* Leihbibliothek 1 g deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: 2 zur Em⸗ Morgens Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und — 2 Bücher: 2 1 Mt. Pf. 4 Bücher: —— 1 Mt. 50 Pf. 6 Bücher: — 2 Mk.— Pf. 2„„—„ 3„ 1„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — .—ℳ—-——.,—j, ſe 4 5 d — ſ 3 — N△— —V—— — von . J. Charrin. Aus dem Franzöſiſchen 1 — v on D. L. Bermann. zweites Baͤndchen. Damen⸗Erzähler Leipzig, 182 6. In Ernſt Kleins literariſchem Comptoir. Druck und Papier ans der Hofbuchdruckerei in Altenburg. Heid um Perleumdung o der der Schein trügt. Damenerzaͤhler. II. Fulvia vereinigte alle ſchönen Eigenſchaften in ſich: ſie war reizend, liebenswürdig, voll Mutterwitz, und dabei höchſt tugendhaft, ohne ſich zu zieren, und verſtändig, ohne deshalb minder Kluge zu verachten; kurz ſie machte das höchſte Glück eines Gatten, den ſie zärt⸗ lich liebte, und von dem ſie angebetet wurde. Dies glückliche Paar beſaß ein bedeutendes Vermögen, ſo daß Fulvia jedes Vergnügen ihres Alters ſich erlauben konnte. Blälle, Schauſpiele, Gaſtmähler, Concerte wechſelten bei ihr ab. Morange, der das Betragen ſei⸗ ner jungen Ehegenoſſin zu ſchätzen wußte, war ihr nirgends entgegen; und dieſes edle Ver⸗ trauen, vereint mit der wahren Liebe, die ſie 1* ☛ 4 ½ für ihn hatte, bewirkte bei Fulvia, daß ſie bei allen Vergnügungen, wo er nicht mit Theil nahm lobgleich dies nur ſelten geſchah), ſich langweilte. Fulvia fühlte ſich nie freier, muthwilliger, als wenn Morange Zeuge ihrer Handlungen war, und dieſen ſah man nie luſtiger, artiger, als wenn Fulvia ſeine Lie⸗ benswürdigkeit beobachten konnte. So war Fulvia allgemein geliebt und geſchätzt, und ihr Haus der Sammelplatz der feinſten Ge⸗ ſellſchaft. Ihrem Haus gegenüber wohnte Madame Armand, eine reiche Witwe, deren Reize ſich ſchon auf dem Rückzug befanden, und nur alte Bekanntſchaften herbeizogen, mit denen ihr die Zeit ſehr ernſt verging, was doch gar nicht nach ihrem Wunſch war. Die Freuden hatten ſie verlaſſen, ſie aber verließ die Freu⸗ den nur ſehr wider Willen, obgleich ſie durch ihre Reden das Gegentheil wollte glauben ————— p„. -— 5 machen. Sie ſprach von allen Frauen ver⸗ ächtlich, die nicht ſo lebten, wie ſie; alle, deren Schönheit man pries, nannte ſie Co⸗ quetten*), und zog unaufhörlich gegen ihre Aufführung zu Felde; ſie heutchelte die feſteſte Tugend, welcher die geringſte Artigkeit ſchon ein Aergerniß iſt; die reinſte Liebe war nach ihren Reden die höchſte Sittenloſigkeit, ob— gleich ſie innerlich die Sachen ganz anders anſah. Da nun ihre alten Freunde ſie langweil⸗ ten, beſuchte ſie oft benachbarte Familien, in deren Mitte Freude und Vergnügen herrſchte; gnügen h *) Man erlaube mir immer dieſes Wort, das im gemeinen Sprachgebrauch bei uns ſchon ei⸗ nen Platz bekommen, obgleich wir(da es erſt mit den franzoͤſiſchen Sitten bei uns einge⸗ wandert zu ſeyn ſcheint) noch keinen Ausdruck dafuͤr haben; denn gefallſuͤchtig und Buh⸗ lerin bezeichnen etwas ganz andres. ☛ 6 um aber ihrer ſtrengen Tugend nicht entgegen zu handeln, und der Neigung ihres Herzens recht folgen zu können, hielt ſie bei ihrem Eintritt in dieſe Geſellſchaften gewöhnlich lange Reden über Ehre und guten Ruf, und dann zog ſie ohne Mitleid über abweſende und ge⸗ genwärtige Perſonen her; dabei drängte ſie ſich zu allen ſolchen Vergnügungen blos aus der Urſache, um nachher die unſchuldigſten Dinge, die dort vorgefallen, bekritteln zu können. Alle nun, die den häßlichen Charakter der Madame Armand kannten, flohen und ver⸗ mieden ſie; dadurch war ihnen aber nicht ge⸗ holfen, ſondern gleichmäßig ſchüttete jene ihre beißenden Reden über ſie aus, und ſtand, wenn ſie nicht zu ihren Geſellſchaften gebeten war, ſtundenlang am Fenſter, um auszuſpü⸗ ren, was bei dieſer oder jener vorging. Am ſchonungsloſeſten verfuhr ſie mit Fulvia, de⸗ ⁴☛ 7 ren Schönheit vorzüglich ihren Neid rege machte; ihre muntre Laune nannte ſie Ausge— laſſenheit, ihren Anzug unanſtändig, ihre ange⸗ nehme Ungezwungenheit Unſittlichkeit, die Ge⸗ fälligkeit ihres Gatten Blindheit und Dumm— heit; kurz ſie ließ dem jungen Ehepaar auch nicht eine gute Eigenſchaft. Fulvia hatte dies nicht nur durch ihre Freundinnen erfahren, ſondern Madame Ar⸗ mand ſelbſt, unter dem Vorwand, daß ihr Alter ihr erlaube, offen zu ſprechen, hatte ſie oft bitter getadelt, und hielt Morange Straf⸗ predigten, daß er einer Unbeſonnenen zu viel Freiheit verſtatte, und weiſſagte ihm, der Leichtſinn ſeiner Frau werde gewiß ſeinem guten Namen noch großen Nachtheil bringen. Morange, der Madame Armand für die leibhafte Tugend hielt, glaubte, ihre Ermah⸗ nungen wären gut gemeint, und antwortete ihr ſanft, daß er das feſteſte Vertrauen zu 8 Fulvia habe, deren Klugheit er ja kenne; zu⸗ gleich fing er an, alle guten Eigenſchaften ſeiner Frau zu loben, und ſchloß damit, daß— er ſie eben ſo hochachte, als er ſie liebe. Dieſe Antwort brachte aber die böſe Witwe keineswegs zum Schweigen, ſondern ihr Neid, dadurch nur reger gemacht, trieb ſie immer zu neuen Ausfällen gegen Fulvia, die denn Morange ruhig mit anhörte, ihre Härte und Strenge ihrem Alter zuſchrieb, und nach wie vor auf dieſelbe Weiſe mit ſei⸗ ner Gattin lebte. Fulvia, die früher über die Strafpredig⸗ ten ihrer Nachbarin immer nur gelacht hatte, ſo lange ſie unwichtige Gegenſtände betrafen, wurde doch nun aufgebracht, als ſie erfuhr, wie jene ſich bemüht hatte, die Eiferſucht ih⸗ res Mannes zu erregen, und ſo den ſchönſten 4— Verein gegenſeitiger Liebe zu zerſtören. Sie * gab ſich daher alle erſinnliche Mühe, auszu⸗ 4— ☛ 9 ☛ ſpähen, was wohl Urſache wär, daß die ge⸗ ſtrenge, ſpruchreiche Frau Nachbarin ſie beſon⸗ ders ſo ſchonungslos verfolgte. Es war ihr noch nie eingefallen, den analze die ſet häßlichen Perſon zu ſtudi⸗ ren; als ſie ſich aber nun die Mühe nahm, kam ſie bald dahinter, daß Madame Armand zu den Frauen gehörte, die nur ſcheinbar, oder wider ihren Willen tugendhaft ſind, und die Aufführung andrer bekritteln, um ihre eigne in ein helleres Licht zu ſetzen. Anfangs meinte Fulvia, die ganze Strenge ihrer Nachbarin rühre daher, daß ſie nun über die Jahre, wo man die Freuden der Jugend genießt, hinaus ſei, und nun in die Fußtapfen der alten Leute trete, die das verdammen, was ſie nicht mehr ſelbſt thun können. Sie theilte auch ihrem Gatten dieſe Bemerkungen mit, um ihm die Ideen, die er vielleicht von den Geſprüchen der Witwe behalten, aus dem Gedächtniß zu 22 10 bringen. Bald drang ſie aber noch tiefer in das Herz der Frömmlerin ein, und beſchloß nun, Alles aufzubieten, um ihren Gemal zu— überzeugen, daß die Tugend der Madame Ar⸗— mand nur Schein ſei, und ſich ſelbſt für die beißenden Ausfälle, die das böſe Weib ſich ge⸗ gen ſie erlaubt, zu rächen. Als Fulvia eben an ihr Vorhaben dach⸗ te, trat Adele Dorſan, eine ihrer beſten Freundinnen, bei ihr ein; die Uebereinſtim⸗ 4 mung der Gemüther hatte beide ſchon ſeit der ¹ Kindheit zuſammen verbunden. Sie waren von gleichem Alter, beide ſchön, lebhaft und luſtig. Adele lebte bei ihrer Mutter, einer ſehr achtbaren Frau, die von ihren Kindern, bei deren Erziehung ſie weder zu ſtreng, noch 2 zu nachſichtig geweſen, geliebt und gefürchtet wurde. Sie war Witwe, und ſehr wohlha⸗ bend; außer dieſer Tochter beſaß ſie noch ei— nen Sohn, der die Rechte ſtudiert hatte, und 22 9 ☛̈ 11 ſich durch ſeine Geſchicklichkeit ſehr aus— zeichnete. 1 Adele war faſt zwanzig Jahr, und noch kannte ihr Herz nur das Gefühl der Freund⸗ ſchaft. Madame Dorſan, die ihre feſten Grundſätze kannte, ließ ihr manche Freiheit, und erlaubte ihr auch oft, zu ihrer geliebten Fulvia zu gehn, deren Haus der Sitz der Vergnügungen war. Fulvia lief Adelen entgegen, umarmte ſie, und rief:„wie lieb iſt es mir, daß Du kommſt! Ich bin in einer ganz eignen Stim⸗ mung, die nur Du mir verſcheuchen kannſt.“ „„Nun, darf man denn die Urſache Deines Mißmuths erfahren?“* „Sieh, ich will es Dir geſtehn, Madame Armand iſt Urſache davon; ich bin ſo auf⸗ gebracht über ihre Verleumdungen, über den Rath, den ſie Morange ertheilt hat, um ihn eiferſüchtig und unleidlich zu machen, daß ich nur darauf ſinne, ſie dafür zu beſtrafen. Nein, ich kann nicht glauben, daß dieſe ſtrenge Tugend ihr von Herzen gehe, und ich würde— mich unendlich freuen, die geheimen Liebes⸗ händel dieſer Frau zu erforſchen.“ „„Wenn es weiter nichts iſt, als dies, liebſte Fulvia, ſo haſt Du ſehr recht gethan, Dich an mich deshalb zu wenden, denn ich al⸗ lein kann Dir da helfen, weil ich gewiſſe Dinge weiß, über die ich noch nie geſprochen,+ welche aber beweiſen, daß ſie ganz anders iſt, 1 als ſie ſcheint.““ Fulvia war entzückt über dieſe Nachricht, V ergoß ihre heitre Laune in tauſend Scherzen, und fragte endlich, als ſie vom Lachen ſich et— was erholt, ob Adele wirklich wüßte, daß ihre Nachbarin einen Geliebten habe. „Nichts iſt gewiſſer: Dieſe zurückgezog⸗ ne, ſtrenge, tadelſüchtige Witwe liebt einen recht artigen, wohlgeſtalteten, geiſtreichen jun⸗ ☛̈% 13 gen Mann: man ſagt, er wird einmal große Güter bekommen, die aber ſein Vater bei ſeinem Tod ihm in ſolcher Zerrüttung hinter⸗ laſſen, daß er jetzt, da ihm die Mittel fehlen, ſeine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, nur ein ſehr geringes Einkommen„hat: des⸗ halb nun thut er ſo zärtlich mit der Witwe; ſie ſoll ihm ihre Hand reichen, und dann mit ihrem Vermögen die Schulden bezahlen, die auf ſeinem Erbtheil ruhen. Die Liebenden ſehn ſich nur Abends bei der Witwe, und das Ganze geſchieht ſehr geheimnißvoll. Sie wech⸗ ſelt auch zärtliche Briefe mit Derville(ſo heißt nämlich ihr Adonis): der Beſteller derſelben iſt der Bediente der Madame Armand, deſſen alte Tante in meiner Mutter Dienſt ſteht, und von dieſer habe ich die ganze Geſchichte erfahren. Sie zeigte mir erſt neulich Abend den Geliebten, als er eben zu ſeinem gewöhn- lichen Stelldichein ging, und ich muß ſagen, d 14 liebe Fulvia, daß ich ihn wirklich eines beſ⸗ ſern Looſes würdig halte.“ „„Dieſe Entdeckung ergötzt mich unend⸗ lich! aber wie können wir uns wohl einen Brief der Madame Armand verſchaffen? Die muß einen ſehr zärtlichen, ausdrucksvollen Styl haben: was gäb ich darum, einen Beweis ih⸗ rer Scheintugend in meine Hände zu bekom⸗ men! Adele, Du mußt heute und morgen hier ſchlafen, Morange iſt über Land, er bleibt drei Tage weg, unterdeß wollen wir auf Mittel ſinnen, dieſe Heuchlerin zu entlarven. Da⸗ mit wir aber nicht durch ungelegne Beſuche geſtört werden, laß uns ein Stündchen nach den Tuilerien fahren.““ Alles dieſes geſchah mit ſolcher Schnellig⸗ keit, daß Adele nur ehen Zeit hatte, einzuwilli⸗ gen, doch mit der Bedingung, daß ſie zu ihrer Mutter gingen, um ſie davon zu benachrichti⸗ gen. Die Pferde waren angeſpannt; die F 22 15 Freundinnen ſtiegen ein, fuhren erſt zu Ma— dame Dorſan, die gern ihre Einwilligung gab, dann aber in den prächtigen Garten, in dem täglich die feinſte Welt der Hauptſtadt zuſam⸗ Sie ſtiegen aus, und ſuchten, um nicht in ihren Unterredungen geſtört zu werden, die am wenigſten beſuchten Gänge aus. In der großen Eile, mit der ſie den Spatziergang unternommen, hatte Fulvia gar nicht an ihre Kleidung gedacht; ſie war in ei— nem einfachen Hauskleid, das doppelt abſtach gegen das geſchmackvolle Gewand Adelens, die menſtrömt. plötzlich auch den Contraſt bemerkte und lachend ausrief:„beſte Fulvia, hätte ich mir vorher nur Alles überlegt, ſo würde ich mich entweder einfacher gekleidet haben, oder Du hätteſt mehr Sorgfalt auf Deinen Anzug wenden müſſen: ſo ſehn wir gar nicht wie zwei Freundinnen aus, und wenn uns Jemand nach unſerm Aeußern beurtheilt, ſo hält er ☛ 16 mich für die Gebieterin, und Dich für die Die⸗ nerin.“ „„Thut nichts!“ antwortete luſtig Ful⸗ via;„ich bin nicht ſo eitel, wie Madame Ar⸗ mand mir nachſagt; ich will weiter keine Er⸗ obrungen machen— Herz und Hand haben ihren Mann gefunden. Bei Dir iſt dies et⸗ was andres, Du mußt auch dieſe kleinen Vor⸗ theile nicht verſäumen, die Dir wohl einen Gatten verſchaffen können: und wüßte ich, daß Du dadurch ſo glücklich würdeſt als ich, gern wollte ich einige Zeit für Deine Dienerin gel⸗ ten! ¹—* Während ſie ſo ſprachen, ſchritt ein jun⸗ ger Mann an ihnen vorüber, der Adelen ſehr aufmerkſam betrachtete. Er ging eine Strecke fort, kehrte dann plötzlich wieder um, und trieb dies drei- bis viermal. Unterdeß hatte Adele Zeit, ihn genauer zu betrachten, und ſie erkannte in ihm Derville, den Geliebten der Fre⸗ und meit det dre Geli habe glau Sei treib ☛̈ 17 der Witwe. Sie theilte dies lachend ihrer Freundin mit, die ſehr reich an Einfällen war, und ſogleich den Zufall benutzen wollte. „Köſtlich, theure Adele, Alles begünſtigt meinen Plan, mich zu rächen; Derville fin⸗ det in Deinen jugendlichen Zügen ganz an⸗ dre Anmuth als in denen ſeiner gothiſchen Geliebten: laß uns auf die Bank dort ſetzen; haben ihn Deine Reize ſo gefeſſelt, wie ich's glaube, ſo folgt er gewiß unſerm Beiſpiel. Sei einen Augenblick Madame Morange; treibe deine Erobrung ſo weit als möglich, nöthige Derville, daß er Dir die Witwe opfre, und laß mich den Liebeshandel dann weiter fortſetzen.“ Adele fand das Abenteuer allerliebſt, und ſchwankte keinen Augenblick, den Wunſch ihrer Freundin zu erfüllen. Sie ſetzten ſich: Der⸗ ville, der auf Alles Achtung gab, und auf den wirklich Adelens Schönheit tiefen Eindruck ge⸗ Damenerzaͤhler II. 2 ☛̈ p 18 macht hatte, kehrte ſogleich um, grüßte die Dame, und ſetzte ſich neben die falſche Madam Morange, ohne auf die wirkliche zu 1 z achten, die er für ein Geſellſchafts-Fräulein 3 hielt. Anfangs wurde von der Luft, der Jah⸗ 3 b reszeit, dem Wetter geſprochen: Derville fand n in den Zügen und den Worten Adelens eine C gewiſſe Freimüthigkeit, die ihm eine leichte n Erobrung zu verſprechen ſchien— er wurde 24 n kühner, und fragte ſie, wie eine ſo ſchöne Dame ſich entſchließen könute, allein und in ſo ſi einſamen Gängen ſpatzieren zu gehn, wo nur ſp ſein guter Glücksſtern ihn hergeleitet, damit B doch Jemand ihren Reizen huldige. ich Adele antwortete anmuthig:„ich liebe ſo viele Welt nicht, und ich, freue mich mei⸗- S nes Geſchmackes, da Sie, wie ich Glanz und V Geräuſch zu meiden ſcheinen, und ich dieſem es Hang zur Einſamkeit die angenehme Bekannt⸗ † ☛̈ 19 ſchaft verdanke, die ich eben gemacht.; Dieſe verbindlichen Worte brachten Derville zu einer noch verbindlicheren Antwort; das Geſpräch ward lebhaft, und er ließ das, was in ſeinem Herzen vorging, zum Theil durch⸗ blicken; Adele ſchien ihm einige Hoffnung zu machen: kurz die Sache kam ſo weit, daß der Geliebte der Scheinheiligen um die Erlaub— niß bat, Adelen zu begleiten, und ihr den nächſten Tag einen Beſuch abzuſtatten. Ein Blick von Fulvia ſagte Adelen, was ſie thun ſollte:„ich habe meinen Wagen, ſprach ſie zu Derville;„doch nehme ich Ihre Begleitung bis an mein Haus an, obgleich ich eine große Unvorſichtigkeit begehe.“ „„Glauben Sie, daß ich der Gunſt, die Sie mir gewähren, unwürdig bin?“*“ „Dies nicht, mein Herr;... aber es wohnt in meiner Nachbarſchaft eine ſo verleumderiſche Frau, daß ſie gewiß ſuchen 9Q X ☛̈ 20 wird, meinem Ruf zu ſchaden, wenn ſie ſieht, daß ein Herr aus meinem Wagen ſteigt, oder, während mein Gatte abweſend iſt, gar zu mir kommt.“ Dieſe Sprache beſtärkte Derville in der Vermuthung, ſeine Bemerkungen mißfielen nicht; er verſchwendete alle ſeine Beredſamkeit, die ſcheinbare Furcht Adelens zu bekämpfen, her wurde liebenswürdiger, dringender, und eine ſüße Vertraulichkeit trat bald an die Stelle der ſchüchternen Verlegenheit, die bei jeder erſten Zuſammenkunft zu herrſchen pflegt. Es fing an, Nacht zu werden; Adele äußerte den Wunſch aufzubrechen; Derville bot ihr den Arm, und ſtieg mit ihr in den Wagen; und Fulvia, die ihre Rolle der Dienerin fort⸗ ſpielte, ſetzte ſich auf den Rückſitz. Der verliebte Derville war ganz ſeelig; er flehte von neuem um die Erlaubniß, Ma⸗ dame Morange den nächſten Abend beſuchen zu d ihm Fulr er i wohr erſta dem ſo n terir hätt war Laue mit Arg kann dieſe und daß wirk ſieht, oder, zu mir in der ßfielen mkeit, npfen, und n die ie bei pflegt. ußerte dt ihr agen; fort⸗ eelig; Ma⸗ uchen zu dürfen, und nach langen Bitten ward ſie ihm endlich geſtattet. Der Wagen hielt an Fulvia's Thür, ohne daß Derville ahnete, daß er in der Straße war, wo Madame Armand wohnte. Er ſtieg aus, nahm Abſchied, und erſtaunte nicht wenig, als er den Ort, von dem er ſo ungern ſchied, betrachtete, und ſich ſo nahe beim Hauſe ſeiner veralteten Gebie⸗ terin ſah, die ihn leicht aus ihrem Fenſter hätte erkennen können. Glücklicher Weiſe war die eiferſüchtige Witwe nicht auf der Lauer, und Derville eilte fort, weit mehr mit der vermeintlichen Fulvia, als mit dem Argus beſchäftigt, von dem er fürchtete, er⸗ kannt worden zu ſeyn. Madam Morange war ſehr erfreut über dieſe Bekanntſchaft, die ihre Freundin gemacht, und Adelen ſchien ihre Erobrung ſo angenehm, daß ſie zu wünſchen anfing, Derville möchte wirklich die Witwe ihr opfern. ☛ 22 Adele ward aber nach und nach bedenk⸗ lich über ihre Rolle:„muß nicht Derville,“ ſprach ſie zu Fulvia,„mich für recht leicht⸗ ſinnig halten, nach dem, wie ich ihm heute erſchienen bin, und wird er mich nicht für ſo eine flüchtige Bekanntſchaft anſehen, die ihn für ſeine Langeweile bei Madame Armand auf Augenblicke entſchädigt, ohne daß er mich lie⸗ ben oder achten kann. Oder wenn er mich wirklich liebt, iſt es da nicht Unrecht, ihn in ein Netz zu locken, wo er am Ende nur ver— ſpottet und gekränkt wird?“ „„Wirklich, das ſind ſehr weiſe Bemer⸗ kungen,“ ſagte Fulvia halb ernſthaft,„aber er⸗ laube mir, Dir zu erklären, daß ſie unrichtig ſind: wenn Derville Dich nach dem Schein beur⸗ theilt, ſo wird er ſein Unrecht einſehen, ſo— bald er erfährt, wer Du biſt; und liebt er Dich wirklich, woran ich nicht zweifle, ſo wird er mit uns über die Mittel lachen, die wir ge⸗ ver⸗ mer⸗ er er⸗ ſind: beur⸗ „ ſo⸗ Dich ird er ir ge⸗ ☛ 23 braucht, eine Heuchlerin zu entlarven; er wird ſie verachten, und die liebenswürdige Adele... Nun, Du erräthſt doch das Ende?*“ „Ich ſehe nicht ſoweit in die Zukunft.“ „ Laß mich nur machen, und Alles geht gut. Derville kommt morgen Abend hieher; ich in ſeinen Augen nur Dienerin, führe ihn in Dein Gemach, Du bieteſt alle Deine Kunſt auf, ihn zu entzünden, und wenn die Macht Deiner Reize ihm das Geſtändniß ſeiner Liebe entlockt, dann forderſt Du, daß er der Witwe entſage; er wird es Dir verſprechen. Hier⸗ auf verlangſt Du in befehlendem Ton die Briefe der Frommlerin; er wird nicht wa— gen, ſie Dir abzuſchlagen; und haben wir uns ihrer verſichert, ſo überlaß mir nur die Ausführung dieſes romantiſchen Liebesaben⸗ teuers.““* „Aber,“ antwortete Adele erröthend, „wenn nun Derville anfing, mir zu ge⸗ 24 falleu, was würdeſt Du dann mit mir und ihm machen?“ „„Ach! das wollte ich; meine Rache wär vollkommen, und meine beſte Freundin müßte mir Dank ſagen.