—— * ℳ 9 „———— vFe————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 27 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatter wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3—. * 71 11— 7„ 7 Se tr 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8—=—— — 4 „ —- * ſſſ— 3* 1* N. 4 8 c Chezy, Helmi 8 ger H von Klencke. 5 4„ 1 eErſter Theil. Le pzig, 1 322. 4 Rein'ſche Buchhand lung9. 1. ₰——— 4 Vorwort. —-— Den holden Freundinnen und nachſichtvollen Freunden meiner Beſtrebungen reiche ich hier Neues, vereint mit einer kleinen Auswahl aus meinen fruͤheren Verſuchen dar, welche der Leſewelt willkommen geweſen. Ich habe ge⸗ ſucht ſie von ihren Maͤngeln zu befreien, und keine einzige davon iſt in ihrer urſpruͤnglichen Geſtalt geblieben. Mein Leitfaden bei dieſer Arbeit war manche freundlich ruͤgende Stimme, ſoklte es irgend eine gegeben haben, die bittern Tadel ausgeſprochen haͤtte, ſo kann ich ver⸗⸗ ſichern, ſie iſt nicht bis zu mir hin erſchallt: bleibt mir doch oft ſelbſt ehrendes Lob Jahre lang unbekannt, bis mich irgend Jemand da⸗ von in Kenntniß ſetzt, oder der Zufall mir das Blatt, welches es enthaͤlt, in die Haͤnde fuͤhrt. Weiſe Critik iſt die Schule der Kunſt, ihr werde ich ſtets huldigen, und ſtets ihre I1 Stimme von der vornehmen Nichtachtung von Oben herunter auf eingebildetem Standpunkt zu unterſcheiden wiſſen. Mehrere dieſer Erzaͤhlungen deruhen auf Thatſachen, die Meiſten ſogar. Einige ſind aus ſuͤdlichen Quellen geſchoͤpft.„Die han⸗ delnden Perſonen ſind groͤßtentheils nach dem Leben geſchildert, und Wahrheit war mein un⸗ abwendbares Ziel. Hie und da habe ich auch eine alte Sage mit aufgenommen, denn es giebt eine hoͤhere Wahrheit, als die des Ge⸗ ſchehenen. Moͤge meinen freundlichen Leſerin⸗ nen das, was ich in dieſe Darſtellungen hin⸗ ein zu legen vermochte, fuͤr das ſchadlos halten, was ihnen fehlt. Dresden 1822. Helmina von Chezy, geb. von Klencke. nn Inhalt. Siegfried und Wallburg.... Seite 5 Die Probe. Die Begegnung....„. 55 Ernſt von Felseck..... 75 Roſalba..„....„ 111 Bildes⸗Zanber....... 777 Küͤhnheit, Liebe und Glück..... 29, Die wunderſame Cur...... 2357 —.— Erzaͤhlungen und Novellen. Erſter Theil. Siegfried und Wallburg. Novelle. Siegfried und Wallburg. An einem ſchoͤnen Herbſtabend jubelte ein froͤh⸗ licher Kreis um den hohen, uralten Apfelbaum vor Siegfrieds, des tuͤchtigen Goldarbeiters net⸗ tem Haͤuschen am Moſelſtrande, denn heute ſoll⸗ ten die Fruͤchte hernieder von den Aeſten, die ſie ſo lange geſchmuͤckt, ſo daß der herrliche Baum wie ein gewaltiger Strauß mit Purpurblumen aus der Ferne ſchimmerte, und die Blicke der Voruͤbergehenden auf ſich zog. 0 Der Baum, der ſeit Menſchengedenken ſo hoch und freudig da ſtand, war wie ein lieber Hausfreund geachtet, und knuͤpfte ſich manch eine ſonderbare und anmuthige Sage an ſeine Entſte⸗ hung. Eines ſprach: eine ſchoͤne und fromme Ur⸗ur⸗Aeltermutter der holden Wallburg habe — 6— die Kerne in der Chriſtnacht eingeſenkt, und einen wunderbaren Segen daruͤber geſprochen, ſo daß der Baum nie ausgehen werde; ein Andres wollte wiſſen, es ſey in jenen finſtern Zeiten, wo Treuloſigkeit der Ehefrauen noch mit dem Tode beſtraft wurde, eine junge, ſchoͤne Frau, von Wall⸗ burgs Familie, unſchuldig zum Richtplatz gefuͤhrt worden, ſie habe im Hinwandeln von einem Apfel⸗ baum ein Zweiglein gepfluͤckt, und dies unter ihr Fenſter in die Erde geſteckt, dabei unter Thraͤ⸗ nen ausgerufen: So wahr dies Zweiglein zum Baume werden und bluͤhen wird, und meinen Kindeskindern Frucht tragen,, ſo wahr ſterb' ich unſchuldig! Das habe nun die Anweſenden ſehr entſetzt und bekuͤmmert, und haben ſich Wallburgs Jugendgeſpielinnen verheißen des Zweigleins zu pflegen, ſie aber geſprochen: nur Thau des Him⸗ mels laßt es netzen, und ſo ſey ſie zum Tode gegangen. Das Zweiglein aber ſey aufgeſproßt, und habe gebluͤht und Fruͤchte getragen, und wie es gebluͤht, ſey die falſche Anklaͤgerin der ſchoͤ⸗ nen Wallburg in die Moſel geſprungen. Dieſe und aͤhnliche Sagen kamen an die Reihe, waͤhrend Siegfried im Wipfel ſtehend die — 1lh— 1 19ꝗᷣ—j o—2— 23 H 8A8gò—' g—ö'- 8= — 4lh— ☛* Aepfel froͤhlich abnahm, und ſeiner Wallburg in den Schurz fallen ließ. Oft auch traf ein ſchalk⸗ haft gerichteter Wurf eines jungen Maͤgdleins Nacken, ſie ſchrie laut auf, und zielte zuruͤck doch ins Blaue, denn Siegfried wußte auszuweichen. Der Geiſtliche des Landſtaͤdtchens kam, in der Abendkuͤhle ſich zu ergehn, an Siegfrieds Behauſung voruͤber. Seine Gegenwart machte dem Scherz ein Ende, und alles eilte ihm ent⸗ gegen, denn die Einwohner liebten ihn ſehr. Seht, ehrwuͤrdiger Herr, rief Wallburg, die Fuͤlle und den Segen! Man kann vor Fruͤchten faſt kein Blatt ſehen, die Zweige ſind vielfach geſtuͤtzt, und brechen unter der Laſt— Wallburg nahm bei dieſen Worten einen prangenden Zweig vom Boden auf— und wenn man geſchuͤttelt und geleſen hat, ſo iſts, als waͤre noch einmal ſo viel wieder zugewachſen.— Nehmt Euch alle, Ihr Lieben! rief ſie der verſammelten Jugend zu. Dieſe folgte jubelnd dem Winke, und ent⸗ eilte floͤhlich mit vollen Haͤnden und Schuͤrzen. Wohlbehaglich blickte der Greis auf die muntre Wallburg waͤhrend des Redens hin, die, gluͤhend von der Luſt des Wohlthuns, im knappen rothen Mieder, das halbblonde Haar in Zoͤpfen geſloch⸗ — 8— ten und mit großen Nadeln um den Scheitel ge⸗ ſteckt, mit blitzenden Augen und ſchneeweißen, runden Armen, gar anmuthig vor ihm ſtand. Die erſten Lichter des aufgehenden Vollmonds ſpielten im blonden Haar, herrlich prangte die goldne Flamme in Oſten uͤber dem waldbedeckten Gebirg, und bei der Stille umher rieſelten die Quellen durch Geſchilf und Baumſtaͤmme melodiſcher von den Felſen herab. Der Boden duftete friſch und der Abendwind trug die Duͤfte auf kuͤhlen, we⸗ henden Schwingen. Es iſt doch herrlich vor dem Hauſe hier, rief Godofred, und man ſieht doch, was das Le⸗ ben und die Himmelsgabe ſchoͤner, treuer Liebe unter Eheleuten iſt! Auch mein Garten iſt reich mit Obſt, mein Wingert am ſuͤdlichen Felſenhang mit Trauben geſegnet, aber ich muß es einſam genießen, und wenn ich von der Erde bin, wird mein Andenken nicht von den Enkeln gefeiert. Und wie viel Hunderte, Tauſende, ehrwuͤr⸗ diger Herr! ſind Eure Kinder! ſiel Wallburg ein— All die Armen und Duͤrftigen hat Euch der All⸗ vater an das Herz gelegt. Es muß auch Vaͤter blos in chriſtlicher Liebe geben, denn wie leicht vergißt der Menſch uͤber die Sorge um ſeine Bnn—ln—— Kinder, daß die ganze Menſchheit nur eine große Familie iſt, und der Arme unſer Bruder ſeyn „H ſoll!. Waͤhrend Wallburg dies ſagte, kam des Weges ein uͤbelbekleideter Mann, auf einer Kruͤcke geſtuͤtzt, neben ihm ein abgezehrtes Weib, ein Paͤcklein auf dem Ruͤcken, wie ein blaſſer Schat⸗ ten ſchwankte an ihrer Hand ein Knabe, der etwa neun Jahr alt ſeyn mochte, und in der Entfer⸗ nung kam eine hohe Mannsgeſtalt, mit tief ein⸗ gedruͤcktem Barett, in einen weiten Mantel ge⸗ huͤllt, die Heerſtraße entlang. Wallburg erſchrak ſo heſtig uͤber den Anhlick der drei Jammergeſtalten, daß ſie des hohen Fremdlings nicht gewahr wurde, der, wie betroſ⸗ fen, hinter den aumjeligen Wandersleuten ſtehen blieb. 1 Wallburg ſah den erchtn. Knaben n ſehn uche tig und lechzend nach den labenden Aepfeln blicken, ſie reichte ihm alsbald den Zweig, den ſie in Haͤnden hielt. Jauchzend ſprang das Kind in die Hoͤhe, tief ſeufzte die Mutter auf, und der Wandrer blickte mit naſſen Augen zum Monde hin, deſſen Schein in ſeinen Thraͤnen bebte. 8 — 10— O, goͤttliche Vergeltung! ſeufzte der Wan⸗ drer, indem er mit heißen Thraͤnen auf Wall⸗ burgs aͤlteſten Knaben herabſah, der voll Erbar⸗ men noch alle Haͤndchen voll Aepfel herzueilte, und ſie der blaſſen, fremden Frau in die Schuͤrze warf. 3 Der Ewige iſt gerecht! rief der Wanders⸗ mann, und Siegfried, ganz beklommen, gieng auf ihn zu, und ſprach: Nun mußt Ihr mir ſagen, wer Ihr ſeyd! Die ſchoͤne, junge Frau kennt mich nicht, rief ſchmerzlich der Wandrer, und doch bin ich nicht über zehn Jahr aͤlter, als ſie, und habe ſie oft als Kind hier im Graſe ſpielen ſehn.— O, ſo waͤrt Ihr— rief Wallburg ahnend— Ja, ich bin der Sohn des Nachbarn Dorn, ſiel der Elende ein, des Naͤmlichen, mit welchem Euer Vater den Rechtsſtreit um das Grundſtuͤck hatte, den er auf ungerechte Forderungen angefangen. Mein Vater verlor ſeine boͤſe Sache, und zog mit uns, ſchmachbedeckt, in die Fremde; er hatte uͤber den Prozeß meine Erziehung vernachlaͤſſigt, ſein Ge⸗ werb aufgegeben und ſein Haus verkauft, nichts von ſeiner Hand gieng gut, der Segen fehlte, o, wo der fehlt, da hilft kein menſchlich Trei⸗ — ,—— —,——— ben!— Ich wuchs als ein muͤßiger, liederlicher Burſch auf, meine arme Lisbeth hielt mich nicht fuͤr ſo ſchlecht, als ich war, ſie wurde mein auf mein bloßes Treuwort, ich verhoͤhnte ſie in mei⸗ nem Herzen, und noch mehr, als ſie mich nun, von der fuͤrchterlichſten Angſt durchſchaudert, an mein Wort mahnte— Mein Vater war geſtor⸗ ben, ich gieng auf und davon in den Krieg. Aus Uebermuth und Lebensverachtung hielt ich mich brav, verkrüppelt, und ohne Lohn verabſchiedet, gieng ich nach W.... zuruͤck. Die Kugel hatte mir den Frevel aus dem Gemuͤth getrieben, ich wollte Lisbeth wiederum auſſuchen, lange Zeit irrt' ich in der ganzen Gegend umher, um ſie zu finden, und fand ſie nicht. Oft blickt' ich in den Main, und dachte, im Grunde muͤßte ihre Leiche und die meines armen Kindes liegen— und es rief in mir: ſtuͤrz dich auch hinab, ſo findeſt du ſie wohl Beide! Doch beſtegt' ich in mir wieder die boͤſen Gedanken, und ich fand meine Lisbeth auf der Landſtraße, das Kind auf den Armen, ihr Brod ſuchend— da bat ich um Vergebung, und ſie vertraute mir wieder, und reichte mir in der naͤchſten Kapelle die Hand. Seitdem wandern wir umher, doch immer ohne — 12— Gluͤck, und vom Fluch der Thaten meines Va⸗ ters und meiner eignen unzaͤhligen Frevel getrie: ben.— Hier ſteh' ich nun am Grabesrande, auf der Heimath Boden, im Mondſchein vor dem naͤmlichen Baum, wo ich als luͤſterner Bube oftmals Nachts die Aepfel ſtahl, und wenn ich genug hinunter geſchlungen, die Uebrigen in den Brunnen warf! Wer mir da geſagt haͤtte, mein eignes Kind wuͤrde ſich hier einmal im Elend noch erquicken!——— Nachdem der Arme mit Seufzen und Schluch⸗ zen dieſe Worte hervorgebracht, ſtand er eine Weile ſtumm, mit gefaltenen Haͤnden, Lisbeth ließ ſich weinend auf den Raſen nieder, und ihr Knabe ſchlang bekuͤmmert ſein Aermchen um ih⸗ ren Hals. Noch blieb der Fremdling, von alien unbemerkt, lauſchend ſtehen. 3— Inzwiſchen hatten ſich Siegfried, der Geiſt⸗ liche und Wallburg beredet.⸗ Sie ſchienen etwas Wichtiges auszumachen, und ſchuͤttelten einander zufrieden die Haͤnde. 1 Bleibt nun hier zu Nacht, Dorn, frrach Wall⸗ burg darauf, zu dem Ungluͤcklichen hingewendet. Ihr habt bereut und gebuͤßt, und nun wirft der goͤttliche Richter den Stab Wehe fort, und wird 4— — —— — 4 ——— den Stab Sanft uͤber Euch walten laſſen! Kommt und geht getroſt mit den Eurigen ein in meines Vaters Haus. Ueber Nacht wird Rath werden, und Euer Sohn iſt mein Sohn, denn Gott fuͤhrt ihn mir zu! Da fiel Dorn heißweinend auf die Kniee vor Siegfried und Wallburg hin, und dankte dem Herrn, und verhieß, er wolle noch recht wacker und gut werden, aber der Ewige nahm den guten Willen— das Schoͤnſte, was der Menſch hat— fuͤr die That, und nach dem Gebete ſank der Wandersmann, vom Schlage getroffen, in Lisbeths Arme todt danieder. Waͤhrend deſſen war der Fremdling naͤher und naͤher gekommen, der zuruͤckgeſchlagene Mantel verhuͤllte Stern und Ordenskreuz auf ſeiner Bruſt nicht mehr, und die Anweſen⸗ den erkannten in der hohen Geſtalt mit freu⸗ digem Erſtaunen den Churfuͤrſten von**rrr, der in Tagen der Muße, ohne weitres Gefolge, die ſchoͤnen Gauen, die an ſein Land graͤnzten, durchſtreiſte, und oft als verhuͤllter Wandrer, ohne gekannt zu ſeyn, die Luſt der freudigen Herbſtleſen unter ſchlichten Landleuten mit genoß. Der Churfuͤrſt zog einen ſchoͤnen Brillant⸗ ring ab, und ſteckte ihn freundlich laͤchelnd an 3 — 14— Wallburgs runde Hand, indem er ihr ſagte: Wo des Himmels Segen ſo reich, und des Men⸗ ſchen Herz ſo gut, da muß auch das Gluͤck mit ſeinen irdiſchen Gaben einkehren, ſchoͤne Wall⸗ burg! hebe den Ring gut auf! Nun erſt ließ der Churfuͤrſt die Hand der bebenden Wallburg los, und nahm aus der funkelnden Brieftaſche, die er raſch aus dem Buſen gezogen, einige Wechſel, die er Wall⸗ burg uͤberreichte, indeß er guͤtig dem forſchen⸗ den Siegfried die Brieftaſche zum Anſchauen uͤbergab. Dieſe war ein Meiſterwerk der fein⸗ ſten Juwelierarbeit, die Raͤnder und das Schloß von goldgetriebenem Grund mit bunten Edelſtei⸗ nen. Beim Ueberkeichen war, dem Churfuͤrſten unbemerkt, ein kleines himmelblaues Blatt daraus entfallen. Sein guter Engel gab Siegfried ein, es dem Eigner zuruͤck zu reichen, doch eine finſtre Gewalt bewog ihn, es raſch aufzuheben und in ſeinen Aermel zu verbergen, dann gab er blaß und zitternd die Brieftaſche zuruͤck. Der Chur⸗ fuͤrſt bemerkte Siegfrieds leidenſchaftliche Bewe⸗ gung nicht. Er ſagte Wallburg: ſie ſolle ihre ſchoͤne That vollbringen, und die Wechſel hier als ein Capital anſehen, deſſen Intereſſen ihr 4 5. 8 F 4 — 150— dabei Huͤlfe leiſten koͤnnten, zer wuͤrde ſich ein⸗ mal wieder nach der Familie erkundigen. Alle betrachteten nun mit tiefem Schmerz den entſeelten Wandersmann, an deſſen Leiche Lisbeth und der Knabe im Gebet verblieben. Der Churfuͤrſt ſuchte die Thraͤnen des Mitgefuͤhls, die ſein blaues Auge verklaͤrte, zu verhehlen. Er nahm raſch Pater Godofreds Arm, winkte den Abſchiedsgruß und enteilte. Wallburg und Siegfried ſtanden ſchweigend, wie angefeſſelt von Erſtaunen, und blickten ihm nach, wie er, um 5 die Felſenecke biegend, verſchwand. Und haſt Du denn nicht, Muͤtterche ſtralenden Herrn und Pater Codaeten von den ſchoͤnen Aepfeln gegeben? rief Wallburgs 4 Knabe, der muntere Lippold ihr zu. Recht, mein Junge! ſprach ſie, ſchwang ſich einem Aſt zu, waͤhlte ſchnell der koͤſtlichſten Zweige einige, und den einen davon Lippold hinreichend, winkte ſie . ihm, ihr zu folgen, und eilte blitzſchnell, ohne nur zu denken, was ſie that, den zwei Maͤn⸗ nern nach, um ihre Spende anzubringen. Geben iſt ja ſo ſuͤß! doch Siegfried verſtand nicht das Herz ſeines Weibes in dieſer ſchoͤnen Regung. Er war ſehr eiferſuͤchtiger Natur, der Name 4 S K“ — 1 des Churfuͤrſten, den gemeine Seelen um ſeiner himmliſchen Freundlichkeit willen beſchuldigten, er ſaͤhe ſchoͤne Frauen zu gern, ſein Lauſchen, ſein Geſchenk, und mehr noch das herabgefallne Blatt aus der Brieftaſche, das, wie Siegfried vorkam, von Wallburgs Hand war, alles erregte den fuͤrchterlichten Verdacht. Boͤſe Gedanken des Argwohns und Traͤume haben das mit ein⸗ ander gleich, daß ſie das Unmoͤgliche wahrſchein⸗ lich machen. Naſch zog Siegfried das Blaͤttlein hervor. Es war augenſcheinlich von Wallburgs Hand, und ſtanden die Worte darauf: An meinen Jpeuns. Ve rgißmeinnicht, 1 Mit Aeuglein licht, Da ſteht es hold am Bach, Ich ſage dem Vergißmeinnicht — Die ſtile Bitte nach. 5 Vergißmeinnicht 1* So ruft die Pflicht Im Herzen, tief bewegk, „Vergißmeinnicht, blick auf zum Licht, „ Die ernſte Stunde ſchlaͤgt!“ Vergißmeinnicht! Laß klar und ſchlicht Stets unſer Handeln ſeyn, So ſcheun wir nimmermehr das Lichk, Was gut iſt, das iſt rein! Kein Name ſtand unter dem bedeutungsvol⸗ len Blatt, die feingemalten Schriftzuͤge konnten nur von Wallburg ſeyn! Ihr Vater war Schrei⸗ ber geweſen, in fruͤheren Jahren, ehe er in dieſem Haͤuschen ſeinen Gold⸗ und Silberhandel ange⸗ legt, hatte er in der Churfuͤrſtlichen Kanzlei gear⸗ beitet, auch mit Zeichnen gieng er trefflich um, und Wallburg ſchrieb ganz ſo kuͤnſtlich und zier⸗ lich wie der Vater, und war ihrem Mann in ſeinen Arbeiten behuͤlflich, indem ſie ihm ſchoͤne Muſter zeichnete. Siegfried zweifelte, nachdem er das ungluͤck⸗ liche Blatt geleſen, an dem Einverſtaͤndniß ſeines Weibes mit dem Churfuͤrſten nicht mehr. Mit Blitzesſchnelle flogen die abentheuerlichſten Gedan⸗ ken durch ſein Innres, ſie gieng ſtets in die Fruͤhmette— Vorwand!— ſie blieb laͤnger aus als die Kirchenzeit dauerte— klarer Beweis! Daß ſie einer armen, ehemaligen Dienerin, die Erſter Theil. 2 ſich Siegfrieds Unwillen zugezogen, heimlich pflegte, und daß dieſe geſtern. geſtothen war, wußte er nicht. Mit einem Sturm von Sterfuch und Jam⸗ mer im Buſen ſtulrzte Siegfried in ſein Haus. Er ſah ſein juͤngſtes Kind, ein Maͤdchen, ſuͤß 1 igmmeind in der Wiege liegen— er konnte ſich des Kindes bei dem fürchterle chen Gedanken, der in ihm aufgaͤhrte, nicht erfreuen— er wandte ſich ab, und Rietg g nach ſeiner Lade hin, die er aufſchloß, er n nahm eine goldne Kette, etliche Schaumuͤnzen und andere kleine Koſtbar⸗ kelten, Pehhene Nothoſ Ani, eelore ſteckte alles hiaus u das Feid eille Thae hatte. Hier ſchlug er den Fußſteig nach der franzoͤſt ſchen Graͤnze ein, und enteilte unaufhaltſam, von Schwerz. und Aürawehn, in die oͤde Ferne ge⸗ trieben. „ Indeß kam Waülbang mit hrorn poppald, kein Aaheil ahuend, zuruͤck, um ſoͤr Dorns Fa⸗ milie zu ſorgen, und Anſtalten zur B Beiſetzung des Unslüͤcslichen zu. treffen. Vorgaͤngen dieſes Abends ſo uͤberraſcht und be⸗ taͤl ubt, daß ſie nächte einmal, bemerkte, daß Sieg⸗ — 1 Sie war von allen pold, Fa⸗ tung allen d be⸗ Sieg⸗ — 19— — fried nicht da ſey. Ihr reger Sinn war anhal⸗ tend mit dem Rachſtliegenden, Nothwendigſten beſchaͤftigt, bald wuras Beſchwerlichſte beſeitigt, Lisbeth ſaß in Thraͤnen in einem Kaͤmmerlein bei ihres Gatten Leiche, der Knabe ſpielte, ſorg⸗ los, wie Kinder ſind, mit Lippold im Monden⸗ ſchein, alles war ſtill ringsum, und Wallburg ſtand am kleinen flammenden Heerde, das Abendmahl zu bereiten. Sie ſang ein Danklied hervor aus der bewegten Bruſt, und fuͤhlte ſich wunderſam bekſommen, als ein Knabe herein⸗ trat, und ihr einen Zettel reichte, auf welchem mit Bleiſtift folgende Worte von ihres Dranie⸗ Hand verzeichnet ſtanden: Ehr⸗ und Schwurvergeßne— ſey gluͤckli⸗ cher, als Du es verdient! Vergebens aber wuͤnſch ich Dir gute Tage. Lohn der Suͤnde brennt wie Feuer in ſuͤndiger Hand, und Niemand wird deſſen froh! Ich habe den Nothofennig mit mir genommen, und gehe in die weite Welt. Geh' in in Dich, Wallburg, wir ſehn uns nimmer wieder. Siegfried. Wie ein Donnerſchlag traf dieſe Nachricht Wallburgs Herz. Sie hatte nichts in der Welt begangen, aber ſie kannte die ſchroffe Gemuͤthsart 2* 8 — und den Argwohn ihres Mannes, und merkte alsbald, daß er ſich den abentheuerlichſten Traum aus der Begegnung des hohen Fuͤrſten gebildet haben müßte. Auf ihr troſtloſes Geſchrei kam Lisbeth herbei. O, rief ſie aus, vor ein paar Stunden konnt ich Dir wohlthun, jetzt bin ich ungluͤcklicher als Du!— Alles erzaͤhlte ſie der huͤlfloſen Armen, und ſo elend dieſe war, hatte ſie dennoch Troſt fuͤr ihre Wohlthaͤterin. Sofern Ihr ganz unſchuldig leidet, wird Euch Gott troͤ⸗ ſten, ſagte ſie, betet und hoffet! Peater Godofred auch kam noch herbei, als er Wallburg ſo heiß weinen ſah, ſprach er zu ihr: Sey ruhig, meine Tochter, ſelig ſind, die unſchuldig weinen, denn ſie ſollen getroͤſtet wer⸗ den, ſpricht der Hert! H, rief Wallburg, haͤtten der gnaͤdige Chur⸗ furſt meinem Manne die Geſchenke gereicht, und 4 nicht mir, und waͤr ich Euch nicht mit den Ae⸗ pfelzweigen nachgeſprungen, die ſchlummernde Flamme waͤre nicht angefacht, ich haͤtte meinen Siegfried noch— Pater Godofred ſuchte die Arme zu beruhigen, er hoffte noch auf Sieg⸗ den Nachbarn zu verhehlen. 161u a feieds Wiederkehr, und ermahnte ſie, ihr Leid Dieſen Rathſchlag half die Vorſehung befol⸗ gen, denn Wallburg wurde zum Sterben krank, und nur die treue Pflege der armen Lisbeth ret⸗ tete ihr junges Leben. Lippold und die ſuͤße, kleine Antonie, ſo wie der taͤglich mehr ſich er⸗ holende Joſeph, ihr Pflegeſohn, umſpielten das Lager der Ungluͤcklichen, und lehrten ſie das Leben wieder lieb gewinnen. Es wurde ihr Kraft von Oben, ihr entſetzliches Leid zu tragen. Joſeph und Lippold, unter Pater Godofreds vaͤterlichen Leitung, wuchſen ſchoͤn und brav em⸗ por, beide lernten Siegfrieds Kunſt, und auch Antonie, des Vaters ganzes Ebenbild, wuchs zuͤchtig und fein heran. Das Haͤuschen war abgetragen worden, doch des Apfelbaums dahei ſorgfäͤltig geſchont. Ein ſtattliches Haus mit einem ſchoͤnen Gewoͤlbe er⸗ hob ſich, an der Stelle des vorigen Baues, und ſtatt der hoͤlzernen Bank, welche ſonſt vor den Fenſtern geſtanden, lud eine zierliche Ruhe von Sandſtein den Pilger ein, unter dem gaſtlichen Schatten des herrlichen Baumes zu weilen. Funfzehn Jahre waren voruͤber, Joſeph war muͤndig geworden. Es war wiederum ein ſo ſcho⸗ 22— ner Herbſttag, wie dazumal, Mhagen ſollten die Aepfel geleſen werden. 8 5r Wallburg ſaß zwiſchen Antonien und d Joſeph auf der Bank im Abendſchimmer. Die Zweige, reich heladen, ſenkten ſich, und die purpurnen Fruͤchte, hell vom Abendroth beleuchtet, fundel⸗ ten, wetteifernd mit den zierlichen Geſchmeiden am Ladenfenſter,, und verbreiteten Duͤfte rings⸗ um. Ueber den Waldeshoͤhen ſtieg der Vollmond auf, und durch des Abends St ille rieſelten die Auellen chr Eird 8 3. wie ſchon koante dies Alles ſeyn— rief tiefſeufzend Wallburg, eingedenk des Vergan⸗ genen, und ihre Thtaͤnen ſtroͤmten die Wangen herab. Da kam Pater Godofred, noch heiter und ruͤſtig in hohem Alter, des Weges, gieng auf Wallburg zu, und ſagte: Sküübſte je Hedß Ber Reth⸗ je naͤher Gott! Acht rief Wallburg, es iſt mir um ſo heißer weh, ſeit der alte Bau abgetragen, und der Neue an ſelner Seelle plunkt 224ch ſah doch meine Kammer gein, wie Siegfried ſie mit mir bewohnte, und nun iſt auch die hoͤlzerne Bank ſort, n wo r mi N etenſne bri⸗ der Epſeleſt — „„——— 88 8A ißer der doch mir zank lleſe uren meines ehemaligen Gluͤcks verſchwunden, mit ihnen iſt jede Hoffnung 8= nie ſeh. 19 dhm. wieder!— Da ſeufzte Joſeph, und btirkt in Antoniens frommes Auge, unwillkuͤhrlich hatte ſie von der⸗ Kloͤppelarbeit, die auf ihren Knieen ruhten auf⸗ geſchaut. Exroͤthend ſenkte ſie wieder den Blick auf das gruͤne Kiſſen nieder, regte ſchnell d die weißen Finger im gewohnten Takt, und ſuchte ſo⸗ die innere Bewegung ihres Herzens zu verhehlenen Unbegreiflich ſchnell flogen die ſpinnefeine n Faͤdchen durch die Reihen der aufgepflanzten Nadeln hin, und Blume an Blume erſtand auf de n keins 8 Grund. Hier hat Herr Siegfried Deiner Mutter den erſten Kuß gegehen, fluͤſterte Joſeph⸗ Amonien zil⸗ hier gieb ihn auch mir, meine Holde, laß uns um den Segen Deiner tleuen Mutter bitken, muͤndig bin ich nun, und Gott hat meinen Fleiß geſegnet. Antoniens Wange gluͤhte hoͤher als die Pur⸗ puraͤpfel am Baum— eden trat Lisbeth aus des Hauſes Thuͤr. Sie blickte auf das junge Paar hin, und errieth bald, was vorgegangen. Sie gieng auf Wallburg zu, und ſagte: Freundin, — 24— Schweſter, Mutter— gieb meinem Joſeph Dein Kind! Er iſt ein armer Burſch, aber Herz und Hand ſind treu und ſtark, und die Kinder haben ſich in Ehren lieb. Ewr. Ehrwuͤrden— beiſen Sie mir doch bitteu!* Wallburg hob die Augen gen Hiunnel, brah kein Wort, und eilte in ihr Kaͤmmerlein. Sie holte den Ring herbei, den ihr vor funfzehn Jahren der Churfuͤrſt geſchenkt, und einen andern noch, den Joſeph ſelbſt gar ſinnreich gefaßt. Sie trat langſam und feierlich wieder her⸗ vor, und ſprach zu Joſeph, indem ſie die Ringe ihm darreichte: Nimm hin mein Kind, in Got⸗ tes Namen! Du haſt Gluͤck und Schmerzen uͤber uns gebracht, gewiß wird es zum Guten ſeyn! Meiner Antonie Wohl und Weh leg' ich in Deine Hand, nimm ſie hin, und mache ſie gluͤcklich als ein redlicher Mann, der bis in den Tod nicht von Weib und Kindern laͤßt. Lieber, lieber Joſeph! rief der herbeieilende Lippold froͤhlich, nun bleibſt Du mein Bruder, und wir laſſen einander nicht, bis in den Tod! Unter Gottes freiem Himmel, in einſamer Abendſtille peichten die Liebenden einander die ——— — Haͤnde, und wechſelten die Ringe, waͤhrend Pa⸗ ter Godofredus ſtill betete. Haͤtt ich doch nicht gemeint, daß ich mich noch freuen koͤnnte— ſo freuen könnte! rief die heſeligte Wallburg aus. 1 O, Dir iſt der Himmel noch Freuden ſchul⸗ dig, liebes Herz, ſagte Lisbeth. Wie treu haſt Du geduldet, boͤſe Nachrede, Schmach und Ver⸗ laſſenheit, wie redlich haſt Du Dich zuruͤckgezo⸗ gen von Allem, was Dir ſchaͤdlich ſeyn koͤnnte, Deine jungen Jahre ſind in der Einſamkeit ver⸗ floſſen, und die Verſuchung haſt Du, ſtets Dei⸗ nes Gatten eingedenk, von Dir gewieſen. Es war Pflicht, und ich haͤtte nicht anders handeln koͤnnen, entgegnete Wallburg. Indeß die wehmuͤthig Begluͤckten noch Worte, Blicke und Kuͤſſe wechſelten, ſah Lippold von der Ferne Staub auf der Heerſtraße aufſteigen, und das immer deutlicher erſchallende Geraͤuſch verkuͤndete leichten Trab von muthigen Roſſen, und den Schwung zierlicher Raͤder. Naͤher und naͤher kam eine reiche Equipage mit ſechs Grau⸗ ſchimmein beſpannt, das Wappen, das auf der Thuͤr ſchimmerte, gab von dem erhabenen Beſitzer Kunde⸗ . SDer Chufürſt, rief Godofred——** ge⸗ denkt er wohl noch des Vorgangs vor funſzehn Jahren! Er hatte dies kaum geſagt, als, der Wagen hielt, und des hohen Fuͤrſten ehrwuͤrdige Geſtalt an den Glaſern ſichtbar wurde. Frau. Wallburg!, rief er heiter— habt Ihr noch ſo ſchoͤne Aepfel, ſteht der Baum noch, und habt — h meiner bisweilen gedacht? nau Ha rief Walbitg, Thlaͤ⸗ nen erſtickten ihre Stimmc. Bleibt nur dort, winkte der Churfüͤrſt, ich will hier augfkeigent Er that es, ihm folgte ein Mang, der dicht in einen Mantel gehuͤllt war. Dbli nannaf 2 gnaͤdigſter Herr! 1 Liebe Wallburg, ſagte der Churfuͤrſt, ich habe unvermuthet Uebles geſtiftet, und unver⸗ hofft kann ich Euch auch wieder wohl thun— Seht, ich habe erfahren, daß Euer Mann dieſes. himmelblauen Zettelchens wegen, das ich von der Hand Eures Vaters hatte, von Euch ehtſida hen iſt, da leſet es einnal- mni * —— Die beſtuͤrzte Wallburg las— Ja mahrti das iſt Schoͤnſchrift von meines Vaters kunſtrei⸗ cher Hand— Ein Andenken ſeltſamer Bedeu⸗ tung, laͤchelte den Churfuͤrſt, aber Du warſt nicht im Spiel, frommes Kind. Warum mein Manit von mir gewichen, ſprach⸗Wallburg, habe ich nicht erfahren, iſts dies Blatt, ſo verzeih ihm Gott, man muß erſt pruͤfen, dann richten— Wie nun, wenn ich Nachricht haͤtte— wenn— O.gnadigſter Herr! fiel Wallburg ein, ſo laßt mich läneichm achlen mneinsEehen Hängindakun Ahes Waib, wrach der Churfüͤrſt, doch Du biſt noch im Sommer des Lebens— Sieh, hier iſt Jemand bei mir, der Dich fuͤr Dein herbes Sehickial iu Sähſteas uchnſche ne Nie! Nie! bis: in den od meinem armen Siegfried treu! rief Wallburg— und Sücgfried elhni Rss zu dhuns Sitzen. 1 an Ualhr Liebe und Srruen ir mein n Argwahn ein Frepelggeweſen, rief Siegfried, und benetzte ſeines Weibes Haͤnde mit bittern Reuethraͤnen und heißen Kuͤſſen. Sie ſank auf ihn nieder⸗ ——-———nnnnnnEEEEREE unfaͤhig zu ſprechen, zu denken, aufgeloͤſt in Seligkeit und Ochmens Der Churfürſt erzaͤhlte, wie er auf ſeinen Reiſen den umherirrenden Siegfried unter den Bergleuten angetroffen, als er vor kurzem im Erzgebirg in einen Schacht eingefahren ſey, wie ſich beide unterredet und verſtaͤndigt, und er ihn ermuthiget habe, das treue Weib, deren Miß⸗ geſchick der hohe Fuͤrſt duech den Geiſtlichen erfahren, wieder aufzuſuchen. Siegfried war nach dieſer Unterredung von Neuem ſchwer er⸗ krankt, ſchon einmal war er beinah ein Raub des Todes geweſen, doch er genas nun unter menſchenfreundlicher Pflege zu Reue, Liebe und neuem Gluͤck. Himmliſch beſeligt lagen die Kinder an des wiedergefundenen Vaters Herzen. Als ſich die Gemuͤther ein wenig beruhigt hatten, rief der muntere Lippold: Nun glaube ich erſt, daß die Sage vom Apfelbaum wahr ſeyn muß, die ihn aus dem Zweiglein erwache ſen laͤßt, das die unſchuldig Gerichtete ange⸗ pflanzt, ihrer Unſchuld zum Gotteszeugniß! Denn Unſchuld kommt immer an Tag. —,—„— in Es lehrt uns dies, ſprach der edle Fuͤrſt, daß der Menſch immer zu voreilig uͤber den Andern richtet, und dem Augenſchein mehr vertraut, als dem unſichtbaren Seyn, das er mit dem geiſtigen Auge klar erfaſſen ſollte. Mein hoher Herr— wollte Siegfried ſeine Rede anfangen, doch der Churfuͤrſt unt erbrach ihn. Beruhigt Euch, ſeyd froh, ſeyd gluͤcklich! Euer Gluͤck und Eure Leiden lehren mich alle glücklich preiſen, die fruͤh den Haſen gefun⸗ den— Und mit ſegnender Geberde Abſchied neh⸗ mend, dem Geiſtlichen, ihm zu folgen, win⸗ kend, verſchwand der hohe Greis, wie einſt vor funfzehn Jahren, wiederum um die Fel⸗ ſenecke, ſtreng ſich den Dankſagungen der geruͤhr⸗ ten Herzen entziehend. Die Vielgeprüften giengen unter ihres Hauſes Dach ein. Sie lebten dort in freudi⸗ gem und frommem Verein viele gluͤckliche Jah⸗ re, und lange nach ihrem Hinſcheiden noch — 30— 1 ——,— 8 5 bluͤhte und gruͤnte der Apfelbaum, und Ulenkel erzaͤhlten ſich in ſeinem Schatten die Sefchiht⸗ von Siegfiied und: Wullüurhun 132 94 6* 634 5 1 4 8 — 4 - 7ℳ41 „ 1 yi. 2 * 174 6 4 8* 11& 4* 4 3 1 . 32 5 8 4 —,——— c. w — Di e P r o b e. Es war zur ſchoͤnen Weihnachtszeit, als Hen⸗ riette von Tharow, die liebliche Tochter eines deutſchen Edel 1 den Beſuch des Juͤnglings erwartete, de Familien⸗Uebereinkunft zum Gemahl beſt war. Henriette war ein heitres, reines Kind der Natur, von einer liebevollen Mutter erzogen, nur in ſchoͤne Kreiſe eingefuͤhrt, gleich fern von Anmaßung wie von Unſitte, hatte ſich ihr nur die ſchoͤnere Geſtalt des Lebens offenbart, und was nicht in ihr gewoͤhnliches Seyn paßte, nahm ſie mit ihrem unbefangenen Gemuͤth als ergoͤtzliche Erſcheinung auf, der ſie nur ſo viel Exiſtenz ein⸗ raͤumte, als noͤthig, den Augenblick zu fuͤllen, Erſter Theil. 3 und die, kaum verſchwunden, auch ſchon ver⸗ geſſen war. ¹ Henriette war mit der Familie des Amt⸗ manns Neudorf ſehr befreundet, der einzigen gebildeten und umgaͤnglichen in ihrer Naͤhe, denn die adelichen Familien, die ihren geſelligen Kreis bildeten, wohnten alle auf mehrere Meilen vom Schloſſe entfernt. Roͤschen, des Hauſes Tochter war, wie Henriette, eben in ihr achtzehntes Jahr getreten, die Mutter, abſtammend von einer ehrwuͤrdigen Familie, in deren Schoos ſie einer ſeltenen Bildung genoſſen, bluͤhte noch im Spaͤt⸗ ſommer eines vielfach und pein begluͤckten Lebens, der Vater hatte ſich in fi ugend Kenntniſſe erworben, die auf dem ſeine Muße erhei⸗ teerten, das juͤngſte Kind. ein koſig Engelskopf⸗ chen, war Henrietrens Liebſing; der aͤlteſte Sohn, Georg, ſchon ein hoher Gungläng, war mit den Freiwilligen ſeines Vaterlandes in den franzoͤſi⸗ ſchen Krieg gegangen, und ſtand jetzt in Frank⸗ reich, eigentlich war er mehr in das Feuer ge⸗ gangen, um dem Feuer, das Henriettens Schoͤn⸗ theit in ihm entzuͤndet, zu entweichen, als aus einem andern Beweggrund, denn auch dies Laͤndchen war eines von denen, zu welchem die ver⸗ Amt⸗ zigen denn Kreis vom chter Jahr einer einer paͤt⸗ dens, niſſe chei⸗ aoͤpf⸗ ohn, den oͤſi⸗ ank⸗ ge⸗ oͤn⸗ aus ies die Begeiſterung fuͤr die deutſche Sache, auf ihrem Durchzug zuletzt hingelangte. Ein durchreiſender Maler hatte das ganze Schloß mit allen ſeinen maleriſchen Punkten ab⸗ gezeichnet, und konnte unmoͤglich die Staffage uͤbergehen, die mehr, als die Landſchaft Reize in ſich vereinigte. Alle hatten ihn mit Bitten beſtürmt. Henriette bekam Roͤschens Bild, und zwar in dem zierlichen Koſtuͤme, mit welchem ſie ſie ſelbſt an ihrem Geburtstag geſchmuͤckt, eine Roſe im Haar, die nur eines Weſthauchs be⸗ durfte, um zu erbluͤhen, eine Schnur aͤchter Perlen, mit einem ſmaragdenen Schlößchen um den weißen Hals, eine reiche und koͤſtliche Krauſe, von Henriettens Arbeit auf Spitzengrund, wogte um den Buſen, und das ſchimmernde Atlaßkleid war unter der Bruſt von einem goloͤdurchwirkten Guͤrtel mit einer Schnalle von Smaragden und Perlen geſchloſſen, indeß ſich Perlenglanz unter dem braunen Gelocke hervorſtahl, denn, wie das allerliebſte kleine Ohr Muſchel war, durſte ihm der Schmuck der Perlen nicht fehlen. Das Maͤdchen ſchlug die Augenlieder von den licht⸗ braunen Augen ſo anmuthig auf, daß man gar nicht wußte, ob Schalkheit, ob Wehmuth ihr *. ₰ gec. — 36— eigentlichſter Ausdruck ſey, ſo wunderſam waren beide in dieſem Blick gemiſcht, und ihre Wangen waren ſo roſig angehaucht, daß wiederum nie⸗ mand ergruͤnden konnte, ob ſie bluͤhten, oder gluͤhten? Roͤschen dagegen erhielt Henriettens Bild, die ernſte Schoͤnheit Henriettens naͤherte ſich dem griechiſchen Ideal, wer beide Bilder zuſammen ſah, haͤtte vermeint, der Maler wollte Reiz und Schoͤnheit in ihrer eigenſten Geſtalt verſinnlichen. Auch Henriettens Mutter war abgebildet worden, und ſchien auch hier nur aͤltere Schweſter zu ſeyn. Ihr Bruder Otto war, ſo wie Georg, in Frank⸗ reich mit dem cantonnirenden Heere, und fehlte in der lieblichen Reihe von Bildern, wie im Familienkreiſe ſelbſt. Eine nicht zu beſiegende Regung von Schalk⸗ haftigkeit hatte Henriette bewogen, ihrem Be⸗ werber Roͤschens Bild, ſtatt des Ihrigen zu ſchicken, welches der Maler zu dieſem Zweck dop⸗ pelt malen muͤſſen, und ſie verſchwieg dieſe Schalkheit jedermann, ſogar ihrer Mutter, bis ſie dieſelbe veruͤbt hatte. Die guͤtige Frau miß⸗ billigte den Schritt, doch ſie zuͤrnte ihrem Kinde nicht daruͤber. Henriette wußte ſehr genau, „„ 2— ——„ wenn der Graf kommen wuͤrde, und um ihn ganz unbefangen zu beobachten, hatte ſie beſchloſſen⸗ daß er zuerſt zum Amtmann gefuͤhrt werden, und ſie ſelbſt dort als Amtmanns Tochter ſehn ſollte, Roͤschen aber als Fraͤulein von Tharow. Somit kleidete ſich Henriette am Tage, wo Graf Alfred erwartet wurde, in das beſcheidenſte und knappſte ihrer Hauskleider, ſie verſchmaͤhte nicht den Miederſchurz von geſtreiftem Ghinghan, noch das gewuͤrfelte Halstuch, noch das nette Haͤubchen mit der himmelblauen Schleife, unter welches ſie muͤhſam das reiche Haar verbarg⸗ deſſen Fuͤlle verraͤtheriſch, wie koͤſtliches Metall hervorleuchtete, denn es war wie aus reinem Gold geſponnen, und deſſen einzelne Loͤckchen uͤber das ahnende Roſenfarb der ſchoͤn gebildeten Wan⸗ gen mit wunderbarem Reize funkelten. Die zu der Verkleidung entringte Hand war noch eins ſo ſchoͤn, ihre ſchimmernde Zartheit verrieth, daß ſie das ganze Leben bis dahin nur leiſe beruͤhrt. Die Bangigkeit, welche unwillkuͤhrlich Henrietten befiel, wenn ſie an den Umtauſch des Portraits dachte, und ermaß, daß Graf Alfred denn doch wohl mit dem Scherz unzufrieden ſeyn koͤnne, machte ſie bleich und befangen, und erhoͤhte, ohne daß ſie davon wußte, ihre Schoͤnheit mit unwi⸗ derſtehlichem Reiz. Henriette hatte ihrer Mutter die Erlaubniß zu der Probe, die ſie mit Graf Alfted unterneh⸗ men wollte, ſo ſtuͤrmiſch abgeſchmeichelt, daß dieſe ſich in Alles fuͤgte. Der Graf ſollte nicht aller⸗ dings woͤrtlich, ſondern nur durch den Anſchein getaͤuſcht werden, indem er Roͤschen bei Frau von Tharow, Henriette beim Amtmann faͤnde, man wollte Erklaͤrungen, Benennungen alles ver⸗ meiden, was den Grafen bei der Entdeckung auf⸗ bringen konnte, deshalb wurde Alfred bei ſeiner Ankunft, ſtatt oben hinauf in das Erdgeſchoß des Schloſſes eingefuͤhrt, wo er Roͤschen neben der Frau von Tharow auf dem Sopha, Henriette am Spinnrade, den Amtmann am Schreibtiſch, die kleine Ida mit haͤuslicher Arbeit beſchaftigt fand. Die Anordnung des freundlichen Zimmers ſprach fuͤr den Geiſt der Bewohner, der ſich hier in ſeltner Anmuth und Sinnigkeit in den klein⸗ ſten Beſtandtheilen des Ganzen kund that, Zierde mit Einſachheit, das ſinnreich Bequeme mit An⸗ ſpruchloſigkeit vereinigend. Der hohe Orangen⸗ baum, der den Fenſterraum einnahm, ließ die mannichfachen Tulpen, Hyazinthen und Aurikeln, ce inwi⸗ ibniß neh⸗ dieſe aller⸗ chein Frau inde, ver⸗ auf⸗ iner hoß der ette ſch, tigt ers ier in⸗ rde In⸗ 38 e die im Doppelfenſter dufteten, nur ſchoͤner her⸗ vorglaͤnzen, die einfachen, weißen Drapperien, und die Klarheit und Friſchheit aller Gegenſtäͤnde machten den heiterſten Eindruck, zumal, da die Winterſonne, ſo freudiglich aus dem Tiefblau des Himmels ſtralend, die Blumen beaͤugelte. Die hohe, zuͤchtige und ſchlanke Geſtalt am Rocken war der erſte Gegenſtand, der Alfreds Blicke maͤchtig auf ſich zog, Roͤschens heitre Anmuth trat ganz gegen dies Bild in Schatten. Alfred mußte an die alten Zeiten zuruͤckdenken, wo Kaiſerinnen und Prinzeſſinnen die Spindel in zarten Haͤnden drehten, und unwillkuͤhrlich durchzuckte ihn ein Wohlbehagen, bis zur Ban⸗ gigkeit ſuͤß, wie er bedachte, wie angenehm es dazumal den hohen Erwaͤhlten jener arbeitſamen Huldinnen geweſen ſeyn muͤſſe, von der Liebſten Hand, ſo zu ſagen, ganz umſponnen zu ſeyn, und in ihre liebliche, feine, weiche Arbeit gekleidet! Die Zauber, dacht er, als er Henrietten ſah, von denen die alten Sagen reden, waren gewißlich wahr, aber ſie lagen blos in der Arbeit von geliebter Hand! Die Mutter anterbrach Alfreds ſtummes Sinnen beim Eintritt, indem ſie ſagte: Graf — 40— Alfred, Sie vergoͤnnen mir heut' in dieſem Kreiſe zu bleiben, meines Freundes Geburtstag iſt heut⸗ er und die lieben Seinigen gehoͤren zu uns, und nie trennen wir uns an ſolchen Tagen, denn ein heitrer Geburtstag, durch Freundſchaft verſchoͤ⸗ nert, iſt wie ein Morgenſonnenſtrahl, der das ganze neue Leben durchſtrahlt, und die Ausſicht auf den kuͤnftigen Lebenstag freundlich oͤffnet. Al⸗ fred kuͤßte die Hand der ſinnigen Frau, reden konnt' er nicht, Henriettens Anblick hatte ihn tief ergriffen, er war ſich, was in ſeinem Innern vorgieng, ſchnell bewußt gewonden, und eine edle Regung hieß ihn fliehen, indeß ein unnennbares Gefuͤhl ihm das Gebot der Frau von Tharow willkommen machte. Die Beſonnenheit der auferkſamen, ſcharf⸗ ſinnigen Mutter ſtellte ein Gleichgewicht unter den befangnen Gemuͤthern hex, und vergoͤnnte ihrer beklommenen Tochter zu Odem zu kommen. Das liebe Maͤdchen hatte gar nicht bedacht, daß eben ſie auf Alfred Eindruck machen koͤnnte, denn das haͤtte ſie, meinte ſie nun, da es ſo ſichtlich ihr kund wurde, als Fraͤulein ja eben ſo leicht ge⸗ habt! Wer konnte das vorausſehn?