5 X — — z-—y— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 8 11 7* 8 67— † 77— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — ₰ 2, Erzaͤhlungen 2 und belehrende 421 ſ. V Unterhaltungen ſ— 3 aus der 1 Laͤnder⸗ und Voͤlkerkunde, aus der Natur⸗ geſchichte, Phyſik und Technologie⸗ I „* * h Üe c. Mo, 5 „ 8 44 rNARAAA △* Leopold chimafte ——————j— G — 8 *. S 4 — Fts 12 ☛ — A8 — ' d V ſ 4+ Mit vier Kupfern. Zweyte verbeſſerte und ſehr vermehrte Auflage. Wien, 1816. Im Verlage bey Anton Doll. ——— Vorrede. zur erſten Auflage. Der Fitel dieſer Schrift zeigt die Ten⸗ denz derſelben an. Ich habe Kinder vor Augen, die ſchon uͤber eilf Jahre alt ſind, und die Kenntniſſe dieſes Alters inne ha⸗ ben. Dieſes ſage ich in Ruͤckſicht der Sprache und der Wahl der Gegenſtaͤnde. Ich wuͤnſche Kindern dieſes Alters Luſt zur Naturlehre, zur Laͤnder⸗ und Voͤlker⸗ kunde, zur Naturgeſchichte und zur Tech⸗ nologie durch dieſe Schrift einzufloͤßen, und zugleich durch die Geſchichten die Le⸗ ſeluſt der Ingend mehr zu reitzen. Sind A 2 Vorrede. dieſe Aufſäͤtze, von denen viele originel, andere aus guten Schriſten entlehnt, und nach meinem Zwecke umgearbeitet ſind, nach dem Urtheile bewaͤhrter Richter hierzu geeignet, ſo fuͤhle ich mich fuͤr mei⸗ ne Arbeit belohnt, und ich werde die Idee, die ich ſchon lange habe, realiſixen, und eine Leſe⸗Bibliothek fuͤr die Jugend ſchrei⸗ ben, in welcher obengenannte Gegenſtaͤn⸗ de hauptſaͤchlich bearbeitet werden ſollen.*) Wien am 20. November 1808. Der Verfaſſer. *) Durch die Herausgabe des Vaterländiſchen Jugendfreundes(Wien 13814 bey Anton Doll,) und der Vaterlaͤndiſchen Unterhaltungen VI. Th.(Wien 1815 bey Anton Doll,) habe ich dieſes mein Verſprechen erfuͤllet. Vorrede zur zweyten Auflage. Jugendfreunde und gelehrte Zeitſchrif⸗ ten haben kein unguͤnſtiges Urtheil uͤber dieſe Schrift gefaͤllt. Dieſe Nachſicht ſuchte ich bey der zweyten Auflage da⸗ durch mehr zu verdienen, daß ich über⸗ all, wo ich es noͤthig fand, Verbeſſerun⸗ gen anbrachte, und Zuſätze beyfügte. Daher kann ich ſie mit Recht eine ver⸗ beſſerte Ausgabe nennen. Von der Erzaͤhlung: Dergebeſſer⸗ te Raͤuber, angefangen, ſind die fol⸗ genden Leſeſtuͤcke neu dazu gekommen, und ich glaube, daß dieſe Vermehrung des Inhaltes meinen geehrten Leſern will⸗ kommen ſeyn wird. Vorrede. Ich wuͤnſche dieſer Auflage eben die V gute Aufnahme, deren ſich die erſte er⸗ freuet hat, und ich werde das Zutrauen, weiches man dieſer meiner Schrift ſchenkt, als eine Aufmunterung anſehen, noch laͤn⸗„† ger die von meinen Berufsgeſchaͤften freye Zeit zur Belehrung und Unterhaltung der 1 mir ſo theuern Jugend zu verwenden. Gebe der Himmel, daß ich ihr noch laͤn⸗ ger nuͤtzlich ſeyn kann! Wien am 26. Maͤrz 1815. Der Verfaſſer.— Der beſtrafte Undank. — e 8* Thomas Jackſon war der Sohn eines reichen Kaufmannes in London. Er hatte Anlage und Fleiß, und machte in den Wiſſenſchaften ſeines Alters und Standes ſo gute Fortſchritte, daß Lehrer und Aeltern mit ihm ſehr wohl zufrieden waren. Aber einen Fehler aͤußerte er, der ſeinen Ael⸗ tern oft Herzenleid machte. Er hatte eine rauhe Gemuͤthsart und war fuͤr Mitleid nicht empfaͤng⸗ lich. Er zeigte nirgends ein empfindſames Herz, aber oft Schadenfreude. Er neckte gern Thiere und Menſchen. Die Hunde und Katzen zog er, als er noch ein kleiner Knabe war, bey den Ohren und dem Schwanze, und lachte, wenn ſie klaͤglich ſchrien. Wo er einem Thiere einen Hieb oder Wurf verſetzen konnte, da that er es mit Luſt. Die Voͤgel rupfte er lebendig, den Fliegen und Käfern riß er die Fuͤße, einen nach dem an⸗ —n F dern aus, und quaͤlte ſte zu. todt. Wo er ſei⸗ nem Bruder und ſeiner Schweſter einen Buben⸗ ſtreich ſpielen konnte, da that er es gewiß, und lachte, wenn dieſe weinken. Konnte er von die⸗ ſen oder von ſeinen Mitſchülern einen Fehler auf⸗ finden, ſo zeigte er ihn bey den Aeltern oder Leh⸗ rern an, und hatte heimlich eine herzliche Freude, wenn dieſe derd ausgezankt oder geſtraft wurden. Die Armen wies er hartherzig ab, und nie konn⸗ te ein Ungluͤcklicher Almoſen von ſeinem Taſchen⸗ gelde erhalten. Mit den Dienſtleuten ging er hart um, und half ihnen zu einem Verweiſe, wo er konnte. Bey Schlaͤgereyen und Naufhaͤndeln fand er ſich gern ein, und ſuchte Gelegenheit und Veranlaſſung dazu. Die Schlachtbank des Metz⸗ gers war für ihn ein Beluſtigungsort, und wenn ein Soldat mit dem Stocke oder mit Gaſſenlaufen abgeſtraft wurde, ſo mußte er dabey ſeyn. Seine Aeltern merkten zwar dieſe Fehler oft an ihm, und verwieſen ihm dieſelben; aber meiſtens wußte er ſich ſo zu beſchoͤnigen, als ob er noch ſo weich⸗ berzig 145 mitleidig waͤre. So wuchs nun 2hmae Jackſon heran. Er wurde geſchickt, aber hartherzig und faſt grauſam. Sein Vater fing nun an, mit ihm ernſter zu werden, und machte ihm oft die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe. Um nicht mehr unter der ſtrengen Auf⸗ ſicht ſeines Vaters zu ſtehen⸗ entſchloß ſich Thomas 84 — 9— Jackſon in ſeinem ſiebenzehnken Jahre, mit einem Schiffe, welches man eben ausrüſtete, nach Weſt⸗ Indien zu gehen, und bath ſeinen Vater um die Erlaubniß hierzu. Dieſer glaubte, daß die große Reiſe, und das Ungemach, das er dabey vielleicht wuͤrde leiden muͤſſen, ihn zur Beſinnung bringen, und gefuͤhlvoller und mitleidiger gegen das Elend iherer Menſchen machen koͤnnten, und gab ſei⸗ ie Einwilligung. Er verſah ihn mit allem Noth⸗ wendinen auf die Reiſe, und gab ihm eine Sum⸗ me Geldes mit, um Waren in Weſt⸗JIndien ein⸗ zukaufen. Das Schiff ſegelte ab, und nach einer langen und ſehr beſchwerlichen Fabhrt erblickten die Schiffer das feſte Land von Amerika, und anker⸗ ten in einer kleinen Bay, von wo aus der Ca⸗ pitaͤn des Schiffes ein Both mit Matroſen aus Land ſchickte, um Waſſer und Se aittel zu hohlen, woran das Schiff Noth litt. Jackſon ſprang mit Vergnügen ins Both, und war voll Freude, daß er wieder feſtes Land betreten konnte. Er ſtreifte mit ſeinen Gefährten herum, um Waſ⸗ ſer zu ſuchen. Sie entdeckten hald eine Ouelle, und kehrten wieder zum Bothe zuruͤck, um Waſ⸗ ſerbehaͤlter zu hohlen. Jackſon blieb bey der Quel⸗ le allein zuruͤck. Waͤhrend die andern beym Bothe waren, machte Jackſon einen Spaziergang in den Wald. Er ergetzte ſich ungemein an den ſchönen Baͤumen, dergleichen er nie geſehen, und an dem herrlichen Geſange der fremden Voͤgel, das er noch nie gehoͤrt hatte, und entfernte ſich weit von der Huelle, ohne daß er es merkte. Erſt bey der nahen Daͤmmerung kehrte er wiedre um. Aber es wurde ſchon dunkel, und er war noch nicht bey der Quelle, von der er nur eine Stunde We⸗ K ges entfernt zu ſeyn glaubte. Es wurde allmaͤhlich finſter, und Jackſon irrte noch herum. Jetzt merk⸗ te er erſt, daß er den Ruͤckweg muͤſſe verfehlt ha⸗ ben. Es wurde ihm angſt und bange; bey dem mindeſten Geraͤuſche befuͤrchtete er, daß ein Raub⸗ thier oder ein Wilder auf ihn los gehe. So irr⸗ te er bis Mitternacht herum, und ſtatt naͤher zu der Quelle oder an das Geſtade zu kommen, ent⸗ fernte er ſich immer mehr und mehr oon derſel⸗ ben, und gerieth tiefer in den Wald. Kraftlos ſank er zur Erde nieder, ſeine Fuͤße konnten ihn kaum mehr tragen. Er beſchloß auf einen Baum zu klettern, um vor wilden Thieren ſicher zu ſeyn, und da die Racht zuzubringen. Des andern Ta⸗ ges machte er ſich mit Sonnenaufgange auf die Beine, um die Quelle zu ſuchen, aber umſonſt; kein Ausgang aus dem Walde war zu finden, er kam nur immer tiefer in denſelben. So irrte er drey ganze Tage herum, aber immer fruchtlos, er konnte nicht aus dem Walde herausfinden. Sein Mundvorrath, den er in den Taſchen hat⸗ +— — N te, war ſchon lange aufgezehrt, einige reife Zi⸗ tronen hatte er von ungefaͤhr gefunden, an denen er ſich erquickte. Nun war ſeine Lage die ſchreck⸗ lichſte in der Welt. Entweder dachie Jackſon, werde ich vor Hunger hier ſterben, oder von wil⸗ den Thieren zerriſſen werden, oder den grauſamen Wilden, welche vielleicht dieſe Inſel bewohnen, in die Hände fallen. Er ſah gar keine Hoffnung mehr, ſich zu retten. Haͤufige Thraͤnen ſtuͤrzten aus ſeinen Augen; abgemattet ſank er ins Gras hin, und hob bittend ſeine Haͤnde gen Him⸗ mel.—— „Die Matroſen hatten ihn indeſſen zwey Tape lang geſucht und ihm durch Flintenſchuͤſſe Zeichen gegeben. Auch Kanonen wurden auf dem Schiffe abgefeuert, um ihm anzuzeigen, in welche Gegend er ſeinen Weg zu richten habe, und da gar keine Spur von ihm zu finden war, glaubte man, daß er von einem Raubthiere zerriſſen, oder von den Wilden getoͤdtet worden ſey. Man ſuchte ihn auch noch am dritten Tage mit aller Sorgfalt; da man aber gar nichts von ihm entdecken konnte, kehrten alle ins Both, und mit demſelben zum Schiffe zuruͤck. Am vierten Tage wurden die An⸗ ker gelichtet, und das Schiff ſegelte weiter. Jackſon war indeſſen ganz entkraͤftet einge⸗ ſchlafen; bald aber wurde er durch ein Geraͤnſch aufgeweckt. Als er die Augen aufſchlug, und — 12— ſich mühſam aufrichtete, ſtand eine weibliche Ge⸗ ſtalt vor ihm. Jackſon erblaßte, er wollte auf⸗ ſtehen und fliehen, aber ſein matter Koͤrper hat⸗ te nicht Kraͤfte dazu. Ihr Blick war anmuthig und liebreich, und ihre Miege zeigte Verwunde⸗ rung. Jackſon ſuchte durch traurige Gebaͤrden ihre Theilnahme zu erregen. Die Indianerinn verſtand ihn. Sie gab ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß er ihr folgen ſollte. Er wollte aufſtehen, ſank aber wwieder nieder. Da eilte ſie fort, und kam bald mit Fruͤchten in einem Korbe und mit Waſſer in einem Gefaͤße zuruͤck, die ſie vor ihn hinſtellte, d ihm andeutete, daß er davon eſſen und rinken ſollte. Jackſon faßte Muth, er genoß da⸗ von, und fand ſich geſtaͤrkt. Sie deutete ihm wie⸗ der an, daß er mit ihr folgen ſollte. Er verſuch⸗ te es, ging eine Strecke mit ihr fort, ruhte wie⸗ der aus, ging wieder eine Weile, und kam endlich mit ſeiner Begleiterinn zu einem India⸗ niſchen Dorfe, welches aus offenen Huͤtten be⸗ ſtand, die mit Palmzweigen gedeckt waren. Da liefen die Indianer in der Menge herbey, gaff⸗ ten den Fremdling an, liefen zuruͤck, und fuͤhr⸗ ten noch mehrere mit ſich her. Jackſon zitterte an allen Gliedern, und befuͤrchtete nun mit je⸗ dem Augenblicke, daß man ihn toͤdten würde. Endlich erſchien ein wohlgeſtalteter, anſehnlicher Indianer, der ſich durch verſchiedene Zierrathen 1 —xxxy J. 72. 54 l 1 8 1 3 vor vor den übrigen auszeichnete. Es war der In⸗ ka, Vorſteher des Dorfes. Ehrerbiethig traten alle auf die Seite. Ihn redete die Indianerinn, die ſeine Gemahlinn war, an, erzaͤhlte ihm, wo ſie Jackſon gefunden habe, und wie er mit ihr hierher gekommen ſey. Sie bath um Schutz fuͤr ihn, und der Inka willigte in ihr Begehren. Er fuͤhrte ihn in ſeine Huͤtte, und ſetzte ihm Fruͤchte vor. Jackſon wurde beherzt, er aß, und gab dem Inka durch Zeichen ſeine Dankbar⸗ keit zu verſtehen. Der Inka gewann in der Folge den Jackſo n lieb, und erwies ihm viele Freund⸗ ſchaft, und dieſer gab ſich alle Muͤhe, dem guten Inka und ſeiner Gemahlinn durch verſchiedene Dienſte recht gefaͤllig zu ſeyn. So lebte nun Jackſon einige Jahre unter den Indianern auf dieſer Inſel. Er ging mit ihnen auf die Jagd und guf den Fiſchfang aus, that ſich manches Mahl durch Geſchicklichkeit un⸗ ter denſelden hervor, und lernte ihre Sprache bald ſo, daß er mit ihnen ſprechen konnte. Da erzaͤhlte er ihnen oft von den großen Staͤdten in ſeinem Vaterlande, von den praͤchtigen Haͤu⸗ ſern, in denen ſeine Landsleute wohnen, von den ſchoͤnen Kleidern, die ſie tragen, von den aus⸗ geſuchteſten Speiſen und Getraͤnken, die ſie dort genießen; er erzaͤhlte, daß man dort von großen Thieren in Kutſchen gezogen werde, in großen —— 1 ———JͤJ— Haͤuſern über das weite Meerſchiffe, und andere der. ley Dinge, welche die Indianer mit groͤßter Auf⸗ merkſamkeit anyoͤrten. Aber wieoft ſeufzte er dabey, und dachte: Wenn ich nur mein liebes Vaterland, meine Aeltern, Geſchwiſter und Verwandte noch einmahl ſehen koͤnnte! O, koͤnnte ich nur einmahl, ſagte er oft bey ſich ſelbſt, meine lieben Aeltern, denen ich ſo viel Herzenleid machte, und meine lieben Bruͤder und Schweſtern„denen ich ſo man⸗ chen böſen Streich ſpielte, an mein Herz druͤ⸗ cken, und um Vergebung meiner Beleidigungen bitten! Er ließ dieſen Wunſch oft laut hoͤren, und Thraͤnen ſtuͤrzten ihm dabey aus den Augen. Vielleicht, ſagte da der gutmuͤthige Inka, kommt einmahl ein ſo großes Haus mit deinen Lands⸗ leuten an unſere Inſel, das dich zuruͤckfuͤhren kann. Aber dieſer gute Wunſch blieb noch lange unerfuͤllt. Der Inka hatte zwey Kinder, einen Kna⸗ ben von zwoͤlf: und ein Maͤdchen von zehn Jah⸗ ren; beyde waren munter und gutmüthig. Jack⸗ ſon war viel mit ihnen; er liebkoſete ſie, erzaͤhl⸗ te ihnen viel von ſeinem Vaterlande, und wußte die Kinder ſo an ſich zu ziehen, daß ſie außer ihren Aeltern bey niemanden lieber als bey ihm waren. Sie brachten ihm die beſten Coeus⸗Nuͤſſe, die ſchoͤnſten Muſcheln, Perlen und Steine, und die praͤchtigſten Federn, die ſie fanden, und man⸗ — + — 15— ches Goldund Silberkoͤrnchen, das ſie zum Geſchenke erhielten. Jackſon lehrte ihnen dafür manche taͤndelnde Spiele ſeines Vaterlandes; er lehrte ſie Koͤrbe flechten und Netze ſtricken, welches den Kleinen keine geringe Unterhaltung machte. Sie gingen mit ihm Fruͤchte zu ſam⸗ meln, ſie begleiteten ihn auf die Jagd und auf den Fiſchfang, und machten mit ihm manche kleine Reiſe durch die Inſel, wo Jackſon mit Vergnügen entdeckte, daß ſie reich an Gold ſey, welches ſehr leicht aus dem Goldſande der Fluͤſ⸗ ſe, die aus den Bergen hervorquellten, zu erken⸗ nen war. Eines Morgens war Jackſon wieder mit beyden an das Meer gegangen, um Fiſche zu fangen. Er entdeckte in der Ferne auf dem Mee⸗ re einen Punct, der ſich zu vergroͤſſern ſchien. O, wie hupfte ihm das Herz vor Freude, da er dachte, daß es wohl ein Europaͤiſches Schiff ſeyn koͤnnte. Er verwendete kein Auge davon. Bald ſah er, daß er ſich nicht geirret hatte. Ein ſanf⸗ ter Wind trieb ein großes Schiff immer naͤher an die Kuͤſte. Als Jackſon glaubte, daß er vom Schiffe aus bemerkt werden konnte, machte er allerley Zeichen, um anzuzeigen, daß ein Un⸗ gluͤcklicher hier. auf Huͤlfe warte. Bald ſah er ein Both ausſetzen, welches gegen die Kuͤſte zu⸗ ruderte, — 16— Jackſon huͤpfte vor Freude, als er die Ma⸗ troſen ans Land ſteigen ſah, und höͤrte, daß das Schiff ein Engliſches ſey. Bruͤberlich um⸗ armte er ſeine Landesleute, und bath ſie, ihn ins Schiff zu nehmen. Von den Vothsleuten erfuhr er, daß das Schiff mit Negern beladen ſey, die auf der Kuͤſte von Guinea aufgekauft worden waren, und daß es nach Barbados, einer von den Antillen ſegle, wo haͤufig Zuckerrohr gepflanzt wird, wozu dieſe ungluͤcklichen Afrika⸗ ner ſollten verwendet werden. Sie erzaͤhlten, daß ſie zwey Tage und Naͤchte Sturm gehabt, und hierher verſchlagen worden ſind. Sie wollten eini⸗ ge Tage hier bleiben, um die Maſten auszubeſ⸗ ſern und Waſſer einzunehmen. n5 1 Die zwey Kinder des Inka ſtaunten mit neugierigen Augen dieſe Leute an, und wußten nicht, was ſte von Jackſons ſeltenen Gehaͤrden denken ſollten; noch mehr aber verwunderten ſie ſich uͤber das Both, und uͤber das große Schiff, welches in der Entfernung vor Anker lag. Jackſon bath die Matroſen um einige Kleinig⸗ keiten zu Geſchenken fuͤr ſie, und erhielt Glas⸗ perlen, ein Paar Meſſer, und einige Stuͤckchen rothes Tuch, welches den Kindern eine ſehr große Freude machte. 1 Jackſon unterhielt ſich lange Zeit mit ſeinen Landesleuten, und erfuhr auch von ihnen, welchen großen Gewinn ſie von dem Einkaufe der Neger zu ziehen hofften, und wie viel reicher ſie in ihr Va⸗ terland zuruͤckkehren wuͤrden. Da erwachte in dem Herzen des ungluͤcklichen, noch nicht gebeſſerten Jüng⸗ lings die ſchaͤndliche Habſucht, zu der er von jeher großen Hang gehabt hatte, und er faßte einen Ent⸗ ſchluß, der eben ſo grauſam als ſchaͤndlich war. So unvertilghar iſt oft ein boͤſer Hang, den man in der erſten Jugend zu ſehr genahret hat. Der niedertraͤchtige Jackſon, der doch durch die ausgeſtandenen Leiden und die Wohlthaten, die er von den ungebildeten Inſelbewohnern empfangen hatte, haͤtte gebeſſert ſeyn ſollen, beſchloß, die zwey Kinder des Inka, die ihm ſehr zugethan waren, kurz vor der Abfahrt ins Schiff zu locken, und als Sclaven in Barbados zu verkaufen. Er zeigte nun den Bothsleuten den Ort an, wo ſie Bauholz und Waſſer finden konnten, und fuhr mit ihnen ins Schiff zurü⸗k, um dem Ca⸗ pitaͤn desſelben genaue Nachricht von der Inſel zu geben, und von ihm die Erlaubniß zu erwir⸗ ken, daß er nach Barbados mitgenommen wür⸗ de. Der Capitaͤn war uͤber dieſe Nachricht er⸗ freut. Jackſon ſagte ihm zugleich mit gewohnter Schlauheit, daß ihn der Inka der Inſel ſehr lie⸗ bete, und daß dieſer, da er ihm von ſeinem Va⸗ terlande erzaͤhlt hatte, oft gewuͤnſcht haͤtte, daß ſeine Kinder dieſes Land ſaͤhen. Er baͤthe ihn — B alſo, auch dieſe zwey ins Schiff aufzunehmen, wenn der Inka noch ſo entſchloſſen waͤre, Der Capitaͤn glaubte dieſe betruͤglichen Worte, und willigte ein. Indeſſen ging Jackſon wieder ans Land zu⸗ frück, und gab den Inſulanern Nachricht, daß ein Schiff mit ſeinen Landesleuten angekommen ſey. Dieſe kamen ſcharenweiſe herbey, brachten Fruͤchte, und erhielten dafuͤr von den Englaͤn⸗ dern allerley Kleinigkeiten, woran ſte großes Ver⸗ gnuͤgen hatten. Jack ſon erklaͤrte nun dem Inka daß er ihn nach einigen Tagen verlaſſen wuürbe. Der Inka war traurig, noch mehr aber ſeine Kin⸗ der; doch wollte ihn niemand von ſeinem Ent⸗ ſchluße abbringen. Der ſchlaue Ja ckſon ſtellte ſich aͤußerſt betruͤbt, wenn er von dem Abſchiede ſprach, heimlich aber machte er alle Anſtalten ſein boͤſes Vorhaben auszufuͤhren. Er ſetzte ſeine Abreiſe immer um einige Tage ſpaͤter an, nahm einige Mahle die Kinder ins Schiff mit, ließ ihnen verſchiedene Kleinigkeiten, die ihnen Ver⸗ gnuͤgen machten, ſchenken, um ſtie mehr anzu⸗ reißen, oͤfters und unbeſorgt ins Schiff zu kom⸗ men. Heimlich aber ſuchte er, was er an Mu⸗ ſcheln, Perlen, Gold koͤrnern und dergleichen hat⸗ te, zuſammen, und brachte es an Bord. Der Tag der Abreiſe war da. Ohne den guten Aeltern ein Wort zu ſagen, lockte Jackſon — —— die beyden Kinder unter dem Vorwande, daß ſie ſchoͤne Geſchenke bekommen wuͤrden, an Bord, und wußte ſie mit verſchiedenen Gegenſtaͤnden, die ſie noch nie geſehen hatten, ſo lange zu be⸗ ſchaͤftigen, bis die Anker gelichtet waren, und ein friſcher Wind das Schiff weit von der Kuͤſte getrieben hatte. Beyde erſchracken, als ſie nichts mehr von der Inſel ſahen. Jackſon aber ver⸗ ſicherte ſie, daß ſie nur um die Inſel ſegelten, und bald wieder an der Kuͤſte ſeyn wuͤrden. Anfangs waren beyde beruhigt. Als aber die Nacht anbrach, und ſie noch nicht an der In⸗ ſel waren, fingen beyde zu weinen an. Niemand als Jackſon konnte ſie in ihrer Sprache verſtehen. Faſt die ganze Nacht jammerten ſte, und kein Schlaf kam in ihre Augen. Widrige Winde hielten das Schiff mehrere Tage nacheinander auf, und verſpaͤteten die Ankunft auf Barbados. Die Traurigkeit der Kinder nahm mit jedem Tage zu; von gekochten Speiſen wollten ſie nicht eſſen, und die Fruͤchte waren bald aufgezehrt. Jackſon gab ſich alle Muͤhe, ſie zu beruhigen, aber umſonſt. Das Maͤdchen befand ſich ſchon am dritten Tage uͤbel, ſie nahm weder Speiſe noch Trank zu ſich, und am ſechſten Tage ſtarb ſie. Nun war der Bruder gar nicht mehr zu troͤſten. An dem naͤhmlichen Tage des Abends entſtand ein ſchrecklicher Sturm, und das Schiff B 2 — 20— war alle Augenblicke in Gefahr, zu Grunde zu gehen. Todesangſt war auf dem Geſichte eines jeden zu leſen. Schreckliche Gewiſſensbiſſe mar⸗ terten Jackſon. Die goͤttliche Strafe, dachte er bey ſich, geht mir nun auf dem Fuße nach. Ich bin an dem Tode des guten Maͤdchens Schuld, ſagte er,— ſtrenge ſtraft mich dafuͤr die goͤttliche Gerechtigkeit. Er lief zu dem Knaben, fand ihn ganz außer ſich vor Schrecken, umarmte ihn, bath ihn um Vergebung, und verſprach ihm, daß er ihn gewiß zu ſeinen Landesleuten wieder zuruͤckbringen wuͤrde. D wie freute ſich da der gute Knabe mitten im Angſtgeſchreye der Matro⸗ ſen.— Allmaͤhlig legte ſich der Sturm: der heitere Himmel machte den Seefahrern gute Hoff⸗ nung zu einer glücklichen Reiſe, und das ganze Schiffvolk erhob ein munteres Freudengeſchrey. Jackſon freute ſich mit den uͤbrigen, und— bald vergaß er auch die guten Vorſaͤtze, als er kei⸗ ne Gefahr weiter befuͤrchtete. Wie oft fragte ihn der gute Knabe: Wann werden wir bey unſerer In⸗ ſel anlanden, wann werde ich meinen guten Va⸗ ter, meine liebe Mutter wieder ſehen? und die ſchlaue Antwort Jackſons, daß ſie in wenigen Tagen dort ſeyn würden, konnte ihn nicht mehr beruhigen. Er weinte Tag und Nacht, war nicht mehr zu troͤſten, erkrankte, und ſtard zehn Tage nach ſeiner Schweſter. — 1 ——V;ʒ;— Indeſſen waren der Inka und ſeine Frau uͤber den Verluſt ihrer Kinder aͤußerſt betruͤbt. Man ſuchte ſie auf der Inſel zwey ganze Tage, und da man gar keine Spur von ihnen entdecken konn te, vermuthete man mit Recht, daß ſie von dem europaͤiſchen Schiffe mit fort gefuͤhret worden ſeyn. Da war eine allgemeine Trauer und ein Jammergeſchrey wie aus einem Munde auf der ganzen Inſel. Jedermann beklagte den Verluſt zweyer Kinder, die ihren Altern an Herzensgü⸗ te ſo ähnlich waren. Jeder verwuͤnſchte, daß Jackſon je die Inſel betreten habe, und ſchwuren bey der Sonne und den Geſtirnen, jeden Wei⸗ ßen, der je die Inſel betreten würde, zu ver⸗ tilgen. Das Schiff langte gluͤcklich in Barba⸗ dos an. Da Jackſon ſeinen unſeligen Gewinn, den er von den zwey ungluͤcklichen Kindern zu ziehen hoffte, durch den Tod derſelben verloren hatte, und auf Barbados weiter nichts zu ſuchen hatte, ſo reiſete er mit dem erſten Schiffe nach England zuruͤck. Wie ſehr waren ſeine Ael⸗ tern über die Ankunft ihres Sohnes erfreuet, den ſie ſchon ſo lange fuͤr verloren hielten. Aber haͤt⸗ te ihn nur auch die lange Abweſenheit gebeſſert, ihn gefühlvoller und menſchenfreundlicher gemacht. Sein Herz war durch die letzte granſame That nur noch mehr verwildert, und wenn ihm ſein Ge⸗ wiſſen noch manches Mahl Vorwuͤrfe drauͤber mach⸗ te, ſo ſuchte er ſie durch den Gedanken zu unter⸗ druͤcken, daß die geraubten Kinder nur Wilde waren, die doch nach unſerer Ueberzeugung eine eben ſo liebvolle und menſchenfreundliche Behand⸗ lung verdienen, als jeder andere Menſch, der Gottes Erde bewohnt. Unterdeſſen wußte Jackſon ſo viel von der Inſel, auf der er gelebt hatte, zu erzählen, und die Schaͤtze an Gold und Edelſteinen, die ſich auf derſelben befinden ſollen, ſo hervor zu ſtrei⸗ chen, daß eine Geſellſchaft beſchloß, ein Schiff dorthin zu ſenden, um dieſe Schaͤtze gegen an⸗ dere Waren einzutauſchen. Jackſon both ſich an, mit dem Schiſfe dorthin zu reiſen, und man ver⸗ ſprach ſich von ihm, weil er die Landesſprache konnte, großen Vortheil. Das Schiff ſegelte ab, und landete ohne beſondere Zufälle nach ei⸗ ner gluͤcklichen Reiſe bey der Inſel. Kaum er⸗ blickten die Inſulaner das Schiff, ſo gaben ſie dem Inka Nachricht davon. Dieſer verſammelte in der Eile alle ſtreitbaren Männer, um die Europäer, wenn ſie das Land betreten ſollten, mit Gewalt zu verjagen. Jackſon war indeſſen mit einer Anzahl Leute aus dem Schiffe ans Land geſtiegen. Er traf bald einen kleinen Trupp bewaffneter Wilden an. Er rief ſie an, bath ſte um Fruͤchte, und verſprach ihnen alerley Kleinigkeiten zum Geſchenke. Dieſe aber, ohne eine Antwort zu geben, ſchoßen ihre Pfeile ab, und liefen eiligſt davon. Jackſon ließ ſich da⸗ durch nicht irre machen; er drang mit ſeinen Leuten weiter vor, und zeigte ihnen die Gold⸗ minen, die er waͤhrend ſeines Aufenthaltes auf dieſer Inſel entdeckt hatte. Auf einmahl ſahen ſite ſich von einem Haufen wilder Inſulaner um⸗ geben, die ein graͤßliches Kriegsgeſchrey erhoben, und wie wuͤthend uͤber die Englaͤnder herſtuͤrzten. Dieſe griffen zu den Waffen, aber ihre Zahl war zu gering. Sie werden zerſtreut, mehrere blie⸗ ben todt auf dem Platze, die uͤbrigen entflohen gegen die Kuͤſte, ohne daß ihnen die Wilden hef⸗ tig nachſetzten. Nur auf Jackſon, den ſie bald erkannten, war ihr Augenmerk gerichtet. Er fiel lebendig in die Hände der erzuͤrnten Inſulaner. Nun ſchien es, als wenn jeder einzelne Indianer die an den Kindern des Inka veruͤbte Frevelthat an Jackſon raͤchen wollte, und des Inka Zuruf konnte die wuͤthenden Wilden nicht abhalten. Fackſon wurde auf die unmenſchlichſte Weiſe mißhandelt, bis er unter den gräßlichſten Mar⸗ tern ſeinen Geiſt aufgab. Auf dieſe Art beſtrafte die goͤttliche Gerechtigkeit ein Verbrechen, vor dem jedes gefuͤhlvolle Herz zuruͤckſchaudert. Braſilien. A— ieſe große Landſchaft im ſuͤdlichen Amerika iſt in der neueſten Zeitgeſchichte ſehr merkwuͤr⸗ dig geworden. Um Napoleons Nachſtellungen, der alle Thronen in Europa umzuſtuͤrzen drohete, zu entgehen, verlegte der Kronprinz Regent von Portugall ſeine Reſidenz von Liſſabon nach Rio Janeiro in Braſtlien. Er ſchiffte ſich im No⸗ vember 1807 mit ſeiner ganzen Famielie ein, und kam nebſt 11,000 ausgewanderten Portu⸗ gieſen, worunter ſich Handwerker und Kuͤnſtler giler Art befanden, dann mit 15,000 Mann Trappen und ſeiner ganzen Flotte gluͤcklich im Februar 1803 unter Engliſcher Bedeckung in Braſtlien an. Dadurch bekam dieſe Provinz, die man ein wahres Paradies nennen kann, ein neues Leben; die Bevoͤlkerung nahm anſehnlich zu, Kuͤnſte und Gewerbe wurden einheimiſch und Fabrikate, die man nur aus Europa erhal⸗ ken konnte, werden jetzt in Menge erzeuget, ſo daß *12 8& E 22 22FOZA 8S8 —— — 2½ durch die Reſtdenz des Kronprinz⸗Regenten gleich⸗ ſam eine neue Welt dort entſtanden iſt, da es⸗ vorher an Bildung, an Aufmunterung zu Kuͤn⸗ ſten und Gewerben immer gefehlt hatte. Braſilien, oder das Portugieſiſche Suͤd⸗ Amerika hat von Brazas(Feuergluth) ſeinen Nahmen. Es waͤchſt naͤhmlich hier ein Baum, welcher ein Holz hat, welches eine gluͤhend rothe Farbe gibt. Peter Alvares Cabra lentdeckte dieſes Land zuerſt im Jahre 1500, und nannte es Santa Cruz(heiliges Kreuz); Koͤnig Em a⸗ nuel von Portugall aber vertauſchte dieſen from⸗ men Nahmen mit jenen von Braſilien. Vor der Entdeckung durch die Europaͤer war das Land von Indianern bewohnt, die Tupinambuer und Tamoyoer hießen. Dieſe Ureinwohner ſind noch jetzt roh und unwiſſend. Es wohnen aber in Braſtlien auch viele Europaͤiſche Portugie⸗ ſen, dann Creolen, d. i, ſolche, die von Por⸗ tugieſiſchen Altern in Braſilien geboren ſind, dann Meſtizen, d. i., die von gemiſchter Por⸗ tugieſiſcher und Braſiliſcher Herkunft ſind, wo z. B. der Vater ein Portugieſe, und die Mut⸗ ter eine Braſilianerinn, oder der Vater ein Braſilianer und die Mutter eine Euro⸗ paͤerinn iſt. Auch Neger⸗Seclaven gibt es ſehr viele in dieſem Lande. — 26— Der Boden iſt großen Theils fruchtbar, im Inneren gebirgigt, mit Waldungen bewachſen, und von Seen durchſchnitten, und waͤre dieſes Land immer von betriebſamen und fleißigen Men⸗ ſchen bewohnt geweſen, ſo muͤßte es eines der ge⸗ ſegnetſten in der Welt ſeyn. Bey der Gegenwart des Kronprinz⸗Regenten wird auch der Ackerbau aufnehmen. Im Innern des Landes iſt bisher noch Vie⸗ les ganz unbekannt; die Ureinwohner ſind noch ganz uncultivirt; es leben hier noch viele Bra⸗ ſilier, ohne die geringſte Kenntniß von der chriſt⸗ lichen Religion zu haben, waͤhrend in den Pro⸗ vinzen die katholiſche die herrſchende iſt. Bey⸗ aͤufig eine Million Menſchen bewohnen dieſes Land. Es bringt hauptſaͤchlich Neiß, Pomeran⸗ zen, Zitronen, Kakao, Baumwolle, Safran, Tabak, Ambra, Balſam, Ingwer, Vanille, In⸗ digo, Kaffeh, Zucker, Braſilien⸗Holz oder Fer⸗ nambuck, Schiffsbauholz, Mais und Korn her⸗ vor. Die Bergwerke liefern: Gold, Silber, Eiſen, Kupfer, Zinn, Bley, Spießglas, Schwefel, Quarz, Alaun und Edelſteine, hauptſaͤchlich To⸗ paſen. Gold wird von den Reger⸗Sclaven auf dem Grunde der Fluͤſſe und in Graͤben, wo ſich Negenwaſſer geſammelt hat, geſucht. Wie Reiſen⸗ de verſichern, ſoll man Diamanten, Topaſer und Amathyſte auf der Oberflaͤche der Erde fin⸗ 1 1 — 27— den, die jedoch nicht von bedeutender Groͤße und auch von geringerem Werthe als die Oſtindiſchen Diamanten ſind. Der Braſilianiſche Han⸗ del iſt ſehr wichtig, und Portugal zog von die⸗ ſem Lande jaͤhrlich 4½ Millionen Thaler reine Ein⸗ kuͤnfte. Um 12 Millionen Thaler wurde jaͤhrlich an Gold allein nach Europa verfuͤhrt, wofuͤr meiſtens Fabrikate eingetauſcht wurden. Da aber dieſe jetzt in Braſilien ſelbſt erzeuget werden, ſo bleiben die Schaͤtze an Gold auch meiſtens dort, und ihr Abgang iſt in ganz Europa fuͤhlbar. Das noͤrdliche Clima iſt ſehr heiß, die Winde ſind hier ſehr veraͤnderlich, es regnet oft und ſtark; dagegen ſind die mittaͤgigen Gegenden ge⸗ maͤßigter und geſuͤnder. Rio Janeiro oder San Sebaſtian iſt die Hauptſtadt, und war von jeher der Sitz des Statthalters oder Vice⸗Koͤnigs. Die Stadt Bahiawar bis zum Jahre 1751 die Hauptſtadt, und ein neuerer Reiſender liefert uns folgende Schilderung, die wahrlich ſich nicht eignet, Eu⸗ ropaͤer zur Niederlaſſung in Braſtlien zu verlei⸗ ten. Doch die thaͤtigen Europaͤer wiſſen Sand⸗ wüſten fruchtbar zu machen, und unter einer wei⸗ ſen Regierung kehrt Ordnung und Betriebſam⸗ keit überall ein. Die Gebaͤude, ſagt dieſer Reiſende ſind groͤßten Theils uͤbel gebaut, und drohen faſt einzuſtuͤrzen. Die Straßen ſind ſchmut⸗ und enge, erbaͤrmlich gepflaſtert, werden nie ge⸗ reiniget, und ſind daher unausſtehlich ſchmutzig. Unflaͤthereyen bedecken den Boden, und verpeſten oft bey der großen Hitze des Clima die ſonſt reine und geſunde Luft. Dieſe Unreinlichkeit hoͤrt nir⸗ gends auf; ſelbſt die Gaͤnge, die der Vice⸗Koͤ⸗ nig taͤglich betreten mußte, ſind voll ekelhaften Unflathes. Die Wohnungen ſind zwar geraͤumig, aber im Innern ſo ſchmutzig, als die Außenſeite, ſo, daß man ſagen koͤnnte, die Schmutzliebe ſey in Braſilien in ihrer Heimath. Statt der Glasfen⸗ ſter haben ſie hoͤlzerne ſchmutzige Gitterladen; der Hausrath beſteht aus einem Tiſche, einem Kaſten und einigen Stuͤhlen. Die ärmere Volks⸗ Claſſe, die Soldaten, Mulatten und Neger woh⸗ nen in offenen Hütten, und dieſe ſtehen im bun⸗ ten Gemiſche neben großen Haͤufern. Einen Gaſt⸗ hof kennt man hier nicht. Ein Fremder, der hier eine Zeitlang wohnen will, muß ein Haus oder einige Zimmer in demſelben miethen und moͤbliren. Man hat zwar Speiſehaͤuſer, die an einer ausgehaͤngten dreyfarbigen Flagge kennbar ſind, auch Kaffeh⸗Haͤuſer, aber dieſe ſind nur elende ſchmutzige Winkel, und was aufgeſetzt wird, iſt unrein und erreget Ekel. Bettler giebt es in der Stadt und auf dem Lande eine Menge, weil die Einwohner faul und 82 traͤge ſind. Sie betreiben wenige Gewerbe. Vie⸗ le Handwerker kennt man hier gar nicht. Nur die fuͤr die Kleidung nothwendigſten Handwerks⸗ leute, Schneider, Gaͤrber, Schuhmacher, trifft man hier an. Die Einwohner ſind auch uͤberhaupt in ih⸗ ren Sitten und Kenntniſſen weit unter den gebil⸗ deten Europaern. Sie ſind noch voll Aberglau⸗ ben und wenn man bedenkt, daß ſie noch Neger⸗ Sclaven kaufen und verkaufen, ſo kann man wohl nicht glauben, daß ſte Achtung und Liebe gegen Geſchoͤpfe, wie ſie ſind, haben. Manche Kenntniſſe, wie zum Beyſpiele, die Arzeneykun⸗ de, werden bey ihnen gar nicht geachter Wird ein Armer krank, ſo haͤngt man ihm ein gewei⸗ hetes Scapulier um, dem man beſondere Heil⸗ kraͤfte zuſchreibt, oder man legt ihm das Bild eines Heiligen auf den kranken Theil, oder der Arzt verordnet ihm Aderlaͤſſe und dieſe um ſo zahlreicher, je gefaͤhrlicher die Krankheit ſcheint.. Wegen der allgemeinen Unreinlichkeit iſt der Ausſatz hier zu Lande etwas Gewöhnliches, und man ſcheuet ſich deßwegen unter andern Menſchen eben ſo wenig, als man es unanſtaͤndig findet, ſich in Gegenwart eines Fremden des Ungeziefers vom Haupte zu entledigen. —xxxxxxxxxꝛxꝛrä — — 30— Meſſer und Gabel braucht man bey Tiſche nicht. Der Braſilier nimmt ein kleines Stuͤck Fleiſch zwiſchen die Finger, theilt es von einander, rollt es mit Gemuͤſe und Brot zuſammen, in der Bruͤhe, in dem Oehle, in der Fleiſch⸗Sauce herum, nimmt es in die flache Hand, druͤckt und ballt es wie eine Kugel zuſammen, und ſteckt es in den Mund, und man glaubt am Ende genug gethan zu haben, menn man vor und nach Tiſche die Haͤnde waͤſcht. Die Maͤnner kleiden ſich wie die Portugieſen und Englander in Europa; bey feyerlichen Gele⸗ genheiten aber putzen ſie ſich mit Spitzenhemden, mit reichgeſtickten und beſiltterten Weſten, mit großen Schuh⸗ und Beinkleiderſchnallen von Golde, und mit mancherley Schmuck denar noch mehr bey Amts⸗ verrichtungen oder waͤhrend des Gottesdienſtes ge⸗ tragen; eben ſo die aufgeſchlagenen Huͤte. So bald der Mann aber wieder nach Hauſe kommt, wirft er das Galla⸗ Kleid ab, zieht einen Schlaf⸗ rock oder eine duͤnne Jacke an, oder er begnuͤgt ſich auch, in zattunenen Nachthoſen und im Hemde ohne Muͤtze und Struͤmpfe herum zu gehen; bey kalter regneriſcher Witterung wirft er bloß einen leichten Mantel oder Schlafrock darüber. Das gewoͤhnliche Gewand der Frauenzimmer iſt ein einfaches Roͤckchen von Mouſſelim oder duͤn⸗ gediegenem aus. Do Degen wir ä.