““ Dergleichen Ge⸗ ſpräche, mit tauſend Scherzen verwebt, er— muthigten Adelen und Fulvien immer mehr, zur Fortſetzung ihrer Unternehmung, und zur Rache an Madame Armand, für die ſie nicht das geringſte Mitleid hatten. So verging die halbe Nacht, und ihr Plan gedieh völlig zur Reife. Den nächſten Tag fing man am Morgen ſchon an, auf Derville's Beſuch ſich vorzubereiten. Dieſer junge Flattergeiſt fühlte ſich unter der Zeit ganz eigen bewegt; die Liebe feſſelte ſein Herz, und er dachte mit Aerger an ſein unangenehmes Verhältniß mit der Witwe. Am meiſten war er verlegen darum, wie er das Abenteuer vor dieſer geheim halten ſollte; und ache ndin hehr, zur nicht ging öllig am ſich nter ſelte ſein twe. e er llte; ☛̈ 25 ☛ denn es ſchien ſehr gefährlich, ihre Eiferſucht rege zu machen. Indeß tröſtete ihn der Ge⸗ danke, daß Adele ja ſelbſt die Zuſammenkunft nur ganz im geheimen zugeſtanden hatte, und ſo beſchloß er, ſo vorſichtig zu ſeyn, daß ſo— gar ſein Argus getäuſcht würde. Zwar ſchien ihm das Betragen ſeiner neuen Herzenskönigin ein wenig leicht, aber er überließ ſich ganz ſeiner Liebe. Hierbei kam noch etwas Eitel— keit in's Spiel: Adelen's Wagen, ihr reicher Anzug hatten ihn geblendet— kurz er fand in dem allen nur eine ehrbare Erobrung und ſüßere Freuden, als ſeine alterthümliche Gebie⸗ terin ihm bereiten konnte. Ungeduldig erwar⸗ tete er die Stunde, wo er hinkommen durfte. Fulvia indeſſen hatte ſich als Kammer— mädchen verkleidet, und Adelen ein koſtbares Gewand angezogen, und eben war Alles bereit, als Derville in einen großen Mantel gehüllt, ankam. Er hoffte von Madame Armand nicht ☛ 26 bemerkt worden zu ſeyn. Aber wer kann ſol⸗ chen immer — lauernden Augen entgehn? Sie ſtand am Fenſter, und ſah Derdille in Ful⸗ viens Haus gehn, ohne ihn jedoch zu erken— nen. Ein Beſuch um dieſe Zeit, das geheim⸗ nißvolle Einführen eines? remden, die Abwe⸗ ſenheit von Morange, die ihr bekannt war, Alles ließ ſie ahnen, daß Fulvia ihren Mann hinterging, der ſo feſt auf die Treue ſeiner Frau traute, und dieſe Entdeckung erfüllte ſie mit der größten Freude. Wie wohlthuend war für ſie das Gefühl, einer Perſon, die man allgemein für ein Muſter der Tugend hielt, den guten Namen nehmen zu können! 9 1 5 Während Madame Armand über ihre Entdeckung nachdenkt, wird Derville von Ful— vien in ein glänzendes Gemach geführt, wo er Adelen trifft, die tauſend neue Reize ihm entfaltet. — iſt er ſeiner nicht mehr mächtig und das Ge⸗ Geblendet von ſolcher Schönheit 27 ſtändniß ſeine Liebe ſtrömt über ſeine Lippen. Adele, mehr Herrin über ſich, hört ihn mit edlem Stolz an, und ſagt dann:„Derville, urtheilen Sie nicht nach dem Schein; ich kenne Sie, und, ohne daß Sie mich bemerkten, habe ich Sie oft geſehn: ſeyn Sie überzeugt, daß ich Ihnen den Eintritt in mein Haus nicht geſtattet haben würde, wenn Sie mir unbe⸗ kannt geweſen wären. Eben ſo werden Sie ſich wundern, daß ich um ihre geheimen Zuſammenkünfte mit Madame Armand weiß, und ſie durchaus nicht billige.“ Derville war ganz verwirrt, und wagte nicht, das Verhältniß, über welches er er⸗ röthete, zu leugnen; von der Leidenſchaft, die er für Adelen fühlte, fortgeriſſen, verſprach er, ſich Allem zu unterwerfen, was ſie von ihm verlangen würde. Die vermeintliche Fulvia benutzte ſeine Heftigkeit, und antwortete, ſie würde ſeine Betheurungen nicht eher glauben, ☛̈ 28 als bis er bereit wär, ihr ein Opfer, das ſie ihm auferlegen würde, zu bringen. „Befehlen Sie, befehlen Sie; ich werde Alles möglich machen, um Ihnen das Feuer meiner Liebe zu beweiſen.“ „„Nun ſo bringen Sie mir morgen die Briefe, die Ihnen die intereſſante Witwe geſchrieben: Sie haben lange in Briefwechſel mit ihr geſtanden, ich bin neugierig, die Schreibart meiner züchtigen und tugendhaften Nachbarin kennen zu lernen.““ „Wie, Gnädigſte, Sie wollen?.“ „„Nur unter dieſer Bedingung werde ich Sie künftig wiederſehn.““ Der liebeglühende Derville hatte den Kopf völlig verloren. Adele ſah ſo anmuthig aus bei ihrer Forderung, und dieſe Fordrung ſelbſt zeigte von ihrer Gegenliebe: kurz ohne zu bedenken, daß er der Madame Armand doch einige Rück⸗ ſicht ſchuldig war, verſprach er, mit ihr zu bre— chen, und erbot ſich, augenblicklich die zärtlichen Liebesſchreiben herbeizuſchaffen, die Adele von ihm verlangte. Dieſer Eifer, den Fräulein Dorſan nicht erwartet hatte, erfreute ſie ſo, daß ſie ſich kaum zu mäßigen wußte. Derville, der gern ſeiner Angebeteten beweiſen will, daß ihre Wünſche für ihn Geſetz ſind, eilt ſogleich fort in ſein Haus, und kommt eben ſo ſchnell zu⸗ rück, verſehn mit den Beweiſen der Scheintu⸗ gend der zärtlichen Witwe. Trunken von ſü⸗ ßer Hoffnung, dachte er nicht ferner an Ma⸗ dame Armand und ihr Vermögen, das ihm nun entging, nicht an ihre Sehnſucht, zum zweiten Male in den Stand der Ehe zu tre⸗ ten, noch auch an ihren Jorn, ſich getäuſcht zu ſehn: Fulvia ſtand vor ſeiner Seele, und nichts ſchien ihm an ſeinem Glück zu fehlen. Indeß hatte Morange das Geſchäft, das ☛ 30 ihn von Paris entfernt, ſchneller beendet, eilte nun zurück, und wollte ſeine Gattin, die ihn ſo früh nicht erwartete, angenehm überraſchen. Als er in die Rue de Provence tritt, ſieht er, wie ein Menſch ſich auf der Seite, wo er ſelbſt wohnt, an den Häuſern hinſchleicht, und von Zeit zu Zeit nach den Fenſtern der Madame Armand hinüberblickt; neugierig, zu wiſſen, ob jener ſich vor dieſer ſo in Acht nimmt, verdoppelte er ſeine Schritte. Wie verwundert war er aber, als der Fremde an der Seitenthür ſeines eignen Hau⸗ ſes ſtehn blieb, wo ein Kammermädchen ihn erwartete! Sie nahm ihn bei der Hand, und leitete ihn zu einer geheimen Treppe, die in Fulvia's Gemach führte. Trotz des Ver⸗ trauens, das Morange zur Treue ſeiner Frau hatte, konnte er ſich doch in dem erſten Au⸗ genblick nicht mäßigen; er öffnet in der größ⸗ ten Beſtürzung die wieder verſchloßne Thür⸗ 31 zu der er allein den Schlüſſel zu haben glaub⸗ te, er ſteigt hinauf, und tritt in ein finſtres Zimmer, das nur durch eine Glasthür von dem Gemach Fulviens getrennt iſt, wo eben Derville eingetreten war. Madam Morange ließ beide Liebende ſich ewige Treue ſchwören, und verließ das Zimmer; da ſieht ſie im Vor⸗ ſaal zu ihrer Verwundrung einen Mann, ſie nähert ſich ihm, um ihn anzureden, Morange ſtößt ſie unſanft zurück, um in das Gemach zu dringen, wo er, von Adelens Anzug ge⸗ täuſcht, zu den Füßen einer treuloſen Gattin den Fremden, den er verfolgte, zu erblicken glaubt, während dieſe, ganz in Liebe verſunken, nicht ahnen, was zwiſchen den beiden Eheleu⸗ ten vorgeht. Morange, außer ſich vor Eiferſucht, will ſich mit Gewalt von dem falſchen Kammer⸗ kätzchen losreißen, das ihn zurückzuhalten ſucht; da erkennt Fulvia ihren Gemal, umarmt und 32 herzt ihn, und zwingt ihn, ſie wieder zu er— kennen. Morange kann noch nicht begreifen, durch welches Wunder er ſeine Frau in den Armen hat, die er doch im Nebenzimmer bei einem Mann, den er für ſeinen Nebenbuhler hält, immer noch ſitzen ſieht. Fulvia bemerkt ſeine Verlegenheit, ſie zieht ihn mit Gewalt bis in ein benachbartes Gemach, wo ſie mit ihrer gewöhnlichen Liebenswürdigkeit ihm die Geſchichte von Derville erzählt.„Ich bin doppelt entrüſtet über die Armand,“ ſchloß ſie,„da dieſe durch ihre Reden Schuld iſt an der Eiferſucht, die Du eben zeigteſt, und ich vergebe Dir nicht, lieber Morange, daß Du mich haſt für untreu halten können, wenn Du mir nicht ſelbſt Veiſtchſt⸗ die Heuchlerin zu beſtrafen!“ Morange bereute es, daß er ſich von der Eiferſucht hatte hinreißen laſſen, ſein geliebtes Weibchen für untreu zu halten; er umarmte ☛ 33 ☛ ſie zärtlich, und verſprach, zu thun, was ſie nur wollte, um ſie wieder auszuſöhnen. Ful⸗ via bat ihn, ſogleich zu Madame Armand zu gehn, und ſie zum Abendeſſen einzuladen, wo man ſie beſchämen und auslachen wollte. Mo⸗ range ging ſogleich zu ihr. Sie war allein, und ſann eben, da ſie den vermeinten Ge⸗ liebten Fulvia's nicht hatte fortgehn ſehn, alſo feſt gläubte, er würde die Nacht dort zubrin⸗ gen, auf Mittel, wie ſie Herrn Morange dies hinterbringen könnte, als dieſer ſelbſt eintrat. Bald lenkte Madame Armand die Rede auf Fulvia, und tadelte ihn, daß er ſeine Gattin oft ſo lange verlaſſe, die bei ihrer Jugend doch mehr Aufſicht verlange. Morange ver⸗ theidigt ſeine Frau und ſagt, er würde noch zwei Tage auf dem Land geblieben ſeyn, wenn ihn die Sehnſucht nicht früher zuriafgeff hrt hätte. Damenerzaͤhler II. 2 1 34 Die Witwe entgegnet ihm, ſie ſei ſehr verwundert, daß er ſoviel Vertrauen in ſeine Gattin ſetze, deren Luſt zu Putz und Ver⸗ gnügungen, deren Sucht, noch jetzt allen jun— gen Leuten zu gefallen, ihm doch bekannt ſeyn müßte. Morange, dadurch gereizt, antwortet, daß man wahre Tugend oft eher bei einem freimüthigen, lebensluſtigen Weſen fänd, als bei trügeriſchen Scheinheiligen. Nun hält ſich die Witwe nicht mehr zurück, und erzählt ihm Alles, was ſie eben geſehn hat. Morange ſtellt ſich, als glaube er es, geräth in Wuth und bittet und beſchwört ſie endlich, ihm nichts zu verſchweigen, was ſie von Fulvia's ab⸗ ſcheulicher Aufführung wiſſe. Madame Armand, erfreut, daß man ihr glaubt, fängt nun an zu erzählen, vergrößert, natürlich dabei, verſichert, ſeit zwei Tagen 35 G habe der junge Unbekannte die ſchuldige Ge⸗ liebte nicht verlaſſen, und noch in dieſem Au⸗ genblick ſei er noch bei ihr. „Ach!“ ruft. Morange in Verzweif⸗ lung,„verlaſſen Sie mich im Unglück nicht; und da Sie mir die Augen geöffnet haben, zeigen Sie mir nun auch, daß ich an Ihnen eine wahre Freundin habe. Ich will Fulvia beſſern, ohne ſie und mich um Ehre und gu⸗ ten Namen zu bringen. Ich fürchte, wenn ich allein zu Haus komme, kann ich mich nicht halten, und breche los; ich bitte Sie, folgen Sie mir; Fulvia fürchtet Sie, und Ihr Erſchei⸗ nen, was ſie auf das tiefſte beſchämen wird, macht ſicher mehr Eindruck auf ſie, als die größte Heftigkeit von meiner Seite, und bringt ſie eher zur Erkenntniß ihres Fehlers und zur Beſſerung.“ Die Heuchlerin, erfreut über die Gelegen⸗ 3* = 36 heit, ſich an der, die ſie am meiſten haßt, zu rächen, willigt ſogleich ein, und reicht Morange ihre Hand, der ſie in ſein Haus führt. Er ſteigt zuerſt hinauf, und bittet ſie, in einem Vorſaal einen Augenblick zu verweilen.„Ich will nur ſehn,“ ſpricht er,„wie wir, ohne bemerkt zu werden, in das Gemach der Treu⸗ loſen kommen koönnen.“ Spogleich läuft er zu Fulvia, erzählt ihr Alles, ſagt ihr, was ſie thun ſolle, und kommt mit verzweifelter Miene zur Witwe zurück.„Ach!“ ruft er,„was hab ich geſehn. Mein verhaßter Nebenbuhler iſt noch bei Fulvien; folgen Sie mir, hier gilt keine Schonung mehr! Wir wollen die Ungetreue ent⸗ larven, und, um ſie mehr zu überraſchen, die geheime Treppe, die zu ihr führt, herauf⸗ ſteigen.“ Mit dieſen Worten führt er ſie vorſich— tig in das Zimmer, von wo er ſelbſt vorher 9 ☛☚ 37 Adele und Derville geſehn hatte. Kaum iſt Madame Armand eingetreten, ſo erkennt ſie ihren undankbaren Geliebten. Eine tödtliche Kälte durchbebt ſie bei dem Anblick, ſie ver⸗ mag kaum, ſich aufrecht zu halten; und der Zufall will, daß eben Derville, um Adelen ein Geſtändniß ihrer Gegenliebe zu entlocken, im lebhafteſten Ton ausruft:„Ja, liebens⸗ würdige Fulvia, wenn Ihnen die Briefe Ihrer Nebenbuhlerin, die ich Ihnen übergeben, ein zu geringes Opfer ſcheinen, ſo hören Sie mei— nen Schwur, daß ich nie jene wiederſehn will!““ Morange warf einen Blick auf die Witwe! „da hören Sie es,“ ſagte er ſpöttiſch„er liebt Niemanden, als meine Gattin: bin ich nicht der unglücklichſte Ehemann?“ Und da⸗ bei führt er ſie immer näher an die Glasthür; in ihrer Beſtürzung und ihrem Schmerz folgt ——— 2 38 ſie ihm— ſie hofft, in der Beſchämung ihrer Nebenbuhlerin doch einen Troſt zu finden: aber wie wird ihr, als ſie Adelen unter der Verkleidung erkennt, und Fulvia ſelbſt mit drei bis vier Freundinnen hereintritt, die ſie eiligſt von der Seene, die eben in ihrem Zim⸗ mern vorgeht, unterrichtet hat. Dieſen letzten Schlag erträgt. die eifer⸗ ſüchtige, verleumderiſche Witwe nicht, ſie thut einen Schrei, und Derville, der den Kopf wen⸗ det, ſieht zu ſeiner großen Verwundrung, daß Madame Armand Zeugin geweſen von der we⸗ nigen Achtung, die er ihren Briefen und ihrer Perſon angedeihen ließ; aber ſeine Liebe zur reizenden Adele iſt ſo groß, daß er nicht ein Wort zu ſeiner Vertheidigung ſagt. Er er⸗ greift ſeinen Hut und drückt ihn tief in den Kopf, damit Niemand ſeine Verlegenheit über das Ereigniß merken ſoll; in die größte Be⸗ fallen zu laſſen, über die Aufführung andrer ☛ꝙ 39 ſtürzung geräth er aber, als er einen Mann erblickt, den er für den Herrn des Hauſes hält. Norange ahnete den Grund ſeiner Verwirrung; er überließ alſo die Scheinheilige den ſpitzen Reden Fulviens und ihrer Freun⸗ dinnen, und eilte auf Derville zu, den er in ein andres Zimmer führte, und ihm dort den ganzen Betrug entdeckte, den Fulvia und Adele blos geſpielt hatten, um ſich an der böſen Witwe zu rächen. Madame Armand, außer ſich vor Wuth und Verzweiflung, wurde nun von jeder ge⸗ neckt und verſpottet; ihr blieb nichts übrig, als eiligſt das Haus zu verlaſſen; ſie war aber ſo beſtürzt, daß ſie die rechte Thür verfehlte. Fulvia und ihre Freundinnen zeigten ihr den Weg, und gaben ihr noch mit lauter Stimme den guten Rath, ſich künftig nicht mehr ein⸗ ³3 40 loszuziehn, und ſich wohl gar zum Muſter aufſtellen zu wollen. Als ſie ſie ſattſam gede⸗ müthigt, kehrten ſie zu Adelen zurück, die ſich noch immer nicht erholen konnte von dem un⸗ ruhigen Ausgang des Luſtſpiels, in dem ſie ſelbſt die erſte Rolle geſpielt hatte. Fulvia und ihre Freundinnen kamen mit lautem Lachen auf ſie zu, fanden ſie aber ganz wider ihre Gewohnheit ernſt und nach⸗ denkend; ſie fragten beſorgt ob das Loos der Madame Armand ihr Mitllid vielleicht erregt habe? Adele mußte doch lächeln über dieſe Frage:„nein,“ antwortete ſie,„ſo weit er⸗ ſtreckt ſich meine Barmherzigkeit nicht, ich kann aber nicht leugnen, daß es mir herzlich leid thut, Derville bei der Geſchichte zum Nar⸗ ren gehabt zu haben. Ich habe ihm alle ſeine Hoffnungen zerſtört; er ſtand in nahen Verhältniſſen mit der Witwe, die ihm durch 41 ihr Vermögen zu dem ſeinigen verholfen hätte; nun iſt ſie von ſeiner Untreue zu ſehr über⸗ zeugt, als daß ſie ihn jemals wiederſieht: er glaubt ſich von Fulvia geliebt.... dieſer ſüße Traum iſt nun auch verſchwunden, und es bleibt ihm nichts als Aerger und Scham, das Spielwerk unſrer Launen, das Werkzeug unſrer Rache geweſen zu ſeyn.“ „„Es wird ganz in Ihren Kräften ſtehn,“ rief Morange, der eben mit Derville eintrat,„alles Unglück meines neuen Freun⸗ des wieder gut zu machen. Es iſt wahr, er hat geglaubt, Fulvien zu lieben, als er Adelen anbetete: aber von meiner Frau war gar nicht die Rede! Derville iſt bereit, Ihnen ſein Leben zu opfern, wenn Sie fortfahren wollen, ohne Verſtellung die Rolle weiter zu ſpielen, die Sie ſo anmuthig, ſo überaus natürlich ausgeführt haben.““ „Ja, Theuerſte,“ rief Derville, und 2 42 warf ſich Adelen zu Füßen,„ich bin nicht mehr Herr meines Herzens, ohne es zu wol⸗ len, haben Sie es erobert. Laſſen Sie nun. aus der Rache, zu der ich ohne mein Wiſſen beigetragen, für den zärtlichſten Geliebten 1 Erfüllung ſeiner Wünſche hervorgehn; erlau⸗ ben Sie, daß Herr Morange Ihre Frau Mutter von meinen Gefühlen für Sie unter⸗ richtet, und ſie bittet, in mein Glück zu wil⸗ ligen.“. Adele, beſtürzt und erfreut über Dervil⸗ le's ernſte Erklärung, konnte anfangs kein Wort vorbringen. Da umarmte ſie Fulvia zärtlich, und rief:„antworte ſchnell, liebſte Adele, ſonſt antworte ich für Dich, und ver⸗ trete Deine Stelle, wie Du vorher die mei⸗ nige; da würde ich dann ſagen, daß Adele Dorſan Herrn Morange eine unbegränzte Voll⸗ macht gibt, und daß es ihr innigſter Wunſch ☛ 43 iſt, daß er in der ſchwierigen Sendung, die er gütigſt übernehmen wird, recht glücklich ſein möge.“ Die ganze Geſellſchaft lachte über dieſen Scherz, und Adele, die nun endlich Worte fand, rief erröthend:„Du ſprichſt ſo ſchön, liebſte Fulvia, daß ich nicht umhin kann, die Vollmachten, die Du ausgeſtellt haſt, zu un⸗ terſchreiben.“ Derville war entzückt über dieſe Erklä⸗ rung. Die ganze Geſellſchaft blieb den Abend beiſammen, und die beiden Liebenden, in ſich ganz glücklich, trennten ſich höchſt ungern, als längſt die Mitternacht vorüber war. Den nächſten Morgen begab ſich Mo— range mit ſeiner Gattin, nachdem er noch Er⸗ kundigungen über Derville's Angelegenheiten eingezogen, zu Madame Dorſan. Fulvia, die nicht erſt weit ausholen wollte, bat ſogleich 44 I um die Hand Adelens für ihren jungen Schützling, dem ſie das reichſte Lob zallte. „Ich kenne Derville und ſeine Familie,“ antwortete jene;„ich bin auch nicht ſo un⸗ gerecht, dem Sohne das entgelten zu laſſen, was ſein Vater verſchuldet hat; es ſollte mich im Gegentheil ſehr freuen, wenn ich zur Wie⸗ dererlangung ſeines Vermögens etwas beitra⸗ gen könnte, indem ich ihm die Mittel gäb, ſeine Proceſſe zu beenden, die ſeine Erbſchaft noch verhindern und verzögern. Doch hat mich mein eignes Leben zu dem Entſchluß ge⸗ bracht, meine Toͤchter nur dem Mann zu ge— ben, den ſie ihrer Zärtlichkeit werth hält, und der wahre Liebe zu ihr hat. Bin ich über⸗ zeugt, daß Derville meine Adele aufrichtig liebt, und von ihr ebenſo wieder geliebt wird, ſo können Sie auf meine Einwilligung zu ih⸗ rer Verbindung rechnen.“ 45 Fulvia, erfreut über dieſe Antwort, ge⸗ ſtand ihr, daß ſich die jungen Leute bei ihr geſehn, und verſicherte ſie, ohne ihr den gan⸗ zen Vorfall zu erzählen, daß ſich beide zärt⸗ lich liebten. Mit Freuden hörte dies Ma⸗ dame Dorſan und verlangte nun, ihre Tochter und ihren künftigen Eidam zu ſehn. Morange holte Derville herbei, Fulvia ihre Freundin, und Glück und Freude herrſchte in allen Her⸗ zen. Die Hochzeit wurde acht Tage darauf auf einem Landgut, das Morange einige Mei⸗ len von Paris beſaß, gefeiert. Die Witwe aber gerieth über das un⸗ glückliche Ereigniß, das ſorgfältig war weiter erzählt worden, und über die Nachricht von Derville's Verbindung mit Adelen, ſo außer ſich, daß ſie die ganze Welt anfing zu haſſen, und in ein kleines Städtchen in der Schweiz ſich zurückzog, wo ſie die Tugenden, von de⸗ nen ſie ſprach, eifrigſt ausübte. Fulvia und ihre Freundin änderten nichts in ihrem Frohſinn und ihrer Lebensweiſe, und hüteten ſich nur, je wieder einer Frau mit Madame Armands Charakter zu begegnen, weil ſie wohl nicht immer ſo glücklich würden geweſen ſeyn, ihre Verleumdung zum Schwei⸗ gen zu bringen. Das Bildnißz oder die Nebenbuhler von ſich ſelbſt. Zwei reiche Gutsbeſitzer in der Normandie geriethen einſt, da ſie Nachbarn waren, in ei⸗ nen heftigen Streit über die Gränze ihrer Ländereien, und führten nun ihr ganzes Leben hindurch einen gerichtlichen Krieg gegen ein⸗ ander. Ihre Uneinigkeit, ihr gegenſeitiger Haß ging ſoweit, daß ſie Gattinnen, Kinder, Freunde, ja ſelbſt die Diener zwangen, ihr Rachegefühl zu theilen. In dieſer oder jener Familie wagte gewiß Niemand, den Namen des andern, den man für den gefährlichſten Feind hielt, auszuſprechen, ohne daß man ihn nicht ſelbſt für ihres Umgangs unwerth er⸗ klärte. Beide Gegner ſtarben faſt 43 gleicher Damenerzaͤhler. II. Zeit, und hinterließen ihren Erben dieſe un⸗ angenehme Feindſchaft, aus der tauſend neue Kränkungen entſprangen, ſo daß man mit der heftigſten Erbittrung den Proceß fortführ⸗ te, der nur mit dem Fall einer der beiden Familien enden konnte. Der, deſſen Sache am gerechteſten ſchien, hatte nur einen Sohn, mit Namen Sainville, hinterlaſſen, welcher ſeit früher Jugend in der Armee diente, und, da er ſich überall vor⸗ theilhaft und ehrenvoll ausgezeichnet, ſeit ge⸗ raumer Zeit ſich am Hof befand. Aber trotz dem, daß er nur ſelten in ſeiner Heimath geweſen, und die Feinde ſeines Vaters nur dem Namen nach kannte, war er doch heftig aufgebracht gegen ſie. ſetzte daher den Proceß mit demſelben Eifer fort, wie der Ver⸗ ſtorbne; da er jedoch nur ſehr unvollkommen die Lage der Dinge kannte, überließ er die Führung der Geſchäfte völlig ſeinen Anwalden ⁴☛ 51 und den Gerichten, die, erfreut über ſein Zu⸗ trauen, die Sache gewaltig in die Länge zo⸗ gen, und die Koſten vermehrten, um ſich zu bereichern. Endlich war es ſo weit gekommen, daß nächſtens ein letztes Urtheil gefällt werden ſollte. Da ward eines Tages Sainville ein⸗ geladen, die Werkſtatt eines Malers, der eben ſehr in Ruf kam, zu beſuche Gharsil. ver⸗ ſtand ſich auf Malerei, die er vorzüglich lieb⸗ te. Er nahm alſo gern das Anerbieten an, und der Künſtler, der erfahren hatte, Sainville ein Kenner war, machte es ſich zum Geſetz, ihm ſeine beſten 5 5, t! ſe gen. Saainville eri eilte Lob und Tadel un⸗ partheiiſch; ſeine Blicke ſtreiften überall her⸗ 8 rorEpe„an 4 AS um, und ſo bemerkte er noch ein umgekehrtes NSN 8, ſ 2„* K 1 8 C. Bild. Er nahm es, und ſtellte es auf eine Staffelei. Es war eine Diana, deren Schön⸗ heit ihn in Erſtaunen ſetzte. Sogleich fragte 4* — 52 V er den Künſtler nach dem Preis des Gemäl⸗ 4 des, das ſeine Sammlung bereichern ſollte. J Der Maler bedauerte, daß er das Bild nicht verkaufen könne, da es nicht eigne Compoſi⸗ 9 tion wär; denn eben hätte das Original ihm 7 zum letzten Mal geſeſſen. li V„Iſt es möglich,“ rief Sainville, und d ging alle Einzelnheiten der herrlichen Geſtalt ſe b durch,„iſt es möglich, daß es eine ſo re⸗— V gelmäßige Schönheit gibt?