——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ von.. Ednard Otftmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — SDeih- und Teſebedingungen. „1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 9 3 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt.. 4— für woͤchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M.— Pf. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung e eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmuhte, ver⸗ Werkes, ſo iſt A— — 4 —— p 4 2 1 4 — 4 * 4 . 1 . 2 1 3 3 1 3 1— 3 —. X .. 4. 4 V 4—— 4.— 3 4—. 4 8 — 3. 3—— — 1—— Memoiren von Jacob Caſanova von Seingalt. Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. Mit Anmerkungen von Ludwig Zuhl. Achtzehnter Band. Berlin, 1851. Verlag von Guſtav Hempel. Einhundertundachtzehntes Kapitel. Farinelli.— Nochmals Nina.— Nie Hebeamme Che⸗ reſe.— Der Abbé Bolini.— Viscialetta.— Abreiſe aus Bologna.— Der Marquis Mosra von Peſars.— Der Jude Mardochai und ſeine Tochter.— Aukent- halt in Trieſt. Herr Baguri. Während deſſen langte die Kurfürſtin von Sachſen in Bologna an, einzig und allein um den berühmten Sopran Farinelli*) zu ſehn. Er gab der Fürſtin ein ſehr gutes Früh⸗ ſtück und führte ſodann auf dem Klaviere ein von ihm componirtes Stück aus. Ich wohnte dem Spiele bei und ſah nicht ohne Erſtaunen die bezauberte Kurfürſtin ſich in die Arme des Sängers ſtürzen; ſie ſagte begeiſtert, ſie werde nun zufrieden ſterben, da ſie ihn gehört. *) Caſanovas Mittheilungen über den berühmten Sänger werden im Weſentlichen durch den Grafen Lamberg beſtätigt. Derſelbe fand auf der Villa des Sängers dicht vor Bologna einen ausgezeichneten Empfang; Farinelli hatte die vollkommenſten Hof⸗ ſitten inne. Bei Erwähnung der Königin von Spanien zeigte er ein Bild derſelben und rief:„Sie iſt es, welche mich in die Lage geſetzt hat, meine Nichte ziemlich auszuſtatten, die ich ver⸗ heirathet habe und die mir ſechsmal des Tages mit der Hand das Kinn ſtreichelt, damit ich nicht die meinige von ihr wegziehe. Ich will, daß ſie in ein Bad gehe, um eine Unvollkommenheit von 1* 4 Man weiß, daß Farinelli oder vielmehr Carlo Broſchi, denn dies iſt ſein wahrer Name, ein glänzendes Glück in Spanien gemacht hatte; eine Zeit lang war er mehr König als der König ſelbſt, aber die Königin, Philipps V. Frau, eine geborne Prinzeſſin von Parma ließ ihn, als der Mar⸗ quis von la Enſinada in Ungnade fiel, verbannen. Fari⸗ nelli war zu dieſer Zeit ein Graubart von etwa ſiebenzig Jahren; er erfreute ſich einer guten Geſundheit, aber in Folge des Müßiggangs langweilte er ſich und Andre. Als ich einſt mit ihm über Spanien ſprach, zerfloß er in Thrä⸗ nen; die ſchöne Stellung, welche er dort verloren, lag ihm noch am Herzen; der Ehrgeiz iſt eine ſtärkere Leidenſchaft als die Geldgier. Indeß hatte Farinellis Kummer noch eine andre Urſache, und dieſe verbarg er ſo ſorgfältig, daß er am Ende daran ſtarb. Er hatte ſeinen Neffen, den Erben ſeines ganzes Vermögens, an eine junge Perſon von vor⸗ nehmem Hauſe und großer Schönheit verheirathet. Wie alt und gebrechlich er auch ſein mochte, verliebte ſich doch der arme Farinelli in die Frau ſeines Neffen und wurde, was noch ſchlimmer, eiferſuchtig auf ihn. Die hübſche Nichte nahm dieſe Leidenſchaft in weißen Haaren ſehr ſchlecht auf: wie konnte auch ein kraftloſes und runzliges Geſchöpf wie der Soprano mit einem jungen und kräftigen Gatten, der ſie auf jede Weiſe nach Wunſch bediente, einen Wett⸗ kampf eingehn, ohne ſich geradezu lächerlich zu machen! mir los zu werden, welche meine Neffen durch ihre Kinder ver⸗ beſſern werden.“ Farinelli ließ fein Kabinet malen, um das Bild dem Fürſten von Kaunitz zu ſchenken. Er hatte mehrere Lieblingsinſtrumente und unterſchied ſie nach dem Namen der be⸗ rühmteſten Maler:„er ſpielte auf ſeinem Raphael eine Arie von Galuppi:— Sehr eigenthümlich war eine andre Mittheilung, welche er Lamberg machte. Er galt an Mannheit für die Ein⸗ heit der Dreiheit des Landgrafen Philipp von Heſſen, und weil er einen Sohn in ſpaniſchen Dienſten in Indien hatte, ſagte er einſt in tiefſtem Vertrauen:„Ich bedaure nicht, daß ich alt gewor⸗ den; ich möchte nur das wieder haben, was ich in Italien verlo⸗ ren.“ Ein junges Frauenzimmer fragte ihn, was das ſei? Er er⸗ wiederte:„Eins meiner Augen.“ — — 5 Noch ſchlimmer war es, daß Farinelli wüthend darüber, daß man ihn verabſcheute, ſein en Neffen auf Reiſen ſchickte, und die junge Gattin auf ſeinem Zimmer einſperrte; um ſie nicht aus den Augen zu laſſen, ging er nie aus. In Bologna fand ich Nina Bergonzi wieder, welche dem Kardinal⸗Legaten ſehr warm empfohlen war und von ihm heimlich beſucht wurde. Nina machte großen Aufwand; der Graf von Riela unterhielt ſie noch immer mit derſelben Großartigkeit und ſie betrog ihn noch immer mit derſelben Unverſchämtheit. Sie war damals ſchwanger, und als dienee Epoche ihrer Entbindung herannahte, traf einer der Ver⸗ trauten des General⸗Capitains von Barcelona ein, um das Kind in ſeinem Namen anzuerkennen. Das Mädchen trug ihre Schwangerſchaft auf eine anſtößige Weiſe zur Schau; ed man begegnete ihr im Schauſpiele, auf den öffentlichen Pro⸗ menaden und hinter ſich ſchleppte ſie ein Gefolge von bo⸗ logneſiſchen Adligen her. Ich erfuhr, daß ſie von mir ge⸗, chen, weil ſie wahrſcheinlich nicht wußte, daß ich hier der eine von ihnen, Graf Zino, hinterbrachte mir Aeußerungen über mich; obwohl ihre Mittheilungen ehreren Punkten wahrheitsgetreu waren, glaubte ich ſie doch Lügen ſtrafen zu müſſen und eröffnete mich gänzlich dem Kardinal⸗Legaten. Einige Tage darauf, gegen Mitternacht, höre ich auf der Straße und unter meinem Fenſter lauten Lärm. Ich ſehe hinaus und erblicke eine bis zum Gürtel entblößte Frau, welche auf einem Eſel ſitzt und welcher Henkers⸗ knechte folgen, die ſie mit Ruthen peitſchen; eine Menge bologneſiſcher Birichinis begleiteten den Zug mit lautem Freudengeſchrei. Von Severini erfuhr ich, daß es eine Hebeamme ſei, welche der Kardinal wegen eines Verbrechens beſtrafen ließ, aus dem man ein Geheimniß machte. Dies „Geheimniß ſollte bald offenbar werden! Dieſe Hebeamme hatte Nina von einem derben Knaben entbunden, der bei ſeiner Geburt geſtorben; eine arme Witwe hatte darauf gegen die Hebeamme Klage geführt und ſie beſchuldigt, ihr ein ſchönes kleines Kind, mit welchem ſie niedergekommen, heimlich weggenommen zu haben. Die einſt in Venedig die Geliebte Marcellos geweſen war; ſie 6 Mutter verlangte Genugthuung vom Biſchofe und erbot ſich zu beweiſen, daß man ihr eignes Kind mit dem todt⸗ gebornen Kinde Nina's vertauſcht. Dieſer Skandal beun⸗ ruhigte die Maitreſſe des Grafen nicht, ſie drohte dem Kar⸗ dinale mit ihrer Rache; aber endlich mußte ſie einem Be⸗ 3 fehle des Papſtes gehorchen, der ihr gebot, die Stadt zu verlaſſen. Die verbrecheriſche Hebeamme zog ſich durch mächtige Beſchützer aus der Sache; man gab ſogar eine anonyme Brochüre heraus, in welcher der Verfaſſer zu be⸗ weiſen ſuchte, daß der Biſchof ſtrafwürdig ſei, weil er eine Bürgerliche zur beſchimpfendſten Strafe verurtheilt, ohne die Formen des Kriminal⸗Verfahrens beobachtet zu haben. Man ſtellte hier die Hebeamme als das unſchuldige Opfer einer perſönlichen Rache dar, und forderte ſte endlich auf, eine Beſchwerde beim päpſtlichen Hofe einzureichen, um Ge⸗ nugthuung zu erlangen. Der Kardinal veröffentlichte ebenfalls eine kleine Schrift, in welcher er das Benehmen der Mitſchuldigen Ninas aus⸗ einanderſetzte; er bewies, daß dies nichtswürdige Weib ches mit dem Auspeitſchen davon gekommen, die ſtrafe verdient, und daß ihr dieſelbe ſchon wegen af Miſſethaten zu Theil geworden ſein würde, wenn ihn nicht V die Ehre einer der erſten bologneſiſchen Familien gehindert hätte, ein erwieſenes Verbrechen den Gerichten zur Unter⸗ ſuchung yYorzulegen. Er fügte hinzu, in den Akten der Kanzlei befänden ſich die offenbarſten Beweiſe von Aborten, welche die ſtrafbaren Mütter mit dem Leben bezahlt; er ſprach von der Vertauſchung todter und lebender Kinder, von Unterſchiebung eines Knaben an Stelle eines Mädchens, welcher jetzt im Beſitze einer unrechtmäßigen Erbſchaft ſei; 5 das genügte, um die Beſchützer der Hebeamme zum Schwei⸗ gen zu bringen, denn alle jungen Leute, deren Mütter ſie entbunden, fürchteten Entdeckungen, welche die Rechtmäßig⸗ keit ihrer Geburt hätten verdächtig erſcheinen laſſen können. Zur ſelben Zeit ſah ich die Tänzerin Marucci, welche faſt gleichzeittg mit mir aus Spanien verbannt worden war. Ich fand auch die Signora Soari wieder, welche 3 7 hatte ſich mit ihrer Tochter Adelaide, die zwölf Jahre alt und von vollendeter Schönheit war, in Bologna niederge⸗ laſſen. Die Soari fand in Bologna ihren Mann wieder, den ſie ſeit beinahe funfzehn Jahren aus den Augen ver⸗ 3 loren, und ſtellte ihm Adelaide als ein Gut vor, von wel⸗ chem er ſeinen Antheil fordern könne. Wenn Du die Daten berückſichtigſt, kann dies Mäd⸗ 4. chen nicht meine Tochter ſein, ſagte der gutmuͤthige Mann. Warum nicht, Einfaltspinſel, wenn ich ſie Dir als ſolche vorſtelle? Erfahre, daß ſie ein Einkommen von zwei⸗ tauſend Thalern hat, welches ich bis zur Zeit ihrer Hei⸗ rath beziehe. 4— Warum ſagteſt Du das nicht eher? Du wirſt alſo von nun an ihr Mentor und Füͤhrer ſein und ſie in die Welt einführen.— Unter welchem Namen ſoll ich ſie vorſtellen? Unter dem Deinigen, da es Deine Tochter iſt und Deine frau ſie Dir giebt. Ich verſtehe nicht recht. wirſt etwas reiſen müſſen, um Dich zu bilden, haſt Deine urſprüngliche Dummheit noch nicht verloren. e. Alles erwogen, war die Soari nicht ſchaamloſer als — das religiöſe und bürgerliche Geſetz, welches ſagt: Is pater eest quem nuptiae demonstrant, was bedeutet, daß man immer der Sohn ſeiner Mutter iſt. Da ich Zeuge dieſes erbaulichen Zwiegeſprächs war, ſo bat ich um eine Gunſt, welche Soari nicht annehmen zu wollen ſchien, und verpflichtete mich, die Anlagen zu entwickeln, welche Adelaide haben mußte; aber die Mama antwortete, ſie fürchte, ihre Tochter werde bei mir zu raſche Fortſchritte machen. Adelaide wurde das Wunder von Bologna. Zwei Jahre nach meiner Abreiſe bot der Graf Jean Dubarri, der Bruder der Favorite, als er durch Bologna kam, der Soari hunderttauſend Thaler für ihre Tochter. Die Mutter, welche auf etwas Beſſeres hoffte, wies das Anerbieten des Gra⸗ fen zurück, der Adelaide entführte. Nach drei Wochen ließ er ſie laufen. Fünf Jahre ſpäter fand ich die ſchöne Ade⸗ 8 laide auf den Brettern eines venetianiſchen Theaters; ſie war Tänzerin. In Bologna fand ich den Grafen Filomarini, dieſen emeritirten Wüſtling, ehemals das Entzücken der Frauen und der Schrecken der Männer. Er war jetzt gichtiſch, aſtthmatiſch, apoplektiſch, an den Füßen gelähmt, eines Auges beraubt, kahlköfig und arm. Ich condulirte ihm. Er hatte nichts von ſeinem Geiſte verloren, und ſeine bei⸗ ßende Zunge, das zuverläſſigſte der Organe, verweigerte ihm den Dienſt nicht. Er ſchwärzte Alle an und verachtete ſie, fluchte dem Himmel, ſeiner Familie, ſeinen Freunden und ſich ſelbſt. 4 Als Gegenſatz zum Grafen Filomarini will ich den Abbé Bolini anführen, den ich bei der Tänzerin Sabatini traf. Dieſer junge ſechsundzwanzigjährige Mann hatte vom Abbé nur den Rock. Er war gut gewachſen, geiſtreich, unterrichtet, und ſeine mäßigen Einkünfte genügten ſeinen einfachen Neigungen. Ich habe nie einen ſo ſorgloſen Ster lichen wie ihn geſehn, obwohl er ſich nichts davon m ließ, denn ſein Umgang war ſehr angenehm; bei ei chen Charakteranlage war die Mäßigkeit eine 1da Tugend für ihn. Er ſuchte Ruhe; nach allem Andern fragte er wenig; obwohl er gelehrt war, lag ihm doch we⸗ nig daran, daß man ihn für gelehrt hielt. Obwohl er vermöge ſeiner Erziehung orthodoxrer Chriſt war, ſo hörte er doch ohne Mißvergnügen gottloſen Geſprächen zu. Er lobte und tadelte Niemand; da er gleichgültig gegen das ſchöne Geſchlecht war, ſo floh er die Häßlichen; aber die Schönſten hätten ihn nicht vermocht, einen Schritt zu thun. Dieſer letztere Charakterzug ſetzte mich in ſolche Verwun⸗ derung, daß ich ihn einſt fragte, wie er ſeine Grundſätze mit ſeiner Neigung für Fräulein Brigitta Sabatini in Ein⸗ klang bringe. In der That ſpeiſte er täglich bei ihr und Brigitta frühſtückte täglich bei ihm. Ueber dieſe Frage lächelte der Abbé, ſeufzte, erröthete. Ich glaubte zuerſt vor Schaam, denn das Fräulein war recht gut zwölf Jahre älter als er; aber zuletzt geſtand er mir, daß dieſe Neigung das Unglück ſeines Lebens ſei.— 4 8* 3 O — Wie! rief ich aus, ſollte ſte Sie vergeblich ſchmachten laſſen. Warum geben Sie ſie nicht auf? Nicht ihre Strenge macht mich unglücklich, denn ich liebe ſie nicht. Dagegen überſchüttet ſie mich mit den Aeußerungen ihrer Leidenſchaft und gefährdet ſo meine Frei⸗ heit und mein Gewiſſen. Was verlangt ſie? Daß ich ſie heirathe. Laſſen Sie ſie es verlangen. Unglücklicher Weiſe hat mir das Mitleiden ein ge⸗ wiſſes Verſprechen abgelockt, an welches ſie mich unaufhör⸗ lich erinnert. Sie bittet, ſie weint, ſie beſchwört mich, eine Verpflichtung zu erfüllen, welche ich nur eingegangen bin, um dem Skandale ihrer lauten Verzweiflung zu entgehn; bei jedem neuen Verzuge'ſchreit ſie, ich wolle ſie betrügen; das iſt meine Lage. Haben Sie große Verpflichtungen gegen ſie? hat ſich Ihnen hingegeben? iſt ſie ſchwanger? n 4 mich wohl gehütet, ſie dieſem Unglücke aus- iI Beweis meiner Abneigung gegen die Ehe rückkäme! Wenn es ſich ſo verhält, gebieten Ihnen die Vernunft und die Ehre dieſes Band zu zerbrechen. Ich bin davon überzeugt, aber mir fehlen Kraft und Muth. Wenn ich einen Abend vorübergehn ließe, ohne elleicht iſt gerade dies die Urſache ihres Kum- A t meiner Zurückhaltung und will in derſel⸗ 44 10 Brigitta zu beſuchen, würde ſie zu mir gelaufen kommen, und Sie ſehen wohl ein, daß ich ihr meine Thür nicht verſchließen kann.. 3 Ich ſehe vollkommen ein, daß Ihre Lage nicht haltbar iſt. Wir haben hier einen gordiſchen Knoten, der mit dem Schwerte Alexanders durchhauen werden muß. Mit einem Worte, Sie müſſen Brigitta verlaſſen, ohne ihr etwas da⸗ von zu ſagen; ſie wird nicht die Thorheit begehn, hinter Ihnen herzulaufen. 1 Das iſt der einzige Entſchluß, der mir noch bleibt, obwohl auch er unüberwindliche Schwierigkeiten hat. Folgen Sie meinem Rathe und Sie werden leicht aus Bologna wegkommen; ſie wird Ihre Abreiſe nicht eher er⸗ fahren, als bis ſie zu Ihnen kommt, um Sie aufzuſuchen. Ich überlaſſe mich Ihnen; wenn es uns glückt, haben Sie mir einen Dienſt geleiſtet, den ich nie vergeſſen werde. O, die unglückliche Brigitta, der Schmerz wird ſie tödten, oder fie wird toll werden!* Mein Freund, ich kenne die Frauen, ſie geſſen. Uebrigens verbiete ich Ihnen, ſich mit ih zu beſchäftigen; das allein fordere ich von Uebrige geht mich an. Wann werde ich abreiſen? Morgen. Wir werden zuſammen reiſen. Sie Geld?. Ich bin hinlänglich damit verſehn. Hinterlaſſen Sie keine Schulden? Keine. Sie ſind ein exemplariſcher junger Mann. Aber morgen abzureiſen, iſt, wenn ich es mir recht bedenke, unmöglich. Ich brauche wenigſtens drei Tage; ich erwarte Briefe von meiner Familie. Ein ſchöner Grund, Ihre Reiſe zu verſchieben! Ich werde Ihnen die Briefe nachſchicken. 3 Aber wohin reiſen wir? Sie ſollen Ihren neuen Aufenthaltsort nicht eher er⸗ fahren, als bis wir aufbrechen. 4 Abzureiſen, ohne zu wiſſen wohin, iſt ſeltſam. 4 —,—,—,— —— 1—,„ ☛σ—.— — —*—2 0 n— ☛ greifen. 11 Das iſt mir hundertmal begegnet. Alle Hinderniſſe waren gehoben, und ich umarmte den jungen Abbé, der freudeſtrahlend war. Sicher iſt es, daß es für einen Mann nichts Süßeres giebt, als die Feſſeln zu zerbrechen, welche ihn drücken. Ich ſpreche nicht von den großen und ernſten Leidenſchaften; deren entledigt man ſich nicht ungeſtraft. Meine Abſicht war, den jungen Abbé nach Venedig zu expediren, und ich ſchrieb daher einen Brief an Herrn Dandolo, in welchem ich ihm meinen Schützling warm empfahl; Bolini gab ich eine Abſchrift des Briefes und ſchickte das Original mit der Poſt weg. Brigitta beſuchte ihren Liebhaber am folgenden Tage, ohne zu ahnen, daß dies das letztemal ſei. Ich geleitete ihn bis Modena und kehrte noch am ſelben Abend nach Bologna zurück. Der Jammer der armen Ariadne läßt ſich leicht den⸗ Es wäre zu grauſam geweſen, wenn ich mich hätte wollen, als ob mir der Grund deſſelben nicht bekannt 3 ich ſuchte ſie zu beruhigen und hielt ihr eine lange ſe. Sienhehauptete, ich könne ihren Schmerz nicht be⸗ ker Ich baleife ihn, meine Theure, und theile ihn; aber ich mußte deſe Bande zerreißen, welche Sie und Ihren Fr unglütklich gemacht haben würden. Er wollte Sie he i, konnte es aber nicht. „ Hat er mich deshalb verlaſſen? O, mein Herr, ſchrei⸗ ben Sie ihm, er möge zurückkommen; ich verſpreche Ihnen, daßs das Wort Heirath nie mehr aus meinem Munde kom⸗ men ſoll. Sie fragte mich ſodann, wohin er ſich begeben.— Nach Venedig.— Sie glaubte es nicht, und ich war darauf gefaßt. Es giebt wirklich im Leben Umſtände, wo man, um betrübte Frauen deſto ſicherer zu täuſchen, ihnen die ganze Wahrheit ſagen muß. Dieſe Wahrheit wird eine Lüge, gegen welche die Moral nichts einwenden kann. Wir werden zu ſeiner Zeit und an ſeinem Orte den lieben Abbé Bolini in meiner Geburtsſtadt wiederfinden. 10 Brigitta zu beſuchen, würde ſie zu mir gelaufen kommen, und Sie ſehen wohl ein, daß ich ihr meine Thür nicht verſchließen kann. 1 Ich ſehe vollkommen ein, daß Ihre Lage nicht haltbar iſt. Wir haben hier einen gordiſ ſchen Knoten, der mit dem Schwerte Alexanders durchhauen werden muß. Mit einem Worte, Sie müſſen Brigitta verlaſſen, ohne ihr etwas da⸗ von zu ſagen; ſie wird nicht die Thorheit begehn, hinter Ihnen herzulaufen. Das iſt der einzige Entſchluß, der mir noch bleibt, obwohl auch er unüberwindliche Schwierigkeiten hat. Folgen Sie meinem Rathe und Sie werden leicht aus Bologna wegkommen; ſie wird Ihre Abreiſe nicht eher er⸗ fahren, als bis ſie zu Ihnen kommt, um Sie außzuſuchen. Ich überlaſſe mich Ihnen; wenn es uns glückt, haben Sie mir einen Dienſt geleiſtet, den ich nie vergeſſen werde. O, die unglückliche Brigitta, der Schmerz wird ſie tödten, oder ſie wird toll werden!. Mein Freund, ich kenne die Frauen, ſie mii geſſen. Uebrigens verbiete ich Ihnen, ſich mit ih zu beſchäftigen; das allein fordere ich von Uebrige geht mich an. Wann werde ich abreiſen? Morgen. Wir werden zuſammen reiſen. Sie Geld? Ich bin hinlänglich damit verſehn. Hinterlaſſen Sie keine Schulden? 4 Keine., Sie ſind ein exemplariſcher junger Mann. Aber morgen abzureiſen, iſt, wenn ich es mir recht bedenke, unmöglich. Ich brauche wenigſtens drei Tage; ich erwarte Briefe von meiner Familie. Ein ſchöner Grund, Ihre Reiſe zu verſchieben! Ich werde Ihnen die Briefe nachſchicken. Aber wohin reiſen wir? Sie ſollen Ihren neuen Aufenthaltsort nicht eher er⸗ fahren, als bis wir aufbrechen. Abzureiſen, ohne zu wiſſen wohin, iſt ſeltſam. 5 —, 22— —“,— 1-820 ˖ 1022—,— &☛ 11 Das iſt mir hundertmal begegnet. Alle Hinderniſſe waren gehoben, und ich umarmte den jungen Abbé, der freudeſtrahlend war. Sicher iſt es, daß es für einen Mann nichts Süßeres giebt, als die Feſſeln zu zerbrechen, welche ihn drücken. Ich ſpreche nicht von den großen und ernſten Leidenſchaften; deren entledigt man ſich nicht ungeſtraft. Meine Abſicht war, den jungen Abbé nach Venedig zu erpediren, und ich ſchrieb daher einen Brief an Herrn Dandolo, in welchem ich ihm meinen Schützling warm empfahl; Bolini gab ich eine Abſchrift des Briefes und ſchickte das Original mit der Poſt weg. Brigitta beſuchte ihren Liebhaber am folgenden Tage, ohne zu ahnen, daß dies das letztemal ſei. Ich geleitete ihn bis Modena und kehrte noch am ſelben Abend nach Bologna zurück. Der Jammer der armen Ariadne läßt ſich leicht den⸗ Es wäre zu grauſam geweſen, wenn ich mich hätte wollen, als ob mir der Grund deſſelben nicht bekannt ; ich ſuchte ſie zu beruhigen und hielt ihr eine lange de. Sienhehauptete, ich könne ihren Schmerz nicht be⸗ greifen. Ich bateife ihn, meine Theure, und theile ihn; aber ich mußte 8 Bande zerreißen, welche Sie und Ihren F unglülklich gemacht haben würden. Er wollte Sie heikalhen, konnte es aber nicht. „ Hat er mich deshalb verlaſſen? O, mein Herr, ſchrei⸗ ben Sie ihm, er möge zurückkommen; ich verſpreche Ihnen, dafg das Wort Heirath nie mehr aus meinem Munde kom⸗ men ſoll. Sie fragte mich ſodann, wohin er ſich begeben.— Nach Venedig.— Sie glaubte es nicht, und ich war darauf gefaßt. Es giebt wirklich im Leben Umſtände, wo man, ker um betrübte Frauen deſto ſicherer zu täuſchen, ihnen die ganze Wahrheit ſagen muß. Dieſe Wahrheit wird eine Lüge, gegen welche die Moral nichts einwenden kann. Wir werden zu ſeiner Zeit und an ſeinem Orte den lieben Abbé Bolini in meiner Geburtsſtadt wiederfinden. 12 Der Leſer, dem ich in dieſem Augenblicke eine Menge Abenteuer erzähle, die hein. nicht perſönlich betroffen, wird ohne Zweifel glauben, ich ſei vernünftig geworden. Es iſt dem nicht ſo. In Bologna verliebte ich mich wahnſinnig in ein junges Mädchen, bei welchem ich die Nachtheile des Alters durch reiche Geſchenke ausgleichen mußte, da ich nicht im Stande war, meine Leidenſchaft zu beherrſchen. Meine vielfachen Niederlagen haben mich daher auch nachſichtig gegen alle diejenigen gemacht, die geneigt ſein ſollten, mir nachzuahmen. Den Unſchuldigen, welche mich in dieſer Hinſicht, wie in ſo vielen andern, um Rath bitten möchten, würde ich ins Geſicht lachen, da ich zum Voraus weiß, daß ſie ihn nicht befolgen würden. Der Menſch iſt ein Thier, welches nur durch eigne Erfahrung klug wird! In Folge dieſer allgemeinen Anlage wird die Welt, ſo lange ſie be⸗ ſtehen wird, der Unordnung und den Ausſchweifungen Preis gegeben ſein. Unter den Tauſenden von Menſchen, die mir auf meinen Irrfahrten begegnet ſind, wie viele vernü und erfahrene hat es wohl unter dieſen gegebe Il en est jusquà trois que je pourrais nomm Und ich gehöre nicht zu dieſer Zahl. Die kleine Viscioletta zwohnte bei einer ſie mit Argusaugen hütete. Ich lernte ſie bei Severini ken⸗ nen, wohin die ehrwürdige Duegna ihre Nichte mitnahm, um Muſik zu machen. Ein junger Tonſurirte deſſen re Beſtimmung nicht das Kloſter war, wohnte im Ha ie⸗ ſer Damen. Durch ſeine Aufmerkſamkeiten und Gefällig⸗ keiten hatte er das Herz der Tante zu erobern gewußt, Ich war weit entfernt zu glauben, daß er ein Auge auf die Nichte geworfen; wenigſtens ließ er ſich davon nichts mer⸗ ken. Die junge Viscioletta begegnete ihm mit kaltem und trocknem Tone, dem ſicherſten Zeichen der Gleichgültigkeit bei den Frauen. Niemals hatte man von beiden Seiten beſſer geheuchelt, wie ich auf meine Koſten erfuhr. Seit vierzehn Tagen überhäufte ich die Schöne mit Aufmerkſam⸗ keiten; die Bonbons, Geſchenke folgten ununterbrochen auf einander, und ich glaubte ſchon, einem ſichern Siege ent⸗ gegenzugehn. Die Tante, welche anfangs an meinen Be⸗ nte, welche 1282—,—————,y, Kᷣy ——— — nu Vͤ— n 8——Ssõ u————(— 2 — 4 13 werbungen Anſtoß genommen, fing an ſie zu dulden, Dank dem Worte Heirath, welches auf leichtgläubige Gemüther nie ſeinen Eindruck verfehlt. Ich wartete nur noch auf ein Zuſammentreffen unter vier Augen, um eine Löſung her⸗ beizuführen. Die Schwierigkeiten waren groß und reizten nur meine Liebe. Die Schöne ſchien einzuwilligen, aber man mußte im Hauſe ſelbſt einen paſſenden Ort für unſre Zuſammenkünfte finden. Ich kannte die Armuth des Ton⸗ ſurirten und ohne ihm einen Grund anzugeben, bot ich ihm vier Louisd'ors, wenn er auf vierzehn Tage ander⸗ wärts wohnen wolle. Er erröthete und lehnte es ab. Ich ſtieg allmälig bis auf zwanzig. Er blieb gleich hartnäckig. Endlich erklärte er, er würde ſein Zimmer nicht für tau⸗ ſend abtreten. Er hatte zur Nachbarin auf demſelben Flure, eine Paduanerin, eine ziemlich appetitliche Perſon, obwohl ſchon bei Jahren. Ich glaubte, ſie ſtänden in gutem Ver⸗ nehmen. Ich ſagte zu ihm: Herzensangelegenheiten feſſeln Sie an dieſe Wohnung. Derſelbe Grund hat mich bewogen, Ihnen dieſen Vorſchlag zu machen; behalten Sie alſo Ihr Zimmer; könnten Sie es mir aber nicht für eine Nacht abtreten: Der Tonſurirte erröthete von Neuem; aber diesmal vor Zorn. Ich glaubte ihn beleidigt zu haben und brach ab. Am folgenden Tage nahm er mich aber lächelnd bei Seite, und ſagte, wenn ich mit einer Bodenkammer zufrie⸗ den ſein wolle, ſo befinde ſich eine ſolche im dritten Stock⸗ werke des Hauſes. Bodenkammer oder Zimmer iſt mir gleich viel, ſagte ich; wie ſoll ich aber den Schlüſſel bekommen? Es iſt die Speiſekammer von Madame Viscioletta. Sogleich verſah ich mich mit einem Dietrich und Nach⸗ ſchlüſſeln. Ich öffnete leicht die Thür des Verſchlags und ſah, daß es möglich war, hier eine Matratze anzubringen. Ich theilte der Schönen meine Entdeckung mit, welche etwas verwundert ſchien. Sie äußerte einige Bedenken, über welche ich leicht triumphirte. Wir verabredeten, daß ſte mich auf⸗ ſuchen ſolle, ſobald die Tante eingeſchlafen ſein würde. Um 1EE 14 zehn Uhr nehme ich von den Damen Abſchied und anſtatt auf die Straße zu gehn, klettere ich zur Bodenkammer hin⸗ auf, deren Thür mir die Himmelsthür zu ſein ſchien. Nach einer Stunde höre ich Geräuſch auf dem Gange. Ich zweifle nicht mehr, daß das junge Mädchen da iſt und ſchicke mich an, ihr zu öffnen. Aber ein Schlüſſel wird ins Loch ge⸗ ſteckt, und krik krak bin ich eingeſchloſſen. Offenbar hatte mich der kleine Geiſtliche angeführt und ich gelobte mir, ihn auf eine exemplariſche Weiſe zu züchtigen. Einſtweilen richtete ich mich ein, die Nacht ſo bequem wie möglich in dieſem Loche zuzubringen, welches einen betäubenden Ge⸗ ſtank aushauchte, und ich war nicht wenig in Sorge, wie ich wieder herauskommen ſolle. Einen Augenblick darauf klopft man an der Thür und ich erkenne die Stimme mei⸗ ner Schönen. Aber was ſoll ich ihr ſagen? Ich bitte ſie, mir ihren guten Willen für die nächſte Nacht aufzuſparen, und ſie antwortet mit lautem Lachen. Leſer, bewundere meine Verblendung! Es fiel mir gar nicht ein, daß Vis⸗ cioletta die Mitſchuldige des Geiſtlichen ſein könne, der mich in dieſen Hinterhalt gelockt hatte. Da meine Lage lächer⸗ lich war, fand ich dieſen Ausbruch der Heiterkeit ſehr na⸗ türlich. Nach einer ſehr unangenehmen Nacht gelang es mir gegen Morgen, die Thür zu öffnen oder vielmehr zu zerſtören. Ich weckte meinen Nachbar, der von nichts wiſſen wollte. Als ich nach Hauſe kam, legte ich mich ins Bett und ſchlief bis zum Abend. Als ich wieder zu Viscioletta komme, finde ich die Tante in unbeſchreiblicher Aufregung. Sie erzählt mir, daß in der vorigen Nacht Diebe ins Haus gedrungen ſeien und ihre Speiſekammer geplündert haben und daß ſie die ganze Nacht aufbleiben wolle. Ich werde für Sie wachen, ſage ich, und ſchleudere der Nichte einen Blick zu. Die gute Dame bereitete mir ein Bett neben dem ihrigen. Ich erklärte ihr, daß ich um Mitternacht eine Runde im Hauſe machen würde, und ſie ſchlief ruhig ein. Sogleich ſchleiche ich in das Zimmer der Kleinen und gehe auf ihr Bett los; es lag Niemand darin. Da ich vermuthe, daß ſie in der Bodenkammer ſei, zu welcher ich ihr den Schlüſſel gegeben, ſo gehe ich hinauf. Ich klopfe △ —„ G- 81 N ᷣ RRg S N N 4 15 und rufe, aber Niemand meldet ſich. Das war für mich ein Lichtſtrahl. Ich ſchleiche ſchnell zu dem kleinen Ton⸗ — habe den Dieb entdeckt; er iſt beim Abbé. Die arme Frau begreift nicht, warum ich ſo wüthend bin. Ich ziehe ſie hinter mir her und drohe den Liebenden, die Thür einzu⸗ ſchlagen, wenn ſie ſie nicht augenblicklich öffnen würden. Sie mußten ſich fügen. Man wird ſich wohl denken, daß ich der Viscioletta für immer Lebewohl ſagte. Das war die dummſte meiner letzten Thorheiten. Zur ſelben Zeit fand Severini, der keine Stelle hatte, eine ſolche bei einem jungen neapolitaniſchen Grafen; er verließ Bologna und ich dachte daran, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Zaguri, mit welchem ich ſeit meinem Abenteuer mit dem angeblichen Grafen Albergati in Korrespondenz ſtand, hatte die Hoffnung, meine Zurückberufung nach Venedig zu be⸗ wirken. Dandolo ſchrieb mir ebenfalls; es ſchien ihm an⸗ gemeſſen, daß ich in der Nähe der Gränzen der Republik bleibe, um das Inquiſitions⸗Tribunal in den Stand zu ſetzen, mein Benehmen zu beobachten und ſich zu überzeu⸗ gen, daß es vorwurfsfrei ſei. Der Proveditor Zuliani, der Bruder der Herzogin von Fiano, trat dieſer Anſicht bei und verſprach allen ſeinen Kredit zu meinem Gunſten auf⸗ zubieten. Wohin ſollte ich mich aber begeben? Meine An⸗ tecedenzien in Ferrara und Mantua lächelten mir nicht ſehr zu; ich entſchied mich für Trieſt. Da ich dieſe Stadt nicht zu Lande erreichen konnte, weil ich venetianiſches Gebiet hätte durchreiſen müſſen, ſo beſchloß ich über Peſaro nach Ancona zu gehn und mich dort einzuſchiffen. Ich hatte ein Empfehlungsſchreiben an den Marquis Mosca in Peſaro, einen ausgezeichneten Gelehrten, den ich längſt ſchon kennen zu lernen gewünſcht hatte. Er hatte kürzlich ſeine Abhand⸗ lung über das Almoſen herausgegeben; der römiſche Hof glaubte in dieſem Werke eine gegen die Geiſttlichkeit gerich⸗ 16 „. tete Satire zu ſehn und verbot das Buch. Mosca war„ ein ebenſo geſchickter Linguiſt wie gelehrter Theologe und ein eifriger Anhänger des großen Auguſtinus, deſſen Theorie ſich ſehr dem Janſenismus nähert. Der Marquis hatte eine reiche Bibliothek; ſie enthielt beſonders, ein unerſetz⸗ licher Schatz für einen Helleniſten, eine ungeheure Menge Commentarien über alle griechiſchen und lateiniſchen Dichter vom Aeſchylus und Ennius an bis zum zwölften Jahrhun⸗ dert; Mosca hatte alle dieſe Werke auf ſeine Koſten in Folio drucken laſſen; die Ausgaben waren gut, aber in typo⸗ graphiſcher Hinſicht ſchauderhaft. Ich wagte es ihm zu ſa⸗ gen, und er gab es zu; um eine Mehrausgabe von 20,000 Livres zu ſparen, hatte er ſich eines Gewinnſtes von 50,000 Thalern beraubt; er ſchenkte mir eine ſeiner Samm⸗ lungen, ſo wie eine andere Folioausgabe, Marmora pesa- rentina; hätte ich Zeit gehabt, das letztere Werk zu leſen, ſo würde ich alle Alterthümer, welche die alte Stadt Pe⸗ ſaro enthält, kennen gelernt haben. Der Marquis ſtellte mich beim Mittagseſſen ſeiner Frau und ſeiner Familie vor; er hatte drei Söhne und zwei Töchter, alle ſchön und gut erzogen. Dieſes Familien⸗ bild machte auf mich einen der angenehmſten Eindrücke, die ich je gehabt. Die Marquiſe noch ſchön, obwohl dem rei⸗ fern Alter nahe, war eine Frau vom beſten Tone; Alles an ihr hatte einen vornehmen Charakter, Benehmen, Hal⸗ tung, Sprache; ſie wußte, in welchem Maaße von jeder Sache geſprochen werden darf und wie ſie in Bezug auf die Perſon, mit welcher man ſpricht, geſagt werden muß. Die Kunſt der Unterhaltung iſt vielleicht die ſchwierigſte, die es giebt, weil ſie jede Art von Geiſt vorausſetzt. Ihr Mann ſtand ihr in jeder Beziehung nach, er war ein Ge⸗ lehrter in der ganzen Brutalität des Ausdrucks und weiter nichts. Wie es hieß, ſtanden ſie nicht immer in gutem Vernehmen, und ihre Haushaltung litt darunter, obwohl ſie Fremde nichts davon merken ließen; wäre es mir nicht geſagt worden, ſo hätte ich es nicht gewußt. Der franzö⸗ ſtſche Philoſoph La Bruyeére ſagt irgendwo, wenn ich nicht irre, in jeder Familie werde eine Komödie geſpielt, durch . ö.2¾—ͤ—,—,,—— 8. 