—=— ☛ A &☛ 8 o—— e eͤ —&& △ 2 2 S A☛‿ nem Zeuge, das aber oft kuͤnſtlich gearbeitet und verziert iſt. Struͤmpfe tragen ſie ſehr ſelten; in der kuͤhlen Regenzeit ziehen ſie eine Art von Pantoffeln an, huͤllen ſich in eine blaue und wei⸗ ße, dicke, wollene Decke, oder ziehen einen weiten wollenen Ueberrock, mit Pluͤſch verbraͤmt, an, der dem deutſchen Kapot⸗Rock aͤhnlich iſt. Ge⸗ hen ſie in die Kirche, ſo werfen ſie einen ſchwarz⸗ ſeidenen langen Mantel um, der bis uͤber den Kopf reicht. Das Haar laſſen ſie der ganzen Laͤnge nach wachſen, ſie flechten es, binden es in einen Knoten auf dem Kopfe zuſammen, und zieren es mit Pomade und Tapioka⸗Pulver, welches ein Puder iſt, das aus Mainok⸗Wurzeln bereitet wird. Nur die Frauen und Maͤdchen aus hoͤheren Staͤnden kleiden ſich Europaͤlſch. Maͤnner und Frauen laſſen die Naͤgel an dem Daumen oder an dem Zeigefinger, auch an bey⸗ den zugleich lang wachſen, und ſpitzen ſie ſcharf zu. Man ſpielt die Guitarre mit dieſen Naͤgeln; die Maͤnner gebrauchen ſie, die Faſern von den Tabaksblaͤttern, die ſie haͤufig rauchen, abzuloͤfen. Ein langer Nagel iſt aber auch das Zeichen eines hohen Ranges. Sie hindern ſehr im Arbeiten: aber wer lange Naͤgel beſitzt, arbeitet bey ihnen nicht, und wer nicht arbeitet, iſt nach ihrer Meinung reich, und eben dadurch gluͤcklich. —-— 32— Zu Nio Janeiro faͤhrt man gewoͤhnlich in Cariolen, in Bahia aber, wo der Boden ſehr ungleich und deßwegen ſchlecht zu befahren iſt, findet man in allen Straßen Trageſaͤnften, welche ſich dadurch von den Europaͤiſchen unterſcheiden, daß ſie höher, von oben bis unten offen und ſo gebant ſind, daß man beym Hineinſteigen gleich ſitzt. In der Mitte des oberen Theiles der Saͤnfte iſt ein Tragebaum befeſtiget, der vorn und hinten hervorſpringt. Dieſen legen zwey Neger auf die Achſeln, und tragen ſo die Sänfte fort. Die obe⸗ re Decke iſt auch reichlich mit Schnitzwerk und Vergoldungen gezierk; an den Seiten haͤngen ſei⸗ dene Vorhaͤnge herab, die mit goldenen und ſil⸗ bernem Laubwerk verbraͤmt ſind. Aus der Pracht und den Perzierungen der Saͤnfte ſchließt man auf den Rang und Neichthum desjenigen der da⸗ rin getragen wird ſo gut, wie man den Europäͤer nach dem Glanz der Wagen beurtheilet. Die Re⸗ ger, welche die Saͤnfte tragen, ſind barfuß, mit helblauen ſeidenen Jacken, kurzen Pantalon und rund herumlaufenden Schuͤrzchen daruͤber, die hellroth eingefaßt ſind, bekleidet, und der Abſtand ihrer ſchwarzen Geſichter von der ſchaͤckigen Klei⸗ dung iſt drollig. Ein Frauenzimmer vom Range darf in Braſilien durchaus nicht über die Stroße gehen; ſondern es muß ſich in dicht verſchloſſenen Saͤnften tragen laſſen, oder in ſorgfältig bedeck⸗ ten Cariolen fahren. Eine der vorzuͤglichſten Beluſtigungen der Braſilianer iſt der Negertanz, eine Art Afrikani⸗ ſchen Tanzes. Wenn man ſich bey Gaſtmaͤhlen ſatt gegeſſen und getrunken hat, ſo laͤßt man ei⸗ ne Guitarre oder eine Viole herbeybringen, ſingt und beginnt zu tanzen. Der Negertanz wird von einem Paar allein nach dem einfach leyern⸗ den Tone der Guitarre getanzt; wenig werden dabey die Fuͤße bewegt, mehr der Koͤrper in al⸗ lerley läͤcherlichen unnatuͤrlichen Grimmaſſen. Die Zuſchauer ſingen dazu, was ihnen einfaͤllt, je⸗ der nach ſeiner Art, und klatſchen hoch erfreuet in die Haͤnde. Im Allgemeinen ſagt man von den Braſi⸗ lianern, daß ſie zwar nicht mehr ſo rachſuͤchtig und grauſam ſind, wie man ihnen ehemals vora geworfen hat, doch, daß man bey ihnen einen auffallenden Hang zu Betruͤgereyen im Handel, zu Hoffart und Neid wahrnimmt, welcher den Frem⸗ den um ſo empfindlicher wird, da ſie Anfangs von ihnen mit Wohlwollen und Freundſchaft aufge⸗ nommen werden. Doch laͤßt ſich jetzt von dieſem Lan⸗ de, das von Natur aus zu einem der gluͤcklichſten be⸗ ſtimmt zu ſeyn ſcheint, hoffen, daß es unter der Leitung eines weiſen Fuͤrſten, von dem es von je⸗ her zu weit entfernt war, als daß er thaͤtig und C —— —— kraͤftig haͤtte hinwirken koͤnnen, beſſer eultivirt, und die Einwohner zu aufgeklaͤrten, fleißigen und betriebſamen Menſchen, und gluͤcklichen Buͤrgern des Staates nach und nach werden umgeſchaffen wer⸗ den. Durch den langwierigen Krieg, der auch alle Meere ſperrte, ſind uns ſeit der Anweſenheit des pPrinz⸗Regenten wenige umſtaͤndliche Nachrichten von dieſem Lande gekommen; aber es iſt kein Zweifel, daß durch die überſiedlung ſo vieler Por⸗ tugieſen und durch die Gegenwart des Portugie⸗ ſiſchen Hofes alles eine neue veredelte Geſtalt bekommen habe. Das Schießpulver. St langer Zeit hat man geglaubt, daß ein Moͤnch, Berthold Schwarz im Jahre 1354 von ungefaͤhr das Schießpulver erfunden hat. Er ſoll Salpeter, Schwefel und Kohlen in einem Moͤrſer geſtampft haben. Dieſe Maſſe ſoll ſich zufaͤlliger Weiſe entzuͤndet, und einen Stein, wo⸗ mit der Moͤrſer bedeckt war, in die Hoͤhe gewor⸗ fen haben. 8 Doch muß die Erfindung des Schießpulvers viel aͤlter ſeyn. Denn ſchon lange vor Berthold Schwarz, im zwoͤlften Jahrhunderte wurde es auf dem Harze, in den Bergwerken bey Goslar gebraucht, um das Geſtein zu ſprengen. Der Rector Oſtertag hat ſchon vor 30 Jahren gruͤnd⸗ lich dargethan, und aus einem Brieſe des im Jahre 1294 verſtorbenen beruͤhmten Phyſiker Ba⸗ con bewieſen, daß dieſem ſchon die Bereitung des Pulvers bekannt war, daß er es aus Salpeter, Kohlenſtaub und Schwefel zuſammen geſetzt und die Wirkungen desſelben, dem Donner und Blitz C 2 — — —— —— — aͤhnlich, gezeigt habe. Dadurch wird widerlegt, daß Berthold Schwarz der Erfinder ſey, der faſt hundert Jahre nach ihm gelebt hat. Im Jahre eintauſend zweyhundert brauchte es ſchon der Sohn Heinrich des Loͤwen, um die Mauern eines Schloſſes bey Tyrus zu ſprengen. Vom dreyzehnten Jahrhunderte an wurde es im Kriege gebraucht, doch Anfangs nur zum Sprengen der Mauern, z. B. im Jahre 1341 bey der Be⸗ lagerung von Algeziras. Der Gebrauch Ku⸗ gel und Steine damit in die Ferne zu ſchießen, ſcheint in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts aufgekommen zu ſeyn, Im Jahre 1346 fiel bey Crecy eine Schlacht zwiſchen den Franzoſen und Englaͤndern vor, wobey die letzteren eine Art Ka⸗ nonen brauchten, die damahls Donnerhuͤchſen genannt wurden. Zu Ende des fuͤnfzehnten Jahr⸗ hunderts brauchte man es zu Minen. Dieß ſind umtrirdiſche Gaͤnge, die ſich in Kammern endi⸗ gen, welche mit Pulver gefuͤllet werden, um alles, was daruͤber ſteht, in die Luft zu ſprengen. Auch wurden ſchon im ſuͤnfzehnten Jahrhunderte Mus⸗ keten, Büchſen und Piſtolen gebraucht; doch waren ſie nicht ſo vollkommen, wie die unſrigen. In China ſoll das Schießpulver noch fruͤher als bey den Europaͤiſchen Nationen bekannt gewe⸗ ſen ſeyn. Die Araber kannten das Schießpulver viel fruͤher als Schwarz, und haben es wahrſchein⸗ lich von den Chineſern bereiten gelernt. Die Fundgruben des Orients, die von dem beruͤhmten Orientaliſten Hammer in Wien herausgegeben werden, beweiſen aus einer Handſchrift, aus dem dreyzehnten Jahrhunderte, daß man damahls ſchon das Pulber im Kriege gebrauchte. Wenn man die elenden kruͤppelhaften Inva⸗ liden anſieht, und bedenkt, wie viele Menſchen durch das Schießgewehr den Tod im Kriege ge⸗ funden haben, ſo koͤnnte man die Erſindung des Schießpulvers verwuͤnſchen. Doch ſey es meinen jungen Leſern zum Troſte geſagt, daß die Kriege vor Erfindung des Schießpulvers noch viel moͤr⸗ deriſcher geweſen ſind. Das Schißpulver nutzt uns ſehr, um wilde Raubthiere, die den Men⸗ ſchen und Thieren nachſtellen, zu erlegen. Die Jagd des Wildpraͤtes, das uns geſunde Nah⸗ rung giebt, iſt dadurch erleichtert worden; und das Schießpulver wird haͤufig gebraucht, um große Steinmaſſen in den Steinbruͤchen und in den Flußbeeten und große Holzkloͤtze zu zerſpren⸗ gen, wozu ohne dasſelbe eine lange muͤhſame und gelaͤhrliche Arbeit erfordert würde. Meinen jungen Leſern wird nicht unlieb ſeyn, zu erfahren, wie das Schießpulver bereitet wird, und wie es dieſe erſtaunlichen Wirkungen hervorbringt. — —— ————— Das Schießpulver iſt eine Vermiſchung von Salpe⸗ ter, Kohlen und Schwefel. Man nimmt zu Kano⸗ nenpulver auf ein Pfund Salpeter etwa neun Loth Kohlen und ſieben Loth Schwefel; zu Musketen Pulver auf ein Pfund Sapeter acht Loth Koh⸗ len und ſechs Loth Schwefel; zu Buͤchſenpulver ſechs Loth Kohlen und vier Loth Schwefel. In⸗ deſſen beobachtet man jetzt dieſen Unterſchied nicht mehr ſo genau, wie ehemahls, ſondern man nimmt einerley Pulver zu Kanonen und zum kleinen Ge⸗ wehre, wobey man dann das leichte Verhaͤltniß annimmt, auf ſechs Theile Salpeter ein Theil Kohlen und ein Theil Schwefel. Dieſe Beſtandtheile werden auf den Pulver⸗ muͤhlen zu einem feinen Pulver oder Pulvermehl geſtampft, wobey ſie etwas angefeuchtet werden. Die Geſtalt von kleinen glatten Koͤrnern entſteht daher, daß dieſes feuchte Puloermehl durch Siebe gedruͤckt; und in einer Tonne durch langes Um⸗ drehen derſelben geglaͤttet wird. Dieſe kleinen Koͤrnchen ſind es nun, welche Tod und Verwuͤ⸗ ſtung bis auf eine Entfernung verbreiten, die kein Geſchoß aus den vorigen Zeiten erreichte, und welche die fürchterlichſten Naturbegebenheiten: Blitz, Donner und Erdseben im Kleinen nachahmen, Die Guͤte des Paloers haͤngt davon ab, daß die Ingredienzen: Salpeter, Kohlen und Schwe⸗ ſel wohl gereinigt und innig mit einander ver⸗ —⸗ miſcht werden, und daß man ſo viel Salpeter da⸗ zu nehme, als nur immer von den beyden übri⸗ gen Beſtandtheilen verzehrt oder verpufft werden kann; denn in dem Salpeter ligt eigentlich die Urſache von der ungeheueren Gewalt des Schieß⸗ pulvers verborgen. Der Schwefel befoͤrdert die ſchnelle Entzuͤndung, und pflanzt ſte auf den Salpeter fort; der Salpeter verurſacht die Aus⸗ dehnung, und die Kohlen dienen dazu, den Schwe⸗ fel und Salpeter zuſammen zu halten. Durch die Entzuͤndung des Pulvers, wobey der Salpeter ſchuell verpufft, entwickelt ſich eine aͤußerſt elaſtiſche luftartige Materie oder ein Gas, welche zweyhundert fuͤnfzig, oder wie andere wollen, fuͤnfhundert Mahl mehr Raum einnimmt, als das Schießpulver, aus welchem ſie ſich entwickelt. Die Hitze des Feuers dehnet noch uͤber dieß die Luft wenigſtens viermahl mehr aus. So entwickelt ſich aus einer Cubik⸗Zoll Pul⸗ ver, mit dem man ein Geſchoß ladet, zweyhundert fuͤnfzig, oder gar fuͤnfhundert Cubik⸗Zoll ela⸗ ſtiſche Luft oder Gas, und dieſe wird wieder durch die Hitze bey der Entzuͤndung noch wenig⸗ ſtens viermahl mehr ausgedehnt. Dieſe ploͤtzlich entwickelte Luftart ſtrebt nun ſich in einen tau⸗ ſendmahl bis viertauſendmahl geßßeren Raum aus⸗ zubreiten, als welchen das in den Lauf eines Ge⸗ wehrs geladene Pulver einnimmt; daher dringt ————. — 40— ſie mit der aͤußerſten Kraft und Schnelligkeit aus der vorderen Oeffnung des Flintenlaufes, und kreibt die auf dem entzündeten Pulver gelegene Kugel vor ſich fork. Mit einer Kugel aus einem Rohre kann man in einer Entfernung von dreyhundert Schrit⸗ ken einen Menſchen leicht toͤdten und ein Thier erlegen. Die Kugel bewegt ſich mit einer ſol⸗ chen Geſchwindigkeit fort, daß der Menſch in die⸗ Die Kanonen»Kugeln koͤnnen durch das Pul⸗ ver in eine unglaubliche Entfernung getrieben wer⸗ den. Eine von den groͤßten Arten der Kanonen treibt eine ſechzehnpfuͤndige Kugel uͤber neunzehn⸗ kauſend Fuß, wenn die Ladung Pulver die Haͤlf⸗ te von dem Gewichte der Kugel betraͤgt, und Die Weite des Kernſchußes, das heißt die Weite, wo die Kugel, wenn ſie gerade, horizon⸗ kal abgeſchoſſen wird, nicht zu merklich von der geraden Linie abweicht, wird bey eben dieſer Art von Kanonen und bey eben der Ladung ungefaͤhr auf ein tauſend neun hundert Fuß geſetzt. Die Geſchwindigkeit, mit welcher die Kugel aus der Kanone gekrieben wird, kann etwa ein tauſend dierhundert bis ein tauſend ſiebenhundert Fuß in ei ner Secunde betragen. —;— — 41— Wenn eine Kanone aus einer Entfernung von ſechshundert Fuß gegen einen Wall von Er⸗ de abgeſchoſſen wird, ſo dringt die Kugel fuͤnf⸗ zehn bis ſechszehn Fuß in den Wall hinein; in eine Mauer von Ziegelſteinen nur etwas mehr als einen Fuß. Diie Spinnen als Wetter⸗Propheten. 7 I1 7⁷ 1 1 E —1 De haͤßlichen Spinnen, ſagte Caroline, indem ſie mit dem Borſtwiſche einige Spinnenweben aus einem Winkel wegkehrte, allenthalben niſten ſie ſich ein, wenn man nicht oft abkehret. Dir ſind ſie zuwider, unterbrach ſie der Va⸗ ter, und es gehoͤrt freylich zur Reinlichkeit einer Wohnung, keine Spinnengewebe zu leiden; aber du glaubſt wohl nicht, daß es Leute geben koͤn⸗ ne, die ſich ein Vergnuͤgen daraus machen, recht viel Spinnen um ſich zu haben. Den moͤchte ich wohl kennen, antwortete Ca⸗ roline, dem dieſe hoͤßlichen Thiere Vergnuͤgen machen koͤnnten. Sie haben mich zum Beſten. Dieß gewiß nicht, ſagte der Vater; wenn du Luſt haſt zu hoͤren, ſo will ich dir von dieſen Thieren etwas erzaͤhlen, woruͤber du dich gewiß nicht we⸗ nig wundern wirſt. Wilhelm, Carolinens Bru⸗ der, der vom Erzählen gehört hatte, huͤpfte her⸗ bey, und ſchloß ſich an den Vater an. ieſer fing alſo an: Ihr merdet euch wohl noch erinnern, was ihr ſchon vorlaͤngſt geleſen habet, wie viel Ver⸗ gnuͤgen dem armen Robinſon, der ganz allein auf einer Inſel lebte, ſeine treue Spinne im Winkel ſeiner Hoͤhle gemacht hat. So lieb war auch in. Frankreich einem vor⸗ nehmen Gefangenen, wenn ich nicht irre, ſo war es ein Graf Lauſune, ſeine Spinne. In einem harten Gefaͤngniſſe, zu Pignerol, abgeſondert von aller menſchlichen Geſellſchaft hatte er kein Mit⸗ tel, wodurch er ſich haͤtte die Zeit vertreiben koͤn⸗ nen. Eine Spinne hatte ſich bey ihm im Kerker Crenelt, und war ſeine einzige Geſellſchafterinn. r hatte ſie an ſich gewoͤhnt; ſie kam auf ſeine vr wenn er ihr Futter vorhielt, und ließ ſich von ihm fuͤttern. Der Gefangenwaͤrter, ein fuͤhl⸗ loſer Menſch, goͤnnte dem armen Ungluͤcklichen auch dieſen einzigen Troſt, dieſes einzige Vergnu⸗ gen nicht— er tödtete die ſchuldloſe Spinne, Der Gefaugene gerieth in Verzweiflung, da er ſich nun ganz ohne ein lebendiges Weſen und ohne alle Beſchaͤftigung ſah. Er ſtieß ſich den Kopf gegen die Wand ein, und— ſtarb. Der arme Mann der abſcheuliche Gefang ru⸗ waͤrter! ſeufzten Wilhelm und Caroline, bis zu Thraͤnen geruͤhrt. — 44— Auch Peliſſon, fuhr der Vater fort, hat⸗ ke in der nun zerſtoͤrten Baſtille,(dem groͤßten Staatsgefaͤngniſſe in Paris), um nur Ein le⸗ bendiges Weſen um ſich zu haben, eine Spinne in ſeiner traurigen Einſamkeit ſo zutraulich ge⸗ macht, daß ſie ihm zur Geſellſchafterinn diente, und ihm ſeine Langeweile ertraͤglicher machte. Ein Studierender hat eine Spinne, die ihr Gewebe über ſeinem Schreibepulte ausge⸗ ſpannt hatte, ſo zahm gemacht, daß er ſie nach ſeinem Belieben aus ihrem Schlupfwinkel her⸗ vorlockte. Er hatte ſie ſo gewoͤhnt, daß ſie alle⸗ mahl erſchien, wenn er mit dem Finger auf das Pult klopfte, wobey er ihr eine Fliege gab. Die merkwuͤrdigſte Anekdote von Spinnen, iſt gewiß jene von Disjouval, der uns zu⸗ gleich dieſe kleinen Thiere als verlaͤßliche Wet⸗ ter⸗Propheten kennen gelehrt hat. Als im Jahre 1737 die Preußiſche Armee unter Anfuͤhrung des Herzogs von Braunſchweig in Holland einruckte, wurde QOuatremere Disjouval, General⸗Adjutant in Hollaͤndiſchen Dienſten, welcher an dem Aufſtande gegen den Erbſtatthalter(ſo hieß vormahls die hoͤchſte Ob⸗ rigkeit im Holland) Theil genommen hatte, ge⸗ fangen genommen, und mußte über ſieben Jahre im Gefaͤngniſſe zu l trecht(ihr wißt wohl, wo Utrecht in Holland ligt) hiubringen, woraus er -—„„ h—ͤ—hhͤͤ —9 G&——,—y„„ 2 im Jahre 1793 befreyet wurde, als die Franzo⸗ ſen unter Aufuͤhrung des Generals Pichegru in Holland eindrangen. Auch ihm waren die Spinnen, die er an ſich gewoͤhnte, der einzige Zeitvertreib. Er hatte eine große Menge derſelben von allen Arten um ſich verſammelt, und die Be⸗ obachtungen, die er uͤber ihre Lebensart, uͤber ihr Gewebe u. ſ. w. anſtellte, linderten ihm die Qual der Einſamkeit und der Langweile. Er hat ſeine Bemerkungen daruͤber geſammelt, und in einem eigenen kleinen Buche unter dem Titel: Areaneologie bekannt gemacht. Dieſe Be⸗ merkungen ſind zum Theile neu, und widerlegen unter andern die Beſchuldigung, daß die Spin⸗ nen einander ſelbſt auffreſſen. Zwar geſchieht dieß zuweilen, aber nur wenn ſie die Noth dazu treibt, naͤhmlich, wenn ſie kein anderes Futter mehr vor⸗ finden. So hatte Raumur, ein beruͤhmter Franzoͤſiſcher Naturkuͤndiger, eine große Menge Spinnen zuſammengebracht, um zu verſuchen, ob ſich nicht ihr Gewebe, wie das der Seiden⸗ raupe benutzen ließe;(und wirklich hat man auch Struͤmpfe von Spinnenweben verfertigt). Allein fuͤr die große Anzahl Spinnen waren nicht genug Fliegen und andere Inſecten vorhanden, und ſte fraßen ſich in kurzer Zeit ſelbſt, wodurch denn die Hoffnung, aus ihrer Arbeit Nutzen zu ziehen bald vereitelt wurde.— —— Die merkwuͤrdigſte Beobachtung unſers Ge⸗ fangenen war aber die: daß die Spinnen vorzuͤg⸗” lich gute Wetter⸗Propheten ſind, die das Wet⸗ ter zuverlaͤſſiger als der Barometer anzeigen, ihre Anzeigen laͤngere Zeit zuvor geben, und uͤber⸗ haupt fuͤr den gemeinen Mann noch den Vorzug haben, daß ſie nichts koſten. Von der Winkelſpinne bemerkte er zum Bey⸗ ſpiele Folgendes: Bey ſchoͤnem Wetter zeigt ſie ſich mit dem Kopfe, und ſtreckt die Fuͤße weit aus ihrer Höhle hervor, und zwar um ſo weiter, je laͤnger es ſchoͤn Wetter bleiben ſoll. Bey uͤb⸗ ler Witterung zieht ſte ſich mehr zuruͤck und bey recht ſtürmiſcher Witterung kehrt ſie ſich ſogar herum, und zeigt dem Beobachter ihr Hintertheil, und unterrichtet ihn dadurch ſehr deutlich von der bevorſtehenden Virfandeeun des Wetters. Im Anfange des ſchoͤnen Wetters hat das Gewebe, womit ſie ihren Winkel umſpinnt, nur eine maͤßige Ausdehnung. Soll aber das gute Wetter fortdauern, ſo vergrößert ſie es um zwey bis drey Zoll. Thut ſie dieß mehrere Mahle nach einan⸗ der, ſo kann man daraus ſicher auf anhaltend ſchoͤne Witterung ſchließen. Disjouval ſagte den 22. Julius 1795 aus dem Verhalten ſeiner Spinnen ein Paar Wo⸗ chen zum Voraus, das Waſſer wuͤrde ſo fallen, daß man mit der Haͤlfte von Schiffbrücken uͤber 08 den Rhein wurde ſetzen koͤnnen, welches auch wirk⸗ lich erfolgte. Im Winter zeigen ſie eben ſo ſicher die bald einfallende Kaͤlte an. So bhald eine Kaͤlte be⸗ vorſteht, die ſo ſtark wird, daß es ſchneyet und frieret, ſo bemaͤchtigen ſie ſich entweder der ſchon fertigen Gewebe, wobey es oft hitzige Geſechte unter ihnen ſetzt, oder ſie machen ſich neue, und arbeiten fleißig daran. Disjouval fand aus mehreren aufmerkſamen Beobachtungen, daß faſt durchgaͤngig neun Tage der erſten Bewegung der Spinnen bis zum wirklichen Eintritte der Kaͤlte verfloſſen. Einen auffallenden Beweis von Rich⸗ tigkeit dieſer Beobachtung erhielt er im Jaßse 1793 zu Anfange des Februars. Es war ſchoͤn Wetter, es war warm, kein Anſchein von Kaͤlte war mehr da. Man haͤtte denßen ſollen, daß man von nun an der Oefen gaͤnzlich wuͤrde ent⸗ behren koͤnnen. Aber von Sonnabends den vier⸗ ten Februar ſagte Disjonval laut vorher; daß eine der groͤßten Veraͤnderungen in der At⸗ mosphaͤre erfolgen müßte, weil er außer andern aͤhnlichen Kennzeichen drey Spinnengewebe uͤber einander bemerkte, die Abends zuvor nicht da ge⸗ weſen waren. Und ſieh da! vom neuntken Febru⸗ ar an war Eis, und vom dreyzehnten an waren alle Canaͤle zu gefroren. Nun haͤtte man denken ſollen, der Winter merde damit zu Ende ſeyn: — 48— Disjouval ſelbſt glaubte es, und freuete ſich ſchon genug daruͤber, daß er einer ganzen Stadt. zu einer Zeit, wo ſie es gar nicht mehr erwarte⸗ te, das Zufrieren der Kanaͤle hatte vorherſagen koͤnnen. Es thauete auch wirklich alles auf; agber auf einmahl bemerkte er wider alle Erwartung den acht und zwanzigſten Februar, eine allgemeine Gaͤhrung unter ſeinen Spinnen. Sie liefen hin und her, fingen an emſig zu weben, und griffen einander an. Der Beobachter ſchloß daraus, daß noch etwas Merkwürdiges, und wenigſtens ſehr trockene, wo nicht ſehr kalte Wit⸗ terung eintreten werde. Er ließ dieſe Vermuthung dem erſten Buchhaͤndler in der Stadt, und durch dieſen andern Perſonen mittheilen. Zwey Tage darauf regnete es, und dieſes war nun ſeiner Prophezeihung gar nicht günſtig. Fuͤnf Tage dar⸗ auf regnete es noch immer fort, und die Weiſſa⸗ gung wollte nun gar nicht eintreffen. Disjou⸗ val beobachtete indeſſen immer genau, ſchrieb al⸗ le Tage an den naͤhmlichen Buchhaͤndler, daß er immer noch gewiß an trocknes oder kaltes Wetter glaube. Endlich den achten März fing es an⸗ windig zu werden, den neunten ſchneyete es, und „den zehnten fiel Froſt ein, ſo daß auch die Canaͤ⸗ le wieder zufroren. Der groͤßte Beweis, wie wichtig und zu⸗ verlaͤſſig dieſe Beobachtungen und die darauf ge⸗ ½ gruͤndeten Wetter⸗Prophezeyungen ſind, war die Eroberungen Hollands im Revolutions⸗Krie⸗ ge durch die Franzoſen in dem Winter vom Jahre 1794 bis 1795. Disjouval hatte einen Ge⸗ fangenwaͤrter, der bey dem Aufſtande gegen den Erbſtatthalter von ſeiner Partey war, und daher mit ſeinem Gefangenen weniger ſtreng verfuhr. Durch dieſen konnte Disjouval den Aufrüh⸗ rern, die man damahls in Frankreich und Holland faͤlſchlich Patrioten nannte, bekannt machen, daß ein harter Winter bevorſtaͤnde, wo alle Fluͤſſe und Canaͤle zufrieren würden, ſo daß jede Armee leicht vorruͤcken koͤnnte. Dadurch ſuchte er die Patrioten aufzumuntern, und die Franzoſen zum weiteren Vorrücken anzulocken: denn er konnte ſeine Befreyung aus dem Gefaͤng⸗ niſſe nur dann hoffen, wenn die Franzoſen, die mit den Hollaͤndiſchen Patrioten gemeinſchaftliche Sache machten, die Stadt eroberten. Man kann denken, wie ſorgfaͤltig er ſeine Spinnen beobachte⸗ te. Im Anfange des Decembers erfuhr er zu ſei⸗ nem großen Schrecken, daß die Patrioten ſich an die Partey des Erbſtatthalters ergeben wollten, wodurch auf einmahl ſeine Hoffnung waͤre zer⸗ nichtet worden. Er eilte, durch alle Mittel, die in ſeiner Macht ſtanden, bekannt zu machen, daß ſeine Spinnen arbeiteten, als ob unausbleiblich und ſpaͤteſtens in vierzehn Tage ein ſchrecklicher D —y f 1 1 5 4 3 1 1 — Froſt eintreten ſollte, wo die Franzoſen den Pa⸗ trioten über die zugefrornen Canaͤle leicht zu Huͤl⸗ fe kommen koͤnnten. Man glaubte der Prophezey⸗ hung, ergab ſich nicht, und den neun und zwan⸗ zigſten December war alles ſo gefroren, daß die Franzoſen uͤber alle Canaͤle und uͤber die Waal (einen Fluß) ſetzen, und ſo ungehindert vorruͤcken konnten. Die Gegenpartey ſchmeichelte ſich indeſ⸗ ſen noch damit, daß bald Thauwetter einfallen wuͤrde, weil den zwoͤlften Januar das Waſſer geſtiegen und etwas truͤbe ſey, welches man fuͤr ein ſicheres Kennzeichen des Aufthauens hielt. So gleich ſchrieb Disjouval an den Verfaſſer der Utrechter⸗Zeitung, daß ehe drey Tage ver⸗ gingen, eine noch ſtaͤrkere Kaͤlte als zuvor einfallen wuͤrde. Spinnen prophezeyeten hier viel richtiger als das truͤbe Waſſer. Mittwoche, den vierzehn⸗ ten Jaͤnner erhob ſich der Wind, Donnerstags den fuͤnfzehnten fror es, und Freytags den ſech⸗ zehnten zogen die Franzoſen in Utrecht ein, wodurch der Gefangene aus ſeinem Kerker befrey⸗ et wurde. 3 Er fuhr fort, die Spinnen, die er auf Boͤden und in Kellern auftreiben konnte, ſorgfaͤltig zu beobachten, um den Frangzoͤſiſchen Generaͤlen Nachrichten zu geben, die ihnen bey dieſer kuͤhnen Unſernehmung ſo wichtig waren. Den zwanzigſten —,„„„„„— — 51— Januar fiel ein ſchreckliches Thauwetter ein. Die Generaͤle waren in der verzweifeltſten Verlegen⸗ heit, was aus ihrer hundert tauſend Mann ſtar⸗ ken Armee nebſt der Artillerie werden wuͤrde, wenn das Thauwetter anhielte, die Wege ſchlecht und die Canaͤle offen wuͤrden. Man dachte an einen ſchleunigen Ruͤckzug. Aber Disjouval befrug ſeine Spinnen, und dieſe kuͤndigten Froſt an. Auch ſchickte er ein Paar dieſer Wetter⸗ Propheten an die Franzoͤſiſchen Generaͤle. Man glaubte ihnen; die Weisſagung wurde erfuͤllt, und Holland war durch die Franzoſen erobert. Der Capitaͤn v. Oyenhauſen in Caſſel hat erſt in den letzten Jahren eben ſo genaue Be⸗ obachtungen uͤber die Spinnen angeſtellt. Er beſtaͤtiget alles was Disjouval uͤber dieſelben als Wetterpropdeten ſagt. Nur warnt er die Spin⸗ nen nicht zu fuͤttern, und ſie nicht merken zu laſ⸗ ſen, daß man ſie beobachte, noch weniger, ſie zu ſtoͤren. Je weiter alsdann die Spinne vorn im Netze ſitzt, und je weiter ſie ihre Vorderbeine herausſtreckt, deſte laͤnger kann man auf gutes Wetter rechnen. Je weiter ſie ſich aber mit um⸗ gekehrten Leibe verkriecht, deſto laͤnger dauert das ſchlechte Wetter. Alte Spinnen zeigen es richti⸗ ger an als junge; nur muß man, zufaͤlliger Stö⸗ rungen wegen, mehrere beobachten, am beſten des D 2 1 1 worgens. Trifft man um 10 Uhr die Spinne, beſonders die Kreuzſpinne, im Mittelpuncte des Netzes, dieſes mit den Fuͤßen ruͤttelnd, ſo iſt einer der ſchoͤnſten Tage zu erwarten. 4 Bleyſtift. Scen Sie doch, lieber Vater, ſagte Franz, zweymahl habe ich den Bleyſtift zugeſpitzet, und immer iſt er wieder abgebrochen; wie werde ich dann Linien ziehen koͤnnen? Sey nur nicht vor⸗ eilig, antwortete der Vater, du wirſt beym Zu⸗ ſpitzen zu ſehr niedergedruͤckt haben, und da muß⸗ te er abbrechen. Franz. Gewiß nicht, guter Vater, es ſcheint, als wenn der ganze Bleyſtift aus klei⸗ nen Stuͤckchen beſtaͤnde. Fritzen ging es vor Kurzem eben ſo, die ganze Bleyfeder hat er bey— nahe verſchnitten, bevor er einen ordentlichen Spitz zuwege brachte. Wenn ſie doch die Bley⸗ federn beſſer machten. Der Kaufmann ſollte ſo ein ſchlechtes Staͤbchen gar nicht verkaufen. Vater. Ja, wenn er in das Innere hin⸗ einſehen koͤnnte, ſo wuͤrde er es lieber gar nicht aufen. Doch koͤnnen wohl nicht alle Bley⸗ — 31— federn gut ſeyn: unter guter Ware findet man gewöhnlich auch eine ſchlechtere. Franz. Nun ſo ſollte man nur gute Ware machen. Vater. Iſt wohl eine Feder, die du dir ſchneideſt, immer ſo gut als die andere? Franz. Das wohl nicht. Vater. Nun woran ligt der Fehler? Franz. Manches Mayl an dem Kiele, oft gelingt mir das Schneiden nicht ſo gut. Vater. Siehſt du mein Kind, ſo mag es wohl auch denen gehen, die Blepfedern machen. Franz. Wohl wahr; aber ſagen Sie mir doch, lieber Vater, wie werden die Bley⸗ ſtitte gemacht, ich haͤtte es ſchon laͤngſt gern ge⸗ wußt. Ich brauche ſo oft eine Bleyfeder, und weiß noch nicht einmahl, woher ſie kommen. Vater. Sehr gern, wenn du mir nur auch aufmerkſam zuhoͤren willſt. Sieh die Bley⸗ feder hier an, ſo wirſt du von außen Holz und von innen das Bley bemerken. Franz. Iſt dieſes Innere alſo wirklich Bley? Vater. Nein, es iſt kein eigentliches Bley, ſondern es hat nur⸗in der Furbe eine Aehnlichkeit mit demſelben. Es iſt ein thonarti⸗ ges Mineral, welches man ſchwarzes Bley, engliſch Bley, Seifenbley, Waſſer⸗ bley, Reisbley, Talkblende u. ſ. w. nennt, und in Bergen gefunden wird. Das reinſte und feinſte bricht man in Barromdale in der Grafſchaft Cumberland in England. Das aus andern Gegenden, z. E. das deutſche, wel⸗ ches in Ybs bey Regensburg, bey H af fnerzell und Pfaffenmuth im Lande ob der Enns, bey Boͤhmiſchbrot und Prokop in Boͤhmen gefunden wird, iſt nicht ſo gut und muͤrber. Man findet es in großen Stuͤcken von zehn bis zwoͤlf Pfunden. Aus dieſem werden nun die Bleyſtifte auf eine ſehr einfache Art verfertiget: das Reisbley wird mit feinen Sägen in ſehr duͤnne Taͤfelchen ge⸗ ſchnitten. Aus dieſen ſchneidet man wieder ſol⸗ che viereckigte Stifte, wie man ſte in den Bley⸗ ſtiften findet. Indeſſen hat man ſchon ſolche run⸗ de Staͤbchen, wie bey deiner Bleyfeder, bereit, welche wie eine Rinne viereckig ausgehoͤhlt ſind. In dieſe Rinne wird der Stift ſauber und dicht eingepaßt, und ein viereckigtes Staͤbchen genau darauf geleimt. Dieſes alles kannſt du an deiner Bleyfeder deutlich ſehen. Franz. Da ſollte man doch nicht glau⸗ ben, daß mehrere Stuͤckchen in einer Bleyfeder ſind, wie ich an der meinigen ſchon oft bemerkt habe.