— So dachte Henriette, und wußte nicht, daß eben die —— Idee, unter jeder Geſtalt und in jedem Verhaͤlt⸗ niß den Sieg uͤber eine Andre davon zu tragen, die wichtigſte Triebfeder ihrer Handlung geweſen. Nachdem das Fruͤhſtuͤck genoſſen war, wo Henriette mit all ihrer eigenthuͤmlichen Huld die Wirthin gemacht, ſchlug Frau von Tharow den beiden jungen Damen vor, dem Grafen die Um⸗ gend zu zeigen, weil die Sonne ſo warm ſchien, die Luft ſo ſtill, der Boden ſo trocken war, und die Anhoͤhen hinter dem Schloſſe eine ſo reizende Ausſicht gewaͤhrten. Der Graf ergriff freudig die Gelegenheit, der huldigen Spinnerin naͤher zu kommen, im Erzuͤrnen uͤber ſein wonniges Herzklopfen dabei konnte er gar nicht zu Stande bringen. Auch den Maͤdchen war die Veranſtaltung der Mutter willkommen. Sie umhuͤllten ſich mit Hermelin beſetzten weißen Pelzkragen, aus denen die Koͤpfchen ganz fremdartig und ſeltſam her⸗ aus bluͤhten, und nahmen ihres Fuͤhrers Arm an. Es war gegen Mittag, die Sonne ſtand im allerherrlichſten Glanz, und kein Woͤlkchen truͤbte den reinen azurblauen Himmel. Durch einen bedeckten Tannengang wand ſich der von allen Seiten dicht umgruͤnte Pfad bis zur Anhöoͤhe hinauf, freudig rauſchte an ihrem Fuß der blaue ““ Strom uͤber Felsſtuͤcke hin, hie und da herrlich leuchtend durch das Tannengruͤn. Schweigend giengen unſre Pilger hinauf, ein einfacher Pa⸗ villon ſtand auf des Berges Spitze, auf einer Bank unter ſeinen Fenſtern ließen ſich die Dreie Rieder.. Der Anblick der Landſchaft war unvergleich⸗ lich. Weit hin ſchlaͤngelte ſich des Stroms ſil⸗ berner Lauf, ſeinen Ufern hatte die Winterzeit ihre Anmuth nicht geraubt, die ſchneebedeckten Berge prangten im goldnen Schein, im Blau brannten die Thurmſpitzen aus der Ferne, in den Fenſtern der in die Ferne verſtreuten Land⸗ ſchloͤſſer ſpiegelte ſich der Sonnenglanz, und ſuͤ⸗ ßen Frieden athmeten die Thale. Verſunken in das entzuͤckende Schauſpiel, und nach einem Geſpraͤch verlangend, was die gegenſeitige ſichtliche Beklemmung loͤſen koͤnnte, ſprach Alfred: Schneegeſild und reiner Himmel und dies prangende Sonnenlicht, ſo wie dieſer allumfaſſende Ueberblick, den die Hoͤhe hier in das Gebirg gewaͤhrt, moͤcht ich der Wonne verglei⸗ chen in ein reines, ganz durchſichtiges Weſen zu blicken, und dort nur Frieden und Wahrheit zu finden! O, das Herrlichſte in der Sehoͤpfung iſt — „ 22, 2 —— 8—2 Q N +—— △̈—2 r 2 — 4 35— Wahrheit, und nur in ihr kann die Liebe beſtehn!. Kaum hatte Alfred dieſe Worte geſprochen, als er Henriette gluͤhend roth, dann bleich wer⸗ den ſah, er heftete beſorgte, zaͤrtliche Blicke auf ſie, da ſtuͤrzten ihr die hellen Thraͤnen aus den Augen) ſie ſtand auf, eilte in den Pavillon und rief: Seyn Sie barmherzig, gehn Sie, verlan⸗ gen Sie nie, mich wieder zu ſehn! Löſen Sie mir dies Raͤthſel! rief Alfred ganz erſtaurt der beklommenen Roͤschen zu. Laſſen Sie mich, flehte dieſe, zu meiner Freundin gehn, und mich mit ihr beſprechen, ſie bedarf des Troſtes! M Der Beſtuͤrzte ließ ſie gehn. Im Pavillon fand Roͤschen ihre Henriette knieend vor einer Ottomanne, die Augen in ihren aufgeſtuͤtzten Haͤn⸗ den verbergend, ſchluchzend und ſeufzend. Alfred hielt im Drang des erwachenden Liebesgefuͤhls, im Sturm der Ueberraſchung die Regung, die ihn antrieb, zu lauſchen, fuͤr erlaubt, und ver⸗ nahm ſolgendes Geſpraͤch: Henriette rief: Laß mich, Geliebte— Röoͤschen fiel ein: Nein, Theure, Du darfſt nicht 44— hier bleiben, ich kann nicht mit dem Grafen allein hinuntergehn— Mein Lebensgluͤck iſt verſcherzt, rief Hen⸗ riette, er iſt ſchoͤn, liebenswerth, vom beſten Ruf, und wie ſinnig waren alle Worte, die er ſprach, wie zeugte das, was er hier ſagte, fuͤr ſein Gemuͤth! Und der Augenblick, wo ich ganz fuͤhle, wie hoch er ſteht, üſt deuſelhe der uns auf ewig ſcheidet! Der Graf fuͤhlte ſich an die e Seiun, er glaubte zu traͤumen. Was diejenige aͤußerte, die einen ſo unausſprechlichen Eindruck auf ihn gemacht, ver⸗ rieth Liebe, aber wie war es ihr in den Sinn ge⸗ kommen, ihn zu lieben? Wie konnte er durch die ausgeſprochenen Worte, in die er ſelbſt keine tiefe Bedeutung hatte legen wollen, fuͤr ſie ver⸗ loren ſeyn? und wie konnte ſie dem ihm be⸗ ſtimmten Maͤdchen, der Freundin, ihre Neigung, die ihn, trotz ſeiner Gefuͤhle fuͤr ſie als in einer Amtmannstochter, die ihn zuvor nie gekannt, all⸗ zuſchnell erwacht, ploͤtzlich abkuͤhlte, ſor unverhd⸗ len eingeſtehn? Die Pauſe, welche beide Freundunnen in ihrem Geſpraͤch machten, goͤnnte Alfred Muße zu dieſem Nachdenken. Jetzt hoͤrte er wiederum — ſeine vermeinte Braut ſagen: Komm, um Alles in der Welt, wir wollen den Vorwand eines ploͤtzlichen Uebelbefindens, einer Erinnerung, die dieſe Worte in Dir erweckt, ergreifen!— Meine kuͤnftige Gemahlin, murmelte der Graf vor ſich hin, iſt erfinderiſcher, als mir lieb iſt! Wie kann ich ihm je wieder unter die Augen treten, rief Henriette, ich habe mich verrathen, und ich habe erklaͤrt, ich koͤnne nie ihn wiederſehn! O haͤtt' ich nie in dieſe Sache eingewilligt, ſagte Roͤschen unter Thraͤnen. Vortrefflich, dachte der Lauſcher. und findeſt Du ihn nicht unendlich liebens⸗ werth? fragte Henriette. Wen koͤnnt ich liebenswerth finden, entgeg⸗ nete Roͤschen, da ich nur an meinen Otto denke!? In meinen Augen kommt ihm nichts auf Erden gleich— Immer vortrefflicher! zuͤrnte Alfred, alſo deutſche Fraͤulein ſchicken ihr Bild an einen Be⸗ werber, indeß ſie ſchon einen Andern lieben? Haͤtt ich das doch dem ſuͤßen, offnen Roſenge⸗ ſichtchen nicht angeſehn! Komm, ich beſchwoͤre Dich, fuhr Roͤschen kort, laß mir Alles uͤber!— Ja, wirklich, meinte ——;—ꝛ—xxx——::-’— Alfred, die Braut iſt nicht ohne Gewandheit!— Ich muß nachgeben— hoͤrte er noch Henrietten ſagen, und mit muͤhſam errungener Faſſung trat ſie an Roͤschens Arm aus dem Pavillon. Ein ſeltſames Zuſammentreffen— wollte Roͤschen eben anheben, doch eiskalter als der Wind, der ſich eben erhob, unterbrach ſie Alfred: Gnaͤdige, wenn Damen etwas begegnet, waͤre es unbeſcheiden, Erlaͤuterungen anzuhoͤren, und, ſich verweigernd, bot er den zwei hoͤchſt Betroff⸗ nen den Arm, um ſie zuruͤckzufuͤhren. Empoͤrt uͤber das vermeinte Fraͤulein, und durch die raͤth⸗ ſelhafte Weiſe der Amtmannstochter befremdet, gewann er gerade durch dieſen Stoß ſeine Unbe⸗ fangenheit in ſo weit wieder, daß er ſehr hoͤflich, ja fade ſeyn konnte, denn er war geneigt, beide Madchen fuͤr nichts beſſers werth zu halten. Er fieng an von Baͤllen und Schlittenfahrten zu erzaͤhlen, und verhehlte nicht, daß er den Car⸗ neval in Wien zubringen wolle. Die Maͤdchen ſahen ihn mit großen Angen an, er ſchien verwandelt, er wurde, je eifriger er ſich bemuͤhte, die wieder aufteimende Neigung zu Henrietten zuruͤck zu druͤcken, je geſpraͤchiger und weltmaͤnniſcher. Henriette ſelbſt gewann ſich ———— 2. ein wenig wieder, als ſie ihn ſo ſah, ſie ſieng zu glauben an, er zeige ſich nun erſt in ſeiner Eigenthuͤmlichkeit, und habe vorhin nur in einer fremden Farbe geſpielt. Nun war man unten. Das Zimmer, das zuvor dem Grafen einen ſo holden Eindruck gewaͤhrte, ſchaute ihn wieder behaglich und koſend an, und die warme Luft trug die Duͤfte der prangenden Blumen wie in ſein Herz hinein. 4 Er konnte ſich nicht enthaktenabel Eintre⸗ ten Henrietten zu fragen: Sind Sie die Pflege⸗ rin dieſer Blumen? und wider ſeinen Willen war ſeine Stimme weich, ein Blick innig bei dieſer Frage, denn ſchon beſteng ihn von Neuem der Zauber, der ihn beim Eintreten uͤberraſcht, und die Todtenblaͤſſe, die verweinten Augen des ſchoͤ⸗ nen Maͤdchens ruͤhrten ihn wunderbar. Ich werde keiner Blume mehr pflegen, Graf Alfred, fluͤſterte ſie unter hervorbrechenden Thraͤ⸗ nen— Die ſchoͤnſte Blume meines Lebens habe ich muthwillig geknickt. Bei dieſen Worten ſank ſie, uͤberwaͤltigt von ihrer Empfindung, nieder. Der Graf hielt ſie im Fallen auf, und fuͤhrte ſie zur Ottomanne, das Zimmer war von allen Bewohnern verlaſſen, Roͤschen war am Eingang — a48— zuruͤckgeblieben, ſie hatte nicht Muth, bei der Erklaͤrung, die kommen mußte, anweſend zu ſeyn. Himmliſches Geſchoͤpf, rief Alfred aus, loͤſen Sie mir dies wunderbare Raͤthſel, das mich namenlos bedruͤckt. Welche Beziehung zu Ihrer Freundin und zu mir konnte Sie ſo befangen, was in meinen Worten konnte ſo tief Sie er⸗ ſchuͤttern? Ich ſprach von Wahrheit! Waͤre es dennEdglich aß Sie,, Holde, nicht die Wahr⸗ heit ſelbſt waͤren? Sie toͤdten mich! rief Henriette aus, ſagen Sie mir nichts mehr!— Alfred ſtarrte ſie an. In dieſem peinlichen Moment ſtuͤrzte Frau von Tharow achemlos das Zimmer— O, Freude, Freude! meine Henriette, rief ſie aus, mein Otto iſt da, und Georg mit ihm, Georg wollte den Amtmann zu ſeinem Geburtstag uͤber⸗ raſchen, Roͤschen liegt ohnmaͤchtig vor Freude an Otto's Herzen, komm in mein Zimmer, kom⸗ men Sie Graf! rief ſie dieſem zu, der ſie, ab⸗ wechſelnd erroͤthend und erblaſſend anſtarrte, ge⸗ ben Sie meiner Tochter den Arm, fuhr ſie ſort, denn ſie iſt weg vor Freude, o, meine ſuͤße, liebe Henriette!— Sie umfſieng ihre Tochter, und ſagte: Freue Dich doch von ganzer Seele ſe mit Deiner gluͤcklichen Mutter, Beide, beide hab' ich Euch heut', wie kann ich Gott genug danken? Liebe Mutter! laß mich zu mir ſelbſt kom⸗ men! flehte Henriette, ſenkte die Augen und zitterte heftig. Ach! rief Frau von Tharnow mit Einemmal, das hatte ich ganz vergeſſen, ja, lie⸗ ber Graf! Sie werden wohl den ganz unſchuldi⸗ gen Scherz vergeben? Roͤschen iſt allerdings meine Tochter, denn ſie iſt Otto's Braut, aber Henriette iſt mein eignes Kind, und der Himmel hat nicht zugegeben, daß ſie Sie laͤnger raͤuſchte, meine Freude, meine Ueberraſchung verrieth das Spiel. Alſo das war es? rief Alfred, und dieſes ſeltſame, aber nicht ſtraͤfliche Inkognito druͤckte Sie ſo ſchwer, edles Maͤdchen, als ich von Wahrheit ſprach? O, holdes Weſen, fuhr er fort, zu ihr mit vollem Ton der Liebe gewendet, ſey immer, wie Du biſt, Deine Verſtellung giebt das hoͤchſte Zeugniß von der ſchoͤnen Wahr⸗ heit Deines Seyns! Und von der Mutter umſchlungen umarmte ſich das ſchoͤne Paar. Erſter Theik⸗ 4 — 50— Nun kam auch Otto mit Roͤschen, und Georg, etwas bleich, aber gefaßt, mit ihnen herbei; die Gluͤckwuͤnſche, die Scherze von Roͤs⸗ chens Seite, der Wonnetaumel der uͤberraſchten Aeltern, dies Alles zu beſchreiben, reicht die Sprache nicht zu. Die Verlobungsringe wurden gewechſelt, hei⸗ ter und mild beſeligt war das Mahl, ſelbſt Georg wurde beſeelt von der allgemeinen Luſt. ₰ 1 Der Vollmond ſchaute zu den Fenſtern hin⸗ ein, als die Froͤhlichen noch bei Tiſche ſaßen. Georg nahm einen Augenblick wahr, ſich wegzu⸗ ſchleichen, er beſtieg die Hoͤhe, wo er ſo oft mit Henrietten geweſen, blickte in die Landſchaft und ſang: Ade, Ade, Nirr iſt ſo weh,. Daß ich Dich laſſen mußt, Dein lichter Blick Blieb mir zuruͤck, Ein Pfeil in tiefſter Bruſt, Bald ſuͤß, bald weh, Ade, Ade! und Ade, Ade! nen Nun Thal und Hoͤh toͤs⸗ In Abendroſen ſtehn, bten Da glaͤnzt ein Stern die Nach dem ſo gern Die ſtillen Thale ſehn Zur Himmelshoͤh hei⸗ Ade, Ade! elg Ade, Ade! Ein Kleid von Schnee Huͤllt ſtarr die Fluren ein. hin⸗ Einſt ſchmilzt der Schnee ßen. Nach Sturmesweh, gzu⸗ Wills wieder Fruͤhling ſeyn, mit Dann, ſuͤßes Weh und Ade, Ade! Und, ſtark in ſich geworden, eilte Georg wieder hinunter in den traulichen Kreis. Ida eilte ihm entgegen, und rief, Georg, die jungen Herren alle haben Braͤute, und Du nur nicht, laß mich Deine Braut ſeyn! Ich habe nichts auf der Welt ſo lieb, als Dicht Du ſuͤßes Kind, laͤchelte Georg, wer weiß, was geſchehn koͤnnte, wenn Du nicht mein⸗ 4 X ——— —ẽẽ;ʒ õõ T — Schweſter waͤrſt, und er druͤckte ſie mit Unge⸗ ſtuͤm an ſein tiefbewegtes Herz. Gemach! rief der Amtmann prloͤtzlich mit hohem Ernſt und mit ſeltſamer Ruͤhrung, laß ſie, Georg, Du ſiehſt kein Kind mehr vor Dir, und da heut Alles wunderbar zu Tage kommt, da mich das Herz es ſagen heißt, was wir ſo lange verſchwiegen, ſo kann Ida, ſo koͤnnt ihr Alle erfahren, daß ſelbſt mein liebes Weib ge⸗ taͤuſcht iſt, die Ida fuͤr ihr Toͤchterchen haͤlt, dies Kind, beſte Frau, iſt ein mir heilig anver⸗ trautes Pfand von Freundes Haͤnden, und ſie kam in dem Augenblick in meine Gewahrſam, wo uns die Kriegesſtuͤrme trennten, wo ich mit Deiner Ida auf der Flucht war, die mir in den — 7— Armen geſtorben, ich verhehlte Dir dieſen Schlag des Geſchickes, und wollte dem Pflegling ganz Dein Herz zuwenden, darur ſchwieg ich, und weil das Kind noch ſo jung geſtorben, und — gleichfalls blond und zart war, haſt Du den Unterſchied nie erkannt.— Du vergiebſt mir? O, Du haſt ja nur meines Herzens ſchonen wollen, rief die Gattin, und den theuren Mann und Ida umfaſſend flaͤſterte ſie: Willkommen von Neuem, troſteeiche Gottesgabe! Tochter! ſo e⸗ Alſo kann auch Luͤge ſo wohlthaͤtig, ſo ſchoͤn, ſo edel, wie Wahrheit ſeyn? rief Alfred aus— Taͤuſchen Sie ſich nicht, edler Juͤngling, bedeutete ihn der Freund, nur bei den reinſten Abſichten und Regungen, nur wo innere Wahr⸗ heit iſt, kann ſelbſt der ausgeſprochenen Unwahr⸗ heit der Gift entnommen werden, ſo wie ein weiſer Arzt Gift zu Arzneien anwendet, in allen unſern Schickſalen und Thaten aber kann nur der Segen von Oben wirken, und nur ein reines Herz kann ihn erlangen. Dies Geheimniß aber hat mich dieſe Jahre hindurch ſchwer hedruͤckt, ſo bedruͤckt, wie Henriettens armes Herz dieſen Mor⸗ gen geweſen ſeyn mag, und ſo halt' ich es denn ganz mit Ihrem Ausſpruch, dort auf der Berges⸗ hoͤhe, denn der Muth, der uns heißt, immer, ſelbſt in den kleinſten Dingen wahr ſeyn, das iſt die freudigſte und reinſte Lebensflamme in des Menſchen Bruſt, das heilige Feuer, das wir immer naͤhren und huͤthen ſollen! Ein Weh iſt mit jeder Entſtellung der Wahrheit, auch mit der us der unſtraͤflichſten Abſicht begangenen, ver⸗ knuͤpft, darum laßt uns ſtets wahr ſeyn! denn “ — 54— nur in der Wahrheit kann die Liebe beſtehn! Nur in Wahrheit iſt Frieden! Wonniglich vergieng der Reſt des Abends. In kurzer Zeit wurde der Vermaͤhlungstag beider junger Paare beſtimmt. Ihr Bund wurde froͤh⸗ lich gefeiert, ihr Leben iſt ſchoͤn, wie ihre Liebe war. Georgs Herz, empfaͤnglicher fuͤr einen ſanf⸗ ten Eindruck, je tiefer es wund war, hat ſich der lieblichen Ida zugewendet, und naͤchſten Sommer ſoll ihre Vermaͤhlung ſeyn. 2☛ hn! nds. ider roͤh⸗ iebe Die Begegnung. —⸗ℳ-;-: anf⸗ ſich ſten 5 Anekdote. Die Begegnung. —— Bin unn nicht mehr, was juͤngſt ich war, und werden kann ich's nimmer wieder— Mein ſchoͤner Lenz, mein Sommer gar Vom Fenſter ſprangen ſie hernieder, Zum Koͤnig hatt' ich Dich erkoren, Amur, und kannte nur Dein Joch, Ach! wuͤrd' ich noch einmal geboren, Wie dient' ich Dir viel beſſer noch! Ein allerliebſtes Liedchen, rief die Graͤfin, die dem ſchwermuͤthigen Albigny beifaͤllig zuge⸗ hoͤrt. In Marots Dichtung klingt es beſſer, ſagt er: Plus ne Snis, ce que j'ai été Ni ne le Saurois jamais étre Mon doula printemps et mon 6t5 Ont(ait le Sant pax la fenêtre— aber welcher lfranzoͤſiſche Dichter heutiger Zeit wuͤrde ſich den Hiatus j'ai été vergoͤnnen? Die franzoͤſiſche Poeſie, fiel Graͤfin Coͤleſtine ein, vielleicht alle Poeſie unſrer Zeit hat von ihrer Natuͤrlichkeit und Innigkeit verloren, und ich glaube, der Liebe iſts nicht beſſer gegangen— Ach! ich weiß recht gut, rief der Chevalier, was Poeſie und Liebe verdorben hat— Nun?— Die vielen ſchoͤnen Worte daruͤber, die haben Poeſie, Liebe, Religion, und alles Moͤgliche verdorben. Die Leute koͤnnen gar nichts mehr friſch nehmen. Ich wollt ich duͤrft eine Reiſe um die Welt machen, wiſſen Sie, wo ich ſtill hielte? Nun, Chevalier? Bei dem erſten beſten Volke, das nicht leſen nicht ſchreiben kann, und nicht grammatikaliſch richtig ſpraͤche— Da gehn Sie nur auf meine Doͤrfer, rief Coͤleſtine, bei meinen Bauern finden Sie Ihr Ideal— Was kann das helfen, fiel Louis ein, ſie gebrauchen doch ſicherlich ſchon Redens⸗ arten, und das iſt ſo gut, oder ſo ſchlimm, wie Schwarz auf Weiß!— Nun, zum Beiſpiel?— All die Schelme ſagen gewiß Ew. Gnaden zu Ihnen, theure Graͤfin?— Billiger Weiſe, ja!— ——— —„—„„— Nun, wer iſt denn gnaͤdig? Unſer Erloͤſer wollte nicht einmal guter Meiſter heißen, denn er ſagte: nur Gott iſt gut!— Cöleſtine laͤchelte, ihr Freund kuͤßt' ihr die Hand und ſagte: aber gut iſt meine Freundin, denn Gott ſchuf den Menſchen nach ſeinem Bilde— Nunmehr nahm er ſeinen Hut und gieng in den Park, denn als ein geborner Pariſer hielt er ſeine Stunden. Es war Eilf Uhr, ein kuͤhler Juniusmor⸗ gen. Der Chevalier ließ ſich vom Liede der Ler⸗ chen im Freien und vom Wogen der Kornfelder verlocken, er ſchwang ſich uͤber den kleinen Gra⸗ ben hinuͤber, der den herrſchaftlichen Park von den geſegneten Fluren, die ihn umgeben, trennte. Als er den ſchlaͤngelnden Weg durch die Flu⸗ ren, deſſen Rand von den lieblichſten Feldblumen zu beiden Seiten eingefaßt war, verfolgte, ſah⸗ er hinter ſich, und betrachtete lang den Park, der an der Feldſeite aus Gebuͤſchen im engliſchen Geſchmack beſtand, jedoch in der Naͤhe des Schloſ⸗ ſes mit angebrachten, haarſcharf geſchnittenen Alleen, mit Waͤnden, worin Fenſterartige Oeff⸗ nungen, und mit ſonderbaren Geſtalten von aus⸗ geſchnittnem Buxbaum prangte. Einige Gebuͤſche vildeten Wäͤlle, Ravine und Baſtionen, damit der Gedanke an Krieg und Zerſtörung auch in Lenzesluft und friedlichem Gebuͤſch nicht verloren gienge! Die Blumenbeete waren in Schnoͤrkeln gezeichnet, und mit Buxbaum eingefaßt, und das ſchnurgerade Baſſin, klar aber ſtill ſeine Fluth, umgab ein weißer Marmorrand. So iſt nun die Welt, dachte Albigny. In der naͤchſten Umgebung der Großen waltet noch immer der alte Schnitt, die Steifheit, es darf nicht ein Blatt aus der Linie heraus, und die Scheere muß genau wieder bis an das alte Holz, ſobald die Allee die erforderliche Hoͤhe, Breite, Dicke erreicht. Dann aber kommt die durch die gravitaͤtiſchen Baummaſſen verhehlte angenehme Regelloſigkeit, das Labyrinthiſche, je ſtrenger der Styl dort Le Nôtre, je wilder engliſcher Park dort, auch Ruinen duͤrfen nicht fehlen— Komm ich mir doch vor, mit meinen albernen Gruͤbe⸗ jeien, rief der Chevalier ploͤtzlich aus, wie mein Landsmann Delille, der Lenz und Landaufent⸗ halt mißbrauchte, um ſeine Jardinszu ſchreiben, die in Alexandrinern, wie dieſe Alleen geſchnitten ſind! Beſſer man blickt nach dem gruͤnen hohen Wald am Bergesabhang, nach dem friſchen Leben und Weben im Dorfe druͤben, da kann man ſich 7 F 2 — freuen, daß man am Leben und auf gruͤnem, deutſchen Boden iſt, und ſeinen Spaziergang im Freien recht— wie heißt das neue Wort!? ge⸗ muͤthlich machen kann! Wird doch ohnedem der Herzog Eugen von L. mit ſeiner wunderſchoͤ⸗ nen Gemahlin heut bei der Graͤfin zur Tafel erwartet, da er hier durch kommt— was ſoll ich Ritter von der traurigen Geſtalt unter all dieſen Herrlichkeiten? Und was iſt's mehr, wenn ich nicht erſcheine? Die Glocke wird gelaͤutet, wer nicht kommt, wird nicht erſt erwartet, iſt der Braten da, und der Hausgenoſſe fehlt, ſo wird ſein Couvert weggenommen, und alles iſt gut! Was thut es mir, daß heut die Tafel ein Wald von Blumen, wie zum Geburtsfeſt aus⸗ geſchmuͤckt iſt? Denn die Deutſchen feiern nicht Namenstage, nur Geburtstage— das iſt naͤm⸗ lich der Unterſchied, die Deutſchen freuen ſich, daß ſie das Leben haben, die Franzoſen aber, daß ſie einen Namen haben! Mir kann der heitre Prunk des Feſtes nicht zuſagen, ein armer Emigrant hat keine Fète, und bekommt keine Frau. Rien ne mest plus-plus ne miest rien. Oder: Nichts mehr iſt mir was mehr, wie die Graͤfin es uͤberſetzt. Dort im Wald im Muͤh⸗ lengrunde will ich mir eine vortreffliche Milch ge⸗ ben laſſen, und erſt gegen Eilf zum Nachteſſen wieder in das Schloß kommen! Somit gieng der Chevalier weiter, zwar ſeufzte ſein innerſtes Herz bei dieſen Entſchliehungen, denn eine ge⸗ waltige Macht zog ihn nach dem Schloſſe zu⸗ ruͤck— aber es war ihm unertraͤglich, um die Graͤfin zu ſeyn, wenn Menſchen dabei waren, und ſie ſich nicht ganz ausſchließlich mit ihm be⸗ ſchaͤftigte, hiervon gab er ſich keine Rechenſchaft, wenigſtens wollte er ſich es nicht eingeſtehn. Indem er den Waldpfad einſchlug, kam ra⸗ ſchen Schrittes hinter ihm ein uͤbelgekleideter Mann, der noch nicht vierzig ſchien; er gruͤßte hoͤflich und kurz und gieng fuͤrbaß. Was er trug, konnt' ihn nicht an ſeinem Fortkommen hindern, denn es war nichts als ein Stiefelpaar, dies aber konnt' ihn auch nicht weiter bringen, denn das mußte er ſelbſt thun, indem er, mit bloßen Fuͤßen gehend, die Stiefeln auf ſeinem Ruͤcken trug. Waͤren die verſchiedenen Tuchſtuͤcken, aus denen ſeine Jacke zuſammengenaͤht war, neu ge⸗ weſen, ſo konnte ſein Ruͤcken fuͤr eine Muſter⸗ karte gelten, oder es haͤtte auch der Wanderer dir astenuin ſich ausgeben koͤnnen, aber leider ͤa„ ge⸗ ſen eng ſes ge⸗ zu⸗ die en, be⸗ aft, ra⸗ eter ißte eug, ern, dies enn ßen ken aus ge⸗ ſter⸗ erer ider hatte der Ungluͤckliche ſonſt keine Rolle einſtu⸗ diert, als die der bitterſten Armuth, und ſeine Buͤhne war die weite Welt, die ihm offen ſtand. Der Chevalier hatte das alles mit einem Blicke weg; es jammerte ihn, und er dachte in ſich ſelbſt: Laͤuft doch der Arme vor Unſereinem vorbei, als haͤtte man entweder keinen Heller, oder als werde man auf ſeine Bitte eine volle Goldboͤrſe ziehn, den ganzen Inhalt vor ſeinen Augen durchmuſtern, alle Qualen des Tantalus in ſeiner Seele aufwuͤhlen, und dann die Boͤrſe gleichguͤltig zu ſich ſteckend ſagen: Ich habe kein kleines Geld! Ich will ihn doch rufen! Heda, guter Freund! rief der Chevalier als⸗ bald, woher des Weges?— Der Wandersmann drehte dem Frager ein paar blaßblaue, ehrliche Augen zu, und ſagte: auf meine Wanderſchaft! Somit eilt' er weiter— faſt mit Zorn rief der Chevalier: wollt Ihr keinen Zehrpfennig?— O, ja, wenn Sie die Guͤte haben wollen!— Der Chevalier zog die Boͤrſe, und gab ihm einiges Geld, worauf jener ehrerbietig dankte, und wei⸗ ter eilte. Auf welche Profeſſion reiſet Ihr denn? rief der Chevalier dem Wortkargen nach— Ich bin -“ ein Leinweber— mit uns iſts nun ſchlimm be⸗ ſtellt, die Maſchinen nehmen uns das Brod vom Munde weg— Wo kommt Ihr her?— Von r***, wo ich ſechs Wochen auf Latten gele⸗ gen.— Auf Latten? Was bedeutet das?— Ach das iſt nichts, als der ſtrenge Arreſt, wie man die Tortur die ſcharfe Frage heißt, es iſt auch bei uns zu Land noch gar nicht lang eingefuͤhrt.— Aber noch einmal, was iſt es denn?— Nun, eine Kammer, die ohngefaͤhr vier Fuß hoch iſt, und nicht gedielt, ſondern blos mit ſcharfkantigen Latten ausgelegt, ganz ſchraͤg, ſo daß man darin nicht ſtehen kann, auf dieſen Latten muß man in Beinkleidern und bloßem Hemd ſo lange liegen, als zur Strafe zuerkannt. Einmal des Tages bekommt man Kommißbrod und einen Waſſerkrug, Abends wird wieder auf⸗ geſchloſſen, bis dahin kuͤmmert ſich keine Seele um Einen. So hab' ich gelegen, und ſo lagen ſechs Ungluͤcksgefaͤhrten mit mir. Schrecklich, rief der Chevalier, iſt das aus der Tuͤrkei her⸗ üͤber gekommen?— Ach, nein, ſo wenig, wie die Spießruthen, entgegnete der Ungluͤckliche, wer aber dreißig Wochen die Latten uͤberſtanden, iſt frei, ſelbſt vom Todesſpruch, wie die Matro⸗ ſen, wenn ſie gekielholt worden! Heiliger Gott! kein wildes Thier geht mit Thieren, wie geſittete Menſchen mit Menſchen um! rief der Erſchau⸗ dernde aus. Was war denn euer Verbrechen? fragt' er ihn weiter. Nun, ich war vor ſechs⸗ zehn Jahren deſertirt, und das, weil ich es mit meinem Corporal nicht aushalten konnte, ich hatte fremde Dienſte genommen, und endlich einmahl wollt ich die liebe Heimath wieder ſehn. So wie ich in unſre Gegend gekommen, wurd' ich feſtge⸗ halten, und mußte, zur Srrafe der Deſertion, ſechs Wochen auf Latten liegen, meine Bruſt iſt nun hin, meine Strafe habe ich ausgeſtanden. Nun kann ich gehn, wohin ich will, da will ich denn auf meine Profeſſion reiſen.— Wo habt Ihr gedient?— In der franzoͤſiſchen Armee, mein Herr! Ich habe mit den Tranchees den Feldzug nach Kalabrien mitgemacht, da haben wir die Briganten zum Gehorſam gebracht, wir ſtanden die ganze Zeit beim feuerſpeienden Phi⸗ loſophen.——„Was?“— Ja, beim feuer⸗ ſpeienden Philoſophen, wie ſie's auf deutſch hei⸗ ßen, weiß ich nicht, in Italien heißt's der Phi⸗ loſoph. Gut, ſagte der Chevalier, aber was ſind denn die Tranchees?— Das ſind die Fremden, Erſter Theit. 5 — verſtehn Sie mich, die Tranchees, ich ſtand beim erſten Regiment, das beſtand aus lauter Fremden von allen Laͤndern; als der Feldzug aus war, be⸗ kamen die alle, wie ich, eine Marſchroute, und durſten hingehn, wo ſie wollten.— Alſo stran- pees? Und die Briganten?— Das waren die Re⸗ bellen, die ſich nicht unterwerſen wollten; als wir ſie gebaͤndigt, kam ich nach Mantna und nach Ve⸗ rona unter dem Kommando von Prinz Eugen— Ei, das iſt ja der Herzog von L! und der iſt heut dort im Schloſſe! ſprach der Chevalier. Iſt der hier? rief der Leineweber, und in ſeinen Augen blitzte etwas, wie Freude, das jedoch bald wieder erloſch. Seid Ihr bleſſirt?— Ja, ich habe fuͤnf Wunden— Und keine Belohnung? kein Ge⸗ halt? Ja, wenn ich ein geborner Franzoſe waͤre! In Frankreich geht es den Invaliden wohl, wenn ſie Landeskinder ſind, wir Fremde bekamen, da man uns zum Dienſt nicht mehr tuͤchtig hielt, eine Marſchroute, und weiter nichts. Ich gieng auf mein Handwerk nach Wien, und da es dort nicht gehen wollte, gedacht ich heim, das war mir aber uͤbel gerathen. Als ich frei geworden, be⸗ kam ich aus der Stadtkaſſe einen Zehrpfennig von 8 Groſchen, und nun kann ich, kraͤnkelnd, aͤre! venn da zjielt, gieng dort mir be⸗ nnig elnd, blutarm und kraftlos, wie ich bin, ſehn, wo ich hinkomme. Sprecht doch den Herzog an— O, Nein!— Soll ich es fuͤr Euch thun?— Wie Sie wollen, aber es wird nichts helfen, ich habe kein Gluͤck!— Kommt nur mit, Ihr ſollt bald Nachricht haben— Der Wandersmann ſchuͤttelte den Kopf.— Glaubt Ihr denn, der Herzog denkt nicht gut?— O, gewiß! er iſt ein tapfrer Feld⸗ herr, und hat ein gutes Herz, aber ich bin nun einmahl zum Ungluͤck geboren!— Der Chevalier laͤchelte, ließ den Armen in der Muͤhle erquicken und gieng ſodann in der Mittaghitze mit ihm nach dem Schloſſe zuruͤck. Sagt mir doch etwas von euren Schickſalen, redete der Chevalier ſeinen immer noch ſtummen Begleiter an. Ach, gnaͤdiger Herr, was ſoll ich ſagen, ſprach jener wieder, unſer Einem geſchieht nichts, als, wenn's hoch kommt, ein Ungluͤck, da koͤnnen Sie keine Freude daran haben!— Liebt Ihr ein Maͤdchen?— Wie ſoll unſer Eins an Liebe den⸗ ken? entgegnete der Arme, dazu haben wir vor Hunger nicht Zeit!— Was hatten denn die 5* — 68— Uebrigen begangen, die mit Euch auf Latten la⸗ gen? Mancherlei, gnaͤdiger Herr, doch wohl nichts, das ſolcher Strafe werth!— Beide wa⸗ ren indeß dem Schloſſe nah gekommen. Jetzt begab ſich der Wandrer an den Rand des Baches, der als klarer Spiegel, friſches Trink⸗ geſchirr und wohlgefuͤlltes bebluͤmtes Waſchbecken, von Gebuͤſch umgeben, ihn einlud. Selbſt eng⸗ liſche Wire fuͤr die beſtaͤubten Stiefel bot er ihm dar, der Wandersmann fuhr hinein und bekam ein menſchliches Anſehn. 4 Der Chevalier wies ſeinem Begleiter den einſt⸗ weiligen Aufenthalt in der Schenke an, und eilte in das Schloß, um den Herzog aufzuſuchen. Er begegnete unterwegens deſſen Kammerdiener, der ihm Nachricht gab, der Herzog ſei ausgeritten, das Schlachtfeld von 1813 zu ſehn. Der Cheva⸗ lier fragte dieſen Mann, der ſich beim erſten Wort als artig und verſtaͤndig kund that, wie es dem Herzog in Deutſchland geſiele. Gut, ſagte dieſer, doch des Herzogs Land haben wir arm und elend gefunden, ohne Huͤlfsmittel, ohne Trieb⸗ ſamkeit, das Land iſt ſandig und unfruchtbar, die Duͤrf mach ſenhe meh ſchlich erhoͤb Der daß e gesge valier Arme eilte betaͤu das gereil 6 Freut fahre ren L Scht ſehn in la⸗ wohl 2 wa⸗ Rand Trink⸗ becken, teng⸗ r ihm bekam 4 einſt⸗ nd eilte n. Er r, der eritten, Cheva⸗ erſten wie es „ ſagte dir arm Trieb⸗ har, die Daͤrftigkeit war entſetzlich, beiſpiellos— Was machen denn die Armen in des Herzogs Abwe⸗ ſenheit? fragte der Chevalier. Es giebt keine mehr— entgegnete der Kammerdiener. Dieſe ſchlichte Antwort ruͤhrte den Fragenden tief, und erhoͤhte in ihm den Muth ſeine Bitte zu wagen. Der Herzog kam zuruͤck, und ſo wie er gehoͤrt, daß ein ehmaliger Krieges⸗oder vielmehr— Sie⸗ gesgefaͤhrte in ſeiner Naͤhe ſei, gab er dem Che⸗ valier eine Hand voll Goldſtuͤcke, um ſie dem Armen zu uͤberreichen. Befluͤgelt von Freude eilte der Huͤlfreiche zum Wandrer, den ſein Gluͤck betaͤubte und die Sprache nahm; als er wieder in das Schloß kam, war das hohe Paar ſchon ab⸗ gereiſet. Sie haben gute Geſchaͤfte gemacht, mein Freund, laͤchelte die Graͤfin ihm zu, die Alles er⸗ fahren hatte.— Laſſen Sie mich doch auch Ih⸗ ren Schuͤtzling ſehn. O, Chleſtine! rief der Chevalier mit tiefem Schmerz, es thut mir weh einen Menſchen zu ſehn, deſſen Leben ſo dürftig iſt, daß all ſein Gluͤck und Leid davon abhaͤngt, daß er zu eſſen hat! Jedes Thier iſt gluͤcklicher als der Duͤrftige, denn es verlangt nicht, was der Menſch ver⸗ langt! Lieber Louis, erwiederte laͤchelnd die Graͤfin, Sie gewinnen mir eine gar zu duͤſtere Weltan⸗ ſicht! Glauben Sie mir, der Gluͤckliche ſieht auch das Elend nicht mit ſo truͤbem, troſtloſem Auge an, denn er fuͤhlt Kraft in ſich, zur Lindrung des menſchlichen Elends zu wirken. Der Gluͤckliche! ſeufzte der Chevalier. Sind Sie nicht gluͤcklich? fragte Coͤleſtine mit einem tiefen, ſuͤßen Blick, in deſſen Stralen ihres Freun⸗ des ganzes Herz aufbluͤhte. Sprechen konnt er nicht, denn es war zu viel, was dieſer Blick ver⸗ hieß. Er ergriff die Hand ſeiner Freundin, und druͤckte ſie an ſein hochklopfendes Herz. Ihr Schuͤtzling ſoll bei uns bleiben, unter⸗ brach Coͤleſtine die ſelige Stille, in welche der Liebende verſunken war— ich habe laͤngſt, fuhr ſie fort, eine Anſtalt errichten wollen, zu der ich eſſen ftige, ver⸗ raͤfin, eltan⸗ auch Auge ig des Sind einem Freun⸗ int er ck ver⸗ , und unter⸗ he der „ fuhr der ich — 71— eines Leinewebers bebarf, er wird ja wohl ſein Handwerk verſtehn? Seh' ich ihn gedeihn, ge⸗ ſunder und froͤhlich ſeyn, ſo werd ich ſtets mit Luſt gedenken, wie herzensgut mein Louis iſt!— Eoͤleſtine, rief der Ueberraſchte, wie wunderſam klingen dieſe ſuͤßen Worte, wie leuchtet dieſer Blick! Was ſoll ich denken?— Daß ich Ihr Herz ſeit Jahren durchſchauet, und wenn verſtehen lieben heißt, was mag dann wohl mein Verſtehen heißen? Der Gluͤckliche wollte ablehnen, was ihm ein gaͤnſtiges Geſchick nach ſo viel Leiden bot, wovon ihm nie getraͤumt, daß es moͤglich ſeyn koͤnne, doch mit liebender Gewalt drang die ſchoͤne, junge Wittwe in ihn, alle Schwierigkeiten wur⸗ den bald beſeitigt, die Liebenden wurden ein gluͤck⸗ liches Paar. Dieſe Begegnung war es, die Coͤleſtinen An⸗ laß gegeben hatte, ihr Geheimniß zu enthuͤllen, denn die hohe Zartheit und edle Schuͤchternheit ihres Verehrers hatte ihr dies bis dahin unmoͤg⸗ lich gemacht— War die Begegnung ein Zufall? 4 1 1 3 1 — Und iſt der Zufall etwas anders, als das ſchoͤnſte und uͤberraſchendſte Reſultat des tiefverborgenen Wirkeus der Vorſehung? —— —— nen Ernſt von Felseck. Novelle. ☛— Ernſt von Felseck. Voruͤber war der dreißigjaͤhrige Krieg, die Ritter ckehrten heim zu ihren Burgen, und ſuchten es zu vergeſſen, daß ſo viel theures Herzblut geftoſſen war, denn ein Frieden war geſchloſſen worden, bei welchem es Niemand wohl um's Herz geweſen, und noch lange nachher ſah's um und um aus, wie im Krieg, denn Durchzuͤge, Waffenuͤbungen reiſiger Knech⸗ te, Zuruͤſtungen und Abgaben nahmen kein Ende. Wohl wußte das der alte Freiherr von Holle, der aus den Winterquartieren mit ſeinen Reiſigen zuruͤckkehrte, zur Stammburg, die aus des Burggartens friſchen Maibluͤthen ſt 1 1 —— —ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—ÿ—;——-—ᷓ—-Y:äF—— 1 7 mit ihren ſpitzen Thuͤrmen und hohen Giebeln ſich gar zierlich und bedeutſam in Tiefblau und Purpur des weſtlichen Himmels malte. Ernſt von Felseck, der verwaiſ'te Vetter des Freiherrn, ritt neben ihm, und beide koſ'ten traulich und froh mit einander. Der Juͤngling war ſeinem Ohm ſehr werth, er war als Sohn in ſeinem Schloß mit ſeinen Kindern erzogen; Charlotte kiebte ihn, und der Alte hatte Beide fuͤr einander beſtimmt. Dazu hat⸗ te Ernſt ihm treue Kindesliebe bewieſen, denn als Hans von Holle im Treffen beir Magode⸗ burg unter ſeinem erſchlagenen Roſſe lag, und die Feinde ihm den Reſt geben wollten, hieb ſich Ernſt von wenigen Reiſigen begleitet durch⸗ den feindlichen Haufen durch, zum Greis hin, erlegte mehrere der Gegner, zwang die Uebrigen die Flucht zu ergreifen, und befreite ſeinen Pflegevater von dus Roſſes Wucht, worauf er ihn ſelbſt aus dem Schlachtgetuͤmmel in eine entlegene Huͤtte trug, und kindlich ſein pfleg⸗ te. Der Ohm ſegnete ſeinen Ernſt, und ver⸗ hieß, ihm reich mit Liebe zu lohnen, denn er. fuͤhlte wohl, daß er ſeiner Treue den Reſt ſei⸗ ues Lebens danke, doch fuͤhlte er auch, und dies — ͤ—— 410 *2* /» fagte er ihm nicht, die innerſten Tiefen dieſes Lebens erſchuͤttert. Wie laͤchelte der Abendhimmel im goldnen Lenzeslicht dem liebenden Juͤngling entgegen! Wiederſehn! rauſcht' es in den ſchaͤumenden Waſſerverlen der Baͤche— Wiederſehn! klang es in Luͤften aus dem Liede der Lerchen und Nachtigallen. Ein nie geahneter Glanz faͤrbte Huͤgel und Wieſen und die duftigen Bergſpitzen im fernen Weſten. Der ſchlaͤn⸗ gelnde Pfad durch den Eichenwald vor der Felsburg gieng, wie durch eine Veiichenaue, ihr ſchoͤnes Blau rief Ernſt das Bild von Charlottens Auge zuruͤck. Jede Blume war ihm ein Gruß ſeiner Lieoe. 2 Wie danke ich dem Himmel, unterbrach Hans von Holle Ernſt ſinnendes Denken, daß mir meine Heimath ſo friedlich entgegen leuch⸗ tet! Als der Feldzug begann, konnt' ich nicht mit ziehen, denn unſer gnaͤdigſter Landgraf hielt ſich, ſo lang es gehn wollte, wagerecht zwiſchen Freund und Feind. Erſt, da uns Allen das wuͤſte Volk auf die Schloͤſſer kam, und that aͤrger, als waͤr's zu Hauſe, da mach⸗ te auch ich es, wie die Andern: wir griffen 1 1 1 aR 5 4 8 1 1 1 1 1 * 1 1 1 4 * 74 8 6„ 1 1 1 5 5. zum Schwert, und warteten dem Feinde mit deutſchen Hieben auf, die Koſt ſchien ihm ſchlecht zu gefallen, er ließ uns nicht Zeit ihm geſegnete Mahlzeit zu ſagen. Sottlob, daß wir der Kroaten los ſind, noch immer iſt's mir lieber, mich plagt der Freund, als der Feind! Jetzt blies der Thuͤrmer ein luſtig Will⸗ kommen, und yloͤtzlich waren unſre Ankoͤmm⸗ linge von den Fraͤulein der Burg und ihren uͤbrigen Bewohnern umringt. Charlotte hieng an ihres Vaters Lippen, Kunigund und ihr Gatte Graf Haubolt, hatten ſeine Haͤnde ge⸗ faßt, und muͤhſam nur gelangten Max, Hu⸗ dula, und die blonde Engel dazu, ſich an ſeine Bruſt zu ſchmiegen. Wo habt ihr denn die Mutter, ihr Lieben? rief Hans von Holle, und heftete fragend den Blick auf Engel; dieſe hob das blaue, ſchwim⸗ mende Auge unter den goldnen Lockenringeln gen Himmel empor, und wies dahin mit den kleinen Haͤndchen. Ich verſtehe! fluͤſterte der Greis, das iſt ein gutes Land, wo Jeder zu⸗ letzt gern hingeht! Er zerdruͤckte mit den Wim⸗ pern die quellende Thraͤne, und blickte hinauf, wo ſeine Anna nun ſeyn mußte— da ſchaute ſo mild der Neumond herab, den er gar nicht wahrgenommen hatte. Dieſer Blick war ihm, wie ein verheißungsvoller Gruß des Wieder⸗ ſehns. Jetzt wankte der Trauernde an ſeines Lieb⸗ lings, der kleinen Engel Hand den Burgweg hinauf. Ernſt gieng dicht neben Charlotten und fluͤſterte ihr all' ſeine Hoffnungen in das Herz. Scheue dieſe, ſagte ſie warnend, auf Schwager und Schweſter deutend— Sie koͤn⸗ nen uns nicht ſchaden, entgegnete Ernſt. O, glaube das nicht, mein Ernſt, lispelte ſie, Schaden wird dem Boͤſen immer leicht, Je⸗ mandem Gutes zu thun, iſt ſchon viel ſchwerer! Noch einmahl ſtreifte Hans von Holle durch den bluͤhenden Burggarten und blickte durch Thraͤnen in das friſche Leuchten der Blumen und Quellen, und in das Abendroth, das ſich ſo oft auf ſeiner Anna Wangen geſpiegelt, wenn er am ſchoͤnen Weſerſtrande an ihrer Seite ſaß. Alles, alles rief ihm ein Gluͤck zuruͤck, das nicht mehr ſein war, ach! aber das er einſt ſo voll und ſelig genoſſen! V “ — Zuletzt ſchritt der einſam Umherirrende in die Kapelle zu ſeiner getreuen Hausfrauen Gruft, wo die ewige Lampe brannte. Er fand Kinder dort verſammelt, ſie ſangen ein Abendlied an der Mutter Grabe. Er kniete nieder auf den Marmorboden, an der Stelle, die einſt zu der ſeiner Ruhe beſtimmt war. Die Toͤchter waren auf den Chor hinaufge⸗ gangen, Charlotte ſpielte das Benedicamus domine in herzergreifenden Toͤnen auf der ho⸗ hen Orgel, und die jungen Stimmen alle be⸗ gleiteten mit unausſprechlicher Milde das ſee⸗ lenvolle Spiel. Der Greis weinte ſanft, indeß die Melodieen ihm, wie der Ruf aus einer beſſern Welt erklan⸗ gen, immer ſtaͤrker weint er, und da er zuletzt die Toͤne nicht mehr ertragen konnte, winkt' er den Kindern ſich hinweg zu begeben. Sie ge⸗ horchten. Der Einſame verſank tiefer und tiefer in ſein wehmuͤthiges Traͤumen, die Lampe brann⸗ te ſchwaͤcher, die Thurmuhr ſchlug Mitternacht, Da brach des Greiſes Bruſtwunde auf, unauf⸗ haltſam quoll ſein Herzblut dahin, eine ſuͤße Be⸗ taͤubung umfieng ihn, und legte ihn ſanft in die Arme des Todes. mus ho⸗ be⸗ ſee⸗ dieen klan⸗ uletzt kl' er e ge⸗ tiefer rann⸗ nacht. nauf⸗ e Be⸗ in die — 81— Nicht lange darauf fand Ernſt den lieben Er⸗ blichenen, wie im Laͤchein verſchieden, mit noch offnen Augen auf Anna's Grabſteine. Da war es Ernſt zu Muth, als laͤge all ſein Gluͤck ſo bleich, ſo ſtill und das Irrdiſche belaͤchelnd, wie die geliebte Leiche da, und es war ihm ſo bang und weh und heimlich zu Sinn, als beduͤrfte er gar nichts mehr auf Erden. Er knieete ganz ſtill neben dem Oheim hin, und hielt die erſtarrte Hand an ſeine Lippen gedruͤckt. Nicht lange blieb Ernſt ſeinem Schmerz uͤberlaſſen, als Charlotte, von kindlicher Sorge getrieben, zu der Mutter Gruft hineilte, unermeßlich war ihr Leid, als ſie den Vater blutbedeckt und erblaßt, und Ernſt troſtlos bei ſeiner Leiche fand. Doch durch die Schauder dieſer bangen Stunde glaͤnzte die Liebe, ein himmliſcher Stern, die Ringe wurden ge⸗ wechſelt, und ewige Treue beſchworenss⸗ Bald hatte ſich die Nachricht von Holle's Tode allgemein in der Nachbarſchaft verbreitet, und es ſtroͤmten nun alle herbei, ihm die letzte Pflicht zu erweiſen, der Garten war angefuͤllt mit Trauernden, und Dank und Segen ſank wie ſchimmernde Perlen auf den Leichenſtein. Die Glocken klangen, und ſo weit ihr Schall dnich Erſter Theil. 6 V —... —y——õ— die Lif behte, wußte Jung und Alt, was ſie meinten, ſo daß zu dieſer Suunde kein Auge trocken blieb. Die Kapelle war duftend von den vielen Blu⸗ men und Bluͤthen, mit welchen Liebe und Treue des Edlen Gruft ſchmuͤckte, die tiefe Nacht fand betende Greiſe, jammernde Kinder bei den theu⸗ ern Ueberreſten. Das Morgenroth beleuchtete manch einſames Weh an dieſem Tage— es erhellte den Schlan⸗ genpfad durch den Wald, wo noch vorgeſtern Ernſt ſo hoffnungsvoll hinangeeilt— und hier ritt er nun truͤb und traurig zuruͤck auf ſeine kleine Stammburg Hiee die er ſeit der Kindhelt verlaſſen.. 