1 17 . welche deren Eintracht geſtört werde; daraus folge, daß jede Familie irgend ein Geheimniß zu bewahren habe; der Klugheit des Familienhauptes liege es ob, dafür zu ſorgen, daß dies Geheimniß nicht bekannt werde, denn Niemand diene der unwiſſenden, boshaften und nach Skandal lüſter⸗ nen Neugier gern zum Gegenſtande des Geſpöttes. Der Marquis, der ſo ziemlich vom Alter ſeiner Frau war, ſchien zwanzig Jahre älter zu ſein; er war kalt von Natur, methodiſch durch Erziehung und fand nur am Studium Geſchmack; das Studium war ſeine Leidenſchaft und ſein Steckenpferd, denn er ſtand nicht auf jener geiſtigen Höhe und hatte nicht jene Sicherheit des Urtheils, welche dieſer Leidenſchaft, wie jeder andern, ihre nothwendigen Gränzen zieht. Er hatte eine Akademie gegründet, der er präſidirte, und der er oft ſogar in Abweſenheit ihrer Mitglieder präſidirte. Er liebte in dieſer Eigenſchaft ſehr die Berichte, Protokolle und Reden; ohne den gefälligen Beiſtand der Marquiſe würde er mich mit ſeinem Vorleſen erdrückt haben. In ſeinem Familienwappen hatte er eine Fliege angebracht, mit folgendem lateiniſchen Spruche: Deme C. Es war dies eine Anſpielung auf ſeinen Familiennamen; wenn man von dem lateiniſchen Worte musca das e wegnahm, ſo blieb musa übrig. Solche Albernheiten beſchäftigten ihn ſehr; ſeine vortreffliche Frau lächelte dazu und zuckte die Achſeln. Der einzige Fehler, in welchem der Marquis bis zum Ueber⸗ maaße ging, war die Frömmigkeit und Orthodoxie; er war ein ſtrenger Katholik. Er ſchmeichelte ſich, nie die Gränze überſchritten zu haben, jenſeits welcher nequit consistere rectum. Es bleibt nur die Frage, ob es nicht ſchlimmer iſt, dieſſeits der Gränzlinie zu bleiben, als ſie zu überſchrei⸗ ten. Ich unwürdiger Menſch mache keinen Anſpruch, die Frage zu entſcheiden. Die größten Geiſter, die umfaſſend⸗ ſten Intelligenzen haben in dieſer Beziehung immer eine ſehr bedeutungsvolle Zurückhaltung an den Tag gelegt. Horaz hat irgendwo geſagt: Nulla mihi est religio*) und den⸗ noch zieht er in einer ſeiner ſchönſten Oden gegen die Phi⸗ *) Ich habe keine Religion. XVIII. w 2 18 loſophen zu Felde, welche die Anbetung der Gottheit ange⸗ griffen haben. Was iſt hieraus anders zu folgern, als daß jedes Uebermaaß ſchädlich iſt und daß alle Tugend in der richtigen Mitte beſteht? Während meines Aufenthalts in Peſaro durchblätterte ich die Sammlung des Marquis. Vergeblich ſuchte ich zwei der fescenniniſchen, priapiſchen Gedichte und eine Menge andrer Fragmente des Alterthums, die ſich in faſt allen Bibliotheken Italiens, namentlich im Vatican, im Manu⸗ ſcripte finden. Das Werk bewies weniger die Gelehrſamkeit und den Scharfſinn ſeines Herausgebers als ſeine Neigung für gelehrte Forſchungen; denn ſeine ganze Arbeit beſchränkte ſich darauf, daß er alle Gedichte geſammelt und in chrono⸗ logiſche Ordnung gebracht hatte. Er hatte keine Anmer⸗ kungen, keinen Commentar hinzugefügt; es war eine wahre Compoſition. Ueberdieß ließ, wie ich ſchon geſagt, der Druck viel zu wünſchen übrig; die Typen waren dick und unrein, das Papier grob, die Ränder klein, die Druckfehler ſehr zahl⸗ reich. Das Werk hatte keinen Erfolg; es verkaufte ſich nicht, und da der Marquis nicht reich war, ſo erklärte ich mir hieraus den Unfrieden in ſeiner Familie und das Fa⸗ miliengeheimniß, welches alle Familien ſo gut bewahren. Dagegen gaben mir die Abhandlung über das Almoſen und das Verbot dieſes Werks eine ziemlich gute Meinung von ſeiner Wiſſenſchaft und ſeinem Talente. Er hatte, ohne es zu ahnen, dem römiſchen Hofe ziemlich grobe Wahrhei⸗ ten geſagt. Im Grunde hatte er Recht; wer wird aber wohl gegen Rom je Recht behalten? Um ſeinen und der chriſtlichen Welt Beifall zu erlangen, muß man alle ſeine Grundſätze annehmen und den Mißbräuchen, welche es in Gebräuche verwandelt hat, ſeinen Beifall geben. Man wird mich vielleicht fragen, warum ich mich nicht in Peſaro einſchiffte, um nach Trieſt zu gelangen, und umſomehr, als keine Herzensangelegenheit oder irgend ein Geſchäft mich nach Ancona rief. Ich muß darauf antwor⸗ ten, daß ich nach Ancona ging, weil ein gewiſſes Ich weiß nicht was mich dorhin zog. Ich bin immer ſehr abergläu⸗ biſch geweſen; mein Leben zeigt dies hinlänglich. Wie So⸗ 8 ₰ 3„ 8 1 4 it α ☛ — & ᷣ W — — A — N — r 8 8 — A N — 19 erates habe ich meinen spiritus familiaris, der mir öfter von einem Entſchluſſe abräth, als er mir dazu räth. Die⸗ ſer gute oder böſe Geiſt beherrſcht mich in jedem Augen⸗ blicke und ohne daß ich es weiß; er macht ſeinen Einfluß auf jede meiner Handlungen geltend und beſtimmt mein ganzes Benehmen. Ich bin immer überzeugt geweſen, daß dieſer Genius nur mein Glück wolle; ich bin daher unter allen Umſtänden ſeinen Befehlen gefolgt, wenn nicht die Gelegenheit es anders mit ſich brachte. Als ich eben in Ancona einfahren wollte, bat mich der Führer des Wagens, einen Juden neben mir ſitzen zu laſſen, der gut dafür bezahlen wolle. Mir liegt wenig daran, ob Du bezahlſt? Der Wagen gehört mir; ich werde Niemand aufnehmen und am aller⸗ wenigſten einen Juden. Aber, Signor, es iſt ein anſtändiger Jude, der durch⸗ aus Chriſt zu ſein verdient. Ich möchte lieber zu Fuße gehn, als in ſolcher Geſell⸗ ſchaft fahren. Aber ſogleich vernehme ich jene geheime Stimme, die Stimme meines guten Genius, welche mir befiehlt, den Ju⸗ den trotz meiner uͤblen Laune aufzunehmen. Ich rufe dem Fuhrmanne zu und der Israelit nimmt an meiner Seite Platz. Seine Phyſiognomie war ſanft, obwohl häßlich, ſein Benehmen furchtſam und wohlwollend. Ich werde ſuchen, Ew. Herrlichkeit nicht läſtig zu fal⸗ len, ſagte er. Sie werden mir nicht läſtig fallen, wenn Sie ſchweigen, Ich ſehe, daß meine Nation Ihnen nicht zuſagt. Nicht Ihre Nation, ſondern Ihre Religion ſagt mir nicht zu, da deren verabſcheuenswerthe Grundſätze Sie ver⸗ pflichten, die Chriſten zu haſſen und zu betrügen. Uebri⸗ gens iſt ein Jude immer auch Wucherer, und ich habe meine guten Gründe, dieſe Brut nicht zu lieben. Ich könnte Ihnen antworten, daß wir Haß mit Haß erwidern, aber ich würde meinen Stamm verläumden. Ge⸗ hen Sie in unſre Synagogen, mein Herr, und Sie werden 2* 8 20 hören, wie wir zum Ewigen für unſre Brüder, die Chriſten, beten. Das heißt für ihr Heil, wie Sie es verſtehn. Das Gebet iſt auf Ihren Lippen, aber das Herz iſt voll Läſte⸗ rungen und Flüche; Ihre Mäßigung iſt nur ſcheinbar, ſie beweiſt Ihre Geſunkenheit und Schwäche. Geben Sie zu, daß Sie uns verabſcheuen oder ich laſſe Sie ausſteigen. Der arme Jude machte den Mund nicht mehr auf. Ich ſchämte mich dieſes Ausfalls und um mich zu ent⸗ ſchuldigen, ſagte ich: Ich bin Ihnen nicht böſe; Sie haben dieſe Abneigung beim Leſen des alten Teſtaments einge⸗ ſogen, welches den Juden beſiehlt, die Feinde unter allen Umſtänden zu haſſen und ihnen möglichſt viel Böſes zu thun. Vor Erſtaunen machte er große Augen und mit ſeinem Kopfſchütteln, denn er wagte nicht mehr zu ſprechen, ſchien er mir ſagen zu wollen: Unſere Religion befiehlt uns das nicht. Nun gut, ſo geben Sie mir Ihre Hand und ſagen Sie mir Ihren Namen. Mardochai. Wolan, Freund Mardochai, haben Sie Kinder? ℳ Fünf Knaben und ſieben Mädchen. Ich werde bei Ihnen wohnen, ſo lange ich in An⸗ cona bleibe. Die Familie des ehrlichen Israeliten behandelte mich wie einen Patriarchen. Um ſie für dieſe gute Aufnahme zu belohnen, traktirte ich ſie mit Cyperwein; ich hatte den venetianiſchen Conſul darum gebeten, einen Mann von altem Schlage, der ohne mich zu kennen und auf meinen bloßen Ruf hin ſich viel mit mir beſchäftigt hatte und ſehr wünſchte mich kennen zu lernen. Dieſer gute Conſul war luſtig wie ein Pantalon und grotesk wie ein Polichinell; er war ein vollendeter Diplomat, und ſeine Fähigkeiten nutzten ſich in einer zu geringen Sphäre ab; da er ein feiner Weinſchmecker war, verſchaffte er mir ächten Scopolo⸗Wein; er fiel wie aus den Wolken, als er erfuhr, daß die bachiſche Flüſſig⸗ keit für einen Juden beſtimmt ſei. Dieſer Mardochai, ſagte 23 der Opferer opferte ſie an demſelben Tage. Es war dies ein doppeltes Liebesglück, und wie mir wohl ahnte, das letzte. Um dieſe Zeit, vielleicht zum erſtenmale in meinem Leben, ſtellte ich eine traurige Selbſtbetrachtung an, beklagte mein früheres Benehmen, fluchte den Fünfzigern, auf welche ich mit vollen Segeln losſteuerte, wiegte mich in keine Illu⸗ ſion mehr ein, und ſagte mir zu meinem Bedauern, daß ich keine andre Ausſicht mehr habe als die Unannehmlichkeiten des Alters, ohne Stellung und Vermögen, mit zweideu⸗ tigem Rufe und unnützem Bedauern. Um dieſe ſchmerz⸗ lichen Betrachtungen loszuwerden und auch zu einem mo⸗ raliſchen Zwecke habe ich dieſe Memoiren geſchrieben, welche vielleicht ein zu aufrichtiges Bild meines Lebens geben; man mag ſte veröffentlichen, wenn man will, mir liegt wenig daran, denn ich bin völlig enttäuſcht. Am 11. November, nach einem Aufenthalte von zwei Monaten verließ ich Ancona; nach vierundzwanzigtägiger Schifffahrt gelangte ich nach Trieſt. Ich ſtieg im erſten Gaſthofe der Stadt ab; der Wirth fragte mich nach meinem Namen, ſchien ſich zu bedenken und ſagte dann, ich ſolle gut bewirthet werden. Am folgenden Tage holte ich meine Briefe von der Poſt. In der Korrespondenz meines Freun⸗ des Dandolo fand ich ein offnes Billet des Patriciers Marco Dono an den Baron Pittoni, den Vorſtand der Trieſter Polizei, dem er mich ſehr warm empfahl. Ich eilte ſogleich zu Pittoni und überreichte ihm ſelbſt das Billet. Ohne mich anzuſehn oder anzuhören nimmt derſelbe den Brief kalt hin, ſteckt ihn in die Taſche, ſagt, er ſei von meiner Ankunft ſchon unterrichtet und verabſchiedet mich. Von da ging ich zum Juden Moſes Levi, dem Korrespondenten meines Freundes Mardochai, der mich ebenfalls mit einem Empfehlungsbriefe, deſſen Inhalt ich nicht kannte, verſehen hatte. Dieſer Levi war ein reicher Mann, ohne alle Um⸗ ſtände, liebenswürdig und heiter; ich hatte den Brief auf ſein Bureau gelegt, ohne mich bei ihm einführen zu laſſen; bald darauf kam er zu mir und bot mir ſeine Dienſte und hundert Zechinen an, welche Mardochai zu meiner Verfü⸗ gung ſtellte. Ich war Mardachai Dank ſchuldig; ich be⸗ 4 1 zeigte ihm daher auch meine Dankbarkeit in einem langen Briefe und erbot mich, meinen ganzen Einfluß in Venedig für ihn zu verwenden. Welcher Unterſchied zwiſchen dem herzlichen Benehmen des Juden Levi und der eiſigen Höf⸗ lichkeit des chriſtlichen Barons Pittoni! Nichtsdeſtoweniger fehlte es dieſem Pittoni, der zehn Jahre jünger als ich war, weder an Geiſt noch an Lebens⸗ art. Er war wie ich Junggeſelle aus Syſtem, ein großer Frauenjäger, ein guter Tiſchgenoſſe und Freund aller Lebe⸗ männer; ich habe meine Aufnahme immer einer Zerſtreut⸗ heit zugeſchrieben. Er war großmüthig bis zur Ver⸗ ſchwendung und hatte eine entſchiedene Abneigung gegen das thörichte Geſetz des Mein und Dein; die Sorge für ſein Haus und ſeine Finanzen überließ er einer Art von Intendanten, der ihn auf eine ſchimpfliche Weiſe beſtahl; Pittoni wußte es, ließ ihn aber gewähren. Da die Faul⸗ heit eine Wonne für ihn war, ſo hatte er eine ſolche Ge⸗ wohnheit der Nachläſſigkeit und Vergeßlichkeit angenommen, daß man ihm mit Recht den Vorwurf machte, er vernach⸗ läſſige die erſten Pflichten ſeines Amts; man warf ihm auch vor, daß er bei jeder Gelegenheit und wiſſentlich lüge; das iſt aber eine Verläumdung, von welcher ſein Andenken ge⸗ reinigt werden muß. Er log nicht, er ſagte bloß nicht die Wahrheit, und zwar aus Nachläſſigkeit und Vergeßlichkeit; ſo war der Mann, wie ich ihn während eines Monats ver⸗ trauter Bekanntſchaft hatte kennen lernen, denn wir wur⸗ den vertraut; er hat mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen und das Unpaſſende ſeines erſten Empfanges aufrichtig anerkannt. Als ich meine nöthigſten Beſuche abgemacht hatte, dachte ich daran, alle Dokumente zu ordnen, welche ich in Bezug auf die polniſchen Ereigniſſe ſeit dem Tode der Kai⸗ ſerin von Rußland, Eliſabeth Petrowna, in Warſchau ge⸗ ſammelt; denn ich wollte die Geſchichte der innern Unruhen dieſes Staats von ihrem Urſprunge an bis zur erſten Thei⸗ lung dieſes Reichs geben, einer ungerechten Theilung, welche Curopa in Brand zu ſetzen drohte. Ich hatte dieſes Er⸗ eigniß in einer kleinen Schrift vorausgeſagt, welche zu der 4 V . U An SZa —— u 2⁵ Zeit erſchien, wo der Reichstag durch die Wahl Ponia⸗ towskis die Czarin als Kaiſerin von Rußland und den Kurfürſten von Brandenburg als König von Preußen an⸗ erkannt hatte. Mein Hauptzweck war, die Welt mit den Folgen bekannt zu machen, welche dieſe Theilung haben mußte; das Werk wurde dieſem Plane gemäß bearbeitet, aber ich konnte dem Publikum nur die drei erſten Theile übergeben, weil mein Drucker ſeinen Verpflichtungen nicht nachkam. Man wird unter meinen Manuſeripten nach mei⸗ nem Tode die drei andern Theile finden; mir iſt wenig daran gelegen, ob man ſte veröffentlicht oder nicht; ich habe mein ganzes Leben lang nicht an die Zukunft gedacht; warum ſollte ich jetzt daran denken! Das Königreich Polen, welches noch fortbeſteht, würde ohne den Ehrgeiz des Hauſes Czartoryski noch mit dem⸗ ſelben Glanze wie zur Zeit des Todes Auguſts lll. fort⸗ beſtehn. Der Graf Brühl, erſter Miniſter des Kurfürſten von Sachſen, hatte dieſen Ehrgeiz verletzt und die Citelkeit der Familie gedemüthigt. Um ſich wegen der Verachtung eines ſtolzen Miniſters zu rächen, trug Auguſt Czartoryski, Palatin von Rußland, kein Bedenken, ſein Vaterland in den Abgrund zu ſtürzen. Es fehlte ihm nicht an Bildung aber verblendet durch die Leidenſchaft und Rachſucht, unter⸗ drückte er jedes Gefühl des Patriotismus und handelte ſo der geſunden Vernunft zuwider. Nicht nur wollte er das kurfürſtliche ſächſiſche Haus vom Throne ausſchließen, ſon⸗ dern auch das regierende Haus entthronen. Zur Aus⸗ führung dieſes Plans mußte er auf die Freundſchaft der Kaiſerin und des Königs von Preußen rechnen können, welche beide er deshalb auch vom Reichstage anerkennen ließ. Allein unter dieſer Bedingung willigten die aus⸗ wärtigen Fürſten ein, ſich mit der Republik zu verſtändigen. Indeß hatte ſie ausgezeichnete Gründe, dieſer Sanktion ihre Anerkennung zu verweigern, da ſie die bedeutendſten Provinzen des ruſſiſchen Reichs beſaß und das Königreich Preußen wirklich unter ihrer Herrſchaft ſtand, indem der Kö⸗ nig nur über das Herzogthum dieſes Namens regierte. Der Fürſt Czartoryski, welcher der Stimme der Vernunft —troe-·——B—ͤ·ꝛᷓ————— ——————-/O—— 26 ſein Ohr ſchloß und nur der Rachſucht Gehör gab, über⸗. redete den Reichstag, daß dieſe Anerkennung etwas rein* Formelles ſei, daß die Monarchen ſich mit den Titeln be⸗ gnügen und ſich ſogar verpflichten würden, ſie nie geltend zu machen. Dieſe Erklärung wurde für genügend gehalten, und der Senat unterzeichnete die verhängnißvolle Aner⸗ kennung. Fünf Jahre ſpäter erhielt der Palatin die Genug⸗ thuung, daß der Sohn ſeiner Schweſter Konſtantia, Sta⸗ nislaus Poniatowski, als König von Polen gekrönt wurde. Als dieſer Fall eintrat, erklärte ich Czartoryski, daß die Höfe von Rußland und Preußen ihre vermeintlich illuſo⸗ riſchen Rechte, die ihnen auf eine ſo leichtſinnige Weiſe zu⸗ geſtanden worden waren, geltend machen würden und daß auf das dem Reichstage gegebene Verſprechen, ſie in Vergeſ⸗ ſenheit zu laſſen, nicht gerechnet werden dürfte; ich fügte ſogar hinzu, daß man nicht die Titel gefordert haben würde, wenn man nicht ſchon damals den Plan gehabt hätte, ſpäter Ge⸗ wicht auf ſie zu legen. Ich ſagte ihm lächelnd voraus* (denn ich konnte mit dem Fürſten von dieſen ernſten Sachen nur im Tone des Scherzes ſprechen), daß von dieſem Tage an Europa die Krone Polen als bloße Inhaberin von Weiß⸗, Roth⸗ und Schwarzrußland und des Königreichs Preußen betrachte, und daß die unmittelbaren Nachfolger— der damals anerkannten Fürſten nicht ermangeln würden, dem Königreiche Polen die Laſt dieſer Garantie abzunehmen. V Indeß muß ich ſagen, daß meine Hypotheſen ſich nicht ver⸗ wirklichten, da dieſe Fürſten ſich ſelbſt in Polen theilten, ohne ihrer Titel zu erwähnen. Dieſe Theilung führte zur gänzlichen Zerſtückelung des Reichs, die im vorigen Jahre (1793) ſtattgefunden hat. Der polniſche Reichstag, deſſen Präſident und Seele Czartoryski war, beging einen unverzeihlichen Fehler; bei Gelegenheit des Schutzes vergaß er die Fabel vom Men⸗ ſchen und Pferde. Die abenteuerlichen Polen vergaßen auch die römiſche Geſchichte; ſie hätten wiſſen müſſen, daß die Römer nur deshalb Herren der Welt wurden, weil ſie mit dem Patronate anfingen und mit der Herrſchaft aufhörten. Jeder Monarch, deſſen Schutz ein Land, welches es auch ſei, ͤ—.———,— 27 in Anſpruch nimmt, muß denſelben in ſeinem eignen In⸗ tereſſe bewilligen. Dies iſt ein erſter Schritt, der zur Vor⸗ mundſchaft führt, aus einem Vormunde wird ein Vater, und wer in ſolchem Falle Vater ſagt, ſagt auch Herr. So iſt Venedig zum Beſitze Cyperns gelangt, welches der Sul⸗ tan ihm ſpäter abgenommen hat, um den hier wachſenden Wein zu erndten, trotz Mahomed und ſeinem Koran, der den Muſelmännern den Gebrauch deſſelben unterſagt. Ve⸗ nedig ſelbſt exiſtirt nicht mehr, denn es wird beſchützt; wenn aber auch ſein Name von der Karte weggewiſcht ſein wird, wird es im Andenken der Menſchen als eine Erinne⸗ rung der Unterdrückung und Schande fortleben. Alſo der Ehrgeiz, die Rachſucht und der Unverſtand eines einzigen Individuums richteten Polen zu Grunde. Dieſer Unverſtand, die Folge der Trägheit und Leichtgläu⸗ bigkeit, dieſer Mangel an Vorausſicht und Conſequenz in den Ideen und Plänen hat immer den Untergang der Reiche herbeigeführt. Wie viele Beiſpiele könnte ich nicht für dieſes Grundgeſetz allgemeiner Politik anführen! Jeder entthronte Herrſcher hat dem geſunden Menſchenverſtande ins Geſicht geſchlagen. Die Wahrheit des Regierenden bildet allein die Stärke des Staats und ihre Kraft iſt die Bürgſchaft ihrer Dauer. 8 Am 1. Decbr. ließ mir der Baron Pittoni ſagen, ich möge wegen einer dringenden Angelegenheit zu ihm kommen. Da dieſe Aufforderung von der Polizei kam, ſo ſpitzte ich die Ohren, denn ſie und ich ſind nie gute Freunde geweſen. Eine neue Unannehmlichkeit fürchtend gehe ich alſo zu Pit⸗ toni. Der Lakai ſagt mir, es ſei Jemand da, der ſehr nach mir verlange. Ich trete ein und erblicke einen ſehr ſchönen, mit großer Eleganz gekleideten Mann, der mir die Arme öffnet. Ich ſtürze in dieſelben, denn mein Herz ſagte mir, daß es Herr Zaguri ſei. Sie ſind es, ſagte ich ſehr bewegt, denn ich finde auf Ihren Zügen den Charakter Ihrer Briefe wieder. Ja, mein lieber Caſanova, es iſt Ihr Freund Zaguri. Als ich von Dandolo erfahren, daß Sie in Trieſt ſeien, faßte ich den Entſchluß, hieher zu reiſen, um Sie zu um⸗ — ———— — V b 28 armen und Ihnen zu Ihrer Rückkehr in Ihr Vaterland wenn nicht in dieſem, ſo doch im nächſten Jahre, Glück zu wünſchen. Ich habe allen Grund zu hoffen, daß wir in einem Vierteljahre neue Inquiſttoren bekommen werden, die nicht ſtumm und taub wie die jetzigen ſein werden. Ihr wohlwollender Schritt erfüllt mich mit Dank⸗ barkeit. In der That ſind Sie mir einigen Dank ſchuldig, denn um Sie zu ſehn, habe ich meine Pflichten als Avocador vergeſſen, die mir verbieten, die Stadt zu verlaſſen; aber ich ſchenke Ihnen dieſen Tag und den morgenden, und kehre dann wieder nach Venedig zurück. Deer Baron, Zeuge dieſes Empfangs, gerieth in Ver⸗ wirrung; er ſtammelte Entſchuldigungen, beklagte ſich über ſein ſchlechtes Gedächtniß und verſprach mir ſeinen Beſuch. Der Unglückliche war in der That ſo vergeßlich, daß er mich nicht einmal erkannte. Wie! rief Zaguri aus; ſeit vierzehn Tagen iſt der be⸗ rühmte Caſanova in Trieſt und mein Freund Pittoni kennt ihn nicht! Aber Sie, Marco Monti fuhr er fort, ſich an einen Greis wendend, der mich neugierig betrachtete, Sie haben ihn bei ſich geſehn? Ich wußte nicht, daß er angekommen war. Sie, Konſul von Venedig, waren von der Ankunft eines Ihrer Landsleute in Trieſt nicht unterrichtet? Das iſt meine Schuld, ſagte ich zuvorkommend, ich fürchtete ſchlecht aufgenommen zu werden. Sie wiſſen, daß ich von den Delegirten von Venedig oft als Kontrebande betrachtet werde. Ich für meinen Theil, erwiderte geiſtreich der Konſul, halte Sie von jetzt an fur eine Waare, die in Trieſt Qua⸗ rantaine hält, ehe ſie nach Venedig abgeht, und mein Haus ſteht Ihnen offen.— Dieſe Antwort Marco Montis zeigte mir, daß er meine wahre Stellung kannte. Er war ein Mann von Geiſt, er⸗ probt durch langes Ungluck, welches ihm ſeine natürliche Heiterkeit nicht geraubt hatte; er ſprach beſſer als ein ge⸗ ſchriebnes Buch und hatte die unſchätzbare Gabe, Jeden durch — —, —= TR SͤäS— 2 G&ᷓ—D 2 +—— s — 29 ſeine Erzählung zu erheitern und das noch ſeltnere Talent, nie über das, was er erzählte, zu lachen. Wenn ich ſelbſt ein Talent habe, ſo iſt es dieſes. Wir beide wetteiferten in luſtigen, ernſthaft vorgetragenen Geſchichten. Obwohl er dreißig Jahre älter als ich war, hielt er mir Stand, wo wir auch ſein mochten, außer beim Spiele, welches er ver⸗ abſcheute. Ich hatte das Glück, der Freund dieſes vortreff⸗ lichen Mannes zu werden und dieſe Freundſchaft wurde mir außerordentlich nützlich während der zwei Jahre, die ich in Trieſt blieb. Ihm und Zaguri verdankte ich meine Gnade und Zurückberufung, den einzigen Gegenſtand meiner Wünſche. Ohne dieſe beiden Freunde hätte mich das Heimweh ge⸗ tödtet. Glücklich wäre ich geweſen, wenn ich daſſelbe hätte los werden können und mein undankbares Vaterland nie wiedergeſehn hätte! — Einhundertundneunzehntes Kapitel. Ich kinde Moroſini wieder.— Madame ges.— Dienſte, welche ich dem Gerichtshoke der Staatsinquiſi- toren leiſte.— Goertz. 4 Ich begleitete Herrn Zaguri nach Goertz, wo er drei Tage bleiben mußte, da er ſich nicht den Ehrenbezeugungen entziehen konnte, mit welchen ihn der Adel der Stadt über⸗ häufte. Ich wurde überall mit ihm aufgenommen. Die Freundſchaftsbeweiſe, welche mir ein venetianiſcher Advocador gab, ſetzten mich ſchnell in großes Anſehn; ich war nicht mehr ein gewöhnlicher Verbannter, ich wurde eine wichtige Perſon, welche die Aufmerkſamkeit der venetianiſchen Re⸗ gierung auf ſich zog. Es war allgemein anerkannt, daß ich mein Vaterland einzig und allein verlaſſen, um einer un⸗ gerechten Gefangenſchaft zu entgehn, und die Regierung, 8 ——— 1 1 1 b 1 39 ₰ deren Geſetze ich in keiner Weiſe verletzt, war nicht mehr berechtigt, mich als einen Schuldigen zu betrachten. Ich wurde in Trieſt beim Gouverneur der Stadt, Grafen Auersperg und beim Grafen von Cobentzel, der vielleicht noch lebt, empfangen; er war ein Weiſer in der höchſten Bedeutung des Worts; er vereinigte die umfaſſendſte Bildung mit den ſchönſten Seeleneigenſchaften und war ganz frei von Anſprüchen. Er gab Herrn Zaguri ein Feſt, wo ich den Grafen Torres traf, deſſen in Spanien geborner Vater Generallieutenant in öſterreichiſchen Dienſten geweſen war. Er hatte im ſechszigſten Jahre eine geiſtreiche und ſchöne Frau geheirathet, welche ihm fünf Kinder ſchenkte, die aber ſo häßlich wie ihr Vater waren: ſeine älteſte Toch⸗ ter ſchien mir ziemlich liebenswürdig trotz ihrer Häßlichkeit; ſie hatte den Charakter und den Geiſt ihrer Mutter. Der älteſte Sohn ſchielte, hatte eine poſſenhafte und tolle Phan⸗ taſie, war ein großer Aufſchneider und ausſchweifend aus Temperament und Princip. Obwohl er ziemlich geſchwätzig und boshaft war, ſah ich ihn doch gern in der Geſellſchaft, weil er gut erzählte und Lachen erregte. Da er ein un⸗ geheures Gedächtniß beſaß, ſo würde er wirkliche Bildung erlangt haben, wenn er mit einigem Fleiße an die Arbeit gegangen wäre. Er hatte die Güte ſich für einen Kontrakt zu verbürgen, den ich mit dem Buchhändler Valerio Valeri wegen Herausgabe meiner Geſchichte der„polniſchen Un⸗ ruhen“ eingegangen war. Ich wurde auch dem Grafen Coronini vorgeſtellt, der ſich im„Journal des Savants“ einen Namen gemacht hatte; er war einer von jenen alten Büfflern in us, denen man gern den Namen eines Ge⸗ lehrten giebt, um ſich die Mühe ihre Schriften zu leſen zu erſparen. Die Werke dieſes Coronini waren in lateiniſcher Sprache fabrizirt und behandelten das Völkerrecht und die Diplomatie. Ein junger Mann von Stande, Morelli mit Namen, wenn ich nicht irre, hatte die Geſchichte von Goertz geſchrieben. Er ſchickte mir die Aushängebogen des erſten Bandes mit der Bitte das Werk in meinen Mußeſtunden zu leſen und ihm meine Meinung zu ſagen. Ich nahm das Paket, machte es nicht auf und ſagte zu dem jungen Manne, —x — „— —— ł——— e—ℳõ — dA —— u———— u—— ⏑νꝗ RA—— ——— V— u— — — 31 ſein Werk ſei gut. Er ſchwur mir ewige Freundſchaft. Wahrſcheinlich wäre der entgegengeſetzte Fall eingetreten, wenn ich mir hätte einfallen laſſen, das Buch aufzumachen und meine Bemerkungen am Rande beizufügen. Eine von den Perſonen, welche mir in Trieſt große Theilnahme einflößten, war der Graf Franz Coronini, wel⸗ cher mit dem Gelehrten nur den Namen gemein hatte. Da er in den Niederlanden verheirathet war und ſich nicht in den Charakter ſeiner Frau finden konnte, ſo hatte er ſie ver⸗ laſſen, um ſich ungeſtört mit der Jagd zu beſchäftigen. Er lebte wie ein gemäßigter Epikuräer, und machte diejenigen lächerlich, welche behaupteten, es könne keinen vollkommen glücklichen Menſchen auf Erden geben. Er citirte ſich als ein lebendiges Beiſpiel des entgegengeſetzten Satzes und be⸗ hauptete, ihm werde das Glück nie fehlen. Indeß hat ihn der Tod ſehr ſchwer enttäuſcht; er ſtarb an einem Kopf⸗ geſchwür unter ſchrecklichen Leiden im fünfunddreißigſten Jahre ſeines glüͤcklichen Lebens. Es iſt gewiß, daß Nie⸗ mand gleich glücklich oder unglücklich iſt; wer könnte ſonſt wohl das Gluͤck von Seinesgleichen beurtheilen! Es iſt dies ein rein relativer Gegenſtand, der eben ſo ſehr vom Cha⸗ rakter wie vom Zuſammentreffen der Umſtände, alſo vom Zufalle abhängt. Man wird ebenſowenig beweiſen können, daß die Tugend allein glücklich mache; man muß dieſen tröſtlichen, aber abgeſchmackten Glauben eingefleiſchten Py⸗ thagoräern überlaſſen; denn es giebt Tugenden, deren Aus⸗ übung Kämpfe erfordert und Schmerzen verurſacht; aber Schmerz und Glück ſind zwei Begriffe, die ſich aus⸗ ſchließen. Pittoni und ich brachten den würdigen Zaguri bis an die Grenze des venetianiſchen Gebiets und kehrten zuſam⸗ men nach Trieſt zuruck. Der Abbé Pinochi, ein geiſtlicher Advokat, der ſich durch ſeine Geſchicklichkeit, Ehen zu löſen, berühmt gemacht hatte, begleitete Herrn Zaguri auf ſeiner Reiſe nach Trieſt, und beſtimmte den Grad der Achtung, welche die Einwohner mir bis zu meiner Abreiſe bezeug⸗ ten. Pittoni ſtellte mich in allen achtbaren Häuſern vor und führte mich im Kaſino ein. Dieſe Geſellſchaft, welche 32 aus angeſehenen Leuten beſtand, verſammelte ſich in dem Hauſe, welches der Polizei⸗Direktor bewohnte. Ich ſah hier Pittoni's Geliebte, eine proteſtantiſche Venetianerin, Toch⸗ ter eines deutſchen Kaufmanns und die Frau David Piche⸗ lings, eines ſchwäbiſchen Kaufmanns. Pittoni war in ſie verliebt und blieb es bis zu ſeinem letzten Athemzuge; er liebte ſie dreizehn Jahre lang mit jener Liebe, welche Pe⸗ trarca für die ſchöne Laura fühlte, er ſeufzte und hoffte wie dieſer, aber ohne Erfolg. Dieſe außerordentliche Frau, welche unter dem Namen Zinetta noch bekannter war, und deren Mann das Vertrauen ſelbſt war, war ſehr hübſch. Sie hatte zwei Eigenſchaften, welche ſich ſelten vereinigt fin⸗ den; ſte war eine gute Haushälterin und ſehr muſtkaliſch gebildet; aber eine unverwüſtliche Heiterkeit, eine engliſche Sanftmuth übertrafen bei ihr alle andern Gaben der Na⸗ tur. Ich wollte mich durch eigne Erfahrung über⸗ zeugen, ob ihre Tugend ſo unerbittlich ſei, wie man ſagte, und ich überzeugte mich, daß ſie unangreifbar ſei. Ich vertraute Pittoni das Reſultat meiner Beobachtungen und ſagte ihm voraus, daß er nie etwas von ihr erlangen werde. Er nahm darauf keine Rückſicht. Allerdings zeich⸗ nete ſie ihn unter dem Haufen ihrer Anbeter aus, ohne jedoch je von der unverletzlichen Treue abzuweichen, die ſie ihrem Manne verſprochen und die ſie ſich ſelbſt gelobt. Einige Tage nach Herrn Zaguri's Abreiſe erfuhr ich, daß der Procurator Moroſini angekommen und in meinem Hauſe wohne. Der gute Marco Monti meldete mir dies und rieth mir, demſelben meine Aufwartung zu machen. Das war auch meine Abſicht, denn ich wußte, welchen Ein⸗ fluß Herr von Moroſini durch das von ihm bekleidete Amt und ſeine politiſchen Talente erhielt; übrigens kannte er mich ſeit meiner Kindheit. Der Leſer hat wohl nicht ver⸗ geſſen, daß er mich 1750 in Fontainebleau dem Marſchall Richelieu vorſtellte, zur Zeit, wo Madame Querini Se. Majeſtät Ludwig XV. zu feſſeln ſuchte. Ich machte große Toilette, als ob ich mich einem Mo⸗ narchen hätte vorſtellen wollen und begab mich zu Herrn Moroſini, der ſich des Lachens nicht enthalten konnte, als + ☛σ A A —— 33 er ſah, in welche Toiletten⸗Unkoſten ich mich geſetzt. Kaum hatte ich ihm die Gründe meines Aufenthalts in Trieſt und meinen Wunſch nach Venedig zurückzukehren auseinander⸗ geſetzt, als er mir verſprach, Alles aufzubieten, um mir die Verzeihung des furchtbaren Gerichts zu erwirken; er glaubte nicht, daß ein Mann wie ich genöthigt ſei, nach ſiebenzehn⸗ zähriger Verbannung noch länger zu warten. Er dankte mir für die Mühe, die ich mir in Florenz für ſeinen Nef⸗ fen gegeben, eine ſehr angenehme Mühe, und behielt mich bis zum Abend bei ſich, um ſich die verſchiedenen Ereig⸗ niſſe meines Lehens erzählen zu laſſen. Die Erzählung dauerte lange. Herr von Moroſini wurde nicht müde, mich anzuhören. Er freute ſich zu hören, daß Herr Zaguri mich unter ſeinen Schutz genommen, und er forderte mich auf, ihm zu ſchreiben, damit ſie in Uebereinſtimmung für mich handeln könnten; endlich empfahl er mich dem guten Kon⸗ ſul in den freundlichſten Ausdrücken. Dieſer war um ſo mehr darüber erfreut, als er in offiziöſer Korreſpondenz mit dem Secretair des Gerichtshofes ſtand und er ihn von den Zeichen der Theilnahme, die der Procurator mir gegeben, in Kenntniß ſetzen und ihm demgemäß melden konnte, daß er in Folge jener Stimmung die größten Rückſichten für mich haben werde. Nach der Abreiſe Moroſini's befand ich mich in Trieſt in einem ſehr behaglichen Zuſtande. Ich that Alles, was von mir abhing, die Annehmlichkeiten meines Aufenthalts fortdauern zu laſſen nnd mit der Sparſamkeit zu le⸗ ben, welche der Stand meiner Angelegenheiten erforderlich machte. Ich hatte nur noch ein feſtes Einkommen von fünfzehn Zechinen monatlich; aber ich hatte durchaus auf's Spiel verzichtet und aß regelmäßig bei denjenigen meiner Freunde, welche mich ein⸗ für allemal eingeladen hat⸗ ten; es waren beſonders die Konſuln von Venedig und Frankreich. Als ich gegen Ende des Karnavals den Ball beſuchte, der im Schauſpielſaale gegeben wurde, wurde ich von einer als Arlechin verkleideten Maske angeredet: XVIII. 3 ———— .34 42 Du biſt Giacomo Caſanova? ſagte ſie zu mir. Damit ſagſt Du mir nichts Neues. Weshalb biſt Du hierher gekommen? Um Dich ſprechen zu hören. Im ſelben Augenblick zog ſeine Colombine mich beim Arme und ſagte, indem ſie mir mit dem Finger drohte: O, ich erkenne Dich! Bei Gott, das iſt nicht ſchwierig. Lüfte Deine Maske ein wenig, dann kann ich Dir vielleicht daſſelbe ſagen. Du biſt ein alter Schelm, der hierher kömmt, um ir⸗ gend ein Mädchen zu verführen. Gewiß; aber ich ſehe kein verführeriſches. Alſo verſchwiegen, ſehr gut. Sage gerade heraus, welche Donna Dich hierhergebracht hat? Du ſollſt es ſein, wenn Du willſt. Du würdeſt gut angeführt werden, wenn ich Dich beim Worte nehme. Verſuche? Colombine näherte ſich nun meinem Ohr und ſagte zu mir: In einer halben Stunde unter dem großen Kron⸗ leuchter. Im Augenblick, wo mich das Paar verließ, ſagte Stint Sauveur, der franzöſiſche Konſul, lachend zu mir: Sie kennen dieſe beiden Masken? Das Mädchen iſt ſehr hubſch.. 