— 2 4ℳ 2 * A 7— * Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —————— auf 1 Monat: 1 Mck.— Pf. 1 Wer. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. 41 2 „ 1 „ 7„—. 5„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Benten verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Drei Woihber. Eine Novelle dem Abbeé de la Tottr. Aus dem franzöſiſchen Manuſkript überſetzt Cogitans dubito. 3 1 Leipzig, in der Pet. Phil. Wolfiſchen Buchbandlung. 4 1795. — E 4½ ———p — QQ—/———-’——— d Für wen ſoll man nun noch ſchreiben? ſagte der Abbé de la Tour.— Für mich! ſprach die junge Baronin von Bergen.— Man denkt, man träumt lauter Politik; fuhr der Abbé fort.— Die Politik iſt mir ein Gräuel, erwiederte die Baronin; und das Unheil, das der Krieg in meinem Va⸗ terlande anrichtet, macht mir Zerſtreuung zum äußerſten Bedürfniß. Ein Schriftſtel⸗ ler, der auch nur auf einen Tag oder zwei mein Gefühl und meine Gedanken ange— nehm beſchäftigte, würde ſich alſo meinen lebhafteſten Dank erwerben.— Mein Gott, gnädige Frau, ſagte der Abbé nach einem Augenblick Stillſchweigen; wenn ich könn⸗ te—— Sie könnten! fiel die Baronin A 2 ein.— Nein, nein, ſagte der Abbs; ich könnte nicht. Sie würden meine Schreib— art ſo ſchaal finden, wenn Sie die Schrif— ten des Tages dagegen hielten! Sieht man wohl einem Menſchen zu, der ſchlicht— weg blos ſeinen Weg fortſchreitet, wenn man gewöhnt iſt, nichts als gewaltige Kunſtſtücke und Salto mortale's zu ſehen? — Doch, ſprach die Baronin; einem Men— ſchen, der mit ziemlichem Anſtand und ziem— licher Schnelligkeit auf ein intereßantes Ziel zugienge, würde man noch immer mit zu— ſehen.— Ich will verſuchen, erwiederte der— Abbé; unſre neulichen Unterredungen über die Moral, über den reinen Pflichtbegriff haben mich an die Weiber erinnert, die ich gekannt habe—— Wo? unterbrach die Baronin.— Bei Ihnen, in Deutſchland ſelbſt.— Alſo Deutſche?— Nein, Fran- zöſinnen. Dieſe Weiber haben mich über⸗ — — zeugt, daß irgend ein Pflichtbegriff, welcher es auch ſei, mit einigem Beſtreben, dieſem Begriffe zu entſprechen, verbunden, vollkom⸗ men zureicht, damit ein Menſch nicht ſitt— lich verderbt, und durchaus verächtlich ſei. Der Begrif ſei nun verwirrt oder deutlich, er entſpringe aus dieſer oder jener Quelle, er richte ſich auf dieſen oder jenen Gegen— ſtand, er werde mehr oder weniger voll⸗ kommen befolgt,— ſo getraue ich mir, mit jedem Manne oder mit iedem Weibe zu le⸗ ben, in deſſen Seele Irgend ein Begriff von Pflicht exiſtirt. Demnach, ſagte ein Philoſoph, getrauen Sie ſich, mit aller Welt zu leben; denn der Begriff der Pflicht iſt allgemein, und ſo zu ſagen eingeboren.— Eingeboren! rief ein Theolog; mit nichten! Wir er⸗ halten ihn blos durch die Offenbarung des göttlichen Willens.— Sollte dieſe Offenba⸗ — —;—’—’—’—ᷣ—ᷣ—ᷣ—;—x—xꝛ —— — —— — — rung, ſagte jemand der kein Theolog war, denn ſo unumgänglich nothwendig ſeyn, da die Kenntniß unſers eignen Vortheils, und des geſellſchaftlichen Vortheils, der auch der unſrige iſt, uns allein ſchon Pflich⸗ ten aufzulegen, und zuerſt den Willen, dann auch die Gewohnheit und das Be— dürfniß ſie zu erfüllen, zu geben vermag? Das alles, meinte der Mann, der zuerſt geſprochen hatte, iſt nichts wie Be— rechnung und Klugheit, und ich ſehe nichts in der Wohlfahrt der Geſellſchaft noch in meiner eignen, was mir meine Pflicht zur Pflicht machte. Verſprechungen und Drohungen, die ſich auf die Ewigkeit beziehen, haben ein ganz andres Gewicht; ſagte der Theolog. Allerdings, erwiederte der Philoſoph; indeſſen finde ich doch auch darinn nicht, was die Pflicht ausmachen könnte. Der —,— —,— Pflichtbegriff ſcheint mir einfach, nur aus ſich ſelbſt beſtehend; er läßt ſich nicht zer— gliedern. Er iſt ein Ausfluß der Gottheit, ſagte ein junger Mann, den man nach ſeiner Mine für einen Schüler Fenelons angeſe⸗ hen hätte; oder vielmehr, unſer Herz ſchöpft ihn aus einer reinen und uneigennüzigen Liebe des höchſten Weſens. Wenn der Pflichtbegriff, ſagte jemand der noch nicht geſprochen hatte, ſich der Zergliederung entzieht, ſollte denn das ſei⸗ ne Einfachheit, und nicht vielmehr ſeine allzugroße Verwickelung beweiſen, ſeine Zuſammenſetzung aus Begriffen, die ſich durch ihre wechſelſeitige Aktion und Reak⸗ tion in's Unendliche ſubtiliſiren? Beden— ken Sie daß wir von unſrer Geburt an in der Welt zugleich Schauſpieler und Zu⸗ ſchauer, Richter und Gerichtete ſind, be⸗ 2* * ſtändig die Idee von dem was wir gut fänden, daß die andern Menſchen wären und thäten, mit der Idee von dem was ſie gut fänden daß wir wären und thäten, vermiſchen, ſo daß ſich ein Gewiſſen in uns bildet, deſſen Elemente wir unmög⸗ lich wieder zu erkennen wiſſen. In unſrer Kinoheit ſtraft uns ein Lehrer, weil wir ihm ſeine Feder entwandt, und den Raub abgeläugnet haben; zugleich, indem er uns ſtraft, droht er uns auf unſre ganze Le— benszeit mit dem Haß und der Verachtung aller Menſchen, wenn wir ſtehlen und lü⸗ gen. Da haben wir alsbald Begriffe und⸗ Beſorgniſſe, die ſich in dem Verhältniſſe von Urſachen und W Würkungen mit einander ver— binden. Eine Handlung bietet ſich fortan unſrer Vorſtellung als ſtrafbar und haſ⸗ ſenswürdig dar, während daß wir eine andre immer als vortheilhaft und rühm⸗ — — —— A lich betrachten. Man hat keine Mühe, uns zu überzeugen daß Gott unſre Hand— lungen richtet, wie wir ſie ſelbſt richten, und dies giebt ein Anſehen, eine Sanktion mehr für Geſetze, die uns ohnedem alles vorſchreibt. Endlich wird der Begriff der Pflicht dergeſtalt mächtig und ſtark, daß er eine oder die andre ſeiner Grundlagen ver— lieren könnte, und darum nicht weniger be⸗ ſtehen würde. Er unterwirft ſich nicht al— lein unſre Handlungen, ſondern unſre Ab⸗ ſichten, unſre Neigungen, und ſelbſt unſre „geheimſlen, flüchtigſten Gedanken. Man „erröthet, iſt man allein, über einen vort— bergehenden Einfall, den niemand je arg⸗ wöhnen wird; und ich fühle daß ich vor Reue ſterben könnte, einer böſen That we— gen, die ich verſucht hätte, und die ich ver⸗ hindert worden wäre zu begehen. Das macht der Zorn des Himmels! ſag⸗ te der Theolog. Das macht das einfache, ewige, unzer⸗ ſtörbare Anſehen der Pflicht! ſagte der Philoſoph. Aber, ſagte der Geſellſchafts⸗Menſch, ein Wilder empfindet doch nichts ähnliches. Woher wiſſen Sie das? ſagte der Ab— bé.— Gehen Sie hin, und ſchreiben Sie; ſagte die Baronin zum Abbé. Drei Weiber. Emilie war achtzehntehalb Jahr alt, als ſie mit ihren Eltern auswanderte; dieſe waren Leute von Stande, verdienſtvolle, brave Leute, und reich genug um eine vortheilhafte Heyrath für ihre Tochter zu hoffen. Emilie war ihr einziges Kind, ſie war ſchön, geiſtreich, man hatte keinen Aufwand für ihre Erziehung ge— ſpart, und dennoch waren ihre Prätenſionen und ihre Eigenliebe noch ziemlich beſcheiden, ihre Art ſich auszudrücken ziemlich einfach, und ſie beobachtete ſogar einige Rückſichten gegen Menſchen, die ihr Höflichkeiten erzeigten. Ihre Eltern hatten, wie viele andre, durch keinen andern Grund wie ihre Hofnungen be⸗ rechtigt, auf eine nahe Contrerevolution gerech⸗ net, und darüber die Zeit verſäumt, wo ſie ein Landgut in der Provinz, und ein Hotel in Pa⸗ ris noch hätten zu Gelde machen können. Da 14 ſie anfangs ohne alle Sorge für die Zukunft lebten, ſahen ſie ſich bald ohne Hülfsmittel; der Kummer beſiegte ihre Vernunft, untergrub ihre Geſundheit, und ſtürzte ſie beide, faſt zu gleicher Zeit, in das Grab. Leben Sie um meinentwillen! rief die unglückliche Emilie, wel⸗ che den ganzen Umfang des ſie drohenden Ver⸗ luſtes überſah; rufen Sie Ihren Muth, Ihr fliehendes Leben zurück!— Meines Weibes, meines Kindes Unglück koſtet mir das Leben, ſagte der Vater mit ſterbender Stimme.— Ich kann meinen Gatten nicht überleben, noch mei⸗ ner Tochter Elend ertragen, rief die erblaſſende Mutter. Emilie in einem fremden Lande, wo ſie ſich ohne Freunde, ohne Stütze glaubte, be⸗ weinte ſie mit troſtloſer Bitterkeit. So bald ſie ſich einigermaßen beruhigt hat— te, redete eine junge Elſaßerin, die allein von einem zahlreichen Gefolge übriggeblieben war, und ihrem Fräulein eben ſo treu als geſchickt aufwartete, ſie mit den Worten an: Fräulein, Sie glauben ganz verlaſſen zu ſeyn, weil Sie niemand mehr wie Ihre Joſephine haben. Sie — 15 irren ſich, und ich will es Ihnen ſchon bewei— ſen. Morgen hätten Sie den Hauszins bezah⸗ len müſſen, vielleicht hätte Sie das in Verle— genheit geſetzt, aber es iſt bereits geſchehen. Wie hätte ich meine Sparpfennige beſſer an⸗ wenden können? Glauben Sie aber nicht, daß damit mein ganzer Schaz erſchöpft iſt; mir bleibt noch genug, um wenigſtens ſechs Mona— te, zwar eine kleinere, aber weit muntrere Woh⸗ nung zu bezahlen; denn ich denke doch daß wir aufs Land ziehen, und dieſe Stadt ſcheint mir, außer daß ſie uns ſo traurige Andenken zurückrufen würde, an ſich ſelbſt ein ziemlich unangenehmer Aufenthalt. Emilie ſah Joſephinen mit einiger Verwun⸗ derung an; ſie weinte, ſie unterdrückte die Be⸗ denklichkeiten, die Einwürfe ihres Stolzes, ſie unterdrückte ſelbſt ihren Dank, denn ſie wußte wie wenig er einer ſo großmüthigen Ergeben⸗ heit angemeſſen ſeyn könnte. Verzeih mir Jo— ſephine, rief ſie, daß ich dein vortreffliches Herz weder errieth, noch kennen zu lernen ſuchte; wir wollen hinziehen wo es dir gefällt; deine 16 Klugheit, dein Dienſteifer mag unſern Aufent— halt wählen. Joſephine küßte voll Stolz und Dankbarkeit, ihre Wohlthaten angenommen zu ſehen, ihrer Herrſchaft die Hand, und eilte ihren Plan in's Werk zu ſetzen. In wenig Tagen waren einige ihnen gehörige Geräthſchaften verkauft, andere nahmen ſie mit ſich; und ſo ſahen ſich die bei— den jungen Mädchen bald in der niedlichſten Hütte des angenehmſten Dorfs von ganz Weſt⸗ phalen eingerichtet. Die Eigenthümer bewohnten die eine Hälfte des Hauſes, ſie waren ſo alt daß ſie ihren Gar⸗ ten, deſſen Anbau ihnen ſchwer wurde, gegen einen Zins von Kohl und Erdäpfeln, den neuen Miethsleuten abtraten. Joſephine bearbeitete ihn, hielt eine Ziege, ſpann Flachs und Hanf; Emilie pflegte einige Roſenſtöcke, ſpielte mit der Ziege, und ſtickte auf Mußelin und Linon al— lerlei, womit ſich Joſephine an Sonn- und Feſt— tagen putzte. Sie führten eine einfache, geſun⸗ de Lebensweiſe, Joſephine war luſtig und ehr— erbietig, Emilie ſanft und ernſthaft. Manch⸗ mal 17 mal ſchwazten ſie, noch öfter ſangen ſie zuſam— men. Joſephine hatte eine allerliebſte Stimme, der Emilie den Ton angab, und oft beklag⸗ ten ſie den Verluſt einer ſehr ſchönen Harfe, die Emilie vortrefflich ſpielte; aber in der Eile mit welcher man aus Frankreich geflüchtet war, hatte man ſie ſo ſchlecht eingepackt, daß ſie unterwegs zerbrochen war. Eines Abends wie ſich die beiden Mäd⸗ chen unter einer alten von Epheu und Geis⸗ blatt bedeckten Laube niederſetzten, fanden ſie eine ſchöne ganz neue Harfe. Joſephine war voll Entzücken, Emiliens Verwunderung war noch größer wie ihre Freude. Wie kann das zu⸗ ſammenhängen? rief ſie aus.— Spielen Sie doch nur, ſagte Joſephine, und zog das In⸗ ſtrument eifrig aus dem Futteral, ſpielen Sie doch nur, und ſingen Sie eines dazu. Emilie nahm ihr die Harfe aus der Hand, durchlief die Saiten mit leichten Fingern, ſpielte und ſang. — Die Vögel verſtummten, die betagten Eigen— thümer des Hauſes ſchlichen ſich in den Garten, und hinter einer Hecke von blühendem Hage⸗ Drei Weiber. B 18 dorn und dunkelm Eibiſch ſtand ihr Sohn, deſ⸗ ſen Herr, der einzige Sohn von dem Herrn des Dorfs, weiter entfernt oder beſſer verſteckt war; denn ihn ſah man nicht. Was ſoll aber dieſe Harfe bedeuten? fragte Emilie Joſephinen, wie ſie wieder auf ihrem Zimmer waren; iſt es ein Geſchenk? und von wem kann es kommen?— Ich vermuthe wohl etwas, weiß aber nichts; war Joſephinens Ant⸗ wort.— Was vermutheſt du?— Sie werden wohl wahrgenommen haben, gnädiges Fräulein, daß Heinrich mir alle Tage Waſſer ſchöpfen, Holz tragen, und die Ziege melken hilft.— Ich habe einen jungen Menſchen bemerkt, von dem du mir ſagteſt, es wäre der Sohn unſerer Wirthsleute— Nun das iſt eben der Heinrich, von welchem ich ſpreche; der junge Menſch iſt die Gefälligkeit ſelbſt, das erwirbt Vertrauen: ich habe ihm geſagt, daß Sie ſonſt wie ein En⸗ gel auf der Harfe geſpielt hätten, daß aber Ihr Inſtrument zerbrochen wäre.— Heinrich kann ſich doch aber die Harfe nicht verſchaft haben, die wir im Garten fanden— Und die jezt 19 hier iſt, unterbrach Joſephine, und zeigte ſie ihr in einem Winkel des Zimmers.— Wie? Du haſt ſie herein genommen eine Sache die nicht mein gehört?— Sollte man ſie denn in der feuchten Nacht ſtehen laſſen, damit ſie auch verdürbe wie Ihre vorige? Ich habe Heinrichens gewinkt ſie herauf zu bringen, und eben habe. ich ſie ihm aus der Hand genommen.— Aber auf dieſe Weiſe nähme ich ja von einem Unbe— kannten Geſchenke an.— Wäre ſie mir zuge⸗ dacht, ſo würde ich ſie ohne Bedenken anneh— men, ſagte Joſephine. Heinrich wußte wie ſehr es mir leid that, Sie nicht mehr ſpielen zu hö⸗ ren: er wird es ſeinem Herrn, dem Sohn des Herrn Barons geſagt haben, und dieſer wird Mitleid mit einem jungen Mädchen gehabt haben, das von allen ſeinen Freunden getrennt, aus Treue für ſeine Herrſchaft in einem fremden Lande leben muß!... Hier ward Joſephinens Stimme von Weinen erſtickt, und Thränen überſtrömten Emiliens Wangen. Die Harfe gehört ſicherlich Dir zu, ſagte ſie; man hat ſie Dir vom Schloſſe geſchickt, wir wollen ſie be— B 2 — 20 halten, und ich will Dir alle Tage eines Deiner Lieblingslieder vorſpielen. Emilie nahm mit dieſen Worten die Harfe, ſtimmte ſie, präludir— te, ſpielte und ſang Joſephinens liebſte Romanze. Indem Emilie in der darauf folgenden Nacht, durch Nachdenken über dieſe Begeben— heit, am Einſchlafen verhindert wurde, hörte ſie die Thüre des benachbarten Zimmers ſachte auf⸗ machen; es wurde ein Weilchen leiſe geſprochen, und bald darauf war alles ſtille. Was konnte ſie thun? Diebe waren es nicht. Ihre Kloſter⸗ geſpielen, ihre kleinen Couſins, und ihre großen Couſinen, hatten ſie nicht ſo unwiſſend gelaſſen, daß ſie nicht die Wahrheit geahndet hätte. Sollte ſie rufen? ſollte ſie Heinrichen und Jo— ſephinen überraſchen? Emilie konnte ſich nicht dazu entſchließen, und da ſie ſich nicht erwehren konnte, den einzigen übrig gebliebenen Gegen— ſtand ihrer Zuneigung, ihre Geſpielin, ihre Freundin, ihre Wohlthäterin fortan zu verachten, brachte ſie den Reſt der Nacht in Thränen zu. Den folgenden Morgen kam Joſephine, wie gewöhnlich, den Dienſt bey ihrer Herrſchaft zu 21 verrichten. Sie fand ſie ſchlafend; aber Emi⸗ liens Schlummer war unruhig, ſie ſprach ſo gar, und nannte Joſephinens Namen. Dieſe ängſtigte ſich, und kniete vor dem Bette ihrer Herrſchaft nieder. Emilie erwachte. Die Stel⸗ lung der Schuldigen, die ſich mit ihren Träumen und dem Andenken des nächtlichen Auftritts verband, entriß ihr einige halb vorwurfsvolle, halb nachſichtige Worte, die anfangs nicht ve ſtanden wurden, weiter hin aber eine Erklärung, und endlich eine lange Unterredung nach ſich zogen. Glauben Sie denn, gnädiges Fräulein, daß ich alles allein thun kann? Heinrich melkt die Ziege, die uns Milch giebt; Er ſägt Holz und ſchöpft Waſſer, indeß ich Ihren Sallat pflanze: und wovon beſtritten wir den Kaffee zu Ihrem Frühſtück, wenn ich nicht Garn zum Verkauf ſpänne?— O Gott, was muß ich hö⸗ ren! rief Emilie voll Schmerz. Deine Ehre, dei— ne Tugend, iſt der Preis der kleinen Bequem⸗ lichkeiten, die ich dir zu danken habe? Ach! gieb mir trockenes Brod und Waſſer, verkauf meine Wäſche, verkauf meine Kleider, wenn 282 — nur Heinrichs Rechte auf deine Dankbarkeit, die er ſo ſchrecklich mißbraucht, aufhören.— O gnädiges Fräulein, Sie nehmen was ich ſage auch gar zu wörtlich. Heinrich könnte mir wohl ſchon etwas zu danken gehabt haben, noch eh’ er für mich etwas that; und ich weiß nicht genau, wer die erſten Anſprüche auf des andern Erkenntlichkeit hatte.— Seit wann fing er an, Dir die kleinen Dienſte zu leiſten, von denen Du mir ſagſt?— Drey oder vier Tage nach unſrer Ankunft im Dorfe, antwortete Jo— ſephine ſehr unbefangen.— Und ſchon damals hatte er Dir etwas zu verdanken?— Nun, er mochte mir wohl einige kleine Verbindlichkeiten haben.— Und Du hatteſt ihn kaum geſehen! rief Emilie.— Heinrich iſt ein ſehr hübſcher Burſche, gnädiges Fräulein; das ſieht ſich bald! — Emillie ſeufzte, und ſah Joſephinen mit ei— nem Blick an, der mehr Mitleid als Verach⸗ kung ausdrückte.— Wenn Ihnen das alles ſo. wichtig ſcheint, nahm jetzt Joſephine das Wort; darf ich wohl fragen, gnädiges Fräulein, war— um Sie mir nicht verboten, mit Heinrich umzu— 23 gehen? warum Sie mir nicht unterſagten, ſeine kleinen Dienſtleiſtungen anzunehmen?— Ich gab nicht darauf Achtung, Joſephine.— Und Sie hatten doch nichts was Sie daran verhin⸗ derte! Wenn Ihnen Joſephine ſo theuer ge⸗ weſen wäre, gnädiges Fräulein, wie Sie es Jo⸗ ſephinen ſind, ſo wären Sie für das was Sie meine Ehre nennen, ſo ſorgſam geweſen, wie ich es für alles bin was Sie angeht.— Liebe Joſephine, konnte ich aber vorausſehen— Gewiß konnten Sie. Was nutzen alle Ihre Bücher, wenn Sie nicht daraus lernen, weiter zu ſehen wie wir, die nicht eher an eine Sache denken, als wenn ſie geſchehen iſt? Ich möch— te faſt ſagen daß eine gute Erziehung ein elen— des Ding iſt, wenn ſie, gegen das was täͤglich um uns herum vorgeht, die Augen verblen⸗ det. Das ſollte nicht ſo ſeyn. Ich habe manch⸗ mal Ihre Bücher aufgeſchlagen. Da waren Kö⸗ nige, Schäfer, Majore, Marquis, Prinzeſſinnen, das kommt immer auf eins heraus! Die Män⸗ ner ſchleichen ſich bey den Weibern ein, ſchla⸗ gen ſich zuweilen für ſie, und die Weiber haſ⸗ 24 ſen einander um ihrentwillen. Die Bücher mö⸗ gen in Reimen ſeyn oder nicht in Reimen, ſo iſt faſt von nichts anderm darin die Rede.. Und dieſe Nacht.... gnädiges Fräulein.. verzeihen Sie wenn ich noch davon ſpreche, es wird mir ſchwer genug, und treibt mir gewiß das Blut ins Geſicht: warum kamen Sie aber dieſe Nacht nicht in mein Zimmer, oder riefen mich? Anfangs hatte ich Heinrichen ausgeſchol— ten, er wagte es noch nie Nachts in mein Zimmer zu kommen, aber die Harfe, die Muſik hatte ihn behext, und aus Furcht Sie aufzuwecken, ergab ich mich in Geduld. Hätten Sie nur das geringſte Zeichen von ſich gegeben, daß Sie wachten, ſo hätte ſich Heinrich aus dem Stau— be gemacht.— Ich hätte es thun ſollen, Jo⸗ ſephine, ich dachte auch daran; aber ich fürch⸗ tete, mich in Verlegenheit zu ſeteen..Die Sittſamkeit— Ja ich kann mirs wohl denken; die Sittſamkeit, vielleicht auch ein bischen Stolz, haben die arme Tugend und Ehre im Stiche gelaſſen.... Gewiß gnädiges Fräulein, ich ver⸗ zeihe es Ihnen von Herzen; geſtehen Sie nur 25 aber, daß kein Menſch alles thut was er wohl thun ſollte. Sie haben ſich nicht dazu entſchlieſ⸗ ſen können, Heinrichen fortzuſchicken, und ich eben ſo wenig. Aber jezt ſind Sie aufgeſtanden, und Ihr Frühſtück iſt fertig: ich will nun ſchnell in die Kirche laufen, es iſt heute Raimundi Tag, das Feſt des Schutzheiligen von unſerm Dorfe, nach der Meſſe bleibe ich zur Predigt— Du verſtehſt ja aber kaum ein Wort deutſch, ſagte Emilie.— Was thut das? Eine Predigt kann niemals ſchaden; und ich habe hundertmal ſa⸗ gen hören, alles Unglück was über Frankreich gekommen iſt, ſey entſtanden, ſeit die Leute we⸗ der Predigt noch Meſſe gehört, weder Sonn⸗ noch Feſttage gehalten haben. Ach gnädiges Fräulein, es giebt nichts gräulichers, als Gott und ſein Seelenheil ſo aus den Augen zu laſ⸗ ſen! Wenn die Könige der Erden ihr Thun recht bedächten, ſo würden ſie dem Herrn des Himmels beſſer gedient haben; ſie ſind andern, mit dem böſen Beyſpiel vorgegangen, nichts heiliges in Ehren zu halten.... aber man läutet... Adieu gnädiges Fräulein! 26 Wie Joſephine aus der Kirche zurück kam, ſagte Emilie zu ihr: du biſt mir nicht aus den Gedanken gekommen.— Und Sie mir auch nicht, mein Fräulein, antwortete Joſephine; ich habe den Herrn und die Dame vom Dorf geſe⸗ hen, und ihren Sohn, und ihre ganze Diener⸗ ſchaft. Sie ſehen freylich ein bischen altfrän⸗ kiſch und abentheuerlich aus... Lieber Himmel! man ſieht wohl daß die guten Leute nicht aus Paris kommen; aber bey alle dem iſt der junge Herr recht hübſch, und würde ſich in unſrer Ge— ſellſchaft bald genug bilden.— Ich habe ſehr ernſthaft an dich und den Auftritt dieſer Nacht gedacht, nahm Emilie wieder das Wort.— Wie? das iſt noch nicht vergeſſen? rief Jo⸗ ſephine und ſuchte das Friſirzeug zuſammen. — Nein Joſephine, es iſt nicht vergeſſen, und weil ich deinen, leider nur zu gegründeten Vor⸗ wurf nicht wieder verdieneu will, ſo bitte ich dich, bedenke— Gnädiges Fräulein, Sie müſ⸗ ſen ſich grade halten, ſonſt friſier ich Sie ganz ſchief.— Um dich mit keiner langen Predigt zu plagen, ſage ich dir nur— Gewiß gnädiges 27 Fräulein, Sie thun wohl mich mit einer langen 2 Predigt zu verſchonen; eine iſt für heute ge— nug, und die Langeweile die ich eben in der Kirche hatte, verdient mir ſicherlich den Him⸗ mel. Kaum ein Wort zu verſtehen, und ſtille wie ein Stück Holz zu ſitzen, ohne ſchlafen zu dürfen, weil einen alle Welt anſieht— Jo⸗ ſephine, verſprichſt du mir Heinrichen nicht wieder zu dir zu laſſen?— Nun, gnädiges Fräulein, daß Sie der unbeſcheidene Burſche nicht mehr im Schlafe ſtören ſoll, will ich Ihnen wohl verſprechen.— Davon iſt nicht die Rede, an meinem Schlafe iſt wenig gelegen, aber— Ich verſtehe wohl gnädiges Fräulein. Nun, wir wollen ſehen. Verſprechen will viel ſagen. und ich möchte nicht gern anfangen, Sie zu be— lügen, zu betrügen, zu hintergehen.— Aber wenn Dich Dein Verſprechen zurück hielte?— Oſtern wars ein Jahr, gnädiges Fräulein, daß ich Gott, das heißt meinem Beichtvater eben das verſprach; es half kaum ſechs Wochen.— Wie! rief Emilie, Heinrich iſt nicht der erſte? — Freylich nicht, gnädiges Fräulein!— Wer 28 verführte denn deine Unſchuld?— Es würde Ihnen vielleicht Kummer machen, und Sie möchten es übel nehmen, daß ich ſo frey her⸗ aus von Ihrer Familie ſpräche.— Nein Jo⸗ ſephine, rede nur.— Ihr Herr Onkel, der Herr Großvikarius, war es.— Iſt es möglich!— Gewiß iſt es ſo, gnädiges Fräulein; und dieſes Kreuz kann zum Beweiſe dienen; er hat es mir geſchenkt, dieſen Ring ebenfalls, und Sie ken⸗ nen ja wohl mein Gebetbuch mit den ſilbernen Haken, das habe ich auch von ihm. Sehen Sie, es iſt in*.* gedruckt, und des Herrn Biſchofs Name ſteht der Länge lang darauf.— Aber Oſtern vor dem Jahre warſt du ſchon lange von meinem Onkel, dem Großvikarius entfernt; er war ja ſchon nach Spanien aus⸗ gewandert.— Das wohl, gnädiges Fräulein; aber war denn Ihrer Frau Mutter Bruder, ** 7 der Marquis von eben ſo weit weg?— Guter Gott! Joſephine!— Der hat mir nichts gegeben, als einen alten goldnen Fingerhut, den er wohl ſeiner Frau Mutter weggenommen haben mochte. Dagegen war auch eben nichts 29 zu ſagen, denn die gnädige Frau hatte zu viel mit ihrem Putz und ihren Nervenzufällen zu thun, um die Hände je an die Arbeit zu le— gen.— Arme Tante! rief Emilie tief ſeufzend. — Ja, antwortete Joſephine, der gewaltſame Tod des Herrn Chevalier von** betrübte ſie recht herzlich, ich war gegenwärtig wie ſie die Nachricht empfing: einer ſeiner Freunde brachte ihr ſeine Briefe und ſein Bildniß... Jeſus, in welchem Zuſtand ſie die erſten Tage war! Der Freund des Chevalier fing indeſſen an, ſie eini— germaßen zu tröſten, als er genöthigt war ab⸗ zureiſen: er hatte eine Compagnie in dem Mi— rabeauſchen Corps, ohne Zweifel haben ſie ſich, in Mannheim, wo ihr Gemahl ſie hinführte, wiedergeſehen.— Emilie beendigte ihre Toilet— te, ohne den Mund wieder aufzuthun: ſie hat⸗ te mehr wie ſie wünſchte erfahren, und hütete ſich wohl neue Geſtändniſſe zu veranlaſſen. Jezt begreife ich wohl, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, warum mir meine Eltern nicht den Befehl hin⸗ terließen, zu meinen Verwandten zu gehen, noch mich ihrem Schutze empfahlen. Ich übergebe 30 dich der Vorſehung, ſagte meine Mutter; bete, denke nach, und bleibe deinen guten Gewohn⸗ heiten treu. Ich kann dir keinen beſſern Lehrer als dich ſelbſt geben.—— Sie ſind ſehr tiefſinnig, ſagte Joſephine; ſollte ich Sie beleidigt haben? Nicht im ge⸗ ringſten, antwortete Emilie mit einem ſanften Blick. Ich liebe, ich beklage, ich entſchuldige Dich. Ich fühle die Verbindlichkeit, die Verbre⸗ chen meiner Familie gegen Dich wieder gut zu machen; allein Joſephine, dieſe Art von Zügel— loſigkeit, zu welcher man Dich hingeriſſen hat, wird täglich trauriger, ſchimpflicher, unverzeih⸗ licher; und ich fürchte— Ganz und gar nicht gnädiges Fräulein;... mein Verſtändniß mit Heinrichen, der weder Prieſter noch Ehemann iſt, hat weit weniger ſtrafbares als die vorigen; und wenn ich mich ſo zu beſſern fortfahre, kann ich gar eine Heilige werden. Darnach habe ich immer getrachtet, denn ich halte die Heiligen in großen Ehren, und eine Religion die ſie ver— wirft, iſt mir im Grunde der Seele zuwider; ich habe auch um deſſentwillen einen reichen 31 Kaufmann aus Preußiſch-Geldern, der mich heirathén wollte, ohne Umſtände ausgeſchlagen. — Aber Joſephine, kannſt du denn eine Sün⸗ de, von der du dich nicht beſſern willſt, mit deiner Religion vereinen?— O gnädiges Fräu⸗ lein, das verträgt ſich recht gut! Ich ſage alle Tage im Vaterunſer: Vergieb uns unſere Schuld; und wenn ich's lateiniſch gebetet habe, ſage ichs noch einmal auf franzöſiſch. das ſezt unläugbar voraus, daß mir Gott et⸗ was zu verzeihen hat. Da ich nun aber weder gefräßig bin, noch lüge, noch ſtehle, noch ver⸗ läumde, ſo bete ich ſo zu ſagen: Vergieb mir Hein⸗ richen, oder Hanſen oder Petern. Gott verſteht mich dann, und wird mir nach ſeiner unendli⸗ chen Barmherzigkeit gewiß verzeihen.— Amen! ſprach Emilie, einem ſo hochgelahrten Doktor, wie du biſt, habe ich weiter nichts einzuwenden. Nun ſind Sie ſo ſchön wie ein Engel, ſagte Joſephine, indem ſie ihrer Herrſchaft einen Spie⸗ gel hinhielt; das Bischen Bläſſe vermehrt ſogar Ihre Reize. Ich wollte, die Leute vom Schloſ⸗ ſe ſähen Sie heute. Sie ſind noch einmal ſo 32 hübſch wie damals, als Ihnen der Junker auf der Heerſtraße begegnete, und Sie ihn ſo be— zauberten, daß er behauptet, es ſey auf zeitle— bens um ihn geſchehen. Ich bitte Sie, gnädi⸗ ges Fräulein, ein Liedchen auf der Harfe, um uns aufzuheitern! Emiilie ſpielte anfangs ihrer Geſellſchafterinn zu gefallen, dann aus eigenem Antrieb. Sie ward während des Spielens weich, Onkel und Tante kamen ihr wieder in den Sinn, und endlich beweinte ſie ihre Eltern wie⸗ der ſo bitter, wie an ihrem Sterbetage. Emilie war allein wie ſie ſich ihrem Schmer⸗ ze ſo hingab: als ſie Joſephinen zurück kommen ſah, trocknete ſie ihre Thränen, denn es wäre ſchwer und ſchmerzlich geweſen zu erklären, was alles ſie fließen gemacht hatte. Ich bin deiner Meinung, ſagte ſie mit ziem— lich feſter Stimme, und ziemlich heiterm Ge— ſicht; die Harfe kann nur vom Schloſſe kom⸗ men. Nach dem was du mir von dem Eindruck geſagt haſt, welchen ich auf den jungen Menſchen gemacht haben ſoll, kann ich ſie nicht mit An⸗ ſtand behalten, und es würde mir doch ſehr leid 33 leid thun, ſie zurück zu ſchicken. Könnteſt Du nicht erfahren wie viel ſie gekoſtet hat? Ich habe noch etwas Geld, das Dein unabläſſiger Fleiß mir unnütz macht, ich habe auch noch ei— nige Koſtbarkeiten die ich verkaufen kann. Su⸗ che es zu erfahren, Joſephine, damit ich die Harfe bezahlen kann.— Ich weiß nicht, gnä⸗ diges Fräulein, ob Ihre Würde es erfordert, dem der Ihnen Freude machen wollte Verdruß zu machen. Vielleicht mag das ſeyn, ich ver⸗ ſtehe mich nicht auf dieſe Dinge. Ich ſchenkte einmal Jemanden eine Roſe, er wollte mir einen Thaler dagegen geben, ich ſchlug ihn aus, und habe dieſem Jemand nie vergeben. Sie könn— ten etwas thun, was meiner Meynung nach viel verbindlicher wäre.— Worin beſtünde das, Joſephine?— Das letzte Halstuch das Sie mir geſtickt haben, iſt ſehr niedlich, ich habe es noch nie umgethan, ſo wenig wie die Schürze die dazu gehört; da liegt beides noch in dem Pappendeckel, ſo wie es aus Ihren Händen kam. Schicken Sie das, mit einem ſchönen Briefe an des Junkers Mutter.— Es gehört Drei Weiber. C 34 ja aber Dein.— Sie ſticken mir etwas anders. — Der Werth iſt ſo ungleich.— Pahl! der Werth! Was liegt an dem Werth? Iſt es wohl recht, ſo genau zu rechnen? Wie Sie noch reich waren, habe ich Sie hundertmal We— niges mit Vielem belohnen ſehen: glauben Sie allein hiezu berechtigt zu ſeyn, und kömmt das Recht, die Freude, großmüthig zu ſeyn, Ihnen allein zu? Da hier habe ich Tuch und Schür— ze recht ſauber zuſammen gelegt, indeß ich mich ankleide ſchreiben Sie den Brief, und dann bin ich in drei Sprüngen bey der Frau Baronin von Altendorf! Überredet oder hingeriſſen, willigte Emilie in alles was ihr Joſephine vorſchlug. Das Gute fand ſie immer dabey, daß der junge Menſch daraus ſehen würde, ſie nähme keine Geſchenke an, die ihr auf eine geheimnißvolle Weiſe zugeſchickt würden, und ſie wäre geſon— nen das Geheimniß ſeiner Liebe, im Falle er würklich in ſie verliebt wäre, ruchtbar zu ma⸗ chen. Entweder werden ſeine Artigkeiten von ſeinen Eltern gutgeheißen, oder er ſtellt ſie ein, 35 ſagte ſie zu ſich ſelbſt, und ſchrieb folgenden Brief: „»Gnädige Frau, „Ich fand geſtern auf der Bank eines Gar⸗ „tens, den ich oft zu beſuchen pflege, eine ſehr „ſchöne Harfe. Sie kann nur von dem Schloſ⸗ „ſe kommen, deſſen Gebieter die Zierde der Ge⸗ „gend, und der Gegenſtand der Zuneigung al— „ler ihrer Bewohner ſiud. Wie man ſagt, „liebt Ihr Herr Sohn die Künſte, und er wird „erfahren oder vermuthet haben, daß ich ſie „ebenfalls liebe: ich zweifle nicht daß er durch „ein, ſeiner, und ſeiner edeln Eltern würdiges »Geſchenk, mir eine Be änftigung meines Kum⸗ „mers, einen Troſt in meiner Einſamkeit zuge⸗ „»dacht hat. Sein gutes Herz brachte ihn auf „» dieſen Gedanken, den richtiges Urtheil und „guter Geſchmack ausgeführt haben. Allein ich „kann eben ſo wenig dieſes Geſchenk als meine „Dankbarkeit verhehlen. Erlauben Sie mir, „gnädige Frau, Ihnen dieſe zu bezeugen, und „würdigen Sie die einzige kleine Gabe, die „mir das Glück Ihnen darzubieten übrig ließ, C 2 36. „Ihrer Annahme. Sie iſt die Frucht einer lei— „der zu mittelmäßigen Geſchicklichkeit, deren „Unvollkommenheit ich nie lebhafter als bei „dieſer Gelegenheit empfunden habe. Ich füge „die Verſicherung der vollkommenen Ehrerbie⸗ „tung hinzu, mit welcher ich u. ſ. w.