ö — * deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme b eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für lchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————V—:———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mrk.— Pf. „ 3 61 1—„ 4—,»„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe” auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— ——— —— Honorine von üſerche, oder die Gefahr der Syſteme. Eine Novelle von dem Abbé de la Tour. Aus dem franzöſiſchen Manuſtript überſetzt von L. F. Hube r. ——— Neue unveränderte Auflage. Cogitans dubito. Frankfurt am Main, 1819. bei den Gebrüdern Sauerländer. Der Abbé hatte waßrend des Som⸗ mers 1795 eine ziemlich lange Reiſe ge⸗ macht. Theobalds und ſeiner Mutter Bitten hatten ihn bewogen, Emilien und Conſtanzen in Zelle aufzuſuchen, und er hatte ſie, nebſt dem alten Ba⸗ ron, wieder nach dem Schloß Alten⸗ dorf gebracht, deſſen Gegend von den Emigrirten und Engländern geräumt war. Ein einziger Franzos war in Al⸗ tendorf geblieben. Conſtanze hatte ihn A 2 in ihr Haus einziehen laſſen. Sie hat— ten ſich ehemals geſehen; ſie waren zwar nie weder beſondre Freunde noch in ein— ander verliebt geweſen, allein ſie hat— ten doch jedes auf des andern Schickſal viel Einfluß gehabt. Enillie iſt ſeine nahe Verwandtin, und man hatte vor der Revolution darauf gedacht, ſie zu⸗ ſammen zu verbinden. Ein Mann von edelm, ſchönem Anſehen, von umfaſſen⸗ dem und aufgeklärtem Geiſte, ſtört er doch Theobalds ehelichen Frieden nicht: dieſer liebt ihn vielmehr wie einen Bru⸗ der, und ehrt in ihm ein nachahmens⸗ würdiges Muſter. Eben ſo wenig, wie an dem Glücke dieſes Paares, wird der Vicomte wohl an der Lage ihrer Freun⸗ din ändern. Er iſt gewöhnlicher Weiſe ſehr traurig, und glaubt ſich daher nicht im Stande, eine Frau zu beglücken. Conſtanze ihrerſeits hat zu viel Achtung für ſeine Geburt und für ſeine Tugen⸗ den, um ihm ein zweideutiges Vermö⸗ gen mitbringen, und ſeinen Namen ne⸗ ben gewiſſermaßen berüchtigte Namen ſtellen zu wollen. Ein erſter Gemahl, der ein Schlachtopfer ſeiner eignen Wuth geworden war, und ſie vor ihrem ſieb⸗ zehnten Jahre als Wittwe zurückgelaſ⸗ ſen hatte; ein zweiter, der ſich zur näm⸗ lichen Zeit umgebracht, als Tyrannen, die nach Blut und Gold dürſteten, ih— ren Vater auf dem Schaffot ſterben ließen:— das alles konnte in's Anden— ken des Publikums zurückgerufen wer⸗ den, und auf den Gemahl, den ſie ſich gäbe, ich weiß nicht welchen trüben, düſtern Schimmer werfen. Beſſer, den Vicomte bloß ſeinem Unglück überlaſ⸗ ſen; beſſer, er arbeite, wie er ſich vor⸗ genommen hat, zugleich zu ſeiner Zer⸗ ſtreuung und ſeinem Unterhalt. Durch ſeine Geſchicklichkeit in der Baukunſt, durch ſeine ſchönen mechaniſchen Kennt⸗ niſſe, iſt er dem Lande, das er be⸗ wohnt, bereits von großem Nutzen ge⸗ weſen. Schon auf den Gütern ſeines Vaters in Lothringen trocknete er vor Zeiten Moräſte aus, ließ Mühlen bauen, Kanäle graben, errichtete Brücken, Schleu⸗ ſen, Chauſſéen; in Weſtphalen wird er mit Hülfe des geſchickten Nordhollän⸗ ders ähnliche Dienſte leiſten. Warum hat man doch nur immer gegen die Emigrirten überhaupt mitleidig oder hart ſeyn wollen, als ob es Menſchen beſondrer Art wären, die alle eine gleiche Empfindung verdienten! War⸗ um hat man ſie nicht lieber beurtheilt und gewürdigt, wie man Landsleute würdigt und beurtheilt; den einen ge⸗ mieden, um den andern lieb zu gewin⸗ nen; den man ſchätzte, zum Freund, zum Schwiegerſohn, zum Schwager er⸗ wählt; den nichts auf der Welt em⸗ pfahl, gehen laſſen, und ſich nicht mit ihm abgegeben? Dann hätte man ihre Sache nicht zur ſeinigen gemacht; man hätte nicht Gut und Blut für ſie dar⸗ an geſetzt: allein man würde ſich mit den Tugenden und Talenten bereichert haben, die ihr Vaterland an einigen unter ihnen verlor. So hat man es in einem Winkel Weſtphalens gehalten. Theobald beſitzt die liebenswürdigſte Gat⸗ tin: Altendorf hat ſich einen Mann von ausgezeichnetem Verdienſt zugeeignet. Den Abbé de la Tour riefen ſeine Geſchäfte vom Schloſſe ab, ohne daß er aber Deutſchland verließ; er war zu Anfang des Winters wieder zur Baro— nin von Bergen gekommen, und hatte die nämlichen Leute da gefunden, die voriges Jahr ihren gefellſchaftlichen Zir⸗ kel ausmachten. Wie bei ſeiner Abreiſe, dachte keiner mit dem andern überein; aber, wie damals, wurden durch dieſe Verſchiedenheit der Meinungen nur Schätze mancher Art in Gemeinſchaft gebracht. Der Philoſoph war tiefſin⸗ niger als die andern, der Theolog hat⸗ te mehr ausgebreitete Gelehrſamkeit, und was die andern von ihnen lernten, wurde auf andre Denkungsarten, als die ihrigen, angewandt. Die nämlichen Thatſachen, die nämlichen Beobachtun⸗ gen ließ man zu Belegen für entgegen⸗ geſetzte Syſteme dienen. Die Baronin beſaß die Kunſt, die Leute, die ſie mit einander in's Geſpräch Hrachke⸗ bei der Klinge zu erhalten, und Streitigkeiten unter ihnen zu nähren, ohne daß Haß daraus erwuchs. Insgeheim neigte ſie ſich zu dem Schüler Fenelons; doch war dieſe Neigung nicht ausſchließlich, und ſie empfing den Abbé mit den größten Freundſchaftsbezeugungen. Man ſprach eines Tages in ſeiner Gegenwart von Religion und Toleranz.»Sollte man je⸗ dermann erlauben, alle ſeine Ideen in Beziehung auf Gott und Natur, auf Offenbarung und Vernunft, kund zu thun?« Dieſe Frage war es, die man mit Mäßigung und Redlichkeit abhan⸗ delte. Ich entſcheide nicht für andre, ſagte der Abbé; dem Himmel ſei Dank, ich befinde mich an der Spitze keiner Regierung, die über Freiheit oder Nicht⸗ Freiheit der Preſſe zu verfügen hätte; ſo viel mich aber betrift, iſt die Frage entſchieden. Triebe ich es bei Gegen⸗ ſtänden, von denen es mir ſchwer wird vollkommen überzeugt zu ſeyn, jemals über einen demüthigen Pyrrhonismus; hätte ich eine Meinung: ich würde ſchwei⸗ gen. Ja, in Betracht deſſen, was ich vor kurzem ſah, würde ich gewiſſenhaft ſchweigen; und wäre mein Stillſchwei⸗ gen eine Art von Verkündung meiner Meinung, ſo würde ich für die Religion ſprechen, welche in dem Lande, das ich bewohnte, bekannt würde, und ich wür⸗ de mich keiner ihrer äußeren Übungen entziehen. Was haben Sie denn geſehen? rief die Baronin; erzählen Sie doch!— Das würde zu lange dauern, ſagte der Abbs; aber aufſetzen will ich eine Ge⸗ ſchichte wohl, die ich zum Theile kannte, und deren Reſt mir lezthin von einer ſehr unglücklichen Perſon erzaͤhli worden iſt. Geſchwind ſetzen Sie auf, ſagte die Baronin; Ihre drei Weiber haben mich intereſſirt; ich rechne darauf, dieſe neue Geſchichte wird mich nicht minder intereſſiren. *4 Honorine von Uſerche. 4 *½ 1 Feau von Üſerche, eine reiche Erbin, war noch ſehr jung, als ſie ſich mit einem nicht minder reichen Mann von einem alten fran⸗ zöſiſchen Geſchlecht, einem Manne voll Geiſt und Welt, der aber um mehrere Jahre äl⸗ ter war als ſie, vermählte. Als ſie aus der Kirche kamen, wo ſie den ehelichen Segen erhalten hatten, ſtieg der Gemahl in eine Poſtchaiſe, um ſich nach ſei⸗ nem Regiment zu begeben, und die Gemah⸗ lin wurde zu ihrer Mutter zurückgebracht. Ihrer großen Jugend wegen, war beſchloſ⸗ ſen worden, daß ſie erſt nach Verlauf eines Jahres bei ihrem Manne leben ſollte; die⸗ ſer nannte galanter Weiſe jenes Geſetz eine 16 Verweiſung, und äußerte, er würde die Zeit, die er nicht in ſeiner Garniſon zubringen müßte, in England verleben. Dieſe Standesveränderung ſetzte die jun— ge Frau in den Vortheil, nicht allein Roth aufzulegen, und ſich nach ihrem Wohlgefal⸗ len zu kleiden, indem ſie ſich mit allen den koſtbaren Spielereien ſchmückte, die man ihr reichlich hatte zufließen laſſen, ſondern auch, ſo viel ſie wollte, mit ihrer Mutter, oder einer Verwandtin, die auch die meinige war, in das Schauſpiel zu gehen, und da neben der Theatermoral eine ganze Menge kleiner loſer Witzeleien über ihr zweideutiges Ver⸗ hältniß, als Mädchen, Frau, und Wittwe zu gleicher Zeit, anzuhören. Der Marquis de la Touche, ein Ver⸗ wandter der Dame, in deren Geſellſchaft ſie meiſtens ausging, machte ſich, indem er kaum mit ihr ſprach, zu Nutze, was ihr andre — ——— ₰ ———— 17 andre vorſchwazten. Sie war von Natur eitel und plauderhaft, und er war der be⸗ redteſte Zuhörer, der mir je vorgekommen iſt. Eine Anſtellung bei Hofe, mit andern Vortheilen verbunden, gab ihm ein ziem⸗ liches Anſehen, ſo daß Frau von Üſerche, äußerſt geſchmeichelt, daß ein Mann, dem alle Welt Achtung bezeugte, ihrem unbedeu⸗ tendſten Geſchwäz ſeine Aufmerkſamkeit ſchenk⸗ te, ſich bald für eben ſo geiſtreich hielt, als ſie wirklich hübſch war. Bis dahin hatte es nicht geſchienen, als ob man ſie für be⸗ ſonders geſcheut anſähe, und ſie fand den Mann, der dieſe Entdeckung zuerſt gemacht hatte, ihrer Bewunderung unde ihrer Erkennt⸗ lichkeit gleich würdig. Niemand, ſagte ſie mir einſt bei ihrer Mutter, in deren Haus Herr de la Touche Eingang gefunden hatte, niemand weiß die Leute und die Dinge ſo richtig zu beurtheilen, wie der Mann, den B 18 Sie da ſehn; in ſeiner Gegenwart ſpreche ich auch mit dem völligſten Zutrauen, und ich würde ihn bei jeder Gelegenheit für mein Orakel nehmen.— An eben demſelben Abend, wie ich ſeitdem erfahren habe, fand Frau von liſerche, als ſie ſich ſchlafen legen woll⸗ te, den Marquis in ihrer Kammer. Sie er⸗ ſchrack, ſie warf eine Menge ein, wie eine ſehr mittelmäßige Perſon von ſechszehn Jah⸗ ren wohl einwerfen mag; er hörte ſie an, bis ſie nichts mehr zu ſagen hatte. Drei⸗ viertel Jahr darauf gebahr ſie ein Kind. Meine Verwandtin, eine ſehr regelmäßige Frau nach jedermanns Ausſage, beſchwor mich, dieſes Kind nebſt ſeiner Amme in mei⸗ ner Provinz in Penſion zu bringen, und machte mir eine Menge Dörfer nahmhaft, von denen es mich wunderte, daß ſie je davon ſprechen gehört hätte, die aber alle in der Nähe eines Schloſſes lagen, das Herrn de 19 la Touche angehörte. Das brachte mich in Anſehung des Vaters auf eine Vermuthung, und ich wußte es ihm Dank, daß er ſich um eine Frucht ſeiner heimlichen Liebſchaften nicht ganz unbekümmert ließe. Die Mutter hin⸗ gegen rieth ich nicht. Sie war mir zu un⸗ intereſſant, als daß ich ſie beobachtet hätte, und eher würde ich das Kind der Perſon, die mir es anvertraute, zugeſchrieben haben. Es war ein Knabe, ſchön wie ein Lie⸗ besgott, und das ſchon in einem Alter, wo die meiſten Kinder noch nichts ansgezeichne⸗ tes haben. Er hatte in der Taufe den Na⸗ men Florentin erhalten; am andern Ende des Reichs wurde von Leuten, die ſich nicht zu erkennen gaben, ein Gut für ihn gekauft, von welchem ihm ſogleich der Name beige⸗ legt ward, und bei den Bauersleuten, zu denen er in die Koſt kam, hieß er bald der Vicomte de la Haie, bald Florentin, bald B 2 20 der ſchöne Florentin; öfters ſogar bezeichnete 9 9 zeich man ihn bloß mit dem Namen der Schö⸗ ne, deſſen jeder Tag ihn würdiger machte. Kaum hatte man ihn weggeſchaft, als Herr von Üſſerche zu ſeiner Frau wiederkehr⸗ te. Sie war weniger als bei ihrer Vermäh⸗ lung im Stande, eine Schwangerſchaft und eine Niederkunft zu ertragen. Man ſagte es ihm, und der Augenſchein lehrte es oh⸗ nedem nur zu gut. Er reiſte wieder nach ſeiner Garniſon, wohin ſie ihm einige Mo⸗ nate darauf mit meiner Verwandtin folgte, und bei ihrer Rükkehr nach Paris kam ſie mit einer Tochter nieder, mit welcher man ſich befliß, ſehr ſäuberlich umzugehen, wie mit einem vorzeitig gebohrnen Kinde, ob ſie ſich gleich vollkommen wohl zu befinden ſchien. Der Kunſtgriff mochte indeſſen bei Herrn von Üſerche nicht anſchlagen; kurz, nach ihren Wochen, ſagte er zu ſeiner Frau: ——— —— Sie ſind jetzt gerade, wie Sie vor einem Jahre waren. Bei dieſen Worten ſah er ihr ſtarr in die Augen, indem er den Vor⸗ hang eines Fenſters, an welchem ſie ſaß, zurückzog. len, verließ ſie, und hat, glaube ich, ſeit⸗ dem nie wieder verſucht, ihr einen neuen Rückfall zu verurſachen: aber das Kind ge⸗ wann er eben ſo lieb, als ihm die Mutter zuwider ward. Sei ruhig, ſagte er oftmals und ſehr laut zu dem Kinde; ſei ruhig, ich werde nicht zugeben, daß man mir andre Erben neben dir gebe.— Wirklich kaufte er ein ſehr ſchönes Gut in der Nähe des Dorfes, wo Florentin erzogen wurde, und führte da die einſamſte Lebensart, ohne zwar ſeiner Frau die kindiſchen Übungen einer über⸗ triebenen Frömmigkeit zu misgönnen; aber 4 er geſtand ihr keinen geiſtlichen Führer zu, und eben ſo wenig andächtige Seelen als 21 Er ließ den Vorhang wieder fal⸗ 22 Weltkinder zu Freunden. Ich beſuchte ſie mehrmals, indem ich mich verſchiedentlich bei Herrn de la Touche aufhielt; dieſer aber be⸗ trat ihr Haus nie, denn ſchon vor der Ge⸗ burt ihrer Tochter hatte er ſich mit Frau von liſerche entzweit. Überdem lud Herr von Üſerche niemanden zu ſich ein; der Land⸗ bau und die Erziehung Honorinens beſchäf⸗ tigten ihn ausſchließlich bis zu ſeinem Tode, der für ihr Glück zu früh erfolgte. Ihr unſeliges Loos war jedoch ſchon ge⸗ fallen; ſchon hatte ſie Florentin geſehen; ſie hatten Veilchen und Primeln zuſammen ge⸗ flückt, ſie hatten zuſammen das Lämmchen geſtreichelt, das nach der Mutter blökte, ſie hatten einen Reifen um die Wette vor ſich her getrieben, einen fliegenden Drachen hoch in die Luft geſchwungen; und ſchon, wo⸗ ferne man den ſüßen und grauſamen Erin⸗ nerungen des Fräuleins von Üiſerche Glau⸗ 4 23 ben beimeſſen darf, ſchon verloren alle ihre kleinen Spiele den gewohnten Reiz, wenn ſie nicht gemeinſchaftlich daran gehen konn⸗ ten. Tauſendmal hat ſie mir betheuert, daß ein unwiderſtehlicher Zauber ſie zu einander zog. Nie gab es Zwiſtigkeiten unter ihnen, nie auch nur eine verſchiedne Luſt oder Mei⸗ nung; denn einen Augenblick beſtritten, ver⸗ wechſelte ſich der Gedanke des einen ſogleich mit dem Gedanken des andern, und biswei⸗ len traf es ſich, daß ſie beide zu gleicher Zeit ihren Sinn geändert hatten. Herr von Üſſerche fragte einmal Honori⸗ nen, was das für ein Kind wäre, das alle Dage auf die Wieſe käme, um ſie da zu er⸗ warten. Es beliebte ihr, mit einem gering⸗ ſchätzigen Ton zu antworten: es iſt ein Kna⸗ be, der weder Vater noch Mutter kennt, und den man den Schönen nennt.— Ver⸗ dient er den Zunamen? fragte Hr. von lſerche; 24 und meinſt du, es ſei der Mühe werth, mich ihn ſehen zu laſſen?— Mein Gott, nein! ſagte Honorine; und wie Jungfer Thereſe⸗ ihre Aufſeherin, den Mund öfnete, um ihr zu widerſprechen, trat ihr Honorine unſanft auf den Fuß, und ſprach von etwas anderm. Wie ſie mit Jungfer Thereſen allein waren, ſagte ſie: Es iſt mir vorgekommen, als ob man uns nicht ungeſtört genießen ließe, was ein jeder bewundert; und was wir behalren wollen, thun wir wohl zu verbergen. Habe ich eine ſchöne Roſe, ſo hüte ich mich, ſie vorzuſtecken, damit man mir ſie nicht abfor⸗ dere; und von einer Frucht, die ich eſſe, ſa⸗ ge ich immer, daß ſie nicht reif iſt, damit man mir nichr zumuthe, ſie zu theilen. Sie hat einen Liebſten, Jungfer Thereſe; ſage Sie ja, daß er dumm iſt, daß er Ihr Lan⸗ geweile macht, daß er Ihr die Arme aus⸗ renkt, wenn er mit Ihr tanzt: auf die Weiſe —,— — 25 wird Sie vielleicht noch lange ſich des Abends in das Gartenhäuschen zu ihm ſchleichen, und ihn des Nachts zum Fenſter hier her⸗ einlaſſen können.— Jungfer Thereſe er⸗ ſtaunte: Mein Gott, Fräulein! wo haben Sie im ſiebenten Jahre das alles ſchon her?— Von Ihr, Jungfer Thereſe, und von einer Menge Anderer, die mich gerade wie Sie, ohne es zu wiſſen, unterrichten. Aber fürchte Sie nichts; ich werde Augen und Mund zuhaben, ſowohl wegen des al⸗ ten Gärtners, der Ihr Blumen giebt, als wegen des jungen, dem Sie giebt, was er von Ihr verlangt; wenn Sie nur nicht thut, als ob Sie dies oder jenes Buch ſähe, das ich etwa hier und da verſtecken möchte, und wenn Sie von Herrn de la Haie nie weder Gutes noch Böſes ſpricht. Sonſt.... und hier verließ ſie Jungfer Thereſen. Honorine hatte ſchon damals, wenn es ihr gutdünkte, „* 26 den hochmüthigſten Blick, die gebieteriſchſten Gebehrden; ſelbſt ihr Gang drückte Stolz und Herrſchaft aus. Jungfer Thereſe, die ihr mit den Augen folgte, zitterte, blieb un⸗ beweglich ſtehen, und gelobte im Herzen die tiefſte Unterwürfigkeit gegen diejenige, über welche ihr die Aufſicht übertragen war. Welche elende Wahl, wird man ſagen, hat⸗ te Herr von Uſerche da getroffen? Er mußte ſehr blind ſeyn.— Honorine meint jetzt, das ſei vielleicht der Fall nicht geweſen. Sie erinnert ſich, von ihm gehört zu haben, er wünſchte nicht, daß ſie in einer gänzlichen Unwiſſenheit alles Laſters bliebe. Man ſtellt den Weibern ſo viele Fallen, ſagte er, daß es gut iſt, wenn ſie mit denſelben bekannt werden; und führen ſie ſich ſchlecht auf, ſo ſei es dann, weil ſie es nicht anders haben wollen. Kommt mir nicht mit euern Gän⸗ ſen, fuhr er fort; wenn ſie fallen, ſtehen ſie —NN— 27 nie wieder auf. Ja, kommt mir nicht ein⸗ mal, in dieſem ſchlammigen Jahrhundert, mit der Unſchuld des goldnen Zeitalters!— Jungfer Thereſe war geſchickt und reinlich, ſie ſprach gut, und ihr Benehmen war an⸗ ſtändig; das war alles, was Herr von liſerche verlangte, und übrigens unterrichtete er ſelbſt Honorinen in den Wiſſenſchaften, denen ſie gewachſen war, und ließ für Tanzen, Mu⸗ ſik, Zeichnen, Lehrer von Paris kommen: vom Eintritt des Herbſtes an bis zum Som⸗ mer, blieb jeder derſelben ein Vierteljahr: ſo biel wie er wollte, daß ſie von dieſen Din⸗ gen verſtünde, war in der Zeit zu erlernen, und ſie ſelbſt trieb ſie nicht mit beſonderm Eifer, weil ſie nicht gern mehr davon wiſ⸗ ſen wollte, als ihr Geliebter. Wie viel Kunſtgliffe ſetzte ſie nicht in Bewegung! Wie ſchmeichleriſch verſtand ſie nicht mit den Lehrmeiſtern umzugehen, und wie viel kleine 28- Geſchenke brachte ſie nicht bei ihnen an! Sie erhielt was ſie wollte, und Florentin bekam von ihnen den nämlichen Unterricht wie Honorine. Als ich ihn beſuchte, konnte man weder ſeine Zeichnungen noch ſein Kla— vier vor mir verbergen; und das letztemal, da ich vor dem Tode des Herrn von Üiſerche, in deſſen Hauſe war, begegnete mir Hono⸗ rine mit einer liebkoſenden Freundlichkeit, ei⸗ ner Zuvorkommung, die mich mit vieler Be⸗ redſamkeit einlud, das Geheimniß, hinter welches ich hatte kommen müſſen, bei mir zu verwahren. Florentin wußte nicht allein durch Honorinen, was Herr von liſerche ſie gelehrt hatte, und durch ihre Lehrmeiſter, was zum Fache derſelben gehörte, ſondern er ſprach und ſchrieb auch mit Leichtigkeit und Anmuth. Ein ordentlicher Brisfwechſel war zwiſchen dieſen zwei wunderbaren Kin⸗ dern im Gang; Jungfer Thereſe, der alte 29 und der junge Gärtner ſahen ſich, gleich Skla⸗ ven, genöthigt, die Briefe zu beſtellen, und ſonſt noch alles, was Honorine verlangte, für Florentin zu thun. Sie war gegen zwölf Jahre alt, als Herr von liſerche ſtarb; der Verluſt war un⸗ ermeßlich für ſie Ihre Mutter, der man nicht erlaubt hatte, ſich in ihre Erziehung zu miſchen, wollte ſich jetzt dafür ſchadlos halten, und ſuchte ganz lächerliche Veranlaſ⸗ ſungen, ihre Herrſchaft an den Tag zu le⸗ gen. Sie wollte ihr Jungfer Thereſen neh⸗ men; dieſe aber, von ihrem jungen Fräu⸗ lein angewieſen, ſchmeichelte ihren Neigun⸗ gen dergeſtalt, daß ſie beibehalten wurde, und ſogar in größerm Anſehen, als bis⸗ her zu ſtehen anfing. Der nützliche Unter⸗ richt war vorbei, mit doppeltem Eifer horch⸗ te man auf die Lehren des Intereſſe, der Leidenſchaft, und die Liſt kannte keine Grän⸗ 39 zen mehr, als man zu ihr ſeine beſtängige Zuflucht nehmen mußte, um ſeine liebſten Wünſche zu befriedigen. Man kann ſich denken, daß Frau von Uſerche nicht lange mehr an einem Ort verweilte, wo ſie in der Verbannung, in der Demüthigung gelebt hatte. Sie ging wie⸗ der nach Paris, ſchöner als ſie bei ihrer Ab⸗ reiſe geweſen war, und um kein Haar ver⸗ nünftiger. Einem lange zurückgedrängten Strome gleich, ermüdete ihr Geſchwätz wech⸗ ſelsweiſe Freunde und Verwandte, Fromme und Weltkinder; und nur mit Hülfe eines beſonders guten Kochs gelang es ihr, einige Gelehrte, die eben nicht viel herumkamen, einige ſehr junge Abbés, und einige ſchon bejahrte Prälaten bei ſich zu verſammeln. An einem Donnerſtag früh erſtaunte ich, durch die kleine Poſt ein Billet zu erhalten.“ das Honorine unterzeichnet war. Drin⸗ 31 gend wurde ich gebeten, noch den nämlichen Tag zu kommen, und eine alte Bekannt⸗ ſchaft zu erneuern, die man, um es mir nä⸗ her zu legen, Verbindung nannte. Frau von Uſerche, wurde mir verſichert, könnte nicht anders, als ſich ſehr geſchmeichelt füh⸗ len, daß ich erfahren hätte, es ſpeiſten Geiſt⸗ liche von großem Anſehen alle Donnerſtage bei ihr, und daß es mir eingefallen wäre, zu einem ſolchen Dinsé zu kommen.» Sollte „»es ſich auch treffen, Herr Abbé,« ſagte mir Honorine,»daß Sie Langeweile hätten, ſo „würden Sie doch den Troſt haben, daß ich „Ihnen beſondern Dank ſchuldig wäre. Wol⸗ „len Sie wohl glauben, daß ein kleines „Mädchen, wie ich, von etwas Wichtigem „ mit Ihnen zu ſprechen habe? Und doch iſt „»es ſo; wenn Sie vor zwei Uhr hier zu ſeyn »die Güte hätten, würde meine Mutter 32 „noch bei ihrer Toilette ſeyn, und ich hätte „Zeit, Sie zu ſprechen.