14 Deſto beſſer, denn ſie hat mir ein Stelldichein ge⸗ geben. Der junge Mann iſt eine ſehr liebenswürdige Krea⸗ tur; was hat er Ihnen ins Ohr geſagt? Wie, Arlechine iſt ein Mann und Arlechin iſt eine Frau? Ich habe nie eine ſo täuſchende Metamorphoſe geſehn! Ich verſichere Ihnen, daß Arlechin geeignet iſt, in ſeinen Mädchenkleidern Ihre Theilnahme zu erregen. In der That erhielt ich am Ende des Balls Gelegen⸗ heit mich davon zu überzeugen. Da der Konſul ſich erbot, mich der Familie dieſer jungen Leute, welche Bruder und Schweſter waren, vorzuſtellen, ſo ließ ich mich den zweiten »ßß.8— ͤ eim 3⁵ Faſtentag hinführen. So lernte ich Madame Leo kennen, eine geiſtreiche und mit ihren niedlichen Schwächen ſehr lie⸗ benswürdige Frau. Sie war verheirathet, aber Witwe und hatte fünf ſehr angenehme Töchter. Arlechin erregte meine ganze Aufmerkſamkeit; ich verliebte mich in das junge Mädchen, eine alte Geſchichte, die aber diesmal keine Epi⸗ ſoden hatte. Da ich mir nicht verhehlen konnte, daß ich dreißig Jahre älter war als dieſe junge Perſon, ſo be⸗ gnügte ich mich, ihr die ganze Zärtlichkeit eines Vaters zu bezeigen. Ich glaube indeß, daß die Liebkoſungen, mit wel⸗ chen ich ſie überſchüttete, nicht weſentlich den väterlichen Charakter hatten; indeß hütete ich mich, ihr Beweiſe meiner Liebesleidenſchaft zu geben und meine ſehr verſchämten An⸗ ſprüche hatten keinen lächerlichen Erfolg. Nach dem Oſterfeſte des Jahres 1773 wurde der Graf von Auersberg, damals Gouverneur von Trieſt, nach Wien berufen, und der Graf von Wagensberg erhielt nun den Befehl des Platzes. Die Gräfin Lantieri, die älteſte Toch⸗ ter des neuen Gouverneurs, war ſchön wie ein Engelv; ſie entzündete in meinem Herzen eine Liebe, welche mich ge⸗ wiß unglücklich gemacht hätte, wenn ich nicht Gewalt ge⸗ nug gehabt hätte, um ſie unter dem Scheine der tiefſten Ehrfurcht zu verbergen. Ich feierte die Ankunft des Gra⸗ fen in einem Gedichte, welches ich drucken ließ, und wel⸗ ches mir drei Monate meines ſchmalen Einkommens koſtete. Alle Huldigungen, welche ich der Tochter beſtimmte, legte ich unter das Couvert des Grafen. Dieſe kleine Arbeit gefiel ihr und ſie ließ mich zu ihrem Cirkel zu. Der Graf gab mir laut den Namen eines Freundes und bewies mir ſeine Freundſchaft durch ein Vertrauen, von welchem ich einige weſentliche Vortheile zog. Das war ſein Wunſch, und obwohl er ſich nichts davon merken ließ, war es doch leicht zu ſehn, daß er mir pecuniär nützlich werden wollte. Eines Tages ſagte der Konſul zu mir, ſeit vier Jah⸗ ren bemühe er ſich vergeblich, von der öſterreichiſchen Re⸗ gierung zu erwirken, daß die Diligence, welche wöchent⸗ lich von Trieſt nach Meſtre gehe, eine Station mehr mache und über Udine gehe, die alte Hauptſtadt des venetianiſchen 3* Littorale's. Dieſe Veränderung war bedingt durch das Han⸗ delsintereſſe der beiderſeitigen Staaten, aber der Magiſtrat von Trieſt wollte ſich nicht dazu verſtehen, einzig und al⸗ lein, weil Venedig es wünſchte.„Was die Republik wünſcht, ſagten dieſe tiefen Politiker, iſt ihr vortheilhaft, und was ihr vortheilhaft iſt, das iſt uns nothwendig ſchädlich.“ Der Konſul fügte hinzu: das Gelingen dieſer Unterhandlung würde meine Sache bei den Herrn vom Gerichte ſehr vor⸗ wärts bringen und mir das Recht geben, wenn auch nicht auf völlige Gnade, ſo doch wenigſtens auf das Wohlwol⸗ len meiner Richter zu rechnen; übrigens könne ich die Sorge, meine Dienſte in der Art geltend zu machen, daß mir die ganze Ehre bleibe, ihm überlaſſen. Sogleich ging ich zum Gouverneur und brachte die Sache aufs Tapet. Er war davon unterrichtet und mißbil⸗ ligte die Hartnäckigkeit der Handelskammer, aber er konnte mir von keiner Huͤlfe ſein, da dieſer Gegenſtand außer ſei⸗ nen amtlichen Befugniſſen lag. Er theilte mir mit, daß die Oppoſition vom Rathe Rizzi ausgehe, der ſeine Kol⸗ legen durch eine Menge Scheingründe fortgeriſſen; endlich rieth er mir, eine Denkſchrift zu entwerfen, in welcher ich die Sache nach allen Geſichtspunkten unterſuchen und be⸗ weiſen ſollte, daß die vorgeſchlagene Veränderung zum Vor⸗ theile von Trieſt ausfallen müſſe, welches ein Freihafen ſei, während Udine nur einen unbedeutenden Handel hätte. Er verpflichtete ſich überdieß, dieſe Denkſchrift der Kammer zu übergeben, ohne zu ſagen wer der Verfaſſer ſei, ſich den Anträgen derſelben als Gouverneur anzuſchließen und die Kammer zur Beibringung ihrer Einwendungen aufzufor⸗ dern, zugleich aber zu erklären, daß wenn ſie nicht durch⸗ greifend befunden würden, er ſie mit ſeiner motivirten Vor⸗ ſtellung nach Wien ſchicken würde. Da ich des Erfolgs ziemlich ſicher war, ſo verfaßte ich eine derartige Denkſchrift, gegen welche nur Chikanen und kein einziger guter Grund vorgebracht werden konnte. Die Kammer faßte den weiſen Beſchluß, nachzugeben, und es wurde feſtgeſtellt, daß die Diligence in Zukunft durch Udine 1 37 gehen ſolle. Kaum war dieſer Beſchluß gefaßt worden, als mir auch ſchon der Graf von Wagensberg eine Abſchrift deſſelben zuſchickte. Ich brachte ihn dem Konſul, und auf ſeinen Rath und unter ſeinen Augen ſchrieb ich dem Se⸗ cretair des Tribunals der Inquiſitoren: ich ſchätze mich glücklich, Ihren Excellenzen eine Gefälligkeit haben erweiſen zu können; es ſei nun ihre Sache, zu beurtheilen, ob ich durch dieſen Dienſt verdient, in mein Vaterland zurück zu kehren. Die Regierung veröffentlichte die neue Beſtimmung erſt zehn Tage ſpäter, ſo daß der Konſul von Udine durch den Gerichtshof Kenntniß davon erhielt, ehe die Sache in Trieſt bekannt wurde. Ich ſelbſt bekam keine Antwort vom Seeretair des ſchweigſamen Gerichtshofes, aber nach Ver⸗ lauf eines Monats erhielt der Konſul Befehl, mir eine Gra⸗ tiſikation von 400 Dukaten auszuzahlen. Als dieſer Um⸗ ſtand bekannt wurde, verbreiteten Uebelwollende das ver⸗ läumderiſche Gerücht, man habe den goldnen Schlüſſel ge⸗ braucht, um in das Gewiſſen der Richter einzudringen und die neue Anordnung ſei das Reſultat einer Intrigue. Marco Monti, der den Auftrag hatte, mir die ſo wohl ver⸗ dienten vierhundert Dukaten zu übergeben, theilte mir den Brief des Secretairs des Gerichtshofes mit; in dieſem war geſagt, die Gratifikation habe den Zweck, mich zur aus⸗ dauernden Hingebung für die Republik zu ermuthigen, und ich dürfe Alles von der Nachſicht des Gerichtshofes erwar⸗ ten, wenn es mir gelinge, mich mit demſelben Erfolge der Angelegenheit der Armenier zu erledigen, die der Konſul mir anzuvertrauen beauftragt ſei. Monti weihte mich augenblicklich in dieſe neue Ange⸗ legenheit ein. Ich ſah ſogleich, daß ich mit der Sache nicht zu Stande kommen würde; indeß überhob mich das nicht der Verpflichtung zu handeln. Es handelte ſich um Folgendes: Vier armeniſche Mönche aus dem Kloſter St. Laza⸗ rus in Venedig, hatten, der Tyrannei ihres Superiors müde, die Flucht ergriffen, und auf öſterreichiſchem Gebiet ihre Zuflucht geſucht. Da ſie alle Viere von reichen und ange⸗ 38 ſehenen Familien in Konſtantinopel abſtammten, ſo trotzten ſie den Drohungen und der Excommunication des Priors, der ſie als Apoſtaten behandelte. Sie waren nach Wien gegangen, um in den Staaten des Kaiſers eine Zuflucht zu ſuchen und hatten verſprochen, falls man ihnen die Erlaub⸗ niß dazu geben wolle, in der Hauptſtadt des Reichs eine armeniſche Druckerei zu begründen; ſie verpflichteten ſich für die Begründung der Anſtalt, ſo wie für den Ankauf des Hauſes hunderttauſend Gulden herzugeben, und unter dem Schutze des Kaiſers traten ſie als eine von der Gewalt eines Priors unabhängige Geſellſchaft zuſammen. Die öſter⸗ reichiſche Regierung bewilligte ihnen nicht nur ihre For⸗ derungen, ſondern verlieh ihnen auch gewiſſe Privilegien. Der Hauptzweck dabei war, der Republik Venedig dieſen wichtigen Handelszweig zu entreißen; man ſchickte alſo die armeniſchen Mönche von Wien nach Trieſt mit den drin⸗ gendſten Empfehlungsbriefen. Zur Zeit meiner Ankunft waren ſie ſchon ſeit einem halben Jahre in dieſer Stadt. Es war ſehr natürlich, daß die Staatsinquiſitoren ihre Rückkehr nach Venedig dringend wünſchten; als aber alle direkten Aufforderungen ſcheiterten, verſprachen ihnen die Inquiſitoren, daß ihnen der Prior vollſtändige Genugthuung geben ſolle, falls ſie ins Kloſter zurückkehren wollten. Zu⸗ gleich wurden tauſend geheime Triebfedern in Bewegung geſetzt, um ſie ihren Plänen abwendig zu machen. Marco Monti geſtand mir, daß er bis jetzt vermie⸗ den, ſich mit dieſer Sache zu befaſſen, deren Erfolg ihm ſehr zweifelhaft ſcheine; er äußerte, daß ich Zeit und Mühe dabei verlieren würde. Ich war davon überzeugt. Vernünftiger Weiſe durfte ich nicht hoffen, daß der Gouverneur mich hierbei, wie bei der andern Angelegenheit mit ſeinem Einfluſſe und ſeinem Wohlwollen unterſtützen würde. Ich ſah wohl ein, daß er nicht einmal vermuthen dürfe, daß ich die Armenier von der Ausführung ihres Plans abwendig zu machen ſuche. Ich beſuchte die Mönche unter dem Vorwande, ihre Anſtalt zu beſehn, für welche ſie eine große Menge Typen hatten gießen laſſen. In Zeit von einer Woche hatte ich ihr Vertrauen gewonnen. Als ſie ——,,—— res iche von 39 eines Tages von ihren Zwiſtigkeiten mit dem Direktor ſpra⸗ chen, ſagte ich zu ihnen, ſie würden wohlthun, nach Ve⸗ nedig zurückzukehren, um die Wirkungen der Excommuni⸗ cation zu vermeiden, welche ſie ſich zugezogen. Bei dieſem Schritte, erwiderte der Hartnäckigſte, wür⸗ den wir nichts weiter gewinnen, als eine Abſolution und einen andern Superior, aber das iſt nicht unſer Wunſch. Wir erwarten andere Lazariſten aus Konſtantinopel, um ein neues Kloſter in Trieſt zu gründen. Aber unter welchen Bedingungen würden Sie ſich dazu verſtehn, in Ihr Kloſter nach Venedig zurückzukehren? Zunächſt müßte der Prior ſich den Schatz unſers Or⸗ dens wiedergeben laſſen, den er dem Marquis Serpos an⸗ vertraut hat; er hat nicht das Recht, ohne unſere Einwil⸗ ligung über dieſe Summe zu verfügen. Dieſer Serpos, ein armeniſcher Kaufmann, braucht blos Bankrott zu ma⸗ chen, um unſere ganze Anſtalt zu Grunde zu richten. Wollen Sie mir die Verfolgung Ihrer Reclamation anvertrauen? Haben Sie noch andre? Das Uebrige betrifft nur einige Punkte der Diszi⸗ plin, über welche wir uns leicht verſtändigen werden. So knüpfte ich die Unterhandlungen an; ich machte daraus einen Bericht, welchen ich dem Konſul übergab. Er ſchickte ihn dem Gerichtshofe, welcher mir lange darauf ant⸗ wortete, der Prior würde Mittel finden, die ſtreitige Summe in der Bank niederzulegen, zuvor aber wünſche er zu wiſ⸗ ſen, über welche Punkte der Disziplin die vier Fluͤchtlinge ſich zu beklagen hätten. Dieſe Antwort vereitelte meine Anträge. Ich beſchloß daher auch, nicht weiter zu gehn, es war augenſcheinlich, daß die Parteien ſich nicht verſtändigen würden. Ich wurde vollends beſtimmt, die Sache aufzugeben, als der Graf von Wagensberg gegen mich äußerte, er ſei über meine For⸗ derungen erſtaunt und betrübt; er fügte hinzu, ich könne dieſen Plan nicht durchführen, ohne dem Intereſſe eines Staats zu ſchaden, der mich gut aufgenommen, und es ſei meine Pflicht, ſo zu handeln, wie ich ſelbſt behandelt worden. 4 4 1 —— Nach dieſen Eröffnungen hielt ich mich für verpflich⸗ tet, dem Grafen ein vollſtändiges Geſtändniß abzulegen. Ich ſchwor ihm zu, daß es mir nie eingefallen ſein würde, dieſe Unterhandlung anzuknüpfen, wenn ich nicht von ihrem Scheitern überzeugt geweſen wäre, da ich von Venedig die Nachricht bekommen, daß Serpos ſich in der Unmöglichkeit befinde, das Kapital zurück zu erſtatten. Er billigte meine Gründe und die Sache blieb dabei. Die Armenier kauften das Haus des Rathes Rizzi und richteten ſich in dem⸗ ſelben ein. Ich ſah ſie wieder, ohne daß von Venedig die Rede geweſen wäre. Um dieſe Zeit gab mir der Graf einen neuen Beweis ſeines Wohlwollens. Ich war eines Tages in ſeinem Ka⸗ binet, als er auf eine lange Depeſche weiſend, ſagte: Es iſt zu bedauern, daß Sie nicht Deutſch verſtehn; hier iſt eine Sache, deren Leitung Ihnen Ehre machen könnte. Es han⸗ delt ſich in wenigen Worten um Folgendes, aber ſagen Sie Niemand, daß ich Sie davon in Kenntniß geſetzt; welchen Erfolg übrigens auch die Sache haben mag, ſo können Sie aus meiner Mittheilung für ſich ſelbſt Nutzen ziehn. Ich verſprach ihm Alles, was er wollte und er fuhr fort: Alle Waaren, welche wir jetzt aus der Lombardei be⸗ kommen, berühren das venetianiſche Gebiet oder gehen di⸗ rekt nach Venedig. Nachdem ſie dort die Steuerunterſu⸗ chung beſtanden, werden ſie als Tranſitgut in die Maga⸗ zine gebracht. Das iſt bis jetzt geſchehn, wird aber nicht ferner ſtatthaben, wenn ſich nicht die venetianiſche Regie⸗ rung dazu verſteht, den Tranſitzoll um die Hälfte zu ver⸗ mindern; die vier Prozent, welche wir jetzt bezahlen, ſind übertrieben! Man hat meinem Hofe vorgeſchlagen, Unter⸗ handlungen anzuknüpfen, um eine Abänderung des Tarifs zu erlangen; der Plan iſt gebilligt worden, und hier iſt der Befehl, der mich davon in Kenntniß ſetzt. Es iſt mir anbefohlen worden, ihn zur Ausführung zu bringen, ohne den Herrn in Venedig Kenntniß davon zu geben: es iſt dies eine neue adminiſtrative Maaßregel, welche keine vor⸗ hergehende Unterhandlung zwiſchen befreundeten Mächten erfordert, denn Sie wiſſen wohl, daß in Tarifangelegenhei⸗ —— ——— — u àA K A 8*— -18 SSER R w —— 41 ten jeder Staat unabhängig iſt: entweder man bezahlt, was man bezahlen muß, oder man vermeidet den Durch⸗ gang durch fremdes Gebiet; Niemand hat das Recht ſich zu beklagen. Das iſt unſere Lage, in Zukunft werden die Waaren, welche wir nach der Lombardei ſchicken, nicht mehr durch das Gebiet der Republik gehn; wir transportiren ſie nach Mezzola, einem kleinen Hafen, welcher dem Herzoge von Modena gehört, am adriatiſchen Meere uns gegenüber gelegen iſt, und welchen wir in einer Nacht erreichen kön⸗ nen; hier wird man Magazine erbauen. So werden wir den Weg um die Hälfte verkürzen und dem Herzoge von Modena einen Zoll bezahlen, welcher kaum den dritten Theil ſo hoch iſt als der, welchen wir jetzt an Venedig bezahlen. Rechnen Sie die Zeit⸗ und die Gelderſparniß hinzu, und Sie werden die Vortheile unſers Plans begreifen. Ich bin nichts⸗ deſtoweniger überzeugt, daß wenn Ihre Regierung ſich ge⸗ neigt zeigt, den Zoll auf die Hälfte herunterzuſetzen, die Sachen auf dem alten Fuße bleiben werden, denn jede neue Maaßregel, beſonders auf dieſem Gebiete, hat große Schwie⸗ rigkeiten, verurſacht Koſten und Auslagen und ſetzt den Handel Verlegenheiten aus, welche unmöglich vorherzuſehn ſind. Ich werde die Sache erſt in vier bis fünf Tagen vor die Handelskammer vringen: wir werden uns nicht beeilen; an Ihnen iſt es nun, ſchnell zu handeln. Ich wünſche, durch Ihre Vermittlung in dem Augenblicke, wo ich mich zur Ausführung der Maaßregel anſchicke, von Wien aus den Befehl zu ihrer Einſtellung zu erhalten. In einem Augenblicke umfaßte ich alle Einzelheiten die⸗ ſer Angelegenheit und wünſchte mir Glück zu dem Dienſte, den ich den Herrn Inquiſitoren würde leiſten können, wenn ich ſie unverzüglich von einer für ihre Intereſſen ſo bedroh⸗ lichen Maaßregel in Kenntniß ſetzte. Man kennt die ſon⸗ derbaren Anſprüche dieſes Gerichtshofes, welcher immer etwas darin geſucht hat, Alles, wovon man ihn unterrichtet, im Voraus gewußt zu haben. Sein Zweck iſt immer ge⸗ weſen, von der Ausdehnung ſeiner Wirkſamkeit und den Hülfsmitteln ſeiner geheimen Polizei eine hohe Vorſtellung zu geben. Ich dankte dem Grafen nachdrücklich für den 42 Dienſt, den er mir leiſtete; ich verſprach ihm, mich ſogleich ans Werk zu machen und meinen Bericht den Inquiſito⸗ ren zuzuſchicken ſobald ich ihn beendet haben würde. Ich ſpeiſte an dieſem Tage nicht zu Mittag, ein außerordent⸗ licher Umſtand; in fünf Stunden war Alles fertig, Bericht, Reinſchrift und Abſchrift. Ich brachte die Abſchrift dem Gouverneuer, der meine Schnelligkeit ſehr lobte; er fand an meiner Arbeit nichts zu tadeln und ich lechs ſie ſodann dem Konſul vor. Marco Monti wurde förmlich betrübt dar⸗ über und fragte mich, ob ich auch ſicher ſei, bei Sinnen zu ſein. Es ſchien ihm unmöglich, daß ohne ſein Wiſſen eine ſo wichtige Frage verhandelt werde und daß ich allein in Trieſt Kenntniß davon habe. Ich wiederholte ihm münd⸗ lich, was ich ſchon ſchriftlich am Ende meines Berichts er⸗ wähnt, nämlich, daß ich mit meinem Kopfe für die Rich⸗ tigkeit der Thatſachen einſtehe, ihn aber zugleich bitte, mich nicht zu fragen, wie ich dieſelbe erfahren. Er bedachte ſich einige Augenblicke und ſagte endlich, er könne dieſen Be⸗ richt nicht direkt den Inquiſitoren zuſchicken, werde ihn aber den fünf Sachverſtändigen von Venedig, deren Mandatar er wäre, zukommen laſſen. 1 Es iſt unumgänglich, ſagte ich ſogleich, daß die In⸗ quiſitoren direkt durch mich die Vollſtreckung einer Maaß⸗ regel erfahren, welche ſie zu Grunde zu richten droht; Sie begreifen den Grund meiner Beharrlichkeit und wie viel mir daran gelegen ſein muß, denſelben einen Dienſt zu er⸗ weiſen. Dann ſchicken Sie mir gefälligſt Ihren Bericht cou⸗ vertirt und verſiegelt, und fügen Sie ein Billet an meine Adreſſe bei, in welchem Sie mich auffordern, jenen dem Gerichtshofe direkt zuzuſchicken. Warum, mein lieber Monti, wollen Sie, daß ich Ih⸗ nen ein ſolches Mißtrauen bezeige? Weil ich mich nicht zum Bürgen der Authenticität der Thatſache machen will, ich will durchaus von dieſer Ange⸗ legenheit nicht eher etwas wiſſen, als bis ich durch die Oef⸗ fentlichkeit davon in Kenntniß geſetzt werde. Wenn Sie Recht haben, wie ich jetzt nicht mehr bezweifle, erfährt die — 43 Regierung die Sache und vor Ablauf von acht Tagen wird ſie für Niemand mehr ein Geheimniß ſein. Dann werde ich meinen Bericht erſtatten und habe meine Pflicht erfüllt. Könnte ich aber nicht meinen Becicht dem Gerichtshof direkt zuſchicken? Thun Sie das ja nicht; zunachſt würde man Ihnen nicht glauben und ſodann irden Sie mir ſchaden; end⸗ lich mürde Shaen auch? eerichtshof keinen Pfennig ge⸗ ben: höchſtens würde er phnen den Empfang beſcheinigen. Sie ſind der Sache ſicher, nicht vahr? Sie können alſo nichts Beſſeres thun, als daß Sie Ihren Bericht durch Vermittlung des Konſuls an den Gerichtshof gelangen laſ⸗ ſen, das heißt, Sie ſtellen einen Wechſel auf Sicht aus und ſichern ſich für immer die Achtung unſrer Regierung. Aber ſehen Sie ſich wohl vor, denn wenn Ihr Rath chimäriſch iſt, ſind Sie verloren: Sie verleiten den ſchrecklichen Ge⸗ richtshof zu einem falſchen Schritt, der Ihnen theuer zu ſtehn kommen wird. Ich folgte dem Rathe meines klugen Freundes, ſchrieb das Billet, welches er verlangte und adreſſirte es an Se. Excellenz den Grafen Antonio Felipo Bu... i, Präſidenten des Rathes und Verwandten des Gouverneurs, unter deſ⸗ ſen Verwaltung ich den Bleidächern entflohen war. Am folgenden Tage vernahm Herr von Wagensberg zu ſeiner Freude, daß am vorigen Tage Alles abgemacht worden. Er wiederholte mir, daß der venetianiſche Kon⸗ ſul vor dem folgenden Sonnabend keine offizielle Anzeige erhalten werde. Während der fünf Tage, die bis zu die⸗ ſem Sonnabend verfloſſen, war ich von der tödtlichen Un⸗ ruhe des guten Monti aufs Höchſte gerührt. Aus Zart⸗ gefuhl ſprach er nicht von der Sache, und ich ſeufzte, daß ich ihn nicht meinetwegen beruhigen konnte. Scobhbald die neue Maaßregel verfügt war, äußerte der Rath Rizzi gegen mich, er betrachte ſie als einen ſchreck⸗ lichen Streich gegen die Intereſſen der Nepublik; er konnte ſeine Freude nicht bemeiſtern und verließ mich mit der Ueberzeugung, daß binnen Kurzem der Handel von Vene⸗ 44 dig zerſtört und der Wohlſtand von Trieſt geſichert ſein werde. Marco Monti war entgegengeſetzter Anſicht: er behauptete, Venedig werde bei dieſer Aenderung wenig ver⸗ lieren, und ein Schiffbruch im Meerbuſen werde Trieſt mehr koſten, als ihm die Abgabe in zehn Jahren einbrin⸗ gen könne; übrigens würden die deutſchen Spediteure un⸗ ter der Herabſetzung des Tarifs leiden, weil die Transport⸗ koſten größer werden würden. Er begleitete ſeine Erklärun⸗ gen mit einem lauten Lachen, welches mir durchaus diploma⸗ tiſch ſchien. In ſo kleinen Handelsplätzen wie Trieſt, fuhr er fort, hat man das Talent, Kleinigkeiten in Gegenſtände von der größten Bedeutung zu verwandeln und verabſäumt die wichtigſten Intereſſen, um ſich mit unbedeutenden Sachen zu beſchäftigen. Ich ſpeiſte an jenem Tage bei ihm zu Mittag, aber die Anfälle von Heiterkeit waren jetzt verſchwunden, und er eröffnete mir ſein Herz. Er theilte mir ſeine Unruhe und Beſorgniß mit. Was glauben Sie, daß man in Venedig thun werde, um dieſen Schlag abzuwehren? Niichts. Das iſt unmöglich. Nichts, ſage ich Ihnen. Man wird den Rath ver⸗ ſammeln und viel ſpyuachen, aber keinen Entſchluß faſ⸗ ſen. Einſtweilen wird Oeſterreich ſeine Waaren nach Mez⸗ zola ſenden.* Deſto ſchlimmer für die Republik und für mich. Monti hatte richtig gerathen. Er hatte noch an dem⸗ ſelben Tage ſeinen Vorgeſetzten Mittheilung von der neuen Maaßregel gemacht; man erwiderte ihm, Ihre Excellenzen ſeien ſchon auf außerordentlichem Wege davon in Kennt⸗ niß geſetzt worden und er habe daher Notiz von den Reſul⸗ taten zu nehmen und dem Rathe darüber Bericht zu er⸗ ſtatten. Einen Monat ſpäter zeigte er mir einen Brief des General⸗Secretairs, welcher ihn beauftragte, mir eine Gra⸗ tification von hundert Dukaten und eine monatliche Pen⸗ ſion von zehn Zechinen auszuzahlen, um mich zu veran⸗ laſſen, dem Staate auch ferner zu dienen. Das war ein — ——— —— ——— /,ͤ 8 G& RN KANN u RK a — 8 — 45 halber Erfolg, der mir als Vorbedeutung meiner Begna⸗ digung gegen Ende des Jahres galt. Der Leſer wird ſich wohl denken, daß es mir nicht unangenehm war, mich plötzlich im Solde meiner Feinde zu ſehn, und der Gegen⸗ ſtand der Aufmerkſamkeiten des ſchrecklichen Gerichtshofs geworden zu ſein, der mich verfolgt und deſſen Macht ich getrotzt hatte. Es war ein wahrer Triumph, auf den ich ſtolz ſein mußte; es war übrigens der einzige, auf den ich rechtmäßig Anſpruch machen konnte; ich hielt es alſo für meine Ehrenpflicht, der Republik von jetzt an in Allem zu dienen, was nicht mit dem unverjährbarem Völkerrechte in Widerſpruch ſtand. Im Anfange des Sommers wurde ich der Held eines kleinen Abenteuers, welches die Stadt ſehr beluſtigte. Ich hatte bei Monti einen Grafen Straſoldo kennen gelernt, einen ziemlich hübſchen Jungen, der ein Freund des Vergnügens und Geldausgebens, aber ſehr arm war und daher tief in Schulden ſteckte, und zwar ſo ſehr, daß er ſich nur noch zu Pferde in den Straßen von Trieſt zeigte, um den Verfol⸗ gungen ſeiner Gläubiger deſto ſchneller entgehn zu können. Da der junge Graf indeß liebenswürdig, geiſtreich, höflich war und gut zu leben verſtand, ſo ſah er oft Geſellſchaft bei ſich; ich hatte mehrmals in Geſellſchaft des Konſuls und Pittoni's bei ihm zu Mittag gegeſſen. Er hatte in ſeinem Dienſte eine junge Bäuerin aus Kärnthen, welche wir Alle teſzen fanden, der ich mich aber nicht zu nähern wagte, da ich wußte, daß er verliebt und ſehr eiferſüchtig war. rotz meines lebhaften Wunſches, dem jungen Mäd⸗ chen etwas weiß zu machen, hatte ich mich den Umſtänden gefügt; ich bewunderte ſie und machte ihr Complimente in Gegenwart ihres Herrn, dem ich zum Beſitze eines ſolchen Schatzes Glück wünſchte; aber ich hatte nie mit ihr allein geſprochen. Straſoldo wurde durch den Grafen Auersberg, ſeinen Verwandten, der ihn liebte und ſeine Ernennung zum Kreis⸗Kapitain in Polen bewirkte, nach Wien berufen; er hatte ſein Mobiliar heimlich verkaufen laſſen und ſtand auf dem Punkte abzureiſen und ſeinen Gläubigern durchzugehn. Wir glaubten Alle, er würde ſeine ſchöne Kärnthnerin mit⸗ 46 nehmen; in welches Erſtaunen gerieth ich aber, als ich Abends nach Hauſe komme und ſie auf meinem Zimmer finde! Sobald ſie mich erblickte, kam ſie mir entgegen und ſagte naiv: Ich bin es, ich erwartete Sie. Und der Graf? Er wird ohne mich abreiſen; ich will ihm nicht nach dem häßlichen Lande folgen, wohin er ſich begiebt; ich ziehe es vor, in Trieſt bei einem anſtändigen Herrn zu bleiben. Ich bin zu Ihnen gekommen; ich hoffe, daß Sie nicht die Grauſamkeit haben werden, mich wegzuſchicken. Gott bewahre mich, meine Schöne! Du biſt geeignet, überall gut aufgenommen zu werden. Hier biſt Du in Si⸗ cherheit, und ich ſchwöre Dir zu, daß Niemand dieſes Zim⸗ mer betreten ſoll, ſo lange es Dir belieben wird, hier zu bleiben; wenn es aber wahr iſt, daß der Graf in Dich verliebt iſt, wie man ſagt, ſo wird er ſich nicht entſchlie⸗ ßen können, allein abzureiſen. Es iſt wenigſtens wahr⸗ ſcheinlich, daß er morgen noch in Trieſt bleiben und Dich überall ſuchen wird.— Ueberall, ausgenommen hier. Zwin⸗ gen Sie mich nicht, mein Herr, dieſen Zufluchtsort zu ver⸗ laſſen wenn ihm auch mein böſer Genius den Gedanken eingeben ſollte, mich hier zu ſuchen. Ich gebe Dir mein Wort darauf, aber ich habe nur ein Bett; wie werden wir uns einrichten? Sie lächelte und ſenkte die Augen. Das war ein glücklicher Fund, den ich meinem guten Stern ünd der Gelegenheit verdankte. Ich verlebte eine köoſtliche Nacht mich Freuden genießen, d wohnt war Wie ich vorausgeſehn, kam Straſoldo um neun Uhr Morgens zu mir ins Haus; Pittoni folgte ihm. Ich gehe ihnen entgegen, während ſie ſich gerade mit meinem Wirthe unterhalten. Der Wirth giebt mir durch einen Wink zu verſtehn, daß er verſchwiegen geweſen; aber der junge Graf ſetzt nichtsdeſtoweniger mit Pittoni’'s Unterſtützung ſeine Nachforſchungen fort; ſie gehen ins Kaſino, in den gemein⸗ ſchaftlichen Saal; ſite durchſuchen die Küche, die Bedienten⸗ ——᷑——˖— —;——— ——9—. * X SE N 2— 2 N N R N 47 ſtuben und ſelbſt den Boden; endlich laſſen Sie die Miether bitten, ihnen den Eintritt in ihre Privatwohnungen zu ge⸗ ſtatten. Ich ſagte zur Kärnthnerin, welche Lenzica hieß, man werde nun auch bei uns bald Nachſuchung halten. Ich habe mich unter Ihren Schutz geſtellt. Ich weiß es, theure Freundin. Sie ſollen aber ſehn, wie ich Ihren Verfolger empfangen werde. Einen Augenblick darauf klopfte Straſoldo an meine Thür. Ich mache nicht auf. Warum nicht? 8 Ich habe Contrebande hier. Iſt es meine Kärthnerin? Eben die. So habe ich ſie ja gefunden. Noch nicht. Ich hoffe, Sie werden ſie nicht wider meinen Willen behalten. Sie wollen, daß ich ſie Ihnen wider ihren Willen aus⸗ liefere; ich habe ihr mein Ehrenwort gegeben, daß ihr bei mir Niemand Gewalt anthun ſoll, und ich werde mein Wort halten. Wer ſpricht denn von Gewalt? Machen Sie nuͤr auf; ich werde mit ihr ſprechen und ſie wird mir freiwillig fol⸗ gen; Sie ſollen ſehn. Lenzica hörte Alles; ſie ſagte: Laſſen Sie ihn nur herein; ich werde ihn gut empfangen. . So ſtehn ſie ſich alſo gegenüber: der Graf iſt wüthend, ſchluckt aber ſeinen Zorn hinunter; Pittoni lächelt und ich verziehe keine Miene. Nun fragt Lenzica Straſoldo, ob ſie ihn beſtohlen, oder ob ſie eine Verpflichtung gegen ihn ein⸗ gegangen, ob ſie mit einem Worte das Recht habe, ihn zu verlaſſen. Der Graf beantwortet die beiden erſtern Fragen mit Nein und die letzte mit Ja. Nun, ſo verlaſſe ich Sie, ruft das junge Mädchen aus. Herr Graf, ſage ich mit feierlichem Tone, Sie haben ſich Ihr Urtheil ſelbſt geſprochen. 3 48 Aber aus welchem Grunde? Sie muß einen Grund angeben.— Es iſt mein Wille, antwortet Lenzica. Ich will nicht nach Wien gehn; das wiederhole ich Ihnen ſeit acht Tagen, Wenn Sie ein Ehrenmann ſind, werden Sie mir meinen Koffer herausgeben; was mein Gehalt betrifft, ſo werden Sie, da Sie jetzt nichts haben, mich ſpäter bezahlen. Nach den letzten Worten legte ſich plötzlich der Zorn des Grafen; er nahm eine reuige Miene an, welche mir kein Mitleiden einflößte. Er ließ ſich ſogar zu Bitten und Thränen herab, um ſeine Magd zu rühren; ich glaubte nicht, daß ſich ein Edelmann ſo weit erniedrigen könne. Pittoni fertigte ich ab, da derſelbe mit ſeiner gewöhnlichen Leicht⸗ fertigkeit behauptete, ich müſſe das Mädchen aus meinem Zimmer entfernen. Das Mädchen iſt bei gutem Verſtande und mehr als Sie, denn Sie laſſen es ſich einfallen mir zu ſagen, was ich thun ſoll. Werden Sie nicht böſe; die Sache iſt nicht der Mühe werth; ich wußte nicht, daß Sie ſo ſterblich in ſie verliebt waren, und Sie müſſen dieſe Nacht weit gekommen ſein. Endlich nahm Pittoni den Grafen mit ſich fort, der die Kärnthnerin unaufhörlich beſturmte. Sobald ſie drau⸗ ßen waren, erging ſich dieſe in Dankſagungen. Das Ge⸗ heimniß unſrer Bekanntſchaft war offenbar geworden, und ich ließ ein Mittagseſſen für zwei Perſonen bringen. Das Ko⸗ miſche war, das der arme Graf ſich nicht vom Hauſe ent⸗ fernte; er blieb bis ſechs Uhr vor der Thür mit ſeinem Wagen und lauerte ihr auf. Ich verſprach meiner Schö⸗ nen, ſie vor ſeiner Abreiſe nicht zu verlaſſen. Am Abend bekam ich einen Beſuch von Marco Monti, dem ſich der Graf eröffnet hatte; der gute Konſul erbot ſich zum Vermittler. Trotz Ihrer diplomatiſchen Talente, ſagte ich, wird Ihre Unterhandlung ſcheitern; und ich erzählte ihm das ganze Abenteuer. Er gab mir Recht und nannte Straſoldo einen Narren. Indeß war ſeine Narrheit zu entſchuldigen, da Lenzica wirklich reizend war. Ich trennte mich von ihr N u Sn n A ͤN * 49 mit Schmerzen; ſie wollte nach Laybach zu ihrer Tante zu⸗ rückkehren und ich begleitete ſie bis zwei Meilen vor der Stadt, die Straſoldo ſchon verlaſſen hatte. Dieſer arme junge Mann nahm ein beklagenswerthes Ende; in Wien erhielt er eine gute Stellung, machte aber neue Schulden und ſeine Wuth Anleihen zu machen, veranlaßte ihn, die Hand an Staatsgelder zu legen. Da ſeine Beſchützer die Sache nicht erſticken konnten, mußte er nach der Türkei flüchten; er ſetzte hier den Turban auf und beſuchte das Grab des Propheten in Mekka, wie ein ächter Gläubiger thut, obwohl er dies nicht war; er wurde zuletzt Paſcha von zwei oder drei Roßſchweifen und wegen einiger Miſſe⸗ thaten, über die ich nichts Näheres habe erfahren können, ſtrangulirt. Zur ſelben Zeit kam der venetianiſche General Pal⸗ manova, ein edler Patricier aus der Familie der Rota, nach Trieſt, um dem Grafen von Wagensberg einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. Der Prokurator Erizzo begleitete ihn. Ich wurde ihnen vom Gouverneur vorgeſtellt, und ſie waren ſehr ver⸗ wundert, mich hier zu finden. In dieſem Angenblicke mel⸗ dete der Konſul, daß die Felucke zu einer Spatzierfahrt be⸗ reit ſei. Madame Lantieri ladet mich ſo wie ihren Vater ein, an der Partie Theil zu nehmen, und die drei edlen Ve⸗ netianer, von denen mir der eine unbekannt war, ſchließen ſich ihren Bitten an. Ich antworte aus Höflichkeit nur mit einer Bewegung des Kopfes, welche weder ein Ja noch ein Nein war, und fragte den Konſul, von welcher Partie die Rede ſei. Wir wollen ein Kriegsſchiff der Republik beſuchen, welches an der Einfahrt des Hafens vor Anker liegt. Und der Herr, ſagte ich auf den Unbekannten weiſend, iſt wahrſcheinlich der Kapitain des Schiffs? Mich nun zur Gräfin wendend, ſagte ich zu ihr: Ma⸗ dame, eine gebieteriſche Verpflichtung beraubt mich der Ehre, Sie zu begleiten. Es iſt mir ſtreng unterſagt, venetiani⸗ ſches Gebiet zu betreten. Alſobald fangen Alle an zu ſchreien: Was haben Sie XVIII. 