus plötzlich, ohne alle vorhergegangene Ankündigung, von dem Polizeikommiſſär und einer bewaffneten Mannſchaft überfallen, und mir angezeigt, daß ich 298 gung verlangt; der den unſinnigen Hochmuth ſo weit treibt, Jeden zu beohrfeigen, der ſich das Verbrechen auf Befehl des Civilgouverneurs zur Dispoſition des Generalkapitäns geſtellt werden ſollte. Dieſe unerwartete und in ſo verletzender Form vollzogene Verhaftung nöthigte mich, den Polizeigagenten um die Urſache dazu zu befragen; unterdeſſen aber ka⸗ men zwei andere Kommiſſäre, welche den Befehl dahin änderten, ich ſollte auf Befehl des General⸗ kapitäns zum Civilgouverneur der Stadt gebracht werden. Ich bat um Erlaubniß, mich meinem ein⸗ zigen Vorgeſetzten, dem Vorſtand des Gerichtshofs, vorſtellen zu dürfen, um die Gründe einer ſolchen Behandlung zu erfahren. Allein ich konnte dieſe Vergünſtigung nicht erhalten, und man benachrich⸗ tigte mich geheimnißvoll, daß in einer halben Stunde eine Poſtchaiſe mich von Pampelona weg⸗ bringen würde. „Ich wußte wohl, daß weder der Generalkapitän noch der Gouverneur eine geſetzliche Macht über mich hatten; allein ich mußte der phyſiſchen Ge⸗ walt nachgeben und den Wachen zum Hotel des Letzteren folgen. Dieſer Beamte affektirte eine große Betrübniß, und völlige Unkenntniß von der Sache, und äußerte, er habe Befehl, mich dem an⸗ weſenden Stabsadjutanten zu übergeben, der mich dem Platzkommandanten vorſtellen und nach Ver⸗ fluß einer halben Stunde nach Eſtella führen werde. „Der Adjutant vollzog ſeinen Befehl, und brachte mich zum Platzkommandanten; hier bat ich um die Erlaubniß, meine Akten einem Notar übergeben und mich bei meinem Vorgeſetzten, dem Vorſtande des Gerichtshofs, melden zu dürfen; aber umſonſt. Sobald die Poſtchaiſe bereit war, zwiſchen zwei und drei Uhr Morgens, brachte man mich wie —— — —— 299 zu Schulden kommen läßt, den Hut nicht vor ihm ab⸗ zuziehen! Seine Exzellenz verlangt, das ſpaniſche Volk einen Verbrecher, mit reitender Eskorte, aus der Stadt, und führte mich hieher, wo ich dem Mi⸗ litärgouverneur als Gefangener übergeben wurde, ohne daß ich ein ſchriftliches Dekret oder irgend Etwas der Art über die ganze Sache geſehen hätte. Den Augenblick vor meiner Abreiſe richtete ich eine kurze Mittheilung an den Vorſtand des Gerichts⸗ hofs, um ihn von dem gegen mich verübten Frevel in Kenntniß zu ſetzen. Bis jetzt habe ich aber keine Antwort und keine Kenntniß davon, welche Maßregeln der Gerichtshof gegen ein ſolch' geſetz⸗ widriges Verfahren ergreifen wird. „Dieß iſt die reine Wahrheit. Vielleicht werden die betheiligten Perſonen nun Allerhand vorzubrin⸗ gen ſuchen, um ihr Benehmen zu bemänteln und zu beſchoͤnigen; allein in dieſem Falle erkläre ich dieſelben öffentlich für Lügner. „Alsbald nach meiner Ankunft hier habe ich ein Schreiben an das königliche Miniſterium und eines an den Gerichtshof gerichtet, worin ich den nicht nur gegen meine Perſon und mein Amt, ſondern gegen den ganzen Gerichtsſtand begangenen Frevel zur Kenntniß brachte. Beruhigt durch die Gerech⸗ tigkeit meiner Sache, und zufrieden, die Pflichten meines Amts erfüllt zu haben, ſetze ich einen Stolz in meine Leiden, und tröſte mich mit dem Gedan⸗ ken, daß es weniger ſchmerzhaft iſt, zu leiden, als das Leiden verdient zu haben. „Voll Vertrauen auf die Gerechtigkeit meiner Sache hoffe ich, daß die Entſcheidung der Regie⸗ rung günſtig ausfallen, und die Beleidigung, welche ich erdulden mußte, ſühnen werde, ſowie ich zu⸗ gleich auf den Schutz des Gerichtshofs, der ſeine Gerechtſame und ſein Anſehen zu vertheidigen wiſ⸗ 300 ſoll zu den Füßen ſeines Tyrannen kriechen! Infame Niederträchtigkeit! Schändlicher Wahnſinn! Wie! Ihr betrachtet in Eurem tollen Hochmuth das ſpaniſche Volk als eine Heerde von Sklaven, nur geboren, Euch zu gehorchen, und in Demuth die Feſſeln zu tragen, wo⸗ mit Ihr es belaſtet? Thoren! Verlaßt einmal den Zauberkreis Eures Wahnglaubens, und betrachtet, wenn Ihr meine Worte nicht hören wollt, jene Leichenſteine leſet.. Saint⸗Juſt, Donadio, Queſada, Sarfield, Baſa; ihre ſtumme, aber beredte Sprache wird Euch lehren, welches Ende die Unterdrücker des Volks er⸗ wartet.. des Volks, das die Soldaten bezahlt, daß ſie ihm, dem Volke dienen, nicht daß ſie ſich zu Hen⸗ kern und Unterdrückern mißbrauchen laſſen. Dennoch ſoll uns die gerechte Entrüſtung über den Militär⸗Despotismus nicht verleiten, unedle Rache⸗ übung zu vertheidigen, und wir werden nicht anſtehen, unſern Abſcheu gegen die feigen Mörder des unglück⸗ lichen Queſada auszuſprechen, obgleich wir hinwiederum nicht abgeneigt ſind, auch darin die Hand einer vergel⸗ tenden Vorſehung zu erblicken, welche früher oder ſpäter die Tyrannen beſtraft. *„** ⸗„„ b.„.*** ſen wird, feſt rechne. Endlich rechne ich ebenfalls auf die öffentliche Meinung, die gerechteſte Rich⸗ terin über das Geſchäfts⸗ und Privatleben des Be⸗ amten; ich zähle auf die Theilnahme aller Beam⸗ ten und Aller derer, welche die gegenwärtige Er⸗ klärung leſen. Wenn das Gegentheil geſchähe, wenn ein ſolches Verfahren gebilligt werden ſollte, dann wäre die Gerichtspflege in ihrer tiefſten Grundlage erſchüttert, alle Geſetze wären miß⸗ achtet, und alle Beamten in ihrer Amtswürde verletzt. „In meiner Verbannung zu Eſtella, den 23. Juli 1846. Ferdinand Galadza.“ 301 Die Zuſammenrottungen hatten ſich nach und nach über die ganze Stadt verbreitet, und eben, als der Henker ſein Schergenamt an dem armen Anſelm ver⸗ richten wollte, kam Manuel mit vielen Andern auf den Cevada⸗Platz. Zu der gleichen Zeit ſprengte ein ſchöner Reiter mit einem weißen Tuche in der Hand auf den Platz, und drang in das Carré des Gardebataillons ein. Es war ein Oberſt der Nationalgarde mit goldblonden Haaren— Louis de Mendoza, wir brauchen ihn kaum zu nennen, war der drohenden Gefahr glücklich entgan⸗ gen: die Soldaten, welche dem erhaltenen Befehle ge⸗ mäß auf ihn anſchlugen, hatten, ſtatt zu feuern, das Gewehr abgeſetzt und ſich mit dem Volke vereinigt. „Spanier!“ rief Don Louis mit weithinſchallender Stimme,„es lebe die Konſtitution!“ Bei dieſem Rufe, den tauſend Stimmen wieder⸗ holten, entſpann ſich ein blutiger Kampf zwiſchen dem Volk und den Truppen, deren Befehlshaber, der tapfere Don Juan Calvet, als eines der erſten Opfer fiel.*) Unter dieſem Kampfe hatte der Henker die Flucht ergriffen, Don Louis zerhieb die Bande des unglück⸗ lichen Anſelm mit ſeinem Degen, und Manuel ſchloß hochentzückt den ihm wiedergeſchenkten Vater in ſeine Den andern Tag ſah ſich Anſelm von ſeiner Fa⸗ milie umgeben, wobei nur Marie fehlte, deren Namen man nicht einmal nennen durfte, da er aus dem an⸗ ſtändigen Mobiliar ſeiner Wohnung, aus der ſauberen Kleidung der Seinigen, und vor Allem aus dem ver⸗ hängnißvollen Briefe des Mönchs die Ueberzeugung *) Auf dem Cevada⸗Platze entſpann ſich ein Gefecht zwiſchen der Mationalgarde und einem Garde⸗ Bataillon der Königin, wobei deſſen Anführer, Juan Calvet, unter den erſten Opfern fiel. Flores, Geſch. Espartero's. 302 ſchöpfte, Marie habe ſich einem ſchlechten Leben er⸗ geben. „Louiſe,“ ſagte er zu ſeiner Frau,„da Ihr mich zu einem für mich freudeloſen Leben zurück geführt habt, ſo verlange ich auch, in meine ehrliche Armuth zurück zu kehren denn mein Retter, wer es nun ſein mag, hätte mir ein trauriges Geſchenk mit meinem Le⸗ ben gemacht, wenn ich als Zeuge unſerer Schande auf Koſten der Ehre meiner Tochter leben müßte. Kein Wort von ihr noch von ihren Beſchützern, ich bitte Dich.. ich befehl' es Dir, wenn es ſein muß, und ich denke nicht, daß Du mich je zwingen wirſt, dieß unwiderrufliche Wort zu wiederholen. Meine Frau, meine Kinder, es iſt ehrenvoller, die öffentliche Mildthä⸗ tigkeit anzuflehen, als das Zeichen der Schande auf der Stirne zu tragen.“ Piertes Rapitel. r Selb ſtmord. Die Sonne des 15. Auguſt 1836 erhob ſich in voller Klarheit, die Hauptſtadt war befreit,— die Königin hatte ein neues Miniſterium ernannt, die Na⸗ tionalgarde wieder zuſammen berufen und den General Queſada abgeſetzt. Das Volk war voll Freude: ein Tag des Glücks und des Friedens ſchien über Spanien an⸗ gebrochen zu ſein. Das neue Kabinet beſtand aus dem Miniſterprä⸗ ſidenten Calatrava, dem Finanzminiſter Ferrer und Don Raymond Gil de la Cuadra für das Innere; die drei anderen Miniſterien waren noch unbeſetzt.— 303 Das General-Commando erhielt Don Antonio Seoane, der ſogleich mit ſeinen Adjutanten auf die Puerta de Sol eilte und von dem Volk mit Freuden⸗ geſchrei empfangen wurde. Da das königliche Dekret über die Einführung der Verfaſſung vom Jahr 1812 am 13. Auguſt ausgeſtellt war, ſo iſt augenſcheinlich, daß das Miniſterium ſich offen gegen den königlichen Willen auflehnte und für alle Folgen ſeiner Widerſpenſtigkeit verantwortlich ge⸗ macht werden mußte. Don Ferdinand Rubin de Celis hatte als In⸗ terimspräfekt an alle Mauern der Stadt einen geſchrie⸗ benen Anſchlag heften laſſen, wodurch die Bewohner Madrids auf fünf Uhr Abends zur Feier der Conſti⸗ tution vom Jahr 1812 eingeladen wurden. Die ſtädtiſche Behörde, umgeben von einer präch⸗ tigen Schwadron der berittenen Nationalgarde, beging dieſes Feſt ſo feierlich als möglich und der Jubel, der Enthuſiasmus der Madrider war ſo lebhaft und ſo feurig, daß die Partei des Rückſchritts deutlich einſehen mußte, wie wenig ſie die öffentliche Meinung für ſich habe; denn nie findet der Despotismus ſo freudigen Beifall. Warum muß dieſes ſchöne Blatt unſerer Geſchichte mit einem ſo häßlichen Blutflecken beſpritzt ſein! Der unglückliche General Queſada verachtete den Rath ſeiner Freunde, die für ſein Leben fürchteten, und beſtand eigenſinnig darauf, am hellen Tage, eben zu der Zeit, wo ſich das Volk ſeiner Freude überließ, nur von einem Bedienten begleitet, Madrid zu verlaſſen. Dennoch gelangte er ohne Unfall nach Hortaleza; allein hier wurde der Flüchtling durch den Ortsvor⸗ ſteher erkannt und verhaftet. Dieß war ein Unglück; allein eben die Verhaftung durch eine geſetzliche Be⸗ hörde hätte wenigſtens ſein Leben ſchützen ſollen. Dem war nicht ſo. Eine barbariſche Rotte von feigen Meu⸗ chelmördern erwürgte ihn auf die grauſamſte Weiſe! 304 Werfen wir einen Schleier über dieſe gräßliche Cata⸗ ſtrophe, welche ſo düſter gegen die allgemeine Freude der Hauptſtadt abſtach. Reiche, glänzende Draperien wehten von allen Balconen und Fenſtern, wo die eleganteſten Damen ihre patriotiſche Theilnahme an dem Sieg der Freiheit kund gaben. Don Louis konnte vermöge ſeines bedeutenden, jetzt gerade mit Geſchäften überladenen Amtes nicht dem Zug ſeines Herzens folgen, um die Zweifel, die ſeine Seele in der letzten Zeit bekümmert hatten, beſtätigt, oder aber, wie er feſt zu hoffen wagte, zerſtreut zu ſehen. Noch ein anderer Gedanke beſchäftigte ſeine un⸗ ruhvolle Seele: frei und als Sieger in die Arme ſei⸗ nes Vaters heimgekehrt, hatte er dieſem in der Freude des Herzens ſeine Liebe zu Marien geſtanden; der Va⸗ ter hörte ihn mit liebreicher Güte an und ſchien dem Wunſche ſo wenig abgeneigt, daß er auf der Stelle ſeine Einwilligung zu der Verbindung ertheilte, aber ein ſonderbarer, geheimnißvoller Zug ſeines Geſichts verkündigte eine Abſicht, die dem Sohne noch dunkel war und ihn mit einer halb ängſtlichen Neugier erfüllte. Schon früher hatte ſich Don Louis über ſeinen Vater gewundert, als dieſer den jungen Manuel, nach⸗ dem er deſſen Namen erfahren hatte, ſo freundlich, bei⸗ nahe väterlich begrüßte. Der alte Marquis Bellaflor verſprach ſelbſt zu den Eltern Mariens gehen und für Don Louis nach dem üblichen Gebrauche um ihre Hand anhalten zu wollen. Solcher Art waren die Abſichten jener Beiden, während das arme Mädchen, von trügeriſchem Schein geblendet, an aller Treue, aller Tugend verzweifelte, und ſich von Jedermann, ſelbſt von Don Louis und Emilien, verrathen wähnte. Nur noch zu Thomas, deſſen zärtliche Theilnahme ihr Herz rührte, hatte ſie Zutrauen und dieſer begleitete ſie auf dem Wege zur väterlichen Wohnung, um dort lieber in Armuth und —ů·ůůů·“ ÜQY Ü— ꝓFF— 5—— W Szco, Marie. U. 305 Elend zu leben, als ferner in der großen Geſellſchaft der Spielball des Laſters zu ſein. Sie erreichte die elterliche Wohnung gerade in dem Augenblicke, als ihr Vater den ſchrecklichen Aus⸗ ſpruch that, ihr Name dürfe nie in ſeiner Gegenwart genannt werden. Marie, einfach aber elegant gekleidet, trug das Medaillon des vermeintlich treuloſen, aber immer noch heißgeliebten Mannes auf der Bruſt. Sie ſtürzte jählings in die einfache Wohnung ih⸗ rer Familie. Die Unglückliche!... eben als ſie ihrem Vater voll Liebe in die Arme fallen wollte, erſtarrte ſie vor einem verachtungsvollen Blicke, den der uner⸗ bittliche Taglöhner auf ſie ſchleuderte. „Wer ſeid Ihr?“ ſchrie Anſelm mit einer konvul⸗ ſiviſchen Bewegung der Abwehr...„Ihr, meine Tochter? Nimmermehr! Meine Tochter war ein armes, einfaches, unſchuldiges Mädchen; Ihr ſeid eine Dame, die ſich von ſchlechten Leuten unterhalten läßt dieſe mögen fortan die große Dame bei ſich be⸗ halten das Haus des armen Taglöhnes ſoll nim⸗ Beenehr die Zuflucht der Sünde und Verdorbenheit Dieſe gräßlichen Worte aus dem Munde eines ſo zärtlich geliebten Vaters mußten das Herz der Tochter brechen. Entſetzt über das blaſſe, drohende Antlitz, die von Kummer gebleichten Haare, die feierlichen, ver⸗ wünſchenden Worte ſeines Mundes bebte Marie zurück; — alles Blut ſtieg ihr gegen den Kopf,— von jäher Verzweiflung ergriffen, ſtürzte ſie hinaus und auf die Straße hinab. Bei dieſem Anblick rief Thomas außer ſich vor ſchmerzlicher Erbitterung, die Augen voll von Thrä⸗ nen: „Rabenvater! Nie gab Dir die Natur das Recht, Deine tugendhafte Tochter ſo zu mißhandeln! Da die 20 306 unglückliche trotz der unglaublichſten Leiden, trotz der tauſendfachen Verführung der großen Welt ihre Un⸗ ſchuld bewahrt und nun voll Vertrauen in dem Schooß ihrer Familie Schutz ſucht, ſieht ſie ſich ſchändlich zu⸗ rückgewieſen!.. Wie! Sind das civiliſirte Menſchen! Nie! Ich ein armer Neger ein einfältiger Wilder ich will für ſie arbeiten.. für ſie betteln ich werde mitleidigere Menſchen finden, als ihr Vater iſt.. denn nicht alle tragen ein Tigerherz gleich Dir.“ Dieſe mächtige Anſprache einfacher Natur machte. auf Anſelm einen überraſchenden Eindruck. Louiſe, welche den Neger bei der Baronin geſehen hatte, ſagte voll Bekümmerniß zu ihm: „Eile, braver Menſch.„ich bitte Dich um Got⸗ teswillen, eile Marien nach und bringe ſie her; ihr Va⸗ ter liebt ſie wie früher und wird ſich bald von ihrer Unſchuld überzeugen laſſen. Du kennſt die Lage, die traurige Stimmung meines armen Mannes nicht; ver⸗ zeihe ihm aber eile Dich, laufe ihr nach, bring mir mein geliebtes Kind zurück und ich will Dir mein ganzes Leben dankbar ſein.“ Anſelm bebte und zitterte am ganzen Leibe. Ma⸗ nuel, der in Folge ſo heftiger Gemüthserſchütterungen für das Leben ſeines Vaters fürchtete, wagte nicht, denſelben zu verlaſſen; er blieb mit ſeiner Mutter da, um dem armen Vater in ſeinem Krankheitsanfall bei⸗ zuſtehen. Thomas aber eilte, von Louiſens Worten angeſpornt, dem unglücklichen Mädchen nach. Er ſah ſie nicht meht auf der Straße ein ſchrecklicher Gedanke blitzte durch ſeine Seele.. er eilte nach dem Toledo⸗Thore. Die Furcht des Negers war nicht ohne Grund.. Marie lief wie wahnſinnig über das Feld hin,. er⸗ reichte endlich den Kanal und.. Gott erbarme ſich ihrer.„ſtürzte ſich hinein ll!.. a⸗ en ht, da, ei⸗ nt, ehr tzte e er⸗ ſich 307 Kann man eine ſolche That der Verzweiflung einen Selbſtmord nennen? Nein, tauſendmal nein! Es iſt ein gräßlicher Mord, aber ein Mord, begangen durch die hartherzigen Menſchen, welche kalt und ungerührt ihre Augen von den Leiden der armen Proletarier abwen⸗ den. Marie, die arme Tochter ehrlicher Eltern, ſah ſich genöthigt, den väterlichen Herd zu verlaſſen, aufgefor⸗ dert von einem zärtlichen Vater, der zum Dank für ſeine aufopfernde Tapferkeit, die er auf dem Felde der Ehre bewieſen und für ſeine Bürgertugend mit Frau und Kindern im tiefſten Elend ſchmachtete. Marie, jung, eben ſo ſchön als unglücklich, wußte dennoch aller Ver⸗ führung zu trotzen. Bie vollendetſte Heuchelei, die glän⸗ zendſten Verlockungen konnten ſie nicht einen Schritt von dem Pfade der Tugend abwendig machen. Alle Bemühungen der ſchändlichſten Sittenloſigkeit ſcheiterten an der Stärke ihrer Tugend. Endlich aber mußte ſich die Kraft ihrer Seele in dem unaufhörlichen Kampfe gegen das immer drohender hereinſtürmende Unglück erſchöpfen. Allein, wie ſie glaubte, unter einer von Grund aus verdorbenen Umgebung, ein ſteuerloſer Na⸗ chen in dem ungeheuren Weltmeere, von tauſendfachen Stürmen hin und her geworfen, hatte ſie keinen andern Zufluchtsort als das Herz ihres Vaters, den Herd ihres elterlichen Hauſes; nun aber von dem letzten Rettungs⸗ hafen zurückgeworfen, von dem väterlichen Herde ver⸗ wieſen, floh ſie in wahnſinnigem, ſchreckensvollem Tau⸗ mel. Von allem entblößt, ohne Stütze in der Welt, ſah ſie nur zwei Wege vor ſich: Unehre oder den Tod. Für ſie konnte die Wahl nicht zweifelhaft ſein und eben ihr Selbſtmord war der ſtärkſte Beweis ihres tugend⸗ haften Strebens. Ueberzeugt von dem Verrathe ihrer Freundin, von der Treuloſigkeit ihres Geliebten, zu⸗ rückgewieſen von dem eigenen Vater, konnte ſie ſich nur noch an die Gnade Gottes wenden und vor die⸗ ſem wollte ſie unentweiht erſcheinen, für immer die arge, verdorbene Welt verlaſſen, welche ihre verkannte 308 Tugend ausgeſtoßen hatte, wie das Meer die traurigen Ueberreſte der Ertrunkenen endlich ans Land wirft. Hiermit wollen wir freilich keineswegs dem Selbſt⸗ morde das Wort reden. Gerne wollten wir allen Un⸗ glücklichen die Süßigkeit der Hoffnung einreden, ſie überzeugen, daß nichts wechſelvoller als das Schickſal, daß im herbſten Leide die Hülfe oft am nächſten iſt. Wir fragen gar nicht, ob der Selbſtmord ein Zeichen von Muth oder von Feigheit ſei;— eine müßige Frage, deren allgemeine Löſung nie möglich ſein wird. In dieſer Hinſicht hat der liebenswürdigſte Philoſoph den Ausſpruch gethan:„Ich geſtehe, daß ich nie den Muth haben würde, eine ſo feige Handlung zu begehen.