⸗— So bald das Blatt verſiegelt war, ging Jo⸗ ſephine voll Stolz damit fort. Es war das er⸗ ſtemal, daß ſie das Schloß beſuchte; ſie war friſch, wohlgekleidet und hübſch. Heinrich kam ihr verwunderungsvoll entgegen, und alle Be⸗ dienten die im Hofe beym Kegelſpiel begriffen waren, blieben, wie ſie vorbey ging, mit offnem Munde ſtehen. Sie wollte ſelbſt Heinrichen nichts von ihrem Auftrage ſagen, ſondern ging ſo⸗ gleich auf die Dame vom Schloſſe zu, welche mit ihrem Gemahle, ihrem Sohne, und einem fran— zöſiſchen emigrirten Abbé vor der Thüre ſtan⸗ den. Dieſer Abbé bin ich ſelbſt; ich war ſchon mit dieſer Familie bekannt, und kam ſo eben aus Münſter an. Joſephine machte eine Ver⸗ beugung, übergab Billet und Päckchen, und * 8 37 ging eben ſo behende wieder davon, wie ſie ge⸗ kommen war.— Das Erſtaunen der Frau Baronin von Al⸗ tendorf, ihres Gemals, und der Comteſſe So⸗ phie, einer jungen Verwandtin, die dem jungen Baron ihre Hand zugedacht hatte, war über⸗ aus groß. Dieſem letzten ſprach die Unruhe aus dem Geſicht, es drückte tauſend ſüße und verdrüßliche Empfindungen aus. Mein Ge⸗ heimniß iſt nun verrathen, dachte er, und Gott weiß, ob es meine Eltern nicht ſehr übel neh⸗ men werden, daß ich für eine junge Franzöſin die ſchönſte Harfe aus ganz Frankfurth ver⸗ ſchrieben habe. Aber noch übler möchten ſie es wohl nehmen, daß ich dieſe junge Franzöſin liebe, und zeitlebens lieben werde; und daß ich ſie auf ewig liebe iſt entſchieden, denn dieſes Billet ſagt mir, daß ſie eben ſo viel Geiſt und Feinheit als Reize hat. Welches Glück, daß meine Vernunft eine Wahl rechtfertigt, die mein Auge allein entſchieden hatte! Was ſo viele Männer verführt, hat auch mich hinge⸗ riſſen; aber ſtatt mich zum Laſter, zur Reue zu 38 verleiten, verdanke ich dieſer Wahl das Glück, ein Mädchen zu lieben, das vor ihrem ganzen Geſchlechte meiner Liebe werth iſt. Indeß der junge Menſch in einiger Entfer⸗ nung dieſen Betrachtungen nachhing, beſah ſei— ne Mutter mit einer Verwunderung, der ſich et⸗ was Verdruß beymiſchte, das Halstuch und die Schürze. Dem wird man nicht ſo gradesweges eine Frau aufbinden können, wie ſeinem Vater, und Großvater, dachte ſie; er wird uns zu ſchaffen machen! Wie läßt er es ſich aber auch nur beykommen, einen Geſchmack für ſich zu haben? Seit des großen Friedrichs liebenswür⸗ dige Schweſter ſtarb, hatte ich keinen andern Genuß, als in dem ruhigen Leben ſo fort zu vegetiren; es iſt der einzige Genuß den mir Weſtphalen, und die Geſellſchaft des Herrn Ba⸗ rons gewähren können, und dieſen wird er mir ſtören.— Dieſe Schweſter des großen Friedrichs, an welche Frau von Altendorf dachte, war wie man leicht erräth, die Markgräfin von Baireuth, deren Hofdame, oder vielmehr Zögling, ſie 39 geweſen war. Sie erinnerte ſich, noch als Kind Voltairen, und andere ſchöne Geiſter dieſes Ho⸗ fes, geſehen zu haben, wo man mehr franzöſiſch als deutſch ſprach, und wo ſie mit der Sprache zugleich auch die Schriftſteller derſelben kennen. gelernt hatte, welche ihren lichten Ausdruck, und ihre zierliche Klarheit am glänzendſten be⸗ nutzt haben. Theobald, Theobald! rief Frau von Alten⸗ dorf mit einem Blick auf ihren Sohn, der in Gedanken verloren daſtand. Mehr ſagte ſie nicht, aus Furcht, ihm von Seiten des Barons einen Ausputzer zuzuziehen. Eben dieſer Aus— putzer war es hingegen, den die Comteſſe So— phie herbey zu bringen wünſchte; ſie mochte aber den alten Baron noch ſo ſteif anſehen, er ſagte kein Wort. Da er überzeugt iſt, daß der Gebieter eines Schloſſes, ein Familienvater, ein Edelmann von vierundſechzig Ahnen, nur reden darf, um gehört zu werden, nur befehlen darf, um Gehorſam zu erlangen, und da ſeine Be— griffe über die meiſten Gegenſtände, weder ſchnell noch ſehr klar ſind, ſo hat der gute Ba⸗ ron die Gewohnheit, ein ſehr ernſtes und ziem⸗ liche Ehrerbietung gebietendes Stillſchweigen zu beobachten, wenn nicht etwa ſeine Frau oder ein anderer ihm eine Idee angiebt; in dieſem Falle führt er ſie aus, giebt ihr Nachdruck, und ſpricht ein Urtheil, gegen welches niemand eine Einwendung wagen darf. Seiner Gemalin einziges Bemühen iſt, dieſe Keule zu leiten oder abzuwenden; zuweilen gelingt es ihr, deren Ge⸗ wicht zu mindern.— Die neidiſche kleine Com— teſſe unterbrach endlich die allgemeine Stille. Eine ſo ſchöne, ganz neue Harfe hat viel Geld koſten müſſen, fing ſie an.— Sollte Theobald ſie häßlich und alt gewählt haben? fragte die Baronin mit einem trocknen Ton. Da hätte er ſehr Unrecht gethan, ſagte der Baron. Wenn ein Freyherr von Altendorf ein Geſchenk macht, iſt es einerlei wie viel es koſtet, wenn es nur ſchön iſt. Ich würde meinen Sohn verleugnen, wenn ſein Betragen je etwas ärmliches, uned— les haben könnte. Geſtern waren es genau fünf und zwanzig Jahre, daß ich dem Fräulein von Schönfeld, heutiger Frau von Altendorf 41 ein Geſchenk machte, welches ich ein Prälimi— nargeſchenk nennen könnte. Freylich hatten es ihre Eltern und die meinigen gutgeheißen. Dieſe Verbindung gereichte zur Zufriedenheit beider Familien, und ward beſonders von dem Großvater meiner Gemalin, ihren Herren Ohei⸗ men, und ihrer geehrteſten Frau Mutter eifrigſt gewünſcht.— Sie ſchickten mir eine ſehr ſchöne Uhr, unterbrach ihn die Baronin, die ich noch beſitze; und dieſes iſt nicht das einzige Geſchenk von Werth, das ich von Ihnen erhalten habe. Nichts kann mehr in der Ordnung ſeyn, ſagte ich jezt zum Baron, und dieſe Erinnerun— gen ſind ſehr angenehm; was aber heute vor⸗ geht iſt es nicht weniger. Fänden ſie es nicht ſchicklich, daß Ihr Herr Sohn und ich zu mei— ner Landsmännin gingen, um ihr zu ſagen, daß ihr Billet und ihre Arbeit von der Frau Baronin gütig aufgenommen ſind, und daß ſie, bey einem Spaziergange in Ihrem Park, Ge⸗ legenheit nehmen kann, Ihnen ihre Aufwar⸗ tung zu machen? Gewiß, erwiederte der Ba— ron, das iſt ſehr gut ausgedacht; gehen Sie. 42 Theobald, wiewohl von Freude trunken, hatle doch Gewalt genug über ſich, um ſich den An— ſchein zu geben, als folgte er nur aus Gehor— ſam; ſo bald wir aber der Familie aus dem Geſichte water, fiel er mir um den Hals, und umarmte mich feurig; dann rief er Heinrichen her— bey, und befahl ihm, in der ſchönſten Gegend des Parks, die niedlichſte Collation zuzubereiten, die ſich in der Geſchwindigkeit auftreiben ließe. Wir langten bald bey Emilien an. Ob⸗ gleich Joſephine durch unſern Beſuch eben ſo überraſcht als erfreut war, ſo empfing ſie uns doch als ob ſie uns erwartet hätte; und nach⸗ dem ſie uns in ein ſehr ſauberes Zimmer ge⸗ führt hatte, eilte ſie, ihre Herrſchaft aus dem Garten zu rufen. Wir gingen ihr bei ihrem Eintritt entgegen; ich ſprach ſie zuerſt an, bald aber nahm Theobald das Wort, und drückte ſich mit weit mehr Zuverſicht und Anſtand aus, als ich es von einem jungen Weſtphälinger er— wartet hätte. Emiliens ganze Geſtalt war aber auch dazu gemacht, dem Kälteſten Feuer, und dem Schwerfälligſten Leben einzuflößen. 43 Doch hätte ſie auch eben ſo gut, einen noch küh⸗ neren Mann wie Theobald war, ſeiner Unbe⸗ fangenheit berauben können: ich ward alſo durch die Freymüthigkeit, mit welcher er ſich über das Vergnügen ſie zu ſehen Glück wünſch— te, ſehr angenehm überraſcht, und bat ſie, ſeine Eltern, welche ſie mit Ungeduld erwarteten, an dieſem Vergnügen Theil nehmen zu laſſen. Es war ein ſüßes Schauſpiel, die Morgenröthe der Liebe dieſe beiden reizenden Geſtalten verſchö⸗ nern zu ſehen. Emilie, eher braun als blond, aber doch ſehr weiß, eben an dieſem Tage etwas blaß, über mittlere Größe, war voll verführender Grazie. Hätte ich nicht ungefähr gewußt wer ſie iſt, ſagte Theobald, indeß ſie ſich einen Augenblick entfernte, um Fächer und Handſchuhe zu holen, ſo hätte ich ihr die Worte zurufen können: O quam te memorem virgo! nam haud tibi vultus mortalis, Nec vox hominem ſonat. Emilie hatte aber auch eine unendlich liebli⸗ che Stimme.— Verdient indeſſen Theobald nicht 44 gleichfalls, daß ich ſein Bild mit einigen Zuͤ⸗ gen entwerfe? Wenn gleich größer wie Emi— lie, ſo iſt ſeine Geſtalt doch weder ſchwerfälli⸗ ger noch weniger zierlich; ſeine dunkelblauen Augen ſind ſanft und glänzend, ſeine Naſe iſt gebogen, und ſein ovaler Kopf mit den ſchön⸗ ſten blonden Haaren geziert. Ein Maler, der den Sohn der Venus und des Anchiſes, oder den Erben des Thrones von Ithaka darſtellen wollte, fände an Theobalden das vollkommenſte Modell. Wir verließen Emiliens demüthigen Tem⸗ pel, und Joſephine ſah uns an der Thüre mit einem hoffnungsvollen, oder vielmehr triumphi⸗ renden Blicke, indem ſie mit einem Winke ihre alten Hauswirthe, welche der Thüre gegenüber auf einem Baumſtamme ſaßen, auf uns auf— merkſam machte. Ich habe ſchon geſagt, daß gerade ein Feſt— tag war, ſo daß alle Bauern, müßig, neugie⸗ rig, wohlgemuth vor ihren Thüren ſtehend, uns durch das Dorf gehen ſahen. Das Grüßen nahm kein Ende, und wir bekamen unzählige Scharrfüße, mit dem einfältigen und doch ſo 1NV 45 liebenswürdigen Lächeln wohlwollender Gaffe⸗ rey begleitet.»Unſer Junker ſieht heute recht ſchmuck aus,“ ſagten die einen.»Das fremde Fräulein iſt auch gar lieb,“» ziſchelten die an— dern. Ich ſelbſt ging bei dieſer gutmütigen Er— gießung nicht leer aus. Kurz nach unſerm Eintritt in den Park, fanden wir Heinrichen, der uns den Ort anwies, wo wir die Collation und die Geſellſchaft finden würden. Wahrſcheinlich holte er hernach Jo⸗ ſephinen, damit ſie auch Theil an dieſem Feſte nähme; denn wie ſich Emilie nach einer Stun⸗ de, die ſie in unſrer Geſellſchaft zubrachte, wie— der nach Hauſe begeben wollte, erblickte ſie ihre Kammerfrau unter dem Schloßgeſinde, nahm ſie beim Arm, und erlaubte uns nicht, ſie zu begleiten. Wie findet ſie der Herr Baron? ſagte die kleine Comteſſe, indem wir wieder zur Geſell⸗ ſchaft traten; ich geſtehe— Der Herr Baron kann die junge Fremde nicht anders finden, als ſie wirklich iſt, fiel die Baronin ein; ſchön, ar— tig, liebenswürdig. Ohne Zweifel, ſagte der 46 Baron; mag man Franzöſin oder Deutſche ſeyn, man iſt was man iſt. Schönheit bleibt immer Schönheit, und Gott behüte, daß ich aus übertriebner Vorliebe für mein Land, die Schönheit nicht überall ſchön fände. Es iſt er⸗ laubt, und ſogar rühmlich, in dieſem Falle par⸗ theyiſch zu ſeyn; aber zu viel iſt zu viel. Ich bin völlig der Meynung des Herrn Ba⸗ rons, fing Frau von Altendorf wieder an; ein wenig Partheylichkeit für das Vaterland ge⸗ fällt mir; ſie iſt gut und nützlich, um unter den Menſchen, mit welchen man zu leben beſtimmt ſtimmt iſt, zufrieden zu ſeyn, und nicht allem was aus der Fremde herkömmt, einen für ſein Land beleidigenden Vorzug zu geben. Dieſe Partheylichkeit hält dem mehr oder weniger lebhaften Geſchmack an neuen Gegenſtänden die Wage; ſie ſichert uns eine gewiſſe Natio⸗ nalwürde. Wenn ich junge Deutſche ſich nach Franzoſen bilden, ihre eigne Sprache, ihre Sit— ten verachten, einen Accent nachahmen höre, den ſie ſich nie zu eigen machen können, und ſie ſich über dieſe Unfähigkeit noch obendrein 47 ernſtlich betrüben, kann ich mich nicht erwehren, für ſie gnädige zu erröthen.— Sie haben ſehr recht, Mama, und ich hoffe Sie ſollen nie Urſache haben, Ihrem Sohne dieſe Thorheit vor⸗ zuwerfen, ſagte Theobald. Ich bin Ihnen vie⸗ len Dank ſchuldig, daß Sie mich franzöſiſch, ſo wie engliſch und italiäniſch, bey guter Zeit ha⸗ ben lernen laſſen, ich werde aber nie meinen Stolz darin ſuchen, es wie ein Franzoſe, noch ſo wie meine Mutterſprache zu reden. Mich däucht ſo gar, um ſich vor ſo riner lächerlichen Verkehrtheit zu ſchützen, bedürfe es keiner Par⸗ theylichkeit. Was mich betrifft, hob der Baron hier an, ich bin ſtolz auf meine Nation, und es ſollte mich empfindlich kränken, wenn mich jemand für einen franzöſiſchen Petitmaitre an⸗ ſähe.— Ich konnte mſch kaum des Lachens enthalten. Ich denke, ſagte ich, Stolz oder Beſchämung, nachdem es kömmt, über eine Sa⸗ che die ſo vollkommen ohne unſer Zuthun über uns verhängt iſt, wie das Schickſal, hier oder dort geboren zu werden, iſt immer übel ange⸗ bracht. Sie haben Recht, bemerkte Herr von 48 Altendorf, man iſt gebohren wo man gebohren iſt, das hängt von keines Menſchen Willen ab; allein ſo viel iſt gewiß, das heilige römiſche Reich, das alte Deutſchland— Verdient unſre Achtung, endigte die Baronin die Rede. Wir müſſen uns bemühen, dem Vaterlande Ehre zu machen, ſetzte Theobald hinzu. Man ging in das Schloß zurück. Theobald verließ uns, um in der Einſamkeit an ſeine Emilie zu denken; ich ſchlug dem Baron eine Partie Tricktrack vor; die Baronin nahm ein Buch; und die Comteſſe rief ihre Kammerfrau, mit welcher ſie in den Park zurückkehrte, wo ſie ſich bis zur einbrechenden Nacht ohne Zweifel mit ihrem bittern Verdruß unterhielt. Tages darauf legten die Damen Emilien einen Gegenbeſuch ab, und brachten ſie mit ſich aufs Schloß zurück. Den folgenden Tag ſpeiſete ſie daſelbſt zu Mittag, und drey oder vier Tage verfloſſen, ohne daß irgend jemand darauf zu denken ſchien, welche Gluth ſich entzündete, welche vielleicht unzerreißbare Bande ſich knüpf⸗ ten. Die vollkommenſte Blindheit gegen die Zukunft, 49 Zukunft, iſt des Menſchen einziges wahres Glück; ſelbſt Freude zu erwarten iſt nicht ſo ſüß, wie gar nichts zu erwarten. Hymen wür— de Amorn überraſchen, wenn er ihn in ſei— ner Kindheit erblickte; er iſt ſich ſelbſt genug, und verlangt nichts außer ſich, der gegenwärti— ge Augenblick iſt ſein Alles. Wenn ich je wün— ſchen könnte, mein mühſeliges Leben noch ein— mal zurückzuleben, ſo wäre es um einige Tage eines Daſeyns, wie Emilie und Theobald jezt genoſſen. So wie ſich aber ihre Gemüthsart im Umgange entwickelte, entdeckten ſich nach und nach Widerſprüche.— Widerſprüche zwiſchen Emilien und Theobald? höre ich Sie rufen. Und welche?— Das wäre zu weitläuftig aus einander zu ſetzen, Sie können ſich es auch beſſer denken, wie ich es zu ſagen vermag. Um indeſſen alles mit einem Worte auszudrük⸗ ken,... Theobald war ein Mann und ein Deut⸗ ſcher, Emilie ein Weib und eine Franzöſin. Die tiefere Innigkeit des Gefühls führte zu Anſprüchen; denn da ein jedes von ihnen ſeine Drei Weiber⸗ D . 50 unvermeidliche Abhängigkeit von dem andern merkte, wollte es auch den andern abhängig machen, oder ſuchte ſich der Herrſchaft deſſelben wenigſtens unter den vortheilhafteſten Bedi gungen zu unterwerfen. Eines Tages, da von ſchönen Ausſichten die Rede war, bemerkte Theobald, einer der rei⸗ zendſten Anblicke, deren er ſich erinnere, ſey die Seine und ihre Ufer, ſo wie er ſie eines Abends bey Sonnenuntergange, von der neuen Brücke aus geſehen hätte. Wie! rief Emilie; Sie wa⸗ ren in Paris? warum ſagten Sie mir das nicht eher?— Weil es Nichts weniger intereſſantes geben kann, wie dieſe Reiſe, ſagte Theobald ſehr kalt; wir machten ſie im Fluge, ich war höchſtens vierzehn Jahr alt, und blieb nur drey Wochen in Paris.— Das war aber doch ſchon lange genug, um zu wiſſen, daß Paris alles in der Welt übertrifft, und ich bin gewiß, daß Sie Ihr ganzes Leben da zuzubringen wünſchten, wenn, mit öffentlicher Ruhe, Ord⸗ nung und anſtändige Vergnügungen wieder da⸗ 51 hin zurückkehrten.— Im geringſten nicht, ant— wortete Theobald.— Wie? fragte Emilie, ſoll⸗ ten Abſcheulichkeiten die nur einige wenige an— geſtiftete, verführte, unſinnige Menſchen verübt haben, Sie gegen ein ganzes Volk ungerecht machen, deſſen eigentlicher Karakter ſo ſanft, liebenswürdig, und edel iſt?— Ich ſpreche ſo ſelten als möglich von der langen Kette von Abſcheulichkeiten, welche die Menſchheit noch mehr wie Ihre Landsleute herabwürdigen; viel⸗ leicht hätte ſich unter gleichen Umſtänden an⸗ derwärts eben das zugetragen. Aber dieſe ſo oft geſungnen Lieder, dieſe Feſte, dieſes Zeichen an dem Halſe Ihres Königs, das ich an ſo vielen Abbildungen von ihm bemerkt habe, die mir nach ſeinem Tode zu Geſicht gekommen ſind,— Darnach urtheilen Sie alſo? unterbrach Emilie.— Ich glaube daß die Franzoſen über⸗ haupt mit mehr Grauſamkeit fröhlich, oder mit mehr Fröhlichkeit grauſam ſind, als alle andere Nationen; und ohne daß ich ſie darum mehr haſſe, bringt es eine größere Antipathie zwiſchen 2 52 ihnen und mir hervor.“) Wenn ich ſelbſt in den Ausnahmen, die mich mein Herz zu machen *) Gegen Theobalds Empfindung iſt nichts einzu⸗ wenden, aber verändern würde ſie ſich vielleicht, durch die eigentlich vernünftige Anſicht der Sache. Hoffentlich giebt es keine Nation, deren beſonderer Karakter Grauſamkeit wäre; aber es liegt in der Natur des Menſchen, daß ihn gewiſſe Leidenſchaf⸗ ten grauſam machen können, und wenn ſolche Lei⸗ denſchaften ſich einer Nation, oder einzelner Men⸗ ſchen aus einer Nation bemächtigen, ſo miſchen ſich ihre nationellen Individualitäten in ihre Grauſam⸗ keit, und erhalken, durch eine nothwendige morali⸗ ſche Würkung, einen ſchlimmeren Ausdruck als im gewöhnlichen Zuſtande. Der Deutſche iſt grade und einfach, ſeine Grauſamkeit wird plump und brutal; der Italiäner iſt fein und liſtig, ſeine Grau⸗ ſamkeit paart ſich mit tiefer Verſtellung; der Eng⸗ länder iſt ſtolz und unabhängig, ſeine Grauſamkeit iſt mit ſtarrer Unempfindlichkeit und Verachtung verbunden; der Franzos iſt luſtig und leichtſinnig, und dieſe Eigenſchaften geben ſeiner Grauſamkeit etwas ähnliches, von dem Tanzen und Singen der wilden Völkerſchaften bey Menſchenopfern. Die nämlichen Verſchiedenheiten, äußern ſich in den Zü⸗ gen von Edelmuth der verſchiedenen Nationen: aber in beiden Fällen ſind ſie nur zufällig, und das Wohl der Menſchheit erfordert, daß man ſo viel möglich von ihnen abſtrahire, um ſich an eine allgemeine 53 zwingt, eine ſtärkere Schattirung dieſes Natio⸗ nal⸗Karakters fände,— Was würden Sie thun? fragte Emilie.— Mein Fräulein, ich würde untröſtlich ſeyn! antwortete Theobald. Emilie verlor die Faſſung nicht, und ſagte nach einem kurzen Stillſchweigen halb ironiſch: Un— geachtet dieſer zurückſtoßenden Fehler meiner Nation, getraue ich mir zu behaupten, daß Je⸗ dermann, der in Paris leben kann, nirgends an— ders leben wird.— Ich, antwortete der junge Baron in eben dem Ton, würde Sonderling genug ſeyn, um eine Ausnahme von dieſer all⸗ gemeinen Regel zu machen, und ich erkläre, daß ich lieber in Altendorf bleiben, und lebenslang der Vormund, Schiedsrichter und Rathgeber meiner Bauern ſeyn will, als, ohne Nutzen für irgend einen Menſchen auf der Welt, in die⸗ ſer berühmten Hauptſtadt leben, mag ſie im— Norm von Böſem und Gutem zu halten, deren Nothwendigkeit das Menſchengeſchlecht immer ge⸗ fühlt, aber, ſtatt deren, mit unzulänglichen oder ge⸗ fährlichen Aequivalenten vorlieb genommen hat. Anm. des Überſetzers. 54 merhin der Sitz der Grazien, des Geſchmacks, und aller Freuden ſeyn. Senie Stimme war im Reden unſicher geworden, und zeugte von ſeiner innern Unruhe; er ergriff eilig einen Theil vom Emil, den er unter der Hand fand, und verließ das Zimmer und das Schloß. Die klei⸗ ne Comteſſe triumphirte. Welch eine Zeit zum Spazierengehen? ſagte ſie. Es iſt zum erſticken heiß! Man muß große Luſt haben von hier weg⸗ zu kommen, um am erſten Julius, Nachmittags um vier Uhr, auf dem Felde umher zu lau— fen!— Ich theile den Geſchmack Ihres Cou— ſins, ſagte Emilie aufs äußerſte gebracht, und bitte den Herrn Abbsé, der brennenden Zone zum Trotz mich nach Hauſe zu bringen. Vielleicht hofte Emilie Theobalden zu begeg⸗ nen. Sie fand aber nur ſein Buch, das er auf⸗ geſchlagen auf einer Bank gelaſſen hatte. Sie nahm es in die Hand, und ihre Augen fielen auf die Worte:„»Sophie, Sie ſind Schieds⸗ »richterin meines Schickſals, Sie wiſſen es. »Sie können mich vor Schmerz tödten; hoffen „ Sie aber nicht, mich die Pflichten der Menſch⸗ 55 „lichkeit vergeſſen zu machen: ſie ſind mir hei⸗ »liger wie die Ihrigen, ich werde ihnen nie Zhrentwillen entſagen.* Emilie legte das Buch wieder hin wie ſie es gefunden hat—⸗ Ae ezten ſtillſchweigend unſern Weg — 8 — — 8 2 ꝶ — . 0* fort; aber ich las ihre Bewegung in ihren Blicken, in ihrem anfangs langſamen dann ra⸗ ſchen Schritte.— Wäre es wahr? ließen ſich dieſe Worte auf mich anwenden? Sie ſind Schiedsrichterin meines Schick⸗ ſals! Aber Altendorf nie verlaſſen, ſo ent⸗ ſchiedne, feſte Maßregeln, Entſchlüſſe gegen mich nehmen? In Frankreich, ſagt man, herr⸗ ſchen die Weiber. Ach welch ein Unterſchied! Guter Gott, welch ein Unterſchied! Wie ich auf das Schloß zurück kam, wan⸗ delte Theobald tiefſinnig umher. Ich ging auf ihn zu, wir ſpazierten einige Zeit, ohne daß er aus ſeinen Tränmereien erwachte. Der Himmel bedeckte ſich, es war brennend heiß geweſen, bald donnerte es, und tauſend Blitze zerriſſen die Wolken. Könnten wir nicht zu ihr gehen? Sie fürchtet ſich vielleicht, ſagte Theobald. Ich 56 beſorge ihr weh gethan zu haben!— Und ohne meine Antwort abzuwarten, nahm er mich beim Arm, und trat den Weg nach Emiliens Woh⸗ nung an. Wir waren ihr ſchon nahe, als uns das Geräuſch eines Wagens, und ein verworrnes Geſchrei eiligſt nach der Heerſtraße zurückführte, von der wir uns entfernt hatten. Wären wir doch einen Augenblick früher gekommen! Wir erblickten eine Berline, deren Pferde, vor dem Gewitter ſcheu geworden, bey unſrer Ankunft den Poſtillion abwarfen, den Wagen gegen ei⸗ nen Grenzſtein zogen, und heftig umwälzten. In Stränge und Zügel verwickelt ſträubten ſie ſich gewaltſam, und das Unglück wäre furch⸗ terlich geweſen, wenn es uns nicht gelungen wäre, ſie aufzuhalten, und den Poſtillion, der verwundet blutend unter ihren Hufen lag, her⸗ vorzuziehen. Einige herbeyeilende Bauern tru⸗ gen ihn fort, indeß Theobald und ich, nebſt ei— nem Bedienten, der uns mit eben ſo viel Ge— ſchicklichkeit als Stärke beyſtand, ein ohnmäch⸗ tiges Frauenzimmer uus dem Wagen zogen. ◻☛◻ 7 Wo ſollten wir ſie hinbringen? Das Schloß war weit entlegen. Ich fragte den Bedienten, den ich nach ſeiner Ausſprache für einen Pari⸗ ſer hielt: ob ſeine Herrſchaft eine Franzöſin wäre?— Ich weiß es nicht, war ſeine Ant— wort.— Spricht ſie aber franzöſiſch?— Ge— wiß, mein Herr.— Nun ſo wollen wir an— nehmen, daß ſie eine Franzöſin iſt, und ſie der Sorgfalt ihrer beiden jungen Landsmännin⸗ nen empfehlen. Theobald war es zufrieden, und wir brachten die Fremde nach Emiliens Wohnung. Auf unſer wiederholtes Pochen kam Joſe⸗ phine aus einem Keller geſtiegen, wohin ſie ſich geflüchtet hatte; aber die große Angſt vor dem Gewitter, wich bald dem noch größeren Mit— leid. Ach du mein Jeſus! ſchrie ſie, arme jun— ge Dame! iſt ſie denn todt?— Wir verſicher⸗ ten ihr das Gegentheil, und daß ihr Puls noch ſchlüge. Gut, ſagte ſie; ſo wollen wir ſie auf mein Bett legen, und auf alle Weiſe für ſie ſorgen. Ihre herzlichen Hülfleiſtungen hatten bald einen günſtigen Erfolg. Die Dame öff⸗ 58 nete ihre Augen, ſprach, bezeugte ihr Erſtau— nen, ſuchte ihre Dankbarkeit auszudrücken. Ih⸗ re Ausſprache des Franzöſiſchen hatte etwas fremdes, das mir über ihren Geburtsort gar keinen Aufſchluß gab; aber ihr ganzes Betra⸗ gen bewies eine feine Erziehung. Emilie ließ ſich indeſſen immer nicht ſehen. Wo iſt denn Ihre Herrſchaft? fragte ich end⸗ lich Joſephinen. Es hat mir ſehr leid gethan ſie im Garten allein zu laſſen, antwortete ſie; wenn man ſich ſeinen Gedanken ſo ſehr über— läßt wie die, hört man Gottes Donner nicht. — Wir fanden ſie auch würklich auf der Gar— tenbank zurückgelehnt, und auf unſre Frage: ob ſie ſich nicht erſchrocken hätte? ſagte ſie verwun— dert: Worüber hätte ich erſchrecken ſollen? Wir erzählten ihr nun von dem Gewitter, und dem dadurch veranlaßten Unfall. Iſt das Frauenzimmer eine Franzöſin? frag⸗ te Emilie, indem wir auf das Haus zugin— gen.— Wir wiſſen es nicht, antwortete ich.— Wenn ſie es nicht iſt, ſo wünſche ich ihr Glück, ſetzte Emilie hinzu. 59 2 Wie Emilie zu der Fremden kam, bezeigte ſie ihr, mit dem rührendſten Anſtand, ihre leb⸗ hafte Theilnahme, und ihre Empfindung wurde gerade ſo aufgenommen, wie ſie Emilie aus⸗ drückte, So bald ein Aderlaß die Würkung des Schreckens ganz zerſtreut hatte, fand es ſich, daß die Fremde außer einer Quetſchung am Kopfe und einer andern am Arm, die obſchon weit anſehnlicher, dennoch gar nicht beunruhi— gend war, nicht gelitten hatte. Sie fragte nach dem treuen La Croix, und La Croix trat ſo eben mit einem ſchweren Geldkaſten ins Zimmer. Sie erkundigte ſich nun nach dem Poſtillion; man verſicherte ſie, daß für ihn geſorgt werde. Nun ſagte ſie, ſo iſt die Furcht, hier viel Ungelegen— heit zu verurſachen, mein einziger Kummer. Emilie ſprach ſie über dieſen Punkt zufrieden, und da ich glaubte, ſie möchte der Ruhe bedür⸗ fen, gab ich Theobalden einen Wink, von den beiden Damen Abſchied zu nehmen. Beim Herausgehen nahm er Emiliens Hand; ſie zog ſie zurück, aber xeichte ſie dann wieder hin; er küßte ſie, Emilie weinte ſanft. Warum, 60 2 ſagte Theobald, warum ließen Sie mir die grau⸗ ſame Wahl, Sie zu beleidigen, oder meine Grundſätze, und mein Vaterland zu verläug— nen? Der Unfall der Fremden hat mich nicht allein zu Ihnen geführt, der Abbé kann es mir bezeugen; ich kam, um das Unglück Sie belei— digt zu haben, zu beweinen. Emilie, Sie ſehen in mir den Mann, der Ihnen alles, nur nicht heilige Pflichten aufopfern würde. Man kann ſich leicht denken, was die fol⸗ genden Tage vorging: unſre Beſuche, die Be⸗ mühung eines jeden von uns, die Erkenntlich— keit der Fremden, deren Heilung durch alles, was die liebenswürdigſte Sorgfalt wohlthäti— ges und koſtbares haben kann, beſchleunigt wurde. Nach fünf oder ſechs Tagen war ſie im Stande den Poſtillion zu beſuchen, deſſen Wirch, Krankenwärterin und Wundarzt, ſie auf das großmüthigſte belohnte. Ich begleitete ſie; wie wir zurückkehrten, wollte ſie ein kleines, an Emiliens Wohnung ſtoßendes Haus beſehn: mit einem Blick entdeckte ſie, wie man es be— quem und angenehm einrichten könnte. Die 61 Wände ſagte ſie, ſind dauerhaft, das Dach neu, dieſen Verſchlag muß man hinweg nehmen, hier kann man einen Kamin anbringen. Sie fragte den Eigenthümer um den Preis ſeines Hauſes, und ehe wir es verließen, hatte ſie den Kauf geſchloſſen. Sogleich ſuchten wir den Zimmer— mann und Mauermeiſter auf, und kamen we— gen Arbeit und Zahlung überein. In meinem Leben hatte ich keine Frau geſehen, die ſich ſo in alles zu finden, und alles ſo ſchnell abzu— thun wußte. Da ſich Joſephine ſeit langer Zeit zum er— ſtenmal wieder mit ihrer Herrſchaft allein fand, ſprach ſie mit ihr ſehr ausführlich und freymü⸗ thig von Frau von Vaucourt(denn ſo nannte La Croix ſeine Herrſchaft); ſie lobte ihre Au⸗ gen, ihre Zähne, ihren Fuß; fand ihre Haut zu braun, ihre Haare zu hart, ihre Sprache zu undeutlich. Von ihrer Taille wußte ſie nicht was ſie ſagen ſollte. Frau von Vaucourt iſt ſehr klein, ſehr mager, aber ſo geſchmeidig, hat eine ſolche Leichtigkeit in ihren Bewegun⸗ gen, daß man ihr keine andere Art von Gra⸗ 62 zie, nichts glänzenderes wünſchen, noch ſie grö— ßer haben möchte. Joſephine verſicherte, ſie wä— re eine Creolin, oder ihr Vater wäre ein Creol geweſen. Emilie begnügte ſich mit der Bemer⸗ kung, daß ſie ſehr liebenswürdig, und voll Geiſt und Lebhaftigkeit wäre; und wie ſie von dem Wunſche ſprach, ſie einige Zeit in Altendorf aufzuhalten, ſetzte ſie hinzu: ſie hielte ſie, in je⸗ der Rückſicht, für eine ſehr anſtändige Geſell⸗ ſchaft, für ſehr wohlgezogen, nämlich ſehr ſitt⸗ ſam in ihrem Betragen, denn ſie hätte kein ein⸗ ziges Wort von ihr gehört, das die Gränzen des ſtrengſten Anſtandes überſchritten hätte. Sie kann meinetwegen ein wahres Tugendbild ſeyn, antwortete Joſephine; allein dieſe Zurück⸗ haltung iſts nun eben nicht, die mich über— zeugt. Es giebt dumme Streiche, gnädiges Fräulein, an die man um ſo mehr denkt je we⸗ niger man ſie begeht; ſie gehen einem beſtändig im Kopf herum, und man ſieht dann, mehr oder weniger, immer darnach aus. Dahingegen, wenn man nicht ſo behutſam iſt.— So wäre man ehrbarer, willſt Du ſagen? unterbrach ſie 6³ Emilie lachend.— Ich hätte faſt Luſt dazu. Haben Sie, zum Exempel, je einen größeren An— ſchein von Heiligkeit geſehen, als bey Ihrer Frau Tante; und Gott weiß doch, daß außer dem lieben Chevalier,— Schon gut, unterbrach ſie Emilie; ich ſchenke Dir Deine Beweiſe: ſage mir lieber, ob Du Dich dieſe ganze Zeit her nicht zu ſehr ermüdet haſt? Du haſt oft die halbe Nacht gewacht, und den Tag über warſt Du bey Deiner Arbeit nicht weniger eifrig. Ich ſah Dich allenthalben, ich bewunderte Dei— ne Thätigteit, Deine Wachſamkeit; aber es machte mich doch für Deine Geſundheit beſorgt. — Was thut das, gnädiges Fräulein? Wenn es würklich Noth thut, und einen die Herr— ſchaft nicht aus bloßem Eigenſinn abjagt, ſo iſt es eine Freude zu arbeiten. Sehen Sie, was Sie mir jezt geſagt haben, könnte mich hundert ſchlafloſe Nächte, und alle mögliche Arbeit ver⸗ geſſen machen. Übrigens habe ich nicht ſo viel Arbeit gehabt, wie Sie meinen, gnädiges Fräu— lein: Heinrich hat mir zwar weniger wie ſonſt geholfen, aber Herr La Croix verſteht ſich auf 64 alles, legt überall Hand an, iſt Koch, Tape⸗ zierer, Gärtner, alles was Sie wollen. Seyn Sie glücklich mein Fräulein und ich bin längſt zufrieden. Wenn nur— Joſephine ſeufzte, wir hatten unſer Geſchäft geendigt, und unter— brachen durch unſre Rückkehr das Geſpräch. Frau von Vaucourt ſagte zu Emilien, da ſie ſich nicht entſchließen könnte, weder ſie zu verlaſſen, noch ihr länger zur Laſt zu ſeyn, hätte ſie ſo eben eine Einrichtung getrof— fen, durch welche ſie ihre Nachbarinn würde. Wenn Sie mich dann noch ein bischen lieben, ſagte ſie, ſo laſſen Sie eine Thüre aus Ihrem Zimmer in das meinige durchbrechen, zugleich umarmte ſie Emilien mit einem ſo zärtlichen Ausdruck, daß dieſe lebhaft gerührt wurde. Ich habe hier noch Niemanden gedankt, fuhr Frau von Vaucourt fort, indem ſie Emiliens und meine Hand drückte; ich verſtehe mich nicht auf das Danken, aber ich kann empfinden und lie⸗ ben. Göttliche Vorſicht! dir will ich danken! Wie konnte ich hoffen, daß der Wetterſtrahl, der mich faſt tödtete, mir zu ſo einem Zufluchts⸗ ½ ort 65 ort verhelfen würde? So viel Güte, Verdienſt, Liebenswürdigkeit!— Theohald der ſo eben hereintrat hörte dieſen lebhaften Ausruf, und indem Frau von Vaucourt ihren gen Himmel gerichteten Blick auf ihn ſinken ließ, fuhr ſie fort: Möchte der Anblick Ihres Glücks das Le⸗ ben verſchönern, das Sie und Ihr Freund mir erhalten haben! Gerührt, erſchöpft ſank ſie er— blaſſend auf Emiliens Bett, und bat uns, ihr einige Augenblicke Ruhe und Einſamkeit zu gönnen. Den nächſten Tag kam ſie auf die Einladung der Frau von Altendorf mit Emilien auf das Schloß. Beide ſetzten ihre Beſuche die folgen— den Tage fort, und der alte Baron ſelbſt fand die Tage langweilig, an denen er ſie nicht ſah. La Croix verreiſte bald nach Osnabrück, bald nach Hannover und Münſter, um die nö⸗ thigen Geräthſchaften für das Haus zu holen, deſſen Ausbeſſerung rüſtig fortſchritt. Alles wurde darin auf deutſchen Fuß eingerichtet. Emilie bemerkte es, und da Frau von Vau⸗ court Zeugin einiger zwiſchen ihr und Theobald Drei Weiber. E 66 vorgefallner Wortwechſel über Nationalgewohn⸗ heiten geweſen war, fragte ſie: ob ſie ſich auf ihre Unkoſten auszeichnen wollte? Nicht das, antwortete Frau von Vaucourt, aber ich will Ihnen ein gutes Beyſpiel geben. Wir müſſen uns wohl hüten, Leuten, die uns bey ſich dul— den, in ihrer Heymath nicht wie Fremden zu begegnen, nicht als wenn wir es wären, die ih— nen Schutz angedeihen ließen.