Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ) — von Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Li Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vfananayang und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — 2 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für Wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— 2 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 2 Mk.— Pf. 11— 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ lund Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. ſer ünezens. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 „——————,& ——“ 4 9) Die Geheimniſſe von Hamburg. ——⸗— Von Chriſtern. Zweiter Band. Verlag von b Schuberth& Comp. in Hamburg X Feipzig. 1845. Inhalt des zweiten Theiles. Erſtes Capitel. Seite Das Nendenzvors.. 1 Zweites Capitel. Die Schweſtern....................... 12 Drittes Capitel. Die Intrignge.. 18 Viertes Capitel. Der Kirchenraub....... 24 Fünftes Capitel. Der Holländeerer 37 Sechſtes Capitel. Der Brandſtifter..... 52 Siebentes Capitel. Der Goldarbeiterer. 59 Achtes Capitel. Der Einbricchht.. 64 Neuntes Capitel. Der Verrath...................... 69 Zehntes Capitel. Auf dem Meere.......... 77 Elftes Capitel. Die Kinderleiche.................... 84 Zwölftes Capitel. Eine Kataſtrophe............... 91 Dreizehntes Capitel. Die Bekanntſchaft....................... 98 Vierzehntes Capitel. Gräfin Polka................... 104 Funfzehntes Capitel. Das Leben 117 Sechszehntes Capitel. Der Plan............. 126 Siebzehntes Capitel. Hotel garm......... 135 Achtzehntes Eapitel. Meiſter Blakſon........... 140 Die Adoptivtochter.. 145 Neunzehntes Capitel. Das Document.... 153 Das Gelingen................. 161 Zwanzigſtes Capitel. Die Enttäuſchung!....... 167 Einundzwanzigſtes Capitel. Die Eutfernung.................. 175 Zweiundzwanzigſtes Capitel. Das kleine Haus...... 201 Dreiundzwanzigſtes Capitel. Der Miſſionatr............ 217 Vierundzwanzigſtes Capitel. Der Spaniole............... 226 Fünfundzwanzigſtes Capitel. Der Abend in den„vier Löwen”...... 232 Sechsundzwanzigſtes Capitel. Aufklärung...................... 242 Siebenundzwanzigſtes Capitel. Die Entwickelung des Ganzen und der Schluß.....)....K.......254 I. Das Rendezvous. Es war ein ſonniger, ſammtweicher Junitag ge⸗ weſen. Jetzt eilte die Sonne mit dem ebbenden Strom der Elbe der Nordſee zu. Die letzten Strahlen glitzerten über den Spiegel des Fluſſes hin und machten es ſo dem Auge unmöglich, hier⸗ her zu dringen. Auf dem Walle blüheten die Gebüſche in allen Farben; die Akazien und Jasminen zerſtreuten weithin ihren betäubenden Geruch, und die Nach⸗ tigall ergoß ſich immer neu in ſchmelzenden Liedern. Kurzum, die Natur hatte einen Feiertag gehabt. Traulich und behaglich wurde es vor Allem in der Gegend hinter dem Elbpavillon, wo ein breiter Gang ſich ſchlangenartig am Waſſer hinwindet. Bänke gewähren dort Erquickung und Ruhe. Aber leider findet man ſelten ſie frei, oder doch von einer ſolchen Geſellſchaft eingenommen, daß man ſeinen Platz darunter behaupten mag⸗ Geheimniſſe von Hamburg, II. 1 Wie hübſch iſt die ſchmale Ausſicht von der Bank im Grunde bis zu dem freilich nahen, jen⸗ ſeitigen Ufer des Stadtgrabens! Man findet hier mitunter alle Erforderniſſe zu einem reizenden Land⸗ ſchaftsgemälde beieinander. Eſchen und Linden er⸗ heben ſich drüben an der Abdachung ſtufenweiſe übereinander und verleihen, ſo weit ſie ſich im Waſſer ſpiegeln, dieſem durch ihre dunklen Laubkronen auch einen tieferen Schein. Mehr dieſſeits aber bleibt Raum genug für das Silbergefunkel der Sonne und die hellgrünen Gebüſche, die ſich hier mit hei⸗ terem Behagen im Spiegel ſehen. Angler ſtehen dort am Rande, ein Hund, vielleicht auch ein faul⸗ lenzender Schmarotzer, ruht nicht weit davon entfernt an einem Baumſtamm. Hier zieht ein Schwarm Enten durch das Schilf und Ufergras, und ſucht ſchnatternd, bald den grünſchimmernden Kopf, bald die gelben Füße in die Höhe reckend, ſein Futter. Dampf raſſeln am Thore die Wagen vorüber und ferner und ferner tragen die Lüfte das Geräuſch von den Straßen und Markplätzen herüber.— Auf der Bank ſitzt diesmal nur ein ſtiller blonder Menſch und ſinnt, vielleicht daß er über die Zu⸗ kunft ſeines Ruhmes nachdenkt. Vor ihm über laufen und ſcherzen drei kleine Mädchen: Die Eine iſt blond, die Andere hellbraun, die Dritte hat ein faſt ſchwarz glänzendes Haar. Die jüngſte ſcheint kaum zehn, die Älteſte noch nicht dreizehn Jahr alt zu ſein. Sie ſind hübſch angezogen und allem Anſehn nach gewiß, wie man wohl ſagt, guter Leute Kinder. An ihrem ganzen Weſen kann man ſehen, daß ſie, wenn auch keine ſorgfältige Erziehung, doch wenigſtens eine gewiſſe Abrichtung und äußere Glätte in Haltung und Benehmen er⸗ fahren haben. Die Blonde, die Jüngſte, ſcheint noch ziemlich ſchüchtern, während die Ällteſte eine ungemeine Keckheit und Lebendigkeit zeigt. Die Blicke der Letzteren ſind ſcharf und beſtimmt, faſt ſchon herausfordernd. Sie heißt Henriette, denn ſo wird ſie von den beiden Andern gerufen. So viel läßt ſich aus ihrem gelegentlichen Ge⸗ ſpräch errathen, ſie haben Erlaubniß, vielleicht den Auftrag eine Freundin zu beſuchen, aber dieſe iſt namentlich nicht nach Henriettens Sinn. Sie haben das freie Amüſement alſo vorgezogen. Die drei kleinen Grazien, denn leicht und rei⸗ zend angezogen ſind ſie wirklich, hüpfen an's Waſſer hinunter, bewerfen ſich damit wie Diana den Ac⸗ täon und treiben allerlei muthwillige Neckerei. Sie werden nach und nach ſo unbefangen, als ſäße Niemand da auf der Bank und ſähe ihnen zu. Sie ſind ganz wie unter ſich. Aber immer wilder werden die Dämchen, immer loſer die Reden. Steckt dergleichen ſchon in den zarten Seelchen, in dem erſten grünen Reiſig,— die Peſtimpfe der modernen Geſelligkeit! Giebt es denn kein Geheimniß der Natur und des Ge⸗ ſchlechtes mehr! In Italien reift und verblüht Alles früh— in Deutſchland, in Norddeutſchland nicht auch? Es iſt wohl nur eine Decke der Schein⸗ heiligkeit darüber gebreitet. Der blonde Menſch, der über die Zukunft ſeines Ruhmes und die Aufgabe des Socialismus nach⸗ denkt, traut ſeinen Ohren nicht.— Na, Betty, ſagt die kecke ſchwarze Henriette, welche den Fuß immer ſo adrett auswärts und voraus⸗ ſetzt, wenn Einer deine Waden ſieht, den muß es kitzeln. — Meinſt Du, Affe? — Freilich, umſonſt hebſt Du Dein Kleid auch nicht ſo— Du biſt grade wie Dirnen. Komm, nimm Dein Tuch ab; geniere Dich nicht. So!— — Laß das, was thuſt Du denn?— — Du biſt reizend, mein Kind, nur ſchade, daß du noch ein wenig zu klein biſt. — Ich zu klein? Biſt Du denn größer? — Ich ſag' dir, Schatz, man bekümmert ſich noch nicht um Dich, aber um mich, das kannſt — 5— Du glauben.— Dabei ſetzt ſie den Fuß abermals ſtramm voraus und wirft das Köpfchen mit den 1 dicken ſchwarzen Zöpfen in den Nacken. — Setzen Sie ſich, Madame. — Madame?— — Nun, Manſell. — Ich bin keine Mamſell, ich bin noch eine Jungfrau. Dabei wirft die Henriette plötzlich einen ſcharfen, verſchmitzten Blick auf den Daſitzenden, als hätte ſie den nun erſt bemerkt, kichert in den Buſen hinein und fährt dennoch, obgleich mit ge⸗ dämpfteter Stimme fort: Ich habe— — Ach, was Du haſt und nicht haſt, ſagt die zehnjährige Betty, und tritt etwas verſchämt auf die Seite. Spaizergänger gehen vorüber; es wird hier in den lauſchigen Gängen belebter, wie regelmäßig un⸗ mittelbar nach der Sperre. Die drei kleinen Mädchen entfernen ſich. Hie und da ſchleicht ſchon ein lie⸗ bendes Paar, Arm in Arm verſchlungen, als habe es eine Narrenkappe über und könne von Niemandem geſehen werden. Endlich iſt die Stunde um, denn ſo lange iſt es nach der Sperre nur vergönnt, auf dem Walle zu promeniren. — 6 Die Schildwache, ein junger, rüſtiger, wohl aus⸗ ſehender Menſch von ſtattlichem Wuchs bleibt allein übrig. Der Soldat, das Gewehr im Arm, geht gemäch⸗ lich den Weg hinanf. Hin und wieder bleibt er ſtehen und ſieht ſich um, ob das Terrain rein. Da zeigt ſich plötzlich noch eine Geſtalt. Es iſt ein Mann von mittleren Jahren und unterge⸗ ſetzter Geſtalt. Er trägt einen blauen Rock, ein weißes Halstuch und ein ſpaniſches Rohr, letzteres mit übereinandergeſchlagenen Armen gleichſam hinter ſich herſchleppend. Mit den kleinen zugekniffenen Augen lugt er unſtät umher. Seine Geſichtsfarbe ſpielt in's fahlgraue und iſt wie mit einem matten Fir⸗ niß überzogen. Die Züge um Naſe und Mund⸗ winkel drücken Mattigkeit und Erſchöpfung aus. Die dünn um die Schläfen gruppirten Haare geben dem Geſicht etwas Unheimliches und widerlich Auf⸗ fallendes, ohne daß man die Urſache dieſes abſon⸗ derlichen Umriſſes näher beſchreiben könnte. Die Schritte dieſes Mannes ſind ſchleppend. Der Spaziergänger, welcher hier ſo allein zu⸗ rückgeblieben iſt, ſcheint etwas zu ſuchen. Als er die Schildwache, welche darauf angewieſen iſt, Diejenigen, welche ſich auf dem Walle verſpäten, zu⸗ rück zu weiſen, gewahr wird, zeigt er nicht die geringſte Verlegenheit, ſondern geht ihr vielmehr dreiſt, wenn auch langſam entgegen. Der Soldat iſt ein rüſtiger, wohlgebildeter Menſch von noch nicht zwanzig Jahren. Seine Wangen ſind roth und friſch; die Oberlippe zeigt erſt den Anflug eines blonden Bartes. — Sie dürfen Sich hier nicht mehr auf dem Wall aufhalten, mein Herr, ſagt die Schildwache zu dem Spaziergänger; wollen Sie alſo ſo gut ſein, und ſich von hier entfernen! Der Zurückgewieſene wird durch dieſe Worte nicht im geringſten aus der Faſſung gebracht. Statt zu antworten, ſtellt er ſich dicht vor den Soldaten hin und blickt dieſen mit blitzenden Augen an. Es entſteht eine Pauſe. Faſt verwundert über das Benehmen des Spaziergängers, drückt der Soldat ſein Gewehr feſt in den Arm. In Erwägung, daß der Mann ganz reſpectabel ausſieht, wagt er ſeine Weiſung nicht ſogleich zu wiederholen. Vielleicht, denkt er, hat der Mann irgend einen unangenehmen oder betrübenden Vorfall gehabt, iſt verſtimmt, und will ſich von dir nur nicht ſogleich zurückweiſen laſſen. Es iſt gewiß ein ehrſamer hamburger Bürger, der nicht nöthig zu haben glaubt, dir wie anderes Volk unmittelbar Folge zu leiſten. Er wird nach einigen Minuten ſchon von ſelbſt weggehen. — Sie ſind wohl noch nicht lange Soldat? frägt der Unbekannte. — Bald ein Jahr. — Und ein Fremder? — Nein, ich habe mich feſtgelvoſt. — Schade, ſo in der Garniſon zwiſchen Leuten von allen Nationen herum zu liegen. — Ob, es wird jetzt beſſer. Unſer Comman⸗ dant ſteckt nicht mehr allerlei hergelaufenes Geſindel nur ſo mir nichts dir nichts in die Uniform hinein. Früher mögen Diebe und Mörder unter dieſen zu⸗ ſammen gelaufenen und immer friſch angeworbenen Hanſeaten verborgen geweſen ſein, Mancher ſah grimmig genug aus, aber dieſer Makel des alten Militairweſens hört immer mehr auf, ſeit auch die Hamburger Kinder dienen oder ſich wenigſtens einen ehrſamen Stellvertreter kaufen müſſen. — So, ſo!l ſagte der Unbekannte, und ſah den Soldaten immer traulicher an.— Sie haben hier wohl noch lange auf dem Poſten zu ſtehen. — Es ſind noch anderthalb Stunden bis ich ab⸗ gelöſt werde. — Setzen wir uns hier, ich werde Ihnen ſo lange Geſellſchaft leiſten. — Ich danke, mein Herr, das iſt gegen die Disciplin. Ich muß Sie bitten.— — —₰— — Nun, nun, ich werde Ihnen ja keine Strafe zuziehen. Ich habe im Hauſe keine Ruhe, ich kann nicht ſchlafen, nehmen Sie vorläufig dieſe Kleinigkeit für Ihre Nachſicht. Man bemerkt uns hier nicht und Sie können dennoch das ganze Ter⸗ rain überſehen, wo längſt kein Menſch ſich mehr blicken läßt.— Laſſen Sie mich auf dieſer Bank nur noch ein halbes Stündchen ſitzen, dann will ich Sie nicht länger der Gefahr ausſetzen, für unterlaſſene Pflicht vielleicht gar beſtraft zu werden. Auf jeden Fall werde ich Sie bitten, morgen Abend in der Caſerne meine Geſundheit zu trinken. Recht gerne, verſetzt der junge Soldat etwas verlegen, aber annehmen werde ich nichts von ihnen; wenigſtens in dieſem Fall nicht. — Nun, ſo ein kleiner hübſcher Menſch als Soldat— kommen Sie, lieber Freund, ſetzen Sie ſich bei mir nieder, ſagt der Unbekannte mit unge⸗ mein ſchmeichelndem, faſt weibiſchen Tone, und will den jungen Soldaten zu ſich auf die Bank ziehen. — Mein Herr ſagt dieſer entrüſtet auffahrend, ſoll ich Sie arretiren und in die Wache bringen? Gleich entfernen Sie ſich, oder ich thue meine Pflicht!— Der Soldat iſt ſehr aufgeregt und ſcheint in demſelben Augenblicke vor Furcht zu zit⸗ tern und vor Wuth außer ſich kommen zu wollen. 1*△ ‧*△⁵ — 10— — Nun, nun, was ſoll denn dieſer Zorn, nur nicht ſo böſe, ſagt der Unbekannte, und raſſelt mit der einen Hand mit den Dritteln in ſeiner Taſche, während er mit der andern dem Soldaten die Wange zu ſtreicheln ſucht. Dieſe Zärtlichkeit läßt jener aber nicht erſt über ſich ergehen, ſondern fäßt raſch mit beiden Händen ſein Gewehr und verſetzt dem Unbekannten mit dem Kolben eine ſo nachdrückliche Weigerung, daß dieſer auf die Bank zurücktaumelt, das Gleichgewicht ver⸗ liert und ſo mit dem entgleitenden Hut und Stock in das abſchüſſige Gebüſch fällt. — Jetzt auf die Wache Herr, wer Sie auch ſind, mir gleich viel, marſch! ſagt der Soldat, mit entrüſteter Stimme. Machen Sie fort, wenn Sie nicht noch mehr Aufſehn haben wollen. Fort, ſag ich! Hallunke!— Der Unbekannte hat ſich wieder aufgerafft, reinigt ſeinen Rock vom daran hängenden halb⸗ verfaulten Laub und der ſchlüpfrigen Erde, und blickt dabei den Soldaten feſt und drohend an. Was wollen Sie, ruft er, dürfen Sie einen hamburger Bürger ſo mit dem Kolben vor die Bruſt ſtoßen, ohne alle Urſache? Wiſſen Sie, daß ich Ihnen darfür eine exemplariſche Strafe verſchaffen kann. Aber ich will mit Ihnen in Gelegenheit ſehen, Sie ſind jung und unerfahren. Ich will dieſe grobe Behandlung dagegen aufgehen laſſen, daß Sie mich hier etwas länger auf dem Walle haben verweilen laſſen. Das durften Sie nicht. Es ſind bald zwei Stunden nach der Sperre — alſo haben Sie gegen Befehl gehandelt. Mir können Sie nichts anhaben, ich würde mich immer auch zu helfen wiſſen, ich habe Geld— aber Sie! Gute Nacht. Der junge Soldat ließ ſich einſchüchtern und den Unbekannten vom Wall hinunter ſeiner Wege gehen. Dieſer verſchwand wie Rübezahl durch das ſchwebende Halbdunkel der Nacht, während jener nur noch mit dem Gewehr auf die Erde ſtieß, ſich, wie nun erſt wieder zum Bewußtſein kommend und gegen ſeine beſſere Ueberzeugung gehandelt zu haben bereuend, räuſperte und voll Aerger, daß er den ſpäten Spaziergänger nicht dennoch arretirt, kopf⸗ ſchüttelnd ausrief:„Der verdammte—!“ Die Schweſtern. An demſelben Abend, an welchem das im vor⸗ hergehenden Capitel Erzählte vorfiel, ſaßen zwei junge Damen, oder richtiger eine junge Frau und ein junges Mädchen in einem ziemlich elegant möblirten Zimmer, auf dem Sopha neben einander. Es waren Schweſtern, von denen die Aeltere, welche Frau im Hauſe und ſeit drei Jahren an einen ausſchweifenden, kränkelnden Mann verheirathet war, Auguſte, die Jüngere aber, welche, obgleich Oſtern ſchon confirmirt, ſich doch noch in einem Erziehungs⸗Inſtitut unweit der Stadt befand, und jetzt nur in den Pfingſtferien einige Tage bei der Schweſter zubrachte, Minna hieß. Minna ſaß in der einen Ecke des Sopha's und blätterte unſtät in einem ſchon ſehr verleſenen Ro⸗ mane von Paul de Kock umher, während Auguſte in der andern Ecke in nachläſſiger, faſt horizontaler Lage ruhete, und ſie anhaltend und forſchend anſah. Ich weiß nicht, wie Du mir vorkommſt, Minna, Du haſt Dich ſeit einiger Zeit ungeheuer verändert, und gerade ſeit geſtern und heute biſt Du unruhiger und bizarrer als je. Du haſt Dir doch nicht etwa ſchon einen Bräutigam zugelegt, und willſt nun aus dem Romane lernen, wie Du's machen mußt, um den verliebten Jungen recht zärtlich zu machen!— — Ach— nein, ſagte Minna ſtotternd und ſeufzend und überlief dabei im Geſicht mit Pur⸗ purröthe. Nein— Auguſte— — Nun, das will ich auch hoffen, Du biſt ja eben erſt confirmirt, obgleich mir damals, als ich ſo weit war wie Du, mitunter doch ſchon recht närriſche Dinge durch den Kopf gingen. Aber wenn Du mich betrachteſt und meine Lage,— nicht wahr, Kind? mein Verhältniß als Frau iſt ſehr reizend und erfreulich, Du mußt Dir das in Deinem Alter ſchon vorſtellen können!— genug, wenn Du mich und meine Lage betrachteſt, ſo muß oder follte Dir die Luſt zum Heirathen ſchon ver⸗ gehen. — Ach, nein, Auguſte, ans Heirathen denk ich auch noch gar nicht, nicht einmal an einen Ge⸗ liebten, obgleich ich neulich Abends im Theater— — Na, da wird's kommen! verſetzte lachend Auguſte und ſpielte mit ihrem Fuß an der Tiſchdecke. Nun heraus damit, mir Deiner Schweſter kannſt Du's ſchon ſagen.— — Obgleich ich im Theater mich in den Dar⸗ ſteller des— des— wie heißt er doch gleich— in dem„Opfer des Schweigens“ ordentlich verliebt habe. — 414— — So— ſo; Du auch ſchon, weiß der Himmel daß ſie ſich in den Schauſpieler auch Alle verlieben. Nein, Minna, es iſt nicht auszuhalten, wenn er in ſeiner Rolle ſo warm, ſo zärtlich ſpricht, und dabei ſeine Geſtalt, ſeine Beine.— Aber wir kommen von Dir ab und auf's Theater und auf die heimliche Verliebung in die Schauſpieler— weißt Du, zwei Mädchen, die ſich auch bis über die Ohren in ihn verliebt haben, ſind krank, ich glaube gar verrückt geworden und befinden ſich jetzt, um ſich von ihrer Liebe heilen zu laſſen auf dem Krankenhof. Was hier aber auch für Geſchichten paſſiren!— Nun, ſprich doch, haſt Du ſchon einen Bräutigam oder nicht, vielleicht gar eine Amour mit einem Deiner Lehrer! — Gewiß nicht, Auguſte, die ſind alle trocken und häßlich. — Was haſt Du denn aber? So viel hab' ich nun ſchon heraus, etwas muß Dir fehlen, ſonſt ſchnitt'ſt Du nicht ſolche närriſche ſauerſüße Ge⸗ ſichter.— — Ja— ach Gott! ich kann Dir's gar nicht ſagen, aber ich muß morgen ſchon wieder weg, und ich muß und muß es Dir ſagen— wenn nur Niemand kömmt.— — Wen meinſt Du, meinen Mann?— wo der ſich überall herumtreibt, weiß er vielleicht ſelbſt nicht; darüber bin ich ſchon hinweg, mich um ſeine Fahrten auch noch zu bekümmern, und ſonſt hab' ich noch keinen Hausfreund, der mir die Cour macht. Ach!— ſetzte Auguſte hinzu und ſeufzte und gähnte gleichzeitig. Du, Dirne, die eben aus der Schule iſt, und auch noch halb drin ſteckt— Du kannſt mir Dein verliebtes Herz alſo gerne öffnen, es ſtört uns Niemand. Oder willſt Du warten bis wir im Bett ſind? — Kann ich wieder bei Dir ſchlafen?— — Nun, warum nicht? — Aber Dein Mann? Ach, der verlangt nie nach mir, oder vielleicht bin ich ihm allein zuwider, wer weiß das. — Nein, ich will Dir's lieber gleich entdecken, damit Du mir rathen kannſt. — Du haſt mir etwas zu entdecken? Ich werde doch nicht etwa gar hoffen— Minna— Minna — das wären ſchöne Geſchichten. Wie iſt es möglich. Du— ich— — Ja, Guſte, liebe beſte Guſte, ich wollte es Dir lieber gönnen als mir, aber es iſt nun einmal ſo. Ach, ſchilt mich doch nicht aus, und— ſag Keinem, Keinem etwas, hörſt Du, Guſte, ſagte Minna, warf ſich mit flehender Zärtlichkeit über — 16— den Schooß ihrer Schweſter, legte ihren Arm um deren Nacken und ſah ſie feſt und fragend an. Statt zu zürnen, ſah Auguſte ſtumm und ſtarr vor ſich hin. Offenbar überlegte ſie, was zu thun ſei. Aber ihre Combinationen mußten fehr weit und umfaſſend ſein, denn noch immer ſaß ſie ſprachlos da, den Blick ſtarr vor ſich hingeworfen, ohne eigentlich ihre Schweſter fragend oder prüfend anzuſehen. — Guſte, hub Minna wieder an, biſt Du mir böſe? Ich kann wahrhaftig nichts davor. Glaub' mir doch, ich bin ſo unſchuldig,— — Bei dieſen Worten ſchien Auguſte wieder zu ihrem Bewußtſein zurück zu kommen oder vielmehr aus fernen, tiefen Gedanken zu erwachen. Sie blickte die Schweſter jetzt klug und lächlend an, als wollte ſie ſagen: Ich hab's! Ich hab' den Plan gefunden. — Du lächelſt— ſo willſt Du mir alſo nicht böſe werden und— helfen— — Du verteufelte Dirne, ſagte Auguſte, wer hätte das von Dir gedacht. Aber es iſt gut, ich bin mit Dir zufrieden. — Verſteh' ich Dich recht? Aber was heißt das? Ich begreife Dich wirklich nicht? Du biſt „— 4 ˙———— — 17— mit mir zufrieden? Und ich— ich kann— ich darf.— — Du darfſt und ſollſt gar nicht wieder weg. — Ach nein, ach ja— aber wo ſoll ich hin?— — Du ſollſt verreiſen— nach unſerer Tante auf dem Gute bei C. Dort, im Hannoverſchen lebſt Du Deiner Geſundheit wegen, ich werde Deiner Penſions⸗Madame ſchon ſchreiben, daß Deine Tante Dich mitgenommen hätte— während dieſer Zeit aber ſitzeſt Du ruhig oben in dem kleinen gelben Zimmer, die Ratzen und Mäuſe werden Dich dort nicht beſuchen, Du mußt Dich nun einmal in die Umſtände fügen, es läßt ſich nicht ändern. Ich werde täglich für Deine Speiſen ſorgen, wenn es angeht, ſollſt Du auch herunter kommen, möglichen Fall's am Abend auch mit mir ausgehen, friſche Luft zu ſchöpfen, wenn es Dir zu ſchwül wird in Deinem Gefängniß— — Und dann? — Komm, laß uns zu Bette gehen, da will ich Dir auch was erzählen. Du mußt mir einen Gegendienſt leiſten. — Ich— Dir einen Gegendienſt leiſten, ver⸗ ſetzte Minna verwundert, kann ich das, wie iſt das möglich? — 18— — Es iſt unmöglich, daß Du es nicht kannſt und willſt. Du mußt wollen und können, oder — komm nur in's Schlafzimmer, ich will Dir meinen Plan entdecken. III. Die Intrigue. Die beiden Schweſtern, die Aeltere mit dem Lichte vorangehend, traten in das Schlafzimmer. Sie ſprachen kein Wort während ſie ſich entkleideten und gegenſeitig aufſchnürten. Man hörte nichts als das Rauſchen der fallenden Kleider und der gelöſten Schnürbänder. Auguſte ſah der um faſt einen Kopf kleinern Minna über die Schulter und ſagte lächelnd und ſcherzend:„Ja, was Du ſchon für eine niedliche Bruſt haſt.“ a, ue— — Ach, Du biſt nicht geſcheut, Guſte. — Schnell, ſchnell, ſagte die junge Frau und rauſchte mit ihrer Schweſter in das Bett hinein. In demſelben Augenblick wurde an die Thür geklopft.„Wer iſt da?“ fragte Auguſte.„Lene biſt Du es?“— —————— — Ja, Madame, der Herr iſt eben zu Hauſe gekommen. — Meinetwegen— und darum ſtörſt Dn mich? — Madame, er iſt gar nicht wohl; er iſt ge⸗ fallen, wie er ſagt, auf der Straße ausgeglitſcht und hat ſich dabei an einem Eckſtein die Bruſt gequetſcht, die wirklich braun und blau ange⸗ ſchwollen iſt. — Das ſchadet ihm nichts, ſagt die junge Frau, auf ein ander' Mal laß ihn nicht ſolche Irrfahrten machen. Wer weiß wo er geweſen iſt! Hilf ihm, Lene, wenn Du willſt, gieb' ihm Eſſig und Waſſer, ſonſt— laß mich ſchlafen, hörſt Du? Ich bin müde, ſehr müde. Stör' mich nicht wieder, auch wenn er's ſagt. Hörſt Du?!— Die junge Frau drehte ſich dabei halb unwillig um und wandte das Geſicht ihrer Schweſter zu. — Nun, ſag, Guſte, forderte Minna auf. — Erſt ſag Du mir, loſe Dirne, wie hat es angehen können.— — Ja, ſieh, wir waren von Louiſe S., unſerer ſieben an der Zahl eingeladen zu ihrem Geburts⸗ tage am 15. März. Die Alten waren nicht zu Hauſe und wir brauchten uns daher gar nicht zu geniren. Da Louiſe ſehr vertraut und bekannt iſt mit Louis B., ſo hatte ſie ihn und noch ſechs Andere fort: Ich habe geſagt, daß Du mir einen Gegen⸗ — 20— von ſeinem Alter, d. h. von ſechszehn, ſiebenzehn Jahren eingeladen, um ihre Geſellſchaft bunter und intereſſanter zu machen. Zuerſt ging es ganz ordentlich und wie gewöhnlich her. Dann fingen wir allerlei Spiele an, Pfänder⸗ ſpiele, wobei ſchon recht viel geküßt wurde, u. dgl. — und— dann mietheten wir uns paarweiſe in den verſchiedenen Zimmern und Localitäten ein, als wohnten wir für uns. Wir ſpielten Mann und Frau— ſetzte Minna hinzu und bückte ſich mit dem Geſicht unter die Decke. — Mann und Frau!— ſagte Auguſte und zupfte ihrer Schweſter beim Ohrläppchen, ſo daß dieſe genöthigt war, ihr Geſicht wieder aufzurichten. Da— alſo— — Ach, die Andern, bis auf noch Eine, ſind viel beſſer davon gekommen als ich, ſie brauchen an jenes verdammte Spiel und Louiſe an ihren Ge⸗ burtstag nicht mehr zu denken, während ich und Sophie uns ſchämen müſſen. Aber nun ſag' Guſte, was fang' ich an, was fang' ich an; wenn Mutter noch lebte.— — Komm, kleine, kleine— Frau, ſagte Au⸗ guſte und drückte Minna feſt an ſich. Dann fuhr ſie faſt nur flüſternd und mit bedenklicher Mine 4—— 2 5* — ͦ———— — 21— dienſt leiſten kannſt, was Du gewiß nur ſehr gern thuſt, wenn ich Deine Angelegenheit ganz und gar unbekannt bleiben laſſe.— Du weißt, daß mein Schwiegervater kaum noch zwei, drei Jahre leben kann, und daß mein Mann durch ſeine Lebensweiſe ſich ſo ruinirt, daß er auch plötzlich ſterben oder ſonſt mit Zufällen, die nicht erlauben, ihn länger umherwirthſchaften laſſen, behaftet werden kann. Denn ſieh, er hat in Folge ſeiner Ausſchweifungen ſchon mehrere Male einen Anfall von einem ſonder⸗ baren Delirium gehabt, und wenn das wieder oder gar öfterer kommt, ſo muß er nothwendig nach dem Krankenhof hinaus, und dann weiß man ja nicht, wie es werden kann. — Delirium? fragte Minna, und ſah die Schweſter halb einfältig, halb verwunderungsvoll an. — Nun ja, verſetzte dieſe: es zieht ihm auf's Gehirn, und iſt denn das zu verwundern? Er ſieht ja aus.— Doch höre weiter. Du weißt, daß mein Schwiegervater noch viel Geld hat und dabei noch ſehr raſch iſt. Stirbt mein Mann nun aber eher als mein Schwiegervater, was ſehr zu ver⸗ muthen, ſo werde ich, da unſere Ehe kinderlos iſt, bei der Erbſchaft wenigſtens ziemlich, wenn nicht ganz leer ausgehen. Um mich dieſer Gefahr nun nicht auszuſetzen, und darauf bald und bequem — 22— wieder heirathen zu können, ſo dächte ich— — Was denn, Auguſte, Du machſt mich neu⸗ gierig? Was denkſt Du?— — Wir tauſchten. Ich nehme Dir Schimpf und Schande ab und Du machſt, daß ich erbfähig werde. — Aber wie kann ich denn das? — Sehr gut, Du Dummbart. Verſtehſt Du mich wirklich noch nicht, oder ſtellt Du Dich nur ſo.— Ich habe Dir ſchon geſagt, daß Du oben in der Kammer, wo ich Dich verſorgen werde, Deine Zeit aushalten mußt. Ich werde Dir immer gleicher— verſtehſt Du? Und— dann— giebſt Du mir— — Ich— Dir— Du willſt— — Ich thue und rede, als wenn es mein wäre. Mit dem wenigen Uebrigen werde ich ſchon fertig werden, ich drücke ihnen Geld in die Hand, ich verſpreche ihnen mehr, nach der Erbſchaft— das Complott iſt richtig— mein Plan gelingt, es iſt keine Frage. — Ach, das geht gut. Nun bin ich aus aller Sorge. Wie Du doch klug und ſchlau biſt. Wahr⸗ haftig, das haſt Du geſcheut genug ausgedacht. Aber, höre, Auguſte, recht iſt es doch eigentlich nicht, daß Du— es iſt doch Betrug— — Was— Du willſt moraliſiren? Gut, ich betrüge, und— Du— was willſt Du wohl machen, wenn ich nicht betrüge, wenn ich meinen Mann und Schwiegervater nicht täuſche? Albernes Ding, thue ich es nicht zu Deinem Beſten? Lade ich nicht die ganze ſchimpfliche Laſt auf mich allein? Wie würdeſt Du Dich je verheirathen können, was würde es für Geträtſche in der Stadt geben — wenn— Pfui, ich mag gar nicht daran denken, ſolche erzdumme Streiche zu machen. Was ich klug ausgedacht habe, dahinter ſuchſt und ſiehſt Du etwas? Na, das hört man dir an, daß Du noch ein unſchuldiges Ding biſt, das von der großen Welt und was darin alle Tage vorgeht, nichts weiß. Werde zwei Jahre älter, und Du ſollſt andere Dinge hören. Gehört mir das Erbtheil nicht von Rechtswegen zu, was kann ich davor, daß das natürliche Band nicht feſter geknüpft iſt? Alſo— — Ach, ja, liebe Guſte, ich begreife, Du biſt unſchuldig— —. So unſchuldig wie Du. Nun ſchweig und laß uns ſchlafen. Morgen reiſeſt Du ab— nach dem Hanoverſchen— auf die Kammer. Wir können gelegentlich weiter mit einander plaudern, wenn ich die Vorkehrungen getroffen habe. Nun — 21— ſchlaf, gute Nacht! ſagte Auguſte, und küßte ihre Schweſter recht ſeſt auf den Mund. — Gute Nacht! Du drückſt mich ſo, ſagte Minna. Wenn nur alles gut geht. — Schweig' und ſchlaf'.— IV. Der Kirchenraub. Im Winter, zu Anfang des Jahres 1830, als es ſo tapfer darauf los fror, wurde in der Dom⸗ kirche zu Ratzeburg, ein unerhört kecker, ſchauder⸗ hafter Diebſtahl begangen. Es wurden nämlich aus einem reichlich verſchloſſenen Schrank mit kup⸗ fernen Thüren die zwölf ſilbernen Apoſtel geſtohlen, die lange eine Zierde dieſer alten, begüterten Kirche waren und im Sommer von dem Küſter, auf Verlangen der Reiſenden, faſt täglich gezeigt wurden. Früher noch war dieſer mit Schnitzwerk und byzan⸗ tiniſcher Goldmalerei geſchmückte Schrank, der ur⸗ ſprünglich als Altartafel gedient hatte, an den Sonntagen regelmäßig offengehalten worden. Allein einſt war, vielleicht gar während des Gottesdienſtes von ſcheußlich verruchter Hand, Einer der zwölf maſſiven, um eine größere Chriſtusfigur herumge⸗ ſtellten Apoſtel geſtohlen und darnach wieder zu⸗ gefertigt worden, ohne daß der Thäter jener Ver⸗ ruchtheit je entdeckt wurde. Der Küſter pflegte dieſe Geſchichte nach ſeiner Gewohnheit kurz zu erzählen, und dann auf den, ſeitdem unten auf dem Rand des Schrankes be⸗ findlichen, ſchauerlichen Fluch, der ſich drohend auf Kind und Kindeskind erſtrecken ſollte, hinzuweiſen. Der Fluch, in der Mitte des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts entworfen, iſt ſchrecklich, das Gemüth des Leſers wird unwillkürlich ergriffen, man wendet ſeine Blicke ſtill, mit einer gewiſſen myſtiſchen Durchdrungenheit davon ab. Der oder die Thäter im Winter 1830 waren, obgleich ſie noch bedeutend dreiſter zugegriffen, nicht minder glücklich— wenn man ſo ſagen darf — als der, welcher vor zweihundert Jahren den einen Apoſtel ſtahl. Jetzt wurden ſie Alle weg⸗ genommen, nur Chriſtus hatte man, ob aus Ver⸗ ſehen oder Vergeſſen, bleibe dahingeſtellt— wahr⸗ ſcheinlich aber aus einer unwillkürlichen Anwandlung von— Aberglauben, aus einem gewiſſen myſtiſchen Gefühl, welches auch das gottloſeſte Herz nicht Geheimniſſe von Hamburg, II. 2 — 26— gänzlich verlaſſen kann, draußen vor einem der Kirchenfenſter ſtehen gelaſſen, oder, wie die Fuß⸗ ſpuren im Schnee glaublich machen wollten, dorthin wieder zurückgetragen. Der oder die Thäter blieben bis jetzt unentdeckt. Der Erzähler konnte nicht verfehlen, dieſe merk⸗ würdige und traurige Epiſode aus der Diebes⸗ geſchichte der Gegend und Umgegend mit in ſeinen Roman zu verflechten und der Leſer wird ſich die Illuſion nicht nehmen laſſen. „ Wohin konnte der enorme Diebſtahl gebracht, wo geborgen ſein? Alle Welt hielt dafür: In den Schlupfwinkeln von Hamburg, von wo er wahr⸗ ſcheinlich mit erſtem offenen Waſſer ſchlau genug nach Amerika geſchafft wurde. Halten wir alſo dieſe Stimme des Volkes theilweiſe feſt und ver⸗ folgen die geheimen Spuren. In einer Straße der Neuſtadt befand ſich ein Haus, welches, obgleich von bedeutendem Umfang, doch ſehr eng, winkelig und finſter gebaut war. Wie ſonſt gewöhnlich, befand ſich unter dieſem Hauſe eigentlich kein Keller, ſondern nur ein ſo⸗ genannter ſchmaler Durchgang, zu dem man auf einer ſchlüpfrigen Treppe hinabſtieg. 4 Dieſer Durchgang führte gleichſam wie ein unterirdiſcher Mönchsgang auf einen Hof hinaus, der freilich etwas heller war als jene Paſſage, aber mit ſeinen beräucherten und halb verfallenen d Häuſern, die es nach dem Anſehen kaum in Ham⸗- burg geben zu können ſchien, einen ſehr traurigen d und widrigen Anblick darbot. Es wohnten hier X einige der ärmſten Juden und Judenfamilien;— jene gingen am Tage in Regen und Kälte auf 8 den Straßen umher und riefen mit keuchender, d ſchnarrender Stimme ihr„Handle!“ vor ſich hin. 4 Dieſe hatten gleichſam eine Pracherherberge ſi. 5 jüngere Juden beiderlei Geſchlechts, die hier auf— einer Art Bodenraum, auf5 vermulſchtem, übelriechen⸗ N dem Stroh bunt durcheinander lagen. Am Morgen, wenn die gemiſchte, ſchlottrige, ſchmutzige Einquartirung ſich erhob und aus der Thüre der ſogenannten Sahltreppe hervorkroch, konnte man hier die ſchauerlich mitleidswürdigſten Proſpecte haben. Zwiſchen dem jungen Volk, 2 das nun auf die„Judenbörſe“ ging, um ein„Ge⸗ ſchäftge“ zu machen oder irgend einem Käufer und Verkäufer als Mäkler und Anrufer zu dienen, konnte man alte verwittwete, verrunzelte und verkrümmte Weiber mit rothen, triefenden Augen und einem braunſchmutzigen Lappen um den Kopf, umher⸗ kriechen ſehen, die unmöglich dem Geſchlecht einer med iceiſchen Venus angehören zu können ſchienen.+ 9* N — 28— * Friedrich Jakobs hat in einer Erzählung einmal die Bemerkung gemacht, daß bei vertauſchten Kleidern der beiden Geſchlechter, ein ſelbſt häßlicher Mann in Frauentracht immer noch anſehnlich, aber „ ein hiäßliches Weib in dieſer Metamorphoſe ſchauderhaft iſt. CEs giebt nichts Widerlicheres und Abſtoßenderes als eine zuſammengeſchrumpfte, gewöhnlich kleine alte Jüdin mit gelben, haarigen Runzeln und trie⸗ fenden, zugekniffenen Augen im Schmutze des Elends. In dem Hofe, welchen wir bezeichneten, konnte X man ſolche Geſtalten aus einer unheimlichen Welt 2N vorüber kriechen ſehen. 8 ⁵ Wer von den Leſern möchte Muth genug haben, auf der engen, ruſſigen, in allen Winkeln mit Unrath überladenen Treppe in den oberen Raum zu folgen, X. wo Mulſchſtroh, ſtinkende Lumpen, zerbrochene, die 8* Atmoſphäre verpeſtende Töpfe und Geräthe, zer⸗ 8 brochene Stühle, ganze Berge alter, verſchimmelter Hüte und ähnliche Schätze jüdiſcher Induſtrie und Gleichgültigkeit oder Zufriedenheit durcheinander 8 ſtehen und liegen. △̈ Das grüne, mit Spinnweben und Staub reichlich onene Fenſter gewährt nur ein ſehr armſeliges Nicht, denn von den ſechs darin befindlichen kleinen Scheiben ſind nur zwei mehr ganz, die ffnungen, 1 1& . — · — 29— worin die übrigen vier geſeſſen haben, ſind mit garſtigen braunen Lumpen, halben alten Hüten und zerriſſenen Schuhen ſeltſam ausgeſtopft. Man wird alſo begreifen, welch' ein tiefer cy⸗ niſcher Character hier waltet. Zur Seite des gleichſam unterirdiſchen Durch⸗ gangs befand ſich eine nicht minder finſtere und ruſſige Localität, zu der man durch zwei Stufen, aus natürlichen, rohen, von Schnecken bekrochenen und beſchleimten Granitſtücken beſtehend, gelangte. Das Innere dieſes Raumes bot durchaus den Anblick der Zerſtörung dar; und war, vielleicht wegen der hier herrſchenden übergroßen Feuchtigkeit ſchon ſeit langer Zeit nicht einmal als Lager⸗ oder Vorrathsplatz benutzt worden. Durch zwei Oeffnungen von der Größe eines Quadratfußes, die in der dicken Mauer gelaſſen waren, fiel einiges Licht herein, ſo daß man ſich in dem Behältniß einigermaßen orientiren konnte. Die Wände waren ſchwarz und wie verkohlt. Zwei Reſte eines runden, eingeriſſenen Gemäuers von verſchiedener Größe des Umfangs ſchienen ehemals eine Art Keſſel oder Pfanne umſchloſſen zu haben. Der beſtimmte frühere Zweck derſelben war jedoch eben ſo wenig zu errathen, als zu er⸗ kennen. Zu dem Material einer gewöhnlichen Deſtillation war der Raum überhaupt zu beſchränkt und ungeeignet. Zwiſchen den beiden Schutthaufen, die zum Theil auch eine ſchwarze Rinde oder Kruſte zeigten, be⸗ fand ſich ein Kamin, das an den Seiten ebenfalls bedeutend eingeriſſen war und ſo den hier herr⸗ ſchenden Anblick der Verwüſtung erhöhete. An einem rauhen Herbſtabend des Jahres 1830, alſo ungefähr acht Monate nach jenem, in der Domkirche zu Ratzeburg verübten, das menſchliche Gefühl aufs tiefſte empörenden Diebſtahl, rumorte Jemand in dem oben beſchriebenen Verließ umher. Obgleich es ringsherum finſter war, ſo hatte der Menſch doch kein Licht mitgenommen. Es war dies ein portugieſiſcher Jude, der ſich gegenwärtig Haman nannte, indem er ſeinen eigentlichen ſchwer auszuſprechenden Namen abgelegt hatte. Haman polterte zwiſchen dem Schutt der Mauer⸗ ſteine umher und ſchien mit einer eiſernen Stange, die ihm als Brechſtange diente, auf dem hie und da lockeren, von Ratzen und Mäuſen unterminirten Boden taſtend umherzuſtoßen, als ſuche er Etwas, was hier verborgen oder vergraben war. Er kletterte brummend auf dem Geröllhaufen umher, und wenn dadurch einiger Lärm verurſacht wurde, blickte und horchte er ſchnell nach der halb, durch einige nothdürftig zuſammengenagelte Bretter verſperrten Thüre hin, um zu erfahren, ob auch noch Jemand durch den Gang ginge. Aber es war und blieb Alles ſtill, und Haman ſetzte ſein Stoßen, Suchen und Brummen, indem er ſich von Zeit zu Zeit an den Wänden taſtend orientirte, als wenn er noch zweifle, die rechte Stelle auch behalten und wiedergefunden zu haben, weiter fort. — Hem! Hem! ſagte er ſehr leiſe, iſt denn hier der Scheol und der Fürſt der Finſterniß wieder im Gange geweſen, daß er mir hat weggenommen mein Silber! Sollte er dieſem metallnen Paulus haben beigeſtanden, wie er ſoll haben beigeſtanden einſt dem Lebendigen! Ich will doch ſuchen und finden in dem Scheol, bis ich wenigſtens die Stelle habe, und ſollte eine chriſtliche Katz mir haben weggeholt den Braten, ſo iſt doch geblieben wenigſtens die Stell', und ich leg mich dahinein und ſterbe vor Aerger über die Schändlichkeit! Der Jude dachte dies vielleicht mehr als er es ſprach, denn wie wir ſchon bemerkt haben, ging er ſehr furchtſam und ſchüchtern in dem finſtern Kellerloche zu Werke. Er wäre lieber gefallen und hätte ſich lieber ein Auge aus dem Kopf geſtoßen, ehe er durch eine mitgebrachte Blendlaterne irgend einen Verdacht, und wär' es auch nur bei einem von ſeinem Stamm und Glauben, auf ſich geladen hätte. Wenn nur eine Maus oder ein Windſtoß ſich regte, ſo fuhr er ſchon ſcheu auf dem Schutthaufen in der Ecke des Kamins zuſammen. Während Haman noch ſo umhertaſtete, kroch eine andere unerkennbare Geſtalt um die Bretter⸗ ſperre in das dunkle Loch herein. — Haſt Du noch kein Feuer an? fragte der Eintretende, welcher kein Anderer war als Schwarten⸗ kopp, den wir früher ſchon kennen gelernt haben. — Schalom! entgegnete Haman mit näſelnder Stimme, als wolle er prüfen, ob es der Rechte ſei. — Nun ja, doch, Schalom! Wirſt doch hören an meine Sprach, wer ich bin. Aber was machſt Du denn? — Hab ich doch noch nicht gefunden die ver⸗ grobene Apoſtel, ſagte Haman, und ſtach ungeduldig und ärgerlich mit der ſtumpfen Eiſenſtange in den Boden. Er berührte einen Gegenſtand, denn es klang dumpf aus dem Boden hervor. — Nu werd ich ſie hoben. Haſt Du die Zünd⸗ hölzchen? Die Tiegel hob ich hier doch geſteckt in's Kamin, auf de Abſatz, der gewiß dazu gemacht iſt, daß man kann verbergen ſeine Geräthſchafte. Stein⸗ kohlen liegen in der Eck. —·— — 33— Während Schwartenkopp nun die Thüre verſchloß, mit den Steinkohlen ein gehöriges, wenn auch wenig hellbrennendes Feuer in dem Kamin anmachte und den größten Tiegel dazwiſchen ſetzte, zog Haman aus Schutt und Erde drei der geſtohlnen ſilbernen Apoſtel hervor und ſtellte ſie neben den Kamin hin. — Hier iſt der Hehler eben ſo gut als der Stehler, ſagte Haman, macht dieſer dabei doch ein eben ſo gutes Geſchäft'ge wie jener. Warum iſt der Schelm geblieben todt, und hat nicht ſo lange gewartet, bis alles Silber gebracht iſt an den Mann. Neun hat er mitgenoſſen, die drei letzten ſind für uns allein, und wir werden ſie ſchon capores machen und die ſchaine Waare verkaufen nnter dem Einkaufspreis. Denn hob ich doch ge⸗ habt Angſt— nicht wenig. Hob ich mich doch gefurcht vor die Herren Polizei's gewaltig! Wie es die Juden gewöhnlich machen, wenn ſie unter ſich ſind, fing Haman auch jetzt an, wie der Leſer bemerken wird, mehr und mehr zu mauſcheln, wobei es uns jedoch nicht möglich iſt, alle Modu⸗ lationen und Accente getreu wieder zu geben. — Es brennt. Nun hinein, zuerſt mit de Füß, oder zuerſt mit de Kopf, ſagte Schwartenkopp, und blickte dabei ſcheel auf ſeinen Genoſſen und 2 ☛ν den Gegenſtand, den dieſer mit einer gewiſſen Gierde an die Bruſt drückte. — Zuerſt mit de Kopf, verſetzte Haman leiſe und näſelnd, muß er doch das Geſicht zuerſt ver⸗ lieren, daß er nicht ſehen und ſchreien kann.