4 Der ſchnelle Tod des Freiherrn hatte der aälteſten Tochter, Kunigund und ihrem Gatten wolle Gewalt uͤber die Erbſchaft und die juͤngern Geſchwiſter gegeben, und der erſte Gebrauch, den ſte davon machten, war, ihren Vetter aus der Burg zu eutfernen. ſie uUge blu⸗ eue and heu⸗ mes lan⸗ ſtern hier ſeine dheit 2. Schloß Felseck lag weit von Holle's Burgen an der weinumkraͤnzten Moſel Rand, auf Ber⸗ geshoͤhen, von deren Gipfel aus der Rhein und die herrliche Veſte Ehrenbreitſtein ſichtbar wurden. Verſunken war der Stammburg alte Pracht, nur ein Thuͤrmchen und ein Giebel ragten noch aus der Waldesnacht empor, die ſie umfieng, an der ſteinernen Ruhe ſaͤuſelten zwei ſchlanke Birken, ſchweſterlich geſellt; vom nahen Felſen rieſelte ein voller Quell in ein ſteinernes Becken herab, und man vernahm ringsum nur ſein Rauſchen und der Waldvoͤglein Lied. Keine Dienerſchaft eilte dem armen, ver⸗ waiſ'ten Ernſt entgegen. Nur ſein alter Knecht, Ehrenfried, lebte oben im Dachgiebel„ ſeine Zeit theilend zwiſchen der Beſtellung des Schloßgaͤrt⸗ leins und frommen Gebeten. Drunten, am Felſenhang, wo der Waldbach den Burggarten umfloß, pflegte Ehrenfried noch getreulich der Roſenſtauden und Violenbeete, die Frau Dorotheens von Felseck letzte Freude gewe⸗ ſen waren. Er meinte in frommer Einfalt: die Selige muͤſſe darum wiſſen, und ihr Garten dort —————. 3 6 ½ 4 6 3 2 ¹ 1 4 1 1 4 — * . Oben koͤnne nicht ſchoͤner ſeyn, als der, welcher ſie hienieden erfreut. Es lag dieſer Garten Oſt⸗ fuͤdlich, und von den Truͤmmern und Felfen der alten Burg umher neigten ſich Bluͤthenbaͤume hinein, und gern bauten in ſeinem ſtillen Frie⸗ densſchooß die ſchoͤn klagenden Nachtigallen. Da lebte nun Ernſt in ſeiner Wehmuth lange Zeit; ganz auf ſich ſelbſt zuruͤckgewieſen, keine Bahn des Ruhmes, der Thaͤtigkeit ſtand ihm offen. Er hatte nach Wien geſchrieben, minder um den Kaiſer an ſeine Dienſte zu erin⸗ nern, als um ihm von Neuem ſich zu widmen. Die Antwort auf dieſen Brief blieb aus— Ernſt harrte und ſann vergebens— ſeine einzige innere Stuͤtze war das Bewußtſeyn, daß Charlotte ihn unwandelbar liebe, wie er ſie, und in Hoffnung, Lieb' und Glauben hob ſich ſein Herz zu Gott. Charlotte war unter Haubolts und Gundens Vormundſchaft mit ihren holden Geſchwiſtern auf der vaͤterlichen Burg zuruͤckgeblieben, und ihr einziger Troſt war, mit den Kindern an der verklaͤrten Mutker Gruft zu weinen. Nur die Gruͤfte blieben unberuͤhrt vor der frechen Will⸗ kuͤhr, womit dies Paar ſeit Vater Holle s Tode in ſeinen Beſitzungen ſchaltete. * „Eine neue Geſtaltung der Dinge, geiſt⸗ und gemuͤthlos, wie ihre Urheber, verdraͤngte die liebe, rauliche alte Welt, und mit ihr die Luſt der ſchoͤnſten Erinnerungen, die ſich an den Gegen⸗ ſtaͤnden aus fruͤherer Zeit ſo gern belebt. Muͤh⸗ ſam wurde das alte Gartengemaͤuer in die Luft geſprengt, der treue Epheu, der es, wie ein heiterer Schmuck bekleidete, der Bienen gruͤne Freiſtatt, lag abgeriſſen am Boden, und glatte, hohe, un⸗ freundliche Waͤnde ſtiegen empor. Fallen mußte die uralte Linde, die Wonne der Vorfahren, deren Gezweig ſich als natuͤrliche Laube zum Boden neigend woͤlbte, wo ſo oft Hanns von Holle und ſeine Anna mit ihren Kindern geſeſſen, und die Sonne hinter die Berge ſinken ſahen— bald ſtand an ihrer Statt ein geſchnoͤrkelter Pavillon, in deſſen engem Rund es ſtets feucht und un⸗ heimlich war. Die freundlichen Heil genbilder und Madonnen, aus Holz und Stein von deut⸗ ſchen Meiſters Haͤnden, wurden aus den Blen⸗ den geworfen, und uͤbertuͤncht wurde das edle Kolorit, das die Zeit dem uralten Burgbau gege⸗ ben. Weinend hoben die Kinder die alten, lieben Gebilde, die ſie ſo oft mit friſchen Blumen um⸗ kraͤnzt, aus dem Schutt empor und trugen ſie — 36— zur vaͤterlichen Gruft, gleichſam, als ſollten ſie dort Schutz finden. Das Innre der Burg erlitt dieſelbe Wand⸗ lung, als war, als hauſe ein Geiſt der Zerſtoͤ⸗ rung hier, oder auch, als wolle ein beflecktes Ge⸗ wiſſen die alten Erinnevungen verdraͤngen. Nur Charlottens weithin ſehendes Giebelzimmer blieb verſchont, das ſonſt ſo ſchuͤchterne Madchen wußte aus ihrem Umkreis den wilden Geiſt fern zu hal⸗ ten. Sie fluͤchtete hier die Arbeitslade ihrer guten Mutter, und die Uhr, mit dem Glocken⸗ ſpiel, die ihrer letzten Stunde Troſt geſungen, hinein; die Epheuranke, die Ernſt fuͤr ſie ge⸗ pfluͤcket, als er ſie den Burgweg hinauf geleitete, gruͤnte in einem Blumenkrug fort, und lehnte ſich traulich an Anna von Holle's ſuͤßlaͤchelndes Bild. Hier nun lag Charlottens ſtille Welt der Liebe und Wehmuth, abgeſchloſſen vom Treiben um ſie her. Max, Gudula und Engel waren ſtets bei ihr. So vergieng der Lenz, ſo zogen Sommer unnd Herbſt voruͤber, ſo auch der Winter mit ban⸗ gen, duͤſtern Tagen, wahrend denen Charlotte ſich muͤhſam den Prunkgelagen und Taͤnzen, welche Gunde und Haubolt in der Burg gaben, du ter n ſie and⸗ erſtoͤ⸗ Ge⸗ Rur blieb Sußte hal⸗ ihrer eken⸗ agen, 2 ge⸗ itete, ehnte ndes t der eiben varen nmer ban⸗ rlotte nzen, aben, — 37— entzog. Fern blieb ihr das wilde Getuͤmmel, ſie betete und arbeitete mit den Kindern, ein kleines Mahl wurde auf ihr Zimmer getragen und an heitern Tagen gieng ſie um die zweite Stunde durch das Bogenfeuſter ihres Zimmers uͤber die leichte Bruͤcke hin, die von da aus nach dem ge⸗ genuͤberſtehenden Felſen geworfen war. Hier, un⸗ ter dem Schutz gruͤner Tannen, auf dem ebenen Felſenpfade wandelnd mit ihren Geſchwiſtern, horchte ſie mit Luſt dem Rauſchen der immer regen Emmer, die ſilbern und rege durch ein ſchoͤnes Wieſenthal wallte, und die gewaltigen Raͤ⸗ der der ſchmucken Waſſermuͤhlen trieb. Ueber die fernen Berghoͤhen zogen Wolkenſchatten und der Himmelslichter ſanfte Gebilde, und ſpiegelten ſich im Waldbach wieder. Hier, beim Odem rei⸗ ner Luͤfte wurd' es Allen wohl um das Herz, und Charlottens kindliche Seele wurde hier noch ſtiller und frendiger in Liebe, Hoffnung und Glauben. —44——--- Waͤhrend Charlotte ſo kraͤftig und treu Schmerz und Zweifel beſiegte, und es ſich nicht ſtoͤren ließ, daß ſie von Ernſt keine Nachricht bekam, hatte dieſer in ſeiner Einſamkeit einen Troſt in der Ausuͤbung der ſchoͤnen Kunſt gefun⸗ den, deren er ſich in der Kindheit ſchon befliſſen. Er umzog Pergamentblätter mit einem Rand, darauf Engelsköpfe und Madonnengeſichtchen aus Blumen hervor ſchauten, und waren dieſe Blu⸗ men umſchwaͤrmt von buntem Gefluͤgel aller Art, von zierlichen Kaͤfern und Waſſerjungfern, ſo wie er eine neue, anmuthige Erſindung ausgefuͤhrt, ſchrieb er Worte der Treue und Hoffnung hinein, und ſandte die Rolle nach dem Weſerſtrand zu Char⸗ lotten, doch Charlotte bekam ſie nicht, vielmehr trieb Haubolt mit ſeinem Weibe argen Spott daruͤber. Die Bilder ſchnitt ſie ab, die Lieder und Briefe zerriß ſie, oder brauchte ſie zu Sei⸗ denknaͤulen, denn ſie that, als machte ſie ſelbſt die ſchönen Stickereien, die Elsbeth, ihre ge⸗ ſchickte Dienerin, mgiuilen fuͤr Kunigunde voll⸗ endete. 0 ——r„ ☛— treu nicht pricht einen eſun⸗ iſſen. dand, alls Blu⸗ Art, bie er hrieb und Char⸗ nehr Spott Lieder Sei⸗ ſelbſt e ge⸗ voll⸗ Der zweite Herbſt ſeit Ernſt’'s Trennung von Charlotten war herbei gekommen, und beiden ſagte nur ihrer Seele tiefſte Zuverſicht, daß ſie einander noch angehoͤrten, alle aͤußern Bande wa⸗ ren abgetrennt. Ernſt's koͤſtlicher Vorrath an aͤchten Farben und Gold zur feinen Malerei war ſchon beinah ganz erſchoͤpft, um ſo troſtloſer war es dem Juͤngling zu Muth. In tiefen Gram verſunken gieng er die Moſel entlang und blickte wehmuͤthig in das reiche Thal. Warum iſt die ewige Natur ſo unermeßlich reich, dachte Ernſte ſo unerſchoͤpflich in ihren Gaben, und der Menſch ſo huͤlflos und beduͤrftig in der ſchoͤnen Welt? Mein treues Roß muß ich verkaufen, meine Kleidung iſt abgetragen, meine Koſt ſind Wurzeln und Brod, wenig Trauben nur ar mir zur Labung, ſo kann ich auch nicht die Burg ohne Zehrpfennig verlaſſen, und irgend einem Fuͤrſten meine Dienſte anbieten, denn die Zeit iſt voruͤber, wo Thaten fuͤr Reichthum galten, und der iſt bei Hofe verachtet, der nicht im Prunk⸗ kleide erſcheint! Indem ſich der Ritter dieſen und andern ſchwermuͤthigen Vorſtell llungen uͤberließ, kam er unvermerkt tiefer in das Ge ebirg hinein, und ge⸗ — 1 8 3 1 1 1 1 4 — W 1 4 6 —— wahrte in einer Blende, in die Felswand einge⸗ hauen, ein Marienbild mit dem Jeſuskinde, dem Engel Blumen reichen. Die Landleute hatten dies Bild bekraͤnzt und Koͤrbe mit Fruͤchten auf das Poſtament hingeſtellt, gleichſam ein laͤndli⸗ ches Dankopfer fuͤr den aͤberreichen Segen dieſes Herbſtes. Der Felsquell ergoß ſich neben dem Gnadenbilde rauſchend in das Thal und ſchlaͤn⸗ gelte ſich durch das uͤppige Bluͤhen der gruͤnen Wieſe rauſchend bis zur Moſel hin, in die er ſich ergoß. Wie nun der aöerraſcher Ernſt die Blicke auf dies anmuthvolle Schauſpiel heftete, die Abendſtralen roſig das weiße Steingebild uͤber⸗ wallten, das von dem Kranz der Blumen und Fruͤchte noch leuchtender und heiterer wurde, da uͤberkam den Juͤngling eine Ruͤhrung und Zuverſicht, die ſich wie ein kuͤhlender Strom auf alle Wunden ſeiner Seele ergoß, er konn⸗ te ſich von dem Bilde nicht trennen, und zog aus ſeinem Buſen Pergamen und Griffel, des Vorſatzes, das was ihn ſo beſeligte feſtzuhalten, und die göttliche Mutter, mit der bluͤhenden und funkelnden Umkr zung in der Glorie des Abendſcheines, zu malen. 4 E — 2 M ge nge⸗ dem atten auf ndli⸗ ie ſes dem g‚laͤn⸗ uͤnen ie er blicke die ber⸗ und irde, und trom onn⸗ zog des lten, nden des Ernſt hatte in ſeiner Entzuͤckung einen Mann nicht bemerkt, der von Mantel und Barett halb verſteckt ihm von Ferne lange zu⸗ geſehen, und nun, da er ſich eben zum Zeiche nen anſchickte, zu ihm hin trat. Der Fremdling, deſſen heitres und edles Anſehn auf Ernſt ſogleich den guͤnſtigſten Ein⸗ druck machte, redete ihn an: Verzieht nur noch ein wenig, bis die Sonne hinter die Gebirge ſinkt, einen trefflichen Standpunkt habt ihr mit Einſicht gewaͤhlt, nun fehlt nur noch die entſcheidende Beleuchtung! Bald wird das Marienbild, vom letzten Stra⸗ le beruͤhrt, einſam auf ſeiner Hoͤhe leuchten, und ſich roſiger noch beleben, die hohen Eichen auf der Felswand werden, die Kronen vom letzten Glanz vergoldet, die Nacht ihrer Zwei⸗ ge uͤber die in Daͤmmerung ſchimmernde Fels⸗ wand legen, und Blumen und Fruͤchte im Helldunkel durchſichtiger und milder prangen. Werther Fremdling, entgegnete Ernſt, laßt mich dieſen Augenblick nicht erwarten, der Griffel wuͤrde der ſchwachen Hand ent⸗ ſinken, denn menſchliche Kraft reicht nur ſel⸗ ten an die Herrlichkeit der Natur, und ſelbſt eine Landſchaft von Meiſters Haͤnden ſteht nur als Hieroglyphe der Natur vor uns, die nur ge⸗ weihte Blicke verſtehen. Wenn ich das hell⸗ beleuchtete Bild in der Herrlichkeit und Milde, die es jetzt umſchwebt, einfaͤltiglich mit Farben auf das Pergamen uͤbertrage, ſo werde ich freilich nicht an ſeine Schoͤnheit reichen, aber mir wird verziehen werden, weil ich in De⸗ muth nach dem Erreichbaren geſtrebt. Wart' ich nun aber bis zum Augenblick, wo die Sonne ſcheidet, wo alle Toͤne der großen Weltſymphonie in vollen Akkorden ſtroͤmen, dann werd' ich klaͤglich ſcheitern, und wer es ſieht wird ſagen: mir ſei Recht geſchehn! Ei, nicht doch! fiel der Fremdling ein, wer wird Bloͤdigkeit, bei der man immer ein Stuͤmper bleibt, als Demuth ſtempeln wollen? Meint ihr, Euch ſei der Trieb in die Seele gelegt, daß ihr dabei zu Schanden werdet? Was Ihr da erblickt, in Himmelslichtern, Ge⸗ birgmaſſen und bluͤhendem, helldurchſtroͤmtem Thal, iſt kein muͤßig, ergoͤtzlich Schauſpiel, den Sinnen zu froͤhnen, und liegt darin ein ewi⸗ ger Sinn, der ſich vor Allem dem Kaͤnſtler, und durch ihn der Welt offenbart! Dies iſt nur ar ge⸗ hell⸗ Lilde, arben e ich aber De⸗ Vart die oßen men, er es ein, ein len? beele det? den ewi⸗ ller, iſt das Ziel jedes edlen Strebens, das Dichter, Maler, Muſiker in Toͤnen, Farben und Wor⸗ ten erringen, und es iſt wunderſam zu ſehen, wie jeder hohe und reine Geiſt auf ſeiner Bahn eigenthuͤmlich und einzig ſeine Krone ſindet. Ach! ſeufzte Ernſt, wohl mag ein Jeder, dem das Gluͤck laͤchelt, die Schwingen freudig regen, und dem Hoͤchſten zuſtreben, ich ver⸗ mag es nicht! Mein Loos iſt entſchieden! Ich ſchmachte mein Leben in wehmuͤthigem Ergoͤtzen an jener reichen Pracht und Fuͤlle hin, und bleibe in meiner Ohnmacht gefangen! Das will ſagen, fragte der Unbekannte mit Laͤcheln: ich bin arm! Was braucht's ſo vieler Worte, wo drei ausreichen? Kommt mit mir, junger Herr, aus Euch ſoll etwas werden! Wer ſeid Ihr, freundlicher Greis? fragte Ernſt. Ich bin, entgegnete der Alte, mit treuherzigem Handſchuͤtteln, Rembrand van Ryn, kommt getroſt mit mir! Ich heiße Ernſt von Felseck, erwiederte dieſer, eben ſo treuherzig, und ſchuͤttelte gleichfalls dem wackern Meiſter die Hand. Was das Mitkommen betrifft, ſo koͤnnen wir ja noch weiter davon ſprechen, doch verſagt wuf mir die Liebe nicht, zu Nacht auf meiner Burg ſte, zu raſten, und Euch meinen guten Willen ge⸗ Me fallen zu laſſen, der Euch Ehre zu erzeigen gen ſtrebt. ſern Rembrand ſchlug ein, er blies in ein nich kleines guͤldnes Horn das an ſeinem Guͤrtel B. hieng, und alsbald kam ſeine Dienerſchaft eine von der nahen Heerſtraße in den Gebirgsweg Mi hinein, der zu Burg Felseck hinauffuͤhrte. ich Ich werde Gaſt und Wirth zugleich ſeyn, le laͤchelte Rembrand van Ryn, mein freundlicher Juͤngling vergoͤnnt mir ſchon, nach meiner můͤ alten Gewohnheit zu leben! Ernſt, der die rech Liebe und Milde in allen Regungen des edlen ged Meiſters wohlthaͤtig erwaͤrmend in ſeiner Bruſt ihr empfand, ließ ihn gewaͤhren. hiel Beim traulichen Mahl im Burgzimmer ben gieng dem froͤhlichen Greiſe gegenuͤber Ernſt Eu das Herz erſt recht auf. Beim Nachttiſch ſag⸗ Tre te Rembrand zu ihm: mein junger Freund be⸗ wei darf recht viel Aufmunterung, da will ich Euch qua denn ein Schwaͤnkchen des Schickſals aus mei⸗ Ha nem Leben erzaͤhlen! nur wir ſagt Burg ge⸗ eigen ein uͤrtel chaft sweg hrte. ſeyn, licher einer die edlen Bruſt nmer Ernſt ſag⸗ d be⸗ Euch mei⸗ Ich war ein armes, junges Kuͤnſtlerblut, wußte nicht aus noch ein, und fuͤr das Schoͤn⸗ ſte, was ich vermochte, wurd' ich karg bezahlt. Mein Helldunkel und meine ſeltſamen Erfindun⸗ gen erklaͤrten die Kunſthaͤndler, die ſich von un⸗ ſerm Schweiß und Blut maͤſten, fuͤr barock, und nicht zuſagend dem Sinn der Menge, wie z. B. ein Zahnausreißer von Gerard Dow, oder eine Attlaßbekleidete mit dem Huͤndchen von Miais. Gleichwohl beſtellten ſie immer mehr, 16 konnte nicht genug malen, und halse ſchma⸗ Biſſen dabei. Einſtmahls wollt' ich mich, des Elends muͤde, einer hohen Arbeit befleißigen, dieſe recht theuer zu verkaufen, um nur vor Noth gedeckt zu ſeyn. Mein lieber Felseck, wuͤßtet ihr erſt, der ihr ſo ruhig und unangefochten hier auf Eurer Burg Wurzeln und Weintrau⸗ ben verſpeiſ't, und Blumen fuͤr das Maͤdchen Eurer Liebe malt, was eines armen Kuͤnſtlers Treiben in der boͤſen Welt zu bedeuten hat, wenn ihm das Gluͤck nicht laͤchelt! Wie er ſich quaͤlen, und von ſeinen liebſten Arbeiten die Hand abziehn muß, eh er ſie wuͤrdig vollendet, nur damit ſein Schuhmacher nicht grob wird? - 9 Wie er der hartherzig davon eilenden Zeit die Minuten abringen muß, und dem Kampf mit der Duͤrftigkeit die Stimmung, in der es ſich heiter und rege ſchaffen und bilden laͤßt!— So malt' ich denn, meine ganze Kraft muͤhſam auf einen Brennpunkt vereinend, benebſt den beſtellten Sachen ein Leben des Erloͤſers in vier großen Landſchaften— Geburt, Lehre, Marterthum und Kreuzigung, dann Auferſte⸗ hung im jungen Morgenglanz ſinnbildlich vor⸗ ſtellend, mit rechter Liebe und Luſt, und mit dem hoͤchſten Aufwand kuͤnſtleriſcher Kraft. Zu einem Kunſthaͤndler bracht' ich dieſe, deſſen „Haus einem Pallaſt glich, jeder Stein dieſes prachtvollen Gebaͤues war ein Stein auf Kuͤnſt⸗ lerherzen, die darben mußten, da er ſchwelgte. Als ich meinen Preis ſagte, fuhr mich das ge⸗ maͤſtete Unthier ſo grimmig an, daß ich faſt die Beſinnung verlor. Es ruͤhrte mich wenig, daß er mir drohte, mir ſeine Protektion zu ent⸗ ziehn, aber daruͤber ergrimmte ich, daß er be⸗ haupten wollte: den Leuten ſei die Abbildung einer leichtfertigen und leichtbekleideten Dirne mit runden Armen und kleinem Fuß, oder ei⸗ ne unverſchaͤmte Gruppe lieber, als die from⸗ erſte⸗ vor⸗ dmit Zu deſſen dieſes uͤnſt⸗ elgte. s ge⸗ faſt enig, nent⸗ r be⸗ dung Hirne er ei⸗ from⸗ men, ernſten Bilder— kurz ich packte meine Bilder wieder auf— kein Geld war im Hau⸗ ſe, ich war todesbleich und bebend, lechzend und matt, konnte nicht mehr wo anders hin, und war erſchoͤpft von Faſten, Arbeit, Kum⸗ mer und Verdruß, kaum in mein Zimmer ge⸗ treten, als ich fuͤr todt hinfiel. Meine gute Schweſter wendete alles an, was in ihren Kraͤften ſtand, mich zu beleben, aber ich blieb im Starrkrampf liegen, hoͤrt' und ſah Alles, was um mich her geſchah, mußte mich ausziehn und in Sterbegewande huͤllen, ja in den Sarg legen laſſen, und konnte mich nicht regen. Zweimahl vier und zwanzig Stunden mocht' ich, bejammert von meiner armen, guten Schweſter, ſo gelegen haben, als ich hoͤrte, wie ſich das Zimmer neben meiner Kammer, in welchem meine Gemaͤlde ſtanden, mit Leuten fuͤllte. Die Bilder ſollten verſteigert werden, faſt fieng der Lorbeerkranz, den meine Schwe⸗ ſter um meine bleiche Schlaͤfe gewunden, zu beben an, ſo maͤchtig war meine Bewegung. Jedes Wort konnt' ich vernehmen. Auf mei⸗ ne vier Bilder ſtieg das Geboth mit jeder Mi⸗ nute, die Maͤkler ſchaͤumten vor Wuth, denn Erſter Theil. 7 5 98— die Freunde meiner Bilder waren herzuge⸗ ſtrwoͤmt, und die Kaufſumme ſollte meiner Schweſter ausgezahlt werden. Ich hoͤrte ſo manche wohltoͤnende Stimme ausrufen: der ſeltne, der große Meiſter! Er ſtand ſo einzig auf ſeiner Bahn, er erſtrebte ein ſo ſeltnes Ziel, wie kuͤhn und zaubervoll ſeine Gedanken, wie uͤberraſchend jedes Bild! Wenn er noch lebte! Ja, wir Alle wollen ſeinen Leichenzug geleiten! Bei dieſen Worten loͤſ'te die Freude den Starrkrampf, deſſen eiſernes Band den Gram um meine Bruſt geſchloſſen, mein Leben brach hervor aus der Feſſel, und voll und ſelig wall⸗ te jeder Puls in mir; feſt in die Linnen ge⸗ wickelt raffte ich mich auf, und eilte in das Zimmer, wo ein mit Gold beladener Tiſch vor meiner weinenden Schweſter ſtand. Ich um⸗ armte ſie, die nicht Zeit hatte ſich zu erſchrek⸗ ken, ich ſchuͤttelte den edlen Goͤnnern die Haͤn⸗ de, ja, waͤren die Maͤkler nicht aus Geſpen⸗ ſterfurcht aus dem Zimmer geſtuͤrzt, ich glaube ich haͤtte ſie mit umarmt, denn allzuſuͤß und freudig wogte in mir das neue Leben! aus ſeit ſich zuge⸗ heiner te ſo der einzig eltnes nken, noch enzug 2 den Bram brach wall⸗ n ge⸗ n das h vor um⸗ ſchrek⸗ Haͤn⸗ eſpen⸗ laube und Unter ſolchen Geſpraͤchen vergieng der Abend, und da der Meiſter andern Tag's Ernſt's Arbeiten naͤher beſichtigt, drang er in ihn mit ihm zu ziehn, und ſich unter ſeiner Aufſicht zu bilden. Einige Monden hatte Ernſt unter Leitung ſeines herrlichen Lehrers, der ihn ganz als Sohn hielt, gearbeitet, als er ihn mit ſich nach Brabant nahm, um dort die Kirche einer reichen Abtei zu malen. Nun begann fuͤr den jungen Kuͤnſtler, der die lang gebundnen Schwingen maͤchtig entfaltete, ein niegeahntes Leben ſorgloſer und mit reicher Wirkſamkeit angefuͤllter Tage. Sein erſtes herrlich gelunge⸗ nes Bild war die ſchoͤnbeleuchtete und bekraͤnz⸗ te Madonne in der Felſenblende, und zwar in dem Moment, den ihm Rembrand feſtzu⸗ halten empfohlen. Zur Fruͤhlingszeit ſollte Ernſt mit reicher Belohnung das Kloſter verlaſſen. Seine Brie⸗ fe an Charlotten blieben noch immer unbeant⸗ wortet, doch konnte er von ihrer Umgebung aus wohl auf Hinderniſſe ſchließen, an denen ſeine Geliebte keinen Antheil habe, er beruhigte ſich, und wirkte kraftvoll und freudig fort, in „* 7 4 der Hoffnung, alles wuͤrde ſich aufklaͤren, wenn er ſelbſt Charlotten erſt aufſuchen koͤnne. Wenn nun Bild an Bild, kunſtreich und lebenvoll aus den Haͤnden des Juͤnglings hervor⸗ gieng, laͤchelte Rembrand van Ryn: Gelt? Du wirſt mir die kleinliche, zarte und duͤrftige Pinſelei auf Pergamen nicht wieder anfangen?! Meiſter, pflegte alsdann Ernſt zu ſagen: wo mich das Leben ſo duͤrftig einengte, da konnte auch mein Streben nicht frei ſeyn, doch ein kindlich Herz vertraut auf Gott, und er hat mich nicht verlaſſen. 44 Der ſchoͤne Lenz war wieder da, ſeine Luͤfte wehten Charlottens Herzen neue Hoff⸗ nung, neue Labung zu, denn es mocht ihr bang werden, da ſie nichts von ihrem Ernſt vernahm, gleichſam als waͤr er geſtorben. Es war eines Abends, als die Veilchen im Walde bluͤhten, wo Charlotte mit ihren Geſchwiſtern uͤber das ſchwebende Bruͤcklein nach dem Tannenwalde zu gieng. Engel hielt leitend der Schweſter Hand, Max und Gudu⸗ zaͤren, oͤnne. ) und ervor⸗ 2 Du rftige agen? wo konnte h ein r hat ſeine Hoff⸗ ht' ihr Ernſt . eilchen ihren üͤcklein l hielt Gudu⸗ la pfluͤckten Primeln und Veilchen am Felſen⸗ hang. Den ganzen Tag lang war Charlotte von ſehnendem Bangen gemartert worden, nun wurd ihr bei Vollmondlicht und Fruͤhlingsduft im Walde ſo wohl um die Bruſt. Nachtigallen ſangen von den Buchenwipfeln des gegenuͤberſtehenden Felſen, zu deſſen Fuß die Emmer rauſchte, und der milde Laut der Fluth ſchien den Klagen der Nachtigall ſanfte Beruhigung zuzufluͤſtern. Zum erſtenmahl ſeit langer Zeit wieder zur Hoffnung ermuthigt, war es Charlotten, als oͤffne⸗ ten ſich ihrer lechzenden Bruſt alle Liebesquellen der Schoͤpfung zu nieverſiegender Labung, ſie fuͤhlte eine Kraft in ſich, in deren Drang ſie faſt das Geſchick haͤtte herausfordern moͤgen, auch bedurfte ſie einer unſichtbaren Stuͤtze zu dem Kampf, der ihr bevorſtand. Mit erkuͤnſtelter Freundlichkeit kam ihr im Schloß bei ihrer Wiederkehr die falſche Kuni⸗ gunde entgegen. Dieſe, eine niedrige ſo hoch⸗ muͤthige als gemeine Seele, haßte der Schwe⸗ ſter Tugend, Liebreitz und Schoͤnheit, und ſie beneidete ſie um den herrlichen Juͤngling, der ſie liebte, weil ſie gar wohl empfand, daß Graf Haubolt, ihr Gemahl, ein roher und nichtiger Wicht ſei, zu welchem ſie in fruͤher Jugend blinde Neigung hingezogen, und der ganz zu ihrem Verderben auf ſie gewirkt hatte. Meine Charlotte, ſprach die Hinterliſtige, Du mußt Ernſt's von Felseck ganz vergeſſen, er iſt Deiner unwuͤrdig! Er hat ſich lange in Brabant umhergetrieben, mit einem pilgernden Maler, einem verlornen Geſellen, die Beiden haben eine Nonne aus einem Kloſter in Bruͤſſel entfuͤhrt, ſind aber uͤber das Maͤdchen in Streit gerathen, und Ernſt hat ſeinen Gegner er⸗ mordet. Nun iſt er fluͤchtig mit ſeiner gott⸗ vergeßnen Dirne, und Beiden wird nachgeſetzt, erhaſcht man ſie, ſo werden ſie lebendig ein⸗ 7 gemauert, man hat Spuͤren, daß ſie auf dem Wege hieher ſind, ſollten ſie das wagen! doch, lies lieber den Brief der Aebtiſſin aus Bruͤſſel! O, aͤtzendes Gift der Verlaͤumdung, wie maͤchtig ſind deine Wirkungen! Kunigunde reichte ihrer bebenden Schweſter den Brief hin, die Arme konnte ſchon nichts mehr leſen, ſie lag in tiefer Ohnmacht. Die Heuchlerin ſah nun wohl ein, daß —-— daß und aͤher der atte. tige, ſſen, e in aden iden uͤſſel treit er⸗ gott⸗ ſetzt, ein⸗ dem doch, ſſel! wie unde hin, ſie daß. ihr Anſchlag gelungen war, und wie alle Schlangen ſtechen oder koſen muͤſſen, ſo woll⸗ te ſie nun ihr Werk durch Gleißnerei vollenden. Sie ließ Charlotten in ihr eignes Zimmer bringen, und ſie dort mit der zaͤrtlichſten Sorge und Liebe verpflegen, ſie ſelbſt wich Tag und Nacht nicht von ihrem Lager, und die reine Charlotte fuͤhlte ſich getroͤſtet durch der Schweſter erlogene Liebe. Der Preis, an den Kunigunde ſo viel ſetzte, war ihr unſchaͤtz⸗ bar— ewige Trennung der Liebenden! Ernſt war in der Kindheit und erſten Jugend kalt gegen ſie geweſen, er hatte ſie eigentlich ver— ſchmaͤht, und ſie haßte ihn toͤdtlich. Er war an dem naͤhmlichen Abend, voll der entzuͤckend⸗ ſten Hoffnungen, vor das Burgthor gekommen, zum Ungluͤck hatten eben Kunigunde und Haubolt im Burghof geſtanden. Sie riefen ihm, ſchnell gefaßt, die Nachricht entgegen, Charlotte ſei entwichen, und, wie ſie glaubten, nach Franken mit einem verbrecheriſchen Edel⸗ knappen gefluͤchtet. Hoͤhniſch wuͤnſchten ſie ihm wohl zu leben, indem ſie verſicherten, die Burg habe keinen Raum fuͤr ſolche Gaͤſte. Ernſt haͤtte die Unholde durchſchauen ſol⸗ — 104— len, bei kaltem Blut wuͤrd' er es auch gethan haben, allein zu heftig und erſchuͤtternd war der Wechſel von Hoffnungswonne zu Verzweif⸗ lungsjammer in ſeiner Bruſt, er kehrte ſich ſtumm weg, enteilte mit dem Diener, der ihm folgte, in den Wald, und dort warf er ſich in die Blumen hin, und weinte ohn' Unterlaß uͤber ſein entſetzliches Geſchick. Er weinte ſo heftig, daß er die Beſinnung verlor; in einer Fiebergluth, die alle ſeine Vorſtellungen ver⸗ wirrte, wurd' er nur muͤhſam in eine Koͤhler⸗ huͤtte gebracht, wo er lange Zeit im Zuſtande hinbruͤtenden Wahnſinnes verblieb. Indeß litt Charlotte, wie ihr Ernſt, na⸗ menlos. Sie hielt ſich fuͤr geliebt und bemit⸗ leidet von ihrer treuloſen Schweſter, und oͤff⸗ nete dieſer ihr ganzes Herz. Sie bat ſie un⸗ ter Thraͤnen um Verzeihung, daß ſie ſie ſo lang verkannt. So ſtanden die Sachen, als eines Mor⸗ gens, wo Charlotte in einem fiebriſchen Schlum⸗ mer lag, wo ſie mit geſchloſſenen Augen, und tiefen Odemzuͤgen gleichwohl alles vernahm, was um ſie her vorgieng, ſich einen Streit zwi ben than war weif⸗ ſich ihm ich in erlaß te ſo einer ver⸗ öͤhler⸗ tande na⸗ hemit⸗ d oͤff⸗ e un⸗ ie ſo Mor⸗ hlum⸗ und nahm, Streit zwiſchen ihrer Schweſter und Elsbeth erhe⸗ ben hoͤrte. Nein Graͤfin, rief Elsbeth ergrimmt, um tauſend Florin waͤr; mir dieſe Stickerei nicht feil, ich will Euch nicht allezeit die Fruͤchte meines Fleißes aͤrndten, Euch mit meinen Federn ſchmuͤk⸗ ken laſſen. Ihr bezahlt ohnehin viel zu knapp, und wollt doch, daß ich mich aufopfern ſoll. Els⸗ beth! rief Kunigund aufflammend— fuͤr das kecke Wort ſollſt du mir ewig buͤßen, und ſie eilte hinaus aus dem Zimmer, die betroffne Char⸗ lotte ſchlug die Augen auf, Elsbeth, die bebend und gluͤhend unweit ihres Lagers ſtand, ſah, daß ſie wach ſei, ſie griff ſchnell nach einem blauſeid⸗ nen Knaͤuel, reicht' ihn Charlotten und rief: Fraͤu⸗ lein, vergebt, und wenn ihr gluͤcklich ſeid, denkt an mich! Ernſt, euer Vetter, iſt in der Koͤhler⸗ huͤtte im Walde, windet den Enden auf— ſtill? ſie kommt!— Erwartungsvoll blickte die zitternde Char⸗ lotte, die den verhaͤngnißvollen Seidenknaͤuel ſchon in ihrem Buſen verſteckt, nach der Thuͤr, wie ein Schreckbild der Wuth trat ihre Schweſter mit dem Burgvoigt und zwei Reiſigen hinein, denen ſie zurief, Elsbeth zu feſſeln, und in das Burgverließ zu ſchleppen. Elsbeth lachte hoͤhniſch, Charlotte fiehte Ku⸗ nigund um Gnade, dieſe, gar nicht mehr ihrer Rolle gedenkend, donnerte ihr Schweigen zu, und ſtuͤrzte aus dem Zimmer. Jetzt wand bebend Charlotte den blauen Fa⸗ den ab, nicht lange, ſo entdeckte ſie das Perga⸗ men, auf welchem ein lieb⸗ und ſehnſuchtath⸗ mender Brief ihres Ernſt's ſtand, der ſich darin beklagte, wohl auf zwanzig Briefe keine Antwort zu haben, und ihr ewige Treue ſchwur. Der Brief ſchloß: O, du einzig, ewig Mei⸗ nel das Ausbleiben jedes Zeichens Deiner Treue kann mir den Glauben an Dich nicht entreißen. Was waͤre Liebe, wenn ſie nicht reines Verſtehen der Herrlichkeit des Geliebten waͤre? Du biſt mein, hier, oder dort! mein Herz laͤßt nie von Dir! Ein Wort der Liebe wuͤrde mich unendlich erquicken, doch bedarf es des Wortes nicht zwi⸗ ſchen uns Beiden, Du biſt mir unverloren, Ewig Dein! nein, das Lreue ißen. kehen biſt von adlich zwi⸗ Ewig Ueberraſchung, Wonne, Bangen, beſtuͤrmten bei dieſer Entdeckung Charlottens Bruſt. Die Liebe gab ihr Kraft, jetzt, oder nie! rief es in ihr, ſie entſtieg dem Lager, bekleidete ſich raſch und verſchleierte ſich, ſchluͤpfte hinaus, erreichte gluͤcklich ihr Zimmer, wurde dort vom Jubel der Geſchwiſter bewillkommt, die Kunigunde in der Krankheit gar nicht zu ihr gelaſſen, winkte ihnen Schweigen, und eilte an Engels Hand uͤber die wohlbekannte Bruͤcke in den Wald, und in die Huͤrte des Koͤhlers, wo ſie Ernſt, auf Haidekraut gebettet, bleich mit verwildertem Haar, ſehr ent⸗ ſtellt von Kummer im Schlummer fand. Befuͤrchtend die Aeberraſchung moͤge ihn toͤd⸗ ten, und ſelbſt der Faſſung beduͤrftig, ſtuͤtzte ſich Charlotte auf Gudula, und winkte Max und En⸗ gel, den Leidenden zu wecken. Sie thaten es, bei ihrem holdſeligen Anblick drang ein Strahl des Bewußtſeyns in des Leidenden Bruſt. Er druͤckte die ſuͤßen Kinder an ſein Herz und fand Thraͤnen, die ihm wohlthaten. Wo biſt Du ſo lang geblieben, mein Ernſt? fragten ihn Beide, und ſetzten hinzu: unſre Char⸗ — 108— lotte hat ſich recht nach Dir geſehnt, und iſt krauk aus Liebe zu Dir. Alſo Luͤgen taͤuſchten mich! rief Ernſt. O, Entſetzen! wie konnt ich mich von dem elenden Maͤhrchen taͤuſchen laſſen! Nun eilte Charlotte an ihres Juͤnglings Bruſt, ihres Lebens ſeligſte Stunde ſchlug, die Liebenden verſtaͤndigten ſich uͤber die Vergangen⸗ heit, ſagten ſich ihr Leid und ihre Treue und ver⸗ hießen, ſich nicht mehr zu trennen. Erkraͤftigt und neu beſeelt erſtand Ernſt von ſeinem Lager; Argliſt und hoͤlliſche Tuͤcke befuͤrch⸗ tend wollte Charlotte mit den Kindern nicht auf die Burg zuruͤck, ohne von einem tuͤchtigen Ge⸗ folge begleitet zu ſeyn. Der Zug der Koͤhler ſchloß ſich den Liebenden an, in Triumph zogen ſie in die Burg ein, ſie trafen im Ritterſaal das bleiche, bebende Paar, das ſein Bewußtſeyn nie⸗ der druͤckte, ſie durften nun ihre Einwilligung zu Ernſt's Vermaͤhlung mit Charlotten nicht mehr verweigern, und auf Ernſt's Dringen wurde er mit ſeiner Braut, Augeſichts der Burgbewohner, vom Kaplan unweit der Gruft ſeines zweiten Va⸗ ters mit der Geliebten vermaͤhlt. Kunigunde und Haubolt mußten zugegen ſeyn. — 109— Einer Ausſteuer bedarf es jetzt nicht, ſagte Ernſt nach der Trauung, ich habe meine edle Abkunft, ein Schwerdt, eine tuͤchtige Fauſt, und meine Kunſt obenein! Ich verlaſſe mit Charlot⸗ ten dieſen Wohnſitz des Bangens— unſre Ge⸗ ſchwiſter nehmen wir mit auf Burg Felseck, die ich neu aufbauen laſſe, und zur Zeit moͤget Ihr Rechnung vom anvertrauten Gut ablegen! Das unedle Paar murmelte einige unver⸗ ſtaͤndliche Worte, und entfernte ſich. Ernſt theilte unter das Burggeſind eine Summe Goldes aus, um ein Feſt zu begehn. Waͤhrend Haubolt und Kunigund in ihren Kaͤmmern verborgen blieben, und die biedern Burgbewohner auf die Geſund⸗ heit des jungen Paares anklangen, ließ Char⸗ lotte den Kerker der armen Elsbeth öffnen, und nahm ſie mit zu ihren Zimmern, wo ſie ſie bei den Kindern ließ. Hell ſtralte der Morgenſtern in das Braut⸗ gemach, als ſchon die Roſſe wieherten, die Ernſt zur Reiſe beſtellt. Unter Segenswuͤnſchen ritt er mit ſeinem jungen Weibe, ihren Geſchwiſtern, und einigen vent Burggeſinde, die ihnen durchaus 110— folgen wollten, worunter auch Elsbeth, von dan⸗ nen, dem ſchoͤnen Scheine der klaren Moſel zu, an deren Ufern er in ungetruͤbtem Gluͤck mit ſeinen Lieben lebte, ſegnend die Leiden der Ver⸗ gangenheit, deren Erinnerung den Genuß der Ge⸗ genwart erhoͤhte. — ——ö——ſ—ſſſſſ 4 S* * Novelle. dan⸗ l zu, mit Ver⸗ Ge⸗ b Fert 3 Bur Eicche Zug Brat einm wund naoͤſſe * Eine . flucht den Roſalba. Fernher ſah man ſchon die Thuͤrme der Burg Graf Wilibald's am Rhein hinter Eichenwaldungen hervordaͤmmern, als ein Zug von Rätſigen, der mit einem gefangnen Braunſchweiger Ritter des Weges kam, noch einmal Halt zu machen beſchloß, damit der wunde, wegmuͤde Otto noch einiger Raſt ge⸗ noͤſſe, eh der Zug den Berg hinauf gienge. Eine Winzerhuͤtte am Ufer bot gaſtliche Zu⸗ flucht dar. Baldo, ihr Beſitzer, erfreut uͤber den Zuſpruch der wackern Reiſigen ſeines Grundherrn, Graf Wilibald, ließ ein Toͤnn⸗ lein des beſten Wein's auf den Raſen bringen und anzapfen, und rief ſeiner Hausfrau zu, Erſter Theil. 8 — 114— ſie moͤchte ein ſtaͤrkendes Mahl bereiten, dann ſetzte er ſich neben Otto, der auf der Raſen⸗ bank unter der hohen Linde Platz genommen, und truͤb und traurig vor ſich hinblickte. Die Reiſigen machten ſich Polſtern aus ihren Mantelſäcken, zechten und jubelten vor Freu⸗ de, weil es nun heim gieng und die Fehde beendigt war. Auch die Natur rief die Luſt in den Herzen hervor, da bei ſtillem, kuͤhlem Weitter die Sonne ſo freundlich Strom und Landſchaft beleuchtete, und alles Leben ſich im Lichte freute. Vater Baldo konnte von ſeinem edeln Gaſt die Augen nicht abwendenh und fragte ihn zuletzt mit großer Herzlichkeit, ob er denn nicht dieſen Tag hier raſten wollte? Thut alſo, Herr von Kerſtlingeroda, rief Wolf, der Knappe, den Graf Wilibald zur Leitung Otto's beſtimmt; der Weg, die hohe Stein⸗ klippe hinauf, moͤchte Euch ermuͤden und ſchaͤd⸗ lich ſeyn, und hier iſt ein gar freundlich Plaͤtzchen bei guten Menſchen. Aber in der Burg hauſet Niemand als unſer kraͤnkliches Fraͤulein, die ſichtlich dem Grabe zuwandelt, und weſel C auf gepfl blieb T ſeyn man Schl will holer ſelbſt noch kein nicht wuͤrd wirtl und gieng Hau mit umre die k zuſan deln zagte denn Thut der tung tein⸗ caͤd⸗ dlich der iches delt, b — 115— und das Burggeſind, ſelbſt der Caplan iſt ab⸗ weſend! Es ſei darum, nickte Otto zuſagend, und auf Wolfs Geheiß giengen die Reiſigen nach gepflogener Raſt auf die Burg, und Otto blieb mit Wolf bei ſeinem treuherzigen Wirthe. Der Wein ſoll den Verwundeten ſchaͤdlich ſeyn, heißt's, ſagte Baldo, damit aber kann man unmoͤglich den Guten meinen, und der Schlechte ſchadet auch den Geſunden! Ich will Euch, Herr Otto, einen wahren Balſam holen, vor ſechzig Jahren hab' ich die Reben ſelbſt hier an der Sonnenſeite gepflanzt, und noch hab' ich Flaſchen von dem erſten Kelter, kein Koͤnig trinkt ihn beſſer! Hab' ich doch nicht gemeint, da ich die Stecklinge ſetzte, ich wuͤrde mit der Frucht einen Kerſtlingerode be⸗ wirthen! Ja, der Menſch denkt, Gott lenkt, und das Beſte hat langſame Reife! Somit gieng Baldo, den Labetrunk zu holen. Seine Hausfrau und die blonde Margaris ließen ſich mit der Spindel vor der Huͤttenthuͤr auf grün umrankte, ſteinerne Ruhen nieder, Nannchen, die kleinere Schweſter, pfluͤckte aͤmſig Blumen zuſammen, und ſtellte ſie in einem zierlichen Ge⸗ 2* — 116— ſchirr vor den bleichen Ritter hin, um ihm ein Laͤcheln abzugewinnen. Baldo kam mit dem Wein herauf, ließ ihn in die gruͤnen Roͤmer hineinperlen und rief, ihn dem Gaſte dar⸗ reichend: Carl der Erſte ſoll leben! Gelt, tapferer Kerſtlingerode⸗ mauf den Namen thut Ihr gern Beſcheid? Was wißt Ihr von un⸗ ſerm Stamm, wackerer arheinkänder, laͤchelte Otto, und warum ſoll der große Carl noch leben? Er iſt nun gleich 700 Jahre todt! Schande dem Deutſchen, rief Baldo, der Karl den Großen vergißt, und waͤr' er 7000 Jahre todt! Das ſagt Ihr auch nur im Scherz, mein Ritter, Ihr koͤnntet ſonſt kein Sproß aus Eitel Heiſo's Stamme ſeyn? Und was wißt Ihr von Eitel Heiſo? rief Otto ver⸗ wundert. Da legte Margaris die Spindel hin, und ſagte erroͤthend, Herr Ritter, das war Euer Ahn, und von dem kann ich kleines Kind Euch erzaͤhlen! Herr Eitel Heiſo war ein Ritter aus edlem, deutſchem Stamm, der trug in der Schlacht das Kreuz vor Carl dem Großen her, als die Franken in die Sachſen⸗ lande eindrangen. Eine der graͤulichſten Schlach⸗ ten war am Ufer der Werrha, wo jetzt die Doͤr liege denr Ber die dem Goͤtz hieß Fran Alta ker und Stul ber unte Mar Stel und Ritte len i die 6 Davr Biſt nickte was n ein dem toͤmer dar⸗ Gelt, thut n un⸗ chelte noch todt! der 7000 cherz, Sproß was ver⸗ hin, war eines war Muder dem chſen⸗ hlach⸗ t die Doͤrfer Grebersdorf, Schwebda, Wannfried liegen. Nach errungenem Sieg uͤber das Hei⸗ denvolk gieng Carl der Große auf einen hohen Berg, allwo er einer ſchoͤnen Capelle gewahrte, die St. Bonifacius dort erbauen laſſen, nach⸗ dem er, der Himmel weiß, welch' einen Goͤtzentempel niedergeriſſen. Der Berg aber hieß dazumahl der Stuffenberg. Als der Franken Koͤnig oben war, ſank er vor dem Altare auf die Knie nieder, und rief mit ſtar⸗ ker und frendiger Stimme: Hier hat Gott, und ſonſt Niemand geholfen, und von Stund' an hieß der Berg der St. Gehoͤlfen⸗ berg. Meinen Vorfahren gehoͤrte der Berg, unterbrach Otto das Kind. Ganz recht, nickte Margaris, denn der Koͤnig nahm auf dieſer Stelle das Kreuz von Eitel Heiſo’s Hand, und ließ es uͤber dem Altar aufrichten, dem Ritter aber gab er das ganze Land, viel Mei⸗ len rings um den Berg und viel Geld, um die Capelle damit neu und ſchoͤn aufzubauen. Davon ſchreiben ſich die Kerſtlingerode her. Biſt du nun fertig? fragte Baldo. Margaris nickte. O, ihr Weiber, wenn ihr glaubt et⸗ was zu wiſſen! rief der Alte, das Beſte ver⸗ — 118— geſſet ihr immer! Sagt' ich dir nicht ſchon tauſendmahl, daß die Weſtfranken den Ritter Heisonem Christi Legnum gerens hießen, die Sachſen aber nannten unſern Herrn: da hillige Kerſt, und machten aus Kerſt, Legnum gerens ſchlechtweg Kerſtlingeroda? Das weiß ich recht gut, ſiel Margaris ein, ich dachte nur, der Ritter wißte es noch beſſer! Ja, Margaris, ſprach Ot⸗ to, ich weiß ſogar, warum Ritter Heiſo ſich ſelbſt ſo nannte. Die ſanfte Sieglinde eines ſaͤch⸗ ſiſchen Edelings Tochter nannte ihn ſo, als ſie ihm ihre Liebe geſtand, er nahm ſie zum Wei⸗ be, und behielt den Namen, und wir Nach⸗ kommen denken heut noch gern an ſeinen Ur⸗ ſprung. Das iſt brav von Euch, ihr Kerſt⸗ lingeroder, rief Baldo, dem das fluͤſſige Gold vom Rhein das Herz auf die Zunge lockte. Es giebt jetzt manchen Edelmann, der gern ſeiner Ahnen vergißt, denn die Ahnen mahnen an theure, hohe Pflichten, und jeder, der ſeinem Namen Schande macht, hat der wackern Vaͤ⸗ ter vergeſſen! So iſt es, ſprach Otto, und ihr ſeid gar ein verſtaͤndiger Mann. Laßt mich doch hoͤren, wie ihr von alle dieſen Din⸗ gen erfahren? ſchon Ritter n, die hillige gerens )recht Ritter ich Ot⸗ ſo ſich als ſie Wei⸗ Nach⸗ en Ur⸗ Kerſt⸗ Gold te. Es ſeiner en an ſeinem n Vaͤ⸗ „ und Laßt Din⸗ Ich bin ſelbſt ein Braunſchweiger, rief Baldo, und es waͤre viel davon zu erzählen, wie ich hier an den Rhein gekommen bin, Reben zu bauen. Ob das froͤhliche Geſchaͤft Urſach iſt, oder mein ehrlicher Wandel, daß mir mei⸗ ne neunzig Jahre keine Laſt bringen, weiß ich nicht, aber ich fuͤhle mein Alter nicht. Woll't Ihr mir aber eine rechte Freude machen, Herr Ritter, ſo erzaͤhlt mir was von Herzog Erich, den ich gekannt, als ihm noch ſeine Frau Mut⸗ ter die Bruſt gab. Er iſt, das weiß ich wohl, ein großer Held geworden, doch kann ich nicht erfahren, ob er auf guten Wegen geht? Den Reiſigen kann man nicht alles glauben, und Braunſchweiger kommen nicht leicht bis hieher. Da hab' ich denn viel von der Hildesheimer Fehde gehoͤrt und weiß nicht, wer Recht hat, ob der große Herzog Erich, oder der kuͤhne, hochherzige und kluge fuͤrſtliche Biſchoff Jo⸗ hann? Unſer Graf, ein wuͤrdiger Herr, iſt Fuͤrſtbiſchoff Johann's Bundesgenoſſe, wie Ihr⸗ wißt, und der kann doch wohl nur fuͤr eine ehrliche Sache das Schwerdt ziehn? Habt Ihr ein braunſchweigiſch