“ Der Selbſtmord kann nach Umſtänden ein Verbrechen, eine Tugend, eben ſo gut der Ausdruck des höchſten Muthes als der einer feigen, niedrigen Seele ſein. Sollte einer unſerer Leſer ſo wenig das menſch⸗ liche Herz kennen, daß er die Handlung Mariens ver⸗ dammte? Sollte er die Meinung haben, das junge Mädchen, das der Autor als Muſter von Ehrbarkeit und Tugend hinſtellt, verliere alles Recht auf Mitge⸗ fühl, weil ſie ihren Kampf mit einem ſolchen Verbre⸗ chen ſchließe?— Eine ganz falſche Logik, die nur be⸗ — weiſen würde, daß die Abſicht des Verfaſſers gar nicht erfaßt, nicht einmal geahnt wurde. Wenn ein Mädchen wie Marie ſich endlich zu einem ſo verzweiflungsvollen Entſchluſſe genöthigt ſieht, ſo beweist das unwider⸗ ſprechlich, daß die Geſellſchaft der Tugend keinen Schutz darbietet und daß man ſo ſchnell als möglich auf ſchützende Maßregeln für die armen, arbeitenden Klaſ⸗ ſen ſinnen muß. Wenn wir das Unglück, die gänzliche Hülfloſig⸗ keit und Verlaſſenheit eines braven Taglöhners, einet ehrbaren Fgmilie, darzuſtellen verſuchten, ſo war unſere Abſicht, dabei zu zeigen, welches Uebel aus dieſer unent⸗ ſchuldbaren Vernachläßigung entſpringen kann. Man hegt den einſeitigen Glauben, als ob zut S——*— N MN— v N N S S— N S u g er re it⸗ u 309 fittlichen Hebung des Volks die Gefängniſſe, Galeeren, Pranger und das blutige Schauſpiel der Hinrichtung genügen. Nicht nur dieſe Strafanſtalten, die Ketten, Kerker und das Beil des Nachrichters ſfind wirkungslos, ſondern ebenſo werden die Bedrohungen mit ewiger Höllenſtrafe ihren Zweck nie erreichen, wenn man nicht neben die Beſtrafung des Verbrechers auch eine Beloh⸗ nung eine Entſchädigung für unſchuldiges Leiden ſtellt. Warum ſollte, wie man das Verbrechen beſtraft, nicht auch für die Tugend ein ehrenvolles Zeichen der Anerkennung gefunden werden können? Warum ſollten wir nur Schaffote ſehen dürfen und nicht auch das edle Schauſpiel eines edlen, mit Lorbeer geſchmückten Grabes, wo dem Menſchen nach ſeinem Tode die ver⸗ diente Ehre wiederfährt. Gott, der allmächtige, ſtraft den Uebelthäter nach ſeiner ſtrengen Gerechtigkeit, belohnt aber auch den Guten mit ſeiner ewigen Herrlichkeit; und der Menſch malt, uneingedenk dieſes erhabenen Muſters, die Ge⸗ rechtigkeit blind, ein Schwert in der Hand, wie um anzudeuten, daß dieſe blindlings der Rache und dem Haſſe diene. Die Waage in der andern Hand ſcheint nach dem, wie es in der Welt zugeht, nur da zu ſein, um das Gold und den Rang der Menſchen abzuwägen. Nach der Anſicht des berühmten franzöſiſchen Schriftſtellers Eugen Sue ſollte man die Gerechtigkeit mit der Krone in der einen, mit dem Schwert in der andern Hand abbilden. 6 Statt des Schwertes möchten wir, als Feinde der Todesſtrafe, lieber einen Schlüſſel ſehen, da uns das men⸗ ſchenmörderiſche Werkzeug in der Hand Aſträas ein Frevel gegen die Gerechtſame des göttlichen Richters erſcheint; im übrigen aber ſtimmen wir mit dem vollſtändig über⸗ ein, was unſer würdiger Freund ſo beredt als wahr ſagt:*) 9 Geheimniſſe von Paris, Franckh'ſche Ausgabe: 14tes Bochn. Seite 109. 310 „Das Volk würde alsdann inne werden, daß, wenn es ſchwere, furchtbare Strafen für das Uebel, auch glänzende Triumphe und Belohnungen für das Gute gibt— während es nunmehr mit ſeinem zwar unge⸗ bildeten, aber naiven, ſprechenden Scharfſinne vergebens das Seitenſtück, das Gegenüber unſerer Tribu⸗ nale, Kerker, Galeeren und Schaffote ſucht. „Das Volk ſieht wohl, daß es eine Gerechtigkeit für das Verbrechen gibt,— ein Gericht aus ſtarren, feſten, aufgeklärten, unbeſcholtenen und unparteiiſchen Männern, die ſtets bemüht ſind, die Verbrecher aufzu⸗ ſpüren, zu entdecken, zur Strafe zu ziehen; „Es ſieht aber keine Gerechtigkeit für die Tugend*) *) Wenige Tage, nachdem wir dieſe Zeilen niederge⸗ ſchrieben hatten, laſen wir das Memoire de Sainte Hélène, dieſes unſterbliche Buch, das uns wie die erhabenſte Abhandlung über praktiſche Lebensweis⸗ heit erſcheint; unſre Aufmerkſamkeit fiel auf nach⸗ ſtehende Stelle, die uns ſeither entgangen ge⸗ weſen war. „Einer meiner Lieblingsträume(ſagt Kaiſer Napoleon), den ich nach vollſtändiger, ſiegreicher Beilegung und Vollführung unſerer großen Kriegs⸗ thaten bei der Rückkehr in die Heimath in Ruhe und Frieden ins Werk ſetzen wollte, wäre alsdann der geweſen: ich hätte mir etwa ein Dutzend wahre, gute Philanthropen aufgeſucht. Einige von jenen braven, herrlichen Männern, die nur für das Gute leben und deren einziger Lebenszweck und Streben die Vollführung deſſelben iſt; ich hätte ſie nach allen Theilen meines Reiches ausgeſandt, heimlich vertheilt, ſie reiſen laſſen mit dem geheimen Auf⸗ trage, nur mir ſelbſt von ihrer Sendung und ihrem Streben Rechenſchaft abzulegen;— ſie wären gleich⸗ ſam Spione der Tugend geweſen, die ſich unmit⸗ telbar und insgeheim an mich gewendet haben — c——— ————— 311 aus ähnlichen feſten, gerechten, aufgeklärten Männern beſtehen, die unaufhörlich bemüht wären, die Guten, Rechtſchaffenen, Gewiſſenhaften aufzuſuchen und zu be⸗ lohnen.“ „Alles ruft dem Volke warnend zu: Zittere!..“ „Nichts ſagt ihm chriſtlich: Hoffe.“ „Alles droht, erſchreckt— nichts ermuthigt, trö⸗ ſtet, erfreut.“ „Der Staat verwendet jährlich Millionen auf die erfolgloſe, ſterile Beſtrafung von Verbrechen, unterhält mittelſt dieſer Summen Gefängniſſe und Kerkermeiſter, Galeerenſträflinge, Bagnos und Bagno⸗Wachen, Schaf⸗ fote und Henker.“ „Man ſagt, dieß ſei nothwendig— meinethalben!“ „Wie viel verwendet aber der Staat jährlich auf die ſo heilſame und frommende Belohnung des Guten?“ „Nichts!“— „Und das iſt noch nicht einmal Alles.“ „Später, wenn der Verlauf unſerer Erzählung auch noch in die Gefängniſſe und die Zuchthäuſer für Män⸗ ner führen wird, wollen wir es noch ausführlicher dar— thun, wie mancher wackere Arbeiter und Taglöhner von tadelloſer Rechtſchaffenheit höchſt erfreut und am Ziele würden; ſie wären meine geiſtigen Beichtväter und Gewiſſensräthe, meine Almoſeniers geweſen, und meine Berathungen mit ihnen wären nur geheime Werke der Güte, der Barmherzigkeit geweſen. Meine Haupt⸗ und Lieblingsbeſchäftigung zur Zeit der voll⸗ ſtändigſten Ruhe und auf dem Gipfel meiner Macht wäre alsdann geweſen, mich einer gründlichen Ver⸗ beſſerung der Lage der ganzen Staatsgeſellſchaft zu widmen, ja ich hätte es mir ſogar angelegen ſein laſſen, dieſe meine Pläne und Abſichten auf einzelne Individuen auszudehnen, um den Werth meines Strebens an ihnen zu erproben.“ Memo⸗ morial, Bd. V. Ausgabe vom Jahr 1824, S. 209. 312 ſeiner Wünſche ſein würde, wenn er nur Ausſichten hätte, eines Tages die materielle Lage der Gefangenen ſich erſchwingen zu können, guter, hinreichender Koſt und eines guten Bettes, Daches und Faches verſichert ſein zu dürfen!“ „Haben ſie ja doch Kraft ihrer Würde, ihres ſitt⸗ lichen Werthes als rechtſchaffene, aber lange und hart geprüfte Menſchen am Ende mindeſtens daſſelbe Recht und dieſelben Anſprüche auf Wohlleben und eine ſor⸗ genloſe Zukunft wie dieſe Verbrecher,— zumal, wenn ſte, wie Morel, der Steinſchleifer, zwanzig Jahre lang fleißig, rechtſchaffen, ehrbar, fromm und entſagend un⸗ ter Elend und Verſuchung gelebt haben?21—“ „Machen ſich ſolche Menſchen nicht ſo weit um die Geſellſchaft, um den Staat verdient, daß er ſich die Mühe geben dürfte, ſie aufzuſuchen und ſie, wenn auch nicht zu Ehren der Menſchheit und zum Ruhm ihres Namens zu belohnen, doch wenigſtens ſie auf der be⸗ ſchwerlichen, mühevollen Bahn zu unterſtützen und auf⸗ recht zu erhalten, die ſie ſo unverdroſſen und ſo muthig durchwandern. „Verbirgt ſich denn der hochherzige, rechtſchaffene und gewiſſenhafte Mann, wie beſcheiden er auch ſei, hartnäckiger, hüllt er ſich in ein undurchdringlicheres Dunkel, als der Dieb oder Räuber? und werden dieſe letzteren nicht faſt immer von der ſtrafenden Gerechtig⸗ keit ausfindig gemacht?“ „— Ach es iſt zwar ein Utopien, ein Nirgendland, allein es knüpfen ſich doch einige tröſtende Gedanken daran!— Man vergegenwärtige ſich einmal, wenn auch nur in Gedanken, eine ſo organiſirte Staatsgeſellſchaft, daß es in ihr ſo zu ſagen auch Aſſiſen für die Tugend, wie Gerichte zur Beſtrafung von Verbrechen Fbe „Einen Staat mit einem öffentlichen Miniſterium, das die edlen Handlungen, die ſeltenen Großthaten überwachte und ſie der Anerkennung und Dankbarkeit ne i es d, en t, ie W n, en it 313 Aller blosſtellte und anheimgäbe, wie man heutzutage die Vergehen und Frevel der Strafgerechtigkeit der Ge⸗ ſetze überliefert.“ „Hier will ich zwei Beiſpiele, zwei Gerechtig⸗ keiten anführen: man ſage mir alsdann, welche von beiden die an Belehrung, an heilſamen Folgen und er⸗ wieſenen Erfolgen fruchtbarere iſt?“ „Ein Mann erſchlägt einen Andern, um ihn zu be⸗ rauben;— eines Tages wird nun hehlings im frühe⸗ ſten Morgengrauen in irgend einem öden Winkel von Paris eine Guillotine aufgerichtet, mittelſt deren man Angeſichts von der Hefe der Bevölkerung, des Abſchaums der Menſchheit, welche über den Richter, den Verur⸗ theilten, den Henker noch frechen Hohn treibt, dem Verbrecher den Kopf abſchlägt;— das iſt alsdann das letzte Wort der Geſellſchaft!“ „Auf der einen Seite erblicken wir das größte Verbrechen, das man gegen die bürgerliche Geſellſchaft begehen kann, auf der andern die größte Strafe, die ſie verhängt, die ſchrecklichſte und heilſamſte Belehrung und Warnung, die ſie dem Volke geben kann;— zugleich aber auch die einzige, denn nichts dient dieſem blutkle⸗ benden, ekeln Blocke als Gegengewicht.“ „Nein!— die bürgerliche Geſellſchaft hat dieſem entſetzlichen Schauſpiel keinen angenehmen, erfreulichen, heilſamen Anblick entgegenzuſetzen.“ „Bauen wir indeß weiter an unſerm Utopien!..“ „Würde es nicht anders ſein, wenn beinahe jeden Tag das Volk ein anderes Beiſpiel irgend einiger gro⸗ ßen Tugenden vor Augen hätte, die von Staatswe⸗ gen öffentlich belobt und materiel! belohnt würden?“ „Würde es nicht unaufhörlich zum Guten ermun⸗ tert werden, wenn es häufig Zeuge davon ſein könnte, daß ein allerhöchſtes, impoſantes, allgemein verehrtes Tribunal vor ihm und Angeſichts ſeiner unzählbaren Maſſe einen armen, ehrlichen Handwerker vor ſich be⸗ ſcheiden würde, dem der Ruf eines langjährigen, recht⸗ 314 ſchaffenen, verſtändigen und fleißigen Wandels voran⸗ ginge,— wenn er alsdann zu dieſem ſpräche: „— Du haſt zwanzig Jahre lang mehr als ein Anderer gearbeitet, geduldet, und muthig mit dem Un⸗ glück gerungen, Du haſt Deine Familie in den Grund⸗ ſätzen der Rechtſchaffenheit und der Ehre erzogen; Deine erhabene Tugend hat Dich lange und beſonders ausge⸗ zeichnet, nun iſt es Zeit, daß ſie auch öffentlich aner⸗ kannt und belohnt werde.— Wachſam, gerecht und allmächtig läßt die Geſellſchaft niemals weder Gutes noch Böſes in Vergeſſenheit.— Jeden belohnt ſie nach Verdienſt und deßhalb gewährt Dir der Staat einen für Deine Bedürfniſſe hinreichenden Jahresgehalt. Im Genuſſe des öffentlichen Anſehens kannſt Du fort⸗ an in Ruhe und Behaglichkeit Dein Leben beſchließen, das Allen zur Lehre und zum Beiſpiele dienen kann;— und ſo wollen und werden wir fortan alle Diejenigen auszeichnen und belohnen, die gleich Dir im Verlaufe mancher Jahre eine bewundernswürdige Ausdauer im Guten an den Tag gelegt und durch ihre Handlungs⸗ weiſe ganz beſonders ſeltene und ausgezeichnete ſittliche Tugenden und Eigenſchaften bewährt haben. Dein Beiſpiel wird noch eine größere Zahl ermuthigen, Dir nachzuahmen und die Hoffnung wird die veinliche Laſt erleichtern, die das Schickſal ihnen während einer langen Laufbahn auferlegt. Von einem ſo heilſamen Vorbilde angefeuert, werden ſie voll Energie ringen und kämpfen und ſich die Erfüllung der ſchwerſten Pflichten angele⸗ gen ſein laſſen, um eines Tages vor Allen„ausgezeich⸗ net und gleich Dir belohnt zu werden„ „Wir ſagen nun: Welches von dieſen beiden Schau⸗ ſpielen, das des erwürgten Mörders, oder des wohl⸗ belohnten, durch Achtung gekrönten großherzigen Man⸗ nes wird heilſamer, fruchtbringender auf die Maſſe wirken?“ „Ohne Zweifel werden viele der zarten Geiſter ſich ſchon bei dem bloßen Gedanken an jene materiel⸗ 315 len Belohnungen entrüſten, die wir dem erhaben⸗ ſten Begriffe zuerkennen, den es auf Erden gibt, der Tugend.— Sie werden alsdann gegen dieſe neuen Vorſchläge alle Arten anderer, mehr oder minder philo⸗ ſophiſcher, platoniſcher, theologiſcher und hauptſächlich ökonomiſcher Gründe geltend machen, wie die nachfol⸗ genden: „Der Gute trägt ſeinen Lohn in ſich ſelbſt.“ „Die Tugend iſt ein Ding, das ſich nicht ſchätzen äßt.“ „Die Genugthuung, welche ein gutes Gewiſſen gewährt, iſt der ſchönſte und edelſte Lohn.“ „Und endlich folgenden ſiegreichen und unwider⸗ ſtehlichen Einwurf: „Das ewige Glück, das die Gerechten in einem andern Leben erwartet, muß allein hinreichen, ſie zum Guten zu ermuthigen.“ „Hierauf erwiedern wir einfach, daß die Geſell⸗ ſchaft, um die Schuldigen zu beſtrafen und einzuſchüch⸗ tern, ſich ja, wie es erſcheinen will, auch nicht aus⸗ ſchließlich auf die göttliche Rache und Strafgerechtigkeit verläßt, welche ſie gewiß in einem andern Leben er⸗ reichen wird.“ „Die bürgerliche Geſellſchaft greift auf dieſe Weiſe dem letzten Gericht durch irdiſche Strafurtheile und Strafen vor?“ „In Erwartung der unerbittlichen Stunde, wo die Erzengel in der Demantrüſtung mit den Flammen⸗ ſchwertern und den Trompeten des jüngſten Gerichts alle Sterblichen vor den Thron des ewigen Richters beſcheiden werden, begnügte ſich der Staat einſtweilen beſcheiden mit— Gensdarmen. Wir wiederholen es, um die Böſen zu erſchrecken und einzuſchüchtern, werden die prophezeihten Wirkungen des göttlichen Zorns und der ewigen Rache verirdiſcht, materialiſirt oder vielmehr auf menſchliche, ſichtbare und merkliche Pro⸗ portion zurückgeführt.“ 316 ½ „Warum handelt man in Beziehung auf die Wirkungen der göttlichen Vergeltung für die Guten, Rechtſchaffenen und Gerechten nicht nach demſelben Maßſtabe?“ So ſpricht Eugen Sue, und das erleuchtete Frank— reich konnte eines ſo beredten, ſo philantropiſchen An⸗ ſinnens ſich nicht entziehen. Ja die edlen Worte des berühmten Autors wurden befolgt und Paris errichtete eine Belohnungs⸗Jury für Handwerker, welche ſchon günſtige Reſultate geliefert hat. Den 16. Mai dieſes Jahrs ſchrieb der berühmte Victor Hugo folgenden, merkwürdigen Brief an dieſe Jury, den wir hier mit⸗ theilen: „Es wird der Tag kommen, wo die Regierungen endlich einſehen werden, daß bei dem gegenwärtigen Zuſtande Europas eine gänzliche Vermiſchung des Sol⸗ daten⸗ und Handwerkerſtandes nöthig iſt. Der Soldat iſt der Handwerker im Krieg, der Handwerker der Sol⸗ dat des Friedens. Der erſte wagt ſein Leben im Kampfe gegen den auswärtigen Feind; der zweite opfert es durch tägliche Anſtrengung im Kampfe mit der Materie und den Elementen. Die Arbeit des Soldaten verlangt mehr Heldenmuth, mehr Disziplin und ſtrengere Ord⸗ nung; die Arbeit des Handwerkers mehr Verſtand, mehr Freiheit; allein Beide, Soldaten und Handwerker, ar⸗ beiten für die Civiliſation, der Eine, indem er den vaterländiſchen Boden vertheidigt, erweitert; der An⸗ dere, indem er ihn bebaut, ihm den Reichthum des Ackerbaues und der Induſtrie eröffnet.“ „Erlauben Sie mir, dem Sohne eines Soldaten, dem Arbeiter auf dem Felde des Geiſtes, das Geſtänd⸗ niß, daß mich die Idee dieſer Zuſammenſtellung beſon⸗ ders lebhaft ergriffen hat.