— Dabei ſteckte er den ſilbernen Apoſtel über Kopf in den Tiegel hinein und blieb halb verwundert, halb ängſtlich erſtarrt ſtehen, indem er die knöcherigen Hände noch immer krampfhaft gegen den Tiegel aus ſtreckte.— Der Tiegel war ſchon glühend heiß, und die Figur fing allmälig an zu ſinken, indem das Me⸗ tall mehr und mehr dahin ſchmolz. Die beiden Juden ſtanden ſtumm neben einander und ſchauten ſcheel und zitternd in den Tiegel hin⸗ ein. Kauerte der Eine ſich nieder, um die Kohlen nach zu legen, ſo that es auch der Andere, als fürchtete er, ſein Genoſſe könne aus dem glühenden Gefäß von der noch glühenderen Maſſee, die jetzt das Anſehen eines mattglänzenden Queckſilbers hatte, trinken oder gar eine Portion mit der Hand in die Taſche ſtecken. Der rothe Schein des niedrigen, dumpf brennen⸗ den Kohlenfeuers beleuchtete die kupferigen, aſchgrau⸗ geſprengelten Geſichter der Juden; während ringsum die ſchwarze Dunkelheit die ſeltſamen Geſtalten bei ihrem Werke noch ſchärfer umriß. Die tiefe Stille, welche nur hin und wieder von einem Kniſtern des Feuers und dem murmeleuden Kochen des Silbers unterbrochen wurde, erhöhte eben auch das Schauer⸗ liche der Scene. Während die beiden Juden in ihrer Beſchäfti⸗ gung fortfuhren, das geſchmolzene Silber in eine längliche Erdgrube in Form eines großen Mauer⸗ ſteines zu gießen und der Tiegel, der nun glühend roth war wie die brennenden Kohlen ſelbſt, mit einer alten roſtigen Zange wieder auf das Feuer brachten, ihr Werk zu beendigen, hub der Eine, Haman, wieder alſo an: — Hat er's doch klug gemacht, daß er iſt krank geworden und geſtorben, ohne uns erſt zu ſagen, was er will noch hoben von dem Silber. Hat doch ſeine Frau geſagt, wenn ſie iſt geweſen betrunken: „Apoſteldeef!“ Soll mir Gott helfen, daß ich wäre geworden furchtſam. Aber weiß, er iſt gewiß auch geworden gemüthskrank und die Furcht iſt ihm auf den Leib geſchlagen und hat er ſo müſſen capores gehen. Und ſeine Frau iſt nun, wie mir einer ge⸗ ſagt hat von meiner Freindſchaft, nach Hamburg gekommen, lebt und ſitzt, ich weiß nicht wo, in de Spelunke, und ſieht ſchon aus im Geſicht ſo roth und ruſſig wie die Kohlen. — 36— — Aber wo bleiben wir nun mit dem Silber? ſagte Schwartenkopp. Es wird bald Morgen ſein. Können wir's doch hier nicht wieder eingraben und liegen laſſen. Das wäre ein' Schand für's Silber und für's Geſchäft'ge. — Ich werd' ſchaffen Rath, ſagte Haman. Kenn' ich doch Einen, der für Procentge mir hilft. Es iſt ein guter Mann, der verdient wo er kann. Er war reich! aber hat verloren in der letzten Zeit und iſt wieder nah vor de Bankrott. — Nun haben wir das Silber doch auch nicht gegamſet; ſind wir doch nur die Maſchores geweſen für den Dieb. Und Gott ſoll mir helfen, wenn wir für den guten Willen, den Diebſtahl ſo lange verborgen gehalten zu haben, am Ende noch kommen in's Hundeloch. — Laß mich machen, ſagte Haman. Wir können nicht trauen unſre eigne Leut. Er wird uns be⸗ hülflich ſein, das Silber bringen in's Geſchäft'ge, ohne daß wir verdächtig werden vor de Polizei. Das Feuer erloſch, während die erſte Bewegung auf der Straße ſich wieder vernehmen ließ und den Morgen wie das damit erwachende neue Leben verkündigte. 1 Die Beiden Juden verſcharrten ihre drei Silber⸗ baaren, warfen Schutt und Steine darüber und ſchlichen nacheinander, ſcheele, lauernde Blicke durch den Gang nach dem Straßenende hinwerfend, mit leiſen Schritten nach dem Hof hinaus und verloren ſich dort durch eine Thür in dem niedrigen, halb⸗ verfallenen Häuschen. Bald darauf fand jene Scene ſtatt, die zu An⸗ fang des Capitels ſkizzirt worden iſt. V. Der Holländer. An einem der nächſten Abende betreten wir ein anſehnliches Haus, welches in großen goldenen Buchſtaben auf hellblauem Grunde die Inſchrift führt:„Caffée und Billard.“ Das Zimmer, welches den Beſuchern als Ge⸗ ſellſchaftszimmer dient, iſt ziemlich brillant und pompös eingerichtet. Die Mobilien, wenn auch etwas ſtark ſtrapazirt und von verſchiedenem Caliber, verrathen doch eine gewiſſe Großartigkeit. Vaſen und Bilder, ſeidene Gardinen und Flacons bezeugen, daß hier — 38— ein nobles Anſehen behauptet und den Gäſten da⸗ durch imponirt werden ſoll. Diesmal beſteht die ganze Zahl der Anweſenden aber nur aus drei Perſonen, aus dem Manne, den wir ſchon auf dem Walle, ſo wie theilweiſe aus dem Geſpräch der Schweſtern kennen gelernt haben und Doctor Bertram nennen wollen: aus einem Holländer, Namens van Kaak, gewöhnlich Myn⸗Heer van Kaak oder auch ſchlechtweg Myn⸗ Heer genannt, und noch einer uns demnächſt am meiſten intereſſirenden Perſon, Namens Dieſtelberg. Auf dieſe kleine Geſellſchaft dürfte mit vollem Recht das alte Sprichwort anzuwenden ſein: Gleiche Brüder, gleiche Kappen. Denn mehr als der Zufall hat die Sympathie oder der Seelenzug die Per⸗ ſonen zuſammengezogen. Sie haben im Geheimen ein Complott gemacht. Es herrſcht eine gewiſſe Gleichheit der Anſichten, eine ſtillſchweigende über⸗ einkunft unter ihnen, durch Schwindeleien, Ränke und Betrug Anderen ihr Recht und Beſitzthum zu ſchmälern und ſich zu bereichern, und— wenn es Zeit iſt, wenn auf andere Weiſe kein beſonderer Gewinnſt mehr zu erwerben iſt, Bankerott zu machen; Jeder der drei Verſchwornen hat wenigſtens ſchon ein Mal in ſeinem Leben Bankerott gemacht, und, mit Ausnahme vielleicht von Doctor Bertram, hat — 39— Jeder ſchon die verſchiedenſten Geſchäfte angefangen und jämmerlich geſchloſſen, ohne je davor zu erröthen. Es gehört bei dieſen Charakteren zum guten Ton, keine Ehre und keine Schande zu haben. Man zuckt bei in Rede kommenden Schurkereien die Ach⸗ ſeln und ſpricht mit Lächeln: Ja, meine Herren, man muß ſich zu helfen wiſſen! Ich habe doch ſchon große Geſchäfte gemacht. Wiſſen Sie da— und da— der Satz wird nicht zu Ende gebracht, denn hier erfolgte abermals ein gemeiner Bankerott, durch den redliche Familienväter ruinirt wurden. Mynheer iſt eine kleine Perſonage mit einer breiten Glatze und ſchwarzen Augenbrauen, die gefärbt ſein ſollen. Der Backenbart iſt roth. Myn⸗ heer hält das wahrſcheinlich für ſchön, ſonſt ſieht man nicht ein, warum er ihn nicht auch ſchwarz färben ſollte. Die Augen ſind von einem dicken Rand umgeben und ſcheinen daher ſehr tief im Kopf zu liegen, welches aber nur dazu beiträgt, ihre ſtechenden Blicke, die immer unſtät umher, be⸗ ſonders auf die Seite, und auf dem Boden hinſchweifen, unheimlicher, faſt ſchielend zu machen. Mynheer hat fallirt, ohne den Kopf zu verlieren. Wenn er auch gerade keine Activa beim Bankerott ge⸗ wonnen hat, ſo iſt er die Paſſiva doch jedes Mal mit guter Manier losgeworden. — 40— Er hatte eine Frau, er hat ſie auch noch, aber— ſie leben getrennt; das heißt die Frau, welche Ver⸗ mögen hatte, wollte dieſes dem„Schwindler“ nicht länger Preis geben und zog ſich zurück.— Es würde zuweit führen, zu erzählen, durch welche Kniffe und Ränke der Holländer zu dieſer Frau gekommen war. Die ganze Kunſt des Holländers ging jetzt dahin. ſeiner von ihm geſchiedenen Frau zu zeigen, daß er auch ohne ſie und ihr Geld— wovon er jedoch eine gewiſſe Summe geborgen hatte— den Großen, den Geſchäftsmann ſpielen und leben könne. In dieſem Augenblick ſollte Monheer, der An⸗ ſicht der Welt nach, wieder„auf ſchlechten Fuͤßen“ ſtehen. Allein Mynheer behauptete mit Lachen, wobei er behaglich mit den Fingern auf dem Bauch ſpielte, das Gegentheil und holte bei dieſer Ge⸗ legenheit einen Brillantſchmuck, den er mit ſich herum führte, aus der Taſche hervor, der ſeine tauſend Thaler werth ſein mußte und den er ſo eben ſehr vortheilhaft von einer durchreiſenden fürſtlichen Perſon, die er dadurch aus einer großen Verlegen⸗ heit geriſſen, eingehandelt haben wollte. Es war die Produeirung dieſes Schmuckes ein Theatercoups, womit Mynheer ſeine Abſicht voll⸗ kommen erreichte. Die Welt wurde, wie man wohl — 41— ſagt, verblüfft, ſie konnte ſich das Räthſel des ſo unvermutheten Reichthums nicht löſen, und dachte: Es iſt ja nicht möglich— wie käme er ſonſt zu dem Schmuck— es iſt doch ein verteufelter Kerl! Wir vergaßen zu ſagen, daß Mynheer ſeine Erzählung von der Verlegenheit des Fürſten, von ſeinem Beſuch bei ihm, mit einem gehörigen Auf⸗ wand von Worten und in einem gewiſſen myſtiſch aus⸗ ſchweifenden Tone, ſo darzuſtellen wußte, daß die Ge⸗ müther ganz verwirrt wurden, und einen Theil des fürſtlichen Glanzes auf den Erzähler ſelbſt übertrugen. Auch an dieſem Abend machte Mynheer ſein Taſchenſpielerkunſtſtück. — Seht, Moynheer, ſagte er, was ich da für einen prächtigen Schmuck habe. Und woher meint Jy, dat ich den habe? Von einem Fürſten. Der arme Schelm war in Verlegenheit, er konnte ſeine Reiſe nicht fortſetzen, weil die Wechſel ihm aus⸗ blieben und ich mußte ihm, oder vielmehr ſeinem Laquai aus der Klemme helfen. Mynheer, damit werde ich ein Geſchäft machen, aber nicht hier, nicht hier; hier verſteht man das nicht zu würdigen; hier müßte ich ſo ein Stück bei einem Juvelier verſchleudern— aber in Amſterdam, oder in London. Aber ich bitte Ju, Mynheer, ſprechen wir nicht davon, ich mag den Schmuck nicht immer zeigen. — 42— Und trotz dieſer Bitte zeigte Mynheer ihn von ſelbſt ſehr oft, aber— er ſah ſeine Leute an. Man mußte es dem Holländer laſſen, daß er ſchlau war und ſeine Leute, mit denen er gerade ſprach, zu taxiren wußte. Um unſern Leſern den Zuſammenhang der Sache aber begreiflich zu machen und zu zeigen, auf welche Weiſe der Holländer zu den Pretioſen gekommen war, mit deren Hülfe er nun neuen Credit erwarb und alte Gläubiger vertröſtete, müſſen wir hier eine „ ESpiſode einflechten, die gewiß in ihrer Art ſehr intereſſant iſt. 4 Wir haben ſchon geſagt, daß Mynheer von ſeiner Frau geſchieden war. Die Schmuckſachen waren aber nicht erſt ſeit den letzten Tagen, ſondern ſchon länger in ſeinen Händen. Van Kaak beſaß eine ungemeine Klugheit in Entwerfung und Aus⸗ führung ſeiner Pläne. Er hatte die Pretioſen ſchon vor einem, zwei Jahren an ſich gebracht, aber er hatte ſich wohl gehütet, damit unmittelbar hervorzutreten. Dazu nahm er den rechten Mo⸗ ment war und ſpann auf dieſe Weiſe die Fäden ſeiner Lebensintrigue bunt und geſchickt durcheinander. Die Geſchichte trug ſich aber folgendermaßen zu: Van Kaak wurde von ſeiner begüterten Frau — 43— geſchieden, wegen von ihr ihm vorgeworfenen lieder⸗ lichen und ſchlechten Lebens; er ſuchte bis zum Augenblick der Scheidung ſoviel als möglich an ſich zu raffen und lebte auch einige Zeit damit weiter, aber— er ſtand nur zu bald„auf ſ chlechten Füßen,“ und es kam ſo weit, daß er Bankerott machte. Mynheer ſprach unaufhörlich von ſeinen verun⸗ glückten Speculationen und herben Verlüſten, von den Betrügereien der Menſchen, auf die er vertraut hatte und durch die er ſo ſchändlich hintergangen worden ſei. Er ſprach immer von Verbindungen in Holland, Belgien und Frankreich, von großen Geſchäftsconnectionen, hütete ſich aber wohl, den einen oder andern ſeiner betrügeriſchen Geſchäfts⸗ leute namhaft zu machen, denn das gezieme ſich nicht für einen Mann von ſeinem Charackter. In dieſer Periode ſpielte van Kaak den Reuigen und Zerknirſchten. Ja, er ging weiter, er ſpielte den Zärtlichen und ſchlich in den hellen Sommer⸗ nächten zum Thore nach dem Garten hinaus, wo ſeine frühere Frau ſich eingemiethet hatte. Moynheer ſtand oft Stunden lang an einem Lindenbaum oder hinter einem Fliedergebüſch und ſchielte ſchmachtend nach dem Fenſter hinüber, hinter dem ſeine Frau wohnte. — 44— Die Nachbarſchaft ließ ſich auch wirklich täuſchen durch dieſes Manövre, man ſprach allgemein von dem zärtlichen Gatten, von ſeiner treuen Anhäng⸗ lichkeit und herzlicher Liebe, die klar am Tage liege, und ſchob alle Schuld auf Madame van Kaak, oder wie ſie jetzt hieß, auf Madame Buſch, und legte ihr allerlei ausſchweifende Intriguen und unbefriedigte Abſichten unter. Sobald van Kaak bemerkte, daß man ihn ſah, daß man ſich Dieſes oder Jenes über ſeine offen⸗ bare Liebe zuflüſterte, wurde er nur deſto regſamer in ſeinem Streben, die Leute zu täuſchen. Er ſah Stunden lang nach dem Fenſter, er ſeußzte, er winkte mit ſeinem weißen Taſchentuch, er warf Küſſe hinüber— Alles vergebens. Niemand winkte und grüßte wieder. Das Fenſter blieb verſchloſſen. Der unglückliche, die halbe Nacht dort durch⸗ wachende Gatte ſchlich unerhört, ohne das geliebte Weib nur ein einziges Mal geſehen zu haben, wieder von dannen. Einſt aber— war das Fenſter offen und Nie⸗ mand bemerkte den Schmachtenden. Van Kaak hatte glücklich heraus gebracht, daß Madame verreiſt ſei, und morgen erſt wieder kommen werde. Wäre er aber auch, wie ſonſt, geſehen worden, ſo hätte doch Niemand eine Ahnung davon haben können, daß er ſo gut, wie es wirklich der Fall war, unter⸗ richtet ſei. Van Kaak lugte ſorgfältig nach allen Seiten umher, ſetzte dann den Fuß auf das Rebengelände und war mit dem andern ſchnell in das von dem Dienſtmädchen noch offen gelaſſene Fenſter hinein. Man mußte es dem Holländer laſſen, trotz ſeiner etwas beleibten Figur war er bei dieſem Manövre doch ſehr raſch und behend geweſen; wahrſcheinlich hatte die Furcht, geſehen und wohl gar ertappt zu werden, das Ihrige zu der Behendigkeit beigetragen. Van Kaak wußte natürlich mit dem Mobiliar ſeiner ehemaligen Frau noch ſehr gut Beſcheid, er kannte die Beſtimmung von jedem Stück, und erinnerte ſich, was in jeder Schieblade, in jedem Fache enthalten und verborgen war. Der Holländer würde aber wenig nach ſeiner Abſicht haben ausrichten können, wenn er nicht noch eine Reliquie aus ſeinen ehemaligen Verhält⸗ niſſen beſeſſen hätte. Dies war ein Nachſchlüſſel, den der Ehemann ſich damals im Geheimen hatte machen laſſen, und den er nicht bloß dazu gebraucht, um mit den etwaigen Geheimniſſen ſeiner Frau in Controlle zu bleiben, ſondern der ihm auch ander⸗ weitig hin und wieder kleine Dienſte geleiſtet. — 46— Dieſen Nachſchlüſſel alſo holte Mynheer jetzt aus ſeiner Taſche hervor, öffnete damit raſch ein Fach im Cylinder, nahm das Käſtchen mit dem Schmuck heraus und war damit ſchnell wieder durch das Fenſter im Gebüſch verſchwunden. Hier an⸗ gelangt, barg er ſeine Beute in der Rocktaſche, lauerte, ob er auch von Jemandem geſehen worden ſei, ſtellte ſich, als dennoch Jemand im nächſten Garten ſichtbar wurde, in der gewohnten ſchmach⸗ tenden Stellung, nach dem Fenſter voll Verlangen und Sehnſucht ſchauend, hin, und eilte dann, als Alles ſtill und das Fenſter von dem Mädchen, welches wahrſcheinlich mit ihrem Liebhaber ein Stündchen geplaudert hatte, zu gemacht wurde, voll Frohlocken über ſeine elende That, von dannen.— Auf ſolche Weiſe war Mynheer zu den Brillanten gekommen, und hatte ſich wohl gehütet, einen zu vorſchnellen Gebrauch davon zu machen. Dem armen Dienſtmädchen wurde für ihre Nach⸗ läſſigkeit, das Fenſter ſo ſpät offen gelaſſen zu haben, der jährliche Lohn entzogen, die Schuld wurde auf freche Diebseinſchleicher geſchoben— denn ſehr gefliſſentlich hatte der Holländer das Schubfach nicht wieder geſchloſſen, um die An⸗ wendung eines Dietrichs vermuthen zu laſſen und & X 6b — 41— — die Polizei vermochte den Nehmer nicht her⸗ auszubringen.— Der Holländer blinzelte ſeine Genoſſen prüfend an, er ſuchte gleichſam zu erforſchen, welche Wir⸗ kung der Theatercoup auf ſie hervorgebracht hätte. Dieſe aber blieben ziemlich einſylbig, Dieſtelberg ſchien ohnehin geiſtesabweſend und mit ganz anderen Dingen beſchäftigt zu ſein. — Wat heft Iy denn, Mynheer, gefallt Ju mein Schmuck nicht? Wollt Iy ein Geſchäft maken, und ſind Ju in Verlegenheit, ik kann helpen! ſagte der Holländer und gab ſich ein Air, welches, den Schmuck ausgenommen, nicht den geringſten Grund hatte. — Nun, wovon ſprechen wir denn? Nichts Neues in der Stadt? ſagte der Holländer. — Ja— Neues— ſagte Doctor Bertram. Wiſſen Sie ſchon, daß Rothbart die Madame Ferrand an Golfert abgetreten hat? — Wat Iy ſagen, Mynherr, verſetzte der Hol⸗ länder. Die wird ihm doch wohl zu theuer ge⸗ worden ſein! Sie hat ihm aber auch viel gekoſtet; denk Ju den groten Putzladen— nein das war zu viel verlangt von Madame Ferrand— freilich ein ſchönes Weibſen— nun ſie wird damit zu⸗ — 48— frieden geweſen ſein, daß ihr Rothbart ſie an den Andern abgetreten hat. Jetzt bekam Herr Dieſtelberg Worte, denn dieſe Stadt⸗ und Staatsangelegenheiten, in der That auch ſehr wichtig für einen jungen und alten Mann von ächtem hamburgiſchen Caliber, ſchienen ihn zu intereſſiren. — Ich muß immer lachen, ſagte alſo Dieſtel⸗ berg, wenn ſo eine Perſon von dem Einen an den Andern abgetreten wird, wie eine Waare, ein Stück Möbel, ein Pferd oder ein Hund— — Nun, Mynherr, ſagte der Holländer, iſt das nicht ſehr gut, in Paris— — Ja— in Paris laſſen die Griſetten ſich regelmäßig von den Studenten, Malern, Künſtlern, Lithographen ꝛc. abtreten. — Aber ich bitte Sie, ſagte Dieſtelberg, wie kann man dieſes Syſtem auf unſere Suitier's an⸗ wenden! Es ſcheint mir doch etwas gewaltig Or⸗ dinaires und Rohes in dieſem Abtreten zu liegen. Das geht wohl an unter jungen Leuten, die eben anfangen in der Welt zu leben, aber ſo bei den jungen Herren, die doch Geld haben und etwas vorſtellen wollen— ich bitte Sie, da iſt dieſe Geſchichte doch ſehr ordinair. —-— 49— — Mein Lieber, ereifern Sie ſich nicht, ſagte Doctor Bertram; in Hamburg machen wir uns nichts daraus, und Madame Ferrand wird ſich eben ſo wenig etwas daraus machen, wenn ſie ihren ſplendiden Putzladen nur fortſetzen und elegant wohnen und leben kann. Was weiß der Pöbel davon. Wiſſen Sie aber auch, warum Rothbart Madame Ferrand abgetreten hat? Oh, er hat einen ſchönen Tauſch gemacht. Er hat jetzt ein Weibken,— ſagte der Holländer, nahm die vier Finger ſeiner rechten Hand zuſammen, drückte ſie gegen die Lippen und ſchmatzte, wie wenn man Kußhand wirft, ach! — Ja, ſagte Doctor Bertram, ſie iſt nicht übel. Meinen Sie aber, daß mir etwas in der Hamburgiſchen chronique scandaleuse entgeht, ſo reich und man⸗ nigfaltig dieſe auch iſt? Ich ſage Ihnen, Mynheer, ich weiß mehr wie Sie Alle, ich bin in alle Ver⸗ hältniſſe⸗ und Changen eingeweiht und— ich mache gerne mit, wenn's ſein kann. Die jungen noblen Männer und reichen Kaufmannsſöhne bilden in Hamburg den Adel und dieſer hat noch immer ſeine Paſſionen gehabt. Wer kann es den Reichen verdenken, wenn ſie gleichſam Muhamedaner werden, ſich immer die beſten und ſchönſten Mädchen und Geheimniſſe von Hamburg, II. — 50— oft drei zugleich halten? Sehen Sie, das ſind noble Paſſionen, dieſe ſind immer das Geld werth. — Aber, Mynheer, fing der Holländer wieder an, laſſen Sie uns noch ein wenig von der Carilla ſprechen. Es iſt ein propres Weibken; ein ſchwarzer Tituskopf mit feurigen blitzenden Augen, eine Ge⸗ ſtalt, wie eine Puppe, nicht zu klein, ſchlank und doch voll— ach! — Ja, ſagte Doctor Bertram, die iſt auch ſo her gekommen, wie manche Andere, um hier im Geheimen eine Zeit lang zu leben. Wiſſen Sie, ſie war in Paris verheirathet und kam von dort hierher. Die Kataſtrophe ihres Lebens, welche ſie hierher führte, war romantiſch genug, wenn auch etwas unheimlich.— Verſtehen Sie, fuhr der Erzähler fort mit näſelndem Tone, ſie fiel dem Tugendbund als Opfer. Man warf nach Carilla die Netze aus, ſie ließ ſich verlocken und fiel. Man ſchneidet ihr die Haare rund um den Kopf ab, zum Zeichen, daß ſie der Verſuchung, ſich andern Männern hin⸗ zugeben, nicht widerſtanden, man giebt ſie dem Schimpf und der Schande Preis, und ſchickt ſie ſo unter Thränen mit dem Wahrzeichen zu ihrem Gatten zurück. Carilla hatte Verſtand, Geſchick⸗ lichkeit und Talente genug, ſie ertrug die Schande — 51— in Paris nicht, ſie griff ſchnell zur Flucht und kam nach Hamburg. Auf der Neiſe wuchs ihr kurzes Haar ſchon ſo weit wieder, daß ſie ſich einen aller⸗ liebſten Tituskopf machen und ſo Intrigue ſpielen konnte. Ich kann mir denken, daß ſie für Rothbart ungemeinen Reiz haben muß, daß er ihr gerne ſein Gold in den Schooß wirft und ſo als Jupiter zur Danae zu ihr kommt. Sie wird ihm enorme Summen koſten, aber nehmen Sie auch die Ro⸗ mantik, welche das Weib umgiebt: Sie iſt jung und ſchön, ſie wurde von dem Tugendbund ver⸗ führt und erlitt ihr Schickſal. Sie flüchtete— aus Paris— ich bitte Sie, liegt darin nicht ſehr viel Reiz! Rothbart hat einen vortrefflichen Tauſch ge⸗ macht, Madame Ferrand hat ihm viel Geld ge⸗ koſtet, ich weiß, ſie wurde ihm läſtig, er wäre ſie, wenn auch nur der Abwechſelung wegen, ſchon längſt gerne wieder los geweſen— jetzt machte es ſich, Golfert ließ ſich die Danae aufſchwatzen, er wird ſie auch nicht lange haben, wer weiß, an wen ſie dann übergeht— aber ich ſage Ihnen, Rothbart hat einen wundervollen Tauſch gemacht. — Ja, ja, ſagte Mynheer, unſere chronique scandaleuse iſt prächtig. Dieſtelberg erhob ſich. 3 ⁵ — 52— Er war wieder ſtiller geworden und hatte an der letzten Erzählung überhaupt wenig Theil genommen. Das Kleeblatt löſte ſich auf und Jeder ging ſeinen beſonderen Weg. VI. Der Brandſtifter. Die Wortloſigkeit Dieſtelberg's hatte beſondere Gründe, die wir dem Leſer ſo gleich entwickeln werden. Dieſtelberg war im weitern Sinne Kaufmann und nannte ſich auch ſo, obgleich er eigentlich nur Commiſſions⸗ und Speditionsgeſchäfte machte. Dazu gebraucht er einen Speicher, der, obſchon nicht alle Waaren und Gegenſtände, die hier gelagert wurden, zu ſeinem Betriebskreiſe gehörten, den⸗ noch mit ſeinem bald größern bald kleineren Vor⸗ rath zu einer bedeutenden Summe gegen Feuers⸗ gefahr verſichert war. Unſer Kaufmann hatte in der letzten Zeit auf mannigfaltige Weiſe an ſeinem Credit verloren, er machte daher nur geringen Umſatz und kam ſo zu ſagen — von Tage zu Tage mehr herunter. Die Police war noch nicht abgelaufen, oder richtiger, ſie hatte erſt fünf Monate gelaufen, ſonſt würde es ihm wahr⸗ ſcheinlich nicht gelungen ſein, bei ſolchen offenkun⸗ digen Verhältniſſen wieder um eine große Summe zu verſichern. Dieſe Umſtände gingen Dieſtelberg fortwährend durch den Kopf, als er mit Mynheer und Doctor Bertram zuſammen war. Der Termin rückte immer näher, er war unrettbar verloren und jedes Wieder⸗ aufkommen ihm unmöglich gemacht, wenn— nicht die Police ihm noch Dienſte leiſtete. Der Inhalt des Speichers war gerade in dieſem Augenblick von ſehr geringer Bedeutung. Außer einer Quantität Taback war wenig vorhanden, die Fäſſer, welche Oel enthalten ſollten, waren großen Theils nur mit Waſſer gefüllt.— Dieſtelberg ging, tief in Gedanken, durch die Straßen dahin. Als er nicht weit mehr von ſeinem Hauſe entfernt war, lugte er verſtohlen umher, ob Bekannte ihn etwa ſähen oder ob aus ſeinem Hauſe Jemand herauskäme. Dann, ſtatt in daſſelbe hineinzugehen, ſchlug er den Weg nach ſeinem Speicher ein. Schon beim Ausgehen gegen Abend hatte er den Schlüſſel vom Comtoir mit ſich genommen, was, — 54— da Alle ſich bereits entfernt hatten— es war Sonn⸗ abend Abend— Keinem auffallen oder bemerkbar werden konnte. Er ſchloß leiſe auf, während er noch immer ſorg⸗ fältig umherſpähete, zog die Thüre, ohne ſie hinter ſich zu verſchließen, ebenſo leiſe wieder an, und tappte im Finſtern durch den untern Raum dahin und die Treppe hinauf. Der Speicher war ziemlich tief und lag mit ſeinem einen Ende am Fleet. Auf dem erſten Boden angekommen, ging Dieſtel⸗ berg nach dem Fleetende hin, wo noch einige Ballen Taback aufgeſtapelt lagen, denn verſchiedene andere Ballen waren gerade am heutigen Tage erſt weg⸗ geſchafft worden. Er zog einige Blätter aus einem der Ballen heraus, ſuchte ſie an einer der Tonnen, welche wirklich Oel enthielt, mit dieſem zu benetzen, und ſtreute ſie dann, immer im tiefſten Dunkel dabei umhertappend, auf dem Boden umher, und zwar ſo, daß die letzten die Ballen und die Oeltonnen berührten. Dann holte er ein Käſtchen mit Zünd⸗ hölzern aus der Taſche hervor, fuhr mit einem derſelben an einem Balken hinauf und hatte auf dieſe Weiſe jetzt Helligkeit genug, um ſchnell zu überblicken, ob Alles in der gehörigen Zurichtung ſei. — Die Luken des Speichers waren dicht verſchloſſen. Kein Schein konnte hindurch dringen. Dieſtelberg erwog dies prüfend und da er auf der andern Seite des Fleets ebenfalls Speicher wußte, in denen ſich um dieſe Zeit Niemand mehr befand, ſo konnte er ſicher ſein, auf keine Weiſe durch den kurzen Schein des brennenden Schwefelholzes ver⸗ rathen zu werden. Das erſte Schwefelholz war indeſſen ſchnell aufgebrannt und Dieſtelberg ſtand abermals im Dunkeln. Er hatte aber ſeine Abſicht bisher er⸗ reicht, nahm jetzt ein zweites Schwefelholz, ſtrich es an einem Balken und wollte eben damit einige mit Oel beſtrichene Tabacksblätter anzünden, als der Schein ihm, der ſich hier mutterſeelen allein und ſeit dem Eintreten unbeachtet wähnte, plötzlich eine menſchliche Geſtalt zeigte. Dieſtelberg fuhr aufs höchſte erſchrocken zurück, behielt der Beſtürzung und des Zitterns an allen Gliedern ungeachtet, aber doch ſoviel Beſinnung, daß er die glimmenden Blätter, welche die Flamme des Schwefelholzes ſchon berührt hatte, wieder austrat. Ringsum herrſchte abermals tiefe Finſterniß und kein Geräuſch ließ ſich vernehmen. Die Beſtürzung und überraſchung hatte ſich auf — 56— beiden Seiten wahrſcheinlich gleichmäßig erhoben. Der, welcher ſich allein auf dem Speicher wähnte, hatte natürlich die Sprache und Geiſtesgegenwart verloren, weil er ſich auf ſo verbrecheriſcher Fährte ertappt ſah. Und der Andere, noch Unbekannte, wagte in dieſer Situation entweder nicht zu reden, oder war ſelbſt über das, von dem er unwillkürlich und unerwartet Zeuge geweſen, erſtaunt worden. Endlich bekam der noch immer zitternde Dieſtel⸗ berg die Beſinnung wieder und mit noch ſtotternder, zaghafter Stimme fragte er ziemlich leiſe: Wer iſt hier? — Ich bin's! — Dumme Antwort, ſagte Dieſtelberg und faßte durch dieſe kecke Entgegnung wieder Muth,— welcher Ich! Wie ſoll ich hier ſehen und wiſſen, wer der Ich iſt, hier, wo man keine Hand vor den Augen ſehen kann. — Nun, bin ich doch Haman! — So, ſagte Dieſtelberg, und ſchöpfte mit einem tiefen Athemzug gleichſam friſche Luft und neues Leben!— Sie ſind es. Wie kommen Sie aber hier her und was wollen Sie von mir? — Werd' ich Ihnen, Herr Dieſtelberg, doch geben Antwort auf die erſte und die zweite Frage. Und ich weiß jetzt, daß Sie mir nicht zürnen werden, 7 — 5 daß ich Ihnen hierher nachgegangen bin;— er machte bei den erſten Worten eine bezeichnende Bewegung mit der Hand, die aber natürlich von dem Spediteur nicht bemerkt werden konnte. — Als Sie die Straße heraufkamen, da ſtand ich nahe bei ihrem Hauſe und wartete auf Sie, denn ich wußte, daß Sie aus waren und um dieſe Zeit nach Hauſe kommen mußten. Dann ging ich Ihnen hierher nach, weil es mir gelegen kam, Sie ganz allein ſprechen zu können. — Nun, was weiter? ſagte Dieſtelberg unge⸗ duldig. Es iſt recht jüdiſch, Einem ſo nachzuſchleichen, Sie verdienen, daß ich Sie gleich hinausſchmeißen laſſe. — Nun, werden Sie mich doch nicht hinaus⸗ ſchmeißen, wenn Sie hören, was ich Ihnen anzu⸗ bieten habe. Können Sie's doch vielleicht gebrauchen, was ſo ein Geſchäft'ge mit mir abwirft. Obgleich Beide in dem ganzen Speicher zuver⸗ läſſig allein waren und man überhaupt weder hier noch dort etwas hören und ſehen konnte, ſo zog der Jude den Spediteur doch ganz leiſe auf die Seite und flüſterte ihm geheimnißvoll in die Ohren: Hören Sie, Herr Dieſtelberg, ich habe Silber, viel Silber, können Sie's gebrauchen und in die Welt bringen — verſtehen Sie— ich meine— ſo—— nun, 3* Sie wiſſen ſchon, wenn ich Ihnen ſage Silber, gute Silberbarren und keine Drittels. Kann ich doch nicht trauen kleinen Händlern von unſ're Leut. Der Jude erzählte nun an Dieſtelberg, was wir oben ſchon erzählt haben und der Leſer alſo bereits weiß,— Was! dieſer Kirchenraub! Du— warte, Jude, ſagte Dieſtelberg, auch wenn Du eigent⸗ lich nicht der Stehler biſt— es ſoll Dir doch theuer zu ſtehen kommen— Du darfſt mir nicht vom Fleck— ich gehe noch in dieſem Augenblick auf die Polizei— So!?— fragte der Jude. Oh, Sie wollen wohl ſpaßen, Herr Dieſtelberg,— da geh' ich gleich mit, ſo haben wir im Loch Geſellſchaft. Sie denken wohl nicht daran, daß Sie eher auf dem Speicher waren als ich, und daß ich Sie ſtörte— Dieſtelberg fuhr zuſammen. Er ſchien das Vorher⸗ gehende und die ganze Situation dieſes ſeltſamen Rendezvous vergeſſen zu haben. — Na, es mag d'rum ſein— ſprechen wir nicht mehr davon— lieber Haman, ſetzte Dieſtel⸗ berg nach einer Pauſe hinzu.— Wann wollen wir die Sache weiter überlegen? Ich kann mich darauf verlaſſen, daß das Ganze ein tiefes Geheim⸗ niß iſt? — Freilich, freilich— beſtätigte der Jude, wäre — 8—— N—— der Dieb doch ſonſt längſt geköpft oder— über See gebracht, Sie wiſſen ja, wie man's hin und wieder wohl mit den Verbrechern macht, während die dummen Menſchen glauben, der Galgenſtrick, ſo mir Gott helf'! ſchmachte im Spinnhaus. — Abgemacht. Gehen wir jetzt hinunter. Wir bürgen gegenſeitig, daß Keiner etwas verräth von dem was er geſehen und gehört hat.— Freilich— wiederholte der Jude und ſtolperte auf der finſteren Treppe hinter dem Commiſſionair und Spediteur her, der im unteren Raum den Juden erſt durch die Thüröffnung ſpähen und dann behutſam davon ſchleichen hieß. Dieſtelberg ſchloß von einwendig und kehrte durch eine Seitenthüre in fein Haus zurück. VII. Der Goldarbeiter. Dieſtelberg war ſehr gut bekannt, und befreundet mit einem Goldarbeiter in der Neuſtadt, der, ob⸗ gleich er den größten Theil des Tages bei einem andern Juvelier und Goldarbeiter beſchäftigt und — 60— ſo gleichſam in deſſen Dienſt und Brod ſtand, doch ſchon ſeinen eigenen Laden hatte. Da es nicht möglich war, die Silberbarren un— mittelbar in Münze zu verwandeln oder ſie, nach den obwaltenden allzubekannten mißlichen Umſtänden Dieſtelbergs in die Bank zu bringen oder ſonſt zu verwerthen, was ohnfehlbar Verdacht erregt haben würde, ſo ſchien es dem Dieſtelberg am zweckmäßig⸗ ſten zu ſein, mit dieſem Goldarbeiter in Verbindung zu treten. Der Commiſſionär alſo, durch längeren Umgang und früher gehabte Unterredungen von der Geſin⸗ nung des Goldarbeiters, Namens Warrſung, aufs Beſte unterichtet, wozu namentlich gehörte, daß dieſer ſehr oft den Wunſch ausgeſprochen hatte, ſein Ge⸗ ſchäft zu vergrößern, es koſte was es wolle, um ſo ſeinen überlegenen Collegen und Herrn auszu⸗ ſtechen und ihm gewiſſe Brutalitäten und Imperti⸗ nenzien vergelten zu können,— der Commiſſionär alſo ging zu dieſem und machte ihn mit ſeiner Abſicht und dem von dem Juden in Händen habenden Schatze bekannt. Warrſung fuhr empor und glaubte ene n Ohren nicht zu trauen. — Wie, ſagte er, eine ſolche Maſſe Silber, ſo viel Metall? — 61— — Allerdings, ſagte Dieſtelberg, die Kiſte, wohl verpackt, ſoll heute Abend zu Ihnen gebracht werden, Sie werden ja ſehen. — Beſter Freund, rief Warrſung und umarmte Dieſtelberg, Sie kommen mir wie ein Engel. Uns iſt beiden geholfen. Ich verarbeite das Silber, vergrößere meinen Laden und bin ſo endlich im Stande, meinen vorgerückten Collegen auszuſtechen. Warte— Du ſollſt mir lange genug die hoffärtige Seite gezeigt haben!— Aber liebſter Freund— Sie wollen augenblicklich Geld, nicht wahr? Wie machen wir das? Ich kann das Metalk nicht ſo ſchnell, ſo ſchnell verarbeiten, ich muß langſam damit zu Werke gehen. Auch darf ich meine Sachen aus dem Laden nicht entfernen, ſonſt könnte ich davon nach dem Lombard bringen und ſo Ihnen wie Ihrem Juden, der doch immer ſein Theil behalten muß, Geld anſchaffen. Hem! Hem! Es trat eine Pauſe ein, während Warrſung düſter vor ſich nieder ſah und verſchiedene Pläne zu erwägen ſchien. Endlich hob er leiſe den Kopf wieder in die Höhe, ſah Dieſtelberg mit einem ſtarren Blick an und ſprach: Warten Sie— geben Sie mir drei bis vier Tage Geduld, und ich ver⸗ ſpreche Ihnen ſchon einen bedeutenden Theil des mir anvertrauten Schatzes in klingender Münze — 62— abzutragen. Das Andere ſollen Sie haben, wenn ich mehr und mehr Metall verarbeitet habe.— Es weiß Niemand darum? — Niemand, als Sie, ich und der Jude, der ſo ohne Verdienſt in den Beſitz gekommen iſt und mit dem wir ſchon fertig werden wollen. — Gut, gut ſagte Warrſung und nahm ein etwas verſtörtes Anſehn an! Man konnte deutlich bemerken, daß eine gewiſſe Unruhe ſein Inneres bewegte, als habe er noch immer mit den bereits entworfenen Plänen zu ſchaffen. — Heute iſt Dienſtag, ſagte Warrſung, als er ſeinen Vertrauten bis auf die Diele begleitet hatte und ihn hier noch bei der Hand gefaßt hielt— kommen Sie Sonnabend wieder— Sie ſollen je⸗ denfalls nach meinen Kräften reel befriedigt werden. Dieſtelberg ging. Warrſung kehrte in Gedanken verloren und über Pläne brütend auf ſein Arbeits⸗ zimmer zurück. Es war Mitternacht, der Wächter rief zwölf und Warrſung ſaß immer noch an ſeinem Werk⸗ tiſch. Seine Frau hatte ihn ſchon vor einer Stunde gerufen, allein er gab vor, noch nothwendig arbeiten zu müſſen. Er habe etwas übernommen, was fertig müſſe und die folgende Nacht werde er wahr⸗ ſcheinlich bei einem Collegen bleiben, um ihm zu helfen.— 0 ⏑ n ꝑè— NXN Dieſtelberg hatte unter ſeinem Werktiſch mehrere Kaſten ſtehen, in denen ſich abgenutzte Zangen, halbe Schraubenſtöcke, Hämmer ohne Stiehle, Nägel und Schrauben von verſchiedener Größe befanden. Er ſuchte darin umher, nahm mehrere von den letztern, die anſcheinlich ſtark waren, legte ſie auf den Tiſch, ſetzte ſich dann an denſelben und fing mit der größten Behutſamkeit, ſo daß es nicht vielen Lärm machte, an zu feilen. Als er ſo einige ſcharfe Schrauben zu Stande gebracht hatte, ſtand er auf und verwahrte ſie in ein beſonderes Schubfach. Dann nahm er das Licht, ging leiſe über den Vorplatz nach der Bodenkammer hinauf, wo unter Feuerungsvorrath und den gewöhnlichen Polterkammer⸗ Sachen auch Stricke und abgebrochene oder ganze Stöcke durcheinander lagen. Er nahm einige von den letzteren ſo wie auch zwei anſehnlich lange Stricke, die früher zu Zeugleinen gebraucht worden waren, und ging damit wieder in ſeine Arbeits⸗ ſtube hinunter. Warrſung legte die beiden Stricke der Länge nach auf den Boden, maß ſie durch Schritte, ſtand dann ſtill, ſprach leiſe vor ſich hin: „ja ſie werden reichen!“— und fing ſofort an, eine Art Strickleiter zu verfertigen. Als dieſe vollendet war, brach der Morgen be⸗ — 64— reits herein. Warrſung verwahrte Alles aufs Sorg⸗ fältigſte, prüfte noch einmal die Schrauben, ver⸗ ſuchte, ob ſie leicht und willig in das Gebälk hin⸗ eingingen, ſchloß das Schubfach und ging dann von Müdigkeit und Aufregung völlig erſchöpft, zu Bette. VIII. Der Einbruch. Man wird aus dem Vorhergehenden entnommen haben, daß Warrſung keineswegs in dürftigen Ver⸗ hältniſſen lebte. Er ſtammte aus reſpectabler, wenn gleich nicht reicher Familie, hatte ſein gutes Einkommen, verdiente gleichſam doppelt, und hatte überhaupt noch nie das Drückende pecuniärer Ver⸗ legenheiten erfahren. Um ſo unbegreiflicher iſt und bleibt es daher, wie er ſich zu einer That ent⸗ ſchließen konnte, die ihn Zeit Lebens ſchändete und unglücklich machte. Allein, wir haben geſehen, daß Neid und eine gewiſſe Ehrſucht in ſeinem Herzen wohnten. Darin — 65— ruhen die Motive der That, und ſind vielmehr am einfachſten daraus zu erklären, da uns jene ſonſt ein unbegreifliches Geheimniß bleiben würde.— Warrſung war den ganzen Tag bei der Arbeit ſehr ſtill, gab einen kleinen häuslichen Zank als Urſache an und blieb am Abend länger wie gewöhnlich auf der Werkſtube ſeines Collegen. Dies konnte nicht im Geringſten auffallend ſein, da Warrſung volles Ver⸗ trauen genoß und der von ihm angegebene Grund hinreichend die Ueberzeugung gewährte, daß er wohl noch nicht gerne zu ſeiner Familie zurückkehren möchte. Warrſung blieb alſo ziemlich ſpät, holte noch den Schlüſſel zum Schrank, in welchem ſich außer Gold- und Silberſachen auch einige Juwelen be⸗ fanden, um, wie er ſagte, von dem einen Stück noch ein Modell zu nehmen. Warrſung öffnete auch wirklich das Schrank, nahm aber nichts heraus, ſondern zog den Schlüſſel ab, ohne ihn vorher um zu drehen und klemmte die Thüre des Schrankes mit einem Streifen Papier nur ein, daß jenes verſchloſſen ſchien, ohne es zu ſein. Da Warrſung wußte, daß ſo ſpät am Abend niemals mehr aus dem Silberſchrank Etwas geholt wurde, — 66— ſo konnte er ſicher ſein, mit dieſem argen Quiproque nicht entdeckt zu werden. Auf dieſelbe Weiſe verfuhr er mit einem der Fenſter, welches, beiläufig bemerkt, zu der zweiten Etage gehörte, die wegen des unter dem Hauſe befindlichen Kellers und der anſehnlichen Dimenſionen aber ſchon beſonders hoch war. Das Fenſter wurde nur eingeklemmt, die Haken hingen gelöſt herunter. Als Warrſung dies vollbracht hatte, ging er hin⸗ unter, lieferte mit Ruhe den Schlüſſel ab, ſagte noch, daß Alles wieder gut und wohl verſchloſſen ſei und empfahl ſich. Er ging nach ſeiner Wohnung, verweilte einige Augenblicke auf ſeiner Arbeitsſtube, nahm dann, als er ſich ganz allein und unbeachtet ſah, aus dem Schubfach die Strickleiter und Schrauben heraus, verbarg ſie ſorgfältig unter ſeinem Rock und eilte dann, indem er auf der Diele dem Mädchen nur noch zu rief: Ob eine Kiſte gebracht ſei?