7--—-—y“ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur f von.. —+ Sduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Seſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 7 —I 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. T 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 4 Tir— Pf. 6 7 3 11„ k 9— 1— 2. ſff 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſe der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aasetnezcit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 8 8 — — Der Damen⸗Erzähler 3 4 3 v on P. J. Charrin. Aus dem Franzöſiſchen - von D. A. ermann. ir 4 . 5 8* Drittes Baͤndchen. — . Leipzig, 182 6. — In Ernſt Kleins literariſchem Comptoir. Druck und Papier auz der Hofbuchdruckerei in Altenburg. 8 Die Bütte und das Schloſz b die Milchbrüder. — ,,— Damenerzaͤhler. III. ———jů——— Un das Jahr 1660 lebte in der Ge⸗ gend von Toulouſe ein angeſehner Officier, der ſich vom Kriegsdienſt zurücckgezogen, ruhig 4 auf ſeinen Gütern. Bei ſeinem großen Adel⸗ ſtolz ließ er doch niemals, wie alle mit Eh⸗ rentiteln verſehene Leute der damaligen Zeit, eine ſo tiefe Verachtung gegen den Bürger⸗ ſtand blicken. Herr Marquis von Blainmore behandelte ſeine Unterthanen wie Menſchen, nicht wie Selaven, und hatte genug geſunden 4 — Verſtand, um einzuſehn, daß man mächtiger iſt, wenn man von ſeinen Untergebnen ge⸗ liebt wird, als wenn man ihnen nur Haß oder Furcht einflößt. —— 12 2 4 Herr von Blainmore war Witwer und zu ſeinem großen Kummer kinderlos, weshalb er in ſeinem fünfundvierzigſten Jahr den Entſchluß faßte, ſich wieder zu vermählen. Er warf ſeine Blicke auf die Gräfin Saint⸗ Julien; dieſe hatte kaum die Trauer um ei⸗ nen Gatten, den ſie anbetete, abgelegt, ſo 3 dachte ſie auch ſchon, gleich dem Marquis, daß der Witwenſtand nicht für ſie gehöre. Die Gräfin hatte wenig Vermögen, war aber ſchön; ſie gab ſich dreißig Jahr, und vergaß dabei nur fünf bis ſechs zu nennen. Herr von Blainmore gefiel ihr; ſie hörte auf, um den Verſtorbnen zu ſeufzen, und ſprach endlich am Fuß des Altars das Ja aus, das um zweiten Mal ihr Geſchick an das eines 3 5 nünftig durch ſein Alter, hatte keine Freude mehr in den rauſchenden Vergnügungen der großen Welt und zog ſich auf eines der Gü⸗ Gemals feſſelte. Das glückliche Paar, ver⸗— α ☛ 8 ter des Marquis zurück. Die Marquiſe ward Mutter; mit unbeſchreiblichem Entzücken drückte ihr edler Gatte den Sohn, den er ſich ſo 3 lange gewünſcht, an ſein Herz.„Endlich,“ . rief er,„endlich habe ich einen Erben. Laſ⸗ . ſen Sie uns dem Himmel danken für das — k koſtbare Geſchenk; ohne dieſes Kind würde „ meine Familie, die zu den älteſten und aus⸗ gezeichnetſten Frankreichs gehört, mit mir aus⸗ r ſterben; ich war ſein letzter Sprößling!“* 1 d Schon ſah der Marquis im Geiſt ſeinen . Sohn von Waffenruhm glänzen, die erſten 3 Ehrenſtellen am Hofe bekleiden. Oft wachſen h ſolche Hoffnungen der Eltern mit den Kin⸗ 8 dern, ſelten erfüllen ſie ſich in der Zukunft. 8 Die Marquiſe beſchäftigte ſich nur mit + der Gegenwart; ſie ſchickte nach der Amme, e die man für das Kind beſtimmt hatte, und r gab ihm den Namen Karl Blainmore, Graf 6 von Beauſéͤjour(dies war nämlich ein Lehn, 8 ⁴ 6 das zu den Beſitzungen des Marquis ge⸗ hörte).—. Margarethe, eine Pächterin des Herrn von Blainmore, deren Wohnung nur ſechs Stun⸗ den von dem Wohnſitz ihres Herrn und Ge⸗ bieters lag, kam ſogleich, um ihren edlen Säugling zu holen. Sie war achtzehn Jahr alt, und hatte einen Sohn von vier Mong⸗ ten, deſſen Stärke und Geſundheit hoffen ließen, daß der junge Graf ſeinem Milchbru⸗ der in nichts nachſtehn werde. Man gab der Amme reiche Geſchenke, und verſprach ihr weit mehr, damit ſie nur alle mögliche Sorgfalt auf den jungen Beauſéjour verwen⸗ den ſollte. Nargarethe kehrte ſehr erfreut auf ihr Pachtgut zurück, wo der Marquis und ſeine Gemalin nun recht häufige Be⸗ ſuche machen wollten. Der kleine Karl und Frisdrich, der Sohn der Pächterin, gediehen gleichmäßig. Täg⸗ ☛ 7 lich kam Herr von Blainmore oder die Mar⸗ quiſe, um ihren Nachkommen zu beſuchen; und niemals wohl iſt ein Kind ſo zärtlich ge— pflegt und gewartet worden, als dieſer theure Sprößling. Karl mochte ſechs bis ſieben Monate alt ſeyn; da erhielt die Marquiſe ein Schrei⸗ ben von St. Domingo, worin ihr der Tod eines reichen Oheims, deſſen einzige Erbin ſie war, gemeldet wurde. Der Teſtamentsvoll⸗ zieher forderte ſie auf, ſo ſchnell als möglich ſelbſt nach Amerika überzuſchiffen, oder ihm die nöthigen Vollmachten zu ſenden. Herr von Blainmore, erfreut über den Zuwachs an Vermögen, war der Meinung, ſelbſt hin⸗ zureiſen, des Oheims Güter zu veräußern, und neue Beſitzungen dafür in Frankreich zu kaufen. Anfangs war die Marquiſe gegen dieſen Plan; das Alter ihres Sohnes ge⸗ ſtattete nicht, ihn ſchon mitzunehmen, und ☛̈ Oo 8 der Gedanke an eine lange Abweſenheit machte ihr die Trennung von ihm ſo ſchwer, daß ſie ſich nicht entſchließen konnte. Allein ihr Gatte, welcher glaubte, daß bei einer ſo be— deutenden Sache es ſtets beſſer ſei, ſelbſt mit eignen Augen zu ſehn, als ſich auf die Ge— wiſſenhaftigkeit der Rechtsgelehrten zu verlaſ⸗ ſen, führte ſo überzeugende Gründe an, daß Frau von Blainmore endlich in die Reiſe nach St. Domingo willigte. Margarethe wurde auf das Schloß ge⸗ rufen, wo man ihr die Urſache der Reiſe, welche die Eltern des jungen Grafen antreten wollten, entdeckte. Die Marquiſe umarmte ihren Sohn zärtlich, behielt ihn mehrere Tage bei ſich, und trennte ſich erſt im Augenblick der Abreiſe von ihm. Alles, was Zärtlichkeit, Sorgfalt, Vorſicht einer Mutter rathen kann, wurde gethan, damit der kleine Karl von Beauſéjour nicht durch die Abweſenheit der a 8 9 Marquiſe an etwas Mangel leide. Endlich nahte die Trennungsſtunde; das edle Paar vergoß Thränen beim Abſchied von ihrem ein⸗ ſtigen Erben; und Margarethe, trat ſehr zu⸗ frieden mit der Freigebigkeit des Herrn und Frau von Blainmore, den Rückweg nach ihrer ländlichen Wohnung an. Die Reiſenden begaben ſich nach Bor⸗ deaux, und ſchifften ſich von dort ein; ihre Ueberfahrt war ſehr glücklich. Laſſen wir ſie in Amerika bei ihrer reichen Erbſchaft, und ſchauen wir lieber nach dem niedern Dach des Pächters Moritz, wo Karl von Beauſéjour und Friedrich, ſein Milchbruder, beiſammen ſind. 3 Die Meierei war ſo reichlich mit Allem vom Marquis ausgerüſtet, daß überall Froh⸗ ſinn und Glück hervorleuchtete. Margarethe, die ihren Sohn eben ſo zärtlich liebte, als Frau von Blainmore ihren Erben, vertauſchte ☛ 10 Ꝙ☚ manchmal im Scherz den groben Anzug Fried⸗ richs mit dem des jungen Grafen, bisweilen kleidete ſie Karl ſogar in das Gewand des kleinen Landmanns; ihr Gatte, älter und Püberlegter als ſie, tadelte dieſe Verkleidungen, die junge Margarethe aber entſchuldigte la— beim Anziehn zu vergreifen, und hatte den nächſten Tag ſchon ihr Verſprechen vergeſſen; eine wiederholte Ermahnung von Moritz be⸗ wirkte nur immer neue Entſchuldigungen, und er faßte endlich den Entſchluß, um Ruhe zu haben, ſich nicht weiter um dieſe ſcheinbar unſchuldige Kinderei zu bekümmern, die doch unangenehme Folgen haben konnte, wenn irgend ein Freund des Marquis den jungen Grafen einmal un⸗ erwartet beſuchte. Was Moritz gefürchtet hatte, traf ein; der Vicomte von Volmar, ein junger Officier, der ſeinen erſten Kriegsdienſt unter Herrn chend den Scherz, verſprach, ſich nicht mehr 11 ☛ von Blainmore gethan, erhielt von dieſem einen Brief aus St. Domingo. Sein Freund bat ihn, einige Angelegenheiten, die er bei ſeiner ſchnellen Abreiſe nicht hatte ſelbſt be⸗ ſorgen können, zu ordnen, und ihm auch Nach⸗ richten über ſeinen Karl mitzutheilen, obgleich er erſt kürzlich durch die Amme von deſſen Wohlbefinden war unterrichtet worden. Herr von Volmar begab ſich alſo in die Meierei; Moritz war auf dem Feld, Marga⸗ rethen aber traf er, wie ſie eben ihren lieben Friedrich mit den ſchönen Kleidern Karls putzte, und ihn wohlgefällig betrachtete. Sie erſchrak beim Eintritt des Fremden, und er⸗ kundigte ſich verlegen nach der Urſache ſeines Beſuchs. Der Vicomte erklärte ſich darüber, und fragte, ob das Kind, was ſie auf dem Schoß hatte, der junge Graf ſei⸗ „Ja, mein Herr,“ antwortete die Päch⸗ terin erröthend; denn ſie dachte eben an alle —— 5— —— —— — ☛ 12 — Ermahnungen ihres Ehemanns, und fürchtete, der Fremde möchte die Verkleidung Friedrichs entdecken:„Sie ſehen, er befindet ſich ſehr wohl.“ Kaum hatte ſie dies geſagt, ſo trat eine junge Bäuerin ſchluchzend herein; ſie trug ein Kind auf dem Arm, das heftig ſchrie, und deſſen Kleider ganz blutig waren. „Was iſt geſchehn?“ fragte Margarethe ganz beſtürzt.„Gott, welches Unglück!“ „„Er iſt verwundet; der Chirurg wird ſogleich kommen.““*— „Verwundet! wo? wie?“ unterbrach ſie Margarethe, ergriff den Knaben, und zog ihm ſein Kleid ab.. „„Ach! ich ließ den kleinen Karl Lin wenig herumſpringen..““ „Karl?“ rief Herr von Volmar. „„Ja,“ ſprach ſchnell die Amme;„un⸗ ſer Kind heißt auch Karl..“ Volmar Hefriediee ſich mit der Antwort ☛ 13 nicht, ſondern befahl ihr, zu ſchweigen, und fragte die junge Bäuerin ſtreng aus, indem er ihr gebot, die lautere Wahrheit zu ſagen. Von ihr erfuhr er, daß der große Hund Ca⸗ ſtor an einem Abhang das Kind ungeriſſen, und herabgeworfen habe, und daß dieſes da⸗ bei den Schenkel gebrochen. Zugleich entdeckte er, daß der verwundete Knabe Herrn von Blainmore's Kind war. „Alſo iſt dieſer nicht Euer Sohn?“ fragte er zornig Margarethen, und zeigte auf Karl. Die Ankunft des Dorfbarbiers unterbrach auf einige Minuten das peinliche Verhör; er unterſuchte die Verletzungen, erklärte ſie für wenig gefährlich, legte einen Verband an, und ging wieder. Kaum war er fort, und die Magd ebenfalls entfernt, ſo fiel Marga⸗ rethe dem Herrn von Volmar zu Füßen, und rief unter einem Strom von Thränen: 144 „vergeben Sie mir, daß ich Sie hintergan⸗ gen habe; der Himmel hat mich dafür ge⸗ ſtraft. Ich hatte eben aus kindiſcher Spie— lerei meinem Sohn die Kleider ſeines Milch⸗ bruders angezogen, da überraſchte mich Ihr unerwarteter Beſuch; und die Frage, die Sie an mich richteten, die Schaam, auf einer ſo unrechten That ertappt zu werden, die Ab⸗ weſenheit Karls, den das Mädchen eben uaüsgetragen hatte, dies Alles, gnädiger Herr..... „„Durfte Dich nicht verleiten, eine Lüge zu ſagen. Welche Meinung ſoll ich von einer jungen Frau haben, die ſtatt eine Schwachheit zu geſtehn, die ich gewiß verzie⸗ hen hätte, zu Unwahrheiten ihre Zuflucht nimmt, und fremden Händen das Kind an⸗ vertraut, über welches ſie unaufhörlich ſelbſt wachen ſollte?““ Während dieſes Geſprächs kommt Moritz 22 2 22 15 heim; er hört Margarethens Stimme, und iſt überraſcht, ſie in einer bittenden Stellung vor einem Fremden zu ſehn. Sie geſteht ih⸗ rem Mann ſogleich Alles, und zeigt eine ſo aufrichtige Reue, daß der Vicomte ſelbſt den Pächter beruhigen mußte, der in den lebhaf⸗ teſten Unwillen über Margarethens Vergehen ausbricht. Mit Mühe mäßigt er endlich ſei⸗ nen Zorn, und iſt bereit, ihr zu vergeben, da glücklicher Weiſe die Sache für den jungen Grafen keine übeln Folgen haben wird. Un⸗ ter der Bedingung, daß Margarethe künftig alle Sorgfalt auf Karl verwendet, verſpricht nun auch Herr von Volmar, der nur eine al⸗ berne Thorheit in dem Betragen der Amme ſah, die Nachläſſigkeit Margarethens und dieſen Vor⸗ fall zu verſchweigen. Margarethe und Moritz riefen Gott zum Zeugen ihres Schwurs an, unabläſſig für ihren jungen Herrn die größte Sorgfalt zu haben. Herr von Volmar ſagte — —— ☚ 16 ☛☚— ihnen noch beim Abſchied, daß er wiederkom⸗ hal men würde, obgleich er vom Gegentheil über⸗ die zeugt war; denn er verließ drei Tage darauf ſein die Gegend, um in Marſeille ſich niederzu⸗ wel laſſen, wo er ſich mit einem Mädchen aus den ſehr guter Familie verbinden wollte. um Zwei Jahre waren verfloſſen, ehe Herr er von Blainmore und ſeine Gemalin ihre Ge⸗ tel ſchäfte auf St. Domingo völlig beendet hat⸗ ben ten; nun aber wurde der Tag der Abreiſe mer feſtgeſetzt, und nach 14 Tagen ſchwammen Ma ſie mit ihren neuen Schätzen den Küſten ſein Frankreichs zu.. Während die Eltern des jungen Grafen, We nach ſeinem Wiederſehn ſich ſehnend, das weite für Meer durchſchifften, und die lieblichſten Bil⸗ vern der in der Zukunft ſich malten, ereignete ſich Kin in der Meierei ein Unfall, der die Einwoh⸗ ner in tiefe Betrübniß ſtürzte. Moritz wurde errd einige Zeit durch ein Leiden der Augen abge⸗ ☛ ³17 n⸗ halten, ſeinen ländlichen Arbeiten vorzuſtehn; r⸗ dieſer Unthätigkeit müde, entſchloß er ſich, zu if ſeiner Heilung eines Mittels ſich zu bedienen, 2 welches ein Quackſalber, wie deren viele auf 8 dem Lande, mehr Unheil als 6 Nutzen ſchaffend, umherziehen, i ihm gegeben hatte. Nun mochte r er entweder ſtatt des rechten ein andres Mit⸗ ⸗ tel ergriffen, oder es unrecht gebraucht ha⸗ . ben— kurz ſein Zuſtand wurde immer ſchlim⸗ e mer, und er verlor am Ende gar das Geſicht. Margarezhe war untröſtlich, Moritz ertrug 1 ſein Leiden ſtandhaft. „Murre nicht,“ ſagte er zu ſeinem Weibe,„der Almächtipe wird auch ferner für uns ſorgen. Jeden Morgen, jeden Abend 4 vernimmt er unſer Gebet; er verläßt ſeine Kinder nicht, wenn ſie tugendhaft ſind!“ Bei dieſen Worten bebte Margarethe, erröthete und wendete ihr Geſicht weg, als ob ſie die forſchenden Blicke ihres Mannes Damenerzaͤhler. III. 2 ☛ 18 fürchtete. Hätte Moritz ſie ſehen können, ge⸗ wiß wär er überzeugt gewefen, daß ſie irgend 1 eine unrechte That ſich vorzuwerfen hatte. 1 Karl und Friedrich ſpielten immer zu⸗ b ſammen, und ſchienen ſich zu lieben, wie Brü⸗ f der. Der Sohn der Amme, der früher einen 3 n ſo kräftigen Körperbau zeigte, war als Knabe von drei Jahren, obwohl der ältere, doch min⸗ e „ der ſtark und groß, als Karl, der wirklich zu⸗ d ſehends emporwuchs und rüſtiger wurde. 1ſ Endlich kam ein Brief an, der Marga⸗ ſo rethen und Moritz die baldige Rückkehr ihrer a⸗ Gebieter meldete. Der Pächter freute ſich; 9 ſein Weib ſeufzte, und vermochte nicht, ein ängſtliches, ſchmerzliches Gefühl zu unterdrük⸗ es ken.—„Moritz,“ ſprach ſie traurig,„Karl h⸗ w wird uns nun verlaſſen, Du kannſt die Meierei 3 nicht länger behalten; was ſei aus uns, aus N unſerm armen Kind werden? „, Ich wiederhole es Dir, Margarethe, 5 19 G ge⸗ entgegnete der Blinde,„ſei muthig, hoffe; end und wenn unſre Herren uns doch verlaſſen, was ich nicht fürchte, ſo ahme meiner Erge⸗ zu⸗ bung nach.** rü⸗„„Glaubſt Du wohl, daß Herr von Vol⸗ nen mar unſerm Herrn geſchrieben hat...“ abe„„Daß er Dich überraſcht, als Du lin⸗ eben Deinen Sohn mit fremden ſchönen Ktlei⸗ zu⸗ 3 dern ſchmückteſt, daß Karl verwundet worden 5 iſt? Nein, nein; er hat uns verſprochen, zu ga⸗ ſchweigen, und der gute Herr ſah ſehr ehrlich rer aus A ber wie ſteht es denn um die ch; Narbe des Kleinen?““ ein„Man bemerkt ſie kaum noch, ich weiß ük. es gewiß... entgegnete Margarethe leb⸗ arl haft.— rei=—„„Deſto beſſer für uns; denn wenn die us Marquiſe ſie ſäah..““ „Sie wird ſie gewiß nicht ſehn; aber ſprich nur niemals davon.“ ☛̈ ³20 ☛ „„Nun worüber beunruhigſt Du Dich noch, da Karl ſich wohlbefindet; Du haſt ihn treu gepflegt. Der Marquis iſt jetzt reich wie ein Fürſt, er thut gewiß etwas für uns; ſchickte er uns doch von Domingo mehr, als er uns verſprochen; auch erhält er noch den ganzen Pacht von mir, ſeit der Zeit ſeiner Abreiſe, es iſt ein ſchönes Sümmchen, das wohlgezählt bereit liegt. Er iſt nicht, wie an⸗ dre große Herrn, er liebt ſeine Unterthanen; warum ſollte er nun, da ich blind bin, weui⸗ ger Rückſicht auf mich nehmen? Haben wir nicht ſeinen Erben erzogen? Nein, Weib, gräme Dich nicht; ich wette, es wird Alles gut werden.“* „Der Himmel erhöre Dich!“ antwortete Margarethe,„ich bin nicht ſo ruhig wie Du.* 1 Die Ankunft des Marquis und ſeiner Gattin beſtätigte Moritzens Hoffnungen. Beide 14— 2 den einer das an⸗ ien; eui⸗ wir eeib, ILlles tete wie iner eide ☛̈ 9 21.— nahmen lebhaften Antheil an ſeinem Unglück; ſie waren entzückt beim Anblick ihres Sohnes; ſeine Geſundheit, ſeine Wildheit, ſein Plau⸗ dern erfüllte ſie mit Freude; ſie ließen Mo⸗ ritz von der Meierei auf das Schloß kommen, ſchenkten ihm alle Pachtgelder, die er ihnen ſchuldig war, und trugen Margarethen die Aufſicht über das Hausweſen auf. Beide konnten ihr Glück kaum faſſen, und fielen ihrem großmüthigen Gebieter dankend zu Fü⸗ ßen. Herr von Blainmore hob ſie auf, ſagte daß er nur die Dienſte, die ſie ihm geleiſtet, anerkenne, und entfernte ſich, um ihren fer⸗ nern Dankſagungen zu entgehn. Einige Tage darauf kam ein Brief von Marſeille an; Margarethe trug ihn ſogleich zu Herrn von Blainmore, aber ſie ward bleich, und zitterte, als ſie hörte, wie dieſer zu ſei⸗ ner Gemalin ſprach:„er iſt von unſerm Freund, dem Vicomte Volmar!