—8—8ö8ö8ö—ö—ö————8—ͤͤͤͤö—ͤ3ͤö—ö—ö—ö—öͤſͤſͤöſͤöoöoſͤſͤſͤoſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſ“ “ 824 4 6* 8 3— 3 .„ 1. 4 1 . 3 8 3 2— * 13279 — 1 ce X₰—— X Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Ae wird. 1 1 558 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt. 1 6 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 —OO-—-—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 2 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4—* — 2 —— 1 Drei Erzählungen au s d e m Franzöſiſchen von Champavert. Ludwigsburg: Verlag von J. Baumann. 1833. — Einleitung. Naachrichten über Champavert. Es iſt immer ein muͤhevolles Amt, Andere zu enttaͤuſchen, und ein harter Dienſt, der Welt ihre ſuͤßen Irrthuͤmer zu rauben; ſie niederzureißen, jene Truggebilde, an die Ge⸗ wohnheit und Glauben ſie feſſeln; nichts iſt gefaͤhrlicher, als eine Leere in des Menſchen Bruſt zu erregen. Nie wuͤrde ich mich einem ſo mißlichen Werke unterziehen. Glaubet, glaubet, betruͤgt euch ſelber und werdet be— trogen! Der Irrthum iſt faſt immer lieb⸗ lich und troſtreich. Und doch, trotz dieſes Wi⸗ derwillens, macht es eine ſtreuge Wahrheits⸗ liebe mir jetzt zur Pflicht, einen Betrug, zum Gluͤck ohne Bedeutung, aufzudecken— eine Pſeu⸗ donymie. Ich bitte euch, gerathet nicht in Hitze, wie das eure Gewohnheit iſt, wenn ich euch ſage, daß eine Clotilde von Suͤrville nicht war und daß ihr Buch unaͤcht iſt; daß der Brief⸗ wechſel zwiſchen Ganganelli und Carlino un⸗ aͤcht iſt, daß Joſeph Delorme ein Pſeudograph und ſeine Lebensbeſchreibung ein Maͤhrchen iſt. Verzeihung, Verzeihung! Ich bitte euch, werdet nicht aͤrgerlich!.. Petrus Borel hat ſich dieſen Fruͤhling ge⸗ toͤdtet: bitten wir Gott, daß ſeine Seele, an die er nicht mehr glaubte, Gnade finden moͤge vor ihm, den er verlaͤugnete; daß Gott nicht mit derſelben Hand den Irrthum, wie das Verbrechen ſtrafe. Petrus Borel, der Rhapſode, der Lycan⸗ throp, oder, um die Wahrheit zu ſagen die wir verſprochen haben, der junge Mann der unter dieſem Eckelnamen ſich verbarg, den er beim Austritt aus der Kindheit ſich beigelegt hatte, hat ſich getoͤdtet. Wenige ſeiner Freunde kannten ſeinen wahren Namen; Niemand wußte den Grund dieſer Verſtellung; war es Noth, war es Sonderbarkeit? daruͤber herrſcht vdl⸗ liges Dunkel. Einſt hatte jener Name ge⸗ glaͤnzt in der Literatur und den Wiſſenſchaften, durch Petrus Borel von Caſtres, einen groſ⸗ ſen Gelehrten, Alterthumsforſcher, Arzt Lud⸗ wig XIV. und Sohn des Dichters Jacques Borel. Stammte er durch ſeine Mutter von jener Familie ab und hatte er den Namen ei⸗ nes ſeiner Vorfahren aufnehmen wollen? T Dieß Alles iſt voͤllig unbekannt und wird es ohne Zweifel immer bleiben. 4 Sein wahrer Name war Champavert. Es gibt kein ſuͤßeres Vergnuͤgen als das, hinabzuſteigen in die tiefſten Tiefen eines ge⸗ fuͤhlvollen Weſens, eines Weſens hoͤherer Natur, das nicht mehr iſt; es iſt eine ſehr loͤbliche Zudringlichkeit, ſich einweihen zu wol⸗ len in das Lebensgeheimniß eines großen Kuͤnſtlers oder eines Ungluͤcklichen. Man liebt den Schriftſteller, der das oft tief verborgene innere Leben Derer die uns werth ſind, gleich einem Gemaͤlde vor unſern Blicken ausbreitet. Obgleich jenes des jungen, ungluͤcklichen Dich— ters der uns gegenwaͤrtig beſchaͤftigt, euer Intereſſe nicht in ſo hohem Grade erregen mag, ſo haͤttet ihr es doch gewiß nicht uͤbel aufgenommen, wenn ich vermocht haͤtte, einige Einzelnheiten und Umſtaͤnde jenes Le⸗ bens ohne Namen zu enthaͤllen, aber leider weiß man nur wenig davon. Champavert ſprach wenig von ſich, ſein Auftreten in der Welt glich einer ploͤtzlichen Erſcheinung, ohne bekannte Vorgaͤnge, ohne berechenbare Folge. So weit die wirkliche Ueberſetzung der No⸗ tizen uͤber Champavert. Da dieſe Notizen im Detail fuͤr den deutſchen Leſer nicht genug⸗ ſames Intereſſe haben moͤchten, ein Gemaͤlde von Champaverts Charakter aber durchaus den folgenden Erzaͤhlungen vorangeſchickt werden muß, um dieſelben vom gehoͤrigen Geſichts⸗ punkte aus beurtheilen zu koͤnnen, ſo gibt der Ueberſetzer dieſes Gemaͤlde im Auszuge nach dem franzoͤſiſchen Orginale. Wahrſcheinlich ſind die hohen Alpen Cham⸗ paverts Heimath, und das alte Seguſium iſt ſeine Vaterſtadt. Seinen naͤhern Bekannten ſchien er 20— 22 Jahre alt, aber beim erſten Anblick erſchien er wegen ſeiner ernſten Züge viel aͤlter. Er war groß und ſchlank, vielleicht ſogar hager; die Farbe ſeines Geſichts braun, ſein Ausdruck charakteriſtiſch, ſein großes, ſchwar⸗ 7 zes Auge hatte etwas ermuͤdendes, wenn es laͤnger auf einen Gegenſtand gerichtet war, wie das ſtechende Auge der Schlange, die ihre Beute an ſich zieht. Seit ſeinem 17ten Jahre trug er, gegen die Mode ſeiner Zeit, einen langen Bart, und keine Bitten vermochten ihn denſelben abzu⸗ nehmen. Seine Stimme und Geberden waren ſanft, zur großen Verwunderung derer die ihn blos aus ſeinen Schriften kannten, und in ihm ein Ungeheuer erwarteten. Er war gut, ſanft, leutſelig, ſtolz, hartnaͤckig, dienſtfertig, wohlwollend, und ſein liebevolles Herz noch nicht durch Selbſtſucht verdorben. Ward er jedoch tief gekraͤnkt, ſo wurde ſein Haß unausloͤoſchlich, wie ſeine Liebe. Wurde er in die Welt hineingezogen, ſo trug ſein Weſen den Ausdruck einer leidenden Melancholie, gleich dem Hirſche der ſeinen ſchattigen Waͤldern entriſſen iſt. Von den Einzelnheiten ſeiner Jugend iſt nur wenig bekannt: fruͤhe ſchon entwickelte er die hoͤchſte Willenskraft; kuͤhn und gebie— teriſch, war die Verachtung hergebrachter Ge⸗ 8 braͤuche und Gewohnheiten ihm angeboren, und nie, ſelbſt nicht im zarteſten Alter, beugte er ſich unter ihre Macht. Er verabſcheute jede Kleidung; in ſeinen erſten Jahren ging er ganz nackt, und erſt ziemlich ſpaͤt vermochte man ihn, die nothwendigſten Kleidungsſtuͤcke anzulegen. Man glaubt daß ſeine erſte Erziehung von Prieſtern geleitet wurde; ſein gaͤnzlicher Man⸗ gel an Religion wenigſtens moͤchte ſehr fuͤr dieſe Annahme ſprechen. Mit einer gewiſſen Freude erzaͤhlte er oft, daß er von allen ſeinen Lehrern gefuͤrchtet worden war, und er war ſtolz darauf aus allen Schulen fortgejagt worden zu ſeyn. Das Studium der lateiniſchen Sprache zog ihn am meiſten an, er war deßhalb auch immer von einer Menge lateiniſcher Sprachlehren und gelehrter Werke umgeben, die er ſich nur mit Muͤhe verſchaffen konnte, und die ſeine ſchaͤndlichen Lehrer ihm oft verbrannten. Schon zu jeuer Zeit trug er den Ausdruck einer tiefen Traurigkeit, eines endloſen, un⸗ beſtimmten Kummers; Melancholie hatte ſich ſeiner Seele bereits bemaͤchtigt. Der Lauf 8☛———— — ſeines kurzen Lebens glich dem eines reißenden Stromes, deſſen Quelle man nicht weiß, der bald Thaͤler uͤberſchwemmt, bald unter der Erde verborgen ſeine Fluthen hintreibt. Es folgt nun eine Reihe von Jahren, uͤber die jede beſtimmte Nachricht fehlt, das ein⸗ zige ſcheint mit einiger Wahrſcheinlichkeit aus ſeinen hinterlaſſenen Papieren hervorzugehen, daß ihn ſein Vater einem Kuͤnſtler, wahr⸗ ſcheinlich einem Baumeiſter, in die Lehre gab. In einem Brief an ſeinen Vater vom Januar 1824 ſchreibt er: „Was fuͤr ein Zuſtand iſt dieß doch; ein Mei⸗ ſter, ein Lehrling! Ich weiß nicht ob ich ihn richtig begreife; aber ich bin traurig und denke uͤber das Leben nach; es erſcheint mir ſehr kurz! Wozu alle die Sorgen, alle die muͤhevollen Arbeiten auf dieſer wandelbaren Erde? Ich lache jetzt, wenn ich einen Men⸗ ſchen ſehe der ſich abmuͤht! ſich abmuͤhen! Was bedarf der Menſch denn, um zu leben? eine Decke und eine Krumme Brodes. „Wenn ich ein Daſeyn traͤumte, ſo iſt es nicht dieſes, theurer Vater! wenn ich ein Da⸗ ſeyn traͤumte, ſo iſt es jenes des Hirten in 10 der Wuͤſte, des andaluſiſchen Maulthiertrei⸗ bers, des Otaheiters.“ Die Gefaͤhrten ſeiner letzten Jahre, deren⸗ Namen in ſeinen Rhapſodien genannt ſind und die mit ihm in der groͤßten Vertraulich⸗ keit lebten, haͤtten naͤhere Aufſchluͤſſe uͤber ihn geben koͤnnen, allein da er ſelbſt dieſe Ver⸗ oͤffentlichung nicht billigte, ſo blieb ihre Thuͤre uns verſchloſſen. Gegen das Ende des Jahres 1831 erſchie⸗ nen die poetiſchen Verſuche Champaverts, un⸗ ter dem Titel: Rhapſodien von Petrus Bo⸗ rel. Nie hat wohl eine kleine Schrift groͤſ— ſeren Laͤrmen verurſacht, ſo wie ihn jede Schrift verurſachen wird, die mit Seele und Gemuͤth geſchrieben iſt. Ein Werk, wie dieſes, hat keinen zweiten Band: ſein Schluß iſt— der Tod. Hier folgen einige Auszuͤge uͤber Champa⸗ verts Rhapſodien, deren Ueberſetzung wegen ihrer Eigenthuͤmlichkeit theils unmoͤglich iſt, theils außer dem Plane des deutſchen Bear⸗ beiters liegt, der dem Publikum blos die fol⸗ genden Erzaͤhlungen geben wollte. Nach Champaverts ſelbſt gewaͤhltem Tode — 11 kamen dieſe Erzaͤhlungen durch einen Freund Champaverts an den franzdſiſchen Bearbeiter und dieſelben ſind von ſo außerordentlichem Intereſſe und gewaͤhren ſo tiefe Blicke in die Geheimniſſe eines durch natuͤrliche Anlage und Umſtaͤnde verirrten Herzens, daß die Ueber⸗ ſetzung derſelben gewiß mit Beifall vom deut⸗ ſchen Publikum aufgenommen werden wird. Herr von Argentiere, der Ankläger. — 1. Roccoco. Eine einzige Kerze auf einem kleinen Tiſche beleuchtete ſpaͤrlich ein hohes, weites Gemach; ohne das ſeltene Klirren von Glaͤſern und Tel⸗ lern, ohne einige verlorene Tone menſchlicher Stimmen, haͤtte man ſie fuͤr die einſame Waͤch⸗ terin eines Todten halten moͤgen. Wenn die Blicke ſorgfaͤltiger dieſes Halbdunkel durch⸗ drangen, ſo entdeckten ſie die Verzierungen ei⸗ nes Speiſeſals aus der charakteriſtiſchen Epoche Ludwigs XV., welchen die albernen Anhaͤnger des Claſſiſch⸗roͤmiſchen boͤswilliger Weiſe Roc⸗ coco nennen. Es iſt wahr, daß die Einfaſſung des Plafonds auf ſonderbare Weiſe in Strei⸗ fen zerſchnitten war, welche nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit den Deukmalen der alten Bau⸗ — — —* — 13 kunſt hatten; auch iſt es wahr, daß die Thore von keiner Kroͤnung uͤberragt waren, und daß die Hoͤhe der Boͤgen nicht zwei und ein hal⸗ bes Mal ihre Breite betrug. Man hatte nicht die geiſtreichen Modelle des illustrissimo sig- nor Jacopo Barrozio de Vignota beruͤckſich⸗ tigt, und den ſogenannten fuͤnf Ordnungen Hohn geſprochen. Aber wahr iſt es auch, und Pflicht es zu ſagen, daß dieſes Innere keine unedle Nach⸗ ahmung der einfaͤltigen Architektur von Paͤ⸗ ſtum, keine Nachahmung der kalten, nackten, ſtarren und ewig ſich wiederholenden athenien⸗ ſiſchen, oder gar der affenmaͤßigen, zwitterar⸗ tigen Architektur von Rom war; die Bauart dieſes Sales gewaͤhrte ihren eigenen Anblick, ſie hatte ihre eigenen Wendungen, ihre eige⸗ nen Schoͤnheiten; der genaue Abdruck ihrer Zeit, ſtimmte ſie in allen Punften mit derſelben uͤberein, und ihre beiderſeitige Phyſiognomie eiſt ſo ſehr die gleiche, daß man nach Jahrhun⸗ derten noch auf den erſten Blick dieſen Roccoco Ludwigs XIV. und XV. wieder erkennen wird, ein Vorzug, den jene traurigen Copien des Alterthums von unſern modernen Gebaͤude⸗ 14 machern wohl nicht haben werden, von je⸗ nen Kuͤnſtlern, die weder den Charakter ihrer Zeit tragen, noch ihrer Zeit einen Charakter aufdruͤcken, ſo daß kommende Generationen ihre Werke als ſchlechte Alterthuͤmer betrachten wer⸗ den, die von ihrer Heimath ſich verirrt haben. Die großen Vierecke des Getaͤfels waren mit Gemaͤlden einer todten Natur bedeckt, eines Venninx wuͤrdig, aber von einer unbekannten Hand geſchaffen; und die Geſimſe mit Schaͤ— ferſtuͤcken und galanten Feſten von dem un⸗ ſterblichen, herrlichen Watteau. Die Compo⸗ ſitionen waren zierlich und fein, das Colorit lieblich und durchſichtig, nach der Manier je⸗ nes großen Meiſters, den das unwiſſende, un⸗ dankbare Frankreich wieder zuruͤckfordern ſollte, als eine ſeiner groͤßten und ſchoͤnſten Zierden. Ruhm und Preis denn dem großen Watteau! Ruhm dem unſterblichen Lancret, Carl Van⸗ loo, Lenôtre!.... Ruhm einem Hyacinth⸗, Rigault, Boucher, Edelinx und Oudry!... An dem Tiſche der die Lampe trug, hat⸗ ten zwei Maͤnner Platz genommen.. Der juͤngere derſelben war von bleichem Ge⸗ ſichte, mit rothen Haaren bewachſen, ſeine &ꝓ—— A ¼ hoͤhlenartigen Augen hatten den Ausdruck der Falſchheit, ſeine Naſe war lang und ſpitz, und wenn ich hinzuſetze, daß ſein viereckig ge— ſchnittener Backenbart gleich zwei Steegen uͤber ſeine Wangen hinlief, ſo werdet ihr dar⸗ aus ſchließen, daß dieſe Scene ſich unter dem Kaiſerreich im Jahre 1810 zutrug. Der aͤltere, etwas kurz und dick, war das vollkommene Muſter eines Hochburgundiers; ſeine dichten Haare, haͤngend wie die Gaͤrten von Babylon, beſchatteten ſein Geſicht gleich den Schwingen des Nachtvogels. Gierig, wie zwei Woͤlfe die um ein Bein ſich ſtreiten, waren ſie uͤber den Tiſch gebeugt, und ihr dumpfes, unordentliches Geſpraͤch, durch die Eigenthuͤmlichkeit des Sales noch verworrener und ſchallender, glich dem Grun⸗ zen eines Schweins. Der Eine war weniger als ein Wolf, er war ein dffentlicher Anklaͤger; der Andere war mehr als ein Schwein, er war Praͤfekt. Der Praͤfekt hatte ſo eben ſeine Ernennung in dem Hauptorte der Proovinz erhalten, und war im Begriffe, am naͤchſten Tage abzurei⸗ ſen. Der Anklaͤger bekleidete ſchon ſeit langer 16 Zeit dieſes Amt an dem Aſſiſenhofe in Paris, und hatte, aus Freude, ſeinem Freunde ein Abſchiedsmahl gegeben. Beide, in Schwarz gekleidet, trugen⸗ wie die Aerzte, Trauer um ihre Opfer. Da ſie beide leiſe und oft mit vollem Munde ſprachen, ſo konnte der Schwarze der an der Thuͤre ſtand, nur einige zerriſſene Phraſen auf⸗ fangen, von einem Inhalte ungefaͤhr, wie der folgende: Welch treffliche Mahlzeit, beſter Bertholin, habe ich geſtern bei unſerem Freunde Arnoult de Royaumont gehabt!.. Von ſeiner Woh⸗ nung aus, die auf den Grsve⸗Platz geht, ſah ich die ſieben Verſchwoͤrer hinrichten, die wir vor einigen Tagen verurtheilt hatten: welch koͤſtliches Mahl, bei jedem Biſſen fiel ein Kopf!.. Arme Narren! noch an das Vaterland zu glauben! Die Herren wollten den Brutus, den Hempden ſpielen!... Hatten ſie doch die Frechheit, noch vom Schaffot aus zum Volke reden zu wollen; aber Donner und Wetter! wie ſchnell war ih⸗ nen die Rede mit dem Kopfe abgeſchnitten, —— -——— 17 was ſie jedoch nicht gehindert hat, noch mit dem letzten Athem zu roͤcheln: Es lebe das Vaterland! es lebe Frankreich! Tod den Ty— rannen! Arme V..r! Mit ſolchem Raub⸗ geſindel muß man keine Schonung haben, zum Henker mit ihnen! Was zum Teufel, Seine Majeſtaͤt der Kaiſer koͤnnte keine einzige Nacht ruhig ſchlafen. Nach dieſen Bruchſtuͤcken zu urtheilen, war die Unterhaltung gewiß immer ſehr erbaulich, und es iſt ſehr zu bedauern fuͤr die Ehre der obrigkeitlichen Wuͤrde, daß der verfluchte Schwarze nicht mehr davon vernehmen konnte. Aber zum Nachtiſch, als der Wein von Corſica die Saiten der Unterhaltung, die laͤr⸗ mend und lachend geworden war, um eine Terze hoͤher geſtimmt hatte, war es leicht, Folgendes aus derſelben feſtzuhalten. — Wie, mein lieber Argentidre, der du in Ausfluͤchten ſo bewandert biſt, wuͤrdeſt du dich aus dieſer verwickelten Sache ziehen? Ich ſoll durchaus morgen fruͤh abreiſen, und ſoll doch morgen Abend bei einem ſehr anziehen⸗ den Stelldichein erſcheinen. — Der Fall iſt ganz einfach, mein Freund, 18 ich wuͤrde entweder abreiſen und nicht zu die⸗ ſem Stelldichein gehen, oder ich wuͤrde dazu gehen und nicht abreiſen. — Schlechter Spaß. — Wenn du etwas Ernſthafteres willſt, ſo ſage mir fuͤr's erſte mehr uͤber die Sache. Welcher Art iſt das Stelldichein? iſt es maͤnnlichen oder weiblichen Geſchlechts? Sol⸗ len Handels⸗ oder Unzuchts⸗Angelegenheiten verhandelt werden? — Er iſt weiblichen Geſchlechts und ſtreift an das Unzuͤchtige. — Hdͤrve, wenn dir nicht an der ariſtoteli⸗ ſchen Einheit des Ortes liegt, ſo iſt das Raͤth⸗ ſel leicht gelost. Ich nehme die Prinzeſſin mit und morgen Abend bin ich mit ihr in Auxerre. — Und wenn der Maulaffe die Lukrezia ſpie⸗ len wollte? — Ha ha hal dann ſpiele ich den jungen Jupiter, und mit oder wider Willen muß die huͤbſche Europe mir folgen. — Und was würdeſ du am andern Tage thun⸗ 2 — Ich wuͤrde nichts thun, ich wuͤrde ſie 19 in Aurxerre laſſen, voll von dem Andenken an mich?* — Und die Ungluͤckliche ſelber, was wuͤrde dieſe beginnen? — Ungluͤckliche? Sehr gluͤcklich iſt ſie im Gegentheile, denn ich habe ihr einen Nahrungs⸗ zweig geſchaffen!.. Was hat ſie mehr zu thun, als hierher zu gehen und ihren Unter⸗ halt zu ſuchen? — Argentidre, du ſpielſt den Wuͤſtling l... Nein, mein Freund, ich ſpreche von keinem Maͤdchen das eine ſo gewaltſame Behand⸗ lung verdiente, ich ſpreche von einem ſchoͤnen, ungluͤcklichen Kinde.... — Himmel! du biſt empſindſam; wirklich du biſt es! geſchwind eine Sacktuchſcene. — Sie iſt eine Zauberin die mich blendet, eine Nymphe, eine Fee, deren Reize mich hinreißen. — Zum Teufel! — Wer ſie ſah liebt ſie, und wer ſie noch ſehen wird, muß ſie lieben. — Daß dich die Peſt, du empfindſamer Lieb⸗ haber! — Und wenn du ein Herz von Eiſen haͤt⸗ teſt, es koͤnnte ihr nicht widerſtehen. 