— Vater. Dieſes geſchieht wohl oft; denn wenn die Stifte, die man einlegen will, abbre⸗ chen, oder zu kurz ſind, ſo werden kuͤrzere Stuͤ⸗ cke ſo lange dicht daran gelegt, bis die ein gerinn⸗ te Einfaſſung voll iſt. Franz. Nun begreife ich es: aber das kommt mir ſonderbar vor, daß ein ſo duͤnner Bleyſtift, wie der meinige hier iſt, um ſo viel theurer verkauft wird, als die daumendicken, welche die Zimmerleute und andere Handwerker gebrauchen, da dieſe doch augenſcheinlich viel mehr Reisbley in ſich haben als der meinige. Vater. Ich will dir gleich erklaͤren, wo⸗ her das kommt. Die Bleyſtifte, von denen ich bis jetzt geſprochen habe, ſind bey uns zu Lan⸗ de die beſten. Was beym Saͤgen der Stifte abs faͤllt, oder zum Saͤgen nicht geeignet iſt, wird zu Puloer zerſtoſſen, mit Schwefel, oft auch mit Kohlenſtaub vermiſcht, und zu einem Teige ab⸗ geknetet. Dieſer Teig wird gehaͤrtet, und dar⸗ aus werden Bleyſtifte vom geringeren Werthe verfertiget, wie jene der Zimmerleute. Man kann ſie aber von den echten ſehr leicht unterſchei⸗ den, daß ſie beym Zeichnen rauhe und harte Stri⸗ che geben. Sonſt ſind ſie auch daran zu erken⸗ nen, daß, wenn man ſtie ans Licht haͤlt, der Schwefel zu breunen anfaͤngt. Franz. O ja, Vater, ich erinnere mich daß ich mit einem ſolchen Bleyſtifte die Anfangs⸗ buchſtaben meines Nahmens ſchnell an einen glü⸗ — 8 b—— +8—+₰— 1. Go ½ —— 2* 37 henden Ofen geſchrieben habe, und daß ſie wie Feuerperlen geglaͤnzt haben. Aber was war das fuͤr ein Bleyſtift, den der Kraͤmer, dem ſie vor einiger Zeit Bleyſtifte abgekauft haben, am Lichte angezuͤndet hat? Vater. Bey dieſem war nebſt Schweſel auch Harz zugeſetzt, und dieſe brennen wie Sie⸗ gelwachs am Lichte. Das meiſte Reißbley, das man in Deutſchland ſindet, laͤßt ſich ohne beſon⸗ dere Zubereitung zu Stiſten nicht zerſaͤgen. Man zerſtoͤßt es daher, und ſchmelzt es mit dem dritten Theil Schwefel und etwas Harz unter fleißigem Umruͤhren zuſammen. So dann ſchuͤttet man die Maſſe, wenn ſie etwas abgekuͤhlt iſt, auf eine ſteinerne Platte, und druͤckt ſie ſo breit, daß ſie die Geſtalt eines Kuchen annimmt. Wenn ſie hier⸗ auf voͤllig kalt und verhaͤrtet iſt, ſo zerſaͤgt man ſie und faßt ſie in Rohr oder Holz. Wenn man dieſe Bleyſtifte aus Licht haͤlt, brennen ſie mit blaͤulicher Flamme. Franz. Doch Sie haben mir noch nichts von den Eng liſchen Bleyſtiften geſagt, die ſo hoch geſchaͤtzt werden, dieſe ſind gewiß aus Eng⸗ land? Vater. Die Engliſchen Bleyſtifte, die man gewoͤhnlich bey uns unter dieſem Nahmen verkauft, kommen nicht aus England, ſie werden hier zu Lande verfertiget, und ſind eben jene, von denen ich am erſten geſprochen, und die zuvor geſagt habe, daß ſie bey uns die beſten ſind. Freylich gibt es echt Engliſche Bleyſtiſte, die aus England kommen und einen uͤberaus blen⸗ denden Glanz haben. Es iſt aber ſchwer, einen zu bekommen, weil die Englaͤnder wenige daoon usführen laſſen, und das deßwegen, damit er nicht gemein wird, und dadurch ſeinen hohen Preis nicht verliert. Die Reißbley⸗Gruben in Cum⸗ berland ſind einer Geſellſchaft verpachtet, wel⸗ che ſie nur alle 6 bis 7 Jahre oöͤffnen läßt, um dieſes Product in ihrem Werthe zu erhalten, und es ſteht ſogar die Todesſtrafe auf Üübertretung die⸗ ſes Verbothes. Das Ausland erhaͤlt nur bisweilen in Geheim kleine Stuüͤcke dieſes Minerals. Das uͤbrige kommt zerſaͤgt, oder ſchon zu Bleyſtiften verarbeitet heraus. Gewoͤhnlich ſind die Engli⸗ ſchen Bleyſtifte in Cedernholz gefaßt, welches an⸗ genehm riecht und violete Adern hat. Man un⸗ terſcheidet einen echten Engliſchen Bleyſtift von „dem verfaͤlſchten, noch ede man ihn angeſchnitten, ſchon dadurch, daß er ungefähr in der Haͤlfte ein ganz kleines Loͤchelchen hat, zum Merkmahle, daß das Bley nur bis dahin geht. Die ganze uͤbrige Haͤlfte iſt bloßes Holz, daher man auch an einem Ende kein Bley ſieht. Die Spitze feilt man mit einer Feile an, aber auch beym Zuſpitzen mit einem Meſſer zerbricht er nicht. Man pflegt ſie in langen Schachteln zwiſchen feinen Hobei⸗ ſpaͤnnen von Cedernholz zu vier Dutzend in jeder Schachtel zu verſenden. Auf jedem Bleyſtifte iſt das Zeichen, der Nahme und das Probatum des Vefertigers mit einem Eiſen, welches man uͤber der Flamme eines Lichtes heiß macht, gebrannt. Die beyden Reiſenden. E⸗ vornehmer NReiſender ſtieg des Abends in einem Gaſthauſe ab. Um lieber unter Menſchen, als in einem Stuͤbchen allein eingeſchloſſen zu ſeyn, ging er in die Gaſtſtube. Unter der Menge Rei⸗ ſender, die da einkehrten, bemerkte er einen wohl⸗ gekleideten jungen Mann, der auf ſeinen Rei⸗ ſebuͤndel geſtuͤtzt, nachdenkend bey einem Tiſche ſaß. Seine offene Miene empfahl ihn, und ließ auf eine ſchoͤne Seele ſchließen; ſein Blick war ernſt, aber freundlich, und ſein ganzes Aeu⸗ ßeres hatte einen gewiſſen edlen Anſtand, der jun⸗ ge Leute leicht empfiehlt; doch konnte man in ſei⸗ nem Geſichte einen gewiſſen Truͤbſinn leſen, welcher verrieth, daß ihm etwas ſchwer am Herzen liegen müſſe. Der Reiſende naͤherte ſich ihm, und ließ ſich in ein Geſpraͤch mit ihm ein. Der junge Menſch ſprach verſtaͤndig und beſcheiden. Jede Antwort und jede Frage war uͤberdacht, und das Naſeweiſe und Abſprechende, welches bey jungen — 61— Leuten, auch bey ſolchen, die Kenntniſſe haben, ſo oft auffaͤllt, war an ihm nicht zu bemerken, vielmehr ſuchte er ſich immer mehr belehren zu laſſen, als daß er mit ſeinen Meinungen und Ür⸗ theilen voreilig heraus glitſchte. Der junge Mann wurde durch die Unter⸗ redung dem Reiſenden immer intereſſanter; und wenn ſchon ſein Aeußeres jeden fuͤr ihn einneh⸗ men mußte, ſo zwang er gewiß jedem Achtung ab, der ihn naͤher kennen lernte. Der Reiſende, der noch immer viel Niedergeſchlagenheit an dem jungen Manne entdeckte, wollte in ſein Geheimniß eindringen, um, wo möglich, die Urſache des⸗ ſelben zu heben; doch hatte er ſchon ſo viel Ach⸗ tung fuͤr ihn, daß er ſich nicht getraute, ihn darum zu fragen. Nachdem ſie einige Zeit uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde geſprochen hatten, bath der Reiſende den jungen Mann, ihn auf ſein Zimmer zu begleiten, und mit ihm das Nacht⸗ mahl einzunehmen, indem er ſagte, daß er die Zeit wohl nicht angenehmer, als in ſei⸗ ner Geſellſchaft zubringen koͤnnte. Nach eini⸗ gen Entſchuldigungen, und auf das Zudringen des Reiſenden nahm der junge Mann die Einla⸗ dung an, und beyde gingen auf das bereitete Zimmer im erſten Stockwerke. Waͤhrend des Nachtmahles ſuchte der Reiſen⸗ de den jungen Mann immer mehr an ſich zu zie⸗ — 62— hen, um ihn offenherzig zu machen, er hoffte ſeine Umſtaͤnde zu erfahren, ohne daß er ihn dar⸗ um fragen duͤrfte. Endlich fing der junge Menſch alſo an: Ich bin ein Mahler aus Berlin. Mei⸗ ne guten Aeliern haben in meiner Jugend alles aufgewendet, um mich gut zu unterrichten, und mich ſaͤhig zu machen, meinen Lebensunterhalt uf eine anſtaͤndige Art zu verdienen. Ich hat⸗ te Luſt und Anlage zur Mahlerkunſt; die ge⸗ ſchickteſten Meiſter leiteten mich, ich machte Fort⸗ ſchritte, hatte nun hinlaͤngliche Beſchaͤftigung, und verdiente ſo viel, als ich brauchte, konnte auch manchen Nothpfennig meinen Altern geben, und dadurch alte Schulden bezahlen. Beyde leben noch, aber ſie ſind alt und arm. Der Prieg brach im Jahre 1806 aus, die Fran⸗ zoſen uͤberſchwemmten die Preußiſchen Laͤnder, kamen nach Berlin, die Reichen und die Kunſt⸗ freunde, von denen ich doch nur Verdienſt er⸗ warten konnte, flohen; ich war ohne Arbeit, ohne Verdienſt. Das Wenige, was ich eruͤbri⸗ get hatte, war von mir und meinen Aeltern bald aufgezehrt; wir hofften bald Friede, mit demſelben den Abzug der Franzoͤſiſchen Trug⸗ pen und die Ruͤckkehr des Adels und der Rei⸗ chen, von denen Arbert zu hoffen war; aber lei⸗ der iſt ſchon mehr ais ein Jahr verfloſſen— es iſt zwar Friede, aber die Foinde ſind und — 65— bleiben noch im Lande— die Noth iſt am hoͤch⸗ ſten. Nur Leichengeſichter ſieht man allenthalben, ein jeder blickt den andern mitleidig an, und getraut ſich nicht, ihm die Noth zu klagen, weil er weiß, daß er eben ſo elend iſt. Da in Berlin nicht bald noch eine Aus⸗ ſicht auf beſſere Zeiten zu hoffen iſt, beſchloß ich nach Wien zu reiſen, um dort mein Gluͤck zu verſuchen. Ich verkaufte, was ich noch entbeh⸗ ren konnte, um Reiſegeld zu erhalten, ließ mei⸗ nen Altern von dem ſparſam geloͤſeten Gelde ei⸗ nen Nothpfennig zurück, und trat unter tauſend Segnungen derſelben die Reiſe an. Schwer trenn⸗ te ich mich von ihnen, vielleicht— auf immer. Meine Haͤnde werden mich wohl ernähren, aber wovon ſollen meine armen Altern leben? Noth und Kummer werden ſie ins Grab bringen——— Thränen traten da dem jungen Manne ins Auge, und nach einem tiefen Seufzer fuhr er fort: Ich habe jetzt noch koum den halben Weg zuruͤck ge⸗ legt, und ohne die geringſte Ausgabe unnoͤrhig gemacht zu haben, wird mein NReiſegeld bald zu Ende gehen. Sie wiſſen ſelbſt, daß die Theurung allgemein iſt, und daß der Wirth die Zeche des Reiſenden immer nach dem Kleide täxirt, das di⸗ ſer traͤgt. Meine noch uͤbrigen Kleider werde ich verkaufen muͤßen, aber wie werde ich mich dann in Wien zeigen koͤnnen? Almoſen ſuchen? Ha! da ſchandert mir ſchon vor dem Gedanken; nie habe ſch außzer dem vaͤterlichen Hauſe ei inen Haͤl⸗ ler unverdient erhalten, noch viel weniger erbet⸗ telt.— Doch— mich wird die Noth nicht zu Boden druͤcken, aber meine guten Aeltern kuͤm⸗ mern mich. Seyn Sie getroſt, junger Mann, erwieder⸗ te der Reiſende, Mangel und Noth machen uns nur gegen anderes Ungemach feſter, und wo die Noth am groͤßten iſt, dort iſt gewohulich die Huͤl⸗ ◻‿ fe am naͤchſten. Ihre Lage iſt hart, aber eine ſchoͤne Zukunft erwartet Sie. Ich ſelbſt werde das Meinige dazu beytragen, wenn ich in der Kaiſerſtadt anlangen werde. Doch,— Sie wer⸗ den von der Reiſe muͤde ſeyn, ich bin es auch.— Welchen Weg werden Sie morgen nehmen, und wann werden Sie aufbrechen? Ich Zlge der Hauptſtraße, antwortete der junge Mann, mit dem fruͤheſten Morgen, mit Sonnenaufgange bin ich auf den Beinen. Muͤßte ich nicht einen andern Weg einſchlagen, ſagte der Reiſende, ſo wuͤrds es mir ein Vergnuͤgen ſeyn, Sie in meinen Wa⸗ gen zu nehmen. Leben ſie wohl, vielleicht tref⸗ fen wir uns noch auf der Reiſe. Beyde gingen zu Bette. Der junge Mahler war mit Sonnenaufgange auf dem Wege: der vornehme Reiſende fuhr um zwey Stunden ſpaͤter ab. Indeſſen hatte er einen Brief geſchrieben, und in denſelben eine Banknote von fuͤnfhundert Gulden gelegt. Er fuhr den naͤhmlichen Weg, welchen der Mahler gegangen war. Vor der erſten Poſt⸗Station hohlte er ihn auf der Straße ein. Freund, ſagte er, in⸗ dem er den Wagen einen Augenblick halten ließ, hier iſt ein Brief an Sie, und fuhr eilig fort. Der Mahler wußte nicht, wie das zuging, er⸗ brach den Brief, fand darin die Banknote von fuͤnfhundert Gulden mit folgenden Worten.„Ich „befuͤrchtete Sie zu beleidigen, wenn ich Ihnen „perſoͤnlich dieſes Geſchenk gaͤbe. Nehmen Sie „es hin um ein Mittel zu haben, dankbar gegen „Ihrt Pltern zu ſeyn. Reiſen Sie gluͤcklich und „vergnuͤgt.“— Wie verſteinert ſtand der Mahler da, er wollte dem Wagen nachlaufen, um ſeinen Dank abzuſtatten, aber dieſer war ſchon zu weit entfernt. Bittend hob er ſeine Haͤnde zum Him⸗ mel um Gluͤck und Segen uͤber den Mann, der auf die edelſte Art wohlthaͤtig iſt, und nicht ein⸗ mahl Dank dafuͤr will. Er ſetzte ſeine Reiſe fort, und hoffte denſelben noch irgendwo anzutreffen, aber umſonſt. Freudig ſchrieb der junge Mabler dieſen Vorfall ſeinen Aeltern und theilte das Ge⸗ ſchenk mit ihnen. Er kam zu Wien an, fand Beſchaͤftigung und Verdienſt, unterſtützte ſorgfäl⸗ tig ſeine Aeltern, und hat nach einem Auſent⸗ 2 8 S 8 2 22 S — — 8— — 92 S — — ₰ 2 ½ S S ᷣ η = — S ‿ getreten, um dieſe noch einmahl ſehen und um⸗ armen zu koͤnnen. Er lebt jetzt in Berlin, und 2„ erzaͤhlt oft, aber immer mit Ruͤhrung ſeine Rei⸗ ſegeſchichte nach Oſterreich. Spanien. S anien graͤnzt an Frankreich, von welchem es durch hohe Gebirge, die Py renaͤen getrennt iſt, dann an Portugall; auf den übrigen Seiten iſt es durch das Meer eingeſchloſſen. Die Witterung iſt gewoͤhnlich heiß. Doch erfriſchen kuͤhle Naͤchte und die Seewinde die Luft. Der Winter iſt ſehr gelinde; ja es iſt nichts Sel⸗ tenes, die Felder in manchen Gegenden, z. B. in Caſtilien, Valencia und Murcia mitten in den Wintermonathen gränen zu ſehen. Man hat in ganz Spanien keine Oefen, ſondern nur Becken mit Kohlen zur Erwaͤrmung. In einigen Gegen⸗ den beſteht der Winter nur in einem anhalten⸗ den Regen. In einem ſo ſanften und geſunden Clima reifen alle Fruͤchte und Gewächſe fruͤhzeitiger, Früchte und Pflanzen ſind ſchmackhafter; ſelbſt die Kinder lernen fruͤher gehen und ſprechen. Meine jungen Leſer möchten wohl wuͤnſchen in ei⸗ E 2 — 63— nem ſo freundlichen Clima zu wohnen: doch alles Gute und Angenehme iſt nie beyſammen; die goͤtt⸗ liche Vorſehung hat es ſchon ſo eingerichtet; ſo haben auch die Spanier zwey gefaͤhrliche Feinde ihrer Geſundheit. Bey den heißeſten und ſchwül⸗ ſten Tagen erhebt ſich oft ein durchdringend kalter Wind, der aus den rauhen Gehirgen herabwe⸗ het, und den ſie Galliego nennen. Dieſer macht der brennendſten Hitze gaͤhlings ein Ende. Dieſe ſchnelle Abwechſelung iſt der Geſundheit ſehr ſchaͤdlich, und verurſachet gefaͤhrliche Fieber, Ko⸗ liken und Huſten. Ein anderer Wind, den ſie Solano nennen, blaͤſet aus Afrika uͤber das Meer her, und treibt durch zehn bis zwoͤlf Tage die Hitze zu einem ſolchen Grade, daß ſte uner⸗ traͤglich wird. Dadurch entſtehen Melancholie, Schwindel, Entzuͤndungen und Wahnſinn, der im ſuͤdlichen Spanien haͤufig iſt. Spanien iſt gewiß eines der ſchoͤnſten und geſegnetſten Laͤnder. Im Allgemeinen iſt es ſehr gebirgig. Aber zwiſchen den Bergen oͤffnen ſich ſehr ſchoͤne, fruchtbare, ja paradieſiſche Thaͤler. Dieſe reitzenden Ebenen werden von vielen großen und kleinen Flüſſen und Baͤchen durchſchnirten. Nur im Inneren der Gebirgsgegenden gibt es noch weit gedehnte Einoͤden, welche aus Mangel der Bewohner noch nicht bearbeitet ſind. Die Ge⸗ birge ſind ſehr reich an Gold, Silber, Kupfer, Bley, Zinn, Eiſen, an natuͤrlichem Stahl, an Magnet, Queckſilber, Bergzinnober, Spießglas, Kobolt, Wismuth, Ziuk, Gallmey, Waſſerbley, Braunſtein, Arſenik. Doch werden die Bergwerke nicht ſo eifrig gebauet, daß man den groͤßten Nu⸗ tzen daraus ziehen koͤnnte. Selbſt auf Gold und Silber wird wenig ſeit Entdeckung von Amerika gebauet, da ſich die Spanier dieſe edlen Metalle mit geringerer Muͤhe aus dieſem Welttheile ver⸗ ſchaffen konnten. So gar der Fluß Tinto iſt kupferhoͤltig. Sein Waſſer iſt gelb, und kann weder von Menſchen noch Thieren getrunken wer⸗ den. Die Pflanzen, welche damit begoſſen wer⸗ den, ſterben ab, und was man hineinlegt, ver⸗ ſteinert ſich. Der Reichthum des Landes zeigt ſich auch beſonders an edlen und nuͤtzlichen Steinarten. Man findet Diamanten, Nubinen, Topaſe, Ame⸗ thyſte, Kryſtalle, Laſurſteine, Jaspis, Achat und ganze Berge mit ſchönem, rothgeſtreiftem Mar⸗ mor. Steinkohlen, Torf, Bernſtein und Schwe⸗ felgruben ſind auch vorhanden. Salz hat es im Ueberfluſſe. Bey Cordona in Catalonien befindet ſich ein Fels von Steinfalz, der fuͤnfhundert Fuß hoch iſt, und beynahe eine Meile im. Umfange hat. Aus dieſem harten Salze werden Figuren, meiſtens Abbildungen der Heiligen gehauen, und haͤufig verkauft. Hier wachſen alle Arten Getreide von beſter Gattung, auch viel Reiß. Die Zwiebel, eine ge⸗ woͤhnliche Speiſe der Spanier, ſind beſonders groß und ſuͤß. Ihre Kartoffeln ſind ſchmackhafter als die unſrigen: Spanien hat auch noch andere ſehr nützliche Gewaͤchſe. So waͤchſt dort ein bin⸗ ſenartiges Gras, Spartum genaunt, aus deſ⸗ ſen Staͤngeln Stricke, Koͤrbe, grobe und ſelbſt mouſſelin⸗ artige Zeuge verfertiget werden. Der Baumwollenſtrauch, der Kappernſtrauch, das Zuckerrohr und ſpaniſche Rohr befinden ſich dort. Trefflich gedeiht in dieſem Lande der Wein, die Trauben werden hier ungemein groß, ſehr ſuͤß und ſaftig. Viele meine Leſer werden ſchon oft den Malaga, Valdepennas, Neregwein, Dinto de Rota, den Alicante, Malvaſter und andere ſpaniſche Weine nennen gehoͤrt haben. Von die⸗ ſen koöͤſtlichen Weinen wird ſehr viel ins Ausland und zwar, ſo lang er üuber Spaniſches Gebieth geht, in Schlaͤuchen verfuͤhrt, welche, ſo oft es noͤthig iſt, in Fluͤſſe gelaſſen werden, um ihn da⸗ durch friſch zu erhalten. Fuͤr Kinder ſind dieſe Weine viel zu ge ſtig, obwohl ſſe ſüß ſchmecken. Lilles Obſt iſt hier vollſaftiger und ſchmackhafter. Spanien iſt ſehr reich an nützlichen Baͤumen. Die Dehlbaͤnme, Pfefferbaͤume, Korkbaͤume, Ter⸗ p ein⸗ und Maſtirbaͤume, Cedern und Cypreſſen ſiud hier haͤufig. Citronen, Pomeranzen, Mau⸗ deln, Caſtanien und dergleichen Fruͤchte wachſen in Ueberfluſſe. Doch hat dieſes ſo fruchtbare Land Mangel an Bauholz⸗ weil die Waͤlder zu wenig gepfleget werden. Unter den Thieren zeichnet ſich das Spaniſche Pferd an Schoͤnheit„Schnelligkeit und Gelehrig⸗ keit beſonders aus. Maulthiere giebt es hier ſehr viele und beſonders ſchoͤne Eſel. Das Hornvich iſt ſchoͤn, aber nicht zahlreich genug, und dieſes aus Mangel des Futters in einein ſo fruchtbaren Lande, weil die Wieſen nicht gepfleget werden. Um Milch zu haben, wird beſonders in den Ge⸗ birgsgegenden eine ungeheure Menge Ziegen ge⸗ zogen, die in den unbebauten Gegenden doch ſaftreiche Nahrung ſinden. Außer den Hauska⸗ tzen, die hier meiſtens roͤthlich ſind, hat man hier auch zahme Zibetkaten. Stark iſt die Schweins⸗ zucht, und die Spaniſchen Schafe werden wohl meinen Leſern ſchon längſt wegen ihrer feinen Wolle bekaunt ſeyn. Der groͤßte Theil des Ver⸗ mögens des Adels und der wohlhabenderen Leute beſteht in Schafherden, und nicht ſelten haͤlt Ein Guͤterbeſitzer 40 und mehrere Tauſend Schafe. Die Herden ſind den groͤßten Theil des Jahres auf der Weide unter freyem Himmel, und ziehen von einer Gegend in die andere, wo gutes Fut⸗ ter iſt. Der Seide nbau iſt ſehr betraͤchtlich, und es wird jaͤhrlich eine große Menge Seide außer Land verfuͤhrt, welche die inlaͤndiſchen Sei⸗ den⸗Manufacturen nicht verarbeiten koͤnnen. An Wildpraͤt herrſchet Ueberfluß; aber auch Raub⸗ thiere, Baͤren, beſonders Woͤlfe trifft man hier an. Bey ſo vielen nützlichen Thieren giebt es auch viele, welche den Einwohnern zur wahren Plage ſind. Es giebt hier viele Schlangen, un⸗ ter denen auch einige giftige. Laͤſtiges Ungezie⸗ fer giebt es hier in der Menge, das die Menſchen und Thiere bey Tag und Nacht plagt. Die Ta⸗ ranteln, eine Art Spinnen, und die Scorpio⸗ nen bringen den Menſchen ſchmerzhafte und ge⸗ faͤhrliche Stiche bey. Große Heuſchrecken ziehen ſcharenweiſe von einem Orte zum andern, und verwuͤſten ganze Gegenden. Doch ſind wieder die Canthariden oder Spaniſchen Fliegen„die zu Zugpflaſtern,(Viſicatorien) uͤberall verwendet und die Bienen, die hier häufig gezogen wer⸗ den, nuͤtzliche Inſecten. Das ſchoͤne fruchtbare Spanien könnten leicht dreyßig Millionen Menſchen bewohnen, und einſt lebten auch ſo viele in dieſem Lande. Aber ſeit der Entdeckung von Amerika, wo ſo viele in die⸗ ſen fremden Welttheil auswanderten, hat die Bepoͤlkerung ſehr abgenommen. Hierzu trugen die unaufhoͤrlichen Kriege und eine verheerende Peſt unter Koͤnig Philipp dem Fuͤnften Vieles bey. In den neueſten Zeiten war Spanien ſeit dem —.,— Jahre 1807 der immerwaͤhrende Schauplatz ei⸗ nes blutigen Krieges, in welchem die Spaniſche Nation, von den Englaͤndern unterſtuͤtzt, bis zum Aahre 1814 mit edlem Patriotismus gegen den ihr aufgedrungenen Koͤnig Jo ſeph Bonapar⸗ te kaͤmpfte, und mit ſeltener Aufopferung und Tapferkeit das Reich ihrem rechtmaͤßigen Beherr⸗ ſcher Koͤnig Ferdinand VII. wieder eroberte. Dieſer Krieg hat auch die Bevoͤlkerung vermin⸗ dert, ob wohl er als Beyſpiel des Nationalgei⸗ ſtes und der Anhaͤnglichkeit an Monarchen im⸗ mer in der Geſchichte glaͤnzen wird. Gegen waͤr⸗ tig bewohnen beylaͤufig eilf Millionen Menſchen dieſes Land. Der Spanier hat im Allgemeinen ſchwarze Haare, eine bleiche oder olivenfaͤrbige Haut, feu⸗ rige Augen, eine laͤngliche Raſe, er iſt hager, von mittlerer Groͤße, fein und gewandt. Sein Koͤrper iſt dauerhaft, und hohes Alter iſt bey ih⸗ nen gar nicht ſelten. Dagegen giebt es in die⸗ ſem Lande ſehr viele Blinde und Wahnſinnige. Sonſt ſind die Spanier heftig, lieben Vergnuͤ⸗ gen, doch nicht ſehr die Arbeit, ſie ſehen viel auf aͤußeren Glanz und herkoͤmmliche Gebraͤuche, ſie ſiud hochmüthig, prahlen gern, und ſehen nicht ſelten mit Stolz und Verachtung auf andere Ra⸗ tionen herab, ſie ſind talentvoll, tapfer und anhaͤng⸗ lich an ihre Staatsverfaſſung, haben eine ſehr lebhafte Cinbildungskraft, und halten auf Kuͤn⸗ ſte und Wiſſenſchaften. In Spanien wird ſehr allgemein Oehl ſtatt der Butter oder ſtatt des Schmalzes verkocht, welches von dem Mangel an Rindoieh und von dem Ueberfluſſe an Oehlbaäumen herkommt. Der Tagloͤhner und gemeine Mann eſſen Zwiebel, Gemuſe mit Oehl, aber kein Fleiſch. Die Wohl⸗ habenderen bereiten ſich eine Speiſe von gwiebel, Knoblauch, Kartoffeln, Erbſen und vielem Pfef⸗ fer mit Fleiſch, die Porchero genannt, und ſo altgemein gegeſſen wird, daß man ſie fuͤr eine National⸗Speiſe halten kann. Braten ſpeiſen nur die Reichſten, und auch eine ihnen eigene Speiſe, die ſie Ollapotrida nennen, und die eine Art Kopfpaſtete iſt, und aus zuſammen⸗ gekochten klein geſchnittenen Fiſchen, Wurzeln und Kraͤutern beſteht. Ueberhaupt iſt man in Spa⸗ nien bey Tafeln nicht ſo verſchwenderiſch, als die Reichen bey uns. Wie bey uns Kaffeh, ſo wird iu Spanien Chocolade von der mittleren Volks⸗Claſſe taͤglich getrunken. Doch iſt dieſes Getraͤnk fuͤr die Haushaltungen nicht ſo verderb⸗ lich, weil die Chocolade, obwohl ſehr gut, dennoch ſehr wohlfeil iſt. Der Gebrauch des Wei⸗ nes iſt bey ihnen ſeltener, er wird nur von dem gemeinen Arbeiter und) von Auslaͤndern gelrunken. — 7.5— Die Spaniſch National⸗Tracht, welche man häͤufig auf Gemaͤylden findet, ziehe der hoͤchſte Adel nur an, wenn er in den Rath und in die Gerichtshoͤfe geht. Die gewoͤhnliche Kleidung iſt, wie bey uns, Franzoͤſiſch. Doch traͤgt man faſt durchgaͤngig uͤber dieſelbe braune Maͤntel, die bey Vornehmen mit Gold beſetzt ſind; auch tragen dieſe ziemlich allgemein Degen, um ſich von dem gemeinen Volke zu unterſcheiden. Maͤnner und Weiber der Mittel⸗Claſſe tragen uͤber die Haare ein Netz; die Maͤnner bedecken es noch mit ei⸗ nem Hute, der Poͤbel wickelt ſeine Haare in ei⸗ nen Knoten, und bedeckt ſie mit einer Muͤtze von Filz oder von braunem Tuche. Dieſe Haarkno⸗ ten mit der Mutze ſind auch bey dem Morgenan⸗ zuge der Reichen gewoͤhnlich. Die galanten Spanierinnen tragen auch eine Haude, die tief auf den Ruͤcken hinabhaͤngt, und befeſtigen mit einer Diamanten⸗Nadel ein langes weißes Mouſ⸗ ſelin-Tuch am Kopfe, welches an beyden Seiten in zwey Fluͤgeln ſtatt einer Schuͤrze tief hinab⸗ faͤllt. Sie tragen viel Schmuck, und behaͤngen an Sommerabenden die Haare mit leuchtenden Johaunis⸗Käfern. Die Moden veraͤndern ſich bey den Spaniern nicht ſo ſehr, wie bey unſern Stutzern beyderley Geſchlechtes. 3 Die Reichen halten nicht ſo viel auf praͤchti⸗ ge Möbel, als auf koſtbare Geſchirre, häufige Bediente, ſchoͤne Wagen und Pferde. In den Zimmern der Mittel⸗ Claſſe ſieht man nur. Strohſeſſel und einen Tiſch. Eine Lampe dient zur Beleuchtung und ein Kohlenbecken zur Er⸗ waͤrmung. Dieſes heitzt man wegen der Holz⸗ theurung oft mit Nußſchalen; um dieſes ſetzt man ſich rund herum an kuͤhlen Tagen, und erwaͤrmt ſich. Der hohe Spaniſche Adel, die Grandes, leben außerordentlich glaͤnzend. Sein Hochmuth wie ſein Aufwand iſt graͤnzenlos. Seine Tafeln ſind praͤchtig, doch ladet er nie Fremde ein. Die Grandes halten eigene Haustheater, worauf ihre zahlreiche Dienerſchaft ſpielt. Nicht einmahl im Sommer begeben ſte ſich auf das Land, da⸗ her fehlt es auch an ſchoͤnen Schloͤſſern und Land⸗ guͤtern. Dieſes mag auch eine Urſache ſeyn, daß der nutzliche Ackerbau dort zu wenig aufgemun⸗ tert, und ſo ſchlecht betrieben wird. Ueberhaupt lieben die Spanier rauſchendes Vergnuͤgen aller Art. Große Geſellſchaften, Mu⸗ ſik⸗Conzerte, Baͤlle, Theater, Schauſpiele der Gauckler, Seiltaͤnzer, Springer, Kunſtreiter und dergleichen ſind ihre angenehmſten Unterhaltun⸗ gen. Kartenſpiel und Jagd ſind bey Ihnen nicht ſehr beliebt. Aber die Stiergefechte werden in je⸗ der nur mittelmaͤßigen Stadt gehalten. Ein Ade⸗ liger zu Pferd, oder ein gemeiner Mann zu Fuß kaͤmpfet mit einem wilden Ochſen, und ſucht ihn mit der Lanze, mit dem Saͤbel, oder Dolche zu erlegen. Maͤnche Kaͤmpfer werden bey dieſem blutigen Schauſpiele oft ſchwer verwundet. Bey den Abendgeſellſchaften werden die Goͤ⸗ ſte mit gezuckertem Waſſer, mit Chocolade und allerley Backwerke bedienet. Oeffentliche Baͤlle ſind im Lande allgemein verbothen, deſto haͤufi⸗ ger werden ſie in Haͤuſern bey allen Volks⸗Claſ⸗ ſen gegeben. Der Johannis⸗Tag wird mit Mu⸗ ſik, Spaziergaͤngen, die darauf folgende Nacht durch eine allgemeine Beleuchtung, ſelbſt der Kirchthuͤrme gefeyert. Die ainieſe, die Kirch⸗ weihen, die Jahrmaͤrkte ſind Volksfeſte: auch die Faſtnacht wird mit Luſt zarkelten, und von dem gemeinen Volke mit allerley Poſſenſpielen zugebracht. Beſonders laͤcherlich iſt hierbey, daß die Weiber eine ausgeſtopfte Manns Figur in die Luft prehen, welche oft ihnen oder den Zu⸗ ſchauern zum allgemeinen Gelaͤchter auf die Koͤ⸗ pfe herabfaͤllt. Die Haupktſtadt in Spanien iſt Nadrit. Sie iſt auch die Reſidenz⸗Stadt des Königs. Sie iſt mit einer hohen Mauer umgeben, hat 15 Tho⸗ re, 7308 Haͤuſer, 78 Kirchen, 62 Klöͤſter, 22 Hoſpi⸗ taͤler und bey 156,000 Einwohner. Die Stadt iſt groͤßten Theils gut gebauet, die Straßen ſind breit, gut gepflaſtert, des Nachts herrlich erleuch⸗ —44——— „ dem Reichthume, dieſen Ort bewundernswerth zu tet, und werden rein gehalten. Praͤchtige Gebaͤu⸗ de und Verziernugen der Pläͤtze, z. B. Spring⸗ brunnen ſind wenig. Die oͤffentlichen und ſehr ſchoͤnen Spaziergaͤnge liegen am Ende und vor der Stadt. Der vorzuͤglichſte darunter heißt Pra⸗ doz er iſt drey Viertelſtunde lang, und beſteht aus mehreren Alleen, die mit Baͤnken und Spring⸗ brunnen verſehen ſind.— Das praͤchtigſte Gebäude in ganz Spanien iſt San Lorenzoel real del Escorial, ein Hieronymiten⸗Kloſter. Koͤnig Philipp der II. hat es nach einer am 10. Auguſt im Jahre 1557 gewonnenen Schlacht gegen die Franzoſen erbauet. Da die Schlacht am Tage des auf ei⸗ nem Roſte gebratenen heiligen Laurenz gewonnen wurde, ſo erhielt das ungeheure Prachtgebaͤnde auch die Form eines Roſtes. Die Handhabe deſ⸗ ſelben macht die koͤnigliche Wohnung aus. In der Mitte ſteht die nach der Peters⸗Kirche zu Rom erbaute ſehr große Kirche mit 24 Altaͤren, 10 Orgeln und den praͤchtigſten Kirchenſchaͤtzen. Unter dem praͤchtigen Hochaltare befindet ſich das nicht minder praͤchtige Erbbegraͤbniß der königlichen Familie, Pantheon genannt. Die Bibliothek iſt 36,000 Baͤnde ſiark, und ungemein ſchoͤn. Ueberhaupt wetteiferten alle ſchoͤnen Kuͤnſte mit — 2„. — 79— machen. Sein Umfang betraͤgt 8000 Fuß und ſeine Erbauung, welche im Jahre 1563 angefan⸗ und 1584 vollendet wurde, koſtete ſchon zu die. ſer Zeit 5,290,570 Ducaten. — 80— Der Druck der Luft. Kunſtſtuͤck mit ei⸗ nem Glas Waſſer. Frie. Lieber Vater, Sie ſagten mir einſt, Sie wollten ein volles Glas Waſſer umſtürzen, daß kein Tropfen herausfließt. Vater. Das ſollſt du gleich ſehen. Der Vater nahm ein Glas Waſſer, deckte über deſſen Oeffnung ein Blatt ſteifes Papier, druͤckte mit der einen flachen Hand dasſelbe an den Rand des Glaſes feſt, kehrte das Glas um, und hielt das Blatt mit der flachen Hand ſo lange an den Nand des Glaſes feſt, bis das Waſſer in um⸗ gekehrter Lage ruhig ſtand. Hierauf nahm er die Hand ſachte weg, und ſtehe da! das Papier blieb am Glaſe, und das Waſſer in demſelben haͤngen. Das iſt herrlich, ſagte Fritz, aber lie⸗ ber Vater, ſagen Sie mir doch, wie das kommt! das Waſſer drückt mit ſeiner ganzen Laſt auf das Papier, und doch faͤllt keines von beyden herab. i⸗ Das iſt nichts anders, antwortete der Va⸗ ter, als der Druck der Luft, der das Waſſer im Glaſe haͤngend erhaͤlt.