—— wet 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 1 Sduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 7 iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe benterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4 ¹ be 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 0 beträgt: 4—. für ochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5——————ͦ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ͤſſͤſſſſſſ 8 ** „„ 2u—„—„ k„—„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ſ. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene odex defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der eſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet.,. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 4. —— der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ —ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Jacob Caſanova * Memoiren von E 4 von Seingalt. Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. Mit Anmerkungen von Cudwig Zuhl. — Siehenzehnter Band. c⸗* Berlin, 1851. Verlag von Guſtav Hempel. Einhundertundzwölftes Kapitel. Meine Zuſammenkunkt mit dem Graken Aranda.— Mit.- tagseſſen beim Geſandten.— Campomanes.— Anek- doten über Mengs.— Der König Karl III.— Ge⸗ ſchichte eines Abbé und einer Madonna. Man hielt mich im Vorzimmer des Grafen von Aranda ziemlich lange auf, woraus ich ſchloß, daß Se. Excellenz nicht auf meinen Beſuch gefaßt war, und ſich vorbereitete, mich zu empfangen. Nach drei Viertelſtunden wurde ich eingeführt. Sobald der Graf mich erblickte, kam er mir in großer Aufregung entgegen und mir ein Paket Papier überreichend, ſagte er: Hier ſind Ihre vier Briefe; jetzt, wo Sie kalten Blutes ſind, fordere ich Sie auf, dieſelben noch einmal zu leſen. Warum ſoll ich die Briefe noch einmal leſen, gnädi⸗ ger Herr? Warum? Erinnern Sie ſich nicht mehr der Sprache, welche Sie in denſelben fuͤhren? Entſchuldigen Sie, gnädiger Herr. Jeder, der wie ich, entſchloſſen war, der Sache ſelbſt auf Koſten ſeines Lebens ein Ende zu machen, konnte nicht in der Stimmung ſein, ſeine Ausdrücke zu mäßigen. Ich mußte glauben, Alles, was über mich verhängt wurde, ſei auf Befehl Ew. Excel⸗ lenz geſchehn. Das heißt mich wenig kennen, und noch weniger Ihre Lage und die meinige würdigen. 4* Ich weiß, welche Achtung und Ehrfurcht ich Ihnen unter gewöhnlichen Umſtänden ſchulde; aber ich ſah mich außer dem Geſetze und dem Völkerrechte, und meine Heftigkeit iſt daher zu entſchuldigen. Vielleicht; aber weit weniger zu entſchuldigen iſt die Meinung, welche Sie über meine Geſinnung hinſichtlich Ih⸗ rer faſſen zu können glaubten. Sie ſind ungerecht und rechtfertigen Ihren Ruf als Mann von Geiſt ſehr wenig. Ich verbeugte mich, wie um ihm für ſein ſatiriſches Compliment zu danken. Er fuhr mit weniger ernſtem Tone fort: Herr Caſa⸗ nova ſind Sie auch ganz ſicher, daß Sie ſich nichts vorzu⸗ werfen haben, und daß Sie die Geſetze der Regierung Sr. katholiſchen Majeſtät nicht verletzt haben, wie Sie be⸗ haupten? Die Art, wie der Graf die letzten Worte betonte, er⸗ ſchreckten mich; die Erinnerung an das tragiſche Abenteuer trat in blutigen Zügen vor meinen Geiſt. Der Graf be⸗ merkte meinen verſtörten Zuſtand und ſagte: Faſſen Sie Muth; es iſt Alles bekannt und Alles Ihnen verziehn, weil Sie ſich wie ein würdiger und tapferer Mann benommen haben; Sie werden aber zugeben, daß der Schein mehr als hinreichend war, um Sie an den Galgen zu bringen. Uebrigens ſind Sie es nicht, der die ſchönſte Rolle in dieſer Angelegenheit geſpielt hat. Sie haben wie ein Spanier gehandelt; aber die Sennora Dolores hat ſich wie eine Römerin benommen. Was hat ſie gethan? Sie hat Alles geſtanden. Auf die Gefahr hin, mich ins Verderben zu ſtürzen? Dies war das einzige Mittel, Sie zu retten; hätte ſte Sie gänzlich vom Verdachte reinigen wollen, ſo würde ſi den Glauben an Ihre Mitſchuld erregt haben, denn Sie waren geſehn worden. Der Kavalier, den die Sennora ge⸗ tödtet hat, war ein ziemlich ſchlechtes Subjekt; eine ſolche That verdiente indeß eine Strafe, und ſie würde ſchrecklich geworden ſein, wenn das Publikum Kenntniß von der Sache bekommen hätte; aber das Geheimniß, mit welchem die That —— 2— — —— ——,„=—, 5 und noch mehr die Beweggründe des jungen Mädchens be⸗ deckt blieben, waren ein Grund zur Nachſicht. Dolores iſt frei, und ihre Familie hat mit ihr den Boden Spaniens verlaſſen; ich habe nicht nöthig, Ihnen Geheimhaltung die⸗ ſer ganzen Geſchichte zu empfehlen, denn Sie ſind ſelbſt am Meiſten dabei betheiligt. Ich war in Verſuchung, mich dem Grafen zu Füßen zu werfen; aus meiner Aufregung mußte er ſehn, wie leb⸗ haft mein Dankgefühl war. Vom Miniſter begab ich mich zu Herrn von Rojas. Da ich noch unter dem Einfluſſe des eben vorgegangenen Auftritts ſtand, ſo verbarg ich ihm nicht meine Empſindung für Se. Excellenz. Herr von Rojas, der den wahren Grund nicht vermuthen konnte, ſagte etwas barſch: 1 Wie! Man drillt Sie und Sie bedanken ſich! Man hat mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ich( hege keinen Groll; welche andere Genugthuung konnte ich auch wohl fordern? Zunächſt die Abſetzung des Alcaden und ſodann eine ſtarke Geldentſchädigung. Der Alcade hat ſeine Anweiſungen überſchritten; das gebe ich zu; aber er iſt mehr ungluͤcklich als ſtrafbar ge⸗ weſen; was die Entſchädigung betrifft, ſo würde ich mich ſchämen, wenn ich mir meine ausgeſtandenen Leiden bezah⸗ len laſſen wollte. Das iſt ſehr ſchön; aber man wird Ihren Edelmuth für Schwaͤche halten; Sie ſind in einem Lande, wo man, mit Ausnahme der Inquiſition und des Königs, über Alles ungeſtraft ſprechen kann. Als ich nach Hauſe kam, fand ich Mengs, der mit ſeinem Wagen auf mich wartete; er wollte zu Herrn von Mocenigo zu Tiſche gehn und kam, um mich abzuholen. Der Geſandte nahm mich mit offnen Armen auf und machte Mengs ein Compliment wegen ſeiner mir erwieſenen Gaſt⸗ freundlichkeit. Mengs wurde roth, und ich konnte mich des Lächelns nicht enthalten. Bei Tiſche war von meinen vier Briefen die Rede, und die verſchiedene Art und Weiſe, wie jeder der Gäſte ſie beurtheilte, zeigte mir, in wie weit die Stellungen der Menſchen ihre Anſichten und ihre Denk⸗ weiſe regeln und beſtimmen. Außer Mengs und dem Ge⸗ ſandten erkannte ich folgende Notabilitäten; den Abbé Bi⸗ gliardi, den franzöſiſchen Konſul, den gelehrten Don Pablo ſich von einem Ende Europa's zum andern erſtreckt und 2 Olivades und den berühmten Rodrigo de Campomanes. Mit mehr wohlwollender als ſtrenger Freimüthigkeit tadelte der Geſandte den Ton meines Sendſchreibens an den Grafen von Aranda; Campomanes übernahm mit großer Lebhaf⸗ tigkeit meine Vertheidigung und behauptete, daſſelbe ſei viel⸗ mehr der Art, daß es mir die allgemeine Achtung, ſelbſt die des Königs und ſeiner Miniſter, verſchaffen müſſe; Oli⸗ vades war derſelben Anſicht und unterſtützte ſie mit vielen Citaten; Mengs, als Hofmann, trat auf Seite Herrn von Mocenigo's; der Abbé Bigliardi ſagte, der Geſandte habe Recht und Campomanes habe nicht Unrecht. Campomanes, der in ſeinem Vaterlande einen großen Ruf des Geiſtes, Wiſſens und Muthes hinterlaſſen hat, war ein kleiner brauner Mann von unzweideutiger Häßlich⸗ keit, den man aber ſchön zu finden verſucht werden konnte, wenn man ihn ſprechen hörte. Seine lebhafte und unge⸗ ſtüme Ausdrucksweiſe war imponirend und verführeriſch. Als Feind der Kirche, deren hinterliſtige Pläne er kannte, ſprach er ſich bei jeder Gelegenheit und offen gegen die Miß⸗ bräuche aus, welche dieſelbe aller Bemühungen ungeachtet in dem unglückſeligen Spanien verewigt. Alles wich der ſchneidenden Ironie ſeiner Auseinanderſetzungen, und wie viele Vorurtheile hat nicht dieſer ſpaniſche Voltaire mit der Spitze ſeiner Feder vernichtet! Ihm verdankte das Land den Beſchluß wegen Vertreibung der Jeſuiten; er hatte dem Grafen Aranda alle Intriguen dieſer verderblichen Geſell⸗ ſchaft enthüllt: er hatte ihn mit dem Finger alle Fäden des ſo geſchickt geſponnenen Gewebes berühren laſſen, deſſen Netz beſtändig die Völker zu umgarnen droht. Campomanes ſchielte; der Graf Aranda und der Jeſuiten⸗General ſchiel⸗ ten ebenfalls. Ich brachte das Geſpräch auf den Krieg, welchen dieſe drei ſchielenden Perſonen mit einander führ⸗ ten und deſſen Ausgang ich für Campomanes fürchtete. Er — —- 8 AͤGl 8ͤ ASSBSSzS8 S——,—+—— A n aà— Gð A A A ⁸ 8EN u N 8 8 u 7 galt für den Verfaſſer aller jener kleinen Pamphlete gegen die Jeſuiten, welche faſt alle Höfe Europa's überſchwemm⸗ ten. Seine fortwährenden Beziehungen zum venetianiſchen Geſandten hatten ihn in den Stand geſetzt, alle Maßregeln kennen zu lernen, welche unſer Senat gegen die Mönche er⸗ griffen hatte, welche Mittheilung er indeß gar nicht nöthig gehabt hätte, wenn er von den Schriften unſers berühmten Paolo Sarpi hätte Kenntniß nehmen wollen. Campomanes war voll Muth, Ausdauer und Scharfſinn und galt für einen in ſeiner Oppoſition aufrichtigen und uneigennützigen Mann; nur die Liebe zur Tugend und zum Vaterlande be⸗ geiſterten ihn: auch erfreute er ſich der Achtung der auf⸗ geklärteſten Perſonen, dagegen hatten die Mönche, Prieſter, Frömmler und das niedere Volk, deſſen Verderbtheit das Pfaffengezücht nährte, einen tödtlichen Haß gegen dieſen muthigen Schriftſteller. Die Inquiſition hatte ſeinen Un⸗ tergang geſchworen, und man ſagte ziemlich laut, daß Cam⸗ pomanes beſtimmt ſei, in den Gefängniſſen derſelben umzu⸗ kommen, eine Prophezeiung, die ſich leider erfüllt hat, oder doch zum größten Theile. In der That wurde Campoma⸗ nes vier Jahre ſpäter in die Gefängniſſe der Inquiſition gebracht und verließ dieſelben nicht eher als bis er wider⸗ rufen. Olivades, ſein Freund und unſer Tiſchgenoſſe kam noch ſchlechter weg; alle ſeine Güter wurden conſiscirt, und er ſtarb im Exil. Der Graf von Aranda, die Stütze die⸗ ſer beiden Männer würde ebenfalls nicht der Wuth dieſes Geſindels in der Kutte entgangen ſein, wenn nicht der Kö⸗ nig ihm, um ihn der Rache ſeiner Feinde zu entztehn, den Geſandtſchaftspoſten in Paris verliehn hätte. Karl III., der im Wahnſinn geſtorben iſt, hat für einen König von Spanien und für einen charakterſchwachen, phantaſtiſchen und frömmleriſchen Mann Außerordentliches geleiſtet. Er glaubte ebenſowohl an den Teufel wie au Gott, welcher Glaube ihn zum Werkzeuge ſeines Beichtvaea ters machen mußte. Indeß war dieſer Beichtvater nicht Jeſuit, denn er ſtimmte das königliche Gewiſſen zum gro⸗ ßen Akte der Vertreibung ihres Ordens; aber der gute Pater, deſſen Namen ich vergeſſen habe, hielt feſt an den 8 Statuten der Inquiſition. Wenn er anfangs die Reform⸗ pläne des Grafen Aranda zu unterſtützen ſchien, ſo hatte er, wie die ſpätern Ereigniſſe hinlänglich zeigten, nur den Zweck, den König deſto tiefer in den Abgrund des Aberglaubens und des Despotismus zu ſtoßen. Die Geſchichte wimmelt von Beiſpielen, daß ſolche Reformverſuche von ihren Geg⸗ nern ſelbſt geſtattet wurden, weil ſie überzeugt waren, daß dieſelben gegen ihre eigenen Urheber ausſchlagen müßten, und daß das einen Augenblick gelockerte Joch deſto ſchwerer auf die ſtumpfen und leichtgläubigen Völker zurückfallen würde. Am folgenden Tage begab ich mich zu Don Emmanuel de Roda, einem geiſtreichen und ſehr gebildeten Manne, etwas in allen Ländern, beſonders aber in Spanien ſehr Seltnem. Er hatte viel Sinn für die lateiniſche und ita⸗ liäniſche Poeſie, ſetzte aber beide weit unter die ſeiner Hei⸗ math. Das iſt eine bei ausgezeichneten Männern ſehr ge⸗ wöhnliche Schwäche. Der Leſer möge entſcheiden, ob ich ſelbſt mit derſelben behaftet bin, wenn ich laut erkläre, daß ich keine ſchönere Poeſte und Literatur als die Poeſie und Literatur meines Vaterlandes kenne. In der ganzen Welt kenne ich keinen Dichter, der mit Dante, Petrarca, Taſſo, Arioſt zu vergleichen wäre, denn ich will nur von den neuern ſprechen. Man kann ſogar ſagen, daß mit Ausnahme der Griechen, die ganze große und ernſte europäiſche Literatur faſt ausſchließlich Italien angehört. Die Römer haben die Bahn, welche die Italiäner zur Zeit des Wiederauflebens der Künſte und Wiſſenſchaften ſo glänzend durchlaufen ha⸗ ben, auf eine achtungswerthe Weiſe eröffnet. Das neuere Italien hat das vor dem ältern voraus, daß es in Künſten geglänzt hat, welche der römiſchen Civiliſation ziemlich un⸗ bekannt waren. Was läßt ſich Schöneres, Erhabneres, Voll⸗ kommneres als die Malerei und Muſik meines Vaterlandes denken! Die flämiſche, ſpaniſche und franzöſiſche Schule iſt nur ein Widerſchein der unſrigen. Ueberdies hat Italien die größten Architekten, die größten Bildhauer und, was die andern Völker zu ſehr zu vergeſſen ſcheinen, die größten Kriegsmänner hervorgebracht; man kann dieſelben von Cäſar A .2* —— —+— ☛A d a a u ͤ—/— ‿᷑ 288n n 81— Ldo M 9 o n&—2* 9 an zählen, und die Liſte iſt lang. Endlich kenne ich in den Naturwiſſenſchaften keine imponirenderen Namen als Ar⸗ chimed und Galiläi. Dieſe Namen ſtellte ich Don Emmanuel de Roda, der mich mit dem Namen Cervoantes zu ſchlagen glaubte, entgegen. Don Quixote iſt ohne Zweifel ein bewunderungswürdiges Werk, deſſen Tendenz mir aber immer etwas kleinlich vor⸗ gekommen iſt; auch ſind die Epiſoden nicht abwechſelnd ge⸗ nug, und die Form iſt im Allgemeinen monoton. Wie viel guten Willen der Leſer auch haben mag, ſo wird es ihm jetzt doch ſchwer, ſich die unerſchütterliche Tollheit Don Quixrotes zu erklären. Die große Lehre für jede Literatur und jedes Kunſtwerk iſt in einem Sonnet Michel Angelos enthalten, welches beſagt: Der Schri und Künſtler ſoll nicht etwas produciren, was gerſtören wird. Das ſatiriſche Werk des Cervante zu ſeinem be⸗ ſtändigen Gegenſtande eine Lächerl elche ihn nicht überdauert hat. Trotz meiner Beredtſamkeit blieb Don Emmanuel bei ſeiner Ueberzeugung wie ich bei der meinigen. Dies iſt das gewöhnliche Ende jeder Erörterung. Uebrigens kam er mir auf die freundſchaftlichſte Weiſe enkgegen und äußerte ſein Bedauern über die ſchlechte Behandlung ich im Buen⸗Retiro zu erdulden gehabt; ähnliche Zeichen der Theil⸗ nahme erhielt ich vom Herzoge von Laſſada und dem Für⸗ ſten de la Catolica. Während der drei Wochen, welche ich bei Mengs war, hatte ich Gelegenheit die angeſehenſten und bedeutendſten Männer Spaniens kennen zu lernen; ich dachte daher ernſtlich daran, mir eine Stelle bei der Re⸗ gierung zu verſchaffen, umſomehr als Pauline, meine por⸗ tugieſiſche Dame ‚mir nicht mehr ſchrieb. Obwohl ich Donna Ignazia nicht gerade vernachläſſigte, ſo wurde unſere Ver⸗ bindung doch lockerer, weil der Hidalgo und ſeine Frau immer zugegen waren, wenn ich ſie beſuchte; überdies wur⸗ den unſere Vergnügungen auch dadurch gehindert, daß Ig⸗ nazia ſich einer Menge religiöſer Uebungen unterwerfen mußte. 4 Einige Tage vor der heiligen Woche⸗erließ der König 10 Madrid und begab ſich mit dem ganzen Hofe nach Aran⸗ juez. Herr von Mocenigo hatte mich aufgefordert, ihn zu begleiten, denn er wollte mich dem Monarchen vorſtellen. Aber den Tag vor unſrer Abreiſe bekam ich ein heftiges Fieber, welches mich ans Bett feſſelte. Am Charfreitage nahm ich, obwohl ich noch ſehr ſchwach war, einen Wagen und fuhr nach Aranjuez; als ich hier anlangte, war ich mehr todt als lebendig. In dieſem Zuſtande bekam ich folgenden Brief von Mengs: „Ich muß Ihnen anzeigen, daß geſtern der Pfarrer meiner Gemeinde an die Kirchthüre die Namen derjenigen ſeiner Kirchkinder hat anſchlagen laſſen, welche nicht an Gott glauben und zu Oſtern nicht zum Abendmahl gegangen ſind; der Ihrige ſteh r Liſte. Der Pfarrer hat mich des⸗ wegen hart n n; er wundert ſich, daß ich einen Heiden unter aufgenommen. Sie hätten noch einen Tag in N eiben und Ihre Pflichten als Chriſt erfüllen ſollen, wäre es auch nur mir zu Liebe geweſen. Die Sorgen für meinen guten Ruf und die Sicherheit meiner Zukunft nöthigen mich alſo, Ihnen zu erklären, daß Ihnen mein Haus von jetzt an geſchloſſen iſt. Meine Be⸗ dienten werden Ihre Sachen demjenigen übergeben, den Sie zum Abholen derſelben ſchicken werden.“ Als ich dieſen unſchicklichen Brief geleſen, ſagte ich zum Ueberbringer, er könne gehn, wie er gekommen. Da er eine Antwort oder Beſcheinigung des Empfangs verlangte, ſo zerriß ich den Brief und ſagte, indem ich ihm die Stücke ins Geſicht warf: das iſt meine Antwort. Sogleich laſſe ich mich in einer Sänfte nach der Kirche von Aranjuez bringen und beichte bei einem Kapuziner. Am folgenden Tage gehe ich zum Abendmahle und laſſe mir von ihm eine Beſcheinigung darüber geben. Dieſe Be⸗ ſcheinigung ſchicke ich dem Pfarrer und bitte ihn meinen Namen von der Liſte der Geächteten zu ſtreichen. Hierauf ſchrieb ich an Mengs: „Ich habe den Schimpf verdient, den Sie mir anthun, da ich übel genug berathen geweſen bin, Ihnen die Ehre anzuthun, bei Ihnen eine Wohnung anzunehmen. Wie 1*⁹νꝗo R GG e 11 grob indeß auch Ihr Benehmen ſein mag, ſo verzeihe ich es Ihnen doch, denn das iſt die Pflicht eines Chriſten, der vom Tiſche des Herrn kommt; aber erlauben Sie mir, Sie an einen Spruch zu erinnern, den alle Männer von Ehre auswendig wiſſen und den Sie allein nicht kennen: Tur. pius ejicitur, quam non admittitur hospes*). Nachdem ich meinen Brief abgeſchickt, erzählte ich die Geſchichte dem Geſandten, welcher zu mir ſagte, Mengs ſei nur ſeiner Talente wegen geſchätzt, ſein Charakter ſei ſehr ungeſellig, und er gehe ganz in ſeinem Stolze unter. Wenn er Ihnen ein Aſyl angehoten, ſo hat er es aus reiner Eitel⸗ keit gethan, damit ganz Madrid glaube, man habe Sie aus Rückſicht für ihn, Mengs, mit ſolcher Auszeichnung be⸗ handelt. Mengs ſprach vier Sprachen, abaz incorrekt, was er nicht zugeben wollte. Als er ein ees eine Bittſchrift an den König entwarf, hatte ich die te Mühe, ihn zur Aenderung der Ergebenheitsunterſchrift zu bewegen, in welcher er ſich el mas inelito nannte, denn er glaubte, dieſe Worte bedeuteten den Unterthänigſten, während ſie doch den Be⸗ rühmteſten bedeuten. Wegen des Dienſtes, den ich ihm bei dieſer Gelegenheit geleiſtet, hat er mir immer gegrollt. Wenn man an ihn ſchrieb, mußte man ſchreiben: An den Herrn Ritter von Mengs; gab man ihm den Adelstitel nicht, ſo antwortete er nicht. Er hielt auch ſehr darauf, daß man ſeine Vornamen aufführte und hatte für dieſe Forderung einen ſehr ſonderbaren Grund. Ich heiße Anton Raphael Mengs, ſagte er, und da ich Maler bin, ſo verweigern mir diejenigen, welche meine Vornamen auslaſſen, die Ehre, einen gemeinſamen Namen mit Anton von Correggio und Ra⸗ phael von Urbino zu führen, deren Vorzüge ich in mir ver⸗ einige. Im Geſpräche hatte er eine unerträgliche Angewohn⸗ heit, die, alle Sachen metaphyſiſch zu behandeln. Er hielt ſich fuͤr tief, weil er zum Wörterbuch der Allgemeinheiten, die ich immer nur für Gemeinplätze gehalten habe, ſeine *) Es iſt ſchmachvoller, den Gaſtfreund hinauszuwerfen, als ihn nicht aufzunehmen. 6* 12 Zuflucht nahm. Seine Reden waren mit Bemerkungen geſpickt, die er denjenigen entlehnt hatte, welche über die Malerei und Bildhauerei geſchrieben; Leonardi und Vaſari unter Andern; und da er ihre Vorſchriften verwechſelte und falſche Anwendungen davon machte, ſo gelangte er zu den lächerlichſten Urtheilen. Wie alle Künſtler dritten oder vierten Ranges hatte er eine entſchiedene Neigung, Alles was er machte, für göttlich zu halten; er war in beſtändiger Anbetung ſeiner Perſon und ſeines Talents. Alles an ihm, ſelbſt ſeine Mängel, waren Schönheiten. Ich erinnere mich noch, daß ich mir eines Tages beim Anblick eines ſeiner Gemälde die Freiheit nahm, ihm bemerklich zu machen, daß die Hand einer gewiſſen Figur mir verfehlt ſcheine. In der That war der vierte Finger kürzer als der zweite. Das iſt eine komiſche Bemenzung, entgegnete er, ſehen Sie nur meine Hand! und er aus.— Sehen Sie die meinige, entgegnete ich; ich überzeugt, daß ſie ſich nicht von den Händen aller andern Adamskinder unterſcheidet.— Von wem ſtamme ich denn ab? verſetzte er.— Meiner Treu! ſagte ich, nachdem ich ſeine rechte Hand betrachtet, ich weiß nicht, zu welcher Gattung ich Sie rechnen ſoll, zur meini⸗ gen aber gehören Sie nicht.— Dann gehören Sie nicht zum Menſchengeſchlecht, denn die Handbildung des Mannes und der Frau iſt dieſe.— Ich wette hundert Piſtolen, daß Sie ſich irren, entgegnete ich. Wüthend über meine Herausforderung wirft er Pa⸗ lette und Pinſel hin, klingelt ſeinen Leuten und läßt ſich von Allen die Hände zeigen; er gerieth in großen Zorn, als er ſich überzeugte, daß bei Allen der Ringfinger kürzer war als der Zeigefinger. Indeß fühlte er doch die Lächer⸗ lichkeit ſeines Benehmens und endete dieſe Scene mit dem Scherze: Es iſt mir wenigſtens lieb, daß ich einzig in mei⸗ ner Art bin. Dieſer über alle Maaßen eitle Mann, deſſen Talent meiner Anſicht nach zu ſehr geprieſen worden, hatte indeß doch zuweilen Gefühl für das Schöne und Vollkommene. Er bewies es mir eines Tages; es geſchah dies bei Ge⸗ legenheit einer Magdalene, die er gemalt hatte, und die eine 13 wirklich ſchöne Erſcheinung war. Seit einem Monate ſagte er jeden Morgen zu mir: Morgen wird mein Gemälde fer⸗ tig, und obwohl er bis in die Nacht hinein arbeitete, wurde das Werk doch nicht fertig. Ich fragte ihn endlich, ob er ſich nicht geirrt, als er mir am vorigen Tage verſichert, daß ſein Gemälde im Laufe des heutigen Tages beendigt werden würde.— Nein, gewiß hatte ich mich nicht getäuſcht, denn von hundert Liebhabern kann es neunundneunzig vollendet erſcheinen, aber ich lege nur Gewicht auf das Urtheil des hundertſten, den ich nicht finden kann. Dieſe Maadalene wird alſo nur faktiſch vollendet werden, d. h. dadurch, daß ich aufhöre daran zu arbeiten.— Kein menſchliches Werk kann als vollendet betrachtet werden, weil keins vollkommen iſt. Selbſt in Ihrem Petrarka, den Sie ſo ſehr lieben, iſt kein vollkommenes Sonnett. Das iſt wahr, ſagte ich, und fiel ihm zum Zeichen meiner Beiſtimmung um den Hals. Wie alle Leute von Fach ſtellte er das Genie des Ma⸗ lers über das des Dichters; indem er z. B. die Arbeitsweiſe eines Dichters, der eine Tragödie machte, mit der des Ma⸗ lers verglich, der in einem Rahmen die verſchiedenen Scenen dieſer Tragödie darſtellt, gab er dem letztern den Vorzug. Ich erwiederte ihm: Ich möchte nicht zwiſchen dem Genie eines Euripides und eines Raphael entſcheiden; was aber die Ausführung betrifft, ſo möchte ich behaupten, daß die Ausfüh⸗ rung des Malers vielmehr eine Handarbeit als eine geiſtige Ar⸗ beit iſt. Indem er Umriſſe zeichnet oder Farben miſcht, kann er ſeinen Geiſt hundert Meilen von der Leinewand ſchweifen laſſen; dagegen kann der tragiſche Dichter ſeine Phantaſie nicht einen Augenblick von ſeinem Gegenſtande ablenken; er bedarf ſeiner ganzen Begeiſterung, aller ſeiner Kräfte und aller ſeiner Aufmerkſamkeit. Zeigen Sie mir einen tragiſchen Dichter, der je während ſeiner Arbeit ſeinen Küchenzettel diktirt hat, was Sie doch, während Sie an der Magdalene arbeiteten, gethan haben. Als Mengs ſich auf ſeinem eignen Gebiete geſchlagen fühlte, brummte er zwiſchen den Zähnen; das war ſeine ganze Antwort. Ich könnte noch einige Anekdoten in Bezug auf Mengs anfüh⸗ 14 ren; aber ich ziehe es vor, den Faden meiner Abenteuer wieder aufzunehmen. In Geſellſchaft Manucci's machte ich einen kleinen Aus⸗ flug nach Toledo. In dieſer Hauptſtadt Neu⸗Kaſtiliens findet man den Alcazar, den Palaſt, in welchem die mau⸗ riſchen Könige wohnten. Die Kathedrale iſt ebenfalls ein ſehr ſchönes Gebäude; das Tabernakel, welches das heilige Sakrament enthält, iſt von ſolcher Größe, daß bei Aufzügen dreißig Perſonen zum Tragen deſſelben erforderlich ſind. Der Kanonikus, der uns die Merkwürdigkeiten des Orts zeigte, machte uns auf ein kleines Gefäß von ſchlechtem Pfeifenthon aufmerkſam, und da ich mich wunderte ein ſol⸗ ches Gefäß unter den andern Herrlichkeiten zu finden, ſagte er: Das iſt das Gefäß, in welchem Judas die dreißig Sil⸗ berlinge verbarg, die er für den Verrath unſers Heilandes empfing. Ich wollte die Reliquie anfaſſen, um ſie genauer zu betrachten; aber der Kanonikus hielt mich ab und ſagte, der König ſelbſt würde nicht wagen, ſie zu berühren. Wir beſuchten ſodann das naturgeſchichtliche Kabinet, welches ebenfalls voll Reliquien war; aber wir konnten über dieſe nur lachen. Der Aufſeher zeigte uns ein in Stroh gewickeltes Paket, in welchem ein Drache ſein ſollte, und er führte dies als Beweis an, daß der Drache kein fabelhaftes Thier ſei. Er zeigte uns auch eine Freimaurer⸗ ſchürze, die er von einem Freunde ſeines Vaters bekommen, der zu ſeinen Lebzeiten Freimaurer geweſen, und er führte dies als Beweis an, daß die Sekte wirklich exiſtire. Alle dieſe Beweiſe gaben mir keine hohe Meinung vom Geiſte des Aufſehers. Als ich nach Aranjuez zurückkam, ſtellte mich der Ge⸗ ſandte dem Marquis von Grimaldi vor, der mich lange von der Schweizer⸗Kolonie unterhielt, die die ſpaniſche Regierung in der Sierra⸗Morena errichtet hatte. Das Unternehmen wollte nicht gedeihn; die Koloniſten gingen in der flachen und dürren Einöde zu Grunde. Ich ſagte zum Marquis: Dieſer Plan iſt nicht zu verwirklichen; die Kolonie wird in zwanzig Jahren bis auf den letzten Mann zuſammengeſchmol⸗ zen ſein. Die Urſachen ſind phyſiſcher und moraliſcher Art. 42 * H⸗ 42 * 15 Von allen Völkern Europas hängt der Schweizer am feſteſten, nicht nur an den Gewohnheiten ſeines Vaterlandes, ſondern auch an ſeinem Boden. Ich möchte ihn mit einer Pflanze vergleichen, die allmählig verkümmert, bis ſie endlich ſtirbt. Dieſe Leute ſind dem ſogenannten Heimweh unterworfen, einer Krankheit, welche die alten Griechen unter dem Namen Noſtalgie kannten. Das einzige Mittel wäre, ſie mit Ko⸗ loniſten aus andern Gegenden oder mit Spaniern zu ver⸗ miſchen; man müßte ihnen auch ihre Prieſter und Beamte laſſen, und vor allen Dingen ſie gegen die Verfolgungen der Inquiſition ſchützen, denn der Schweizer hat zähe und unuüberwindliche Gewohnheiten; ſo ein gewiſſer Gebrauch, welcher der Hochzeitsfeier vorausgeht und welchen die römiſche Kirche gewiß nicht dulden würde. Ich forderte demgemäß Herrn von Grimaldi auf, ſeine Schweizer⸗Kolonie aufzu⸗ geben und eine Kolonie von ſpaniſchen Familien zu bilden. Er entgegnete, die Bevölkerung Spaniens ſei ſchon zu ſchwach und man müßte alſo einen Bezirk entblößen, um ihn auf Koſten eben ſo wenig bevölkerter Gegenden wieder zu füllen. Durchaus nicht, verſetzte ich, denn zehn Kolo⸗ niſten, die in Aſturien Hungers ſterben, würden in noch nicht zehn Jahren fünfzig Kinder zeugen, und dieſe würden in der zweiten Generation zweihundert in der dritten tauſend geben. Man machte einen Verſuch mit meinem Plane und der Marquis verſicherte mir, daß ich zum Gouverneur der Ko⸗ lonie ernannt werden ſolle, wenn derſelbe Erfolg hätte; eine Belohnung, die mir nicht ſehr zulächelte, da die Kolonie für lange nur eine Vereinigung von Lumpen ſein konnte. Ich war mit der Ausarbeitung dieſes Plans beſchäf⸗ tigt, als der Hofkapellmeiſter, ein von Herrn von Mocenigo beſchützter Venetianer, mich fragte, ob ich nicht einen Text wiſſe, der ſich in Muſik ſetzen laſſe. Derſelbe ſollte zu einem Hoffeſte aufgeführt werden, und die vorgeſchrittene Zeit ge⸗ ſtattete nicht mehr, ein Werk aus Italien kommen zu laſſen. Ich mache ihm den Vorſchlag, eine einaktige Oper zu ver⸗ faſſen, und er nimmt mich beim Worte; ich mache mich an die Arbeit, und in Zeit von ſechsunddreißig Stunden bin 16 ich fertig. Er brauchte vier Tage zur Kompoſition; die Proben fanden im Geſandtſchaftspalaſte, in Gegenwart der ſpaniſchen und auswärtigen Miniſter ſtatt. Der Erfolg war vollſtändig, der einzige Vortheil, den ich von meiner Arbeit hatte, und der einzige, den ich beanſpruchte. Die Ausarbeitung dieſer Oper hatte mich mit den Sängerinnen des Theaters von Aranjuez in Verbindung gebracht; hier lernte ich die Prima Donna, Signora Pellicia kennen, eine Römerin von Geburt, von mittelmäßigem Talente, eher häßlich als ſchön, aber ſehr geiſtreich. Da ſie eine Ein⸗ ladung zu Vorſtellungen in Valencia hatte, ſo bat ſie mich um Empfehlungen dorthin. Ich ſchickte ſie zum Herzoge von Arcos, der ihrem Wunſche vermittelſt eines verſiegelten Briefes genügte, der an einen Bankier von Valencia, Na⸗ mens Don Diego, adreſſirt war; ich werde ſpäter Gelegen⸗ heit finden, von dieſem ſonderbaren Briefe zu ſprechen. Unter den Perſonen, welche ich in Aranjuez fleißig beſuchte, darf ich Don Domingo Barnero, erſten Kammer⸗ herrn des Königs, nicht vergeſſen. Aus ſeinen Fenſtern ſah ich Se. Majeſtät täglich auf die Jagd ziehn und er⸗ ſchöpft zurückkehren. Der König war von kleinem Wuchſe, aber munter und kräftig, im Widerſpruche mit allen ſpa⸗ niſchen Königen, welche man ſich gewöhnlich als entnervt und ſiech denkt. Karl III. hatte zum Günſtlinge einen ge⸗ wiſſen Gregorio Squillacitl, einen Mann von niederm Stande, der ſtatt alles eignen Verdienſtes eine ſehr ſchöne Frau hatte. Wie alle Andern ſetzte ich die Gunſt, mit welcher der König Squillaci überhäufte, auf Rechnung ſeiner Frau. Ich glaubte, es finde Gegenſeitigkeit ſtatt. Barnero enttäuſchte mich mit folgenden Worten: Es ſind ſolche mrden ieangen, aber das find reine Verläͤumdungen; anders dals ſeine Frau, die ſelige Woegor. erkannt, und er that es mehr aus Chriſtenpflicht als aus ehelicher Zärt⸗ Aichkeit. Dieſer gute Fürſt möchte nicht um den Preis ſei⸗ nes Lebens ſeine Seele mit einer Todtſünde beflecken, und, ſollten Sie es wohl glauben?— einzig und allein, um ſie nicht ſeinem Beichtvater beichten zu müſſen. Er iſt kräftig 5 8 dN R u u S8 2 u—n —εòõ◻ dA A“ 5 17 und wohlauf, iſt in ſeinem ganzen Leben nie unwohl ge⸗ weſen und hat ein ſolches Temperament, daß er zu Leb⸗ zeiten der Königin keine Nacht vorübergehn ließ, ohne ihr, Beweiſe ſeiner Zärtlichkeit zu geben. Um den fleiſchlichen Regungen, welche ihn beſtürmen, eine andere Richtung zu geben, ergiebt er ſich den Freuden oder vielmehr den Mühen der Jagd, er glaubt hierin ein wirkſames Mittel gegen ein zu feuriges Blut zu finden. Als die Königin ſtarb, war es nicht leicht einen neuen Lebensplan zu finden, und es wurde ihm ſehr ſchwer, denn Se. Majeſtät liebt weder das Leſen, noch die Muſik, noch die Unterhaltung. Es wurde nöthig, daß er ſich Beſchäf⸗ tigungen ſuchte, welche ihm weder Muße noch Ruhe ließen. Folgendes iſt die Lebensweiſe Sr. Majeſtät, und wird ſie wahrſcheinlich bis zu ſeinem Tode bleiben: um ſieben Uhr ſteht der König auf und geht in ſein Toilettenkabinet, worauf er betet; um acht Uhr hört er die Meſſe und trinkt ſeine Chocolade; ſodann ſtopft er in ſeine Naſe eine ungeheure Priſe, die einzige, welche er den ganzen Tag nimmt. Er arbeitet 6 elf Uhr mit den Miriſe und wenn die Ar⸗ ab und geht dann duf die Jagd. Auf dieſer bleibt er ſunh acht Uhr und nimmt unterwegs eine Collation ein. Wenn Se. Majeſtät wieder aufs Schloß kömmt, trägt man ihn in ſein Bett, denn er iſt vor Ermüdung eingeſchlafen. Dies iſt der unabänderliche Kreis ſeiner Gewohnheiten. Das iſt ein trauriges Leben für einen König. Warum verheirathet er ſich nicht wieder? Er hatte die Augen auf eine der Töchter Ludwigs XV., die Prinzeſſin Adelaide, geworfen; er ließ um ihr Portrait bitten, und als er daſſelbe geſehn, wollte er von keiner Ver⸗ bindung mehr ſprechen hören. Seitdem wagte man nicht mehr von Heirath mit ihm zu ſprechen, und wehe dem, der ihm vorſchlagen wollte, eine Maitreſſe zu nehmen. Karl III. wurde das Opfer ſeiner ſtrengen Enthalt⸗ 9 ſamkeit, denn bekanntlich ſtarb er im Wahnſinn; da ich wie ein noch junger Mann dachte und im Punkte der Sitten XIVII. 