“ n. V„„Ich wage es, für die Aehnlichkeit zu n bürgen, und ich kann Ihnen nicht ſagen, wel⸗ ei che Freude ich ſelbſt beim Anblick eines ſo d „12 272 ſchönen Modells gehabt habe. Sainville, der ſich gar nicht von dem te V wahrhaft bezaubernden Bilde trennen konnte, ſe fragte den Künſtler nach dem Namen der ee 1 Schönen.— 2 „Man hat mir nicht verboten, davon kr zu ſprechen; ſie heißt Leonore Dermont. Ein ☛ 53 Proceß hat ſie nebſt ihrer Mutter ſeit einem Monat hieher geführt.“ Während der Maler ſprach, war Sain⸗ ville in tiefes Nachdenken verſunken; der Name Dermont hatte ihn überraſcht: ſo hieß näm⸗ lich ſeine Gegenparthei; und durch einen ſon⸗ derbaren Zufall fügte es ſich, daß die, welche ſo eben durch ihre Reize einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, die Tochter des Feindes ſei⸗ nes Vaters war. Er wollte weiter nichts hö⸗ ren; er kaufte einige Gemälde, und kehrte in einer ganz andern Gemüthsſtimmung, als mit der er gekommen, nach Hauſe zurück. Vergeblich bemühte er ſich, den verhaß⸗ ten Gegenſtand, der ihn ganz einnahm, aus ſeiner Seele zu verbannen. Sein Herz war ergriffen, und weder der alte Groll ſeines Vaters, noch die Uneinigkeit beider Familien konnte ihn vor der Flamme der Liebe bewah⸗ ren. Eine romantiſche, aber heftige Leiden⸗ ͤͤͤͤͤͤͤ 4 54 ſchaft folgte auf ſeine Feindſchaft; alles, was ihn früher zur Rache angeſpornt, wendete er nun auf ſich an; da fand er es grauſam und ungerecht, den Haß von Geſchlecht zu Ge⸗ ſchlecht fortzupflanzen, und die Witwe und Toöchter eines Mannes zu verfolgen, deſſen Irrthümer der Himmel genug geſtraft, indem er ihn der Welt und ſeiner Familie entriß. Seine Sache, ſo gerecht ſie war, ſchien ihm jetzt ſchlecht; endlich wurde die Macht der Liebe in ihm ſo groß, daß er faſt ſich ſelbſt gehaßt hätte, daß er den Vorſatz gehabt, Leo⸗ noren und ihre Mutter in Dürftigkeit zu ſtür⸗ zen. Die Ungeduld, ſeine liebenswürdige Geg⸗ nerin zu ſehn, vermehrte ſeine Leidenſchaft noch; er lief daher zu ſeinem Geſchäftsführer, und fragte dieſen nach ihrer Wohnung, und, als er es erfahren, dachte er nur daran, wie er wohl Leonorens Blicke und Herz feſſeln ☛ 55 könnte, ehe ſie wüßte, wer er wär. Deshalb ſtrich er Tag und Nacht um das Haus der Madame Dermont, und der Zufall zeigte ihm wirklich ihre ſchöne Tochter. Er war ſchnell überzeugt, daß der Maler ihr auf dem Bild nicht geſchmeichelt habe, er fand ſie im Ge⸗ gentheil noch viel reizender, als die, Diana, die er bewundert hatte, und wurde dadurch nur noch verliebter, noch entſchloßner, ſeinen gefaßten Entſchluß zu verfolgen. Endlich ge⸗ lang es ihm, durch mancherlei Wege und Fra⸗ gen zu erfahren, daß Madame Dermont und ihre Tochter faſt jeden Abend mit einigen Freundinnen ſich nach einer neuangelegten An⸗ ſtalt in der Nähe von Bercy begaben, um dort zu baden. Er erfuhr ferner, daß dieſe Damen die Waſſerfahrten ſehr liebten, daher ihren Wagen am Hafen Saint-Bernhard ließen, und dort ein Kahn mietheten, der ſie zu ihrem Ziel führte. — 36 Ꝙ. Die Liebe iſt klug und erfinderiſch, und brachte ihn auf eine Idee, die er ſogleich aus— führte. Er begab ſich an den Hafen, gewann durch reichliches Geld mehrere Schiffer, zog die Kleider des einen ſelbſt an, und nahm nun zwei bedeckte Barken in Beſchlag; in die eine derſelben poſtirte er eine Anzahl Mu⸗ ſiker, die andre beſtieg er ſelbſt, und erwar⸗ tete ſo, das Ruder in der Hand, die An—⸗ kunft der reizenden Leonore, für die er das Feſt bereitet. Endlich kam ſie mit ihrer Mut— ter und Freundinnen; der verliebte Sainville näherte ſich ihnen, half ihnen in ſeinen Kahn, und fuhr ſie nach einem der Zelte in der Ba⸗ deanſtalt, das er bereits zu dem Zweck gemie⸗ thet. Während der Fahrt hatte er Gelegenheit, in der Unterhaltung unter den Damen zu be⸗ merken, daß Leonore gebildet und geiſtreich war. Je mehr er ſie betrachtete, deſto ſchö⸗ ☛ 57 ner fand er ſie; zwanzig Mal ſtand er im Begriff, ſein Incognito zu verrathen; er nahm aber alle Klugheit zuſammen, ſein Ent⸗ zücken zu mäßigen, und begnügte ſich, ſchwei— gend die junge Schönheit, die er bewunderte, anzuſchauen. Kaum war die Geſellſchaft in das Bad getreten, ſo ließ eine ſanfte Muſik ſich hören, die fortdauerte, ſo lange die Damen dort ver⸗ weilten. Madame Dermont, Leonore und ihre Freundinnen waren überraſcht von dieſer Ar⸗ tigkeit; ſie ſahen ſich an, fragten ſich gegen⸗ ſeitig nach der Urſache, und keine wußte die Neugier der andern zu befriedigen. Endlich kam die Zeit des Aufbruchs; Sainville wech⸗ ſelt mit den Kähnen, und führt die Damen in den, in welchem die Muſik ſich befindet, und den er mit Blumen ausgeſchmückt hat. Madame Dermont betrachtete eine Blu⸗ ☛̈o 58 menkette, in welcher ſich die Namenszüge ih⸗ rer Tochter befanden, und erhielt dadurch die Gewißheit, daß Leonoren das unerwartete Feſt galt. Sie tritt zum Fiſcher, und fragt ihn dringend, wem man dieſe angenehme Ueber⸗ raſchung zu verdanken habe. Die ſchöne Leo⸗ I nore vereint ſich mit ihrer Mutter, und bit⸗ tet ihn, ihr den Urheber zu nennen. Man kann ſich leicht vorſtellen, in welcher Verle⸗ genheit Sainville ſich befand; er überwand aber den Wunſch ſeines Herzens, ſeine Liebe zu erkennen zu geben, drückte den Hut tief in ſein Geſicht, und antwortete finſter, er wär nicht Beſitzer des Kahns, und ſein Herr hätte ihn nicht zum Vertrauten gemacht. Madame Dermont und ihre Tochter, die ihn genau betrachteten, glaubten, trotz der Mühe, die er ſich gab, ſich zu verſtellen, eine Gewandtheit, eine Leichtigkeit im Ausdruck an ihm zu bemerken, wie man ſie nicht gewöhn— ☛ 59 lich bei Schiffern findet. Beide warfen ſich verſtohlne Blicke zu, die ihnen ſagten, daß ſie gleiche Gedanken hatten; ſie ahmten aber die Verſchwiegenheit des Schiffers nach, hör⸗ ten auf, ihn zu fragen, und ſcherzten noch vielfach auf der Rückfahrt; am Hafen ver⸗ ließen ſie die geheimnißvolle Barke, und ſtie⸗ gen wieder in ihren Wagen. Den ganzen Abend unterhielt man ſich von dem Ereigniß; Leonorens Freundinnen wünſchten ihr Glück zu ihrem eben ſo arti⸗ gen als großmüthigen Geliebten. Leonore war ſo bewegt, daß ſie nicht wußte, ob ſie die Sache ernſthaft oder für Scherz anſehn ſollte. Ihre Mutter, die bisher nur an ihren Proceß gedacht, und ſeit ihrer Ankunft nur mit Sachwaltern und Gerichtsperſonen in Verbindung geſtanden hatte, konnte nicht be⸗ greifen, wie ihre Tochter zu ſo einer Erobrung gekommen war. ☛ ³ 60£ Seit fünf Wochen wohnte Madame Der⸗ mont erſt in Paris, um den Proceß, den Sainville's Vater angefangen, durchzuführen; ſie kannte ihren Gegner nur dem Namen nach; wie konnte ſie auf den Gedanken ge⸗ rathen, daß dieſen die Reize ihrer Tochter befiegt hatten? Leonore war die einzige Erbin von Herrn Dermont. In der Hoffnung, ihre Richter für ſich zu gewinnen, hatte die Witwe ihre Tochter gebeten, mit ihr zu reiſen; ſie glaubte nicht mit Unrecht, daß vielleicht Leonorens Schönheit die Wagſchale der Themis auf ihre Seite herabziehn könnte, noch wußte ſie aber nicht, welche Gerichtsperſonen zur Entſchei⸗ dung ihrer Sache würden berufen werden, und hatte überhaupt ſehr wenig Welt bei ſich geſehn. Ihre Geſellſchaft beſtand aus drei oder vier Damen; ein einziger Mann, Herr Germeuil, ein alter Freund ihres verſtorbnen — 61 Gemals, hatte Zutritt bei ihr; nichts konnte ſie alſo auf die Spur des artigen Geliebten ihrer Tochter bringen. Alle Stimmen vereinigten ſich darin, daß der Schiffer ſelbſt der Bereiter des Feſtes war; ſeine Unruhe, ſeine Verlegenheit, die 1 finſtern, rauhen, unzuſammenhängenden Ant⸗ worten, ſein gezwungnes Weſen, wenn die Blicke ſich auf ihn richteten, alles dies hatte ſein Incognito verrathen, und die ganze Ge⸗ ſellſchaft beſchlos, den folgenden Tag das Bad wieder zu beſuchen, denn alle waren feſt überzeugt, daß eine neue Artigkeit ſie dort er⸗ wartete, und daß der vermeinte Schiffer ſein Geheimniß, ohne es zu wollen, verrathen würde. So trennte man ſich ſpät, und jedes dachte an die neuen Vergnügungen, die ihnen das Verfolgen des Abenteuers bereiten würde. Sainville ſeiner Seits war entſchloſſen, ſeine 62 ☛ Rolle fortzuſpielen. Die vielen Fragen, wel⸗ che Madame Dermont und ihre Tochter an ihn gerichtet, brachten ihn zu der Meinung, daß der Roman noch nicht beendet ſei, und daß man ihm Gelegenheit geben werde, ein neues Capitel hinzuzufügen, und wenn es auch nur geſchäh, um zu entdecken, wer er wär. Voll von ſüßen Hoffnungen beſchäftigte ihn die ganze Nacht Leonorens Bild, und er ſann auf Mittel, wie er den Haß, der zwei achtbare Familien trennte, auslöſchen könnte. Seine Liebe ebnete bald alle Hinderniſſe; er wollte aber erſt geliebt ſeyn, ehe er ſeinen wahren Namen ſagte, und wendete daher Alles an zur Ausführung des neuen Plans, den er ſich gebildet. die Neu⸗ gierde und Eigenliebe der Frauen; er war Sainville kannte hinlänglich überzeugt, daß Madame Dermont, ihre„uu Freundinnen den nächſt 63 das Bad wieder beſuchen würden. Er be⸗ gab ſich daher ſehr zeitig in den Hafen, traf neue Anſtalten mit dem Eigenthümer der Bar⸗ ken, und ordnete Alles zum Empfang ſeiner Geſellſchaft an. Kaum war es Zeit, nach dem Bad zu fahren, ſo ſah er auch ſchon den Wagen der Madame Dermont nach dem Hafen kommen. Die Geſellſchaft ſtieg aus, näherte ſich dem Ufer und ſuchte mit den Augen den artigen Schiffer. Als ſie ihn bemerkt, ſtiegen ſie in ſeine Barke, ohne ſich irgend merken zu laſ⸗ ſen, daß ſie noch an das Ereigniß des letzten Abends dächten; im geheimen aber beobachte⸗ ten ſie alle Bewegungen ihres Schiffsmanns genau. Leonore, ihre Mutter und Geſellſchafte⸗ rinnen begaben ſich ins Bad. Die ſanfte Muſik ließ ſich wieder hören. Als ſie her⸗ auskamen, fanden ſie eine bedeckte ☛̈ o 64 welcher ein zierliches Abendeſſen bereitet war. Die Damen näherten ſich dem Tiſch und lob⸗ ten den Geſchmack des Gebers bei der Aus⸗ wahl der Speiſen, und den Reichthum des Geſchirres. Madame Dermont bat die Uebri— gen, ſich zu ſetzen, und man ließ ſich nicht nöthigen. Alle ſtellten ſich ruhig und unbe⸗ fangen, obgleich ſie es nicht waren; als aber plötzlich im andern Kahn Guitarrentöne er⸗ klangen, und eine Romanze, in der ſich Liebe und Hoffnung ausſprach, mit angenehmer Stimme geſungen ward, da konnte Niemand mehr ſeine Verwundrung verbergen. Beim Herausgehn aus dem Bad war der junge Schiffer nicht ſichtbar geweſen, und ſo hielt man ihn für den Sänger. Madame Der⸗ mont hörte ſtill zu. Leonore erröthete. Man ſah ſich an, man fragte ſich mit Blicken. Indeß war Sainville heimlich wieder in die Barke gekommen, und hatte unbemerkt den 8 us⸗ vri⸗ be⸗ ☛̈ 65 Platz des andern, der ſie führte, eingenom⸗ men. Leonore bemerkte dieſen Wechſel zuerſt, und unterrichtete durch einen Wink ihre Mut⸗ ter davon. Dieſe brach ſogleich das Schwei⸗ gen, indem ſie ſprach:„das Feſt, das man uns geſtern bereitet hat, die Ueberraſchung dieſes Abends, und die Worte, die ich ſo eben vernommen, ſagen mir, was ich zu thun ha⸗ be; Leonore, Dir gelten die Huldigungen des geheimnißvollen Anbeters, der uns mit Zau⸗ bereien der Feenwelt zu umgeben ſcheint, aber noch dieſen Abend mag er den Talisman ab⸗ legen, der auf uns keine Gewalt mehr aus⸗ üben wird, wenn er darauf beſteht, ſich un⸗ ſern Augen zu entziehn, und ein Stillſchweigen zu beobachten, das ich nicht länger tragen kann.“ Mit dieſen Worten, die ſie in ern⸗ ſtem Ton ſprach, erhob ſie ſich, und trat, die ſchöne Leonore an der Hand führend, zu Damenerzaͤhler. II. 5 66 Sainville, der kaum ſeine lebhafte Freude zu verbergen vermochte. „Mein Freund,“ ſagte ſie zu ihm,„er— zähle dem, deſſen Befehle Du ſo gut befolgſt, und der ſich unſern Blicken entzieht, Alles, was Du eben vernommen. Mein Entſchluß ſteht unabänderlich feſt; entweder ſoll er ſich zu erkennen geben, oder er ſoll von heute an die Hoffnung aufgeben, uns zu ſehn.“ Der vermeinte Schiffer, der nur die Ge⸗ legenheit erwartete, die Damen von ihrer gezwungnen Zurückhaltung zu erlöſen, ant⸗ wortete ihr, daß nach dieſer Erlaubniß die Perſon, die nicht gewagt habe, ſich früher ih⸗ ren Blicken zu zeigen, den nächſten Tag die Ehre haben würde, Madame Dermont auf⸗ zuwarten. Sainville hatte vergeſſen, einen ſchönen Diamant, den er am Finger trug, abzuziehn; er machte eine Bewegung mit der Hand, und —,— 2 ☛̈ 67 Leonore bemerkte ihn. Ihre Mutter hatte ihn noch früher entdeckt, und dies Kleinod, welches von bedeutendem Werth zu ſeyn ſchien, beſtätigte den Verdacht beider über das wahre Weſen des Schiffers. „Sage dem, der Dir geheißen, ihn bei mir anzumelden,“ rief Madame Dermont läichelnd,„daß ich ihn morgen erwarte.“ Sie bat hierauf den glücklichen Sain⸗ ville, ſie an das Ufer zu bringen, und die ganze Geſellſchaft ſchied minder verwundert und mehr befriedigt, als den Abend vorher. Alle ihre Vermuthungen hatten ſich beſtätigt. Als die Witwe mit ihrer Tochter allein war, theilte ſie dieſer ihre verſchiednen An⸗ ſichten mit.„Vielleicht,“ ſprach ſie,„ſendet der Himmel uns einen Beſchützer, um das große Unglück, das uns treffen kann, von uns abzuwenden. Alle erfahrnen Leute verſichern mich, daß wir unſern Proceß verlieren wer⸗ 5* 68 den. Dein Vater hoffte, ſeine Sache zu ge⸗ winnen; er hatte viele Freunde, er kannte eine Menge ſeiner Richter; aber er iſt leider nicht mehr; Niemand intereſſirt ſich für ſeine Witwe, ſeine Tochter; Alles ſcheint ſich wider uns zu verſchwören, während Sainville, in der großen Welt bekannt, bedeutende Gönner am Hofe hat. Wenn er gewinnt, biſt Du völlig zu Grunde gerichtet; Du fühlſt alſo gewiß, Leonore, wie angenehm es mir ſeyn muß, Dich vor der Entſcheidung dieſes ver⸗ haßten Proceſſes verheirathet zu ſehn. Die⸗ ſer Fremde ſcheint reich zu ſeyn, er liebt Dich, wie ſeine Handlungen beweiſen; wenn er da— her um Deine Hand wirbt, wie ich feſt glau— be, ſo bitte ich Dich, eine Verbindung nicht abzulehnen, die Dein Glück ſichert, und uns Mittel gibt, noch kräftiger unſre Angelegen⸗ heiten in Paris zu betreiben.“ Die Rede der Mutter war ſo einleuch⸗ 2 ☛ 69 tend, daß Leonore ſie völlig billigte; auch überredete ſie eine geheime Zuneigung, die ſie zu dem Fremden fühlte, noch mehr: ſie ver⸗ ſprach alſo, den Rath ihrer Mutter zu be⸗ folgen, und ihrem Willen zu gehorchen. Sainville ahnete nicht, daß man ſo zu ſeinen Gunſten geſtimmt war; er brachte die Nacht in einer fortwährenden Angſt zu. ſprach er zu ſich ſelbſt,„ſo betrachtet man mich als Feind. 2 „Gebe ich mich zu erkennen,“ Die Liebe hat wohl aus meinem Herzen den Haß verdrängt, aber kann ich Leonoren ſo⸗ viel Zuneigung zu mir einflößen, daß ich den ihrigen gegen mich völlig tilge? Und wollte ich dies ſelbſt annehmen, wird auch dann die Mutter vergeſſen, daß furchtbare Feindſchaft unſre Familien trennt?“ Solche Gedanken peinigten ihn, und doch erwartete er mit der größten Ungeduld die Stunde, wo er ſich Madame Dermont ☛ꝙú 70 vorſtellen durfte. Nichts am Anzug wurde vergeſſen; endlich ging er, erfüllt mit Unruhe und Hoffnung, und kam ſo, zwanzig Plane machend und wieder verwerfend, im Hauſe dort an; zitternd, unentſchloſſen ließ er ſich bei Madame Dermont unter dem Namen Saint-Felix melden, und wurde ſehr artig empfangen. Leonore war in ſolch einer Angſt und Bewegung, daß ſie jeden Augenblick die Farbe wechſelte. Sainville grüßte die Da⸗ men ehrfurchtsvoll. Trotz ſeiner glänzenden Kleidung, trotz ſeinem Ton, ſeiner Gewandt⸗ heit, die ſo ſehr mit dem vorigen Abend im Widerſpruch ſtanden, erkannte man ihn ſo⸗ gleich; denn man hatte den Schiffer zu genau ins Auge gefaßt. Hatte er ſchon in ländli⸗ cher Verkleidung Aufmerkſamkeit erregt, ſo fand man ihn nun in ſeiner Uniform recht liebenswürdig. Die Mutter war entzückt über ſein Benehmen, ſeinen feinen Ton. Die ſo⸗ nau dli⸗ ſo echt ber 2 92 71 Tochter erröthete, ſchlug die Augen nieder und ſchwieg ganz ſtill. Nach den gewöhnlichen gegenſeitigen Begrüßungen erholte ſich jedes von ſeiner Verlegenheit, die durch das Be⸗ ſtreben, ſie zu verbergen, nur bemerkbarer wurde. Die Unterhaltung belebte ſich; man fing an, den vermeintlichen Schiffer zu fra— gen, zu loben und zu tadeln. Er entſchul⸗ digte ſich und bat die Damen, doch nicht fer⸗ ner der Spazierfahrten nach Berey Erwäh⸗ nung zu thun, was man ihm, obwohl un⸗ gern, endlich verſprach. Madame Dermont konnte ſich jedoch nicht enthalten, zu fragen, wie er ſie denn kennen gelernt. Sainville antwortete, daß er jüngſt die Werkſtatt eines Malers beſucht, und dort unter andern Bildern eine Diana gefunden, deren Schönheit ihn außerordentlich angezogen habe; daß ihm dann der Maler geſagt, dieſe herrliche Geſtalt, die er für Er⸗ ☛̈ 72 findung halte, ſei das Bild der Fräulein Dermont. „Ich war ſo ergriffen von dieſen Rei⸗ fügte er mit Feuer hinzu,„daß ich mich nach Ihrer Wohnung erkundigte; ich fragte Ihre Leute aus, und durch ihre Plau⸗ derhaftigkeit wurde es mir möglich, mich Leo⸗ noren zu nähern.