— Der Druck der Luft? ſagte Wilhelm nachſinnend, das verſtehe ich wohl nicht, erklaͤren Sie mir dieſes, lieber Vater. Ich muß dich, erwiederte der Vater etwas mehr mit den Eigenſchaften der Luft bekannt ma⸗ chen, ſonſt wirſt du dir dieſes nie erklaͤren koͤnnen. Die Luft iſt eine feine M aterie, die un⸗ ſere ganze Erde umgiebt. Wir ſehen ſie zwar nicht, aber wir ſehen ihre Wirkungen. Blaͤtter und Zwei⸗ ge der Baͤume werden bewegt, ohne daß ſie von irgend einer ſichtbaren Kraft geſtoſſen werden, die Fluͤgel einer Windmühle drehen ſich, ein Schiff mit aufgeſpannten Segeln wird fortgetrieben, uns ſelbſt jagt der Wind oft fort⸗ daß wir Mühe ha⸗ ben, uns auf den Fuͤſſen zu erhalten. Der Wind, der dieſes bewirkt, iſt nichts anders, als wenn je⸗ ne unſichtbare Materie, die wir Luft nennen, in Bewegung geſetzt wird. Wenn du einen Faͤcher, ein Blatt Papier oder dergleichen hin und her be⸗ wegeſt, ſo fuͤhlſt du einen kleinen Widerſtand, bewegeſt du deine Hand gegen das Geſicht, ſo fuͤhlſt du einen Wind, oder die bewegte Luft; du hoͤrſt ein Pfeifen oder Rauſchen, wenn du eine Gaͤrte oder einen Zweig ſchnell berumſchwingſt⸗ welches durch die bewegte Luft verurſochet wird⸗ Obwohl du die Luft nicht ſiehſt, und auch durch die beſten Vergroͤßerungs⸗Glaͤſer nicht ſehen kannſt, ſo begreifſt du doch jegt, daß ſie da ſeyn muͤſſe. Nun wir wollen ſie auch aus ihren Eigenſchaften genauer kennen lernen. Die Luft iſt flüͤßig. Waſſer, Wein, Oehl ſind fluͤßig, weil man die Theile derſelben leicht trennen kann. Du kannſt mit der Hand durch Waſſer, Wein, Oehl leicht durchfahren, und hier⸗ durch den Zuſammenhang der Theile trennen, aber nicht ſo durch Holz, Eiſen, Stein, welche feſte Koͤrper ſind. Die Luft iſt eben ſo fluͤſſig, wir fahren mit der Hand in derſelben leicht hin und her. Die Luft hat aber auch, was du nicht leicht glauben wirſt, eine Schwereund ein Gewicht. Man hat eine NMaſchine, die man Luftpumpe nennt, womit man die Luft aus einem Koͤrper herausziehen kann. Wenn man nun mit dieſer Luftpumpe aus einer hohlen kupfernen Kugel die Luft herauszieht, ſo hat dieſe luftleere Kugel viel weniger Gewicht, als ſie hatte, wie ſie noch mit Luft angefuͤllt war. Aber, ſagte Fritz, wenn die Luft Gewicht hat, ſo muͤßte ich es doch auf der Hand fühlen, wenn ich ſie offen in der freyen Luft halte. Weil Luft uberall iſt, ſo iſt ſte auch rund herum um mich; ich aber fuͤhle nicht, daß ſte ſchwer iſt, Gewicht hat, oder irgend wo durch ihre Schwere auf mich druͤckt. Du haſt Recht, lieber Fritz: aber gehe in die Kuͤche, ſtecke die flache Hand tief in den großen Waſſereimer, und ſag mir, ob dich das Waſſer auf die Hand drückt, und ob du fuͤhlſt, daß das Waſſer, welches auf deiner Hand ligt, ſchwer iſt. Fritz lief hinaus und verſuchte es. Nun haſt du wohl bemerket, ſagte der Vater, daß das Waſ⸗ ſer ein Gewicht hat, wie du in dem Eimer die fla⸗ che Hand aufwaͤrts hielteſt. Fritz. Das kann man nicht merken, wohl aber, wenn ich eine Flaſche Waſſer hereintrage, fuͤhle ich, daß dieſe durch das Waſſer mehr Ge⸗ wicht hat, als wenn ſie leer iſt. Du erinnerſt dich wohl noch, fuhr der Vater weiter fort, als wir vor einigen Tagen im Bade waren, wie du bis an die Schultern im Waſſer ſtandeſt. Haſt du wohl gefühlt, daß das Waſſer auf dich druͤckt, und ſchwer war. Fritz. Nein das nicht. Vater. Und du weißt doch, daß das Waſ⸗ ſer ſchwer iſt. Sieh mein Sohn, dieſes kommt daher, weil das Waſſer ſowohl im Eimer auf deine Hand, als im Bade auf den Koͤrper von allen Seiten gleich druͤckt. So iſt es auch mit der Luft, ſie drückt anf unſern Koͤrper von allen Seiten gleich ſtark, detzwegen fuͤhlen wir den Druck nicht. Hoͤrt aber der Druck von einer Se te auf, F 2 * ſo wird die Schwere ſehr fuͤhlbar. Wenn man zum Beyſpiele zwey hohle metalfene Halbkugeln, die ſehr genau an einander paſſen, an einander fuͤget, und mit der Luftpumpe die Luft aus den⸗ ſelben herausziehet, ſo kann man ſie mit aller Gewalt nicht auseinander bringen: woher mag das kommen? Fritz. Weil die Luft nur von der Außen⸗ ſeite druͤcket, da in der hohlen Kugel kelne darin iſt, die entgegen druͤcken kann. Jetzt kann ich mir Pald erklaͤren, wie es mit dem umgekehrten Gla⸗ ſe Waſſer zugeht. Die untere Luft drückt auf das Papier, und dieſes an den Nand des Gla⸗ ſes feſt an, daß es das Waſſer nicht fallen laͤßt, denn von oben kann die Luft auf das Waſſer nicht gleich ſtark druͤcken, weil der dicke Boden des Glaſes es hindert. Aber ſagen Sie mir doch lieber Vater, weil ich jetzt weig, daß die Luft ein Gewicht hat, wie ſchwer wiegt ſie dann. Vater. Ein Eubik⸗Fuß Luft, d. i. die Luft, welche ein Geſaͤß anfüllen wuͤrde, das ei⸗ nen Schuh hoch, breit und weit iſt, wiegt nur etwas uͤber zwey Loth; dennoch iſt der Druck, den die Luft auf eine gewiſſe Fläche ausuͤbt, ſehr groß. Wir wollen denſelben nachher zu beſtim⸗ men ſuchen. Vorher wollen wir noch eine dritte merkwuͤrdige Eigenſchaft der Luft betrachten, naͤhmlich ihre dehnkraft, Wir bemerken naͤhm⸗ lich an der Luft ein Beſtreben ſich auszudehnen. Wenn man zum Beyſpiele die vordere Oeffnung einer Spritze verſtopft, und den Staͤmpel hinein⸗ treibt, ſo daß die Luft welche ſich in der Roͤhre befindet, dadurch in einen kleinen Raum zuſam⸗ men gedruͤckt wird, ſo treibt ſie, ſobald der Druck nachläßt, deu Staͤmpel wieder zuruͤck. So auch bey jenem Spielwerke, welches du letzthin bey den Bauernjungen geſehen haſt. Sie treiben in ein Stuͤck von einer hohlen Hollunderſtaude, welches etwas uͤber einen halden Schuh lang iſt, mit dem Staͤmpel einen Propfen vem naſſen Pa⸗ piere oder Werg von der oberen Oeffnung bis zum unteren feſt hinein. Dann ſtoßen ſie auf eben dieſe Art einen zweyten Propfen mit dem Staͤmpel ſchnell hinein, und bevor dieſer uͤber die Mitte des Rohres getrieben wird, faͤhrt der erſte mit großer Gewalt und großen Krachen in eine weite Entfernung hinaus. Was mag ihn hinaus⸗ treiben, da ihn weder der andere Propfen noch der Staͤmpel beruͤhrt. Fritz. Gewiß die Luft, die zwiſchen den zwey Propfen iſt, und die durch das Hineintrei⸗ ben des zweyten Propfens, gepreßt wird. Vater. Getroffen; nun dieſe ſucht ſich auszudehnen, und treibt den vorderen Propfen mit ſo vieler Gewalt hinaus. Noch ein anderes Bey⸗ ſpiel, aus dem du deutlich ſehen kannſt, wie die Luft ſich auszudehnen ſucht. Wenn man eine wohl zugebundene zuſammengedruͤckte Blaſe, wo⸗ rin nur noch wenig Luft befindlich iſt, unter die Glocke einer Luftpumpe legt, und nun die Luft aus der Glocke herauszieht, ſo ſchwillt die Blaſe ſtark auf; die wenige darin enthaltene Luft dehnt ſich aus, ſobald der Druck der Luft, die ſie um⸗ giebt, vermindert wird. Fritz. Sie ſagten erſt, daß der Druck, den die Luft auf eine gewiſſe Flaͤche ausuͤbt, ſehr groß iſt, erklaͤren Sie mir dieſes doch deutlicher? Der Vater ging, ohne ein Wort zu ſprechen, ins Nebenzimmer, hohlte eine dritthalb Fuß, oder dreyßig Zoll lange Glasroͤhre von der Dicke eines ſtarken Federkieles, die am obern Ende zuge⸗ ſchmolzen war. Er hielt das zugeſchmolzene En⸗ de unten, fuͤllte dann die Roͤhre mit Queckſilber, verdeckte das offene Ende mit dem Finger, kehrte die Roͤhre um, daß das offene Ende unten war, und hielt ſte ſo uͤber ein darunter geſtelltes Ge⸗ faͤß. Als er nun den Finger von der unteren Oeff⸗ nung wegzog, ſo fiel zwar etwas Queckſilber her⸗ aus, und es entſtand oben am zugeſchmolzenen Ende ein leerer Raum, aber doch nicht mehr als drey Finger breit, oder zwey Zolle: die uͤbrigen acht und zwanzig Zolle der Roͤhre blieben mit Queckſilber gefuͤllt, Nun Fritz, ſagte der Vas ter, wie gefaͤllt dir das? Was haͤlt das Queck⸗ ſilber in der Roͤhre auf, daß es nicht herabfaͤllt? Fritz. Nichts anders als der Druck der Luft. Vater. Aber eben daraus koͤnnen wir die Groͤße des Drucks der Luft abnehmen; wir ſehen, daß dieſer ſo ſtark iſt, daß er eine acht und zwan⸗ zig Zoll hohe Saͤule von Queckſilber tragen kann. Wie hoch muͤßte wohl eine ſolche Waſſerſaͤule ſeyn, die von der Luft getragen würde. Weißt du wohl, wie vielmahl das Queckſilber ſchwerer iſt, als das Waſſer? Fritz. Vierzehnmal, das haben Sie mir ja erſt vor einigen Tagen geſagt. Vater. So iſt alſo das Waſſer auch vier⸗ zehnmal leichter als das Queckſilber, wie hoch duͤrfte alſo die Roͤhre, und in derſelben die Waſ⸗ ſerſaͤule ſeyn, die von der Luft getragen würde. Fritz. Vierzehnmal hoͤher oder dierzehn⸗ mahl acht und zwanzig Zoll— erlauben Sie ei⸗ nen Augenblick—— das macht—— drey hun⸗ dert zwey und neunzig Zoll oder——— zwey und dreyßig Fuß, acht Zoll. Wie hoch iſt die⸗ ſes beylaͤufig? Vater. Mehr als dreymahl ſo hoch als dieſes Zimmer. Fritz. Aber nur eines kann ich nicht recht begreifen: warum bleibt denn nicht bey dem Kunſt⸗ ———————mmmmſſſbbſbſſdd— ſtuce mit dem Glaſe das Waſſer im Glaſe haͤn⸗ gen: wenn man das Papier wegnimmt? Der Druck der Luft bleibt ja doch demungeachtet? Vater. Das kommt daher, weil die un⸗ tere Flaͤche des haͤngenden Waſſers nicht ganz ru⸗ hig horizontal bleibt. So bald nicht in allen Puncten der Gegendruck des Waſſers gegen die Luft gleich bleibt, ſo ſteigt die Luft als die leich⸗ tere Fluͤßigkeit in dem Waſſer in die Hoͤhe, ſetzt ſich uͤber dasſelbe in dem Glaſe, und druͤckt von oben her auf das Waſſer, bis der Druck der Luft von oben und der Druck von unten gleich ſind, und ſich aufheben, da denn das Waſſer ver⸗ mög ſeiner Schwere herabfaͤllt. Fritz. Aber das Queckſilber faͤllt doch nicht aus der Glasroͤhre? Faͤllt wohl das Waſſer aus derſelben auch ſo, wie aus dem Glaſe heraus, wenn kein Papier darunter gehalten wird. Bater. Nein. Du weißt, was ich dir ſchon vorlaͤngſt erklaͤrt habe, daß die Theile des Waſſers an einander haͤngen, ſich anziehen, wie man an zwey nahen Tropfen, die gleich in ein⸗ ander fließen, leicht ſehen kann. Nun dieſes Zu⸗ ſammenhaͤngen der Theile des Waſſers, oder die Cohaͤſion, wie man ſie zu nennen pflegt, iſt bey einer ſo kleinen Oeffnung ſchon hinreichend, die Stelle des Papiers zu vertreten, und eine ruhige zuſammenhaͤngende Flaͤche zu bilden; wo⸗ zu auch beytraͤgt, daß das Waſſer vom Glaſe an⸗ gezogen wird. Wenn man dieſe aber dadurch zer⸗ ſtoͤrt, daß man die Roͤhre ſtark auf und nieder bewegt, ſo faͤllt auch aus dieſer das Waſſer her⸗ aus.— — 90—— Die Kroöoͤten. De Kroͤten ſind fuͤr viele Menſchen ein Gegen⸗ ſtand des Abſcheues; ja einige haben eine ſolche Furcht vor dieſen Thieren, daß ſchon ihr Anblick im Stande iſt, ſie fortzujagen, oder ohnmaͤchtig zu machen; und wenige haben das Herz, ſie an⸗ zufaſſen. Das macht, ſie ſehen garſtig aus, ha⸗ ben etwas Ekelhaftes, Weiches, Schmutziges, Schleimiges an ſich, leben in feuchten, niedrigen unreinen Oertern, haben eine langſame ſchleichen⸗ de Bewegung, geben einen dumpfen traurigen Laut von ſich, und ſind in dem uͤbeln Rufe, daß ſie, wer weiß, wie giftig ſeyn ſollen. Doch alle dieſe Eigenſchaften berechtigen nicht zu dem all⸗ gemeinen Haſſe, womit Unverſtaͤndige dieſe Thiere verfolgen. Man muß ſich vielmehr von Jugend auf an den Aablick derſelben gewoͤhnen, und ſich nicht vor ihnen ſcheuen, da ſie nicht ſchaden koͤn⸗ nen. Die Natur hat ihnen gewiß ihren nuͤtzlichen Platz in der Reihe der erſchaffenen Dinge an⸗ ———Q—ꝛ:————————— ʃ:—— —— — 91— gewieſen, und ſo lichtſcheu ſie gewoͤhnlich ſind, ſo wiſſen ſie doch die Freundſchaft des Menſchen zu erwidern. Der Englaͤnder Arscolt hatte eine Kroͤte, die ſehr zutraulich wurde. Sie hatte ihren Wohnplatz unter einer Treppe im Hauſe. Da man ihr ſorgfaͤltig alle Tage Wuͤrmer, Fliegen, Spin⸗ nen, Kelleraſſeln, und Fleiſch gab, ſo wurde ſie nach und nach ſo zahm, daß ſie alle Abende, ſobald Licht im Hauſe angeſteckt wurde, aus ihrem Schlupf⸗ winkel hervorkam, und gleichſam ihre Nahrung forderte. Sie lebte 36 Jahre in dieſem Hauſe, und hatte durch die reichliche Nahrung eine un⸗ gewoͤhnliche Groͤße erreicht. Zuletzt raubte ihr ein Unfall das eine Auge, woran ſtie ſtarb. Ein glaubwuͤrdiger Naturforſcher, Herr Goͤ⸗ tze in Quedlinburg, verſichert, die Kroͤten, vor denen er ſich ſonſt auch ſcheuete, in der Folge oft angefaßt zu haben, ſo daß er von ihrer Feuchtig⸗ keit beſpritzt, und ſeine Finger durch ihren Schleim verunreiniget wurden; ohne jemahls Ge⸗ ſchwulſt oder ſonſtige Unannehmlichkeiten davon zu verſpuͤren. Ein kleines Maͤdchen habe er ſo dreiſt gemacht, daß ſie die Kroͤten mit bloßer Hand aus ihren Loͤchern heraus nahm, und zwar ohne allen Schaden. Ein anderer Beobachter, Herr Townſon, hat die Unſchaͤdlichkeit dieſer Thiere noch mehr be⸗ ſtaͤtiget. Er ließ ſte ganz vertraulich auf ſeinem — 92— Tiſche herumkriechen, und den Jucker aus ſeiner Zuckerdoſe ſtehlen. Die Feuchtigkeit, die ſte in ei⸗ ner beſonderen Blaſe bey ſich haben, die man ſonſt mit Unrecht fuͤr Gift hielt, iſt nichts anders, als ein reines Waſſer, Herr Towuſon hat es genau unterſucht, und davon gekoſtet. Die Kroͤte kann naͤhmlich nicht ohne Feuchtigkeit leben. Sie trinkt aber nie mit dem Munde, ſondern ſaugt bloß Feuchtigkeit durch die Haut ein. Die⸗ ſe ſammelt ſie in der vorhin erwaͤhnten Blaſe, vielleicht damit ſie Vorrath von Waſſer bey ſich habe, wenn fie von außen keines bekommen kann. Laͤßt man Kroͤten an der trocknen Luft und auf einem trocknen Boden liegen, ſo koͤnnen ſie nicht lange leben, wenn man ſie aber nur auf naſſes Loͤſchpapier ſetzt, oder zuweilen mit einem Pinſel beſtreicht, ſo zieht ſich das Waſſer in die Haut ein, und in der Blaſe ſammelt ſich der Vorrath davon. Das Sonderbarſte an den Kroͤten iſt hr zaͤhes Leben. Man hat mehrere Mahle lebendi⸗ de Kroͤten in Holz und Stein eingeſchloſſen und verwachſen gefunden, die, wer weiß, wie viel Jahre daſelbſt in einer Hoͤhlung, die genau von ihrem Köoͤrper ausgefuͤllet wurde, mochten gelebt haben. Hiervon einige glaubwuͤrdige Beyſpiele. In einem Steinbruche in Schweden wur⸗ de ein Steinblock losgebrochen. Einer der Ar⸗ beiter zerſchlug ihn, und inwendig ſaß eine le⸗ bendige Kroͤte, deren Nuͤcken ſchwaͤrzlich, eiwas gefleckt, der Bauch aber von heller Farbe war; der ganze Körper hatte wie eine Rinde von klei⸗ nen Stuͤckchen Stein. Die Augen waren klein, rund, goldgelb und mit einem zarten durchſichti⸗ gen Haͤutchen bedeckt. Auch die Oeffnung des Mau⸗ les war mit einem gelblichen Haͤutchen verſchloſ⸗ ſen. Man fand unter derſelben ſowohl oben als unten im Maule zwey ſcharfe Zaͤhne. Sie zeigte faſt keine Bewegung, außer, daß ſie die Augen ſchloß, wenn man ſie mit einem Stoͤckchen gelin⸗ de auf den Kopf druͤckte. Als man ſie ſtark auf den Ruͤcken druͤckte, gab ſte ein kaltes Waſſer von ſich, und ſtarb bald darauf, vermuthlich weil ihr die noͤthige Feuchtigkeit mangelte. Man wollte das Stuͤck des Steines, worin ihre Spur abge⸗ druckt war, abſchlagen, aber es zerfiel in Stuͤcke. Im Jahr 1764 wurde in einem Steinbruche in Lothringen eine lebendige Kroͤte in einem Stein⸗ lager fuͤnf und vierzig Fuß unter der Oberfläch der Erde gefunden; und man verſicherte, daß es ſeit dreyßig Fahren die ſechſte ſey, welche man in Stein eingeſchloſſen gefunden habe. Im Jahre 1771 wurde an einem Orte in Frankreich eine Mauer eingeriſſen, wovon man gewiß wußte, daß ſie uͤber hundert Jahre geſtan⸗ den hat. Mitten in dem Mauerwerfe fand man 4 — 94— eine Kroͤte, die zwar nicht mehr lebte, aber allem Anſcheine nach erſt kuͤrzlich geſtorben ſeyn mußte. In einer andern Mauer, die vor mehr als fuͤnf⸗ zig Jahren erbauet war, befand ſich eine noch le⸗ bende Kroͤte. Im Jahre 1719 fand man in der Wurzel eines mannsdicken Ulmenbaumes eine Kroͤte, die nur gerade ſo viel Raum hatte, als ihr Koͤrper einnahm; wie das Holz geſpalten wurde, kam ſie heraus, und ging fort. Man ſah gar keine Spur oder irgend eine Oeffnung, wodurch ſte haͤt⸗ te in das Holz hineinkommen koͤnnen. Im Jah⸗ re 1731 fand man eben ſo eine Kroͤte in einem Eichenbaume. Im Jahre 1780 fand man eine lebendige Kroͤte in einem ſtarken Eichenſtamme, fuͤnfzehn Fuß uͤber der Wurzel dicht verwachſen, ſo daß ſte mitten im Stammholze eingeſchloſſen war. Sie war von der Axt getroffen, bewegte ſich aber noch, und ſchien ſehr alt und matt zu ſeyn. Das Holz war rings umher dicht, und ohne NRitzen und Loͤcher. Im Jahre 1795 am 26. December, als in einem Steinbruche ein großer, dichter Stein geſpalten wurde, fand man in demſelben drey lebendige Kroͤten, zwey große und eine kleine, die in einer laͤnglich runden, inwendig mit einer gelblich braunen Materie lackirten Hoͤhlung bey⸗ ſammen lagen. Sonſt war keine ſichtbare Hoͤh⸗ lung in dieſem Steine, auch war nicht die min⸗ deſte ſichtbare Spur von einer Verbindung dieſer Hoͤhlung mit der aͤußern Luft, und der Stein nahe um ſie herum war eben ſo hart, als an den uͤbrigen Stellen. Sie wollten ſehr ungern aus ihrer Hoͤhle heraus, wo ſie, wer weiß, wie lange mochten beyſammen geſeſſen haben; wenn man ſie heraus gejagt hatte, ſprangen ſie immer wieder hinein. Als man ſie endlich noͤthigte, auf das benachbarte Gras zu ſpringen, ſo huͤpf⸗ ten ſte munter umher, und ließen ſich ſchwer bey⸗ ſammen halten. Nach Verlauf einer halben Stunde waren ſie alle todt. Derley Faͤlle veranlaßten einen franzöſiſchen Naturforſcher, Herrn Heriſſan, folgenden Verſuch mit dieſen Thieren anzuſtellen. Er nahm den 21. Hornung 1771 drey lebendige Kroͤten; ſchloß ſie in ein Kaͤſtchen und bedeckte ſie an al⸗ len Seiten mit naſſem dick aufgetragenen Gyrs, doch ſo, daß jede von der andern getrennet, und in einer eigenen Hoͤhlung war. Der naſſe Gyps, wie jeder weiß, ſtockt, und wird hart, daß kei⸗ ne Feuchtigkeit durchdringen kann. Den 8. April 1774— alſo über drey Jahre nachher— oͤff⸗ nete er das Kaͤſtchen, und fand die in der mit⸗ telſten Hoͤhlung todt, vermuthlich weil ſie die — 96 2 größte und zu ſehr eingeengt war; die beyden andern aber lebten und befanden ſich wohl. Herr Boſe ſchloß Kroͤten auf dieſelbe Art in Gyps ein, er fand aber vier davon nach acht Tagen todt; daß die beyden andern lebten, davon waren Offnungen die Urſache, durch welche die aͤußere Luft Zugang hatte, die man aber von au⸗ gen nicht ſah. Er ſchloß hieraus, daß eine Kroͤte, ob gleich lange hungern, doch nicht lange ohne Luft leben kann. Er zieht obige Erzaͤhlungen in Zweifel, und glaubt man habe ſich durch den Schein taͤuſchen laſſen. Meine lieben Leſer werden ſelbſt die Fragen aufwerfen: Wie ſind die Thie⸗ re in den Stein, in das Holz hinein gekommen? Wielange moͤgen ſie darin gelebt haben? W 0⸗ von mögen ſie gelebt haben? In der That lau⸗ ter Naͤthſel, die aber andere Naturkundige auf folgende Art löſen. 1 Das erſte Raͤthſel: Wie ſind ſie in den Stein oder in das Holz hineingekommen? laͤßt ſich wohl kaum anders als ſo erklaͤren: das Ey, aus wel⸗ chem die Kroͤten entſtehen, kam zufaͤlliger Weiſe in die Materie des Steines, als dieſer noch weich war, oder in den Baum, als er anfing, aus dem Kerne zu wachſen. Aus dieſem Eye entwi⸗ ckelte ſich nach und nach die Kroͤte, ais ſich die Maſſe, von der ſie umgeben war, noch ausdeh⸗ nen ließ.. ——˖˖QO—OOᷓʒñ⁊OʒůʒBA·A 2y2— ———2 Bey dem Steine koͤnnte man zwar auch an⸗ nehmen, die Thiere ſeyn ſchon erwachſen gewe⸗ ſen, als ſie von der noch weichen Maſſe, die nach⸗ her zu Stein erhaͤrtete, eingeſchloſſen wurden; aber dieſe Erklaͤrung ſcheint ſich wohl nicht bey dem Holze anwenden zu laſſen. Aber was laßt ſich nun auf die zweyte Fra⸗ ge antworten: Wie lange haben die Thiere da in ihren Loͤchern geſeſſen? Doch wohl ſchon von der Zeit her, da der Stein noch weiche Maſſe war, und der Baum erſt anfing, hart zu werden. Wenn man nun bedenkt, daß eine Eiche wohl hundert und mehrere Jahre braucht, um zu einem dicken Baume heran zu wachſen, ſo muß man uͤber das Alter dieſer Thiere erſtaunen. Kann es wohl moͤglich ſeyn, daß ſie vielleicht hundert und noch mehrere Jahre ohne Bewegung in ihrem engen Lo⸗ che ſollen geſeſſen haben, ohne ihre Fuͤße zum Gehen, ihr Maul zum Freſſen, ihre Augen zum Sehen gebrauchen zu koͤnnen, und doch kann man faſt nichts anders vermuthen. Merkwuͤrdig iſt es dann auch nebenher, daß ſie, ſo bald ſie aus dem Loche herauskamen, ſogleich ihre Fuͤße zu gebrau⸗ chen und fort zu laufen wußten, da ſie doch ſo lange ohne alle Bewegung waren. Die dritte Frage: wovon moͤgen dieſe Thie⸗ re gelebt haben? wuͤrde, wenn man mit den bey⸗ den vorigen aufs Reine waͤre, wohl die wenigſte 3 Schwierigkeit haben. Man koͤnnte antworten: Von der Feuchtigkeit des Holzes oder Steines, in dem ſie eingeſchloſſen waren. Denn die Stei⸗ ne, worin ſie geſunden wurden, waren ſolche, welche das Waſſer ſtark an ſich ſogen. Daß in den Felſen tief unter der Oberflaͤche der Erde Waſſer ſey, ſieht man in den Gruben der Berg⸗ werke, und meiſtens mehr als man wuͤnſcht. Im gruͤnen Holze kann es ihnen auch nicht an Feuch⸗ tigkeit fehlen. Ein Franzoͤſiſcher Naturkuͤndiger erklaͤrt es ſo, daß die Kroͤten ſehr langſam verdauen, und daß ſie ihre Haut, die ſie zu gewiſſen Zeiten abwer⸗ fen, ſelbſt wieder verzehrten und ihr Leben dadurch erhielten. Hier folgen noch ein Paar Geſchichtchen, welche doch meine junge Leſer etwas mißtrauiſch gegen die Kroͤten machen werden, wenn ſie auch Goͤtze und Towuſon fuͤr ganz unſchaͤdlich erklaͤ⸗ ren wollen. Beſonders werden ſie auf der Huth ſeyn, daß ihre Lieblingshunde keine verſchlucken. Im Jahre 1794 fand ein Hund in einem Gemuͤſegarten eine gemeine Landkroͤte mit Waͤrz⸗ chen auf dem Nuͤcken und mit rothen Augen. Er fiel uͤber ſie her, zermalmete ſie vor den Augen ſeines Herrn mit den Zaͤhnen, und verſchluckte ſte. Gleich bekam er ein Zucken und Klappern der untern Kinnlade, und ein weißer Schaum floß ibm aus dem Munde. Er wurde traurig, fraß und trank nichts mehr, und am dritten Ta⸗ ge ſtelleten ſich ſchon Zeichen der Hundswuth ein. Man legte ihn an Ketten, und da er am vierten Tage noch deutlichere Zeichen der Wuth an ſich hatte, tödtete man ihn. Das Jahr darauf fand ein anderer Hund nach einem Regen auf der Wieſe ebenfalls eine gemeine Landkroͤte. Er griff ſie an, zerfleiſchte ſie mit den Zaͤhnen, verſchlang ſie aber nicht. Unmittelbar darauf bekam auch dieſer Hund je⸗ nes krampfartige Klappern an dem untern Kinn⸗ backen; ein weißer Geifer floß ihm gleichſam ſpru⸗ delnd eine Viertelſtunde lang aus dem Mau⸗ le. Darauf brach er einen weißen ſchaͤumenden Schleim, und zeigte ſich ganz muthlos und ſcheu. Durch einige angewandte Mittel wurde indeſſen der voͤlligen Wuth vorgebeugt. Vielleicht waͤre er ohnehin nicht ganz toll geworden, weil er die Kroͤte nicht verſchluckt, ſondern nur zerriſſen, und ſich gleich darauf heftig erbrochen hatte. Dieſe Thatſachen verleiteten einen Naturforſcher im Jahre 1809 zu Feldkirch im Veralbergi⸗ ſchen den Verſuch mit ſeinem Pudel zu machen. Er fraß die Kroͤte, aber nach vier Tagen hatte er alle Anzeigen der Waſſerſcheu, und mußte er⸗ ſchoſſen werden. Herr We zu Totis ging mit ſei⸗ ner Dogge an einem Sommer⸗Tage 1815 in ſein G 2 gewoͤhnliches Koſthaus. Der Hund fand eine und fraß ſie ſtuͤckweiſe auf. Noch am naͤhmli⸗ chen Tage verlor er alle Munterkeit, und am drit⸗ ten Tage wurde er von der Wuth befallen. Bemerkens werth iſt es, daß die Hunde nur die lebendigen Kroͤten ſpeiſen, nie eine todte; auch daß ſo leicht kein Jagdhund, noch weniger aber die Windhunde eine Kroͤte verzehren. Auch hat man Beyſpiele, daß Hunde die ſo genannte Feu⸗ erkroͤte(Bombina) ohne den geringſten Nach⸗ theil auffraßen. Landkroͤte, ſpielte einige Minuten mit derſelben, —— 4— — — 101— Siegellack. L udwig. Sagen Sie mir doch, lieber Vater, woher kommt es denn, daß das Siegellack mit dem ſie den Brief verſtegeln, ſo helle brennt? Vater. Weil guter Gummilack und reiner Terpentin dabey iſt. Ludwig. Gummilack, Terpentin? lieber Vater, dieſes alles kenne ich nicht. Sie erklaͤ⸗ ren mir ſo gern, was ich nicht verſtehe. Sagen Sie mir, ich bitte, was Gummilack und Terpen⸗ tin iſt. Vater. Gummilack oder Schell⸗ Lack, auch Gummi Laccae iſt das Harz eines Oſtindiſchen Baumes. Du haſt wohl auch ſchon in unſerm Garten geſehen, daß die Kirſchbaͤume Apricoſen⸗ und Zwetſchkenbaͤume Harz ausſchwi⸗ tzen. Das Harz, welches jener Oſtindiſche Baum ausſchwitzt, iſt ganz braunroth und wenig durch⸗ ſichtig, es hat keinen Geſchmack, und brennt am Lichte. Man hat davon dreyerley Gattungen, feines oder ganz gereinigtes, mittleres oder halb⸗ gereinigtes, und ſchlechtes oder ganz unreines. Fe nachdem das Siegellack feiner, mittlerer oder ſchlechter werden ſoll, nimmt man von dieſen Gattungen Gummilack. Terpentin iſt ein bleichgelbes, etwas durchſichtiges und hartes Harz. Der feinſte kommt von dem Aſiatiſchen Terpentin⸗Baume; der naͤchſt beſte iſt der Ve⸗ nezianiſche, den man aus den Tannen⸗Nadeln auskocht, und der gemeine iſt jenes Harz, das die Fichten und Tannen ausſchwitzen. Ludwig. Ich erinnere mich, daß wir vor einiger Zeit im Tannenwalde einen Mann angetroffen haben, der dieſes Harz von den Baͤu⸗ men ſammelte. Es giebt ja aber auch Terpen⸗ tin⸗Oehl, mit dem die Mutter letzthin die Fle⸗ cke aus meinem Mantel ausputzte, wie ich mit demſelben an die neu angeſtrichene Thuͤr ſo an⸗ ſtreifte, daß die Oehlfarbe allenthalben daran häͤngen blieb. Vater. Dieſes Harz, welches man an den Fichten und Tannen ſammelt, wird in einem Gefaͤße, welches mit einem tief hohlen Deckel bedeckt iſt, der ſich in eine herabgebogene Roͤhre endet, am Feuer geſchmolzen. Das Fluͤſſige ſteigt in Duͤnſten in die Hoͤhe, ſetzt ſich in den Deckel an, traͤufelt durch die Noͤhre heraus, wird in einem Gefaͤße aufgefangen, und iſt Ter⸗ pentins Oehl. Was in dieſem Gefaͤße, das man gewoͤhnlich Kolben nennt, zuruͤck bleibt, wird, ſo lang es noch fluͤßig iſt, in höl⸗ zerne Geſchirre gegoſſen, es erhaͤrtet, wenn es kalt wird, und iſt Colofonium oder Gei⸗ genharz, welches, wenn man es ſtatt des Ter⸗ pentins zum Siegellack ſetzt, macht, daß dieſes am Lichte ſchwarz brennt. Ludwig. Woher kommt denn aber die rothe Farbe des Siegellacks. Vater. Man miſcht Zinnober oder Mennig unter das Harz und Gummilack. Zin⸗ nober wird in Bergen gegraben, und iſt nichts anders, als eine Vermiſchung des Schwefels und Queckſilbers, welche Vermiſchung die Natur im Inneren der Berge bewerkſtelliget. Man kann aber auch künſtlichen Zinnober bereiten, deſ⸗ ſen rothe Farbe noch ſchoͤner, als die des natuͤr⸗ lichen iſt. Man reibt und miſcht Schwefel und lebendeges Queckſilber miteinander, erhitzt die Maſſe beym Feuer ſo lange, bis ſie in die Hoͤhe ſteigt, und der Zinnober iſt fertig. Ludwig. Nun begreife ich, warum ſie mir ſo oft verbathen, den Pinſel, der in Zin⸗ nober getaucht war, abzulecken, welches ich beym Illuminiren einige Mahle that.— Was iſt denn aber Mennig? — 104— Vater. Mennig iſt eine rothe Farbe, die aus Bley bereitet wird, aber nicht ſo fein und koſtbar als Zinnober iſt. Nun werden wir bald alle Beſtandtheile des Siegellacks haben. Kreide wird auch dazu genommen, damit die uͤbrigen Materialien nicht zu leicht brennen und fluſſig werden. Ludwig. Sagen Sie mir nun auch, wie Siegellack bereitet wird. Vater. Je nachdem man eine Art Siegel⸗ lack machen will, waͤhlt man die Materialien dazu fein oder ſchlecht. Zum Beyſpiele: zum ſchlechten nimmt man Mennig ſtatt Zinnober, ſchlechtes Gummilack, Kolofonium und unreinen Terpentin. Zu den feinen Arten nimmt man ver⸗ haͤltnißmaͤßig eine groͤßere Portion feiner Mate⸗ rialien. Zu dem ſchoͤnen feinen Siegellack, wo⸗ von das Pfund zwey Gulden koſtet, nimmt man 16 Loth Schell⸗Lack 12 Loth Venetianiſchen Terpentin, acht Loth Zinnober, vier Loth feine Kreide, und ein halb Loth Storax, welches ein wohlriechendes Harz iſt. Das Gummilack wird zu Pulver geſtoſſen, und zuerſt mit Terpentin ſo lange in einem feuerfeſten Tiegel im Feuer ge⸗ halten, bis die Maſſe keine Blaſen mehr gibt. Alsdann werden Farbe und Kreide, welche letztere fein geſtebet ſeyn muß, dazu gethan, die Maſſe wird fleißig umgeruͤhrt, daß ſich alle Theile gleich ₰ 82 X und innig vermiſchen, und ſo lange im Feuer fluͤ⸗ ßig erhalten, bis ſie ſo dick iſt, daß ſie ſich in Fa⸗ den ziehen laͤßt. Dann wird mit einem eiſernen Loͤffel ſo viel Maſſe heraus genommen, als man zu einer Stange braucht, und auf eine Kupfer⸗ oder Marmorplatte gelegt, die in einem Tiſche eingeſetzt iſt, und durch ein darunter ſtehendes Becken mit Kohlen gelind erwaͤrmet wird. Hier laͤßt man ſie ſo abkuͤhlen, daß man ſich die Finger nicht ver⸗ brennt. Man nimmt dann den Glaͤtter, das iſt, ein Bret aus hartem Holze, welches oben einen Handgriff und unten eine Stahl⸗Platte hat, und wäͤlzt mit demſelben das Siegellack auf der Plat⸗ te ſo lange hin und her, bis die Stange durch⸗ aus gleich iſt, und die Laͤnge des Glaͤtters hat. Andere haben auch Formen aus Gyps, die ſechs und mehrere Oeffnungen haben, die ſo groß und ſo tief als eine Lackſtange ſind: in dieſe gießen ſie die noch flüſſige Maſſe, und laſſen ſie darin erkalten. Durch das Walzen wird die Farbe matt. Deßwegen haͤlt man die Stangen uͤber ein gelindes Kohlenfeuer, bis ihre Oberflaͤche ſchwitzt, wodurch ſie glaͤnzend wird. Dann wird der Nah⸗ me des Verfertigers, gewiſſe Zeichen und Wap⸗ pen mit einem heißen eiſernen Staͤmpel darauf gedruckt. 8 Ludwig. Nun verſtehe ich alles wohl. Aber wie kann man das gute Siegellack von dem — 106— ſchlechten unterſcheiden? Es koͤnnte ſich wohl tref⸗ fen, daß ich einſt eines kaufen muͤßte. Vater. An ſicherſten iſt es, wenn man das Siegellack gleich beym Lichte probirt. Es muß nach dem Siegeln eine lebhafte glaͤnzende Farbe haben, beym Siegeln keinen widrigen Ge⸗ ruch geben, hell brennen, leicht fluͤßig werden, und ſich feſt mit dem Papiere verbinden. Ludwig. Ich habe aber auch ſchon Siegel⸗ lack geſehen, welches beym Siegeln beſonders gut riecht. Vater. Zu dieſem iſt viel Storax, Bern⸗ ſtein, Moskus und andere derley Wohlgeruͤche zugeſetzt; ſie ſind aber kein noͤthiger Beſtandtheil. Ludwig. Auch haben Sie den letzten Brief mit der Nachricht von dem Tode ihres Freundes ſchwarz verſtegelt erhalten, wie wird dieſes Siegel⸗ lack berettet? Vater. Man nimmt ſtatt der rothen Far⸗ be Kienruß oder Frankfurter⸗Schwaͤrze zu den uͤbri⸗ gen Beſtandtheilen. Bey dieſem Siegellack darf viel Kolofonium ſey. Man macht auch noch gruͤ⸗ nes Siegellack, wozu Gruͤnſpan, nebſt etwas wenigem gelben Wachs und Bernſtein, oder Gum⸗ migut, goldbraunes, wo Goldſchaum, blaues, wo Ultramarin und dergleichen ſtatt der rothen Farbe zugeſetzt iſt. — 2 Ludwig. Iſt es wohl ſchon lange, daß man das Giegellack zu verfertigen erfunden hat? Warum nennt man es auch Spaniſches Wachs? Vater. Man glaubt, daß unſer jetziges Siegellack um das Jahr 1550 erfunden worden iſt. Man nannte es damahls ſchon Spaniſches Wachs, vielleicht ſeiner Neuheit wegen, denn alles, was jemanden fremd oder ſelten vorkam, nannte man damahls Spaniſch, oder man wollte dieſes neue Product mehr empfehlen, wenn man es fuͤr auslaͤndiſch ausgab, oder der Gebrauch desſelben wurde in den Spaniſchen Niederlanden zuerſt eingefuͤhrt. Vor Erfindung des Siegellacks ſiegelte man auf verſchiedene Art. Die Morgen⸗ laͤnder faͤrbten ihren Siegelring mit einer„ ſchwarzen Farbe, und druͤckten ihn auf Briefe und Urkunden. Dieſes thun auch jetzt noch viele, um die Ausgaben fuͤr Siegellack zu erſparen. Man bediente ſich ſpaͤter, beſonders um Briefe zu ver⸗ ſtegeln, einer Art Thon, die man Siegelerde nann⸗ te, in der Folge aber ſiegelte man mit Wachs, welches verſchieden gefaͤrbt wurde, mit geſchmolze⸗ nen Metallen, mit Kleiſter, mit Oblaten, und endlich erſt mit Siegellack. Die Siegel von Wachs waren bey Urkunden meiſtens in Kapſeln einge⸗ druͤckt, um ſie vor Beſchaͤdigungen zu ſichern. — 108— Der Geburtstag. 4 M. ritz, der Sohn eines Land ⸗Edelmannes, war ein munterer und lebhafter Knabe, aber er war auch fleißig, gutgeſittet und beſonders mit⸗ leidig gegen Arme. Mehr als die Haͤlfte ſeines Taſchengeldes theilte er unter die Nothleidenden, wußte immer den Duͤrftigſten zu waͤhlen, und gab am liebſten, wenn er von niemanden be⸗ merkt wurde. Es kam ſein eilfter Geburtstag. Da gab es Gluͤckwuͤnſche von allen Seiten und Angebinde in der 2 renge, worunter von ſeinen Aeltern und Grobaͤltern anſehnliche Geſchenke an Geld waren; denn dieſe wußten, daß er immer einen guten Gebrauch davon machen wuͤrde. Moritz war froh und vergnuͤgt. Ha! dachte er, mein Lehrer ſagte mir erſt geſtern: nur der feyert ſeinen Geburtstag recht, der an demſelben anfaͤngt, weiſer und beſſer zu werden. Alles bereitet mir heute Vergnuͤgen und Freuden, auch ich will andere froͤhlich machen. Waͤre nur r. F — 109— Georg, der Sohn unſers Gaͤrtnergeſellen, mein Spielgeſellſchafter bey mir, wie gern wollte ich mein Vergnugen mit ihm theilen. Aber er ligt krank zu Hauſe. Er und ſein Vater ſind elend: ein gefaͤhrliches hitziges Fieber haͤlt ſie ſchon drey Tage im Bette. Werden ſie ſich wohl pflegen kön⸗ nen? Der Vater kann nichts verdienen, weil er krank iſt, und die Mutter wird wohl auch das Taglohn nicht arbeiten koͤnnen, weil ſie die Ih⸗ rigen pflegen muß. Niemand iſt der Huͤlfe wuͤr⸗ diger, als dieſe guten, braven Leute.