“ ☛ 2 Margarethe ging, verweilte aber außen an der Thür, die ſie aus Vorſicht nur ange⸗ lehnt hatte. Bald ſchwand ihre Furcht. Herr von Volmar meldete dem Herrn und der Frau von Blainmore die Geburt einer Tochter; „ich freue mich,“ fügte er hinzu,„Vater zu ſeyn, obgleich mein Glück größer wär, wenn mir der Himmel, wie Ihnen, einen Sohn geſchenkt hätte.“ Nachdem der Marquis die Geſchäfte, die ſeine Abweſenheit etwas verwirrt, in Ord⸗ nung gebracht hatte, verpachtete er die Meie⸗ rei, die Moritz vorher bewohnte, an einen andern, und räumte dem Blinden ein kleines Haus in der Nähe des Schloſſes ein, wo er mit Weib und Sohn gemächlich leben konnte. Margarethe, deren Stolz durch dies neue Glück zugenommen, brach nun allen Umgang mit den Bewohnern ihres Dorfes ab; ihre Unruhe legte ſich; die Zukunft ſchien alle ihre 2— Hoffnungen zu erfüllen, ja gar zu übertreffen, und Freude und Zufriedenheit herrſchte unter dem Dach des guten Moritz. Jetzt waren der Marquis und deſſen Ge⸗ malin bedacht, das Vermögen, welches ſie von St. Domingo mitgebracht, nützlich anzulegen. Herr von Blainmore kaufte Ländereien und Waldungen, und machte zu ihrer Beſichtigung eine Reiſe dahin mit ſeiner Gemalin. Dies⸗ mal nahm ihr Söhnlein Theil daran; aber, getrennt von ſeinem Milchbruder, fragte er ſtets nach dieſem, weinte und konnte über ſeine Abweſenheit ſich gar nicht tröſten; die Mut— ter ſuchte auf alle mögliche Weiſe ihn zu zer— ſtreuen— umſonſt; Karl hörte nicht eher auf, unartig und verdrüßlich zu ſeyn, als bis er ſeinen theuren Friedrich wieder ſah. Dieſer Umſtand entſchied das Schickſal von Moritzens Sohn. Um den jungen Gra⸗ fen von Beauſéjour zu erfreuen, der ſchon ☛ 24 vor tuln ſiehſte⸗ wenn man nicht aader, ſchloſfen, daß Sug und Feiedrich ſich en mehr trennen ſollten. Die Marquiſe und ihr Gatte waren ſelbſt ihre erſten Lehrer, als aber die wilden 3 Zöglinge etwas vernünftiger wurden, ließ man von Toulouſe einen gelehr⸗ ten Mann kommen, den man den glänzenden Titel gab: Erzieher des Herrn Grafen von Beauſéjour. Anfangs freute ſich Karl, Bücher zu ha— ben; ſie waren für ihn ein neues Spielwerk, das er bald müde wurde; Fleiß, Lernen, paß⸗ ten nicht für ſeinen lebhaften, ungelehrigen Geiſt; kaum ſaß er neben ſeinem Erzieher, Herrn Robert, ſo langweilten und ermüdeten ihn deſſen Vorträge; er wurde ſtörriſch, ver⸗ drüßlich, ſuchte einen Vorwand, das Zimmer zu verlaſſen, oder ſtörte durch tauſend Necke⸗ reien den fleißigen Friedrich, deſſen ſchnell ◻Ꝙ —„—+—/ ⸗— 2 ——&„· 8& — — ☛̈ 25 Fortſchritte die beſten Hoffnungen für die Zu⸗ kunft gaben. Herr Robert verſchwieg den Eltern Karls nicht, was er von ſeinen Zöglingen dachte. Er klagte frei und offen über den jungen Grafen. Der Marquis, ſeine Gemalin, der Lehrer brauchten alle mögliche Strenge; doch trotz der Vorſtellungen, der Strafen, zog ſich Karl täglich neue Vorwürfe zu, während Friedrich immer nur Lob verdiente. Die Feh⸗ ler des jungen Beauſéjour nahmen, ſtatt ſich zu mindern, mit den Jahren nur zu; Fried⸗ rich dagegen entwickelte mehr und mehr die herrlichſten Eigenſchaften, und zeigte die ſchön⸗ ſten Anlagen zu wiſſenſchaftlicher Bildung. Moritz war außer ſich vor Freude über die guten Berichte von ſeinem Sohn. Oft ſprach er mit Herrn Robert von Friedrich und Karl, und dieſer, ſtets unzufrieden mit dem Betragen des Grafen, beklagte ſich, daß 26 ß ſo liebe, als er ſelbſt. Allerdings ſeufzte Friedrich im Stillen, daß er die Liebe und Freundſchaft ſeiner Mut⸗ ter, die er ſo unausſprechlich liebte und ach⸗ 8 Margarethe, alle ſeine Unarten entſchuldigend, ihn nur darin beſtärke, und dagegen ihr eig⸗ nes Kind, auf welches jeder Vater ſtolz ſeyn könne, ſtets rauh und hart behandle.— Der arme Blinde antwortete, daß er leider bei ſeinem Zuſtand wenig wahrnehmen könne, daß Friedrich, der ihn mit nichts kränke, ſich nie⸗ mals beklagt habe, und daß gewiß Margare⸗ the, trotz ihres Scheltens, ihren Sohn eben tete, verloren, ohne daß er ſich einer Schuld bewußt war; denn Margarethe behandelte ihn kalt, mürriſch und unfreundlich, während ſie alle Ungezogenheiten Karls lobte, der doch für ſie nicht die geringſte Anhänglichkeit zeigte. Doch tröſtete den Armen die Zärtlichkeit ſei⸗ nes Vaters Moritz, die herzliche Freundſchaft ☛ 27 ☛☚☚ des Marquis von Blainmore, und die faſt väterliche Sorgfalt des Herrn Robert. Mehrere Jahre verfloſſen ſo, ohne daß der Graf ſich im mindeſten änderte. Herr Robert war endlich des Strafpredigens müde, er beläſtigte die Eltern ſeines Zöglings nicht mehr mit vergeblichen Klagen, und beſchäf⸗ tigte ſich ausſchließlich mit der Bildung Fried⸗ richs, den er alle Tage lieber gewann. Mit dem achtzehnten Jahre war Karl endlich von der Sorgfalt ſeines Erziehers be⸗ freit; er hielt ſich nun für eine wichtige Per⸗ ſon; ſtolz auf ſeine Abkunft, auf ſeinen Rang, ſah er in dem Geſpielen ſeiner Jugend nur den armſeligen Bauer, der nicht werth war, der Freund des Grafen von Beauſéjour zu ſeyn. Wohl fühlte er Friedrichs Verdien⸗ ſte, und hätte ihn deshalb gern aus ſeiner Nähe verbannt, während er früher doch ſich nicht von ihm trennen konnte; aber Herr von ——————————— ☛ 28 ☛ lainmore achtete und liebte ihn; er hoffte, aß ſein Sohn endlich ſeinem Beiſpiel folgen würde, und trotz allem Widerwillen gegen die Geſellſchaft eines Landmanns, mußte ſich Karl den Befehlen ſeines Vater fügen. Herr von Blainmore wollte Friedrich noch mehr beloh⸗ nen für ſeinen Fleiß und ſeine Kenntniſſe; er machte ihn zu ſeinem Secretair, und ver⸗ ſprach, in einigen Jahren ihm die Verwal⸗ tung ſeiner ſämmtlichen Güter zu übergeben. Moritz hatte unbeſchreibliche Freude bei der Nachricht; er ließ ſich zum Marquis brin⸗ gen, fiel ihm zu Füßen, und weinte Thrä⸗ nen der Dankbarkeit. „Steht auf, Moritz,“ ſprach Herr von Blainmore;„ Friedrich hat das verdient, was ich für ihn thue; ihm müßt Ihr danken, daß er Euch ſolche Freude macht.“ „„Ach! wo iſt er, wo iſt mein Fried⸗ rich 2 22 ☛̈ 29 „In Euren Armen,“ rief dieſer, und flog an das Herz des Alten. „„Glücklicher Vater!““ ſeufzte Herr von Blainmore und entfernte ſich. Der Graf, wüthend vor Jorn und Eifer⸗ ſucht, tadelte laut die Handlung des Mar⸗ quis, und beklagte ſich bei ſeiner Mutter über den Zwang, den man ihm auferlegte. Frau von Blainmore war nachgiebiger oder minder hellſehend, als ihr Gatte, und hätte gewiß den Wunſch ihres Sohnes erfüllt, und Fried⸗ rich entfernt; aber konnte ſie, ohne ungerecht zu ſeyn, ihn haſſen, konnte ſie ihn ſtrafen, daß er die Gelegenheit zur Ausbildung ſorg⸗ fältig benutzt, daß er das Lob verdiente, das ihr Wunſch gern auf Karl übergetragen hätte? Die Marquiſe ermahnte ihren Sohn, durch ſanfteres, anſtändigeres Betragen den Zorn des Herrn von Blainmore zu mäßigen. Doch dieſer rief entrüſtet:„auch Sie ſind ☛ 30 wider mich, Sie wollen, daß ich jeden Tag neue Schmach erdulde? nein! entweder muß Friedrich das Schloß verlaſſen, oder ich räche mich..“ Er ſprach dieſe Worte mit ſo fürchterlichem Ton, daß die Marquiſe darüber erſchrak; ſie erzählte den Auftritt ihrem Ge⸗ mal, und dieſer verwies dem Grafen auf das ſtrengſte ſein Betragen. Karl ſah ſeinen Va⸗ ter erzürnt, und wußte wohl, daß er nie darein willigen würde, Friedrich zu entfernen; er ſtellte ſich alſo gerührt, verſprach, den Freund ſeiner Kindheit künftig mehr zu achten, und faßte zu gleicher Zeit den Entſchluß, ihn voch auf eine Art zu zwingen, das Schloß ſeines Vaters zu verlaſſen.— Die Eltern trauten Karls Verſprechun⸗ gen, denn ſie erfüllten ſie mit der Hoffnung einer Beſſerung. Aber wie täuſchten ſie ſich! Hinter dem angenehmſten Aeußern verbarg der Graf die niedrigſten Leidenſchaften, ein 90 — ☛☚‿ d 31 „ hartes, ſtolzes Gemüth; er floh Friedrichs Geſellſchaft, und lebte nur mit Herumſtrei⸗ chern, deren abſcheuliche Vergnügungen er theilte. Reichliche Geſchenke von Geld, das er borgte, wenn er es ſeinem Vater nicht ent⸗ wenden konnte, verführte die Treue der Die⸗ ner des Marquis. Karl verlebte die Nächte außerhalb des Schloſſes, entfernte ſich oft ohne Wiſſen ſeines Vaters, und kehrte ſtets voll Haß und Rache gegen Friedrich zurück, der noch immer im Schloß war. Vergebens ſann er darauf, dieſen zu nöthigen, das Haus des Herrn von Blainmore zu verlaſſen; end⸗ lich bot ſich eine Gelegenheit, und er ließ ſie nicht unbenutzt. Karl führte einen ſeiner laſterhaften Ge⸗ noſſen unter dem Namen des Baron Dorſan, deſſen Familie in Toulouſe ſehr angeſehen war, bei ſeinem Vater ein, der ihn zu einer Jagd auf drei Tage zu ſich laden mußte Der Marauis kannte die Familie nur dem Namen nach, und wußte, daß ſie bedeutende Güter beſaß; gern ertheilte er die Erlaubniß. Am dritten Abend kam Karl nicht zurück; der vierte und fünfte Tag verging, ohne daß man irgend eine Nachricht oder einen Brief von ihm erhielt. Seine Eltern waren in der größ⸗ ten Unruhe. Der Marquis ließ ſich endlich ein Pferd ſatteln, und wollte ſelbſt zum Ba⸗ ron Dorſan, da erbot ſich Friedrich, in der feſten Ueberzeugung, daß Karl nicht dort zu ſinden war(denn er kannte ſein wüſtes Le⸗ ben), ihn ſelbſt aufzuſuchen, und verſprach, den Grafen zurückzubringen. Der Marquis willigte Anfangs nicht ein; er ſelbſt wollte ihn aufſuchen unter ſeinen verworfnen Ge⸗ fährten, und mit ſtrafender Rede ihn zarück⸗ führen von ſeinen Verirrungen. Frau von Blainmore, die oft im Stillen ihrem Sohn Vorwürfe gemacht über ſein Betragen, hoffte ☛ 33 immer noch, daß er mit den Jahren ſich beſſern werde; ſie verheimlichte ihrem Gatten deshalb Alles, was ſie von Karls Fehltritten wußte, und vereinigte jetzt ihre Bitten mit denen Friedrichs, bis endlich der Marquis dieſen abreiſen ließ.. Friedrich eilte nach Toulouſe; er hatte eine Ahnung, ihn dort, nicht aber beim Ba⸗ ron von Dorſan zu finden. Vergebens durch⸗ wandelte er alle öffentlichen Plätze der Stadt, wo gewöhnlich junge Gecken ſich zu ergehn pfleg⸗ ten; er fragte, ohne ihn zu nennen, entfernt nach dem Grafen, und begab ſich dann nach einem Capitoulat*) der Altſtadt, wo er in ein Weinhaus trat, daß einigen jungen Leuten, die Karl bei ſeinem Vater eingeführt, zum *) Benennung der Stadtviertel in Toulduſe, von capitoul, dem Namen einer Gerichtsperſon da⸗ ſelbſt, die ungefaͤhr daſſelbe war, was anderowo die Schoͤppen. Damenerzaͤhler. III. 3 ——— 1 5 8 2 ——— ☛ 34 ☛ Verſamlungsort diente. Mehrere Tiſche wa⸗ ren beſetzt; Friedrich ſetzte ſich in einen Win⸗ kel des Saals, ließ ſich Erfriſchungen reichen, und beobachtete die verſchiednen Gruppen. Man trank, man ſpielte, man rauchte; lär⸗ mender Jubel wechſelte mit unanſtändigen Ge⸗ ſprächen, aber alle Perſonen waren Friedrich unbekannt. Schon hatte er eine Stunde ge⸗ harrt, und wollte eben den unſittlichen Ort verlaſſen, da erſcholl aus dem benachbarten Zimmer, deſſen Thür nicht offen ſtand, ein ſchreckliches Getös. Ein Tiſch ward umge⸗ worfen, Gläſer und Flaſchen klirrten am Bo⸗ den, und wilde Stimmen brauſten durch einan⸗ der. Friedrich glaubte, Karls Stimme zu unterſcheiden; er eilte dem Wirth nach, der in das Zimmer trat, um ſeinen Schaden zu be⸗ trachten, und an den Urheber ſich zu halten. Er ſtaunte nicht wenig, eine zahlreiche Geſell⸗ ſchaft, unter denen auch Frauenzimmer waren, ha mi wa⸗ Win⸗ chen, ppen. lär⸗ Ge⸗ drich ge⸗ Ort arten ein mge⸗ ☛̈ꝑ 35 ☛ dort zu finden; ſchnell machte er ſich Platz durch die Menge, und bemerkte den Grafen, der vor einem Tiſch ſtand, und Karten, die darauf umhergeſtreut lagen, zuſammenſuchte, indem er laut ausrief, daß, wenn ſein Spie⸗ ler nicht der ehrloſeſte Wicht wär, der Abzug nicht gelten dürfe. Die Uebrigen ſtritten da⸗ gegen, er aber ſprach von offenbarem Dieb⸗ ſtahl, man habe ihn völlig ausgeplündert; er habe auf ſein Ehrenwort geſpielt, und würde nun ſein Verſprechen gleichfalls nicht halten. Flüche, Drohungen wurden von bei⸗ den Seiten erneuert, faſt wär es zum Hand⸗ gemeng gekommen, da ſprang Friedrich zwi⸗ ſchen beide Gegner, erklärte, er werde bezah⸗ len, und der erſte, der den Grafen beleidigte, habe es mit ihm zu thun. „Was iſt er Ihnen ſchuldig?“ fragte er mit gebietendem Ton Karls Gegner. . 27 27 Zehn Loöouisd'or.“ 83 3* —— —.—— ☛ 36 „Hier ſind ſie.— Sie, Karl, folgen mir.“ „„Nehmen Sie nichts von dieſem Un⸗ verſchämten,“ rief der Graf, der einen Augen⸗ blick vor Schreck die Sprache verloren. „Was miſchen Sie ſich in eine Angelegen⸗ heit, die nur mich angeht? Habe ich je den Beutel eines Menſchen, wie Sie ſind, nöthig gehabt? Mit welchem Recht heißen Sie mir, daß ich Ihnen folgen ſoll?““ „Der Marquis von Blainmore iſt in Toulouſe und erwartet Sie; ich habe Ihnen und dieſen Herrn hier,“ ſetzte er mit verächt⸗ licher Miene hinzu,„die unangenehmen Fol⸗ gen erſparen wollen, die Ihre ſträfliche Auf⸗ führung für Sie haben mußte; folgen Sie mir, ich bitte, oder Ihr Vater wird ſelbſt er⸗ ſcheinen, und Sie aus dieſen Umgebungen reißen.“ Friedrichs Kaltblütigkeit, ſein edler Anſtand ——ᷣ——— Im glgen Un⸗ gen⸗ pren. gen⸗ den thig mir, in dnen icht⸗ Fol⸗ luf⸗ ☛ 37 ☛ brachte alle Anweſende zum Schweigen. Der Graf ward ſtill, als er ſeines Vaters Namen hörte. Scham und Furcht traten einige Mi⸗ nuten an die Stelle des Zorns, er wagte nicht, Friedrich Widerſtand zu leiſten, da⸗ mit nicht Herr von Blainmore, deſſen Vor⸗ würfe er fürchtete, ihn in dem Hauſe auf— ſuche, das kein ehrbarer Mann betreten konn⸗ te, ohne ſeinem guten Ruf zu ſchaden. Als Karl und Friedrich eine Strecke ent⸗ fernt waren, wollte der Graf dieſen nöthigen, ihn allein nach Hauſe zurückkehren zu laſſen. „Ich gehe nicht mit, wohin Ihr mich führen wollt,“ rief er wild;„ich war unüberlegt, ich gebe es zu. Mein Vater ängſtete ſich — 6 über mein langes Ausbleiben... er hat mich aufſuchen wollen.... iſt in die Stadt gekommen..... er weiß Alles.... und Ihr übernahmt es, mich auszuſpüren und Euer Dienſteifer hat den Schleier glücklich zerriſſen, —— ————— 1 38 der meine Handlungen bedeckte. Denkt dar⸗ auf, Friedrich, daß dieſe edle Sorgfalt von mir belohnt werden muß..... Verräther! war es Dir nicht genug, daß Deine Heuche⸗ lei meine Eltern ſoweit gebracht hat, Dich lieber zu ihrem Sohn zu wünſchen, Dich ein— gebildet höher zu ſtellen.“ „„Karl,“ unterbrach ihn Friedrich,„Ihre Ungerechtigkeit leitet Sie irre. Friedrich ver⸗ gaß nie, daß er der Freund, der Geſpiele Ih⸗ rer Jugend war, daß er Ihren Eltern Alles ſchuldig iſt; ſeine Aufführung, die Sie jetzt beſchimpfen, iſt ein Beweis ſeiner zärtlichen Anhänglichkeit für Sie. Karl, Karl, geben Sie dem, den Sie einſt Bruder nannten, die Freundſchaft zurück, deren Verluſt er ſo be⸗ dauert; geben Sie Ihren Eltern den Sohn zurück, der ihre Stütze, ihr Stolz werden kann; ach! wenn Sie ihre Thränen fließen ſähen, wen..“ 4 4 „ 39 „Schweigt! aus meines Vaters Munde wären ſolche Reden Beleidigung! Wer ſagt Euch, daß meine Aufführung Tadel verdient, daß ich meinem Verderben entgegengehe? Ihr wünſcht es wahrſcheinlich; nicht ohne Urſache habt Ihr die Augen des Marquis und ſeiner ſchwachen Gemalin geblendet— Ihr hofft, indem Ihr den Sohn beſchimpft, verrathet, daß ſie ihn am Ende enterben, und Euch mit dieſem Raub bereichern werden.“ „„Herr Graf, mäßigen Sie ſich in Ih⸗ ren Ausdrücken,“ rief Friedrich wild und zorn⸗ erglühend;„bis heut vermochte ich meinen Unwillen zu zähmen, aber ich verſichre Sie, wenn Sie den Ton nicht ändern....““ „Ha! der Herr will mich wohl gar ein⸗ ſchüchtern! Welchen Ton ſoll ich denn anneh⸗ men gegen den Spion meines Vaters?“* „„Karl, treiben Sie mich nicht aufs Aeußerſte.“** ☛̈ꝙ · 40 „Das iſt mein Wunſch.“ „„Wir ſind ohne Waffen.“*“ „Wir finden deren im Schloß, und morgen.. „„Morgen werde ich die Beleidigung rächen““ „Ich gehe nach Blainmore; wandeln Sie zu meinem Vater zurück, und ſagen Sie ihm, wie klug und gelaſſen Sie die Aufträge, die er Ihnen gibt, erfüllen.