⸗ Ich eilte, mich an einem andern Orte loszumachen, und um halb zwei Uhr war ich bei Frau von liſerche. Ihre Tochter kam, mich zu empfangen. Sie ſehen meine Trauer, ſagte ſie, und Sie wiſſen, welchen unerſetzlichen Verluſt ich erlitten habe. Zu meinem Kummer gehört auch noch, daß ich ein Kind meines Alters verlaſſen mußte, das außer Ihnen und mir, keine Freunde auf Erden hat. Sein Unglück feſſelt mich noch mehr an ihn, als ſeine unendliche Liebens⸗ würdigkeit; man verbirgt ihm ſeinen Vater: vielleicht hat er, wie ich, keinen Vater mehr. Herr de la Touche, dem es ſo leicht geweſen wäre, ſich ſeiner anzunehmen, der ſo oft bei dem Hauſe, das er bewohnt, bei dem Gärt⸗ chen, wo er ganz allein ſpielte, vorüberge⸗ gangen iſt, hat nie geſucht, ihn in der Nähe zu 1 1 6 33 zu ſehen, erkundigt ſich nie nach ihm; und einen Augenblick nur, als Florentin durch die Blattern in Gefahr kam, hat er ſich um ſein Schickſal etwas zu bekümmern geſchie⸗ nen. Sie, mein Herr, ſind es, der ihn da, wo er iſt, untergebracht hat; Sie zahlen ſeine Koſt und ſeine Kleidung: ich kann in⸗ deſſen nicht glauben, daß er Ihnen gehören ſollte. Gewiß würden Sie ein ſo liebens⸗ würdiges Kind zu ſich nehmen, ohngeachtet aller Vorſicht, die Ihr Stand, wie man ſagt, in der Welt nöthig macht, um ſo ge— ehrt zu ſeyn, wie er es ſeyn muß.—— Honorine blickte mich unverwandt an: ſie ſchien es darauf anzulegen, mich zu erwei⸗ chen. Wirklich vernahm ich ihre Worte ſehr gut; aber ihre Miene und der Ton ihrer Stimme beſchäftigten mich noch mehr. Mir fiel ich weiß nicht welche Übereinſtimmung zwiſchen ihr und Florentin auf, und zum C 34 erſtenmal kam es mir vor, als ob Florentin der Frau von Üſerche gliche. Er war brü⸗ nett wie ſie, dahingegen Honorine, von welcher man oft geſagt hatte, daß ſie weder Vater noch Mutter gliche, eine Blondine war; ich fand indeſſen, wie geſagt, etwas vom ſchönen Florentin in ihrem Blick, in ihrer Haltung des Kopfes, beſonders aber im Ton der Stimme und in der Sprache. Kein Wunder, dachte ich; ſie haben ſich ja ſo viel geſehen und gehört!— Wenn es Ihnen, fuhr ſie fort, ſchlechterdings unmög⸗ lich iſt, ihn zu ſich zu nehmen, und ſeiner Erziehung obzuliegen...— Sie hielt inne. Ich antwortete: Nicht allein ſind Sie im Irrthum, indem Sie mich für ſeinen Vater halten; ich betheure Ihnen ſogar, daß ich ſeine Eltern nicht kenne, und meine bisheri⸗ gen Vermuthungen in dieſem Stück ſcheinen mir in dieſem Augenblick ganz falſch, oder 35 wenigſtens äußerſt unwahrſcheinlich.— Aber, ſagte ſie, wenigſtens kennen Sie doch die Leute, die ſeinen Unterhalt beſtreiten, da Sie an ihrer Stelle handeln?— Die mir den Auftrag geben, ſind es, wie ich glaube, nicht, die den Aufwand beſtreiten; doch, wie dem auch ſei, was wünſchten Sie von ih⸗ nen?— Daß ſie Herrn de la Haie in Pa⸗ ris oder in der Provinz in Koſt thäten, in⸗ dem ſie ihn des Sommers, um ſeiner Ge⸗ ſundheit willen, wieder an den Ort ſeines jetzigen Aufenthalts ſchickten.— Im Fall Sie da wären, ſagte ich lächelnd.— Sie lächelte auch, antwortete nicht, es trat je⸗ mand herein, und nunmehr warf ſie ſich, gegen mich ſowohl, als gegen die übrige Geſellſchaft, in die Falten der äußerſten Zu⸗ rückhaltung. Den andern Tag ging ich zu der Frau, die mir den kleinen Viromte anvertraut, C 2 36 und ſeither alle Koſten für ſeinen Unterhalt ausgelegt hatte. Ich ſagte ihr, da der jun⸗ ge Menſch ſehr liebenswürdig wäre, und beſtimmt ſchiene, einiges Vermögen und An⸗ ſehen zu genießen, ſo dünkte es mir rath⸗ ſam, ihn wenigſtens fünf bis ſechs Monate des Jahres hindurch aus ſeinem Dorfe zu entfernen, und ihm allen Unterricht geben zu laſſen, deſſen ſein Alter und ſeine Ver⸗ ſtandskräfte ihn empfänglich machten. Frau von** erwiederte, ſie würde das in Über⸗ legung nehmen; und kurz darauf bat ſie mich, ihn, ſo gut ich nur immer könnte, in der Hauptſtadt meiner Provinz unterzubrin⸗ gen. Es war eine Univerſität da, und bei derſelben war einer meiner Freunde ange⸗ ſtellt, welcher dieſe Sache ſchnell in Ord⸗ nung brachte. Der kleine Vicomte, dem ich geſchrieben hatte, folgte dem Mann, durch den ihn mein Freund abholen ließ. We⸗ 8 ——ÿõÿÿÿ, — 37 nige Tage darauf erhielt ich den folgenden Brief: 1»„Ich habe gehorcht, mein Herr, und bin „am Orte meiner Beſtimmung. Ich ver⸗ „»ſpreche, Ihre Güte durch meinen Fleiß »und meine Folgſamkeit zu erkennen. Aber „»bergen will ich Ihnen nicht, daß mir das „»Dorf wehe thut, wo mich rechtſchaffne „Leute, ſeitdem ich mich ſelbſt kenne, mit „zärtlicher So gfalt gepflegt haben. Nir⸗ „gends ſehe ich meinen eigentlichen Aufent⸗ „halt, kein Vaterland macht Anſprüche auf „mich, kein Verwandter hat mir je gelächelt: »iſt es zu verwundern, wenn ich an dem „Orte hänge, der mich aufgenommen hat, „an den Leuten, die ſich meiner Kindheit 4*»annahmen? Die junge Perſon, der ich die⸗ „ſen letzten Beweis Ihrer Freundſchaft ver⸗ „danke, mag meine Sehnſucht vorausge⸗ „ſehen haben, und ſie weiß, daß ich auf 38 „das, was man meine Erziehung nennt, „weit weniger Werth lege, als ſie: ſie hat „mir in Ihrem Namen verſprochen, daß ich vim nächſten April wieder nach dem Dorfe »würde gehen dürfen. Ich brauche das, um »hier nicht vor Traurigkeit krank zu wer⸗ »den. Vergeſſen Sie es ja nicht, Herr Abbé. »Es mag ſehr ſein Gutes haben, lateiniſch »zu lernen, und ich lege mich mit allen mei⸗ vnen Kräften darauf, um es geſchwinder los „zu werden. Wenn man immer auf dem „Lande lebte, findet man eine Stadt gar zu »kraurig; der Zwang iſt langweilig zum » Sterben, und die wichtige Kunſtſprache des „»Fechtmeiſters, des Reitmeiſters, des Klei⸗ »dermeiſters und des Friſurmeiſters bringt »mich faſt um. Ich möchte weinen, wenn »ich mich nicht ſchämte. Aber unaufhörlich »ſagt man mir, ich ſei ein großer Menſch, »und ein großer Menſch muß ſich ſchämen 39 „zu weinen. Ach wäre ich doch noch ein „kleiner Bube, und ſpielte Kinderſpiele mit „Fräulein von liſerche! Sie hat mir erlaubt, „ſie zu nennen, wenn ich die Ehre hätte „Ihnen zu ſchreiben, und ſie hat mir ſogar „befohlen, Ihnen in ihrem Namen zu dan⸗ „ken. ⸗ Da bin ich denn der Vertraute dieſer bei⸗ den Kinder. Ich empfand darüber einige Scham und etwas Unruhe, was aus dieſer Verbindung zwiſchen einem Mädchen, einer der beſten Partien Frankreichs, und einem Kinde, das weder Namen noch Eltern hätte, mit der Zeit werden möchte. Ich hielt ihn nicht mehr für den Sohn des Herrn de la Touche, der ſich nicht um ihn zu beküm⸗ mern ſchien; und da er mit den zunehmen⸗ den Jahren auch nicht den entfernteſten Zug von Ähnlichkeit mit der Frau, die ich für 40 ſeine Mutter hielt, bekam, ſo wußte ich in der Sache gar nichts mehr zu reimen. Der Winter verſtrich, ohne daß ich Frau von Uſerche noch ihre Tochter wieder ſah. Gegen Ende Aprils erhielt ich von letzterer einen Brief, ziemlich deſſelben Inhalts, wie der erſte; nur waren, außer den Artigkeiten, auch noch einige Vorwürfe darin.»Wie „»können Sie,« ſagte mir Honorine,»eine „»Perſon, die alle ihre Hofnung auf Sie ge⸗ »baut hatte, dergeſtalt vernachläßigen?⸗— Ich traf den andern Tag bei der kleinen Verſammlung der Geiſtlichkeit ein, die im Hauſe der Frau von Üſſerche zu Mittag ſpeiſte. Honorine fand Mittel, neben mir zu ſitzen, und während daß ihre Mutter und andre mit der größten Lebhaftigkeit ſich über irgend eine Armſeligkeit unterhielten, ſagte ſie mir:»Sie hatten verſprochen, Herrn de la Haie gleich mit Frühlings Anfang wie⸗ 41 der nach ſeinem Dorfe zu ſchicken.-— Ich, Fräulein? Nichts weniger; ich habe nichts verſprochen, und die Sache hängt nicht von mir ab.— So hätte ich Sie denn falſch verſtanden, und auch Sie haben mich nicht recht verſtanden. Meine Bitte an Sie war bedingt. Nie würde ich verlangt haben, daß man das arme Kind von dem einzigen Orte, von den einzigen Menſchen, an denen ſein Herz hängt, entfernte, wenn ich nicht zu⸗ gleich hätte erwarten dürfen, daß es nicht auf immer wäre.— Wir wollen daran den⸗ ken, Fräulein; es ſcheint mir aber für Sie ſelbſt Nachtheile zu haben, wenn er nach ſeinem ehemaligen Aufenthalt zurückkehrt.— Eine Unterbrechung im allgemeinen Geſprãch gab dem Fräulein von Üſerche einen Bor⸗ wand zu ſchweigen, und Zeit, auf ihrem Geſicht einen andern Ausdruck zu erkünſteln. Mit dem einfachſten, kindlichſten Weſen ſag⸗ 42 te ſie mir: was hat das Schickſal eines ſo verlaſſenen, ſo verwahrloſten Kindes mit mir gemein? Nun ich ein großes Mädchen wer⸗ de, wird mich meine Mutter kaum aus den Augen laſſen. Jungfer Thereſens Aufſicht ſcheint ihr nicht mehr hinreichend, und im Falle ich dieſen Sommer auf das Land gin⸗ ge, ſo würde ich dort nicht freier ſeyn, als es Florentin in der Stadt war.— War, Fräulein? Wo iſt er denn jetzt?— Da ich Sie nicht ſah, was konnte ich anſangen? Ich habe es auf mich genommen, an Flo⸗ rentin zu ſchreiben, daß Sie ſicherlich nicht gemeint wären, ein ausdrückliches Verſprechen zurückzunehmen, und daß er Ihren Freund in Ihrem Namen bitten könnte, ihn wieder nach ſeinem Dorfe zu laſſen.— Da ihr mein Geſicht nicht die angenehmſte Antwort ver⸗ kündigte, ſtellte ſie ſich, als würde ſie ge⸗ wahr, daß man auf uns Acht gäbe, und 43³ fing an mit ihren andern Nachbarn zu re⸗ den.— Er war krank, ſagte ſie mir, als man vom Tiſche aufſtand; habe ich einen Fehler begangen, ſo vergeben Sie mir ihn aus Menſchlichkeit!— Vierzehn Tage ſpä⸗ ter zogen Frau von Üſerche und ihre Tochter auf das Land. Honorine überredete ihre Mutter, ihr Beiſpiel erſetze ihr die Lehren der weiſeſten Gouvernante. Jungfer Thereſe blieb demnach was ſie war, und kam wieder mit ihren Gärtnern in den ganzen Zug ihrer ehemaligen Gefälligkeiten. Als der Herbſt kam, ging Frau von Üſerche mit Honorinen nach Paris zurück, und Flo⸗ rentin, durch ſeine Freundin und durch die Erfahrung muthig geworden, begab ſich, auf ſeinen eignen Kopf, wieder nach der Uni⸗ verſität. Diesmal hatte er einen Bedienten. Es war der jüngſte von Jungfer Thereſens Liebhabern, den Honorine, indem ſie zu ih⸗ 44 ren Spargeldern den Preis einiger Juwelen hinzugethan, mit einer ſchönen Liveret aus⸗ ſtaffirt, und deſſen Lohn und Unterhalt ſie vorausbezahlt hatte. Man war überzeugt, daß ich ſelbſt ihn dem jungen Menſchen ge⸗ geben hatte. Der Bediente ſagte es, und der Herr zweifelte nicht daran; ihm fiel gar nicht ein, daß Honorine allein auf den Ge⸗ danken gekommen wäre, ihm an Kaſparn, außer der Art von Anſehen, das er dadurch erhielt, und das ihm ſehr gut ſtand, einen Aufpaſſer zu geben, der ſie ſelbſt viel ruhi⸗ ger machte. Kaſpar war angewieſen, alle artigen oder ſchönen Frauenzimmer, ſie moch⸗ ten lebhaft oder ſchmachtend, zugänglich oder hochmüthig ſeyn, von ſeinem Herrn entfernt zu halten. Nur recht häßliche Prüden durfte er ihm nahe kommen laſſen, und ſelbſt da, wenn er den Anfang einer etwas innigeren Verbindung ſpürte, hatte er Befehl, dem — ł—ꝛꝝz 45 Fräulein von Üſerche ſogleich davon Nach⸗ richt zu geben. Um ihrem jungen Freund ſo wenig Muße als möglich zu laſſen, ſchrieb ihm dieſe zweimal die Woche, und legte ih— ren Briefen bald ein neues Buch, bald ei⸗ nen hübſchen Kupferſtich, bald irgend eine Koſtbarkeit bei, ſo daß er ohne Unterlaß durch ſie beſchäftigt, geſchmückt, unterhalten war, und ihr gewiſſermaßen nicht entwiſchen konnte. Ihm kam es aber auch keinesweges in den Sinn, ſich einer ſo ſüßen Herrſchaft zu entziehen, und Honorine wußte ſo gut, alles was ſie ihm ſchickte, für Kleinigkeiten ohne Werth, alles was ſie für ihn that, für die leichteſten Dienſtleiſtungen gelten zu laſ⸗ ſen, daß ſelbſt die Verbindlichkeit zum Dank kaum fühlbar, und in ſeinem Herzen von der zärtlichſten Zuneigung nicht zu trennen war. Ich habe mehrere ſeiner Briefe an ſeine junge Freundin geſehen. Nichts konnte lieber ſeyn. Er gab ihr von ſeinen Gedan⸗ ken, ſeinen Handlungen Rechenſchaft: alles, was er ſchrieb, hatte etwas reines und mil⸗ des, wie die Luft, die man an einem Som⸗ mermorgen athmet, wenn die Sonne mit ihren erſten Strahlen die noch halb ſchlum⸗ mernde Natur erleuchtet. Wirklich warteten noch alle Anlagen Florentins auf eine letzte Entwickelung. Weniger vorreif als Hono⸗ rine, ließ er ſich noch ſeine Spiele, ſeine Lehrſtunden, die Lobſprüche und die Zunei⸗ gung ſeiner Lehrer genügen, und dieſe Feier⸗ zeit kam ſeiner reizenden Geſtalt, ſeinem ſchlanken, edeln Wuchs zu gute, daß ſie zu den zierlichſten Formen reiften. An einem der letzten Tage des März traf es ſich, daß Herr de la Touche mit einigen Freunden zu Fuß durch die Stadt ging, in welcher Florentin wohnte. Er ſieht einen ſchönen jungen Mann ein ſehr raſches Pferd 47 handhaben, er ſieht ihn abſteigen, Leute, die dabei ſtanden, grüßen, indeß ein ſehr gut gekleideter Bedienter ſein Pferd weg⸗ führt.— Wer iſt der junge Menſch? fragt der Marquis einige Vorübergehende.— Je, der Vicomte de la Haie! antwortete man, mit einem Ausdruck des Erſtaunens, als hätte niemanden, ſelbſt keinem Fremden, ſein Name unbekannt ſeyn ſollen. Sogleich trat der Marquis zu ihm, und nachdem ſie einige Reden mit einander gewechſelt hatten, lud er ihn ein, eine Wohnung bei ihm an— zunehmen, wenn er die Jahrszeit ſchön ge⸗ nug finden würde, das Land der Stadt vor⸗ zuziehen. Als man ſeitdem Florentin fragte, wie ihm in dieſem Augenblicke zu Muthe gewe⸗ ſen wäre, hat er erklärt, daß er bloß eine gemiſchte Empfindung von Unbehaglichkeit und Dankbarkeit gehabt hätte. Er fürchtete, 48 ſein Aufenthalt im Schloß möchte in ſeine 4 Verbindung mit Honorinen einigen Zwang bringen. Was Herrn de la Touche betrift, o zeigte er eine Verlegenheit, die den An⸗ zeig genh weſenden um ſo mehr auffiel, als es keinen Menſchen gab, der weniger furchtſam zu ſeyn, mehr Gewalt über ſich ſelbſt zu haben ſchien. Florentin hatte nur unbeſtimmte Dankſagungen erwiedert. Er ſchrieb Hono⸗ rinen:»Sag' mir, was Du willſt daß ich „thun ſoll, und frage den Abbé de la Tour, „was er mir anräth oder beſiehlt. So viel „aber müßt Ihr beide wiſſen, daß ich lie⸗ „ber in einer Leimhütte unter einem Strohs „»dache leben, auf der Streue liegen, und „trocken Brod und Waſſer genießen möchte, „ als einen einzigen von den Augenblicken v» einbüßen, die ich gewohnt bin, mit Dir „» zuzubringen. Ich habe alles, was Du „wollteſt, gelernt; und mir ſagt das Herz, „ daß —————— 49 „ daß wir in Zukunft noch glücklicher ſeyn „können, als wir es bisher waren. Man „wende nicht gegen mich an, was ich etwa „gewonnen habe; man komme mir nicht mit „Komplimenten über meinen Anſtand, über „mein Tanzen, über was weiß ich alles, „um mir meine Glückſeligkeit zu rauben. „Ich muß Dir nur ſagen, daß ich ſehr ge⸗ „wachſen bin; in drei Tagen werde ich aber „auch ſechszehntehalb Jahr alt. Manchmal »iſt mir angſt, Du werdeſt mich nicht wie⸗ » derkennen. Herr de la Touche hat mich „nicht wiedergekannt; freilich hat er mich w in anderthalb Jahren nicht geſehen, und „nie ſah er mich viel an. Ich bitte Dich, „ſprich mit dem Abbé. Ich hätte ihm ſchrei⸗ „ben können; allein Du wirſt ihm beſſer »als ich zu ſagen wiſſen, was ich denke, „ und Du kannſt aus dem Deinigen dazu »thun, was Dir gut dünkt, damit mir nur D 50 „weiter nichts befohlen werde, als was Dir »„und mir anſtehen mag. Frage ihn auch, „ob ich Kaſparn behalten, oder wegſchicken „ſoll. e Diesmal wollte mich Honorine ausführ⸗ licher und zwangloſer ſprechen, als es bei ihrer Mutter anging. Sie beſchwur mich, den andern Morgen bei ſchönem Wetter im Luxembourg, und regnete es, im Lycäum mich einzuſtellen.„Finde ich Sie⸗— ſo ſchloß ſie ihren Brief—»weder an dem einen „noch dem andern Platze, ſo ſetze ich vor⸗ „aus, daß Sie krank ſind, und ſuche Sie »in Ihrem eignen Hauſe auf.⸗— Da ich ihr ſonach nicht entrinnen konnte, ſtellte ich mich im Luxembourg ein. Sie erwartete mich ſchon, und kam auf mich zu, ſobald ſie mich wahrnahm. Ihr Anblick ergriff mich: ſie war damals vollkommen ausgebildet, und verband mit der Friſche der erſten Jugend 2 2 51 die Anmuth und die Zuverſicht, die von dem Bewußtſeyn deſſen, was man iſt und vermag, herrühren.— Sie haben Mühe, mich wiederzukennen, ſagte ſie lächelnd: ſoll ich mir das leid thun laſſen?— Ich verſicherte ihr, ſie hätte ſeit faſt einem Jahre, da ich ſie nicht mehr geſehen, nur gewon⸗ nen. In der That ſchienen mir ihre Augen glänzender, und dieſe blauen Augen erhiel⸗ ten durch braune Wimpern und Augenbrauen einen ungemeinen Reiz. Denkt euch dazu ſchöne blonde Haare, eine blendendweiße Farbe, eine ziemlich völlige Geſtalt, einen mehr als mittelen Wuchs, einen feſten, ſtol⸗ zen Gang; und ihr habt einen Begrif von Honorinen von Üſerche, wie ſie zwiſchen ih— rem vierzehnten und funfzehnten Jahre war. Seitdem iſt ſie größer und noch ſchöner ge⸗ worden, bis das Unglück plötzlich dieſe blen⸗ dende Blume gewelkt hat. Sie hat ihren D 2 52 Glanz verloren, aber die Formen ſind ge⸗ blieben: jetzt rührt oder foltert ſie vielmehr das Herz; damals bezauberte ſie. Sie weidete ſich einen Augenblick an mei⸗ ner Bewunderung: hier, ſagte ſie alsdann, iſt ein Brief von jemanden, bei welchem ſich die nämlichen Veränderungen ereignet haben wie bei mir, und dem es angſt iſt, nicht wiedergekannt zu werden. Aber an einem einzigen ſeiner Haare, ſeiner Töne, an einer einzigen ſeiner Bewegungen würde ich ihn wiederkennen.— Sie überreichte mir den Brief, und mochte ſich nicht wenig darauf zu gute thun, daß ich die ſchönſte Hand⸗ ſchrift, die genaueſte Rechtſchreibung bemer⸗ ken würde.— Das iſt ja ſehr zärtlich! ſag⸗ te ich bei gewiſſen Stellen. Honorine ward roth, und machte eine Bewegung, um den Brief zurückzunehmen. Allein ſie faßte ſich ſogleich: Kinder, die zuſammen auferzogen ——= — 33 wurden ſagte ſie, müßten ein gar zu ſchlech⸗ tes Herz haben, wenn ſie einander nicht gut wären.— Ich las den Brief leiſe aus: wer iſt der Kaſpar? fragte ich, indem ich ihr denſelben zurück gab.— Ein Bedienter, den ich ihm verſchaft, und den ich bezahlt habe, indem ich ihn glauben ließ, daß Sie es thäten. Wären Sie im vorigen Sommer nur ein einzigesmal zu uns gekommen, ich hätte mir nicht einfallen laſſen, das mindeſte auf meinen Kopf vorzunehmen; aber Sie verlaſſen zwei arme Kinder, von denen das eine ohne Schutz, das andre ohne vernünf⸗ tige Führung iſt.— Sie hielt inne, und ich ſchwieg. Ihr Vorwurf war nicht ſo ganz ohne Grund. Ich fühlte es; aber mein Widerwillen, mich in ein ſo dunkles Verhängniß einzumiſchen, hielt mich ab, ei⸗ ne thätigere Ausſicht zu verſprechen.— Was ſoll ich antworten? ſagte endlich Fräulein —— —————— 54 von Uſerche. Ich für meinen Th daß Herr de la Haie bei dem Marquis ge⸗ wiſſermaßen an ſeiner Stelle ſeyn wird. Bis⸗ weilen habe ich gedacht, der Marquis könne! wohl ſein Vater ſeyn, und der Gedanke ſteigt heute von neuem bei mir auf. Sieht er ihm nicht ähnlich? Ich habe Herrn de la Touche nie geſehen, aber Sie kennen ihn.— Ich finde nicht die mindeſte Ähn⸗ lichkeit zwiſchen ihnen, antwortete ich; aber es hat mir geſchienen, als gliche Floren⸗ tin..... Wem? unterbrach ſie nrich⸗ nicht ohne Bewegung.— Ihrer Frau Mutter.— Mein Gott, welche Idee! rief ſie aus; und ich ſah ſie erblaſſen: ich glaubte ſogar zu bemerken, daß ein Schauder ſie ganz über⸗ lief.— Sie ſelbſt, ſagte ich, finden Sie nicht auch im Blicke, in..... Mein Gott, was könnte ich davon wiſſen? fiel ſie mit einer Art von Haſt ein, als wäre ſie nicht 35 gern bei dem Gedanken ſtehen geblieben; ich ſehe die Mama nicht an, außer um zu wiſſen, was in ihrer Gegenwart gethan oder unterlaſſen, geſagt oder verſchwiegen wer⸗ den muß; und wirklich ich weiß nicht, von welcher Farbe ihre Augen oder Haare ſind.— Ihre Neigungen, ihre Schwächen mögen Sie wohl beſſer kennen, ſagte ich.— Hun⸗ dertmal beſſer, antwortete ſie. Mit denen lebe ich, muß ich leben. Aber Sie machen mich aus der Schule ſchwatzen, wie ein klei⸗ nes Kind. Was ſoll ich Florentin antwor⸗ ten?— In drei Tagen will ich es Ihnen ſagen, erwiederte ich. Wir wollen uns, wie heute, entweder hier oder im Lycäum tref⸗ fen.— Wohlan, ſagte ſie. Ich werde mich alle Tage, wonach das Wetter ſeyn wird, am einen oder am andern Orte einfinden. Für jetzt erlauben Sie, daß ich Sie verlaſſe. 56 Jungfer Thereſe winkt mir, daß es Zeit ſei, nach Haus zu gehen. Von da begab ich mich ſogleich zur Frau von***, und ſprach mit ihr in Verfolg von Florentins Brief. Sie that als ob ſie mit jemanden zu berathſchlagen hätte, und verſprach mir, in zwei Tagen höchſtens Ank⸗ wort zu geben.— Daß ich's nicht vergeſſe, ſagte ich mit einer Art von Verlegenheit; es findet ſich, daß er einen jungen Burſchen vom Lande zum Bedienten hat. Suchen Sie doch zu erfahren, ob er ihn behalten ſoll, und ob Kaſpar— ſa nennt er ſich— ſeinen Lohn erhalten wird.