— Eilig ging er in ſein Studier⸗Stuͤbchen, nahm eine Banknote von fuͤnf Gulden, ſchloß ſite in ein Billet, verſiegelte dieſes, uͤbergab es einer alten Kindeswaͤrterinn, die er, weil ſie ihn erzogen hat⸗ te, ſehr liebte, und oft zu ſolchen wohlthäͤtigen Handlungen brauchte; er geboth ihr ſtrenges Stillſchweigen, und ſchickte die Gabe dem kran⸗ ken Gaͤrtnergeſellen. In dem Billete verſprach er ihm, daß er ſeiner noch ferners gedenken wolle. Dankbar hoben die Kranken, als ſie die wohlthaͤ⸗ tige Gabe erhielten, ihre matten Haͤnde gegen Himmel, und bathen um Gluͤck und Segen fuͤr den braven jungen Herrn. Thraͤnen benetzten ihre blaſſen Wangen, und mit geruͤhrten Herzen ließen ſie ihm tauſend Dank ſagen. Moritz war damit noch nicht zufrieden. Er ging zu ſeiner Mutter, und bath ſie, ihm nur eine Bitte am Geburtstage gewiß zu gewaͤhren. Die Mutter verſprach es ihm, weil ſie meinte, daß er nichts Unvernunftiges oder Schädliches be⸗ gehren koͤnnte. Da bath er ſie, den Arzt des Dorfes zu den zwey Kranken zu ſchicken, die Arze⸗ ney fuͤr ſie zu bezahlen, und die noͤthigen Speiſen, die ihnen dieſer etwa erlauden wuͤrde, zu reichen. Sorgfaͤltig aber verſchwieg er die Gabe, die er ihnen ſchon geſchickt hatte. Die Mutter war uͤber dieſe Bitte erfreuet, und da ſie ihm dieſelbe nie abgeſchlagen haͤtte, ſo gewaͤhrte ſie ſie ihm am Geburtstage um deſto lieber. Moritz erkun⸗ digte ſich taͤglich um die Kranken; er war ſehr be⸗ ſorgt, daß ihnen Suppe und andere Speiſen, die der Arzt erlaubt hatte, zur rechten Zeit geſchickt wurden, und unterließ nicht, ihnen woͤchentlich eine Gabe von ſeinem Spargelde durch die alte Waͤrterinn zu reichen. Mor itz erfuhr mit Ver⸗ gnuͤgen, daß ſich die Krankheit beſſerte. Die Kranken genaſen allmaͤhlig, und nach drey Wo⸗ chen konnten ſie ſchon das Zimmer verlaſſen. Es war an einem Sonntage. Moritz war recht munter und vergnügt. Er ſpazierte eben mit ſeiner Flinte im Zimmer auf und ab, und ſeine gute Mutter ſpielte ihm den Marſch auf dem Piano⸗Forte dazu, als der Gaͤrtnergeſelle mit ſeinem Sohne in das Zimmer trat.„Guter jun⸗ ger Herr!“ ſagte da der Kleine, daß wir noch — 111— dieſes Zimmer betreten koͤnnen, haben wir naͤchſt Gott Ihnen zu danken. Unſer erſter Gang war in die Kirche, um Gott fuͤr unſere Geneſung zu danken, den zweyten Dank muͤſſen wir Ihnen ab⸗ ſtatten.„Wir wiſſen alles“, fuhr der Vater weiter fort,„Sie gaben ihrer Mutter zuerſt von unſerer Krankheit Nachricht, und Sie, gnaͤdige Frau, obwohl ſie Nothleidende immer gern unterſtüͤ⸗ tzen, haben es gewiß noch viel lieber auf die Bit⸗ te Ihres guten Sohnes gethan. Tauſend Dank Ihnen und dem guten Kinde. Aber das wiſſen Sie vielleicht nicht, gnaͤdige Frau—— mir ligt es auf dem Herzen, ich ſollte zwar nicht— aber ich muß es ſagen—— Ihr lieber, guter Sohn hat ſein Angebinde am Geburtstage mit uns Armen getheilt, und jeden Sonnabend eine reichliche Ga⸗ be uns zugeſchickt. Gott ſegne ihn dafuͤr; Sie gnaͤdige Frau hat Gott ſchon geſegnet, da er ih⸗ nen einen ſo guten Sohn gab.“ Moritz, der ſchon vorher dem Gaͤrtnerge⸗ ſellen durch Zeichen Stillſchweigen befohlen hat⸗ te, erroͤthete, wie das Geheimniß entdeckt wur⸗ de. Die Mutter aber ſchloß den guten Sohn in ihre Arme, druͤckte ihn geruͤhrt an das Mutterherz, und ſagte:„Gutes Kind, fahre ſo fort, Mitlei⸗ den mit dem Elende Anderer zu haben, und es zu lindern, wo du kannſt, ſo wird Gottes Segen mit dir ſeyn.“ Der Sohn verſprach es. Der — 112— Gaͤrtnergeſelle und ſein Sohn gingen frohes Mu⸗ thes nach Hauſe, und wenn ſie je ihrer Herr⸗ ſchaft zugethan waren, ſo dienten ſie ihr jetzt mit aller Liebe und allem Fleiße. Moritz wuchs mit menſchenfreundlichen Geſinnungen und guten Hand⸗ lungen zum edlen Manne heran. Er konnte dadey immer froh ſeyn, er wurde von Allen geliebt und geachtet. Als er in den Beſitz des vaͤterlichen Erb⸗ gutes kam, ſpendete er Wohlthaten auf allen Sei⸗ ten, und ſuchte die Duͤrftigen auf, um ihnen Huͤl⸗ fe zu reichen. Man nannte ihn den Vater der Armen, und nur dann legte er ſich vergnuͤgt zu Bette, wenn er an dem Tage eine wohlthaͤtige Handlung verrichtet hatte. Er lebte bis ins Grei⸗ ſenalter, und ſein Grab wurde von den Thraͤnen der Armen benetzt. Noch jetzt wird ſein Nahme in dieſer Gegend mit Achtung genannt; und die Ältern erzaͤhlen mit Ruͤhrung ihren Kindern, wie ſie durch ſeine Wohlthaten unterſtuͤtzt, wie ſie menſchenfreundlich in ihren Drangſalen von ihm getroͤſtet worden ſind. Aegypten. * meine jungen Leſer Agypten aus der bibliſchen Geſchichte kennen, und dasſelbe auch noch jetzt oft nennen hoͤren, ſo wird es ihnen nicht unangenehm ſeyn, hier zu finden, wie Agyp, ten jetzt beylaͤufig beſchaffen ſeyn mag. Agyp⸗ ten ligt im heißen Africa. Es hat eigentlich nur zwey Jahrszeiten, Sommer und Fruͤhling. Der Sommer faͤngt mit Ende Maͤrz an, und dauert bis in den November: Frühling iſt dann, wenn bey uns Winter iſt. Im Sommer iſt der Him⸗ mel heiter, die Luft trocken, und unausſtehlich heiß. Im April werden die Feldfruͤchte ſchon ge⸗ erntet. Gleich nach der Ernte ſterben alle Pflau⸗ zen, Graͤſer und Gewaͤchſe von der großen Hitze ab, der Boden iſt wie verſengt. Nur an den Ufern des Nil⸗Stromes ſieht man noch einige Melo⸗ nen, Gurken. Das Land ſcheint oͤde zu ſeyn. Die meiſten Voͤgel flüchten ſich nach den noͤrdlichen Ge⸗ H genden, und die Landthiere werden matt und trau⸗ rig, ſtuͤrzen ſich in den Strom, um ſich noch ei⸗ nige Kuͤhlung zu verſchaffen. Dieſer Zuſtand bleibt bis zur Ueberſchwemmungszeit. Der Nil, dieſer fuͤr die Aegypter ſo wohl⸗ thätige Fluß, faͤngt im Anfange des Julius an, aus dem Uifer zu treten. Er verbreitet ſich durch viele Canaͤle allenthalben im Lande, ergießt ſich im⸗ mer weiter, und uͤberſchwemmt nach und nach das ganze Mittel⸗ Agypten oder ſo genannte Nil⸗ Thal. Die Ueberſchwemmung dauert bis in den October, oder bis zu Anfange Novembers. Alle Einwohner ſehen derſelben mit Sehnſucht entge⸗ gen. Je hoͤher das Waſſer ſteiget, deſto weiter breitet es ſich aus, befruchtet den Boden, und macht Hoffnung zu einer geſegneten Ernte fuͤr das künftige Fahr. Selten ſteigt das Waſſer zu hoch, wo es nachtheilig iſt, weil alsdann die Fel⸗ der zu lange Zeit unter dem Waſſer ſtehen, und die Bearbeitung derſelben verhindert oder verſpaͤ⸗ tet wird. Die Einwohner begeben ſich auf die erhabneren Pläͤtze, und warten ruhig das Fallen des Waſſers ab. 8 Zur Ueberſchwemmungszeit wird die Luft durch die Ausduͤnſtungen des uͤberall ausgebreiteten Waſ⸗ ſers abgekuͤhlet. Aegypten gleicht dann einem großen See, aus welchem die auf Huͤgeln gebau⸗ ten Staͤdte, Flecken und Dörfer in ſchoͤner Ab⸗ — 115— wechſelung hervorragen. Hochgebaute Landſtraßen verbinden ſie mit einander, daß man zu Lande von einem Orte in den andern kommen kann. Kleine Maͤlder von gruͤnen Palmen, Acazien und andern Baͤumen ſtrecken hin und wieder ihre Wipfel aus dem Waſſer hervor, und verſchoͤnern den Anblick; un⸗ zaͤhlige Bothe und Fahrzeuge ſchwimmen auf dem unuͤberſehbaren See. Damahls kann man zu Schiffe in kurzer Zeit von der entfernteſten Gegend zur andern kommen. Der Anblick dieſes Landes von einem erhabenen Orte iſt zu dieſer Zeit herr⸗ lich und einzig in ſeiner Art. Der Fruͤhling iſt nicht ſo heiß: die noch feuch⸗ te Erde und erfriſchende Winde kuͤhlen die Luft ab. Da wird auf dem Felde fleißig gearbeitet; jetzt bluͤhet und gruͤnet alles. Gleich nach dem Abflaße des Waſſers werden die Felder bearbeitet, die Fruͤchte geſaͤet, alle Gewächſe ſproßen hervor, und das ganze Land gleicht einer einzigen bluͤhen⸗ den Wieſe, die mit Canaͤlen durchſchnitten iſt. Im December und Jänner verlieren die Baͤume ihr Laub, und die neuen Blaͤtter brechen ehe her⸗ vor, als die alten abgefallen ſind. Man ſagt gewoͤhnlich, daß es in Aegypten nicht regnet. Dieſes gilt aber nur von den hoͤ⸗ 8 heren ſuͤdlichen Gegenden: in dem Theile, der nahe an dem Meere liegt, regnet es manchmahl haͤnfig und ark. Den Mangel des Regens er⸗ H 2 — — 116— ſetzt die Jaͤhrliche Ueberſchwemmung des Nils und ein ſtarker Thau, der hier im Sommer ſtaͤrker als im Winter fällt. Ueberhaupt iſt der Nil eine wahre Wohlthat fuͤr Aegypten. Nebſt der wohlthätigen Ueberſchwemmung iſt die Schiff⸗Fahrt auf dem Nil leicht und be⸗ quem. Sein Waſſer iſt das einzige Getraͤnk der Ae⸗ gypter, und ſo wohlſchmeckend, daß ſie in der Fremde nichts mehr vermiſſen, als ihr Waſſer aus dem Nil. Alle andern Brunnen und Quel⸗ len enthalten bitteres und ſalziges Waſſer, das kaum zum Waͤſſern der Felder und zum Traͤnken des Viehes brauchbar iſt. Deßwegen wird auch das Nil⸗Waſſer allenthalben durch Canaͤle hin⸗ geleitet. Die Winde wehen haͤufig, und kühlen die Luft etwas ab, und ſind dadurch ſehr nützlich. Aber ein Sudwind, den die Eingebornen Cham⸗ ſim nennen, iſt ſehr gefaͤhrlich. Er kommt ge⸗ woͤhnlich ſtoßweiſe; zum Gluͤcke haͤlt er nicht lange an, manchmahl dauert er nur eine, zuwei⸗ len einige Stunden, ſelten uͤber drey Tage. Wenn er zu wehen anfaͤngt, trübt ſich der Himmel, die Sonne ſcheint von dem heißen brennenden Sande. den er in den Wuͤſten des innern Africa aufhebt, und mit ſich fortfuͤhrt, blutroth. Dieſer Sand iſt ſo fein, daß er auch in verſchloſſene Thuͤren und Kaͤſten dringt. Mit dem Winde kömmt zu⸗ gleich die ungertraͤglichſte Hitze, die den ganzen Koͤrper durchdringt, und kaum Athem hohlen laͤßt. Man kann ſich an nichts abkuͤhlen, weil alle Dinge, die ſonſt ihrer Natur nach kalt ſind, wie Eiſen, Marmor, Waſſer u. d. gl. ſchnell erhitzt werden. Waͤhrend des Windes wagt ſich niemand ins Freye; jeder verſchließt ſich in die abgelegenſten Zimmer. Der Reiſende, den dieſer Wind in der Wuͤſte uͤberfaͤllt, iſt verloren— in einer kurzen Zeit erſtickt er. Im Allgemeinen iſt die Luft in Agppten ge⸗ ſund. Wenn auch manchmahl die Peſt in dieſem Lande gewuͤthet hat, ſo iſt ſie gewiß von den Schiffen, die von Conſtantinopel oder Smyrna kamen, durch Kleidungsſtucke und Waren dorthin verbreitet worden; aber die Au⸗ genkrantheiten ſind in Aegypten ſehr gewoͤhnlich, woran die ſtarke Hitze, der feine Staub, und die Gewohnheit, daß ſie unter freyem Himmel ſchla⸗ fen, und ſich ſtark bethauen laſſen, Urſache ſeyn mag. Der Boden iſt ſehr fruchtbar; wegen der Ueberſchwemmung des Nils, welcher fetten Schlamm auf die Felder bringt, iſt kein Duͤngen noͤthig. Vom ſchaͤdlichen Wetter, Hagel und Schloſ⸗ ſen hat der Landmann nichts zu fuͤrchten. Der Ackerbau erfordert auch geringe Muͤhe. Alle Ge⸗ — 118— treidearten, Reiß und Spelt oder Agyptiſches Korn werden haͤufig gebauet. Saflor, ein Faͤr⸗ bekraut, Zuckerrohr und der Lotusbaum, deſſen Wurzeln knollig ſind, und wie Kartoffeln ſchme⸗ cken, werden haͤufig gepflanzt. Hier findet man die Papierſtaude, ein Schilfgewaͤchs des Nils, aus deſſen Mark ſchon in aͤlteſten Zeiten Papier ver⸗ fertiget wurde; hier wachſen Sennesblaͤtter, Aloe, Jelappe, Coloquinten, die Baumwollenſtaude, Dat⸗ tel⸗ Baͤume, und der wahre Acazien⸗Baum, der das Arabiſche Gummi ausſchwitzt. Auch der Johannisbrot⸗Baum wird hier gepflanzt. Mit Weinhecken werden Gaͤrten und Felder umzaͤunt. Die Trauben werden gegeſſen, aber nicht zu Wein gekeltert. Deſto haͤufiger ſaͤet man den Opium⸗ Mohn. Wenn deſſen Koͤpfe noch nicht ganz reif ſind, wird in dieſelben ein Einſchnitt gemacht, aus welchem ein Saft koͤmmt, der durch die Luft verdickt wird, und Opium heißt, welches be⸗ rauſcht, und den Schlaf befoͤrdert. Wenn man mehr davon nimmt, bringt es eine Art von Wuth hervor. Es ſieht ſchwaͤrzlich aus, hat einen uͤblen Geruch und beißenden Geſchmack. Auch die Ge⸗ ſträuche, von denen man Manna ſammelt, das in der Apothecke ſo haͤufig gebraucht wird, ſtehen in vielen Gegenden. Roſen werden in Aegppten allgemein gepflanzt, daher bereitet man hier viel Roſenwaſſer. Die Gartenblumen riechen hier ſtaͤe⸗ — 119— ker als die unſrigen. Doch hat Aegypten Man⸗ gel an Brenn⸗ und Bauholz. Der gemeine Mann muß Stroh, Stauden, Schilf und Miſt brennen, der Reiche laͤßt ſich Holz aus fernen Gegenden kommen. Die Aegypter halten viele Hausthiere: ſcho⸗ ne und ſchnelle Pferde, Rindvieh, Eſel, Maul⸗ thiere zum Reiten und Laſttragen, Kamehle, Schafe mit Fettſchwaͤnzen, Ziegen, auch Hun⸗ de und Katzen. Jene ſo genannten Tuͤrkiſchen Hunde, die kein Haar auf der Haut haben, lei⸗ den ſie nicht in ihren Haͤuſern, ſondern viele der⸗ ſelben laufen in der Stadt und auf dem Lande ohne Herren herum. Huͤhner und Tauben wer⸗ den in der Menge gezogen. Jeder, der verheira⸗ thet iſt, und eine eigene Haushaltung hat, muß ein Taubenhaus halten, daher gibt es eine große Menge derſelben in allen Gegenden. Im Win⸗ ter, wo die Huͤhner nicht brüten, werden die Eyer derſelben kuͤnſtlich ausgebrütet. Man hat Brut⸗ oͤfen, welche von unten ſo geheitzt werden, daß ſie eben ſo viel Waͤrme halten, als die Heune hat, wenn ſie über den Eyern ſitzt. In dieſe De⸗ fen werden die Eyer auf Stroh gelegt, die Waͤr⸗ me wird immer gleich erhalten, und nach kein und zwanzig Tagen brechen aus den Schalen die kleinen Hühner heraus. — 120— Die Bienenzucht wird eifrig betrieben, und hat dieſes Beſondere: wenn die Baͤume und Fel⸗ der neuerdings gruͤn werden, ſo bringen die Ae⸗ gypter ihre Bienenſtoͤcke auf Schiffe; jeder Haus⸗ vater bezeichnet die ſeinigen mit einem gewiſſen Zeichen, um ſte zu kennen. Iſt das Schiff hin⸗ laͤnglich beladen, ſo fährt der Schiffer ab, und haͤlt an einem Orte an, wo er glaubt, daß die Bienen viel Honig finden werden. Dieſe ſchwaͤr⸗ men den ganzen Tag herum, und kommen ſicher des Abends mit Honig ſchwer beladen zurück. Nach einigen Tagen, wenn er glaubt, daß ſie nicht mehr viel Honig hier finden werden, faͤhrt er mit dem Schiffe weiter, und dieſes macht er einige Mona⸗ the fort, wo er dann, wenn die Bienenſtoͤcke voll Honig ſind, nach Hauſe zuruͤck kehrt. Ägypten hat auch viele ſchaͤdliche Thiere. In den wuͤſten Gegenden giebt es Loͤwen, Pan⸗ ther, Hyaͤnen, Schakale, Woͤlfe; in andern Ge⸗ genden findet man Affen, Fuͤchſe. Nuͤtzlich ſind wieder die Haſen, Fiſchottern, die Steinboͤcke, Gemſen und Gazellen; die Straußen wegen der Federn, und die Raubvoͤgel dadurch, daß ſie nach der Ueberſchwemmung die Äſer wegfreſſen, ſo wie die Kraniche, Ibiſe und Störche, die das Land von Froͤſchen, Eidechſen, Schlangen und anderm Ungeziefer reinigen, —+ο☛ ☛ 22 12 ☛ — 121— Zwey Thiere ſind dem Rile faſt eigen, das Nilpferd und der Krokodill. Das Kil⸗ pferd iſt nach dem Elephanten faſt das groͤßte Landthier. Es wiegt vier tauſend Pfund; es hat ein großes Maul mit acht langen Zaͤhnen. Es iſt ſehr gefraͤßig, naͤhrt ſich von Baum⸗ und Feldfruͤchten, ligt am Tage im Sumpfe oder Schilfe, und geht nur des Nachts ſeiner Nah⸗ rung nach. Da es den Getreidefeldern großen Schaden thut, ſo ſucht man es zu fangen, oder zu erlegen, oder doch wenigſtens durch Feuer zu verjagen, wovor es ſich fuͤrchtet. Man ſtreuct ihm daher Bohnen oder Wicken hin, die es be⸗ gierig frißt, und die in ihm einen heftigen Durſt erregen. Um ihn zu loͤſchen, ſaͤuft es uͤbermaͤßig, wovon die trocknen Bohnen und Wicken im Ma⸗ gen ſo aufſchwellen, daß das Thier daran ſterben muß. Den Menſchen greift es nie an, außer wenn es ſelbſt von ihm augegriffen wird, aber mit den Krokodillen lebt es in einem ewigen Kriege. Aus ſeinem Specke, der gewoͤhulich tauſend Pfund wiegt, ſiedet man Thran; die Zaͤhne werden wie Elfenbein verarbeitet, und noch höher als dieſes geſchaͤtzt; aus der Haut derſelben macht man Reitruthen und Spazierſtoͤcke. Gefaͤhrlicher fuͤr den Menſchen iſt der Kroko⸗ dill, der ſich im Nil und in allen großen Ge⸗ waͤfſern von Africa aufhaͤlt. Er iſt der Eidech⸗ — 122— ſe an Geſtalt aͤhnlich, zwanzig Fuß lang, im Ra⸗ chen mit ſtarken ſpitzigen Zaͤhnen und an den Fü⸗ ßen mit ſtarken Klauen bewaffnet. Er ſieht vor und hinter ſich. Seine groͤßte Staͤrke ligt im Schwanze, mit dem er Menſchen und Thiere zu Boden ſchlaͤgt, und kleine Schiffe umſturzet. Er kann ſehr ſchuell laufen, zum Gluͤcke aber außer dem Waſſer ſich nicht drehen und wenden. Er hält ſich immer nahe am Waſſer auf. Er ſpringt auf Menſchen und Thiere gierig los, ſchlaͤgt ſie mit bem Schwanze nieder, und verſchlingt ſie. Zuweilen ſtellt er ſich todt, indem er auf dem Ruͤcken fortſchwimmt oder am Ufer ligt; laͤßt ſich aber ein Menſch oder ein Thier dadurch taͤuſchen, ſo ſind ſie verloren. Die Agypter leben, im Ganzen genom⸗ men, ſehr maͤßig. Die gemeine Menſchen⸗ Claſ⸗ ſe begnügt ſich mit ſchlechtem unſchmackhaften Brote von Indianiſcher Hirſe mit Waſſer und rohen Zwiebeln. Die Vornehmeen lieben eine Speiſe, die aus gekochtem Reiß, welcher ſtark mit Safran gewuͤrzt, und mit Gefluͤgel beſetzt iſt, und Pillau heißt; doch auch Ragouts, Haſchee, Karbonaden, Tauben und anderes Gefluͤgel, Me⸗ lonen, gefuͤllte Gurken, Obſt und Backwerk eſſen ſie gern. Zur Nacht eſſen ſie nur Gefluͤgel, Ge⸗ müſe und Fruͤchte. Alles Eſſen wird in kupfernen, verzinnken Geſchirren aufgetragen. Die Tiſchgeſellſchaft ſitzt auf Teppichen um den Tiſch herum. Servietten ſind nicht gebraͤuchlich, rings um den Tiſch her⸗ um geht ein langes Tuch, von dem jeder Gaſt ei⸗ nen Theil nimmt. Die gemeineren Leute eſſen auf irdenen Geſchirren. Meſſer und Gabel ſind nicht uͤblich; die Speiſen werden ſchon klein zer⸗ ſchnitten auf den Tiſch gegeben, und mit den Fin⸗ ger zum Munde gebracht. Das gewoͤhnliche Getraͤnk iſt Nil⸗Waſſer. Das gemeine Volk trinkt eine Art Bier, welches aus Waſſer mit eingeruͤhrtem Gerſtenmehle berei⸗ tet wird. Kaffeh wird ſehr ſtark getrunken, man nimmt aber weder Milch noch Zucker dazu. Auch Drangenbluͤthen: oder Zimmt⸗Waſſer wird hier und da getrunken. Die üdrige Lebensart der Agypter iſt ſehr einfoͤrmig. Sie ſtehen gemeiniglich fruͤh auf, beſuchen, da die meiſten Mahomedaner ſind, die Moſcheen(ihre Kirchen), darauf die Kaffeh⸗ Haͤu⸗ ſer, gehen ſpaͤt zu ihren Gefchaͤften, endigen die⸗ ſe ſo fruͤh als moͤglich, und bringen die uͤbrige Zeit mit Nichtsthun, mit Beſuchen oder in den Kaffeh⸗Haͤuſern zu. Deßwegen liegen auch alle Gewerbe darnieder; waͤre die Erde nicht von ſelbſt ſo fruchtbar, ſo wuͤrde Agypten, mel⸗ ches im Alterthume oft die Kornkammer genannt wurde, kaum den noͤthigen Unterhalt liefern. Die Wiſſenſchaften werden gar nicht betrieben. Der Sohn eines Vornehmen lernt hoͤchſtens leſen und ſchreiben, und wenn es hoch kommt, den Koran, (ihr Religionsbuch) verſtehen. Waͤchſt er wei⸗ ter heran, ſo wird ihm im Reiten Unterricht ge⸗ geben, und er lernt ſeine Waffen mit Geſchick⸗ lichkeit zu fuͤhren. Selbſt die Arzneywiſſenſchaft wird ſchlecht getrieben. Die Arzte verſchreiben meiſtens den Kranken, was ihnen am meiſten ſchmeckt. Auf Kleidung aber halten die vornehmen Agypter viel. Unter dem Hemde tragen ſie groſſe Beinkleider und leinene oder feinlederne Pantoffel. Darüber werden ſehr weite und lange gewoͤhnlich rothe Beinkleider angezogen. Nun kommt eine Art von Schlafrock von leichtem Oſtindiſchen oder Spaniſchen Zeuge, darauf der Kaftan, ein Gewand von der naͤhmlichen Ge⸗ ſtalt, nur etwas weiter, und gewoͤhnlich von reicherem Stoffe. Es wird mit einem breiten koſtbaren Guͤrtel um den Leib feſtgebunden, in dem ein langes großes Meſſer in einer mettalle⸗ nen Scheide ſteckt. Uebersten Kaftan wird wie⸗ der ein noch weiteres Kleid getragen, welches im Winter mit Pelz gefüttert iſt, und uͤber dieſes kommt erſt ein langer weiter Mantel vom baum⸗ mwollenen Zeuge, welches das eigentliche Staats⸗ — 125— kleid iſt. Der Kopfputz iſt eine Muͤtze von Filz oder Tuch, welche auf ſehr verſchiedene Art mit Leinwand oder Wollenzeug unwunden iſt. Die weibliche Kleidung iſt faſt wie jene der Maͤnner, nur daß ſie gewoͤhnlich von feinerem Stoffe iſt. Wen Frauenzimmer ausgehen, haben ſie meiſtens einen Mantel von Leinwand, uͤber welchen ein noch groͤßerer ſchwarzer Schleyer bis zur Erde, herabhaͤngt. Ihr Kopfputz be⸗ ſteht in einem koſtbaren Oſtindiſchen Schnupf⸗ tuche, das ſie um den Kopf winden, und mit Edelgeſteinen oder mit einer doppelten Perlen⸗ ſch nur ſchmuͤcken. Macht eine vornehme Agyp⸗ terinn Beſuche, ſo nimmt ſie mehrere Sela⸗ vinnen mit, die ihr ein großes Gepaͤcke von Klei⸗ dern nachtragen. Nach dem Eintritte bey ihrer Freundinn wird ihr der Mantel mit dem Schley⸗ er abgenommen. Hat ſie ſich ein halbes Stuͤndchen mit ihrer Freundinn unterhalten, ſo laſſen ſich bey⸗ de umkleiden. Dieſes Umkleiden wird wohl ſechs bis achtmahl wiederholt, wenn der Beſuch lange dauert, und jedesmahl ſucht eine die andere am Putze zu uͤbertreffen. An den Fingern tragen ſie Ringe mit Edelſteinen, ihr Haar ſalben ſie mit koſtbaren Oehlen, das Geſicht waſchen ſie mit Roſenwaſſer, ihre Kleider raͤuchern ſie mit duften⸗ dem Aloe⸗Holze, die Augenbraunen färben ſie — — 123— ſchwarz, und die Naͤgel an Haͤnden und Fuͤßen aber Aurora⸗ gelb. Die Kleidung des gemeinen Mannes iſt arm und ſchlecht. Sie beſteht in einem Hemde von grober, blauer Leinwand, und in einem groben ſchwarzen Mantel; die wenigſten tragen Beinkleider. Den Kopf bedecken ſie mit einer ſteifen Mutze von Filz oder dickem Tuche, welches mit einem Stuͤcke von rothem, wollenen Zeuge um⸗ wunden iſt. Die Weiber tragen lange leinene Bein⸗ kleider, und ein weites blaues Hemde mit langen breiten Armeln. Um den Kopf winden ſie ein ſchlechtes Tuch; in den geflochtenen Haaren tra⸗ gen ſie kleine Schellen und andere Zierrathen; in den Ohren, auch in der Naſe haben ſie gro⸗ ße bleyerne Ringe, auch an Fuͤßen und Haͤnden bringen ſie ſolche Ringe an, und an vielen Thei⸗ len des Leibes machen ſie ſich ſchwarze und blaue Zierrathen in die Haut. Die Wohnungen auch der Vornehmen ſind von außen ſehr unanſehnlich. Im Inneren ſind ſie zierlicher. Das Hauptgemach iſt ein großer luftiger Saal, der zugleich als Wohn⸗Speiſe⸗ Schlaf⸗ und Beſuchzimmer dient. Eurofaͤiſche Moͤbeln trifft man in denſelben zwar nicht an, doch fehlt es auch nicht an Verzierungen. An allen Waͤnden läuft eine kleine bankaͤhnliche Erhoͤhung umher, die meiſtens mit ſehr koſtharen Teppichen 2,ͤSͤESͤ 1 Sa2& 1 ———.+2 Q 8 — 124— bedeckt iſt; den Fußboden ſchmuͤcken ſchoͤn gear⸗ beitete Matten, die Waͤnde ſind oft mit dem ſchoͤnſten Marmor belegt, und die Decke zierlich bemahlt. Die Sopha iſt bequem und reich verzierf. Die Frauen haben in dem Hauſe eine abgeſonderte Wohnung, und mit ihren Selavinnen eine eigene Haushal⸗ tung, einen eigenen Saal, eine Kuͤche, und die uͤbrigen Gemaͤcher, die ſie ſonſt noͤthig haben. Die Daͤcher der Haͤuſer ſind durchgaͤngig platt, und zum Theil mit ſchoͤnen Gelaͤndern um⸗ geben, daß man in Sicherheit daranf ſpazieren gehen kann. Dort genießen die Aegypter die Abendfühle. Manchmahl ſind ſie mit Blumen und leinen duftenden Baͤumen geziert; manch⸗ mahl ſind auch kleine Zelte darauf ausgeſpannt, unter welchen ſie oͤfters ſchlafen. Neben den Haͤu⸗ ſern ſind oft Gaͤrten angelegt. Die Wohnungen der Gemeinen ſind groͤßten Theils niedrige, ungeſunde, ſchmutzige Hütten von Lehm oder Erde. Einige leben auch unter Zelten. Die Aegypter ſind von Natur gutmuͤthig und munter, doch ohne Bildung und Unterricht, da⸗ bey ſind ſie traͤge, aberglaͤubiſch, und ergreifen jede Gelegenbeit, ſich fremdes Eigenthum zu ver⸗ ſchaffen. Daher kommen die haͤufigen Raͤubereyen in den einſamen Gegenden Aegyptens. Sie beſtehlen ſelbſt zdie Schiffe, die dort vor Anker liegen, und — 128— dieſes machen ſie auf eine eigene Art. Sie ziehen ſich nackend aus, beſchmieren den Koͤrper mit Oehl, und ſchwimmen zum Schiffe. Des Nachts ſtei⸗ gen ſie hinein, zerſchneiden die Stricke, woran die Ballen mit Waren an einander befeſtiget ſind, weefsu ſte ins Waſſer, ſtürzen ſich dann ſelbſt hin⸗ ein, um ſie in Sicherheit zu brit ngen. Eine Zeit⸗ lang ſchinimen ſte mit ihrer Beute ganz unter dem Waſſer, und kommen nicht eher mit dem gouf wieder zum Vorſchein, bis ſie ſicher ſind. Die Kayyter. wiſſen die Thiere ſehr ge⸗ ſchickt abzurichten. So lehren ſie die Ziegen, daß ſie die Affen auf ſich reiten laſſen, und mit den Fuͤßen wie Pferde ſtampfen; die Eſel werden ab⸗ gerichtet, auf den Hinterfuͤßen zu ſtehen; die Kamehle und Hunde lernen tanzen u. ſ. w. Be⸗ ſonders beſitzen die Agypter die Fertigkeit, mit Schlangen, ſelbſt mit giftigen ohne Schaden zu ſpielen. Sie tragen dieſe Thiere im Buſen, laſſen ſie auf den Leib ſpringen, und gewiſſe Gaukler unter ihnen eſſen dieſe Thiere zuweilen roh. Dieſe Leute erſcheinen bey öffentlichen Auf⸗ zuͤgen mit ungeheuren Schlangen in den Haͤn⸗ den, welche ſte um ihren Leib winden, und die ſie oft mit den Zaͤhnen zerreißen. Die vorzuͤglichſten Staͤdte in Kgypten ſind: Alexandria. Dieſe Stadt wurde ſchon drey⸗ 2— — 8 8 — 8 — — Ꝙ — 22 — 5 ‚ 8 8 ð8 — 22 ‿ ,—2 — 8 ‿ 22 2 2 — S 2 —2 8* 2 5 E * 8= O G 8 5„ 5„5 2. 5F —— — E SB —— 8 G 42 SE H&ð ſend Einwohnern. Kleine Erwas vom Schwerpuncte. Kunſtſtuͤcke. Wenn man ein Linial beylaͤufig in der Mitte quer auf den Finger legt, und ſo lange hin und her ſchiebt, bis ſich weder das eine noch das an⸗ dere Ende desſelben herabſenkt, ſo ſagt man, das Linial iſt im Gleichgewichte. Der Punct, auf welchem es ligt, heißt der Schwerpunct. Will ich den Schwerpunct eines Loͤffels fin⸗ den, ſo lege ich ihn quer auf die Schneide eines Meſſers, und ſchiebe ihn ſo lange hin und her, bis er ſich auf keine Seite neigt, und alſo im Gleichgewichte ſteht. Der Punct, welcher denſelben unterſtüͤtzt, heißt der Schwerpunct. Wiegt man eine Sache, z. B. Zucker, ſo legt man in die eine Wagſchale den Zucker, in die andere ſo viel Gewicht, als der Zucker Schwere hat; dadurch kommt der Querbalken, an dem die Wagſchalen befeſtiget ſind, ins Gleichgewicht; das Zuͤnglein, welches zwiſchen dem Kloben iſt, ſteht ſenkrecht in demſelben in die Hoͤhe, und der Punct unter demſelben in der Mitte des Querbal⸗ kens iſt der Schwerpunct. Will man den Schwer⸗ punet an einem runden öhoͤlzernen Teller finden, ſo lege man dasſelbe horizontal auf die Spitze ei⸗ nes Meſſers, und ſchiebe ihn ſo lange hin und her, bis er auf derſelben ruhet, und dadurch vom Falle geſichert iſt. Der Schwerpunct bey einer Kugel, die aus einerley Materie beſteht, ligt im Mittel⸗ punete derſelben. Wenn man uͤberhaupt den Schwerpunet ei⸗ nes Koͤrpers finden will, ſo haͤnge man ihn an einem Faden an, und ſtelle ſich vor, daß ſich der Faden mitten durch den Koͤrper in gerader Richtung verlängere, wie bey einer Kugel, durch die mitten ein Loch gebohrt, und wo durch das⸗ ſelbe der Faden gezogen iſt. Der Punct, wo dieſer Faden liefe, iſt der Schwerpunct, und der Körper hat auf allen Seiten des Fadens gleich viel Gewicht. Soll alſo dieſer Koͤrper ſte⸗ hen, ſo muß er auf den Schwerpuncet ge⸗ ſtellt werden; denn nur dann iſt ein Koͤrper vor dem Falle ſicher, wenn er mit dem Schwer⸗ puncte die Unterlage berührt, oder in ſenkrech⸗ ter Linie mit der Grundflaͤche iſt, und des⸗ wegen von allen Seiten gleich viel Gewicht hak. Der Ort, auf welchem der Schwerpunct 2 ruhet, heißt die Grundflaͤche. So iſt bey den obigen Beyſpielen der Finger, die Schneide, bey dem Teller die Spitze des Meſſers die Grund⸗ flaͤche. Der Schwerpunct beruhrt aber nicht unmittelbar die Grundflaͤche bey einem ſte⸗ henden Koͤrper, aber die Linie, welche man ſich vom Schwerpunecte coerlaͤngert vorſtellet, muß innerhalb der Grundfläche eintreffen. So zum Beyſpiele ſteht der Menſch auf zwey Fuͤßen. Der Schwerpunct ligt in der Ge⸗ gend zwiſchen den zwey Huͤften. Ziehet man von demſelben eine ſenkrechte Linie, ſo fällt ſie inner⸗ halb der Flaͤche, die zwiſchen ſeine Fuͤße auf dem Boden gezeichnet werden kann. Viele tragen auf dem Kopfe die Laſt leichter, weil ſie in gerader Linie mit dem Schwerpuncte iſt, und in ſenkrechter Linie auf die Grundfl aͤche drückt. Traͤgt man eine ſchwere Laſt vor ſich mit den Haͤnden, ſo wird man ſich ruͤckwaͤrts halten, da hingegen der, welcher etwas am Ruͤcken traͤgt, ſich vorwaͤrts beugen muß. Beydes geſchieht um mit dem Koͤrper, den man traͤgt, im Gleichge⸗ wichte zu ſeyn, damit jene ſenkrechte Linie, die man vom Schwerpnuncte zieht, nicht außer⸗ halb ſeiner Grundklaͤche eintrifft, wo dann der Menſch fallen muͤßte. Die Stallleute tragen gewoͤhnlich den Pferden das Waſſer in zwey Ei⸗ mern zu. Sie halten in jeder Hand einen, und gehen dabey leichter, als wenn ſie nur in der ei⸗ nen Hand einen Eimer truͤgen; denn mit dem ei⸗ nen Eimer wuͤrde der Koͤrper außer die Linie ge⸗ zogen, und durch den zweyten wird ihm das Gleichgewicht wieder gegeben. Ein Koͤrper kann ſchief, aber dennoch feſt ſtehen, wenn jene ſenkrechte Linie nur nicht außer⸗ halb ſeiner Grundfläche auf den Boden fällt. Der Menſch kann ſich etwas vorwärts, ruͤckwaͤrts und auf beyde Seiten neigen, ohne zu fallen, und ohne die Fuͤße zu verruͤcken, und zwar um de⸗ ſto mehr, je weiter ſeine Fuͤße nach der Richtung, in welcher er neigen ſoll, auseinander ſtehen. Man ſteht daher feſter, wenn man die Fuͤße in maͤßiger Entfernung vorwaͤrts und zugleich etwas ſeitwaͤrts aus einander ſetzt, wie die Stellung iſt, welche in der Tanzkunſt die vierte Poſition ge⸗ nannt wird, als wenn die Fuͤße nahe zuſammen ſtehen. Ich bitte meine jungen Leſer, dieſen Abſatz ein Paar Mahle aufmerkſam zu durchleſen, um die Lehre vom Schwerpuncte gut zu verſte⸗ hen, dann koͤnnen ſie ſich mit folgenden Stücken, die ſich auf die Lage des Schwerpuneres begiehen„einen Spaß machen. — 132— 1. Femanden ſo zu ſtellen, daß er nicht auf einem Beine ſtehen koͤnne. Man laſſe ihn gerade mit einer Seite an eine Wand ſtehen, ſo daß das eine Bein vom Fuße bis an die Hüfte die Wand beruͤhrt. In dieſer Stellung iſt er nicht im Stande, das an⸗ dere Bein von der Erde zu bringen; denn ſo bald er es thut, iſt ſin Schwerpunct nicht mehr unterſtuͤtzt, und er muß fallen. 2. Jemanden ſo zu ſtellen, daß er nicht im Stande ſey, etwas von der Erde vor ſeinen Fuͤßen auf⸗ zuheben. Man laſſe ihn mit dem Ruͤcken an einer Wand ſtehen, ſo, daß die Ferſen die Wand be⸗ ruͤhren, ſo wird er bey jedem Verſuche, ſich vor⸗ waͤrts zu beugen, um die vor ſeinen Fuͤßen lie⸗ gende Sache aufzuheben, in Gefahr ſeyn, zu fal⸗ len, weil ſein Schwerpunct nicht mehr un⸗ terſtuͤtzt iſt. Man muß jedoch die Bedingung nicht vergeſſen, daß er die Knie nicht beugen dür⸗ fe. Daß kein Anhalten mit der Hand erlaubt werde, verſteht ſich von ſelbſt. 