20 — Alter Baͤr, auf welchem Gottesacker haſt du dieſes friſche Fleiſch dir ausgeſcharrt? Wie zum Teufel konnteſt du die Gunſt dieſer Merkwuͤrdigkeit gewinnen? — Was ihre Gunſt betrifft, ſo habe ich mich ihrer nie geruͤhmt, thaͤte ich es, ich wuͤrde luͤgen, was das Auffinden betrifft, ſo iſt es nicht mein Verdienſt. Seit langer Zeit ſchon bewohnt die arme Apolline daſſelbe Haus mit mir, ich habe ſie ſchon als Kind gekannt; ſie gruͤßte mich mit ſo vielen Anſtande, ihr Anzug war immer ſo reich und ſorgfaͤltig. Oft erfuͤllte ihr Anblick meine Seele mit duͤſtern Bildern; ich ver— fluchte meine Eheloſigkeit und mein einſames Leben, und beneidete die Freude eines Vaters, der ein ſo liebliches Weſen ſein nennt, das Loos Vater zu ſeyn, erſchien mir nicht mehr ſo komiſch, wie fruͤher in meinen juͤngern Jahren. Ihr Vater bekleidete zu jener Zeit, unter dem Conſulat, eine ziemlich hohe Stelle, welche Ueberfluß in die kleine Familie brachte. da er aber bei einer Verſchwoͤrung compro⸗ mittirt war, ſo holte ihn eines Morgens die Polizei des Conſuls ab, und ſeit jener Zeit —— iſt er als Staatsgefangener eingekerkert. Seine Majeſtaͤt der Kaiſer verzeiht nie. Mit dem Vater fiel auch des Hauſes Wohlſtand. Apolline wuchs heran, taͤglich reicher an Elend und an Schoͤnheit, und in den Jahren wo das Maͤdchen das Beduͤrfniß ſich zu putzen und zu gefallen am lebendigſten fuͤhlt, blieben ihr nur einige Lumpen zur Kleidung, gebleichte Flitter, Truͤmmer ehemaliger Herrlichkeit; doch etwas blieb ihr was eine Koͤnigin ziert, ihre hohe, gebietende Haltung. Wie oft ſchmerzte es mich, dieſes ſchoͤne Geſchoͤpf zu ſehen, voll Schaam vor dem Tage ſich ver⸗ bergend, in einen durchloͤcherten Shawl ge⸗ huͤllt, wenn ſie gieng um auf dem nahen Markte rauhe Lebensmittel zu kaufen. Oft hat mein Herz daruͤber geblutet! Was kann es Schmerzlicheres, was Bitteres geben? Wenn du lachen willſt, Argentière, ſo lache wenigſtens uͤber mich, denn uͤber ſie zu lachen, waͤre zu grauſam. — Ich lache, Bertholin, weil ich Worte aus deinem Munde hoͤre, die deinen Gewohnheiten ſo ſehr zuwiderlaufen; du, ein erklaͤrter Feind der Ehe, aus Grundſatz voll Haß gegen die 0 Frauen, mit einem Worte, ein geſetzter Mann! Du haſt die Stunde zum Verlieben uͤbel ge— waͤhlt: bleibe deiner Rolle getreu, zu der des Harlekins iſt es zu ſpaͤt. — Willſt du mich etwa beleidigen? — Wirklich, du wirſt immer laͤcherlicher; du biſt in der That verliebt! — Ja denn, ich bin verliebt, und erroͤthe nicht uͤber eine Liebe die vernuͤnftig iſt, uͤber eine Liebe die das Mitleid groß gezogen; ich ſegne den Himmel... — Oder du ſegneſt vielmehr gar nichts!... — der mein Herz bisher ſo frei erhalten hat, damit ich dieſer armen Waiſe ein Be— ſchuͤtzer werden koͤnne. — Du haſt dich Chateaubriand unterſchrie⸗ ben, iſt es nicht ſo? — Ja, um der Schutzgeiſt dieſer Jungfrau zu werden, die die Noth zuletzt noch toͤdten oder verderben koͤnnte. Sie ſteht jetzt ganz allein: ihre arme Mutter, an den Nand des Todes gebracht durch ſo vieljaͤhrige Entbeh⸗ rungen und mehr noch durch die Leiden ihres Kindes, iſt vor drei Monaten geſtorben. Als Apollinens Jammergeſchrei mich von ihrem ——— Tode benachrichtigte, uͤberwaͤltigte mich die Ruͤhrung, ich gieng hinab um ſie zu troͤſten, und ihr meine Dienſte in dieſem furchtbaren Augenblicke anzubieten. Ich beſorgte das Lei⸗ cheunbegaͤngniß ihrer Mutter. Zum erſten Male ſprach ich mit Apolline, und hier war es wo ich ihr mein Herz auf ewig ſchenkte; als ich eintrat in dieſes Gemach, entbloͤst von dem Nothwendigſten, als ſie meine Haͤnde mit Kuͤſſen bedeckte und mit Thraͤnenerſtickter Stimme mir dankte; ich war außer mir, ich weiß nicht mehr was ich that, ich erinnere mich an nichts mehr, ich zerfloß in Thraͤnen. Sie, verwirrt, auf ihren Knieen liegend und auf den Leichnam ihrer Mutter hingeworfen, rief ſie tauſendmal bei ihrem Namen. Dieſe Stunde wog zehn Jahre meines Le⸗ bens auf!. Und aus ſo großem Mitleid iſt ſo große Liebe geworden. Einige Tage darauf beſuchte ich ſie wie⸗ der, und bemerkte während des ganzen Ge⸗ ſpraͤchs eine gewiſſe Verlegenheit an ihr; ſie plieb ſitzen, die Haͤnde beſtaͤndig auf ihren Schooß gelegt: als ſie aufſtand um mich zu begleiten, ſah ich, daß ihr Kleid vorn durch⸗ 24 lochert war, und daß ſie ihre Armuth mit ihren Haͤnden hatte zu verbergen geſucht. Laͤngere Zeit wiederholte ich dieſe Beſuche, bis ich endlich, geruͤhrt durch die ſanfte Schwermuth ihres Weſens, durch ihre ſeltene Schoͤnheit zu jugendlicher Leidenſchaft ent⸗ flammt, ihr meine gluͤhende Liebe geſtand. Sie erwiederte mir daß ſie mich zu hoch ſchaͤtze, um zu glauben ich wolle aus ihrer Armuth Vortheil ziehen, und daß ſie voll— kommen von der Reinheit meiner Gefuͤhle uͤberzeugt ſey, ſie ſey aber entſchloſſen der Welt, in der ſie ſo viel erduldet, Lebewohl zu ſagen, und habe ſich deßhalb bereits mit der Bitte an die Priorinn des Kloſters vom hei⸗ ligen Thomas gewendet, ſie als Novizin auf⸗ zunehmen. Welche Muͤhe hatte ich ſie von dieſem Vorſatze abzubringen; ich ſtellte ihr vor daß ſie, nach ſo vielfachen Leiden die ihre Geſundheit untergraben haͤtten, gewiß ein Opfer dieſer neuen, ſtrengen Lebensart werden muͤßte. Endlich ergab ſie ſich meinen Bitten. Ich taͤuſche mich zu wenig uͤber mich ſelbſt, um zu glauben, daß dieſes gute Maͤdchen eine ——.—,,,———-—--—„„ͤ„)„ lebhafte Leidenſchaft fuͤr mich hege: ſie liebt mich wie einen Vater, ich bin ihr großmuͤ⸗ thiger Beſchuͤtzer, ihr theilnehmender Freund. Sie haͤngt um ſo inniger an mir, als ſie bis— her in der Welt nur harte eigennuͤtzige Weſen traf. Sie iſt ſo gut, ſo gefuͤhlvoll, ſo wohl— wollend und vernuͤnftig, was koͤnnte ich mehr noch wuͤnſchen? Alle Gaben, alle Geſchenke, womit ich ſie erfreuen wollte, hat ſie edel— muͤthig zuruͤckgewieſen:„Es iſt meine Pflicht, ſagte ſie, ſo zu handeln, ein Maͤdchen von Ehre kann nur von ihrem Gatten etwas an— nehmen.“ Ich habe ihr verſprochen daß wir bald vereinigt ſeyn wuͤrden, dieſer Gedanke erfuͤllte ſie mit Freude. Deßhalb habe ich ſie bis morgen Abend um 9 Uhr um eine Zuſammenkunft bei ihr gebeten, um uns uͤber die Vorbereitungen zu unſerer Heirath zu be⸗ ſprechen, und vielleicht. Du ſiehſt, ich luͤge nicht; hier ihre Antwort. Lieber Bertholin! Ich muß vorausſetzen, daß wichtige Geſchaͤfte den Tag uͤber dich noͤthigen, eine ſo ſpaͤte Stunde zu waͤhlen, doch, . 2 26 damit der Wille meines Geliebten be⸗ folgt ſey, werde ich dich zur beſtimmten Zeit erwarten. Ich werde meine Lampe ausloͤſchen, um jedem Verdachte meiner boͤſen und neugierigen Nachbarn zu ent⸗ gehen. Deine Freundin und Erxwaͤhlte deines Herzens. Ich bin jedoch entſchloſſen abzureiſen ohne ſie davon zu benachrichtigen, um ihr die Schmerzen der Trennung zu erſparen; denn wuͤrde ich ſie vorher noch ſehen, ſo haͤtte ich nicht mehr die Kraft ſie zu verlaſſen. Ich will ihr ſchreiben wenn ich an meinem neuen Beſtimmungsorte angekommen bin, und ſo bald ich meine Praͤfectur angetreten habe, komme ich, laſſe mich heimlich mit ihr ver— binden, nehme ſie mit mir, und ſtelle ſie mei⸗ nen Amtsgenoſſen als meine laͤngſt angetraute Gattin vor, um ſo ihren Witzeleien am kuͤr⸗ zeſten zu entgehen. 1 Ich bin feſt entſchloſſen morgen fruͤh ab⸗ zureiſen, aber ich muß ihr heimlich einiges Geld zuruͤcklaſſen, damit das arme Maͤdchen 27 waͤhrend meiner Abweſenheit nicht Hungers ſterbe. Und nun lebe wohl, Argentidre, es iſt ſchon 11 Uhr, ich muß fort. Mit dieſen Worten erhob ſich Bertholin: der Anklaͤger, der ſeine Erzaͤhlung mit kalter, finſterer Aufmerkſamkeit angehoͤrt hatte, be⸗ gleitete ihn. — Sagteſt du nicht, Bertholin, fragte er, als ſie die Treppe hinabgiengen, daß Apol— line ſchoͤn ſey? — Freund, ich habe lange gelebt und vie⸗ les geſehen, aber nie ein Weib ſo reizend wie ſie: denke dir die Eucharis von Bertin, die Eleonore von Parny, eine Nymphe, eine Diana!.. ſie iſt groß, ſchlank und voll An⸗ muth; ihr Geſicht iſt blaß und ſchwermuͤthig wie das einer Kranken, ihre Haare, die ſie auf der Stirne aufgebunden traͤgt, vollenden ihr jungfraͤuliches Ausſehen, und unter ihren ſchwarzen, vollen Wimpern ſchmachten zwei blaue Augen. — Und du ſagſt daß ſie in demſelben Hauſe mit dir wohnt? — In demſelben, ein Stockwerk uͤber mir. 2* — 28 Bei dieſen Worten umarmte Argentidère Bertholin, eine Artigkeit, die ihm, ſouſt ſo kalt, ſo veraͤchtlich, nicht eigen war. 2. Was iſt das? Bei den Carmelitern, im Luxemburg, in Saint-Sulpice, in Saint-Germain-des-Proͤs, auf allen Thoren ſchlug es 9 Uhr, als woll⸗ ten dieſe verworrenen Mißtoͤne die ſinkende Nacht begruͤßen. In dieſem Augeublicke ſchlich ſich in der Rue Cassette ein Mann in ein ſchoͤn gebau⸗ tes Haus, und ſtieg mit dem lauernden Tritte des Wolfes die Treppe hinauf; ganz oben in einem finſtern Gange hielt er an; die undeut⸗ lichen Toͤne einer Stimme ließen ſich durch eine verſchloſſene Thuͤre vernehmen; er hielt ſein Ohr gegen das Schloß; dieſe ſanfte Stimme ſprach ein Abendgebet. Leiſe klopfte er mit dem Finger. — Wer iſt draußen? 8——„ dre ſo — Oeffne Apolline, ich bin es. — Welcher Ich? — Bertholin! Alsbald oͤffnete ſich die unheilvolle Thuͤre, ihre Angeln kraͤchzten gleich dem Knarren ei⸗ ner Wetterfahne. — Verzeihe, lieber Bertholin, wenn ich dich ſo unpaſſend ohne Licht empfange, du weißt, ich bin arm und habe keine Vorhaͤnge an meinem Fenſter; meine Nachbarn koͤnnen alles bei mir ſehen. Warum waͤhlteſt du auch dieſe ſpaͤte Stunde? — Den Tag uͤber habe ich den Kopf ſo voll von Geſchaͤften, und der helle Sonnen⸗ ſchein paßt ſchlecht zu traulichen Ergießungen: was iſt die Liebe ohne den Schatten der Nacht, was iſt die Liebe ohne Geheinmniß? — Ich kann dir nicht widerſprechen, denn ich liebe Gott nie ſo ſehr als bei Nacht, oder in einer dunklen Kirche.— Aber du hu⸗ ſte ſt, mein Freund? — Ich mußte lange warten, bis ich bei dem Pfarrer eingelaſſen wurde, und habe mir einen Huſten zugezogen der mir viel zu ſchaffen macht.. 30 — Darum wahrſcheinlich fand ich deine Stimme ſo rauh und veraͤndert. Doch, ſpre⸗ chen wir von ernſtern Gegenſtaͤnden. Warum, ſage mir Lieber, willſt du unſere Verbindung noch weiter hinausſchieben? Wenn die Welt unſer Verhaͤltniß bemerkte, ſie wuͤrde ſehr uͤbel von mir ſprechen. — Gedulde dich noch ein wenig, liebes Kind, heute habe ich meine amtliche Ernen⸗ nung zum Praͤfekten von Mont⸗Blanc erhal⸗ ten, und reiſe morgen ab auf meinen Poſten; ſobald meine Einſetzung geſchehen, und meine Verwaltung geordnet iſt, ſo ſchwoͤre ich dir daß ich zuruͤckkomme und in der Stille unſere Hochzeit feiere; wir verlaſſen Paris zur ſelben Stunde, und ich ſtelle dich meinen Untergebenen als meine laͤngſt angetraute Gat⸗ tin vor. — O, lieber Freund, wie gluͤcklich machſt du mich! Aber nicht wahr, du laͤßt nicht lange auf dich warten? Allein, hier, wuͤrde die Erwartung mich zu ſehr angreifen. — Kleine Pedantin! wenn du begreifen konnteſt wie heiß ich dich liebe! en 31 — Aber Bertholin, was machſt du2.... Umarme mich nicht ſo!.. — Liebes Kind!.. — Du behandelſt mich heute Abend ſehr ungeſtuͤm!... — Liebes Maͤdchen, ich behandle dich nur als meine Gattin. — Gattin? Bin ich es denn? — Wenn zwei Weſen ſich Liebe geſchwo⸗ ren haben, bedarf es da noch der Erlaubniß der Behoͤrden um ihren Bund zu ſegnen? Das Geſetz kann nur beſtaͤtigen. Wir lieben uns, ewig! wir haben es geſchworen, wir ſind Gatten; und wenn wir es ſind, wozu 2.. — Jede Verbindung ohne Gottes Segen iſt Suͤnde. — Gott, wie das Geſetz kann nur beſtaͤtigen. — Ich kann nicht ſtreiten mit dir, denn ich verſtehe es nicht, ich bin nicht gewandt in der Auffindung von Gegenfaͤtzen, aber ich bitte dich, ſey edel! — Ich bin es! — Aber, laſſe mich Bertholin! du biſt deiner ſelbſt nicht wuͤrdig heute Abend! Was thuſt du mir Ach! das iſt Unrecht, ein 4 52 armes Maͤdchen... Wie kannſt du mich ſo quaͤlen?.. Ich„ſel... M — Rufe. — Ich trete mit dem Fuße auf den Boden, daß deine Bedienten kommen. — Sie werden nicht kommen. — Bertholin! Bertholin, das iſt nicht recht. Jetzt wirſt du mich verachten und verſtoßen, du wirſt kein Maͤdchen zur Gefaͤhrtin wollen, die ihrer Pflicht ſo wenig treu iſt, ein Maͤd⸗ chen ohne Ehre? — Rede nicht ſo, Apolline, du thuſt mir weh! Du mußt mich fuͤr ſehr ſchlecht und niedrig halten. Wie? ich ſollte dich miß⸗ brauchen? O niemals! Dieß macht dich mei— nem Herzen nur noch theurer. — Du liebſt mich noch? — Auf ewig! — Aber deine Stimme aͤndert ſich ja all⸗ maͤhlig, Himmel, Bertholin! biſt du es auch? O ich Thoͤrin... o ungluͤckſelige Ahnung!... Gott! wenn ich betrogen waͤre!... Biſt du es, Bertholin, antworte! ich beſchwoͤre dich, ſo en, 35 rede mit mir, biſt du es, Bertholin? biſt du es? Laſſe mich dein Geſicht beruͤhren, Bertho⸗ lin hat keinen Bart, allmaͤchtiger Gott, wenn ich betrogen waͤre. 1 — Meine Schoͤne, ſagte nun der Raͤthſel⸗ hafte mit ſeiner wahren Stimme, die Moral von dieſem iſt, daß man ſeine Liebhaber nicht ohne Licht empfangen muß. Bei dieſen unbekannten Toͤnen ſtuͤrzte Apol⸗ line zuſammen. Als ſie von ihrer Ohnmacht wieder er⸗ wachte, ſchleppte ſie ſich ohne Geraͤuſch zum Fenſter hin; ein Strahl des Mondlichts fiel in das Zimmer und beleuchtete den Kopf des Unbekannten, der in einem Lehuſeſſel in tie⸗ fem Schlafe lag. Zitternd betrachtete ihn Apolline: er war ſchwarz gekleidet, ſein blei⸗ ches Geſicht, mit rothen Haaren beſaͤet, vor— gebeugt; ſeine Augen waren hoͤhlenartig, ſeine Naſe lang und ſpitz; er trug einen Bart viereckig zugeſchnitten, gleich zwei Hoſenſtegen. — Wer iſt dieſer Menſch, rief die Ungluͤck⸗ liche. O, der elende Bertholin, er hat mir — dieſe Schmach bereitet!... an wen ſoll ich 34 ferner noch glauben? ach, es iſt furchtbar, ſo zu betruͤgen!... Auf der Bruſt des Unbekannten fuͤhlte ſie eine Brieftaſche; ſie haͤtte alles gegeben, haͤtte ſie dieſelbe hervorziehen koͤnnen, in der Hoff⸗ nung ſeinen Namen daraus zu erfahren, aber es war unmoͤglich, ſein Rock war uͤber⸗ geſchlagen und zugeknoͤpft bis oben. In dieſem graͤßlichen Augenblicke fluchte ſie Bertholin und Gott. Endlich, von Jammer und Schlaf uͤber⸗ waͤltigt, ſank ſie auf den Boden nieder, der von ihren Thraͤnen getraͤnkt war. Als ſie erwachte war es heller Tag, der Seſſel war leer, ſie war allein, mit ihrer Schande. 3. Mater dolorosa. Am Morgen trat der Pfoͤrtner bei Apol⸗ line ein und brachte ihr einen Sack mit Geld: es war die Summe die Bertholin nach ſei— 55 ner Abreiſe ihr heimlich zuſchicken wollte, aus Furcht, die Ungluͤckliche moͤchte, ohne Unter⸗ ſtuͤtzung, vor ſeiner Ruͤckkehr der Noth erliegen. — Von wem? fragte Apolline. — Ich weiß es nicht, Fraͤulein, ein Unbe⸗ kannter gab es mir fuͤr Sie, ohne weiter zu ſagen. — Nehmt dieſes Geld wieder mit! 8 — Ich kann nicht, man hat mir deutlich geſagt: fuͤr Fraͤulein Apolline. — Nehmt es mit ſage ich! Der gute Mann war ganz verlegen. Apolline, ſtolz und edel, weigerte ſich um ſo mehr das Geld anzunehmen als ſie glaubte, daß dieß der Preis fuͤr ihre Entehrung ſey, den der Uubekannten von der letzten Nacht ihr ſchicke, um ſie noch tiefer zu erniedrigen. Aber der Pfoͤrtner legte mit Entſchuldigungen das Geld auf den Tiſch und entfernte ſich raſch. Den ganzen Tag uͤber bemuͤhte ſich Apol⸗ line irgend ein Geraͤuſch in Bertholins Zim⸗ mer zu vernehmen, aber vergebens. So ver⸗ lebte ſie mehrere Tage ohne beſſeren Erfolg. Endlich, eines Abends, wagte ſie es hinab zu ſteigen und an ſeiner Thuͤre zu klopfen; 36 keine Antwort: Bertholin hatte ſeine Bedien⸗ ten mit ſich genommen. Immer verwirrter wurden die Unſſttaͤnde, die arme Apolline wußte ſich nicht mehr zu rathen:— Sollte er weg gezogen ſeyn? fragte ſie ſich, ich haͤtte es hoͤren muͤſſen. Haͤtte er gar Paris vielleicht ganz verlaſſen, und vor ſeiner Abreiſe jenen ſchaͤndlichen Be— trug mit einem ſeiner Freunde gegen mich verabredet? Nein! nein! es iſt unmdglich. Er waͤre zu falſch, zu elend! Nein! Ber— tholin iſt gefuͤhlvoll und wahr... Wo finde ich den Schluͤſſel zu dieſem allem? In ihrer Verwirrung ſetzte ſie Zweifel in ſich ſelbſt, ſie fragte ſich ob ihr Auge ſie nicht in der Finſterniß getaͤuſcht habe, und ob es doch nicht vielleicht Bertholin ſelbſt war, der ihrer geſteigerten Einbildungskraft ſich anders dar— ſtellte. Und doch, es waren ſeine Zuͤge nicht, ſie hatte nicht getraͤumt, das war nicht ſeine Stimme, das waren nicht ſeine Manieren; o nein! er war es gewiß nicht.