4 50 zu fürchten? Niemand wird Sie angeben; unter uns ſind nur Leute von Ehre und Ihre Beſorgniß iſt beleidigend. Ganz gut, entgegnete ich, vorausgeſetzt, daß eine der hier anweſenden Excellenzen ſich dafür verbürgen will, daß die Staatsinquiſitoren von dieſer Spatzierfahrt, und meiner Betheiligung daran, nichts erfahren. Die Excellenzen ſchwiegen, Alle ſahen ſich an, und es war keine Rede mehr davon. Der Capitain, der, wie ich ſchon erwähnt, mich nicht kannte, nahm die Herren bei Seite und unterhielt ſich leiſe mit ihnen. Wir grüßten uns auf eine ceremoniöſe Weiſe und man brach auf. Am folgenden Tage erfuhr ich von Monti, daß der Kapitain mein Benehmen gebilligt, und daß er mich ſicher⸗ lich nicht wieder vom Schiffe weggelaſſen haben würde, wenn er zufälliger Weiſe meinen Namen gehört hätte. Der Pro⸗ kurator beſtätigte dieſen Bericht und fügte hinzu, er werde dieſen Zug klugen Benehmens zur Kenntniß der Herren vom Gerichtshofe bringen. Da die Damen von Trieſt große Luſt hatten, ihre Ta⸗ lente in der franzöſiſchen Komödie zu verſuchen, ſo wendete man ſich wegen der Auswahl der Stücke an mich; als dies geſchehn war, beauftragte man mich mit der Vertheilung der Rollen. Dieſe Direktorſtelle machte mir viel Mühe und hatte wenig Annehmlichkeiten, denn die Truppe beſtand aus anſtändigen Frauen. Da ich es mit unerfahrenen Schau⸗ ſpielern und Schauſpielerinnen zu thun hatte, ſo mußte ich ſie einüben, ſte in Uebereinſtimmung bringen, ſie im Sprechen, Hören, Gehen unterrichten, Jedem ſeine eigene Rolle und die der Andern einſtudiren und endlich ſouffliren. Es war eine wahre Hölle und ich fluchte meiner thörichten Gefäl⸗ ligkeit. Ich halte einen Souffleur für den unglücklichſten aller Menſchen; die Schauſpieler ſind immer unzufrieden mit ihm und erkennen am allerwenigſten an, was ſie ihm verdanken. Wenn ſie etwas verſehn, iſt er allein Schuld; obwohl er nur die Aufgabe hat, ihrer Gedächtnißſchwäche zu Hülfe zu kommen, ſo ſcheint er doch auch für ihr grö-⸗ ßeres oder geringeres Verſtändniß verantwortlich zu ſein. Mit einem Worto, ſein Geſchick iſt ebenſo traurig, wie das ſind nd. der daß einer efäl⸗ )ſten eden ihm uld; äche grö-⸗ ſein. das 3 51 eines ſpaniſchen Arztes; wird der Kranke geſund, ſo iſt dies das Verdienſt irgend eines Heiligen, ſtirbt er, ſo ha⸗ ben ihn die Arzneien und alſo der Arzt getödtet. Eine meiner ſchönen Schauſpielerinnen, mit der ich mir ganz beſondre, obwohl vergebliche Mühe gab, hatte in ihrem Dienſte eine junge Negerin, welche einſt eine ganz merkwür⸗ dige Bemerkung gegen mich äußerte: Ich begreife nicht, ſagte ſie zu mir, wie Sie lich in meine Gebieterin verlie⸗ den können; ſie iſt ja weiß wie der Teulel. Du willſt ſäd einen Weißen geliebt? Wohl, wenn ihm aber ein Neger mein Herz ſtreitig gemacht hätte, würde ich dieſem den Vorzug gegeben haben. Dieſe Dame, die weiß wie der Teufel war, war die Gräfin von Burghauſen. Bei ihr traf ich den Abbé Caſti, der wegen ſeiner freien Gedichte berühmt war. Er war in Geſellſchaft von Herrn von Roſenberg, Oberkämmerer des Kaiſers von Oeſterreich, nach Trieſt gekommen. Der Abbé verſah bei dem Kämmerer das hohe Amt eines Spaß⸗ machers; er hatte die Verpflichtung, der Excellenz und ihrer Geſellſchaft die Zeit zu vertreiben. Man erzählt ſich, dieſer Caſti ſei ganz kürzlich zum Dichter des kaiſerlichen Hofes ernannt worden; welcher Schimpf für das Andenken an den großen Metaſtaſio, dieſes ſo liebenswürdigen und ſo tugend⸗ haften Mannes, dieſes ſo einfachen und edlen Herzens! Der Abbé Caſti war nichts als ein Zotenreißer und hatte kein andres Talent als das, einen Vers leicht abzurunden; er war neidiſch, habgierig, eiferſüchtig und über alle Be⸗ griffe ausſchweifend, ohne Temperament und ohne Leiden⸗ ſchaft und trug ſeine Laſter zur Schau. Ich habe nie einen ſo großen Cynismus mit ſolcher Gemeinheit verbunden ge⸗ ſehn. Seine dichteriſchen Produktionen, wenn überhaupt von ſolchen die Rede ſein kann, ſind gemein und haben kein Intereſſe; er kennt die Bühne nicht, er kennt die Hülfsmit⸗ tel der Compoſition und den Mechanismus des Styls nicht; ſein Ausdruck iſt ungleich und ſchwach. Zum Beweiſe will ich die Opern anführen, die er hat aufführen laſſen: ſie ſind einfältiges ſchlecht ſtyliſtrtes Zeug; der Ton derſelben iſt 4* ü haſt alſo nie 7 ————— 3—:—— ͤ——¾⁴ ——————— „—————ͤſ0tt—„—— 8 52 im höchſten Grade unpaſſend; es ſind eigentlich nur belei⸗ digende Ausfälle auf Venedig, welche auf grobe Lügen ge⸗ pfropft ſind. Der Abbé Caſti hat das Siegel auf die Mißach⸗ tung gedrückt, welche auf ihm laſtet, ſeitdem er„die Höhle des Trophonius“ geſchrieben, ein Werk, in welchem er eine bizarre Gelehrſamkeit entfaltet, die ihn mit unauslöſchlicher Lächerlichkeit bedeckt hat. Dies war der Mann, der Meta⸗ ſtaſio zum Nachfolger gegeben wurde und der ſogar den al⸗ ten und großen Dichter bei ſeinen Lebzeiten zu verdrängen wagte. Den Beifall, den mehrere Werke von Caſti gefunden haben, will ich nicht beſtreiten. Dummköpfe haben Beifall gefunden, während große Schriftſteller verkannt blieben; aber früher oder ſpäter läßt ſich die Stimme der Kenner vernehmen und die Nachwelt theilt endlich den Ruhm allein demjenigen zu, der ihn verdient hat. Einhundertundneunzehntes Kapitel. Der Grak Torrians.— Mißgeſchich in Speſſa.— Wie ich mich vom Graken trenne.— Neuer Aukenthalt in Trieſt.— Ich kinde hier Irene wieder. Unter den vornehmen Perſonen, welche von Görtz nach Trieſt kamen, um unſerm Schauſpiele beizuwohnen, befand ſich auch ein gewiſſer Graf Louis Torriano; es war ein jun⸗ ger Mann oon dreißig Jahren, in deſſen Geſichtszügen ſich Stolz, Ungeſelligkeit, Verſtellung und Grauſamkeit ausſprach. Die Gelegenheit machte uns wider meinen Willen mit ein⸗ ander bekannt; er lud mich ein, den Herbſt auf ſeinem Land⸗ ſitze zu verleben, und ich war dumm genug, dieſe Einladung anzunehmen; ich ſage dumm mit Rückſicht auf den Aus⸗ gang, denn obwohl die Phyſiognomie des Grafen mir eini⸗ ges Mißtrauen in ſeine Perſon und ſeinen Charakter ein⸗ — 150+B 0— in ðE ——— FuRSn N= — 53 flößte, fielen doch die Erkundigungen, die ich über ihn ein⸗ zog, ganz zu ſeinem Vortheile aus. Man nannte ihn groß⸗ muͤthig und dienſtfertig, einen großen Liebhaber des ſchönen Geſchlechts und ſehr kitzlich im Punkte der Ehre, man gab ihm alſo Eigenſchaften, wie ſie für einen Edelmann paſſen. Als wir uns trennten, ſagte er zu mir, er erwarte mich unfehlbar am 1. September zu Görtz. Wir ſollten uns am folgenden Tage nach ſeinem Landgute Speſſa be⸗ geben. Ich nahm alſo auf einige Monate von allen mei⸗ nen Bekannten, namentlich vom Grafen von Wagensberg Abſchied; er war krank geworden und ſtarb während meiner Abweſenheit.— Ich reiſte Morgens von Trieſt ab, ſpeiſte in Profezo zu Mittag und langte ziemlich zeitig in Görtz an, wo ich im Hauſe des Grafen Torriano abſtieg. Er war abweſend, als man aber erfuhr, daß er mich auf ſein Landgut einge⸗ laden, nahm man mir mein weniges Gepäck ab. Ich ver⸗ brachte den Abend bei Torres und kehrte dann in das Haus des Grafen zurück. Hier angelangt, vernehme ich zu mei⸗ nem nicht geringen Erſtaunen, daß er auf dem Lande iſt und erſt am folgenden Tage zurückkommen wird; ferner, daß man mein Gepäck ins Poſthaus gebracht, und daſelbſt ein Abendeſſen und ein Bett für mich beſtellt. Dies Be⸗ nehmen war etwas rückſichtslos; aber was ſollte ich thun! Auf der Poſt wurde ich ſchlecht bewirthet und ſchlecht ge⸗ bettet. Ein vornehmer Mann wie der Graf Torriano hatte alſo kein Zimmer für Jemand, den er ſeinen Freund nannte. Wenigſtens hätte er mich davon benachrichtigen laſſen kön⸗ nen; ich ſetzte mich indeß über dieſe Unannehmlichkeit weg, welche nur das Vorſpiel ſo vieler andern ſein ſollte. Der Graf kam am folgenden Tage zurück; er dankte mir für meine Pünktlichkeit und gratulirte ſich zu dem Vergnügen, welches er ſich von meiner Geſellſchaft in Speſſa verſprach. Ich hoffe, ſagte er, daß Sie mir wenigſtens ſechs Wochen ſchenken werden; wir werden jagen, fiſchen, Muſik machen, überhaupt uns alle mögliche Vergnügungen machen. Ich weiß, daß Sie ein Lebemann ſind; Sie lieben gutes Eſſen, ſeien Sie nur ruhig; ich habe einen Intendanten, der tl Mrn— A., 54 mich etwas betrügt, der aber ſein Geſchäft verſteht. An das ſchöne Geſchlecht iſt freilich nicht zu denken, denn alle Weiber in Speſſa ſind häßlich. . Ich werde Ihre Luchaltſamkeit nachahmen. Uebrigens aE40 habe ich mich immer in die Verhaä tniſſe zu ſchicken gewußt. 8 ir? e.A Wann reiſen wir? Erſt übermorgen, denn ich muß auf die Entſcheidung eines verdammten Prozeſſes warten, den ich gegen einen ſchurkiſchen Pächter eingeleitet habe, welcher mir Geld ſchul⸗ dig iſt und mich nicht bezahlen will; und dieſe Lümmel von Richtern kommen mit ihrem Geſchreibſel nicht zu Ende. Es 50(a nun bereits ein halbes Jahr, daß wir von einem Ge⸗ richte zum andern gehn. Morgen wird die Sache endlich in letzter Inſtanz entſchieden werden. Haben Sie gute Hoffnung? Ich bin überzeugt, daß ich gewonnen habe; könnte ich wohl gegen einen Bauer verlieren? Ich werde gern Ihrem Triumphe beiwohnen und Ih⸗ rem Advokaten zuhören. Die Wahrheit iſt, daß dieſe Zögerung mir ziemlich un⸗ angenehm war; aber man ſagt, was man kann und nicht was man denkt. Der Graf verließ mich ſchnell, ohne mich nur zu fragen, wo ich an dieſem Tage ſpeiſen würde, und ohne ſich zu entſchuldigen, daß er mich nicht bei ſich habe aufnehmen können. Ich wollte mir einreden, daß ich in ſeinen Augen im Unrechte ſei. In der That hatte er mich auf ſein Landhaus und nicht in ſein Haus in der Stadt eingeladen; ich ging alſo über Alles hinweg. Vielleicht hatte er auch aus Zartgefühl nicht davon geſprochen; denn wenn ich im Unrechte war, ſo war es meine Sache, mich bei ihm zu entſchuldigen. Wie man bald ſehen wird, ur⸗ theilte ich ganz falſch. Ich ſpeiſte bei Torres zu Mittag und zu Abend und ſprach mit ihm von dem Prozeſſe, der am folgenden Tage entſchieden werden ſollte. Ich werde hingehn, ſagte er, um zu ſehen, was für ein Geſicht Torriano machen wird. Aber er muß ja gewinnen! 55 Er ſchmeichelt ſich damit, aber ich, der ich die Sache kenne, ſage Ihnen, er wird verlieren. Er hat Rechsnungsbücher verfälſcht, um den Pächter als ſeinen Schuldner darzuſtellen. Der Unglückliche iſt das Opfer dieſes Betrugs geworden und hat in erſter Inſtanz verloren; er hat appellirt, er hat ſogar die Koſten bezahlt, obwohl er arm iſt. Verliert er morgen, ſo iſt er nicht nur zu Grunde gerichtet, ſondern wird auch zur Kettenſtrafe verurtheilt. Aber ich wiederhole Ihnen, daß dies unmöglich iſt, denn obwohl unſre Juſtiz ſo gut wie jede andere ſchlecht ſieht, kann ſie doch dem kla⸗ ren Augenſcheine die Augen nicht verſchließen. In dieſem Falle iſt es ſchlimm, für Torriano, der ſeine Ehre verliert, und für ſeinen Advokaten, der auf die Galeeren wandern muß, welche er reichlich verdient hat. Da ich wußte, daß der gute Torres eine böſe Zunge hatte, ſo nahm ich ſeine Worte nicht wie ein Evangelium auf. Als ich in den Gerichtsſaal kam, waren Richter und Parteien ſchon verſammelt. Der Advokat des Bauers war ein ehrwürdiger Greis, der des Grafen hatte das Aus⸗ ſehn eines Schurken. Torriano, der neben ihm ſaß, affek⸗ tirte das verächtliche Lächeln eines mächtigen und ſtarken Mannes, der ſich herabläßt, zum zweitenmale gegen den Un⸗ beſonnenen zu kämpfen, den er ſchon niedergeworfen hat. Die ganze Familie des unglücklichen Pächters war da: Frau, Bruder, Schweſtern, Kinder. Der arme Teufel hatte zwei Töchter, welche mir geeignet ſchienen, den allerſchlech⸗ teſten Prozeß zu gewinnen und dennoch war ihr Vater ver⸗ urtheilt worden. Der Anblick dieſer Unglücklichen in Lum⸗ pen, mit Thränen in den Augen und mit gepreßter Bruſt, war ein rührendes Schauſpiel. In meinem Innern wünſchte ich ihnen alles Gute. Man ſagte mir, jeder der Advokaten habe das Recht, zwei Stunden lang zu ſprechen; indeß be⸗ endete der Appellirende ſeine Vertheidigungsrede in fünfund⸗ zwanzig Minuten; er ſprach wenig und gut. Er legte den Richtern die Quittungen vor, welche der Graf bis zur Ver⸗ abſchiedung ſeines Klienten unterzeichnet hatte, und dieſe war deshalb erfolgt, weil derſelbe, ein guter Familienvater, ſeine Tochter nicht auf das Schloß des Herrn Grafen hatte 56 gehen laſſen wollen. Sodann lenkte er mit bewunderns⸗ werther Kaltblütigkeit und Klarheit die Aufmerkſamkeit der Richter auf die Bücher des Grafen, deren ſchlechte Führung und Ungenauigkeit Sachverſtändige dargethan hatten. Er bewies aufs handgreiflichſte die Aufführung doppelter Poſten und betrügeriſche Umſchreibungen; er ſchloß mit der Er⸗ klärung, im Namen ſeines Klienten, daß er bereit ſei, die beiden Individuen, welche die Fälſchung auf Befehl des Grafen Torriano vorgenommen, kriminalgerichtlich zu ver⸗ folgen. Zuletzt beanſpruchte er die Entlaſtung von allen Koſten, die ſein Klient hatte bezahlen müſſen, und eine Ent⸗ ſchädigung für deſſen verlorne Zeit und die Benachtheiligung ſeines Rufs. Die Gegenrede des Advokaten des ehrenwerthen Gra⸗ fen würde länger als zwei Stunden gedauert haben, wenn ihn das Gericht nicht unterbrochen und ihm befohlen hatte, zum Schluſſe zu kommen. Seine Rede war ein Gewebe von Beleidigungen und Verläumdungen; er griff Alle an: den Bauer und ſeinen Advokaten und ſogar die Richter, denen er, ich weiß nicht mehr mit welcher Strafe zu dro⸗ hen wagte, falls ſie unbeſcholten genug ſein würden, ſeinen Klienten zu verurtheilen. Dieſer Menſch war trunken oder wahnſinnig und ich würde vor langer Weile geſtorben ſein, während er ſprach, wenn ich blind geweſen wäre; aber die Phyſiognomien der Zuhörer, Richter und Parteien waren höchſt bemerkenswerth; auf dieſe Weiſe tödtete ich die Zeit. Als Alles zu Ende war und die Richter ſich in den Berathungsſaal zurückgezogen, befragte mich Torriano um meine Meinung. Vielleicht haben Sie Recht, ſagte ich zu ihm; aber wir werden verlieren, wäre es auch nur zur Buße für die Vertheidigungsrede Ihres Advokaten. Nach einer Stunde übergab der Gerichtsſchreiber den Advokaten beider Parteien ein Papier. Torriano nahm daſſelbe raſch hin, durchflog es und brach in lautes Lachen aus. Ich glaubte, er habe gewonnen; aber das Original hatte im Gegentheil verloren. Er ſelbſt las den Zuhörern ——,——.N—- ...8ö8.öGö 57 das Urtheil vor; er war verurtheilt, den Bauer als ſeinen Gläubiger anzuerkennen, ihm ſeine Koſten zu erſtatten und ihm als Entſchädigung ein Jahr ſeines Gehalts auszuzah⸗ len. Außerdem behielt das Urtheil der gewinnenden Partei das Recht vor, den Punkt wegen Benachtheiligung ihrer Ehre weiter zu verfolgen. Mochte der Graf immerhin lachen; es war ein gezwungenes Lachen, hinter welchem der Zorn grollte. Sein Advokat ſpielte eine höchſt traurige Figur und ſah wie ein Mann aus, der des Troſtes bedarf; der Graf ſteckte ihm etwa zehn Zechinen in die Taſche. Ich ſagte zu Torriano. Es bleibt Ihnen noch ein Mittel, Sie können nach Wien appelliren. Er antwortete vor Wuth ſchäumend: Ich werde auf eine andre Weiſe appelliren. Am folgenden Tage verließen wir Görtz. Der Wirth brachte mir ſeine Rechnung und machte mir bemerklich, daß es in meinem Belieben ſtehe, ob ich bezahlen wolle und daß, im Falle ich nicht bezahle, aber nur in dieſem Falle, der Graf meine Rechnung bezahlen werde. Drei Proben dieſer Art waren hinreichend, mir die Ueberzeugung beizubrin⸗ gen, daß ich die ſechs Wochen in Geſellſchaft eines gefähr⸗ lichen Originals verleben würde. Wir langten um zwei Uhr in Speſſa an. Das Schloß des Grafen, welches auf einem Berge gelegen war, war ein großer Schloßthurm, deſſen Bauſtyl nichts Bemerkenswer⸗ thes aufzuweiſen hatte: ebenſowenig iſt von den Gemächern zu ſagen, die im gothiſchen Geſchmack meublirt waren. Tor⸗ riano zeigte mir Alles im Einzelnen; er verſchonte mich nicht einmal mit dem Keller und Boden. Nach Beendigung der Beſichtigung führte er mich in ein kleines Gemach im Erdgeſchoſſe, welches ſein Licht durch eine Luke nach dem Hofe hinaus erhielt und alſo weder Luft noch Sonne hatte; in dieſem ſtand ein Bett, deſſen Haltbarkeit mir verdächtig ſchien, ein Rollſtuhl ohne Rollen, wacklige Stühle und ein ausrangirter Secretair. Das iſt Ihr Zimmer; wie finden Sie es? Es war das Lieblingszimmer meines Vaters, der wie Sie leiden⸗ ſchaftlich für das Studium eingenommen war. 58 Ihr Vater hatte einen guten Geſchmack, ſagte ich leiſe lächelnd. Dieſes Zimmer hat zwei große Vortheile; man ſieht Niemand und wird von Niemand geſehn. Ich glaube es wohl, denn kaum kann ſich das Licht Eingang verſchaffen. Sie werden alſo hier die vollkommenſte Ruhe genießen. Sehr verbunden. Ich dankte ihm ironiſch und erſtickte beinahe vor Zorn; aber das Vieh verſtand mich nicht. Man ſpeiſte ſpät zu Mittag, und es gab daher kein Abendbrod. Die Gerichte waren leidlich; aber der Wein taugte nichts. Da Torriano ihn mir gerühmt hatte, ſo bekomplimentirte ich ihn auf ſeine Verſicherung hin. Ich trank Waſſer und nahm ſo mein Lob zurück. Sie trinken wenig, ſagte er, aber Sie eſſen zu viel. Die Bemerkung war verletzend; dennoch ließ ich mir nichts merken. Einen Augenblick darauf ſtand der Graf plötzlich auf mit dem Bemerken, daß er genug gegeſſen habe, daß ich aber noch bei Tiſche bleiben könne, und daß wir uns am nächſten Tage wiederſehn würden. Dieſes Be⸗ nehmen verdarb mir den Appetit und ich ging wüthend auf mein Zimmer. Hier beſchäftigte ich mich den Nachmittag mit dem Ordnen meiner Papiere. Ich war beim zweiten Theile meiner Geſchichte der Unruhen in Polen. Gegen die Abenddämmerung verlaſſe ich mein Zimmer, um Licht zu fordern; ich rufe, ich ſchreie, aber Niemand antwortet. Fluchend kehre ich in mein Loch zurück. Welcher Abend! Das nannte der verdammte Torriano eine Aufnahme. End⸗ lich nach einer halben Stunde bringt mir ein Knecht ein ſtinkendes Talglicht. Dies Benehmen ſchien mir wieder un⸗ paſſend; konnte man mir nicht ein Wachslicht oder eine Lampe bringen? Indeß ſagte ich kein Wort; ich war feſt entſchloſſen, mich nicht zu beklagen; indeß fragte ich den Bauerlümmel, ob mir ein Bedienter zur Aufwartung bei⸗ gegeben ſei. Ei ja, mein Herr. Hat man Dich dazu beſtimmt? ——— ◻ 12— —·ͤ—„»„——,—„ ——.— ———ÿʒÿéq::—————;;— 59 Ei nein. So ſchicke mir denjenigen Deiner Kameraden, den der Herr Graf dazu beſtimmt hat. Das macht ſich ganz von ſelbſt, mein Herr, und wir Alle ſind bereit, ſobald Ew. Herrlichkeit ruft. Aber meine Herrlichkeit hat eine Viertelſtunde lang gerufen. Dann haben Sie nicht laut genug gerufen. Endlich will ich wiſſen, wer mein Zimmer morgen in Ordnung bringen wird. Die Magd, da wir Morgens pflügen müſſen. Alſo hat die Magd meinen Schlüſſel? Der Herr hat ſeinen Schlüſſel verloren? Ich meine den Thürſchlüſſel. Der Herr will ſpaßen; hier giebt es keine Schluüſſel. Wie verſchließt man denn die Thüren? Man läßt ſie offen. Das iſt nicht meine Art. Dann braucht der Herr nur das Bett vor die Thüre zu ſtellen, oder ich will ihm ein Vorlegeſchloß kaufen. Ich war in Verſuchung zu lachen, denn der Vorſchlag war komiſch. Ganz entſchieden kam ich vom Regen in die Traufe; indeß that ich mir Gewalt an und ſagte zum Knechte, er möge ſich entfernen. Ich verbarrikadirte die Thür und fing an zu arbeiten. Da ich keine Lichtſcheere hatte, ſo verſuchte ich dem Mangel derſelben durch ein Feder⸗ meſſer abzuhelfen und hatte dabei das Unglück das Licht auszulöſchen. So muß ich alſo tappend mein Bett zu er⸗ reichen ſuchen; es war völlig dunkel. Das Bett war ziem⸗ lich; aber, o Schmerz! es war nur ein Betttuch vorhanden. Indeß hatte mich die Ermüdung bald in den Schlaf ge⸗ wiegt. Um acht Uhr wache ich auf, ziehe meinen Schlaf⸗ rock an und wünſche, mit der Nachtmütze auf dem Kopfe, meinem Wirthe einen guten Morgen: er ließ ſich friſtren; ein andrer Bedienter raſirte ihn. Ich erzähle ihm mein Mißgeſchick mit dem einen Betttuche; er lacht darüber und die Bedienten folgen dem Beiſpiele ihres Herrn; ich mache es wie ſie aus Aerger und falſchem point d'honneur. Ich 60 hätte den Grafen und ſeine Leute zum Teufel ſchicken ſollen; aber es war nun einmal beſtimmt, daß ich den Becher bis auf die Hefe leeren ſolle. Weshalb? Mein spiritus fa- miliaris gab es mir ſo ein. Als die Toilette des Grafen beendet war, ſagte ich mit heiterm Tone zu ihm: Ich werde mit Ihnen frühſtücken. Sie frühſtücken alſo? Alle Tage und pünktlich. Ich frühſtücke nie; meine Schufte von Bauern laſſen mir dazu keine Zeit. Da ich ſo glücklich bin, nicht mit Schuften von Bauern zu thun zu haben, ſo werden Sie erlauben, daß ich dieſe Mahlzeit abhalte. Gewiß, und da Sie frühſtücken müſſen, ſo werde ich Befehl geben, daß für Sie alle Morgen eine Taſſe Milch⸗ kaffee gekocht werde. Ich ſchnitt ein Geſicht; eine Taſſe Kaffee auf dem Lande, wo die Luft friſch iſt und man guten Appetit be⸗ kömmt! Das war wieder ein unpaſſendes Benehmen oder vielmehr eine Art Meuchelmord. Ich biß in die Zügel und fuhr fort: Würden Sie wohl die Güte haben, Ihrem Bedienten zu ſagen, daß er mich friſirt, wenn Sie ihn nicht mehr brauchen. Sie haben alſo keinen eigenen Bedienten? Ich würde einen mitgenommen haben, wenn ich geahn⸗ det hätte, daß die Gefälligkeit, um welche ich Sie bitte, Sie in Verlegenheit bringen könnte. Sie bringen mich durchaus nicht in Verlegenheit; aber ich fürchte, Sie werden warten müſſen. Ich habe Geduld. Ich würde Sie ferner bitten, mir ein Schloß zum Verſchluß der Thüre zu verſchaffen. Ich habe wichtige Papiere, welche mir nicht gehören und für welche ich ſtehen muß. Haben Sie keinen Koffer? Ich kann denſelben nicht jeden Augenblick auf⸗- und zumachen. Aber, Herr Caſanova, bei mir iſt Alles ſicher. Ich zweifle nicht daran. Indeß möchte ich Sie nicht ——— —.,— — 1*12— A 9—-— 61 fur einen Brief, der verloren gehen kann, verantwortlich machen und ein ſolcher Verluſt könnte mich zu Grunde richten. Er lächelte und ſchien nachzudenken; hierauf befahl er dem Friſeur, dem Intendanten zu ſagen, daß man meine Thüͤre mit einem Vorlegeſchloſſe verſehn und mir den Schlüſſel geben ſolle. Während er dieſen Befehl ertheilte, bemerkte ich auf ſeinem Nachttiſche ein Wachslicht und ein Buch. Er brennt Wachslicht, ſagte ich zu mir ſelbſt und ver⸗ giftet mich mit ſeinem Talglicht. Ich blätterte mechaniſch in dem Buche; es enthielt Kupfer⸗ ſtiche, welche nicht ohne Werth waren. Alle Teufel! rief er, rühren Sie das nicht an. Ohne Zweifel, entgegnete ich, iſt das Buch heilig; es iſt Ihr Gebetbuch; ich werde indeß Niemand etwas davon ſagen. Hierauf verließ ich ihn, nachdem ich ihm zu verſtehn gegeben, er könne mir Chokolade und Boutllon ſchicken, wenn ſeine Köchin vielleicht keinen Kaffee haben ſollte. Als ich wieder in meine Höhle gelangt war, denn es war eine ſolche, ſtellte ich traurige Betrachtungen über mei⸗ nen angenehmen Aufenthalt an; ich fühlte eine ſtarke Ver⸗ ſuchung, abzureiſen, obwohl meine Börſe ſehr leer war; aber ich verwarf dieſen Entſchluß, der für Torriano belei⸗ digend war und daher zu unangenehmen Folgen hätte füh⸗ ren können. Meine Hauptbeſchwerde gegen ihn war ſein ekelhaftes Talglicht. Ich beſchloß alſo den Bedienten zu fra⸗ gen, ob man ihm nicht befohlen habe, mir Wachslicht zu bringen; dieſe Vorſicht ſchien mir unumgänglich, denn viel⸗ leicht hing die ganze Sache von dieſem Manne ab. Eine Stunde darauf ſah ich ihn kommen; er brachte mir die unglückſelige Taſſe Kaffee, die nach ſeiner Weiſe bereits mit Milch gemiſcht und gezuckert war. Ich lachte laut auf, denn mir blieb keine andre Wahl als zu lachen oder ihm die Taſſe ins Geſicht zu werfen. Einfaltspinſel, ſagte ich zu ihm, ſo bringt man den Kaffee nicht. 62 Aber die Köchin trinkt ihn doch immer ſo. Nun gut; aber künftig muß der Kaffee, die Milch und der Zucker in beſondern Gefäßen gebracht werden. Die Köchin kocht ihn für Alle in derſelben Kaſſerole und jeder ſchöpft ſeinen Topf daraus. Ich ſchäumte vor Wuth, als ich ihn mit der größten Kaltblütigkeit alle dieſe Einzelheiten anführen hörte. Ich fragte ihn ungeduldig, warum er mir nicht am vorigen Tage ein Wachslicht wie ſeinem Herrn gebracht habe. Er ant⸗ wortete, der Intendant halte die Wachslichte unter Verſchluß und gebe ſie nur für den Grafen heraus. Ich mußte alſo bei dem Intendanten Erkundigungen darüber einziehn. Im ſelben Augenblicke kam der Intendant mit einem Schloſſer. Da dieſer kein Schloß fertig hatte, verſah er meine Thür mit einem Vorlegeſchloß und gab mir die Schlüſſel. Wäh⸗ renddeſſen fragte ich den Intendanten, warum er mir Talg⸗ licht und kein Wachslicht geſchickt. Weil der Herr Graf mir nicht den Befehl dazu ge⸗ geben hat. Aber das verſtand ſich ja ganz von ſelbſt. Hier geht es nicht ſo wie Sie glauben. Ich kaufe die Wachslichte, und mein Herr bezahlt ſie mir Stück für Stück, wie ſie auf ſeine Rechnung kommen und je nachdem er ſie braucht. So können Sie mir alſo ein Pfund ablaſſen, wenn ich Ihnen den Koſtenpreis erſtatte? Das iſt das Geringſte, was ich für Ew. Herrlichkeit thun kann; aber zunächſt muß ich die Befehle des Grafen einholen, denn Sie ſehen wohl ein—— Ja, ich ſehe Alles ein, aber ich frage wenig darnach. Ich kaufte ihm alſo ein Pfund Wachslichte ab und machte bis zur Eſſenszeit, die auf ein Uhr angeſetzt war, einen Spatziergang; wie groß war aber mein Erſtaunen, als ich um eineinhalb Uhr nach Hauſe kam und Torriano bei Tiſche fand! Welches konnte wohl der Grund dieſer Aufeinanderfolge von Unſchicklichkeiten ſein? Ich wußte nicht mehr, was ich ſagen ſollte. Ich bezwang mich wieder . — 63 und ſagte, ſein Intendant habe mir verſichert, daß man nie vor ein Uhr Nachmittags ſpeiſe. So iſt meine Gewohnheit; aber ich muß heute einige Beſuche in die Umgegend machen, und habe es bequem ge⸗ funden, um zwölf Uhr zu Tiſche zu gehen. Nun, nehmen Sie Platz, Sie können das Verſäumte nachholen. Und er befiehlt die abgetragnen Schüſſeln wieder auf⸗ zutiſchen. Da ich vor Hunger ſtarb, ſagte ich kein Wort und begann mit gutem Appetit zu eſſen; indeß ſchickte ich die Suppe und das Rindfleiſch zurück. Sie thun ſich Zwang an, ſagte er, ich kann ja warten. Durchaus nicht Herr Graf; ich beraube mich einer Schüſſel; ich beſtrafe mich auf dieſe Weiſe, wenn ich bei einem Manne wie Sie zu ſpät zu Tiſche komme. Nach Tiſche begleitete ich ihn auf ſeinen Beſuchen. Er führte mich zuerſt zu ſeinem nächſten Nachbar, eine Meile von Speſſa, einem gewiſſen Baron von Meſtre; welcher das ganze Jahr auf dem Lande lebte, ein gutes Haus machte und eine zahlreiche Familie hatte. Wir blieben den ganzen Tag bei ihm und kehrten dann nach Hauſe zurück. Am Abend gab mir der Intendant das Geld für die Wachs⸗ lichte zurück. Der Herr Graf, ſagte er, hatte vergeſſen zu befehlen, daß Sie wie er bedient werden ſollten. Ich nahm dieſe Entſchuldigung für baares Geld; war doch der Ver⸗ ſtoß wohl oder übel wieder gutgemacht worden. Man trug ein ziemlich gutes Abendeſſen auf, dem ich ſeine Ehre wider⸗ fahren ließ, indem ich für vier Perſonen aß; der Graf ſah mir zu und ruͤhrte nichts an. Der Lakai, der mir bis zur Thüre meines Zimmers folgte, fragte mich höflich, zu wel⸗ cher Zeit ich frühſtücken wolle. Am folgenden Tage brachte man mir den Kaffee in einer Kaffeekanne und den Zucker in einer Zuckerdoſe; ein andrer Lakai friſirte mich ordent⸗ lich, und die Magd reinigte mein Zimmer; mit einem Worte Alles war anders geworden. Ich ſchmeichelte mir ſchon, dem guten Grafen Lebensart beigebracht und alle Unan⸗ nehmlichkeit überſtanden zu haben: ich war im vollſtändigen Irrthum! Als ich eines ſchönen Morgens an der langen Ge⸗ ₰ . an⸗ . 21 64 ſchichte der Unruhen in Polen arbeitete, fragte mich der Intendant, um welche Zeit ich zu Mittag zu ſpeiſen wünſche. Wie gewöhnlich: aber es iſt Sache des Grafen, Ihnen Befehle zu ertheilen. Sie werden allein ſpeiſen. Und weshalb? Weil der Herr Graf nach Goertz gereiſt iſt, ohne zu ſagen, wenn er wiederkommen wird. Das iſt etwas ſtark, ſagte ich zu mir ſelbſt. Jeder muß ſeine Freiheit haben, das iſt in der Ordnung, aber die gemeinſte Höflichkeit erforderte, daß er mich von ſeiner Reiſe in Kenntniß ſetzte. Er blieb acht Tage weg. Er hatte von Jagd, Muſik, Fiſchfang, Spatzierfahrten geſprochen; aber in dieſem verdammten Schloſſe gab es weder Flinten, noch Hunde, noch Pferde, überhaupt nichts; wir hatten keine Geſellſchaft und keine Zerſtreuung. Ich würde vor langer Weile geſtorben ſein, wenn ich nicht den guten Ge⸗ danken gehabt hätte, täglich den Baron von Meſtre zu be⸗ ſuchen. Der Intendant war ein unwiſſender Menſch, der andre Bediente roh und ohne Lebensart; es war keine ein⸗ zige hubſche Bäurin da. Es ſchien mir unmöglich, noch einen Monat in dieſer Höhle zu bleiben. Als Torriano zurückgekehrt war, ſagte ich ihm ernſtlich meine Meinung. Ich ſtellte ihm vor, daß ich nach Speſſa gekommen, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, bitte ihn aber mich meines Wortes zu entbinden und mich nach Goertz zurückkehren zu laſſen, da ihm meine Geſellſchaft nicht nothwendig ſei. Es war Unrecht von mir, ſagte er, daß ich Sie verlaſſen; ich gebe Jes zu; aber es ſoll mir nicht wieder begegnen. Ich bin 'in eine kleine Sängerin der Opera huffa von Trieſt ver⸗ liebt, welche meinetwegen nach Goertz gekommen iſt. Ich wollte nur zwei Tage bei ihr bleiben und habe acht Tage es; ſetzen Sie ſich an meine Stelle. 3 f„ bei ihr bleiben müſſen. Sie kennen die Frauen: ſie forderte 7* Er theilte mir auch mit, daß er mit einem Grund⸗ beſitzer im venetianiſchen Friaul, deſſen Tochter er im näch⸗ ſten Karnaval heirathen ſollte, Verſchiedenes abzumachen gehabt habe. Dieſe Gründe, mochten ſie nun gut oder N Bb 8XA&86 uU — œ 65 ſchlecht ſein, beſänftigten mich und ich beſchloß, bei dem Narren zu bleiben. Sein ganzes Vermögen beſtand in Weinpflanzungen. Der Wein, den er gewann, war leidlich und brachte ihm jährlich tauſend Zechinen ein; aber da Torriano zweitauſend aus⸗ gab, ſo richtete er ſich zu Grunde. Da er überzeugt war, daß ſeine Leute ihn beſtahlen, ſo fiel er jeden Augenblick mit erhobenem Stocke in eine Hütte ein und theilte Schläge aus überall wo er eine Weintraube fand. Ich war Zeuge mehrerer ſolcher empörender Scenen. So ſah ich ihn eines Tags im Handgemenge mit zwei kräftigen Bauern, welche ihn mit Beſenſtielen bearbeiteten. Er wurde von ihnen übel mitgenommen und ging ruhig mit ſeinen Schlägen ab; als wir aber draußen waren, warf er mir zornig meine Neu⸗ tralität während der Schlacht vor. Ich bewies ihm, daß ich gute Gründe gehabt, aus dem Spiele zu bleiben; zu⸗ nächſt, weil er im Unrecht geweſen, und ſodann, weil ich nicht mit Beſenſtielen umzugehn wiſſe, einer Waffengattung, der ſich die Bauern weit beſſer als wir Edelleute bedienen.