“ Bei dieſen Worten, die er mit dem Ton des bitterſten Spottes ſprach, entfernte ſich der Graf eilig. Friedrich, trotz des gerech⸗ teſten Zorns, der ihn erfüllte, überlegte, daß, um den Eltern neuen Kummer zu erſparen, er Karl unterrichten müßte, daß der Marquis das Schloß nicht verlaſſen habe, und er nichts wiſſe davon, daß jener, den er unter dem Namen des Baron Dorſan auf dem Schloß eingeführt, einer der Elenden aus und gung deln igen die ren, uis er nter dem aus ☛ 41 dem Weinhauſe ſei. Er eilte dem Grafen nach, ſagte ihm völlig die Wahrheit, und ſchwor bei ſeiner Ehre, über die Begebenhei⸗ ten des Tages das tiefſte Schweigen zu be⸗ obachten. Karl war weit entfernt, dankbar zu ſeyn für einen Beweis von Friedrichs Her⸗ zensgüte; er verbarg ſeine Freude über dieſe Entdeckung, er hatte nun des Vaters Strenge nicht zu fürchten, und faßte augenblicklich den Entſchluß, den Zeugen ſeines ehrloſen Betra⸗ gens bei ſeinen Eltern zu ſtürzen; ſein Duell mit ihm bot die ſchönſte Gelegenheit; er hörte demnach ſtolz und verächtlich Friedrichs groß⸗ müthiges Bekenntuiß an, tadelte ihn mit den gemeinſten Reden, daß er ſich einer ſolchen Liſt bedient, ihn aus dem Hauſe dort zu brin— gen, und erbitterte ihn abermals ſo, daß der Zweikampf zum andern Morgen aufs neue feſtgeſetzt und angenommen wurde. Mit wüthenden Blicken trennten ſich 2 ☛£ beide Feinde von einander. Karl kehrte ge⸗ raden Weges nach dem Schloß zurück. Fried⸗ rich ging auf Seitenwegen in ſeine Hütte. Nahe beim Schloß begegnete der junge Graf Margarethen, die auf ſeine Ankunft paßte; ſie brach in laute Freude über ſeine Rückkehr aus. Karl that zwei bis drei Fra⸗ gen an ſie; dann ging er voraus, und trat mit einem eiligen, reſpektvollen Weſen zu dem Marquis und ſeiner Gemalin, die ſo erfreut waren, ihn wieder zu ſehn, daß ſie an alle Vorwürfe, die ſie ihm machen wollten, nicht ferner dachten. Er entſchuldigte ſeine lange Abweſenheit, ehe man ihn noch darnach ge⸗ fragt; er machte eine anmuthige Beſchreibung von ſeiner Jagdparthie und den Beſitzungen des Baron Dorſan, verſicherte, man habe ihn noch mehrere Tage aufhalten wollen, doch ſei er, in der Furcht, ſeine Eltern könnten ſich ſchon über ihn beunruhigen, heimlich da— „z 43 G von gegangen, und habe nicht einmal ſeine Flinte und ſeine zahlreiche Ausbeute an Wild⸗ pret mitgenommen. Der Marquis fragte ihn nach Friedrich. „Friedrich? von dem weiß ich nichts; ich ſah ihn nicht, als ich in das Schloß kam.“ „„ Er iſt dieſen Morgen nach Toulouſe geritten; er muß bei dem Baron geweſen ſeyn; Dein Schweigen beunruhigte uns aller⸗ dings, da trug ich ihm auf..““ „Ihnen Nachricht von mir zu bringen; rauſend Dank für Ihre Liebe, es freut mich, daß ich früher hier angekommen bin, als Ihr Abgeſandter.”“ „„ Er ſollte aber doch wieder hier ſeyn!““ „Ach! man iſt ſo freundlich, ſo gütig beim Baron; man wird ſicher den Herrn Secretair dort behalten haben; Sie werden ihn wohl morgen wieder ſehn.“ Karl ſagte noch, er wünſche ſich niederzulegen, obwohl —ᷣᷣꝛꝛyüür— 44 es erſt acht Uhr war; er umarmte ſeine El⸗ tern, wünſchte ihnen eine gute Nacht, und ſchloß ſich in ſein Zimmer ein. Karls Haß gegen Friedrich gab ihm tau⸗ ſend Racheplane ein, die er immer wieder verwarf. Sollte er ſich mit ſeinem Feind ſchlagen? Er ſah ein, daß wenn er Sieger lieb, der Zorn ſeines Vaters, der ſeine Feind⸗. ſchaft gegen Friedrich längſt kannte, ihn hart treffen würde; war Friedrich Sieger, ſo ſchien es ihm gewiß, daß dieſer ihm großmüthig das Leben ſchenken würde, und der Gevanke war ihm noch unerträglicher. Auch würde Herr von Blainmore bald den Zweikampf erfahren, und Moritzens Sohn nöthigen, die ganzen Vorfälle zu entdecken.— Sollte er ihn auf einen entlegnen Ort locken, und ihn ſeiner Rache opfern? Er ſchauderte bei dem ſchrecklichen Gedanken. So traf ihn die Mor⸗ — ☛☛̈ 45 ☛ genröthe noch unfähig, zu einem feſten Ent⸗ ſchluß zu kommen. Indeß war Friedrich ruhiger geworden, er trat nachdenkend und traurig in ſeines Va⸗ ters Hütte; Margarethe achtete wenig auf ſeinen Trübſinn, der gute Moritz aber hörte ſeine Seufzer und fragte theilnehmend nach der Urſache; Friedrich wollte ſeinen Vater nicht kränken, er ſchützte eine Unpäßlichkeit vor, und entfernte ſich. Margarethe hatte ihrem Mann verſchwiegen, was ſich ſeit meh⸗ reren Tagen im Schloß ereignet, und ſo konnte er nichts von Allem ahnen. Während Karl nur auf die ſchwärzeſte Rache ſann, vergaß Friedrich die Beleidigungen und faßte den edelſten Entſchluß. Er gedachte der alten Freundſchaft zu ſeinem Milchbruder, der unendlichen Verpflichtungen gegen den Marquis, und um keinen Preis der Welt hätte er eine Waffe ergriffen, mit dem Sohn melden. Er ſetzt ſich nieder, ſeufzt, vergießt ³☛ 46 ſeines Wohlthäters zu ſtreiten. Zu deutlich ſah er, daß der Graf ihn haßte, nur darauf ſann, wie er ihn aus dem Schloß entfernen könnte; wohlan! Ehre, Pflicht, Dankbarkeit geboten ihm, Karls Wunſch entgegenzukom⸗ men— ſein Entſchluß iſt gefaßt: mit Ta⸗ gesanbruch will er das väterliche Haus ver⸗ laſſen, ihn ſtärken die Worte, die ſein Vater ſo oft geſprochen: Gott verläßt ſeine Kinder nicht, wenn ſie tugendhaft ſind!— In der Nacht noch trifft er alle Anſtal⸗ ten zur Abreiſe; das Geld, welches Herr von Blainmore ihm gegeben, einige Goldſtücke, die ihm ſein Vater geſchenkt, und von denen er nur die zehn Louisd'or für Karl bezahlte, betragen ſoviel, daß er doch ein Jahr davon leben kann. Er packt ſeine beſten Sachen zu⸗ ſammen; nichts hält ihn weiter, als dem Herrn von Blainmore ſeine Entfernung zu fo ☛ 47 Thränen, und ſchreibt mit zitternder Hand folgenden Brief: Mein edler Wohlthäter! „Wenn Sie die Nachricht von der frei⸗ willigen Verbannung, die ich mir auferlege, erhalten, bin ich ſchon fern von dem Ort, wo ich das Tageslicht erblickte; Sie wiſſen zu gut, Herr Marquis, welche Gefühle Ihre Wohlthaten mir einflößen, als daß Sie nicht fühlen ſollten, wie ſchwer mir die Trennung von dem fällt, den ich liebe und achte, wie ein Sohn den Vater. Wie fern ich auch von Ihnen ſeyn werde, Ihr Bild bleibt ſtets leb⸗ haft in meinem Herzen. Stets werde ich Ihrer mich würdig zeigen; alle meine Wün⸗ ſche ſind, Ihre Achtung mir zu erhalten. Ach! entreißen Sie mir dieſes Kleinod nicht, es iſt das einzige, was mir bleibt, was ich erſtrebe; nennen Sie mich nicht undankbar— ich muß fliehen, ein ſchmerzliches Geheimniß ꝗ ³48 ruht auf meiner Bruſt, es foll ſterben mit mir! Ich muß fliehen, und kann mich nicht einmal rechtfertigen über meine Flucht..... Je größer die Beweiſe Ihrer Güte gegen mich ſind, deſto mehr ſteht mein Entſchluß feſt, und muß ſich in ein Geheimniß hüllen. Selbſt meine Eltern wiſſen nichts; theilte ich mein Geheimniß mit ihnen, ſo würde ihre Zärtlich⸗ keit mich verrathen, Ihre Güte würde meine Spur verfolgen, Sie riefen mich zurück, ich würde nur der Eingebung meines Herzens⸗ folgen, und meine Rückkehr...... Ich halte ein, ich muß ſchweigen, und faſt hätte ich mich verrathen.“ „Ich will meine Mutter nicht noch ein⸗ mal ſehn, ſie würde meine Unruhe bemerken, und daraus ſchließen, daß ich etwas beginnen will, was ihr Kummer macht... Mein Vater kann meine Gemüthsbewegung nicht wahrnehmen; ein Morgenkuß ſoll ihm mein 49 Lebewohl bringen! Edler, großmüthiger Mann, tröſten Sie meine Eltern. Scheint mein Be⸗ tragen ihnen ſtrafbar, ſo entſchuldigen Sie mich; wenn ſie mich für undankbar halten, und mir fluchen wollen, o! ſo beſänftigen Sie ihren Zorn, und bewirken mir ihre Ver⸗ gebung!“— Friedrich. Friedrich ſiegelte den Brief, ſchrieb die Aufſchrift, und ſchlich leiſe aus ſeiner Stube. Der Tag begann zu grauen; ſchon eilen die Landleute auf ihre Felder, ein Theil der Die⸗ nerſchaft im Schloſſe iſt ſchon wach. Das große Thor des Schloſſes ſteht halb offen; Friedrich tritt in den erſten Hof, beſiehlt ei⸗ nem Knecht, ſein Pferd zu ſatteln, und es bis nach dem Dorf Blagnac zu führen, wo er zu ihm treffen würde.„Spute Dich,“ ſagte er,„ich habe acht Stunden zu reiten, bevor der Herr Marquis aufſteht, und Du Damenerzaͤhler III. 4 ☛ 50 ☛☚ weißt, er iſt am frühen Morgen ſchon her⸗ aus.“ Der Knecht that, was ihm befohlen, und Friedrich kehrte zum letzten Mal in ſein Vaterhaus zurück. Ungeduldig wartet Friedrich auf den Au⸗ genblick, wo ſeine Mutter auszugehn pflegt; endlich iſt ſie fort, ſie ſchlägt den Weg nach dem Schloß ein; mit gepreßtem Herzen tritt Friedrich in ſeines Vaters Stube ein, und nähert ſich leiſe dem Bett, wo dieſer noch ſanft ſchlummert. Das Geräuſch erweckt den Alten; er umarmt ſeinen Sohn, ohne zu⸗ ahnen, daß er ihn eben verlieren ſoll, und fragt ihn, warum er geſtern ſo traurig gewe⸗ ſen. Friedrich iſt bewegt, er wagt nicht zu antworten, um ſich nicht zu verrathen; Mo— ritz dringt in ihn; aber Friedrich ſchweigt, er⸗ greift die Hände ſeines Vaters, bedeckt ſie mit Küſſen und Thränen, und enteilt, trotz der m — ☛ 51 ☛☚ Bitten des blinden Greiſes, der vergebens ihn zurückzurufen ſtrebt. Seinen Mantelſack unter dem Arm eilt der Flüchtling nach dem abgeredeten Ort; ſchon harrt der Diener mit dem Pferd; das Gepäck wird befeſtigt, dann ſteigt er auf, übergibt dem Knecht den Brief an den Mar⸗ quis, und verſchwindet bald den Blicken des Nachſchauenden. 4 Graf Beauſéjour hatte eine eben ſo un⸗ ruhige Nacht gehabt, wie der Flüchtling. Als endlich die Stunde der Entſcheidung heran⸗ nahte, blieb er bei den Entſchluß ſtehn, der allein ihm ohne Gefahr dazu dienen konnte, ſeinen Vater zum Werkzeug ſeiner Rache zu machen. Mit Tagesanbruch, während er am Fen⸗ ſter ſeine Waffen unterſucht, bemerkt er ſeinen Gegner im Schloßhof, und, da er ihn bald darauf wieder gehn ſieht, glaubt er, daß ſich 4* ☛ 52 jener ſchon nach dem Wahlplatz begebe. Karl ſprach nun ganz laut, ſchritt im Zimmer um⸗ her, das neben dem ſeines Vaters ſich befand, damit dieſer das Geräuſch hören ſollte, oder Jemand von den Leuten den Streit, in dem er ſcheinbar eben mit Friedrich war, und den Zweikampf und Ort und Stunde hörte, und den Marquis davon benachrichtigte. Die Liſt gelang. Margarethe, die eben durch den Vorſaal geht, hört Karls Stimme, ſie horcht einige Augenblicke an der Thür, geräth dann außer ſich, und klopft heftig. Der Graf öffnet nicht, ſondern fährt nech lebhafter mit Drohungen und Schmähreden fort. Zwar hört Margarethe Friedrich nicht, ſie iſt aber überzeugt, daß er bei dem Grafen im Zimmer ſich befindet, ſie klopft wieder, man antwortet nicht, und Karl ſchweigt ſtill. Margarethe verſucht Alles vergebens, die Thür zu öffnen; ſie fleht ihren Sohn an, heraus⸗ re ☛ 53 zugehn. Karl freut ſich, daß er ſeinen Zweck erreicht hat, und ruft in zornigem Ton:„laß uns! er geht nicht fort!“ „„Friedrich! Friedvich!“ ruft Marga⸗ rethe wieder,„ich befehle Dir..* „Laß uns gehn, ſag' ich, Dein Geſchrei ſtört uns.“ „„Ich muß ihn ſprechen.““ Da tritt der junge Graf plötzlich heraus, ſchließt aber ſchnell die Thür hinter ſich, und ſagt zu Margarethen:„ich befehle Dir, ſtill zu ſchweigen, und Dich nicht in Dinge zu miſchen, die nur mich und Friedrich angehn.“ „„Aber, Herr Graf, das Duell!.*“ „Wer ſagt Euch, Margarete. „„Ich weiß Alles; um ſechs Uhr, in dem Park; um aller Heiligen willen, ſetzen Sie Ihr und Friedrichs Leben nicht aufs Spiel.... ich beſchwöre Sie, erbarmen Sie ſich der Thränen einer Mutter. Womit 54 hat Sie Friedrich denn beleidigt?“““ „Er hat ſich ſchwer vergangen an mir.“ „„Vergeben Sie ihm, gnädiger Herr.“*“ „Unmöglich.“ „„ Und Sie dürfen ſich nicht ſchlagen! 84 „Wer kann es mir wehren?“ „„Ich, denn ich gehe, und entdecke es Ihrem Vater.““ mit mir geht. mir.* „Das verbiete ich Dir.“ „„Nun ſo erlauben Sie, daß Friedrich 22 29 „Friedrich verläßt das Zimmer nur mit „„Herr von Blainmore vermag mehr über Sie, dem werde ich Alles ſagen.““ Mit dieſen Worten ging ſie in das Ge⸗ mach des Marquis. Karl hielt ſie nicht auf, er eilte in ſein Zimmer, ergriff ſeine Waffen, und begab ſich in den Park, wo er gewiß 8 ———— —— 2 — 2 77 1½ — ☛☛ 55 glaubte, Friedrich ſchon zu finden, und wohin Herr von Blainmore ohne Zweifel bald nach— kommen mußte. Zu ſeinem großen Erſtaunen findet der Graf ſeinen Gegner nicht an der bezeichneten Stelle. Er durchläuft einen Theil des Parks, ruft Friedrich— Niemand antwortet. Dies ſtört alle ſeine Plane; Karl fürchtet nun die Ankunft des Marquis, ſo ſehr er ſie gewünſcht hätte, wenn Friedrich da war. Schon hörte er Stimmen; er ſann einen Augenblick, was er thun ſolle— ſein Entſchluß iſt gefaßt; er ſchießt ein Piſtol los, und wirft es weit von ſich, dann ergreift er das zweite, drückt es auch ab, und ruft laut dabei:„Elender!. der Himmel ſchützte mein Leben, das Deine ſteht an ſeinem Ziel!“ Da ſtürzt Herr von Blainmore und Mar⸗ garethe heran, einige Schritte davon kommt Moritz, der der Marquiſe Muth einſpricht, „»Beide verdient Ihr meinen Zorn; aber E 56 die vor Schreck ſich kaum aufrecht zu halten vermag. Karl ſtellt ſich, als wolle er fliehen, ſein Vater hält ihn zurück; er ſcheint erſchro⸗ cken, und widerſtrebt nicht.— „Wo iſt Friedrich?“ ruft d Jornig, und ſchaut rings umher. „„„Der Feige iſt entflohen!“**“ „Friedrich feig?“ unterbricht Mor Grafen,„das iſt nicht möglich!“ „„Wer von Euch fing den Streit an 2„ fragte Herr von Blainmore. „Können Sie noch fragen, wiſſen, daß auf meinem Zimmer 7 er Marquis * itz den wenn Sie bei Tages⸗ anbruch Ihr Liebling mich beleidigt hat.“ „„ Karl, ſprich ohne Bitterkeit. Dieſe That, die, dem Himmel ſei Dank! keine trau⸗ rigen Folgen hat, iſt ernſter, als Du glaubſt. einer von Euch, wer es auch ſei, ſoll ſehn, daß ich zu lieben, aber auch zu ſtrafen weiß!“ ————„ 57 lten„ Ich ſchwöre Ihnen, mein Vater..“ 1 den,„„Karl, keine Schwüre. Ich werde die o⸗ Wahrheit zu erforſchen wiſſen. Man durch— ſuche den Park,“ rief Herr von Blainmore I uis den Leuten zu, die bei dem Schuß herbeige⸗ V laufen waren,„und bringe mir Friedrich her. 2 1 den„Ach! der iſt weit von hier,“ ſprach der Knecht, der eben mit Friedrichs Brief 55 herbeikam,„hier iſt ein Brief, Herr Mar⸗ quis, den er mir für Sie gab.“ Sie„„ Ein Brief? wo haſt Du Friedrich s⸗ geſehn.““ „Ich verließ ihn im Dorfe Blagnac, eſe wohin ich ihm mit Tagesanbruch ſein Pferd u⸗ bringen mußte.“ ſt..„„Was bedeutet dies?“ fragte Herr er von Blaimore, und blickte auf Karl, dem eine ch dunkle Röthe das Geſicht überzog;„und Du ſahſt, daß Friedrich fort ritt?“ 58 „Ja wohl, und dabei ſah er ſo beküm⸗ mert aus, ſo zerſtreut, ſo eilig.. „,, Das weißt Du alſo ganz gewiß?““ „Ganz gewiß, gnädiger Herr, und hier iſt ja das Papier an Sie.... „„ Um welche Zeit war es?““ „Höchſtens um fünf Uhr.“ „„So iſt es,“ rief Moritz;„gleich, nachdem er mich verließ, iſt er dorthin ge⸗ gangen; der arme Junge weinte, als er mich umarmte. Ich ſagte wohl, ach!..““ „Welchen Weg ſchlug er ein?“ jub der Marquis fort.— „, Tauſend Wetter, das weiß ich nicht, ob er die Straße nach Verdun oder nach Toulouſe geritten iſt; er jagte ſchnell durch das Dorf, und kam mir aus den Augen.““ Karl war in peinlicher Verlegenheit, und wollte ſich entfernen; ſein Vater faßte ihn beim Arm, und rief:„bleiben Sie, mein m⸗ ☛ p 59 Herr, das fordert eine Erklärung!— Es iſt gut, Georg. Kehrt Ihr zu Euren Arbeiten zurück,“ fügte er hinzu, und wendete ſich zu den übrigen Leuten.„Ihr, guter Moritz und Margarethe, bleibt.“ Die Leute entfern— ten ſich, indem ſie über den Vorfall noch ſpra⸗ chen, hinter dem gewiß etwas Wichtiges ſtecke. Jetzt trat Herr von Blainmore zu Fried⸗ richs Eltern, und ſprach:„Euer Sohn ſchreibt mir, drum muß ich in Eurer, und der Mar⸗ quiſe und des Grafen Gegenwart ſeinen Brief leſen; ich weiß nicht, warum ich mich ſcheue, ihn zu öffnen; Karl, Du könnteſt mir viel⸗ leicht ſeinen Inhalt ſagen.“ „„Ich, mein Vater; ich bitte Sie,... „Ehe ich den Brief leſe, ſollſt Du mir erſt erklären, wie es möglich iſt, daß Du mit Friedrich auf Deinem Zimmer zu derſelben Zeit einen Streit gehabt haſt, wo Georg ihn von Blagnae hat wegreiten ſehn.“ ¹)2) 60 2„„Ich dlaäbe⸗ Georg iſt von Friedrich beſtochen.“*“ „Herr Graf,“ rief Moritz lebhaft,„ſolch einer Verworfenheit iſt mein Sohn nicht fähig. M kargarethe, hilf mir doch ihn vertheidigen; man klagt ihn an, und Du ſchweigſt! Haſt Du Friedrich in der Stube des Herrn Gra⸗ fen geſehn?““ „„Nein, ich wurde nicht hereingelaſ⸗ ſen.* „Hat er Dir geantwortet, als Du ihn riefſt?“ . 27 97 4 „„Nein. „Hat ihn Jemand mit Herrn Karl aus dem Schloß kommen und nach dem Park gehn ſehn?“ ,„Nein. ⸗ , Moritz,“ unterbrach ihn der Graf, „iſt es nicht genug, wenn ich es erkläre?“ „„Nein, mein Sohn, nein Herr Graf,“““ —— ri D ich ☛ 61 ☚ riefen der Marquis und Moritz zu gleicher — q 6 Zeit.— ²22 „Aber, mein Freund,“ meinte die Mar⸗ quiſe,„die Piſtolenſchüſſe beweiſen doch, daß Karl nicht allein war.“ „„Er kann einen andern Gegner ge⸗ habt haben, und nennt nun dafür Friedrich,““ ſprach Moritz.— „Herr Marquis,“ rief Karl wüthend, „befehlen Sie dieſem Menſchen, daß er in ei⸗ nem andern Tone mit mir ſpricht, oder ich antworte nicht me*r..“ „„O, ich fürchte Sie nicht, Herr Graf; einem Vater iſt Alles erlaubt, wenn er ſei⸗ nen Sohn vertheidigt, und der Sohn iſt un⸗ ſchuldig; ja, unſchuldig! weder gegen ſeinen Wohlthäter konnte er ſo handeln, noch gegen Sie, mein Herr, obgleich Sie ihn manchmal übel genug behandelt haben. Schlichten Sie dieſe Streitigkeiten, Herr Marquis; der Brief, ̃ 62 G den Georg Ihnen gebracht, wird wohl allen Zweifel heben.““ Herr von Blainmore erbrach endlich das Siegel, und las das Lebewohl des Flücht⸗ lings. Bald wurde ſeine Stimme weich, ſein Auge füllte ſich mic Thränen; er hielt inne; die Marquiſe ſchien tief bewegt, Margarethe wurde unruhig, nachdenkend. Moritz ver⸗ wünſchte ſein Geſchick, als er hörte, daß ſein Sohn auf immer das Vaterhaus verließ, und war der Verzweiflung nahe. Karl allein empfindet keine Betrübniß; ſein Feind flieht auf immer; ſeine Flucht gibt ihm ſeine Si⸗ ſcherheit wieder; nicht nur hofft er, ſich zu rechtfertigen, ſondern ſogar den Marquis zu beweiſen, daß Friedrich ſeiner Güte unwür⸗ dig iſt. Herr von Blainmore fährt fort, zu le⸗ ſen, und ruft bei den letzten Worten ſchmerz⸗ lich aus:„Wie bedaure ich Euch, meine Lie⸗ mm ih n 63 ben, daß Ihr von ſo einem Sohn getrennt ſeid! Dann kehrt er ſich zu Karl, und ſpricht ernſt und mit Verachtung:„Sie, mein Herr, machen ſich gefaßt, mein Schloß zu verlaſſen. Ich durchſchaue die elenden Mittel, die Sie anwendeten, Ihren ſtrafbaren Haß zu befrie⸗ digen. Nicht nur erniedrigten Sie den Ar⸗ men durch Schmähungen ſo, daß er genöthigt war, das Haus ſeines Beſchützers zu fliehen, Sie ſpielen auch ſelbſt noch den Beleidigten, Sie ſtellen ſich, als ergriff er die Waffen wider Sie, und dingen einen Gegner, der verſchwindet, wenn die Schüſſe fallen, und die herbeieilen, welche Sie geſchickt von Zeit und Ort unterrichtet hatten.