— welches bejahet wurde— und daß er dieſe Nacht zu ar⸗ beiten habe, alſo nicht nach Hauſe komme, zur Thüre hinaus. Warrſung ſpazierte erſt auf dem Walle, dann in den Straßen unruhig auf und nieder. Er ſtand oft ſtill, ſchien zu überlegen, ſah zu verſchiedenen Malen an den Häuſern hinauf, blieb auf den Brücken — 67— ſteben, und ging dann haſtig ohne ſich umzuſehen weiter. Dieſes ſeltſame Benehmen machte hin und wieder die Nachwächter aufmerkſam auf ihn. Allein da er ein reſpectabler Mann und gewiſſermaßen ange⸗ ſehener Bürger war, ſo gaben jene nicht weiter Achtung auf ihn und ließen ihn gewähren. Zuletzt drückte Warrſung, nicht weit von dem Hauſe, in welchem er des Tages immer war, ſich in eine Art Kellerverſchlag, in welchem einige große Karren an Ketten über und neben einander geſchloſſen gleichſam unter Dach und Fach gebracht waren, gefliſſentlich ſo eng und klein zuſammen, daß er nicht im Geringſten bemerkt werden konnte. Von hieraus konnte er genau ſowohl das Haus als auch die Wächter und ihr Benehmen, ob ſie riefen, gingen, ſaßen, wachten oder ſchliefen— genau überſehen. Warrſung hatte etwa eine Stunde hier zuſam⸗ mengekauert geſeſſen, als die Uhren halb zwei ſchlugen und die Wächter ſaumſeliger zu werden ſchienen. Dennoch tauchten wieder Zweie derſelben auf, riefen mit zäher, heiſerer Stimme die ſchon vorübergegangene Stunde ab und ſagten dann ſchnarrend und ſchlaftrunken zu einander, daß nun wohl eine Stunde bis zur Ablöſung, die auch nicht ſo präciſe kommen würde, geruhet werden könnte. Dieſen Moment nahm der Goldarbeiter wahr. Als die Wächter ſich langſamen Schrittes entfernt hatten, ſchlich er ſchnell mit ſeiner Strickleiter, die er ſchon vorher auseinandergewickelt hatte, aus dem Verſteck hervor, eilte dem bewußten Hauſe zu und fing ſchnell doch leiſe mit den Schrauben an zu arbeiten. Dieſes Experiment wurde mit einer ungemeinen Geſchicklichkeit ausgeführt; es verging kaum eine halbe Stunde, ſo hatte Warrſung das Fenſter er⸗ reicht, war hineingeſtiegen, hatte nun erſt die Strick⸗ leiter am Fenſterpfoſten befeſtigt, um beim beſchwer⸗ lichern Hinunterſteigen mit dem Silbergeräth, ſich jener leichter, ſicherer und bequemer zu bedienen, und war, ehe die Wächter noch zu Drei gerufen hatten, mit ſeiner Beute davon. IX. Der Verrath. Wenn wir unſere Leſer ſoviel mit der Demo⸗ raliſation geſchlechtlicher Conflicte behelligen und beläſtigen müſſen, ſo liegt dies durchaus in den Hamburgiſchen Verhältniſſen. Was ſich anderwärts auf Armuth und Banditerei und erbärmliche Ver⸗ worfenheit zurückführen läßt, das weiſt in Hamburg in allen möglichen Variationen auf den Leichtſinn und die Sittenloſigkeit phyſiſcher Zuſtände hin. Dieſe frivole Wildheit iſt zu ſehr eingeriſſen; wenn die Polizei auch wirklich mehr thäte, als ſie gegen⸗ wärtig thut, ſo würde ihr es doch ſchwer werden, dieſes Unweſen der femmes entrelenue's einiger⸗ maßen auszurotten. Der Alte von ſiebenzig Jahren wie der Junge von zwanzig Jahren, ſobald er über das nöthige Geld disponiren kann, hat— ſeine geheime Maitreſſe. Es giebt Gegenden und Straßen, die ſozu ſagen von unterhaltenen Perſonen wimmeln. Es iſt dies eine ſchauderhafte aber wahre Thatſache in der Hamburgiſchen Statiſtick. Freilich tragen die Maſſe des umlaufenden Geldes, die Summe der kaufmänniſchen Salaire, die Leichtigkeit des Erwerbes und das eigene Genre der Lebensanſicht Geheimniſſe von Hamburg, II. 4 — 70— das Ihrige dazu bei, um dieſe Richtung weniger gehäſſig, auffällig und verfolgt zu machen. Weil Geld hier den Mann macht, ſo ſieht man nicht ein, warum der Jüngere nicht eben ſo gut wie der Ätere den— Herren ſpielen ſollte. Viele ziehen es vor, in dieſer Art als Hageſtolze zu leben, weil ſie dann, wie es oben ſchon vorgekommen, von Zeit zu Zeit nach Luſt und Laune wechſeln können. Wenn ſich irgendwie und irgendwo eine Parallele mit gewiſſen Partien des ſinkenden römi⸗ ſchen Kaiſerreiches darbietet, ſo iſt es hier— in Hamburg. Man ſpricht ſo viel von dem Leichtſinn und der Liederlichkeit der Pariſer; ich rechne es mir mit vollem Bewußtſein zum Verdienſt an, dieſe Schattenſeite, unbefangen mit der Camera obscura beleuchtet, die„noblen Paſſionen“ der Hamburger Herrenwelt daguerreotypirt zu haben, und will es dann gerne erdulden, daß Recenſenten mein Buch gemein und nicht pariſiſch d. h. hier erlogen greuel⸗ und frazzenhaft finden. Hamburg iſt Hamburg, es hat Myſterien ſeiner Art, Jammer genug, daß hier wo die Galeerenſträflinge mit den Mälern an Händen und Füßen fehlen, dennoch andere Sträflinge frei umhergehen, die jene Mäler im Geſicht oder auf dem Kopfe tragen!— Ich bitte um Entſchuldigung für dieſe Abſchwei⸗ — 21— fung. Sie ſchien mir nothwendig; denn ich muß abermals mein Lied nach der alten Weiſe ſingen, wenn ich folgendermaßen fortfahre. Warrſung unterhielt eine Jüdin, ein Mädchen von etwa ſechs und zwanzig Jahren. Dieſes Mädchen war ſtattlich gewachſen, ohne im Geringſten eine Schönheit zu ſein, hatte ſchwarzes Haar, große ſchwarze Augen, ein auffallend längliches Geſicht, eine etwas gebogene Naſe und wußte beſonders durch die feine Intrigne ihres Weſens zu intereſſiren Weil dieſes Mädchen ſchon ſechs und zwanzig Jahr zählte, ſo kann man abnehmen, daß ſie über⸗ haupt nicht unerfahren war und eine große Schlau⸗ heit und durchdringende Klugheit beſaß. Aline hatte durch dieſe ihre natürlichen und erworbenen Eigenſchaften der Polizei bei manchen ihrer Nach⸗ ſpürungen ſchon gute Dienſte geleiſtet, und ſie ſtand für dieſen Zweck in einem gewiſſen jeſuitiſchen Verkehr mit Allen, die ſie kannte. Doch müſſen wir hinzuſetzen, daß ſie ihre Fragen und Geſpräche immer ſo leitete, daß Niemand das Geringſte von ihren Abſichten merkte. Aline war die Traulichkeit und Zärtlichkeit ſelbſt, während eine Schlange in ihrem Buſen ſich regte. Dieſe Eigenſchaft hatte ſie einſt bei ſich entdeckt, als ſie zufällig die Mit⸗ helferin zur Entdeckung eines Verbrechens wurde. 4* Seit dem übte ſie das Talent gefliſſentlich, gab Geſellſchaften, die, ganz im Geheimen aus zehn bis zwölf jungen Leuten beſtanden, kredenzte den Punſch reichlich und wußte aus den Reden jedes Mal ihren Vortheil zu ziehen. Dieſer weibliche Jeſuit alſo war jetzt die Mai⸗ treſſe Warrſungs geworden. Einige Tage nach jenem nächtlichen Ereigniß war Warrſung bei Aline, und dieſe zeigte ſich un— gewöhnlich ſtill, ſpröde und zurückhaltend. Es konnte nicht fehlen, daß der ſehr gewagte Diebſtahl ſchnell wie ein Lauffeuer durch die Stadt ging. Die Polizei, mit ihrer bekannten Vielſeitig⸗ keit und Gewandtheit, warf ſogleich ihr Netz aus, man ſchöpfte Verdacht, aber es war nicht möglich, unmittelbar auf den zunächſt liegenden Verdacht zuzu⸗ greifen. Man mußte, wenn nicht vor der Perſon, ſo doch vor den Familien⸗Angehörigen die nothwen⸗ digen Rückſichten beobachten. Und dies um ſo mehr, als man ſich des Zweifels und Unglaubens, bei den bekannten keineswegs ungünſtigen Lebensverhält⸗ niſſen nicht erwähren konnte oder mochte. Warrſung war höchſt ruhig und unbefangen, er hatte ſich am Morgen nach der That zur gehörigen Stunde eingefunden und zeigte ſich nicht wenig er⸗ ſtaunt und erbittert über den frechen Dieb. — 73— Daß Aline von Warrſung unterhalten wurde, war bekannt, wenigſtens der Polizei, und diejenigen, welche mit dieſer in Verbindung ſtanden oder im Geheimen für ſie wirken und horchen konnten, ſuchten daher zunächſt bei Aline ſich Beiſtand und Erkun⸗ digung zu holen.— Aline alſo war an jenem Abend, gegen Warrſung ſehr zurückhaltend und ſtumm. Letzterem mußte dies auffallen, doch faßte er ſich und ſchöpfte nicht den geringſten Argwohn über etwaige Gründe, da er von dem Spionsgeiſte und dem jeſuitiſchen Treiben ſeiner Geliebten nie etwas in Erfahrung gebracht hatte. Der Menſch iſt ſchwach, wenn er liebt, pflegt man zu ſagen. Warrſung liebte nun zwar nicht eigentlich, aber er betrug ſich doch gegen ſeine Mai⸗ treſſe ohne Argwohn. 1 — Was iſt Dir, mein Kind? fragte Warrſung und ſetzte ſich neben die Schmollende. Bin ich dir zu lange weggeblieben? — Aline ſchwieg und ſah ihn nur mit einem ſcheelen, durchdringenden Seitenblick an. Warrſung wurde wirklich überraſcht durch dieſe Miene, mit der er noch nie betrachtet worden war. — Sollte ſie—? frug er ſich leiſe,— ſollte ſie auf dich Verdacht werfen und— dich verab⸗ ſcheuen, durchfuhr es ihn wie ein Blitz.— Aber, wie wäre das möglich— wie könnte ſie— die dir immer ſo ergeben war— nein, nein, ſie iſt aufrichtig, unbefangen, ſie würde anders geſtimmt, befangen, verwirrt ſein.— Dieſe und ähnliche Gedanken fuhren durch Warr⸗ ſung's Seele; dann hub er wieder an: — Aline, wenn ich nur wüßte womit ich dich erzürnt habe, oder womit ich dich mir wieder be⸗ freunden kann? — Du frägſt noch, Du? ſagte ſie und ſah ihn mit einem ähnlichen Blick wie vorhin an.— Was hab ich denn von meinem Leben, was hab ich denn von Dir? Das Bischen Unterhalt, nichts weiter. Hab ich wohl je eine Freude, machſt du mir wohl je ein Geſchenk— nein, nein, nein, obgleich Du Alles um und bei Dir haſt, und tau⸗ ſendmal ſagſt, daß Du mich liebſt mehr, vielmehr wie— und dennoch!— oh, geh, geh, ich willnichts mehr von Dir hören, ich werde ſchon ſonſt Jemanden finden, der mir das Wenige giebt, und der nicht halb ſo gut geſtellt iſt, nicht halb ſo viel vermag als Du— wenn Du nur willſt. — Was kann ich denn thun, Aline? — Du frägſt noch? Wie lange hab' ich dir — 75— nicht ſchon geſagt, daß ich nur einen kleinen ächten Schmuck.— — Aber hab' ich denn den in meinem Laden? — Wenn Du auch nicht ſelbſt ihn haſt, ſo haben ihn doch andere Leute, und es koſtet dich nur ein Wort, den bloßen Willen— es macht dir wenig Koſten, wenn Du— Aline weinte. Sie legte ihren Kopf auf das Sophakiſſen und lugte mit einem ſcharfen, prüfenden Blick, der ganz das Gegentheil von ihren Thränen ausdrückte, zwiſchen ihrer Schulter und dem über den Kopf geſchlagenen Arm hindurch. Warrſung bemerkte dieſen Rabenblick nicht, er ſaß wie in Gedanken verloren da, ſprach leiſe: Wie Du doch— nun ja— ich kann es— wenn Du durchaus willſt, daß— und ſah feſt auf den Boden hin. Dann ſprang er auf, warf ſich vor ſeiner Mai⸗ treſſe auf die Knie, bog ihr den Kopf auf die Seite, ſah ihr in die nun wieder ſchwermüthigen Augen und ſprach: Ja, Aline, du ſollſt haben, was Du wünſcheſt— Du ſollſt ſehen wie ich Dich lieb habe! Morgen, Morgen, ich werde Dir einen Schmuck bringen— aber dann ſei mein, bleibe auch mein, ſei aufrichtig, treu gegen mich— Du! Und Aline umſchlang ihn und küßte ihn. — 6— — Nun biſt Du wieder ganz mein, und ich dein geliebtes Weib! rief ſie mit ſchmachtender Hingebung und hing ſich voll Zärtlichkeit an ſeinen Hals. Morgen, Morgen wiederholte ſie, laut und ſcherzte und koſete, o! wie werde ich glücklich ſein. Dann ſtand ſie auf, ging einige Male im Zimmer auf und nieder, blieb vor dem Spiegel ſtehen, ſah ſich ſelbſt prüfend und wie ihre Blicke und Mienen ſtudierend hinein, und ſagte leiſe vor ſich hin: Es iſt richtig! Alſo— doch! Warrſung deutete die Worte auf ſich und ſein ebengethaenes Verſprechen; er würde ſie vielleicht nicht ſo gedeutet haben, wenn Aline ihm nicht den Rücken zugewandt und mit dieſem den ſchmalen Spiegel faſt ganz bedeckt hätte; er würde dann vielleicht inne geworden ſein, daß der ſchlaue ver⸗ ſchmitzte Zug um den lächelnden Mund, der ſata⸗ niſche Funke in dem ſchwarzen, ſtechenden, halb zu⸗ gekniffenen Auge, einen— andern Grund und eine andere Beziehung haben mußte.———— Auf dem Meer. Das ſchüne kupferbodene ſchnellſegelnde Schiff „Learoſa,“ mit einer reichen Ladung verſehen, hatte, ſobald die Elbe vom Treibeis befreit war und der erſte, beſte günſtige Wind es möglich machte, Kuxhaven zu erreichen, den hamburger Hafen ver⸗ laſſen. Außer der Waarenladung, einigen Kanonen, zur Vertheidigung gegen etwaige Kaper, dem Capitain, Steuermann und acht Matroſen befanden ſich auf der„Learoſa“ noch zwei Paſſagiere. Für dieſe beiden Paſſagiere war eine eigene Ca⸗ jüte eingerichtet die beſtändig geſchloſſen war und erſt dann geöffnet wurde, als man die Fahrt durch den Kanal glücklich zurückgelegt hatte. Die Männer, welche ſich in der Cajüte einge⸗ ſchloſſen befanden, waren— Hamburger. Wenn ſie nicht ſchliefen oder gedankenlos hindämmerten, unterhielten ſie ſich von— der Vergangenheit. War dieſe denn ſo reichhaltig und intereſſant, oder vielleicht gar merkwürdig und pikant für ſie? Es ſcheint ſo; denn wenn man ihre Unterredung be⸗ lauſchte, ſo zeigte dieſe einen ganz eigenthümlichen 4* Charakter und deutete auf außerordentliche, erſchüt⸗ ternde Vorfälle. Zuerſt ſchien auch eine gewiſſe Feindſeligkeit und Gehäſſigkeit des Einen gegen den Andern obzuwalten, aber je weiter man in See kam, je höher die Wellen gingen, deſto ruhiger und verſöhnender wurden die Gemüther. Man hatte den nördlichen Wendekreis überſchritten, der Himmel glänzte in aller Pracht ſüdlicher Bläue und Klarheit, das Meer ſtrahlte purpurn und golden, die Sonne glühte auf das Verdeck des Schiffes herab. Die„Learoſa,“ welche ſich erſt immer öſtlich hielt, nahm ihre Richtung jetzt mehr weſtlich und ſteuerte quer durch den Ocean. Ihre Abſicht war offenbar um die äußerſte Spitze von Süd⸗Amerika herumzu⸗ fahren. Allerdings— das Ziel ihrer Ladung war Valparaiſo! — Was war Dir heißer— frägt der Eine:— als der Speicher hinter Dir brannte oder— 2 — Als Du die Fenſterfahrt machteſt, ſiel ihm der Andere in die Rede. — Na, verſetzte der Erſte, wir können doch Beide ſagen, daß wir ſchon ein Mal im Feuer ge⸗ ſtanden haben— denn— etwas warm wird Einem immer bei der Sache. —6 19—2 — 7ſ9— — Ich wollte doch, daß der verdammte Jude mich das erſte Mal nicht geſtört hätte. Damals war es der rechte Zeitpunkt. Das zweite Mal, ſo kurz vor dem ablaufenden Termin.— — Ach was, ſagte der Andere, wir müſſen unſer eingebrocktes Gericht nun auch auseſſen. Was ſollen wir noch davon reden? Beſſer hier in der Sonnenhitze als drinnen im Loch bei all' dem Geſindel und wohl gar wie alte Weiber am Spinnrad ſitzen. Der Vorſchlag war vernünftig, die Methode iſt nicht übel. Ich finde viel Manier und Humanität darin. — Freilich, einſtecken, ſitzen und ſchwitzen laſſen, koſtet Geld, und was hat man davon, wenn wir einige Jahre ausharren! Man läßt den Reſpect gegen die Familien, gegen uns nicht außer Acht— gut das. Mag das Volk nun glauben, daß wir hinter den ſpaniſchen Gardinen ſitzen— es iſt all' Eins. Es paſſirt überall und unter Allen viel Menſchliches. Wollte man Alle hängen, köpfen, einſtecken, man hätte genug zu thun, nur damit fertig zu werden. — Landesverweiſung— Zeit Lebens— das iſt nobel— verſetzte der Andere wieder. Es wollte dort ja nicht gehn— wer weiß, ob uns in der neuen Welt nicht ein neuet Stern des Glückes auf⸗ — 80— geht. Es iſt eine Stimme oder Fügung des Schick⸗ ſals, welches uns einen neuen Boden anweiſt, einen Boden, auf dem ſchon mancher arme Teufel, der noch nie etwas war und hatte in der Welt, ein reicher und wohlhabender Mann wurde. Alſo friſchen Muth— friſche Speculation— ich denke, bei unſern Erfahrungen kann es uns nicht fehlen! Es war Mitternacht. Obgleich die„Learoſa“ ſich in der klaren, ſüdlichen Zone befand, wo die Nacht nichts weiter als ein trüber nordiſcher Tag iſt, hatte ſich der Horizont doch verfinſtert. Eine tiefe Stille herrſchte auf dem Meere, als Vorbote des hereinbrechenden Orkanes, während immer mehr ſchwarze Wolken ſich am Himmel zu⸗ ſammenzogen. Blitze leuchteten. Die Meervögel umflatterten ängſtlich Raaen und Maſten. Die Schiffsglocke gab das Signal. Die Stimme des Capitain's donnerte auf dem Verdeck. Die Segel und Taue wurden unſtät, als fürchteten ſie ſelbſt ſich vor dem bevorſtehenden Augenblick. Alle Matroſen eilten auf das Verdeck— nur die ver⸗ 1 4 — 81— bannten Sträflinge, Warrſung und Dieſtelberg blieben in ihrer Kajüte. Immer mächtiger wurde der Lärm, immer größer die Anſtrengung, der Segel durch Einreffen habhaft zu werden. Donner krachten, Blitze leuchteten, die Wellen erhoben ſich mächtiger und brauſender am Backbord. Die Stimme des Capitains wurde immer lauter, als wollte ſie das Brauſen des Sturmes übertäuben. Flüche und Stöße, wie mit einer Art ließen ſich auf dem Verdeck vernehmen. Einzelne Matroſen eilten brummend und mit verſchiedenen Gegenſtänden um ſich werfend in den Schiffsraum hinab. — Wir haben gar nicht den rechten Cours gehabt!— — Donnerwetter, ſchweig' oder ich ſchlage Dir das Gehirn mit dem Schiffshaken ein!— donnerte es dagegen.— Dieſtelberg ſaß, den Kopf auf die Hand geſtützt, ſinnend da. Erſt waren ſeine Augen ſtarr auf den Boden gerichtet, dann lugten ſie unſtät auf die Seite und auf den in ſeiner Koje liegenden Warrſung hinüber. Ein Matroſe rannte an der Kajüte vorüber, er ſtieß an die Thüre und dieſe ſprang auf. — Macht Euch bereit, ſagte der Matroſe mit rauher Kehle, Ihr kommt jetzt doch zu ſitzen, und — 82— zwar tief auf dem Grund, wenn ihr nicht funfzig Meilen weit ſchwimmen könnt. — Wass fragte Dieſtelberg und ſah den Ma⸗ troſen an, mit dem er ſich während der Fahrt ſchon mehrmals freundlich eingelaſſen hatte. — Nun, wir ſind verloren, verſetzte jener, der Steuermann ſagt's ja, der Capitain hat gar den rechten Cours nicht gehabt, wir können jeden Au⸗ genblick feſt ſitzen! — Was, erſaufen— durch den Capitain! rief Dieſtelberg, hat man uns nicht Leben und Freiheit verſprochen! Nach einer Pauſe, in der er die Fauſt ballte, in der Kajüte, ſoviel es die Dunkelheit er⸗ laubte umhertaſtete, ſprang er empor und eilte dem Matroſen nach auf's Verdeck. Matroſen, auf! rief er, was kehrt Ihr Euch an den Capitain. Hat man uns dazu auf die See geſchickt, um uns durch die Ungeſchicklichkeit des Capitain's wie junge Hunde zu erſäufen, die vor dem neunten Tag nicht ſehen können! — Donner und Sturm! brüllte der Capitain. Will'ſt Du Satan bald wieder in die Kajüte hin⸗ unter, Du Mordbrenner, oder— — Matroſen, ich verſpreche Euch noch ein Mal ſo viel als dieſe Ladung enthält; das Schiff iſt Ener— Steuermann!— 83— Das Getümmel, vom Donner, von Flüchen und Schiffslärm unterbrochen wurde immer lauter und verworrener. Dieſtelberg ſtand auf dem Verdeck, hielt den Hauptmaſt umſchlungen und rief wie wahnſinnig den Matroſen zu. Unterdeſſen war der Capitain in die Cajüte hin⸗ unter geeilt und hatte aus einer Kiſte eine alte Piſtole nebſt Pulverhorn hervorgeholt. Aber die Kugeln fehlten; der Capitain ſuchte mit dumpfer, ſtummer Haſt in allen Ecken,— ſie waren nicht zu finden. Ohne ſich lange zu beſinnen, langte er in die Taſche, holte ſein Taſchenmeſſer hervor, ließ es in den Lauf gleiten und eilte auf's Verdeck zurück. Die Piſtole knallte, obgleich vom Sturme über⸗ täubt, das Gehirn Dieſtelberg's ſprützte am Maſt mit dem Schaum einer Woge auseinander, die den hinfallenden Körper mit über Bord nahm— dann trat plötzlich, nicht bloß auf dem Deck ſondern auch in der aufgeregten Natur eine momentane Stille ein. — Mein Recht! ſagte der Capitain und ſchleu⸗ derte die Piſtole auf's Deck hin. So— jetzt ge⸗ horcht, oder ich ſchieße Euch Alle mit einer Kanone nieder. Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als eine — 84— neue mächtige Welle über das Deck hinfuhr und das Schiff von einem gewaltig krachenden Ruck er⸗ ſchüttert wurde. Der Kiel ſaß feſt. — Bößte hinaus! rief der Capitain. Im Nu war der Befehl vollzogen, und die Mannſchaft mit Capitain und Steuermann geborgen. Nur Einer ſtürzte beim Hinunterſteigen in's Boot über Bord und wurde von den brauſenden Wogen verſchlungen— Warrſung.— XI. Die Kinderleiche. Es war ein rauher Wintertag, der dickſte Nebel bedeckte die Erde und ein moosartiger Reif umgab die ſtarren Gerippe der Bäume. Es ward Abend, die Laternen, in dem Nebel kaum einigen Schein von ſich werfend, wurden eben angezündet und man läutete bereits zur Sperre, als ein junger Mann mit raſchen, faſt furchtſamen Schritten zum Thore hinausging. Wir ſagen mit„furchtſamen Schritten“, und können hinzuſetzen, daß ſeine ſcheu umhergeworfe⸗ nen Blicke, ſeine kurzen, ſchnellen Schritte, ſein ganzes ſchüchternes Weſen dieſes Beiwort vollkom⸗ men rechtfertigen. Dieſer junge Mann trug einen langen blauen Mantel, den er vorne ſorgfältig zuſammenhielt, offenbar in der Abſicht, damit etwas darunter Ver⸗ borgenes nicht bemerkt werden möchte. Er ſchlug ſeinen Weg nach dem nächſten Begräb⸗ nißplatz ein. Hier eingetreten, ging er den einen Weg mit großer Haſt hinauf und den anderen wieder hinunter. Es war alſo nicht ſeine Abſicht, hier ein Monument, eine Grabſchrift, oder ſonſt eine theure Ruheſtätte zu ſuchen. Endlich ſtand er plötzlich ſtill, blickte ſchüchtern um ſich, ſah durch die Zweige der Trauerweiden und Cypreſſen und den dichten Nebel nach dem ſchimmernden Licht in dem weißen Hauſe des Todten⸗ gräbers hinüber, und eilte dann gleichſam queer⸗ feldein über Gräber und Steine dahin. Die aufgeworfene Erde, die umherliegenden Schädel⸗ und Beinknochen, die morſchen Bretter vermoderter Särge zeigten an, daß hier eine neue Grube gegraben war, um eine Menge Särge, über und neben einander, aufzunehmen und dann kaum zwei Fuß hoch mit Erde überſchüttet zu wer⸗ — 86= den, worein dann Jeder, der hier einen Angehöri⸗ gen, eine Mutter oder Geliebte gebettet hat, ſein kleines ſchwarzes Kreuz mit den wenigen weißen Schriftzügen aufrichten kann, um ſo doch wenigſtens im Allgemeinen die Stelle zu kennen, wo ſein Theuerſtes ruht. Denn ein geſonderter, wohlbe⸗ gränzter Platz iſt nur dem Reichen beſchieden, der vielleicht nicht ſo viel Gefühl hat, als jener Aer⸗ mere, deſſen Herz wohl dieſen einzigen Troſt, hier einſam und beſtimmt ſein Theuerſtes ſuchen— und finden zu können, verdient hätte.— Der junge Mann ſchlug jetzt ſeinen Mantel von einander, legte den mit einem Tuch umwundenen Gegenſtand auf die kalte, ſtarr gefrorne Erde hin und verſuchte eines der Bretter wegzunehmen, die über die Grube nahe an einander gelegt waren. Aber— die Bretter waren feſtgefroren— und als er endlich eins losgeriſſen hatte und, ſo viel er ver⸗ mochte, in die Grube hinabſah, da bemerkte er, daß ſie noch völlig leer und ſehr tief war.— Wir müſſen für unſere Leſer hinzuſetzen, daß es die Abſicht des jungen Mannes war, möglichen Falls eine halbgefüllte Grube zu ſuchen,— und— fürwahr mit einer gewiſſen Keckheit!— ſeinen Gegenſtand zwiſchen den Särgen zu verbergen. Als der junge Mann nun die große, tiefe und — N NX — 87— noch völlig leere Grube ſah, da ſchauerte er un⸗ willkürlich zuſammen, denn er vermochte es nicht, ſeinen Gegenſtand dort ohne Gefühl und mit kalter Hand nur ſo gleichgültig hinabzuwerfen. Er legte alſo das losgeriſſene Brett wieder hin, nahm ſein myſteriöſes Bündel wieder unter Arm und Mantel und ſchritt langſamer und nachdenk⸗ licher als er gekommen war, auf die Wohnung des Todtengräbers zu. Er klopfte dreimal mit einer gewiſſen Beklom⸗ menheit an die Thüre. Niemand antwortete. Er klopfte nochmals mit drei Schlägen, und zwar et⸗ was beherzter, an. Jetzt ließ ſich hinter dem Vorhang des erleuchteten Fenſters ein leiſes Ge⸗ murmel vernehmen. Nach einer Pauſe ſprach eine männliche Perſon mit auffahrender Stimme:„Ich muß doch ſehen, ob denn dort mein Beſchützer und Freund, der Tod ſelbſt, mir Etwas bringen will.“ Die Thüre ging auf und der junge Mann fuhr einige Schritte zurück, als der Todtengräber haſtig heraustrat und rief:„Na— wer iſt denn da?“ Jetzt den jungen Mann im blauen Mantel er⸗ blickend, ſagte er:„Aber warum wollen Sie uns hier den einſchüchtern? Warum kommen Sie nicht⸗ herein?“ „Ach, hören Sie,“ ſagte der junge Mann mit — 88— beklommener Stimme,„dürfte ich Sie wohl einen Augenblick erſuchen, mit mir zu kommen?“ „Wohin? es iſt ſchon nach Sperre.“ „Nein, nicht weit; nur hier einen Gang auf dem Kirchhof mit hinauf.“ „Meinetwegen,“ ſagte der Todtengräber, und brummte dann wie verwundert einige unklare Worte vor ſich hin. „Herr Todtengräber,“ ſagte jetzt der junge Mann, als ſie den einen Gang zwiſchen den Grã⸗ bern halb hinaufgegangen waren,„ich— habe hier ein Kind— das ſollen Sie beerdigen,“ fügte er mit faſt zitternder Stimme hinzu, und zeigte dabei, indem er den Mantel zurückſchlug, das Bündel, welches er unter dem Arme trug. „Ein Kind— das bringen Sie— ganz allein — noch ſo ſpät, und— ohne Sarg, nur— in ein Tuch eingewickelt?“ ſagte der Todtengräber halb erſtaunt, halb wie ungläubig lächelnd. „Ja,“ ſagte der junge Mann und nahm einen gewiſſen wehmüthig herzlichen Ton an;„thun Sie es, ich bitte Sie inſtändig— es ſcheint Ihnen ſonderbar— es muß Ihnen auffallen, daß ich ſo allein, in dieſem Aufzuge, bei Nacht und Nebel zu Ihnen komme,— es ſieht romanhaft, oder wie man jetzt lieber ſagt, ſehr romantiſch aus; allein — 89— — ich bitte Sie, thun Sie mir den Gefallen, ſetzen Sie das Kind bei.“ „Nein, mein Lieber,“ ſagte der Todtengräber, „das kann und darf ich nicht, ohne daß ich weiß, woher das Kind denn eigentlich kommt. Laſſen Sie ſehen, ich kann es nicht glauben,— iſt es denn überhaupt auch wahr?“— Dabei nahm er das Bündel in die Hand, ſchlug das weiße Tuch aus⸗ einander und erblickte bei'm falben Zwielichtſchein des Mondes, der in dieſem Augenblick gerade durch die ſchwarzen ſich am Himmel zeigenden Gewölke und den ſich zertheilenden, lichtenden Nebel mit ſei⸗ ner feurigen, aber matten Scheibe hindurch ſah,— ein etwa ſechs bis acht Monate altes menſchliches Weſen. Der Todtengräber faltete das Tuch wieder zu⸗ ſammen, ohne ein Wort zu ſprechen. „Sie haben ſich nun überzeugt.“ „Ja,“ ſagte der Todtengräber ziemlich einſylbig, „was hilft mir das, ſo lange ich nicht weiß— und überhaupt—“ „Wenn ich Ihnen nun ſage, daß es das Kind einer— jungen— Schauſpielerin iſt,“ hub der junge Mann mit langſamen Worten wieder an,— „Sie wiſſen wie es geht— Sie will nicht gerne das Anſehen haben— nun, Sie verſtehen mich ſchon.“ — 90— „Meinetwegen, Schauſpielerin oder nicht,— leichtfertig oder nicht,— ich darf meine Pflicht nicht verletzen und hier auf meinem Gebiet ſolche Heimlichkeiten dulden oder gar begünſtigen. Ich ſehe Sie für einen ordentlichen und gebildeten jun⸗- gen Mann an, der ſich nur aus unüberlegtem Eifer einen Liebesdienſt aufgebürdet hat, den er nicht ausführen kann und darf. Es iſt allerdings ein ſehr ſonderbarer und, wie Sie es nennen, romantiſcher Fall, der mir noch nicht vorgekommen iſt. Ich warne Sie alſo freundſchaftlich,— neh⸗ men Sie Ihre— Leiche wieder mit, lieſern Sie ſie ordentlich an Ort und Stelle wieder ab und ſorgen Sie dafür, daß geſchieht, was in der Ord⸗ nung iſt.“ Der junge Mann, der vorhin, als er ſich zu erklären ſuchte, ſchon verlegen wurde,— denn er gab keineswegs das richtige Sachverhältniß an, ſondern erſann ſchnell eine kurze Lügengeſchichte,— ſtand jetzt ſehr betroffen da, ſchlug ſeinen Mantel feſt über einander, wünſchte„gute Nacht“— und ging dem Thore wieder zu. Der Todtengräber, dem nach ſeinem eigenen Geſtändniß, in ſeinem Amte ſolch' ein Fall noch gar nicht vorgekommen war, machte ſich hinterher Vorwürfe, daß er den jungen Mann mit ſeinem — 91— myſteriöſen Päckchen nicht angehalten habe und— ſchlich ihm nach. Schlau genug, um ehrlich ſelbſt gegen einen Pflichtvergeſſenen zu erſcheinen, verfolgte er den jungen Mann, der raſch, ohne ſich umzuſchauen, nach der Stadt zurückeilte, bis an's Thor und gab der Wache, als jener vorüberging, einen Wink, um eine Entdeckung herbeizuführen. XII. Eine Kataſtrophe. Die Scene auf dem Begräbnißplatz vor dem Dammthore ereignete ſich ungefähr ein Jahr nach dem erſten Brandſtiftungsverſuch und anderthalb Jahre nach der Unterredung zwiſchen den beiden Schweſtern, Minna und Auguſte, oder, wie wir Letztere nunmehr genauer und bezeichnender nennen wollen, der Doctorin Bertram. Unmittelbar darauf ſaß der alte Bertram eines Abends in ſeinem großen Lehnſtuhl am Ofen, als der Advokat Hai eintrat. Der alte Bertram, der Vater des Doctor — 92— Bertram, war ein Mann in den Siebzigern, ſchwach an Körper und Geiſt, und durch die Feſſeln, mit denen Gicht und Podagra ihn an Zimmer und Stuhl ſchloſſen, wie man wohl ſagt, wunderlich geworden. Deſſen ungeachtet beſaß er noch ein anſehnliches Vermögen, theils am Orte, theils auswärts, und der Advokat Hai war der Curator deſſelben. Hai trug aber den vollen Charakter ſeines Namens, er war ein ſchlechter Verwalter des ihm gleichſam anvertrauten Gutes, und ſeine geheime Abſicht, ſeine durchtriebenen Machinationen gingen immer dahin, ſich auf die unmerklichſte Weiſe mehr und mehr in den Beſitz des Vermögens zu ſetzen, oder es wenigſtens ſo viel als möglich zu ſeinem Vortheil an ſich zu halten und zu verwenden. Bei ſeiner großen Verſchmitztheit und dem leicht⸗ ſinnigen Leben des Doctor Bertram ward es ihm nicht ſchwer, den Alten mannigfaltig zu hinter⸗ gehen und nach ſeinen Plänen zu leiten. Zwei Momente kamen ihm daher bei dieſen ver⸗ borgenen Machinationen ſehr zu Statten: das durch ſyphilitiſche und damit verbundene Einflüſſe herbeigeführte Delirium des Doctor Bertram und die entkräftete Intrigne der Frau deſſelben.— „Ich habe Ihnen ſchon wieder eine— traurige 1[ᷣ ‿ b N — 93— Nachricht zu überbringen,“ ſagte alſo Advokat Hai zu dem alten Bertram, als er zu dieſem in das Zimmer trat. „Von meinem Sohn?“ fragte dieſer und huſtete, als er die wenigen Worte geſagt hatte. „Das gerade nicht. Ihr Sohn befindet ſich, wie Sie wiſſen, auf dem Krankenhof, in Folge der Zufälle und Krankheitsſymptome, die er ſich durch ſein ausſchweifendes Leben zugezogen hat. An ſeine Wiederherſtellung iſt nicht zu denken, dagegen ſteht jeden Augenblick zu erwarten, daß ſein Ende da iſt,— vielleicht iſt er in dieſem Augenblick, wenn die wirren Anfälle heftiger wiedergekehrt ſind, auch ſchon geſtorben.“ Der Advokat Hai ſprach dieſe Worte mit einer großen Gleichgültigkeit und bemerkte ſorgfältig, welche Wirkung er dadurch anf den alten Bertram hervorbrachte. Dieſer ſeufzte, huſtete und deutete mit der Hand an, fortzufahren. „Aber es hat ſich noch etwas ganz Anderes be⸗ geben, es iſt ein Fall ganz eigener Art entdeckt worden, und,“ ſetzte er mit beſtimmtem Tone hinzu,„Sie und Ihre entfernten Verwandten kön⸗ nen es mir verdanken, daß nicht eine— Erb⸗ erſchleichung möglich geworden iſt.“ Geheimniſſe von Hamburg, II. &☛ — 9= „Eine Erberſchleichnng?“ wiederholte der alte Bertram und erhob ſeine matten Blicke. „Wie ich Ihnen ſage,“ verſetzte der Advokat Hai,„und was meinen Sie— durch wen und auf welche Weiſe? Wie man ſich hat zu Ihrem Erben machen wollen?“ „Wer hätte dies verſucht?“ fragte der Alte. „Ihre Schwiegertochter! Sie hat ihre junge leichtſinnige Schweſter, die verführt worden iſt, man erzählt, auf eine merkwürdige, alberne Weiſe, bei ſich verborgen gehalten und dachte das Kind als das ihrige unterzuſchieben. Aber der Plan mißlang. Das Kind ſtarb nach gut einem halben Jahre. Der junge bartloſe Verführer, der bis dahin ebenfalls unbekannt blieb, ſollte das todte Weſen auf die Seite ſchaffen, ein anderes Kind von demſelben Alter war ſchon durch ein durch⸗ triebenes Weib herbeigeſchafft, um es gleichfalls raſch für das geſtorbene wieder unterzuſchieben;— aber man iſt all dieſen Ränken und Schlichen auf die Spur gekommen. „Natürlich können weder Sie und ich, noch gar die Obrigkeit, dieſem ſchändlichen, geheimen und höchſt ſittenlos frechen Treiben gleichgültig zuſehen. Es iſt ein Verbrechen ganz eigener Art, das jeden⸗ falls ernſtlich beſtraft werden muß, und ich ſtehe nicht dafür ein, daß Ihre Schwiegertochter, da ihr alle empfehlenden Connectionen fehlen, nicht auf einige Zeit in's— Zuchthaus wandert. Denn nehmen Sie an, welche Schlechtigkeit, welcher Be⸗ trug— eine Erberſchleichung durch ſolche gewiſſen⸗ loſe unmoraliſche Mittel! Da muß nothwendig ein Exempel ſtatuirt werden. Die ganze Begebenheit klingt höchſt fabelhaft, ja unmöglich,— aber Recht muß Recht bleiben und das Geſetz in ſeiner Strenge aufrecht erhalten werden. Ich werde das Meinige thun, um Sie und Ihren entfernten Ver⸗ wandten in Ihrem Beſitz und Recht zu ſchützen. Das iſt meine Pflicht! Denken Sie nur, wer das Eine gethan und einmal einen ſolchen Plan gefaßt hat, der kann auch mehr thun; Herr Bertram, Sie ſind ja Ihres Lebens— das Gott noch lange erhalten möge!— nicht ſicher, Sie können ja keinen Augenblick ſicher ſein, daß man nicht durch Gift— Der Advocat hatte bis hierher fortwährend mit Feuer und Lebendigkeit geſprochen. Bei dem Worte „Gift“ hielt er plötzlich inne, um dem alten Bertram dieſen Begriff und dieſe Vorſtellung wahrſcheinlich recht eindringlich zu machen. Dieſer rückte unruhig auf ſeinem Lehnſtuhl umher und ſchüttelte mit dem Kopfe, als könne er das Geſagte nicht glauben oder vor Beſtürzung nicht zu ſich kommen. 5 — 96— — Hem! Hem ſagte er, das iſt ja abſcheulich— und Sie meinen, daß man die Frau Doctorin wirklich bei ſolchem Vorhaben ertappt hat? Wie ich Ihnen ſage, verſetzte der Advokat Hai, der junge Menſch wird ebenfalls eine Strafe zur Warnung bekommen, aber die Frau Doctorin wird ihre ſauberen Intrignen aller Wahrſcheinlichkeit nach— um über ihren Charakter Betrachtungen anſtellen und ſich eines ernſtern Lebenswandels befleißigen zu können, in's Zuchthaus, verſteht ſich bei gelinder Arbeit, wandern. Wir befürchten, unſere Leſer zu ermüden, wollten wir den ganzen Verlauf dieſer Kataſtrophe nach franzöſiſcher Manier in allen Details ausſpinnen. Wir heben bloß diejenigen Punkte hervor, die uns weſentlich ſcheinen, um den Gang unſerer charak⸗ teriſchen und pikanten Geſchichte anſchaulich zu machen. Wir deuten die ferneren Umſtände daher auch nur an, behalten die Doctorin in unſern Skizzen im Auge, und berühren nur gelegentlich, ſo weit es zur Verſtändlichkeit nöthig, oder laſſen rechts und links liegen, was damit mehr oder weniger zuſam⸗ menhängt.— 97— Wie der Advokat Hai vorausgeſagt und nach ſeiner Mitwirkung, die er aber geheim hielt, ver⸗ muthet hatte, kam die Doctorin Bertram richtig in's— Zucht⸗ und Spinnhaus, auf zwei Jahre, ohne beſtimmte Arbeit, ihr Hab und Gut wurde, da unterdeſſen ihr Mann auch geſtorben war, unter Curatel geſtellt, und wie man ſchon vermuthen wird, erhob ſich auch hier der Advokat Hai auf die ge⸗ hörige, ſcheinloſe Weiſe zur rechten Zeit und— nicht lange darnach wurde der alte Bertram, da nach der Erklärung ſeines Curators augenblicklich nichts weiter übrig blieb, in das Werk⸗ und Armenhaus abgeführt. Die weiteren Begebenheiten, die ſich auf den alten Bertram und die dunklen Verhältniſſe ſeines Vermögens beziehen, müſſen wir hier dahin geſtellt ſein laſſen, um uns an das Leben der Doctorin Bertram zu halten. XIII. Die Bekanntſchaft. Es bricht abermals ein Abend herein und aus dem Bereiche des Spinnhauſes wird eine Frau entlaſſen, die dort unter verbrecheriſchem Geſindel anderthalb Jahre geſeſſen hat.— Die Frau athmet hoch oder tief auf, als ſie zum erſten Male wieder freie Luft ſchöpft und das bunte Leben der Stadt im Zwielicht vor ſich liegen und lärmen ſieht. Wohin aber ſoll ſie ſich wenden? Nicht die Schaam heißt ſie ſo langſam gehen, ſondern das Nachdenken, wohin ſie nun zunächſt ihre Schritte lenken ſoll? Dieſe Frau mit der bleichen, aſchfahlen Geſichts⸗ farbe, wenngleich ſie ſich in der Conſtitution ihres Körpers gut conſervirt hat, weiß und kennt keinen Menſchen, keine Freundin in der ganzen Stadt, zu der ſie ihre nächſte Zuflucht nehmen könnte. Sie ſinnt und ſinnt, ſie geht durch mehrere Straßen, bald ſich neugierig umſchauend, bald ſchüchtern zurückbli⸗ ckend, ob ſie auch von Jemandem, der ſie und den ſie früher gekannt oder mit dem ſie in geſelligen Verhältniſſen geſtanden, geſehen würde— aber, alle Geſichter ſind ihr unbekannt. Sie ſteht ſo — 99— fremd in dieſer Stadt, von der ſie nur ſcheinbar anderthalb Jahre entfernt war. Es war ein Glück, daß die Doctorin Bertram leichten Sinn genug hatte, alle finſtern, niederſchla⸗ genden Gedanken von ſich fern zu halten. Endlich mußte ſie ſich denn doch entſchließen, eine— mitleidige Seele anzureden, wenn ſie die Nacht, gleich manchem trunkenen Vagabonden, nicht auf der Straße, auf einer Sahltreppe oder in einem Kellerloche hinbringen wollte. Sie prüſte alſo verſchiedene der Vorübergehenden und wählte endlich eine kleine Dame, aus deren angegriffenen Zügen und matten Augen, ſoviel ſich beim Schein der Lampen und erleuchteten Läden bemerken ließ, eine bedeutende Lebenserfahrung ſich kund gab.. Die Doctorin Bertram entdeckte dieſer Dame alſo ihren Wunſch, ohne jedoch den Kern ihres Schickſals zu enthüllen— und fand Rath und Beiſtand. Die Angeredete war— wie ſich das ſpäter her⸗ ausſtellte und wir unſern Leſern hier ſogleich be⸗ merken wollen,— eine Gräfin, oder wie ſie ſich ſelbſt am liebſten nennen hörte, die Comteſſe von Polka.— Ach, meine Liebe, ſagte alſo die Comteſſe, als - 109— ſie von der ſich ebenfalls nicht nennenden Doctorin Bertram um Rath gefragt wurde, ich würde Ihnen gerne helfen, Ihnen Logis anbieten, allein— ich bin dieſen Abend ſelbſt nicht im Stande, meine Wohnung, die in der Vorſtadt St. Pauli iſt, zu erreichen. Ich beſitze nämlich nicht ſo viel um die fatale Sperre zu bezahlen.