“ „Wenn einmal die Wahrheit obigen Satzes aner⸗ kannt wird, ſo wird dem Arbeiter die gleiche Sorgfalt, die gleiche Belohnung, die gleiche Aufmunterung zu Theil werden, wie dem Soldaten. Der Staat, die Regierung wird im Namen der Nation den ehrlichen, thätigen, geiſtig regſamen Arbeiter eben ſo auszeichnen, wie der tapfere Soldat längſt es wird. Der Staat wird den alternden Arbeiter des Friedens ebenſo ehren⸗ voll unterſtützen, wie den Arbeiter des Kriegs. Man wird endlich das Großartige in den beiden Schöpfungen Ludwigs XIV. und Napoleons, dem Invalidenhaus und der Ehrenlegion, ſchätzen lernen.“ „Ihr Plan, geehrter Herr, iſt ein Anfang zu die⸗ ſem ſchönen Ziele. Es iſt ein Beiſpiel, das Sie der ganzen Geſellſchaft geben: die Idee, welche den Staat beſeelen ſollte, beſeelt Sie. Das, was der Staat einſt thun wird und muß, thun Sie heute freiwillig.“ „Darum billige und rühme ich den Plan, den Sie mir mitzutheilen die Güte hatten, gar ſehr. Es iſt ein Schritt, zu dem ich von Herzen Glück wünſche, aber es iſt auch nur ein Schritt und muß viel weiter führen. Frankreich hat ſeit langer Zeit, nur zu lange, ſtillgeſtanden; es iſt endlich Zeit, daß denkende und handelnde Männer das Zeichen zum Vorwärtsſchreiten geben und daß man ſich von allen Seiten für die Zu⸗ kunft vorbereite.“ Warum ahmen wir ſonſt nur allzugerne die Frem⸗ den nach und nicht auch in ſolchen lobenswerthen, men⸗ ſchenfreundlichen Beſtrebungen? 348 Fünftes Rapitel. Sie war unſchuldig! Die zärtlichen, tröſtenden Worte, welche Mutter und Kinder dem unglücklichen Vater ans Herz legten, fingen nach und nach an, die gehoffte Wirkung zu äußern. „Ihr verſichert mich, ſie ſei unſchuldig?“ fragte Anſelm mit ängſtlicher Bekümmerniß. „Du darfſt nicht daran zweifeln, guter Anſelm,“ antwortete Louiſe;„die Perſonen, welche für unſer Kind und uns Alle ſo liebreich ſorgen, haben die edelſte Ge⸗ ſinnung. Es iſt dieß ein Geſchwiſterpaar, reich und großmüthig, welche ihr Glück im Wohlthun finden. Die Schweſter iſt verheirathet, und ſie hat Marien zu ſich genommen und bis jetzt wie eine Schweſter geliebt; dieß iſt Alles ganz einfach und natürlich. Erinnere Dich, wie wir nach Mariens Abſchied von uns ſagten: ſie iſt ſo gut, ſo ſanft, daß ſie überall als Kind vom Hauſe aufgenommen werden wird.“ „Es iſt wahr, Du haſt Recht,“ rief Anſelm voll tiefer Bewegung. „Nun alſo, mein Freund! unſte Hoffnung iſt ein⸗ getroffen— der Bruder aber iſt einer der erſten Aerzte des Hoſpitals und er iſt es auch, der mich geheilt, mir das Augenlicht wieder gegeben hat.“ X „Das Augenlicht!“ ſchrie Anſelm ganz erſtaunt und küßte ſeine Louiſe auf die Augenlider.„Das Augenlicht!.. Und ich habe dieſes unendliche Glück noch nicht einmal beachtet! Ach, Louiſe! Der Mann⸗ der Dir dein Geſicht wieder gegeben hat, iſt ein wohl⸗ thätiger Engel, denn das Auge bringt den Menſchen Gott am naͤchſten!. Du ſiehſt wieder„„theure N 3¹9 Louiſe! Sprich doch; ſage mir, was haſt Du erdul⸗ det in dieſer ſchrecklichen Finſterniß? Nicht wahr, da iſt das Leben ſo unerträglich, daß man ſich verflucht glauben möchte? Immer zu hören, wie man die Wun⸗ der der Natur, den Glanz der Sonne, die Schönheit der Farben rühmt und zu ewiger Nacht verdammt zu ſein!... Die Stimme geliebter Perſonen zu hören, ſie anzurufen und nicht ſehen zu dürfen!.. Ach gräß⸗ liche Qual! tauſendmal peinigender noch für den, der einmal ſah... Theure Louiſe; ſchon bei dem bloßen Gedanken, Dich, die Kinder nicht mehr zu ſehen, zittre ich vor Angſt und Schrecken. Wenn dieſes Unglück mich träfe, ich würde vor Verzweiflung ſterben. ich hätte nicht die fromme Ergebung wie Du, meine Louiſe; ich könnte nicht das ertragen, was Du mit ſo viel Sanftmuth erduldeteſt.“ „Mein Schmerz war gränzenlos„ lieber An⸗ ſelm aber die Freude, Dich wieder zu ſehen, hat mich alles vergeſſen machen. und dieſe Freude, die⸗ ſes unausſprechliche Glück verdanke ich dem Beſchützer Mariens.“ „Dieſe Wohlthat, die er Dir und alſo auch mir erwieſen hat, iſt wahrlich ſehr groß, möge Gott ihn dafür ſegnen!“ „Er hat noch mehr gethan als das, denn ſeiner Güte, ſeiner Gelehrſamkeit verdanken wir das Leben unſerer Tochter.“ 5 „Was ſagſt Du?“ „Ich ſage, daß dieſer liebevolle Mann es iſt, der auch unſere Tochter Marie rettete. Sie war wahnſin⸗ nig, das arme Kind; ja, ja, ſie wurde wahnfinnig, in Folge der grauſamſten Qualen, die ſie erdulden mußte; und er, unſer Schutzengel, gab ihr die Vernunft wie⸗ der. Kaum war ſie in der Geneſung, als er ſie in das Haus ſeiner Schweſter brachte, an der Marie die großmüthigſte Beſchützerin, die liebevollſte Freun⸗ din fand, die mit mütterlicher Zärtlichkeit für ſie 320 ſorgte.. Aber, mein Gott! mein Gott! Anſelm, Anſelm, was iſt Dir? Warum weinſt Du ſo?“ „Ach! Louiſe ich weine und zwar aus Schmerz und Reue. Laß meine Thränen fließen; ſie erleichtern mein tief bekümmertes Herz.. Undank⸗ bar gegen meine Wohlthäter. ein Rabenvater gegen meine zärtliche Tochter.. Ach! Warum hat man mich nicht ſterben laſſen!. Damals lag dieſe Schuld nicht auf mir.. Marie.. wo iſt Marie? Ich will ſie umarmen„. ſie knieend um Vergebung anflehen.. Marie.„Tochter! Louiſe.. Loui. ſe„ach! ich. erſticke.. ich. ſterbe!“ Man hörte nur Seufzer und Stöhnen von ihm; der Veteran, der auf dem Schlachtfelde den Beinamen des Furchtloſen erfochten, der erſt geſtern mit ſtvi⸗ ſchem Gleichmuth, ohne eine Thräne das Schaffot be⸗ ſtiegen hatte, weinte wie ein ſchwaches Kind. „Anſelm,“ ſagte Louiſe, indem ſie die Thränen aus ſeinen Augen wiſchte,„Anſelm, beruhige Dich; Marie wird bald wieder zurückkommen.“ „Ja, ja, lieber Vater,“ rief Manuel voll freudiger Hoffnung.„Auch ich will ſie eilends ſuchen und bald werden wir für immer glücklich ſein. Muth, guter Lei Muth! Marie wird Euch bald zurückgegeben ein.“ Die armen Leute wußten freilich nicht, zu welch' traurigem Entſchluſſe das unglückliche Mädchen in der Verzweiflung gekommen war. Manuel eilte unaufhaltſam fort. Durch ein Wunder der Natur hatte Anſelm plötz⸗ lich ſein ganzes früheres, zärtliches Gefühl wieder er⸗ langt; er weinte noch lange und dieſe Thränen ver⸗ ſchafften ihm eine große Erleichterung. „Sie kommt noch nicht!“ rief er endlich voll Angſt und Kummer;„ſie kommt noch nicht!“ Und der Arme ſchritt wie wahnſinnig im Zimmer auf und ab. Dann ſetzte er ſich plötzlich nieder, ſtemmte eine Hand auf 1————— — — S S S 6ꝛ „„ r d r h r . r⸗ r⸗ ſt ne n uf 32¹ das Knie und blieb, die Augen feſt auf den Boden ge⸗ feſſelt, lange in tiefem Nachdenken ſitzen; ein kalter Schweiß rann über ſeine Stirne und miſchte ſich mit ſeinen Thränen. „Nein, nein, ich werde ſie nie mehr ſehen ich bin ein Ungeheuer!““ Der verzweiflungsvolle Vater verhüllte das Haupt mit ſeinen Händen. Plötzlich hörte man ein Geräuſch von Schritten. Anſelm zitterte vor Freude und eilte wie ein Blitz zur Thüre. Es war die Baronin von Lac und ihr Bruder der Doktor Aguilar. Anſelm ſtand unbeweglich, bis Louiſe aufſprang, der Baronin die Hand küßte und voll Freude ausrief: „Unſre Wohlthäter!“ Die Baronin ſchloß Louiſen in die Arme. „Hier,“ ſagte Louiſe, indem ſie auf Doktor Agui⸗ lar deutete,„hier dieß iſt der edelmüthige Mann, der mir Geſundheit, Augenlicht und das Leben der Tochter neu geſchenkt hat; und dieſe,“ indem ſie auf die Ba⸗ ronin deutete,„dieß iſt die ſchöne Beſchützerin von Marie.“ Anſelm war in einem nicht zu beſchreibenden Ge⸗ müthszuſtande: er warf ſich vor ihnen auf die Knie und küßte ihre Hände und Füße, wie der armſeligſte Sklave. Anſelm der Furchtloſe, der heroiſche Veteran, der muthige Liberale, der nie vor den Macht⸗ habern ſich gebeugt hatte; der Mann, der trotz ſeiner Armuth nie betteln, nie die öffentliche Mildthätigkeit anrufen wollte, der ſtolzer auf ſein Elend war, als der reichſte Potentat auf ſeine Krone„ dieſer Unbeſtech⸗ liche, der den Tod jeder noch ſo unbedeutenden Ernie⸗ drigung vorgezogen hätte, dieſer Mann wimmerte auf dem Boden und bedeckte die Füße ſeiner Mitmenſchen mit Küſſen! Allein dieſe Selbſterniedrigung war die Folge eines tiefgefühlten Dankes, einer innigen Liebe, die einen unverdienten Verdacht abzubüßen hatte. Jzeo, Marie. 1. 24 322 Mit Mühe gelang es Doktor Aguilar, den ehr⸗ würdigen Vater aufzurichten; er umarmte ihn und ſagte mit ſanfter Stimme: „Hier, mein Freund, hier! an meiner Bruſt iſt der Platz für tugendhafte Männer, wie Ihr.“ „Ich bin ſo vieler Güte nicht würdig! Mit un⸗ würdigem Verdacht habe ich Eure Wohlthaten belohnt; ich verdiene keine Vergebung.“ „Nun wohl, mein Freund!“ ſagte die Baronin mit freundlichem Lächeln,„das weibliche Geſchlecht iſt zur Gnade geneigt und ich verkündige dieſe Euch in vollem Maße; aber nur unter einer Bedingung.“ „Sprechen Sie, gnädige Frau, ſprechen Sie,“ ſagte Anſelm, indem er ſeine Thränen trocknete;„was ver⸗ langen Sie von mir, gnädige Frau?“ „Ich will keine Thränen, keinen Kummer mehr ſehen; meine Gegenwart ſoll hier Frieden und Freude verbreiten.“ „Freude.. Freude, ohne die Liebe meiner Toch⸗ ter! Ach, gnädige Frau, Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich Marien beleidigt habe und daß ich auch Sie, ihre großmüthige Beſchützerin, nicht verſchont habe!“ „Ihre Beſchützerin!. ihre Beſchützerin!. dieſen Titel nehme ich nicht an,“ antwortete die Ba⸗ ronin;„der ihrer Freundin gefällt mir beſſer; denn ich bin, Sie ſollen es wiſſen, ihre beſte Freundin und fomme, ſie wieder in mein Haus zurückzuführen. Sie hat ſich ohne Abſchied, ohne nur zu ſagen, warum, entfernt und ich will ſie, falls ſie ſich beleidigt glauben ſollte, verſöhnen, ihren Argwohn beſeitigen„ Aber warum iſt ſie nicht hier?„ wo iſt ſie denn?“ „Ach, gnädige Frau! das iſt es ja, was ich auch frage, antwortete Anſelm mit ängſtlicher Unruhe;„ſie muß wiederkommen, ich muß ſie an mein Herz drücken. Sie wird wiederkommen, nicht wahr?„ ſie wird wiederkommen?“ „Gewiß, mein Freund,“ antwortete Louiſe,„bern⸗ 6 323 higen Sie ſich!— Gnädige Frau, Marie wird bald kom⸗ men und erfreut ſein, Sie Beide, die ſie ſo innig liebt, hier bei uns zu finden. Man ſucht ſie eben und ſie kommt gewiß bald.“ „Muth, wackrer Anſelm,“ ſagte der Doktor, indem er dem Tagelöhner die Hand reichte;„Muth, mein Freund! Alle Eure Leiden haben nun ein Ende und der abſcheuliche Urheber derſelben iſt bereits in den Händen der Gerechtigkeit.“ „Der Urheber unſerer Leiden?“ fragte Anſelm ganz erſtaunt. „Ganz wohl, eben dieſer. Erinnert Ihr Euch nicht, am 17. Juli 1834 einem Mönche das Leben gerettet zu haben?“ „Ja wohl erinnere ich mich deſſen und auch, daß er zum Dank dafür meine Tochter verführen wollte.“ „Nun wohl! dieſe abſcheuliche Abſicht hat er auch ſpäter nicht aufgegeben. Die Geſchichte ſeiner Uebel⸗ thaten, die ich von einer ſeiner Mitſchuldigen erfahren habe, wäre zu lang; dieſe unglückliche Perſon, welche geraume Zeit ſeine Helfershelferin geweſen war und für eine vornehme Perſon galt, wurde auf ſeine eigene Anklage hin verhaftet und in das Arbeitshaus geſteckt. Dort fiel ſie in Folge dieſer ungewohnten Behandlung in eine ſchreckliche Krankheit und ſtarb geſtern, nachdem ſie die wichtigſten Entdeckungen in Hinſicht des abſcheu⸗ lichen Mönches gemacht hatte. Eine arme junge Frau, welche ſie einſt für ihre Tochter ausgegeben und vor⸗ nehm verheirathet hatte, wurde mit ihr gefangen ge⸗ ſetzt und iſt jetzt von kläglichem Blödſinn befallen.“ „Aber wie konnte dieſer verfluchte Mönch an unſern Leiden Urſache ſein?“ „Dieß würde jetzt zu lange dauern; genug, ſeine Verbrechen ſind nun bekannt, eine andere Mitſchuldige von ihm iſt ebenfalls verhaftet und zudem hat man Briefe von der größten Wichtigkeit bei ihm gefunden, 324 die deutlich beweiſen, daß er das Haupt einer karliſti⸗ ſchen Verſchwörung war.“ 3„Abſcheulich!“ rief Anſelm voll patriotiſchen ife rs. „Er ſelbſt, dieſer Verräther, hat, da er Marie nicht verführen konnte, Euch auf's Heimtückiſchſte verleumdet, Euch, ſeinem Retter, nach dem Leben getrachtet; er wiederum iſt es, der durch anonyme Briefe Zwietracht in einer achtbaren Familie zu ſäen ſuchte.“ „Und der Himmel läßt ſolche Schandthaten geſche⸗ hen!“ rief Anſelm. „Nein, der Himmel beſtraft ſolche Schandthaten. Durch ein Zeichen der Vorſehung wurden die Verbre⸗ chen dieſes Scheuſals entdeckt und bereits iſt er in den Händen der Gerichte, welche ohne Zweifel kurzen Pro⸗ zeß mit ihm machen werden. So muß Eure Unſchuld an den Tag kommen und Marie, das unſchuldige Opfer des Mönches, wird Frieden und Glück im Schooße ihrer achtungswürdigen Familie wiederfinden.“ „Marie!.. Marie!...“ rief der verzweiflungs⸗ volle Vater von Neuem;„wo biſt Du, wo biſt Du, geliebte Tochter! Komm in die Arme Deines greiſen Vaters, der Dich anbetet„. Wie, ſie kommt nicht? Allgütiger Gott! wohin iſt ſie denn gegangen? Ich falle in Ohnmacht!... Ach! jetzt, wo ich ihre Un⸗ ſchuld erkenne, vor Freude zittern ſollte. jetzt fühle ich eine zentnerſchwere Laſt auf meinem Herzen„ Ein gräßliches Vorgefühl ſagt mir, daß ich ſie, die ich ſo ſchmählich beleidigt habe, nicht wiederſehen ſoll Ach!. Vergebung, meine Tochter!... Vergebung Marie! Unter ſolchem Stöhnen vergoß er die bitterſten Thränen. „Beruhige Dich, lieber Gatte, beruhige Dich,“ ſagte die arme Louiſe mit engelgleicher Sanftmuth zu ihm.„Marie wird bald wiederkommen, Dir gewi nicht zurnen; bald, bald iſt ſie wieder ganz bei uns.“ ld r ße 6 u, ſen 325 Plötzlich hörte man Schritte, welche näher und näher kamen; Anſelm ſprang wieder an die Thüre.. es war noch nicht Marie! Doch blieb Anſelm bei dem Anblick der beiden Herren, die auf ihn zutraten, wie verſteinert ſtehen; ſtumm vor Erſtaunen betrachtete er den Einen mit ſtarrem Blicke, raffte ſich dann auf und ſtürzte mit einem Freudenſchrei in ſeine Arme. 6 Sechſtes Rapitel. Die Todten ſtehen auf. „Mein Oberſt! Mein Oberſt!“ rief Anſelm in wahnfinniger Freude;„iſt es möglich, großer Gott? Nein, nein! es iſt eine Erſcheinung, die meinen Schmerz verdoppeln wird!“ Der Mann, den Anſelm vor ſich ſah, war in der That jener Kriegsgefährte, deſſen Andenken er immer ſo werth gehalten hatte. In allen ſeinen Nöthen, ſei⸗ nen Leiden, wie oft hatte er da geſeufzt:„Ach, wenn mein Oberſt noch lebte, ſo käme das uſcht über mich!“ Dieſer edle Mann lebte noch, obgleich der arme Sol⸗ dat in treuer Anhänglichkeit ſo viele Jahre hindurch ſeinen Tod beweint hatte. Jetzt wird auch der geneigte Leſer das Staunen, den freudigen Schrecken des armen Anſelm begreifen, wie dieſer ſeinen todtgeglaubten Oberſt bei ſich eintreten ſah. „Mein Gott!.. mein Gott iſt es wirklich kein Traum?“ ſagte er mit ängſtlicher Ungewißheit;„iſt es keine Täuſchung?“ „Mein lieber Anſelm, Du täuſcheſt Dich Gottlob nicht ich bin wirklich Dein Oberſt, oder beſſer ge⸗ . 8 326 ſagt, Dein alter Kamerad, Dein Waffenbruder,“ rief der alte Marquis von Bellaflor voll Rührung; denn er war es, der mit ſeinem Sohne den alten Waffengefähr⸗ ten beſuchte. „Welches Gluck!“ rief Louiſe, indem ſie dem Oberſt die Hand küßte;„und wir haben Ihren Tod ſo lange beweint!“ „Freilich! es war auch Urſache vorhanden,⸗ ſagte der Marquis, indem er Louiſen's Hand freundlich faßte. „Ich hatte das Unglück, in den Zeitungen für todt herumgetragen zu werden; die Herren Zeitungsſchreiber haben mich mit einem einzigen Federzuge umgebracht. Ja, die Federn ſind gefährlicher, als die Säbel. Ich war in der Schlacht gefährlich verwundet und zum Dienſt untauglich geworden.. es iſt allerdings ein wahres Wunder, daß ich davonkam. denn die Wunde war ganz nahe am Herzen und man mußte, um die Kugel herauszuziehen, die halbe Bruſt aufreißen. Doch iſt auch das zu Etwas gut und ich beſitze ein herrliches Barometer, das mir jede Witterungsveränderung im Voraus anzeigt.“ „Allein,“ erwiederte Anſelm,„die Zeitung hat Ihren Tod offiziell bekannt gemacht.“ „Eben darum bin ich nicht geſtorben,“ rief heiter der Marquis; dann ſah er Anſelm's Gattin freundlich an und ſagte:„Louiſe, küſſe mich ich hoffe, Dein Mann wird auf mich alten Kerl nicht eiferſüchtig ſein und ich denke, auch die beiden Herren da werden es mir nicht verdenken.. Wir Alten haben ſchon das traurige Vorrecht, uns ſolche Freiheiten zu nehmen, da wir auf der Abreiſe begriffen find.“ Die Baronin und ihr Bruder verneigten ſich mit höflicher Freundlichkeit gegen den Marquis und erfreu⸗ ten ſich ſeiner heiteren Laune. „Siehſt Du, Anſelm,“ fuhr der alte Soldat fort, „was Du da für einen koſtbaren Schatz beſitzeſt. Man nennt oft die Ehe eine ſchwere Laſt, ein Kreuz; allein ⸗ ———————— ————————— —— — in —— 327 ich wette, der Torniſter und die Muskete haben ſchwerer auf Deinen Schultern gelaſtet... Und die Kleinen da ſind Deine Kinder?“ Joachim und Roſa küßten dem Marquis die Hand. „Hübſch und freundlich, wie die Mutter,“ ſetzte er liebreich bei.„Wie viel haſt Du ſolche?“ „Noch vier,“ antwortete Anſelm;„drei hatte ich das Unglück zu verlieren.“ „Sakrament! Du haſt Dich nicht geſäumt, wie ich merke... Nun, heute muß man mir alles hingehen laſſen; ich bin närriſch vor Freude es iſt der glück⸗ lichſte Tag meines Lebens.“ „Mein Vater,“ fing Don Louis an,„hier ſtelle ich Dir die Frau Baronin von Lac und ihren Bruder Don Antonio Aguilar, einen der ausgezeichnetſten Aerzte Madrids, vor.