“ Vergebens ſucht ſich Karl zu entſchuldi⸗ gen, indem er neue Vermuthungen auf Fried⸗ rich wälzt; Moritz vertheidigt ſeinen Sohn muthig gegen ihn, und der Marquis gebietet ihm endlich Schweigen, und ſucht dem blinden 64 Greis Muth einzuſprechen, daß er bald Nach richt von Friedrich erhalten würde, die ja Al⸗ les dann aufklärte. Moritz geht tief gebeugt an Margare⸗ thens Hand von dannen; Herr und Frau von Blainmore und Karl kehren auf das Schloß zurück. Karl blieb bei ſeiner Ausſage und verrieth ſich nicht, ſein Vater aber war weit entfernt, ihm zu glauben; nur die Bitten ſeiner Gattin und Margarethens, er möchte doch erſt eine Spur oder einen minder räth⸗ ſelhaften Brief von Friedrich abwarten, ehe er ſeinen Sohn verdammte, brachten ihn da⸗ hin, daß er ſcheinbar nachgab; doch beſchloß er, auf Karl genaue Acht zu haben, und ſich alle Mühe zu geben, von Friedrich etwas zu erfahren. Moritz wollte trotz aller Bitten des Mar⸗ quis Blainmore verlaſſen, Margarethe kämpfte heftig dagegen— ſie mußte nachgeben. Herr ——— —+- ☛ 65 von Blainmore, der den unglücklichen Vater ſehr bemitleidete, machte Margarethen ein Geſchenk mit einer kleinen Meierei, die einige Stunden von dem Schloß gelegen war. Einige Tage nahm ſich der Graf zuſam⸗ men, da er wohl ahnete, daß der Marquis ihn ſcharf beobachtete; doch konnte er dieſen Zwang nicht lange ertragen. Er begann von neuem allerlei tolle Streiche; der Marquis war bald davon unterrichtet— Bitten, Mah- nungen, Drohungen fruchteten nichts; da be⸗ ſchloß er endlich, vom König ſelbſt ſich einen Befehl zu erbitten, daß man ſeinen Sohn einſperre. Frau von Blainmore konnte den Gedanken nicht ertragen, und ſuchte ihren Gemal auf alle Weiſe zu bewegen, davon ab— zuſtehn. Sie ſchlug vor, Karl möge heira⸗ then.„Eine kluge, ſchöne Frau wird ſein Herz feſſeln; es öffnen ſich ihm neue Ausſichten, und uns blühen auch wieder Freuden. Unſer Damenerzaͤhler. III. ſeine Gedanken errathen. Auch erinnere ich ☛ 66£ Sohn iſt nur irre geführt, er wird ſein Unrecht einſehen, und erfüllt noch alle unſre Hoffnungen.“ Nach einiger Widerrede nahm der Mar⸗ 2 quis den Vorſchlag an, doch war er ungewiß über die Wahl der Gattin. „Halte für ihn um Fräulein Anais von Volmar an; ſicher erhältſt Du ihre Hand.“ „„Und woher kommt Deine Vermu⸗ thung?““ „Von einem Umſtand in Volmars Brie⸗ 4 fen, der Dir entgangen iſt; er lobt jedes Mal die Schönheit ſeiner Tochter, und ich muß ihr Recht widerfahren laſſen; er hat uns ihr Bildniß geſendet.“ „„Nun, und daraus folgt!.““ „Nichts andres, als daß er auf unſern Sohn denkt, und ſehr erfreut ſeyn wird, wenn wir, ohne daß er ſich näher zu erklären braucht, mich, daß Karl das Bild von Anais ſehr ☛ 67 — aufmer am betrachtet hat; ſie iſt ſehr hübſch, und a gl nnbe feſt, daß er eben ſo gern ſie zur Gattin wählt, als Volmar ihn zum Schwiegerſohn wünſcht.“ Frau von Blainmore's Bemerkung ſchien richtig. Der Marquis ſchrieb daher an Herrn von Volmar, und erhielt folgende Antwort zurück: „Liebſter Marauis! Die Wahl von Anais für Ihren Herrn Sohn iſt mir ſehr ſchmeichelhaft; ich habe ihn ſeit ſeiner Kindheit nicht geſehn, aber ich bin überzeugt, daß meine Tochter, ſo wie ſie ihm gefallen hat, eben ſo den Gatten, den ich ihr wünſche, ihrer Liebe ganz würdig finden wird. Doch muß ich Ihnen geſtehn, daß es mein Wille von jeher war, meine Anais zu keiner Ehe zu zwingen, die ihrem Herzen zu⸗ wider iſt, ich muß daher erſt ihre Einwilli⸗ gung haben, ehe ich die meinige geben kann. Längſt ſchon wollten wir eine kleine Reiſe un⸗ 5* 1o ☛ 68— ternehmen, die uns in die Nähe Ihrer Be⸗ ſitzungen führt; Ihr Brief beſtimmt mich, ſie früher, als wir beſchloſſen, zu unterneh⸗ men, und ſo werde ich in drei, höchſtens vier Monaten die Ehre haben, Ihnen meine Gat⸗ tin und Tochter vorzuſtellen. Vicomte von Volmar. Die Margquiſe war nicht völlig von dem— Brief befriedigt, ſie wollte eine beſtimmte Antwort; der Marquis dagegen fand, daß ſein Freund als guter Vater handelte. Die Mutter übernahm es, den Grafen von der bevorſtehenden Heirath zu benachrichtigen; ſie hoffte, daß er nun doch ſeine Lebensart än⸗ dern würde, und täuſchte ſich abermals. Karl verwarf unwillig die Vorſchläge der Frau von Blainmore; er ſagte wild, er wolle ſich nie verheirathen, und ſich Feſſeln anlegen; und man hätte ihn erſt nach ſeinem Willen fra⸗ gen ſollen, ehe man ſo einen Schritt gethan. — — ☛ 69 Mit dieſen Worten verließ er ſeine Mutter, deren Hoffnungen auf einmal zuſammen ſtürzten, ſo daß ſie nur Thränen hatte für ihren Kummer, und ihr die Kraft fehlte, ihn zurückzurufen. Herr von Blainmore, der es erfahren, verwünſchte den ungerathnen Sohn, und nahm ſich feſt vor, augenblicklich die ſtrengſten Maß⸗ regeln zu ergreifen, damit ſein Sohn nicht völlig in ſein Verderben ſich ſtürzte. Karl ahnete, welches Loos ihm bevor⸗ ſtand, ſein Vater war zu erzürnt, als daß er ihm nicht, wie er oft gedroht, ſeine Frei⸗ heit einſchränken ſollte. Er faßte daher ſchnell den Entſchluß, aus dem Schloß zu entfliehen; und, während ſeine Eltern ſich beriethen, wie ſie wohl ihren Sohn am beſten retten könnten vom Abgrund des Laſters, ſchlich er ſich heim⸗ lich in ſeines Vaters Zimmer, erbrach deſſen Schreibepult, nahm alles Gold mit, was er darin fand, und verließ das väterliche Haus ⁴☛ 70 ohne Plan oder irgend einen Vorſatz über die Zukunft. Bald bemerkte der Marquis und ſeine* Gattin den Diebſtahl; ſie beſchuldigten nur ihren Sohn, der nicht wieder erſchien, und von dem ſie keine Spur entdecken konnten. Die Marquiſe war untröſtlich, Herr von Blain⸗ more machte ſich nun Vorwürfe, daß er nicht ſeinem erſten Plan gefolgt, gleich nachdem Friedrich verſchwunden, von dem man durch⸗* aus keine Nachricht hatte. Als Moritz des Grafen Flucht erfuhr, und die Umſtände, die ſie veranlaßt, verhehlte er Margarethen ſeinen Unwillen nicht:„Dein „Du entſchuldigſt ſeine böſen Streiche ſtets, und tadelteſt unſern Sohn. Karl bringt durch ſeine Flucht Schande über ſeine Eltern; Friedrich hat nur aus Dankbarkeit, aus Ehr⸗ gefühl dieſen Ort verlaſſen. Du haſt ihm Betragen iſt ſtrafbar,“ ſprach er zu ihr, V 11 .☛ 71 großes Unrecht gethan, Du liebteſt ihn nicht, wie eine Mutter ihr Kind liebt, und zwar ein gutes, braves Kind; Du haſt mir einen Sohn geraubt, Du haſt den un⸗ ſres würdigen Gebieters durch Schmeichelreden und Gefälligkeit nur mehr zum Verderben ge⸗ führt. Margarethe! der Himmel mußte Dich ſtrafen; aber ſeine Rache, die nur zu gerecht iſt, trifft auch mich, und beugt mich tiefer, als Dich!“ Margarethe weinte und antwortete nicht; zu ſpät erkannte ſie ihr Unrecht. Von Friedrich erfuhr man nichts, und der Graf war auch allen Nachforſchungen entgangen. So bejammerte man im Schloß und in der Hütte die Vergan⸗ genheit, man ſeufzte über die Gegenwart, man fürchtete das Kommende. Noch war der größte Kummer des Mar⸗ quis der bevorſtehende Beſuch des Herrn von Volmar; was ſollte er ihm ſagen? ihm be⸗ ꝙ 72 kennen..... Er beſchloß, ihm zu ſchreiben; da bekam er vom Vicomte einen Brief, wo ihm dieſer, ohne nähere Umſtände zu berüh⸗ ren, ſchrieb, daß ein plötzliches, unerwartetes Unglück ſeine Familie in die tiefſte Trauer verſetzt habe, und er daher für den Augen⸗ blick die Reiſe nach Blainmore aufgeben müſſe. Herr und Frau von Blainmore ſannen hin und her, was dieſen Brief wohl könnte ver⸗ anlaßt haben, doch ſchien es ihnen nicht, als ob Herr von Volmar die Aufführung ihres Soh⸗ nes erfahren habe. Sie antworteten daher, daß ſie herzlichen Antheil an ſeinem Unglück nähmen, „obgleich er ihnen die Urſache deſſelben verſchwie⸗ gen; daß dieſe betrübte Nachricht aber ihren Sohn beſtimmt habe, Kriegsdienſte zu nehmen, und ſie ſeinen Bitten endlich nachgegeben hätten. Friedrich indeß erfüllte die Hoffnungen ſeines Vaters; ſeine Kenntniſſe öffneten ihm den Weg zu Ehre und Glück. 2 ☛ 73 Als er Blainmore verließ, begab er ſich nach Paris, und ein glücklicher Zufall führte ihn mit Herrn Robert zuſammen, der ſeit zwei Jahren als Lehrer der Mathematik an der königlichen Seeſchule angeſtellt war. Herr Robert, erfreut, ihn wiederzuſehn, hört von ihm die Urſache ſeiner Entfernung vom Schloß des Marquis, bietet ihm ſeine Fürſprache an, und nöthigt ihn, bei ihm zu wohnen. Fried⸗ rich willigt dankbar ein, ſtudiert wieder fleißig, nimmt dann Dienſte als Seecadet, macht mehrere Seereiſen, und hat oft Gelegenheit, ſeinen Muth zu zeigen. Eben hatte Ludwig der vierzehnte überall Sieger und gefürchtet, den Befehl zu einer großen Rüſtung zu Waſſer gegeben; und Duquesne machte ſich bereit, die Meere von den Beunruhigungen der Seeräuber zu befreien. Friedrich wünſchte ſehnlichſt, die Gefah⸗ ren der Tapfern zu theilen, die unter der 2 ☛ 74 Anführung ihres alten Admirals muthig dem Sieg entgegengingen. Er ſchrieb von Tou⸗ lon an Herrn Robert, und bat dieſen, daß er ihn bei dem Hauptmann Amfreville, einem ſehr guten Freund, empfehlen möchte, da er gehört, daß derſelbe an dem Zug zur Beſchie⸗ ßung Algiers Theil nehmen würde. Alles ging dem jungen Seemann nach Wunſch; der Hauptmann iſt erfreut, einen Zögling von Herrn Robert auf ſeinem Schiff. zu haben, er erhält auf ſein Anſuchen eine Stelle als Fähndrich für ihn, und verſpricht ſeinem V Freund, für Friedrichs Beförderung zu ſorgen. Eilf Kriegsſchiffe, funfzehn Galeeren, fünf Bombardiergallioten, und drei Brander ſegeln nach Algier ab. Ein günſtiger Wind V treibt den ungeduldigen Duquesne ſchnell nach F der Küſte der Barbarei, er wirft Anker in der Bai; aber böſes Wetter hindert jetzt mehrere Tage die franzöſiſche Flotte, etwas zu unter⸗ — — ☛☚‿ 75 nehmen. Der Feind benutzt die Zeit zu al⸗ lerlei Vertheidigungsanſtalten; endlich beruhigt ſich Himmel und Waſſer, der Admiral be⸗ fiehlt allen Schiffen, die Anker zu lichten, und ihm zu folgen. Er ſegelt in Schlacht⸗ ordnung an der Stadt vorüber, um zu ſehn, wie weit des Feindes Geſchütz reicht, der bei ſeiner Annäherung ein lebhaftes Feuer unter⸗ hält. Das Admiralſchiff Saint⸗Esprit und der Vigilant ſind die einzigen, die ge⸗ troffen werden; doch iſt die Haverei ſehr un⸗ bedeutend. Die Algierer erſtaunen über die Kühn⸗ heit des Unternehmens. Es beginnt ein furcht— barer Kampf; die Franzoſen zeigen ſich ihres großen Anführers würdig; Friedrich beweiſt einen Muth, eine Unerſchrockenheit, die ſeinen Na⸗ men denen der bravſten Seeoffieiere gleichſtellen. Angriff und Vertheidigung ſind gleich lebhaft und hartnäckig. Die Artillerie der ——— ₰☛ m 76 Gł Seeräuber, Algier's günſtige Lage, einige üble Vorfälle auf franzöſiſchen Schiffen geben den Belagerten einige Zeit die Hoffnung des Sie⸗ ges; da läßt Duquesne ſeine Mörſer auf die Stadt richten; einige hundert Bomben zer⸗ ſchmetterten einen Theil der Häuſer, und er⸗ regen eine heftige Feuersbrunſt. Die Piraten erſchrecken vor der Gewalt der Bomben, zum erſten Mal gegen ſie gerichtet ſind, ſie ſehn Algier in Gefahr, völlig in Flammen aufzugehn, und bitten um Frieden. Barba⸗ Haſſan, der Anführer der Truppen, bietet dem tapfern Duquesne an, ohne Ranzion alle Chriſten, die in ſeiner Gewalt ſind, zurückzu⸗ die geben. Die Feindſeligkeiten werden eingeſtellt; man iſt beſchäftigt, die Bedingungen des neuen Vertrags aufzuſetzen. Amfreville wird zum Vicekönig geſchickt; unter denen, die ihn begleiten dürfen, nennt der Hauptmann auch Friedrich, dieſe ſchmei⸗ 85. —. — ☛ H ———: 8⏑ ꝛ—— . chelhafte Auszeichnung gebührt ſeiner Tapfer⸗ keit, und ſeine Waffengefährten wünſchen ihm Glück dazu. Die Forderungen von Duquesne, der Alles hervorſucht, um die Seeräuber au⸗ ßer Stand zu ſetzen, ihre Beraubungen aufs neue fortzuſetzen, geben dem Hauptmann Amfre⸗ ville und ſo auch Friedrich Gelegenheit, öftrer in die Stadt zu kommen, und Friedrich benutzt ſie, frei und ungehindert, in der geheiligten Per⸗ ſon eines Abgeſandten, durch die Stadt und die anmuthigen Umgebungen zu ſchweifen. Alles iſt ihm neu, wunderbar; und ſo hört er nur ungern, daß die Flotte unmittelbar nach Frank⸗ reichs Küſten zurückkehren ſoll. Den vorletzten Tag vor der Unterzeich⸗ nung des Tractats und der dann beſtimmten Abfahrt bekam Amfreville den Auftrag, im Namen des Königs alle Chriſtenſelaven zu befreien. Friedrich wohnte dieſer Handlung bei; er folgte langſam dem Zug, der die —* 78 ☛ mächtige Hand ſegnete, die ſeine Ketten zer⸗ brach; da redete ein Weib ihn an, und bat ihn, einen Augenblick zu verweilen:„ich habe,“ ſprach ſie,„einen geheimen Auftrag, und ich zweifte nicht an ſeiner Ausführung, da ich mich an einen franzöſiſchen Offieier wende.“ „„Was kann ich für Sie thun?““ fragte Friedrich. „Für mich nichts, mein Herr, aber für meine ſchöne, junge Herrin. Die größten Leiden drohen ihr, und ohne Ihren Schutz.. „„ Erklären Sie ſich deutlicher!“* „Der Ort hier iſt zu gefährlich, und weder ich noch Sie ſind ſicher, wenn wir hier länger zuſammen ſprechen; aus Vorſicht kom⸗ 3 men Sie nicht ohne Waffen.“ „„ Ich lege ſie nie ab.“* „Suchen Sie einen Vorwand, nicht auf die Schiffe zurückzukehren, und finden Sie ſich um die zwölfte Stunde der Nacht auf de W ne d d8 nach, was man von ihm wollen könne, und ☛ 79 . dem Wall der Renegaten, in der Nähe der Wohnung des Ajabachis Mahud, ein; Sie ken— nen ſie ſchon.“ „„Woher wiſſen Sie dies?*“ „Man hat Sie zweimal geſehn; dort werde ich Sie erwarten, und, wie ich gewiß glaube, werden Sie gern die Bitte meiner Herrin erfüllen.“ „„Aber können Sie mir nicht ſagen... „Jetzt nichts weiter. Welche Nachricht darf ich der, die mich geſendet, bringen?“ „„Daß ich mich pünktlich einſtellen 772 2) ² würde.. Friedrich denkt über das ſonderbare Aben⸗ theuer nach, und ſchwankt, ob er das Verſpre⸗ chen, das er ſo voreilig gegeben, halten ſoll. Feinde, die es auf ſein Leben abgeſehn hät⸗ ten, hat er ja hier nicht; vergebens ſinnt er . 80 entſchließt ſich endlich, zur beſundten Zeit ſich einfinden. Er meldet dem Hauptmann Amfreville, daß ein unvorhergeſehner Umſtand, den er ihm den nächſten Morgen mittheilen werde, ihn nöthige, in Algier zu bleiben; und be⸗ gibt ſich,, in Gedanken an ſeine ſchöne Unbe⸗ kannte verſunken, in das Stadtviertel der Ju⸗ den, das einzige, wo man Gaſthäuſer findet. Er tritt in eine Garküche, und iſt nicht we— nig verwundert, Türken und Mauren dort in reicher Zahl zu treffen, die trotz des Verbotes ihres Propheten, mit Lärmen und Jubel ſich in Wein berauſchen. Die Nacht kam unterdeß heran; er mußte aus der Stadt, bevor man die Thore ſchloß, und luſtwandelte einſam in der Gegend um⸗ her, die ihm bezeichnet war. Der Mond leuchtete freundlich herab, da erblickte Fried⸗ rich das Haus von Mahud, und indem er ☛ 81 noch hin und her ſann, ob er wohl hier, als er früher vorübergegangen, ein Mädchen ge— ſehen, hörte er plötzlich ein leiſes Geräuſch. Ein Fenſter wurde geöffnet, eine Stimme, die er ſogleich für die der Alten erkennt, lobt ſeine Pünktlichkeit, und bittet ihn, an einer Strickleiter heraufzuſteigen. Der junge See⸗ mann zaudert nicht. „Man wünſcht ſehnlichſt, Sie zu ſpre⸗ chen,“ ſagt die Selavin, indem ſie das Fen— ſter ſchließt.„Nichts wird Sie in der Un⸗ terhaltung ſtören; alle Maßregeln für unſre gemeinſchaftliche Sicherheit ſind getroffen, nur ſchweigen Sie jetzt ſtill, und laſſen Sie ſich von mir führen. Friedrich gibt ihr ſeine Hand, wird eine breite Treppe, dann einen langen unterirdi⸗ ſchen Gang hingeführt, und kommt endlich in einen reich geſchmückten Saal. Eine ver⸗ ſchleierte Geſtalt ſitzt auf einem Polſter; die Damenerzaͤhler. III. 6 — ☛ 82 ☛ Selavin geht heran zu ihr, empfängt ihre Befehle, und entfernt ſich. Unruhig und neugierig blickt Friedrich umher; die Unbekannte bemerkt ſeine Verle— genheit, und beginnt mit lieblicher Stimme: „wie ſonderbar Ihnen dies Abentheuer ſchei⸗ nen mag, edler Franzoſe, ſo brauche ich nicht zu erröthen über dieſen Schritt; Ihr Vater⸗ land iſt das meinige;, ich ſtamme von einer edlen, reichen Familie; ich wurde meinen El⸗ tern geraubt, und fiel in die Hände Mahuds. Dieſer hat eine heftige Liebe zu mir gefaßt, und will durchaus den Preis meines Löſegel⸗ des nicht beſtimmen, und mich den Meinigen zurückgeben; ſeit drei Monaten bin ich nun ſeine Gefangne, und Mahud, in der Hoff⸗ nung, meine Abneigung gegen ihn endlich zu überwinden, hat mich bis jetzt mit einer Ach⸗ tung behandelt, die ich voͤn einem Muſelmann nicht erwartete. Mein feſter Wille aber, mit — f— 3 ⁴| 83 - dem ich mich allen ſeinen Wünſchen wider⸗ ſetzte, hat ihn endlich erzürnt, und müde ſei⸗ ner vergeblichen Seufzer, hat er einen Ter⸗ min feſt geſetzt, wo ich mich entſcheiden ſoll; ohne Ihre Hülfe, mein Herr, wär der Tod mein Loos geworden, dieſer allein konnte mich vor dem Verluſt meiner Ehre bewahren.