— Allein man muß ſich zu helfen und in die Umſtände zu ſchicken wiſſen. Kommen Sie alſo mit mir, liebe Madame, ich will für Sie ſorgen und mit Ihnen theilen was ich habe. Darauf gingen Beide nach dem weſtlichen Ende der Neuſtadt hinauf. Betrachten wir uns die Comteſſe auf dieſem Wege erſt etwas näher. Sie iſt nicht jung aber auch nicht alt. Sie hat blondes, faſt röthliches Haar und graue Augen, die nur ſpärlich mit langen, weißen Wimpern und dünnen Augenbraunen, wohl aber mit einem rothen Lide umgeben ſind. Die Naſe iſt ſehr dick und roth. Die Wangen ſind ſehr eingefallen und 6 von ordinairem Teint. Die Comteſſe trägt einen alten ſchottiſchen Mantel und einen ſeidenen, falgelben Hut. Endlich ſcheinen die beiden Damen ihr Ziel erreicht zu haben. Wenigſtens ſteht die Comteſſe, welche immer raſch, mit ſchlotterndem Körper vorangeſchritten iſt, — 101— ſtill und ſieht ihre neue Freundin fragend an. Nach einer Pauſe, in der ſie mit einer gewiſſen Verle⸗ genheit nach den Worten ihres Antrags geſucht hat, ſpricht ſie: Ja, wenn es Ihnen nicht zuwider iſt, ſo denke ich, wir— bleiben die Nacht in dieſem Quartier. Ich kenne es, ich habe mich darin ſchon oft beholfen und wenn man ein Mal in Noth und Verlegenheit iſt, ſo darf man ja auch mit ſeiner Perſönlichkeit nicht viele Umſtände machen. Alſo— laſſen Sie uns hineingehen. Wir bitten die Leſer, ſich keine zu große Vor⸗ ſtellung von dem Hoôtel zu machen, welches eine Gräfin und eine Frau Doctorin, Beide ohne Geld, Beide gleichſam aus der bürgerlichen Geſellſchaft hinausgeſtoßen, für die Nacht zu ihrem Abſteige⸗ quatier wählen; denn— es iſt nichts weiter als eine Pracherherberge, ja ſo armſelig und elend, wie die, welche wir früher bereits unter dem Namen des„tiefen Kellers“ kennen gelernt haben. Doch findet unter dieſen beiden„Kneipen“ der niedrigſten Art noch eine gewiſſe charakteriſtiſche Verſchiedenheit ſtatt. Der„tiefe Keller“ nämlich wird von alten und jungen Vagabonden beiderlei Ge⸗ ſchlechts beſucht; dieſe zweite Herberge jedoch, mit deren abſurder Benennung wir das Ohr des Leſers 5*** — 102— verſchonen wollen, da ſie ſich höchſtens nur franzö⸗ ſiſch ſagen ließe,— iſt dem„ſchönen Geſchlecht“ gleichſam allein reſervirt. Die Comteſſe hatte daher noch immer einen ge⸗ wiſſen Tact und Anſtand verrathen, indem ſie ein ſolches Local wählte, in welchem ſie erwarten konnte, nur von ihrem Geſchlecht umgeben zu ſein. Die Comteſſe, die wie bemerkt, hier ſchon be⸗ kannt iſt, ſteigt mit raſchen Schritten einige Stufen hinauf und tritt, von der Frau Doctorin gefolgt, in das Verſammlungszimmer, welches von einem furchtbaren Dunſt und Branntweingeruch angefüllt iſt. Man hätte dieſes Gemach leicht für eine Hexen⸗ küche halten können, deren Bewohnerinnen ſo eben, ganz betäubt von dem grauſigen Ritt, von dem Tanz und allen Kurzweiligkeiten auf dem Blocksberg zu rückkehrten. Das Mobiliar beſteht aus einem braunen mor⸗ ſchen Tiſch, der bei der leiſeſten Berührung wie eine Wiege hin und her geht; aus einer Bank, drei halbzerbrochenen Stühlen und einem braunen Glas⸗ ſchrank mit diverſen Flaſchen, das zur Hälfte in die Bretterwand hineingefügt iſt. Die Geſellſchaft, der Beſuch dieſer Herberge beſteht aus drei oder vier Weibern in ſcheußlichen Lumpen. Der Schnaps hat ſchon gewirkt, wie — ‿ꝙ α‿ꝙ — 103— man aus den zugefallenen Augen, aus den rothen, glühenden Geſichtern und den hingeſtreckten Glie⸗ dern abnehmen kann. Die Comteſſe von Polka tritt mit ihrer Freundin über eine dieſer hingeſunkenen Unholdinnen weg und nimmt am Ende des Tiſches Platz. Da ihre Kaſſe nur klein iſt, mit einem Worte nicht weiter reicht, als um in dieſem— Hotel das Schlafgeld zu bezahlen, ſo ſchlägt ſie mit reichlicher überlegung auch nicht vor, etwas zum Abendbrod zu genießen. Sie ſchlägt vielmehr vor, weil es ſeine Schwierig⸗ keiten habe, hier bequem und angemeſſen zu ſchlafen, ſich gegenſeitig über Charakter und Lebens⸗Schickſale, natürlich unter Beobachtung der größten Discretion, Aufklärung zu geben. Da wir von den bisherigen Schickſalen der Doc⸗ torin Bertram ſchon mehr wiſſen, als dieſe fuͤr gut finden möchte, ihrer neuen Freundin zu erzählen, ſo beſchränken wir uns auf die Phraſen der Com⸗ teſſe und ſchalten den Inhalt ihrer Erzählung als eine pikante Skizze aus Hamburgs verborgenen Charakteriſtiken hier ein. — 104— XIV. Gräfin Polka. Die Comteſſe, welche wir eben mit größter Gleich⸗ gültigkeit in einer ſo abſurden Situation erblicken, ſtammt aus einem angeſehenen, adeligen Geſchlecht, deren männliches Perſonal in H. und D. noch heute die angeſehenſten Staatsämter belleidet. Sie verlor früh ihre Mutter; und dieſe ſtarb an einer der abſcheulichſten Krankheiten und in einer Lage, die um vieles elender war als die des Lazarus, der auf ſeinem Körper über und über mit„Schweren“ bedeckt, aber doch noch von den Hunden geleckt wurde. Die junge Comteſſe, von einem ſo verhängniß⸗ oollen Blut entſpoſſen und ſo früh verwaiſt, ohne Aufſicht und Leitung, nicht einmal fern gehalten von dem Beiſpiel einer ſo entarteten und im nie⸗ drigſten, abſtoßendſten Elend dahingeſtorbenen Mutter, alſo außer der Impfe des Blutes ſchon in ihrer Phantaſie irre geleitet durch grelle und widerliche Bilder, die für das junge, lebhafte Gemüth aber nicht das Geringſte von ihrem ſchlangenartig ſpielenden und ſchillernden Reiz verloren hatten,— die junge verwaiſte Comteſſe alſo hatte kaum das — 105— vierzehnte Jahr erreicht, als ſie, um ihre erwachende Sinnlichkeit und leidenſchaftliche Heftigkeit zu zügeln, in das Kloſter zu U— gegeben wurde. Dieſes ſtille, beſchränkte und eingezogene Leben konnte dem jungen blonden Mädchen mit den glän⸗ zenden blauen Augen und dem ſtumpfchen Näschen aber unmöglich gefallen; ſie dachte fortwährend, Nacht und Tag, nur daran, wie aus dieſen Zwing⸗ mauern wider wegzukommen ſei, und ehe zwei Jahre— eine peinigende Ewigkeit für den jeden Augenblick auf dem Sprung ſtehenden Entſchluß!— vergangen waren, benutzte ſie einen Ausflug zu Verwandten, um Einzahlungen und Anſprüche an das Kloſter preiszugeben und— nimmer wieder zu kehren. Die ſechszehnjährige Comteſſe lebte ein Jahr bei einer Freundin auf dem Schloſſe zu—, aber ſie fühlte eine unſichtbare Gluth um ſich in den alten Mauern, in den hochgewölbten Zimmern mit den gothiſchen Fenſtern, die von duftenden Linden und blühenden Kaſtanien umſchattet wurden. Der Vogel flatterte von Aſt zu Aſt, von Zweig zu Zweig, ver⸗ ſuchte ſeine Kräfte und— flog endlich bei Nacht und Nebel plötzlich davon, um— Abenteuer zu beſtehen, die ſich im bunten Wechſel, mitunter recht romantiſch aneinander reihten. Die adelige Dame vertauſchte zu wiederholten —— — 106— Malen ihren höher klingenden Namen in einem einfach bürgerlichen, ſchickte ſich in die Umſtände, reiſte mit Naturſängern und Equilibriſten, gab Garten⸗Con⸗ certe und lernte die Freuden und Leiden des kleinen Theaterlebens kennen. Für die ſiebenzehn⸗ bis acht⸗ zehnjährige Comteſſe war kein Thespiskarren zu niedrig oder unbequem, zu luftig oder zerriſſen, ſie ſchmiegte ſich koſend wie eine andere Philine an ihren Melina oder Meiſter und— durchzog die Welt. Nach mannigfaltigen Irrfahrten kehrte die roman⸗ tiſch Geſinnte in die Nähe des Hamburger Berges zurück, und erneuerte hier— nach mehreren Jahren, manche alte Bekanntſchaft unter dem Zuſammenfluß und der Durchſtrömung von Kunſtperſonagen jeder Art. Es begann eine neue Periode in dem Leben der Comteſſe. Sie bezog die Zinſen ihres Erbtheiles, ſie lebte ungebunden und rückſichtslos, aber— die Wangen waren verblichen, die Jugendkraft war gebrochen und der Funke des einſt hellblau ſtrah⸗ lenden Auges war dahin. Dennoch wurde manche Lebensſkizze, mancher leichte und leichtſinnige Schwank erneuert, der wohl einen Platz in dem Decamerone des Boccaccio ver⸗ dient hätte. Wir wollen hier nur eine ſolche Skizze, wie das — 107— Leben und Treiben der Comteſſe ſie brachte, zum Gedächtniß niederlegen. Die Dame hatte früher auch einmal mit einem Seiltänzer in naher Verbindung geſtanden und liebte jetzt einen Kunſtreiter. Der Letztere aber hatte für den Augenblick all ihre Neigung gefeſſelt, ſie gedachte des Andern nicht mehr, und ſtieß ihn kalt zurück, als er ſich einſt ihr nahen und ſie an alte Liebe und Luſt erinnern wollte. Seiltänzer und Knnſtreiter, die bebänderten und beflitterten Kunſtjünger aus den damals noch ſo luftigen Bretterhallen des Hamburger Berges, ſtanden ſich als zum Zweikampf gerüſtete Nebenbuhler ge⸗ genüber. Der Seiltänzer warf den Fehdehandſchuh und die Forderung hin; mit aller ritterlichen Romantik, wie ſie dieſen überſchwänglichen und romantiſch bi⸗ zarren Leuten gemeiniglich eigen iſt, wollte er— die hohe Seinige ſich erkämpfen und ihr Recht auf ſie verfechten, aber— die ſchlaue Duenna verhin⸗ derte den Kampf und warf ſich thränenden Auges dem— Kunſtreiter in die Arme. Dieſe Zurückſetzung und Verachtung ertrug der Seiltänzer nicht, denn franzöſiſches, alſo heißes Blut tobte in ſeinen Adern. Er eilte in ſeine Wohnung, auf ſein Zimmer — 108— bei einem jener Händler auf dem Hamburger Berge, die Alles feil bieten, was ein Seemann zu ſeiner ganzen Equipage nur bedarf. Er nahm eine alte Piſtole, die er ſo oft abge— feuert hatte, wenn er hoch in dem ſchlaffen Seile hing, oder hin und her geſchleudert wurde.— Allein das Mordgewehr, nur an unſchuldige Spielereien gewöhnt, verſagte dieſen ſchrecklichen Dienſt. Es wollte zur Rache gegen die ungetreue Gräfin zich die Hand bieten! Der Franzoſe wüthete und tobte, warf die alte Piſtole in die Ecke und ſich ſelbſt auf die Erde. Aber bald ſprang er wie ein Raſender wieder auf, denn er gedachte eines andern Inſtrumentes, welches in ſeinem Reiſeſack ruhete. Er holte ein ſtumpfes Raſirmeſſer hervor, ſchnitt ſich zwei, drei Mal, wie mit einer Säge über die Kehle, das Blut floß über die Bruſt herab, allein nur die Luftröhre, keine Ader war in der überei⸗ lung getroffen. Vor Schmerz, Wuth und Verzweiflung, wozu ſich bald eine halbe Beſinnungsloſigkeit geſellte, wälzte der Seiltänzer ſich auf dem Boden umher.— Niemand war in der Nähe des Zimmers, der den tobenden Lärm, das ſtöhnende Röcheln hätte ver⸗ nehmen und das wahnſinnige Unterfangen ſtören können. —-— 109— Einige Minuten waren vergangen, als der Selſt⸗ mörder noch ein Mal ſeine Augen auffchlug und ſoviel Beſinnung wieder zuſammenrafte, daß er dies Sägemeſſer gewahren und ergreifen konnte. Der Blutverluſt hatte die Kräfte ſchon erſchöpft, die Arme waren matt und ſchlaff geworden. Den⸗ noch wurden mehrere Schnitte über den Leib aus⸗ geführt und dieſer auf ſolche Weiſe furchtbar zerfleiſcht. Nach zwei, drei Stunden war das Leben entflohn. Die Comteſſe vernahm den ſchrecklichen Selbſt⸗ mord, ſie ſchauderte zuſammen— und weidete ſich an den Voltigirkünſten ihres Geliebten, der als Mazeppa die Bahn umkreiſte, während er ſein Auge fortwährend auf die verzückt ihn Anſchauende zu richten ſchien. Nach einigen Tagen wurde dem Director der equilibriſtiſchen Geſellſchaft ein blutjunges Mädchen, aus einem Dorfe nahe bei Hamburg, vorgeſtellt, die ungemeine Luſt bezeugte, ſich— dieſen Künſten zu weihen. Der ſchlanke zierliche Wuchs, die ſchöngeformten Glieder, das roſige Geſicht, das glänzend ſchwarze Haar, die funkelnden Augen, der lächelnde Mund, — alle dieſe trefflichen Eigenſchaften waren ebenſo viele Empfehlungen, um ihrem Wunſch bei dem be⸗ rechnenden Director die Gewährung zu ſichern. — d1o— Maria verließ die Blumen ihres ländlichen Gar⸗ tens und wurde unter einem ſchmelzend klingenden Namen als— Kunſtreiterin aufgenommen. Herr Alphons, der Voltigeur, der Geliebte einer Gräfin, wurde der Lehrer des jungen reizenden Landmädchens; er faßte ſie am Arm, er hielt ihr die flache Hand hin, um darauf ihren allerliebſten Fuß zu ſetzen, wenn ſie ſich, zuerſt mit der natür⸗ lichen Aengſtlichkeit und Befangenheit auf den breiten, mit Kreide und Kalofonium reichlich beſtreuten beiten Sattel ſchwingen wollte. Dieſe übungen fanden immer lete— a tele, des Morgens, in dem Circus ſtatt. Niemand durfte dann zugegen ſein, Niemand durfte die reizende und ſchüchterne Anfängerin ſtören, erſchrecken oder befangener machen, als ſie ohnehin ſchon war.— Der Director ſaß während dem bei einem Glaſe Wein, und vertrieb ſich die Sorgen über die bis⸗ herige ſchlechte Einnahme mit den durch die neue Acquiſiation friſch erblühenden Hoffnungen. Die Comteſſe war ſtill— ſie ſchöpfte Verdacht, ſie wurde eiferſüchtig— aber— die Sache ließ ſich nicht ändern. Sie vertraute ihrem Glück und dem Schickſal. Nach vier Wochen, in welcher Zeit in der Renn⸗ bahn namentlich beim Hinunterheben vom Sattel ͤ—2 8— — 111— manche luftige Situation, manche warme, zärtliche Seene vorgefallen war, zog die jung geſchulte Rei⸗ terin, welche die erſten Proben ihrer Geſchicklichkeit bereits abgelegt hatte, gleich wie Precioſa davon auf weißem Zelter, und die übrigen Zigeuner, Spieler und Künſtler, der unerſchöpfliche Harlequin mit ein⸗ begriffen, und die Comteſſe ſaß einſam und ver⸗ laſſen auf ihrem Zimmer und weinte. Diefe Kränkung ertrug die Zurückgeſetzte nicht; zum erſten Male ergriff ſie wirklich Zerknirſchung und Verzweiflung. Sie fluchte dem treuloſen Kunſt⸗ reiter, ſie rief den Seiltänzer, der ſich ſo jämmerlich ermordet, zurück und griff—als die ohnehin abgezehrten Wangen und hohlen Augen vor Schmerz alles Anſehen verloren hatten, zur— Flaſche. Es war nicht das erſte Mal, wo die Comteſſe, dieſes Labſal eines Sorgenbrechers kennen lernte, aber ſie fand jetzt Troſt und Vergeſſenheit durch den Trunk aus jener Lethe. Von nun an ging der Lebenswagen mit den Roſſen einer entzügelten und verwilderten Leiden⸗ ſchaft galoppirend bergab. Jahre verliefen. Die Comteſſe kannte keine Ordnung der Sitte und keine Geſetze des Lebens. Sie war über jede Rückſicht hinaus— und— man kannte ſie nicht. Ihr Leben war eine Fabel geworden wie die des ewigen Juden. — 112— Wir haben oben erwähnt, daß die Comteſſe noch immer ein gewiſſes Einkommen, die Zinſen ihres mütterlichen Erbes, an welches ſelbſt ſie aber nie Hand anlegen konnte, zu verzehren hatte, um ſich ſo das Leben zu friſten, denn groß war die Summe nicht.— Wenn wir nun aber ihren Leichtſinn, ihre Geſunkenheit und rüde Entartung, einen Zuſtand, in dem ihr jede Lage, jedes Verhältniß, jede Kneipe am Ende mund⸗ und lebensgerecht war, verwerfen, ſo müſſen wir doch neben dieſer ſchlechten, liederlichen Seite auch eine gute, verſöhnende nicht verſchwei⸗ gen. Die Comteſſe war nämlich, wie dies ge⸗ wöhnlich alle ſinnlich leichtſinnigen Menſchen zu ſein pflegen und wie ſie dies gewiſſermaßen auch ſchon gegen ihre neue Freundin, die Doctorin Ber⸗ tram gezeigt, von Herzen gutmüthig und willig. Sie war durch dieſen moraliſchen Leichtſinn nicht minder wie durch den ſinnlichen ſchon in manche Berührung gekommen, die, wenn man immer die Perſönlichkeit einer Gräfin feſthält, auch zu manchen, man möchte ſagen, wirklich poetiſchen Situationen nnd Scenen führte. Dann fiel ein milder Schein auf ihr xrauhes Leben und die Vorſehung ſelbſt wurde vielleicht verſöhnt.* Unwillkürlich wird der Erzähler hier zu einem Verhältniß hingezogen, welches, weil es nicht bizarr, gräßlich ſchroff, grell und bösartig iſt, vielleicht — 113— nicht einmal hierher gehört; aber, da der Charakter der obigen Dame und was ſonſt Myſteriöſes in Hamburg lebt und webt, geſchildert werden ſoll, hier auch wohl ein kleines, ſchmales und enges Plätzchen als Relief finden kann. Die Comteſſe, die Gräfin Polka hatte auch einſt ein Verhältniß zu jenem alten, unheimlichen ſonder⸗ baren Mann, den man leicht geneigt iſt für die Erſcheinung eines ewigen Juden zu halten; ein Verhältniß heißt das aber, welches von einem ge⸗ wiſſen Gefühl töchterlicher Zärtlichkeit, von einer Art kindlicher Neigung und Hülfe eingegeben und gewährt wurde. Vor zwanzig, dreißig, ja manche wollen behaupten vor funfzig Jahren, ſah man von Zeit zu Zeit ſchon eine Geſtalt durch die Straßen Hamburgs ziehen, grade ſo, von demſelben Anſehen und Alter, von denſelben Zügen, ohne die geringſte Spur von früher jüngern und jetzt ältern Jahren, alſo ganz nach dem Charakter und Verhältniß und der Haltung, wie man ſich das Fortleben des ewigen Juden denkt. Es iſt jene hagere Figur mit den langen blonden, flachsgrauen Haaren, die bis auf die Schultern hinunterhängen, mit dem kleinen, gelbgrauen runz⸗ lichen Geſicht und dem weißen Bart, mit dem langen Rock, der faſt gleiche Farbe mit dem Haar hat, — 114— alſo fahlgelb iſt— jene Figur die gebückt, als trüge ſie Jahrhunderte, und nur ſelten umſchauend mit lauter aber man möchte ſagen, unterirdiſcher, wie aus dem Grabe klingender Stimme ihr„Matzi⸗ fall koft!—“ keuchend hinausgeſtoßen, bei langen Pauſen vor ſich hinruft. Um dieſe ewig ſich gleiche, unwandelbar wandelnde Geſtalt, die den unheimlichen Gefühlen ſo leicht einen Spielraum gewährt, ſchlummert eine eigene nächt⸗ liche Romantik, eine Poeſie voll Schickſalsideen. Dieſer Greis ſcheint ſo arm, ſo verlaſſen, das mit⸗ leidige, theilnehmende Herz fühlt ſich ſo leicht zu ihm hingezogen, es möchte ſo gerne die Erfahrung und Geſchichte ſeines Lebens kennen lernen, es möchte ſo gerne wiſſen, wie lange er denn ſchon ſo umherwandert und welches das Glück oder Un⸗ glück, der Traum oder Fluch ſeines Lebens war; es verſtand ſich daher, möchte man ſagen, faſt von ſelbſt, daß die beiden fremdartigen Geſtalten, jede in ihrer Art unheimlich und abgewichen oder hinaus geſchleudert aus dem gewöhnlichen Gange des Lebens, ſich irgend einmal berühren mußten, daß die Com⸗ teſſe den ſeltſamen Alten, von der Erſcheinung eines ewigen Juden, zu erforſchen und zu beſchützen trachtete. Sie ſuchte ihn einſt auf. Sie ging zu ihm. Er 115— ſaß oben auf ſeiner Dachkammer ſtill und einſam. Ein Bett, welches aber nichts weiter war als ein grauer Strohpfuhl, diente ihm zugleich als Stuhl, Bank oder Sopha; ein mit Streben an die Wand genageltes Brett diente ihm als Tiſch und ein ein⸗ ziges kleines Fenſter gab ihm das nöthige Licht. Seine Ratten⸗ und Mäuſefallen lagen auf dem Boden. Eine Art grauleinener Schubſack hing an der Wand an einem Nagel. Er ſelbſt ſaß mit ſeinen langen weißgrauen Haaren auf dem Bett, den Kopf vorübergeſenkt, die Hände gefaltet, und gleichſam in Betrachtungen verloren. Man hätte die myſteriöſe Geſtalt leicht für den Harfner aus„Wilhelm Meiſter“ nehmen können. Die Comteſſe ſetzte ſich zu ihm, ſie legte die Linke auf ſeine Schulter, drückte ihm mit der Rechten ein Stück Geld— einen Dukaten— in ſeine ſchlaffe magere Hand, ſtreichelte ihm dann das lange Haar und erkundigte ſich mit der größten Traulich⸗ keit nach ſeinem Befinden und ſeinen Verhältniſſen. Der alte Rattenfallhändler wurde gerührt und hingebend, eine große, helle Thräne perlte über ſeine gefurchte Wange. Liebe Mamſell— oder Madame ſagte der Alte, ich bedarf wenig— mein Leben währt freilich lange, aber es iſt ja meine Schuld, ich muß nun ſchon — 116— ſehn wie ich es friſte. Oh— ein ſchwerer Seufzer ſtahl ſich aus ſeiner keuchenden Bruſt hervor. — Bald hundert Jahre— — Hundert Jahre!— wiederholte die Comteſſe, Vater, ſo alt! — Ja, mein Kind, ſagte der Rattenfallhändler— doch nicht ohne Grund. Oh— ich werde vielleicht noch älter— wer weiß was mir beſtimmt iſt. Es ſoll einen ewigen Juden geben— es mag ein Mährchen ſein aber— wenn ich mich ſelbſt brtrachte, ſo könnte es doch wohl eine Möglichkeit geben, die— Der Alte endete nicht. Er wurde plötzlich ſehr ernſt und finſter. Dann fuhr er zuſammen, ſchau⸗ derte, als überlief ihn ein Gefühl des Todes oder auch— der Vorſtellung ungewöhnlich verlängerten Lebens. — Ich will Ihnen erzählen, liebe Mamſell, ſagte er, vielleicht giebt das mir Erleichterung. — Wohl, ſagte die Comteſſe, und ſah den Greis mit traulicher Neugier in die matten Augen. Dieſer begann. Das Leben. Ich wurde in Italien geboren. Ein armes, aber auch reiches Land. Ein Weinberg war der Tum⸗ melplatz meiner Jugend, an einem alten Marmor⸗ bild, welches halb mit Erde überſchüttet war, baute ich mein Häuschen. Meine Kindesträume woben allerlei luftige Dinge darum her, ich ſah dem ergrauten Marmorgeſicht oft Sundenlang in die großen ſtarren Augen und wußte nicht warum. Ich pflückte rothe, ſchöne Weinbeeren und hielt ſie an die kalten ſteinernen Lippen, vermuthlich um ſie zu beleben, aber ſie blieben ſtarr; nur meine Träume wurden grade in dieſem Augenblick recht lebendig. Ach, einen ſo ſchönen Mund habe ich nur ein Mal in meinem Leben wieder geſehen, aber dann— da— mals war er nicht kalt und weiß wie Marmor, ſondern— eine glühende Purpurknospe aus einem belebten Marmorgeſicht lachte und duftete mich an. Unſere Gegend war reich an Himmel und Träumen, auch an Menſchen, aber arm an Geld und Nahrung. Ich mußte in fremde Länder wandern. Zwei Meerſchweinchen in einem Kaſten waren meine ganze Menagerie, mit der ich über die Berge zog. Aber— Geheimniſſe von Hamburg, II. 6 dennoch, die Leute gaben mir reichlich und ich kam nach einem halben Jahre mit efülien Taſchen nach Hauſe. Hier hatte ſich unterdeſſen etwas ereignet, was mich bis zu Thränen rührte. Ein großer, vornehmer Herr war in unſern Wein⸗ berg gekommen, hatte mein Marmorbild geſehen und um einige Ducati es mit ſich genommen. Nun war der ganze, kleine Weinberg, ſelbſt meine heimathliche Gegend, mir öde und leer. Ich ging mit ſchwerem Herzen. über die Berge zurück, um— nimmer wieder zu kehren. Ich traf einen ſtarken Mann mit langem braunen Haar und einer Art Sandalen unter den Füßen. Er war weit her, aus dem Lande wo der gewal⸗ tige Ungarwein wächſt. Seine Geſichtsfarbe war ſo braun, ſein Blick ſo tief und iehde 197 19 birge zu Fiähen Aber die Schüchternheit legte ſich. Wir wunden gute Freunde und blieben es, bis zu ſeinem een plötzlichen Tode. Seine Ratten⸗ und Mäuſefallen waren Alles, was ich von ihm erhte. Ich nahm ſie— meine Meerſchweinchen waren läͤngſt geſtor⸗ ben und zog nunmehr allein damit weiter. g Am Rhein war, mein liebſter Aufenthalt. Ich — 119— zog ihn wohl hundert Mal hinauf und hinunter. Ich übernachtete oft in den alten Burgen, ſah die Sterne über mir flimmern, hörte den Abendgeſang der Schiffer verhallen, hörte es unheimlich aus den Wellen locken und flüſtern und träumte von meinem alten Marmorbild in dem Weingarten daheim.— Allein bald wurde es lauter und wilder um mich herum. Ferner Donner hallte aus Frankreich her⸗ über und flüchtende Menſcheu kamen über den Rhein. Ich war damals ſchon drei und zwanzig Jahre alt geworden. Die Worte„Freiheit und Gleich⸗ heit“ klangen unaufhörlich in mein Ohr. Meine Sinne wurden betäubt, ich ſtand oft wie in einem Strudel, wollte meine Rattenfallen in den Rhein werfen und mich fortreißen laſſen. Eines Tages zog ich voll verworrener Vorſtel⸗ lungen durch eine von Fliehenden über und über belebte Gegend. Ein hoch mit Betten, Mobilien und Ge⸗ räthen bepackter Wagen fuhr neben mir. Eine Wöchnerin war darauf eingepackt und eine Jungfrau, ein Mädchen, ſo zierlich, ſo wundermild und engel⸗ gleich, voll, friſch und roſig ſaß voll Sorge und Behutſamkeit daneben. Wir raſteten in einem Dorfe, das heißt, man ſpannte in einer Scheune aus und lagerte ſich auf der Tenne. 6 8 — 120— Ich warf meine Fallen in einen Winkel daneben. Ich wollte, ich konnte nicht weiter gehen. Mit ſtarrer Sehnſucht, ohne zu wiſſen warum, ſah ich dem wunderbarn, herrlichen Mädchen unaufhörlich in die Augen. Mit ihr— ziehen— durch die Welt— weit— weit— ſprach ich nur einmal, kaum vernehmbar vor mich hin und erröthete, als das Mädchen unvermuthet aufſah. Ein junger und ein älterer Mann fanden ſich in der Scheune ein. Den erſten hatte ich ſchon früher auf der Landſtraße bemerkt. Sie ſprachen mit der kranken Frau— mit dem Mädchen— ſie gingen weg und kamen wieder. Dieſes Benehmen machte mich ſchrecklich unruhig und beklommen. Ich wagte nicht, all' ihren Spuren zu folgen. Ich ſetzte mich zuletzt in die Ecke bei meinen Fallen hin, und gab nur Acht auf die Kranke und ihr Zubehör. Vor großer Anffrengung und Ermattung von der ſtarken Tagereiſe ſchlief ich ein. Die Sonne ſtand hoch am Himmel, als ich am andern Morgen erwachte, und— Alles um mich war leer. Ich ſprang auf voll Wuth und Verzweiflung. Ich fluchte, ich verwünſchte— ich weiß nicht was. —— ———* — Qd —3——— ———-— — 121— Ein dunkles Gefühl trieb und durchzuckte mich. Mit den Zähnen knirſchend rannte ich um die Scheune, in dem Dorfe herum, ſank auf die ſteinernen Stufen eines Brunnen's nieder, ſchöpfte aus demſelben, um meine glühenden, brennenden Lippen zu erfri⸗ ſchen und— wähnte ihr Bild aus dem klaren blauen Spiegel des Brunnens mich anlächeln zu ſehen. Ich fuhr zurück. Ich fühlte, daß eine Gluth mich überlief. Ein wilder Taumel erfaßte mich und mit lauter, zorniger Stimme rief ich in die Tiefe des Brunnens hinab: Du ſollſt mein ſein,— ich werde Dich wieder finden, und ſollt ich ewig Dich ſuchend umher wandern. Verflucht ſoll mein Leben ſein bis zu der Stunde, wo mein Mund den Deinigen berührt, ich fluche Jedem— Ein Schauder lief über den Spiegel des Brunnens, ein Lufthauch, der mich kühl umwehte, machte tau⸗ ſend kleine zierliche Wellchen auf der Waſſerfläche. Wie den Brunnen ſo durchfuhr es mein Inneres. Ich ſchrak zuſammen, ich ſtrich mir die blonden Locken von der Schläfe, ich meinte, ich hätte ge⸗ träumt— aber leiſe klang das Echo der Verwün⸗ ſchung in meinen Ohren nach. Ich ſtand ſinnend, halb furchtſam da, nahm meine Rattenfallen, und— zog ſuchend ſchwermüthigen Schrittes durch das Land, ohne zu finden, was ich ſuchte, bis nach Hamburg, wohin ſo Viele geflüchtet ſein ſollten und eine dunkle, vielleicht falſche Spur mich trieb. Ich wurde alt— und ſuche vielleicht noch. Der Greis verſtummte. Er ſenkte ſeinen Kopf auf die Bruſt und die langen weißgrauen Haare ruhten auf ſeinen Schultern. Es trat eine Pauſe ein.— Der alte Ratten⸗ fallhändler war ſo tief ergriffen von der Erinnerung an die Vergangenheit, er wurde von ihr zu ſo unendlicher Wehmuth hingeriſſen, daß ſeine Gefühle ihm die Sprache abzuſchneiden ſchienen. Und die Comteſſe wagte nicht, ihm dieſe heiligen Augenblicke zu ſtören. Es mochte ſeit Jahren ihm nicht Ge⸗ legenheit geboten ſein, ſo warm und klar alte, längſt vergeſſene Träume aufzufriſchen. Lin Endlich blickte der Alte mit einem fragenden Blick auf, obwohl immer noch ſtumm bleibend. Die Comteſſe ſah ihn mit Theilnahme an, ihr abgeſtorbenes Auge, ihre längſt in Ausſchweifungen und rohem, rüdem Leben hingeopferten Gefühle mochten bei dieſem Anblick, durch dieſe Erregung in der Bruſt eines armen, unſcheinbaren Greiſes ebenfalls wieder zu einem Funken rein eſchlihei Mitgefühls angefacht werden. Endlich fragte ſie: Haben Sie die Angenblicke in der Scheune nicht vielleicht einmal den Namen — 123— des Mädchens, welches Sie ſo ergriff, ſo außer ſich brachte— nennen gehört. — Ach ja, verſetzte der Alte, die Kranke, um welche jene ſich mit der größten Emſigkeit und Be⸗ hutſamkeit beſchäftigte, nannte ſie zu mehreren Malen — ſie hieß Dorothea. — Dorpbthea! ſagte die Comteſſe mit langem, gedehnten, halb verwunderungsvollen Tone. Ging mir doch ſchon eine Ahnung durch den Sinn, ohne daß ich mir ſo viel Divinationsgabe zutrauen durfte.— Hören Sie, guter Vater, was Sie mir erzählt haben,— ſo manche Umſtände— die faſt geiſterhaft nachwirkende Scene am Brunnen, ja dieſer Brunnen ſelbſt, machen es mir glaublich, daß Ihre Angebetete allerdings in der niedrigen Sphäre, in der ſcheinloſen Umgebung ein großes, herrliches Mädchen— — Ja, ja, Sie haben recht, ſiel der Alte ihr mit Lebhaftigkeit, die einen ſeltſamen Gegenſatz bil⸗ dete zu den ſchlaffen, hageren Zügen, zu dem grau⸗ blonden Haar— es war ein großes, berliches Mädchen— — Daß Sie von einem Deutſchen Dichter, dem ich oft bei Tiſche gegenüber ſaß, indem er mich mit ſeinen großen, ſchwarzen Augen ſo majeſtätiſch gebietend anſah,— ebenfalls geſehen worden iſt. — 124— Der Alte ſtarrte die Redende mit Verwunderung an. Aus ſeinem niedrigen, einförmigen, von allem Leben abgeſchnittenen, jeder höhren Geiſtesrichtung unzugänglichen Kreiſe begriff er offenbar dieſe Worte nicht und konnte einer ſolchen Borſtellung nicht Herr werden. — Sein Sie nunmehr ruhig, hub d Comteſſe wieder an— Ihrer— ſo unauslöſchlich in der Seele Getragenen i*ſt ein ſchönes Loos, geworden— Sie lebt in einem Gedichte ewig fort, und dieſes ihr gewordene Loos, dieſe Feier ihres Daſeins wird auch ihrem Leben— trotz des Fluches, trotz der Verwünſchung über ſich ſelbſt, die Sie peinigt mit Gewiſſensängſten— Verſoͤhnung bringen.— Der Alte ſaß noch immer verwunderungsvoll da. Die Comteſſe ſelbſt ſchien auf Augenblicke die ge⸗ wohnte, durch Ausſchweifung erworbene Rohheit abgeſtreift zu haben. Ein Licht wie aus beſſeren, ihrem geſelligen Leben beſtimmten Tagen, fiel plötzlich auf ihre Perſönlichkeit, und beleuchtete die Seene auf der armſeligen mit Staub bedeckten Bo⸗ denkammer des alten Ratt enfallenhändlers mit einem ſeltſamen, man möchte ſagen, rothen, blauen, grünen transparenten Schein, in dem Nebelbilder, vom ſchwarzen, ruſſigen Rahmen umgeben, ſich leiſe ent⸗ wickelten und wieder verſchwanden. In der That, die Erſcheinung dieſer Scene unter Schmutz, Immoralität und Dürftigkeit hatte etwas Blitzartiges, ſie ſteht ſo bizarr und fremdartig da, als wäre ſie über Kopf hineingeſtürzt, in das nackte, elende Leben, und doch iſt es nur Wahrheit, und doch iſt dieſes Leben, ſelber in ſeiner puren Natur und Wirklichkeit nicht anders. Wir erleben täglich ſolche und ähnliche Scenen mit, während wir auf trivialem Wege dahin ziehen, aber dann achten wir nicht darauf, und das Geheimnißvolle dieſes Lebens wird uns nicht ſichtbar und begreiflich vor dem Schmutz und Ballaſt, der unſere niedrige Stimmung, unſern faden Ideengang belaſtet und im Schlamme des Bodens erhält Es war alſo eine Oaſe! das Auge des Leſers wird mit uns hoffentlich nicht ungerne einige Minuten darauf geruhet haben, um wieder mit neuem Muth den Weg in einer ſandigen, unſauberen, ſtruppigten, ver⸗ ſumpften und von Modergeruch erfüllten Gegend fort⸗ zuſetzen. Denn es gehört immerhin eine gewiſſe Entſchloſſenheit und Selbſtverleugnung dazu, bei allem Intereſſe am Grellen und Bizarren nicht das Opfer zu erwerbender beſſerer Anſchauungen und Gefühle zu ſcheuen. — 126—. XVI. Der Plan.. Wir befinden uns noch in der Herberge für— das ſchöne Geſchlecht, welches hier auf einer ſeßt unterirdiſchen Stufe erſcheint. Die Comteſſe und die Frau Doctorin waren die Einzigen, welche in dieſer Spelunke wach blieben— bis an den Morgen, während die ſcheußlichen weib⸗ lichen Kalibane in verworrener Miſchung auf dem Boden wie auf Stühlen und Bänken, in der Mitte wie in den Ecken der Stube, grunzend, ſchnarchend, ächzend, oder wie todt und nicht das geringſte Le⸗ benszeichen von ſich gebend, weil durch den Genuß des Brannteweins gleichſam zum ſtarren Ki ge⸗ macht,— durch einander lagen.— Der Morgen brach herein, und zeigte eine bi⸗ zarre Verwirrung voll Stickdunſt und braunem Nebel, voll Liederlichkeit und Widerlichkeit. 5 Neben der Comteſſe zum Beiſpiel ruhte ein Weib, deren Naſe und halbes Geſicht zerfreſſen war und welches jetzt das Bild einer ſchenderhüſten d Tudlen⸗ maske darbot. Wir erwähnen dies nur um die Sitnation, din welcher eine Comteſſe und eine Frau Doctorin ſich mit Gleichgültigkeit und Bewußtſein befanden, recht ſcharf und draſtiſch hervorzuheben.— Am Morgen hatte die aus dem Gefängniß Ent⸗ laſſene nunmehr nichts Eiligeres und Nothwendi⸗ geres zu thun, als ſich mit ihrer erworbenen Freundin zu berathen, was nun anzufangen ſei. Dieſe zeigte ſich bereitwillig und bot zu jedem Unternehmen gerne die Hand. Haben Sie keinen Bekannten? fragte die Comteſſe. — Ei, ja, verſetzte die Doctorin, allein es würde mir vorläufig doch unmöglich ſein, mich ihnen zu nähern. Man weiß ja nicht, wie die Leute jetzt geſinnt ſind, ob ſie nach einer ſolchen Wendung meines Lebens ſich nicht kaltherzig von mir abwenden und thun als ob ſie mich nie gekannt hätten. — Ach, Liebe, ſagte die Comteſſe, es kommt nur darauf an, wie man ſich ihnen nähert. Die Männer ſehen über Vieles hinweg, wenn irgend ein Intereſſe ihnen vorgeſpiegelt wird. Da Sie von allem Umgang, von aller Bekanntſchaft abge⸗ ſchnitten ſind, ſo könnte ich Ihnen auch hier eine Vermittlung anbieten. Wir haben dem Leſer noch nicht erzählt, daß die Comteſſe eine Tochter hatte, ein junges Mädchen von funfzehn, ſechszehn Jahren, ein ziemlich hüb⸗ — 128— ſches, von Charakter ſanftes und einſchmeichelndes Weſen. — Ich werde Ihnen meine Tochter hierher ſchiglen, ſagte die Comteſſe. Die iſt geſcheut genug. Sie können Sie inſtruiren und ihr Aufträge an irgend einen Reichen geben, zu dem Sie noch das meiſte Vertrauen haben. Ich hoffe Alles von der Beredt⸗ ſamkeit meiner Tochter. Sie wird für Sie ſprechen, Sie wird mit dem Tone der Unbefangenheit und der Wärme der Unſchuld Ihre ganze hülfloſe, un⸗ glückliche Lage ſchildern. O— meine Tochter iſt nicht ohne Reize!— Sie iſt nicht ohne Talente— Die Unholdinnen hatten ſich nacheinander aus dieſer Spelunke entfernt. Auch die Comteſſe ging und nur die Frau Doctorin blieb zurück. Dieſe ſaß ſinnend da. Sie brütete allem An⸗ ſchein nach über einen größeren und tieferen Plan. Sie hatte einen ſolchen auch bald gefaßt. Mit feſter Entſchloſſenheit verließ ſie nach einer Stunde die ſchmutzige Herberge, und ſchlug von Keinem beachtet, von Keinem gekannt, ihren Weg nach der Wohnung eines reichen Kaufherrn ein, deſſen Cha⸗ rakter und Lebensweiſe ihr ſehr gut im Gedäͤchtniß war. Ein Diener meldete ſie und nach einigen Minuten trat ſie ein in das ſtille, mit Gemälden und Kupfer⸗ 129— ſtichen verzierte Cabinett des Reichen, welches von den übrigen Zimmern ziemlich abgelegen war. Der Kaufherr ſchien gar nicht verwundert über dieſen Beſuch. Er trat mit einer gewiſſen traulichen Haſt in das, ſo zu ſagen, von aller Welt ſtreng abgeſchloſſene Cabinett, welches für Beſuche eigener Art beſtimmt zu ſein ſchien. Ungeachtet der Abgeſchloſſenheit und Abgelegen⸗ heit dieſes Cabinett's wurde die Unterredung doch ſehr leiſe geführt. Nach einer halben Stunde ver⸗ ließ die Frau Doctorin, ſichtbar in ihren Erwar⸗ tungen ganz befriedigt, das Haus und eilte nach ihrer Herberge zurück um das junge Mädchen, die Tochter der Comteſſe zu erwarten. Dieſe erſchien. Es war Nachmittag geworden. Das junge Mädchen erwartete die Befehle. Die Doctorin wußte ſie mit Geſprächen hinzuhalten. Endlich neigte die Sonne ſich zum Untergang. Jetzt gab die Doe⸗ torin das Zeichen zum Aufbruch und das junge Mädchen folgte. Sie gehen mit mir? fragte das junge Mädchen. Nun, freilich, ſagte die Doctorin; ich werde Sie nicht alleine gehen laſſen, liebes Kind. Ich werde Ihnen wenigſtens den Weg zeigen. Auch iſt es jetzt faſt noch zu früh.— Wir wollen hier auf dem Zeughausmarkt einen Wagen nehmen. — 130— — Sie haben Geld? fragte das junge Mädchen — und warum fahren? Die Doctorin beantwortete die erſte Trage zuch, wie Sie überhaupt ihren Beſuch von dieſem Morgen nicht berührt hatte. Auf die zweite Frage ant⸗ wortete Sie: — Ja, liebes Kind, wir wollen und müſſen fahren. Ich wollte nicht, daß man uns ſähe. Es iſt eine ſo eigene Empfindung, in einer ſolchen Lage geſehen zu werden. Sie können ſich das vielleicht nicht vorſtellen, Ihnen muß, bei Ihrer Unerfahrenheit, ein ſolches Gefühl noch fremd ſein, allein— glauben Sie mir. Ich kann nicht durch dieſe Straßen gehen, in denen ich früher nur einher gefahren bin. Oh! das ſchmerzt, das thut weh. Das junge Mädchen ſah ihre Führerin mit Theil⸗ nahme und Mitleid an, und ſchüttalte bedauemnd den Kopf. Man war jetzt bis zur Stelle gekomme⸗ wo die Wagen gewöhnlich zu halten pflegen. Die Doctorin wählte einen ſolchen, der noch eine gewiſſe Neuheit und Sauberkeit zeigte, der wie eine Kutſche gebaut und rund herum an den Fenſtern mit grünen ſeidenen Gardienen verhangen war.— — Steigen wir in dieſen hinein, liebes Kind, ſagte die Doctorin, und hob das ſtumm um ſich blickende junge Mädchen in den Wagen.. — Fahren Sie über den Wall nach dem Damm⸗ thor, Kutſcher, und, ich bitte, nicht ſchnell. Laſſen Sie die Pferde nicht im Trab gehen. Ich kann das ſchnelle Fahren durchaus nicht vertragen. Der Wagen fuhr fort. Das junge Mädchen ſaß ſchweigend da und ſchien nun endlich die nöthigen Inſtructionen zu erwarten. Die Dortorin ſchwieg noch immer. Während der Aaggon Hangſam über den Wall fuhr, zog ſie ringsum die grün ſeidenen Gardinen vor den Wagenfenſtern zu. Nur an ihrer Seite ließ ſie, von dem jungen Mädchen unbemerkt, eine kaum einen Zoll breite Durchſicht offen. Ach, ſagte das junge Mädchen, nun ſi ten wir ganz im Finſtern. Ich dächte, wir ließen die Gardienen offen, ſo kann man wenigſtens die Vorübergehenden ſehen und erfahren, 5 nicht irgend ein Bekannter darunter iſt. Die Doctorin antwortete nicht auf. dieſe Warie, ſondern guckte, mit dem ganzen Körper etwas ſeit⸗ wärs gewandt, beſtändig durch die ſchmale Oeffnung, doch ſo, daß es von ihrer Geſähntin nicht bemerkt wurde. Das junge Midchen ſaß humm da und Hunde 132 nach und nach von einer gewiſſen Furcht und Be⸗ klommenheit ergriffen. Sie hatte nicht das Herz mehr, die Doctorin noch ein Mal anzureden. Der Wagen war jetzt den Wachen und dem Poſten, der hier ziemlich alleine ſteht, vorbei. Plötz⸗ lich hielt er ſtill und ein großer, ſtarker Mann trat auf der Seite, wo die Doctorin ſaß, an den Schlag. Dieſer ging offen und die Doctorin war mit einer raſchen Wendung hinaus. 3 Der Herr, welcher an den Wagen getreten war, warf einen flüchtigen Blick in denſelben, grüßte das junge Mädchen mit einem Kopfnicken und ſchien ſtatt der Doetorin einſteigen zu wollen. In demſelben Angenblick, wo der große, ſtarke Herr durch den einen, geöffneten Wagenſchlag ein⸗ ſteigen wollte, ergriff das junge Mädchen, welches an allen Gliedern zitterte und bald weiß bald roth wurde, die Thüre auf ihrer Seite, ſtieß ſie auf und wollte mit einem Sprunge hinaus, als ein junger Menſch ihr auch ſchon zu Hülfe eilte, ihr unter die Arme griff und ſo auf die Erde ſetzte. Kaum aber war dieſes geſchehen, ſo wurde er ſelbſt von zwei kräftigen braunen Fäuſten ergriffen, auf die Seite geſchleudert, das junge Mädchen über Hals und Kopf wieder in den Wagen gehoben und — der Wagen fuhr davon — 133— Wir dürfen wohl kaum noch erwähnen, daß dies Alles das Werk einer Minute war und ſo ſchnell und wider Erwarten vor ſich ging, daß weder der junge Menſch noch das junge Mädchen einen Schrei oder einen Hülferuf auszuſtoßen vermochten. Selbſt die unferne placirte Schildwache hatte, da es bereits dunkel wurde, nicht das Geringſte geſehen oder vernommen. Der junge Menſch raffte ſich auf, ſäuberte ſeine Kleider und blickte nach der Richtung, wohin der Wagen gefahren war; allein da grade in dieſem Momente mehre Wagen hin und wieder fuhren, ſo vermochte er in der Dunkelheit den rechten nicht zu erkennen, und ſtand wie verdutzt und beſchämt da, nahm dann aber ſeinen Hut und ging, indem nun erſt ſein ganzes Bewußtſein ihm das Vorge⸗ fallene klar vor die Anſchauung brachte, zornglühend und vor Schmerz über das unerklärliche Schickſal ſeiner Geliebten weinend, davon. 1 Die beiden ſtarken, braunen Fäuſte die ſo plötz⸗ lich die Vermittler geworden waren, gehörten einem Kerl, der auf einer Bankzuſammen gekauert da geſeſſen hatte und nur auf ſolche Momente, um ſeine Dienſt⸗ leiſtung ſchnell anzubieten, gewartet zu haben ſchien. Es war ein Kerl von rohem, wilden, ſeemanniſchem Anſehn und kein Anderer, als der, den wir früher G'vk — 134— ſchon im tiefen Keller, unter dem abſurden Beina⸗ men des Menſchenfreſſers kennen gelernt haben. Er war, wie auch bei dieſer Situation erſichtlich, nichts weiter als das, was man einen Herumtreiber und mit einigen Modificationen auch wohl einen Einſchleicher nennt, der am hellen Tage die offenen Thüren, Dielen, Läden wahrnimmt und beobachtet, um gelegentlich einen Diebſtahl auszuführen. Wir haben unſern Leſern noch etwas über den jungen Menſchen zu ſagen. Dieſer hatte ſeine Ge⸗ liebte von fern erblickt, als ſie nach der unſaubern Herberge im Auftrage ihrer Mutter hingegangen, und war ihr gefolgt. Ohne bemerkt zu werden, ver⸗ weilte er ſo lange vor der Thüre, bis ſie mit der Doctorin Bertram wieder herauskam und verließ auch jetzt den Wagen nicht, weil eine gewiſſe Furcht oder beklommene Zärtlichkeit ihn zog, zu ſehen wo⸗ hin es ginge. Deshalb konnte er ihr unmittelbar zu Hülfe eilen, als ſie aus dem Wagen zu ſpringen verſuchte. Denn nur zu gut hatte er den großen ſtarken Herrn bemerkt, der ſich dem Wagen näherte, und ſeine Ahnung, die ihm irgend etwas Böſes und feindſeliges vorſpiegelte, hatte ihn nicht getäuſcht. Das junge Mädchen aber, die von ſeinem Ver⸗ folgen nichts wußte, war wohl um ſo beſtürzter — 135— und verwirrter geworden, als ſie ſich auf ein Mal in den Armen ihres Geliebten ſah, und ſich das bunte widerſprechende Zuſammentreffen all dieſer Umſtände nicht erklären konnte. XVII. Hôtel garni. Seit jener Affaire auf dem Walle waren einige Monate vergangen und die Doctorin Bertram ſchien ganz in ihre alten Verhältniſſe und Lebenszuſtände zurück getreten zu ſein.