³ une In ſeiner Wuth wagte er mich feige zu nennen. Seiner Anſicht nach nöthigten mich unſre Beziehungen, ihn bei n ℳ einem Blicke, welche er verſtanden haben würde, wenn er o jeder Gelegenheit auf Tod und Leben zu vertheidigen. Ich erwiderte ſeinen rohen Ausfall mit einer Gebehrde und Herz gehabt hätte. Das Gerücht von dieſem Abenteuer verbreitete ſich bald im Dorfe; die Bauern, welche ihn geſchlagen hatten und ſeine Rache fürchteten, verließen das Dorf. Als man erfuhr, daß er nur noch mit geladenen Piſtolen in der Taſche die Hütten betreten wolle, verſammelte ſich die Ge⸗ meinde und ſchickte an ihn zwei Abgeſandte, welche ihm er⸗ klären ſollten, daß ſämmtliche Bauern in der folgenden Woche das Dorf verlaſſen würden, wenn er ſich nicht ver⸗ pflichte, nie mehr, weder allein noch in Geſellſchaft in ihre Hütten zu kommen. Die Rede dieſer armen Empörer ent⸗ hielt einen philoſophiſchen Grundſatz, deſſen Tiefe und Rich⸗ tigkeit großen Eindruck auf mich machten, obwohl der Graf ihn unverſchämt und lächerlich fand; ſie behaupteten, der 5 XVIII. A AAAℳ Kℳ* 66 Bauer habe das Recht, die Früchte des Weinſtocks zu koſten, der keinen Ertrag geben würde, wenn nicht er, der Bauer, ihn mit ſeinen Händen pflegte, wie ja auch der Koch be⸗ rechtigt ſei, das Ragout zu koſten, das er für ſeinen Herrn bereite, ſelbſt ehe es auf den Tiſch komme. Da der Graf fürchten mußte vor der Ausübung ſeiner Rache verlaſſen zu werden, ſo wurde er wieder vernünftig. Die Bauern triumphirten, daß ſie ihm wenigſtens einmal in ſeinem Leben tüchtig die Wahrheit zu hören gegeben hatten. Eines Sonntags ging ich mit dem Grafen in die Ka⸗ pelle, um dem Gottesdienſte beizuwohnen. Der Prieſter ſtand ſchon vor dem Altare und beendete das Credo; dar⸗ über gerieth Torriano in Wuth; als die Meſſe beendet war, folgte er ihm in die Sakriſtei und ohne Rückſicht auf ſein Amt und die prieſterlichen Gewänder, mit denen derſelbe noch bekleidet war, verſetzte er ihm einige Stockſchläge. Dieſer, der ebenſowenig Geduld hatte, obwohl mit größerm Rechte, zog durch ſein Geſchrei und ſeine Drohungen alle Anweſenden herbei. Ich ſah den Augenblick kommen, wo wir todtgeſchlagen werden würden, denn auch ich war be⸗ droht, obwohl ich neutral geblieben war. Wir verließen eiligſt die Kapelle, und ich ſagte dem Grafen vorher, daß der beſchimpfte Geiſtliche nach Modena gehn und daß die Sache üble Folgen haben würde. Aus dieſer Vorſtellung entnahm der Graf, daß er entweder ſein Unrecht durch große Höflichkeit wieder gut machen oder den gereizten Prieſter gewaltſam am Verlaſſen des Dorfes hindern müſſe. Sogleich läßt er ſeine Leute rufen und befiehlt ihnen, ſich des Prieſters zu bemächtigen und ihn zu ihm zu führen; man läuft weg, findet ihn und ſchleppt ihn fort. Der arme Teufel ſchäumte vor Wuth und Gott weiß welche Flüche ich zu hören bekam! Er behandelte den Grafen als Ketzer, ſprach die Excommunikation über ihn aus und überſchüttete ihn mit Schmähungen; weder er noch ein anderer Geiſtli⸗ cher würde je die Meſſe wieder in der Schloßkapelle leſen und der Erzbiſchof würde ſeinen Schimpf rächen. Der Graf ließ ihn ſprechen, ſo lange er wollte, litt aber nicht, daß er den — —— 67 Saal verließ. Er hatte ſodann die Schaamloſigkeit, ihn zu Tiſche einzuladen, als ob nichts vorgefallen wäre; und der Andre war unklug und gefräßig genug, die Einladung an⸗ zunehmen. Der Geiſtliche aß nicht nur für viere, ſondern trank auch für achte und berauſchte ſich. Dieſes ſchmutzige Benehmen ſtellte den Frieden wieder her; der gute Prieſter verſenkte in den Wein die Erinnerung an den ihm ange⸗ thanen Schimpf und ſchöpfte aus demſelben die Verzeihung des Sünders. Einige Tage darauf bekam Torriano zur Eſſenszeit einen Beſuch von zwei Kapuzinern. Da ſie kein Wort ſprachen und auf die Winke, die man ihnen gab, nicht ant⸗ worteten, ſo ließ Torriano für uns beide decken und drehte ihnen den Rücken zu. Dadurch bekamen die Mönche die Sprache wieder, und der eine von ihnen bemerkte, daß ſie noch nicht zu Mittag gegeſſen. Sogleich ließ Torriano eine Schüſſel mit Reis bringen; die Kapuziner ſchlugen dieſen aus und wendeten ein, ihr Platz ſei an ſeiner Tafel, da ſie ſogar zu den Banketten gekrönter Häupter zugelaſſen würden. Der Graf, der einmal im Zuge zu lachen war, entgegnete ihnen, ihr Geluͤbde der Demuth verbiete ihnen, nach einer ſolchen Ehre zu ſtreben. Nun gaben die Mönche klein bei⸗. Da Torriano gegen ſeine Gewohnheit diesmal Recht hatte, ſo ſtellte ich dieſen eitlen Mönchen vor, ſie müßten erröthen, daß ſie ihr Gelübde aus übertriebenem Stolz und vielleicht auch aus Leckerei überträten. Der eine von ihnen antwortete mit gemeinen Schmähungen; nun ließ ſich der Graf eine Scheere bringen, um, wie er ſagte, den Lumpen den Bart abzuſchneiden. Als ſie dies hörten, liefen ſie davon, als ob der Teufel hinter ihnen her geweſen wäre. Man lachte den ganzen Abend darüber. Ich würde dem Grafen gern ſeine Tollheiten verziehn haben, wenn ſie alle von dieſer Art geweſen wären; zum Unglücke für ſeine Umgebung war er von unerträglicher Stimmung: ſeine Galle, die immer erhitzt war, entflammte ſich und verſetzte ihn in Wuthanfälle; zur Zeit ſeiner Ver⸗ dauung wurde er grauſam und beinahe blutgierig. Sein Appetit war zuweilen außerordentlich; er aß ſchnell und wie 5* 68 ein Verzweifelnder; ich habe ihn eine ganze Schnepfe ver⸗ ſchlingen ſehn. Er verdaute dann ſo gut er konnte. Ich lobte zuweilen ſeinen Tiſch, mehr aus Gefälligkeit als aus einem andern Grunde; aber eines Tages erlaubte er ſich, ohne Umſtände und mit beinahe ſtrengem Tone zu mir zu ſagen, meine Komplimente wären ihm unangenehm, und ich würde beſſer thun, zu eſſen und zu ſchweigen. Ich faßte ſogleich eine Flaſche, um † aber ich kam noch zu rechter Zeit wieder zur Vernunft und goß mir zu trinken ein. Die kleine Coſta, die Sängerin, in welche er verliebt war, äußerte ein Vierteljahr ſpäter gegen mich in Trieſt, ehe ſie den Grafen gekannt, hätte ſie nicht geglaubt, daß es einen ſolchen Menſchen geben könne, und ſie beklage die Un⸗ gluͤckliche, welche ſeine Frau werden würde. Das Abenteuer, welches ich jetzt erzählen will, nöthigte mich endlich, jede Rückſicht aus den Augen zu ſetzen, und entriß mich für immer den Klauen dieſes wilden Thiers. Während meines langweiligen Aufenthalts in Speſſa hatte ich die Bekanntſchaft einer jungen Bäuerin gemacht, die Witwe und ſehr aufgeweckt war. Sie gab mir Liebe und ich gab ihr Geld. Sie kam ſo ziemlich alle Nächte zu mir. Das war mein einziger Zeitvertreib. Obwohl ſie in der Liebe ſehr feurig war, war ſie doch ſanft und unterwuͤrfig, was bei den Bäuerinnen in Friaul nicht ſehr häufig vor⸗ kommt. Wir freuten uns unſrer Bekanntſchaft um ſo mehr, als ſie für Alle ein Geheimniß zu ſein ſchien und wir weder Eiferſüchtige noch Neider zu fürchten hatten; aber wir irrten uns. Sgualda(ſo hieß ſie) verließ mich gegen Morgen und entfernte ſich durch eine kleine Pforte, welche nach der Straße hinausging. Aber eines Morgens, als ſie eben weggegangen war, höre ich ſie laut ſchreien; ich öffne ſchnell die Thür, und wen ſehe ich? den ſchrecklichen Torriano, der ſie durchpruͤgelt. Ich ſtürze auf ihn los und wir fallen nieder, er unten, ich oben. Während unſers Ringens macht ſich die Witwe aus dem Staube. Ich war im Hemde, wodurch der Kampf ungleich wurde; überdies war er mit einem Stocke bewaffnet und ich hatte nur meine Fäuſte, von denen noch dazu die eine krank war. Ich halte den Men⸗ 8 69 ſchen mit der einen Hand und preſſe ihm mit der andern die Gurgel, daß er beinahe erſtickte. Er hatte mich mit der linken Hand bei den Haaren gefaßt, ließ aber ſchnell los, als ihm der Athem ausging. Wüthend und außer mir, reiße ich ihm den Stock aus den Händen, und gebe ihm reichlich zurück was er der armen Sgualda gegeben. Die Schläge brachten ihn wieder zur Beſinnung, er ſteht auf, nimmt die Beine unter die Arme und in einer gewiſ⸗ ſen Entfernung ſtehen bleibend, bombardirt er mich mit Steinen. Was ſollte ich thun? Ihn zu verfolgen wäre lächerlich geweſen; ich trete alſo ruhig meinen Rückzug an und gehe auf mein Zimmer, ohne zu wiſſen, ob dieſe ſaubere Geſchichte Zeugen gehabt. Nachdem ich mich aus⸗ geruht, lade ich meine Piſtolen, kleidete mich ſodann an, packte meine Sachen in den Koffer und verließ das Zim⸗ mer, um einen Wagen und einen Bauer zu ſuchen, die mich nach Goertz ſchaffen könnten. Ohne es zu wiſſen, ſchlage ich einen Fußweg ein, der mich nach Sgualda's Wohnung führt. Das arme Weib war traurig, und als ich Beſorgniß zeigte, beruhigte ſie mich mit der Bemerkung, daß die Schläge auf ihren Kopf und nicht auf ihre Schul⸗ tern gefallen ſeien; ſie fügte aber hinzu, die Sache werde Aufſehn erregen, weil zwei Bauern unſre Prügelei mitan⸗ geſehn. Ich gab ihr zwei Zechinen und bat ſie, mich in Goertz zu beſuchen, wo ich drei Wochen bleiben wollte. Ich werde abfahren, ſagte ich, ſobald ich einen Wagen gefunden haben werde. Ihre Schweſter ſchlug mir vor, mich nach einem Pachthofe zu führen, wo ich Alles, was ich brauche, finden würde. Unterwegs erzählte mir das Mädchen, Tor⸗ riano verfolge Sgualda, weil ſie ſeine Anträge zurückge⸗ wieſen habe. Nachdem ich die Sache mit dem Beſitzer des Pacht⸗ hofes abgemacht, dem ich einen halben Thaler Draufgeld gegeben, ging ich wieder nach dem Schloſſe, von wo mich der Wagen gegen Mittag abholen ſollte. Im ſelben Augen⸗ blicke lud mich der Bediente im Namen des Grafen ein, zu ihm zu kommen. Ich antwortete Torriano ſchriftlich und in klarem und deutlichem Franzöſiſch, nach dem, was zwi⸗ ſchen uns vorgefallen, könne ich nur noch außerhalb ſeiner Beſitzungen mit ihm zuſammentreffen. Einige Minuten, nachdem ſich der Bediente entfernt hatte, erſchien Torriano in Perſon. Da Sie nicht zu mir kommen wollen, ſo komme ich zu Ihnen, mein Herr. Er ſchloß die Thür. Ich ſetzte mich in Vertheidi⸗ gungszuſtand. Kein Aufſehn, ſagte er, Ihre ſchnelle Abreiſe würde mich beleidigen, und Sie dürfen nicht reiſen. Ich möchte doch ſehn, wie Sie mich daran verhindern wollen. Sie werden mich doch nicht wider meinen Willen zurückhalten wollen? Ich will und kann nicht zugeben, daß Sie allein ab⸗ reiſen; meine Ehre erfordert, daß wir zuſammen das Schloß verlaſſen.. Sehr wohl. Ich verſtehe Sie; ſo nehmen Sie Ihre Piſtolen oder Ihren Degen, ganz nach Belieben: ich ſtehe zu Ihrer Verfügung. In dem Wagen, welchen ich erwarte, iſt Platz für uns Beide. Durchaus nicht, Sie werden in dem meinigen fahren, nachdem wir zuſammen zu Mittag geſpeiſt. Rechnen Sie nicht darauf. Ich würde mich für toll halten, wenn ich nach einem Vorfalle, der ſchon die Fa⸗ bel des Dorfs iſt und der bald in Goertz bekannt ſein wird, noch einen Biſſen Brod mit Ihnen eſſen wollte. Gut, ſo werden wir Beide allein ſpeiſen. Niemand, ſelbſt meine Bedienten nicht, ſoll etwas davon erfahren. Sie wollen jeden neuen Skandal verhüten, nicht wahr? Das einzige Mittel iſt, daß Sie Ihren Wagen zurück⸗ ſchicken. Nach langem Hin⸗ und Herreden mußte ich nachge⸗ ben. Ich verabſchiedete den Fuhrmann, und dieſer verteu⸗ felte Torriano überſchüttete mich bis ein Uhr mit ſeinen Entſchuldigungen; er wollte mir einreden, daß ich Unrecht habe, und ihn nicht verhindern dürfe, eine niederträchtige Bäuerin durchzuprügeln, die mich nichts angehe. Ueber dieſe ſonderbare Auseinanderſetzung mußte ich ——.—— 8 —— ——— 71 laut auflachen, aber ich gewann meine Kaltblütigkeit wie⸗ der und antwortete: Mit welchem Recht, mein Herr, wollen Sie eine freie Perſon ſchlagen? Ich würde ein Ungeheuer wie Sie ſein, wenn ich niederträchtig genug wäre, ein unglückliches Weib, welches ſo eben aus meinem Bette kam, wie Sie wiſſen, durchprügeln zu laſſen. Er ſtellte ſich verwundert und ſagte, wie um der Sache ein Ende zu machen, das Abenteuer werde keinem von uns Beiden Ehre machen, wenn auch einer todt auf dem Platze bleiben ſollte. Und Sie wiſſen, Herr Caſanova, daß ich mich immer nur auf Tod und Leben ſchlage. Wir wollen ſehn. Uebrigens können Sie ſich ſchlagen wenn Sie wollen und wie Sie wollen; ich für meinen Theil erkläre mich für befriedigt. Sie ſehn alſo wohl, daß Sie unter der Zahl der Lebenden bleiben werden. Ich hoffe es; nichtsdeſtoweniger werden wir uns ſchlagen. Meinethalben. Wählen Sie Degen oder Piſtolen? Den Degen. Ich fiel wie aus den Wolken, als ich dieſen wüthen⸗ den Wenſchen zuvorkommend und höflich werden ſah bei der nahen Ausſicht auf ein Duell auf Tod und Leben, welche wohl geeignet war, ihn in Unruhe zu verſetzen, denn es ſchien mir unmöglich, daß ein Sonderling dieſer Art tapfer ſein könne. Ich bewahrte meine Kaltblütigkeit und meine Freiheit, da ich ſicher war, ihn durch meine Finte niederzuſchlagen; ich gelobte mir, ihn blos am Knie zu verwunden. Wir brachen auf, nachdem wir gut zu Mittag ge⸗ geſſen, er ohne Gepäck, ich mit meinem Koffer hinter dem Wagen. Er hatte dem Kutſcher geſagt, er möge den Weg nach Goertz einſchlagen, und ich erwartete jeden Augenblick, daß er ihm befehlen würde, rechts oder links vom Wege abzulenken, um im Dickicht ein Schlachtfeld zu ſuchen. aber Torriano beobachtete das tiefſte Schweigen. Als Görtz ſchon vor uns lag, ſagte er zu mir: Es iſt beſſer, daß . G wir gute Freunde bleiben, verſprechen wir uns gegenſeitig, dieſe unangenehme Geſchichte geheim zu halten. Meinethalben, ſagte ich zu ihm, aber kommen Sie nicht wieder darauf zurück. Er trieb die Gemeinheit ſo weit, zu verlangen, daß wir uns im Augenblicke der Trennung umarmen ſollten. Ich nahm eine kleine Wohnung in der ruhigſten Straße von Trieſt; ich beabſichtigte, hier den zweiten Theil meiner Unruhen in Polen zu beenden. Indeß hinderte mich die Zeit, welche ich dieſer Sache widmete, nicht, in den Cirkeln zu erſcheinen bis zum Augenblicke meiner Rück⸗ kehr nach Goertz, wo ich die Begnadigung, welche mir Herr Zaguri verſprochen hatte, erwarten ſollte. Das Abenteuer in Speſſa war in Jedermanns Mund; in den erſten Ta⸗ gen meiner Ankunft ſprach man unaufhörlich davon in meiner Gegenwart. Ich behandelte dieſe Gerüchte als leeres Gerede und die Sache als eine Kleinigkeit; endlich hörte man ganz auf, davon zu ſprechen, beſonders als man ſah, daß Torriano mir Beweiſe ſeiner Freundſchaft gab. Er ſuchte mich wieder an ſich zu ziehen, aber ich entſchuldigte mich; er war ein gefährlicher Menſch, eines von jenen unver⸗ nünftigen Weſen, die man fliehen muß, ſobald man ſie ge⸗ wahr wird. Er heirathete die junge Dame, von welcher ich geſprochen, und machte ſie ſehr unglücklich. Ich habe erfahren, daß Torriano nach fünfzehnjähriger Ehe arm und in Raſerei geſtorben iſt. Bei meiner Ankunft in Goertz erfuhr ich, daß der neue Rath der Zehn im Anfange des Oktober ſein Amt angetreten hatte; die neun Staatsinquiſitoren hatten eben⸗ falls ihre Vorgänger in der Regierung der Republik er⸗ ſetzt. Herr von Moroſtni, der Senator Zaguri und mein aufrichtiger und treuer Freund Dandolo, dieſe meine auf⸗ richtigen Beſchützer, meldeten mir, daß ſie noch immer hoff⸗ ten, meine Gnade zu erwirken; wenn es ihnen aber nicht gelinge, meine Zuruͤckberufung im Laufe des Jahres zu er⸗ langen, ſo müſſe ich für immer darauf verzichten. Abge⸗ ſehn von jenen neuen Beamten, beſtand der Gerichtshof in Folge eines glücklichen Zufalls aus Perſonen, welche ſie 8A=OAs —„— — D £ ð—— »—89 u—ma n—, un— 73 mit ihrer Freundſchaft und ihrem Vertrauen ehrten. Sa⸗ gredo, einer der Inquiſitoren, war ein vertrauter Freund des Procurators Moroſini; ein anderer, Herr von Grimani, war ſehr genau mit Dandolo bekannt; endlich verbürgte ſich Herr Zaguri für einen Dritten, der zu den ſechs Rä⸗ then gehörte, die einen integrirenden Theil des Raths der Zehn bildeten. Dieſer Rath der Zehn beſtand verfaſſungs⸗ mäßig aus ſiebenzehn Perſonen außer den ſechs Räthen; der Doge hatte das Recht, in demſelben zu ſitzen. Man ſieht, daß ich meine Rückkehr nach Trieſt wünſchen mußte, hier nur war ich in der Lage, der Republik Dienſte zu leiſten: ich konnte hier den Eifer derjenigen ſtacheln, die Antheil an mir nahmen und die ſo erwünſchte Zurückberu⸗ fung, welche ich durch ein zwanzigjähriges Exil in allen Ländern Europa's ſo ſehr verdient hatte, kräftig betreiben. Im Alter von neunundvierzig Jahren, welches ich leider! erreichte, ſah ich ſehr gut ein, daß ich an das Glück, dieſe für das reifere Alter ſo unbarmherzige Gottheit, keine An⸗ ſprüche mehr zu machen habe. In Venedig glaubte ich ſei⸗ ner Strenge trotzen und mich durch meine Talente erhalten zu können. Meine lange Erfahrung mußte mich gegen die Bethörungen der Eitelkeit ſchützen; ich ſtrebte weder nach Titeln, noch Ehre, noch nach dem Glanze einer großartigen Exiſtenz; ich wünſchte nichts weiter als eine kleine Stelle, deren mäßige Einkünfte genügten, mir das unumgänglich Nothwendige zu verſchaffen, denn von nun an wollte ich genügſam ſein. Ich arbeitete unabläſſig an meiner Geſchichte der Un⸗ ruhen in Polen; der erſte Theil war ſchon gedruckt, der zweite ſo ziemlich beendet, und es blieb mir noch hinläng⸗ licher Stoff zu einer Ausgabe von ſieben Bänden. Wenn ich mit dieſem Werke zu Ende war, wollte ich die letzte Hand an meine Ueberſetzung der Iliade in italiäniſchen Stanzen legen, welche nur der Vorläufer einer Reihe an⸗ derer Arbeiten war; ſchlimmſten Falls hatte ich nicht Ar⸗ muth in einer Stadt zu fürchten, welche Leuten, die in jeder andern Stadt betteln müßten, ſo viele Hülfsmittel darbietet. 74 In Goertz ſah ich den Grafen Karl Coronini an ſeinem Kopfgeſchwüre ſterben. Er hatte ſein Teſtament in achtſolbigen italiäniſchen Verſen gemacht; er vermachte mir daſſelbe; wenn ich indeß einmal ein Vermächtniß bekommen ſollte, würde ich das ſeines Vermögens vorgezogen haben. Ich habe dieſes Vermächtniß des Grafen als ein Denkmal geſunder Philoſophie und guter Laune gewiſſenhaft aufbe⸗ wahrt; es läßt ſich nichts Originelleres denken, als dieſes Schriftſtück, das voller Kraft, Feinheit und Ironie iſt; nie hat man von ſeinem eigenen Tode mit größerer geiſtiger Frei⸗ heit geſprochen. Allerdings ahnte Graf Karl beim Schrei⸗ ben nicht, daß er vor Ablauf eines Monats ſterben würde; er hatte mehr als einen Sparren im Kopfe, denn wer an⸗ ders als ein Narr könnte wohl beim Gedanken an den Tod lachen! Am letzten Tage des Dezember 1773 reiſte ich von Goertz nach Trieſt, und am 1. Januar 1774 nahm ich eine Wohnung im großen Gaſthofe, der am ſchönſten Platze der Stadt belegen iſt. Ich wurde noch beſſer aufgenommen, als ich erwartet. Der Baron Pittoni, der venetianiſche Konſul, alle Mitglie⸗ der der Handelskammer, alle Beſucher des Konſuls, ſo wie die jungen Leute, Damen, Fräuleins, ſchienen erfreut, mich wiederzuſehn. Ich verlebte den Karnaval auf eine ſehr angenehme Weiſe, obwohl ich unabläſſig an meiner Geſchichte arbeitete, deren zweiter Theil vor den Faſten gedruckt wurde. In Trieſt war damals eine Schauſpielertruppe, unter welcher ſich Irene befand, jene Irene, die ich geliebt, die Tochter des angeblichen Grafen Rinaldi. Ich hatte früher Umgang mit ihr in Mailand und Genua gehabt, ſodann ſte vernachläſſigt, und endlich ſie aus Rückſicht für ihren Vater aufgegeben; ſpäter war ich ihr in Avignon ſehr nütz⸗ lich geweſen, wo ich ſie aus einer großen Verlegenheit ge⸗ rettet. Obwohl ich ſeit zwölf Jahren von ihr getrennt war, erkannte ich doch beim erſten Blicke, daß ſie mir noch gefallen könne, aber ich fühlte zugleich, daß ich auf meiner Hut ſein müſſe, da ich nicht mehr in der Lage war, —-.-.— —— d à n—— u-* — 8˙ ᷣ 8— n— 8*⅔—— A* — ——— 75 Thorheiten zu begehen. O, Ihr ſchönen Tage, wo ſeid Ihr hin! Die ſchöne Irene empfing mich mit einem Freuden⸗ ſchrei; ſie rechnete auf meinen Beſuch, denn, ſagte ſie, ich habe Dich im Parterre erkannt. Ich war alſo nicht ganz entſtellt. Sie ſtellte mir ihren Mann vor, der die Sca⸗ pins ſpielte, und ihre Tochter, kaum acht oder zehn Jahre alt, die ſchon als Tänzerin berühmt war. Irenens Ge⸗ ſchichte war in zwei Worten folgende: Im Laufe des Jah⸗ res, wo ſie durch Avignon gekommen, war ſie mit ihrem Vater nach Turin gegangen. Hier verliebte ſie ſich in Sca⸗ pin, verließ ihre Familie, um ihm zu folgen und ergriff wie er die theatraliſche Laufbahn. Sie wußte, daß ihr Vater an einer Unverdaulichkeit und ihre Mutter vor Kummer über ihr großes Elend geſtorben war. Irene verſicherte mir, daß ſie trotz der Klippen ihres Standes die eheliche Treue immer geachtet, ohne durch ungerechte Strenge die wenigen Liebhaber, die Erhörung verdienen, zur Ver⸗ zweiflung zu bringen. Dieſe überall ſo ſeltne Gattung war zum Unglück für ſie in Trieſt noch ſeltner. Ihr ganzes Vergnügen in dieſer Stadt beſtand daher auch darin, daß ſie vier oder fünf vertraute Freunde zum Abendeſſen ein⸗ lud; das Abendeſſen gab blos den Vorwand zum Speele. Irene hielt die Bank mit großer Geſchicklichkeit. Sie lud mich ebenfalls ein;⸗ ich verſprach ihr nach dem Schauſpiele zu kommen und nahm mir vor, nur niedrig zu ſpielen, denn das Spiel war von der Trieſter Polizei ſtrenge ver⸗ boten. Alle Gäſte, ſieben oder acht junge Leute, wenn ich nicht irre, waren in ſie verliebt, was ſie zu bemerken ver⸗ hinderte, mit welcher Geſchicklichkeit die Prinzeſſin abzog. Ich gerieth in Verſuchung zu lachen, als ich ſah, daß ſie ihr Talent auch gegen mich ausübte; indeß ſagte ich kein Wort und zog mit einem Verluſte von einigen Gulden ruhig wie die Andern ab. Es war eine Kleinigkeit, aber es verdroß mich, daß Irene mich als Neuling behandelt hatte. Am folgenden Tage beſuchte ich ſie auf der Probe und machte ihr ein Kompliment über ihre Geſchicklichkeit. 4 & 76 4 Sie that anfangs ſo, als ob ſie nicht verſtehe, als ich aber weiter in ſie drang, behauptete ſie, ich irre mich. Wenn es ſo ſteht, ſo ſollen Sie Ihre Lüge bereuen, meine Schöne. Hierauf änderte ſie den Ton, wollte mir das Geld, welches ich verſpielt, wiedergeben und erbot ſich, mir einen Antheil bei ihrer Bank zu geben. Ich wies beide Vor⸗ ſchläge zurück und erklärte ihr, doß ich nicht mehr in ihrem Kreiſe erſcheinen würde. Laſſen Sie Ihren Freunden nicht zu ſtark zur Ader, ſagte ich, denn ein Skandal könnte unangenehme Folgen für Sie haben; das Gewerbe, welches Sie treiben, bringt Unglück. Einige Tage darauf beſuchte mich Irene; ſie war von Pittoni begleitet, der ſich in ſie verliebt hatte. Das war ein Glück für ſie, denn kurz darauf klagte einer ihrer Freunde ſte der Gaunerei an und ohne die allmächtige Vermittlung Pittoni's, der noch immer Polizet⸗Direktor war, würde ſie ins Gefängniß gewandert ſein. Sie— Trieſt mit der ganzen Truppe in der Mitte der Faſten. Der Leſer wird ſie fünf Jahre ſpäter in Padua wiederfinden, wo ich mit ihrer Tochter matre pul- chra pulchrior filia, eine vertraute Bekanntſchaft an⸗ knüpfte. Hier enden die Memoiren Caſanova's. — Anhang. 1) Caſanovas Beiefe an Herrn Faulkinher in Oberleu⸗ tersdorf. 2) Fragmente des Fuͤrſten von Ligne uͤber Jakob Caſanova. 3) Th. Mundt über Caſanova. 3 4) Barthold über die Geltung und die Beſtrebungen der Italiäner im Auslande. 7* Brieke an Herrn Faulhinher in Oberleutersdork, geſchrie⸗- ben von ſeinem beſten Freunde Jakob Caſanova von Seingalt. Januar 1792. Est hoc pro certo, quoties cum stercore certo Vinco seu vincor, semper ego maculor. (Sicher iſt es, daß ich, ſo oft ich mit dem Schmutze kämpfe, beſu⸗ delt werde, mag ich nun ſiegen oder beſiegt werden) Erſter Brief*). Sie ſehen wohl ein, mein lieber Herr Faulkinher, daß nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nie Beziehungen zwiſchen uns hätten entſtehen können während unſers ge⸗ meinſchaftlichen Aufenthalts im Schloſſe des Grafen von Waldſtein, wo ich als Bibliothekar, Sie als Aufſeher der Küchenjungen angeſtellt ſind; da aber in unſrer Zeit die ungewöhnlichſten Sachen zu den gewöhnlichſten geworden ſind, ſo werde ich mich wohl daran gewöhnen müſſen. Sie haben meine Ehre dreifach ſehr ſchwer verletzt und bis ich die mir gebührende Genugthuung bei dem Gerichtshofe 8 *) Die folgenden Briefe ſind in Caſanova's Nachlaß gefun⸗ den worden. 80 ſuche, werden Sie mir erlauben, unſre Streitigkeiten dem Publikum vorzulegen. Dies iſt ein unparteiiſcher und ſtren⸗ ger Richter, den Sie vergeblich zu beſtechen ſuchen würden; auch enthält der ganze Keller des Herrn Grafen nicht Wein genug, um Sie dazu in den Stand zu ſetzen. Das Publi⸗ kum wird alſo entſcheiden, ob Sie ein Taugenichts ſind oder nicht, ob Sie ein Feigling oder ein Ehrenmann ſind. Nur etwas Muth, mein lieber Herr Faulkinher. Gehen Sie an die Arbeit und beantworten Sie meine Briefe, wenn es Ihnen möglich iſt. Seien Sie aber ſo liebenswürdig, mir Ihre Antworten in franzöſiſcher, italiäniſcher, ſpaniſcher oder lateiniſcher Sprache zukommen zu laſſen, denn Sie ſollen meine Briefe in Ihrer Mutterſprache erhalten, die Sie, Gott weiß wie, radebrechen. Ich werde die Koſten für einen Ueber⸗ ſetzer tragen, und Sie können ebenfalls einen bezahlen; glau⸗ ben Sie mir, wir wollen uns unſrer Unwiſſenheit, ich der meinigen in der deutſchen Sprache und Sie der Ihrigen in allen Sprachen der Welt nicht ſchämen. Im Vergleich mit Ihren groben Verſtößen iſt dies nur eine Kleinigkeit. Sie haben ſich erlaubt mich lächerlich zu machen, und das We⸗ nigſte iſt doch gewiß, daß ich Repreſſalien brauche. Ich brauchte dies allerdings nicht zu thun, denn es giebt Leute, deren Lächerlichkeit nicht erſt erwieſen zu werden braucht; aber ich liebe die Rache und die Rache wird ſchrecklich ſein, das ſage ich Ihnen zum Voraus. Einſtweilen bin ich nach der üblichen Formel, welche man unter die Briefe ſetzt und welche nichts bedeutet Ihr u. ſ. w. Zweiter Brief. Mein lieber Herr Faulkinher, ich bin in großer Ver⸗ legenheit wegen des Anfangs, denn wir haben uns nie in irgend einen Beziehung oder Sprache verſtändigen können. Sie wiſſen beſſer als ich, daß das Deutſch, welches Sie ſprechen, ein unverſtändliches Deutſch iſt und daß Sie von einer ſchauderhaften Unwiſſenheit in jeder andern menſchli⸗ chen Sprache ſind. Es wäre dies allerdings für uns ein ———————,„—— ———— 12———4————————,—8O—— 192————,——— 81 Grund in Frieden zu leben; aber in Bezug auf Lebensart, Gefühle, Ehre, ſtehen Sie ebenfalls beim ABC; Sie ſind ein wahres Schwein, und es iſt Ihr Unglück, daß Sie nur dies ſein können. Es giebt Gründe, welche zu Ihrer Recht⸗ fertigung gereichen, denn man hat Sie nie etwas gelehrt, und Sie haben auch nie ſelbſt etwas gelernt. In dem Al⸗ ter, wo ich noch ſtudirte, wurden Sie zum Soldaten ge⸗ macht, und in der Wachtſtube konnten Sie allerdings nicht feines Benehmen lernen und einen anſtändigen Anſtrich be⸗ kommen. Wo zum Teufel wollten Sie wohl die Zeit her⸗ nehmen, ſich mit dem Alphabet und der Grammatik zu be⸗ ſchäftigen, wenn Sie die Trommel rühren oder den Solda⸗ ten zum Trinken einſchenken mußten? Ich beklage Sie mehr als ich Sie tadle, und ich danke dem Glücke, welches mich mit den Vorzügen bedacht hat, die Ihnen gänzlich fehlen. Das hätte Sie indeß nicht abhalten können, vorwärts zu kommen, und ich will Ihnen Generäle nennen, welche in der Orthographie nicht weiter als Sie waren. Rechnen wir indeß ein bischen: nach fünfzigjährigem Dienſte ſind Sie endlich Lieutenant geworden. Befriedigt von dieſem hohen Grade, haben Sie den Beſchluß gefaßt, ſich dabei zu beruhigen. Sie haben zu ſich ſelbſt geſagt: Es iſt Zeit, daß ich auf meinen Lorbeeren ausruhe. Sie ſind alſo um Ihren Abſchied eingekommen und man hat ſich beeilt, Ihnen denſelben zu geben. Böſe Zungen behaupten, Sie ſeien ein ebenſo ſchlechter Soldat geweſen, wie Sie ein ſchlechter Kau⸗ derwälſcher ſind, und eine ſchreckliche Krankheit, gewöhnlich Faul⸗ heit genannt, habe Ihnen immer die Mittel gegeben, ſich den Verpflichtungen Ihres Dienſtes zu entziehn. Wäre der Kriegsrath nicht nachſichtig geweſen, ſo weiß ich nicht, was aus der Penſion von zweihundert Gulden, die Sie beziehn, geworden ſein würde. Sie könnten dann nicht mit Ihrer Unterlieutenants⸗Uniform Staat machen, die beiläufig be⸗ merkt, für den Küchenaufſeher eines Privatmannes ſo gut paßt. Ich weiß wohl, daß Sie dieſes Vorrecht mit einigen kleinen Gefälligkeiten bezahlen; ſo koſten die Herren Offi⸗ ziere der Garniſon alle Tage den Wein des Grafen und Sie laſſen ihnen denſelben ſehr billig; die Herren wiſſen XVIII. 6 82 ſehr gut, daß Sie das Gewerbe eines Spitzbuben treiben, und warten nur auf eine Gelegenheit, es Ihnen ins Geſicht zu ſagen. Vermeiden Sie es ja, ihr Mißfallen zu erregen und ſehen Sie ſich wohl vor, daß der Skandal Ihrer Frei⸗ gebigkeit nicht zu den Ohren Jupiters und ſeines Olymps gelange, denn ſonſt würden Sie Ihre Epauletten ablegen und die Jacke eines Küchenjungen anziehn müſſen. Dritter Brief. Wenn ich mich recht entſinne, mein lieber Herr Faul⸗ kinher, ſo ſind es jetzt fünf Jahre, daß Sie nach Dux ge⸗ kommen ſind. Sogleich ließen Sie es ſich einfallen, Ihre Naſe überall hinzuſtecken; als Küchenaufſeher glaubten Sie, daß die Bibliothek zu Ihrer Competenz gehöre, und als Sie erfuhren, daß ich tauſend Gulden Gehalt habe, gingen Sie „darauf aus, meine Verabſchiedung zu bewirken. Da Sie nicht wiſſen, was eine Bibliothek iſt, darf es nicht verwun⸗ dern, daß für Sie ein Bibliothekar ein phantaſtiſches Weſen iſt, dem Wohnung, Eſſen und Geld zu geben, Ihnen ſehr unnütz ſcheinen muß. Sie ſetzten demgemäß Ihre Gedanken dem Grafen auseinander, der Sie in Ihre Küche ſchickte. Nun führten Sie andere Batterien auf: alle Ihre Küchenjungen wur⸗ den gegen mich losgelaſſen, und Sie führten gegen mich einen wahren Kaſſerollenkrieg; das war Alles, was Sie thun konnten. Zwei Jahre ließ mich Ihr ſchlechtes Beneh⸗ men ganz unberührt. Der Graf war abweſend und ich aß auf meine eigne Koſten; aber ſeit meinem Leipziger Un⸗ glücke, nachdem der Buchhändler H... mir viertauſend Gulden abgenommen und ich auf die Hälfte meines Ge⸗ halts verzichten mußte, mußte ich auch am Tiſche der Be⸗ amten des Grafen ſpeiſen. Hierauf hatten Sie gewartet, und ich mußte ſchreckliche Pillen hinunterſchlucken. Trotz Ihrer Dummheit verſtehn Sie die Kunſt die Pille zu über⸗ zuckern und bei paſſender Gelegenheit verſtehn Sie es, ſich in eine Schaafshaut zu ſtecken und ſich für ein andres Thier auszugeben, als Sie ſind; aber Ihr Grunzen verräth Sie, 8³ und Ihr Schwanz bleibt ſichtbar. Sie haben immer ge⸗ glaubt, ich ſchätze Sie und zwar wegen Ihres Muths, kurz ich fürchte mich vor Ihnen. Aber bone Deus! können Sie fich wohl verbergen, daß ich, abgeſehn von dem Widerwil⸗ len, mich mit einer Perſon wie Sie, zu ſchießen oder zu ſchlagen, nur deshalb keine Genugthuung von Ihnen for⸗ derte, weil Ihre notoriſche Feigheit es nicht zuließ. Da⸗ durch konnten Sie allerdings auf den Gedanken geführt wer⸗ den, mich aus dem Wege zu räumen, und Ihr theurer Freund Viderol würde wahrſcheinlich vor einem ſolchen Auf⸗ trage nicht zurückgebebt ſein. Alle Bosheiten, die Sie ſeit dem September 1792 begangen, berechtigen mich zu dieſem Glauben. Wollen Sie übrigens wiſſen, was man allge⸗ mein von dieſem Viderol denkt, und mit welchem Auge man Ihre Verbindung mit demſelben anſieht? Man weiß, daß dieſes Individuum mit ſeiner einfältigen Galgenphy⸗ ſtognomie bis zu ſeinem zwanzigſten Jahre Stallknecht war, und in dieſer Stellung mehr als einen Peitſchenhieb bekam, der nicht für die Pferde beſtimmt war. Als der Herr Graf aus England zurückkam, machte er ihn zu ſeinem Stall⸗ knechte und gab ihm das Recht mit ſeinen Beamten zu ſpeiſen. Dieſer allgemein verachtete Schurke verführte meine öübrigens ſehr wenig verführeriſche Köchin und theilte ihr die Weeewemit, mit welcher dieſelbe ſodann unſern eh⸗ renwerthen Forſtaufſeher anſteckte, der daran ſtarb. Das iſt noch nicht Alles; man weiß, daß er ein Paſſe⸗partout beſitzt, vermittelſt deſſen er ſich zuweilen in den Zimmern des Schloſſes Eingang verſchafft und namentlich auch in mei⸗ ner Bibliothek, aus welcher er alle fehlenden Bücher mit⸗ genommen hat. Das ſpricht man, und wenn die Welt ſich täuſcht, wenn Viderol unſchuldig iſt, ſo können Sie wenig⸗ ſtens es nicht ſein. Das Geſicht dieſes Burſchen zeigt zur Genüge, daß er nur ausführt, was Sie ihm gerathen haben, Verbergen Sie alſo Ihr Spiel beſſer. —ᷣ—ᷣ—ᷣ—ÿ—ᷣ——— 84 Vierter Brief. Wann werden Sie denn aufhören, mich zu verfolgen, Herr Unterlieutenant?