2 A àAMNA A 18 ſehr nachſichtig war, ſo war er meiner Anſicht nach damals ſchon toll. Die Sittenſtrenge paßt nur für die Prieſter; bei einem Monarchen iſt ſie eine ſträfliche Thorheit, weil in dieſer hohen Stellung die Kaſteiungen des Fleiſches auf die Dauer nur das Gefühl abſtumpfen und endlich den Sitz des Verſtandes angreifen. Der König liebte ſehr den In⸗ fanten, ſeinen Bruder, einen Fürſten von merkwürdiger Häß⸗ lichkeit; er ließ ihn Maitreſlen nehmen, ſo viel er Luſt hatte 02 Loed und nach Herzensluſt Baſtarde zeugen. Barneri konnte ſich n dieſen Widerſpruch nicht erklären. Der Prinz hatte eine —☚ Anlage zur Narrheit, welche im Kopfe ſeines erhabenen Bruders zur Reife gelangte; aber die ſeinige war viel welt⸗ licherer Art. So reiſte er nie, ohne das Bild einer von Mengs gemalten heiligen Jungfrau in ſeinem Wagen mit⸗ zunehmen. Dieſe Jungfrau war dargeſtellt auf dem Graſe ſitzend, die Beine über einander gelegt nach Art der Araber und mit aufgeſchürztem Rocke, ſo daß man die Beine bis zum Kniee ſah; in dieſem Gemälde war Alles darauf be⸗ rechnet, ünnliche Regungen zu erwecken; dieſen Eindruck machte es wenigſtens auf den Prinzen, deſſen myſtiſcher Geiſt Alles auf Rechnung der Frömmigkeit ſetzte. Dieſes wollüſtige Bild, dieſe weltlichen Formen hatten fuͤr ihn einen himmliſchen Charakter, welchen die Exaltation ſeiner Phan⸗ taſte noch erhöhte. Seine Illuſion war vollſtändig, und er hing um ſo mehr an dieſer Madonna, als er bei ihrem Anblicke das Geheimniß der Liebe zu entdecken glaubte, welches die Mutter des Heilandes ihm eingeflößt. Alle Spanier ſind nach dieſem Vorbilde gemacht; will man ſie gewinnen, ſo muß man zunächſt ihre Sinne erregen. Die Italiäner ſind ihnen in dieſer Beziehung ähnlich, haben aber einen feinern Takt, der ihnen nicht geſtattet, die Dinge der wirklichen Welt mit den Idealen phantaſtiſchen Glaubens zu verwechſeln. Vor meiner Reiſe nach Aranjuez erhielt ich ein neues Beiſpiel der Miſchung von Myſticismus und Begierde, welche ein ſpaniſches Herz erfüllt. Ueber dem Hochaltar der Ka⸗ pelle San Geronimo hing das Bild einer heiligen Jung⸗ frau, welche den Heiland ſäugte. Der herrlich gemalte X 8 S. G te 19 Buſen war wohl geeignet, alle diejenigen, die ihn erblickten, zu erregen; und es gab deren viele, denn die Kapelle wurde nicht leer von Gläubigen, welche vor dem Altar der Jung⸗ frau mit dem ſchönen Buſen niederknieeten. Die auf dem Altar niedergelegten Geſchenke, welche ſeit einem Jahrhun⸗ dert geſammelt worden, waren ſo zahlreich, daß man mit ihnen die Koſten der goldnen Lampen, des Tabernakels und der heiligen Gefäße, welche daſſelbe ſchmückten, beſtritten hatte, ungerechnet die große Rente, welche für ihre Unter⸗ haltung ausgeſetzt war. Ein Ehrenpoſten von königlichen Grenadieren wachte Tag und Nacht über die heata ubera, quae lactaverunt aeterni Patris Filium*). Dies begab ſich, wie ſchon geſagt, vor meiner Abreiſe nach Aranjuez. Als ich nach Madrid zurückkam, befahl ich meinem Kutſcher die Straße San Geronimo zu meiben, um dem Gedränge von Wagen und Fußgängern zu entgehn, welches die ſchöne Madonna zu jeder Tageszeit herbeizog; aber der Kutſcher erwiederte, ſeit einigen Tagen ſei die Straße vereinſamt, und in der That kamen wir ungehindert vor der Kapelle vorüber. Ich fragte nach dem Grunde dieſer plötzlichen Aenderung und man antwortete lachend: Gehen Sie in die Kapelle, und Sie werden den Grund ſchon ſehn. Ich ging ſogleich hinein und erhielt beim erſten Schritt die Löſung des Räthſels. Die Jungfrau war noch immer da, aber der ſchöne Buſen war verſchwunden. Ein ſchlechter Maler hatte dieſe wollüſtigen Umriſſe mit einem ruſſigen Ueberzuge be⸗ deckt, welcher den Anblick jener hinderte. Der rohe Pinſel des Schmierers hatte ebenſowenig den Kopf des Götter⸗ kindes verſchont. Die ſchmachtenden Blicke, welche früher auf dem Gegenſtande ihrer Zärtlichkeit ruhten, waren jetzt, gegen alle Geſetze der Wahrſcheinlichkeit und der Kunſt, ge⸗ richtet auf dieſe unedle Verhüllung, welche in der Zeit des Karnavals erſonnen war und deſſen unanſtändige Fort⸗ ſetzung zu ſein ſchien. Es muß bemerkt werden, daß der alte Kaplan geſtorben war, und daß ſein Nachfolger, der *) Die gebenedeiten Brüſte, welche den Sohn des ewigen Vaters ſäͤugten. 2* 20 ſtrenger und dummer war, das heilige Bild ſo hatte ent⸗ ſtellen laſſen. Er hatte Unrecht als Spanier, als Chriſt und namentlich als Spekulant, denn ſein unſinniger Streich drohte, ihn zu Grunde zu richten. Es kam kein Beſuch mehr zum Bilde, keine Kniebeugung, keine Andachtsver⸗ richtungen fanden mehr vor demſelben ſtatt; es gab alſo auch keine Geſchenke mehr. Ein Blödſinniger hätte dies eingeſehn; der neue Kaplan ſah es nicht ein. Mein Wunſch, die Menſchen zu beobachten und ſie über die Gründe ihrer Handlungen zum Sprechen zu veranlaſſen, brachte mich auf den Gedanken, dieſen Geiſtlichen zu beſuchen; ich ſtellte ihn mir ſeiner Handlung nach alt und düſter vor; aber zu mei⸗ nem großen Erſtaunen fand ich einen Abbé von kaum dreißig Jahren, von friſchem Teint, ſanften Augen und offner und ſprühender Laune. Er empfing mich lächelnd, und ehe er noch meinen Namen erfahren, bot er mir eine Taſſe Cho⸗ kolade an, welche ich annehmen zu müſſen glaubte. Ich ſchritt ſogleich zur Sache. Mein Herr, als Freund von guten Gemälden muß ich Ihnen den Schmerz ausſprechen, welchen mir der Anblick der ſo ſchrecklich mißhandelten Madonna in Ihrer Kapelle San Geronimo verurſacht hat. Welcher Grund hat Sie zu dieſer Handlung bewegen können, deren erſte Opfer Ihre Armen ſein werden, denn die ſchöne Jungfrau war eine Quelle reicher Almoſen! Das iſt möglich, mein Herr, aber gerade die Schön⸗ heit des Bildes machte es unfähig, die Mutter des Heilan⸗ des vorzuſtellen. Ich hoffe, mein Herr, Sie werden der Jungfrau Maria nicht die Beleidigung anthun, ſie für häßlich zu halten. Gewiß nicht; aber ſie trug ihre Vollkommenheiten nicht zur Schau. Wiſſen Sie nicht, daß die größten Maler auf ihren Bildern immer gezeigt haben, was Sie auf dem Ihrigen verbergen? Dieſe Maler haben Unrecht gethan. Mögen ihre Ge⸗ mälde lieber vernichtet werden, ehe ſie zu einer einzige Todſunde Anlaß geben! „ „„ ̈ ⁵58 Æ*E⏑R ˙—-G8—— U UV t 21 Ihre Religion iſt den Sinnen weit feindſeliger als ſie ſein darf. Wenn übrigens Ihr Gewiſſen Sie über dieſen Punkt in Ruhe läßt, fürchten Sie nicht des Vandalismus beſchuldigt zu werden? In Venedig hätten die Staats⸗ inquiſitoren und ſelbſt der ſchreckliche Barbarigo Sie wegen eines ſolchen Streichs unter die Bleidächer gebracht. Der Wunſch, in den Himmel zu kommen ſoll nicht zur Zer⸗ ſtörung der Meiſterwerke der Kunſt führen, welche die Seele erheben und ſie der Gottheit nähern. Sehen Sie, ich bin überzeugt, daß der heilige Lukas Sie in dieſem Augenblicke bei der heiligen Jungfrau anklagt. Warum der heilige Lukas, mein Herr? Wiſſen Sie nicht, daß er Maler war und die heilige Jungfrau mit nur drei Farben gemalt hat, ein wahres Wunder. Mein Herr, ich bin nicht gewohnt, mich mit Andern über meine Handlungen zu berathen. Ich leſe jeden Tag die Meſſe vor dieſem Altar und ich nehme keinen Anſtand zu bekennen, daß der Anblick dieſes Gemäldes mir gefähr⸗ liche Zerſtreuungen zuzog und alle meine Sinne verwirrte. Mit einer Barſchheit, die ich mir zum Vorwurf mache, denn ſie hatte nichts Liebevolles, ſagte ich: Wer zwang Sie denn, ſie anzuſehn? Ich blickte wider meinen Willen zu ihr auf. Sie mußten dann thun, was Origenes that, qui se castravit propter reginam coelorum. Sie wiſſen genug Latein, um ſich das überſetzen zu können. Glauben Sie mir, theurer Abbé, wenn Sie dem Heiligen nachgeahmt hätten, würde das, was Sie opferten, weniger werth ge⸗ weſen ſein als das Bild. Sie beleidigen mich, mein Herr. Das iſt nicht meine Abſicht; das Intereſſe der Kunſt wie das Ihrige hat mich zu dieſem Schritte veranlaßt. Ich fordre Sie ernſtlich auf, Herrn Mengs zu bitten, daß er Ihnen eine neue Madonna mache; dies iſt das einzige Mittel, die Frömmigkeit Ihrer Kirchkinder wieder zu beleben. Das werde ich nie thun. Darauf ſtand der kleine Abbé von ſeinem Stuhle auf 22 führte mich zur Thüre und drehte mir den Rücken zu. Ich verließ ihn mit der feſten Ueberzeugung, daß er unter dem Schutze der heiligen Inquiſition über eine Rache ſinne, die eines ſpaniſchen Prieſters und eines gereizten Prieſters würdig war. Einhundertunddreizehntes Kapitel. Ignazias Mittheilungen.— Ich entzweie mich mit Ma- nucci.— Reiſe nach Saragoſſa.— Stierkampk.— Ausklug nach den Auinen von Sagunt.— Die ſpaniſchen Geſpenſter.— Ankunkt in Valencia.— Eine neue Bekanntſchakt. Der Schritt, den ich bei dem bilderzerſtörenden Abbé gethan, war höchſt unbeſonnen, denn nichts war leichter als meinen Namen und meine Adreſſe zu erfahren, und in dem Lande, wo ich war, verſteht man über den Kultus und ſeine Diener keinen Spaß. Eine kleine Geſchichte, deren ich mich entſinne, gab mir einen Begriff davon, was ich vom Zorne des Kaplans zu fürchten habe. Ich war mit einem jungen Franzoſen Namens Ségur bekannt, der kürzlich die Gefängniſſe der Inquiſition verlaſſen hatte, wo er drei Jahre geweſen war. Sein Verbrechen beſtand in Folgendem: Er hatte in ſeinem Kabinet ein ſteinernes Becken, welches er als Waſchbecken brauchte. Ueber dieſem Becken befand ſich die Statuette eines Knaben, die im Innern hohl und mit reinem Waſſer gefüllt war, welches ſie auf dem gewöhn⸗ lichen Wege abließ, der in der That große Aehnlichkeit mit einem Hahn hat. In den Augen der Frommen, welche die Wuth haben, Alles auf den Erlöſer zu beziehen, konnte dieſe Figur für den Erlöſer gelten, weil der Bildhauer den Kopf mit einem Heiligenſchein umgeben hatte. Herr von ͤ—A ο 58 8 8 A —— ☛ 8△ X 890 23 Ségur wurde der Inquiſition denuneirt, welche in dieſem reinen Waſſer das Symbol des Urins des Jeſuskindes erblickte. Der Schuldige mußte mit drei Jahren Gefäng⸗ niß büßen. Aliena spectans doctus evasit mala. Das war ein Wink für mich. Um die Gefahr zu beſchwö⸗ ren ging ich geraden Wegs zum Großinquiſitor, Biſchof von Samoſata in partibus infidelium. Ich erzählte ihm pünktlich meine Unterhaltung mit dem jungen Kaplan, und indem ich dieſer eine ernſte Wendung gab, bat ich Se. Eminenz um ſeine Abſolution. Dieſer Biſchof von ernſtem und düſterm Ausſehn war im Grunde ein ſehr geiſtreicher und liebenswürdiger Mann. Meine Erzählung erheiterte ihn ſehr. Er fand den Kaplan tadelnswerth; ſein Beneh⸗ men, ſagte er, iſt geeignet, den Intereſſen der Kirche zu ſcha⸗ den; aber Sie haben Unrecht gethan, ſich in Sachen zu miſchen, die Sie nichts angehn.— Das iſt eine alte Ge⸗ wohnheit, welche meine Feinde mir vorwerfen, aber in mei⸗ nem Alter iſt es ſchwer, ſich ihrer zu entledigen.— Auf ſein Befragen nannte ich ihm ſodann meinen Namen und Stand. Da Se. Eminenz meine Erklärung mit einem Lä⸗ cheln aufnahm, wagte ich es, ihn um den Grund zu fragen, und er ſagte: Dies iſt nicht Ihr erſter Streit mit unſern Geiſtlichen: Sie ſind bereits mehrere Male denuncirt wor⸗ den; aber man weiß Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo daß der Pfarrer, der Ihren Namen als den eines Excommunicirten hat anſchlagen laſſen, abgeſetzt worden iſt.— Dieſe Genugthuung würde ich nie gefordert haben. — Und Sie für Ihre Perſon würden ſie auch nicht er⸗ halten haben, denn er iſt Ihnen keine ſchuldig; aber die Disciplin hatte Genugthuung von ihm zu fordern, denn er hatte ſeine Vollmacht übertreten. Hierauf küßte ich die Hand des Großinquiſitors und verließ ihn ebenſo zufrieden mit ihm wie mit mir ſelbſt. Als ich wieder in Madrid ankam, gedachte ich im Ge⸗ ſandtſchaftspalaſte eine Wohnung zu finden; da Herr von Mocenigo mir aber keine anbot, ſo ſchrieb ich dem adligen Schuhflicker, ich bedürfe eines möblirten Zimmers nebſt Ka⸗ binet, ſo wie eines Bedienten und Miethsfuhrwerks; ich 24 gab ihm meinen Preis. Hierauf erwiederte der brave Mann, ich werde binnen zwei Tagen nach Wunſch bedient werden, und auch eine biscayſche Magd als Köchin finden. In der That erhielt ich am zweiten Tage die Adreſſe meiner neuen Wohnung, welche in der Alcalaſtraße gelegen war. Die Wohnung war ſehr ſauber, und die Magd freundlich und geſchickt. Als ich den Bedienten fragte, wo der Herr des Hauſes wohne, erwiederte er, derſelbe wohne im zweiten Stockwerke, und im ſelben Augenblicke meldete man ihn mir. Es war— mein braver Hidalgo ſelbſt in Beglei⸗ tung ſeiner Tochter. Er hatte das ganze Haus für mich gemiethet. Ich erwiederte ſeinen Beſuch. Seine Wohnung, die höchſt elend war, beſtand aus einem großen Raume, den er in vier Abtheilungen getheilt hatte. Er arbeitete und ſchlief in dem einen; zwei kleinere dienten Ignazia und ihrer jüngern Schweſter als Schlafraum; der vierte diente als Küche. Er ſelbſt hatte mit ſeinen adligen Händen dies Alles ins Werk geſetzt. Ich bot ihm meinen Tiſch an, da ich nicht gern allein aß; nach vielen Einwendungen gab er meiner Bitte nach, aber mit dem Vorbehalte, daß er ſich durch ſeine Tochter erſetzen laſſen dürfe, wenn ſeine Be⸗ ſchäftigungen ihn hindern ſollten, mir Geſellſchaft zu leiſten, eine Bedingung, die ich ſehr gern einging. Am folgenden Tage beſuchte ich die ſchöne Kirche Buen⸗ Sueceſo, damals der Sammelplatz der hübſchen Frauen und ihrer Liebhaber. Ich habe ſchon geſagt, daß in dieſem Lande der Myſticismus und die Galanterie ſo ſehr verſchwiſtert ſind, daß ſte aus demſelben Gefühle zu entſpringen ſcheinen. Auch habe ich die Bemerkungen gemacht, daß die Frommen für ſinnliche Freuden empfänglicher ſind als andre Frauen; das hat vielleicht darin ſeinen Grund, daß ſie immer genö⸗ thigt ſind, gegen die Verführungen ihrer Sinne auf der Hut zu ſein. Die Schönheit des Schauſpiels, welches ich in dieſer Kirche ſah, wo ſich alle Frauen in großen Toilet⸗ ten einſtellen, die vortreffliche Ausführung der Muſik, die Pracht, mit welcher die Meſſe abgehalten wird, der herrliche Geſammteindruck brachte mich auf den Gedanken, Ignazia hin zu führen. Ich bat den Vater in Gegenwart der Toch⸗ 8 5rn o. & no ſa⸗ 3 2 282 8 G* 8 A ᷣ̈ ᷣ̈ 8 88**’Ö N ₰8AS8NS ³̈ AN 25 X ter um Erlaubniß, und dieſe belohnte meine Bitte mit einem zärtlichen Blicke. Der Edelmann ſagte zu mir: Wäre ich Frömmler, ſo würde ich gegen dieſen Vorſchlag viel einzu⸗ wenden haben, weil man glaubt, daß ein junges Mädchen, welches am Arme eines Mannes in die Kirche geht, ſich mehr mit dem Geſchöpfe als mit dem Schöpfer beſchäftige; aber dieſe dummen Vorurtheile theile ich nicht; auch weiß ich, daß Sie die Redlichkeit und Ehre ſelbſt ſind, obwohl Sie nicht das Glück haben, geborner Spanier, wie ich, zu ſein; meine Tochter wird Sie begleiten, ſo oft Sie es wünſchen Als Don Diego weggegangen war, blieb ich allein mit— Ignazia zurück und wir hatten eine Unterhaltung, die von zu charakteriſtiſchen Umſtänden begleitet war, als daß ich ſie hätte vergeſſen ſollen. In zarten und indirekten Aus⸗ drücken hatte ich ihre Reize gelobt. Ich weiß nicht, ſagte ſie, ob ich hübſch bin oder nicht; aber von allen Seiten macht man mir den Hof, und ich bemühe mich, die Ueberraſchungen meines eignen Herzens zu vermeiden, weil meine Seele ſonſt zu große Gefahr lau⸗ fen würde, und es giebt Männer, gegen die man ſich nur durch die Flucht vertheidigen kann. Sie rechnen mich nicht zu dieſen Männern, theure Ignazia? Ich ſollte allerdings wohl Ihre Gegenwart fliehen. Sehen Sie, es giebt Augenblicke, wo ich häßlich ſein möchte, und erſt in der vergangenen Woche habe ich eine meiner Freundinnen beſucht, welche die Pocken hatte, um mich von ihr anſtecken zu laſſen. Wiſſen Sie aber auch, daß Sie ein Verbrechen began⸗ gen haben, um ſich einer ſcheinbaren Sünde zu entziehn? Das ſagt mein Beichtvater auch, und er hat mir eine Buße auferlegt, die ich nicht erwartet hatte. Ein Rath genügte, die Buße war überflüſſig. Worin beſteht aber die Buße? Zunächſt hat er mir erklärt, warum man ſein Geſicht vor jeder Schändung bewahren muß; ein ſchönes Geſicht, ſagt er, iſt gewöhnlich der Spiegel einer ſchönen Seele und 5 26 ein Geſchenk des Himmels, für welches man demſelben täg⸗ lich danken muß, denn die Schönheit iſt ein Empfehlungs⸗ brief. Nach ſeiner Anſicht habe ich mich einer Undankbar⸗ keit gegen den Schöpfer ſchuldig gemacht, und zur Buße für meine Sünden hat er mir befohlen, Roth aufzulegen, weil er mich zu bleich findet. Sie haben ihm nicht gehorcht, theure Freundin? Ich habe ein Töpfchen Schminke gekauft, wage ſie aber nicht zu brauchen; mein Vater würde das Schminken bald gewahr werden, und was ſollte ich dann zu meiner Ent⸗ ſchuldigung ſagen? Iſt Ihr Beichtvater jung? Er iſt ſiebenzig Jahre alt. Erzählen Sie ihm Ihre reizenden Schwächen mit allen Einzelheiten? Ich habe kein Geheimniß für ihn; ich würde eine Tod⸗ ſünde begehn, wenn ich in einer ſo wichtigen Sache ihm irgend etwas verſchweigen wollte. Wenn Sie alſo eine liebenswürdige Schwäche haben, erfährt er es? Sogleich. Und wenn Sie zu zweien ſündigen, erfährt er den Na⸗ men Ihres Mitſchuldigen? Gewiß, denn ſonſt würde ich die Abſolution nicht er⸗ halten. Vielleicht verkennt er ſeine Pflichten und legt Ihnen Fragen vor, die Andre als Sie betreffen? Er befragt mich nie; ich ſage ihm Alles. Uebrigens koſten ſolche Geſtändniſſe große Ueberwindung; aber man legt ſie wohl oder übel ab, da die Hölle droht. Armer Engel! Dieſen Beichtvater habe ich ſeit zwei Jahren; der an⸗ dre war unerträglich und hatte eine empörende Neugierde. Zweifel jung? inzig Jahre alt. Sechs undz — Was wollte er wiſſen? Erlaſſen Sie mir, es Ihnen zu ſagen. 74 49 274 Wahrſcheinlich legte Ihnen der ſtrenge junge Mann andre Strafen auf als der ehrwürdige Alte. Er befahl mir Kaſteiungen—— Welche er wahrſcheinlich ſelbſt ausführen wollte. Deshalb habe ich ihn verlaſſen. Wenn Sie ſolchen Gefahren ausgeſetzt ſind, warum gehn Sie denn ſo oft zur Beichte? Warum? Sie ſetzen mich in Erſtaunen! Bin ich denn eine Heilige? Wollte Gott, daß ich es nicht nöthig hätte. Ich gehe nur alle vier Tage zur Beichte? Wann denken Sie wieder hinzugehn? Heute Abend.— Haben Sie eine Todſünde auf dem Gewiſſen? Keine. Sie werden alſo Ihrem Beichtvater heute nichts zu ſagen haben? Wenn Sie indeß wollten—— Sie legte ihre hübſchen Finger auf den Mund. Ich drückte ſie verliebt an meinen Mund und vermöge des Ge⸗ ſetzes der Anziehung war ſie bald auf meinem Schooß. Mein Gott! Was wird Pater Auguſtin ſagen? Ihr Beichtvater heißt Auguſtin? Dieſer Name muß ihn zur Nachſicht ſtimmen, denn ſein Schutzheiliger hat viel geſündigt. Aus Liebe? Einzig aus dieſem Grunde. Woher hat er ſeine flam⸗ mende Beredtſamkeit, die Eingebungen des göttlichen Enthu⸗ ſiasmus, von denen ſeine Schriften voll ſind, geſchöpft? Aus den Augen von Frauen, die jung und ſchön wie Sie waren. Aber er hat ſich bekehrt. Das war der Brauch zu ſeiner Zeit; als er nichts mehr thun konnte, redete er. Sie gleichen ihm ſehr wenig und werden ſich nie be⸗ kehren; ich bin überzeugt, daß Sie nie zur Beichte gehn. Vor acht Tagen habe ich die Abſolution bekommen. Sie erfreuen mich. Ich benutzte ihre Freude, und wiederum in Folge des E 28 Geſetzes der Anziehung änderten wir unſre Stellung; es war nicht mehr Ignazia, die auf mir ſaß. Aber im entſcheidenden Augenblicke erhebt ſich Ignazia mit einer gewaltigen Anſtrengung und knieet vor einem Bilde der heiligen Jungfrau in einer Ecke des Zimmers nieder. Man muß wiſſen, daß jedes ſpaniſche Zimmer ſeine Madonna hat; dieſe Madonna ſteht gewöhnlich in einem kleinen Be⸗ hälter von Gaze, über welchen ein Vorhang von braunem Zeuge niederfällt. Nachdem ſie ihr Gebet vor dem Bilde der heiligen Jungfrau verrichtet, welche während unſrer Un⸗ terredung unbedeckt geweſen war, zog ſie den Vorhang vor und ſetzte ſich wieder neben mich; ſie war ſehr aufgeregt. Warum ſo verſtört, liebes Kind? Ich bin nicht nur im Zuſtande einer Todfünde, ſon⸗ dern habe auch eine Heiligthumsſchändung begangen. Ich wage nicht, meinem Beichtvater zu geſtehn, was ich vor dieſem Bilde mit Ihnen gethan. Dieſe naiven Worte⸗wurden von Thränen und Schluch⸗ zen unterbrochen und Alles, was ich thun mochte, um Sie wieder zur Vernunft zu bringen, war vergeblich. Am fol⸗ genden Abend ſagte ſie mir, ſie habe ihrem Beichtvater Alles geſtanden, der ihr die Abſolution nicht verweigert, aber nur unter der Bedingung, daß ſie ſich eine andre Madonna an⸗ ſchaffe, da die ihrige entweiht ſei. Ich verſprach ihr dies kleine Geſchenk und ſie betheuerte mir unter Thränen, daß ſie nie mehr LeigPlien würde, das Bild der Mutter des Er⸗ löſers zu verhüllen, wenn ich ſie beſuchte. Als ſie dies geſagt, verſchwanden ihre Thränen bis auf die letzte Spur, und wir ſtiegen in den Wagen, um uns in die Kirche Buen Succeſo zu begeben. Die Kirche war mit Gläubigen gefüllt, von denen die meiſten paarweiſe erſchienen waren und ſich offenbar mit ganz andern Sachen als dem Gottesdienſte beſchäftigten. Ich erkannte unter den Anweſenden die Her⸗ zogin von Villa⸗Dorias, auf die ich wegen ihrer Androma⸗ nie aufmerkſam gemacht worden war, eine Krankheit, welche die Franzoſen hyſteriſche Wuth nennen. So oft dieſe gute Dame, welche nicht mehr jung, aber noch recht hübſch war, ihren Anfall bekam, bemächtigte ſie ſich mit Gewalt des * 29 Gegenſtandes ihrer Begierden: Wie man ſagte, war ihr dies ſogar ſchon in der Kirche begegnet. Sie erwies mir die Ehre, mich zu bemerken und ſich mir gegen Ende des Gottesdienſtes zu nähern. Mit flammendem Geſichte fragte ſie mich, warum ich noch nicht zu ihr gekommen; ich erwiederte, ich würde ihr bei erſter Gelegenheit meine Huldigungen dar⸗ bringen und ſie verließ mich, nachdem ſie mir einen geilen Blick zugeworfen. Als Herr von Aranda von Aranjuez zurückgekommen war, machte ich ihm einen Beſuch; er nahm mich höflich, aber kälter wie gewöhnlich auf. Auf Veranlaſſung meines Streites mit Mengs und dem unduldſamen Pfarrer be⸗ merkte er, das letztere Abenteuer hätte ſehr ernſt werden können, und ſein Schutz würde unwirkſam gewe en ſein. Mein Anſehn, ſagte er, ſteht bei den Herren der In⸗ quiſition nicht allzufeſt. In dieſem Augenblicke ſuchen ihre Getreuen ſogar mich durch öffentliche Anſchläge einzu⸗ ſchüchtern. Was fordert man von Ihnen, Excellenz? Eine Kleinigkeit, aber ich werde nicht nachgeben. Man will, daß ich wiederum die langen Mäntel und die Hüte mit herunterhängender Krämpe geſtatte. Und auf einen ſo leichtfertigen Grund hin wagt man Ihnen zu drohn? Gewiß und ich fordere Sie auf, ſich am nächſten Sonntage nicht bei mir einzufinden; denn wenn ich dem Anſchlage, der dieſen Morgen an meine Thür geheftet wor⸗ den, trauen darf, ſoll mein Haus an dieſem Tage in die Luft fliegen. Ich bin neugierig zu ſehn, ob es gut fliegen wird, und werde die Ehre haben, Ew. Excellenz Sonntag Mittag meine Aufwartung zu machen. In der That ging ich an dieſem Tage zum Grafen Aranda. Seine Gemächer hatten nie eine zahlreichere Ge⸗ ſellſchaft vereinigt; das Haus rühgte ſich nicht. Der An⸗ ſchlag, in welchem man dem Miniſter mit dem Tode drohte, falls er ſeine Verordnungen nicht zurücknähme, war in Ver⸗ 30 ſen; ich werde zwei derſelben anführen, welche im Spani⸗ ſchen eine außerordentliche Energie haben. Si me coger me horqueran, Vero no me cogeran.*) Ich hatte mehrere Konferenzen mit dem Miniſter auf Veranlaſſung der Koloniſation in der Sierra⸗Morena, und die Sache hatte gegen mein Erwarten ſo guten Fortgang, daß ich meine Vorbereitungen traf, um mich an Ort und Stelle zu begeben. Manucci, welcher nicht aufhörte, mir Beweiſe der innigſten Freundſchaft zu geben, wollte mitrei⸗ ſen; er wollte eine junge Abenteuerin mitnehmen, welche ſich Porto Carrero nannte, und ſich für eine natürliche Tochter des gleichnamigen Kardinals ausgab; ſie bezeichnete Se. Eminenz immer nur mit dem kindlichen Ausdrucke mio padre. Sie galt damals für die Maitreſſe des Abbé Bigliardi. Währenddeſſen führte mein Unſtern den Baron von Fratture aus Lüttich, einen Spieler und Gauner von Ge⸗ werbe, nach Madrid. Ich hatte das Unglück ihn in Spaa kennen zu lernen, und als er erfuhr, daß ich beabſichtige, nach Portugal zu gehn, hatte er ſich nach Liſſabon auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, mich dort zu finden und unter meinen Auſpizien ſeine Börſe zu füllen. Während meiner langen und ſchmerzensreichen Laufbahn bin ich im⸗ mer der Zielpunkt einer Menge Intriganten und Tauge⸗ nichtſe geweſen, die einzige Urſache der vielfachen und zahl⸗ reichen Unannehmlichkeiten, welche ich erduldet habe. Kaum war ich in Madrid angelangt, als Fratture, von meinem Aufenthalte unterrichtet, ſich beeilte, mich zu beſuchen. Er überſchüttete mich mit Zuvorkommenheiten, und ich glaubte mich verpflichtet, ihm höflich zu begegnen. Ich glaubte dadurch, daß ich ihm Bekanntſchaften verſchaffte, mir nicht zu ſchaden; aber ich bin immer das Opfer meines leichten Sinns und meines wohlwollenden Charakters geworden. Schon den zweiten Tag nach meiner Ankunft ließ *) Wenn ſie mich fangen, hängen ſie mich, aber ſie ſollen mich nicht fangen. ani⸗ auf und ang, und mir rei⸗ lche lche nete ucke b bé von Ge⸗ ppaa tige, den und rend im⸗ uge⸗ ahl⸗ aum nem Er ubte ubte nicht hten n. ließ ollen 31 Fraiture einen Ohrzipfel blicken. Er geſtand mir, daß er ohne einen Pfennig ſei und bat mich, ihm meine Börſe zu öffnen; er brauchte nur eine Kleinigkeit, wie er ſagte, vier⸗ zig Piſtolen. Ich ſchlug ſie ihm rundweg ab und dankte ihm für das Vertrauen, welches er mir geſchenkt. Sie ſind auf dem Trocknen, mein lieber Caſanova; das iſt mir lieb. Wir können gute Operationen zuſam⸗ men machen. Ich ſah wohl, daß er das Spiel meinte und entgegnete: Ich weiß nicht, ob das Unternehmen, von welchem Sie ſprechen, gelingen würde; in der Ungewißheit bleibe ich davon. Alle Teufel! ich habe nicht Geld genug, um den erſten Einſatz zu machen, und mein Wirth droht mir ſchon mit der Rechnung. Könnten Sie nicht ein paar Worte mit ihm ſprechen? Das würde Ihnen mehr ſchaden als nützen. Wie meinen Sie das? Ihr Wirth würde nicht ermangeln, Bürgſchaft von mir zu fordern und wenn ich mich weigerte, würde er Ih⸗ nen ferner nicht mehr borgen. Fraiture hatte Gelegenheit gehabt, Manucci bei mir zu ſehn, nach einer Woche waren ſie ſehr vertraut, und der intrigante Baron machte den jungen Grafen mit ſeiner Geldverlegenheit bekannt. Dieſer, der ebenfalls Spieler von Gewerbe war, gab das erbotne Geld nicht, ſondern ſchickte den Bittenden zu einem dienſtfertigen Manne, der einiges Geld auf Pfand hergab. Beide ſpielten nun gemeinſchaftlich. Zur ſelben Zeit kam Querini nach Madrid; er erſetzte Herrn von Mocenigo, der nach Madrid ging. Querini, ein Mann von Geiſt und großer Bildung, äußerte die günſtig⸗ ſten Geſinnungen für mich. Einige Tage genügten, um ihn mir zum Freunde zu machen..— Der Baron von Franture war indeß in eine Lage ge⸗ kommen, die ihn nöhigte, Spanien zu verlaſſen. Er hatte geſpielt und Alles verloren; ſein Wirth quälte ihn; er ſah den Augenblick nahen, wo er an die Luft geſetzt werden würde und hatte keinen Maravedi, um die Gränze zu er⸗ 32 reichen. Meine Börſe, die ſehr mager war, konnte die Ein⸗ gebungen eines guten Herzens nicht unterſtützen. Ohne Zweifel iſt es unſre Pflicht, mit fremden Leiden Mitgefühl zu haben; aber die eignen gehn uns mehr an, und meine Lage geſtattete mir nicht das geringſte Opfer. Dieſe ſchon ſehr kritiſche Lage ſollte ſich noch verſchlimmern in Folge einer Indiscretion, die ich mir immer zum Vorwurfe machen werde. Eines ſchönen Morgens tritt Manucci ſchnell in mein Zimmer; er war bleich und ſehr aufgeregt. Ich bin in der größten Verlegenheit, ſagte er, Fraiture, dem ich meine Thür geſchloſſen habe, weil er mich mit Geld⸗ forderungen beſtürmte, hat mir geſtern geſchrieben, daß er ſich eine Kugel durch den Kopf jagen würde, wenn ich ihm nicht zu heute hundert Piſtolen verſchaffen würde. Das ängſtigt Sie? Ich bin überzeugt, daß der Unglückliche Wort halten wird. Und ich bin vom Gegentheile überzeugt. Vor noch nicht vier Tagen hat er mit derſelben Drohung dieſelbe For⸗ derung an mich geſtellt und ich erwarte noch ihre Wirkung. Allerdings hat er mich gefordert, da er dies Mittel, das Leben zu verlaſſen, anſtändiger zu finden ſcheint; aber ich habe ihm geantwortet, in der Lage, wo er ſich befinde, ſei das Verhältniß zwiſchen uns nicht gleich, und ſeitdem habe ich ihn nicht wieder davon ſprechen hören. Wenn er Sie fordert, ſo antworten Sie ihm daſſelbe, oder antworten Sie ihm gar nicht. Das iſt unmöglich. Hier ſind hundert Piſtolen; brin⸗ gen Sie ſie ihm in meinem Namen und laſſen Sie ihn einen Wechſel in gehöriger Form, zahlbar in Lüttich, wo er Beſitz hat, unterſchreiben. Ich that Manucci den Willen und eilte zum Baron. Ich fand einen ganz vernichteten Mann; er nahm die hun⸗ dert Piſtolen ſehr kalt hin und ſtellte mir einen Wechſel über dieſe Summe aus; weiter wollte ich nichts. An die⸗ ſem Tage ſpeiſte ich beim Geſandten und gab Manucci das Papier. Am zweitfolgenden Tage begab ich mich zum Ge⸗ — 1 S—S—— .e◻⏑ —— ₰8[3[3E 8-A— 33 *8** ſandten, um meine visite de digestion, wie die Franzoſen ſagen, zu machen; aber zu meinem großen Erſtaunen ſagte dieſer: Es iſt Niemand zu Hauſe. Ich beruhige mich nicht dabei und nun macht er mir weiter kein Hehl daraus, daß er den beſtimmten Vefehl bekommen hat, mich nicht einzu⸗ laſſen. Ganz beſtürzt gehe ich nach Hauſe und bitte in einem eiligſt geſchriebenen Billette Manucci um die Erklä⸗ rung ſeines Benehmens. Mein Bedienter geht nach der Geſandtſchaft und bringt mir mein Billet unerbrochen zu⸗ rück. Der Graf Manucci hatte den Befehl gegeben, meine Briefe nicht anzunehmen. Was war denn vorgegangen? Vergebens ſpannte ich meinen Geiſt auf die Folter, um den Schlüſſel zu dieſem ſonderbaren Benehmen zu finden, als ein Lakai der Geſandtſchaft mit einem Briefe erſchien. Die⸗ ſes Schreiben von Manucci enthielt ein andres vom Baron von Fratture an den Grafen. Dieſer Intrigant erſuchte ihn um hundert Piſtolen und erbot ſich dafür ihm einen gehei⸗ men Feind anzugeben, den er als ſeinen Intereſſen im höch⸗ ſten Grade ergeben betrachte. Der Brief Manucci's nannte dieſen Feind: ich war es; der Leſer wird es ſchon errathen haben. Ich hatte mich allerdings einer Indiscretion ſchul⸗ dig gemacht, da ich ihm die innigen Beziehungen zwiſchen dem Geſandten und ſeinem Günſtling anvertraut; aber der Verräther hatte meine unbeſonnenen Ausplaudereien über⸗ trieben. Jeder Satz des Sendſchreibens von Manucci war eine Beleidigung und daſſelbe endete mit dem Befehle: Ich will, daß Sie Madrid binnen acht Tagen verlaſſen. Da ich wirklich Unrecht hatte, ſo legte ich Manucci ein vollſtändiges Geſtändniß ab, entſchuldigte mich und er⸗ bot mich zu jeder Genugthuung, die er für angemeſſen halte; aber ich ſagte ihm auch, daß ich auf jede Gefahr hin ent⸗ ſchloſſen ſei, Madrid nicht zu verlaſſen. Um ſicherer zu ſein, daß mein Brief an ſeine Adreſſe gelangen werde, ließ ich die Adreſſe von meinem Bedienten ſchreiben und brachte ſie ſelbſt nach dem Poſtbureau des Prado. Manucci empfing ſie und beantwortete ſie nicht. Vor Zorn blieb ich zwei Tage lang zu Hauſe. Am dritten Tage ſetzte ich mich in einen Wagen und ließ mich zum Fürſten de la Cattolica XVII. 3 1 34 I fahren; aber der Portier hielt mich an und ſagte mir ins Ohr, Se. Excellenz habe Gründe, mich nicht zu ſehen. Von da begab ich mich zum Abbé Bigliardi, und hatte hier den⸗ ſelben Schimpf zu erdulden. Ich ſteige wieder in den Wa⸗ gen und gelange in das Vorzimmer von Domingo Barnero. Dieſer empfängt mich, aber nur um mir zu ſagen, daß Herr von Mocenigo mich überall als einen gemeinen Bur⸗ ſchen bezeichne, der nicht werth ſei, von Leuten der guten Geſellſchaft empfangen zu werden. Alle dieſe Dolchſtöße, die mir ins Herz drangen, ließen mir den traurigen Muth, den Becher bis auf die Hefe zu leeren. Ich wurde alſo nach einander vom Marquis von Grimaldi und von Don Emmanuel de Roda abgewieſen. Der Herzog von Laſſada, der Feind des Geſandten, ließ mich vor, aber nur um mich um Einſtellung meiner Beſuche zu bitten. Es wird mir ſehr ſchwer, ſagte er, mich einer ſo angenehmen Geſellſchaft wie der Ihrigen zu berauben; es iſt dies aber ein Opfer, zu dem mich der Anſtand nöthigt. Es blieb mir nur noch der Graf Aranda. Ich ahnte Schlimmes von dieſer Zu⸗ ſammenkunft; indeß nahm mich Se. Excellenz ſehr zuvor⸗ kommend auf; ich entſinne mich ſogar, daß er mich neben ſich ſetzen ließ, welche Gunſt mir zum erſtenmale zu Theil wurde. Dadurch gewann ich wieder Muth und erzählte ihm mein Abenteuer. Herr Caſanova, Sie haben Unrecht gehabt; aber Herr von Mocenigo treibt die Rache zu weit. Ich ſehe ſehr un⸗ gern, daß wir auf unſern Coloniſationsplan verzichten müſſen; wenn ich Sie aber Sr. Majeſtät vorſtellen ſoll, ſo wird dieſe, ſobald ſie erfährt, daß Sie Venetianer ſind, ſich bei dem Geſandten erkundigen. Gnädiger Herr, werde ich auch Spanien verlaſſen müſſen? Herr von Mocenigo forderte es, aber ich habe es abgeſchlagen; leider iſt dies Alles, was ich für Sie thun kann. Bleiben Sie ohne Furcht bei uns; aber ich bitte Sie, nicht mehr vom Geſandten und ſeinem Schütz⸗ linge zu ſprechen. Seit dieſer Zuſammenkunft und einen ganzen Monat — — SAͤ-o G& EExR S8⁸⏑ 35 lang ſah ich Niemand mehr in Madrid, ausgenommen mei⸗ nen braven Schuhflicker und ſeine Tochter; dies war das einzige adlige Haus, welches mir noch offen ſtand. Trotz der Gefälligkeiten Ignazia's wurde meine Nachbarſchaft mir bald unerträglich, und ich dachte daran, mich wieder auf die Reiſe zu machen. Ein ehrlicher genueſiſcher Buchhänd⸗ ler, il signor Corrado(Gott ſei ſeiner Seele gnädig!) ſchoß mir hundert Piſtolen vor, ohne eine andere Bürg⸗ ſchaft als mein Wort zu fordern, obwohl ich ihm eine Re⸗ petiruhr und meine goldne Doſe angeboten. Es iſt dies die einzige Schuld in meinem ganzen Leben, die ich nicht bezahlt habe, weil der arme Mann bald darauf ſtarb, ohne Erben zu hinterlaſſen. Mit dieſem Golde, einigen Louis und meinen Kleino⸗ dien trat ich die Reiſe nach Saragoſſa