— Sie bewohnte in einer ſtillen, doch anſehnlichen Straße der Neuſtadt ein modern und elegant möblirtes Haus von mehreren Zimmern. Ihr Beſchützer, der ſie zu dieſer angenehmen Lage verholfen hatte, war kein Anderer, als jener große, ſtarke Herr, den wir kennen. Sie förderte jeden⸗ falls ſein Intreſſe und konnte daher ſeiner Spenden und Gewogenheit gewiß ſein. Die Doctorin Bertram ſtand mit mehreren Frauen in Verbindung. Ihr Geſchäft ſchien dieſes noth⸗ wendig zu wachen. Doch müſſen wir erinnern, daß — 136— ſie ihren Namen mit einem andern vertauſcht hatte! Alle Billet’'s und Beſtetandae lauteten:„An Madame Falk.“— Die oberen Zimmer, zwei oder drei an der Zahl, waren beſonders reich und elegant mit Spiegeln, Ottomanen, Teppigen u. ſ. w. möblirt. Hier emgfing die Wirthin in den Abendſtunden ihre Gäſte, die bald aus jungen, bald aus älteren Perſonen beſtand. Ein Haupt⸗Gaſt, ausſchließlich der Hausfreund, war aber der erwähnte große, ſtarke Herr, der Beſchützer der Madame Falk. An gewiſſen Abenden in der Woche wurden die oberen, eleganten Zimmer ausſchließlich zu einem Clubb benutzt und es erſchien endann die ſchönſten, lebhafteſten Frauen mit großen, ſchwarzen Augen und ſammtweichem Teint. Nie oder ſelten fanden ſich mit dieſen Frauen auch die Männer derſelben ein. Dieſe Zuſammenkünfte gewährten eine ſehr heitere und freie Geſellſchaft, und Madame Falk war die Verſchwiegenhett und Abgeſchloſſenheit ſelbſt, um je die Geheimniſſe ihres Hauſes, von dem Nie⸗ mand das Geringſte erzählen konnte, zu verrathen. Man hätte ſagen können, Madame Falk ſei der Vorſtand eines myſteriöſen, eleuſiniſchen Ordens und der große, ſtarke Herr der Gründer und Be⸗ förderer deſſelben. acnau /D¼——.,—„— — 137— Indeſſen war auch dieſe Mode oder Thorheit dem Schickſal unterworfen. Es erging dieſer ge⸗ heimen, wohlorganiſirten Verbrüderung und Verge⸗ ſellſchaftung wie dem Staat der Bienen. Wenn die Königin oder der Weiſer fehlt, krank wird oder ſtirbt, ſo löſt der ganze Staat ſich auf und Alles geht auseinander. Ein ſolcher Zuſtand kam auch für Madame Falk und ihr Hotel garni. Der Impuls zu dieſer Auflöſung wurde nämlich durch folgenden Umſtand gegeben. Der große, ſtarke Herr— wir wollen immer⸗ hin bei dieſer Benennung bleiben, denn mit den vornehmen Herren wie mit der noblen Geſellſchaft iſt, nach einem alten wohlbekannten Sprichwort, nun einmal nicht gut Kirſchen eſſen, und wir wollen für dieſen Fall gerne unſer Unvermögen einräumen, einen pikanten, charakteriſtiſchen und entſprechenden Namen zu finden, der hier grade eben ſo viel oder mehr beſagte, als jene Bezeichnung, die wir bisher gewählt haben— der große, ſtarke Herr, wieder⸗ holen wir nach dieſer etwas großen und weitſchwei⸗ figen Parentheſe, war nämlich von einer ſchauder⸗ derhaften Krankheit befallen worden, deren Charakter aber eigentlich ſelbſt die nächſten Freunde nicht erfuhren und über deren Varianten ein ent⸗ Geheimniſſe von Hamburg, II. 7 — 138— ſchiedenes Dunkel obwaltete. Wir ſchmeicheln uns hier ein ganz beſonderes Geheimniß zu beſitzen und dem Leſer mit einer ſo frappanten Wahrheit und Gewißheit vor die Augen treten zu können, als es nur je Einer vermocht hat. Man wähne doch ja nicht, daß wir nicht die Hamburger Geſellſchaft ſtudirt und uns befliſſen haben, uns einweihen zu laſſen oder hinter Schliche und Heimlichkeiten zu kommen, die man mit ſieben Siegeln oder ſieben Schleiern zu verbergen und dem öffentlichen Auge zu entrücken meint. Oh, wir hatten unſere Späher und unſere Jeſuiten, nur war die Ausbeute oft von der Art, daß wir Anſtand nehmen mußten zu be⸗ richten. Dann aber haben wir gleichwohl nicht verfehlt, in wenigen prägnanten Worten zu ſprechen, mit der Vorausſetzung, daß der Leſer uns dennoch verſtehen werde. Der große, ſtarke Herr wurde von einer ſchau⸗ derhaften Krankheit befallen. Die Fama berichtete und behauptete treuherzig, er ſei in's Bad gereiſt, während er doch draußen, auf dem Krankenhof, wo die meiſte Verborgenheit beobachtet werden konnte, einer Pferdekur unterlag. Es zeigten ſich hie und da auf dem ganzen Körper grüne, blaue, rothe Flecke, die ſich nach und nach verhärteten, und in Eiterung überzugehen — 139— ſchienen. Statt deſſen öffneten ſich aber die Häutchen an dieſen Stellen und es zeigte ſich, daß ſie— belebt waren!— Das Gefühl ſchaudert zurück, die Phantaſie erſchrickt, wenn ſie ſich dieſen Zuſtand recht lebhaft vorſtellt. Wir haben gewiß nicht zu viel geſagt, wenn wir die Krankheit als eine ſchauderhafte be⸗ zeichneten, denn man fühlt ſich bei der lebhaften Vor⸗ ſtellung unmittelbar von einer Ohnmacht ergriffen. Alle Pulſe ſtocken, das Blut erſtarrt nnd der ganze Körper ſcheint ſich mit einer kalten Haut zu über⸗ ziehen. Die ſich kreuzenden dunklen Gerüchte brachten denn doch einen unangenehmen Eindruck hervor und — Maßdame Falk mußte ihr Hotel garni aufgeben. Sie that dies aber ohne Leidweſen und Bedauern. Sie hatte ſoviel erübrigt und an ſich zu bringen gewußt, daß ſie— leben konnte. Allein die dunklen Gerüchte fielen mehr oder weniger auch auf ſie zurück, auch ſie— büßte dadurch— ihren guten Ruf ein, wenigſtens ſagte ſie ſo— und hielt es daher für das Gerathenſte, abermals den Ramen zu wechſeln und aus Hamburg, obgleich nur in die Nähe deſſelben, zu ziehen. Hier bewohnte die Madame Müller ein kleines ſtilles Haus, mit einem Gärtchen dahinter, und 7 — — 32 — —= — 1 — — — — 140— führte mit großer Gefliſſenheit ein Leben, wie es eine ſolide anſtändige— junge Wittwe, die vor einem Jahre ihren Mann verloren hat, nnr irgend führen kann. Während Madame Müller ſo von aller Welt geſchieden, von Niemandem gekannt, ſtill und an⸗ ſpruchslos für ſich wohnte, brütete ſie in ihren vielen müſſigen Stunden abermals eine Intrigue aus, von der wir unſere geneigten Leſer nach dem Her⸗ gang der Begebenheit ſogleich zu Mitwiſſern machen werden. Mann/ wird ſehen, wie die Sache ſich zuſammenſpinnt.— XVIII. Maſter Blakſon. Madame Müller hatte ſich nach einigen Monaten in einem gewiſſen Geſellſchaſskreis, wie man wohl ſagen kann, wieder eingeniſtet. Ihre Vergangenheit und Familienverhältniſſe wußte ſie bei jeder Gele⸗ genheit mit der größten Geiſtesgegenwart theils im Dunkeln zu erhalten, theils mit ſehr anſprechenden 4l Fabeln, in die keine Seele das geringſte Mißtrauen ſetzte, auszuſchmücken. Zu den männlichen und weiblichen Perſonen, mit denen Madame Müller nunmehr in Berührung kam, gehörte auch ein Engländer, der ſich Maſter Blakſon nannte und der dafür galt, in engliſchen Seedienſten geſtanden zu haben und jetzt vor den Thoren Hamburgs ſeine Penſion zu verzehren. Manche Leute wollten von ihm aber etwas An⸗ deres wiſſen. Man ſagte, ſein engliſches Air ſei nur angenommen, ſeit er nach Hamburg gekommen und ſein Vermögen rühre von ganz anderen Ver⸗ hältniſſen her. Daß Maſter Blakſon einſt und lange zur See gefahren, damit habe es allerdings ſeine Richtigkeit, nur habe er niemals den geringſten Theil an der Beſatzung und Bemannung der eng⸗ liſchen Marine gehabt, vielmehr ſei er der engliſchen Regierung ſehr verhaßt geweſen und nur beſondere Umſtände hätten dazu beigetragen, eine gewiſſe An⸗ näherung gegen ihn zu beobachten. Maſter Blakſon ſei, ſagte man nämlich, nichts Geringeres geweſen als— ein Sklavenhändler, der durch den ergiebigen Verkauf unglücklicher Neger ſein Capital erworben, das er jetzt mit großem Behagen, obgleich als ein Blut⸗ und Sündengeld verzehre. Dieſe Meinung verdiente vielen Glauben, — 142— wenigſtens gab das äußere Anſehen des Maſter Blakſon, welches wir ſogleich näher beſchreiben werden, ſtark ſolchen Vermuthungen und Verdächti⸗ gungen Raum. Hiezu kam aber noch ein anderes Gerücht, welches nur im Beſitz ſehr Weniger zu ſein ſchien, und welches eben wie das vorige, nur ſelten, höchſtens unter ſechs Augen und ſehr andeutungsweiſe aus⸗ geſprochen wurde. Dieſes Gerücht wollte nämlich behaupten, Maſter Blakſon, der Capitain, wie er ſich noch immer gerne nennen hörte, ſei— ein geheimer Agent, ob⸗ ſchon nicht direct, ſondern durch die andre Hand. Maſter Blakſon, hieß es, wiſſe ſich, wenn es verlangt werde, gewiſſe Bücher, wir laſſen dies abſichtlich dunkel, zu verſchaffen und gebe für eine ſolche Anleihe über Nacht gerne hundert Pfund Sterling. Er verfahre dabei mit einer außerordent⸗ lichen Schlauheit und Beredtſamkeit, wozu ſein düſteres, ſchleichendes Weſen ihm gar nicht das An⸗ ſehen gebe. Maſter Blakſon ſah nämlich faſt ehrwürdig aus. Er trug einen ſchwarzen runden Hut mit breiter Krempe, nach der Gewohnheit der Quäker, einen blauen Oberrock, eine gelbliche Weſte, ein dickes weißes Halstuch und in der Regel Schuhe. Sein Geſicht war ziemlich roth und die dünnen N— 12* 8 6d — 143— grauen Haare lagen ihm glatt um die Schläfe. Auch die Augen waren grau, ähnlich wie die Haare, und die ſonderbare Phyſiognomie gab dem Engländer, neben der ſteifen, gravitätiſchen oder pflegmatiſchen Haltung etwas auffallendes und abſtechendes. Er war leicht zu erkennen und zu unterſcheiden, wenn man ihn ſich auch nur flüchtig hatte beſchreiben laſſen. Um den beſten Schein zu beobachten, beſuchte Maſter Blakſon allſonntäglich den engliſchen Gottes⸗ dienſt und ſuchte außerdem gerne die Geſellſchaft derjenigen auf, die im Geruch der Frömmigkeit ſtanden, wie Herrnhuther lebten und fleißig in ſo⸗ genannten Tractätlein laſen. Um die Details ſeines Charakters näher kennen zu lernen, duͤrfte vorläufig auch noch die Erzäh⸗ lung folgender Thatſache ſehr draſtiſch erläuternd ſein, wonach wir uns dann zu der Stellung, die Maſter Blakſon allmälig gegen Madame Müller einnahm, wenden wollen.— Der Leſer wird ſich erinnern, daß wir jetzt Ge⸗ ſchichten und Begebenheiten erzählen, die mit denen im erſten Bande in der Zeit und dem Raume pa⸗ rallel laufen. Er wird ſich ebenfalls des Abends erinnern, an welchem der Blouſenmann Martin, deſſen Bekanntſchaft wir plötzlich erneuern werden, — 144— ſich in dem Gewirre und Lärm des Bordell's zu den„Vier Löwen“, befand, und hier ſeine Blicke mit einem gewiſſen unklaren Gefühl, über das wir jetzt noch keine ſpecielle Aufklärung weiter geben können oder wollen, auf einem jungen Mädchen ruhen ließ, die ihn beſonders intereſſirte. Wir werden nur, indem wir von den Thaten und Cha⸗ rakterzügen des Maſter Blakſon ſprechen, dieſes junge, aus der ſittlichen Ordnung geſtoßene oder gewieſene Mädchen, das, wie ganz richtig bemerkt wurde, durchaus nicht die Züge der Frechheit und Verworfenheit zeigte, zu berühren haben.— VWir gebrauchen ein eigenes Capitel, um dem Leſer die Kataſtrophe in dem Leben des jungen Mädchens klarer zu veranſchaulichen. Wir werden uns damit aber nicht zu weit von dem Hauptgange unſeres Romanes entfernen, um unmittelbar bei Maſter Blakſon und den betreffenden Perſonen fortfahren zu könneu. Der geneigte Leſer erhält hier zwar keine„Pickwickier,“ aber doch immerhin ziemlich bunte und verwickelte Geſchichten. — 145— XVIII. Die Adoptiv⸗Tochter. In den Straßen von Hamburg trieb ſich lange ein kleines Mädchen, eigentlich noch ein Kind, von acht— neun Jahren umher, die ſehr armſelig in Lumpen und Fetzen gekleidet war und wenn auch nicht gänzlich verwahrloſt, doch Keinem anzugehören ſchien; we⸗ nigſtens wußte ſie über ihre Herkunft keine deutliche Nachrichten zu geben. Sie ſtand, in Regen und Wetter, an den Treppen und ſprach die Vorübergehenden um eine Gabe an. Selbſt unter Schmutz und Lumpen hatte das zierlich gewachſene, aber abgemagerte kleine Mädchen doch— wie man wohl ſagen kann, ein rein menſch⸗ liches Anſehen. Ihre Geſchichtszüge hatten eine gewiſſe Feinheit und Lieblichkeit.ü Dieſes wohlgebildete, liebliche Ausſehen bewog ein begütertes aber kinderloſes Ehepaar, beſonders durch das Intereſſe, welches die Frau für das Kind zeigte, ſich deſſelben anzunehmen, und Elternſtelle bei demſelben zu vertreten. In Hinſicht der über⸗ gabe fanden ſich wenig Schwierigkeiten, es war kaum eine Mutter nachzuweiſen und die Leute, 7x — 146— dürftige Arbeiter, die das Kind bisher an ſich ge⸗ halten hatten, ſahen ſich deſſen erledigt. Das kleine Mädchen wurde gekleidet und erzogen, es wuchs heran und hatte das Wohlgefallen für ſich. Durch dieſe günſtige Geſtaltung der Dinge boten ſich Eliſen, ſo hieß die Adoptivtochter, die erfreu⸗ lichſten Ausſichten und ſie ſchien alle Hoſſnung zu haben, einſt die alleinige Erbin ihres Adoptiv⸗Vater's zu werden.—— Die Adoptiv⸗Mutter ſtarb, als Eliſe kaum funf⸗ zehn Jahre alt geworden war. Ihr Adoptiv⸗Vater hatte einen Verwandten und dieſer war befreundet mit unſerm Maſter Blakſon. Der Leſer wird ſich denken können, daß es jenem Verwandten, bei dem Mangel ſonſtiger Erbberech⸗ tigten, nicht gleichgültig war, ob Eliſe ſich ſo außer⸗ ordentlich zur Erbin qualificirte oder nicht. Der Verwandte, Herr Pons, hatte ſchon mehr⸗ mals, wie man wohl ſagt, auf ſchwachen Füßen geſtan⸗ den. Konnte es ihm gelingen, der Erbe des Adoptip⸗ Vaters von Eliſen zu werden, ſo war ihm Zeit ſeines Lebens geholfen. An einem Nachmittage traf Herr Pons in der Allee vor dem Millernthore mit ſeinem Freunde Maſter Blakſon zuſammen. Das Geſpräch wurde nach der Begrüßung mit der gewöhnlichen Redensart eröffnet: Wie geht's? — 147— — Ja— ſo, ſo— alter Freund, ſagte Herr Pons— man muß ſich quälen. Was hilft es, daß man Verwandte hat, wenn ſich wildfremde Geſchöpfe in unſere Rechte und Anſprüche nur ſo hineindrängen. Ich habe kein Glück in Hamburg. Mein Geſchäft will nicht— es fehlt mir an Mitteln, um nachdrücken zu können Ich habe nicht das Talent zu ſchwindeln. Ich treibe mein Geſchäft ſo gradeweg— aber damit kömmt man nicht aus heut zu Tage. Man muß Vetterſchaften haben, oder ſchlau und durchtrieben ſein wie ein Fuchs. Es fehlt mir bald hier, bald dort im Laden und dann der Credit— die vielen Bankerotte haben die Leute vorſichtig gemacht. Kömmt nun dazu noch gar, daß man um ſeine rechtſchaffenen Erb⸗ Anſprüche und Erb⸗Ausſichten betrogen wird, dann— ade! Welt. — Aber, lieber Freund, ſagte Maſter Blakſon, und ſah Pons mit ſeinen grauen Augen ſcharf an, Jeder iſt ſich jelbſt der Nächſte. Handelt einer ſo, ſo manövrirt man dagegen. Wer ſagt Ihnen, daß Ihr Verwandter die Dirne nicht an⸗und aufgenommen hat, um Ihnen einen Poſſen zu ſpielen. Kann es nicht bloße Chikane, nicht Tücke ſein, um Sie ſtürzen zu ſehen und vor der Welt ſchlecht zu machen? Ich wette hundert gegen Eins, daß hier andere Gm— — 148— Gründe mit im Spiele geweſen ſind als die, einem armſeligen Wurm eine beſſere Exiſtenz zu geben. Iſt das überhaupt recht, iſt das billig? War das Kind in Schmutz und Niedrigkeit geboren, ſo mußte es auch darin bleiben. Höchſtens gehört ſo ein überflüſſiges Geſchöpf, das wahrſcheinlich durch die Laune irgend eines Vornehmen in die Welt ge⸗ kommen iſt, in das Werk⸗ und Armenhaus hin, wo es viele von dieſem läſtigen Geſindel giebt. Es iſt pure Tollheit und Ungerechtigkeit, dergleichen auf⸗ und anzunehmen! — Sie haben allerdings recht, Beſter, ich habe dieſelben Gedanken auch oft gehabt— allein— was machen. Hier muß man ſchweigen— man muß ſich ſeinem Schickſal hingeben— man muß ſich ſtürzen laſſen, um hinterher vielleicht für einen leichtſinnigen Betrüger gehalten zu werden. — Wenn man ein Narr iſt! ſagte Maſter Blakſon und bewegte ſeinen Kopf gleichſam unwillig in ſeinem dicken, weißem Halstuch hin und her. Wenn man ein Narr iſt! wiederholte er noch ein Mal. Muth gefaßt, und— Klugheit, Verſtand gebraucht, das macht den rechten Geſchäftsmann. — Aber wie? wie? fragte Pons neugierig und haſtig, was ſoll man unter dieſen Umſtänden machen. — Alllerlei; Sie wiſſen, ich führe ein ſolides, ————— — 149— rechtſchaffenes Leben, ich will mich zwar nicht mit meiner Klugheit brüſten— allein Mittel giebt es noch verſchiedene. — Welche? welche? fragte Pons wieder.— — Nun, wenn die Dirne nicht da wäre— — Aber ſie iſt einmal da— — Damit iſt noch nicht geſagt, daß ſie immer die Tochter ihres jetzigen Vaters bleibt. Die Dirne hat ſich einzuſchmeicheln gewußt— die caleulirt ſchon— meinen Sie nicht, daß die längſt ihre Pläne und Berechnungen gemacht hat? Ach, ein Mädchen von zwölf, dreizehn, Jahren die iſt in Hamburg ſchon für alle Verhältniſſe geſcheut genug — man ſieht das ja täglich und gewinnt an Er⸗ fahrungen— Maſter Blakſon hatte ſeinen Freund auf das rechte Fahrwaſſer gebracht. — Hören Sie— ſagte Pons leiſe, indem er in der Allee nahe bei der Glashütte ſtille ſtand und Blakſon beim Arm faßte— Sie haben die Welt geſehen, Sie haben Weltklugheit, Sie haben Vieles mit gemacht— wenn Sie mir beiſtehen könnten— mein Geſchäft— ich würde Ihnen— das Capital des Alten iſt bedeutend genug—es ſollte Ihnen.— — Ach! was ſprechen Sie davon, ſagte Maſter Blakſon, machte eine halb ablehnende Bewegung 150 mit Stock und Hand und ging langſam weiter. Man muß ſuchen— es findet ſich ſchon eine Ge⸗ legenheit— nur eine Perſon noch— und dann die Art und Weiſe— man muß es ſo anfangen, daß es auch vollkommen glückt. Und einem jungen Blut, geboren aus dem niederen Volk— in dem rechten Momente, dem iſt ja wohl beizukommen, gegen daſſelbe läßt ſich ja wohl ein Streich ausführen. — Mir würde es doch immer nicht leicht ſein— — Nun, ich bin auch nicht auf Intriguen ein⸗ geübt— Sie wiſſen, ich lebe rechtſchaffen und ſolide — indeſſen, wenn man einem Freunde zu dem ver⸗ helfen kann was ihm rechtſchaffen zukömmt, dann— Es läutete zur Sperre. Herr Pons empfahl ſich, während Maſter Blakſon, ſtatt auch unmittelbar nach ſeiner Wohnung zu gehen, noch längere Zeit in der Allee nachdenkend auf⸗ und nieder ging. Er hatte ſo in Gedanken verloren etwa eine viertel Stunde ſpaziert, als er von einem Vorüber⸗ gehenden angeredet wurde. Dieſer war ein Menſch im ſchwarzen Frack, von bleichen Geſichtszügen aber mit einem lebhaften, dunklen Blick; ein Menſch, der es durch ſeine Leb⸗ haftigkeit und Beweglichkeit bemerkbar zu machen ſchien, daß er nach mancher verunglückten Carriere, nach vielen angefangenen und wieder aufgegebenen 151— Geſchäften, nach manchen verzettelten Tagen und durchſchwärmten Nächten es gegenwärtig bis zum ſogenannten„Tanzmeiſter“ in einem berüchtigten Locale auf dem Hamburger Berge gebracht hatte. Als Maſter Blakſon dieſes vielgewandten und durch alle Lebensſchulen gegangenen Menſchen an⸗ ſichtig wurde, blieb er verdutzt ſtehen, als wäre plötzlich ein Blitz vor ihm niedergeſchlagen oder in ſein Gehirn gefahren und hätte darin alle Dunkel⸗ heiten auf einmal erleuchtet und mit einem ſcharfen Licht klar und beſtimmt umriſſen. Der Tanzmeiſter war offenbar ein Mann, wie Maſter Blakſon ihn gebrauchen konnte, ſolche Lente haben keine Grundſätze und kein Gewiſſen, ſie ſind zu Allem bereit und fähig, was man nur von ihnen verlangt. — Noch immer ſo geſchäftig? fragte endlich Maſter Blakſon nach einer Pauſe. — Et, ja, ſagte der Tanzmeiſter; Herr Capi⸗ tain, man muß ſich durchſchlagen, man muß ſich in alle Lagen zu fügen wiſſen. Wer das kann, iſt mein Mann; Sie ſind ge⸗ wandt, verſetzte Maſter Blakſon. Es ſind ſchlechte „Leute, die ſich ſelbſt nicht helfen— ſie werden es bei Andern auch nicht thun. — 152— — Ach, Sie wiſſen ja, Capitain, ich diene mir und Andern, ich bin jetzt eben wieder in Geſchäften aus für mein Haus— Sie wiſſen, man muß ſich allerlei Neben⸗ verdienſte machen, man muß dem Geſchäft, bei dem man nun einmal iſt, auf jede Weiſe behülflich ſein. — Und es gelingt Ihnen immer? — Ich denke, ja, ich weiß zu ſprechen, ich kann mein Wort machen, man muß die Sache von der beſten, lockendſten Seite vorſtellen, denn— ſich ſelbſt überlaſſen, ſind die Menſchen zu träge, da muß man ihnen dienſtbereit entgegen kommen, ihnen Mittel und Wege zeigen— — Allerwelts⸗Kerl, der Sie ſind— da könnte ich Ihnen auch einen Dienſt leiſten— — Sie mir— — Wie ich Ihnen ſage— Laſſen Sie hören— verſetzte haſtig und nen⸗ gierig der Tanzmeiſter. Maſter Blakſon eröffnete ſich jetzt ſeinem alten Bekannten, auf deſſen Geſinnung und Ergebenheit er ſich verlaſſen konnte. Wir brauchen unſern Leſern die Details nicht mitzutheilen.— Mir, als Tanz⸗ lehrer, kann es nicht fehlen— geht es auf dem einen Wege nicht, ſo geht es auf dem andern, ein rechter Fuchs hat immer zwei Löcher offen durch die er hinausſchlüpfen kann, ſagte der Betriebſame.— Kurz die Machination des Tanzmeiſters gelang. Eliſe ließ ſich wirklich bethören und verleiten— durch Satans⸗Künſte. Das Bubenſtück gelang dem Tanzmeiſter, durch Vermittlung des Maſter Blakſon, und der Detailhändler hatte nun wieder freie Aus⸗ ſicht und alle Hoffnung, Erbe zu werden.— Man muß vorläufig mit dieſem einen Zuge von der Denkungsart und Handlungsweiſe des Maſter Blakſon vorlieb nehmen und ſich zufrieden geben. Ein zweiter, eben ſo draſtiſcher und wirkſamer Zug wird als zu unſerer näheren Geſchichte gehörig, ſogleich nachfolgen. XIX. Das Document. Wir haben ſchon erzählt, daß Maſter Blakſon mit zu dem näheren oder ferneren Geſellſchafts⸗ Kreiſe gehörte, den Madame Müller, um ſich ein möglichſt ehrbares Anſehn zu geben, um ſich zu bilden und zuſammen zu ziehen gewußt hatte. Hätte es in dem Geſchmack oder der Neigung der Madame Müller gelegen, nach Maſter Blakſon Angel und Netz auszuwerfen, oder wäre dieſer ge⸗ neigt geweſen, ſich mit jener zu verheirathen, ſo würde ſolchen Abſichten durchaus nichts im Wege geſtanden haben. Allein beide Parteien fühlten kein Intereſſe dieſer Art in ſich; der Eine wollte ledig bleiben, während die Andere einem jungen und auch angeſehenen oder begüterten Manne jedenfalls den Vorzug gab.— Es war Nachmittags vier Uhr, als Maſter Blakſon eines Tages mit gemächlichen Schritten und in Ge⸗ danken verloren an der hohen Dornhecke hinauf ging, an deren Ende, einige Schritte zurück das Haus mit dem rothen Ziegeldach und der breiten ſteinernen Treppe lag, welches Madame Müller bewohnte. — Kommen Sie endlich, ſagte das Dienſtmädchen, welches ihn auf der Diele empfing; Madame hat den ganzen Tag ſchon auf Sie gewartet, Herr Blakſon— was Sie vorhaben mögen, wenn man das wiſſen könnte— Maſter Blakſon kniff die Redende in die Backen und trat in das reinliche und wohl möblirte Zimmer. — Kommen Sie endlich— redete ihn auch Madame Müller an— ich habe Sie ſchon dieſen Morgen erwartet; ich war fortwährend in Angſt daß er kommen würde und daß ich ihm dann das Document nicht zeigen könnte. Sie wiſſen eine Nothlüge iſt immer auffallend und ſtört den guten Humor. Sie haben doch— + 8* — Ich habe es allerdings und hoffe, daß Sie mit mir zufrieden ſein werden. Eine Entdeckung iſt von Seiten des jungen Mannes, wie ich über⸗ zeugt bin, nicht möglich, dazu hat er nicht Routine und Welterfahrung genug. Er wird überraſcht werden durch den Inhalt, er wird vor Freude außer ſich kommen und deshalb ſchon nicht im Stande ſein, etwaige Zweifel an Ächtheit und Glaubwürdig⸗ keit aufkommen zu laſſen. — Sie ſind ein geſcheuter Mann, ſagte Madame Müller, freilich Sie haben ſich in der Welt, zu Waſſer und zu Lande umgeſehen, Sie haben viele Schriften in den Händen gehabt, Sie kennen ſolche Sachen von Grund aus und ich weiß, daß ich mich Ihnen vollkommen anvertrauen kann. Doch ſetzen wir uns— ich muß doch auch erſt einen Blick hineinwerfen. Maſter Blakſon ſetzte ſich neben Madame Müller auf das Sopha und holte jetzt aus ſeiner großen Taſche eine Schrift hervor, die er ſehr ſorgfältig eingewickelt hatte. Indem er die Schrift auseinander legte und mit den Fingern darauf ſchnellte, um das noch haftende Streuſand herunter zu bringen, ſagte er: Sehen Sie, liebe Madame, das iſt die Obligation; die Formalitäten, der Styl, die Züge der Anfangsbuchſtaben, die Unterſchrift, Alles iſt auf's Genaueſte beobachtet— und hier— ſehen Sie— hier ſteht wörtlich—„und ſoll der Vor⸗ zeigerin dieſes, ſobald ſie die Jahre erreicht hat und ſich anſtändig verheirathen kann, nach geräuſch⸗ loſer, möglichſt unbemerkter und geheimer Meldung durch meinen Kammerjäger, die Summe von tauſend Bankthaler zur Ausſteuer zugeſichert bleiben, zugleich auch kann dieſe Schrift dazu dienen, Jedem, der ſich für die Inhaberin oder deren Lebensglück inter⸗ eſſirt, vorgezeigt zu werden und von dem zu Er⸗ wartenden zu überzeugen.“— — Das iſt klar und deutlich, das iſt ganz ſo wie ich es mir dachte, ſagte Madame Müller mit Lebhaftigkeit, damit würde man noch ganz andere Leute täuſchen können, als der iſt, bei dem wir Gebrauch davon machen wollen. — Haben Sie Ihren Plan nun ſchon beſtimmt gefaßt? ſagte Maſter Blakſon, es iſt immer gut, wenn man ſich die erfundene Geſchichte erſt ſelbſt verſchiedene Male vorſpricht, am Ende glaubt man ſelbſt treu und feſt, was man doch nur erdichtet hat, und iſt dann um ſo weniger aus Text und Haltung zu bringen. — Ich werde es Ihnen erzählen, lieber Herr Blakſon, ſagte Madame Müller, was ich mir aus⸗ gedacht habe.— Meine Mutter war die Tochter — 157— eines Bäckers in Rendsburg, die der König kennen lernte, als er ſich dort einſt zur Revue aufhielt. Meine Mutter, das einfache Bürgermädchen, war ſo ſchön, daß der König ſich in ſie verliebte und außer dem, was er ihr bis zu ihrer Verheirathung reichlich zu⸗ fließen ließ, die durch dieſes Document beglaubigte Summe noch ihrem Kinde, alſo— mir ausſetzte. Die Schrift wurde mir von meiner Mutter, als ſie auf dem Sterbebette lag, übergeben und ich habe ſie als ein Heiligthum aufbewahrt, ohne bis jetzt den geringſten Gebrauch davon zu machen. Wenn ich mich nun gut und glücklich verheirathen kann, ſo durfte es ſehr leicht ſein, daß der König, der meine Mutter ſo außerordentlich liebgewonnen hatte, noch mehr thäte, als er urſprünglich verſprochen hat. Iſt die Verbindung dann einmal eingeleitet und die Heirath ſo weit geſchloſſen, daß eine Auflöſung nicht mehr möglich, ſo ſuche ich auf eine ſchickliche Weiſe— wenn anders ich für meine Perſon nicht im vollen Beſitz des Doecumentes ſollte bleiben können— wieder deſſelben habhaft zu werden und — vernichte es im Feuer. — Ein kluges Weib! rief Maſter Blakſon. Es iſt mir lieb, daß ich für eine ſolche Frau meine Zeit und Kräfte verwandt habe. Ich ſollte meinen, daß es Ihnen nun nicht fehlen kann, Ihren Plan — 18— durchzuſetzen und Ihre Abſicht zu erreichen. Sie werden auf dieſe Weiſe eine vortheilhafte Heirath ſchließen und durch ein im Ganzen völlig nutzloſes Papier— auch wenn die Ehe ſich wieder auflöſen ſollte, doch immer Anſpruch auf einen Theil des Vermögens des Mannes behalten. Sie werden dadurch nicht allein ſich ſelbſt eine beſſere Zukunft ſichern, ſondern auch im Fall ſich eine neue Aus⸗ ſicht zu einer Verheirathung darbieten ſollte— da bei etwaiger Scheidung Ihnen durchaus, unter ob⸗ waltenden Umſtänden, das Recht der Wiederverhei⸗ rathung nicht wird abgeſprochen werden können— ſich um Vieles beſſer geſtellt ſehen. — Das denke ich auch, ſagte Madame Müller, ich kann nur gewinnen, es komme wie es wolle, vorausgeſetzt, daß die Formalitäten dieſer Verheira⸗ thung in allem Ernſte vor ſich gehen, und daß ich unſer Document als Lockſpeiſe nur vorzeige, ver⸗ ſteht ſich unter vier Augen,— aber nicht aus den Händen gebe. Bei einer Entdeckung der unternom⸗ menen Täuſchung— Madame Müller ſtockte plötzlich, ohne Zweifel dachte ſie in dieſem Augenblick an ihre frühere miß⸗ glückte Intrigue, allein Maſter Blakſon nahm keine Notiz davon und konnte ſich das plötzliche Verſtummen bei einer ſich regenden Furcht auch ganz wohl — 159— aus der natürlichen weiblichen Befangenheit bei kühnen gewagten Unternehmungen erklären. Um den Zuſammenhang und den halb und halb zu enträthſelnden Sinn dieſer Rede zu begreifen, muß man wiſſen, daß Madame Müller die Bekannt⸗ ſchaft eines jungen Mannes gemacht hatte, der ſich gerne verheirathen wollte, um dadurch ſein Geſchäft zu erweitern und in beſſerer Ordnung führen zu können. Madame Müller hatte ſich ſo hingebend freund⸗ lich und zuvorkommend zu benehmen gewußt, ſie hatte ſich mit einer ſo verſchmitzten und einſchmei⸗ chelnden Koketterie in die Gunſt und die Neigung des jungen Mannes, Namens Forberg, geſetzt, daß dieſer unmittelbar für eine Verheirathnng gewonnen worden wäre, wenn ihm nicht noch Etwas abgehalten hätte, ſich näher einzulaſſen, nämlich das zu kleine Vermögen, welches er bei dieſer Wahl voraus⸗ ſetzen mußte. Damit ihm nun jeder Zweifel genommen und der Sieg raſch herbeigeführt würde, hatte Madame Müller obigen Plan ausgeheckt und ihrem Hausfreunde mitgetheilt, und dieſer ſich auch bereitwillig finden laſſen, das oben geſchil⸗ derte vorläufige Reſultat bis ſo weit herbeizuführen. Allem Anſchein nach mußte es der weiblichen Keck⸗ heit und Schlauheit nunmehr auch vollkommen ge⸗ lingen, den beabſichtigten Zweck zu erreichen, und, —,— — 160— wenn auch früher keine Erbſchaft, ſo doch jetzt eine vortheilhafte Verheirathung zu erſchleichen. Nach Weiber Art war Madame Müller ſehr heftig in ihren Wünſchen. Sie hatte dem jungen Mann auf dieſen Abend eingeladen, um ihm das Doeument zu zeigen. Sie würde alſo in der größten Verlegenheit geweſen ſein, wäre Maſter Blakſon nicht zur rechten Zeit mit dem Verabredeten ge⸗ kommen. Man kann ſich daher die Unruhe erklären, welche ſie ihrem Dienſtmädchen, freilich ohne An⸗ gabe des Grundes, nicht verborgen hatte, und die Freude, als ſie den Erſehnten endlich eintreten ſah. Es iſt begreiflich, daß Maſter Blakſon jetzt über⸗ flüſſig war und daß er ſobald als möglich wieder verabſchiedet werden wußte, nachdem er ſeine falſche Schrift abgeliefert hatte. Denn der Ge⸗ ladene, welchem eine ſo arge Falle geſtellt werden ſollte, konnte jeden Augenblick in die Thüre treten und die Gegenwart von einer ſolchen mitwiſſenden Perſon, wie Maſter Blakſon war, würde doch wahr⸗ ſcheinlich einige Befangenheit von beiden Seiten herbeigeführt haben. Madame Müller verfuhr hierin auch mit der größten Offenherzigkeit; ſie ſagte ihrem Freunde unumwunden, daß er ſich entfernen möge, um jede Störung zu vermeiden, und— dieſer ging. — 161— Die Intriguantin war allein; ſie las das ange⸗ fertigte Document noch einmal flüchtig über, warf einen lächelnden, triumphirenden Blick in den Spie⸗ gel, ſtand auf, legte das Papier zuſammen und verbarg es ſorgfältig unter einigen anderen Pa⸗ pieren in einem Schubfach, ſo daß es das Anſehn gewann, als wenn es dort ſchon lange, wohl und ſicher aufgehoben gelegen hatte. In der That hatte Maſter Blakſon zu dem Document auch ein am Rande ſchon vergilbtes Papier genommen, es mit Staub eingerieben und hie und da mit einer Flüſſigkeit ſo geſchickt über⸗ laufen laſſen, einiger berechneten Zerknitterungen und oft wiederholten Falzungen gar nicht zu ge⸗ denken— daß ſelbſt ein diplomatiſches Auge durch den äußeren Schein würde getäuſcht worden ſein. XIX. Das Gelingen. Madame Müller ſetzte ſich wieder auf den Sopha, nahm eine Nätherei vor und erwartete ſo mit aller mädchenhaften Ungeduld und Befangenheit den— Geliebten. Dieſer erſchien endlich! Geheimniſſe von Hamburg, II. 162— Es war ein junger Mann von etwas linkiſchem, obwohl ſehr beſcheidenem und anſtändigem Weſen. In ſeinen Zügen lag etwas, was unmittelbar Ver⸗ trauen einflößen mußte und auch Zeugniß dafür ablegte, daß er ſelbſt leicht zum Vertrauen ge⸗ neigt war. Madame Miüller benahm ſich mit der größten Behutſamkeit ſo zurückhaltend und befangen, wie ein junges Mädchen, welches zum erſten Male einem Manne allein gegenüber ſteht. Sie hatte ſich erhoben, als Herr Forberg ein⸗ trat, und ſagte jetzt mit halbverſtellt ſchüchterner Miene:„Setzen Sie ſich, Herr Forberg!“ Dieſer ſetzte ſich auf einen Stuhl vor dem Tiſch, während jene wieder auf dem Sopha Platz nahm. „Wir wollten über unſere Angelegenheit reden,“ fing Madame Müller mit leiſer Stimme wieder an. „Ja,“ ſagte der junge Mann,„laſſen Sie uns unmittelbar zur Sache kommen. Mir würde ein großes Glück widerfahren, wenn— ich— Sie meine Gattin nennen dürfte.“ Dieſe Worte wurden mit großer Verſchämtheit geſprochen und zeugten für das reine Herz, deſſen Empfindungen hiermit ausgedrückt wurden. „Ihr Wunſch iſt auch der meinige,“ verſetzte Madame Müller, und affectirte einen gleichen Ton. — 163— „Sie wiſſen,“ fuhr der junge Mann fort, „daß es mit meinem Geſchäfte auf's Beſte ſteht, daß ich Ausſichten habe, mich von Tag zu Tage weiter auszubreiten,— allein, um dieſes mit Nachdruck und ohne Schwankungen zu können, würde es mir ſehr lieb ſein, wenn—“ Der junge Mann ſtockte, da er an die Bedingung des Geſchäftes und— der Ehe kam. Er ver⸗ mochte offenbar das Wort„Geld“ nicht auszu⸗ ſprechen, weil es mit ſeinem Gefühl in ſo leb⸗ haftem Widerſpruch ſtand. „Sie kennen meine Verhältniſſe,“ nahm Madame Müller das Wort,„jedoch nur oberflächlich. Sie können nicht wiſſen, daß ich noch ein Geheim⸗ niß— „Ein Geheimniß?“ fragte Herr Forberg raſch und verwundert. „Ein Geheimniß, von dem ich hoffe, daß es, ſobald es enthüllt iſt, unſer Glück beſtimmt ver⸗ ſiegeln und krönen wird.“ „O, geſchwind, reden Sie, Sie machen mich neugierig,— welch' ein Geheimniß haben Sie mir zu enthüllen, damit unſer Glück—„ „Sie wiſſen noch nicht, daß ich eigentlich eine Tochter des Königs von— bin.“ „Eine Tochter des Königs—“ wiederholte der 8* — 164— junge Mann und ſah Madame Müller mit Er⸗ ſtaunen an. „Verſtehen Sie mich recht,“ fuhr dieſe fort. „Meine Mutter war freilich nur die Tochter eines Bäckers, aber— nun— große und mächtige Her⸗ ren haben ihre Launen und Leidenſchaften eben ſo gut— wie—“ „Die Tochter eines Königs!“ wiederholte der junge Mann noch einmal, als könne er ſich dieſen Begriff unter obwaltenden Umſtänden gar nicht klar machen. „Wie ich Ihnen ſage,“ verſetzte Madame Müller,„ich hoffe aber, daß dieſe Ihnen von meiner Seite gemachte Entdeckung unſerm Verhält⸗ niß durchaus nichts in den Weg legen wird.“ „O, nein, nein!“— „Nun, in Folge dieſer Geburt iſt mir ein Do⸗ eument geworden, welches— doch, Sie ſollen ſich ſelbſt überzeugen, und deshalb eben wünſchte ich, Sie dieſen Abend bei mir zu ſehen.“ Madame Müller erhob ſich, ging an ihre Schatulle, öffnete das bewußte Schubfach und holte jene Schrift hervor, welche ſie vor einer oder zwei Stunden dort friſch hineingelegt hatte. „Sehen Sie— hier iſt ein Vermächtniß des Königs— für mich— zu heben, ſobald ich mich N — 165— verheirathen werde. Ich habe bisher keinen Ge⸗ brauch davon gemacht,— ich konnte es nicht über mich gewinnen— in Kopenhagen— meinem ver⸗ ſtorbenen Manne dieſes werthvolle Geheimniß zu entdecken,— es iſt eine anſehnliche Summe— Sie können ſich überzeugen, ſie iſt im Augen⸗ blick zu heben, ſobald die Schrift vorgezeigt wird.“ Es war bereits dunkel geworden, Madame Müller konnte ihr Document daher um ſo kecker zur Anſicht bieten, und ſie that dies auch mit allem Selbſtvertrauen und aller Zuverſicht aufa einen günſtigen Ausgang ihres Planes. Herr Forberg warf einen ſchüchternen Blick hin⸗ ein, ſah die Angabe der Summe und verhehlte ſeine Freude nicht. „Wär's möglich,“ rief er,„und dieſe Summe würde ich mein nennen, im Falle Sie mich durch Ihre Hand beglückten; ich würde mein Geſchäft dadurch um das Doppelte und Dreifache erweitern und ſelbſt überſeeiſche Verbindungen anknüpfen können.“ „Alles gehört Ihnen,“ ſagte Madame Müller, ließ ihren Kopf auf die Bruſt ſinken und warf zu⸗ gleich einen ſchmachtenden Blick auf den ihr gegen⸗ über Sitzenden. — 166— Forberg ergriff die Hand ſeiner— Braut; er warf ſich vor ihr auf die Kniee und rief:„Wollen Sie mich glücklich machen,— wollen Sie mir dieſe Hand ewig laſſen?“ „Ewig!“ liſpelte Madame Müller und erröthete nicht vor dem ſataniſchen Spiel, mit dem ſie das ernſte Wort ſprach, und den feierlichen, heiligen Augenblick ſchrecklich entweihete. Es trat eine Pauſe ein, während welcher Forberg ſeinen Kopf auf dem Schooße der Madame Müller ruhen ließ, indeſſen dieſe mit heimlicher Schaden⸗ freude das falſche Document in der Hand hielt und es wohlgefällig lächelnd betrachtete. Das Dienſtmädchen trat ein, um zu fragen, ob ſie auch Licht bringen und die große Aſtrallampe auf dem Tiſch vor dem Sopha anzünden ſolle. Forberg fuhr empor. Er fiühlte ſich wirklich überglücklich; die Empfindung der Liebe erwachte in ſeiner Bruſt, ſeine Blicke ruhten mit Zärtlichkeit auf ſeiner— Braut, und er träumte— von der Erweiterung ſeines Geſchäftes, ſobald er mit ſeiner Frau und dem Doeument nach Kopenhagen gereiſ't ſein würde, um in den Beſitz des zugeſicherten Geldes zu kommen. Das Geſchäft war abgemacht, die Heirath war — 167— geſchloſſen. Der junge Mann ſchied äußerſt ſelig und verſprach der Madame Müller, in den nächſten Tagen eine Geſellſchaft zu laden und ſie dieſer als ſeine Verlobte vorzuſtellen. XX. Die Enttänſchung. Der Tag, der Abend kam heran, an welchem Forberg ſeinen Verwandten und Bekannten ſeine Verlobte vorſtellen wollte. Es war in einem großen, ſtattlich möblerten Zimmer ein anſehnlicher Kreis honetter, bürger⸗ licher Familien mit ihren Töchtern verſammelt. Forberg hatte Alles auf's Brillanteſte eingerich⸗ tet, er empfing jeden ſeiner Gäſte mit dem hei⸗ terſten Gruß, mit einem Händedruck, in dem ſich die ganze Fülle ſeines Glückes ausſprach, des Glückes, nun ſein Geſchäft im aihirn Maaſſſtabe⸗ führen zu können. Die Braut fehlte nur noch. Man ziſchelte, man flüſterte ſich einander in die Ohren.„Kennen Sie ſie?