3. Wie weit man um ſich her etwas von der Erde aufnehmen koͤnne. Wenn einer ſich frey hinſtellt, die Fuͤße dicht neben einander, und die Knie gerade gehalten, *△—— — — —,——.. 1 E—— — 133— ſo iſt er nicht im Stande, ein Stuͤck Geld oder dergleichen von der Erde aufzuheben, welches et⸗ wa zwey Fuß vor ihm ligt. Mit gebogenen Knien kann er etwas weiter reichen, ohne aus dem Gleichgewichte zu kommen. Will er ſeit⸗ waͤrts etwas aufheben, ſo muß er den Hinteren etwas zuruͤck biegen. Wird ihm dieß unmoͤglich gemacht etwa dadurch, daß man ihn wie vorhin mit dem Ruͤcken an eine Wand ſtellt, ſo wird er nichts, was ſeitwaͤrts neben ſeinem Fuße ligt, erreichen koͤnnen; wofern er nicht den andern Fuß in die Hoͤhe bringt, welches man ihm, um die Wette zu gewinnen, unterſagen muß. Der Laubfroſch. 4 D. Laubfroſch unterſcheidet ſich von andern Froͤſchen durch ſeine Geſtalt, durch ſeine Stim⸗ me und durch ſeine Lebensart. Er iſt der klein⸗ ſte, der behendeſte und geſchickteſte unter den hieſi⸗ gen Froͤſchen, grasgruͤn, und hat kleine runde War⸗ zen oder Knoten an den Fuͤßen und eine lappige Haut an der Kehle. Sowohl mit den Knoten an den Zehen als auch mit der Kehlhaut kann er ſich an den Seitenwaͤnden des Glaſes und an andern glatten Koͤrpern feſthalten. Dieſes Feſthaͤngen an glatten ſenkrechten Flaͤchen kann vielleicht eine dop⸗ pelte Urſache haben. Aus den Warzen dringt ei⸗ ne klebrige Feuchtigkeit; auch iſt der ganze Koͤr⸗ per mit einem Schleime uͤberzogen. Vermittelſt dieſer Feuchtigkeit kann er ſich am Glaſe ankle⸗ ben. Eine zweyte Urſache aber kann der Druck der Luft ſeyn. Die Warzen an den Zehen ſchei⸗ nen wie Saugekolben zu ſeyn. Mit dieſen ſaugt er ſich an das Glas an, und die aͤußere Luft haͤlt — 135 ihn daran feſt. Dieſes laͤßt ſich dadurch erpro⸗ ben, daß er unter der Luftpumpe, wenn man die Luft ſtark unter der Glocke verduͤnnet hat, ſich nicht an den Waͤnden der Glocke erhalten kann, ſondern immer wieder herunterfaͤllt. Sonſt kann er ſich mit einem einzigen Knoten des Hinterſußes an den Deckel das Glaſes anhaͤngen, ſo daß der ganze Koͤrper herunter haͤngt. Die Stimme des Laubfroſches hat mit dem Quacken der uͤbrigen Froͤſche wenig Aehnlichkeit. Sie beſteht in einem anhaltenden Gequirre, wel⸗ ches ungefaͤhr ſo klingt, wie wenn man an ei⸗ nem Stücke Stahl mit einer ſtumpfen Feile oder auch nur mit einem Meſſerruͤcken an einem ſtei⸗ nernen Teller herunter ſtreicht. Man kann die Laubfroͤſche auf dieſe Art taͤuſchen, und zum Schreyen bringen, wenn man ihnen, beſonders des Abends dieſen Ton angibt. Nur das Maͤnn⸗ chen allein laͤßt ſeine Stimme hoͤren, und zwar nach dem dritten Jahre. Wenn er ſchreyet, ſo blaͤſet er ſeine Unterkehle wie eine dicke runde Blaſe auf, und die Seiten fallen ihm tief ein, indem er die Luft mit Heftigkeit auspreßt. Sie ſchreyen gewoͤhnlich des Abends nach Untergang der Sonne und des Morgens bey Anbruch des Tages, und eine Schar ſolcher Lauftfroͤſche macht ein durchdringendes Geſchrey, weiches man ſehr weit hoͤrt, und mit dem Geraſſel der Schellen⸗ ſchlitten vergliechen werden kann. Man findet dieſe Fröſche uͤberall in Europa, nur, wie man ſagt, gibt es in England keine. Wenn ſie in Freyheit ſind, ſo halten ſie ſich im Fruͤhjahre im Waſſer auf, im Sommer aber mei⸗ ſtens auf dem Lande, wo ſie auf Baͤume klettern, und ſich von Fliegen, Muͤcken und andern Inſee⸗ ten naͤhren. Sie wiſſen dieſe Thierchen aber ſo geſchickt von den Blaͤttern wegzuſchnappen wie die Voͤgel es thun. Im Winter verbergen ſie ſich in die Erde, und erſtarren bis zum Fruͤhlinge. Im Glaſe aber, in der warmen Stube pflegt der Laub⸗ froſch des Winters wochenlang auf einem Flecke zu ſitzen, und kann zwey, drey Monathe ohne Nahrung leben. Man häͤlt ihn in Zuckerglaͤſern, die halb mit Waſſer gefuͤllt ſind, worin ein Bux⸗ baumzweig und eine kleine Leiter geſtellt wird. Wirft man ihm eine lebendige Fliege hinein, ſo erhaſcht er ſte mit einem genau abgemeſſenen Sprun⸗ ge, ſo daß er zugleich mit allen Vieren am Glaſe haͤngen bleibt. Eine todte Fliege nimmt er nie. Auch ſpringt er nie nach einer Fliege, ſo lange ſie ſich nicht bewegt, ſondern er bleibt ſelbſt ſo lange ſtill ſitzen, und ſieht ſte mit hervorquillenden Augen unverwandt an. Sobald ſie aber anfaͤngt, ſich zu bewegen, ſo ſpringt er mit ungemeiner Behendigkeit und Sicherheit zu, und ſchnappt ſie weg, wobey er ſich nicht ſowohl der Lippen, als vielmehr ſeiner dicken rauhen Zunge bedient. Er frißt auch Spin⸗ nen und andere Inſecten, auch laͤßt er ſich mit Dingen taͤuſchen, die nur ungefaͤhr wie Inſecten ausſehen, und ſich bewegen; ſo ſpringt er, zum Beyſpiele, nach einem kleinen Stuͤcke von einer getrockneten Zwetſchke nicht, ſo lange man es ihm ſtill hinhaͤlt und hinlegt; wohl aber, wenn man es etwa an einem Pferdhaare befeſtiget, ſo, daß es in Erzitterung geraͤth, und ein lebendiges An⸗ ſehen für ihn erhaͤlt. Seine merkwuͤrdige Empfindlichkeit gegen die Veraͤnderung der Witterung macht ihn zu einer Art von Barometer, und man kann ſeiner Vor⸗ herverkundigung oft beſſer trauen, als dem Stei⸗ gen und Fallen des Queckſtlbers im Barometer. Wenn ſich der Laubfroſch unten im Glaſe badet, ſo kann man ziemlich ſicher ſchließen, daß es bald regnen werde. Verweilt er lange im Waſſer, ſo wird das Regenwetter anhalten. Waͤhrend des naſſen Wetters haͤlt er ſich meiſtens im Waſſer auf, und laͤßt ſich nur durch eine Fliege oder an⸗ dere Beute bewegen, einen Sprung heraus zu machen. Iſt das Wetter ſehr ſchlimm, ſo iſt er muhig, oder ligt auch ausgeſtreckt wie todt auf dem Boden, oder macht krampfhafte Bewegun⸗ Ken Hingegen hat man gutes Wetter zu hoffen, nn er ſich am Glaſe oberhalb des Waſſers feſt — 138— klebt, oder auf eine kleine Leiter klettert, die man ihm in ſein Glas ſetzt. Auch das Schreyen der Maͤnnchen bedeutet trockene und beſtaͤndige Wit⸗ terung. — 139— Papier. Menej jungen Leſer ſchreiben taͤglich auf Pa⸗ pier. Es wird ihnen nicht unlieb ſeyn, zu hoͤ⸗ ren, wie das Papier gemacht wird. Frerlich laͤßt ſich ſchwer dieſe ganze Verrichtung deutlich beſchrei⸗ ben. Am beſten iſt es, wenn man ſich in der Papiermühle alles zeigen und erklaͤren läßt. Da aber einige meiner jungen Leſer vielleicht nicht Gelegenheit haben, eine Papiermuͤhle zu beſe⸗ hen, und doch wiſſen moͤchten, wie Papier ge⸗ macht wird, ſo will ich verſuchen, es ihnen ſo deutlich zu erklaͤren, als ich es nur immer kann. Das Papier beſteht nur aus einem einzigen Materiale, naͤhmlich aus Lumpen, Hadern oder Strazen, wie man's nennen will. Es gehen eigene Leute im Lande herum, welche ſie aufkaufen, und Lumpen⸗oder Haderſammler heißen. In Ungarn, wo die Leute allgemein die Fuͤße mit leinenen Lappen umwickeln, werden die meiſten Hadern geſammelt, und Juden verhandeln dieſelben haͤu⸗ fig nach Oſterreich. — 1 40 8 Dieſe Lumpen werden in der Papiermuͤhle ſortirt: der Battiſt und die feine Leinwand zu Poſtpapier; die etwas groͤbere weiße Leinwand zu Kanzelley⸗Papier; die noch ſchlechtere zu Con⸗ eept⸗Papier: aus ſchlechter ungebleichter Leinwand und aus Kattun wird Druckpapier gemacht; die allergroͤbſte Leinwand, Wollenzeug und unbrauch⸗ bares Papier, werden zu Packpapier und Pappe; Fries und andere ſchlechte Wollenzeuge zu Löſch⸗ papier verwendet. bit—.231 Die Lumpen werden zerſchnitten. Man hat dazu in Papiermuͤhlen eine eigene Maſchine, wel⸗ che das Waſſer treibt, die einige Aehnlichkeit mit der Haͤckſellade oder dem Strohſchneider hat, mit dem Unterſchiede, daß unten ein befeſtigtes Meſ⸗ ſer iſt, auf welches das obere Meſſer, das durch ein Waſſerrad auf und nieder gezogen wird, wie eine Scheere ſtreift. Die Lumpen, welche durch eine beſondere Walze zwiſchen die zwey Meſſer gezogen werden, werden von denſelben, wie mit einer Scheere klein zerſchnitten. Die zerſchnittenen Lumpen werden in gro⸗ ßen Geſchirren in Waſſer eingeweicht, und zu einem ſchwachen Grade der Faͤulniß gebracht. Manche geben auch ungeloͤſchten Kalk dazu, da⸗ mit ſich die Lumpen leichter aufloͤſen; aber dieſes muß mit Vorſicht geſchehen, weil er ſie leicht zu ſtark aufloͤſet; wo dann zu viele Theile durch das Waſſer, welches man ablaufen laͤßt, weggeſchwem⸗ met werden. Die eingeweichten Lumpen kommen dann in die Stampfmuͤhle, wo ſie zu einem Brey zerſtoſ⸗ ſen werden. Um einen Begriff von der Stampf⸗ mühle zu haben, moͤgen ſich meine jungen Leſer einen langen Lrog, oder einen langen ausge⸗ hohlten Baum vorſtellen, der von innen mit ei⸗ ſernen Platten ausgelegt iſt. In dieſen Trog, den man den Loͤcherbaum nennt, fallen und he⸗ ben ſich viele Balken, wie die Staͤmpel in den Moͤrſern. Die Balken ſind an dem unteren Ende, mit dem ſie in den Trog fallen, mit dickem Ei⸗ ſen beſchlagen, und heißen die Stampfen. Ein Waſſerrad treibt die Stampfen, zieht ſie in die Hoͤhe, und laͤßt ſle wechſelweiſe wieder fallen. In den Trog oder Loͤcherbaum werden die ein⸗ geweichten Lumpen gebracht, mittelſt des durch eine Rinne in denſelben geleiteten Waſſers immer naß erhalten, und gewoͤhnlich durch vier und zwan⸗ zig Stunden geſtampft. Da in einer Papier⸗ muͤhle oft uͤber fuͤnfzig ſolche Stampfen ſind, die wechſelweiſe ſich heben und wieder niederfallen, ſo koͤnnen ſich meine jungen Leſer das Getoͤſe vor⸗ ſtellen, das ſie machen, und das man Wi rlel⸗ ſtunden weit hoͤrt. Die ſo bearbeileten Lumpen heißen Halbzeug. — — 142— Dieſe zerſtampften Lumpen oder der Halb⸗ zeug werden in einer Maſchine, die der H ollaͤn⸗ deroder Ruͤhrkaſten heißt, zwiſchen meſſingenen Schienen, die ſich wie Teller zwey und zwey gegen ein ander reiben, oder zwiſchen einer gefurchten Wal⸗ ze, die über ſtumpfe Meſſer laͤuft ſehr fein zermalmet. Die Schienen ſind an einer Walze befeſtiget, die durch ein Waſſerrad getrieben wird. Iſt der Brey fein ge⸗ nug, ſo heißt er Ganz⸗Zeug und iſt zum Papier⸗ machen geeignet. Dieſer Ganz⸗Zeug wird in ein großes hoͤl⸗ zernes Gefaͤß geworfen, mit Waſſer verdünnet, und daraus mit der Papier⸗Form Papier geſchöpft. Die Papier⸗Form ſieht beylaͤufig wie eine eingerahmete Schiefertafel aus. Das, was bey der Schiefertafel Schiefer iſt, iſt bey der Papier⸗Form ein Sieb von ſehr feinem Drath geflochten, und eben ſo lang und breit als ein Bogen Papier. Etwas ſtaͤrkere Draht⸗ faͤden gehen der Länge herab, welche man an den wei⸗ ßen Streifen in jedem Bogen Papier kennen kann, wenn man ihn gegen das Licht haͤlt. In den fei⸗ nen Draht iſt auch das Zeichen der Papiermuͤhle, die Numer des Papieres, Wappen u. d. gl. mit anderem feinen Draht geflochten, und erſcheint dadurch durchſichtig, wenn man das Papier ge⸗ gen das Licht haͤlt. Mit dieſer Papier⸗Form ſchoͤpft der Papiermacher aus dem mit dem Ganz⸗ Zeuge gefüllten Gefaͤſſe, das man Buͤtte nennt, 1 — 145— ſchuͤttelt die mit Zeug gefuͤllte Form etliche Mahle uͤber die Buͤtte hin und her, damit ſich das Zeng an das Sieb gleich anlegt, und das Waſſer durch das Sieb durchfließt. Auf dem Siebe bleibt das Zeug zuruͤck, melches nicht abfließen kann, weil die Rahme hoͤher iſt. Was auf dem Siebe bleibt, iſt ein naſſer Bogen Papier, deſſen Thei⸗ le aber noch nicht feſt an einander haͤngen. Die⸗ ſer naſſe Bogen Papier wird aus der Rahme auf einen Filzlappen, der viereckig und groͤßer als der Bogen Popier iſt, und wie ein dichter gro⸗ ber Tuchlappen ausſteht, umgeſtuͤrzt, und auf denſelben wieder ein Filzlappen gelegt. Auf die⸗ ſen kommt wieder ein neu geſchöpfter Bogen Pa⸗ pier, auf denſelben ein anderer Filzlappen, und dieſes geht ſo fort, bis zwiſchen hundert zwey und achtzig Filze hundert ein und achtzig Bogen ge⸗ legt ſind. Einen ſolchen Stoß nennet man einen p auſcht oder Puſcht. Die ſo geformten Bogen haben noch ſehr viel Waſſer in ſich; daher werden ſie gepreßt. Man legt den ganzen Pauſcht zwiſchen zwey Bre⸗ ter in eine große Preſſe, und preſſet ihn, wo⸗ durch das Waſſer groͤßten Theils heraus gepreſſet wird. Durch das Preſſen erhaften die Bogen ſchon Dichtigkeit, ſo, daß man ſie ohne Gefahr, ſie K — 146— zu zerreißen, anfaſſen kann. Nun nimmt man jeden Bogen einzeln aus dem Filz, legt ihn auf einen glatten Stuhl, ſtreicht ihn mit einem brei⸗ ten Holz aus einander, und ſetzt dieſes fort, bis drey Riß gelegt ſind. Dann bringt man das gelegte Papier auf den Trockenboden, und hängt es auf die hin und her gezogenen Schnure, gewoͤhn⸗ lich drey Bogen uͤber einander auf. Das Trocknen muß ſo langſam, als moͤg⸗ lich geſchehen, und eigentlich ſollte nicht einmahl ſtarke Zugluft zukommen koͤnnen. Man haͤlt das Papier, welches im Winter getrocknet wird, fuͤr beſſer als das im Sommer getrocknete, auch iſt es bey gleichem Zeuge immer viel weißer, wenn es gefriert. Das Druck⸗ und Loͤſchpapier iſt nach dem Trocknen fertig, und wird dann gleich zu⸗ ſammen gelegt und gepreßt. Das Druckpapier wird auch noch geſchlagen. Man bedient ſich da⸗ zu eines großen Hammers, der wohl bis achtzig Pfund ſchwer iſt. Er wird durch das Waſſer getrieben; unter ihm iſt eine große eiſerne Platte, auf welche man den Stoß Papier legt, und waͤh⸗ reud des Schlagens immer umdrehet. Dadurch wird das Papier glatt und feſt.. Das Schreibpapier muß noch geleimet werden, damit die Buchſtaben nicht durchſchla⸗ gen. Dieſes geſchieht bey trockner Witterung im — 147— Fruͤhlinge und Sommer. Die Papiermacher be⸗ reiten in einem großen Gefaͤße aus Leimleder und allerley klebrigen Materien, wozu ſie auch oft Alaun nehmen, Leimwaſſer, welches picht. Durch dieſes Leinwaſſer wird jeder Bogen ausgebreitet gezogen und er zieht den Leim an. Dann werden die Bogen wider zwiſchen die Filzlappen gelegt, ge⸗ preſſet, und auf dem Boden zum Trocknen auf⸗ gehaͤnget. Dann werden ſie durch den oben be⸗ ſchriebenen Hammer geſchlagen, in halbe Bogen gefalzet, in Buͤcher, Rieße und Ballen zuſam⸗ men gelegt und verſchickt. Die Faͤſerchen, die man oft an dem Papiere findet, und die ſich beym Schreiben gern an die Federſpitze anhaͤngen, kommen von dem Filze her, zwiſchen welche die Bogen gelegen ſind. Manches Papier hat Furchen und iſt ſo rauh, daß ſich die Feder beym Schreiben immer auf⸗ haͤlt. Das kommt von den groben abgenuͤtzten Filz⸗und Tuchlappen, von denen ſich jeder Fa⸗ den in das Papier eindruͤckt. Auch iſt es nicht gut geſchlagen. Vieles Papier hat eine blaulichte oder Milch⸗ farbe. Die Papiermacher geben zu dem Zeug, ſo lange es in dem Pollaͤnder iſt, und zwiſchen den metallenen Schienen zermalmet wird, eine blaue Farbe, die durch Waſſer verduͤnnet iſt, K 2 — 148— wodurch dieſe Farbe am Papiere entſteht. Das Druckpapier wird in Ballen zu 5000 Bogen, das Schreibpapier aber in Rieße zu 20 Buͤcher oder 480 Bogen gepackt. Die Menſchenretter. Im Winter des Jahres 1790 waren faſt alle Fluͤſſe mit dickem Eiſe bedeckt. Auch der Fluß Theya in Maͤhren war feſt zugefroren. Am vier und zwanzigſten Hornung dieſes Jahres fing es an aufzuthauen, der tiefe Schnee ſchmolz, ein ſtarker Regen vermehrte das zuſammenlaufende Waſſer, und fuͤllte das Beet der Fluͤſſe ſo hoch an, daß das durch das Thauwetter und den Re⸗ gen muͤrbe gemachte Eis gehoben und gebrochen wurde. Viele Fluͤße traten aus dem Ufer, und uͤberſchwemmten die herumliegenden Gegenden. Der Fluß Theya iſt ſonſt unbedeutend, aber bey ſtarkem Platzregen und ſchnellem Thauwetter laͤuft von den Bergen eine ſolche Menge Waſſer in denſelben, daß er ungewoͤhnlich hoch anſchwillt, die Ufer uberſteigt, und große Verheerungen an⸗ richtet. So war es auch in der Nacht vom 23. auf den 24. Pornung, Unvermuthet trat er aus — — — 149— den Ufern, mit entſetzlichem Krachen theilte ſich das Eis, und wurde in großen Stuͤcken gegen Baͤume und Haͤuſer von dem tobenden Waſſer mit fortgeriſſen. In dem Maͤhriſchen Dorfe Altſcha llers⸗ dorf, nahe an der Stadt Znaym, lag alles im tiefen Schlafe. Auf einmahl drang das rau⸗ ſchende Waſſer in dasſelbe, die Eisſchollen ſtie⸗ ßen an die Thore und Mauern, und weckten die erſchrockenen Einwohner. Da war ein Winſeln und Jammern im ganzen Dorfe. Das Waſſer war in dem tief liegenden Theile des Dorfes bald ſo hoch, daß es bey den Fenſtern der Stuben durchſtroͤmte. Da rettete ſich, wer nur konnte, in die hochliegenden Haͤuſer, und da man hier nicht ſicher zu ſeyn glaubte, auf die Daͤcher und auf den Kirchthurm. Das Vieh wurde aus den Staͤllen mit fortgeriſſen; da ſah man Tiſche, Schraͤnke, Bettſtellen, Wiegen und anderes Haus⸗ geraͤthe zwiſchen den Eisſchollen in dem Waſſer fortſchwimmen; Haͤuſer ſtuͤrzten ein, u die Daͤcher ſchienen ſich mit dem Eiſe fort zu bewegen. Den folgenden Tag waren aber auch jene Haͤuſer, wohin ſich die Ungluͤcklichen gerettet hat⸗ ten, vom Einſturze nicht mehr frey. Das Waſſer war auch dorthin gedrungen, tobte und brauſete fuͤrchterlich, und ſchleuderte das Eis mit graͤßlichem Krachen gegen die muͤrben Mauern. Das Weinen und Wehklagen der Unglucklichen ertoͤnte in der Luft, und überſtimmte das Rauſchen des toben⸗ den Waſſers. Mit einem erbaͤrmlichen Angſtge⸗ ſchreye hoben ſte die Haͤnde bittend gen Himmel; die Muͤtter hielten ihre Saͤuglinge empor und rie⸗ fen um Rettung; die Kinder klammerten ſich an ihre Baͤter und ſchrien um Huͤlfe. Manche woll⸗ ten ſich ſchon auf die Eisſchollen herablaſſen, und auf denſelben Rettung ſuchen; aber die Gefahr war zu groß und der Untergang wahrſcheinlicher als die Rettung. Unter den Truͤmmern der Haͤu⸗ ſer und zwiſchen den Eisſchollen im Waſſer wer⸗ den wir unſern Tod finden“, riefen alle aͤngſtlich, „oder hier auf dem Thurme werden wir des Hun⸗ gers ſterben muͤßen, wenn ſich der liebe Gott nicht unſer erbarmet, denn Rettung durch Men⸗ ſchen iſt hier nicht möglich. Wer wuͤrde ſich mit einem zerbrechlichen Nachen zwiſchen das wogende Eis wagen, um nuns zu Huͤlfe zu rommen?“ Die Fiſcher der nahen Doͤrfer verſuchten es, ihnen mit Kaͤhnen beyzukommen, aber vergebens; ſte gelangten nicht zu den Ungluͤcklichen. Nur drey Koſaken von dem Regimente, das eben als Huͤlfs⸗ Corps mit andern Ruſſiſchen Truppen zu der Öſt⸗ rreichiſchen Armee marſchierte, und hier in der Naͤhe im Quartier lag, wurden die Retter von hundert fuͤnfzig Menſchen. Ohne von je⸗ manden aufgefordert zu ſeyn, beſtiegen ſie die — 151— zwey Koͤhne, mit denen die Fiſcher vergebens zwi⸗ ſchen dem Eiſe durchzukommen geſucht hatten, ſtießen mit Rieſenſtaͤrke das Eis, welches nahe zu dem Kahne kam, mit Haken weg, und arbei⸗ teten aus allen Kraͤften um zu den Ungluͤcklichen zu kommen. Oefters ſetzte ſich der Kahn auf ei⸗ nem Eisſchollen feſt; aber da ſprang einer von ih⸗ nen muthig auf den Schoallen, ſchob den Kahn weg, und ſchwang ſich wieder in denſelben, um mit vereinten Kraͤften den Kahn weiter vorwaͤrts zu bringen. Oft war der Kahn in Gefahr, zwi⸗ ſchen zwey Schollen zerdruͤckt zu werden, aber ihr Muth und ihre Staͤrke trotzte jeder Gefahr. Nach langer Arbeit gelangten ſie zu den Un⸗ gluͤcklichen. Dieſe wußten ſich vor Freude nicht zu faſſen, als ſite ihre Retter ankommen ſahen. Jeder draͤngte ſich, um der erſte in dem Kahne zu ſeyn, und eben dadurch haͤtten ſte bald den Kahn umgeſtürzet. Die braven Koſaken nahmen aber nur ſo viele Perſonen auf einmahl, als der Kahn leicht faſſen konnte, darunter immer zwey oder drey Maͤnner, die ihnen bey ihrer Arbeit helfen konnten, und jene nahmen ſie am erſten auf, die an dem gefaͤhrlichſten Platze ſtanden. Wenn ſie ihren Kahn ausgeladen hatten, fuhren ſie freu⸗ dig zu den andern Ungluͤcklichen wieder zuruͤck. Zum Glücke fing nach der vierten Fahrt das Eis an, ſich zu verlaufen, die Fahrt wurde minder —y—— 1I — 152— gefaͤhrlich und leichter, und in einem halben Ta⸗ ge waren alle hundert fuͤnfzig Menſchen von To⸗ desgefahr gerettet. Haͤtten ſie die Rettung ſpaͤter angefangen, ſo wuͤrden einige unter dem Schutte und im Waſſer den Tod gefunden haben, denn bald nach der dritten Fahrt ſtürzte das Haus ein, aus dem ſie die Ungluͤcklichen gerettet hatten. Die Geretteten bezeigten ihren Rettern auf alle moͤg⸗ liche Art ihren Dank; der Herr des Dorfes woll⸗ kte ihnen ein anſehnliches Geſchenk geben; ſie nah⸗ men es aber nicht; und eilten zu ihrem Corps. Wird wohl das Andenken dieſer Braven jem ahls in der Gemeinde verloͤſchen 2 Werden nicht die ſpaͤteſten Enkel noch ihr Andenken ſegnen? ——— d Koſaken. D. eben erzaͤhlte Geſchichte wird meine jungen Leſer wohl neugierig machen, mit den Koſaken naͤher bekannt zu werden. Auch in den letzten Kriegsjahren war ſo oft von dieſen leichten Reitern die Rede, daß es wohl der Muͤhe werth iſt, ſie naͤher kennen zu lernen. Die Koſaken ſind Ruſſen, ſprechen gewoͤhnlich Ruſſiſch, und be⸗ kennen ſich zu der Griechiſchen Religion. Sie wohnen in verſchiedenen Laͤndern des groſſen Ruſſiſchen Reiches, und haben von den Provin⸗ zen, in denen ſie wohnen, den Nahmen; daher gibt es Slobodiſche, Saporogiſche Koſaken; Koſaken vom ſchwarzen Meere, Doni⸗ ſche, Wolgaiſche, Dudowskiſche, Aſtrahanſche, Grabenskiſche, Oren⸗ burgiſche, Uraliſche und Sibiriſche Koſaken. Sie machen unter den Ruſſen einen beſondern Stand aus, und ſind entſchloſſene, —— 154— faͤhige, gewandte und ſehr kapfere Leute; dabey ſind ſie genügſam und immer frohes Muthes, aber große Liebhaber des Trunkes. Ihre Anzahl im ganzen ruſſiſchen Reiche betraͤgt uͤber 750,000 Mann, von denen ein großer Theil Kriegsdienſte thut. Die uͤbrigen treiben Viehzucht, Jagd und Fiſcherey. Die Viehzucht iſt ihr Hauptgewerbe; ſie ziehen viele Pferde, Hornvieh, Schafe, Schweine, auch Ziegen und Bienen. Die Jagd iſt ihre Hauptbeluſtigung: ſie uͤben ſich darin von Ju⸗ gend auf, ſcheuen keine Muͤhe und Gefahr, und wer⸗ den ſehr geſchickt in derſelben. Ihre ſchnellen und abgehaͤrteten Pferden leiſten ihnen dabey vortreff⸗ liche Dienſte. Sie erlegen die Thiere mit Kugeln, Pfeilen oder Spießen. Der Koſak zu Pferd hohlt einen Haſen im Laufe ein, und ſpießt ihn mit ſeiner Pike auf. Auf groͤßere Thiere, die er im ſchnellſten Galoppe einhohlt, wirft er Schlingen, die er immer bereit haͤlt, und faͤngt ſie. Die beſtaͤn⸗ dige übung auf der Jagd, wo ſte und ihre Pferde kei⸗ ne Beſchwerlichkeiten und Gefahren ſcheuen, bildet ſie von Jugend auf zu entſchloſſenen Kriegen. Die Fiſcherey betreiben die Koſaken fleißig, weil ſte ſehr eintraͤglich iſt. Nur ſo weit es die Noth fordert beſchaͤftigen ſie ſich mit dem Ackerbaue; Gartengewaͤchſe und Wein bauen ſie ſorgfaͤltiger. Sie gewöhnen ſich an jede Witterung, und le⸗ ben an unwirthbaren Moraͤſten und auf kahlen Felſen eben ſo gluͤcklich, als in warmen frucht⸗ baren Gegenden. Sie kleiden ſich meiſtens nach Pohlniſcher Art; braun und blau ſind ihre Lieb⸗ lingsfarben. Ihre Koſt iſt einfach; ſie beſteht aus Fiſchen oder Fleiſch und Gemuͤſe; ihre Wohnun⸗ gen ſind ſchlechte Huͤtten; nur die allernothwen⸗ digſten Geraͤthſchaften beſitzen ſie, welche ſie ſich meiſtens ſelbſt verfertigen. Das Work Koſal bedeutet leichte Krie⸗ ger, und die Koſaken alle ſind, ſo zu ſagen, geborne Soldaten. Ihre Hauptſache iſt, die Graͤnze des Ruſſtſchen Reiches gegen feindliche Anfaͤlle und Raͤubereyen zu ſchuͤtzen. Man kann ſie daher als berittene Graͤnzſoldaten anſehen⸗ So lange ſie in ihrer Heimath ſind, haben ſie kei⸗ nen Sold, welcher wegen der Menge derſelben fuͤr das Ruſſtſche Reich zu koſtſpielig ſeyn wuͤrde: dagegen haben ſie verſchiedene Vorrechte. Sie ſind von den Leibeigenſchaft befreyet;(denn in Rußland haben noch die Adeligen Bauern und andere Untenthanen, die ihnen ſo eigen zugehoͤ⸗ ren, wie uns ein Pferd, ein Ochs oder eine Kuh). Sie duͤrfen keine Steuer von ihren Beſitzun⸗ gen, auch keine Kopfſteuer bezahlen. Sie koͤnnen ſich ihr Salz und ihren Brantwein ſelbſt bereiten, wel⸗ ches andern nicht erlaubt iſt. Sie haben das Recht, gus ihrer Mitte Vorſteher zu waͤhlen, von welchen. — 156— ſie nach eigenen Geſetzen regieret werden. Sie heißen ſie At amann oder Hetmann, d. i. Heerfuͤhrer. Ihre ganze Verfaſſung iſt millitaͤriſch. Sie werden in Staͤmme eingetheilt, und jeder Stamm hat ſeinen Hetmann, und nimmt den Nahmen von dem Lande an, wo ſte wohnen. Wenn ſie außer Land dienen, erhalten ſie Sold und Verpflegung. Diejenigen, welche Kriegsdienſte thun, ſind in Regimenter, und dieſe wieder in Compagnien eingetheilt. Ein Regiment iſt 500 bis 3000 Mann ſtark, und hat ſeine Ober⸗ und Unter⸗Offiziere. Von dem achtzehnten bis fünf⸗ zigſten Fahre iſt eigentlich jeder Koſak Soldat. Bey ihnen giebt es keinen Unterſchied des Stan⸗ des, keinen Adel von Geburt, einer iſt dem an⸗ dern gleich; doch pflegen ſie zu den Ehrenaͤmtern meiſtens jemanden aus einer Familie zu waͤhlen, deren Abkoͤmmlinge lange Zeit ſchon anſehnliche Aemter bekleidet haben. Ihre Offtziere ſtehen um einen Grad niedriger, als die Offiziere der uͤbrigen Regimenter. Jeder dienende Soldat muß außer dem Felddienſte ſich und ſein Pferd verkö⸗ ſten, fuͤr ſeine Kleidung und Waffen ſelbſt ſorgen, und ſich die Pferde anſchaffen. Nur im Felde bekommen ſie Sold und Prooiant wie die regu⸗ laͤren Truppen. Ein jeder hat wenigſtens zwey Pferde, theils um ſie zu wechſeln, wenn eines mude iſt, und dadurch ſchneller fortzukommen, theils um das Gepaͤck und den Proviant von dem einen tragen zulaſſen. Der Sattel iſt von Holz, unter demſelben ligt eine Decke von Filz, und uͤber ihn ein ledernes Kiſſen, auf welchem der Koſak ſitzt. Der gemeine Koſak traͤgt abgeſchnit⸗ tenes Haar und einen langen runden Bart; die Vornehmen haben nur einen Knebelbart. Sein langer tuchener Rock wird durch die Degenkuppel um den Leib feſt gebunden. Die weiten leinenen Beinkleider reichen bis an die Halbſtiefeln. Auf dem Kopfe traͤgt er eine Muͤtze, die mit Schaf⸗ fell verbraͤmt iſt. Der Offizier iſt eben ſo geklei⸗ det, nur iſt ſeine Kleidung koſtbarer. Gemei⸗ niglich traͤgt er zwey Noͤcke uͤber einander, von welchen der untere von Seide, der obere von fei⸗ nem Tuche und mit goldenen Treſſen und Schnuͤ⸗ ren beſetzt iſt. Bey jedem Regimente hat dieſe Kleidung eine andere Farbe. Jeder Koſak hat eine ſehr lange Pike, die mit einem Faͤhnlein ge⸗ ziert iſt. Nebſt dieſer fuͤhrt er einen Saͤbel, eine Buͤchſe, ein Paar Piſtolen, die in dem Guͤrtel ſtecken, eine Peitſche an einem kurzen Stiel, die eine Elle lang, und daumdick von Leder gefloch⸗ ten iſt, und im Felde auch wohl eine Schlinge, mit welcher ſie die feindlichen Schildwachen fan⸗ gen, und mit ſich fortfuͤhren. Verſchiedene Ko⸗ ſaken haben ſtatt der Buͤchſe Bogen und Pfeile. Jedes Koſaken⸗Regiment hat ſeine eigenen ſeide⸗ — 158— nen Fahnen, die gewoͤhnlich mit dem Bllde eines Heiligen geziert ſind. Sie haben keine Feld⸗Mu⸗ ſik, keine Bagage⸗Wägen, keine Kanonen, keine Zel⸗ te. Muͤſſen ſie im Freyen laͤngere Zeit uͤbernachten, ſo errichten ſie ſich Huͤtten von Geſträuchen, oder ſie hohlen ſich aus dem naͤchſten Walde Staͤbe, ſchla⸗ gen ſie ins Viereck in die Erde, ſpannen ihre Filzmaͤntel daruͤber, und lagern ſich darunter. Da der Koſak von Ingend auf an eine geringe Koſt, und alle Beſchwerden zu ertragen gewoͤhnet iſt, und ſich auch das meiſte von ſeinen Kleidungs⸗ ſtuͤcken und von ſeinem Pferdgeſchirre ſelbſt ver⸗ fertiget, ſo iſt er zum Soldaten und beſonders zu dem Vorpoſten⸗Dienſte ſehr geſchickt. Die Koſaken ſind wie die Fuͤhlhoͤrner einer Armee, die den Feind in weiter Entfernung aufſpuͤren, ihn umſchwaͤrmen, und ihm Lebensmittel und Zufuhr abſchneiden. So lange die Koſaken in ihrer Hei⸗ math ſind, haben die Offiziere nicht viel Anſe⸗ hen; im Felde aber ſind ſie ſtreng, und fordern puͤnctlichen Gehorſam. Die Vergehungen werden theils mit Gelde, theils mit der Peitſche beſtraft. Stockpruͤgel duldet der Koſak nie. In der Schlacht theilen ſie ſich in kleine Haufen, und greifen den Feind, wenn er ſich in einer Linie aufgeſtellt hat, auf allen Seiten unter graͤßlichem Geſchreye mit gefällten Piken im ſchnellſten Galop⸗ pe an, und ſuchen die Linie zu durchbrechen. — — 59= Gelingt ihnen dieſes, ſo laſſen ſie die Pike fallen, und an einem Rieme nachſchleppen, greifen zur Piſtole und zum Säbel, und metzeln nieder, was ſie koͤnnen. Finden ſie aber Widerſtand, ſo zerſtreuen ſie ſich ploͤtzlich, und fliehen eiligſt zu ihren Sammelplaͤtzen zuruͤck, greifen vom Neuen wieder an, und ſo lange, als ſie Be⸗ ſehl dazu erhalten. Iſt der Feind geſchlagen, ſo verfolgen ſie ihn auf ihren ſchnellen und dauer⸗ „haften Pferden ſo lange als moͤglich, und ſu⸗ chen Gefangene zu machen, die ſie allenthalben aufſuchen. Beute machen iſt ihr Hauptgeſchaͤft im Kriege, und wo ſie einfallen, wird alles ge⸗ pluͤndert, ſo daß die nachziehenden Truppen oft an dem⸗ Nothwendigſten Mangel leiden, wenn die Koſaken vor ihnen da gehauſet haben. Bey dem Ruͤckzuge der Franzoſen aus Rußland im Winter 1812 haben ſie eine unermeßliche Beute gemacht, und mancher gemeine Kofak hat ſein Pferd mit dem Sattelzeug geziert, das vorher ein franzoͤſiſcher Marſchall im Staate gehabt hat, Wenn auch die Koſaken roh und ungebil⸗ det ſind, ſo hat man doch im Kriege manche ſchoͤne Handlung von ihnen gehoͤrt. Der ſchwere Truthahn. Wigheim ſah einen Truthahn in der Kuͤche lie⸗ gen. Er hob ihn bey den Fuͤßen in die Hoͤhe! Das iſt ein ſchwerer Vogel, ſagte er, man hat Ruͤhe, ihn mit einer Hand in die Hoͤhe zu brin⸗ gen, wie viel mag er wohl wiegen, lieber Va⸗ ter; Leicht zwanzig Pfunde, erwiederte dieſer; aber du wirſt kaum glauben, daß Johaun, der doch ein ſtarker Burſche iſt, ihn nicht von einem Ende des Garten zu dem andern wird tragen koͤn⸗ nen. Wilhelm lachte, und glaubte, der Vater habe ihn zum Beſten. Dieſer aber ſagte, er wolle gleich den Verſuch machen. Er ließ eine gerade Stange bringen, die ſechs Fuß lang war; er band den Truthayn an das ei⸗ ne Ende der Stange feſt, und legte ſie dem Jo⸗ hann ſo auf die Schulter, daß das vordere En⸗ de, wo er mit der Hand anfaßte, nur einen Fuß, das hintere Ende, woran der Lruthahn hing, —— — 161— fuͤnf Fuß lang war. Johann ging mit dieſer Laſt nur einige Schritte, er ſchwankte, ſeine Hände vermochten nicht mehr die Laſt zu halten; er ließ die Stange aus, und der Truthahn lag auf der Erde. Das iſt doch ſonderbar, ſagte Wilhelm, ſo etwas haͤtte ich mir nicht einbilden koͤnnen. Lie⸗ ber Vater, ich bitte, erklaͤren Sie mir doch, wie das zugeht, daß Johann eine ſo leichte Laſt nicht tragen kann? Sehr gern, wenn du gut Acht geben willſt. Dieſe ganze Sache beruht auf dem Geſetze des Gleichgewichtes am Hebel. Unter einem He⸗ bel wollen wir uns eine Stange vorſtellen, die auf einer Unterlage ſo ruht, daß ſie im Gleich⸗ gewichte iſt: das heißt eine Stange, die wie der Querbalken an einer Wage ſich auf keiner Seite herabſenket. An dieſer Stange ſtellen