— Wie! rief Emilie: wenn ich aus dem ſchönſten Lande der Welt verbannt bin, ſollte mirs nicht erlaubt ſeyn, mich wenigſtens mit ſeinen Sitten ſei— nen Gebräuchen, die der Geſchmack einmal ge— heiligt hatte, gleichſam zu umgeben?— Nein, ſagte Frau von Vaucourt, nein, das iſt Ihnen nicht erlaubt; und ſie ertheilte La Croix den Befehl, in keiner ſeiner Einrichtungen irgend etwas anzubringen, das an Paris und Frank⸗ reich erinnerte. Nach vierzehn Tagen war die Wohnung zu ihrem Empfange bereit. Emilie fand, das man ſich zu ſehr geeilt hätte. Wenn Sie es aufrich⸗ tig meynen, ſagte Frau von Vaucourt, ſo 67 trennen Sie ſich nicht von mir, wir wollen ge⸗ meinſchaftlich leben; ich laſſe mir von Joſephi⸗ nen aufwarten, und La Croix folgt Ihrem Be⸗ fehle wie dem meinigen, Ehe Sie ſich aber ent⸗ ſcheiden, iſt es billig, daß Sie von dem Schick⸗ ſal eines Geſchöpfes, das Sie ſo großmüthig aufnahmen, beſſer unterrichtet werden. Mor⸗ gen früh komme ich zu Ihnen, und erzähle Ih⸗ nen von meiner Geſchichte ſoviel mir erlaubt iſt: dann mögen Sie entſcheiden, ob es Ihnen anſteht, Ihr Leben mit mir zuzubringen.— Eine ſolche Vorſicht gränzt an Mißtrauen, antwortete Emilie, und deſſen bin ich in Rück⸗ ſicht auf Sie unfähig. Wenn Sie übrigens eine ſo unangenehme Empfindung in mir erregen könnten, würde mich dann wohl das, was Sie ſelbſt von ſich ſagen, beruhigen können? Verlaſſen Sie, weil es Ihr Wille iſt, dieſe Wohnung, die Ihre Gegenwart mir werther gemacht hat: allein laſſen Sie uns morgen, und alle Tage, und alle Stunden zuſammen ſeyn. Sie ſind reich, wie ich ſehe, und ich bin arm: aber Sie ſcheinen mir weder den Auf⸗ E 2 68 wand, noch die Weichlichkeit zu lieben: wir können alſo doch zuſammen leben, und ich laſſe es mir gefallen, mit einer Freundin nicht zu ge— 3 nau abzurechnen.— Sie machen mich ſehr glücklich, ich habe Ihnen viel zu verdanken! rief Frau von Vaucourt, und verließ ſie, indem Thränen der Freude und Rührung aus ihren Augen’drangen. Die Nacht ſchien für Emiliens Neugierde ſehr lang. Bisher hatte ſie ſich jede Frage, ſo ſehnlich ſie auch oft nach Aufklärung über man⸗ chen Punkt verlangt hatte, unterſagt, und da⸗ her oft gefürchtet, ihrer neuen Freundin, bey der gänzlichen Unwiſſenheit ihrer Verhältniſſe ihres Schickſals, durch irgend eine Außerung weh zu thun. Kaum war ſie aufgeſtanden als Frau von Vaucourt hereintrat. Laſſen Sie uns erſt früh⸗ ſtücken, und hernach will ich erzählen, ſagte ſie. Das Frühſtück ward in den Garten gebracht, wo ſie bald ganz allein blieben. Ich habe den Namen Vaucourt ſtatt mei⸗ nes eigentlichen angenommen; nennen Sie mich 84 4 ༠59 in Zukunft Conſtanze, es iſt wirklich mein Tauf— name. Frankreich iſt zwar mein Vaterland, ich habe aber nicht immer dort gelebt. Der Aufent⸗ halt in ſehr heißen Ländern hat nicht wenig dazu beygetragen, mich ſo ſchwarz zu machen, wie ich jezt bin. Woher mein Vater und mein Mann waren,(denn ich war verheirathet und bin Wittwe) kann ich Ihnen nicht ſagen; aber ich geſtehe Ihnen, daß man ihnen vorwarf, ein ſehr großes Vermögen das ſie erworben hatten, und mir hinterließen, nicht auf die rechtmäßig— ſte Weiſe erworben zu haben. Sie haben Mit— tel gefunden es in völlige Sicherheit zu brin— gen, allein der Verdacht den ſie ſich zuzogen, und die daraus entſtehende Verfolgung, würden mich doch, wenn man mich kennte, mancher Un⸗ annehmlichkeit ausſetzen. Ein einziger Freund, ein Mann, welcher der allgemeinen Achtung die er genießt, vollkommen würdig iſt, der Zeuge und Vertraute meines Kummers, half mir den Verfolgungen meiner Familie entkommen. Ich beſitze in Amerika und den Inſeln, unter mehrerley Nahmen, verſchiedne Ländereyen; ich N 5—— 70 habe in Holland und England Gelder nieder⸗ gelegt, und in Paris, Liſſabon und Petersburg habe ich Comtoirs; außerdem nehme ich an ver⸗ ſchiedenen Zweigen des Oſtindiſchen Handels Theil. Seit einem Jahre durchſtreife ich Po⸗ len und Deutſchland, um eine Zuflucht zu fin⸗ den, wo ich unbekannt und doch ohne Lange⸗ weile leben kann. Ich habe mehr erlangt wie ich ſuchte; ich bleibe hier, ich bin vollkommen glücklich. Nach einem ziemlich langen Stillſchweigen ſagte Emilie: Erlauben Sie mir zu fragen; wie denken Sie über dieſes Vermögen, das ſo gro⸗ ßen Verdacht erregt hat?— Ich weiß es nicht recht, antwortete Conſtanze; ich glaube faſt nicht, daß es ſo anſehnlich hätte werden kön— nen, wenn deſſen Erwerber außerordentlich ge⸗ wiſſenhaft geweſen wäre; aber ich bin gewiß, daß ſie der Neid weit ſchwärzer gemalt hat, als ſie verdienten, und daß man an ihnen ta⸗ delt, was man tauſend andern ungeſtraft hin⸗ gehen ließ, blos weil ſie eben ſo glücklich als geſchickt waren.— Iſt es Ihnen aber nie ein⸗ 71 gefallen, ſagte Emilie, der Sache auf den Grund zu kommen, und das unrechtmäßig Er⸗ worbene zu erſetzen?— Wie ſollte man das erſetzen? Wenn man im Handel einzelnen Menſchen Unrecht thut, ſind die Beeinträchtig— ten über den ganzen Erdboden zerſtreut, und hat man das Publikum beſtohlen, warum ſollte ich ihm Erſatz geben? Nehmen wir an, es ſey Frankreich unter der alten Herrſchaft; ſollte ich mein Vermögen voriges Jahr Robespierren, und jezt den Menſchen ausliefern, die ihn ſtürzten, und nun um ſeine Macht hadern? Wäre es England, ſollte ich dann meinen Theil zur Be— ſtreitung eines Krieges beitragen, gegen ein Land, das ich liebe, wo ich geboren bin, ei⸗- nes Krieges der ganz Europa zerſtört, verwüſtet? Oder ſollte ich etwas an Spanien wieder erſetzen, um neue Heiligthümer zu ſtiften, und Reliquien zu ſchmücken? Oder der ruſſiſchen Kaiſerin, um ihre Günſtlinge noch um ſo viel mehr zu be⸗ reichern? Oder dem Pabſt, damit ſeine ſchlechten Soldaten und guten Sänger beſſer beſoldet würden? Dem Geſetz: nach gehört mein Ver⸗ 72 mögen mir, denn ich beſitze es kraft der gültig⸗ ſten Aktenſtücke: der Billigkeit nach gehört es mir nicht weniger, denn kein Menſch, das darf ich behaupten, würde es beſſer wie ich anwen— den. Ich lebe, noch mehr aus Grundſatz als aus Klugheit, ohne alle Verſchwendung; ich gebe überall wo ich hinkomme, ich laſſe in mei— nem Namen geben, und das überall wo ich Be⸗ ſitzungen habe: aber vor allen finden die Fran— zoſen, in welchem Stande ſie auch geboren ſind, welcher Meynung ſie auch zum Opfer wurden, die lebhafteſte Theilnahme in meinem Herzen; und ſollten meine Verwandten ſie bevortheilt haben, ſo laſſe ich es mir angelegen ſeyn, ih⸗ nen unaufhörlich die Zinſen dafür abzutragen. Ich ſetze Sie in Erſtaunen, fuhr Frau von Vaucourt fort; es fehlt wenig daran, daß ich Sie nicht gar zurückſcheuche, aber das wird ſich geben, und ich bin Ihrer Verſchwiegenheit nicht ſicherer wie Ihrer Achtung.— Meiner Verſchwiegenheit! rief Emilie— Auf dieſe rech— ne ich, unterbrach Conſtanze, aber Ihre Ach⸗ tung ſind Sie mir ſchuldig, und ſie wird mir 73 nicht entgehn. Ihre Erziehung hat Ihnen, über viele Gegenſtände, blos ſpekulative und ſehr ſtrenge Begriſſe eingeflößt; wenn Sie ſich ein wenig mehr in der Welt umgeſehen haben, werden Ihnen dieſe Gegenſtände ganz anders erſcheinen. Es giebt Renſchen die keine ande⸗ re Moral kennen als ihren Vortheil, der ſie hellſehend und blind macht, wie ſie es nöthig finden; aber dieſes kann weder Ihnen, noch mir wiederfahren. Erlauben Sie mir aber doch, Ihnen zu ſagen, daß man Sie über manches zur Rede ſtellen könnte, daß Sie manches für ſehr einfach halten, blos weil Sie ſich wohl dabey befinden, und Ihre Grundſätze nach und nach darnach gerichtet haben.— Was wollen Sie damit ſagen? rief Emilie.— Sehen Sie denn nicht, daß Sie auf dem Schloſſe Theobal⸗ den verführen, die Mutter beunruhigen, und die Couſine aufs äußerſte treiben? Dank ſeiner Blindheit, bleibt der Baron allein ohne Sorgen, und ſieht nicht, daß er eine junge heimloſe Fremde zur Schwiegertochter wird nehmen müſ⸗ ſen.— Nimmermehr! rief Emilie erblaſſend, 74 das wird nie geſchehn!— Es wird geſchehn. antwortete Conſtanze.— Sie ſprechen mir alle Delikateſſe ab, ſagte Emilie; wie Können Sie mir einige Achtung beweiſen, wie ſich mir an— vertrauen, wenn ſie glauben— Ich glaube weis ter nichts, als daß Sie Theobalden lieben, und daß Theobald Sie anbetet. Ich ſehe da nichts er⸗ ſtaunliches, noch ſtrafbares; und weit entfernt, Sie zur Zerſtörung eines Bundes zu ermahnen, der zwey für einander geſchaffne Herzen verei— nigt, beſchwöre ich Sie im Gegentheil, noch freymüthiger, noch hingegebner zu lieben, aller Zurückhaltung, aller Koketterie, aller Selbſtſucht zu entſagen. Theobald verdient wohl eine un⸗ bedingte Neigung, er verdient wohl, daß man aufhöre Franzöſin zu ſeyn, weil er ein Deut⸗ ſcher iſt, daß Sie Ihren Stolz bezähmen, wenn ſeine Leidenſchaft auflodert. Doch ſtill; dort kömmt er mit ſeinem Freunde. Erheitern Sie Ihr liebes Geſicht, und trocknen Ihre Thränen; man möchte mirs zu wenig Dank wiſſen, ſie erregt zu haben. So viele Gewalt konnte ſich Emilie nicht 75 anthun, und indem ſie ihre Thränen unterdrü— cken wollte, weinte ſie noch heftiger. Es iſt meine Schuld, rief Frau von Vaucourt, ich habe ihr Dingewanvertraut, die dieſen Sturm veranlaßten; aber Gott iſt mein Zeuge, ich lie⸗ be ſie, und weil ich ſie liebe, verurſachte ich ihr dieſen Schmerz! Wir kamen, um die Damen auf das Schloß einzuladen, wo Gäſte angelangt waren. Emi— lie ſchlug, aller unſrer Bitten ungeachtet, die Einladung zum Mittagseſſen aus. Ich will kommen, ſagte Conſtanze; ich will ſie auf eini⸗ ge Stunden von meiner Gegenwart befreyen, und ich hoffe, dieſen Abend wird ſie ruhiger und liebenswürdiger als wir ſie noch je ſahen, unter uns erſcheinen. In wenig Augenblicken hatte ſich Frau von Vaucourt angekleidet, und wir führten ſie fort; Theobald war äußerſt unruhig und beſtürzt. Die Empfindungen, welche Conſtanze ſo eben in Emilien veranlaßt hatte, waren denen ſo ähnlich, welche vor drey Monaten Joſephine in ihr erregte, daß ſie mit eben dem Schmerz, 76 eben den Betrachtungen beſchäftigt war. Die eine hatte Liebhaber denen ſie nicht entſagen wollte, die andere ein Vermögen, das ſie zu⸗ rückzugeben ſich weigerte. Beide waren ihr theuer, beide waren ihr nützlich, beide hatten ihre eignen Geſtändniſſe mit Tadel, ihre eigne Rechtfertigung mit Vorwürfen gegen ſie verei— nigt. Vor beider Augen war ſie nicht vollkom⸗ men unſchuldig, und ſie hatte ſich berechtigt ge— glaubt, zu richten, zu tadeln, ja faſt Verach⸗ tung zu zeigen. Über den Hauptpunkt ihres Betragens, den Punkt, welcher ihr am ſchmerz⸗ lichſten geweſen wäre abzuändern, war Frau von Vaucourt zwar gar nicht ſtrenge geweſen; konnte ſie ſich aber auf ſo eine Kaſuiſtin ver⸗ laſſen? War es einem armen vaterlandsloſen Mädchen würklich erlaubt, den Erben eines großen Namens, eines anſehnlichen Vermögens an ſich zu feſſeln? Wie La Croix das Mittagseſſen herein brach⸗ te, fand er ſie noch auf demſelben Platze; ſie rührte es kaum an. Joſephine kam um ſie zum Ankleiden abzurufen, während deſſen keine 77 von beiden ein Wort ſprach. Von ohngefähr wendet Emilie ſich um, erblickt Joſephinen bleich, mit geſchwollenen Augen, und fragt, was ihr fehle?— Es iſt ſo traurig, ſagt Joſephi— ne, da ich Sie von einer für mich hinlänglich betrübten Sache zu unterhalten habe, Sie ſelbſt niedergeſchlagen zu ſehn, daß ich mich zu ſchweigen genöthigt finde.— Rede Joſephine, rede! rief„Emilie; ich verdiene nicht ſo viel Schonung.— Warum nicht, gnädiges Fräu⸗ lein? warum verdienten Sie keine Schonung? was ſollen dieſe Reden? von mir verdienen Sie wenigſtens alles in der Welt.— Gut Joſephi— ne, mag ich es verdienen oder nicht, ſo will ich doch nicht geſchont ſeyn; ſorge für Dich, denke nicht immer auf mich, rede! was haſt Du mir zu ſagen? worin kann ich Dir helfen, worin Dir Kummer erſparen?— Joſe— phine zerfloß in Thränen. Ihre Seele, ſagte ſie, ſteht dem Schickſale, den Fehlern, den Leiden anderer offen. O, wie viel liebenswürdiger werden Sie dadurch! ich fürchte nur, es geſchieht auf Koſten Ihrer Ruhe. Laſſen Sie mich Ih⸗ 78 nen den Kummer über meine Leiden noch einige Tage erſparen; vielleicht kann ich damit fertig werden ohne ſie Ihnen mitzutheilen. Gelingt es mir nicht, ſo verſpreche ich, Ihnen alles zu ge— ſtehen und Sie um Beiſtand zu bitten. Bis dahin tröſtet mich das Mitleid, das Sie mir haben blicken laſſen.— Alles was ich vermag werde ich für Dich thun, ſagte Emilie, indem ſie Joſephinen umarmte: und nun weinten ſie beide zuſammen, als wenn ſie gegenſeitig die Urſache ihres geheimen Kummers gekannt hätten. Frau von Vaucourt fand Emilien auf der Harfe ſpielen, wie ſie gegen fünf Uhr nach Hau— ſe kam, um ſie abzuholen. Dieſe Harfe war in ihren ſchwermüthigſten Augenblicken ihre beſtän⸗ dige Zuflucht. Die ganze Geſellſchaft des Schloſſes kam ihnen entgegen, und blaß, nach— denkend, niedergeſchlagen, flößte Emilie Theo⸗ bald, mehr Liebe ein wie jemals. Von dieſem Tage an fand kein Zwiſt mehr zwiſchen ihnen Statt. Emilie war ſanft, faſt unterwürfig, und Theobald eben ſo gefällig als eifrig ihr ſeine Liebe zu bezeugen; und wenn gleich dieſe Epo⸗ 79 che ihrer Liebe weniger zauberiſchen Reiz hatte, wie die erſte, ſo war ſie doch der zweiten weit vorzuziehen. Emilie vergaß nicht was ihr Joſephine ſo kummervoll geſagt hatte, und ſah ſie oft mit Blicken an, die ſie fragten: Joſephine? brauchſt Du nicht mit mir zu reden? Ich kann, ich will Dich anhören, ich bin bereit alles für Dich zu thun.— Joſephine verſtand die Sprache wohl; aber indem ſie, mit dankbar lächelndem Munde und Thränen im Auge, den Kopf ſchüt⸗ telte, wandte ſie ſich weg, und entfernte ſich. Eines Tages, wo ſie unglücklicher als ge— wöhnlich ſchien, machte ſie ſtatt dieſes vernei— nenden Zeichens eine Bewegung, die Erklärung verſprach; aber die Kräfte fehlten ihr, und ſie ſank auf einen hinter ihr ſtehenden Stuhl. Vor Schluchzen verſagte ihr die Stimme, und ſie ſchien dem Erſticken nahe. Emilie ſchnitt ei— lig ihr Schnürband auf, kaum war die Schnur gelößt, als das Corſet einem heftigen Wider⸗ ſtande nachgab, und gewaltſam aufſprang. Jezt fand ſie die Stimme wieder, weinte, 8⁰ redete, ſchrie. Conſtanze die ſie hörte, eilte herbey, und beide Freundinnen waren mit allen möglichen Hülfleiſtungen um ſie beſchäf⸗ tigt. Was fehlt Dir? rief Emilie; was fehlt Dir, liebe Joſephine? fragte ſie voll Angſt.— Großer Gott ſehen Sie es nicht? iſt es Gleich— gültigkeit oder übermäßige Ehrbarkeit, die Sie ſo blind macht? Zugleich legte ſie Emiliens Hand unter ihre Bruſt: Merken Sie noch nichts? begreifen Sie noch nicht was es iſt? O Gott dieſe Harfe, dieſes Raimundi Feſt, oder vielmehr der Tag und die Nacht die vorhergin— gen,— warum kann ich ſie nicht aus meinem Leben vertilgen!— Was will ſie ſagen? frag— te Frau von Vaucourt.— Er ſtahl ſich des Nachts in mein Zimmer, ſagte Joſephine; ein junger Menſch, derſelbe Heinrich, den Sie jezt ſo ſelten, ſo nachläßig, ſo langſam hieher ſchlei⸗ chen ſehn, ſtahl ſich wie eine Schlange zu mir. Man hörte ihn wohl, aber man kam nicht ihn zu verjagen. Was lag auch daran? Was die Nacht nicht geſchehen wäre, hätte gewiß ein andermal geſchehen müſſen. Gott behüte mich, 3 daß 81 daß ich jemanden anklagen ſollte, den ich mehr liebe wie alle Heinriche der Welt, mehr wie mich ſelbſt würde ich ſagen, wenn es ſo glaub⸗ lich ſchiene als es wahr iſt!— Emiliens Hand lag noch immer unter Joſephinens Buſen; ſie drückte ſie voll Zärtlichkeit und ihre Thränen floſſen auf der Unglücklichen Geſicht herab, um ſich mit den ihrigen zu vermiſchen. Sie rechnet alſo ihre Schwangerſchaft von der Zeit an? fragte Frau von Vaucourt.— Ich entdeckte Heinrichen meinen Zuſtand, ſo bald ich deſſen nur zu ge⸗ wiß war; ich zweifelte nicht, daß er mich ſo⸗ gleich heyrathen würde, aber der undankbare böſe Mann giebt vor... was weiß ich... er behauptet ſo gar unter andern, ich hätte mich in Herrn La Croix vernarrt. Wahrlich das Geſchwätz ſteht einem wohl an, der in einigen Tagen weiter kam, wie Herr La Croix in, ich weiß nicht wie viel Wochen, und der an ſo ei⸗ nem Umglück, an ſo einer Schande Schuld iſt, daß ich den Tod davon haben werde, wo ich nicht wieder zu Ehren komme. Ach gnädiges Fräulein, ich habe ihn nicht von meiner Red⸗ Drei Weiber. F 82 lichkeit überzeugen können, ich habe ihn nicht bereden können mich zu heyrathen; aber Sie werden mit ihm ſprechen, Sie werden ihn ge⸗ winnen. Sie müſſen es durchaus thun. Oder ſoll ich fort von hier? Wenn ich Sie auch verlaſſen könnte, wohin ſollte ich? kann ich in mein Vaterland zurückkehren, aus dem Ihre El⸗ tern mich hinweg geführt haben? Ich muß hier bleiben, und iſt es nicht genug hier fremd zu ſeyn, ſoll ich auch noch entehrt hier leben? — Emilie ſchwieg. Vielleicht, nahm Frau von Vaucourt das Wort, vielleicht gelänge es mir, den jungen Menſchen mit Hülfe eines Stück Geldes zu überreden.— Nein gnädige Frau, unterbrach ſie Joſephine, Geld vermag nichts über ihn, ihm geht bey ſeinem Herrn nichts ab; und auſ⸗ ſerdem könnte ichs nicht dulden, daß er ſich Ih— nen verkaufte; mir wäre es unmöglich mit ihm zu leben, wenn er ſich verkauft hätte. Er muß mich aus Freundſchaft, wenigſtens aus Mitlei— den heyrathen. Meine Herrſchaft allein muß für mich ſprechen, ſie kennt mein gutes Herz, ſie muß Heinrichen Mitleiden für mich einflö⸗ 83 ßen.— Ach, rief Emilie, wenn nur vom gu⸗ ten Herzen die Rede wäre, wie viel hätte ich ihm nicht von Dir zu ſagen?— aber iſt es nach dem was Du mir geſagt haſt zu leug⸗ nen— O gnädiges Fräulein, es kömmt nicht auf das an, was Sie denken; ſo genau nimmt es Heinrich nicht; hätte es mir einfallen kön⸗ nen, ihm darüber etwas weis zu machen? aber Monſieur La Croix ſteckt ihm im Kopf; den kann ich ihm nicht ausreden.— Und hat er denn ſo ganz Unrecht wegen La Croix? fragte Emilie— Was liegt daran, gnädiges Fräu⸗ lein? kann ich Konſieur La Croix heyrathen, indem Heinrich der Vater des Kindes iſt, mit welchem ich ſchwanger gehe? Hier kann nur eines helfen, und das iſt Heinrichen allen Ver— dacht auszureden, damit er mich heyrathet ehe das ganze Dorf mit Fingern auf mich weiſt.— Aber ſoll ich die Wahrheit verleugnen, liebe Joſephine? ich ſagte nie etwas, deſſen ich nicht ſicher war, oder wovon ich mich nicht überzeugt hielt; ſoll ich in einem Augenblicke Grundſätze, Lebensregeln vergeſſen, auf die ich alle Ach⸗ F 2 84 tung gegen mich ſelbſt gründe?— Hier ſtieß Joſephine Emiliens Hand zurück, und ſah ſie mit trocknem Auge, und einem ſtolzen Blick an; ſie ſtand auf, ging bis zur Thüre, wendete ſich dann um, und ſagte: ſehr wohl, gnädiges Fräu⸗ lein; verlaſſen Sie, verläugnen Sie lieber Jo⸗ ſephinen, als dieſe großen prächtigen Worte: Wahrheit, Grundſätze, Lebensregeln; und wenn ich todt bin, ſo haben Sie noch Achtung für ſich ſelbſt wo Sie können. Sie war mit die⸗ ſen Worten aus dem Zimmer gegangen. Emi— lie eilte ihr nach, umfaßte ſie, drückte ſie an ihre Bruſt, führte ſie zurück— Joſephine, ant— worte mir wie Du Gott antworten würdeſt. Wenn Heinrich Dich heyrathet, wirſt Du ihm treu ſeyn?— Ich ſchwöre es, ſagte Joſephine; ich habe Ihnen ehemals ein ähnliches Verſpre⸗ chen verweigert, weil ich mir bewußt war es nicht halten zu können, dies verſpreche ich, weil ich es halten will: ich will ihm treu ſeyn.— Gut, ich laſſe Heinrichen durch ſeinen alten Va⸗ ter holen, ſagte Emilie; bleib bey der Frau von Vaucourt, ich will mit Heinrichen zurück 85 kommen.— Warten Sie einen Augenblick, ſprach dieſe, ſie muß nicht allein bleiben; ich habe etwas bey mir zu beſtellen, das mich nur wenig Minuten aufhält, dann können Sie gehen. Emilie und Joſephine überließen ſich in Frau von Vaucourts kurzer Abweſenheit einer Rüh⸗ rung, die nicht ohne Annehmlichkeit war. Was wollteſt Du thun, wie Du eben aus der Thüre eilteſt? fragte Emilie.— Mir mit einer Vo— gelflinte, die Heinrich eben geladen hatte, vom Leben helfen.— Wie, Joſephine!— Gewiß, gnädiges Fräulein; mit Ihnen und Heinrichen gleich unzufrieden, an meinem und meines Kin⸗ des Glücke verzweifelnd, was konnte ich beſſers thun als mein Leben enden, und meinem Kin⸗ de das Leben erſparen?— Aber empörte ſich Deine Frömmigkeit nicht vor dieſem Gedanken? Meine Frömmigkeit, gnädiges Fräulein, hat ſich mit dergleichen Dingen nie viel abgegeben; ich hörte zwar wohl ſagen, der Selbſtmord ſey nicht erlaubt, aber ich habe es für ein Mähr⸗ chen gehalten. Man ſchickt ſo viele Menſchen „ 86 in den Krieg, blos um todt zu ſchlagen, und todt geſchlagen zu werden, ohne daß man den Fürſten, Generalen, und Werbern den gering— ſten Vorwurf darüber macht; es wäre ja ſehr wunderlich, wenn man über eines jeden Leben zu gebieten hätte, und nicht über ſein eignes. — Ich will es nicht wagen, ſagte Emilie, den Unglücklichen, der Hand an ſich ſelbſt legt, zu verdammen; aber dennoch ſcheint mir der mehr Achtung zu verdienen, der das Leben erträgt: er beweiſt mehr Ehrfurcht und Ergebung gegen ſeinen Schöpfer.— Nun wohl, ich will mich nicht umbringen, ich möchte Ihren Begriffen nicht gern entgegen ſeyn; machen Sie mich nur einigermaßen glücklich, und ich will leben. Die⸗ ſes Geſpräch thut mir ſchon wohl; wie ich Sie aber nur mit ſich und mit einer Art von Vor⸗ trefflichkeit beſchäfftigt ſah, die Sie blos für ſich haben möchten, und bey der Sie die ganze übrige Welt ruhig leiden ſähen, gerieth ich in Verzweiflung.— Ruhig? Ach Joſephine, thu mir nicht Unrecht! Ich bin jung, Joſephine; wie meine Eltern ſtarben, ſah ich wohl, daß 87 ſie mir kein anderes Erbe hinterließen als die Erziehung, die ſie mir gegeben hatten: ſie war ſtreng geweſen, und hatte mir nie zu denken er⸗ laubt, daß man um ein Haar von ſeiner Pflicht abweichen dürfte. Sittſam, wahrhaftig zu ſeyn, nichts zu beſitzen was nicht mein rechtmä⸗ ßiges Eigenthum wäre: ſieh, das hatte man mich von meiner erſten Kindheit an gelehrt. Iſt es ein Wunder, wenn es mir ſchwer wird, über alle dieſe Dinge leichter weg zu gehen? Und doch gebe ich nach, mein Widerwillen weicht nach und nach der Freundſchaft, der Dankbarkeit. Dieſe Nachgiebigkeit beraubt mich vielleicht auf die Länge aller Achtung, die ich gegen mich ſelbſt hatte,... aber es ſoll von mir nicht die Rede ſeyn, wenn es darauf an⸗ kömmt das Unglück anderer zu verhindern, und beſonders Dein Unglück, da ich Dir mehr wie irgend einem Menſchen auf Erden zu verdan⸗ ken habe. Hier unterbrach Frau von Vaucourt ihr Ge⸗ ſpräch. Emilie ſtand auf und verließ das Zim⸗ mer; nachdem ſie mit Heinrichs Vater geſpro⸗ 88 chen hatte, begab ſie ſich einen Augenblick in die freye Luft. Die Rolle welche ihr bevor⸗ ſtand, war ſo neu, ſo befremdlich, daß ſie eine kleine Weile brauchte ſich zu erholen, und zu ſammeln. Man rief ſie bald in das Haus zu— rück. Heinrichs Vater hatte nicht bis auf das Schloß zu gehen gebraucht, er war ſeinem Soh— ne, der den beiden Damen ein Einladungsbillet brachte, auf halbem Wege begegnet. Emilie befahl Heinrichen, ihr zu folgen. Sie öffnete die Thüre ihres Zimmers, und zeigte ihm Jo— ſephine, die ermattet von allem was ſie geſagt, gehörr und empfunden hatte, faſt bewegungslos und außer Stand zu reden, da ſaß: Ihr ſeht in welchem Zuſtande ſie iſt, wie blaß, wie ver— weint ihre Augen ſind. Iſt es möglich, daß Ihr keinen Erſatz für ihr Unglück, daß Ihr 4 Euerm Kinde keinen Vater, keine Stütze geben. wollt?— O gnädiges Fräulein, ich verleugne das Kind nicht, aber— Das iſt hinlänglich um es nicht zu verlaſſen, weder das Kind noch die Mutter die Ihr geliebt habt, die Euch lieb⸗ — te, deren Unglück nur daher entſtand— Ey —,— ——— 89 gnädiges Fräulein, es giebt Liebhaben und Lieb⸗ haben; wenn das Unglück nicht aus Liebe zu mir entſtanden wäre, ſo wäre es aus Liebe zu einem andern gekommen. Das Liebhaben iſt eben nichts ſeltenes, und ich kann mir nicht viel daraus machen. Sie allein, gnädiges Fräulein, liebt ſie im Ernſte, Ihnen zu gefallen hat ſie ſich immer angelegen ſeyn laſſen; mir zu gefal⸗ len, mich zufrieden zu ſtellen, das ließ ſie ſo ge— hen wie es ging. Wenn ſie mich in allem Ern⸗ ſte geliebt hätte, würde ſie ſich wohl ſo in Mon⸗ ſieur La Eroix vergafft haben? Ich habe ihr mehr wie einmal geſagt: Joſephine, bleib mir mit dem Franzoſen vom Leibe, ich mag nicht, daß du dich ſo mit ihm abgiebſt. Wenn ich Waſſer für dich trage, das Holz ſäge, die Ziege melke, kannſt du zufrieden ſeyn; er kann ſeine Zuckermandeln und Lebkuchen, und du deine übrige Arbeit ein jedes für ſich allein machen. Aber da war alles umſonſt, ich redete blos in den Wind, bis ſie endlich gewahr worden iſt, daß ſie ein Bündel trägt, das ſie— bey mei⸗ ner Treu! dem Monſieur La Croix nicht auf⸗ 90 bürden kann, ſo gefällig er auch gegen ſie war, und noch iſt, und ſo bereitwillig Joſephine noch immer dieſe Gefälligkeit annimmt.— Das al— les wundert mich ſehr! rief Frau von Vaucourt. — Joſephine hat La Creoix nicht verhindern können, ihr einige Dienſte zu leiſten, ſagte Emi— lie, aber was beweiſt das? auf der Welt nichts, und ich bin gewiß, ſobald ihr Joſephinens Gat— te und Beſchützer ſeid, wird ſie an keinen an⸗ dern Mann mehr denken; ihr Schwur, ihre Dankbarkeit wird ſie auf ewig an Euch feſſeln; ſie wird Euch nicht nur ſo lieben, wie zu der Zeit da ſie in Euch einen hübſchen, herzlich ver— liebten jungen Menſchen ſah, ſie wird Euch dann lieben wie ſie mich geliebt hat. und ich werde immer noch genug Theil an ihrer Nei— gung behalten, denn ſie hat ein vortreffliches Herz, und ſo viel Geſchicklichkeit, ſo viel Thä⸗ tigkeit!— Laßt Euch zureden, Monſieur Hein⸗ rich; ſetzt Euch nicht dagegen, daß Euch meine Joſephine glücklich mache.— Glücklich, gnädi— ges Fräulein? Werde ich glücklich ſeyn wenn ich eiferſüchtig bin?— und wenn Monſieur La 91 Croix... wie ſoll ich das auf eine ehrbare Weiſe ſagen?... würde ich dann glücklich ſeyn? — Joſephine wird euch treu ſeyn, antwortete Emilie,— ich verbürge mich für ſie.— Ich be⸗ greife nicht warum Euch La Croix ſo ſehr be— unruhigt, fing jezt Conſtanze an, La Croix hey⸗ rathet ja.— Iſt das wahr? fragte Heinrich.— Sicherlich, ſagte Frau von Vaucourt, ſo wahr daß ich verſprochen habe die Hochzeit zu ma— chen. Joſephine welche jezt verſtand warum Frau von Vaucourt vorhin weggegangen war, lächelte hier. Und mit wem, wenn ich fragen darf, verheyrathet ſich Monſieur La Croix?— Der Name ſeiner Braut iſt mir entfallen, ant— wortete Frau von Vaucourt, ich weiß nicht ob es das kleine Mädchen iſt, welches uns zuwei⸗ len Wildprett zum Verkauf bringt, das ihr Va⸗ ter ſchießt, oder die Blechſchmids Tochter.. vielleicht iſt es aber weder die eine noch die an⸗ dere; Eure deutſche Familien⸗Namen wollen mir nicht recht in den Kopf. Laßt Euch aber noch gegen niemanden etwas davon merken, Monſieur Heinrich; ich möchte nicht, daß ir⸗ 92 gend wer dadurch in Verlegenheit geriethe, aber in einer Stunde ſollt Ihr es genauer erfahren. Indeß verlaßt Euch darauf, La Croix heyrathet nächſter Tage: das iſt doch wohl alles, worauf es euch ankömmt?— Gewiß, ſagte Emilie, und Ihr könnt nun nicht länger Joſephinen und mir unſre Bitte verſagen.— Gnädiges Fräulein, antwortete Heinrich, es giebt gewiſſe Dinge die man nicht aus Gefälligkeit thut.— Auch nicht der Ehre wegen? auch nicht aus Mitleid, Monſieur Heinrich? fragte Emilie mit nachdrücklicherem Ton. Aber ich will Euch nicht länger zureden, thut was Ihr wollt— Großer Gott! rief Joſephine— Thut was Ihr wollt, wiederholte Emilie und legte Joſephinen mit Winken und Blick Stillſchweigen auf; zu der Heyrath kann ich Euch nicht zwingen, aber ich kann das arme Mädchen von der Qual be⸗ freyen, einen grauſamen Menſchen immer vor Augen zu haben, der ſie verläßt, nachdem er ſie entehrt hat. Wenn Ihr ſie nicht ſogleich zu heyrathen verſprecht, ſo geht und ſagt Eurer Herrſchaft, daß ich nicht auf das Schloß kom— 9³ men kann, weil ich Anſtalten zur Abreiſe mache. Übermorgen, Monſieur Heinrich, werden weder Joſephine noch ich mehr in Altendorf ſeyn. Joſephine badete Emiliens Hand mit Thränen; Frau von Vaucourt weinte. Wir werden für uns und Dein Kind Brod verdienen, ſagte Emi⸗ lie, Du wirſt um einen ſo grauſamen harten Mann nicht weinen.— Sie und mein Herr würden ſich alſo nicht wieder ſehen? rief Hein⸗ rich mit einer Stimme die ſeine Rührung ver— rieth; nein das ſoll nicht geſchehen! Da Sie ſo viel für Joſephine thun wollen, ſo muß ſie wohl viel werth ſeyn, und es iſt billig daß auch ich etwas für ſie thue. Mein Herr, dieſes Mädchen, Sie, gnädiges Fräulein... ich hätte mir Ihrer aller Unglück vorzuwerfen... das er⸗ trüge ich nicht. Da, ſagte er, und trat lang⸗ ſam Joſephinen näher, da iſt meine Hand... wenn La Croix heyrathet... vielleicht ſchwatzte er Dir von ſeiner Liebe für Mechthilden oder Kätchen vor, wenn ich mir einbildete er thäte ſchoͤn mit Dir. Übrigens da ich Dir nun ein— mal Treue gelobt habe, muß ich nicht mehr an 94 das Vergangne denken.— Joſephine vermochte nicht zu ſprechen, ſie drückte Heinrichs Hand, küßte die Hände ihrer Herrſchaft, und eilte in ihre Kammer, um in der Stille zu weinen und Gott zu danken. Frau von Vaucourt bat Heinrichen, mit zu ſeinen Eltern zu gehen, um ihnen die eben geſchloßne Heyrath zu melden; dieſe ſchienen ihr mehr erſtaunt als erfreut dar— über, aber ſie legte eine Handvoll von dem glänzenden Metall das ſo viele Augen verblen— det vor ihnen auf den Tiſch: hier, ſagte ſie, iſt Joſephinens Ausſteuer, nehmt ſie hin, und ſchweigt davon. Zugleich eilte ſie fort um La Croix aufzuſuchen, der ſich, durch ein ähnliches Argument beſtimmt, ſo eben entſchloſſen hatte, Mechthilden, Kätchen oder irgend eine andere Dirne aus dem Dorfe zu freyen. Mit ſeiner Geſtalt, ſeinen Talenten, ſeinem Gelde, hätte ihn das ganze Dorf geheyrathet. Seyd Ihr jezt entſchloſſen? fragte Frau von Vaucourt?— Ja, gnädige Frau, ſagte La Croix, ich bin zum nächſten Nachbar gegangen: je näher, je beſſer. Da ich einmal eine Deutſche 95 heyrathen ſoll, ſo iſt mir die eine ſo viel werth wie die andere. Ich glaube ſo gar, der kleinen Mechthilde wird ſich eher wie einer andern ein bischen Geſchick geben laſſen.— Habt Ihr denn mit den Eltern, mit dem Mädchen ſelbſt geſprochen?— Gewiß, gnädige Frau. Die ganze Familie ſaß beyſammen, ich kaute ihnen einige deutſche Worte vor,... Mama, Fro, Heyrath.. Vater und Mutter antworteten ſogleich: Herr Gottl ja, jal das Mäd⸗ chen lachte, ward roth bis an die Ohren— der Handel iſt geſchloſſen.— Gut, La Croix, ich hal⸗ ke was ich verſprach und noch mehr. Wie ſteht es mit Hanſens Wunden?— Sein Bein und Arm ſind vollkommen geheilt, es bleibt ihm nur noch eine Binde überm rechten Auge, und ein großes Pflaſter auf dem linken Backen.