— Warum nicht? antwortete Frau von***. Der Vicomte iſt von einem Alter, da er ſchon jemand zu ſeiner Bedienung haben kann, und dieſer iſt ſo gut wie ein andrer.— Nach Verlauf ***† von zwei Tagen ſchrieb Frau von an mich:„»Man hat nichts dawider, daß Flo⸗ 5 37 „rentin zu Herrn de la Touche gehe, und „»ſeinen Kaſpar mit nehine. Was im Dorfe „für ſeine Koſt bezahlt wurde, wird er den „ganzen Sommer über als Taſchengeld be⸗ „kommen; und aller Wahrſcheinlichkeit nach „ wird er den nächſten Winter in Paris zu⸗ „bringen.⸗ 1 Das war es was ich wünſchte! rief Fräu⸗ lein von Üſerche aus, als ſie dieſe letzten Worte des Billets vernahm, das ich ihr von einem Ende zum andern vorlas, und ſie hatte Mühe, den Ausdruck ihrer Freude zu mäßigen. Diesmal dauerte unſre Unterre⸗ dung nicht lange: ſie verließ mich, um an Florentin zu ſchreiben, den ſie ohne Zweifel in Anſehung ſeiner Beſorgniſſe beruhigte; denn als ich auf einer Reiſe, die ich einige Zeit nachher in meine Provinz machte, mei⸗ nen Freund und ihn beſuchte, fand ich ihn 58 ſehr willig, mit mir zu Herrn de la Touche zu gehen. Schwierigkeiten zu ebnen, darauf ver⸗ ſtand ſich Fräulein Honorine treflich! Sie fand die Auskunft, nach den Maaßen, die man ihr ſchickte, vollkommen gleiche Som⸗ merkleider für Kaſpar und ſeinen Herrn ma⸗ chen zu laſſen.»Da Ihr ziemlich von glei⸗ „ Gher Länge ſeid,« ſchrieb ſie an Florentin, „ſo wird es recht gut angehen, daß des „Morgens bei Tagesanbruch, oder des „»Abends in der Dämmerung der falſche »Kaſpar zur falſchen Thereſe komme, die ⸗ ſich ebenfalls einen doppelten Anzug ver⸗ „ſchaffen wird. Gleiche Röckchen, Pierrots, „»Hüte, Schuhe: alles wird beſorgt. Ich »habe Jungfer Thereſen ihre ganze Kleidung »auf künftigen Sommer geſchenkt, unter der „Bedingung, daß ſie, ſo oft ich ihre Rolle „ſpielen werde, eingeſchloſſen bleibe, und 59 „von ihrem guten Freunde Kaſpar nichts zu „ſpüren ſei. Einen Tag um den andern „wenigſtens, ohne daß ſich's jemand träu⸗ „men laſſe, wollen wir mit einander im „Park ſpazieren gehen, wollen wir zuſam⸗ „»men im Pavillon ausruhen.« Kaum waren dieſe Vorbereitungen getrofß Ifen, als Frau von Üſerche ihrer Tochter an⸗ kündigte, es müßte bald Abſchied von Pa⸗ ris genommen werden. Wie, Mama, ſchon ſo früh? ſagte die liſtige Honorine; kaum werden wir das Land grün und blühend fin⸗ den. Werden Sie den Abbé Theodor nicht mit dahin nehmen?— Dies war ein ſchö⸗ ner junger Mann von vier und zwanzig Jahren, den man mit dem Abbé Dillon hätte vergleichen können. Frau von Üſerche fand ihn fromm und geiſtreich. Es war mir wohl durch den Kopf gegangen, ſagte ſie; aber die Welt denkt ſo leicht Arges!— Ach 6⁰ was! erwiederte Honorine; wenn die Welt noch nicht gelernt hätte, Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo wäre auf ihre Ur⸗ theile nicht viel zu geben. Wer hat wohl je in Ihrem Alter und bei Ihrer Geſtalt ein ſo exemplariſches Leben geführt, wie Sie?— Du findeſt alſo wirklich, Hono⸗ rine 2— O Mama, ich finde Sie bewun⸗ dernswürdig. Wo bekömmt man Sie zu ſehen, außer zu Hauſe, wo Sie, ſo zu ſagen, von Engeln und Heiligen umgeben ſind, und in den Kirchen? Nur indem ich unter Ih⸗ ren Augen lebe, werde ich durch Ihr Bei⸗ ſpiel ſelbſt fromm. O! Ihr Ruf dünkt mir vor jedem Argwohn geſichert!— In dem⸗ ſelben Augenblick trat der Abbé herein. Ho⸗ norine ſagte ihm, was ihre Mutter im Sinn gehabt hätte, und der Tag zur Abreiſe nach dem Lande wurde angeſetzt. Sie langten dort an, den Tag vorher, ehe ich meinerſeits 51 mit Florentin bei Herrn de la Touche ein⸗ traf. Wir fanden ihn nicht zu Hauſe. Ho⸗ norine hatte keine Luſt, mir die Mittel an⸗ zuvertrauen, die ſie erfunden hatte, um ih⸗ ren Freund ohne Zwang zu ſehen, und ſie dachte, um planmäßig zu verfahren, und mich kein Geheimniß argwöhnen zu laſſen, müßte ſie nicht zu viel Gleichgültigkeit zei⸗ gen. Sie bat mich demnach ſchriftlich, un⸗ ſern jungen Freund mit zur Frau von Uſerche zu nehmen.»Mama hat ihn nie geſehen,- ſagte ſie,»oder wenigſtens hat ſie nicht „»Acht auf ihn gegeben. Bloß ſein Name „macht mir noch Sorge; vielleicht wird ſie „ſich erinnern, ihn gehört zu haben. Doch, „das thut nichts; ich will ſchon irgend et⸗ „was finden, das uns aus der Sache zieht, „» und ich bitte Sie nur, Herr Abbé, lieber »heute als morgen mit Ihrem Untergebnen, 8 62 „der mir ſeines Oberen gar werth ſcheint, »auf das Schloß zu kommen.« Wir gingen hin. Ach, rief Honorine, da iſt ja der Herr Abbs de la Tour mit dem jungen Manne, der bei Herrn de la Touche wohnt! Er nennt ſich der Chevalier de Vienne, ſagte ſie laut genug, um von uns vernom⸗ men zu werden.— De Vienne? wiederholte die Mutter. Das iſt ein ſchöner Name, zu welchem ich Ihnen Glück wünſche, Herr Che⸗ valier. Ich dachte, dieſe Familie wäre er⸗ loſchen: ich muß mich geirrt haben. Seit wann ſind Sie in dieſer Gegend, Herr Ab⸗ bé?— Nun ging die Unterhaltung ihren gewöhnlichen Gang fort. Sobald ich ohne zu viel Unhöflichkeit dazu kommen konnte, hörte ich auf, der Frau von Üſerche zuzuhö⸗ ren, und beobachtete die beiden jungen Leu⸗ 2te Nie ſah ich eine ſolche Verzückung: es war als würde ein neuer Geiſt in Florentin 63 rege. Seine Augen funkelten von Bewun⸗ derung, Liebe und Freude. Honorine, nicht minder bezaubert, war weniger erſtaunt, und hatte ſich ſelbſt beſſer in der Gewalt. Sie that verſchiedne Fragen an den jungen Mann, mit ſo viel Feinheit und Verſtand, daß ſie ihre Verbindung völlig verbarg, ohne mir jedoch Anlaß zu geben, ihr die mindeſte Falſchheit, die mindeſte Lüge vorzuwerfen. Als ſie ſah, daß ich Anſtalten zum Ab⸗ zug machte, rief ſie Jungfer Thereſen, und bat ihre Mutter um die Erlaubniß, uns die Allee, die zum Hauſe führte, hinunter zu be⸗ gleiten. Halb erfreut, halb verdrüßlich, fragte ich ſie, wie ſie auf den Namen de Vienne gefallen wäre, und ich verſicherte ihr, ihre Mutter würde ſehr bald erfahren, daß dies nicht Florentins Namen wäre.— Wer weiß ob ſie es je erfährt? ſagte Honorine; und wenn es auch geſchähe, die Spur eines Na⸗ 54 mens, den ſie für ſchön anſieht, bliebe doch immer, mit etwas Irrthum oder wenigſtens Ungewißheit verknüpft, bei ihr zurück. Ich hörte neulich ſagen, daß die Verläumdung immer einen Fleck zurückläßt; ich dachte, ob es ſich nicht mit allem, was geſagt und gehört wird, eben ſo verhielte? Ein Miß⸗ verſtändniß, ein Wort, das ſtatt eines an⸗ dern gebraucht ward, prägt ſich dem Ge⸗ dächtniſſe ein, und das iſt ganz beſonders bei meiner Mutter der Fall! Ich habe mir dieſe ganzen letzten Tage den Spaß gemacht, ſie damit auf die Probe zu ſetzen. Der Na⸗ me de Vienne wird ſich immer wieder bei ihr melden, ſo oft ſie an Herrn de la Haie denken wird, und wenn ich auch jetzt nichts eiligeres haben wollte, als ſie mit dieſem letzten Namen bekannt zu machen, ſo würde ſie doch gegen alle Welt immer nur de Vienne ſagen, ſollte ſie ſich auch den nächſten Au⸗ genblick 65 genblick immer wieder anders beſinnen. Aber beſſer iſt beſſer: warum ſollte Florentin nicht beſtändig Chevalier de Vienne heißen? Es ſollte ja niemanden mehr von dem Namen geben; niemand alſo wird auftreten, und ihn Florentin ſtreitig machen. Man ſagt, er ſei ſchön, dieſer Name; warum alſo ihn nicht nehmen? Was iſt denn endlich ein Name? Die gleichgültigſte Sache von der Welt: Buchſtaben, ein Ton! So hat man ja noch von Glück zu ſagen, wenn man et⸗ was daraus machen kann. Sich etwas ſo eitles zueignen, heißt doch gewiß nichts rau⸗ ben: morgendes Tages nähme ich einen ſelbſt⸗ gewählten Namen unter allen, die es jemals gegeben haben, oder die man jemals ſchmie⸗ den möchte. Jungfer Thereſe, verſäume Sie nicht, morgen ein Paket an die Adreſſe des Herrn Chevalier de Vienne zu Herrn de la Touche zu ſchicken, und ſage Sie noch heute E 66 Kaſparn, daß er ſeinem Herrn dieſen Na⸗ men gebe. Ich ſehe eine Menge Vortheile dabei, und auch nicht das mindeſte Miß⸗ liche.— So wie dies UIrtheil geſprochen war, grüßte ſie uns, und kehrte nach dem Schloſſe zurück. Ich blieb ganz beduzt; noch mehr war es Florentin. Was iſt zu thun? fragte er mich. Wollten Sie die Güte haben, Herrn de la Touche bei ſeiner Rückkehr von dieſem Scherz zu benachrichtigen? Fräulein von Üſerche wünſcht vielleicht, daß ich nicht mehr⸗ als das Kind ohne Angehörige erſchiene, das man ſo lange in dieſer Gegend ſah. Ich bin, ſagt man, ſehr gewachſen, habe mich ſehr verändert; vielleicht denkt ſie, daß man mich nicht erkennen wird. Die Leute, bei denen ich erzogen wurde, werde ich indeſſen nächſter Tage beſuchen; aber ſie ſind alt, und gehen faſt mit niemanden um. Die ———— — 57 Frau weicht nicht von ihrem ſiechen Mann. Ich kann mich auch einrichten, erſt in der Dämmerung hinzugehen.— Ich war verlegen, und wußte nicht was ich antworten ſollte. In dem, was Hono⸗ rine geſagt hatte, war eine Art von Wahr⸗ heit, und wie Florentin es auslegte, von Schicklichkeit. Warum, dachte ich, warum einem jungen Menſchen, deſſen Geburt von ſo übeln Umſtänden begleitet ward, auch noch abkürzen, was ihm Zufall oder Freund⸗ ſchaft an Glück zuwege bringen könnten? Warum verhindern, daß ein Vorurtheil ihm behülflich ſei, gegen ein Vorurtheil, das ihm Schaden thäte?— Ohne etwas weder be⸗ ſchloſſen noch verſprochen zu haben, nannte ich ihn den Abend, in Gegenwart der Leute des Marquis, bei ſeinem neuen Namen; und Kaſpar, den Jungfer Thereſe ſchon un⸗ terrichtet hatte, und den mein Beiſpiel auf⸗ 2 E 2 68 munterte, ſagte ein paar Duzendmal: Herr Chevalier de Vienne. Alle Hausgenoſ⸗ ſen wiederholten es, und als Herr de la Touche wieder kam, fand er ſeinen jungen Gaſt im vollen Beſitz des neuen Namens. Er hütete ſich, das mindeſte Erſtaunen dar— über zu bezeigen, daß er nicht beſſer wie ein andrer wiſſen durfte, wie er eigentlich hieße. Er ſagte bloß: So, mein Herr, Sie heißen de Vienne? Den Namen, unter welchen ich Sie kannte, führten Sie wohl nur von einem Gute.— Ich bejahte dies, und ohne mir einfallen zu laſſen, daß ich mit einem Menſchen ſpräche, der mehr wußte als ich, nannte ich ſogar, wo mir recht iſt, die Pro⸗ vinz, in welcher das Gut lag. Kurz darauf beſuchte ich Fräulein Hono⸗ rinen. Der Name hat Glück gemacht, ſagte ich ihr. Was denken Sie aber aus allem dem zu machen?— Herrn de Vienne zu * — 69 beglücken, antwortete ſie, ihn zu heirathen: letzteres indeſſen doch ſo ſpät als möglich. Wir ſind jetzt ſo ſelig! Ich bin täglich und einzeln ſeine Wohlthäterin. Ich liebe ihn ſo ſehr! Er liebt mich ſo ſehr! Denn jetzt iſt er verliebt, Herr Abbs; er iſt verliebt! Begreifen Sie meine Freude?— Aber, ſag⸗ te ich.... O, fiel ſie ein, hier iſt kein Aber! Wäre er Sohn eines Türken, eines Juden, eines Renegaten oder gar des Pab⸗ ſtes, eines Tagelöhners oder eines Tage⸗ diebs, eines Marktſchreiers, eines Seiltän⸗ zers: das gälte mir alles gleich! Jetzt wer⸗ de ich wieder zum Kind. Ich werde nicht mehr ſo viel Vorſicht nöthig haben. Er iſt verliebt, er iſt bei Herrn de la Touche, er heißt de Vienne, er wird nach Paris kom⸗ men! Heiſa, das Ding iſt im Reinen!... Und ſie tanzte, ſang, ſprang, als wäre ſie von Sinnen. Die plötzliche Dazwiſchenkunft 70 der Frau von Üſerche zwang ſie einen Au⸗ genblick zu einer vernünftigeren Faſſung; aber der Abbé Theodor war ebenfalls zu uns getreten, und ſie konnte ihrer Luſtigkeit ei⸗ nen neuen Schwung geben. Mein Gott, ſagte ſie, Herr Schwarzrock! die Weiber ſollten Ihnen dieſe Tracht unterſagen. Wenn man Sie nicht kennte, wäre man verſucht, das Männchen, das wir vor drei Tagen ſa⸗ hen, den kleinen de Vienne, ganz erträglich zu finden, Aber das hat eine ſo verbrannke Geſichtsfarbe, das hat nicht dieſe Stadtmiene, die es bezeugt, daß man die Sonne nie an⸗ ders, als durch das Laubwerk der Thuilerien erblickte! Wahrhaftig, ich bin eiferſüchtig auf Ihre Farben, und Mama ſelbſt, die ſo weiß iſt, die ihr Roth nur aus den Händen der Natur empfängt, hat ordentlich Mühe, die Vergleichung auszuhalten.— Wohl zu merken, daß Frau von Üſerche ganz un⸗ —— —— 71 ſcheinbar Roth auflegte, und zwar in ihrem Bett, ſobald ſie die Augen öfnete; aber in der ganzen Rede waren Lob und Scherz ſo mit einander verſchmolzen, daß man unmög⸗ lich etwas daran übel nehmen konnte.— Was hat die kleine Närrinn vor? ſagte Frau von liſerche.— Ach das Vergnügen, Sie ſo jung, ſo ſchön, den Herrn Abbé ſo hübſch, ſo allerliebſt zu ſehen, das iſt es, was mich entzückt!— Und dabei küßte ſie die Hände ihrer Mutter, und trieb hundert andre Poſ⸗ ſen.— Kommen Sie, ſagte ſie mir nicht lange darauf, wir wollen einen Gang auf der Terraſſe machen: wir wollen aber darum die Venus und den Adonis dieſes Reviers nicht aus den Augen verlieren. Mein Gott, ſagte ich ihr als wir uns allein fanden, Sie verſtehen ſich auf's Schmei⸗ cheln! Wie fein Sie ſind! Wenn ich be⸗ denke, daß Sie noch keine funfzehn Jahre 72 alt ſind, ſcheinen Sie mir ein Wunder. Bisweilen kann ich kaum meinen Augen trauen.— Sollte das wirklich wahr ſeyn? ſagte Honorine mit ernſthafter Miene und langſam. Das muß kein Zutrauen, ja nicht einmal Theilnehmung erwecken! Ich habe in dieſem Stück nie über mich nachgedacht, und aufgefallen ſind mir in meinem Leben nur die ungeſchickten Streiche, die ich be— ging. Dal! nur eben jetzt, da ich mich ſo luſtig gegen Sie zeigte, gab ich Ihnen zu verſtehen, was doch meine Abſicht nicht war, daß ich entweder meinen jungen Freund ins⸗ geheim geſehen, oder daß er mir geſchrieben haben müßte; denn um des ſteifen Beſuchs willen, den er neulich hier ablegte, war es nicht der Mühe werth, ſo außer mir zu ſeyn, und ein paar Blicke hätten mich doch nicht überreden können, daß er das Gefühl für mich hätte, deſſen ich mich eben gegen —— — —— — 73 Sie rühmte. Ich liebe ihn, fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe fort; ich liebe ihn ſo, daß alles, was ich in Dichtern und in ein paar Romanen von der Liebe geleſen habe, mir kalt vorkömmt gegen das, was ich em⸗ pfinde. Man ſetzt Worte zuſammen; der eine ſchreibt edel, der andre zierlich von der Liebe: ich kann von ihr nicht ſchreiben und nicht reden, aber vom Morgen bis zum Abend, und oft auch vom Abend bis zum Morgen, ſchwebt ein einziger Gegenſtand vor meinem Sinn, herrſcht ein einziger Trieb in meinem Herzen. Ein Gänschen müßte man ja ſeyn, um in Bezug auf die einzige Sache, die man denkt, nicht hellſehend, fein, geſchickt zu werden. Übrigens, Herr Abbé, ſage ich's Ihnen bloß nach; denn es war mir nicht eingefallen, ob ich das alles, oder das Gegentheil davon wäre: ich hatte gar nicht daran gedacht. In andern Dingen 74 — findet man mich zurück. Alle meine Lehrer klagen über mich. Ich bin nicht ohne Freu⸗ de an der Muſik, und bringe darin nichts vor mich. In meinen Jahren komponirte der junge Mozart die ſchönſten Sachen von der Welt; im geiſtlichen Konzert habe ich Kinder geſehen, die das Publikum entzück⸗ ten, O nein, ich bin kein Wunder! Ihr Erſtaunen hat mich faſt betrübt. Großer Gotrt, wenn Florentin nun auch ſo erſtaun⸗ te! wenn alles das Schmeicheln, das Ver⸗ ſchonen aller Welt, das ich um ſeinetwillen trieb, wenn mich das jetzt bei ihm herunter⸗ ſetzte! Doch nein, ſagte ſie, ich bin nicht klug, das kann nicht geſchehen! Er kann in meinem Herzen nichts anders ſehen, als was da iſt. Er kann weder die Luſt, zum Zeitvertreib zu betrügen, noch die Begierde, irgend jemandes Gemüth zu unterjochen, darin ſehen; er wird nichts ſehen, als un⸗ 75 begränzte Zärtlichkeit. Um mich ein bischen liebzuhaben, hat's Mama nöthig, daß ich ihr ſchmeichle; denn im Grunde liebt ſie nichts als ſich ſelbſt; und ich hab's wie⸗ derum nöthig, daß der Abbé oder ſonſt je⸗ mand ſie zerſtreue, damit ſie auf mich nicht zu ſehr Acht gebe. Das iſt er alles, Herr Abbé. Aber ich glaube, unſre Unterredung hat lange genug gedauert. Kommen Sie ja wieder; Ihnen werde ich nie ſchmeicheln, Sie werde ich nie betrügen. Was ich von Ihnen möchte, iſt nur ein gar klein bischen Theilnehmung für mich, aber viel, ſehr viel möchte ich Ihnen für Florentin einflößen, für den einzigen und gewiſſermaßen heiligen Gegenſtand aller meiner Empfindungen Flo⸗ rentin iſt für mich ein Gott, vor dem ich die ganze Welt in Anbetung ſehen möchte.— Sie ſchwieg. Eine Thräne der Liebe, der Begeiſterung glänzte in ihren Augen. Hat „* 76 je ein gleichgültiger Zuſchauer eine ſolche Vergötterung entſchuldigen oder begreifen können, ſo war es in dieſem Falle. Floren⸗ tin vereinigte alles, was Bewunderung er⸗ wecken kann. Die Regelmäßigkeit ſeiner Ge⸗ ſtalt und ſeiner Züge ward durch tauſend Reize belebt: Geiſt und kindliche Offenheit, Sanftheit und Muth paarten ſich darin. Er war ſtark ohne Plumpheit, gemeſſen oh⸗ ne Furchtſamkeit, zuverſichtlich ohne Über⸗ muth. Seine ganze Perſon war glänzend und vollkommen. Die Kleidung, die ihm Honorine nach Kaſpars gewöhnlichem Anzug hatte machen laſſen, vermummte ihn nicht ſo gut, daß ich ihn eines Abends bei Mond⸗ ſchein, da ich nahe an ihm vorbeiging, nicht trotz derſelben erkannt hätte. Ich wollte ihn anreden, er drückte den Finger auf ſeine Lippen, und verſchwand. Herr de la Touche, der mir in einer Entfernung von einigen 77 Schritten folgte, ſagte zu ihm: Du gehſt ſpät aus, Kaſpar! j Herr de la Touche hatte gewiß ſo gute Augen als ich; aber er überhäufte Florentin mit Güte; in ſeiner Bibliothek waren keine Bücher ſo ſelten, in ſeinem Stall keine Pfer⸗ de ſo prächtig, ſo raſch und leicht, daß ſie nicht den ganzen Tag dem jungen Menſchen zu Gebot geſtanden hätten; nur um ihn zu bewundern, ſah er ihn an; nur um ihn zu loben, ſprach er mit ihm:— wie konnte es ihm einfallen, daß er im ſechszehnten Jahr irgend einem andern Genuß nachliefe? daß er ſchon eine Eipfindung, eine Seele hätte, die nicht gerade die wäre, welche ſein Wohl⸗ thäter ihm einzugeben geruhte? Wehe ihm, wenn Herr de la Touche gewußt hätte, daß er ſich ſo weit verginge! Wehe einem je⸗ den, der von Herrn de la Touche abhing, wenn er an ihm den Frevel eines unabhän⸗ gigen Willens, eines Gedankens, davon er nicht der Urheber geweſen wäre, erkannt hätte! Wehe auch dem, der ihn betrogen hätte! Und doch war nichts auf der Welt ſo leicht; mochte er entweder nicht glauben, daß man es je wagen dürfte, oder mochte er ſich den Schmerz erſparen wollen, zu ſe⸗ hen, daß man es gewagt hätte: genug, er ſchloß die Augen, oder war wirklich blind, und nie iſt mir ein Mann von Verſtand vorgekommen, der ſo wenig gewußt hätte, was bei ihm und um ihn vorginge. Kam er endlich dahinter, und ſah er ſich gezwun⸗ gen, unzufrieden zu ſeyn, ſo verzieh er nie. Ein Wort der Frau von liſerche, im An⸗ fang ihrer zweiten Schwangerſchaft, hatte ihn ohne Rükkehr mit ihr entzweit, und ich glaube, daß es ſein Haß gegen ſie war, der ihn lange Zeit ſo kaltſinnig gegen ſei⸗ nen Sohn gemacht hatte. Das Wort war — 1 —— 79 allerdings unangenehm, und der Perſon, die es geſagt hatte, würdig. Warum habe ich Sie nicht früher gekannt? ſagte ſie zum Düc von**. Aber ich war noch ein Kind, als ein Tyrann mich unterjochte.