wir uns drey Puncte vor; einen an jedem Ende derſel⸗ ben, und einen in der Mitte, mit dem ſie auf ei nem andern Körper aufligt, welcher der Ruhe punet heißt. Den Koͤrper, an dem die Stan⸗ ge auiflgt, wollen wir die Unterlage nennen. Wenn der Ruhepunctgerade in der Mitte, das heißt, wenn die Stange in der Mitte auf der Un⸗ terlageaufligt, wie bey einer gewoͤhnlichen Wa ge, ſo ſagt man, der Hebel hat zweyglei⸗ che Arme. L — 162— Wenn man an jedem aͤußern Puncte gleich viel Gewicht aufhaͤngt, und der Hebel in der Mitte zwiſchen dieſen beyden Puncten aufligt, wie bey einer Wage, ſo bleibt der Hebel im Gleichgewichte. Du wirſt oft einen Mann Kerzen an einer Stange tragen geſehen haben. Die Stange iſt der Hebel; wenn er die Stange eben in der Mitte auf die Schulter auflegt, und am bintern Puncte dreyßig Pfund Kerzen aufgehaͤn⸗ get hat, wie viel wird er an dem vorderen Punete aufhaͤngen muͤßen, damit die Stange im Gleich⸗ gewichte bleibt? Wilhelm. Auch dreyßig Pfunde. Vater. Und wie ſchwer iſt dann die Laſt, welche er traͤgt? Wilhelm. Zweymahl dreyßig, d. i. ſech⸗ zig Pfunde. Vater. Wenn Fohann ſeine Stange in der Mitte auf die Schulter aufgelegt haͤtte, wie viel Gewicht haͤtte er am vordern Ende anhängen müſ⸗ ſen, um dem Truthahne das Gleichgewicht zu halten. Wilhelm. Zwanzig Pfunde, weil der Truthahn eben ſo ſchwer ſeyn mag. Vater. Recht, da er nun ſtatt eines Ge⸗ gengewichtes ſeine Haͤnde brauchte, ſo muͤßten dieſe ſo viel Kraft anwenden, als erfordert wuͤr⸗ de, eine Laſt von zwanzig Pfund zu heben. Wie — 163— ſchwer waͤre da die Laſt geweſen, die auf ſeine Schulter druͤckte? Wilhelm. Zwanzig Pfund hat der Trut⸗ hahn, zwanzig Pfund iſt das Gegengewicht, alſo zweymahl zwanzig, d. i. oierzig Pfunde. Vater. Je naͤher aber der Ruhepunct dem einen von beyden andern Puncten gebracht wird, ſo daß der Hebel ungleiche Arme hat, deſto mehr waͤchſt das Gewicht an dem andern Puncte. Wir wollen dieſes gleich an unſerer Stange aus Erfahrung ſehen. Die Stange mit dem Truthahn hat ſechs Fuß. Wenn ſie Johaun in der Mitte auf die Schulter auflegt, wie viel hat jeder Arm derſelben? Wilhelm. Drey Schuh, weil zweymahl drey ſechs iſt. W Vater. Und dann hat auch jeder Arm glei⸗ ches Gewicht. Wilhelm. Ja, Sie haben mir eben ge⸗ ſagt, daß Johanns Haͤnde zwanzig Pfund ſchwe⸗ res Gewicht ziehen muͤßten, wenn der Truthahn am andern Ende zwanzig Pfund ſchwer iſt. Vater. Hier druͤcketen alſo vierzig Pfunde auf ſeine Schultern. Ich habe aber dem Johann die Stange ſo aufgelegt, daß ruͤckwaͤrts das En⸗ de, an welchem der Truthahn hieng, fuͤnf Fuß, das vordere Ende aber, melches er mit der Hand aufaßte, nur einen Fuß lang wat. Es wurde 2 4 — 164— alſo die Laſt fuͤnfmahl vermehrt. Wie ſchwer war alſo die Laſt an dem hintern Arme der Stange, oder des Hebels? Wilhelm. Fuͤnfmahl zwanzig, d. i. hun⸗ dert Pfunde. Bater. So mußte nun Johann, weil das binterſte Ende in einer fünfmahl ſo großen Ent⸗ fernung von der Unterlage, d. i. von der Schulter bieng, als die Entfernung der Hand be⸗ trug, eine fuͤnfmahl ſo große, alſo hundert Pfund Kraft anwenden, um den Truthahn zu er⸗ halten, und auf ſeine Schulter druͤckte die Stan⸗ ge ſammt dem vordern Ende mit einer Laſt von hundert zwanzig Pfunde, welches der gute Johann nun freylich nicht aushalten konnte. Wilhelm. Jetzt verſtehe ich auch, war⸗ um der Tiſchlehrjunge, der ſo oft Breter hier vorbey kraͤgt, dieſelben immer in der Mitte auf die Schulter oder auf den Kopf auflegt, damit der vordere Theil ſo viel Gewicht hat als der hintere. Wenn er ſie weiter voran auflegete, ſo muͤßte er freylich um ſo viel mehr Kraft mit den Haͤnden anwenden, um ſie im Gleichgewichte zu erhalten. Vater. Richtig, und auf dieſe Art wirſt du oiele Dinge leicht beurtheilen koͤnnen, wenn du die Geſetze des Gleichgewichtes am He⸗ bel gut verſtehſt. So z. B. wuͤrde nicht leicht einer allein einen drey Centner ſchweren Stein mit den — 165— Haͤnden von der Erde aufheben koͤnnen, wohl aber mit dem Hebel. Er legt neben den Stein einen kurzen Querbalken zur Unterlage, und uͤber denſelben den ſpitzigen Hebel, greift mit dieſem unter den Stein, druͤckt am andern Ende den Hebel nieder, und hebt ſo den Stein in die Hoͤ⸗ he. Der Stein ſoll alſo drey Centner ſchwer ſeyn, der Hebel mag ſechs Fuß lang ſeyn; wenn nun der Hebel, mit dem ſpitzigen Ende einen Fuß lang, über die Unterlage vorſteht, wie viel Kraft wirdman an dem andern Ende des Hebels anwenden muͤßen, um den Stein von der Erde auſzuheben? Wilhelm. Wenn der Hebel ſechs Fuß lang iſt, ſo reicht das andere Ende fünf Fuß lang uͤber die Unterlage hinaus. Die Kraft wird alſo fuͤnfmahl vermehrt, wenn er alſo ſechzig Pfund Kraft anwendet, und den Hebel am aͤußerſten En⸗ de anfaſſet, ſo mag dieſe Kraft dem Steine das Uebergewicht halten, und ihn aufheben. Vater. Bey einem andern Verſuche wol⸗ len wir dieſes genauer beſtimmen. Genug, der Hebel iſt eine wahre Unterſtuͤtzung für die Arbeits⸗ leute, und der wird viel Kraft erſparen, der ihn gut zu benützen weiß. Um dich fuͤr deine Aufmerk⸗ ſamkeit zu belohnen, will ich dir jetz ein kleines Kunſtſtuͤck lehren. Du ſollſt frey auf dieſem Stuh⸗ le ſitzen, und nicht voͤn demſelben aufſtehen koͤnnen. — 166— Wilhelm. Wie? ich ſollte vom Stuhle nicht aufſtehen koͤnnen? Das iſt wohl nicht leicht moͤglich. Vater. Stetze dich frey auf den Stuhl hin, den Rumpf mit dem Kopfe halte ſenkrecht, die Schenkel laſſe horizontal auf dem Stuhle ruhen, und die Beine ſenkrecht hinabhaͤngen. Die Fuͤße darfſt du auf den Boden aufſtellen.— Jetzt ver⸗ ſuche aufzuſtehen; aber du darfſt weder den Ober⸗ leib vorwaͤrts neigen, noch die Fuͤße, wie ich ſchon geſagt habe, zuruͤckſetzen. Wilhelm verſuchte aufzuſtehen, aber ſo viel er ſich auch anſtrengte, ſo war es ihm nicht moͤg⸗ lich. Er bath den Vater ein Gleiches zu verſu⸗ chen, und meinte, weil deſſen Fuͤße laͤnger wä⸗ ren und mehr Kraft hätten, ſo muͤßte er aufſte⸗ hen koͤnnen, aber ihm gelang es ſo wenig als Wilhelm. Wilhelm wollte nun auch die Urſache wiſſen. Der Vater erklaͤrte ſie ihm ſo: In die⸗ ſer Stellung ligt der Schwerpunct ſenkrecht uͤber dem Geſaͤße. Will er ſich heben, ſo ſind ſeine beyden Schenkel die Hebel, welche aber an de⸗ ren oberen Ende bey den Huͤften die Schwere des Koͤrpers herunterdruͤckt. Die Ruhepuncte ſind in den Knien, und die Kraft, welche die Schwere des Körpers heben ſoll, iſt in den Mus⸗ keln, welche die Schenkel und Beine ausſtrecken. Die⸗ Cͤ 6le unñ˖ 33ö — 167— ſe Kraft wirkt aber in der angenommenen Stel⸗ lung zu ſchief, ihre Entfernung vom Ruhepuncke iſt zu klein, als daß ſie die Laſt uͤberwinden koͤnnte. Seltene Freundſchaft einer Gaus zu ei⸗ nem Kettenhunde. Aaf dem Landgute Little Grove in Hert⸗ fortſhire in England war eine Gans, die zu der Art gehoͤrt, die man Canadiſche Gaͤnſe nennt⸗ welche ſonſt nicht gern auf einem Hofe bleiben, ſondern lieber umher ſtreichen. Dieſe aber hat⸗ te gegen einen Hofhund eine ſolche Freundſchaft, daß ſie ſich immer bey deſſen Stalle aufhielt, und ſich nur von demſelben entfernte, wenn ſte ihrem Futter nachging; kaum hatte ſie aber ge⸗ freſſen, ſo kehrte ſie ſogleich nach dem Stalle zuruͤk. So ſaß ſie den ganzen Tag neben der Huͤtte ihres Lieblings. Hineinzugehen wagte ſie indeſſen nicht, ausgenommen bey Regenwetter. Wenn der Hund bellte, ſo fing ſie ſogleich an zu gackeln, und ſchoß wohl gar auf die Perſonen, denen, ihrer Meinung nach, das Bellen galt, und ver⸗ ſuchte ſie in die Beine zu beißen. Zuweilen machte — 168— ſie einen Verſuch mit dem Hunde zu eſſen; die⸗ ſes gab aber dieſer, der uͤberhaupt eine ſo war⸗ me Freundinn mit Kaltbluͤtigkeit behandelte, ſchlech⸗ terdings nicht zu. Wenn das uͤbrige Federvieh zur Ruhe ging, ſo ging ſie niemahls mit, wenn man ſie nicht mit Gewalt dazu trieb. Des Mor⸗ gens, wenn ſie mit den übrigen auf die Weide getrieben werden ſollke, war ſie nicht von dem Hofthore wegzubringen, ſondern ſaß den ganzen Tag davor, wo ſie den Hund wenigſtens ſehen konnte. Man beſchloß endlich, der treuherzigen Gans ihren Willen zu laſſen, und ſie nicht wei⸗ ter mit Gewalt vom Hunde wegzutreiben, und ſie konnte nun mit aller Herzlichkeit ſo lange bey ihm ſeyn, als ſie wollte. Sie lief ſo gar des Nachts mit dem Hunde auf dem Hofe herum, wenn dieſer die Nunde machte; und wenn er zu⸗ weilen am Tage einen Spatziergang in das Dorf unternahm, begleitete ſie ihn halb gehend und halb fliegend, um mit ſeinem geſchwinden Reiſe⸗ trabe Schritt halten zu koͤnnen. Ddieſe außerordentliche Zuneigung endigte ſich nur mit dem Tode des Hundes, der zwey Jahre darauf, nachdem mon ſie zuerſt bemerkt hatte, erfolgte. Es wurde damahls allgemein geglaubt, der Hund habe die Gans einmahl zufaͤlliger Wei⸗ ſe von dem moͤrderiſchen Anfalle eines Fuchſes hefreyet. Waͤhrend der Krankheit des Hundes — 169— verließ ſie ihn gar nicht mehr, ſelbſt nicht ein⸗ mahl um ihr Futter zu ſuchen, und ſie waͤre vielleicht verhungert, wenn man ihr nicht eine Schale mit Korn zu der Huͤtte geſ(tzt haͤtte. Die⸗ ſe ganze Zeit uͤber hielt ſie ſich in der Huͤtte ſelbſt auf, litt nicht, doß ſich jemand derſelben naͤherte, die Perſon ausgenommen, die dem Hunde oder ihr das Eſſen brachte. Das Ende dieſes treuen Thieres war traurig. Nach dem Tode des Hun⸗ des wollte ſie die Huͤtte lange nicht verlaſſen. Als man endlich einen andern Hund von faſt gleicher Groͤße und Farbe dem Verſtorbenen zum Nachfolger gab, wurde das arme Thier Aufangs getaͤuſcht, und glaubte, es waͤre noch ihr alter Beſchuͤtzer. Sie ging treuherzig zu ihm in die Huͤtte, wurde aber von dem Hunde bey der Keh⸗ le ergriffen, und auf der Stelle ermordet. Was dieſe Geſchichte merkwuͤrdig macht, iſt, daß die Zuneigung der Gans zu dem Hunde entſtand, da dieſe ſchon erwachſen war, daß ſie ſich weder ge⸗ gen einen Menſchen, noch gegen ein anders Thier gefaͤllig bezeigte: auch ſchien dieſe Zuneigung nicht bloß Gewohnheit, ſondern Dankbarkeit und eine Art von Ueberlegung zum Grunde zu haben. Die Gans, die vermuthlich oͤfters den Fuchs ge⸗ ſpuͤrt haben mochte, fand ſich unter dem Schutze und in der Naͤhe des Hundes ſicher, und ſie bien⸗ — 17⁰0— te ihm dafuͤr wieder, ob er es gleich nicht von ihr verlangt hatte; ſie verfolgte den Feind in die Ferne, dem der an die Kette geſchloſſene Hund bloß die Zaͤhne weiſen konnte. — S Bier, welches jetzt ſo haͤufig ſtatt des theu⸗ ren Weines getrunken wird, iſt ein Getraͤnk, das aus Samenkoͤrnern, die Mehl in ſich enthalten, gekocht wird, und durch die Gaͤhrung einen ſtaͤr⸗ keren Geſchmack und Geiſt erhaͤlt. Die Erfin⸗ ten. Schon die alten Kgyptier kannten das Bier. Die alten Deutſchen tranken es als ihr gewoͤhn⸗ liches Getraͤnk. Gewoͤhnlich wird das Bier aus Gerſte, und bas beſſere aus Weitzen gebraͤuet; aber auch aus Birkenknoſpen, und Birkenſaft, ingleichen aus den Sproſſen oder jungen Zweigen vieler Nadel⸗ gewaͤchſe kann man Bier bereiten. Die Koͤrner, aus welchen Bier gebraͤuet wer⸗ den ſoll, muͤſſen voͤllig reif, friſch und nicht ver⸗ legen ſeyn. Man wirft ſie in große ſteinerne Ge⸗ kaͤße, gießt Waſſer darauf, laͤßt ſie in einer ge⸗ dung, Bier zu brauen, eaͤllt in die fruͤheſten Zei⸗ Hafer, Roggen, turkiſchen Korn oder Mais, aus —,— mnden Waͤrme lange ſtehen, und erweichen. Die Gefaͤße haben unten einen Zapfen, durch wel⸗ chen man das Waſſer oͤfters ablaufen laͤßt. Man gießt immer wieder friſches darauf. Einige brei⸗ ten nur die Koͤrner auf dem Boden aus, begie⸗ ßen oder beſpritzen ſie mit Waſſer, damit ſie auf⸗ ſchwellen. Die ſo erweichten und aufgequollenen Koͤr⸗ ner werden in Haufen oder in Beeten auf einen luftigen Boden geſchuͤttet. Sie erwaͤrmen ſich ſelbſt und treiben Keime. Der Braͤuer gibt Acht, daß das Korn nicht zu ſchnell keime, welches in den heißen Sommermonathen leicht geſchehen kann. Der Keim darf nicht laͤnger als das Korn ſelbſt werden, ſonſt wird das daraus gekochte Bier leicht ſauer und kraftlos. Dieſe ganze Vorrich⸗ tung nennt man Malzen, und die ſo bereite⸗ ten Koͤrner das Malz. Das Malz muß getrocknet werden. Es wird in dünnen Lagen auf den Boden ausgebrei⸗ tet, damit die Luft daruͤber wegſtreichen kann, und oft umgeſchaufelt. Die Sonne darf nicht darauf ſcheinen, ſonſt ſchlagen die Keime weiter aus. Das ſo getrocknete Malz nennen die Braͤuer Luftmalz, welches ein geiſtiges, wohlfeileres Bier giebt, das leicht gaͤhrt, und nicht ſo leicht. mißraͤth. ——-ꝗͤͤ Man trocknet das Malz auch durch die Waͤrme des Ofens. Man breitet es auf Hor⸗ den von geflochtenem Draht oder von Thon, die uͤber einen beſonders dazu errichteten Ofen gelegt werden, aus, und laͤßt es langſam trocknen. Die⸗ ſer Ofen heißt die Malzdarre, und das ſo getrocknete Korn das Darrmalz. Die Keime an den Koͤrnern taugen nicht zum Bier, deßwegen muͤßen ſie von denſelben ge⸗ reiniget werden. Man ſchaufelt nach dem Dar⸗ ren das Malz ſo lange um, bis ſich die Keime, die durch das Trocknen duͤrre, und ſproͤde gewor⸗ den ſind, davon abſtoſſen und ſich abſoͤndern. Das getrocknete und von den Keimen ge⸗ reinigte Malz wird auf der Muͤhle grob gemah⸗ len, welches man Schrotten nennt. Die ſo in kleine groͤblichte Theile zerriebenen Koͤrner heißen Schrokt. Die Muͤhlen in den Braͤu⸗ haͤuſern werden gewoͤhnlich von Ochſen getrieben, welche auch leicht gefuͤttert werden können, da die überbleihſel der Koͤrner, aus welchen Bier gebraͤuet worden iſt, gutes Futter für die Och⸗ ſen geben. Das Malz wird geſchrotet, damit das Waſſer beſſer eindringen, und die kraͤftigen Theile ausziehen kann. Der Schrott wird in ein ſehr großes hoͤl⸗ zernes Gefaͤß gebracht, welches Maiſch⸗Bot⸗ rich heißt. Auf dem Boden des Maiſchbottichs 38 2 8 — 173— liegen vier Latten, in gleicher Entfernung von einander, uͤber welche durchloͤcherte Breter ge⸗ legt werden, welche ſo eingerichtet ſind, daß ſie den ganzen Boden des Bottichs bedecken, und ei⸗ nen zweyten Boden bilden. Etwas über dem untern Boden des Bottichs ſteckt ein Zopfen oder ein Hahn, vor welchem ein Kranz von Stroh ge⸗ legt wird, damit der Schrott nicht auslaufe, wenn aus dem Bottiche abgezapft wird. Neben dem Maiſch⸗Bottich unter dem Hahne in einer Vertiefung ſteht ein kleiner Bottich, welcher Schoß⸗ faß heißt, und der dasjenige auffaſſet, was aus dem Maiſch⸗Bottiche abgezapft wird. Nun in dieſe Maiſch⸗Bottich wird der Schrott, mit et⸗ was Haͤckſel oder Spreu vermengt, damit er er ſich nicht zu feſt an den Boden anſetze, gefuͤllt, und zuerſt bloß mit warmem Waſſer begoſſen, nach und nach wird immer heißeres aufgegoſſen, und der Schrott, der jetzt Maiſche heißt, be⸗ ſtändig umgeruͤhrt. Dieſes dauert etwa andert⸗ halb Stunden. Dieſe ganze Vorrichtung nennen die Bräuer das Maiſchen oder Moͤſchen. Die Maiſche wird dann aus dem Maiſch⸗ Bottich durch Ninnen in die Braupfanne uͤbertragen. Die Braupfanne iſt ein ſehr großes, viereckiges, kupfernes Gefaͤß, welches auf einem Herde ſteht, der geheitzt wird. In dieſer Pfan⸗ ne wird der Maiſch langſam ſo lange gekocht, 1 und dabey fleißig umgerlhrt⸗ bis ſich dieſes De⸗ coct zu klären anfaͤngt, und die überbleibſel des Malzes, welche Traͤbern heißen, zu Boden ſinken.. Nun waͤre das Bier gebraͤuet. Damit es aber die Suͤßigkeit verliert, und läuger aufbewahrt wer⸗ den kann, gibt man gewoͤhnlich Hopfen dazu. Hopfen iſt die Bluͤthe einer Pflanze, welche aus Wurzeln gezogen wird. In Boͤhmen weden eige⸗ ne Hopfengaͤrten angelegt. Die Wurzeln treiben Schoͤßlinge, von denen man nur einige am Sto⸗ cke laͤßt. Reben die Stoͤcke werden Stangen in die Erde geſetzt. Die Schoͤßlinge wachſen hoch auf, und haͤngen ſich mit ihren Ranken wie Wein⸗ hecken an dieſe Stangen. Sie treiben Blüthen, welche aus ſchuppenfoͤrmigen gelblichen Blaͤttern beſtehen, und einer nicht ganz ausgebluͤhten gel⸗ ben Roſe ziemlich aͤhnlich ſind. Wenn ſie reifen, riechen ſie ſehr ſtark. Sie werden dann abgepfluͤ⸗ cket, und ſind ſehr bitter. Dieſer? Bitterkeit theilt der Hopfen dem Biere mit; und macht es ſo dau⸗ erhaft, daß es etliche Jahre aufbewahrt werden kann. Der Hopfen waͤchſt auch in Auen und Waͤldern wild. Er windet ſich an den Dornge⸗ ſtraͤuchen auf, und bildet oft finſtere Lauben. Jer Hopfen wird gedoͤrret, und dann verbraucht oder verſchickt. 175— Einige bruͤhen den Hopfen nur wie Thee an, und gießen den Extract zum Bier. Dadurch wird er ſtark und geiſtig. Andere bringen das Bier aus der Braupfan⸗ ne wieder in den großen Bottich, und laſſen es einige Zeit ruhig ſtehen. Darauf zapfen ſie ein Schoßfaß davon ab, und kochen es mit Hopfen in der Pfanne. Dieſes wiederhohlen ſie ſo lange, bis die Pfanne voll iſt. Ha es genug gekocht, ſo wird es in dem Maiſch⸗Bottich, der gut gereiniget wors den iſt, und jetzt Bier⸗Bottich heißt, uͤbertragen. So bald der Bier⸗Bottich voll iſt, ſo wird das Bier in kleinere Bottiche vertheilet, damit es ſich ſchnell abkuͤhle. Iſt es kuͤhl genug, ſo wird es in den Stellbottich, oder Gaͤhrbottich gebracht, und Hefen oder Gaͤrme dezu gegeben, damit es gaͤhre, und dadurch ſtark und geiſtig werde. Iſt das Bier noch zu warm, ſo wird die Gaͤhrung zu heftig, und das Bier wird leicht ſauer; iſt es aber zu ſehr abgekühlt, ſo gaͤhrt es zu langſam und zu ſchwach, wodurch das Bier truͤbe und blaͤhend wird. Der Hefen wird durch die Gaͤhrung in die Hoͤhe getrieben und dann ab⸗ geſchoͤpft. Wenn kein Schaum mehr aufſteigt, und kei⸗ ne Bewegung mehr im Biere zu merken iſt, ſo wird es in Faͤßer gefuͤllt; das Faß darf aber nicht ganz voll gemacht, und der Spunt muß offen gelaſſen werden, damit es Naum zur Gaͤhrung habe, und den noch übrigen Hefen aus⸗ ſtoßen kann. Wenn es ſo einige Tage gelegen hat, keinen Hefen mehr ausſtoßt und klar iſt, ſo kann es getrunken werden. Ein gutes Bier muß hell ſeyn, nicht blaͤhen, ſchnell wieder aus dem Koͤrper weggehen, wenig Saͤure und keinen allzubittern Geſchmack haben⸗ Das Bier, welches in Kruͤge und Bouteillen ge⸗ zogen wird, iſt gewoͤhnlich ſtaͤrker, weil dadurch die Gaͤhrung gehemmt wird. Aber eben deßwe⸗ gen blaͤhet es, weil es viel Luft und fluͤchtige Theile noch mit ſich fuͤhrt, die bey dem gut ge⸗ gorenen Biere durch die Gaͤhrung abgeſondert worden ſind. Das Bier, wenn es auch nicht jeden Men⸗ ſchen dienlich iſt, kann doch, wenn es gut ge⸗ brauet iſt, als ein geſundes und nahrhaftes Ge⸗ traͤnk anempfohlen werden. Fur den ſtark arbei⸗ tenden gemeinen Mann iſt kein Getraͤnk naͤhren⸗ der und kraͤftiger als guͤtes Bier. — 177— Der gebeſſerte Raͤuber. Ga Geld her, oder du biſt des Todes!“ ſchrie zitternd ein junger, ruͤſtiger Menſch, der am ſpaͤ⸗ ten Abend beym Mondenſcheine aus einem Gebuͤ⸗ ſche im Walde auf Herrn Kraftmann hervor⸗ ſtuͤrzte, und ihn beym Arme ergriff.„Halt Kerl! oder ich ſchieße dir die Piſtole vor'n Kopf,“ er⸗ wiederte Herr Kraftmann, der Staͤrke, Muth und Geiſtesgegenwart hatte, er ſaßte ihn bey der Bruſt, und ſchleuderte ihn zu Boden„Gnade und„Barmherzigkeit! ſchrie dieſer jammernd,“ ich bin kein Raͤuber, nur die aͤußerſte Noth und Ver⸗ zweiflung hat mich zu dieſem Schritte verleitet⸗ „Nun wer biſt du Elender?““ fragte Herr Kraft⸗ mann mit donnernder Stimme.—„Ein ungluͤckli⸗ cher dienſtloſer Bedienter— zu betteln ſchaͤme ich mich—, zwey Tage habe ich nichts gegeſſen, Gnade und Verzeihung, gnaͤdiger Herr!“ Herr Kraftmann, der ſich nun wirder von der erſten Hitze erhohlt hatte, wünſchte, daß dies M — 178— ſes Geſtaͤndniß wahr waͤre. Er faßte den jungen Menſchen beym Arme, befahl ihm mit durch den Wald zu gehen, redete mit ihm ernſt, aber doch guͤtig, erkundigte ſich genau um ſeine Lebensum⸗ ſtande und um ſeinen vorigen Lebenswandel. und ſchloß aus den offenherzigen reuevollen Ant⸗ worten, daß der junge Menſch nicht ganz ver⸗ dorben ſey, und noch Hoffnung gebe, daß man ihn vollends beſſern koͤnne. Um ihn auf die Probe zu ſtellen, gab er ihm am Ende des Wal⸗ des nahe bey den Staͤdtchen, in welchem Herrn Kraftmann wohnte, einem Gulden Geldes, daß er ſich zu eſſen und zu trinken kaufen und eine Nachtherberge ſich beſorgen koͤnnte. Er verſprach uͤber das Geſchehene ein ſtrenges Still⸗ ſchweigen, befahl ihm am folgenden Tage um zehn Uhr bey ihm zu erſcheinen, und nichts wegen des Vergangenen zu fuͤrchten. Herr Kraftin ann, der das edelſte Herz von der Welt hatte, dachte bis in die ſpaͤteſte Nacht uͤber dieſen Vorfall nach. Bald hoffte er, bald be⸗ fuͤrchtete er für den jungen Menſchen. Er be⸗ ſchloß ſein Moͤglichſtes zu thun, um ihn vom Ver⸗ derben zu retten, wenn er kaͤme. Die zehnte Stunde ruͤckte heran, und in derſelben fand ſich der junge Menſch ein. Schamroth und mit tief⸗ gebeugtem Haupte trat er Herrn Kraftmann unter die Augen. Dieſer nahm ihn allein in 4 —— rrenu 179— ſein Zimmer. Hier ſtuͤrzte der junge Menſch zu ſeinen Fuͤßen, umfaßte ſeine Knie, und both mit vielen Thraͤnen um Vergebung und verſprach Beſ⸗ ſerung. Herr Kraftmann hob ihn auf: Jun⸗ ger Menſch, ſagte er mit ernſter Stimme,„er hat einen boͤſen Streich ausfuͤhren wollen, der ihm haͤtte koͤnnen theuer zu ſtehen kommen. Noth und Hunger entſchuldiget nicht, einen Raub zu bege⸗ hen. Ich hatte ihn geſtern, wie jetzt in mei⸗ ner Gewalt, und koͤnnte ihn zur verdienten Strafe ziehen. Aber ich halte mein Wort, ich verzeihe ihm. Seine Reue gefaͤllt mir, wenn ſie nur aufrichtig iſt. Beſſere er ſich, wie er ver⸗ ſpricht, und halte er auch ſein Wort, wie ich das meinige halten werde, ſo lange er ſeinem Verſpre⸗ chen treu bleiben wird. Von jetzt an iſt er bey mir als Bedienter aufgenommen; verrichte er ſeine „Dienſte genau; halte er ſeine Haͤnde ſtrenge von dem zuruͤck, was einem andern gehoͤrt; ſey er red⸗ lich und emſig, ſo wird er an mir einen guten und freygebigen Dienſtherren haben. Peter, ſo hieß der junge Menſch, wußke ſich vor Freude nicht zu faſſen. Der Ton und die Miene des edlen Mannes verriethen eine gute Ab⸗ ſicht; er ergriff ſeine Hand, benetzte ſie mit Thraͤ⸗ nen: Vater und Retter! rief er aus und das Wort erſtarb in ſeiner geruͤhrten Bruſt. M 2 Nun gab Herr Kraftmann auf jeden Schritt, den Peter machte, genau Acht; die mindeſte zweydeutige Handlung, die Verdacht er⸗ regen konnte, unterſuchte er, ohne daß es Peter merkte, mit aller Sorgfalt; er zog von deſſen vori⸗ gen Dienſtherren genaue Nachrichten uͤber ſein ehe⸗ mahliges Verhalten ein, und erfuhr keine uͤble Nachrede. Peter trachtete mit vollem Eifer, die Liebe und Achtung ſeiner Herrſchaft durch ge⸗ naue Erfüllung ſeiner Pflichten zu verdienen, und es verfloſſen drey Jahre, ohne daß jemand das Geringſte wider ihn vorbringen konnte. Es war an einem ſchoͤnen Sommerabende, als Herr Kraftmann ganz allein auf ſeiner Schreibſtube war. Peter machte ſich darin etwas zu ſchaffen. Mit Thraͤnen in den Augen trat er vor den edlen Mann hin, faßte ſeine Hand, druͤckte ſte an ſeine Lippen, und ſprach tief ge⸗ ruͤhrt:„Gnaͤdiger Herr; heute ſind es volle drey Jahre, daß ich den boͤſen Streich im Walde ver⸗ uͤbte. Habe ich das Andenken an die boͤſe That durch ein dreyjaͤhriges gebeſſertes Betragen noch nicht ganz aus Ihrem Gedaͤchtniſſe vertilgen koͤnnen, ſo verzeihen Sie mir. Mein künftiges Betragen ſoll Ihnen gewiß beweiſen, daß ich ganz gebeſ⸗ ſert bin.“ Braver Peter, erwiederte der edle Mann, ich kenne kein groͤßeres Vergnuͤgen, als ihn gedeſſert zu ſehen, und ich glaube nun, daß er es — 181— iſt. Fahre er ſo fort, und ich werde nie aufhoͤ⸗ ren, ſein Freund zu ſeyn. Peter verſprach immerwaͤhrende Treue, Dankbarkeit und Anhaͤnglichkeit an Herrn Kraft⸗ mann und deſſen Familie, und er hielt auch Wort. Nicht leicht wird man einen Dienſtbothen finden, der ſeiner Herrſchaft kreuer, redlicher und fleißiger gedient haͤtte. Er nahm an den Leiden und Freuden derſelben den waͤrmſten Antheil, und fuͤhlte ſie ſo, als wenn ſie ihn ſelbſt betraͤfen. Herr Kraftmann ſtarb nach vielen Jahren. Pe⸗ ter leiſtete ſeiner Frau und ſeinen Kindern eben die eifrigen Dienſte wie ſeinem Retter. Er wur⸗ de in dieſem Hauſe grau, und als ein redlicher Dienſtbothe allgemein geachtet und geliebet. Die ganze Geſchichte waͤre unbekannt geblieben, haͤtte ſie Peter nicht als Greis Kraftmanns er⸗ wachſenen Soͤhnen mit vieler Nuͤhrung erzaͤhlt, und dabey dankbar die Aſche ſeines Retters ge⸗ ſegnet. Die Buſchmaͤnner. A Cap in Suͤd⸗Afrika lebt eine Gattung Menſchen, die man eben ſo leicht fuͤr Affen hal⸗ ten koͤnnte. Man nennt ſie Buſchmaͤnner. Sie leben auf der unterſten Stufe der menſchli⸗ chen Bildung, und alle Verſuche, ſie der uͤbrigen menſchlichen Geſellſchaft naͤher zu bringen, wa⸗ ren bis jetzt fruchtlos. Die Buſchmaͤnner ſind klein, und von Hunger wie ausgedörrt. Die Maͤnner ſind kaum vier Schuh hoch, die Weiber in der Regel noch kleiner: beyde haͤßlich, grundhaͤß⸗ lich, daß man ſie ohne Ekel und Abſcheu nicht anſehen kann. Ihre Geſichtsfarbe iſt lichter als der andern Landeseingebornen, der Hottentotten und Beetjuanen; nur kann man wegen des Schmutzes, der ihren ganzen Koͤrper beſtaͤndig bedeckt, ſelten die Farbe ihrer Haut erkennen. Ihr Auge iſt leb⸗ haft, rollt ſich aber in wilden Blicken herum, und alle ihre Gebaͤrden ſind leidenſchaftlich. —.,— —————————— —,— ———OQñOUOO;Bõ— — Sie haben gar kein Eigenthum, gar keinen Begriff von Mein und Dein. Treibt ſie der Hun⸗ ger, ſo ſuchen ſie irgend wo etwas zu erhaſchen; für den kuͤnftigen Morgen zu ſorgen, fällt ihnen nie bey. Haben ſie etwas zu eſſen, ſo verſchlu⸗ cken ſie es mit thieriſcher Begierde, und haben ſie nichts, ſo hungern ſie mit beyſpielloſer Entſagung zwey, drey, vier Tage lang. Ihr einziger Haupt⸗ nahrungszweig iſt die Jagd. Sie ſchießen mit Pfeilen, welche ſie in das Gift getoͤdteter Schlan⸗ gen getaucht haben. Iſt das Thier erlegt, ſo ſchneiden ſie die Wunde, in welche das Gift ge⸗ drungen, aus, und verzehren die Beute bis auf den letzten Knochen. Von Aufbewahren auf ei⸗ ne andere Mahlzeit iſt bey ihnen keine Rede. Seekuͤhe und Elephanten fangen ſie in gro⸗ ßen Gruben, wo ſie das Thier, deſſen Haut ihre Pfeile nicht durchdringen, eines qualvollen Todes langſam ſterben laſſen, und es dann mit groͤß⸗ tem Appetit verzehren. Die Straußen⸗Neſter ſu⸗ chen ſie der Eyer wegen fleißig auf; Schlangen, Heuſchrecken und Ameiſen nebſt den Eyern der letztern ſind ihnen die fuͤßeſten Leckerbiſſen. Den Schlangen, mit deſſen Gifte ſie ihre Pfeile be⸗ ſtreichen, beißen ſie den Kopf ab, und behaupten, daß nachher der Genuß dieſes Leckerbiſſen ihnen ganz unſchaͤdlich ſey. — 184— Bleiben ihnen alle dieſe ſchmackhaften Biſſen aus. ſo naͤhren ſie ſich von mehrerley Arten von wil⸗ den Liliengewaͤchſen, von denen ſie die Zwiebeln am liebſten eſſen; reichen auch dieſe nicht hin, um ihr elendes Leben zu friſten, ſo wird ein Paar Tage gehungert, oder ſie gehen auf Raub aus, was nach ihren Begriffen gar nichts Widerrechtli⸗ ches iſt. Sie ſehen das Eigenthum anderer voͤllig für ein Gemeingut an, welches jedem, und alſo auch ihnen gehoͤrt. Da aber ihre Nachbarn, die Eu⸗ ropaͤiſchen Coloniſten(Anſiedler aus Europa), und die eingebornen Hottentotten und Beetjuanen ihr Eigenthum gegen jeden Raub beſchuͤtzen, ſo glauben die Buſchmaͤnner, daß ſie dadurch beeintraͤchtiget werden, und ſuchen das, was man ihnen nach ihren Begriffen freywillig geben ſollte, durch Liſt an ſich zu reißen. Dadurch wird dieſe rohe Menſchen⸗Claſſe den Bewohnern dieſer Gegend laͤſtiger, als eine gewoͤhnliche Landplage; denn dieſe waͤhrt nur kurze Zeit, dieſe Strauchdiebe find aber immer bey der Hand.— Die vormahlige Hollaͤndiſche Regierung am Capfaßte den edlen Entſchluß, dieſe B u ſchmaͤn⸗ ner nach und nach der menſchlichen Geſellſchaft mehr zu naͤhern, und ſte allmaͤhlich in vernuͤnfti⸗ ge, arbeitſame Menſchen umzubilden. Sie befahl den Coloniſten, ſie zu ſchonen, und als Menſchen zu behandeln. Es war daher ſcharf unterſagt, auf „. ☛ 1N ——ʒy4.·˖—ʒ—:—— 2 2.2.,—y,y—y,y,y,y y.