“ Man merkte dieſer erſten Zuſammen⸗ kunft die Verlegenheit jeden Theils noch et⸗ was an, man ſprach viel, ohne ſich deutlich zu erklären, und die Stunde der Trennung ſchlug, ehe das Geſpräch, das Alle anzog, frei⸗ müthig genug geführt wurde. Sainville, in der Furcht, ſein wahrer Name könnte Ma⸗ dama Dermont von ihrer günſtigen Stim⸗ zen,“ mung abbringen, bat unter dem angenomme⸗ nen des Saint⸗Felix, eines ſeiner vertraute⸗ ſten Freunde, um die Erlaubniß, den dritten Tag wiederkommen zu dürfen. Man hatte ☛̈ 73 nichts dawider, und der glückliche Liebende verließ die ſchöne Leonore verliebter, als je. Bevor ſich Sainville förmlich erklärt, was doch bald zu erwarten war, bat Ma⸗ dame Dermont ihren alten Freund Germeuil, doch Erkundigungen über Saint⸗Felix einzu⸗ ziehn, ſagte ihm jedoch die Abſicht nicht, wes⸗ halb ſie es wünſchte. Germeuil kannte den jungen Mann und ſeine Familie; er beantwortete ſogleich ihre Fragen, und entwarf von Saint⸗Felix ein Bild, das Sainville ähnelte, ſo daß Madame Dermont, die in Leonorens Herzen geleſen, welchen Antheil ſie an Sainville nahm, nicht mehr ſchwankte, ihn zu ihrem Schwiegerſohn anzunehmen. Das ſonderbarſte bei dieſer Sache war, daß, während Sainville Alles aufbot, ſich be⸗ liebt zu machen, ſo daß man ihn nicht haſſen könnte, wenn man ſeinen wahren Namen er⸗ ☛ 74 ☚ führ, die Mutter Leonorens den Plan hatte, ihn ſo feſt erſt ſich zu verbinden, ehe ſie von der Furcht, in der ſie wegen des Proceſſes ſchwebte, ihm etwas ſagte, daß es ihm un⸗ möglich wär, mit Leonoren zu brechen, wenn dieſe unglücklicher Weiſe ihr Vermögen ver— lör. Dieſe verſchiednen Abſichten, die nach einem Ziel hinwirkten, brachten beide Par⸗ theien bald dahin, daß ſie offner mit einan⸗ der ſprachen. Der ſogenannte Saint⸗Felix kam regelmäßig alle Tage; er wußte ſich bei Mutter und Tochter beliebt zu machen; und als er um Leonorens Hand völlig warb, ver⸗— gaß Madame Dermont, daß ſie ſich vorge⸗ nommen, über den ungewiſſen Ausgang ihres Proceſſes zu ſchweigen, und wollte nun, daß der, welchen ſie ſo gern ihren Schwiegerſohn nannte, von allen ihren Verhältniſſen unter⸗ richtet würde.„Sie ſind reich, Saint⸗Fe⸗ lir,“ ſprach ſie zu ihm,„und glauben viel⸗ leicht, durch dieſe Verbindung ein Vermögen, das dem Ihrigen gleich iſt, zu erhalten. Ich darf Sie nicht länger in dieſem Irrthum laſſen: ein unglücklicher Proceß, von dem das Vermögen Leonorens abhängt.....“ „„Ich würde Ihrer, Madame, und Leo⸗ norens unwerth ſeyn, und ich müßte erröthen über meine Liebe, wenn ſie aus Eigennutz entſtanden wär, oder durch ihn vernichtet wer⸗ den könnte. Ich glaubte, daß Sie mich für beſſer hielten. Ich bete Ihre Tochter an; und wie es auch um ihr Vermögen ſtehn mag, ſo lege ich das meine zu ihren Füßen. Was Sie mir eben entdecken wollten, iſt mir nicht unbekannt; Sainville ſelbſt hat mich, ohne daß ich es verlangte, davon unterrichtet. Leo⸗ noren allein will ich beſitzen; und welche Schätze könnten mir ihren Verluſt erſetzen?““ Man ſah leicht, daß ihm dieſe Sprache ⁴ 7 6 SS= von Herzen ging, und Madame Dermont drückte ihm zärtlich die Hand;„edler Saint⸗ Felix,“ ſprach ſie,„Leonore iſt die Ihrige; und Du, meine Tochter, liebe dieſen, der Dich erwählt, eben ſo, wie er Dich liebt; Du kannſt ihm ſeine Liebe nicht genug vergelten!“ Sainville ließ freudetrunken ſeine ganze Flamme hervorbrechen; er warf ſich ſeiner Ge⸗ liebten zu Füßen, und wollte von ihr ſelbſt die Verſichrung ſeines Glücks hören. Leo⸗ nore, durch die Rede ihrer Mutter aufgefor⸗ dert, folgte der Neigung ihres Herzens, und ſprach ſo zärtlich, ſo rührend zu Sainville, daß dieſer in dem Augenblick ganz vergaß, wie man ihn, während Saint-⸗Felix geliebt wurde, unter ſeinem eignen Namen vielleicht haſſen könnte. Madame Dermont brachte von nellem die Rede auf den verwünſchten Proceß. Sain⸗ ville ſchien einen Augenblick nachzudenken. * ☛̈ 77 „Ich weiß gar nicht,“ ſagte er endlich,„wie man noch über das Grab hinaus Groll ha⸗ ben kann. Iſt es denn nicht möglich, durch eine herzliche Vereinigung die unglückliche Sa— che beizulegen?* „„Ich kenne Sainville nicht,“ ſprach Madame Dermont,„wenn aber ſeine Feind⸗ ſchaft nicht ſtärker iſt, als die unſrige, wür⸗ den wir uns gewiß nicht lange ſtreiten; meine Tochter und ich haben den Vater immer ge⸗ tadelt über ſeine Rachſucht, und nur unſer Vortheil nöthigte uns, gegen den Sohn ſeines Feindes uns zu vertheidigen. Die Heftigkeit, mit der er uns verfolgt, iſt uns aber Be⸗ weis, daß er weit entfernt iſt, ſo gemäßigte Anſichten zu haben, als wir, und ich zit⸗ tre. „Und wie kann man auch an einen Vergleich denken,“ fügte lebhaft Leonore hin⸗ zu,„wo der Gegner ſeines Erfolgs ſchon — ñͦ———— gewiß iſt? wenn er jetzt nachgäb, wär es ſein eigner Nachtheil, und ſo wird er gewiß die Sache eifrig weiter betreiben.“ „„ Sainville iſt ein braver Mann,“ entgegnete er ſelbſt hierauf,„er denkt edel.... ich werde ihn zu bewegen ſuchen, Sie zu ſehn.“** Die Witwe bat ihn, bei ihrem Gegner doch einen Verſuch für ſie zu machen, und er verließ ſie mit dem Verſprechen, Sainoille den nächſten Morgen aufzuſuchen. Er ſah nun im Geiſt alle ſeine Hoffnungen erfüllt. Am folgenden Tage brachte er ihr die Nach⸗ richt, Sainville ſei nach Havre verreiſt, würde aber bald zurückkommen, und dann wolle er die Unterhandlung einleiten. Obgleich Madame Dermont ihm freien Zutritt bei ſeiner reizenden Braut erlaubte, ſeit er ſich erklärt hatte, bat ſie Sainville doch, ſein Glück nicht länger aufzuſchieben. 22 ☛̈ Oo 79 Die Mutter aber, die ihn ſehr ſchätzte und achtete, wollte nicht eher einwilligen, als bis man eine Antwort von Sainville hatte.„Es würde mich ſehr freuen,“ ſagte ſie zu ihm, „wenn ich meiner Tochter eine Mitgift ge⸗ ben könnte..... habe ich aber nichts für ſie.“ Vergebens bekämpfte der ver⸗ liebte Sainville dieſe Gründe; je großmüthi⸗ ger er ſchien, deſto mehr beſtand man darauf, es ſelbſt zu ſeyn; kurz er mußte nachgeben; und, da er geſagt, daß der Erwartete bald zurückkehren würde, bat man ihn, mit jenem zu ſprechen, und verſprach ihm, wie auch der Erfolg dieſes Schritts ſeyn möchte, gleich dar⸗ nach den Ehecontraet aufzuſetzen. Sainville, um ſeinen Plan auszuführen, ließ ſich achtundvierzig Stunden nicht ſehn. Leonorens Nähe zu meiden, war gewiß ein har⸗ tes Opfer; er entſchloß ſich aber dazu. Den erſten Tag glaubte Madame Der⸗ ☛ 80 mont und ihre Tochter, daß irgend ein Ge— ſchäft, im Bezug mit dem ihrigen, ihn ſo lange aufgehalten habe, daß es ihm zu einem Beſuch zu ſpät geworden wär; als aber der zweite auch verſtrich, ohne daß er erſchien, be— mächtigte ſich Schmerz und Furcht der zärt⸗ lichen Leonore, und ihre Mutter, die ſelbſt betrübt war, vermochte ſie nicht zu tröſten. Endlich am dritten Tage erſchien Sain— ville, aber mit dem Ausdruck der größten Traurigkeit. Madame Dermont fragte ihn theilnehmend, ob ihm etwas Unangenehmes begegnet ſei; Leonore beſchwor ihn mit Thrä⸗ nen, ſie von der Angſt zu befreien, in welche ſein düſtres, kummervolles Anſehn ſie ſtürzte; er antwortete nur mit einem tiefen Seufzer. „Sie haben doch nicht gar einen Streit mit Sainville gehabt?“ rief Madame Der⸗ mont;„ein Duell vielleicht?“ „„Keineswegs; mein Geſchäft iſt mir ir ☛ 81 nur zu gut gelungen, aber ich bin der un⸗ glücklichſte Menſch!““ Leonore und ihre Mutter, die kein Wort davon verſtanden, baten ihn dringend um Er⸗ klärung. „Ich habe Sainville geſprochen, und er willigt in einen Vergleich; aber die Bedin⸗ gungen dabei ſind ſo grauſam für mich, daß ich ganz unglücklich bin, wenn Sie ſie ein⸗ gehen.“ „„Nun ſo verſchweigen Sie ſie uns ganz,“ rief lebhaft Leonore;„was hilft uns der Gewinn eines Proceſſes, wenn wir ihn für dieſen Preis erkaufen.“* „Aber laſſen Sie uns wenigſtens wiſ⸗ ſen,“ ſprach Madame Dermont, die neugie⸗ riger war, als ihre Tochter,“ warum es ſich handelt: was kann dieſe Sache mit Ihrem Unglück gemein haben?“ „„Sainville ſteht von allen ſeinen For⸗ Damenerzaͤhler. II. 6 2 ☛̈ 82 ☛ derungen ab, läßt Sie im Beſitz aller Ihrer Güter, und macht ſich anheiſchig, Ihnen Ihr Recht darauf nie ſtreitig zu machen, wenn Sie einwilligen, ihm Leonorens Hand zu ge⸗ ben; denken Sie ſich meinen Zuſtand bei die⸗ ſem Vorſchlag! Er iſt zu vortheilhaft für Sie, als daß ich Sie abhalten ſollte, ihn an⸗ zunehmen; Sainville iſt viel reicher als Saint⸗ Felir.. Ach! warum muß ich Leonoren in dem Augenblick verlieren, wo ich hoffte, ihr Gatte zu werden? aber die ſchönen Aus⸗ ſichten.... „Hören Sie auf,“ rief ſeine Braut und vergoß häufige Thränen,„hören Sie auf, vor unſern Augen die Vortheile dieſer Ver⸗ bindung zu entfalten; ach! vielleicht verdienen Sie gar nicht die Gefühle, die mein Herz für Sie hat!“ Sie ſchlug die Augen nieder und erröthete. Welche Freude, welcher Jubel für Sain⸗ ☛ 83 ☛☚ ville, der ſie ſo zärtlich liebte! Madame 3 Dermont ſchwieg ganz ſtill. Der Vorſchlag 1 deſſen, den ſie für ihren Feind hielt, über⸗ 2 1 raſchte ſie; das bedeutende Vermögen, welches 6 er ihrer Tochter bot, blendete ſie— kurz ſie r ſchwankte unſchlüſſig hin und her; ſie hätte 7 gern ihr Wort Saint⸗Felix gehalten, aber ⸗ die Ausſicht mit Sainville war nicht zu ver— n werfen.„Es iſt dies eine ernſte Sache,“ 4 1 ſprach ſie endlich;„ſie erfordert große Ueber⸗ 5⸗ legung; wenn der edle Saint⸗Feliyx ſich ſelbſt beſiegen könnte, ſo würde ich meiner Tochter d rathen, ſeinem Muth nachzuahmen, und.“* ,„„Wie, Mutter,“ rief Leonore,„Sie 3 befehlen mir, Sainville zu heirathen, nachdem en Sie mir geheißen haben, Saint-Feliyx zu lie⸗ rz zben! er Bei dieſen Worten warf ſich Sainville der Madame Dermont zu Füßen, und be⸗ n⸗— ſchwor ſie, ihn nicht zur äußerſten Verzweif⸗ 6* —4ꝛꝛy——)⁴⁶ e lung zu bringen. Er war noch in dieſer Stellung, als Herr Germeuil eintrat. „Was ſehe ich?“ rief dieſer lachend;„aber es iſt allerliebſt; ich bin erfreut, die Feinde ſo nahe beiſammen zu finden. Muth gefaßt, edler Sainville, wahrlich, ich würde mich ſehr 4 ärgern, wenn man Sie nicht erhören woll⸗ tet Germeuil ſagte dies in der Ueberzeugung, Sainville ſei gekommen, um den Proceß güt⸗ 3 lich nun zu beenden; Mutter und Tochter wa⸗ ren aber ſo erſtaut darüber, daß ſie kein Wort vorzubringen vermochten. Sainville ſtand auf, als er die Stimme von Germeuil, den er bei Saint⸗Felix oft geſehn, erkannte; er reichte ihm die Hand, und drückte die des Greiſes herzlich. „Ich würde bei keiner andern Gelegen⸗ heit an meinem Sieg zweifeln, wenn Sie mein Vertheidiger ſind,“ ſagte er zu ihm; 2 , 8 5 „aber, beſter Germeuil, ich habe gefährliche Feindinnen!“ Leonore und ihre Mutter hatten ſich in⸗ deß von ihrem Schreck etwas erholt.„Wie! Sie wären Sainville?“ riefen beide zu glei⸗ cher Zeit.— „„Nun das iſt ſonderbar,“ ſprach Ger⸗ meuil verwundert,„Sainville iſt bei Ihnen, zu Ihren Füßen, und Sie kennen ihn nicht?“ „Können Sie mir vergeben,“ fuhr Leo⸗ norens Geliebter fort,„daß ich unter dem Namen meines beſten Freundes mir Zutritt in Ihrem Hauſe verſchafft habe? Ich fürchte⸗ te, den meinigen Ihnen zu ſagen, bevor ich nicht die Gewißheit hatte, daß Sainvillle nicht minder glücklich ſeyn würde, als Saint⸗ Felix. Herr Germeuil, der dieſelbe Erklä⸗ rung nöthig hatte, wie Sie, kommt da, und verräth, ohne es zu ahnen, mein Geheimniß. Indeß bin ich doch durch meine Liſt überzeugt — 86 worden, daß meine theuere Leonore mich wirk⸗ lich liebt. Ich weiß jetzt auch, daß Sain— ville nicht mehr ungerechter Weiſe gehaßt wird. Kurz Sie haben Ihren Proeeß ge⸗ wonnen; denn wie kann die Liebe ihre Sa⸗ che verlieren?“ „„Nein, gewiß nicht,“ ſagte Madame Dermont, und umarmte den glücklichen Sain⸗ ville;„ſeyn Sie von heute an mein Schwie⸗ gerſohn; ich bin zu erfreut, mich einmal aus der Verlegenheit, in der ich mich befand, ge⸗ zogen zu haben; einer zweiten Probe mag ich mich nicht ausſetzen.““ 4 Mit dieſen Worten vereinte ſie Leono⸗ rens und Sainville's Hände, und beide legten den nächſten Morgen am Fuße des Altars den Eid ab, ſich ihr ganzes Leben hindurch zu lie⸗ ben; und ohne Zweifel haben Sie dieſen Schwur eben ſo feſt gehalten, wie alle andern Eheleute. ₰ — 78 — 78 — — 83 +— — η L die Contraſte. In Montpellier lebte ein junger Mann aus Languedoc, mit Namen Dorlis, der, völlig freier Herr ſeiner Handlungen, von der Na⸗ tur und dem Glück gleich begünſtigt war. Sein Geiſt, ſeine Artigkeit galten ſoviel, daß die Schönen der Stadt alle Luſtparthien, wo er fehlte, für langweilig hielten, und die Män⸗ ner gewiß nichts unternahmen, ohne erſt ſei⸗ nen Rath zu hören. Dorlis hatte eben das fünfundzwanzigſte Jahr erreicht; alle Mütter wünſchten ihn zum Schwiegerſohn, alle Töchter zum Gemal; ihm aber ging ſeine Unabhängigkeit über Alles, er ſpottete der Liebesketten, verabſcheute die Feſ⸗ ſeln der Ehe; und ſo ſchwebte er leicht und 90 liebenswürdig überall umher, ohne ſich irgendwo feſtzuſetzen. Unter den Schönheiten, welche ihn zu⸗ gleich beſchäftigten, war eine, die faſt eben ſo dachte, wie er; und, obſchon die Züchtigkeit, die ihrem Geſchlecht angeboren, ihr ganz an⸗ dre Gefühle hätte einflößen ſollen, trug ihre Neigung doch den Sieg über die Schicklich⸗ keit davon. Sie hieß Zaide, war von ſehr guter Familie, und beſaß ein bedeutendes Vermögen; daher umlagerten ſie, als eine gute Parthie, eine Menge ſeufzender Anbeter; ſie aber haßte jeden Zwang, wollte nur Un⸗ terwerfung, Anbetung, wollte ſelbſt lieben, ohne Jemandem über ihre Aufführung Re⸗ chenſchaft geben zu dürfen, und ſie widerſtrebte dem Joch des Eheſtandes mit derſelben Feſtig⸗ keit, wie Dorlis. Die Gleichheit der Ge⸗ ſinnungen, die Reize, die beide in einander fanden, ſchuf ein ſo feſtes Band zwiſchen ih⸗ ̈ 91 wo nen, daß ſie unzertrennlich wurden; und das Ende war, daß beide, feſt entſchloſſen, ihre zu-„ ſüße Unabhängigkeit zu behaupten, ſich ſterb⸗ ſo lich in einander verliebten. eit, Bei ſolchen Charakteren aber bedurfte es atds keiner langen Zeit, um einzuſehn, daß ihre hre Herzen im Einverſtändniß waren, und noch ch einer weit kürzeren, ſich dies gegenſeitig zu ehr geſtehn. Dorlis, überzeugt, daß ſeine Liebe des. ihm nur um ſo ſüßere Bande bereiten wür⸗ ine de, da ſie freiwillig waren, nahm keinen An⸗ er; ſtand, ſich zu erklären; und Zaide, die nicht un⸗ daran dachte, unlösbare Knoten zu ſchürzen, en, hörte mit zufriedner Miene das Geſtändniß Re⸗ von Dorlis, und ſetzte ſeinem Glück die Krone bte— auf, indem ſie ihn verſicherte, ſie liebe ihn ſig⸗ eben ſo zärtlich, als ſie glaube, von ihm ge⸗ Be⸗ liebt zu ſeyn. den Dennoch wollte Zaide, trotz ihrer Sucht, zu gefallen und ihres flatterhaften Sinnes, ——;—CQ—QOQO—BCO—Oaññn,ʃ ö pyn·y·ñ— ſich nicht anders, als unter gewiſſen Bedin⸗ gungen, in das Liebesverſtändniß einlaſſen. „Ich geſtehe Ihnen gern,“ ſagte ſie zu Dorlis,„daß ich Niemanden meiner ganzen Zärtlichkeit würdiger halte, als Sie, und ich bin überzeugt, daß ich meine Gefühle nie ändern werde, wenn Sie mich nicht ſelbſt dazu nö⸗ thigen: ich fliehe die Ehe nur aus der Noth⸗ wendigkeit, die ſie mit ſich führt, einzig den Willen eines Gatten zu befolgen, nur das zu ſehn und zu hören, was dieſer einem will ſe— hen und hören laſſen; und ich erkläre Ihnen, daß, wenn ich dieſelben Rückſichten für Sie nehmen müßte, unſer Verhältniß mir ſo un— erträglich ſeyn würde, als die ewigen Bande, die ich niemals knüpfen werde.“ „Damit ich mir ſpäter nichts vorzuwerfen habe, lieber Dorlis, will ich Sie nur daran erinnern, daß ich gern gefalle, daß es mein größtes Vergnügen iſt, dieſen Haufen von ☛ 93 Anbetern, die mich unaufhörlich umgeben, zu ſehn und ſeufzen zu hören; die Freude, wel— che dieſe mir bereiten, iſt mein höchſter Le⸗ bensgenuß. Ich liebe keinen davon, will aber von allen geliebt ſeyn. Und trotz meiner Zärt⸗ lichkeit für Sie, liebſter Freund, will ich mei⸗ nen Geſchmack nicht aufgeben, und meine Gewohnheiten nicht ändern: ſein Sie zufrie⸗ den, mein Herz ganz zu beſitzen; vertrauen Sie auf meine Liebe, wie ich auf die Ihrige, und überlaſſen Sie mir ruhig die Sorge für Ihr Glu⸗ 22 „Uebrigens muß Ihnen dieſe Einrichtung ſelbſt gefallen, denn Sie werden nie den ge⸗ ringſten Vorwurf von mir hören, und Sie empfinden weder den Gram der Liebe, noch die Pein der Eiferſucht. Zufrieden, Ihr Herz zu beſitzen, werde ich ohne Unruhe Ihre klei⸗ nen Unbeſtändigkeiten ſehen, die Sie nicht laſſen dürfen, ohne zugleich einen Theil der ‿⁹̈ 94 G Anmuth zu verlieren, die Sie mir ſo liebens⸗ würdig macht.“ Jeden andern als Dorlis hätte dieſe Rede abgeſchreckt; aber ſein Alter und Frohſinn ſtimmten zu ſehr mit den Geftehlen Zaidens überein, als daß er ſie hätte tadeln ſollen, und er fand es allerliebſt, eine ſchöne, ange⸗ nehme Frau leidenſchaftlich zu lieben, ohne aufzuhören, mit allen andern Schönen neben⸗ hin oberflächliche Liebesverſtändniſſe zu unter⸗ halten. Ohne ſich zu bedenken, nahm er die Vorſchläge ſeiner reizenden Geliebtire an, und der Bund wurde mit den zärtlichſten Verſiche⸗ rungen aufrichtiger Liebe geſchloſſen. So diente dieſe ſonderbare Uebereinſtim⸗ mung, dieſe Leidenſchaft, die, wenn ſie auf⸗ richtig iſt, das Herz von der Sittenloſigkeit zurückführt, nur dazu, beide Liebenden nur 4 tiefer hineinzuſtoßen. Man kann ſich nichts Zärtlicheres denken, als dieſes ſeltſame Paar, 95 und doch dabei nichts Bequemeres, als ihre Liebe. Laut wurde ihr Betragen getadelt, man machte beißende Epigramme auf ſie; aber Zaide verachtete die Vorſtellungen, und ſetzte ſich über Vorurtheile weg; und Dorlis wußte zu gut, daß die Ehre eines Mannes nicht von der Art, wie er liebt, abhängt. Der Han⸗ del war auch zu leicht, als daß er nicht hätte lange Zeit fortdauern ſollen. Trotz aller Un⸗ treuen von Dorlis, trotz Zaidens Gefallſucht, beobachteten beide doch eine gewiſſe Treue un⸗ ter ſich, die ihr Verhältniß ſo innig machte, daß man ſich daran gewöhnte, und ihre Freunde genöthigt wurden, die Augen darüber zuzu⸗ drücken. Ihre Liebe aber, deren Grundpfeiler ſo ſehr aller guten Sitte widerſtritten, hatte Folgen, die Dorlis ſehr freuten, Zaiden be⸗ trübten: ſie fühlte nämlich, daß ihre uner⸗ laubte Verbindung ſie zur Mutter machen ₰ 8— See — ᷣ--—— . ☛☚ 96 würde; doch fürchtete ſie weniger für ihren Ruf, als für ihre Reize, und da ſie glaubte, daß bei dem immerwährenden Zwang, den ſie ſich anthun mußte, um ihre Umſtände zu vez⸗ bergen, ſie die Unfälle nicht würde abwenden können, die ihrer Schönheit drohten, faßte ſie den Entſchluß, für einige Monate auf die Vergnügungen der Stadt Verzicht zu leiſten, und ſich in ein Landhaus, fünf Stunden von Montpellier, zurückzuziehn; dort lebte ſie ganz frei, und war der Unbequemlichkeit überhoben, die nothwendig ihrer Geſundheit ſchaden mußte. Zaide theilte ihren Plan Dorlis mit; und, da beide auf dem Fuß ſtanden, ſich in nichts entgegen zu ſeyn, willigte er in ihre Reiſe; er begleitete ſie ſelbſt, und blieb einige Tage bei ihr; da er es aber nicht lange aus⸗ halten konnte, fern von den Genoſſen ſeiner Freuden zu leben, kehrte er bald nach Mont⸗ Zuri Mäaͤ die heite mont ihren laubte, den ſie u ver⸗ venden ßte ſie if die eiſten, a von ganz oben, lußte. mit; ch in ihre inige aus⸗ iner ont⸗ ☛ 97 pellier zurück, mit dem Entſchluß, recht oft dieſe Reiſe zu machen. So lange Zaide erſcheinen konnte, ohne ihr Geheimniß zu verrathen, führte ihr Dor⸗ lis einige Geſellſchaft zu; die vertrautern Freunde kamen ſelbſt ohne Einladung. Als aber der Zeitpunkt ihres Wochenbetts näher kam, ſtellte ſie ſich ernſtlich krank, und, um ſich der Beſuche, die ihr läſtig wurden, zu überheben, machte ſie bekannt, daß ſie das Bad zu Spaa brauchen würde. Dorlis ſelbſt, um ihr zu willfahren und allen Verdacht zu vermeiden, kam ſeltner und nur noch allein zu ihr. Zaide mußte noch drei Monate in ihrer Zurückgezogenheit verweilen, als ein junges Mädchen von Toulouſe nach Montpellier kam, die durch den Glanz ihrer Reize alle Schön⸗ heiten verdunkelte: ſie hieß Hortenſia Dori⸗ mont, und zählte kaum achtzehn Lenze. Ihre Damenerzaͤhler. II. 