— Der Marquis, den ſie weit weg glaubte, ſtand hinter ihrem Stuhl. Er trat hervor, und ſprach me wieder ein Wort mit ihr. Über⸗ haupt waren alle Arten von Eigenliebe bei ihm zu Haus, alle, wenigſtens bei denen man noch vermeiden kann, lächerlich zu ſeyn. Er war ſtolz auf ſeine Geburt, oder verach⸗ tete vielmehr die Geburt andrer; denn von der ſeinigen ſprach er nie, und indem er ge⸗ gen ſeines gleichen artig, gegen Geringere höflich war, machte er ſich mit Höheren ſo wenig als möglich zu thun. Für Künſte und Wiſſenſchaften war es ohngefähr daſſelbe, außer daß er doch wohl Luſt haben mochte, von denen zu lernen, die entſchieden mehr 8⁰ wußten als er, und ſie bisweilen bei ſich zu ſehen ſuchte, unter dem Vorwand, ſie an⸗ dern vorzuſtellen, die von ihrem Ruf bezau— bert wären. Dann hörte er mit äußerſter Aufmerkſamkeit zu. Begegnete es ihm, was aber ſehr ſelten geſchah, eine Meinung zu äußern, und dieſer Meinung wurde wider⸗ ſprochen, ſo gab er nicht nach, und ſtritt nicht. Ein ſpöttiſches Lachen oder eine ſtolze Perſiflage zog ihn aus dem Handel. Wie wagte ich es wohl, mit einem Manne, wie Sie, mich in den Kampf einzulaſſen? ſagte er zu dem, der ihm widerſprochen harte;— und vollends in Gegenwart dieſes Herrn? Wobei er vielleicht auf den unwiſſendſten unter der ganzen Geſellſchaft deutete. Es läßt ſich leicht denken, daß man ihn nicht beſonders lieben konnte; aber gehaßt wurde er auch nicht, weil er niemanden gerade Böſes that. Der Prunk, der ihm eigen 38 war, 81 war, verbarg ſich unker einer ziemlich ein⸗ fachen Außenſeite, die aber für Scharfſichtige nur eine Großthuerei mehr war. In ſei⸗ ken Wagen ohne Vergoldung, mit Lakain in keiner Liverei, ſelbſt ſehr unſcheinbar ge⸗ kleidet, ſchien er zu ſagen: ſeht, damit be⸗ gnügt ſich ein Mann wie ich; aber ein Mann wie ich braucht ſein Anſehen nicht von einem eiteln Luxus zu entlehnen. Weit entfernt übrigens, daß dies die Einfachheit und der Stolz des Diogenes geweſen wäre, ſo war es vielmehr eine zierliche Einfachheit, ein Stolz, der ſich ſo fein einrichtete und mäßigte, daß manche ihn gar nicht bemerk⸗ ten, und andre die Geſchicklichkeit daran be⸗ wunderten. Dieſen entging nicht, daß die Natur ſeinem Stolz wunderbar zu Hülfe ge⸗ kommen war, indem ſie ſeiner Perſon und ſeinem Vortrag einen ſeltenen Anſtand und die größte Würde gegeben hatte. Verſtand F 1 82 G hatte er ohne Zweifel auch; indeſſen habe ich nie herausbringen können, ob er noch mehr verbarg als er blicken ließ, oder ob das was man nie recht an den Tag kommen ſah, das Reſervekorps, das er vermuthen zu laſſen wußte, wirklich gar nicht da war. Für die Welt kam es auf eines heraus; man maß ſeine Stärke noch mehr nach den Trup⸗ pen, die nicht zum Vorſchein kamen, als nach denen, die man ſah. Eine ähnliche Ungewißheit barg ſeine Vermögensumſtände, und in dieſem Stücke habe ich die Kunſt in ſeinem Betragen aufeichtig bewundert. Nie konnte das Publikum ihn nach ſeinen Ein⸗ künften ſchätzen, und ihm eine Regel des Benehmens darnach vorſchreiben, wie es ſich ſo gern anmaaßt. Zeigte er eine gewiſſe Sparſamkeit? er konnte gute Gründe da⸗ zu haben. Hörte man von ihm irgend eine großmüthige oder prächtige Handlung? das 83 war recht, das war edel, und niemand wuß⸗ te zu ſagen, ob es klug oder thörigt wäre. So hüllte ſich Herr de la Touche in einen mehr glänzenden als düſtern Schleier, den günſtigen Wolken nicht ungleich, mit welchen wohlwollende Gottheiten bei der Belagerung von Troja oftmals ihre Lieblinge bedeckten. In einem Stücke jedoch ließ er die Wolke nicht über ſich gebreitet, und rückte, entwe⸗ der aus Überzeugung oder um ſich ein An⸗ ſehen zu geben, mit ſeiner Meinung zu frei heraus. Ich werde bald ſagen, welches dieſe unglückliche Meinung war, dieſes unſelige Syſtem, das er bei jeder Gelegenheit aus⸗ kramte. Ein paar Tage etwa, nachdem wir Flo⸗ rentin, als Kaſpar verkleidet, begegnet wa⸗ ren, ſchlug mir der Marquis einen Spazier⸗ gang vor, weil er mit mir zu ſprechen hätte. Wiſſen Sie mehr als ich, ſagte er mir, von F 2 84 dieſem Knaben, der ein paar Schritte von hier in der größten Dunkelheit erzogen ward, und nun auf einmal de Vienne heißt? Ich glaube mich zu erinnern, daß Sie ihn be⸗ ſuchten, ſo oft ich das Vergnügen hatte Sie bei mir zu ſehen, und man hat mir ſo⸗ gar geſagt, Sie ſeien es geweſen, der ihn untergebracht und für ſeine Erziehung Sorge getragen hat. Könnten Sie mir ohne In⸗ diſkretion ſagen, in weſſen Namen Sie das thaten?— Nein, antwortete ich, ich kann es Ihnen nicht ſagen. Ob ich gleich ſehr jung war, als eine meiner Bekannten mir das Kind anvertraute, ſo habe ich ihr Ge⸗ heimniß doch immer verwahrt. Übrigens geht ſie das Kind vielleicht weiter nichts an. Ich weiß im Grunde ſehr wenig von dieſer Sache.— Warum, hob der Marquis wie⸗ der an, ſollte er endlich nicht zu der Fami⸗ lie gehören, deren Namen man ihn tragen —ᷣ—ÿ—x: 85 läßt? Man hält ſie für verloſchen, und in einem gewiſſen Sinne könnte ſie das auch ſeyn, und der Chevalier könnte darum doch von ihr abſtammen. Der Name iſt ſchön; die Vorbedeutung gelte! Der junge Menſch gefällt mir ſo ſehr, daß ich Luſt habe, ihm auf eine oder die andre Weiſe ein Anſehen zu verſchaffen, das ſeinem Namen entſpreche. Immer dachte ich, daß ich mir lieber einen Sohn wählen, als einen, deſſen wahrer Va⸗ ter ich vielleicht nicht einmal wäre, von den Händen des Schickſals empfangen möchte. Das iſt einer von den hundert Gründen, die mich abgehalten haben zu heirathen.— Und was wollen Sie für Herrn de Vienne thun? ſagte ich. Ohngeachtet Ihrer hundert Grün⸗ de gegen die Ehe, denken Sie ihn zu ver⸗ heirathen?— Es würde ſchwer halten, ihn auf eine glänzende Weiſe zu verheirathen, ſagte der Marquis. In ſolchen Fällen pflegt 86 man Aufſchlüſſe zu verlangen, die wir nicht wohl geben könnten. Ich glaube, die Kirche oder der Maltheſer Orden wird es nicht ſo genau nehmen, wie die Eltern eines Mäd⸗ chens, das eine ſtarke Mitgift brächte, wä⸗ ren es auch bloße Magiſtratsperſonen oder Financiers.— Das kann ſeyn, ſagte ich; iſt es aber auch ganz gewiß, daß der Be⸗ ruf, zu welchem Sie Florentin beſtimmten, ihm gerade anſtünde?— Ach! ſagte er, und der gebieteriſche Ton, den er im Begrif war anzunehmen, hätte beinahe ſeine Rechte auf Florentin verrathen. Herr Abbs, ſuhr er gelinder fort, Sie ſehen zu viel voraus, und berechnen nicht genug, was ſehr viel Wohl⸗ thaten und etwas Geſchicklichkeit bei einem jungen Menſchen wirken, der ſich bisher auf kein Vermögen Hofnung machen konnte, und außer einiger Sorge, die Sie für ihn trugen, ganz ſchutzlos war. Er hört auf 8 87 Sie, und ſcheint Sie zu lieben: helfen Sie mir, ich bitte Sie, ihm annehmlich machen, was ich für ihn thun möchte.— Ob Gelübde, ſagte ich, die ihn eines Weibes beraubten, ihn nicht vielleicht erſchrecken möchten?— Pahl erwiederte er, was ſind Gelübde? und was iſt das erträumte We⸗ ſen, dem man eine lächerliche Enthaltſamkeit verſpricht? Die Figur des Chevaliers wird ihm Rechte auf alle Weiber geben, und ich zweifle nicht, daß er wiſſen wird, dieſe Rech⸗ te geltend zu machen. Es wird nicht lange währen, ſo wird er ſo gut als Sie und ich wiſſen, daß es beſſer iſt, über dieſes ganze ſchwache und treuloſe Geſchlecht zu herrſchen, als ſich durch einen Tugenddrachen einſchrän⸗ ken, oder von einer Hure hinter A s Licht füh ren zu laſſen.— Ich erwiederte nichts, und ſprach von etwas anderm; aber ich nahm 4 mir vor, ihm keinesweges dazu behülflich zu 88 ſeyn, daß er über die Beſtimmung des jun⸗ gen Menſchen ſo entſchiede. Das Schickſal des Fräuleins von Uſerche würde zu traurig ſeyn, ſagte ich zu mir ſelbſt; und will ich ihre Liebe nicht begünſtigen, ſo mag ich noch weniger ſie zur Verzweiflung treiben. Ich laſſe das Schickſal dieſer Kinder ſich ent⸗ wickeln wie es kann, und ich will bloß ſu— chen, ſie vor Unvorſichtigkeiten zu verwah⸗ ren, die nothwendig zu ihrem Verderben ausſchlagen würden. Ich ließ Honorinen, durch Kaſparn und Jungfer Thereſen, folgendes Billet zuſtellen: »Ich bin jemanden begegnet, den ich „ohngeachtet ſeiner Verkleidung erkannt ha⸗ „be, und vielleicht iſt es eine andre eben⸗ »falls verkleidete Perſon, die ich dieſen Mor⸗ „»gen, ehe es noch recht Tag war, von wei⸗ »kem ſah. Daß ſie ſich nur ja hüten!-Sie u ſind jung! ſie ſind ſchön, und ſie lieben G 89 „ſich. Ein ſchwacher Augenblick könnte fürch⸗ »terliche Folgen haben. Das bedenke die, »an welcher es iſt, zu widerſtehen. Oder „» beſſer, ſie meide eine Gefahr, der tauſend „ andre ſich fälſchlich eingebildet haben, krotzen »zu dürfen. Dieſe Kühnheit ward tauſend⸗ „mal durch ein ganzes, in Reue und Schan⸗ „»de verſchmachtetes Leben gebüßt. ⸗ Den Tag darauf bekam ich dieſe Ant⸗ work: »Geſegnet ſeien Sie, mein Herr! Seit »dem Tode meines Vaters iſt dies die erſte „»nützliche Warnung, die mir ein wohlwol⸗ „ lendes Herz ertheilt. Es iſt mir ſehr bang, »Ihnen nicht zu antworten, wie ich ſollte. „Ich ſchrieb nie an jemanden, außer an »Florentin; und bei ihm hatte ich nicht nö⸗ . „»thig, Ordnung in meine Begriffe zu brin⸗ » gen, oder meine Ausdrücke zu wählen. Ich »bin manchmal noch ein gar kleines Mäd⸗ 90 »chen, ſo weit Sie auch finden, daß ich es „in gewiſſen Stücken ſchon gebracht habe— „zu weit, meinen Sie; das drückte mir neu⸗ wlich Ihr Blick aus. Lieber Gott, was „kann ich darauf ſagen? Ich bin, was „mein Hang und das Schickſal mich haben „wollten. Mein Vater iſt zu früh geſtor⸗ „ben, meine Mutter hat zu wenig Einſicht, „und dieſer junge Mann iſt meine einzige „»Liebe. Ihr Rath iſt ſehr weiſe, mein Herr; „ich werde ihn, was den Widerſtand betrift, „»im Fall der Noth ſicherlich benutzen; was „aber eine noch größere Vorſicht betrift, die „darin beſtünde, uns nicht mehr zu ſehen, „wie wir jetzt thun— da, mein Herr, wer⸗ » de ich Ihren Rath nicht befolgen. Dies »wäre von einer andern Seite die äußerſte „ Unvorſichtigkeit; denn aus einer ſo unge⸗ „»wohnten Behutſamkeit könnte Florentin „ ſchließen, daß ich ihn nicht mehr liebte; er 91 „könnte andre Feſſeln annehmen, oder ſeine » unſchuldigen Sitten verlieren. Dieſen Übeln „muß hauptſächlich vorgebeugt werden, denn „ſie wären die größten von allen, und wür⸗ „den mir das Leben ganz unerträglich ma⸗ »„chen. Doch auch die, vor denen Sie ſo „gütig ſind mich zu warnen, muß ich aller⸗ „»dings zu vermeiden ſuchen;(ich hoͤffe daß »ich es kann, ja ich hoffe ſogar, daß ich es »ohne viele Mühe kann. Meinm junger „»Freund iſt nie unartig, und mir zu miß⸗ „fallen, fürchtet er mehr wie den Tod. Von „mir müßte alſo das libel kommen. O lie⸗ »ber, wenn es ſeyn müßte, lieber riefe ich „alle härnen Kukten der Heiligen in den „Legenden zu Hülſe, lieber kleidete ich mich »in Dornen, die mir bei der geringſten un⸗ „»behutſamen Bewegung die Haut zerriſſen! „Vielleicht denken Sie, daß ſo mancherlei „Meſſen, Veſpern und dergleichen, die ich 92 »hören mußte, daß ſo manche langweilige „Frömmlinge, die ich ſehen mußte, mir einen „großen Ekel gegen alle Andacht, eine große „Gleichgültigkeit gegen alles, was man uns „im Namen Gottes vorpredigt, beigebracht „haben: es iſt aber doch nicht ganz ſo. An „den Gott meiner Mutter habe ich denn »wohl keinen beſondern Glauben; er wäre »mir zu kleinlich, dieſer Gott, der ſo viele „ gleichgültige Dinge geböte, und über ſo » viele andre hinwegginge, deren Ausübung „ mir tauſendmal wichtiger ſcheint. Aber ich »empfinde eine wahre Ehrfurcht für den „ Gott, der Florentin geſchaffen hat, der die „Natur geſchaffen hat, dieſe oft ſo ſchöne, „»manchmal ſo ſchreckliche Natur! Ich meine, „alles was ſchön und gut iſt, müſſe ihm » wohlgefallen, und die Menſchen ſtimmen walle ſo ſehr darin überein, die Keuſchheit „»unter die Tugenden zu rechnen, ein Mäd⸗ 93 „chen, das ſich gut aufführt, mehr zu ſchätzen, „» als eines, das es nicht thut, daß ich über⸗ »zeugt bin, Gott billigt und befiehlt dieſe »Tugend; und hätte man mir's auch nie »geſagt, ſo hätte ich's doch dafür angenom⸗ »men, und hätte mich vor dem Laſter ge⸗ „ fürchtet, wie vor etwas, das meinem Herrn, »dem mächtigen Herrn alles Daſeyns in der „»Welt, misfallen müßte. Ich habe aber » über das alles noch manche andre Gedan⸗ » ken, die ich Ihnen vielleicht nicht zum Be⸗ »ſten werde darlegen können. Es kömmt » mir vor, als gäbe es Leute, denen gewiſſe »Tugenden nicht beſonders Noth thäten. »Wenn ſie ſie auch hätten, ſie würden dar⸗ »um nicht viel mehr taugen, und da ſie »für gewiſſe Vergnügungen nicht gemacht » ſind, ſo müſſen ſie ſich ja doch andre ver— »ſchaffen. Sie fordern auch eben keine be⸗ »ſondre Achtung. Sie ſündigen und be⸗ 94 „reuen, verhehlen und beichten, und das »geht ſo an ſeinem Schnürchen fort, ohne »„daß in allem, was ſie thun, gar großes „Unrecht ſei. Sie ſelbſt finden ja auch kein „großes Unrecht daran; ſie machen ſich ei⸗ „nen Gott, der nachſichtig iſt, wie ihre Füh⸗ „rer in Gott, einen Gott, mit dem ſie ſich »überwerfen und verſöhnen. Der Gott, den »ich mir denke, kommt und richtet ſie nach »dem Maaße, in welchem er ſie mit Stärke vund Vernunft ausgerüſtet hat. Aber es „giebt wiederum Leute, die von jenen ſehr »verſchieden ſind, und ſich auch ſehr verſchie⸗ »den aufführen müſſen: wo ſich jene kaum »ritzen, würden dieſe eine tiefe Wunde da⸗ „von tragen. Dieſe wollen denn das Recht »„haben, die andern zu leiten, von ihnen »geehrt und gefürchtet zu ſeyn, über ſie zu „herrſchen. Was eine Jungfer Thereſe thut, „würde zum Beiſpiel Honorinen nicht an⸗ — 95 »ſtehen können. Die Rolle von jener bringt „es mit ſich, eine Geringſchätzung zu ertra⸗ „gen, vor deren bloßem Gedanken dieſe er⸗ „»zittert. Wäre es möglich, daß ich, wie »Sie es nennen, einen ſchwachen Au⸗ „genblick hätte, ſo würde ich von Floren⸗ „tin wegfliehen— auf immer, oder doch auf „ſo lange Zeit, daß, ehe er mich wiederſähe, „jener Augenblick ganz von ihm vergeſſen, » und ich wieder für ihn wäre, was ich jetzt „bin. Und wer weiß, ob er vergeſſen wür⸗ »de? Ich will aber auch nicht fliehen, ich »will ihn hier ſehen, ich will ihn ſpäterhin »in Paris ſehen, bis es ihm anſteht mich „»zu heirathen, oder bis ich bedroht werde, »einen andern heirathen zu müſſen. Dann »wird es keine Thorheit ſeyn, die man uns „vorwerfen könnte, dann wird in meiner »„Aufführung keine Übereilung ſeyn, keine „wenigſtens, zu der ich nicht genöthigt wor⸗ 96 „den wäre, und Florentin wird mich darum »nicht weniger achten, wird ſelbſt darum »nicht weniger zu achten ſeyn. Da haben »Sie, mein Herr, ſo gut ich ſie auszu⸗ »drücken gewußt habe, alle Plane, alle Ge⸗ »danken Ihrer gehorſamſten und dankbarſten „Dienerin, H. v. II. N. S.»Was Chriſtum anbelangt, ſo „liebe ich ihn. Ich bete an ihm ſeine Weis⸗ „heit, ſeine Milde an, und einige Thaten »eines einfachen, ſanften Muths. Es war „»gewiß nicht ſeine Abſicht, daß er uns un⸗ aufhörlich im Augenblick einer gräßlichen 8»Marter vorgeſtellt werden ſollte. Ich habe „mir vorgenommen, das Buch von der Nach⸗ „ahmung Chriſti zu leſen.⸗ Dieſes ſonderbare religiöſe und moraliſche Glaubensbekenntniß, dieſes Gemiſch einer tiefſinnig zergliederten Erfahrung, und einer noch 97 noch ungebildeten und kindiſchen Geiſtesart, ſetzte mich ſehr in Erſtaunen. Nach einigem Nachdenken fand ich, daß man Honorinen weiter nichts ſagen könnte, und ſich eben ſo wenig einfallen laſſen müßte, ihre Leiden⸗ ſchaft zu regieren, als Florentins Schickſale zu lenken. Nur die Unvorſichtigkeit der Reden, die Herr de la Touche führte, ſuchte ich noch aufzuhalten. Vergebliche Mühe! Eitel dar⸗ auf, daß er Voltaire's Schriften auswendig wußte, daß er ſich den Lukrez hatte erklären laſſen, daß er öfters mit Diderot, d'Alem⸗ bert, Condorcet und andern Philoſophen zu Mittag geſpeiſt hatte, ward dieſer Neophyt in der Irreligion keinen Augenblick müde, in Gegenwart ſeiner Bedienten und des jun⸗ gen Florentin, ſeinen ganzen atheiſtiſchen und materialiſtiſchen Kram vorzutragen. Kam nun gar einmal irgend ein Pfarrer aus der G 98 Nachbarſchaft auf das Schloß, da gab es vollends ein Spaßen und Argumentiren, ein Betäuben und ein Frohlocken. Da glaubte ich mich aber auch beſonders verpflichtet, ſei⸗ ne frechen Ironien 4 Zaum zu halten, ſeine furchtbaren Argumente zu bekämpfen. Es war mir nicht entgangen, wie klein, wie ſchwach, wie leicht zu Boden geworfen die Religion in den Augen der Dummköpfe er⸗ ſchien, wenn ſich ſo ein armer Landgeiſt⸗ licher, einem Gutsherrn, einem Hofmann gegenüber, auf's Haupt geſchlagen zeigte. Siehſt du wohl? ſagten die Lakaien des Marquis durch Gebehrden oder leiſe zu ein⸗ ander: Da ſind ſie recht verlegen! Sie wiſ⸗ ſen gar nichts zu antworten!— Verlegen, 1 das war ich nun wohl ſelbſt, ſo gut wie ir— gend einer. Welche Antwort gab es auf Wahres und Falſches, Scherz und Ernſt, Thatſachen und Vernunftſchlüſſe, was alles 99 ſo unter einander gemiſcht und vermengt war, daß man keinen einzigen ganzen Pe⸗ rioden hörte, auf deſſen geſammten Inhalt irgend eine erdenkliche Antwort hätte paſſen können? Griff ich den rechten Arm meines Gegners an, ſo war es alsbald der linke, den er mir entgegenbot. Glaubte ich ihn beim Kopf gefaßt zu haben, ſo ließ er mir eine Larve in den Händen zurück, und war mir lachend entſprungen. Ich ward bald gewahr, daß dieſer ungleiche Wetrtkampf zwiſchen dem einfachen, treuherzigen Men⸗ ſchenverſtand, und der eiteln, ſarkaſtiſchen, ränkevollen Schöngeiſterei, gar auf der Welt nichts nutzte, und der Sache, die ich ver⸗ focht, ſogar einen nachtheiligen Schein gab. Da begnügte ich mich dann, die Gefahr der entgegengeſetzten Lehre zu behaupten. Schon recht! ſagte der Marquis, Sie fürchten für Ihre Pfründen.— Eben ſo ſehr, fiel ich G 2 10⁰0 ein, fürchte ich für Ihre Beſitzungen, für Ihre Ruhe, für die allgemeine Ordnung.— So hielten Sie es ja wohl, erwiederte er, mit jenem ſtolzen Poltron, mit Fontenelle, der, wenn er die Hand voll von Wahrhei⸗ ten gehabt hätte, die Hand, ſagte er, nicht aufgethan haben würde?— Nein, antwor⸗ tete ich; wenn ich mit aller Gewißheit wüß⸗ te, daß es Wahrheiten wären, die ich in meiner Hand hielte, ſo würde ich die Hand gewiß aufthun; aber wie ſollte ich deſſen ge⸗ wiß ſeyn? Ich kenne keine abſolute, unbe⸗ ſtreitbare Wahrheit, und ich weiß nicht, was man mit dieſer Hand voll von Wahrheiten ſagen will. Sollte ich mich denn der Gefahr ausſetzen, bloß neue Irrthümer an die Stelle der alten zu bringen, oder die alten Zweifel mit neuen zu vermehren? Glauben Sie mir, Herr Marquis, in den Gegenſtänden, von welchen wir hier ſprechen, iſt das Neue ſehr 101 zu fürchten; in den meiſten Köpfen iſt eine Umwälzung der Begriffe ſehr zu fürchten. Wenn Sie es Ihren Zuhörern recht eingere⸗ der haben werden, daß es unmöglich iſt zu beweiſen, die Materie ſei geſchaffen worden, und ſei nicht von Ewigkeit her, die Bewe⸗ gung ſei der Materie eingeprägt worden, und ſei nicht ihre ewige Eigenſchaft; wenn Sie ihnen eingeredet haben werden, daß un⸗ fre Seele wohl nur die Einrichtung unſers Leibes ſeyn dürfte: ſo wird, glauben Sie mir, keiner darum glücklicher ſeyn.— Frei⸗ lich nicht, ſagte er, wenn man bei dem furcht⸗ ſamen Zweifel ſtehen bleibt; wenn man aber— kühn genug iſt, die Frage zu keetſcheiden, und die Feſſeln abzuwerfen, in welche die Leute Ihres Standes die Geiſter verwickeln.... Mich dünkt es, fiel ich ein, von keinem rich⸗ tigen Verſtand zu zeugen, daß man dieſe Art Fragen entſcheide.— Sie bilden ſich's 102 ein, ſagte der Marquis; aber wie mancher weiſe Mann hat ſie nicht entſchieden! Se⸗ hen Sie Büffon und ſo viele andre in Frank⸗ reich, ſehen Sie Hobbes und ſo viele andre in England, ſehen Sie in Deutſchland Frie⸗ drich den Großen.— Wohlan, ſagte ich; es hat gute Köpfe gegeben, und giebt deren noch, die für den Materialismus, für den Atheismus ſtimmen. Sie können ſich ſelbſt anführen, und wenn Sie ſich zum offenba⸗ ren Apoſtel dieſer Lehre machen, ſo können Sie ihr allerdings durch Ihre Reden und durch den blinden Glauben, den Ihre Auf⸗ klärung einflößt, vielen Eingang verſchaf— fen. Sie werden ihr Eingang verſchaffen, aber einſt werden Ihre Proſelyten ſelbſt Sie dafür beſtrafen; einſt werden Sie über die unſeligen Siege trauern, auf welche Sie ſich heute ſo viel einbilden. Es waren ſchon einige Tage über die Zeit 1⁰3 verfloſſen, die ich zu dieſem Beſuch beſtimmt hatte; und ohngeachtet mich der Marquis damit aufzog, ich fürchtete meinen Glauben ſelbſt, oder wenigſtens den Ruf meines Glaubens bei ihm zu verlieren, ſo reiſete ich doch denſelben Abend ab. Kein Wort von unſrer Streitigkeit blieb Honorinen unbekannt. Sie hatte um den Inhalt der vorhergegangnen Unterredungen gewußt; ſie erfuhr, was ſeitdem über die nämliche Materie geſprochen wurde. So wie ſie ehemals allen Unterricht, den ſie vom Herrn von Üſſerche erhalten, Florentin mit⸗ getheilt hatte, ſo verſäumte jetzt Florentin nicht, ihr alles zu wiederholen, was er Hrn de la Touche ſagen hörte. Das hätte kei⸗ nen ſehr ſtarken Eindruck auf ſie gemacht, wenn nicht einige Bücher geweſen wären, die ihr Florentin auf ihre Bitte brachte; und ſelbſt dieſe Bücher überzeugten ſie nicht 10⁰4 ganz. Wie? ſagte ſie, mein Vater ſollte ganz und gar nichts mehr ſeyn? Noch am Tage vor ſeinem Tode ſah ich in einem faſt zerſtörten Körper noch eine ſtarke Seele.— In? wiederholte Florentin lächelnd; Du quartierſt ſie ja ein, dieſe immaterielle Seele, wie ein Wurm ſich in einer Roſenknoſpe ein⸗ quartiert.— Ei nun, in, außer, mit, wie Du willſt! ſagte Honorine.— Lieber Him⸗ mel! rief Florentin; ich für meinen Theil will ja nichts, als mich überreden, daß wir ewig, und ewig zuſammen leben werden. Unterdeſſen aber, liebſte Honorine, gieb mir Deine Hand, daß ich ſie berühre. Du haſt mir dieſe Gunſt verſprochen, wenn ich nur acht Tage vergehen ließe, ohne Dich darum zu bitten. Nun das, meine Honorine, das iſt doch wenigſtens ein Vergnügen, über welches man ſich nicht ſtreiten wird, und um das ich auf meinen Theil an allen himm⸗ 105 liſchen Seligkeiten Verzicht thäte, von de⸗ nen an, die Mahomet verſprach, bis zu .— Mein Gott, Florentin, gerade ſo kommen mir die Reden vor, die Du mir immer hinterbringſt! Nennſt Du denn das etwa vernünftig ſprechen? Ich ſagte, mein Vater hätte mir eine ſehr geſunde Seele zu haben geſchienen, ohngeachtet ſein Leib ſehr krank war.— Das kann wohl ſeyn, Ho⸗ norine; ich hörte aber ſehr verſtändige Leute von dem geringſten Stoß an den Kopf, von dem geringſten Fieberanfall irre reden. Man kann von der Seele ſagen, wie von der Ver⸗ nunft, denn am Ende kömmt es ziemlich auf das nämliche hinaus: Ein Gläschen Wein verwirrt, ein bloßes Kind verführt ſie). *)’ Un peu de vin la trouble, un enfant la séduit. MäADAME DRSHOuLIERES. 106 Was wollten wir uns aber länger bei dieſem Syſtem aufhalten, gegen das Du Widerwillen haſt? Glaubſt Du denn, daß ich Vorliebe dafür habe, und daß es mir nicht abſcheulich vorkäme, mich zu überre⸗ den, meine Honorine müßte einſt vernichtet ſeyn?