— Etwa eine Woche nach dieſem ungluͤcklichen Ereigniſſe erhielt Apolline einen Brief von —— 357 Mont⸗Blanc aus; er war von Bertholin und folgenden Inhalts: Verzeihung, meine ſchoͤne Braut, wenn ich abreiste ohne vorher deine lieben Haͤnde zu kuͤſſen; ich wollte uns Beiden die Schmerzen des Abſchieds erſparen. Zum Praͤfekten von Mont⸗Blanc ernannt, habe ich von meiner Herrſchaft Beſitz genommen. Ehe vierzehn Tage vergehen, hoffe ich, auf Liebesfluͤgeln, zuruͤckkehren zu koͤnnen zu der Geliebten, dann feiern wir im Stillen unſere Verbindung und kehren zuruͤck in dieſes Land, das, wie ich hoffe, dir nicht mißfallen wird. Ohne Zwei⸗ fel hat nicht falſcher Stolz dich bewogen die kleine Summe auszuſchlagen, die ich durch unbekannte Hand dir zuſchickte; du biſt mein theures Weib, und es wuͤrde mich zu tief ſchmerzen dich in Noth zu wiſſen. Dieſer Brief vermehrte nur Apollinens Ver⸗ legenheit: nach ſo ſchoͤnen Beweiſen der Liebe wagte ſie nicht mehr Bertholin der Untreue zu beſchuldigen; und doch zur beſtimmten Stunde ihrer Zuſammenkunft war ein Ande⸗ rer, unterrichtet von allem, gekommen und hatte ſie ſchaͤndlich mißbraucht. Einnige Zeit nach dieſem erſten Briefe von Bertholin erhielt ſie einen zweiten, in wel⸗ chem er ihr anzeigte, daß er, von Geſchaͤften uͤberladen, gendthigt ſey ſeine Abreiſe zu ver⸗ ſchieben. Um dieſe Zeit fieng Apolline an, ſich un⸗ wohl zu fuͤhlen. Ihr eckelte vor jeder Speiſe, es ſtellten ſich Leibſchmerzen und haͤufiges Er⸗ brechen ein, und ihre Unruhe wurde immer groͤßer. Ein Arzt rieth ihr den Gebrauch des Safrans, und da dieß ohne Erfolg blieb, ſo erklaͤrte er ſie ohne Umſtaͤnde fuͤr guter Hoff⸗ nung. Dieſe Nachricht erfuͤllte Apolline mit der tiefſten Verzweiflung. Tag und Nacht vergoß ſie bittere Thraͤnen. Ihre Lage wurde grauſam. Bertholin hatte ihr endlich ſeine Ankunft beſtimmt angezeigt; jede Stunde erwartete ſie ihn. Was ſollte ſie thun unter dieſen ungluͤckſeligen Umſtaͤnden? Ihm ihren Zuſtand verbergen und ihn betruͤ⸗ gen, war eben ſo ſchwer als unedel; ihm alles frei erklaͤren, hieß alles verlieren, und doch, ihrem Zartgefuͤhl blieb keine andere Wahl. Darum entſchloß ſie ſich, ihm ſogleich bei ſeiner Ankunft alles ohne Hehl zu ge— 39 ſtehen, vielleicht, hoffte ſie, wird ſein edles Herz mir einen verzweifelten Fehltritt verge⸗ ben, den ich fuͤr ihn und durch ihn begangen. Endlich kam Bertholin, und ſogleich fand er ſie ſehr veraͤndert: welche tiefe Trauer, welches verlegene Weſen ihm gegenuͤber, ihre ſchoͤnen Zuͤge, wie entſtellt, wie abgemagert. Er uͤberhaͤufte ſie mit den zaͤrtlichſten Liebko⸗ ſungen, ſo daß Apolline, trotz ihres Entſchluſ⸗ ſes, nicht wagte ihr Geſtaͤndniß anzubringen; hundertmal ſprach ſie mit zitternden Lippen die erſten Worte, aber ſie wagte nicht einen Mann zu entzaubern, der mit ſo unbegraͤnz⸗ ter Leidenſchaft an ihr hieng. Auch Bertholin wurde unruhig, er wußte ſich dieſe Thraͤnen nicht zu erklaͤren. Die Stunde ſchlug wo der Streich fallen mußte; die Vorbereitungen und die geſetzlichen Schritte waren gemacht, die Trauung auf den naͤchſten Samſtag feſtgeſetzt. In Saint⸗ Sulpice, um Mitternacht, nur vor zwei oder drei Zeugen ſollte die heilige Handlung ohne alles Gepraͤnge vor ſich gehen, und denſelben Morgen noch wollten ſie abreiſen. Den Abend vor der Hochzeit lud Bertholin 40 Apolline ein mit ihm in ſeine Wohnung her⸗ abzugehen, und fuͤhrte ſie voller Freude in ſein Zimmer. Der Tiſch, der Sopha waren be⸗ deckt von Stoffen, Shawls und allerlei Putz und Schmuck. — Hier, meine liebe Braut, ſind einige Geſchenke, moͤchten ſie dir gefallen. Apolline blieb an der Thuͤre ſtehen, indem ſie in Thraͤnen ausbrach. — Was fehlt dir, meine Liebe? komme doch, ſeh' dieß alles iſt dein. Apolline fiel ihm zu Fuͤßen. — O, Bertholin, Bertholin, wenn du wuͤßteſt... — Was fehlt dir, mein Kind 2.... — Wenn du wuͤßteſt wie unwuͤrdig alles dieſes ich bin? Nicht wahr, o gerechter Gott! daß ich dir das alles ſagen muß! Aber ich kann nicht betruͤgen, Bertholin! O, wenn du wuͤßteſt! du wuͤrdeſt die mit dem Fuße von dir ſtoßen die du deine Gattin nennſt! Bertholin ſtand wie verſteinert. — Vielleicht traͤgſt du ſelbſt die Schuld meines Verbrechens! Sieh her!!!... —————— u 41 Mit dieſen Worten riß ſie den Shawl von ſich, der ihre Schwangerſchaft verbarg. — Sieh her! ich beſchwoͤre dich, ſieh her! Muß ich denn meine eigene Schande aus⸗ ſprechen? — Gott! was ſeh' ich! wie Apolline? Ha! das iſt ſchaͤndlich, einen edlen Mann ſo zu be— truͤgen! Hier ſteht ſie nun, die Braut! die Jung⸗ frau, die ich aus Mitleid waͤhlte! die ich er⸗ heben wollte! Hier ſteht ſie— entehrt!!! — Lieber tauſendmal ſterben, ſchrie Apol⸗ line, indem ſie ſich zu ſeinen Fuͤßen hin⸗ ſchleppte. Bei dem Namen Gottes beſchwoͤre ich dich, hoͤre mich an und dann toͤdte mich! Hoͤre mich doch, o mein Vater, hoͤre die Wahrheit! — Wirſt du ſchweigen, Unverſchaͤmte?... — Gott ſieht meine Unſchuld und deine Schuld, denn ich war rein ehe ich dich kannte.. — Ehrloſe!... — Ich war rein, als du mich zu deiner Gattin waͤhlteſt, du biſt es, der mich verderbt hat; hoͤre mich! Vor deiner Abreiſe verlangteſt du eine Zu⸗ ſammenkunft an einem Abend mit mir, die ich zugeſtand. Um 9 Uhr klopft es an meiner Thuͤre, ich oͤffne und empfange Jemand, den ich fuͤr dich, Bertholin, halte! Dieſer boͤſe Geiſt ahmte deine Stimme nach und betrog mich. Nach langem Kampfe unterlag ich, indem ich mich dir hinzugeben glaubte... Er raubte mir meine Unſchuld!.... — Apolline, du luͤgſt!... — Als das Ungeheuer ſein Verbrechen vol⸗ lendet hatte, entriß er mich ſelber meinem Irrthum. Im Mondlicht unterſchied ich ſeine Zuͤge: er war bleich, Haare und Bart roth, ſeine Augen hoͤhlenartig; er war groß und ſchwarz gekleidet. — Apolline, du luͤgſt!... — O, mein Vater, glaube mir!.. — Du luͤgſt!.. — Ich beſchwoͤre es bei meinem Erldſer, bei meiner Mutter, die mich dort oben hoͤrt!... — Du luͤgſt!... — Dir glaubte ich mich hinzugeben und du behandelſt mich ſo!. Du biſt es der mich verdorben hat!... △☛ — Du luͤgſt!.. — Du haſt meinen Brief einem deiner Freunde gegeben... — Du luͤgſt!.. — O mein Vater!... — Aus meinen Augen.... Armer Bertholin, es ſchmerzt dich nach 50 Jahren deinen Haß gegen die Weiber abgelegt zu haben, um dich zu den Fuͤßen eines Maͤd⸗ chens zu erniedrigen! Grauſame Lehre! Aber es iſt niedertraͤchtig! Wenn ich daran denke! Geh', Geh,, oder ich trete dich mit Fuͤßen! Geh', wenn du mir einen Mord erſparen willſt! Geh', Bettlerin, Ehrloſe!!! Apolline ſank zu Boden. Bertholin ergriff ſie bei den Fuͤßen, warf ſie hinaus und reiste in demſelben Augen⸗ blicke ab. 4. Moise sauvé des eaux. Nichts verderbt den Charakter tiefer als er⸗ littenes Unrecht, nichts erfuͤllt die Seele mit 44 mehr Bitterkeit und Haß. Apolline hielt Ber⸗ tholin fuͤr ungerecht, er ſie fuͤr ſchuldig; die ganze Welt haͤtte ſie dafuͤr gehalten. Es be⸗ darf nur eines Zuſammentreffens von Umſtaͤn⸗ den, um aus dem Unſchuldigen einen Schul— digen zu machen. Der kurzſichtige Menſch kann nur nach dem Schein urtheilen. Man koͤnnte die Verbrechen einer gut verſchloſſenen Kiſte vergleichen: nach dem Aeußern beurtheilt der Nichter den Inhalt, und hat er ſie fuͤr verdorben erklaͤrt, und ſie wird uͤber Bord ge— worfen, dann erſt zerſchellt ſie au den Felſen, ihr Inhalt kommt an den Tag und mit ihr des Gerichtes Dummheit; bitter hohnlacht die Menge, doch der Richter huͤllt ſich in die Wuͤrde feines Amts und ruft mit laͤcherlichem Erz— biſchofstone: Ich bin unfehlbar! Apolline, von toͤdlichem Kummer verzehrt, welkte langſam zum Grabe hin. Vor weni⸗ gen Monaten noch ſo ſchoͤn, jetzt blaß und abgemagert wie ein Geſpenſt, ging ſie nur bei dunkler Nacht aus um hoͤhniſchen Blik⸗ ken zu entgehen. Die Nachbarn haͤtten ſie todt geglaubt, haͤt⸗ ten ſie nicht zuweilen die Toͤne eines alten ————— 45 Claviers gehoͤrt, das jetzt zum Tiſche diente. Auch folgende Strophe konnte man oft ver— nehmen, die ſie ſtets mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes ſang: Henker, ende meine Marter! Ungluͤck hat mein Herz zerſtoͤrt: Haß dir Himmel, Haß dir Erde, Haß euch Traͤumen meiner Jugend!... Eh' der Koͤrper noch verweſet, Den mein Schickſal haͤlt gebannt, Iſt die Seele laͤngſt vernichtet; Hoͤlle, nehm' ſie ewig hin!... Dieſer einzige Vers gibt uns hinreichende Aufſchluͤſſe uͤber Apollinens Seelenſtimmung, er zeigt uns bis in welche Tiefe des Ver⸗ derbens Leiden und Ungluͤck die ſchoͤnſte Seele ſtuͤrzen koͤnnen; ſie, einſt ſo ſanft, ſo ſchoͤn, ſo liebevoll und fromm, hatte jetzt uur Haß im Herzen und Gift auf den Lippen. Sie haßte Alles, ſogar ihren Schoͤpfer dem ſie den Glauben aufkuͤndete; ſie raͤchte ſich, in— dem ſie Gott verließ der ſie verlaſſen hatte. Wenn ein Weſen bis zu dem Grade mißhan⸗ delt ward ſo hat es nur noch ein Laͤcheln der Holle auf der hoͤhniſchen Lippe, alles was 46 es ſieht, erregt ihm nur Mitleid und Eckel; je heiliger eine Sache iſt, je mehr der Ge⸗ genſtand allgemeiner Verehrung, deſto groͤßere Freude findet es ſie zu entheiligen und mit Fuͤßen zu treten. Dem Ungluͤcklichen in es Wolluſt den Himmel zu laͤſtern! Das Ziel ihrer Schwangerſchaft nahte und ihr Elend wurde immer groͤßer. Waͤhrend der 4 erſten 8 Monate hatte ſie von dem wenigen Gelde gelebt, das Bertholin ihr gegeben hatte. Jetzt war es aufgezehrt. Abends ging ſie um wilde Kraͤuter an einſamen Wegen zu ſammeln, aber dieſes Futter hatte ſie ſo ge⸗ ſchwaͤcht, daß ſie gegen das Ende des neun⸗ ten Monats kaum mehr im Stande war hin⸗ abzuſteigen. Dieſes Faſten, um mich ſo aus⸗ zudruͤcken, hatte ihre Nerven ſo angegriffen, daß ſie oft an den fuͤrchterlichſten Kopfſchmer⸗ zen litt, die auf Augenblicke in Wahnſinn aus— arteten. Ihre Bilder waren ſtets duͤſter, ihr Magen von den heftigſten Schmerzen zerriſ⸗ ſen, und oft ſtellten ſich Anfaͤlle von Epilepſie ein. Als die erſten Geburtsſchmerzen ſich ein— ſtellten, hatte ſie zwei Tage lang keine Nah— rung zu ſich genommen; ausgeſtreckt auf ih⸗ 47 rem harten Bette, von Hunger verzehrt, der Vernunft beraubt und auf das aͤußerſte ent⸗ kraͤftet, kaute ſie an dem ledernen Einband eines alten Buches. Als ſie ihr Kind erblickte, erwachte wieder ihr finſterer Wahnſinn und gab ihren Kraͤf⸗ ten neue Spanuung: ſie richtete ſich auf, um— armte und ſchlug es abwechſelnd, reichte ihm ihre welke Bruſt, warf es zur Erde, weinte und legte ſich zu ihm nieder.“ Endlich wickelte ſie es in ein Tuch, nahm es wie ein Buͤndel unter den Arm und ſchiepue ſich fort. Es war Nacht. Morgens um zwei Uhr kam Erman Buſem⸗ baum, ein Landmann in Vaugirand, auf dem Wege nach der Halle, ein Liedchen pfeifend, auf der Straße du Tour herabgefahren. Als er ſich einem der ſchmutzigen Gaͤßchen taͤherte die von der Straße ausgehen, hoͤrte er das Wimmern eines neugebornen Kindes, ſogleich unterbricht er ſein Pfeifen, haͤlt an und horcht. Das Gewimmer waͤhrt fort und ſcheint aus einem benachbarten Cloake zu kommen. Er 48 ſpringt vom Wagen, horcht am Eingang und ſchrickt erſtaunt zuruͤck. Sogleich laͤuft er auf die Gefangenenwache der Abtey und findet dort zufaͤllig den Com⸗ miſſaͤr, der gerade zwei Freudenmaͤdchen ver⸗ hoͤrte, die wegen einiger einem Anbeter beige— brachter Meſſerſtiche feſtgenommen worden wa— ren. Schuell ſetzte er ſich an die Spitze ei— ner Patrouille. Erman Buſembaum leuchtete dem Corporal mit einer Laterne voraus. An dem Winkel angekommen, herrſchte tiefes Schweigen. Der Soldat, ſpoͤttiſch von Natur, fing ſchon an uͤber Buſembaum, und das was er gehoͤrt haben wollte, ſich luſtig zu machen, in⸗ dem er es der Furcht zuſchrieb. Die Amtsge⸗ walt mit der Schaͤrpe machte Miene gegen den ungeſchickten Fuhrmann der ihn unnuͤtzer Weiſe in Bewegung geſetzt hatte, amtlich ein⸗ zuſchreiten, als das Geſchrei aufs Neue an— fing. Der Soldat der die Laterne trug, brachte ſie an die Oeffnung des Cloaks und bemerkte mit uͤbergebeugtem Leibe einen weiſ⸗ ſen Pack, aus dem das Gewimmer hervor⸗ kam. Buſembaum und der Commiſſaͤr ahm⸗ ten Pharaos Tochter nach, ſchlugen das Tuch 49 auseinander und entdeckten ein neugebornes Kind. — Armer kleiner Schelm! rief der weichher⸗ zige alte Vater Buſembaum aus. — Dieß iſt wirklich ein Fall, murmelte der liebenswuͤrdige Corporal, wo es fuͤr die Kinder ein wahres Ungluͤck iſt Eltern zu haben. 4 — Meine Herrn, ſagte der ſcharfſichtige Commiſſaͤr, indem er die Stellung eines Ca⸗ lifen dabei annahm, ein Verbrechen wurde hier begangen, ſuchen wir es zu entdecken!.. Er fing damit an das Kind zu unterſuchen, das ohne bedeutende Verletzung war. Zur großen Zufriedenheit der Soldaten wurde nach wiſſenſchaftlicher Unterſuchung, wuͤrdig von der Akademie beſtaͤtigt zu werden, mit Stimmenmehrheit verkuͤndet, daß das Kind maͤnnlichen Geſchlechts ſey; ein Laͤcheln der Zufriedenheit trat auf Vater Buſembaums Lippen. — Was wollt ihr mit dem kleinen Schelm machen, ſagte er zu dem Kommiſſaͤr; meine Frau iſt wirklich in den Wochen, und zu ih— rem großen Schmerze hat dieſe gute Mutter 3 50⁰ ſchon dreimal todt geboren. Wenn ihr mir ihn anvertrauen wollt, ſo will ich ihn ihr zum Erſatz bringen, ſie wird gut fuͤr ihn ſorgen und wir nehmen ihn an Kindes⸗ ſtatt an. Im Augenblicke als er das Kind in ſeinen Wagen legen wollte, ſtarb es, und der Com— miſſaͤr entdeckte Blutstropfen; als er hinleuch- tete, bemerkte er daß die Spuren ſich die Straße hinaufzogen, und befahl der Patrouille ihm zu folgen. Dieſe Tropfen, obgleich nur in weiten Zwiſchenraͤumen bemerkbar, reichten doch hin die zu nehmende Richtung anzuge⸗ ben. Als ſie in der Straße Berurridère anka⸗ men, verloren ſie ſich, aber ſie fanden ſie wie— der in dem kleinen Gaͤßchen das von der Straße Vieurx⸗Colombier auslaͤuft, und indem ſie die Spur immer mit Aufmerkſamkeit verfolgten, kamen ſie bis in die Straße Caſſette, wo die Zwiſchenraͤume ſich noch verlaͤngerten. End— lich verloren ſich die Blutſpuren an einer Thuͤre. — Hier iſt es, rief der Commiſſaͤr aus, treten wir ein. Er klopfte an die Hausthuͤre. — Im Namen des Geſetzes, aufgemacht! 51 ſchrie der Corporal, indem er mit der Gewehr⸗ kolbe gegen die Thuͤre ſtieß. Der erſchrockene Portier gehorcht.— Um Gottes Willen, meine Herren, welcher Zug! was wollen Sie! — Zeigt uns den Weg, wir muͤſſen Haus⸗ ſuchung halten. Halt! hier ſind die Blutſpu— ren wieder! folgt mir! Sie ſtiegen die Treppe hinauf und kamen oben in einen Gang; hier verloren ſich die Blutſpuren nochmals an einer Thuͤre. — Wer wohnt hier, Herr Portier? — Ein junges Maͤdchen, gut und brav. — Oeffnet im Namen des Geſetzes!... Corporal, die Thuͤre eingeſtoßen! Alsbald ſprang die Thuͤre auf und die gie⸗ rigen Blicke gewahrten beim Scheine der La⸗ terne auf einem ſchlechten Lager, in einer La⸗ che von Blut liegend, ein junges Weib, bleich und abgezehrt. Man hob ſie auf, ſie lebte noch. 4 Bei ihrer Ruͤckkehr war Apolline, ohne Zwei⸗ fel, erſchoͤpft durch ſo großen Blutverluſt und durch einen ſo langen Gang, aus Schwaͤche niedergeſunken. Auf einer Tragbahre ſchaffte man ſie in das . 3* Hospice de la maternité, gewoͤhnlich la Bourbe genannt. 5. Veri Wel. Am andern Tage ſprach man in ganz Paris von nichts als von einem Kinde, das in einen Cloak geworfen worden ſey, und die oͤffentli⸗ chen Ausſchreier gingen in der ganzen Stadt umher und boten fuͤr einen Sous die aus⸗ fuͤhrliche Geſchichte des furchtbaren Kindes⸗ mordes feil, der in der Vorſtadt Saint⸗Ger⸗ main von einem Maͤdchen von vornehmer Fa⸗ milie veruͤbt worden ſey. Mit Abſcheu hatte dieſes Ereigniß die ganze Buͤrgerſchaft erfuͤllt, welche bereits vor Be⸗ gierde brannte die Sache vor dem Aſſiſenhofe zu ſehen, um ſie ganz genau kennen zu lernen, und, voll Groll, vorher ſchon die Freude em⸗ pfand, ein Maͤdchen von edler Herkunft auf dem Armenſuͤnderſtuhle und dem Schaffote zu ſehen. 53 Man hatte anfangs an Apollinens Aufkom⸗ men gezweifelt, aber durch die große Sorg⸗ falt die man ihr, auf Befehl der Maͤnner der Gerechtigkeit, widmete welche fuͤrchteten, der Tod moͤchte den Streit ohne ſie ſchlichten, und ihnen und dem Henker ins Handwerk greifen, kehrten nach vier Wochen ihre Kraͤfte und mit ihnen allmaͤhlig das Bewußtſeyn wieder. Groß und ſchmerzlich war ihr Erſtaunen, als ſie ſich in einem Sale des Hoſpitals er⸗ blickte. Sie hatte weder eine Erinnerung von dem, was ſie gethan noch von dem was vor⸗ gefallen war; ſie fragte, man antwortete ihr nur ausweichend. Erſt als ſie ganz herge⸗ ſtellt war, verkuͤndete man ihr, daß ſie in das Gefaͤngniß gebracht werden muͤſſe. — Ju's Gefaͤngniß! rief ſie aus, warum denn? — Als des Kindesmords e dächaig — Ich? o nein, ihr irrt euch.. — Ihr habt euer Kind in einen Cloak ge⸗ worfen. Betroffen ſtand Apolline; ploͤtzlich, wie aus tiefem Schlafe erwacht, ſchien die Erinnerung ihr wiederzukehren, und regungslos ſtuͤrzte ſie — 54 zuſammen. Als ſie wieder zu ſich kam, war ſie in einem engen, finſtern Loche. Ihr Prozoß ſchritt langſam vorwaͤrts, und erſt nach viermonatlicher Gefangenſchaft, waͤh⸗ rend welcher Zeit ſie mit dem ſchmutzigſten Auswurfe der menſchlichen Geſellſchaft zuſam⸗ man war, erſchien ſie vor dem Aſſiſenhofe. Das große Aufſehen das ihre Sache gemacht hatte, hatte eine unzaͤhlbare Menge Neugie⸗ rigeriger herbeigezogen, welche die ſchoͤne Ra⸗ benmutter der Vorſtadt Saint⸗Germain ſehen wollten. Ihre Schoͤnheit war gleich außeror⸗ dentlich wie ihre Grauſamkeit geſchildert wor⸗ den. Die Fenſter der Bilderhaͤndler waren bedeckt mit ſogenannten Portraͤts der ſchoͤnen Apolline, die gewiß eben ſo aͤhnlich waren, wie jene der Heloiſe oder der Johanna von Orleans. Das eine glich der Frau von la Vallidre, das andere der Charlotte Corday, ein drittes Joſephinen; aber was hat dieß zu ſagen? das Publikum will nun einmal betro⸗ gen ſeyn, und es war damit zufrieden. Ein allgemeines Murmeln der Mißbilligung ließ ſich vernehmen, als der Gerichtsdiener anzeigte, —% o ᷑——*⏑*ν 2 8 r 55⁵5 daß das Gericht die Verhandlung bei ver⸗ ſchloſſenen Thuͤren angeordnet habe. Apolline ward eingefuͤhrt; ihre Jugend und Schoͤnheit, ihr ſchwermuͤthiges, bleiches Aus⸗ ſehen und das Liebliche in Stimme und Hal⸗ tung machte tiefen Eindruck auf die Richter. Um Bertholin nicht bloszuſtellen, hatte ſie erklaͤrt, daß ein unbekannter Mann, den ſie nachher nie wieder geſehen, in ihr Zimneer ein⸗ getreten ſey und ſie mit Gewalt gendthigt habe, ihm zu Willen zu ſeyn. Was das Ver⸗ brechen anbelange deſſen man ſie beſchuldige, ſo koͤnne es wahr ſeyn, aber ſie habe keine beſtimmte Erinnerung davon, und da ſie ſchon ſeit mehreren Tagen keine Nahrung mehr ge⸗ noſſen habe, als die Geburtsſchmerzen ſich einſtellten, ſo ſeye ſie gewiß in einem Zuſtande vollkommener Geiſtesabweſenheit dabei gewe⸗ ſen. Von fuͤnf Aerzten deren Zeugniß uͤber ih⸗ ren muthmaßlichen moraliſchen Zuſtand ein⸗ geholt wurde, ſtimmten nur ein einziger fuͤr die Annahme von Geiſteszerruͤttung, vier ſtimm⸗ ten dagegen. In dem Augenblicke als der oͤffentliche An⸗ 56 klaͤger ſeine Stimme zum Vortrag erhob, rich⸗ tete Apolline, von einem bekannten Laute ge⸗ troffen, ihr Auge auf ihn; ein durchdringen⸗ der Schrei entfuhr ihr und bewußtlos ſtuͤrzte ſie zuſammen. Nie war ein Inquiſitor grauſamer und un⸗ menſchlicher: es gibt nichts das Herr von Argentidre nicht mit ins Spiel gezogen haͤtte, um die Schuld der Angeklagten zu vermehren. So weit trieb er ſeine ſchrankenloſe Wuth, daß er ſie mit Saturn verglich der ſeine eigenen Kindern verzehrt habe, und ſchloß, indem er ihren Kopf forderte.