“ „Wenn, wie ich nicht zweifle, die Frau Baronin ſo liebenswürdig und talentvoll iſt, wie ſchön, ſo hat dießmal der Ruf nicht gelogen.“ Die Baronin verneigte ſich graziös und dankte für die ſchmeichelhafte Bemerkung. „Mein Herr,“ ſagte der Marquis zum Doktor, „ich zähle auf Ihre mir ſo werthe Freundſchaft.— Aber jetzt, meine Freunde,“ fuhr er zu Anſelm und Louiſe gewendet fort,„muß ich eine alte Schuld be⸗ zahlen. Unter Leuten von Ehre iſt jedes Verſpre⸗ chen heilig. und ſo kann ich unter keinem Vor⸗ wande dem meinigen untren werden; denn nicht zu einem Treubruch bin ich wieder von den Todten auferſtanden.“ „Eure Schuld?“ fragte Anſelm. „Wie? biſt Du ſo vergeßlich? Ich dagegen habe gegen Lie Gewohnheit der Schuldner ein ſehr gutes Gedächtniß; und nur eine unfreiwillige Abweſenheit, Verbannung, Unſicherheit und die unaufhörlichen poli⸗ tiſchen Wirren haben mich gehindert, früher meine 328 Schuld zu bezahlen. Jetzt bin ich deshalb da, und Du mußt es Dir gefallen laſſen.“ Der Leſer wird uns erlauben, daß wir mit kurzen Worten der Sache wieder Erwähnung thun. Er hatte in der liberalen Armee gedient, und ſei⸗ nem Oberſt bei einem Gefecht das Leben gerettet; die⸗ ſer verſchaffte ihm zum Dank dafür ſeinen Abſchied, um heirathen zu können. Der brave Oberſt beweinte ſeit Kurzem den Tod einer geliebten Gattin und ſchien anfangs ſeinen nagenden Schmerz in den Gefahren des Krieges en⸗ digen zu wollen. Doch bedachte er zuletzt, daß ſein Le⸗ ben und ſeine Liebe dem theuren Pfande, das ihm ſeine Gattin zurück gelaſſen hatte, angehöre und wollte nun den jungen, tapfern Soldaten, der ihn einem ſichern Tode entriſſen hatte, reich mit Golde lohnen; doch er⸗ röthend verlangte dieſer nichts als die Freundſchaft ſeines Oberſten.„Wohlan!“ ſagte der Oberſt, indem er ihn umarmte,„von heute an bin ich Dein Bruder Heirathe und ſei glücklicher als ich. Wenn Euch das Glück eine Tochter beſcheert, ſo will ich ihr Pathe ſein; verſtehſt Du? Sie ſoll Marie heißen, wie meine theure Verſtorbene; und da Du nichts als meine Liebe annehmen willſt, ſo ſchwöre ich Dir bei dem Andenken jenes Engels, daß ich Dich nie vergeſſen, nie undankbar ſein werde.“ „Von heute an, bin ich Dein Bruder, ſagte ich damals,“ fuhr der Marquis fort,„und nun will ich mein Wort halten. Dieſer Taugenichts,“ damit gab er ſeinem nebenſtehenden Sohne eine freundliche Schlappe auf die Schulter,„dieſer Taugenichts da iſt mein Sohn er iſt noch mehr er iſt der Geliebte Deiner Marie er ſoll und will ſie heirathen.“ „Herr Oberſt!„ ſtammelte Anſelm in der höch⸗ ſten Verwirrung. „Nun? Er ſoll ſie heirathen, das iſt ganz einfach . „ — —— S—————— ——— — 329 Ich habe verſprochen, Dein Bruder zu ſein das iſt die beſte Gelegenheit dazu und ſo wäre die Sache fertig. Reich mir Deine Hand..“ Die Baronin und ihr Bruder betrachteten die Scene mit der zärtlichſten Theilnahme. Plötzlich, eben als der Marquis dem armen Tag⸗ löhner herzlich und brüderlich die Hand drückte, erſchien eine neue Gruppe auf der Schwelle des Zimmers. „Meine Tochter!“ rief Anſelm. Es war wirklich Marie, unterſtützt und geführt von Manuel und Thomas. Don Louis brachte einen Stuhl herbei und die Arme ſank beinahe bewußtlos darauf. Anſelm ſtürzte vor ihr nieder und bedeckte ihre Hände mit Küſſen und Thränen. Siebentes Kapitel. Die Aufklärung. Als Marie mit gebrochenem Herzen aus der Nähe ihres Vaters entfloh, um ihren verzweiflungsvollen Lei⸗ den ein Ende zu machen, eilte Thomas ihr nach und ſet⸗ den Kanal gerade, als ſie ſich in die Fluthen ürzte. Wir haben früher erzählt, daß Thomas ein vor⸗ trefflicher Schwimmer war und ſo mag es nicht auf⸗ fallen, daß er ſie ohne große Mühe rettete. „Dieß iſt das zweitemal, daß ſie mir das Leben verdankt,“ ſagte Thomas mit gerechtem Stolze;„und ſo lange ich das Leben behalte, ſoll es meinem anbetungs⸗ würdigen Fräulein gewidmet ſein.“ 330 „Brav! guter Thomas,“ ſagte Don Louis, indem er den Neger umarmte;„Du ſollſt fortan ihr Schutz⸗ engel ſein und ſie nie verlaſſen.“ „Dieſer Menſch hat ſich heldenmüthig benommen, mein Kommandant,“ ſagte Manuel zu Don Louis; dann nahm er ſeinen Vater bei der Hand und ſagte: „Sieh Vater, das iſt der würdige Oberſt unſers Ba⸗ taillons. alle ſind bereit, ihren letzten Blutstropfen für ihn aufzuopfern, allein wir haben noch beſondere Urſache, ihm Zeitlebens ergeben zu ſein, denn er hat den größten Gefahren getrotzt, um Euch den Händen des Henkers zu entreißen.“ Manuel hatte ſeine Rede noch nicht geendet, als Louiſe ſchon mit Roſa und Joachim zu den Füßen des jungen Marquis ſtürzte, während die übrigen ſich der Thränen nicht enthalten konnten. „Aber, liebe Frau, was thun Sie denn,“ ſagte Don Lyuis, indem er die arme Mutter aufhob;„erſparen Sie mir ſolche Dankesbezeugungen; ich habe nichts gethan, als einen braven, würdigen Mann, der noch dazu der Vater meiner geliebten Marie iſt, gerettet.“ Marie antwortete mit einem ſüßen Lächeln, das ihre Liebe und Beruhigung ausdrückte. Don Louis fuhr fort: „Ich habe alſo nur meine Pflicht gethan.“ „Recht ſo mein Sohn. recht ſo!“ rief der alte Marquis, indem er den jungen Mann in die Arme ſchloß;„und Du Anſelm? was ſagſt Du dazu?“ „Ich weiß nicht es iſt eine ſolche Ueberraſchung! „polche Güte! ſolche Großmuth!“ antwortete Anſelm in höchſter Gemüthsbewegung. Ach! mein Oberſt unter Allen hier bin ich der einzige Straf⸗ bare der einzige Undankbare, Verblendete! Marie! Marie! kannſt Du mir vergeben?“ „Mein Vater! Geliebter Vater!“ rief das junge Mädchen, mit einem tiefen Seufzer. 3 Die hülfreiche Fürſorge, welche Doktor Aguilar — S S — S S 8 S ————————— 331 und ſeine Schweſter Marien hatten angedeihen laſſen, ſo wie die Aufklärung, welche ihr über jenen Brief und den nächtlichen Beſuch wurde, hatte die Lebens⸗ geiſter des jungen Mädchens wieder neu erweckt und geſtärkt. Vater und Tochter umarmten ſich mit dem höch⸗ ſten Entzücken und beider Herzen, die nie aufgehört hatten, in zärtlicher Liebe für einander zu ſchlagen, fanden ſich nach langer Trennung wieder. „Anſelm,“ ſagte nun der alte Marquis,„nun end⸗ lich iſt das Glück da; ich wenigſtens habe nie ſolches Glück empfunden„und Du?“ „Ach! ich ebenfalls,“ antwortete der Taglöhner; „umringt von ſolch' edeln Herzen, wie ſollte man da nicht alle Leiden der Vergangenheit vergeſſen!“ „Nun wohl, Alter, das freut mich,“ antwortete der Marquis;„aber Du weißt, dein alter Oberſt iſt kein Egoiſt.. wir müſſen auch die jungen Leute daran Antheil nehmen laſſen“.. und damit ſah er nach den jungen Leuten, die gerade in zärtlichem Geſpräch bei einander ſtanden. „Mein Oberſt,“ antwortete Anſelm in fröhlicher Laune,„die Kriegsordnung ſchreibt dem Soldaten blin⸗ den Gehorſam gegen ſeinen Kommandanten vor. Wie heißt die Parole?“ „Du ſollſt ſie gleich erfahren: Kommen Sie her Fräulein.„oder beſſer komm an mein Herz, liebe Tochter.. dein erſter Kuß gebührt deinem neuen Va⸗ ter. Du hafl ſpäter immer noch Zeit, deinen Gemahl zu entſchädigen.“ Marie ließ ſich nicht lange bitten und ſtürzte ſich raſch dem alten Manne in die weit geöffneten Arme. Manuel trat in militäriſcher Haltung, die Hand an der Stirne vor Don Louis und ſagte freundlich: „Mein Kommandant, ich gratulire.“ „Mein Bruder,“ rief Don Louis und ſchloß ihn in die Arme. 332. „Meine Kinder,“ ſagte Louiſe, indem ſie die Hände der beiden Liebenden zuſammenfügte;„liebet euch ewig und Gott ſegne euren Bund, wie eure Eltern euch ſegnen!“ „Sie leben hoch!“ rief Doktor Aguilar. „Meine Herren,“ ſagte die Baronin mit liebens⸗ würdiger Freundlichkeit,„ich bin die neidiſchſte Frau von der Welt und will nicht, daß man mir meinen Theil an der allgemeinen Freude entziehe; da mich der Mönch einmal zur Nebenbuhlerin Mariens gemacht hat, ſo verlange ich, daß der Prieſter mich als Zeugin bei Mariens Hochzeit nenne.“ „Und mich als Zeugen,“ rief der Doktor. „Zugeſtanden!“ rief der Marquis außer ſich vor Freude. Marie eilte in die Arme der Baronin und dieſe beiden ſchönen Frauen gewährten in ihrer zärt⸗ lichen Umſchlungenheit einen reizenden Anblick. Wird endlich Marie die Gattin des Geliebten? Kommt nicht etwa ein neues Unheil dazwiſchen? Wer weiter liest, wird es erfahren. Achtes Rapitel. Der Karneval. Nur wenige Monate waren ſeit den im letzten Kapitel beſchriebenen Scenen verfloſſen und ſchon war Anſelm nicht nur gegenüber von den verläumderiſchen Anklagen des Mönches gerechtfertigt und freigeſprochen, ſondern auch in Betracht ſeiner langen, unverſchulde⸗ ten Einkerkerung und ſeines gerechten Rachedurſtes von 333 jeder Strafe für den Mord des Fleiſchers Ohne⸗ Seele entbunden. Eine öffentliche Bekanntmachung in der vffiziellen Zeitung machte ſeine Ehrenrettung bekannt. Andererſeits waren die Verbrechen des Mönches bis zur Evidenz erwieſen und mußten alsbald ſeine Beſtrafung herbeiführen. Allein auch der Triumph der Tugend und Liebe war noch nicht vollkommen, indem der Bund ihrer Seelen noch immer nicht von Prieſters Hand geweiht war. Es war der erſte Tag des Karnevals im Jahr 1837. Ueber den Urſprung dieſer allgemein verbreiteten Sitte haben wir an einem andern Orte folgende No⸗ tizen gegeben: „Der Karneval iſt, man muß es offen geſtehen, etwas höchſt Sonderbares. Sobald er zu regieren an⸗ fängt, gilt kein Stand, keine Würde mehr; jede Höf⸗ lichkeit wird bei Seite geſetzt, der ſonſt ſo geachtete Verſtand verlacht. Große und Kleine, Männer und Frauen, Thoren und Weiſe, geſtandene Männer und unbärtige Knaben, Alle folgen ihm mit mehr oder we⸗ niger Luſt und Eifer auf ſeinem kurzem Wege; nicht Einer bleibt unbetheiligt. Der Karneval iſt eine Zeit der Zerſtreuung und der Thorheit; er hat Vergnügungen und Freuden für jedes Alter, jeden Geſchmack und jeden Stand. Maskeraden, Bälle, Aufzüge erfüllen jede An⸗ forderung.“ „Das Leben der Menſchen iſt eine blendende Mo⸗ ſaik, wo alle Steine falſch ſind; eine lächerliche Poſſe, die ſo lange dauert, als die Weit ſteht. Ohne weit zu ſuchen, habt Ihr die Leute, welche beinahe zwölf Mo⸗ nate des Jahres hindurch nichts denken, nichts ſorgen, als wie ſie recht würdig, klug, anſtändig erſcheinen; die ſich abplagen, um an ihrem Aeußern ja nichts Ueber⸗ triebenes, Auffallendes zu zeigen; wenn dieſe Leute eden— wenn Ihr, meine lieben Leſer ſelbſt, redet, 334 kurz wenn wir alle reden, ſo befleißigen wir uns der möglichſten Mäßigung und Ueberlegung, damit man uns ja nicht für einfältige oder ungebildete Leute neh⸗ me— ſobald aber der Monat Februar anrückt und ſeine Wolfshäute und Dominos zeigt— iſt alles wie ausgeblaſen!.. Das ganze ſorgfältig gebaute Gerüſte des Anſtandes und der Klugheit mit einem Male umgeworfen.“ „Man muß wohl zwiſchen das ernſte Leben hinein einige Momente der Erholung haben; dieß iſt eine zu aller Zeit und bei jedem Volk für nothwendig erach⸗ tete Rückſicht. Dieſe der Narrheit geweihten Tage er⸗ heitern, verlängern das Leben der Menſchen. Die alten Juden hatten ihr Goral, die Perſer und Babylonier ihre Saceas, die Griechen ihre Kronias; die Römer, darin noch viel unſittlicher, hatten nicht nur ihre Sa⸗ turnalien wie die Griechen, ſondern noch ihre Bacchana⸗ lien und Luperkalien. Die neuern Juden haben ihr Purim⸗, die Mohamedaner ihr Beiram⸗Feſt; die Englän⸗ der ihr Chriſt⸗mas und die andern Völker ihren Kar⸗ neval, den man eigentlich in Rom, am Hauptſitze der Chriſtenheit, in ſeiner höchſten Glorie ſehen muß.“ „Feiert euren Karneval in Gottes Namen; es iſt nichts Schlimmes daran. Allein wißt Ihr, was der Karneval iſt? Eine Freikarte, daß jeder ehrbare Mann öffentlich mit einem Fuchs⸗ oder Teufels⸗Schwanze hin⸗ ten am Fracke und einem Stück Papier auf der Naſe, öffentlich den Narren ſpielen darf.“ „Die chriſtlichen Prieſter der erſten Jahrhunderte predigten ſich halbtodt gegen dieſe und ähnliche Miß⸗ bräuche: allein die Thorheiten der Welt waren zu tief eingewurzelt, als daß man ſie hätte unterdrücken kön⸗ nen. Der Katechumene blieb eben immer noch Menſch, ein Gewohnheitsthier; man wünſchte die Taufe, wollte aber nicht auf die Maskeraden verzichten. Tertullian beklagt ſich bitter hierüͤber, mußte aber endlich der Macht der Gewohnheit nachgeben und ſich accommodi⸗ 335 ren. So wurde der heidniſche Karneval und die chriſt⸗ liche Faſtenzeit hart neben einander geſtellt und ſo blieb es bis heute.“ „Die Diener der Religion machten ſich dieſe To⸗ leranz am meiſten zu Nutzen und trieben den Unſinn ſo weit, ſich bei feierlicher Gelegenheit, ja ſogar bei Leichenzügen, zu maskiren. Wem dieß unglaublich ſcheinen ſollte, der mag die Synodalgeſetze nachleſen, welche Hinkmar, Erzbiſchof von Rheims, im Jahr 853 ſeinem Sprengel gab. Der Karneval, niemals von der Kirche ausdrücklich erlaubt, aber immer geduldet, ſtand bei allen religiöſen Brüderſchaften im höchſten Anſehen. Vor nicht ſo gar vielen hundert Jahren wurde der letzte Sonntag des Karnevals zu Rom unter Mitwir⸗ kung des Papſtes, der von allen ſeinen Kardinälen umgeben war, gefeiert. Das ganze Volk, die Reichen zu Pferd und die Armen zu Fuß, begab ſich in Pro⸗ zeſſion nach dem Monte Testacio, wo ein feſtliches Opfer gefeiert wurde. Zuerſt ſchlachtete man einen Bären, als Sinnbild des Verſuchers, des Teufels; dann zwei ſehr junge Kälber, als Sinnbild des Stolzes und der Fleiſchesluſt.“ „Im fünfzehnten Jahrhundert hatten die Kardi⸗ näle die Gewohnheit, verkleidet und mit bemaltem Ge⸗ ſicht in Triumphwagen, lärmende Muſikbanden voraus, die Straßen Roms zu durchziehen.“ „Da ſich die Prieſter in den Kirchen ſelbſt mas⸗ kirten, ſo wurde dieſes auf dem Concil zu Soiſſons, im Jahr 1456, verboten und endlich im Jahr 1565 un⸗ terſagte das Concil zu Toledo den Geiſtlichen alle ähn⸗ liche Vergnügungen, die den Laien ein Aergerniß ge⸗ ben könnten. Dennoch fuhren die ſpaniſchen Mönche, welche von jeher für ſolche läppiſche, poſſenhafte Spiele eine Vorliebe zeigten, fort, in ihren Klöſtern ſich zu verkleiden und zu tanzen.“ Zu obigen allgemeinen Bemerkungen über den Kar⸗ 336 neval wollen wir nur noch einzelne beſondere Züge aus dem Madrider Karneval des Jahres 1837 beifügen. Um vier Uhr Abends boten die Straßen Madrids ein ungemein belebtes Schauſpiel dar; unzählige Grup⸗ pen von Masken, deren groteske Koſtüme unmöglich im Einzelnen beſchrieben werden können, wogten auf und ab und drängten ſich nach allen Richtungen. Der älteſte Kram aus den Trödelbuden, die ab⸗ geſchoſſenen Lappen alter Theaterkoſtüme zeigten ſich neben der eleganteſten Tracht eines Majo, dem ſchwar⸗ zen, ſchmierigen Rock eines luſtigen Studenten und der Puderperücke mit dem Haarzopfe. Man hätte darauf ſchwören können, es ſeien hier alle Nationen und alle Zeitalter verſammelt. Hier hatte ein luſtiger Buckliger einen Schwarm Kinder um ſich her verſammelt, die mit dem Munde nach einer trockenen Feige ſchnappten, welche er an einer biegſamen Peitſche hin und her ſchwang, bis einer endlich ſo glücklich war, ſie anzubeißen. Dort wirft ein Harlekin Orangen in die Höhe, welche er mit vieler Geſchicklichkeit ſelbſt wieder auf⸗ zufangen verſteht, und wobei die lüſternen Zuſchauer die Pritſche zu koſten bekommen. Weiterhin boren ſich zwei verkleidete Engländer, um ſo das rohe Fauſtrecht dieſer Nation zu perfifliren. Auf der andern Seite rauft ſich eine Bande athleti⸗ ſcher Aſturier, in Waſchweiber verkleidet, bei den Haa⸗ ren und ſtellt ſo die nicht ſehr ergötzlichen Scenen dar, welche die reizenden Anwohnerinnen des Manzanares faſt täglich dem Publikum vorzuführen die Güte haben. Auch läßt ſich unter der lärmenden Menge der kecke Schleichhändler auf ſeinem muntern Paßgänger ſehen, wie er, die Havannahzigarre im Munde, die Stutzbüchſe an der Linken, das zierlich geputzte Weib⸗ chen mit ihren rabenſchwarzen Augen, eine ächte Toch⸗ ter Spaniens hinter ſich, einherſtolzirt. An gar vielen Orten wurde unter dem Gezirpe —— 337 hektiſcher Mandolinen und dem Gekreiſche ſchnappsbe⸗ geiſterter Kehlen der Bolero und Fondango von nicht gar zu appetitlichen Sirenen aufgeführt und jeder Winkel der Hauptſtadt hallte von dem fröhlichen Lärm bacchantiſcher Freude wieder. Doch, wir täuſchen uns: von einem dunkeln, un⸗ lerirdiſchen Gewölbe ging ein hohles Seufzen und Stöhnen aus, das ſich ſchauderſchaft mit den Lauten der allgemeinen Freude miſchte. Trunken von Freude konnte Madrid nicht ahnen, daß Einer in ſeiner Mitte die bitterſten Thränen vergoß und den Becher des Schmer⸗ zens bis auf die Hefe leerte. Ein Elender, von der ganzen Welt Verlaſſener, dem ſeine Gewiſſensbiſſe keine Ruhe ließen, ſtieß ein⸗ mal die gräßlichſten Verwünſchungen aus und heulte dann wieder in der jämmerlichſten Todesangſt. Auf dieſe Ausbrüche raſender Tobſucht und weibiſchen Wei⸗ nens folgte dann gewöhnlich ein dumpfes, bewußtloſes Hinbrüten. Dieſer Gefangene, der unter der Laſt ſeiner Ketten und ſeiner Gewiſſensbiſſe beinahe erlag, war niemand anders, als unſer Mönch Patricius. Und gerade jetzt glaubte er die fröhlichen Stim⸗ men derer zu hören, die ihn einſt von Macht und Reichthum umgeben geſehen hatten. Alle ſeine Freunde hatten ihn verlaſſen: Mutter Esperance ſogar hatte ſich, ſtatt ihn zu tröſten und dankbar ſeine Leiden zu mildern, in ſeine grauſamſte Feindin verwandelt und alle ſeine verbrecheriſchen Plane und Thaten den Rich⸗ tern verrathen, um deren Gnade und Fürbitte deſto ſicherer in Anſpruch nehmen zu können. Dieß iſt der Lauf der Welt: Undank und Furcht haben ſchon gar manches Geſtändniß ans Tageslicht gebracht. Jedoch erreichte Mutter Esperance ihren Zweck nur halb, da ſie trotz ihrer wichtigen Entdeckungen dennoch zu ewi⸗ gem Gefängniß verurtheilt wurde. Izev, Marie. I. 22 338 Ganz nahe bei dem Gitter, durch das ein ſchwa⸗ cher Lichtſtrahl in den Kerker des Mönches fiel, hatte ſich eine Gruppe junger Leute aufgeſtellt, welche den aragoniſchen Jota tanzten und ſangen. Jeder der Verſe wurde von der Menge mit Beifalljauchzen auf⸗ genommen, das unter das verzweiflungsvolle Stöhnen des Mönches wie hölliſches Hohngelächter klang. Während jener Böſewicht Gott und die Menſchen verfluchte, ſangen die Studenten folgenden Trovos oder Gloſſe. Weg mit Klag und Traurigkeit, Freude überall! Nehmt was froh das Glück euch beut, Hoch der Karneval! Wenn der Bürger, ſtets bereit, Tages Laſt und Müh zu tragen, Sich einmal im Jahr erfreut, Dann vergeſſet alle Plagen, Weg mit Klag und Traurigkeit. Heut verſchwinden alle Stände: Reicht euch brüderlich die Hände, Singt mit Jubelſchall: Aller Kummer hat ein Ende, Freude überall! Laßt den Schmeichler ungeſcheut Seinem Herrn die Füße lecken, Während Ihr in Heiterkeit Könnt des Daſeins Wonne ſchmecken, Nehmt, was froh das Glück euch beut! Wenn der Stolz, das Glück zu zwingen, Ehrenſtellen zu erringen, 3 ——————————— 339 Ab ſich müht mit Qual, Hört man uns voll Jubel ſingen: Hoch der Karneval!