“ „„Wie groß auch Mahuds Anſehn ſeyn * mag,“ unterbrach ſie lebhaft Friedrich,„ſo hat er doch kein Recht, Sie länger gefangen zu halten; ich werde den Admiral von dieſem Bruch des Tractats unterrichten, und mor⸗ 229 27 gen.... „So wie Mahud den Befehl bekommt, mich auszuliefern, falle ich als Opfer ſeiner Wuth; Sie allein können mich retten; werden Sie mir Ihren Schutz bei meiner Flucht ver⸗ ſagen?“ Mit dieſen Worten, die ſie flehend ſpricht, hebt die Unbekannte den Schlaeler⸗ Friedrich iſt geblendet von ihrer Schönheit 6* 84 Ihnen meinen und ruft freudig:„„ ich ſollte Schutz verweigern? mein Arm, gehört Ihnen; alle Gefahren verachte ich; befehlen Sie.. „Der Himmel ſcheint meine Flucht zu „ fährt die ſchöne Gefangene fort; die der Vicekönig mein Leben begünſtigen, „die größte Wachſamkeit, der Stadt anbefohlen, nöthigt Mahud, im in nitſcharen müſſen Palaſt zu bleiben; alle Ja bis zur Abfahrt der franzöſiſchen Flotte unter Waffen bleiben. Mahud iſt ohne Arg, denn er hat mich hier im Haus feſt verſchloſſen, der Aufſicht einiger treuen Selaven und u den Truppen von Algier gehören, übergeben. Bertholde, ſo heißt die Alte, die Sie hergeführt, wußte durch ſcheinbare Strenge gegen mich Mahuds Zutrauen zu gewinnen. Durch ſie erfuhr ich, daß die franzöſiſchen Officiere, welche den Frie⸗ den mit Haſſan abſchließen ſollten, beim Be⸗ 1 d und zweier Muſelmänner, die z —— —.,„1—— —2 — 85 ſuchen der vorzüglichſten Gebäude auch in Ich hoffte, Sie von meinem Schickſal zu benachrichtigen, Sie ka⸗ men noch einmal allein zurück, aber ich konnte dieſe Gegend kommen würden. aber Mahud wich nicht von mir. mein Zimmer nicht verlaſſen, und ehe ich ei⸗ nige Zeilen geſchrieben, die ich Ihnen zuwer⸗ hatten Sie ſich ſchon entfernt. Ich war ſehr betrübt, aber Bertholde richtete fen wollte, wieder auf. Sie ſagte mir, daß Mahud den Befehl über die Truppen des meinen Muth Palaſtes erhalten, und zwei Tage abweſend ſeyn würde. Wir wollten dieſe Zeit benutzen; meine Wahl fiel auf Sie, Bertholde über⸗ nahm meinen Auftrag, und Ihre Antwort rechtfertigte die hohe Meinung, die ich von Ihnen hatte. Wir haben einen kühnen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Schlaf; ſie bewohnen ein Gebäude, das fern Alle Seclaven liegen in tiefem von dieſem gelege müſſen betrogen werden.“ „wehe ihnen, wenn n iſt; nur die beiden Türken „„Ich habe Waffen,“ rief Friedrich, ſie es wagen, Widerſtand 2 zu leiſten.““ „Nicht alſo, es würde uns größre Ge⸗ meine treue Gefährtin hat ſich fahr bringen; 3 Pforte ver— den Schlüſſel zu einer geheimen ſchafft, und ſöobald....*9 Indem erſcheint Bertholde, Angſt und Schrecken auf ihrem Angeſicht:„Alles iſt ruft ſie,„indem ich wieder zu ewerkten mich Ali und Ach⸗ 22 verloren,“ Ihnen wollte, met, und eilen hinter mir drein... Treuloſe!““ die eben riefen beide, 27 77 Deinem Leben ſollſt hereinſtürzten,„“ u Dü.... „Elende!“ ſprach Friedrich,„ Ihr ſeyd verloren!“ ſchrien jene, und laßt uns den Weg frei, oder Chriſtenhund!“ willſt uns Furcht einjagen?“““ ſchwangen ihre Säbel gegen Friedrich,„Du „Ein Hieb, und Ihr ſeyd verloren,“ — ſ antwortete Friedrich, und richtete ſtolen auf ſie;„gehorcht, Schurken, , es dem Propheten, daß ich aus 9 Euer Leben ſchonen will.“ 8 Achmet und Ali ſtehn erſchreckt, ſie ſehn die Ungleichheit der Waffen, und werfen die d V ihrigen dem jungen Franzoſen zu Füßen, der iſt ſie nöthigt, in ein Nebenzimmer zu gehen, wo zu er ſie einſchließt. h⸗ Jetzt verläßt die ſchöne Gefangne und ihr Befreier, geleitet von der treuen Selavin, zen das Haus Mahuds; und ſie kommen bei Ta⸗ uf gesanbruch glücklich bei einem jüdiſchen Kauf⸗ mann an, den Bertholde kennt; ſie ſind zwei uns Meilen von Algier entfernt. Nachdem ſie ſeine Pi⸗ und dankt Klugheit ein wenig geruht, räth Friedrich den beiden Frauen, aus Vorſicht Matroſenkleider anzu⸗ ☛ 88. ziehn; ſo gelangen die Flüchtlinge glücklich bis an die Küſte, ſchiffen ſich auf einer Schaluppe ein, und treffen bald bei den franzöſiſchen Schiffen ein. Der junge Fähndrich eilte, als er am Bord ſeines Schiffes angekommen, zum Haupt— mann von Amfreville, erzählte ihm die Be⸗ gebenheit der Nacht, und bat ihn um Erlaub⸗ niß, die neuen Matroſen, die er angeworben, in ſein Zimmer führen zu dürfen. Der Haupt⸗ mann willigte ein, und kam, von Neugierde getrieben, bald ſelbſt dorthin. Bei ihrem Anblick war er ganz erſtaunt, ſprach nur we⸗ nige Worte, und ward dann nachdenkend. Die ſchöne Gefangne erröthete, und ſchlug die Augen nieder. In Friedrichs Gemüth, das bisher immer ſo ruhig geweſen, erho⸗ ben Liebe und Eiferſucht ſich zu gleicher Zeit, tauſend irre Gedanken durchkreuzten ſich, er ſah bald auf Amfreville, bald auf die Unbe⸗ ☛ 89 ☛. kannte, und fühlte dabei, daß ſein Herz hef⸗ tig klopfte. Endlich begann der Hauptmann:„Ihre Züge rufen mir das Bild einer Dame zurück, deren Schönheit lebhaften Eindruck auf mich gemacht. Waren Sie je in Marſeille?“ „„Es iſt meine Vaterſtadt.““ „Nahmen Sie im vergangnen Jahr Theil an einem Feſt, das man Herrn von Tourville gab, der eben vom König zum Ge⸗ nerallieutenant ernannt worden war.“ 22 77 „„Ja, mein Herr. „Ein Officier von hohem Rang führte Sie.“ „„ Es war mein Vater. „Der Vicomte von Volmar?“ 95 7 22 72 „„„»Ja, dieſer. „Welche unglückliche Verkettung der Um⸗ ſtände hat Sie aber in dieſe Lage gebracht?“ 22 127 „„ Gern will ich es Ihnen erzählen. ☛̈ 90 Bei dieſen Worten nöthigte Amfreville das Fräulein Volmar, ſich zu ſetzen und nahm bei ihr Platz. Friedrich indeß ſchwieg, und wagte nicht, ſich Anais zu nähern; aber er gab ſich vergebliche Mühe, ſeine Unruhe und enn Gefühle zu verbergen. „Wenige Tage nach jenem Feſt, von dem Sie ſprachen,“ begann das Fräulein, „erhielt mein Vater einen Brief von Herrn von Blainmore, worin dieſer um meine Hand für ſeinen Sohn bat. Längſt hatte mein Va⸗ ter, der oft vortheilhaft von dem jungen Gra⸗ fen zu mir geſprochen, dieſe Verbindung ge⸗ wünſcht, um ſo lebhafter war ſeine Freude, daß ſich nun ſeine Plane erfüllten. Ohne ihn zu kennen, dem ich angehören ſollte, wil⸗ ligte ich ein; ich war ja überzeugt, daß mein Vater mich zu ſehr liebte, als daß er mich bloßem Ehrgeiz oder Vortheil geopfert hätte— gewiß glich der Graf Beauſejour der Beſchrei⸗ ☛ 91 bung, die mir der Vater von ihm gemacht, und ſo hoffte ich, glücklich zu werden. Längſt war eine Reiſe in die Gegend von Blainmore beſchloſſen, nun wollten wir ſelbſtee auf das Schloß des Marquis von Blainmore, und dort ſollte unſre Verbindung gefeiert n den 6 8 Mein Oheim mütterlicher Seite, der Baron von Saint⸗Foix, ſah dieſe Heirath ungern, weil ſie mich von ihm entfernte, und er mich zärtlich liebte. Er hatte mich bereits, da er unverheirathet war, zu ſeiner Univerſal⸗ erbin eingeſetzt. Jetzt wünſchte er, wenigſtens meiner Vermählung beiwohnen zu können, aber eine wichtige Angelegenheit nöthigte ihn, eben eine Reiſe nach Barcelona zu machen. Er bat daher meinen Vater, bis zu ſeiner Rückkehr noch zu ms n, und mir zu erlau⸗ ben, ihn auf ſeiner Reiſe zu begleiten. Ich willigte mit Freuden ein, und meine Eltern, 92 ☛½ die fürchteten, ihn zu beleidigen, wenn ſie es ihm abſchlügen, gaben ebenfalls ihre Erlaub⸗ niß. Wir ſchifften uns auf dem erſten Fahr⸗ zeug, das nach Bareelona ſegelte, ein.„Faſt 4 hat een wir unſer Ziel erreicht, da überraſchte 5* s ein furchtbarer Sturm, der uns von Spa⸗ niens Küſte wieder fern in das Meer ſchleu⸗ derte. Nach einer Nacht voll Todesangſt und Gefahren, ſchwieg endlich der Sturm, und wir dankten Gott für unſre Errettung. Aber neues Unheil drohte uns; ein Seeräuberſchiff griff uns an— vergebens vertheidigten ſich die Unſrigen; Herr von Saint⸗Foix, der Hauptmann, der größte Theil der Mannſchaft, kamen im Kampfe um. Alles, was noch am Leben war, fiel den Barbaren in die Hände, und wurde nach Algier geführt.“ Bei dieſen Manecras ein Thränen⸗ ſtrom die Rede der ſchönen Anais; Amfreville und Bertholde boten Alles auf, ſie zu beruhigen. Fried⸗ ☛̈ 93 rich, tief betrübt, konnte kein Wort ſprechen; was er eben vernommen, machte ihn troſtlos; dieſe Anais, die er mit Lebensgefahr aus ſchmäh— licher Gefangenſchaft befreit, für die ſein Herz vom erſten Augenblick an ſchlug, dieſe war ei⸗ nem ihrer ſo unwürdigen Menſchen beſtimmt; alſo darum hatte er ſie befreit, um ſie Karl, ſeinem bitterſten Feind, zuzuführen. Er wollte dem Vicomte entdecken... doch dies wäre Verrath an ſeinem Wohlthäter geweſen..... Und wenn ſelbſt die beſchloſſene Verbindung ſich zerſchlug, konnte der arme, niedriggeborne Friedrich auf die Hand des Fräuleins von Vol⸗ mar Anſprüche machen?..... hörte er nicht auch das Geſtändniß von Amfreville? Pflicht gebot ihm tiefes Schweigen, Ehre und Ver⸗ nunft verdammten ſeine Liebe. Aber verge⸗ bens nahm er allen Muth zuſammen, das Gefühl ſeines Herzens zu bekämpfen; ſeine Blicke, ſeine Unruhe, ſein Benehmen ließen —— ☛ 94 den Zuſtand ſeiner Seele ahnen. Amfreville und Bertholde hatten ſein Geheimniß durch— ſchaut. Anais ſeufzte bei dem Gedanken, von ihm geliebt zu ſeyn, und beklagte ihren Er⸗ retter, indem ſie ſich ſagte, daß ihre Hand ddem Grafen Beauſéjour zugehöre. Amfreville erfuhr von Friedrich genau Alles, was ſich in Algier zugetragen, und er wünſchte dem Fräulein Glück, daß ihre Wahl auf einen der tapferſten Officiere ſeines Schiffs gefallen war.„Liebſter Freund,“ ſprach er zu Friedrich,„die Blitze der Bellona ſind oft weniger gefährlich, als die Streiche des Amor; gleich Ihnen habe ich ſeine grauſamen Pfeile gefühlt; gleich mir werden Sie ler⸗ nen, ſich vor ihnen zu bewahren.“ antwortete dieſer mit 25 ⁵2 „„Hauptmann,“ unſichrer Stimme,„glauben Sie nicht... „Junger Mann,“ fuhr Amfreville fort und blickte auf Fräulein Volmar,„ahmen 8 Sie meiner Freimüthigkeit nach; ich vermochte nicht, dieſen Reizen zu widerſtehen. Ich er⸗ ſtaunte über die Macht der Liebe auf mein Herz, das bis dahin nur für den Ruhm er— glühte, und da ich fürchtete, daß dieſe Feſſeln mir den kriegeriſchen Muth rauben würden, verließ ich Marſeille, ohne mir Mühe zu ge⸗ ben, das reizende Weſen noch einmal zu ſehen, welches der Zufall mich hatte erblicken laſſen. Meine Wunde war kaum vernarbt, da öffnet ſie ſich wieder, und zugleich höre ich, daß bald ein glücklicher Nebenbuhler ſein Schickſal mit Fried⸗ rich, wir wollen uns gegenſeitig tröſten, in⸗ dem der ſchönen Anais verbinden wird. dem wir nach Lorbeern ſtreben, da wir ein⸗ mal das Myrtenreis der Liebe nicht brechen können.“ Friedrich und Anais wurden bei des Hauptmanns Rede verlegen; ſie wagten we⸗ der aufzuſchauen, noch zu antworten. Ber⸗ tholde, die Lage ihrer Herrin ahnend, bat Am⸗ freville, er möchte ihr erlauben, mit Fräulein Volmar ſich in ein Gemach zurückzuziehn, da dieſer nach ſo viel Angſt und Gefahren wohl einige Ruhe nöthig wär. Der Hauptmann war es zufrieden, und wies ihnen eine Wohnung an, ſo gut er ſie auf dem Schiff nur geben konnte. Als ſie allein waren, ſprach er zu Friedrich:„Mor⸗ gen verlaſſen wir dieſe Küſten. Ich werde das Fräulein von Volmar dem Ritter von Lery anempfehlen, deſſen Schiff unmittelbar nach Marſeille ſegelt, Sie aber folgen mir nach La Rochelle.“ „„„Ich, Hauptmann, ſoll Anais verlaſ⸗ ſen. „Sie müſſen.“ „„Ich beſchwöre Sie, trennen Sie mich nicht von ihr; kann ich einem Andern das theure, heilige Pfand anvertrauen?““ l as „Sie kennen die Leiden noch nicht, die Ihnen eine längere Nähe bei einem Mädchen bereitet, die Sie noch kaum kennen und ſchon heftig lieben. Anais kann Ihnen nie ange⸗ hören.”* 2) 22 „„Leider weiß ich es! „Nun, darum müſſen Sie ſie fliehen.“ „„Ach! es iſt mir nicht möglich; ſie ſehen, ſie ſchweigend anbeten, dies iſt zu mei⸗ nem Glück genug; fern von ihr, ich fühle es, kann ich das Leben nicht ertragen.“““ 3 „Dieſe nichts; man ſtirbt nicht von der Liebe, ich ſchönen Redensarten bedeuten weiß ein Wort davon zu reden.“— Hauptmann, befehlen Sie mir Alles, 2 f nur dies ſchlagen Sie mir nicht arb!z“ „Nun, len..... wenn Sie es durchaus wol⸗ 27 „„Ach! wie kann ich Ihnen meine Dank⸗ „„ barkeit dafür beweiſen..* Damenerzaͤhler. III. „Das haben Sie nicht nöthig; ich leiſte Ihnen keinen Dienſt. Wir ſehn uns bald wieder, aber, ſtatt mir dann noch zu danken, werden Sie mir Vorwürfe machen, daß ich Ihren Bitten nachgab.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ging Amfreville, und in ſeinem Blick auf Friedrich lag Unmuth und Mitleid. Alle Anſtalten zur Abreiſe erlaubten dem Hauptmann und dem jungen Fähndrich nicht eher, als am Abend, Anais und Bertholden wiederzuſehn. Amffreville ſtellte beide ſeinem Freund, dem Ritter Lery, vor, und empfahl ſie ihm dringend. Friedrich, Fräulein von Volmar und Bertholde nahmen vom Haupt⸗ mann 8hih, und begaben ſich auf des Rit⸗ ters Schiff, das am andern Mhorgen die An⸗ ker lichten ſollte, um mit einem Transport befreiter Chriſtenſelaven nach Marſeille zu ſe⸗ geln. Die ſchöne Anais war ſchon in Ge⸗ anken bei ihrem Vater, in ihren heimathli⸗ chen Gefilden; Friedrich dagegen hätte ge⸗ wünſcht, daß die Fahrt nimmer enden möchte. 4 Keun das Glück, jeden Augenblick des s ſie zu ſehn, die er anbetete, und mit Tag Schiecken malte er ſich den Moment der Tren⸗ nung. Anais wußte nicht, daß der Graf von Nilchbru⸗ Beauſéjour einſt der Freund, der N der ihres Retters geweſen; ſie wußte nicht, daß Friedrich, der arm in iner Hütte ge⸗ borne, beſtimmt war, ſie ewig zu lieben; zwar verrieth Amfreville ſein Geheimn is, aber kein Geſtlindniß kam über ſeine Lippen; tiefe Schwermuth verhüllt ſeine Liebe, aber Anais iſt der Gegenſtand aller ſeiner Sorge; Fried⸗ rich behandelt ſie mit der größten Ehrfurcht; er iſt zurückhaltend, und zwingt ſich in ihrer Gegenwart zu einer Ruhe, einer Kälte, dar ein Herz nur zu laut iderſaa r ih 8 eier ſchien, rz &„ Je gleichgültiger a Befre 7.* 100 deſto feſter glaubte Fräulein von Volmar, daß er ſie heftig liebe; ihr Herz iſt dankbar, mit⸗ leidig, und weiht ſich ohne Rückhalt einem unwiderſtehlichen, ihr ganz neuen Gefühle; Friedrich lebt nur für Anais; dieſe fühlt bald, daß ſie ohne Friedrich nicht leben kann; aber, gleich ihm, verdammt ſie ihre Schwäche; wie er, verbirgt ſie ihre Seufzer, ihre Thränen; ſie iſt dem Grafen verſprochen, und kann dem nicht angehören, der ſie aubetet, und den ſie unwillkührlich wieder lieben muß. So ſchienen ſie ſich gegenſeitig fremd, Kälte, Ver⸗ legenheit herrſchte in ihren Geſprächen, und doch trennten ſie ſich nur ungern. Während beide nun, die Meeres fläche durchſchneidend, vergeblich ſich mühten, ihre gegenſeitige Zärtlichkeit zu unterdrücken, hatte eine traurige Begebenheit Herrn von Blain⸗ more nach Marſeille gerufen. 4 Seit der Flucht des Grafen von Beau⸗ ☛☛ ☚ 2. 