— Laßt euch nicht ver⸗ fuͤhren, ſchrie er, durch das ſchoͤne Aeußere dieſer unnatuͤrlichen Mutter; die Schoͤnheit dient haͤufig nur zum Deckmantel der Schlech⸗ tigkeit; laßt euch nicht erweichen, es bedarf eines ſchreckenden Beiſpiels um das Verbre— chen des Kindermords in ſeinem Laufe aufzu⸗ halten. Richter! ſeyd unerbittlich, und ihr werdet gerecht ſeyn. Apollinens Beiſtand fuͤhrte ihre Vertheidi⸗ gung mit ſeltenem Talente; ſein Vortrag haͤtte Tigern Thraͤnen entlockt, doch das Gericht blieb kalt. „——.——.,— — ☛2—„ 57 Als die arme Apolline wieder zu ſich kam, raffte ſie ſich auf, und auf den oͤffentlichen Anklaͤger, Herr von Argentidère, zeigend: der iſt es! ſchrie ſie, der iſt es! ich erkenne ſeine Stimme! jener Menſch dort der ſpricht, der iſt es! ich ſah ihn bei'm Licht des Mondes, bleich und roth, das Auge hoͤhlenartig... Mit dieſen Worten brach ſie in ein fuͤrchter⸗ liches Jammergeſchrei aus. — Das Kind hier iſt, ſcheint es, verwirrt, erwiederte kalt Herr von Argentidre, deſſen duͤſtere Zuͤge nicht die leiſeſte Bewegung zeigten. — Fuͤhrt die Angeklagte fort, befahl der Praͤſident, und wir, meine Herren, begeben wir uns in den Berathungsſaal. Nach einer Viertelſtunde kehrte der Hof zur Sitzung zuruͤck. Die Geſchwornen hatten be⸗ jahend auf alle Fragen geantwortet, der Praͤ⸗ ſident las den richterlichen Spruch vor, der Apolline zum Tode verurtheilte. Sie hoͤrte ihr Urtheil mit Wuͤrde, und ſagte blos, indem ſie ſich gegen den oͤffentlichen An⸗ klaͤger wandte: die, welche mich auf das —— 58 Schaffot bringen, verdienen ſelbſt dahin ge⸗ bracht zu werden! Ihr Vertheidiger, in Verzweiflung und mit Thraͤnen, warf ſich ihr um den Hals und ſchloß ſie in ſeine Arme, zum großen Aergerniß der Richter, die ihr die Frage vorlegten, ob ſie gegen ihr Urtheil appelliren wolle.— Ja! erwiederte Apolline mit Feſtigkeit, aber vor Gottes Richterſtuhl. Am Morgen ſchickte man ihr einen Prieſter um ſie vorzubereiten, der nicht mehr von ih— rer Seite kam. Apolline erzaͤhlte ihm auf⸗ richtig ihre Geſchichte und der arme Mann, von ihrer Unſchuld uͤberzeugt, zerfloß in Thraͤ⸗ nen; er, der gekommen war um ſie zu troͤ⸗ ſten, war ſchwaͤcher und troſtloſer als ſie. Arme Maͤrtyrinn! rief er aus, indem er ihre Fuͤße kuͤßte, wie die einer Heiligen. Er wagte es nicht ihr von Gottes Guͤte und Ge⸗ rechtigkeit zu reden; an dieſem Leben hatte die Vorſehung ſich zu grell verlaͤugnet. Um vier Uhr trat der Gefangenwaͤrter ein, um ſie zu beuachrichtigen daß die verhaͤng⸗ nißvolle Stunde geſchlagen habe. Sie h brachte 9 ihre Kleidung in Ordnung und ſtieg hinab, indem ſie ihren Beichtvater unterſtuͤtzte. Sogleich ſetzte der Zug ſich in Bewegung, die Bevoͤlkerung von ganz Paris ſchien ſich auf dem Grdveplatz zuſammengedraͤngt zu haben. Die Haͤuſer waren von oben bis unten gefuͤllt mit Zuſchauern, nie hatte eine Hinrichtung eine groͤßere Menſchenmaſſe herbeigezogen.— Hier iſt ſie! ſcholl es von Mund zu Munde. Wie ſchoͤn war ſie von ihrem Karren herab, die ungluͤckliche Apolline! welche Wuͤrde! wel⸗ che Entſchloſſenheit! Ihr Geſicht war weißer als das Kleid das ſie umhuͤllte, ihre Haare ſchwaͤrzer als der Prieſter der an ihrer Seite weinte. Mit ausdrucksvollem Blicke uͤberſah ſie die Menge. Die Muͤtter zeigten ihr die Faͤuſte, die Juͤnglinge, von Mitleid hingeriſ⸗ ſen, warfen ihr Kuͤſſe zu. Endlich hielt der Wagen auf dem Grsveplatz. Indem ſie die Leiter hinaufſtieg, bemerkte ſie Herrn v. Ar⸗ gentidre, der kalt von einem Fenſter aus zu⸗ ſah; ein Schrei des Entſetzens entfuhr ihr, ſie ſank ohnmaͤchtig in die Arme eines Hen⸗ kerknechts. Ein allgemeines Geſchrei brach unter der Menge aus. Es regnete:— nie⸗ — 60 der mit den Schirmen! rief es von allen Sei— ten;— nieder mit den Schirmen!— ſeyen Sie doch artig, meine Herren, riefen Weiber⸗ ſtimmen, man ſieht nichts! Die ganze Menge, mit ausgeregtem Hals, ſtand auf den Zehen. Als das Meſſer fiel, lief ein dumpfer Laͤrmen uͤber die Verſamm⸗ lung hin, und ein Englaͤnder, an ein Fenſter gelehnt das er fuͤr 500 Franken gemiethet hatte, rief, mit den Haͤnden klatſchend, befrie⸗ digt, ein langes: Veri wel. 4 v ⸗ —,———,„— à929 5———„· Don Andreas Veſalius, der Anatome. 1. Chalybarium. In jener Stunde der Nacht und des Frie⸗ dens, wo Staͤdte Todtenaͤckern gleichen, regte das Leben noch in einer Straße von Ma⸗ drid ſich in ſtarken, fieberhaften Schlaͤgen, und dieſe Pulsader von Madrid war eine ge⸗ meine, ſchmutzige Gaſſe: die Calle juela casa del Campo; an dem einen ihrer Enden er⸗ hob ſich ein reiches Gebaͤude, von einem Frem⸗ den, einem Flamaͤnder, bewohnt. Die Fenſter ſtrahlten wieder von dem Lichtmeer in ſeinem Innern, und beleuchteten gegenuͤber ſchwärzliche Mauern. Das Thor dieſes Hauſes ſtand weit offen, einige Hellebardirer giengen davor auf und ab ——— ——— : 3 6 1 Wenn auf Augenblicke die Menge die ſich außen zuſammen gerottet hatte, verſtummte, unterſchied man eine liebliche Tanzmuſik, de⸗ ren Wiederhall im weiten Gewoͤlbe des Ein⸗ gangs ſich brach. 1 Der ganze Pallaſt trug ein feſtliches An⸗ ſehen, aber an dem Thore laͤrmte und draͤngte ſich eine Maſſe niedern Poͤbels. Bald lief furchtbares Geſchrei, bald hoͤhniſcher Jubel von Gruppe zu Gruppe durch die dunkle Nacht, wie ein Gelaͤchter der Hoͤlle, das in den Wolken ſich verliert. — Der Herr Doktor hat einen herrlichen Tag zur Hochzeit gewaͤhlt, einen Samſtag, ſchrie eine zahnloſe Furie, wie kann ein Hexen⸗ meiſter beſſer waͤhlen? — Wahr geſprochen, meine Freundin, und bei dem Gotte den ich anbete, wenn alle ſeine todten Clienten darauf erſchienen, jedes Gaͤßchen von Madrid haͤtte deren einen zu liefern. — Was Wunder auch, nahm die Erſte wieder das Wort, wenn alle die armen Ca⸗ ſtilianer, die dieſer Schinder ſchon ausgewei⸗ det hat, wofuͤr Gott ſie entſchaͤdigen moͤge, 63 wieder kaͤmen, um ihre Haut zuruͤck zu for⸗ dern? — Man hat mir vefſichert, ſagte ein klei— ner bartiger Mann, indem er ſich auf die Zehenſpitze ſtellte, daß er oft Cotelettes von einem Fleiſche eſſe, das nicht vom Fleiſcher kommt. — Das iſt wahr! das iſt wahr! — Nein, nein, es iſt eine Luͤge, ſchrie ein großer junger Mann, an ein Fenſtergitter ge⸗ lehnt, es iſt eine Luͤge! fragt Rivadeneyra, den Fleiſcher. — Willſt du ſchweigen, uͤberſchrie ihn ein Anderer, in eine braune Kaputze gehuͤllt, den Sombrero uͤber den Augen; erkennt ihr nicht den Heinrich Zapata, des Schinders Lehrling! es iſt doch natuͤrlich, daß Verdugo und Ahor⸗ cador ſich unterſtuͤtzen. Ich wette, wenn man ſeine Kleider unterſuchte, man wuͤrde eine Hand oder ein Bein darunter finden. — Welcher Gedanke! Dieſer alte Todten⸗ freſſer nimmt eine junge Frau! Wenn ich Koͤnig Philipp waͤre, ich wollte dieſes Unge⸗ heuer ſchon hindern, ſich.... — Ja wohl! erwiderte der Unbekaunnte in ———O,——————— — 64 der braunen Kaputze, Koͤnig Philipp unter⸗ ſtuͤzzt den flamaͤndiſchen Hund; geſtern noch verſchwand Torrijo, der Fleiſcher der Cabada, ohne Zweifel um die Hochzeittafel zu ſchmuͤcken! Das iſt ein Graͤuel! man muß ihm ein Ende machen! — Und wenn ihn der Koͤnig ſelber ſchuͤtzt, murmelte das Volk, ſo muß er lebendig brennen. — Chriſten, riefen einige Moͤnche des Klo⸗ ſters unſerer lieben Frauen von Atocha, der Mann iſt ein Ketzer! ein Schwarzkuͤnſtler! ein Flamaͤnder! er verdient den Tod! — Mordet ihn! bruͤllte die Menge. — Mordet ihn! wiederholte der Verkappte. — Mordet ihn! heulten die Moͤnche, welche, das Crucifix in der Hand, das Volk aufreiz⸗ ten. Nieder mit ihm, werft ihn in's Feuer! Mit einem Male brach der drohende Sturm aus. Ein Rachegeſchrei erhob ſich: die Menge waͤlzte ſich gegen den Eingang, voraus ein Moͤnch, eine Fackel uͤber dem Kopfe ſchwin⸗ gend; aber die Hellebardirer, von Zapata und einigen andern Schuͤlern unterſtuͤtzt, leiſteten lebhaften Widerſtand, und draͤngten die ent— feſſelte Canaille zuruͤck. k ſe 65⁵ 2. Saltatio, Turba, Mors. Im Innern des Hauſes herrſchte Froͤhlich⸗ keit; man kuͤmmerte ſich nicht um das Ge⸗ ſchrei draußen. Eine braune Kaputze hieng uͤber dem Ein⸗ gange der Gallerie, die als Kleiderzimmer diente. Die Braut tanzte mit einem ſchoͤnen Cavalier, den man den ganzen Abend nur zuweilen erblickt hatte; ſie ſchienen mehr mit ihrem leiſen Geſpraͤche, als mit dem Tanze beſchaͤftigt. Der Braͤutigam machte in einer andern Ecke des Saals einem jungen Maͤd⸗ chen aus ſeiner Verwandtſchaft den Hof. Der Saal oͤffnete ſich gegen eine kleine Wieſe zu, die von allerlei Gaͤſten, Damen Herren, Alten und Duennen bedeckt war, welche unter dem Vorwande die friſche Abend⸗ luft zu geuießen, bierher gekommen waren, um ihrer ſchaͤndlichen Laͤſterungsſucht freien Lauf zu laſſen. — Wer iſt denn der huͤbſche Cavalier, mit dem die junge Frau ſo ſchoͤn thut? — Senorica, ihr ſeyd unartig! 66 — Ha ha ha, ſeht doch Veſalius, wie ſch ſtelzenartig er ſich ausnimmt in ſeinen Calzas m. bermijas und ſeinem ſchwarzen Wammſe; bei Mahomet! gleichen ſeine Beine in ſeinen wei— ten Stiefeln nicht Federn in einem Schreib⸗ zeuge? Seht ihn doch ſpringen mit der Ama⸗ lie von Cardenas, die rund und friſch iſt wie eine Roſe; gleicht er nicht ganz dem B Herrn Saturn? V re — Oder dem Tod der mit dem Leben tanzt. I ich — Sag' Olivares, was wird er con su tef Machacha machen? V M — Er wird ihr Unterricht in der Anatomie no geben. ich — Aber, wo iſt denn die Brant? I fol — Und der huͤbſche Cavalier? 3 — Veſalius ſucht ſie ganz erhitzt; busea, Zo busca, perro viejo! du — Geh' doch Olivares, und frag' ihn, der dei fuͤr einen Zauberer gilt, was Marie in die⸗ Er ſem Augenblicke treibe? Ge Der Tanz begann auf s Neue. La Die Braut und die braune Kaputze uͤber dem Eingange des Kleiderzimmers waren ver⸗ mie 67 ſchwunden, und in einem dunkeln Gange hoͤrte man Schritte und folgendes Geſpraͤch: — Bedecke dich mit dieſer Kaputze, Maria, und folge mir ſchnell! — Alderan, ich kann nicht. — Wiel dieſem Veſalius ſoll ich dich zur Beute laſſen? nein! du gehoͤrſt mein! Waͤh⸗ rend meiner Abweſenheit verraͤthſt du mich, ich eile zuruͤck, habe dich wieder, und du ſoll— teſt dich weigern mit mir zu fliehen? Nein Marie! zerreiſſe dieſe ſchimpflichen Bande! noch iſt es Zeit! Wir werden gluͤcklich ſeyn, ich gehdre dein, dein allein auf ewig. Maria! folge mir! — Alderan, meine Familie hat mir dieſes Joch aufgelegt, ich werde es tragen. Aber du wirſt ewig mein Geliebter ſeyn, ich ewig deine Geliebte. Was ſchadet dieſer Mann? Er iſt ein Sklave mehr, ein Schleier, das Geheimniß unſerer Liebe damit zu decken. Laß mich! laß mich! lebe wohl! — Nun, Marie, es iſt gut, werfe dich weg an dieſen Menſchen! Erffuͤlle deinen Villlen, ich werde den meinigen erfuͤllen, geh! 68 Gewaltſam ſtieß er ſie von ſich, und ſchnell floh ſie von dem Gange in den Saal. Wie vor einem Abgrund ſtand Alderan ei⸗ nige Augenblicke: er fluchte, ſtampfte mit dem Fuße; ploͤtzlich verſchwand er in der Tiefe. Indeſſen hatte die Menge ſich angeſchwellt, wie ein Teich vor einem Gewitterſturm. Der Poͤbel hatte ſeine vorige Kuͤhnheit wieder ge⸗ wonnen; Verwuͤnſchungen und Drohungen brachen auf's Neue aus. Die Fenſter wurden eingeworfen, die Mauern mit Koth und Thier⸗ blut beſpritzt; als ploͤtzlich die Maſſen ſich oͤffneten um ein Weib durchzulaſſen, mit flie⸗ genden Haareu und heulend, wie ein Hund gegen den Mond; es war die Gattin des Torrijo, die ihren Mann zuruͤckforderte und Rache verlangte. — Seht die Torrija! rief es von allen Seiten, er hat ihren Mann ermordet! Ploͤtzlich ſchwang ſich der Mann mit der braunen Kaputze auf die Treppen, indem er mit ſtarker Stimme rief: Freunde, laßt uns Gerechtigkeit uͤben! Ein Feiger der mir nicht folgt! Rache! Tod dem Veſalius! Tod den Nekromanten! Flan — M zu T broch antw geln, Man einen 69 Die Antwort war ein Hagel von Steinen nach den Fenſtern und den Hellebardirern, die bis an die Treppen zuruͤckwichen. Die Menge drang ein;— da ließ der ſchnelle Tritt von Pferden ſich hdren.— Rette ſich wer kann, erſcholl es von allen Seiten, das ſind die Alguazils! Von paniſchem Schrecken ergriffen, ſtuͤrzte die Menge wieder fort, e einige Tapfere nur bleiben, um den Peind feſten Fußes zu erwarten. — Im Namen des Koͤnigs zuruͤck. — Der Konig ſtraft die Moͤrder, die Ketzer, die Zauberer mit dem Tode! Nieder mit dem Flamaͤnder! — Im Namen des Koͤnigs zuruͤck. Mit dieſen Worten drangen die Alguazils zu Pferd in das Thor; ein Hagel von zer⸗ brochenen Geraͤthſchaften empfaͤngt ſie, ſie antworten durch eine Lage von Musketenku⸗ geln, die die Verwegenſten niederſtreckt. Der Mann mit der braunen Kaputze ſtuͤrzt mit einem Schrei, die Hand an der Seite, zu⸗ ſammen. Verwundete und Geſunde nehmen 4 die Flucht; nur fuͤnf Leichname bleiben zuruͤck. Alͤtzlich wurden Pallaſt und Straße ſtill. 70 Die Wache raͤumt die Todten weg, die zit⸗ ternden Gaͤſte entfernen ſich durch die Hinter⸗ thuͤre. Die Thore ſchloßen ſich, die Lampen erloſchen, auf eine Scene des Lebens folgte eine Scene des Todes. Nur an Einem Fluͤ⸗ gel, dort wo Veſalius wohute, ſchimmerten zwei Fenſter durch die Dunkelheit. 3. Quod legi non potest. Durch die eingetretenen Thuͤren des Saals hatte Maria den Mann in der braunen Ka⸗ putze geſehen, wie die Kugel ihn traf; bei ſeinem durchdringenden Schrei war ſie in Ohnmacht geſunken; man hatte ſie in ihrem Zimmer auf ein Ruhebett gebracht, auf dem ſie nachlaͤßig hingegoſſen lag. Veſalius, der weinend und zitternd zu ihren Fuͤßen kniete, bedeckte ihre Stirn und Haͤnde mit Kuͤſſen. — Marie, meine Liebe! wie befindeſt du dich? — Beſſer: aber iſt alles ruhig? zit⸗ nter⸗ npen olgte Fluͤ⸗ herten Saals Ka⸗ ; bei ie in ihrem dem „ der eniete, uͤſſen. eſt du 71 — Ja, meine Liebe; man hat den Pdbel wieder zur Ordnung gebracht. Begreift man was dieſe Menſchen gegen mich haben, der, zuruͤckgezogen und friedlich, ſeine Tage in Dunkelheit dem Stuvium der Anatomie weiht, zum Frommen der Menſchheit und der Wiſ⸗ ſenſchaft, und zum Ruhme Gottes? Sie ver⸗ langen meinen Kopf weil ſie mich fuͤr einen Zauberer halten; verſchwindet Einer in der Stadt, ſo iſt es Veſalius, der zum Behuf ſeiner Verſuche ihn geraubt hat. Die Maſſe iſt immer dumm und undankbar. Das wird das Loos aller derer ſeyn die ſich fuͤr ihr Beſtes opfern! das Loos aller derer die ihr neue Wege, neue Wahrheiten ſagen. Sie hat Jeſus von Nazareth gekreuzigt und Chriſtoph Columbus verſpottet. Die Maſſe wird immer dumm und undankbar ſeyn! — Laßt dieſe duͤſtern Gedanken, Veſalius; aber aufrichtig geſprochen, dieſer Vorfall iſt nicht geeignet, auch des Volkes Liebe zu er— werben. — Was gilt mir ſeine Liebe, wenn ich nur die deinige beſitze! O Maria, du liebſt mich? Nicht wahr, du liebſt mich ein wenig? 72 — Kannſt du mich das noch fragen? — Ich weiß, Marie, ich bin alt, und wenn man alt iſt, ſo zweifelt man gerne; ich weiß, ich kann nicht galant ſeyn; Nachtwachen ha⸗ ben meine Kraͤfte gebrochen, und mein abge⸗ zehrter Koͤrper gleicht faſt den Todtengerippen in meiner Werkſtaͤtte; aber mein Herz iſt jung und gluͤhend. Siehe, die Leidenſchaft die ich fuͤr dich fuͤhle, iſt keine veraltete! unter alter Huͤlle biete ich dir eine jugendliche Seele; ich habe viele Frauen gekannt, aber keine, ich ſchwoͤre es dir, entzuͤndete ſolche Flamme in meinem Buſen. Ungluͤckliches Ge⸗ ſchick! mußte ich erſt alt und hinfaͤllig wer— den, um alle Wuth der Liebe kennen zu ler⸗ nen? Maria, gewoͤhne dein Auge an den groben Behaͤlter der meine jugendliche Seele gefangen haͤlt; der Saft treibt auch unter der Rinde der hundertjaͤhrigen Eiche. Maria ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken und druͤckte ihre Lippen auf ſeinen kahlen Schaͤdel und ſeinen ſchneeigen Bart; Veſa⸗ lius weinte vor Freude. Stunde der Hingebung! Stunde wahnſin⸗ niger Liebe, bebend vor Scham und Wolluſt! 