— Im Schloſſe von Durx iſt eine Kapelle, in welcher nur der Graf und ſeine Freunde das Recht, die Meſſe zu hören, haben; als ſolcher habe ich mei⸗ nen beſtimmten Platz in ſeiner Nähe. Da der Graf ſeinen Ofſizianten Plätze in der Kirche eingeräumt hat, ſo hat er auch Ihnen einen ſolchen geſtattet; aber er hat Viderol ver⸗ boten, die Kirche zu betreten. Trotz dieſes Verbots iſt der Unverſchämte mit ſeiner Karoline erſchienen, welche ſich für eine Lutheranerin hält. Beim Anblick dieſes Paars habe ich ſogleich die Kirche verlaſſen und erfahren, daß Viderol bis zu Ende ausgehalten und ſo gethan, als ob er dem Gottesdienſte folge, obwohl der Einfaltspinſel nicht einmal die Buchſtaben kennt. Bei Tiſche hat Viderol es ſich ein⸗ fallen laſſen, über meine eilige Flucht zu lachen. Dieſe Unſchicklichkeit haben Sie ihm ſoufflirt; Sie hätten ge⸗ wünſcht, daß ich ihm meinen Teller ins Geſicht würfe, da⸗ mit auch er mir den ſeinigen an den Kopf werfen könne. Sie ſind nun wüthend über meine allerdings exemplariſche Mäßigung und ſinnen über eine neue Scheußlichkeit nach; ich bin davon unterrichtet. Fünfter Brief. Sie Intendant des Grafen von Waldſtein haben ſich eine neue Beleidigung geſtattet, welche Sie einem Rekruten nicht anzuthun gewagt haben würden, als Sie noch Kor⸗ poral im Regiment Waldeck waren. Sie wußten, daß die⸗ ſer Viderol unter den aus der Bibliothek geſtohlenen Bü⸗ chern auch einen Band meiner Werke mitgenommen hatte. Er riß mein Portrait aus, fügte zu meinem darunter befind⸗ lichen Namen ein grobes Schimpfwort hinzu, bedeckte das Bild mit Schmutz, und klebte es an die Mauer der Haupt⸗ ſtraße von Duxr, an einen für Jedermann ſichtbaren Ort; 85⁵ die Beſchimpfung war diesmal öffentlich und Jeder ſagte ſich, daß die Züchtigung dem Verbrechen angemeſſen ſein würde. Ihre Sache, Intendant des Schloſſes, war es, die⸗ ſelbe zu verfügen. Ich ſuche Sie alſo in Karolinens Zim⸗ mer, welches Sie ſelten verlaſſen: ich bringe Ihnen den Be⸗ weis des Verbrechens, das beſchmutzte Portrait. Aber Sie hatten die Frechheit, es mir lachend aus den Händen zu reißen und zu ſagen, ich ſolle unſchuldige Späße nicht be⸗ achten oder die Rückkehr des Grafen abwarten, um Klage zu führen. Ich machte Ihnen bemerklich, daß die Sache nichts Spaßhaftes habe, und daß das Verbrechen offen vor⸗ liege; aber in Ihrer thöͤrichten Unwiſſenheit erwiderten Sie, die Sache ſei nicht der Mühe werth, ſich damit zu beſchäf⸗ tigen und Viderol ſei nur ein leichtſinniger Menſch. Da Sie hiervon nicht abgehn wollten, bat ich Sie, mir mein Eſſen auf mein Zimmer zu ſchicken und mich nicht zu zwin⸗ gen, mit dem Niederträchtigen an einem Tiſche zu ſpeiſen; Sie haben ſich deſſen hartnäckig geweigert und ſich dadurch zu Viderols Mitſchuldigen und zum Begünſtiger ſeiner ſträf⸗ lichen Handlung erklärt. Von jetzt an habe ich von Ihnen Alles zu fürchten; ich ſage Alles, denn nach einem ſolchen Benehmen kann wohl Niemand dafür bürgen, daß Sie mich nicht ermorden laſſen werden. Ich weiß freilich, daß Sie Ihre Perſon zu ſehr lieben, um ſich jeder Gefahr, von meinem Degen eine wohlverdiente Züchtigung zu empfan⸗ gen, auszuſetzen. Sechſter Brief. Sie erinnern ſich vielleicht, daß vor drei Jahren der Burggraf von Prag mir gegen die Räuber von Zollbeam⸗ ten, die mich auf eine unehrerbietige Weiſe behandelt hatten, eine ſchöne Genugthuung gab; als ich Ihnen aber meine Klagen darlegte, erklärten Sie mit Ihrer gewöhnlichen Bosheit, es ſei Alles von mir erdichtet worden. Was konnte ich anders thun, als Sie bitten, nach Prag zu gehn, um die Richtigkeit der Thatſachen zu prüfen? Als Sie zu⸗ 86 rückkamen, gaben Sie die Richtigkeit der Thatſache zu, ta⸗ delten aber die Verfügung des Burggrafen. Wäre Ihnen ſo etwas begegnet, ſo würde dieſer hochgeſtellte Beamte die Sache gewiß anders gefaßt haben; er würde den Zollbeam⸗ ten Recht gegeben haben, das verſteht ſich von ſelbſt, denn wie kann man wohl dem, was Sie ſagen, Glauben ſchen⸗ ken! Uebrigens haben Sie kein vortheilhaftes Ausſehn und Sie erſcheinen als das, was Sie ſind, als ein wahrer Bauerlümmel. Wenn Sie wüßten, wie lächerlich Sie ausſehn, wenn Sie ſich das Anſehn geben, als ob Sie von den Wiſſen⸗ ſchaften etwas verſtänden! Welches Mitleiden flößten Sie mir neulich bei Tiſche ein, als Sie mit anmaßendem Tone äußerten, es werde mir allerdings eines ſchönen Tages ge⸗ lingen, die Multiplikation des Cubus auf mathematiſchem Wege zu beweiſen, aber auf geometriſchem werde ich nie dazu gelangen! Sie unwiſſender Papagei wiederholten nur, was irgend ein ungläubiger Geometer, aber in beſſern Aus⸗ drücken in Ihrer Gegenwart geſagt. Als Sie ſpäter in Karlsbad erfuhren, daß meine Erfindung den Beifall meh⸗ rerer Akademien erhalten, und daß mir der Kurfürſt von Sachſen ein werthvolles Kleinod geſchenkt, da ſperrten Sie den Mund auf, zum Zeichen Ihres Blödſinns. Siebenter Brief. Mein lieber Herr Unter⸗Lieutenant! Hätten Sie die ge⸗ ringſte Kenntniß des menſchlichen Herzens, könnten Sie ſich namentlich vorſtellen, was Ehrgefühl iſt, ſo würden Sie wegen der zehn Gulden, die ich, wie ich nochmals behaupte, auf den Tiſch des Grafen gelegt, nie den geringſten Zwei⸗ fel erhoben haben. Dieſer Lump von Viderol friſirte ihn gerade in dieſem Augenblicke, und als der Graf das Geld anfaßte, waren ſtatt zehn Gulden nur noch neun da. Wer anders als Ihr theurer Freund konnte wohl dieſen Dieb⸗ ſtahl begehn? Wer anders als er würde dumm genug ſein, zu glauben, ein ſolcher Diebſtahl könne verborgen bleiben? 87 Er hat keine Ahnung davon, daß Ehrenmänner nicht nach dem Muſter von Stalljungen zugeſchnitten ſind. Ein ach⸗ tungswerther Greis wie ich, der immer die Ehre dem Leben vorgezogen hat, täuſcht ſich unter ſolchen Verhältniſſen nicht, er hat jede mögliche Vorſicht gebraucht und ſich von dem, was er ſagt, überführt; ich will noch weiter gehn und be⸗ haupten, daß man ihm glauben muß, wenn er geſprochen hat; jede weitere Unterſuchung müßte ihn beleidigen. Sie wußten das nicht, nicht wahr? Und Ihr Viderol wußte es wahrſcheinlich auch nicht; ein ſolches Benehmen, welches für Leute von Welt ſo leicht auszuüben iſt, iſt in den Ställen nicht gebräuchlich. Als Sie mir ſagten, Viderol ſei nicht gewohnt zu ſtehlen, und er ſei alſo unſchuldig, drehte ich mich ſchnell um, denn die Hand juckte mir, und ich weiß nicht, was mich abgehalten hat, Ihnen in Ihr Polichinell⸗ geſicht hineinzuſchlagen. Und ſehen Sie nur die Dummheit! Drei Tage darauf ſagen Sie zum Chevalier Lamotte, nichts ſei leichter als den Grafen zu beſtehlen, der Jedem vertraue und nur ſeinem Gedächtniß mißtraue. Armer Gardeſoldat, wie können Sie die Stirn haben, von irgend etwas zu ſpre⸗ chen und eine Meinung abzugeben? Achter Brief. Endlich, mein Herr, haben Sie Ihrer Rohheit die Krone aufgeſetzt. Sie haben Ihrem Bedienten befohlen, mich mit Stockſchlägen zu überfallen, und er hat ſich dieſes Auftrags auf offener Straße in Dux vor Aller Augen entledigt. Was konnte ich, da ich geſchwächt durch das Alter und ohne Waffen bin, anders thun, als beim Syndikus Genug⸗ thuung nachſuchen? Aber der unwiſſende Richter antwortete (auf Ihr Anſtiften), er könne Viderol nicht ohne Genehmi⸗ gung des Grafen verfolgen, und der Graf iſt abweſend! Niederträchtige Verräther, die Ihr Alle ſeid, habt Ihr wohl glauben können, ich würde mich ungeſtraft zertreten laſſen, ohne zum Schutze der von unſerm hochherzigen Kaiſer Leopold II. erlaſſenen Geſetze meine Zuflucht zu nehmen? 88 Obwohl der Syndikus nur Ihr Werkzeug iſt, Herr Faul⸗ kinher, und durch ſein Benehmen gezeigt hat, daß er noch einfältiger als Sie iſt, werde ich doch nicht unterlaſſen, ihn kriminaliſch zu belangen. Bis dahin triumphiren Sie! Sie haben Alles gethan, mir den Aufenthalt in Dux un⸗ angenehm zu machen und mich zum Weggehen zu veran⸗ laſſen. Glauben Sie indeß, daß Ihr Triumph nur von kurzer Dauer ſein wird; ich lege meine Sache in die Hände eines unbeſtechlichen Richters. Neunter, zehnter, elfter Brief. Sie ſind der allunwiſſendſte Menſch, ich werde nicht müde werden, Ihnen das zu ſchreiben, ſo unwiſſend, daß Sie gar nicht im Stande ſind, ſich von Ihrer Dummheit zu überzeugen, wodurch Sie nothwendig in die Klaſſe der Thiere treten. Als unwiſſender Menſch beneiden Sie mich; als neidiſcher Menſch verabſcheuen Sie mich; als Feind ver⸗ läumden Sie mich und als Verläumder verdienen Sie den Strick oder doch wenigſtens, daß man Ihnen die giftige Zunge ausreiße. Der kleine Luſer, dieſer Phönix der Sondici, ſchreibt mir in ſeinem vermeintlich lateiniſchen, aber auf alle Fälle unbegreiflichen Kauderwälſch, daß Sie, Faulkinher, der wahre Urheber des mir angethanen Schimpfs ſind. Er wagt nicht, Ihnen das ins Angeſicht zu ſagen, denn gegen Sie ſpricht er nicht offen, und aus guten Gründen. Er fürchtet Sie, und mit Recht: wer einen blödſinnigen Seid unter ſeinen Befehlen hat, iſt in der That furchtbar. Kommen wir aber zu einem weniger traurigen Gegenſtande. Luſer meldet mir, Sie hätten ihn veranlaßt, mir zwei meiner frühern Erleb⸗ niſſe vorzuhalten, nämlich: 1) daß ich 1767 aus Paris ausgewieſen; 2) daß ich Verfaſſer einer niederträchtigen 1790 in Töplitz erſchienenen Schandſchrift ſei. Das ſind indeß zwei Verläumdungen. Was die Schandſchrift betrifft, ſo ſagen Sie mir nur, wer mit Ihnen davon geſprochen hat? Ich forder Sie heraus, es nir zu ſagen, und gewiß haben v OOͤl O&&= N—— nu 422 — 8———ᷓ ———= m 89 Sie nie etwas der Art geleſen, da Sie ja nicht leſen kön⸗ nen. Was meine Verbannung aus Paris betrifft, ſo ſtrafe ich Sie aufs Förmlichſte Lügen, und erkläre Ihnen(Sie können dies veröffentlichen, wenn Sie wollen), daß ich ein von Sr. Majeſtät dem Könige von Frankreich eigenhändig unterzeichnetes Papier in Händen habe, in welchem Se. Ma⸗ jeſtät mich auffordert, aus„politiſchen, ihm allein bekann⸗ ten Gründen“ die Hauptſtadt zu verlaſſen. Der Befehl wurde mir durch einen Ritter des St. Ludwigs⸗Ordens überbracht, der mir mittheilte, daß es mir trotz dieſes Be⸗ fehls freiſtehe, in Paris zu bleiben, vorausgeſetzt, daß ich mich nicht wieder im Hötel Elboeuf ſehen ließ, wo ich un⸗ beſonnener Weiſe, ich geſtehe es, den jungen Marquis de L'Isle gefordert hatte. Wäre ich aus der Hauptſtadt ver⸗ bannt geweſen, hätte ich dann wohl 1783 in dieſelbe zu⸗ rückkehren können? Hätte ich dann wohl Fontainebleau in Geſellſchaft des Premier⸗Miniſters, Grafen von Vergennes, beſucht? Wollen Sie über Alles, was ich Ihnen ſage, Aus⸗ kunft haben, ſo wenden Sie ſich nur an meinen Bruder, den Maler, welcher gegenwärtig in Wien wohnt und den Tiſch Sr. Excellenz des Fürſten von Kaunitz theilt; nur zweifle ich ſehr, daß der Fürſt Ihnen, wenn Sie dieſe Reiſe unternehmen, dieſelbe Ehre erweiſen wird, denn Sie wiſſen ja, daß Ihr Platz nur in der Küche iſt. Fragmente des Fürſten von Kigne über Jakob Caſanova.„ Dieſer Caſanova war ein Mann von vielem Geiſte, Charakter und Kenntniſſen. Er ſtellt ſich in ſeinen Me⸗ moiren als Abenteurer dar, Sohn eines unbekannten Va⸗ ters und einer ſchlechten Schauſpielerin. Man wird ſein Portrait in meinen Schriften unter dem Namen Aventuros ſinden. Ich werde mein Möglichſtes thun, um die Erinne⸗ rung an dieſe Memoiren in mir zurückzurufen, deren größ⸗ tes Verdienſt der Cynismus iſt, und die aus dieſem Grunde leider wohl nicht das Licht ſehen werden. Sie haben dra⸗ matiſche, höchſt lebendige, komiſche und philoſophiſche Par⸗ tien und man findet darin neue, großartige, unnachahmliche Sachen. Caſanova erlebte in ſeiner Heimath frühzeitig Abenteuer. Der Schauplatz des berühmteſten war ein Klo⸗ ſter, wo der Abbé Bernis, damals franzöſiſcher Geſandter in Venedig, ebenfalls eine Nonne hatte. Ihre Doppel⸗Partieen weurden Wettkämpfe des Geiſtes und der Wolluſt. Ich habe Verſe des Prieſters geſehn, welche die letztere wenigſtens athmeten und noch mehr ſie anregten. Obwohl mir Caſanova ſeine Memoiren vorgeleſen, habe ich doch nicht die Daten aller merkwürdigen Ereigniſſe ſei⸗ nes Lebens behalten; ich kann alſo keine chronologiſche Ord⸗ nung beobachten. Wohl aufgenommen von den fremden 7 1 91 Miniſtern, welche in Pera wohnten, ſtand er auf dem Punkte, bei einem derſelben Geſandtſchafts⸗Sekretair zu wer⸗ den; aber durchaus nicht: der Großherr macht einen ſeiner lächerlichen Spatzierritte in den Straßen von Konſtantino⸗ pel; Caſanova fängt an zu lachen. Er wird von den Ja⸗ nitſcharen eingeſteckt und man ſpricht ſchon von Hängen. AIndeß iſt er leichtfüßig, die Türken langſam; ehe er gekne⸗ belt ward, entflieht er, läuft nach dem Hafen, ſpringt in ein Schiff, welches nach Venedig abgeht. Mit Hülfe eines gün⸗ ſtigen Windes langt er hier ſehr ſchnell an, und wird freund⸗ lich von ſeinen Schulfreunden, beſonders aber von den Je⸗ ſuiten aufgenommen, welche ihn erzogen hatten und die er dennoch zur Verzweiflung gebracht hatte. * Seine Eulenſpiegelſtreiche hatte er nicht vergeſſen. Fol⸗ gender iſt einer der ſtärkſten. Man ſprach, ſchrie, erzählte von Erſcheinungen, Geſpenſtern, Kobolden. Einer ſeiner Freunde, der den Ungläubigen ſpielte, machte ſich über die Andern luſtig. Caſanova verbirgt ſich unter ſeinem Bette und zieht ihm die Bettdecke weg. Dieſer vermuthet, daß er es iſt und ſagt: Ich erkenne Dich und werde Dich ſchon faſſen. Augenblicklich legt er ſich auf die Lauer, um ſei⸗ nen Arm zu greifen. Er faßt ihn allerdings; aber der Arm bleibt in ſeiner Hand: es war der eines Todten, den Caſanova im Hospitale hatte abſchneiden laſſen. Der Un⸗ gläubige ſtößt einen Schrei aus, wird plötzlich von einem kalten Schweiße bedeckt und geht zur ewigen Kälte des To⸗ des über. Seine Brüder kehren zu dieſer Zeit aus fremden Län⸗ dern zurück. Was habt Ihr gelernt? fragt ſte Caſanova. Aus unſerer erſten Unterhaltung erſah ich, äußerte er ge⸗ gen mich, daß der erſte ein Dummkopf, der andere ein Tol⸗ ler ſei. Aber dieſe Tollheit war zufälliger Weiſe das Ge⸗ nie der Malerei, welches ſich ſpäter entwickelte und ihn zum berühmteſten Schlachtenmaler ſeiner Zeit machte. Die Vor⸗ ausſagung hinſichtlich des erſtern, der in Dresden ſtarb, rechtfertigte ſich. Er ſieht ſeine Mutter ſpielen, findet, daß ſie eine ab⸗ ſcheuliche Schauſpielerin iſt, geht in ihre Loge und umarmt 92² ſie, die ganz erſtaunt iſt, einen Sohn wiederzuſehn, von deſſen Schickſalen ſie ſeit langer Zeit nichts gehört hatte. Er läßt ſie das Theater aufgeben. Sie können daſſelbe entbehren, ſagt er zu ihr, weil ein Mädchen, welches in meinem funfzehnten Jahre meine Geliebte war, einen Pro⸗ kurator geheirathet hat, deſſen Vermögen und Freuden ich theile. Die Kleine hat ihren erſten Liebhaber nicht ver⸗ geſſen. Caſanova verſagt ſich nichts, weder Epigramme noch Chanſons, noch leichtfertige Reden, noch Indiscretionen, noch Geſchwätz über die Regierung; wie es andrerſeits bei ihm von Liebſchaften, Eiferſüchteleien, ſeidnen Strickleitern, be⸗ ſtochenen Gondelführern, Abenteuern jeder Art wimmelt. Caſanova ſpielt den großen Herrn und trägt einen Rock von grünen geblümten Luſtrin mit breiten ſilbernen Sticke⸗ reien, einen Federhut, eine gelbe Weſte, karmoiſinrothe Bein⸗ kleider, iſt mit einem Worte ſo gekleidet, wie er auf dem Titelkupfer ſeiner Flucht aus den Bleidächern dargeſtellt wird. Dies Werk beginnt mit dem Tage ſeiner Einſperrung in dieſes ſchreckliche Gefängniß. Sein bizarrer, aber leben⸗ diger Styl giebt jedem Tage ein Ereigniß, und jedes dieſer Ereigniſſe hat einen unendlichen Werth, weil es den Stem⸗ pel der Wahrheit trägt; übrigens iſt mir Alles durch Ve⸗ netianer ſelbſt bezeugt worden. Von ſeiner Fußwanderung ermüdet, tritt er in ein Landhaus und giebt ſich für einen Verwandten des Adligen aus, welchem es gehört. Man antwortet ihm, derſelbe ſei von der Republik zur Verfol⸗ gung eines großen Verbrechers requirirt worden, der aus den Bleidächern in dieſer Richtung geflüchtet. Er hat die Kühnheit, in jenem Hauſe zu ſpeiſen, giebt dann ſeinen Rock einem Bauern, der durch die ſilbernen Stickereien verführt, denſelben annimmt und einen Augenblick darauf an ſeiner Stelle verhaftet wird. Er weiß nicht, ob derſelbe nicht an ſeiner Stelle ſein Leben in den Bleidächern zugebracht hat. Caſanova flüchtet alſo nach Deutſchland, und findet überall Geld, indem er abwechſelnd als Liederdichter, Im⸗ proviſator, Hexenmeiſter und endlich als Spieler auftritt. „ * * —“.— 93 Er iſt zu feinfühlend um zu betrügen, verbindet ſich aber ganz gern mit einem großen Gauner, welchen ich vor ſechs Jahren in Dur geſehn habe, wo er Abends ankam. Ihre Unterhaltung, die Erzählung Alles deſſen, was ihnen ſeit jener Zeit begegnet war, war im höchſten Grade komiſch. Er nannte ſich Lacroix, oder Cruce, oder Della Croce, ganz nach Belieben, je nach den Umſtänden. Caſanova entzweit ſich, und verſöhnt ſich mit ihm, be⸗ freit ihn aus dem Gefängniſſe, rettet mehrere Familien aus dem Elende, wirft ſich zum Advokaten Andrer auf, nimmt einen Sekretair Namens Coſta; geärgert von ihm will er ihn ſchlagen, umarmt ihn aber, fällt ihm zu Füßen und ſein größter Vorwurf beſteht darin, daß er die Stadt Trient mit Zahlen ſchreibt. 1 Die Klagen der Aeltern der jungen Leute in Nürnberg, welche ihr Geld verloren hatten, führen zur Verhaftung des ehrlichen oder unehrlichen Aſſocié; mit ſeinem Gewinne zieht er ſich aus dem Gefängniſſe; ohne Beruf, ohne Plan geht er anderwärts ſeinem Glücke nach, bis er ſein Geld ſo weit verſchwendet hat, um ſich nach neuem umſehn zu müſſen. Seine Leute ſchlagen ſich in Augsburg, er ſchlägt ſie, um ſie zu trennen; er wird ins Gefängniß gebracht und mit der Bitte entlaſſen, die Stadt zu räumen. Sein Wagen zerbricht in der Nähe des Schloſſes eines deutſchen Barons: er ſteht in gutem Vernehmen mit einer ſeiner Töchter; aber bezaubert von der andern, die ihn an⸗ betet, ermuntert er ſie und wird ihr Erzieher; er wird von ihr ſo ſehr geliebt, daß er Luſt bekömmt, ſie zu heirathen; aber weit entfernt, mit ihr eine Liebſchaft anzuſpinnen oder ſie zur Heirath zu verführen, entreißt er ſich dieſem Orte, um ſie nicht durch eine ungleiche Ehe unglücklich zu machen, und ſetzt ſeine Abenteurerlaufbahn fort. Eines ſchönen Morgens macht er ſich davon, ohne daß man im Schloſſe weiß, was aus ihm geworden, läßt die beiden Schweſtern in Thränen zurück, und als er einige Jahre darauf zurück⸗ kömmt, erfährt er zu ſeinem großen Vergnügen, daß ſeine Schülerin in der Tugend, ihren Grundſätzen getreu, einen jungen und intereſſanten Mann glücklich mache, und daß —— 3 8 4 94 ſeine Schülerin in der Wolluſt den ihrigen täuſche, ohne daß er es gewahr werde, daß ſie ſich aber in der Wahl der Liebhaber ſchwierig zeige, weil es ihr nicht leicht wurde, einen ſo liebenswürdigen wie ihn, Caſanova, zu finden, was er aus Beſcheidenheit nicht ſagt, aber ſo gütig iſt, zu ver⸗ ſtehn zu geben. Er kömmt wieder durch Nürnberg und giebt ſich auf dem Paſſe den Namen Seingalt, der ihm in den Mund kömmt, und den er ſeitdem zum ſeinigen hinzufügte, um, wie er zu mir ſagte, ſich adlig zu machen, ohne einem Monarchen dafür verpflichtet zu ſein. Man erkennt ihn, nimmt ihn feſt und der Bürgermeiſter frägt ihn mit ſchreck⸗ licher Miene: Was ſoll dieſer falſche Name?— Es iſt kei⸗ ner, er gehört mir, da ich ihn mir genommen habe; ich habe nicht geſagt, daß ich nicht Caſanova ſei, da ich es bin. — Welches Recht haben Sie, den andern Namen zu füh⸗ ren?— Ich führe ihn kraft des Alphabets.— Wenn es ſich ſo verhält, können Sie gehn. Er begiebt ſich nach Frankreich: er erinnert ſich des Kardinals Bernis, des einzigen Mannes, den er hier kennt; er wird von ihm ganz vortrefflich aufgenommen; ſie er⸗ innern ſich beide ihres Abenteuers mit der Nonne; er be⸗ ſucht ihn, wann er will, denkt aber nicht daran, ihn um etwas zu bitten, obwohl ſein Geld weg war. Der Kardi⸗ nal frägt ihn, ob er welches hat und verſchafft ihm eine Stelle bei der Lotterie, die ihm acht oder zehntauſend Liores einbringt. Was will das aber in Paris ſagen! Caſanova giebt dreißigtauſend aus. Er geht mit Operntänzerinnen um, hat Equipage, Bediente, giebt Abendeſſen, hat ein eingerichtetes Haus u. ſ. w.; irgend Jemand mußte dieſe Ausgaben wohl bezahlen. Er trifft zufällig mit einer der vornehmſten Damen des Reichs zuſammen, der ſeine großen Augen, ſeine ſonderbare Naſe, ſein gebräunter Teint nicht wenig gefallen. Er ißt bei ihr zu Abend; man ſpricht von Magie, Aſtrologie, Kabbala; ſehr vernünftig thuend bekämpft er die beiden erſten und verſichert, daß er in der dritten ſehr ſtark ſei. Wollen Sie einen Beweis haben? ſagt er; haben Sie etwas vom Hofe zu fordern? ich wette darauf, — co cdo ch ——————— * 95 daß ich Ihnen ſagen werde, was Ihnen das Miniſterium antworten wird. Er gruppirt Zahlen, macht Berechnungen, zeichnet Kreiſe u. ſ. w. und verſichert ihr, der Kardinal von Bernis werde ihr geſtatten, mit dem Könige von ihrer An⸗ gelegenheit zu ſprechen, und dieſelbe werde gelingen, trotz der Schwierigkeiten, die er ſelbſt ihr bereiten werde. Ca⸗ ſanova eilt zu dieſem, ſetzt ihn von der Sache in Kenntniß, erzählt ihm ſeine Geſchichte, und dieſer lacht wie ein Toller darüber, und erwartet die Dame mit Ungeduld. Die Angelegenheit war vor der Verbannung des Kar⸗ dinals durchgeſetzt worden: ſo wird alſo nun Caſanova mit Geſchenken überſchüttet, er lehrt ihr die Kabbala, und ſie erdrückt ihn förmlich mit Wohlthaten. Halb in Folge der Geſchicklichkeit des Meiſters, halb durch Zufall erräth ſie zuweilen, und ſte würde das glücklichſte Weib ſein, wenn ihr Alter und ihr Aeußeres ihr geſtatteten, eine Nacht in den Armen ihres Quaſt⸗Hexenmeiſters zuzubringen. Die hun⸗ derttauſend Thaler, die er ſchon von ihr bekommen und die fernern hunderttauſend, auf die er ſicher rechnen kann, muß⸗ ten indeß verdient werden. Gegen eine ihrer Frauen war Caſanova weniger ſtrenge geſonnen, und er theilt ihr ſeinen Plan mit. Es wird pi⸗ kant ſein, ſagte er zu ihr, eine Nacht mit Dir und ihr zu⸗ gleich zuzubringen; ich werde einen Gardeſoldaten mitbrin⸗ gen, der mich vertreten ſoll. Er ſagt zur Dame: Mein Genius droht mich zu verlaſſen, wenn Sie mich unter mei⸗ ner natürlichen Form glücklich machen; ich werde in einer andern mit Ihnen ſprechen, und unſre Wünſche werden be⸗ friedigt werden. Der Soldat wird eingeführt. Caſanova liegt mit dem hübſchen Weibe neben dem Heiligthum der Liebesfreuden der Dame; ſie iſt im dritten Himmel, ſpricht zuweilen mit ihm, und als ihm der Genius wieder geſtattet, ſeine alte Geſtalt anzunehmen, giebt eine kleine Kerze ſei⸗ dem Repräſentanten und der kleinen Zofe das Signal zur lucht. Das Gerucht von den übertriebenen Ausgaben der Dame verbreitet ſich in Paris und Caſanova entflieht der Polizei und wahrſcheinlich der Baſtille, indem er Paris ſo 2 96 ſchnell wie möglich verläßt. Er reiſt wie ein vornehmer Herr und wird überall vortrefflich aufgenommen; er legt zuweilen eine Bank, um ſein Vermögen zu verdoppeln, ver⸗ liert aber die Hälfte deſſelben. Er ſoll in Stuttgart ver⸗ haftet werden; er entkömmt und begiebt ſich nach Ferney. Hier hat er nichts Eiligeres zu thun, als ſich mit Herrn von Voltaire zu entzweien, dem er zu verſtehn giebt, daß die Henriade ebenſo ſehr unter dem befreiten Jeruſalem ſtehe, wie er in der Pucelle hinter Arioſt zurückgeblieben ſei. Nichtsdeſtoweniger intereſſirt er ihn einen Augenblick; aber er rühmt ihm J. J. Rouſſeau, als derſelbe gerade im Be⸗ griffe war, Genf gegen dieſen aufzuregen, und ſie trennen ſich ſehr unzufrieden mit einander. Er erſcheint beiden Par⸗ eien, in welche dieſe kleine Republik von jeher zerfallen iſt, verdächtig und reiſt nach England. Er hat hier das pikan⸗ teſte Liebes⸗ und Wohlthätigkeits⸗Abenteuer, welches ich kenne; aber ich entſinne mich deſſelben nicht genau genug, um es zu erzählen; kurz, er begiebt ſich nach Spanien. Welches Land für Caſanova! Serenaden, Zweifel über die Religion, Spöttereien über die ſpaniſchen Granden, welche immer klein von Geſtalt ſind, und welche er von der gan⸗ zen Höhe der ſeinigen herab betrachtete, Liebesnebenbuhler⸗ ſchaften mit Mönchen, das war zehnmal mehr als zu einem Autodafé erforderlich war; aber die Tochter eines adligen Schuhflickers, bei welchem er wohnte, die in ihn verliebt war, brachte durch ihren Beichtvater vom Groß⸗Inquiſitor in Erfahrung, wann alle Beweiſe gegen ihn geſammelt ſein würden, und er flüchtete zu einem Geſandtſchaftsſekretair, der ihn noch zu rechter Zeit in ſeinem Wagen aufnahm. Ueber Madrid erzählt er viele komiſche Sachen, deren ich mich nicht entſinne und viel Pikantes über den Adel des Schuhmachers, ſeines Wirthes, der alle Gewerbe verachtete und Sonntags ſeinen Degen anlegte. Die Wärme des Klimas und das Feuer des Mädchens gaben ihm viel Ver⸗ gnügen und Stoff zum Nachdenken; ſie war fromm wie ein Engel und machte ihre Handlungen durch ihre Reden wieder gut; ſie predigte ihm vorher und nachher und drohte ihm die Beweiſe ihrer Liebe zu entziehn, wenn er ſich nicht 8G&ᷣxR S ⅓% SnLP 822 97 bekehre; ſie war eine Miſchung von Myſticismus und Wol⸗ luſt, von Maria de la Greda und Thereſe der Philoſophin, von Theologie und Aretin. Ihr Herz war ſo glühend und ihre Augen ſo feurig wie ihr Herz. Es iſt zu bemerken, daß Caſanova, ſeitdem er die Welt durchſtreifte nie Paß, Wechſel oder Empfehlungen gehabt. Seine Abenteuer in Madrid konnten den Miniſter, der ihm geſtattet, ſeinen Sekretair zu begleiten, nicht veranlaſſen, ihm ſolche zu geben.„Da ich nun einmal am Ende der Welt bin, ſagte er zu ſich ſelbſt, ſo werde ich aus dem hei⸗ ßeſten Lande in das kälteſte gehn.“ Uebrigens war auch ſein Wahlſpruch: Volentem ducit, nolentem trahit- Viel⸗ leicht, ſagte er, komme ich beim Hofe Katharinas an; ich werde ihr Bibliothekar, ihr Liebhaber, ihr Sekretair, ihr Geſchäftsführer oder der Gouverneur irgend eines Fürſten. Weshalb nicht? Zu ſolcher Stelle hat man ja den Koch des Marquis de l'Hospital, des franzöſtſchen Geſandten, mit welchem er ſich entzweit, auserwählts auch ſind ja einige Friſeurs aus jenem Lande und ein Paſtetenbäcker aus dem meinigen hier, welche kaiſerliche Kinder erziehn. Caſanova iſt für die beſten Stellen wie gemacht; Caſanova wird von der Mutter eines jungen Mannes geliebt werden; er wird ſich bereichern und wird jetzt behalten, was er hat; er wird nicht mehr in einer Berline mit ſechs Pferden reiſen; er wird keine Mädchen mehr ausſtatten und keine mehr aus Zartgefühl abweiſen; er wird nicht mehr tauſend Dukaten auf eine Karte ſetzen; er wird nicht mehr Beamte beleidi⸗ gen und Vorurtheile verletzen. Am Ende eines jener ſüdlichen Tage im Norden, in einer jener Nächte, wo es faſt nicht dunkel wird, bemerkte die Kaiſerin, welche mit ihrem ganzen Gefolge im Sommer⸗ garten ſpatzieren ging, eine ziemlich ungewöhnliche Figur und Haltung, einen Italiäner, wie es ihr ſcheint, und von dem es ihr däucht, daß es derjenige ſein muß, deſſen Na⸗ men ſie im Straf⸗ und Polizei⸗Bericht geleſen. Caſanova betrachtete mit ſpöttiſcher Miene eine Statue. Nachdem die Kaiſerin ihn befragt, ging ſie wieder ihres Wegs, mehr lachend über die ſeltſamen Antworten des XVIII. N 98 Mannes, als erzuͤrnt darüber; als ſie aber erfuhr, daß er mit dem wenigen Gelde, welches ihm geblieben, eine Bank in einem Kaffeehauſe lege, ließ ſie ihm ſagen, das ſei nicht das Mittel, ſich bei ihr zu empfehlen, und ſie könne ihn nicht mehr zu ihrem Attaché machen. Die ruſſiſchen Hof⸗ leute huteten ſich jetzt ebenfalls, ihn ſich zu attachiren. Er reiſte nach Berlin*). Ich werde mit dem Könige ſprechen, ſagte Caſanoya zu ſich; ich werde von Algarotti ſprechen, als ob ich ihn kenne; ich werde ſchlecht von der deutſchen Literatur ſprechen, welche ich ebenſowenig kenne und liebe; ich werde ihn um eine Stelle bitten. Er kömmt an, läßt ſich dem Könige als den Venetianer, der aus den Bleidächern entflohn, vorſtellen, und ſpricht lange mit ihm. Aber, ſagte Friedrich der Große zu ihm, iſt dieſe Geſchichte auch wahr? — Wahr! Jeder Andre, als Ew. Majeſtät ſollte eine ſolche Frage nicht ungeſtraft an mich richten; ich habe nie gelo⸗ gen.— Sie muͤſſen Ihr Vaterland verabſcheuen?— Durch⸗ aus nicht.— Hierauf traktirte er den König mit endloſen Paradoxren über die Regierungen und die Geſetze. Die klaſſiſchen Schriftſteller, in denen ich nie Jemand mehr be⸗ wandert, als ihn geſehn habe, mußten alle her halten. Einen Augenblick ſchien es, als ob er bei Friedrich dem Großen eine gute Aufnahme finden würde; aber er läßt es ſich beikommen, zu ſagen, Maupertuis ſei kein großer Phy⸗ ſtker, d'Alembert kein großer Geometer, Voltaire kein gro⸗ ßer Dichter, d'Argens kein großer Philoſoph, Lamettrie ein ſchlechter Arzt, Labeaumelle ein ſchlechter Kritiker, Diderot ein ſchlechter Schriftſteller und König ein Pedant. Der König fand, daß dies nicht ſein Mann ſei; aber er ſagte zu ſich: Suchen wir ihn zu verwenden; er hat viel Geiſt und Kenntniſſe; vielleicht iſt er für eine meiner An⸗ ſtalten zu gebrauchen. Er läßt ihn am folgenden Tage ru⸗ fen.— Haben Sie Geduld und Ordnungsſinn?— Sehr wenig, Sire.— Und Geld?— Gar nichts.— Deſto beſſer, Sie werden dann mit geringem Gehalte zufrieden ſein.— *) Man darf nicht vergeſſen, daß der Fürſt von Ligne aus dem Gedächtniſſe eitirt. . 4 ε A 8&ꝑ◻ K — N O S8NK*UU ðAR 99 Ich werde wohl müſſen; ich habe mehr als eine Million verzehrt.— Wie haben Sie ſich dieſelbe verſchafft?— Durch die Kabbala.— Was iſt das?— Ich habe die Vergangenheit gewußt und die Zukunft vorhergeſagt.— Sie ſind alſo ein Abenteurer?— Ja, Sire, und wenn ich je wieder das Glück beim Schopfe faſſe, laſſe ich es nicht mehr los.— Bei mir finden Sie es nicht; das kann ich Ihnen vorherſagen. Folgen Sie mir in die Kadettenanſtalt; ich habe dort eine große Menge elender Menſchen, Schweine und dummen Viehes als Gouverneure, Lehrer, Erzieher. Ich möchte etwas Beſſres haben; kommen Sie.— Caſanova begleitet den König. Er fragt den erſten, der ihm begegnet: Wie viel Ge⸗ halt bekommen Sie?— Dreihundert Thaler.— Barmher⸗ ziger Himmel! Das iſt nichts für mich.