7 98 Mutter hatte ſie ſchon in der Wiege verlo⸗ ren; und ihr Vater, der einen anſehnlichen Poſten in Toulouſe bekleidete, war eben ge— ſtorben,.und hinterließ ihr ein bedeutendes Vermögen. Ihre Jugend und Schönheit nö⸗ thigten ſie nach dieſem harten Verluſt, zu ei⸗ ner Verwandten ihrer Mutter, einer ſehr achtbaren Frau, ſich zu begeben, deren Haus der ſchönen, reichen Waiſe eine ſichre Frei⸗ ſtätte gegen die Gefahren bot, denen ſie durch ihre Unerfahrenheit und ihr reizendes Aeußere ausgeſetzt war. Madame Valſain, dies war ihr Kame, ſtammte von Montpellier; ein wichtiger Proceß hatte ſie vier Jahre in Tou⸗ louſe feſtgehalten, wo ſie Hortenſien kennen lernte und in ihrer Familie lebte; ſie liebte das Mädchen bald mit mütterlicher Zärtlich⸗ keit, und war erfreut, daß dieſe ihren Wün⸗ ſchen zuvorkam, und ſie bat, ſie möchte ſich doch nie mehr von ihr trennen. ⁴☛ 99 Eben hatte Madame Valſain ihren Pro⸗ ceß gewonnen; ihre Geſchäfte riefen ſie nach Montpellier zurück, und ſie nahm ihre Pfle⸗ getochter mit ſich dahin. Hortenſia hatte, mit allen Reizen von der Natur ſchon ge⸗ ſchmückt, auch eine glänzende Erziehung ge⸗ noſſen; Zeichnen, Tanzen, Pianoforte⸗ und Harfenſpiel, worin ſie Meiſterin war, gehör⸗ ten zu ihren geringſten Vorzügen. Ihr heller Geiſt ſchloß tiefe, viel umfaſſende Kenntniſſe in ſich; ſie hatte ein zä Herz, das ſie nie zwiſchen ihrem Willen und rtliches, feſtes, aufrichtiges der Stimme der Vernunft ſchwanken ließ. Sie erſchien in Montpellier wie ein auf⸗ gehendes Geſtirn, das ſchnell durch ſeinen Glanz alle andern verdunkelte. Madame Val⸗ ſain, die ſehr geachtet war, ſah die erſten Fa⸗ milien der Stadt bei ſich; und auch der ſchöne Dorlis beeilte ſich, ihr aufzuwarten. Seine Blicke ſuchten neugierig Hortenſien, und hat⸗ X = 100 ten kaum auf ihr ſich niedergelaſſen, als ein ihm ganz neues Gefühl ſein Herz durchdrang, eine unwiderſtehliche Anmuth, deren Macht er noch nie gekannt, ihn zu ihr hinzog. Sonſt war Schüchternheit, wenn er beſiegt war, ſelten ſeine Sache; er erklärte ſich eben ſo leicht für überwunden, als er ſich überwinden ließ, und die Liebe, ſein eigentliches Gewerb, war faſt ein Spiel für ihn geworden, das ihn überall angenehm, doch minder gefährlich machte; bei dieſer Gelegenheit verſchwand aber ſein gewöhn⸗ licher Muthwille; er wurde verlegen, ernſt, re⸗ ſpectvoll, kurz, die wahre, reine, die vernüuf⸗ tige Liebe trieb die untreue und flatterhafte Liebe, deren Scepter er bis jetzt immer ge⸗ folgt, aus ſeinem Herzen. Drei bis vier Beſuche reichten hin, daß er Zaiden und ihre Reize vollends vergaß: je⸗ den Tag fand er neue Anmuth in Hortenſien, die ihn mit Verachtung gegen ihre Nebenbuh⸗ ☛̈ O 101 lerin erfüllten; und er konnte nicht begreifen, wie er ſich Vergnügungen, die ihm ſo wenig koſteten, ſo leicht hatte hingeben können. Bald aber fingen ſeine Freunde, welche die Verändrung, die mit ihm vorgegangen, ſeine Aufmerkſamkeit für Madame Valſain, ſein Beſtreben, immer in Hortenſiens Nähe zu ſein, wohl bemerkt hatten, an, ihn hierüber zu necken; jeder weiſſagte ihm, Hortenſia wär der Fels, an dem ſeine Freiheit Schiffbruch litt. Doch war es unnöthig, ihn noch dar⸗ auf aufmerkſam zu machen; ſeine Liebe be— ſchäftigte ihn ſo, daß er über das Gefühl ſei⸗ nes Herzens nicht in Zweifel ſeyn konnte: aber Dorlis, ſonſt ſo unternehmend, wagte nicht, ſich zu erklären, zitterte, daß Hortenſia ſeine Neigung früher entdecken möchte, als es ihm gelungen, in ihrem Herzen zu leſen, und ſo antwortete er den Spöttern mit ſcheinbarer 102 Sicherheit:„ ihr kennt ja Dorlis, und ihr fürchtet für ſeine Freiheit!“ Hortenſia ihrer Seits ſah Dorlis auch nicht mit gleichgültigen Augen an; er war ei— ner von den Menſchen, die man nicht ſehn kann, ohne ſie in ſtetem Andenken zu behalten; ihr aufrichtiges Herz, das weder die Leiden noch die Freuden der Liebe kannte, fürchtete ihre Feſſeln nicht, und gab ſich ihr um ſo leichter hin, weil ſie g glaubte, weiſe Ueberle⸗ gung reiche hin, zu verhindern, daß je die Leidenſchaften unſre Sinne völlig beherrſchten. Ihre Neigung für Dorlistrieb ſie wider ihren Willen an, ſich nach ſeinem Charakter, ſeiner Lebensweiſe zu erkundigen; das Bild, welches man ihr von dem liebenswürdigen Anbeter machte, vermehrte nur ihre Liebe für ihn, und fing an, ſie lebhaft zu beunruhigen; denn man hatte ihr auch von ſeinem Verhält⸗ niß mit Zaiden geſagt, und da ſie nicht glau⸗ ☛̈ o 103 ben konnte, daß eine Frau von guter Erzie⸗ hung ſolche Aufmerkſamkeiten dulden würde, wenn nicht rechtmäßige Bande dieſelben er— laubt machten, ſo zweifelte ſie nicht, daß Deih a und Zaide heimlich verheirathet ſeien. Dieſer Gedanke betrübte ſie ſehr; die Ver— nunft Weahr aber ihre entſtehende Neigung, und ſie faßte den Entſchluß, ſie gleich in ih— rem Urſprung zu unterdrücken. Ueberzeugt, daß Dorlis nie der ihrige werden könne, nahm ſie ſeine Gefälligkeit und Aufmerkſamkeit nur für Folgen ſeiner ausgezeichneten Artigkeit, die ihn überall beliebt machte. Nur dies wunderte ſie, daß man ihn hei⸗ ter, lebhaft, ſelbſt unternehmend geſchildert hatte, und ſie fand ihn ernſt, reſpectvoll und ſtreng im Urtheil über Andre. Indeß konnte die Gegenwart von Madame Valſain, ihr Alter, ihr ſo ſtrenger Sinn, ihn veranlaſſen, ſich bei ihr nicht ſo zu geben, wie anderswo. ☛ 104 Sie machte alſo ſehr ſchwache Verſuche, dieſe plötzliche Umänderung einem andern Ereigniß zuzuſchreiben. Während nun Hortenſia ſich bemühte, den vermeintlichen Gatten der Zaide aus ih⸗ rem Gedächtniß zu verbannen, richtete Ma⸗ dame Valſain, die nur bedacht war, ihre ſchöne Mündel gut zu verſorgen, ihr Augen⸗ merk auf Dorlis, deſſen Geheimniß ſie aus ſeiner Theilnahme und emſiger Artigkeit er⸗ rathen hatte. Er gefiel ihr; ſie bemerkte an Hortenſien, daß ſie ihn ſeinen Nebenbuhlern vorzog; der Gedanke machte Eindruck auf ſie, und ſie verfolgte ihn in der Stille, um darnach ihre künftige Handlungsweiſe zu richten. Anfangs betrübte ſie die Nachricht von Zaide und Dorlis; ihre Erfahrung be⸗ ruhigte ſie bald aber darüber, und vermochte ſie, die Fehler der Jugend zu vergeſſen. Ma⸗ dame Valſain iſt ſo eingenommen für Dorlis, ☛̈ p 105 daß ſie ſich überredet, eine ernſte Verbindung werde bald die zerſtören, die ſo leicht geknüpft war. Um ihren Plan zu verfolgen, beide Lie⸗ bende zu beobachten, und ihnen Gelegenheit zu geben, ſich näher kennen zu lernen, lud ſie Dorlis ein, täglich ſie zu beſuchen; ſie will ſelbſt vor ſeinen Augen alle Talente ihrer jun⸗ gen Verwandten entfalten, und gibt Bälle und Concerte, in denen die ſchöne Hortenſia ſo anmuthig erſcheint, ſo erhaben ſich zeigt über Alle, die ſonſt für die erſten galten, daß man bald nur allein von ihr ſpricht, und daß die vorzüglichſten jungen Leute von Montpellier um die Ehre wetteifern, Zutritt zu den glän⸗ zenden Feſten zu haben, deren Krone ſie iſt. Dorlis, der Hortenſien täglich glühender liebte, gab ſich alle Mühe, den Beifall der Madame Valſain zu gewinnen; er fühlte, wie ſehr zu ſeinem Glück die Einſtimmung dieſer — p 106 achtungswerthen Verwandten gehörte. Welche Verwandlung geht in ihm vor! Er, der ſonſt laut ſich für einen Feind der Ehe erklärt, kennt ke ganzes Leben ihr, ine andre Seligkeit mehr, als ſein die er anbetet, zu weihen. Und doch ſchwieg er noch, und war zu ſchüch⸗ tern, zu furchtſam, das Geſtändniß über ſeine Lippen zu bringen. Hor ſen Ueberlegungen, ihrem Entſchluß der Liebe Aufnahme, die ihm von Madame B Theil wird, ſtimmt ſie mind gewöhnt ſich ſo daran, die Langeweile, die Unruhe kann, die ſie empfindet tenſia indeſſen blieb, trotz ihren wei⸗ nicht treu, zu Dorlis zu entſagen; die gute alſain zu er ſtreng, und ſie ihn zu ſehn, daß ſie nicht überwinden „wenn ein Geſchäft, ein unvorhergeſehner Umſtand ihn an ſeinem Be⸗ ſuch hindern. Endlich ſiegt d tiger als die ernſte, kalte Vernunft, junges Her ie Liebe, mächti⸗ über ihr 5; und trotz der Zurückhaltung, hinter 2 ☛ 107 ☛☚ welche ſie ihre Gefühle verbirgt, damit Dorlis ſeinen Sieg nicht ahne, iſt er doch zu verliebt, zu aufmerkſam auf jede ihrer Bewegungen, und überhaupt zu erfahren, als daß er nicht bemerkt hätte, daß Hortenſia mehr als bloße Freundſchaft für ihn fühlt. Dies hatte er erwartet, ehe er ein zärt⸗ liches Geſtä dniß ablegen wollte, und der Zu⸗ fall bot nun ihm bald eine Gelegenheit. Ei⸗ nes Abends kam er zur gewöhnlichen Stunde zu Madame Valſain, ließ ſich anmelden, und wollte eben in das Zimmer, wo die Da men waren, eintreten, als Hortenſia traurig herauskam.„Meine gute Tante,“ ſprach ſie,„befiehlt mir, Sie hier zu empfangen; ſie iſt unwohl, und kann heute das Amt der Wirthin nicht verrichten; ſie hat es mir da⸗ her aufgetragen.” „„Dann befehlen Sie doch, Theuerſte, daß Niemand hier hereinkommt; das Geräuſch 8 ☛̈p 108 würde ſie hier ebenſo ſtören, wie in ihrem Zimmer; dieſes Gemach iſt ſo nahe an dem ihrigen, daß der Ton von Stimmen bis zu ihr dringen muß.“»⸗ „Aber denken Sie doch,“ erwiederte Hortenſia lachend,„daß ich Niemandem die Thür verweigern kann, da ſie Ihnen offen ſtand.“ „„Es iſt wahr, ich betrachtete mich nicht als einen Fremden, und vergaß, daß der Wohlſtan Aber ich wünſchte ſo lebhaft eine Gelegenheit, Sie ohne Zeugen zu ſprechen.““ „Ohne Zeugen? was ſoll ich denn er⸗ fahren, das nicht Jedermann hören darf? Bedenken Sie, mein Her „„„Erlauben Sie, ich flehe darum, daß ich ein glückliches Ungefähr benutze... „Sagen Sie mir nichts,”“ unterbrach ihn Hortenſia erröthend,„was Madame 2² r.. 22 22 ☛ 109 ☛☚ Valſain nicht wiſſen darf. Dorlis, Sie ſind ein gefährlicher Menſch, wenigſtens hat man mir Sie ſo ſchildern wollen, aber ich hoffe, Ihrer Achtung ſo würdig zu ſeyn, daß Sie nichts, auf was ich nicht antworten könnte, mir ſagen.“ „„Ach! was hindert Sie, auf das Ge⸗ ſtändniß der reinſten, ehrfurchtsvollſten Liebe zu antworten? Ja, ſchöne Hortenſia, ich bete Sie an; aber die Gefühle, die jetzt mein Herz durchdringen, ſind nicht mehr jene flüchtige Flamme, die nur im Wechſel der Vergnü⸗ gungen mir Freude bot. Wenn ich Sie lie⸗ be, wenn ich wünſche, geliebt zu ſeyn, ſo iſt es der treue, zärtliche Gatte, der nach dieſem höchſten Glücke ſtrebt, und ich wagte es nur, mein Schweigen zu brechen, um von Ihnen die Erlaubniß zu erbitten, Ihre würdige Tante von meinem Geheimniß zu unterrichten. Ur⸗ theilen Sie über meine Liebe, über Ihre Herr⸗ ſchaft, die Sie auf mein Herz üben, da Sie allein mich dahin gebracht haben, mit Haß und Verachtung auf die nichtigen Verbindun⸗ gen zu ſchauen, die uns verführen, uns miß— brauchen, und nur gefährliche und trügeriſche Freuden gewähren! Sprechen Sie, liebens⸗ würdige Hortenſia, ſprechen Sie: ich kenne Ihre Grundſätze, Ihre ſtrengen Anſichten; und wenn Ihre Antwort meinen Wünſchen nicht günſtig iſt, ſchwöre ich Ihnen, die auf⸗ richtigſte Liebe der Achtung, aus welcher ſie erſt entſprang, zum Opfer zu bringen.““ „Ich geſtehe,“ ſprach Hortenſia etwas ernſt,„daß ich nicht begreife, wie Sie nach einer ſolchen Erklärung die Achtung, die Sie für mich zu haben behaupten, mit Ihrem Verhältniß zu Zaiden vereinigen können; oder ſuchen Sie mich zu hintergehn, oder wollen Sie meine Tugend erproben— aber, täuſchen ☛ꝙ 111 ☛ Sie ſich nicht, in beiden Fällen würde ich Sie mit Verachtung ſtrafen.“ Dorlis war höchſt verwundert, daß Hor⸗ tenſia ihn ſo feſt mit Zaiden verbunden glaub⸗ te; er wollte ihr keinen Zweifel über die Rein— heit ſeiner Gefühle laſſen, daher zögerte er nicht, ihr Alles, was zwiſchen ihm und jener vorgegangen, zu entdecken; zwar wollte er umſichtig und mit Auswahl erzählen, aber er erröthete öfters bei der Beſchreibung der Thorheiten und Verirrungen ſeiner Jugend. Hortenſia hörte ihm aufmerkſam zu, und erwiederte dann:„nun bin ich überzeugt, daß Sie Achtung für mich haben, und um Ihr, wie ich glaube, aufrichtiges Geſtändniß mit Offenheit zu vergelten, will ich Ihnen nicht verſchweigen, daß, wären Sie ganz frei, ich ohne Anſtand Ihnen meine Hand reichen würde. Das, was Sie mir eben geſagt ha⸗ — ben, überzeugt mich wohl, daß Zaide noch ☛.̈o 112 nicht Ihre Gattin iſt, nicht aber, daß ſie von den Anſprüchen darauf, welche die Folgen Ihrer Liebe ihr geben, ſo leicht zurücktreten wird. Ich fürchte alles Aufſehen, und ich würde mich zu Tode grämen, wenn mein Name in einem ſolchen Liebeshandel genannt würde. Dorlis, ſuchen Sie erſt völlig mit Zaiden zu brechen, ehe Sie meiner Tante ſich erklären; gelingt Ihnen dies nicht, ſo genüge Ihnen das Geſtändniß, das ich Ihnen hätte verſchweigen ſollen, aber nie ſprechen Sie dann wieder von Liebe mit mir.“ Hortenſiens Rede war ſo weiſe, ſie ſprach mit ſolcher innern Ueberzeugung, daß Dorlis Liebe zu ihr immer höher ſtieg. Er glaubte, leicht das Verhältniß mit Zaiden auflöſen zu können, und willigte in ihre Forderung. Ihr Geſpräch wurde durch einen Beſuch unterbro⸗ chen, und die Liebenden trennten ſich, voll von Hoffnung und Zärtlichkeit. 2 — *ꝙ 113 Jetzt zu ZJaiden zurück, die wir in der Einſamkeit verlaſſen haben. Die reizende Ein⸗ ſiedlerin hatte ein Töchterchen geboren, das ihr Ebenbild an Schönheit zu werden ver⸗ ſprach. Da nun Dorlis, dem ſie es ſogleich geſchrieben, ihren Einladungen, zu ihr zu kom⸗ men, keineswegs folgte, ließ ſie ſelbſt alle kirchlichen Angelegenheiten für ihre Tochter beſorgen. Als das Kind getauft war, über⸗ gab ſie es einer Amme, und ſendete ſie da⸗ mit zu Dorlis. Dieſer war ſehr glücklich darüber; die neuen Gefühle ſeines Herzens verdrängten nicht einen Angenbl ick die Stimme der Natur. Erfreut, Vater zu ſeyn, überhäufte er die Amme mit Geſchenken, und verſprach ihr, ſeine Freigebigkeit nach der Sorgfalt, die ſie für ſein Kind zeigen würde, zu richten. Dor⸗ lis halt⸗ Zaiden ſeit vier Monaten nicht ge— ſehn, er ſchrieb ihr oft, und ſchützte immer Damenerzhker II. 8 —— ☛ᷣꝙ 114 große Geſchäfte vor, um Montpellier nicht verlaſſen zu dürfen. Zaide war zu klug, als daß ſie ſich ſo leicht hintergehen ließ; die Ver⸗ ſchiedenheit im Styl von Dorlis Briefen hatte, noch ehe ſie Mutter ward, ſchon einen Verdacht in ihr rege gemacht; ſie ſetzte da— her ſo viel Späher in Bewegung, daß ſie bald von ihrer Nebenbuhlerin Nachricht er⸗ hielt, die ſich eben ſo ſehr durch Sittlichkeit und Beſcheidenheit auszeichnete, als ſie ſelbſt durch den Mangel derſelben. Zaide war darüber entrüſtet, daß ſie das Opfer einer aufrichtigen, wahrhaften Liebe wurde, und beſchloß, ſich ſo zu rächen, daß man noch lange des ihr angethanen Schim⸗ pfes gedenken ſollte. Sie fühlte die Zärtlich— keit für Dorlis längſt nicht mehr, wie frü— her; ein Weib ohne Sittlichkeit kann nie an⸗ haltend lieben: aber ſie mag lieben oder nicht, ſo kann ſie nicht ertragen, daß man ſie ver⸗ ——,— — ³☛ 115 läßt. Zaide verzieh ihrem Geliebten ſeine flüchtigen Untreuen, da ſie überzeugt war, daß, von Coquette zu Coquette, er immer zu ihr zurückkommen würde; aber eine wahrhafte Neigung, eine Liebe, die ſich auf Achtung gründet, und deren Ziel nur die Ehe ſeyn konnte, erfüllte ſie mit ſolchem Unmuth und mit ſolcher Eiferſucht, daß ſie ſich nicht faſſen konnte. Gequält von dieſem Gedanken hielt ſie ihr Wochenbett, wußte ſich aber zu verſtellen, und warf Dorlis weder ſeine lange Abweſenheit, noch ſeine Liebe zu Hortenſien vor, ſo daß dieſer glaubte, ſie wüßte nichts davon. Nach⸗ dem Zaide ihm ihre Tochter geſchickt, hielt er es für nöthig, ſie zu beſuchen, und meldete ihr in einem Brief den Tag, wo er kommen würde. Zaide, welche ihre Gründe hatte, ihren Ungetreuen nicht ohne Zeugen zu ſehn, ließ ihm antworten, er möchte ja ſeine wichtigen . 8* ————— 2 116 Geſchäfte in Montpellier nicht verſäumen, da ſie in wenig Tagen ſelbſt zurückzukehren hoffte. Dorlis, des Beſuchs überhoben, der ihm ſo unangenehm war, überließ ſich nun um ſo mehr der Freude, Hortenſiens Nähe zu genießen. Madame Valſain hatte dieſer endlich entdeckt, daß ſie auf Dorlis ihr Au⸗ genmerk gerichtet, und Hortenſia dankte ihr herzlich für den Antheil, den ſie an ihrem Geſchick nahm, und erzählte ihr das Geſpräch, das ſie mit Dorlis gehabt, und ſetzte ihre Zweifel wegen Zaiden hinzu. Madame Valſain machte ihrer Pflege⸗ tochter begreiflich, daß die frühern Verhält⸗ niſſe von Dorlis und Zaide durchaus kein Hinderniß wären für eine Verbindung, die ſie beabſichtigte und wünſchte. Hortenſia, hier⸗ durch ermuthigt, folgte nun einzig ihrer Nei⸗ gung, und ließ in ihrem Herzen die Gefühle, die ſie bei Dorlis erſtem Anblick gehabt, wie⸗ 2 — — 141 ☛☚ der emporglühen. Doch war es ihr allemal kränkend, wenn ſie daran dachte, daß er ſchon von einer andern Liebe ein Pfand hatte, wel⸗ ches gewöhnlich doch die Bande inniger knüpft; Madame Valſain, der ſie ihre geheimſten Gedanken offenbarte, tröſtete ſie aber auch darüber:„wenn nun Dorlis Witwer wär, und hätte Kinder aus ſeiner erſten Ehe, wür⸗ deſt Du ſo ungerecht ſeyn, liebſte Hortenſia, ſie zu haſſen? und würde Deine Achtung für den Vater dadurch vermindert?“ „„Nein, gewiß nicht, theuerſte Tante; ich fühle ſoviel Liebe für Dorlis, daß ich mit aller Sorgfalt und Zärtlichkeit an der Toch⸗ ter der Zaide hängen werde, wenn ich für dieſen Preis das Glück erkaufen muß, die Seine zu werden.““ Dorlis wollte die günſtigen Meinungen, die man von ihm hatte, benutzen, und bat Madame Valſain, in ſeine Verbindung zu —— ☛ 118 Ꝙ willigen, damit ſie noch vor Zaidens Rück⸗ kehr gefeiert würde. Hortenſia ſchwankte lan⸗ ge, ehe ſie ſich entſchloß; endlich überwog die Liebe jede andre Ueberlegung, und man kam überein, alle Vorbereitungen zur Heirath zu treffen. Jeder Tag bis zu dem erfreuli— chen Augenblick wurde durch neue Vergnügun⸗ gen gewurzt. Endlich ſollte der nächſte Mor⸗ gen die Wünſche der Liebenden krönen; da hatte Dorlis das Unglück, mit dem Pferde zu ſtürzen, und wurde ſo gefährlich dabei verwundet, daß man für ſein Leben fürchtete. Man kann ſich leicht den Schreck und die Be⸗ ſtürzung von Madame Valſain und Hortenſia denken: beide verließen ihn nicht, die Braut ordnete in ſeinem Hauſe ſchon überall ſo an, als wär ſie bereits die Gattin. Dorlis, dem Tode nahe, empfand es tief, wie zärtlich Hortenſia an ſeinem Leben Theil nahm; er verglich in lichten Augenbli⸗ ☛ 119 Ꝙ cken ihre Sorgfalt, ihre Anhänglichkeit, ihre Sittſamkeit und Beſcheidenheit mit den Ei⸗ genſchaften, die ihn an Zaiden gefeſſelt hatten, und er dankte dem Himmel, daß er von ſei⸗ ner Blindheit geneſen, und dachte mit Trauer an die Folgen des Unglücks, das ihn auf im⸗ mer von ihr trennen zu wollen ſchien, die ja einzig ſeiner ganzen Liebe werth war. Wirklich verſchlimmerte er ſich vom ſie— benten Tage an ſo, daß man an den Bei⸗ ſtand der Kirche denken mußte. Man ver⸗ kündete die traurige Handlung der troſtloſen Hortenſia, die ſich nun ganz ihrem Schmerz hingab. Ihre würdige Tante, theils um den unglücklichen Dorlis in den letzten für ſein Seelenheil ſo wichtigen Augenblicken nicht zu ſtören, theils um Hortenſien von der trauri⸗ gen Feierlichkeit zu entfernen, führte ſie weg von dem Schauplatz des Schmerzes. Ein Geiſtlicher begab ſich zu dem Sterbenden, ☛ 120 ☛ı und verkündete ihm, an ſeine Seligkeit zu denken. Dorlis, der trotz der Verirrungen ſeiner Jugend eine reine Seele hatte, bekannte ſeinem Beichtvater alle Fehler, die er began⸗ gen zu haben glaubte. Als er von Zaiden und dem Pfand ihrer ſtrafbaren Liebe ſprach, unterbrach ihn der Prieſter, und rief mit be⸗ geiſterter Stimme:„ſchwöre, mein Sohn, vor Gottes Angeſicht, den Du erzürnt haſt, daß, wenn er Dir Dein Leben verlängern will, Du Deinen Fehler wieder gut m und die zum Weib nehmen wirſt, die durch Dich Mutter wurde; kannſt Du ohne Ver⸗ brechen die heiligſten Pflichten verletzen? was ſoll aus dem unſchuldigen Geſchöp das Dir ſein Leben verdankt achen f werden, „ wenn nicht das heilige Band der Ehe ihm einen rechtmäßigen Namen verleiht?