73 Augenblick, der Weſen in einander ſenkt! Stunde der Enttaͤuſchung! Verraͤtherin ver⸗ borgener Schoͤnheit und verborgener Luͤgen! Augenblick oft ſo ſchmerzlich in deinen Gegen⸗ ſaͤtzen, ſo bedeutungsvoll in deinen Folgen!... Mit Anmuth warf die Braut das Hochzeit⸗ Gewand von ſich; die Roſe ſchien ihren Kelch zu oͤffnen; es war eine caſtilianiſche Schoͤn⸗ heit, wie Fruͤhlingstraͤume ſie oft hervorzaubern. Auch Veſalius legte, ungeſchickt, ſeine Feſt⸗ kleider ab und enthuͤllte ſein haͤßliches Ge⸗ rippe; er glich einer Mumie, die ihre Baͤn⸗ der abwickelt. Die Lampe erloſch, die Ringe und Stangen der Bettsorhaͤnge fiengen an zu knarren; tiefe Stille entſtand, mitunter heftig unterbrochen, aber man hoͤrte nicht den Schrei der.... Weit vorn in der Nacht folgten unerwiderte Liebkoſungen und Kuͤſſe, dann Gemurmel und Verwuͤnſchungen, und der gelehrte Profeſſor der Anatomie, der zitternd immer wiederholte: — O Marie, glaube nicht, daß dieß Schwaͤche ſey! Es iſt die Heftigkeit meiner Liebe die meine Kraͤfte laͤhmt, deine Schoͤnheit ver⸗ wirrt mich, ich fuͤrchte etwas Heiliges zu be⸗ 4 —y——y—— õÿõÿä ⅓ 1 74 ruͤhren; Marie, ich liebe dich ſo ſehr! ſo ſehr! Aber glaube nicht, daß dieß Schwaͤche iſt, es iſt Kraft, es iſt Uebermaß der Liebe! Ma— rie! Marie! ich liebe dich ſo unendlich! Und wahrlich dieſes Uebermaß der Liebe mußte nicht abgenommen haben, denn kaum waren einige Tage verfloſſen, ſo finden wir Marie wieder in einem andern Fluͤgel des Gebaͤudes, ein einſames Zimmer bewohnend, in Geſellſchaft einer alten Gouvernante, die ganz in des Profeſſors Dienſten ſtand. Die alte Eule ſah ihr Taͤubchen nur noch bei Tiſch, wo ſie ſich mit aller Kaͤlte und abge— meſſener Feinheit behandelten, wie Fremde gegen Fremde ſie beobachten. Veſalius hatte ſich auf's Neue ganz dem Studium zugewendet; vertieft in ſeine For⸗ ſchungen, gieng er nur von ſeinem Laborato⸗ rium in ſeine Zimmer und von ſeinen Zim⸗ mern in's Laboratorium. 4. Nidus adulteratus. Etwa eine Olympiade nach dieſen Vorgaͤn⸗ gen, ließ Marie, die gegen ihre Gewohnheit ſchon ſeit mehreren Tagen nicht mehr bei Tiſch erſchienen war, Veſalius, ihren Mann, zu ſich rufen. Sogleich begab er ſich zu ihr; blaß, abgeſpannt, mit geſchloſſenen Augen und halb erloſchener Stimme, lag ſie auf ih⸗ rem Bette; Veſalius ſetzte ſich neben ſie. Als ſie ſeinen warmen Athem uͤber ihre Stirne hinſtreichen fuͤhlte, ſchlug ſie die Augen auf, ſeufzte, und begann mit gebrochener Stimme; — Ihr ſeyd mein Herr und Meiſter An⸗ dreas! Ich fuͤhle meine Kraͤfte mit jedem Augenblicke ſchwinden; bald werde ich vor Gottes ſtrengem Richterſtuhle ſtehen; ach, und ich bin nicht rein! ich habe ſo ſchwer geſuͤndigt gegen Euch! Aber die Suͤnderin ruft Eure Gnade an. Werdet mir nicht boͤſe; Ihr ſeyd ein weiſer Mann, Ihr ſeyd mein guter Gemahl und Herr! Erlaubt mir, daß ich mein ganzes Gemuͤth vor Euch enthuͤlle! — 4* 76 — Signora, Ihr ſeyd nicht ſo krank wie Ihr zu glauben ſcheint, Euer Geiſt iſt ange— griffen. — Niemand fuͤhlt ſein Uebel beſſer als der Kranke. Eine Stimme in meinem Innern ruft mir zu, daß mein Ende nah iſt. Ihr ſeyd mein Gemahl und guͤtiger Herr: hoͤrt und verzeiht mir! vielleicht bin ich in man— chem zu entſchuldigen. Wir Beide haben vor dem Altare einen Eid geſchworen; wir Beide haben ihn gebrochen; ich, weil ich jung war und ooll Lebenskraft, Ihr, weil das Studium Eure Haare ge— bleicht, und die Arbeit Eure Kraft gebrochen hatte. O ungluͤckſeliges Schickſal, ſeine Ju⸗ gend verwuͤnſchen zu muͤſſen! Wenn Ihr wuͤßtet, Veſalius, was es heißt eine junge Frau zu ſeyn, wenn Ihr fuͤhlen koͤnntet, was Alles in ihrem Innern vorgeht, Ihr wuͤrdet mir leicht vergeben! Hoͤrt ruhig weiter. Ich ſage Euch, ich bin eine Buhlerin, ich habe Euch ſchaͤndlich betrogen. O Andreas! ich bin ſehr ſchuldig! ich habe meine Lieb⸗ haber in Euer Haus gefuͤhrt, habe ſie be⸗ 77 rauſcht in Eurem Weine und geſaͤttigt von Eurem Tiſche; waͤhrend Ihr vertieft waret in Eure Studien, oder ruhtet in den Armen des Schlafes, habe ich mit ihnen geſpottet uͤber Eure grauen Haare; wir freuten uns Eurer Guͤte; ihr wart das Ziel unſerer Scherze. O Veſalius! Nicht wahr? ich bin ſehr elend! Dieß Bette ſelbſt, auf dem ich ſterbe, iſt ein Zeuge unſerer Suͤnden, und Gott ruft mich jetzt zu ſich, und ich muß ſterben!. O! wenn Ihr mich verſtießet.... Ihre Stimme verwandelte ſich in heftiges Schluchzen; nach einem kurzen Stillſchweigen fuhr ſie fort: — Schon bin ich bitter genug beſtraft! Ein unzuͤchtiges Weib muß ſehr zuruͤckſtoßend ſeyn! Sie muß großen Eckel gegen ſich er⸗ regen! Seit unſerer Verbindung hatte ich drei Liebhaber, aber alle drei beſaß ich nur ein einziges Mal. Wenn ich ihren langen Bitten endlich nachgab, und ihnen meinen Leib und einen Theil dieſes Bettes uͤberließ... Ja, fuͤrwahr! eine ſchuldbeladene Frau muß ſehr zuruͤckſtoßend ſeyn!... Wenn ich mor⸗ gens erwachte, war ich allein! und ich ſah 78 ſie nie wieder! Kann man empfindlicher ge⸗ ſtraft werden? Aber dem Verbrechen folgt die Strafe; und wenn ich Alles ſagen muß, Andreas, ich beſchwoͤre Euch, habt Mitleid! Den letzten, den ich hatte, liebte ich bis zum Wahnſinn, mit einer Liebe ohne Graͤnzen! ſein Verluſt hat mich getoͤdtet, verlaſſen von ihm muß auch ich ſterben!.. Jetzt habe ich Alles geſagt: im Namen aller Heiligen! habt Mitleid mit einem ſchwachen Weibe, das Euch ſo tief beleidigt hat; reinigt mich mit Eurem Segen, verzeiht mir! verzeiht mir! ehe ich ſtebe.. Bei dieſen Worten ergriff ſie ſeine Hand, und deckte ſie mit Thraͤnen und Kuͤſſen; Ve⸗ ſalius riß ſie ungeſtuͤm zuruͤck, und befahl ihr mit rauher Stimme, ihm zu folgen. — Ich bin zu ſchwach, Veſalius, ich kann nicht. — Ich habe dir befohlen, mir zu folgen. Mit Muͤhe erhob ſich Maria, huͤllte ſich in ihren Mantel, und folgte zitternden Trittes eine lange Treppe hinab in ein kleines Ge⸗ mach. Die Thuͤre ſchloß ſich, die Riegel krachten in ihren Angeln. 79 Sie war in Veſalius Werkſtaͤtte, einem großen viereckigen Gemache, wie man es in Kloͤſtern findet; die Mauern und der Boden waren von Stein. Einige ſchmutzige, fette Tiſche von Holz, einige Schrannen, zwei oder drei Waſchkeſſel, eine Truhe und meh⸗ rere Schraͤnke bildeten das ganze Geraͤthe. Die Schrannen waren mit Leichnamen be⸗ deckt, unter dem Kamine dampfte ein Keſſel mit ſiedendem Waſſer. Ueberall ſtieß man mit dem Fuße an Stuͤcke Fleiſch oder an ab⸗ getrennte Glieder, und zerſtreut umherliegende Muskeln und Sehnen krachten unter dem Tritte des Doctors. Ueber der Thuͤre hieng ein Gerippe, das klapperte wie hoͤlzerne Lich⸗ ter vor dem Schilde eines Lichterziehers. 5. Enodatio. — Was begehrt Ihr jetzt, Veſalius, be⸗ gann Marie mit Thraͤnen, was wollt Ihr von mir in Eurer Werkſtaͤtte? Ich kann nicht 80 bleiben, der faule Geruch dieſer Koͤrper er⸗ ſtickt mich, laßt mich gehen, ich leide fuͤrch⸗ terlich! — Was ſchadet es? Hore auch du jetzt mich an: Nicht wahr du hatteſt drei Liebhaber? — Ja, Herr! — Und du macheeſt ſie trunken von mei⸗ nem Weine, nicht wahr? — Ja, Herr! — Nun gut, dieſer Wein war nicht rein, deine Dueuna vermiſchte ihn mit einem Schlaf⸗ trunke, mit Opium; und du ſchlieſſt tief und lange, uicht wahr? — Ja, Herr! und beim Erwachen war ich allein. — Allein, nicht wahr? — Ja, Herr! und ich ſah ſie nie wieder. — Niel es iſt wahr! aber folge mir!.... Mit dieſen Worten ergriff er ſie beim Arme und zog ſie in den Hintergrund des Saals. Hier oͤffnete er einen Schrank, er enthielt ein Gerippe mit kuͤnſtlicher Bewegung der Glied— maßen, weiß wie Elfenbein. — Erkennſt du dieſen Mann? — Wie? dieſe Gebeine? 81 — Erkeunſt du dieſes Wamms? dieſe braune Kaputze? — Ja, Herr! es iſt Alderans Kaputze. — Seht doch genau, Sennora, und er⸗ kennt auch den huͤbſchen Cavalier, mit dem ihr an unſerer Hochzeit ſo artig tanztet! — Alderan!... rief Marie mit einem Schrei, der Todte erweckt haͤtte. Seht, Donna, ſagte er, ſich gegen ſie wen⸗ dend, kalt, alles dieß nuͤtzt der Wiſſenſchaft; ſie hat große Verbindlichkeiten gegen Euch. Grinſend riß ſie vor einen Kaſten mit Glasthuͤren, der ein menſchliches Skelert barg das auf wunderbare Weiſe erhalten war; die Arterien waren mit einem rothen, die Venen mit einem blauen Geiſte gefuͤllt, und zogen ſich wie ein ſeidenes Netz um das Gerippe; einige Spuren vom Barte und von den Haupt⸗ haaren waren noch ſichtbar. — Donna! ruft Euch dieſen in Euer Ge⸗ daͤchtniß zuruͤkk! Seht den ſchoͤnen Bart! die blonden Haare! — Fernando!!! Ihr habt ihn getoͤdtet?2... — Bisher hatte man noch keine lebendige Koͤrper zerſchnitten, man hatte nur unbe⸗ ———ÿÿ—— 82 ſtimmte und unvollkommene Vorſtellungen uͤber den Kreislauf des Bluts; aber, Dank Euch, Sennora! Veſalius har den Schleier von vielen Dingen geluͤftet; er hat ſich unſterbli⸗ chen Ruhm erworben! An den Haaren ſchleppte er nun Marie zu einer ungeheuern Truhe hin, deren Deckel er mit Muͤhe hob und ihr Geſicht uͤber den Ein⸗ gang hielt. — Zuletzt noch betachte dieſen, es iſt dein letzter. Die Truhe enthielt eine Menge von Ge⸗ faͤſſen, mit ſtarken Geiſtern angefuͤllt, in wel⸗ chen Stuͤcke von Fleiſch herumſchwammen. — Pedro! Pedro! Auch ihn habt Ihr ge⸗ tddtet? — Auch ihn! Mit einem furchtbaren Schrei ſtuͤrzte Ma⸗ rie leblos zuſammen. Am audern Tage verließ ein Leichenzug das Haus. Die Todteugraͤber, welche den Sarg in die Kirche von Santa Maria la Mayor verſenk⸗ ten, bemerkten unter ſich daß er ſchwer ſey und hohl toͤne, und daß er beim Hinab⸗ 85 laſſen einen Laut von ſich gebe nicht gleich dem von einem Koͤrper. In der folgenden Nacht hafte man durch die Spalten der Pforte Andreas Veſalius in ſeinem Laboratorium ſehen koͤnnen, wie er einen ſchoͤnen weiblichen Koͤrper zerſchnitt, deſſen blonde Haare bis zur Erde herabfielen. — 84 Dina, die ſchoͤne Jüdin. Lyon. Amour é rdâsco, rögardo pa ounté s'ataco. Die Feuerglocke ſchlug; die Zugbruͤcken giengen in die Hdhe; einige Buͤrger, die ſich verſpaͤtet hatten, verdoppelten ihre Schritte; Lyon, die Reiche, von zwei Fluͤſſen umarmt, ſchlief in ihren Mauern, wie ein Krieger in ſeiner eiſernen Ruͤſtung. Durch einen engen, verlaſſenen Kai kamen zwei Maͤnner gegangen, ein juͤngerer und ein aͤltlicher, ihnen voran leuchtete ein Diener mit einer Laterne. Wenn ich ſage ein Kai, ſo bin ich nicht genau im Ausdruck; denn in jenen alten Zei⸗ ten, wo alles durch eine doppelte Reihe von Haͤuſern geſchloſſen war, glichen die meiſten. —,( 85* Kais Straßen, die Grundmauern der Haͤuſer welche den Fluß bekraͤnzten, ſtanden im Waſ⸗ ſer; auf Pfaͤhlen errichtet, oder auf das Fluß⸗ beet gegruͤndet, giengen dieſe amphibienartigen Gebaͤude zugleich auf die Straße und auf den Fluß, mit dem ſie durch eine ſchmalen und tiefe ſteinerne Treppe in Verbindung ſtan⸗ den, die bald nur bis zum Spiegel, bald bis unter den Spiegel des Waſſers reichte. Wie viele Verbrechen mochten dieſe Steine wohl bezeugen koͤnnen! von wie vielen Mord⸗ thaten mochten ſie ſchon erbebt haben! Hoͤlle! mit welcher Leichtigkeit entledigte man ſich hier eines Feindes, eines Nebenbuhlers, einer Frau, die ein zu lebhafter Vater vielleicht mißbraucht hatte, man ſtieß ihn herab von der Hoͤhe, man oͤffnete ein Fenſter, und Alles war geſchehen.... Hoͤchſtens vernahm man ein Geraͤuſch wie wenn ein Koͤrper in die Wogen faͤllt, deren Rauſchen ſein Roͤcheln uͤbertont. O! wenn ſie ſprechen koͤnnten, dieſe ſtummen Vertrauten!.. Der Juͤngere, in einen weißlichen Mantel gehuͤllt, einen abwaͤrts gekraͤmpten Filzhut uͤber dem baͤrtigen Geſichte, war groß und 86 ſchlank; an ſeinem ſtolzen und zierlichen Gange, am Klirren ſeiner Sporen, am Flammberg der unter dem Mantel hervorſchaute, witterte man zur Genuͤge den Edelmann. Der Aeltere, der in einen ſchwarzen Rock eingewickelt war, und eine ſchwarze Muͤtze, einem Moͤrſer gleich, trug, die wie ein Vo⸗ gelneſt auf ſeinen grauen Haaren hieng, in der Hand eine Pergamentrolle, roch ſchon auf Buͤchſenſchußweite nach einem Lehrer des Rechts. Schoͤffe oder Rath beim Gerichtshof, Procurator oder ſonſt etwas anderes, genug dieſer Raubvogel unterbrach ploͤtzlich die Stille. — Nicht wahr, Signor Aymar, fiel er ein, die Kleine zu der Ihr mich fuͤhrt, iſt, nach Eurem guten Geſchmacke zu urtheilen, huͤbſch? nehmt meine Frage nicht fuͤr ungut. — Ob ſie ſchoͤn iſt! Herr, ich geſtehe Euch, Eure Frage beleidigt mich, ich meine, Jedermann ſollte dieß wiſſen ohne ſie geſehen zu haben. O! meine Dina! man fragt mich ob du ſchoͤn ſeyſt! Heerr, ſie iſt ſchoͤner, als die ſchoͤnſte Sarazeninn des Morgenlandes! Sie gleicht einer Saͤule von Elfenbein! einem ſil⸗ bernen Gefaͤße! 87 — Zum wenigſten, Signor Aymar, ſetzt Ihr nicht auch voraus daß man weiß ob ſie reich iſt; hat ſie Gold? — Ihr fragt ob das Gold Gold beſitze? wenn die Sonne Strahlen hat, ja! Herr, ſie hat Gold genug, um mit dem Gewichte ihrer Mitgift den ſtaͤrkſten Zelter zu Boden zu druͤcken. — Ihr ſeyd noch jung, Signor Aymar, was kann ſo fruͤh ſchon Euch zum Heirathen bewegen? Glaubt meinem guten Rathe, ſo lang das Fuͤllen noch auf der Weide ſpringt, muß es ſein Feuer benuͤtzen, man muß ſich herumtreiben in der Welt, und ſchaffen und ſich regen ehe man ſeine Liebe in eine Frau verſchließt; es heißt nicht wenig auf ewig ſich zu binden. Ich ſelbſt trat der heiligen Bruͤderſchaft in meinem vierzigſten Jahre bei, und fuͤrwahr! dieß iſt das ſchoͤnſte Alter da⸗ zu; das Leben hat ſeinen Wendepunkt erreicht, der muͤde Pilger woͤlbt ſich ein gaſtlich Dach, er bedarf einer Gefaͤhrtin die ihn liebend pflege, und waͤhlt ſich eine Gattinn, gut und ſanft, und mit hinreichender Mitgift; ſo habe ich es gemacht, und ich wuͤßte nicht wie es 88* beſſer machen. Die Jugend, Signor, muß im Sturme hingehen; ha, wenn ich zuruͤck⸗ denke an mein Leben in Paris, wo ich Schrei⸗ ber war und eben zwanzig Jahre zaͤhlte. Ich machte Epoche, und mein Name wurde zum Sprichwort, noch erzaͤhlt man ſich im Palais royal von den luſtigen Zeiten des Bruders Bonaventura Chaſtelart. — Ohne Euch beleidigen zu wollen, Mei⸗ ſter Bonaventura Chaſtelart, werdet Ihr mir erlauben Euch zu ſagen daß Euer Rath mir nicht ganz edel erſcheint, doch kann ich Euch verſichern daß er, was mich anbetrifft, nicht gefaͤhrlich ſeyn wird. — Junger Mann, ihr ſeyd ein wenig vor⸗ ſchnell. Die Ehe iſt eine ungerechte, harte Gefangenſchaft; hat man ſich falſch erkannt, und der Kauf bringt Reue, hat man mehr das Gold als das Fleiſch genommen, ſo iſt man elend fuͤr ſein ganzes Leben. Welche Unbilligkeit iſt groͤßer als die, fuͤr eine thoͤ⸗ rigte Stunde, fuͤr einen Fehler, wider Willen, vielleicht aus Verſehen, ja ſogar oft aus Ge⸗ horſam begangen, ewig buͤßen zu muͤſſen. Lieber werfe man ſich den Strick um den 7 bi ·2 89 Hals, oder ſtuͤrze ſich in's Meer wo es am tiefſten iſt, als ohne Ende der Wuth einer Furie ausgeſetzt zu bleiben. Wer die Ehe erdacht hat, hat ein ſchoͤnes und wirkſames Mittel erfunden um ſich an dem Menſchenge⸗ ſchlechte zu raͤchen. Die Ehe iſt das Ver⸗ derben aller großen und ausgezeichneten Maͤn⸗ ner: ſo wie die Liebkoſungen der Exwaͤhlten, die Liebe den Kindern, haͤusliche Sorgen und eine vermehrte Familie mit immer ſchwe⸗ rerem Gewichte druͤcken, ſo verraucht die Glut des edelſten Geiſtes; als Zeugen moͤgen Sim⸗ ſon, Salomo und Marcus Antonius gelten. Man ſollte uͤberhaupt nur ſolche heirathen, die mehr Koͤrper als Seele haben, um ihnen, nach ihrer Staͤrke, alle jene kleine Sorgen auſ⸗ laden zu koͤnnen. Der Nutzen mag auf Seiten der Ehe ſeyn, das Noble bleibt immer dem Entgegengeſetzten. — Genug, genug, Meiſter Chaſtelart, ich bitte Euch hoͤrt auf. — Es iſt gewiß ein großes Uebel... — Genug, ſage ich, Meiſter Chaſtelart, Ihr langweilt mich, beendet Eure Predigt! 90 — Fuͤr ausſchweifende Gemuͤther, fuͤr gluͤ⸗ hende Seelen iſt die Ehe kein Kauf... — Es mag wahr ſeyn, Meiſter Bonaven⸗ tura, aber die Regel gilt nicht allgemein. Ihr ſagtet, man muͤſſe ſein Feuer maͤßigen, ich gebe es zu, aber wer eine lebhafte Seele voll Liebe beſitzt, wer Schenken und ſchlechte Dirnen flieht, fuͤr den paßt ein geliebtes, gu⸗ tes Weib; eine friedliche Huͤtte, ein Haͤuflein Kinder, ſind ſein Gluͤck! Ich fuͤhle heiß aber rein, mein feuriges Herz bedarf eines Gegen⸗ ſtandes, den es mit zuͤchtiger, ſtiller Liebe umfaſſe. Ich hatte erſt meine Liebe den freien Kuͤnſten geſchenkt, aber mein Vater der die Kuͤnſtler Bettler nennt, hat meine Staffelei zerbrochen und meine Studien zer⸗ ſtoͤrt. Unthaͤtig, von Langweile geplagt, irrte meine Seele umher wie die Taube aus Noahs Arche, einen gruͤnen Zweig ſuchend auf dem ſie ruhen koͤnnte; ſie hat eine bluͤhende Myr⸗ the gefunden, auf ihr will ſie Ruhe ſuchen. — Signor Aymar! Ihr verliert Euch in Bildern, die Liebe macht Euch trunken. Doch, wir gehen ſchon lange, werden wir nicht bald 91 am Ziele ſeyn? Beim heiligen Polycarp, wo zum Teufel fuͤhrt Ihr mich denn hin? — Beunruhigt Euch nicht uͤber den Weg. Chaſtelart, wir ſind bald an Ort und Stelle, das Judenviertel muß nicht mehr weit entfernt ſeyn. — Das Judenviertel! — Ja! das Judenviertel, wo man uns er⸗ wartet. — Iſt Eure Zukuͤnftige gar vielleicht eine Ketzerin, eine Judendirne? — Eine Iſraelitin, Meiſter. — Jeſus im Himmel! das Maß iſt voll, ich hoffe!... Wie? und mich, und zu die⸗ ſer Stunde wollt Ihr mich zu dieſen Unglaͤu⸗ bigen fuͤhren? Ich danke Euch!... Wollt Ihr etwa Sabbath halten laſſen? Ich danke Euch; ich habe keine Luſt, mich mit dieſen Verdammten abzugeben. Ha! das iſt eine ab⸗ gekartete Sache, um mich ins Schwefelhemd und auf den Scheiterhaufen zu bringen. — Was fuͤrchtet Ihr, Bonaventura? Ihr ſeyd die Geſellſchaft eines Cavaliers. Es handelt ſich hier von nichts anderem, als ei⸗ nen Kontrakt aufzuſetzen. 