— Der König muſtert die in einer Reihe ſtehenden Gouverneure; er fin⸗ det, daß ſie Schweine ſind, wie er vorher geſagt, ſchlecht ge⸗ kämmt und ſchlecht gekleidet; er ſchwingt ſeinen Stock über ſie, er beſucht die Zimmer und findet ſie in einem Ekel er⸗ regenden Zuſtande; die jungen Leute ſehen unordentlich aus und blicken ihn ſtumpfſinnig an, und in einem der Säle ſteht ein Nachttopf auf dem Tiſch. Er läßt den Gouver⸗ neur, der hier die Aufſicht hatte, beim Kopfe nehmen und in den„Profoß“ bringen. Caſanova bekömmt eine furchtbare Angſt, ſelbſt dort⸗ hin wandern zu müſſen, wenn er eine ſo angenehme Stel⸗ lung ausſchlüge, und als ſich der König umdreht, um ſie ihm anzutragen, findet er ihn nicht mehr. Er reiſte noch am ſelben Tage nach Warſchau und läßt Friedrich dem Gro⸗ ßen ſagen, er liebe ſo wenig die Feſſeln, wie die Bleidächer. In Warſchau findet er eine Stütze; Tomatis ſtellt ihn dem Könige von Polen vor. Caſanovas Unterhaltung, reich an Thatſachen und belebt durch ſeine Originalität, bewirkt ſeine Aufnahme in allen großen Häuſern, wo er Glück macht. Die Großmuth Stanislaus Auguſts unterhielt viele un⸗ nütze Menſchen; Caſanova zog ebenfalls von derſelben Nutzen. Der Palatin von Rußland liebt ihn; vielleicht ſtanden ſie in Spielgemeinſchaft. Herr von Seingalt iſt noch einmal 7* 100 ein vornehmer Herr, entſcheidet, widerſpricht, macht Oppo⸗ ſition und mißfällt. Wie kann er aber wohl irgendwo Ruhe halten? Muß er ſich nicht als Italiäner des italiäniſchen Theaters anneh⸗ men? Der General Branicki hatte in demſelben eine Mai⸗ treſſe. Sie hatte das Unglück, vor Caſanova's Augen nicht Gnade zu finden; er pfiff ſie aus, und als er mit ihrem Liebhaber in einer andern Loge zuſammentraf, erklärte ihm dieſer, der ſeinetwegen hierher gekommen war, nur ein Menſch ohne Lebensart habe ſo etwas thun können, und er habe Luſt, ihn zum Fenſter hinauswerfen zu laſſen. Was be⸗ gab ſich wohl in dieſem Augenblicke in der Seele des rach⸗ ſuchtigen Italiäners, und welche Gedanken mochten ihm durch den Kopf fahren? Ein andrer würde vielleicht an das Stilet oder ein unſchuldiges Pulver gedacht haben; aber Caſanova, der in ſeinem Benehmen adlig und groß⸗ artig war, rollte ſeine edle Rache in ſeinen Augen, wie Homer uns Jupiter ſchildert: anſtatt des Blitzes ſchleudert er einen ſchrecklichen Blick und legt ſich zu Bett. Branicki hat mir dies Alles ebenfalls erzählt; aber ich habe nur noch eine unbeſtimmte Erinnerung davon. Er bekömmt am folgenden Tage das ſeltſamſte, ehrfurchts⸗ vollſte, unverſchämteſte, ſchmeichelndſte, drohendſte Billet, von welchem er kein Wort verſteht. Er lacht darüber und denkt nicht weiter daran. Es kömmt ein zweites, klareres Billet, eine wahre Herausforderung. Branicki ſchlägt ſich lieber, als er ſchreibt; er läßt ihm ſagen, er werde im heater mit ihm ſprechen. Die Verneigungen, welche Ca⸗ ſanova ſonſt ſelten machte, kündigen ſeinen Vorſchlag an und gehn ihm voraus. Ja, recht gern; aber ſind Sie Edel⸗ mann?— Mehr als das, gnädiger Herr, ich gehöre zu Ih⸗ rer Geſellſchaft.— Ich wette, daß Sie ſich nie geſchlagen haben?— Nie, Excellenz.— Warum wollen Sie zum Teufel denn mit mir anfangen?— Weil vor Ihnen mich nie Jemand beleidigt hat.— Könnte die Sache nicht aus⸗ geglichen werden?— Mit einem Andern als Ew. Excel⸗ lenz würde ich ſie ausgleichen.— Ich vermeide in der Re⸗ gel ſolche Gelegenheiten nicht, Herr Caſanova; aber ich ge⸗ —— —— 101 ſtehe Ihnen, daß mit Ihnen——— Ich verſtehe Sie, gnädiger Herr, ich werde mehr Ehre davon haben, als Sie, deshalb beſtehe ich darauf.— Ich ſehe wohl, daß ich mich fügen muß. Wo? Wie? Zu welcher Zeit.— Ew. Excel⸗ lenz wird das Alles abmachen.— Sie ſehen ſo aus, als ob Sie mit dem Degen nicht gut umzugehn wüßten. Der Degen iſt die Stärke von uns Polen. Auch muß ich Ih⸗ nen ſagen, daß ich ausgezeichnet ſchieße.— Gleichviel! zu⸗ weilen legt ſich der Zufall ins Mittel.— Ich wette, daß Sie keine Piſtolen haben.— Ich habe nie welche gehabt oder angerührt.— Gut, ſo werde ich die meinigen mit⸗ bringen. Um neun Uhr früh. Caſanova ſtellt ſich und ſieht den erſten General der Krone in einem mit ſechs Pferden beſpannten Wagen mit ſeinen Adjutanten, Pagen, Läufern und Ulanen ankommen. Er ſteigt langſam aus.— Bleiben Sie bei Ihrem letzten Worte?— Ja, gnädiger Herr.— So werde ich dieſe Pi⸗ ſtolen in Ihrer Gegenwart ſelbſt laden. Sie ſind von dem guten Fabrikanten Kuchelreuter.— Ich werde ſie an Ihrem Kopfe probiren, antwortet Caſanova. Anſtatt in den Kopf ſchießt er ihn in den Bauch. Branicki wirft ihm im Niederſinken tauſend Dukaten zu und ſagt: Retten Sie ſich, der König, der mich ſehr liebt, wird Ihnen ſehr böſe werden. Ich glaube, ich werde ſter⸗ ben. Seine Adjutanten oder Ulanen wollen Caſanova nie⸗ derſäbeln. Branicki hat noch die Kraft, ihnen zuzurufen: Haltet ein! Welche Niederträchtigkeit! Man trägt ihn ohn⸗ mächtig weg. Caſanova, dem Branicki's gleichzeitig losgegangener Schuß die Fauſt durchbohrt hatte, ſteckt dieſelbe unter ſeine Weſte, um nicht den Polen eine Freude zu machen, kehrt ruhig nach Warſchau zurüͤck, und ſpeiſt beim Fürſten Czar⸗ toriski, der noch nicht wußte, was vorgefallen war. Ein Page des Königs ſagte es ihm ins Ohr und er nähert ſich nun Caſanova, um ihm zu ſagen, er möchte ab⸗ reiſen. Der gute Stanislaus Auguſt ſchickt ihm Geld, und auf die Gefahr hin, verhaftet zu werden, bleibt Caſanova bis zur Abnahme des erſten Verbandes in Warſchau. Es 102 iſt entſchieden, daß der Schuß nicht tödtlich iſt. Vor die⸗ ſer Entſcheidung eilt ein zu warmer Freund Branicki's auf die Nachricht hin, derſelbe ſei von einem Italiäner erſchoſſen worden, zu Tomatis, verwundet ihn im Geſicht und bittet ihn um Entſchuldigung, als er erfährt, daß derſelbe nicht der Richtige ſei. Ich entſinne mich nicht mehr, wo Caſanova ſodann den fahrenden Ritter oder ewigen Juden ſpielte, denn er hatte mit beiden Aehnlichkeit. Alle Thore der Städte, alle Cir⸗ kel und Schlöſſer waren ihm beinahe verſchloſſen, aber ich weiß wohl, daß er nach Wien kam, ehe ſein Bruder ſich hier niedergelaſſen. Der Kaiſer, der nie etwas vergaß, und alles Perſönliche wußte, ſagte zu Caſanova: Sie ſind der Freund Herrn Zaguri's geweſen, eines adligen Venetianers? Ich gebe' nicht viel auf ſeinen Adel; ich ſchätze die⸗ jenigen nicht, die ihn kaufen.— Und diejenigen, die ihn verkaufen, Sire?— Joſeph brach die Unterhaltung ab und entfernte ſich ziemlich unzufrieden mit dieſer Antwort. Ich glaube, damals begab ſich Caſanova zum letzten⸗ male nach Paris. Mein Neffe Waldſtein fand hier beim venetianiſchen Geſandten, wo ſie zuſammen ſpeiſten, Gefal⸗ len an ihm. Da er ſo that, als ob er an Magie glaube, und ſich damit abgebe, ſo nannte er die Clavicula von Salo⸗ mon Agrippa, und Alles, was auf dieſe Sache Bezug hat, fiel ihm bei. Wem ſagen Sie das? fällt Caſanova ein. Oh che bella cosa cospetto! Ich kenne das Alles.— Dann kommen Sie mit mir nach Böhmen, ſagt Waldſtein; ich reiſe morgen. 4 Caſanova, der mit ſeinem Gelde, ſo wie mit ſeinen Reiſen und Abenteuern zu Ende war, willigt ein, und ſo wird er der Bibliothekar eines Abkömmlings des großen Wald⸗ ſtein. In dieſer Eigenſchaft hat er die zwölf letzten Jahre ſeines Lebens im Schloſſe Dur bei Toeplitz verlebt, wo er mich noch ſechs Sommer durch ſeine Phantaſtie, die noch ſo leb⸗ haft wie im zwanzigſten IAhre war, durch ſeinen Enthu⸗ ſiasmus für mich und durch nützliche und angenehme Kennt⸗ niſſe glücklich machte. Man glaube indeß nicht, daß in dieſem Hafen der Ruhe, x— „— co——, — 103 welchen ihm die Wohlthätigkeit des Grafen von Waldſtein eröffnete, um ihn vor Stürmen zu bewahren, er nicht ſel⸗ ber Stürme herbeigeführt habe. Es verging kein Tag, wo nicht wegen ſeines Kaffees, ſeiner Milch, ſeiner Schüſſel Mac⸗ caroni, die er verlangte, Streit im Hauſe entſtand. Der Koch hatte ihm die Polenta verdorben; der Stallknecht hatte ihm einen ſchlechten Kutſcher gegeben, als er mich beſuchen wollte; Nachts hatten die Hunde gebellt; das Erſcheinen von mehr Gäſten als Waldſtein erwartet, war die Veran⸗ laſſung geweſen, daß er an einem kleinen Tiſche hatte eſſen müſſen; ein Jagdhorn hatte durch grelle oder falſche Töne ſeine Ohren zerriſſen; der Pfarrer hatte ihn durch Bekeh⸗ rungsverſuche geärgert; der Graf hatte ihm nicht zuerſt gu⸗ ten Morgen gewünſcht. Die Suppe war ihm in böſer Ab⸗ ſicht zu heiß eingegoſſen worden; ein Bedienter hatte ihm nicht ſogleich eingeſchenkt; er war einem angeſehenen Manne, der die Lanze, mit der Wallenſtein durchbohrt worden war, hatte ſehen wollen, nicht ſogleich vorgeſtellt worden; man hatte, nicht etwa weil der Schlüſſel fehlte, ſondern aus rei⸗ ner Bosheit ihm das Zeughaus nicht aufſchließen können; der Graf hatte ein Buch verliehn, ohne ihm etwas davon zu ſagen; ein Stallknecht hatte im Vorübergehn nicht die Mütze vor ihm abgenommen. Er hat deutſch geſprochen, man hat ihn nicht verſtanden; er iſt ärgerlich und man hat gelacht; er hat ſeine franzöſiſchen Verſe gezeigt und man hat gelacht; er hat beim Eintreten eine Verbeugung gemacht wie Mareel, der berühmte Tanzlehrer, es ihm vor ſechszig Jahren gelehrt und man at gelacht; auf einem Balle iſt er in ſeinem Menuette gravitätiſch einhergeſchritten und man hat gelacht; er hat ſeinen weißen Federbuſch aufgeſteckt, und ſein ſeidnes und goldgeſticktes Droget, ſeine ſchwarze Weſte, ſeine Strumpſbänder mit Schnallen von Straß auf ſeidnen Strümpfen a rouleau angelegt und man hat gelacht. Cospetto ſagt er, Ihr Geſindel, ſeid Alle Jakobiner; Ihr vergeht Euch gegen den Grafen, und der Graf vergeht ſich gegen mich, daß er Euch nicht ſtraft. Mein Herr, ſagt er mit dem größten Ernſte zu ihm, ich habe den Krongeneral von Polen durch den Bauch ge⸗ ſchoſſen. Ich bin nicht Edelmann, aber ich habe mich zum 104 Edelmanne gemacht. Der Graf hat darüber gelacht, ein neuer Grund zur Beſchwerde. Eines Tags tritt der Graf, ohne ein Wort zu ſagen, mit zwei Piſtolen in ſein Zimmer und ſieht ihn ernſthaft an, obwohl er vor Luſt zu lachen vergeht. Caſanova weint, umarmt ihn und ſagt: Ich ſollte meinen Wohlthäter tödten! Oh che bella cosa! Er fängt wieder an zu weinen und ſein Bedauern auszuſprechen, fürchtet, man könne glauben, er habe keinen Muth, nimmt die Piſtolen an, giebt ſie anmuthig zurück, indem er wie beim Menuet eine Hand bis zur Höhe des Auges erhebt, weint wiederum und ſpricht von Magie, Kabbala, Mac⸗ caroni. Die Mütter im Dorfe beklagen ſich, daß Caſanova den jungen Mädchen Dummheiten beibringen will; er ſchimpft ſte Demokratinnen. Er nennt, ich weiß nicht weshalb, die Abtei Oſſeg, welche eine halbe Meile entfernt iſt, Calvados; er entzweit ſich und den Grafen mit den Mönchen. Er zieht ſich Unverdaulichkeiten zu und ſagt, man wolle ihn vergif⸗ ten; er wird mit dem Wagen umgeworfen und ſagt, das ſei auf Befehl der Jakobiner geſchehn. Er entnimmt aus der dem Grafen gehörigen Tuchmanufaktur in Oberleuters⸗ dorf Tuch und beklagt ſich über Mißachtung, als ihm Geld dafür abgefordert wird. Wie hätte er wohl ſolchen Verfolgungen widerſtehn können! Gott befiehlt ihm Dux zu verlaſſen; obwohl er nicht ſo feſt daran glaubte, wie an ſeinen Tod, an den er nicht mehr zweifelte, ſo behauptete er doch, Alles, was er gethan, habe er auf Gottes Befehl gethan, und das war ſeine Deviſe. Gott befiehlt ihm, mich um Empfehlungs⸗ briefe an den Herzog von Weimar, der mich ſehr liebt, an die Herzogin von Sachſen⸗Gotha, die mich nicht kennt, und an einen Berliner Juden zu erſuchen; hierauf reiſt er heim⸗ lich ab und läßt einen zärtlichen, ſtolzen, höflichen und ge⸗ reizten Abſchiedsbrief an Waldſtein zurück. Waldſtein lacht und ſagt, er werde wiederkommen. Man läßt Caſanova in den Vorzimmern warten; man kann ihn weder als Gouver⸗ neur, noch Bibliothekar, noch Kammerherr anſtellen; er äußert überall, die Deutſchen ſeien dumm. Der vortreffliche — N S— 8—, n—A ͤ— 8& †n——ͤe u n.—6 2 8— — 105 und ſehr liebenswürdige Herzog von Weimar empfängt ihn liebreich, aber augenblicklich wird er eiferſüchtig auf Göthe und Wieland, die dieſer mit Recht beſchützte; er deklamirt gegen ſie und gegen die Landesliteratur, in Berlin gegen die Unwiſſenheit, den Aberglauben und die Schurkerei der Israeliten, an welche ich ihn empfohlen; indeß ſtellt er ih⸗ nen für das Geld, welches er von ihnen leiht, Wechſel auf den Grafen aus, der lacht, bezahlt und ihn umarmt, als er zurückkömmt. Caſanova lacht, weint und ſagt, Gott habe ihm befohlen, dieſe ſechswöchentliche Reiſe zu machen, ſie anzutreten, ohne ihm etwas davon zu ſagen und wieder auf ſein Zimmer in Dur zurückzukehren. Erfreut uns wieder zu ſehn, erzählt er uns auf eine komiſche Weiſe alle Widerwärtigkeiten, welche er ausgeſtan⸗ den hat, welchen Widerwärtigkeiten ſein Stolz den Namen von Demüthigungen gab. Ich bin ſtolz, ſagte er, weil ich nichts bin. Aber, welch neues Unglück trifft ihn acht Tage nach ſeiner Rückkehr! Es erhalten Alle vor ihm Erd⸗ beeren und für ihn bleiben keine übrig, und zu ſeinem größ⸗ ten Unglück findet ſich ſein Portrait, welches er auf ſeinem Zimmer hatte, und welches er von einem Verehrer entführt glaubte, in einem jener geheimen Kabinette, welche man in Deutſchland Retiraden nennt. Fünf Jahre lang zerarbeitete er ſich, klagte und ſeufzte er, beſonders über die Eroberung ſeines undankbaren Va⸗ terlandes und ſprach er mit uns von der Ligne von Cam⸗ bray und dem Ruhme ſeines alten und herrlichen Venedigs, welches Europa und Aſien widerſtanden hatte. Da ſein Appetit täglich abnahm, ſo fragte er nur noch wenig nach dem Leben, aber er ſchloß es auf eine würdige Weiſe gegen Gott und alle Menſchen ab. Unter großen Geſticulationen und einigen Sentenzen empfing er die letzte Oelung und ſagte:„Großer Gott! und Ihr Zeugen meines Todes, ich habe als Philoſoph gelebt und ſterbe als Chriſt.“ Ch. Mundt über Caſanova. Sein Katholicismus war der Weltgenuß; eine groß⸗ artige Leidenſchaft für das Leben war ſeine Religion und ſeine alleinſeligmachende Kirche, und wurde ihm dazu. Re⸗ ligiös in Weltliebe, weiſe im Leichtſinn, philoſophiſch in der Frivolität, frivol aus Philoſophie, ein Würfelſpieler mit den Formen des Lebens, ein Eingeweihter in die Tiefen des Daſeins, ein Abenteurer und ein Denker, in der Wolluſt und in der Wiſſenſchaft gleich gelehrt und gründlich: das iſt die Deviſe, welche ich unter das Bild dieſes Jean Jacques ſetzen möchte, der ohne Zweifel die merkwürdigſte Figur des geſelligen Lebens ſeines Jahrhunderts war. Man könnte Jean Jacques Caſanova den umge⸗ kehrten Jean Jacques Rouſſeau nennen und zugleich beide Extreme in dieſen Naturen ſich wieder berühren ſehn. Rouſſeau, ein geiſtiger Wollüſtling, durchſchwelgte mit dem feinſten Nervenäther ſeiner Seele das ganze Reich der Schön⸗ heit, das auf den Höhen menſchlicher Träume und Ideale blüht, und an der Schwelgerei des Geiſtes nahmen unper⸗ merkt auch ſeine Sinne lebendigen Antheil. Er ſtürzte ſich in das hohe Meer einer mächtig wogenden Geiſtigkeit, und blieb mit ſophiſtiſchem Lächeln auf einer grünen Inſel der 107 Sinnlichkeit ſitzen. Caſanova, ein kräftiger Sohn derber Wirklichkeit, wollte nur die ſchönen, reichen Formen der Welt genießen, und des Körperlebens vollſchwellende Reize ſahen ihn ſchon früh mit trunkenen Augen begehrlich an. Mit Keckheit und Grazie griff er nach Allem, was ihn lockte, in der Nähe und in der Ferne; er trank ſich ſatt und über⸗ ſatt an den weißen Brüſten der Sinnlichkeit, und unvermerkt nahm an der Schwungkraft der Sinne auch ſein Geiſt lebendigen Antheil. Er hatte mit den ſtarken Fühlhörnern ſeiner Sinne ausgegriffen nach allen Blüthenſtellen der ſicht⸗ baren Welt, und war mit tiefſinnigem Erſtaunen in einem Wunderblumenkelch geiſtiger Reflexion ſitzen geblieben. Er fing an zu denken, zu philoſophiren. Die Weltſünden wur⸗ den Gedankenſtoff. Der Weltmenſch war transcendent ge⸗ worden. Beide Jean Jacques ſchlugen nach den entgegen⸗ geſetzten Polen ihres Weſens um, und doch, welcher Kenner der menſchlichen Natur wird zweifeln, daß dieſe Antipola⸗ rität eine Verwandſchaftlichkeit, mithin eine Berührung der Extreme iſt! Eine verdächtige Prüderie unſeres Zeitalters hat mit moraliſirender Wegwerfung von ſeinen Memoiren geſprochen, und die Polizei iſt der Prüderie zu Hülfe gekommen, und hat in dieſem und jenem deutſchen Staat das merkwürdigſte aller Bücher verboten. Ein höherer Standpunkt der Be⸗ trachtung bleibt dem Unbefangenen noch immer nicht be⸗ nommen. In ſeinen Lebensbekenntniſſen iſt nichts Abſicht⸗ liches, nichts auf Wirkung, Beifall oder Gunſt Berechnetes; ſie ſind ihren hauptſächlichſten Beſtandtheilen nach aus lanter körniger Wirklichkeit einfach zuſammengeſetzt. Caſanova ſchien ſie kaum ſelbſt für den Druck beſtimmt zu haben, und durch einen Zufall geriethen ſie, viele Jahre nach ſeinem Tode, in die Hände eines deutſchen Buchhändlers, der das franzöſiſch geſchriebene Manuſcript für einen Spottpreis er⸗ kaufte, und nachher Tauſende damit gewonnen hat. Sie brechen gegen das Ende fragmentariſch ab, und den Mit⸗ theilungen des geiſtreichen Fuͤrſten von Ligne danken wir den Aufſchluß über des Venetianers ſpätere Lebensverhält⸗ 108 niſſe. Sind jedoch ſeine Memoiren nur zur Unterhaltung erfunden, erlogen, ſo bleibt Caſanova als Erfinder und Lügner, und als nach dem Leben treffender Charakterzeichner ſeiner Zeit und ſeiner Zeitgenoſſen, noch immer einer der größten Schriftſteller, die je erfunden und gelogen haben. Sind aber ſeine Memoiren, was ich glaube, wahr(das heißt: in dem durch Göthe bekannt gewordenen Sinne ſelbſt⸗ biographiſcher Wahrheit und Dichtung), ſind ſte wahr, und hat der wunderbare Menſch alles dies wahrhaftig erlebt, was er mit ſeiner bezaubernden Feder wie aus raſchen Er⸗ innerungen glänzend hinwirft, ſo iſt er der größte Welt⸗ mann, den das moderne Zeitalter hat geboren werden ſehn! Etwas Außerordentliches bleibt immer an ihm. Den größten Weltmann neuerer Zeiten habe ich ihn genannt, und möchte ihn zugleich einen Ritter nennen. Einen Ritter des Weltlebens, einen Ritter und einen Sieger. In einer unchevaleresken Zeit, in einer trägen bürgerlichen Epoche ſeines Jahrhunderts, war er der Mann der Avantüre, der auf dem Schauplatz des ganzen civiliſirten und unciviliſirten Europa mit der ſiegenden Macht der Perſönlichkeit erſchien, überall ſogleich der Mittelpunkt der intereſſanteſten Bezie⸗ hungen wurde, als Held des Tages ſich der Meinungen und der Gemüͤther bemächtigte, und die Rolle, die er übernom⸗ men, jedesmal auf eine ritterliche Weiſe zu Ende brachte. Die Blüthe der Mannhaftigkeit, die mit kräftigen Sieger⸗ armen jedes Genuſſes ungeſtraft ſich verſichert, ging zu einer ſonnigen Geſtalt in ihm auf. Lebensmuth, Eitelkeit, Leiden⸗ ſchaft und Wißbegierde waren die windſchnellen Roſſe, die ihn ſchnaubend und mit verhängten Zügeln durch die ganze Welt von dannen trugen, ohne daß er mitten im Raſen und Stürmen jemals die edle Haltung des Ritters verloren hätte. So iſt er mir immer wie eine in der Klarheit des Weltmanns ausgeſöhnte Miſchung von Don Juan und Fauſt vorgekommen! Die Kritiker haben in neuerer Zeit viel von der Verwandtſchaftlichkeit beider Mythen geſprochen, während ich dabei immer an Caſanova gedacht, der als der Weltmann beider Richtungen daſteht, und mit der Klug⸗ 109 heit und Sicherheit eines ſolchen dieſer Polarität, die ihn hin und her zieht, Herr wird, ohne, wie Don Juan und Fauſt, mit einer tragiſchen Zerſtörung ſeiner Natur zu en⸗ digen. Ich habe ſchon früher angedeutet, wie der Welt⸗ menſch in Caſanova tranſcendent wird; und wo die tran⸗ ſcendente Höhe der Don Juan⸗Mythe anhebt, auf der ſie mit Geiſterflügeln in die andere Sphäre des Daſeins hinüber⸗ ſchlägt, brauche ich nicht erſt auseinanderzuſetzen. Wie aber Jean Jacques Rouſſeau damit endigt, womit Jean Jacques Caſanova angefangen hat, ſo greift auch die Mythe von Fauſt mit einer ſchneidenden Zuckung in den Don Juan hinüber, und über den dunkeln Tiefen des Geiſtes, aus de⸗ nen der Sehnſuchtsſchmerz einer ganzen Menſchheit herauf⸗ klagt, tummeln ſich mit Carnavalsleichtſinn die lachenden Sinne. Caſanova aber war eine feſte Geſtalt der Welt, eine auf dem Grunde ſeiner Zeit ſich ausprägende Figur, ein Mann der Wirklichkeit. Er war zu ſehr ein Mann klarer und ſcharfer Wirklichkeit, als daß er an jene geheim⸗ nißvollen mythiſch⸗diaboliſchen Elemente des Daſeins jemals hätte verfallen können. Er lebte den Don Juan von gan⸗ zem Herzen aus ſich heraus, aber er war zu klug und ge⸗ wandt, zu kräftig und geiſtig vornehm, um damit zugleich das Gut ſeiner Seele an den Teufel zu verſchleudern. Er beſaß Ironie genug, um ſich über den Teufel zu ſtellen, den er in einem fortwährenden Reſpekt gegen ſich erhielt. Die Weltſünden wurden ihm Gedankenſtoff, wie ich geſagt habe. Aber dieſer Gedankenſtoff trieb ihn in die philoſophiſche Spekulation, in die Metaphyſik und Myſtik, die Chemie und Alchemie, und zuletzt ſogar in die Kabbala hinein, wovon einige ſeiner Schriften, die er noch ſelbſt hatte drucken laſſen, hinlängliche Proben abgeben. Und ſo ward auf der andern Seite ſeines Don Juan in ihm der Fauſt mächtig. Doch dieſer Mythus hatte wieder nicht tief genug in ſeinem Her⸗ zen geblutet, um ibn verzweifeln zu laſſen. Auch der Fauſt konnte ihn nicht an den Teufel überliefern. Der Mann der Wirklichkeit war wieder zu klug und zu ſtark, um ſich die Kabbala über den Kopf wachſen zu laſſen, und das Stück⸗ 110 chen Voltaireſcher Atheismus, mit dem ſich ſein Witz zuweilen Bewegung machte, und mit dem er es im Grunde nie ernſt⸗ lich gemeint, vermochte ihn vollends nicht um ſeine Selig⸗ keit zu bringen, weil Caſanova am Ende doch noch witziger war, als Voltaire. Aber wie Fauſt in die Tiefen des Weltgeiſtes hineingeſtrebt hatte, wie er liebesbrünſtig nach Vereinigung und Einheit mit demſelben gerungen, ſo kann man von Caſanova ſagen, daß er, gleich einem indiſchen Gott, der ſich in tauſendfache Formen der Weltmaterie ver⸗ wandelt, ſo alle nur möglichen Geſtaltungen und Wand⸗ lungen der äußeren Weltformen an ſich erlebt und mit den⸗ ſelben eins geweſen iſt. Kaum ein Stand, ein Weltver⸗ hältniß, eine Beziehung der menſchlichen Geſellſchaft, worin man nicht Caſanova eine Zeitlang heimiſch und angeſeſſen erblickt. In ſeiner Jugend war er Rechtsgelehrter geweſen, hatte über Teſtamente geſchrieben, und, obwohl der Sohn einer umherabenteuernden Schauſpielerin, in den vornehmſten Geſellſchaften und bei den ſchönſten Damen Venedigs Glück gemacht. Dann fing er auf Einnial an zu predigen, bahnte ſich Ausſichten zu den höheren geiſtlichen Würden, machte dumme Streiche, und wurde Soldat. Hierauf abwechſelnd Militair, Glücksritter, Spieler, Gelehrter, Muſiker, Wunder⸗ doktor, diplomatiſcher Agent, Freund und Geſellſchafter der ausgezeichnetſten und berühmteſten Perſonen ſeiner Zeit, lebte und handelte er in dieſen Eigenſchaften bald in Deutſch⸗ land, bald in Frankreich, bald in Konſtantinopel, bald in Paris, bald in Rom, bald in Petersburg, in Riga und in der Schweiz, in Warſchau und in Neapel, in Madrid und London, und ſollte in Berlin ſogar zum Direktor der Ka⸗ detten⸗Anſtalt gemacht werden, was er nicht einmal annahm. Wo er wollte, ſehen wir ihn in der glänzendſten Geſellſchaft ſich bewegen, mit den merkwürdigſten Männern auf ver⸗ trautem Fuße umgehn, die ſachkundigſten Geſpräche führen; und wo er nicht wolltte, iſt er nicht minder intereſſant, wenn er der ſpaniſchen Schuhmachertochter in die Meſſe nach⸗ ſchleicht, oder wenn es ihm auf Einmal einfällt, in Venedig als armer Violinſpieler zu leben und in nachdenklicher Ein⸗ „„„.........8..8.8-öö....8.......8...ʒ.8ʒ.8⁊.ʒ.⁊8⁊8.⁊(⁊ʒ⁊8⁊-⁊-⁊8⁊-—.. —ĩ 111 ſamkeit ſeine Geige zu ſtreichen. Dann gefiel er ſich wieder in philologiſchen Beſchäftigungen, überſetzte die Iliade des Homer in italiäniſche Stanzen, trieb Politik und Geſchichte, war Alterthumsforſcher, und vertauſchte die Reize junger Frauen mit den Reizen alter Bücher. Seine Beleſenheit war unglaublich, und er hatte mindeſtens eben ſo viel Bü⸗ cher aller Sprachen geleſen, als Mädchen aller Nationen geliebt, und wie er ſich für die Schönheiten des weiblichen Geſchlechts eine eigene mühſame Geſchmackslehre gebildet, ſo hatte er auch in der Aeſthetik ſelbſt manche neue Ent⸗ deckung gemacht, und z. B. in ſeiner Ueberſetzung des Cre⸗ billon'ſchen Radamiſt zuerſt den franzöſiſchen Alexandriner in die italiäniſche Sprache eingeführt. Er beſaß ein unge⸗ heueres Gedächtniß, und wußte die meiſten Dichter ſeiner Nation auswendig; er war ein großer Mathematiker und ſtellte tieffinnige Calküls der höhern Analyſe an. Mit den Waffen in der Hand geſchickt, auf dem Kampfplatz und in Ehrenſachen muthig und unerſchrocken, dort Mars und hier Adonis an den Toillettentiſchen der Damen, im Baalſaal graziöſer Tänzer, im Laboratorium erfahrener Chemiker, auf der Landſtraße Ehrenretter bedrängter Frauenzimmer, im Walde Schatzgräber, am Schmelztigel Goldmacher, in den magiſchen Kreiſen der Kabbala Eingeweihter, an der Pha⸗ raobank ein unüberwindlicher Feldherr, wer zweifelt noch, daß in ihm das perpetuum mobile der menſchlichen Phyſik gefunden worden ſei? Am meiſten aber iſt an ihm dies zu bewundern, daß er ſich ſelbſt nie zum Ekel geworden. Doch die Stärke ſeines Geiſtes, die Friſche ſeiner Organe, die Dauer ſeines Charakters im Wechſel der Formen, das kräftige Selbſtbewußtſein bei aller ſcheinbaren Selbſtoer⸗ lorenheit, hielten in ihm eine immer glückliche Harmonie des Daſeins aufrecht. Denn nachdem er auf dem Schloſſe Dux bei dem Grafen von Waldſtein, der Caſanovas Gold⸗ macherwiſſenſchaft zu benutzen gedachte, endlich einen er⸗ wünſchten Ausruhepunkt ſeiner Irrfahrten gefunden, dachte er an ſein vergangenes Leben nicht mit Reue zurück, ſon⸗ dern mit Liebe und ernſthafter Betrachtung. Er bereute * 112 ſein Leben nicht, ſondern er ſchrieb es auf, wie er es gelebt hatte, und malte einen romantiſchen Sumpf, und ließ oben die Sterne darüber leuchten. In ernſter Beſchäftigung mit den Wiſſenſchaften wurde er alt, und ſtarb, von ihm kann man wolhl ſagen: lebensſatt, erſt zu Anfang dieſes Jahr⸗ hnnderts. Den Achtzigern nahe, hatte er ein bibliſches Alter erreicht und einen glänzenden Beweis für die epiku⸗ räiſche Behauptung geliefert, das Lebensgenuß das Leben erweitert und ſtärkt, ſtatt es abzuſchwächen. —— Barthold über die Geltung und die Beſtrebungen der Italiäner im Auslande. Die mittelaltrige frühe Bildung von Welſchland, eine Folge des claſſiſchen Alterthums, deſſen geſellſchaftliche und ſittliche Formen, deſſen Kunſt und Wiſſenſchaft entweder den drohenden Sturm der germaniſchen Einwanderung zäh überdauerten, oder Fremdes ſich ähnlich machten, oder mit dem Germaniſchen innig verbunden, als etwas Eigenthuͤm⸗ liches wieder erſtanden, hat den Eingeborenen jenes Landes unleugbar frühe ein geiſtiges Uebergewicht verſchafft, un⸗ geachtet ſie durch mehre Jahrhunderte in Abhängigkeit von den nordiſchen Barbaren geriethen. Die Keime des Lebens der Deutſchen in Kunſt und Wiſſen wurden zum Theil ſchon entwickelt aus Italien heimgebracht; ſo vor allen die früheſte philologiſche und philoſophiſche Bildung, die Rechts⸗ wiſſenſchaft, die verſchönernden Künſte, Muſik, Baukunſt, und die älteſte Malerei. Ja auch das Bürgerthum iſt in Deutſchland nicht auf eigenem Boden erwachſen, ſondern bedurfte des belebenden Muſters aus Italien, der Wiege der Municipalfreiheit. 3 So nahm Italien ſchon in den erſten Jahrhunderten der mittleren Zeit eine vornehmere Stellung gegen ſeine Ueberwinder ein, als in Folge der Kreuzzüge die Kenntniß XVIII. 8 114 der Genüſſe des Lebens wuchs, auch im Norden die Zahl der Bedürfniſſe ſich mehrte, und der Handel, welcher in den italiäniſchen Hafenſtädten wunderbar raſch erblühete, im regſten Weltverkehr die armen, aber genußſüchtigen Barbaren⸗ länder in eine ſehr fühlbare Abhängigkeit ſetzte. So erſtand die rührige Kaufmannswelt des ſüdlichen, mittleren und weſtlichen Deutſchlands, nur getragen durch die ſinnreichen, gewinnſüchtigen Nachbaren, aus deren Sprache alle techni⸗ ſchen Bezeichnungen des Commerzes bis auf dieſe Stunde entlehnt ſind. Die italiäniſche doppelte Buchhaltung, Waaren⸗ kunde u. ſ. w. erhoben ſich zu Wiſſenſchaften, die erſt langſam den Lehrmeiſtern abgelernt wurden. Der Waarenverkehr entwickelte von ſich ſelbſt das Banquierweſen, rief die frühe Erfindung der Wechſel ins Leben. Venedig, die Städte Lombardiens, Genua, Aſti und Toscana's waren die Geld⸗ märkte des geſammten Europa's, und die betriebſamen edlen und populären Geſchlechter jener ſtädtiſchen Republiken beuteten durch erkleckliche Anleihen und Vorſchüſſe nicht allein die unbehülfliche nordiſche Finanzkunſt aus, und zogen nicht allein als Steuerpächter und Lieferanten der Fürſten unberechenbaren Vortheil, wie die Frescobaldi aus Florenz in Frankreich und England zur Zeit Eduards I.; ſondern ſie ſchämten ſich auch nicht, in allen zugänglichen Städten durch ihre Faktoren, unter dem bekannten Zeichen der drei blauen Kugeln an den Armen eines Holzkreuzes, aus ſchmutziger Pfandleiherei und betrüglichem Wuchergeſchäfte in ſogenannten Lombards einen ſchmählichen Gewinn in ihre prunkenden Paläſte zu locken. Der Höheſtand dieſer wel⸗ ſchen Großhändler⸗, Banquiers⸗ und Wuchergeſchäfte in unſeren nordiſchen und weſtlichen Ländern war die Zeit Dantes und Petrarcas, bis die Erweckung heimiſcher Geld⸗ induſtrie und wohlwollende Geſetzgebung oder barbariſche Gewaltmaßregeln dieſem Plünderungsſyſtem ein Ende brach⸗ ten. Die fähigen Nordländer hatten in einem Jahrhunderte die welſchen Künſte des Commerzes abgelernt, und die Ita⸗ liäner mußten auf Neues ſinnen oder geſchickt die Zeitum⸗ ſtände benutzen, um die mündig gewordenen Schüler zu übervortheilen. Die kirchlichen Verhältniſſe des XIV. und —— 115 der erſten Hälfte des XV. Jahrhunderts im Norden boten der Kurie, ſei es in Rom oder Avignon, und mit ihr der Geiſtlichkeit ein unbegrenztes Feld, unſere abergläubiſchen, frommen Vorfahren unerbittlich zu brandſchatzen; päpſtliche Legaten, Nuntien, Commissionarii, Poenitentiarii, Ju- dices delegati, Ablaßhändler in zahlreicher Form, Episcopi und Abbates provisi durchzogen, zumal während des großen Schisma's, die Mittelländer Europa's von einem Ende zum andern, und führten den Raub an frommer Dummheit lachend über die Alpen heim. Deutſchland, Polen, Böhmen, Ungarn, die Niederlande und auch Frankreich waren zur Zeit des Concils von Piſa und Koſtnitz heuſchreckenmäßig heimgeſucht von dieſen kaufmänniſch kargen und hartherzigen Boten der Kirche; über den Sorgen, die kirchliche Spaltung zu heilen, verarmte Kaiſer Siegmund. Dieſe unerläßliche Beſchatzung der Chriſtenheit dauerte das Jahrhundert hin⸗ durch fort, ſelbſit als der raſchere Aufſchwung der Künſte und Wiſſenſchaften in Italien, das Erblühen der neueren Philologie, die kriegswiſſenſchaftliche Theorie, welche die Signorenkämpfe Italiens ausbildeten, und die klügere Fi⸗ nanzkunſt den Lehrern ein neues, weites, vielbetretenes Stadium eröffneten, um zumal Deutſchen, Franzoſen, Eng⸗ ländern ein erkleckliches Lehrgeld abzuverdienen. Unter die vielgeſtaltigen Abenteurer geiſtlichen Standes, welche in Deutſchlaud um die Mitte des XV. Jahrhunderts ihr Glück ſuchten, und das höchſte fanden, gehört der weltgewandte Piccolomini aus Siena, bekannter unter dem gelehrten Prunknamen Aeneas Sylvius, nachher Papſt Pius II. Die ſpätere päpſtliche Heiligkeit hat aber urkundlich in Deutſchland und anderwärts ein Leben geführt, welches dem unſeres profanen Venetianers ziemlich ähnlich iſt. Der Signore Abbate lernte das fremde Treiben in den Haupt⸗ ſtädten, ſelbſt in den damaligen Bädern, gründlich kennen; im Gefolge hoher Fürſten der Welt und der Kirche gewann er eine großartige Betrachtungsweiſe der Gegenwart, und ſeine Liebesabenteuer waren ſo ernſtlich, daß er mit Genug⸗ thuung an den Cardinal von Como die Geburt eines Sohnes, ſeines vierten Kindes, meldete, ihn zum Gevatter lud und 8* — 116 mit ſeinem väterlichen Reichthum ſich brüſtete. Hätte es dem Herrn Aeneas gefallen, ſeinem Vater Ausführliches über ſein Verhältniß mit der ſchönen Engländerin zu Straßburg zu erzählen, als es ſchon in dem Berichte über ein nächtliches Stelldichein im Gaſthauſe„zur Faſtenzeit 4 geſchehen iſt, ſo würden wir eine Caſanova⸗Novelle beſitzen, noch leſenswürdiger als die Hiſtorie von dem blonden deut⸗ ſchen Hofritter Siegmunds, Euryalus, und der ſchönen Saneſerin. Aus des geiſtlichen Herrn Andeutung kann man aber ſo viel vermuthen, daß bie ſchöne Britin eine von den fahrenden Frauen war, welche entweder einen Prä⸗ laten zum Concil nach Baſel begleitete oder irgend einem franzöſiſchen Seigneur oder einem Lord im Zuge der Ar⸗ magnacs gegen das Elſaß ſich angeſchloſſen, und, von dem Treuloſen um Straßburg mit einem Töchterlein zurückge⸗ laſſen, das zärtliche Herz des Italiäners zu reizen wußte. So wurden die Länder des mittleren Europa's im XV. Jahrhundert der italiäniſchen Abenteurer nicht entwöhnt, welche überwiegend als Geiſtliche, Prieſter, Mönche, Rechts⸗ gelehrte ſchröpften, und mehrmals zum Verdruß Einheimi⸗ ſcher ſich in die Bisthümer eindrängten, wie ſelbſt in der Mark und dem verrufenen Pommern. Aber es wollte we⸗ der die derbe Koſt, noch das ſtrengere Weibervolk, am we⸗ nigſten der norddeutſche Ketzermuth dem kitzlichen Prälaten Martino di Fregeno, Biſchof von Kamin, gefallen, ſo daß er ſich bald verlief, ſein Bisthum verhandelte, und ſein Diener Mariotto ſich in maccaroniſchen Verſen an der pom⸗ merſchen Lebensweiſe und den blonden blauäugigen Frauen rächte. Auch der berühmte Juriſt Petrus von Ravenna, welchen Bogislav X. in Italien für ſeine heimathliche Hoch⸗ ſchule gewann, kehrte unbehaglich aus Greifswald bald in den Süden heim.