*) Bei dieſer letzten Strophe ſchrie der Mönch in verzweiflungsvollem Schmerze auf, wie ein wildes Thier, *) Das Original lautet: Vaya aſuera el mal humor en este dia jonial⸗ viva el gozo bienhechor del festivo carnaval. Va que estos ratos de holgura dan solaz, fuerza y vigor al pueblo trabajador, para aumantar su ventura vaya afuera el mal humor. Hoy proclama la costumbre libertad universal; y la honrada muchedumbre sacude su servidumbre en este dia jovial. Prodigue el vil lisongero victores ä un opresor; que el bonrado jornalero solo grita placentero viva el gozo bienhechor. En tanto que el ambicioso se convierte en criminal, goza el pueblo laborioso el jübilo bullicioso del festivo carnaval. 340 deſſen Eingeweide der Pfeil des Jägers zerriſſen hat; allein was kümmerte das die luſtige Menge, die in tol⸗ ler Ausgelaſſenheit fortbrauste? Bruder Patricius, jener wüthende Carliſt, liſtige Verſchwörer, unerſättliche Wucherer, abſcheuliche Ver⸗ führer, niederträchtige Höfling, heuchleriſche Mönch, der, welcher den abſoluten König und ganz Spanien zu beherrſchen gedachte, büßt jetzt in einem Kerker ſeine Verbrechen. Ebenſo wird ein Tag der Rache für alle jene Böſewichter kommen, welche dem ſpaniſchen Volke die theuer erkämpfte Freiheit rauben wollen. In dieſem gräßlichen Unbilde wollten wir die ganze laſterhafte Rotte repräſentiren, welche heute noch Spanien tyranniſiren möchte; ſie in ihrer ganzen Schändlich⸗ keit der Welt darzuſtellen, war der Hauptzweck unſeres Unternehmens, zu dem wir all' unſre ſchwachen Kräfte aufboten. Es iſt immer nützlich, wenn das Volk er⸗ fährt, durch welche heuchleriſche Winkelzüge ſolche Bö⸗ ſewichter ihre verbrecheriſchen Abſichten zu verdecken und zu erreichen ſuchen; und eben jetzt müſſen die Freunde des Fortſchritts und der Nationalehre mit aller Ener⸗ gie den Ruf der Freiheit und Wahrheit ertönen laſſen, um jene erbitterten Apoſtel des Abſolutismus, die durch das neuerdings angenommene reaktivnäre Syſtem ſchon wieder alles gewonnen zu haben glauben, auf immer zum Schweigen zu bringen⸗ Noch heute verkünden die Organe des verbannten Prinzen mit unerhörter Unverſchämtheit, nur die carli⸗ ſtiſche Partei könne die Wunden des Vaterlandes hei⸗ len die ſie allein geſchlagen hat! Ermuthigt durch die Ungeſchicklichkeit einer Regierung, welche ihre ab⸗ ſcheulichen Abſichten beinahe zu unterſtützen ſcheint; im Angeſicht deſſen, daß gegenwärtig häufig der Despo⸗ tismus ſich nur hinter trügeriſchen konſtitutionellen Formen verſteckt, meinen ſie in ihrem Wahnſinne die v 7—————— M— M MW— — 341 Stunde der Erhebung habe geſchlagen und ſetzen Alles daran, um ihre verbrecheriſchen Plane durchzuführen. Daher die ſkandalöſe Forderung einer ehelichen Verbindung zwiſchen Iſabella II. und dem Grafen von Montemolin, nach einem langjährigen, blutigen Kampfe, nach ſo viel Leiden, ſo vielen Opfern, welche das Volk nicht ſcheute, um ſeine Freiheit, die Anerkennung ſei⸗ ner Souveränetät zu behaupten, während jener ver⸗ bannte Prinz ſich auf das angeſtammte, göttliche Recht beruft, alſo in keiner Weiſe jene heiligen Rechte der Nation anzuerkennen Willens iſt. Doch jetzt iſt endlich die Löſung erfolgt. Durch das Dekret vom 28. Auguſt 1846 iſt die Heirath der Königin mit dem Prinzen Franz von Aſſis entſchieden. Dennoch haält ſich die abſolutiſtiſche Partei nicht für ge⸗ ſchlagen. Die Freunde der Inquiſition, des Mönch⸗ thums, der fanatiſchen Verfolgungen kommen immer wieder auf ihre alten Sophismen zurück und behaup⸗ ten, die Thronbeſteigung Iſabellens ſei nur ein revv⸗ lutionärer Akt geweſen, der erſt durch die von ihnen gewünſchte Heirath Legitimität erlangen könne: eine ab⸗ ſurde Behauptung, ganz im Widerſpruche mit der Con⸗ ſtitution und der ausgeſprochenen Souveränetät des Volkes, deſſen Ausſprüche jederzeit gültig, legitim, ge⸗ ſetzmäßig ſind, da es ja in der Macht der Nation he⸗ gen muß, die Geſetze zu geben und zu ändern; und gegen dieſe Geſetze ſich aufzulehnen, iſt das größte Staatsverbrechen. Eben jetzt, wo ihnen der Todesſtreich droht, er⸗ heben die Abſolutiſten ihre Stimme von neuem, rüh⸗ men den guten Stand ihrer Sache, ihre Hülfsmittel, ihre günſtige, nationale Stellung. Sie allein, behaup⸗ ten ſie, ſeien fähig, Ruhe und Ordnung in Spanien wieder herzuſtellen. Allein alle dieſe eitlen, leeren Worte werden durch ihre Thaten, durch die Ereigniſſe ſelbſt widerlegt; eben in dem Augenblicke, wo ſie, um den Völkern ihre Sache zu empfehlen, eine Milderung ihrer 342 Grundſätze heucheln, wo ſie ihre fanatiſchen, des⸗ potiſchen, längſt von der geſunden Vernunft verwor⸗ fenen Prinzipien unter einem trügeriſchen Anſtriche von Conſtitutionalismus zu verdecken ſuchen, eben jetzt ver⸗ treibt man ſie aus dem Schooße civiliſirter Nationen! denn alle Welt weiß, daß keine Unabhängigkeit, Frei⸗ heit, Glück und Ehre möglich iſt, wo die Laune eines Menſchen hinreicht, den Willen der ganzen Nation für ungültig zu erklären. Ihr redet von Euren Hülfsmitteln.. Ihr Tho⸗ ren! Wo ſind dieſe? Etwa die öffentliche Meinung? Das Gewicht Eurer Intereſſen?. Die Unwiſſen⸗ heit der Menge? Euer Reichthum?.. Eure Ueberle⸗ genheit in den Waffen?. Die Feſtigkeit Eurer Grund⸗ ätze?.„Die Einſchreitung fremder Mächte?. Wie ärmlich und elend!.. Seid Ihr noch nicht zu der Ue⸗ berzeugung gekommen, daß die Völker endlich Eure heuchleriſchen Schliche, Eure trügeriſchen Abſichten ken⸗ nen?. Glaubt Ihr, die Revolution habe keine neuen Intereſſen geſchaffen, für deren Aufrechthaltung der Eigennutz in die Schranken tritt?.. Seht Ihr nicht, daß die Zeit des thörichten Aberglaubens, des barbari⸗ ſchen Fanatismus vorüber iſt?. Habt Ihr nicht Gure und Eurer Freunde Börſen längſt in dem ver⸗ geblichen Kampfe erſchöpft?.. Habt Ihr nach ſo vie⸗ len Niederlagen noch nicht einſehen gelernt, daß Ihr Euch in die Länge nicht mit den liberalen Armeen meſ⸗ ſen könnt?.. Erwartet Ihr Euren Sieg von einer Einſchreitung der fremden Mächte, die Euch nur voll⸗ ends entnativnaliſiren würde und doch unwirkſam wäre, da die hülfreichen Lilien Frankreichs verwelkt ſind? Verzichtet ſomit auf Cure verbrecheriſchen Plane; macht Euch keine thörichte Hoffnungen und wißt, daß eine ungeheuchelte Rückkehr zu den wahren Intereſſen des Vaterlandes nur als ehrenvoll und wohlüberlegt ange⸗ ſehen werden könnte. Ihr wißt es ſelbſt nur zu gut, daß die Heirath 1* * es e⸗ th 343 Iſabella's mit Eurem Grafen, weit entfernt der Grund⸗ ſtein eines wahren Friedens zu ſein, Spaniens getrennte Intereſſen zu vereinigen, nur noch heftigere Unruhen erzeugt hätte, da mit dieſer Heirath dem Abſolutismus Thüre und Angel geöffnet und dem liberalen Prinzip der tödtlichſte Kampf angekündigt worden wäre. Armes ſpaniſches Volk, dieß iſt die Verſöhnung, welche dir die earliſtiſche Partei anbietet, dieß die Ord⸗ nung, der Friede, die Ruhe und das Glück, welches der Sohn von Don Carlos als Morgengabe deiner Königin mitgebracht hätte; dieß die Wohlthaten, welche der Prinz dir auf der Bajonetſpitze ſeiner Banditen darbietet; dieß die Morgenröthe des Triumphes um das Haupt jener Würgengel! Der Mönch Patricius iſt kein Hirngebilde meiner Phantaſie, ſondern eine wirkliche, hiſtoriſche Perſon, der wir nur den Namen geſchaffen haben. Sein Charakter, ſeine Verbrechen, ſein Ehrgeiz, ſeine Heuchelei, trifft man in Wahrheit bei den Meiſten ſeiner Partei, die unter dem Deckmantel chriſtlicher Liebe, apoſtoliſcher Milde und brüderlicher Theilnahme Ströme von Blut vergießen, auf dem Ruin des Vaterlandes ihren Thron erbauen und über den Reſt der unglücklichen Nation als Despoten herrſchen würden. Ein Land, das die Schandthaten eines Merino, Triſtany und ſo vieler anderer Tiger in Menſchenge⸗ ſtalt, die den Weihwedel mit der Büchſe vertauſchen, geſehen hat, wird unſere Worte nicht Lügen ſtrafen können. Und um noch beſſer zu erkennen, daß es kein Ver⸗ brechen, keine Schandthat gibt, vor der jene Menſchen zurückbeben, wenn ſie nur ihren Zweck dadurch zu er⸗ reichen glauben, werfe man einen Blick auf die Thäler und Gebirge von Biscaya, Alava, Guipuzkva, ſo wie auf das unglückliche Navarra, und leſe die Ge⸗ ſchichte des dortigen Kampfes. Um in Spanien den theokratiſchen Deopotismus zur Herrſchaft zu bringen, 344 ſcheuen ſich die ächten Carliſten ſelbſt nicht, Räuberban⸗ den zu organifiren und anzuführen. Und man täuſche ſich ja nicht: nicht um der Fue⸗ ros willen verließen die Diener Gottes ihre heiligen Altäre; nicht um der Fueros willen zückten ſie den brüdermörderiſchen Dolch, ſchwangen ſie die mordbren⸗ neriſche Fackel, anſtatt das Evangelium der Gnade und Liebe zu predigen; nicht um der Fueros willen eilten ſie vom Beichtſtuhle und der Kanzel weg zu jenen blutigen Mord⸗ und Raub-Scenen, wobei ſie immer die erſten Rolhen ſpielten; nicht um der Fueros willen begingen ſie die unzähligen Verbrechen: ihr Beweg⸗ grund war der Wunſch, einen unwiſſenden, fanatiſchen Fürſten auf den Thron zu bringen, um dann das Volk über den Trümmern der Freiheit mit ehernem Scepter zu despotiſiren. Bei dem Tode Ferdinands VII. hatten die genann⸗ ten Provinzen fünfmal hundert tauſend Einwohner von finſterem Charakter, einer ſprichwörtlichen Rohheit, dem eraltirteſten religiöſen Fanatismus und einem bis in's unglaubliche geſteigerten Provinzial⸗Enthuſiasmus. Dieß waren die Elemente, welche die apoſtoliſche Bande für ihre Zwecke auszubeuten ſuchte, wie man heutzutage die Heirath zwiſchen ihrem Strohmanne und der Königin ausbeuten zu können hoffte. Das Provinzialintereſſe für die Fueros und der religiöſe Fanatismus wurden in dem zum Guerillas⸗ Kriege wie geſchaffenen Lande von den Schergen des Abſolutismus auf eine geſchickte Weiſe benützt. Sie wußten wohl, daß ſie ihre von der Nation verworfenen Grundſätze nicht öffentlich voranſtellen durften; daß es unmöglich wäre, gegen den Willen einer Nation von zwölf Millionen das Banner der Inquiſition zu ent⸗ falten; deshalb pflanzten ſie in den baskiſchen Provin⸗ zen das der Fueros auf, obgleich ihnen, den oberſten Leitern des Aufſtandes, die Freiheiten und Privilegien dieſer Provinzen nicht ſehr am Herzen liegen konnten⸗ 345 Dieß iſt ſo wahr, daß die Regierung damals noch ein Verbrechen zu begehen glaubte, wenn ſie gewiſſe zeitgemäße Reformen in der Kirche begünſtigt haben würde. Mehrere Höflinge Chriſtinens und gewiſſe Mit⸗ glieder der Regierung unterhielten heimliche Verbin⸗ dungen mit den Agenten von Don Carlos. Zumala⸗ earregui, der einen General von der liberalen Armee auf ſeine Seite hinüber ziehen wollte, machte von einem Aktenſtück dieſer verbrecheriſchen Correſpondenz Ge⸗ brauch; dieſe Thatſache verdanken wir der freundſchaft⸗ lichen Mittheilung von Don Blas Araque und können für deren Wahrheit einſtehen. Man werfe mir nicht ein, dieſe Dokumente eines frevleriſchen Einverſtänd⸗ niſſes ſeien durch den Rebellengeneral nur fälſchlicher Weiſe fabrizirt worden, um deſto eher ſeinen Zweck zu erreichen; der General, um deſſen Gewinnung es ſich hier handelt, hat ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Scharf⸗ ſinn in derlei Angelegenheiten nur zu ſehr bewieſen und Zumalacarregui, ſein Freund, der ihn genau kannte und achtete, hätte es nie gewagt, eine Lüge gegen je⸗ nen ſich zu erlauben, da dieſe früher oder ſpäter die tödtlichſte Feindſchaft zur Folge gehabt haben würde. Trotz dem, daß die Regierung ſich zu keinerlei Re⸗ formen des geiſtlichen Standes herbeiließ, rannten dieſe Apoſtel der Anarchie in dem unglücklichen Lande um⸗ her, reizten die Einwohner auf, riefen, die Fueros ſeien in Gefahr, die franzöſiſche Revolution mit ihren Blut⸗ ſtrömen, ihrem Unglauben und der allgemeinen Güter⸗ theilung ſei im Anzug. Dieſe beunruhigenden Worte, von raſenden Prie⸗ ſtern auf allen Kanzeln und allen Wegen gepredigt, erregten endlich jenen verderblichen Bürgerkrieg, der Spanien ſo viele Opfer koſtete. Wir könnten für unſere Behauptung Belege ge⸗ nug aus der Tagsgeſchichte anführen; jedoch wollen wir nur für ſolche, die noch daran zweifeln ſollten, daß die apoſtoliſche Bande an jenem Bürgerkrieg Schuld 3₰ 346 war, und auch jetzt wieder neue Unruhen zu ſtiften im Begriffe ſteht, eine weniger bekaunte Thatſache an⸗ führen, deren Kenntniß wir wiederum dem obenerwähn⸗ ten Herrn Araque verdanken. Wenige Tage vor dem Tode Ferdinands verſam⸗ melte ein Prälat die Pfarrer ſeines Sprengels und en⸗ digte ſeine Rede an dieſelben mit folgenden merkwür⸗ digen Worten:„ein wichtiges Ereigniß bedroht uns; allein unſer eigenes Wohl muß uns vor allem am Herzen liegen, und ſollte auch das Blut gewiſſer Leute in Strömen fließen müſ⸗ ſen.“ Einer der Zuhörer, der Bruder eines ecarliſtiſchen Generals, fragte, was unter dem wichtigen Ereigniſſe und wer unter jenen Perſonen zu verſtehen ſei; man antwortete ihm, jenes Ereigniß werde bald eintreten und dann würde man die nöthigen Befehle in Hinſicht der bezeichneten Leute geben, ohne Ausrottung welcher kein Heil denkbar ſei. Nun iſt nur noch zu bemerken, daß alle Theil⸗ nehmer jener Verſammlung ſich an die Car⸗ liſten anſchloßen und die Blüthe ihrer Beicht⸗ ſöhne mit hinüber führten: ſo iſt alſo jenes Ereigniß der Tod Ferdinands, und jene Per⸗ ſonen, deren Blut in Strömen vergoſſen wer⸗ den muß, ſind die Liberalen. Der fromme Prälat ſah die Reformen, welche der liberale Zeitgeiſt auch über die Kirche Spaniens zu verhängen im Begriffe ſtand, im Geiſte voraus und dachte, das beſte Mittel dagegen ſei Krieg und Aus⸗ rottung der Liberalen: daher alſo wurde Krieg und Ausrottung der Liberalen gepredigt; und eben dieſe Abſicht verſchleiert ſich gegenwärtig unter der täuſchen⸗ den Maske der Verſöhnung, indem die Hochzeitfackel in der Hand des Mordbrenners geſchwungen wird. Wir haben oben erzählt, alle Theilnehmer jener Verſammlung hätten ſich an die Truppen von Don Carlos angeſchloſſen; dieß iſt nicht ganz richtig; denn der chriſtlich geſinnte Prälat machte eine Ausnahme und lebte, wie unſer Mönch Patricius, mitten unter den Liberalen. Dieſer fromme, heilige Mann, verließ ſeinen Sprengel nie und glaubte dort beſſer als ander⸗ wärts der Sache von Carl V. dienen zu können. General Queſada ſagte, als ihm im Jahr 1834 das Commando der liberalen Armee übertragen wurde, in einer Denkſchrift an die Regierung über ſeinen Feld⸗ zugsſtand:„Wenn man dieſes Land von allen Mön⸗ chen und ſchlechten Prieſtern ſäubern könnte, ſo wäre dieß das wirkſamſte Mittel, um den öffentlichen Geiſt zu beſſern und die Schaar der Rebellen zu mindern; allein ich erkenne die Unmöglichkeit dieſer Maßregel an, denn man müßte bei der hohen Geiſtlichkeit in der Hauptſtadt ſelbſt anfangen.