“ Im letzten Augenblick gibt es keine Ge⸗ genrede; Dorlis, der nur an den Tod dach⸗ ☛ 121 te, unterwarf ſich in Demuth den Forderun— gen ſeines Beichtvaters. Oft folgt auf eine Erleichtrung der Seele auch eine Erleichtrung der körperlichen Leiden; bald, nachdem der Geiſtliche den Kranken verlaſſen, fühlte er ſich beſſer, und man fing an, neue Hoffnung für ſein Leben zu ſchöpfen. Madame Val⸗ ſain ſchickte alle Stunden zu Dorlis; wer be⸗ ſchreibt ihre und Hortenſiens Freude, als end⸗ lich die Aerzte ihn außer Gefahr erklärten; ängſtlich erwarteten beide ſeine Herſtellung, und die Braut verlebte ihre Tage entweder am Krankenlager, oder einſam in ihrem Ge⸗ mach, wo nur ihrer zweiten Mutter der Zu⸗ tritt geſtattet war. Zaide kehrte kurz nach dem Unglücksfall des Dorlis nach Montpellier zurück; und, ob⸗ wohl Alle, die ihn kannten, Theil nahmen an ſeinem Zuſtand, ſchien ſie ſich wenig darum zu bekümmern, und fragte auch nur ſelten 122 bei ihm nach. Da ſie auf jeden Fall wiſſen mußte, daß er im Begriff ſtand, ſich zu ver⸗ heirathen, glaubte man, der Unwille darüber ſei allein Urſache dieſer Gleichgültigkeit; aber man irrte ſich; Zaide hatte ihm ihr Herz eben ſo leicht genommen, als gegeben, und, zufrie⸗ den mit der geheimen Rache, die ſie gegen Dorlis geübt, hörte ſie von ihm ſprechen, und nannte ſelbſt ſeinen Namen mit ſolcher Käl— te, als hätte ſie ihn nie geliebt. Dorlis verlor mit der Wiederkehr ſeiner Geſundheit die Ruhe ſeiner Seele. Von der Liebe und von der Natur verfolgt, wußte er nicht, welchem von beiden er ſich hingeben ſollte. Um von der Stirn ſeiner Tochter den Flecken einer ſchimpflichen Geburt zu waſchen, mußte er ein Weib zur Gattin nehmen, die er nicht mehr liebte, die er nicht achten konn⸗ te; wollte er aber mit ihr, die er anbetete, ſich verbinden, ſo wurde ein unſchuldiges We⸗ ☛̈ 123 ſen das Opfer der glühenden Leidenſchaft, die ihn verzehrte. Dorlis war weit entfernt, zu vergeſſen, daß er Ehre und Gewiſſen verpflich⸗ tet hatte; aber er ſcheute die Verbindung mit Zaiden, und konnte ſich nicht entſchließen, ſich von Hortenſien zu trennen. Dieſer innere Kampf machte ſeine Geneſung faſt eben ſo gefährlich, als ſeine Krankheit; er ſollte nun zwei Schritte thun, und einer ſchien ihm doch ſo grauſam, als der andre: er ſollte das Wort brechen, das er Hortenſien gegeben, und ſelbſt ſeine Hand Zaiden anbieten: er konnte ſich zu keinem von beiden entſchließen. Sobald er ausgehen konnte, trieben Pflicht und Liebe ihn zu Madame Valſain und Hor⸗ tenſien, um ihnen für ihre zärtliche Sorgfalt zu danken. Er ging mit dem Vorſatz hin, die Unruhe ſeiner Seele zu verbergen, und um von ſeiner glühenden Liebe zu der reizen⸗ den Braut zu ſprechen; er hoffte, man würde .—— — E 2 124 nicht eher, als nach ſeiner völligen Geneſung, die Verbindung feiern wollen, und ſo hätte er noch Zeit, feſte Entſchlüſſe zu faſſen. Ma⸗ dame Valſain empfing ihn mit lebhafter Freu⸗ de; ſie war allein, und führte ihn nach den erſten Begrüßungen in das Zimmer ihrer Nichte. Das erſte Wiederſehn hatte etwas Eigenthümliches: Hortenſia ging Dorlis ent⸗ gegen— ihr Glück belebte ihre Züge, Thrä⸗ nen der Freude, die ihren Augen entquollen, waren ihre einzige Sprache für das ſelige Gefühl, ihn, der bald ihr Gatte ſeyn ſollte, für deſſen Leben ſie noch vor wenig Tagen gezittert hatte, glücklich wiederzuſehn. Dor⸗ lis, vor Liebe trunken, zugleich von Unruhe zerriſſen, ſtotterte einige unzuſammenhängende Reden die Hortenſia kaum verſtand. Sie überhäufte ihn mit Fragen, die Dorlis, des grauſamen Opfers gedenkend, das man von ihm forderte, nicht beantwortete. ung, Hhätte Ma⸗ freu⸗ den hrer was ent⸗ rä⸗ len, lige lte, gen vor⸗ uhe nde Sie des on ³☛☛ 125 Madame Valſain glaubte, ein Dritter müſſe die Liebenden ſtören; ſie ſchützte daher eine nöthige Angelegenheit vor und ging; Dorlis ſtürzte außer ſich zu Hortenſiens Füßen; mit dem Ausdruck des Schmerzes ruhten ſeine Au⸗ gen auf ihr, aber die Sprache fehlte ihm. Erſtaunt über ſein Benehmen ſprach ſie be— wegt:„wie ſtimmt dies Schweigen mit Dei— ner Liebe für mich zuſammen? Meine Thränen fließen, aber es ſind Thränen der Wonne, nachdem mir bittrer Schmerz ſo viele er⸗ preßt!.... „„Ach! Geliebte,“ rief Dorlis,„dieſe koſtbaren Thränen, dieſe Güte, dieſe Zärtlich⸗ keit, die mir den Himmel des Glücks zeigen, machen mich tauſendmal unglücklicher, als wenn ich an den Pforten des Grabes ſtänd.““ Kaum hatte Dorlis die Worte geſpro⸗ chen, ſo bereute er ſchon, daß ſein inn— rer Schmerz ſie ihm entlockt; denn Hor⸗ —— ☛ 126 tenſia war ſo erſchrocken über ſeine Re⸗ de, daß ſie faſt ohnmächtig in einen Lehn⸗ ſtuhl ſank. „Was muß ich hören,“ ſagte ſie endlich tief erſchüttert,„meine Zärtlichkeit ſcheint Dir ſchrecklicher als der Tod? Statt der Freude, mich wiederzuſehn und für mich zu leben, ſcheinſt Du den Zuſtand herzuwünſchen, der Dich für immer von mir trennte? Ach Dor⸗ lis, welches Unheil ſoll ich aus dieſer Sprache ahnen!k„ Ein Thränenſtrom ſtürzte bei dieſen Worten über ihre Wangen. Vergebens ſuchte Dorlis, der über ſeine Unklugheit nun ſich Vorwürfe machte, ſie zu tröſten. Hortenſia erklärte Dorlis, ſie würde ihn nicht eher verlaſſen, als bis er ihr die Urſache ſeines ſonderbaren Benehmens entdeckt. Dorlis war in der größten Verlegenheit; endlich ermuthigte ihn ſeine Rechtlichkeit und ☛ ☛̈ o 127 die Reinheit ſeiner Gefühle, er beſchloß, ihr zu willfahren, und ſelbſt ihren Rath, was er thun ſolle, zu hören. Er ſchilderte ihr die grauſame Lage, in der er ſich befand, und malte ihr mit den lebhafteſten Farben die Schmach, die auf ihm ruhen würde, wenn er anſtänd, ſeiner Tochter einen Namen und eine ehrenvolle Lage zu geben:„man hat mir,“ fuhr er fort,„in dem Moment, wo meine Augen für immer ſich zu ſchließen ſchienen, die Pflicht auferlegt, jener Zaide meine Hand zu reichen, die ich niemals lieben kann. Aber, Hortenſia, wenn ich den Schwur, den man wider meinen Willen mir entriß, halte, bin ich nicht allein unglücklich, und Deine Ruhe iſt mir theurer, als die meinige; Deinem Frieden opfre ich Alles; ſprich, ich beſchwoͤre Dich! Ich erwarte von Dir entweder Befehle, die mir heilig ſeyn ſollen, oder Rath, den ich blind befolge.“ ☛ 128 ☛ Hortenſia hatte aufmerkſam zugehört; die Verzweiflung ihres Geliebten, ihr ein Beweis ſeiner treuen Zärtlichkeit, beruhigte ſie etwas. Ihre Thränen hörten auf zu fließen, und ihre gewöhnliche Feſtigkeit kehrte wieder. „Ich war immer der Meinung,“ ſprach ſie nach einiger Ueberlegung,„daß, je tadelns⸗ werther Zaidens Aufführung war, um ſo mehr Du ſuchen ſollteſt, die Verirrungen, zu de— nen Du ſie verleitet, vergeſſen zu machen: ich geſtehe es, ich hätte dieſen Gedanken nie aus meiner Seele verbannen ſollen, er würde mein Herz vor einer Leidenſchaft bewahrt ha— ben, die ich nun nicht mehr beſiegen kann; nein, ich kann niemals aufhören, Dich zu lieben, und ich fühle ſelbſt, daß ich ſtolz dar⸗ auf ſeyn kann, der Gegenſtand Deiner Wahl geweſen zu ſeyn; aber, kann ich auch meine Zärtlichkeit nicht verbannen, ſo vermag ich doch, mir Pflichten aufzuerlegen, und ſie zu erfül⸗ ☛ 129 ⸗ len. Dorlis, handle zu Gunſten Zaidens und ihrer Tochter, wie die Ehre es Dir gebietet; ich gebe Dir Dein Wort zurück, und werde meine Tage in der ſtrengſten Zurückgezogen⸗ heit enden. Widerſprich mir nicht in meinen Entſchlüſſen, laß mir den Ruhm, daß ich mich für Dich opfre.— Leb wohl, geliebter Dor⸗ lis,“ fügte ſie hinzu und reichte ihm die Hand, „ich wünſche, daß Du aufhörſt, unglücklich zu ſeyn; aber die harte Pflicht, die ich mir auf⸗ lege, möge Dir den Unterſchied zwiſchen Zai⸗ den und der armen Hortenſia zeigen!“ Mit dieſen Worten verließ ſie das Zim⸗ mer, und verſchloß die Thür. Dorlis war außer ſich vor Schmerz; er liebte Hortenſien mehr als je; traurig verließ er das Haus der Madame Valſain, und brachte in größter Bewegung den Reſt des Tages auf ſeinem Zimmer zu. Auch die Nacht bot ihm keine Ruhe; der Entſchluß, den folgenden Morgen Damenerzaͤhler. II. 9 ☚ 130 zu Zaiden zu gehn, beſchäftigte ſeine Seele zu ſehr. Endlich erſchien der Zeitpunkt, wo er, mit Muth und Standhaftigkeit ſich rü⸗ ſtend, den Weg zu ihr antrat. Zaide em⸗ pfing ihn mit vielen Umſtänden, wie eine Perſon, die man nur entfernt kennt. Dorlis glaubte, der Groll, den ſie noch im Innern hegte, ſei Urſache des kalten Empfangs und der Zurückhaltung; er ſtellte ſich, als be⸗ merke er es nicht, und nahm ſich vor, Zai⸗ den eben ſo zu behandeln, wie ſie ihn behan⸗ delte. Er bat ſie, ihre Leute zu entfernen, da er ſie unter vier Augen zu ſprechen wünſchte, und begann dann ſeine Rede alſo:„Sie wer⸗ den ſicher ſehr verwundert ſeyn Madame, G 3 über das, was ich Ihnen zu ſagen habe. Sie kannten mich immer als Feind der Ehe und Vertheidiger der Freiheit, ſo daß Sie gewiß ſtaunen, zu vernehmen, daß ich jetzt anders denke: gewiß fühlen Sie ſo gut, wie ich, daß 4 Kaltblütigkeit an.„Ich glaube,“ 1314 es nöthig iſt, unſern Verirrungen ein Ziel zu ſetzen; das Pfand, welches wir von einer einſt glücklichen Verbindung beſitzen, zwingt uns beide dazu; und wegen der Ehre unſres Kindes, wegen der Ihrigen, wegen meiner eignen Ehre komme ich, und bitte Sie, meine Hand anzunehmen.“ Zaide hörte ihn mit unerſchütterlicher *antwortete ſie,„daß die Krankheit, die Sie eben über⸗ ſtanden, Ihr Gehirn angegriffen hat. Was ſprechen Sie da von Heirath, von Liebe, von unſchuldigem Kind? Sie irren ſich ohne Zwei⸗ fel, Dorlis; was geht es mich an, daß Sie ſonſt die Ehe geflohen, und ſie nun ſuchen? Warlich ich verſtehe nichts von Ihren Unge⸗ reimtheiten; ich habe nie daran gedacht, Sie zu lieben, die geringſte Verbindung mit Ihnen einzugehn, und ich würde Ihre Rede für eine Beſchimpfung halten, wäre ich nicht über⸗ zeugt, daß Sie den Verſtand verloren haben!“* 9 82 ☛ 132 ☚ν So peinlich dem Dorlis der Gang zu Zaiden geweſen war, ſo ſchnell zerſtreute ihre Unverſchämtheit und der Schauder, mit dem ſie ihn erfüllte, alle innre Unruhe, und nur das größte Staunen erfaßte ihn. Im Zorn über die vermeſſene Aufführung dieſes Weibes rief er endlich voll Verachtung:„al⸗ ſo eine Abweſenheit von ſechs Monaten ließ Sie eine Verbindung von zwei Jahren und die Geburt Ihrer eignen Tochter vergeſ⸗ ſen!!“—— „„Verwegner,“ erwiederte ihm Zaide wü⸗ thend,„es hinge nur von mir ab, Ihnen zu be⸗ weiſen, daß man mich nicht ungeſtraft beleidigt; aber ich wiederhole es, nur dem Zuſtand von Gei⸗ ſteszerrüttung ſchreibe ich dieſen Schimpf, den Sie mir anthun, zu; aber verlaſſen Sie mich, und er⸗ ſcheinen Sie nie wieder vor meinen Augen!““ „Wahrlich, Madame,“ rief Dorlis,, man muß den Verſtand ganz verloren haben, wenn ☛ 133 3 es einem einfallen kann, Sie zu heirathen; 6 und der Schritt, den ich gethan, iſt ſo 1. ſchmachvoll, daß ich ihn nicht genug bereuen b kann.“ Mit dieſen Worten ging er; und Zaide, n froh, ihn los zu ſeyn, bekümmerte ſich nicht* 8 b weiter darum, ob er ſie haßte oder achtete. Dorlis war noch ſo verwundert, daß er 6 zu träumen wähnte, denn es war ihm uner⸗ 3 hört, daß man Lüge und Unverſchämtheit ſo⸗ weit treiben konnte. So noch in völligem 8 Nachdenken verſunken begegnete ihn Florval, einer ſeiner Freunde, der ihn ſogleich fragte, was ihm fehle. Das Ereigniß war zu ſon⸗ derbar, um es zu verſchweigen. Dorlis er⸗ zählte alſo, und Florval fand die Geſchichte ſo luſtig, daß er in lautes Gelächter ausbrach. „Aber, Liebſter,“ ſprach er,„warum 8 haſt Du denn den Schritt gethan, da Du 3 ſo mit Hortenſien ſtehſt? Dein Plan war b — doch nicht gar, Zaiden wirklich zu heirathen?“ — ☛ 134 ☛ „„Ich hatte meine Urſachen““ antwor⸗ tete Dorlis kurz.— „Nun, wenn Dir die Sache ſo lebhaft am Herzen liegt, ſo iſt nichts leichter, als Zaiden zu beſchämen; laß Dir das Taufzeug⸗ niß des Kindes kommen, deſſen Mutter ſie zu ſeyn leugnet, und das, wie ich von Dir gehört zu haben glaube, nach dem Bericht der Amme in der Kirche des Dorfes getauft worden iſt, wo Zaide während ihrer Schwan⸗ gerſchaft wohnte. Mit dieſem Schein verſehn, geh wieder zu ihr.“ „„Sie mag ich nie wiederſehn; aber Deinen Rath will ich befolgen, um das Glück meiner Tochter zu ſichern.““ Dorlis eilte nach Hauſe, und befahl einem ſeiner Diener, in dem Kirchſpiel, wo das Kind getauft wor⸗ den war, eine Abſchrift aus dem Kirchenbuche ſich geben zu laſſen. Sobald dieſer fort war, begab er ſich — ⁴☛☛p 135 zu Hortenſien, die er, eben ſo wie Madame Valſain, in tiefer Trauer fand.„Wo blei⸗ ben Sie denn ſo lange,“ rief ihm die gute Tante entgegen,„Ihre Gegenwart iſt hier ſehr nöthig. Ich kenne Hortenſien gar nicht mehr: ſeit geſtern weint ſie immer, ſeufzt, und ſpricht beſtändig von einem ſchnell gefaßten Entſchluß, ihre Tage in der Einſamkeit zu verleben; kommen Sie, lieber Dorlis, vertrei⸗ ben Sie dieſe traurigen Gedanken; Sie ſind ſelbſt dabei betheiligt; brauchen Sie Ihre ganze Beredſamkeit.“ Dorlis, dem Zaidens Benehmen die Frei⸗ heit gegeben hatte, den Neigungen ſeines Her⸗ zens zu folgen, bedeckte mit Küſſen Horten⸗ ſiens Hände, die zitternd, ſchweigend, nicht wagte, die Augen zu erheben, die Ausbrüche ſeiner Zärtlichkeit zurückwies, und ſich von ihm entfernen wollte. „Nein, nein, geliebte Freundin,“ ſprach —— ☛☚ 136 er, ſie feſthaltend,„Du ſollſt das Band, wel⸗ ches uns umſchlingt, nicht löſen; nichts kann Dich hindern, mir anzugehören, und Deine theure Tante verdient zu ſehr Dein und mein Vertrauen, als daß wir ihr die Wahrheit ver⸗ heimlichen dürfen.“ Hierauf, ehe Hortenſia noch antworten konnte, erzählte er der Ma⸗ dame Valſain, was ſich Tags zuvor zwiſchen ihm und ihrer Pflegetochter ereignet, und was der Erfolg des für ihn ſo peinlichen Ganges zu Zaiden ſei.„ Alſo,“ rief er erfreut,„iſt meinem Glück nichts mehr im Wege. Der Himmel, welcher ſah, daß Deine unwürdige Nebenbuhlerin das Opfer, das ich mir auf⸗ erlegt, nicht verdiente, hat es gewollt, daß ſie ſelbſt, mich dem geliebten Weſen, das ich al— lein anbete, wiedergab.“ „„ Wär es möglich, Dorlis? wie, ſollte Zaide 2* „Und Du zweifelſt noch?“ — —+ 2—ͤ— 137 G „„Ja, mein Freund; ich ſehe, Du haſt nicht Kraft genug, das Opfer, das man von Dir fordert, zu vollbringen; Du glaubſt, Hortenſia, deren Herz Du zu gut kennſt, wird den ſchrecklichen Schlag, der ihr droht, nicht ertragen; Dorlis, ahme meiner Entſagung nach; ein heiliger Schwur bindet Dich..“ „Zaide ſelbſt hat mich davon losgeſprochen, glaube es mir: ſie hat meine Hand zurückge⸗ wieſen, ſie hat mir verboten, ihr je vor die Augen zu kommen, ich ſchwöre es bei meiner Ehre!..“ „„Ach Dorlis, darf ich es glauben?““— Madame Valſain war eben ſo verwun⸗ dert wie Hortenſia über den Erfolg des Schrit⸗ tes, den Dorlis gethan, und wollte, daß ſchon am nächſten Tage die Hochzeit der beiden Lie⸗ benden gefeiert werden ſollte. Das unerwar⸗ tete Glück hielt Hortenſien nicht ab, mit Sorge an das Loos zu denken, welches ihre Verbindung der Tochter Zaidens bereiten wür⸗ 138 G de. Das Kind war der Gegenſtand des all⸗ gemeinen Geſprächs, als der Diener von Dorlis das Taufzeugniß brachte. Welch neuer Schlag für dieſen, als er ſah, daß dieſe Ra⸗ benmutter dem Kinde in der Taufe den Na⸗ men Hortenſia Dorimont gegeben hatte! Er war außer ſich vor Zorn; er fühlte ſich zu je⸗ der Gewaltthätigkeit gegen Zaiden fähig, um den Schimpf, welchen ſie ſeiner Braut ange⸗ than, zu rächen. Er wollte fort: da hielt ihn Hortenſia, erſchreckt über ſeinen Grimm und ſein Schweigen, zurück, und beſchwor ihn, ihr das neue Unglück, das ihn betroffen, mitzu⸗ theilen. Dorlis war in Verlegenheit, und wagte nicht, zu antworten; er gab das Pa⸗ pier in die Hände der Madame Valſain, und flehte die Geliebte an, ihm den Schimpf, den man ihrer Tugend angethan, zu verzei⸗ hen. Eine lebhafte Röthe bedeckte Hortenſtens Antlitz, als ſie die niederträchtige Handlung —— —— ☛☛o 139 Zaidens erfuhr; bald aber ſammelte ſie ſich von ihrer Verwirrung, und ſagte zu Dorlis; „mäßige Deinen Unmuth, Geliebter; dieje— nige, die ihre Ruhe Deiner Ehre zum Opfer brachte, iſt für Dein Glück fähig, noch Grö⸗ ßeres zu thun; und da Zaide glaubte, mich zur Mutter machen zu dürfen, ehe ich noch daran dachte, Gattin zu werden, will ich gern Dir zu Liebe den heiligen Namen, den ſie verſchmäht, annehmen. Zaide hat gemeint, auf meine Tugend einen Schatten zu werfen, ich fürchte aber nicht, daß ſie durch dieſe Handlung etwas an ihrer Reinheit verliere; und ich bin überzeugt, daß es für mich eben ſo rühmlich iſt, ein Kind, das meiner Sorge anvertraut wird, als das meine aufzunehmen, als es für Zaiden ſchimpflich iſt, ihm das Le⸗ ben zu geben und es dann zu verlaſſen.“ Nicht genug konnte Dorlis die Seelen⸗ größe und Herzensgüte ſeiner Hortenſia bewun⸗ ☛ 140 dern:„Theures Weſen,“ rief er,„wie kann V ich Deine hohe Tugend Dir vergelten?“ „„Dadurch, daß Du mir Deine ganze Zärtlichkeit ſchenkſt,““ antwortete ſie. Und Dorlis wiederholte freudetrunken tauſendmal den Schwur, ſie bis zum letzten Hauch ſei⸗ nes Lebens anzubeten! Den dritten Tag darauf feierten die Lie— benden ihre Vermählung. Hortenſia wollte es, daß die feierliche Handlung ſo glänzend als † möglich vor ſich gehe, und eine zahlreiche Ver⸗. ſammlung Theil nehme; nach dem ehelichen Segen ließ die junge Gattin die Tochter Zai⸗ dens bringen, und nahm ſie öffentlich an Kindes Statt auf; dieſe Handlung erwarb ihr die allgemeine Hochachtung. Zaide aber, der al⸗ les Gefühl der Natur und der Ehre fremd ge⸗ worden war, ſah ſich genöthigt, Montpellier zu verlaſſen, wohin ſie nicht wagte, zurückzukehren. 