an. Die Reformen des Grafen Aranda waren noch nicht bis zu dieſer alten Hauptſtadt Arragoniens vorgedrungen. Tag und Nacht be⸗ gegnete man auf der Straße Leuten, welche ungeheure Hüte mit heruntergeſchlagenen Krämpen, und ſchwarze Mäntel, die ſie vom Geſichte bis zu den Füßen einhüllten, trugen, ein ſeltſames Koſtüm, welches ſie als Masken oder richtiger als Kohlenſäcke erſcheinen ließ. Sie trugen unter dem Man⸗ tel einen Degen(spadino), der um die Hälfte länger war als alle die, welche anſtändige Leute in Frankreich oder Italien zu tragen pflegen. Man hatte große Achtung vor denen, welche dieſe Maskerade mitmachten, obwohl die Meiſten Ban⸗ diten waren. Mein Aufenthalt in Saragoſſa gab mir Ge⸗ legenheit, ganz genau die Ceremonien des Kultus zu be⸗ obachten, welcher Unſerer lieben Frau vom Pfeiler erwieſen wird; dieſe Ceremonien beſtehn hauptſächlich in Prozeſſionen, bei welchen Statuen de. Jungfrau von ungeheurer Größe umhergetragen werden. e Privatgeſellſchaften, alle Cirkel der vornehmen Geſellſchaft wimmelten von Mönchen. In einer dieſer Geſellſchaften wurde mir die Ehre zu Theil einer ſehr großen und dicken Dame vorgeſtellt zu werden, deren Genealogie nachweisbar bis auf den ſeeligen Palafor zurück⸗ ging. Derjenige, der mich einführte, beſtand darauf, ich weiß nicht mehr aus welchem Grunde, daß ich zu den Fü⸗ 3* 2 36 ßen der Gebenedeiten eine Gabe niederlege; ich hielt es für paſſender und ökonomiſcher, mich mit einer Kniebeugung zu begnügen. Ueber den ehrwürdigen Pantello, Präſidenten des Inquiſitionsgerichts erhielt ich eine merkwürdige Aus⸗ kunft. Dieſer gute Pater hatte eine eingewurzelte und un⸗ abänderliche Gewohnheit, nämlich die, jeden Morgen die ar⸗ men Geſchöpfe, welche am Abende vorher zu ſeinen irdi⸗ ſchen Freuden beigetragen hatten, in den Kerker der Inqui⸗ ſition werfen zu laſſen. Der heilige Mann betrachtete dieſe Grauſamkeit als eine nothwendige Abbüßung; er ſtand ſo⸗ dann friſch und munter auf, badete ſich, ging zur Beichte, las ſeine Meſſe und ſpeiſte gut, worauf ihm der Teufel neue Opfer zuführte. Das war ſeine regelmäßige Lebensweiſe, bei welcher er ſich ſehr gut zu befinden ſchien, denn er war dick und fett und hatte ein ſtattliches Ausſehn. Ich war Zeuge der berühmten Stierkämpfe, von denen ich in Madrid eine Probe gehabt. Man denke ſich einen langen und breiten Raum, der mit Schranken geſchloſſen und mit Stufenſitzen umgeben iſt; dies iſt die Arena. Man läßt einen kräftigen Stier los, der brüllend mit geſenkten Hörnern hereinſtürzt, den Raum durchläuft, dann plötzlich ſtehn bleibt und ſich rechts und links umblickt, wie um ſei⸗ nen Feind zu entdecken. Im ſelben Augenblick ſtürzt ein Reiter mit eingelegter Lanze auf das Thier los. Wenn er in den Bereich des Thieres gelangt iſt, und wenn daſſelbe wüthend auf ihn einſtürzen will, wendet er ſchnell das Pferd weicht dem Stiere aus und ſtößt ihn. Zuweilen ſinkt der Stier unter dem geſchickten Lanzenſtoße des Picadero todt nieder; aber öfter noch wird er nur verwundet. Dann ver⸗ folgt er hartnäckig das Pferd. und durchſtößt es mit ſeinen Hörnern; ziemlich häufig wird auch der Picadero zugleich mit ſeinem Pferde getödtet. Einige dieſer Picadero's kämpfen zu Fuße. Ich bewunderte ihre Gewandtheit und Kühnheit beim Angreifen des Thieres. Obwohl der Stier durch die Stricke, in welche ſich ſeine Hörner verwickelt hatten, ge⸗ hemmt wurde, ſo ſtürzte ſich doch der Stier bald auf den einen bald auf den andern; obwohl aber dieſe ſich ſeinen 37 A. Verfolgungen zu entziehn ſuchen, ſo drehn ſie ihm doch nie den Rücken zu, in welchem Falle ſie von den Zuhörern ausgepfiffen werden würden. Der Picadero hat keine andre Angriffswaffe als ſeine Pike, an deren Spitze ein Stück rothes oder ſchwarzes Zeug hängt. Kommt ihm der Stier nahe, ſo fährt er ihm mit dem Zeuge vor die Naſe und ſpringt zur Seite. Das Thier ſtürzt mit geſenktem Haupte auf das Zeug los und läßt von dem Manne ab, der ſich meiſtens hinter die Schranken flüchtet, wenn er nicht kühn genug iſt, den Stier zwiſchen die Hörner zu ſtoßen. In Saragoſſa ſind die Stiergefechte glänzender als in der Haupt⸗ ſtadt, weil das Thier in der Kampfbühne ganz frei iſt; der Kampf endet daher auch häufig mit dem Tode eines der Kämpfenden. Ich begreife nicht, welches Intereſſe man an dieſem Kampfe nehmen kann; man muß Spanier ſein, um den ganzen Reiz deſſelben zu empfinden; in den Augen eines Fremden würde er immer mehr betrübend als beluſtigend erſcheinen. Dieſe Vorſtellungen haben ſehr viel Reiz für die Damen des Landes, und man zeigte mir bei dieſer Ge⸗ legenheit die Aspaſien von Saragoſſa; in wie großem Rufe aber auch die arragoneſiſchen Schönheiten ſtehn mögen, ſo ſchien mir doch keine von denen, welche ich an dieſem Tage ſah, den Vergleich mit den verſchiedenen Bildern der Frauen, welche ich am meiſten geliebt, aushalten zu können. Saragoſſa iſt befeſtigt; nur die Kirche von Nueſtra Sennora⸗del⸗Pilar, welche auf dem Walle ſelbſt gelegen iſt, unterbricht die Linie der Befeſtigungen. Die Bewohner hal⸗ ten nichtsdeſtoweniger ihre Stadt nach dieſer Seite hin für uneinnehmbar; ſie ſind feſt überzeugt, daß im Falle eines Angriffs der Feind in ihre Stadt eindringen könnte, nur nicht auf dieſem Punkte. Obwohl ich keinen Anſpruch darauf mache, Antiquar zu ſein, ſo liebe ich doch die Alterthümer, beſonders die rö⸗ miſchen; als ich auf der Reiſe nach Valencia war, nahm ich mir daher vor, unterwegs die Ruinen von Sagunt zu beſuchen. 7 Eminet excelso consurgens colle Saguntus. 38 Sagunt erhebt ſich auf einer Anhöhe. Ich werde die⸗ ſelbe beſteigen, ſagte ich zum Führer, der noch an dieſem Tage Valencia hatte erreichen wollen und deshalb einen ſchweren Seufzer ausſtieß. Im Intereſſe ſeiner Maulthiere würde der arme Teufel gegen alle Alterthümer der Welt Partei genommen haben. Ich hatte zum Reiſegefährten einen kleinen Abbé, welcher ſeine Beredtſamkeit dem Maul⸗ thiertreiber zur Verfügung ſtellen zu müſſen glaubte. Sennor, ſagte er zu mir, indem er ſich bekreuzte, was wollen Sie dort oben? Sie finden dort nur einen Haufen Ruinen. Das iſt richtig; aber dieſer Haufen von Ruinen ſagt mir mehr als die ſchönſten neuern Gebäude. Der kleine Prieſter, deſſen Aeußeres auf große Armuth ſchließen ließ, machte große Augen und blickte mich an wie ein Bittſteller einen Miniſter anblickt. Der Maulthiertrei⸗ ber zuckte die Achſeln und wollte trotz der Gegenwart des Prieſters losfluchen, hielt aber plötzlich inne, als er mich mit der Hand in die Taſche fahren ſah. Ich zog einen Thaler hervor. Theilen Sie ſich dieſen Thaler, ſagte ich. Sie ſind ein hombre(Ehrenmann,, erwiederte er. Es ſteht alſo nichts mehr entgegen, daß ich Sagunt beſehe; übrigens ſind wir ja auch nicht genöthigt, heute ſchon Valencia zu erreichen. Ich fand die Umfaſſungsmauern dieſer Feſtung noch ſehr gut erhalten, und dennoch geht ihre Erbauung auf den zweiten puniſchen Krieg zurück. Ich fand eine große Menge von Inſchriften, die fuͤr mich wie für viele Andere leider nicht zu entziffern waren, die aber ein la Condamine oder Séguier hätte entziffern können. Die Rührung, welche beim Anblicke dieſer glorreichen Trümmer in meinen Augen glänzte, ſchien den Abbé in Verwunderung zu ſetzen. Kennen Sie nicht die großartige Aufopferung, welche dieſe Ruinen geheiligt hat? Durchaus nicht, Sennor. Sie haben alſo nie ein Buch in die Hand genommen? Ich leſe nur in meinem Gebetbuch. —,— —— —,,—— 39 Hier zog es die Bevölkerung des alten Sagunts vor, den Flammentod zu ſterben, als ihr Wort dadurch zu bre⸗ chen, daß ſie die Stadt Hannibal überlieferte. Sie irren ſich; dieſer Ort heißt nicht Sagunt, ſon⸗ dern hat von jeher Murviedro geheißen. Obwohl dieſer Name aus dem Lateiniſchen muri ve- teres(alte Mauern) kömmt und ein triftiger Beweis für die Ihnen zweifelhaft erſcheinende Alterthümlichkeit iſt, ſo wäre es doch vernünftiger geweſen, der neuen Stadt den Namen Sagunt zu laſſen; aber die Zeit, tempus edax, iſt ein Ungeheuer, welches Alles zerſtört. Da ich einmal dabei war, lateiniſch zu citiren, ſo fuhr ich fort: Mors etiam saxis ruderibusque*). Hat dieſes Sagunt, fiel der Maulthiertreiber ſehr ſcharfſinnig ein, nicht auch anderwärts Ruinen? Weshalb dieſe Frage? Weil wir ſie beſuchen würden, wenn ſie nicht zu weit wären, und Sie würden uns dann noch einen Thaler geben. Wenn Ew. Herrlichkeit ſo viel Gefallen an Sagunt findet, ſo ſollten Sie in Murviedro wohnen. Sennor, rief plötzlich der Abbé aus, der in tiefes Nachdenken verſunken ſchien, ich begreife nicht den Antheil, den Sie an dieſem Sagunt nehmen; was mich betrifft, ſo würde ich für einen Ort, der ſogar ſeinen Namen verloren hat, nicht eine Meſſe leſen. Ich bin vielleicht nicht ſo ge⸗ lehrt wie Sie; ich behaupte aber nochmals, daß dieſer Ort immer Murviedro geheißen hat. Das iſt unmöglich, denn dieſe Benennung würde kei⸗ nen Sinn haben. Wie wollen Sie es erklären, daß man einen Ort alt nennt, der urſprünglich doch hat neu ſein müſſen? Das iſt gerade ſo, als ob Sie behaupten wollten, Ihr Neu⸗Kaſtilien ſei nicht neu, weil es das neue heißt. Wenigſtens iſt Alt⸗Kaſtilien älter als Neu⸗Kaſtilien. Im Gegentheile. g. Von dieſem Augenblicke betrachtete mich der Abbé wahrſcheinlich als toll und ſprach kein Wort mehr mit mir. *) Der Tod ſchont weder Felſen noch Steine. ¹ 4 .4 4 40 Vergeblich ſuchte ich die Abbildung Hannibals ſo wie die lateiniſche Inſchrift zu Ehren des Kaiſers Claudius; dage⸗ gen entdeckte ich die Stelle des Amphittheaters. Am fol⸗ genden Tage früh ſetzten wir die Reiſe nach Valencia fort. Wenn der Abbé kein Wort ſprach, ſo war der Maulthier⸗ treiber ein großer Schwätzer und übrigens ein guter Kum⸗ pan. Er ſtahl wie alle Leute ſeines Standes, und ich er⸗ innere mich noch, daß er eine außerordentliche Beredtſam⸗ keit aufbot, um mir in Betracht der im Wirthshaus ver⸗ brachten Nacht einige Maravedis abzulocken. Aber, mein Lisber, ich habe Ihnen einen halben Tha⸗ ler gegeben. Es iſt dies ein Geſchenk der Großmuth Ew. Herrlich⸗ keit, aber nicht die Bezahlung einer Schuld. Dieſe Unterſcheidung ſchien mir ſehr richtig und ich that ihm den Willen. Er hatte auch das Talent, mich zum Ankaufe einiger Kleinigkeiten unterwegs zu bewegen; da dieſe Kleinigkeiten mich ſehr beläſtigten, ſo entledigte ich mich ih⸗ rer, indem ich ſie ihm ſchenkte. Nichts war beluſtigender, als ihn mit dem Abbé über Religion ſprechen zu hören; beide waren ſehr fromm und vermuthlich ihrer Anſicht nach ſehr orthodor; aber thatſächlich erhoben ſich zwiſchen dem Glauben der beiden radikale Verſchiedenheiten. Wie alle Geiſtlichen richtete der junge Abbé ſeine Huldigungen und ſeine Anbetung an unſern Herrn Jeſus Chriſtus und er⸗ wähnte kaum Gott den Vater. Der Maulthiertreiber ſprach von beiden ſo wenig, als ob ſie gar nicht vorhanden wären und richtete alle ſeine Gebete an die heilige Jungfrau. Be⸗ kanntlich giebt es in Spanien verſchiedene heilige Jung⸗ frauen; jede Provinz, man könnte ſagen, jede Oertlichkeit hat die ihrige und macht ſich über die ihrer Nachbarn luſtig. Mein arragoneſiſcher Maulthiertreiber war für Unſere liebe Frau vom Pfeiler; ſeiner Meinung nach war ſie mehr werth als alle andern. Er glaubte auch an Geſpenſter, und wie ge⸗ wandt und ſpitzbübiſch er auch ſein mochte, ſo wird man doch ſehen, wie ſehr gelegentlich ſeine natürliche Schlauheit ſich in Folge dieſes abgeſchmackten Glaubens abſtumpfte. Als wir unterwegs vor einem Wirthshauſe anhiel⸗ ( e& 8 22 — ο „4 A R —— 7 — »⸗ ,.2 2 A un8u An A8* ——-* —r AN A— 2AU*E ———* ten, um uns zu erfriſchen; ſagte mein Mann mit dem Ausdrucke des Schreckens zu mir: Ein verwünſchtes Haus! Gehen wir weiter. 1 Weshalb verwünſcht? fragte ich. Wieil ein duende(Geſpenſt) darin iſt. Wer hat Ihnen das geſagt? Ich habe Augen. Sie haben alſo das Geſpenſt geſehn? Ich habe es geſehn, und es hat mir erſt im vergange⸗ nen Monate ein Maulthier aufgefreſſen. Ich glaubte, ſagte ich mit ernſter Miene, Geſpenſter äßen nicht. Sie freſſen wie die Teufel, was ſie ja auch ſind; der, von dem ich ſpreche, war indeß zu ſeiner Zeit ein guter Junge. Sie haben ihn alſo gekannt? Gewiß, denn als er lebte, war es mein Vetter Perez. Das iſt wunderbar; aber warum ſpukt Ihr verſtor⸗ Vhder Vetter in dieſem Wirthshauſe und frißt Ihr Maul⸗ thier? Warum er in dieſem Wirthshauſe ſpukt? Ich habe Ihnen ja geſagt, daß es das Haus des Teufels iſt; man glaubt hier nicht an Unſere liebe Frau vom Pfeiler; die Beſitzer dieſes Hauſes ſind amerikaniſche Heiden; ihre Jung⸗ frau iſt ziegelfarben, während die wirkliche weiß war, wie Sie wohl wiſſen, Sennor. Meiner Treu, ich weiß es nicht; warum gingen Sie aber in dieſes Wirthshaus? Man hatte mir wohl geſagt, es ſei beſſer, die ganze Nacht unter freiem Himmel zu bleiben, als bei dieſen ver⸗ dammten Gitanos einzukehren; Perez iſt wieder aus dem Grabe geſtiegen und hat mein ſchwarzes Maulthier mit⸗ genommen. Ich bin überzeugt, daß Perez ſich auf Ihr Maulthier geſetzt hat, um es zu entführen.. Zu ſeinen Lebzeiten hatte er eine ſtarke Pike gegen mich, weil mein Onkel, der Sakriſtan, mich in ſeinem Teſta⸗ mente begünſtigt hat; indeß kann man nicht ſagen, daß Pe⸗ 42 rez nicht gute Augenblicke gehabt habe; ſollten Sie wohl glauben, daß er bis an den Fuß des Galgens an ſeinen Vetter Juanito gedacht hat? Er iſt alſo wirklich todt? Da man ihn gehängt hat. Juanito, ſagte ich, Sie erzählen nicht Alles. Ich wette darauf, daß man den Körper des Gehängten nicht am Gal⸗ gen gefunden hat. Sobald er todt war, nahm ihn der Teufel ab und trug ihn auf ſeinen Hörnern davon. Seitdem iſt Perez duende(Geſpenſt) und frißt die Maulthiere. Ich fragte den Abbé, der der Erzählung des Maul⸗ thiertreibers große Aufmerkſamkeit geſchenkt, was er von dieſem ſeltſamen Glauben denke. Er erwiederte kalt und ernſt, er ſei nicht gewohnt, religiöſe Angelegenheiten zu er⸗ örtern. Am ſelben Tage gelangten wir gegen elf Uhr nach Valencia. Ich mußte mich mit einem ſchlechten Nachtlager begnügen, da der Unternehmer der Oper alle leidlichen Woh⸗ nungen für die Schauſpieler und Schauſpielerinnen, die er von Madrid erwartete, in Beſchlag genommen hatte. Ich beſuchte ihn und wir machten einen Spatziergang durch die Stadt. Als ich ihm vorſchlug, in ein Kaffeehaus zu gehn, fing er an zu lachen. In ganz Valencia, ſagte er, iſt kein einziger Ort vorhanden, wo ein Fremder ſich anſtändiger Weiſe erfriſchen konnte, nicht einmal ein Ort, wo er aus⸗ ruhn könnte. Die Wirthshäuſer ſind unreinlich und un⸗ geſund, die Geſellſchaft iſt gemein und widerlich, der Wein ein wahres Gift, und wird auch von den Spaniern ſo an⸗ geſehn, die in den Wirthshäuſern nur Waſſer trinken, da fie guten Wein zu Hauſe haben. Wie iſt es möglich, ſagte ich, daß in einem Lande, welches köſtliche Weine hervorbringt, daß in einer Stadt, welche in der Nähe von Alicante und Malaga liegt, ſich kein Glas trinkbaren Weins auftreiben läßt? Weil die De⸗ tailliſten, welche überall Fälſcher und Gauner ſind, ihre Waare verfälſchen. Wenn dieſelben ein Talent haben, ſo iſt es das, aus gutem Weine ſchlechten zu machen.— —-———— -———— „—,—-„-.—..—-⸗-⸗„—.————-————Pꝛ——.————,.—.——-—O— 43 Valencia iſt das Vaterland Alexanders IV., dieſes be⸗ rühmten Borgia, den der Pater Petav, ein Jeſuit, mit großer Nachſicht non adeo sanctus*) nennt. Als Wiß⸗ begieriger beſah ich alle Merkwürdigkeiten der Stadt, aber ich war weit entfernt, die herkömmliche Bewunderung ſo vieler Schriftſteller, die von ihr geſprochen haben, zu thei⸗ len; dies trifft faſt immer zu, wenn man ſich entſchließt, die Sachen nahebei und im Einzelnen zu betrachten. Va⸗ lencia, welches, eine herrliche Lage hat, in der Nähe des Meeres liegt und vom Guadalquivir durchfloſſen wird, welches eine herrliche Umgegend und einen blauen und klaren Himmel hat; Valencia, welches ſich beſonders durch ſeinen vegetati⸗ ven Reichthum auszeichnet, und der Sitz eines Erzbiſchofs mit einer Geiſtlichkeit iſt, deren Einkünfte eine Million Tha⸗ ler überſteigen; Valencia, welches einen zahlreichen und vor⸗ nehmen Adel und wenn auch nicht die ſchönſten, ſo doch die geiſtreichſten Frauen von Spanien hat, iſt nichtsdeſtoweni⸗ ger für einen Fremden ein ſehr unangenehmer Aufenthalts⸗ 8 8 4 ort. Selbſt für Geld kann man ſich nicht die nothwendig⸗— ſten Bequemlichkeiten des Lebens verſchaffen, man wohnt ſchlecht, ißt ſchlecht, hat keine Geſellſchaft und alſo keine Unterhaltung. In den ſeltenen Privatgeſellſchaften des Adels iſt nur von Lappalien die Rede; denn da dieſe Stadt keine Univerſität hat, ſo beſitzt ſie keinen einzigen Mann von wahrem Verdienſte. Was die Stadt ſelbſt betrifft, ihre öffentlichen Gebäude und Kirchen, ihr Rathhaus, ihre Börſe, ihr Arſenal, ihre fünf Brücken über den Guadalquivir und ihre zwölf Thore, ſo hatten dieſe Merkwürdigkeiten keinen Reiz für mich, weil man ihren Anblick mit zu großer Er⸗ müdung erkaufen mußte. Die Straßen ſind nicht gepflaſtert der Stadt tritt, findet man allerdings reiche Entſchädigung. Die Umgegend von Valencia verwirklicht das fabelhafte ir⸗ 4 und es giebt keine Promenaden; wenn man aus den Mauern diſche Paradies. Das Einzige, was mir in Valencia gefiel, ſind die ſchnellen und wenig koſtſpieligen Transportmittel, welche es dem Reiſenden bietet. Eine Menge kleiner mit *) Nicht gerade ſehr heilig. lan 17 44 einem Pferde beſpannter Wagen ſtehn in allen Vierteln; man bedient ſich derſelben, um aufs Land zu fahren oder Ausflüge auf drei bis vier Tage zu machen. Dieſe Wagen fahren bis Barcelona, fünfzig Meilen von hier. Ohne die örtlichen Unbequemlichkeiten, die ich vorherſah, würde ich die Provinzen Murcia und Granada, deren ſchöne Gegenden, wie man ſagt, die herrlichſten Gegenden Italiens übertreffen, gern beſucht haben. Spaniſches Volk, wie ſehr biſt Du zu be⸗ klagen; Gerade in den Gütern, mit welchen die Natur Dich ſo reichlich bedacht hat, findeſt Du die Quelle Deines ewigen Elends; die Schönheit Deines Landes und ſein natürlicher Reichthum ſind gerade die Gründe Deiner Trägheit und Deiner Sorgloſigkeit, wie die Minen von Mexiko und Peru Deinen Stolz und Deine Vorurtheile genährt haben. Dieſe Anſicht mag beim erſten Anblicke paradox erſcheinen; möge indeß der Leſer darüber nachdenken und ſie würdigen. Wer bezweifelt wohl, daß Spanien einer Regeneration bedarf, welche nur das Reſultat einer fremden Invaſion ſein kann, die allein im Stande iſt, im Herzen jedes Spaniers den Funken des Patriotismus wieder anzufachen, der mehr und mehr zu erlöſchen droht! Wenn Spanien ſeinen Rang in der großen europäiſchen Familie wieder einnehmen ſoll, ſo fürchten wir ſehr, daß es nur in Folge einer ſchrecklichen Umwälzung wiro geſchehen können. Nur der Blitz kann dieſe eiſernen Charaktere wieder wecken. Da ich die bevorſtehende Ankunft Donna Pellicias er⸗ fahren hatte, ſo ging ich ihr bis auf eine gewiſſe Entfer⸗ nung von der Stadt entgegen. Ihre erſte Vorſtellung ſollte am folgenden Tage ſtattfinden, und das war nicht ſchwierig, da man nur die in der Reſidenz aufgeführten Opern geben konnte. Der Graf von Aranda hatte es nicht auf ſich zu nehmen gewagt, die Aufführung einer Opera buffa in Ma⸗ drid zu geſtatten; das wäre eine zu kuͤhne Neuerung ge⸗ weſen und die Inquiſition hätte gewiß nicht ruhig zugeſehn. Die Maskenbälle in den Scannos del Peral hatten ihren Argwohn erregt, ſo daß man genöthigt war, ſie zwei Jahre ſpäter wieder aufzuheben. Sobald die Signora Pellicia aus dem Wagen geſtiegen war, ſchickte ſie den Empfehlungs⸗ das Land der Fabeln und des Außerordentlichen. Ein Bei⸗ ſpiel ähnlichen Benehmens hatte ſchon der Herzog von Me⸗ dina⸗Celi gegen die Pichona gegeben. Anderwärts, in Eng⸗ te land z. B. iſt ein ſolches Benehmen mehr die Wirkung der Prahlſucht; in einem ſpaniſchen Herzen fließt es aus einer 5 45 ; brief vom Herzoge von Arcos an den Bankier Diego. Seit er ihrem Aufenthalte in Aranjuez hatte ſie den Herzog nicht en wieder geſehn. Wir ſaßen bei Tiſche, ſie und ihr Mann, die als man uns den Bankier meldete.* ich Madame, ich wünſche mir Glück zu der Ehre, welche en, Se. Excellenz mir erwieſen, indem ſie Sie an mich adreſſirt en, hat zich ſtelle mich Ihnen zur Verfügung. Ich habe Ihnen e⸗ außerdem die Befehle Sr. Herrlichkeit mitzutheilen; vielleicht ch haben Sie aber ſchon Kenntniß von denſelben. en Ich ſchmeichle mir, mein Herr, daß die Empfehlung des der Herrn Herzogs Ihnen nicht läſtig ſein wird. nd Nicht im Geringſten. Se. Excellenz iſt reich genug, 1 ru um Alles beſtreiten zu können. Sie hat mir Befehl ge⸗ D eſe geben, 25000 Dublonen zu Ihrer Verfügung zu halten. ge 25000 Dublonen!— er 1 So viel, Madame. Wollen Sie ſelbſt ſeinen Brief eſen. 3 1 Dieſer Brief enthielt nur folgende Zeilen: 8„Don Diego, Sie werden für meine Rechnung der 78 Signora Pellicia auf ihre erſte Forderung die Summe von in 25000 Dublonen geben. 4 ſo Der Herzog von Arcos“. 6 en Wir waren außerordentlich verwundert über dies Aben⸗ in teuer. Solche Züge kommen nur in Spanien vor; es iſt 3 reinern Quelle, aus dem Wunſche großartig zu verpflichten. u* Als der Bankier ſich entfernt hatte, wurde über den 12 Brief des Herzogs geſprochen; Jeder ſuchte die Gründe, ohne 8— ſie zu finden; im Grunde ließen ſich keine wahrſcheinlichen 1 anführen. Die Pellicia war der Anſicht, der Herzog habe n bloß zeigen wollen, was ein Empfehlungsbrief von ihm zu e bedeuten habe. Se. Herrlichkeit, ſagte ſie, zeigt mir dadurch, a daß ſie mich für unfähig hält, ihr Vertrauen zu miß⸗ 2 brauchen; auch möchte ich lieber Hungers ſterben als eine *A&ꝙ 4½ 46 einzige von dieſen Dublonen annehmen. Der Mann glaubte, der Herzog würde ſich durch eine Weigerung beleidigt finden und es ſei beſſer, etwas zu nehmen. Ich glaubte, ihnen ſagen zu müſſen, daß es hier keine Mitte gebe, und daß man Alles annehmen oder Alles ausſchlagen müſſe. Wolan! ich ſchlage Alles aus. Ich bin überzeugt, verſetzte ich, daß der Herzog, von ſolchem Zartgefühle gerührt, ſich verpflichtet glauben wird, Sie mit ſeinen Wohlthaten zu beehren. Nach vierzehn Tagen kehrte Donna Pellicia nach Ma⸗ drid zurück, oyne Geld entnommen zu haben, woran der Bankier großen Anſtoß zu nehmen ſchien. Bald verbreitete ſich das Gerücht von dieſem Abenteuer in der Hauptſtadt, und, wie es immer geſchieht, mit einem wenig ſchonenden Kommentar. Wie ſollte man auch wohl an die Reinheit einer ſolchen Gunſtbezeugung glauben? Der König, der die Sache ernſt nahm und den Ruin des Herzogs von Ar⸗ cos verhüten wollte, ließ der Signora bedeuten, daß ſie Madrid zu verlaſſen habe. Dieſelbe Maaßregel wurde über die Tänzerin Caſarvi aus Florenz, die Geliebte eines andern Spaniſchen Granden, verhängt. Dieſer letztere übergab ſeiner Geliebten, mit der er in näherer Beziehung geſtanden hatte, beim Abſchiede einen Wechſel von hunderttauſend Frs. auf Lyon. Der Herzog von Arcos, der ſich mehr beleidigt fühlte, ſchickte Donna Pellicia hundert Dublonen da ocho(Gold) als Reiſekoſten und einen verſiegelten Brief für die Bank Santo⸗Spirito in Rom. Die Pellicia glaubte dies Geſchenk um ſo we⸗ niger ausſchlagen zu dürfen, als ſie den ehrenwerthen Be⸗ weggrund deſſelben kannte. Den Inhalt des Briefes, den ſte nicht kannte, erfuhr ſie erſt in Rom, als ihr der Gou⸗ verneur Belloni im Namen des Herzogs 25000 römiſche Thaler auszahlte. Ich erfuhr ſpäter, daß den Tag nach der Abreiſe der Pellicia der König dem Herzoge von Arcos im Prado be⸗ gegnete und ihm wünſchte, er möge von einer Leidenſchaft geheilt werden, die ihm beinahe ſein ganzes Vermögen ge⸗ koſtet hatte. Ew. Majeſtät, entgegnete der Herzog, iſt die S=Odͤ 8 8œ K N C N— V £☛n— 47 einzige Urſache deſſen, was geſchehn; ſie hat mich durch ihre Strenge genöthigt, eine bloße Höflichkeit in eine Wirklichkeit zu verwandeln. Donna Pellicia und ich hatten nur einige unbedeutende Worte öffentlich ausgetauſcht, und ich habe ihr nie ein Geſchenk gemacht.— Aber Du haſt ihr 25000 Du⸗ blonen geſchenkt.— Ja, Sire; aber im Ernſte erſt vor⸗ geſtern und hätte Ew. Majeſtät die Sängerin nicht aus⸗ weiſen zu müſſen geglaubt, ſo würde ſie mir keinen Ma⸗ ravedi gekoſtet haben. Das war eine Lektion für den König, der hieraus erſehen konnte, welches Vertrauen öfeentliche Gerüchte verdienen, Eines Tags wohnte ich dem Stierkampfe bei, als ich auf den Zuſchauerplätzen eine Frau von ausgezeichneter Hal⸗ tung und ſehr gut gekleidet bemerkte. Auf mein Befragen nannte mir mein Nachbar ihren Namen: Es iſt die be⸗ rühmte Nina! Warum berühmte? Wenn Sie ihren Namen nicht kennen, ſo iſt die Ge⸗ ſchichte zu lang, um ſie Ihnen hier zu erzählen. Einige Augenblicke darauf ſprach ein gut ausſehendes Indi⸗ viduum leiſe mit meinem Nachbar; dieſer meldete mir, daß Donna Nina zu erfahren wünſche, wer ich ſei. Mich nun zum Boten wendend, ſagte ich, wenn die Dame es erlaube, werde ich die Ehre haben, dieſelbe nach der Vorſtellung zu begrüßen. Nach Ihrer Ausſprache zu urtheilen, mein Herr, ſind Sie Italiäner. Ja, mein Herr, ich bin aus Venedig. Das iſt auch die Heimath der Donna. Mich nun bei Seite nehmend, ſagte er: Die Signora Nina iſt eine Tän⸗ zerin, in welche der Graf von Riola, General⸗Kapitain von Katalonien, verliebt iſt; ſie wohnt ſeit einigen Wochen in Valencia unter dem beſondern Schutze des Grafen. Warum iſt ſie nicht in Barcelona bei Sr. Excellenz? Weil der Biſchof im Namen des öffentlichen Anſtands ihre Entfernung gefordert hat. Die Dame macht großen Aufwand? Ohne Zweifel; der Graf giebt ihr täglich fuͤnfzig Du⸗ . 48 blonen für ihren Unterhalt, aber trotz ihrer Thorheiten kann ſte dieſelben nicht ausgeben. In Valencia mag das wohl ſein. Geſchmeichelt, daß dieſe Frau mich ausgezeichnet und neugierig, ſie ſo nahe wie möglich zu ſehn, erwartete ich mit Ungeduld das Ende des Schauſpiels; ich war weit entfernt zu glauben, daß dieſe neue Bekanntſchaft mich dem Tode nahe bringen würde. Einhundertundvierzehntes Kapitel. Die Signora Nina.— Spaniſche Eikerſucht.— Ich werde in die Citadelle gebracht.— Abreiſe von Varrelona. Als die Zuſchauer weggingen, brachte ich der Schönen meine Huldigungen dar. Sie erwiederte dieſelben mit einem huldvollen Blicke und legte ihre Hand vertraulich auf mei⸗ nen Arm. Ich brachte ſie in ihren Wagen, der mit ſechs herrlichen Maulthieren beſpannt war, und als ich Abſchied von ihr nahm, ſagte ſie: Ich erwarte Sie morgen früh zum Frühſtücke. Nina bewohnte einen ſchönen Palaſt zwiſchen Vorhof und Garten: prächtige Möbeln, Lakaien in Livree, überall großer Lurus, aber Alles ohne Geſchmack. Ich bemühte mich durch einen Schwarm von einem halben Dutzend Kammerfrauen hindurchzukommen, von denen die eine immer eleganter gekleidet war als die andre, als eine tönende Stimme ſich im benachbarten Zimmer vernehmen ließ; es war die der Signora. Sie überhäufte einen ar⸗ men Kaufmann, der ihr Modeſachen brachte, mit Schimpf⸗ wörtern. Nach den erſten Komplimenten, die ſie italiäniſch und im Bordellſtyle an mich richtete, fragte ſie mich um meine Anſicht uͤber die Spitzen, die ihr der dumme Spa⸗ nier, hierbei zeigte ſie auf ihn, als ächte und ſchöne ver⸗ 4 1 A 4 G + 1 27— dͤͤ nn nd ich eit em 8* 49 kaufen wolle. Ich entſchuldigte mich mit meiner Unwiſſen⸗ heit und ſagte, Damen verſtänden ſolche Sachen beſſer als Männer. Dieſer Lümmel iſt nicht Ihrer Anſicht, Chevalier, denn er widerſpricht mir. Der Kaufmann ſchien dies einigermaßen übel zu nehmen und ſagte, wenn dieſe Spitzen nicht gefielen, könnte man ſie andern Leuten laſſen. Nie⸗ mand ſoll ſolche Lumpen tragen, entgegnete Nina und dies ſagend, nahm ſie eine große Scheere und zerſchnitt die Spitzen. Der Kaufmann ſah ihr lächelnd zu; aber der Cicisbeo, der ſie am vorigen Tage zum Stierkampfe be⸗ gleitet, machte ihr bemerklich, daß es Schade ſei, ſo ſchöne Sachen zu verderben.— Was kümmerts Dich, Muſikus? Dieſer Cicisbeo war ein gewiſſer Molinari, Guitarriſt ſeinem Handwerk nach, Bologneſer und Intrigant.— Ma⸗ dame, ſagte er, Sie wurden ſchon in Barcelona für toll gehalten; was werden die Valencianer von Ihnen denken? Was kümmerts Dich, Einfaltspinſel? Zugleich verſetzte ſie ihm einen Fauſtſchlag. Molinari verlor den Kopf nicht und gab ihr den Beinamen, welcher Frauen von ſchlechtem Le⸗ benswandel ſo kräftig bezeichnet. Sollte man es glauben? Nina lachte laut auf und ſich zum Kaufmann wendend, der über dieſe Scene im höchſten Grade verwundert war, ſägte ſte: Mache Deine Rechnung. Der Kaufmann, ein geſchickter Mann, der wußte, daß der Zorn nicht urtheilt und noch weniger rechnet, machte eine tüchtige Rechnung, und nach⸗ dem die Signora ihre Unterſchrift darunter geſetzt, gab ſie dem Kaufmann einen Stoß vor den Hintern, warf ihn zun Thüre hinaus und ſagte: Laß Dich bei meinem Bankier bezahlen. Die Erſcheinung dieſes ehrlichen Mannes, welche den Ausdruck der Verwunderung über das Geſchäft und des Aergers über dieſe Behandlung trug, war im höchſten Grade komiſch. Molinari folgte ihm auf dem Fuße, wahr⸗ ſcheinlich um einer ähnlichen Behandlung zu entgehn. Als wir allein waren, ließ die Signora Chokolade bringen. Ich wußte nicht, wie ich mich benehmen ſollte. Ich war völlig verdutzt und platzte doch beinahe vor Lachen. — Wundern Sie ſich nicht, ſagte ſie, daß ich einen Gui⸗ tarrenkratzer ſ behandelt habe. Dieſen Durſchen hat mir XVII. 50 der Graf Riela als Spion zur Seite geſetzt. Ich habe eſ meine Abſicht, indem ich ihn ſchlecht behandle, und die w Beulen, welche ich ihm beibringe, werden ihm Lebensart 27 4 lehren. Was ſollte er auch ſeinem Herrn ſonſt wohl be⸗ 8 richten? Sein Geſchäft wäre ſonſt eine reine Sinecure.— de Sonderbares Weib, deſſengleichen ich auf meiner Irr⸗ N fahrt nicht wieder fand! Sie theilte mir ihre Biographie T mit, an welcher nichts intereſſant war, als der Ton, mit in welchem ſie ſie erzählte. Sie war die Tochter eines gewiſſen uut Pelandi, eines berühmten Charlatans, den ich gekannt haben muß, und der, wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, g Arzneien und Balſam auf dem Marcusplatze dicht neben T il Signor Pulcinella verkauft haben muß, und der majeſtä⸗ V n tiſch auf einem Tritte ſtand. Wenn man der Nina glauben A wollte, ſo hatte ihr Vater ſie dem Tänzer Bergonzi geopfert, einem furchtbaren Vielfraße, deſſen ich mich auch noch ent⸗ g, ſinne und von dem man im gemeinen Leben ſagte, er ſtehe feſter auf ſeinem Munde als auf ſeinen Beinen; er war„ T allerdings ein ſchlechter Tänzer. Nach dieſen vertraulichen Mittheilungen verabſchiedete mich die Nina mit einer Ein⸗ ladung zum Abendeſſen; das iſt meine Lieblingsmahlzeit, ſt ſetzte ſie hinzu, wir werden uns betrinken. ſo Wenn man nur auf äußere Anmuth ſah, war dieſe Frau verführeriſch; aber ich bin immer der Anſicht geweſen, G daß Schönheit allein nicht hinreicht, um Liebe einzuflößen. tl Ich konnte nicht begreifen, wie der Vicekönig von Kata⸗ lonien ſich hatte leidenſchaftlich in ein ſolches Geſchöpf ver⸗ d lieben können. Bis zu dieſem Augenblicke hatte Nina, wie Y man ſieht, mir trotz ihrer Schönheit noch nicht den Kopf verdreht. Indeß ging ich aus Neugier und weil ich nichts ſj zu thun hatte, gegen die Abenddämmerung zu ihr. Es war ei im Anfange des Oktobers; aber die Hitze war größer als m in Italien im Auguſt. Die Signora ſchlief in ihrem Gar⸗ ten bei ihrem Cicisbeo. Ihre Toilette war im höchſten n Grade nachläſſig und ihre Stellung ziemlich unanſtändig; die Beine der Signora lagen höher als ihr Kopf, und der Cicisbeo zeigte den Theil unſers Körpers, gegen welchen der n Kaufmann einen Tritt erhalten hatte. Bis züm Abend⸗ 5 AE— ₰ 4 —+₰.— M — ☛ 5 Ackl ₰ K N. 51 eſſen unterhielt mich Nina mit anſtößigen Anekdoten, in welchen ſie oft die Hauptrolle ſpielte, und ſie war noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt. Endlich ſetzten wir uns zu Tiſch. Das Eſſen war vortrefflich, der Wein ausgezeichnet, das Geſchirr prächtig. Die freien Reden begannen von Neuem und ich ſah deutlich, daß es bald von Worten zu Thaten kommen würde, aber ich fühlte mich durchaus nicht in der Stimmung, ordentlich mit meiner Perſon einzuſtehn, und beim Deſſert empfahl ich mich der Dame. Als ſie mir das Geleite gab, ſagte ſie: Sie ſehen ſor⸗ genvoll aus, und man könnte Sie für den Vertrauten einer Tragödie halten. Ich liebe es nicht, daß man ſich in mei⸗ ner Gegenwart Zwang anthut; denken Sie daran; morgen Abend erwarte ich Sie. Unmöglich! Ich habe ſchon einen Platz auf der Poſt genommen und verlaſſe morgen Valencia. Sie irren ſich, mein Lieber; Sie werden erſt in acht Tagen reiſen, wenn ich ſelbſt nach Barcelona abgehe. Dringende Geſchäfte.— Ein ſchöner Grund! Sie kommen nicht weg, dafür ſtehe ich Ihnen. Antworten Sie nicht; Sie würden mich ſonſt beleidigen, und das dulde ich nicht.