“ Wir könnten noch viele Beiſpiele und Beweiſe für die blutdürſtige Geſinnung derer anführen, welche an⸗ ſtatt den erhabenen Lehren des Evangeliums zu fol⸗ gen, ſo viel blutiges Elend und Jammer über das un⸗ glückliche Vaterland gebracht haben. Allein das Bis⸗ herige und das, was die Nation ſelbſt geſehen hat, wird hinreichen, um uns vor jedem Vorwurf zu ſichern, als hätten wir den Charakter des Mönches, den Urtypus jener heuchleriſchen Blutmenſchen, übertrieben geſchil— dert Glücklicher Weiſe gibt es noch, wir haben es ſchon einmal geſagt, würdige Diener der Kirche, welche die wahren Grundſätze des Evangeliums mit Worten und Werken lehren. Allein eben dieſe kennen und beklagen die vorhandenen Mißbräuche ſo gut wie wir und noch nicht vor langer Zeit hat mir ein erleuchteter Geiſt⸗ licher unter Anderem folgende Zeilen geſchrieben: „„Alle Gebrechen, welche man der äußern Ge⸗ ſtaltung unſerer Kirche vorwerfen kann und die ſo häu⸗ fig von Gottloſen zum Umſturz des ganzen Gebäudes benutzt werden, kommen daher, daß man die urſprüng⸗ liche Einfachheit außer Augen geſetzt und ſich mit dem 348 Flittergold weltlicher Macht und irdiſcher Güter beklei⸗ det hat. Wenn ſie, wie es der göttliche Stifter wollte, in ihren Formen volksmäßig und patriarchaliſch, rein von allen herrſchſüchtigen Planen geblieben wäre, ſo würde das Zeichen des Kreuzes von Rom aus über die entfernteſten Gegenden der Erde herrſchen. Wenn die Diener der Kirche nie das Geſetz der Gleichheit, das die Apoſtel empfingen und predigten, wenn ſie nie den geraden Pfad der heiligen Lehre verlaſſen hätten, um ihren Leidenſchaften nachzugehen; wenn ſie als ächte Nachfolger Chriſti gehandelt und gelebt hätten, ſo wür⸗ den ſie allen Völkern Friede und Glück, der Menſch⸗ heit geiſtige und fittliche Wiedergeburt gebracht haben; wenn ſie, großmüthig und verſöhnlich gegen ihre Feinde, nur durch friedfertige Ueberzeugung hätten wirken wollen, wie es Gregor der Große(nicht zu verwechſeln mit Gregor VII. und Gregor 1X.) wollte und befahl; wenn ſie ſelbſt das Beiſpiel göttlicher Liebe und Milde gegeben hätten, welche den Grundſtein der chriſtlichen Moral bildet, ſo hätten ſich gewiß längſt alle Nationen um ihr Heiligthum geſchaart.“ Meuntes Rapitel. Die elfenbeinerne Bettſtelle. Die lange Toledoſtraße zu Madrid kann in Hinſicht der Lebendigkeit und Volksmenge mit der berühmten Puerta del Sol wetteifern. Beſſer als in dem Congreß der Deputirten ſteht man hier ein lebendiges Bild al⸗ ler Provinzen, aus denen Spanien beſteht. 349 Man ſieht hier den lebhaften Sohn von Betis mit ſeinen prächtigen Oliven aus Sevilla; den uner⸗ müdlichen cataloniſchen Kärrner mit ſeinen Blutwürſten von Sich; den Eſtremaduren mit ſeinen Schlackwürſten, jener unerläßlichen Würze der nationalen Oilla Potrida, ohne welche die Nachkommen Athanarichs nicht leben konnten; die Leute aus Carthagena und Murcia, mit ihren Gold⸗ und Granat⸗Aepfeln, welche das durch die vorigen Speiſen erhitzte Blut wieder kühlen müſſen; den Sohn von Don Pelagius mit ſeinen ungeheuren Schuhen, eine Art ewiger Jude, der, einmal durch das Segovia⸗Thor oder durch das Saint⸗Vincent⸗Pförtchen eingetreten, alsbald alle Straßen mit ſeinem Froſch⸗ waſſer⸗Faſſe durchläuft, ſeine athletiſchen Formen zur Schau trägt und die feinen Ohren der Madrider durch ſeinen honigſüßen Dialekt entzückt. Da trifft man auch die enthufiaſtiſchen Verehrer der heiligen Jung⸗ frau von Pillar; den freimühigen, ſtarrköpfigen Ara⸗ gonier, der ſeine magenerquickenden Pfirſiche durch das Alkalathor in die Stadt bringt; den gutmüthigen Enkel Sancho⸗Panſas, der ſeinen Zug munterer Klepper her⸗ einführt, oft aber auch auf ſeinem Bacchuswagen, ein ſtattliches Faß des berühmten Valdepegnas, deſſen Nektar nach unſern berühmten Dichter Melendez das bitterſte Leid in Freud verwandelt, zwiſchen den Füßen. Endlich ſieht man hier den Karren des luſtigen Valen⸗ cianers, der Sommers in ſeinen ungeheuer weiten, weißen Pumphoſen, Winters aber in den grobblauen langen Beinkleidern, ohne Hexerei, allein durch den Handelsgeiſt getrieben, Strohmatten in Waſſer, und Trinkgeſchirre in Melonen verwandelt, indem er wäh⸗ ſ der vier verſchiedenen Jahreszeiten folgenden Vers ingt: Vendo en otono sandia, durante el invierno esteras, loza por las primaveras, y en verano horchata fria. 350 3 Quien la beve? Fresquita como la nieve! ²) Mit einem Wort, in der Toledoſtraße bewegt ſich Alles, was von Außen her Waaren, beſonders Eßwaa⸗ ren nach Madrid bringt; die Zuſammenkünfte dieſer aus⸗ wärtigen Händler in der Cadir⸗Schenke oder bei Vater Berrinche, bietet aber auch das belebteſte Schauſpiel dar, das man nur ſehen kann. Die Verſchiedenheit der Trachten und der Dialekte, der ungeheure Zuſammenfluß von Menſchen in dieſem volkreichſten Stadtviertel macht dieſes Schauſpiel wahr⸗ haft merkwürdig. Je tiefer der Fremde in dieſen Stadt⸗ theil eindringt, um ſo ärger wird der Lärm, um ſo lebhafter das Gedränge. Eine Unzahl von Schuhmacher⸗ und Klempner⸗Buden, von Kneipen und Läden aller Art machen dieſe Straße zu einem wahren Bazar, wo das Gedränge um ſo dichter iſt, da man über hier auf den Trödelmarkt, Raſtro genannt, geht, wo man allen möglichen alten und unnützen Kram findet, vom Hau⸗ degen des Königs Wampa und der Nähnadel der Cly⸗ temneſtra bis zum Scepter von Montemolin, von der Lanze des Don Quixote bis zu den Sporen des Don Carlos und zu dem Schreibzeug ſeines Journaliſten Balmes. Im Jahr 1567 gründeten die armen Väter der Geſellſchaft Jeſu ihre beſcheidene Hütte in dieſer Straße und unter dem Schutz der Königin Maria von Oeſt⸗ reich wurde hier im Jahr 1651 ein prächtiger Tempel zu St. Iſidor für dieſe demüthigen Einſiedler erbaut. Als die Heuchelei dieſer Blutſauger ans Tageslicht kam, ließ ſie Carl IMI. augenblicklich austreiben, machte *) Im Herbſte verkauf ich Melonen; während des Winters Strohmatten, irdenes Geſchirr, im Früh⸗ jahr und im Sommer friſches Gerſtenwaſſer. Wer trinkt? Kalt wie der Schnee! —————— 351 dieſe Kirche zur königlichen Stiftskirche und ließ am 4. Februar 1769 die heiligen Ueberreſte von Iſidorus und Maria de la Cabeza in feierlicher Prozeſſion da⸗ hin bringen, wo ihre Urnen über dem Hochaltar auf⸗ geſtellt wurden. Prächtige Werke der Kunſt zieren die⸗ ſen Tempel. Drei Standbilder, das des Schutzpatrons des Glaubens und der Demuth ſind von Juan de Mena, Manuel Alvarez und Francisco Gutierrez verfertigt. Hinter dieſen iſt ein Gemälde von Raphael Mengs, die heilige Dreifaltigkeit; Andere Gemälde von Ricci, Jor⸗ dan, Alonzo Cano, Morales, Donoſo, Cvello, Carducho, Palomino und Iterrera zieren den Hochaltar und die verſchiedenen Kapellen. Die Fagade dieſes prächtigen Tempels iſt vielleicht die impoſanteſte unter allen Kirchen der Hauptſtadt. Drei Portale, von einer vierfachen Reihe von Säulen eingeſchloſſen, werden von einem Hauptgeſimſe überdeckt, das mit einer hübſchen Baluſtrade verſehen iſt, und als glattes Dach dient; die zwei Seitenthürme ſind leider nicht vollendet. Außerdem bietet die Toledoſtraße wenig Merkwür⸗ diges in Hinſicht der Architektur dar. In einem der letzten Häuſer dieſer Straße, faſt an dem Toledothore, wohnte Marquis Bellaflor mit ſeinem Sohne; es war dieß zwar kein Marmorpalaſt, wie es in Madrid viele gibt, aber eine äußerſt freund⸗ liche Wohnung, für deren elegante Ausſtattung die Ba⸗ ronin von Lac all' ihren Geſchmack aufgewendet hatte. Die Wände des großen Salons waren mit Lila⸗ Sammt ausgeſchlagen; die nußbaumholzenen Thüren mit zierlichen Draperien behängt; prächtige Spiegel und koſtbare Gemälde mit reich vergoldeten Rahmen, ſo wie die übrigen äußerſt geſchmackvoll gewählten Meubel, worunter namentlich ein überaus zierlicher Schenktiſch, mehrere Vaſen und Kriſtall-Leuchter bil⸗ deten zuſammen ein harmoniſches Ganzes, das dem Auge des Beſuchenden äußerſt wohlthat. 352 Dieſer Salon ſtand mit zwei andern Zimmern in Verbindung, die uns weiter nicht intereſſiren; allein das elegante Schlafgemach für die Neuvermählten, de⸗ ren Schickſal uns ſchon ſo lange beſchäftigt hat, können wir nicht unerwähnt laſſen. Die Wände waren mit Seidenzeug von ſaphir⸗ blauem Grunde, in den Blumenzweige von dunklem Sammt eingewirkt waren, bedeckt. An den beiden großen Pſychen mit ovalen Spiegeln waren die Eckſäulen von Ebenholz mit ſilbernen, zierlich getriebenen Kapitälen. Auf dem kunſtvoll aus verſchiedenen Holzarten gear⸗ beiteten Toilettetiſch ſtand unter andern Zierrathen eine Gruppe, Venus und Cupido, wunderhübſch in Gold gearbeitet. Von der Mitte des Plafonds hing ein zier⸗ liches Käfig herab, in welchem ſich ein munterer Ka⸗ narienvogel wiegte. Das eigentliche Schlafgemach befand ſich hinter einem zierlichen Spitzenvorhang: Bettſtelle und Seſſel waren aus Elfenbein, die Wände mit weißem Seiden⸗ zeug ausgeſchlagen und eine damaſtene Fußdecke, weißer als der Schaum des Meeres, ſo wie ein ſtrohgelber Kaſimir als Fußteppich paßten zu dem Heiligthum der Liebe und Reinheit. Nebenan waren zwei Seitenkabinette: ein elegan⸗ tes Badezimmer und das Vorgemach für einen heite⸗ ren Speiſeſaal, welcher durch eine marmorne Treppe mit dem Garten in Verbindung ſtand. Der Garten war noch nicht im vollen Schmucke ſeiner Blumen und Blätter; die ganze Einrichtung des⸗ ſelben hatte erſt begonnen; doch ſah man ſchon an den bis jetzt angelegten Bosketten und Lauben, an den Springbrunnen, Statüen und Teichen, daß es ein höchſt erquicklicher Aufenthalt für die heißen Sommermonate ſein werde. Der Neger Thomas ſuchte eben jetzt die ſchönſten Frühblumen, und bekränzte mit Hülfe von zwei ſchlanken Zofen eine Kapelle, die hart an den Garten ſtieß. — 353 Es war zehn Uhr Vormittags. S In eben erwähnter Kapelle wurde gerade eine Hochzeit vollzogen. Die Tochter eines armen Taglöhners und der Sohn eines reichen Marquis, Marie und Don Lyuis de Mendoza hatten daſelbſt den Segen eines chriſtlichen Prieſters erhalten und verließen nun, von Glück ſtrah⸗ lend, und von einer kleinen Geſellſchaft begleitet, die Kapelle, um über die Gartentreppe in den Speiſeſaal zu gelangen. Voran gingen Marie und Don Louis, Hand in Hand geſchlungen, nach ihnen der achtungswerthe, de⸗ mokratiſche Marquis von Bellaflor, der dem braven Handwerker den Platz an ſeiner rechten Seite, ſeinen rechten Arm, gönnte. Anſelm ſchien ſeine ganze Jugend⸗ friſche wieder erlangt zu haben; er ſchritt in militäri⸗ ſcher Haltung einher und trug ein elegantes, blautu⸗ chenes Wamms und graue Beinkleider mit rothen Streifen. ⁰ Louiſe und die Baronin folgten Arm in Arm und nach dieſen führte Manuel ſeine beiden Geſchwiſter Roſa und Jvachim. Zuletzt ging der Geiſtliche zwiſchen dem Doktor Aguilar und dem Baron von Lac, denen noch einige e Freunde des alten und jungen Marquis folg⸗ ten. In dem Saale war ein glänzendes Frühſtück be⸗ reitet und der Marquis vertheilte die Plätze ſo, daß Anſelm an dem einen Ende der Tafel zwiſchen Louiſen und der Baronin, der Geiſtliche zwiſchen dem Doktor und dem Baron, er aber zwiſchen Manuel und Roſa dem Brautpaare gegenüber ſaß, während die übrigen Gäſte ihre Plätze nach Belieben wählten. Wir wollen die Toilette der fröhlichen Tiſchgeſell⸗ ſchaft nicht weitläufig beſchreiben und nur bemerken, dß ſie zwar nicht glänzend, aber deſto geſchmackvoller war. co, Marie. I. 23 354 Marie war äußerſt reizend; ihre Güte und Be⸗ ſcheidenheit zeigte ſich in jedem Zuge ihres Geſich⸗ tes. Ein grüner Kranz von gemachten Blättern, auf dem, Thautropfen gleich, Diamanten lagen, zierte ihre ſchöne Stirne; die langen, ſchwarzen Locken fielen bis auf den blendenden Hals herab. Es iſt unmöglich, den Ausdruck ihrer großen, ächt ſpaniſchen Augen, mit den majeſtätiſchen Augbrauen, zu ſchildern; von ihren freundlich lächelnden Corallenlippen, zwiſchen denen die zierlichſten, weißeſten Zahnreihen hervor ſahen, von ih⸗ rer ſchlanken Taille, den graziöſen Umriſſen ihres Kör⸗ pers, können wir natürlich mit Worten nur eine höchſt unvollkommene Vorſtellung machen. Ein Unterkleid von gelbem Seidezeug, und darüber ein weißes Spitzenkleid, das in zierlichen Windungen mit Camelien aufgefaßt war, ſfiel von einem ſchwarzſammtnen Spenzer herab, der mit Diamanten beſetzt war; an einer dicken gol⸗ denen Kette hing als Denkmal aller glücklich über⸗ ſtandenen Leiden das treu bewahrte Medaillon. Es wäre unnöthig, zu bemerken, daß fröhliche Laune und die ungezwungenſte, herzlichſte Heiterkeit bei dieſem Feſtmahle herrſchte. „Es iſt alſo unwiderruflich entſchieden,“ ſagte der Marquis zu dem alten Grenadier,„daß Du mit Dei⸗ ner Familie nicht unter unſerm Dache weilen willſt?“ „Unmöglich, mein Oberſt,“ antwortete der Arbei⸗ ter;„ich will mich nicht an den Müßiggang gewöhnen. Wir, meine Frau und ich, befinden uns in unſerer Hütte ganz wohl. Roſa wird, da Sie es befehlen, bei ihrer Schweſter bleiben; allein mit dem Verdienſte mei⸗ nes Sohnes Manuel, und mit dem, was meine Frau und ich erwerben, können wir ganz bequem leben. Ich will mein Maurerhandwerk nicht aufgeben, will immer Arbeiter bleiben; ſollte mich aber eine Noth anwau⸗ deln ſo nur dann wende ich mich an meine Tochter, an meinen Beſchützer meinen braven Oberſt.“ 355 „Ach was!. Willſt Du mich ewig mit Deinem Oberſt langweilen!“ antwortete der Marquis. Wann werdet Ihr, Herr Demokrat, mich einmal nach den Geſetzen der Gleichheit behandeln?“ „Nun wohl! Es gilt!“ rief Anſelm, indem er vom Sitz aufſprang und ein Glas ergriff;„da man am Geſundheittrinken iſt, ſo will auch ich mein Glas lee⸗ ren!.“ Er ſah den Marquis an, und rief voll un⸗ ſchuldiger, reiner Freude: „Bruder, Deine Geſundheit!“ Während der lebhafteſte Applaus und die lauteſten Vivats dem Toaſt folgten, bedeckten ſich die Wangen 1 Louiſens mit Scharlach, und eine Thräne entfiel ihrem Auge: es war eine Freudenthräne! t½ Der Marquis konnte ſich nicht mehr halten, ſon⸗ dern eilte auf Anſelm zu, und umarmte ihn mit ſtolzer ⸗ Freude ⸗ Der Marquis, deſſen Stammbaum bis in die ent⸗ fernteſten Jahrhunderte des Mittelalters zurückwies, entſagte ſeinem Stolze ſo weit, daß er ſein adeliges i Blut mit dem eines armen Bauern vermiſchte; hier fand er nämlich eine reiche Quelle edler Tugend, die den neugebackenen Adeligen, die ihrer bürgerlichen . ⸗ Wiege, ihrer armen Eltern und Verwandten ſchmählich 3 . vergeſſen, unbekannt iſt. Jene bemitleidenswerthen ⸗ Thoren, die im Geld den einzigen Reichthum, in per⸗ 2 gamentenen Urkunden den einzigen Adelsbrief ſehen! Ein Reicher ohne moraliſche Würde, ohne Verſtand, der ei keine Liebe, keine Achtung für die arbeitenden Klaſſen ⸗ hegt, iſt ein verächtliches Weſen; er iſt der einzige u Arme, der keiner Berückſichtigung werth iſt. Kann ch denn wirklich noch Jemand glauben, jene thörichten er Titel verleihen irgend einen beachtenswerthen Vortheil, ⸗ den wirklichen Adel, da man ſie jeden Tag, wie die ge⸗ meinſte Sache, zum Verkauf ausgeſetzt ſieht? Iſt das noch ein Adel, den der Elendeſte, der Niedrigſtgeborene um geringes Geld erwerben kann? Wie kann da noch 356 Jemand dieſen eingebildeten, herabgewürdigten Titeln einen Werth beilegen? Der Marquis von Bellaflor wußte nur zu gut, daß der wahre Adel in hochherzigen Handlungen be⸗ ſteht, und deßhalb fühlte er bei dieſer Verbindung mit einer ſo tugendhaften Familie ſein Herz voll Freude ſchlagen, und war ſtolz darauf, ſich von einem Manne, wie Anſelm, Bruder nennen zu hören. Er fühlte ſein Herz voll ſtolzer Freude ſchlagen, ſagen wir nochmals, weil ein armer Taglöhner, der trotz des bitterſten Man⸗ gels und der ſchwerſten Verſuchung nie einen Schritt vom Pfade der Tugend wich, tauſendmal edler iſt, als alle jene Perſonen der hohen Ariſtokratie, die voll Un⸗ wiſſenheit und Hochmuth keinen andern Adelstitel auf⸗ zuweiſen vermögen, als ihren Taufſchein oder einen Fetzen Pergament, den ſie einem halbverhungerten Adeligen abkauften. Dieß iſt ſo klar und unwider⸗ ſprechlich, daß jetzt ſelbſt viele ariſtokratiſche Familien, und gerade die achtungswertheſten und älteſten, aner⸗ kennen, daß jene Titel, wenn ſie nicht durch eigenes Verdienſt unterſtützt und gehoben werden, nutzlos, ja ſchädlich ſind. Wenn nun die pergamentenen Dokumente an ſich ohne Werth ſind, welchen Werth haben dann diejeni⸗ gen, welche jene durch Gold, Schmeicheleien, ſklaviſche Unterwürfigkeit, erniedrigende, ja ſogar vft verbrecheri⸗ ſche Handlungen erwerben? Gibt es daher einen Adel, der entehrt, ſo gibt es auch eine Armuth, die Ehre macht; und gewiß war dieß bei dem bürgerlichen Tag⸗ löhner der Fall, dem der altadelige Marquis die Hand mit ſo freudigem Stolze drückte. *** „Meine Herren,“ rief der Baron von Lac, das Glas in der Rechten,„möge das Glück der beiden Ehegatten niemals durch einen Schatten getrübt, ihre Treue nie auf eine zu gefahrvolle Probe geſtellt werden!“ 357 Marie zeigte durch ein freundliches Lächeln, daß ſie die feine Abbitte verſtand. Die Mahlzeit war geendet, und die Gäſte verloren ſich in den Garten, um friſche Luft zu ſchöpfen; das zärtliche Brautpaar aber führte ſein Weg in jenes oben beſchriebene Gemach, wo wir es ſeinem wohlver⸗ dienten Glücke überlaſſen. An demſelben Abende wurde Patricius, als Vater⸗ landsverräther zum Erſchießen verurtheilt, hinausge⸗ führt; er verweigerte den Tröſtungen der Religion ſein Ohr, und bewies im letzten Augenblicke ſeine ſchmäh⸗ liche Feigheit: bei dem Kommandoworte„Feuer!