7 ——— Ber Seemann das ſonderbare Mißverſtändniß. In Marſeille lebte ein ausgezeichneter Offi⸗ cier von den franzöſiſchen Seetruppen, Na⸗ mens Nelſon, der ein bedeutendes Vermögen beſaß. Wagen und Pferde, eine gutbeſetzte Tafel, ſtets frohe Laune und ein herrliches Gemüth machten, daß man ſeine Geſellſchaft ſuchte, und ſo hatte er viele Freunde. In ſeinem Charakter zeigte ſich eine ſon⸗ derbare Miſchung von guten Eigenſchaften und Fehlern. Freund der Vergnügungen al⸗ ler Art, haßte er Zwang und Unterthänigkeit, und meinte deshalb, daß der eheloſe Stand für ihn der glücklichſte ſei. Sein Geiſt war erfinderiſch, wenn es darauf ankam, ſeinen 144 ☛ Freunden Zerſtreuung und Freude zu ſchaffen; aber die Kunſt, ihren Kummer zu verſcheu⸗ chen, war ihm völlig fremd; eine Thräne, ein Seufzer, eine Klage jagten ihn ſogleich in die Flucht. Kurz in ſeinen Antworten, gerade heraus in ſeinen Geſprächen, kannte er Höflichkeit und feinen Ton, ſo zu ſagen, nur dem Namen nach. Zarte, geiſtige Liebe war in ſeinen Augen eine Narrheit. Er hatte ſich einzig der Verehrung des Komus und des Gottes der Trauben gewidmet. Von allen ſeinen Freunden zog Nelſon einen gewiſſen Darcy, einen ſehr verdienſtli⸗ chen Mann, der beim Kriegsbauweſen ange⸗ ſtellt war, vor; eine angenehme Gattin und ein junges Töchterchen machten die ganze Fa⸗ milie aus. Madame Darey gehörte zu der leider ſo ſeltnen Claſſe von Frauen, die ihren Pflich⸗ ten treu, durch Sanftmuth und Gefälligkeit —,— 145 fen; ihre Männer an ſich zu feſſeln wiſſen, und heu⸗ ſo geſchickt ſind, ihnen ihr eignes Haus an⸗ ine, genehmer zu machen, als alle andern Orte, die eich ſie beſuchen. ten, Herr Darey, überzeugt, daß ſeine Freunde er immer von ſeiner Gemalin gern geſehn wa— nur ren, gab oft Gaſtereien, und hatte eben ſo⸗ var viel Freude, Gäſte zu laden, als dieſe über ſich V die Einladung empfanden. des Madame Darcy wußte, wie vertraut ihr Gatte und Nelſon waren, und kannte, da ſon V ſie ſich ſo oft ſahen, ſeine guten Seiten tli⸗ ebenſo, wie ſeine Fehler. Aus Antheil für ge⸗ ihn wünſchte ſie, er möchte ſich verheirathen; nd denn ſie glaubte feſt, eine ſanfte, liebenswür⸗ fa⸗ dige Gefährtin würde ihn bald von der ſchlim⸗ 1 men Angewohnheit, ſich zu betrinken, zurück⸗ der V bringen. ch⸗ V Es war aber ſchwer, in dieſem Punkt eit Nelſon beizukommen. Schon verzweifelte das— Damenerzaͤhler. II. 10 146 Ehepaar Darey an dem Gelingen, als der Zufall in einem Augenblick, wo ſie es am we⸗ nigſten dachten, ihren Plan begünſtigte. Darey hatte Nelſon zu Tiſche gebeten; dieſer, der an der Tafel ſeiner Freunde es ſich allemal tüchtig ſchmecken ließ, kam pünktlich zur feſtgeſetzten Stunde; er fragte wie ge⸗ wöhnlich ohne viele Umſtände, ob nicht bald aufgetragen würde. Madame Darey lächelte zu der ſonderbaren Frage, und bat ihn, ſeine Ungeduld nur aus Rückſicht auf ein eben ſo liebenswürdiges als ſchönes Mädchen zu mä—⸗ ßigen, das ſie erwartete, und das ſchon einige Nachſicht von ſeiner Seite verdiente. Bei den Worten: eben ſo liebenswürdig als ſchön ſah Nelſon Madame Darey lachend an:„nun wenn ich denn warten ſoll,“ ſagte er,„ſo erzählen Sie mir wenigſtens, wer das Wunder iſt;. Ihre Lobrede reizt meine Neu⸗ gier.“ —„— — ——᷑—᷑—ÿ—ÿ—ꝛ—⁊˖FQ———·. ☛ꝙ 147 ☛ „Wirklich? nun recht gern. Es iſt die 27 Tochter eines obern Officiers vom Ingenieur⸗ corps, der auf dem Schlachtfeld ſeinen Tod gefunden, und ein erhr Freund meines Gatten war. Ich ſelbſt lebte ſehr vertraut mit der Witwe, die ihrem Gemal bald ins Grab gefolgt iſt. Der Tod beider hat denn alle unſre Liebe auf die geiſtreiche Tochter ver⸗ eint.* „Ihr Name, wenn ich Lütten darf?“ „„Helene von Verſeuil.“ „Ihr Alter?* . 2) 1* Siebzehn Jahi 2 7 „Vermögen? „„Mittelmäßig; ſie iſt aber die einzige Erbin eines eh reichen, ganz originellen Landmanns.““ „Wer iſt denn das Original?“ Ihr Oheim, von ihrer Mutter Sei⸗ „» te.„*2 10* 2 4 — 148 „Herr von Ormeaux.“ „„Ich kenne ihn nicht.““ „Zu was führen aber alle Ihre Fra⸗ gen?“ „„Nur dazu, daß ich vergeſſe, daß die Suppe längſt auf dem Tiſch ſtehn ſollte; und trotz allem, was Sie mir von Helenen eben erzählt, überwiegt mein Hunger doch den Wunſch, ſie kennen zu lernen.““ „Wenn Sie ſie ſehen, werden Sie ſchon anders ſprechen.“ „„Ich zweifle; ich bin nicht ſo leicht 3 27 22 in Flammen zu ſetzen. „Nun wir wollen ſehn.“ 5, Iſt ſie denn reizend?““ „Sie iſt von mittler Größe, ihr Haar⸗ ſchwarz wie Ebenholz, ihre Augen blau, ihr Blick ſanft und geiſtreich; herrliche ſchönge⸗ formte Zähne zieren den Mund; Gang und Haltung ſind anmuthig.“ V on ht ☛ꝙ 149 ☛☚ „„Zum Henker, da iſt ſie ja vollkom⸗ 22 22 „Ihre geiſtigen Vorzüge ſind noch grö⸗ zer als die körperlichen.“ „„Hören Sie auf, Madame; ich werde am Ende verliebt, und das wär ein dn Unakua für mich, den Feind des Eheſtands.““ „Wer weiß, ob meine junge Freundin nicht beſtimmt iſt, Ihnen Ketten anzulegen.“ Nimmermehr, nimmermehr!““ N elſon, man muß nichts verſchwören, und ich wollte von Herzen lachen, wenn Sie 7⁹ ein neuer Paris würden, und um die neue Helena ſeufzten.“ Die Ankunft der Fräulein Verſeuil un⸗ terbrach das Geſpräch. Nelſon hatte ſich vor⸗ genommen, den Angriffen der Madame Darey zu widerſtehn, und die Fallen, die ſie ſeiner Frei⸗ heit ſtellte, zu meiden; aber er blieb ſtumm vor Staunen und Bewundrung, als er Helenen ſah. 7 150 ☛ Man ging zur Tafel; er ſetzte ſich ſtür⸗ m miſch neben ſie, ohne zu fragen, ob der Platz V S ihm beſtimmt war. Komus und Baechus hör⸗. di ten auf, ſeine Götzen zu ſeyn; er aß wenig, nn trank mäßig; ſelbſt ſeine heitre Laune war u I verſchwunden. Er wollte ſeine Bewegung ver⸗§ bergen, ſeine Augen abkehren von dem Gegen⸗ g ſtand, der ihn ganz feſſelte; vergebliche Mühe! G ſeine Blicke, die immer auf Helenen ruhten, V g 1 verkündeten ſeine Niederlage, und ſein Herz ſ— gab ihm die Beſtätigung. V G a Herr und Madame Darey, die mit V Freuden die Aufregung und die Umwandlung ihres Freundes gewahrten, boten Alles auf, ihn ſterblich verliebt zu machen, indem ſie der 7' Fräulein Verſeuil Gelegenheit gaben, ihre An⸗ muth und ihren Geiſt blicken zu laſſen. Wie die ſ ſchöne Helene dem Seemann neue Gefühle einflößte, ſo blieb auch Nelſon, den die ent⸗ ſtehende Neigung artig und zuvorkommend ☛̈ o 151 machte, nicht unbemrekt von ihr. Madame Darcy hütete ſich wohl, ihrer jungen Freun⸗ din von den Ausgelaſſenheiten, die der Haupt⸗ mann ſich manchmal erlaubte, zu ſprechen, und rühmte nur Nelſons gute Eigenſchaften. Kurz man wünſchte von beiden Seiten, zu gefallen, und dieſer Wunſch ward erhört. Nach Tiſche ward ein Spaziergang vor⸗ geſchlagen und angenommen; man reihte ſich paarweis zuſammen, wie Zufall oder eigner Wille es fügte. Nelſon hatte dem Fräulein Verſeuil ſeinen Arm gegeben: er ſah ſich bald ziemlich entfernt von der Geſellſchaft, um die er ſich nicht kümmerte, und konnte nun ſeine Gefühle nicht mehr mäßigen; nach eini⸗ gen unzuſammenhängenden Redensarten, die mehr Beweis ſeiner Liebe waren, als ſchmach⸗ tende Betheurungen, bat er Helenen, ſich mit ihm in den Schatten einer dichten, wenig be⸗ ſuchten Lindenallee zu ſetzen. Hier ergriff er, den wahrer Liebe pinnend ¹ P 7 ☛☛̈ 152 fortgeriſſen von der unbekannten Leidenſchaft, die ihn erfüllte, ihre Hand, drückte ſie an ſeine glühenden Lippen, und machte ihr mit kurzen, kräftigen Worten eine Liebeserklärung. „Fräulein,“ ſprach er freimüthig und mit feſter Stimme,„ ich habe nie ein ſchöne⸗ res, liebenswürdigeres Frauenzimmer geſehn, als Sie ſind, und ich ſchwöre Ihnen auf Eh⸗ re, daß Niemand Sie heftiger lieben kann, als ich. Ich weiß auch, daß ich nach jetziger Sitte erſt in der Stille hätte lieben, ſeufzen, ſchmachten und ſo abwarten ſollen, den Fa⸗ bis Sie mir er⸗ laubt hätten, Ihnen mein Herz zu öffnen; alle dieſe Umſtände paſſen nicht zu meinem Charakter; ich bin etwas geradezu, ich handle ohne Umſchweif: aber ich bin aufrichtig; ich fühle es, daß ich Sie zum Tollwerden liebe, und dies iſt mir genug, um es Ihnen zu ſa⸗ aer gen. Man wirft mir einige Fehler vor: eine, ——— ☛ᷣꝙ 153 ich gebe es zu, zu große Neigung zur Tafel und zum Saft der Reben. Sie können mich beſſern, Fräulein; ſtellen Sie meinen guten Kuf her; zeigen Sie meinen Freunden, daß eine liebenswürdige Gattin auf Nelſon mehr Gewalt ausübt, als Bacchus. Sie ſind noch frei, ich auch; Sie paſſen für mich, ich muß für Sie paſſen. Ein wohlgeſprochnes Ja wird mein Glück machen und das Ihrige auch!“ Helene mußte über die ſonderbare Er⸗ klärung lachen; aber Nelſons Freimüthigkeit geſiel ihr; ſein Seemannsſtand entſchuldigte dieſe Sprache, und Fräulein Verſeuil war zu gerecht, um nicht das offne Geſtändniß, wel⸗ ches ſie eben gehört, zu ſchätzen. Mit ihrer natürlichen Anmuth und Lie⸗ benswürdigkeit antwortete ſie, daß ihr die Ehre, die er ihr erwieſen, ſehr ſchmeichelhaft ſei; daß ſie aber, trotz ſeiner Ungeduld, es —— ☛ 154 Ꝙ für klug hielt, ſich erſt beſſer kennen zu ler⸗ nen, ehe man unlösbare Bande knüpfte; ſie würde über ſein Anerbieten nachdenken; und wollte, wenn in einigen Monaten ſeine Liebe noch dieſelbe wär, und ſie ſich entſchloſſen hät⸗ te, ſich zu verheirathen, an ihren Onkel, den Herrn von Ormeaux, ſchreiben, um ſich ſeine Einwilligung zu erbitten.„Dieſe Rückſicht,“ ſetzte ſie hinzu,„bin ich ihm ſchuldig. Der würdige Mann iſt mein zweiter Vater; ſeine Sorgfalt für mich, die Dankbarkeit, die ich ihm zollen muß, machen es mir zur Pflicht, ohne ſeine Einwilligung nicht über mich zu verfügen.”“ Nelſon ſah dieſe Verzögrung ungern; da er aber den weiſen Entſchlüſſen Helenens nichts entgegenſetzen konnte, ergab er ſich darein, ei— nige Zeit zu ſeufzen, doch nur unter der Be— dingung, daß ſie ihm die Erlaubniß gebe, ihr täglich ſeinen Beſuch zu machen. Helene 155 Nach dieſem langen Geſpräch fiel es dem einſamen Paar erſt ein, daß ſie nicht allein ſpatzieren gegangen waren. Beide erhoben ſich alſo, um wieder zur Geſellſchaft zu ſtoßen, die, wohl ahnend, was die Leut⸗ chen ſich möchten geſagt haben, erſt ihren Blicken ſich zeigte, als ſie ſah, daß ſie aufge⸗ willigte darein. ſucht wurde. Herr Darey und ſeine Gattin riethen endlich zur Rückkehr. Die einzelnen Fami⸗ Nelſon konnte ſich nicht ver⸗ lien trennten ſich. entſchließen, ſeine theure Helene ſchon zu laſſen; er wollte erſt mit ſeinem Freund noch ſprechen, und ging daher mit ihnen. Das frohe Ehepaar hatte ſchon errathen, was man ihnen eiligſt mittheilen wollte. Man neckte den Seemann, man billigte das kluge Be⸗ nehmen des Fräuleins Verſeuil; und die Un⸗ terhaltung ſpann ſich fort, bis man Mitter⸗ nacht ſchlagen hörte. ⁴☛ 156 Nelſon führte die reizende Helene heim, und kam als der verliebteſte Menſch nach Hauſe; er konnte nicht ſchlafen, ihr Bild ſtand unaufhörlich vor ihm. Kaum war es Tag, ſo eilte er zu Herrn Darcy, um mit ihm doch von ihr reden zu können. Hätte er ſeiner Ungeduld gefolgt, ſo wär er ſogleich zu Helenen gelaufen; aber ſein Freund hielt ihn zurück, und machte ihm begreiflich, daß das Mittel, den Damen zu gefallen, darin beſtänd, daß man ihre Ruhe nicht ſtörte, und daß der Wohlſtand forderte, daß ſie über den Morgen nach ihrem Willen verfügen könnten. Nelſon war noch ſo fremd in der Kunſt, ſich hier zu benehmen, daß er dieſem Rath nicht Folge geleiſtet hätte, wenn er nicht doch ernſtlich fürchtete, durch ſeinen Frühbeſuch dem Fräulein Verſeuil zu zeigen, daß er von der feinen Sitte der Welt gar nichts wußte. Aber kaum hob die Uhr zur zwölften Stunde aus, ⁴☛̈ 157 ſo verließ er ohne Umſtände Darcey, lief die Treppe hinab, ſtieg in ſein Carriol, peitſchte ſein Pferd, hielt bei Helenen, und ſagte ihr beim Eintritt ganz zutraulich, daß er ſich für den Mittag bei ihr zu Gaſte bät. Lachend entgegnete Fräulein Verſeuil, er käm ihrem Wunſch zuvor. Nelſon war ſehr erfreut darüber, und lenkte ſtracks das Geſpräch auf das Capitel, das man den vo⸗ rigen Abend begonnen; die Unterhaltung war lebhaft: Helene ließ ihrem Geiſt freien Flug, und ihr Frohſinn ward oft aufgeregt durch die ſcherzhafte und originelle Weiſe, wie der liebende Seemann von ſeiner Leidenſchaft zu ihr ſprach. Dies glückliche Zwiegeſpräch wurde plötz⸗ lich durch das Kammermädchen des Fräuleins geſtört, welches ihrer Gebieterin einen ſchwarz⸗ geſiegelten Brief überreichte. Helene öffnete ihn ſchnell. Nelſon ſah ſie ſtarr an; er be⸗ 158 ☛ merkte an der traurigen Miene, mit der ſie las, daß das Schreiben eine unangenehme Nachricht enthalte, ſtand alſo plötzlich auf, und wollte von Helenen Abſchied nehmen. „Wie? Sie wollen gehn, Nelſon, da eben Ihre Gegenwart mir nöthig iſt, mich tröſten kann?”“ „„Ich zweifle nicht, Fräulein, daß der Brief Ihnen etwas Unangenehmes meldet: das ſchwarze Siegel Da ich nun nicht will, daß das Vergnügen, welches ich in Ih⸗ rer Nähe empfinde, durch etwas geſtört wer⸗ de, gehe ich lieber; ich komme wieder, wenn ſich Ihr Schmerz wird beruhigt haben.““ „Wie ich ſehe, Nelſon, kann man alſo von Ihnen keinen Rath, keinen Beiſtand hof⸗ fen? Und doch iſt es ſo ſüß, die Leiden ſei⸗ ner Nächſten zu erleichtern!...“ „„ Allerdings; aber..* „Wenn Sie mich ſo lieben, Nelſon, wie —̈ 159 man nach Ihren Worten ſchließen kann, wird die Nachricht, die ich ſo eben erhalten, Sie eben ſo ergreifen, wie mich, da ſie ſich eben ſo gut auf Sie bezieht. „„ Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Fräu⸗ lein; ich kenne Sie erſt ſeit geſtern; der Brief iſt von La⸗Fore in der Picardie, vor mehre⸗ ren Tagen geſchrieben..““ „Er iſt von Herrn von Ormeaux, mei⸗ nem Onkel. Er meldet mir den Tod ſeiner Gattin, und bittet mich, ohne weitres zu ihm zu kommen; Sie ſehn nun wohl, daß es Sie angeht, da ich von hier zabreiſen muß; und ich glaube doch, daß unſere Trennung Ihnen nicht gleichgültig ſeyn wird.“ Dieſe Worte waren ein Donnerſchlag für Nelſon. Zum erſten Mal in ſeinem Le⸗ ben empfand er einen wahrhaften Schmerz, und er fühlte ihn nun um ſo tiefer. Lange Zeit war er ganz ſprachlos; er hatte ſeine — 1 2 160 Blicke auf Fräulein Verſeuil gerichtet, und ſtieß tiefe Seufzer aus. Helenen that es leid, und ſie bereute, ſo gerade heraus es ihm geſagt zu haben. Endlich erholte ſich Nelſon etwas, und ſprach mit ſchwankender Stimme: „ich ſehe nicht ein, was Ihre Abreiſe ſo noth⸗ wendig macht; Herr von Ormeaux konnte, wie es mir ſcheint, Ihnen dieſe Ortsverände⸗ rung wohl erſparen, die für meine Liebe ſo unheilbringend iſt.“ Fräulein Vermont antwortete ihm, daß ſie durchaus die Reiſe nicht unterlaſſen düdfte, und daß ſie in drei Tagen abreiſen würde. Vergebens ſuchte Nelſon, ſie von dem Ent— ſchluß zurückzubringen; Alles, was er erlangen konnte, war die Erlaubniß, ſie bis Aix zu begleiten. Ganz beſtürzt eilte der Hauptmann, nach⸗ dem er Helenen verlaſſen, zu Madame Dar⸗ ey, um ſie zu bitten, doch die Reiſe zu hin⸗ ☛ 161 tertreiben; dieſe ſtellte ihm aber vor, daß es von weniger Liebe für Fräulein Verſeuil zei⸗ ge, wenn er ſie abhalten wollte, eine heilige Pflicht zu erfüllen; daß es ja auch ſein eig— ner Vortheil ſei, Herrn von Ormeaux in gu⸗ tem zu erhalten. Statt alſo Helenen abzu— rathen von der Reiſe, ſollte er vielmehr ſie beſtärken in ihrem Entſchluß, da ſie, wenn ſie bei ihrem Oheim wär, leichter die Ein— willigung zu ihrer Verbindung erhielt. Dem ungeſtümen Nelſon koſtete es viel Mühe, dieſe Rede wahr zu finden; ſeine Liebe konnte ſich nicht unter die Geſetze beugen, die man ihm auferlegte; er glaubte vielmehr, alle Pflichten müßten ſeiner glühenden Neigung nachſtehn; er mußte aber doch wider ſeinen Willen das harte Urtheil unterſchreiben. Er⸗ bittert, daß ſeine Freunde andre Anſichten hat⸗ ten, als er, kehrte er zu Fräulein Verſeuil zurück. d Damenerzaͤhler II. 11 ☛ 162 Mehr Vernunft als Liebe hatte Helenen vermocht, Nelſons Anträge nicht zurückzuwei⸗ ſen, und ſo theilte ſie nicht den Kummer, den ihm ihre Abreiſe verurſachte. In der Furcht nun, der verliebte Seemann möchte ihr ſei⸗ nen Unwillen auf eine zu kräftige Weiſe füh⸗ len laſſen, hatte ſie beſchloſſen, Marſeille ſchon am nächſten Morgen zu verlaſſen, ob⸗ ſchon ſie ihm verſprochen, erſt in drei Tagen zu reiſen. In dieſer Abſicht hatte ſie während Nel⸗ ſons Abweſenheit Alles zu z9rer Reiſe vorbe⸗ reitet; und er fand ſie, als er zurückkam, ſo ruhig, daß er nicht die geringſte Ahnung von ihrem Plan hatte. Helene bat ihn, zum Abendeſſen zu bleiben, und bot Alles auf, die Schwermuth, die ſich von Zeit zu Zeit ſeiner bemeiſterte, zu zerſtreuen. Endlich na⸗ hete die Zeit für Nelſon, zu gehn; er ſchien aber ſo betrübt, daß Fräulein Verſeuil davon ge⸗ ☛☚ 163£☛ rührt wurde; doch überwand ſie die innre Be⸗ wegung, und ſagte ihm ein freundliches Lebe⸗ wohl. Er ſchlich traurig fort, und ſelbſt die Hoffnung, ſeine Angebetete in wenig Stun⸗ den wiederzuſehn, konnte ſeine Schwermuth nicht verſcheuchen. Als Helene allein war, ſchrieb ſie zwei Briefe, und übergab ſie ihrem Kammermädchen mit dem Befehl, den einen dem Hauptmann Nelſon, den andern Herrn Darey zu bringen. Es war ſchon ſpät in der Nacht; Fräulein Verſeuil beendete ihre ur Abreiſe, und ſtieg mit Tages Anbruch in den Wagen, der die Straße nach La Fore einſchlug. Nelſon konnte ſeine Unruhe nicht ertra⸗ gen; ſobald er glaubte, daß es irgend ſchicklich wär, begab er ſich zu Fräulein Verſeuil. Sein Schmerz war außerordentlich, als er ihre Abreiſe erfuhr; er verwünſchte Himmel und Erde, und würde gewiß lange ſo getobt 11* 164 haben, wenn man ihm nicht den Brief gege⸗ ben hätte, deſſen Inhalt folgender war: „Legen Sie meine ſchnelle Abreiſe nicht ungünſtig für ſich aus. Ich glaubte, ſo han⸗ deln zu müſſen, um uns beiden das ſchmerz⸗ liche Lebewohl zu erſparen. Meinen Aufenthalt in La Fore werde ich möglichſt abkürzen. Er⸗ tragen Sie meine Abweſenheit ohne Verdruß und Kummer. Erhalten ſie mir Ihre Ach⸗ tung, ihre Zärtlichkeit, und bauen Sie auf die aufrichtigen Gefühle Helene von Verſeuil.“ Nur dieſe Verſichrung konnte Nelſon etwas beruhigen. Der unglückliche Liebhaber ſuchte nun Troſt bei ſeinen Freunden. Herr Darey und deſſen Gattin, durch Helenens Brief ſchon unterrichtet, ſuchten ſeinen Schmerz, deſſen Größe ſie bewunderten, zu mäßigen; es war ihnen unbegreiflich, wie ſchnell der ⁴☛ᷣñ 165 Hauptmann ſeinen Charakter, ſeine Sitten und Gewohnheiten geändert hatte. Es gelang dem Ehepaar endlich, Nelſon zu überzeugen, daß Helene der Forderung des Oheims durchaus Folge leiſten mußte; und ſie forderten ihn anf, mit Fräulein Verſeuil in einen regen Briefwechſel zu treten, wo⸗ durch die Leiden der Trennung erträglicher ge⸗ macht würden. Der Vorſchlag gefiel Nelſon zu gut, als daß er ihn nicht befolgt hätte. Er, der ſonſt leidenſchaftlich an den Freuden der Tafel, dem Spiele, der Jagd und allen rauſchenden Ver⸗ gnügungen hing, kam jetzt kaum aus dem Hauſe; Herr und Madame Darey waren die einzigen, die er bei ſich ſah oder ſelbſt be— ſuchte; und vielleicht würde er auch ſie ver⸗ mieden haben, hätten die lieben Freunde nicht immer von Fräulein Verſeuil mit ihm ge⸗ ſprochen. ☛ 166 Die liebenswürdige Reiſende kam ohne Unfall bei ihrem Oheim an. Dieſer empfing ſie mit der größten Zärtlichkeit. Kaum hatte ſie ſich aber von der Reiſe erholt, ſo eröff⸗ nete er ihr, daß er den Plau habe, ſie mit dem Oberſt⸗Lieutenant Seipion, mit dem ſie den Tag nach ihrer Ankunft geſpeiſt hatte, zu verheirathen. Dieſer Kriegsmann war erſt neun und ſechzig Jahr alt, trug eine fuchs⸗ rothe Perrücke, ging an Krücken; er war ziin Anbrennen mager, hatte eine olivenfarbne Wangenröthe, dabei eine rieſenhafte Größe, und einen gebeugten Rücken. Ein Auge fehlte ihm, und von dem andern bemerkte man nicht viel, da es von einem grünen Glas, mit eben ſolchem Taffet umgeben, bedeckt war. Seine Naſe war kurz, blüthenreich, die Naſenlöcher weit geöffnet; die Zungenhöhle, mit einem ungeheuren Eingang verſehn, war Witwe von acht und zwanzig Zähnen; und ☛ 467 ☚ zu dieſen phyſiſchen Reizen des gichtiſchen, aſthmatiſchen Freiers geſellte ſich noch der häßlichſte Charakter. Sehr natürlich konnte ſolch ein Menſch das Fräulein nur mit dem größten Abſcheu erfül⸗ len. Das glaubte Herr von Ormeaux auch, aber er meinte, ſein großes Vermögen müßte alle dieſe Fehler bedecken. Seine Einkünfte beliefen ſich auf ſechzigtauſend Livres, und er war eben zum Statthalter in einer be⸗ deutenden Stadt ernannt. Helene ſchlug ohne weiteres die Ehre, Herrn Scipion anzuge⸗ hören, aus, und glaubte, ihrem Oheim geſtehen zu müſſen, daß ihr bereits ein ſehr vortheil— hafter Antrag gemacht ſei, und jener ihr eben ſo gefalle, als der Herr Statthalter ihr un⸗ angenehm wär. Herr von Ormeaux wollte aber keine Vorſtellung ſeiner Nichte gelten laſſen. Ganz trocken antwortete er ihr, daß ſie, da er die ☛ 168£☛ 4 Güte hätte, ſie zur Erbin einzuſetzen, ihm auch Gehorſam leiſten müßte, oder ſie ſollte auf ſein Vermögen verzichten; außerdem würde er nie ſeine Einwilligung zu einer Verbindung ohne ſeinen Willen geben. Helene war in Verzweiflung, und ſuchte einigen Troſt darin, daß ſie Nelſon die traurige Lage ſchrieb, in der ſie ſich befand. Der Hauptmann ge⸗ rieth, als er den Brief las, in eine unbe⸗ ſchreibliche Wuth. Er wollte ſelbſt zum Oheim reiſen, ihm ſeine Grauſamkeit vorwerfen, mit Scipio ſich ſchlagen, ohne weiter an die Fol— gen dieſer Handlung oder das Alter des Ober⸗ ſten zu denken, welches ihn vor dergleichen Anfällen ſchützte. Alle Klugheit von Herrn und Madame Darey würde ihn kaum von ei— ner Thorheit zurückgehalten haben, wenn nicht ein zweiter Brief ſeinem Herzen die Hoffnung wiedergegeben hätte. Dies war ſein Inhalt: „Beruhigen Sie ſich, geliebter Nelſon; 2 O Q 2 169 aller Kummer iſt verſchwunden. Ein Anfall von Gicht hat das Leben Ihres Nebenbuh⸗ lers geendet. Mein Oheim iſt vernünftiger geworden. Ich glaubte ihm nicht eher etwas Ausführliches über Sie ſagen zu dürfen, als bis ich Sie wiedergeſehn; doch hat er ſo viel von mir erfahren, daß ich keinen würdigern Mann hätte wählen können. Ich reiſe bal⸗ digſt nach Marſeille zurück, wo ich Sie in beſtem Wohlſeyn anzutreffen hoffe. Rechnen Sie auf die unveränderte Zuneigung Ihrer Freundin Helene von Verſeuil.