— Gut, das freut mich— ſagt ihm, daß ich ihn in meinen Dienſt nehme, er kann heute Abend noch antreten.— Sogleich gehe ich, gnädige Frau.— Ihr könnt nach der Heyrath bey Eu⸗ ren Schwiegereltern wohnen, des Tages über ſeyd Ihr in meinem Hauſe, und könnt wenn 96 Ihr wollt Eure Frau immer mitbringen. Holt mir jezt Hanſen hierher.— Sogleich. Der wird Monſieur Heinrichen doch wohl nicht ei— ferſüchtig machen?— Noch Euch, La Croix.— Mich, gnädige Frau? Das iſt ſchon ein ander Ding, wir Franzoſen ſind nicht ſo empfindlich in dem Punkt. Im Fall... wie es aus Na— tionalſympathie wohl kommen könnte, was mein Geſchmack an Joſephinen ſchon beweiſt, im Fall daß Madame La Croix Hans ihrem Manne vorzöge, ſo iſt das ihre Sache: ich könnte nur ihren ſchlechten Geſchmack beklagen.— La Croix, Ihr ſeyd geſcheut und redlich; ich erwarte daß ihr Euch vollkommen vernünftig betragt.— Gnädige Frau, Sie ſind ſehr gütig; ich möchte mir die Freyheit nehmen zu ſagen, daß die gnä— dige Frau ſelbſt wohl die geſcheuteſte unter uns allen ſind. Sie kennen Ihre Leute. Es iſt doch ganz ein andres Weſen, wie die deutſchen Damen; die hätten in zwanzig Jahren nicht ausgeſonnen, was Sie in einer Viertelſtunde zu Stande brachten. Frau von Vaucourt lä⸗ chelte, und ging zu Joſephinen, um ihr La Croix 97 Croix Heyrath zu berichten, worauf ſie Emilien einlud, mit ihr aufs Schloß zu gehen. Sie begegneten Theobald, der über Hein⸗ richs Verweilen ſehr unruhig war. Conſtanze erzählte ihm den letzten Vorgang, Emilie war noch ſo betäubt davon, daß ſie nicht ſprechen konnte. Theobald plagte Frau von Vaucourt mit Fragen; er wollte alles was man geſagt hatte zweymal wiederholt haben, wollte den Ton, mit welchem jedes Wort geſprochen wor⸗ den, den Ausdruck jeder Mine wiſſen. Glau⸗ ben Sie, fragte er, daß ſich Emilie hätte ent⸗ ſchließen können, Altendorf zu verlaſſen?— Nicht doch, antwortete Frau von Vaucourt; übrigens... wer kann dafür ſtehen? ich weiß es nicht; wahrſcheinlich ſah ſie die Würkung dieſer redneriſchen Blume voraus. Emiliens Verſtand bildet, vervollkommner ſich— Möch⸗ te, rief Theodor, o möchte ihr Herz nie darun⸗ ter leiden! Frau von Vaucort verſicherte, daß dieſe Furcht unnöthig wäre; Emiilie, ſagte ſie, hätte ihre Neigung einem zu würdigen Gegen⸗ ſtande geſchenkt, um nicht jederzeit eben ſo viel Drei Weiber. G 98 Hochachtung als Liebe zu verdienen. Die Un⸗ ſchuld iſt etwas recht Schönes, fuhr Frau von Vaucourt fort, aber ſie iſt am Ende doch nur eine negative Tugend, die in verwickelten Fäl⸗ len wenig Auskunft giebt; ſie iſt weder ange⸗ nehm noch tröſtlich, giebt weder Rath noch Hülfe. Die folgenden Tage beſchäftigte man ſich mit den Zurüſtungen zu den beyden Hochzeiten. Joſephine gab ſich wenig damit ab, ſie kam ih⸗ rer Herrſchaft nicht von der Seite, außer um zu ihren künftigen Schwiegereltern zu gehen, denen ſie durch ihr gefälliges Betragen das Herz abgewann. Ihre Geſchäftigkeit um Emi⸗ lien war lebhafter und zärtlicher wie jemals. Seyn Sie überzeugt, wiederholte ſie oft, ich fühle bis in das Innerſte meiner Seele, was Sie für mich gethan haben.— Eines Tages ſagte ſie zu ihr: glauben Sie nicht, gnädiges Fräulein, daß ich die Tugenden nicht zu ſchäz⸗ zen wüßte, von denen ich in einem Anfalle von Verzweiflung verächtlich ſprach. Ihre Achtung Ihrer ſelbſt beruht auf dieſen Tugenden, die 99 meinige auch, und ich freue mich, daß Sie ſie beſitzen. Ein jeder hat eine Tugend nach ſeiner Art, die meinige beſteht darin, alles für Sie zu thun. Ich habe mich Ihnen geweiht, ich wür⸗ de eben ſo bereitwillig einen falſchen Eid für Sie ſchwören, um Ihnen den geringſten Schmerz zu erſparen, als in den Tod gehen, um Ihr Le⸗ ben zu erhalten. Wie Ihre Eltern ſtarben, war es mir, als hörte ich Gott ſelbſt ſprechen: ſie hat nun niemanden als dich... ſorge für ſie! Ich liebe Ihre ſtrenge Aufrichtigkeit; ohne recht zu wiſſen, wozu ſie eigentlich nuzt, habe ich mich eher darauf ertappt ſie ſchön zu fin⸗ den. Es iſt etwas ehrwurdiges für mich darin, ſeinen Weg ſo gerade fort zu gehen, zu handeln, zu ſprechen ohne ſich zu bekümmern was dar⸗ aus entſtehen kann; und ich glaube, daß es eine Tugend für vornehme Leute iſt. Aber zu weit müſſen ſie ſie doch nicht treiben, Für ſich mögen ſie meinetwegen nichts fürchten, das iſt fein, edel und muthig; aber wenn ſie dabey gar nicht auf andere denken, ſo ſind ſie hart. Ich habe mir vorgenommen, Ihnen bis auf einen G 2 100 gewiſſen Punkt nachzuahmen, theils um Ihnen zu gefallen, und es mehr werth zu ſeyn, daß ich in Ihrer Nähe lebe, theils aber auch, weil ich es ehrlicher, und beſonders für den Stand, den ich nun bald antreten werde, paſſender fin⸗ de. Ich bin feſt entſchloſſen, meinem Manne nichts zu verhehlen, und daher nichts zu thun was ich ihm verhehlen müßte. Wenn man mir ein Billet zuſteckt, will ich es zurück geben ohne es zu leſen, wenn man mir ein Band ſchenkt, will ich es wieder hingeben, ohne es aufzurol— len, und wenn man mir etwas Schönes ſagt, will ich dem Schmeichler das Maul ſtopfen, denn ſo etwas annehmen, leſen, oder hören, und es hernach dem Manne ſagen, iſt ſehr un— vorſichtig in eigner Rückſicht, und ſehr unange, nehm für ihn; und ſchweigt man, verhehlt man, ſo werden Mann und Weib, und Liebesleute, oder Freunde untereinander, denn es trifft bey allen ein, ſich bald ganz fremd und haben ſich einander gar nichts mehr zu ſagen. Übrigens gnädiges Fräulein, mag ich thun was ich will, mit unſrer Ehe wird es immer ein bischen lahm ———— 101 gehen, ich habe Ihnen aber nur meine guten Vorſätze ſagen wollen, damit Sie ſehen, daß Ihr Beyſpiel bey mir nicht verlohren geht.— Emilie lobte ſie, und ſuchte ihr Hofnung ein— zuſprechen. Am Hochzeittage ließ Frau von Vaucourt ein großes Gaſtmal veranſtalten, das man ihr erlaubte im Schloßhof zu geben. Heinrichs und Mechthildens ganze Sippſchaft war dazu eingeladen, La Croix machte den Wirth und war voll Zuverſicht und Höflichkeit, Joſephine verbindlich und ehrbar. Während des Sauſens und Brauſens vom Tafeln, Trinken, und Glä⸗ ſer anſtoßen, hatte man dem Schloß gegenüber ein Feuerwerk veranſtaltet. Tafel und Gäſte verſteckten die Arbeiter, ſo daß es ein allgemei— nes Erſtaunen verurſachte, wie die Geſellſchaft, nachdem ſie ſich bey einbrechender Nacht im Schloſſe verſammelt hatte, plötzlich eine Menge Sonnen, Garben und Raketten abbrennen, und aufſteigen ſah. Nach einer Viertelſtunde blieb von dieſem blendenden Lärm nichts als ein er— leuchteter Bogen übrig, mit dem Namenszuge 102 des Gutsherrn verziert, und zwey Reihen Lam⸗ pen die längs der Einfahrt und über der Herr— ſtraße bis zu den Wohnungen der beyden neuen Ehepaare fortbrannten. Die Verwandten, die Brautleute, die ganze Dorfſchaft welche zum Feuerwerke herbey gelaufen war, gingen jedes ſeinen Weg nach Hauſe. La Croix blieb im Dorfe, Heinrich kam auf das Schloß zurück; er hätte, ſagte er, ſeit ſeinem zehnten Jahre keine Nacht anders als in ſeines Herrn Vorzimmer geſchlafen— er vergaß die Nacht vor dem Raimundifeſte. Emilie und Conſtanze ſpeiſten auf dem Schloſſe. Frau von Altendorf und ihr Sohn ſagten der letzten über das Feſt, und den Ge- ſchmack den ſie bey deſſen Anordnung bewieſen hatte, die verbindlichſten Dinge. Das Wort Geſchmack führte eine kleine Erörterung her⸗ bey, in welcher Theobald behauptete, daß dieſe Gabe keineswegs das Vorrecht der Franzoſen wäre. Die Comteſſe und der Baron jauchzten — man rief mich zum Schiedsrichter auf; ich lehnte es ab, weil, wie ich ſagte, man mich im 8 103 Verdacht einer Partheylichkeit haben könnte, von welcher ich mich auch vielleicht nicht ganz losgemacht hätte. Man drang in mich; ich ſagte endlich, mir ſchiene der Geſchmack in Athen geboren, und nach der Eroberung Griechenlands von da nach Rom gebracht worden zu ſeyn; nachher gerieth er eine Zeit lang faſt in völlige Vergeſſenheit, bis er bey den Mauren wieder auflebte, die ihn erſt Spanien, dann Italien mittheilten, von wo ihn die beyden Medicäe— rinnen nach Frankreich brachten. In Italien wohnte er bey den Malern, Künſtlern, Bau⸗ meiſtern, da er hingegen in Frankreich zu Gun⸗ ſten des Geiſtes, der Litteratur angewandt wur— de, das geſellſchaftliche Leben angenehmer, die Menſchen liebenswürdiger machte. Einige Aus⸗ nahmen abgerechnet, ſagte ich weiter, und wandte mich zu den beiden Franzöſinnen, müſſen wir geſtehen, daß es uns in öffentlichen Anſtalten an Geſchmack fehlt; wir ſind ärmlich, ſo bald es auf Einheit, Größe, Würde ankommt. Al— lein hierin iſt mir doch unſer ſchlechter Ge— ſchmack nicht am meiſten aufgefallen. Unſre 104 ſogenannte Faſtnachtsfeyer war des Zeitalters der Barbarey würdig, unſre Masken flößten Mitleid und Abſcheu ein. Hat nicht übrigens jedes Volk außer ſeinem Karnavalsſinne Bac⸗ chanale und Schauſpiele, die eben ſo ſchrecklich als ekelhaft ſind? In England den Hahnen⸗ kampf, das Balgen zwiſchen faſt wilden Men— ſchen, deren Köpfe durch Schläge und um Schlä— ge zu ertragen hart geworden ſind; in Spanien Auto da Fe's und Stiergefechte; in Bern den Pfingſtumgang! Wenn, wie man faſt zu fürch— ten verſucht iſt, Europa wieder in Barbarey 8 verſinken ſollte, ſo wird es von dieſem Unglück betroffen, ehe die Civiliſation noch allgemein verbreitet war.— Sie haben vermieden von Deutſchland zu ſprechen, ſagte Frau von Alten⸗ dorf— Gnädige Frau, ſagte ich, bey Ihnen wenigſtens kann es niemanden einfallen, daß es Deutſchland, und den Deutſchen, an Ge— ſchmack, Geiſt, Edelmuth, kurz an irgend etwas Angenehmen und Schönem fehlt.— Ein jeder dankte mir mit Blicken, oder einem verbindli— chen Lächeln, und da es ſpät war begaben ſich 2 103 Emilie und Conſtanze unter dem Geleite Han— ſens mit der Schmarre hinweg. Es wäre ein Irrthum, wenn man glaubte daß Theobald ſeine Liebe auch nur einen Au— genblick. vorgeſſen hätte, daß ihm. die Hofnung, die Abſicht, ſich mit ihrem Gegenſtande zu ver— einigen, auch nur einen Augenblick aus dem Sinne gekommen wäre. War er aber völlig mit Emilien zufrieden, ſo war er ſo glücklich, daß er ſo zu ſagen, ſein Glück anzurühren fürchtete; und war er weniger glücklich ſo hatte er eine andere Furcht. Theobald liebte mit der heftigſten, zarteſten Leidenſchaft; anfangs hatte er, ohne einen Augenblick kälter zu wer⸗ den, von dem Herzen ſeiner Geliebten bald vie— les gefürchtet, bald alles gehoft; ſeit einiger Zeit hatte er bey mehr Liebe wie jemals mehr gleiches Zutrauen gehabt. Jezt war es anders. Emiliens Betragen hatte ihm bey Joſephinens Geſchichte Stoff zur Bewunderung, aber auch zu einem Mißtrauen gegeben, das er zugleich beſtritt und nährte. Hatte ſie nicht, da ſie Jo⸗ ſephinen genau kannte, zu lebhaft in Heinrich 106 gedrungen? Zwar hatte ihr Frau von Vaucourt durch den ſchnellen Einfall, La Croix zu verhey— rathen, unbedingte, offenbare Unwahrheiten er— ſpart; allein ſie hatte doch die Hand dazu ge— boten, Heinrichen zu betrügen, und ſie wäre noch weiter gegangen, denn ſie war entſchloſſen zur Erreichung ihres Endzwecks alles zu wagen. Und dann dieſe Rednerblume, wie es Frau von Vaucourt nannte, welche gefährliche Gegenwart des Geiſtes ſetzte ſie nicht voraus? Und war ſie würklich entſchloſſen, Altendorf zu verlaſſen, war dieſe Äußerung ihr ernſter Wille, ſo konnte er ſich nicht mehr geliebt glauben, ſo verdankte er Heinrichen das Glück, Emilien noch zu ſehen. O Emilie! rief er zuweilen auf ſeinen einſamen entlegnen Spaziergängen aus, wenn Theobalds Worte deine Aufmerkſamkeit ſo zu feſſeln ſchienen, wenn dein Auge allen ſei— nen Bewegungen folgte, warſt du da nur er— künſtelt, verſtellt, liſtig?— wollteſt du nichts anders, als einen Unglücklichen feſſeln?— Zwar ſagteſt du mir nie, daß du mich liebteſt, aber dein Betrug iſt nicht minder grauſam. Dein 107 Herz, das ich rein und aufrichtig wie das mei— nige glaubte, iſt vielleicht falſch und treulos. Der arme Theobald ſah ſo unruhig und ge— quält aus, daß Emilie ſich einbildete, ſeine El— tern drängen wegen der Heyrath mit ſeiner Couſine in ihn. Vielleicht, ſagte ſie zu Con— ſtanzen, muß ich für ihn thun, was ich für Jo⸗ ſephinen thun wollte, muß mich von Altendorf entfernen. Es würde mir ſehr viel koſten, ſetzte ſie ſeufzend hinzu; aber wenn meine Entfer⸗ nung Theobalden das Opfer erleichterte, das man von ihm fordert, ſo dürfte ich nicht anſte⸗ hen.— Nicht doch, verſetzte Frau von Vau— court; im Fall Theobald fähig wäre ſich dieſe kleine neidiſche Seele zur Frau aufſchwatzen zu laſſen, ſo müßten ſie den Leuten alle Tage vor Augen treten, bis der eine vor Reue, und die andre vor Eiferſucht den Kopf verlöre. Aber ich erwarte von Theobald etwas beſſeres. Theobalds ſchwarzer Kummer beſchäftigte mich mehr wie jeden andern. Ich glaubte ſeine Quelle zu errathen, und ſuchte in Emiliens Ge⸗ genwart verſchiedene Male das Geſprãch auf 108 Gegenſtände zu lenken, welche mit den Ideen, die ihn ſo ſehr quälten, in Verbindung ſtanden. Da es aber Emilien gar nicht einfiel, daß ſie ſich gegen ihren Liebhaber zu rechtfertigen, noch ihn zu beruhigen hätte, ließ ſie dieſe Gelegen⸗ heiten ungenutzt entwiſchen. Ich ſagte endlich zu Theobald: Sie ſehen, daß ſie weder ſo fein noch ſo verſchlagen iſt, wie Sie es fürchten.— Was wollen Sie damit ſagen? fragte er errö⸗ thend, denn nie war ihm über ſeine Geliebte die geringſte Klage entwiſcht, nie hatte er Arg— wohn geäußert. Ich ſetzte ihm darauf ſeine eignen Ideen aus einander, und beſchwor ihn, Einilien zum Sprechen zu bringen, damit er eine deutliche Erklärung erhielte. Theobald folgte meinem Rathe mit dem be— ſten Erfolge. Emilie ſprach einſt unbefangen über ihre erſten Begriſſe von Tugend, und die Modifikationen die ſie nach und nach daran zu machen genöthigt geweſen wäre. Redlichkeit, Freymüthigkeit, Gefühl, Zartheit, alles was man von einem weiblichen Herzen wünſcht, ent— faltete ſich aus dem ihrigen. Ohne ſie zu ta— 109 deln, ohne ſie nur wahrnehmen zu laſſen, daß er ſie beſchuldigt hätte, behauptete Theobald den Vorzug, den er einer ſtrengeren, unbiegſa⸗ meren Tugend geben würde; Conſtanze wandte ſich zur Frau von Altendorf, und fragte: ob ihr Sohn ſelbſt alles das leiſtete, was er von andern verlangte? In dieſem Falle werde ich ihn zwar nicht lieber haben, ſetzte ſie hinzu, aber ihm doch ſeine harten Forderungen an an⸗ dere verzeihen.— Was ſoll ich antworten? er⸗ wiederte Frau von Altendorf; finden Sie mei⸗ nen Sohn, ſo wie er fordert daß man ſeyn ſoll, oder finden Sie weniger, wenn ich Ihnen ſage, daß er die Richtſchnur nie verdreht, aber in ge⸗ wiſſen Augenblicken ſie verkennt, zerreißt, von ſich wirft?— Wenn die Leidenſchaft irre führt, verblendet, ſagte Theobald mit niedergeſchlag⸗ nen Augen, was iſt man dann? man iſt nicht mehr ſein Selbſt— Wie, mein Herr! rief Frau von Vaucourt; ſo weit laſſen Sie ſich von Ih⸗ ren Leidenſchaften bemeiſtern? das iſt furchtbar! — Theobald welcher eben erſt Ankläger gewe⸗ ſen war, und ſich jezt plötzlich als Beſchuldig⸗ I10 ter daſtehen ſah, ward eben ſo ſanft als be⸗ ſcheiden, und wußte es Emilien innigen Dank, daß ſie das tiefſte Stillſchweigen beobachtet hatte. Es glückte ihm, ſie von dem übrigen Frauen⸗ zimmer auf einige Augenblicke zu entfernen.“ Wenn ich in Dingen die mich ſelbſt betreffen, redete er ſie an, große Forderungen mache, darf ich doch auf Verzeihung hoffen... könnte ich ſo lieben wie ich liebe, wenn die Denkart mei— ner Geliebten nicht der Gegenſtand meiner ängſtlichen Aufmerkſamkeit wäre? Sie haben Heinrichen geſagt, Sie wollten Altendorf ver⸗ laſſen, wenn er Joſephinen nicht heyrathete: war das Ihr Wille? waren Sie dazu entſchloſ⸗ ſen? hätten Sie es würklich gethan?— Wie ich es anfangs ſagte, wollte ich nur ein neues Mittel, Heinrich zu rühren, verſuchen; aber während des Redens ſpannte ſich mein Gefühl würklich, und wie ich zu Joſephinen ſagte, daß wir für uns und ihr Kind Brod verdienen woll⸗ ten, war ich entſchloſſen, und ich hätte Alten⸗ dorf verlaſſen.— Sie hätten Altendorf verlaſſen! vollkommen!— Deſto beſſer! rief Emilie. III rief Theobald tief betäubt.— Ich beſitze nichts, mein Herr, ich bin arm, ausgeſtoßen, ich kann nichts aufopfern als meine Neigungen, meine Freuden... laſſen Sie mich durch mein Herz, durch mein Betragen großmüthig ſeyn; mir ſind keine andere Wege dazu übrig geblieben. Das Opfer, das ich Joſephinen bringen wollte, würde ich auch Frau von Vaucourt bringen, ich würde es Ihnen bringen, wenn es nothwen⸗ dig wäre.— Mir! rief Theobald, mir ein Opfer bringen durch welches ich aufgeopfert würde! Sie ſcheinen wenig Werth auf mich zu legen, auf mich allein— Wie ich Sie dieſe letzten Tage ſo traurig und unruhig ſah, nahm Emilie wieder das Wort, glaubte ich, es könn⸗ te Ihnen angenehm, Ihnen wenigſtens zuträg⸗ licher ſeyn, wenn ich mich entfernte.— Nein mein Fräulein, Sie irren ſich, Sie irren ſich Ich ſah ſie, ich hörte ſie dieſe Worte ausſprechen. Welche Augen, welch ein Ton, welche ſüße Stimme! Theobald war außer ſich, Emilie entfernte ſich, ohne daß er ihr folgte. Er ſah 112 nichts, er ſchwärmte, er heftete finſtere, verwirr— te Blicke auf uns. Seine Mutter ſagte: ich will dir die Freude machen, zu geſtehen, daß ſie mir ſehr werth wird. So bald er im Stande war mich zu hören, beſchwor ich ihn, ſich zu mäßigen, eine günſtige Gelegenheit abzuwarten, um ſeinem Vater eine Tochter vorzuſchlagen, die ihm nicht ſehr anſtehen könnte, die er aber doch annehmen würde. Nach einer kleinen Weile ſagte ich, ſeyn Sie vorſichtig, ſeyn Sie auf Ihrer Hut; und ich verſpreche Ihnen daß alles gut gehen wird. Ein heftiger Augenblick wie die, von denen Ihre Frau Mutter ſprach, würde alles verderben, und nicht nur Sie, ſon⸗ dern Emilien ewigem Kummer zur Beute hin— werfen.— Ja auch Emilien! rief Theobald, ihr Schickſal iſt unauflöslich an das meinige gebunden. Sie ſind auch davon überzeugt? nicht wahr Sie ſind es?— Ja, ſagte ich, ja ich bin es.— Und doch mußte ich es ihm noch hundertmal wiederholen. Endlich verſprach er mir vernünftig zu ſeyn. Wir waren im Anfang Oktobers; die zu⸗ neh⸗ 113 nehmende Kälte war der Frau von Vaucourt, wegen ihres langen Aufenthalts in ſüdlichen Ländern, läſtiger wie uns andern, ſo daß ſie ſich eines Tages wo ſie auf dem Schloſſe ge— ſpeiſt hatte, von mir nach Hauſe führen ließ, ohne jedoch zuzugeben, daß Emilie ſie begleite⸗ te. Man hatte ihr in ihrer Abweſenheit ein Paket gebracht, welches zwei neue Druckſchriften enthielt; wir behielten die eine, um ſie an ih⸗ rem Kamine zu leſen, und ſie ſchickte Emilien die andere auf das Schloß. Es war ein aller⸗ liebſter kleiner Roman, Adele von Senange, von der Frau von Flohr, welcher viele Leſer gefunden, und von allen, jedoch mit Ausnahme des alten Barons Altendorf, bewundert worden iſt. Emilie las den erſten Theil laut vor, ohne die Langeweile des Barons zu bemerken. Theo⸗ bald wollte eben den zweiten anfangen, als ſich ſein Vater des Gähnens überdrüßig in ſein Zimmer begab, wohin ihm ſeine Frau, ſo leid es ihr that, aus Gefälligkeit folgte. Emilie, Theobald und die junge Comteſſe blieben alſo allein. Man war bis zu jenem Feſte gekom⸗ Drei Weiber. H 114 men, wo Adele, ohne es zu wollen, aus Leicht⸗ ſinn, Übereilung, unſchuldiger Koketterie den armen Sydenham zur Verzweiflung bringt. Theobald wußte ſich vor Ungeduld nicht zu hel— fen; er ſtampfte, ſchalt, fluchte faſt, und warf das Buch endlich ins Feuer. Emilie war ſchnell und geſchickt genug, es aus den drohenden Flammen zu retten. Welche Thorheit! ſagte die Comteſſe, iſt denn das Buch nicht aller⸗ liebſt?— Allerliebſt! rief Theobald, allerliebſt! abſcheulich iſt es, zum raſendwerden iſt es— Geben Sie es doch nur, man muß doch ſehen was daraus wird, ob der Liebhaber— Nein, ich will lieber ſelbſt leſen, das macht mich viel⸗ leicht ruhig. Er las ohne ein Wort zu ſagen bis zu Ende, und die letzten Worte:„ich kann weder ohne ſie, noch mit ihr glücklich ſeyn.„ ſchienen ihn betroffen zu machen. Indeß die Comteſſe gegen Emilien einige Betrachtungen über das Buch, und die ſonder⸗ bare Laune ihres Couſins machte, ſuchte dieſer die alte Kammerfrau ſeiner Mutter auf; ſie war ſeine Amme und Wärterin geweſen. Er —— ——⸗— 116 bat ſie dringend, die Comteſſe unter irgend ei⸗ nem Vorwande aus dem Zimmer zu locken, um einige Augenblicke mit Emilien allein zu ſeyn. Frau Werner voll Freude, ihrem jungen Herrn einen Dienſt leiſten zu können, verſprach es, und er ging zu den jungen Damen zurück. Er glühte vor Ungeduld. Endlich erſcheint Frau Werner, und meldet Fräulein von Stolzheim, daß eben eine Kiſte mit Herbſt⸗ und Winter⸗ Zeugen für ſie und Frau von Altendorf von Frankfurth angelangt ſey, die man beſehen, und darunter ausſuchen müßte. Morgen bey Tage würde man das beſſer können, meinte die arg⸗ wöhniſche Comteſſe. Frau Werner beſteht auf heute Abend, weil man nach geſchehener Aus⸗ wahl das Übrige dann ſogleich zurück ſchicken könnte. Das iſt wahr, antwortete Fräulein von Stolzheim, nach einem augenblicklichen Nach⸗ denken; ich will zu meiner Tante kommen.— Sie hatte aber ganz etwas anders im Sinne, wie die Folge leider zeigte. Frau Werner, wel⸗ che die Kiſte in das Zimmer der Frau von Al⸗ tendorf hatte bringen laſſen, wurde ungeduldig H 2 —— 116 abgerufen, um beym Öfnen und Auspacken den Vorſitz zu führen. Ich kann ohne ſie nicht glücklich ſeyn, rief Theobald, ſobald er mit Emilien allein war; aber mit Ihnen wär ich der glücklichſte Mann, ſobald Sie Ihr Glück darin fänden, mit mir zu leben. Emilie erröthete und ſchwieg. Ha⸗ ben Sie, ſeit Sie mich zuerſt ſahen, einige Nei⸗ gung für mich empfunden?— Ja, antwortete Emilie.— Haben unſre ehemaligen kleinen Zwi⸗ ſte dieſe Neigung nicht geſchwächt?— Nein, war ihre Antwort.— Habe ich den Tag über Ihre Gedanken, die Nacht Ihre Träume be⸗ ſchäftigt?— Emilie ſagte lächelnd, daß ihr Schlaf ſelten von Träumen geſtört würde.— Ach Emilie, Sie ſind nicht wie ich von ſteter Unruhe gepeinigt geweſen; bald ſchmeichelte ich mir mit Ihrer Liebe, bald fuͤrchtete ich Ihre Gleichgültigkeit. Ihre Seele iſt ruhig und un— getrübt.— Ich zweifelte nie an Ihrer Zunei⸗ gung, ſagte Emilie.— Ach Sie hatten wohl Recht!— ich liebe Sie mit einer Zärtlichkeit, mit einem Feuer von welchem Sie keinen Be— 117 griff haben. Lieben Sie mich halb ſo wie ich Sie liebe? Wird das Andenken Ihres Vater⸗ landes, und die Reize die es für Sie hat, Ihr Leben nicht verbittern?— Seit einiger Zeit iſt Altendorf mein wahres Vaterland, ſagte Emi— lie und warf den ſüßeſten Blick auf Theobald. — Und ich fühle daß ich mein Vaterland über— all finden werde, wo Sie ſind. Haben Sie Verwandte, die ſie wieder zu ſehen wünſchen, ſo will ich ſie zu Ihnen bringen, und ſollte mich der Dienſt meines Landes nach Frankreich füh⸗ ren, ſo werde ich lieber dahin, als ſonſt wohin gehen, weil Sie dort ihre liebſten Jugendfreu— den genoſſen. Ich mag wohl anmaßend ſeyn, aber theuerſte Emilie, ich fordre nicht mehr von Ihnen als ich meinerſeits zu geben gedenke. Fern ſey es von mir, in einer Vereinigung von der ich mein ganzes Glück erwarte, die mindeſte Ungleichheit ſtatt finden zu laſſen. Wenn ich Ihnen alles zu ſeyn verlange, ſo will ich auch alles für Sie thun, ich will ganz der Erwähl⸗ ten meines Herzens angehören, meiner Freun⸗ din, meiner Gebieterin, meiner Gattin. Ja, 118 meiner Gattin! ja Sie ſind es, nie wird eine andere dieſen Nahmen führen! Mit dieſen Worten flog Theobald auf Emilien zu und faßte ſie in ſeine Arme, als die Thüre mit Ge— räuſch zuſchlug, und eine andere die nicht feſt verſchloſſen geweſen war, dadurch aufſpringen machte. Dieſe war zwiſchen dem Vorzimmer und Geſellſchaftsſaal, die andere ging aus dem Vorzimmer in das Vorhaus. Theobald eilte dahin und ſah niemand. Emilie, welche ſehr bewegt war, bat Theobald, ſie ſogleich nach Hauſe zu führen. Indeß Heinrich eine Fackel anzündete, verſuchte Theobald umſonſt, ſeine zitternde Geliebte zu beruhigen. Jezt, ſagte Emilie, iſt meine ruhige Stimmung dahin, nun iſt es an mir, die Unruhe zu empfinden von welcher Sie ſich allein verfolgt zu ſeyn beklag— ten, die Sie gegen mich aufzubringen ſchien, weil Sie mich deren für unfähig hielten. Wel— che Qual für mich, zu denken daß Vorwürfe und Verdruß Sie bedrohen, daß uns vielleicht eine ewige Trennung bevorſteht!— Nein Emi⸗ lie! uns kann fortan nichts mehr trennen, rief —n — 119 Theobald; ich nehme den Himmel zum Zeugen, daß ich mich Ihnen nicht entreißen laſſe. Ich hatte keine andere Unruhe als die Unſicherheit uͤber Ihre Liebe; dieſer Augenblick überzeugt mich, daß ſie meinen Wünſchen entſpricht. Ver⸗ zeihen Sie, meine Emilie! aber ungeachtet deſ⸗ ſen was Sie jezt leiden, iſt dies doch der ſchön— ſte Augenblick meines Lebens. Frau von Vaucourt und ich ſahen ſie auf das Haus zukommen. Da die Fenſtervorhänge unſers Zimmers nicht zugezogen waren, ward es von der Fackel, welche Heinrich trug, erleuch— tet. Bey ihrem Anblick hätte man glauben mögen, Hymen führte ein Brautpaar in das hochzeitliche Gemach: Theobald glühend vor Liebe, Emilie mit furchtſamen Schritte, geſenk— tem Haupte und Blicke, vervollkommte die Täus ſchung dieſes Anblicks. Es war aber ſpät, man hätte dieſes Paar auf immer vereinigen, mögen, und mußte es dennoch jezt trennen. Ich nahm Emiliens Platz an Theobalds Seite, und ging mit ihm nach dem Schloſſe zurück. Man wartete ſchon auf uns; wir ſetzten 120 uns zu Tiſche als Fräulein von Srolzheim in das Eßzimmer trat. Nachdem ſie über eine leichte Unpäßlichkeit geklagt hatte, die ſie aber doch nöthigte ſich in ihr Zimmer zu begeben, bat ſie um einen Wagen, weil ſie den folgen— den Morgen ihre Mutter in Osnabrück beſu— chen wolle. Man bot ihr Pferde zu dieſer klei⸗ nen Reiſe an, ſie hatte ſie aber ſchon auf der nächſten Poſt beſtellt. Obſchon ſie uns bald zurück zu kehren verſprach, ſo hatte ihr Weſen doch etwas Unglückdrohendes; den folgenden Morgen hörte ich die Peitſche knallen, das Poſt— horn ſchallen,— die Comteſſe war abgereiſt. Dem Herkommen gemäß hätte Theobald vor ihr reiſefertig ſeyn, und ſie wenigſtens die erſte Meile weit zu Pferde begleiten ſollen; aber er hatte ihretwegen kein Auge aufgethan. Sein Schlaf war nie ſo tief, nie waren ſeine Träu— me ſo angenehm geweſen, und es war eilf Uhr wie er zu uns kam, und ſeine Mutter um eine Taſſe Chokolade bat. Um eilf Uhr noch Cho⸗ kolade trinken? was iſt das für ein Einfall, mein Sohn? fragte Frau von Altendorf.— 121 Liebe Mutter, verſetzte Theobald, geſtern war eine Art Feſttag, es iſt noch heute eine Art Feſttag, ich bin nicht wie ich alle Tage bin, man muß mir meinen Willen thun, muß mich ein bischen verziehen, damit ich auch durch meine Mutter, wie durch andre, der glücklichſte Sterbliche bin.— Der Weiſeſte ſcheinſt Du mir wenigſtens eben nicht, ſagte Frau von Alten⸗ dorf. Der Morgen ging unter der liebenswür— digſten, frohſten Laune hin, ſo auch das Mir⸗ tagseſſen. Theobald hatte ſich die Freyheit her— ausgenommen, unangekleidet zu bleiben, er war in einem leichten Frack, mit aufgeknüpftem Haar. Sollte es etwa die Abweſenheit meiner edeln Couſine ſeyn, was mich ſo guter Laune macht? ſagte er zu ſeiner Mutter; kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, und ſeinem Va— ter die Geſundheit ſeiner Verwandten bis zu den entfernteſten Graden zugebracht, als dieſel— be Peitſche knallte wie am Morgen, daſſelbe Poſthorn tönte, derſelbe Wagen in den Hof rollte, und wir ſahen die Gräfinnen Stolzheim, 122 Mutter und Tochter, vor unſern Augen aus⸗ ſteigen. Welche Erſcheinung! rief Theobald, und eil⸗ te luſtig ihnen entgegen; ich kann nun eben nicht ſagen daß ich ſie wünſchte, meine Gnädi— gen! Denn um gewiſſe Glückſeligkeiten wün⸗ ſchen zu dürfen, muß man ſie doch einigermaßen erwarten; aber Sie überraſchen mich wahrlich im allerhöchſten Grade. Doch welche ernſthafte Geſichter, meine Damen? ich bitte, heitern Sie ſie auf, damit ſie beſſer zu der frohen Laune paſſen die bey uns herrſcht. Die Vernachläßi⸗ gung meines Anzugs fällt Ihnen vielleicht auf, aber unthätig, wie ein Glücklicher oft iſt, konn— te ich mich heute nicht mit dieſen Dingen be— faſſen.— Auf alles dieſes erfolgte keine Ant— wort. Die Gräfin Mutter grüßte bei ihrem Eintritte in den Speiſeſaal niemanden wie Herrn und Frau von Altendorf, und bat ſie, mit ihr in ein anderes Zimmer zu gehen. Theo— bald nöthigte mich, mit ihm zu unſern Plätzen am Eßtiſch zurückzukehren, ſang, lachte und trank, und ſetzte ſich nachher zum Klavierſpielen 123 nieder. Das Comteßchen war ſo völlig von aller Welt verlaſſen, daß ſie mir Mitleid einge⸗ flößt hätte, wenn die ſchwarze Bosheit jemals Mitleid verdienen könnte. Während dieſes Auftritts erzählte die alte Gräfin der Frau von Altendorf und ihrem Ge⸗ mal, Theobalds Unterredung mit Emilien vom vorigen Abend wieder; denn die Comteſſe hatte ſie durch eine Thüre welche ſie ausdrücklich des⸗ wegen, offen gelaſſen, von Wort zu Wort mit angehört. Wie ſie mit Frau Werner zu der Baronin hinauf ging, war ſie unter dem Vor⸗ wande, noch etwas aus dem Saale zu holen, zurückgegangen, und da jene, wie ich ſchon ge— ſagt habe, von ihrer Herrſchaft abgerufen ward, blieb ihr nichts anders zu thun übrig, als ſie gehen zu laſſen. Wie ſie erfuhr, daß ſie nicht in den Saal zurück gekommen war, erſchrak ſie ſehr; da aber das Übel nun einmal geſchehen und nicht mehr gut zu machen war, ſo wollte ſie ihren lieben jungen Herrn nicht weiter da⸗ mit betrüben. Nach der getreulichſten Wiederholung aller 124 Betheuerungen und Verſprechungen, welche Theobald, uneingedenk ſeiner Familie, und des väterlichen Anſehens, gemacht hatte, ſprach die alte Gräfin von der Verbindung, welche, wie ſie meynte, in Abſicht auf ihre Fräulein Toch— ter beſchloſſen worden wäre; ſie ließ ſich weit— läuftig über die Gräuel einer ſolchen Wortbrü— chigkeit, und den Verluſt der glänzenden Hof⸗ nungen aus, welche die vorgehabte Heyrath Theobald zuſicherte. Der Herr Baron N. Ober⸗ hofmeiſter an dieſem Hofe, der Herr Graf B. Oberjägermeiſter an jenem, der Herr Canzler, der Herr General, der Herr Coadjutor— denn das waren alles nahe Verwandten— würden alle äußerſt aufgebracht ſeyn, und nun eben ſo viel ſchaden, als ſie vorher hatten begünſtigen wollen. Daraus wird nichts, ſagte der Baron. Ihro Fräulein Tochter ſitzen laſſen, mein väterliches Anſehen verkennen, ſo viele hochachtungswürdi— ge und rachſüchtige Perſonen beleidigen— nein daraus kann nichts werden. Kommen Sie mit mir. Ich will mit meinem Sohne reden, wie 125 es ſich gebührt, weil mir der ÄArger noch in fri⸗ ſchem Andenken iſt. Umſonſt wollte Frau von Altendorf den Keulenſchlag aufhalten, ſchwä— chen, es hieß immer nur: die Frau Couſine hat Recht, ſie hat vernünftig geſprochen, ich halte mich an ihre Worte, und will mich von Ihnen nicht irre machen laſſen. Kommen Sie mit mir, ich ſage ein für allemal: Theobald ſoll die Comteſſe Stolzheim heyrathen. Man trat zu uns. So ſtürzt der ſchwer⸗ fällige Bußard, oder der grauſame Sperber, auf die ſorgloſe Meiſe, oder den luſtigen Zeiſig herab. Theobald war anfangs von dem drohenden Ernſt ſeines Vaters, der Traurigkeit ſeiner Mut⸗ ter, und dem wüthenden Angeſicht der alten Gräfin, welche ihn ſo entſchieden zum Schwie⸗ gerſohne verlangte, zu Boden geworfen. Dieſe lstzte nahm eiligſt das Wort. Herr Baron, fing ſie an, Ihre Eltern ſind von allem unter⸗ richtet, Ihr Herr Vater iſt völlig meiner Mey⸗ nung, und über Ihr abſcheuliches Betragen noch aufgebrachter wie ich ſelbſt. Ich will es für 126 dieſen Augenblick vergeſſen, und frage Sie in aller Güte, ob Sie Ihr Unrecht gut machen, und unverzüglich meiner Tochter Ihre Hand geben wollen? Nein, gnädige Frau, ſagte Theobald.