— Aber, mein lieber Florentin, es kömmt nicht darauf an, ein Syſtem zu lie⸗ ben oder nicht zu lieben; noch weniger kömmt es auf Deine Honorine an. O mein Kind, wenn alles Denk- und Empfindungsvermö⸗ gen zerſtörbar iſt, wenn dieſer Gott ſelbſt, den ich ſo gern als den Schöpfer und Len⸗ ker aller Dinge, als das Auge, die Seele der Welt betrachte, wenn dieſer Gott ein Kichts iſt, was kömmt da Honorine in An— ſchlag? Aber welche Lücke macht mir dieſer Gott! Welche Trauer empfinde ich, wenn ich nicht mehr an ihn denken, nichts von ihm erwarten kann! Dein Beweis mit dem — 1⁰7 Fieber, mit dem Stoß: ich weiß nicht ob er viel taugt. Freude, Kummer, Erſtaunen hat manchmal getödtet, oder das Gehirn verrückt. Und es iſt ja doch nicht der Laut, ſondern der Sinn einer guten oder böſen Nachricht, der uns trift; da haben wir alſo ein ſicherlich unkörperliches Ding, das auf ein andres Ding in uns wirkt, welches mir ebenfalls nicht körperlich dünkt; und das Gefühl, was daraus entſteht, fügt dem Kör⸗ per Gutes oder Böſes zu, wie in andern Fällen etwas, das dem Körprr widerfährt, dem was wir Seele nennen, daſſelbe gar ſehr zufügen kann. Ich begreife freilich nicht im mindeſten, wie ſie eines auf das andre wirken, aber die Wirkung ſcheint mir vorhanden und gegenſeitig. Biſt Du des Leibes ſichrer, wie der Seele?— Ich dächte faſt! ſagte Florentin mit einem Lächeln, wo⸗ bei Honorine nicht that, als ob ſie es be⸗ 108 merkte.— Nach und nach ließ ſich Floren⸗ tin vom Marquis überzeugen, und über⸗ zeugte wieder Honorinen, zwar nicht voll⸗ kommen, aber doch ohngefähr, und mit dem Unterſchied, daß Florentin mehr Beweiſe ſammelte, mehr las, Honorine hingegen mit mehr Zuſammenhang, Gründlichkeit und Kühnheit Schlüſſe zog. Noch verwarfen ſie nicht jeden Begrif einer Gottheit; aber als ein Bewegungsgrund zum Thun oder Ünter⸗ laſſen ſtellte ſich ihnen der Begrif einer Gott⸗ heit nicht mehr dar. Da ſie auch keine Pflicht und keinen Wunſch hatten, als ſich zu lie— ben und zu ſehen, ſo war ihr Leben lange Zeit darum nicht weniger ſüß, nicht weni⸗ ger unſchuldig. Während des Sommers erhielt ich vom Marquis dieſen Brief:. » Es kömmt mir nicht vor, lieber Abbé, »als ob Sie meine Abſichten bei dem jun⸗ —— —— rog „gen Mann erfüllt hätten. Nein Wunſch »war, wie Sie wiſſen, daß er beredet wer⸗ „den möchte, entweder in Ihren, oder in „»„ den Maltheſer Orden zu treten. Jenes » iſt ein predigender, dieſes ein kriegeriſcher „»Ritterſchafts⸗Orden; beide geben Brod und „Anſehen: hat er ſo viel Verſtand, als er „»verſpricht, ſo iſt es unmöglich, daß nicht »einer von beiden ihm anſtehe. Ich habe »bei ihm auf den Buſch geſchlagen, aber »ich ſah, daß man ihm von meinen Ge⸗ »danken nie etwas mitgetheilt hatte, und »da ich kein Recht auf ihn habe, konnte »ich mich nicht entſchließen, der erſte zu »ſeyn, der mit ihm davon ſpräche. Sie, „»Herr Abbé, als ſein Beſchützer, als ſein „» Mentor,(vielleicht als noch etwas mehr,) » hätten dieſes Eis brechen, und mir meine „» Rolle, als eifriger, älterer, und folglich »erfahrnerer Freund, erleichtern ſollen. An 110 „»Ihnen alſo war es zu ſprechen, lieber Ab⸗ „ bé, und Sie haben es nicht gewollt. Iſt „»dies bei Ihnen Grundſatz und Bedenklich⸗ „keit, iſt es— wenn Sie mir erlauben wol⸗ »len es frei herauszuſagen— Vorurtheil „und Hartnäckigkeit, ſo werden Sie es nie „»wollen. Vielleicht aber könnte es auch nur „»Vergeſſenheit oder Nachläſſigkeit ſeyn, und »deswegen wende ich mich damit noch ein⸗ »„mal an Sie. Jetzt laſſen Sie mich fra⸗ „»„gen, ob Sie noch eine andre Gefälligkeit „»für mich haben möchten. Sie wiſſen, daß »ich eine Nachbarin habe, die ich nie ſehe, » und das hat ſeine guten Urſachen; denn „»außer ihrer unerträglichen Andächtelei, ha⸗ „be ich von meinem vertrauteſten Freunde „genug über ſie erfahren, um ſie nicht ſehr „zu ſchätzen, und noch weniger zu lieben. Ne „»Neulich ging ich mit Herrn de Vienne „» ſpazieren, er war einige Schritte vor mir — 111 „her: wir begegneten dem Wagen dieſer „Dame, die darin ſaß, und meinen jungen 5 Gefährten mit einer Art grüßte, als hätte „»ſie Bekanntſchaft mit ihm. Das hat mich „» gewundert, und iſt mir nicht ganz lieb ge— „weſen. Sie zeigte ihn einer jungen Per⸗ » ſon, die bei ihr ſaß, und ihn mit vieler „»Kälte grüßte. Aus dem Gruß der Dame »nahm ich wahr, daß ſie ſich geſehen ha⸗ „»„ben; der Gruß des jungen Mädchens be⸗ „wies mir, daß ſie ſich wenig geſehen ha⸗ „»ben, und dies ward mir durch das gleich⸗ „ gültige, ceremoniöſe Weſen, das ich am „Chevalier bemerkte, beſtätigt. Nun, lie⸗ „»ber Abbé, möchte ich wohl, daß dieſe Be⸗ „»kanntſchaft keine weiteren Folgen hätte. 5 Vorbanen iſt oft leichter, wie Einhalt thun. » Wollten Sie wohl dem Chevalier ſchrei⸗ „ben, daß es nicht ganz anſtändig für ihn „»„wäre, in ein Haus zu gehen, mit welchem 112 »ſein Wirth nicht die mindeſte Verbindung „hätte? Sie begreifen wohl, daß es eine „lächerliche Anmaßung von mir wäre, wenn »ich ihm das ſelbſt ſagen wollte; und Gott „bewahre mich, daß ich unter der Hand Be⸗ »diente dazu anſtiftete! Nichts könnte we⸗ »niger in meiner Art ſeyn.⸗ Nun, das iſt der Marquis wie er leibt und lebt! dachte ich beim Leſen dieſes Briefs. Er ſpricht nicht mit dem jungen Mann, aus Furcht Widerſtand zu finden, noch mit ſei— nen Leuten, aus Furcht, daß ſie ihn verra⸗ then oder hintergehen möchten. Der Schleier, in den er ſich wickelt, verbirgt nicht allein ihn, ſondern verbirgt ihm ſelbſt die andern, und ſchützt dieſe vor den Unannehmlichkei⸗ ten, die ihnen von ſeiner Seite widerfah⸗ ren könnten. Ich antwortete ihm; e» Ein jeder hat ſeine Art, lieber Mar⸗ „quis: nichts kann weniger in der amei⸗ 113 „meinigen ſeyn, als das, was Sie mir »vorſchlagen. Ich ſtehe in keinem Brief⸗ „wechſel mit dem jungen Mann, und war „nie etwas anders, als ſein— noch dazu „untergeordneter— Lieferant. Wer Sie »nicht kennte, müßte denken, daß Sie, un⸗ „ter deſſen Dach er wohnt, von dem er tau⸗ „ſendfache Güte genießt, ihm wohl ſelbſt „Ihre verſchiednen Gedanken eröffnen könn⸗ „ten. Aber, außer Ihrer Verachtung gegen „die Meinungen, auf welche die Ritter⸗ „ſchaftsorden gegründet ſind, von denen Sie „ſprechen, hüten Sie ſich wohl, ihm irgend »etwas geradezu beizubringen. Und Sie „wollen, daß er in einen von dieſen Orden „trete! Was Sie von ihm wollen, hieße „den Himmel ſelbſt, die Welt, »und ſich belügen!*) *) C'est mentir au ciel même, à l'univers, à soi- VoOITTAIRE, Alzire. H 114 »und manche Menſchen, die ſonſt Ihre Mei⸗ ₰ — „nungen theilen, verabſcheuen doch dieſe Art „von Lüge.⸗ Einige Tage darauf erhielt ich vom Mar⸗ quis einen neuen Brief: »Ich hätte mich vielleicht über Ihren „Mangel an Gefälligkeit etwas geärgert, ⸗Herr Abbé, wenn ich über den Schluß Ih⸗ »res Briefs nicht hätte lachen müſſen. Ja „freilich giebt es unter den Leuten, die mei⸗ „ne Meinung theilen, einige, die man dieſe „»Art von Lüge tadeln ſieht. Ich konnte »mich einſt nicht erwehren, gegen einen „Mann von vielem Verſtand mein Erſtau⸗ „nen darüber zu äußern; denn wie iſt es »möglich, ſagte ich, das, was nicht iſt, zu »belügen? Die Sache ſcheint mir ſehr gleich⸗ „gültig, und überhaupt begreife ich nicht, „warum man auf die Heuchler ſo übel zu „ſprechen iſt. Sie thun doch weiter nichts, ————— 115 „als die Ehrfurcht vergeben, die andre im „Ernſt für ein Hirngeſpinſt haben; und ſie „thun es, um damit wirkliche Vortheile zu »erlangen.— Sehen Sie denn nicht, ant⸗ „wortete der Mann, mit welchem ich ſprach, „daß man ſich bloß über die Geſchicklichkeit „des Heuchlers ärgert? Ein jeder fürchtet »von ihm betrogen zu werden, wie die from⸗ „men Chriſten von ihm betrogen werden; „ und recht beim Lichte beſehen, finden Sie „in der ganzen Moral nichts anders wie „das. Man ſchärft den Menſchen ein, daß „ſie nicht betrügen ſollen, um nicht betrogen „zu werden; daß ſie nicht ſtehlen ſollen, da⸗ „mit ihnen nichts geſtohlen werde, daß ſie „eines andern Weib oder Tochter nicht ver⸗ „»führen ſollen, weil man wohl ſelbſt ein „Weib, eine Tochter, oder— Herr Abbé!— „etwas ähnliches haben kann, woran man „andre auch nicht möchte kommen laſſen. H 2 116 „Da giebt es denn gute Leute, die in allem „dem etwas mehr Ernſt ſehen, und auch »in's Zeug hinein predigen wie die andern, »ob ſie ſchon weder Geld, noch Weib, noch „Tochter, noch gute Freundin haben. Die »Art von ehrlichen Tröpfen geht aber doch „täglich mehr aus.— Adieu, lieber Abbs: »nichts für ungut, verſteht ſich!⸗ Auf dieſen Brief entſchloß ich mich doch noch zu antworten:. »Ich nehme wirklich nichts für ungut; »denn ich werde ſogar nech treuherzig ge⸗ »nug ſeyn, Sie zu beſchwören, daß Sie, »ein ſonſt ſo kluger, ſo vorſichtiger Mann, „nicht, wie Sie es thun, Ihre Grundſätze ſo »unbehutſam aufſtellen, wenn Sie Leute zu »Zuhörern haben, deren Intereſſe es einmal »ſeyn kann, Sie zu betrügen 2 zu beſtehlen, »oder todtzuſchlagen. Ihr ſtarken Geiſter „ſeid es ſelten ſo ſehr, daß Ihr auch nur 117 „den Gedanken an die Folgerungen, die ſich „ganz ſtreng aus Euern Grundſätzen erge— „ben, aushalten möchtet: wie nun, wenn „erfahren ſolltet? Bei mir haben Sie nichts „zu befürchten; denn ſelbſt den Fall ange⸗ „nommen, meine Grundſätze ſtünden nicht „zum feſteſten, ſo iſt es doch mit meinen „Gewohnheiten feſt genug beſtellt. So hat „denn unſer Briefwechſel nichts gefährliches; „allein er hat auch nichts anziehendes für „mich, und ich verlange daher keine Ant⸗ „ work.«. Gegen Ende des Herbſtes bekam ich ei⸗ nen Brief von Honorinen, die mir it ſehr anſtändigen Ausdrücken verſicherte, ſie und Florentin hätten ſich vollkommen gut zuſam⸗ men aufgeführt.»Sie werden es,“« ſchrieb ſie mir,»dieſen Winter in Paris an un⸗ „ſerm beiderſeitigen Benehmen ſchon ſelbſt .* „Ihr ſie gar in der Wirklichkeit ſehen oder 118 »recht gut ſehen, daß wir noch ſind, was »wir waren, was Sie uns ſtets zu ſeyn »empfahlen. Ich habe ihm geſagt, was 8Sie uns empföhlen, und Sie ſind ihm » darum nur theurer.« »Es war nahe daran, daß ſich Jungfer „Thereſe gar wenig mehr aus Kaſparn ge⸗ » macht hätte, und in dem Augenblick iſt „mir ihrer Verſchwiegenheit wegen ſehr angſt » geweſen. Ein andrer Umſtand vermehrte „» meine Angſt: eines Tages, da Florentin » und Herr de la Touche der Mama und » mir begegnet waren, hatte letzterer durch »ſeine Blicke und durch ſeine ganze Art ein »gewiſſes Mißtrauen bezeugt. Nun hätte »er, um hinter alles zu kommen, nichts »weiter gebraucht, als Jungfer Thereſen » durch einen ſchönen jungen Lakaien aus⸗ »fragen zu laſſen, der in ſeinen Dienſten »iſt, und zu der Art Leuten gehört, für „welche die Jungfern Thereſen nichts ge »heim behalten. Ich war ſo beſorgt, daß »ich eine Weile eingeſchloſſen blieb, und „Florentin bat, ſeinerſeits daſſelbe zu thun. „Glücklicher Weiſe habe ich einige Zeichen „belauſcht, die ſich Jungfer Thereſe und der „Abbé Theodor gaben. Sie werden leicht „begreifen, welchen Nutzen ich daraus zu »„ziehen gewußt habe. Es braucht nur ein „Wort, ſZte ich, und Sie wird aus dem „Dienſte gejagt: ſei Sie mir alſo treuer, „und Kaſparn artiger als jemals. Der „Werth, den er auf Sie und Ihre Liebe „legt, muß ſeinem Herrn und mir für ſeine „Verſchwiegenheit bürgen. Seitdem er in „einem vornehmen reichen Hauſe lebt, kann „er ſich aus Konfekt und andern Näſche⸗ „reien vielleicht ſo viel nicht mehr machen „wie ſonſt, und für ſeine Garderobe habe vich ſelbſt Sorge getragen. Hier iſt aber 120 „»Geld, hier iſt eine Uhr, eine Kette; gebe » Sie ihm das nach und nach.— Paulatim, » ſagte Florentin, der zerſtreut geworden » war, während daß ich ihm den Auftritt »erzählte; es iſt vielleicht das erſte Wort »Latein, das er in ſeinem Leben zum Spaß „geſagt hat, und wir haben darüber ge⸗ » lacht wie die Kinder, die wir ſind. Hal⸗ »ten Sie mir meine läſtige Schwätzerei zu » gute, Herr Abbé; meine Abſicht war nur, »Ihnen zu zeigen, wie nöthig wir die „»Herren Theodore, die Jungfern Thereſen, „ u. ſ. w. haben, um ſie die einen durch die » andern im Zaum zu halten. Vermöge ih⸗ »rer Schwachheiten, retten wir uns zwiſchen » allen den Leuten durch, und ſie gewinnen » auch dabei, denn wir helfen ihnen, zu un⸗ »ſerm Beſten, thun was ſie gern wollen, ꝛc.« » Was ich aus Herrn de la Touche ma⸗ »chen ſoll, weiß ich noch nicht recht. Er iſt 4 — . 121 „»ein eifriger Atheiſt, wie andre Menſchen „eifrige Chriſten ſind. Mit der Moral mag „es in ſeiner Lehre ausſehen wie es will; „»es ſcheint zuweilen, als verſchonte er ſie „ ſelbſt nicht mit ſeinen Angriffen, um nur „an allem, was man Tugend nennt, ſein „Müthchen zu kühlen; und ſo wird es ihm „gleichſam zur Angelegenheit, ſeine Bedien⸗ „ten zu Taugenichtſen, die Menſchen, die „er verbindet, zu Undankbaren zu machen. „Wenn es eine bloße Laune iſt, ſo iſt es »eine ſonderbare Laune: was er dabei ge⸗ »winnen zu können glaubt, begreife ich „nicht recht. Mir iſt es ſehr einerlei, wenn „er nur Florentin nicht überredet, er könnte » ohne Verbrechen mich betrügen, verrathen, „verlaſſen, und das nach ſo vielen tauſend „Eidſchwüren, die ja im Grunde, ſeinen Mei⸗ „nungen zufolge, gar nichts bedeuten. Ich „ſpreche mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit und 122 »Theilnehmung davon, weil ich die Wir⸗ »kung dieſer Gottloſigkeitspredigten einiger⸗ „ maßen empfinde. Ich werde Florentin nie „» untreu werden; er aber brauchte nur einen » Schritt mehr zu thun als ich, ſo könnte „»er mich zu verführen ſuchen, und mich als⸗ »dann, wenn es ihm gelänge, meinem elen⸗ »den Loos überlaſſen. Das hat mir indeſ⸗ »ſen bis jetzt wenig im Kopf gelegen; nur » jene Furcht, die ich wegen der Jungfer The⸗ „ reſe hatte, machte mir eine Weile viel zu „» ſchaffen. Ohne dieſe Wolke, würde unſer »Sommer nur ſchöne Tage gehabt haben, »und es wäre gar zu ſchmerzlich, ihn enden »zu ſehen. Ich hoffe, daß ich Sie in Paris »ſehen werde. Den 30. Oktober, 1788. c Man bemerke dies Datum. Die Revo⸗ lution war, ſo zu ſagen, vor der Thüre. Bei Honorinens Brief lag einer von Flo⸗ rentin. Er ſagte mir, der Marquis hätte 123 ihm eine Wohnung in ſeinem Hotel zu Pa⸗ ris angeboten, wenn er den Winter da zu⸗ bringen wollte; ſpeiſen ſollte er, wo es ihm beliebte, und er würde die größte Freiheit haben, zumal da die Zimmer, die ihm ein⸗ geräumt werden ſollten, in einem vom Haupt⸗ gebäude abgeſonderten Flügel, mit einem be⸗ ſondern Eingang, wären. Sie werden, ſo oft Sie wollen, mein Gaſt ſeyn, hatte der Marquis hinzugefügt, und ich lade Sie ausdrücklich auf die Tage in der Woche ein, wo ich gemeiniglich Geſellſchaft habe, und nicht nach Verſailles gehe. Florentin fragte mich um meine Einwilligung; ich wandte mich an Frau von**, und da Herr de la Touche ſeinen eignen Plan im voraus gut geheißen hatte, litt die Sache weiter keine Schwierigkeit. Zu ſeinen monatlichen Aus⸗ gaben wies man dem jungen Menſchen hun⸗ dert Louisd'ors an, womit er ſich auf eine 124 deſto glänzendere Art zeigen konnte, als er auch die Pferde des Marquis zu ſeinem Ge⸗ brauch hatte, und wenn er Luſt hatte, ſeine Wägen, nebſt einem Stallknecht und Kut⸗ ſcher, den er damals wie Kaſparn kleidete. Als er mit Herrn de la Touche nach Pa⸗ ris kam, ließ er ſeine erſte Sorge ſeyn, Ho⸗ norinens Zimmern gegenüber eine kleine Woh⸗ nung zu miethen. Was man aus Florentins Fenſtern warf, fiel in den Garten der Frau von Üſerche, und dieſe Fenſter waren nicht ſehr hoch. Dies Mittel, ſich zu ſehen, wur⸗ de indeſſen ſelten angewandt; aber täglich ſchrieb man ſich, und verabredete Zuſam⸗ menkünfte auf den Morgen, in dieſer oder jener Meierei in der Gegend von Paris, oder auf den Abend, auf dieſem oder jenem Ball, wo Leute aus der Bürgerklaſſe tanz⸗ ten, und ſich keine andern Weiber von dem Stande des Fräuleins von Alſerche einfan⸗ 125 den. Zuweilen beſtand das Vergnügen, das ſie ſich machten, in einem bloßen Spazier⸗ gang, beim Schein der Laternen, am Ufer der Seine, oder auf den Wällen. Was ver⸗ ſchlug es ihnen, ob der Miethwagen ſchmu⸗ zig war, ob er ſtieß, ob die abgejagten Mähren ſie kaum fortſchleppen konnten? Sie waren beiſammen. Pferde und Kutſcher waren eingeſchlafen, und ſie glaubten noch am Anfang ihrer Spazierfahrt zu ſeyn. Frau von liſerche war anderwärts zu ſehr beſchäf⸗ tigt, um das mindeſte zu argwöhnen. Sie fand es ganz natürlich, daß ſich Honorine des Abends, wenn ſie ein paar Dutzendmal⸗ gegähnt hatte, auf ihr Zimmer begäbe, und ſie zweifelte keinen Augenblick, daß ihre Tochter ſich nicht ſogleich ſchlafen legte. In Geſellſchaften und an öffentlichen Orten ſah man ſie ſehr wenig, theils weil ihre Mutter auf dem frommen Fuß lebte, theils weil ſie 126 ſich nicht wollte ſehen laſſen, in der Hof⸗ nung, daß auf dieſe Weiſe niemand ſobald daran denken würde, ſie zu heurathen. Auf jenen Bällen, wo ſie zuweilen hinging, war ſie, wie auch Jungfer Thereſe, als beſcheid⸗ nes Krämerweibchen gekleidet, und tanzte mit niemanden, als Florentin. Dieſer ging oft in das Schauſpiel, und hatte überdem gute Konnexionen. Herr de la Touche ſtellte ihn in mehreren angeſehenen Häuſern vor, und da ſowohl, als im Lycäum, in den phyſika⸗ liſchen Lehrſtunden, auf der Reitbahn, im Ballhauſe, verſchaften ihm ſeine Figur und ſein Betragen unter den jungen Leuten ſei— nes Alters, oder auch unter älteren manche angenehme Bekanntſchaften. Eine ſanfte und beſcheidne Fröhlichkeit, die ihm eigen war, machte ihn beliebt, und ſelbſt ſein Name leiſtete ihm einige Dienſte. Hörte man ihn zum erſtenmal, ſo zeigte man ſich etwas 127 verwundert; bald aber ſah es aus, als ſagte man ſich: Warum denn nicht? meinetwe⸗ gen! Wer wird es bei einem ſo artigen jun⸗ gen Menſchen, um einer ſolchen Kleinigkeit willen, ſo genau nehmen?— Man erlaube mir hier, der höflichen Sorgloſigkeit meiner Landsleute Gerechtigkeit widerfahren zu laſ⸗ ſen. In Frankreich, wenigſtens vor der Re⸗ volution, ließ man einander gar manches hingehen, was man ſich anderwärts nicht hingehen ließe, und ſelten band man mit dem an, der ſich einen glücklichen Einfall, eine muthige Handlung, hübſche Verſe, ei⸗ nen ſchönern Namen, als ſeinen eignen, mehr Glück auf der Jagd oder in der Liebe, als er wirklich hatte, zueignen mochte. Was du willſt daß dir geſchieht:— dachten heimlich die Zuhörer. Wie glücklich wären wir ge⸗ weſen, wenn dieſe Leichtigkeit der Sitten, dieſe Verträglichkeit ſich nicht weiter erſtreckt —— 128 hätte, und man ſich nicht die empörendſten Ausſchweifungen, die abſcheulichſten Unter⸗ ſchleife und Erpreſſungen, die ſchändlichſte Mäkelei mit allen möglichen Dingen nach⸗ geſehen hätte, wie man ſich die kleinen An⸗ maßungen der Eitelkeit nachſah! Honorine weidete ſich, bis es beſſer käme, an dem Beifall, den ihr junger Freund ſich ſo im Kleinen erwarb; doch blieb es haupt⸗ ſächlich ihre Abſicht, die ſie darum nicht aus den Augen verlor, daß er nach einem vor⸗ theilhaften Unterkommen ſtreben ſollte, und ſie wußte es zu veranſtalten, daß ſie mich einmal bei ihrer Mutter an der Donnerſtags⸗ tafel ſah, wo ſie mich ſehr ernſthaft über dieſen Punkt unterhielt, und mir ihre Ge⸗ danken, von denen ich weiterhin reden wer⸗ de, mit einem Scharfſinn, der weit über ihre Jahre war, aus einander ſetzte. Bei der Tafel wurde viel von der ſich verſammelnden Geiſt⸗ 129 Geiſtlichkeit, von den Notables, von den künftigen Reichsſtänden geſprochen. Man ſprach mit Verachtung, Schmerz, Bitterkeit von den übeln Streichen, welche der Reli⸗ gion geſpielt würden; und dieſe Vertheidiger der Religion ſchienen mir dabei ein wenig mehr zu denken, als an ſich ſelbſt, an ihre Vorrechte, an das, was ſie beſaßen und ver⸗ lieren konnten, an das, was ſie hofften und nicht zu erlangen Gefahr laufen konnten. Man ſprach von Voltaire, Rouſſeau, Mon⸗ teſquienu, wie man nur immer von den ab⸗ ſcheulichſten Böſewichtern hätte ſprechen kön⸗ nen. Nicht der mindeſte Unterſchied wurde gemacht, nicht die mindeſte Schonung ange⸗ wandt; nicht einmal Anſtand und Urbanität beobachtete man. Iſt denn das die Art, wie man immer hier ſpricht? fragte ich Ho⸗ norinen.— Ja wohl, ſagte ſie; und wenn ich mir manchmal habe einfallen laſſen, über 8 13⁰ die Gegenſtände, die zwiſchen Ihnen und Herrn de la Touche abgehandelt würden, ei⸗ nige Fragen zu thun, ſo iſt man mir be⸗ gegnet, wie einer Verruchten, die das hölli⸗ ſche Feuer verdiente.— Das iſt ja ſehr ſchlimm und ſehr langweikig für Sie, ſagte ich, daß Ihre Frau Mutter ſo fromm iſt.— Iſt ſie ſo fromm 2 erwiederte Hondrine mit einem boshaften Lächeln. Aber ſehr glücklich muß ich mich ſchätzen, daß ſie ſo iſt wie ſie iſt. Ihr Spiel und ihre Abbeé's inachen, daß ſie ſich von neun Uhr Abends bis zehn oder eilf Uhr Morgens nicht darum beküm⸗ mert, was ihre Tochter thut und vornimmt.— Und wie bedient ſich ihre Tochter dieſet großen Freiheit?— Vernünftig. Mancher würde indeſſen ſagen khörigt; weil man nicht wüßte, daß ſie einen einzigen, unveränderlichen Wil⸗ klen hat.— Aber, ſagte ich, dieſe Leute hier werden Sie ungläubig machen.