Herz, habt unſern Herzog fruͤh gekannt, und koͤnnt noch fragen? rief zuͤrnend Otto aus. Wir Alle, die wir von allen Unbilden des Biſchoffs Zeu⸗ gen waren, haben mit Leib und Leben, Ein Herz und Ein Mann, um unſern Fuͤrſten her⸗ geſtanden! Kennt Ihr die Hardenberger, die Werningeroder, die Spiegel, die Mahlsburger, die Knigge, Muͤnchhaͤuſer, Habe, Klenke, Meden, uns Braunſchweiger alle nicht mehr 2 Noch iſt kein Braunſchweigiſcher Edelmann aus der Art geſchlagen, Schande dem, der es je⸗ mahls thut! Wir ſind Freiherrn, nicht Va⸗ ſallen, nicht gezwungen, des Herzogs Banner zu folgen! an Recht und Unrecht, ſprach Baldo kopfſchuͤt⸗ telnd, liegenſoft ſo verworren zwiſchen zwei Streitern, daß dieſe ſie ſelbſt nicht wiſſen, wer an dem Andern fehlt, in ſolchem Fall pflegt der Unbefanane zu ergreifen, was ihm am Naͤchſten liegt, und da der Fuͤrſt⸗ biſchoff dem Lande Braunſchweig uͤber den Hals ruͤckte, ſo mag es wohl dem Adel klug und raͤthlich geſchienen haben, Heerd und Eigenthum zu beſchuͤtzen. Es giebt nur ein Recht und Unrecht, wo ein Edler großmuͤ⸗ thig und friedſinnig dem Nachbar traut, Alle, und ein Boͤſewicht fein Vertrauen misbraucht, Zeu⸗ unterbrach Otto. Fuͤrſtbiſchoff Johann that Ein freundlich mit Braunſchweig, ſo lange Erich her⸗ eine maͤchtige Stuͤtze an Kaiſer Maximilianus die hatte; als der Kaiſer bedenklich krank wurde, rgek, ſah man den Biſchoff Kriegeszuruͤſtungen mit enke, großer Eil betreiben. Die Fuͤrſten von Braun⸗ ehr? ſchweig ließen Botſchaft an ihn ergehen, ihn aus zu fragen, was dieſe Ruͤſtung bedeute? Er 3 je⸗ gab zur Antwort: man moͤchte deshalb keine Va⸗ Sorge tragen, gegen Braunſchweig waͤre es nner nicht gemeint! Die Fuͤrſten dachten: Ein Wort, ein Mann! und waren ruhig, doch huͤt⸗ kaum hatte der edle, deutſche Kaiſerheld die chen muͤden Augen geſchloſſen, ſo ſiel Fuͤrſtbiſchoff nicht Johann in Minden ein, verheerte die Stadt, hem pluͤnderte und verbrannte das Stift und ſein was großes Raubheer waͤlzte ſich, wie eine Lawine, arſt⸗ durch das unbewehrte, braunſchweigiſche Ge⸗ den biet. Das arme Volk, von Schrecken ergrif⸗ klug fen und betaͤubt, ließ Alles uͤber ſich ergehen, und der Adel nur waffnete ſich, freudigen Herzens, ein bereit, fuͤr den Fuͤrſten Gut und Blut zu ge⸗ muͤ⸗ ben. Herzog Georg zu Sachſen auch bewies aut, Treue an Fuͤrſt Erich, er ſandt’ ihm ein tuͤch⸗ tiges Kriegsvolk aus Meißen und Thuͤringen, wenige der tapfern Sachſen ſind aus dieſer Fehde heimgekehrt! Mit furchtbarer Tuͤcke gieng der Biſchoff zu Werke, jede Unterneh⸗ mung war berechnet, ein Donnerſchlag aus heitrer Luft! Carl von Heldern, des Kaiſers eigner Sohn, und Heinrich, der wackre Her⸗ zog zu Luͤneburg ſtanden dem Boͤſewicht bei, deſſen hoͤlliſche Redekuͤnſte ihm ſelbſt die Edel⸗ ſten und Maͤchtigſten gewannen. In der Schlacht von Soltau, wo Herzog Erich gefangen wurde, kaͤmpfte Heinrich zu Luͤneburg und Sarl von Heldern an des Biſchoffs Seite. O, erzählt mir mehr davon! rief Baldo. Herr Landsmann, ſagte Otto, goͤnnt mir einige Minuten Zeit uͤber den Schmerz zu ſiegen, den dieſe Erinnerungen in mir aufwecken! Man hat ſchon, ſeit die Welt ſteht, geſehn, daß der Gerechte unterdruͤckt wird, und ſeine gute Sache, fuͤr welche alle Redlichen aufſtehn⸗ ſollten, verloren geht, aber man kann es gar nicht gewohnt werden! Stellt euch vor, daß Herzogs Erichs eigne Unterthanen, ſeine Braun⸗ ſchweiger, in jener Schlacht dem Feind nicht gehalten haben! Nur Prinz Wilhelm und Prinz Heinrich, Erichs Bruͤder, die gottge⸗ treue Schaar aus Thuͤringen und Meißen, und der Adel ſtand wie Eichen im Sturm. Prinz Wilhelm wurde von den Luͤneburgern umzingelt, uͤberwaͤltigt und gefangen; Prinz Heinrich ſtuͤrzte ſich ſchon mit einigen von uns in das Getuͤmmel, um den Bruder zu befreien, da hielt Herzog Erichs gewaltiges Wort ihn zu⸗ ruͤck. Reit heim nach Braunſchweig, Bruder, rief er ihm zu, dort beduͤrfen ſie unſerer Einen; ich muß hier bleiben, denn meine goldnen Sporen taugen nicht zur Flucht! Prinz Hein⸗ rich mußte gehorchen, doch er that es mit Wi⸗ derwillen, denn er ſah, daß es auf Tod und Leben gieng, und waͤre gern mit dem Bruder geſtorben, doch Herzog Erich wollte, daß we⸗ nigſtens Einer gerettet und geborgen ſei, der noch dem Biſchoff zu ſchaffen machte. Als Prinz Heinrich ſich entfernt, ſtuͤrzte ſich Erich in das blutigſte Gefecht; wie ein reißender Strom die Baͤche, zog er uns alle nach. Heinz aus Hardeſſen, der Rieſe, unſers Herzog Knappe, wich nicht von uns, ſein Auge nuͤtzte uns ſoviel, wie ſein Arm, da er alles uͤber⸗ ſchauen und uns manche vortheilhafte Stelle — 1 24— zum Eindringen anzeigen konnte, aber es frommte wenig, die Uebermacht war zu groß. Iſt das der Prinz, fragte Baldo, der bei Regensburg ſeinen Herrn, der unter dem nie⸗ dergeſtochenen Pferde lag, und von Feinden umzingelt war, beim rechten Beine hervor⸗ zog, ihm einen Hieb gab und ihm zuſchrie: Du Bengel, was liegſt du da? Ja, entgeg⸗ nete Otto, der war's, und Bengel und Hieb thaten dasmahl dem Herzog beſſer, als Ho⸗ heit und Reverenz, denn die Feinde hielten ihn fuͤr einen Knecht, und ließen ihn gehn; auch in dieſer Schlacht war Heinz des Her⸗ zogs guter Schutzengel. Er zog ihn gleichfalls unter dem todtwunden Roſſe hervor, ſtach ei⸗ nen Biſchoͤfflichen vom Pferde, und half dem verwundeten Herzog hinauf, dann hieben bei⸗ de noch eine Weile weidlich in den Feind, bis ſie, rings um ſich her nur todte Bundesfreun⸗ de und frohlockende Feinde erblickend, nach wuͤthender Gegenwehr uͤberwaͤltigt und gefangen wurden. Was noch am Leben war und auf dem Schlachtfelde verſtreut lag, wurde nun aufgeſucht, und gefangen weggeſchleppt. Wir alle waͤren gar zu gern geſtorben, da wir aber —;— — 125— unſern Fuͤrſten am Leben, und in ſein Miß⸗ geſchick ergeben ſahen, ließen wir es uns auch gefallen. Meine arme Heimath! rief wehmuͤthig Bal⸗ do aus, Dir wird ſortan kein guter Stern mehr ſcheinen! Ich meine es nicht ſo, ſprach Otto, wenn die erſten ruͤhmlichen Opfer gefallen ſind, ſiegt endlich noch die gute Sache! Bedenkt nur, Altvater!l daß die Taͤuſchungen und Gaukeleien, womit ein Schlangenherz ſelbſt die Redlichſten zu gewinnen weiß, ihre Gewalt nicht immer behaup⸗ ten; die Wahrheit kommt an Tag, und die Leiden der Unſchuld werden ſchoͤn vergolten! Meines Herzogs Ruhm leuchtet in reinem Glanz in allen deutſchen Landen; ſeine Zuͤge und Kriegsthaten in der Tuͤrkei, in Ita⸗ lien, Frankreich, Ungarn, ſind weltbekannt; er iſt ſtets in guter gerechter Fehde fuͤr ſeinen Herrn und Kaiſer ausgezogen, und hat ihm mehreremal das Leben gerettet. Noch jetzt ſteht er in voller Bluͤthe des reifen Mannesalters und der freudi⸗ gen Kraft. Sein Volk war theils durch Hoͤllen⸗ kuͤnſte verlockt, theils bedraͤngt, es wird den Feh⸗ ler gut machen, oder es muͤßten keine Brann⸗ — 126— ſchweiger ſeyn! Nun wohl, rief Baldo, ſo kann man denn hoſſen, der Drache wird getreten werden! Ueber dieſen Geſpraͤchen war der Abend her⸗ angekommen, und Otto fand einen ſanften Schlum⸗ mer unter des Winzers gaſtlichem Dach. Nach herzlichem Abſchied eilte der Ritter am Morgen in der Fruͤhe nach Wilibald's Burg am Rhein, die dem Lureleifelſen faſt gegenuͤber lag; es war ein ſchoͤner heiterer Morgen, und ſo wohlge⸗ muth ritt Otto den Rand des rauſchenden Stro⸗ mes entlang, als gieng es zum Tanz, nicht zur Gefangenſchaft. Ihm ahnte nichts von den Feſ⸗ ſeln andrer Art, die hier ſeiner harrten, doch er las ſeine Zukunft in Roſalba's erſtem Blick, der ihm einen Himmel von Schmerz und Leebe in die Bruſt ſtralte. Roſalba, die Otto im Saal ihrer vuterlichen Burg bei ſeiner Ankunft bewillkommte, war Graf Wilibald's einziges Kind. Er hatte ſie in zarten Jahren aus Welſchland heimgebracht und der Aebtiſſin des Kloſters auf dem St. Rupertusberge bei Bingen zur ißhun uͤbergeben. Niemand wußte, wer Roſalba's Mutter ſei, ſie ſelbſt hatte ſie nie geſehen, und mochte ſie fuͤr todt halten. ann Die Aebtiſſin gewann die verwaiſ'te Roſalba un⸗ eeten endlich lieb, und wußte ihr das Iugendleben in des Kloſters ſtillen, traulichen Mauern und in den Paradieſen der ſchoͤnbeſtellten Gaͤrten rings um hoͤchſt anziehend und heiter zu geſtalten, doch ploͤtzlich erkrankte Roſalba's Freundin, und in der Todesſtunde ließ ſie ſie zu ſich beſcheiden, und blieb lange mit ihr allein. Sie mußte ihr gar ein banges Geheimniß zugefluͤſtert haben, denn von Stund an wurde das bluͤhende Maͤdchen blaß, und nie wieder roͤtheten ſich ihre Wangen; auch ſah man ſie nicht mehr lachen und ſcherzen. Nach dem Tode der Aebtiſſin ließ Graf Wilibald ſeine Tochter zu ſich holen, und ſie lebte fortan auf ſeiner Burg am Rhein, ſtill und wohlthaͤtig, wie ein ſanftes Himmelslicht. Nie legte ſie Schmuck an. Sie hatte nach und nach das Ge⸗ chen ſchmeide, womit ihr Vater ſie beſchenkte, an Ar⸗ Braf me vertheilt. Nur einen eiſernen Reif trug ſie, rten gleich dem der Hildegard von Bingen, und auf der ihn den Wahlſpruch der gottbegeiſterten Dulderin erge gegraben: Ich leide gern! Roſalba's ſuͤße and Geſtalt von innerm Schmerz, wie von Himmels⸗ atte ſtralen verklaͤrt, ſchwebte nun immer vor Otto's ten. Blicken und bluͤhte mit allen Reizen holdſeliger — 128— Unſchuld und engelgleicher Schoͤnheit in des Junglings Herz hinein. Als er, in Folge der empfangenen Wunden, erkrankte, empfieng er von Roſalba's Haͤnden Arznei und Labetrunk, und genas am Licht ihrer Blicke. Nie kam ein Fremdling auf die einſame Hoͤhe, wo die ſtille Burg, von Epheu ganz umgruͤnt, wie ein holdes Traumbild prangte. Kein Getuͤmmel der Roſſe, kein Klang der Waffen, kein Ruf des Waldhorns erſchallte hier; die Hoͤfe waren mit Gras hoch bewachſen, die Gaͤrten, einer Blumenwildniß gleich anzuſchauen. Die nie vom Jaͤger beunru⸗ higten Voͤglein ſchwirrten und ſangen hier kirr um die Luſtwandelnden her, und ſchienen Roſal⸗ ba und Otto, wenn ſie am Rand des Baches verweilten, mit ihren Liedern Willkommen zu bieten. Ein Jahr vergieng in ſo ſtiller Selig⸗ keit, Otto war noch von den erlittenen Leiden zu erſchoͤpft, um es herb zu empfinden, daß er hier gefangen und unthaͤtig ſei. Es lag eine ſo himmliſche Ruhe in ſeinem Gefuͤhl fuͤr Roſalba, daß er uͤber die Gewalt und Tiefe ſeiner Liebe zu ihr erſt klar wurde, als ſie ſich von ihm trennte, um nach Brabant zu ihrem des e der r von und ein ſtille poldes Roſſe, horns hoch ldniß unru⸗ kirr doſal⸗ aches n zu belig⸗ eiden daß lag fuͤr Tiefe ſich rem b Vater zu gehn, der ſie, da er krank geworden, holen ließ. Otto war nun allein— allein mit ſeinem Kummer, doppelt nun von der bangen Ungewiß⸗ heit, die uͤber ſeine Zukunft ſchwebte, gedruͤckt, und von Sehnſucht nach Roſalba verzehrt. Er beſuchte die umliegenden Dorfſchaften, die Huͤtten und Jaͤgerhaͤuſer im Walde, nur um von ihr ſprechen zu konnen, denn jedes liebevolle Wort uͤber ſie klang ihm, wie ein troͤſtendes Echo ent⸗ gegen. Die Unterthanen bangten, daß Roſalba nie wiederkehre, Otto mußte, er mußte ſie wie⸗ derſehn. Eines Abends war die Sehnſucht, der won⸗ nige Schmerz des Hindenkens ſo maͤchtig in Ot⸗ to’'s Bruſt, daß er die Nacht hindurch nur wache Traͤume, keinen Schlummer fand. Beim erſten Stral des Morgens wurden die Stimmen der Voͤglein rings um die einſame Burg her munter, und mitten durch ihr froͤhliches Zwitſchern hoͤrte Otto den Jubelruf erſchallen, den ihm Roſalba's Wiederkehr verkuͤndete. Ein elektriſcher Schlag durchzuckte ſein ganzes Seyn, wie in Wellen ver⸗ ſank das vergangene Leid. Sie iſt dal klang es in ihm mit Wonnetoͤnen, die ſeine Seele mit Erſter Theil.— 9 Entzuͤcken fuͤllten. Er eilte die Stiegen hinunter in den Schloßhof, wo Roſalba von den Bewoh⸗ nern der ganzen Umgegend umringt in ihrer ernſten Milde und Innigkeit wie ein hoͤheres 1 Weſen leuchtete. Die Morgenſonne beſtreute ihr weißes Antlitz mit friſchen Roſen, ihre Augen glaͤnzten in Thraͤnen wonniger Ruͤhrung. Nun bleib' ich hier, ſagte ſie huldreich zu den Froh⸗ lockenden, die ſie umringten, und uͤberließ die ſchneeweißen Haͤndchen den Kuͤſſen und Thraͤnen ihrer Dienerinnen und den Liebkoſungen der her⸗ bei ſich draͤngenden Kinder, indeß die Maͤnner ehrfurchtsvoll ihr Gewand an ihre Lippen druͤckten. Otto hatte ſchon laͤngſt in ſtillem Entzuͤcken dieſe Szene betrachtet, als Roſalba ſein gewahrte. Sie reicht ihm mit ſittigem Gruß die Rechte dar, und ſprach: Ach, Otto! wie thut Liebe wohl und weh! Es lag etwas wunderſam bewegtes, trauliches und mildes in Roſalba's Blick und Weſen, das Otto noch nie an ihr geſehn. Er ge⸗ leitete ſie bis zum Eingang ihrer Zimmer hin, da laͤchelte ſie ihn ſo an, daß ihr Blick ein noch ſuͤßeres Laͤcheln gab, als ſelbſt der Mund, und, indem ſie lispelte: auf Wiederſehn; war ſie ſeinen Blicken entflohn. unter woh⸗ ihrer heres te ihr lugen Nun Froh⸗ 6 die raͤnen her⸗ aͤnner cckten. uͤcken ahrte. Rechte wohl egtes, und er ge⸗ hin, noch und, ſeinen 8 — 131— Hoffnung und Zweiſel, Pein und Gluͤck be⸗ ſtuͤrmten Otto's Bruſt ſo unaufhaltſam, daß er in das Freie eilen mußte, um Raſt und Erholung zu ſuchen. Er ergriff die Armbruſt und ſchlug den Weg nach dem nahen Eichengehoͤlz ein. Rings um ihn her flatterten und koſ'ten die friedlichen Bewohner der anmuthigen Wildniß, Otto war zu beſeligt, um einem Gottesgeſchoͤpfe die Luſt des Daſeyns zu rauben, er warf die Armbruſt von ſich, und ſenkte ſich wonniglich in den ſammetgruͤnen Raſen hinein, der duftend und blumenreich ihm ſeinen glaͤnzenden Teppich bot. Liebe Mutter Erde, rief Otto aus, Blumen⸗ wiege, Bluͤthengruft, immer mild, immer reich, die du das Leben zur Liebe hervorgehn laͤſſeſt aus deinem kuͤhlen Schoos und den Muͤden zur Ruhe empfaͤngſt— goͤnne mir jetzt auf deinem zarten, bebluͤmten, Thau flimmernden Graſe eine Ruheſtelle, prachtvoller und holder, als ein Lager, bereitet von Menſchenhand! In deiner funkeln⸗ den Blumenſchrift leſe ich ewige Worte der Liebe. Deine Wipfel ſaͤuſeln mir Troſt, und Verheißung unausſprechlicher, unendlicher Wonne zu. Bald vielleicht muß ich ſcheiden von hier, bald einen Drt, ſern von Roſalba bewohnen: ich ſehe ſie 9* dann wohl nicht mehr, doch ihr Blick hat mein ganzes Herz verklaͤrt, und ihr Bild wird ewig in mir wohnen. Faſt glaub' ich, daß ſie mich liebt, der Himmel iſt in meiner Bruſt, wann ich es denke, wiederum aber ſagt mir eine innere Stimme, daß dieſe Liebe hier keine Freiſtatt findet.— Und ach!— was darf ich hoffen? So wie mich die Pflicht nach der Heimath ruft, ſo wie meiner Gefangenſchaft ſanfte Bande ge⸗ lͤſt ſind, gehoͤrt mein Leben dem Vaterlande, wie duͤrft' ich es da der Liebe weihen? Mehrere Wochen vergiengen in dumpfer Er⸗ wartung fuͤr Otto ſeit Roſalba's Wiederkehr in ihrer beſeligenden Naͤhe. Er wußte nicht, erfuhr nicht, daß Catharina von Sachſen, Herzog Erich’'s edles Weib, die bis dahin ſtill und glanzlos an ihres Gemahles Seite gelebt, in ungeahnter Kraft und Hoheit, mit weiblicher Zartheit die Herrlichkeit ihres Seyns in ſich verſchließend, nun aufgeſtanden war, und durch begeiſterte Re⸗ den, durch Muth und Ausdauer in ihren Be⸗ muͤhungen den Geiſt des Volks geweckt, ſo daß von Seiten der Staͤnde, wie des Adels, alles aufgeboten wurde, den geliebten Herzog zu be⸗ freien. Carl von Geldern, nun zum Kaiſer ge⸗ — we Fe. ſtr Ar kroͤnt, empfieng ein ungeheures Loͤſegeld fuͤr den ewi Herzog, wozu auch Catharina ihren ganzen mich Schmuck, all ihre Koſtbarkeiten gern hergegeben, un ich und der Fuͤrſt war befreit. Schatz und Land innere zu Braunſchweig waren noch zu ſehr erſchoͤpft⸗ eiſtatt um die Summen zu erſchwingen, welche fuͤr die offen? Freiheit der gefangenen Ritter erforderlich waren, ruft, aauch begehrten dieſe nicht auf Koſten des ver⸗ de ge⸗ armten Staates frei zu werden, ſie opferten ihr lande, Vermoͤgen auf⸗ ſich zu loͤfen, und dem Lande wieder ihre Dienſte zu widmen. Otto wuͤrde er Er⸗ keinen Augenblick angeſtanden haben, dieß auch ehr in zu thun, wenn ihn nicht Graf Wilibald abſichtlich erfuhr laͤnger bei ſich behalten wollen. Erich's Eines Morgens ließ Roſalba Otto zu einem los an Geſpraͤch in ihr Zimmer beſcheiden: mit hoch⸗ ahnter klopfenden Herzen eilt er zu ihr. Er fand ſie, eit die verſchmaͤhend alle Pracht der goldgeſchmuͤckten ießend, Saͤle des Schloſſes, in einer kleinen, blendend⸗ te Re⸗ weißen, einfachen Zelle, von Epheu umrankten in Be— Fenſter, durch welches nur muͤhſam der Sonnen⸗ ſo daß krahl drang. Hier wohn ich, ſprach Roſalba, alles hier theil ich mein Leben zwiſchen Gebet und zu be— Arbeit ein, ich lebe einſam, doch Gott und ſeine fer ge⸗ Engel ſind mit mir, und Gottes Frieden wohnet “ 4— — 1 in meiner Bruſt. Wie Ihr mich jetzt antrefft, mein edler Otto, ſo koͤnnt Ihr Euch mich immer denken. Ich weiß es, daß Ihr zuweilen der Tage auf dieſer Burg, und der Freundin geden⸗ ken werdet, die hier fuͤr Euch beten wird, bis ſie dies Leben mit einem ſchoͤnern Daſeyn ver⸗ tauſcht. Ihr ſeid frei, Ritter, die Fehde iſt be⸗ endet, und mein Vater laͤßt Euch ziehn. Kehrt denn feoͤhlich zur geliebten Heimath wieder! Roſalba! rief Otto, da er ihren Blick voll Wehmuth und Liebe, wie den eines uͤberirdiſchen Weſens leuchten ſah— o, glaubt es mir! dieſer ſuͤße Blick, an dem ich ſterben moͤchte, wird im⸗ mer vor mir ſchweben, er wird der Stern meines Lebens ſeyn, wird mein Herz mit Himmels⸗ ahnung durchſtralen, noch in der⸗ Todesſtunde. Theurer Otto, ſagte Roſalba ſanft, beruͤhrt mit Worten das Unausfprechliche nicht. Wie die Hoffnung des ewigen Gluͤcks, wie die Zu⸗ verſicht des ewigen Seyns wohnt in mir die Ueberzeugung, daß ich Euch ſehr theuer bin, und dies Bewußtſeyn verfuͤßt mein Leben. O, was hat der Menſch gethan, daß ihm Liebe zu Theil wird? Reiner Liebe iſt das Paradies unverſchloſ⸗ ſen. Roſalba, unterbrach ſte Otto, eure Rede ich knuͤͦ unrd den gele Ott und ſchließt mir den Himmel auf, ihr habt mein Herz durchblickt! Ihr zuͤrnt mir nicht? O, darf ich, darf ich mit Eurem Vater ſprechen?— Otto, rief die Holde ſanft verweiſend, habt Ihr mich nicht verſtanden? Fuͤhlt Ihr es nicht, daß mein Gluͤck nicht von dieſer Welt iſt? Mein Lieben wohnt im Himmel, mein Leben iſt der Andacht und Buße verfallen, ich trage Leid, das mir unbekannt, ich buͤße, was ich nicht verſchuldet, ein heiliger Eid knuͤpft mich an dies entſagende, einſame Leben, unvermaͤhlt werd' ich ſterben, Euer Bild und den Heiland im Herzen! Hier mit dieſem Ring gelob ich mich Euch, mein edler Juͤngling, mein Otto, zur Seelenſchweſter, gedenkt ſtets meiner, und ſtaͤrkt Euch in dieſem Hindenken zu allem Guten und Großen, ſo werden wir immer bei⸗ ſammen ſeyn! Roſalba reichte mit dieſen Wor⸗ ten dem Ritter einen Ring, dem ihrigen aͤhnlich, darauf die Worte ſtanden: Ich leide gern! Ja Roſalba, ich leide gern, ſprach Otto, da es um Euch iſt! O nicht um mich, um den, der fuͤr uns alle gelitten, leidet, rief ſie, dann ꝛerſt werdet ihr dies Wort verſtehn!— Und lieht nicht ſelbſt der Himmel ein ſchoͤnes Leid, Roſalba? Laßt mich immerhin um Euch trau⸗ ern, die Ihr lieben und begluͤcken ſolltet, und wollt buͤßen und einſam ſeyn! Ich will nicht fragen, warum? Ich will Euch ganz beweiſen, wie heiß Euch meine Seele liebt. Ich ſcheide, ich ſterbe, der Letzte meines Stammes, unver⸗ maͤhlt, will's Gott, in einer ruͤhmlichen Schlacht! Nun kann ich gern in den Tod gehn. Habt Ihr mir doch mit einem Wort den Himmel er⸗ ſchloſſen, ſeid Ihr doch mein fuͤr Zeit und Ewig⸗ keit! Nun ſenkte ſich Otto auf ein Knie nie⸗ der, und ließ ſeinen Thraͤnen freien Lauf, bei⸗ de blickten ſich durch Thraͤnen laͤchelnd an, und ſchieden ſchweigend, denn ſie verſtanden einan⸗ der ohne Worte... Am naͤhmlichen Tage ritt Otto in Beglei⸗ tung Wolfs hinweg, um von Graf Wilibald, der ihn auf ſein Schloß, das er am Ufer der Maas bewohnte, hinbeſchieden, Urlaub zu nehmen. Er fand den Grafen ſehr bewegt, und traulicher, als er ihn wohl ſonſt geſehn. Beim Mahle ſuchte er oͤfters das Geſpraͤch auf Roſalba hin zu leiten, und ſein Blick um⸗ wöoͤlkte ſich, als Otto nicht darauf eingieng. Zuletzt bat er den Juͤngling, ihm ohne Ruͤckhalt zu ſagen, was er von ſeiner Tochter und nicht eiſen, heide, nver⸗ lacht! Habt el er⸗ Ewig⸗ e nie⸗ „bei⸗ „ und einan⸗ beglei⸗ ibald, er der ib zu wegt, eſehn. h auf um⸗ gieng. ohne ochter halte. Otto erbebte bei dieſen Worten, und ſprach: Roſalba iſt ein himmliſches Weſen, deren Heimath nicht hier iſt, ſie hat ſich auf die Erde nur hin verirrt, und wird ſtets hier ein Fremdling bleiben. Ja, Otto, ſprach der Graf, ich muß es Euch geſtehn, Ihr ſeid der Erſte und Einzige von Allen, die ich kenne, um den ich gewuͤnſcht, daß Roſalba ihrer Schwaͤrmerei entſagt, und nicht ohne Abſicht ließ ich Euch, den Leidenden und Gefangnen, in ihrer Naͤhe. Ich hoffte Euch durch die zar⸗ teſten Regungen des Erbarmens ihr Herz zu gewinnen, und ſie dann durch Euch gluͤcklich zu ſehn, doch es war vergebens! Noch goͤnnt mir, Ritter, einige Tage hier auf der Burg, ich will ſelbſt zu meiner Tochter, und ſie an⸗ flehen den Traͤumen zu entſagen, die ihr das Licht der Vernunft umwoͤlken, und dem ſchoͤ⸗ nen, freudigen Leben anzugehoͤren! Es wird vergebens ſeyn, ſeufzte Otto, edler Graf, wie heiß wir beide es erſehnen. Gehet hin, keh⸗ ret wieder, mit oder ohne Hoffnung, was ſie auch beſchließen moͤge, Ihr gehoͤr' ich an, und nur ſie kann ich lieben! Der Graf nahm Abſchied auf kurze Zeit von Otto und eilte zu — 19 8— ſeiner Tochter. Indeß blieb der Ritter einſam zuruͤck. Er wandelte in den folgenden Tagen in der thauigen Fruͤhe am Ufer der Maas umher, und blickte wehmuͤthig nach der fernen Rheingegend hinuͤber. Er wagte ſich mit je⸗ dem Tage weiter in die unbekannte Gegend hinein, die ihn immer tiefer in ihren gruͤnen Irrgarten verlockte. Es war eine ſchoͤne Herbſt⸗ zeit, mit hellen klaren und ſonnigen Tagen, der leuchtende Strom wallte freudiglich durch die gruͤnen Auen, und die Landleute waren heiter geſchaͤftig auf den Weinbergen verſtreut, oder ſchuͤttelten die reifen Fruͤchte von den ſchwerbeladnen Aeſten. Rings um ihn her war Leben, Schoͤnheit, Freude, ach, aber es war doch nicht der Rhein, es war nicht deutſches Land! Eines Morgens eilte Otto, angelockt durch Schöͤnheit einer gruͤten Waldeshoͤhe, hin⸗ . zum von dort das reiche Land weiter zu uberſchauen. Er verirrte ſich in holdverf ſchlun⸗ genen Gaͤngen, verſchattet, und vom Sonnen⸗ ſtraht durchzittert, ſo daß er zuletzt keinen Ausweg mehr fand, und muͤde, nach Erquik⸗ kung lechzend, mit großer Freude ein goldnes Kre herr nen der nich Bel Thi ner den gruͤ Lau den des und Ma lan Sch die hohe ſo j vor! frag Ott wel gen Kreuz aus Felsgruppen und Waldeswipfeln hervorleuchten ſah, das ihm in dieſer tiefgruͤ⸗ nen Einſamkeit ein willkommenes Zeichen von der Naͤhe von Menſchen war. Er fand ſich nicht ohne Muͤhe dorthin, und ſah nun mit Behagen eine zierliche Klauſe ſtehn, auf deren Thurmſpitze das Kreuz ſtand. Ein alter Gaͤrt⸗ ner war beſchaͤftigt die herrlichen Blumenſtau⸗ den und Fruchtbaͤume, die an der Suͤdſeite gruͤnten und rankten, zu pflegen, und kein Lauk war in dem beſonnten, paradieſiſch bluͤhen⸗ den Raum zu vernehmen, als das Rieſeln des Bergauells, deſſen klare Fluth leuchtend und melodiſch in ein Blumen umpflanztes Marmorbecken fiel. Otto hatte hier noch nicht lange betrachtend, und angenehm von der Schoͤnheit des Ortes uͤberraſcht, verweilt, als die Thuͤr der Klauſe ſich aufthat, und eine hohe Geſtalt, Roſalba ganz aͤhnlich, nur nicht ſo jung, als ſie, in kloͤſterlicher Tracht, her⸗ vortrat und ihn bewillkommte, indem ſie ihn fragte, in welcher Abſicht er hiehergekommen? Otto erklaͤrte der ſchoͤnen Gottgeweihten, von welcher er den Blick abzuwenden nicht vermoͤ⸗ gend war, in wenig Worten wer er ſei, und — 140— wie er ſich hieher verirrt. Nicht minder als Qtto von ihrer Aehnlichkeit mit Roſalba, war die Unbekannte uͤberraſcht ſeinen Ring zu ſehn, auf dem ihr Blick waͤhrend ſeiner Rede haften blieb. Bebend fragte ſie ihn, wie er zu die⸗ ſem Ring gekommen? Edle Frau, entgegnete Otto, Eure Frage und die Art, wie Ihr ſie thut, beweiſet mir, daß ich Euch Auskunft ge⸗ ben darf. Dieſer Ring iſt ein Pfand ſchwe⸗ ſterlicher Zaͤrtlichkeit, das ich der liebenswer⸗ theſten aller Jungfrauen, Roſalba, Graf Wili⸗ bald's Tochter, danke. Er iſt das Unterpfand eines Gluͤcks, zu ſchoͤn fuͤr dieſe Welt, die Zuſage unendlicher Wonne, zum Erſatz fuͤr ein vergaͤngliches Leid. SGluͤckſelige Roſalba! rief die Unbekannte aus, welch' ein Herz haſt du gefunden! Theu⸗ rer Otto, Ihr habt den Segen, die Wuͤnſche Graf Wilibald's fuͤr Euch, nehmt auch noch die Meinigen, ich bin Roſalba's lang vermiß⸗ te Mutter, die hier, unfern von meinem Ge⸗ mahl, doch ſeinen Anblick meidend, in Roſal⸗ ba's Naͤhe zwar nicht, doch oft von ihr er⸗ fahrend, in Einſamkeit und Buße lebt, indeß auch mein theures Kind ſich um mein Schick⸗ ſal che mi von r als war ſehn, aften t die⸗ gnete hr ſie ft ge⸗ ſchwe⸗ swer⸗ Wili⸗ pfand die r ein annte Theu⸗ inſche noch rmiß⸗ Ge⸗ doſal⸗ or er⸗ indeß chick⸗ ſal haͤrmt, und von mir nicht erfahren durfte, daß ich lebe und ihrer Liebe wuͤrdig bin. O, ſo loͤſet mir dieſe Raͤthſel alle, rief Otto, ſagt mir, was Roſalba Frieden bringen, ſie mit dem Leben ausſoͤhnen, ſie meinen Wuͤnſchen geneigter machen kann. Gern will ich Euch alles ſagen, ſprach die Klausnerin, doch theilt erſt mit mir mein ſelbſt bereitetes Mahl und erquickt Euch mit dem Rebenſaft der Maas, der dem vom Rhein nicht nachſteht. Und nachdem auf den Wink der hohen Frau eine Dienerin die Tafel bereitet, begann ſie ihren Bericht mit folgenden Worten: Ich bin in Spanien geboren, von hohem Geſchlecht, das einzige Kind meiner Aeltern, ihr Stolz und ihres Lebens Hoffnung. Sie hatten mich Lucenda, die Leuchtende genannt, wohl war ich leuchtend, aber nicht zum Heile! Alle Luſt der Erde ergoß ſich in Fuͤlle auf mein Daſeyn, das die himmliſche Vorſehung vor Allen beguͤnſtigt zu haben ſchien. Schmei⸗ cheleien und Huldigungen jeder Art umgaben mich, ſeit meinen erſten Lebenstagen, ein Blick von mir wurde ſchon als ein Wunſch gedentet, 7. den alles, was mich umgab, zu erfuͤllen ſtreb⸗ te. Ich erwuchs, ohne den Ernſt des Lebens, ohne ſeine Schmerzen zu kennen, ohne eine Ahnung ſeiner reinern und hoͤhern Freuden. Schon umſchwaͤrmten mich Bewerber, wie Schmetterlinge die junge Roſe, mein Herz blieb ungeruͤhrt, mein Daſeyn im aͤlterlichen Schloſſe, wo ich als Koͤnigin waltete, ſchien mir zu beneidenswerth, und die Freiheit zu ſuͤß, um ſie mit den Feſſeln der Ehe zu ver⸗ tauſchen. Sicher, uͤbermuͤthig, keck und frech ſpielt ich mit Gefuͤhlen, bis ich Graf Wilibald ſah, den deutſchen Juͤngling, der, vom Kaiſer in einer hochwichtigen Staatsangelegenheit geſendet, nach Spanien kam. So hatte ich mir noch keinen Mann gedacht, nichts, was ich kannte, glich ihm an Herrlichkeit der Ge⸗ ſtalt, an Schoͤnheit der Zuͤge, an Ernſt und Hoheit des Weſens, an Lieblichkeit der Sitten. Meine Aeltern ſchienen ſeine Bewerbungen um meine Huld gern zu ſehn, ich ſelbſt ver⸗ zoͤgerte, ach! muthwillig mein Gluͤck, indem ich meine Empfindungen, vor deren Gewalt und Tiefe ich erbebte, ihm zu verbergen be⸗ muͤht war, bis jeder Widerſtand unmoͤglich — 145— ſtreb⸗ wurde, bis das Geſtaͤndniß meiner Liebe mei⸗ zens, nen Lippen enfloh. 1 eine Mit Entſetzen ſah ich bald, welche Gefahr nden. der Aufſchub meines Geſtaͤndniſſes unſrer Lie⸗ wie be gebracht, denn ich erfuhr, daß nach langen Herz Jahren vergeblichen Wuͤnſchens und Sehnens ichen die neue Hoffnung auf einen Erben meine chien Aeltern begluͤckte. Gebar die Mutter einen t zu Sohn, ſo war ich, den Satzungen unſrer ver⸗ Familie gemaͤß, dem Kloſter unwiederruflich frech beſtimmt, um das Erbe meines Bruders nicht bald ſchmaͤlen zu duͤrfen. Ich wußte das, und aiſer blickte mit Bangigkeit und Schauder in die nheit Zukunft, und meine Thraͤnen floſſen, waͤh⸗ ich vend meine Aeltern ſich dem Taumel der freu⸗ was digſten Hoffnungen hingaben; mein Kummer Ge⸗ wuchs, als ich bemerkte, wie kalt und zuruͤck⸗ und weiſend meine Aeltern ſeit dieſem Zeitpunkt tten. Wilibald behandelten. Ich konnt' jetzt nur ver⸗ igen ſtolen im Garten von Herz zu Herzen mit ver⸗ ihm ſprechen, ſeine Liebe nicht minder feurig, dem als zart, trauerte uͤber die von mir ſo leicht walt eingegangne Heimlichkeit, und er vermied dieſe be⸗ Art von Begegnung mehr, als er ſie erſtrebte. glich Mit brennender Ungeduld ſucht er von meinen — Aeltern eine foͤrmliche Zuſage meiner Hand zu erlangen, doch ſie wichen ihm jedesmahl aus, ohne ihm gleichwohl alle Hoffnung zu benehmen. Ploͤtzlich traf ein vernichtender Schlag, wie Donnerſtrahl aus heitrer Luft unſre Herzen. Mein Vater ſtuͤrzte auf der Jagd vom Roſſe, mit zerſchmetterter Bruſt ward er in das Schloß getragen, er ſtarb, ohne ſeine Beſinnung wieder erlangt zu haben. Meine Mutter, die nun noch jugendliche Wittwe, verſchloß ihr Haus jedem Zu⸗ ſpruch und lebte in der ſtrengſten Abgeſchieden⸗ heit. Noch ſeltner ſah ich meinen Geliebten, er ſehnte ſich unausſprechlich nach meinem Anblick, doch er beſiegte den Wunſch mich zu ſehn durch die Strenge der Grundſaͤtze, die ihm gebot, mich zu meiden, bis er ſich frei den Meinigen nennen duͤrfe. eine Mutter ſprach immer nur von ihrer Ueberzeugung, daß das Kind, welches ihr zum Troſt ein Geſchenk der Vorſehung fuͤr ſie ſei, ſicher ein Sohn ſeyn wuͤrde, um den Stamm und Namen, der mit meinem Vater in die Gruft geſunken, wieder zu beleben. Sie pries das Gluͤck eines Herzens, das den Hafen vor dem Sturm faͤnde, und freiwillig den truͤgeriſchen Hand mahl g zu wie erzen. doſſe, chloß dieder noch Zu⸗ eden⸗ el blick, durch mich nnen von 3 ihr r ſie amm Bruft das dem ſchen Hoffnungen der Welt entſagte. Wie verweiſend blickte ſie auf mich hin, wenn ich, ordnend die Fuͤlle meiner langen, goldnen Locken vor dem Spiegel ſtand, und ſagte: Je ſchoͤner das Opfer geſchmuͤckt iſt, je mehr gefaͤllt es dem Herrn! Oefters auch ſagte ſie, daß die Blume der Schoͤn⸗ heit im Schacten des Kloſters am freudigſten dufte und bluͤhe, Dieſe Worte alle waren ver⸗ loren, ſie erbitterten mich mehr, als ſie mich uͤberzeugten, mein Herz hing an Wilibald und mein ganzes Seyn ſtrebte hinaus in die Welt. Sines Abends, als ich an Wilibald's Seite durch den Garten wandelte, wo eben die Roſen in voller Bluͤthe ſtanden, reichte mir mein Ey⸗ waͤhlter eine weiße Roſe, die, den duftenden Kelch mit Thau beperlt, im Mondlicht wunder⸗ ſam lieblich glaͤnzte. Dieſe Blume, ſprach Wili⸗ bald, iſt in meinem Lande ein Sinnbild reiner Mime, die uͤber den Himmel der Erde vergißt. 9, Lucenda, waͤrſt du nur erſt mit mir in mei⸗ nem ſchoͤnen, ernſten und kraftvollem Vaterlande! Das friſche Gruͤn, der Odem der Waldgebirge, die milde Sonne laht das Herz. Hier ſind die Gluthen perzehrend, die dort adohlthaͤtig das Mark der Erde durchdringen, und ſo auch iſt Erſter Theil. 10 — 146— Herz und Sinn der Deutſchen milder, ſtiller und inniger in Lieb’ und Leid. Glaube mir, meine Lueenda, du wirſt einſt noch verſtehen, was eines Deutſchen Herzens Liebe heißt! Zuͤrne nicht, Suͤ⸗ ße, ſprach er weiter, als er meinen Blick ſich truͤben ſah, ich fuͤhl es wohl, du biſt rein und herrlich, aber nicht immer verſtehſt du, wie ſo wahr und gluͤhend ſchoͤne Treue auch im Entſa⸗ gen ſich bewaͤhrt, und wie fuͤr einen edeln deut⸗ ſchen Juͤngling das hoͤchſte Gluͤck nur mit der hoͤchſten Klarheit und Strenge zuſammen beſtehn kann. Was uns falſch und hinterliſtig, das duͤnkt deinem Volk ergoͤtzlich, heiter und zweck⸗ maͤßig; die Begriffe von den Lebensverhaͤltniſſen ſind ganz verſchieden, und was wir Luͤge und ſtrafbare Heimlichkeit nennen, das duͤnkt euch nur Klugheit und Nothwendigkeit zu ſeyn. Mich truͤbte dies Geſpraͤch, und gedankenvoll behielt ich die weiße Roſe in meiner Hand. In der Nacht traͤumte mir, ich ſollte meine Mutter zu einem Feſte ſchmuͤcken. Sie wollte die ſchwar⸗ zen Locken mit Roſen durchwinden, eine Fuͤlle der ſchoͤnſten wurde dargebracht, doch, ſo wie ich ſie der Mutten Haupte nahte, wurden ſie ſchwarz. Ich ſuchte dieſen Unfall zu verhelen und nahm r und meine eines Suͤ⸗ k ſich und vie ſo Entſa⸗ deut⸗ it der eſtehn das weck⸗ niſſen und ) nur nvoll In eutter wwar⸗ e der h ſie warz. lahm einen Zweig nach dem andern aus dem Korbe, unter dem Vorwand einen ſchoͤnern zu waͤhlen, doch immer und immer waren es ſchwarze Ro⸗ ſen. Die Mutter, die vor einem hohen Spiegel ſaß, ſchien dieß erſt jetzt zu bemerken, und ſprach, ſchmerzlich laͤchelnd: nimm weiße Roſen, Lucen⸗ da, die werden ſchoͤn bleiben, denn das Reine bleibt rein. Da ergriff ich einen Zweig mit wei⸗ ßen Roſen, den ich um ihre Stirne wand, ſein Glanz blieb friſch und klar. Nun wollt' ich ihr das Halsgeſchmeide anlegen, ich waͤhlte das Pran⸗ gendſte von Allen, die ich fand, und wollte damit ihren Hals umwinden; nimm mir den Schmuck weg, rief ſie aus, er durchbrennt mir die Bruſt! Ich riß die Edelſteine fort, und hielt ſie gegen die Sonne, um zu ſehen, was ſie ſo verletzend mache, da blitzten die Strahlen verzehrend auf mich hin, ich mußte die Augen wegwenden, und da ich wieder hinzublicken wagte, waren die Steine zu todten farbloſen Maſſen verkohlt. Die Mutter wurd es gewahr und ſprach: nimm Perlen, die werden Perlen bleiben! Ich umwand ihr nun Hals und Bruſt mit Perlenſchnuren, und ſie ſprach: weißt du auch, daß der Schmerz die Perle erzeugt! Wie einfach und bedeutſam 10* — 148— biſt du zum Feſte geſchmuͤckt, Mutter, ſagt' ich, e Ent weiße Roſen werden auf die Gruͤfte gepflanzt, und Perlen bedenten Thraͤnen. Felix iſt nech mich einfacher geſchmuͤckt, ſagte die Mutter, ſeiner will Gruft bluͤhn dieſe weißen Roſen, und deine daß und meine Thraͤnen ſind die Perlen ſeines Tod⸗ fuͤhl tenſchmucks. Ich blickte dahin, wo ich die Augen erſti meiner Mutter ſich hinwenden ſah, und vor mir Kur lag ein blaſſes Kind mit geſchloſſenen Augen, gege weiß, wie die Roſen, die ſein goldnes Haar um⸗ der kraͤnzten. Siehſt du dies? ſprach die Mutter, diſch traure nun, doch verzage nicht!— Viele Roſen Not entblaͤttert der Sturm, doch eine weihe Roſe ſich bluͤht dem Himmel zu! will Am Morgen, als ich zur Mutter hinabgieng, ddͤch fand ich ſie mit heitren Blicken, ein laͤchelndes koͤn Kind an der Bruſt. Sie rief mir zu: Meine wen kuͤhnſten Wuͤnſche ſind erfuͤllt, ſieh hier, Lucenda, habe deinen Bruder, ich habe ihn Felix genannt! zen Bei dieſem Namen erblaßt ich, denn mein Herz, Wuͤ das ſchon, uneingedenk alles Uebrigen, dem ſuͤßen wuͤr Bruder freudig entgegen wallte, wurde ploͤtzlich Je bei dem Namen Felix, bei der Erinnerung an flam meinen Traum, wie von einem Büte durch⸗ Hexj zuckt. 1112 el. der ich, lanzt, noch ſeiner eine Tod⸗ lugen mir ugen, um⸗ zutter, Roſen Roſe gieng, eIndes Neine tenda, annt! Herz, ſuͤßen öͤtzlich g an durch⸗ Meine Mutter konnte die Urſache meines Entſetzens nicht ahnen. Sie glaubte, ich betruͤbe mich, weil ſie einen Sohn geboren, und mit Un⸗ willen rief ſie aus: das wußt' ich ſchon, Lucenda, daß deine thoͤrichte Leidenſchaft jedes edlere Ge⸗ fuͤhl und ſelbſt die Regungen der Natur in dir erſtickt! Statt Dank und Freude fuͤhlſt du nur Kummer, und ſchon gaͤhrt ein unnatuͤrlicher Haß gegen dies unſchuldige Kind in deiner, vom Gift der Leidenſchaft verzehrten Bruſt. O, wenn du dich ergeben koͤnnteſt! Oft muß der Menſch das Nothwendige, Unabaͤnderliche, das er Anfangs von ſich wieß, ſpaͤterhin ergreifen, und dann iſt ihm willkommen und ſuͤß, was ihm noch juͤngſt das hoͤchſte Ungluͤck ſchien!— Haͤtt ich es ahnen koͤnnen, wie wahr meine Mutter ſprach! Wie wenig Glauben wuͤrd' ich demjenigen beigemeſſen haben, der mir verſichert haͤtte, daß ich nach kur⸗ zen Stunden der Erlangung meiner hoͤchſten Wuͤnſche meinen Gemahl freiwillig verlaſſen wuͤrde, mich in dieſe Einſamkeit zu begraben? Je gewaltiger damals die Hinderniſſe, je hoͤher flammte die Liebe in meiner Bruſt, auch mein Herz war, wie durchbohrt von Sehnſuchtspfeilen⸗ der Gedanke an Gott war aus meiner Seele ge⸗ — 1 50—. wichen, und mein ganzes Seyn gehoͤrte der irdiſch lodernden Gluth, die mich verzehrte.