2 22 ₰ ☛̈ b 101 aß V ſéjour und dem Verſchwinden der ſchönen t⸗ Anais mochten in ihrem tiefen Schmerz we⸗ m der der Marquis noch der Vicomte ſich über e; die Urſache ihres Kummers unterhalten; ſie d, hatten daher allen Briefwechſel aufgehoben. r, Herr von Blainmore dachte nur mit Schau⸗ ie dern an ſeinen ſtrafbaren Sohn, und der Vi⸗ n; comte hatte erfahren, daß das Schiff, auf an— welchem Anais und ihr Oheim ſich befanden, en einen furchtbaren Sturm auszuſtehn gehabt 50 habe, und nicht nach Barcelona gekommen r⸗ ſei. Da weder von ſeiner Tochter, noch von nd Saint⸗Foix eine Nachricht kam, zweifelte er nicht an ihrem Untergang, und machte ſich he die bitterſten Vorwürfe, daß er den Tod ſei⸗ re naer Anais durch ſeine üble Gefälligkeit ver⸗ tte ſ anlaßt hatte. in-⸗ Bald litt vom Kummer die Geſundheit der Frau von Volmar; ihr Gatte liebte ſie zärtlich und fürchtete, auch ſie zu verlieren; — ☛ 102 Ꝙ er beſchloß daher, ſich auf einige Zeit von Marſeille zu entfernen, wo Alles ihr das An⸗ denken an Anais duuletie Er gab gehöri⸗ gen Befehl, daß er, ſobald irgend eine Nach⸗ richt über ſeine dr gter einlief, ſogleich davon unterrichtet würde; und unter Italiens ſchö⸗ nem Himmel ſuchte nun das unglückliche El⸗ ternpaar Erleichtrung ſeiner Leiden. Ein Jahr hatte man nichts von Karl gehört, da verbreitete ſich das Gerücht in Marſeille, daß man mehrere Glücksritter ins Gefängniß gebracht, die größtentheils in dem Verdacht wären, zu einer Bande von Falſch⸗ münzern zu gehören, auf welche die Regierung oben ein Augenmerk hatte. Man nannte zwei oder drei von ihnen, deren Namen alle Welt in Staunen ſetzten; ſogar die Zeitun⸗ gen ſprachen davon; unter ihnen befand ſich der Graf von Beauſéjour! Der Schmerz des Marqauis bei dieſer ——, ½. ☛ 103 Nachricht war unbeſchreiblich; obgleich ein Siebenziger, entſchloß er ſich doch, eiligſt nach Marſeille zu reiſen; er ſuchte die Ge⸗ richtsperſonen, welche die Unterſuchung leite⸗ ten, auf, fragte nach den Anklagen wider ſei⸗ nen Sohn— leider ſchienen ſie ſo, daß kaum etwas zu hoffen war! Herr von Blainmore bat um die Er⸗ laubniß, ſeinen Sohn ſehn zu dürfen, ſo ſchmerzlich ihm dies ſein mußte, und er er⸗ hielt ſie. Die Niedergeſchlagenheit, die innere Bewegung, die Thränen des Grafen rührten den alten Mann. Karl warf ſich ihm zu Füßen, flehte ſeinen Schutz an, geſtand ſeine Fehler, und zeigte die aufrichtigſte Reue. „Vater,“ rief er,„ich verwarf Ihre Ermahnungen, ich folgte blind den ſchändli⸗ chen Eingebungen der Elenden, deren Schick⸗ ſal ich jetzt theile. Sie führten mich in eine neue Welt, mit Blumen bedeckten ſie mir ☛ 104 ☚ den Pfad des Laſters, und ſo theilte ich die Ausſchweifungen derer, die nur auf mein Ver⸗ derben ſannen; aber an ihrem Verbrechen habe ich keinen Theil— ich wußte nicht, daß das Schwert der Geſetze über ihrem Haupte ſchwebte. Sie benutzten das Anſehn meines edlen Namens, der nun durch meine Verir⸗ rungen entehrt iſt. Ach! zu ſpät erkannte ich meine Verblendung. Von Ihrem Fluch ge— troffen, wagte ich nicht, vor Ihren Augen wieder zu erſcheinen; ich verſchwendete große Summen, ich ſtellte ungeheure Schuldver⸗ ſchreibungen aus, und die Verworfnen, die ſich meine Freunde nannten, ſchafften mir Gold. Bald wurde ich wegen der Verbin⸗ dung mit ihnen feſtgenommen, und man fand bei mir eine anſehnliche Menge falſches Geld; ich hatte keine Ahnung davon gehabt; da ich aber als Genoſſe der Verbrecher bezeichnet war, machte der Schein jede Rechtfertigung ☛̈ 105 ☛☚ unmöglich. Aber jetzt, mein Vater, kehrt meine Hoffnung wieder; Sie ſind zu mir ge⸗ kommen, Sie werden dem reuigen Sohn Ehre und Leben wiedergeben; Karl war nur ver⸗ führt; hätte er Theil an dem Verbrechen, deſſen man ihn beſchuldigt, wie könnte er es wagen, Ihr Mitleid, Ihre Vergebung zu er⸗ flehen!“ Gern glaubt man, was man wünſcht. Der Marquis traute der Aufrichtigkeit ſeines Sohnes, und, ſo groß deſſen Vergehen ſeyn mochten, ſein Herz ſprach Vergebung; und zum erſten Mal floſſen Karls Thränen an der Bruſt ſeines Vaters. Der Marquis ſuchte einen berühmten Rechtsgelehrten auf, und übertrug ihm die Sache des Grafen. Der Reichthum, das Anſehn, der Ruf des Herrn von Blainmore „hoben viele Schwierigkeiten; er erhielt freien Zutritt bei den Richtern; man fing an, Theil ☛ 106 an Karl zu nehmen, ſtellte ihn nicht mehr mit den Verbrechern zuſammen, ſondern ver⸗ hörte ihn mehrmals allein; und alle Ausſa— gen dienten als Beſtätigung zu ſeiner Recht⸗ fertigung. Noch einige Tage, und der Marquis hoffte, daß Karls Unſchuld anerkannt ſeyn würde. Voll Freude ſchrieb er ſeiner gebeug⸗ ten Gattin, den ganzen Hergang, und fügte die Erzählung des Unglücks hinzu, das ſeinen Freund Volmar betroffen, und dieſen veran⸗ laßt, Marſeille zu verlaſſen. Kaum war der Brief abgeſendet, ſo meldete man ihm, daß der Vicomte und ein Seeofficier ihn zu ſprechen wünſchten. Er erſchrak bei dem Gedanken, daß Karl in Feſ⸗ ſeln ſchmachtete; doch ſo ſehr er fürchtete, mit ſeinem Freund darüber zu ſprechen, ſo konnte er doch dem Wunſch des Wiederſehens nicht widerſtehn. tra ſich 107 Die Thür öffnete ſich, und der Vicomte trat mit Friedrich herein. Kaum vermochte ſich der Marquis vor Staunen, vor Freude zu laſſen; alle ſeine Unruhe ſchwieg auf ein⸗ mal. Herr von Volmar drückte ihn in ſeine Arme, Friedrich umſchlang ſeine Knie; die Freundſchaft kam, in ſeine Wunden tröſtenden Balſam zu gießen. „Ihre Leiden ſind bald vorüber,“ ſprach der Biromnte zum Marquis,„mein Unglück hat ein Ende. Sie haben Ihren Sohn wie⸗ dergefunden; Dank dem Muth dieſes braven Mannes,“ fügte er hinzu, 1 und drückte Fried⸗ rich herzlich die Hand,„Anais iſt mir wieder⸗ gegeben!“ „„»„Iſts möglich?““ rief Herr von Blainmore. „Sie ſehen hier ihren Erretter!“ Und ſonnit erzählte der Vicomte ausführlich die ganze Begebenheit der Befreiung ſeiner Toch⸗ ☛ 108 ter, und ſchloß damit, daß Friedrich mit Anais, die ihre Eltern in Marſeille nicht fand, nach Genua gekommen ſei, wo er ſeit einem Mo⸗ nat ſich niedergelaſſen. Ihr Glück ſei unbe⸗ ſchreiblich, und ſie hätten nun nichts ſehnli⸗ cher gewünſcht, als den Ort wiederzuſehn, von dem ihr Unglück ſie verbannte. „Bald darauf,“ fuhr der Vicomte fort, „wurde Friedrich traurig und in ſich gekehrt; ich fragte nach der Urſache; er ſchwieg— ich drang in ihn; da ſagte er mir ſeufzend, daß er in einigen Tagen nach Toulouſe reiſen wolle, wo ſeine Familie wohnte, über die er trotz meiner und Anais Bitten ſtets geſchwie⸗ gen hatte. Ich ſprach mit Friedrich von Ih⸗ nen, lieber Marquis; er, der Erretter mei⸗ ner Tochter, ſollte Ihnen die Nachricht davon bringen; da wurde er verlegen, und Thränen entſtürzten ſeinen Augen. Vergebens fragte ich theilnehmend nach der Urſache, ohne Ant⸗ wo — 8 2 SE A”A 199 ☛ wort verließ er mich, und kam nach zwei Stunden zurück, mir ein Lebewohl zu ſagen.“ „Faſt zu gleicher Zeit trat meine Gattin herein, die eben die Nachricht erhalten, daß Sie eine unglückliche Angelegenheit nach Mar⸗ ſeille geführt hatte. Friedrich gerieth bei der Erzählung außer ſich, der Wunſch, ſeinen Wohlthäter wiederzuſehn, ihn zu tröſten, den Freund ſeiner Jugend vertheidigen zu helfen, beſeelte ihn, und ſo gab er ſich endlich zu erkennen. Die Augenblicke waren koſtbar; ſchnell bereiteten wir Alles zur Abreiſe; und eilten hierher, um Ihnen beizuſtehn mit Troſt und unſern Kräften.“ 3 Herr von Volmar und Friedrich boten Alles auf, den Trübſinn des Marquis zu verſcheuchen, der bei Friedrichs Edelmuth nur um ſo mehr die Vergehen Karls fühlte, und bei ſeines Freundes Herzlichkeit ſich Vorwürfe machte, daß er je den Plan gehabt, ſeinen ☛ 110 unwürdigen Sohn mit der Tochter deſſelben zu verbinden. Der Vicomte forderte, daß Herr von Blainmore ſein Haus bewohnen ſolle; dieſer konnte es nicht abſchlagen, und erwartete nun, von Volmar mächtig unter⸗ ſtützt, überall geehrt und geachtet, ruhig den Tag, wo Karls Urtheil geſprochen werden ſollte. Anais und Friedrich ſchmachteten indeß heimlich; ihre Herzen gehörten ſich, aber ein unüberſteigliches Hinderniß trat zwiſchen ihre Verbindung. Mit der Nachricht, daß Karl, eines Verbrechens ſchuldig, ihr Gatte nicht werden würde, erfuhr Anais auch, daß der, den ſie zärtlich liebte, niemals ihr gehören konnte. So groß ihres Vaters Freundſchaft für Friedrich war; Stand Reichthum, und, was noch mehr iſt, ein unglückliches Vorur⸗ theil machten es ihm zur Pflicht, eine ſo un⸗ gleiche Verbindung ſtreng zu verwerfen. Anais ☚ p 111 fürchtete, ihre Eltern möchten die Liebe zu nur Dankbarkeit, dem entdecken, für den ſie Freundſchaft haben ſollte; 2. 1... daß er wieder geliebt wurde, aber für ſeine, Friedrich fühlte, für ſeiner Angebeteten Ruhe war es um ſo nöthiger, daß er ſich von ihr losriß. Jetzt fiel ihm Amfreville nun bereute er, ihn nicht befolgt zu haben; er würde auch ſogleich zurückgeeilt ſeyn unter die heiligen Fahnen des Vaterlands, wenn s Rath ein, und nicht Freundſchaft für Karl ihn bis zur Ent⸗ ſcheidung ſeines Schickſals in Herrn von Vol⸗ mars Hauſe zurückgehalten hätte. Eine ungeheure Sodtteinene⸗ füllte den Ge⸗ richtsſaal. Der Graf vo u Beauſéjour ſaß auf der Bank der Angekageenes und ſein be⸗ rich— neue Vorwürfe beſtürmten ſein Ge⸗ Der entſcheidende Tag kam endlich heran. kümmertes, reuiges Antlitz zog Aller Auf⸗ merkſamkeit auf ihn. Da erblickte er Fried⸗ 4 ——.— ☛ 112 müth, und er vermochte nicht, ſeine Thränen zurückzuhalten. Die Unterſuchungen ließen keinen Zwei⸗ fel übrig, daß der Graf unſchuldig, die übri⸗ gen Angeklagten aber ſchuldig waren. Karl wurde frei geſprochen, dieſe zu einem ſchmach⸗ vollen Tod verurtheitt. Karl eilte heran, und warf ſich ſeinem alten Vater in die Arme; Friedrich öffnete ihm die ſeinigen, er flog an des Freundes Bruſt, und flehte, daß er ihm ſeine Schuld vergeben möchte. Erfahrung und die Schule des Unglücks hatten den Grafen gebeſſert; Herr von Blainmore gab ihm ſeine ganze Zärtlichkeit, Friedrich ſeine ganze Freundſchaft wieder; nur der Vicomte, obgleich er die all⸗ gemeide Freude theilte, ſchien kalt und zu⸗ rückhaltend gegen Karl, der ſeiner Seits das Zuſammentreffen mit Anais ſcheute, deren nen „ 3 2 2 ☛ 1 13— Hand er zurückgewieſen, und auf die er nun keine Anſprüche mehr hatte. Vom Gerichtshof begab man ſich zu Herrn von Volmar; ſeine Gattin und Toch⸗ ter empfingen den jungen Grafen nur aus Achtung für ſeinen Vater ſo freundlich. Anais, des Lebenswandels von Beauſéjour gedenkend, konnte einen leiſen Schauer nicht unterdrücken, als er zu ihr herantrat, und ihr für den Antheil, den ſie an ſeinem Schickſal genommen, dankte. Karl bemerkte ihre Ver⸗ legenheit, den üblen Eindruck, den er machte, wohl; aber durfte er ſich darüber beklagen? Er ſeufzte tief, und kehrte zum Marquis zurück. Fräulein Volmar, die nur an Friedrich dachte, deſſen Blicke fortwährend auf ſie ge⸗ richtet waren, fühlte wenig Neigung, die Ge⸗ ſellſchaft zu unterhalten, welche die Vorfälle des Tages genug beſchäftigten; ſie verließ 2 C0 Damenerzaͤhler III. 114* daher das Zimmer und ging in den Garten, und Friedrich, eben ſo bewegt, wie ſie, folgte ihr bald nach. Kaum waren ſie fort, ſo brachte ein Diener einen Brief von Frau von Blainmo⸗ re; der Marquis bat um die Erlaubniß, ihn ſogleich zu erbrechen und zu leſen— plötzlich gerieth er aber außer ſich, und rief in der größten Bewegung:„Margarethe hat uns betrogen!. Friedrich iſt es... mein Herz ſchien es mir immer zu ſagen; wenig— ſtens hat er ſeinen Eltern keinen Kummer ge⸗ macht!“ Karl, Herr und Frau von Volmar ſahen ſich erſtaunt an. „Wo iſt er, wo iſt er? Friedrich! Weit theurer Friedrich!“ ſo fuhr der Greis fort, und ſprang von ſeinem Sitz empor. „„Was iſt Ihnen, mein Vater? 7 2 fragte der Graf, und trat zu ihm. — 44 48 ⁴☛̈ 115 ‿ „Dein Vater? der bin ich nicht mehr!“ „„Was ſoll dies heißen?““ „Ich kränke Dich tief; verzeihe meine Unruhe, meine Freude; nein ich bin Dein Vater nicht, aber ich werde ſtets Dein Freund, Dein beſter Freund ſeyn!“ „„Gott! erklären Sie ſich.”** „Deine Mutter war ſehr ſtrafbar.. Du haſt mir manche Thräne gekoſtet...„ Nein, ich fühle es, ich kann niemals.... hier lies, lies ſelbſt; ich muß meinen Sohn ſehen, und an mein Herz drücken!“ Mit dieſen Worten gibt er Karln den Brief der Marquiſe, läuft eilends fort, und läßt den Graf und Herrn und Frau von Volmar in der größten Spannung zurück. Karl durchläuft unruhig das Papier, er entfärbt ſich, er ſchwankt; der Vicomte führt ihn auf einen Armſtuhl, dort bleibt er lange Zeit ſtumm und unbeweglich. Endlich bricht — 8* ☛̈ 146 er in bittre, herzzerreißende Worte aus, und der Vicomte erfährt ſo, daß Karls Feſtneh⸗ mung und die Furcht, er möchte auf dem Schaffot ſterben, Margarethens Tage verkürzt haben; daß ſie im Augenblick des Todes er⸗ klärt habe, Friedrich ſei des Marquis wahrer Sohn; der Wunſch, ihr Sohn möchte ein großer, reicher Mann werden, habe ſie ver⸗ leitet, die Blindheit ihres Mannes Morit, und die lange Abweſenheit ihrer Herrſchaft auf Saint Domingo zu benutzen, und ihren Friedrich dem wahren Herrn von Beauſé⸗ jour unterzuſchieben. Jetzt beſinnt ſich Herr von Volmar auf ſeinen Beſuch in der Hütte, auf Margarethens Verlegenheit, das Wechſeln der Kleider und ihre Lüge. Er zweifelt nicht mehr, der junge Seemann, den er ſo ſchätzt und liebt, iſt der Sohn des Marquis. Die Schwermuth von Anais Befreier, ſein Schwei⸗ gen, als er ihn geberen, ſeinen Kummer ihm — 117 ☛ anzuvertrauen, führen ihn nun auf die wahre Deutung. Jetzt, wo er den Stillliebenden zum Schwiegerſohn wählen kann, dankt er Gott für die Schwierigkeiten, die er der erſten Ehe in den Weg gelegt, da dieſe ihm ſein ganzes Leben verkümmert haben würde. Gern wär nun der Vicomte zu ſeiner Anais, dem Mar⸗ quis, und ſeinem theuren Friedrich, dem wir nun ſeinen rechten Namen wieder geben wol⸗ len, hinabgeeilt, aber der Zuſtand, in dem ſich Margarethens Sohn befand, erforderte ſeine Sorge und erregte ſein Mitleid. Endlich mäßigte ſich der Schmerz Fried⸗ richs. Die Stimme der Freundſchaft, die be⸗ ruhigende Ausſicht, in Herrn von Blainmore einen Beſchützer, in dem edlen Geſpielen ſei⸗ ner Jugend einen Bruder zu finden, richtete ihn wieder auf. Die Stimme der Natur be⸗ gann in ihm laut zu werden. „Ich bin Schuld an Margarethens ☛̈ 118 Tod,“ rief er tief bewegt,„mein alter Va⸗ ter fordert meine Sorgfalt. Ach! könnte ich ſeine Thränen ſtillen! könnte ich durch Reue meine Fehltritte ihm vergeſſen machen! Ach! Mutter, Dein Stolz iſt die Quelle aller un⸗ ſrer Leiden; in einer Hütte geboren, hätte ich in einem ſtillen, friedlichen Leben mein Glück gefunden, und nicht würde meine Seele jetzt von Vorwürfen gepeinigt!“ Herr von Blainmore, ſein wiedergefund⸗ ner Sohn und Anais traten in das Zimmer; ihr Anblick riß den armen Friedrich aus ſei⸗ nem ſchmerzlichen Nachdenken; Herr und Frau von Volmar traten ihnen entgegen, da rief der Marquis lachend:„hier bringe ich Ih⸗ nen einen Ausreißer. Karl wollte eben ſei⸗ nen Vater, ſeine Freunde, ſeine Geliebte ver⸗ laſſen.... ja ſeine Geliebte. Ich fand ihn auf den Knien vor Fräulein Anais in dem Augenblick, als er ihr das letzte Lebewohl N — ☛ 119 ☚ ſagte. Anfangs erſchreckte mein Erſcheinen das beſcheidne Paar, das in der Stille ſich liebte und ſeufzte; bald tröſtete ich ſie, und ſie hatten jetzt kein Geheimniß mehr vor mir; ich habe ihnen verſprochen, ſie zu verheira⸗ then; nun, lieben Freunde, kommt es auf Sie an, ob Sie mein Verſprechen erfüllen wollen?“ Können Sie wohl zweifeln?“*“ rie⸗ leicher Zeit Herr und Frau von Vol⸗ den Liebenden, 27 27 fen zu g mar und öffneten ihre Arme die ſie wechſelsweiſe an ihr Herz ſchloſſen. Alle Gemüther ſind von lebhafter Freude durch— nur Friedrich ſteht finſter und ver⸗ Da geht der Marquis auf „indem ich mei⸗ drungen; ſchloſſen dabei. ihn zu und ſpricht zu ihm: nen Karl wiederfand, werde ich doch Fried⸗ rich nimmer vergeſſen!“ Ach! meine Schuld iſt zu groß!““ 77 77 ⁴☛ 120 „Welchen Fehler hätte nicht aufrichtige Reue ausgelöſcht!“ Friedrich iſt gerührt; aber Furcht, Ach⸗ tung halten ihn zurück, dem Gefühl ſeines dankbaren Herzens zu folgen; Herr von Blain⸗ more ſieht es, und kommt ſeinen Wünſchen zuvor.„Komm, komm!“ ruft er, und Fried⸗ rich ſtürzt in die Arme des Greiſes, und heiße Thränen rollen an ſeiner W Wange herab. Karl, noch zu ſelig von Allem, was er eben erlebt, hatte beim Eintritt Friedrich nicht bemerkt; jetzt läuft er zu ihm hin, und er, Anais, Herr und Frau von Volmar wettei⸗ fern, ihm Beweiſe ihrer herzlichſten Freund⸗ ſchaft zu geben. Friedrich iſt tief bewegt; er freut ſich ſelbſt ſo ſehr über das Glück des edren Karl, den er verkannt, verfolgt hat, daß es ihm nicht mehr leid thut, ſeinen Rang verloren zu haben.„Wenn die Fehler, rief er,„über ☛̈% 121 die ich erröthe, den Namen verdunkelt haben, Herr Graf, dem Sie nun allen Glanz wie⸗ dergeben werden, ſo werde ich mich deſſen, den Sie getragen haben, würdig machen, und ich bin ſtolz darauf, ihn annehmen zu kön⸗ nen.