— Würden 2 131 Sie mir verzeihen, wenn ich es wäre? ant⸗ wortete ſie.— Sie ſind noch nicht volle ſechszehn Jahre alt, erwiederte ich; ehe Ihre Meinungen ſich auf feſte Grundlagen ſtützen, können ſie ſich noch manchesmal verändern.— Zu widerſinnigen Meinungen kehrt man nie zurück, ſagte Fräulein von Üſerche, und ſo⸗ gleich fing ſie an, von etwaͤs anderm zu ſprechen. Dies ging während der Faſten vor. Ge⸗ gen Ende des Karnevals ereignete ſich ein kleines Abentheuer, das den Karakter der beiden jungen Leute beſoͤnders in's Licht ſtell⸗ te, und nicht ohne Folgen blieb. Eines Abends war Ball in einem Hauſe von et⸗ was anſtändigerer Art, als die Tanzhäuſer außer der Stadt; unſer Paar wollte ſich da einfinden. In dem Augenblick, wo Hono⸗ rine aus der Kutſche ſtieg, fiel gerade der Schein einer Fackel auf ihr Geſicht, und ein & ₰ 2 142 junger Mann, der eben vorbei ging, bekann Luſt ihr zu folgen. Er trat auf ſie zu, unm ihr ſeine Hand anzubieten, als ſie ihren Freund wahrnahm, deſſen Arm ſie ſchleunig ergriff. Dieſer erſte kleine Vorfall hatte den jungen Menſchen nicht zum Beſten geſtimmt. Er war einer von denen, die ſich bei mehre⸗ ren Gelegenheiten andern vorgezogen fan⸗ den, und nun überall auf Vorrechte und Vorzug Anſpruch machen. Nach den erſten Kontretänzen bat er Honorinen, einen mit ihm zu tanzen⸗⸗ Ich kann nicht, mein Herr, antwortete ſie ſehr höflich; ich bin für die ganze Zeit meines Hierſeyns an dieſen Herrn verſagt, der mein und meiner Begleiterin Billet zahlt.— Florentin war näher getre⸗ ten: Sie ſind ſehr glücklich, ſagte der junge Mann zu ihm.— Ja, mein Herr, antwor⸗ tete er, und ich fühle mein Glück ſehr gut.— Wäre es nicht erlaubt, dieſes Glück auf ei⸗ 133 nen einzigen Augenblick mit Ihnen zu thei⸗ len?— Mademoiſelle hat zu befehlen, aber ſie hat mir geſagt, daß ſie hier nur mit mir tanzen wollte, und es iſt ſchon eine ſo große Gefälligkeit von ihr, an dieſen Ort zu kom⸗ men, daß ich ihrer Güte nichts weiter zu⸗ muthen darf.— Ich bitte Sie, mein Herr— ſagte der junge Menſch mit etwas hochmü⸗ thigem Weſen, und er ſchien die Hand des Fräuleins von Üüſerche faſſen zu wollen.— Nein, mein Herr, das geht nicht an, unter⸗ brach ihn Florentin; kommen Sie, Hono⸗ rine: man wartet auf uns. Wie der Tanz zu Ende war, trat der junge Herr wieder zu Florentin, und fragte ihn nach ſeinem Ramen.— De Vienne, antwortete dieſer, Chevalier de Vienne.— De Viennes? wie⸗ derholte der andre, mit ſpöttiſchem Lachen: Chevalier de Vienne?— Dies Lachen mißfällt mir, ſagte Florentin ſehr leiſe, in⸗ 13 4 dem er ſich etwas von Honorinen entfernte; morgen um acht Uhr, wenn Sie einen Ort beſtimmen wollen, wo wir uns ſehen kön⸗ nen, werde ich mit meinem Degen meinen Namen gegen einen jungen Mann behaup⸗ ten, der von beſſerer Geburt ſeyn kann, als ich, der mir aber nicht beſonders höflich ſcheint.— Wohlan, erwiederte der andre: ich heiße Graf von***, Sie werden mich im Boulogner Holz treffen.— Hierauf nah⸗ men ſie wieder ein ſo artiges Weſen gegen einander an, daß ſich jede andre als Hono⸗ rine dadurch hätte täuſchen laſſen. Aber ſie hatte den Namen und das Boulogner Holz nennen gehört: das war genug, um der Verabredung gewiß zu ſeyn; nur hatte ſie nicht gehört, welche Zeit beſtimmt worden war. Man tanzte noch ein Weilchen, und ging dann hinweg. Honorinens Miethwa⸗ gen hielt am Eingang der Straße, wo das 135 Hotel des Marquis de la Touche gelegen war. Florentin ſtieg hier aus, und Hono⸗ rine wünſchte ihm mit ihrer gewöhnlichen Art gute Nacht. Einige Schritte weiter ſtieg ſie ſelbſt aus dem Wagen, und ſagte zum Kutſcher: wenn er, nachdem ſeine Pferde in den Stall gebracht wären, die Nacht vor dem Hotel des Herrn de la Touche ſtehen bleiben, und ihr, ſobald er einen jungen Mann da heraus kommen ſähe, Nachricht davon bringen wollte, ſo ſtünde ein Louis⸗ d'or für ihn zu verdienen. Sie nannte ſich, um ihrem Verſprechen mehr Gewicht zu ge⸗ ben, und beſtellte ihn in die Remiſe des Üſercher Hotels. Sie kannte dieſe Remiſe ſehr gut, wie auch die Stube des Stall⸗ knechts und des Kutſchers; denn da war es, wo ſie gewöhnlich durchging, wenn ſie wie⸗ der nach Hauſe kam, und da pflegte ſie auch auf den Miethwagen zu warten, den Jung⸗ 136 fer Thereſe holte. Sie ging alſo geradezu an die Thüre des Kutſchers, eines ehrlichen Kerls, der für ſeine junge Herrſchaft alles auf der Welt gethan hätte. Sie weckte ihn auf, und bat ihn, den andern Morgen, ehe der Tag anbräche, vor einen ſehr ſanften, bequemen engliſchen Reiſewagen, den Frau von Üſerche beſaß, vier Pferde zu ſpannen, und ſich fertig zu halten, damit er ſie auf den erſten Wink fahren könnte, wohin ſie wollte. Wie das abgeredet war, eilte ſie, ſich umzukleiden, machte ein Päckchen von mehreren Hemden und feinen Schnupftüchern, kehrte ſodann nach der Remiſe zurück, wo ſie im Reiſewagen ſelbſt auf den Tag und auf die Ankunft ihres Kommiſſionärs war⸗ tete. Hier hatte ſie denn Zeit zu überlegen, wie ſie es anzufangen haben würde, um die Streitenden aus einander zu bringen, wenn der Kampf ernſthaft werden ſollte. Geſetzt 137 es gelänge ihr nicht, ſo nahm ſie ſich vor, für den Verwundeten, wer es auch ſeyn möchte, Sorge zu tragen, und wenn einer von beiden in Lebensgefahr käme, wollte ſie dem andern zu ſeiner Flucht beiſtehen. Aber Florentin, im Fall er es geweſen wäre, wür⸗ de nicht allein abgereiſt ſeyn. Dies war es, was reiflich überdacht und beſchloſſen wurde; denn Honorine fühlte ſehr gut, wie unſchick⸗ lich es ſeyn würde, vorlaute Maasregeln gegen eine mittelmäßige Gefahr treffen zu wollen; und bei aller Unruhe, die ſie em⸗ pfand, freute ſie ſich des Muths, den Flo⸗ rentin bewies, freute ſich des Gedankens, daß es ihm nicht fehlen könnte, bei allen Veranlaſſungen Ehre einzulegen. Um ſieben Uhr erſchien der Lohnkutſcher. Die Pferde waren angeſpannt, die Bedien⸗ ten gekleidet, der Stallknecht geſtiefelt. Fräu⸗ lein von Üſerche, in ihrem Wagen allein 138 ſitzend, ließ ſich nach dem Boulogner Holz fahren. 4 en Noch vor dem verabredeten Augenblick ſah Florentin ſeinen Gegner erſcheinen. Kaum war es heller Tag. Letzterer hatte jemanden bei ſich: Und Ihr Sekundant? fragte er Florentin.— Ich habe keinen, und will keinen haben, antwortete dieſer; ich möchte niemanden zumuthen, an einer unangeneh⸗ men Sache Theil zu nehmen, die ich allein beendigen kann. Ich verlaſſe mich auf Sie. Werde ich verwundet, ſo wird dieſer Herr hier für mich thun, was er für Sie gethan hätte. Es iſt zwiſchen uns kein Haß, es muß auch kein Mißtrauen ſeyn.— Indem er dies ſagte, warf er ſeinen Rock von ſich, knüpfte ſeine Halsbinde auf, und entblößte ſeine Bruſt.— Aber, ſagte der Graf 4 von„wenn Ihnen ein Unglück begegne⸗ te, ſo könnten wir in übeln Ruf kommen.— 139 Das iſt ein andres, erwiederte Florentin, und fing an ſeine Halsbinde wieder zuzu⸗ knüpfen; auf ein ander Mal alſo! Wo nehmg ich aber meinen Sekundanten her? Es thä⸗ te mir leid, um der Kleinigkeit willen dem Herrn de la Touche, bei dem ich wohne, Ungelegenheit zu machen.— Ein ſo bekann⸗ ter Name machte Eindruck auf den andern jungen Mann. Meine Herren, ſagte er, darf ich wohl fragen, aus welcher Urſache Sie ſich ſchlagen?— Ich habe, antwortete der Graf, wie dieſer Herr mir ſagte, daß er de Vienne hieße, auf eine Weiſe gelacht, die ihm unperbindlich geſchienen hat; ich hielt die Familie, die dieſen Namen geführt hat, für erloſchen.— Warum aber auch lachen? ſagte ſein Freund; der Herr ſcheint mir jedem Namen Ehre machen zu können.— Ich habe Unrecht gehabt, ſagte der junge Mann.— Nun, ſo wollen wir einander 140 umarmen, ſagte Florentin, und anſtart uns zu ſchlagen, lieber Freunde ſeyn.— Fräu⸗ lein von Uiſerche war ihnen gefolgt, und hat⸗ te ſich in einiger Entfernung von da ver⸗ ſteckt. So wie ſie die Umarmung vor ſich gehen ſah, kehrte ſie wieder zu ihrem Wa⸗ gen, der hinter ihr geblieben war; auf dem Wege, durch welchen ſie gehen mußten, ließ ſie halten, zeigte ſich, und grüßte ſie mit der größten Artigkeit, mit dem größten Lieb⸗ reiz. Florentin erroͤthete. Wie iſt mir denn? ſagte ſein neuer Freund; iſt dies nicht unſre Helene von geſtern Abend? Ihr Wagen hat das Uſerche Wappen, die Bedienten tra⸗ gen die Liverei dieſes Hauſes.— 2(Es iſt wirklich auch das Fräulein von lſerche, ſag⸗ te Florentin.— Nun zweifelte man nicht mehr, daß er nicht de Vienne hieße, oder auf jeden andern, eben ſo ſchönen Namen Anſpruch zu machen hätte. Man fragte 141 ihn, warum er nicht präſentirt wäre, warum man ihn nicht in Verſailles, oder beim Her⸗ zog von Orleans, wo man Herrn de la Touche begegnet war, geſehen hätte?— Ich möchte eben nicht ſehr bekannt ſeyn, antwortete Florentin; und Sie würden mich verbinden, wenn Sie von dem, was vorge⸗ gangen iſt, weiter nicht ſprechen wollten.— Wir könnten auf keine Weiſe davon ſprechen, ſagten die Herren, die Ihnen nicht Ehre machte.— Daran zweifle ich nicht, erwie⸗ derte Florentin, aber lieber wäre es mir, wenn gar nicht die Rede dapon. wäre.— In dieſem Augenblick kam Fräulein, v. Uſerche an ihnen vorbei, und indem ſie langſam fah⸗ ren ließ, ſagte ſie zu ihnen: ich würde für den einen wie für den andern gleiche Sorge getragen haben.— Meine Herren, ſagte Florentin, nachdem ſie vorüber war, es iſt uns nicht erlaubt zu ſprechen, da Fräulein 142 von liſerche dadurch ausgeſetzt ſeyn könnte.— Sie gaben ihm Recht, verſprachen zu ſchwei⸗ gen, und alle drei gingen nun weiter, und nahmen auf das freundſchaftlichſte ein Früh⸗ ſtück mit einander ein. Honorine ließ ihre Pferde peitſchen, und fand ſich bei ihrer Mutter zugegen, als dieſe aufſtand. Sich tapfer, gefällig, edel zeigen, war eben nichts ſeltenes bei den jungen Leuten meiner Nation. Schweigen ward ihnen weit ſchwerer, und dieſer Beiſpieke hatte man weit weniger.„Der Graf von es ſowohl, als ſein Freund, ſagten nicht gerade, was ſie geheim zu halten verſprochen hatten; aber ſie redeten ſo oft von der ſchönen lſſerche, und das mit einem gewiſſen geheimnißvollen Weſen, daß ſie ein beſondres Verlangen ſie kennen zu lernen erregten: ja, ein naher Verwandter des Grafen, der ſich ihres Al⸗ ters, und des Vermögens, das ſie einſt ha⸗ 143 ben ſollte, erinnerte, kam ſogar auf den Ge⸗ danken, daß ſie eine fehr anſtändige Partie für ſeinen Sohn ſeyi würde. Dieſe Geſchich⸗ te ſchien alſo Florentin Nutzen und Schaden bringen zu müſſen: Schaden, indem ſie den Augenblick fruͤher herbeifuͤhrte, wo ihm ein Nebenbuhler Honorinen ſtreitig machen ſöll⸗ te; Nutzen, weil ſie ihm einen Freund ver⸗ ſchaffte, der ihm Dienſte leiſten konnte. Fräu⸗ lein von Üſetche baute darauf die größten Hofnungen. Dies gab auch den Anlaß zu ihrem Wunſche, mich zu ſehen, als ſie mich zu Anfang der Faſten beredete, zu ihrer Mutter zu kommen. Sie meinte, daß man für Florentin ein Regiment, oder ſonſt eine militairiſche Stelle kaufen, und dutch den Grafen von*** die Genehmigung des Haͤn⸗ dels erlangen könnte. Sie glaubre, wenn ſich die Leute, denen Florentin das Leben ſchuldig wäre, auch nicht bequemen moͤchten, 144 die Koſten dazu herzugeben, ſo würden ſie doch das Geld nicht ausſchlagen, das ſie würde aufnehmen können. Sie kennen mich genug, ſagte ſie, um für mich gut zu ſagen; Sie wiſſen, welches Vermögen ich jetzt ſchon mein nennen kann, ob ich gleich meines Al⸗ ters wegen noch nicht freie Hand darüber ha⸗ be. Bei meiner Volljährigkeit— nein, bei meiner Verheirathung werde ich zahlen, Auch Florentin kam zu mir, um von die⸗ ſem Projekt mit mir zu reden, und ich ver⸗ ſprach, bei denen, die ſeinen Unterhalt be⸗ ſtritten, deswegen anfragen zu laſſen. Sie ſchienen ſo freigebig und ſo reich, daß wir zu ihnen die beſte Hofnung haben konnten; und außerdem war ich bereit, die Summe, die Fräulein von Üſerche geben wollte, un⸗ ter meinem Namen zu borgen, wenn man ſich bequemte, ſie anzunehmen, und den ver⸗ langten Gebrauch davon zu machen. Allein Frau —— 143 Frau von** „an die ich mich wandte, ver⸗ ſicherte mich ſogleich, daß man ſich in nichts dergleichen einlaſſen würde. Florentin ſagte ſie, könnte einmal auf den Einfall kommen, ſich zu verheirathen, und das will man ge⸗ rade gar nicht.— Von dem Augenblick an war es für mich ausgemacht, daß Herr de la Touche und der unbekannte Fürſorger eine und dieſelbe Perſon wären. Ich ſuchte Flo⸗ rentin auf, und ich geſtehe es, es fehlte we⸗ nig, ſo hätte ich in meinem Unwillen über eine Geheimthuerei und eine Verſtellung, die ſo nahe an Betrug gränzte, ihm ſowohl meine Muthmaßungen, als die Plane, die ſeinetwegen gemacht wurden, und die ſeinen Wünſchen, ſeinen Hofnungen ſo entgegen⸗ geſetzt waren, ohne Rückhalt entdeckt. In⸗ deſſen beſann ich mich noch; aber ich ſagte ihm, daß ich von Stunde an die Perſon, die ſich bisher meiner bedient hätte, um die K 146 Erlaubniß bitten würde, ſie ihm zu nennen, damit er ſich geradezu an ſie wenden könnte: ſie müßte denn lieber den Herrn de la Touche, dem er täglich theurer zu werden ſchiene, zum Mittelsmann nehmen wollen.— Und warum ziehen Sie ſich von mir und meinen Angelegenheiten zurück? ſagte der junge Menſch mit einer Rührung, bei welcher ich ſelbſt nicht kalt blieb. Ich habe Sie immer geliebt, und würde die zärtlichſte Anhäng— lichkeit für Sie gehabt haben, wenn es nicht geſchienen hätte, als fürchteten Sie ſich, mit dem, was mich angeht, zu thun zu haben. Sie haben mich faſt ganz der Leitung eines andern Kindes überlaſſen, das noch jünger iſt als ich; und ohne einen Eifer, der die Vernunft dieſes Kindes früher reifte, was hätte wohl aus mir werden können?— Statt aller Antwort kamen mir Thränen in die Augen. Florentin fing von neuem an: ——— — 147 Iſt es irgend eine Stimmung des Geiſtes oder des Gemüths, die Ihnen an mir miß⸗ fällt?— Nein, mein Freund, nein: im Ge⸗ gentheil!— Nun, warum wollen Sie mich alſo ganz verlaſſen?— Ich kann nicht für Sie thun, was ich gern möchte; ich kann nichts für Sie thun: ja, laſſen Sie mich noch mehr ſagen, ich begreife nichts mehr an Ih⸗ rem Schickſal.— Gehöre ich Ihnen denn auf keine Weiſe an?— Auf keine, mein guter junger Freund.— Und Sie kennen meinen Vater nicht? oder errathen ihn nicht?— Ich kenne ihn nicht. Sind Sie hier glücklich?— Ich bin es, wenn ich Ho⸗ rinen ſehe.— Und Herrn de la Touche?— Wir kennen uns nicht beſſer, als den erſten Tag, da wir uns ſahen.— Hat er fortge⸗ fahren, in Ihrer Gegenwart die Meinun⸗ gen zu predigen, über welche ich vergangnen Sommer gegen ihn ſtritt?— Unaufhör⸗ K 2 148 lich.— Und welche Wirkung hat das bei Ihnen gehabt?— Daß ich für alles in der Welt kaum mehr weiß, woran ich mich zu halten habe. Aber ich denke nicht viel dar⸗ über nach. Oper, Komödie, meine Lehrſtun⸗ den, meine Spaziergänge haben mich von allen den Dingen zerſtreut; Honorine, der ich alles wiederſage, die ernſthafter, über⸗ legter, einſamer iſt als ich, hat weit ſtär⸗ kere und lebhaftere Eindrücke empfangen.— Arme Honorine! rief ich aus.— Was fürch⸗ ten Sie für Honorinen? fragte Florentin unruhig.— Alles mögliche, ſagte ich, und nichts beſtimmtes. Eine ſchwarze Wolke ſcheint mir über euerm beiderſeitigen Schick⸗ ſal zu hängen; ſie wird mit jedem Tag dro⸗ hender, und ich zittre..... Übrigens ſind es nicht zwei liebenswürdige Kinder allein, für die ich zittre; nicht Sie, Florentin und Ihre Honorine allein halte ich für bedroht:; 149 meinem ganzen Vaterland ſteht eine nahe fürchterliche Erſchütterung bevor: ſeit einiger Zeit denke ich darauf, mir den Anblick die⸗ ſes Unheils zu erſparen. Ich würde um euertwillen bleiben, wenn ich euch vor ir⸗ gend einer Gefahr hüten, euch irgend ein Glück verſchaſſen könnte. Aber wie ich Ih⸗ nen ſchon geſagt habe, ich vermag nichts; die Beſorgniſſe, die ich Ihretwegen habe, vermehren nur meine Traurigkeit, und trei⸗ ben mich ſchneller von hinnen.... Wollen Sie mit mir kommen, Florentin?— Und Honorine? antwortete er.— Leben Sie wohl, Florentin! ſagte ich mit thränendem Auge. Ich verließ ihn, und ſobald ich zu Hauſe war, ſchrieb ich an Frau von Meine Zurüſtungen waren bald gemacht, ** und ich reiſte ab, ohne weder Florentin noch Honorinen irgend ein Mittel anzugeben, wie ſie mir ſchreiben könnten. Bei aller meiner 150 Liebe für ſie, wünſchte ich, nichts mehr von ihnen zu hören. Honorine war, wie ſie mir ſeitdem ge⸗ ſagt hat, über meine Abreiſe eben ſo unwil⸗ lig als bekümmert. Ich ſollte, meinte ſie, mich ganz ihrem jungen Freunde widmen. Wie konnte ich mein Leben beſſer anwen⸗ den, als indem ich ihm Gefahren, Leiden, Fehler zu erſparen ſuchte? Mit mir ver⸗ ſchwand gleichſam eine gewiſſe Sicherheit, die ich ihr gab. Wen ſollte ſie hinführo bei irgend einer außerordentlichen Verlegenheit um Hülfe anrufen? Das Abentheuer vom Ball, und deſſen Folgen im Boulogner Holz, zwangen ſie auch zu größerer Behutſamkeit. Einmal bekannt, konnte ſie wieder erkannt werden. Sie fing an, für ſich und ihren Freund zu fürchten, und einige Augenblicke ausgenommen, die er des Abends ſpät in ihrem Garten mit ihr zubrachte, kamen ſie 151 nicht mehr zuſammen, ſondern begnügten ſich, fleißiger als jemals an einander zu ſchreiben. Bald wurden der Frau von lſerche, ihrer Tochter wegen, Heirathsanträge ge⸗ macht. Frau von Üſerche fand natürlicher Weiſe nicht, daß es Eile hätte. Aber die Vormünder des Fräuleins konnten anders davon urtheilen, zumal da die vorgeſchlagne Partie glänzend und auf alle Weiſe vor⸗ theilhaft war. Die arme Honorine wußte ſich nicht mehr zu helfen. Zum Glück ge⸗ lang es ihr noch, ihrer Mutter wegen eini⸗ ger Unruhen, die in Paris auszubrechen an⸗ fingen, einen großen Schrecken einzujagen, und ſie zu bereden, daß ſie etwas zeitiger, als gewöhnlich auf das Land ging. Vor der Abreiſe ſchrieb ſie dieſen Brief an den Grafen von***. „ Sollte ich mich wohl geirrt haben, Herr 152 „ Graf, indem ich mir vorſtellte, daß ich »Ihnen die glänzenden Anträge zu verdan⸗ »ken hätte, die man meiner Mutter und » meinen Vormündern meinetwegen gethan „hat? Man nennt ſie glänzend; ich aber „»für meinen Theil ſehe bloß eine Quelle un⸗ »nützer Verfolgungen darin. Sind Sie es » nicht, der mit den Herren von**, oder in »ihrer Gegenwart, vortheilhaft von mir ge⸗ „»ſprochen hat? Sie ſind, glaube ich, mit »einander verwandt. Wenn Sie es ſind, „ ſo beſchwöre ich Sie, mich von den Be⸗ „»werbungen dieſer Herren zu erlöſen. Je »näheren Antheil Sie an ihnen nehmen, » je mehr ſind Sie ihnen ſchuldig, ſie mei⸗ „ netwegen eines beſſern zu belehren. Als »ich mich Ihnen bei der Rükkehr vom Bou⸗ „logner Holz etwas feierlich und gefliſſent⸗ »lich zeigte, war es meine Abſicht, Ihnen „»damit deutlich zu erkennen zu geben, daß 153 „die Perſon, welche Sie mit Herrn de Vienne »auf einem nichts weniger als anſehnlichen „Ball getroffen hatten, ſich überall zu ihm „bekennte, ſchon die ſeinige wäre, und zeit⸗ „lebens ſeyn würde. Sie können verſichern, „daß ich unwiderruflich verſprochen bin. Noch „ein ſehr einfaches Mittel gäbe es, Ihren „Verwandten allen Zweifel über das, was ſie zu thun haben, zu benehmen: Sie „brauchten ihnen nur alles Böſe von mir „zu ſagen, was Sie das erſtemal, da Sie „»mich ſahen, denken mochten. Wenden Sie „dieſes Mittel an, wenn Sie es Ihrer nicht „zu unwürdig halten, und wenn Sie nicht „denken, daß etwas davon auf meinen jun⸗ „gen Freund zurückfallen möchte, den Sie » auch zu dem Iprigen gemacht haben. Blei⸗ „ben Sie der ſeine, Herr Graf: ich beſchwö⸗ »re Sie darum. Er bedarf eines Freundes. „Meine Mutter wird auf meine Anregung 134 3 » unverzüglich nach ihrem Landgut abreiſen. „»Mein junger Freund verliert mich, und „» bleibt allein. Er kennt die Urſachen nicht, „die mich bewegen, Paris zu verlaſſen. Ich „»hätte ihm damit nur eine vergebliche Un⸗ „ruhe gemacht, wenn ich ihn von den Ab⸗ „ſichten, die man auf mich hat, unterrichtet „hätte. Sagen Sie ihm dieſerwegen, was „Sie für rathſam halten; zeigen Sie ihm „ömeinen Brief, oder thun Sie es nicht, wie „es Ihnen gefällig ſeyn wird. Sie müſſen „eohnfehlbar den Beweis meiner aufrichtigen » und vollkommnen Achtung darin erblicken.« Sie ließ ſich's auch noch angelegen ſeyn, Jungfer Thereſen zu verſorgen, indenn ſie ſie mit Kaſparn verheirathete. Wir müſſen kei⸗ ne Zeugen unſrer jugendlichen Thorheiten bei uns behalten, ſagte ſie zu Florentin: wir müſſen Bedienten annehmen, die wir nicht 155 zu Unterhändlern und Schelmen gebildet haben. Wie kam ihr aber das Land ſo düſter und öde vor! Die ſchönen Tage lebten mit dem Laub und den Blüthen wieder auf, aber ihr machten ſie keine Freude mehr. Unruhig und einſam vermißte ſie Gott und Floren⸗ tin. Dieſer verließ ſie indeſſen nicht: er ſchrieb ihr unaufhörlich.»Der Graf von?