“ fragte eine Frau von mittleren Jahren; 168— „nein,“ verſetzte eine andere;„es ſchwebt ein gewiſſes Geheimniß darüber; ſie ſoll aus Kopen⸗ hagen ſein und, wonach die Männer jetzt immer am erſten fragen— ein bedeutendes Vermögen haben. — Ja, verſetzte eine Andere, Vermögen hin, Vermögen her, man munkelt allerlei darüber, doch kann ich nichts Gewiſſes behaupten. Sie wohnt vor dem Thore, in— ach, Sie ſind dort ja bekannt, haben Sie denn nie von einer Madame Müller gehört? — Madame Müller? fiel eine lebhafte Brunette ihr in die Rede. Ach, wer kann alle Müller's und Meier's kennen, deren giebt es— allein in Hamburg ſo viele, wie Sand am Meere. Wenn ich aber in Forberg's Stelle geweſen wäre, ſo hätte ich nicht ſo, einzig und allein des Geldes wegen geheirathet, Geld macht nicht glücklich, ach— fuhr ſie mit einem Seufzer fort— wenn man ſich nicht heirathet um der Liebe und natürlichen Nei⸗ gung willen ſo wird nie etwas Gutes aus der Ehe. Ich weiß nicht, was das jetzt für Männer ſind, ſie ſuchen immer nur Frauen, um ihr Geſchäft zu ver⸗ ſſern. Welche herzloſe Spekulation! Die Männer hatten ſich in ein Nebenzimmer abgeſondert, als die Damen anfingen leiſer und leiſer — 169— mit einander zu plaudern. Man ſah in dem Da⸗ menzimmer unabläſſig nach der Thüre, man wandte in dem lebhafteſten Geſpräch jeden Augenblick den Kopf und die Neugierde war auf's Höchſte geſpannt, als Forberg endlich ſeine— Verlobte hereinführte. Es entſtand eine allgemeine Bewegung, während die Damen ſich erhoben, ein neues Geflüſter lief verſtohlen durch das Zimmer. Auf dem Geſicht der Madame Müller zeigte ſich eine ungewöhnliche Befangenheit, ihre Blicke blieben fortwährend geſenkt, und ſie ſchien kaum den Muth zu haben, die Geſellſchaft, der ſie vor⸗ geſtellt wurde, mit Freude und Heiterkeit anzuſehen. Dem Bräutigam war dieſe Situation peinlich auffallend und unangenehm, doch vermochte er den Grund davon nicht einzuſehen. Es trat eine Pauſe ein, während welcher Madame Müller ſich immer ſcheu und verlegen zurückhielt. Einige Herren, die das Geräuſch aufmerkſam gemacht hatte, waren eingetreten. Die gewöhnlichen Scherze und Beglückwünſchungen wiederholten ſich, die Stimmung gewann Heiterkeit und Leben. Immer größer wurde die Zahl der Herren, welche ſich herzudrängten um—„die Braut“ zu ſehen und die Wahl zu loben.— Plötzlich fuhr Madame Müller zuſammen, als 8*△ — o wäre ſie vom Schlage gerührt. Ein unterdrückter Ausruf des Schreckes entfloh ihrer Bruſt. Man ſah ſich beſtürzt und verwundert an, For⸗ berg zitterte an allen Gliedern, als er bemerkte, daß ſeine Braut wie verſteinert und bleich wurde gleich einer Leiche. Es erfolgte eine Ohnmacht. Madame Müller ſank auf einen Stuhl nieder. Man griff ihr unter die Arme, man bemühte ſich um ſie, man eilte hinaus, um Eau-de-Cologne, Eſſig, kaltes Waſſer zu holen. Die Verwirrung und Beſtürzung wurde immer lauter.— Während die Damen um die Ohnmächtige be⸗ ſchäftigt waren und die Herren vergeblich nach der Urſache forſchten, wurde der betäubt daſtehende Bräutigam am Arme gezupft. Er ſah faſt mecha⸗ niſch auf, ohne zu wiſſen, was mit ihm vorging. Es zupfte ihn noch ein Mal Jemand, ſtark, faſt zornig am Arme und nöthigte ihn in's Neben⸗ zimmer. Forberg folgte.— Als er mit der Perſon, welche ihn abgerufen und die Thüre hinter ihnen verſchloſſen hatte, allein war, trat dieſe mit Aufregung und Entrüſtung vor ihn hin und fragte: Die— wollen Sie heirathen?— Forberg ſchwieg. Er wußte nicht einmal wen l er vor ſich hatte, noch viel weniger, was dieſe ſeltſame Frage bedeuten ſollte. Ich frage Sie, wiederholte die Perſon noch ein⸗ mal— und zwar mit ſehr markirtem Ton— Herr Forberg, wollen Sie jene Dame wirklich heirathen? — Nun ja, ſagte der junge Geſchäftsmann mit einer zaghaften Stimme; ich kenne Sie nicht, mein Herr, was berechtigt Sie zu einer ſolchen, in der That ſehr unerwarteten Frage? — Was mich dazu berechtigt? verfetzte der Un⸗ bekannte— das Gefühl der Rechtlichkeit, daß ich Sie nicht ganz ein Opfer des Betruges werden laſſen will. — Des Betruges, Herr! wie kommen Sie zu dieſem Wort! — Wiſſen Sie, fuhr jener immer mehr aufge⸗ regt und entrüſtet fort, das Weib, welches Sie für ſich einzunehmen wußte, welches Sie mit einer nichts⸗ würdigen Intrigue umgarnte,— ſaß ſchon im Zuchthauſe und iſt jeden Augenblick abermals dafür reif, ſobald— — Im Zuchthauſe?! wiederholte Forberg, fuhr mit der Hand über ſeine⸗Stirne und prallte einige Schritte zurück, ſie— dieſe— Madame Müller — wie wäre das möglich— hier, in Hamburg im Zucht⸗ oder Spinnhauſe? Sie ſagte aber, ſie — 172— wäre die Baſtard— Tochter des— Königs und — aus Kopenhagen— — So hat ſie gelogen, Herr Forberg, und Sie ſind ſchändlich von ihr hintergangen worden. Ich hatte Wind von Ihrer Verheirathung, ich bin mit einem Freunde hierher gekommen, um Sie zu retten und zu bewahren vor einem ſchändlichen Betruge; Sie ſind ein rechtſchaffener, ſtrebſamer junger Mann — Sie dürfen dieſem durch und durch intriguanten Weibe nicht als Opfer fallen— Sie nicht— des⸗ halb benutzte ich dieſe Gelegenheit, wo es noch Zeit, Sie zu retten, Sie von einem Abgrund zu⸗ rückzuhalten, in den Sie ſich zu gutmüthig und unvorſichtig ſtürzen wollten— Sie dürfen dieſes Weib nicht heirathen. Forberg ſah den Redenden noch immer ungläubig an, ihm ſchien die ganze Scene noch immer wie ein Traum zu ſein. Vergeblich rieb er ſich die Augen, vergeblich fuhr er ſich mit der Hand über die Stirne, und rief: Wie iſt ſo Etwas in Hamburg möglich? Wie komme ich nur wieder aus der Schlinge heraus? Was macht mir dieſe Affaire für Anſehn? — Sie heraus zu helfen, fuhr der Unbekannte fort, deshalb eben bin ich hier. Ich bin überzeugt, daß dieſes Weib von dieſem Augenblick an, auf alle Anſprüche, die ſie auf Ihre Zuſage haben könnte, —ᷓʒᷓʒʒʒʒʒʒee K — 2— 1 ſi ——— 1 — 173— verzichten wird. Ich ſtehe Ihnen dafür, ſie wird ſo ſehr andern Sinnes geworden ſein, daß ſie gar nicht mehr Ihre Gattin werden will. Und ſollte Sie es auch wollen, ſo werde ich doch dafür ſorgen, daß— Erklären Sie mir aber kurz, wie ſind Sie dazu gekommen, auf ſolch' ein Weib zu reflectiren — da ſie nicht das Geringſte beſitzt, außer was ſie auf eine ordinaire Weiſe, in der niedrigſten Stellung hinterliſtig und betrügeriſch an ſich ge⸗ gebracht hat.— — Mein Gott, ſagte Forberg, ſie beſitzt doch eine Obligation, ein ſchriftliches Document, welches auf eine ganz anſehnliche Summe lautet—! — Ha, ha, ha! Dieſe— Prinzeſſin eine Obliga⸗ tion, erlogen, falſch, untergeſchoben, ſage ich Ihnen— — Es kann nicht ſein— Sie irren ſich, mein Herr, ſagte Forberg, ich habe ſie ſelbſt in meinen Händen gehabt! — Man hat Sie getäuſcht, es kann nicht ſein! denn— Wir übergehen hier, was der Leſer ſchon weiß, es bedarf der Auseinanderſetzung des Lebens der Doctorin Bertram, der Madame Falk, der Madame Müller nicht weiter. Der Unbekannte fuhr fort: Treten Sie jetzt wieder in das andere Zimmer. Bei der durch die Ohnmacht herbeigeführten Verwirrung wird man — 114— unſere Entfernung, unſer Geſpräch kaum bemerkt haben.— Die Perſon wird ſich unter irgend einem Vorwande unmittelbar, nachdem ſie wieder zu ſich gekommen, entfernen; denn, da ſie mich hier geſehen hat, da ſie weiß, daß ich mit ihren elenden Ränken und Intriguen bekannt bin, ſo wird ſie nicht länger hier verweilen wollen; ſie wird ſich ſchnell den Augen der Geſellſchaft entziehen,— ich gebe Ihnen mein Wort darauf.— Erwähnen Sie unſerer Un⸗ terredung und deſſen, was ich Ihnen zu entdecken und mitzutheilen für gut fand, mit keiner Silbe. Laſſen Sie mich für das Weitere ſorgen— Sie ſollen wieder frei ſein. Forberg und der Unbekannte traten in das Ge⸗ ſellſchaftssimmer zurück. Die Ohnmächtige war unterdeſſen wieder zu ſich gekommen und verlangte jetzt eben nach einem Wagen, um wegen anhaltenden Üübelbefindens ſchnell in ihre Wohnung zurückzukehren. Die Verſammlung löſte ſich ſehr verwirrt und verſtimmt auf. Einige ſchienen den Zuſammenhang dieſer merkwürdigen Scene zu errathen, Andere fragten ſich und Andere vergeblich nach der Urſache und prophezeihten eine höchſt unglückliche Ehe. Fgorrberg hatte ſich zurückgezogen und kam nicht eher wieder aus ſeinem Verſteck zurück, als bis Alle ſich entfernt hatten. —4,— ðᷣ— t — 175— Dann warf er ſich in den Sopha und ſaß dort, ſtarr und ſtumm, ja ſogar weinend bis Mitternacht. Der Wächter rief drei, als er kopfſchüttelnd auf⸗ ſtand und in ſein Wohnzimmer hinunterging. Auch hier ging er noch lange auf und nieder, ſchüttelte den Kopf und rief: Wie iſt es möglich! Wie konnte ein Weib mich ſo ſchändlich betrügen wollen. Der Unbekannte, welcher ihn vor der Intriguantin bewahrt hatte, war— Hai. XXI. Die Eutfernung. Madame Müller kehrte ſehr zerſtört und nieder⸗ geſchlagen aus der Geſellſchaft in ihre Wohnung zurück. Als ſie aus dem Wagen ſtieg und von ihrem Dienſtmädchen empfangen wurde, mußte ſie von dieſem in das Zimmer faſt getragen werden. Sie ſah ungemein bleich und leidend aus, erklärte ſich hierüber aber nicht weiter, als daß ſie plötzlich krank geworden und einige Tage Niemanden bei ſich ſehen wolle. — 176— Das Dienſtmädchen, welches ſich dieſen unge⸗ wöhnlichen Zuſtand ihrer ſonſt ſo aufgeregten und lebensluſtigen Herrin nicht zu erklären wußte, ging kopfſchüttelnd hinaus. Die Erkrankte blieb auch in der That mehrere Tage ſehr hinfällig und niedergeſchlagen, ſie genoß wenig und ſprach noch weniger, ohne jedoch nach einem Arzt zu verlangen. Ein erfahrenes Auge hätte bemerken müſſen, daß dies eigentlich keine Krankheit, ſondern nur eine ungeheure Angſt und Beklommenheit ſei. Madame Müller ſaß Stunden lang da, das Auge feſt auf einen Punkt gerichtet, wurde oft von Röthe berlaufen, erbleichte dann wieder und fuhr aus ihrem dumpfen Brüthen plötzlich auf, um nach der Thüre zu ſehen, als müßte oder ſollte jeden Au⸗ genblick Jemand eintreten. Sie ſchrak leiſe zuſammen, ſeufzte und ſiel dann wieder in ihre Erſtarrung zurück. Am dritten Tage, gegen Abend, ging die Thüre des Zimmers wirklich auf, und— Advokat Hai trat ein.— Madame Müller fuhr erſchrocken auf dem Sopha zurück. Sie wollte ſich erheben— ſie konnte es nicht; ſie wollte ſprechen, die Zunge verſagte ihr den Dienſt. — 177— Bleiben Sie ruhig ſitzen, Frau Doctorin, begann Advokat Hai, Sie ſind die Frau eines meiner Col⸗ legen, ich werde dieſe Rückſicht nicht außer Acht laſſen. Ich komme in einer guten Abſicht zu Ihnen, um Sie vor weiteren Mißgriffen zu bewahren. Wie ich immer zu Ihrem Vortheil geſprochen und manches Nachtheilige von Ihnen abgewandt habe, ſo werde ich auch jetzt fortfahren.— Sie haben vor einigen Tagen einen unangenehmen Vor⸗ fall— — Ach— Sie wiſſen— Sie kennen ja auch meine früheren Verhältniſſe— — Ich weiß Alles— ich kenne alle Verwick⸗ lungen und Löſungen Ihres Lebens, ich wußte es recht gut, als Sie unter einem angenommenen Na⸗ men, von einem reichen Freunde beſchützt, Hôtel garni hielten— aber ſprechen wir nicht weiter davon, wie damals keine Silbe über Ihre Per⸗ ſönlichkeit verloren worden iſt, denn Sie müſſen ja wiſſen, daß man unter ſolchen Umſtändeu in der vornehmen Welt gerne ein Auge zudrückt, ſchweigt und thut, als kennte man ſich nicht. Die Geheim⸗ niſſe der großen, vornehmen Welt bedingen zum voraus Discretion gegen Jeden und in allen Ver⸗ hältniſſen. Man mag zuſammen kommen, wie und wo man will, man mag ſich kennen, wie und von — 178— einander wiſſen, was man will, man berührt nichts davon.— Alſo— beobachten wir auch jetzt dieſe Discretion und thun wir, als kennten wir uns nicht. Madame Müller— oder wie Hai ſie jetzt plötzlich wieder genannt hatte, Frau Doctorin Bertram athmete hoch auf, als ſie dieſe Worte vernahm. — Ich biete Ihnen an, die Verbindung mit Forberg unter Bedingungen rückgängig zu machen und jede Anklage, die er gegen Sie erheben könnte und dürfte, zu beſeitigen— wenn— Die Doctorin Bertram drückte ſeine Hand zum Zeichen ihrer Zufriedenheit.— Waren Sie bei Herrn Forberg? fragte ſie. — Ich war nicht dort, verſetzte Hai, obgleich er,— müſſen wir dem Leſer hier kurz und im Geheimen melden— am Tage vorher dort geweſen war und ſich eine gewiſſe Summe ausbedungen hatte, wenn er die Heirath wieder auflöſe— da Madame Müller ſich auf höchſt leichtſinniger und liſtige Weiſe eine Fälſchung habe zu Schulden kommen laſſen, die doch jetzt— nach hier nicht weiter zu erörternden Umſtänden— bei jeden⸗ fallſiger Leugnung, ſchwer zu erweiſen ſein dürfte und die Verlobung, das Eheverſprechen einmal ſtatt⸗ gefunden habe. — Ich war nicht dort, verſetzte Hai alſo mit — 181— — Sie wiſſen, daß Golfert und Lundberg in Compagnie ausgedehnte Handelsgeſchäfte betreiben, wenigſtens müſſen Sie früher oft davon gehört haben. Dieſe bedeutenden Geſchäfte haben in der letzten Zeit aber zu mehren Malen an großer Caſſen⸗ ſchwindſucht laborirt und es ſteht zu erwarten, daß etwas Menſchliches paſſirt, wenn von der einen oder andern Seite nicht gewiſſe Schleuſen verſtopft werden, durch die das Geld allzu ſtark abfließt. — Golfert unterhält eine— Schauſpielerin, die ſo viel gebraucht, ihm ſo viel abzuſchwatzen weiß, daß ihre Exiſtenz wie ein Krebsſchaden an ſeinem Körper frißt. Er hat für ſie ungewöhnliich viel ge⸗ braucht und verſchwendet, und iſt ſogar genöthigt geweſen, um Ehre und guten Namen zu retten und ſich auch nicht den Schein eines Unbemittelten zu geben, der den Wünſchen ſeiner Angebeteten nicht befriedigend und allzeit nachkommen und willfahren können, ſeinen Wagen und ſeine prächtigen Eng⸗ länder, kurz— ſeine treffliche Equipage mit Mann und Maus, unter einem nichtigen Vorwand und mit einer gewiſſen Heimlichkeitskrämerei zu verkaufen. — Dennoch iſt dadurch nur einem momentanen Bedürfniß abgeholfen worden; denn wenn es ihm nicht gelingt, ſich der Schauſpielerin mit Manier zu entledigen und irgend einen Andern, der Etwas 1 — 182— verſchwenden kann, für ſie zu intereſſiren— ſo weiß ich, ſo weiß er ſelbſt nicht, wie es werden ſoll. — Dieſes iſt der verhängnißvolle Caſus von der einen Seite. Von der andern Seite ſtellt er ſich aber nicht weniger bedenklich dar. Herr Lundberg iſt, wie ich Ihnen beiläufig ſagen kann, Mitglied eines Clubbs, und verſpielt ſein Geld in die Hunderttauſende hinein. Hunderttauſende?! wiederholte erſtaunt die Doc⸗ torin Bertram. — Nun, es iſt zwar nicht geſagt, daß dieſe Summen immer ſogleich baar ausgezahlt werden, allein— ſie ſind doch verloren. Es herrſcht in dieſem Clubb nämlich die Einrichtung, daß man mit Marken zu fünf, zehn, zwanzig u. ſ. w. Loui⸗ dor's zahlt und notirt, aber was einmal verſpielt und notirt iſt, das iſt doch einmal verſpielt und gilt als eine Schuld; weshalb es denn Mitglieder in dieſem Clubb giebt, die ihre hundert⸗ bis zwei⸗ hunderttauſend Mark Schulden herangeſpielt haben und wohl ewig im Debet bleiben, wenn das Glück ſich nicht plötzlich wieder auf ihre Seite wirft. Freilich wird in die geſchloſſene Spielhölle voller Rückſichten und Nachſichten auch wohl mal eine fremde Perſon, z. B. ein Virtuos eingeladen, dem — 183— man dann nebenbei ſein erfiedeltes und erklimpertes Capital mit gutmüthigem Lächeln abnimmt, doch das ſind nur Nebenfälle, die— wie man wohl ſagt, den Kohl nicht fett machen und erlittene Verlüſte nicht decken. Denn gewöhnlich ſtreichen in ſolchen Fällen auch nur diejenigen ein, die ohnehin ſchon genug haben und mit dem größten Anſtand eine ſolche Lappelei zu dem Übrigen sans facons ein-⸗ ſtreichen. Alſo, um wieder auf unſere Angelegenheit zu kommen— Lundberg verſpielt viel; doch dagegen ließe ſich immer noch das Eine und Andere ein⸗ wenden, wenn ſeine Frau nur auch nicht ihre Launen und Leidenſchaften hätte. Dieſe gute Dame nämlich hat ſich einen jungen Mann zum Freund erkohren, dem ſie ſo reichlich zufließen läßt, daß dem für ſeine Kaſſe beſorgten Gemahl oft angſt und bange wird. Dieſer übt Nachſicht genug, er hat lange ein Auge zugedrückt und immer und immer mehr Geld hingegeben, aber am Ende wird ihm die Sache doch zu unangenehm, und wie gerne er auch ander⸗ weitig ein Auge zudrückte, ſo wird ihm das Ver⸗ hältniß doch finanziell zu beſchwerlich. Um jeden Skandal zu vermeiden, worunter er ſelbſt zu ſehr. mitleiden würde, muß er ſuchen dem Dinge mit guter Manier und ernſtlich ein Ende zu machen. — 184— Zu ſeiner Frau darf er von einem Aufgeben dieſes vertrauten Verhältniſſes nicht ſprechen, denn ſie eben iſt es, die ihm durch die geſchäftsmäßig abgeſchloſſene Heirath den Fond zu ſeinem jetzt ſo anſehnlich mit begründeten Geſchäft eingebracht hat, aber er muß ſehen, den jungen Mann, den Freund ſeiner Frau, gleichſam aus der Welt zu ſchaffen. Er hat dieſen deshalb ganz im Geheimen zu ſich kommen, und ihm mit der größten Traulichkeit und Loyalität ein für alle Male eine gewiſſe Summe geboten, wenn er ſeine Kaſſe, durch Vermittlung ſeiner Frau, künftig hin unberückſichtigt laſſen wollte. Allein der Schelm iſt mit den erſten Anerbietungen nicht zufrieden geweſen, er mag wiſſen, wie gut er bei Madame Lundberg angeſchrieben ſteht.— Ich bitte Sie, Frau Doctorin, kann man mehr von der Geduld und Nachſicht eines vornehmen, reichen Ehemanns verlangen?!— Lundberg hat einige Zeit verſtreichen laſſen und jenen jungen Mann dann abermals im Stillen zu ſich geladen. Er hat ihm ſehr anſehnlich geboten, mit der Bedingung, Hamburg zu verlaſſen und wo möglich erſt nach Jahren wiederzukehren, wenn er ja dieſe Abſicht hegen ſollte. Das hat dem Schelm denn geſchienen, die anſehnliche Summe hat ihm allerdings in die Augen gelacht und er ———— — ⏑—·.8— —— ⏑ ℛ☛◻—* 185— hat halb und halb verſprochen, die Bedingung ein⸗ zugehen und nach empfangener Zahlung Hamburg, das heißt, die Nähe der Madame Lundberg unmit⸗ telbar zu verlaſſen. Wer bürgt dem Herrn Lundberg aber dafür, daß der Schelm redlich Wort hält, daß er nicht nach einem Monat wiederkehrt und die Sache dann gerade ſo bleibt wie vorhin. Nun habe ich gerathen, ihm eine Frau anzuhängen und mitzugeben, und zwar in der Abſicht, damit dieſe ihn wirklich mit ſich fortnimmt, und auch in der Ferne, meinetwegen in Amerika fortwährend mit Argus-Augen bewacht und zurückhält. Zu dem Ende habe ich Sie, liebe Frau Doc⸗ torin, vorgeſchlagen, da ich wahrlich keine Dame zu finden wüßte, die eine ſolche polizeiliche Vigilanz, eine ſolche kluge Intrigue beſſer übernehmen und ausführen könnte als— eben Sie. Sie haben das Talent, dieſen verſchmitzten Kerl fortwährend zu bewachen und dafür zu ſorgen, daß er, wenn ein⸗ mal fort, niewieder nach Hamburg zurückkehren wird. Man würde Ihnen nöthigenfalls, ſelbſt noch dieſe und jene Mittel und Connectionen an die Hand geben können, wodurch Sie ſich helfen könnten, wenn er ja ernſtlich darnach trachten ſollte, nach Ham⸗ burg, zu ſeiner Favorite zurückzukehren. Geheimniſſe von Hamburg, II. 9 — 186— Im Vertrauen kann ich Ihnen ſagen, und Sie können es ſich ſelbſt leicht vorſtellen, daß Lundberg auch in Rückſicht auf Sie Alles thun wird, um Ihnen den ihm geleiſteten Dienſt zu vergelten, indem Sie ihn von ſeinem Nebenbuhler und ſo von all em a nrühigen Seandal befreien. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie dem jungen Manne als eine Dame vorgeſchlagen werden, die von mir oder von Lundberg eine weitläuftige Verwandte iſt und ſich Umſtände halber, zu verheirathen wünſcht. Nicht wahr, eine ſolche Intrigue, wenn ſie gelänge, wäre köſtlich, auch wenn noch etwas darauf ginge, um ſie in's Werk zu richten. Und die Gemahlin Lundbergs würde auf ſolche Weiſe gar keine Ah⸗ nung haben, da Sie von der Verheirathung nichts zu erfahren brauchte, was mit dem jungen Manne leicht abzumachen wäre— wie und warum ſie ihren Freund verlöre. Die Doctorin Bertram ſprang auf und klatſchte in die Hände, als ſie dieſen Plan einer pikanten Intrigue vernommen hatte. Hai hatte jedenfalls mit Klugheit und überlegung dieſe Frau zur Ausführung des Planes auserſehen, denn es lag ganz in ihrem Charakter, daß ſie ſich einer ſolchen Machination mit Leib und Seele ergab, — 187— und that, was nur irgend in ihren Kräften ſtand, um das Gelingen derſelben herbei zu führen. Der Vorſchlag fand daher ein williges Gehör und die Doctorin Bertram gab unmittelbar ihre Zuſage, ſich auf den Vorſchlag einzulaſſen! Als Hai weggegangen war, ſtand die Doctorin Ber⸗ tram, welche nunmehr vorläufig wieder Madame Mül⸗ ler hieß, auf, trat zu ihrer Commode, nahm das Do⸗ eument aus dem Schubfach, zerriß es in tauſend Stücke und warf die Fetzen in's Feuer.— Der Vermittler dieſer Intrigue und Heirath hatte ſich mit dem Verſprechen verabſchiedet, die Sache in Gemeinſchaft mit Lundberg, nun unmittelbar zu Stande und ſie, die Doctorin Bertram mit dem jungen Mann zuſammenzubringen. Es vergingen einige Tage, bis Hai wiederkehrte und verſicherte, es würde Alles nach Wunſch gehen. Lundberg habe dem jungen Nebenbuhler eine ſo bedeutende Summe geboten und dieſer ſchien ſelbſt, vielleicht in Erwartung künftiger Erbſchaften, nicht übel Luſt zu haben, ſich mit einer Verwandten von jenem zu verheirathen, daß jetzt nur eine beiderſei⸗ tige Vorſtellung herbeizuführen und der Contract förmlich zu ſchließen ſei, worauf die Reiſe nach— Amerika unmittelbar vor ſich gehen könne und müſſe. Alles ging glücklich. Lundberg hatte noch auf 9 — 188— dem Schiffe eines Freundes, welches nach Baltimore ging, eine ſaubere Kajüte für ſein— begünſtigtes junges Paar genommen und erwartete mit Unge⸗ duld die Stunde der Abreiſe. Die Doctorin Bertram hatte nach ihrer Erzäh⸗ lung ihre ſämmtlichen Mobilien verkauft um ſich für das gelöſte Geld in Baltimore neuere und beſſere wieder anzuſchaffen.— Endlich war der Tag der Abreiſe da, es wehte ein günſtiger Wind aus Nordoſt und gegen Abend ſollte das Schiff mit Ladung und zwei Paſſagieren den Hamburger Hafen verlaſſen. Weil man gegen den jungen Mann, der ſich ſo lange geweigert hatte, noch immer einiges Mißtrauen hegte, ſo wußte Lundberg mit einer guten Manier die hundert Pfund⸗Noten in die Hände der Doetorin Bertram zu bringen, einige Stunden vorher, als man an Bord ging und das Schiff ſich zur Ab⸗ fahrt bereit machte. Die beiden Paſſagiere traten in die Kajüte, jeden Augenblick ſollten die Anker gelichtet, oder vielmehr die Taue gelöſt werden, mit denen das Schiff im Hafen befeſtigt war. — Sie haben— Du haſt die Noten? fragte der junge Mann, ſich unmittelbar verbeſſernd. — Ja, verſetzte die Doetorin Bertram.— — 189— Soll ich ſie nicht in unſerm Koffer verwahren, lie⸗ bes Kind? — Warum? — Es ſcheint mir beſſer, man kann ſie mit dem Taſchen⸗Tuch zu leicht herausreißen und ver⸗ lieren. Die Doctorin Bertram zögerte noch einige Au⸗ genblicke, in denen ſie zu überlegen ſchien, dann aber gab ſie die Noten ruhig hin, ohne noch ein Wort zu verlieren. — Nun, ich denke, Du legſt ſie ſelbſt in unſern Koffer? verſetzte der junge Mann und gab die Noten zurück, vermuthlich um ſeine Forde⸗ rung wieder gut zu machen, die ſtille Miene ſeiner Geliebten zu verſcheuchen und nicht ſogleich den ſtrengen Eheherrn zu ſpielen. Die Doctorin, oder vielmehr nun die Braut wurde auch unmittelbar wieder aufgeheitert. — So gieb mir den Schlüſſel, ſagte dieſe— damit ich ſie hineinlege. Der Koffer wurde geöffnet und wieder verſchloſſen. — Ich muß doch noch einmal den Hafen und die Stadt mit ihren Thürmen und Menſchen ſehen, ſagte der junge Mann, als er den Schlüſſel wieder erhalten hatte. — 190— Er ging hinans und trat zu dem Capitain und Steuermann. Die Matroſen waren in voller Ar⸗ beit. Niemand achtete auf die Paſſagiere. Als das Schiff über Altona hinaus war, ſtieg der junge Mann erſt wieder in die Kajüte hinunter. — Willſt Du denn nicht auch die beiden Städte und das ſchöne Ufer verſchwinden ſehen? rief er fragend in die Kajüte hinein, als er ſich noch auf der letzten Stufe der Treppe befand. Es erfolgte keine Antwort. Verwundert trat der junge Mann in die Kajüte und ſuchte ſeine Geliebte, welche er eingeſchlummert wähnte. Aber die Kajüte war leer;— er wartete, er ſuchte ſtillſchweigend in den übrigen Räumen umher, aber nirgends war eine Spur der ihn uunreſſſrenden Perſon zu entdecken. Er ſtand theils beſtürzt, theils mit Lächeln über⸗ legend da, ohne einen Schritt weiter zu thun, die offenbar Entflohene wieder zu erlangen. Er ſagte nichts an den Capitain, und blieb ruhig in der Kajüte. Dann griff er in die Taſche und faßte den Schlüſſel, um ſich zu überzeugen, ob er ihn auch beſitze, blickte auf den unter einem Seitenver⸗ ſchlag da ſtehenden Koffer und ſagte lachend: Mir auch recht— ich werde darum keinen Lärm ſchla⸗ gen und die gute Fahrt des Schiffes ſtören oder — 191— gar einen Aufſchub veranlaſſen. Man wird die Flucht früh genug erfahren, habe ich doch den Schlüſſel zum Koffer und darin— die Noten. Bei der Abendmahlzeit erſt erfuhr der Capitain die Flucht ſeines weiblichen Paſſagiers. — Gerade in dem Augenblick, wo wir los gin⸗ gen— ſagte er,— da muß ſie die Gelegenheit wahrgenommen und ſich aus dem Staube gemacht haben. — So wird es ſein— verſetzte der junge Mann, ich ſtand auf dem Hinterdeck bei dem Steuermann, und ſchaute mir noch ein Mal Stadt und Gegend, nicht ohne tiefe Gefühle, an; Sie, Herr Capitain, traten in ihre Cajüte, die Matro⸗ ſen waren theils bei dem Segellöſen, theils auf dem Vorderdeck beſchäftigt, auf dieſe Weiſe— — Aber— hal ha! hal ſagte der Capitain, es iſt mir doch unerklärlich, wie ſie vom Schiffe gekommen iſt. Sie mußte ja ein Boot haben, wenn ſie an Land wollte, oder konnte ſie ſchwimmen und iſt mir nichts dir nichts über Bord geſprungen? Aber dann hätte man ja das Geräuſch gehört und wäre ihr zu Hülfe gekommen. — Uurerklärlich iſt mir, da ich jetzt weiter dar⸗ über nachdenke, dieſe Flucht freilich auch; ich be⸗ greife nicht— E———— ——————uaa——a—a—a—ſſſſ⁄⁄⁄——— — 192— — Ja— ſagte der Capitain, weg iſt weg— wir legen bei Kurhaven an, um Waſſer einzuneh⸗ men, von da aus können Sie wenigſtens Nachricht geben und aufſuchen laſſen, damit mit dem nächſt⸗ abgehenden Schiff— — Laſſen wir das— ſagte der junge Mann ſchnell— ich habe nichts verloren— ich werde mich ſchon beruhigen. Der Capitain lachte und war jovial und ge⸗ ſcheut genug, um das Verhältniß ſeiner beiden Paſſagiere zu durchblicken. — Kommen Sie mit in meine Kajüte hinunter, ſagte er— wir wollen ein Glas Gin auf— die glückliche Entfernung trinken. Sie ſind ein freier Mann wie zuvor.— Das Schiff war in See. Der junge Mann unterhielt ſich Stunden lang mit dem Capitain oder ſtand auf dem Deck, betrachtete und bewun⸗ derte bei Tage und bei Nacht alle die neuen Er⸗ ſcheinungen und Herrlichkeiten des Meeres, bis die gewöhnliche Plage aller derjenigen, die zum erſten Male eine Seereiſe machen, ſich einſtellte. Der beſtändige Genuß der friſchen Luft ließ je⸗ doch die Krankheit nicht ſtark werden. In den leichteren Momenten kehrte der junge Mann in ſeine 4 — 193— Cajüte zurück und blickte mit einem gewiſſen Ge⸗ fühle traulicher Erinnerungen auf den Koffer. Die Neugierde und eine Art Luſt, ſich mit der Ver⸗ gangenheit zu beſchäftigen, erwachten in ihm. Er wollte durch den Anblick der Noten, in deren Be⸗ ſitz er nun allein gekommen war und weshalb ſchon die Erinnerung an die Flucht der— Braut ihn wohler ſtimmte, ſein Herz erfriſchen und auch die letzten unangenehmen und läſtigen Gefühle der Krankheit verſcheuchen. Er trat zum Koffer und öffnete ihn.— Es lag Alles in der größten Ordnung bei einander, gerade wie er es eingepackt hatte. Mit ſuchenden Blicken hob er das eine Stück nach dem anderen heraus. — Nun, ſagte er, warum hat ſie die Noten denn auch ſo tief weggelegt, das wäre doch nicht nöthig geweſen. Endlich war der Koffer, vor welchem der junge Mann in knieender Stellung lag, völlig ausgeleert. Die Gegenſtände lagen auf dem Boden um ihn herum. — Hem! hem! ſagte er halb betroffen und ver⸗ legen— wo hat ſie ſie denn nur hingeſteckt! Er fuhr fort mit dem Suchen, indem er jedes Stück, jeden Gegenſtand, jedes Kleidungsſtück, den — 194— Inhalt eines kleinen Käſtchens mit der größten Sorgfalt prüfte und ſo ganz langſam einen Theil nach dem andern wieder hineinlegte. Endlich war der Koffer wie der gefüllt, jedes Stück mit der größten Genauigkeit und Gewiſſen⸗ haftigkeit durchſucht, aber— die Noten hatten ſich nicht gefunden. Der junge Mann blieb noch einige Minuten vor dem Koffer auf den Knieen liegen, indem er mit ſtarren Blicken, gleichſam als könne er ſich noch nicht überzeugen von der Wahrheit der Ver⸗ ſchwindung, in denſelben hineinſah; dann fuhr er mit der Hand über ſeine Stirne nnd ſah ſich in der Kajüte verwunderungsvoll und erſtaunt um, als glaube er zu träumen. Als er ſich aber über⸗ zeugt hatte, daßes nur die volle Wirklichkeit war, als er ſich bewußt wurde, daß er mit dem größten Eifer geſucht, und die Noten in dem Koffer nicht mehr vorhanden ſein könnten,— als er nun auch plötz⸗ lich ſich die Flucht der Doctorin Bertram verge⸗ genwärtigte und das Verſchwinden der Noten mit jener in eine natürliche Verbindung brachte, da fuhr er wüthend und tobend empor und eilte wie ver⸗ zweifelnd auf das Verdeck. Ein leichter Wind hatte ſich erhoben und war ³ — 195— im Begriff, nach voraufgegangener Stille, umzu⸗ ſpringen. — Die verdammte Perſon! rief der junge Mann— hab' ich mich ſo ſchändlich betrügen laſſen— es iſt Alles Spiegelfechterei geweſen, man hat mir das Weibsbild nur aufgeſchwatzt, und mitgegeben damit ſie die anſehnlichen Noten, durch welche man mich zu verlocken und zu gewinnen gewußt hat, mir wieder wegnähme. Capitain, fuhr er dann im zornigen Tone fort und wandte ſich mit muthigem, unerſchrockenem Anſtand an den Bezeichneten— Sie haben darum gewußt, Sie haben ihre Flucht befördert, Sie ſtecken mit in dem Complott, ich bin verrathen und verkauft,— ohl es iſt ſchändlich— von Ihnen hätte ich das nimmer gedacht! Aber Ihre heitre Miene, Ihre Aufforderung, von Kurhaven aus ſchnell nach Hamburg zu ſchreiben und die Flucht zu melden— was vollkommen unnütz und unnö⸗ thig war— Alles war Heuchelei und Verſtellung, Sie ſind— — Donner und Sturm! rief der Capitain, was fällt Ihnen ein, ſind Sie verrückt geworden, ohne daß wir die Linie paſſirt haben, oder iſt das bischen Seekrankheit Ihnen ins Gehirn geſtiegen. Donner und Sturm! ſehen Sie etwa den fliegenden 4 — 196— Holländer— fuhr der Capitain fort— und ver⸗ wechſeln mich nun mit ihm?— Herr, rief er— und faßte den Tobenden mit ſtarker Fauſt an die Bruſt, machen Sie hier keine Umſtände, der Wind geht um, wir bekommen vielleicht einen Sturm— oder — Noch ein Mal, was iſt Ihnen und was wollen Sie von mir? — Was mir iſt? was ich will? verſetzte der junge Mann, weinte vor Wuth und ſtampfte mit dem Fuß auf das Deck— ich will nach Ham⸗ burg zurück und will mein Geld haben! — Was das Erſſte anbetrifft, erwiederte der Capitain, ſo ſehen Sie wohl, daß ich damit in dieſem Augenblick nicht dienen kann, da wir gerade entgegengeſetzte Richtung haben, und es iſt überhaupt eine alberne Forderung, nach Hamburg zurück zu wollen, da wir eben daher kommen. Für das Zweite— ſo weiß ich von keinem Geld und Sie haben mir nichts anvertraut. Donner und Sturm! was ſoll das heißen mit Ihnen, erklären Sie ſich deutlicher.— — Auf Seemann's Ehre— Sie wiſſen wirk⸗ lich nichts— — Was ſoll ich wiſſen— nichts weiß ich, als daß ein vermuthlich durchtriebenes, ſchlaues Weib uns bei der Abfahrt davon gegangen iſt, durch ³ — 197— welche Flucht der Ehre meines Schiffes ſchon etwas zu nahe geſchehen iſt.— Ich weiß nichts— wiederhole ich Ihnen, ſagte der Capitain mit ſtark betonter Stimme, und verlange daher jetzt von Ihnen, daß Sie ſich ſchnell und verſtändlich erklä⸗ ren— oder— ich will Ihnen zeigen, was auf See Gebrauch iſt! — Kurz und gut, Herr Capitain— begann der junge Mann wieder— ich habe von Herrn Lundberg eine Summe in hundert Pfund⸗Noten er⸗ halten, um die Perſon, mit der Sie mich Ihr Schiff beſteigen ſahen, zu heirathen, und aus Hamburg zu gehen. Dieſe Noten nun ſind in meinem Kof⸗ fer nicht mehr.— — Haben Sie ſie denn wirklich dahineingelegt? — Nein ich nicht, ſondern die Perſon— die Dame— bei unſerer Abfahrt— allein ich— Der Capitain fiel ihm in die Rede und ſagte: Ha, das klärt ſich ſchon auf! haben Sie es mit eigenen Augen geſehen, daß ſie ſie wirklich hinein⸗ gelegt hat?— — Nein, das freilich nicht, allein ich ſehe jetzt— — Sie ſehen nichts— verſetzte der Capitain, ſonſt würden Sie ſich das Uebrige leicht erklären können. Die Perſon hat die Noten gar nicht — 198— hineingelegt— weil ſie die Abſicht hatte, ſich da⸗ mit unmittelbar wieder aus dem Staube zu machen. — Sie denken doch wohl am Ende nicht gar, daß ich meine Hand zu einer Seelenverkäuferei biete und Sie nur mitgenommen habe, um Sie an irgend einen Pflanzer zu verhandeln oder ſonſt wo in die Urwälder von Amerika zu ſchicken? Junger Mann!— ſagte der Capitain mit ſo ernſtem, unerſchütterlichem und drohendem Ton, daß der Angeredete ſeinen Zweifel an der Redlichkeit und Unpartheilichkeit des Capitains bei dieſer Angele⸗ genheit fahren laſſen mußte. — Junge, was ſtehſt Du hier,— willſt Du bald hin und den Anker ſcheuern, rief der Capi⸗ tain und ſchob einen Decksjungen hinweg. — Ich wollte nur— ſagte dieſer mit zaghafter Stimme— dem Herrn da bemerken, daß die Dame, von der Sie wahrſcheinlich ſprechen— von einem alten Herrn, von einem Engliſchman, wie mir ſchien, mit einem Boot an der Backbord⸗ ſeite abgeholt worden iſt; ich meinte, ſie hätte den Herrn da nur zu Schiff begleitet— hätte ich gewußt, daß ſie mit ſollte und mußte, ſo würde ich Lärm geſchlagen haben. — Marſchl ſagte der Capitain zu dem Decks⸗ jungen, pack Dich!— und zu ſeinem Paſſagier 4 +2· 1 2—. ꝙ—— N N 2— — 199— gewendet, fuhr er fort:— Sehen Sie, die Per⸗ ſon hatte Alles abgekartet.— Sie ſind nicht von Herrn Lundberg, ſondern von Ihrer Seite betro⸗ gen und angeführt worden. Sie wollte nicht Sie, ſondern nur das Geld. Nun— es handelt ſich bloß um den Verluſt des Geldes— ſonſt wird Ihnen an ſolcher Frau auch nichts gelegen ſein! Der junge Mann ging zerſtört und niederge⸗ ſchlagen in die Kajüte zurück.—— Von einem Bleiben in Amerika konnte jetzt nicht die Rede ſein. Hai und Lundberg hatten ihm die Braut aufgeſchwatzt,— ſie konnten es ihm nicht verargen und zum Vorwurf machen, wenn er unter ſolchen Umſtänden und nach ſolchen Vorfällen, gegen ſein Verſprechen, wiederkehrte. Dies geſchah nach einem halben Jahre. Lund⸗ berg erfuhr bald ſeine Anweſenheit. Ohne dies⸗ mal gerade dazu veranlaßt zu werden, da ſich be⸗ reits Manches anders geſtaltet, was demnächſt er⸗ zählt werden ſoll, ließ er den jungen Mann dennoch im Geheimen zu ſich kommen, warf ihm ſeine Wortbrüchigkeit und Straffälligkeit vor und fragte ihn: Wo ſeine— Frau geblieben? Darnach eben möchte ich Sie fragen? verſetzte der junge Mann mit Dreiſtigkeit, denn in der Antwort werden Sie zugleich auch den Grund fin⸗ m—u—u————ſſſſſſſ⁄— —— 4— —x .— — — 200— den warum ich wiederkehre. Sie haben mich weg⸗ gehen heißen— ich habe Schulden gemacht— Sie werden dem Capitain ſeine Forderung bezahlen müſſen, wenn ich nicht andere Mittel ergreifen ſoll um mich gegen ſolche Intriguen zu revangiren. Im übrigen erzählte der junge Mann, was der Leſer ſchon weiß. Herr Lundberg ſah, daß er, von ſeiner Frau gezwungen, ſich von einem Weibe hatte überliſten und betrügen laſſen müſſen.— Alle Nachforſchungen nach der Doctorin Bertram blieben fruchtlos. Man erfuhr nur ſoviel, daß ſie ſich ſeit jenem Momente gänzlich aus Hamburg entfernt hatte. Spätere Gerüchte meldeten, daß ſie unter aber⸗ mals verändertem Namen in einer kleinen Reſidenz⸗ ſtadt, unter ähnlichen Verhältniſſen wie früher lebe und ſo gleichſam im Schutz des Fürſten ſiehs. Sie wird dort noch leben—— 3 A4e 1 e 6 — 201— XXII. Das kleine Haus. Wir führen den Leſer jetzt in ein kleines Haus, das zwar drei Stockwerk hoch, aber ſo ſchmal iſt, daß die Vorderſeite nur zwei enge Fenſter in jeder Etage hat. In dem unterſten Stockwerk zur ebenen Erde befindet ſich die ſchmale Diele mit einem ſo ſchmalen Zimmer daneben, daß kaum drei Perſon ſich darin umdrehen und ſetzen zu können ſchienen. Auch die übrigen Etagen ſind natürlich eben ſo beſchränkt wie die zur ebenen Erde. Vor Allem iſt uns daran gelegen, den Leſer mit den Bewohnern dieſes Häuschens bekannt zu machen. Zur ebenen Erde wohnt alſo eine Fran, deren Geſchäft ein kleiner Handel mit Lumpen und altem Eiſen iſt. Sie hat zu dem Ende vor der Thüre auch einige Lumpen und ein halbes Hufeiſen aus⸗ gehängt, gleichſam als Schild und Firma. Dieſe Frau iſt ſo zu ſagen die Wirthin und Vermietherin der übrigen Etagen. Sie iſt auf dem einen Auge blind und trägt eine faſt fuchsrothe Haartour, wodurch ihr pockennarbiges Geſicht ein ſehr ſonderbares Anſehn erhält. Die Haartour 9rr — 202— war aber urſprünglich nicht roth, ſondern iſt es erſt im Verlaufe der Jahre geworden. Die erſte Etage iſt an einen einzelnen Herrn vermiethet, der ſeit einem Monat erſt eingezogen iſt. Es iſt ein kleiner Mann mit einer gebogenen Naſe und einer rothen, etwas aufgedunſenen Ge⸗ ſichtsfarbe. Allem Anſchein nach lebt dieſer Mann ſehr ſparſam. Und doch kleidet er ſich im gewiſſen Sinne elegant; denn er trägt beſtändig lange weiße Handmanſchetten, die er ſehr ſorgfältig zu hüten ſcheint, damit ſie nicht ſo oft der Wäſcherin anheimfallen. Im übrigen knöpft er Rock und Weſte ſo feſt zu, daß nie etwas von der übrigen Wäſche zu ſehen iſt. In dem dritten Stock endlich wohnt ein junges Paar, welches noch nicht eingeſegnet iſt, aber doch in Liebe und Eintracht bei einander wohnt. Der Tag beginnt. Die Hausthüre klingelt zu wiederholten Malen und es finden ſich verſchiedene Verkäufer ein. Die Hauswirthin iſt fortwährend mit dem Wiegen der Lumpen beſchäftigt, deren Quantitäten das Ge⸗ wicht von einem Pfund aber nicht überſteigen. — Mein Gott! ruft ſie ungeduldig; was ſoll ich damit, dieſe Paar Lumpen kann ich ja kaum wiegen. Es iſt zu wenig, ſage ich, warten Sie, bis Sie mehr geſammelt haben. — Das geht nicht, antwortet die Verkäuferin, eine hagere Frau von ungefähr ſechzig Jahren, der der Kummer aus den hohlen Augen ſieht.— die Kinder wollen wenigſtens etwas Warmes zum Morgenbrod haben, ich kann ſie ſo nicht auf die Straße ſchicken, wenn ich auch gerne warte, bis ſie mir einen Schilling eingebracht haben. Ach! ſtöhnt ſie, es iſt doch wohl ein halbes Pfund. — Dieſes Kinderhemd!— — Ja, das letzte Hemd meiner Marie; ich trage ſchon längſt kein's mehr. Marie ſagte dieſe Nacht, als ſie vor Hunger nicht ſchlafen konnte: Mutter, Morgen früh bringſt Du mein Hemd weg— und ich gebe den Kaffee aus!