* Nichtsdeſtoweniger entfernte ich mich mit dem feſten Entſchluß, Valencia zu verlaſſen, was ſie auch ſagen und thun möge. Ich machte ihr am folgenden Abende einen Beſuch, der der letzte ſein ſollte. Sie empfing mich mit auffallender Mißſtimmung.. 4 Molinari, ſagte ſie, iſt krank. Wir werden allein ſpeiſen und ſodann Karten ſpielen; man behauptet, Sie ſeien ein großer Spieler; das wollen wir einmal ſehn. Dann machen wir einen Spatziergang im Garten und morgen— Morgen, Madame, werde ich zu meinem Bedauern ge⸗ nöthigt ſein, Sie zu verlaſſen. Daraus wird nichts. Ich habe einen Platz zu um ſieben Uhr Morgens ge⸗ nommen. Verlaſſen Sie ſich darauf. Ich habe den Fuhrmann 4* 52 erkauft; ſein Wagen ſteht mir acht Tage zur Verfügung; hier iſt die Quittung. Sie ſagte dies Alles mit einem leichten und liebens⸗ würdigen Tone der Tyrannei, der mir nicht mißfallen konnte. Was konnte ich anders thun, als mich ihrer Laune unter⸗ werfen? Indeß rieth mir die Klugheit auf meiner Hut zu ſein, und ich ſagte: Ihr Argus wird ſicherlich dem Grafen von Riela mel⸗ den, daß wir zuſammen geſpeiſt haben. Deſto beſſer. Das heißt deſto ſchlimmer. Der Herr findet ſich dadurch wohl bloßgeſtellt oder hat Furcht? Wenn ich Furcht habe, ſo habe ich ſie Ihretwegen; ich möchte nicht die Veranlaſſung zu einem Bruche geben, der Ihnen nachtheilig werden würde. Das iſt ſehr zart, aber beruhigen Sie ſich. Je mehr ich den alten Grafen reize, deſto mehr liebt er mich, und jede unſrer Verſöhnungen kömmt ihm theuer zu ſtehn. Sie lieben ihn alſo nicht? Ich ihn lieben? Wofür halten Sie mich? Einen Narren der mich unterhält! Der Sie mit Geſchenken überhäuft, der Ihnen alle Rückſicht erzeigt, und Ihnen zu Liebe allen Mächten Spa⸗ niens die Spitze bietet. Durch dieſes Benehmen befriedigt er ſeine thörichte Leidenſchaft, und Sie meinen, ich ſollte ihm Dank dafür wiſſen? 1 Man wird Sie für undankbar halten. Was liegt mir an der öffentlichen Meinung! Ich liebe den Grafen, um ihn zu Grunde zu richten. Leider iſt er ſo reich, daß die Sache mir unmöglich ſcheint. Sie ließ Karten bringen und wir ſpielten a la primera, ein Hazardſpiel, welches aber ſo complicirt iſt, daß feines Spiel und Geſchicklichkeit nichts helfen; man muß Alles dem Zufall überlaſſen. Ich verlor einige zwanzig Piſtolen, welche ich in Betracht meiner Finanzlage mit bitterſußem ——B S chen 2 2„—— 0— 2æ 853 . 3 Lächeln verlor Nina nahm ihren Gewinn lachend hin und verſprach mir venugthuung. Wir hatten ein köſtliches Abendeſſen, welches mit erotiſchen Cpiſoden untermiſcht wurde. Dieſes ſonderbare Weib hatte nicht mehr Sinn⸗ lichkeit als Herz; kalt und roh machte ſie Alles mit; ſie war wirklich eine weibliche Wundererſcheinung, welche indeß in Folge der zu hmenden Demoraliſation immer ſeltner werden. Den ganzen folgenden Tag blieb ich bei ihr und ſpielte mit ihr. In wenigen Tagen füllte ſich meine Börſe mit 300 Piſtolen. Man weiß, daß ich derſelben ſehr be⸗ nöthigt war. 4 Endlich erhielt die Signora von ihrem Liebhaber die Nachricht, daß ſie ganz ſicher wieder nach Barcelona kommen könne. Der König hatte dem Biſchofe befohlen, Nina als eine beim Theater der Stadt angeſtellte Perſon zu be⸗ trachten; ſie konnte den Winter daſelbſt zubringen, voraus⸗ geſetzt, daß ſte jeden Anſtoß vermied. Als mir Nina dieſe Nachricht mittheilte, ſagte ſie: Jetzt können Sie reiſen und unterlaſſen Sie es nicht, mich in Barcelona alle Abende zu beſuchen. Kommen Sie erſt nach zehn Uhr; um dieſe Zeit befreit mich der Graf von ſeiner Gegenwart.— Vermuthlich würde ich ohne die Piſtolen, welche ſie mit ſo guter Manier verlor, keinen Gebrauch davon gemacht haben. Ich verließ Valencia einen Tag vor ihr, und nach unſrer Abkunft erwartete ich ſie earragon wo wir die Nacht zuſammen zubrachten. Wir zogen einzeln in⸗Bar⸗ celona ein, und ich⸗ſtieg im Gaſthofe zur heiligen Maria ab. Der Wirkh, der ſchon von meiner Ankunft benach⸗ richtigt worden war, kam mir ſehr zuvorkommend entgegen und zeigte mir auf eine geheimnißvolle Weiſe an, daß er Befehl habe, es mir an nichts fehlen zu laſſen. Dieſes Verfahren der Dame erſchien mir ſehr unbeſonnen. Der Wirth hatte allerdings das Ausſehn eines Mannes, der an ſolche Durchſtechereien gewöhnt iſt; er ſah ſehr ver⸗ ſchwiegen aus; indeß war Nina doch die Schützlingin des General⸗Kapitains, dem alle Spürhunde der Polizei zur Verfügung ſtanden. Es war vorauszuſehn, daß dieſer ehren⸗ werthe Edelmann keinen Spaß über ſeine Liebe verſtehen 8 * 54 würde. Nina ſelbſt hatte mir ſeinen Charakter als heftig, eiferfüchtig und rachſüchtig geſchildert. Als der Wirth mir ſagte, daß ein Wagen zu meiner Verfügung ſtehe, fragte ich, in weſſen Auftrage. Er verſetzte lächelnd: Im Auftrage der Donna Nina. Ich bin höchlichſt verwundert, entgegnete ich, daß die Dame ſich meinetwegen ſo viel Mühe giebt; dieſe Ausgabe geht über die Kräfte meiner Börſe. Es iſt Alles bezahlt, mein Herr. Das werde ich nicht dulden. Ich werde gewiß von Ihnen nichts annehmen. Dieſe peremptoriſche Erklärung gab mir viel zu denken und erfüllte mich mit traurigen Ahnungen. Ich hatte ein Empfehlungsſchreiben an Don Miguel de Cevallos, der mich den Tag nach meiner Ankunft dem Vicekönige vorſtellte. Der Graf war von kleinem Wuchſe; ſein Benehmen war ſteif und gewöhnlich. Er empfing mich ſtehend, vermuthlich um mir keinen Sitz anbieten zu müſſen. Ich redete ihn italiäniſch an, und er antwortete mir ſpaniſch, woraus eine höchſt ſeltſame Miſchung entſtand. Da ich wußte, daß er ſehr eitel war, ſo gab ich ihm während unſrer ganzen Un⸗ terhaltung den Titel Excellenz. Er ſprach mit mir viel von Madrid und den Freuden dieſer Hauptſtadt, was mir keine hohe Vorſtellung von Barcelona in dieſer Beziehung gab. Er erging ſich in Klagen über Herrn von Mocenigo, der anſtatt über Barcelona nach Paris zu reiſen, wozu der Graf ihn freundſchaftlichſt aufgefordert, den direkten Weg über Bordeaux eingeſchlagen. Se. Excellenz lud mich zum Mittagseſſen ein, eine Einladung die mir Vergnügen machte, da ſie den Beweis lieferte, daß der Graf hinſichtlich meiner Beziehungen zu Nina keinen Verdacht habe. Seit acht Tagen hatte ich nicht von der Signora ſprechen hören und da zwiſchen uns die Verabredung getroffen war, daß ich mich nicht eher, als bis ich von ihr die Aufforderung er⸗ halten, bei ihr einſtellen ſolle und ich dieſe Aufforderung nicht erhielt, ſo verlor ich mich in Muthmaßungen. Wäre ich klüger geweſen, ſo würde ich errathen haben, daß der Graf ſeinen Honigmonat feiere und ſeine Schöne alle Nächte — 1— ⁷ &☛— 55 beſchäftige. Endlich bekam ich von der Schönen ein Billet ſie gab mir ein Stelldichein um zehn Uhr. Unſere Zu⸗ ſammenkunft war ziemlich ceremoniell. Ich ſchrieb ihre Zurückhaltung der Gegenwart ihrer Schweſter zu, einer vierzigjährigen Frau, welche ganz das Aeußere einer Duegna hatte. Im Grunde war mir das, was Nina einen unan⸗ genehmen Zufall nannte, nicht unangenehm, denn ich hatte keine Neigung für dieſes Mädchen; aber aus Schonung für ſie glaubte ich meine Beſuche nicht einſtellen zu dürfen. Ein Umſtand, von dem ich ſprechen werde, hätte mich aller⸗ dings dazu beſtimmen ſollen. Ich ging ruhig in der Stadt ſpatzieren, als ein Of⸗ fizier der walloniſchen Garden mich anredet und zu mir ſagt: Mein Herr, ich habe mit Ihnen über eine Sache zu ſpre⸗ chen, die mich nichts angeht, die aber für Sie vom höchſten Intereſſe iſt. Erklären Sie ſich mein Herr, ich kann Ihnen nur dank⸗ bar ſein für das, was Sie mir ſagen wollen. Vortrefflich! Sie ſind ein Fremder und vielleicht nicht genau mit den ſpaniſchen Sitten bekannt; Sie wiſſen daher vielleicht auch nicht, welcher Gefahr Sie ſich ausſetzen, in⸗ dem Sie täglich die Signora beſuchen, nachdem der Vice⸗ könig ſie verlaſſen. 1 Welcher Gefahr ſollte ich mich wohl ausſetzen? Der Graf weiß, daß ich ſie beſuche und hat wahrſcheinlich nichts dagegen.. Sie könnten ſich irren. Der Graf weiß, daß Sie zu ſeiner Mai gehen. Wenn er ihr wegen dieſer nächt⸗ ichen Beſuche ſeine Unzufriedenheit nicht zu erkennen giebt, ſo hat dies ſeinen Grund darin, daß er ſie noch mehr fürchtet als er ſie liebt. Sie müſſen indeß wiſſen, daß ein ächter Spanier nicht lieben kann, ohne eiferſüchtig zu ſein. Folgen Sie mir, mein Herr’t im Intereſſe Ihrer Sicherheit und ſehen Sie Nina nicht wieder. Ich danke Ihnen für Ihren Rath, kann ihn aber nicht befolgen; ich müßte ſonſt das Wohlwollen, welches dieſe Dame fuͤr mich hegt, mit einer unverzeihlichen Grobheit erwiedern. Sie werden ſie alſo auch ferner beſuchen? 56. Ich werde die Ehre haben, der Signora ſo lange meine Aufwartung zu machen, bis der Graf mich wiſſen laſſen wird, daß meine Beſuche ihm mißfallen. Der Graf würde ſich zu erniedrigen glauben, wenn er Ihnen den Wink zukommen ließe, den ich Ihnen zukommen laſſe. Handeln Sie alſo, wie es Ihnen angemeſſen ſcheint. Der Offizier entfernte ſich hierauf. Als ich am 14. November zu Nina kam, fand ich bei ihr ein Individuum von verdächtigem Ausſehn, welches ihr ein Miniaturportrait zeigte; dies Individuum war Niemand anders, als der niederträchtige Paſſano, deſſen Name, zum Unglücke für mich, faſt auf jeder Seite dieſer Memoiren ſteht. Das Blut ſtieg mir ins Geſicht, aber ich hatte Gewalt ge⸗ nug über mich, um an mich zu halten. Ich gab Nina einen Wink, mir ins benachbarte Zimmer zu folgen, und dort bedeutete ich ihr, ſie möge dieſem ſchlechten Subiekte ſogleich die Thür weiſen. Nina wendete ein, es ſei ein Maler, der ihr Portrait malen wolle.— Er iſt ein Lump, den ich ganz genau kenne; jagen Sie ihn weg, oder ich ent⸗ ferne mich augenblicklich. Nun läßt Nina ihre Schweſter rufen, und überträgt ihr den Auftrag. Der Befehl wurde ausgeführt. Paſſano entfernte ſich wüthend und mit der Drohung, daß ich es bereuen werde. Ich habe es in der That bereut, wie man ſehen wird. Die Hausthür der Signora führte auf einen ziemlich engen und dunkeln Gang, gewiſſermaßen einen Engpaß, durch den man hindurch mußte, ehe man auf die Straße gelangte. Es war Mitternacht. Ich hatte von den Damen Abſchied genommen und kaum zehn Schritte auf dem Gange gemacht, als ich beim Kragen gepackt werde. Mittelſt eines ſtarken Stoßes mit dem Ellenbogen entledige ich mich meines Gegners, ſpringe ſchnell zurück und ziehe den Degen; einem andern Indivi⸗ duum, welches mit erhobnem Stocke auf mich einſtürzen wollte, bringe ich einen Stoß bei, worauf ich die Umfaſ⸗ ſungsmauer erklettere und auf die Straße ſpringe. Eine Piſtolenkugel, welche an meinem Ohre vorbeipfeift, bewegt mich zur eiligſten Flucht; in der Uebereilung falle ich, ſtehe ſogleich wieder auf, laſſe aber meinen Hut liegen. Völlig —yꝛ— —zſ— * 57 außer mir und mit dem Degen in der Hand, komme ich in den Gaſthof, wo ich dem Wirthe Alles erzähle. Zugleich überzeuge ich mich zu meiner großen Freude, daß ich nicht verwundet bin; ich war noch gut weggekommen, denn mein Rock war in der Nähe der Bruſt von zwei Kugeln durch⸗ ohrt. Das iſt eine üble Geſchichte, ſagte der Wirth kopf⸗ ſchüttelnd. Es iſt wahrſcheinlich, daß ich einen der Böſewichter ge⸗ tödtet habe; aber ich that es bei meiner Vertheidigung. Heben Sie meinen Rock auf; er iſt ein Zeuge, den Nie⸗ mand verwerfen kann. Sie würden beſſer thun, Barcelona zu verlaſſen. Halten Sie mich für einen Lügner. Gott bewahre mich! Ich glaube Alles, was Sie mir geſagt haben, und deshalb eben rathe ich Ihnen, Ihr Bün⸗ del zu ſchnüren. Ich fürchte nichts und bleibe. Indeß hatte ich doch eine Vorahnung deſſen, was mir am Morgen begegnete. Mein Bett war von Sbirren um⸗ geben; man confiscirt meine Papiere, man bemächtigt ſich meiner Perſon, und ich werde in die Citadelle gebracht. Man ſchlägt ein ſchlechtes Bett auf und bringt mir meinen Mantelſack; ſodann verriegelt man die Thür und ich bleibe meinen Gedanken überlaſſen. Es wurde mir ſchwer, einen Zuſammenhang zwiſchen dem nächtlichen Angriffe, deſſen Opfer ich beinahe geworden und meiner Einſperrung in einem Militairgefängniſſe zu finden. Was ſollte ich thun? An Nina ſchreiben oder warten? Ich entſcheide mich für das Letztere. Für einen pezzo duro(ungefähr fünf franzöſiſche Francs) laſſe ich mir ein gutes Mittagseſſen kommen, und mein Unglück hindert mich nicht, demſelben die gebührende Ehre widerfahren zu laſſen. Ich muß ſogar zu meiner Ehre ſagen, daß ich nie beſſern Appetit gehabt. Meine Börſe war mir getreulich gebracht worden, und ſie enthielt 300 Dublonen. Es giebt Menſchen, die mehr zu bekla⸗ gen ſind. Als ich am dritten Tage aus dem vom Kerkermeiſter * 58 ſogenannten Fenſter, einem in der Mauer angebrachten mit Eiſenſtangen vergitterten Loche, die Naſe ſtecke, erkenne ich auf dem Hofe den Schuft Paſſano der mir ein ironiſches Kompliment macht. Das zündete mir ein Licht an. Er alſo hatte mich angezeigt, und offenbar hatte er bei dem meuchleriſchen Anfalle eine Rolle geſpielt. Wie kam aber Paſſano auf den Hof des Gefängniſſes? Er unterhielt ſich mit Offizieren und ſchien den Soldaten Befehle zu geben. Was war das alſo für ein bösartiger Einfluß, der mich überall, wo ich hinkam, meinen böſen Genius finden ließ? Ich war noch nicht zu Ende. Gegen neun Uhr Abends tritt ein Offizier mit beſtürz⸗ ter Miene in mein Gefängniß. Folgen Sie mir, mein Herr. Was giebt es? Sie ſollen es ſogleich erfahren. Aber wohin führen Sie mich? Auf das Glacis. Ich folgte ihm. Es war ziemlich kalt, und es fielen dichte Schneeflöckchen, eine in Spanien ſeltne Erſcheinung, wo der Herbſt bis zum December zu dauern pflegt. Kaum war ich angekommen, als ein Soldat mir den Mantel, den ich auf gut Glück hin mitgenommen, abnehmen will. Ich will Widerſtand leiſten, aber der Mann ſagt bewegt: Sie bedürfen deſſelben nicht mehr. Dieſe Worte erfüllten mich mit Schrecken. Ich erhob die Augen und ſehe in einiger Entfernung— ſchreckliches Schauſpiel!— ſieben oder acht Soldaten in zwei Reihen mit dem Gewehr im Arme. Die ſchwarzen hohen Mauern der Feſtung gaben dieſer Scene eine noch düſterere Färbung. Beim Scheine einiger Laternen ſah ich die Vorbereitungen zu meiner Hinrichtung treffen, denn ohne allen Zweifel ſollte ich erſchoſſen werden. Ich war ſtarr vor Furcht, und zugleich ſchlug mein Herz vor Unwillen. Vermöge welcher außerordentlichen Hintenanſetzung des Völker⸗ und Men⸗ ſchenrechts wollte man mich ohne alle Form eines Prozeſſes zum Tode bringen? Welches war mein Verbrechen? Wel⸗ cher todeswürdigen That hatte ich mich ſchuldig gemacht? 2y pue ‧ν — +—,—= 8 ᷣ—8B85 88* ¶ A Gd N V 59 In dieſe Gedanken verſunken lehnte ich mich völlig vernich⸗ tet gegen die Mauer, als der Ofſtzier, der ebenſo beſtürzt wie ich ſchien, mich fragte, ob ich nicht Anordnungen zu treffen habe, denn er ſei da, um ſie zu übernehmen. Als ich dieſe Worte vernahm, die mir mein Schickſal ſo deutlich verkündeten, gewann der Zorn die Oberhand. Ich proteſtirte kräftig gegen den Meuchelmord, deſſen Opfer ich werden ſollte und mit erhobner Stimme machte ich alle diejenigen, die ſich zu Werkzeugen meiner Hinrichtung machen ſollten, vor Gott verantwortlich. Zuletzt forderte ich den Beiſtand eines Prieſters. Ein Individuum, welches den Kopf in den Kragen eines weiten Mantels gehüllt hatte, näherte ſich nun dem Offizier und ſprach leiſe mit ihm. Dieſer faßte mich beim Arme, und führte mich in ein andres Gefängniß, wel⸗ ches kellerartig war, Steinpflaſter hatte, und von oben her einen ſchwachen Lichtſchimmer bekam, ein wahrhaftes Grab, wo er mich lebendig begraben, unter Aufſicht eines andern Wärters zurückließ. Dieſer Mann, deſſen Aeußeres mit ſei⸗ nem Amte im vollkommenen Einklange ſtand, bedeutete mir, daß ich die Nahrung, die ich für den folgenden Tag brauche, auf einmal fordern müſſe, denn Niemand außer ihm werde mein Gefängniß betreten, das er, wenn ich nicht irre, Ca⸗ labozo nannte. Dieſe Aufforderung, in welchem ſtrengen Tone ſie auch erfolgen mochte, befreite mich von einer tödtlichen Unruhe. In meiner Lage war ein Aufſchub von vierundzwanzig Stunden hinreichend, mich zu retten. Ich habe einen Prieſter gefordert, ſagte ich zu meinem Argus. Und weshalb? Muß ich mich nicht zum Tode vorbereiten? Nie iſt hier ein Prieſter hergekommen; dieſes Gefäng⸗ niß iſt nicht zur Aufnahme der zum Tode Verurtheilten beſtimmt. Haben Sie nicht Kenntniß von der Scene, welche mei⸗ ner Ueberſiedelung hieher voraufgegangen iſt? Ich weiß nur, daß man mir keine der Anweiſungen gegeben hat, welche für die zum Tode Verurtheilten üblich » 4 1 1 1 * 6 60 find. Das geht daraus hervor, daß Ihnen Hände und Füße frei gelaſſen ſind, und daß ich Befehl habe, Ihnen Alles, was Sie wünſchen, für Ihr Geld zu liefern. Sie wußten alſo, daß ich herkommen würde? Seit heute Morgen. Die Todesſtrafe, die ich hätte erdulden ſollen, war alſo reine Spiegelfechterei geweſen, und ich hatte dies wahr⸗ ſcheinlich Paſſano's hölliſchem Geiſte zu verdanken, denn wie war wohl zu glauben, daß der Vice⸗König ſich zu einer ſo gräßlichen Strafſchärfung hergegeben haben würde? Da Ihre Anweiſungen Sie verpflichten, mir alle Sachen, deren ich benöthigt bin, anzuſchaffen, ſo werden Sie mir zunächſt Bücher beſorgen. Das iſt unmöglich! Das darf ich nicht. Dann geben Sie mir Papier, Federn und Dinte. Nur Papier, denn das Schreiben iſt nicht geſtattet. Könnte ich wenigſtens Bleiſtift bekommen, um Bau⸗ pläne zu zeichnen? So viel Sie wollen. Sie werden mir auch Licht bringen? Nein; hier iſt eine Lampe, welche Tag und Nacht brennt, damit müſſen Sie zufrieden ſein. Betreffen dieſe Beſchränkungen mich perſönlich? Es iſt die Hausordnung. Und nöthigt Sie Ihr Amt, mir Geſellſchaft zu leiſten? Nein; ich habe die Schlüſſel zu Ihrem Gefängniſſe und bin verantwortlich für Ihre Perſon; das iſt Alles. Auch werden Sie von einer Schildwache, welche auf dem Flure ſteht, bewacht; wenn Sie Luſt haben, können Sie ſich mit derſelben durch das Guckfenſter unterhalten. Was bekommen die Gefangenen zu eſſen? Brot und Suppe; Sie können aber andre Speiſen for⸗ dern, wenn Sie ſich gewiſſen Förmlichkeiten unterwerfen. Ich muß z. B. Geflügel, Paſteten u. ſ. w. unterſuchen. Hierauf verließ mich der Mann, mir Geduld predigend, als ob es in unſrer Macht ſtehe, geduldig zu ſein. Die Worte des Kerkermeiſters hatten mir indeß wohlgethan, und da ich an ſolche Wechſelfälle gewöhnt war, ſo ſchlief ich ruhig. 2 —.-— ——— —n— 3 b 6 2 1„— 4 5 eehen 45 Am folgenden Tage nahm ich ein ſaftiges Fruͤhſtück in Ge⸗ genwart meines Kerkermeiſters ein, der mit der Gabel in alle Speiſen hineinſtieß, um ſich zu überzeugen, daß keine Briefe darin verborgen ſeien. Als ich ihn aufforderte, mein Mahl zu theilen, erwiederte er, die Natur ſeines Am⸗ tes geſtatte ihm nicht, mein Anerhieten anzunehmen. Ich blieb dreiundvierzig dade in dieſem Gefängniſſe; hier ſchrieb ich aus dem Gedächtniſſe mit Bleiſtift die voll⸗ ſtändige Widerlegung der venetianiſchen Geſchichte von Amelot de la Houſſaye; für die Citate ließ ich Raum offen, da mir der Text des Werkes fehlte. Am 28. Dezember läßt ſich der Offizier, der meine Verhaftung vorgenommen, das Gefängniß öffnen und be⸗ fiehlt mir, mich anzukleiden und ihm zu folgen. Er be⸗ gleitet mich bis zum Juſtizpalaſte, wo ein Gexichtsſchreiber mir meinen Koffer und meine Papiere zurückgiebt: er über⸗ reicht mir auch meine drei Päſſe, die, wie er hinzuſetzt, ächt ſind. Hat man mich dreiundvierzig Tage eingeſperrt, um dies zu unterſuchen? Einzig aus dieſem Grunde, mein Herr, aber jetzt ſind Sie gerechtfertigt. Indeß iſt es Ihnen nicht geſtattet, in Barcelona zu bleiben. Sie haben drei Tage Zeit, Ihre Vorbereitungen zu treffen. Ich will nicht wiſſen, wer der geheime und mächtige Feind iſt, der mich verfolgt; aber dies Benehmen iſt em⸗ pörend, das werden Sie zugeben, mein Herr. Ein aner⸗ kannter Böſewicht kann ſich rechtfertigen; aber mir hat man ſelbſt dieſe Genugthuung verweigert. Sie irren ſich; es ſteht Ihnen frei, beim Rathe in Madrid Beſchwerde zu führen. Dieſe Erfahrung genügt mir, und Gott ſoll mich be⸗ huten, zur ſpaniſchen Juſtiz Zuflucht zu nehmen! Ich gehe nach Frankreich.——— (uluctliche Reiſe Sie werden mix den Befehl wenigſtens ſchriftlich N. 62 Das iſt unnütz. Ich bin Emmanuel Badillo, Sekre⸗ tair der Verwaltung. Man wird Sie wieder in den Gaſt⸗ hof zur heiligen Maria führen: Sie werden dort Alles wie⸗ derfinden, was Sie dagelaſſen haben; Sie ſind dann frei, und morgen erhalten Sie einen Paß. Im Gaſthofe angekommen erhielt ich meinen Ueberrock und meinen Degen, ſo wie den Hut den ich auf der Flucht verloren hatte, ein überraſchender Fund, da während meiner Abweſenheit mein Zimmer nur den Polizeibeamten geöffnet worden war. Man übergab mir auch getreulich fünf oder ſechs an mich adreſſirte Briefe, welche nicht geöffnet wor⸗ den waren, ein neuer Beweis, daß meine Verhaftung nur eine Folge des Privathaſſes war. Ehe ich abreiſte, wollte ich meine Rechnung mit dem Wirthe abmachen; aber er antwortete mit der ſtehenden Formel: Es iſt Alles bezahlt und auch Ihre muthmaßliche Ausgabe für drei Tage. Und wer hat Sie bezahlt? Sie wiſſen es ja. Hat mein Abenteuer Aufſehn gemacht? Sehr viel. Was ſagte man? Dies und das; Sie würden böſe werden, wenn ich ſpräche. Böſe werden! Was liegt mir an der Meinung; die Dummköpfe machen ſie, und nur die Dummköpfe fürchten ſie. Nun, man verſichert, Sie hätten die Piſtole abge⸗ ſchoſſen und um Ihren Degen zu röthen, ein Kaninchen getödtet, da man an dem von Ihnen angegebenen Orte weder Todte noch Verwundete gefunden hat. Das iſt luſtig. Und mein Hut? Ein Polizei⸗Agent hatte ihn auf der Straße gefunden. Sie ſind leichtgläubig. Sagt man aber, warum ich eingeſperrt worden? Tauſenderlei Gerüchte ſind darüber in Umlauf; nach der Anſicht der Einen waren Ihre Papiere nicht in Ord⸗ nung; nach der Anſicht Andrer waren Sie Donna Nina's Liebhaber.. 63 Sie konnten doch ſagen, ob ich je außer dem Hauſe geſchlafen. Wenn Sie mir folgen wollen, ſehen Sie dieſe Donna nicht wieder. Seien Sie ruhig. Ich erfuhr, daß Nina ſich laut rühmte, mir Geld gegeben zu haben, und daß ſie ſogar dem Grafen von Riela geſtanden, ich ſei ihr Liebhaber geweſen. Am ſelben Abende lieferte ich dem Stadtgeſchwätze neuen Stoff. Ich hatte meinem Wirthe den Auftrag gegeben, eine Opernloge für mich zu miethen. Die angekündigte Vorſtellung ſchien glänzend werden zu wollen, als eine Stunde vor dem An⸗ fange der Anſchlagzettel weggenommen wurde; wegen Un⸗ päßlichkeit zweier Sänger ſollten die Vorſtellungen bis zum 2. Januar ausgeſetzt bleiben. Dieſer Befehl konnte nur vom Vice⸗Könige ausgehn; ich, wie die ganze Stadt, bezog ihn auf mich. Ich verließ Barcelona am letzten Tage des Jahres 1760 und ſchlug die Richtung nach Perpignan ein. Ich reiſte in einer guten Kaleſche, machte kleine Tagereiſen, und ſtieg nur, um mich zu erfriſchen, in den Wirthshäuſern ab. Den Tag nach unſrer Abfahrt fragte mich mein Kutſcher, ob ich nicht Feinde in Barcelona habe. Weshalb dieſe Frage? Weil ſeit geſtern drei Individuen von verdächtigem Ausſehn uns nicht aus den Augen verlieren. Sie ſind die Nacht in demſelben Wirthshauſe, wie wir, geblieben; ſie ſprechen mit Niemandem und führen offenbar einen ſchlech⸗ ten Streich im Schilde. Wie ſollen wir uns gegen einen Angriff ſchützen? In dieſem Augenblicke ſind ſie uns um drei Viertel⸗ ſtunden vorauf; mein Rath geht dahin, etwas ſpäter auf⸗ zubrechen und in einem Wirthshauſe, welches von der ge⸗ wöhnlichen Station abliegt, wo die Räuber uns ohne Zwei⸗ fel erwarten werden, Nachtlager zu halten. Wenn wir ſie umkehren ſehn, ſo iſt kein Zweifel, daß ſie ſchlechte Abſich⸗ ten haben. 64 Ich folgte dem Rathe meines Kutſchers und ſtieg in dem fraglichen Wirthshauſe ab. Wir fanden hier keinen Banditen. Ich begann ruhiger zu werden, als ich auf den Hof blickte und ſie an der Thür des Stalles bemerkte. Ein Todesſchauer fuhr mir durch alle Glieder; ich hielt mich für verloren. Das Nachdenken machte mich wieder ruhig. Ich befahl meinem Bedienten kein Mißtrauen zu zeigen und mir den Kutſcher zuzuſchicken, ſobald dieſe Menſchen einge⸗ ſchlafen ſein würden. Das dauerte nicht lange. Er kam und rieth mir augenblicklich aufzubrechen. Ich habe, ſagte er, dieſe Taugenichtſe zum Sprechen gebracht, nachdem ich ihnen eingeſchenkt, und bin nun überzeugt, daß ſie Ihrem Leben nachſtellen. Benutzen wir alſo ihren Schlaf, um uns zu entfernen; wir ſind der Gränze ganz nahe und ich kenne einen Schleichweg, der uns in wenigen Stunden über die⸗ ſelbe führen wird. Hätte ich mir ein Geleit von zwei bewaffneten Män⸗ nern verſchaffen können, ſo würde ich gewiß den Rath mei⸗ nes Führers verachtet haben, aber in meiner Lage, da ich nur ein Paar Piſtolen und einen Degen hatte, wie ſollte ich mich wohl gegen drei Meuchelmörder vertheidigen, aus deren Mienen Kühnheit und Entſchloſſenheit ſprach, und die bis zu den Zähnen bewaffnet waren! Wir machten uns ſchnell aus dem Staube. In Zeit von ſechs Stunden hat⸗ ten wir elf Meilen zurückgelegt, ſo daß die Banditen noch feſt ſchliefen, als wir auf den franzöſiſchen Boden gelangten. Ich war weit entfernt zu ahnen, wer dieſen Menſchen den Auftrag zum Morde gegeben. Der Leſer wird ſehen, wie ich drei Wochen ſpäter alle Einzelheiten dieſer häßlichen Ge⸗ ſchichte erfuhr. In Perpignan angelangt, verabſchiedete ich meinen Be⸗ dienten. Am zweiten Tage ſchlief ich in Narbonne und am dritten in Beziers. Die Lage der letztern Stadt iſt prächtig und der Aufenthalt bezaubernd. Die Bewohner ſind geiſtreich, die Frauen hübſch und gefällig; man ißt gut und trinkt noch beſſer. Daſſelbe muß ich von Montpellier ſagen, wo ich ein Fräulein Blaſin, deſſen ſich der Leſer wohl noch erinnern wird, wiederfand. Durch Nismes fuhr ———-—— — ie 2—jj,(α u 25= UA ð= SSZSZ 3Z —,—— Lv u — 65 4 ich nur hindurch, da ich bald nach Air zu kommen wünſchte, wo ich mehrere Freunde wiederſehn ſollte. 3 Einhundertundfunfzehntes Kapitel. Aukenthalt in Air.— Der Marquis von Argens.— Henriette.— Abreiſe nach Turin.— Alte Bekannt- ſchalten, die ich dort wiederkinde.— Aukenthalt in Ki- vorns.— Der Admiral Orloſk.— Reiſe nach Uom.— Mlß Betty. So bin ich alſo nun in Air im Gaſthofe zu den drei Dauphins. Ich fand hier einen ſpaniſchen Kardinal, der nach Rom ging, um an Stelle Rezzonico's(Pius V.), der eben geſtorben war, einen neuen Papſt zu wählen. Mein Zim⸗ mer war von dem ſeinigen nur durch einen Verſchlag ge⸗ trennt und mir ging von dem, was därin geſprochen wurde, kein Wort verloren. So wurde ich der unſichtbare Zeuge einer Scene, welche der würdige Prälat mit ſeinem Inten⸗ danten aufführte. Er ſchalt denſelben wegen ſeiner Fil⸗ zigkeit. Sie nähren alſo meine Leute, wie die Maul⸗ thiertreiber; Sie werden Ihren Herrn in den Ruf eines Bettlers bringen. Was heißt das? Wir geben hier vier⸗ mal weniger als in Spanien aus. Gnädiger Herr, es iſt unmöglich, in dieſem Lande mehr auszugeben; das gute Eſſen iſt hier ſehr billig. Wirklich; dann möchte man ja einen Ekel vor dem guten Eſſen bekommen. Soll ich den Wirth zwingen, für Ihre Tafel, die ſo glänzend mit Wildpret, Geflügel, Fiſchen u. ſ. w. verſorgt iſt, den doppelten Preis zu fordern? Wenn es ſich ſo verhält, ſo wünſche ich, daß Sie an allen Orten, durch welche wir kommen, Mahlzeiten beſtel⸗ . XVII. 5 66 len; man wird nichts anrühren und Sie werden bezahlen. Sie werden wohl daran thun, für zwölf Perſonen zu be⸗ zahlen. Wir ſind nur ſechs Perſonen. Gleichviel! Auch werden Sie beſſere Trinkgelder geben. Sie geben nur einen kleinen Thaler; darüber muß ich ja erröthen. Bedenken Sie auch, daß Sie das Geld, welches man Ihnen auf ein Goldſtück herausgiebt, nie annehmen dürfen. Mit Ihren Procurator⸗Knauſereien werden Sie mich in einen hübſchen Ruf bringen! In Madrid, in Ver⸗ ſailles, in Rom wird man ſagen, der Kardinal de la Cerda ſei ein Knicker. So ſind alle ſpaniſchen Granden zugeſchnitten. Als ich den Kardinal de la Cerda ſah, war er etwa ſechszig Jahre alt. Er war ein kleiner Mann mit grauen Augen, hervorſpringender Naſe und hatte eine groteske Haltung. Vermöge ſeines Körperumfangs hätte man ihn für Sancho Panſa im Kardinalskoſtüm halten können. Der Marquis von Argens bewohnte in der Umgegend von Aix das Landhaus ſeines Bruders des Marquis d'Aiguilles, Parlaments⸗Präſidenten. Mehr als durch ſeine Schriften, die nicht mehr geleſen werden, hatte er ſich durch die Freundſchaft Friedrichs des Großen einen ziemlichen Ruf verſchafft. Er war damals ein ſchon ſehr hinfälliger Greis, aber noch ſehr lecker nach irdiſchen Freuden. Als vollendeter Epikuräer verlebte er wolkenloſe Tage in den Armen der Schauſpielerin Cauchois, die er geheirathet hatte. Abgeſehn von den Standesverſchiedenheiten hatte dieſe Ver⸗ bindung Aehnlichkeit mit derjenigen, welche J. J. Rouſſeau mit ſeiner Thereſe vereinigt. Obwohl die Cauchois recht⸗ mäßige Gemahlin war, betrachtete ſie ſich doch als die Magd des alten Marquis. Auf die Empfehlung Milord Mariſhals, ſeines vertrauten Freundes, empfing er mich ſehr gütig und ſtellte mich ſeinem Bruder vor. Nie ſah ich zwei Männer, deren Charaktere und Neigungen ſo verſchieden waren, und dennoch war ihre brüderliche Freundſchaft bewundernswerth. tigkeiten. Der Präſident war fromm und ein ſo erklärter An⸗ Nichts ſtörte ihr Verhältniß, nicht einmal religiöſe Strei⸗ —————,. 52— 67 hänger der Jeſuiten, daß man ihm den Beinamen Kurzrock gab. Der Marquis von Aiguilles ſprach von ſeinem Bru⸗ der immer nur mit Aeußerungen zärtlicher Liebe. Er ſeufzte über ſeine Sünden und beklagte ſeine Verblendung, hoffte indeß auf ſeine Bekehrung, um welche er den Himmel in⸗ nigſt bat. Uebrigens machte der gute Präſident nur fromme Wünſche und überließ die Sorge und Leitung ſeines Hau⸗ ſes Argens, der ſich darauf verſtand. Im Schloſſe fand man alle Genüſſe, guten Tiſch, Concerte, Theater, vorneh⸗ men Beſuch. Zu jedem Mahle fanden ſich wenigſtens drei⸗ ßig Gäſte ein. Die Unterhaltung war vom beſten Tone; nicht ſatiriſch, aber auch nicht prüde, obwohl von Liebe nicht geſprochen wurde. Wenn der Marquis d'Argens einen zu zarten Gegenſtand berührte, ſo bedeckten ſich die Damen das Geſicht, und der Beichtvater ſuchte dem Geſpräche eine andre Wendung zu geben. Beim erſten Anblick hätte man dieſen Beichtvater nicht für das gehalten, was er war, einen Je⸗ ſuiten. Sein Aeußeres war das eines hofirenden Abbé; aber nicht die Kutte macht den Mönch; ich hatte Gelegen⸗ heit es zu erfahren. Als man mich über meine Reiſe nach Spanien befragte, hatte ich Gelegenheit, unter andern Anek⸗ doten auch die von der Madonna von San Geronimo, die der Kaplan auf eine ſo elende Weiſe hatte überpinſeln laſſen, zu erzählen. Obwohl ich in ſehr gemeſſenen Ausdrücken erzählte, ſo runzelte der Beichtvater doch die Augenbrauen und unterbrach mich, um zu fragen, wie man eine ſehr ſchöne Paſtete, welche Madame d'Argens zerſchnitt, Ita⸗ liäniſch nenne. Una crostata, entgegnete ich, nur kann ich Ihnen nicht die Namen aller der Beatillen angeben, mit denen die Paſtete gefüllt wird. Alle lachten mit Ausnahme des Jeſuiten, der wegen des Worts Beatillen über mich herfiel. Es iſt unanſtändig, ſagte er, ſich ſo über ein Wort luſtig zu machen, welches vom Zuſtande der Seeligen ge⸗ braucht ward. Mit einem leicht zu begreifenden Uebergange fragte mich ſodann der Jeſuit, wer zum Papſte gewählt werden würde. Ganganelli; er iſt der einzige Kardinal, der zugleich Mönch iſt. 54 4 Und weshalb glauben Sie, daß das heilige Kollegium einen Mönch wählen werde? Iſt dies nicht das einzige Mittel, den Anſprüchen der ſpaniſchen Regierung zu genügen? Sie wollen von der Aufhebung des Jeſuitenordens ſprechen? Dieſe wird der ſpaniſche Hof nie erlangen. Ich wünſche es, denn ich liebe die Jeſuiten, meine al⸗ ten Lehrer; aber ich fürchte ein ſchlechtes Ende für ſie. Nichtsdeſtoweniger wird Ganganelli gewählt werden, und zwar aus einem noch andern Grunde, der Ihnen vielleicht lächerlich ſcheint, der aber nichtsdeſtoweniger ſehr ernſt⸗ haft iſt. 3 Welcher iſt das? Er iſt der einzige Kardinal, der eine Perrücke trägt, und Sie werden zugeben, daß noch nie ein Papſt mit einer Perrücke den heiligen Stuhl inne gehabt hat. Die Wahlen des heiligen Kollegiums werden durch ernſtere Gründe heſtimmt. Die Majorität mag unſerm Or⸗ den feindlich ſei nie wird aber ein Papſt ihn aufzuheben wagen. Wie es mir ſcheint, vergeſſen Sie das Grundprinzip Ihres Ordens. Wollen Sie mich gefälligſt daran erinnern? Daß der Papſt Alles und ſogar noch mehr vermag. Hierauf ſtand der Mann, roth vor Zorn, vom Tiſche auf. Ich bedachte zu ſpät, daß ich mir einen neuen Feind gemacht. Am ſelben Tage ſollte auf dem Schloßtheater Polheucte aufgeführt werden; aber ich verabſchiedete mich von der Geſellſchaft. Ich würde am folgenden Tage nach Marſeille gereiſt ſein, wenn nicht ein junger Pole Namens Schuslowski, ein Verwandter des Marquis d'Argens, mir in Air Bekanntſchaften jeder Art verſchafft hätte. Wir ver⸗ lebten die Karnavalszeit auf eine heitre Weiſe; ich ſage auf eine heitre Weiſe, ohne daran zu denken, daß ich in der Faſtenzeit dieſe Freuden büßen mußte und daß dieſe fuͤr mich eine wahre Bußzeit wurde.. Neun Tage nach Faſtnacht wachte ich nach einem ſechs⸗ ſtündigen Schlummer ſehr krank auf. Die Krankheit wurde 69 ſo ſchlimm, daß man mir die letzte Oelung geben ließ. Meine Geneſung dauerte lange; eine mir unbekannte Frau pflegte mich während der ganzen Dauer derſelben. Dieſe Frau, die weder ſchön noch jung war, verließ mich erſt nach meiner völligen Geneſung. Als ich ihr ihren Lohn ausbezahlte, fragte ich ſie, wer ſie zu mir geſchickt. Ihr Arzt, antwortete ſe. 3 Einige Tage darauf dankte ich dem Doktor, daß er mir eine ſo gute Krankenwärterin verſchafft.