92. — Haltet Ihr mich fuͤr den Advokaten der Hoͤlle? Ihr koͤnnt, meine ich, Euern Kontrakt ſelbſt am beſten machen! Lebt wohl! — Ich ſage dir, du folgſt mir, und wenn nicht, ſo zerſpalte ich dich und nagle dich an dieſes Thor wie eine Nachteule! Eſel, in Doktors Gewande! du folgſt mir, befehle ich, und thuſt deine Pflicht; haſt du ſie gethan, ſo bekommſt du dieſe Boͤrſe ins Geſicht und einen Tritt vor den Hintern! Vorwaͤrts! — Herr, ich will thun was Ihr begehrt, aber ſteckt Euern Flammberg wieder in die Scheide! Der gute Mann klapperte mit den Zaͤhnen vor Furcht. Ich bitte Euch doch, fuhr er fort, ich bin ja Euer unterthaͤnigſter Diener. Schweigend gingen ſie weiter, bis Bona⸗ ventura zum zweitenmal das Schweigen un⸗ terbrach. — Ihr erlaubt mir doch, Signor Aymar, ſagte er, Euch mein Erſtaunen daruͤber aus⸗ zudruͤcken, daß ihr eine Juͤdin heirathet. Als aufrichtiger Mann des Rechts muß ich Euch darauf aufmerkſam machen, daß dieß eben ſo unpaſſend als gefaͤhrlich iſt. den — maͤf glar Her Jud forn Sek Ueb⸗ tzes, Polt mus Ung zerſt verb liger Wir ihrer hauf men O——-——————— — Selbſt Jude! — Ich? ſelber ein Jude?... — Ja, Eſel, der du biſt! Was biſt du denn anders, als ein armer Jude? — Ich? Bonaventura Chaſtelart, der recht⸗ maͤßige Sohn des Claudius Chaſtelart? Ich glaube, Euch iſt im Kopfe nicht recht wohl, Herr Ritter! — Weniger noch biſt du als ein glaͤubiger Jude! Sind wir nicht alle Heiden oder re⸗ formirte Juden, hebraͤiſche Hugenotten von der Sekte des Jeſus von Nazareth, Treuloſe, Ueberlaͤufer, Renegaten des moſaiſchen Geſe⸗ tzes, des Sabeismus, des Saduceismus, des Polytheismus, zum Beſten des Proteſtantis⸗ mus, den der Bauer von Bethlehem uns lehrte? Ungeheuer ſind wir, wir wollen den Felſen zerſtdren aus dem unſere Quelle floß! Wir verbrennen die Hebraͤer und verehren ihre hei⸗ ligen Buͤcher; welcher Grad von Dummheit! Wir verbrennen ſie, weil ſie ihrem Glauben, ihrem Gotte treu ſind, und um ihre Scheiter⸗ haufen ſingen wir ihres Koͤnigs Davids Pſal⸗ men, daß unſere Hossianna in excelsis bis 94 zum Himmel emportoͤnen. Welch blutiges Faſtnachtsſpiel!.. — Werden wir nicht bald am Ziele ſeyn, Signor Aymar? — Bald. — Aber wie? bei Beelzebub, dem Fuͤrſten der Hoͤlle! wie? zum Teufel! habt Ihr das Neſt dieſer Schwalbe ausgewittert? — Durch Zufall. — Durch Zufall? 2 Acos la canson dé P'Angel Blan. Ja! Jedes Jahr verließ ich Montélivart, meine Heimath, um zu meinem Vergnuͤgen einige Tage in Avignon zuzubringen. Eines Abends,(ich ging auf dem Walle ſpazieren um den Menſchen und dem Getdſe zu entflie⸗ hen) ward ich unwillkuͤhrlich angezogen von dem geheimen Reize einer ſuͤßen Harmonie; ich ſahe mich ploͤtzlich in Mitte einer Menſchen⸗ menge, die auf einem Raſenplatze verſammelt we ger me der iges eyn, rſten das vart, uͤgen Eines ieren tflie⸗ von onie; chen⸗ mmelt 95⁵ war, wo jeden Abend die vornehmſten Buͤr⸗ ger der Stadt ſich einfanden, um einer Muſik von menſchlichen Stimmen oder von Inſtru⸗ menten beizuwohnen. Welch herrliche Stun⸗ den verlebte ich unter jenem ſchoͤnen Himmel, mit ſeinen unzaͤhlbaren ſilbernen Sternen auf riefblauem Grunde, wenn kuͤhle Abendluͤfte in melodiſchen Schwingungen mich umwieg⸗ ten, und ihre Wohlgeruͤche mir zufuͤhrten! Wie zum Entzuͤcken ſchoͤn, wenn eine Sieges⸗ hymne, eine Romanze in der reichen, proven⸗ zaliſchen Mundart ertoͤnte! Wie tief ergrei⸗ fend, wenn an feſtlichen Tagen eine heilige Muſik ihre majeſtaͤtiſchen Melodien entwickelte! Wie geiſterhaft und ſchauerlich ſchnitt jenes Stabat, jenes dies irae in die innerſte Seele! ich bebte in ſtummem Staunen, wie vor dem naͤchtlichen Anblick des endloſen Alls. Eines Abends bemerkte ich nahe bei mir, getrennt von den uͤbrigen Damen, ein ſehr jun⸗ ges Maͤdchen, auf die Schulter eines Greiſes gelehnt. Ich drehte mich um, ſah ſie und ward von Verwunderung ergriffen. Von dieſem Augenblicke an ruͤhrte die Muſik mich nicht mehr; ich hoͤrte ſie nimmer, viel⸗ 96 leicht ſie drang nicht mehr zu meinen Ohren. Der Gedanke an ihre Schoͤnheit uͤberwog je⸗ den andern. Gleich einer Marmorbuͤſte ſchaute ich ſie an, ich verſchlang ihre Zuͤge, ſie ſchien mir einer Jungfrau zu gleichen, die eine Glo— rie umſtrahlt. Mein Gedaͤchtniß vermochte kein Bild zu finden das ihr geglichen haͤtte; weder den ſchoͤnen Maͤdchen meiner heimath⸗ lichen Berge, noch den Frauen von Arles, we⸗ der den lebhaften Bewohnerinnen von Mar⸗ ſeille, noch den huͤbſchen Lyoneſerinnen, noch den Jungfrauen von Paris war ſie aͤhnlich; ſie hatte etwas Orientaliſches, etwas dem ich keinen Namen zu geben wußte. Ihre Haare waren blond, das Geſicht etwas laͤnglich, die Zuͤge edel und voll Aumuth, ihre Haut weiß mit roſenfarbenem Schein, das ſanfte Auge von den feinſten Wimpern verſchleiert, die Lippen roth wie Granat, der Greis neben ihr, mit entbloͤßtem Haupte und ſchneeweißem Barte, ſchien entſchlummert. Lange hatte ich ſie ſo betrachtet, als ſie ih⸗ re ſchoͤnen, blauen Augen auf mich richtete. Ihr Blick traf mein Herz. Zum erſtenmale ward ich ſo bewegt beim Anblick einer Frau, 97 meine Glieder bebten, meine Farbe wechſelte, Eiſeskaͤlte und Gluth uͤberliefen mich abwech⸗ ſelnd. Mein ganzes Seyn, meine Seele, mein Blut waren zuruͤckgetreten nach meinem Herzen. Zum erſtenmale fuͤhlte ich die ganze Allgewalt weiblicher Schoͤnheit, zum erſten⸗ male war die Liebe in meinem Herzen einge⸗ zogen; meine Leidenſchaft wird ewig dauern. Als ich wieder zu mir gekommen war, und meine Kuͤhnheit wieder geſammelt hatte, be⸗ nuͤtzte ich eine kleine Pauſe der Muſik, um mich dem Greiſe zu naͤhern: — Mein Herr, redete ich ihn an, indem ich ihn ehrerbietig gruͤßte, Ihr werdet erlauben daß ein Cavalier es unpaſſend finde, daß eine ſo ſchoͤne Dame wie dieſe hier ſo entfernt von der Muſik ſitze, deren Zierde ſie ſeyn wuͤr⸗ de; wenn ihr es wuͤnſcht, ſo will ich Euch einen Weg durch die Menge bahnen, damit Ihr ſie ohne Unfall zum Kreiſe der Damen hingeleiten koͤnnt. — Ich kann von Eurem guͤtigen Anerbie⸗ ten keinen Gebrauch machen, nehmt meinen verbindlichſten Dank dafuͤr. — Ihr ſeyd zu guͤtig, erwiederte ich, aber , 998 Eure ſchoͤne Begleiterin kann die Muſik in ſolcher Entfernung nicht hoͤren. In dieſem Augenblicke neigte ſie ſich zu mir, um mir ebenfalls zu danken; ich ward ver⸗ wirrt und ſtammelte einige Worte. Mein Herr, antwortete der Alte weiter, meine Tochter Dina dankt Euch fuͤr Eure Hoflichkeit die wir nicht annehmen koͤnnen; wir ſind aus einem fremdeu Bienenkorbe, und koͤnuten uns ohne beleidigt zu werden nicht unter dieſen Schwarm miſchen. Innerlich erfreut uͤber meine Keckheit, zog ich mich zuruͤck, mit der beſtimmten Abſicht ihnen bis zu ihrer Wohnung zu folgen, um Aufklaͤrung uͤber die ſchoͤne Unbekannte zu erhalten; dann wollte ich an ihrem Balkone voruͤbergehen, ſie ſehen, ſie ſprechen, oder doch wenigſtens ihr Botſchaft von mir ſenden. Ge⸗ wiegt von dieſen ſchmeichleriſchen Traͤumen, ordnete ich Alles in meinem Kopfe; ich wußte ihren Aufenthalt, mein Laͤcheln, meine Hand gruͤßte ſie, ihre Duenna war fuͤr mich gewon⸗ nen, ich folgte ihr zur Kirche, bot ihr das geweihte Waſſer, ihre ſchoͤne Hand beruͤhrte die meinige, und brachte es an ihre Stirne, ——— die Al gel ihr in ich der de oh ſei Ver mir neu Boͤl terle Fuͤr dieß konn zu h ſen. Sin unbe ihn konn 99 die bald meine Lippen beruͤhren ſollten. Dieß Alles ging an meinem Innern voruͤber, ich geſtand ihr meine Liebe, ſie ſchenkte mir die ihrige, ihr Vater nahm mich auf; ich ſchwamm in Seligkeit. Auf der andern Seite quaͤlte ich mich ab uͤber den geheimnißvollen Sinn der Worte: wir ſind aus einem frem⸗ den Bienenkorbe, und koͤnnten uns ohne beleidigt zu werden, unter die⸗ ſen Schwarm nicht miſchen. Tauſend Vermuthungen ſtiegen in mir auf, jede ſchien mir die richtige, und jede Minute trat eine neue an ihre Stelle; ich gab ihnen Spanien, Boͤhmen, Bosnien, Veuedig, Cerigo zum Va⸗ terland.... ich machte ſie zu Hospodaren, zu Fuͤrſten, die unerkannt reiſen wollten, aber dieß Alles ſchien thoͤricht, denn dieß Alles konnte kein Grund ſeyn um ſich verborgen zu halten, und Beleidigungen fuͤrchten zu muͤſ⸗ ſen. Der Name Dina kam nicht aus meinem Sinne, er ſchien mir nicht unbekannt, eine unbeſtimmte Erinnerung ſagte mir daß ich ihn indeß gehoͤrt hatte, doch wenn und wo konnte ich mir nicht entraͤthſeln. Ein entfern⸗ tes Geraͤuſch verſcheuchte dieſe Traͤume, ich 5* 100 ſah mich um, und ſtand allein auf dem ver⸗ laſſenen Platze; die Muſik hatte aufgehoͤrt, die Menge war auseinandergegangen. Ich ver⸗ wuͤnſchte meine ungeſchickte Zerſtreutheit, all mein Gluͤck war verſchwunden, meine Leiden⸗ ſchaft, ſo ſchnell entſtanden, fiel eben ſo ſchnell in Truͤmmern. Wie ſchmerzlich, ein gleichbeſtimmtes We⸗ ſen zu begegnen, das uns unwiderſtehlich zu ihm hinzieht. Man ſieht es, man beruͤhrt es, ein Wort, ein Blick, und die Liebe hat ihre Wurzeln geſchlagen. Doch, waͤhrend Seufzer unſern Buſen heben, waͤhrend die Blicke zum Himmel ſich richten, iſt die ſchoͤne Erſcheinung verſchwunden. Fuͤr mich hat der Gedanke, die Glanzgeſtalt nie wieder zu er⸗ blicken, die uns erſt geblendet, etwas unend⸗ lich ſchmerzhaftes; mich erfuͤllt es mit Weh— muth, zwei Weſen zu ſehen die fuͤr einander geſchaffen waren, um ſich zu begluͤcken hier und jenſeits, und ſich auf immer verloren, um vielleicht ein ungluͤckliches Daſeyn hinzu⸗ ſchleppen, ohne je wieder eine Seele zu fin⸗ den die empfinde wie die ihrige, ein Herz das gleich dem ihrigen ſchlage. —————-— ————— 101 Lange irrte ich auf dem Walle umher, mein Schickſal verwuͤnſchend, das mir ein Weib nach meinem Herzen zeigte, nur um mich toͤdtlich zu verwunden.— Ich irrte umher und fand in der Einſam⸗ keit Ruhe. Als ich in meine Wohnung trat, ſchlug es 1 Uhr. Vom Schlafe geflohen, uͤberdachte ich die Vergangenheit, und immer deutlicher wurde es mir, ich hatte den Namen Dina in der Bibel geleſen. Schuell war die Lampe angezuͤndet, das heilige Buch das immer auf meinem Nachttiſche lag, aufgeſchlagen und im 34ſten Capitel der Geneſis las ich: erſter Vers. Dina, die Tochter welche Lea dem Jakob geboren, zog aus um die Toͤchter des Landes zu ſehen. Zweiter Vers. Und Si⸗ chem, der Sohn des Hemor u. ſ. w. Dieſe Entdeckung erfuͤllte mich mit Freude, ich ſchloß daraus daß ſie eine Juͤdin ſeyn muͤſſe, weil ſie einen hebraͤiſchen Namen fuͤhrte. Ihre orientaliſchen Zuͤge ſchienen dieſe Meinung zu beſtaͤtigen, und die Worte ihres greiſen Va⸗ ters zu entraͤthſeln. Durch dieſe Entdeckung ermuthigt, faßte ich Hoffuung ſie wieder zu 10² finden, und ſchwur bei mir ſelber, Alles zu wagen um die Sache zu einem gluͤcklichen Ende zu fuͤhren. Vom fruͤhen Morgen an durchlief ich die Stadt; in der Meinung, ſie moͤchte vielleicht fremd ſeyn und blos durchreiſen, ging ich zuerſt in die Gaſthoͤfe, und fragte uͤberall nach einem Greis mit weißem Barte, begleitet von ſeiner jungen Tochter, Dina. Doch uͤberall erhielt ich verneinende Antwort, auch der Rab⸗ biner konnte mir nicht mehr ſagen. Ohne mich entmuthigen zu laſſen, durch⸗ ſtreifte ich die Stadt nach allen Richtungen; die Spaziergaͤnge, die Waͤlle, die oͤffentlichen Plaͤtze, die Kirchen, die Synagoge, keine Mu⸗ ſik, kein Plaͤtzchen der Umgegend blieben un⸗ beſucht; vergeblich, jede Spur war verſchwun⸗ den. Nach vierzehntaͤgigen, muͤhevollen Nach⸗ forſchungen gab ich die Hoffnung endlich auf; die Thaͤtigkeit hatte mich in Spannung er⸗ halten, jetzt verfiel ich ploͤtzlich in Langeweile und Erſchlaffung; ich ging nicht mehr aus, den groͤßten Theil des Tags lag ich auf dem Bette, die offene Bibel neben mir, und von 105 Zeit zu Zeit das Blatt kuͤſſend, auf dem Di⸗ nas Namen prangte. Avignon war mir zum Eckel geworden, ich haßte es, ich haßte Alles, Alles ſchien mir widerlich und ſchaal, und das Nichts ſtellte ſich zwiſchen mich und die Welt. Ich hegte mit Liebe den Gedanken meiner Vernichtung, einen Gedanken den ich immer im Hinter⸗ grunde getragen hatte. Meine gutmuͤthige Wirthin rieth mir einige Wochen zu meinem Vater zu gehen, um mich zu zerſtreuen und meine uͤble Laune zu vergeſſen, welche die brave Frau der Einwirkung des Fruͤhlings zuſchrieb. Ich kehrte alſo nach Montelimart zuruͤck, aber der Ueberdruß ging mit mir; ſeit langer Zeit ſchon trug ich den Wunſch das ſchoͤne Lyon zu ſehen, unvermuthet reiste ich dahin ab. 3.. Lou gal räméno Talo. Kaum war ich einige Tage hier, als ich, von Langweile verfolgt, und immer vertrauter 104 mit den Gedanken des Selbſtmords, eines Abends am Eingange der duͤſtern, majeſtaͤti⸗ ſchen Cathedrale des heiligen Johannes ſtand; da gewahrte ich ein junges Maͤdchen das ei⸗ lend voruͤberging, ich glaubte ihren Gang zu erkennen, ich naͤherte mich, es war Dina. Dina! Dina! rief ich halblaut, ſie drehte ſich um und gruͤßte mich, ohne mich zu erkennen. Zitternd naͤherte ich mich ihr:— Edle Dame, redete ich ſie an, erinnert Ihr Euch noch des jungen Mannes, der in Avignon, auf dem Walle, bei einer Abendmuſik Euern Vater an⸗ redete, und dem Ihr fuͤr ſeine Theilnahme danktet? — Wie? rief ſie aus, der ſeyd Ihr? — O ſchoͤne Dina, wie gluͤcklich bin ich Euch wieder zu begegnen, ſtoßt mich nicht zuruͤck, laßt mich Euch alle die Leiden geſtehen, die mein Herz belaſten ſeit der Stunde wo ich Euch geſehen, wo ich meine Ruhe fuͤr im⸗ mer verloren! Ich wartete auf das Ende der Serenade um Euch nach Eurer Wohnung zu folgen, in der Hoffnung Euch eines Tags meine Liebe ge⸗ ſtehen zu koͤnnen, aber Euer Anblick hatte ————᷑—᷑—ÿO⸗—O:OQñCñ‧—⸗ᷣ—Q—QQCQC———n— ☛ᷣ ————:——-— 105 mein Herz ſo bewegt, daß ich in immer tie⸗ fere Gedanken verſank, und als ich daraus erwachte, war ich allein. Lange ſuchte ich Euch, die ganze Stadt durchirrte ich, doch vergebens; Verzweiflung und Ueberdruß be⸗ maͤchtigte ſich meiner, und Ihr ſeht, auch hier⸗ her iſt er mir gefolgt! O Dank dem Himmel, wenn er es iſt der mir das Gluͤck verſchafft Euch wieder zu ſehen! Dina, Ihr ſeyd die Herrin meines Lebens, wenn ihr mich ver⸗ ſtoßt, werdet Ihr mich toͤdten!.. — Herr Ritter, es iſt nicht gut daß ein junges Maͤdchen hier ſtehe um mit Euch zu ſprechen; haltet mich nicht laͤnger auf, ich⸗ bitte Euch; beruhigt Euch, ſeht, wie die Vor⸗ uͤbergehenden auf uns ſchauen. — Nun ſo treten wir in dieſe duͤſtern Hal⸗ len, hier koͤnnen wir uns unſere Liebe geſte⸗ hen, fern von neidiſchen Blicken. — Nein! ich kann nicht in dieſen Tempel treten, der Gott der hier gebietet, iſt der Feind meines Gottes. — Wer iſt denn Euer Gott? — Der Gott Iſraels! — Ich habe es errathen, Dina, denn ich 196 habe Euern Namen in der heiligen Schrift geleſen. Wenn dieß iſt, ſo ſeyd meine Schwe⸗ ſter, und erlaubt mir daß ich Euch begleite. — Ich vertraue Euch, Herr. — Wohnt Ihr ſchon lange in Lyon? — Ich bin hier geboren. — Eure Schoͤnheit haͤtte mir dieß ſagen ſollen, aber ſeit wenn verließt Ihr denn Avignon? — Am Tage nachdem ihr mich bei der Muſik geſehen. Es iſt wohl nicht recht, daß ich ſo frei rede, aber ich kann nicht luͤgen; bei Eurem Anblick ward ich von neuen Ge⸗ fuͤhlen bewegt; ich hatte Eure Unruhe bemerkt, und erklaͤrte mir Eure Artigkeit wohl. Als wir weggiengen, ſtandet Ihr an eine Paliſſade gelehnt, und wart ſo in Gedanken verſunken, daß wir an Euch voruͤbergiengen, und mein Vater Euch gruͤßte, ohne daß Ihr es bemerk⸗ tet; ich ſah mich unterwegs einigemal um, aber ich konnte Euch nicht mehr erblicken. Es iſt vielleicht unſchicklich Euch alles dieß zu geſtehen, aber es iſt wahr. Der Gedanke an Euch beſchaͤftigte mich die ganze Nacht. Ich bot Alles auf um meines Vaters Abreiſe zu A '—— 107 verzoͤgern, in der Hoffnung Euch bei der Abend⸗ muſik wieder zu ſehen, aber es war vergeblich; mein Vater, der mit edeln Steinen handelt, war Geſchaͤfte halber nach Avignon gekommen, und dieſe riefen ihn gebieteriſch wieder nach Lyon zuruͤck. Auch ich habe viel gelitten in dieſer Zeit Ach! ich konnte mich nicht an den Gedanken gewoͤhnen, Euch nie wieder ſehen! — O Dina! Dina! wie gluͤcklich bin ich! O wie ſehr liebe ich Euch! Glaubt mir, ich bete Euch an, mein guter, ſichtbarer Engel! Dina! bis zu dem Augenblicke wo ich Euch ſah, ging ich ſtolz und kalt an den Frauen voruͤber, jetzt ſinke ich Euch zu Fuͤßen! — O! wenn Alles was ich fuͤr Euch fuͤhle... Aber ſagt mir Euern lieben Namen, daß ich Euch bei demſelben nenue. — Aymar de Rochegude. — O! wenn Alles was ich fuͤr Euch fuͤhle, Aymar, wenn Alles was ich empfinde, Liebe iſt, ſo glaubt mir, liebe ich Euch ſehr! Unter dieſen wechſelſeitigen Ergießungen waren wir zu Dinas Hauſe gekommen; ich bat ſie um eine Zuſammenkunft. 