— Nun, ſagte die Lumpen⸗ händlerin faſt ungeduldig, da hat Sie einen Schil⸗ ling. Es iſt lange kein halbes Pfund, aber ich will auch Etwas thun— aus Mitleid gegen das Kind, welches den Kaffee ausgeben will. — Gottes Lohn! verſetzt die Verkäuferin, nun kann ich Kaffee, Milch, Holz und Waſſer kaufen. Es kömmt ein Knabe mit einem halb aufgeſchlif⸗ fenen Hufeiſen, welches er vermuthlich auf der Straße gefunden hat. — Ach, ſagt er mit zaghafter Stimme, geben Sie mir nicht einen Schilling dafür. — Für dieſes Hufeiſen? Nein, verſetzt die Ver⸗ käuferin— willſt Du ihn wohl verſchnofen. — 204— — Wir haben kein Brod. — Deine Mutter bekömmt doch Armengeld. — Ja, aber die Woche einen Mark, was ſollen wir damit anfangen? Es iſt keine Arbeit zu be⸗ kommen und mit zwei Schillingen kann unſere Mutter uns drei Kinder, den Tag nicht unterhalten. — Nun, da, Junge, haſt Du einen Sechsling für dein Hufeiſen— geh' und quäle mich nicht länger, man verdient ſo nichts bei dieſem Handel, wo das Gebrachte immer weniger wiegt als es wiegen ſoll und man aus Mitleid das bischen Verdienſt gleich mit in den Kauf giebt. Der Junge geht. Die Lumpenhändlerin dreht ſich um, da ſie Je⸗ manden die Treppe herunter kommen hört. Es iſt der kleine Herr, welcher ſeit vierzehn Tagen in der erſten Etage wohnt;— er hat ſchon ſeinen blauen Leibrock an, und die Weſte dichte zugeknöpft, gerade, wie er alle Tage Stunden⸗ lang ausgeht— um, wie er ſagt, zu ſpeiſen, ob⸗ gleich er dann, noch mit einer Art ſpaniſchem Mantel angethan, fortwährend im Jungfernſtieg und auf dem Walle ſpazieren geht, und, wenn er des Abends wiederkehrt, etwas unter dem Arm zu tragen ſcheint. — Liebe Madame— ſagt er jetzt, als er die Treppe herunter gekommen iſt und vor der Lumpen⸗ — 205— händlerin auf der engen Diele ſteht— und hält plötzlich inne. — Mein Gott, ſagt dieſe, trinken Sie des Morgens denn gar nicht und liegen den ganzen Vormittag im Bett— ein ſo vornehmer Herr und keinen Kaffee trinken! — Nein,— ich trinke— ſtottert der kleine Herr und ſchweigt wieder, indem er halb verſchämt die Augen niederſchlägt. Dann richtet er ſich wieder empor und frägt: Wollen Sie mir wohl etwas kochendes Waſſer geben? — Freilich— das iſt ja Bedingung— ich muß mich wundern, daß Sie keinen Gebrauch davon machen— wenn Sie übrigens etwa kein Geld und — keinen Kaffe haben— ich habe Erfahrung— ſo verkaufen Sie mir eines von Ihren alten Hemden — indeſſen, fügt ſie ſchnell hinzu, Sie halten die Commode immer ſorgfältig verſchloſſen— ich habe Ihre Wäſche noch nicht geſehen— außer— die langen Manſchetten— Der kleine Herr erröthet und ſchüttelt verlegen mit dem Kopf. Darf ich Sie bitten— Madame— ſagte er. — Naun, ja, verſetzt die Lumpenhändlerin, welche mit ihrer rothen, verſchobenen Haartour und der Geheimniſſe von Hamburg, II. 10 — 206— bauſchigen unſauberen Mütze ganz das Anſehn einer Enle hat. Sie giebt dem kleinen Herrn eine weiße Kumme mit heißem Waſſer und dieſer geht damit nach ſeinem Zimmer hinauf. Nachdem er die Kumme auf den kleinen runden Tiſch geſetzt, verſchließt er die Thüre und holt aus der Commode, welche er jetzt erſt aufſchließt, ein Tuch hervor, in welchem ſich ein Haufe Butter⸗ brödte, die theils älter, theils friſcher und theils ſchon zerbröckelt ſind, befindet. Der kleine Herr tunkt ein Stück von dieſen But⸗ terbrödten in die Kumme mit heißem Waſſer und vereitet ſich ſo eine Art Brodſuppe, wie die Armen, welche im Werk⸗ und Armenhauſe unterhalten werden, nur daß dieſe zu ihrem Brod und warmem Waſſer ſtatt der Butter noch nicht einmal einige Körner Salz haben. 3 Während er dieſen Kaffee oder dieſe Morgen⸗ ſpeiſe verzehrt, gehen ihm folgende Gedanken durch den Kopf und er ſpricht oft halb laut vor ſich hin: — Wenn das Sr. Mafjeſtät wüßte, welch' ein Jammerleben ich hier jetzt führe, er würde mir die Penſion von zweihundert Thalern gewiß nicht genommen haben.— Wie ich mich einſchränken muß! Wie ich darben muß! Aber es iſt noch nicht — —, 8+—SS—— 297— die traurigſte Weiſe, denn das Ende wird noch ſchrecklicher ſein! — Vor der Welt, vor den Leuten muß ich meinen traurigen Zuſtand verhehlen, meine Woh⸗ nung verſchweigen— wenn ich am Mittag im Jungfernſtieg zwiſchen allen übrigen auf und nieder ſpaziere, ſo meine ich nicht, man könne es mir anſehen, daß ich trotz dieſen ſehr geſchonten, feinen Manſchetten— kein Hemd auf dem Leibe habe— das letzte wurde verſetzt, um noch ein Mal warm zu eſſen— und ſeitdem ſind drei Wochen ver⸗ floſſen. — Ob Mehrere von meinem Elend und meiner verſchämten, unverſchuldeten Armuth, mit dem tie⸗ fen Gefühle der Reſignation und Wehmuth in der Bruſt zwiſchen den eleganten und reichen Damen und Herren einhergehen?— Es iſt wohl möglich. Der gerettete, gut conſervirte Rock verdeckt vielleicht — Alles. — Ich würde mir ſchon das Leben genommen haben, ich würde ſchon hinter irgend einem Ge⸗ büſch auf dem Walle verborgen in den Stadtgraben leiſe, leiſe hineingeſprungen ſein, wenn ich mich nicht vor dem Gedanken ſchämte, ſelbſt todt in dieſem Zuſtande entdeckt zu werden. Wird die rohe Hand, welche meine Leiche aus dem grünen 10* — 208— ekelhaften Waſſer herauszieht, Gefühl und Einſicht genug haben, um nicht über einen ſolchen Zuſtand zu ſpotten! — Ich lebe alſo nur deshalb qualvoll weiter, weil ich mich fürchte vor der eitlen Schaam nach meinem Tode!— — Jetzt muß das gute bejahrte Mädchen in Altona, die früher bei mir die häuslichen Dienſte verrichtete und auf deren Verſchwiegenheit ich bauen kann, mir noch durch Butterbrödte, die ſie ſich ſelbſt bei ihrer kargen und genauen Herrſchaft abdarbt, das Leben friſten! — Früher in Staatsdienſten, durch Intriguen von Leuten, deren Sucht ſich zu bereichern ich durch meine Redlichkeit im Wege ſtand, daraus vertrieben— durch dieſelben Intriguen vermuthlich auch der kleinen Penſion beraubt, und jetzt— von der Gnade eines armen Dienſtmädchens zu leben, nicht zu leben,— langſam hinzuſterben, und dann doch am Ende ohne Hemd, ohne das erſte, ehrbarſte und nothwendigſte Kleidungsbedürfniß des Menſchen gefunden zu werden— ohl! es iſt ſchrecklich! Der Mode zu fröhnen und dieſes Elends⸗ gefühl zu verhehlen.— Der kleine Herr verſank in ſchwermüthige Er⸗ ſtarrung. Die Thüre war verſchloſſen. Er hörte —,—— —3 t — 209— nicht, daß es über ihm in der dritten Etage belebt wurde. Hier im oberſten Stock wohnte, wie wir bereits geſagt haben, ein junges zärtliches Paar, das, nach dem gewöhnlichen, unter Verhältniſſen ziemlich unedlen und oft ganz unrichtigen Ausdruck, in wil⸗ der Ehe bei einander lebte. Treten wir in das kleine enge Zimmer hinein! Man überzeugt ſich auf den erſten Blick, daß dieſes Gemach vollkommen leer, ohne alle Mobilien vermiethet worden iſt— denn es iſt auch jetzt, im bewohnten Zuſtande, noch faſt leer. Ein einziger Stuhl ohne Lehne bietet die einzige Gelegenheit zum Sitzen dar. Die beiden Perſonen aber, welche ihn gebrauchen, finden hinlänglich Platz darauf, indem ſie nahe aneinander rücken, und ver⸗ muthlich um ſich zu halten, und vor dem Herun⸗ terfallen zu ſchützen, die Arme gegenſeitig um Schultern und Rücken ſchlingen. Ein Schrank, eine Commode iſt nicht vorhanden; ſtatt des erſteren wird vorläufig das mit einer grün angeſtrichenen Blechthüre verſehene Schubfach, das ſogenannte„Röhr“ in einem weißen Kachel⸗ ofen benutzt und das ſchmale Fenſtergeſims ſo wie der Abſatz des Ofens dienen als Tiſch. — 210— Eine Art Malergerüſt, welches ſehr kunſtlos, aus einigen Stäben gefertigt und mit Bindfäden — an der einen Ecke mit einem rothſeidenen Strumpfband— welches aller Wahrſcheinlichkeit nach der jungen Frau gehört— zuſammengebunden iſt, dient als Staffelei, und trägt in dieſem Augen⸗ blick ein fertiges Gemälde. In der einen Ecke, hinter dem Ofen, liegt eine Matratze,— rund herum auf dem Fußboden ein buntes Gemiſch von Frauen⸗Schuhen, Pinſeln, Farbenblaſen, einem Schachteldeckel, der als Pa⸗ lette gebraucht wird, in wilder Unordnung durch⸗ einander. Jedoch, wir haben noch etwas vergeſſen. An die Wand gelehnt ſtehen auf dem Fußboden noch zwei Gemälde und auf der einen Seite der Staffelei hängt ein Corſett, auf der anderen ein ſchon abgeblichenes Kattunkleid und ein etwas ver⸗ knitterter Stohhut mit blauem Band. Auf dem Ofen ſteht ein weißer Topf mit einem Löffel neben einer Brodkruſte. Die Bekanntſchaft des Paares, welches dieſes beſchränkte Gemach bewohnt, und im Beſitze der Mobiliar⸗Herrlichkeiten iſt, hat der Leſer ſchon früher gemacht. Das Räthſel wird ſogleich gelöſt werden, wenn wir die Unterredung hier aufzeichnen. Die junge Frau ſieht mit geſenktem Köpfchen — 211— da und ſchaut blinzelnd, doch wie in Gedanken ver⸗ loren über die niedrige Fenſterbrüſtung auf die Straße hinaus, während der junge Mann daneben die rechte Hand auf ihre Schulter gelegt und mit der linken ihre rechte Hand gefaßt hat. — Malchen— beginnt der junge Mann mit leiſem ſchüchternem Ton— ſei doch nicht ſo trau⸗ rig und niedergeſchlagen, wir werden nicht verhun⸗ gern. Haſt Du die kleine gute Harfeniſtin dieſen Morgen ſchon geſehen? — Nein— erwiedert die Angeredete— ich warte eben auf ſie— ſie verdient reichlich, ſie hat das beſte Herz— ſie hat mir verſprochen— wir können es ihr, ſobald Du Deine Gemälde ver⸗ kauft haſt— ja doppelt wieder geben, obgleich ſie im⸗ mer behauptet nie das Geringſte wieder haben zu wollen. — Es iſt ein kleines freundliches Mädchen, ſagt der junge Mann, und was noch mehr iſt, ſie hat gewiß das beſte, mitleidvollſte Herz. — Sie hat auch ſchon Manches erfahren, ver⸗ ſetzte Malchen. Sie iſt durch Intriguen verlockt worden und erſt vor wenigen Wochen den Schlingen wieder entgangen, oder hat ſich vielmehr aus denen losgeriſſen, die man ihr aufs Neue gelegt hatte. Ach! ſie hat ordentlich einen Haß, einen menſchen⸗ — 212— feindlichen Abſcheu gegen die galanten Herrn und kann daher um ſo beſſer über mein Schickſal und unſere Lage urtheilen. Sie meint, ich ſei noch nicht ſicher, wenn es einem Teufel einfiele mich zu fahen, zu quälen, zu ängſtigen, in's Verderben und in's Elend zu ſtoßen.— — Alſo jetzt biſt Du noch im Elend? fragte der junge Mann mit Zärtlichkeit. — Auguſt, verſetzte Malchen, wie kannſt Du nur ſo ſprechen— Du haſt mich allen Nachſtel⸗ lungen, einer gemeinen, hinterliſtigen Falle entriſſen, Du haſt ſelbſt die Geopferte mit alter, ungetrübter Liebe und Herzlichkeit an Deine Bruſt gedrückt, Du haſt ſelbſt meine Schmach nicht beachtet, wie ſollte ich es Dir nicht ewig, ewig durch gleiche Liebe und Hingebung danken. Komme über uns was da wolle, ich folge Dir bis in den Tod! Würden wir baar und bloß aus der Stadt gebracht, ich würde nicht zu meiner Mutter zurück kehren, ich würde Alles, Alles mit Dir theilen, Freude und Leid. — Malchen! rief Auguſt und ſchloß ſeine Frau, wie er ſein Mädchen nur nannte, voll Inbrunſt und Seligkeit in ſeine Arme. Es verging eine ſtumme Pauſe, in der man einzelne Seufzer und das Geräuſch einiger Küſſe hörte.— — 213— — Höre, Malchen, ich habe einen Plan gefaßt; ich hoffe, er ſoll mir gelingen. Wir haben kein Brod — wir haben ſelbſt dieſen Morgen nichts, wir werden heute vielleicht hungern müſſen. Von den Wünſchen, die ich für kleine Bilderläden mit Krän⸗ zen und Bouquets voll Roſen und Vergißmeinnicht ausſtaffirt habe, von dem Coloriren der Bilder, die ich von einer Steindruckerei in Arbeit erhalten habe, von meinen ſonſtigen hie und da zum Ver⸗ kauf hingegebenen kleinen Oelbildern— können wir nicht leben. — Oh! Lieber, ſagte Malchen, laß mich auch ein wenig mit ſorgen. Ich hab' es Dir noch nicht geſagt— ich will der kleinen großmüthigen Harfeniſtin mit den hellen braunen Augen— ſagen, ſie ſoll mich mitnehmen, ich will für ſie ſammeln, wenn ſie ſpielt, es wird ein Tagelohn für mich abfallen und vielleicht bin ich ſelbſt nicht zu unge⸗ ſchickt, noch die Harfe zu lernen.— — Nein, Malchen, nein, das ſollſt Du nicht! rief Auguſt mit bewegter Stimme Höre doch nur mein gutes, ſüßes Weib. Meine eigenen Bilder verkaufen ſich nicht— aber die anderer, großer Männer— verſtehſt Du, die ich geſchickt nach⸗ ahme— die werden ſich verkaufen, denn die naſe⸗ weiſen Menſchen ſind dumm genug, ſich betrügen 10* — 214— zu laſſen.— Ich male Ruben'ſche, Tennier'ſche Bilder— oh, die ſollen ſich ſchon verkaufen, be⸗ ſonders an die aberwitzigen Engländer, und die großen Meiſter mögen mir es verzeihen, wenn ich in unſerer Noth einen Betrug— — Auguſt! ſagte Malchen verwundert, meinſt Du— — Es wird und muß mir gelingen! verſetzte Auguſt, ich vertraue meiner Geſchicklichkeit, der Gewandtheit meines Pinſels und— der Dumm⸗ heit der Engländer, die ſich hier aufhalten und hier durchreiſen, in Kunſtſachen. Du ſollſt bald nicht mehr hungern und darben, mein gutes ſüßes Mäd⸗ chen, Du ſollſt beſſere Kleider erhalten und wieder fühlen, daß Du doch im Grunde— eine Gräfin biſt.- — Laß das, Auguſt, ſagte Malchen, ich mag nicht daran denken— erinnere mich nur um Got⸗ tes willen nicht wieder an jenen peinigenden Augen⸗ blick, an meine— Erniedrigung, ich muß mich ſonſt auch daran erinnern, wie viel ich Deinem Muth und Deinem großmüthigen Mitleid zu dan⸗ ken habe. Der junge Maler umarmte ſein Weibchen von ſechzehn, ſiebenzehn Jahren, nahm zwei ſeiner Ge⸗ mälde und eilte damit die ſchmale, dunkle und ge⸗ — 215— krümmte Treppe hinunter, auf der man wie in einem Bergwerksſchacht hinauf⸗ und hinunterklimmen mußte. Bei ſeiner Hauswirthin angekommen, die eben wieder beſchäftigt war einige alte Lumpen zu wie⸗ gen, um einer alten Frau zum Einſatz in die Lot⸗ terie, und ein Kind zum Morgenbrod für ſeine kranke, an der Auszehrung leidende, ſechsjährige Schweſter zu verhelfen— bat er dieſe, eine Stunde von ihrem Feuerheerde, der nichts weiter war, als eine mit Aſche über und über beladene Ofeneſſe, Gebrauch machen zu dürfen. Die Alte gewährte ihm dies Geſuch, obgleich mit Brummen und ſcheelen Blicken. Der junge Mann ſetzte ſeine beiden Bilder vor dem Heerde nieder, machte von Torfabfall und Sägeſpänen ein Rauchfeuer an und hielt ſeine Bilder in einiger Entfernung darüber. Nachdem er dies eine Weile gethan hatte, zog er ein kleines Fläſchchen aus der Taſche, nahm einen Pinſel, überſtrich die Bilder leicht mit einem Firniß und hielt ſie dann noch einige Minuten in den bereits ſchwächer gewordenen Rauch hinein. Als dieſes vollbracht war, worüber ungefähr eine Stunde verfloſſen, trat er wieder zu ſeiner Wirthin und ſagte: Ach, liebe Madame, wollen — 216— Sie mir wohl erlauben, daß ich dieſes eine Bild hier in der Ecke an die Wand nagle. Es ſoll ihr Schade nicht ſein— Sie ſollen von dem abbe⸗ kommen, was ich gewinne— und— wenn hier fremde Herren kommen ſollten, die ich darauf auf⸗ merkſam machen werde, ſo ſagen Sie nichts weiter — was Sie auch hören und ſehen, als— die Bilder haben hier ſchon lange, lange geſeſſen, ich weiß nicht wie lange. Die Alte ſah den jungen Mann mit ſeinen Bildern verwunderungsvoll an, ſagte: ja,— gut— Hem! — und drehte ſich dann mit einem ſcheelen Blick langſam um, wie Jemand der denkt: Nun, bei dem iſt's auch nicht recht richtig! Der junge Maler nahm einige alte Nägel, be⸗ feſtigte damit das eine Bild an die Wand und trug das andere mit freudiger Haſt oben auf ſein kleines Zimmer. — Siehſt Du, Malchen, rief er und küßte ſie lebhaft, hier iſt ein leibhaftiger alter Rembrandt und unten— fügte er lachend und ſich auf ein Bein drehend hinzu— unten ein vortrefflicher Wou⸗ vermann, ſo ſchön, ſo ächt, daß ein Engländer für jedes Bild ſeine zwanzig Louis'dor giebt.— — 217— XXIII. Der Miſſionair. Es war Abend geworden.— Die Lumpenhänd⸗ lerin war damit beſchäftigt, das den Tag Einge⸗ kaufte zu ſondern und jede Sorte der groben und feinen Lumpen in beſondere Säcke zu ſtecken. Eine kleine Blechlampe, welche an einem Haken 1 an der Wand aufgehängt war, nicht weit von dem Bilde, welches der junge Mann am Morgend erſt . dort angeſchlagen hatte, gewährte der Alten kaum ſo viel Licht, daß ſie ihre Arbeit verrichten konnte. Sie brummte von Zeit zu Zeit einige Worte zwi⸗ ſchen den Zähnen, führte die Lumpen hin und wieder nahe vor die Augen, und warf ſie dann, mit einer G Zurückbiegung des Kopfes ſchnell wieder weg, wahr⸗ ſcheinlich aus dem einfachen Grunde, weil der ekel⸗ 2 hafte Geruch welcher die Athmoſphäre des ganzen Hauſes verpeſtete, ſie zu betäuben drohte. Plötzlich ging die Thüre auf, und es traten zwei 4 Männer ein, die ſich verwundert um⸗ und anſahen, r als ſie bei dem matten Scheine der Lampe die Alte und ſich ſelbſt mitten in den Lumpen ſtehend erblickten. — Hier iſt doch Nummer 27 fragte der eine dieſer Männer. — 218— — Nan, freilich, verſetzte die Alte— aber wenn Sie Lumpen verkaufen wollen, warum kommen Sie dann nicht bei Tage? Warum ſtören Sie mich jetzt— oder ſchämen Sie ſich vielleicht, am Tage zu mir zu kommen? — Nein, liebe Frau— liebes Mütterchen, ſagte der Eine, welcher, ſoviel man in dem Zwielicht bemerken konnte, ganz ſchwarz gekleidet war, und den Kopf mit mitleidvoller Miene beſtändig etwas auf die Seite und vorne über hielt— wir wollen keine Lumpen verkaufen— wir ſuchen nur den ſchiefen Matthies, den wir am Abend hier treffen ſollen, da er am Tage nicht zu Hauſe iſt. — Ho hol rief die Alte mit keuchender Stimme — wie lange iſt der nicht mehr bei mir— oder vielmehr in meinem Kellerloch— denn darin wohnte er wie eine Ratte— — Das iſt mir leid, verſetzte der vorige Sprecher, welcher kein Anderer war als Maſter Blakſon— — Haben Sie vielleicht— ſagte die Alte mit leiſer Stimme— haben Sie vielleicht etwas— — Ja, das iſt es eben, erwiederte Jener, wir poollten,— dieſer Herr, ein Geiſtlicher— ein Miſſionair— wollte ihm zu einer geheimen Both⸗ . Es ſoll ein verſchlagener Ko⸗ bold ſein! 8 ——— N — Hem, hem! ſagte die Alte, ich könnte Sie zwar zu einer andern Frau in der Nähe hinweiſen, die auch geheime Briefe und Beſtellungen beſorgt, die noch niemals ein Geſchäft unverrichtet gelaſſen hat und den Perſonen, ſtänden dieſe auch noch ſo hoch, oder wären die Mädchen und Frauen noch ſo ſehr beſchränkt und umlauert— immer beizu⸗ kommen weiß;— aber der Handel wirft wenig ab— ich verdiene auch gerne etwas und habe, ſeit der ſchiefe Matthies nicht mehr in meinem Kellerloch wie eine Ratte hauſt,— wenn Beſtel⸗ lungen kamen— ſchon Manches beſorgt. Ich bin treu und verſchwiegen— ſetzte die alte Sybille hinzu und ſtieß ihre ekelhaften Lumpen auf die Seite.— Alſo was wär's?— — Dieſer fremde Herr— ſagte Maſter Blak⸗ ſon— iſt ein engliſcher Miſſionair, ein Mann aus London, deſſen Geſchäft darin beſteht, die Menſchen zu bekehren und die Sünder zur Buße zu führen. Der ſogenannte Miſſionair nickte bei dieſen Worten des Maſter Blakſon einige Male mit dem Kopfe, um das Geſagte zu beſtätigen und griff mit der Hand in die Taſche um daraus eine Menge Trak⸗ tätlein hervorzuholen. — Kann ich Ihnen auch einige anbieten, ſagte 3 — 220— der ſogenannte Miſſionair, es handelt ſich darin vom Kreuz und Blut des Herrn! damit reichte er der Alten einige Heſtehen hin, welche dieſe nahm und gleichgültig auf eine Art Bort hinlegte. Nun — fragte ſie neugierig und dachte nur an das Stück Geld, welches ſie verdienen ſollte. — Wiſſen Sie— fragte Maſter Blakſon— wo Herr Lundberg wohnt?. — Der reiche Lundberg? Nun ja, wie ſollte ich das nicht wiſſen. Und wenn ich ihn nicht kannte, ſoe 5 — Es handelt ſich um ſeine Frau— verſtehen Sie uns recht, ſagte der Miſſionair mit bedächt⸗ lichem Tone. Die Frau hat wie manche Andere zu leicht und gottlos gelebt, ſie muß zur Buße kommen und zurückgezogen werden aus der Gewalt des Teufels und bewahrt werden vor dem brennen⸗ den Pechpfuhl der Hölle. Der Bekehrer ſprach dieſe Worte mit Salbung und markirter Betonung.— Getrauen Sie ſich alſo wohl, begann Maſter Blakſon wieder— uns mit dieſer Frau in Verbindung zu bringen— kurz, durch ein beſorgtes Brieflein zu bewirken, daß die gute Frau, welche ſich hat verleiten laſſen vom Böſen— uns ihre Neigung zuwendet. — Nun, das ließe ſich ja wohl machen, fagle — 221— die Alte— morgen werde ich den Verſuch wagen — ich denke— ich werde Ihnen morgen Abend um dieſe Zeit ſchon eine günſtige Antwort geben können.— Der ſogenannte Miſſionair drückte der Alten die Hand und auch Etwas hinein. Er bat Sie recht fleißig in den Traktätlein oder— wie er ſagte — kleinen Büchern zu leſen und war ſchon im Begriff, ſich mit Maſter Blakſon zu entfernen, als er das an die Wand genagelte Bild erblickte. — Eil gute Frau, ſagte er, da hat Sie ja ein altes— heidniſches Bild! Wäre ein blutendes Lamm, ein jüngſtes Gericht mit tauſend Teufeln und Feuerflammen darauf abgebildet— ſo würde es einen Werth haben— indeſſen jetzt— hat es keinen Werth! Der Mann ſprach dieſes mit dem Ausdruck des Mitleids und der Verachtung, obgleich er ganz an⸗ ders dachte über den Werth des Bildes, als wie er ſich ausſprach. Obgleich er ein„Bekehrer zur Buße“ ſein wollte, ſo trieb er doch allerlei Neben⸗ geſchäfte und wie mit Edelſteinen— indem er bei gutem Bewußtſein den Leuten ſchon oft unächte für ächte verkauft und ächte als unächte abgeſchwatzt hatte, indem ſein geiſtliches Anſehn und ſein frommheuchleriſcher Charakter ihm die gute Meinung — 222— und den Glauben an ſeine Aufrichtigkeit ſicherte— und wie mit Edelſteinen alſo, ſo handelte er auch mit Gemälden. Die Verbindungen, in die er überall zunächſt mit den Frauen kam, die Schlau⸗ heit, welche er bei den Männern zu beobachten wußte, begünſtigten den Umſatz. Manches Bild, mancher Edelſtein, manches Kunſtprodukt fiel dem frommen Manne ſo ſchon aus der Hand eines Convertirten zu, wofür er ſpäter in London eine bedeutende Summe erhielt. Denn zwiſchen Deutſch⸗ land und England machte er ſeine Miſſionsreiſen, obgleich er hier wie dort jedes Mal weit entferntere Länder als das Ziel ſeiner Reiſe angab. Auch in Königsberg hatte er kürzlich ein gutes Geſchäft gemacht und ſeine Abſicht war keine geringere, als in Hamburg eine ähnliche paradieſiſche Geſellſchaft voll Andacht zu vereinigen.— Wir müſſen jedoch noch erwähnen, daß Bereicherung all' dieſen para⸗ dieſiſchen Ubungen zum Grunde lag. Zweck war— durch die gewonnenen Frauen Geld zu erhalten. Maſter Blakſon, der die Doctorin Bertram vom Schiff entführt hatte, war durch dieſe mit der Mildthätigkeit der Madame Lundberg bekannt ge⸗ worden. Er ſchloß ganz richtig aus ſolchem Cha⸗ rakter, daß die freigebige Frau ebenſo leicht für die Frömmigkeit wie für die Sinnlichkeit würde gewon⸗ - 223— nen werden können. Er theilte ſeinem Freunde, dem ſogenannten Miſſionair, ſeine Anſichten mit, und für dieſen war das, wie leicht denkbar— Waſſer auf die Mühle.— Wir haben die Männer ja eben grade bei der Ausführung ihrer ſauberen Pläne angetroffen. Doch kehren wir zu dem Augenblick zurück, wo der ſogenannte Miſſionair, der ohne höhere Bildung und ohne alle Kunſtkenntniß iſt, obgleich er gelernt hat, falſche Edelſteine von echten zu unterſcheiden— das Bild auf der Diele mit Geringſchätzung ange⸗ ſchaut, um das nach ſeiner Anſicht ächte und werth⸗ volle Stück, billig zu kaufen. — Beſitzen Sie dieſes Gemälde ſchon lange? fragte der Miſſionair, nahm die Blechlampe von der Wand und beleuchtete damit von allen Seiten das Bild.— Ach, ſagte die Gefragte, ich habe mich nicht darum bekümmert, es mag wohl ſchon lange dort geſeſſen haben. — Was meinen Sie, wenn ich es Ihnen abkaufe? — Ach, das iſt wohl nur Scherz— indeſſen wohnt ein junger Mann oben, der wird mir rathen können— ich glaube ſchwerlich, daß der es ſchon bemerkt hat, obgleich er doch auch etwas pinſelt. Die Alte rief die Treppe hinauf. Der junge Mann kam herunter. Der Miſſionair ſchien über dieſes — 224— Rufen verdrießlich zu werden, während Maſter Blakſon mit dem Auge winkte, vermuthlich um anzudeuten, daß die Frau die voraufgegangene Un⸗ terredung doch ja nicht berühren möchte. — Sagen Sie ein Mal, begann die Alte zu dem jungen Mann, der Herr hier will das Bild kaufen— iſt es noch etwas werth und wie viel wohl? — Was, ein Bild, rief der junge Mann, und das hängt hier ſo verſteckt— das kann nur gut ſein— wer weiß, auf welche Art es hierher ge⸗ kommen iſt— bei Gott, ein vortrefliches Bild, ein herrlicher Wouvermann— hätte ich Geld würde keinen Augenblick anſtehn, es Ihnen abzu⸗ kaufen— was Sie auch haben wollten, gute Frau. Die Alte ſah ganz pfiffig aus bei dieſer leben⸗ digen Rede des jungen Mannes. Sie ſpielte ihre Rolle ſehr gut und um ſo mehr, da jener ſo keck und draſtiſch verfuhr. Sie dachte offenbar auch hier an das, was für ſie abfallen würde. Wir wollen den Leſer jedoch nicht durch die weiteren Details des Geſpräches ermüden. Gewiß iſt, daß dem jungen Maler ſein Kunſtgriff gelang und daß er nach acht Tagen ſchon ſeine Bilder und zwar ſehr gut verkauft hatte. Ob der Miſ⸗ ſionair ſelbſt ſoviel Geld beſaß, ob er es ſich in der Geſchwindigkeit anzuſchaffen wußte, was unter — 225— ſeinen Verhältniſſen und bei ſeinem prätendirten Standpunkt ſehr leicht möglich war— muß hier dahin geſtellt bleiben. Der ſogenannte Miſſionair erreichte durch die alte Sybille wirklich ſeine oben angedeutete Abſicht. Madame Lundberg wurde von ihm mit der größten Heimlichkeit in die Geheimniſſe der Seligkeit und des Himmels eingeweiht, obgleich ihr dies manchen blanken Thaler koſtete, den der fromme Bruder ihr abzulocken wußte. Auch Maſter Blakſon war hierbei nicht unthätig. Er hatte den hintern Raum eines Speichers anzu⸗ ſchaffen und einrichten zu laſſen gewußt, welcher vorläufig zu Betſtunden benutzt wurde. Das Eigenthümliche bei dieſen Betſtunden war, daß ſie regelmäßig in der Nacht ſtattfanden. Adends zwiſchen neun und zehn Uhr ſah man die Thüre des Speichers, welche ſich unmittelbar an der Straße befand, kaum eine Handbreit geöffnet und einen Kopf mit einem Paar kleinen ſchwarzen Augen ver⸗ ſtohlen hin und wieder daraus hervorlugen, um theils die Andächtigen und Frommen zu empfangen, theils einen etwaigen überfall, eine ungebetene Beeinträch⸗ tigung der ſtillen Andacht, abzuwehren und dem — 226— böswilligen Eindringling dann die Thüre vor der Naſe zu verſchließen. Lundberg merkte Unrath in dem Beiragon ſeiner Frau; er ſchöpfte Verdacht und hoffte dem Dinge auf die Spur zu kommen. Allein die Polizei war vielleicht ſchneller und präciſer wie er, denn nach einiger Zeit war ſowohl der Miſſionair, als Maſter Blakſon plötzlich verſchwunden und die Betſtunden hatten ein Ende. Man munkelte, daß der angebliche Miſſionair eben ſo wenig ein Miſſionair, als Maſter Blakſon ein Seecapitain geweſen ſei, daß ſie durch den Schein der Frömmigkeit aber viel Geld an ſich zu bringen gewußt hätten. XXILIVW. Der Spaniole. Wenige Tage vor dem Verſchwinden jener beiden Menſchen erreignete ſich in einem Bordell des Ham⸗ burger Berges eine Seene, die weſentlich mit ein⸗ zelnen Perſonen, die wir bisher in unſern Erzäh⸗ lungen brrührt haben, zuſammenhing und auf die 2 3 ( . d t — — 227— Folge der Entwicklungen von bedeutendem Einfluß war. Wir haben oben geſehen, auf welche Weiſe Maſter Blakſon dafür ſorgte, ſeinem Freunde die hoffnungs⸗ volle Ausſicht auf eine Erbſchaft zu gewähren und ſie ihm bedingungsweiſe ſicher zu ſtellen. Maſter Blakſon hatte bewirkt, daß Eliſe einem öffentlichen Hauſe anheim fiel. Allein der Pflege⸗Vater Eliſens ſchien keine Neigung zu haben, ſein Capital auf Blakſon's Günſtling übergehen zu laſſen; er trug den Ge⸗ danken an ſeine entartete aber möglichen Falls vom Wege des Laſters wieder zurück zuführende Adop⸗ tiv⸗Tochter unabläſſig Tag und Nacht mit ſich herum. Je ſchmerzlicher er es empfand, daß das einſt ſo unſchuldige und liebevolle Mädchen, er wußte ſich nicht zu erklären durch welche ſchändliche Ränke, ihm entriſſen worden war, deſto lebhafter erwachte in ihm das Verlangen, Alles daran zu ſetzen, ſie von der eingeſchlagenen Bahn zurück zu führen und nach erneutem guten Lebenswandel mit der möglichen Ausſicht auf eine Verheirathung derſelben mit irgend einem loyalen Manne, ſie dennoch zu ſeiner Erbin einzuſetzen. Es wurden verſchiedene Perſonen abgeſandt, um Eliſen's Geſinnung und Charakter unter obwaltenden — —— — 228— Umſtänden zu prüfen, und alle kehrten mit der überzeugung zurück, daß Reue vorhanden ſei und daß die Geſunkene, welche ſoviel ſich bis jetzt von ihr hatte herausbringen laſſen, auf die abſcheulichſte, niederträchtigſte Weiſe ohne alle Schuld, verlockt und irregeleitet worden war, je eher je lieber aus dem rohen, ſittenloſen Kreiſe wieder weggenommen werden müſſe. Eliſe hatte noch keine zwei Jahre in dieſen trau⸗ rigen Verhältniſſen gelebt. Aus ihrem Geſicht war noch nicht alle Farbe der reizenden Unſchuld verſchwunden. Die Luſt an der Sünde hatte dort noch nicht ihren frechen Thron aufgeſchlagen. Das Kind des Laſter's ſchien Biefmeh eine leidende Madonna zu ſein.— Von dem, was mit Rückficht auf Eüſſe, die jetzt Thekla hieß, nach dem Gebrauch dieſer Mädchen, die ihre Namen beſtändig in angeblich ſchöner klin⸗ gende umtaufen,— was mit Rückſicht auf Eliſe alſo vorging, davon erhielt Maſter Blakſon unmit⸗ telbar Nachricht durch— den„Tanzmeiſter,“ der ſich hierbei einer Pflicht gewiſſenhaft riiledigen zu müſſen glaubte. Der Tanzmeiſter erwartete ſeinen Eapitain in der Allee. Er ſtand dort lange an der Ecke der beiden Wege, von denen der eine nach der Glas⸗ N —— — 229— hütte und dem Dammthor, der andere nach dem Schulterblatt und Eimsbüttel führt— und ſah voll harrender Ungeduld nach dem Thore hin, auf deſſen Pfeilern die Lanternen bereits angezündet waren, ob der Erſehnte zwiſchen den gegen die Zeit der Sperre ſich Hineindrängenden nicht er⸗ ſchiene. Endlich kam der Engländer. Der Tanzmeiſter erzählte Alles, was er wußte und noch mehr. Er ließ von Zeit zu Zeit durch⸗ blicken, wie viel Mühe er ſich ſchon gegeben, um von Allem Kenntniß zu erhalten, was mit dem Wirthe bereits geſprochen war. Zuletzt erbot er ſich auch, wenn man ihm Vertrauen ſchenken wolle, das Weitere zu thun und gegen das Mäd⸗ chen und ihr Loskommen, was irgend in ſeinen Kräften ſtände, zu verſuchen. An einem der nächſten Abende traf der„Tanz⸗ meiſter“ den Maſter Blakſon wieder in einer Straße der Vorſtadt, nachdem dieſer bereits mit ſeinem Freunde, dem Erbluſtigen geſprochen, und die nöthige Verabredung getroffen hatte, durch den„Tanzmeiſter“ Alles zu nnternehmen. Der„Tanzmeiſter“ und Maſter Blakſon ſtanden unferne einer Kellertreppe. Es war ſchon ziemlich Dunkel geworden und eine Lanterne befand ſich in Geheimniſſe von Hamburg, II. 11 — 230— der Nähe nicht. Sie bemerkten daher nicht, daß ein menſchliches Weſen, welches auf jener Treppe im Winkel zuſammengekauert ſaß, Zeuge der fol⸗ genden Unterredung wurde, deren Inhalt nicht ſchwer zu deuten war. — Es wird ſchwer halten, ſagte der„Tanz⸗ 1 4 meiſter,“ die Dirne auf die Seite zu bringen, indeſſen gebe ich nicht alle Hoffnung auf und mein Plan, an deſſen Gelingen ich nicht zweifle, iſt dieſer: Es befindet ſich gegenwärtig wieder ein Spaniole oder ſpaniſcher Matroſe hier, der der Dirne perſönlich gram iſt und ſo zu ſagen ihretwegen ſchon ein Mal ein halbes Jahr im Gefängniß geſeſſen hat. Er er⸗ hielt nämlich mit einem Engländer über jene Perſon Streit, und bohrte dieſem ſein Meſſer in die Seite, während er ſelbſt mit einigen Box⸗Fauſt⸗ ſchlägen davon kam. Indeſſen war die Wunde nicht tödtlich, der Engländer kam mit dem Leben und der Spaniole mit einer kurzen Gefangenſchaft davon. Seit dieſer Zeit nun hat der Spaniole einen Groll auf das Mädchen und wenn mir irgend Einer von Nutzen und behülflich ſein kann und will, ſo iit gewiß nur Er es.„* Ihm will ich alſo die Sache vorſtellen. Er treibt ſich täglich in den„vier Löwen“ umher, iſt — 231— dort aufs Genaueſte bekannt und am beſten ge⸗ ſchickt, einen ſolchen Vorſatz auszuführen. Ja, ich bin überzeugt, er würde für einen unbedeutenden Lohn das Aeußerſte wagen, ſein Haß und ſeine Rachſucht iſt ſchrecklich. Doch dahin darf es nicht kommen. Das würde zu viel Aufſehen machen. Das Beſte iſt, er wartet, bis ſein Schiff abgeht, nimmt die Dirne dann des Abends unter irgend einem Vorwand mit an Bord und— über See. — Das wäre das Geſcheuteſte, ſagte Maſter Blakſon; auf ſolche Weiſe wäre mein Freund außer aller Sorge, und könnte ſo ziemlich ſicher ſein.— Ich verlaſſe mich alſo darauf. Sprechen und handeln Sie mit dem Spaniolen— er ſoll ſeinen Lohn denſelben Abend haben, wo er ſein Stückchen ausführen will. Damit verabſchiedeten ſich die Beiden. Die Perſon, welche auf der Kellertreppe gelauſcht hatte, erhob ſich, brummte einige Male vor ſich hin, und ſchlurfte dann nachdenkend über das Straßenpflaſter hin. — 232— XXV. Der Abend in den„vier Löwen.“ Wir treten in das Local zu den„vier Löwen“, welches wir ſchon einmal berührt haben. Der niedrige Saal iſt mit einem blaugrauen Dunſt von Staub und Tabacksrauch angefüllt. Von dem kaum mannshohen, ſchmalen Sitz des kleinen Orcheſters tönt die Muſik in bacchantiſch⸗ ſchrillenden und die Ohren zerreißenden Weiſen herunter. Von Zeit zu Zeit wirbelt die kleine Trommel, tobt die große Trommel in dumpfen Schlägen dazwiſchen. Es drängt, treibt, ſtößt und reibt ſich die wilde verworrene Maſſe keuchend und fluchend durchein⸗ ander. Die Schönen ſitzen an den Seiten auf Tiſchen und Bänken herum, kredenzen hier ein Glas Grog, oder zeigen dort dem rauhen, braunen Seemann, indem ſie ihm die Cigarre aus dem Munde nehmen, daß ſie, wenn es ſein müßte, auch rauchen können. Die Emancipation hat hier reißende Fortſchritte gemacht. Der Mann iſt hier oft ein Weib, und das Weib, wenn man ſo ſagen darf, ein Kerl. — 233— Dort am Fenſter, auf dem Schooß eines derben, theerduftenden Seebären ſitzt oder ruht eine nach⸗ läſſige Schöne im Kleide von gelbem Atlas mit grünen und rothen Schnüren oder Bändern beſetzt. Eine Falte hängt faſt von der Mitte des Leibes bis auf die Füße hinunter. Der Hals iſt bloß und mit zwei Reihen großer weißer Glasperlen, wie man ſie wohl den Wilden zuführt, geſchmückt. Eine große, ſehr geſchickt verſchlungene Flechte iſt hinten am Kopfe befeſtigt. Dieſe Flechte iſt aber bedeutend dunkler wie das übrige Kopfhaar, welches einen ſtarken und beizenden Geruch aushaucht, und man kann daraus abnehmen, daß jene dem Kopfe nicht urſprünglich angehört. Dies würde man übrigens am vorhergehenden Tage noch deutlicher haben ſehen können, denn damals prunkte hier ſtatt der breiten, künſtlichen Flechte eine wunderbar dicke und wulſtige Reihe von Locken, ſo übereinander geladen, daß wenigſtens drei Titusköpfe damit geziert werden konnten.— Das Mädchen iſt nicht jung. Eine dicke blau⸗ rothe Schminke liegt zwar auf den eingefallenen Wangen und verdeckt ſo die eigentlichen Züge, aber die breiten Ränder und braunen Furchen unter den Augen, die rauhen Striemen auf der Stirne bezeugen, daß dieſe matten Augen wenigſtens ſchon funfzig Mal den Frühling haben kommen und ſcheiden geſehen. Vielleicht iſt die Schöne auch noch einige Jahre älter, doch läßt ſie es ſich nicht merken und thut wie eine andere von zwanzig Jahren. Jetzt ſpringt dieſes Mädchen plötzlich auf, drängt ſich ohne Rückſicht bei dem ſchmalen Kreiſe der Tanzenden vorbei, theilt gelegentlich einige Püffe und Rippenſtöße aus und ſtreicht mit der einen Hand einem verſchämten jungen Bauerburſchen, der neugierig gafft, die Wange, während ſie mit der andern Hand aus dem Gedränge eine kleine, verwachſene Geſtalt hervorzieht, die ſich mühſam hindurcharbeitet und oft kaum auf den Füßen erhält. — Tretet mein Kind nicht, ihr Jungens, ruft ſie und droht mit der Fauſt. — Komm, mein Kleiner, ſagt ſie dann zu dem verwachſenen Kobold, es iſt mir lieb daß Du ein⸗ mal wieder da biſt, Du ſollſt mir etwas von der Welt erzählen. Ach, mein Junge, ſagt ſie, wenn Du wüßteſt, wie viel Deine Mutter noch immer von Dir hält. Doch was nützt mir das Reden, ich will es Dir beweiſen, Du ſollſt heute ſo viel Grog und Punſch haben, als Du nur magſt. Ich laſſe anſchreiben, ich will auch mal einen zärt⸗ lichen Abend haben. Was gehen mich die Freiers — 235— an!— Sie ſollen mich heute Abend in Ruhe laſſen, denn ich habe mein Kind. Die Schöne weint vor mütterlicher Rührung wirklich einige Thränen. Dann nimmt ſie den Kobold bei den Armen und ſchwingt ihn mit einem tüchtigen Ruck auf den Tiſch, während ſeine kurzen Krücken auf die Erde fallen. So, ſagt ſie ſtöhnend, da ſitz mein Kind, nun will ich Dir zu trinken geben. Damit holt ſie ein großes Glas Grog von der Schenke und ruft: für mich! was anzeigt, daß die Bezahlung auf ihre eigene Rechnung geſchrieben werden foll. Der Kleine trinkt mit gierigen Zügen, während die Mutter vor ihm ſteht und durch ihr Benehmen einen lachenden Kreis um ſich zuſammenzieht. Darnach winkt der auf dem Tiſch ſitzende Kobold ſeiner vor ihm ſtehenden Mutter mehrmals mit den Augen und nickt mit dem Kopfe zum Zeichen, daß er ihr etwas zu ſagen habe. Dieſe achtet aber nicht darauf, ſondern holt ihm ein zweites Glas Grog, und füllt die Pauſen, während ſie ihn mit Gewalt zum Trinken zwingt, durch ihre Beredtſamkeit aus. Zum Verſtändniß für den Leſer müſſen wir hier zwiſchen fügen, daß die kleine verwachſene Figur von einigen dreißig Jahren, Niemand anders iſt, als 236 der ſogenannte„ſchiefe Matthies,“ den wir früher ſchon angetroffen haben;— derſelbe, welcher im Verborgenen das Geſpräch zwiſchen Maſter Blackſon und dem„Tanzmeiſter“ belauſcht hat.— Das Mädchen in den„vier Löwen“ erzählt alſo, um den Umſtehenden, welche lachen und allerlei Poſſen treiben, Aufklärung über ihr Verhältniß zum— Kobold und über dieſen ſelbſt zu geben: — Ja— er iſt mein Kind— Jungens, ich thu' mir etwas darauf zu Gute, Ihr wißt, wie ſtolz wir auf unſere Kinder ſind! Er iſt zwar nicht anſehnlich, nicht ſchlank und ſtark wie Ihr ſeid— aber das macht nichts. Seine verkümmerte Geſtalt erinnert mich nur zu lebhaft an mein Vergehen und den Anfang meiner Laufbahn.— Oh, er hat einen großen, reichen Vater! Nicht wahr, mein Kleiner, Du weißt es, ich habe es Dir ſchon oft geſagt— Du kennſt Dein und mein Unglück — aber was kümmert Dein Vater ſich um uns!. Ich— habe Dir zwei Mal das Leben gegeben — ich habe Dich gerettet— obgleich Deine kleinen Gliedmaaßen auf ſeinen Rath verbogen waren, um Dir auf ſo gelinde Weiſe den Tod zu geben— — Hal fährt ſie fort, wenn ich noch an jene nächtliche Stunde denke, wo er mir rieth— er, mein Herr, um bei ſeiner Frau und— meiner — 237— Madame, Haß, Zwietracht und Aufſehen zu ver⸗ meiden, Dich auf die Seite zu ſchieben und ſo mit dem häuslichen Abfall und Unrath auf die Seite zu ſchaffen— aber ich vermocht's nicht, ich zog Dich aus dem Schmutz wieder hervor, ich legte meinen Mund auf Deinen kleinen Mund und fühlte und horchte, ob noch Leben in dem kleinen zuſammengedrückten Körper war! Und es war noch ein Fünkchen Leben darin. Ich brachte Dich mit der größten Behutſamkeit zu einer alten Frau, die Dich ernährte und— ohne daß Jemand etwas davon erfuhr, im Stillen, auf meine Koſten groß zog.— Aber die Verführung ruhte nicht— denn vor dreißig, vierzig Jahren, da war ich ſchön und munter, wie nur irgend ein Mädchen!— ich ſank und ſank— Die Erzählerin ſtockte und weinte abermals. Dann nahm ſie das dritte volle Glas, ſtürzte es verzweiflungsvoll hinunter und reichte ihrem„Kinde“ ein viertes. Der Kobold verſuchte wieder zu reden, er zupfte ſeiner Mutter mehre Male an dem weiten ſeidenen Aermel, aber ſie bemerkte es nicht. Auch hatte der Grog ſein Geſicht, das ohnehin aufgedunſen war, ſchon erhitzt und ſeine Sinne betäubt. Die Zunge vermochte nur noch einige lallende Laute 11** — 238— auszuſtoßen, die aber weder vernommen noch ver⸗ ſtanden wurden. Es war ſeine Abſicht geweſen, ſeine Mutter von dem Vorhaben gegen Eliſe in Kenntniß zu ſetzen und dieſe ſo vor einer gewaltſamen, niederträchtigen Entführung zu bewahren. Der Abend war der, an welchem das gemeine Bubenſtück ausgeführt werden ſöllte. Jetzt war das Bewußtſein des„ſchiefen Matthies“ ſchon durch Trunkenheit aufgehoben. Der verhängniß⸗ volle Augenblick konnte jede Minute da ſein. Dann war es zu ſpät, jede Rettung und Hülfe vergebens und die Böſen triumphirten.