— Sie hat Sie betrogen, ſagte er, ich kenne ſie nicht. Meine Wirthin, mit der ich ſogleich darüber ſprach, gab dieſelbe Erklärung ab. Kurz, Niemand kannte dieſe Frau. Wer hatte ſie denn aber zu mir geſchickt? Ich. erfuhr es erſt nach meiner Abreiſe von Aix. Als ich geheilt war, holte ich meine Briefe von der Poſt. Der eine war von Paris datirt und eine Antwort auf die Nachricht von meiner Ankunft in Perpignan⸗ Mein Bruder wünſchte mir Glück, daß ich den Nachſtellungen der drei Mörder entgangen; er ſchrieb mir: as Gerücht von Deinem Tode hat ſich hier verbreitet; die niß iſt mir durch einen Deiner vertrauten Freunde, den Grafen Manucci, Attaché bei der venetianiſchen Geſandt⸗ ſchaft, mitgetheilt worden.“ Durch dieſe Ausplauderei bezeichnete alſo Manucci ſich ſelbſt als den Urheber dieſer niederträchtigen Nachſtellung; der theure Freund hatte die Rache ſehr weit getrieben: aber er hatte es nach wie vor ſehr ungeſchickt angefangen. Als ich ihn ſpäter in Rom wieder ſah, machte ich ihm ſeine un⸗ würdige Handlung zum Vorwurfe. Er läugnete auf eine unverſchämte Weiſe die Thatſache, und blieb hartnäckig da⸗ bei, daß Alles, was er geſagt, ihm von Barcelona aus ge⸗ meldet worden. Ich werde zu ſeiner Zeit und an ſeinem Orte auf dieſen Gegenſtand zurückkommen. Ich machte dem Marquis d'Argens meinen Abſchieds⸗ beſuch. Wir hatten eine dreiſtündige Unterhaltung, die ſich faſt ganz um ſeinen erhabenen Freund, den König von Preußen drehte. Ich hatte dem Marquis eine Iliade und eine Aeneide geſchenkt. Die Aeneide mit den Scholien des traurige Ereig⸗ Porphyrius war ein ſeltnes Exemplar in reichem Einbande. Dagegen ſchenkte mir d'Argens ſeine geſammelten Werke. Als ich ihn fragte, ob ich mir ſchmeicheln dürfe, ſie voll⸗ ſtändig zu beſitzen, antwortete er: Sie beſitzen nun Alles, was ich geſchrieben, mit Ausnahme eines Theils meiner Memoiren, der ſich auf meine Jugend bezieht; dieſes ſehr umfangreiche Geſchreibſel habe ich verbrannt. Aus welchem Grunde? Weil ich bei meiner Wahrheitsliebe zum allgemeinen Gelächter geworden wäre. Was würden Sie ſagen, wenn ich, Caſanova, zufällig Luſt bekommen ſollte, den Schleier zu lüften, der die Hand⸗ lungen meines Lebens bedeckt? Ich würde Ihnen ſagen, daß Sie Unrecht thun: ein ſolches Werk würde nur Bedauern bei Ihnen hinterlaſſen. Ein Mann, der auf dieſe Weiſe freiwillig vor die Oeffent⸗ lichkeit tritt, ſetzt ſich nur Unannehmlichkeiten aus. Abge⸗ ſehn davon, daß ſeine Ehre beſtändig auf dem Spiele ſteht, muß er ſich auch auf zahlloſe Demüthigungen ſeiner Autor⸗ eitelkeit gefaßt machen. Was ſind Memoiren, wenn der Verfaſſer nicht die ganze Wahrheit ſagt? Und wer wird je den Muth haben, ſte zu ſagen? Ich werde ihn haben. Sehen Sie ſich wohl vor; nicht alle Ihre Geſtändniſſe werden zum Vortheile der Wahrheit und alſo der wahren Moral ausfallen; aber man wird ſie als Waffen gegen Sie gebrauchen. Man wird das Lob, welches Sie ſich ertheilen, verdächtigen, und das Böſe, welches Sie von ſich ſelbſt ſagen, übertreiben. Ueberdies werden Ihre Enthül⸗ lungen Ihnen überall Feinde machen. Ich werde viele Namen verſchweigen. Das wird Ihnen wenig helfen! Man wird ſie errathen, und werden ſie ſich nicht ſelbſt erkennen? Glauben Sie mir, wenn es ſich nicht für einen Mann ſchickt, von ſich ſelbſt zu ſprechen, ſo iſt es ihm noch viel weniger geſtattet, ſich zum Helden eines Buches zu machen, ſich auf ein Piedeſtal zu ſtellen. Da ich von der Richtigkeit ſeiner Bemerkungen über⸗ „9.9„—,„-H— 71 8 zeugt war, ſo ſchwor ich dem Marquis zu, nie eine ſolche Thorheit zu begehn. Dennoch begehe ich ſie ſeit ſieben Jahren jeden Tag; ich glaube ſogar jetzt, daß ich die Ver⸗ pflichtung übernommen habe, die Aufgabe zu Ende zu füh⸗ ren, welche Reue ich auch empſinden mag. Ich fahre alſo fort, zu ſchreiben, nähre indeß die geheime Hoffnung, daß die Geſchichte meines Lebens nicht das Licht erblicken wird und daß ich in einem Anfalle von Vernunft dieſe ganze Schmie⸗ rerei verbrennen werde. Wenn zufälliger Weiſe dieſes Auto⸗ dafé nicht erfolgen ſollte, ſo bitte ich den Leſer mir zu ver⸗ zeihn und zu bedenken, daß durch die Menge ſchlechter Sub⸗ jekte, welche das Schloß des Herzogs von Waldſtein in Dur, wo ich jetzt wohne, beſuchen, mir die Hände gebun⸗ den ſind. 1. Den Tag nach dem Frohnleichnamsfeſte reiſte ich von Aix nach Marſeille. Aber ehe ich von dieſer Reiſe ſpreche, muß ich die Prozeſſion erwähnen, welche an dem erwähnten Tage in Air, wie in allen katholiſchen Ländern ſtattfindet. Man weiß, daß bei dieſer Feierlichkeit alle Würdenträger der geiſtlichen Orden, Civil und Militair, dem heiligen Sa⸗ kramente folgen müſſen. Das findet überall ſtatt und eig⸗ net ſich zu keiner beſondern Bemerkung; aber bemerkens⸗ werth ſind die Maskeraden und burlesken Scenen, mit de⸗ nen man hier der Frömmigkeit der Gläubigen zu Hülfe kommt. Dort ſieht man auf groteske Weiſe bekleidete Pup⸗ pen, welche den Tod, den Teufel, die Urſünde vorſtellen und mit einander kämpfen. Fromme Geſänge, Freudengeſchrei, gemeine Witze, Hymnen, Trinklieder, bilden das ſeltſamſte Conzert. Nie hat das Heidenthum, welches ſeine Götter ebenfalls durch Saturnalien ehrte, etwas Zügelloſeres und Teufliſcheres hervorgebracht. Die Bauern kommen von ſechs Meilen in der Runde zu Ehren unſers Herrn hieher. Das heilige Sakrament wird nur an dieſem einzigen Tage des Jahres in Prozeſſion umhergetragen, und grade dieſe Epoche feiert das Volk durch die empörendſten Poſſen. Man ſollte meinen, es wolle den ewigen Vater durch den Anblick ſei⸗ ner tollen Orgien erheitern. Wer kühn genug wäre, gegen dieſe Sitte zu ſprechen, würde für gottlos gehalten werden. 72 Ein Mitglied des Parlaments von Air verſicherte mir mit großem Ernſt, dies Feſt ſei eine vortreffliche Inſtitution, da es der Stadt eine Einnahme von mehreren hundert⸗ tauſend Frs. verſchaffe. Während meines Aufenthalts in Air hatte ich nicht aufgehört, an Henriette zu denken. Ich kannte ihren wahren Namen und hoffte immer ihr zu begegnen. Mehr als ein⸗ mal war in verſchiedenen Geſellſchaften dieſer Name in meiner Gegenwart genannt worden; aber ich hatte mich wohl gehütet, Erkundigungen über ſie einzuziehn, da ſie mir Verſchwiegenheit empfohlen hatte. Da ich mich indeß nach Nachrichten von ihr ſehnte, ſo beſchloß ich, ihr zu ſchreiben und gab ſelbſt den Brief an den Portier ihres Schloſſes ab. Er antwortete: Madame wird Ihren Brief heut Abend erhalten.- Sie iſt nicht hier? Sie iſt in ihrer Wohnung in der Stadt. Im ſelben Augenblicke bemerke ich meine Kranken⸗ wärterin. Sie wohnen hier? ſagte ich. Seit wann denn? Seit zehn Jahren. Wer hat Sie während meiner Krankheit zu mir ge⸗ bracht? Meine Gebieterin. Haben Sie ſie nicht in Air geſehn? Nein, denn ſie empfängt Niemand. Das iſt wahr, aber ſie geht überall hin. Uebrigens iſt es auch nicht zu verwundern, daß Sie meine arme Ge⸗ bieterin nicht erkannt haben; ſie hat ſich ſo ſehr verändert. Arme Henriette! rief ich aus. Ich ſtieg in den Wa⸗ gen, um meine Thränen zu verbergen. Als ich in Marſeille ankam, war die erſte Perſon, der ich im Gaſthofe begegnete, Ninas Schweſter, die Signora Schizza. Sie hatte Barcelona mit ihrem Manne verlaſſen, und wollte nach Livorno reiſen. Sollte Ihre Schweſter hier ſein? fragte ich. Nein, ſie iſt noch in Barcelona, wird aber nicht mehr lange dort bleiben. Der Biſchof will ſie nicht in der Stadt haben, ſie wird ſich alſo wohl verziehn müſſen. Uebrigens ⁸ ½ Z8 — — 73* fragt ſie ſehr wenig nach den Verfolgungen des Biſchofs, da ſie überzeugt iſt, daß die Liebe des Grafen ihr überall hin folgen wird. Und daß ſie, ſetzte ich hinzu, überall Mittel finden wird, an ſeinem Ruine zu arbeiten. Einſtweilen hat ſie ihn im ganzen Lande entehrt. Es iſt doch nicht möglich, daß Ihre Schweſter den Grafen verabſcheut, der ihr Alles geupfert, ſie mit Wohl⸗ thaten überhäuft und ihre Exiſtenz fuür immer ſicherge⸗ ſtellt hat. Hierin täuſchen Sie ſich. Sie iſt nicht reich; ſte beſitzt nur Diamanten und Putzeachen. Uebrigens iſt meine. Schweſter ganz unfähig, für irgendwen Dankbarkeit zu em⸗ pfinden. Sie iſt die Undankbarkeit ſelbſt; Alles, was ich für ſie gethan, hat nur dazu gedient, mich und meinen Mann zu verderben; er diente und hatte einen ziemlich hohen Grad; aber ſie hat ihn abſetzen laſſen. Indeß wiſſen Sie wohl ſelbſt, was Sie von dieſem Ungeheuer zu halten haben. Ich weiß nur, daß ſie ſich gegen mich ſehr großartig benommen hat. Ihre Großmuth war nur Schein; Ninas wahrer Zweck war, die Schande des Grafen öffentlich zu machen, und das iſt ihr gelungen. Ganz Barcelona weiß, daß man verſucht hat, Sie vor ihrer Thüre zu ermorden, und daß der Mör⸗ der an der Wunde, die Sie ihm beigebracht haben, geſtor⸗ en iſt. Glauben Sie, daß Nina bei dieſem Mordanſchlage be⸗ theiligt iſt, oder wenigſtens vor ſeiner Ausführung Kennt⸗ niß davon gehabt hat? Das wäre nicht natürlich. Aber, mein Gott, ſind denn die Handlungen dieſes Mädchens überhaupt natürlich? Folgendes habe ich geſehn und gehört: ſo oft der Graf ſie beſuchte, lobte ſie auf eine überſchwengliche Weiſe Ihren Geiſt und Ihr Benehmen, um ihn zu demüthigen. Der Graf, erbittert über dieſe be⸗ leidigende Affektation hatte ſie mehrmals gebeten, von etwas Anderm zu ſprechen: Nina lachte nur dazu. Endlich zwei Tage vor jenem Vorfalle entfernte ſich der Vicekönig, der aufs Aeußerſte gebracht war, mit der Aeußerung, er werde 74 Ihnen eine Lektion der Höflichkeit geben laſſen. Als wir am Abende Ihres letzten Beſuchs den Schuß höͤrten, ließ Nina nicht die geringſte Bewegung blicken, ſondern ſagte ſcherzweiſe zu mir: Das iſt die Lektion der Höflichkeit! Ich machte ihr bemerklich, daß Sie wahrſcheinlich getödtet ſeien. Hierauf lachte ſie laut auf und ſagte, Ihr Tod werde in der Stadt keinen großen Eindruck hervorbringen. Am fol⸗ genden Tage war ſie wieder ſehr guter Laune, als der Be⸗ diente ihr Ihre Verhaftung berichtete. Sie ſchrieb an Ihren Wirth ein kleines Billet, welches ſie mir verheimlichte; wahrſcheinlich war es der Befehl, es Ihnen im Gefängniſſe an nichts fehlen zu laſſen. Sah ſie den Grafen an jenem Tage wieder? Er kam erſt am folgenden Abend. Nina empfing ihn mit lautem Lachen. Sie ſprach von Ihrer Verhaftung und machte ihm ein ironiſches Kompliment darüber. Dieſe „aßregel, ſagte ſie, wird den Chevalier gegen die Verfol⸗ gungen ſeiner Feinde ſchützen. Der Graf entgegnete trocken, Ihre Verhaftung habe mit dem fraglichen nächtlichen Aben⸗ teuer nichts gemein. Da bald die ganze Stadt erfuhr, daß Sie im Thurme eingeſperrt worden, ſo ſuchte man den Be⸗ weggrund zu erfahren. Nina befragte den Vicekönig des⸗ halb und dieſer antwortete, Ihre Päſſe wären falſch. Wenn aber der Graf nicht bei dieſer Sache betheiligt iſt, auf weſſen Denunciation hin glauben Sie denn, daß ich verhaftet worden? Auf die Denunciation Paſſanos, da er faſt gleichzeitig mit Ihnen eingeſperrt wurde. Als Ihre Päſſe richtig be⸗ funden worden waren, ſchickte man Paſſano nach Genua, wahrſcheinlich, um ihn der verdienten Züchtigung zu entziehn. Am Tage Ihrer Freilaſſung wollte Nina in die Oper gehen, da ſie Sie daſelbſt zu finden erwartete; aber wir erfuhren, daß die Vorſtellungen auf drei Tage ausgeſetzt worden, und daß Ihnen gleichzeitig der Befehl ertheilt worden, Spanien zu verlaſſen. Nina war der Anſicht, daß Sie ſich nicht der Gefahr ausſetzen würden, ſie wieder zu beſuchen und ſie glaubte, Ihnen ſei jede Verbindung mit ihr unterſagt wor⸗ den; aber ſie verſicherte, daß ſie gern mit Ihnen die Flucht ——,—Oÿ— A —— — 8— ER G N έ—ĩ /⁰ k — — — „ 8 8G e t 75 ergreifen würde, wenn Sie den Muth hätten zu ihr zu kommen. Als ſie Ihre Ankunft in Frankreich erfuhr, ſo wie durch welches Wunder Sie dem traurigen Schickſale entgangen, das Ihnen drohte, erzählte ſie dies dem Vice⸗ könige, der ſich unwiſſend ſtellte. Danken Sie alſo dem Himmel, der Sie geſund aus dieſem häßlichen Lande geführt hat, denn Ihre Verbindung mit Nina hätte Ihnen unfehlbar das Leben gekoſtet. Ich bin mehr zu beklagen, und Gott ſtraft mich täglich, daß ich ein ſolches Ungeheuer in die Welt geſetzt. Wie! Nina iſt Ihre Tochter? Leider iſt ſie es. 4 Sie gilt für Ihre Schweſter. Sie iſt es auch. Ich verſtehe Sie nicht. Nina iſt die Tochter meines Vaters. Ich war ſechs⸗ zehn Jahre alt, als ich ſie in die Welt ſetzte; es war eine ſchändliche Verführung. O, hätte ich doch die Frucht dieſer ſchrecklichen Liebe in der Wiege erſtickt! Das war die Erzählung der Signora Schizza. Wir werden ſie und ihre Tochter einige Jahre ſpäter in Bologna wiederfinden. Am ſelben Tage erhielt ich von Henrietten die Antwort auf den Brief, den ich ihr geſchickt.„Mein alter Freund,“ ſagte ſie,„nichts iſt ſo romantiſch und ſeltſam wie die Ge⸗ ſchichte unſrer Zuſammenkunft in meinem Landhauſe vor fuünf Jahren und wie unſer jetziges Zuſammentreffen zweiund⸗ zwanzig Jahre nach unſrer Trennung in Genua. Wir ſind beide ſeitdem recht alt geworden; glauben Sie aber wohl, daß ich Sie trotzdem oder gerade deswegen noch liebe? In⸗ deß freut es mich, daß Sie mich nicht erkannt haben; ſchlie⸗ ßen Sie aber daraus nicht, daß ich häßlich geworden. Eine vorzeitige Körperfülle hat mich allein unkenntlich gemacht. Ich bin Witwe und habe Vermögen genug, um Sie auf⸗ zufordern, meine Börſe ohne Furcht in Anſpruch zu nehmen, wenn Sie Luſt dazu haben: kommen Sie aber ja nicht ſogleich nach Air zurück; Ihre Rückkehr würde alle böſen Zungen, deren es in dieſem Lande ſo viele giebt, in Be⸗ 76 wegung ſetzen. Führt Sie der Zufall noch einmal hieher, ſo werden wir uns gewiß wiederſehn, aber nicht wie alte Bekannte. Wie glücklich bin ich, wenn ich daran denke, daß ich zur Wiederherſtellung Ihrer Geſundheit habe beitragen können, indem ich Ihnen eine Krankenwärterin geſchickt, deren Aufopferung mir bekannt war! Sie hat Ihnen nichts verborgen und das iſt mir lieb. Wenn Sie mich für werth halten, eine fortlaufende Korreſpondenz mit mir anzuknüpfen, werde ich Ihnen die Geſchichte meines Lebens bis zu un⸗ ſerm Zuſammentreffen in Ceſena erzählen, ſo wie auch die Verhältniſſe, welche meine Rückkehr in mein Vaterland be⸗ ſtimmten. Dagegen werden Sie mir Ihre wunderbare Flucht aus den Bleidächern erzählen. Für Ihre zarte Aufmerk⸗ ſamkeit, daß Sie Niemand über mich befragt haben, bin ich Ihnen ſehr verbunden. Marcoline muß Ihnen zu ſeiner Zeit Alles mitgetheilt haben, womit ich ſie beauftragt hatte. Wenn Sie wiſſen, was aus dem lieben Kinde geworden, ſo melden Sie es mir“. Da ich nicht nach Air zurückkehren wollte, wo meine Anweſenheit dem guten Rufe Henriettens hätte ſchaden können, ſo ſchrieb ich ihr einen ſehr langen Brief, der im Weſentlichen die Geſchichte meiner Hauptabenteuer enthielt. In einigen dreißig Briefen, welche ich vielleicht dieſen Me⸗ moiren als Anhang beigeben werdo, ſchilderte mir Henriette ihre Lebensgeſchichte ſeit unſerer Trennung. Da mich nichts weiter an Marſeille feſſelte, ſo fuhr ich unverzüglich in einem Miethswagen ab, um mich über Antibes und Nizza direkt nach Turin zu begeben. Meine Turiner Freunde feierten meine Ankunft mit einem ſchlechten Kompliment; wenn man ihnen glauben wollte, hatte ich ungeheuer gealtert; allerdings war ich in meinem fünfundvierzigſten Jahre; im Allgemeinen iſt dies das Alter der Ruhe, für mich war es aber noch das des Vergnügens und der Thätigkeit; es giebt Menſchen, welche ſich ihr ganzes Leben lang jung fühlen; vermöge meiner glücklichen Organiſation gehörte ich zu dieſen und fand daher wenig Geſchmack an ihrem Rathe, ein zurückgezogenes Leben zu fuͤhren. Ich eröffnete ihnen meinen Plan, nach 5 △‿ N R AN — A Bo N—&ᷣ— ——— — ᷣ 8b 8b der Schweiz zu gehn, um die Widerlegung des Werks von Amelot de la Houſſaye in Italiäniſcher Sprache drucken zu laſſen: Alle beeilten ſich darauf zu ſubſeribiren; der Graf von Lapérouſe nahm fünfzig Exemplare, die er im Voraus bezahlte; bei ihm lernte ich den Chevalier L..... ,den eng⸗ liſchen Geſandten, einen ſehr liebenswürdigen und ſehr rei⸗ chen Mann kennen; er war ein berühmter Weinkenner und freigebig, und in dieſer Eigenſchaft Allen werth, beſonders aber einer Tänzerin, einer gewiſſen Campioni, die ſehr ſchön, aber auch eine große Haen war. Ich berührte Turin nur auf der Durchreiſe und begab mich nach Lugano im Kanton Teſſin. Die Druckerei dieſer Stadt und ihr Direktor ſtanden in großem Rufe und ich hatte dort nicht die Klauen der Cenſur zu fürchten. So⸗ bald ich angekommen war, begab ich mich zum Direktor, Herrn Agnelli und wir vereinigten uns über die pecuniären Bedingungen des Drucks. In ſechs Wochen war das Werk fertig und dem Publikum übergeben, welches die Auflage im Laufe des Jahres vergriff. Mein Hauptzweck bei der Abfaſſung dieſes Werks war der Wunſch, mich mit den venetianiſchen Staatsinquiſitoren zu verſöhnen, geweſen. Nachdem ich in ganz Europa herumgeirrt, fühlte ich den ſehr natürlichen Wunſch, in mein Vaterland zurückzukehren; dieſer Wunſch war zuweilen ſo lebhaft, daß ich nicht mehr ander⸗ wärts leben zu können glaubte. Anelot de la Houſſaye's Geſchichte von Venedig iſt aus Haß gegen die Venetianer geſchrieben; ſie iſt ein Gewebe grober Verläumdungen, unter⸗ miſcht mit einigen gelehrten Unterſuchungen. Das Werk war ſeit vier Wochen in Umläuf, und Niemand hatte daran gedacht, es zu widerlegen; allerdings würde ein Venetianer, der ſich dieſer Aufgabe unterzogen hätte, von ſeiner Re⸗ gierung nicht die Erlaubniß zur Herausgabe ſeines Buchs erhalten haben, weil unſere Regierung den Grundſatz hat, nichts, weder Schlechtes noch Gutes, über ſich reden zu laſſen. Ich wagte das Verbot zu übestreten, da ich üͤber⸗ zeugt war, daß die Staatsinquiſitorenteir früher oder ſpäter für meinen Muth, wenn auch nicht mein Talent Dank wiſſen wuürden. Man wird ſehn, dal ich richtig gerechnet * hatte; warum hat man mich aber der Dankbarkeit ent⸗ bunden, indem man mich fünf Jahre lang auf die Wohlthat warten ließ! Während ich bei meiner Arbeit war, die mir vierzehn Stunden täglich wegnahm und mich zu einem exemplariſchen Leben nöthigte, empfing ich den Beſuch des Barigels oder Befehlshabers der ſtädtiſchen Miliz. Lugano ſo wie ſein Gebiet gehört zu den Kantonen; aber die Gewohnheiten, die Sitten, die Sprache und auch die Polizei ſind italiäniſch. Dieſer Barigel führte eine ſehr höfliche Sprache und bot mir ſeine guten Dienſte an. Obwohl Sie Fremder ſind, ſagte er, können Sie in meiner Stadt ganz ſicher wohnen; Sie werden hier Schutz gegen Ihre auswärtigen Feinde und beſonders gegen den venetianiſchen Adel finden. Ich weiß, mein Herr, daß ich auf dem Boden der Schweiz nichts zu fürchten habe. Sie werden aber auch wiſſen, mein Herr, daß die Fremden, welche der Wohlthat unſers Schutzes theilhaftig werden, eine gewiſſe wöchentliche oder monatliche Steuer zu bezahlen haben. Und wenn ſie ſich dieſer Steuer nicht unterwerfen wollen? unterbrach ich ihn. Dann können ſie ſich auch nicht als an einem ſichern Orte befindlich betrachten. Ich, mein Herr, betrachte mich hier wie in einem Aſyle; bis ſich meine Anſicht nicht geändert hat, werde ich nichts bezahlen. 5 Das ſteht Ihnen frei; bedenken Sie aber, daß Sie mit der Republik Venedig nicht im Frieden ſind. Die indirekte Drohung, welche in dieſem Abſchiedsgruße des Barigel enthalten war, erſchreckte mich weiter nicht; in⸗ deß verpflichtete mich doch die Klugheit etwas zu thun, und ich ſtattete daher dem Gouverneur des Platzes einen Beſuch ab. Man führt mich vor und ich erblicke wen?— Herrn von*** und ſeitte ſchöne Gemahlin, welche ich vor zehn Jahren in Solothurn kennen gelernt. Frau von*** hatte nichts von ihren Reizen eingebüßt, und ich ſah an ihrem -EOS& ͤsASSS O —— e— ͤ——ͤ— i⏑ Empfange, daß ſie mich nicht ganz vergeſſen. Ich theilte Herrn von**x die Aeußerungen des Barigels mit; er erwiederte, er werde ihn tüchtig zurechtweiſen und ich habe unter ſeiner Regierung nichts zu fürchten; hierauf lud er mich zum Mittagseſſen ein; da er, wie er hinzufügte, ge⸗ nöthigt ſei, ſeinen Geſchäften nachzugehn, ſo bat er mich, ſeiner Frau Geſellſchaft zu leiſten. Sobald er weggegangen war, fiel Frau von*** mir um den Hals. Wie ſollte ich von dieſem offenbaren Beweiſe, daß ſie ſich meiner nach einer zehnjährigen Abweſenheit noch erinnerte, nicht gerührt wer⸗ den! Wenn der Leſer ſich noch der traurigen Umſtände er⸗ innert, die unſere Trennung begleiteten, ſo wird er ſich den⸗ ken können, mit welchen wollüſtigen Freuden wir unſere Wiedervereinigung beſtegelte..— Warum, göttliche Freundin, ſagte ich zu ihr, haben Sie mir dies Vergnügen nicht zehn Jahre fruͤher gewährt? Weil mein Mann damals eiferſüchtig war. Er iſt es alſo jetzt nicht mehr? Wenigſtens nicht auf Sie; Ihr früheres vorſichtiges Benehmen hat ihm allen Argwohn benommen und der Be⸗ weis iſt, daß er uns allein läßt. Ich fragte Frau von*** nach der Witwe, deren wi⸗ derliche Intriguen unſerer Liebſchaft ein Ende gemacht hatte; ſie antwortete: Das Weib iſt geſtorben, und zwar an der ekelhaften Krankheit, die ſie Ihnen mitgetheilt hatte. Hat Ihr Mann nicht von der Sache Kenntniß be⸗ kommen? 3 Das unwürdige Weib hat ihn benachrichtigt; aber Herrn von**ss Meinung über Sie ſtand feſt, und er hat Sie auch vertheidigt. Herr von***, der ſonſt ſo eiferſüchtig war, war jetzt das Vertrauen ſelbſt, wie ich während meines Aufenthalts in Lugano erfuhr. Wir machten zuſammen eine kleine Reiſe nach den Borromäiſchen Inſeln, dem prächtigen Wohn⸗ ſitze des Grafen Friedrich Borromeo, eines meiner älteſten Freunde. Dieſer Edelmann führte die Exiſtenz eines ſou⸗ verainen Fürſten, obwohl er ſo ziemlich zu Grunde gerichtet war. Ich unterlaſſe es, von der Schönheit dieſer wirklich glückſeligen Inſeln zu ſprechen; meine Beſchreibung würde den zahlreichen Reiſenden, welche die bezaubernde Wirklich⸗ keit geſehn haben, trocken und kalt erſcheinen. Obwohl der Graf von Borromeo ſchon ſehr hinfällig war und immer wegen ſeiner Häßlichkeit berühmt geweſen, hatte er doch noch das Geheimniß zu gefallen. Die Gärten ſeines Palaſtes wimmelten von jugendlichen Schönheiten und man nannte mir einige, denen mein alter Freund eine lebhafte Freund⸗ ſchaft eingeflößt. Als ich nach Turin zurückkam, fand ich einen Brief des Venetianers Girolamo Juliani, deſſelben, der mich auf Befehl der Staatsinquiſitoren an Herrn von Mocenigo em⸗ pfohlen hatte. Dieſer Brief empfahl mich aufs Wärmſte an Herrn von Berlendis, Geſandten der Republik bei der ſardiniſchen Regierung. Dieſer Berlendis ſtand im Rufe eines ſehr befähigten Diplomaten, und zwar aus einem ganz eigenen Grunde, weil er ein Mann des Vergnügens war; es war bei ihm offene Tafel und dem ſchönen Ge⸗ ſchlecht wurde unverholen der Hof gemacht. Das ganze Talent des Geſandten beſtand darin, daß er ſeine Geſell⸗ ſchaften vortrefflich zu bewirthen verſtand: im Allgemeinen verlangen die Regierungen nicht mehr von ihren Geſandten; die wirkliche geiſtige Ueberlegenheit, das Studium der Wiſ⸗ ſenſchaft, einfache und friedliche Neigungen ſind Eigen⸗ ſchaften, welche bei einem Diplomaten wenig geſchätzt werden; ſie dienen nur dazu, den Weg zu einer ſolchen Stellung zu verſperren und ich kennenmehr als eine Perſon, welche ihre Ungnade gerade ihrem Verdienſte zu danken hat. Die Re⸗ gierungen wollen immer blinde und willfährige Werkzeuge unter den Händen haben, und in dieſer Beziehung wurde die venetianiſche Republik ganz nach Wunſch von Herrn von Berlendis bedient, der weder Geiſt, noch Charakter, noch Talent hatte. Ich ſprach mit ihm von meinem Werke, und er erbot ſich, es den Staatsinquiſitoren offiziell zuzuſchicken. Die Antwort, welche er erhielt, war höchſt ſonderbar; der Se⸗ cretair des ſchrecklichen Gerichts meldete ihm, daß er mein 1. Werk dem Gerichtshofe übergeben, und daß der Titel allein hinreichend ſei, um den Leichtſinn oder die Böswilligkkeit ſeines Verfaſſers zu bekunden; man werde es indeß prüfen und einſtweilen habe er Herrn von Berlendis zu empfehlen, mich zu überwachen und nichts zu thun, was zu dem Glauben Anlaß geben könnte, daß ich unter ſeinem Schutze ſtehe; da ich daher Herrn von Berlendis durch mein Er⸗ ſcheinen auf ſeinen Feſten bloßzuſtellen fürchtete, beſuchte ich ihn nur noch Morgens und heimlich. Der Lehrer ſeines Sohns war ein gewiſſer Andreas, ein kleiner korſiſcher Abbé der ziemlich gebildet war; es iſt, wenn ich nicht irre, der⸗ ſelbe, der jetzt in England wohnt, wo er einiges Aufſehn durch ſeine Werke gemacht hat. Un dieſe Zeit erſtickte eine franzöſiſche Modiſtin, Maitreſſe des Grafen von Lapeyrouſe, an dem Portrait ihres Geliebten, welches ſie in einem Au⸗ genblicke verliebten Wahnſinns verſchluckt hatte. Ich machte über dieſes tragiſche Ereigniß zwei Sonnette, mit denen ich ſehr zufrieden war und es noch bin; wenn ich nicht fürch⸗ tete, dieſe Darſtellung meiner Abenteuer zu umfangreich zu machen, ſo würde ich dieſe verſchiedenen Arbeiten als Belege und Beweisſtücke hinzufügen; aber ich bin ſehr wenig be⸗ gierig nach dem ſogenannten Schriftſtellerruhm, und wenn mein Name einigen Ruf erlangen wird, ſo habe ich den⸗ ſelben vielmehr meinen Handlungen als meinen Schriften zu verdanken. 1 Da ich nach Beendigung meiner Arbeit keine Herzens⸗ angelegenheit hatte, und ich am Spiele den Geſchmack ver⸗ lor, weil ich ſchlecht dabei wegkamg und uͤberhaupt nicht wußte, was ich anfangen ſollte, ſo kam ich auf den Einfall, meine Dienſte dem Grafen Alexis Orloff anzubieten, der das in Livorno vor Anker liegende, nach Konſtantinopel be⸗ ſtimmte Geſchwader befehligte. Diejenigen meiner Freunde, mit welchen ich von meinem Plane ſprach, beeiferten ſich, mir Empfehlungsbriefe nach Livorno zu geben; ich hätte Wechſelbriefe vorgezogen, denn ich verließ Turin mit ſehr wenigem Gelde in der Taſche. Wäre die Expedition nach den Dardanellen von einem Engländer geleitet worden, ſo hätte ſte ohne Zweifel die Durchfahrt erzwungen; aber der Graf XVII. 6 8² Orloff hatte nicht den Ruf eines Seemannes. Es wird dem Leſer ſonderbar erſcheinen, daß ich mich damals be⸗ rufen glaubte, Konſtantinopel zu erobern. In meiner exal⸗ tirten Stimmung hatte ich mir eingeredet, daß der ruſſiſche Graf ohne mich nicht mit der Sache zu Stande kommen würde; allerdings ſcheiterte der Plan, aber ich bin jetzt nicht mehr ſo ſicher, daß ſein Mißlingen die Folge meiner Ab⸗ weſenheit geweſen. Ich kam durch Parma und ſpeiſte bei Herrn Dubois, Münzdirektor des Infanten, einem trotz ſeines Geiſtes lächer⸗ lich eitlen Manne. Unſere Bekanntſchaft war ſchon ſehr alt, denn ich lernte ihn mit jener Henriette kennen, die ich ſo ſehr geliebt. Nachdem wir uns umarmt, theilte ich ihm meine Pläne mit. Hier, ſagte ich, ſind Briefe an den Grafen Orloff, der mich mit Ungeduld erwartet, und ich muß eilen, denn wie man ſagt, ſteht er auf dem Punkte abzuſegeln. In Folge dieſer Aeußerungen betrachtete mich Dubois als einen Mann von großer politiſcher Bedeutung und verneigte ſich tief. Er ſchien von der Expedition ſprechen zu wollen, welche ganz Europa in Aufregung brachte; aber meine diplomatiſche Zurückhaltung nöthigte ihn zum Schweigen. Nun brachte er ſeine eigene Perſon aufs Tapet; ich konnte mir wohl denken, daß er nicht ſobald damit fertig werden würde; da er indeß vortreffliches Eſſen hatte auftiſchen laſſen, ſo trug ich mein Leiden mit Geduld; er machte den Mund nur zum Sprechen und ich ihn nur zum Eſſen auf; er ſah meinem Eſſen zu und ich hörte nicht auf ihn. Seine Unterhaltung, die zu einem Monologe zuſammenſchrumpfte, drehte ſich um die europäiſchen Monarchen; er beklagte ſich über alle, ohne Ausnahme, ſelbſt über ſolche, die ſchon ſeit fünfzehn Jahren todt waren; aber ich hatte einen Appetit, der mich noch ganz andre Anachronismen hätte ertragen laſſen. Ich erinnere mich, daß er ſich mit großer Bitter⸗ keit über die Miniſter Ludwigs XV. beklagte, die ihm, wie er ſagte, ſogar ein Glas Waſſer abgeſchlagen; das erſchien mir ſonderbar und war es auch. Dies Glas Waſſer be⸗ ſtand in dem St. Michaels⸗Orden, der, wie er ſagte, Eſeln ertheilt worden. — — 83³ Sicherlich, ſagte ich, hat man Unrecht gethan, Ihnen denſelben zu verweigern. Als er beim Deſſert mit ſeiner Leidensgeſchichte zu Ende gekommen war, begann ich mit der meinigen; ich brauchte fünfzig Zechinen, welche er mir großmüthiger Weiſe anbot; ich habe ſie ihm nicht wieder⸗ gegeben und werde ſie ihm wahrſcheinlich nie wiedergeben: der Menſch denkt, Gott lenkt. In Livorno fand ich noch die ruſſiſche Flotte, welche durch widrige Winde aufgehalten wurde. Der engliſche Konſul ſtellte mich ſogleich dem Grafen Orloff vor, der in ſeinem Hauſe wohnte. Er hatte mich in England kennen gelernt und erklärte, es würde ihm lieb ſein, mich an Bord zu haben; er forderte mich auf, meine Sachen zu packen, da er beim erſten günſtigen Winde die Anker lichten wolle. Als ich mit dem Konſul allein war, fragte mich derſelbe, in welcher Stellung ich den General begleiten wolle. Das möchte ich wohl wiſſen, ehe ich an Bord gehe, ſagte ich, und ich will mich deutlich darüber erklären. Die Unterhandlung war ſchwierig; aber ich liebe Klar⸗ heit, und um dieſe herbeizuführen, ging ich geraden Wegs zum Grafen Orloff. Da Se. Excellenz mit Schreiben be⸗ ſchäftigt war, ſo ließ er mich bitten, eine Minute zu war⸗ ten. Dieſe Minute dauerte zwei Stunden, nach Verlauf welcher ich Herrn von Loglio, polniſchen Geſandten in Ve⸗ nedig, aus dem Kabinet kommen ſah. Ich hatte ihn in Berlin kennen gelernt. Was machen Sie hier? fragte er. Ich warte. Vielleicht auf eine Audienz bei dem Grafen? Er iſt ſehr beſchäftigt.