— Bei den Vorwuͤrfen meiner Mutter verſtummt' ich, ver⸗ ſaͤumte die Stunde der Erlaͤuterung, wurde kalt von ihr entlaſſen und gieng, einen Sturm im Buſen, in mein Zimmer zuruͤck. Schon am Mittag wurd' ich j in ein Klaſter tief im Gebirg gebracht, ich fand Mittel, Wili⸗ bald einen Brief zu ſenden, um ihm meinen Aufenthalt zu nennen, und ihm zu ſagen, wie gebieteriſch, hart und kalt mich die Mutter aus dem Hauſe verbannte. Ich hatte ſchon Auswege gefunden, auch ſeine Briefe zu empfangen, doch an eine Flucht war nicht zu denken, die Aufſicht war ſtreng, und nur am Tage der Einſegnung ſtand eine Moͤglichkeit zum Entfliehen offen. Es ſtand mir frei, ein volles Jahr Novize zu ſeyn, es konnte ſich in dieſem Jahre vieles aͤndern, der Himmel konnte ſelbſt den Sinn meiner Mutter wenden, welche Wilibald's dringende Bitte, mich ihm ohne alle Ausſteuer zu gewaͤh⸗ ren, abgeſchlagen— doch mein ungeduldiges Herz wollte nichts von Aufſchub wiſſen, und der Ge⸗ danke:; am Tage der Einweihung dem verhaßten Zwang entfliehen zu koͤnnen, ihn wieder zu fin⸗ den, meid Bru kein inn mein de, i lang ſchw hatt mein ſchlo weitt nung den, faſſen gottv denſe Gott und koͤnn ausſe ange heim diſch den ver⸗ kalt im ſter, Wili⸗ einen wie aus wege doch fſicht nung Es ſeyn, dern, einer ende vaͤh⸗ Herz Ge⸗ ßten fin⸗ — 151— den, auf immer wieder zu ſinden, den ich jetzt meiden mußte— war entſcheidend fuͤr mich. Der Bruch eines abgezwungenen Schwur's ſchien mir kein Verbrechen, mein Herz war verſtockt, mein inn’res Auge verblendet, ich beſchleunigte durch mein Flehen den Tag der Ablegung der Geluͤb⸗ de, ich heuchelte Ergebung, und brennendes Ver⸗ langen der Welt zu entſagen; und zu dem erſten, ſchweren Verbrechen leicht das Zweite haͤufend, hatt' ich nicht ſobald erwogen, daß Wilibald in meinen Frevel nie einwilligen wuͤrde, als ich be⸗ ſchloß, ihm alles zu verſchweigen und ihn, ohne weitre Erklaͤrung, am Abend nach meiner Einſeg⸗ nung vor das Thor des Kloſters hin zu beſchei⸗ den, um alsdann mit ihm zu entfliehen. Ihr ſchaudert, Otto? Ihr koͤnnt es nicht faſſen, wie ein junges Herz ſo tief verderbt, ſo gottvergeſſen ſei? O, laßt die Schlange der Lei⸗ denſchaft nie euer Herz vergiften, laßt immer Gott und Tugend Euren erſten Gedanken ſeyn, und die blinden Wuͤnſche, die in Euch aufſteigen koͤnnten, dieſem nachſtehen! Ein Herz, das un⸗ ausſchließlich ſeinen Wuͤnſchen und Neigungen angehoͤrt und nicht ſein Gluͤck dem Limmel an⸗ heimſtellt, iſt verloren! Die Stunde der Einſegnung ſchlug, meine Lippen ſprachen den Eid, mein Haar ſank unter der Scheere, und der Schleier wurde uͤber mein Haupt gebreitet. Treuherzig und gluͤckwuͤnſchend umringten mich die frommen, heitern Schweſtern, die hier in Eintracht, Stille und Arbeitſamkeit ſo gluͤcklich und friedlich lebten, es gab unter ih⸗ nen einige himmliſch ſchöͤne Geſtalten, wie leuch⸗ tend vom innern Frieden, den die Welt nicht giebt— ich war blind fuͤr alles, was mich um⸗ gab, tanb fuͤr die innre Stimme, die mich war⸗ nend mahnte, nun zu bleiben, nun bereits der bindende Schwur ausgeſprochen— ich gieng bei Mondlicht aus dem Hauſe des Friedens, ich ſank in Wilibald's Arme, der meiner wartend an der Pforte ſtand— ich war am Ziel meiner Wüͤnſche, doch um welchen Preis! Es war mir als ſtaͤnde eine unſichtbare Scheidewand zwiſchen mir und den Geliebten, ich war unvermoͤgend, auf ſeine Fragen zu antworten, ja, zu ſprechen, und wie mahnend ſchaute mich das uralte Kloſtergebaͤude, ſo bedeutſam und herrlich im Vollmondlicht pran⸗ gend, angelehnt an das hohe Felsgebirg an! Ich ſchied voll truͤber Ahnung, voll heißer Wehmuth, doch ich ſchied! Zwei Meilen von dem Aſyl, das 36 ar neine unter mein chend ſtern, mkeit er ih⸗ leuch⸗ nicht um⸗ war⸗ s der g bei ſank n der iſche, taͤnde und ſeine wie aude, pran⸗ Ich auth, das eich verlaſſen, ſegnete ein Prieſter mich und Wili⸗ bald in einer Waldkapelle ein, damit nichts mehr uns trennen koͤnnte. Nach der Trauung nahm eine Meterei uns auf, wo wir ein niedliches Stuͤbchen, bereit zu unſerm Empfange fanden. Bald uͤbertaͤubte das Gluͤck, nun unzertrennlich von Wilibald zu ſeyn, jeden Ruf der beſſern inn⸗ nern Stimme, und dennoch verſtummte die War⸗ nende nicht ganz; ich verbarg mein Haupt an meines Gatten Bruſt und wuͤnſchte zu ſterben, nun er mein war. Ich hoffte der Allerbarmer wuͤrde der Liebe den hoͤchſten Frevel verzeihen, den ich um ſie begangen, wenn ich nun vor fei⸗ nem Angeſicht erſchiene. ei. Der Morgen kam und funkelte in voller Pracht uͤber die bethauten Matten, die Voͤg⸗ lein ſangen, Duͤfte zogen koſend durch die off⸗ nen Fenſter herein, Weſte ſpielten mit Bluͤ⸗ thenblaͤttern und ſtreuten ſie auf mein Lager hin. Wilibald zog in holder Täntelei das Tucch fort, das ich um meine Stirn gewunden— todesbleich rief er aus: Helfe mir Gott, Lucen⸗ de, wo iſt dein ſchoͤnes Haar geblieben? Bebend geſtand ich ihm Alles, und mit einem Schmerz, an den keine Vorſtellung reicht, las ich waͤh⸗ rend des Geſtaͤndniſſes mein Urtheil in ſeinen Blicken. Er ſagte nichts, doch ich ſah' es wohl, Verzweiflung wuͤthete in ſeiner Bruſt. Er klagte ſich als die Urſache meines Eidbruchs an; was mir ſeine Lippen verſchwiegen, das erfuhr ich durch beredte Seufzer, die ihm ent⸗ ſchluͤpften. Ich konnte ſeinen ſtummen Schmerz nicht tragen, ich entfloh am naͤchſten Tage, er war in dumpſes Hinbruͤten verſunken, willen⸗ los und unbekuͤmmert um alles, was geſchah. Ich eilte, meine Mutter aufzuſuchen, um zu ihren Fuͤſſen zu ſterben. Ich gelangte bis zu ihr hin. Ich fand ſie, die noch um meine Flucht nicht wußte, in Thraͤnen aufgeloͤst— bei Felix Leiche— Sie empfieng mich milder, als ich erwartet, ſeufzend und jammernd hoͤrte ſie das Geſtaͤndniß meines Frevels, und theil⸗ nehmend die Ausbruͤche meiner Reue an. Du ſiehſt, ſprach ſie, ſchmerzlich laͤchelnd, ganz ſo, wie ich ſie im Traum geſehn— wie hinfaͤllig der Grund iſt, worauf Menſchen ihr Gluͤck bauen! Auch ich habe gegen dich gefehlt, auch mir wird Gott vergeben! 3 Ich blieb bei meiner armen Mutter bis zu ihrem nahen Ende— ſie ſah mich noch me bis meines Kindes geneſen, und ſie ſelbſt nannt es Roſalba, in Erinnerung meines Traum's, deſſen Bedeutung nun uns Beiden aufgieng. Nach ihrem Tode beſchloß ich, mein Leben der ſtreng⸗ ſten Buße zu weihen. Ich begleitete Roſalba und ihre Waͤrterin nach Deutſchland, und ſandte ſie ihrem Vater, denn das Gluͤck dieſes himm⸗ liſchen Kindes Mutter zu ſeyn, ſie ſo hold zu ſehn, und in ihrem Laͤcheln eine unnennbare Seligkeit zu genießen, war zu groß fuͤr eine Verbrecherin, fuͤr eine Meineidige, welche der Liebe, der Kirche und dem Himmel gelogen— mein Herz brach, ſo glaubt' ich, als ich von meinem Kinde ſchied. Ich blieb in Deutſch⸗ land, um in der Naͤhe der Einzigen, durch welche ich noch an das Leben geknuͤpft war, meine einſamen Tage zu vertrauern. Wilibald hielt mich fuͤr todt, noch jetzt weiß Noſalba nicht, ob ich lebe? So war ich denn heimathlos, durch kein einziges Liebesband gebunden, in dem Lande, wo ich an des Gemahls Seite ſo gluͤcklich zu le⸗ ben einſt getraͤumt, und der Schmerz um das verlorne Gluͤck wurde durch die Ueberzeugung, daß ich mich ſelbſt durch mein ungeduldiges — 156— Herz, durch meinen Mangel an kindlicher Er⸗ gebung in Gottes Willen um mein Lebensgluͤck betrogen, zur furchtbarſten Qual erhoͤht. Was ich gelitten iſt nicht auszuſprechen, doch dies Alles mußte ſeyn, wenn mein Herz von Irr⸗ thum und Suͤnde geneſen ſollte! Laut rief mein Leid mit tauſend Zungen in meiner Bruſt, der Uaninloſchen Vater ſache ſiun wertpunes Kind. Jch wͤhlte zum weineweulrdem Aufenthalt das Kloſter auf der Waldeshoͤhe bei Bingen, das mich durch die Anmuth und Herrlichkeit ſeiner Lage anzog. Ich entdeckte der Aebtiſſin mein ganzes Leid, meine Reue und meinen Entſchluß, das Liebſte mir auf Erden Wilibald und Roſalba ſtreng zu meiden, um den Him⸗ mel durch freiwilliges Entſagen mit dem Rau⸗ be, den ich begangen, zu verſoͤhnen. Die edle Frau war tief von meinem Kummer ergriffen, ſie lobte meinen Vorſatz, und ihre zarte Sor⸗ ge um mich gab mir die erſte wohlthuende Empfindung meines Lebens wieder. Sie ver⸗ ſchwieg es mir ſorgfältig, daß ſich meine Ro⸗ ſalba im Kloſter befand, wohin ſie Wilibald zur Erziehung gegeben. Sie vermied ſie zu na Er⸗ luͤck Was dies Irr⸗ rief ruſt, rnes thalt gen, hkeit iſſin inen bald dim⸗ Kau⸗ edle ffen, Bor⸗ ende ver⸗ Ro⸗ bald zu nennen, wenn ſie um uns war, und ſah es gern, daß ſich das Kind, deſſen unverkennbare Aehnlichkeit mit mir, auch mir nicht entgieng, ſo gern um mich war, und mein in der Krank⸗ heit pflegte, die mich uͤberfiel und dem Grabe nahe brachte. Das ſchlanke Engelsbild ſchweb⸗ te, mit ihren goldnen, fliegenden Locken, mit den himmliſch leuchtenden, blauen Augen und dem roſigen Antlitz, unausſprechlich hold und lieblich im Zimmer auf und nieder, und ſchien nur durch huͤlfreiche Sorge der Erde anzugehoͤren. Als ich zufaͤllig ihren Namen erfuhr, da wußt' ich es, ſie war mein. Ich war geneſen, und mit Thraͤnen, deren Bitter⸗ keit ſich nichts vergleichen laͤßt, ſchied ich von der edlen Aebtiſſin, von meiner wiedergefund⸗ nen Roſalba, vom Leben meines Lebens! Ich uͤbergab der Aebtiſſin einen eiſernen Ring, dem der gottſeligen Hildegard gleich, um ihn dereinſt meiner Tochter mit meinem Segen zu uͤbergeben. Ich ſelbſt trage einen Aehnlichen, und ſuche deß wuͤrdig zu werden, daß ich ſa⸗ gen darf: ich leide gern! Nach langem Umherirren und Suchen, nach einem Plaͤtzchen, wo ich mich heimiſch fuͤhlte, blieb ich in dieſem Felſenthale, das ſonnig und vor dem Nord geheegt, einſam und doch von menſchlicher Huͤlfe nicht fern, mich zugleich an die Stelle erinnert, wo das Kloſter ſtand, das ich verlaſſen. Hier iſt mir wohl geworden. Blumen, Gebuͤſche, Quell und Wald umgeben mich, wie laͤngſt vertraute Freunde, und ſagen mir von Gottes Huld und unendlicher Liebe, Die Stimmen, die ehemals mein Herz verlockend in die Welt rie⸗ fen, ſind verſtummt, und wie die Biene be⸗ darf ich nun noch einer Huͤtte und Blumen. In weiſen Buͤchern und auf den mit tauſend⸗ faͤltigen Kraͤutern geſchmuͤckten Fluren erkunde ich die ſuͤßen Wunder der Natur, und ſo wie ein neuer Strahl des Lichts in meine Seele dringt, moͤcht ich in Innbrunſt und Wonne vergehn, denn ich fuͤhle Gottes Herz in allen Pulſen der Natur, fuͤhle wie die ewige Liebe auch mich umfaͤngt, und an ihr Herz denonn⸗ men, wo der Friede wohnt. 12 Lucenda ſchwieg. Otto erzaͤhlte ihr nun, was er von Roſalba's Erbleichen und Tvauern ſeit dem Vorgang an dem Sterbebett der Aeb⸗ tiſſin erfahren, und beiden wurd' es nun klar, das daß die Sterbende ihr bei der Uebergabe des Ringes das ganze Geheimniß gelöſet haben muͤſſe, und daß Roſalba ſich, augenſcheinlich, entſchloſſen habe, fuͤr die Schuld der Mutter freiwillig Buße zu thun. Otto flehte nun Lu⸗ cenden an, ihrer trauernden Tochter nicht laͤn⸗ ger die Mutter zu entziehn, und eine Buße, die ſo lange Jahre hindurch ſo ſtandhaft geuͤbt worden, durch dieſe Ungewißheit uͤber ihr Ge⸗ ſchick nicht die ganze Lebenszeit Roſalba's hin⸗ aus zu verlaͤngern, Lucenda ſchwankte, doch ſie wollte ſich durch kein Verſprechen binden, und in einſamer Selbſtpruͤfung zu erforſchen ſuchen, ob ſie ſchon wuͤrdig ſei, dieſem hiliſan Weſen a als Mutter zu nahen. Der Abend war indeß herangekommen, der ſtille Mond goß noch ſuͤßern Frieden uͤber die Einſiedelei, und Okto mußte nun Abſchied nehmen, um Graf Wilibald nicht uͤber ſein Außenbleiben beſorgt zu machen, denn ſchon konnte dieſer zuruͤck ſeyn. Er gelobte Lucenda ſtrenges Schweigen uͤber ihre Begegnung an, und ſchied, von ihren liebevollſten Segenswaͤn ſchen begleitet. 160— Die ſuͤßeſten Traͤume umgaukelten Otto’s Pfad bis zu Graf Wilibald's Burg. Wie be⸗ ſeligte ihn der Gedanke, daß Roſalba ihn lie⸗ be, wie groß ſtand ſie, wie goͤttlich verklaͤrt vor ſeinem Blick, und wie klar war ihm nun alles geworden, was ſie dachte, fuͤhlt' und that! Mond und Sterne waren ihm ihrer Liebe Gruͤſſe, Liebe iſt Unzertrennlichkeit, ewige Gegenwart der Geliebten, deren der Liebende ſich ſtets bewußt iſt. Otto war an dieſem Abend zu Muth, als ſei das Leben weit hin⸗ ter ihm verſunken, als beginne ein neues Da⸗ ſeyn in einer ſchoͤnern Region fuͤr ihn. Er fuͤhlte ſich gehoben, geſtaͤrkt, beſeligt und ge— waffnet gegen jedes Lebensweh. Als Otto die Burg erreicht, und bei Voll⸗ mondſchein den gewundenen Felsweg hinauf ritt, das ſtille Thal betrachtend, das hellbe⸗ glaͤnzt, vom ſilbernen Strom durchwunden, zu ſeinen Fuͤßen lag, gewahrte er bei der Zugbruͤcke eine wunderſam hohe, traftvolle Ge⸗ ſtalt, in weißem Mantel und Barett, die acht⸗ ſam und ungeduldig nach allen Richtungen in die Ferne hinausblickte. Otto fuͤhlte ſein Herz von freudiger Ahnung wunderſam bewegt, und balt zog ihn kelt rode ſchuͤ des fuhr ſtiche Reve Rad 2 Ja, gedal auch Gefaͤ nen Bald wegg doch eilen erhal Erſt bald ſo erkannte er Heinz aus Hardeſſen, Her⸗ zog Erichs rieſigen, vielgetreuen Knappen, der ihn mit den hellblauen, großen Augen anfun⸗ kelte, wie eine wehende Liebesflamme. Gott willkommen, mein edler Kerſtlinge⸗ roder, rief das treue Blut Otto entgegen, und ſchuͤttelte mit der ungeheuren Fauſt treuherzig des Ritters Rechte. Es geht nun zum Kaiſer, fuhr er fort, erſt haben wir ihm mit Lanzen⸗ ſtichen aufgewartet, nun werden wir ihm Reverenz bezeigen, ſo dreht ſich Foörtunens Rad! Alſo iſt wirklich der Herzog frei? rief Otto. Ja, Gottlob, entgegnete Heinz. Es hat lange gedauert! Er iſt aber nicht blos frei, ſondern auch treu, denn er hat mich, ſo wie er das Gefaͤngniß verließ, ſelbſt abgeſchickt, ihm ſei⸗ nen verſchollenen Otto aufzuſuchen, und auf das Baldigſte zuruͤck zu bringen. Ihr ſeid ja wie weggezaubert geweſen! Ja wohl, rief Otto, doch nun will ich recht freudig zum Herzog eilen, denn erſt ſeit Kurzem hab' ich Kunde erhalten, ich war ſchon frei gegeben, und im Erſter Theil. 11 Begriff nach Braunſchweig zu gehn. Nur Graf Wilibald's Wiederkehr muß ich noch abwarten, und ihm Dank und Abſchied ſagen. Graf Wilibald, fiel Heinz ein, ſchickt mich zu Euchwer iſt bei ſeiner Tochter zuruͤckgeblie⸗ ben und entbietet Euch ſeinen freundlichſten Gruß. Von Herzog Erich aber hab' ich einen Brief an Euch. Komm' in die Burg, rief Otto! wir wollen den Herzog hoch leben laſſen, ich trinke Dir zu! Habt Ihr den Heinz ſo ganz vergeſſen, rief dieſer, daß Ihr wißt, er trinkt nimmer Wein? Dazu bin ich ein zu guter Weſtphaͤlinger! Ich ſage immer, wir Menſchen ſind ſo gut, wie andre. Stauden auch, und ſollen nur den Saft unſers Bodens trinken. Ich lobe mir die goldne Gerſte! Sie hat Stacheln, die Weinbeeren aber ſind rund, darum macht auch der Wein glattzuͤngig, und das Bier waffnet das Herz! So komm’ hin⸗ ein und laß Dir das Bier ſchmecken, laͤchelte Otto, am Rhein, am Neckar und am Mayn, an der Moſel, Samber und Maas wachſen nicht nur Bachus purpurne Trauben, Frau Ceres auch iſt dageweſen, und hat Gerſte hin⸗ geſaͤet. Topp, rief Heinz, das hat ſie gut Nur noch igen. mich blie⸗ hſten einen rief aſſen, z ſo t, er n zu wir auden odens Sie rund, und hin⸗ chelte Nayn, achſen Frau 2 hin⸗ e gut gemacht, wenn ſie ſchon eine blinde Heidin iſt! Aber ich bitt' Euch, Ritter, laßt mich nach dem Imbiß wieder hinaus in den kuͤhlen Monden⸗ ſchein, in die helle, friſche Nacht! Kannſt Du noch immer Nacht's nicht ſchlafen? fragte Otto. Noch immer nicht, denn ich bin noch am Le⸗ ben, entgegnete Heinz. Wer wollte in der Nacht ſchlafen? da werden ja die herrlichſten Gottes⸗ wunder leuchtend und offenbar! Am traͤgen Mittag geht es noch eher an, verſteht ſich, nicht zu lange, denn der Schlaf iſt ein Dieb⸗ ſtahl am Leben! Läͤchelnd fuͤhrte Otto den wunderlichen Heinz in die Burg, wo er auf dem runden Steintiſch im Ritterſaal Herzog Erich'’s Brief, und von Graf Wilibald einige koſtbare Waffenſtuͤcke fand. Eine weiße Roſe, von Raſalba's Hand aus zartem Stoff gebildet, war den Geſchenken beigeſellt. Von beiden waren Heinz die herz⸗ lichſten Gruͤſſe an Otto aufgetragen, Herzog Erich's Brief enthielt feurige Worte der Er⸗ munterung und der Liebe. Tief bewegt von Wonne und Wehmuth, angeregt von Heinz, der da meinte, es ſei viel beſſer im hellen 11* — 164— Mondenſchein weiter zu reiten, als daß Otto ungeduldig auf weichem Polſter in wachen Traͤu⸗ men liege, er hingegen in das fremde Land hineinſtarre, entſchloß ſich der Ritter zur ſchlen⸗ nigen Abreiſe, und verließ alsbald die Stelle, wo er ſo Wunderbares erfahren. Vor den Thoren der herrlichen, alten Stadt Braunſchweig bewillkommten den freudig uͤber⸗ raſchten Otto mehrere Ritter, die gleichfalls eben erſt aus langer Gefangenſchaft heimgekehrt waren. Aus ihren Blicken leuchtete neues Le⸗ ben in Otto's Bruſt. Wie ſchoͤn iſt's doch, da⸗ heim ſeyn! rief Heinz aus, ein Deutſcher in fremdem Land iſt, wie ein Fiſch auf dem Sand! Du kommſt im Augenblick recht zur Abrei⸗ ſe, ſagte Melchior Knigge zu Otto, es geht zur Stunde nach dem Rhein. Nach dem Rhein? rief er hochgluͤhend. Ja, nach dem ſchoͤnen, heiligen Rhein, fiel Gerhardt von Hardenberg ein, da koͤnnt es auch einem Braunſchweiger zu leben gefallen, denn wo der Rhein iſt, da iſt der Deutſche daheim! Und warum gehn wir hin? fragte Otto. Wir muͤſſen zum Reichs⸗ Otto raͤu⸗ Land hlen⸗ telle, Stadt uͤber⸗ falls kehrt 3 Le⸗ , da⸗ er in dand! Abrei⸗ geht hein? oͤnen, nberg veiger t, da n wir teichs⸗ tag, nach Worms, zum Kaiſer, erwiederte Melchior Knigge. Biſchoff Johann iſt auch da⸗ hin beſchieden; da wird Recht geſprochen wer⸗ den. Wenn es nur nicht wieder ſo geht, fiel Ernſt Hake ein, wie ſchon oft auf Reichstagen, wo ſtatt Recht geſprochen, nur recht geſpro⸗ chen wird! Carolus Quintus giebt nicht viel auf ſchoͤne Worte, rief Hanns vom Hardenberge, und un⸗ ſer Herzog hat einen großen Stein bei ihm im Brete, denn als er im Gefaͤngniß war und erfuhr: Carl von Geldern ſei zum Kaiſer er⸗ waͤhlt, rief er froͤhlich aus: Iſt Carl von Gel⸗ dern zum Kaiſer erkohren, ſo hat Braunſchweig mehr gewonnen, als verloren! Und der Kai⸗ ſer hat es wieder erfahren. Auch weiß er, daß Biſchoff Johann, da der Kaiſer ihm mit Acht und Ueberacht drohte, wenn er nicht Frieden hielte, ausrief: Was Acht und aber Acht, zweimahl Acht ſind ſechszehn! Und wenn der Biſchoff etwas Schlimmeres geſagt haͤtte, rief Ludwig von Reden aus, es wuͤrde ihm hingehn, wie dem Reinecke Fuchs! — 166— der Boͤſe weiß, wenn er klug iſt, wie weit er zu gehn hat, und ſpricht nur in kecker doch ſichrer Zuverſicht dergleichen aus, was dem Bie⸗ dermann Schaden brachte! Unter ſolchen Geſpraͤchen gelangten die Ritter nach dem Schloſſe hin, wo bereits eine Menge von Reiſigen und Knappen, die Abreiſe des Herzogs betreibend, geſchaͤftig war. Eben wollte Erich ſeinen Falben beſteigen, als er Otto erblickte. Er bewillkommte ihn auf das Freudigſte und rief ihm zu: Ich reite noch Eins ſo gern, nun mein Otto dabei iſt. Seht Ihr, Ritter, fluͤſterte Heinz ihm zu, daß man nicht ſchlafen ſoll? Wie waͤr's, wenn wir die herr⸗ liche Reiſe verſchlafen haͤtten? Unterwegens durfte Otto an der Seite ſei⸗ nes vielgeliebten Herrn reiten, auf ſein Be⸗ fragen erzaͤhlte er ihm viel von ſeiner Gefangen⸗ ſchaft: ſo behutſam er auch mit dem Geheimniß ſeines ſuͤßen Bundes mit Roſalba umgieng, leuchtete doch die Liebe aus allen ſeinen Wor⸗ ten hervor, und der ſo feinſinnige als edle Erich durchſchaure des Juͤngling's Herz. Er theilte eit er doch Bie⸗ die 3 eine breiſe Eben ls er f das Eins Ihr, nicht herr⸗ te ſei⸗ Be⸗ ungen⸗ imniß gieng, Wor⸗ Erich theilte Otto auch die uͤberſtandnen Leiden mit, und ſagte: Freude iſt doch nie ſuͤßer, als nach Schmerz. Als der ritterliche Zug endlich nur noch eine halbe Stunde bis Worms hatte, ließ der Herzog in einem Gaſthof anhalten, um nicht unerfriſcht in die Stadt einzuziehn. Am Fen⸗ ſter ſtehend, blickte er mit Neugier und Luſt auf das bunte Gewuͤhl der Ankommenden hin⸗ unter, die aus allen deutſchen Landen, wie auch aus Spanien und Italien kamen, den Kaiſer zu ſehn. Alles war neu beſeelt von Er⸗ wartung und Hoffnung; Alles bedacht ſich dem Herrſcher mit Glanz und Wuͤrde zu nahen. Seht nur das Funkeln der Ruͤſtungen und Waf⸗ fen, die Pracht der Helmdecken, die Schoͤn⸗ heit der Waffen, und dieſe hohen Juͤnglinge alle, ſagt' Erich zu Otto, als eben eine friſche Schaar deutſcher Ritter vorbeizog. Wie bluͤhend und gluͤhend, fuhr er fort zu ſprechen, rinnt das deutſche Blut durch die Adern der Helden, es waͤre doch ein Jammer, die Erde damit zu traͤnken. Gott ſchenk' uns Frieden! Indem trat ein Geiſtlicher in den Saal, deſſen kraftvolle Geſtalt und treuherzig klarer „ und feuriger Blick Erich auffiel. Das iſt Mar⸗ tin Luther, fluͤſterte Hanns von Warnigerode dem Herzog zu, der vom Kaiſer nach Worms beſchieden iſt. Man haͤlt ihn nicht fuͤr einen Freund ſolcher Hirten wie Fuͤrſtbiſchoff Johann, welche die Schaafe zerreißen, die ſie huͤten ſoll⸗ ten. Den muß ich naͤher kennen lernen, ſprach der Herzog, waͤr's auch nur ſeiner deutſchen, gar herzigen Lieder wegen! Ich bin ihm nicht ſo hold, ermuthigte Heinz ſich zu ſagen, denn er fuͤhrt den Spruch: Wer nicht liebt Wein, Weiber und Geſang Der bleibt ein Narr ſein Lebelang— und den Wein mag ich nicht, die Weiber noch minder, der Geſang mag noch hingehn, man bleibt nuͤchtern dabei! Erich achtete nicht auf des Knappen Schwank, ergriff einen Krug Einbeckiſch Bier, das hellſcheinend in einer ſil⸗ bernen Kanne perlte, trank ihm zu, und rief, ihm die Kanne reichend: Getroſt Herr Doctor! wir muͤſſen Beide heut vor einen Richter! Dr. Luther blickte mit leuchtenden Augen auf den hohen Braunſchweiger Helden, der ſo freu⸗ dig und ungebeugt nach ſo ſchweren Pruͤfungen 1 Mar⸗ Lrode orms einen dann, ſoll⸗ prach ſchen, nicht denn noch man t auf Krug r ſil⸗ rief, ctor! hter! auf freu⸗ ngen v— 169— vor ihm ſtand. Er ſprach nicht, that ehrerbie⸗ tig Beſcheid und wandte ſich mit naſſen Augen abwarts, indem er die Kanne hinſetzte, Erich hatte ihn wohl verſtanden, auch er war unver⸗ moͤgend zu ſprechen, und entließ ihn mit ei⸗ nem Haͤndedruck, worauf Luther den Saal ver⸗ ließ. Auf dem Reichstag draͤngten ſich ſo viel Er⸗ eigniſſe, daß wegen Herzog Erich nichts entſchie⸗ den wurde. An Biſchoff Johann's Liſt und kuͤhler Beſonnenheit ſcheiterte Erich's ge⸗ rader und feuriger Sinn, und ſeine Gewand⸗ heit beſiegte des edlen Gegners offne und un⸗ geheuchelte Angriffe. Carl der Fuͤnfte, beſchwich⸗ tigt durch des Biſchoff's Raͤnke, erwaͤgend, daß es nicht rathſam ſei ihn aufzubringen, begnuͤg⸗ te ſich, beiden Theilen Frieden zu gebieten, und ermahnte den Biſchoff, ihm die Gefangnen, Prinz Wilhelm von Braunſchweig und die edlen Ritter alle frei und ehrenvoll zu ſenden. Mit geſunkenem Herzen gieng Erich von Worms, dahin er getroſten Muthes gezogen war, das volle Bewußtſeyn ſeines guten Rechts war unguͤltig geweſen vor des kaiſerlichen Richters — 170— Throne. Sein edles Weib empfieng ihn mit unendlicher Liebe, und ihre Troͤſtungen fanden Eingang in ſeiner Bruſt. Beruhigt Euch, ſagte ſie zu ihm, und goͤnnt dem Elenden den Raum zur Beſſerung, den die Gnade des Kaiſers ihm gewiß nur durch Zulaſſung der Gnade des hoͤch⸗ ſten Gottes vergoͤnnt. Wendet er die Friſt zu ſeinem Heil an, wohl! ſo wird er bald bedacht ſeyn Euch zu verſoͤhnen, wo nicht, ſo wird er ſelbſt ſich ſeinen Fall bereiten, denn der Boͤſe hat keine Ruh. Folgt nur dem innern Licht, das weicht und wanket nicht! Catharina hatte richtig vorhergeſagt. Der Biſchoff, trotzend auf die gluͤckliche Wendung ſeiner Sache, war dem Kaiſer ungehorſam, gab die Gefangenen nicht heraus, und benutzte die ihm vergoͤnnte Friſt, ſeinen Anhang zu vergroͤ⸗ ßern, ſeine Laͤndereien zu befeſtigen, und durch Ueberfall, Pluͤnderung und Mord Braun⸗ ſchweig's Gebiet in Noth und Schrecken zu ſetzen. Gegen Mahnungen, die ihm der Kaiſer zuſandte, an den ſich Erich, der den Frieden nicht eigenmaͤchtig brechen wollte, klagend wand⸗ te, half er ſich mit den frechſten und abgefeim⸗ th — 171— mikt teſten Luͤgen, alle Schuld von ſich ab, auf ſei⸗ anden nen Anklaͤger waͤlzend. Gleichwohl konnte die ſagte Verblendung, durch die ſeine Frevel beguͤnſtigt Kaum wurden, nicht immer dauern, der Kaiſer ſah zuletzt ihm klar in das hoͤlliſche Gewebe, und in gerechtem hoͤch⸗ Unwillen gab er dem Herzog Befehl ſich zu ruͤ⸗ iſt zu ſten, und die Acht an dem Biſchoff zu voll— dacht ziehen. Wie ein himmliſcher Funken ſiel dies rd er Wort in die Bruſt der nach Rache und Be⸗ Boͤſe freiung ſchmachtenden Braunſchweiger; Buͤrger, Licht, V Landmann, Edle, alles ſtand auf ein Herz und ein Geiſt! Selbſt Knaͤͤben griffen zu den Waf⸗ fen, der Sieg war dem Volke gewiß, ſo wie es Der nur hieß, es gienge zum Kampf. Schlag auf dung Schlag gieng das Bundesheen von Sieg zu gab Siege; der Hundsruͤck wurde mit Sturm er⸗ e die obert, es ergaben ſich nach kurzem Widerſtand rgroͤ⸗ die Beſatzungen der ſtolzen Veſten, Bodenwer⸗ durch der, Loͤwenſtein, Schloß Winzenburg, auch Pop⸗ aun⸗ penburg und Steinburg, die herrlichſten der n zu feindlichen Burgen. aiſer ieden Der Biſchoff fuͤhlte die laſtende Hand der Hand⸗ V Vergelterin, ſo feige im Ungluͤck, wie uͤbermuͤ⸗ feime⸗ thig im Gluͤck entfloh er, alle ſeine Anhaͤnger — 172— ergaben ſich auf Gnade und Ungnade dem hohen Erich, und uͤberreichten ihm die Schluͤſſel der uͤbrigen Burgveſten ſeines ruchloſen Feindes. Erich war nur bedacht zu verzeihen, den Sieg der guten Sache durch Milde zu verherrlichen. Er hatte ſeinen Bruder, ſein Land, ſeine Ehre wieder, wie haͤtt' er noch haſſen und verfolgen koͤnnen? Der Kaiſer ſetzte ſeinen weiſen und from⸗ men Lehrer, Adrian, zum Biſchoff von Hildes⸗ heim ein, und die freudenreichſten Tage giengen fuͤr Braunſchweig auf. Noch in manchem Kampf hatte Otto den Namen ſeiner Vaͤter verherrlicht; Freund und Feind liebten den edlen Juͤngling, der Herzog hielt ihn hoch in Ehren. Nun ſchwiegen die Stuͤrme des Krieges, Braunſchweig bedurfte des Beiſtandes ſeiner Soͤhne nicht mehr, und lauter ſprach in Otto's Bruſt die Stimme des Sehnens, das ihn zu Roſalba rief. Herzog Erich entgieng das traͤumeriſche Weſen des Juͤnglings nicht, er ſelbſt ſendete ihn ab nach dem Rhein, dem Grafen zu Naſſau eine Bot⸗ dohen l der ides. Sieg chen. Ehre olgen rom⸗ ldes⸗ ngen den und rzog die erfte und des rzog des nach Bot⸗ — 173— ſchaft zu bringen. Gruͤßt Graf Wilibald von mir! rief er ihm beim Abſchied zu, und bringt uns etwas Schoͤnes vom Rheine heim! Wie auf Fluͤgeln eilte Otto nach Roſalba's Wohnplatz. Alle Stellen, wo er mit Ihr ver⸗ weilt, riefen ihn, wie mit tauſend ſuͤßen Stim⸗ men, Fluthen und Waldung glaͤnzten, wie vom Gluͤck jener Stunden verherrlicht. Nie begruͤß⸗ te wohl ein liebend Herz ſo wonnefreudig den Rheinſtrom, wie Otto an dieſem Tage! Stillherrlich, wie ſonſt leuchtete ihm ſcholt aus der Ferne Wilibald 6 Burg im Abendſchein, der alle Fenſter verguͤldete, und den uralten Bau mit Roſen beſtreute, entgegen. So wie die Anmuth der herrlichen Natur maͤchtiger in des Juͤnglings Seele drang, wichen die letzten truͤben Schatten, und ſein ganzes Seyn gehoͤrte der himmliſchen Erinnerung, der ſuͤßen Hoffnung, der unendlichen Liebe. Nicht durch das Epheu umrankte, von ſpaͤt⸗ aͤmſigen Bienen umſchwaͤrmte Burgthor, auf deſſen Zacken weiße Taͤubchen ruhten, vom Abendroth beglaͤnzt, nahm Otto ſeinen Weg, er kannte den ſchmalen Pfad, der durch die Waldung in den Burggarten fuͤhrte, und ließ — 174— ſein ſchoͤnes weißes Roß mit um den Hals ge⸗ worfnen Zuͤgel hinter ſich hergehn. Er fand die holde Stelle wieder, wo er ſo oft mit Roſalba verweilt, und ihr ſanfte Lieder geſungen. Dieſe Erinnerung mußte ihre Feier haben, Otto nahm ſeine Laute und ſang aus voller Seele: Sind es die Luͤfte noch, Sind es die Duͤfte noch, Seliger Zeit? M Bluͤhſt du nach Schmerz und Pein Wieder im Herzen mein, Suͤßeſtes Leid? Hoffen, wie lebit du neu, Liebe, wie webſt du treu Bilder der Luſt? Glauben, wie wankſt du nicht, Herz, wie erbangſt du nicht In meiner Bruſt? Iſt Alles wieder da? Liebſtes und Lieder nah, Wie je ſo traut? Ja, laß die Sorgen ruhn, Nacht wird zum Morgen nun Mein Blick ſie ſchaut! nicht ſtehe die Wie Lipp der Ich ſie ſchie wied ich meit meit lieb Har pfad Bu ewig terl Sol zuͤck mut woll Und noch war die letzte Silbe des Liedes nicht ſeinen Lippen entbebt, als er ſie vor ſich ſtehen ſah, in ihrer ganzen Huld, immer noch die weiße Roſe, doch wie himmliſcher Morgens Wiederſchein daͤmmert' es ahnungsvoll roſig auf Lippen und Wangen. Mit einem Laͤcheln, wie der Mai ſo hold, reichte ſie ihm die zarte Hand. Ich habe meine Mutter wieder! ſagte Roſalba, ſie hatte mich nach Eurer Abreiſe zu ſich be⸗ ſchieden, um mich zu ſegnen, ſie wollte mich wieder entlaſſen und einſam zuruͤckbleiben, aber ich bat ſo innig, bis ſie mit mir gieng, und mein ganzes Leben iſt erquickt. Kommt nun zu meinen Aeltern, mein theurer Freund, mein ge⸗ liebter Bruder! Otto war ſtumm vor Entzuͤcken, Hand in Hand giengen nun Beide den duftigen Wald⸗ pfad hinauf durch den bluͤhenden Garten in die Burg. So ſchweben zwei Selige durch Edens ewige Bluͤthen. Lucenda hieß den Ritter muͤt⸗ terlich zaͤrtlich willkommen, Wilibald nannt' ihn Sohn, und druͤckt' ihn mit jugendlichem Ent⸗ zuͤcken an die Bruſt. Es begann nun ein an⸗ muthiger Austauſch der Mittheilungen, jeder wollte dem andern ſein ganzes Herz ſagen. 7 6 — 176— Unzertrennlich waren nun die Liebenden. Roſalba hielt den Eid, den ſie als Kind geſchwo⸗ ren, fuͤr ihre Mutter, durch ein kloͤſterlich ſtren⸗ ges, dem Gebet, der Arbeit und der Entſagung weltlicher Bande und Frenden geweihtes Leben zu buͤßen, und Wilibald wagte nicht mehr, die⸗ ſen Enrſchluß zu bekaͤmpfen. Otto's Liebe war zu rein, zu ſchoͤn, um dieſer Pruͤfung zu wei⸗ chen, er fand in Roſalba's ſchweſterlicher Zaͤrt⸗ lichkeit ein ſeliges, ungetruͤbtes Gluͤck. Otto ſtarb, der Letzte ſeines Stammes, in derſelben Stunde, wo die Hand des Todes ſeine weiße Roſe in den himmliſchen Garten ver⸗ pflanzte, und lange Zeit hindurch blieb Otto's und Roſalba's Name am Rhein ein ſuͤßes An⸗ gedenken in Lieb und Leid. nden. chwo⸗ ſtren⸗ gung Leben die⸗ war wei⸗ Zaͤrte „ in ſeine ver⸗ tto's An⸗ Bildes⸗Zauber. Novelle. Erſter Theit. gro auf gen Ge rer ß en len zuͤck rem Bildes⸗Zauber. Luiſe von Wallersheim, ein liebliches Kind der Natur, lebte in freier Unbefangenheit des jugend⸗ lichen Seyns im Hauſe ihrer Schweſter, der Graͤ⸗ fin Roſalie vom Thal, dem glaͤnzendſten in der großen Reſidenz. Wie das Veilchen neben der Roſe ſchuͤchtern aufblickt, ſo erſchien Luiſe neben der hohen, pran⸗ genden Schweſter, die ſchoͤn und reizend, voller Geiſt und Talente, den Schwarm der Bewunde⸗ rer um ihren Fluͤgel her verſammelte, die gro⸗ ßen Kreiſe durch mimiſche Darſtellungen aus al⸗ len Reichen der Fantaſie und der Geſchichte ent⸗ zuͤckte, ſelbſtgedichtete Verſe vorlas, und in ih⸗ rem Salon von einer Reihe von Bildern umge⸗ 12* ben war, die ihrer fleißigen Hand ein nicht un⸗ ruͤhmliches Daſeyn verdankten; es waren theils Copieen nach großen Meiſtern, theils Bildniſſe nach dem Leben, Meiſterbilder des groͤßten Mei⸗ ſters, alle bedeutſam, ſinnig und mit Gewandt⸗ heit aufgefaßt. Was bei allen Talenten und Kenntniſſen Ro⸗ ſaliens am erfreulichſten erſchien, war der reine und ſchoͤne Sinn fuͤr Leben und Liebe, den die ſeltne Frau ſich zu erhalten gewußt, der ihre naͤ⸗ here Bekannte nach und nach ihr zu treuen Freunden fuͤr immer machte. Im geſelligen Le⸗ ben, in der Fuͤlle und Mannichfaltigkeit ihrer kuͤnſtleriſchen Beſtrebungen und Leiſtungen erſchien ſie nicht ſo vortheilhaft, als im ganz traulichen Kreiſe, wo ſie vergeſſen zu haben ſchien, daß ſie noch manches andre ſeyn koͤnne, als ſie ſelbſt. Nun erſt trat ihre ganz eigenthuͤmliche Liebens⸗ wuͤrdigkeit hervor, und ein Zauber, von dem ſie ſelbſt nichts ahnete, viel hoͤher als alles, was auf dem Schauplatz der Welt in ihr entzuͤckte, bemaͤchtigte ſich dann unwiderſtehlich der Gemuͤ⸗ ther, und machte ſie ihr auf ewig zu eigen. Von allem, was an Roſalien entzuͤckte, be⸗ ſaß Luiſe aͤußerlich nichts. Eine liebliche Geſtalt, —— ein gro kan ſen jeni ſch tzen und haͤt ſtec haͤt eint ſten Zug hoh die Ju⸗ ben fach wie nac mit mi ſen ne — 181— eine ſittige Anmuth des Seyns und Weſens, große, dunkle Augen, deren Schoͤnheit faſt unbe⸗ kannt blieb, da ſie den Blick faſt immer nieder⸗ ſenkte, und nur ſchuͤchtern und fluͤchtig auf die⸗ jenigen heftete, die mit ihr ſprachen, wunder⸗ ſchoͤne Arme, die ſie ſtets bis an die Fingerſpi⸗ tzen verhuͤllte, ein Fuͤßchen, das ſeiner Kleinheit und Zierlichkeit wegen fuͤr ein Wunder gegolten haͤtte, wenn es nicht die langen Gewande ver⸗ ſteckt, ſo daß beſonders die Damen glaubten, ſie haͤtte Gruͤnde, es zu verſtecken, dies Alles, ver⸗ eint mit dem harmoniſchen Ebenmaas des ſchlank⸗ ſten Wuchſes, und dem Einklang in den feinen Zuͤgen, wuͤrde gegolten haben, wenn nicht die hohen Begrifſe von jungfraͤulicher Sittſamkeit, die Luiſen in einem Kloſter, wo ſie ihre erſten Jugendjahre zugebracht, eingepraͤgt wordeen, ſie bewogen haͤtten, ſich ganz anſpruchlos und ein⸗ fach zu zeigen, und kaum errathen zu laſſen, wie ſchön und lieblich ſie ihrem innerſten Weſen nach ſei. Dieſe Keuſchheit der Seele, vereinigt mit der Sittſamkeit des ganzen Weſens, die un⸗ mittelbar aus dieſen hervorgieng, erhielt in Lui⸗ ſen einen ſeltnen Frieden und Einklang des in⸗ nern Seyns. Angeleitet zur Froͤmmigkeit, aber — 182— von Froͤmmelei nicht ahnend, kindlich gottergeben und heiter, wie die Unſchuld, beſchaͤftigte ſie ſich mit der Veredlung ihres Innern, da aber ſchon die Natur ſie hoch geſtellt, und die ſchoͤne Erzie⸗ hung, die ſie genoſſen, ſie noch hoͤher geleitet, da nicht ein Schatten von Ungluͤck oder Verge⸗ hung, auch der leiſeſte nicht, ihrer Kindheit und Jugend Frieden getruͤbt, konnte ſie in dieſem Streben durchaus nicht aͤngſtlich ſeyn, ſondern ruhig und froh. Die ſeltnen Vorzuͤge, und die rege Lebendigkeit des Seyns ihrer ſtets thaͤtigen, ſtets einen neuen Zweck verfolgenden Schweſter, foͤßte ihr Bewunderung, und verſchuͤchterte ſie, zumahl, da die Schweſter auch in ihren Augen ſo hoch ſtand, ſie liebte ſie zu innig, um ſie zu beneiden, und uͤberhaupt war ihre Seele zu rein, um ein ſo troſtloſes und banges, ſo das ganze Innte verzerrendes Gefuͤhl, wie den Neid, in ſich aufzunehmen. 82 33. Im Kreiſe der Verehrer Roſaliens war Gra Georg einer der gluͤhendſten. Selbſt glaͤnzend durch Schoͤnheit, Geiſt, Talente, Reichthum, Rang und Tapferkeit uͤbte alles Leuchtende, Blen⸗ dende eine magiſche, muchtig anziehende Gewalt uͤber ihn aus. Roſalie war die Gattin eines eben ſich ſchon erzie⸗ eitet, erge⸗ und eſem dern die igen, eſter, ſie, ugen e zu 2 zu das keid, Braf zend um, len⸗ valt ines — 183— Ehrenmannes, der als Menſch, als Denker, als tapfrer Krieger auf einer ſeltnen Hoͤhe des geiſti⸗ gen Lebens ſtand, und der von ſeiner Frau in ſeiner ſeltnen Aechtheit des ganzen Weſens innig verſtanden wurde; man ſah, daß es etwas Hoͤ⸗ heres war, als was man Liebe nennt, was dieſe ganz in ihrer Art ſo ein ſegen Naturen unanſids⸗ lich vereinigte. 80 Waͤre aber auch dem nicht 0 geweſen, ſo war Georg einer der Beſſeren, die den Namen eines reinen Juͤnglings verdienen. Unwiderſteh⸗ lich hingenommen in Bewunderung und Anbe⸗ tung fuͤr Roſalie ſtand ſie ſeinem innerſten Ge⸗ maͤthe ſo fern, wie die Sterne am Himmel ſtehn. Wie Georg vor den Bildſaͤulen des griechiſchen Alterthums im Vatikan bewundernd und ſelig geſtanden, ſo ſah, ſo dachte, ſo fuͤhlte er das heurliche Weib; gleichwohl ſah er nichts, als ſie, wo ſie verweilte, und mithin auch Luiſen nicht. Dieſe aber war nicht ſo freimuͤthig ihm ge⸗ genuͤber; bis dahin ganz heiter, ganz unberuͤhet von der Gluch der Liebe, hatte Georgs Anblick maͤchtig auf ſie gewirkt. Was je im Kreiſe, den ihre Schweſter ſo haͤufig um ſich hir verſäammel⸗ te, erſchienen, kam Alles ihm nicht gleich, in — 184— deſſen herrlicher Erſcheinung ſie zuerſt die hö⅛ch⸗ ſte Schoͤnheit auf Erden leuchten ſah. Sie hatte bis dahin Roſalien fuͤr einzig gehalten— doch ſie hoͤrte Georg mit ihr ſingen, ſie lauſchte, kaum athmend, wenn er die maͤchtigen Fluthen des Wohllauts aus tie ſter Quelle am Clavier hin⸗ ſtroͤmen ließ; ſie hoͤrte von ſeinen Thaten ſpre⸗ chen, ſie bekundeten Menſchlichkeir und Hochher⸗ zigkeit zugleich, ſie belauſchte ſeine Aeußerungen, ſie waren geiſtvoll, herzig und wuͤrdig. Seine Heiterkeit und Innigkeit erſchien ihr hinreißend, nie hatte ſie etwas erblickt, das ihm auch nur im Gceringſten ahnlich geweſen, ſo gab ſie ſich dann dem ſuͤßen Walten des erſten Erwachens der Liebe um ſo ſorgloſer hin, als auch nicht ein Blick von Georg, der kaum wußte, ob ſie lebe und da ſei, ſie verſchuͤchterte oder ſtoͤrte. Wohl ein halbes Jahr war verfloſſen, ſeit Graf Georg zuerſt Roſaliens Haus betreten, als er mit der**ſchen Geſandtſchaft nach Rom zu gehen berufen wurde. Er nahm Abſchied von Roſalien auf eine Weiſe, die zugleich herzlich and heiter war, den Wunſch ausſprechend, ſie wieder zu finden. Roſalie war eben mit ihrer Schwe⸗ ſter allein. Indem ſie noch einige liebreiche Wor⸗ hoͤch⸗ Sie n.— ſchte, athen hin⸗ ſpre⸗ hher⸗ ngen, Seine ßend, nur ſich chens nicht b ſie ſeit als n zu von and ieder hwe⸗ Vor⸗ — 1285— te zu demjenigen ihrer Freunde ſprach, den ſie am ungernſten ſich aus ihren Kreiſen entfernen ſah, entſchluͤpfte ein tiefer Seufzer Luiſens Bruſt, Georg ſah uͤberraſcht zu ihr hin, ihre Augen begegneten ſich, und ein wunderſames Licht ſtral⸗ te dem Juͤngling aus den ſchoͤnen Augen entge⸗ gen, deren geiſtig inniger Blick ihn uͤberraſchte, ja, in welchem etwas glaͤnzte, was auch Thraͤ⸗ ne ſeyn konnte, ſo feucht und bebend war der Glanz — doch kaum der Blitz iſt ſo ſchnell, als ſich das Wunderauge niederſenkte. Roſalie hatte nichts bemerkt, und ſprach fort, und, wie ein Nebelge⸗ bild in Fluthen verſchwand der fluͤchtige Ein⸗ druck dieſes Blickes in dem Strom der holden Worte Roſaliens. Der Poſtillo blies, der Juͤng⸗ ling enteilte. Nach Georgs Abreiſe bemaͤchtigte ſich der ſonſt ſo heitern Luiſe ein Kummer, der zerſtoͤrend auf ſie wirkte, ſie verſchwieg ſelbſt Roſalien den Grund des Weh's, der ihr ſelbſt nicht geheim war, ſie trauerte, daß ſie liebe, wo ſie kaum bemerkt worden, und die Ueberraſchung, die an⸗ muthige Empfindung in Georgs fluͤchtigem Bliek hatte auf das Maͤdchelt, wie eine Flamme ge⸗ wirkt, die ihr tiefſtes Beuuußlſebun Kehelh 1hr iei 9* entzuͤndet. na ſichtliche Sehwermuih⸗ Luiſens, das Seuenen ihrer fonſt ſo bluͤhenden Geſundheit beunruhigten Roſalie ungemein, ſie beſchloß mit ihr eine Reiſe zu lhreis Beuſtranang män unter⸗ iena un Auf dem Wege nach M. eäkankte e Luife ſo ſehr, daß es Roſalie fuͤr ein hohes Gluͤck ſchaͤtzen mußte, in der Naͤhe des Landſchloſſes ihrer Tan⸗ te ſich zu beſinden; hier brachte ſie Luiſen hin, und hier genas das holde Geſchoͤpf langſam, aber beruhigend fuͤr die Schweſter, die, berufen durch einen Brief ihres Gemahls, den ein unumgaͤng⸗ liches Geſchaͤft von der Reſidenz entfernte, und der ohne Roſalie nicht abreiſen wollte. Luiſe war zu ſchwach, eine weite Reiſe zu unternehmen, uͤberdies ſtärkte die Landluft, der ſuͤße Fruͤhling und die herrliche Umgebung ſie ſichtlich. Die Tante war eine liebe, klare, milde Frau, die den Grund des geheimen Kummers, der an Luiſens Leben zehrte, bald durchſchaut hatte, und mit vollem Herzen auf Linderung und Heilung fuͤr ihr liebes Pflegekind bedacht war. Luiſe von vollf die Fuͤll ſie deru Ein! griff an mer! purp der ſten Zaul nenn Luiſ ſten nach nun wiet ſolch e ge⸗ ihr das idheit mit anter⸗ iſe ſo aͤtzen Tan⸗ hin, aber durch äͤng⸗ und 2 zu der ſie rilde zers, haut und . . Roſalie eilte, wohin ihre Pflicht ſie rief, Luiſe blieb nicht ungern im Gebirg zuruͤck, das, von der Hand des Fruͤhlings mit ſeinen liebe⸗ vollſten Reizen geſchmuͤckt, ihr Entzuͤckungen gab, die ſie noch nie geahnet; wenn die Nahe mit aller Fuͤlle der Reize des Bluͤhens und der Anmuth ſie hinriß, ſo war der Blick in die Ferne wie⸗ derum ſo erhebend, groß und reich, daß dieſer Einklang im Verſchiedenartigen ſie unnennbar er⸗ griff und beſeligte. Hier in den Bluͤthengaͤngen, an mit Bluͤthen uͤberdeckten, grosartigen Truͤm⸗ mern umherwandeln, bei heiterem Himmel, beim purpurnen Abendſchein, oder beim Wunderglanz der Sterne, und uͤberall umſchwebt vom holde⸗ ſten Bilde— dies war fuͤr ein junges Herz ein Zauber, der manches aufwog, was man Gluͤck zu nennen gewohnt iſt, wenn er es nicht uͤberwog. Die liebreiche Tante hatte den Schluͤſſel zu Luiſens Herzen gefunden, und dadurch den tief⸗ ſten Grund ihres Kummers gehoben. Nach und nach ſuchte ſie ſie, doch mit der zarteſten Scho⸗ nung, von ihrem Traumbilde zu entſernen und ſie wieder zu ſich ſelbſt zuruͤckzubringen. Liebe Anguſte, ſagte Luiſe einſt, bei einem ſolchen Geſpraͤche, indem ſie ihre Haͤnde an ihr Herz druͤckte, ich weiß wohl„ daß ich nie, oder kaum bemerkt worden, und gewiß ſchon vergeſſen bin. Schoͤn bin ich nicht, und fuͤhle mich in Al⸗ lem ſo wenig, aber mir iſt ſo wohl, wie mir noch nie geweſen. Ich fuͤhle mich reich darin, daß ich mein ſchoͤnſtes Seyn an ein geliebtes We⸗ ſen hingeben kann, und ſo gluͤcklich, daß mich nur die zarteſten Bande, die des Hindenkens an ihn knuͤpfen! Auguſte ſah wohl, daß Luiſe nie einem an⸗ dern Gefuͤhl gehoͤren wuͤrde, doch ſchloß ſie: beſ⸗ ſer eine reine Liebe, als ein getruͤbtes Leben! Und mit erneuter Sorgfalt nahm ſie ſich Luiſens an. Erſt Sechszehn war das holde Kind, was konnte nicht Alles noch fuͤr ſie gethan werden! Die nahe Reſidenz M. bot Mittel mancher Art zur Ausbildung der Talente Luiſens, ihre geiſtig kuͤnſtleriſche Erziehung wurde unter den Augen ihrer zweiten Mutter begonnen, und gelang uͤber alle Erwartung. Luiſe fand einen maͤchtigen An⸗ trieb zur Ausbildung ihrer Geiſtesanlagen und Talente, in dem Gedanken des edelſten, des lieb⸗ ſten Weſens auf Erden dadurch wuͤrdiger das Opfer ihres Herzens und Lebens zu bringen, ob er d ja, Sch ein kuͤn ſie z Geo ahne te ſi der ſagte Mil fuͤhl ſeine uͤber liſche ring ben iſt, aus aller alle jaͤlli oder geſſen n Al⸗ e mir darin, 3 We⸗ mich ns an n an⸗ beſ⸗ eben! liſens was rden! r Art geiſtig Augen uͤber An⸗ und lieb⸗ das , ob 1 er darum wußte? das war ihr nicht nothwendig, ja, ſie wuͤnſchte es nicht einmahl. Nach einem Jahre beſuchte Roſalie ihre Schweſter. Sie fand ſie bleich und lieblich, wie ein verklaͤrtes Engelsbild, und geiſtig angeregt, kuͤnſtleriſch beſchaͤftigt, wie ſie noch nie geahnt, ſie zu finden. Unwillkuͤhrlich leitete ſich das Geſpraͤch auf Georg, Roſalie hatte einen Brief von ihm. Nicht ahnend, was in ihrer Schweſter vorgienge, druͤck⸗ te ſie ſich hoͤchſt freundlich uͤber den Juͤngling aus, der ihr in vieler Ruͤckſicht ſo werth war. Georg, ſagte ſie, iſt ein ſeltner Menſch. Alles, was Milde und Zartheit des tiefſten und reinſten Ge⸗ fuͤhls Bezauberndes in ſich ſchließen, leuchtet aus ſeinem Weſen hervor! Seine reine Guͤte gießt uͤber Blick und Laͤcheln einen Schimmer himm⸗ liſcher Anmuth, der alle Herzen gewinnt, und ringsum, wie ein Sonnenſtrahl, Freude und Le⸗ ben erweckt. Wie dieſe reine Guͤte ganz Liebe iſt, ſo will ſie auch ganz Zartheit ſeyn, ſie geht aus dem Innern, wie der Duft aus der Blume allerfreuend hervor. Alle Gaben der Natur, alle geiſtigen Annehmlichkeiten ſcheinen nur zu⸗ faͤlliger Schmuck, und untergeordner der Schoͤn⸗ heit des innnern Seyns, die Alles andre uͤber⸗ wiegt. Auch ſeine himmliſche Geſtalt iſt, wie von Innen heraus, verklaͤrt, ſcheint nur die durchſichtige Huͤlle des reinſten Herzens zu ſeyn!