—— Eliſe oder Thekla hatte ſich den ganzen Abend ſtill und abſeits gehalten. Sie ſaß am Ende des Saales, faſt unter dem niedrigen Orcheſter und ſchaute träumend und gedankenlos mit ein⸗ zelnen Seufzern auf das wilde, rohtobende Gelag. Nicht fern von ihr ſaß der Spaniole und be⸗ wachte mit ſpähenden Augen ſeine Beute.— Jetzt entſtand plötzlich ein Lärm und Getöſe. Die Muſik ſchwieg, der Tanz hörte auf. Die ganze Maſſe der ſich drängenden und ſtoßenden Perſonen ſchien in einer wilden Gährung begriffen. Flüche, gräßliche engliſche, franzöſiſche, ſpaniſche und deutſche Flüche wurden laut. Jeder tobte und 239 rumorte auf ſeine Weiſe und Keiner verſtand den Andern. Die Mädchen flüchteten. Die Mutter trug ihr dreißigjähriges, verwachſenes und trunkenes Kind mit poſſierlicher Haſt und Mühe durch den vorworrenen Knäuel. Stühle und Tiſche wurden umgeworfen, Gläſer und Lampen zerſchlagen. Es wurde immer finſterer in dem Lokale. Der Lärm ſchien von dem Ende auszugehen, wo der Spaniole ſaß. Es waren nur noch zwei oder drei von ſeinem Caliber, die die Verwirrung und den Lärm vergrößert hatten. Niemand aber vermochte den eigentlichen Grund dieſes Rumorens anzugeben. Der Spaniole nur wußte den Zuſammenhang, denn er hatte die Verwirrung, die ſcheinbare Re⸗ volte geleitet, welche die Wirthin hinter der Schenke nicht wenig in Schrecken ſetzte und ſie hinauseilen machte, um ihre Pretioſen, Uhren, Ringe ꝛc. in aller Eile aus einer Commode in die Schürze zu nehmen und anderswo zu verbergen.— Dieſe allgemeine Verwirrung ſollte dann benutzt werden, um die Hetäre Eliſe oder Thekla ſchnell hinwegzu⸗ führen. Der Spektakel hatte auch kaum begonnen und einige Lampen waren ausgelöſcht worden, als der — 240— Spaniole ſchnell wie ein hungriger Tiger auf ſeine Beute loszuſtürzen ſuchte, die bis dahin beklommen am Ende des Saales geweilt hatte. Der Spaniole ſprang auf, ſeine ſchwarzen, tief⸗ liegenden Augen rollten wild umher. In demſelben Momente aber, wo er auf das Mädchen zuſpringen und es anpacken wollte, ſah er es wie von unſicht⸗ baren Händen ſchnell hinweggezogen. Man ſtieß und drängte ſich dazwiſchen, er wurde aufgehalten und es ihm unmöglich gemacht ſo ſchnell nachzu⸗ dringen, wie er es wollte. Da gewahrte er vor der Thüre wieder das weiße Gewand. Er ſtürmte nach wie eine los⸗ gelaſſene Hyäne, er zog ſein Meſſer, um in dem dunklen, verworrenen Lokale, ſeinem Opfer un⸗ bemerkt einen Stich zu verſetzen. Er holte auch wirklich aus mit ſchnaubender Wuth, aber das Meſſer ſtreifte nur die Schulter mit einem zwar tiefen, doch nicht tödtlichen Schnitt, und die unſichtbare Hand, welche Eliſe gleich an⸗ fangs hinweggezogen hatte, gab ihr auch hier die⸗ jenige ſchnelle Bewegung, den ſchützenden Ruck, daß ſie der Todesgefahr glücklich entkam. Vor der Hausthüre hatte ſich auf den feuchten Steinen ein trunkenes Weib niedergekauert, um — 241— hin und wieder von den der wilden, bacchantiſchen Freude Nachtaumelnden ein Habe zu erbetteln. Da der Stich nicht ſicher ausgeführt wurde und alſo das Meſſer auf keinen feſten Gegenſtand traf, ſo verlor der Spaniole das Gleichgewicht, taumelte vorüber, ſchlug mit den Armen zur Thüre hinaus und verwundete ſo wider Willen noch eine Perſon — jenes Weib, welches ſich dort zuſammengekauert hatte.— Durch die herbeigerufenen Wächter und Officianten wurde die Ruhe in dem Lokale alsbald wieder her⸗ geſtellt. Zu dem verwundeten Mädchen mußte ein Arzt gerufen werden und die Wirthin zu den„vier Löwen“ war gutmüthig genug, die Unglückliche, welche ſo unerwartet von dem Unfall mit betroffen worden war, einige Tage in ihr Haus aufzunehmen, und ſie dort in einem Winkel ſich erholen zu laſſen. Der Spaniole war der Verhaftung entkommen.— — 242— XXVI. Aufklärung. Am folgenden Morgen fand ſich ein junger Menſch in dem Lokale zu den„vier Löwen“ ein, um, wie er ſagte, ſich zu erkundigen, ob die Wunde der Manſell auch gefährlich ſei. Es lag etwas eben ſo Feſtes als Weiches in dem Tone, mit dem dieſe Frage gethan wurde. Man führte den jungen Menſchen zu der Kranken, die im weißen Gewande, mit einer großen Binde um den Arm, auf einem Sopha ruhete. Eliſen's Züge waren weiß und matt, aber ihr großes blaues Auge glänzte vor Freude, als ſie den jungen Menſchen erblickte. — Du biſt mein Retter! ſagte ſie mit ſchwacher bewegter Stimme. Der Spaniole war gewiß eifer⸗ ſüchtig auf Dich. Ich weiß es wohl— wenn Du nicht hinzugeſprungen wäreſt und mich dem Wüthenden entriſſen hätteſt, ich— wäre nicht mehr.— Ich habe Dich wohl bemerkt, Du ſtandeſt den ganzen Abend in meiner Nähe— wußteſt Du denn, daß mir ſo etwas widerfahren ſollte? Warum haſt Du mich dann aber nicht darauf aufmerkſam gemacht? Mir wäre kein Leid's geſchehen!— — 243— — Ich wußte es nicht, ſagte der junge Menſch, welcher ſich vor der ruhenden Kranken niederſetzte und leiſe die Hand ihres geſunden Armes faßte. — Ich weiß nicht, was mich trieb, Dich unver⸗ wandt anzuſehen— vielleicht war es eine Ahnung, und ich ſollte Dein Schutzengel werden. — Mich dünkt, ſagte die Kranke, ich hätte Dich auch ſchon früher geſehen, biſt Du vielleicht ſchon öfter hier geweſen? — Das nicht— nur einſt— da ſah ich Dich zum erſten Male, und doch war mir's, als wäre ich Dir ſchon früher begegnet— entgegnete der junge Menſch und wurde träumeriſch verlegen. Du kannſt mich öfter beſuchen, ſagte Eliſe mit warmem Tone— wir können uns einander unſere Schickſale erzählen— die Zeit wird mir ſonſt un⸗ endlich lang werden.— Ich bin Dir recht gut— ich muß Dich auch ſchon geſehen haben, fuhr ſie fort,— Dein Muth und Deine Entſchloſſenheit — ſie endete nicht, denn der junge Menſch ſah ihr ſtarr in die Augen, daß es ſie durchzuckte. — Weißt Du, ſagte dieſer dann mit einem tiefen Seufzer, es iſt noch eine alte Frau ver⸗ wundet worden. Die Wirthin will ihr auf einige Tage Ruhe und Pflege geſtatten.— Das Meſſer des Spaniolen iſt ihr ziemlich tief in die Bruſt gedrungen. Sie hat viel Blut verloren. 8 8 8 — 244— — Die Arme ſagte Eliſe, was hat die ſich auch vor unſerer Thüre herum zu treiben.— Wie heißt Du? fragte ſie dann. — Ich heiße Martin, verſetzte der junge Menſch. — Und was haſt Du für ein Geſchäft? — Ach, entgegnete er niedergeſchlagen, ich bin ſo zu ſagen nur ein Beſenbinder. — Ein Beſenbinder? — Nun, das freilich eben nicht; aber ich handle mit ſo weißen Schnitzbeſen. — Iſt das nicht gut und ehrlich? Martin, ich wollte ich könnte mit Dir ziehen und Schnitzbeſen verkaufen! Es trat eine Pauſe ein. Eliſe zupfte an ihrem weißen Gewand und ordnete die rothen Schleifen, während Martin ſtill und nachdenkend vor ſich nieder ſah. — Ach, ſagte dann Eliſe, noch ein Mal, ich wollte ich könnte von hier fort! — Wie gerne theilte ich mit Dir— — Und ich mit Dir— — Ja— wir haben gut theilen, ſagte Martin, und gut wünſchen, wir haben— Beide nichts— und um unſer Bitten kümmert ſich Niemand. Die Wirthin läßt Dich nicht aus ihren Klauen. — Weil wir keine Rechte haben, weil wir Un⸗ glückliche, die elendeſten und mitleidwürdigſten — 245— Sklavinnen ſind, welche mit Schande bedeckt und mit Hohn verachtet werden. Die ſchwarzen Skla⸗ vinnen, welche ihren Leib von der Sonne dürren, von der Peitſche zerfleiſchen laſſen müſſen, die ſind nicht halb ſo troſtlos daran wie wir, die wir ver⸗ kauft, verführt und verrathen werden, und dann mit Haß, Schmerz, Wehmuth und Verzweiflung in der Bruſt, mit geſchminkten Wangen und bleichen Lippen jeden Rohen und Garſtigen anlächeln müſſen! Eine große, helle Thräne floß über Eliſen's bleiche Wange. — Bei Gott! ſagte Martin, wenn ich Dir helfen könnte. — Du haſt mich lieb? fragte Eliſe kaum ver⸗ nehmbar. Martin drückte verſtört ihre Hand und that als hätte er nichts gehört. — Ich will doch auch einmal die Alte ſehen und fragen ob ihre Wunde ſie ſchmerzt. Nicht wahr, die Deinige ſchmerzt auch? — Wenn Du bei mir biſt— nicht— verſetzte Eliſe zärtlich, während ihre jugendliche Bruſt un⸗ ruhig wallte. Martin ging hinaus.— Ich bin ſogleich wieder bei Dir— ſagte er und wandte ſich mit einem lebhaften Blick noch einmal bei der Thüre um.— — 246— Nach einigen Minuten kam er zurück. — Die alte Frau ſieht ſehr traurig und arm⸗ ſelig aus, ſagte Martin. Sie mögte ſo gerne zu Dir, um Dir zu danken, denn ſie meint, Du allein ſei'ſt die Urſache, daß ſie hier im Winkel einige Tage ruhen und gepflegt werden darf. Der Chirurg hat ihr auf Befehl der Wirthin die Wunde verbunden. Sie ſcheint außerordentlich Theil an Deinem Schickſal zu nehmen, gewiß hat ſie eine ähnliche Laufbahn hinter ſich wie Du— und iſt froh, wenn ſie in ihrem Elend ſich in Dir doch auch unter dieſen Verhältniſſen noch einmal ver⸗ jüngt ſehen kann. — Wenn es ihr Zuſtand erlaubt, ſo laß ſie doch nur zu mir kommen, ſagte Eliſe— ich hoffe, die Wirthin wird nichts dagegen einzuwenden haben.— In dem Augenblick, wo Martin hinausging, trat die Wirthin zu Eliſen ein. — Es iſt ein Unglück, eine Schande, ſagte die Wirthin; wenn man ein gutes Mädchen hat, die ſich hält und nicht ſogleich wieder draufgeht, ſchnell iſt der Teufel da und holt ſie. Mit dieſen und ähnlichen Worten, die theils deutlich und vernehmbar, theils leiſe brummend ge⸗ ſprochen wurden, ging ſie haſtig im Zimmerr auf und nieder. Sie war offenbar zornig und ärger⸗ — 247— lich und ſuchte ihrem Herzen zunächſt in lauten tobenden Selbſtgeſprächen Luft zu machen. — Nun— man muß ſich darein fügen— es iſt nichts dagegen zu machen— fuhr ſie in mil⸗ derem Tone fort und ſetzte ſich vor der auf dem Sopha ruhenden— Thekla nieder. Höre nur, ſagte ſie zu dieſer— es iſt ein Mann hier ge— weſen— Du wirſt wahrſcheinlich losgekauft werden. Das ſag' ich Dir aber, wir ſchreiben hundert Thaler mehr zu Buch, ſonſt verſuch ich noch was ich kann, um Dich bei mir zu behalten. — Wer iſt es denn, der mich loskaufen will? fragte Eliſe raſch und freudig und vergaß, daß ſie krank und am Arme verwundet war. — Nun, ein junger Mann war es nicht, der bei mir war und der Dich vielleicht loskaufen wollte um Dich zu heirathen. Wenn das wäre, ſo würdeſt Du ja ſchon längſt darum wiſſen und es mir geſagt haben. Von einer Heirath iſt hier alſo nicht die Rede, ſo viel ich aber aus den Reden habe abnehmen können, von einem reichen Onkel oder Pflegevater— Die Wirthin ſtockte, als ſie ihre Thekla plötzlich in Thränen ausbrechen ſah. — Warum weinſt Du denn, närriſches Ding! ſagte die Wirthin, welche offenbar nicht fühlte und — 248— die Urſache nicht ahnte, weshalb Eliſe ſo plötzlich weinte. — Willſt Du lieber hier bleiben, ſei nur ruhig — es läßt ſich ja Alles machen!— — Nein, nein— rief Eliſe und ſchluchzte. — Naun, ich ſage Dir ja, morgen wirſt Du ausgelöſt und in einem Wagen abgeholt. Es iſt ein Glück, ein großes Glück für Dich— dergleichen paſſirt nur ſelten, ſagte die dicke Wirthin, wiſchte ſich auch mit der Schürze die Augen, als weinte ſie und zeigte bei dieſer Gelegenheit ihre dicken Hände, welche an allen Fingern mit großen, maſſiven Ringen wie überladen waren.— Martin trat wieder ein. — Die Alte iſt doch ſehr ſchwach, ſagte er, ſie kann gerne d'rauf gehen.— Da ſie ſich längſt dem Trunk ergeben hat, ſo iſt ſie jetzt doppelt krank, weil ihr— der Wunde wegen, kein Schnaps verabreicht werden darf. Ihr geſtern unkenntlich aufgedunſenes, rothes Geſicht, iſt plötzlich weiß eingefallen— ſie muß einſt hübſch geweſen ſein — ſo hübſch wie Du, ſetzte er mit einer Art Courtoiſie hinzu, die Eliſe aber zuſammen ſchaudern machte und den Ouell ihrer Thränen zu ſtopfen ſchien, indem ſie ſtill und ſtarr vor ſich hinſah. — 249— — Indeſſen wird ſie ſich doch aufraffen und zu Dir hereinführen laſſen, wie geſagt, um Dir zu danken, daß ſie mit verwundet worden iſt und hier für einige Tage Aufnahme gefunden hat. Mädchen von der bezeichneten Art ſind ungemein gutmüthig und rückſichtslos. Die Regſignation iſt bei ihnen zur größten und tiefſten Menſchenliebe geworden. Es gewährte einen ſonderbaren Anblick als die ſchwache elende Alte in ihren Lumpen von einem jungen, noch blühenden Mädchen im eleganten, weißen, mit Spitzen und Bändern reichlich beſetzten Morgen⸗ anzug hereingeführt und faſt getragen wurde. — Höre, Martin, ſagte Eliſe jetzt, aus ihrer Erſtarrung erwachend, ohne die Eintretenden zu bemerken,— wie Madame mir eben erzählt, ſteht mir ein großes Glück bevor, ich werde befreit werden aus dieſer größten und erbarmungswürdigſten aller— Eliſe ſprach den Gedanken nicht ganz aus; ſie wollte„Sklavereien“ hinzuſetzen, brach aus Rück⸗ ſicht gegen die Wirthin aber ſchnell ab. Dann fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe wieder fort: — Ich werde befreit werden— ſchon morgen — vermuthlich durch die Güte und Vergebung meines Pflegvaters gegen ein unverſchuldetes, von — 250— niederträchtigen Menſchen mir aufgeladenes Ver⸗ brechen.— Martin, ich werde befreit und dann wahrſcheinlich auch— reich. Es iſt ſo ſonderbar mit uns gekommen— was ſoll ich allein mit meiner Freiheit und meinem Glück— ich würde mich deſſen ſchämen, wenn ich es ohne— Elieſe konnte wieder nicht endigen. Die Wirthin fuhr raſch dazwiſchen. Nun, dann wird ſich bald ein Liebhaber finden, der ſie heirathet. — Des Geldes wegen— ſagte Eliſe— freilich, aber lieben könnte er mich unmöglich, ſobald er auf mein vergangenes Leben blickte. Ich würde dann nur unter einem beſtändigen Kummer meine Tage hinbringen.— Martin, ich ſehe es an Deinen Augen, ich fühle es an meinem eigenen Herzen, Du haſt mich befreit aus den Feſſeln, in welche ich geſchmiedet war, Du haſt mich durch Deinen Blick gerührt und glücklich gemacht, ehe ich irgend die Wendung meines Schickſals wußte — ehe mir dieſe Hoffnung aufging— willſt Du — mir— auch ferner gut ſein?— Eliſe hatte immer leiſe geſprochen. Das Reden hatte ſie bei ihrem erlittenen Blutverluſt ohnfehlbar angegriffen, die letzten Worte wurden kaum ver⸗ nehmlich aber mit einer tiefen Bewegung geſprochen. 251— Martin warf einen halb entzückten, halb feier⸗ lichen Blick auf Eliſe— er würde dieſen Namen und nichts weiter ausgeſprochen haben, wenn er ihn ſchon gewußt hätte— und ſagte dann, indem er mit einer raſchen Bewegung auf die Alte zeigte: — Da iſt ſie! Die Bettlerin war ſo ſchwach und in ſich zu⸗ ſammen geſunken, daß ſie den Kopf noch nicht aufzuheben vermochte, indem ſie nur einige Male aus hohler, faſt röchelnder Bruſt leiſe huſtete. Nun— Mutter— ſagte Eliſe, iſt Sie da? Der Spaniole hätte uns bald todtgeſtochen— wir ſind Leidensgefährten! Setze Sie ſie ſich zu mir, unſere Mutter, die Wirthin, wird nichts dagegen haben, auch will ich es gerne bezahlen, wenn Sie etwas verlangt. Die Alte wurde von dem anderen Mädchen langſam vor den Sopha hingeführt, auf welchem Eliſe ruhete. Als ſie ſich auf den davorſtehenden Stuhl niedergelaſſen hatte, ſchlug ſie ihr mattes Auge empor und ließ es lange auf Eliſen ruhen. Dieſe ſah jene ebenfalls mit ſtarren, erſchrockenen Blicken an. Es trat eine lange Pauſe ein, welche endlich von der Wirthin unterbrochen wurde: — 252— — Nun— was fehlt Euch denn, ſagte dieſe — warum ſeht Ihr Euch ſo an? Thekla bebt an allen Gliedern!— Was iſt Dir, Dirne? Es erfolgte keine Antwort auf dieſe Frage. Eliſe verhüllte ihr Geſicht, welches ſie nach der Wand hin bog, mit einem weißen Tuch und ſank wie ohnmächtig auf das Kiſſen zurück. Die Bettlerin nahm die andere Hand derſelben, betrachtete ſie erſt lange und verſuchte ſie dann zu küſſen. — Was ſoll das heißen? fragte die Wirthin wieder und ſtemmte die Arme in die Seite. — Thekla— was iſt Dir! rief Martin und bog ſich mit zärtlicher Unruhe über die Daliegende, während er hinter dem Stuhl der Bettlerin ſtehen blieb. — Thekla!— ſagte die Bettlerin mit matter Stimme und wie aus einem Traume auffahrend, nein— dann kann es ja nicht ſein— aber der Name— — Ja— rief Eliſe jetzt mit bewegter und vor Schluchzen faſt erſtickter Stimme— Mutter— ich bin Eliſe. — Mein Kind! ſagte die Bettlerin mit gedehntem und beklommenen Ton. ——,— — 253— — Ja— Dein Kind— das Du einſt leicht⸗ ſinnig weggegeben haſt— als reiche Leute ſich ſeiner erbarmten, nachdem es lange auf der Straße in ſeinen Lumpen umhergelaufen war.— Die Bettlerin wollte gleichfalls in Thränen aus⸗ brechen, aber die Natur ſchien ihr dieſe Quelle des Troſtes ſchon entzogen zu haben. Ihre Züge, ſo bleich, matt und abgeſtorben wie ſie waren, nahmen nur den Ausdruck einer unſäglich zerknirſchten Wehmuth an. Martin war während dieſer Scene ganz erſtarrt und verſtummt. Er ſah von der Seite mit der größten Beſtürzung bald Eliſe bald die Bettlerin an. Nachdem er lange ſo geſtanden und abermals eine Pauſe eingetreten war, näherte er ſich der Vorderſeite des Sopha's und blickte dann noch ein⸗ mal die Bettlerin mit großen Augen an, als wolle und müſſe er ſich erſt ganz überzeugen. — Ja— rief er zuletzt und warf ſich auf die Kniee nieder, indem er mit einer haſtigen Be⸗ wegung Jede der Angeredeten bei der Hand er⸗ faßte, ſo biſt Du ja auch meine Mutter— und Du meine Schweſter! — Hab' ich je ſo was erlebt! ſagte die Wirthin, ohne eine beſondere Theilnahme bei dieſer rührenden Scene zu zeigen, die wir übrigens nicht weiter ausmalen wollen, um nicht in den gewöhnlichen Romanton zu verfallen und ſo den zarten Eindruck zu vernichten, der herzlicher und inniger empfunden als erzählt werden kann.— Geheimniſſe von Hamburg II. — 254— Dieſe Scene in den„vier Löwen“ ereignete ſich am Himmelsfahrtsabend vor den verhängnißvollen Maitagen. XXVII. Die Entwickelung des Ganzen und der Schluß. Die Flammen, welche ſich in der Nacht des 5. Mai 13842 entwickelt hatten, tobten weiter und weiter in zügelloſer Gluth. In den noch unverſehrten Straßen drängten ſich die Rettenden durcheinander in buntem Gewühle, die Waſſerwagen, hier leer, dort voll, raſſelten und lärmten ohne Ende— aber vergebens ſpieen die Schläuche ihre Ströme aus; die ſchaudervolle Hitze verzehrte den Strahl, noch ehe er einmal den eigentlichen Brand berührt hatte. Immer weiter nach Nordoſten, von dem Südweſtwind ge⸗ trieben, wälzte ſich der Gluthſchwall durch die Lüfte und zündete mit der Schnelligkeit des Blitzes ganze Straßen auf ein Mal an, ſo daß plötzlich aus allen klirrenden Fenſtern zugleich die Flammen⸗ zungen hervorleckten. Obgleich das weſtliche Ende der Stadt außer Gefahr war, ſo rüſteten ſich und flüchteten doch auch hier die Menſchen und trugen ihre wenigen Habſeligkeiten, die ſie für ſich allein fortſchaffen — —— — V — 255— konnten, zum Thore hinaus, um ſich dort entweder auf grünem Raſen unter freiem Himmel zu lagern oder in der Nachbarſchaft und auf den umliegenden Dörfern ein Aſyl, eine Zufluchtsſtätte zu ſuchen. Unter den Flüchtenden aus dieſer weſtlichen Gegend der Stadt befanden ſich auch der junge Maler mit ſeinem Malchen und— Harfenlieschen. Selbſt unter der allgemeinen Trauer und jammer⸗ vollen Verwirrung bildeten dieſe drei Menſchen eine reizende Gruppe, auf die Mancher ſelbſt in ſeiner rettenden Angſt und Noth einen kurzen, flüchtigen Blick warf, als gewähre es ihm Troſt und Beruhigung, drei Weſen in liebevoller Ein⸗ tracht bei einander zu ſehen, die vielleicht nur des⸗ halb ſo ruhig und beſonnen, mit beſcheidenen und wehmüthig niedergeſchlagenen Augen dahin⸗ ſchritten, weil ſie all' das Ihrige mit ſich trugen. Und doch waren dies große Reichthümer! Der junge Maler nämlich hatte ſeine ſelbſtge⸗ fertigte Staffelei und einige mit Leinen überzogene Bilderrahmen zuſammengebunden, auch wohl noch ein weibliches Kleidungsſtück mit eingeſchloſſen und über ſeiner linken Schulter befeſtigt, ſo daß er das Ganze nur gleichſam als einen Ranzen nach Art der Müllergeſellen trug. Auf der rechten Schulter aber hing ihm die Harfe, welche er mit gutmüthiger Dienſtwilligkeit dem jungen Harfenmädchen abge⸗ nommen hatte, die ihm und ſeinem Malchen ſo oft mit gutem, edlen Herzen eine kleine Beiſteuer zum Lebensunterhalt gewährt hatte. An die Harfe hatte Lieschen außerdem noch ein Bündelchen ge⸗ knotet, welches ihre kleine Garderobe, ein halb⸗ 12*¾ ‿ — 256— ſeidenes Kleid, das ſie einſt unter ihren früheren Verhältniſſen bekommen und getragen hatte, ein weißer Pikeeunterrock, einige Paar Strümpfe und ein rothſeidenes Halstuch, Alles durcheinander ge⸗ knüllt, enthielt. Indem der junge Maler dieſe Habſeligkeiten dreier Perſonen trug, führte er gleichzeitig ſein Malchen an der rechten und das Harfenlieschen an der linken Hand. So ſchritten die Dreie wie eine kleine einige Familie dahin, wurden bald geſtoßen, bald geſchoben, ohne jedoch davon Notiz zu nehmen, denn ſie waren zu mächtig von dem Eindruck der Flucht, der gränzenloſen Verwirrung, der jammernden verzweifelnden Menſchen und den unendlichen Rauch⸗ und Aſchenwogen des Brandes ergriffen. Mehr aus dem Intereſſe des Mitleids und der Wehmuth, als der Neugierde hatte das flüchtende Kleeblatt voll gemüthlichen Reizes den Weg nach der Alſter eingeſchlagen. Immer dichter und ver⸗ worrener wurde hier das Gedränge der Rettenden. Frauen trugen und ſchleppten hier wie Männer ihre Sachen fort. Selbſt die Frau eines Patriciers eilte in keuchender Haſt und ſchwer beladen vom Neuenwalle daher. Ringsum gedrängt und ge⸗ ſtoßen ſank ſie dahin und wäre von einem im Galopp daherjagenden Wagen übergefahren, wenn Lieschen nicht ſchnell hinzugeſprungen wäre und ſie ſo vor dem zuverläſſigen elenden Tode, da das Rad den Kopf gequetſcht haben würde, bewahrt hätte.. Lieschen führte die Ohnmächtige weiter, ſie trug ſie faſt, ſo gering und ſchwach auch ihre eigenen 257 Kräfte waren und hatte das Glück ein Haus zu finden, wo die Frau theilnehmend aufgenommen wurde. Lieschen ahnte nicht, wen ſie gerettet hatte!— Als die Dreie wieder in ein ſtummes Anſchauen berſunken da ſtanden, zog eine wilde mit Aexten veladene Horde daher, die eher das Anſehen einer auf Mord⸗ und Brandluſt ausgehenden Räuberbande, als eine Vereinigung von Zimmerleuten gewährte. Unſere drei Flüchtlinge fuhren zitternd und er⸗ ſchrocken zuſammen, als ſie die Tobenden ſahen. Anführer dieſer Rotte war kein Anderer als jener Kerl, den wir früher unter dem Schimpf⸗ namen des Menſchenfreſſers kennen gelernt haben. Mit vandaliſcher Wuth ſtürmten dieſe Unmenſchen in die Häuſer hinein und zerſtörten dort, wohin die Flammen nicht drangen. Sie trafen den Saal eines Inſtrumenten⸗Händlers, der mit Piano's, Guitarren, Harfen angefüllt war. Der Menſchen⸗ freſſer mit ſeinem bärtigen, tartariſchen Geſicht und ſeinen ſchwarzen, tiefliegenden Augen ergriff eine Guitarre, ſtrich mit ſeiner rauhen Fauſt über die Saiten und rief: Juch! Tanzt, Kameraden! Ich will Euch aufſpielen! Wir wollen jetzt auch ein Mal luſtig ſein! Luſtig! luſtig— wiederholte er mit ſataniſch⸗ kreiſchendem Tone, und die Uebrigen thaten wie er geſagt, ſie ſprangen mit blutigen Mäulern, die ſie an zerſchlagenen Weinflaſchen ſich verwundet, und mit ihren großen Aexten im Kreiſe herum, wie Wilde, die ihr Menſchenopfer umkreiſen. — 258— Als der Menſcherfreſſer einige Male mit ſeiner Fauſt über die Guitarre hingefahren war, ſchrie er wieder: das klingt nicht laut genug! Das muß beſſer gehen! zerſchlug das Inſtrument an der Ecke eines Pianos und nahm dann ein anderes, und ſo alle nach der Reihe, bis keines mehr übrig war. — Halt! rief der Menſchenfreſſer dann, und wiſchte ſich gleich den Uebrigen, den triefenden Schweiß von der glühenden Stirne, das iſt eine Hundemuſik, für die Weiber gut genug, aber nicht für uns! Wir wollen auch einmal Muſik hören, daß es heulet und brummt, wie's die Großen und Vornehmen gerne haben. Kommtl ſpielt Alle mit auf, daß der Teufel und ſeine Großmutter in der Hölle darnach tanzen müſſen!— Als der Raſende dies mit brüllenden Tönen ge⸗ ſagt, ergriffen Alle ihre Aexte wieder und ſchlugen damit auf die ſchönſten und theuerſten Inſtrumente los. Die Reſonanzböden heulten und zerſchellten unter den wüthenden Schlägen, die Saiten ſprangen ziſchend und gleichſam wehklagend in die Höhe. Als Alles zerſchlagen und zerſplittert war, rief der Unmenſch wieder ſeinen Cameraden zu: So, wir haben dem Feuer vorgearbeitet! Nun weiter! weiter! Damit ſtürmte die raſende Bande wieder zum Hauſe hinaus, um vermuthlich ihre wilde Luſt noch an andern Gegenſtänden zu kühlen.— Der Menſchenfreſier eilte den Uebrigen voraus und kam in eine Straße hinein, die auf dem einen Ende hell brannte und bis nahe an die Gluth hinan von Löſchenden und Rettenden angefüllt war. Er ————-— —,* ſuchte ſich mit roher Haſt durch das Gedränge eine Bahn zu brechen. — Hund— Vieh— was willſt Dul rief eine Stimme aus der Maſſe. Haſt Du das Deinige ſchon gethan oder willſt Du hier erſt Dein Meiſter⸗ ſtück machen! — Hinein! hinein mit ihm! riefen Andere da⸗ gegen. Es bildete ſich ein Knäuel um dem Menſchen⸗ ſreſſer, der ſchnell entwaffnet und von allen Seiten geſtoßen und geſchoben wurde. Noch ein Ruck und er taumelte, um ſich zu retten, trunken in ein Haus hinein, welches oben längſt brannte.— Der Giebel ſtürzte, das Gemäuer ſank mit dumpfem Getöſe in ſich ſelbſt zuſammen und begrub das Scheuſal unter Schutt und Flammen. Gott hatte gerichtet!— Die Scene ging ſo raſch vorüber, daß die Maſſe des Volkes kaum bemerkte was geſchah, denn un⸗ mittelbar waren die Hände, welche eben den Menſchen⸗ freſſer geſchoben und geſtoßen hatten, wieder bei den Sprützen beſchäftigt. Niemand dachte noch an das was vorgefallen war oder hatte Zeit, über das ſtrafende Schickſal bei dieſem Vorgange nachzudenken. Wir haben dieſe Scenen verfolgt und werden andere ſo verfolgen, um dem Leſer, wenn auch nur andeutungsweiſe zu zeigen, welches Loos oder Ende die verſchiedenen Perſonen, für welche wir bisher Intereſſe zu erwecken oder rege zu erhalten verſucht haben, zur Vergeltung erreichen. Das iſt die edle Aufgabe eines Gedichtes, die Wahrheit im Beiſpiele — 260— zu erhärten, daß das Laſter immer beſtraft, die Tugend aber belohnt wird, auch wenn wir den Zuſammenhang von Urſache und Wirkung nicht allemal genau überſehen, noch die Kataſtrophe be⸗ greifen können. Die Muſe führt das Schickſal der Perſonen eines Romanes fort und entwirrt ſeinen Knäuel; eine höhere Hand jedoch lenkt die Fäden des Lebens! Dort gewinnt durch die Kunſt das Ganze eine abgerundete kugelartige Geſtalt, während hier dem Blicke gar manches zerriſſen und fragmentariſch erſcheint und daher unerklärlich bleibt.— Das ſinnige Kleeblatt war nicht Zeuge geweſen von dem beſtialiſchen Treiben jener Rotte, es hatte ſich in der Nähe des Dammthores und der Alſter aufgehalten, und hier mit wehmütigem Ernſt dem furchtbaren, die Sinne und alle Kräfte lähmenden Schauſpiele zugeſehen. Aber auch hier war in derſelben Zeit eine Scene vorgefallen, die den vorigen nicht ganz unähnlich war. Der Spaniole, welcher bei den Vorgängen in dem Lokale zu den„vier Löwen“ entkommen und vermuthlich nur deshalb von der Polizei noch nicht ergriffen worden war, weil das furchtbare, allge⸗ meine Unglück das ganze Staatsgebäude gleichſam aus den Fugen brachte,— hatte ſich mit Werg und Zündhölzern verſehen und ſo in den unverſehrten Stadttheilen umherſchleichend, verſucht, auch hier das Feuer noch zu vergrößern. Mit dieſer teufliſch⸗niederträchtigen und verruchten Abſicht hatte er ſich bis nahe an die Dammthor⸗ ſtraße hingetrieben. — 261— Auf dem Dammthorwall warf er durch das offen⸗ ſtehende Fenſter in ein Zimmer eine Handvoll an⸗ gezündetes Werg hinein. Allein Vorübergehende bemerkten es und verfolgten ihn. Der Spaniole floh— in das Haus hinein— eilte auf den Boden— durchbrach das Dach,— fuhr durch den Schornſtein des dritten Hauſes wieder hinunter und würde ſo vielleicht abermals entkommen ſein, wenn— ein Stein vor der Thüre dieſes Hauſes ihn nicht zum Fall gebracht hätte. Jetzt umringte ihn das Volk und überlieferte ihn einigen herbeieilenden Gardiſten, die ihn über den Wall abführten. Hier ſtanden die erwähnten Dreie und ſahen, wie der Spaniole mit rollenden Augen ſich wüthend gebehrdete, um der Haft zu entkommen. Er warf ſich auf die Erde und wollte ſein großes, blankes Meſſer hervorziehen, welches er auch jetzt noch an ſeiner Seite trug. Lieschen erbebte, wandte ihr Geſicht ab und ſchmiegte ſich furchtſam an die Schulter des jungen Malers, ſo daß die Saiten der Harfe leiſe erbebten und den Schauder ihres Herzens zu theilen ſchienen. Als ſie jedoch wieder aufblickte, mußte ſie etwas noch Furchtbareres ſehen. Ein wirklicher Zimmerer— alſo Keiner von jenen falſchen, die Aexte und Beile ergriffen hatten, um unter dem Scheine der Hülfe und Rettung zu rauben und zu zerſtören— kam mit ſeiner Axt daher und ſah, wie der Spaniole es den Gardiſten erſchwerte, ihn fortzuſchaffen. Was, rief der Zim⸗ merer, welcher an ſeinem ganzen Körper verſengt — 2 —-— 262— und verbrannt war und außerdem durch ſein mattes hinfälliges Weſen bezeugte, daß er kühn und wacker gearbeitet hatte— was, alſo, rief er, iſt das auch ſo ein Mordbrenner? Leute, was wollt ihr den noch lange einſtecken, richten und verurtheilen laſſen! Erſparet Euch und Andern die Mühe! Ich hab' wohl noch ſo viel Kräfte, einen alten, reudigen Hund todt zu ſchlagen!— Damit ſchwang er ſeine große blanke Axt und ſchlug den Spaniolen grade vor die Stirne, daß dieſer, ohne auch nur einen Laut von ſich zu geben, todt liegen blieb. Grade in dieſem Moment hob Lieschen ihre Augen auf und ſank ohnmächtig wieder in die Arme ihres Führers und des andern jungen Mädchens zurück.—— Wir wollen hier in unſerer Geſchichte eine kurze Pauſe eintreten laſſen und das Schickſal der kleinen Harfeniſtin erſt wieder aufnehmen, wo das rieſige Feuer erloſchen iſt und ein unendlicher Trümmer⸗ haufen die Brandſtätte bedeckt. Die Stümpfe und Rümpfe der Thürme, die ruinenmäßig gebrochenen und geborſtenen Mauern mit ihren hohlen Fenſteröffnungen ſchauen ernſt und melancholiſch aus den öden, verkalkten und be⸗ ſtäubten Steinmaſſen hervor. Hie und da ſind die Straßen vom hineingeſtürzten Schutt befreit und die Paſſage iſt wenigſtens nach den Hauptrichtungen wiederhergeſtellt. Kellergewölbe, deren Eingänge halb verſchüttet ſind, gleichen den Räuberhöhlen unter hundertjährigen Ruinen, in denen böſe Menſchen und wilde Thiere am Tage ihre Zuflucht ſuchen, um in der Nacht auf Raub und Beute daraus hervorzugehen.— 4 ——— — 263— Allmälig regte ſich das Leben, hob ſich die Hoff⸗ nung wieder. Hamburg erfuhr ja an ſich ſelbſt am beſten, daß es im herzlichſten Sinne ein einiges, brüder⸗ liches Deutſchland gäbe! Daß kein Staat in der Noth mehr verwaiſt und verlaſſen daſtehe! Daß tauſend und abertauſend Hände bereit ſind, Thränen, von Deutſchen geweint zu trocknen!— Auch unſer Blouſenmann, auch das Harfen⸗ lieschen, obgleich es von Martin's Wiederkehr noch nichts wußte, gingen auf's Neue ihrem Geſchäfte nach. Der prächtigſte Regenbogen hatte am Tage die ganze Stadt von einem Ende bis zum andern mit ſeinem ſiebenfarbigen Bande überzogen. Jetzt war es Abend, es war faſt Nacht geworden, aber eine laue Juninacht. Der bleiche Mond ſtand am klaren blauen Himmel und ſchaute träumeriſch auf die weiß ſchimmernden Steine und die Ruinen herab. Martin hatte eine weite Tour über Land gemacht. Als er durch die Brandſtätte zog und in die Gegend der gefallenen Nicolaikirche kam, da ſetzte er ſich ermattet auf einen Mauerrand hinter einem anderen, der um einige Fuß darüber hervorragte. Gedanken⸗ los ſtarrte er um ſich her und— ſank in Schlummer. Er mochte etwa zwei Stunden dort träumend geſeſſen haben; die Glocke auf St. Catharinen ſchlug halb elfß; es war wie ausgeſtorben auf dem großen Trümmerfeld, kein Tritt ließ ſich hören in den öden Straßen— als doch noch Jemand mit langſamen Schritten daherwankte —————— — 264— Es war Harfenlieschen! Auch ſie hatte vermuthlich an dieſem Tage einen großen Marſch durch die Umgegend gemacht. Die Harfe war ihr gewiß ſchon ſchwer geworden und wurde ihr jetzt noch ſchwerer. Sollte ſie dabei nicht an Martin gedacht haben und in dem Augen blick denken?— Ja!— aber ſie ahnete nicht, wie nahe er ihr war.— Der Verdienſt war außerdem nur ſpärlich aus⸗ gefallen, denn wer mochte in dieſer kummervollen Zeit etwas für Muſik überhaupt geben, oder ſie auch nur hören! Lieschen ſetzte abermals ihre Harfe nieder und blickte voll Sehnſucht und Liebesregung zum Mond empor, der ihr ebenfalls voll Zärtlichkeit und Mit⸗ leid in das blaſſe Geſicht zu gucken ſchien. Plötzlich ſprang ein Kerl in Lumpen aus der Oeffnung eines Kellergewölbes hervor, faßte ſie rauh und heftig an und forderte ſie auf, ihm ihre Barſchaft zu geben. Die Beſtürzte und Erſchrockene zitterte wie Es⸗ penlaub und ſtieß einen Schrei aus. Er wurde nur von Einem, außer dem Vaga⸗ bonden, gehört. Martin fuhr haſtig empor. Er wußte nicht, ob er gewacht oder geträumt hatte, denn der Laut, welcher ihn aufgeweckt, ſchien mit zu ſeinem Traume zu gehören. Er hatte ſein Lies⸗ chen ja in Räuberhänden geſehen! Wir bitten den Leſer, ſich hierbei gefälligſt auch der Verkündigung unſeres Kartenpropheten zu er⸗ innern.— — 265— Durch das Aufſpringen Martin's und das Ge⸗ räuſch, welches dieſer dadurch verurſachte, wurde der Vagabonde eingeſchüchtert und in die Flucht getrieben. Martin war zum zweiten Male ein Retter in der Noth geworden, und hatte— auf ſolche Weiſe — ſein Lieschen wieder gefunden! Die Gedanken, welche ſich Beiden den Tag über unaufhörlich aufgedrängt hatten, die Bilder, welche ihnen aus früherer Zeit mit den friſcheſten Farben vor die Seele getreten waren, ſie dienten nur dazu, um das Paar ſchnell wieder zu verſöhnen und zu vereinigen. Martin gab ſeinem Lieschen einen langen herz⸗ lichen Kuß; ſie ſtanden lange, lange in der ver⸗ ödeten Gegend einer volkreichen Stadt, ohne ein Wort zu ſprechen und ſagten ſich damit doch Alles. Dann nahm der Blouſenmann freudig wie vormals die Harfe, erzählte und fragte abwechſelnd und ſchritt mit ſeinem Liebchen, dem das Herz ge⸗ waltig klopfte, die Muſe läßt es unentſchieden, ob noch vor Furcht oder vor Freude— rüſtig, als läge kein mühevoller Tag hinter ihnen, nach dem Weſtende der Stadt, zu Lieschens Wohnung.— Das Schickſal wollte es, daß der Quartiersmann des Patriciers, am folgenden Morgen ſchon ſehr früh denſelben Weg kam und— ein Taſchenbuch fand. Er kannte es, es war das Taſchenbuch ſeines Kaufherrn, welches er oft geſehen, ja zur Beſorgung von Wechſeln ſelbſt in Händen gehabt hatte. — 266— Es verſtand ſich von ſelbſt, daß er es dem Pa⸗ tricier unmittelbar hinbrachte, ohne auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Das Taſchenbuch gehörte denn freilich auch dem Patricier, aber— es war nicht jetzt, nicht von ihm verloren worden! Als er es öffnete und darin das vergilbte Blätt⸗ chen mit den von Frauenhand ſchlecht geſchriebenen Worten fand:„Nimm mich mit; ich heiße Louiſe“ — da ſchüttelte er den Kopf und kam auf die Vermuthung, daß hinter dieſen ſeltſamen Hiero⸗ glyphen irgend ein Geheimniß verborgen ſein müſſe. Aufgeregt und nachdenkend ging er zu ſeiner Frau und ſagte: Sieh doch ein Mal— da bringt der Quartiersmann mir mein längſt auf unſerm Garten verloren gegangenes Taſchenbuch wieder, welches wir damals von irgend einem Herumtreiber ge⸗ ſtohlen glaubten— nicht wahr, der Kartenleger hatte, wie Du ihn einſt meinetwegen befragteſt, Dir geſagt, ein Beſenhändler habe es gethan? fügte er lächelnd hinzu— genug, und jetzt befindet ſich nichts weiter als dieſes merkwürdige vergilbte Blatt darin. Die Frau hatte kaum einen Blick dahin ge⸗ ſchlagen, als ſie erblaßte ohne ein Wort hervor⸗ bringen zu können. Sollte der Leſer ſich wundern, daß der Patricier noch ſeine Frau hat, ſo müſſen wir hier kurz be⸗ merken, daß der Brand auch hier vermittelnd da⸗ zwiſchen getreten war. Durch die Machination Bonaparte's ſollte am Abend des Himmelfahrts⸗ tages eine vollkommene Entzweiung ſtatt ſinden —— —— — — 267— und— das Unglück führte nun eine vorläufige Verſöhnung herbei, die durch das Dazwiſchentreten Martins und Lieschens ganz und gar beſtätigt wurde. Wir müßten übrigens ein halbes Dutzend Bände füllen, wollten wir alle Seiten⸗Detailles unſerer Geſchichte mit Eugen Sue'ſcher oft lang⸗ weilender Umſtändlichkeit erzählen.— Martin vermißte am andern Morgen ſpogleich ſein Taſchenbuch mit dem ihm überaus theuren Inhalt, das ihm bei dem Hervorſpringen, als Lies⸗ chen angefallen wurde, aus der Bruſttaſche heraus⸗ geſchoſſen war. Wieder einen Morgen ſpäter, und man las in den„Nachrichten“ mit wenigen Worten, daß ein Taſchenbuch ſo und ſo verloren gegangen und, da es nur für den rechtmäßigen Beſitzer von Werth, aber für dieſen von großem Werth ſei, ſehnlich wieder gewünſcht werde. Welche Aufſchlüſſe Lieschen, welche andere Martin gab und geben mußte, das brauchen wir nach dem Vorhergehenden wohl nicht erſt zu erzählen. Der Patricier und ſeine Frau reichten ſich die Hände und verſprachen, über die Vergangenheit der jungen Leute den Schleier ausgebreitet zu laſſen. Martin iſt nicht mehr der Blouſenmann, welcher mit Schnitzbeſen auf den Straßen umherzieht, ſondern er ſitzt durch Vermittelung des Patriciers ruhig auf dem Comtoir eines Handelsherrn zu Amſterdam, arbeitet fleißig und ſchreibt faſt ebenſo fleißig an ſeine Louiſe. Und wo iſt dieſe jetzt? Werden diejenigen Leſer neugierig fragen, welche das niedliche Harfenmädchen — 268— 8 früher oft auf dem Neuenwall oder beſonders Abends im Jungfernſtieg mit heller, wohlklingender Stimme ſingen hörten, und die noch kürzlich hin und wieder forſchten: Wo mag die Harfeniſtin geblieben ſein, die ſonſt—. Nun, die Muſe weiß es, und ſie macht ſich ein Vergnügen daraus, mit dieſer Meldung den Schluß⸗ ſtein auf den Bau der Hamburger Geheimniſſe, ſoweit dieſe mitgetheilt werden konnten und durften — zu legen. Louiſe beſindet ſich jetzt im Hannöverſchen, bei einer Familie auf dem Lande, um— ſich zu einer guten Hausfrau vorzubereiten. Von dort wird der junge Kaufmann aus Amſterdam ſie nach einem Jahre abhohlen, um in Hamburg Hochzeit zu machen. Der Leſer mag ſich dies alſo merken, und wenn dann einmal— Doch dies muß ſchon aus Discretion der Ver⸗ muthung und dem Scharfſinn des Leſers überlaſſen bleiben. Man wird ja wohl auf irgend eine Weiſe dahinter kommen können— und iſt man ſo glücklich damit, dann ſchlägt der Verfaſſer es irgend einem Schalk vor, der roſigen Braut am Polterabend, ganz heimlich mit der Fußpoſt, ein Exemplar der„Ge⸗ heimniſſe zu ſchicken. Er, der Verfaſſer ſelbſt thut es nicht, darauf giebt er ſein Ehrenwort.— Ende. — e— — 3———* 1 4 8 9 4 5 3 K 8 F 8 K L 6 3 5 5 4 “ 2