— Indeß kamen immer neue Beſucher und wurden ein⸗ gelaſſen. Dies unpaſſende Benehmen verazte mich; hieß das nicht mir ſagen, daß der Admiral für ſie nicht außer⸗ ordentlich beſchäftigt ſei?. Meine Geduld ſiegte indeß über meine Unluſt. Nach⸗ dem ich vier Stunden in ſeinem Vorzimmer gewartet, er⸗ ſchien er mit ſeinem Gefolge, und als ich ihn um eine 6* Audienz bat, auf welche ich ſeit dem Morgen gewartet, lud er mich zum Eſſen ein. Ich erſchien pünktlich, und erhielt einen Platz an ſeiner Tafel. Ich war höchlichſt befremdet von der Zahl der Gäſte, welche doppelt ſo ſtark war wie die aufgelegten Couverts. Ich ſah den Augenblick kom⸗ men, wo ich und mein Nachbar aus einem Teller würden eſſen müſſen. Nie wurde ein ſchlechteres Mahl gierigern Gäſten vorgeſetzt. Der Wein roch nach Seewaſſer; die Ge⸗ richte waren ſchlecht. Die Unterhaltung konnte für das ſchrecklichſte Charivari gelten; ſie war ein Gemiſch aller ta⸗ tariſchen Mundarten, welche von der Newa bis zum Fuße des Balkan geſprochen werden. Um den Appetit ſeiner Gäſte zu reizen, rief Orloff von Zeit zu Zeit: Eſſen Sie doch! worauf ſich Alle um die Wette vollſtopften. Er ſelbſt aß bloß mit dem Auge, da er mit Bleiſtift Stellen aus Briefen notirte. Beim Deſſert brachte man Rum und Branntwein, welche Getränke die tatariſchen Augen flim⸗ mern machten. Nach dem Kaffee führte mich der Graf in eine Fenſterbrüſtung, und Folgendes iſt Wort für Wort die kurze Unterredung, die wir zuſammen hatten. Nun, theurer Freund, ſind Ihre Sachen an Bord? Wir fahren morgen ab. Erlauben Sie mir, gnädiger Herr, Sie zu fragen, für welche Stellung Sie mich beſtimmt haben? Ich habe Ihnen keine zu geben. Sie folgen mir als Freund. Ich weiß dieſe Ehre zu würdigen und würde jede Be⸗ ſtimmung, welche mir die Verpflichtung auferlegte, Ihr Le⸗ ben mit dem meinigen zu vertheidigen, für ehrenvoll halten; welchen Dank würde man mir aber nach der Expedition dafür wiſſen? Wenn auch Ew. Excellenz mich mit den Zeichen Ihrer Achtung ehrt, werde ich doch den Geſchäften fremd bleiben. Ich will nicht für einen Paraſiten gehalten werden, der höchſtens dazu taugt, Ihr Gefolge durch ſeine Witze zu unterhalten. Ich bedarf einer Stellung mit po⸗ ſitiven Verbindlichkeiten, welche mir das Recht giebt, eine Uniform zu tragen. O———,—— ᷣ 8„8en 8⁵ Das iſt nicht möglich, mein Theurer; was ſollte ich mit Ihnen machen? Verwenden Sie mich und Sie werden ſehn! Ich habe Muth, guten Willen, vielleicht einige Talente und ſpreche fließend die Sprache des Landes, nach welchem Sie ſich be⸗ geben. Ich habe Ihnen ganz entſchieden keine Stellung zu geben. In dieſem Falle wünſche ich Ihnen viel Glück und reiſe nach Rom. Mögen Sie nie Reue darüber empfinden. Ich erkläre Ihnen, daß Sie ohne meinen Beiſtand nie durch die Dardanellen kommen werden. Was ſagen Sie da? Iſt das ein Orakel oder eine Prophezeiung. Beides. Wir wollen ſehn, lieber Kalchas. Am folgenden Tage ging das Geſchwader unter Segel. Ich begab mich nach Palermo, wo ich in Geſellſchaft des Paters Streafico dieſe unangenehme Abführung vergaß. Es iſt derſelbe Mönch, der zwei Jahre ſpäter durch einen ebenſo kühnen, wie gefährlichen Schritt ein Bisthum eska⸗ motirte. Beim Leichenbegängniſſe des Paters Ricci, des letzten Superiors der Jeſuiten, wurde Streafico mit der Leichen⸗ predigt beauftragt. Dieſe Rede, eine feurige Lobrede in markigem Style, ſetzte den Papſt Ganganelli, in die Noth⸗ wendigkeit, den Redner zu beſtrafen oder ein ſchönes Bei⸗ ſpiel der Mäßigung zu geben, indem er ihn für ſein redne⸗ riſches Talent belohnte. Der heilige Vater entſchied ſich für das Letztere und Streafico wurde zum Biſchofe ernannt. Er ſelbſt geſtand mir ſpäter, daß er das menſchliche Herz und die politiſchen Nothwendigkeiten der Zeit gekannt und daß er deshalb die Ueberzeugung gehabt, daß ihn der heilige Vater mit dieſer Belohnung ſtrafen würde. Streafico vereinigte alle Abende junge Perſonen von Stande, welche er im Improviſiren übte, und, ſeltſam ge⸗ nug für einen Mönch! er begleitete ihre poetiſche Proſa mit ſeiner Guitarre. Er weihte ſie auch in die Geheimniſſe der rhnr Kunſt ein, welche damals von der berühmten Corinna aus⸗ geübt wurde, die vier Jahre ſpäter auf dem Kapitole ge⸗ krönt wurde, dieſem, von den größten Dichtern Italiens ge⸗ feierten Orte, welche hier ihren ſchönſten Lorbeer empfin⸗ gen. Den Eindruck den dieſe nächtliche Krönung in Rom machte, mußte in den Freudentaumel des weiblichen Lau⸗ reaten einige Bitterkeit miſchen. Die Talente Corinna's, wie bedeutend ſie auch ihrer in Art ſein mochten, waren doch ganz untergeordnet. Die italiäniſchen Improviſatoren, von denen unſere Städte wimmeln, haben eine conventielle und Parade⸗Sprache, welche der wahren Poeſie gleicht, wie das Kupfer dem Golde. Ihre Begeiſterung iſt eine rein künſt⸗ liche; ihre Ideen, wenn ſie zufällig ſolche haben, ſind ge⸗ mein und ſeit langer Zeit allgemeines Eigenthum. Die Verzierungen, mit denen ſie dieſe Ideen ſchmücken, ſind nur Flittern und falſche, Steine. Um auf die Signora Corinna und ihren Triumph zurückzukommen, ſo erhoben ſich von allen Seiten Satiren und burleske Gedichte gegen ſie. In dieſen Ergießungen einer bittren Laune, welche ſelbſt das Privatleben der Frau nicht ſchonten, legte man beſonderes Gewicht darauf, daß die ſtrenge Keuſchheit, welche von ih⸗ rem Geſchlechte gefordert wird, nicht zu ihren Tugenden gehöre. Sie hätte ihren Anfeindern mit größerem Rechte, als dieſe ihr ihr Benehmen vorwarfen, ihre grobe Unwiſſen⸗ heit vorwerfen können. Verdanken nicht ſeit Homers Zei⸗ ten alle Frauen, welche ſich einen Namen in der Poeſie ge⸗ macht haben, ihren Ruf der Liebe, welche ihnen ihre Ge⸗ ſänge eingab! Ohne dieſe fruchtbare Leidenſchaft, ohne die⸗ ſen ſcharfen und zugleich ſüßen Stachel, der unſer Blut in Wallung ſetzt, unſre Nerven erregt, unſre Seele erhebt, in⸗ dem er ſie erwärmt, würde der Ruf dieſer Frauen mit ih⸗ rem Leben erloſchen ſein. Der beſte Theil ihrer Unſterb⸗ lichkeit wurde ihnen durch die Schriften ihrer Anbeter zu Theil. Den Tag vor Korinna's Krönung fand man fol⸗ gende lateiniſche Verſe an der Thür des Tempels angeſchla⸗ gen, in welchem die Vorbereitungen zur Feier getroffen wurden. — — — 87 Arce in Tarpeia, Cajo regnante, sedentem Nunquam vidit equum Roma; videbit equam. Corinnam patres obscura noete- coronant. Quid mirum! Tenebris nox tegit omne nefas.“*) Allerdings hätte man ſie bei Tage oder gar nicht krö⸗ nen ſollen. Die Nacht zu einer ſolchen Feier zu wählen, war eine außerordentliche Ungeſchicklichkeit. Am folgenden Tage er⸗ ſchienen wiederum Verſe, die noch beleidigender, als die erſten waren. Corinnam patres turba plaudente coronant Altricem memores geminis esse lupam. Proh scelus, impii reducunt saecla Neronis. Indulget scortis laurea serta Pius.**) Dieſer Skandal gab der päpſtlichen Regierung einen ſchrecklichen Stoß; es wurde fur Alle offenbar, daß in Zu⸗ kunft kein Dichter, der dieſen Namen verdiene, nach der Ehre, in Rom gekrönt zu werden, ſtreben würde, wo dieſer Ruhm den beiden größten Geiſtern Italiens zu Theil ge⸗ worden(Petrarca und Taſſo). Da ich einmal dabei bin zu citiren, ſo werde ich noch folgende Verſe eitiren, die über die Thüren des Vatikans geſchrieben wurden: Sacra fronde vilis frontem meretricula cingit. Quis vatum tua nunc praemia Phoebe velit.“***) Dieſe beiden ſchlechten lateiniſchen Verſe haben das Verdienſt, daß ſie die Volksſtimmung der Zeit getreu aus⸗ drücken. Um den Skandal aufs Höchſte zu treiben, wurde Co⸗ *) In die tarpejiſche Burg gelangte unter der Regierung des Cajus nie ein Pferd; jetzt wird Rom hier eine Stute ſehn. Corinna krönen die Senatoren in dunkler Nacht. Was iſt daran zu verwundern? Die Dunkelheit bedeckt jede Schande. **) Unter dem Beifall der Menge bekränzen die Senatoren Corinna, eingedenk, daß einſt eine Wölfin die Zwillinge geſäugt. O Schmach! Es kehren die unſaubern Zeiten Nero's wieder. Pius läßt eine Hure krönen. ***) Eine Hürk umgürtet ihre Stirn mit dem heiligen Laube; welcher Dichter möchte wohl nun noch Deinen Lohn, o Phoebus! 88 rinna, als ſie zitternd in den Saal trat, wo das Geleit der Kardinäle und Senatoren ſie erwartete, von einem jungen Senator ein Papier zugeſteckt. Sie empfing es erröthend und mit großen Dankſagungen, wie eine ihrem Triumphe dargebrachte Huldigung. Die Verſe waren wieder lateiniſch und der Kardinal Gonzaga überſetzte ſie ihr laut und ver⸗ nehmlich. Ich will meine Leſer mit dem Original verſcho⸗ nen; man wird ſich mit der Ueberſetzung begnügen. „Weib, warum dieſe Bläſſe auf Deinen Wangen? Vor Schrecken ſchwanken Deine Schritte. Warum zitterteſt Du, als Du das Kapitol betratſt? Die Töchter des Helikon klatſchen zu Deinem Triumphe in die Hände; wenn Apollo ſich nicht einſtellt, ſo kannſt Du ſagen: Priap komm mir zu Hülfe!“ Der unverſchämte und unkluge Abbé war vor dem Vorleſen ſeines galanten Schreibens verſchwunden. Corinna, welche roth vor Schaam wurde, verließ Rom ſogleich nach der Ceremonie, und der heilige Wächter der göttlichen Arcaden, der Abbé Pizzi, der die Zielſcheibe des Spottes und Sar⸗ casmus wurde, ſchloß ſich in ſeinem Hauſe ein, welches er mehrere Monate nicht verließ. Auf meiner Reiſe von Parma nach Rom begegnete mir ein Abenteuer, welches erzählt zu werden verdient. In dem gemäß dem Gebrauche zwiſchen mir und meinem Fuhr⸗ manne abgeſchloſſenen Kontrakte war ausgemacht worden, daß er ohne meine Einwilligung den zweiten Platz im Wa⸗ gen nicht beſetzen dürfe. Als wir aufbrechen wollten, bat er mich um die Erlaubniß mir einen Reiſegefährten geben zu dürfen. Ich habe Dir geſagt, daß ich allein ſein wollte. Ew. Herrlichkeit wird auf dieſe Weiſe wenigſtens drei Dukaten ſparen. Meine Herrlichkeit rechnet nicht wie Du. O Signor, Sie thun ſehr Unrecht. Weshalb? Perche! Weil es nicht ein Reiſegefährte, ſondern eine Aeiſegeführtin iſt, ſchön wie die Jungfrau des Campo⸗ anto. = 89 Mir wäſſerte der Mund. Du nimmſt alſo großen Antheil an dieſer Dame? Per Dio! Sie iſt ſo ſchön! Iſt ſie allein? Ja und nein. Ein junger Mann begleitet ſie, iſt aber zu Pferde. Er wird dem Wagen folgen. In was für einer Equipage ſind ſie angekommen? Beide zu Pferde; aber die Signora iſt todtmüde. Sie hat ſich zu Bett gelegt und will nur in einem Wagen die Reiſe fortſetzen. Der Kavalier hat mir vier Zechinen ver⸗ ſprochen, wenn ich ihr einen Platz in meinem Wagen geben wolle. Signor, ſind Sie Katholik? Weshalb dieſe Frage? Dann haben Sie einen Schutzheiligen und ich werde zu demſelben beten, daß er Ihnen befiehlt, die Dame auf⸗ zunehmen. a Laß meinen Schutzheiligen in Ruhe und höre mich an. Der Kavalier wird uns zu Pferde begleiten und es verſteht ſich, daß er keinen Platz beanſprucht; ſodann übernimmſt Du die Verpflichtung, daß die Dame jung und ſchön ſei. Haſt Du ſie geſehn? Ich müßte lügen, wenn ich Ja ſagen wollte; aber der Kavalier iſt ſchön und er hat zu mir geſagt, ſie ſei ſchön. Er hat es italiäniſch geſagt, und es iſt dies das einzige Wort unſrer Sprache, welches er verſteht, denn er iſt ein Fremder. Ich verſtehe mich zu nichts eher, als bis ich beide ge⸗ ſehn. Wo iſt übrigens Ihr Gepäck? In einem kleinen Koffer, der ſich leicht hinten aufpacken läßt. Und wo iſt das Pferd, mit welchem die Dame gekom⸗ men iſt? Der Herr hat es verkauft. Das ſcheint mir nicht in Ordnung. Da iſt er; ſprechen Sie ſelbſt mit ihm. Im ſelben Augenblicke ſehe ich einen jungen Franzoſen von hübſcher Perſönlichkeit erſcheinen; er trug ein Offizier⸗ Koſtüm. Er beſtätigte, was der Fuhrmann geſagt und 90 fügte hinzu, ich ſei gewiß zu galant, um ſeiner Frau einen Platz zu verſagen. Ihre Frau! ſagte ich franzöſiſch. Sie ſind Franzoſe, mein Herr? entgegnete er. Ja, meine Frau, eine Engländerin von Geburt, ſehr ſchön und ſehr reich, die Ihnen gewiß nicht läſtig fallen wird. Ich würde mich glücklich ſchätzen, Ihnen dieſen kleinen Dienſt leiſten zu können; indeß möchte ich meine Abreiſe nicht verſchieben. Ich bitte Sie nur um die Zeit zum Ankleiden. Ich bin gefälliger. Ihre Frau Gemahlin iſt erſchöpft; möge ſie dieſe Nacht ruhn, und morgen früh um fünf Uhr wollen wir abreiſen. Am folgenden Tage machten wir uns zur angegebenen Zeit auf den Weg. Die Fremde war blond, jung, hübſch, elegant und nach engliſcher Mode gekleidet: ſie trug ein weißes Kleid, einen grünen Spenzer und einen Hut mit einem Schleier. Ihr Buſen, der kaum mit einem dünnen Gazeſchleier bedeckt war, ſchien mir ganz jungfräuliche For⸗ men zu haben. Ihre Haltung und ihr Benehmen waren beſcheiden. Meine Phantaſie kam bald in Thätigkeit; ich ſah mich in ein neues Abenteuer verwickelt, deſſen verſchie⸗ dene Kriſen ich in Folge meiner langen Gewohnheit vorher⸗ beſtimmen zu können glaubte. Ich hatte allerdings fünf⸗ undvierzig Jahre auf den Schultern, aber dieſe Betrachtung ſtellt man unter ſolchen Umſtänden zuletzt an; ich hatte auch zweihundert Zechinen in der Taſche, die nicht wenig zu meiner Verblendung beitrugen, denn das Gold iſt ein Mittel, welches die Kräfte verdoppelt und ein Prisma, wel⸗ ches die Illuſionen verzehnfacht. Das ſchöne Geſchlecht liebte ich mit gewiſſen Beſchränkungen noch immer; da aber meine Erfahrung ſo ziemlich vollendet war, ſo hatte ſich mein Feuer etwas abgekühlt und ich fühlte wenig Neigung zu kühnen Unternehmungen. Was mich am empfindlichſten berührte, war mein Aeußeres, das mich in die achtungs⸗ werthe Klaſſe der Familienväter verwies. Die verſchiednen Stufenleitern dieſes a parte ſtieg ich raſchen Schrittes auf und nieder, als ich ſie hier niederſchreibe; drei Minuten ge⸗ en 2——— n—— C PNuun—2 u —,— — 91 nügten mir, um die Stärke und die Schwäche meiner Stel⸗ lung in Bezug auf meine erotiſchen Abſichten ins Auge zu faſſen. Das Wunderbare dabei war, daß es mir gar nicht einfiel, den jungen Franzoſen zum Vergleichungspunkt zu machen. Seine Eigenſchaft als Mann, die mir unbeſtreit⸗ bar ſchien, gab ihm eine ganz beſondre Stellung; meine Junggeſellenſchaft gab mir in meinen Augen einen unbe⸗ ſtreitbaren Vortheil über ihn und ſchien mir geeignet, den Unterſchied von einigen zwanzig Jahren, die uns trennten, zu verwiſchen. So macht es die Phantaſie, welche in den Tag hinein Träume ausſinnt, die das Glück und die Ge⸗ legenheit oft in Wirklichkeit verwandeln. Unterdeß fuhren wir weiter, und meine Gefährtin be⸗ obachtete das tiefſte Schweigen. Ich unterbrach es durch folgende Frage in einem nicht ſehr höflichen Tone: Ich hoffe, Madame, daß Sie franzöſiſch ſprechen? Ja, mein Herr, ein wenig; auch italiäniſch. Dann freue ich mich unſers Zuſammentreffens. Vielleicht habe ich dazu mehr Grund als Sie? Ich ließ eine ungeheuer einfältige Entgegnung los. Weshalb, Madame? 3 Sie lächelte und ſagte: Weil ſichs beſſer in einem Wa⸗ gen als zu Pferde ſitzt. Das iſt richtig. Warum reiten aber Sie, die ſo jung und zart ſind, ein ſchlechtes Pferd? Es iſt eine Thorheit, die ich nicht mehr begehn werde. Meiner Anſicht nach hätte Ihr Mann Ihr Pferd verkaufen und für Sie beide einen bequemen Wagen anſchaffen können. Er kann es nicht veräußern, denn es iſt ein Mieths⸗ pferd. Er wird es in Rom laſſen. Nach dieſer Antwort bekam ich keine hohe Meinung von den pekuniären Mitteln des jungen Grafen, der viel⸗ leicht nach Rom reiſte, um den Gaul dorthin zu bringen. Gedenken Sie ſich in Rom aufzuhalten? Wir gehn nach Neapel. Ich ſehe, daß Sie gern reiſen. „ Außerordentlich gern, aber ich möchte gern bequem reiſen. 9² Wir hielten einen Augenblick in Buon⸗Convento an. Der Gemahl meiner jungen Engländerin, welche Betty hieß, ſollte uns hier erwarten. Aber der Wirth ſagte uns, er ſei vor einer halben Stunde weggeritten, nachdem er eine Flaſche Wein getrunken. Er ſetzte hinzu, der Kavalier habe die Reiſe fortgeſetzt und ihn beauftragt, uns zu ſagen, er werde uns in San⸗Quirico erwarten und dort ein gutes Abendeſſen beſtellen. Dies Benehmen ſchien mir etwas leicht⸗ fertig; indeß ließ ich mir nichts davon merken. Als ich in den Wirthsſaal trat, rief der Wirth: Wer bezahlt die Verzehrung? Ich bezahle die meinige, entgegnete ich. Miß Betty wendete ſich nun zum Fuhrmann und bat ihn, während der Reiſe für ſie auszulegen. Dieſer bewies ihr aber durch den Wortlaut eines vom Grafen de l'Etoile unterzeichneten Kontraktes, daß er dazu nicht verpflich⸗ tet ſei. Die junge Engländerin wurde ſehr roth. Ich beſtellte ein Mittagseſſen für zwei Perſonen. Als wir aufbrechen wollten, brachte mir der Wirth ſeine Rechnung. Außer unſerm Mittagseſſen waren auch zwei Paolis für Erfriſchun⸗ gen des Grafen aufgeführt. Das klärte mich vollends auf. Ich bezahlte für den Kavalier und die Engländerin erröthete wiederum. Wir langten um ſechs Uhr in San⸗Quirico an. Der Graf de l Etoile hatte in der That ein gutes Abendeſſen beſtellt. Das Mahl war traurig; meine beiden Tiſchgenoſſen ſprachen kein Wort mit einander. Am folgenden Tage früh wurde ich durch Geſchrei und Flüche geweckt. Ich öffne das Fenſter und erblicke den Grafen im Handgemenge mit dem Fuhrmanne, der ihn nicht mit ſeinem Pferde weglaſſen woollte. Ich errieth die Urſache des Lärms nicht, fand es aber ſonderbar, daß Betty's Gemahl ausrückte, ohne uns etwas davon zu ſagen. Aus den Schimpfreden, welche die beiden mit einander wechſelten, ſah ich, daß der Fuhrmann Geld haben wollte, und daß der Graf keinen Pfennig hatte. Ich gehe hinun⸗ ter, und er bittet mich, ihm zwei Zechinen zu leihn, die er 93 3 mir in Rom wiedergeben wollte. Der Zufall, ſagte er, 9 V fügt es, daß ich ohne Geld bin. Dieſer Schurke lief in⸗ 3, deß keine Gefahr, denn er hat meinen Koffer als Bürgſchaft. e. Eine ſchöne Bürgſchaft! erwiederte der Fuhrmann, das Schloß, welches nicht feſt war, iſt aufgeſprungen, und ich habe in dem Koffer nichts als ein Paar alte Kamaſchen 3 und ein Dutzend Steine geſehen. Das ſind Proben, ſagte der Graf de l'Etoile. Proben von Steinen!* Der Fuhrmann zuckte die Achſeln. Ich beſänftigte ihn, indem ich ihm die zwei Zechinen gab. Während deſſen hatte ſich der Graf aufs Pferd geſetzt und war davon geſprengt. Als ich wieder zu Betty kam, fand ich ſie in Thränen . zerfließend. Beruhigen Sie ſich, meine Theure, ſagte ich, und verbergen Sie mir nicht länger die Wahrheit. Unter dieſer Bedingung verſpreche ich Ihnen für alle Ihre Be⸗ — dürfniſſe zu ſorgen und Sie nach Rom zu bringen. Wie ſoll ich Ihnen meine Dankbarkeit zu erkennen geben? Inndem Sie mir aufrichtig ſagen, ob der Graf Ihr Mann iſt oder nicht. Er ſoll mich in Rom heirathen. Er wird Sie nicht heirathen, und ich wünſche Ihnen Glück dazu. Wahrſcheinlich hat er Sie verführt und ent⸗ führt und verläßt Sie nun. Das iſt unmöglich. Welche Abſcheulichkeit! Er hat Ihnen geſagt, er ſei reich, Graf, werde Sie glücklich machen und hundert andre Redensarten; aber Alles ſind Lügen. Wer ſagt Ihnen das? r Meine Menſchenkenntniß. Glauben Sie mir, der an⸗ gebliche Graf iſt ein leichtſinniger Menſch, ohne Zweifel ein Elender, der Sie vielleicht heirathet, aber nur um Ihre Perſon zu verkaufen. Sie verläumden ihn, mein Herr. Er liebt mich, ich bin davon überzeugt; er hat es mir zugeſchworen. Er liebt Sie, armes Kind! Er liebt Sie und läßt Sie ohne Geld und ohne Mittel; er ſetzt Sie allen Ge⸗ N ☛ ☛ - u—2 4 —————8———: 94 fahren aus. Was ſollte aus Ihnen werden, wenn ich der Mann wäre, mir Ihre mißliche Lage zu Nutzen zu machen? Die arme Kleine antwortete mir mit neuen Thränen. Betty, fuhr ich fort, ich verlange noch ein andres Ge⸗ ſtändniß. Wen haben Sie in Livorno verlaſſen, einen Va⸗ ter oder einen Bruder? Die Kleine antwortete mit neuen Thränen. Leider keinen von beiden, ſondern einen Liebhaber, einen ehrlichen Kaufmann von Ihrem Alter und Ihrem Aeußern. Er mußte Livorno in Handelsgeſchäften verlaſſen und wollte heute zurück ſein. Während ſeiner Abweſenheit hatte er mich einem Freunde übergeben und das Haus dieſes Freun⸗ des habe ich verlaſſen, um dem Grafen zu folgen. Betty, Sie ſtehn am Rande eines Abgrundes, der Entſchluß, den Sie jetzt faſſen, muß über Ihr Schickſal entſcheiden. Sehen Sie jetzt ein, daß Sie betrogen worden? Leider ja; aber was ſoll ich thun? O, ſtehn Sie mir mit Ihrem Rathe bei. Ich liebe und ehre Sie wie einen Vater. 1 Dieſe kindlichen Worte würden mir am vorigen Tage mißfallen haben, wo ich noch keine väterlichen Abſichten hatte; indem ich aber das Wort Vater ſo oft wiederholen hörte, machte ich mir den Geiſt und die Sprache meiner neuen Rolle zu eigen. Betty, glauben Sie, daß Ihr Freund in Livorno Ihnen verzeihen wird? Er iſt ſo gut. g So werde ich Sie nach dieſer Stadt bringen. Sogleich laſſe ich umkehren. Als wir in Buon⸗ Convento angekommen waren, ſagte ich zur Engländerin, ſte möge an ihren Beſchützer einen reuigen Brief ſchreiben, und ihn von ihrer Ankunft in Kenntniß ſetzen. Sie ſchrieb noch an ihrem Brief, als ſich auf der Treppe lauter Lärm erhob. Die Thüre ward mit Gewalt geöffnet, und ein wüͤthender Mann ſtürzt mit der Piſtole auf Betty los. Schnell wie der Blitz werfe ich mich auf den Unbekannten, der eben losſchießen will. Nun wendet ſich ſeine Wuth gegen mich; aber ich halte ihn feſt und werfe ihn nieder, — ———8—28ᷣ-ℛ 95 während Betty ihm zuruft, er irre ſich, der Schuldige, den er ſuche, ſei auf der Flucht und ich ſei ihr Befreier. Durch den Brief wird Alles aufgeklärt, und der Unbekannte fällt mir um den Hals und verzeiht ſeiner Maitreſſe. Wir blie⸗ ben den Reſt des Tages zuſammen, und der ehrliche Kauf⸗ mann wollte mir meine Auslagen für Betty erſtatten. Ich nahm dies gern an, denn ich freute mich, daß ich eine gute Handlung gethan, die mir beinahe theuer zu ſtehn gekommen wäre. 1 Einhundertſechszehutes Kapitel. Goudar in Neapel.— Der Kardinal von Bernis.— Die Fürſtin von Santa-Croce.— Mledini. Ich kinde Manucri wieder.— Manirucrio und ſeine Schyeſter. — Armelline und Emilie. Ich hatte mir vorgenommen, einige Tage in Rom zu bleiben; als ich aber erfuhr, daß mein Bruder der Abbé hier ſei, reiſte ich ſogleich nach Neapel. Die erſte Perſon, der ich in Neapel begegnete, war der Chevalier Goudar, den ich in London bei Lord Bal⸗ timore kennen gelernt. Goudar hatte ſich ſeit langer Zeit in Neapel niedergelaſſen und wohnte in einem ſehr ſchönen Hauſe am Pauſilipp. Er hatte ſeine frühere Maitreſſe ge⸗ heirathet, die Irländerin Sarah, welche Wirthshausmagd geweſen war, eine hübſche Perſon, die ich genau kannte. Sarah Goudar war vollſtändig umgewandelt: gemeſ⸗ ſenes Weſen, ungezwungenes Benehmen, Anzug einer vor⸗ nehmen ataliäniſchen Dame; es machte mir einige Mühe, ſie wiederzuerkennen. Sle empfing mich höflich und kalt. Goudar lud mich zum Eſſen ein. Es war für dreißig Per⸗ ſonen gedeckt, und die Gäſte waren ſämmtlich vornehme 96 Fremde. Auf dieſem Bankett, welchem Madame Sarah Goudar präſidirte, waren, wie ich glaube, alle europäiſchen Orden vertreten. Das Seltſame war, daß dieſer hohe Adel zu Goudar kam, und daß ſeine Frau nirgends hinging. Der alte Roué weihte mich in das Geheimniß ein; er geſtand mir, daß er nur vom Spiele lebe; ſein Vermögen hatte das Pharao und Biribi zur Grundlage.— Wenn ich nach Deiner Lebensweiſe urtheilen darf, ſagte ich, ſo ſind Deine Ge⸗ winnſte bedeutend.— Tritt bei, entgegnete er, und Du wirſt ſehn! Ich nahm ſein Anerbieten an, welches meiner Börſe eine ſehr nöthige Aufhülfe verſprach. Am ſelben Abende betheiligte ich mich ſehr ſtark bei Goudars Bank. Es wurde hoch geſpielt; ſechshundert Unzen ſtanden auf dem Spiele. Um ein Uhr Morgens wurde die Bank in Foolge eines Betrugs geſprengt, denn der Gewinner war der Graf Medini, ein ausgemachter Gauner. Als ich mich mit oudar und Medini allein ſah, erklärte ich dem Erſtern, daß ich die Ruͤckerſtattung meines zum Spiele hergegebenen Geldes verlange. Goudar ſagt zu Medini er möge das Geld herausrücken, aber dieſer lacht ihm ins Geſicht. Brin⸗ gen Sie die Sache in Ordnung, ſagte ich zu Goudar; ich brauche mein Geld, und wenn ich es nicht erhalte, erkläre ich Ihnen einen Krieg auf Tod und Leben. Als ich weg⸗ gehn will, ruft Sarah mich zurück und ſagt: Mein Mann hat Unrecht; dieſer Medini iſt ein Gauner. Haben Sie Geduld; heute iſt er ausgebeutelt, aber wir erwarten ein⸗ gehende Gelder, und er wird Sie befriedigen. Das einzige Mittel mich zu befriedigen, beſteht darin, daß Sie mich auf der Stelle bezahlen; wo nicht, werde ich nie wieder einen Fuß in Ihr Haus ſetzen, welches ich als eine Räuberhöhle betrachte. Sarah zieht ſogleich einen prächtigen Ring vom Fin⸗ ger, welcher doppelt ſo viel werth ſein mochte wie meine Forderung und bietet ihn mir als Unterpfand an. Ich nehme das Kleinod, mache mein Kompliment und gehe ab. Zu den alten Bekanntſchaften, die ich in Neapel er⸗ neuerte, muß ich auch die Turiner Tänzerin Agathe, früher meine Maitreſſe, rechnen. Ein alter Advokat hatte ſich in 97 ſie verliebt und ſie geheirathet. Ich ging zu dieſem ehr⸗ lichen Manne und bar ihn, mir einen Pfandleiher nachzu⸗ weiſen, der mir auf Sarahs Ring zweihundert Unzen geben wolle. Der Advokat zahlte ſie mir ſogleich aus und ſchrieb an Goudar, um ihn von dieſer Abkunft in Kenntniß zu ſetzen. Als ich in meinen Gaſthof zurückkam, bemerkte ich neue Geſichter, die mir bekannt waren: Lord Hamilton und Miß Chodeleigh, die Herzogin von Kingſton geworden war Nach dem Eſſen ſpielte man. Das Gluͤck war gegen mich, ich verlor. Am folgenden Tage gab der Fürſt von Fran⸗ cavilla, ein reicher ſpaniſcher Edelmann, der ſich in Nea⸗ pel niedergelaſſen hatte, allen bedeutenden Fremden ein glän⸗ zendes Feſt. Er war ein unverwüſtlicher Epikuräer voll Geiſt, Anmuth und Unverſchämtheit; ſeine freigebige Laune verſchaffte ihm trotz dieſes großen Fehlers viele Freundde 4. Er hatte am Meeresufer prächtige Bäder erbauen laſenä. Er gaͤb uns das Schauſpiel eines Schwimmwettkampfes, aneg ührt von ſeinen Pagen, ſchönen Jünglingen von fünf⸗ zehn his achtzehn Jahren, welche ihre Uebungen unter den Augen der Damen machten. Ich weiß nicht, ob die eroti⸗ ſchen Paarungen, die ſie im Waſſer nachmachten, zu dem vom Fürſten gegebenen Programme gehörten; aber ich weiß⸗ daß die Damen viel Gefallen daran fanden. Francavilla hatte am ſpaniſchen Hofe in großer Gunſt geſtanden, aber der König hatte ihn aus Rückſicht auf die Moral und da⸗ mit das Beiſpiel des Günſtlings den Prinzen von Aſturien nicht verderbe, nach Neapel geſchickt. Vier Tage lang folgten Feſte, Conzerte, nautiſche Auf⸗ führungen u. ſ. w. auf einander. Zu meinem Mißvergnü⸗ gen erblickte ich den Grafen Medini unter den Neueinge⸗ ladenen. Wir grüßten uns kaum. Ein gewiſſer Rosbury, welcher Medini als Spieler von Gewerbe kannte, ſchlug ihm am Abend vor, die Pharaobank zu halten. Dieſer ent⸗ ſchuldigte ſich mit ſeinem Mangel an Geld. Nun übernahm ich die Bank. Ich ſchüttete meine Börſe auf dem Tiſche aus; ſie enthielt mein ganzes Vermögen, ungefähr zwei⸗ XVII. 98 hundert Unzen; ich zog bis zwei Uhr Morgens ab. Mit Ausnahme Rosbury's, der ſtatt mit Gold mit engliſchen Banknoten pointirte, gewannen alle Pointirenden mehr oder weniger. Nach Beendigung des Spiels dankten mir Alle für meine Gefälligkeit, und ich zog mit einem Gwinnſte von fünfhundert Pfund Sterling ab. Am folgenden Tage war ich wieder in Neapel, wo ein junger Menſch zu mir kam, der ſich unter dem Namen Joſeph melden ließ. Es war der Sohn von Madame Cornelis. Wer hat Sie nach Neapel gebracht? Ich reiſe allein; meine Mutter hat mir die Mittel dazu gegeben. Ich habe ganz Italien durchreiſt und will auf der Rückreiſe die Schweiz, Deutſchland und die Niederlande beſuchen. Wiiee viel Zeit brauchen Sie zu dieſer großen Reiſe? Ein Vierteljahr. Das nennen Sie reiſen? Ohne Zweifel. Ich beſichtige alle Städte, eine wie die andre. Ich bin zwei Tage in Mailand geweſen, einen Tag und eine Nacht in Venedig; ich bin einen ganzen Mo⸗ nat in Florenz und zwölf Stunden in Rom geblieben. Ich hoffe, meine Mutter wird die Ueberzeugung gewinnen, daß ich mein Geld nicht vergeblich ausgegeben habe. Wie viel hat ſie Ihnen mitgegeben? Hundert Pfund Sterling.* Joſeph war damals zweiundzwanzig Jahre alt; er war ſo dünn und niedlich, daß man ihn für ein Mädchen hätte halten können. Alle meine Bemühungen, ihn länger in Neapel zurückzuhalten, waren vergeblich. Seine Mutter hatte ihm ein Programm entworfen, von welchem er nicht abging; ſie hatte die Stationen, die Zeit des Aufenthalts und die Ausgabe beſtimmt und der junge Mann richtete ſich danach mit muſterhafter Redlichkeit und Dummheit. Goudar, der nach dem franzöſiſchen Ausdrucke den Teufel beim Schwanze faßte, kam eines Morgens zu mir und rief mir entgegen, er habe eine vortreffliche Entdeckung ——— 99 gemacht und wenn ich mich dazu hergeben wolle, ſei mein und ſein Glück gemacht. Theurer Goudar, ich bin in einem Alter, wo die Leicht⸗ gläubigkeit aufhört. Ich wette, daß Ihre Entdeckung keine iſt. Sie ſind acht Tage beim Fürſten Francavilla geweſen? Dadurch werden Sie nicht reicher. Sie haben es gewiß nicht verſäumt, glänzende Bekannt⸗ ſchaft anzuknüpfen, denn der Palaſt des Fürſten eröffnet ſich nur den vornehmſten Fremden.. Herr Goudar, ich verſtehe Sie nicht. Die Sache iſt doch klar. Die Fremden ſind reich. Das ſteht feſt!. Sie ſpielen. Ich vermuthe es. 8 Alſo! 3 Alſo! Iſt das Ihre ganze Entdeckung. In dieſem Falle nehme ich ein Vorrecht für mich in Anſpruch. Meine Idee iſt ſehr einfach; Sie laden ſie zu ſich ein. Das Eſſen wird viel Geld koſten. Wir halten zuſammen Bank. Das leide ich nicht. Ich lade die Herren ein, und Sie machen Bekanntſchaft mit Ihnen, wenn Sie Luſt dazu haben; aber bei mir wird nicht geſpielt. Goudar, der Alles übernahm, trug meine Einladungs⸗ ſchreiben aus. Ich hatte zahlreiche Geſellſchaft. Was mir mißſiel, war, daß Goudar Medini mitbrachte. Gegen Ende des Abendeſſens lud Goudar alle meine Gäſte für den fol⸗ genden Tag zu ſich in Pauſilippo ein. Um die Fremden zu blenden, hatte er ſichs ungeheuer viel Geld koſten laſſen. Um zehn Uhr nahm Medini mit Karten vor einem Tiſche Platz; aber Niemand pointirte. Man erklärte ihm ein⸗ ſtimmig, man würde nur dann ſpielen, wenn Madame Goudar oder ich die Bank hielten. Nun ſchob ich das von ihm eingeſetzte Geld weg und ließ nur Goudars An⸗ theil auf dem Teppich. Ich legte 200 Unzen für meine Rechnung. Nach Verlauf einer Stunde war die Bank ge⸗ ſprengt. Goudar und ich waren völlig ausgebeutelt. 7* 2* 100 Das ſind die Folgen Ihrer Entdeckung, ſagte ich. Ich weiß nicht, wie ich mich ohne ein Mittel, das beſſer als Goudars Entdeckung war, aus dieſer übeln Lage herausgezogen haben würde. Als ich zum ſechstenmale Agathe beſuchte, hatte ſie mir mit der möglichſten Scho⸗ nung zu verſtehn gegeben, wie angenehm es ihrem Manne und ihr ſein würde, wenn ich die Diamanten, die ich ihr einſt in Turin gegeben, zurücknehmen wolle. Das Aner⸗ bieten war verführeriſch; dennoch hatte ich es auf der Stelle verworfen. Die Nothwendigkeit führte mich mit andern Abſichten zu Agathen; ich theilte ihr mein Mißgeſchick mit und verhehlte ihr nicht, daß ich ihr Anerbieten ſehr dankbar annehmen würde. Ich erklärte ihr zugleich, daß eine runde umure mir mehr nützen würde als ihre Diamanten. Augenblicklich zahlte ihr Mann mir 3000 Dukaten aus. Zwei Tage darauf gab Medini bei Goudars ein Mittags⸗ eſſen, zu welchem ich auch eingeladen wurde. Ich ging nur ungern hin. Es war ein Spieltiſch in Stand geſetzt und mechaniſch faßte ich die Karten an, als Medini ſich zu ſagen erlaubte, die Spieler würden zu ſchlechte Ausſichten haben, wenn ich Bank hielte. Ohne ein Wort zu ſagen, ſtand ich auf, nahm meinen Hut und ging ans Meer. Beim Weggehn befahl ich einem Lakaien, ſeinem Herrn zu ſagen, daß ich eine kurze Erklärung wür iſche und daß er augen⸗ blicklich kommen möge, ohne die Geſellſchaft etwas merken zu laſſen. Unverzüglich erſcheint Medini mit entblößtem Haupte und einem Degen unter dem Arm. Mein Herr, ſagte ich, Sie haben mich auf eine gröb⸗ liche Weiſe beleidigt. Ich könnte ſagen, daß dies nicht meine Abſicht geweſen; acber ich werde es nicht ſagen, weil ich Ihnen dadurch das Recht geben würde, meinen Muth zu bezweifeln. Ich werde Sie für einen Mann von Herz halten, ver⸗ ſetzte ich, wenn Sie die Erklärung, die Sie vor Kurzem abgegeben, unverändert wiederholen. Sehr gut; aber unter der Bedingung, daß Sie ſchwö⸗ ren, daß Sie an der mir vor drei Tagen bei Goudar an⸗ gethanen Beſchimpfung unbetheiligt ſind. 101 Sehen Sie ſich vor, mein Herr; hiernach könnte ich das glauben, daß Sie wirklich die Abſicht gehabt haben, mich age zu beleidigen. tale Ja, und ich habe nur Repreſſalien gebraucht. ho⸗ Bei dieſen Worten zog ich meinen Degen um ſo ſchnel⸗ nne ler, als der ſeinige ohne Scheide war. Mein zweiter Stoß, ihr der mir noch nie mißlungen war, verfehlte auch hier ſeine ꝛer⸗ Wirkung nicht; Medini wurde der Arm in der Höhe der telle Bruſt durchſtoßen. ern Ich ging ſogleich nach Hauſe, und um vier Uhr Mor⸗ mit gens war ich auf dem Wege nach Salerno, wo, wie ich 6 bar wußte, eine meiner älteſten Bekanntſchaften, Donna Lu⸗ imnde crezia Caſtelli wohnte. Der Leſer wird ſich vielleicht er⸗ ten. innern, daß ich ſie dem Bruder des Abbé Galiani anve 7 lus. traut hatte. Ihre, oder vielmehr unſere Tochter war die Manß gs-⸗ quiſe C... Donna Lucrezia warf ſich gerührt in meine nur Arme. Sie war ſo ziemlich in meinem Alter; aber maß 4 und hätte ſie für zehn Jahre jünger halten können. Ich fand zu ſie noch ſehr appetitlich. Leonilda, ſagte ſie, iſt bei ihrem Ge⸗ hten mahle, der Dich kennen zu lernen wünſcht. gen, Wer hat denn mit ihm von mir geſprochen? Zeim Wer? Zunächſt ich und ſodann auch unſre theure gen, Tochtern Er weiß, daß Du ihr 25000 Livres zu ihrer gen⸗ Verheirathung gegeben. rken Beeilen wir uns; ich vergehe vor Ungeduld, die theuern Stem Kinder zu ſehn. Iſt ſie Mutter? Leider nein. röb⸗ Doch iſt ſie ſchon ſeit fünf Jahren verheirathet. Woran denkt denn ihr Mann? ſen; Sein Anblick wird Dir Alles ſagen. Ohne Zweifel das iſt Leonilda nicht zu beklagen, da der Marquis ihr ein Witthum von 80000 Dukaten ausgeſetzt; aber für eine ver⸗ junge Frau iſt ihr Loos ein ſehr trauriges. rzem Meine Leonilda war damals fünfundzwanzig Jahre alt. Ich empfand über ihre wahrhaft blendende Schönheit hwö⸗ eine väterliche Rührung. Bei ihr war ein kahlköpfiger an⸗ Greis, der auf einem Sopha lag und einen Gichtanfall hatte; das war ihr Mann. Der gute Marquis wollte mich 102 in ſeine Arme drücken und lud mich ein, ſeine ehrwürdigen Wangen zu küſſen. Sicher konnte er für meinen Groß⸗ vater gelten, und er war mein Schwiegerſohn! Ich begriff nun wohl, weshalb ich hier, außer einer Witwenſchaft oder Hahnreiſchaft jede Hoffnung auf Nachkommenſchaft aufgeben mußte. Leonilda war indeß ebenſo tugendhaft als ſchön. Der Koch des Marquis verſtand ſein Handwerk vortreff⸗ lich, und ich wurde die acht Tage, welche ich dieſen Familienfreu⸗ den widmete, ausgezeichnet bewirthet. Als ich ſie verließ⸗ nahm mich mein Schwiegerſohn bei der Hand und ſagte: Sie ſind zu großmüthig gegen Leonilda geweſen, denn ich weiß, daß Sie nicht reich ſind; nehmen Sie alſo die 25000 Livres zurück als einen ſchwachen Beweis ihrer An⸗ hänglichkeit und meiner Achtung. Das Zartgefühl hat Ihrer Tochter nicht geſtattet, Ihnen ſelbſt das Anerbieten zu machen. Aus ihrer Hand hätte ich es nicht angenommen; aber aus der Ihrigen nehme ich es. Ich weiß