108 — Und wozu dieſe 2 — Um uns zu ſehen und von unſerer Liebe zu ſprechen! — Aymar, dazu bedarf es keiner Zuſam⸗ menkunft. Ihr ſey ein ausgezeichneter Ca⸗ valier, Ihr liebt mich, und ich glaube, auch ich liebe Euch; kommt zu meinem Vater wenn Ihr wollt, wenn Ihr es wuͤnſcht, kommt ſogleich. Ich werde zu meinem Vater ſagen: ſieh' hier den jungen Cavalier der dich an jenem ſchoͤnen Abend auf dem Walle zu Avig⸗ non anredete; erkennſt du ihn? Ich begeg⸗ nete ihm, er iſt fremd in der Stadt, er liebt mich, und auch ich liebe ihn.... Mein Va⸗ ter wird Euch gruͤßen, und Euch auch lieben, aus Liebe zu mir. Ich ging hinauf, der gute greiſe Judas em⸗ pfing mich freundlich, und ſtellte mich ſeiner Gefaͤhrtin Lea vor, und ſeit jener Zeit, es ſind jetzt nahe an zehn Monate, habe ich alle meine Freuden in ſeinem Hauſe erlebt. Meine Liebe zu Dina iſt durch keuſchen, innigen Umgang nur gewachſen, alle Sorgfalt widme ich dem alten Judas der mich liebt, und ſei⸗ ſie 109 ner Lea die mich meine Mutter vergeſſen macht, die ich ſchon als Kind verlor. 4. Ploujhas dé Marselha. In dieſem Augenblicke bogen ſie in eine Straße ein. — Meiſter Bonaventura Chaſtelart, nahm Rochegude das Wort, gaͤhnt doch weniger laut, ich bitte Euch, Ihr macht ja ein Ge⸗ raͤuſch daß die ganze Stadt aufwacht, und zuletzt gar die Wache kommt. — Signor Aymar, das iſt weil... — Schon gut, ſchon gut, troͤſtet Euch, dieß iſt vorbei; uͤberdieß hier ſind wir am Ziele. — Jeſus Chriſtus! das Judenviertel, ſchrie der alte Schreiber ganz außer ſich, indem er ſich eifrig bekreuzte. — Ja! Meiſter hier iſt es, ſeht das ſchoͤne Haus dort, mit dem Thuͤrmchen auf der Kuppel, Euer beruͤhmter Landsmann Philibert⸗ Delorme hat es erbaut. 110 — Philibert Delorme! Ein Zauberer! nicht wahr? Ein Aſtrologe?... Signor Aymar, ich bitte Euch, bedeckt mich ein wenig mit meinem Mantel, denn ich habe Hoͤllenangſt! Ich glaube es krappelt mir etwas auf dem Kopfe; ich habe immer gehoͤrt daß es gefaͤhr— lich ſey, bei Nacht durch das Judenquartier zu gehen, weil es dort Keſſel und Retorten, ſchwarze Katzen und Alraunwurzeln, Fleder⸗ maͤuſe und griechiſches Feuer regne. — Koͤnnt Ihr in Eurem Alter noch an ſolche Albernheiten glauben? Ein Rechtskun⸗ diger! ein Doctor! In der That Ihr floͤßt Mitleid ein! Auf mein Wort, Meiſter Bonaventura, wenn es bei Nacht in dieſem Quartiere reg— net, ſo regnet es weder Alraunwurzeln, noch ſchwarze Katzen. 5. Melh ës nocéiar qé össör usclat. Der Diener der die Laterne voraustrug, hielt in der Mitte der Straße an einem hohen ten Etage mit geoͤltem Papier bezogen waren und ohne Zweifel Leuten zum Aufenthalt dien⸗ ten, die in Gold und Seide arbeiteten, und zu ihrem Geſchaͤfte ein ſchwaches und gebro⸗ chenes Licht noͤthig hatten. Der Eingang war eng und niedrig, die Thuͤre, von dickem Holze, war mit viereckigen Feldern und mit großen rundkoͤpfigen Naͤgeln verziert, die zugleich zur Befeſtigung dienten. Ein meſſingenes Frazen⸗ bild hing in der Mitte, und diente als Ham— mer zum Anklopfen. Aymar de Rochegude klopfte zweimal mit dem Hammer gegen die Thuͤre, und ſogleich dhoͤrte man im zweiten Stockwerke ein Fenſter 5 knarren, und eine ſanfte Stimme die rief: Seyd Ihr es, Signor Aymar, ich komme ſchon.— Sogleich ward es hell auf der Treppe, und das herabgetragene Licht brach ſich an den großen Fenſtern des gegenuͤberlie⸗ genden Hauſes. Mit langgehaltenem Tone, einem Seufzer aͤhnlich, oͤffnete ſich die Thuͤre. Dina, in all' ihrem Glanze, erſchien; der ſchwarze Hintergrund hob ihre Geſtalt noch mehr hervor; ſie war mit einem kurzen Rocke 7 à 111 Hauſe, deſſen Fenſter bis zur achten und neun⸗ 112 von Brocatell bekleidet, und, nach ihrer Ge⸗ wohnheit, mit Edelſteinen und Geſchmeide uͤberdeckt. Ihr blendend weißes Geſicht leuch⸗ tete in der Dunkelheit, man haͤtte ſie fuͤr den Engel der Verkuͤndigung halten koͤnnen. Ihre kleine Hand trug einen eiſernen Leuchter in durchbrochener Arbeit, ſpiralfoͤrmig gewunden, wie eine Schlange an einem Hermesſtabe. Als Chaſtelart das ſchoͤne Weib erblickte, trat er betroffen, mit weit gedffneten Augen, einige Schritte zuruͤck, ſo groß iſt die Macht der Schoͤnheit! Aymar ging auf ſie zu, er⸗ griff ihre Hand und kuͤßte ihre Stirne. — Ihr kommt ſpaͤt, Aymar, ſagte ſie mit ſanftem, etwas klagendem Tone. — Es iſt wahr, ich ward gegen meinen Willen zuruͤckgehalten; aber ſeyd mir nicht boͤſe, ich bitte Euch, ich wollte nicht kommen ohne den Notar mitzubringen. Bei dieſen Worten erhob Chaſtelart ſeine Papierrolle und machte einen tiefen Buͤckling bis zu Dinas Fuͤßen, worauf ſie eine kleine, ſteinerne Treppe hinaufſtiegen. Waͤhrend des Hinaufgehens zupfte Bonaventura Aymar bei'm Mantel, und ſagte ihm leiſe in's Ohr: Fuͤr⸗ 115 wahr, ſie iſt ſchoͤn, die Ketzerin, Ihr habt nicht gelogen, Rochegude! — Mein Vater, rief Dina voller Freuden, hier iſt Aymar und der Notar!— Sie ka⸗ men nun durch einen Gang in einen geraͤu⸗ migen Saal, der durch einen großen Armleuch⸗ ter erhellt war, der auf einem goldenen Ge⸗ ſimſe ſtand. Die Waͤnde waren mit Tapeten von vergoldetem Schafleder behangen, das wie der Ruͤcken eines Buches in Felder und Li⸗ nien getheilt war. Im Hintergrunde des Zimmers ſtand in einer weiten Niſche ein ſehr ſchoͤner Tiſch mit Elfenbein und Perle⸗ mutter eingelegt, mit einer Tafel von ſchwei⸗ zer Kirſchbaumholz, umſchelfoͤrmig ausgehoͤlt wie ein Weihbecken, und trug eine Urne aus der ſich Waſſer ergoß; rechts und links davon befand ſich eine großſe zinnerne Kanne, denen aͤhnlich die noch heut zu Tage die Maͤgde ge⸗ brauchen, wenn ſie an oͤffentl ichen Brunnen Waſſer holen. Auf einem Geſimſe ſtand ein glaͤſernes Ge⸗ raͤthe, deſſen Strahlen hoͤlzerne Kaͤſtchen hiel⸗ ten, die mit den koſtbaren Edelſteinen ange⸗ fuͤllt waren, mit welchen Judas handelte, der, 114 ſchwarz gekleidet, in einem Lehnſtuhle ſaß, vor ihm, auf einem Tiſch mit Teppichen von Ber⸗ gamo bedeckt, eine aufgeſchlagene Bibel mit Zroßen Schloͤſſern, aus welcher er gerade, mit ſtarker, feierlicher Stimme, eine Stelle aus dem zweiten Buch Moſis vorlas. Lea, ſein Weib, ſaß, in ihre ſchoͤnſten Ge⸗ waͤnder gehuͤllt, zu ſeiner Linken; die braune Haut ihres Halſes und ihrer Haͤnde floß bei⸗ nahe zuſammen mit ihrem Kleide von ſchwar⸗ zem Cap de More; ihre dicken, langen Au⸗ genbraunen und Wimpern, von fuchsrother Farbe, beſchatteten zwei Augen, die wie durch ein Gitter funkelten, ihre Naſe, dem Schna⸗ bel eines Raben aͤhnlich, bildete ein hervor⸗ ſpringendes Vorgebirge, das ihr duͤnnes Ge⸗ ſicht in zwei gleiche Haͤlften theilte; aber dem⸗ ungeachtet lag in ihrem Weſen etwas Wuͤrde⸗ volles und Einſchmeichelndes, und der Ton ihrer weichen, floͤtenartigen Stimme nahm fuͤr ſie ein. Niicht weit entfernt von ihr ſtand eine Gruppe von Maͤnnern und Frauen, deren halb orientaliſches Coſtuͤm, mit ihrer turbanaͤhnli⸗ chen Kopfbedeckung, genugſam ihre meſopo⸗ — 71 „ 115 tamiſche Abſtammung beurkundeten. Es wa⸗ ren die Verwandten und Genoſſen des Judas, die gekommen waren um bei der Trauung zu⸗ gegen zu ſeyn, und den Vertrag zu unterzeich⸗ nen. Ich weiß nicht, waren es Talmudiſten oder Caraiten, genug daß ſie, nach ihren Fa⸗ milienuͤberlieferungen, Abkoͤmmlinge von Aarons Stamme zu ſeyn behaupteten. Als Aymar eintrat, neigten ſie ſich gegen ihn und begruͤß⸗ ten ihn mit einem„Gott ſey mit Euch!“ was Aymar mit einem Gegengruße und da⸗ durch beantwortete, daß er Mantel und Kopf⸗ bedeckung ablegte. — Verzeihung, meine Verwandten, begann er, wenn ich Euch habe warten laſſen, der Fehler liegt uicht an mir, ſondern an dem Notar, dem Meiſter Bonaventura Chaſtelart, den ich Euch hiemit vorſtelle. Von meinem Vater gebieteriſch aufgefordert, nach Monte⸗ limart zuruͤckzukehren, und morgen ſchon abzu⸗ reiſen, unter der Drohung mich zu enterben, war jeder Aufſchub unmoͤglich. — Judith, rief Judas einer Magd, die an der Thuͤre ſtand, bringe einen Stuhl und 116 einen Tiſch, mit einem Schreibzeug, damit der Herr Notar ſein Geſchaͤft verrichten koͤnne. Dina und Rochegude laͤchelten uͤber die Ver⸗ legenheit und den Schrecken Bonaventuras, der mit aͤngſtlicher Geberde einen Roſenkranz in ſeinen Haͤnden hin und her ſchob. Um ihn wieder zu ſich zu bringen, ergriff ihn Roche⸗ gude heftig beim Arme, und ſetzte ihn, indem er eine ſanfte Miene dabei annahm, an den Tiſch, wie man ungefaͤhr einen Gliedermann hinſetzen wuͤrde. — Wenn Ihr fertig ſeyd, Herr Notar, ſagte Judas, ſo moͤgt Ihr Euer Werk nach der herkoͤmmlichen Form beginnen, fragt und wir werden antworten. — So hoͤrt denn, ſtotterte Bonaventura, indem er eine Papierrolle aus der Taſche zog: Der Notar verlas nun den ganzen Heiraths⸗ Contract. Als dieß beendigt war, ſetzte Judith, die Magd, zwei große Schuͤſſeln mit Zuckerkoͤrnern auf den Tiſch, und mehrere Koͤrbe, Kiſtchen und Saͤcke, welche⸗ die Hochzeitgeſchenke ent⸗ hielten. Nachdem die Eltern und die Zeugen unter⸗ 117 ſchrieben hatten, kuͤßte Bonaventura, wie es gebraͤuchlich war, Dina auf beide Wangen, die ihm eine der Schuͤſſeln darbot, aus wel⸗ cher er mit hohler Hand eine Menge Zucker⸗ koͤrner nahm. Dina und Aymar umarmten zuerſt Judas und Lea die vor Freude weinten, und alsdann alle ihre Verwandten, worauf Judith das Confect in der ganzen Verſamm⸗ lung herumreichte, von der jedes ohne Cere⸗ monie mit vollen Haͤnden nahm, wie es der damalige Gebrauch mit ſich brachte. Als die Feierlichkeit beendigt und die Gluͤck⸗ wuͤnſche und Verſicherungen ewiger Freund⸗ ſchaft und Liebe voruͤber waren, erhoben ſich die guten Alten um ſich zuruͤckzuziehen, wei es ſchon ſpaͤt war. — Lebt wohl, liebe Freunde, ſagte Roche⸗ gude, lebt wohl, ich reiſe morgen nach Mon⸗ telimart, wohin mich der tyranniſche Willen meines Vaters ruft; ich werde ihm zu Fuͤßen fallen und verſuchen, ob meine Bitten ihn zu beſaͤnftigen vermoͤgen; ich hoffe ſeine Einſtim⸗ mung zu erhalten und vielleicht bald mit ihm zuruͤckzukehren, um unſer Hochzeitfeſt ſo zu feiern wie es ſich geziemt.] Auf baldiges 1 118— Wiederſehen, moͤge Gott Euch geſund erhalten Lan Koͤrper und Geiſt. — Lebt wohl, Signor Aymar, lebt wohl! — Lebt wohl! und Ihr, Meiſter Bonaven⸗ stura, wartet einen Augenblick, wir gehen zu⸗ ſammen. — O warum muͤßt Ihr uns verlaſſen, Ay⸗ mar? Bleibt! bleibt nur noch einige Tage. — Weine nicht, Dina, ich werde bald wie⸗ der kommen um dich nie mehr zu verlaſſen. — Bleibe, bleibe bei mir! ich habe un⸗ gluͤckſagende Ahnungen. — Thorheit! liebes Kind. — Nein! ich fuͤhle etwas nahen das mich ſchmerzt, das mich erdruͤckt. O der Himmel luͤgt nicht in dieſem Punkte! — Trſte dich, geliebte Tochter, nahm Ju⸗ das das Wort, was iſt es weiter als einige Tage des Harrens? Denke an unſern Vater Jakob, der bei Laban, ſeinem Onkel, ſieben Jahre auf Rahel wartete, und der, als er ſie nach ſieben Jahren ungerechter Weiſe noch nicht bekam, noch ſieben weitere Jahre war⸗ tete, und ſie erſt nach vierzehn Jahren des Sehnens, der Verſprechungen und der Muͤhen, 2 N 4s 119 als Preis ſeiner Beharrlichkeit heimfuͤhrte. Habe Muth, meine Tochter! — Muth! wiederholte Lea, die Dina in ihren Armen hielt, und ihr die ſchoͤnen thraͤ⸗ nenden Augen kuͤßte. — Mein Vater, rief Aymar, indem er vor Judas niederkniete, gebt mir Euern Segen! Judas legte die Haͤnde auf das Haupt ſei— nes Eidams, und nachdem er mehrere Stel⸗ len aus der heiligen Schrift, und einige hebraͤiſche Gebete geleſen hatte, ſprach er mit erhobener Stimme:— Mein Sohn, ich ſegne dich im Namen des Gottes Iſraels, ich ſegne dich wie Iſaak und Eſau: deine Nachkom⸗ menſchaft ſey zahlreich, und erhebe ſich zum Volke, und der Hoͤchſte, der Herr und Gott Iſraels, wohne in dir und deinen Nachkom⸗ men. Stehe auf, mein Sohn, du wirſt nicht vom rechten Wege verirren, denn Gott wird mit dir ſeyn. Aymar weinte und bedeckte Judas Haͤnde und ſeinen weißen Bart mit Kuͤſſen; Dina und Lea ſchluchzten. Aymar ertrug es nicht laͤnger. — Lebt wohl! lebt wohl! kommt Chaſte⸗ lart, ſchnell laßt uns gehen!. Auf dem Kai ſah man im Schein der La⸗ terne die der Diener vortrug, in Rochegudes Hand etwas blinken, und bald darauf, bei der eringsum herrſchenden Stille, hoͤrte man etwas in Chaſtelarts Taſche kleppern, wie Silber. 6. Langhimön. Der Juli nahte ſich ſeinem Ende: es war ungefaͤhr ein Monat verfloſſen ſeit Rochegude Lyon verlaſſen hatte, und bei ſeinem Vater auf dem Gute Dieulefit wohnte. Er hatte ſeiner Braut verſprochen in kurzer Zeit zuruͤck⸗ zukehren, und doch zeigte noch nichts ſeine nahe Ruͤckkunft an. Nur einen einzigen Brief hatte ſie, nebſt mehreren kleinen Geſchenken, ſeit ſeiner Abreiſe von ihm erhalten, der fol⸗ genden Inhalts war: — 12¹1 Aymar de Rochegude an Dina. „Meine ſchoͤne Braut, ſey nicht unwillig wenn ich dich wie ein Kind behandle, denn ich liebe dich wie ein Kind! Wie ſchmerzlich faͤllt mir dieſe Entfernung! Ol waͤrſt du bei mir, wie wuͤrde ſich dieſe große Natur bele⸗ ben die mich umgibt, und die mir jetzt todt und ſchaal erſcheint; ich wuͤrde ſie lieben und ſie beſſer verſtehen, wenn dein Blick meine Seele dffnete die jetzt verſchloſſen iſt, wenn deine Stimme mein Herz erwaͤrmte, deine Hand in der meinen ruhte, und der Wind dieſer Berge in deinen Locken ſpielte, und mit ihren ſuͤßen Wohlgeruͤchen mich berauſchte! Freudig durch⸗ ſtreiften wir mein ſchoͤnes Vaterland, wir klimmten hinauf zu den Gipfeln der Berge, und ſchauten die Wolken zu unſern Fuͤßen zie⸗ hen, und begruͤßten die Unendlichkeit und uns umſchauerte der Geiſt des Gottes Iſraels der in der Hoͤhe wohnt: O wie ſchoͤn waͤre alles dieß!— „Ein Bergbewohner von Monestier hat mir erſt kuͤrzlich einen jungen Adler verkauft den ich aufziehe, und du wirſt mir nicht boͤſe ſeyn, daß ich, um deinen lieben Namen recht 6 122 wiederholen zu koͤnnen, ihn Dina taufte. Mein Vater und Alle die mich beſuchen, er⸗ ſtaunen uͤber dieſen Namen, und moͤchten wiſ⸗ ſen warum ich ihn gegeben; ich kann ihnen den Grund nicht ſagen und ſchreibe ihn auf Rechnung meiner Phantaſie. Die guten Leute wuͤrden es gerner hoͤren, wenn ich ihn Mar⸗ got nennte. „Seit meiner Ankunft in Dieulefit hatte ich ſchon mehrere Erklaͤrungen und Unterre⸗ dungen mit meinem Vater, die aber ſtets lei⸗ denſchaftlich endeten, und zu keinem Reſultate fuͤhrten. Meines Vaters reizbare Heftigkeit waͤchst nur immer, doch nimmt er ſeit einigen Tagen, ohne Zweifel um mich zu gewinnen, ei⸗ nen gewiſſen guͤtigen Ton an, der ihm ſonſt fremd iſt. Am Morgen meiner Ankunft hat er mich furchtbar mißhandelt. Den ſtolzen Mann druͤckten noch meine drei ehrerbietigen Schreiben, und mein feſter Willen reizte ihn; er ſchuͤttete ſeinen Haß auf mich aus, er laͤ— ſterte, ja er ſchlug mich ſogar. Doch ich halte mich ſtill, und will ſehen bis zu wel⸗ chem Punkte ſeine Leidenſchaft ihn hinreißt; der alte Mann warf mich zur Erde, ich um⸗ — — 123 faßte ſeine Kniee, und er trat mich mit dem Fuße. „Er will auf keine Weiſe etwas von mei⸗ ner Verbindung mit dir, einer Ketzerinn, ei⸗ ner Zigeunerinn, wie er dich heißt, hoͤren; die Juden ſind in ſeinen Augen Abtruͤnnige und Diebe. Er drohte mir heute nicht nur mich zu enterben, ſondern ſogar, was noch ſchlimmer iſt, mich einſperren zu laſſen. Bei⸗ nahe habe ich die Hoffnung verloren ihn zu beſaͤnftigen, doch will ich noch einen letzten Verſuch machen, und mag er fuͤhren wohin⸗ er will, bald bin ich bei dir, mit ſeinem See⸗ gen oder ſeinem Fluche. „Umarme in meinem Namen Mutter Lea und Vater Judas, ich habe jetzt mehr als je ihres Seegens noͤthig.— „Dich, meine Dina, bete ich an, meine Seele verehrt dich wie ein Allerheiligſtes. „Wenn du Zeit findeſt mich durch ein Schreiben von Dir zu troͤſten, ſo ſchicke mir dieſes, wegen meinem Vater, nicht nach Dieu⸗ lefit, ſondern nach Montelivart unter der Adreſſe Bras d'Or, ich werde es alsdann er⸗ halten.“ 6* 424 Dieſer Brief erfuͤllte Dina mit hoher Freude, und ſchmerzte ſie zugleich tief, ſie klagte ſich an als die Urſache von Aymars Leiden, und von der ſchlechten Behandlung, die er aus Liebe zu ihr erdulden mußte. Sie konnte den alten Rochegude, den Vater ihres Ver⸗ lobten nicht begreifen; fuͤr ſie, die ſelbſt ſo ſanft und gut war, die das Schlechte nicht kannte, erſchien er als ein Ungeheuer, ſie konnte nicht glauben daß in der Bruſt eines Menſchen ſo graͤßliche Barbarei wohnen koͤnne. Das ſchuldloſe Kind, in ihrem gluͤcklichen Wahn, wußte nicht daß die Geſellſchaft alles verkehrt, daß der Fanatismus des Eigenthums und der Religion die Gemuͤther verhaͤrtet, und zum Blutdurſt reizt, und daß der Menſch, gut im natuͤrlichen Zuſtande, im cioiliſirten zum Soldaten, zum Eigenthuͤmer, Prieſter und Henker wird; ſie wußte nicht daß, waͤh— rend ihrer zarten Jugend, ihr Großvater zu Paris verbrannt ward, und daß ihr eigener Vater, der Zauberei angeklagt, dieſe blutge⸗ traͤnkte Stadt geflohen hatte, um dem Tode zu entgehen. Sechs Wochen waren verſtrichen, und Ro⸗ 8☛ ☛—— & ⏑ſit— — 125 chegude war noch immer nicht zuruͤckgekehrt, die arme Dina wurde mit jedem Tage trau⸗ riger, und ihre Heiterkeit ſchwand; wie hart ſchien ihr dieſes Warten! wie duͤſter ſtand die Zukunft vor ihr! Vielleicht, dachte ſie oft, liegt er jetzt in einem feuchten Gefaͤng⸗ niſſe auf moderndem Stroh, ſeine ſterbende Stimme ruft mich, aber nur das Echo der Gewoͤlbe antwortet ihm! vielleicht iſt er un— ter Raͤuber gefallen, und ſie haben ihn auf der Heimreiſe erſchlagen. Das waren die roſigen Gedanken in denen ſie ſich wiegte. Sie, einſt ſo munter und redſeelig, ſaß jetzt ſtumm und traurig am Fenſter. Ihre Melancholie ſchmerzte ihre Mutter und den alten Judas, die ſie nicht mehr wie ſonſt liebkoste, und deren Stirne ſie jetzt nur kuͤßte um ſie mit Thraͤnen zu benetzen. Oft war ſie heftig bewegt, gieng und kam wieder, und ſchien wie verwirrt; oft verſchwand ſie auf mehrere Stunden, und wenn das ganze Haus uͤber dieſe Abweſenheit in Aufruhr war, und ſie vergebens in der ganzen Stadt geſucht wurde, erſchien ſie auf einmal ruhig wieder. 