“ warf er ſich auf die Erde, ſo daß nur eine einzige Kugel ihn traf, aber nicht tödtete. Er heulte in furchtbarem Schmerze, und mußte von einer letzten, mitleidigeren Kugel das Ende erbitten. Mögen die jetzt noch ſicht⸗ baren Blutſpuren außerhalb des Toledothores eine heil⸗ ſame Warnung für alle Heuchler und Verräther ſein! 358 Schlußrede. Am Schluſſe angelangt, ſind wir weit von dem thörichten Wahne entfernt, als ob wir ein fehlerloſes Werk geliefert hätten; es hat vielleicht keine andere Bedeutung, als die, welche ihm die Rein⸗ heit unſerer Abſicht und die philanthropiſche Geſinnung, die darin ausgeſprochen iſt, verleiht. Wir wiſſen wohl, daß die Kritik nicht immer nach den guten Abſichten des Verfaſſers fragt, und oft mit ihrer unerbittlichen Geißel den Unglücklichen ſtraft, der nur ſeinen guten Willen, nicht ſeine Fähigkeit zu Rathe zog, ehe er ſchrieb. Wenn man unſer Beſtreben, Spanien den gehöri⸗ gen Platz unter den civiliſirten Nationen einzuräumen, als patriotiſch, wenn man unſere glühende Liebe und Theilnahme für die arbeitenden Klaſſen des Volks an⸗ erkennt; wenn wir den patriotiſchen Eifer geſtählt, den Haß gegen niederträchtige Gleißnerei angefacht, wenn wir dem Auge des Leſers eine einzige Thräne des Mit⸗ leids oder der Bewunderung für jene tugendhafte Fa⸗ milie entlockt haben, ſo iſt unſere ganze Hoffnung erfüllt. Wir haben die Nationalgarde gegen die verläum⸗ deriſchen Angriffe ihrer feigen Feinde vertheidigt, und wir bedauern nur, daß uns der Plan unſeres Werkes auf Madrid beſchränkte, und nicht geſtattete, die Na⸗ tionalgarde von ganz Spanien als würdiges Vorbild des Muthes, der Subordination und Aufopferung dar⸗ zuſtellen. „ 36 Wir ſelbſt hatten Gelegenheit, die Ausübung eben benannter Tugenden ganz in der Nähe zu betrachten. Während des heftigſten Bürgerkriegs haben wir uns ſelbſt an der Spitze eines Nationalgarde-Bataillons befunden, das die größte Gefahr muthig überſtand; wir meinen nämlich die Nationalgarde von Vinaroz, einem kleinen Städtchen im Königreich Valencia. Es ſei uns hier erlaubt, für jenes grenzenloſe Zutrauen, das uns die Liberalen unſerer heroiſchen Geburtsſtadt geſchenkt haben, den gebührenden Dank zu ſagen; jene muthigen Patrizier, die durch das koſtbare Blut von ſechzig unter ihnen auf dem Feld der Ehre den Schwur beſiegelt haben, lieber zu ſterben, als ein ſchmachvolles Joch zu tragen! Dieſe unbezwinglichen Helden haben ihre eigene Bruſt als Schutzwehr dargeboten, und, nur ſiebenhundert Mann ſtark und von dreihundert braven, regelmäßigen Soldaten unterſtützt, ſiebenzehntauſend frieggewohnte Soldaten in die Flucht geſchlagen, welche unter ihrem König Karlos eine ſchwache, nur von ächt ſpaniſcher Ehrenhaftigkeit vertheidigte Stellung nicht zu erobern im Stande waren.* *) In dem Echo du commerce vom 15. Juli 1837 liest man: „Mit großem Vergnügen veröffentlichen wir fol⸗ genden Brief, der uns durch einen wackern, libera⸗ len Bürger von Vinaroz zugeſchickt wurde. Die darin erzählte Thatſache iſt von der ſchlimmſten Vorbedeutung für die Unternehmung der eingebil⸗ deten Tyrannen. Ahmen die andern Provinzen dieſes rühmliche Beiſpiel nach, ſo iſt das Vater⸗ land gerettet! „Vinaroz, den 6. Juli. Am 30ſten des vergan⸗ genen Monats erfuhren wir, daß die Rebellen⸗ Armee von Navarra, den hirnloſen Prinzen ſelbſt an der Spitze, den Ebro überſchritten habe, um ſich mit den Vandalen Cabrera's zu vereinigen. 360 Die Nationalgarde von Vinaroz hat jederzeit die⸗ ſelbe tüchtige Geſinnung gezeigt, welche die von ganz Bei dieſer Nachricht erreichte der Enthuſtasmus unſerer Bürgerſchaft den höchſten Grad, da die Behörden eine Bekanntmachung erließen, daß man ſich lieber unter den Trümmern der Stadt begra⸗ ben laſſen wolle, als das Joch jenes abtrünnigen, tyranniſchen und einfältigen Prinzen zu dulden. „Das energiſche und verſtändige Benehmen der Behörden iſt durchaus zu loben; ſie riefen alle durch Stand, Vaterlandsliebe und Kenntniſſe her⸗ vorragenden Perſönlichkeiten auf, um mit ihnen die geeignetſten Mittel zur Rettung der Stadt zu berathen. Unter dieſer, von der reinſten Vater⸗ landsliebe beſeelten Verſammlung zeichnete ſich be⸗ ſonders Herr Wenceslas Ayguals von Izco durch ſeinen Antrag auf außerordentliche Maßregeln aus, welche mit Beifall aufgenommen und mit Energie ausgeführt, zur Befeſtigung der Stadt, zur Bele⸗ bung des Muthes und der patriotiſchen Stimmung, und alſo auch zum glücklichen Erfolge weſentlich beitrugen. „Man kann ſich unmöglich einen Begriff von der enthuſiaſtiſchen Aufregung machen, welche die in der Nacht vom 2ten des Monats angelangte Nach— richt, der Prätendent ſei mit ſeinen Schergen bis Ulldekona vorgedrungen, hier hervorbrachte. Die⸗ ſes Dorf iſt drei Stunden von hier entfernt, und es war um ſo wahrſcheinlicher, daß wir noch in derſelben Nacht einen Angriff zu erwarten hatten, als die Nachricht noch weiter durch einen geftüchte⸗ ten Liberalen jenes Ortes beſtätigt wurde. Man hörte gegen neun Uhr einige Schüſſe, die Lärm⸗ trommel ertönte durch die Straßen, alle Häuſer wurden durch Laternen beleuchtet, und Jeder be⸗ gab ſich auf ſeinen angewieſenen Poſten, um den ————————— 361 Spanien beſeelt; allein eine Thatſache kann ich nicht mit Stillſchweigen übergehen, welche in der Geſchichte der Revolutionen und Bürgerkriege ſo ſelten iſt, daß ſie für ſich allein hinreichen würde, die Einwohner jener Stadt unſterblich zu machen und dem ganzen civiliſir⸗ ten Europa als Muſter hinzuſtellen. Da man uns einer Vorliebe für unſere ſpeciellen Landsleute bezüchti⸗ gen und deßhalb weniger Glauben ſchenken könnte, ſo wollen wir den Abgeordneten Medrano ſprechen laſſen, welcher in der Cortesſitzung vom 25. April 1840 den rühmenswerthen Zug folgendermaßen erzählte: Es hat nie an erhabenen Beiſpielen des Heldenmuths in der ſpaniſchen Geſchichte gefehlt, und es dürfte dabei, wenn man genau nachrechnet, nicht leicht eine Provinz vor der andern einen Vorrang behaupten; aber es handelt ſich hier von einem ganz beſondern Falle, der durch einen beſondern Grad von Hervismus ausge⸗ zeichnet iſt. Feind zurückzuſchlagen, und die am 18. Okt. 1835 hingeopferten dreiundſechzig Bürger zu rächen. „Um Mitternacht hörte man das wilde Brüllen: „es lebe die Inquiſition! es lebe der ab ſo⸗ lute König!“ und das Feuer wurde ſo lebhaft, daß man auf einen entſcheidenden Angriff wartete; allein der Feind zog in dieſer, wie in der folgen⸗ den Nacht ab, ohne etwas Ernſtliches zu wagen. „Nicht nur die dreihundert Mann Linientrup⸗ pen und die ſiebenhundert Nationalgardiſten des Orts thaten Wunder der Tapferkeit gegenüber von den ſiebenzehntauſend Sklaven; auch die von jedem Dienſt befreiten Bürger, die Greiſe eilten auf die bedrohten Stellen, während die noch kampfunfähige Jugend patriotiſche Hymnen ſang, die Mütter und Töchter aber auf der Straße ſaßen, dem Feuer ruhig zuhorchten und Spottgedichte auf den Pfaf⸗ fenkönig machten.“ 362 „Den 11. November, nach dem beklagenswerthen Tode ſo vieler Nationalgarden, die vor dem übermäch⸗ tigen Feinde gefallen waren, erblickte man von Vinaroz aus einige kleine Schiffe, welche gefangene Carliſten von Karthagena nach Barcelona bringen ſollten. Das Meer war unruhig. Einer dieſer Nachen konnte die Küſte paſſiren; ein anderer aber, mit einhundertſieben⸗ undvierzig Carliſten und deren Eskorte an Bord, ſah, daß er dem Sturme unterliegen müßte, und machte Nothſignale, um auf den Strand zu laufen. „Die Einwohner von Vinaroz, gewohnt gegen feind⸗ liche Angriffe auf ihrer Hut zu ſein, beſorgten anfangs eine Hinterliſt, und beſetzten alle Poſten. Allein bald ſchwand jeder Verdacht; die Nothſignale wiederholten ſich, und man gab nun dem bedrohten Schiff ein Zei⸗ chen, wo es am beſten Land gewinnen könne; es ſtran⸗ dete ſomit nahe am Ufer. Nun ſtürzten ſich die edel⸗ müthigen Leute in die aufgeregten Wogen, und retteten jene hundertſiebenundvierzig gefangene Carliſten nebſt ihrer Eskorte und der Schiffsmannſchaft. „Kein Menſchenleben ging verlorenz allein die Un⸗ glücklichen, welche ſo eben einer drohenden Gefahr ent⸗ ronnen waren, glaubten nun in eine viel größere ge⸗ ſtürzt zu ſein, und fürchten zu müſſen, von dem mit Recht erbitterten Volke als Sühnopfer für jene in und nach der Schlacht getödteten Mitbürger ermordet zu werden; deßhalb ſchrien ſie voll Schrecken:„Wir gehoͤ⸗ ren nicht zu Cabrera's Bande!!“ da rief das Volk ein⸗ müthig:„Fürchtet nichts, Ihr ſeid gerettet; wir ge⸗ horchen unſerer Obrigkeit, und tödten keine unbewaffne⸗ ten Feinde!“ Dieß thaten Jene trotz ihres gerechten Rachegefühls. Gewiß, das Volk von Vinaroz zeigte ſich da erhabener, als bei jener heldenmüthigen Vertheidigung, und ich wollte dieſe ſchone Gelegenheit nicht verſäu⸗ men, ihnen öffentlich meine Achtung zu bezeugen.“ Schon am 24. November 1838 hatte das Handels⸗ 363 von Valencia ſich folgendermaßen darüber ausge⸗ aſen: ——— Die Nachricht und Depeſche,*) welche wir in un⸗ *) Die Depeſche lautete: „Militär⸗Departement des Kreiſes Vinaroz.— Errellenz! Dieſen Morgen um zehn Uhr erhielt ich während eines ſtarken Sturmes die Nachricht, daß man ein Schiff gegen die Küſte zuſteuern ſehe, welches Nothſignale gebe und ohne Zweifel ver⸗ loren ſei. Sogleich nahm ich meine Maßregeln, um den Unglücklichen zu Hülfe zu kommen; allein da die Schaluppen das Meer nicht halten konnten, ſo mußte ich nur durch Zeichen den Rath erthei⸗ len, bei St. Magdalena, ganz nahe am Ort, auf den Strand zu laufen. Als das Schiff näher kam, bemerkte man, daß Rebellen an Bord waren; ich erkannte die Brigg, die heilige Jungfrau vom Meer, deren Kapitän Stanislaus Perez, einhundertſiebenundvierzig gefangene Carliſten, un⸗ ter der Eskorte von zehn Nationalgardiſten, von Karthagena nach Barcelona führen ſollte, ließ ſchnell meine Truppen und die Seemannſchaft aus⸗ rücken, und das Schiff gegen das Ufer heranziehen. Es berſtete durch die Gewalt der Wellen; dennoch aber gelang es dem Muth der Einwohner und der Garniſon, die ganze Mannſchaft zu retten. Ge⸗ fangene, Wachen, Schiffsleute, Alle ſahen ſich durch eine Reihe von Rettungsverſuchen, die den größ⸗ ten Theil des Tags hindurch fortgeſetzt wurden, glücklich an's Land gebracht. „Durch die gänzliche Entblößung und die lange, mühevolle Schifffahrt ſeit dem 30ſten des vorigen Monats waren die Unglücklichen, namentlich die Gefangenen, in einen bemitleidenswerthen Zu⸗ ſtand verſetzt; auch gab es mehrere Erkrankte dar⸗ unter. Dieſe nun ließ ich an einem abgeſonderten 364 ſerm vorgeſtrigen Blatte über die Ereigniſſe in Vinaroz mitgetheilt haben, iſt ſolcher Art, daß wir ihre Ver⸗ breitung durch alle öffentlichen Blätter des In⸗ und Auslandes wünſchen müſſen; denn eben in ſolchen That⸗ ſachen liegt die ſtärkſte Beſchwerde gegen die blutdürſti⸗ gen Anführer jener Mörderbanden, welche theils der eigene böſe Wille, theils das Beiſpiel und die Lehren ihrer chriſtlichen Hirten zu immer neuen Greuelthaten anreizt, aus denen man im Voraus erkennen kann, was von ihnen zu erwarten ſtünde, wenn ſie je den Sieg errängen. Man darf nicht an eine Reaktion wie im Jahr 1823 denken; obgleich es auch damals der Einkerkerun⸗ gen, Verbannungen und Hinrichtungen genug gab; die Orte bewachen und gehörig mit Speiſen und allem Nöthigen verſorgen, bis ich von Eurer Ercellenz weitern Befehl erhalte. Ich kann nicht umhin, meine vollſte Zufriedenheit mit dem Benehmen der Einwohnerſchaft, wie der Garniſon, an den Tag zu legen: Alle ohne Ausnahme wetteiferten in der Rettung jener unglücklichen Feinde, gegen welche ſie gerechte Urſache zum Haſſe hatten, und bezeig⸗ ten damit eine ächt liberale, edle Geſinnung. Nicht die mindeſte Gewaltthat kam vor; das Geſetz ſollte ſeinen Lauf gehen, und ich geſtehe, daß ich nach der kriegeriſchen Aufregung, welche das Kanonier⸗ boot Flora vor wenigen Tagen unter den hieſigen Einwohnern verurſachte, nicht dieſe ruhige, wür⸗ dige Haltung erwartet hätte. „Wollen Fuer Ertellenz in Betreff der Gefan⸗ genen weitere Befehle ertheilen, und dem Unter⸗ zeichneten zukommen laſſen. Vinaroz, den 13. Nov. 1838. Ignaz Courtois.“ An den Generalkommandanten von Valencia. + e—————————-—„———— —————— —— S—„— S——— er lte Reaktion, von der wir im Falle des Unterliegens be⸗ droht wären, würde viel entſchiedener zu Werke gehen; man würde niemand einkerkern, verbannen; alle Li⸗ berale ohne Unterſchied des Alters noch Geſchlechts.. was ſagen wir, alle Liberale? alle Unentſchiedenen, Neutralen, alle nur gemäßigten Carliſten würden er⸗ würgt, gehängt, geviertheilt; ihre Häuſer verbrannt, ihre Habe confiszirt und die ächten Carliſten hätten feine Ruhe, bis nicht ein einziger Liberaler mehr auf Spaniens Boden lebte. Wir glauben ohne Uebertrei⸗ bung behaupten zu können, daß Spanien zwei Millio⸗ nen ſeiner Einwohner nur allein durch Hinrichtungen aller Art verlieren würde, ohne jene zu rechnen, welche durch Flucht oder Auswanderung einem ſolchen Schick⸗ ſale zuvor kämen. Nach den bisherigen Erfahrungen würde man peinliche Unterſuchungskammern(chambres- ardentes), Bluträthe à la Alba, die verhängniß⸗ vollen Tage des Convents und der„Hinrichtungen in Maſſe“ im größten Maßſtabe zu erwarten haben. Dieß iſt unſere innigſte Ueberzeugung, welche auf einer ge⸗ nauen Kenntniß der earliſtiſchen Partei beruht. Wehe denen, die ſich nur auf eine Reaktion wie im Jahre 1823 gefaßt machten! Wehe denen, die etwas anders als Tod oder Exil erwarteten! Dreimal Wehe denen, die Gnade oder Vergeſſenheit hoffen könnten! Das Verlangen, dieſen Wahrheiten bei allen Spa⸗ niern Eingang zu verſchaffen, hat uns von dem Haupt⸗ zweck dieſer Schlußrede abgebracht. Wir ſagten oben, jenes Benehmen der Einwohner von Vinaroz ſei die ſtärkſte Beſchwerde gegen den Prätendenten und die Anführer, welche in ſeinem Namen der Menſchheit Hohn ſprechen. Man ſieht noch zu Vinaroz das Blut ſeiner Söhne fließen, von Forcall tönen die feindlichen Feuer herüber, täglich kommen neue Nachrichten von den Blutthaten eines Cabrera— da bietet ſich Gelegen⸗ heit zur Rache— allein das aufgeregte, zur Ab⸗ und Gegenwehr bewaffnete Volk hebt keine Hand gegen 366 ſeine Henker! es thut noch mehr: es rettet ſie vom ſichern Tode; was ſagen wir? es ſetzt ſein eigenes Le⸗ ben ein, um ſie zu retten! Und alles das ohne Rück⸗ ſicht auf perſönlichen Vortheil, ohne Nöthigung irgend einer Art, ſogar ohne die Hoffnung, daß die Feinde je ein Beiſpiel daran nehmen würden. Denn dieſe Race iſt unverbeſſerlich! Setzen wir Cabrera an jene Stelle und liefern ihm zweihundert ſchiffbrüchige Liberale; ſchon der Gedanke an ihr Schickſal macht uns ſchaudern. Wir aber nehmen unſere Feinde gütig auf, verſorgen, nähren ſie, wie es Vinaroz mit ſeinen Henkern machte! Und im Angeſicht ſolcher Thatſachen, welche das Verdienſt der ſpaniſchen Nationalgarden ſo glänzend in's Licht ſtellen, wagt man noch, ſie zu ſchmähen, zu verläumden! Wagt man noch zu behaupten, Ruhe und Ordnung ſei nicht möglich, ſo lange der Bürger Waſf⸗ fen trage? Freilich duldet der bewaffnete Bürger die Mißbräuche der Regierungsgewalt nicht, und eben dar⸗ um wollen jene der Nationalgarde nicht wohl. Die Nativnalgarde iſt die ſtärkſte Schutzwehr der Freiheit und beide haben deshalb auch die gleichen Feinde. Wir glauben nur eine heilige Pflicht erfüllt zu haben, indem wir für beſſere Einrichtung der Kranken⸗ und Gefängnißhäuſer ſprachen. Gott gebe, daß die ſtädtiſche Wohlthätigkeitsbehörde recht bald ihren groß⸗ artigen Plan, eine Irren⸗ und Gebär⸗Anſtalt zu er⸗ richten, in's Werk ſetzen könne! Allein leider ſieht ſich dieſe Behörde hierbei gänzlich von der Regierung imn Stiche gelaſſen. Von ſeiner Gründung an bis auf die Regierung Iſabellas II. genoß das große Hospital von Madrid eine völlige Steuer⸗ und Ottrvi⸗Freiheit; jetzt hat dieſe mit Ausnahme der Oktrois von Fleiſch und Wein auf⸗ gehört. Obgleich gerade die Könige ſonſt nicht geneigt ſind, den Seufzern der leidenden Menſchheit ihr mit⸗ leidvolles Ohr zu leihen, ſo haben doch alle Regenten S SMNM— S 8——— ———— 8 zu ie ß⸗ r⸗ ich im ng rid eſe uſ⸗ igt it⸗ ten — *= von Carl III. bis Ferdinand VII. dem Hospital bedeu⸗ tende Geſchenke gemacht, und der Letztere überließ den Abtrag der Küche, was immer einige tauſend Realen betrug. Heutzutage kann ſich das Hospital keiner ſolchen Fürſorge rühmen. Wir können nicht umhin, über einen Gegenſtand, der ebenfalls in unſerer Erzählung vorkam, über den Selbſtmord, einige Bemerkungen beizufügen. Die Meinungen über den Selbſtmord ſind ſehr getheilt. Die Einen halten ihn für eine Sache freier Entſchließung, für welche der Menſch verantwortlich iſt; Andere für eine Handlung, die nur aus geſtörten Geiſteskräften erklärbar ſei; Manche rühmen ihn als einen Beweis von Muth, während ihn Viele als eine ſchmähliche, feige Handlung darſtellen; die Religion betrachtet ihn als eines der ſchwerſten Verbrechen, die Moral als eine üble Handlung. Wollte man eine dieſer Anſichten einſeitig durch⸗ führen, ſo würde man in hundert Fällen unrecht rich⸗ ten; nur das kann zum Ziele führen, wenn man auf die bewegende Urſache zum Selbſtmord zurückgeht. Phyſiſche oder moraliſche Leiden, werden es immer ſein, welche jenen Entſchluß zur Reife bringen: aber des⸗ halb braucht weder die geiſtige noch körperliche Ge⸗ ſundheit weſentlich geſtört zu ſein. Es iſt freilich nichts bequemer, um das Gewiſſen derer zu beruhigen, die kein Herz für die Leiden der Menſchheit haben, als wenn man ſagt: er war nicht ganz bei ſich; allein die geringſte Beachtung der Thatſachen wird dieſe ſcheinbare Beruhigung zu nichte machen. Nehmen wir aus der Unzahl von Beiſpielen welche Herr Brierre de Boismont veröffentlicht a Abweſenheit ſeiner Tochter durch Kohlendampf erſtickte; „Liebes Kind,“ ſchreibt er,„ich bin neunundſechzig Folgendes iſt der Brief eines Vaters, der ſich in 368 Jahre alt, krank, lahm, halbblind; ich habe eine Menge Verſuche gemacht, Dir nicht zur Laſt zu fallen, allein keiner wollte gelingen; ich ſchleppte mich in die Hos⸗ pitäler, um meine Aufnahme zu erlangen, und man antwortete mir, ich hätte nicht das gehörige Alter. Seit ſechs Monaten erſchöpfſt Du alle unſre Hilſsmit⸗ tel und es vergeht keine Woche, daß Du nicht irgend etwas in's Leihhaus tragen mußt; das Ende von all' dem iſt nur zu gewiß die traurigſte Armuth, das un⸗ erträglichſte Elend; viel beſſer iſt es, ich endige meine jammervolle Eriſtenz. Ich benütze Deine Abweſenheit; wann Du zurückkommſt, ſind alle meine Leiden geen⸗ det und Du haſt nur noch für Dich allein zu arbeiten und zu ſorgen.