**,⸗ ſagte er ihr,» iſt meine einzige Zuflucht. „Er hat mir Deinen Brief gezeigt, und mit „Bewunderung von Dir geſprochen. Ich » habe beſondres Zutrauen zu ihm gewon⸗ „nen; ich habe ihm meine Geſchichte erzählt, „die meines Namens und aller Dunkelhei⸗ „ten, welche meine Exiſtenz umſchweben. „Er iſt geneigt zu glauben, daß ich Leuten „ von noch höherer Geburt, als Herr de la „Touche, angehöre; dabei findet er, daß ich „Dir etwas gleiche. Wir ſehen uns faſt 156 „alle Tage; denn wenn ich ein paar hin⸗ „gehen laſſe, ohne ihn zu beſuchen, kömmt „er zu mir. Iſt es nicht ſehr ſonderbar, „daß Herr de la Touche das nicht gern zu „ſehen ſcheint? Er hat die Fähigkeit oder „den Willen nicht, mein Freund zu werden, „und doch ſcheint es ihm leid zu thun, daß „ich einen andern habe. Erinnerſt Du Dich „ſeiner Unruhe, als mich Deine Mutter wie Zeinen Bekannten grüßte?— Wie unglück⸗ „lich iſt dieſe Unruhe nicht für uns ausge⸗ „»ſchlagen! Ohnedem würde ich vielleicht bei „Deiner Mutter wie das Kind vom Hauſe „»geworden ſeyn. Übrigens hoft der Graf „nicht, Dir ſeine Verwandten vom Halſe „ſchaffen zu können. Berſuchen wird er es; „aber ihr Augenmerk iſt auf Dein Vermö⸗ „gen gerichtet, und das wird er in ihren „Augen Dir zu Gefallen nicht verringern „können, noch ſie überreden, daß eine Ver⸗ 157 „bindung, um welche weder Deine Mutter, » noch Deine Vormünder im mindeſten wiſ⸗ „ſen, wirklich unwiderruflich ſei. Du wirſt „widerſtehen, Honorine, und Deinen Flo⸗ „rentin durch Deine Beſtändigkeit beglücken, „bis die Zeit kömmt, wo Du ihn durch „Deinen Beſitz beglückſt.« Man kann ſich wohl denken, daß Hono⸗ rine in ihren Antworten weder ſaumſelig noch lakoniſch war.»Dein Herr de la „Touche,« ſchrieb ſie ihm,»wird mir mit »jedem Augenblick verhaßter. Komm Du » mir nicht, wie Du manchmal gethan haſt, „und ſtell' mir eine lange Liſte der Gefällig⸗ „eiten, die er Dir erzeigt, auf. Ich weiß „ſie auswendig, und haſſe ihn nichts deſto⸗ „weniger. Trotz ihm werden wir uns ſehen, „und wo nicht bei klingendem Spiele, doch „bei hellem Tage; und ſollte man darüber „murren, ſo wird das einen Ausbruch zu⸗ 5 * * 158 „wege bringen. Ich werde nächſtens in „mein ſiebzehntes Jahr treten————— „Kömmſt Du nicht bald? Ich bin zum „ Sterben traurig. Die Sorgen des Abbs „de la Tour ſind in meinen Geiſt überge⸗ „ gangen. Sollte es denn unſer Loos ſeyn, „immer an irgend ein Mährchen zu glau— „ben? Es fehlt wenig, ſo werde ich an „»Ahndungen und Träume glauben. Ich „weiß wohl, daß es meine Furcht iſt, welche „dieſe Hirngeſpinſte erzeugt; aber meine „Furcht macht mich auch unfähig, ſie ihrem „»Nichts wieder zurückzugeben. Ich höre, „»ich ſehe noch, nachdem ich mir hundertmal „geſagt habe, daß nichts da iſt, was ich „ſehen oder hören könnte. O des traurigen „Schloſſes! Es dünkt mir voll von etwas „unheimlichem.— Ob denn wohl ſonſt die „Winde hier ſo pfiffen, ſo heulten, wie ſie 9 jetzt thun? ce —————C—ꝑ——yy 159 „Ich laſſe das Gartenhäuschen neu ein⸗ „richten: das giebt eine Beſchäftigung für »meinen unruhigen, herumſchwärmenden „Müßiggang. Auf den beiden Seiten des „Eingangs, um die kleine Eſplanade her⸗ „um, laſſe ich das Gebuüſche, den wilden „Roſenſtrauch, die Strohpalme, den Dorn » und einige kleine Eichſtämme, die von den »Eicheln aufgeſchoſſen ſind, die ich vor mehr „»als zwölf Jahren in die Erde ſteckte. Der »Seite gegenüber, wo man hereinkömmt, „habe ich da Niſchen angebracht; auf jener „Seite habe ich den Steg breiter gemacht, » und Veilchen und Maiblumen gepflanzt. „ Das heißt ordentlich Blumen vor Deinen „Schritten ſäen. In den Niſchen gegenüber „habe ich Bänke geſtellt; die einen erblickt »man vom Steg und aus dem Gartenhauſe, „andre ſind verſteckt: die müſſen aber eher „Sitze genennt werden, als Bänke. Eine 1 I ——— ꝑ/—— 160 „einzige Perſon wird ſich darauf ſetzen kön⸗ „nen. Nun höre aber, was für eine große „Veränderung ich gemacht habe. Die an⸗ „dern hätten Dir, entgehen können, dieſe „wird Dir auffallen. Es giebt Augenblicke, „wo ſie mir leid thut. Du weißt doch die „ Hecke, die den Anblick des Stroms ver⸗ „»barg, und ein verzweifelndes Mädchen „verhindern konnte, dem Beiſpiel der Sap⸗ „pho zu folgen. Ich habe ſie ausreißen laſ⸗ „ ſen. Der blühende Dorn, die weiße, die „röthliche Weyde; nichts hat mein Herz rüh⸗ „ren können. Von einem Vogelneſt, „man wegräumen mußte, habe ich die Au⸗ „gen abgewandt. Die Hecke iſt nicht mehr. „Der Abgrund ſteht offen da; man ſieht „nun den Strom, den man ſonſt nur hörte. „Soll ich ein leichtes Geländer zwiſchen dem „Abgrund und mir ſetzen? Aber ja nur ein „leichtes! Feſt darf es nicht ſeyn, es muß „»einge⸗ 161 „eingebrochen und überſprungen werden kön⸗ „nen. Wenn das Leben abſcheulich gewor⸗ „den wäre, was gäbe es für ein größeres „Glück, als einen leichten und ſchnellen „Tod 2 c Bald darauf kündigte ihr Florentin ſeine nahe Abreiſe von Paris an. „Bald ſind wir wieder beiſammen!« ſag⸗ te er.»Dieſen Morgen, wie ich Anſtalten „zur Reiſe machen ſah, ging ich zu Herrn „de la Touche, und fragte ihn, ob es ſeine „Meinung wäre, daß ich mit ihm auf das „Land ginge. Haben Sie daran gezwei⸗ „felt? antwortete er mit einiger Verlegen⸗ „ heit.— Sie hatten mir nichts deswegen „geſagt.— Lieber Chevalier, Sie haben „kein Zutrauen, und ſo liebenswürdig Sie „auch ſind, ſo haben Sie doch nichts, was „»Zutrauen erweckt.— Ich war, glaube „ich, im Begrif, ihm zu antworten, daß er 92 — 162 „weit mehr als ich dieſen Vorwurf verdien⸗ „te; ich hatte wenigſtens im Sinn, ihm „dieſe unwiderſprechliche Wahrheit zu ſagen, „als man jemanden anmeldete.— Rathe „einmal wen?— Den Vater Deines Freiers! „Sie haben ſich auf die Stirne geküßt, und „eine Menge ſolcher alberner Poſſen, die „vertraute Freundſchaft anzeigen ſollen, ge— „trieben, aber mit ſehr verſchiednem Aus⸗ „druck. Wie der eine iſt, weißt Du ohnge⸗ „fähr. Der andre ſieht wie eine ganz gute „Haut aus, und hat eher eine geſchwaͤtzige „Art. Ich habe erfahren, ſagte er, daß „Sie nächſtens nach der Provinz abreiſen; „und da ich weiß, daß Ihr Gut nicht weit „von dem Gut der Frau von lſſerche liegt, „ſo wollte ich Sie bitten, ſich mit einen „Faſzikel Papiere zu beſchweren, die ich nicht „durch die Poſt ſchicken kann, und die ich „nur einem Mann, wie Sie, gern anver⸗ 163 „trauen möchte.— Ich gehe nicht zu die⸗ „ſer Frau, ſagte Herr de la Touche. Allein „der Prinz von“*“ ſprach immer fort, ohne „nur zu bemerken, daß man ihm antworte⸗ „te; was denn dieſe Unterredung zu einem „wahren Duett machte, wo man unaufhör⸗ „lich zuſammen ſprach. Der Prinz, Sie „werden mir einen großen Gefallen erzeigen, „wenn Sie dies zu eignen Händen.... „Der Marquis. Das kann ich Ihnen „gerade gar nicht verſprechen. Der Prinz. „Es ſind Familienpapiere.... Der Mar⸗ „quis. Ich habe mit den Leuten nicht den „mindeſten Verkehr. Der Prinz. Da ſteht „alles klar und deutlich, mit allen Bewei⸗ „ſen: Alterthum, hohe Würden, Allianzen. „Von allen Urkunden wird man entweder „die Originale, oder authentiſche Kopien fin⸗ „den..... Haben Sie alſo die Güte, das „Paket in Ihren Pult zu legen.— Ich L 2 . —— ————— — 164 „nehme es nicht über mich, mein Herr, ſag⸗ „te der Marquis.— Mein Herr, ſagte ich »endlich, weil ich die Quidproquos ſatt war, ich nehme es über mich, und verſpreche Ih⸗ „nen auf meine Ehre, die Papiere der Fran „oder dem Fräulein von Uſerche eigenhändig „zu übergeben.⸗ „Ich nahm ſogleich das Paket, und ging „weg, während daß die Herren beide, wie „mir ſchien, ſehr verwundert zurückblieben; „der eine über das, was ich that, der an⸗ „dre über ſein eignes Vertrauen, das er in „einen Unbekannten ſetzte. Wir reiſen näch⸗ „ſter Tage, und ich ſchmeichle mir, die „Schatten, die Dich ſchrecken, die Geſpen⸗ „ſter, die Dich umlagern, zu verjagen, „Warum ſtellſt Du nur den fuͤrchterlichen „Abgrund ſo bloß hin? Aber ich werde es „hoffentlich dahin bringen, daß Du Deine 163 „Augen von dem Abgrund wegkehrſt, und „ſie lieber auf Deinen Florentin hefteſt.⸗ N. S.„Der Marquis hat mich rufen „laſſen: Gedenken Sie wirklich dieſe Pa⸗ „piere eigenhändig zu übergeben?— Ja, „mein Herr, da ich es verſprochen habe.— „Er ſchien mir verlegen: Meinen Sie nicht, „daß es wegen einer Heirath iſt?— Das „kann wohl ſeyn.— Der junge Mann iſt „eine ſehr große Partie. Die Mutter würde „ſehr wohl thun, ihm ihre Tochter zu ge⸗ „ben.— Genannt hat er euch nicht. Was „heißt denn dieſer Abſcheu? was treibt ihn „denn an, ſich darum zu bekümmern? wo⸗ „her dieſe Unruhe? Ich werde nicht klug „daraus. Übrigens werde ich mit meinen „Papieren gerade auf's Schloß gehen, und „Dir ſie getreulich einhändigen. Du wirſt .ſie aber nicht eher zeigen, als es Dir be⸗ „lieben wird, oder Du ſchickſt ſie zurück. 166 „Finde ich Dich nicht auf dem Schloſſe, ſo eſuche ich Dich im Gartenhauſe.«. Beim Gartenhauſe fand er auch wirklich das Fräulein von Uſerche. Sie ſtand, ihre Augen waren auf den Strom geheftet, ſie hatte ſich einem ſo tiefen Nachdenken über⸗ laſſen, daß ſie ihn nicht gleich bemerkte. Honorine! Honorine! rief er ganz leiſe, um ſie nicht zu erſchrecken. Sie that einen Schrei, und es vergingen einige Augen⸗ blicke, bevor ſie wieder zu ſich kam. Ach, Florentin! mein theurer Florentin! ſagte ſie, und warf ihre Arme um ſeinen Hals. Ach, ſo biſt Du es doch! Ich verzweifelte, Dich je wieder zu ſehen!— Und ein Strom von Thränen entfloß ihren Augen. Es war das erſtemal, daß er Honorinen weinen ſah. Was haſt Du denn? was betrübt Dich? rief er erſchrocken.— Nichts, ſagte ſie, was ich erklären könnte! Bis ich aber alles Glück, 167 alle Hoffnung des Glücks verliere, habe ich nun ſchon meinen eignen Geiſt, meinen Muth verloren; ich zittre unaufhörlich, ich fürchte jedermann. Beſonders aber fürchte, haſſe ich Deinen Marquis. Dieſer ſo verſchloßne Menſch weiß oder ſchmiedet etwas gegen uns. Hat er mir nicht ſchon einen Begriff geraubt, der mir ſüß und tröſtend war? Ich vermiſſe meinen Gott, Florentin; mit ihm war ich nicht ſo allein, als ich jetzt bin. Ich habe keinen andern Gott mehr, als Dich; und wenn Du mir fehlſt, fehlt mir alles. Du ſtehſt veniger vereinzelt, und Du freilich, Du könnteſt ohne einen Gott fertig werden. Du haſt einige Freundſchaft für den Grafen, Du hatteſt welche für den Abbé de la Tour; ich hatte nie für jemanden Freundſchaft. Ein Gefühl der Dankbarkeit ſpricht in Dir für den Marquis; ich fühle nichts für meine Mutter. Verzeih mir, gu⸗ 168 ter Florentin, einen ſo traurigen Eimpfang. Laß mich für dieſen Augenblick, und komm morgen Abend in der Dämmerung wieder hieher. Ich werde weniger übel geſtimmt ſeyn. Sie ſahen ſich den andern Tag wieder, wie ſie ſich's verſprochen hatten. Honorinens Schwermuth, durch die Freude, Florentin zu ſehen, gemildert, war ſanfter, und Florentin ſtimmte beſſer in dieſe Schwermuth, deren er etwas gewohnter wurde. Sie betrübten ſich, tröſteten ſich, hofften mit einander, und 6 es war nahe daran, daß die gemeinſchaft⸗ liche Rührung einen Wunſch erhört hätte, den der ungeduldige Florentin vor Zeiten nicht einmal auszudrücken gewagt haben wür⸗ de. Doch ſtieß man ihn noch zurück. War⸗ um? fragte er ſanft.— Aus Furcht, Dir alsdann nicht mehr zu gefallen. Sagte ich Dir nicht, Du wäreſt fortan mein Gott, 169 wie meine Welt? Wohin könnte ich mich flüchten, wohin meine Klagen richten, wenn Du mich verließeſt? Vernichtung allein bleibt mir übrig; es iſt meine Hülfe, es würde meine Zuflucht ſeyn.— Und indem ſie dies ſagte, deutete ſie auf den tiefen Strom. Sie gingen von einander, indem ſie Abrede tra⸗ fen, um ſich wieder zu ſehen. Wie der Marquis auf ſeinem Schloſſe ankam, hatte er einen Brief des Prinzen von** gefunden. „»Man hat gegen mich behaupten wollen, „»ſagte dieſer, daß ein junger Menſch, den „Sie bei ſich haben, und den man Cheva⸗ „lier de Vienne nennt, das Fräulein von „liſerche liebe, und von ihr geliebt ſei, daß „ſie ſogar gegenſeitig an einander gebunden „ſeien, und daß meine Verſuche ganz ver⸗ „geblich bleiben würden. Ich denke, lieber „Marquis, Sie müßten etwas davon wiſ⸗ 170 „ſen, und ich erſuche Sie dringend, Ihren »ergebnen Diener zu benachrichtigen. e Mit umlaufender Poſt ging am näm⸗ lichen Abend dieſe Antwort ab, „In der That, mein Beſter, ich müßte mietwas davon wiſſen: nichts auf der Welt „kann grundloſer ſeyn. Der junge Menſch „wußte, daß von einer Heurath die Rede „»wäre, und Daß Ihre Papiere ſich darauf „bezögen; demohngeachtet hat er nicht al⸗ „lein übernommen, ſie zu beſtellen, ſondern ver iſt gleich damit ſpornſtreichs zur Frau „von iſerche gelaufen, und eine halbe Stun⸗ „de darauf iſt er ganz ruhig von dieſer Ex⸗ „» pedition zurück gekommen, die einen Ver⸗ „liebten untröſtlich gemacht haben würde. „»Sein Beruf iſt gar nicht die Ehe, und »überdem hat er zu gute Rathgeber, um „ſich je als Nebenbuhler Ihres Herrn Soh⸗ „»„nes zu zeigen.« 171 Am folgenden Poſttag ging ein anony⸗ mer Brief an den Grafen von** ab. Herr de la Touche hatte einen alten Sekrerair kommen laſſen, der zwei Stunden vom Schloß wohnte, und in ſeine zitternde Hand war dieſer Brief diktirt worden, der folgen⸗ dermaßen lautete: „Herr Graf! Sie ſind ein Freund des „jungen Chevalier de Vienne. Wollten Sie „ihm als ſolcher wohl den Rath geben, daß wer ſeinen Sinn auf kein andres Unterkom⸗ „men richte, als was er in dem geiſtlichen „Stand, oder im Maltheſer⸗Orden finden „möchte? Gegen das erſte Projekt könnte „man den Ruin einwenden, mit welchem „die franzöſiſche Geiſtlichkeit bedroht iſt; „aber in Italien, in Spanien verhält es „ſich anders, und ſeine Gönner haben in „jenen Ländern Verbindungen. Etwas Dun⸗ „»kelheit, die über ſeine Geburt ſchwebt, 172 „könnte vielleicht in Maltha Schwiarigkei⸗ „ten machen; aber es wird nicht unmöglich „»ſeyn, Aufſchlüſſe zu erlangen, oder beſon⸗ „dre Protektionen zu finden. Wenn der „Chevalier keinen von dieſen beiden Planen „genehmigt, ſo läuft er Gefahr, ganz ver⸗ wlaſſen zu werden.« „Der Graf ſchickte dieſen Brief ſogteich der Seulein von liſerche, und gab ihr dabei Nachricht, was der Prinz von* Herrn de la Touche geſchrieben, und was dieſer geant⸗ wortet hätte. Der alte Sekretair, den Herr de la Touche gezwungen geweſen war, gewiſſermaßen zu ſeinem Vertrauten zu machen, war ein ge— ſcheuter Mann. Er wagte einige Fragen; Herr de la Touche ſagte ihm, daß man die Dummheit hätte zu glauben, der junge Menſch, von dem die Rede wäre, werde von der Fräulein von Üſſerche geliebt, und 173 habe ſolche Verſtändniſſe mit ihr, daß ſogar die ernſthafteſten Verſprechungen zwiſchen ih⸗ nen gewechſelt ſeien.— Die Dummheit? wiederholte der alte Sekretair; ich gehöre ſelbſt zu den Dummköpfen, die das glauben, und ehe Sie jetzt die Güte hatten mit mit zu ſprechen, war es mir ſchon, als ob der junge Mann verliebt ſeyn müßte: bei einer Geſtalt wie die ſeinige iſt dann verliebt und geliebt gleichlautend.— Pah, ſagte der Marquis, ein Knabe, mit dem ich in meinem Leben von nichts, als von Jagd und Pferden, nie von Liebe ſprach, dem ich lauter hiſtoriſche, phyſikaliſche, kriegswiſſen⸗ ſchaftliche, philoſophiſche Bücher, nie einen einzigen Roman gab.— Iſt er denn ſtets an Ihrer Seite, in Ihrer Taſche?— Nein, aber.— Ei, ſo glauben Sie doch, daß man nicht die ganze Zeit, da man nicht unter Ihren Augen iſt, gerade 174 bloß ſchläft, und daß auch da, wo Sie nicht ſind, zuweilen etwas vorgeht. Wie mancher, der ſich jetzt am Hofe ſelbſt rüſtet, eine Re⸗ volution anzuzetteln, macht nicht eben Lud⸗ wig den Sechszehnten darüber zum Vertrau⸗ ten! Wollen Sie, Herr Marquis, daß ich einen oder zwei Tage lang unſerm jungen Menſchen nachſpüre, oder nachſpüren laſſe?— Ja ja, ſagte der Marquis; wenn Sie das zu Ihrer Überzeugung brauchen: warum nicht? Aber Sie werden mich nie nennen, als wäre ich in Ihren Verdacht eingegan⸗ gen.— Der alte Sekretair verſprach es, und ließ ſich wiederum verſprechen, daß dem jungen Mann, was man auch entdecken möchte, auf keine Weiſe weh gethan wer⸗ den ſollte. Das heißt eben keine ſchwere Verpflichtung eingehen, ſagte der Marquis; denn die ganze Vorausſetzung iſt eine abge⸗ ſchmackte Chimäre. Den Tag nach dieſer 17 Unterredung verließ der junge Menſch Herrn de la Touche nur, um mit dem alten Se⸗ kretair eine Partie Triktrak zu ſpielen; dar⸗ auf ging er mit ihm ſpazieren, und entfernte ſich keine Minute lang. Herr de la Touche, der bei alledem den ganzen Tag etwas un⸗ ruhig geweſen war, ging getroſt zu Bette, und wie er auch den jungen Mann ſich auf ſein Zimmer begeben ſah, warf er einen triumphirenden Blick auf den argwöhniſchen Alten. Man fing damals an, für die Schlöſſer des franzöſiſchen Adels, deſſen feudaliſche Anſprüche leichter zerſtört als zurückgekauft waren, beſorgt zu ſeyn. Demnach eröfnete Herr de la Touche einige Schränke und alte Pulte, und nahm die wichtigſten Papiere heraus, um ſie an Örter zu verbergen, wo er nicht glaubte, daß man ſich einfallen laſ⸗ ſen würde, danach zu ſuchen; zugleich ließ 176 er noch genug andre Papiere liegen, um die Leute auf den Gedanken zu bringen, daß keine gerettet worden wären, Unter jenen Papieren waren etliche Doſen, Etuis, Geld⸗ beutel, von alten Zeiten her, die er dem Sekretair einhändigte, und ein faſt noch ganz neues Portefeuille, das er Florentin gab. Er ſuchte den Schlüſſel dazu, fand ihn, verſuchte ihn, und ließ ſodann das Portefeuille offen in den Händen des jungen Menſchen zurück, um in den Vorkehrungen zur Sicherheit ſeines Archivs fortzufahren. Ich will zuſehen fiſchen, ſagte Florentin, und er ging wirklich weg, und trat zu eini⸗ gen Fiſchern, die unten in den nämlichen Strom, von welchem ſchon die Rede war, ihre Netze warfen. Er ſtieg alsdann den Abhang ſchnell herauf, und ſtand bei Hono⸗ rinen, die auf ihn wartete. Ich habe meine Kühnheit und meinen ganzen Geiſt wieder— gefun⸗ 177 gefunden, ſagte ſie ihm, ſobald ſie ihn er⸗ blickte; man treibt uns auf's Außerſte, und wir haben nichts mehr zu ſchonen. Da, lies dieſe Briefe.— Florentin erblaßte und zit⸗ terte vor Zorn.— Mich freut das unend⸗ lich, ſagte Honorine; man zwingt uns, ei⸗ nen Entſchluß zu faſſen. Soll es nun Flucht ſeyn, oder eine öffentliche Kundmachung Deiner Rechte auf mich, die ich noch, wenn Du willſt, vermehren, oder wenigſtens ſagen werde, daß Du ſie alle haſt? Du ſollſt es überlegen, Florentin; ich will das auch thun, für jetzt aber laß uns nicht beiſammen bleiben. Ich habe jemanden er⸗ blickt, der vielleicht auf den Augenblick lauſch⸗ te, wo wir hier ſeyn würden; man hat ſich aus dem Staub gemacht; vielleicht will man wiederkommen, um uns zu behorchen oder zu überraſchen. Komm morgen früh um neun Uhr wieder, und nimm Piſtolen mit. M 178 Morgen! wiederholte ſie. Um neun Uhr, ſagte Florentin. Von zwei Menſchen, die ſich bei den Zu⸗ b gängen des Gartenhauſes poſtirt hatten, war der entfernteſte zum Sekretair gelaufen, und hatte ihm hinterbracht, daß Honorine herein⸗ träte; der andre hatte ſich näher herbeige⸗ ſchlichen, und er hatte deutlich gehört: Mor⸗ gen, um neun Uhr. Schon vor neun Uhr ward Florentin von Honorinen erwartet. Florentin kam, aber mit langſamen Schritten, mit einem Geſicht, auf welchem Beſtürzung und Schmerz ge⸗ mahlt waren. Was haſt Du, lieber Florentin? ſagte Honorine: biſt Du krank?— Rein.... ich weiß nicht.— Welche Stimmung bringſt . Du mit, Florentin, wenn es einen muthi⸗ gen, kühnen Entſchluß gilt?— O meine Honorine, wie wenig läßt Du Dir träumen, 79 welcher Art von Muth wir bedürfen wer⸗ den!— Was giebt es denn? Du erſchreckſt mich.... Was erfuhrſt Du? was haſt Du mir zu ſagen?— Mein Bater— Wer?— Iſt auch der Deinige; Deine Mut⸗ ter iſt die meine. Wir ſind beide die Kinder des Marquis und Deiner Mutter.— Nach⸗ dem er dieſe Worte mit ſchwacher, zaudern⸗ der Stimme ausgeſprochen harte, ſenkte Flo⸗ rentin, ſitzend, ſeinen Kopf, und bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen. Honorine blieb einige Augenblicke ohne zu ſprechen. Woher weißt Du es? ſagte ſie endlich mit ziemlicher Faſſung.— Du ſiehſt dies Por⸗ tefeuille, erwiederte Florentin; war es Nach⸗ läſſigkeit, und hatte man deſſen Inhalt ver⸗ geſſen, oder war es Abſicht, mich zu unter⸗ richten: es iſt mir offen, wie Du es gier ſiehſt, eingehändigt worden. Da, lies dieſe vor Alters geſchriebenen, allzudeutlichen Brie⸗ R 2 180 fe.— Nein, ſprach Honorine, ich glaube Dir; ich kann mich nicht einmal darüber ver⸗ wundern. Es mußte ſo ſeyn, und ich hätte es muthmaßen ſollen. Ich glaube faſt, der Abbé hatte es gemuthmaßt. Woher hätten wir eine ſolche Übereinſtimmung, eine ſo voll⸗ kommne Sympathie genommen? Warum hätten wir die nämlichen Geſänge, Farben, Gerüche vorgezogen, wären wir nicht von den nämlichen Eltern gebohren? Deine Schwe⸗ ſter mußte ich ſeyn, um Dich zu lieben, wie ich Dich liebe.— Florentin reichte Hono⸗ rinen eine ſeiner Hände hin, ohne ſie aber anzuſehen.— Wenn ich thätiger war wie Du, hob ſie wieder an, ſo war es nur, weil ich mehr vermochte.— Ich vermochte nichts, ſagte Florentin; auch ich hätte alles für Dich gethan! Und Thränen floſſen aus ſeinen Augen.