126 In jener ſchoͤnen Jahreszeit wo Alles wie⸗ der neu erſteht, wo friſches Leben durch alle Pulſe ſchlaͤgt, und mit gebietender Gewalt das Beduͤrfniß der Mittheilung unſere Seele draͤngt, wo alle Saiten unſeres Weſens Liebe klingen, war Dina allein, Dina die ſeit ei⸗ nem Jahre einen theuren Freund zu ihren Fuͤßen ſah, Dina die ſo vertrauensvoll, ſo hingebend, nur in ihm dachte und lebte, in dem Manne ihrer Liebe, deſſen Beruͤhrung erſt ihr Herz erſchloſſen, deſſen Naͤhe ihr mehr als je zur Nothwendigkeit geworden; ſie war allein, der Arm der ſie ſtuͤtzte, die Hand die ſie leitete, die Lippen die ihr Wil⸗ len, Haß, Liebe lehrten, Alles! Alles fehlte ihr; das arme Maͤdchen erlag unter der Laſt ihrer quaͤlenden Gedanken, die Furcht den Ge⸗ liebten zu verlieren oder ſchon. veploren zu haben, toͤdtete ſie. Ihre Eltern verſuchten Alles um ſie zu er— heitern: ſie uͤberhaͤuften ſie mit Geſchenken, zeigten ihr die Schoͤnheiten der Umgegend, und giengen hin an den Ufern der Saone und Rhone, aber nichts gefiel ihr; ſie blieb ſtumm und ungeruͤhrt hinter ihrem dichten Schleier. ͤ-——-ꝛæ— e. ⸗ↄ ε—.—ʒ— n —,— 127 Eines Tages ſchrieb ſie folgendes Billet an ihren Verlobten: „Aymar, wenn du Dina liebſt, wie Dina dich liebt, ſo beſchwoͤre ich dich, kehre eilig zuruͤck wenn du noch frei biſt. Biſt du es nicht, ſo zerreiße deine Feſſeln; wo du hin gehſt, ich folge dir! Oder ſage mir wenig⸗ ſtens wo du gefangen biſt, damit ich komme und mit dir ſterbe. Deine Abweſenheit ver⸗ urſacht mir ſo viele Schmerzen, und ich bin ſo ſchwach daß ich weder laͤnger die Feder halten, noch einen Gedanken faſſen kann.“ Eine Woche ſpaͤter erhielt Dina dieſe Ant⸗ wort: „Troͤſte dich, meine liebe Braut! Morgen, mit Tages⸗Anbruch, reiſe ich ab. Verzeihe mir wenn ich dir ſo viele Leiden verurſache, auch ich leide nicht weniger. Um meinen Kummer zu zerſtreuen, habe ich den Baͤren meiner Gebirge gejagt. Von Tag zu Tag glaubte ich abreiſen zu koͤnnen, deswegen habe ich mit der Antwort gezoͤgert, ich wollte ſie dir ſelber bringen; ich hoffte meinen Vater erweichen zu koͤunen, doch er iſt unbeugſamer als die Alpen. Heute Abend benachrichtige ich ihn 128. von meiner Abreiſe, ahnſt du den Sturm der mich bedroht? Bitte Gott daß er mich nicht zerbreche! „Lebe wohl, in drei Tagen klopfe ich an deine Thuͤre.“ 7. Wirklich folgte auch Aymar ſeinem Vater⸗ noch an demſelben Abend als er dieſe Bot⸗ ſchaft abgeſchickt hatte, in ſein Schlafzimmer. Mit zitternder Stimme begann er: — Mein Vater, verzeiht wenn ich Euch nochmals beunruhige, Ihr ſeht mich zu Euern Fuͤßen, ſeyd nicht ungehalten; erinnert Euch daß ich mein ganzes Leben lang mich Eurem Willen fuͤgte, dieſes einzige Mal muß meinen eigenen Willen haben, und ſollte er mir dießmal ſchon verderblich ſeyn? Ihr wißt, die Liebe laͤßt ſich nicht befehlen, wahre Liebe geht nie unter, Ihr wißt es, denn Ihr habt meine Mutter geliebt. Bei dieſen Worten fieng Rochegude au zu zittern, furchtbare Erinnerungen ſchienen in 1: 8 129 ihm anfzuſteigen, nur durch die gewaltſam⸗ ſten Anſtrengungen gelang es ihm, ſeine Zuͤge wieder zu ſammeln. — Iſt es meine Schuld, begann Aymar auf's Neue, daß das Weib das der Himmel mir beſtimmt hat, eine Juͤdinn, daß das Weib meiner Wahl aus dem erwaͤhlten Volke Got⸗ tes iſt? Sie iſt ſchoͤn, eine reine Jung⸗ frau, ich bete ſie an ſo wie ſie mich anbetet! auch Euch, Vater, wuͤrde ſie mit gleicher Gluth verehren! und ihre Freude wuͤrde Euer Alter erheitern! Aber Ihr antwortet mir nicht, ſprecht doch, wen wollt ihr denn zur Schwiegertochter? — Nie, Aymar, werde ich es zugeben daß das chriſtliche Blut der Rochegude mit dem unreinen Blute einer Zigeunerinn ſich miſche, einer elenden Ketzerinn! einer Bettlerin!... — Einer Bettlerin!. Vater, Ihr ſeyd ſehr ungerecht!. Hier, leſ't dieſen Con⸗ tract, denn ſie iſt meine Verlobte! Leſ't ihn, er bedarf nur noch Eurer Unterſchrift; Ihr ſeht, ſie iſt nicht ohne Vermoͤgen, ſie iſt reich wenn Ihr Gold verlangt... Rochegude entriß ihm das Papier. — Verdammt! welch' hoͤlliſcher Vertrag!.. Und ohne ihn eines Blickes zu wuͤrdigen warf er ihn Aymar zerriſſen in's Geſicht, und mißhandelte ihn mit Schlaͤgen. — Hier, das ſoll dein Hochzeitfeſt ſeyn! Wir wollen ſehen ob du deine Familie ent⸗ ehrſt! 3 — Mein Vater, Ihr ſchlagt mich, weil Ihr wißt daß ich Euch nicht wieder ſchlage; und doch, ich bin jung und kraͤftig, mein Blut ſiedet und mein Herz klopft wuͤthend an meine Bruſt! Sieh Greis, ich koͤnnte dich zerbrechen wie ich dieſe Thuͤre zerbreche! Und mit furchtbarem Geraͤuſch fuhr die Thuͤre in Stuͤcken. Bleich, erſchopft, ſank Rochegude in ſeinen Seſſel zuruͤck. — Doch genug, Vater, Ihr ſeyd von Stein, ich will von Eiſen ſeyn, morgen reiſe ich ab, lebt wohl! — Nein, du reiſeſt nicht ab! — Ja Vater, ich reiſe. Aber beim Him⸗ mel, was iſt denn an dieſer Verbindung ſo abſcheuliches? Sagt mir, was macht Euch denn ſo wuͤthend? —£¶☛——— 2* 131 — Eine Zigeunerinn!.., eine Verdammte!... In den Adern der Rochegude rollt chriſtliches Blut! — Mein Gott! Ihr ſchlagt Euer chriſtli⸗ ches Blut ſehr hoch an; was liegt Euch da⸗ ran, ob chriſtlich oder mauriſch? Ich bin uͤberzeugt daß Ihr ſelbſt an keinen Gott glaubt; habe ich nicht Recht?... Von hoͤlliſcher Wuth befallen, drehte ſich Rochegude bei dieſen Worten um, ergriff Ay⸗ mar bei den Haaren, ſchleppte ihn zur Treppe und ſtuͤrzte ihn mit den Worten hinab:— Geh' Elender! mit meinem Fluche beladen! 8. Bönézets los maldisors dé vos. Am andern Morgen mit Tages⸗Anbruch war Aymar reiſefertig. Die Diener, zu Pferd, warteten mit ſeinem Rappen und dem Fuͤllen das er fuͤr Dina beſtimmt hatte, und mit mehreren Mauleſeln die mit Felleiſen bepackt waren. 7 ⸗ Durch das Wiehern der Roffe aufgeweckt⸗ offnete Rochegude ploͤtzlich das Fenſter ſeines Zimmers, und rief Aymar mit donnernder Stimme zu: — Du reiſeſt nicht ab, oder ich enterhe und verfluche dich! — Ich reiſe, Vater, und dafuͤr daß es ohne Euern Willen geſchieht, wird mein au⸗ derer Vater mich ſegnen. Rochegude verſchwand am Fenſter. Aymar mit ſeinem Zuge ſetzte ſich in Be⸗ wegung, doch kaum hatte er die Haͤlfte des Hofes uͤberſchritten, als Rochegude wieder erſchien, halb nackt, eine Buͤchſe in der Hand. Halt! rief er, Vatermoͤrder, halt! moͤge der Blitz dich vernichten! moͤge die Hoͤlle dich verſchlingen! Willſt du halten! frage ich, oder ich verfluche dich und ſchieße dich nieder! Es iſt dein Vater der dir flucht, und der Himmel hoͤrt ſeinen Schwur!... Zuruͤck ſank er auf die Steine, daß ſein Haupt gegen das Geſimſe der Wandung ſchlug, und das Haus erzitterte; es war furchtbar zu ſehen. Aymar entfernte ſich immer weiter, ſchon hatte er das Hofthor Gd 8 — d n 9 2— d 153 erreicht, da verdoppelte ſich Rochegude's Wuth,— fahr zur Hoͤlle! Vatermoͤrder! auf immer! bruͤllte er, ein Schuß fiel, Aymar ſtieß einen Schrei aus, und ſein Vater ſank leblos zuruͤck auf das Pflaſter des Vorhofs. 9. Bourdöscado. Seitdem Dina Aymars Brief erhalten hatte, war ſie zwar weniger unruhig, doch nicht minder bewegt; und am andern Tage, nach der Abendglocke, ſagte ſie zu ihrem Vater: — Ich will Eliſabeth, meine Freundinn, be⸗ ſuchen; ich werde bald zuruͤckkehren. Die Ungluͤckliche, ſie ſprach nicht wahr, an ihren Geliebten wollte ſie denken und ungeſtoͤrt umher irren am Ufer der Saone; die Unkluge! Ihr Freund ſollte in zwei oder drei Tagen wiederkehren, wie ſchoͤn konnte ſie traͤumen, und wo traͤumt es ſich ſchoͤner als in der Einſamkeit!... Eine Art Barke mit einem Zelte, gleich einer Gondel, lag am Ufer. — Ich haͤtte Luſt, rief ſie dem Schiffer zu, mich auf dem ſchoͤnen Waſſer zu wiegen, aber ich bin allein. — Was macht das, ſchoͤne Dame? — Hier ein Thaler fuͤr meine Fahrt, und hier meine Boͤrſe, damit Ihr eine kranke Jungfrau achten moͤget. — Der Schiffer nahm Thaler und Boͤrſe, und verſchwand unter dem Zelte. Schon wogte die Barke auf den Fluthen, immer weiter und weiter entfernte ſie ſich, obgleich die ſchwarze Nacht bereits herabge⸗ ſunken war, und obgleich Dina dem Schiffer befohlen hatte, hoͤchſtens nur eine Stunde lang zu fahren. Ploͤtzlich verließ der Schiffer ſeine Bank, und ſchluͤpfte unter das Zelt, ein Schrei er⸗ toͤnte aus dem Nachen, und er war am Ho⸗ rizonte verſchwunden. —— 10. Escumergamén. — Was wollt Ihr, Menſch? Bleibt auf Eurer Bank, Ihr ſeht es iſt ſchon ſpaͤt. Tre⸗ tet mir nicht ſo nah!... — Wie ſchoͤn Ihr ſeyd, Fraͤulein! — Und Ihr ſeyd ein Thor! — Ihr ſeyd es der mich zum Thoren ge⸗ macht hat. — Geht doch weg! was wollt Ihr denn? — Nichts, nur das was der Herr Sene⸗ ſchall vor drei Monaten von meiner Schwe⸗ ſter gewollt hat. — Der Seneſchall? Ihr ſchmaͤht ihn. — Ihn ſchmaͤhen? Meiner Schweſter Bauch iſts der ihn ſchmaͤht. O welche ſuͤßen Haͤnde! noch nie habe ich ſolche beruͤhrt. Welch Gluͤck, von ſo weißen kleinen Haͤndchen liebkost zu werden! und wie ſchoͤn der Fuß!... und das Bein, laßt doch ſehen! — Zu Huͤlfe! Zu Huͤlfe! Laßt mich doch! — Herrlich! Herrlich! ſchreit Euch doch nicht heiſer!... Ach! Euere Beine ſind goͤtt⸗ lich ſchoͤn! 136 — Huͤlfe! Moͤrder! — Möͤrder! noch nicht, Ihr ſeyd zu raſch. Beruhigt Euch, und laßt mich Eure ſchoͤnen Augen kuͤſſen; ſeyd doch vernuͤnftig, Kleine, es geſchieht Euch kein Leid; laßt doch! und dieſer ſchoͤne Hals! — O Gott! ich ſterbe. Huͤlfe! Moͤrder! — Ihr ruft vergeblich, denn Niemand kommt; und uͤberdieß kann ich Euch nicht ſtille machen? ſeht her, hier ſind Stricke und Knebel. — Elender! Verraͤther! toͤdte mich! — Ich erſchrecke ob ſolcher Kleinigkeit nicht; es iſt dieß meine Gewohnheit ſo, was ich leicht bekomme, iſt fuͤr mich ohne Werth, nur was ich mit Gewalt erkaͤmpfe, iſt mir lieb! Ich diente im letzten Kriege gegen Deutſchland als Freiwilliger, und Gott iſt mein Zeuge, daß ich mehr Franzoſen ausſaͤete als ich Deutſche umbrachte. Ihr wehrt Euch vergebens, Schoͤne, denn Ihr ſeyd nicht ſtark! Ich noͤthige eine Jungfrau ſo leicht wie Ihr eine Nadel handhabt, und toͤdte ſie, wenn es ſeyn muß, wie Ihr eine Halskranſe ſtickt. — ——, 4— 157 — O mein armer Braͤutigam!.. — Ah! wie es ſcheint, ſeyd Ihr ein Braͤutchen? Herrlich! Die Nacht iſt rein, wir wollen ſprechen mit einander; Ihr ſeyd Braut, ſchoͤne Jungfrau? Euer Verlobter wird ſich ſchon ohne Euch behelfen muͤſſen; nicht immer iſt es der Fiſcher der den beſten Fiſch zu eſſen bekommt; ſeht, ſo geht es nun ein— mal in der Welt, man kann auf nichts zaͤh⸗ len. Wie liebe ich Euch! welche Freude Euch an mein Herz zu druͤcken! Aber ſeh doch, was habt Ihr fuͤr ſchoͤne Ringe! wirklich, huͤbſch und gewiß von Werth! Meine Ma⸗ rion hat dieſelbe Hand wie Ihr. Gott ſey gelobt! Laßt mich doch, ich will ſie ihr von Euch bringen... — Ihr zerbrecht mir ja die Finger!... — Seht, oft, als ich noch Soldat war, und bei Nacht draußen ſtand auf dem einſa— men Poſten, habe ich ſo bei mir gedacht: Wir armen Bauern, unſere Schweſtern, Toͤch⸗ ter und Frauen, ſind immer nur da fuͤr die großen Herren, die Adeligen und Buͤrger; ſie nothzuͤchtigen unſere Braͤute, und wir anderes Vieh, wir ſehen zu, und laſſen ihre Frauen 158 und Toͤchter in Frieden. Ich konnte mir's nie erklaͤren; nicht wahr, dieß iſt doch Un⸗ recht? Ha! um einen bdͤſen Burſchen zu ziehen, bedarf es nur des Krieges. Das ſchoͤne Halsband, wie niedlich die fei⸗ nen Perlen! Meine Marion hat gerade einen Hals wie Ihr. Gott ſey gelobt! das findet ſich ja herrlich. Ich will es ihr bringen, von Euch, nicht wahr? Wahrlich, es ſchmerzt mich, ſo ſchoͤne Oh⸗ ren entſchmuͤcken zu muͤſſen, ich will ſie kuͤſ⸗ ſen fuͤr ihre Leiden! Aber Marion hat keine ſchoͤnen Ohrgehaͤnge fuͤr die naͤchſte Luſtfahrt, und Ihr⸗ſehrrwohle aber weint doch nicht, ich bringe ſie ihr von Euch. Aber bei einer ſo einfachen Toilette koͤnnten Ihr dieſe golde⸗ nen Spangen nicht in Euren Haaren behal⸗ ten, ich muß ſie Euch losmachen. Wahrlich, Ihr ſeyd hundertmal ſchoͤner mit losgebundenen⸗ Haaren! Jetzt waͤre, glaube ich nichts mehr zu ver⸗ lieren, als. — Huͤlfe! Huͤlfe! ich bitte Euch, laßt mich los, oder toͤdtet mich im Augenblick! — Mußt du immer geſtritten haben? kleine Hexe! reich' deine Haͤndchen daß ich ſie binde. — Möoͤrder! kommt mir denn Niemand zu Huͤlfe! — Ich will dich zum Schweigen bringen, hier iſt ein Band, das wird dich ſtill ma⸗ chen; auf mit dem Kopfe, damit ich dieſen Knebel anlege. — Gnade! Gnade! Im Namen Gottes laß mich! Was willſt du? willſt du Geld 2... Du ſollſt Alles haben!. Henker, du gnaͤlſt mich zu fuͤcchterlich! O Gott! o Gott! ich bin verloren... Von nun an vernahm man nur noch dum⸗ pfes Wehklagen, und halb erſticktes Schreien und Roͤcheln. Eine Stunde ſpaͤter ungefaͤhr kam Jean Ponthu unter dem Zelte hervor, Dina an den Haaren nach ſich ziehend; im Augenblicke wo er ſie in die Saone warf, brach der Knebel, und mit gebrochener Stimme rief ſie Aymar. Auf dem Vordertheile ſeiner Barke ſtand Jean Ponthu, die Harpune in der Hand, und ſtieß Dina's Koͤrper, der einigemal wieder auf die Oberflaͤche kam, gewaltſam unter das Waſſer hinunter. 11. Dôou. Die ganze Nacht hindurch wurde Dina ver⸗ geblich geſucht. Mit Tagesanbruch bemerkten Landleute die mit Milch und Lebensmitteln in die Stadt kamen, als ſie uͤber die ſteinerne Bruͤcke gien⸗ gen, den Leichnam einer jungen Frau, deſſen lange, blonde Haare ſich an den Felſen und Klippen der Saone verwickelt hatten. Jean Ponthu, der Schiffer, nahm ihn in ſeine Barke und trug ihn an's Ufer; das Volk draͤngte ſich herbei, und bewunderte ſeine unheilbringende Schoͤnheit; ſeine kleinen Haͤnde waren ihm mit einem Stricke auf den Ruͤcken gebunden. Auf einmal rief eine Stimme:— Erkennt⸗ ihr ſie denn nicht? Es iſt Dina, die ſchoͤne Juͤdinn! die Tochter Judas, des Steinhaͤnd⸗ lers der dort hinten in der Judengaſſe wohnt. Den ganzen Tag hindurch draͤngte ſich die Menge in das Haus Iſrael Judas. Dina⸗ lag zur Schau auf dem Bette, angethan mit ihren Feſtkleidern, und mit Geſchmeide uͤber⸗ 141 deckt, wie es der juͤdiſche Gebrauch verlangt. Lea, ihre arme Mutter ſaß an ihrem Bette, und ſtieß Wehklagen aus; Judas, mit zeriſſe⸗ nen Kleidern, das Hanpt mit Aſche beſtreut, ſaß im Lehnſtuhl mit verbiſſenem Schmerz. Ein Rabbiner betete. Golgatha. Gegen zwei Uhr Morgens bewegte ſich ein weißer Sarg, getragen von vier Maͤnnern, und von wenigen Begleitern gefolgt, ſtille durch die Straßen der Stadt. Da und dort oͤffnete ſich zuweilen ein Fen⸗ ſter, und ein Koͤrper beugte ſich heraus auf die Straße. Es waren die guten Buͤrger der Stadt, welche das Geraͤuſch der Tritte her⸗ beigelockt hatte. — Ich glaube ein Ketzer wird begraben. Wenn ich nicht irre, ſo iſt es ein weißer Sarg. — Gewiß ein junges Maͤdchen armes 7 Kind, ſo bald ſchon!... Gluͤcklich wer ſtirbt ehe er die Welt gekannt hat. Mit Tagesanbruch konnte man auf dem linken Ufer der Rhone eine Caravane unter⸗ ſcheiden die uͤber die Ebene zog, ein junger Mann, begleitet von einigen Reitern, zog an der Spitze, Diener und beladene Maulthiere hielten ſich weiter hinten. Als ſie an dem Platze ankamen der die Madeleine hieß, und den Iſraeliten und Ver⸗ brechern zum Begraͤbnißplatze diente, hielt der vorderſte Reiter ſein Roß an, und fragte einen Greis der ein Grab grub: — Wie viel Uhr mag es ungefaͤhr ſeyn? Drei Uhr ungefaͤhr, Ihr ſeyd an den Tho⸗ ren der Stadt. — Dank Euch! Fuͤr wen grabt Ihr ſo hur⸗ tig dieſe Grube? Aber dieſer Platz iſt ja keine geweihte Erde? — Ja Herr, aber er iſt der Begraͤbniß⸗ platz der Moͤrder und Juden. — Der Juden!. Kennt Ihr den Namen des jungen Weibes? — Wenn ich mich nicht irre, ſo iſt es 22 Dina, die Tochter des Iſraeliten Judas, des Steinhaͤndlers. — Dina!. Teufel! meine Verlobte!... — Dort Herr, naht ſich der Zug mit dem weißen Sarge. Einen Augenblick ſtand Aymar ſtarr und ſprachlos. Dann rief er einen der Cavaliere die mit ihm ritten, herbei:— Carl, mein Freund, redete er ihn an, uehme zur Stunde meinen Mantel, und bringe ihn meinem Va— ter, wie man Jakob das blutige Kleid Jo⸗ ſephs brachte; ſag' ihm du habeſt meine Braut geſehen, blick hin, dort kommt ſte!... Und du Greis mach' deine Grube weiter, daß zwei darin Platz und Ruhe finden! Dina; Ifrael! Ewigkeit... Und ein Kugze zerſchmetterte ſein Gehirn. & * ———