— Nein! rief ſein Vater.— Ich bitte Sie, laſſen Sie mich reden, ſprach die Gräfin, ich bin nachſichtiger wie Sie, und wer— de ſicherlich nichts ſagen, was Sie nicht ſelbſt gedacht hätten. Herr Baron, wollen Sie ſich heute feyerlich zu der Verbindung mit meiner Tochter verpflichten, dann Altendorf verlaſſen, und nicht eher dahin zurückkehren als bis Sie Ihre Abentheuerinn vergeſſen haben?— Nein, wiederholte Theobald; ich ſollte mit der Perſon, die mir ſo boshaft mitſpielte, die geringſte Ver— bindung eingehen!— Sie würden ſich durch das was ſie that, geſchmeichelt fühlen, wenn Ihre ſchimfliche Leidenſchaft Sie nicht unfähig machte, ihr Betragen zu ſchätzen. Wenn Sie Ihre Sinne wiedergefunden haben, werden Sie es ganz anders anſehen, und dazu giebt es kein anderes Mittel, als die verdammte Sirene die Sie um Ihren Verſtand gebracht hat, zu ver⸗ 127 laſſen.— Er ſoll reiſen, ſagte Herr von Alten⸗ dorf.— Sie können mit aller Annehmlichkeit reiſen, können an den Höfen von Braunſchweig, Berlin, Petersburg einen glänzenden Aufzug machen, fuhr die Gräfin fort— Ohne Zweifel, ſagte der Baron,— Allenthalben werden Sie meine Verwandten, oder die meiner Tochter pro⸗ kegiren— Das wird äußerſt angenehm und ſchmeichelhaft ſeyn, unterbrach der Baron.— Ihre Eltern werden Sie mit allem nöthigen Gelde verſehen.— Er bekömmt offne Wechſel, rief der Baron. Theobald hörte ſchon eine ganze Weile nicht mehr zu, ſondern ſaß nachläßig in einem Win— kel des Zimmers, wo er ſeine Hunde liebkoſete. Seine Mutter trat jezt zu ihm, und fragte ihn, ob er ſich gefallen ließe, auf einige Zeit wegzureiſen? Theobald ſtand auf, that einige Schritte, nahte ſich dann wieder ſeiner Mutter: ja, ſagte er, ich will es, meine gute, zärtliche, liebenswürdige Mutter, ich will es, ſo ſchwer es mir wird Sie zu verlaſſen. Erinnern Sie ſich, daß Sie ſagten: ſie würde Ihnen ſehr 128 werth, und verzeihen Sie mir, und lieben Sie mich.— Er muß ſeine Circe nicht wiederſehen, ſagte Frau von Stolzheim.— Gewiß nicht, ſprach der alte Baron; er muß noch heute Abend abreiſen, und bis dahin keinen Fuß aus dem Schloſſe ſetzen.— Weder er noch ſein Heinrich, ſetzte Frau von Stolzheim noch hinzu.— Wie edelmüthig Sie auf alles denken! ſagte Theo— bald mit einem verächtlichen Blick, indem er vor den beiden Gräfinnen vorbey zu ſeinem Vater ging, deſſen Hand er küßte; er umarmte dar⸗ auf ſeine Mutter, nahm von mir Abſchied, in— dem er mich bat ihm nicht zu folgen, und ver⸗ ließ das Zimmer. Wir hörten, daß er ſeine Reiſechaiſe mit vier Poſtpferden Abends um zehn Uhr bereit zu halten befahl, und ſahen ihn nicht wieder. Seine Thüre blieb verſchloſſen. Heinrich ſelbſt verließ ſein Zimmer keinen Au— genblick, und Frau Werner, die ihm weinend die Wechſelbriefe von ſeinem Vater brachte, fand ihn, wie ſie uns ſagte, unbeweglich auf einem Lehnſtuhl, indeß Heinrich Koffer und Mantel⸗ ſack packte, die Chatulle herbeyholte, und vier Piſtolen 129 Piſtolen lud. Einige Augenblicke darauf ſchick⸗ te er Frau von Stolzheim einige Empfehlungs— ſchreiben zurück, welche ſie für gut befunden hatte den Wechſelbriefen beyzulegen. Ich wußte nicht, was ich von dieſem gan— zen Vorgange denken ſollte. Wie ſollte ich mir Theobalds Abreiſe, und ſein ganzes Betragen erklären? hatte er zum Beſten ſeiner Liebe, oder ſeiner Geliebten auch nur ein Wort geſagt? Um indeſſen ſeinem Wunſche, den ich einigerma— ßen zu verſtehen glaubte, gemäß zu handeln,“ verließ ich die Frau von Altendorf keinen Au— genblick; aber mein Kopf war nur von Emilien voll, und von der grauſamen Überraſchung die ihr morgen bevorſtand. Sie leiſtete Frau von Vaucourt Geſellſchaft, da dieſe, von der Kälte angegriffen, an dem Tage das Bette nicht verlaſſen hatte. Emilie hatte den Vorfall des vergangnen Abends beſ⸗ ſer wie Theobald erklärt, ſie unterhielten ſich voll Unruhe von den daraus zu befürchtenden Folgen, und ihre Furcht nahm zu, da ſie den ganzen Tag keine Nachricht von uns erhielten. Drei Weiber. J 13⁰0 Um halb eilf, hörte Emilie leiſe an ihre Thüre klopfen; ſie eilte ſelbſt aufzuſchließen, und ſah nicht ohne Schrecken Heinrich zu ſo einer unge— wöhnlichen Stunde eintreten. Joſephine war ihr nachgefolgt. Iſt Seinem Herrn etwas zu— geſtoßen? fragte Emilie mit ängſtlichem Ton.— Ja und nein, gnädiges Fräulein; aber davon iſt nicht die Rede, Jemand, der ſehr nothwen— dig mit Ihnen zu ſprechen hat, erwartet ſie am Ende der Straße.— Wer iſt es?— Ein Un— glücklicher, dem Sie es ſich nie verzeihen wür— den dieſen Troſt verſagt zu haben.— Kann er denn nicht hieher kommen?— Nein, gnädiges Fräulein, er iſt auf der Flucht, er iſt verwie— ſen, und könnte ſich ohne die größte Gefahr hier nicht zeigen.— Iſt Sein Herr dort?— Ja, gnädiges Fräulein, eilen Sie, fürchten Sie nichts; da ich mich verheyrathete, um Sie nicht von meinem Herrn zu trennen, da ich weiß, daß er es kaum dem Himmel verziehe, wenn Ihnen ein Unglück begegnete, könnte ich, dürfte Sie wohl der geringſten Gefahr ausſetzen? Sie thun mir Unrecht mit Ihrem Zögern, das, wenn 131 ich es ſagen darf, thörigt iſt. Gehen Sie ſchnell, wir haben keinen Augenblick zu verlieren; ge— hen Sie immer, indeß ich die Thür zuſchließe. — Joſephine wollte ihrer Herrſchaft folgen, Heinrich wandte ſich aber ſchnell um, und in— dem er ihr die eine Hand auf den Mund legte, gab er ihr mit der andern einen Beutel voll Gold. Schweig und rühre Dich nicht, oder Du wirſt zeitlebens daran denken! ſagte er leiſe, ſchob ſie in das Haus, verſchloß die Thüre, und eilte Emilien nach, die er unterſtützte, und ſo ſchnell fortführte, daß ſie in wenig Augenblicken bey ihrem ſie erwartenden Liebhaber anlangte. Er bemerkte ihr Entſetzen, und da er ihren Wi— derſtand fürchtete, ſagte er, ihre Hand ergrei⸗ fend; rufen Sie nicht, ſchreien Sie nicht, man würde zu uns eilen, und da alle Umſtände mei— nem Unternehmen das Anſehen einer Entfüh— rung gäben, könnten Sie ſelbſt mich einem ſchimpflichen Tode nicht entreißen. Man woll⸗ te mich von Ihnen trennen, allein was man in dieſer Abſicht that, beſchleunigt nur unſre Ver— bindung. Folgen Sie mir, Sie haben mein &e& J 2 . 132 Wort; ich wiederhole hier meine Schwüre im Angeſicht der ganzen Natur, die uns ſchweigend zuhört. Kommen Sie, es bleibt Ihnen kein andres Mittel übrig, um dem Mann anzuge⸗ hören, den Sie zu lieben verſichert haben, und der Sie anbetet. Mit dieſen Worten hoben Heinrich und Theobald Emilien in den Wagen — nach Bremen zu! ſagte Heinrich leiſe zum Poſtillion, und die Pferde eilten davon. Leiſe hatte zwar Heinrich dieſe Anweiſung gegeben, aber doch nicht ſo leiſe daß Joſephine ſie nicht verſtanden hätte. Emiliens Wohnung hatte noch einen andern Eingang außer der Straßenthüre, durch dieſen verließ Joſephine das Haus, eilte durch drei Gärten, kletterte über einige Verzäunungen, gerade als wäre ihr Leib noch ſchlank, ihr Schritt noch leicht gewe— ſen wie ſonſt, und kam mit Emilien zugleich bey der Poſtchaiſe an, von welcher ſie nur durch eine Hecke getrennt, und durch dieſe, ſo wie durch die dunkle Nacht, völlig verſteckt war. Indem der Wagen fortrollte, eilte Joſephi— ne weinend zur Frau von Vaucourt, und er⸗ 21 . 133 zählte umſtändlich was Heinrich und darauf Theobald geſagt hatten, und das ſodann erfolg— te Stillſchweigen, und Emiliens Abreiſe. Ohne die Zeit mit Erſtaunen zu verlieren, ſteht Frau von Vaucourt auf, kleidet ſich an, läßt Hanſen herbey rufen, geht La Croix aufzuwecken, und indem ſie auf ihre Uhr ſieht, ſagt ſie: ich ver— ſpreche einem jeden von Euch zehn Piſtolen, wenn ich in drey Viertelſtunden in den Wagen ſteigen kann. Darauf ſchreibt ſie mir, was ſie ſchreiben kann, und trägt Joſephinen auf, mir das übrige zu ſagen. Wenn, ſchrieb ſie, die Eltern verzeihen, und ſogleich ihre Einwilligung geben, ſo iſt nichts an der Sache verdorben; man hält dieſes für eine, mit ihnen verabredete Reiſe, und glaubt, daß ich die Verliebten be⸗ gleite; denn Emilie wird nicht ohne mich un⸗ terwegs geſehen werden. Bereden Sie alſo die Eltern. Vermögen Sie Frau von Altendorf uns zu folgen, kommen Sie beyde, bringen Sie Joſephinen mit. Joſephine weiß welchen Weg ſie nahmen, ſie hat mir es geſagt, daher bin ich ſicher ſie einzuholen; ſie wird es Euch ent— 134 decken, ſo bald ſie Euch im Begriff ſieht abzu— reiſen, und uns Verſohnung und Frieden zu bringen. Geben Sie den Leuten zu bedenken daß es darauf ankörumt, Emilien und Theobald, das heißt, allen was es auf Erden liebenswür— diges, ſchönes, gutes geben kann, Tadel, Schan⸗ de, Kummer zu erſparen, und ihnen das ſüßeſte Glück, das ihnen werden kann, zuzuſichern. Wenn man einen einzigen Tag zögert oder aufſchiebt, ſo hat die öffentliche Meinung gerichtet, der Flecken iſt da, und iſt unauslöſchlich. Ich wer⸗ de ſie bereden, ſich an dem erſten rechtlichen Orte aufzuhalten, dort erwarte ich Sie mit Frau von Altendorf, der guten Werner, und Joſephinen. Etwas Staat wäre wohlange⸗ bracht, und benähme uns alles abentheuerliche Anſehen. Kommen Sie nicht, ſo hören Sie nichts mehr von Theobald und Emiilien. Ich ſchicke oder bringe ſie an das Ende der Welt, und ſuche nur noch Joſephinen aus Altendorf, dem verlaßnen, herabgewürdigten Altendorf, fortzuſchaffen. Es ſchlug zwölf, als ſich Frau von Vau⸗ 135 court in ihre Berline ſchwang; La Croix ſtieg auf den Bock, Hans auf eines der vier Pferde, und nun eilten ſie Theobald und Emilien nach. Anfangs ging es ſehr ſchnell, aber ſo wie man gs ging hr ſch einen Wagen vor ſich rollen hörte, verminderte man die Eil; nach und nach holte man ihn ein. Frau von Vaucourt hätte zurufen können, aber die Furcht, die Reiſenden zu erſchrecken, hielt ihre Lebhaftigkeit im Zaum. Theobald welcher über dieſen Wagen, der ſeine Chaiſe faſt berührte, mehr ungeduldig als erſchrocken war,(denn er meinte, wenn man ihn verfolgen wollte, ſo würde man mehr geeilt haben ihn einzuholen,)— Theobald ließ ſeine Chäſe an der einen Seite des Weges halten, weil er hof— te die Berline würde vorbey fahren. Keines⸗ wegs, die Berline hält auch. Wer iſt da? rief Theobald verwundert, und griff nach ſeinen Pi⸗ ſtolen. Conſtanze, und Conſtanze allein, ant⸗ wortete Frau von Vaucourt. Emilie ſtürzte aus dem Wagen, und lag in den Armen ihrer Freundin. Was wollen Sie, was iſt Ihre Ab⸗ ſicht? fragte Theobald.— Ihrem Schickſale fol⸗ 136 gen, und ſo viel es mir möglich iſt, es verbeſ⸗ ſern. Kommen Sie, wir wollen den Weg, den Sie antraten, zuſammen fortſetzen. Sie hielten ſich erſt in Hoya auf, welches ſchon nicht mehr zu Weſtphalen gehört. Hier warfen ſich die beiden Frauenzimmer höchſt er⸗ müdet auf ein Bette; Conſtanze ſchlief feſt ein, und Emilie hätte ſich, ungeachtet der großen Unruhe in welche ſie ihre Begebenheit warf, dem Schlummer überlaſſen können, wenn ihr nicht Joſephine unaufhörlich vor den Augen ge⸗ ſchwebt hätte. Conſtanze erklärte ihr umſonſt ihre Gründe, ſie hätte doch gewünſcht daß Jo⸗ ſephine mit ihr gekommen wäre. Dieſe war indeſſen mit ihrer Herrſchaft nicht weniger beſchäftigt. Wir verließen ſie um Mit— kernacht, es war ihr nicht einmal in den Sinn gekommen ſich niederzulegen, ich war auch die ganze Nacht aufgeblieben, und ſah ſie um halb ſechs Uhr, mit dem Briefe der Frau von Vau⸗ court in der Hand, in das Zimmer treten Ich las. Mein Erſtaunen war nicht größer wie meine Freude, denn von allem was ich gefürch⸗ . 137 tet hatte war mir der Gedanke, Emilien verlaſ⸗ ſen zu ſehen, das Schrecklichſte geweſen. Ich ließ ſogleich die Frau von Altendorf wecken, und erſuchte ſie zu ihrem Gemal zu kommen, wo ich mich ſchon hinbegeben hatte. Alles kam, wie ich meinte, auf den erſten Ein⸗ druck an, und dieſer fiel günſtig aus. Der alte Herr ging diesmal in alle Ideen der Frau von Vaucourt ein, und hätte faſt über alles was ſie gethan und ausgeſonnen hatte, gelacht. Die Frau weiß ſich zu helfen; der Teufel ſelbſt könn— te nicht verſchlagner ſeyn; rief er— Mag es ſeyn! ſie hat Recht, man muß dem Dinge ſchnell ein geziemendes Anſehen geben. Emilie iſt ſchö⸗ ner, und wenn ich es ſagen darf, ſo hat ſie ein beſſeres Gemüth wie das Fräulein Sophie von Stolzheim. Wenn jemand etwas gegen die Sache einwendet, hat er Unrecht; es iſt nicht unſre Schuld. Geſchwind alſo, wegen des Staates! Frau von Vaucourt will, daß etwas Staat dabey gemacht werden ſoll. Vier von unſern Pferden ſind nicht übel, die andern wird man eben nicht ſo genau anſehen. Johann, 138 Conrad, Ulrich, ziehen ihre Livreen an, der Jä⸗ ger Georg muß ſeinen neueſten Rock anthun... das wird recht brav ausſehen! Frau von Al— tendorf hat mehr Anſtand wie irgend eine Da⸗ me, auf zwanzig Meilen in der Runde. Theo⸗ bald iſt ein ſchöner junger Mann, ſeine Braut iſt hübſch, und bey ihrer Rückkehr wird das al— les zuſammen einen anſehnlichen Aufzug ma— chen. Aber ermangeln Sie wenigſtens nicht, mir Frau von Vaucourt zurück zu bringen; der Winter würde mir ohne ſie verzweifelt lang vorkommen, und ihretwegen wünſchte ich, daß die Reiſe ſo kurz wie möglich dauerte. Frau von Altendorf war ſchon auf ihres Gemals erſtes Wort fortgeeilt, um Arſtalten zur Abreiſe zu machen; der Baron ſtand auf um zu ſehen wie ſich der Zug ausnähme, und lief, wie wir im Begriff waren einzuſteigen, an die Allee vor dem Schloß herunter, wo er uns vorbey fahren ſah. Ich weiß nicht wie es zu⸗ ging, daß der gutmüthigſte Menſch auf Erden, wie er einmal dieſen Anſtoß von Luſtigkeit er⸗ 139 halten hatte, ſich das Erſtaunen, in welches die beiden Gräfinnen bey ihrem Erwachen gerathen würden, als höchſt komiſch dachte. Es war auch würklich nicht gering: wir wollen uns aber nicht weiter um ſie bekümmern. An dem Platze wo Emilie ſich hatte entfüh⸗ ren laſſen, ſtieg Joſephine in den Wagen. Iſt es würklich, um ihnen Freude zu machen, nicht um ſie zu betrüben, daß wir zu ihnen gehen? fragte ſie.— Ja gewiß,— ja ich ſchwöre es, ſagten Frau von Altendorf und ich zu gleicher Zeit. Den Weg nach Bremen! rief nun Joſephine dem Kutſcher zu, und wir eilten auf Bremen zu, und trafen den Abend in Hoya ein. Was nun alles geſagt, alles geantwortet wurde, wäre zu weitläuftig zu erzählen. Theo⸗ balds Freude beym Anblick ſeiner Mutter, iſt nur mit der ihrigen, da ſie ihren Sohn wieder— ſah, zu vergleichen. Heinrich empfing ſeine Gattin ziemlich kaltſinnig, aber alle hatten ihr ſo viel Verbindlichkeit; ihre Herrſchaft, die vor— 140 her ſo traurig, ſo unruhig war, freute ſich ſo lebhaft wie Joſephine ihr wiedergeſchenkt wur— de, daß er ſich endlich zu dem allgemeinen Ge— fühle gegen ſie ſtimmen mußte. Den folgenden Morgen reiſte man von Hoya ab, man ging bis Hamburg, wo man Spitzen und Hochzeitkleider kaufte. Emilie ſchlug ei— genſinnig den ihr angebotnen Schmuck aus, und behielt ſich nur einen ſchönen Rubin vor, auf welchen Frau von Vaucourt ein verſchlung⸗ nes C. und E. hatte graben laſſen: dieſes wird wohl Zeit ihres Lebens Emiliens Siegelring ſeyn, und Theobald welcher die Dankbarkeit liebt, und die Freundſchaft ehrt, wird nicht ei— ferſüchtig darüber werden. Nach vierzehn Tagen kehrten wir zurück. Das ganze Dorf kam uns entgegen. Vierzehn Tage nach unſrer Rückkehr war die Hochzeit, Der eine Schloßflügel war uuausgebaut ge— blieben, Conſtanze bat, und erhielt die Erlaub⸗ niß ihn zu vollenden, zu meubliren, und zu bewohnen. Ich hätte bleiben können, Frau 141 von Altendorf wünſchte es, Theobald, Emilie baten mich, drangen in mich, den Winter we— nigſtens bey ihnen zuzubringen; aber ich hielt es meiner Ruhe für gefährlich, einen ganzen Winter in Conſtanzens Nähe zu verleben. 142 Ich habe eben nicht gefunden, ſagte Frau von Bergen, als ſie den Abbé wiederſah, daß Ihre drei Weiber das mindeſte bewieſen; aber in— tereſſirt haben ſie mich, und das war alles was ich von Ihnen verlangte.— So mußte ich da⸗ mit auch zufrieden ſeyn, ſagte der Abbs; haben Sie aber nicht einige Achtung für jedes meiner drei Weiber?— Ich kann es nicht läugnen; antwortete die Baronin.— Nun, ſagte der Abbé; mehr habe ich nicht gewollt! Joſephine iſt nichts weniger als tugendhaft; und doch fühlen Sie Achtung für Joſephinen, weil ſie ein ſehr gutes Mädchen iſt, ihre Herrſchaft lieb hat, und gegen dieſe ſich beſſer noch als gut beträgt. Conſtanze behält ein Vermögen, deſ⸗ ſen Eigenthum ein ſtrenger Kaſuiſt ihr wohl ſtreitig machen könnte; allein der Gebrauch, den ſie von ihrem Vermögen macht, nöthigt Sie, Conſtanzen zu achten. Emilie, anfangs ſo gewiſſenhaft, gewöhnt ſich an die üble Auffüh— rung ihres Mädchens, an die ſeltſamen, viel⸗ leicht ſophiſtiſchen Rechtsgründe ihrer Freundin, ———ę—;—:⸗:::OBOꝭ—ꝭ—˖——˖Bᷓn— 143 und läßt ſich endlich von ihrem Liebhaber ent— führen, ohne ein Wort zu ſagen, ohne den min— deſten Widerſtand zu thun. Und doch können Sie nicht umhin, Emilien zu achten; denn in⸗ dem ſie der Vollkommenheit entſagt, die ihr ſo am Herzen lag, bleibt ſie eine redliche Freun⸗ din, eine gute Herrſchaft, eine zärtliche Lieben⸗ de; und die Liebe, die Freundſchaft, die Dank⸗ barkeit, denen ſie etwas von ihrer unbiegſamen Tugend aufgeopfert hat, bereichern ſich durch dieſes Opfer, und ſetzen ein andres Verdienſt an die Stelle des dahin gegebenen. Hätte ich Ih⸗ nen eines von den Weſen aufgeſtellt, wie ich de⸗ ren viele kenne, die ſelbſt indem ſie nichts Bö⸗ ſes thun, auch nie etwas Gutes, oder nur das Gute, was ihnen anſteht, thun, die keine Richt⸗ ſchnur haben als ihren eignen Nutzen, und nie in dem Herzen andrer eine andre vorausſetzen— Sie würden es ſicherlich verachtet haben. Geiſt, Talente, Kenntniſſe, nichts auf der Welt würde Sie mit einem Geſchöpfe dieſes Schlags ausſöh⸗ nen, und wenn mit ſeinem eignen Nutzen auch der öffentliche und der Ihrige dergeſtalt ver— 144 bunden wären, daß Sie nichts von ihm fürch⸗ ten, und viel hoffen könnten— Sie würden das Geſchöpf doch immer nicht achten. Um ei— nen Menſchen zu achten, muß man ihm anſe— hen, daß irgend etwas ihm gut, irgend etwas ihm bös vorkömmt; man muß ihm irgend eine Moralität anſehen.— Mit Ihrer irgend ei— ner geben Sie unſern Tugenden, oder vielmehr unſern Laſtern, einen gewaltigen Spielraum. Wenn ſich zum Beiſpiel ein Menſch alles auf der Welt erlaubte, außer den Freitag Fleiſch zu eſſen, und den Sonntag zu arbeiten, was würden Sie von ihm ſagen?— Ich würde ſu— chen, antwortete der Abbs, ſeine Geiſteskräfte kennen zu lernen, und mich nach ſeiner Erzie— hung erkundigen; und wenn ich ſähe, daß er würklich von ganzem Herzen auf jene Gebräu— che mehr Gewicht legte als auf irgend eine an— dre Pflicht, ſo würde ich mir wohl getrauen, ihn für dumm oder verkehrt, aber nicht für ganz unmoraliſch zu erklären.— Die Baronin hob wieder an: Wie Sie von Joſephinens Frömmigkeit, und von ihrer Art, das Vaterun⸗ ſer 145 ſer anzuſehen ſprachen, ſchienen Sie ehrwürdige Gegenſtände in einem lächerlichen Geſichtspunkt darzuſtellen, und das hat verſchiednen Perſonen in der Geſellſchaft misfallen. Dafür kann ich nicht, ſagte der Abbé, und es iſt ſehr gegen meine Abſicht. Joſephine hat, wie viele andre Menſchen, eine Frömmigkeit, die, ſo grob auch die Begriffe ſind aus denen ſie beſteht, darum nicht weniger Frömmigkeit iſt. Sie dachte, wenn ſie nichts als Laſter gehabt hätte, ſo wä⸗ re ſie Gott misfällig geweſen; wenn ſie für ſehr viele Sünden Vergebung geſucht hätte, ſo wür⸗ de ſie keine erhalten haben. Iſt das nun lä⸗ cherlich? Ich weiß nicht, was ſie ſich jezt er— lauben mag, vielleicht nichts eben von Belang. Davon bin ich überzeugt, daß der Schwur den ſie gethan hat, die eheliche Treue zu halten, auf ſie drückt, ſie gebunden hält, und daß ſie ihn nicht brechen wird.— Glauben Sie aber nicht, ſagte die Baronin, daß Ihre drei Wei⸗ ber, wenn ſie bekannt wären, ein ſchlechtes Bei⸗ ſpiel geben würden? Sollten Sie nicht beſor⸗ gen, daß die Achtung, die man dieſen drei Ge⸗ Drei Weiber. K 146 ſchöpfen nicht verſagen könnte, eine Art von Freibrief für Fehltritte, welche die geſellſchaftliche Ordnung zerſtören, ſeyn würde?— Nichts we⸗ niger, erwiderte der Abbs. Joſephine hat ge— litten, und leidet noch. Wie kann ſie ſich je bei ihrem Manne des zärtlichen Vertrauens er⸗ freuen, das er gegen eine tugendhafte Frau, die er ohne Zwang geheirathet hätte, wohl gehabt haben würde? Frau von Vaucourt hat gelit⸗ ten, und mag wohl noch ihre innere Unruhe ha⸗ ben. Meines Erachtens kann man ihr nichts vorwerfen; allein ganz anders verhält es ſich mit den Stiftern ihres Vermögens, und wer weiß wie die gelebt haben, und wie ſie geſtor— ben ſind?— Hat ſie Ihnen davon nie erzählt? fragte die Baronin.— Nie, antwortete der Ab⸗ bé; ſie hat blos Emilien erlaubt, mir wieder— zuſagen was ſie ihr anvertraut hatte.— Was macht man jezt in Altendorf? fragte die Baro— nin; ſind die Leutchen glücklich?— Ich will Ihnen, ſagte der Abbé, nächſtens verſchiedne Briefe bringen, die ich aus Altendorf erhalten habe. —— = — — — — G an den 2 —:—:ʒ:ꝛ—,·ꝛ— I. Von Conſtanzen. Ich hoffe um Ihrer Ehre willen, Herr Abbé, daß Sie eine beſſere Urſache zu Ihrer Abreiſe hatten, als die Sie mir zu verſtehen gaben, und ich bin bey dieſer Gelegenheit geneigter, Ihnen ein wenig heuchleriſche Schmeichelei, als elende Feigherzigkeit zu verzeihen. Da Sie mich gebeten haben Ihnen zu ſchreiben, ſo fürchten Sie wenigſtens nicht, daß meine Briefe Ihnen den Kopf verdrehen möchten; und Ihre Zuver⸗ ſicht iſt gegründet, denn von der Seite iſt nichts zu beſorgen. Ich ſchreibe mit eben ſo wenig Anmuth wie Sorgfalt, und man hat mir im— mer das Harte, Unzuſammenhängende meines Styls vorgeworfen. Ich kann Ihnen von Ihrem jungen Freunde und ſeiner Gattin die erfreulichſten Nachrichten geben. Emilie beträgt ſich vollkommen gut. Freylich iſt das bis jezt noch nicht ſehr ver⸗ dienſtlich; eine zuvorkommende Güte, ein gün⸗ 150 ſtiges Vorurtheil für alles was ſie thut, machen ihr auch alles was ſie ſagen und thun kann ſehr leicht. Ihre Schwiegermutter hat tauſend⸗ mal mehr geſunden Verſtand und Herzensgüte als ich mir vorſtellte. Sie ſcheint kalt zu ſeyn, iſt aber dabey ſo unabläßig bemüht das Beſte aller die ſie umgeben zu bewürken, daß man auf die Länge an ihrem guten und gefühlvollen Her⸗ zen nicht zweifeln kann. Sie ſagten mir das ſchon längſt, und Sie hatten ſie richtig beur⸗ theilt. Sie hat mir ihren Plan, Emilien die Führung des Hausweſens zu übergeben, anver⸗ traut, und will daß ich ihr in dieſer Abſicht al— les einrichten helfe. Zu dem Endzweck wird man ihr das Zimmer, deſſen Thüre dem Spei⸗ ſeſaale gegenüber, jenſeit des Schloßthors iſt, einräumen. Frau von Altendorf will einen ruſ— ſiſchen Ofen dahin ſetzen laſſen, und der müßte hier zu Lande allerdings ſehr wohlthätig ſeyn, wie mich die Kälte, die ich dieſen Winter ſchon litt, wohl einſehen lehrte. Ich habe zu dieſem Verſuch beredet, und nach Petersburg um Mo⸗ dell, Riſſe, und alle nöthigen Anweiſungen ge⸗ 151 ſchrieben. In der übrigen Einrichtung des Zim⸗ mers wird man Emiliens Geſchmack befolgen, der bey einem ſo lebhaften Verlangen ihr in al⸗ lem zuvorzukommen, leicht zu errathen iſt. Sie hat, ohne zu wiſſen daß es für ſie beſtimmt war, kleine Zeichnungen zu ſechs Lehnſtühlen entworfen; es hat ſich Canevas, bunte Wolle gefunden, welche die Motten ſeit zehn Jahren verſchonten, und die man ihnen nun entreißen will. La Croix hat drey Stickrahmen verfer⸗ tigt, Frau von Altendorf, ihre Schwiegertoch⸗ ter und ich, haben jede zwey Lehnſtühle über— nommen, und ſo bald es Abends fünf Uhr ſchlägt, machen unſre drey Nährahmen ein Dreyeck, in deſſen Mitte man einen altfränki⸗ ſchen ſilbernen Gueridon mit zwey Wachskerzen ſtellt. Herr von Altendorf geht im Zimmer umher, oder ſetzt ſich an das Feuer, und Theo⸗ bald weicht ſelten ſeiner Frau von der Seite. Wenn Sie, wie ich es wünſchte, bey uns wä— ren, überließ ich Ihnen oft meine Nadel und wärmte mich am Kamin. Wenn der alte Ba⸗ ron die Bücher weniger verabſcheute, könnte 152 uns ſein Sohn zuweilen vorleſen, aber man ſagt, daß alle Bücher, wie Adele von Senange auf ihn würken. Die Wanhrheit zu ſagen ent— behren wir ſie auch ſehr gern, denn es fehlt un— ſern Abenden an keiner Annehmlichkeit, und wenn ich ſage daß ich Sie zuweilen dabey ver— miſſe, ſo iſt es würklich ein Beweis meiner Freundſchaft. Früh leſe und ſchreibe ich, und Emilie und Joſephine nehmen eine deutſche Lekrion. Herr von Altendorf hat erklärt, man müſſe ſchlechterdings deutſch lernen. Emilie wollte ihren Mann zum Lehrmeiſter, allein ihre Schwiegermutter meinte, daß auf dieſe Weiſe nicht viel aus der Lehrſtunde werden würde, und daß es ſogar ein ſchlimmes Zeichen ſeyn würde, wenn es anders wäre. Der Dorfſchul⸗ meiſter gibt alſo den Unterricht. Emilie ſtrengt ſich ſehr an, und lernt wenig. Warum macht es aber den Franzoſen und Franzöſinnen ſo vie— le Mühe eine fremde Sprache zu lernen? Man ſollte denken ſie fürchteten von den ewigen Vor⸗ ſchriften der Natur abzugehen, wenn ſie Brod und Waſſer anders als die Worte im Franzöſi— 153 ſchen lauten, nennen ſollten; und außer der Mühſeeligkeit andere Ausdrücke dafür zu behal— ten, und auszuſprechen, ſcheinen ſie ſich auch nicht einmal dazu entſchließen zu können. Frau von Altendorf hat Emilien einen Schlüſſel zu ihrem Schreibſchranke gegeben, und will, daß ſie in ihrer Abweſenheit wie ſie ſelbſt über Einnahme und Ausgabe wache, und Rech⸗ nung halte. Mir ſcheint das ſehr gut überlegt. Sie ſucht Emilien für das Haus- und Fami— lienweſen Theilnahme beyzubringen, bis ſie ihr in der Folge die Führung deſſelben ganz über— geben kann. Der Baron hat eben keinen be⸗ ſondern Trieb, ſich zum Beſten ſeines Sohnes der Oberherrſchaft ſo freywillig zu begeben; aber mit Hülfe ſeiner Mutter unterrichtet ſich dieſer von den Vernachläßigungen und Fehlern der gegenwärtigen Verwaltung, und hilft ihnen, ſo gut es vorläufig geſchehen kann, ab. Er hat die Abſicht, nach und nach ohne es laut werden zu laſſen, ſeinen feudaliſchen Rechten zu entſagen, und wenn er ſeinen Vater einen ein— zigen Tag überlebt, die dahin gehörigen Urkun⸗ 154 den alle zu verbrennen. Er verbindet mit die⸗ ſem Plan Hofnungen auf die Liebe, und Glück⸗ ſeeligkeit ſeiner Unterthanen, die mehr roman⸗ tiſch als wahr ſind. Ich hatte ihm oft ſo zu— gehört als ob ich ſeine Hofnungen theilte, und darauf rechnete, das Reich des Saturns und der Rhea wieder auf Erden blühen zu ſehen; allein geſtern verrieth ihm meine Mine meinen Unglauben. Ich verſtehe Sie, ſagte er, mein Plan ſcheint Ihnen ein Traum, meine Hofnun⸗ gen Hirngeſpinſte; Sie glauben daß man ſei— nen Mitmenſchen ſelten nutzen kann, und wenn es gelingt, keinen Dank dafür erhält, daß ſie ihren Wohlthäter darum nicht mehr lieben; nicht beſſer behandeln würden; fa, daß ſie die Kenntniſſe, den Wohlſtand, die Freyheit, die er ihnen gab, vielleicht gegen ihn gebrauchen wür⸗ den. Vielleicht haben Sie recht, ich will es aber nicht wiſſen, ich will mich dagegen blind machen, ich will mir ſchmeicheln daß ich geſchick— ter oder glücklicher wie andere bin, daß die Menſchen für welche ich arbeiten werde anders gemacht ſind wie andre. Hier kömmt es nur 1355 darauf an, Hand an das Werk zu legen; ſo bald der Anfang gemacht iſt, uͤberlegt man nicht weiter, man handelt. Ja die Arbeit hat ſo viel Anziehendes, daß man zuweilen den End⸗ zweck, für welchen man ſie unternahm, aus den Augen verliert. Man gleicht alsdann einem Kaufmann, Spieler, oder Agioteur, der anfangs nur darauf ausging irgend ein Haus zu kau⸗ fen, irgend ein Mädchen zu heyrathen; und hat er ſeinen Zweck erreicht, ſo wird ihm das Mädchen, das Haus gleichgültig, und er will nichts als agiotiren, ſpielen, erwerben. Meine Gewinnſucht wird wenigſtens edler wie die ſei⸗ nige ſeyn. Meine Mühſeeligkeiten werden we— nigſtens mit einigem Genuſſe verbunden ſeyn, und die Theilnahme der wenigen, welchen der Himmel gleichen Enthuſiasmus mit mir beſchied, wird mich davor ſchützen, vor meiner Thorheit zu erröthen. Und das alles ungerechnet, iſt es auch unmöglich in völliger Unthätigkeit zu le— ben, oder ohne einen ſichern Zweck zu handeln. Welcher Zweck aber iſt nicht mit eben ſo viel Unſicherheit verbunden, als der von mir erwählte? 136 Geh ich auf Vergnügen aus, bin ich auch ſicher es zu finden? wenn mich der Ehrgeiz triebe, wäre die Ungewißheit mein Ziel zu erreichen, nicht eben ſo groß? und das vollkommenſte Ge⸗ lingen, verſpräche es mir wohl Glückſeeligkeit? Nur der Tagelöhner der ſeinen täglichen Unter⸗ halt gewinnt, weiß genau, worauf ſein Thun abzweckt; ſeine Arbeit ſtrebt nach keinen Träu⸗ men, keinen Hirngeſpinnſten. Am Ende bleibt es indeſſen noch die Frage, ob das Leben ein ſo theures Gut iſt, daß man einzig um ſeiner Erhaltung willen arbeiten ſollte. Ich will alſo darnach ſtreben, die Leiden meiner Miitmienſchen zu vermindern, und ihre Genüſſe zu vermehren; wenn mir die Erfahrung bewieſen haben wird, daß ich nichts für ſie thun konnte, wenn ſie mich, ſtatt eines Lohns, für mein fruchtloſes Bemühen beſtraft haben wird, ſo hoffe ich, das Alter ſoll meine Sinne erſtarrt, mein Gefühl abgeſtumpft haben, und meinem Geiſt wird ein zweckloſes, hofnungsloſes, ja faſt bewegungslo⸗ ſes Daſeyn genügen. Dieſes war faſt wörtlich Theobalds Rede. Fortan will ich ohne weite⸗ — 157 ren Einwurf in ſeine wohlthätigen Plane ein— gehen, und ihm mit meinem Rathe, meinem Vermögen aushelfen. Leben Sie wohl. Theobald hat jedem Rekruten von ſeinem Gute, der zum Reichscontingent abgeht, eine vollſtändige warme Kleidung geſchickt, und ent⸗ ſchädigt die Eltern für das, was ſie durch ihrer Söhne Arbeit hätten gewinnen können. 