* I Karl drückte herzlich Friedrichs Hand, beide Freunde umarmten ſich, und alle Ge⸗ danken gingen nur darauf, den nächſten Tag nach dem Schloß Blainmore abzureiſen. Die Marquiſe und Moritz, die ein Eil⸗ bote von Allem, was in Marſeille vorgefallen, unterrichtet hatte, freuten ſich unbeſchreiblich über die Rückkehr ihrer Söhne. Die Ver⸗ mählung von Karl und Anais wurde auf das glänzendſte in der Schloßcapelle gefeiert. Der Graf, zu glücklich im Beſitz ſeiner jungen, liebenswürdigen Gattin, nahm, um ſich nie mehr von ihr zu trennen, den Abſchied. Friedrich führte einen ſo muſterhaften 22 12² Lebenswandel, daß der alte Moritz gern die Verirrungen ſeiner Jugend vergaß. Der Graf gab ihm die Oberaufſicht über alle ſeine Beſitzungen, und Friedrich machte ſich immer mehr und mehr des Vertrauens und der Freundſchaft ſeines Milchbruders würdig. Das bürgerliche Trauerſpiel o der 1 das anonpme Liebespaar. ——— Herr Duval, ein reicher Handelsherr in Pa⸗ ris, hatte ſein Vermögen mehr dem Fleiß ſeiner Vorfahren, als ſeiner eignen Sorgfalt und Mühe zu verdanken, und zugleich mit dem Erbtheil wurde ihm ihr guter Ruf zu Theil, ſo daß er mit Recht für einen braven, rechtſchaffnen Mann galt. Seit drei Jahren war er Witwer, und ſeine Familie beſtand nur aus einer Tochter und zwei Söhnen; letztere wählten aus Nei⸗ gung das edle Waffenhandwerk, und ſtiegen ſchnell empor, weil ihnen das Gold und der Name ihres Vaters mächtige Julie, Gönner erwarb. die Tochter, war von einer er⸗ ⁴☛ 126 fahrnen Gouvernante unter den Augen der Eltern erzogen worden, die aufmerkſam ſelbſt auf Alles ſahen, und ſich ihrer Ausbildung freuten. Der Vater ſtand nahe an den Sechzigen, aber fühlte noch keine Schwäche, keine Unbequemlichkeit der Jahre; in ſeinem Hauſe herrſchten Glanz, Geſchmack, Artigkeit, Freimüthigkeit und Freundſchaft, und, da ſeine Jugend ſehr ſtill und gewitterlos vorüberge⸗ zogen, genoß er nun die geſelligen Freuden, an denen viele in dieſem Alter nicht mehr Theil nehmen können. Als Julie das ſiebenzehnte Jahr erreicht, hielt ihr Vater, der ſie noch nicht in den Ge⸗ ſellſchaften und Kreiſen, die er beſuchte ein⸗ führen wollte, für rathſam, ſie zu einer Schwe⸗ ſter ſeiner verſtorbnen Gattin zu ſenden, auf deren einfachem Landgut in der Nähe von Saint⸗Quentin ſie beſſer aufgehoben ſchien, als in ſeinem Hauſe, wo zahlreiche Befuche 127 und häufige Feſte ihr leicht gefährlich werden konnten. Zugleich wurde er auch in ſeiner Wohnung ganz freier Herr. Julie wurde alſo zu ihrer Tante geſchickt, und Herr Duval dachte nun einzig an Ge⸗ ſchäftsgang und Vergnügungen. Er unter⸗ ſtützte und half, wo er Unglückliche ſah, ſchoß gern Summen vor, wenn nur dadur ch der Proceß einer Witwe oder Waiſe fortgeſetzt werden konnte, die außerdem ihn aufgeben mußte, und ſo war er durch ſein gutes Ge⸗ müth Allen, die Zufall oder Freundſchaft mit ihm verknüpften, theuer und nützlich. Julie war nun ganz aufgeblühte Schön⸗ heit. Ihre Tante meinte ſehr vernünftig, daß Einſamkeit nicht für die Jugend gehöre, ſie nahm daher mit ihrer Nichte an allen Vergnügungen Theil, die ſie für Paris ent⸗ ſchädigen konnten, und wirklich waren Bälle, Concerte, Schauſpiel in Saint⸗Quentin eben P . ☛ 128 ☛☚ ſo häufig und beſucht, als in Paris. Julie ward zu allen Feſten eingeladen, und ihre Tante begleitete ſie ſtets dahin. Sie zählte jetzt faſt zwanzig Jahr, ihr Vater ſann eben darauf, ſie vortheilhaft zu verheirathen— da traf ihn ſelbſt ein ſehr harter Schlag. Sein ganzes Vermögen ſtand in einem Handelshau⸗ ſe, deſſen Herr einen ſchelmiſchen Bankerott machte, und ſelbſt entflohen war, ohne daß man eine Spur von ihm entdecken konnte. Nichts blieb Herrn Duval, als eine Leibrente von ſechs tauſend Franks, und das Haus, welches er bewohnte. Aber er hatte nicht nur Alles eingebüßt, was er beſaß, es liefen auch noch bedeutende Wechſel auf ihn, die er nun nicht bezahlen konnte; auch ſein Cxedit ging zugleich verloren, ſeine Correſpondenten erhielten ihre Tratten mit Proteſt zurück, ſie thaten daſſelbe nun mit denen des Herrn Duval. Sein Haus wurde verkauft, ſeine ⁴☛ 129 Rente verpfändet; endlich war er faſt ganz entblößt, und machte in ſeinem Unglück noch die bitterſte aller Erfahrungen, daß die, wel⸗ chen er früher geholfen, die ihm verpflichtet waren, ihn treulos jetzt verließen. Trotz der Unfälle aber verlor Herr Du⸗ val den Muth nicht; das Loos ſeiner Kinder tag ihm allein am Herzen; die Söhne ſchie⸗ nen weniger zu beklagen, als Julie, denn ſie konnten zur Noth mit ihrer Beſoldung aus⸗ kommen; aber wo ſollte er für Julien eine Mitgift hernehmen, um ſie anſtändig zu ver⸗ heirathen? Und wenn auch ihre Tante...... aber ihr Vermögen war ſelbſt nicht ſehr be⸗ deutend. Er ſchrieb endlich an ſeine Schwä⸗ gerin, berichtete ihr ſein Unglück, und erbat ſich ihren Rath. Sobald er die traurigen Angelegenheiten beendet(ſo ſchloß er), wollte er ſeine Tochter zu ſich rufen, und ein ent⸗ legnes Dorf mit ihr bewohnen, wo ſie von Damenerzaͤhler. III. 9 ☛ 130 Niemand gekannt würden. Madame Valville nahm herzlichen Theil an ihres Schwagers Unglück, doch theilte ſie ſeine Anſichten nicht. Sie liebte ihre Nichte zärtlich, und meinte, ihre Schönheit würde ihr als Mitgiſt dienen; auch wollte ſie dieſelbe zu ihrer Erbin ein— ſetzen, und ſo hoffte ſie, in der Provinz, wo / h„* 7 ſie wohnte, eine gute Parthie für Julien zu finden. Mit Schonung brachte ſie ihr die betrübende Nachricht bei, ohne ihr des Vaters Entſchluß zu ſagen, verſprach ihr, ſie nie zu verlaſſen, und bat ſie, mit Muth und Stand⸗ haftigkeit ihr Loos zu ertragen. Julie war gerührt von der Güte ihrer Tante, deren Liebe ſie über den Verluſt ganz tröſtete, woferu nur ihr Vater ihn verſchmerzen könnte. Die Klugheit gebot nun der Madame Valville, das Unglück ihres Schwagers ja nicht zu verbreiten, weil ſchon dies einer Ver⸗ 2 **ν ☛̈ 131 ☚ bindung ihrer Nichte hätte nachtheilig werden können. Wenige Tage darauf kam eine Einladung eines alten Barons, Herrn von Sonnet, deſ⸗ ſen Beſitzung an Madame Valville's Land⸗ haus grenzte, ſie möchte doch erlauben, daß ihre liebenswürdige Nichte ein Feſt durch ihre Gegenwart verſchönre, das er nächſtens auf ſeinem Schloß geben werde. Herr von Son⸗ net war Dichter und Muſiker; er gab bei ſich bald Concerte, bald dramatiſche Vorſtellungen. Die Gutsbeſitzer in der Umgegend, die ange⸗ nehmſten jungen Leute bewarben ſich eifrigſt um die Rollen der Stücke, die man auf dem Schloßtheater aufführte. Julie hatte dort einige Male die Bühne mit großem Beifall betreten, ſo daß Niemand eine Rolle, die ſie geſpielt, übernehmen wollte. Eben hatte Herr von Sonnet ein Trauerſpiel mit Namen: Aspaſia und Darius, beendet; er hielt es für 9* ☛ 132 ☛ ein Meiſterſtück, und bat ſich eine glänzende Geſellſchaft, die der Aufführung ſeines Stücks beiwohnen ſollte. Wer bei dem Trauerſpiel einen Poſten hatte, beeilte ſich, einige Tage früher auf dem Schloß einzutreffen. Ein Verwandter des Herrn von Sonnet ſtellte ihm einen jun⸗ gen Mann vor, den er mitgebracht hatte. „Sie werden mir Dank wiſſen,“ ſprach er,„daß ich ohne weitres Ihnen den Mar⸗ quis von Ormeuil herführe; er iſt ein äußerſt liebenswürdiger Mann, und dabei ein vor⸗ züglicher Schauſpieler.“ „„Wirklich? das iſt mir eine große Freude; ſeyn Sie mir herzlich willkommen, Herr Marquis!““ „ Mein Freund ſcherzt; glauben Sie ja 5 ³ nicht*4 24 8 „„Blitz! auf meine Ausſage kann man ſich verlaſſen; Sie haben einen edlen Anſtand, — an ☛ 133£☛ ein angenehmes Organ, Empfindung, Geiſt; Sie deelamiren wie ein Zögling von Lekain 29 22 oder Larivve.. „Welches Glück für mich!“ rief Herr von Sonnet,„eben fehlt mir noch die Be⸗ ſetzung der Hauptrolle, wenn Sie gütigſt den Darius übernehmen wollen, bin ich des Er⸗ folgs meines Trauerſpiels gewiß.“ „„Obgleich mein Freund im Lobe ſehr übertrieben hat,“ ſprach lachend der Marquis, „ſo nehme ich es mit Freuden an; aber ich ſage Ihnen, daß ich, um in Feuer zu gera⸗ then, eine Aspaſia bekommen muß, die wenig⸗ ſtens ſo ſchön iſt, wie die Geliebte des Peri⸗ kles.““ „Ich zweifle,“ unterbrach ihn lebhaft der Dichter,„daß die Reize der Angebeteten des Perikles und die der Gattin des Darius die holden Züge Ihrer Aspaſiag verdunkelt ha⸗ ben würden.“”“ 5 8 7 ☛☚ꝑ 134 „,», Sie ſcherzen nur.““ „Nein, auf Ehre kein Scherz; Sie ha⸗ ben noch nichts Reizenderes geſehen.... und ſtets zu fürchten, daß Sie nicht genug in Begeiſtrung gerathen würden, trage ich viel⸗ mehr Sorge, daß zu viel Feuer Sie fortreißt, und Sie Ihre Rolle vergeſſen, und Ihre eig⸗ nen Gedanken, ſtatt der des Verfaſſers, zu Tage bringen werden.“ Dieſe Rede erregte Ormeuiles Neugierde gewaltig; er bat Herrn von Sonnet, doch eiligſt ſeine Schauſß d zuſammenzurufen N und die Rollen z ertheilen, damit er, das Glück hätte, die unvergleichliche Schönheit zu ſehn. Der Dichter, erfreut über den Eifer, verfügte ſich ſogleich zu Madame Valollle, unterrichtete ſie von ſeinem Plan, und bat ſie dringend um die Erlaubniß, daß ihre Nichte die Aspaſia ſpielen dürfte. Madame Val⸗ ville erfüllte gern ſeine Bitte; da ſie aber —————— ⁴☛ 135 ☚ hörte, daß eine große Geſellſchaft, unter de⸗ nen viele Pariſer, denen das Unglück ihres Schwagers bekannt war, ſich einfinden würde, bat ſie Herrn von Sonnet, Grund zu ſagen, daß er, wenn ihn Jemand nach Juliens Namen fragte, dieſen verf gen und blos antworten möchte, es ſei eine Verwandte von Madame Valville. ohne ihm den Herr von Sonnet freute ſich über die Einwilligung der Tante Juliens, und über die Anmuth, mit der ſie ſelbſt die Rolle an⸗ genommen; er verſprach gern, was ſie wünſch⸗ ten, und führte, wie im Triumph, die neue Aspaſia in ſein Schloß ein. Es hatten ſich ſchon Viele im Saal verſammelt, und alle Augen richteten ſich auf Julien bei ihrem Ein⸗ tritt; Einige loben ihren Wuchs, Andre den Schnee ihrer Haut, Andre ihre ſchönen ſchwar⸗ zen Augen, ihre edlen, geiſtreichen Züge; end⸗ lich erſchallen ihr von allen Seiten Lobeser⸗ — chwei⸗ ☛ 136 hebungen, und Iulie iſt über ihre Schönheit ſe ſo verlegen, wie eine Andre, wenn man ihr m wegen ihrer Häßlichkeit einige mitleidige oder e ſpöttiſche Blicke zuwirft. f. r Der Marquis lobt Julien am wenigſten. Ihre Schönheit hatte wirklichen Eindruck auf 4 ihn gemacht, und er ſchwieg, weil er zuviel zu ſagen hatte; aber ſeine Blicke, die auf Ju⸗ M lien ruhten, ſprachen mehr, als alle Worte. 4 8 Julie, obwohl noch unerfahren, bemerkte doch die ſtille Bewundrung; weibliche Augen ſehen ſehr ſcharf in dergleichen Dingen! Sie ſetzte ſich endlich, um den ewigen Artigkeiten zu entgehn, neben ihre Tante; ihre Blicke richteten ſich nach einem Fenſter, wo der Mar⸗ quis ſtand— ſie begegneten denen von Or⸗ meuil. Julie erröthete, der Marquis erbebte freudig, und ohne über das Gefühl, das in beiden ſprach, nachzudenken, grüßten ſich ihre Augen wechſelſeitig mit Wohlgefallen. Jetzt ———— ——— —= ——— N 137 ſetzte man ſich in einen Kreis, und auch Or⸗ meuil näherte ſich wieder der Geſellſchaft, der er ſeit wenig Minuten nicht mehr auhgihä ren ſchien. Der Wunſch, zu gefallen, belebte bald Julien und den Marquis; ſchon trieb die Sympathie ſie an, gegenſeitig ihre Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen. Beide waren ſo geiſtreich, ehr Geſpräch ſo belebt, ſo anziehend, daß ſie faſt allein die Unterhaltung führten. Herr von Sonnet dachte nur an den glänzenden Erfolg ſeines dramatiſchen Mei⸗ ſterwerks; er vertheilte die Rollen zu allge⸗ meiner Zufriedenheit; Alle lobten die Wahl der Perſonen, die Aspaſia und Darius geben ſollten. Julie und Ormeuil waren eben ſo erfreut darüber; und um ſich ſeiner Aspaſia nähern zu können, ohne daß es auffiel, bat der Marquis, daß man doch bald Proben anſetzen möchte. Mehr Eifer verlangte Herr —☛ 138 von Sonnet nicht, und beſtimmte die erſte ddie für den nächſten Tag. erſt Sein Trauerſpiel, dem der Artaxerxes ſetze des Magnan, der 1645 auf der Bühne er⸗ Or! ſchien, zum Grund lag, gefiel beim Leſen der den ſämmtlichen Geſellſchaft, die aber nur aus auf dem erwählten Schauſpielerperſonale beſtand. er Darius und Aspaſia, von Oechus und Tiri⸗ che bazes hintergangen und verfolgt, erhalten nach mannigfachen Unfällen am Ende des Stücks die Erlaubniß vom König Artaxrerxes, —— — — ☛ da Vater des Darius, ſich zu heirathen, und fü Oechus verſpricht, ihrem Glück nichts mehr za in den Weg zu legen. ä Der Stoff gefiel dem Marquis unge⸗ d mein, da er ihm Gelegenheit gab, Julien da⸗ d bei ſeine eignen Gefühle auszuſprechen. Der d Eifer des Darius und der Aspaſia war ſo groß, daß ſie in drei Tagen ihre Rollen aus⸗ h wendig wußten; die übrigen Schauſpieler aber, 1 ſ 6 139 die nicht ſo ſchnell lernten, baten, daß man erſt auf den achten Tag die Aufführung feſt⸗ Unterdeß führten Julie und ſetzen möchte. Seenen in Ormeuil ihre gemeinſchaftlichen den Proben mit ſolchem Feuer, ſolchem Geiſt auf, daß Herr von Sonnet ganz entzückt war; er hielt Alles für Wirkung ſeiner vortreffli⸗ chen Verſe. Darius, ſelig in der Nähe ſeiner Aspa⸗ ſia, wünſchte, daß die Proben einen Monat dauern möchten, aber der große Tag der Auf⸗ führung kam heran. Die Geſellſchaft war zahlreich und glänzend. Aspaſia und Darius übertrafen ſich ſelbſt, und Herr von Sonnet, deſſen Stück bis in die Wolken gehoben wur⸗ de, freute ſich zwar über das brave Spiel der beiden, ſchrieb aber die Hauptſache ſeinen Verſen, ſeinem tief durchdachten Plan, der hiſtoriſchen Treue der Charaktere, die er ge⸗ ſchildert, zu. ☛☚̈ 140 Die ſchöne Aspaſia hatte bei dem Feuer der Aufführung in ihr Herz geblickt, und be⸗ merkte nur zu wahr, was ſie ſich früher nicht geſtanden; ſie wollte ihre Neigung bekämpfen, aber ſie vermochte es nicht mehr; ſie fühlte, ſich zu glücklich in der Unterhaltung des geiſt⸗ reichen, artigen, liebenswürdigen Mannes. Zwar hatte ſich der Marquis noch nicht er⸗ klärt, dachte ſie aber an die Proben des Da⸗ rius, ſo ſah ſie deutlich, daß er ſie wieder liebte, und war ſelbſt überzeugt, daß ſie die Aspaſia nicht mit dem Ausdruck würde gege⸗ ben haben, wenn ſie nicht im Herzen an Da⸗ rius ſo viel Antheil genommen hätte. Aber jetzt fiel ihr ihre Lage, und der ſchreckliche Unfall ihres Vaters ein, und zum erſten Mal betrübte ſie ſich, daß ſie ihr Vermögen ver⸗ loren. Sie hatte gehört, daß Ormeuil einſt in den Beſitz ungeheurer Reichthümer kommen in en ☛ 141 werde, daß ſein Vater, der ihn als Stütze ſeines Hauſes betrachtete, nicht nur in keine Mißheirath willigen würde, ſondern daß er auch von der Braut ſeines Sohnes eine ſei⸗ nem Vermögen angemeßne Mitgift verlange. Wie geringfügig erſchien ihr jetzt Schönheit, Anmuth und Jugend, da ſie nur durch Reich— thum ihn, den ſie liebte, erlangen konnte.— Rach Beendigung des Trauerſiele be⸗ gab ſich die Geſellſchaft in einen großen Saal, wo ein Ball und ein herrliches Abendeſſen das glänzende Feſt beſchl ießen ſollten. Or⸗ meuil fühlte, wie ſeine Liebe zu Julien immer mehr zunahm; zwanzigmal war ihm das Ge⸗ ſtändniß derſel lben auf ſeinen Lippen geweſen, und immer fehlte ihm der Muth, frei zu dem herrlichen Mädchen zu ſprechen. Endlich nach dem Abendeſſen, wo die Geſellſchaft im wei⸗ ten Park des Barons luſtwandelte, fand er Gelegenheit, ſie allein zu ſehn. Nun hielt 142² er ſich nicht länger; er ſtürzte zu ihren Fü⸗ ßen, und ſchilderte ihr mit Flammenworten, welche zärtliche, unauslöſchliche Ndua er für ſie im Herzen trug. Julie zitterte; doch war ſie überzeugt, daß Ormeuil in ihrer Seele geleſen, und ſo vermochte ſie nicht länger, gleichgültig gegen ihn zu ſcheinen. Ormeuil ſchwur ihr im höch⸗ ſten Entzücken ewige Treue. Jetzt warf ſich Julie ihre Schwäche vor, nahm allen Muth zuſammen, und ſprach zum Marquis:„mein Herr, Sie haben ein Geheimniß entdeckt, das ich Ihnen hätte verbergen ſollen. Zu viel Hin⸗ derniſſe ſtehn unſern Wünſchen entgegen; Ihr Stand, Ihr Reichthm...“ „„ Sind Sie deſſen nicht würdig?““ „Sie ſind noch nicht Herr Ihrer Hand⸗ lungen; ich hänge vom Willen eines Vaters ab Ormeuil, wir wollen uns nicht wiederſehn!”“ V andern Grund. 1443£ 7 2*** . Und Sie wollen ſo grauſam ſeyn?“ „Ich muß es!“ Sie kennen meinen Vater nicht.”n „Wird er Ihre Wahl billigen? ohne 2 77 27 2 1727 Vermögen, ohne Rang... Er wird Sie ſehn, Julie, und dann 77297 ²2) 22 ſeinen Sohn nicht tadeln können. „Nochmals, Ormeuil, die Hinderniſſe ſind unüberſteiglich; jetzt iſt es noch Zeit, wir wollen uns Kummer und Vorwürfe erſparen.“ „Ich ſehe wohl, Julie, dieſe Hinder⸗ denen Sie ſprechen, haben einen Wenn mein Vater nun ein⸗ 272 niſſe, von willigte?““ „Hoffen Sie dies nicht!“— „„Julie! Sie hintergehn mich!.... 35 22 4 3 Eine finſtre Ahnung..... „Was wollen Sie ſagen, Ormeuil?“ Sollte Ihre Hand verſagt ſeyn? Hät⸗ ⸗* ten Sie eingewilligt.... 2) 77 . 144 G „Halten Sie ein, dieſer Verdacht kränkt mich; hätten die Meinigen über meine Hand verfügt, würde ich keine Neigung für den Marquis von Ormeuil haben.“ „„Verzeihung, Julie, Verzeihung mei⸗ nem troſtloſen Zuſtand. Ach! nennen Sie mir wenigſtens den Namen Ihrer Familie; erlauben Sie, daß ich mich Ihrem Vater vor⸗ ſtellen darf...“ Julie, der Bitte ihrer Tante an Son⸗ net, daß er ihren Namen verſchweigen möchte, eingedenk, wich der Frage aus; indem trafen ſie auf einen andern Theil der Geſellſchaft, bei dem Madame Valville war, und dieſe verließ nun ihre Nichte nicht mehr. Der Marquis hoffte, doch vom Herrn des Hauſes etwas Näheres zu erfahren; der Baron aber⸗ der die Tante ſeiner ſchönen Aspaſia nicht böſe machen wollte, antwortete nur oberfläch, lich. Nun wurde Ormenuil ganz traurig, und nkt and den nei⸗ Sie lie; vor⸗ von⸗ hte, afen daft, dieſe Der auſes aber⸗ nicht Sfläch, und ☛̈ o 145 die Geſellſchaft trennte ſich, ohne daß ein Wort, ein Blick Juliens ſeinen Schmerz mil⸗ derte. Er hoffte, ſie den nächſten Tag wie⸗ derzuſehn, eben bekam aber Madame Valville einen eiligen Brief von Herrn Duval, worin er Julien befahl, ſogleich nach Paris zu kom⸗ men. Madame Valville fürchtete, ihr Schwa⸗ ger habe noch den Plan, ſich mit Julien in der Einſamkeit eines Dorfes zu vergraben, und hielt es daher für Pflicht, ihre Nichte mit dem Inhalt des erſten Briefes von Du⸗ val bekannt zu machen, ihr aber zugleich zu eröffnen, was ſie geſonnen ſei, zu thun. um den Vater davon abzuhalten. Juliens Thrä⸗ nen zeigten, wie ſehr die Güte ihrer Tante ſie rührte. Madame Valbville verſprach, ſie nicht zu verlaſſen, und gab ihr einen Brief an ihren Vater mit. Iulie reiſte ab, ohne Herrn von Sonnet ein Lebewohl zu ſagen, Damenerzaͤhler. III. 10 ☛ 146 aus Furcht, Ormeuil wiederzuſehn; ihre Tan⸗ te, die nichts von ihrer Liebe ahnete, über⸗ nahm es gern, ſie bei der Geſellſchaft zu ent⸗ ſchuldigen, die noch einige Tage auf dem Schloß zuſammen blieb. Herr Duval hatte ſeine Angelegenheiten einigermaßen geordnet; ſeine Leibrente von ſechs tauſend Franks blieb ihm völlig, und ſeine Gläubiger waren durch den Verkauf ſeines Hauſes und übrigen Eigenthums be⸗ friedigt worden. 