— Wie nun die Kirchentrennung den größten Theil Deutſchlands und des Nordens überhaupt vom päpſtlichen Gehorſam loszureißen drohte, mußte noth⸗ gedrungen die welſche Gewinnſucht auf andre Mittel den⸗ ken, ſich jenſeits der Alpen zu bereichern. Eine Zeit lang bot den Italiänern die Liebe des Nordens zu den wieder⸗ geborenen ſchönen bildenden Künſten, zumal zur Architektur, — —,..G.»ß„ß....»..-.ͤ„..— 89—“ — „ e„ —„₰„„ —6——— — A— u— 1 ⏑ ¶—2& u* — RK G NA A KN A — — A 85 A G Rn — 2 — 117 eine lockende Gelegenheit, ihr Uebergewicht über heimiſche Künſtler geltend zu machen. So kam der berühmte Gold⸗ ſchmidt und Bildgießer von Florenz, Benvenuto Cellini, nach Frankreich, eine ſo reichbegabte Natur, wie ungefähr unſer Venetianer und, wie wir aus ſeiner Selbſtbiographie wiſ⸗ ſen, ihm ähnlich an verfeinerter Genußſucht, an Heißblütig⸗ keit und Neigung zum Abenteuer. Aber die Barbaren, wie ſte ihren Meiſtern die kaufmänniſchen Geſchäfte, die weltli⸗ chen und kirchlichen Wiſſenſchaften abgelernt hatten, wußten auch bald in den bildenden Künſten ihnen, wo nicht den Rang abzulaufen, doch ſich gleich zu ſtellen, daher mit Karls V. Zeitalter auch dieſer Abfluß für induſtriöſe Ita⸗ liäner allmalig verſperrt wurde. Eine neue Laufbahn für brodſuchende Abenteurer führte bald darauf Katharina von Medici in Bezug zunächſt auf Frankreich herbei; die„feinere Finanz“, welche in dem Kabinette italiäniſcher Fürſten ſich herangebildet, und die diplomatiſche Verſchmitztheit der Ora⸗ toren(Geſandten), bei würdig gemeſſener äußerer Erſchei⸗ nung, die ſinnreichen und angenehmen Formen des Hoflebens von Florenz, Ferrara, Parma, die ritterliche Repräſentation der Cortegiani und die theoretiſche Ausbildung verſchiedener Zweige der Kriegskunſt, empfahlen von neuem die adelig geborenen Fremdlinge. Frankreich wimmelte von Italiänern, als Beamten, Hofſchranzen, Ceremonienmeiſtern, Fecht⸗ und Stallmeiſtern, auch Kriegsmännern, wie die Strozzi, Tri⸗ vulzi, Lynari und andern; aber auf die Dauer hielt auch dieſe Geltung nicht an, zumal unter der volksthümlichen Herrſchaft Heinrichs IV. Der unglückliche Marſchall d'Ancre, Concini aus Florenz, und ſeine Gattin, die Leonore Galigai, waren ungefähr die Letzten, welch der Neid der franzöſiſchen Höflinge und die Schuld ihres maaßloſen Eigennutzes blutig * ſtürzte.— Inzwiſchen aber hatte ſich dem ſchöpferiſchen italiäniſchen Geiſte in der Stille ein neues Stadium, das letzte, glänzendſte, eröffnet, welches anderthalb Jahrhunderte hindurch einer großen Schaar von italiäniſchen Schlauköpfen der niedrigſten Herkunft ein Leben voll Ueppigkeit, Reich⸗ thum und Einfluß im Norden verſchaffte, und unſäglich 3 viel beigetragen hat, die Höfe und die höheren Stände zu — entſittlichen, den ernſten Geiſt der Nationen leichtfertig zu verflachen, und die große Revolution herbeizuführen. Wir reden nicht von jenen abgefeimten Gaunern, welche als Goldköche, Magier, Mathematiker, Aſtrologen, Nekroman⸗ ten, Wunderärzte, Schwarzkünſtler an den Höfen faſt aller Fürſten ſich einniſteten, oder im Geheim durch Trugkünſte ihre gläubigen Jünger verarmen machten, und ſie zu den thörigſten unheilvollſten Unternehmungen verlockten. Zwar ließe ſich eine ziemlich lange Gallerie ſolcher welſchen dämo⸗ niſchen Geſellen, von Pietro di Apone bis auf Caglioſtro zuſammenſtellen, deren gefährlichſter für Deutſchland Hiero⸗ nimo Scotto aus Parma war, welcher im Jahre 1578 den leichtſinnigen jungen Kurfürſten von Köln, Gebhard Truch⸗ ſeß, durch ſeine Zauberkünſte zur verderblichen Buhlſchaft reizte, in deren Folge ein heilloſer Krieg das weſtliche Deutſch⸗ land dem Einfluſſe der Spanier öffnete; derſelbe italiäniſche Bube, welcher zu Koburg im Jahre 1592 die Anna von Sachſen, Gemahlin Johann Kaſimirs, teufliſch zum Ehe⸗ bruch berückte. Dieſen Italiänern ſtand gleichzeitig eine große Zahl einheimiſcher Betrüger oder Nebenbuhler zur Seite, ein Agrippa von Nettesheim, Fauſt, Paracelſus, ein Thurnhäuſer und die ganze Zunft der deutſchen Adepten; das angedeutete neue Stadium war weit umfaſſender und bot zahlloſem Geſindel die Quelle des Reichthums und ein in wüſte Sinnenluſt verſunkenes Leben. Wir meinen den Höheſtand, welchen die Muſik, das Theater, die Oper, die Komödie, Pantomime, allen Völkern zur Zeit un⸗ erreichbar, in Italien erſtiegen hatten, endlich diejenige Kunſt, welche die frecheſte Proſtitution aus dem unſchuldigſten Aus⸗ druck der Lebensluſt entwickelt hatte, den ſceniſchen Tanz. Der erſte bekannte Italiäner, welchem ſein muſ ikaliſches Geſchick an ausländiſchen Höfen eine beneidete Stellung er⸗ warb, die freilich blutig endete, war der Sänger David Rizio aus Turin. Wahrſcheinlich durch die Verbindung Frank⸗ reichs mit Italien in der Zeit der Katharina von Mediei nach Paris und dann mit der Witwe Franz II., der leicht⸗ ſinnigen, ſchönen Maria, nach Schottland gekommen, büßte er entſetzlich ſeine Gunſt, ſeine Eitelkeit und Habſucht unter —— —,—-— 119 dem Dolche des argwohnvollen Gemahls.— Die Liebe zur Muſik ſteigerte ſich an den Höfen mit dem Ablaufe des Jahrhunderts und mit dem erſten Jahrzehnt des XVII., zumal unter dem habsburgiſchen Geſchlechte. Doch galten die Italiäner noch nicht als einzige Muſter; Kaſtraten kannte man noch nicht, und in der zahlreich beſetzten Kapelle Kaiſer Ferdinands II. im J. 1636, welche faſt ausſchließ⸗ lich die Verherrlichung des Gottesdienſtes zum Zwecke hatte, finden wir nur deshalb unter den Inſtrumentiſten und Sängern etwa 28 italiäniſche Namen(Rubini, Roſſni, Piccolini u. a.) und einen Hofkapellmeiſter Giovanni Valen⸗ tini neben 32 Deutſchen oder Slaven, weil die Erbſtaaten und die italiäniſche Zunge ſo nahe ſich berührten. Andere muſikliebende deutſche Fuͤrſten begnügten ſich noch bei Feſt⸗ lichkeiten mit dem Lärmen der Keſſeltrommeln, Trompeten und Jagdhörner, oder hatten, wie Johann Georg I. von Sachſen, tüchtige Eingeborene in ihrem Dienſte. Was die Kunſt des eigentlichen Hiſtrionen anbetrifft, ſo iſt auffal⸗ lend, daß neben den Romanen ein ſonſt edelgebehrdeter, ſtolzer germaniſcher Stamm zuerſt die angeborene Scheu vor Proſtitution im edleren Sinne, als Schauſpieler und Acteur überwand. Wie bekannt, waren es zuerſt zerſprengte engliſche Comödiantentruppen, welche als eigentliche Schau⸗ ſpieler von Fach und zum Lebensunterhalt in Deutſchland erſchienen. Es iſt dieſes frühe Auftreten der Engländer als Mimen, Equtlibriſten, Kunſtreiter(ſogenannte engliſche Reiter) um ſo auffallender, als ſelbſt Nationen von we⸗ nigerem Stolze und geringerer allgemeiner Bildung bis auf dieſe Stunde es nicht über ſich vermögen, von angeborener Fertigkeit mit Selbſtentäußerung und Preisgebung ihrer Perſon zur Schauſtellung ein Gewerbe zu treiben. Polen und Ungarn, geborene Centauren, findet man ſelten in Kunſtreitergeſellſchaften, dagegen gerade die pferdeſcheueſten Romanen, Italiäner, Franzoſen, Spanier. Zwar lange ſchon vor der Epoche des ſceniſchen Tanzes (Ballet) war dieſe heitere, anmuthige Kunſt mit Leidenſchaft an verfeinerten Höfen geübt worden: aber wenn ſelbſt mit Maskenzügen, theatraliſchen Darſtellungen und opernartigem 120 Gepränge näher verwandt, immer ausſchließlicher zum Ver⸗ gnügen der Tanzenden ſelbſt, als zur Erluſtigung der Schauenden. Wir wiſſen, wie faſt das ganze Jahr hin⸗ durch Prinzen und vornehme Seigneurs mit ihren Damen künſtliche Ballette unter Heinrich IV. einſtudirten, und in gra⸗ ziöſer Pracht mit einander wetteiferten. Leſen wir die Me⸗ moiren Baſſompierres: ſelbſt der ſtrenge Finanzmann Sully ergötzt ſich an Kapriolen in wunderlicher Tracht auf eigene Hand. Dieſe adelige Luſtbarkeit dauerte noch unter Lud⸗ wigs XIII. melancholiſchem Einfluſſe fort, und auch der Kardinal Richelieu bezwang die Grandezza des kirchlichen Purpurs und des allgewaltigen Staatslenkers, um in bi⸗ zarrem Aufputz durch ſeine Gambaden und verliebten Ge⸗ behrden die Aufmerkſamkeit Anna's d'Autriche auf ſich zu lenken. Aber weder von der herkömmlichen Muſik, noch von den Anfängen des Nationalſchauſpiels, noch von den Hofballets der grand seigneurs hatte die hungernde Vir⸗ tuoſität der Italiener irgend einen Vortheil, als ein hoch⸗ geſtellter Landsmann ihnen die Pforten der Herrlichkeit und des Paradieſes öffnete. Es war Giulio Mazarini aus den Abruzzen, welcher, als das unglückliche Deutſchland eben ſein letztes Lebensblut ausſtrömte und eben der Untergang der Ehre und der Wohlfahrt unſeres Volkes und Reiches unabwendbar eingetreten war, im Winter 1646 und im Karnaval des Jahres 1647, unter dem Jubel ſeiner Erfolge in Münſter, die erſten italiäniſchen Sänger und Machi⸗ niſten kommen ließ, und dem ſtaunenden Hofe eine Art von italiäniſcher Oper, den Orphée, mit ungeheurer Pracht vorführte! Der ſorgfältige Beobachter ſeiner Zeit, der Mar⸗ quis de Monglat, ſagt in ſeinen Memoiren: La pro- spérité des affaires de la France causa une grande joie dans la Cour et pour cette raison tout Phiver se passa en réjouissances: et comme celui qui gouver- noit étoit Italien, tout le monde se conformoit telle- ment à son humeur, que depuis les petits jusqu'aux plus grands, on n'avoit que des plaisirs Italiens. On fit venir de Rome une Signora Leonora, pour chanter devant la Reine, et un Signor Torelli, pour faire —. 2 I n——— /———,9j Gu unu——— u n— G u K B N u n nRN So (o d 8 2 121 des machines avec des changemens de théätre en perspective: on manda des Comédiens qui représen- tèrent en musique la pièce d'Orphée, dont les ma- chines coũtèrent plus de quatre cens mille livres. Cette Comédie duroit plus de six heures, et étoit fort belle à voir pour une fois, tant les changemens et les décorations étoient surprenantes: mais la grande longueur ennuioit, sans qu'on l'osât témoigner, et tel n'entendoit pas l'Italien qui n'en bougeoit et l'admi- roit par complaisance. La Reine méme ne perdoit pas une fois sa réprésentation, la quelle se fit trois fois la semainé deux mois durant, tant elle prenoit 4 soin de plaire au Cardinal Mazarin, et par la crainte qu'elle avoit de la fächer. Von da ab, als Frankreichs Modekünſte gebieteriſch . den Stab über Europa ſchwangen, zumal über das zertre⸗ 8 tene, von ſchwachen, unwürdigen Fürſten, den fklaviſchen 8 Bewunderern des Glanzes Ludwigs XIV., regierte Deutſch⸗ f land, begann wieder ein goldenes Zeitalter der Italiäner im Auslande, und gegen Ende des XVII. Jahrhunderts über⸗ flutheten Opernſänger und Sängerinnen, Kaſtraten, Ka⸗ pellmeiſter, Geiger, Muſiker aller Art, Schauſpieler, Ko⸗ mödianten, Pantalone, Dekorationsmaler, Machiniſten, Dichterlinge, und endlich die verderblichſte Gattung, eine Fluth von Tänzerinnen, ausgelernt in allen Buhlkünſten, w die Höfe der großen und kleinen Fürſten und Grafen Deutſch⸗ lands. Unbeſchreiblich nahm mit dieſem Geſchmack an den italiäniſchen Proſtitutionskünſten, denen zumal die ſteifen, altväteriſch, pedantiſch ehrſamen Deutſchen nicht gleich kom⸗ 4 men konnten, deren ſeelenvolle Muſik dem frivolen Ohre der Magnaten nicht länger gefiel, die Unſitlichkeit an den Höfen und in der höheren Geſellſchaft, ſo wie der Despo⸗ tismus der Fürſten, das Elend der Völker zu, welche, kaum irgend noch vertreten durch Stände, ungemeſſen der Pracht⸗ z=˙z3—3ö—Eoö—öoö—öoöoöoöoͤoͤſͤſͤſſſſ 4 liebe und Genußſucht großer und kleiner Despoten ſteuern mußten. Denn nicht allein, daß der Aufwand der Opern, des Theaters und Ballets die regelmäßigen Einkünfte der fürſtlichen Haushaltungen erſchöpfte und die Verarmung des 122 Landes zur Folge hatte; dle ſchönſten und erfahrenſten unter den Tänzerinnen waren aus ihrer Heimath gekommen, nicht von ihrer Kunſt zu leben und einen reichen Sparpfennig zu ſammeln, ſondern mit der offenkundigſten Abſicht, durch ihre körperlichen Reize die Fürſten und großen Herren zu ihren Sklaven zu machen und vom Marke der Unterthanen zu ſchwelgen. An wie vielen Höfen der erſten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts ſehen wir dieſes italiäniſche Gezücht als Maitreſſen das Gemüth ihrer ſchwachen Sultane abziehen von jedem würdigen Ernſte ihres Berufs; wir ſehen ſie, wie ſie boshaft fürſtliche Ehen trennen, und das Leben der wür⸗ digſten Frauen zur Kette von Trauertagen machen. Der ſeufzende Unterthan wurde ſeinem Landesherrn, welcher ſo ge⸗ wiſſenlos mit ſeinem Schweiß praßte, entfremdet. Das böſe Beiſpiel ſteckte wie eine Peſt die höheren Stände an und verbreitete ſich unaufhaltdar weiter. Sünden, welche dem Norden, Gottlob! noch meiſt unbekannt geblieben, unnatür⸗ liche Wolluſt, welche im Süden nie ausgerottet war, kamen durch Kaſtraten und deren Genoſſen, durch den Abſchaum der Weiber in Schwang, und vernichteten Generationen im Keime. Denn die Primadonnen und Haupttänzerinnen waren in der Regel die berüchtigſten Courtiſanen, welche ſich zum höchſten Preiſe zu verkaufen pflegten und zumal den reiſenden deut⸗ ſchen Baronen ihre Mutterpfennige und ihre Geſundheit raubten. Wie häufte der Graf von Brühl die Laſt ſeiner Verſündigung an Sachſen durch ſeine Maitreſſe, die Signora Albuzzi, welche er mit Genehmigung ſeiner gefälligen Ge⸗ mahlin unterhielt! Das Hazard des„Pharao“, jenes Gift des häuslichen Glückes, bis dahin noch fremd in Län⸗ dern, wo man nur im Soldatenlager die Würfel und allen⸗ falls„Landsknecht“ kannte, verpflanzten die Ankömmlinge, bemüht auf jede Art ihren Säckel unter den Barbaren zu füllen, in ihre Geſellſchaften, plünderten die deutſche Ehrlich⸗ keit durch falſches Spiel und Volteſchlagen und zogen mit ihrem Raube heim. Denn es pflegte das Land und deſſen Bewohner, unter denen ſie ihre Ernte gefunden, die Hoch⸗ müthigen anzuekeln, und ſelten blieben ſie mit ihrer Beute u—ꝑ ͤ u — Aà B— A n 123 dieſſeits der Alpen. Häufig hatten die glattzüngigen, gewand⸗ ten pfiffigen Sänger und Tänzer das Ohr und das Ver⸗ trauen ihrer Gebieter zu gewinnen gewußt, und übten ränke⸗ voll aus dem geheimen Kabinette beklagenswerthen Einfluß auf den Gang der Juſtiz und des Staatslebens. Nur wenige unter ihnen gab es, die, wie jener gutgeartete Carlo Broschi detto Farinelli aus Neapel, von der Kunſt, welche die Natur ihm verliehen oder ein Verbrechen an dem Unmündigen her⸗ vorgekünſtelt, einen wohlthätigen Gebrauch machten, um durch die Gewalt der Muſik die düſtere Schwermuth eines Königs Saul zu bannen. In dem Leben der italiäni⸗ ſchen Muſiker und Schauſpielkünſtler des XVIII. Jahr⸗ hunderts erweiſt ſich mit wenigen Ausnahmen, daß Muſik und Theaterweſen, gleichwie ſie ganzen Staaten die That⸗ kraft, den würdigen Ernſt, den Werth der bürgerlichen Frei⸗ heit aus den Seelen gaukelnd entführen, wie der Rattenfänger von Hameln die Kinder, ſo auch auf ihre Ausüber keines⸗ weges eine Kraft der Veredelung entwickelten, ſondern, daß Virtuoſität nur zu häufig mit der ſchmutzigſten, laſterhafteſten Geſinnung vereint war.— Es iſt hier nicht der Ort, die Geſchichte der Richtung des neueren Kunſtgeſchmacks auf italiäniſche Hiſtrionenkünſte zu entwickeln; wir haben nur im Auge, die Mittel anzugeben, durch welche unſer Italiäner den Schlüſſel zu ſeinem Erfolge fand; die Genoſſenſchaft zu ſchildern, welche ihn überall emportrug und trabantenartig ſchirmte; die Springfedern der Geſelſſchaft, auf denen er keck und ſicher ſich aufſchwang. Nur einige Momente dürfen wir hervorheben. Die verführeriſche Oper war ſchon an den Höfen der beiden letzten Johann Georg von Sachſen, der ungleichen Enkel Johann Georgs, der wenigſtens ein pa⸗ triotiſcher Fürſt deutſchen Schlages war, ein hohes Rei⸗ zungsmittel. Die ernſte und die ſcherzhafte Oper erſtieg „im galanten Sachſen“ den Gipfel, auf welchem ſie ſich auch unter Friedrich Auguſt llI. und Brühl erhielt; ſie verſchlang Millionen, welche ein treues, fleißiges, frommes Volk arbeitſelig ſteuerte. Apoſtoliſche Nuntien, jeſuitiſche Beichtväter und Hofgeiſtliche, hielten dem welſchen Unweſen 124 den Schirm, welches ihnen den Triumph zu erleichtern ſchien, das Wiegenland deutſcher Aufklärung zur römiſchen Kirche zurückzuführen. Auch Leipzig, durch ſeine Meſſen der perio⸗ diſche Mittelpunkt eines reichen Weltverkehres, hatte ſchon i. J. 1693 ſein Opernhaus; die Kurfürſten von Baiern und von der Pfalz, die Herzöge von Würtemberg wetteiferten in der Pracht ihrer Hoftheater und in hoher Beſoldung der italiäniſchen Künſtler. In Wien wurden unter Karl VI. Opern aufgeführt, deren jede 60,000 Gulden koſtete; die kaiſerliche Hofkapelle und die Kammermuſik, mehr als 120 Perſonen ſtark, forderten einen jährlichen Aufwand von 200,000 Gulden, und mancher Virtuoſe bekam 4 bis 6000 Gulden jährlichen Gehalt. Und dennoch hieß es, in Wien ſei nur das Hospital der Künſtler, weil ſie ſich hier in ihren alten Tagen zur Ruhe gäben und ihre Verwandten durch Nepotismus anbrächten, Der böhmiſche Adel, Gebieter über die armſeligſten Leibeigenen, unterhielt in Prag eine pracht⸗ volle Oper; die geiſtlichen Fürſten und die kleineren Reichs⸗ fürſten blieben in der unſeligen Prunkliebe nicht zurück. Nur dem Könige Friedrich Wilhelm I., ſo wenig liebens⸗ würdig wir ihn ſonſt finden, gebührt das Lob, ſich nicht dem böſen Gebrauche der Zeit, der ausländiſchen Modeſucht, gefügt zu haben; ſeine baroque Laune begnügte ſich an wohlfeiler Poſſenreißerei und an landesſittlichen Hofwirth⸗ ſchaften. Erſt Friedrich II. eröffnete den welſchen Muſen⸗ künſten i. J. 1742 den prachtvollen Tempel mit großen italiäniſchen Opern, zu welchen Bottarelli die Texte ſchrieb. Schnell wurde ſelbſt das ſoldatiſche Berlin ein Wallfahrts⸗ ort der Italiäner; verhältnißmäßiger Lohn, ſonſt ſo karg verdienten Kriegern und Beamten zugemeſſen, 4 bis 6000 Thlr., lockte die ſüdlichen Wandervögel; Signora Barbarini, wie es heißt, dem Helden ſelbſt gefährlich, entzückte als Täuzerin mit nie geſehenen Künſten die nüchternen Brandenburger, und endete mit einer vornehmen Heirath. Die Zeit Fried⸗ richs II. und Ludwigs XV. von ſeiner Mündigkeit, und Georgs II., ſpäter für Rußland Katharinas II., war die Glanzperiode der überkünſtelten, barocken Oper⸗ und Theater⸗ herrlichkeit, und würdig des ſonſtigen ſittlichen Gehalts des x — ☛ 125 Jahrhunderts: jener prachtvollen Geſchmackloſigkeit und der lächerlichſten Verzerrung der Natur. Die ſchlachtmuthigen Helden und Krieger des Alterthums, die Weltſtürmer, die blutgierigſten Tyrannen beſchritten in Perücke und in bis⸗ cayiſchem Koſtüm, mit Schärpe und Schulterquaſt, den Hof⸗ degen an der Seite, die Bretter; Theſeus, Alexander, Brutus, Nero, Titus, kräheten und trillerten mit Kaſtratenſtimme ihre heroiſchen Gefühle, ihre Triumphfreude, ihren Schmerz, und gaben ſo wenig, als die Heldinnen der Fabelwelt und die Göttinnen des Olymp, eine Semiramis, Phaedra, Me⸗ rope, Juno, in hoher, gepuderter Friſur, geſchminkten und beſchönpflaſterten Antlitzes, in Reifrock und Poſchen, dem kritiſchen Zeitalter irgend einen Anſtoß. Begann zwar in Paris frühzeitig ein nationales Theater anſpruchsvoll gegen den italiäniſchen Kunſtgeſchmack in die Schranken zu treten, und verbündete ſich innig mit der„Philoſophie“, um uner⸗ meßliche Erfolge herbeizuführen; behauptete ſich franzöſiſche Komödie, franzöſiſche Oper mit eingebornen Talenten, und lief, wie ſich leicht erklären läßt, eine Camargo den ita⸗ liäniſchen Tänzerinnen den Rang ab; ſo blieb Frankreichs Hauptſtadt doch das Eldorado der Italiäner. Denn nirgends bot analoge Genußliebe und gleich geſteigerte Unſittlichkeit ſo unausbleiblichen Lohn für die verdorbene Natur der ge⸗ ſammten Hiſtrionenzunft, als Paris nach der Regentſchaft. Die ſteife Etikette ſchloß ſie zwar von dem Hofe und den adeligen Cirkeln aus; dagegen waren Sänger und Sänge⸗ rinnen bettfähig geworden, und fanden in dieſer Eigen⸗ ſchaft Erſatz für die verweigerte Geſellſchaftsfähig⸗ keit.— Das reiche Großbritannien gewährte andere Vor⸗ züge, eine höhere Geltung in der Geſellſchaft, welche Theaterprinzeſſinnen in gewiſſer Ebenbürtigkeit betrachtete, daher mehr als eine Primadonna eine hochadelige Heirath ſchloß, und ſich in den vornehmſten Kreiſen bewegte; ferner überſchwengliche Jahrgehalte. Farinelli erhielt im Jahre 1734 2500 Pfund, ehe er nach Spanien ging; die berühmte Fauſtina Bordoni zog oft für einen einzigen Abend, außer reichen Geſchenken ihrer Gönner und Gönnerinnen, 1500 Pfd.! Die Aufnahme in der höheren Geſellſchaft machte Sänger 126 und Sängerinnen in Georgs II. Zeit ſogar zu politiſchen Perſonen, und in ähnlicher Weiſe wie in Byzanz, ver⸗ ſteckten ſich die Parteibeſtrebungen der Whigs und Torys hinter dem Wetteifer der gefeierten Theaterheldinnen, und ſuchten einander zu necken und Niederlagen beizubringen. Beide Parteien theilten ſich in die Verfechtung des Talents der Fauſtina und der Francesca Cuzzoni⸗Sandoni, zogen auch die Maestri di Capella in die politiſche Spaltung. Händel war für Fauſtina, und Buonconcini für die Cuz⸗ zoni; um den öffentlichen Frieden herzuſtellen, mußte man endlich, bei der Heftigkeit der Nebenbuhlerinnen, ſich ent⸗ ſchließen, beide fortzuſchicken.— Rußland, das ſpäteſte Kind der Kultur des XVIII. Jahrhunderts, bot deshalb auch den Italiänern eine ſpätere Aera, ihr Talent zu Markte zu bringen. Vor der Herrſchaft der Anna Joanowna, welche mit europäiſcher Hofſitte ihren moderniſirten Thron zu umgeben ſich bemühete, bot das barbariſche Moskovitien, anderer Bildner bedürftig, den Italiänern wenig Verlockendes, und einer der erſten welſchen Abenteurer, welcher dort ſein Glück ſuchte, ward kläglich heimgeſchickt. Ein gewiſſer Locatelli oder Bondanelli,— denn ſein Name iſt nicht zu ermitteln, aber gewiß war auch er ein Jünger der gangbaren Künſte ſeiner Heimath— kam, angeblich durch Privatverhältniſſe aus Frankreich ver⸗ trieben, i. J. 1733 unter falſchem Namen nach Rußland, und ſuchte anderweitiges Unterkommen, da er in Petersburg noch kein Verlangen nach Theatergenüſſen überhaupt, ge⸗ ſchweige denn nach italiäniſcher Kunſt, vorfand. Als Glied der gelehrten Reiſegeſellſchaft La Croyères nach Kaſan ver⸗ ſchlagen, ward er von dem dortigen Gouverneur als ver⸗ dächtig angehalten, unter vielfachen Unbilden und ſchmäh⸗ licher Behandlung von Soldaten und Unterbeamten gut moskowitiſch zuruͤckgeſchickt, und, nach einer Unterſuchung vor dem Senate, als Landesverwieſener rein ausgeplündert über die Grenze befördert. Der Italiäner, eine heftige Natur im Gepräge Caſanova's, entledigte ſich ſeiner Galle über das ungaſtliche Scythien in den ſogenannten Lettres Mosco- vites, welche i. J. 1736 in Paris erſchienen, und die Er⸗ —Q—QQę—ęQę—O———ʒ—ᷣᷣ— 127 bitterung unſeres venetianiſchen Helden über Wien und Maria Thereſia athmen. Aber jene beredſame Warnung und jene Schilderung der ruſſiſchen Schreckniſſe hielten doch eine hungrige Truppe von Landsleuten, unter denen ſich Caſanova's Mutter befand, nicht ab, ihr Heil in dem ver⸗ ſchrieenen Norden zu verſuchen. Denn alle Städte Italiens waren in der erſten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts in dem Grade angefüllt mit Operngeſellſchaften und Meiſtern in ſceniſchen und muſikaliſchen Künſten, und, bei dem Mangel an einer würdigen Laufbahn und jedem höheren volksthümlichen Intereſſe— die Kirche ausgenommen— bei der Geſunkenheit des Handels, hatte dem geſammten Nationalgeiſt eine ſo entſchiedene Richtung auf den frivolſten Erwerb ſich aufgeprägt, und der bewunderte Reichthum heimkehrender Virtuoſen einen ſo eifrigen Nachwuchs her⸗ vorgelockt; daß kein Abenteurerzug in die verrufenſte Ferne verſchmäht werden durfte, um einander daheim nicht zu er⸗ drücken. In Venedig, Turin, Mailand, Neapel, Rom, Bologna und in vielen kleineren Städten waren von gewinn⸗ ſüchtigen Privaten Schulen eröffnet, um aus bildſamer Ju⸗ gend Zöglinge für die einzig gültige Kunſt zu erziehen und die kindlichen Gemüther zeitig in ſogenannten Saloletten für die lohnendſte Seite ihres Berufs— der Courtiſane— möglichſt praktiſch auszubilden. Kam die nöthige Reife des Alters und des Talents heran, ſo wurden dieſe Opfer der ſchmutzigſten, gewiſſenloſeſten Spekulation unter Aufſicht in die Fremde geſchickt, um fürs erſte das aufgewandte Lehr⸗ geld abzuverdienen. Wir werden ſehen, daß ehrſame Nobili in Venedig, theils aus Gewinnſucht, theils um den Kitzel eines ſtumpferen Alters zu befriedigen, ſich ſolches Verdienſt um die Kunſtwelt beſonders angelegen ſein ließen. Zum Verſtändniß der wechſelvollen, aber in äußerem Glanz und Ueppigkeit immer gleichen Lebensſchickſale Caſanova's in fremden Ländern; um zu begreifen, wie er auf dem frem⸗ deſten Boden in wenigen Stunden gleich heimiſch ſein konnte, müſſen wir noch die Bemerkung anknüpfen, deren Beſtäti⸗ gung die Lebensgeſchichte auf jedem Blatte geben wird: daß ein landsmannſchaftlicher Esprit de corps die Italiäner im 128 Auslande vereinigte. Die wandernden Genies kannten ſich daheim ſchon aus ihren gemeinſchaftlichen Schulen oder von den unzähligen Bühnen. Ein Italiäner dieſes Schlages durfte in jeder fremden, einigermaßen bedeutenden, Stadt nur immer gleich am erſten Abende das Theater beſuchen, um hinter den Couliſſen, in den Schauſpielerlogen, im Orcheſter die wärmſten Bekanntſchaften wieder zu erneuern. So war er denn gleich wie zu Hauſe; ſeine Freunde und Freundinnen bemüheten ſich eifrigſt, den Landsmann mit ihrer glänzenden Lage bekannt zu machen. Da ſie die em⸗ pfehlungswerthen Gaben des Angekommenen am beſten zu würdigen verſtanden, und Wahlverwandtſchaft, Verſchwäge⸗ rung, häufig die Bande wildverſchlungener Neigung oder ſeltſamer Verwandtſchaftsgrade ein unſittliches Geſchlecht mit einander verknüpften, ſo führten ſie den Freund, Oheim, Bruder, Vetter bereitwilligſt in ihre Kreiſe ein, oder unter⸗ ſtützten den Verarmten großmüthig mit dem leichten Erwerbe ihrer Talente und ihrer perſönlichen Reize. So konnte eine hervorſtechende Individualität, wie die unſeres Venetianers, keinen Tag verborgen bleiben; er hatte immer offene Em⸗ pfehlungsbriefe an die Herren und Damen der Modewelt; und dieſe Verkettung perſönlicher Beziehungen erleichterte, zu⸗ mal einem Venetianer, ſein ſchnelles, glänzendes Debut, mochte es in Turin, Paris, London, Berlin, Warſchau, Petersburg, Dresden oder Braunſchweig ſein. Dieſem Landsmannſchafts⸗ geiſte, welchem gleiche Neigung und oft gleiches Schuldbewußt⸗ ſein zum Grunde lag, verdankte der Chevalier de Seingalt über⸗ wiegender ſeine Erfolge, als den Empfehlungsbriefen eines Kardinals Bernis, des Duc de Choiſeul, Lord Mariſhals, und mehr als dem Freimaurerhändedrucke oder den Erken⸗ nungszeichen einer geheimen Geſellſchaft von Roſenkreuzern, Illuminaten, Adepten, oder dem Rufe ſeiner Kabbala. Aber der glorioſen Triumphepoche der neueren ita⸗ liäniſchen Volksnatur bereiteten viele Dinge im Stillen den Untergang, ehe die große franzöſiſche Staatsumwälzung die Tempel und die Hochſchulen italiäniſcher Künſte in Paris verödete, und neue ſittliche Gewalten in der europäiſchen Geſellſchaft ſich Geltung erzwangen. Auch dieſe Künſte, * 129 wiewohl am ſchwerſten, lernten die Barbaren den Meiſtern ab; Händel, Johann Adolph Haſſe, Gemahl der Fauſtina, den ſelbſt der welſche Neid il caro Sassone nannte, Graun, Hiller, lehrten früh, wie auch gleichzeitige Franzoſen, daß Italien nicht allein das Mutterland des muſikaliſchen Genies ſei. Die italiäniſche Sprache büßte das Vorurtheil, vermöge ihres Wohllautes ausſchließlich zur Compoſition ſich zu eignen, allmälig ein; die nationale Literatur erwachte, das deutſche Theater bildete ſich aus, und verdrängte die einſeitige Luſt an dem fremden Spektakel. Armuth der Zeit kam hinzu und beförderte die wohlfeileren, beſcheidneren Talente der Heimath. Der Ernſt der politiſchen Gegenwart; Ban⸗ gigkeit in fürſtlichen Gemüthern vor großer Rechenſchaft; wohlthätige Einſchränkung; neue Regentenhäuſer; das er⸗ ſchütternde Erdbeben unter dem Throne von Verſailles, zu⸗ ſammt dem Erwachen eines würdigeren öffentlichen Geiſtes in Italien ſelbſt, Alles wirkte zuſammen, um mit dem ab⸗ rollenden Jahrhunderte die frivolſte Periode der letzten ob⸗ jektiven Geltung der Italiäner raſch zu beendigen. Im Gram über die verſinkende Welt ſeiner Jugend und ſeines Mannes⸗ alters, über den ſchmählichen Untergang der Republik des geflügelten Löwen, ſtarb unſer Venetianer; wäre er fünfzig, ja nur dreißig Jahre jünger geweſen, ſo war ein ſolches Leben, als er genoſſen hatte, eine Unmöglichkeit. Die glückliche Fruchtbarkeit Deutſchlands, welches ſeiner Meiſter von„jenſeits der Berge“ zuerſt als allgemeiner Vorbilder für Leben, Sitte und Staat überhaupt; dann in den Commerzien und im Ernſte der Fachgelahrtheit; in den bildenden Künſten, in Galanterie, Etikette, in Diplomatie und in der Finanz, in geheimnißvollem Wiſſen, in der Muſik, in dem Opern⸗ ſpektakel, in Scenerie, im Schauſpiel entbehren gelernt hatte, erſtieg endlich, wiewohl am ſpäteſten auch den Gipfel der Proſtitutionskünſte und brachte Tänzerinnen hervor, deren Ruhm auf beiden HGalbkugeln erſchallt. Darum iſt das arme überbotene Welſchland jetzt auf ſich beſchränkt; und im weiten Gebiete menſchlicher Thätigkeit keine Laufbahn mehr, wo die Palme ſchon vor dem Anlauf gereicht wird. So hat ſich in tauſend Jahren das Rad gedreht, und wenn „ XLVIII. 9 —————— 130 gleich in der neueſten Zeit eine Partei der vornehmen Welt mit anderem Roccoco auch dieſes Stückchen der geprieſenen alten, gerichteten Zeit wieder heraufzuführen ſich beſtrebt, und einen aparten Genuß ſich bereiten will, der planmäßig und ſchmeichelnd eine Wiederkehr des Vergangenen möglich mache, ſo verhöhnt doch die Rieſengewalt des Gewordenen ſo ohnmächtiges Ringen. Der Italiäner, wie der Fremde überhaupt, wird in der Gegenwart der nivellirten Völker⸗ bildung keine Rolle par Excellence ſpielen; und während dem wahrhaft Außerordentlichen in Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft überall eine europäiſche Berüͤhmtheit geſichert iſt, wird der Welſche ſelbſt als Zuckerbäcker, Delikateſſenhändler, Bilder⸗ colporteur, Brillenmacher und Polichinellthespiskarrenführer, als Eigner von Wachsfigurenkabinetten und wilden Thieren, ſeine gefährlichen Gegner aller Länder ſinden! Druck von Brandes& Schultze in Berlin, Roßſtraße Nr. 8. —— — ö — ——— —“ 1 . 5 e — “