— Wer, wie du, Worte fuͤr ſeine Empfindungen haͤtte, ſeußzte nun Luiſe, doch eine unerklaͤrbare Scheu hielt ſie zuruͤck, ſich der Schweſter zu oͤffnen. 8 ni 3. Roſalie verließ nach kurzer Raſt die Schwe⸗ ſter wieder, die gern bei der Tante zuruͤckblieb. Viel heimathlicher war es ihr dort, als in den Kreiſen der Welt. 3 Wie eine Sonne, die durchgluͤht, aber nicht verzehrt, wohnte nun der erſten Liebe Bild in Luiſens Herzen. Ihr ganzes Weſen war begei⸗ ſtert und gehoben. Die reine Wonne einer, an keiner irdiſchen Hoffnung geknuͤpften, durch keine Ruͤckſicht bedingten Liebe umwob mit einem Fruͤhlingsglanz die Welt, und verlieh allen Ge⸗ genſtaͤnden in der ſchoͤnen Natur Sinn und Be⸗ deutung. Wie ſchoͤn wird es erſt in der Heimath ſeyn! dachte Luiſe, in Traͤumen ſehnender Liebe wurd' es ihr klar, daß irrdiſche Schoͤnheit nur himmliſche Sehnſucht weckt, und daß ein tieſ⸗ ——— uͤb er⸗ wie r die n!— ungen rbare er zu ſchwe⸗ blieb. den nicht ld in begei⸗ „ an keine einem Ge⸗ Be⸗ math Liebe t nur tief⸗ ——— fuͤhlendes Herz durch Einſamkeit und Wehnüth eiſt zur höchſtei⸗ Wonne gelangtt. Aguſte, die thres deblings Empſindungen verſtand, käͤmpfte noch zuweiten mit ſich, ob ſie nicht ſuchen ſollte dies ſuͤße Geſchoͤpf ſeiner Traumwelt zu entreißen, und ihre enzſathic keit fuͤr alle Hoffnung, zu welcher ſie berechtig war, zu erwecken? Doch war es, als ſage 3 eine innere Stimme, daß der Menſch nie in ein fremdes Wollen und Empfinden eingreifen ſolle, um das zu zerſtoͤren, was ihm nicht beg gluͤckend erſcheint. Zerſtoͤren iſt ſo ſchwer nicht, meinte Auguſte, aber was ſoll ich an die Stelle ſetzen? Wiederum war ein Jahr vergangen; als Luiſe eines Abends in ihrem mondbeglaͤnzten Zimmer ſaß, die Laute ſpielte und ein Lied von Goͤthe ſang. Ploͤtzlich öffnete jemand die Thuͤr, und unerwartet trat Roſalie ein, die, von einer Reiſe nach Italien zuruͤckkehrend, die msliche Schweſter uͤberraſchen wollte. Wie groß und ſchoͤn biſt du geworden! rief ſie, mehr als Luiſe ſelbſt uͤberraſcht, aus. So 4 muß ich dich malen, und deine ganze Umgebung! fuhr ſie fort, gleich will ich die Skizze nehmen! Und, wahrnehmend auf dem Arbeitstiſch der ſteiſi gen Bumtunnen Luiſe, was ſe je zum Zeich⸗ wieder nehmen, ung ſ 4 auf dem arpäterlichen Seſſel, ein Kunſtwerk aus dem ſunfzehnten Jahrs hundert, das im Zimmer ſtand, niederlaſſen, da wo der Vollmond den ceichſten Glanz ſeines mil⸗ den Lichtes hingoß. Die ſchlanke Luiſe, im purpurfarbnen zuͤc⸗ tigen Kleide, umwallt von braunen Locken, nahm eine Stellung an, die freimuͤthig und anmuth⸗ voll zugleich, der kunſtgeuͤbten Roſalie gefiel. Der Mondſtrahl beleuchtete ahnungsvoll das Bild der fruͤhverklaͤrten Mutter, das an der weißen Wand uͤber ihrem Arbeittiſch hieng, das gewölbte, hohe Fenſter, mit ſeiner zierlichen Stuckatur⸗ Umwindung, umgab, einem ſinnvollen Rahmen gleich, die duſtige Landſchaft, die aus der Ferne hineingruͤßte, aus deren herrlichen Waldbergen ſich das koͤnigliche, in Truͤmmern noch ſo ſchoͤne Felſenſchloß, hellbeglaͤnzt erhob, am Fenſter ſtand ein mit Roſen zierlich gefuͤlltes Blumenglas im vollen Licht. Luiſe, fuͤß angeregt von Ueberra⸗ eigne mit nicht locke aus gewt Unn doch wah Bei Er — 195— ſchung und Freude des Wiederſehens, die unaus⸗ ſprechlich ſchoͤnen, dunkeln Augen, wie feucht von Thraͤnen gen Himmel gerichtet, die Laute in den Armen, das Hochroth der Freude auf den Wan⸗ gen, war entzuͤckend lieblich auzuſchauen. Roſa⸗ lie bebte vor Freuden uͤber das Bild, welches ſie im Geiſt ſchon fertig ſah, Luſt und Liebe leiteten die geuͤbte Hand und der Entwurf war ſeelenvoll und geiſtreich. Nalien hatte vortheilhaft auf die hohe Ausbildung von Moſaliens eigenſter Gabe gewirkt. Mehr als je u berraſcht vom Ausdruch von geiſtigem Leben, den Luiſens Weſen verrieth, ſagt⸗ ihr Roſalie oͤfters, ſie ſei jetzt gegen eh mahls, wie Schmetterling gegen ſeine Nymphe, und ihr eignes Weſen erſchloß ſich nun der Schweſter mit mehr Liebe und Hingebung, als jemahls, doch nichts in der Welt konnte Luiſen mehr das ent⸗ locken, was die Tante mit eigner Behutſamkeit aus ihrem tiefſten Herzen an das Licht zu ziehen gewußt. Sie ſprach nie mit Auguſten von der Unmoͤglichkeit ſich Roſalien ganz kund zu geben, doch, wie durch ſtillſchweigende Uebereinkunft, be⸗ wahrten Beide das zarte Geheimniß. Es war Beiden, als moͤchte Roſalie ein Wort daruͤber Erſter Theil. 13 ausſprechen, was die ganze ſtille Seligkeit dieſer V Empfindung zerſtoͤrte. 1 Bei alle dem vermißte Roſalie nichts bei der Schweſter, vielmehr war ihr zu Muth, als ſei zwiſchen Beiden eine Kluft verſchwunden. Sie malte das traͤumeriſche, ſchmerzlich ſuͤß laͤ⸗ chelnde Weſen mit unnennbarer Luſt, und aͤußer⸗ te: Es iſt gut, daß ich durch die alten Italiener die altdeutſchen und Brabanter Maler erſt recht verſtehen gelernt, und nun genau weiß, von wel⸗ cher Schule Du biſt! Du gemahnſt mich in Deiner ſchimmernden Wehmuth, wie ein recht liebeſeli⸗ ges Frauenbild von Johannes v. Maguſe, als ich in den Niederlanden angetroffen, es reicht im Walde einem Ritter Blumen hin, und laͤ⸗ chelt wunderbar ſuͤß und innig dabei. Mit dem aͤußerſten Fleiß vollendete Roſalie das Bild ihrer reitzenden Luiſe, und kaum hatte ſie die letzte Hand angelegt, als ihr Gemahl kam, ſie abzuholen, da er in einem wichtigen Auftrag in politiſchen Angelegenheiten nach Pa⸗ ris reiſen mußte. Bang und truͤbe war die Trennung nach ſo kurzer Vereinigung. Roſalie bat Luiſen„ mit ihr zu kommen, doch dieſe war durch zu viel Bande t dieſer 3 bei „ als anden. ß laͤ⸗ außer⸗ liener recht nwel⸗ Deiner beſeli⸗ guſe, reicht d laͤ⸗ toſalie hatte emahl htigen )Pa⸗ ach ſo it ihr Bande des Dankes und der Liebe an Auguſten geknuͤpft, fuͤhlte zu ſehr, wie ſo ganz nur ſie die Lebens⸗ freude dieſes theuren Herzens ſei, um die zweite Mutter verlaſſen zu koͤnnen. Paris war noch kaum vom Revolutionstau⸗ mel geneſen, als Roſalie dort mit ihrem Gemahl anlangte. Das neue Leben, das noch im Werden war, ſchien in ſeinem freudig brauſenden Walten ſich geiſtig ſchoͤn geſtalten zu wollen, und mit unausſprechlicher Beruhigung wandelten die mit der Menſchheit wieder ausgeſoͤhnten Pariſer uͤber den Boden hin, in welchem das Hoͤllengebild der Schreckenszeit nun verſenkt lag, denn ſie war voruͤber, mit all' ihren Graͤueln. Fremde ohne Zahl ſtroͤmten nach der Haupt⸗ ſtadt, beſonders Englands Große, und ſeine ſchönen Frauen. Roſalie hatte bald aus ihrem glaͤnzenden Kreiſe einen kleinern ausgewaͤhlt, der zu beſtimmten Tagen, wo ſie fuͤr Niemand Anders zu Hauſe war, ſich bei ihr vereinigte. Dann war es nicht der große Sallon, der die Gaͤſte empfieng, ſondern das Wohnzimmer, das Roſaliens Buͤcherſammlung, ihre Harfe und ihre 13* — 196— Geinaͤhlde in ſich ſchloß. Muſik und Unterhal⸗ tung aus neuen Schriften befluͤgelte die Stunden, und oftmahls, wenn man ſich Morgens um zwei trennte, verhieß man, ſich noch heut wieder zu ſehn. Roſalie bewohnte ein Hotel am aͤußerſten Ende von Paris, mit einem herrlichen Garten; hier ſchwieg das Getuͤmmel, raſtete der Staub, und die boͤſe Stadrluft drang nicht in das Aſyl aller Anmuth hin, das durch die ſinnreiche Pracht der Bewohnerin einem Feenpallaſte glich. Tief⸗ blau woͤlbte ſich ein reiner Himmel uͤber die ur⸗ alten Lindengaͤnge, und reitzend erſtreckte ſich, un⸗ abſehbar weit, das gruͤne Kornſeld, von der Seine durchſchlungen. Es war im Junius, eine laue, mit durch⸗ ſichtigen Goldgewoͤlken umwobne Roſen⸗Daͤm⸗ merung, die der Mond im Aufgehn noch ver⸗ ſchoͤnte. Die Alabaſterlampe an der Decke der himmelblauen Rotonda ſchwebend, wo Roſalie die Harfe ſpielte, brannte nicht, denn der helle Monöſchein verbreitete dort den ſuͤßeſten Schein, und ſpiegelle ſich, zuſammt den Garten mit dem hohen Springborn in der hohen Spiegelwand des Zimmers. mit Rote des abwe nen zu ge ihrer ſagte Luiſe dies! . einige Leon niere und dies muth erhal⸗ unden, zwei der zu zerſten arten; Sraub, Aſyl Pracht Tief⸗ die ur⸗ h, un⸗ n der durch⸗ Daͤm⸗ ) ver⸗ e der toſalie helle ſcheit, t dem lwand — 197— Roſalie, die eben der Harfe die ſchoͤnſten Toͤne entlockte, bemerkte nicht, daß Jemand in das Zimmer getreten war.— Georg, aus Rom ankommend, hatten Roſaliens Leute, unvergeſſen des ihrer Herrſchaft ſtets ſo theuern Beſuchs, ungemeldet eingelaſſen, er ſtand, und betrachtete mit ſtummer Wonne die leuchtende, duftende Rotonda, wo, von des ſchimmernden Atlaßklei⸗ des Lichtfluthen umwogt, die braunen Locken her⸗ abwallend, Roſalie die Harfe in Perlen umwund⸗ nen Armen hielt, die dem Mondlicht mehr Glanz zu geben, als von ihm zu empfangen ſchienen. Roſalie ſang ein deutſches Lied, das ſie bei ihrer Schweſter gefunden, es war einfach, und ſagte von Sehnſucht und hoffnungsloſer Liebe. Luiſe ſelbſt hatte es gedichtet, doch ſie geſtand dies nicht der Schweſter. Waͤhrend Roſalie ſang, betrachtete Georg einige hellbeleuchtete Gemaͤhlde, eine Copie nach Leonardo de Vineis himmliſch blickender Ferro⸗ niere, Franz des Erſten ungluͤckſeligen Geliebten, und eine nach Raphaels Madonne⸗Gaͤrtnerin, dies ganz reine Seligkeit, jenes ahnende Weh⸗ muth. — 198— Der Mond war indeß hoͤher geſtiegen und ſein voller Schein fiel auf ein kleines Gemaͤhlde in Aquarell, welches Georg zuvor nicht wahrge⸗ nommen. Aus ſeinem großen, nach altdeutſchem Styl gebildeten goldnen Rahmen ſchaute es, wie verklart im Himmelsſcheine den Juͤngling an. Still und ſinnend beſah er es, indeß Roſalie der Harfe mildere Toͤne entlockte. Wie Erinne⸗ rung daͤmmerte es in ihm auf, und dennoch war ihm nicht klar, wer es ſeyn koͤnne, denn nichts, was er noch je geſehn, trug dieſe Fuͤlle des Rei⸗ tzes holdſeliger Wehmuth und Innigkeit. Ein tiefer Seufzer verrieth⸗ofalien des Freundes Anweſenheit, ſie war freudig erſchrocken, wollte ihn mit Fragen beſtuͤrmen, er aber uͤbergieng jeden Umſtand ſchnell und fragte: Nach welchem Meiſter iſt dies Engelsbild? Nach dem Aelteſten, laͤchelte Roſalie, nahm das Bild von der Wand, und uͤberreicht' es Georg. Er blieb lange im Anſchaun verſunken, und ſagte dann: Es hat etwas von Ihnen, aber, ich moͤchte ſagen— und Roſalie ſteht zu hoch, um daß ein ſolcher Aus ſpruch ſie zu kraͤnken ver⸗ moͤchte— es hat etwas Wunderbares, Ruͤhren⸗ deres himt chen beka nicht Und ſte kuͤmt volle in de eine verſu ploͤtz! den ihm ſtand faſt wiede Hant dieſe griff n und naͤhlde ahrge⸗ tſchem , wie g an. doſalie erinne⸗ h war nichts, 8 Rei⸗ Ein eundes wollte rgieng elchem nahm ht' es unken, aber, hoch, n ver⸗ uͤhren⸗ — 199— deres noch, als ſelbſt der Ausdruck in Ihrem himmliſchen Geſichte. Wer iſt es? Roſalie laͤchelte:„Dank, fuͤr den freundli⸗ chen Ausſpruch, jedoch iſt Ihnen das Original bekannt, und daß es Ihnen fremd erſcheint, iſt nicht geeignet mir meine Arbeit zu empfehlen“— Und das Original waͤre?—„Luiſe, meine juͤng⸗ ſte Schweſter!“ Unmoͤglich! rief Georg, dies ſchlichte, unbe⸗ kuͤmmerte, kalte Maͤdchen waͤre die, deren ſinn⸗ voller, ſuͤßer Blick mich hier im Bilde ſchon bis in das tiefſte Innre ruͤhrt?„Doch!— er ſtutzte, eine Erinnerung daͤmmerte auf in ihm, das ganz verſunkne Bild der Abſchiedsſtunde tauchte ur⸗ ploͤtzlich auf, wie es blitzſchnell einſt verſchwun⸗ den war, und ein ahnungvolles Gefuͤhl ſagte ihm mehr, als er in dieſem Moment ſelbſt ver⸗ ſtand. Langſam befeſtigte Georg, vor Herzklopfen faſt unvermoͤgend es zu thun, das ſuͤße Bild wieder an die Wand, dann ergriff er Roſaliens Hand, ohne ein Wort zu ſprechen, druͤckte er dieſe Hand lange an Herz und Lippen, ſie be⸗ griff ihn nicht, und war durch dies ungewohnte — 200— Bezeigen ſo beſtuͤrzt, daß ſie ſich nur muͤhſam zu faſſen vermochte, allein kaum hatte ſie ſich aus ſeltſamer Ueberraſchung und Beklemmung wieder ſelbſt gewonnen, als Georg ihre Hand losließ, und aus dem Zimmer ſtuͤrzte. Wunderbar! rief Roſalie, und ſann verge⸗ bens nach, wie dies Rathſel zu deuten ſei. Die Geſellſchaftsſtunde ſchlug, die ſchoͤne Welt ver⸗ ſammelte ſich um diejenige, welche ihre hoͤchſte Zierde war, ſo oft die Fluͤgelthuͤren aufgiengen, bebte Roſalie unwillkuͤhrlich zuſammen, und ſchau⸗ te hin, kein Georg kam.— Acht Tage vergien⸗ gen, ſie ſah ihn nicht wieder. Sie fuͤhlte ſich von ſeinem Benehmen ſo wunderſam befangen, daß ſie faſt nicht wagte nach ihm zu fragen. Als ſie es that, erfuhr ſie, daß er nur einen Tag in Paris zugebracht, und noch in der Nacht dieſes Tages nach Deutſchland gegangen ſei. Eben war Auguſte von einer ſchmerzlichen Krankheit geneſen. Sie ſaß zum erſtenmahl im Freien auf der Terraſſe ihres Schloßgartens un⸗ ker hen ter nen daͤn neu bir. und get. auf gen die ſun An ſpr ßet Ge nie M mi Ei mi hſam ) aus dieder gließ, verge⸗ Die ver⸗ oͤchſte ngen, ſchau⸗ gien⸗ e ſich ngen, agen. einen Nacht lichen dl im 3 un⸗ — 201— ter der Nachtviolenlaube, nahe den hohen bluͤ⸗ henden Linden, die einen Duſtſtrom in die Thaͤ⸗ ter goſſen, und in deren Wipfeln verſpaͤtete Bie⸗ nen ſummten, vergeſſend, daß es ſchon Nacht ſei. Luiſe hatte die Laute mitgenommen, der Abend daͤmmerte tiefer, und jedes Lied ſchien einen neuen Stern herbeizulocken, der uͤber dem Ge⸗ birg ſichtbar wurde. Duͤfte aus den Weinbergen und Roſengaͤrten ſchwebten, von linden Weſen getragen, aus der Tiefe zu dem hohen Sitz her⸗ auf, alle Bezauberungen der Sommernacht dran⸗ gen beſtuͤrmend an Luiſens Herz, welches durch die lange Bekuͤmmerniß um ihrer Freundin Ge⸗ ſundheit weicher und erregbarer noch geworden. Luiſe legte dieſgaute nieder und verbarg ihr Antlitz in Auguſtens Haͤnde. Theures Kind, ſprach dieſe, werden dieſe Thraͤnen immer flie⸗ ßen? Kann ein Luſtgebild der Sehnſucht ſolche Gewalt uͤber dich fortwaͤhrend uͤben?— Iſt es nicht Zeit, daran zu denken, daß du geneſeſt? Meine Krankheit hat ein tiefes Nachdenken in mir erweckt, was wuͤrde aus dir, wenn du die Einzige verloͤreſt, die deinen Kummer kennt, und mit deinem Herzen umzugehn weiß;— Un⸗ “ — 202— recht habe ich gethan, nicht mit dir an Beſiegung deines Schmerzes zu arbeiten, dich ſo lange dir ſelbſt zu uͤberlaſſen! Eine edle Lebenskraft verhaucht ſich in deinen Thraͤnen, Luiſe, deine bleiche Wange klagt mich der Sorgloſigkeit an. O, nein, nein, meine zweite Mutter, rief Luiſe, ſich emporhebend, mit leuchtendem Blick. Nein! wenn es das iſt, was Menſchen Liebe nennen, was mich ſo bang und ſelig macht, ſo fuͤrchte nichts; in dieſem Sehnen hat ſich mir eine hoͤhere Luſt des Daſeyns erſchloſſen, jede Herzenskraft ſtaͤrkt und reinigt ſich in dieſer lau⸗ tern Quelle, und ich will gut werden, und im⸗ mer beſſer, um mein ganzes Innre einer ſo ſchoͤ⸗ nen Empfindung wuͤrdig Sſealten! Die Abendluft weht kuͤhl, mein theures Kind, ſagte Auguſte, und Beide wandelten nun hinein in das Schloß. Auguſte fuͤhlte wohl, daß es hier mit menſchlicher Klugheit nicht ge⸗ than ſei, und daß man bei dieſer unbegreiflichen Fuͤgung den Himmel walten laſſen muͤſſe. Beim Hineintreten in den Schloßhof ſahen die Freundinnen beim Daͤmmerſchein des Spaͤt⸗ kotl und rief nur ein me ten lin, we ſtuͤ ja ſter Lu au lal der ich bit ſen ſo Li gung ange kraft beine 1. rief lick. eiebe ſo mir jede lau⸗ rothes einen Wagen mit Extrapoſt ankommen, und vor dem Portal halten. Die Schweſter? rief freudig und entgegeneilend Luiſe, doch eine nur allzubekannte Stimme toͤnte hervor: Nein! ein Bote von der Schweſter!— und im Mo⸗ ment ſtand vor der ſuͤßbeſtuͤrzten Luiſe das wal⸗ tende Traumbild ihres Innern, der hohe Juͤng⸗ ling, ſchoͤner als je. Ich bin drei Tage und drei Naͤchte unter⸗ wegens geweſen, ſagte Georg zu der ſichtlich be⸗ ſtuͤrzten Luiſe, ich komme ſchnurſtracks von Paris, ja ich kang ſagen, ſchnurſtracks aus Ihrer Schwe⸗ ſter Zimmer!— Edle Frau, fuhr er fort, zu Luiſens Tante gewendet, darf ein alter Freund auf Gaſtfreundſchaft unter Ihrem Dache hoffen? Er iſt's! ſprach Luiſe unwillkuͤhrlich ganz laut zu Auguſten, und dieſe, uͤberraſcht, und in der ſeltſamſten Vergeſſenheit rief aus: Das konnt' ich mir denken!— Er iſt's? rief feurig Georg, bin ich gemeint? waͤrs moͤglich, daß ich gemeint ſeyn kann, und waͤr' ich dennoch nicht umſonſt ſo ſchnell, ſo unaufhaltſam gekommen? Schonen Sie mein, Graf Georg, flehte Luiſe, ich glaubte zu traͤumen, und weiß nicht einmahl, ob ich traͤumen darf— Entzuͤckende Un⸗ ſchuld, rief Georg, und ſank zu ihren Fuͤßen nie⸗ der, o, Luiſe, rief er, ihre Haͤnde, die ſie ihm kaum zu entziehen ſtrebte, an ſeine Lippen druͤ⸗ ckend, um wie viel ſchoͤner ſind Sie ſelbſt, als Ihr hinreißendes Bild! Alſo das Bild?— fluͤſterte die uͤberraſchte Luiſe und Auguſte rief mit ahnender Freude— das Bild? Ja, entgegnete Georg, ich ſah es bei Ihrer holden Schweſter, und des Bildes Zauber hat mich, verknuͤpft mit dem einer ſelt⸗ ſamen Erinnerung, die ſein Anblick weckte, zu Ihren Fuͤßen hingefuͤhrt! O, laſſen Sie mich untergehn in dieſen Fluthen niegeahneter Selig⸗ keit, ſagen Sie mir Alles, und laſſen Sie mich denn auch Ihnen mein ganzes Herz erſchließen! Die ſuͤßeſte Erlaͤuterung folgte, der gluͤck⸗ lichſte Bund wurde geſchloſſen. ſalie verl abge Bri die einl. entn war ders Unr — 203— Am Abend des naͤmlichen Tages, wo Ro⸗ ſalie erfahren, daß Graf Georg, nachdem er ſie verlaſſen, noch in der Nacht nach Deutſchland abgegangen ſei, erhielt ſie von der Poſt einen Brief von Auguſten, der ſie zur Vermaͤhlung, die noch im Roſenmond gefeiert werden ſollte, einlud, und ihr den ganzen Hergang der Sache entwickelte, der Roſalien ganz fremd geweſen war. Sie ſtaunte, freute ſich unendlich, beſon⸗ ers aber noch daruͤber, daß ſie der peinlichſten Unruhe um die Gemüuͤthsſtimmung ihres jun⸗ gen Freundes enthoben ſei, und da eben ihres Gemahls Miſſion vollbracht war, hinderte nichts das liebe Paar Extrapoſt zu nehmen, und noch zum Vorabend der gluͤcklichen Vermaͤhlungsfeier einzutreffen. Die angenehmſte Erinnerung von Roſaliens weichbewegtem Leben blieb dies Ereigniß, und wenn ihre Bilder bewundert wurden, pflegte ſie zu ſagen: und doch errathen Sie mein gelun⸗ genſtes Kunſtwerk nicht! und ſie zeigte auf das Bildniß ihrer Luiſe. Einſt, da dies Statt fand, und ſie die anmuthige Geſchichte erzaͤhlte, die ihr noch zu erzaͤhlen nicht ganz leicht iſt, da — 206— ſie es mit ſo ganz eigner Anmuth that, ſetzte ſie hinzu: Es war aber auch nicht die Kunſt, die meine Hand leitete, die rechte Kunſt gab ihr erſt die Liebe, denn die Kunſt iſt nichts, ohne die Liebe! 4 Kuͤhnheit, Liebe und Gluͤck. —— Novelle. 2—" ‿—— ⏑— 2 5 SS8 3S3 5 G. 2 8 8 S2 O SS2G b —— ——— Kuͤhnheit, Liebe und Gluͤck. ——ÿ— In einem Fels umgebnen Thale des frucht⸗ baren Koͤnigreich's Valencia lebte auf ihrem Wittwenſitze die junge, ſchoͤne Lucenda de Flores Mendoza, einſam und ſittig, da ihrem kindlichen Gemuͤth' der Frieden und die Reitze des Landlebens mehr zuſagten, als die Welt, wie ſie ſich ihr in den wenigen Jahren, die ſie daſelbſt zugebracht, enthüllt hatte. Donna Lucenda's Schloß lag unweit einer Gebirgskette, deren reichhaltiger Schooß, von Adern koͤſtlichen Metall's und edler Steine durch⸗ wunden, auch ein treffliches Steinkohlenberg⸗ werk in ſich faßte. Den Vorrath, deſſen das Schloß bedurfte, trug ein lieber, alter Mann Erſter Theil⸗ 14 taͤglich herbei, dem Lucenda ſehr gewogen, weil er ihr, da ſie noch als Kind bei ihrem Vor⸗ mund und nachmahligem Gatten lebte, jedesmahl etwas Schoͤnes mitbrachte, bald eine Druſe mit Kryſtallen, oder Amethiſten, bald eine koͤſt⸗ liche Frucht, gereift an einſamer Stelle, im Schutz der Felsmaſſen, bald ſeltne Blumen und Mooſe der Hoͤhen und Gruͤnde. Mit dem alten Paolo pflegte Lorenzo auf das Schloß zu kom⸗ men, den ein Jeder fuͤr ſeinen Enkel hielt, ein wunderſchoͤner, blonder Knabe, welcher Lucenda immer noch eine ſchoͤnere Gabe brachte, als der Alte; jene durchgluhtete Wunderluft und jener duftende Wunderboden Valencia's, wo das Haidebluͤmchen und ſo viel andre Blu⸗ men und Kraͤuter, die hier zu Lande duftlos ſind, den wuͤrzigſten Geruch aus ihren Kelchen ſtroͤmen, wo die edelſten Gewaͤchſe auf Feld, Wald und Gipfeln freie Gabe der Natur ſind und ohne Pflege gedeihn, boten dem Knaben Lorenzo manche ſeltne Ausbeute, zum Geſchenk fuͤr Lucenda, und jede Muͤhe lohnte dem wil⸗ den Waghals der Blick, womit ſie ihm dankte. Als Lucenda's Vormund ihr, welche er als verwaiſ'tes Kind edler, ihm befreundeter Ael⸗ weil Vor⸗ nahl druſe koͤſt⸗ im und alten om⸗ dielt, lcher ichte, rluft ig's, Blu⸗ ftlos lchen Feld, ſind aben henk wil⸗ akte. als Ael⸗ — 211— tern zu ſich genommen, die Hand bot, und mit ihr Schutz und Zuflucht gegen die Stuͤrme des Lebens, wohl erwaͤgend daß Schoͤnheit, Geiſt und Liebreitz fuͤr ein armes Maͤd⸗ chen aus hohem Stamm die gefaͤhrlichſten Mit⸗ gaben ſind, gieng ſie in die vaͤterlich ihr dar⸗ gelegten Gruͤnde des herrlichen Freundes ein, den ſie mit unausſprechlicher Zaͤrtlichkeit liebte. Sie wurde die Seinige, als ſie noch kaum ſechs⸗ zehn Sommer zaͤhlte, und gieng mit ihm nach Madrid, wo ſie nun in voller Bluͤthe der Schoͤnheit und keuſcher Anmuth in der großen Welt auftrat, und alle Herzen gewann. Da ſie ſo einſam erzogen war, ſo gar nicht erſehen hatte, was es auf ſich habe die ſchoͤne Gemah⸗ lin eines alternden Mannes zu ſeyn, ſo zog ſte nur, wie ein zarter Duft durch den Wirbel der Weltfreuden, immer feſt an ſich ſelbſt hal⸗ tend, unangefochten von jeder feindlichen Wir⸗ kung der Außenwelt, und wie der ein ſame Schiffahrer den Blick auf die leitenden Sterne, ihr Auge auf das des liebreichen Gemahl's gerich⸗ tet, darin ſie ſanften Tadel, oder herzliche Freude las, je nachdem ſie ſich ſelbſt bewußt war, eines oder das Andre verdient zu haben, 14* denn dieſer Blick war ihr zweites Bewußt⸗ ſeyn. Nach fuͤnf gluͤckſelig verlebten Jahren loͤſte der Tod dies zarte Band, Lucenda beweinte ih⸗ ren Gemahl mit troſtloſem Herzen, ſie erſchien ſich nun, wie verlaſſen, wie ganz vereinſamt auf Erden, ſo manches, was ſie mit der vollen Auffaſſungskraft des regen, noch ganz kindlichen Sinn's zu bemerken Anlaß gefunden, hatte ihr ein unuͤberwindliches Mißtrauen und einen tiefen Abſchen gegen die vornehme Unſitte und die hoͤhnende Selbſtgenuͤgſamkeit der Weltlinge eingefloͤßt, ſie hielt die aͤlteren und reitzloſeren Frauen fuͤr geborne Feindinnen der juͤngern und ſchoͤnern, und die Maͤnner fuͤr Verderber der Frauen. Nur in ihrem ewigtheuren Gemahl hatte ſie Wahrheit, Großmuth, Treue, Innig⸗ keit und reine Liebe gefunden, ſeit ſie ſich ihres Daſeyns erinnern konnte, war Er der leitende, liebende Genius ihres Lebens geweſen, und ein tiefes Sehnen nach dem ſtillen Aufenthalt, wo ſie als ſeine Tochter ſo gluͤcklich lebte, war das erſte Gefuͤhl, was in ihr dege wurde, ſo wie der erſte Sturm des heftigen Schmerzes voruͤber war. Don Flores Mendoza hatte ſelbſt wußt⸗ loͤſte te ih⸗ ſchien aſamt vollen lichen hatte einen e und tlinge ſſeren n und der emahl nnig⸗ ihres ende, und thalt, lebte, urde, erzes ſelbſt — 213— verlangt, ſein Herz ſolle in der Capelle des Schloſſes beigeſetzt werden, es duͤnkte Lucenda ſuͤß, taͤglich da zu beten, wo dies edle Herz ruhte, und ſie eilte, es ſelbſt dahin zu bringen, wohin es ſich noch in der letzten Stunde ge⸗ ſehnt. Als ſie nun die lieben, gruͤnen Berge wie⸗ der ſah und die holden Thale, ſo duftend und blumenreich, wurd' es ihr ſchon wohler um das Herz. Ihre Thraͤnen floſſen milder, und ob⸗ wohl ſie nun aus ihrem Zimmer uͤber den Hof in die Capelle gieng, und von da zuruͤck, und ihrem Gram nur lebte, fuͤhlte ſie ſich doch heimiſcher, und milder an das Leben gefeſſelt, wo ſie die Denkmahle ihrer erſten Freuden wieder fand. Sie fand auch in einem Wandſchranke der Kam⸗ mer, wo noch ihr zierliches Bettchen ſtand, alle die kleinen Koſtbarkeiten wieder, die ſie da⸗ mahls ſo unausſprechlich erfreut: die ſeltſamen Mooſe, die wunderſchoͤnen Dendriten aus dem Kalkbruche, die wunderlichen Muſcheln, Ver⸗ ſteinerungen und leuchtenden Kryſtall⸗ und Achat⸗Druſen, die zierlichen Korallen und bunten Schmetterlinge. Lucenda beaͤugelte jede Seltenheit mit innigem Behagen, an jedes Steinchen knuͤpfte ſich eine ſelige Erinnerung, und ganz vertieft in Nachdenken fragte ſie un⸗ willkuͤhrlich laut vor ſich hin: wo mag wohl Lorenzo ſeyn, und mein guter, alter Camillo? Haben Ewr. Gnaden den Lorenzo noch nicht ge⸗ ſehn? fragte die freundliche Duenna, das nimmt mich Wunder! Er bringt immer die Kohlen auf das Schloß, ſeit Camillo todt iſt, und ſeit Ewr Gnaden zuruͤck, und ich die Ehre hatte, Sie zu Ihrem Betſtuhl hin zu begleiten, ſeh ich ihn in der Kirche, Ewr. Gnaden dort anſtarrend, wie ein Marmorbild. Iſt das Lorenzo? fragte Lucenda, der hohe, ſchlanke Mann, mit den blitzenden Augen und dunkelm Lockenkopf? Derſelbe, verſicherte die Duenna, Ewr. Gnaden koͤnnen ſich ſelbſt davon uͤberzeugen, denn ich ſah' ihn mit ſei⸗ nen Kohlen den Huͤgel herauf nach dem Schloſ⸗ ſe kommen. Bei dieſen Worten eilte Lucenda hinaus, Lorenzo entgegen, der bei ihrem Anblick zuſam⸗ menſchreckte, durch ſein geſchwaͤrztes Antlitz leuchtete hohe Gluth der Ueberraſchung auf. Seid mir gegruͤßtz, Lorenzo, rief ihm Lucenda zu, noch habe ich alle die allerliebſten Saͤchlein, ung, un⸗ wohl illo? t ge⸗ das die . iſt, Ehre iten, dort der igen derte elbſt ſei⸗ hloſ⸗ aus, ſam⸗ atlitz auf. nda lein, — 215— womit ihr mir als Kind ſo tauſendfache Freu⸗ de gemacht, auch noch die große Perle in der Muſchel hab' ich wiedergefunden, die ihr mit ſcharfem Blick, von der Hoͤhe der Klippe aus, wo ihr oben ſtandet, auf dem Kiesgrund des Wald⸗ ſtrom's entdecktet. Die Fluth war ganz unzu⸗ gaͤnglich an jener Stelle, ihr klommt mit Ge⸗ fahr die glatte Wand hinunter, fandet den Schatz und hobt ihn fuͤr mich, von Dornen zerriſſen, Gewand und Haar mit Blut bedeckt, die Haͤnde wund vom Klimmen, aber gluͤcklich uͤber den ſeltnen Fund, kam't ihr ins Schloß und brachtet mir die Perle, denn der Ruͤckweg hinauf durch die Klippen war mit Todesgefahr verbunden. Und das wiß't Ihr noch, gnaͤdige Frau? rief Lorenzo, und ſein Auge leuchtete. Vergißt ſo etwas ſich? entgegnete erroͤthend und lebhaft Lucenda, und ſetzte mit ſcheuer Stimme hinzu: Nun bin ich ſehr reich, nun kann ich vergelten! Das waͤre ewig Schade, rief Lorenzo, indem er den Kohlenſack hinter ſich ſetzte, und den Saum des ſchwarzen Gewandes ſeiner Herrin an ſeine Lippen druͤckte. Nein, fuhr er fort, ich bin ſehr arm, ich habe nichts auf der Welt mehr, als die Erinnerung an jene Zeit, — wo der niedre Knabe das hohe Fraͤulein beſchen⸗ ken durfte. Dies Gluͤck laß ich mir nicht durch Bezahlung rauben! Bei dieſen Worten flammte in Lorenzo's blitzenden Augen ein feuchter Strahl und ſeine Lippen zuckten, von tiefer Herzenweh⸗ 1 muth bewegt: Lucenda fuͤhlte ſich beſchaͤmt und verwirrt, ſie eilte Lorenzo ein Lebewohl zu ſa⸗ gen, und begluͤckte ihn ſtets mit ſehr freundli⸗ chem Gruſſe, wo ſie ihn ſah. Einige Jahre verfloſſen angenehm fuͤr Lu⸗ eenda in dieſer gruͤnen, unendlich lieblichen Ein⸗ ſamkeit. Sie beſchaͤftigte ſich auf mancherlei Weiſe mit den allerzierlichſten Arbeiten, und war im Wohlthun unermuͤdlich. Wie ihren Schatten fand ſie Lorenzo auf allen Schritten, und wo ſie ihn am wenigſten vermuthete, ſtand er theilnehmend oder huͤlfreich in ihrer Naͤhe, doch auch ſtill und ſcheu, und nur bei dringendem Anlaß ſich zeigend. Gleichwohl mußte Lucenda, die ihm Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme nicht verſagen konnte, und die ihr eig⸗ nes Gemuͤth bei der Entdeckung der ehrfurcht⸗ vollſten, ſinnreichſten und treueſten Liebe in ſo niedrig gebornem Herzen tief bewegt fuͤhlte, ſchen⸗ durch mmte brahl weh⸗ und u ſa⸗ ndli⸗ Lu⸗ Ein⸗ berlei und ihren tten, hete, ihrer bei zußte heil⸗ eig⸗ rcht⸗ n ſo hlte, den Juͤngling beklagen, denn ſie erkannte auch den Schmerz, der ihn verzehrte. Eines Abends, wo Lucenda, im bluͤhenden Grunde luſtwandelnd, ihn antraf, der ſich ſcheu zuruͤckziehn wollte, da er ſie erblickte, rief ſie den Zagenden ſelbſt herbei. Sagt mir, Loren⸗ zo, ſprach ſie, mit einem Ernſt, den ſie an⸗ nahm, ihre Ruͤhrung zu verheelen, was bannet euch ſo feſt an alle meine Schritte, daß ich oftmahls in Ungewißheit ſchwebe, ob ich bloß an euch gedacht, oder ob ihr wirklich da ge⸗ weſen? Fragt Ihr mich, edle Frau, entgeg⸗ nete Lorenzo, in der Meinung daß ich Euch nach der Wahrheit antworten ſoll, oder ſprecht Ihr bloß ſo, um mir das Gluͤck zu rauben, ſo treu und ſtumm wie ein Schatten, der Eure zu ſeyn? Sprecht! rief erroͤthend Lucenda. Was könnt' ich eingeſtehen, ſagte Lorenzo nun, was Ihr nicht ſelbſt ſchon beſſer wuͤßtet? Ach! edle Frau! warum bin ich nicht geſtorben, als ich Euch jene Perle gab, und Ihr mir klagend beide Haͤnde reichtet und rieft: Mein Lorenzo, um mich hat er dies gewagt, und die Perle kuͤßtet, indeß eine ſchoͤnere aus Euerm Auge auf ſie hinthaute!— — 218— Lieber Lorenzo, fiel ſanft Lucenda ein, ihr lebt, nach dem Willen Gottes und gewiß noch einſt gluͤcklich. Folgt meinem Rath, geht fort aus dieſen Schluchten und ſeht euch die luſtige, bunte Welt an, die der Jugend offen ſteht und die dem Muthe zu eigen ſich giebt. Was wollt ihr hier in unwuͤrdiger Beſchaͤftigung hin⸗ ſchmachten? Ergreift irgend ein edles Thun, zu welchem Geiſt, Gemuͤth und ſo manche huld⸗ reiche Gabe der Natur euch berechtigen, der Wahn eurer in Einſamkeit genaͤhrten Gluth wird in der freudigen Thaͤtigkeit eines neuen Lebens untergehn. Ich ſoll fort! das konntet Ihr mir in drei Worten ſagen, Lucenda! rief mit hervorbrechen⸗ den Thraͤnen Lorenzo aus, und er ſank mit dem Ausdruck der hoͤchſten Verzweiflung vor ihr nieder, ihre Kniee umfaſſend. Lucenda, rief er aus, ich habe es nicht verdient, daß ich von Euch verſtoßen werde, denn meine Lie⸗ be war anſpruchlos und engelrein, Ihr aber kruͤbt ſie mit irdiſchen Schmerzen und Sorgen, Ihr wollt mich nicht mehr zum Eigenthum— v haͤttet Ihr mich doch ruhig und unbekuͤmmert verglühn laſſen im ſchoͤnen Liebesfener! Jetzt habt Ihr einem Vulkan, der ſtill unter der Aſche loderte, Luft gemacht; hoͤrtet Ihr je, Lucenda, von dem Naphtafelſen im Gabern⸗ lande? Er iſt kalt und grau, die Gluth in ſich verſchließend, bis ein Funke ſie weckt, daß ſie verheerend um ſich greift! Dieſen Funken, Lu⸗ cenda, wirft Eure Rede in meine Bruſt. Stoßt mich hinaus— doch nicht ohne Hoffnung laßt mich ſcheiden, mit Einem Bande noch knuͤpft die im Trennungsſchmerz ſchon dahin ſcheidende Serle an das Leben wieder! Seht, ſo vieles wandelt auf Erden, wie ſollte es mein Gluͤcks⸗ zuſtand nicht? Ich habe Muth und ungeheure Kraft, wer weiß, welch Ziel ich noch erreiche? O, Lucenda, nicht dies ſchmerzlich verneinende Laͤcheln, nicht dieſen Blick, der mir ſagt: armer, wahnſinniger Lorenzo! Ihr habt keine Wahl zwiſchen erbarmungreicher Milde und der hoͤchſten Grauſamkeit! Gebt mir Hoffnung, ſo fern ich mich als wuͤrdiger Bewerber Euch nahe, ſetzt mir einen Zeitpunrt, wo ich zu Euern Fuͤſſen zuruͤckkehren darf, und fuͤllt die Kluft der Trennung mit dem goldenen Hoffnungs⸗ traume— wo nicht, ſo ſeht mich verzweifelnd dort von jenen Klippenhöhen zu der Stelle nie⸗ — 220— derſtuͤrzen, wo ich Euch einſt die Perle holte, zweifelt nicht! Ich ſchwoͤre es beim allmaͤch⸗ tigen Gott, daß, ſo Ihr hart und unerbittlich ſeid, die naͤchſte Minute mich des Lebens be⸗ raubt findet! Lucenda wurde bleich und ſchwankte, wie bitter bereute ſie ihren Verſuch, wie tief und heiß ſuͤhlte ſie die Wahrheit dieſer ſeltſamen und ſeltnen Liebe. Jeder Augenblick Verzug iſt Tod, rief Lorenzo, um Gotteswillen ſprecht mein Urtheil, Lucenda! Kaum hoͤrbar fluͤſterte ſie: In drei Jahren, Juͤngling!— Lorenzo ſtand auf, ſtrahlend von Wonne und innerer Freudigkeit. Es gilt! rief er aus, in drei Jahren habe ich den Tod, oder ein ſeltnes Loos errungen, und Lorenzo Flores werd' ich mich nennen, unter dieſem Namen ſollt Ihr von mir hoͤren! Verſchwunden war der Köoͤhler bei dieſen Worten, Lucenda glaubte noch immer zu traͤu⸗ men, und machte ſich bittre Vorwuͤrfe, nicht anders gehandelt zu haben. Wie ſehr ihr eig⸗ nes Herz bei der Sache mit im Spiele war, wußte ſie ſelbſt nicht, doch ſie empfand es ſpaͤ⸗ terhin lebhaft, als ſie auf allen Wegen Loren⸗ 30,s je t je s und gen chr zut zo's Sorge und ſinnreiche Treue vermißte, und je mehr ſie ſich bei dieſer Entdeckung zuͤrnte, je oͤfter mußte ſie, und je bewegter, Lorenzo's und ſeiner Treue gedenken. 2. In der uralten Kirche zu Toledo a la virx- gen del Sagrario geheißen, lauſchten vier Diebe in ſtiller Abendzeit, ihren Anſchlag auf ſeltne Beute auszufuͤhren.. Der hohe Kriegesheld, Marques de la Cruz, pflegte in dieſem Heiligthume, dem aͤlteſten chriſtlichen Gebaͤude im Lande, manche Nacht im Gebet zuzubringen. Heute war es, wo er zum Letztenmahl auf lange Zeit ſeine Andacht hier zu verrichten geſonnen war, denn in der Morgenfruͤhe wollte der Marques mit der ihm anbefohlnen Schaar nach Flandern in den Krieg. Auf dieſen Umſtand bauten die Verwegnen ihren Plan, ſie wußten wohl, daß ſich der hohe Held andern Tags nicht damit aufhalten werde, ihnen nachſpuͤren zu laſſen. — 222— Der Marques liebte ſchoͤne Leute und praͤch⸗ tige Kleider, er ſuchte ſeiner Schaar, wie ſeiner Perſon, die hoͤchſte Wuͤrde der aͤußern Erſchei⸗ nung zu geben, nicht unbekannt mit dem Vor⸗ urtheil der Menge, das vom Aeußern auf den Gehalt, zu ſchließen pflegt, wollte er es nicht verachten, und ohne Eitelkeit liebte er die Pracht. Nie gieng er anders aus, als in voller Uniform, die Sterne der Ehre leuchtend an ſeiner Bruſt, das gewaltige Schwerdt mit vergoldetem Griff und mit Edelſteinen reich beſetzt, das ihm Phi⸗ lipp II. mit eigner Hand umgeguͤrtet, und uͤber den greiſenden, vollen Locken den goldbeſetzten Feldherrnhut mit wehendem Reiherbuſch und mit der Agraffe von Brillanten, in derer Mitte ein unſchaͤtzbarer Solitair funkelte. Begleitung von ſeinen Leuten und ſonſtiges Gefolge war ihm zuwider, er ſelbſt galt Spanien ſo hoch, daß man dem Koͤnig ſelbſt kaum groͤßere Ehr⸗ furcht bewieß. Dabei war er edel und mildthaͤ⸗ tig, ein Vater ſeiner Krikger, eine maͤchtige Stuͤtze edler Huͤlfsbeduͤrftiger, und ſtets bereit zu helfen und zu erfreuen. Er tung den Seckel mit Goldſtuͤcken angefuͤllt, die er nicht ſelten glle unter die Armen vertheilte, ſo hofften alſo die und einig Meh teten Stu er v nach nen Kirch Vorl zu n nied Gluͤ der kelte Hut beſtt eine Vag ſie i ſich raͤch⸗ einer ſchei⸗ Vor⸗ den nicht acht. orm, uſt, Briff Phi⸗ über sten und itte ing die Vagabonden einen guten Fang zu thun, und wenn ihnen gleich der Ruf des Marques einige Scheu einjagte, getroͤſteten ſie ſich, die Mehrzahl werde ihn uͤberwaͤltigen, und erwar⸗ teten luͤſternen Blicks ſeine Ankunft.. Es begab ſich aber, daß zur naͤhmlichen Stunde Lorenzo, welcher, unmittelbar nachdem er von der hohen Geliebten Abſchied genommen, nach Toledo geeilt war, um ſich unter die Fah⸗ nen des Marques de la Cruz zu ſtellen, in die Kirche trat, um den Himmel um Gluͤck zu ſeinem Vorhaben anzuflehn. Lorenzo knieete, ohne der Raͤuber gewahr zu werden, am Altar der heiligen Jungfrau nieder, und betete daſelbſt innbruͤnſtig fuͤr das Gluͤck ſeiner Liebe. Nicht lange nach ihm trat der Marques in den Tempel; ob es ſchon dun⸗ kelte, leuchteten die Juwelen ſeiner koſtbaren Hut⸗ Agraffe vom Schein der ewigen Lampe beſtreift. Kaum hatte ſich der Marques knieend auf eine Betbank niedergelaſſen, ſo kamen die vier Vagabonden aus ihren Schlupfwinkeln hervor, ſie umzingelten ihn, und eh’ der wuͤrdige Greis ſich beſinnen konnte, nahm der Eine das Wort und ſprach: Edler Feldherr! Vier ehrenwerthe Hidalgo's, die nichts zu leben haben, und bel Gott nicht zu niedrigen Mitteln Zuflucht neh⸗ men werden, um Brod zu ſuchen 5 ahabem eine Bitte an Euch! dhi Sprecht! ſagte der Marques, und mit fre⸗ chem Hohn grinste der Zweite: Mein Kamerad da, hat ſich einen Schnupfen geholt, und hat keinen Hut, da baͤten wir denn gehorſamſt, Ex⸗ cellenz, daß Ihr uns den Eurigen borgtet!— Wenn dem ſo iſt, Junker, ſprach der Marques, ſo muß ich auf die Freude Verzicht thun, Euch etwas Angenehmes zu erzeigen, denn ich bin ſelbſt ſehr empfindlich gegen die Nachtluft! Gebt ihn, oder wir nehmen ihn! rief einer der Schelme, der Behutſamkeit vergeſſend, laut, dieſer Schall drang an Lorenzo's Ohr, dem ſchon vorhin das Fluͤſtern unheimlich geweſen; er ſchlich ſich naͤher, die Banditen gewahrten nicht ſeiner. Ihr ſeid die Freundlichkeit ſelbſt, ſprach Santa Cruz, doch meine Herrn, ſeid Ihr Soldaten?— Nein! Was ſoll die Frage?