3 9 Den Tag, ehe Iulie zurückkam, erhielt Duval einen Beſuch vom Herzog von Bel⸗ fort, einen mächtigen und reichen Mann, mit dem er früher viel zuſammengelebt, und der ihm ſtets Beweiſe ſeiner Freundſchaft gege⸗ ben. Seit einem Jahre hatte er ihn nicht geſehn. Er fühlte peinlich das Unglück ſei⸗ ner Lage, als er den wiederſah, der ihn bei ſeiner Abreiſe im Glück verlaſſen. Der Her⸗ —õ——— ☛‿ 147 1 zog bemerkte es:„wie,“ ſprach er,„kennen 5 Sie Ihre Freunde nicht mehr; haben einige V f⸗ 2 Monate Abweſenheit Ihre Erinnerung ſchon V 14 verwiſcht?“ V „„Ach! ich habe Ihren Beſuch ſtets n ſehr geſchätzt, ich geſtehe es Ihnen, aber der Zuſtand, in dem Sie mich treffen, die Treu⸗ d loſigkeit, mit der mich Alle, die mich ſonſt 1f Freund nannten, verlaſſen haben... ⸗ Ihr unerwarteter Beſuchh...““ „Ich ſehe wohl, Sie haben nie mein lt Herz gekannt, da Sie glauben können, ich l⸗ ſei ſo wenig theilnehmend bei Ihrem Unglück; it es hat mich betrübt, überraſcht, aber meine er Freundſchaft nicht vermindert. Darum komme e⸗ 4 ich, meine Hülfe Ihnen anzubieten, und ich ht— hoffe, Sie werden mir die Freude nicht ver⸗ i⸗ ſagen, Ihnen nützen zu können.“ ei Der Herzog gehörte zu den Menſchen, die ſtolz, rauh und herriſch ſind; aber er war 10* ☛2 ☛̈ o 148 offen, treuherzig und freigebig. Wenn er ei⸗ nen Entſchluß gefaßt, änderte er ihn nie. Herr Duval erzählte ihm genau Alles, was ſich zugetragen:„am meiſten,“ ſprach er bewegt,„bekümmert mich bei meinem Un⸗ fall das Loos meiner Tochter. Jung und ſchön muß ſie nun den Kreiſen entſagen, de⸗ ren Zierde ſie geweſen ſeyn würde.”“ „„Darüber machen Sie ſich keinen Kummer; Ihre Söhne ſind brave Officiere— für ihre Befördrung werde ich ſchon ſelbſt ſorgen, und mit Julien habe ich auch mein Plänchen. Potz Wetter! ſonſt verging kein Tag, wo Sie nicht Jemandem Gutes thaten; ſoll es denn Niemand geben, der Ihnen jetzt wieder Gutes thut? Ich habe wohl ſo man⸗ ches auch ausgeführt, aber reich gemacht habe ich noch Niemand, und da will ich bei Ihnen anfangen. Ihre Tochter iſt allerliebſt, mein Sohn iſt mein Stolz; wir wollen ſie verbin⸗ —- 4 dn N ☛ 149 den; wir verleben unſre Tage bei ihnen, und genießen in Frieden ihren Reichthum; das iſt mein Plan; mir gefällt er, folglich muß er Ihnen auch gefallen.““ So treuherzig der Herzog dies geſpro⸗ chen, ſo konnte es Duval noch kaum faſſen; er glaubte zu träumen, und ſaß ſtarr vor Verwundrung, ohne zu antworten. Der Herzog bemerkte es:„nun was ſtaunen Sie denn,“ fuhr er fort;„Ihre Beſcheidenheit will wohl mein Anerbieten ab⸗ lehnen; Sie müſſen es annehmen, und ich verbitte mir jede Dankſagung. Was wollen Sie denn auch? Iſt nicht Ihre Julie hun⸗ dertmal mehr werth, als was ich für ſie thue? Nun friſch, Alter, laſſen Sie einen Notar kommen, wir wollen ſogleich den Contraet auf⸗ ſetzen!“ „„Aber wenn nun Ihr Sohn die Waht nicht billigt? es 1 ☛̈ 150 „Mein Sohn? Blitz und Tod!, den wollt ich lehren, wenn er es wagte, dawider zu ſeyn! Hätte ich nicht graues Haar, ich wählte warlich Julien für mich ſelbſt; ſie war ſchon ſo reizend mit funfzehn Jahren! Wenn ich noch könnte Ihr Schwiegerſohn werden, bel Gott, dann ſollte ſie mein Sohn nicht bekommen.“ Duval vermochte nicht, den Herzog auf andre Gedanken zu bringen; er ſah das un— erwartete Glück für eine Sendung vom Him⸗ mel an und willigte ein. Man ſchickte nach einem Notar, und dieſer ſetzte den Contract auf. Der Herzog machte Julien ſehr vor— theilhafte Bedingungen, und beide Väter un⸗ terzeichneten darauf die Urkunde. Der Sohn des Herzogs war nicht in Paris, und wurde erſt in drei Tagen erwar⸗ tet. Julie mußte bereits den nächſten Mor⸗ gen eintreffen. Herr von Belfort und Du⸗ ☛ 151 val kamen überein, daß in vier Tagen die künftigen Gatten ſich vorgeſtellt werden ſoll— ten, und daß man dann ſpgleich die nöthigen Anſtalten zur Hochzeit träf. Herr Duval war entzückt, als er ſeine Julie wiederſah. Er umarmte ſie, und ent⸗ deckte ihr, wie der Himmel, indem er ihr ei⸗ nen ſolchen Gatten ſchenke, ihn ſelbſt beglük⸗ ke. Julie, überraſcht von der Nachricht, konnte ihre Thränen nicht zurückhalten; ſie bat ihren Vater, er möchte ſie doch nicht zwingen, das väterliche Haus zu verlaſſen, wo ſie ſo glücklich wär. Herr Duval ſchrieb ihre Thränen nur dem Schmerz, ihn zu ver⸗ laſſen, zu, und ſagte ihr daher, um ſie zu tröſten, daß ſie ſich nicht trennen würden. Julie wollte noch immer ſeinen Entſchluß be— kämpfen; aber er gebot ihr, ſich ohne Mur⸗ ren ſeinem Willen zu unterwerfen, da er ein⸗ mal ſein Wort gegeben habe. Als ihr Vater — 152 weggegangen, überließ ſie ſich völlig ihrem Schmerz.„Was ſoll aus mir werden?““ ſprach ſie weinend zu ihrer alten Erzieherin Bertha, der ſie ihr Herz aufgeſchloſſen hatte. „Der Vater zwingt mich, da ich kaum zu— rückgekehrt bin, einen Mann zu heirathen, den ich niemals geſehen; ach! ich tröſtete mich darüber, daß ich Ormeuil's Gattin nicht werden konnte, mit der Hoffnung, wenigſtens Keinem anzugehören, und mein Herz ihm zu bewahren.“ Die alte Bertha ſuchte ſie zu tröſten, ſchilderte ihr, wie thöricht eine Liebe zu Or⸗ meuil wär, den ſie ja doch vielleicht nie wie⸗ derſäh, auf den ſie bereits Verzicht geleiſtet hätte. Sie erinnerte ſie an ihres Vaters Un⸗ glück, das durch ihren Widerſtand nur größer werde, während ihre Einwilligung ihm Ehre, guten Namen und Reichthum wiedererſtatte⸗ ten. Julie ſah ein, daß Bertha Recht hatte, ☛̈ꝑ 153 und verſprach, wie ſchwer es auch ihrem Her⸗ zen werden würde, doch ihren Rath zu be⸗ folgen. Herr von Belfort hatte gehört, daß Julie angekommen; ohne ſich als künftigen Schwie⸗ gervater zu erkennen zu geben, ging er zu Herrn Duval, und unterhielt ſich mit dem liebenswürdigen Mädchen, welches einen ſol⸗ chen Eindruck auf ihn machte, daß er ſeinen Sohn um ihren Beſitz beneidete. Endlich kam der junge Herzog an, und der Vater, noch erfüllt mit dem holden Bilde Juliens, ſprach denn ſogleich von der Ver⸗ bindung, die er beſchloſſen hätte. Das Herz ſeines Sohnes war aber noch weniger frei, als Juliens ihres, und er antwortete beſtimmt, er wolle ſich nicht verheirathen.— „Du mußt Dich entſchließen;“ rief der Herzog,„der Contract iſt unterzeichnet, 154 und Blitz und Wetter! Du wirſt Mademoi⸗ ſelle Duval heirathen!““ „„Es ſcheint mir, mein Herr Vater, daß man, ehe man einen Contract, der über meine Freiheit entſcheidet, unterzeichnet, doch erſt mein Herz hätte fragen ſollen. mn „Ich habe das meinige gefragt, junger Mann; und Du wirſt Deinem Vater wohl zutrauen, daß er ebenſo gut ſieht und fühlt, wie Du!“ „„ Aber ih „Keine aber; Du gehorchſt, oder ich enterbe Dich; dies iſt mein letztes Wort.“— Somit ließ er ſeinen Sohn ganz ver⸗ wundert ſtehn; was ſollte er nun anfangen, er kannte zu gut den Charakter ſeines Va⸗ ters, als daß er gehofft hätte, ihn umzuſtim⸗ men. Er beſchloß alſo, nur wenigſtens Zeit zu gewinnen, ſuchte ſeinen Vater auf, und bat ihn, nur drei oder vier Tage ihm noch zu ☛̈ 155 vergönnen; er gab ihm die Verſichrung, daß, wenn dieſe Zeit vorüber wär, er ohne weitres ihm gehorchen würde. Der Herzog vermuthete, daß ſein Sohn irgend einen Liebeshandel abbrechen wollte, und willigte ein. Der junge Belfort, erfreut über den erſten Sieg, benutzte nun die Zeit, die ihm noch blieb, um den Aufenthalt einer Perſon zu entdecken, deren Bild ihn ſtets um⸗ ſchwebte, und die in Paris ſeyn mußte. Aber alle Mühe war vergeblich; er wußte ja nicht einmal den Namen ſeiner Angebeteten. Er beſuchte alle Spaziergänge, alle Theater; nir⸗ gends ſah er ſie. Schon nahte der Tag, wo ſein Vater ihn Herrn Duval vorſtellen wollte, und ſo blieb ihm nichts übrig, um die Verbindung, die ihm ſo verhaßt, aufzuſchie⸗ ben oder zu löſen, als daß er an die künftige Gattin, die ihm ſein Vater beſtimmte, ſchrieb. Er ergriff alſo die Feder, und entwarf fol⸗ genden Brief: „Sie werden ſehr verwundert ſeyn, Fräu⸗ lein, daß ein Mann, der von ſeinem und Ih⸗ rem Vater beſtimmt iſt, Sie zu heirathen, Sie beſchwört, ihm eine heimliche Zuſammen⸗ kunft zu bewilligen; dieſe Gunſt iſt für unſer gegenſeitiges Glück ſo nothwendig, daß ich Sie flehentlich bitte, ſie mir nicht abzuſchla⸗ gen. Sagen Sie mir gütigſt Ort und Stun⸗ de, wo ich Sie ſehn kann. Wundern Sie ſich nicht, daß der Brief weder Auf⸗ noch Unterſchrift hat; ich hielt aber dieſe Vorſicht für nöthig, damit weder Sie noch ich in Ver⸗ legenheit gebracht werden, wenn er in unrechte Hände gerieth.“ Er ſiegelte den Brief, und begab ſich Abends in die Nähe von Duvals Haus. Ein Bedienter kam heraus; er fragte ihn, und erfuhr, daß er im Dienſt des Handelsherrn ☛̈ ꝑ 157 l⸗ ſei; er gab ihm demnach zwei Goldſtücke, und bat ihn, ihm einen wichtigen Dienſt zu lei⸗ 1⸗ ſten, und heimlich den Brief ſeiner jungen 2 Gebieterin zuzuſtellen, und ihm eine Antwort 1, zu bringen. 1⸗„Sie iſt eben allein,“ ſagte dieſer, noch r ganz erfreut über die Freigebigkeit;„ich eile, h verziehen Sie nur einen Augenblick!“ 1⸗ Im erſten Moment meinte Julie, die 1 noch immer an dem Marquis mit aller Liebe V e hing, der Brief könnte von ihm ſeyn. Als h ſie ihn aber geleſen, rief ſie Bertha herbei, t und theilte ihr den ſonderbaren Inhalt mit. ⸗„Sagen Sie ihm,“ ſprach dieſe;„wir e wollen hören, was der Herr Gemal will; be⸗ ſcheiden Sie ihn morgen nach den Tullerien, h ich begleite Sie; vielleicht iſt der junge Graf n eben ſo verlegen, wie Sie; wer weiß, ob er d nicht die Verbindung zu brechen wünſcht, in die Sie doch auch nur ungern willigen.“ 2 ₰ 158 Dieſer Gedanke gefiel Julien, daß ſie ſich entſchloß, und Folgendes antwortete: „Ich werde morgen früh um acht Uhr auf der Terraſſe der Tuilerien, die nach den Waſſer führt, mit meiner Erzieherin mich einſtellen.„ Die alte Bertha rief den Bedienten, und gab ihm die Antwort, die er ſogleich dem jungen Belfort brachte. Ungeduldig erwartete nun dieſer den Augenblick, wo er ſeine Braut ſehn ſollte. Er wollte ihr offen ſeine Lage geſtehen, und ſie bewegen, ihren Vater zu bitten, er möchte von der beſchloßnen Verbin⸗ dung abgehen; Julie ihrer Seits wollte ihm daſſelbe ſagen.— Bertha dachte, indem ſie den Rath gab, die Zuſammenkunft zu bewilligen, daß der Bräutigam, der ein ſehr reizender Mann ſeyn ſollte, wohl über den Marquis den Sieg davon tragen, und daß bei Juliens Schönheit 7 / ☛ 159 dieſer wohl ihre Nebenbuhlerin vergeſſen wür⸗ de; denn daß er verliebt war, ſchloß ſie ſicher aus dem ſonderbaren Schritt, den er gethan. Am nächſten Morgen gaben Julie und Ber⸗ tha vor, in das Bad zu gehn, und verfügten ſich nach den Tuilerien. Kaum waren ſie hundert Schritte gegangen, ſo ſah Julie, die rings umher ſchaute, den Marquis von Or⸗ meuil auf ſich zukommen, der ſehr verwundert ſchien, ihr zu begegnen, und alle Freude eines Liebenden bei dem Wiederſehn blicken ließ. „Himmel!““ rief er ihr zu,„ſind Sie es wirklich, Julie? Ja warlich, Ihre Nähe war mir nöthig, um die Gemüthsbewegung, die mich ergriffen, zu beſänftigen.“ „„Ich weiß nicht, ob meine Gegenwart Ihre Leiden mildert,“ antwortete Julie,„„aber, ſo ſehr ich mich freue, Sie wiederzuſehn, ſo verdoppelt dieſer Augenblick meine Unruhe.““ „O Julie! wenn Sie mein Unglück wüß⸗ Damenerzaͤhler. III. 11 ☛ 160£ ten, fänden Sie mich gewiß beklagenswerther, als ſich ſelbſt; aber ſagen Sie, welcher glück⸗ liche Zufall bringt Sie hierher.“ „„Eine ſehr wichtige Angelegenheit führt mich in die Tuilerien; meine Ehre fordert es, daß man mich hier nicht mit Ihnen erblickt. Ich beſchwöre Sie, ſo hart es mir ſelbſt dünkt, mich von Ihnen zu trennen, verlaſſen ſie mich jetzt.““ Julie war ſo unruhig bei dieſen Worten, daß Ormeuil, der ſie nun mehr als je liebte, anfing, eiferſüchtig zu werden; er betrachtete ſie mit finſtrer Miene und rief:„Julie, ſo grauſam könnten Sie mich behandeln. Eine gewiß wichtigere Angelegenheit, als die Ihre, ruft mich hierher; aber, da ich Sie wieder⸗ ſehe, lebe ich nur für Sie; welche Verſchie⸗ denheit der Gefühle! Gewiß nöthigt Sie ein Glücklicherer, als ich, mich zu fliehen; und während ich eben im Begriff bin, ein Band A ☛ 161 zu löſen, das uns auf immer trennen würde, haben Sie vielleicht eben meinem Nebenbuhler, den Sie mir vorziehn, Ihre Treue verſichert. Ihre Verlegenheit, Ihre Ungeduld, Alles ſpricht dafür, daß ich der unglücklichſte Menſch bin!“ Julie, erſchreckt über den Zuſtand, in welchem ſie den Marquis ſah, glaubte, ihm offen Alles ſagen zu müſſen;„„ja, Or⸗ meuil,“ begann ſie erröthend,„Sie haben einen Nebenbuhler, und ich erwarte ihn hier; vielleicht kommt er, um gleich mir eine ihm unbekannte Perſon auszuſchlagen. Sein Va⸗ ter und der meinige haben beſchloſſen, uns zu verbinden, und ohne uns darum zu be⸗ fragen, ſelbſt ohne uns einander vorzuſtel⸗ len. „Himmel! was hör' ich? wär es mög⸗ lich? Julie wär die Tochter des Herrn Du⸗ dal?.... 11* ——————— len wir heirathen. Sie wiſſen alſo davon? ☛̈b 162 „„Ja das iſt ſie,“ antwortete Bertha, „und den Sohn des Herzogs von Belfort ſol⸗ „O! unerwartetes Glück!“ rief Ormeuil. „Und Dich, meine Julie, Dich wollte ich fliehen?“ JIulie, erſtaunt über die ausgelaſſne Freude des Marquis, antwortete nichts; Ber⸗ tha aber rief:„„ſo hören, Sie doch; von Ihnen iſt hier gar nicht die Rede. Sie ha⸗ ben mich nicht verſtanden, ich ſprach vom Sohn des Herzogs von Belfort.““ „Der bin ich ja, der bin ich; hier iſt Juliens Handſchrift. Ich wußte ihren Na— men nicht, ſie den meinigen nicht, und dieſer Umſtand hätte uns faſt verderblich werden können. Theure Julie! Du ſollſt mir alſo ganz angehören..“ Keine Feder vermag die Seligkeit der beiden Liebenden zu beſchreiben; Bertha aber bat, daß Ormeuil ihr erklären möge, was ☛̈ Od 163 das mit zwei Namen und zwei Titeln für eine Bewandtniß habe. „Ein Bruder,“ ſagte er,„den ich vor wenig Monaten durch den Tod verlor, trug den Namen meines Vaters, der mir den Ti⸗ tel Marquis von Ormeuil gab, um dem Ael⸗ teſten ſeiner Familie die Rechte der Erſtge⸗ burt zu laſſen. Erſt ſeit dem Tod des Bru⸗ ders führe ich den Namen Herzog von Bel⸗ fort; ich habe aber immer noch die Gewohn⸗ heit, mich Marquis von Ormeuil zu nennen; dies veranlaßte das Mißverſtändniß Juliens. Aber Sie wiſſen wohl, Bertha,“ fügte er lachend hinzu,„warum Iulie ſchwieg, daß ſie Herrn Duvals Tochter iſt?“ „„Ich glaube,“ antwortete die Alte, „daß Ihnen dieſe Urſachen jetzt ziemlich gleich⸗ gültig ſind.““* DOrmeuil und Iulie hatten ſich viel mit— zutheilen; ſie ſuchten ſich daher einen Ruhe⸗ . 4. 164 . ſitz in dem ſchattigſten Baumgang des Gar⸗ tens, und Bertha folgte ihnen. Während die glücklichen Brautleute über ihre gegenſeitige Liebe ſich unterhielten, waren der Herzog von Belfort und Herr Duval mit den Hochzeitgeſchenken beſchäftigt, kauften Edel⸗ ſteine und koſtbare Stoffe, und gingen, nach Beendigung ihrer Geſchäfte, zu dem berühm⸗ teſten Garkoch in den Tuilerien, um dort zu frühſtücken. Ehe ſie wieder in den Wagen ſtiegen, machte der Herzog ſeinem Freunde den Vorſchlag, erſt ein wenig noch ſpatzieren zu gehn, und im Geſpräch führte der Zufall in die Gegend, wo Julie und Sie waren weniger vertieft und erblickten zu ihrer gro⸗. ihre Kinder beiſammen, wie dieſe, da ſie ſich doch funden hatten. Neugie⸗ den Grund zu kommen, beide Väter Ormeuil ſaßen. als die⸗ Liebenden, ßen Verwundrung ohne zu begreifen, nicht kannten, ſich ge rig, der Sache auf 5122 +½ ce. e ☛ᷣ ☛☛̈ 165 und von der Unterhaltung, die ſehr lebhaft ſchien, etwas zu vernehmen, ſchleichen ſie ſich hinter die Bank, auf welcher das liebende Paar und die alte Bertha ſaßen. Wenige Worte reichten hin, die Väter von der Lieb⸗ ſchaft zwiſchen den jungen Leuten, von der geheimen Zuſammenkunft, und von der uner⸗ warteten Aufklärung der Sache zu unterrich— ten. Ein Ausruf der Alten machte beide Freunde zum Lachen, und erſchreckte das Klee⸗ blatt gewaltig, das den Herzog und Herrn Duval nicht ſo nahe glaubte.. Ormeuil erholte ſich am erſten von ſei— nem Schrecken, warf ſich in die Arme ſeines Vaters, und bat ihn um Verzeihung, daß er ſich ſeinem Willen widerſetzt. Während der Zeit umarmte Julie Herrn Duval, der ihr zärtliche Vorwürfe machte, daß ſie ihm ihr Herz nicht eröffnet hatte; ſie entſchuldigt ſich und bittet, er möge ihren Fehler verzeihen 166 und vergeſſen. Das glückliche Paar war ſchon im voraus frei geſprochen. Aus allen Herzen ſtrömte nun die lauterſte Freude. Man eilte in den Palaſt des Herzogs von Belfort, den die zwei Familien nun vereint bewohnen ſoll⸗ ten, und den nächſten Tag verband die Lie⸗ benden die prieſterliche Weihe. ,