“ Das zweite Beiſpiel zeigt uns einen Mann, den die Begierde nach Reichthum an den Rand des Ver⸗ derbens gebracht hat; er ſchreibt vor der That folgen⸗ den Brief: „Liebe Frau, eine Trennung iſt unumgänglich noth⸗ wendig; ſeit ſechs Monaten kämpfe ich gegen dieſen fürchterlichen Entſchluß: der Trieb zum Leben iſt ſo ſtark! Und doch muß es ſein! Ich hatte in meiner Ju⸗ gend ſo viel zu leiden, daß ich damals den Schwur that, das Leben mir zu nehmen, ſobald mich ähnliche Umſtände wieder bedrohen. Mit achtzehn Jahren ſuchte ich, um den drückendſten Entbehrungen aller Art mich zu entziehen, den Tod in der Schlacht; heute habe ich dieſen Ausweg nicht mehr. Du wirſt mir fluchen, theure Freundin, denn ich hinterlaſſe Dir nichts, gar nichts; doch iſt ja noch nicht Alles verloren: wenn unſer Sohn die Opfer, die wir für ſeine Ausbildung und Erziehung gebracht haben, zu ſchätzen weiß, ſo wirſt Du eine kräftige Stütze an ihm haben. „Mußte ich mich auch nach den bittern Leiden mei⸗ ner Jugend noch zum Börſenſpiel verleiten laſſen! Hatte ich vergeſſen, daß ich nie im Hazardſpiel gewin⸗ nen konnte und deshalb einen natürlichen Abſcheu vagegen fühlte? Nachdem die Vorſehung mir durch Erb⸗ ſchaft ein kleines Vermögen zugewandt, hätte ich ſollen zufrieden ſein; Ehrgeiz und ſchlimme Rathſchläge haben mich zu Grunde gerichtet. „Verwünſcht ſei der Mann, der, meine Eigenliebe zu reizen, mich auf dieſen verderblichen Weg zu leiten wußte. Ohne ihn wären wir glücklich. Auch Du, liebe Frau, haſt in ſeine verderblichen Rathſchläge einge⸗ ſtimmt— doch ich bin weit entfernt, Dir Vorwürfe zu machen— ich allein trage alle Schuld: ich hätte nicht ſpielen ſollen, und es hat mir auf der andern Seite auch an gutem Rathe nicht gefehlt. „Es blieben mir noch einige ſchwache Vermögens⸗ Reſte, mit welchen ich meine Exiſtenz friſten könnte; allein ich, der ich ſeit unſerer Verheirathung keinen andern Gedanken hatte, als Dir ein unabhängiges Leben zu ſichern, ſollte nun einen ſolchen Ausgang er⸗ tragen, Dich in Armuth ſehen? „Und Du, lieber Sohn, dem ich meine ganze übrige Liebe zuwandte, nimm ein Beiſpiel an Deinem unglück⸗ lichen Vater! Mit welcher Freude ſah ich Dein Em⸗ porblühen; mit welcher Freude vernahm ich das all⸗ gemeine Lob, das Deiner guten Aufführung zu Theil wurde! Du mußt nun ohne meine fernere Leitung al⸗ lein ſtehen; ſei der Troſt und die Stütze Deiner Mut⸗ ter. Seit ſechs Monaten wollte ich Dir meinen Kum⸗ mer anvertrauen, mit Dir über eine etwaige Aushilfe ſprechenz allein die Scham war ſtärker als mein Wille, und ich unterließ es. „Liebes Kind! ich bin ein Opfer des Mißgeſchicks; ich habe gegen dasſelbe gekämpft, und glaubte es über⸗ wunden zu haben; jetzt bin ich wieder ſeine Beute und dreißig Jahre älter. Ich bin froh, Dir eine gute Er⸗ ziehung gegeben zu haben: ſie wird Dir aus Deiner ſchlimmen Lage leicht heraushelfen. Wenn Du heirathen willſt, ſo nimm eine Frau mit einigem Vermögen, denn Jzco, Marie. U. 24 370 6 löst die Bande der Ehe ſo leicht, als Nahrungs⸗ orgen. „Lebt wohl, meine Lieben, ich drücke Euch noch an das verzweiflungsvolle Herz! mein letzter Seufzer iſt für Euch.“ Iſt in dieſem Briefe eine Spur von geſtörtem Verſtande? Jede Linie malt nur auf's ſprechendſte die Verzweiflung eines Mannes, der ſich von Armuth be⸗ droht ſieht und nicht mehr die geiſtige und körperliche Energie beſitzt, dieſem Schreckbild zu trotzen⸗ Der freie, überdachte Selbſtmord ſteht, wie jede Handlung des Menſchen, unter dem mehr oder we⸗ niger gewaltigen Einfluß der verſchiedenen Sitten, Gebräuche, Geſetze und Religionsmeinungen, und iſt nicht ſelten eine Handlung der Tugend, des heroiſchen Muthes. Nur ſo können wir den Selbſtmord bei Grie⸗ chen und Römern, bei den Indiern, Saguntern, Nu⸗ mantinern und tauſend andern Fällen erklären. Wir glauben mit Brierre de Boismont, daß der freie, zurechnungsfähige Entſchluß die Regel, das Ge⸗ gentheil nur ſeltene Ausnahme ſei. Wenn wir nun aber den Menſchen dafür verantwortlich machen, wenn wir ein Verbrechen gegen Gott, deſſen Geſetze er über⸗ tritt, und gegen die menſchliche Geſellſchaft, der er ein nützliches Glied raubt, darin ſehen, ſo dürfen wir auf der anderen Seite nicht außer Rechnung laſſen, daß eben dieſe Geſellſchaft durch Undank, Verachtung und Ungerechtigkeit ſehr oft die einzige Urheberin dieſer verbrecheriſchen That iſt. Die Geſellſchaft hat die unabweisliche Pflicht, für die Erziehuug der Maſſen zu ſorgen und die ſchlimmen Elemente derſelben auszurotten oder zu verbeſſern. Elend, Armuth iſt gewiß die häufigſte Urſache des Selbſtmor⸗ des. Sollte es unmöglich ſein, die Quellen derſelben wo nicht zu verſtopfen, doch zu vermindern? Wir glauben im Verlauf unſerer Geſchichte die Mittel angegeben zu haben, wodurch eine verſtändige Regierung den Zuſtand 371 des Volkes beſſern könnte. Man höre auf, die Unſchuld, weil ſie arm iſt, zu verfolgen; man laſſe den armen Handwerker, den ehrbaren Taglöhner nicht ohne Un⸗ terſtützung: man beſchütze Ackerbau und Handel, und er⸗ leichtere die darauf laſtenden Abgaben; man belohne Ver⸗ dienſt und Tugend; auf dieſe Art, wir ſind es feſt über⸗ zeugt, werden Armuth und Elend, die ergiebigſten Quellen des Laſters, Verbrechens und Selbſtmords, verſchwinden. Wir haben nicht unterlaſſen, die Reichen und Ver⸗ möglichen auf das Verdienſt aufmerkſam zu machen, das ſie ſich durch Beförderung und Errichtung von Geſellſchaften zur Erreichung gemeinnütziger Zwecke erwerben könnten. Wir wollen uns nicht der eiteln Selbſtzufriedenheit ſchuldig machen, als ob uns der neu erwachte Aſſociationstrieb, welcher ſeit kurzem in der Errichtung von vielen gemeinnützigen Geſellſchaften ſich kund gibt, zugeſchrieben werden dürfe; das aber dürfen wir ohne Uebertreibung behaupten, daß wir zu⸗ erſt öffentlich auf die Wege und Mittel hinwieſen, durch welche die Wohlfahrt des ſpaniſchen Volkes am ſicher⸗ ſten befördert werden könnte. Außer jenen Verbindungen und Geſellſchaften, de⸗ ren wir früher ſchon Erwähnung gethan haben, können wir jetzt noch mehrere nach Namen und Zweck kurz an⸗ führen: Die Hoffnung, eine Aktiengeſellſchaft, welche die Vervollkommnung der ſpaniſchen Induſtrie ſich zum Zweck ſetzt und über bedeutende Mittel gebietet, die theils zur Anlegung von neuen Fabriken unter eigener Verwaltung, theils zur Unterſtützung anderer Etabliſſe⸗ ments verwendet werden. Die Wohlfahrt. Ein Verein für Hebung des Ackerbaues, Einführung von Wieſenbewäſſerung, Durch⸗ führung von Kanalbauten u. ſ. w. Auch hier werden die Mittel theils zum Erwerb und Anbau bisher öde liegender Ländereien, theils zur Unterſtützung thätiger Landwirthe verwendet. 372 Der ſtädtiſche Verein. Dieſer, von der ſtädti⸗ ſchen Behörde und dem ganzen Publikum mit dem ehren⸗ vollſten Zutrauen überhäufte Verein, hat ſich zur Auf⸗ gabe gemacht, die Intereſſen der Hauptſtadt, die Ver⸗ ſchönerung und Vergrößerung derſelben, die Errichtung von gemeinnützigen Gebäuden u. ſ. w. zu berathen und thätig zu unterſtützen. Auch die Errichtung einer Sparkaſſe iſt in der Abſicht dieſer löblichen Geſellſchaft. Spaniens Morgenröthe. Eine Spar- und Leihkaſſe für Landleute und Heerdenbeſitzer. Die Bergbaugeſellſchaft der pyrenäi⸗ ſchen Halbin ſel. Handelsgeſellſchaft der großen An⸗ illen. Hütten⸗ und Bergbau⸗Verein von San⸗ Juan⸗dAlcarez. Dieſe Geſellſchaft hat bei der Er⸗ giebigkeit(beſonders an Zink, Galmey und Kupfer) der berühmten Bergwerke von Priopar und Alcarez die be⸗ ſten Ausſichten auf einen günſtigen Erfolg. Wohlthätiger Verein für innere und äuſ⸗ ſere Heilkunde. Mit Genehmigung der Regierung und unter dem Vorſitz des Grafen Villalabos hat ſich obiger Verein gegründet, um beſonders armen Kranken und ſchwangeren Frauen unentgeltliche, oder doch ſehr wohlfeile ärztliche Hülfe zu leiſten. Sollten auch mehrere der obigen Vereine und Ge⸗ ſellſchaften mehr das beſondere Intereſſe der Aktienbe⸗ ſitzer ſelbſt im Auge haben, als den Vortheil des Lan⸗ des, ſo läßt ſich doch nicht verkennen, daß ſchon die Ex⸗ weckung eines lebhaften Aſſociationsgeiſtes von bedeu⸗ tendem, unberechenbarem Nutzen iſt. Möchte durch ſolche und ähnliche Hülfsvereine dem Wucher, dieſem verderblichſten Krebsſchaden, der an Spaniens Wohl⸗ fahrt frißt, geſteuert werden! Wenn nun auch die Regierung dem gegebenen Beiſpiele folgen, und ihrerſeits Aufmunterungen und Belohnungen für den fleißigen Handwerker, den thäti⸗ ———— — ——— S— G——— 373 gen Ackersmann ausſetzen wollte.. Aber wie? Wo denken wir hin? Als ob die Gewalthaber an etwas anderes dächten, als an ihre Intriguen, an Wahlbe⸗ ſtechungen und Wahlbeſchränkungen, an Befriedigung ihrer Herrſch⸗- und Habſucht. Indem wir für Abſchaffung der Todesſtrafe unſre Stimme erhoben, haben wir gewiß im Namen der europäiſchen Civiliſation überhaupt geſprochen, und ge⸗ wiß ſtimmen mit uns alle wahrhaft gebildeten, huma⸗ nen Männer überein, daß die Beibehaltung der Todes⸗ ſtrafe als eine Schande für die Geſetzbücher des neun⸗ zehnten Jahrhunderts zu betrachten ſei. Unſerem geliebtem Vaterlande ſeine verdiente Stelle unter den gebildeten Nationen Europas anzuweiſen, den Angriffen unbilliger, unwiſſender Gegner entgegen⸗ zutreten, war unſer Hauptaugenmerk. Vielleicht ſagt aber Einer oder der Andere, hiezu hätten wir nicht nöthig gehabt, die verderbten Sitten und Laſter der höhern und niedern Stände zu ſchildern, wie wir es gethan.— Aber einestheils haben wir uns anheiſchig gemacht, die Wahrheit, die volle Wahr⸗ heit zu ſagen, anderntheils erſcheint die Tugend erſt in ihrem ganzen Lichte, wenn wir ſie neben das Laſter ſtel⸗ len. Niemand wird uns mit Recht vorwerfen können, daß wir gegen Billigkeit und Gewiſſen eine Klaſſe von Staatsbürgern gegen die andere in Schatten geſtellt, um übelverſtandene Popularität oder um die Gunſt des Reichen und Mächtigen gebuhlt hätten. Wir wollten gerecht ſein, das iſt Alles. Von der ärmlichſten Hütte der verachtetſten Stadttheile bis zu den vergoldeten Sälen der hohen Ariſtokratie, die Mar⸗ morpaläſte der kaſtiliſchen Könige nicht ausgenommen, haben wir Alles durchforſcht; wo wir Unſittlichkeit, Verderniß antrafen, haben wir es ohne Rückhalt geſagt und das Laſter in ſeiner ganzen Häßlichkeit hingeſtellt. Wenn wir in der Schenke von Vater Labouillie und von Mutter Marianne die widrigen Sitten des 374 verdorbenen Pöbels geſchildert haben, ſo meinen wir, werde die erhabene Tugend der trotz aller Armuth ach⸗ tungswerthen Familie Anſelm nicht darunter leiden. Ebenſo haben wir zwar in dem Palais der Mar⸗ quiſe de la Bourbe die verwerflichen Seiten der Ari⸗ ſtokratie kennen gelernt, aber gewiß haben uns die rühmenswerthen, liebenswürdigen Eigenſchaften der beiden Marquis von Bellaflor und beſonders der lie⸗ benswürdigen Baronin von Lac reichlich dafür ent⸗ ſchädigt. In dem abſcheulichen Mönche Patricius haben wir eben ſo das getreue Abbild jener lächerlichen Faul⸗ lenzer, die bald von allen gebildeten Nationen ausge⸗ ſtoßen ſein werden, als zugleich das wahre Konterfei der Abſolutiſten und Inquiſttionsvertheidiger darzuſtel⸗ len verſucht. In der Fabel unſeres Werkes hoffen wir getreu der Natur gefolgt und jede unzuläßige Uebertreibung vermieden zu haben, ohne jedoch durch Trivialität zu langweilen. Was die politiſchen Ereigniße betrifft, ſo iſt die Periode des estatuto royal vollſtändig mit den bedeu⸗ tendſten Details aufgenommen, und wir hoffen durch neue Auffaſſung und unparteiiſche Schilderung dieſelben in ein klares Licht geſtellt zu haben. Bei der Beſchreibung der Volksſitten, ſo wie der bedeutenden Gebäude und Paläſte in und um Madrid, haben wir verſucht, Kürze und Genauigkeit zu ver⸗ binden. Wir wollten kein Handbuch für Reiſende ſchreiben, denn in dieſem Falle wäre unſere Aufgabe eine ganz andere geweſen, um ein getreues und genaues Bild von Madrid, allen ſeinen wiſſenſchaftlichen, literariſchen und Kunſt⸗Anſtalten, ſeinen gemeinnützigen Vereinen dem Handel und der Induſtrie, überhaupt ſeinen Fort⸗ ſchritten in der Civiliſation zu geben. Unerwähnt blieb das prächtige Muſeum für Seulptur, für Marine, 375 Genie und Artillerie; das topographiſche, natur⸗ hiſtoriſche und biographiſche Kabinet; die National⸗ Buchdruckerei, das metevrologiſche Obſervatorium, das Zeughaus, die allgemeine Bibliothek, die Bibliothek zu San⸗Iſidorv, das Rathhaus, der Gerichtshof, das Zoll⸗ amt, das Miniſterial⸗Gebäude, die verſchiedenen Aka⸗ demien, das Univerſitätsgebäude, die höhern und niedern Schulen, der botaniſche Garten und tauſend andere Gegenſtände, welche Madrid neben jeder andern Haupt⸗ ſtadt Europas ſeinen Rang behaupten laſſen. So haben wir auch den berühmten Retiro, jenen Zauberſitz des galanten und ritterlichen Philipp IV. oder eigentlich ſeines Primierminiſters Olivarez übergangen. Dieſer mächtige Günſtling hatte allen Glanz ſeiner über Spa⸗ nien, Portugal, Italien, Flandern und Amerika gebie⸗ tenden Gewalt hier entfalten wollen; hier in dieſem bewunderswürdigen Palaſte ſah man die berühmteſten Dichter und Maler, einen Lope de Vega, Calderon, Tirſo, Quevedo, Murillo und Velasqucz. Wir mußten wohl auch Einiges für den zweiten Theil von Mariens Geſchichte, den wir vielleicht un⸗ ter dem Namen der„Marquiſe von Bellaflor“ dem Publikum übergeben, aufſparen. Wie wir in dem vorliegenden Werke Marien als Vorbild für die ärmeren Klaſſen hingeſtellt haben, ſo könnte dieſelbe Heldin in ihrem neuen Stande mancher vornehmen Dame als Muſter von Geſchmack, Eleganz und Sittlichkeit dienen. Dabei müßten in dieſem zwei⸗ ten Theile die politiſchen Ereigniſſe von der Revolution zu la Granja an bis heute ebenſo treu als anziehend geſchildert werden— doch greifen wir der Zukunft nicht vor. Möge das Urtheil des leſenden Publikums und der Kritik ausfallen, wie es wolle, eine Ueberzeu⸗ gung tragen wir feſt in uns: Unparteilichkeit in poli⸗ tiſchen Dingen war unſre ſtete Richtſchnur, wenn wir auch, unſerm unabhängigen, ſtrengen Charakter gemäß, die Mißbräuche der Regierenden, die feile Schmeichelei 376 der Höflinge, die Beſtechlichkeit mancher Apoſtaten, die Gewiſſenloſigkeit mancher Befehlshaber, die dumme Ein⸗ falt mancher Adeligen, den drückenden Militärdeſpotis⸗ mus, die verkauften verrätheriſchen Miniſter, die Wu⸗ cherer und Verſchwender hart getadelt haben. Ueberzeugt von der Wahrheit unſerer Grundſätze und Anſichten, haben wir im vorliegenden Werke die auf allen Seiten begangenen Fehler getadelt, da wir keiner Koterie angehören, ſondern nur nach beſtem Gewiſſen zum Wohle des immer und immer unter⸗ drückten Volkes ſprechen. Wir wollten das Laſter unter allen Formen an⸗ greifen, alle Mißbräuche aufdecken und die Mittel da⸗ gegen anzeigen. Die Tugend hat geſiegt, das Laſter wurde beſtraft. Vermißt man an unſerem be⸗ ſcheidenen Werke die poetiſche Gewalt, die rhetoriſche Schönheit der großen Romanſchreiber Frankreichs, ſo möge man den armen Dichter entſchuldigen; läßt man aber unſern Abſichten Gerechtigkeit wiederfahren, erkennt man uns den Namen eines guten, verfaſ⸗ ſungstreuen Spaniers zu, ſo ſind ſchon damit alle unſere Wünſche erfüllt. Wenceslas Ayguals de Izco. —