— Das freut mich zu hoͤren, entgegnete der Mar⸗ ques, denn auf dieſen Fall ſeid Ihr nichts, als arme Schlucker, ſo empfangt dieſe Dublonen von mit habe die Hut Sch Cru. dieſe Saͤu rief: man wur Guͤr und ſo ve zielt gew Bod tapf fuͤhr Heil der Lach⸗ der Er erthe d bel neh⸗ eine fre⸗ herad hat Ex⸗ von mir und macht Euch aus dem Staube, da⸗ mit ich nicht bereue, Euch ſo viel gewaͤhrt zu haben. Gut! fiel der Anfuͤhrer der Bande ein, die Dublonen ſind mit zu nehmen, auch den Hut koͤnnt ihr behalten, gebt uns nur die Schnalle! Diesmahl nicht, Junker, rief Santa Cruz und legte die Hand an den Degen. In dieſem Augenblick ſprang Lorenzo hinter der Saͤule hervor, ſchwang ſeinen Knotenſtock und rief: Getroſt, alter Herr! Euch iſt ein Ehren⸗ mann zum Beiſtand da! So wie die Vagabonden Lorenzo gewahr wurden, zog der Anfuͤhrer ein Piſtol aus dem Guͤrtel und bedrohte ihn damit. Lorenzo lachte und rief: Ziele nur gut, wenn es aber verſagt, ſo verſagt mir mein Knotenſtock nicht! Der Kerl zielte, das Piſtol knallte ab, und Lorenzo holte ſo gewaltig aus, daß ſein Schlag den Raͤuber zu Boden ſtreckte, ſeinerſeits hieb der Marques ſo tapfer auf das Geſindel ein, daß ſie den Au⸗ fuͤhrer muͤhſam mit ſich fortſchleppten, und ihr Heil in der Flucht ſuchten. Lorenzo wollte nach, der Marques hielt ihn zuruͤck und aͤußerte mit Lachen: Laßt ſie, und liefen ſie aus der Welt, der Galgen holte ſie ein! Nun aber ſagt mir, Erſter Thell⸗ 15 — 226— mein wackrer Kumpan, wer Ihr ſeid? Wie heißt Ihr?— Lorenzo heiß' ich, ſagte dieſer, und bin in den Kohlgruben im Gebirg aufgewachſen. Ich dank' Euch, Lorenzo, entgegnete der Mar⸗ ques, ich hoffe, wir ſehn uns wieder! Bei die⸗ ſen Worten zog er einen koſtbaren Solitair von ſeinem Finger und ſteckte ihn Lorenzo an, ſpre⸗ chend: tragt ihn, mir zu Liebe, dann druͤckte er ihm den Saͤckel voll Goldſtuͤcke in die Hand, und entzog ſich raſch dem verwirrten Lorenzo, der ihm traͤumeriſch nachſah, dann dankend auf die Kniee niederſank, und im Gebet in der Kirche verharrte, bis ſich der Morgenſchein in ihren teun⸗ ſeiegelte⸗ 4 Maiquèf hatte die Gewohnheit, die jungen alle, die ſich zum Feldzug nach Flan⸗ dern anwerben lichen, ſelbſt vor ſich kommen zu laſſen, und ſie uͤber ihr vergangnes Leben zu be⸗ fragen. So geſchah es, daß Lorenzo auch am andern Morgen ihm vorgefuͤhrt ward. Der Ring, den er am Finger trug, entdeckte dem Karques alsbald in ihm ſeinen Befreier, Lo⸗ renzo aber erkannte ihn nicht wieder. Dies be⸗ luſtigte den Marques ungemein, und er beſchloß mit der Entdeckung noch zuruͤck zu halten, nicht Wie und hſen. Mar⸗ dier von ſpre⸗ te er dand, enzo, dauf der n in die Flan⸗ en zu u be⸗ ) am Der dem Lo⸗ 5 be⸗ chloß nicht minder freute er ſich ſeinen Retter bei Tages⸗ licht zu ſehn, ſchoͤn und edel gebaut, feurigen Blick's und hohen Weſens, ein reiner, freudiger Sohn der Natur. Er fragt ihn nach ſeinem Namen. Lorenzo heiß⸗ ich, ſprach der Juͤngling, und bin gekommen, um meinem Koͤnig zu die⸗ nen, wenn Ewr. Excellenz nichts dagegen hat.— Wer ſeid Ihr? Ein Koͤhler aus den Gebirgen von Valencia. Das freut mich zu hoͤren, mein Faͤhndrich, ſprach der hohe Greis, die Koͤhler ſind wackre, beherzte Burſchen! Faͤhndrich? ſtammelte der uͤberraſchte Lorenzo. Ja, entgeg⸗ nete Santa Cruz, der Koͤnig giebt Euch eine Fahne, bringt ihm eine Andre dafuͤr! Somit gab er das Zeichen der Entlaſſung, Lorenzo glaubte zu traͤumen, und am Meiſten befremdete es ihn, ſich von den Offizieren allen mit der zuvorkommendſten Achtung und Liebe behandelt zu ſehen. Die Stunde des Abmarſches ſchlug, hoffnungstrunken gieng Lorenzo, der ſich nun auch Flores nennen ließ, mit dem Heere nach Flandern. — 223— 3. Der Marques Santa Cruz belagerte Duͤ⸗ rren, viel edle Spanier fanden den Tod vor den Mauern der trefflich und tapfer vertheidigten Stadt. Auch der hohe Toledo fiel. In einer fuͤrchterlichen Schlacht gluͤckte es Lorenzo, einen hollaͤndiſchen General gefangen zu nehmen, er trug ihn auf ſeinen Schultern in das Lager; ein Jubelruf ſchallte dem ſiegreichen Juͤngling entgegen, ſeine Offenheit und Freundſeligkeit hatte ihm laͤngſt die Gemuͤther gewonnen, ſeine Tapferkeit ſteigerte die Liebe des Heers zur feu⸗ rigſten Bewunderung. Lorenzo's Hauptmann war ein Vetter der ſchoͤnen Lucenda, wie ſie, Flores de Mendoza geheißen. Er hatte ſeinen Faͤhndrich ungemein lieb gewonnen, und freute ſich, daß er, ob nicht von Adel, doch einen Namen mit ihm trug, und ſagt' ihm oͤfters, er wuͤnſchte, ſie waͤren Ver⸗ wandte. Dies Wort klang ahnungvoll und Gluͤckweiſſagend in Lorenzo's Seele hinein, und befeuerte ihn zu neuen Heldenthaten. den igten einer einen „ er ager; gling gkeit ſeine feu⸗ der ndoza mein nicht und Ver⸗ und und — 229— Eines Tages erſchienen im ſpaniſchen Lager frank und wohlgemuth drei feindliche Offiziere, jung, hochgeſtaltet, kraftvoll, muthig und helden⸗ ſchoͤn, auch laͤngſt ſchon den Spaniern bekannt durch den Ruf ihrer Tapferkeit. Es war der Hollaͤnder Raimund, der Brabanter Richard und der Englaͤnder Robert, die mit friſchem, hochrothem Angeſicht von blondem Gelock freu⸗ diglich umwallt in das Gezelt des ſpaniſchen Feldherrn traten, verkuͤndend, ſie ſeien gekom⸗ men, um der Belagerung ein Ende zu machen; ſie baͤten um Vergunſt, daß ſich gegen ſie gagen drei erleſene Spanier ſtellten, davon einer der tapfre Lorenzo. Wuͤrden ſie bekaͤmpft, ſo ſollte ſich die Stadt den Spaniern ergeben, ſiegten ſie hingegen, ſo ſollte Santa Eruz von Duͤren ab⸗ ziehn. Da bin ich! rief Lorenzo den drei Fein⸗ den zu, Lorenzo heiß ich, und ſtehe jedem von Euch Rede; Niemand ſoll mir den Preis ab⸗ ringen, Euch beſtegt zu haben! Santa Cruz klopfte Lorenzo auf die Schulter und ſagte: Geh' mit Gott, mein Sohn, und kaͤmpfe, wie der Eid, ich weiß, du haſt nicht zu viel unter⸗ nommen! — 250— Nur ſelten glaͤnzte in den Augen des Mar⸗ ques eine ſo leuchtende Gluth der Innigkeit, als die Lorenzo jetzt in ſeinen Blicken ſah, er fuͤhlte es tief, wie liebreich der Marques es mit ihm meinte, und gieng freudig auf den Kampfplatz. Raimund war der Erſte, der in die Schranken trat, welche Angeſichts beider Heere errichtet waren; lang dauerte der Kampf, doch Loren⸗ zo's ungeheure Starke uͤberwand Beſonnenheit, Muth und Kraft ſeines Gegners, der nach ver⸗ zweifelter Gegenwehr mit einer tiefen Wunde im Schulterblatt niederſank. Bald nachdem er unter Wehklagen der Niederlaͤnder vom Kampf⸗ platz weggetragen worden, kam Richard herbei, hoͤher und kraͤftiger als Raimund, doch immer noch nicht der herrlichen Geſtalt und der Gluth in Lorenzo's Seele gewachſen. Er lag nach kurzem Gefecht im Sande. Indem Lorenzo nach dieſem Sieg etwas ſchwer Odem ſchoͤpfte, trat der Englaͤnder Robert herzu und ſprach: Ihr ſeid erſchoͤpft, Lorenzo, und wir koͤnnen nicht kaͤmpfen, denn es wuͤrde mir kein Ruhm ſeyn, einen ſo ermatteten Feind zu beſiegen. Nicht doch, Herr Englaͤnder, rief Lorenzo, ich bin ſo ſp N in Zug gekommen, daß ich wollte, es kaͤmen heut noch zehn ſolcher, wie Ihr ſeid! Nun, ſo zieht! rief der tapfre Robert, doch bitt' ich Euch, wenn Ihr mich trefft, ſo trefft mich ordentlich, denn ich mag mit der Schmach, uͤberwunden zu ſeyn, nicht leben! ist Wie Gott will, entgegnete Lorenzo, und der Kampf begann. War er ſchwerer als die zwei Vorhergehenden, ſo war er auch glorreicher, denn das ſchwankende Siegesgluck neigte ſich zuletzt auf Lorenzo's Seite und unter unendli⸗ chem Jubel der Spanier ſank der ſchwergetroffne Robert in den Sand. Feierlich wurde Duͤren nun uͤbergeben. Alſobald wurde von Santa Cruz ein Eil⸗ bote zum Koͤnig mit der Nachricht von dem gluͤcklichen Ereigniß abgefertigt. Der Eilbote kehrte nach wenig Tagen mit einem Handſchrei⸗ ben des Koͤnigs zuruͤck, in welchem Philipp dem Feldherrn anempfahl, Lorenzo den Sankt Jago⸗ Orden zu uͤberreichen, da hoher Muth die hoͤchſte Adelsprobe ſei. Der Marques ließ Lorenzo rufen und ſprach: Mein Lorenzo, erinnert Ihr Euch einer Nacht in der Kirche zu Toledo? Ja wohl, mein 7. Feldherr, fiel Lorenzo ein, das war eine heiße Nacht! Beſinnet Ihr Euch auf einen Greis, dem Ihr das Leben gerettet? Ich? behuͤte der Himmel, rief Lorenzo, der Greis war noch ſd gruͤn, wie kaum Juͤnglinge ſind! Er waͤre mit dem Geſindel ohne mich fertig geworden! Das war ich, Lorenzo! rief Santa Cruz, und die Zeit iſt da, wo ich Euch danken kann! Der Koͤ⸗ nig weiß, daß Ihr den hollaͤndiſchen General gefangen genommen, vier Standarten erobert, Euch unter die Feinde geſtuͤrzt, den erſten beſten herausgeholt und auf eurer Schulter zu mir hingetragen, wo Ihr ihn mir zu Fuͤßen legtet, und er beichten mußte, wie ſtark der Feind ſei. Die Milchſuppe, rief Lorenzo, wußte ſich ja gar nicht zu wehren, ich haͤtt' Euch ein Paar Sol⸗ cher gebracht, wenn es der Muͤhe werth ge⸗ weſen! Auch eure letzte Heldenthat, unterbrach ihn Santa Cruz, weiß der Koͤnig. Er ſendet Euch den Sankt Jago Orden, Ihr ſeid Haupt⸗ mann der Compagnie des ruͤhmlich gefallnen Don Pacheco und ich bin Euer Freund, Ca⸗ pitain! O, Lucenda! rief unwillkuͤhrlich Lorenzo, als ſein Herz unter dem Ordenskrenz hoͤher Lie — 233— ſclug. Der Marques forſchte, und erfuhr Lo⸗ renzo's ganze Lebensgeſchichte. Wir ſollen, laͤ⸗ chelte er, ſchoͤne Augen in Ehren halten, mehr als je, wenn ſich an ihrem Feuer ſolche Helden⸗ gluth entzuͤndet! Vergoͤnnt mir, ſetzt er guͤtig hinzn, Lucenda zu ſchreiben. Die drei Jahre ſind nicht um, fiel Lorenzo ein, ihr Gebot iſt mir heilig, und ſollte ſie mein vergeſſen koͤnnen, ſo iſt mir's gut, ihrer zu entbehren, den Tod kann ich dann immer noch ſinden! 4. 5. Es war an einem Fruͤhlings Abend voll Lieblichkeit und Glanz, drei Jahre nach Loren⸗ zo's Scheiden, als Ahnung und Sehnſucht Lucen⸗ da in das Freie, an die Stelle hinzog, wo ſie des wunderbaren Juͤnglings letzten Gruß empfan⸗ gen. Die ganze Schoͤpfung feierte ein Feſt der Liebeswonne, liebkoſend wehten die Luͤfte, die Blumen neigten ſich, wie kuͤſſend den Blumen zu, Quellen wallten raſch wie junge Herzen durch den leuchtenden Raſen, und nie hatte die Nachtigall ſo fuͤße Klagen gehaucht. Dieſer Einklang ergriff Lucenda's Herz mit niegekannten Gefuhlen, ihr innerſtes Weſen wurde ihr klar, ſie fuͤhlte, daß ſie an Lorenzo hieng, ſein treues Auge brannte in ihrer Bruſt. Dicht umbuͤſcht war die Stelle, wo Lugonda in Erinnerung ſchwelgend verweilte. Der Na⸗ me Flores war in ihre Einſamkeit heruͤber ge⸗ klungen, verherrlicht durch den hohen Ruf ſeiner Thaten, ſeiner Loͤwenkuͤhnheit und Heldenſtaͤrke, ihr innerſtes Herz gab ihr Gewißheit, dieſer Flores koͤnne nur Lorenzo ſeyn, doch von dem letzten Siege, von ſeiner Erhebung und ſeinem Gluͤck hatte ſie nichts erfahren. Gleichwohl klang ihr ſchon der ſeltne Ruhm eines zuvor ſo dunkeln Juͤnglings wie ein Zaubermaͤhrchen, und ſie knuͤpfte faſt unbewußt ſelige Hoffnungen an das, was ihr das Geruͤcht nur zweifelhaft und unvollkommen zugetragen. So ſaß ſie denn ſinnend im Gruͤn, aſs ein Geklirr von Waffen ſie aus ſanfter Traͤumerei aufſtoͤrte und der Anblick ihres Vetters Juan ſie halb unangenehm uͤberraſchte, denn ihr Herz, heut von den bangſeligſten Ahnungen bewegt, hatte einer andren Geſtalt entgegen geklopft. Juan laͤchelte ſeltſam und ſo ſchlau, als er ſie betrachtete, daß Lucenda erroͤthete, und zu⸗ ſamn Ange ſtaͤnd dieſen erwa bin mein denn hoch! San darit liebt der lich Han ſchoͤꝛ Sta gluͤc ſchoͤ klar, eues enda Na⸗ ge⸗ einer irke, ores zten luͤck ihr keln ſie an und ein erei uan erz, egt, pft. ſie zu⸗ ſammen ſchrak, denn es war ihr, als ſei ihr Angeſicht ein Blatt, darauf ihr Herz geſchrieben ſtände. Auch widerſprachen Juan's Worte nicht dieſem Bangen. Er ſagte: Mich haſt Du nicht erwartet, ſchoͤne Muhme, wie es ſcheint, auch bin ich nicht allein gekommen, laß ſehn, ob mein Begleiter— Laut ſchrie Lucenda bei dieſen Worten auf, denn ſie ſah Lorenzo bebend ſich nahen. Die hochherrliche Geſtalt in ſtralender Uniform, der Sankt Jago Orden auf der getreuen Bruſt, darin das Herz noch ſchlug, das ſie uͤber alles liebte, und noch immer der unverkennbare Blick der innigſten Gluth. Lorenzo beugte ſich ritter⸗ lich auf ein Knie nieder, ergriff Lucenda's Hand und ſprach: Ich habe mein Wort geloͤſ't, ſchoͤne Herrin! wie ſteht es mit dem Eurigen? Statt der Antwort ſank Lucenda an des Ueber⸗ gluͤcklichen Bruſt, und Don Juan umarmte das ſchoͤne Paar und ſagte: Ihr ſeid einander werth! — 256— Die Sage verpflanzte die Geſchichte des gluͤck⸗ lichen Koͤhlers Loren zo auf unſre Zeit, durch der ſpaniſchen Dichter Mund, wo ich ſie gefun⸗ den, und uͤbergetragen zur Aufmunterung hohen Muthes keuſcher Liebe. Nicht immer beguͤnſtigt den kuͤhnen Aufſchwung junger Herzen das Ge⸗ lingen, doch herrlicher iſt's glorreich um etwas Hohes zu Grunde gehn, als langſam den Becher eines ſchalen Lebens ausſchluͤrfen, darum wage, wer liebt, doch es ſei ein edles Wagen, das mehr um die That geſchieht, als um den ge⸗ hofften Lohn der That! 4. gluͤck⸗ durch gefun⸗ hohen nſtigt s Ge⸗ etwas Becher wage, das en ge⸗ Die wunderſame Cur⸗ ———ꝑ Novelle. D rer Die wunderſame Eu Verxachte nichts, es ſei noch ſo geringe, Im Sandkorn birgt ſich eine Welt, 1136 Das Kleinſte iſt von Gott beſtellt, Damit das Große Dir gelinge! Dies, ihr Kernſpruͤchlein rief Mutter Eh⸗ rentraut ihrem ſchoͤnen Enkel noch zu, als er reiſefertig ſchon die Treppe hinunter eilte, um mit einigen ſeiner Jugendgenoſſen die Wander⸗ ſchaft nach Italien anzutreten. Will mir's wohl merken, mein Muͤtterlein, rief Lippold, und ſah ſich unten noch einmahl nach dem lieben Vaterhauſe um; feſt eingehuͤllt in ſeinem ſchwarzen M antel, die langen Gold⸗ locken wehend um das bluͤhende Angeſicht, hielt Lippold mit der Linken beim ſcharfen Nordoſt das befiederte Barett feſt, und trocknete mit der Rechten verſchaͤmt die Thraͤne von der gluͤhenden Wange. „ Der Vollmond beſtralte hell den ſpitzen Giebel des kleinen, weinumrankten Hauſes, und das Fenſter des Kaͤmmerleins, darin nun dieſe Nacht ſein Bett leer ſtehn ſollte. Bedeutſam ſtand auf dem nahen Marktplatz der uralte Dom mit ſeinen Thuͤrmen und Saͤulen und dem ſtralenden Kreuze im Tiefblau der Fruͤh⸗ lingsnacht, und wie ein Lied klang das Rieſeln vom Brunn, wie Geiſter tanzten die funkeln⸗ den Waſſerſtroͤme und ſpielten im marmornen Becken umher. Noch verweilte Lippold einige Ninuten, es wurd ihm bang und weh' um's Herz, und er dachte mit Entſetzen an die Frem⸗ de. Dem 3 uͤngling lebte Niemand mehr, als die Vaagne treue Großmutter Ehrentraut, ſein Vater war fruͤh geſtorben, die Mutter auch, und die Großmutter naͤhrte ihre Lebenskraft an der Freude, die ihr das holde Enkelkind machte. Nun gieng auch Er fort in die weite Welt! nem Gold⸗ hielt ordoſt it der enden pitzen und dieſe atſam ralte und fruͤh⸗ eſeln keln⸗ rnen inige im's rem⸗ als aut, zuch, t an chte. gelt! — 241— Noch einmahl wollte Lippold den befreundeten Anblick des Schauplatzes ſeiner erſten Wonnen und Schmerzen recht aus voller Seele auffaſſen, um ihn ſich unvergeßlich einzupraͤgen. Wer weiß, in welchem Schmerze, dacht' er, mir dies Bild einmahl aufleuchtet, und mich troͤſtend und mah⸗ nend begruͤßt? So komm' doch nur, Lippold! rief ihm die wohlbekannte Stimme des jungen Freundes Jo⸗ ſeph zu, der auch die Wanderſchaft mitmachte, und er eilte herbei, und ergriff ihn beim Arm. Ich glaube gar, Du biſt traurig? fuhr er fort, laß doch! Neue Lande, neues Leben, Friſche Fluren, friſches Herz! Neue Kreiſe, nen Beſtreben, Neue Wonne, neuer Schmerz! Suͤß und lockend iſt das Neue, Lieblich, wie der Mailuft Wehn: Daß das Alte dich erfreue, Aus dem Neuen lern's verſtehn! Mit einem Haͤndedruck folgte Lippold ſei⸗ nem froͤhlichen Freunde, und ſie eilten hin⸗ Erſter Theil. 16 — 242— aus vor das dunkle Stadtthor, wo die Uebri⸗ gen ihrer harrten. Es waren dies einige junge Kuͤnſtler, welche in Rom ſich ausbilden wollten, und zuſammen die Wanderſchaft antraten, Lippold, der Arzt, hatte ſich ihnen angeſchloſſen, um in Neapel bei einem der dortigen großen Heilkundigen auszuſtudieren, ob er gleich ſchon ſo tuͤchtig und wacker in ſeinem Fache war, daß es bei ibm kaum noch deſſen bedurfte. Die Reiſe bei hellem Mondſchein, mit froͤhlichen Liedern in der friſchen Nachtluft des angehenden Fruͤhlings begonnen, wurde mit je⸗ der Stunde heitrer und angenehmer. Eine Welt von Hoffnungen, Ahnungen, Entwuͤrfen und Wuͤnſchen knospte in dieſer ruͤſtigen Wan⸗ drer Bruſt, und jeder rief dies innre Leben und Weben durch Mittheilung an die Freunde noch zu klarerm und freudigerm Bewußtſeyn hervor. Nach mehreren Stunden der Wandrung hielt der muntre Zug in einem Gaſthof an der Heerſtraße an, um dort einige Zeit zu raſten, und dann, nach Henoſſenem Fruͤhſtuͤck, die Rei⸗ ſe fortzuſetzen. Im Gaſtzimmer trafen ſie viel Reiſende an, da die Frankfurther Oſtermeſſe luſt Fre terk tuͤr mit ling helle glaͤr jund ſicht de, Frer verg aufz ling ihn der auff ſchie gew Mo Tra Uebri⸗ welche ammen Arzt, Neapel ndigen tuͤchtig es bei „ mit ft des nit je⸗ Eine vuͤrfen Wan⸗ n und e noch ervor. drung an der zaſten, 2 Rei⸗ ie viel rmeſſe vor der Thuͤr war, und halb Deutſchland in Bewegung ſetzte. Am wohlbeſtellten Tiſch ihr Warmbier verzehrend, und eh' noch wandrungs⸗ luſtiger als muͤde, ſcherzten die jungen Freunde ſo froͤhlich miteinander, daß ihre Hei⸗ terkeit ſich durch die der Jugend und Freude ſo na⸗ tuͤrliche Zauberkraft, der ganzen Verſammlung mittheilte, vorzuͤglich geſellte ſich zu den Juͤng⸗ lingen ein Greis, deſſen noch friſche Farbe, und helle große blaue Augen, umwallt von ſilber⸗ glaͤnzenden Locken, die Aufmerkſamkeit der jungen Maler erweckten; ſo edel waren die Ge⸗ ſichtszuͤge, und beſeelt von ſo leuchtender Mil⸗ de, daß Joſeph ſich nicht enthalten konnte, den Fremdling ſittiglich zu erſuchen, daß er ihm vergoͤnnen moͤge, einen Umriß ſeines Angeſicht's aufzunehmen. Laͤchelnd gewaͤhrte der Fremd⸗ ling; die jungen Leute alle nahmen rings um ihn her Platz, und ein jeder begann ihn von der Seite abzuzeichnen, von welcher er ihn auffaſſen konnte, ſo daß derſelbe Kopf in ver⸗ ſchiedener Richtung jedesmahl eine neue Anſicht gewaͤhrte. Dem freundlichen Alten, der von Morgengluth beleuchtet, und in der herrlichen Tracht jener Zeit, wie ein ins Leben gezauber⸗ 16*⁴ A47 — 244— tes Bild von da Vinci zu ſchauen war, behag⸗ te ungemein der Eifer der Juͤnglinge, und er fragte nun Lippold, warum er nicht auch an der Arbeit Theil genommen? Mein Freund, berichtete Joſeph ihm, widmet ſich der Heil⸗ kunde, ihn ruft nicht die heitre Kunſt nach Italien, ſondern der ernſte Wink der Wiſſen⸗ ſchaft, in der er ſchon fuͤr ſein Alter unerhoͤrte Fortſchritte gemacht. Still doch, Joſeph! rief ergluͤhend der junge Arzt, doch Joſeph fuhr fort, indeß er mit hoher Sicherheit den Umriß der edlen Geſtalt vor ihm zog: Ja, Deine Vaterſtadt wird ein dankbares Angedenken Dei⸗ ner bewahren, und Dich herrlich bei der Ruͤck⸗ kehr bewillkommen, denn bereits haſt Du treff⸗ liche Curen vollbracht, und das Spruͤchlein aus dem Cid gerechtfertigt: Mes pareils à deux fois ne se font pas connaitre, Et pour leurs corps d'essay veulant des corps de maitre. Ich muß fort! wenn Du noch mehr ſagſt⸗ unterbrach Lippold, und der Alte ſprach: Lob ehag⸗ ad er ch an eund, Heil⸗ nach iſſen⸗ hoͤrte rief fuhr imriß Deine Dei⸗ Ruͤck⸗ treff⸗ n aus t pas des ſagſt⸗ Lob — 245— hat anmuthigen Klang, aber die Jugend thut nicht wohl, wenn ſie, nach dem Beiſpiel Ulyſſes, nicht die Ohren dem Syrengeſang verſchließt, denn es iſt das Lob ein ſuͤßes Gift, welches die edelſten Keime fernerer Beſtrebungen toͤdtet. Ein hoher Sinn will nur von der innern Stimme Billigung erhalten, und wird un⸗ willig uͤber den Beifall, der ſich ihm von Außen aufdraͤngt. Mich freut ſolch' gutes Zeichen an einem Juͤngling, und ich begleite gern dieſen Ausdruck der Freude mit einem Zeichen derſelben, das als Andenken bleibend ſei! Bei dieſen Worten zog der Greis ein Schau⸗ ſtuͤkk aus ſeinem Saͤckel, welches, von Julius della Torre verfertigt, deſſen Bruder Marc⸗ Antonio della Torre vorſtellte. Seht, ſagte der Greis, das edle, noch jugendliche Geſicht eines hohen Vorgaͤngers und auf der Ruͤckſeite den Juͤngling auf dem gefluͤgelten Roſſe!— Die jungen Leute draͤngten ſich um das treffliche Werk her, Zeichnung und Ausfuͤhrung einmuͤ⸗ thig preiſend. Kennt ihr den Mann? fragte der Greis Lippold, der hocherroͤthend einfiel: Wie ſollte ſich ein Juͤnger der Arznei⸗Kunde nicht um die ſtrahlendſten Vorbilder, welche — 246— Bahnen gebrochen und die Nacht der Zeit ge⸗ lichtet, bekuͤmmern? Wie kann man weiter ſchreiten, wenn man nicht bis zum Anbeginn der eingeſchlagenen Bahn zuruͤckſchaut?— Und wer war es denn? fragte der Alte. Es war der unvergeßliche Veroneſer de la Torre, der den Ruhm der Univerſitaͤt zu Padua begruͤn⸗ det, und die Anatomie, die zu ſeiner Zeit noch gar in uͤbelm Zuſtand, ja halb verpoͤnt war, in Aufnahme gebracht hat. Es wurde fuͤr un⸗ chriſtlich gehalten, die Todten zu zergliedern, Torre's Eifer, ſein Ruhm wirkte ſo maͤchtig auf die Regierung, daß das alte Vorurtheil zer⸗ truͤmmert wurde. Alle Miſſethaͤter, die im Gebiet der Republik hingerichtet wurden, durf⸗ ten nunmehr von der Univerſitaͤt abgeholt wer⸗ den.— Da wird es nicht an Stoff gefehlt haben, rief Joſeph, denn Italien hat noch zu keiner Zeit an Uebelthaͤtern Mangel gelitten!— Es iſt auch de la Torre, fiel der Greis ein, dem wir Leonardo da Vinci's unſterbliches Werk uͤber die Anatomie verdanken, denn es wurde zu ſeinem Gebrauch bei den Vorleſungen uͤber Galenus von dieſem tiefdenkenden Kuͤnſtler verfertigt— und, meine jungen Freunde, daß Ihr einſeht, wie t ge⸗ beiter eginn Und war „der ruͤn⸗ noch war, un⸗ dern, chtig zer⸗ im durf⸗ wer⸗ fehlt h zu — ein, Verk de zu enus t— wie — 247— innig die Verwandtſchaft unter Kuͤnſten und Wiſſenſchaften iſt, will ich Euch, die Ihr als Kuͤnſtler die trefflichſten Anatomiker ſeyn muͤßt, mit einem Abdruck dieſes koͤſtlichſten Werkes be⸗ ſchenken, wobei Ihr in Rom noch oft meiner ge⸗ denken moͤg't! Mit Freudefunkelnden Augen ſag⸗ ten die Juͤnglinge dem liebreichen Greiſe Dank, und zeichneten eifrig fort, indeß Lippold ſein koͤſtliches Schauſtuͤck ſelig beaͤugelte, und ſich in Traͤume der Zukunft vertiefte. Italien danket auch dem trefflichen de la Torre, fuhr der Greis zu ſprechen fort, daß das alte Vorurtheil, welches die arabiſchen Aerz⸗ te uͤber die griechiſchen erhob, abgeſchaft iſt; er war der Erſte, der Vergleichungen zog, und die hohe Weisheit der Griechen gegen die Un⸗ wiſſenheit der Araber in vielen Stuͤcken, vor⸗ zuͤglich Ruͤckſichts der Kunde vom menſchlichen Koͤrper, aufdeckend die Irrthuͤmer ſeines Vor⸗ gaͤngers Mundinus, des erſten Anatomikers in Italien, an das Licht zog! Wen aber, mein Juͤngling, fragt' er weiter Lippold, habt denn Euch Ihr zum Meiſter erkohren? Ich halte dafuͤr, entgegnete Lippold, daß jetzt keiner in Italien dem erleuchteten Marco Aurelio Severi⸗ “ e 9 18 n 6 h 1 — 248— no gleich kommt! Da habt Ihr Recht, rief freu⸗ dig der Greis, und ich wilz Euch an dieſen ein Schreiben mitgeben, das ihm Euch beſon⸗ ders empfiehlt. Wie wuͤrdig reiht ſich dieſer Erhabne dem Angedenken eines Ferrari, eines Ficinns, eines Avogari, und des unſterblichen Iberiers Mantua an! Auch de la Torres Ruhm wird lebhaft durch ihn aufgefriſcht, denn, was jener im Anfang des 16ten Jahrhunderts fuͤr Anatomie gethan, das thut dieſer nunmehr im Beginn des 17ten, und noch in reicherer Wirkſamkeit und unendlich weiter hinausblickend, als Jener! Wiſſet Ihr etwas uͤber ſein Le⸗ ben? fragte feurig Lippold— Ich befriedige gern dieſen edeln Drang, laͤchelte der Greis— Die Juͤnglinge zeichneten indeß eifrig fort. Marco Severino, mein Freund, hub der Greis zu berichten an, iſt 1580 in Tarſia in Calabrien, von edelm Geſchlecht geboren. Er war mit ſieben Jahren eine Waiſe— Das war auch ich in dieſem Alter— fiel Lippold ein, und verſtummte, zuͤrnend uͤber ſich ſelbſt, wegen der Unterbrechung. Aber Ihr habt Euch gleich, fuhr der Alte fort, von Anbeginn der Arznei⸗ kunde gewidmet, nicht ſo mein Freund Marco, freu⸗ wieſen eſon⸗ dieſer eines lichen orres denn, s fuͤr mehr herer kend, Le⸗ edige 8— Breis rien, mit auch und hegen leich, znei⸗ erco, der zuerſt in Vergiano bei Marino, dieſem Licht der Weisheit und Alterthumskunde, die alten Klaſſiker ſtudierke, bei Orazio Gianino, dem Jeſuiten, ſich der Rhetorik und Dicht⸗ kunſt befliß, ſtrebend nach den Kraͤnzen eines Petrarca und Dante— Auch ich waͤre gern Poet geworden— rief Lippold, wenn nicht da⸗ zu Reichthum gehoͤrte! Der Poet kann Seeten⸗ arzt ſeyn, ſprach der Alte, indeß iſt die Wiſſen⸗ ſchaft immer noch eine treuere und mildere Lebensgefaͤhrtin, als die Kunſt, und wenn es die Hoͤchſte waͤre. Mareo's Oheim rief den jungen Schwaͤrmer zuruͤck, denn er ſollte in ſei— nem Vaterlande die Rechte ſtudieren. Nit gluͤhenden Thraͤnen ſah er ſcheidend zuruͤck auf ſein Jugenbparadies, ſein Geiſt, einſt heimiſch in den goldnen Regionen der Poeſie, mußte nun der ſtillen Seligkeit des Schaffens und Ge⸗ ſtaltens entſagen, und den goldnen Traum des ſchoͤneren Seyns verdraͤngte die truͤbe Wirk⸗ lichkeit. Doch die Gluth, die ſich ſonſt dichteriſche Gebilde verſtroͤmt, wendete ſich nun in voller Kraft auf die Erkenntniß des Ewig Wahren und Rechten in Zeit und Leben, und ar war noch nicht lange Zeit ein Schuͤler des weiſen Ceſare Scarlato, als er einſehn lernte, daß er wohl den Weg geaͤndert habe, doch nicht das Ziel, da das Ewige durch alle Geſtaltungen hindurch ſich beruͤhrt und ſeine Einheit bekun⸗ det. Severino nahm ſich den goͤttlichen Pudeo zum Vorbild, wie jener zuͤrnend uͤber den Miß⸗ brauch des Buchſtabens in der Ausuͤbung der Geſetze kommentirte er die Pandekten. Dieſe anſtrengende Arbeit, die ſo viel Nachforſchun⸗ gen in einer Menge der aͤlteſten und neueſten Werke heiſchte, konnte nicht im Verborgenen vor ſich gehn. Die Beſſern unter den Zeitge⸗ noſſen blickten dem kühnen und herrlichen Un⸗ ternehmen ſehnſuchtvoll entgegen, doch der Neid erwachte, und es gab Große, die da meinten, das Volk duͤrfe nicht erfahren, wie weit ſeine Rechte giengen. Die Erſcheinung des Werkes war nah, als es dem Juͤngling halb durch Liſt, halb durch Gewalt entwendet, und den Flam⸗ men uͤberliefert wurde. Marco Severino entſagte nun dieſer Lauf⸗ bahn, die fuͤr ihn durch den Verluſt ſeines Werkes und durch Gefahren aller Art eine Maͤrtyrbahn geweſen. Er gieng nach Ne⸗ apel, bei Faſole Philoſophie zu hoͤren, bei nte, nicht igen kun⸗ ideo Niß⸗ der ieſe un⸗ ſten nen tge⸗ Un⸗ deid ten, eine kes iſt, am⸗ uf⸗ nes ine Ne⸗ bei — 251— Ceſare Coppola Mathematik und bei Antonio Stelliola Chymie. Dieſe Studien gaben ſeinem Gemuͤth eine ganz beſchauliche Richtung. In ſeiner Bruſt erwachte das brennendſte Verlangen, in die Tiefen der Wunder der Allmacht einzu⸗ dringen, und die Spuren der Gottheit in den geheimſten Werkſtaͤtten der Natur zu erſpaͤhen. Latino Tancred und Quintio Buongiovanni wurden nebſt Giulio Ceſare Romano ſeine Lehrer, er machte Rieſenſchritte in der Wiſſenſchaft, und gieng nach wenigen Jahren als ausuͤbender Arzt nach ſeinem Vaterlande zuruͤck, wo das Maͤdchen ſeiner erſten Liebe ſein Weib wurde. Sie gab ihm eine Tochter und ſtarb, nun war es ihm ſchmerzlich dort zu leben, wo er mit ihr gluͤcklich geweſen, er gieng nach Neapel zuruͤck, dort lebt er jetzt, vielfach angefeindet, und hoch geehrt zugleich. Er wird ſich Eurer innig freuen, mein Juͤngling, denn er liebt uns Deutſche und liebt den ſchoͤnen Sinn der vertrauenden, ungetruͤbten Jugend. Ich bin fertig! rief Joſeph, und auch die andern reichten ihre Blaͤtter dar, Joſeph's Blatt, ſtreng en face gehalten, fand den mei⸗ ſten Beifall, dankend nahm es der wackre Alte — —— auf deſſen dringende Bitte an. Er ſchrieb nun auch ein affnes Zettelchen ohne Namensun⸗ terſchrift an Marco Severino, das er Lippold gab, und nahm dann, heiter gruͤſſend, Abſchied von den Juͤ unglingen, die nun freudig weiter zogen. Nach ſeinem Namen zu fragen hatte keiner gewagt, ſie konnten nicht aufhoͤren, von ihm zu ſprechen. Daß er ein Arzt iſt, kann nicht bezweifelt werden, bemerkte Lippold. Saht Ihr nicht, Freunde, wie ihm die Diener den koͤſtlichen Zobelkragen umthaten, als er fortgieng, und wie der ſammtne Leibrock mit Hermelin verbraͤmt war? Sind denn die Dok⸗ toren ſolche Freunde von koſtbarem Pelzwerk? rief der ſchalkhafte Georg, und Lippold verſetz⸗ te, das nicht, aber dies iſt die Ehrentracht, welche der Staat großen beruͤhmten Aerzten vergoͤnnt. In den Hundstagen muß die Ehre hoͤchſt angreifend ſeyn, rief Georg wieder. Mir, fiel Joſeph ein, gefiel der zierlich ge⸗ riſſene Sammt des Kleides, und die koͤſtliche Spitze des Kragens, auf welchem die ſchnee⸗ weißen Locken ſo ehrwuͤrdig hinwallten— und die goldne Kette mit den Ehrenmedaillen! fuͤgte Johannes hinzu, und die wunderherrlichen za de nun sun⸗ ppold chied eiter hatte von kann vold. ener — 253— Ringe an der noch immer ſchoͤnen Hand, die ich mir gleich mit abgezeichnet habe! So wur⸗ den die Juͤnglinge nicht muͤde, von dem Greiſe zu ſprechen, der ihnen beim Antreten ihrer Rei⸗ ſebahn, wie ein liebender, gluͤckverheißender Genius entgegen gekommen war. 3 Angelangt in der ſchoͤnen, uralten Stadt Neapel, nach raſcher, froͤhlicher und ungefaͤhr⸗ deter Wandrung— umweht von mildern Luͤf⸗ ten und umſpielt von dem ſuͤßen Leben des Fruͤhlings, der Himmel, Gebirg und die un⸗ endliche Meeresflaͤche mit dem blendendſten Schmelz ſeiner Farben ausgeſchmuͤckt— fuͤhlte ſich Lippold wie taumeld ergriffen von den nie⸗ geahnten Reitzen dieſer Luſtgefilde. Welche Hand hatte die Gewinde der Reben ſa maleriſch von Baum zu Baum gezogen? Welcher Kuͤnſt⸗ ler dieſen Teppich am Rande der Fluthen gewebt? Muͤhſam riß Lippold ſich los von dem be⸗ zaubernden Anblick, und eilte, die Wohnung des beruͤhmten Severino zu erfragen. Er hatte keine Muͤhe das kleine Haus zu finden, wel⸗ ches des edeln Meiſters beſcheidenes Eigenthum war. Auf ſeine Erklaͤrung, daß er ein deut⸗ ſcher Arzt ſei, ließ ihn ein alter Diener, freund⸗ lich und faſt ehrerbietig ihn geleitend, in das Labo⸗ ratorium des Hausherrn hinein, allwo er ihn nachſinnend und pruͤfend vor einem Kohlen⸗ becken, auf welchem eine blaͤuliche Maſſe, die den zarteſten Wohlgeruch aushauchte, ſtehen fand. Lippold hatte Muße den Meiſter recht zu betrachten, denn er gewahrte nicht die An⸗ kunft des Juͤnglings. Er ſah, daß Kummer und durchwachte Naͤchte Bart und Haar des noch nicht funfzigjaͤhrigen Mannes gebleicht hatten, ſeine Zuͤge waren faſt ſchoͤn zu nennen, und der hohe Ernſt des Ausdruck's veredelte ſie noch mehr. Lippold wagte nicht, den Mei⸗ ſter zu ſtoͤren; er hielt den Athem an, und ſah' des Laboranten Antlitz ſich immer heiterer entfalten. Via, via! rief er aus, eccellentiffime! als die Maſſe ſtand, und er nahm ſie behutſam von den Kohlen ab. In dieſem Augenblick ge⸗ wahrte er Lippold's, der hoch, ſchlank und bluͤhend, wie ein Gott in ſittiglicher Haltung vor ihm ſtand. Wer ſeid Ihr? rief er ihm zu⸗ 1 wel⸗ hum deut⸗ und⸗ abo⸗ ihn len⸗ die hhen echt An⸗ mer des icht en, elte dei⸗ und rer ne! am ge⸗ ind ng zu. „Ein Deutſcher.“— Studiren? Ja, großer Meiſter, die Heilkunde, und die tiefe Wiſſen⸗ ſchaft des ausuͤbenden Wundarzt, bei Euch, der ihr Ausuͤbung und Lehre den Badern und Empirikern abgerungen! Der Alte laͤchelte. Die Deutſchen, rief er aus, ſind Strudelkoͤpfe, oder Schlafmuͤtzen, Genialiſch oder Beſtialiſch, da giebt's nichts von der wackern Mittelgattung, von der brauchbaren Sorte, an der ein Meiſter Freude erlebt, die, im Gefuͤhl deſſen, wo es ihr fehlt, das Erlernte fein demuͤthig und andaͤchtig vor ſich hintraͤgt, wie das Venerabile, und nichts ab— noch zu— thun will! Da irrt ihr Euch, Meiſter, ſiel Lippold ein, juſt dieſe verehrliche Mittelgattung gedeiht und mehrt ſich bei uns, und der Schlag ſchlägt ein, und hat Gluͤck!— Hm! Hm! und von welcher Gattung ſeid denn ihr? Ich will noch erſt werden, das werdet ihr ſelbſt bald wiſſen, Meſſen Marco! gab Lippold Beſcheid. Ich habe Eure beruͤhmten Werke, die Chirurgia IIlustrata, die Authentica Chirur- gia, die Problematologos Physicus, Anatomicus, Medicus, Philologus, die Phisiognomoniae Medi- — 256— einalis Idea, und de Sophistica Medicina Rudi- mentum geleſen. O, da kennt ihr ſie bei weitem noch nicht alle, ſiel vergnuͤgt der Meiſter ein. Leſet nur meine Historiarum Chirurgicarum, und wiſſet, daß ich bereits neun und dreißig gelehrte Werke der Welt geſchenkt, darunter auch einige antiquariſche und belletriſtiſche, ſo zum Beiſviel ſchreib ich jetzt della comedia An- tica. Ein Arzt muß allſeitig, wenigſteus viel⸗ ſeitig ſeyn, ſonſt iſt er ein Flegel! Sagt das nicht laut, Meiſter, laͤchelte Lippold, es moͤch⸗ ten's Euch Einige uͤbel nehmen, andre wieder falſch verſtehn! Ich habe ſchon viel zu viel laut geſagt, rief Severino, und ſie haſſen mich drum hieſelbſt dergeſtalt, daß ſie mir nach dem Leben ſtehn. Hier das Hospieium der Unheilba⸗ ren kann von mir erzaͤhlen. Unheilbaren! ver⸗ ruͤckter Name, wenn er ſolcher gegeben wird, die ihre zehn Jahr noch fort ſchmachten! nichts iſt unheilbar, als die Unwiſſenheit und der Duͤn⸗ kel jener Bartſcheerer, die mit den Leiden der Menſchheit freveln! Seht, junger Menſch, in jenem Hospitale, wo der armſelige Kranke Lin⸗ drung, Staͤrkung, Troſt und Heilung ſinden ſollte, wurden Frevel getrieben, die zu Gott ſchre den und gien gen deten ſchlo ten an d den ich il pirer jede Men Beh und nun komt hatte auf's ten dahe mein das ſchen Er udi- eitem ein. rum, eißig inter », ſo An- viel⸗ das noͤch⸗ ieder laut xrum eben b a⸗ ver⸗ vird, chts Duͤn⸗ der „ in Lin⸗ nden Gott ſchreien. Ich erfuhr das erſt durch Zufall, durch den Abſcheu armer Verlaßner fuͤr dieſe Zuflucht, und da ich dieſen ſo oft ſich ausſprechen hoͤrte, gieng ich einmahl ſelbſt hinein. Laßt mich ſchwei⸗ gen von dem, was ich ſah! Dieſe Greuel wen⸗ deten mir das Herz im Buſen um, und ich be⸗ ſchloß, Huͤlfe zu ſchaffen. Die alten, eingeſauer⸗ ten Empiriker ließ ich laufen, und wendete mich an das junge Volk, das, in ſeinem Gott getroſt, den Alten nachſchnitt. Kommt Jungens! rief ich ihnen zu, und lernt bei mir erſt Kaͤlber ſkal⸗ piren und ſkelettiren, nachher Singvoͤgel, was jede Ameiſe verſteht, und dann ſchneidet in Menſchen hinein, doch noch immer mit einiger Behutſamkeit! Das junge Volk wurde bedenklich, und verhieß, mir Folge zu leiſten. Ich ſchlug nun einen Lehrſtuhl auf, und lud, was nur kommen wollte, zu mir ein; Zeit ihres Lebens hatten die Schuͤler nichts anders zerlegt, als auf's allerhoͤchſte den Truthahn, wenn er gebra⸗ ten auf dem Tiſche ſtand; ſie wunderten ſich daher namenlos, als ich, nach dem Beiſpiel meines unſterblichen Meiſters, Giulio Jazolino, das Werk begann, darin ich durch eignes For⸗ ſchen noch eine hoͤhere Kunde und Fertigkeit Erſter Theit. 17 — 258— erlangt. Bisher war unter den Meiſtern der Wiſſenſchaft die edle Chirurgie nur angeſehn, wie eine todte Sprache, und ſie hatten nur noch vom Alterthum her einige Achtung fuͤr ſie. Ich ſchloß ſie auf, die geheime Werkſtaͤtte der Natur, und fuͤhrte meine Schuͤler Schritt vor Schritt weiter in das ernſte Heiligthum. Der Tod mußte uns die Schluͤſſel zum Leben reichen. Meine Lehrlinge beteten mich an— ach! aber laßt mich von all dem Unheil ſchweigen, was Statt fand, als ſie nun zur Ausuͤbung und Anwendung des Erlernten ſchritten, und die Empiriker ſich dem heilſamen Wirken widerſetz⸗ ten, und den Juͤnglingen das Alphabet vorhiel⸗ ten, das ſeit grauen Jahren buchſtabiert wor⸗ den, und das der allein ſeligmachende Weg des Chirurgen⸗Glaubens ſei! Der Kampf gieng auf Tod und Leben, doch nach kurzer Friſt bracht ich den Drachen unter meine Fuͤße. Sie muß⸗ ten mich ſelbſt zum Heilen in die Saͤle hinein laſſen, ſie ſahen, was durch mich und durch meine Schuͤler an den Kranken geſchah; ſie ſchäumten und wuͤtheten, und wollten vor Grimm zerſpringen, als ich die Diaͤt, an welche bis dahin kein Menſch gedacht, zur Hauptſache der ehn, nur ſie. der vor Der chen. aber was und die rſetz⸗ hiel⸗ wor⸗ des auf acht“ nuß⸗ nein zurch ſie vor elche ſache — 259— bei den Behandlungen machte, ihr beſtimmte Normen gab, und ſtatt Waſſerſuppen bei denen, wo es zweckmaͤßig, ſtaͤrkende Speiſen und Ge⸗ traͤnke vorſchrieb, zugleich auch noch Arzneien, um zu der Huͤlfe von Außen her durch Ein⸗ ſchnitte und Verband auch von Innen mitzu⸗ wirken. Bis dahin hatte die ſaubre Hospital⸗ Pharmacie kaum Sennesblaͤtter und hoͤchſtens duͤrre Vipern aufzuweiſen. Man ſah bald die Folgen, die ſchmalen Geſichter verloren ſich, und, was ſeit Menſchengedenken nicht erhoͤrt, es giengen Geneſende aus den Mauern hervor, aus denen man ſonſt nur Leichname tragen ſah Nun kamen die Armen zugeſtroͤmt, die man ſonſt nur mit Gewalt hineinbringen konn⸗ te! Mein Sieg war vollſtaͤndig, und herrlich, doch ich habe ſchon viel darum leiden muͤſſen. Schon einmahl bin ich durch die goͤttliche Kraft der Wahrheit den Kerkern der Inquiſition, die meiner ſchon harrten, entgangen, jetzt ſoll wie⸗ der etwas gegen mich im Werke ſeyn— wie Gott will, ich bin auf Alles gefaßt! Man nennt Euch den Aeskulap, Meiſter, rief Lippold, da er die Miene des wackern Se⸗ verino ſich ahnungsvoll truͤben ſah. Ench ſind, 17* 27 bis zu dieſem Tage unerhoͤrte Dinge gelungen; man glaubt zu traͤumen, wenn man ſie erfaͤhrt. Frankreich, die Niederlande, Holland, und alle deutſchen Lande ſind Eures Ruhmes voll. Euer Beiſpiel hat Nacheiferung gefunden, und ihr müͤßt es freudig empfinden, daß Segen auf Euren Thaten ruht— O, Juͤngling, ſiel mit weicher Stimme der herrliche Meiſter ein— du weißt nicht, wie theuer ich Ruhm, und Ge⸗ deihn meines Wirkens erkauft! Und haͤttet ihr von Tauſenden, die ihr ge⸗ rettet, nur den zehnten Theil aufzuweiſen, rief Lippold gluͤhend aus, euer Bewußtſeyn muͤßte Euch uͤberſchwaͤnglich troͤſten und erquicken! Laß uns abbrechen, ſagte der Meiſter, ich ſehe es voraus, du wirſt mir ein lieber und tuͤchtiger Schuͤler ſeyn, und ich hoffe dich auf guter Bahn weiter zu bringen! Hab ich mich ſelbſt Euch ſchon halb empfohlen, ſagte Lippold nun, ſo moͤge der Gruß und das Fuͤrwort eines alten wuͤrdigen Freundes das Werk vollenden! Mit dieſen Worten langte er den Zettel des unbekannten Greiſes hervor, den er bei Anbe⸗ ginn ſeiner Reiſe im Gaſthof angetroffen. Mit einem Blick darauf rief der Alte: von meinem Eberhard! und als er den Zettel durchgeleſen, reicht' er Lippold die Hand, und ſprach: nun biſt du mir noch Eins ſo lieb! Nun fuͤhrte der Meiſter ſeinen Gaſt hinab, hieng im Speiſezimmer, wo der Tiſch fuͤr zwei bereit ſtand, ſeine Kappe auf und ſprach: nun haͤng' ich den Doctor den Griesgram und La⸗ boranten an den Nagel, die alle ſtecken un⸗ ter meiner Kappe, ſo wie ich ſie aufſetze: hier bei Tiſch Vollen wir froͤhlich ſeyn! Sieh, Lip⸗ pold, meine Buͤcher und meine Weinſorten, das iſt mein Schatz! Von beiden Dingen hab' ich das Aelteſte, Herrlichſte und Beſte gewon⸗ nen: beſeligt und uͤberreich, wenn der Geiſt daraus mich anhaucht und durchgluͤht, verlang ich nach keinen andern Guͤtern; wie oft ſchon habe ich uͤber gute Buͤcher vergeſſen, daß es ſchlechte Menſchen giebt! Bei gutem Wein vergißt ſich's noch leichter! Heiter gieng das Mahl vor ſich. Severino trank ſeinem Gaſte wacker zu. Wo willſt du wohnen? fragt' er ihn im Lauf des Geſpraͤch's. Ich weiß noch nicht, entgegnete Lippold. Dieſe Nacht biſt du mein Gaſt, rief der Meiſter, — 262— Morgen aber kannſt du bei einem ehrlichen Manne, dem Gaſtwirth Ricciardetto eine Woh⸗ nung finden. Sein Haus liegt einſam vor den Thoren, wenn du ein Liebhaber biſt, kannſt du dir den Veſuv dort recht aus dem Grunde betrachten, denn er liegt vor den Fenſtern, und Meer und Gebirge ſiehſt du, ſo weit das Auge reicht. Goͤttlich! rief Lippold, und kopfſchuͤt⸗ telnd ſprach Sevexing: Wir ſind's hier ganz gewohnt, und hier wird vom Ausbruch des Ve⸗ ſuv's, wie in Hamburg von Ebbe und Fluth geſprochen; die Fremden aber wundern ſich uͤber den wunderlichen Sprudelkopf von einem alten Berge; Schoͤne Ausſicht hat oft bittre Einſicht, hier aber iſt's der Fall, daß die Woh⸗ nung vor. der Stadt liegt, mithin wohlfeiler iſt, als manche andre, weshalb ſie dir anzuem⸗ pfehlen, denn da du Arzneikunde ſtudierſt, biſt du nicht reich, das iſt ausgemacht! Kein reicher Mann wird Doctor, mitunter aber wird auch ein Doctor zum reichen Manne!