ʃ⅓4—— ,— ——— keinen derſelben, wenn er auch auf einem Raube be⸗ troffen wuͤrde, zu ſchießen, ſondern es ward jedem em⸗ pfohlen, ſich mit ihnen durch eine freywillige Gabe in Guͤte abzufinden. Man hegte zugleich Hoffnung, ſtufenweiſe die Buſchmaͤnner an den Um⸗ gang mit den gebildeten Coloniſten zu gewoͤhnen und dieſes heidniſche Volk zum Chriſtenthume zu bekehren. Allein alle Verſuche mißlangen; Guͤte fruchtete nichts. Nur Strenge iſt im Stan⸗ de, dieſes raubgierige Volk im Zaume zu hal⸗ ten, und die Englaͤnder, die ſich im Faͤnner 1806 in den Beſitz des Caps ſetzten, haben ernſte Maß⸗ regeln zur Sicherung des Eigenthums ihrer Co⸗ loniſten gegen die hinterliſtigen Angriffe der Buſch⸗ maͤnner ergreifen muͤſſen. Dieſe Angriffe geſchehen von den Buſch⸗ maäͤnnern nie im offenen Felde, ſondern im⸗ mer heimlich und mit der ausgeſuchteſten Schlau⸗ heit. Sie ſehen, was keinem Europaͤer möglich iſt, anderthalb Meilen weit, mit der beſtimmteſten Genauigkeit. Gegenſtaͤnde, die wir mit dem voll⸗ kommſten Fernglaſe noch nicht wahrnehmen, ſteht der Buſchmann mit bloßem Auge ſo genau, daß er ſie ganz beſtimmt zu unterſcheiden weiß. Sein Pfeil trifft immer auf den Punct, wo er Men⸗ ſchen und Thieren toͤdtlich iſt. Spannt er die Sehne ſeines furchtbaren Bogens, ſo iſt der Ge⸗ genſtand, auf den er lauert ohne Rettung verlo⸗ — 186— ren, denn er ſchießt ſeinen vergifteten Pfeil nicht eher ab, als bis er das, was er ſchießen will, gewiß auf dem Korne hat, darum fehlt er nie. Der Menſch oder das Thier, auf welche der Buſchmann den Todespfeil zuͤckt, nehmen ihn gar nicht wahr, denn er ſchießt nur bey der Nacht, oder hinter einem Strauche verſteckt, oder auf die Erde platt hingelegt, wo er ſich in eine Fur⸗ che oder Vertiefung druͤckt: hier kann man ihn wegen ſeiner ſchmutzigen Koͤrper farbe vom Erdbo⸗ den gar nicht unterſcheiden. Wird er verfolgt, ſo iſt kein Europaͤer im Stande, ihn einzuhohlen. Er laͤuft ſo geſchwind als ein Pferd im Galopp, und ſchwimmt wie ein Aal durch die reißendſten Stroͤme, die ſich ſeiner Flucht entgegen ſtellen. Der Buſchmann trinkt wie ein Thier: er legt ſich platt auf den Bauch an das Ufer, und bringt das Maul zum Waſſer. Die Kaffern und Hotten⸗ totten,(wilde Eingeborne des Caps) hingegen hu⸗ cken ſich neben den Strom, und werfen das Waſ⸗ ſer mit den beyden Vorderfingern ins Maul. Aus hohler Hand trinkt kein Sud⸗ Afrikaniſcher Wilder. Die Buſchmaͤnner leben ohne Heimath; ſie ſind nirgends zu Hauſe und haben weder Huͤtte noch Hoͤhle, vielweniger ein Haus. Sie ſchweifen beſtaͤndig herum, und des Nachts liegen ſie wie die Thiere in ihrem Lager oder Neſte. Ein ſolches Lager, welches ſie ſich aus einem Strauche, der -——,——,—. SD ð. 6 8 Gdd eced ev. — 187⸗— ein ſehr weiches Laub hat,(Tarchonantus) berei⸗ ten, hat voͤllig die Geſtalt und das Anſehen ei⸗ nes Vogelneſtes; die Zweige des Strauches ſind in der Runde aus einander gebogen, und im Grun⸗ de liegt Heu, Laub und Wolle. In Ermanglung eines ſolchen Strauches ſcharren ſie Loͤcher in den Sand, von hoͤchſtens ſechs Schuh im Durchmeſſer, und darin ligt der Buſchmann mit ſeinen Kin⸗ dern und Weibern. Sie kugeln ſich in dieſem engen Raume zuſammen, ziehen Beine, Koͤpfe und Haͤnde eng an einander, und decken ſich mit dem Felle ei⸗ nes Fakals oder Schafes zu, daß man in ſo einem Neſte gar keinen Menſchen vermuthen ſollte. Wer das erſte Mahl einen Buſchmann zu Geſicht bekommt, haͤlt ihn gewiß eher ſuͤr einen Affen als einen Menſchen. Des Haares Farbe iſt wegen des Schmutzes nicht zu beſtimmen, ſein Bart iſt ſpitzig. Stirn, Naſe und Kinn ſind mit ei⸗ nem ſchwarzen Schmutze uͤberzogen, nur um die Augen hat er einen weißen Ring von den Thraͤ⸗ nen, die ihm der Rauch ſeines Tabaks und Feu⸗ ers entlockt. Das lebhafte raſche Rollen und Dre⸗ hen der Augen und die unaufhoͤrliche Beweglichkeit ſeiner Augenbraunen laſſen kaum einen Zweifel uͤbrig, daß man einen Affen vor ſich habe. Eine affenmaͤßige Begierde, ein ſchelmiſches und miß⸗ trauiſches Lauern, eige furchtſame Scheu und boß⸗ — 188— hafte Tücke wechſeln immer in ſeinem haͤßlichen Ge⸗ ſichte. Dagegen iſt kein Zag von Gefuͤhl, von menſchlichem Gemuͤthe in denſelben bemerkbar. Gibt man ihm zu eſſen, ſo ſtreckt er aͤngſtlich und doch verlangend den Arm darnach weit aus; hat er es ergriffen, ſo verſchlingt er es mit dem Heißhunger eines Raubthieres hinunter, und blin⸗ zelt dabey immer umher, ob nicht jemand komme, und es ihm wieder nehme. Er goͤnnt ſich kaum Zeit, gehoͤrig zu kauen, ſondern verſchluckt ſo große Biſ⸗ ſen, daß man ſie die magere Kehle hinunter glei⸗ ten ſehen kann. Seine höchſte Glückſeligkeit iſt das Tabakrau⸗ chen. Er ſchluͤrft zu dieſem Behufe das Mark aus dem erſten beſten Knochen, ſtopft ihn dann mit Tabak ganz voll, ſteckt den Knochen, ſo weit er kann ins Maul, zündet an dem außen ſtehenden Ende den Tabak an, und ſchluckt nur den Dampf in vollen Zügen hinunter. Mit jedem Zuge kneift er die Augen ganz zuſammen, um damit anzuzei⸗ gen, daß es für ihn nichts Angenehmeres mehr auf den Erdboden gebe. So haͤßlich die Maͤnner ſind, ſo ſcheußlich kann man auch die Weiber nennen. Sie zeichnen ſich durch ganz kleine Augen aus, aus welchen eine gewiſſe Verſchlagenheit hervorleuchtet. Die Muͤt⸗ ter tragen ihre Kinder auf dem Ruͤcken, und rei⸗ chen ihnen unter der Achſel weg die Bruſt. Die eit, iſ⸗ lei⸗ au⸗ aus mit er den npf eift zei⸗ auf lich nen eine duͤt⸗ rei⸗ Die — 139— Kinder ſind in dem Grade unfoͤrmlich dick, als die Ältern aͤußerſt mager ſind: aber noch als Saͤuglinge kriechen ſie ſchon allein im Sande herum. Noch kein Fahr alt, gehen ſie ſchon keck auf den Beinen. Etwas aͤlter gehen ſie ſchon auf Nahrung aus, graben ſich Wurzeln und Zwiebel aus; und verſchlingen ſie mit eben dem Heißhunger wie die Ältern. Sie wachſen ohns alle Aufſicht wie das liebe Vieh heran, thun das, was ſie Vater und Mutter thun ſehen; eſſen, trinken, ſtehlen und ſchießen, was ihnen vorkommt, mit giftigen Pfeilen todt, und ſterben am Ende aller Ende in ihrem Strauchneſte wie ihre Voraͤltern. Welcher großer Abſtand zwiſchen dem wil⸗ den Buſchmann und den geſitteten Europaer! Danken wir es der goͤttlichen Vorſicht, daß ſie uns von geſitteten AÄltern hat abſtammen laſſen; benuͤtzen wir aber das Beyſpiel und den Unterricht unſerer Altern und Lehrer, daß wir geſitteter werden! Dſe Perlen. D. Perle wurde von jeher ſehr hoch, oft hoͤ⸗ her als der Diamant geſchaͤtzt. Sie verdankt ihre Schoͤnheit nur der Ratur, da der Diamant hingegen ſein Feuer und ſeinen Glanz durch die Kunſt des Schleifers erhaͤlt. Die mildere Weiße der Perle, ihr beſchei⸗ dener Glanz, der ſich nur dem naͤheren Auge zeigt, macht ſie zum paſſenden Sinnbilde der Un⸗ ſchuld und Reinheit des Herzens, und man er⸗ theilt dem anſpruchsloſen, beſcheidenen Juͤngling kein ſchoͤneres Lob, als wenn man ihn die Perle unter ſeines Gleichen nennt. Wie der Diamant ſeinen Glanz erſt durch die Hand des Schleifers erhaͤlt, ſo verliert die Perie ſo gar von ihrer natuͤrlichen Schoͤnheit durch das, was die Kunſt mit ihr vornimmt, um ſie auf eine Schnur zu reihen. Da die Kunſt, Dia⸗ manten zn ſchleifen, den Alten unbekannt war, aͤens 2 ☛ꝙ,— — 191— ſo war es natuͤrlich, daß ſie die Perle dem Dia⸗ mant vorzogen. Plinius ſagt in ſeiner Natur⸗ geſchichte:„Das Hoͤchſte aller Dinge an Werth iſt die Perle.“ und ſelbſt den wildeſten Voͤlkern dient ſie zu ihrem vorzuͤglichſten Schmuck. Wie ſehr die Perlen zu Moſis und Salomons Zeiten(vor 3300 und 2800 JFahren) geſchätzt wurden, davon finden wir viele Beweiſe in dem aͤlteſten der Buͤcher.„Die Weisheit iſt hoͤher zu achten, ſie iſt edler als Perlen!“—„Ein tu⸗ gendſames Weib iſt edler als die koͤſtlichſten Per⸗ len,“ heißt es im Buche Hiob und in den Spruͤ⸗ chen Salomons. Im neuen Teſtamente wird ſo gar das Himmelreich mit der Perle verglichen, und in der Offenbarung Johannis ſind die Mau⸗ ern des himmliſchen Jeruſalems nur von Edel⸗ ſteinen, die Thore aber von Perlen. Sonderbareiſt es, daß die Perle ihren Nah⸗ men in allen europaͤiſchen Sprachen von den al⸗ ten Deutſchen hat. Selbſt der Lateiniſche und Griechiſche Nahme Margarite iſt nach Pli⸗ nius Zeugniſſe fremden Urſprunges, und kommt von dem Angelſächſiſchen Worte Mere⸗ grot, Meergries(Meergries, Meerſtein⸗ chen,) her; und das Wort Perle oder Berle iſt nichts anders als das Deutſche: kleine Beere, von ihrer runden Form. —— Wie entſtehen die Perlen? Die Natur und der Urſprung der Perlen ſind jetzt vollkommen dekannt. Die Materie, woraus ſie beſtehen, iſt ganz einerley mit der, wor⸗ aus die Schale der Muſcheln, in welchen man ſie findet, beſteht, naͤhmlich eine Kalk⸗ erde mit etwas wenigem thieriſchen Leim oder Schleim von dem Schalthiere, welches die Mu⸗ ſchel bewohnt. Die Perlen loͤſen ſich daher in Saͤuren auf, wogegen ſie aber, ſo lange ſie nicht beſchaͤdiget oder zerbrochen ſind, durch der glaͤn⸗ zenden opalfaͤrbigen Schmelz, mit dem ſe uͤber⸗ zogen ſind, geſchuͤtzt werden. Alle zweyſchaligen Muſcheln, deren Inneris perlenmutterartig iſt, erzeugen Perlen auf eben die Art, wie das Thier die Schale um ſich herum bildet. Vorzuͤglich aber entſteht ſie in der ſo ge⸗ nannten Perlenmuſchel, deren Schale flach, kreisrund, voll Furchen, auswendig grau iſt, und inwendig Perlenfarbe und Glanz hat. Man findet ſie von der Groͤße von ſechs Zoll im Durch⸗ meſſer und ein bis zwey Zoll Dicke. Die Thiere, welche dieſe Muſchel bewohnen, enthalten einen Saft, welcher, wenn ſie ihn von ſich gegeben haben, ſich verſteinert, oder verkalkt. Sie ſondern ihn vermittelſt ihrer Druͤſen ab, und bilden aus demſelben um ſich herum die Schalen, —ꝭ—O—O—Q—Q—ę————— Z Aa&& —.,— 193— ihr Haus, welches die Natur zu ihrer Sicherheit beſtimmte; ſo wie die Raupe aus ihrem Saft ihr Grab ſpinnt, in welchem ſie verborgen ligt, bis ſie als herrlicher Schmetterling aus demſelben hervorgeht. Das Schalthier bildet die Schale, indem ſte dieſen Saft in unzaͤhligen aͤußerſt dunnen La⸗ gen paralell um ſich herum abſondert; die Perle bildet es durch eben ſolche Lagen, die aber nicht pa⸗ rallel ſind, ſondern ſich in engen Kreiſen um ei⸗ nen Mittelpunct herumziehen, ſo wie man einen Faden um eine kleine Kugel windet, daß daraus ein Knaͤuel werde. Dieſer runde, kalkartige Aus⸗ wuchs, die Perle, findet ſich zuweilen im Thiere ſelbſt, zuweilen getrennt von ihm an der inneren Schale. 6 Die Veranlaſſung dieſes unnatuͤrlichen Aus⸗ wuchſes iſt wahrſcheinlich irgend ein fremder Koͤr⸗ per, z. B. ein Sandkorn, den das Thier mit einer Nahrung zu ſich genommen hat, und den es nun, um iym ſeine Rauhigkeit, die ihm wehe thut, zu benehmen, mit jenem ſchleimigen Safte uͤberzieht. So bald dieſer Saft verhaͤrtet iſt, ſo druͤckt er vom Neuen wieder auf das Thier, und iſt ihm läſtig, wodurch es abermahls veranlaßt wird, ihn mit ſeinem ſchleimigen Safte zu uͤber⸗ ziehen, welches es ſo ſort macht, ſo oft der frem⸗ N — — 194— de Koͤrper auf ihn wirkt, daß es ihn immer vom Neuen uͤberzieht. So waͤchſt durch Anlegung dieſes Saftes die Perle unaufboͤrlich, und beſteht, gleich einer Zwiedel, aus unzaͤhligen feinen hohlen Lagen, die feſt uͤber einander liegen, und abwechſelnd bald ein ſehr ſchoͤnes Waſſer haben, bald unrein ſind. Dieſe Entſtehungsart wird dadurch außer Zweifel, daß man wirklich oft, wenn man die Perlen aufſchneidet, in ihrer Mitte den fremden Koͤrper findet, um den das Thier die Lagen, wie um einen Kern angelegt hat. Die Perlen werden durch den Stich eines Wurmes veranlaßt. Eine andere Veranlaſſung der Perlen iſt folgende: So wie in der Natur alles auf Koſten ſeiner Nebengeſchoͤpfe lebt und zehrt, ſo gibt es auch im Grunde des Meeres oder in den Ritzen der Felſen Wuͤrmer, welche die Muſchelſchalen durchhohren, um ſich vom Fleiſche des Schalthie⸗ res zu naͤhren. Das Schalthier verwahrt ſich von ſeiner Seite gegen dieſen Angriff; indem es jedes Loch mit einer Perle vermauert, die es aus dem ſteinartigen Safte bildet, mit welchem es die Na⸗ tur zu ſeiner Erhaltung begabt hat. ———— — —,— — 195— Der beruͤhmte Naturforſcher Linné gerieth durch dieſen Umſtand auf eine Erfindung, die ſchon lange vorher gemacht war, und aus der die Schwediſche Regierung lange ein Geheimniß machte, um die Vortheile derſelben allein zu ge⸗ nießen. Linné verſuchte, die Muſcheln anzuboh⸗ ren, um das Thier dadurch zu veranlaſſen, mehrere Perlen in der Schale zu bilden. Die Erfahrung hatte gezeigt, daß das Thier uͤber jedes Loch eine Perle anſetzte; da aber dieſe Perlen an der Schale feſtſitzen, ſo ſind ſie nicht rund, und haben daher im Handel keinen hinlaͤnglichen Werth, um die dar⸗ auf verwendete Muͤhe zu belohnen. Oft findet man auch ſchoͤne runde Perlen loſe in der Schale liegen; dieſe ſind wahrſcheinlich ſolche, die ſich im Thiere ſelbſt bildeten, und von demſelben, weil ſie durch ihre Groͤße beſchwer⸗ lich waren, wie die Excremente ausgeworfen wurden. Was man Perlenmutter nennt, iſt die innere Schale der Muſchel, welche die Farbe und den Glanz der Perlen hat. Schönheit und Werth der Perlen. Die Schoͤnheit der Perlen beſieht in der Groͤße, der vollkommen runden Form, der na⸗ tuͤrlichen feinen Politur, der ſilberweißen Farbe, N 2 — 1956— und einem Glanze, der ihnen das Anſehen der Durchſichtigkeit gibt. Solche vollkommene Perlen erzeugen ſich nur im Thiere ſelbſt; und gegen eine ſolche finden ſich vielleicht tauſend, die gleich Warzen an der inneren Schale haͤngen, und wegen ihrer unregelmaͤßigen Form keinen Werth haben. Dieſe ungeſtalteten Perlen wachſen oft in ſolcher Groͤße und Menge an, daß das Thier ſeine Scha: len nicht mehr ſchließen kann, und daher ein Opfer ſeines eigenen Kunſtfleißes wird. Die Farbe der Perlen haͤngt nothwendig von dem Safte ab, aus dem ſtie gebildet ſind: daher ſind ſie nach der Natur der verſchiedenen Muſcheln, vielleicht auch nach ihrem geſunden oder kranken Zuſtande, ſilberweiß, braͤunlich, gruͤnlich, gelb, roth, rauchfarbig, und ſo gar ſchwarz; die letzte⸗ ren, obgleich weniger ſchoͤn, werden iyhrer Selten⸗ heit wegen, gleich den Negern, theuer bezahlt. Die ſchwaͤrzlichen ohne Glanz werden nicht ge⸗ ſchaͤtzt; doch findet man oft unter der erſten ſchwarzen Schale eine Perle vom ſchoͤnſten Waſ⸗ ſer. Die Einwohner von Hindoſtan ſchaͤtzen die goldgelben am meiſten. Die großen und ſchoͤnen Perlen heißen Zahl⸗ perlen(die Roͤmer nannten ſie unio); ſie wer— den einzeln gewogen, und nach dem doppelten oder Quadrat⸗Verhaͤltniſſen des Gewichtes bezahlt, ſo daß z. B. eine Perle von zwey oder dre⸗ —— ☛ Quentchen vier oder neun Mahl mehr koſtete, als von einem Quentchen. Die kleinen oder Lothperlen werden mit einander Loth⸗oder Pfundgweiſe verkauft. Die groͤßte in der Geſchichte bekannte Perle ward von der Cleopatra, der Koͤniginn Agyptens bey einem Gaſtmahle, welches ſie dem Roͤmiſchen Triumvir Antonius gab, in Eſſig aufgeloͤſet und auf deſſen Geſundheit getrunken: Plinius ſchaͤtzt ſie auf eine Summe, die faſt eine halbe Billion Ducaten ausmacht. Ein Neger hatte bey Panama eine Perle gefunden, der man den Nahmen La Peregrina beygelegt hat. Sie wur⸗ de Philipp 11., Koͤnig von Spanien, überreicht. Sie war oval, von der Groͤße eines Taubeneyes, und ward zu 80,000 Ducaten ge⸗ ſchaͤtzt. Taveruier ſah im Jahr 1633 eine Perle, die der Koͤnig von Perſien für 200,000 Ducaten gekauft hatte. Der Pabſt Leo X. hat auch eine ſo große Summe für eine Perle bezahlt, In der k. k. Schatzkammer in Wien befindet ſich eine Perle von der Groͤße einer Muscaten⸗ Nuß, welche auf 30,000 Ducaten geſchaͤtzt wird. Ei⸗ ne Schnur Perlen, welche ſich eben dort befindet, wird 50,000 Ducaten werth gehalten. Die Haus⸗ perlen der Kaiſerinn von Oſterreich ſind von ſol⸗ cher Groͤße, daß 25 Stuͤcke eine ganze Schnur ausfuͤllen, und haben einen Werth von 24,000 —— — 198— Ducaten. überhaupt hat der hohe Adel des Öſter⸗ reichiſchen Kaiſerſtaates ungemeine Schätze⸗an gro⸗ ßen und ſeltenen Perlen, welche als Familien⸗ Schmuck ſorgfaͤltig erhalten werden, ſo daß man außer England nicht leicht einen Schmuck von ſo hohem Werthe bey den Großen des Reichs antriffr. Ehemahls hatte man den Perlen große Heilkraͤfte zugetrauet und man machte Perlen⸗Eſ⸗ ſenzen, Perlen⸗Tincturen, die man zur Stär⸗ kung des Gehirns, des Magens, der Leber und als Verwahrungsmittel gegen Schlagfluß, Schwindſucht u. dgl gab. Jetzt weiß man, daß die Perle keine andere mediciniſche Kraft be⸗ ſitzet, als die ſie mit der Kreide gemein hat, und man gebraucht daher um die koſtbare Per⸗ le zu erſparen, in den Apotheken immer Kreide zu dieſem Zwecke. Künſtliche Perlen. U. den Perlenſchmuck zu vervielfaͤltigen, hat man geſucht, durch Nachhelfen oder Nach⸗ ahmung der Ratur kuͤnſtliche Perlen her⸗ vorzubringen. Dieſe kann man in echte und unechte Perlen eintheilen, naͤhmlich ſolche, die von den Muſcheln ſelbſt, wiewohl mit menſchlicher Huͤlfe erzogen werden, und ſolche, die ohne Zuthun der Muſcheln aus fremden Koͤr⸗ pern zuſammen geſetzt werden. Zur erſteren Art gehoͤrt das oben beſchriebe⸗ ne kuͤnſtliche Anbohren der Muſcheln nach Linnés Methode, die ſchon vor 1800 Jahre im ro⸗ then Meere bekannt war, und eine andere, die noch jetzt in China allgemein angewandt ird. Im Anfange des Sommers, wenn die Muſcheln ſich an die Oberflaͤche des Meers begeben, und ſich — 200— oͤffnen, werfen die Chineſen eine Schnur kleiner Kugelchen, die aus Perlenmutter verfertiget ſind, in die Schalen. Nach einem Jahre findet man dieſe Kugeln ſehr vergroͤßert, mit einer wahren Perlenhaut oder einem Schmelz uͤberzogen, ſo daß ſie den wahren Perlen vollkommen aͤhnlich ſind. Ddie vollkommſte Methode, unechte(fal⸗ ſche) Perlen zu verfertigen, iſt von Jacquin in Paris gegen das Ende des ſtebenzehnten Fahrhunderts erfunden worden. Sie beſteht im Folgenden: Eine gemeine Art kleiner Weißfiſche wird im Waſſer abgeſchuppt, worauf ſich ein fei⸗ nes ſilberfarbiges Pulver vom ſchoͤnſten Perlen⸗ glanz zu Boden ſetzt. Dann werden aus duͤnnen Roͤhren, die aus einen opalfarbigen Glaſe verfer⸗ tiget ſind, an der Lampe kleine hohle Kuͤgelchen geblaſen. In dieſe wird jenes Schuppenpulver, nachdem es mit aufgeloͤſeter Hauſenblaſe vermengt iſt, mittelſt einer feinen Glasroͤhre eingeblaſen, und durch Hin⸗ und Herſchwenken gleichfoͤr mig vertheilt, bis es ooͤllig getrocknet iſt, und ſich feſtgeſetzt hat. Hierauf werden die Glas⸗Kugeln, um ihnen mehr Feſtigkeit zu geben, mit weißen Wachs angefuͤllt, der Kern durchbohrt, und die⸗ ſes Loch mit einer papiernen Roͤhre ausgefüllt, damit die durchgezogene Schnur nicht anklebe. — — 201— Zu einem Pfunde dieſes Pulvers werden 20,000 Fiſche verbraucht. Vor vierzig Jahren gab es unweit Chalons in Frankreich eine Fabrik, die taͤglich 10,000 ſolcher Perlen lieferte. — 202— Perlen⸗Fabrication in Oſterreich. Aar in Wien werden falſche Perlen gemacht. Die Fabrication der unechten Perlen hat hierlan⸗ des ſeit einigen Jahren eine Ausdehnung erhalten, die ſie wohl ſchwerlich außer Frankreich und Italien in irgend einem Lande erreicht haben duͤrfte. Dermahlen zaͤhlt man hier in Wien ei⸗ nen landesbefugten und ſteben befugte Perleu⸗ Fabricanten, welche nicht nur im Inlande viele Geſchaͤfte machen, ſondern auch ihre Fabricate haͤufig nach der Tuͤrkey, Rußland, Preu⸗ ben, ins ganze Deutſche Reich, ja ſelbſt nach den Riederlanden und nach Holland ver⸗ ſeuden. Die erſten, welche in Wien Perl⸗Fabri⸗ ken errichten, waren drey Franzoſen, Notier, Waren und Boullan, die im Jahre 1787 hlierher kamen. Sie erhielten bald nach ihrer Ankunft durch die liberale Sorgfaltder ſterreichi⸗ ſchen Staatsverwaltung bedeutende Unterſtuͤtzun⸗ — 203— gen. In dieſem Zeitpuncte, unter der Regierung des fuͤr das Emporkommen der Landes⸗Induſtrie weislich beſorgten Kaiſer Joſephs II. entſtanden ſehr viele Fabriken in Wien und in den uͤbrigen Laͤndern des Kaiſerſtaates; und die Unternehmer derſelben erhielten allen Vorſchub und alle Unter⸗ ſtützung von der Staatsverwaltung. Bereitung des Glaſes zu den Perlen. Die hieſigen Perlen⸗Fabricanten haben ſich Anfangs bloß des Venetianiſchen Glaſes zu den Perlen bedient, welches in runden flachen Laiben hierher gebracht, und dann erſt zu Roͤhren gezo⸗ gen wurde. Jetzt und ſeit einigen Jahren ſchon verwenden ſie groͤßten Theilsz Boͤbmiſches Glas,. welches ſie, ſchon in duͤnne Roͤhren geformt, von den Glashütten beziehen. Zu der kleineren Gattung Perlen werden dieſe Roͤhren von den Per⸗ len⸗Fabricanten ſelbſt an dem Lampenfeuer dun⸗ 'ner gezogen. Bey Anwendung des Boͤhmiſchen Glaſes finden indeſſen die Arbeiter, daß es viel ſchwerfluͤßiger und ſelten ſo weiß iſt, als das Venetianiſche Glas. Arbeit des Perlenblaſers. Der Perlenblaſer hat bey ſeiner Arbeit zwey gläſerne Noͤhren in der Hand, deren Enden er am Lampenfeuer, welches mittelſt eines Tretbalges verſtaͤrkt wird, erweicht, und durch Hineinblaſen zu Perlen formt. Das Ausbrechen der Offnun⸗ gen bey den feinen Sorken geſchieht wechſelweiſe mit den Roͤhren ſelbſt, deren eine immer zu die⸗ ſem Ende an die bereits geformte Perle ange⸗ ſchmolzen wird. Um die geblaſene Perle von der Roͤhre zu trennen, bedient man ſich eines eigenen Meſſers, welches la lime(die Feile) genannt wird, obſchon es nichts Feilenartiges an ſich hat, ſon⸗ dern vielmehr dem Abzieheiſen, deſſen ſich die Tiſchler bedienen, beynahe vollkommen gleicht. Der innere überzug der Glasperlen, naͤhmlich die aus den Weißfiſch⸗Schuppen bereitete ſchillernde Materie, ſo wie das Wachs werden mittelſt ei⸗ ner gekrümmten Noͤhre in die Perlen eingeblaſen, und die gleichmäßige Vertheilung durch das Rollen auf einem mit Leiſten verſehenen Brete bewirkt. Es iſt beynahe nicht glaublich, wie ſchnell alle bieſe Arbeiten vor ſich gehen, und es iſt nicht un⸗ gewoͤhnlich, daß ein geübter Glasblaſer in einem Tage 2000 Perlen blaͤſet. Verſchiedene Gattungen der Glas⸗Perlen. Man unterſcheidet im Handel dreyerley Gat⸗ tungen unechter Perlen aus Glas: naͤhmlich die Slas⸗Wachs⸗ und Kunſt⸗oder Compoſitions⸗Per⸗ 2 len. Erſtere ſind gewoͤhnlich von gefärbtem Gloſe, und die geblaſene Perle erhaͤlt bloß an der inneren Flaͤche eine duͤnne Lage von einem leichtftuͤſſigen Metalle ohne Schwefel, um hierdurch die Zuruͤck⸗ werfung der Lichtſtrahlen; wie bey den Spiegeln zu bewirken, und ſſe zugleich dauerhafter; und vielleicht auch ſchwerer zu machen. Dieſe Sorte, zumahl die rothen und blauen Perlen, fanden ehe⸗ mahls in dem Oriente ſtarken Abſatz. Dermahlen iſt aber hiernach wenig Nachfrage, und hier wer⸗ den ſte bloß von Kindern, oder auf dem Theater und bey Maskenbaͤllen getragen. Unter dem Nahmen Wachsperlen begreift man die, welche aus weißem Glaſe geblaſen werden, inwen⸗ dig aber einen iüberzeug von der oben erwaͤhn⸗ ten ſchillernden Materie haben, und einen zwey⸗ ten von reinem Glaſe erhalten. Die dritte Gattung, naͤhmäch die Kunſt⸗oder Compoſitions⸗Perlen iſt jene, welche den echt Hri⸗ entaliſchen Perlen am naͤchſten kommen, und wirslich ahmt man ſie ſo taͤuſchend nach, daß es ſelbſt einem Kenner ohne ſie in die Hand zu neh⸗ men, ſchwer fallen wird, ſie von wahren Perleu zu unterſcheiden. Dieſer Sorte iſt der vorher⸗ gehenden vollkommen ähnlich, mit der Ausnah⸗ me nur, daß alle Arbeiten mit groͤßerer Eorgs falt geſchehen, und das Wachs, welches uͤber der aus Fiſchſchuppen gezogenen Materie zu liegen — 296— kommt, noch eine beſondere Zubereitunng erhaält, welches bey den Wachsperlen nicht der Fall iſt: und eigentlich den ſchoͤnen Schiller, und ſomit die⸗ ſem Fabricate die großte Vollkommenheit gibt. Die groͤßte Fabrik dieſer Art in Wien iſt* die des Johann Keimel, eines Schuͤlers von Boullan in der Vorſtadt Magarethen Nr. 57. Er beſchäftigte vor einigen Jahren oft bis 50 Perſonen mit dieſer Arbeit, und ſein Geſchaͤft wird bey der jetzigen Freyheit der Meere gleiche Ausdehnung erhalten. Er hält eine Riederlage in der Stadt Nr. 1173 wo man alle Gattungen der oben genannten Perlen zu ſehr billigen Preiſen erhält. Zwoͤlf Schnuren der feinſten Compoſiti⸗— ons⸗Perlen, jede Schnur zu 80 bis 100 Stück werden zu 6 bis 8 Gulden verkauft. Von einer geringeren Gattung und Farbe iſt das Dutzend Schnuͤre zu 4 ½ Guld. bis 6 Gulden zu haben⸗ 2 Die Perlenfiſcherey. —-— Eze Perlen findet man allerwaͤrts wo es zwey⸗ ſchalige Muſcheln gibt, ſelbſt in Landſeen und Baͤ⸗ chen, alſo auch in Europa. In Böhmen in dem Fluſſe Matawa und in der Moldau, auch in Siebenbürgen, ſelbſt in dem Kampf⸗Jluſſe in Hſterreich im V. O. M. B. gewinnt man Perlen von vorzüglicher Schoͤnheit. Die wichtigſten Perlenfiſchereyen ſind im Mexi⸗ caniſchen Meerbuſen und in Aſien im Perſtſchen Meerbuſen und in der Meerenge, welche die In⸗ ſel Ceylon von Hindoſtan trennt. Die per⸗ ſiſchen Perlen von Ormus ſind vielleicht die ſchoͤn⸗ ſten aber die von Ceylon ſind großer. Die Per⸗ lenfiſcherey in Ceylon bey dem Dorſe Manaar iſt die betraͤchlichſte in der ganzen Welt. Sie iſt ein Eigenthum der Regierung, welche ſie verpachtet, und den Paͤchtern die Anzahl der Böthe beſtimmt, mit denen ſie auf den Perlenfang ausgehen durfen. Die Fiſcherey in Ceylon faͤngt mit Anfang Febru⸗ 211— ars an, und dauert bis in den Aprill, da die Winde dieſem Gewerbe ein Ende machen. Von dieſer ausgemeſſenen Zeit geht ungefähr die Haͤlf⸗ te wegen Stuͤrme, welche ſie auszulaufen verhin⸗ dern, und durch Feyertage verloren, ſo daß ge⸗ woͤhnlich im ganzen Jahre nur dreyßig Tage dort gefiſcht wird. Auch darf man an derſelben Bank nicht länger als drey Jahre nach einander fiſchen; alsdann muß man ſie einige Jahre ruhen laſſen, bis die Muſcheln wieder zu jhrer gehoͤrigen Groͤße heran⸗ gewachſen ſind. Um zehn Uhr Abends, nachdem durch eine Kanone das Signal gegehen iſt, ſegeln dort die Bothe von der Kuͤſte ab, und erreichen gegen Morgen die Muſchelbank. Mit Sonnenaufgang fängt die Fiſcherey an, und wird bis Mittag, da ſich der Wind aus der See erhebt, auf folgende Art verrichtet: Jedes Both fuͤhrt 21 Menſchen, näͤhmlich 16 Taucher, 10 Ruderer, einen Steuermann. Am Both ſind zwey Stricke befeſtiget, wo einer das Netz, der andere vermittelſt eines haarenen Sei⸗ les einen etwa 30 Pfund ſchweren Stein häͤlt. Der Taucher faßt das Netz und das Seil, woran der Stein befeſtiget iſt(um deſto ſchneller zu ſinken)⸗ mit den Zehen ſeiner beyden Fuͤße, ergreift mit einer Hand beyde Stricke, haͤlt mit der andern die Naſenloͤcher zu, und ſtürzt ſich ſo in das ———— —— Waſſer. So bald er den Boden erreicht, laͤßt er die Stricke los, haͤngt ſich das Netz um den Hals, und füllt es mit ſo vielen Muſcheln an, als in der Zeit möglich iſt, die er, ohne Athem zu holen, unter dem Waſſer zubringen kann, welches gewöhnlich zwey Minuten iſt. Die Taͤucher ſind ſelten, welche ſteben Minuten unter dem Waſſer aushalten koͤnnen. Keiner iſt aber im Stande, länger unter dem Waſſer zu bleiben. Wenn der Athen ihm ausgeht, ſo ergreift er den Strick wieder, zieht daran, um ſeinen Gefährten im Bothe Nachricht zu geben, die ihn ſo gleich und ſchnell beraufziehen. Dieſe kurze Waſſerreiſe, und die dabey aus⸗ geſtandene Angſt greift den Taucher ſo an, daß er, ſo bald er das Both erreicht, eine Menge Waſſer, und wohl auch Blut von ſich gibt, ohn⸗ maͤchtig niederſinkt, und in einem todtenaͤhnlichen Schlaf verfaͤllt. Dieſes hält aber die anderu nicht ab, ſich auf gleiche Weiſe in das Meer zu ver⸗ fenken, und gewöhnlich machen fünf zugleich die Reiſe. Jeder Taucher bringt etwa 100 Muſcheln mit, und kann, wenn er Kraͤfte dazu hat, die Reiſe taͤglich vierzig bis ſuͤnfzig Mahl machen, ſo daß jedes Both täglich bey 40,000 Muſcheln einbringt. Die groͤßte Geſahr, der ſich der Tau⸗ cher ausſetzt, iſt, von einem Hayfiſche verſchlun⸗ O — 210— gen zu werden. Dieß iſt auch ihre einzige Furcht. Um dieſes abzuwenden, ſind eigene Bether und Beſchwoͤrer am Geſtade, welche eigends von der Regierung unterhalten werden, und während der Fiſcherey unaufhoͤrlich Gebethe und Beſchwörungs⸗ formeln herſagen, wodurch ſie nach iyren Religionsbe⸗ griffen meinen, die Gefahr abzuwenden. Doch die LTaucher haben eine ſo große Gewandtheit und Behendigkeit, dem Raubfiſche auszuweichen, daß ſelten ein Ungluͤck wiederfaͤhrt. Während der ganzen Zeit der Perlenfiſcherey iſt auf der Kuͤſte, welche die uͤbrigen zehn Mona⸗ the des Jahrs ganz unbewohnt iſt, ein Gewüll! und eine Thaͤtigkeit, die eine der ſonberbarſten Scenen gibt. Man findet da ein buntes Gemiſch mehrerer tauſend Menſchen von allen Nationen, Farben und Religionen, eine Menge Zelte und Hütten, vor denen Waren und Lebensmittel aus⸗ gekramt ſind. Da erwartet der Eigenthuͤmer mit ſeltener Begierde zwiſchen Furcht und Hoffnung ſein Both, und findet er ſich in der Erwartung eines ergiebigen Fanges getäuſcht, ſo ſind ſchon Bra⸗ manen(heidniſche Prieſter) bereit, ihm durch viel⸗ verſprechende Weisſagungen die glänzendſte Hof⸗ nung einer reichen Beute bey der naͤchſten Fahrt vorzuſpiegeln. Da treiben Kaufleute, Makler, Juweliere, Marketender, heidniſche Moͤnche, (Fakire), Bettler ihr Weſen. Jeder will von der —„+„& ð —, —. —„ — 211— Perlenfiſcherey einigen Nutzen ziehen. Einige ſon⸗ dern die Perlen nach ihrer Groͤße ab, ſie haben zu dem Ende kupferne Platten mit Loͤchern von verſchiedener Groͤße. Alle Perlen, die in das naͤhmliche Loch paſſen, werden zuſammengelegt; anderer wiegen ſie, um ſie auf der Stelle zu ver⸗ kaufen; noch andere bohren ſie. Dieſes Letztere geſchieht nicht bey den birnfoͤrmigen Perlena, die mehrentheils als Ohrgehänge gefaßt werden, auch nicht bey den ganz kleinen, die zu Stickereyen ge⸗ braucht werden, ſondern nur bey denjenigen, die wegen ihrer Groͤße und runden Form würdig ſind, auf Schnüre gereihet zu werden, um zu Hals oder Armbaͤndern zu dienen. Waͤhrend des Bohrens werden die Perlen auf einem Tiſch in Loͤ⸗ cher gedruͤckt, und zugleich beſtaͤndig angefeuchtet. Es gehoͤrt keine kleine Geſchicklichkeit dazu, dieſe kleine Kugel genau durch ihre Mitte zu bohren. Ehe die Nuſcheln geöffnet werden, müſſen ſie im Schatten liegen, bis das Thier ſtirbt, welches etwa 24 Stunden erfordert. Die Perlen werden entweder in verſchloſſenen Muſcheln, wie die Katze im Sack, verkauft, oder der Eigenthümer öffnet die Muſcheln ſelbſt, um zu ſehen, wie reich ſein Fang war. Bettler kaufen oft um etwas Geringes verſchloſſene Muſcheln und es iſt ſchon oft geſchehen, daß ſie durch ſo einen Kauf plöͤtzlich reich wurden. Vor einigen Jahren O 2 — kaufte ein armer Tagloͤhner in Ceylon eine Mu⸗ ſchel fuͤr beylaͤufig drey Kreuzer unſers Geldes, und fand darin die groͤßte Perle, die in die zen Jahr gefunden ward. Selbſt die Gruben, in denen die Muſcheln ge⸗ oͤffnet und ihrer Perlen beraubt werden, verkauft man nachher, weil ſich aller Sorgfalt ungeachtet, doch manche Perle im Sande verſteckt. Es gibt Muſcheln, die an 200 Perlen enthalten; andere enthalten nur eine, oder gar keine. Perlen von der Groͤße einer Piſtolen⸗Kugel ſind in Ce ylon nichts Ungewoͤhnliches, ſem gan⸗ 2ꝙ—„—— ☛ ☛———..,— —-— ⏑-e—— Der Gruͤnſpecht. DOe Gruͤnſpecht, ein bey uns ſehr bekannter Vogel von der Groͤße einer Taube iſt durch ſeine Kunſtfertigkeit, ſich Nahrung zu verſchaffen, ſehr merkwuͤrdig. Er hat einen geraden an der Spitze keilfoͤrmigen Schnabel, kurze Kletterfüße und ei⸗ ne ſehr lange, ſpitzige und vorn mit kleinen Bor⸗ ſten beſetzte Zunge. Vermittelſt dieſer Einrichtung des Koͤrpers und von ſeinen mit fiſchbeinartigen Federſchaͤften verſehenen Schwanze unterſtützt, kann er ſehr behende an den Baumſtaͤmmen her⸗ um klettern, und die unter der Rinde verborgenen Wuͤrmer, Wanzen und Ameiſen zu ſeiner Nah⸗ rung aufſuchen. Wie er d. Baum hinan klettert, unterſucht er durch ſtarke Stöße mit dem Schnabel laͤngſt den Äſten und Staͤmmen hin„ob es etwa angefaulte und hohle Stellen gebe. Nach einigen Hieben mit dem Schnabel ſieht er jedes Mahl auf die entgegen geſetzte Seite des Baumes, ob Inſecten hervorge⸗ kommen ſind. Klingt es irgends wo hohl, ſo ver⸗ weilt er da, und zerhackt mit den Schnabel Rin⸗ de und Holz. Hierauf ſteckt er denſelben in das gemachte Loch, und pfeift in den hohlen Baum hinein, um die ruhenden Inſecten in Bewegung zu ſetzen. Alsdann ſtreckt er die Zunge aus, und fängt vermittelſt der Borſten und der klebri⸗ gen Materie, womit ſie bedeckt iſt, alle kleinen Thiere weg. Ameiſen ſind ſeine Lieblingsſpeiſe, wobey man ihn leicht beruͤcken kann. Er niſtet in Baumloͤchern, und legt drey bis vier Eyer ohne alle Unterlage hinein, die alſo bloß auf vermoder⸗ tem Holze liegen. — 2 15— Da beſtrafte Undank...—1 Braſtlien...... 2 Das Schießpulver.. Die Spinnen als Wetterpropheten.. Bleyſtift„.. Die beyden Reiſenden„„„. Spanien...„.. Der Druck der Luft. Kunſtſtuͤck mit einem Glas Waſſer..„... Die Kroͤten.„.„.„,. Siegellack....... Der Geburtstag„..... egypten,„..... Etwas vom Schwerpuncte, Kleine Kunſtſtüͤcke 4 101 108 1¹13 128 Der Laubfroſch. Papier.... Die Menſchenretter... Koſaken... Der ſchwere Truthahhn.. Kettenhunde Bier. 4.. 2. Der gebeſſerte Räͤuber. Die Perlen... Kuͤnſtliche Perlen Perlen⸗Fabrieation in Oeſterreich Perlenfiſcheren Der Gruͤnſpecht ⸗„... ——— *. Seltene Freundſchaft einer Gans zu ⁴ 4 Seite. .. 134 8„ 138 -. 905 4. 153 .. 160 einen .. 167 4 170 ... 147 2 191 .. 199 . 202 . 2027 .. 242 —————— ——