8 —* Von Conſtanzen. Ich danke Ihnen für die Beſchreibung der er⸗ ſten Tage Ihrer Reiſe. Möchte das Ende der— ſelben eben ſo glücklich wie der Anfang ſeyn; und wenn Ihnen ein Unfall bevorſtehen ſollte, möchten Sie alsdenn eine ſolche Hülfe und Zu⸗ flucht finden, wie Sie mir verſchaft haben! Hier fährt alles fort, ſehr gut zu gehen. Den Baron ausgenommen, der mir ein ſehr all⸗ täglicher Sterblicher ſcheint, ſind alle übrigen Einwohner ſeltne, ausgezeichnete Menſchen. Frau von Altendorf die ohne Klage, ja ſo gar ohne 158 eigentliche Langeweile, fähig war, mit ihrem Gemahl in einem anſcheinenden Schlaf, wenn auch nicht Untergang ihrer Seelenkräfte zu le— ben, fängt nach und nach an, wieder zu dem zu werden was ſie in ihrer früheren Jugend war. Sie iſt mir die auffallendſte Erſcheinung. Ich glaubte ſie hätte ihren Sohn erzogen, und darinn Entſchädigung für jeden andern Genuß gefunden; aber wenn man die Zeit zuſammen⸗ rechnet die er an verſchiedenen Orten in Deutſch⸗ land, England und der Schweiz zugebracht hat, ſo findet ſich, daß er den kleinſten Theil ſeines Lebens in Altendorf war. Daß er ſich hier nie— dergelaſſen hat, und mit einer Gattinn verbunden iſt, wie ſie ſelbſt ſie würde gewählt haben, iſt kein geringes Glück für ſie; und ich bemerke daß ſie täglich angenehme Entdeckungen an ihm macht, und daß ſie es mir täglich mehr Dank weiß, ihn an ſeiner Flucht nach Amerika verhindert zu haben; denn ohne Zweifel war es ſein Plan, ſich mit Emilien in Hamburg da⸗ hin einzuſchiffen. Wir haben dieſe Saite nur einmal berührt, und ich fand ſie ſo mißtönend, 159 daß ich, um Dankſagungen auszuweichen die ich lieber nie verdient hätte, das Geſpräch ab⸗ lenkte. Die Veranlaſſung dazu gab ein Brief den ich vor wenig Tagen von der kleinen Grä— fin Birkheim erhielt, die Sie mit mir in der Gegend von Hamburg ſahen. Weder ihre, noch ihres Munnes Verwandte, haben ihnen ihre Heyrath verzeihen wollen. Sie hofte daß ihre Schwangerſchaft, in welcher ſie eben ſo weit wie Jofephine iſt, die Herzen dieſer Leute rüh⸗ ren würde, aber niemand will ſie während ih⸗ res Kindbetts aufnehmen, und ſie ſieht ſich mit⸗ ten im Winter ohne Obdach, und Geld. Die— ſes ſchreibt ſie mir, und bittet um Rath. Mir wäre es freylich lieber geweſen, wenn ſie mich freymüthig um Hülfe erſucht hätte; indeſſen habe ich ihr geantwortet, ſie möchte grades We⸗ ges hierher kommen. Sie kann mein Haus unten im Dorfe bewohnen. Joſephine, die ihr Kindbette zu eben der Zeit in Emiliens ehemali⸗ gem Zimmer halten ſoll, wird ihr auf alle Wei⸗ ſe nützlich ſeyn. Wenn die kleine Gräfin und ihr Gemahl angekommen ſeyn werden, ſollen 16⁰0 Sie erfahren, ob es ein guter Fund für uns iſt; findet ſich das Gegentheil, ſo laſſen wir es bey dem was uns Menſchlichkeit, und ceremoniöſe Höflichkeit vorſchreibt, bewenden. Ich habe Ihnen voraus geſagt, daß ich ihnen mein Haus nur bis zum May einräumte, dann will ich es ſelbſt bewohnen. Ich bin ſo bange man möch— te meiner auf dem Schloſſe überdrüßig werden, daß ich, da ich den nächſten Winter wieder hier zuzubringen denke, den Sommer im Dorfe blei— ben will. Adieu Herr Abbé, ich fürchte faſt, alle dieſe kleinen Begebenheiten von Altendorf werden Ihnen Langeweile machen. Nachſchrift. Da werde ich gewahr, daß man ſich die Freyheit heraus genommen hat, mir indeß ich ſchrieb über die Schulter zu blik— ken,— ich ſoll die Feder abgeben—— Was man Ihnen da für ein feines Projekt mittheilt, lieber Abbé! Schade daß es nicht aus— geführt werden wird! Kommen Sie, und neh⸗ men Sie geſchwind das Haus in Beſchlag, das ſie bewohnen wollte. Wie wäre es uns mög— lich ſie fortzulaſſen? ſie iſt die Seele meines Vaters 161 Vaters, ſie iſt die angenehmſte, liebſte Geſell⸗ ſchafterin meiner Mutter, und was ſie mir und Emilien alles iſt, kann ich eben ſo wenig wie unſre Dankbarkeit gegen ſie ausdrücken. Theobald. 3. Von Conſtanzen. Meine Gäſte, oder vielmehr die Gäſte meines Hauſes, denn ſie werden nie die meinigen ſeyn, und bewohnten mein Haus ſicherlich nicht, wenn ich mich darin aufhielte— meine Gäſte ſind vor drey Tagen angekommen. Wir machten ihnen ſogleich einen Beſuch, den ſie den folgen⸗ den Tag erwiederten, und geſtern ſpeiſten ſie auf dem Schloſſe. Wir ſind ſie auf lange Zeit ſatt, ich habe eine Art von Widerwillen gegen ſie gefaßt, weil ſie Emilien ſo böſe Augenblicke gemacht haben. Die Frau iſt ein unbeſonne⸗ nes Geſchöpf, ohne Geiſt, wenigſtens ohne Ver⸗ nunft, und richtiges Gefühl, zwar wie Sie ſich ohne Zweifel noch erinnern werden, ſehr hübſch, Drei Weiber. L 162 aber auch eben ſo kokett. Ihr Gemal, den wir damals nicht ſahen, weil er noch bey der Ar⸗ mee war, iſt ein großer Mann mit einem ſchwarzen Schnurrbart, der mehr ſchön wie geiſtreich ausſieht. Geſtern bey Tiſche ſaß die Gräfin zwiſchen Theobald und ſeinem Vater, der Graf zwiſchen Theobald und mir, Emilie ſaß der Gräfin gegenüber, zwiſchen einer Dame aus Osnabrück, und ihrer Mutter; und zwi⸗ ſchen dieſer und mir war der Platz eines be— nachbarten Amtmanns. Die Gräfin immer ge⸗ gen ihren jungen Nachbar gekehrt, unterhielt ihn bald von dem Schmerz der Comteſſe Stolz⸗ heim, der viel Aufſehen gemacht hätte, und doch, wie ſie geſtehen müßte, ſehr natürlich wä— re, bald von dem allgemeinen Erſtaunen, daß ein Mann von ſeinem Vermögen, ſeiner Ge— ſtalt und Geburt, ſich auf einem Schloſſe in Weſtphalen vergrübe, anſtatt, wie es ihm doch ſo leicht ſeyn würde, an irgend einem deutſchen Hofe zu glänzen. Da Theobald wenig oder gar nichts antwortete, wollte die Gräfin ihre Schmeicheleien noch deutlicher machen, und be— G8 3 422z2— 163 ſchäftigte ſich bey Gelegenheit eines Miniatur— Portraits von ihrem Manne, welches ſie als Armband trug, mit einem andern von Theo⸗ bald, das Frau von Altendorf auf der Taba⸗ tiere hat. Sie verglich die beyden Bildniſſe und gab kecklich den blonden Haaren vor den ſchwarzen, und den blauen Augen vor allen an— dern den Vorzug. Ihr armer Mann dem die Geduld ausriß, ſtellte ihr ganz umſonſt vor, wie wenig ſie den Damen in der Geſellſchaft ſchmeichelte, welche, ſie ausgenommen, alle braun wären. Frau von Birkheim antwortete nur mit der Verſicherung: ſie ſey zu offenherzig, um irgend eine ihrer Empfindungen zu verber— gen, und ſo fuhr ſie fort, Theobald ſo gefällig, auffordernd, und um Aufmerkſamkeit buhlend anzublicken, daß ihr guter Mann bald nicht mehr Herr ſeines Verdruſſes war. Emilie, wel⸗ che es bemerkte, blickte Theobald mit einem flüchtigen Lächeln an, und winkte mit den Au⸗ gen auf den arnen Grafen, der verſchämt und verlegen da ſaß. Ich folgte ihrer Bewegung, die Theobald mit einem fürchterlichen Blicke er⸗ L 2 164 wiederte. Hätte er geſehen wie dieſer Blick würkte, ſo hätte es ihm ohne Zweifel leid ge⸗ than, und er würde, das Übel gut zu machen, nicht es noch zu verſchlimmern geſucht haben; aber beſchäftigt mit dem eben empfangnen Ein⸗ druck, und der Gräfin, welche auf nichts merkte oder ſich von nichts abſchrecken ließ, höchſt über⸗ drüßig, ſtand er plötzlich auf, beklagte ſich über Hitze, und in der Vorausſetzung daß mein Nach⸗ bar fröre, forderte er ohne Umſtände ſeinen Platz, und ſchob ihn zu dem Sitze hin, den er eben verließ. Um nicht noch mehr Aufſehen zu machen, empfing ich ihn beſſer wie ich in mei— nem Herzen zu thun Luſt hatte; aber weder ich noch Frau von Altendorf vermochten wieder Le⸗ ben in die Unterhaltung zu bringen; die kleine Gräfin ſelbſt blieb beſtürzt. Nach dem Mit— tagseſſen ging Emilie nicht mit uns in den Ge— ſellſchaftsſaal zurück, ſondern eilte auf mein Zimmer wo ich ſie in Thränen fand. Ich weiß alles, ſagte ich, was Ihnen auf dem Herzen liegt, aber folgen Sie mir! beklagen Sie ſich über Ihren Mann bey Ihrer Schwiegermutter, 165 und bitten Sie dieſe, Vermittlerin zwiſchen Ihnen beiden zu ſeyn; ich müßte mich ſehr ir— ren, oder dieſer Beweis von Vertrauen in ihre Unpartheilichkeit und Freundſchaft, wird Ihnen ihre Zuneigung völlig gewinnen. Ich bin zu ſehr auf Ihrer Seite, als daß mein Dazwi⸗ ſchentreten von guter Würkung ſeyn könnte. Kommen Sie ſogleich mit mir; ich denke, wir treſſen ſie in dem Speiſeſaale, wo ſie der Ge⸗ ſellſchaft, und des Zwanges von der Tafel mü— de, unter dem Vorwand einiger Geſchäfte zu⸗ rückgeblieben iſt. Kommen Sie! ich will Sie bey ihr laſſen, und indeß Ihrer beyder Stelle bey Ihren Gäſten einnehmen. Indem wir durch das Billardzimmer gingen, hörten wir Frau von Altendorf mit ihrem Soh⸗ ne ſprechen. Iſt es möglich um ſo einer Klei— nigkeit willen ſo aufzufahren? rief ſie aus; Du ſchadeſt Deiner Ruhe, Deinem Ruf, dem Glücke derer die Dich lieben, Du wagſt die Liebe Dei— ner Frau, ihre Geſundheit, ja Dein ganzes Glück, Du wagſt das ſchrecklichſte Schickſal, das Bewußtſeyn, Dein ÜUnglück ſelbſt verſchul— 166 det zu haben. Wir ſtanden an der nur gange⸗ lehnten Thüre; ich öffnete ſie, Emilie trat hin⸗ ein, und warf ſich ihrer Schwiegermutter um den Hals. Man hatte ſich ſtillſchweigend ent— zweyt, ich glaube die Verſöhnung geſchah eben— falls ohne Worte, aber nicht ohne Thränen, denn Emiliens Augen waren bey ihrer Rück⸗ kehr in das Geſellſchaftszimmer ſehr geſchwollen, und Theobalds Geſicht zeugte von heftiger Rüh⸗ rung. Nachdem er ſeine Frau, mit einem für uns beyde gleich ſchmeichelhaften Ausdruck zu mir geführt hatte, ſchlug er den Männern vor, eine Fuchsjagd zu beſuchen, die heute in der Gegend von Altendorf gehalten würde. Emi⸗ lie unterhielt die osnabrückiſche Dame, und ich näherte mich der kleinen Gräfin, und fragte ſie, ob ſie bemerkt hätte, welche Unruhe ſie ge⸗ ſtiftet, und ob ſie eine gute Lehre daraus ziehen würde? Sie that als wüßte ſie nicht, wovon die Rede wäre. So muß ich es Ihnen erklä⸗ ren, ſagte ich leiſe, aber doch laut genug, um von Emilien und den beiden andern Damen gehört zu werden; Sie haben ſich, ohne Zwei⸗ 167 fel aus übler Gewohnheit, denn ich will Sie nicht im Verdacht einer böſen Abſicht haben, ge⸗ gen den Gemahl der jungen Baronin mit der leichtſinnigſten Zuvorkommung betragen. Ihr Mann iſt in Verlegenheit gerathen, die junge Baronin hat darüber gelächelt, und der Gegen⸗ ſtand Ihrer übertriebenen Freundlichkeit, den Sie damit ſchon ermüdet hatten, iſt gegen ſeine Frau aufgefahren; er hat gefunden, daß der Verdruß eines Ehemanns für keine Frau ein Gegenſtand des Lachens ſeyn ſoll, und daß er an des Grafen Stelle der unglücklichſte, be— ſchämteſte aller Menſchen ſeyn würde. Außer ſich, ihren Gemal beleidigt zu haben, hat ſeine Frau geweint, ſich geängſtigt; ſie haben ſich wieder verſöhnt, und zwiſchen ihnen iſt alles wieder gut. Da ich Sie aber nach Altendorf gebracht habe, glaube ich Ihnen ſagen zu müſ⸗ ſen, daß Sie ſich in Zukunft wohl hüten müſ⸗ ſen, ſolche Auftritte zu veranlaſſen, wenn Sie den Schutz hier finden wollen, deſſen Sie be— dürfen.— Welche Ausdrücke, gnädige Frau! rief die Gräfin; wenigſtens erlauben Sie mir 168 Ihnen zu ſagen, daß Sie Ihren Wohlthaten Jemwaltig ſchaden.— Gerade das Gegentheil, antwvortete ich; der Dienſt den ich Ihnen ſo b⸗ en zu leiſten Willens war, iſt der einzige für welchen ich Dank fordere.— Hätte man ſich je vorſtellen können, in einem Hauſe das wegen ſeines guten Tons berühmt iſt, ſo viel Pedan⸗ terey, Zwang, und Langeweile zu finden!— Es wird von Ihnen abhängen, ſagte ich, es ſo ſelten wie Sie wollen, zu beſuchens ſeyn Sie verſichert, daß ich Sie deswegen nicht vernach— läßigen, ſondern zu Ihnen eilen werde, ſo oft meine Gegenwart Ihnen den mindeſten Nutzen bringen kann.— Das wird ein artiger Winter ſeyn, der mir bevorſteht! ſagte die Gräfin, als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt. Ich that als hörte ich es nicht, veränderte bald darauf Ton und Ausdruck, und bat ſie wegen ihres Kinderzeugs nicht zu ſorgen, weil ihr Kind bey ſeiner An⸗ kunft, wenn auch keine prächtige, doch reinliche und warme Kleidung vorfinden würde. Frau von Altendorf war wieder bey uns, ihr Sohn und der Graf kamen auch wieder zu⸗ fen 169 rück, ich ſchlug eine Partie Whiſt vor, und da Theobald nie ſpielt, ſo war die Gräfin nicht in Gefahr, zerſtreut zu werden. Heute haben wir angefangen an der Kleidung der noch Ungebor⸗ nen zu arbeiten. Wenn beyde glücklich anlan— gen, ſo werden ſie ſich darin theilen, oder ſie gemeinſchaftlich gebrauchen; wird es uns nicht ſo gut, ſo fällt alles an das Überlebende. Le⸗ ben Sie wohl, Herr Abbé! Heute morgen beſuchte mich der Graf. Er ſcheint mir ein ſehr braver Mann, und ich be⸗ daure ihn herzlich. Aufgemuntert durch das Vertrauen, das er mir zeigte, bat ich ihn, mir die Lage ſeiner Angelegenheiten, und die Urſa⸗ che des Unwillens beyder Familien gegen ihn und ſeine Frau zu entdecken. Sie ſind beyde von gleich guter Geburt, aber die Eltern der Gräfin ſind arm, und hatten gehoft, die Toch⸗ ter würde ſich mit einer Stelle befriedigen, die ſie in einem Stifte beſaß, und ihnen Freyheit laſſen, ihr ganzes Vermögen für einen Sohn zu verwenden. Auf der andern Seite wollte man den Grafen mit einer reichen, ſchönen Ver— wandten verheyrathen, durch welche er viele Vortheile erhalten hätte. Er iſt der älteſte ei— ner wenig begüterten Familie, und wenn ſich gleich der Geburt wegen nichts gegen ſeine Hey⸗ rath ſagen läßt, ſo hat er dadurch doch eine weit vortheilhaftere Verſorgung verſcherzt, und man tadelt außerdem die Neigung zur Ver⸗ ſchwendung in ſeiner jungen Frau. Dieſer Feh⸗ ler ſchreckt jedermann, und ich weiß gar nicht was der arme Mann machen wird, wenn er zur Armee gehen muß. Ich habe ihm gerathen, eine Tante zu beſuchen die er im Holſteiniſchen hat, und ſich um ihre Gewogenheit zu bewer⸗ ben. Er will nächſtens dahin abreiſen. Ver⸗ zeihen Sie, daß ich Sie von ein paar ſo ge⸗ wöhnlichen Menſchen ſo weitläuftig unterhalte; ich habe Ihnen aber glücklicher Weiſe nichts Wichtigeres zu berichten. Wir ſind hier voll⸗ kommen ruhig. Wenn das Volk in Altendorf gleich die Rechte des Menſchen nicht zu defini⸗ ren weiß, ſo mag es ſie doch genießen, denn 171 es ſcheint mir zufrieden und vom Aufruhr ſehr entfernt. Ubrigens droht uns weder Feind noch Alliirter. Welche glückliche Lage! Ne strepito di Marte Ancor turbo questa remota parte. 4. Von Conſtanzen. Wir nähen aus allen Kräften, es wird aber auch hohe Zeit; die beyden Kinder können je— den Augenblick an das Licht kommen. Die Wehmutter, die man zu Rathe gezogen hat, behauptet, daß ſie wohl beyde zu einer und der⸗ ſelben Stunde anlangen könnten. Die Frau iſt luſtig, und ſcheint ziemlich vernünftig. Ich habe ihr ein Zimmer bey der Gräfin angewie— ſen, damit ſie in der Abweſenheit ihres Man⸗ nes weniger einſam iſt. In vierzehn Tagen be⸗ zieht Joſephine Emiliens ehemalige Wohnung, ſie iſt dort in der Nähe ihrer Schwiegermutter die ſie ſehr liebgewonnen hat; und beyde Wöch⸗ 1 172 nerinnen ſind alsdenn ſo nahe beyſammen, daß⸗ ihre Pflege ſehr leicht ſeyn wird. Alle Welt befindet ſich hier vollkommen wohl, und ich bin überzeugt, daß man nirgends ſo wenig Langeweile hat. Die Unterhaltung ge⸗ winnt oft durch kleine Vorfälle, welche ohne die Sympathie durch die man ſich gegenſeitig ver— ſteht, und ſich zu verſtehen geſchmeichelt findet, ganz verloren gehen würden. Theobald lehnte ſich geſtern ganz in Gedanken vertieft an den Stuhl ſeiner Frau. Man fragte was ihn be⸗ ſchäftigte? Er antwortete, daß es unnütz ſeyn würde, einen traurigen Augenblick von Raſerey zurück rufen zu wollen, den er durch ſeine Reue abgebüßt zu haben hoffte. Er wollte, ſagte er, dieſes Andenken allein bewahren, aber er ließ ſich bereden, uns die Gedanken, die es ſo eben in ihm erweckt hatte, mitzutheilen. Ich ſann darüber nach, fuhr er fort, warum ich, der Freude ſo empfänglich, der Fröhlichkeit ſo unfä— hig bin. Ich meyne die Art Fröhlichkeit, wel⸗ che die Gegenſtände leicht behandelt, und die Andere durch muntere Darſtellungen, und Bil— 173 der unterhälk. Bey Menſchen die ich ſchätze, thut mir das Lächerliche weh; bey andern macht es mir Ungeduld und Langeweile. Ich kann nicht darüber lachen, ich kann es nicht malen, ich fliehe es. Oft wünſchte ich es benutzen zu können, beſonders ſeit ich Dich liebe, meine Emi⸗ lie, und das iſt, ſeit ich Dich zum erſtenmal ſah. Ich hätte mit Deinen Landsleuten gern das Talent getheilt, das ſie, um Dir zu gefal⸗ len, wenigſtens um Dich zu unterhalten, vor mir voraus haben. Ich hätte mir beſonders die Fähigkeit gewünſcht, ſo wie ſie, die gemein⸗ ſten Gegenſtände der Unterhaltung mit ihrer gewohnten Anmuth nur obenhin zu berühren, Gegenſtände die es ſo unnütz iſt ernſthaft ab— zuhandeln, daß man ſich hernach ſeines Auf⸗ wandes von Vernunft ſchämt, und herzlich wünſchte, die Leute lieber im Irrthum gelaſſen, als ihnen eine gleichgültige, oder geringfügige Wahrheit langweilig aus einander geſetzt zu ha⸗ ben. Wir Nordländer fallen alle Augenblicke in dieſen Fehler, der Ihren Landsleuten ganz fremd iſt. Gewöhne mir dieſe Albernheit ab, 174 laß mich in meiner Liebe beſtändig bleiben, laß mich bey wichtigen Gegenſtänden, wo man mei— nes Rathes bedarf, ſorgfältig, ausharrend, me— thodiſch ſeyn; wenn ich mich aber bey geringfü— gigen Dingen ſchwerfällig aufhalte, ſo unter⸗ brich mich, ſpotte über mich, tritt mir auf den Fuß, kurz, leide nicht daß ich Dir Langeweile mache.— Es wäre freylich ſehr gut, ſagte ich zu Theobald, wenn man die Eigenthümlich⸗ keit ſeines Geiſtes nach Wohlgefallen abändern könnte; wenn Sie aber ſtatt immer verſtändig zu ſeyn, immer nur angenehm wären, wenn Sie anſtatt zu viel zu raiſonniren, über alles leicht weggingen, ſo hätten Sie bey dem Wech⸗ ſel ſehr verloren; beſonders in einem Zeitpunkte der mir ſo ernſt ſcheint, daß ſehr wenigen Leu— ten daran gelegen ſeyn kann, ſich zu beluſtigen, wohl aber aller Welt, das Vernünftigſte zu thun. Heutzutage iſt ein guter Rath ſicherlich mehr werth als tauſend gute Einfälle Dazu hat man keine Zeit mehr, der gewöhnliche Le⸗ bensgang iſt abgebrochen und zerſtört.— Gute Einfälle zu haben iſt gar nicht mein Ehrgeiz, 175 rief Theobald; da käme ich in Gefahr dem Eſel in der Fabel zu gleichen; meine Wünſche und mein Bemühen ſchränken ſich darauf ein, keine Langeweile zu machen.— Nein Theobald, nein, bleib wie Du biſt, ſagte Emilie, ich hoffe ſelbſt nie mehr ſo unzeitig wie lezthin zu la⸗ chen, und ſollte ich aus alter Gewohnheit noch einmal in dieſen Fehler fallen, ſo habe einige Nachſicht mit mir. Ich werde das Schöne im⸗ mer lieber bewundern, als mir mit dem Lächer⸗ lichen die Zeit vertreiben, aber die eine Empfin⸗ dung iſt wie die andere dem menſchlichen Gei⸗ ſte eigen, und ich glaube das Luſtſpiel iſt eines ſeiner älteſten Erzeugniſſe. Heutzutage iſt das Lachen freylich nicht an ſeinem Platz, Conſtan⸗ ſtanze hat Recht, dieſen Zeitpunkt ernſt zu nen⸗ nen. Die Lage aus welcher Du mich reißeſt, in welcher ſo manche andere keine Hülfe finden, die ſo manchem noch droht, iſt wenigſtens ſehr ernſt; Fröhlichkeit paßt weniger zu einer ſolchen Lage als Vernunft, denn nur dieſe kann Er⸗ niedrigung und Elend daraus entfernen. Herr⸗ ſcher und Volk, Große und Geringe haben 176 wohl nöthig, auf ihren Weg zu ſehen, denn wie Conſtanze ſagt: das Gleis des Lebens iſt abgebrochen, der Weg ſehr beſchwerlich gewor⸗ den, und jede Zerſtreuung kann ſchädlich ſeyn. Gäbe es eine Nation die weiſer als alle an— dre wäre,(und ob es eine ſolche giebt, iſt mir unbekannt,) und dann eine andre die liebens⸗ würdiger als die andere wäre, ſo hätte die er— te ſehr Unrecht, die andere in dieſem Augen⸗ blicke zu beneiden. Du aber Theobald, Du mußt niemanden um was es auch ſey benei— den!— Theobald küßte entzückt Emiliens dar— gereichte Hand. Aber aller dieſer Ernſt hätte uns bald in ein finſteres Stillſchweigen hinein— geführt, wenn es mir nicht eingefallen wäre, die verſchiedenen Arten von Fröhlichkeit von verſchiedenen Völkern zu vergleichen. Theobald half ein; den Humour der Engländer, ſagte er, verſtünde er nicht recht, er machte zu feine An— ſpielungen; die franzöſiſche Fröhlichkeit liebte er nicht, weil ſie alles lächerlich machte; die Lu— ſtigkeit der Deutſchen wäre ihm zu bürleſk und plump; r d A* 177 plump*); kurz er war wieder auf dem Punkt, zu erklären, daß er mit keiner Art von Fröh⸗ *) Theobalds Erziebung hatte ihn mit der eigenthüm⸗ lichen Laune ſeiner Landsleute nicht bekannt ge⸗ macht. Auch iſt die deutſche Laune, wie jede andre äſtheriſche Eigenſchaft des deutſchen Nationalkarak⸗ ters, durch die lokalen und politiſchen Verhältniſſe dieſes Landes, vereinzelt, ungleich, und in ihrer wahren Vollkommenheit für Ausländer ſchwer, ja vielleicht unmöglich zu faſſen und zu begreifen. Auf den deutſchen Univerſitäten, in den dortigen Zirkeln junger Leute von Geiſt und Leben, iſt der eigentliche Sitz der wahren deutſchen Laune. Oft verliert ſte ſich ganz im deutſchen Geſchäftsleben, und wenn ſie ſich auch unter älteren Mannern erhält, ſo iſt ſie kein Eigenthum eines allgemeinen geſellſchaftlichen Umgangs, an welchem auch Fremde Theil nehmen könnten: Ton und Geiſt eines ſolchen Umgangs exi⸗ ſtiren in Deutſchland nicht. Das wahrhaft deutſche Talent zur Luſtigkeit und Laune, müßte ein Deut⸗ ſcher, der es in Beziehung auf die Litteratur ſeines Vaterlands näher beſtimmen wollte, in Göthe’s Fauſt und Puppenſpielen, in Klingers Orpheus, ſtel⸗ lenweiſe in Iflands Schauſpielen, in Thümmels Reiſen, in allen Schriften des Verfaſſers der Lobens⸗ läufe u. ſ. w. aufſuchen. Da erſcheint die deutſche Laune zuweilen groteſk, aber nicht bürleſk, immer kräftig, aber nicht plump. Anm. d. UÜberſetzers. Drei Weiber⸗ M 178 lich keit ſympatheſirte, und er beklagte ſich über die Natur, welche ihm eine Fähigkeit verſagt hätte, die ſie allen andern Menſchen ertheilte, als ich ihn fragte, ob Don Quixotte und San⸗ cho ihn nichr lachen machten? Er hatte tau⸗ ſendmal über ſie gelacht. Iſt es nicht ſonder— bar, daß wir die unwiderſtehlichſte Luſtigkeit bey dem ernſthafteſten Volke antreffen? Da es Cervantes gelungen war, ſeine Landsleute la— chen zu machen, ſo mußte er wohl ſicher dar⸗ auf rechnen, daß er die nämliche Wirkung bey aͤallen andern Nationen hervorbringrn würde. 5. Von Conſtanzen. Ich ſagte geſtern bey einer Gelegenheit, Bail⸗ ly wäre von allen Schriftſtellern unter meinen Zeitgenoſſen der einzige, deſſen Schriften mir das Verlangen eingeflößt hätten mit ihm zu le⸗ ben. Alle erſtaunten.— Und Frau von Sille⸗ ry?— Ich bewundere, ſagte ich, einige ihrer kleinen Schauſpiele, ich ſchätze den ſchnellen, — — 179 raſch abthuenden Geiſt in allen ihren Schriften, ich erkenne darinn ihre Beſtimmung, und ihr Talent zu ihrer Beſtimmung. Man könnte ſie allenfalls zur Oberaufſeherin aller Schulen der franzöſiſchen Republik machen, aber ich bliebe nichts deſto weniger bey dem was ich ſagte.—— Und Bernardin de St Pierre?— Man kann Paul und Virginien nicht mehr be⸗ wundern als ich es thue, antwortete ich, ich kenne ihre Sonne, ihre Palmen, ich lebe mit ihnen, ich durchſtreife mit ihnen den ſchattigen Wald, oder begegne ihnen dort, liebkoſe ihnen als Kindern, und bewundere iyre gebildetere Ju⸗ gend; aber ich bleibe bei meiner erſten Be⸗ hauptung. Wir wollen indeß die lebenden Schriftſteller dahin geſtellt ſeyn laſſen, und von verſtorbenen reden: hätten Sie mit Jean Ja⸗ ques leben mögen?— Nimmermehr! riefen alle. — Aber mit Volraire?— Eben ſo wenig.— Oder mit Duclos?— Ja.— Mit Fenelon? — Gewiß.— Mit Racine?— Auch mit ihm.— Mit La Fontaine?— Warum nicht?— Man unterbrach uns hier, und Sie können, wenn es M 2 180 Ihnen gefällt, die Auswahl fortſetzen. Ich für mein Theil möchte überhaupt lieber mit einem Schriftſteller leben, der es aus Nothwendigkeit, oder durch unwiderſtehliche Neigung geworden wäre, als mit einem, der dieſe Beſchäftigung aus Wahl und Überlegung, das heißt aus Ei— genliebe ergriffen hätte. Aber vielleicht würde ſelbſt der beſte nichts taugen, wenigſtens nicht zu dieſem Endzwecke. Dieſe Leute lieben nicht allein den Ruhm mehr wie ihre Freunde, aber ſie ſehen in der Natur, in ihren Freunden, in allem was um ſie her vorgeht, nichts als Gele— genheit zu Beſchreibungen, Darſtellungen, Beob⸗ achtungen, die ſie dem Publikum vorlegen könn— ten; und oft verkennen ſie noch obendrein die Gegenſtände, und erlauben ihrem Geiſte, ſie zu Gunſten ihrer Ideen zu verändern. Die Sache liegt ihnen wenig am Herzen, ſie berechnen nur die Würkung. Ein Maler wirft aus Liebe zu ſeinem Gemälde ein bewohnbares Haus um, und ſtellt einen Schutthaufen dar. Ich zweifle ob Rouſſeau je etwas in ſeiner natürlichen Ge— ſtalt erblickte. Er mochte die Menſchen loben 181 oder anklagen wollen, ſo wurden ſie erſt für ſeine Augen was ſie ſeyn mußten, um zu ſeinen bezaubernden, oder empörenden Vorſtellungen zu paſſen. Voltaire gab ſich nicht einmal die Mühe, ſich ſelbſt zu betrügen; ihm genügte es, andern ein Blendwerk vorzumachen. Er ſagte, was gerade zu ſagen in ſeinen Kram taugte. Ich könnte noch eine Menge Beyſpiele anfüh— ren, aber dieſe reichen hin, um Ihnen zu zeigen worauf es ankömmt, und Sie an den Zeitver⸗ treib, welche mir dieſe Unterſuchung und Wür⸗ digung verſchafte, Theil nehmen zu laſſen. Von den Schriftſtellern kamen wir ſehr natürlich auf den Unterricht. Wäre es eine Wohlthat oder ein Übel, wenn die Maſſe des Volks beſſer unterrichtet wäre wie ſie es iſt, oder mit andern Worten: wäre es für ſie ſelbſt und für die bürgerliche Geſellſchaft zu welcher ſie gehören, vortheilhaft, oder nachtheilig, wenn der Handwerker und Landmann, durch ſeinen Unterricht, mehr Kenntniſſe erlangte? Dieſe Frage iſt ſo vielumfaſſend, ſo ſchwer zu ent⸗- ſcheiden, daß wir es bey Zweifeln und Vermu⸗ 182 thungen haben bewenden laſſen; aber nach der kälteſten, vernünftigſten Auseinanderſetzung, de⸗ ren wir nur immer fähig waren, beſchloß Theo⸗ bald, der den Vortheil ſeiner Mündel, denn ſo nennt er die Einwohner von Altendorf, nie aus den Augen verliert, aus jeder Familie den, nach dem Urtheile der Eltern fähigſten Knaben aus⸗ zuſuchen, ihn anfangs leſen, ſchreiben, rechnen, und Geographie, weiterhin die Regeln der Mut⸗ terſprache, nebſt Logik und Rhetorik, lehren, und ihm endlich einen Begriff von den Geſetzen ſeines Landes geben zu laſſen. In einer Fami⸗ lie die keinen Knaben hat, wird mit der Ein⸗ willigung der Eltern ein Mädchen gewählt, ſo daß mit der Zeit in jeder Familie ein Mitglied ſeyn wird, das beſſer wie die andern unterrich⸗ tet iſt, und alſo der andern Rathgeber ſeyn kann. Zwey Stunden des Tages werden zu dieſem i denen Unterricht hinreichen, wel⸗ cher drey Jahre dauern ſoll. Nach dieſer Zeit wird man eine neue Wahl treffen, und einen neuen Unterricht anfangen. Im Winter giebt man die Stunden in der Orangerie, und zur 183 Sommerszeit in dem Saale, der ehemals die Schloßkapelle war. Täglich wird Theobald in Geſellſchaft ſeiner Mutter, ſeiner Frau, oder mit mir, einige Augenblicke gegenwärtig ſeyn, um über die eingeführte Ordnung zu wachen, und die Fortſchritte zu beurtheilen. Wenn die jun— gen Leute alle Klaſſen durchgegangen ſind, wird es darauf ankommen, Bücher zu finden, die ih⸗ nen angemeſſen ſind; und auf dieſe Auswahl wird Theobald ſeine ganze Klugheit und Thä⸗ tigkeit wenden. Man wird ſich wohl hüten, auf den Titeln die Rubrik: für das Volk zu ſetzen, das erregt Mistrauen und Verachtung bey Leuten, denen man ſelbſt ganz ofſenbar Mistrauen und Verachtung zeigt, indem man ihnen gleichſam ſagt: es giebt Wahrheiten die wir uns vorbehalten, die euer plumper Verſtand nicht faßt, durch deren Gebrauch ihr uns außer⸗ dem auch furchtbar werden könntet; begnügt euch mit denen, die wir euch aus hoher Gnade wollen zukommen laſſen, und laßt euch auch nicht beykommen, ſie aus einem andern Ge⸗ ſichtspunkte als dem, welchen wir euch beſtim⸗ 184 men, betrachten zu wollen; denn wir wollen euch nur gewiſſe Seiten davon zeigen und an⸗ dre verſtecken.— Ein ſo grober, beleidigender Kunſtgriff ſey fern von uns! In unſre Bi— bliothek nehmen wir keine Fiktionen auf, alſo keine Reiſebeſchreibungen; Geſchichte, praktiſche Heilkunde, Phyſik, Auszüge aus guten Predig⸗ ten und andern moraliſchen Schriften— aus ſolchen Büchern ſoll ſie beſtehen. Theobald will die Bücher ſelbſt ſchreiben, wo er keine taugli⸗ chen vorfindet. Morgenden Tages denkt er mit Emilien herum zu gehen, und ſich Schüler auszuſuchen. Er hat den Sohn des hieſigen Schulmeiſters, einen rechtlichen, geſchickten Men⸗ ſchen, zu ihrem Aufſeher beſtimmt. Theobald wird ſich hüten, die andern Kinder vom Beſu⸗ chen der gewöhnlichen Schule abzuhalten, allein anſtatt ſie dazu aufzumuntern, wird er im Ge⸗ gentheil die Feldarbeiten und Handwerker be⸗ günſtigen. Wie gefällt Ihnen unſer Plan, Herr Abbé? wenigſtens müſſen Sie eingeſtehen, daß wir be⸗ ſcheiden ſiud, wenigſtens machen wir nicht dar— 48 — 185 auf Anſpruch neue Wiſſenſchaften auf neuen Grundlagen zu errichten, und zum Beyſpiele, eine von der Religion unabhängige Moral zu lehren. Wir maßen uns nicht an, die Seelen der Menſchen umzuſchaffen; zufrieden ihrem Geiſte einige Nahrung zu geben, und deſſen freyes Beſtreben mehr oder weniger zu leiten, mag er ſich nachher nach Gefallen ſeinen eignen Weg wählen, ſich verirren, wiederfinden, oder ganz verlieren. 6. Von Conſtanzen. Der Unterricht hat ſeinen Anfang genommen. Wir haben vierzehn Knaben und drey Mäd⸗ chen. Ihre Anzahl iſt durch Theobalds Be⸗ dingung, kein Kind unter zehen, noch über funf⸗ zehn Jahr anzunehmen, eingeſchränkt worden. Man hat unſerm jungen Lehrer einen Gehülfen gegeben, einen Nordholländer, der an den Ufern des Zuyderſees in einem von den Dörfern ge⸗ boren iſt, wo Descartes den Geſchmack an 186 der Algebra und Geometrie verbreitet hat. Die⸗ ſer Geſchmack hat ſich dort erhalten; die meiſten Schulmeiſter lehren Mathematik, viele Bauern erlernen ſie fleißig, und werden gute Rechner, und geſchickte Mechaniker. Die politiſchen Streitigkeiten verdroſſen ſchon lange unſern hol— ländiſchen Archimed; das Kriegsgetümmel ſtörte ihn, und ohne die Belagerung abzuwarten, ver⸗ ließ er Syrakus. Er wird unſern Kindern die Arithmetik beybringen, und wir haben die Feldmeßkunſt den andern Wiſſenſchaften, mit welchen wir ſie bekannt machen wollen, noch beygefügt. Ich habe das Zutrauen, ſie mit al— len dieſen Gegenſtänden zu unterhalten, weil ich wahrnehme, daß Sie ſich mit ähnlichen Ideen beſchäftigen. Sie haben unterrichtete Leute um ſich: das freut mich, denn wenn es noch zweifelhaft iſt, ob der arbeitenden Klaſſe mit mehr Kenntniß gedient wäre, ſo kann doch nur eine Stimme darüber ſeyn, daß der müßige Theil der Geſellſchaft ihrer ſehr bedarf. Mich verlangt nach der Rückkehr des Gra⸗ fen; ſeine Frau iſt mir zur Laſt. Außer dem .