“ Während Nelſon nun beruhigt war, und ungeduldig die Tage und Stunden bis zur Rückkehr ſeiner Angebeteten zählte, wendete das Fräulein alle Ueberredungskunſt an, ihren Oheim dahin zu bringen, daß er ihr die freie Wahl eines Gatten überließ. Herr von Or⸗ meaux war leicht zu überzeugen; er war ein ☛̈ 170 braver Edelman, und ſein Verſtand mehr als mittelmäßig. Das Schloß, wo er geboren war, hatte er nur verlaſſen, um ſeine benach— barten andern Beſitzungen in Augenſchein zu nehmen, und ſeine Erziehung beſchränkte ſich nur darauf, daß man ihn gelehrt hatte, ſein Vermögen geltend zu machen. Herr von Ormeaux war ganz eingenom⸗ men und ſtolz auf das Alter ſeines Adels. Fräulein Verſeuil, die ihn kannte, ſprach we⸗ nig vom Hauptmann, aus Furcht, er möchte das Lob, das ſie ihm zollte, mehr für Zunei⸗ gung zu Nelſon, als für gerechtes Anerken⸗ nen ſeiner Verdienſte halten; ſie verſicherte ihn blos, er ſei reich, von guter Herkunft, und bekleide einen ehrenvollen Poſten; ſie bat ihn, doch ſelbſt hinzukommen, um mit eignen Augen zu ſehn, und verſprach ihm, ohne ſeine Zuſtimmung nichts zu beſchließen. Herr von Ormeaur freute ſich über dieſe — ꝙ— Unterwürfigkeit und ſagte es ihr zu, in we⸗ nig Tagen ſelbſt nach Marſeille zu kommen; ohne ſich nun weiter darum zu bekümmern, wer Nelſon wär, verſicherte er ſeine Nichte, daß, wenn die Verbindung ihm ehrenvoll und vortheilhaft erſchien, er nichts dawider hätte. Die Geſchäfte des Fräuleins Verſeuil wa⸗ ren nun ganz beendet; ſie beſchleunigte ihre Rückreiſe nach Marſeille in der Hoffnung, ihren Oheim dort bald zu ſehn, der ſich ge⸗ wiß freuen würde, einen Mann, wie Nelſon, zum Schwiegerſohn zu bekommen. Kaum war ſie angelangt, ſo meldete ſie der Madame Darey ihre Rückkehr; Nelſon, der eben bei dieſer war, lief ſogleich fort, ohne daran zu denken, ihr ſeinen Arm zu bieten, um ſie zu ihrer Freundin zu führen. Wer beſchreibt den Ausbruch ſeiner Freu⸗ de, als er ſeine theure Helene wiederſah. Sie empfing ihn mit einer Fröhlichkeit und ⁴☛ 172 Anmuth, die wohl zeigten, daß ihr ſein Glück nicht gleichgültig war; ſie erzählte ihm aus— führlich Alles, was ſich mit ihr zugetragen; als ſie ihm aber geſagt, daß ſie Herrn von Ormeaux abwarten müßte, bevor ſie ſich ver⸗ heirathen könnte, brach er in Klagen über den neuen Aufſchub aus:„Sie hätten ihn gar nicht einladen ſollen,“ rief er,„die Reiſe zu machen; ein Oheim iſt ja kein Vater; ſeine Gegenwart haben wir ſehr wenig nöthig. Sie werden ſehn, der Alte iſt boshaft genug, nicht zu kommen, und das blos, um mich noch zur Verzweiflung zu bringen!“ Fräulein Verſeuil lachte laut auf über dieſe Rede; da ſie aber ſchon an Nelſons Weiſe gewöhnt war, nahm ſie es nicht übel, ſondern rieth ihm, an ihren Oheim zu ſchrei⸗ ben, damit dieſes Zeichen von Hochachtung ihn beſtimme, ſeine Reiſe zu beſchleunigen; 173 Nelſon ergriff auch ſogleich die Feder, und ſchrieb folgenden Brief: An Herrn von Ormeaux; „Ihr Fräulein Nichte, mein Herr, hat Sie bereits unterrichtet, wie ich vor Unge— duld vergehe, ein Glied Ihrer Familie zu werden; ſie hat Ihnen aber nur mit ſchwa⸗ chen Farben die heiße Liebe für ſie, die mich durchglüht, ſchildern können; ich wünſchte, eine Krone zu beſitzen, um ſie ihr reichen zu können. Mein Vermögen iſt anſehnlich ge⸗ nug; ich lege es zu ihren Füßen, und be⸗ ſchwöre Sie, ſobald als möglich hierher zu— kommen, um mich ganz glücklich zu machen, indem Sie mir zugleich mit dem Namen des Gatten Helenens den Ihres Neffen verleihen. Nelſon, Galeerenhauptmann zu Marſeille.“ Der Brief hatte Helenens Beifall; Nel⸗ ſon, der wußte, daß er ſich beſſer bediente als ⁴☛ᷣ̈ 174 ſeine Leute ihn, trug eiligſt den B Brief ſelbſt auf die Poſt, und traf dann mit Fränulein Verſeuil bei Madame Darey zuſammen, die nun, da der Hauptmann ſie ſo ungeſtüm ver⸗ laſſen hatte, allein den Beſuch nicht machen wollte, und auch überzeugt war, daß ihre bei dem erſten Wie⸗ Gegenwart den Liebenden derſehn nach ſo langer Trennung eher un⸗ angenehm als erſremnich ſeyn würde. Vierzehn Tage vergingen ohne Antwort; Nelſon erwartete ſie mit ſolcher Ungeduld, daß er jedesmal, wenn er ausging, ſeinen Leuten befahl, wenn Briefe an ihn kämen, ſie in das Haus, wohin er gehn wollte, zu bringen. Fräulein Verſeuil hatte Herrn und Madame Darey und den zärtlichen Nelſon zu einem großen Mittagseſſen eingeladen; da brachte während der Tafelzeit einer von des Haupt⸗ manns Leuten einen Brief, der eben ange⸗ langt war; er kam von La Föére. Nelſon brach ihn eiligſt auf, und las Folgendes mit lauter Stimme: Verruchter! „Wenn meine Nichte von Ihm mit mir ge⸗ ſprochen hat, ſo ließ ſie mich glauben, daß Er ein ehrlicher Menſch wär, und einen ehrenvollen Poſten bekleidete. Sein Brief aber beweiſt mir, daß ſie mich hintergangen; ſo wiſſe Er denn, mein Herr Galeerenſelave, daß meine Tochter nicht für einen Elenden, wie Er iſt, gehört. Wie kann ein Räuberhauptmann ſo frech ſeyn, ſich mit einem Fräulein aus guter Familie verheirathen zu wollen, und von Adel obendrein? Ich werde nach Marſeille kommen, wo ich Ihm ſeine Kühnheit durch die Todesart werde büßen laſſen, die für die Böſewichter gehört, welche Leute auf den Heerſtraßen anfallen. Ich bin leider gezwun⸗ gen, Seinen ſchändlichen Stand auf meinen ⁴☛☛ꝙ 176 Brief zu ſetzen, damit er in Seine verruchten Hände gelange. v. Ormeaux, Oheim eines un⸗ glücklichen Mädchens, die einen Galeerenſelaven liebt.“ Der Brief verſetzte die Geſellſchaft in kein ge⸗ ringes Staunen, namentlich den Hauptmann. Der Brief entfiel ſeinen Händen; nur Helene brach in lautes Gelächter über den ſonder⸗ baren Styl aus; Nelſon glaubte ſich ſchwer beleidigt, und zwang ſich nur aus Rückſicht für das Fräulein, ſeinen Zorn zu mäßigen. Helene bemerkte es:„ich wundre mich wahrlich,“ ſprach ſie,„wie der Brief meines Oheims, nach dem Bild, das ich Ihnen von ihm entworfen habe, noch ärgern konnte; ich habe Ihnen Herrn von Ormeaux geſchil⸗ dert, wie er iſt, als braven, aber ſehr un⸗ wiſſenden Mann; er hat in ſeinem Leben nichts geſehn, nichts gelernt, und kennt über⸗ 177 ten haupt von Kriegspoſten ſehr wenig, nament⸗ lich aber von den Seetruppen.“ un⸗„„Nun dies wird mir Niemand einſtrei⸗ nen ten,“ unterbrach ſie Nelſon ungeſtüm,„daß Jemand ſo einfältig ſeyn kann, daß er den ge⸗ Unterſchied zwiſchen Galeerenſelave und Ga⸗ nn. leerenhauptmann nicht kennt; und ohne die Ach⸗ ene tung, die ich für Sie habe, Fräulein, würde ich der⸗ den Herrn von Ormeaux lehren, ſich von ei⸗ ver ner Sache erſt zu unterrichten, ehe man dar⸗ icht über urtheilt.““ . Herr und Madame Darey, aus Furcht, nich der Vorfall möchte die ganze Verbindung zer⸗ nes ſtören, redeten dem Hauptmann zu, die Sache von von der ſcherzhaften Seite zu nehmen, und ich Herrn von Ormeaurx erſt ankommen zu laſſen, hil: und ſich über ſeine Unwiſſenheit luſtig zu ma⸗ un- chen, die ihm eine ſo falſche Idee von dem ben ehrenvollen Poſten ſeines künftigen Neffen ge⸗ ber⸗ geben hatte. Damenerzaͤhler. II. 12 178 Q Der Vorſchlag enthielt einen luſtigen Ein⸗ fall, der dem Hauptmann gefiel und ſeinen Unmuth ſtillte. Nach einiger Ueberlegung ent⸗ ſchuldigte er ſich wegen ſeiner Hitze, las den Brief noch einmal, und lachte endlich auch darüber. Herr von Ormeaur folgte ſeinem ſonder⸗ baren Sendſchreiben auf dem Fuß nach. Er kam in einer Art Cabriolet, welches zwei No⸗ ſinanten zogen, die ein buckliger Kutſcher lenkte; ein Zwerg ſtand hinten auf der merk⸗ würdigen Kutſche. Alles war zu dem Em⸗ pfange des ehrlichen Landedelmanns vorbe⸗ reitet. Helene verſteckte Nelſon und ließ ſo— gleich ihre Freunde zu ſich rufen. Herr von Ormeaux machte ſolchen Lärm an der Thür ſeiner Nichte, als wär er mit ſechs Pferden angelangt; Fräulein Verſeuil ging ihm entgegen, that, als bemerke ſie ſein finſtres Weſen nicht, und umarmte ihn zärtlich. „Endlich, lieber Oheim,“ ſprach ſie fr u. —(— 2 7 ☛ 179 freundlich, habe ich das Vergnügen, Sie bei mir zu bewirthen.“ „„Ich aber,“ ſagte er barſch,„ habe gar keines, hierher zu kommen, wenn es nicht einzig geſchäh, um Dich abzuhalten einen... 3 „Sprechen ſie nicht davon,“ entgegnete Helene,„von falſchem Anſchein geblendet, er— fuhr ich zu ſpät das, was ich Ihnen habe 2² „* verheimlichen wollen.... „„Du haſt alſo den Verworfnen ſchimpf⸗ lich den Abſchied gegeben?— Helene, wie konnteſt Du ſolche Schande über unſre Familie bringen wollen? Ich bin ganz außer mir!* „ Ich bitte Sie, theurer Oheim, ver⸗ geſſen Sie.“ „„Ich ſoll vergeſſen, daß Du mir einen Menſchen, der zur Galeerenſtrafe verdammt iſt, zum Neffen haſt geben wollen?.... „Ich bitte Sie, ſtören Sie meine Freude nicht, die ich habe, Sie wiederzuſehn.“ 12* *2 1 ³☛☛ 180 „„Mache Dich bereit, mir zu folgen.““ „Aber geliebter Oheim...“ „„Keine Widerrede; gehorche! es treibt mich, eine Stadt zu verlaſſen, wo ich bei je⸗ dem Schritt auf den verruchten Nelſon ſtoßen kann; er ſpäht gewiß meine Ankunft aus; fühlſt Du nun, unkluges Mädchen, die Fol⸗ gen dieſer Verbindung, die meinen und Dei⸗ nen Tagen Gefahr droht?““ „Erholen Sie ſich nur.“ „„Das iſt leicht geſagt, Helene; und obgleich ich und alle meine Leute vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet ſind...““ „Ich verſichre Sie nochmals, Sie haben nichts zu befürchten.“ „„Was ſoll man denken nach einer ſol⸗ chen Aufführung von Dir? man liebte, man achtete Dich.““ „Man liebt und achtet mich noch.“ —— —.,— 8 ⁴☛ 181 „„Das möchte doch ſchwer zu beweiſen ſeyn.““ „Ganz und gar nicht.“ „„Man flieht Dein Haus.“ „Die achtbarſten Familien beehren mich mit ihrem Beſuch.“ „„Höre auf zu ſcherzen, darum bitte ich. „Ich ſage nur die Wahrheit, und um Sie davon zu überzeugen, lade ich Sie zum Mittagseſſen mit ſehr geſchätzten Perſonen ein, die ich heute bei mir ſehe.“ 57 „„Wär es möglich?“““ „Verſprechen Sie mir, Ihre üble Laune zu vergeſſen; ich bin feſt überzeugt, daß Sie dieſen Abend noch zugeben werden, daß Ihre Nichte nie Ihrer unwürdig war.“ „„Nun, mich ſoll der und jene holen, wenn ich ein Wort davon verſtehe.““ Indem meldete Helenens Kammermäd⸗ chen, daß eben einer der Gäſte ankäm. Fräu⸗ ☛ 182 ☛ lein Verſeuil bat Herrn von Ormeaux von neuem, ruhig zu ſeyn, und dieſer, verwundert über die Rede ſeiner Nichte, verſprach, als Freund einer guten Tafel, Alles, und fühlte wirklich ſchon, wie ſein Zorn ſich legte. Nel— ſon trat in das Zimmer. Sein glänzender Anzug, ſeine offnen Züge, ſein vornehmer, leich⸗ ter Ton machten tiefen Eindruck auf den Landedel⸗ mann, der ſogleich aufſtand, und heimlich ſeine Nichte fragte, ob dies ein Großer vom Hof wär. „Allerdings,“ erwiederte ſie geheimniß⸗ voll,„es iſt ein Graf.“— Sogleich bückte er ſich tief vor dem Hauptmann, dankte ihm in ſehr demüthigen Ausdrücken für die Ehre, die er ſeiner Nichte erwies, und bat ihn um ſeinen Schutz gegen einen Schurken von der Galeere, der die Kühnheit hätte, ſich um die Hand des Fräu⸗ leins Verſeuil zu bewerben. Nelſon konnte kaum das Lachen unter⸗ —] drücken; er reichte ihm die Hand, und Herr von Ormeaux ſtreckte die ſeinige auch aus; der Hauptmann drückte ſie herzlich, und ver⸗ ſprach ihm, nichts zu vernachläſſigen, wodurch er ihm angenehm und nützlich ſeyn könne. Man meldete Herrn und Madame Dar⸗ ey, die ſogleich eintraten. Nelſon hatte in ſeinem Plan der Rache vorzüglich gewünſcht, den Oheim Helenens zu blenden; ſeine Freunde erſchienen denn abſichtlich in größtem Glanz. Kaum erblickte er die Neuangekommnen, ſo erneuerte er die reſpektvollſten Begrüßungen; Darey und ſeine Gattin gaben ihm ſeine Höf⸗ lichkeiten zurück, und wünſchten ihm Glück dazu, eine ſo allgemein geſchätzte Nichte zu haben. „Ich würde ſtolz ſeyn auf meine Helene,“ antwortete er, nachdem ſie ſich geſetzt hatten,„wenn ſie ſich nicht in einen Hauptmann von Straßen— räubern verliebt hätte, der ſie heirathen will.“ „„Fräulein Verſeuil,“ antwortete Ma⸗ 1 184 dame Darey, und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken,„iſt zu wohlerzogen, um ſich ſolch einer Neigung hinzugeben; ſeit wir ſie kennen, haben wir nie in ihrer Aufführung etwas gefunden, was zu tadeln wär.““ „Ich bin ſehr betrübt,“ ſagte Fräulein Verſeuil,„daß ein Umſtand, den ich gar nicht ahnen konnte, meinem Oheim eine ſo ungünſtige Meinung von mir beigebracht hat; der Herr Graf,“ fügte ſie hinzu, auf Nelſon zeigend,„wird mich darin rechtfertigen können.“ „„Ich freue mich ſo, Sie rechtfertigen zu können,“ unterbrach ſie Nelſon,„daß, um Ihrem Herrn Oheim über die Zukunft ganz zu beruhigen, ich ihn beſchwöre, wenn Sie einwilligen, mir Ihre Hand zu geben; ſeit langer Zeit liebe ich Sie, und ohne dieſe Ge⸗ legenheit würde ich nie gewagt haben, es nen zu geſtehn.““ Herr von Ormeaux war entzückt über das, 185 ht was er hörte; er ſprang eiligſt auf, lief auf ch den Hauptmann zu, warf ſich in ſeine Arme, ie. und rief:„ach! Herr Graf, wie bin ich er⸗ 19 freut über die große Ehre, und wie glücklich iſt meine Nichte, Ihnen zu gefallen.“ in Dieſes Vorſpiel der Beluſtigung, die man ar ſich vorgenommen, ſtimmte alle Geiſter fröhlich, ſo und man ſetzte ſich mit ſo heitrer Stimmung t; zu Tiſche, daß die geringſte Veranlaſſung ein 3 en 1 allgemeines Gelächter herbeiführte. 2 Mehrmals zeigte Herr von Ormeaux n ſeine völlige Unwiſſenheit; er lachte, weil er m die Andern lachen ſah, und ihn der Wein, nz den Nelſon ihm reichlich einſchenkte, ſo be⸗ ie lebte, daß er ſelbſt nicht mehr wußte, was er it 1. that. Das Mittagsmahl dauerte ſo lange, e⸗ daß die Leute des Hauptmanns Zeit genug h⸗ hatten, ſeine geheimen Befehle auszuführen; als er endlich glaubte, daß Alles bereit wär, gab er Helenen ein Zeichen, und ſie erhob ſich ⁴☛ 186 von der Tafel.„Der Abend iſt ſo ſchön,“ ſagte ſie;„laſſen Sie uns einen Spazier⸗ gang machen, und meinem Oheim den Hafen von Marſeille zeigen.“ Der gute Mann, der keinen andern Wunſch hatte, als den der Geſellſchaft, wil⸗ ligte ein. Man meldete Nelſon, daß ſein und Herrn Darcy's Wagen bereit wären; man ſtieg ein. Herr von Ormeaux war ganz ſtolz darauf, in ſo einer geſchmackvollen Kutſche zu fahren, und bog ſich aller Augenblicke ein⸗ mal vor, um ſich den Vorübergehenden zu zeigen, und wenig fehlte, ſo hätte er ſie auch mit einer Gönnermiene gegrüßt. Am Hafen ſtieg man aus. Der edle Landmann ſtaunte die große Menge Schiffe an, die er erblickte, und rief einmal über das andre:„ach! wie ſchön iſt dies!“ Nelſon führte ſeine Freunde in ſeine Galeere; eine ſanfte Muſik ließ ſich hören, als ſie eintra⸗ te ☛ 187 ten, und der Hauptmann ſetzte ihnen einen herrlichen Punſch vor. Der arme Ormeaux war ßer ſich; er machte große Augen, und baunt⸗ gar nicht aufhören, zu trinken. Aber mitten in dieſen angenehmen Träumen ſah er eine große Menge Ruderknechte, die ihm ſeinen Galerenſelaven ins Gedächtniß riefen.„Aber,“ ſagte er zu Nelſon,„die Leute, die man ſo hart behan⸗ delt, ſind wohl Böſewichter? wie kommt es, daß dieſe auf Schiffen ſind?“ „„Dies ſind keine Schiffe, mein Herr,“ antwortetete Nelſon kalt,„es ſind Galeeren.““ „Galeeren?“ wiederholte Herr von Or⸗ meaux erſtaunt;„und dies, wo wir ſind?.“ „„Iſt auch eine Galeere, deren Haupt⸗ mann ich bin.““ „Ach, Himmel!“ rief Ormeaur erblei⸗ chend„und Sie heißen, wenn ich bit⸗ ten darf?““ ☛ 188£☛. „„Nelſon.““ „Ach! ich bin verloren; Sie ſind alſo mein verruchter Galeerenſelave?“ 2) 22 „„Ja, mein Herr, antwortete der Seemann, kehrte ihm den Rücken zu, und entfernte ſich langſam. Herr und Madame Darey traten zu Herrn von Ormeaux, der zit⸗ terte und laut ſtöhnte, und ſuchten ihn zu beruhi⸗ gen. Herr Darey erklärte ihm, was ein Galee⸗ renhauptmann ſei, ging dann in Lobeserhebungen ſeines Freundes über, und es gelang ihm endlich nach vieler Mühe, ihn zur Vernunft zu bringen. „Aber,“ ſagte er, immer noch von ſei⸗ ner Idee eingenommen,„warum nimmt er nicht lieber den Titel Schiffshauptmann an, ſtatt Galeerenhauptmann? Ich verſichre Sie, mir mißfällt es ſehr.“ Auf dieſe Frage mußte Darecy von neuem alle Beredſamkeit aufbieten, um ihm begreiflich zu machen, wel⸗ cher Unterſchied in dieſen Benennungen ſei. ☛̈ PD 189 Unſer Landmann wagte nicht wieder, vor dem Mann, den er ſo ſehr beleidigt, zu er— ſcheinen. Seine Nichte übernahm es, ihn bei Nelſon zu entſchuldigen, und ſtellte den Hauptmann ihrem Oheim vor. Dieſer ſtot⸗ terte einige Redensarten; doch Nelſon unter⸗ brach ihn lachend, und entſchuldigte ſich ſeiner Seits wegen des Schreckens, den er ihm be⸗ reitet.„Ich mußte dieſes Mittel aber er⸗ greifen,“ ſetzte er ſcherzend hinzu,„damit Sie mich kennen lernten, und ich Ihnen be⸗ weiſen konnte, daß ich nie andre Ketten getra⸗ gen habe, als die Ihrer liebenswürdigen Nichte.“ Die Ausſöhnung war nun völlig herge⸗ ſtellt. Herr von Ormeaux, erfreut, einen Freund in dem zu finden, deſſen Zorn er ge⸗ fürchtet hatte, ſagte zu Nelſon, daß er ihn den nächſten Morgen bei ſeiner Nichte erwarte. Die ganze Geſellſchaft kehrte heiter und froh zu Fräulein Verſeuil zurück; und es war das —— ☛̈% 190 erſte Mal, daß beim Abſchied der liebeheiße Seemann ſich trennte, ohne ſein unglückliches Schickſal zu verwünſchen; es war die letzte Nacht, die er fern von ſeiner theuren Helene zubringen mußte. Der Hauptmann ſtellte ſich pünktlich ein, wie ihm Herr von Ormeaux geheißen. Er fand ihn im Geſpräch mit einem Notar und Fräulein Verſeuil. Herr und Madame Darey kamen eben, als der Ehecontract geleſen wurde, und unterzeichneten ſich gleich als Zeugen. Der Oheim hatte die ſchöne Helene ſehr reich ausgeſtattet, und die Hochzeit wurde unver⸗ züglich gefeiert. 2 Einige Tage darauf trat Herr von Or⸗ meaux, der ſich ſehnte, ſeine großen Beſitzun⸗ gen wieder zu ſehn, die Rückreiſe nach ſeinem Schloß La Fore an, und dankte dem Himmel, daß der Unfall, den ihm ſeine Unwiſſenheit zu⸗ gezogen, keine übeln Folgen für ihn gehabt hatte. 99 ——“ „