— Nicht weinen! ſagte Honorine, indem ſie die Hand küßte, die ſie in den ih⸗ 181 rigen hielt: fliehen mußt Du, und das un⸗ verzüglich, den verhaßten Menſchen, und das verächtliche Weib, von denen Du ein ſo trauriges Daſeyn empfingſt. Das meinige iſt unabhängig von ihnen: was verſchlägt es mir, daß ſie mir das Leben gaben? Ich achte ſie zu wenig, um mir vorzuſtellen, daß ich ihnen angehörte. Laß uns unverzüglich aus ihren Augen fliehen. Sie, die um ihrer Lüſte willen nichts heilig hielten, würden jetzt vielleicht tauſend Vorurtheile heilig hal⸗ ten, um unſre Glückſeligkeit damit zu be⸗ kämpfen. Wir müſſen ſie fliehen, ehe ſie unſre Verbindung argwöhnen, ehe ſie wiſ⸗ ſen, daß wir ihre Verbrechen erfahren ha⸗ ben.— Wie, Honorine? Trotzen wollteſt Du— Allem: dem Elend, dem Tode, der Schmach.— Aber was Du ein Vorur⸗ theil nennſt...— War nicht einmal immer, nicht einmal uͤberall angenommen. Glaubt man an Adain? Nun, die Kinder Adams haben ſich unter einander verheirathet. Der ugendhafte Abel, der, wie man ſagt, Gotk ſo wohlgefiel, hatte er nicht ſeine Schweſter zur Frau? Und die ägyptiſchen Könige? Und jene ganze Nation, deren Namen ich vergeſſen habe? Hat es einigen Menſchen beliebt, Verbrechen zu betiteln, was andern gut und recht geſchienen hatte: was geht das mich an?— Liebſte Honorine! ſagte Florentin, und drückte zärtlich die Hand ſei⸗ ner Schweſter.— Sie umarmte ihn: Ich kann auch, wenn Du willſt, bloß Deine Schweſter ſeyn. Ich kann alles für Dich thun, ich kann ſogar alberne Bedenklichkei⸗ ten ehren; aber einer ewigen Trennung von Dir will ich mich nicht ausſetzen. Wir müſ⸗ ſen weg, und das heute, in dieſer nämlichen Stunde. Ich habe Juwelen und Geld mit⸗ gebrachk; unkter meinem Kleide trage ich ei⸗ 183 nen Mannsanzug. Es iſt ſchon lange her, daß ich eine Kataſtrophe wie dieſe wünſche, daß ich mich täglich darauf rüſte.— Aber, Honorine, jener Mann, den Du haſſeſt, iſt ja doch mein Vater: ſoll ich es zu verſchul⸗ den haben, wenn ihn der Kummer tödtet?— Der Kummer wird ihn nicht tödten; und wenn auch: was wäre es dann weiter? Ich habe die Lehren, die er Dir gah, zu gut be⸗ griffen, als daß auch nur ein Schatten von Gewiſſensbiſſen mich ſtören könnte. Er hat mir jeden Begriff eines Gottes und eines künftigen Daſeyns geraubt; that er Böſes daran, ſo büße er dafür. Aber ich wieder⸗ hole es, er wird nicht ſterben; er wird mich konſequenter in ſeinen Grundſätzen finden, als er es vorausgeſehen hätte, und das wird alles ſeyn.— Ich bin weniger konſequent, als Du, liebe Honorine; ſei es Schwäche oder Tugend, ich fühle weniger Entſchloſſen⸗ 1 184 heit; ich bedaure dieſen Mann..... mei⸗ nen Vater! Er wird zu ſich ſelbſt ſagen: es iſt meine Schuld! und ſein Schmerz wird um ſo drückender ſeyn.— Ich begreife dieſe Schwäche, ſagte Honorine; aber wirſt Du mehr Stärke haben, um mein Unglück, mei⸗ nes und Deines, unſre Trennung, zu ertra⸗ gen?— Was ſagſt Du, Honorine? Nein, nein! Ich halte den Gedanken eben ſo we⸗ nig aus.— Und wählen mußt Du doch! ſagte Honorine mit feſtem, geſetztem Ton. Aber ich ſehe es, Du haſt den Muth nicht zu wählen; und ſie iſt ja auch ſo ſchwer, dieſe Wahl, zwiſchen einem Vater, der ſich lange um Dich nicht bekümmerte, der Dich nie anerkannt hat, und einem Mädchen, das Dich anbetet!..... Nun, fuhr ſie fort, indem ſie ſich mit gleichgültiger und ruhiger Miene anſchickte, aus dem Garten⸗ hauſe zu gehen; ſo muß ich Dir die Mühe 185 eines längeren Kampfes erſparen!— Lang⸗ ſam und überlegt hatte ſie einige Schritte gethan, als ſie einen plötzlichen Anlauf ge⸗ gen den Abgrund nahm. Halt ein! halt ein! rief Florentin; ich verſpreche alles, ich werde alles thun.— Honorine, die von der erſten Heftigkeit ihrer Bewegung nachgelaſ⸗ ſen hatte, fühlt ſich zurückgehalten, und wendet ſich um. Ihre Augen heften ſich auf einen Gegenſtand, der ſie in Erſtaunen zu ſetzen ſcheint. Ihres Bruders Blicke folgen den ihrigen. Was ſehen ſie beide?— Ih⸗ ren Vater in Ohnmacht. Er hatte ſich hin⸗ ter dem Gebüſche, deſſen Honorine erwähn⸗ te, verſteckt gehalten, und kein Wort von der fürchterlichen Unterredung ſeiner Kinder war ihm entgangen. Schon halb vernichtet vor Schmerz und Schaam, hatte er die ſich in den Tod ſtürzende Tochter aufhalten wol⸗ len, und mit dem erſten Schritte, den er 186 verſucht hatte, war er ohne Bewegung und Bewußtſeyn hingeſunken. Florentin hob ihn auf, und leiſtete ihm Hülfe; allein Hono⸗ rine, dem Abſchen, den er ihr eingeflößt hatte, getreu, ſetzte ſich ihnen gegenüber, und blickte ſie an, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, ohne mit einer einzigen Gebehrde Mit⸗ leiden oder Theilnahme zu bezeugen. Was denken Sie nunmehr zu thun? ſag⸗ te ſie hierauf zu Florentin; Sie werden den Herrn nicht verlaſſen wollen; ich liege Ih⸗ nen auch nicht mehr deshalb an; indeſſen werde ich, wenn Sie mich hier allein laſſen, Anſtalten treffen, damit Sie mich nie wie⸗ derſehen. Nicht etwa, daß ich es mein Er⸗ ſtes ſeyn ließe, mir den Tod zu geben; vor⸗ her will ich Ihre Geburt bekannt machen; ſie hat einen Glanz, der in den Augen vie⸗ ler Menſchen auslöſchen wird, was ſie Schmähliches hat; das Mißliche des Zwei⸗ 187 fels wird wenigſtens wegfallen, und Ihre Elrern werden ſich genöthigt finden, Ihnen ein Vermögen Zuzuſichern, das dem Unglück, für welches Sie geboren wurden, gewiſſer⸗ maßen die Wage halte.— Da weder der Marquis noch ſein Sohn antworteten, hob Honorine wieder an: Kommen Sie denn beide auf das Schloß; wir werden der Frau von liſerche ſagen, daß alles am Tag iſt. Kommen Sie.— Und indem ſie ihnen vor ſich her den Weg zeigte, drückte ſie Floren⸗ tin die Hand, und ſagte zu ihm: Wenigſtens werde ich Dich ſehen!— Sie war jetzt et⸗ was beſänftigt, und durch den Ton ihrer eignen Worte ſowohl, als durch den Blick voll Zärtlichkeit und Schmerz. den Florentin auf ſie wanf, gerührt, fing ſie an zu wei⸗ nen, und folgte ihnen weinend in einiger⸗ Entfernung nach. Ich werde nicht beſchreiben, was auf 188 dem Schloſſe bei ihrer Ankunft vorging⸗ Dieſe Stelle der Geſchichte mahlte mir Ho⸗ norine nie aus, weil die Züge da eben ſo lächerlich wurden, als ſie finſter waren. Als es Abend geworden war, und der Marquis aufbrechen wollte, ſagte Honorine zu Floren⸗ tin: Bleib hier! bleib bei Deiner Schwe⸗ ſter, daß ſie Dich bediene, Dich pflege, Dich ſehe; gieb ihr irgend ein Mittel an, daß ſie ſich an ihr Schickſal gewöhne! Laß mich ei⸗ nige Süßigkeit in unſern neuen Verhältniſ⸗ ſen finden.— Ach, ſagte der Marquis, er⸗ lauben Sie, daß er dieſen Abend wenigſtens mich nicht allein wieder nach Hauſe gehen kaſſe! Wenn Sie wüßten, was ich empfin⸗ de.— Und ich, mein Herr, ſagte Ho⸗ norine höhniſch, glauben Sie denn, ich fühl⸗ te nichts?— Ich komme morgen früh wie⸗ der, ſagte der junge Mann. Bei allem, was da vorging, verhielt ſich Frau von 1 189 liſerche wie eine gleichgültige Fremde. Die Diſkretion hatte den Abbé Theodor entferntz gegen Abend rief man ihn zurück, und um die gewohnte Stunde nahm man die Karten oder Würfel wieder zur Hand. Florentin kam wirklich den andern Mor⸗ gen ſehr zeitig auf das Schloß. Er ſah fin⸗ ſtrer und zerſtörter aus, als den vorigen Tag. Der Marquis, der ihn heute noch nicht geſehen hatte, folgte ihm faſt auf den Fuß nach. Er war ganz entſtellt. Ich kann nicht allein bleiben! ſagte er zu Florentin, und indem er ihn zum erſtenmal in ſeinem Leben umarmte, konnte er ſeine Thränen nicht zurückhalten. Sie blieben bis zum Abend, und kamen den andern Tag und die folgenden Tage wieder. Den ſüßen Troſt, den ſich Honorine von dem bloßen Vergnü⸗ gen, ihren Bruder zu ſehen, verſprach, fand ſie in manchem Augenblick wirklich. Sie 19⁰ hatten nie zuſammen geſpeiſt, nie ganze Ta⸗ ge mit einander verlebt; und dieſer Genuß war ſo köſtlich als ungewohnt. An ſeiner Seite ſitzend, ihm zu trinken einſchenkend oder Früchte reichend, den ganzen Tag durch tauſend Gefälligkeiten, tauſend zärkliche Dienſtleiſtungen von ihm empfangend, wein⸗ te, lächelte, ſeufzte ſie wechſelsweiſe. Florentin war niedergeſchlagner als ſie. Vergebens ſuchte er im Studieren Kräfte und Zerſtreuung; vergebens lief er auf die Jagd, mattete ſeine Pferde und ſich ſelbſt ab: er fand weder Freude in dieſem Umher⸗ treiben, noch Ruhe in ſeiner Müdigkeit. Nur wenn er bei ſeiner Schweſter war, dünkte ihm ſein Daſeyn erträglich. Biswei⸗ len ſtreckte er eine zitternde Hand nach ihr 1 aus, und wollte ſie alsbald⸗ zurückziehen. Alberner Menſch! ſagte Honorine; laß mir 2 241 2 121—2 19¹1 ſte! Ich will ſie mit meinen Thränen be⸗ netzen.— Die Lage des Marquis war vielleicht 1 noch ſchmerzlicher. Sein Sohn ließ ſich ver⸗ gebens angelegen ſeyn, einen Kummer zu zerſtreuen, den ſein eigner Schmerz unauf⸗ hörlich nährte. Honorine beobachtete gegen ihn ein ernſtes Stillſchweigen, das ſie nur zuweilen durch Fragen unterbrach, welche durch die Gegenſtände, die ſie in Anregung brachten, peinlich genug waren. Einmal fragte ſie ihn, ob er abſichtlich das Porte⸗ feuille gegeben hätte?— Er verſicherte das Gegentheil.— Warum, ſagte ſie ein ander⸗ mal, ſuchten Sie das für die Kinder ſo gün⸗ ſtige Geſetz, vermöge deſſen ſie dafür ange⸗ nommen werden ſollen, als gehörten ſie dem Gemahl ihrer Mutter an, warum ſuchten Sie es Florentin nicht zu gute kommen zu laſſen?— Es war weltkundig, erwiederte 192 der Marquis, daß die Heirath nicht vollzo⸗ gen worden war.— Hätte man dieſe Hei⸗ rath nicht für null erklären können?— Viel⸗ leicht.— Warum verſuchten Sie das nicht?— Ich hätte, auch wenn ich es gewollt hätte, Ihre Mutter nicht heirathen, noch einem, während daß eine andre Ehe galt, empfang⸗ nen Kinde einen Stand geben können.— Den Tag darauf fiel ihr dieſe Unterredung wieder bei, und ſie knüpfte ſie von neuem an, als hätte ſie in der Zwiſchenzeit an nichts andres gedacht. Warum, ſagte ſie, machten Sie es mit mir nicht wie mit Florentin? Sie hätten uns wenigſtens zuſammen, und als Bruder und Schweſter erziehen laſſen ſollen.— Das würde etwas ſchwer gehal⸗ ten haben, und man ließ Ihnen lieber jenes Geſetz, das Sie geſtern anführten, zu gute kommen. Uberdem muß ich Ihnen geſtehen, daß ich Zweifel hatte. Ihre Mutter ſchien damals —-—————— 193 damals mit dem Düc von** in ſehr gutem Vernehmen zu ſtehen.— Wie? ich könnte auch wohl Ihre Tochter nicht ſeyn? rief Ho⸗ norine mit einem Ausbruch von Freude.— Sie ſind es, erwiederte der Marquis gede⸗ müthigt. Alle meine Zweifel ſind gehoben 1 worden.— O, ich bin nur zu gut wegge⸗ kommen! ſagte Honorine bitter; man hat mich einem verſtändigen, verdienſtvollen Man⸗ ne zur Tochter gegeben, der, wie ich wohl glaube, ſich nicht für meinen Vater hielt, und mich doch väterlich geliebt hat. Ganz anders iſt es dem armen Florentin ergan⸗ gen..... Übrigens, mein Herr, müſſen Sie in meinen Reden nichts weiter erblicken, als eine, bei Gegenſtänden, die meine Seele einzig erfüllen, ſehr natürliche Neugierde. Ich denke nicht daran, Ihnen den mindeſten Vorwurf zu machen. Welchen Vorwurf ver⸗ dienten Sie denn auch? Wer an keine ein⸗ N 194 zige Tugend glaubte, konnte ja doch keine in Ehren halten. Wenn es keine Pflicht giebt, läßt ſich keine Pflicht verletzen. Nur müßten andern die nämlichen Folgerungen zugeſtanden werden, die Sie ſelbſt aus Ih⸗ ren Grundſätzen gezogen haben.— O, daß es nie die meinigen geweſen wären!— War⸗ um das, wenn ſie wahr ſind?— Hätte ich 1 nur wenigſtens nie davon geſprochen!— Und warum auch das, möchte ich wieder fragen? Mir gefällt in dieſem Stücke die unvorſichtige Aufrichtigkeit der guten Köpfe. Zum Glück für den Pöbel lehren ſie ihn, ſich eben ſo wenig wie ſie an die Vorurthei⸗ le, die ſie abgeſchüttelt haben, zu kehren. Maänner, die man durchgängig bewundert, haben es gemacht wie Sie. Voltaire, der große Friedrich und viele andre hatten hierin für die übrigen Menſchen kein Geheimniß. Vielleicht dachten ſie, daß ſie im Grabe lie⸗ 9—— —————— —————ę—ꝑ————————————————— 195 gen würden, bevor man ihre Lehre recht beim Worte genommen hättegund was küm⸗ merten ſie die nach ihnen leben ſollten?— Sie ſchwieg dann; bald ging ſie aus dieſer Stille heraus, wie aus einem tiefen Schlum⸗ mer, und ſagte: Ich hörte zuweilen von der Ehre reden, aber es dünkte mir, als ver⸗ ſtünde man darunter weniger den Beſitz, als die Anerkennung oder die Vorausſetzung ge⸗ wiſſer Tugenden. Auch dieſe Ehre iſt ein Hirngeſpinſt, und wird ſich verlieren, wie das Hirngeſpinſt der Tugend..... Man fängt an, ziemlich ungeſtraft zu morden; ich weiß nicht, ob das Traurigkeit oder Ver⸗ nunft bei mir iſt, aber ich empfinde darüber nicht das mindeſte Leidweſen. Das Recht des Stärkeren, das einzige begründete und zu verfechtende Recht, wird eingeführt. Stra⸗ fen hören nothwendig auf, einen Zügel aus⸗ zumachen, ſobald die Menſchen, die ſie hand⸗ N 2 196 habten, ſchwächer ſind, als die, gegen welche ſie gehandhabt werden, und da die Hölle niemanden mehr ſchreckt, ſo thut ein jeder, was er zu thun Luſt und Kräfte hat. gend von dieſen Dingen; aber bei verſchied⸗ nen Gelegenheiten ſagte ſie alles, was ich hier angeführt habe, und manches andre von ähnlichem Inhalt. Dieſe Ark, die Gegen⸗ ſtände anzuſehen und zu beurtheilen, iſt unverändert die nämliche bei ihr geblieben. Die reine Liebe des gemeinen Beſten, ſagt ſie, iſt eben ſo ſelten, und lernt ſich eben ſo wenig, als jede andre reine Liebe. Wie man ſich auch quälen möge, man wird nie etwas von den Menſchen erlangen, als ſo⸗ fern man ihnen Vergnügen und Geld ver⸗ ſpricht; man wird ſie nie bewegen, etwas zu unterlaſſen, als ſofern man ſie mit der Hölle oder dem Galgen bedroht. Honorine ſprach ſelten ſehr zuſammenhän⸗ 197 Zuweilen wenn der Marquis ſie mit der größten Sanftmuth angehört, ihr mit der größ⸗ ten Geduld geantwortet hatte, empfand ſie eine Art von Mitleiden gegen dieſen, wider ſeinen Willen gebannten Geiſt, der auf die Fragen ſeiner Beſchwörerin zu antworten ge⸗ nöthigt war. Ach, er verdiente dies Mit⸗ leiden! Seine Geſuͤndheit unterlag einer ſo ungewohnten Art zu ſeyn. Er ward krank, und ſein Übel meldete ſich ſo plötzlich, daß er ſich eines Abends außer Stande befand, nach ſeiner Behauſung zurückzugehen. Er wurde bei der Frau von Üſſerche mit der äußerſten Einſicht und Sorgfalt gepflegt. Florentin that viel für ſeinen Vater; Hono⸗ rine that alles für Florentin. Der alte Se⸗ kretair kam herbei, und half ihnen ihren Kranken bedienen; ſobald er ihn etwas beſ⸗ ſer ſah, beredete er ihn zu einer Reiſe nach Paris, um die dortigen Ärzte zu befragen.— Nññm—————QOO·q—————·————:—;;; —* 198— Arzte ſind es nicht, die ich brauche, ſagte der Marquis: es müßte denn welche für die Seele geben! Wie iſt es möglich, zu gleicher „Zeit ſo abgeſpannt und ſo zerriſſen zu ſeyn, wie ich mich fühle? Kümmerlich nährte ich in meiner Seele ein paar Fünkchen Ehrgeiz, um nur etwas noch zu empfinden, um nur einigen Trieb zum Handeln zu haben: und ſiehe, da finde ich das Gefühl meiner erſten Jahre in mir wieder, finde es aber wieder, um mich von einem Mädchen martern zu laſſen, der ich ein Gegenſtand des Abſcheues bin, während ihr Bruder mich lieben möchte, und mich nur bedauern kann!— Wenn auch! ſagte der Sekretair; Sie müſſen von hier weg, und anderwärts ein weniger qual⸗ volles Leben finden, oder den Tod.— Der Tag zur Abreiſe ward zwiſchen Florentin und dem Sekretair verabredet. Florentin hatte weggehen wollen, ohne ſeiner Schwe⸗ —‧‧» 199 ſter ein Lebewohl zu ſagen. Er vermochte es nicht. Es war ein ſchrecklicher Abſchied.— Und Du verläſſeſt mich! rief ſie; Du kannſt es über Dein Herz bringen! Getrennt ſollen wir ſeyn? Das war es, was ich mir erſpa⸗ ren wollte, was ich mehr als den grauſam⸗ ſten Tod fürchtete.— Todtenbleich ſtand Florentin, und konnte kein Wort vorbrin⸗ gen; ſich kaum aufrecht haltend, wurde er aus den Armen ſeiner Schweſter geriſſen, und halb ſterbend in den Wagen geworfen, wo ſein Vater ihn erwartete. In Paris ſah er niemanden, als den Grafen von***, der mit ihm über ſein unglückliches Schickſal weinte. Man rieth Herrn de la Touche die Luft von Italien, und er trat ſogleich mit ſeinem Sohn dieſe Reiſe an. Sobald ſie fort waren, kam der alte Sekretair wieder zur Frau von Üſerche. Er 200 hatte in Betreff der Revolution genug ge⸗ ſehen, um Honorinens Vormünder und ihre Mutter zum Verkauf alles deſſen, was von ihren Gütern veräußert werden konnte, zu bereden. Mit ihrer Vollmacht verſehen, wie er es auch mit der Vollmacht des Marquis war, legte er in Genua, Livorno, Ham⸗ burg Kapitale an, und kaufte zwei beträcht⸗ liche Landgüter in Sachſen, als einer von den Gegenden Deutſchlands, wo von dem Kriege, den er vorausſah, am wenigſten zu beſorgen ſeyn würde. Er ließ die Frgau von Uſerche ihr Pariſer Hotel behalten, und ſie kam, nach wie vor, und brachte ihren Win⸗ ter da zu, ohne eben ſehr wahrzunehmen, was um ſie vorging, ohne zu ſehen, daß ihre Tochter zum düſtern Schatten wurde, fremd an den Orten wo ſie wandelte, gleich⸗ gültig gegen das Unglück das ſie bedrohte, gegen die Verbrechen die in ihrer Nähe be⸗ 201 gangen oder vorbereitet wurden. Es brauch⸗ te nichts geringeres, als den zehnten Auguſt und den zweiten September, um die Frau von lſerche aufzuwecken; und auch dann noch fiel ſie in ihre Schlafſucht zurück, bis die Robespierriſche Herrſchaft alles, was ſich durch einigen Glanz oder etwas Vermögen auszeichnete, mit dem Tode bedrohte. Nun⸗ mehr ließ ſie ſich vom Flecke wegbringen. Unter mancherlei Gefahren gelangte ſie über die Gränzen Frankreichs; Honorine unter⸗ warf ſich ſehr ungern den Kunſtgriffen, mit welchen man ſich durchhelfen mußte.— Viel⸗ leicht lebt Florentin noch, ſagte der Sekre⸗ tair, der ſie nie verließ; und welches wäre ſein Schickſal, wenn er einſt in ſein Vater⸗ land zurückkehrte, und den gewaltſamen Tod ſeiner Schweſter erführe?— Bei Florentins Namen ſchöpfte Honorine aus der Fülle ih⸗ rer Liebe wieder einiges Leben und einige 2⁰ Kraft des Willens. Als ſie aus Frankreich ging, waren etliche Monate vergangen, oh⸗ ne daß ſie Nachricht von ihm gehabt hatte; und ſie hat ſeitdem keine mehr erhalten. Auch war ſie kaum mehr kenntlich, als ich ſie wiederſah.— In Toulon muß er alſo umgekommen ſeyn! ſagte ſie mir, nachdem ſie ganze Stunden ſprachlos geblieben war. Alle meine andern Muthmaßungen haben nicht die mindeſte Wahrſcheinlichkeit. Aus Holland, aus England, von der Condeſchen Armee aus, hätte er Mittel gefunden, mich etwas von ſich wiſſen zu laſſen. Sein Va⸗ ter wird ihn nach Toulon, oder vielleicht nach Lyon geſchickt haben. Vielleicht iſt er mit ihm gegangen, und ſie ſind beide umge⸗ kommen. Ach wenn es jenſeits des irdiſchen Lebens noch Seelen gäbe, wie möchte die ſeinige ſo hartnäckig ſich weigern, mir zu er⸗ ſcheinen? So lange ſchon ſuche und rufe ich . 2⁰3 ſie! Aber nicht einmal gewiſſe Schrecken, die ich ſonſt wohl kannte, die mir jetzt freundliche Erſcheinungen dünken würden, kann ich mehr wiederfinden. Die Winde pfeifen, die Wetterfahnen, die Nachteulen ächzen in Sachſen wie in Frankreich; aber ſie geben mir keine Täuſchungen mehr. Ich ſehe und höre nichts mehr, weder am Tage noch in der Nacht, in keinem verfallnen Ge⸗ bäude, in keinem düſtern Schattengang. Sein Geiſt iſt zerſtört; den meinen wird auch bald Zerſtörung empfangen.— So lebt die Unglückliche von ihrer Trauer, mit einer Mutter, die ſie verachtet, und mit dem al⸗ ten Sekretair, dem ſie Mühe hat zu verge⸗ ben, daß er es war, der einſt dem Mar⸗ quis die Augen öfnete. Sie hat indeſſen eine Art Zuneigung und Achtung für ihn. Wenigſtens hat er, was ſie liebt, zu ſchätzen, was ſie haßt, zu kennen gewußt; er be⸗ 204 dauert ſie, und verſucht nicht ſie zu tröſten. Lieb würde mix es ſeyn, wenn der Graf von**, der nach mancherlei Verfolgungen umherirrt, in ihrer Nähe eine Zuflucht ſu⸗ chen ſollte. Er iſt der einzige Landsmann, den ſie mit einigem Vergnügen ſehen könnte. Sie fühlt es ſelbſt ſo gut, daß ſie, um nicht mit den Beſuchen ausgewanderter Franzoſen beläſtigt zu ſeyn, ihre Mutter bewogen hat, ſtatt ihres Namens den Namen des Guts, das ſie bewohnen, anzunehmen. Wenn denn zuweilen die Gräfin von***☛ den deut⸗ ſchen Namen, den ſie jetzt trägt, radebricht, entfährt ihrer unglücklichen Tochter ein Lä⸗ cheln, das einzige, was man noch auf ihren bleichen, zuckenden Lippen ſchweben ſieht. Bis auf ihren Namen, den ſie nicht lernen konnte, hat ſich übrigens Frau von Üſerche an alles, was ſie umgiebt, recht gut ge⸗ wöhnt. Sie ſpielt, ſchwatzt, macht eine ſorg⸗ 2⁰5 fältige Toilette, empfängt und erſtattet Be⸗ ſuche, hört in der Kapelle, in der nahgele⸗ genen Stadt, Meſſe, Veſper und alles, als wäre ſie noch in ihrem zwanzigſten Jahre und im Schooß des katholiſchen und ruhi⸗ gen Frankreichs. Als ich von dort wegreiſte, habe ich von ihr Abſchied genommen: wie hätte ich mich aber entſchließen können, ihre Tochter zu ſehen? Ich kam an einem dunkeln Gange vorbei, wo ſie allein wandelte, und ich hörte ſie rufen: Florentin! Florentin! Sollte denn nichts mehr von Dir da ſeyn? “