— 187 Roman des Tages, von welchem gerade viel die Rede iſt, fällt es ihr nicht ein, ein Buch in die Hand zu nehmen. Außer einigen Modearbei⸗ ten weiß ſie ſich mit nichts zu beſchäftigen; auſ— ſer einigen verliebten oder galanten Abentheuern intereſſirt ſie ſich für nichts. Sie verdient würk⸗ lich Joſephinens Geſellſchaft nicht, und ohne ihren beiderſeitigen Zuſtand, welcher die Gräfin zwingt, die Kammerfrau in ihrer Gegenwart ſitzen zu laſſen, glaube ich nicht, daß ſie mit dieſem Umgange etwas anzufangen wüßte. Das Geſchwätz der Bademutter iſt eher eine Unter— haltung für ſie. Die Frau hat ihre Kunſt in Städten gelernt, wo die Gräfin viele Bekann— ten hat, und ſie erzählt ihr ſo viele ſkandaleu— ſe Geſchichtchen von ihnen, als ſie nur will; doch fällt es ihr von Zeit zu Zeit ein, daß die Frau ſich zu viel heraus nimmt, daß es wider die Würde iſt, ſich von ſo einem Geſchöpfe die Zeit vertreiben zu laſſen; dann wird die Schwäz⸗ zerin in ihr Nichts zurück geſtoßen, und man bleibt mit ſeiner Langeweile und übeln Laune allein. Die Briefe des Grafen ſind eben ſo we⸗ 188 nig erbaulich, er ſchmeichelt ſich nicht, mehr wie ein ſehr mäßiges Jahrgeld zu erhalten. Die Gräfin würde ſchon Mühe haben, allein von einem ihrer Berwandten aufgenommen zu wer— den: das Kind, welchem ſie bald das Leben ge— ben wird, vermehrt noch die Schwierigkeit. Sie ſehen, wie Sie ſagen, mit Freuden vor— aus, daß man Marat bald aus dem Pantheon der Republik verſtoßen wird? mir iſt es ſehr gleichgültig, und würde es ſogar ſeyn, wenn ich mich mehr um die andern Dinge bekümmerte, die man in jenem Lande aufbaut und umſtürzt. Wozu ein Pantheon? wozu Apotheoſen? Ih⸗ non dünkt Voltaire oder Rouſſeau etwas Göt⸗ terähnliches zu haben? Ja wäre noch von ei⸗ nem Menſchen die Rede, den man nur durch eine einzelne glänzende That kennte, von einem Eroberer wie Bacchus, der ſeinen Unterthanen mit ſeinen Trophäen auch den Weinſtock zu⸗ brachte; von einem Herkules, der ſein Land von Tyrannen und andern Ungeheuern befreyte, da könnte ich es wohl begreifen, daß Dankbarkeit und Bewunderung ſie unter die Götter verſetzte. .— —x —-— 189 Ihr häusliches Leben, ihre kleinen Zwiſtigkeiten, ihre großen Anmaßungen, ihr tägliches Thun, blieben unbekannt, und zerſtörten nicht den Gott, indem ſie den Menſchen in ſeiner Blöße darſtellten. Aber Voltaire, aber Rouſſeau, ha⸗ ben ſie ſich denn nicht aller Welt bloßgegeben? Der eine war der ſchönſte Geiſt, der andre der bewunderungswürdigſte Schriftſteller; aber weit entfernt, daß ihnen das in meinen Augen Gött⸗ lichkeit gäbe, weiß ich nicht einmal, ob in dem Geiſte, den der eine in ſeinen Schriften ver— ſchwendet, und in den Phraſen die der andere ſo bewundernswürdig geordnet hat, nicht etwas liegt, das ſogar der Würde eines großen Men⸗ ſchen im Wege ſteht. Es giebt würklich Men⸗ ſchen, die wir wegen ihrer hervorſtechenden Ver⸗ dienſte, oder weil wir uns in Anſehung ihrer täuſchen, als über die Menſchheit erhaben an⸗ zuſehen verſucht ſind; und verlören nicht dieſe durch eben das, was den Ruhm jener ausmacht, denen man jezt Altäre aufzurichten willens iſt? Sie thaten mehr, und redeten weniger, und machten keine Anſprüche darauf gut zu reden. ———————— 19⁰ Würde man einen Lykurg oder Solon, Epami⸗ nondas oder Germanikus zu loben glauben, in⸗ dem man von ihnen ſagte, ſie wären große Gei— ſter geweſen, ſie hätten ausnehmend ſchön ge⸗ ſchrieben? Mich dünkt, der Schriftſteller, der ſchöne Geiſt giebt ſich zu viele Mühe, ſtellt ſich der Menge zu ſehr zur Schau, um nicht etwas von ſeiner Würde zu verlieren: und Cicero wä— re in meinen Augen ein großer Mann, wenn ich von ihm nichts als ſein Conſulat kennte. Es iſt mir lieb, daß er außerdem noch etwas geweſen iſt, ich gewinne auch bey dem was für das Publikum und für den Ruhm geſchieht, denn ich bin ein Theil des Publikums, und man ſucht meinen Beyfall mit, indem man um den gemeinen Beyfall ſich bewirbt. Aber man for— dre nicht, daß ich die, welche um dieſen Beyfall buhlten, anders verehre als ich es vermag; überhaupt fordre man weder für ſich noch für andere, daß man die Gränzen der menſchlichen Vollkommenheit vergeſſe. Was auch die Über⸗ treibung ausruft, wie ſehr der Stolz ſich auch aufbläht, mein Auge ſieht Irrthum neben Klar⸗ ——.,——— 191 heit, Schwäche neben Kraft, und der eitke Pomp, in welchen man die Gegenſtände einhüllt, macht mich nur eifriger ihren wahren Werth zu er— gründen. 7. Von Conſtanzen. Schon entſtehen Schwierigkeiten, Verdruß, we⸗ nigſtens Störungen in unſerm neuen Inſtitute. Wie konnte man ſich doch ſchmeicheln, das gan⸗ ze Menſchengeſchlecht zu regeneriren, wenn man nicht einmal im Stande iſt, in Altendorf eine Schule nach ſeinem Kopfe einzurichten? Als Theobald am Neujahrstage in ſeines Vaters Namen die Glückwünſche unſrer Gemeindevor⸗ ſteher annahm, bemerkte er Spuren von Unzu⸗ friedenheit auf dem Geſichte des Einen. Er fragte nach der Urſache, und hörte daß dieſer Mann höchſt betrübt wäre, weil ſeine Kinder, die alle über funfzehn Jahr alt ſind, nicht an der Wohlthat des neuen Inſtituts Antheil näh⸗ men. Theobald erkundigte ſich, ob es mehreren 192 Hausvätern ſo ginge, und erfuhr, daß ſich de— ren zehen beredet hätten, bey ihrem jungen gnä⸗ digen Herrn mit einer demüthigen Vorſtellung einzukommen, daß er einem ihrer Kinder, wenn es auch das jüngſte wäre, möchte es Fähigkei⸗ ten haben oder nicht, oder wie es in den Fami— lien geſchehen wäre, wo die Kinder das erfor— derliche Alter hatten, dem fähigſten, erlauben möchte an dem Unterrichte Theil zu nehmen. An meinem Plane kann ich nichts ändern, ſagte Theobald; aber ich werde das was Ihr mir vortragen wolltet, überlegen, und Ihr könnt morgen kommen, meinen Entſchluß zu hören.— Es kam ihm ſchwer an, mir dieſen Vorfall zu erzählen; denn er fürchtete meine Anmerkun— gen. Ich machte keine einzige, die ihn hätte verdrießen können, und ging ſehr angelegent— lich mit ihm zu Rathe, wie dem Dinge abzu— helfen ſey. Er iſt willens, die anfangende Gäh⸗ rung,(denn man war ſo weit gegangen, zu be⸗ merken, daß es beſſer wäre den Unterricht ganz einzuſtellen, als ihn nicht gemeinnütziger zu ma⸗ chen) auf ſeine Koſten zu unterdrücken. Zehn Kinder, A 4, dinder, von ihren Eltern ſelbſt gewählt, wie es in den erſten Familien geſchehen iſt, ſollen alle Woche zweymal von Theobald ſelbſt, und auf ſeinem eignen Zimmer unterrichtet werden. Der junge Schulmeiſter der nicht älter als der älteſte Schüler iſt, wird nur als Unterlehrer oder vielmehr als Mitſchüler gegenwärtig ſeyn; man wird ſich nur mit denjenigen Wiſſenſchaf⸗ ten beſchäftigen, welche den Unterricht der an— dern beſchließen, und in denen der Schulmeiſter noch wenig bewandert iſt. Sein Vorhaben war ohnehin zu lernen, um ſich zum Lehrer ge⸗ ſchickt zu machen, und dieſe Einrichtung giebt ihm die Mittel dazu an die Hand. Theobald wird ihn zu gleicher Zeit Grammatik, Logik, das Recht, und die Lehrkunſt lehren. Für ihn wird alſo dieſe Schule gerade das ſeyn, was die Normalſchule, welche man in Paris errich⸗ ten zu wollen ſchien, ſeyn ſollte. Die Schüler des andern Inſtituts machen einen bunten Hau— fen; der eine iſt ſehr unwiſſend, der andere ſehr plump, der dritte bildete ſich ſchon vor Errich⸗ tung des Theobaldiſchen Inſtituts ein, alles zu Drei Weiber. N —nöͤ—————/—⸗/OK—˖nõ—õnÁE 194 wiſſen; kurz, Theobald wird ſeine Noth haben, und ſieht ſchon jezt, daß alles was man durch die Menſchen, oder für die Menſchen thun will, ſehr ſchwer iſt. Mir iſt ſchrecklich bange, daß Sie mit dem Brief, wo ich bey Gelegenheit des Pantheons von Voltaire und Rouſſeau ſprach, unzufrieden ſind. Sie werden meynen, um zu wiſſen ob jene Menſchen die Ehrenbezeugungen der bür⸗ gerlichen Geſellſchaft verdienen, müßte man un— terſuchen, ob ſie zum Glück derſelben beygetra⸗ gen hätten. Ich bin zu dieſer Unterſuchung unfähig; die Sache iſt meinem ſchwachen Kopfe zu verwickelt. Worauf kommt es auch eigent⸗ lich bey dieſer Frage an? auf die Abſicht oder den Erfolg? auf das was ſie wollten, oder auf das was ſie bewürkten? Dieſer letzte Punkt iſt mir zu unerklärlich; denn was ihre Abſicht aubetrift, ſo mochte ſie wohl eitel, verän⸗ derlich, und wagend ſeyn, wie Montaigne vom Menſchengeſchlechte ſagt. Voltaire iſt wohl der eitelſte von beyden, Rouſſeau der unbeſtän⸗ digſte. Bald ruft er ſeine Landsleute zum Han⸗ 195 deln auf, bald beſchwichtigt er ſie; bald will er, daß ſie den ihm angethanen Schimpf rächen, ein andermal will er, daß ſie ihn vergeſſen. Nachdem dieſes Orakel, das man unaufhoͤrlich befragt, den unſchätzbaren Werth der Freyheit tauſendfach erhoben hat, ſagt er, daß ſie mit einem Tropfen Blut zu theuer erkauft ſey. O wie leicht iſt es, den großen Haufen zu beherr ſchen, wenn man eins ums andre den entgegen⸗ geſetzteſten Neigungen ſchmeichelt! Hier witd die Empörung, dort die Unterwerfung geheiligt, und wenn der Wankelmuth kein Blatt ſeiner Werke anführen kann, wo ihn ſeine Beredſam⸗ keit zum Rang einer Tugend erhöbe, ſo kann ſie ſich wenigſtens an ihm auf ein großes Bey— ſpiel berufen. Eine andere wichtige Frage die Ihnen bey— fallen wird, und die ich freylich anfangs vergeſ— ſen habe, iſt das Gute oder Nachtheilige, was für ein Volk daraus entſtehen kann, wenn man die Verehrung gewiſſer Menſchen bey ihm zur Gewohnheit macht. Aber hier erſchrecke ich nicht über die Frage, ſondern erkläre mich kühn R 2 196 gegen alle ſalche Verehrung. Die Kalenderhei— ligen ſtiften weder Nutzen noch Schaden mehr, und ich wollte, man ließe ſie nun in Ruhe; aber meines Erachtens ſollte man ſich ein Ge— wiſſen daraus machen, den menſchlichen Geiſt in ewiger Kindheit zu erhalten. Die unaufhör— lich darauf bedacht ſind, die alten Puppen nur gegen andre Puppen zu vertauſchen, müſſen ſei— ne Unmündigkeit auf eine unabſehliche Dauer ausdehnen wollen. Die philoſophiſche Geiſtlich— keit iſt nicht weniger Geiſtlichkeit wie jede an— dere, und es iſt nicht der Mühe werth, den Pfarrer von St. Sülpice zu werjagen, wenn die Prieſter des Pantheons an ſeine Stelle tre⸗ ten ſollen. 8. Von Conſtanzen. Da haben wir ganz etwas Neues! Der Nord⸗ holländer iſt ein Atheiſt! Der Unterricht war heute beendigt, die jüngeren Schüler waren mit dem deutſchen Lehrer ſchon fortgegangen; nur 2— 197 die ältern blieben noch zurück, als der älteſte, der dem Bataver ſehr gut iſt und ihn immer ungern verläßt, den Einfall hatte, ihn gleicſam geſprächsweiſe zu fragen, zu welcher Religion er ſich bekennte?»„zu keiner,»„ antwortet der Mathematiker ſehr kaltblütig, und geht ſeines Wegs. Zu keiner! zu keiner! ſchallte es von einem Munde zum andern wie ein Echo wie— der; aber die kleinen Echo's fügten dem wieder⸗ holten Ausruf einen Ton des Erſtaunens und faſt des Entſetzens bey. Glücklicher Weiſe wa⸗ ren wir gegenwärtig, Theobald und ich. Er erklärte, das wollte weiter nichts ſagen, als daß ihr Lehrer weder Römiſch⸗katholiſch, noch Lu⸗ theraner, noch Kalviniſt wäre, worüber ſich auch weiter nicht zu verwundern wäre, weil man in Holland noch mehreren Religionen freye Übung verſtattete; da aber viele Leute genau wiſſen wollten, zu welcher R ligion ſich ein jeder be— kennte, ſo könnte es dem braven Mann ſcha⸗ den, wenn der kleine Auftritt ruchtbar würde. Und Ihr würdet Euern Unterricht im Rechnen und in der Algebra doch nicht gern einbüßen? 198 ſetzte er hinzu.— Nein, um alles nicht! riefen alle einſtimmig.— Nun wohl, ſo ſagt keinem Menſchen ein Wort hievon, fuhr Theobald fort. Wenn Ihr euch etwas verlauten laßt, wird man euerm Lehrer Verdruß machen, und er wird Altendorf ſicherlich verlaſſen.— Zu⸗ gleich verſprach er ihnen Rechentafeln, Bleyſtift, Papier und dergleichen, wenn das Geheimniß treulich bewahrt, und der Unterricht wie vorher fortgeſetzt würde. Da er mir den ganzen Vor⸗ gang franzöſiſch erzählt hatte, legte ich zum Zeichen der Verſchwiegenheit meinen Finger auf den Mund, und das ſo ernſthaft und ſeyerlich, daß es die kleine geheimnißvolle Brüderſchaft, welche aus drey Knaben und zwey Mädchen beſteht, von der Nothwendigkeit zu ſchweigen überzeugte. Ob es geſchehen wird? unter fünf Kindern von dreyzehn bis funfzehn Jahren? Wenigſtens gaben ſie ihr Wort, und verſpra⸗ chen ſichs eines dem andern. Theobald ſuchte hernach den Lehrer auf, um ihm vorzuſtellen, wie wichtig es waͤre über dieſen Gegenſtand zu ſchweigen, wenn er hier in Ruhe leben, und 199 ein Amt behalten wollte, das ihm anzuſtehen ſchiene. Ich bin kein Schwätzer, antwortete er; das iſt der Fehler meiner Landsleute nicht; wenn man mich nicht fragt, ſchweige ich.— Weiter war nichts aus ihm heraus zu bringen. Wiederholt man ihm alſo die Frage von heute morgen, ſo wird dieſelbe Antwort darau er— folgen. Das wird ein Aufſehen geben! Die Eltern werden ihre Kinder befleckt, verführt, verdammt glauben, weil ein Menſch ohne Re— ligion ſie lehrte, daß zwey mal zwey viere macht. Giebt ihm Theobald ſeinen Abſchied, ſo verzeiht ihm kaum die eine Hälfte des Pu⸗ blikums ſeine Unvorſichtigkeit, die andere ſchreit über Verfolgung und Barbarey; und die Bay— le's der künftigen Jahrhunderte ſetzen Jan Praal unter die verfolgten Philoſophen, und Theobald von Altendorf unter die fanatiſchen Verfolger. Aber genug davon, der Gegenſtand iſt nicht ſehr angenehm. Vor acht Tagen unterhielt ich Sie von dem Misverhältniß zwiſchen gewiſſen Menſchen, und den Huldigungen die man ihnen erweiſt. Ich 200 habe oft wieder daran gedacht: mir ſcheint je⸗ des Mißverhältniß dieſer Art auffallend, und die Beſcheidenheit allenthalben nothwendig. In Cambray beſuchte man mit Andacht die Kapek⸗ le wo Fenelons Aſche ruhte, man nahte ſich ihr mit Ehrfurcht, mit einem frommen Gefühl. Ich weiß nicht einmal, ob ich ſeine Büſte dort geſe— hen habe. Ich dachte bey dem Anblicke ſeines Grabſteins an ihn, an ſeine TDugenden, feine Sanftheit, an ſeinen Zögling. In Straßburg ermangelt man nicht das Grabmal des Mar—⸗ ſchalls von Sachſen zu ſehen; wäre es auch beſ⸗ ſer erfunden, ſo ſchiene es mir doch zu prahlend, zu Aufſehenmachend, wenn ich ſo ſagen darf. Es war ja doch nur ein Menſch, fagt man beym Anblicke alles dieſes Tandes. Aber nicht die Grabmäler allein verkleinern die, für welche man ſie errichtet. Ein Menſch, ein Fürſt hat mir ſchon eher bey ſeinen Lebzeiten ſo klein geſchienen in ſeinem ungeheuern Pallaſte. Ein Grund warum die aſiatiſchen Fürſten ſich im⸗ mer dem Auge entziehen, mag wohl darin lie— gen, daß ſie ſich, von aller ihrer Pracht umge— 201 ben, nur zu ihrem Nachtheile zeigen könnten; wenn man ſie dagegen nur nach ihrer Woh— nung beurtheilt, müſſen ſie Ehrfurcht einflößen. Zu viel Einfachheit kann vielleicht bey dem großen Haufen der Ehrfurcht nachtheilig ſeyn; allein zu viel Pracht ſchadet jeder Art von Ehr⸗ furcht. Der Menſch, welchen das Schickſal, oder unſre Einbildungskraft ſeiner Pracht ent— kleidet, wird ein Gegenſtand des Spottes; er ſcheint uns ein Theaterkönig. Vielleicht iſt man auf dieſe nothwendigen, unfehlbaren Wür⸗ kungen, welche die Annäherung gewiſſer Gegen— ſtände hervorbringt, nicht hinlänglich aufmerk⸗ ſam. Es iſt mir als ob man in einem großen Walde, ſelbſt ohne alle Urſache zur Furcht, Trau⸗ rigkeit empfände. Sie ſind ſo alt, dieſe Bäu— me, und werden doch noch ſo manches Jahr le⸗ ben; und wir! wir reichen kaum an ihre unter⸗ ſten Zweige; unſer Herbſt, unſer Winter wird uns ereilen, und uns blüht kein neuer Frühling! Rur wenige Augenblicke ſind uns zu leben ver— gönnt. Auch in einer Kirche, in einem großen majeſtätiſchen Tempel iſt es ſoz der Menſch ver⸗ 202 liert ſich da auf gewiſſe Weiſe, er durchdringt ſich von ſeinem Nichts, er demüthigt ſich vor der unſichtbaren Gottheit. Gewiß iſt es, daß dieſer Eindruck ſich nach und nach abſtumpft; nichts bleibt immer erſtaunlich, bleibt auch nur lange befremdlich. Die Gewohnheit macht uns alles gemein, die Organe ſelbſt ſind ſich nicht bey allen Menſchen gleich. Ich geſtehe daß mich ſelbſt, wenn ich nicht leſe oder ſchreibe, in einem großen Saale ganz andre Ideen beſchäf⸗ tigen, als in einem kleinen Kabinet, in einem großen Walde andre wie in einem kleinen Gar— ten, in Vincennes andre wie in Trianon; und ich habe mir oft gedacht, daß ein Kind, in der Honoräéſtraße erzogen, von einem andern das bey der Sarbonne wohnte ganz verſchieden ſeyn müßte. Ich kann mich irren; aber wer das, was ich übertreibe, für nichts rechnet, irrt ſich auch. Wir laſen lezthin Arthur Youngs Reiſen. Er tadelt, daß die ſchönſten Palläſte in Frank— reich die Ausſicht auf lauter Dächer haben. Und ich habe es noch weit mehr getadelt, daß die 203 prächtigſten modernen Schlöſſer von Finanz— pächtern, Intendanten, Biſchöfen, ſo nahe ne— ben elenden Hütten ſtanden. Das iſt doch wohl das auffallendſte Mißverhältniß. Wie war es möglich, die Würkung ſolcher aufgedrängten Vergleichungen nicht zu fürchten? Nirr ſchien in dieſer monſtröſen Annäherung der Geſchmack beleidigt, das Gefühl verwundet, die Schlech— tigkeit der Sitten und Regierung nackt ausge⸗ ſtellt. Es ſagte jemand zu ſo einem neugeback— nen Reichen: Ihr ſpeiſt gut, und ladet oft Freunde an euern Tiſch; das iſt recht, aber aus Achtung für eure Nachbarn thut eine Sourdine an euern Bratenwender! Ich halte eine glei— che Eintheilung der Güter für unmöglich, und geſtehe gern daß ich ſie nicht wünſchte; aber ich hoffe daß man allenthalben die, welche keine Braten eſſen ſollen, mit der Muſik des Braten— wenders verſchonen wird. Ich hoffe, ein jeder wird ſeinen Luxus verſchleiern; die Vorſicht heiſcht es, die Großmuth verlangt mehr: ſie verlangt, daß man den häuslichen Luxus, die ſelbſtiſchen Genüſſe einſchränkt, daß man den 204 Reichthum populariſire. Reiche, wenn ich euch euern Reichthum verzeihen ſoll, ſo begnügt euch nicht wohlthätig zu ſeyn, ſeyd großmüthig. Es iſt ſchwer glücklich zu machen, aber ſo leicht Freude zu geben! Laßt den Armen ſich beluſti— gen, theilt eure Beluſtigungen mit ihm, gebt ihm im Winter wo möglich einige aufheiternde Schauſpiele, im Sommer Bäder die ihn erfri— ſchen, Spaziergänge wo er ſich ergötzen kann. Ihr werdet auf dieſe Art das neidiſche Nach⸗ denken in ſeiner Seele erſticken; es wird ihm nicht mehr einfallen, euch eines Vermögens zu berauben, dem er die Blumen auf dem ſauern Wege ſeines Lebens zu verdanken hat. Sie glauben alſo nicht, daß man ohne Göz⸗ zen fertig wird, und ſind es zufrieden, daß man in Voltaire die Toleranz welche er predigte und verbreitete, und in Rouſſeau die häuslichen Tu⸗ genden die er lehrte, und ſo rührend, ſo ſchön darſtellte, verehre. Wenn man es dabey be⸗ wenden ließe, könnte ich mich vielleicht auch hinein finden. Ich gebe zu, daß es unter Men⸗ ſchen die gar keine religiöſe Feyerlichkeiten, und 205 alſo faſt gar keinen äußern Gottesdienſt haben, viele grübelnde Köpfe giebt, welche zum Theil auf Myſticismus, zum Theil auf einen unruhi⸗ gen Skepticismus verfallen; und findet man mehr Vernunft unter ihnen, ſo fehlt es ihnen auch ganz an Fröhlichkeit. Jedes Ding hat ſeine zwey Seiten, und ich getraue mir um ſo weniger zu ſtreiten, da ich täglich Urſache finde an Dingen zu zweifeln, die mir lange unzwei— felhaft ſchienen. Was aber Rouſſeau und Vol⸗ kaire anbetrift, ſo machen Sie ſich nur gefaßt, wenn auch alle Heiligen der Legende ausgeſtri— chen würden, dieſe Halbgötter doch nicht an ihre Stelle eingeführt zu ſehen. Man kann von den Halbgöttern, wie von den größten Männern ſagen, daß ſie es nicht für ihre Kam⸗ merdiener ſind; und die Leſer ſind für dieſe Leute ungefähr was für einen großen Mann ſein Kammerdiener iſt Ich wiederhole es, ich verändre täglich mei— ne Meinung über die Dinge, und höre endlich damit auf, gar keine Meinung mehr zu haben. Sonſt gefielen mir die Republiken, wenn ſie —— 2⁰6 nicht gar zu groß waren, und ich fürchtete die Herrſchaft eines Einzigen; nun ſehe ich klar, daß alles, was nicht von einem Einzigen beſchloſſen und befohlen, und mit blindem, ſchweigendem Gehorſam ausgeführt wird, durchaus ſchief geht. Wenn mehrere Perſonen gemeinſchaftlich oder nach der Reihe zu einem Entwurfe gezogen wer— den, nimmt ein jeder nur an dem von ihm vor— geſchlagnen Plane Antheil; der eines andern wird falſch verſtanden, oder wenigſtens kalt an— genommen, langſam und unvollſtändig ausge⸗ führt. Betrachten Sie ein bürgerliches Haus— weſen, ein Handelshaus, eine Manufaktur, ein Schiff, eine Flotte, eine Armee: alles beweiſt dieſe Behauptung, das ganze Weltall beweiſt es, mehrere Götter konnten es nicht ſchaffen, noch könnten ſie es regieren. Soll ich daraus ſchließen, daß ein Staat durchaus nur einen Herrn haben muß, der weil er alles will was zum Guten dient, auch alles was er will thun kann? Aber woher nehmen wir einen Heern, einen König wie ich ihn haben will, und woher ſeine Räthe? Je mehr ich darüber nachdenke, je 2⁰7 mehr ſehe ich, daß man dieſe Regierungsform, die einzige die würklich gut ſeyn kann, fürchten muß, weil ſie auf ſo vielen Wegen die abſcheu— lichſte werden kann. Noch ein anderer Gegenſtand der Ungewiß⸗ heit iſt folgender. Nehmen wir an, in dieſem Hauſe, oder auf dieſem Gute ginge etwas nicht wie es ſollte, es hätte ſich ein Misbrauch in der Vertheilung der Arbeiten oder Abgaben ein— geſchlichen; ſoll man das plötzlich ohne weiteres abändern, ſelbſt wenn die lnzufriedenheit derer, welche durch die Verbeſſerung litten, weit größer wäre wie der Beyfall aller, welche dabey ge— wönnen? Ich fühle mich verſucht, nein zu ſa⸗ gen. Man muß die Gemüther nicht ſo aufre⸗ gen, man muß ſelbſt das Gute nur nach und nach zu erreichen ſuchen, man muß, wie der wei— ſe Malesherbes bey Gelegenheit eines gewiſſen Edikts über die Proteſtanten ſagt: laviren... Mein Gott, welch ein Beyſpiel Sie anführen! rief Theobald als ich ihm dieſe Idee mittheilte; das Edikt von welchem die Rede iſt, hat die Proteſtanten faſt ein Jahrhundert lang ge⸗ 2⁰8 drückt. Man muß nie laviren, wenn man nicht ſicher iſt, das Schiff lange genug zu re— gieren, um ſeinen Lauf zur rechten Zeit zu len— ken; ſonſt könnte man es tauſend Meilen weit vom Hafen abführen, oder es ſcheiterte an ei— nem Felſen, oder bliebe im Sande ſtecken.— Ja das iſt wahr, wollte ich eben ſagen; man muß ſich nicht mit dem Laviren begnügen, man muß gerade auf den Hafen zuſegeln, ſetzten ſich auch Wellen und Wind dagegen; aber in dem Augenblicke kam mir unwillkührlich Frankreich in den Sinn, dann die ganze Welt: ich ſchwieg, zweifelte, und dankte endlich dem Himmel, der mir nur ein kleines Kähnchen zu regieren gab, womit, wenn ich es ſchlecht führe, ich doch nur allein zu Grunde gehe. Kühnere Intriguenſtif— ter ſetzen Staaten und Völker auf das Spiel. Welche haſſenswerthe Frechheit! wie verächtlich kommen mir dieſe Menſchen vor, deren Seele in ihrer abſcheulichen Leerheit ihr ganzes Da⸗ ſeyn außer ſich ſucht! Ihre guten Abſichten entſtehen aus bloßer Unruhe, und ihre Wohl— thätigkeit hat nur Eitelkeit zum Grunde⸗ Es 2⁰09 Es ſind verſchiedne franzöſiſche Emigrirte, welche aus Holland kommen, hier durchgegan— gen. Joſephine die noch ab und zu geht, be⸗ gegnete geſtern einer ſchwangeren Frau; ſie führ— te ſie zu ihrem Schwiegervater, und bat uns alsdann um Erlaubniß, ihrer Landsmännin, da die Nacht ſchon einbräche, ein Bette anbieten zu dürfen. Emilie und ich führten Joſephinen nach Hauſe, und brachten den ganzen Abend mit der Emigrirten zu, die, wie es ſich fand, eine Frau von gutem Tone war. Frau von Birkheim war mit uns, ſie klagte über ihren Zuſtand, über Langeweile— und liege ich denn auf Roſen? fragte die Emigrirte lächelnd. Frau von Birkheim war die einzige die ſie nicht verſtand. Alle Menſchen von Gefühl und Bil⸗ ligkeit haben der allgemeinen Trauer, welche Europa deckt, wenigſtens ſo viel zu verdanken, daß ſie jetzt erröthen würden, von Leiden welche ſie allein beträfen, zu ſprechen; ſie verſchmerzen ſchweigend kleine Unfälle, kleine Demüthigun⸗ gen. Seit länger als drey Jahren ſehe ich al⸗ lenthalben Noth und Elend, und die Klage Drei Weiber. O 210 ſtirbt auf meinen Lippen, und meine Seele ge— winnt in dem Stillſchweigen, das ich mir auf— zwinge, neue Kräfte. Emilie nimmt die Gräfin in Schutz. Sie behauptet, ſo wenig Verdienſt, und ſo viel Glück vor ihr voraus zu haben, daß es grau— ſam von ihr wäre, ſie zu vernachläſſigen. Theo⸗ bald hat ſie aber doch gebeten, ihn mit dieſem Vergleich zu verſchonen. Wie ich vor einigen Tagen von Paris ſprach, erinnerte ich mich deſſen was ſie bey Ge— legenheit des Geſchmacks von den dortigen öf— fentlichen Gebäuden ſagten. Was nützte es nun aber, lieber Abbé, wenn mehr Größe und Einheit darin herrſchte? Würden ſich Trödler, Perückenmacher, Bilderkrämer, des Architravs, des Frontons, der Säulen weniger bemächti— gen? Dieſe Grundnnauern, die eine ſo trügeri⸗ ſche Feſtigkeit verſprechen, die im Verhältniß der darauf ruhenden Kolonaden ſogar zu hoch ſind, würden ſie von dem Heer ihrer Bewohner weniger untergraben, weniger durchlöchert ſeyn? Es war eine Zeit wo ich dieſes angenehmer, 211 heiterer, ſogar ſchöner fand, als mir ein voll— kommneres, von allem Mißverhältniß freyes Gebäude geſchienen hätte. Ein Kinderkopf, der aus einem Fenſter guckte, ein Vogel der in ſei⸗ nem Bauer hüpfte, ein Blumentopf, ein grüner Zweig, ſchien mir eine ſchönere Verzierung als Trigliphen, Muffeln, Roſetten, Akanthblätter, wie geſchickt ſie der Künſtler auch gearbeitet, und angebracht haben mochte. So wie es da iſt, ſagte ich mir, gleicht es der Natur; in dem holen Stamm eines alten Baumes legt die Biene ihr Gebäude an, in ſeinen Zweigen baut das Rothkehlchen ſein Neſt. Seele und thäti⸗ ges Leben dringt allenthalben hin; blicke auf in die Luft, ſie lebt; ſchau auf die Erde, es athmet in ihr; hebe dieſen bemooſten Stein auf, er iſt mit lebenden Geſchöpfen bedeckt. Aber Him⸗ mel!... Ratten, Wespen, Schlangen kriechen aus ihren Hölen heraus!— ſie ſchienen mich anfallen zu wollen, und ich floh voll Schrecken und Ekel. Nachſchrift. Vieles, dunkt mich, ließe ſich durch die ungeheure Bevölkerung von Paris er⸗ O 2 212 klären. Dort mußte den Menſchen mehr wie anderwärts daran gelegen ſeyn, ſich aus dem großen Haufen der ſie immer zu erdrücken droh⸗ te, heraus zu arbeiten. Daher mochte wohl das hartnäckige Jagen nach Vermögen und Rang entſtehen. Dort war es auch leichter ſich unter dem großen Haufen zu verbergen, und da⸗ her ſo wenig Furcht vor Tadel und Schande. Gelingt es mir nicht zu glänzen, ſagte man zu ſich, ſo wird man wenigſtens meine Niederlage nicht bemerken. 9. Von Emilien. Man trägt mir auf, Herr Abbe, Ihnen eine ſehr ſonderbare Begebenheit zu berichten; Con⸗ ſtanze hat nicht Zeit zum Schreiben, und meynt doch, daß man kinen Raub begehen würde, wenn man Sie noch vier Tage ſpäter davon unterrichtete, als es in der Entfernung ohnehin geſchehen muß.... 213 Theobald fährt fort. Emilie hält Sie zu lange hin. Zwey kleine Knäbchen, ein ſehr hochgebohrner, einer ſehr ge⸗ meinen Standes, ſind dergeſtalt vertauſcht, ver— wechſelt, daß es nie möglich ſeyn wird, zu ſa⸗ gen: dieſes iſt der Erbe des Grafen und der Gräfin von Birkheim; ijener verdankt Heinrich und Joſephinen das Leben.. Emilie nimmt wieder die Feder. Ich will Ihnen erzählen wie das zuging. Die Gräfin, die ſeit zwey oder drey Tagen unpaß war, ward geſtern gegen Abend von heftigen Schmerzen befallen. Joſephine befand ſich eben bey ihr, ſie wollte ſchnell die Wehemutter aus der andern Wohnung holen; indem ſie die Stu— fen, welche, wie Sie ſich erinnern werden, von einem Hauſe in das andere führen, herunter ging, fiel ſie, und beförderte dadurch ohne Zwei⸗ fel den Augenblick ihrer eignen Niederkunft. Nach zwey Stunden gebahr die Gräfin einen Knaben, den die Wehemutter, da ſie Eile hat— te, zu Joſephinen zu kommen, welche ihrer Hül⸗ fe auch bedurfte, nur in einige Windeln und 214 Decken wickelte, und auf ein Ruhebette legte, indem ſie der Frau La Croix, welche gegenwär⸗ tig war, auf jeden Fall verbot ihn anzurühren. Sie brachte darauf die Gräfin zu Bette, und lief zu Joſephinen, welche ſogleich ebenfalls mit einem Knaben niederkam. Dieſer ward in eben ſolche Windeln und Decken wie der andere ge⸗ legt, und weil die Wehemutter Joſephinens Zimmer kälter als der Gräfin ihres fand, und die Luft doch ſehr ſtreng war, trug ſie das Kind hinüber, legte es neben das andere auf daſſelbe Ruhebette, und verbot nochmals, weder das eine noch das andre anzurühren oder auf⸗ zudecken; darauf kehrt ſie zu Joſephinen zurück, um ihr ferner Hülfe zu leiſten. Während deſ— ſen kommt der Graf von der Reiſe zu ſeiner Tante wieder, und da er hört daß ſeine Frau eben entbunden worden, tritt er leiſe in ihr Zimmer; wie er nichts hört, glaubt er, ſie ſchläft; er ſieht aber ein Kind liegen, er nimmt es auf, wird noch eines gewahr, das er auch nimmt, und ſo eines um das andre, wie ſich's trifft, und bringt dabey ihre Windeln und De⸗ 215 cken in Unordnung, ohne ſich im mindeſten zu ekümmern, wie ſie anfangs gelegen hatten. Sie hat alſo zwey Kinder geboren? fragt er leiſe Mechthilden, die neben der Gräfin Bette ſaß; die Gräfin, die nichts weniger als ſchlief, nahm das Wort: Gott behüte, eines iſt ſchon mehr als zuviel, und wäre es ein Engel, der Spaß iſt der Mühe nicht werth. Aber gebt mir meinen Sohn her.— Welches von den beyden iſt denn unſer Kind? fragte der Graf... Nun können Sie ſich das übrige leicht denken. Bey den Thränen, dem Geſchrei, den Ohnmach— ten der Gräfin, ſagte die Wehmutter nur: warum ließ man ſie nicht liegen? ich wußte recht gut wie ich ſie hingelegt hatte: den einen an die Wand, den andern weiter vorn. Des Grafen Entſchuldigung war ſehr einfach, und Mechthilde zog die ihrige aus der Ehrfurcht die ihr den Mund verſchloſſen hatte: wie konn— te ſie ſich unterſtehen dem Herrn Grafen zu ſa⸗ gen, daß er die Kinder nicht anrühren ſollte? Ich ſehe wohl daß die Schuld dieſes Quidpro— quo endlich auf uns zurück fallen wird, weil 216 wir zwiſchen dem Kinderzeuge eines gräflichen Abkömmlings, und eines gemeinen Jungen, kei— nen Unterſchied gemacht hatten. Conſtanze hat die Nacht bey der Gräfin zu⸗ gebracht und mit ihr geweint. Theobald iſt heu⸗ te früh zu ihr gegangen und hat mit ihr ge⸗ lacht.... Theobald fährt fort.. Ja ſie hat gelacht, ich habe gelacht, und Hera⸗ klit ſelbſt würde gelacht haben. Stellt man ſich aber auch vor, welche drollige Folgen, wel⸗ che lächerliche Verlegenheiten, aus dieſer unauf⸗ löslichen Verwickelung entſtehen müſſen, ſo iſt es unmöglich ſich des Lachens zu erwehren. Die beyden Jungen kommen gerade im nämli— chen Augenblicke zur Welt, ohne daß man den einen nur zur Rechten, den andern zur Linken ſtellen könnte; trotz der großen Ungleichheit die auch manche Leute zwiſchen ihnen finden mögen, hat es nie eine größere Gleichheit gegeben. Man glaubt daß der Verdruß bey der Grä⸗ fin den Zufluß der Milch verhindern wird; Jo⸗ ſephine hat ſchon welche, ſie hat ſchon beyde 217 Kinder an die Bruſt gelegt, und will ſie, wenn ſie dazu ſtark genug bleibt, beyde ſtillen. Der Graf, der dies erfahren hat, iſt davon gerührt, ſeine Frau grämt ſich allein, und ſchwatzt wie man es von ihrer Verkehrtheit erwarten kann. Man ſpricht ihr zu wie einem albernen verzog— nen Kinde: Ihr Sohn iſt gewiß der ſchönſte von den beyden Knaben, ſagen die alten Wei— ber vom Dorfe zu ihr; was gilt die Wette, in ein paar Monaten ſieht man es ihnen am Ge— ſichte an, welches die kleine Excellenz iſt. Die Stimme der Natur iſt auch auf das Tapet ge⸗ bracht; die Natur wird ſich ſchon hören laſſen, ſagen die weiſeren unter unſern Matronen. Bis jezt hat ſie, in dem Herzen der Gräfin wenigſtens, ſich kein Wort verlauten laſſen. Sie verlangte mich zu ſehen, um mir ihr Leid— weſen vorzutragen, ſie ließ ſich die beiden Kin— der geben: ſehen Sie wie der da den Mund verzieht, das kann unmöglich mein Sohn ſeyn! — Der andre fing an zu ſchreien.