nicht, wer zufriedner war, der Verpflichtende oder der Verpflichtete. Die beiden Frauen umarmten mich daß ich beinahe erſtickt wäre; ich riß mich voll ſüßer Rüh⸗ rung aus ihren Armen. Neapel war während meines viermonatlichen Aufent⸗ halts zu verſchiedenen Zeiten der Schauplatz meines glän⸗ zenden Glücks geweſen. Wenn ich es mir jetzt einfallen laſſen wollte, noch einmal dahin zu gehn, würde ich wahr⸗ ſcheinlich Hungers ſterben. Grauſames Glück, Du verläßt das Alter. Ich ging nach Rom mit dem Entſchluſſe ein halbes Jahr hier ruhig zu verleben und mich nur noch mit litera⸗ raſchen Arbeiten zu beſchäftigen. Gleich nach meiner An⸗ kunft miethete ich eine kleine Wohnung gegenüber dem Pa⸗ laſte des ſpaniſchen Geſandten, dieſelbe, welche vor achtund⸗ zwanzig Jahren der Sprachlehrer inne hatte, der mir für Rechnung des Kardinals Acquaviva Unterricht gab. Meine Wirthin hatte eine ſechszehnjährige Tochter, die nicht unangenehm geweſen ſein wurde, wenn ihr Geſicht nicht zu erſichtliche Spuren der Verwüſtungen der Pocken f ͤ.H„—& ,o SSB 103 getragen hätte. Dieſe ſchreckliche Krankheit hatte ſie eines Auges beraubt, welches ſie durch ein nachgemachtes erſetzte und dadurch wurde ſie noch mehr entſtellt. Ich führte das arme Mädchen zu einem gewiſſen Taylor, einem Engliſchen Chirurgus, der mir befreundet war; für ſechs Zechinen machte er ihr ein porzellanenes Auge, und dieſen Akt des Wohlwollens betrachtete die kleine Margaretha als eine Lie⸗ beserklärung. K Da ich 3000 Zechinen beſaß und außerdem einen Kre⸗ dit beim Bankier Belloni hatte, ſo konnte ich in Rom mit dem Scheine der Wohlhabenheit leben. Ich hatte Empfeh⸗ lung an Erizzo, Venetianiſchen Geſandten beim Papſte und an die Herzogin von Fiano, Schweſter dieſes Diplomaten. Dieſe Verbindungen verſchafften mir andre, ſo daß ich mich mit Hülfe meiner Bekanntſchaften dem Kardinal Bernis, meinem alten Beſchützer, nähern zu können hoffte. Alle Abende war bei der Herzogin von Fiano Abend⸗ eſſen. Ihr Gemahl erſchien nie dabei, ſei es nun aus Ab⸗ neigung gegen ſolche Geſellſchaften, ſei es aus einem andern Grunde; die Herzogin war nicht ſchön, aber anmuthig und gebildet; nur beeinträchtigte ſie dieſe Vorzüge durch Affek⸗ tation. Der Fürſt Ottoboni hatte ſich nur, um einen Er⸗ ben zu bekommen, verheirathet; aber er war, was die Ita⸗ liäner babilano nennen. Die liebe Dame theilte mir dies ſelbſt mit, und ſetzte hinzu, um dem Wunſche des Fürſten zu genügen, ſei ſie mit dem größten Eifer an die Arbeit gegangen und habe ſich keinen Vorwurf zu machen. Ihr vertrauter Freund war der Fürſt von Santa⸗Croce, deſſen Frau mit unumſchränkter Gewalt über das Herz des Kar⸗ dinals Bernis herrſchte. Die Fürſtin, eine Tochter des Marquis Falconieri, war jung, ſchön, geiſtreich und ſie verführte Alle, die ihr nahten; aber ſie war zufrieden, den Kardinal gefeſſelt zu haben und bewilligte dem Haufen ih⸗ rer Anbeter nichts. Der Fürſt war ein noch junger Mann von ausgezeichnetem Benehmen, er war ſehr eitel, aber ohne alle Vorurtheile, da er ſich auf Handelsſpekulationen einließ. Wenn andre Edelleute ſeiner Bekanntſchaft ihm die Anſtö⸗ ßigkeit ſeiner Handelsgeſchäfte vorwarfen, ſo erwiederte er ³ ihnen, daß er ohne den Ertrag ſeiner Induſtrie ſeinen Rang nicht würde aufrecht erhalten können, und daß er ſich nur d hin dieſem Falle etwas vergeben würde. Da er ein Feind des f Aufwandes und unnützer Ausgaben war, ſo hatte er die GHerzogin von Fiano zur Geliebten gewählt, um ſich gegen thörichte Geldausgaben, zu welchen die Liebe uns ſo oft 1 erleitet, zu ſchützen. Uebrigens war er ein frömmelnder, wwenn auch nicht frommer Mann, und bedeckte ſeine welt⸗ lichen Ausſchweifungen mit dem Mantel der Religion; er war wie der Präſident von Aiguilles, Bruder des Marquis d'Argens, Kurzrock. Durch ihn erhielt ich Zutritt zu der ſchönen Bibliothek der Jeſuiten, ſo wie zu der des Vati⸗ kans. Dieſelben ſtanden mir den ganzen Tag und zu jeder Stunde offen. Da ich wieder bei den Jeſuiten bin, ſo will ich bemerken, daß die guten Väter ſich durch die Höflichkeit und Annehmlichkeit ihres Benehmens auszeichneten. Zu die⸗ ſer Zeit verdoppelten ſie in Folge der ihnen drohenden Ge⸗ fahr ihre Zuvorkommenheit gegen Jedermann und ihre Ge⸗ ſchmeidigkeit glich ſehr der Wegwerfung. Der König von Spanien hatte ihnen den Untergang geſchworen und ſie wußten, welche Verpflichtungen der Papſt gegen denſelben eingegangen war. Indeß ſchienen ſie doch uͤberzeugt, daß Se. Heiligkeit dieſen großen Schlag nicht zu führen wagen würde; übrigens appellirten ſie auch an das Concil; aber ihr Schickſal war ſchon entſchieden. Die Unentſchloſſenheit Ganganellis, ſein Zögern, den Aufhebungsbefehl zu erthei⸗ len, entſprangen aus einem leicht begreiflichen Grunde: er ſah wohl ein, daß er mit dem Aufhebungsbefehle ſein To⸗ desurtheil unterzeichnete. Er entſchloß ſich endlich dazu, weil ſeine und des Papſtthums Ehre durch längeres Zögern b gefährdet worden wären. Der König von Spanien, der hartnäckigſte Monarch, hatte ihm geſchrieben, wenn er nicht ſchnell den Entſchluß faſſe, würde ſeine Regierung in allen europäiſchen Sprachen die Verpflichtungen veröffentlichen laſſen, die er, Ganganelli, als Kardinal eingegangen, um die Tiara zu erlangen. Jeder Andre hätte antworten können, die Verpflichtungen des Kardinals bänden nicht den Papſt, und dieſe Theorie würde, von den Jeſuiten unterſtützt, ge⸗ & 2 0 , AA᷑—— △ 105 wiß triumphirt haben; aber er hatte zu wenig Energie, um die Veröffentlichung, mit welcher man ihm drohte, nicht zu fuͤrchten und er gab nach. Hat man nicht geſagt, Ganganelli habe ſich ſelber mit ſeinen Gegengiften vergiftet? Dieſes Gerücht ſcheint mir lächerlich. Er iſt an Gift geſtorben, aber nicht an dem Ge⸗ gengift, welches er einzunehmen gewohnt war. Meine Ueber⸗ zeugung ſtützt ſich auf folgende Thatſache. Während meines Aufenthalts in Rom wurde eine Frau aus Viterbo ins ichh gebracht, welche die Gabe der Prophezeiung zu haben glaubte, und zwar mit gutem Grunde, denn ihre Prophezeiungen erfüllten ſich mit merk⸗ würdiger Genauigkeit. So hatte ſie mehrere Jahre die Ver⸗ nichtung des Jeſuitenordens vorausgeſagt, ohne jedoch die Epoche genau anzugeben, und ſie hatte zu ihrer Vorher⸗ ſagung die beſtimmte Angabe hinzugefügt: Die Jeſuiten wer⸗ den von einem Papſte aufgehoben werden, der fünf Jahre, drei Monate und drei Tage wie Sirtus V., nicht mehr und nicht weniger regieren wird.“ Man machte ſich über die Pothoniſſa luſtig, aber einige Tage vor Bekanntmachung des Aufhebungsbefehls wurde ſie eingeſperrt. Die Prophezeiung ging aber ganz genau in Erfüllung. Kann man hiernach wohl noch an der Vergiftung des Papſtes zweifeln? Hat hiernach nicht die moraliſche Gewißheit die Kraft materieller Gewißheit? Man kann ſagen, die Jeſuiten hätten Ganga⸗ nelli ermorden können, ehe der Auflöſungsbefehl bekannt geworden; aber es bleibt darum doch wahr, daß der Papſt nicht vergiftet worden ſein würde, wenn er ihn nicht gege⸗ ben hätte, und wenn dieſer Fall eintraf, war die Prophe⸗ zeiung wieder richtig, da die Geſellſchaft dann beſtehn blieb. Nun frage ich, welches Intereſſe konnte wohl der Papſt ha⸗ ben, die Prophezeiung dieſer Frau ſo wörtlich zu erfüllen? Vielleicht hat der Zufall Alles gemacht, aber dieſer Zufall diente den Jeſuiten vortrefflich bei ihrer Rache, und alle Wahrſcheinlichkeit iſt auf Seite der Meinung, welche ſie als die Urheber des Mordes bezeichnet. Als mich der Fuͤrſt von Santa⸗Croce einſt fragte, warum ich mich nicht dem Kardinal Bernis vorſtelle, er⸗ * wiederte ich, meine Abſicht ſei, Se. Excellenz am folgenden Tage zu beſuchen. Unterlaſſen Sie das nicht, ſagte er. Der Kardinal liebt Sie ſehr; er hat ſehr lobend von Ihnen ge⸗ ſprochen. Als ich dem Kardinal meine Dankbarkeit für ſein gutes Gedächtniß bezeugte, ſagte er: Was mir an Ihnen gefällt, iſt Ihre Verſchwiegenheit. Ich hoffe, Sie werden hier über meine Beziehungen ſchweigen. Dieſe Empfehlung war zum wenigſten überfluͤſſig und das Geheimniß, um wel⸗ ches mich der Kardinal bat, war das der Komödie. Se. Eminenz war noch ſo friſch und geſund wie vor dreizehn Jahren, zur Zeit ſeines Aufenthalts in Paris; ich machte ihm daher auch mein Kompliment über ſeine Ge⸗ ſundheit. Ich habe noch ein gutes Ausſehn, erwiederte er, bin aber in Wahrheit nicht mehr derſelbe. Die Damen wiſſen davon zu erzählen. Ich bin noch immer ihr Diener, aber der beſcheidenſte von allen. Ich bin leider fünfundfunfzig Jahre alt. Man iſt ſo alt, wie man ausſieht und nicht älter. Das Herz iſt noch jung und der Kopf geſund, aber mein armer Magen iſt ſehr zerſtört. Kaum verdaue ich noch Gemüſe und das Faſten iſt für mich eine grauſame uße. Am Abend deſſelben Tages bat ich in der Geſellſchaft der Herzogin von Fiano den Fürſten von Santa⸗Croce, mich ſeiner Frau vorzuſtellen. Der Kardinal hatte mir dazu ge⸗ rathen. Der Fürſt hatte die Güte, mich ein für allemal zu ſeiner Frau einzuladen, welche von elf bis zwei Uhr empfing. Als ich kam, lag die Dame noch im Bette und hielt ihre Sieſta. Sie gehörte zu den ſeltnen Frauen, welche das Herz auf den Lippen haben. Ihr Kitzel zu reden, war ſo groß, daß ſie nie das Ende einer Antwort abwartete. Ihr glänzender, aber nicht gründlicher Geiſt flatterte mit reizen⸗ der Anmuth und Beweglichkeit von einem Gegenſtande zum andern. Sie war ein unſchätzbarer Schatz für Herrn von Bernis, der mit Geſchäften überhäuft war und der Zer⸗ ſtreuung bedurfte. Der Kardinal Bernis beſuchte ſie drei⸗ mal täglich, zuerſt bei ihrem Leyer, und das war die — ———„——, 2= ͤ ,— G b 107 A kürzeſte und am meiſten ausgefüllte ſeiner Beſuchzeiten; ſodann trank er um drei Uhr bei ihr Kaffee; endlich kam er Abends in ihren Cirkel. Er ſpielte hier regelmßig ſein Piket und richtete ſein Spiel ſo ein, daß er ſechs Zechinen verlor. Der Fürſt von Santa⸗Croce war ſehr eiferſüchtig auf ſeine Frau, aber ſeine natürliche Habgier ließ ihn die Augen über eine Verbindung ſchließen, welche ihm jährlich —— zweitauſend Zechinen einbrachte und ſeiner Anſicht nach ſeine Ehre nicht befleckte. In der That waren die Zuſammen⸗ künfte öffentlich, vielleicht mit Ausnahme der am Morgen. Abgeſehen von dieſem pekuniären Vortheile empfing der Fürſt auch von Lyon unter dem Couverte des Geſandten alle Ar⸗ ten ſeidner Stoffe, deren Verkauf ihm großen Gewinnſt brachte. Auch mochte dieſer ſpekulirende und eiferſüchtige Mann wohl die Verbindung des Kardinals mit ſeiner Frau als einen Schutz gegen die Verfolgungen andrer Ga⸗ lane betrachten. Der Connetable Colonna war einer von denjenigen, welche die Fürſtin ihrer Huldigungen werth fan⸗ den. Als ſie eines Tages in einer zärtlichen Unterhaltung begriffen waren, kam der Fürſt unverſehns dazu, wies dem Connetable auf eine grobe Weiſe die Thür und bedeutete ſeiner Frau, ſie möge ſich vorbereiten aufs Land zu gehn. Die arme Dame ſträubte ſich gegen einen ſo entehrenden Befehl; aber der Mann blieb hartnäckig und ſie hätte ohne die Vermittlung des Kardinals Bernis nachgeben müſſen, der den eiferſüchtigen Mann überzeugte, daß das einzige Mittel, den Ruf der Fürſtin zu retten, darin beſtehe, daß er ſie ohne alle Aufſicht in Rom laſſe. Santa⸗Croce er⸗ gab ſich aus Liebe zum Frieden ſo guten Gründen und ging allein auf ſeine Villa. Ich war der Vertraute der drei Hauptperſonen dieſes kleinen Dramas geweſen. Wenn ſie ſtritten, nahm ich kei⸗ nen Antheil; ich bemühte mich zu beobachten und ſchwei⸗ gend zuzuhören mit einer Miene, als ob ich Alles billige; war der Streit beendet, ſo erklärte ich mich für den Stär⸗ kern. Durch dieſes kluge und vernünftige Benehmen ge⸗ wann ich ihre Zuneigung; man rühmte meine Verſöhnungs⸗ kunſt und ich ſah mich wie einen Mann behandelt, gegen — 8 —— 85 den man große Verpflichtungen hat. Die Herzogin von Fiano ſtolz darauf, daß ſie zum Cavaliere servente den Mann derjenigen hatte, die ſich dem Kardinal hingegeben, verzieh es mir nicht, daß ich dieſes Verhältniß mit ſo günſtigem Auge betrachtete. Man mußte ihrer Anſicht nach ſehr bornirt ſein, um nicht einzuſehn, daß nur die Eiferſucht die Fürſtin abhielt, ſie zu beſuchen; ſie wurde ſogar ſo heftig, daß ich ihre Gunſt zu verlieren fürchten mußte. Da ſie wie alle andern Frauen die Ueberlegenheit ihrer Nebenbuhlerin nicht anerkennen konnte, ſo begriff ſie nicht, warum der Kardinal ſo verliebt in die Fürſtin ſei. Sie iſt keine Frau, ſagte ſie, ſondern eine angezogene Hopfenſtange. Sie ſchrieb ihr ge⸗ wiſſe phyſiſche Fehler zu, welche die Männer gewöhnlich zu⸗ rückſtoßen, und da die Leidenſchaft einmal nicht vernünftig iſt, ſo gab ſie ihr zugleich zügelloſe Ausſchweifung Schuld. Ich weiß nur, daß die Santa⸗Croce ein Schatz für den Kardinal war und daß eine Frau einen Mann ſelten ſo glücklich machte und ihm zugleich ſo viel Ruhe ließ. Der Anblick dieſes Glücks weckte zuweilen meine Sinnlichkeit, und in ſolchen Augenblicken war ich in die Prinzeſſin verliebt; aber ich liebte ſie hoffnungslos und hatte nicht mehr Luſt zur Befriedigung einer Laune, die angenehme Stellung aufs Spiel zu ſetzen, die ich mir durch mein zuvorkommendes Benehmen im Hauſe des Fürſten bereitet hatte. Jeder Ver⸗ ſuch von meiner Seite würde ohne Zweifel den Stolz der Prinzeſſin und das Zartgefühl ihres Liebhabers verletzt ha⸗ ben, denn ein wie ſorgloſer Philoſoph er auch ſcheinen mochte, ſo hatten doch das Alter und die Ehren Herrn von Bernis zu einem ganz andern Manne gemacht, er war nicht mehr der kleine Abbé, der ohne Umſtände mit mehreren An⸗ dern die Gunſt einer M. M. theilte. Abgeſehn von dieſem Zwange führte ich in Rom ein ſehr angenehmes Leben. Da ich keine Liebesintrigue hatte, ſo erregten Margarethens Aufmerkſamkeiten endlich meine Theilnahme. Morgens und Abends kam ſie unter verſchie⸗ denen Vorwänden auf mein Zimmer. Da ſie den Putz ſehr liebte, machte ich ihr kleine Geſchenke. Ich ließ ſie plau⸗ —,—-——— ³⏑—— ᷣ àR 8— nR RN 05 8 ͤöͤ—6y N N— 109 dern und lockte ihr bald alle ihre Geheimniſſe ab. Sie und ihre gute Freundin Buonacorſt gehorchten demſelben Sie⸗ V ger; es war ein Schneiderburſche von ſiebenzehn bis acht⸗ zehn Jahren, ein wahrer Adonis. Seine Gefühle erhoben ihn weit über ſeinen Stand, und er wußte mir eine auf⸗ richtige Freundſchaft einzuflößen. Er machte mich auch zu ſeinem Vertrauten. Er liebte nicht die ſchöne Buonacorſt F und noch weniger die häßliche Margaretha; ſein Herz brannte für ein andres Mädchen, das im Kloſter war. Nur durch eine Heirath konnte ſie herauskommen; wie hätte aber wohl der arme Junge, der nur einen Paoli täglich verdiente, ans Heirathen denken können? Seine Verzweiflung rührte mich; er ſprach in ſo glühenden Ausdrücken von ſeiner Geliebten, daß ich Luſt bekam, ſie zu ſehn und ſie wirklich ſah. Doch ehe ich mich auf dieſen neuen Roman einlaſſe, komme ich auf Margaretha zurück. Ich war auf meiner Treppe einem kleinen piemonteſi⸗ ſchen Abbé Namens Cerutti begegnet, der ihr nachſtellte. Ich befragte Margaretha und ſie verſicherte, zwiſchen ihr und dem Abbé beſtehe kein Verhältniß. Deine Grauſamkeit wundert mich, meine Liebe; der junge Mann hat ein ſehr einnehmendes Aeußere. O gewiß, und er kann gut ſprechen, aber er gefällt mir nicht, er iſt ein Lump. Er iſt alſo arm? uUund hat fürchterliche Schulden. Dieſer Cerutti arbeitete an der Römiſchen Ephemeriden, deren Hauptredacteur Bianconi war. Als Nachbar und literariſcher Kollege, entlieh er von mir eines Tages zwan⸗ zig Thaler, die er mir wiederzuerſtatten vergeſſen hat. Ich erinnerte ihn auch nicht an ſeine Schuld und würde ihm noch ferner Geld geliehn haben, ohne einen Umſtand, der uns für immer entzweite. Wenn ich den Abend bei der Herzogin von Fiano war, wartete Margaretha auf mich. Da ihre Mutter dann ſchon im Bette lag, ſo ſcherzten wir eine oder zwei Stunden lang, ohne an das Mißbehagen des Freundas Cerutti zu denken, deſſen Zimmer von dem meinigen Kur durch einen Ver⸗ 8. 110 ſchlag getrennt war. Die Mutter Margarethens kam alſo zu mir, um mir zu ſagen, daß mein Nachbar ſich beklage. Worüber? Ueber den Lärm, den Sie Nachts machen. Warun ſchläft er nicht anderwärts? Ich würde ihm gern die Thür weiſen, fürchte aber, daß er mit meinem Manne ſpricht. Er wird nicht ſprechen, dafür ſtehe ich Ihnen und wird Ihr Haus freiwillig verlaſſen. Ich übernehme Alles. Ich ſtellte dem Abbé ſogleich die Wahl, entweder ab⸗ zuziehn oder mir meine zwanzig Thaler zurückzugeben. Er zog augenblicklich ab und ich habe ihn nie wieder geſehn. Im Laufe des Morgens bat mich ein andrer Abbé in zer⸗ lumptem Anzuge um ein Almoſen, und zu meiner großen Verwunderung erkannte ich meinen Bruder. Warum haſt Du Venedig verlaſſen?. Das Elend hat mich vertrieben. 8 Bekömmt der Aufenthalt in Rom Dir beſſer? Da ich Dich, lieber Bruder, wiedergefunden habe, werde ich nicht mehr Mangel leiden. Du irrſt Dich, Freund, ich bin nicht reich und habe keineswegs die Abſicht, Deine Faulheit aufzumuntern. Haſt Du gar keine Mittel? Ich habe meine Talente. Welche? 2 Ich leſe die Meſſe und lehre meine Mutterſprache. Du Profeſſor des Italiäniſchen in Italien? Ich habe zwei Schülerinnen, die Töchter meines Wirths. Und in ſolchem Aufzuge wagſt Du vor den Damen zu erſcheinen. Unglücklicher, nimm wenigſtens dieſen Rock und dieſes Hemde. Das laſſe ich mir gefallen; aber ich brauche auch Geld. Scheere Dich zum Teufel; Du bekömmſt nichts. Von mir ging der Elende zur Herzogin von Fiano, die ihn aus Neugierde aufnahm. Er bat ſie, ſich ſeiner anzunehmen, da ich ihn verlaſſen, und die Dame verſprach es. Man denke ſich meine Beſchämung, als ſie mich auf — 1 ——— e. be ſt 111 dieſes Kapitel brachte. Ich bat ſie, ſich nicht mit dem Bur⸗ ſchen zu beſchäftigen und erzählte ihr ſodann, welche ſchlechte Streiche er mir geſpielt. Ich brachte es dahin, daß ihm dieſes Haus geſchloſſen wurde; aber er fand in vielen an⸗ dern Zugang. Jeder, dem ich begegnete, ſprach von ihm und führte ſeine Sache. Er machte ſogar den Abbé Guasco ausfindig, der in einem dritten Stockwerke in der Nähe der Trinita⸗del⸗Monte wohnte. Dieſer kam zu mir und ſagte, ich könne nicht, ohne mich zu ſchämen, meinen Bruder ganz verlaſſen. Er machte mir ſodann den Vorſchlag, ſeine Exiſtenz zu ſichern, indem ich ihm täglich drei Paoli gebe.— Möge er machen, daß er wegkömmt, ſagte ich, und ich verſtehe mich zu Allem. Ich übergab dem Abbé Guasco einen kleinen Vorrath von Kleidungsſtücken und verſprach ihm, die Penſion, welche faſt neun römiſche Thaler monat⸗ lich betrug, regelmäßig zu bezahlen. In meiner pecuniären Lage konnte ich nicht mehr thun. Medini war faſt gleichzeitig mit mir nach Rom ge⸗ kommen. Ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß wir keinen Umgang hatten. Er wohnte in der Straße der Urſuline⸗ rinnen bei einem päſtlichen Offizier und lebte nur vom Spiele. Sobald er einige Louisd'ors in der Taſche hatte, ließ er ſeine Maitreſſe in Begleitung ſeiner Mutter, ſo wie ein andres junges Mädchen von etwa zwölf Jahren nach Rom kommen. Da ihm das Spiel fortwährend günſtig blieb, miethete er eine ſchöne Wohnung am ſpaniſchen Platze, ſo duß er mein Nachbar wurde; ich wußte indeß nichts da⸗ von. Ich hatte noch ein andres Zuſammentreffen. Bei einem Mittagseſſen des venetianiſchen Geſandten meldete mir dieſer die Ankunft des Grafen Manucci, der kürzlich aus Frankreich angelangt war, und der, wie der Geſandte be⸗ merkte, ſich ſehr freuen würde, mich zu ſehen. Da Sie ihn kennen, mein lieber Caſanova, ſo ſagen Sie mir offen Ihre Meinung über ihn; ich muß Erkundigungen über ihn ein⸗ ziehn, da ich ihn Sr. Heiligkeit vorſtellen ſoll. Ich habe den jungen Mann bei Herrn von Mocenigo geſehn. Er iſt gut gewachſen und nicht ohne Geiſt. Er 4 — —— —õ:;— —— —-— 1 . 112 iſt ein Mann comme il faut. Das iſt Alles, was ich über ihn ſagen kann. Iſt er dem Könige von Spanien vorgeſtellt worden? Ich glaube. Und ich zweifle daran. Sein Grafentitel iſt wahr⸗ ſcheinlich fabricirt, obwohl er ſeiner Genealogie eine Noto⸗ rietät von vier Jahrhunderten zuſchreibt. Er macht den Anſpruch von dem berühmten Reiſenden Manucci und den mailändiſchen Druckern Manucci, welche der Literatur im ſechszehnten Jahrhunderte ſo große Dienſte leiſteten, abzu⸗ ſtammen. Ich geſtehe, daß ich mich darüber gereizt fühlte, daß ein Mann, der niederträchtig genug geweſen, Meuchelmörder zu dingen, die Unverſchämtheit hatte, ſich fur einen meiner vertrauten Freunde auszugeben; aber ich ließ mir nichts merken und als Manucci auf mich zukam, um mich zu um⸗ armen, öffnete ich ihm meine Arme, obwohl ich feſt ent⸗ ſchloſſen war, ihn um eine Erklärung zu bitten, ſobald wir allein ſein würden. An demſelben Abend machte ich die Bekanntſchaft eines ſehr liebenswürdigen ſchlechten Subjekts, des Grafen oder Chevaliers von Neuville. Er war Franzoſe von Geburt und hatte in Mailand eine junge Perſon geheirathet, in die er ſich ſterblich verliebt hatte, und die er für reich hielt. Nach einem Vierteljahre machte er traurige Entdeckungen; er er⸗ fuhr, daß ſeine Frau keinen Pfennig hatte und ihn zum „Hahnrei machte. Nun ließ er ſie einſperren und er war nach Rom gekommen, um die Caſſation ſeiner Che zu be⸗ treiben. Trotz ſeines Unglücks ſchien mir Neuoille ein gu⸗ ter Kumpan. Er war voll Geiſt und behandelte alle Sachen mit merkwürdiger Leichtigkeit. Ich habe nie auf eine an⸗ genehmere Weiſe erzählen hören. Als wir den Geſandten verließen, nahm er mich und Manucci mit in ſeinen Wagen und forderte uns auf, ihn zu einer liebenswürdigen Dame zu begleiten, bei der er zu Abend ſpeiſe. Der Wagen hielt am ſpaniſchen Platze, zehn Schritte von meiner Woh⸗ nung, an. Wir ſtiegen ins dritte Stockwerk und kommen zu wem?— Zu Medini. Die betreffende liebenswürdige 3SS SDdD5- SEZSAnme 113 Dame war ſeine eigne Maitreſſe, deren Schönheit eine ſehr gewöhnliche war. Medini machte mir ein freundliches Ge⸗ ſicht und ich bezahlte ihn mit derſelben Münze. Man ſetzte ſich um einen großen Spieltiſch. Medini ſetzte bis ſechs⸗ hundert goldne Thaler aufs Spiel und verlor Alles. Ma⸗ nucci lieh von mir hundert Zechinen, welche er ebenfalls verlor. Am folgenden Tage beſuchte mich Manucci und brachte mir die hundert Zechinen. Er machte mir Dienſt⸗ anerbietungen und ſtellte auf eine ſehr großmüthige Weiſe, ſo viel Geld als ich brauchen möchte, zu meiner Verfügung. Ich wollte eine Erklärung herbeiführen, aber er ſprach ſo viel, daß ich keine Sylbe vorbringen konnte. Er ſah wohl, wo ich hinaus wollte und gab unſrer Unterhaltung eine luſtige Wendung. Kurz, er verließ mich, nachdem er mich überzeugt, daß wir Freunde bis zum Tode bleiben müßten. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß Medini Manucci aus einem Gefängniſſe befreit, in welches er Schulden halber geſetzt worden war. In Rom ſpaßt man in dieſem Punkte nicht, und wenn man nicht Kardinal iſt, kann man nicht ungeſtraft Schulden machen. Der Gefangene hatte die pa⸗ thetiſchſten Briefe aus ſeinem Gefängniſſe an mich geſchrie⸗ ben; er bat mich um meine Theilnahme. Ich begnügte mich, ſeiner Familie einige Unterſtützungen zu verſchaffen, was ich um ſo lieber that, als es Frauen waren. Ich muß ſagen, daß ſie mir beide ihre innige Dankbarkeit be⸗ wieſen. Jetzt komme ich zu dem kleinen Romane Menicuccio's und ſeiner Geliebten. Ich habe ſchon erwähnt, daß der unſchuldige Liebhaber mich ſo oft von den Reizen ſeiner Schönen unterhielt, daß er mir endlich einen Funken der Leidenſchaft, die ihn verzehrte, mitgetheilt hatte. Ich gab ihm den Wunſch, ſte zu ſehn zu erkennen. Das war nicht leicht, aus folgendem Grunde. Das junge Mädchen befand ſich in einer Art Kloſter, wo man ſie in ihrem zwölften Jahre aus Mitleid aufgenommen hatte. Sie konnte nur auf einen Befehl des Kardinals, der die Oberaufſicht hatte, und wenn ſich ihr eine paſſende Partie bot, daſſelbe verlaſſen. Diejenigen, welche auf dieſe Weiſe aus dem Kloſter ent⸗ 8 laſſen wurden, bekamen ein Geſchenk von zweihundert Tha⸗ lern; das war ihre Mitgift. Mein junger Freund, der eine Schweſter in dieſem Kloſter hatte, beſuchte ſie von Zeit zu Zeit; aber eine Aufſeherin begleitete die junge Dame, denn obwohl die Zuſammenkunft zwiſchen einem Bruder und einer Schweſter ſtatthatte, verbot doch die Kloſter⸗ regel jedes Geſpräch unter vier Augen. Unterwegs wie⸗ derholte Menicuccio, was er mir ſchon hundertmal geſagt, womit aber Verliebte nie ein Ende finden, daß er das junge Mädchen in Geſellſchaft ſeiner Schweſter geſehn und ſich ſterblich in ſie verliebt habe. Leider konnte er ſie nicht ſo oft ſehn, als er gewünſcht hätte; denn obwohl ſeine Schwe⸗ ſter Mitwiſſerin ſeiner Liebe war, konnte ſie doch ihre Freun⸗ din nicht ſo oft ſie wollte, mitbringen. Das Kloſter lag im abgelegenſten Theil der Stadt; es war ein ſchlecht gebautes Gebäude von traurigem Ausſehn. Der Anblifk eines Gefängniſſes macht immer einen trauri⸗ gen Eindruͤck auf mich; wenn es aber ein Frauengefängniß iſt, ſo wird mein Herz noch ſchmerzlicher bewegt. Hier war nichts, was nicht das Gefühl der Beſucher unangenehm berührt hätte: hohe Mauern, Gitter, Riegel, Alles verkün⸗ dete auf eine barbariſche Weiſe die Beſtimmung des Orts. Als wir in das Sprechzimmer kamen, wehte mir ein Gra⸗ besgeruch entgegen; ich fühlte mich von Unwillen ergriffen. Wie, ſagte ich, haſt Du in dieſer Finſterniß die Züge Deiner Freundin erkennen können? Mittelſt eines Lichts. Deine Schweſter kömmt alſo mit Licht? Nein, denn die Pförtnerin weiß, daß ich nicht allein gekommen bin. Du hätteſt Dich mit einem Wachsſtock verſehn ſollen. Gott bewahre mich! Bei Strafe der Excommunication iſt es jedem Fremden verboten, Licht mitzubringen. Die beiden jungen Mädchen erſchienen bald darauf in Begleitung ihrer Aufſeherin. Durch das Raſcheln ihrer Gewänder von grober Wolle wurde ich von ihrer Ankunft in Kenntniß geſetzt, denn in dieſer ſchrecklichen Finſterniß war nichts zu ſehn. Vergeblich bat ich die Aufſeherin, uns — 115 nicht als Blinde zu behandeln, ſie wendete die Strenge der Superiorin ein, die ſie unfehlbar beſtrafen würde. So beraubte ich alſo den armen Menicuccio des Troſtes, ſeine Geliebte zu ſehn. Ich wollte mich entfernen, aber er hielt mich zurück, und ich blieb eine ganze Stunde vor dem ver⸗ dammten Gitter ſtehn. Indeß fehlte dieſer Zuſammenkunft im Dunkeln doch nicht alles Intereſſe, und ich überzeugte mich bei dieſer Gelegenheit, daß ein Blinder nicht mehr als jeder Andre gegen die Verführungen der Liebe geſchützt iſt und daß die Stimme der Schönheit eine ebenſo große Macht hat, als der Anblick ihrer Reize. Die Aufſeherin, die drei⸗ ßig Jahre alt ſein mochte, gab mir über die im Kloſter eingeführte Hausordnung jede wünſchenswerthe Auskunft. Es waren hundert Penſionairinnen und dieſe Zahl wurde ſelten anders als durch den Tod vermindert. Und durch Heirathen? ſagte ich. Es heirathen ſo wenige! Ich bin jetzt ſeit zwanzig Jahren hier und kann nur vier nennen, die einen Mann be⸗ kommen haben. Wir finden nur Anbeter, die noch ärmer als wir ſind, und der Direktor geſtattet die Heirath nur, wenn der Bewerber ein einträgliches Geſchäft nachweiſen kann. Das iſt eine löbliche Vorſicht; es iſt ganz zweckmäßig, daß man Ihnen in der Welt die Behaglichkeit ſichert, deren Sie ſich hier erfreuen. Ach, wir kennen keine Behaglichkeit! Wie ſind wohl mit dreitauſend Thalern Einkommen für hundert Mädchen Nah⸗ rung und Kleidung zu beſchaffen? Glücklich diejenigen, welche ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen. Sind alle dieſe jungen Damen Waiſen? Die meiſten gehören armen oder frommen Aeltern, welche ihre Kinder hierherbringen, damit ſie nicht in der Welt Aergerniß geben und die Beute des Teufels werden. Deshalb nimmt man auch nur Mädchen von ausgezeichne⸗ ter Schönheit auf. Wer hat darüber zu entſcheiden? Der Beichtvater und Monſignore der Kardinal. Die⸗ ſer weiſt ohne Erbarmen jedes häßliche Mädchen zurück, 8* “ — —— ——— weil ſie in der Welt nichts zu fürchten habe. Wir fluchen daher auch unſer ganzes Leben lang demjenigen, der uns hübſch gefunden hat. Ich beklage Sie Alle, und Sie flößen mir die lebhaf⸗ teſte Theilnahme ein. Warum kann ich Sie nicht ſehn? Vielleicht würde ich dadurch das Recht erlangen, um Ihre Hand anzuhalten. O Ihr armen jungen Mädchen, die Ihr ſo lebendig begraben ſeid! Der Gründer dieſes Kloſters hat ewige Höllenqualen verdient. Es iſt nur zu wahr, daß unſre Lage eine ſchreckliche iſt, und Se. Heiligkeit ſollte ſolchen Uebelſtänden abhelfen. Ich gab dem armen Mädchen zehn Thaler und ent⸗ fernte mich mit Menicuccio. Es iſt ſehr zu bedauern, mein Freund, ſagte ich zu dieſem, daß ich nicht auf das Vergnügen hoffen darf, Deine Ge⸗ liebte und Deine Schweſter mit der ſüßen Stimme zu ſehn. Giebt es denn kein andres Sprechzimmer. Allerdings, aber um in dieſes zu gelangen, muß man Abbé oder Mönch ſein. Eine ſolche Anſtalt hätte nicht geduldet werden ſollen; ſie trägt ganz den Charakter der jeſuitiſchen Abſichten ihrer Begründer. Es war offenbar, daß alle Anordnungen den Zweck hatten, das Heirathen zu verhindern. Außerdem erlangte ich den moraliſchen Beweis, daß in Folge der Be⸗ ſtimmung, nach welcher jedes Mädchen, wenn es majorenn würde, eine Mitgift von zweihundert Thalern erhielt, ein geheimer Räuber ſich auf Koſten der Unglücklichen berei⸗ cherte, welche im Cölibate hinſiechten. Am ſelben Abend traf ich Herrn von Bernis und ſprach mit ihm von meinem Beſuche im Kloſter. Die Für⸗ ſtin forderte mich auf, eine Bittſchrift zu entwerfen, welche alle Kloſterbewohnerinnen unterzeichnen ſollten und die ſie dem Papſte übergeben wollte; der Kardinal verſprach eben⸗ falls, ſich für ſie zu verwenden. Ich ging mit großem Eifer an dieſe Arbeit. Ich gab eine geſchichtliche Darſtellung der Anſtalt, und ſuchte zu beweiſen, wie wenig ſie ihrer Beſtimmung entſpräche. Ich beantragte zuletzt, daß die Hinderniſſe, welche den Beſuchern in den Weg gelegt wür⸗ — 117 den, aufgehoben und dieſelben in einem hellen Sprechzimmer empfangen würden. Acht Tage darauf wurde jene Beſtim⸗ mung aufgehoben. Ganganelli blieb nicht hierbei ſtehn. Er ließ die Rechnungen der Verwaltung, ſo wie die Verwen⸗ dung der Erſparniſſe, die ſeit einem Jahrhundert hatten ge⸗ macht werden müſſen, prüfen; er erhöhte die Mitgift auf vierhundert Thaler und beſtimmte, daß jedes ins Kloſter aufgenommene Mädchen, welches das Alter von fünfund⸗ zwanzig Jahren erreicht und noch keinen Mann gefunden hätte, den Betrag ihrer Mitgift und ihre Freiheit erhalten ſolle. Menicuccio war durch ein Billet ſeiner Schweſter von dieſer Reform in Kenntniß geſetzt worden. Er beeilte ſich, es mir zu bringen, und wir begaben uns nach dem Kloſter, beide voll Ungeduld, den reizenden Kindern ins Geſicht zu ſehn. Als wir in das jetzt helle Sprechzimmer gelangten, ſah ich, daß ſchon mehrere Plätze beſetzt waren, einer durch den Abbé Guacko, zwei andre durch den Grafen Schuwal⸗ loff und den Pater Jaquier, Minimen der Trinita⸗del⸗Monte und berühmte Aſtronomen, die indeß nicht hierher gekom⸗ men waren, um den Himmel anzuſehn. Dieſe Herren wa⸗ ren mit zwei ſehr hübſchen Mädchen zuſammen. Wir un⸗ terhielten uns leiſe mit unſern jungen Schönen, denn es war nicht nöthig, daß unſre Nachbarn hörten, was wir uns zu ſagen hatten. Menicuccio's Geliebte war eine ziem⸗ lich hübſche Brünette; aber wie ſehr ſtand ſie gegen ſeine Schweſter zurück! Armelline(ſo hieß ſie) war kaum ſechs⸗ zehn Jahre alt und eine vollendete Schönheit. Nie ſah ich ein friſcheres Geſicht, glänzendere Augen, ſchönere ſchwarze Haare, einen kleinern Roſenmund und ſchöner gezeich⸗ nete Augenbrauen. Ihr eleganter Wuchs hatte ſchon ſeine ganze Entwickelung. Ihre Aufſeherin, Emilie, die zehn Jahre älter war, war eine ſchöne Perſon, etwas bleich, von feinen und abgemagerten Zügen, ein rührendes Bild der armen Mädchen, welche den Kaſteiungen des Cölibats ge⸗ weiht ſind, während ein feuriges Temperament ſie für die himmliſchen Freuden Hymens beſtimmt. Sie erzählte mir, was ſeit der glücklichen Reform, deren Ehre ſie mir zu⸗ ſchrieb, in dem Hauſe vorgegangen. Alle Mädchen waren ͤ im Freudentaumel, welchen übrigens die achtbare Superiorin theilte; man dachte nur noch an Tollheiten und Liebſchaf⸗ ten, mit Ausnahme der Frommen und Alten, welche ganz em⸗ pört waren und für ihre Tugend zitterten. Trotz des Ge⸗ ſchreis dieſer alten Jungfern hatte die Superiorin ihren Neuerungseifer ſo weit getrieben, daß ſie die Gitter im Sprech⸗ zimmer hatte wegnehmen laſſen. Dieſe weiſen Anordnun⸗ gen gaben mir den Wunſch ein, ſie kennen zu lernen. Sie war eine Frau in einem gewiſſen Alter, aber noch liebens⸗ würdig und ſehr verſtändig, weder prüde noch neidiſch, noch boshaft. Wir plauderten zuſammen, aber ich ging nicht zu weit, da ich ihren Lockenſchleier und ihre fünfundvierzig Jahre achtete. Nach dieſem erſten