— Und haſt du ſchon etwas Liebes, junges Blut? Lippold wurde roth. Ich habe, ſagt' er ſchuͤch⸗ tern, ein ſchoͤnes, liebes Maͤdchen, Dorchen ge⸗ heißen, ſeit Kindestagen geliebt, aber ſie iſt todt, und nun will ich mich einzig der Wiſſen⸗ ſchaft widmen. Wird ſich geben! ſagte Meſſer Marco, und wollte eben das Glas an den Mund ſetzen, als ein himmliſch ſchoͤnes Maͤdchen, todtenblaß, im leichteſten Nachtkleide, die ſchwarzen Locken wallend um die blendend weißen Achſeln, mit gerungnen Haͤnden aus einer Seitenthuͤr in das Zimmer ſtuͤrzte, und mit der Geberde des hoͤchſten Entſetzens ausrief: die Diener der In⸗ quiſition! Ich ſaß in meiner Kammer, ohne Licht, am Fenſter, ich ſah ſie beim Mondſchein, ſie ſtehn vor dem Hauſe, und bereden ſich noch! Im Moment erſchallte das bedeutungsvolle Klopfen an der Hausthuͤr⸗ Meſſer Marco wurde blaß; er faltete die Haͤnde und eine Thraͤne perlte aus den gen Himmei gerichteten Blicken herab. Gottes Wille geſchehe! ſagt er mit beben⸗ der Stimme— Sie haben meinen guten Leu⸗ mund angetaſtet, das Gift der Verlaͤumdung auf mich geſpritzt, das mir im Herzen nagt— denn wer iſt unempfindlich dagegen? Meinen edelſten Handlungen haben ſie erfundne Be⸗ weggruͤnde untergeſchoben, nun geht es noch an Freiheit und Leben— o, Gott! doch moͤcht' ich nicht an ihrer Stelle ſeyn! Lippold, der keines Wortes maͤchtig war, ſah den wuͤrdigen Meiſter ſtill beten, von Neuem erſcholl das Klopfen an der Pforte, das bleiche, ſuͤße Kind ſchanderte fieberhaft zu⸗ ſammen. Dorina! vief der Vater, ſie kommen nun, verbirg dieſen jungen Mann, bis die Gefahr voruͤber, vor Allem, birg dich ſelbſt? Sei unbeſorgt um mich, Gort und ſeine Engel ſind mit mir! Lippold, nehmt Eure Wohnung bei Ricciardetto, und nehmt Euch, wenn es Noth thaͤte, meines verlaßnen Kindes an! Fort! rief er, und ſchob Beide zur Seitenthuͤr hin⸗ aus, denn ſchon hoͤrte man die Tritte der Kom⸗ menden auf der Treppe; er ſchloß hinter den bebenden Kindern zu, und warf den Schluͤſſel in die Fontaͤne des Speiszimmers. In dieſem Moment wurde aufgethan. Der alte, treue Lorenzo fuͤhrte mit betruͤbter Mine die ſchwarzen Maͤnner ein, deren Anfuͤhrer Severino, ihm zu folgen, gebot. Weshalb, und wohin? fragte der Unerſchrockne. Nur wir haben zu fragen, haͤuft nicht das volle Maas noch, donnerte ihm der Anfuͤhrer zu; er wink⸗ edl feh oͤcht war, von orte, zu⸗ smen die lbſt? ngel nung n es kort! hin⸗ Ldom⸗ den el in Der Nine hrer und wir daas dink⸗ — 265— te, die Vermummten nahten ſich, nahmen Se⸗ verino, der ſtumm gen Himmel blickte, in ihre Mitte und fuͤhrten ihn ſchweigend mit ſich von Dannen. In Dorina's kleinem Schlafgemach, vom Vollmond zauberiſch beleuchtet, ſtand nun der bis in den Tod betruͤbte und aͤngſtlich bebende Lippold mit dem, in ſeinem Jammer vergehen⸗ den Maͤdchen ganz allein! Er ſah nicht in die⸗ ſen Augenblicken die enthuͤllten Reitze von holdſeligſter Geſtalt, den ſchneeweißen Buſen, der bis dahin wohl nur den Mond erblickt, der ihn mit ſeinen ſuͤßeſten Stralen beglaͤnzte, den kleinen Wuchs, ganz von Anmuth gewoben — Er ſah nur die Thraͤnen der Unſchuld G auf dem engelſchoͤnen, kindlichen Angeſicht, ſo bleich und ſuͤß im Schmerze, wie ein Koͤpfchen der juͤngſten Niobe, vernahm die Melodie der bangen Seufzer nur, die ihrer Bruſt entbebten. Beruhigt euch, Dorina, wagte er endlich zu bitten. Gedenket der letzten Worte eures edlen Vaters, und glaubet, daß mir ſein Be⸗ fehl, Euch Beiſtand zu leiſten, heilig iſt! —— — 266— Dorina hob die wunderſuͤßen Augen, die untern Thraͤnen laͤchelten, zu Lippold auf. Er ſtand in ſeiner Schoͤnheit, in der freudigen Kraft des jugendlichen Muthes, wie ein troͤ⸗ ſtender Genius von dem Maͤdchen, und ſeine goldnen Locken leuchteten im Mondglanz allzu⸗ lieblich um die hohe, reine Stirn. Milder floſ⸗ ſen ihre Thraͤnen, feſt blieb das zuverſichtig treue, blaue Auge des Juͤnglings auf ſie ge⸗ heftet, gleichſam, als ſordre er ſie auf, ihr Herz an ſeinem Blick aufzurichten. Zum Zweitenmahl, ſagte Dorina, wird mein Vater vor das dunkle Gericht geſchleppt, ach! und gewiß iſt diesmahl der Schlag kuͤnſt⸗ licher und ſichrer berechnet! Schon einmahl haben ſie ihn mit nicht minder ſchlauer, als kuͤhner Bosheit angeklagt. Schon war er beim Poͤbel verſchrieen, den Hoͤheren verdaͤchtig ge⸗ macht, und nur Wenige unter den Beſſern glauben noch an ihn. Unſer Haus, einſt ein Sitz zarter, geſelliger Freuden, iſt einſam ge⸗ worden, und die anmuthigſten Bande der Freundſchaft ſind grauſam und herbe zerſchnit⸗ ten! Einige meiden den Vater aus Feigheit, ſklaviſch der Menge froͤhnend, andre haben ſich von Maͤc Nur es ſit ter bleil er b gelaſ denn des Reit des pold le h Wor ſo l beſa pein ſcher weil waͤr allei das die Er digen troͤ⸗ ſeine llzu⸗ floſ⸗ ichtig ge⸗ ihr wird eppt, uͤnſt⸗ mahl als beim ge⸗ ſſern ein ge⸗ der hnit⸗ heit, aben — 26„+— ſich entfernt, weil er ihren Rath: abzuſtehn von jedem Beginnen, das Feinoͤſchaft erwecken. Maͤchtige reitzen koͤnne, mit Unwillen verwarf. Nur Wenige ſind uns geblieben, und, gottlob, es ſind die Edelſten und Beſten! Mein Va⸗ ter pflegt zu ſagen, daß gute Frucht haften bleibt, und, was eingewurzelt, nicht abdorrt— er beſeufzt gleichwohl manche, die von ihm ab gelaſſen, und liebt ſie wohl noch im Stillen, denn ſein Herz iſt nicht minder treu, als groß. Ueberraſcht von dem Ernſt und der Tiefe des kindlich bluͤhenden Weſens, und vom fuͤßen Reitz ſo ganz hingenommen, daß er beinah des Vaters daruͤber vergeſſen haͤtte, blieb Lip⸗ pold ſtumm vor ihr ſtehen, mit Blick und See⸗ le hangend an den holden Lippen, die ſo ernſte Worte ſprachen, an den leuchtenden Augen, ſo bittrer Zaͤhren voll! Sie ſchwieg, und er beſann ſich wieder; bald, ſo gerieth er in die peinlichſte Verlegenheit: allein, dem himmli⸗ ſchen Geſchoͤpf gegenuͤber, in tiefer Nacht, kein weibliches Weſen in der Naͤhe— und dennoch waͤr es unzart geweſen, ſie in ihrem Kummer allein zu laſſen.— Faſt ſchien es, als erriethe das feinſinnige Maͤdchen ſeine Gedanken. Mein ö““ — 1 1 4 i I 6 f f — 268— Bater, ſagte ſie, iſt fort, ſein Zimmer ſteht leer, bewohnt es dieſe Nacht, und ruht, ſo gut es ſich nach ſolchem Anftritt ruhen laͤßt. Ich werde mich von unſerm wackern Lorenzo zu meiner Muhme, der Frau Angela fuͤhren laſſen, die unweit des Jeſuiterkollegiums wohnt. Euer Vater ſchlug mir das Haus eines ge⸗ wiſſen Rictiardetto's vor— dorthin kann Lo⸗ renzo Euch morgen fuͤhren, unterbrach Dorina den Juͤngling. Lebet nun wohl, und verzieht hier, bis Lorenzo zuruͤckkommt. Sie ſchied— Lippold blieb im Jammer allein. Es zeugte von Einfachheit und ſchoͤnem, weiblichen Walten. Das Bettchen war, wie Schnee, das Tiſchchen ſpiegelglatt, die Blu⸗ menranken auf dem Ueberzug der Polſterſtuͤhle, ſo zierlich geſtickt und gewoben auf tiefpurpur⸗ nem Grunde, mußten das Werk der Beſitzerin ſeyn, dafuͤr zeugte noch eine aͤhnliche Arbeit, die im Rahmen am Fenſter ſtand. Um das Cruziſix her wand ſich ein voller Kranz von Immerſchoͤn, auf der kleinen Betbank lag der Thomas von Kempen aufgeſchlagen, am Fen⸗ ſter bluͤhten ſorglich gepflegte, duftende Stau⸗ den ſeltner Art, und ein ſuͤßklagender Laut ver⸗ ſteht „ ſo laͤßt. renzo ihren ohnt. s ge⸗ n Lo⸗ orina zieht mer nem, wie Blu⸗ uͤhle, rpur⸗ terin beit, das von g der Fen⸗ Stau⸗ ver⸗ — 269— rieth die Nachtigall im verhangnen Gebaner⸗ Immer tiefer ſchwaͤrmte ſich Lippold in den Zauberduft und Glanz der jungfraͤulichen Zelle hinein, und war faſt boͤſe, als ihn nun Loren⸗ zo hinaus rief, um in ſein Schlafzimmer im untern Stockwerk zu gehn. Von dem geſchwaͤtzigen Alten erfuhr er, daß Severino ſeine ſchoͤne Tochter jedem menſch⸗ lichen Auge zu entziehen ſtrebe, und ſie ſich kindlich und liebend gern jeder Laune des Alten fuͤge. Auch ſagt' ihm Lorenzo, daß ſein Herr allen Gewinn ſeines Amts auf Buͤcher, Wohl⸗ thun und guten Wein verwende, nichts zuruͤck⸗ lege und bei aller unendlicher Liebe fuͤr ſein Kind nicht auf ihre Zukunft bedacht ſei. Bis tief in die Nacht hinein plauderte Lippold mit dem guten Alten, nur um noch mehr von Dorina zu erfahren, und ihren ihm ſchon ſo theuren Namen, deſſen Klang dem Namen ſeines Dorchens ſo verwandt war, aus⸗ ſprechen zu koͤnnen, und zu hoͤren. Es mochte Mitternacht ſeyn, als die zwei ſo eifrig im Geſpraͤch Vertieften an den Laden klopfen hoͤrten. Ganz ſicher das raubgierige Inquiſitionsnachtgefluͤgel! rief der Diener; nur ſtill, und um keinen Preis geoͤffnet, wer weiß, verlangt der Groß Inquiſitor auch, Do⸗ rina's ſich zu verſichern! Doch die iſt den Herrn entruͤckt! Inu Be Staͤrker und ſtaͤrker pocht' es, ungeduldig und neugierig wollte Lippold oͤffnen, doch immer hielt ihn der Alte zuruͤck. Endlich klang es: macht doch auf, Francesko bin ich! Francesko! rief freudig der Diener, und ſtieß den Laden auf; Lippold ſah mit geſpann⸗ ter Neugier hin. Ein hoher, nußbrauner Juͤng⸗ ling blickte hinein und fluͤſterte: Getroſt, Lo⸗ renzo, dein Herr iſt frei! Wir wußten um den Anſchlag der ſaubern Herrn und haben unſern Severino der Inquiſition abgerungen. Die Memmen ſind nicht minder feige als ver⸗ wegen, und koͤnnen gegen ehrliche Maͤnner nichts ausrichten. Meſſer Marco iſt geborgen, und auf trefflichem Roß weit von Neapel! Sag“ es der ſchoͤnen Dorina, Lorenzo, lebe wohl! Und verſchwunden war die hohe Geſtalt. Sag' es der ſchoͤnen Dorina, klang's in Lip⸗ pold's Herzen wieder, uͤbertaͤubend die Freude aͤber Severino's Rettung. Er warf ſich auf ſein Sch Juͤn Bali weit und ſter, entr ſen, besſ truͤb Der ſer eine nen an. ihm keit, Deu ange den uldig nmer es: und anu⸗ uͤng⸗ um aben gen. ver⸗ nner gen, Sag' 1 kalt. Lip⸗ ende auf ſein Lager und fand nur muüͤhſam den Schlummer. Am andern Morgen fuͤhrte Lorenzo den Juͤngling zu Meſſer Ricciardetto's Hauſe. Bald war er mit dieſem um das hoͤchſte und weitausſchauendſte Zimmer ſeines Hauſes einig, und zog truͤben Muthes hinein, denn der Mei⸗ ſter, um den er nach Italien gezogen, war ihm entriſſen, noch eh' er ſeines Unterrichts genoſe ſen, und das daͤmmernde Bild der neuen Lie⸗ /4 besſeligkeit war von eiferſuͤchtiger Regung ge⸗ truͤbt. Bei der Unmöglichkeit der Ruͤckkehr nadh Deutſchland, und in der Unwiſſenheit, wo Meſ⸗ ſer Marco ſich hingewendet, gieng Lippold zu einem andern beruͤhmten Arzt, den wir Antonio nennen wollen, und bot ſich ihm zum Schuͤler an. Dieſer nahm ihn willig auf, und uͤbertrug ihm ſelbſt manche Heilung, da er die Gruͤndlich⸗ keit, den Fleiß und die Einſichten des jungen Deutſchen bald erkannte. Lippold ſuchte durch angeſtrengte Arbeit Dorinen's ſuͤßes Bild aus wachenden Traͤumen, die ihn umgaukelten, zu ver⸗ ſcheuchen, doch es war vergebens, immer und immer rief ihm ſein Herz ihren Namen zu, ja, er uͤberraſchte ſich ſelbſt oft auf dem Wege nach ihrer jetzigen Wohnung, den er, ganz gegen Willen und Vorſatz, eingeſchlagen. Er ſchmach⸗ tete nach einem Blick von ihr, und verbarg ſich dies Sehnen unter der Vorſpiegelung, daß er nur auf Nachrichten von dem Meiſter harre, der ihm in wenig Stunden ſo theuer und ſo nah geworden. Seit drei Wochen war Lippold in Neapel, als der nußbraune, ihm wohl erin⸗ nerliche, ſchoͤne Juͤngling, eines Morgens un⸗ vermuthet in ſein Zimmer trat. Ein Freund von mir, ſagt' er, iſt geſtern Abends aus Tos⸗ gana hier eingetroffen, und hat muͤndlich, da es ſchriftlich nicht rathſam, Nachricht von Meſſer Narco und einen Auftrag an Euch, junger Deutſcher, mitgebracht. O, Himmel! rief Lippold hochergluͤhend, und ſo beſeligt, daß er vergaß, daß ſein gefuͤrchteter Nebenbuhler,(wenigſtens hielt er ihn dafuͤr) vor ihm ſtand. Meſſer Marco, fuhr der Unbekannte fort zu berichten, iſt auf der Flucht vom Pferde geſtuͤrzt, und hat einen gefaͤhrlichen Fall gethan. Er wollte und durfte dies nun ſtand frem 20 9 von ſeine von Verd ſer2 Deu Lipp wie unſe und dieſe da 8 kann beſil Labt Fra hien wen Lore E ver⸗ und ja, nach gegen nach⸗ g ſich ß er arre, nd ſo ppold erin⸗ 3 un⸗ reund Tos⸗ da es Neſſer unger ppold daß hielt rarco, t auf einen zurfte — 275— dies Anfangs nicht beachten, denn es galt Eile, nun aber liegt er, in einem ſehr traurigen Zu⸗ ſtand, auch ſehr von Gelde entbloͤßt, und unter fremdem Namen in einem elenden Dorfe auf 20 Miglien von Florenz, und da wir uns nicht von Neapel entfernen und zu ihm koͤnnen, ohne ſeinen Verfolgern und Todfeinden eine Spur von ihm zu verrathen, weil man uns ſtark in Verdacht hat, ihn befreit zu haben, ſo hat Meſ⸗ ſer Marco ſeine ganze Hoffnung auf Euch, Herr Deutſcher, geſetzt. Er gebiete uͤber mich! rief Lippold. Ihr ſollt ihm ſeine Tochter zufuͤhren, wie ein Bruder treu und redlich, hat er zu unſerm Benedict mit matter Stimme geſagt, und hinzugeſetzt, daß er Euch noch am Erſten dieſen Auftrag und am Sicherſten geben koͤnne, da Niemand wuͤßte, daß Ihr mit einander be⸗ kannt ſeid. Ich will hin! rief Lippold, und was ich nur beſitze, bring ich ihm, damit er ſich Pflege und Labung verſchaffe. Wir andren, unterbrach ihn Franzesko, denken eben ſo, und uͤbertragen Euch hiemit eine Summe fuͤr ihn, und zu Reiſegeld, wenn's noͤthig waͤre. Dorina findet Ihr mit Lorenz dieſe Nacht vor dem Thor ani Meeres⸗ Erſter Theil. 13 ufer, und der Himmel geleit' Euch ſicher und gut! Francesko legte einen Beutel mit Zechinen auf den Tiſch, und war ſchleunig fort, Lippold taumelte vor freudiger Ueberraſchung. Er ſollte ſie ſehn, mit ihr reiſen! Ihm ſchwindelte, die Sinne vergiengen ihm, gleichwohl loderte wieder Verdacht gegen Francesko's warme Theilnahme in ihm auf. Er entſch chlug ſich, ſo gut es an⸗ gieng, der quaͤlenden Gedanken, und eilte, einen Vorwand um ſeine bevorſtehende Reiſe ein⸗ zuleiten. Alles gieng gluͤcklich, und er traf Abends vor dem Thor Dorinen, die er in Lo⸗ renzo's und in eines ſehr liehlichen Maͤdchens Geſellſchaft fand. Die beiden Freundinnen ſchie⸗ nen ſich gar nicht trennen zu koͤnnen. Gruͤß mir zu tauſendmahlen deinen Francesko! rief Dorina noch dem holden Maͤdchen nach, und dies Wort heilte alle Wunden in Lippold's Bruſt, und zauberte ihn in einen Himmel der reinſten Liebesſeligkeit hinein. Die ganze Reiſe war ein Wonneſlug durch ein bluͤhendes Paradies. Ta⸗ ges zu jeder Stunde an Dorinens Seite, Nachts dicht neben ihrem Zimmer, als Schutz und Wehr, Bruder von ihr geheißen— ach! und pold ſollte die ieder ahme an⸗ einen ein⸗ traf Lo⸗ hens ſchie⸗ Bruͤß rief und ruſt, aſten r ein Ta⸗ achts und und wie bald, wie entzuͤckend das ſuͤße Geſtaͤndniß der innigſten Neigung von ihren Lippen! Die Fahrt war vollbracht. Die friedlichen Huͤtten des einſamen Dorfs leuchteten aus bluͤ⸗ henden Gebuͤſchen den Liebenden durch die laue Nacht einladend und freundlich entgegen. Schon beſeitigt war jedes laͤndliche Geſchaͤft, jeder Be⸗ wohner ſaß im Kreiſe der Seinigen, im hellen Stuͤbchen beim froͤhlichen Mahl. Hie und da erſchallte Geſang. Dorina, fuuͤſterte Lippold, indeß beide durch das Dorf giengen, in deſſen letztem Hauſe, links, beſchriebner Maßen der Pater wohnte— ſieh durch die Fenſter das froͤhliche Leben dieſer Landleute, wie ſie ſingen und trinken, und die jungen Paare ſich herzen und kuͤſſen, die Kinder ſo froͤhlich ſpielen, und die aͤrmlichen Stuben ſo hell und paradieſiſch ſind, durch Liebe und Genuͤgſamkeit! O, waͤre mir ein aͤhnliches Loos dereinſt an Deiner Bruſt beſchieden, meine ſuͤße Dorina! Laß uns Gott pertrauen, ſagte das holde Maͤdchen, da Du mich rein und ſchoͤn liebſt, wie ich Dich, wollen wir nicht varzagen! Sie ſtanden nun vor dem Hanſe, und blickten durch die niedern Fenſter in ein maͤßig 13*† erhelltes Stuͤbchen hinein, wo ſie den Kranken bleich und ſchlummernd in ſeinem Bette fanden, vor ihm ſaß ein altes Muͤtterchen, die mit ei⸗ nem Wedel ſorgfaͤltig die Fliegen von ſeinem Antlitz wegſcheuchte. Leiſe, leiſe traten beide ein, Dorina ſank, maͤchtig kaͤmpfend mit ihren Thraͤnen, vor ihm nieder, Lippold blieb, von unausſprechlicher Ruͤhrung durchdrungen, in ei⸗ niger Entfernung ſtehen. Eine lange Pauſe— Severino ſchlug die Augen auf, ſah ſein theures Kind, ſein Alles auf Erden, und zog das ſuͤße Maͤdchen an ſein Herz, indeß er Lippold mit den Worten: wackrer, deurſcher Junge! die Hand reichte. Ungefaͤhrdet ſind wir mit des Himmeis Schutz bis hieher gekommen, mein herrlicher Meiſter, ſprach Lippold, und jetzt wird auch Alles anders, beſſer gehn, Ihr werdet an deſen Engelsblicken geneſen! Meint Ihr? laͤchelte Meſſer Marco, mar ſcheinen, ſetzt' er ſchalkhaft hinzu, dieſe En⸗ gelsblicke mehr verwundend, als heilend! Das ſind ſie auch, theurer Freund! fiel er⸗ gluͤhend Lippold ein, aber diesmahl koͤnnt Ihr der Arzt ſeyn. t 1 e 4 der il ken d Eure geſag der 2 wollt halte etwa⸗ ließe: Mun und umge Lage Moꝛt Ma rina und noch muß mit heit nun Liel anken nden, it ei⸗ einem beide ihren von in ei⸗ iſe— heures ſuͤße d mit 1 die nmels rlicher dauch dieſen mir ſe En⸗ iel er⸗ t Ihr Ei, Deutſcher! Deutſcher! rief Severino, der ihr nur der Wiſſenſchaft, und dem Anden⸗ ken des ſeligen Dorchens leben wollet, wo ſind Eure Vorſaͤtze hin?— Davon haſt Du mir nichts geſagt! fuhr, ſich verrathend, Dorina auf, und der Alte ſiel ein: ſtehn die Sachen ſo, und wollt ihr, Lippold, der Lebenden beßre Treue halten, als der Todten, dabei fleißig ſeyn, und etwas vor Euch bringen, ſone die Liebenden ließen ihn nicht ausreden, ſie verſtegelten den Mund des Vaters um die Wette mit Kuͤſſen⸗ und die ſtille, kleine Huͤtte war zum Paradieſe umgewandelt, durch Hoffnung und ſuͤße Liebe. Lippold nahm in einem Kaͤmmerlein ſein Lager auf ſorglich ausgebreiteter Haide, mit Moos uͤberdeckt, und wickelte ſich feſt in ſeinen Mantel ein. Am Morgen kredenzte ihm Do⸗ rina die Fruͤhſtuͤcksmilch mit Blick, Laͤcheln und Luſt der Liebe, zwei ſelige Stunden noch wurden verplaudert und vertaͤndelt, dann mußte der Juͤngling nach Neapel zuruͤck, da⸗ mit bei den Mitſtudierenden ſeine Abweſen⸗ heit kein Auffehn errege. Wie ſchnell folgte nun Regen auf den Sonnenſchein beſeligter Liebe! Dorina weinte, Lippold zerdruͤckte die gnillende Thräne im Auge, und auch Meſſer Marco war tieſgeruͤhrt beim Scheiden. Geh' mit Gott, ehrlicher Junge, rief er aus, und erhalte Dir Herz, Hand und Mund rein von Unrecht und Falſchheit, wie bisher! Lippold verhieß durch einen feſten Haͤndedruck Treue und Rechtlichkeit, und entfloh ſtuͤrmiſch der eignen Nuͤhrung nahem Ausbruch. Wenn ſie's nicht ſehn, darf ich ſchon weinen! dacht' er in ſich, ſchwang ſich auf das Roß, und tilte, wie auf Fluͤgeln davon. 4 Schlimme Zeitung wartete Lippold's in Neapel, Meſſer Severino's Haus war ausge⸗ pluͤndert, der wackre Lorenzo war todt— ver⸗ muthlich in der Gegenwehr gegen die unbarm⸗ herzigen Raͤuber gefallen— des edlen Marco hoͤchſtes und theuerſtes Eigenthum, die Frucht namenloſer Muͤhen, ſeine koͤſtlichen Buͤcher, ſeine Schriften, alles war, nebſt dem unbe⸗ deutenden Hausgeraͤth verſchwunden. Wie war dieſer neue Schlag dem gebeug⸗ ten Freunde zu verkuͤnden? Wie mußte dies deſſer Geh’ und von ppold Lreue der ſie's bt' er eilte, 3 in usge⸗ ver⸗ arm⸗ darco rucht icher, unbe⸗ beug⸗ dies Ungemach auch Nuͤckſichts der Hoffnungen ſei⸗ ner Kinder auf den Sinn des Alten entmuthi⸗ gend wirken? Noch einige Zeit mußte ihm die ſchmerzliche Nachricht verborgen bleiben, ſowohl ſeiner Wunden wegen, als weil Lippold nun durch ſichre Boten den Brief an den verfehm⸗ ten Severino beſorgen konnte, ohne ihn und ſich zu gefaͤhrden. Zeit gewonnen, alles gewon⸗ nen, troͤſtete ſich Lippold, raffte den ganzen Muth ſeines Herzens zuſammen, und gieng wieder ſo fleißig an ſeine Studien, daß er in kurzer Zeit hoch uͤber ſeine Mitſchuͤler ſtand. Eines Tages, da Lippold neben Meſſer Antonio, der ihn zum Famulus angenommen, zu deſſen Kranken gieng, erzaͤhlte dieſer ihm, er ſei in das reichſte und glaͤnzendſte Haus Neapels zur edlen Bianka gerufen worden⸗ welche, nach vielen Jahren einer kinderloſen Ehe, nun zum erſtenmahl Hoffnung hege, Mutter zu werden, weshalb ſie ſich der Lei⸗ tung eines geſchickten Arztes unterwerfen wollte. Wie Schade, rief unwillkuͤhrlich Lippold aus, daß Meiſter Severino nicht hier iſt. So: grinste haͤmiſch der aufgeblaſ'ene Aeskulap, alſo der verſteht mehe, als ich? Meiſter, entgeg⸗ nete Lippold beſcheidentlich, mißverſteht mich nicht. Meſſer Severino iſt der einzige Arzt in Neapel, der Theorie und Praxis in der Chi⸗ rurgie fuͤr unzertrennlich von der innern Heil⸗ kunde hält, da nun bei einer zarten Frau leicht ein Unfall— Verſtehe! unterbrach der Dok⸗ tor, rathe doch dem jungen Herrn, ganz un⸗ beſorgt zu ſeyn! Er warf einen durchbohrenden Blick auf Lippold: 1 A30 In dieſem Augenblick ſtäͤrzte ein junger Menſch in duͤrftiger Kleidung auf die Beiden zu, umfaßte die Kniee des Arztes, und rief: Wuͤrdiger Meiſter Antonio, um aller Heiligen willen, helft! Meine Mutter ringt mit dem Tode! Deine Mutter? ſprach gedehnt Meſ⸗ ſer Antonio, wer iſt ſie, wie heißt ſie, wo wohnt ſie? Ich werde es mir in meiner Schreibtafel merken, und dieſer Tage einmahl bei gelegner Zeit— O, Gott, der Augenblick draͤngt furchtbar, rief der Jüngling. Sie wird ſchon durchkommen, nur Geduld! troͤſtete der huͤlfreiche Nann, indeß Lippold auf Kohlen ſtand, und wie Espenlaub bebte. Mit ver⸗ zweiflender Geberde flehte der Juͤngling von Neuem um Huͤlfe und Rettung, ſtellte vor, daß ganz vom eilt, die Lebe opfe uͤbe We mal rief mich t in Chi⸗ Heil⸗ eicht Dok⸗ un⸗ nden nger eiden rief: igen dem Neſ⸗ wo iner nahl blick vird der hlen ver⸗ von vor, — 281— daß die Leidende, eine arme Krankenwaͤrterin, ganz in der Naͤhe ſei, daß er M deſſer Antonio vom Fenſter aus wahrgenommen, herunterge⸗ eilt, und nun feſt auf ſeine Huͤlfe hoffe, ohne die ſie vielleicht, und mit ihr zugleich das neue Leben des Kindes, dem ſie entgegen ſehe⸗ ge⸗ opfert werde. Was ſollen nun die vielen Kinder, und uͤberhaupt, was thut das viele Volk auf der Welt? ſagte Meſſer Antonio. Fragt das ein⸗ mahl die reiche Bianka und ihren Gemahl, rief Lippold mit unverhohlner Bitterkeit. Wenn ihr ſo viel Ri üͤckſicht auf armes Geſindel nehmt, hoͤhnte Antonio, ſo geht ſelber hin und helft: das Syſtem des Marco Severino in ſolchen Haͤnden wird Wunder thun! Ja? Ihr gebt mich dieſen Morgen frei? rief vergnuͤgt Lippold, ohne den giftigen Blick Antonio's zu beachten — Wohlan, ich eile! Und fort war er mit dem Knaben. Der wird nichts vor ſich bringen! mur⸗ melte Meſſer Antonio. Es war naͤhmlich die⸗ ſer Edle ein zweiter Midas, durch deſſen Be⸗ ruͤhrung ſich jeder Puls fuͤr ihn ſich in eine reiche Goldader verwandelte, wer nicht, Schaͤtze — 282— zu ſpenden hatte, wagte nicht, ihn herbeizurufen; ſchon ſeit einem halben Jahre war der fleißige Lip⸗ pold ſein Famulus, er uͤbertrug ihm die Sorge fuͤr die me iſten ſeiner Kranken, Lohn und Eh⸗ re der Curen, die Lippold gebuͤhrte, nahm er fuͤr ſich. Lippold duldete alles, in der Hoͤffnung ſich zuletzt einen eignen Weg zu bahnen, und Meſſer Severino und ſeine fuͤße Dorina, die noch immer arm, und unter fremdem Namen in einem ſtillen 1 und lieblichen Dorfe in Tos⸗ cana verborgen lobten, dereinſt zu ihrem gu⸗ ten Rechte zu helfen. Das Wenige, was Lip⸗ pold von ſeinen kargen Einkuͤnften abſiel, wußt er ohne Namen zu ſeinem alten Freund hinzu⸗ ſenden, und Waſſer und Brot mußten ihm ge⸗ nuͤgen, um das Alter des trauernden Edeln zu ergquicken, d der, ſeitdem er den Verluſt ſeines Lorenzo und ſeiner Buͤcher erfahren, in eine dumpfe Schwermuth verſunken war. Eilend gieng Antonio zur hohen, glaͤnzenden Bianka, die er im ruhigſten Winkel ihres Pal⸗ laſtes an der Seite des liebevollen Gemahles fand. Selbſt die Hoffnung der Erhaltung ei⸗ nes Theils ihres Vermoͤgens hieng fuͤr dies Paar an der gluͤcklichen Ankunft eines Erben, und lieb hege eine bem ner gebi drge Eh⸗ er ung und die nen Los⸗ gu⸗ Lip⸗ uüßt' zu⸗ ge⸗ deln nes eine den Dal⸗ hles ei⸗ dies zen, und jede Vor ſicht wurde aufgeboten, um die liebliche Frau zu ſchonen, zu erfreuen und zu hegen. Waͤhrend nun Meſſer Antonio mit einer Devotisn, wie man noch keine an ihm bemerkt, ſich nach dem hohen Befinden ſei⸗ ner Pflegbefohlnen erkundigte, gieng Lippold gebuͤckt in die Huͤtte ein, wo die arme Antonina zwiſchen Leben und Tod ſchwebte. Ihr Toͤch⸗ terchen, Tereſina, weinte hoffnungslos am Fuß des Lagers, ihr Gatte war vor einigen Wochen geſtorben, und die Leere der Waͤnde, das duͤrſtige Geraͤth, zeugte von der druͤckend⸗ ſten Armuth. In hoͤchſter Eil verſchrieb Lip⸗ pold eine krampfſtillende Arzuei, ſendete damit Giuſeppe zum Spezereihaͤndler, indem er ihm anbefahl, die Medizin auf ſeinen Na⸗ men zu nehmen, und traf dann mit Huͤlfe einer guten Nachbarin, die theilnehmend in die Huͤtte geeilt war, jede erſinnkiche Anſtalt zur Lindrung der Leiden Antonina's. Der Himmel ſegnete die mitleidvolle Huͤlfe des Ret⸗ ters in der Noth, jubelnd trug die Rachbarin nach wenigen Stunden ihm den Neugebornen zu, dem er mit Dank zu Gott und mit Thraͤ⸗ nen einen Segenskuß auf die Stirn druͤckte. Es war ihm ſo wohl in dieſem Augenblick, wie er noch nie geahnt, daß Einem auf Erden ſeyn koͤnne. Er verhieß, Pathe des Kindes zu ſeyn, und bat, man ſolle es Lippold Theo⸗ dor nennen. Noch traf er manche Veranſtal⸗ eung zur Erleichterung der Lage der Bejam⸗ merungswuͤrdigen, die ihn nur: I'augelo, te- desco nannte. Sie fuͤhlte ſich durch die rege Theilnahme des edeln Juͤnglings geſtaͤrkt und ihre Dankbarkeit kannte keine Graͤnzen. Tere⸗ ſine und Giuſeppe erſchoͤpften ſich in Bezeigun⸗ gen des Dank's und der Liebe. Wald und Feld, Thal und Höhe durchſuchten ſie jeden Morgen, und kamen ſtets beladen mit Fruͤchten, Blu⸗ men und ſeltnen Kraͤutern zu Lippold, immer fand er etwas auf ſeinem Tiſch, das ihn uͤberraſchend erfreute, eines Tages jedoch nur ein Schaͤchtel⸗ chen mit ſchimmerndem, wunderfeinem Sand, den er fuͤr die Ausbeute einer Stufe von Katzenſilber erkannte; bei dieſem Anblick fiel ihm das oben gedachte Kernſpruͤchlein der Groß⸗ mutter ein. Gute Tereſi ina, ſagte Lippold mit Ruͤhrung vor ſich hin— jetzt da die Herbſtſtuͤrme die Fluren entkleiden, und du mir nichts mehr zu brin keit abg Tre — 285— bringen weißt, hat deine ſinnreiche Dankbar⸗ keit dem harten Geſtein eine Gabe fuͤr mich abgewonnen! Wer moͤchte, was Lieb' und Treue bringen, verſchmaͤhen? Verachte nichts, es ſei noch ſo geringe, Im Sandkorn birgt ſich eine Welt, Das Kleinſte iſt von Gott beſtellt, Damit das Große Dir gelinge! 8 6 5. Nie waren ſo heftige Schlaͤge gegen eine eiſerne Hausthuͤr, mitten in der Nacht gefuͤhrt worden, als die, welche am Abend dieſes naͤhm⸗ lichen Tages, an Meſſer Ricceiardetto's Pforte ſchallten. Um Gottes willen, helft! macht auf! Um aller Heiligen willen! ſchrie eine weibliche Stimme, und da nichts fruchten wollte, ſchrie ſie Mord! Feuer! helft! 4. Ricciardetto war an dieſem verhaͤngniß⸗ vollen Tage mit ſeiner maͤnnlichen Dienerſchaft auf den Einkauf nach einem benachbarten n Flek⸗ ken gereiſet, ſo daß er und ſeine Leute erſt —V—;—ÿ—;—:———:x:—V—— — 2 2 am folgenden Morgen zuruͤck ſeyn konnten. Sein Haus lag einſam, und er war keiner der Beherzteſten; er hatte ſeinem Pfoͤrtner, dem eigenſinnigen, alten Martin, bei Leib und Le⸗ ben eingeſchaͤrft, um keinen Preis, unter kei⸗ ner Bedingung gegen Abend, oder Nachts das Haus zu oͤffnen, deſſen Fenſter im untern Stock alle vergittert, und im Obern von un⸗ erſteiglicher Hoͤhe waren. Gar wohl hatte Martin das Geboth des Hausherrn vernommen, welches ihn bewog, bei dem erſten Laͤrm die Thuͤr ſeiner Kammer noch feſter zu verriegeln und zu ſchließen, und ſich, da unfehlbar Raͤuber den Plan ge⸗ macht das vereinſamte Haus in Abweſenheit des Herrn zu pluͤndern, und weder Truthahn noch Pfoͤrtner am Leben zu laſſen, dem Him⸗ mel und allen Heiligen, vor Angſt ſchon halb kodt, empfohlen. Endlich erwachte aus dem geſnuden friſchen Jagendſchlaf Lippold, da von den Schlaͤgen au der Thuͤr das ganze Haus droͤhnte und bebte. Er warf den Mantel uͤber, öffnete das Fenſter, und konnte durch Regenſchauer und Sturm der dunkeln Herbſtnacht ein weibliches Weſen unter⸗ ſchei Was unte Stit um Huͤl ſtirb vern alte Bet Coll liebe gew in wie fer falle ihr nun mir an, zuſc ſcheiden, das jammernd vor der Pforte ſtand. Was giebt's? Wer iſt's? rief Lippold hin⸗ unter. Alle Heiltgen ſeyn geprieſen, es iſt leane Stimme! rief Antonina, o, Meiſter Lippold, um Gottes Willen, kommt auf der Stelle zu Huͤlfe, meine Kranke, die ſchoͤne Frau Bianka, ſtirbt. Und, was ruft ihr mich? fragte Lippold verwundert. Sie ſind ja alle da geweſen, die alten Doktoren, haben ſie verlaſſen, und ſind zu Bett gegangen, Meſſer Antonio und ſeine Herrn Collegen, denn ſie ſchien zu ruhn, und die Herrn lieben ihre Gemaͤchlichkeit, ſo wie ſie beruͤhmt geworden. Nun aber ſchwebt die liebe Frau in Todesgefahr, Kraͤmpfe uͤber Kraͤmpfe, grade, wie ich, da Ihr mich gerettet. O, theurer Hel⸗ fer in der Noth! da bin ich ihr zu Fuͤßen ge⸗ fallen, und habe ſie gefleht, mich zu Euch, der ihr Wunder an mir gethan, gehn zu laſſen, und nun kommt, und entreißt ſie dem Tode, wie ihr mir gethan! Ich komme! rief Lippold, kleidete ſch haſtis an, und lief zu Martin hinunter, dem er auf⸗ zuſchließen gebot. Aufſchliehen: rief der ge⸗— dehnt, dafuͤr behuͤte mich in Gnaden Gott und ſeine Heiligen ewiglich!— Aber Martin, ein Weib ſteht draußen, 44 muß zur Signora Bianka! Pfui, ſchaͤmt Euch! rief der Alte, in der Nacht zu Signoren Bianka's? das iſt noch beſſer! Herr! ſolche Perſonen ſind immer Nord und Raubgehuͤlfen, wahrt Euch, junges Blut! Ihr oͤffnet Eure Dachshoͤhle, ſchrie Lip⸗ pold ergrimmt, oder ich ſlpme die Haus⸗ pforte! Gutes, ſtarkes Eiſen die Pforte, die Schluſ⸗ ſel in meiner Gewahrſam, ſtuͤrmt nach Wohlge⸗ fallen, ſagte der Alte gelaſſen, und drehte ſich nach der Wand. Nach einigen vergeblichen Verſuchen die Kammerthuͤr einzuſchlagen, erwog ploͤtzlich Lip⸗ pold, daß jeder Verzug toͤdtlich fuͤr die Kreiſen⸗ de ſeyn koͤnne. Trotz ſeiner aufgeregten Stim⸗ mung beſann er ſich noch auf ein Krampfſtillen⸗ des, treffliches Mittel, ein Reſultat eignen, un⸗ ablaͤſſigen Forſchens, das er an jenem Tage bei Antoninen, und ſchon in Deutſchland in aͤhnlichen Faͤllen mit Erfolg angewendet. Hoffend, der — 289— Alte werde ſich, wenn der erſte Sturm voruͤber, bewegen laſſen, zu oͤffnen, oder er ſelbſt ein Mittel finden, ſich durch das Fenſter hinab zu laſſen, und zum Kranken zu kommen, ſchrieb er das treffliche Arkanum auf einen Bogen Pa⸗ pier. Nachſinnend, wie er es bei dem wuͤthen⸗ den Sturm ungefaͤhrdet hinabwerfen koͤnne, fiel ihm das Schaͤchtelchen mit Glanzſtaub in die Augen, mit einem fluͤchtigen Gedanken an die Beziehung, die ihm dieſe kleine Gabe dieſen Morgen ſo werth gemacht, ſchob er einen Theil dieſes Sandes in das Papier, das er nun in Briefform eng zuſammen faltete, und warf es der harrenden Antonine hinunter. Die ganze Doſis auf einmahl, in Zuckerwaſſer! rief er hinab, ich komme baldmoͤglichſt nach, jetzt laͤßt der Satan von Pföoͤrtner mich noch nicht heraus! Tauſend Dank, lieber Engelsdoktor, rief Anto⸗ nina, hob das Papier, welches durch die Schwere ſeines Inhalts gluͤcklich zu Boden gelangt war, auf, und, glaͤubig, wie alle treue Herzen, ſchon Erſter Theil. 19 ————— — 290— ſicher der Rettung des ſuͤßen Weibes, eilte ſie im Triumph davon. Etwas ſorgfaͤltiger ſich ankleidend, und mit kaltem Blut ausgeruͤſtet, gieng nun Lippold zum Pfoͤrtner hinunter, und erzaͤhlte ihm in chrono⸗ logiſcher Ordnung den Verlauf der Dinge, wurde auch, treuherzig, wie er war, nicht ungeduldig, wenn der ſchlaue Alte, blos um ihn hinzuhalten, unter dem Vorwande, er habe nicht recht ver⸗ ſtanden, hie und da ſich einen Umſtand noch ein⸗ mahl erzaͤhlen ließ. Schon daͤmmerte der Mor⸗ gen, und fernes Geraſſel und Gewieher verkuͤn⸗ dete dem feinen Ohr des Pfoͤrtners die Ankunft der Laſtwagen Ricciardetto's. Das haͤttet ihr mir eher berichten ſollen, ſprach er nun; nur gemach! ich bin nun gleich da! und langſam zog er ſich an, indeß Lippold vor Ungeduld ver⸗ gieng. Der Laͤrm von der Heerſtraße kam naͤher. Ja, das iſt unſer Brauner! rief Mar⸗ tin, nun kann ich die Pforte oͤffnen! Er kam, ſchloß und riegelte auf, hob die ſchweren Eiſen⸗ ſtangen weg, und mit einem Satz war Lippold mit zum vono⸗ urde ildig, lten, ver⸗ hein⸗ Mor⸗ rkuͤn⸗ kunft et ihr nur igſam d ver⸗ kam Mar⸗ kam, Eiſen⸗ ippold — — 291— fort, nach der Stadt, und kam athemlos in Bianka's Pallaſt an. 8 Schon auf der Treppe eilte ihm der Ge⸗ mahl entgegen. Retter meines eignen Lebens, rief er aus, Engel von Gott geſendet, huͤlfrei⸗ cher, weiſer Arzt, o, ſie ſind alle Stuͤmper gegen Euch! Ihr habt geholfen, Ihr allein, nachdem ſich mein armes Weib ſchon drei Tage gequaͤlt, mit Tod und Leben gerungen! Kaum hatte ſie euer koͤſtliches Arkanum, obwohl nicht ohne Muͤhe hinuntergebracht, als ſie ſich etwas wohler fuͤhlte, und eine Viertelſtunde darauf genas ſie eines geſunden, ſchoͤnen Knaben! Ewiger Dank dem Herrn, ſagte Lippold geruͤhrt, hier hat Gott geholfen! Kommt zu meinem himmliſchen Weibe, ſiel Federico ein, empfangt ihren Dank, begruͤßt den Sohn, den ich zum Preis ſo herber Todes⸗ aͤngſte empfangen! und er zog ihn mit ſich fort zu Bianka. Antonina ſaß zu Haͤupten der holden Woͤch⸗ nerin, die eben in Schlummer lag; ſie winkte 19* Stillſchweigen und ſank freudeweinend zu Lip⸗ pold's Fuͤſſen. Lippold ſuchte ſie zu beruhigen, und ließ ſich, auf Federico's Wink, auf einem Seſſel neben dem, mit Phiolen, Pulvern und Li⸗ quoren uͤberladenen Tiſche nieder, der zu Haͤup⸗ ten der Schlummernden ſtand, hier lag auch ſein Recept, noch ganz leuchtend von dem Sil⸗ berſtanb, deſſen funkelnde Atome auf dem Pa⸗ piere haften geblieben. Seht Ihr, fluͤſterte Antonina, da ſie bemerkte, daß ſich Lippold's Blick auf das Papier heftete, es iſt nichts zu⸗ ruͤckgeblieben! Wie ſo? fragte er, ganz er⸗ ſtaunt. Ja, ſiel ſie lispelnd ein, ich habe das unſchaͤtzbare Pulver wohlbehalten vom Boden aufgehoben, und hergebracht, alsbald ſorgfaͤltig mit Zuckerwaſſer vermiſcht und in einer Taſſe die ganze Doſis, nach Eurem Befehl auf ein⸗ mahl eingegeben. Es wollte gar nicht herunter, aber die liebe Frau that ſich Gewalt an, ſie nahm mit der freudigſten Zuverſicht ein, darum iſt es ihr auch ſo wohl bekommen! keine hal⸗ „-——— be Stunde mehr und der Knabe war da, d ſehn Sie doch den Engel in ſeiner Wiege! Lippold erſchrak ſo heftig, daß er kaum ſeiner Sinne maͤchtig war, doch ein Blick auf das Gefaͤhrliche, was mit einem offnen Ge⸗ ſtaͤndniß verknuͤpft ſei, hieß ihn ſchweigen, ſo ſchwer es ihm wurde, da er Wahrheit uͤber alles liebte. Er beſorgte mit Recht, Bianka's Gemahl werde fuͤr ihre Geſundheit, nachdem ſie ein ſo originelles Pulver verſchluckt, toͤdtlich bange ſeyn, und die arme Antonina, die durch eine gluͤckliche Schickung in dies Haus gekom⸗ men, ſchimpflich davon ſenden. Dunkel ahnete ihm, die Freundſchaft des reichen, hohen Paa⸗ res koͤnne Meſſer Marco wohlthaͤtig werden, und unbeſorgt um den Einfluß des Sandes, den ſelbſt zarte Taͤubchen aufpicken, beſchloß er, wenigſtens vor der Hand zu ſchweigen. Ei, Bravo, Bravo! erſcholl's auf der Treppe, Lippold erkannte, nicht ohne Schrek⸗ ken, Meſſer Antonio's gewaltige Stimme. Dieſer war, des bedenklichen Zuſtandes ſeiner Goͤn⸗ nerin wegen, zwei volle Stunden fruͤher, als gewoͤhnlich, aufgeſtanden. Bianka erwachte von dem Laͤrm, den der gluͤckwuͤnſchende Arzt er⸗ hob; Lippold bebte, in Todesangſt, wegen der bevorſtehenden Entdeckung ſeines Heilmittels. Bravo, Herr Famulus, rief Meſſer Anto⸗ nio eintretend, das war ein ſtarkes Stuͤck! das iſt herrlich gelungen, man iſt nun geborgen, und ich waͤnſche Gluͤck! Man vergeſſe aber nicht, was man demjenigen ſchuldig iſt, dem man ſo hohe Einſichten dankt! Ja, Hoͤchſtver⸗ ehrte, fuhr er mit Pathos fort, ſehn Sie in dieſem ſeltnen jungen Deutſchen, ich ſage es mit Stolz, mein Werk! Ich habe ihn mit der lautern Milch des reinen Wiſſens getraͤnkt, nach mir hat er ſich gebildet und in Wahr⸗ heit! der Schuͤler ſteht heut' neben dem Mei⸗ ſter! j Mit dieſen Worten ergriff Meſſer Antonio das Papier, worauf das Recept geſchrieben ſtand, Lippold bebte und bangte; ſtill uͤberlas der alte Prahler, und mehr als einmahl das wahrhaft treffliche Arkanum, ſann eine Weile nach, legte dann den Bogen hin, und rief, dies⸗ mahl mit aufrichtiger B Bewunderung und wirk⸗ licher Kunſtfreude: Das iſts! o, wackrer Junge, laß dich umarmen! und er ſchloß den Juͤngling an ſeine Bruſt. Nun war das Draͤuende voruͤbergegangen, und das volle Gluͤck laͤchelte den Freudetre nenen an, der ſich noch eben verloren geglaubt. Zu einer guͤnſtigen Stunde, wo er mit dem liebevollen, jungen Paare allein war, be⸗ dung ſich Lippold die Zuruͤckberufung Meſſer Scver ino's, durch ſeines Goͤnners maͤchtigen Einfluß, zum Preis ſeiner Cur. Dieſe unſchaͤtz⸗ bare Gunſt ward ihm zugeſtanden, und reiche Be⸗ lohnung obenein. Ganz beſeligt eilte Lippold mit Francesko, und einigen andern jungen Freunden ſeines geliebten Meiſters dem Dulder entgegen, und holte ihn im Triumpf ein. So hatte denn eine gluͤckliche Fuͤgung dem deutſchen Juͤngling im fremden Lande Einfluß und Ruhm ver⸗ ſchafft, die geliebte Dorina wurde ſein. und — in kurzer Zeit ſtand er auf den Hoͤhen der Wiſſenſchaft, des Ruhmes, des Gluͤcks und der Liebe. † Und hier wollen wir ihn verlaſſen, und moͤge dieſe wahre Begebenheit den geneigten Leſer an das Spruͤchlein, womit die Geſchichte beginnt, zur guten Stunde erinnern! ————. 4 — —— — — —— — 4 4.+₰— ee 4 1 ¼ 3 1 8 8 4 1 8 * 4 4 5 1 1