— Ach wel— che kreiſchende Stimme! ſo ſchrie mein Sohn nimmermehr!— Ich brachte ſie beyde Joſephi⸗ 218 nen, welche ihre Arme mit Mutterliebe nach ih— nen ausſtreckte. Guter GottV! rief ſie, ich glau— be ſie ſind beyde mein.— Sie werden beyde in der Taufe die Numen Theobald, Heinrich, Alexander erhalten, geboren den... und dann die Namen der vier Eltern. Meine Mutter will ſie beyde erziehen, im übrigen mag das Kammergericht entſcheiden. 10. Von Conſtanzen. Die Gräfin zerſtreut und tröſtet ſich, ſorgt für ihr Haar, für ihre Taille, und thut als hätte ſie kein Kind. Joſephine hat deren dagegen zwey, die ſie mit gleicher Sorgfalt nährt und pflegt. Frau von Altendorf nimmt ſie in allem Ernſt an Kindesſtatt an; ſo bald ſie Joſephine aus— geſtillt hat, kommen ſie unter die Aufſicht der Frau Werner. Emilie, ſagt Frau von Alten⸗ dorf, wird, wie ich hoffe, bald ihre eignen Kin⸗ der zu erziehen haben; und in dieſem Geſchäfte 219 ſoll ihr nicht, wie es ſo oft geſchieht, die Schwachheit ihrer Großmutter im Wege ſtehen. Dieſer wird es alſo ſehr gut ſeyn, ſich etwas anders zu thun zu machen. Da Emilie übri— gens bald das ganze Hausweſen übernehmen ſoll, muß ihr Joſephine beyſtehen können. Die Erziehung dieſer zweydeutigen Kinder kommt alſo mir und der Frau Werner zu, und ich neh⸗ me es über mich, ſie in den Stand zu ſetzen, daß ſie einſt von ihren Talenten, ihrer Arbeit, oder wenn ſie weder Talent noch Thätigkeit ha⸗ ben, von ihren Renten leben können.— Dieſe Einrichtung iſt eben ſo vernünftig als großmü⸗ thig. Nun hören Sie aber auch das Nachſpiel. In der vorgeſtrigen Nacht kamen zwey Zwil— linge zur Welt, ein Knabe, und ein Mädchen. Die Mutter ſtarb bey der Niederkunft, und die ganze Familie iſt in der äußerſten Armuth. Ich habe ſie einem Ehepaare zu erziehen gege— ben, das in einem ſehr abgelegenen Hauſe wohnt, und ihnen die geforderte Summe dop⸗ pelt verſprochen, wenn ſie den Knaben, der Karl getauft iſt, Karoline, und das Mädchen umge— 220 kehrt Karl nennen, und ſie völlig gleich anklei— den wollen. Die Leute ſind Herrenhuter, und beobachten vollkommen die einfachen, ſtrengen Sitten dieſer Sekte. Sie leben faſt in gänzli— cher Einſamkeit; die Frau ſtrickt, näht, ſpinnt, der Mann baut das Feld, und macht Tiſchler— arbeit. Es wird ſich zeigen ob die würkliche Karoline ſtricken wird, ob ſie verſchlagen, nied— lich, kkett, und liebkoſend ſeyn wird, und ob der würkliche Karl nach Hobel und Schraub⸗ ſtock greifen, offen, brav, barſch, und lärmig ſeyn wird. Ich denke daß ſie bis in das zwölf— te, vierzehnte Jahr ohne den geringſten Verdacht aufwachſen können, und hat der Knabe dann Mädchensneigungen, und das Mädchen männ⸗ liche Anlagen, ſo mache ich es öfſentlich bekannt, und hoffe dadurch einer Menge erbärmlicher Ver⸗ nünfteleyen über die nothwendigen Unterſchiede des Karakters zwiſchen beyden Geſchlechtern, ein Ende zu machen. Dann wird es aus ſeyn mit unſrer ausſchließenden Zartheit der Phantaſie, unſern lichtvollen Blicken, und den glücklichen Einfällen, die den erhabenſten Bemühungen der 221 2 Vernunft gleichkommen. Man wird es uns dann um ſo weniger verzeihen nicht zu raiſon— niren, wenn man uns deſſen nicht mehr für un⸗ fähig hält. Ich habe an dieſe unſre natürli— chen Vorzüge oder Verſagungen der Natur nie geglaubt, und meinte tauſendmal den Ungrund der einen, und der andern bewieſen zu haben, wenn ich einen jeden darauf aufmerkſam mach— te, daß in dem Kreiſe ſeiner Bekannten wenig— ſtens ein Weib ſey, die mehr Stärke der Ver⸗ nunft, und eine andre die weniger Zartheit des Geiſtes hätte, wie irgend ein ſchwacher oder fein fühlender Mann ſeiner Bekanntſchaft. Das ſollte hinreichen; es ſollte beweiſen, daß in der Natur beyder Geſchlechter nichts iſt, das auf ihre geiſtigen Kräfte einen entſchiedenen Einfluß hätte. Aber man ermangelt nie, auf einen Be⸗ weis ohne alle Widerrede, doch noch tauſend Dinge einzuwenden, und als letzter Beweis kommt man wieder darauf zurück, daß dieſer e vorgebliche Unterſchied eine Wohlthat der 9 tur ſey.... So ſehr ich auch Weib bin, laſſe ich mich nicht von einer Sache überreden, weil 222 ſie nützlich ſeyn könnte.... Dabey fällt mir ein, daß man wenigſtens bey unſerm Bataver nie genöthigt ſeyn wird, einem überzeugenden Beweiſe noch etwas hinzuzufügen. Er erlaubt nicht, daß man ſich nur einen Augenblick da⸗ bey aufhalte, für etwas ſchon bewieſenes neue Beweiſe zu ſuchen. Wenn ein Problem des Euklides aufgelöſt iſt, fragt er jeden Schüler: begreift ihr es jezt? heißt es, nein; ſo fängt er von vorn an; ſagt man ja, ſo geht er gleich zu etwas anderm über. Und denken Sie nicht, daß er es nur mit der Mathematik ſo macht; er geht in allen Dingen, und bey allen Gele— genheiten auf die nämliche Weiſe zu Werke. Einer ſeiner Schüler wollte geſtern zum zwei— tenmale auf einem Tiſche etwas ſuchen, das er bey dem erſtenmale Suchen nicht gefunden hat⸗ te. Er hielt ihn kurz und gut zurück: haſt Du aufmerkſam oder mit Zerſtreuung geſucht?— aufmerkſam.— Haſt Du ſeitdem Du ſuchteſt, einen neuen Sinn erhalten?— Nein.— Nun ſo iſts damit genug; ſo wie Du zweimal ſuchſt, kannſt Du es zum dritten, zum vierten Make, 223 und endlich Dein ganzes Leben lang thun. So ſagte ein Knabe zu einem andern: es ginge Nordwind, und zeigte zum Beweiſe, daß der Schnee nach Süden triebe; wie man ihm wi— derſprach, ſuchte er noch andre Gründe.... Mach ein Ende, ſagte der Lehrer; mit Leuten die der Überzeugung widerſtehen, muß man ſich auf keine Beweiſe einlaſſen. Heute morgen wie man in die Orangerie kam, fand man auf ei— nem Orangekaſten Spuren von Mäuſen. Geht geſchwind noch vor der Lehrſtunde, und fordert eine Mäuſefalle von dem Gärtner: wir wollen ſie ſogleich aufſtellen. Der kleine Knabe welcher den Auftrag ausrichten ſollte, ſuchte im Gehen noch andre Spuren vom Daſeyn der Mäuſe, und ging darüber langſamer. So geh doch! rief der Lehrer, ich fürchte Du wirſt zeitlebens ein Einfaltspinſel bleiben; erkennt man nicht den Eſel am Ohrzipfel ſo gut wie am ganzen Balge?— Beym Herausgehen aus der Oran⸗ gerie ſahen wir, daß der Wind einen kleinen hölzernen Schuppen worin Kohlen aufbewahrt werden, beſchädigt hatte. Geſchwind holt ein 224 paar Pfähle und Steine herbey!— Man ſtemm⸗ te die Pfähle gegen den Schuppen, und ſtützte ſie unten mit den Steinen. Nun ſteht es feſt, ſagte der fähigſte unter den kleinen Schülern, und holte zugleich noch einige Steine. Was ſoll das? fragte der Bataver?— Es kann im⸗ mer nicht ſchaden.— Geh, bringe die Steine wieder fort; mehr wie gut iſt immer ſchlimm. — Was ſagen Sie zu dieſem Lakonismus, Herr Abbé? Er rottet manche unnütze Weit⸗ läuftigkeit mit Stumpf und Stiel aus, er ge— winnt Zeit, beſchränkt den Gedanken, macht ihn deutlicher; aber iſt er nicht zu kühn, zu ſchnei— dend? ſind wir denn ſo ſicher ob genug, auch würklich genug iſt? ob die Ohrenſpitze, die uns einem Eſel zu gehören ſcheint, nicht eines Maul⸗ eſels iſt? wäre nicht das Sprichwort, das uns ſagt: auf einem Beine iſt nicht gut ſte⸗ hen, der Unvollkommenheit unſrer Fähigkeiten angemeßner? Theobald fährr fort. Ich geſtehe daß dieſer Holländer etwas im— ponirendes für mich hat, indem ich doch über ihn ——ö——. 225 ihn lächeln muß; aber ich zittre vor dem Ein⸗ fluß den dieſer Mann auf die geheimnißvolle Brüderſchaft, wie ſie Frau von Vaucourt nennt, haben kann. Er ſpricht unſre Sprache ſchlecht, aber weiß ſie gut zu gebrauchen; und es ſcheint daß die holperige Energie in dem Ausdrucke ſei⸗ ner drolligen Sprache, mehr auf die Kinder würkt, als wenn ſie ihn wie andre Menſchen reden hörten. Sie horchen auf ihn wie auf ein Orakel, und ich zweifle ob die, welche wiſ— ſen daß er keine Religion hat, ſelbſt eine wer— den haben wollen. Sie werden ungläubig aus Fanatismus werden, ſie werden einen ſo feſten Glauben an Jan Praal haben, daß ſie darüber nicht an Gott werden glauben wollen. Der Menſch iſt ein ſo nachahmendes Geſchöpf! Es ſcheint er kenne die Vernunft nur, um von ihr zu ſchwatzen, nicht um ſich, wie er ſollte, durch ſie leiten zu laſſen. Wir beſchäftigen uns jezt ſehr mit Experi⸗ mentalmetaphyſik. Die beiden kleinen Theo⸗ balde,(denn da mein Name neutral iſt, ſo hat man ihn, für das gemeine Leben, den Namen Drei Weiber. P 12 , —₰ rbeyden Väter vorgezogen,) werden erſtlich beweiſen, ob bey einer ganz gemeinſchaftliche Erziehung der eine ſeinen hohen Urſprung, der andre ſeine niedrige Geburt verrathen wird. Allein zu dieſer Probe zwingt die Noth, und die Sache bedurfte meines Erachtens weiter kei— ner Berichtigung ad hocz ⸗man iſt darüber ſo ziemlich ins Reine. Dann giebt es die beyden Zwillinge. Wir werden ſehen, ob bey ganz glei— cher Erziehung, aber durch ihrer beyder Namen gewiſſermaßen irre geleitet, und auf einen Weg geführt, der von dem gewöhnlichen abweicht, ob ſie, ſage ich, die angenommene Meinung wider⸗ legen werden. Ich ſage nein, Conſtanze be⸗ hauptet ja. Da ups aber dieſe Experimente an Kindern nicht genügen, haben wir deren noch zwey andere an Leuten von reiferem Alter un⸗ kernommen. Ein Menſch der urſprünglich aus Altendorf abſtammt, aber in Berlin geboren iſt, wo er anfangs Kammerdiener bey ei⸗ nem öffentlich angeſtellten Mann war, dann Hofmeiſter eines deutſchen Prinzen, dann Ehe⸗ gemahl einer franzöſiſchen Comödiantin, dann 2924 7 Hahnrey und Sprachmeiſter, dann Trunkenbold und Bettler wurde, kam vor kurzem mit allen Beweiſen ſeiner altendorfiſchen Abkunft allhier an. Seine ſchlechte Aufführung und Armuth bedurften leider keiner Zeugniſſe. Er könnte Schuſter werden, ſagte meine Frau.— Aber er er iſt ja vierzig Jahr alt.— Was thut das? Helvetius behauptet, wie Sie ſagen, daß man, ſo bald ein zureichender Grund dazu vorhanden iſt, alles werden kann was man will.— Ja wenn man jung iſt.— Er gründet ſeine Be— hauptung auf die Ähnlichkeit die zwiſchen dem Gehirn, und den Sinnen eines Dummkopfes, und denen eines Menſchen vom Verſtande ſtatt findet. Dieſer Mann hat aber ein ſcharfes Ge— ſicht, er iſt weder ſtumpfſinnig noch kontrakt, mehr braucht er nicht; und was den zureichen⸗ chenden Grund anbetrifft, ſo will ich dafür ſor⸗ gen, indem ich ihm, mit Ihrer Erlaubniß, wäh⸗ rend ſeines Lehrjahrs eine Penſion auszahle, und nachher einen Vorrath gutes Leder ſchenke, wenn er nach Verlauf eines Jahres mir ein paar vollkommen gute Schuhe liefert.— Es P 2 228 ſoll ein Wort ſeyn, Emilie!— Und der halbe Er⸗Litteratus iſt, nachdem er neu gekleidet war, zu einem ſehr guten Schuſter hier im Dorfe, in die Lehre gethan worden. Mein Vater hat den Einfall ſo luſtig gefunden, daß er einen ähnlichen Verſuch an einem Brauknechte vor— nimmt, der eben ſo alt iſt, als der Litteratus, lahm und brodlos, aber ſo wenig Litteratus, daß er nicht einmal das A BC kennt. Dieſer ſoll ein Jahr lang in ein Zimmer eingeſperrt werden, denn ſonſt liefe er in das Wirthshaus; da ſoll er leſen und ſchreiben lernen; iſt es ihm beym Schluſſe des Jahrs gelungen, ſo erhält er ein kleines Amt das ihn auf zeitlebens nährt. Emilie und mein Vater triumphiren ſchon im voraus über einen Sieg, der mir noch ſehr zwei⸗ felhaft ſcheint. Man komme mir nun nicht mehr, rief ſie eben, und ſage: ich bin zu alt um mich zu beſſern, ich bin zu alt um noch etwas zu lernen! Frau von Vaucourt hat Ihnen von unſern Schuleinrichtungen und von meinen Planen er— zählt, zu denen ſie mir eifrig hilft, ohne eben 229 an ihren Nutzen zu glauben; ſie hat Ihnen ge— ſagt, daß ich für meine Altendorfer Bücher aus— ſuchen, und im Fall der Noth gar ſchreiben wollte. Ich wünſchte, die beſten Köpfe Deutſch⸗ lands möchten mir in meinem Vorhaben bey⸗ ſtehen, und es für unſer ganzes Vaterland vor⸗ theilhaft und nützlich machen. Ich habe mich ſchon fleißig damit beſchäftigt, die Arbeit iſt an⸗ gefangen; ich habe die abgeredete Einleitung entworfen, und ſchicke nächſtens einem Altonaer Buchhändler folgende Probe, um ſie unverzüg⸗ lich unter das Publikum zu bringen. Notabene.»Es wird jeden Sonn⸗ tag ein Quartbogen, wie dieſer jetzige— bey den vorzüglichſten Buchhändlern in Deutſchland, gratis erſcheinen. Man wird fünfhundert Exemplare a b⸗ drucken, und ſieht dem Nachdruck mit Freuden entgegen.⸗ Hierauf folgt die Einladung an alle Menſchen von Geiſt in Deutſchland, mir in der Ausführung meines Plans behülflich zu ſeyn, mit dem ausdrückli⸗ chen Vorbehalt, an dem Eingeſchickten zwar 23⁰ nichts zu verändern, wohl aber es zu vereinfa⸗ chen, abzukürzen, und ſelbſt es ganz zu unter⸗ drücken. Ihnen, Herr Abbs, will ich die Artikel nach der Ordnung eines franzöſiſchen Wörterbuchs herſetzen; denn daß ſie in meiner deutſchen Zeit⸗ ſchrift ganz anders geordnet ſind, können Sie leicht denken. Seele. Iſt das was alles Lebende belebt, beſonders aber den Menſchen der Freude, des Schmerzes, des Genuſſes, des Kummers, des Willens, und des Nachdenkens empfãnglich macht. Die Seele hat nie zur Kenntniß ihrer eignen Natur gelangen können; das Evange⸗ lium ſagt uns, daß ſie unſterblich iſt, und ſchon vor dem Evangelium haben es die weiſeſten Menſchen geſagt und geſchrieben. Bauen. Iſt eine ſo gewagte, koſtbare Sa⸗ che, daß man es wo möglich unterlaſſen, und ſich mit dem Hauſe ſeiner Väter begnügen muß. Iſt man aber endlich doch dazu gezwungen, ſo 231 überlege man tauſendmal Plan und Bauanſchlag, bevor man die Hand an das Werk legt. Wie viele Häuſer ſind nicht aus Mangel an Geld zum Ausbauen, unbeendigt verkauft worden? Soll ein Haus angenehm zum Bewohnen, und vortheilhaft zum Verkaufen ſeyn, ſo baue man es feſt, und in geſunder Lage; man gebe ſich nicht mit ſonderbaren Einfällen ab, ſondern trachte nach Zierlichkeit, welche aus dem Eben— maße und aus ſchönen Verhältniſſen beſteht. Im Grunde ſollte ſelbſt das kleinſte Gebäude nicht ohne den Rath geſchickter Baumeiſter un— kernommen werden, und es iſt ein grober Irr⸗ thum, wenn man glaubt, daß ſich dieſe nur mit Säulengängen, Tempeln, und Palläſten abge— ben dürfen. Hat man keinen Baumeiſter bey der Hand, ſo ziehe man Bücher zu Rathe; mit ihrer Hülfe werden die Gewölbe nicht ſinken, die Mauern nicht einfallen; man wird ſich Schutz gegen die feuchten Weſtwinde verſchaf⸗ fen, anſtatt ihnen Fenſter und Thüren zu öffnen. 232 Ungemach. Die Peſt, das Fieber, ein ſchwachköpfiger Fürſt, ein ungetreuer Staatsver⸗ walter, ungerechte Gerichtshöfe, der Ehrgeiz von Menſchen, die, voll Dranges, ſich aus ih— rer Dunkelheit zu ziehen, die öffentliche Ruhe ſtöhren, ſind jedes für ſich ein Ungemach. Ei— nem Übel welches du nur halb kennſt, das viel⸗ leicht bald von ſelbſt aufhört, und deſſen Un— leidlichkeit durch übel gewählte oder gewaltſa— me Mittel, nur vermehrt werden könnte, ſetze Geduld entgegen. Allein, wenn es anſtatt ab⸗ zunehmen nur zunimmt, und unerträglich wird, was ſoll ich dir dann rathen? Befrage in die— ſem Falle nur die Weisheit, und die Verachtung des Todes. Sonntag. Iſt der erſte Tag der Woche. Die Chriſten haben ihn dem Gottesdienſt, der Ruhe, dem anſtändigen Vergnügen gewidmet. Wie es ſcheint, wollte man im Anfange des Chriſtenthums den Sabbat abſchaffen, und doch zugleich auch erſetzen; abſchaffen, um das An⸗ denken des Judenthums wirkſamer zu vertilgen, und weil es ſchwer gehalten hätte, wenn man 233 den Sabbat beybehielt, den kleinlichen Zwang, mit welchem er gefeyert wurde, zu mildern; er⸗ ſetzen, weil er eine heilſame Anordnung war. Würklich iſt auch dieſer Tag eine der Tyranney der Herrſchaft, und unſrer eignen Gier abgejag— te Beute. Der Tag wurde der Geſundheit, und der Wiederherſtellung erſchöpfter Kräfte, er wur— de dem Nachdenken geſchenkt, er ſollte benutzt werden, um ſich von dem Getümmel angeſtreng— ter Arbeit zu erholen, um die Ergießung der Freundſchaft zu genießen. Zwar iſt es wahr, daß Sonntags mehr geſpielt, getrunken, gebalgt wird wie andre Tage, aber was mißbraucht das Laſter nicht? Wenn am Sonntag alles ge⸗ fegt und aufgeräumt iſt, ſcheint die kleinſte Hütte freundlicher wie ſonſt, das Alter weniger häßlich, die Jugend glänzender und lieblicher. Die Ruhe des Sonntags bringt die Kinder den Eltern näher; der Liebhaber findet am Sonn⸗ tage ſeine Geliebte wieder; der Sonntag ver— ſammelt die Jugend zu Spielen, bey welchen die Eltern Zeit haben die Aufſicht zu führen. Daß der Sonntag ja nicht abgeſchaft werde! 234 Iſt ein Tag auf ſieben denn zu viel, um ihn dem Gottesdienſt, dem Nachdenken der brüder⸗ lichen Vereinigung mit ſeinen Nebenmenſchen zu weihen? Enthuſiasmus. Der Greis heißt etwas gut, der reife Verſtand des Mannes bewundert, und der glühende Jüngling iſt Enthuſiaſt. Falke. Iſt ein großer Herr, ein Eroberer, ein Kaper unter den Vögeln. Ein Klügerer wie er fängt ihn; dann iſt er gezwungen für ſeinen Herrn auf den Raub auszugehen, und erhält nur ſo viel von der Beute als man ihm abgeben will. Warum, wird man fragen, ent⸗ wiſcht er nicht wenn er aufſteigt? der Falke⸗ nier könnte ihn ja in der Luft nicht einholen? — Ach der Inſtinkt, der Geſchmack der Frey— heit iſt bey ihm dahin! und was wäre er denn auch unter ſeines Gleichen? Zur Abhängigkeit gewöhnt und herabgewürdigt, würde er weder Geſpielen noch Freunde mehr finden. Ihm bleibt nichts übrig, als zu dienen. Sein Alter, wenn man ihn ja alt werden läßt, iſt mit Kränkun⸗ gen überhäuft; unnütz und vernachläßigt wird 23⁵ er unter jüngeren Sklaven dahin ſchmachten, deren Gefieder noch glänzend, deren Käppchen noch neu iſt, und die, blind über das Schickſal das ihnen droht, ſeines Elendes und ſeines Ver— falls ſpotten. Blick auf die Geſchichte Frank— reichs, auf die römiſche Geſchichte, blicke auf die heutigen Höfe, auf junge und alte Höflinge. Großmuth. Ich möchte nicht, daß ein Handelsmann großmüthig wäre, er ſey lieber gewiſſenhaft. Ich möchte nicht, daß ein Mann in einem obrigkeitlichen Amte großmüthig wäre, er ſey lieber rechtſchaffen. Noch weniger möch⸗ te ich, daß ein König großmüthig wäre, weil 8 r und ſeine Unterthanen gewöhnlich nur Einen Beutel haben; er ſoll lieber haushälteriſch ſeyn. Dieſer Mylord, jener Graf, Baron, Feldmar⸗ ſchall, Cardinal, müſſen großmüthig ſeyn; und mögen mich ihre Kinder, Erben, Nachkommen verwünſchen, ſo fordre ich ſie doch auf, groß⸗ müthig, mit Anſtand, ohne Gepränge zu geben. Die Großmuth giebt anders wie die Wohlthä⸗ tigkeit, ſie giebt anders wie die Verſchwendung. Sie berechnet das was ſie giebt, und findet es 236 immer unter ihren Wünſchen. St. Foix führt an was Mezerai von der erſten Frau Heinrichs des Vierten geſagt hat:„ſie gab als eine wah— re Erbin der Valois, nie ohne ſich zu entſchul⸗ digen, daß ſie nur ſo wenig gäbe.“ Das war eine großmüthige Fürſtin! rief ich, wie ich es las. Ich habe bey ſehr mäßig begüterten Men⸗ ſchen wahre Großmuth gefunden; ſie verſtecken ſich vor den Reichen, von denen ſie für thörigt ausgeſchrieen würden, wenn ſie ihren edeln Mangel an Vorſorge, das gänzliche Vergeſſen ihrer ſelbſt, zu welchem ſie ſich zuweilen hinreiſ— ſen laſſen, erführen. Laune.(böſe) Hier werde ich den herrli⸗ chen Brief über die böſe Laune aus Werthers Leiden abſchreiben. Taxus. Taxushecken, Taxusgänge paarten ſich wohl mit den Zugbrücken, den zackigen Thürmen, den großen finſteren Sälen unſerer Vorältern, ſo wie Bosquets, Roſen- und Jas⸗ minhecken, ſich zu unſern Kabinets, Boudoirs, mit Potpourris und Blumentöpfen verziert, wohl paſſen. Könige, Fürſten, der alte Adel, ſollten 237 ihre Taxusſtämme nicht zu ſorgfältig ausrotten; denn dieſen, und dem Vorurtheile verdanken ſie ihre Stelle in der Geſellſchaft. Jakobs des er— ſten trauriger Pedantismus war dem Hauſe Stuart nicht ſo gefährlich, wie Karls des zwei⸗ ten fröhliche Verderbniß. Ludwig der eilfte und Richelieu hatten die Großen durch ihre Po⸗ litik gedemüthigt, Ludwig der vierzehnte unter— warf ſie ſich durch die verſchwenderiſchen Feſte ſeines Hofes, der Regent erniedrigte ſie durch Zügelloſigkeit. Mich dünkt, ein Fürſt der den Karakter eines Bonvivant hat, und eine Fürſtin die ſich von Leichtſinn und thörigter Luſtigkeit beherrſchen läßt, ſtiften den grellſten Kontraſt zwiſchen der Ehrfurcht die ſie fordern, und der Geringſchätzung die ſie einflößen! Freyheit. Welch ein Wort! Niemand verſteht es, niemand erklärt es. Sie iſt eine mit undeutlichen Bildern bemahlte Fahne; ſo wie ſie aber aufgerollt wird, drängt man ſich ihr nach, zu allen Tugenden, allen Verbrechen, zum Tode ſelbſt. 238 Verbindlichkeit oder Pflicht. Wird von denen die ſie fordern, und denen die ſie lei— ſten ſollen, ſo verſchieden erklärt, daß ich davon ſchweigen werde. Ich ermahne nur beyde Thei⸗ le, ſich bis zu einem gewiſſen Punkt über ihre gegenſeitigen Verbindlichkeiten zu verabreden, und den Vertrag in Ehren zu halten. Mäßigung. Wenn ein frommer ſanfter Mann ſie mir im Namen der Religion anem— pfielt, wenn mich ein Weiſerer, Älterer im Na⸗ men der Erfahrung an ſie mahnt, höre ich dar— auf, und unterwerfe mich; und wenn meine Leidenſchaft widerſteht, ſtreitet, vielleicht einen unglücklichen Sieg davonträgt, ſo gehe ich in mich, huldige dem leider zu ſchlecht befolgten Rathe, und verſpreche, mich künftig mehr leiten zu laſſen. Aber wenn ein ſchwerfälliger kalter Menſch Mäßigung predigt, ſo iſt es mir, als wollte mir eine Schnecke Ernſt und Langſam⸗ keit anpreiſen. O ſchweigt doch, wenn Ihr nicht das Recht habt, Gehör zu verlangen! ſchadet doch einer ſo guten Sache nicht, macht doch ſo hellſame Lehren nicht lächerlich! Die Mäßi⸗ — — gung heilt was die Leidenſchaften verderben; ſie wählt zwiſchen zwey gefährlichen Extremen die Mittelſtraße. Sie verhindert, da zu ſengen wo man nur trocknen will, eine Feuersbrunſt mit einer Überſchwemmung zu löſchen. Sie liebt die Unpartheilichkeit, ihr verdankt man Parth D„ 19 das Nachdenken, die glücklichen Auswege, die ſanfte UÜberredung welche die ſtreitendſten Köpfe vereint. Daß man ſie doch ja nicht mit der Gleichgültigkeit verwechſele! Dieſe zieht ſich zurück, wenn jene voran geht, und in der Mit— te des Lärms Frieden und Ordnung zurück führt: — Magno in populo cum saepe coorta est Seditio, saevitque animis ignobile vulgus, Jamque faces et saxa volant, furor arma ministrat; Tum, pietate gravem ac meritis si forte virum quem Conspexere, silent arrectisque auribus adstant: Ille regit dictis animos, et pectora mulcet, Dieſes reicht hin, Ihnen meinen Plan deut— 78 + 8 — 8 lich zu machen. Ich habe noch eini — 9 240 rialien in Vorrath, um drey oder vier Blätter auszufüllen, bis ich Mitarbeiter erlange. Der Artikel Eſel wird gut ſeyn, denn ich überſetze ihn aus Büffon. Bey dem Artikel Grauſam beſchwöre ich die Fürſten, auf die Gefahr die— ſen Namen zu verdienen, fortan nur Wölfe und Eber zu jagen. Den Artikel Dörſchen will ich Ihnen noch ganz herſetzen.»Wenn „»man von einem Dörſchen die allzugroße Armuth »entfernen könnte, wäre es der Wohnſitz der „»Unſchuld und des Glückes. Alle Einwohner »ſind Nachbarn, und könnten ſich untereinan⸗ „»der lieben, denn alle würden ſich kennen. Das »Unglück jedes Einzelnen würde eine allgemeine »„Betrübniß werden; zehn Jahre, zwanzig Jah⸗ »re würden verfließen, ehe der unfreundliche „Knochenmann an eine dieſer wenigen Hütten „klopfte. Tod und Leiden würden nicht mehr »das Loos der Menſchen, die Erde kein Jam⸗ »merthal mehr ſcheinen. In London, in Paris »geht der Tod unaufhörlich aus einem Hauſe »in das andere; auf jedem Schritte hört man „ſich memento mori! zurufen.⸗ Indem itter 241 Indem ich dieſes ſchreibe finde ich mein Al— tendorfiſches Reich noch zu groß; ich wünſchte mich in ein kleines Dorf, um dort hundert Jah— re mit meiner Emilie zu leben. Conſtanze nimmt die Feder wieder auf. Ich ſehe in dem Vorſtehenden nur zwey oder drey Artikel, die den Leſern, für welche das Blatt eigentlich beſtimmt iſt, angemeſſen wä— ren, nämlich: Seele, Bauen, Sonntag. Zu wünſchen iſt es, daß dieſe Rückſicht künftig weniger aus den Augen gelaſſen werde. Es ließen ſich noch einige andre Anmerkungen ma⸗ chen. Warum iſt die Großmuth nur in einer einzigen ihrer Wirkungen zu betrachten? Sie beſteht nicht allein im Geben. Sprechen, Schweigen, Handeln, unthätig bleiben, können Würkungen der Großmuth ſeyn, ja es könnte zuweilen einen hohen Grad Großmuth erfor— dern, zu empfangen.... Drei Weiber. Q d 8 II. Von Conſtanzen. Emilie fürchtet die Annäherung der engliſchen Armee; es ſind viele ihrer Verwandten darunter Anfangs ließ ſie ſich ihre Furcht gegen ihre Schwiegermutter merken, nachher ſprach ſie aber mit ſo viel Vernunft, zartem und innigem Ge— fühl, daß ſie dadurch unſre Herzen gewonnen haͤtte, wenn Sie ſie nicht ſchon längſt beſäße. Theobald ſah ſie an als erblickte er ſie zum er— ſtenmale, er ſprach von ihr als hätte er noch nie von ihr geredet: Geſtehen Sie es, meine theuerſte Mutter, ſagte er, ich habe das beſte, liebenswürdigſte Weib. Wie liebe ich Dich, meine Emilie! o wie bewundre ich Dich! Du machſt mich eben ſo ſtolz wie glücklich. Emilie und ich werden uns in eine kleine Stadt begeben, wo wir hoffen von niemanden gekannt zu ſeyn. Wir werden durch die Poſt 2— — ——y —— y — 243 weder Briefe ſchreiben noch empfangen, die Nachrichten von Altendorf ſollen uns durch Bauern zugeſchickt werden.-———— So eben wird beſchloſſen, daß uns der alte Baron begleitet. Seine Gemalin bleibt mit Theobald, den Kindern und Joſephinen zurück. Dieſe letzte iſt untröſtlich; o mein Gott! rief ſie eben, wenn ſich meine Herrſchaft gewöhnte von jemand anderm als mir bedient zu werden! Theobald und Emilie verhehlen umſonſt ihren tiefen Schmerz. Wenn er zurückbleibt, wenn ſie ihn verläßt, ſo geſchieht es nur um die Ru⸗ he des Liebſten was ſie auf Erden beſitzen zu ſichern: ſie haben ſich dies tauſendmal wieder⸗ holt, und ſind doch kaum entſchloſſen. Mich dünkt, ſagte Emilie, ich werde kaum den Fuß 91 im Wagen haben, ſo werde ich wieder ausſtei⸗ gen und in das Haus zurückeilen müſſen. Bin ich thörigt genug dazu, ſo hindert mich we⸗ nigſtens nicht... oder nein, ich habe Un⸗ recht, zwingt mich abzureiſen!— Nein, ſagte P 2 244 Frau von Altendorf, Sie ſollen immer frey ſeyn, und ſehe ich Sie eine Stunde nach Ih— rer Abreiſe, oder an demſelben Abend, oder den andern Tag wiederkommen, ſo ſtehen Ihnen meine Arme offen.— Gewiß, ſetzte der alte Ba⸗ ron hinzu, Ihre Gründe gehören Ihnen, und wir werden alle andrer Meinung, ſobald Sie Ihren Entſchluß ändern. Dieſe unendliche Gut⸗ herzigkeit welche uns vielleicht in einem andern Augenblick ein wenig beluſtigt hätte, machte uns jezt in Thränen ausbrechen; Theobald war überwältigt, er verließ den Saal. Lieber Va⸗ ter, liebe Mutter, ſagte Emilie, wenn ich bey einer andern Abreiſe ſtrafbar war, gewiß ſo bü⸗ ße ich jezt meine Schuld.— Straſbar! rief der Baron, woran denken Sie? Sie ſind uns ge⸗ wiß nie ſtrafbar vorgekommen.— Sehen Sie nicht, daß Sie uns alle glücklich machen? ſagte die Baronin, mit einer herzlichen Umarmung.— — Adieu! Herr Abbé. Wir reiſen morgen vor Tagesanbruch. Ich finde noch Zeit, auf Ihren letzten Brief — den ich ſo eben erhalte, zu antworten. wollen wiſſen, ob Theobalds ſtrenge Moral keinen Streit zwiſchen uns veranlaßt? Gar nicht. Ich bin im Grunde weit mehr mit ihm einverſtanden als es ſcheint. Ob ich es gleich verdrüßlich, mühſeelig, und höchſt vergeblich fin⸗ de, laut und offenbar auf Vollkommenheit im Menſchen zu dringen, ſo liebe und wünſche ich ſie Troz einem, und aufrichtig geſagt, fordre ich ſie doch in meinem Innern. Die Erfahrung gebietet mir in dieſer Rückſicht bey den Men⸗ ſchen, die mir bisher die unbedingteſte Achtung einflößten, auf Fehlſchlagungen zu rechnen, aber ich kann ihnen deswegen nicht weniger trauen, und wäre in Verzweiflung, wenn ſie Beſorgniſ⸗ ſe, die ich weit früher haben ſollte, als ich ſie würklich habe, rechtfertigten. Wie unglücklich könnte mich das machen! Es kommt mir weit ſchrecklicher vor, mir Emilien verſchlechtert, als ſie mir ſterbend zu denken. Gott behüte mich, ihre Tugenden betrauern zu müſſen! ſelbſt Jo— ſephine, wiewohl ich bey ihr nicht ſehr auf das, 246 was man bey Weibern Tugend nennt, rechne, würde mich betrüben, wenn ſie wieder in das entgegengeſetzte Laſter verfiele, Ungeachtet al⸗ les deſſen was ich ihr zu verdanken habe, un— geachtet ihrer vortreflichen Eigenſchaften und ihres einnehmenden Weſens, hatte ich anfangs Mühe, den Widerwillen den mir ihre Aus⸗ ſchweifungen einflößten zu überwinden; damals verbarg ich ihn, und jezt iſt er beſiegt. Arme Joſephine! Heinrich läßt ſich manchmal mer⸗ ken, daß es ihm lieber wäre, ſie hätte es nicht verſtanden wie man dem Poſtillion den Weg nach Bremen anwies. Er liebt, wie er ſagt, das Meer und die Seereiſen; meynt, Amerika müßte ein herrliches Land ſeyn. Geſtern fragte man ihn, indem man auf die beyden kleinen Theobalde zeigte, die an der Bruſt ihrer guten Mutter lagen: welchen von beyden er für ſei⸗ nen Sohn hielte?— Was weiß ichs? antwor⸗ tete er, den Rücken kehrend; vielleicht der eine wie der andre!— Ich weiß dieſe harte Rede von Joſephinen ſelbſt, die ich einen Augenblick ———.— — 247 darauf beſuchte. Ich fragte ſie um die Veran⸗ laſſung der großen ſchweren Thränen, die von ihren Augen auf der beiden Kinder unſchuldi⸗ ges Geſicht fielen. Sie verbirgt Emilien ihren Kummer, aus Furcht, ihr Widerwillen gegen Heinrich einzuflößen, welches bey ſeiner unbe⸗ ſchränkten Ergebenheit für ſeinen Herrn ſehr unangenehm wäre. Wieviel gäbe Joſephine darum, tugendhafter geweſen zu ſeyn! Und ich, Herr Abbé, ich gäbe drey Viertel meines Vermögens, um das Andenken der Menſchen, denen ich es verdanke, zu verlieren. Ich ſehe es als mein rechtmäßiges Eigenthum an; ſonſt, das kann ich Sie verſichern, würde ich dar⸗ auf Verzicht thun, ſo ſehr ich deſſen bedarf um mich zu zerſtreuen, und zu betäuben. O die ſtrenge Moral hat viel Gutes. Ich werde mich mit Theobald nicht darüber entzweyen. Jede Art Gewiſſenhaftigkeit iſt mir heilig, wie ſie auch heißen mag; ſey es auch Achtung für Geſetze, die ganz aus der Luft gegriffen ſind; ſo einen abgeſagten Haß mein Verſtand gegen 248 allen andern Galimathias hegt, ſo wird er die— ſen doch immer ehren, ich werde es immer mit —— Vergnügen ſehen, wenn ſich das Gefühl Vor⸗ ſchriften unterwirft die es nicht erklären kann, 1 deren Urſprung ſelbſt ihm unbekannt iſt.*) *) Man wird, wenn man dies erſtemal mit ihnen zu⸗ frieden war, die Bewohner von Altendorf vielleicht wieder auftreten ſehen. ——--——————————————᷑—⸗⸗;'ͤ——— ————. ———————— 4— ——