Beſuche kam ſie von ſelbſt ins Sprechzimmer, wenn ſie erfuhr, daß ich da war. Sie überſchüttete mich mit Complimenten und Aeußerun⸗ gen ihrer Ergebenheit; ſie wünſchte ſich Glück zur Reform, welche die alten Weiber und der Beichtvater des Hauſes, ein ſtrenger Dominicaner, zu tadeln wagten. Dieſer ſtrenge Geiſtliche zwang ſeine jungen Beichtkinder, alle Sonn⸗ und Feſttage zum Abendmahle zu gehn, und nöthigte ſie ſo zu einem Faſten, welches ihrer Geſundheit gefährlich werden konnte. Außerdem legte er ihnen als Buße, und es war in der That eine ſehr harte, die Verpflichtung auf, eine Reihe von Albernheiten, die er mit dem Namen Homilien ſchmückte, auswendig zu lernen. Ich ſagte zur Superiorin, ich übernähme es, den Dominicaner zu beſſern, und in Folge meines Berichts entfernte ihn der Kardinal, welcher die Oberaufſicht hatte, aus dem Kloſter. Unſre erſte Zuſammenkunft mit unſern Schönen wurde mit zärtlichen Reden ausgefüllt. In der zweiten fügte ich noch etwas Andres hinzu. Nur trat mir ein unangeneh⸗ mer Umſtand entgegen, daß die Thür offen blieb, durch welche das Zimmer ſein Licht erhielt. Fortwährend gingen die Matronen auf dem Flur auf und ab und lauerten uns mit eiferſüchtigem Blicke auf, was die ſchöne Armelline hin⸗ derte, mir ihre Hand zu überlaſſen. Ich bat daher die Superiorin um die Erlaubniß, eine ſpaniſche Wand im Zim⸗ — ͤͤSeenͤ&—õ 0—, SSE ÆAͤSOnSSESZ 5Amnn 12 —————(dKo n— — ¹²0 8⁵—2,——ᷣ=— Aa* ☛ ◻☛ Au D N 8—BRBA —— 119 mer anbringen zu laſſen, um uns, wie ich ſagte, gegen den Zug zu ſchützen. Die gute Dame gab mir die Erlaubniß, gab mir aber durch ein boshaftes Lächeln zu verſtehn, daß ſie ſich keinen blauen Dunſt vormachen laſſe. Ich wußte ihr Dank für ihre Verſchwiegenheit und Gefälligkeit und ſchickte ihr einen tüchtigen Vorrath von Zucker und Kaffee. In den erſten Tagen des Jahres 1771 bekam ich einen unerwarteten Beſuch von Marietta. Vielleicht erinnert man ſich noch, daß ich ſie vor zehn Jahren an einen braven Bar⸗ bier verheirathet hatte, der mir bei meiner Liebſchaft mit der Tochter Momolos des Majordomus des Palaſtes Sr. Heiligkeit, behülflich geweſen war. Ich hatte Marietta vergeblich in Rom geſucht. Ihr Beſuch war mir um ſo ange⸗ nehmer, als ihre Schönheit keine bemerkenswerthe Verän⸗ derung erlitten hatte. Sie kam, um mir von Neuem ihre Dankbarkeit zu bezeigen und ich nahm alle Zeichen derſel⸗ ben, die ſie mir zu Theil werden ließ, gern an. Hierauf meldete ſie mir, daß ſie in Frascati wohne und daß ihr Mann einen Laden habe. Ich erfuhr von ihr auch, daß mein ſchurkiſcher Kammerdiener Coſta einige Zeit nach mei⸗ ner Abreiſe wieder nach Rom gekommen war, daß er gro⸗ ßen Aufwand gemacht, und endlich Momolos Tochter ge⸗ heirathet; daß er aber nach einigen Monaten ſeine Frau verlaſſen, welche jetzt durch den Tod ihres Vaters in völlige Armuth gerathen ſei. Dieſe Auskunft gab mir keine große Luſt, ſie zu ſehn. Meine Erſcheinung hätte ſie auch nur betrüben können. Was hätte ich ihr auch wohl anders ſagen können, als daß ich die ernſte Abſicht habe, ihren Mann hängen zu laſſen, wo ich ihn finden würde? Meine häufigen Beſuche im Kloſter hatten ein Reſul⸗ tat gehabt, das der Leſer vermuthlich ſchon geahnt hat: ich hatte mich ſterblich in Armelline verliebt, und meine Lei⸗ denſchaft war um ſo lebendiger, als ich keine Hoffnung ſie zu befriedigen hatte. Ich unterhielt den Kardinal und die Fürſtin ſo oft von meinen Liebesleiden, daß ſie über ein Mittel nachſannen, durch welches ich in den Stand geſetzt werden könnte, Armelline allein zu ſehn: daſſelbe beſtand ganz einfach darin, daß ich ſie in die Oper führte. Aber 120 ehe ich Ihrer Schönen einen derartigen Vorſchlag mache, muß ich ſie ſehn, ſagte der Kardinal. Als ich ihn dies ſagen hörte, glaubte ich zu träumen. Ich ſah wohl, daß der Kardinal Luſt hatte, ſich die Schöne näher anzuſehn; aber ſeine Neugierde verurſachte mir keine Unruhe, da die Fürſtin ihn ins Kloſter begleiten wollte. Nachdem von dem Kardinal, welcher die Oberaufſicht hatte, der Befehl erlangt worden war, gingen wir ſämmtlich eines Nachmittags ins Kloſter; auch die Herzogin von Fiano war dabei. Der Kardinal von Bernis hatte die Zeichen ſeiner Würde abge⸗ legt; er erkannte Armelline an der Beſchreibung, welche ich ihm von ihr entworfen und richtete einige ſchmeichelhafte Worte an ſie. Das arme Kind wurde purpurroth und ich ſah den Augenblick kommen, wo ſie ohnmächtig werden würde. Die Fürſtin umarmte ſie zärtlich und Emilie und Menieuccio's Geliebte wurden ebenfalls nicht vergeſſen, ebenſo wenig wie die gute Superiorin. Nachdem die Geſellſchaft die Studierſäle und Zellen beſucht, kehrte ſie ins Sprech⸗ zimmer zuruͤck, und die Fürſtin zeigte Armellinen an, daß ſie die Erlaubniß erhalten habe, ſie während der Zeit des Karnavals in die Oper zu führen. Bei dieſen Worten ſtie⸗ ßen die alten Betſchweſtern einen Schrei des Schreckens aus und bekreuzigten ſich, als ob man ihnen die Ankunft des Teufels verkündet hätte. Die Superiorin gebot ihnen Schweigen und wir ſtiegen unter dem lauten Zurufe der jungen Penſionairinnen wieder in den Wagen. Im Ueber⸗ maaße meines Dankgefühls für die Prinzeſſin wagte ich ſie zu umarmen. Am folgenden Tage meldete mir die Supe⸗ riorin, daß Frau von Santa⸗Croce fünfzig Thaler zur Be⸗ kleidung Armellinens und Emiliens geſchickt habe. Ihr Erſtau⸗ nen war groß, als ich ihr ſagte, daß der dicke Herr in Abbé⸗Kleidung Niemand anders, als Se. Eminenz der Kar⸗ dinal von Bernis geweſen. Sie hatte keine Ahnung da⸗ von, daß ein Kardinal anders als im Purpur erſcheinen könne. Am Abend ließ die Fürſtin die beiden jungen Mäd⸗ chen in ihrem Wagen abholen, und wir führten ſie ins Theater der Torre⸗di⸗Nona. Nach dem Schauſpiele ſpeiſten wir zu Abend, und die Kleinen fingen an heiterer zu wer⸗ — S —— — —— 1OrSͤͤͤee ———— ₰—e 121 den, denn bis dahin waren ſie außerordentlich ſchwerfällig geweſen. Um zwei Uhr Morgens bat mich die Fürſtin, dieſelben nach Hauſe zu bringen, ein koſtbarer Augenblick für einen Liebhaber. Ich war in einer Aufregung, die mir nicht ge⸗ ſtattete, mein Benehmen abzuwägen und ich mühte mich vergeblich ab. Armelline war eine Tugend. — Als wir ankamen machte die Pförtnerin auf, und da ſie ſich nicht beeilte, mir die Thür vor der Naſe zuzuſchla⸗ gen, ſo überſchritt ich zu ihrem großen Erſtaunen die Schwelle. Ich begleitete die Penſionärinnen auf das Zim⸗ mer der Superiorin; die Dame lag im Bette, und meine Gegenwart ſchien ſie nicht in Verlegenheit zu ſetzen. Als ich ihr das koſtbare Unterpfand wieder überliefert, bat ſie mich, mich ohne Lärm zu entfernen. Als ich in den Wa⸗ gen ſteigen wollte, näherte ſich mir die Pförtnerin, wie um mich um eine Erklärung meines ſonderbaren Benehmens zu bitten; ich ſteckte ihr eine Zechine in die Hand, und dieſe Auskunft erſchien ihr befriedigend. Am Abend ging ich zur Prinzeſſin, wo ich wie gewöhnlich Herrn von Bernis fand. Beide glaubten, ich würde Victoria rufen; ſie wunderten ſich daher auch ſehr über mein Unglück, ſo wie über die Sorgloſigkeit, mit welcher ich daſſelbe aufnahm. Was konnte ich auch wohl anders thun, da ich nicht mehr in dem Alter der thörichten Leidenſchaftlichkeit, des zärtlichen Schmach⸗ tens, des zürnenden Schmollens war, als meinem Aben⸗ teuer eine komiſche Wendung geben! Ich erklärte alſo un⸗ umwunden, daß ich die Penſionärin nicht liebe und auf jedes weitere Unternehmen verzichte. Der Kardinal verſicherte mir, daß er mir in drei Tagen zu meinem Triumphe Glück wünſchen werde. Da ich am Morgen nicht zu Armellinen gegangen war, ſo ſchickte ſie ihren Bruder zu mir, um mich zu fra⸗ gen, was aus mir geworden. Der arme Junge eilte zu mir, völlig angeſteckt von der Unruhe ſeiner Schweſter. Sage Armellinen, ich würde noch ferner an ihr Theil nehmen, und ſie dem Wohlwollen der Fürſtin empfehlen, aher ich würde ſie nicht wiederſehn. Und weshalb? ——õö 122 Weil ich meine unglückliche Leidenſchaft vergeſſen will. Deine Schweſter liebt mich nicht; ich habe es nur zu deut⸗ lich geſehn; ich bin zu alt für ſie. Wo haben Sie das geſehn? An ihren Augen; ſie ſind ein Spiegel, der die Zu⸗ rückhaltendſte verräth. Wenn Deine Schweſter mich liebte, würde ſie mich nicht mit ſolcher Kälte behandeln. Glaubſt Du wohl!, daß ſie mir die unbedeutendſte Gunſt, einen Kuß, verſagt hat? Ich muß der Sache ein Ende machen. Das iſt mir unangenehm, und es wird mir ſchwer, Ihnen zu glauben. Vielleicht hinderte ſie die Gegenwart Emiliens. Nein, ich habe ſie allein um dieſe Gunſt gebeten. Du ſiehſt wohl, daß ich dieſe Leidenſchaft erſticken muß; ſpäter könnte ich vielleicht eine Dummheit begehen, deren Opfer wir Beide werden würden. Warum ſind Sie verheirathet? Ich muß erwähnen, daß ich mich für verheirathet aus⸗ gegeben. Jetzt konnte ich mir dieſe unſchuldige Lüge nicht verzeihn; denn da ich unter der Herrſchaft der Liebe ſtand, hätte ich wahrſcheinlich Armellinen die Ehe verſprochen und der Teufel weiß, ob ich Wort gehalten hätte. Indeß wie⸗ derholte mir die Fürſtin von Santa⸗Croce täglich, daß der Schlüſſel zu ihrer Loge mir zur Verfügung g ſtehe, um meine Schöne hineinzuführen. Ich ließ eine Woche verfließen, ohne dieſes Anerbieten zu benutzen und ſie glaubten, ich habe ernſtlich gebrochen. Der Kardinal, der ſcharfblickend war, ſah wohl, daß ich noch verliebt waxr, billigte indeß mein Benehmen. Er muthmaßte, daß ich in Kurzem auf Ar⸗ mellinens Veranlaſſung ein Billet von der Superio⸗ rin bekommen würde; er hatte richtig gerathen. Ich folgte der Einladung der Dame, welche mich fragte, warum ich meine Beſuche ſo plötzlich abgebrochen. Weil ich Armelline liebe. Das iſt keine hinreichende Erklärung Ihres Weg⸗ bleibens. Hören Sie mich gefälligſt an, Madame. Eine Frau lieben, heißt ihren Beſitz begehren, und ohne Hoffnung iu 3 begehren, heißt ſich tauſendfache Martern auferlegen. Sie ſehen wohl, daß ich Alles verſuchen muß, mir dieſelben zu erſparen. Ich beklage Sie aufrichtig, und Ihr Benehmen iſt klug; aber Sie werden zugeben, daß in dieſem Falle das junge Mädchen Anſpruch auf Ihre Achtung hat? Wer zweifelt daran? Dann verdienen Sie Tadel, denn Ihr plötzliches Weg⸗ bleiben ſetzt ſie böſen Nachreden aus. Sie ſind die Urſache eines großen Skandals, Man glaubt, Ihre Neigung ſei nur eine flüchtige Laune geweſen, und Sie hätten die Un⸗ glückliche verlaſſen,, nachdem ſie Sie beſriedigt. Das iſt eine Abſcheulichkeit; was ſoll ich aber thun? 4 Sie ſehn und geheilt werden. Das iſt unmöglich, das hieße die Wunde mit einem glühenden Eiſen brennen. Die Krankheit, von welcher Sie ſprechen, habe ich nie recht gekannt, indeß denke ich, daß mit der Zeit die Liebe zur Freundſchaft werden kann, und dies iſt ein ſehr ruhiges Gefühl. Sehr wohl; aber um dahin zu kommen, Madame, muß man gut behandelt werden. Wenn indeß der geliebte Gegenſtand kein Mitleid mit uns empfindet, ſo geräth man in Verzweiflung, oder der Stolz gewinnt die Oberhand und die Liebe erliſcht in Gleichgültigkeit. Das Alles paßt nicht für mich; ich will weder verzweifeln, noch mich mit Ar⸗ mellinen entzweien, ich werde ſie alſo nicht mehr ſehn. Sie werden das einſehn und ſie auch. Das heißt, wir begreifen die Sache ganz und gar nicht. Armelline hat mir geſagt, ſie habe ſich keinen Vorwurf zu machen und ſie weiß nicht, welchem Beweggrunde ſie Ihr Wegbcleiben zuſchreiben ſoll. Sei es Schaam oder Vorſicht von ihrer Seite, ſie hat Ihnen nicht die Wahrheit geſagt; die Ehre befiehlt mir, Ihnen nichts zu verbergen. Hierauf erzählte ich ihr, was zwiſchen uns vorgefal⸗ len. Ich habe den Grundſatz, ſagte ſie, das Schlechte nur im äußerſten Falle zu glauben; aber ich kenne die menſch⸗ 124 liche Schwäche und ich würde nie geglaubt haben, daß Sie in Zeit von zwei Monaten, und während Ihrer langen Zuſammenkünfte in den Grenzen ſolcher Zurückhaltung ge⸗ blieben wären. Zehn Küſſe würden mich weniger verdrie⸗ ßen als dieſer Bruch. Aber, Madame, die Kleine leidet nicht darunter. Im Gegentheil, ſie weint Tag und Nacht. Sie weint, weil man meine Abweſenheit auf eine für ſie beleidigende Weiſe deutet. Welche Kinderei! Machen wir der Sache ein Ende, und holen Sie morgen beide zum Theater ab. Sie fordern es, und ich unterwerfe mich; aber verheh⸗ len Sie ihnen nicht, daß ſie mich auf Ihre Bitten wie⸗ derſehn. Zur verabredeten Stunde ließ ich Armelline ins Sprech⸗ zimmer rufen; Emilie erſchien zuerſt und warf mir mein Benehmen vor. Ein Mann, der aufrichtig liebt, würde nicht ſo han⸗ deln; ferner haben Sie Unrecht gethan, der Superiorin Alles zu geſtehn. Sie irren ſich, meine Theure; würde ich mich wohl gegen die Dame ausgelaſſen haben, wenn meine Mittheilun⸗ gen irgend wie den Schein des Ernſtes gehabt hätten? Alſo war es nur ein Spiel? Ein Scherz, wenn Sie wollen. Sie ſind ja ein Ungeheuer. Armelline iſt unglücklich, ſeitdem fir Sie kennt. Binden Sie das Andern auf. Warum unglücklich? Weil ſie ihren Pflichten treu bleiben will, und weil ſie wohl geſehn hat, daß Sie darauf ausgehn, ſie von den⸗ ſelben abwendig zu machen. Beruhigen Sie ſich; ich werde ſie nicht ſtören. Ich verſtehe; Sie wollen ſie nicht mehr ſehn. Sehr richtig. Vielleicht wird mir dies Opfer ſchwer werden, aber man gewöhnt ſich an Alles. Sie kann alſo ſchon jetzt veroh rechnen, daß Sie ſie nicht lieben? Das ſteht ihr frei. ſie 125 Ihr Männer ſeid doch grauſam; Ihr beſtraft uns für unſre Pflichten, die Ihr nicht habt. In dieſem Augenblicke erſchien Armelline. Sie war ſehr bleich. Armelline, ſagte ich, nehmen Sie Ihre liebenswürdige Heiterkeit wieder an; möge das Lächeln wieder auf Ihren Lippen ſchweben und geſtatten Sie, daß ich mich durch die Flucht von einer Krankheit zu heilen ſuche, welche mich in Gefahr bringt, Sie Ihren Pflichten abwendig zu machen. Ich werde immer Ihr Freund bleiben; wollen Sie das nicht? Statt aller Antwort trocknete ſie ihre Thränen. Da ich ferner nicht will, daß auf Sie, die Sie ſo tu⸗ gendhaft ſind, Verdacht falle, ſo werde ich Sie einmal wö⸗ chentlich beſuchen. Sie hätten nicht zuerſt alle Tage kommen ſollen. Ich beſtrafe mich hinlänglich für einen Fehler, deſſen Schuld Ihre Schönheit trägt. Seien Sie mir aber auch dazu behülflich, daß ich wieder zur Vernunft komme. Ich muß Sie zu dieſem Behufe ſo ſelten wie muglich ſehn; das iſt der vernünftigſte Entſchluß den ich faſſen kann, derjenige, der mit meiner Ehre und der Achtung, welche ich Ihnen ſchulde, am Meiſten in Einklang ſteht. Ach, mein Herr, warum können Sie mich nicht lieben, wie ich Sie liebe! Ruhig, nicht wahr? Ohne Begierden zu fühlen, ohne Feuer, ohne Schmerzen; das iſt nicht meine Weiſe; ich liebe mit Leidenſchaft, mit Trunkenheit, d. h. mit Schmerzen. Wer ſagt Ihnen denn, daß ich nicht leide? Dann ziehn Sie Ihrer Liebe Ihre Pflichten vor. Spre⸗ chen Sie offen; ſollte dieſe vorgebliche Liebe Ihnen wirklich Schmerzen verurſachen? Ich würde ſehr leiden, wenn ich die Begierden, die ich beim Gedanken an Sie empfinde, unterdrücken müßte; im Gegentheil aber nähre ich ſie, und ſie ſind mir theuer. Ich möchte, daß Sie mein Vater oder mein Bruder wären, um Sie mit unſchuldigen Liebkoſungen zu bedecken; in meinen erregten Träumereien möchte ich ſogar, daß Sie zu meinem Geſchlechte gehörten und gleich mir in dieſen Mauern ein⸗ rHnRAbteineSee. 3 ——— 126 geſchloſſen wären; wir würden uns dann keinen Augen⸗ blick verlaſſen. Dieſes Geſpräch mit Armellinen verſetzte mich in ſüße Trunkenheit; ich entfernte mich mit leichtem und hoffendem Herzen, wie ein geliebter Liebender. Nach einer köſtlichen Abendunterhaltung, während wel⸗ cher ich den ſentimentalen Liebhaber ſpielte, nahmen wir ein feines Abendeſſen ein, und ich brachte ſie wieder nach dem Kloſter. Die gute Pförtnerin, welche uns aufmachte, er⸗ hielt zwei Zechinen von meiner Freigebigkeit und ſegnete laut die Reform. Sind Sie noch immer entſchloſſen, ſich von Ihrer Liebe für Armelline zu heilen? fragte mich die Superiorin. Ohne Zweifel, antwortete ich; indeß werde ich die Faſtenzeit abwarten, um meine Beſuche einzuſtellen. Gut, verſetzte ſie; der Karneval iſt glücklicher Weiſe dieſes Jahr ſehr lang. Einhundertundſiebenzehntes Kapitel. Der Florentiner.— Armelline auk dem Ball.— Bano⸗ witſch.— Beno.— Gezwungene Abreiſe.— Ankunkt in Bologna.— Der General Albergati. Welcher Wahnſinn iſt doch die Liebe, beſonders wenn ſie ernſt und noch nicht befriedigt iſt? Die Ungewißheit ob ich geliebt würde, die Ungeduld der Begierde, die Qualen der Abweſenheit, die Zänkereien ohne Entſchädigung, die Ver⸗ ſöhnung ohne Wonne, das waren die Fruüͤchte, welche ich .von meiner Leidenſchaft für Armelline erndtete. Dieſe Liebe ſollte endigen, wie jede unmögliche Liebe enden muß, wo keine Uebereinſtimmung des Alters, der Erziehung, der Ge⸗ wohnheit vorhanden iſt. Ein zufälliges Zuſammentreffen gen⸗ üße dem vel⸗ ein dem er⸗ nete iebe die eiſe 127 ſollte mir Armelline entreißen und mich allen Qualen der Eiferſucht Preis geben. Nun urtheile man, ob das Leben ein erträglicher Zuſtand iſt, wenn ein Mann in reifem Al⸗ ter, der auf Liebesabenteuer ausgeht, von der Hand eines jungen Mädchens eine Ohrfeige bekömmt, wie ich ſie bekam. Ich weiß nicht, ob ich ſchon geſagt, daß Emilie, welche die Heirathsanträge und die Huldigungen eines jungen Kaufmanns aus Civita⸗Vecchia erhielt, mich bat, mich ihrer Liebe anzunehmen. Dieſer junge Mann hatte eine Intri⸗ gue mit einer Witwe gehabt, welche Rechte auf ſeine Hand zu haben glaubte und mit öffentlichem Skandal und einem Prozeſſe drohte. Es handelte ſich darum, den Schlag ab⸗ zuwehren. Der Kardinal von Bernis gab ſich dazu her. Emiliens Freude ging Armellinen zu Herzen, und obwohl ſte mir fortwährend unſchuldige Zeichen ihrer Zuneigung gab, ſo bemerkte ich doch ein gewiſſes Schlagen des Her⸗ zens, welches ſagen wollte: Wann wird ein Mann für mich erſcheinen? Die Frauen, welche im Allgemeinen für die Liebe ihr ganzes Leben hingeben, ſtreben nach der Ehe wie nach einer großen Emancipation, Sie gewinnen ihre Frei⸗ heit auf Koſten der unſrigen; ein junges Mädchen hat eine unbeſtimmte Ahnung davon, und weiß dem Manne Dank, der ihr dies ungeheure Opfer bringt. Armelline liebte in meiner Perſon einen Andern; ich ſollte es erfahren. Ich war eines Abends mit meinen beiden jungen Freun⸗ dinnen im Theater der Capranica, als ich in der benach⸗ barten Loge die Marquiſe von Aoſte bemerkte; drei Perſonen begleiteten ſie, zunächſt ihr unvermeidlicher Gatte, ſodann der Abbé und ein junger Mann, von ſehr gutem Aus⸗ ſehn. Die Marquiſe fragte mich, wer die jungen meiner Obhut anvertrauten Mädchen ſeien. Es ſind, entgegnete ich, Verwandte des venetianiſchen Geſandten. Sie ſind ſehr hübſch, beſonders die jüngſte. Ich habe nie in meinem Leben eine ſchönere Perſon geſehn, ſagte der junge Mann begeiſtert und bot bei dieſen Worten Armellinen eine Düte mit Zuckerwerk an, welche er ſie mit ihrer Nachbarin zu theilen bat. —ꝑ ———— 128 An ſeiner Ausſprache hatte ich den Florentiner erkannt und ſagte zu ihm: Dieſe Bonbons kommen aus Florenz? Nein, mein Herr, aus Neapel, von woher ich vor drei Tagen angelangt bin. Er ſetzte hinzu: Ich habe vorhin Ihren Namen nennen hören, und da Sie Herr Caſanova ſind, ſo geben Sie mir gefälligſt Ihre Adreſſe; ich werde die Ehre haben, Ihnen morgen den Brief zu bringen, den ich an Sie abgeben ſoll. Von wem? Von der Marquiſe von C.... Ich erwarte wirklich eine Antwort von ihr. Der Brief hier enthält die Antwort, die Sie erwarten. Ich möchte ſie bald leſen. Ich kann ſie Ihnen auf der Stelle geben, ohne darum auf das Vergnügen, Sie zu beſuchen, zu verzichten. Er⸗ lauben Sie mir in Ihre Loge zu kommen. Er hätte mir wohl den Brief herüberreichen können, wie er die Düte Zuckerwerk herübergereicht hatte. Er tritt alſo ein und ſetzt ſich neben Armelline. Ich mache den Brief auf, als ich aber vier beſchriebene Seiten ſehe, mache ich ihn wieder zu, unter dem Vorwande, die Loge ſei ſchlecht erleuchtet; das war indeß nicht der wahre Grund. Der Florentiner ſagte mir, daß er bis Oſtern in Rom zu bleiben gedenke, um alle Wunderwerke kennen zu lernen, obwohl er verzweifele, etwas Schöneres zu finden, als er jetzt in ſolcher Nähe ſehe. Bei den letztern Worten ſieht ihn Armelline an und erröthet; ich dagegen ärgere mich ſchrecklich und ſchweige. Er bemerkt mein Mißvergnügen und verläßt die Loge, nachdem er, ich weiß nicht was ge⸗ ſtammelt. Als er weggegangen iſt, ſage ich zu Armellinen mit heitrer Miene: Nun, meine Theure, Sie haben eine Eroberung gemacht! Armelline antwortete nicht. Was denken Sie von dieſem jungen Manne? Ich denke, daß ſein Zuckerwerk vortrefflich iſt. d 129 Es iſt nicht davon die Rede, ſondern von ſeinem Com⸗ plimente! Es iſt ein kühnes Compliment, aber er hat gewiß ſeine gute Abſicht dabei gehabt. Ich zweifle nicht daran. Vielleicht iſt es der Gebrauch der feinen Welt, ein Mädchen, welches man zum erſtenmale ſteht, zum Erröthen zu bringen. Und welches Einem gefällt, ſetzte ich hinzu; nein, meine Theure, das iſt nicht der Gebrauch, oder wenigſtens verbietet es die Höflichkeit und wer die Welt kennt und die gute Geſellſchaft liebt wird ſich ſo etwas nicht geſtatten. Ich ſagte keine Sylbe weiter und ſchien meine ganze Aufmerkſamkeit der Muſik zu ſchenken; in Wahrheit aber wünſchte ich Muſik und Schauſpiel zum Teufel, denn ich erſtickte beinahe vor Wuth. Dieſer Florentiner, ſagte ich zu mir, hat wohl bemerkt, daß ich Armellinens Liebhaber bin; warum hat er ſich denn dieſe Erklärung unter meinen Augen geſtattet? Wie es ſcheint macht er ſich nicht viel aus meinem Mißfallen, ohne Zweifel hält er mich für einen bloßen Kavaliere ſervente, für einen gutmüthigen Tropf. O Wuth! Ich habe ſiebenundvierzig Jahre auf dem Haupte! Ich glaube, ich ſprach die letzten Worte ſo laut, daß ſie gehört werden konnten, denn die gefühlvolle Armeliine ſchickte mir einen rührenden Blick zu und forderte mich mit ihrer gewöhnlichen Naivetät auf mich zu beruhigen. Weshalb ſagen Sie mir das? entgegnete ich barſch. Weil Sie zu glauben ſcheinen, die Schmeicheleien des Fremden baben Eindruck auf mich gemacht. Das arme Kind fühlte nicht, daß dieſer vermeintliche Troſt, den ſie mir bot, einen ihrer Abſicht zuwiderlaufenden Eindruck machen mußte. Ich glaube es nicht, verſetzte ich noch barſcher; aber der Herr konnte ſchweigen: er hat mich beleidigt. Welche Kinderei! Ich bin überzeugt, daß der junge Mann Ihnen ein Compliment hat machen wollen; er hat mich wahrſcheinlich für Ihre Tochter gehalten. Leſer, der Du in meinem Alter und nicht Familien⸗ XVII. 9 130 vater biſt, verſetze Dich an meine Stelle und denke Dir meinen Zuſtand. Was konnte ich auf eine ſo natürliche und doch ſo grauſame Bemerkung erwiedern? Wäre der Florentiner in der Loge geblieben, ſo hätte ich ihm den Hals umgedreht. Da ich mir dieſe Genugthuung nicht ver⸗ ſchaffen konnte, ſo biß ich ſchweigend in den Zügel; da ich es aber bald nicht mehr aushalten konnte, ſo ſagte ich zu den beiden jungen Mädchen: Gehen wir. Sie ſahen ſich einen Augenblick an, ohne ein Wort zu ſagen und folgten mir ohne Zögern. Ich glaubte mir eine Erleichterung ver⸗ ſchafft zu haben, aber ich hatte mir eine neue Laſt auf die Bruſt gelegt, die Laſt eines unhöflichen Benehmens. Ich verſuchte eine Erklärung. Können Sie ſich denken, weshalb ich mit Ihnen weg⸗ gegangen bin. Mein Gott, nein. Das iſt doch ſehr einfach; vor der Thür hatte man uns in den Wagen der Fürſtin ſteigen ſehn. Es würde doch nicht das erſtemal ſein. Sehr richtig, aber man könnte doch darüber ſprechen. Wir verſtehen das nicht. Weil Sie nicht verſtehn wollen. Uebrigens werden wir den Schluß des Stücks morgen ſehn. Es war zehn Uhr; ich führte ſie zum Abendeſſen und um meine üble Laune in Vergeſſenheit zu bringen, ſprach ich mit ihnen vom Ball. Das war die allgemeine Krank⸗ heit der römiſchen Mädchen und die Kloſterbewohnerinnen waren auch nicht frei davon. Es iſt bekannt, daß Pius VI. dies Vergnügen während der zehn Jahre ſeiner Regierung verboten hatte. Er geſtattete jedoch die Ausſchweifung und Proſtitution, Hazardſpiele, die Ausgelaſſenheit des Karna⸗ vals; aber er verbot das Tanzen. Sein Nachfolger that gerade das Gegentheil. Er ließ ſeine Unterthanen und ver⸗ muthlich ſeine Unterthaninnen ſpringen, ſo viel ſie wollten. Ich verſprach alſo meinen Freundinnen, ſie auf den Ball zu führen, ſobald ich in einem entfernten Viertel eine Tanz⸗ geſellſchaft gefunden hätte, wo ich ſie anſtändiger Weiſe und ohne daß ſie erkannt zu werden fürchten müßten, vorſtellen an 131 könnte. Am folgenden Tage um zehn Uhr erfuhr ich, daß ein hübſcher junger Mann mich hatte ſprechen wollen, daß er mich aber nicht hatte von Margarethen wecken laſſen wollen. 1 4 Es iſt der liebenswürdigſte Mann, den ich kenne, ſetzte ſie hinzu. 4 Er hat Dir alſo utwas gegeben? 8 Ei freilich! Ein ſchönes Goldſtück. Und er hat verſprochen, wiederzukommen? Morgen um elf Uhr. Es war der Florentiner. Aus Leonildas Brief erſah ich, daß dieſer toskaniſche Phönix ein londoner Kaufmann von ziemlich bedeutendem Vermögen war, daß er den Auf⸗ wand liebte und eine gute Erziehung erhalten hatte, daß er mit einem Worte ein ſehr liebenswürdiger Menſch war, deſſen Geſellſchaft mir nur ſehr angenehm ſein konnte. Leonilda meldete mir endlich, daß ſielſchwangen ſei. In der That kam ſie im nächſten Mai mi rnaͤben nieder, den ich zwanzig Jahre ſpater in Prag zur Zeit der Krb⸗ nung des Kaiſers Leopold ſah. Man nannte ihn den Mar⸗ quis von Cahz apohwie ſeinen Vater, der glücklich das acht⸗ zigſte Jahr erkalchien Obwohl dem jungen Manne mein Name nie genannt worden war, ließ ich mich ihm doch vor⸗ ſtellen. Er machte zu dieſer Zeit eine große Reiſe in Be⸗ gleitung eines Gouverneurs, den er ſehr gut hätte entbehren können, denn mein tugendhafter Enkel war in ſeinem zwan⸗ zigſten Jahre vernünftiger als man es häufig im achtzigſten iſt. Ich ſah ihn mit um ſo größerem Vergnügen als er tige Bild ſeiner Mu Vor noch nicht langer Zeit hat mir Leonilda, die ihren n verheirathet hat, geſchrieben, ich möge den Reſt meines Lebens bei ihr zubringen. Obwohl nur die Einſamkeit fuͤr mich paßt, werde ich mich doch vielleicht noch dazu entſchließen. Ich komme auf meine Geſchichte zurück. Der Kar⸗ dinal von Bernis fragte mich in Gegenwart der Fürſtin, warum ich am vorigen Tage das Schauſpiel ſo ſchnell verlaſſen? “ 4 4 A 13² Das würde eine lange Geſchichte werden, entgegnete ich, und ich müßte ihr das paſſende Kolorit geben können. Das Gemälde würde alſo im Geſchmack unſerer Abend⸗ unterhaltungen mit M. M. ausfallen? Ich nickte bejahend. Dann, mein Lieber, können Sie mir die Geſchichte ein andermal erzählen. Der Kardinal übergab mir an dieſem Abend den Dis⸗ pens, um welchen ich ihn für Emiliens Zukünftigen er⸗ ſucht hatte. Der Florentiner ſtellte ſich pünktlich zu der von ihm beſtimmten Zeit ein. Ich fand ihn ſo, wie die Marquiſe ihn mir geſchildert, aber das ſchlechte Kompliment, welches er mir zugezogen, lag mir noch immer auf dem Herzen. Als er mich fragte, ob die junge Perſon, die er in meiner Loge geſehn, verheirathet oder verlobt ſei, ſo erwiederte ich trocken, er ſolle ſeine Erkundigungen einſtellen oder ſie ander⸗ wärts einziehn, da die junge Dame incognito ins Theater gekommen. Er erröthete und entſchuldigte ſich. Ich fürch⸗ tete zu weit gegangen zu ſein und um mich zu entſchul⸗ digen, lud ich mich für den folgenden Tag zum Fruühſtück bei ihm ein. Er wohnte in dem Hauſe Rolands, wo da⸗ mals auch die Sängerin Gabrielli, Maitreſſe des Fürſten Baptiſt Borgheſe, wohnte. Nachdem ſich der Florentiner entfernt, eilte ich zu den VPVeſtalinnen. Emilie war freudeſtrahlend, denn ich brachte ihr ihren Heirathskontrakt. Armelline war dagegen höchſt betrübt. Was ſoll ich hier machen, wenn Emilie weg iſt? Was ſoll aus mir werden, wenn Sie abreiſen? — Ich werde Rom nicht eher verlaſſen als bis Sie ver⸗ heirathet und ausgeſteuert ſind. Ihr Geſicht klärte ſich ſogleich auf. Ich ſah, daß ſie mich nie geliebt oder mich nicht mehr liebte. Ich ging zur Marquiſe von Aoſte zum Mittagseſſen und war ſicher, den Florentiner hier zu finden. Sie empfing mich mit der ab⸗ geſchmackten Frage: Warum ſind Sie nicht bis zum Schluſſe des Schauſpiels geblieben? —— — N u 8 b☛ — u GRn n nN A 88— UA KAn— ⏑⏑ 133 Meine Begleiterinnen waren müde. Wir wiſſen aus guter Quelle, daß es nicht Ver⸗ wandte des venetianiſchen Geſandten ſind. 1 Das war eine Lüge, wegen deren ich um Verzeihung itte. Sie ſind ein wahrer Wehrwolf, der ſeine Eroberungen und ihren Stand verbirgt. Man kennt ihn indeß. Deſto beſſer für die Neugierigen. Die jüngſte iſt reizend; Sie wiſſen das längſt, nicht wahr? Auch Andre wiſſen es. Hier ſtieß der Florentiner einen tiefen Seufzer aus. Da Sie Gewalt über ſie haben, ſo ſagen Sie ihr doch, ſte möge ſich etwas ſchminken und pudern. Warum das, Madame? Sie iſt friſch und voll; ihre Haare ſind prachtvoll. Warten Sie, bis ſie das dreißigſte Jahr erreicht hat, um ihr einen ſolchen Rath zu ertheilen. Uebrigens geht mich das nichts an, und Gott ſoll mich bewahren, irgend etwas von ihr zu fordern! Die letzten Worte ſchleuderte ich ihr mit einer Art Wuth zu. Der Florentiner rührte ſich nicht, und dies Be⸗ nehmen ſtimmte mich ziemlich günſtig für ihn. Im Laufe der Unterhaltung erfuhr ich, daß er ſich in Italien ver⸗ heirathen wolle und daß, ſobald er eine Frau gefunden, er nach London abgehen werde. Er überhäufte mich mit Be⸗ weiſen der Achtung und Freundſchaft und machte mir alle nur erdenkbaren Dienſtanerbietungen. Er mußte wohl einen geheimen Beweggrund haben, um ſo zu handeln. War das nicht eine gute Partie für Armelline? Aber ich konnte meine dumme Eiferſucht nicht los werden. Es wurden alle Vorbereitungen fuür Emiliens Verhei⸗ rathung getroffen; der Tag, wo ſie das Kloſter verließ, wat ihr Hochzeitstag. Sie reiſte ſodann mit ihrem Manne nach Civita⸗Vecchia. Drei Tage ſpäter heirathete Menicuccio ſeine Geliebte und ich ſah am Gitter Armelline in Geſell⸗ ſchaft einer neuen Penſionairin. Dieſes junge Mädchen, welches Scholaſtica hieß, war reizend. Ich würde mich in ſie verliebt haben, wenn ich nicht ſchon in Armelline ver⸗ ——— —— 134 liebt geweſen wäre. Von der Superiorin hörte ich, daß auch im Kopfe dieſes jungen Mädchens Heirathsgedanken ſpukten, und daß ich ihr einen großen Dienſt erweiſen könnte, wenn ich ihr einen Dispens verſchaffte. Auf welchen Grund hin? Sie liebt ihren Neffen, einen jungen Mann ihres Alters. Ich werde mich damit beſchäftigen, oder vielmehr der Kardinal Bernis wird ſich damit beſchäftigen. Wie man ſieht, war ich damals im Paroxismus un⸗ begreiflicher Verheirathungswuth. Auch früher hatte ich eine Menge junger Mädchen verheirathet; aber ſie waren durch den Rachen des Wolfs gegangen und ich hatte ihnen meine Zähne eingedrückt. Aber jetzt gingen mir alle guten Biſſen vor der Naſe vorbei. Das Ende des Karnavals nahte heran und Armelline brannte vor Begierde auf den Ball zu gehn, beſonders aus einem Grunde, den man wohl errathen wird. Es war mir gelungen, eine Tanzkneipe aus⸗ findig zu machen, wo ich hoffen durfte, nicht erkannt zu werden. Ich ließ die beiden Kleinen neapolitaniſche Ma⸗ troſenkoſtüme anlegen; als ich aber in den Saal trete, finde ich die Marquiſe von Aoſte, ihren blödſinnigen Mann und den Abbé. Der eine der Herren führte eine große und ſchöne Perſon, der ich meine Huldigungen darbringen wollte, als ich unter dieſer Verkleidung den ſchönen Florentiner erkannte. Die Marquiſe bemächtigte ſich Scholaſticas, der Marquis und der Abbé faßten mich unter den Arm und der Florentiner entſchlupfte mit Armellinen. Da ich eifer⸗ ſüchtig wie ein Tiger war, ſo verfluchte ich den Ball, alle Kloſterbewohnerinnen und Klöſter. Gegen Mitternacht fand ich Armelline im Saale wieder; ſie beachtete meine üble Laune nicht. Ich brachte ſie zur Superiorin und bedeutete ihr, daß ſie weder das Theater noch andre öffentliche Ver⸗ gnügungen ferner werde beſuchen dürfen, worauf ich mich voller Schaam und Aerger zu Bett legte. Am folgenden Tage um zehn Uhr meldete mir ein Billet der Superiorin, daß meine Schöne in der Nacht durch einen Unbekannten entführt worden; erſt ſpäter erfuhr ich, daß Alle mich bei — ☛ ——6 22—8ꝗ ͤ— un — ☛ 135 4½ dieſer Gelegenheit zum Beſten gehabt, und daß die Flucht des Florentiners mit Armellinen durch ein Komplott meiner Freunde zu Stande gekommen. In meiner wahnſinnigen Aufregung verließ ich Rom, um die Flüchtigen zu verfolgen; aber als ich in Florenz aukam, hatte die Vernunft wieder die Oberhand gewonnen und meine Liebesverzweiflung verging. Im Theater von Franz Regnard befindet ſich ein rei⸗ zendes Schauſpiel, der Spieler betitelt, wo der Held, vom Glücke verlaſſen, ſeine Leidenſchaft ändert und wieder an ſeine Geliebte denkt. Von Armellinen verlaſſen, änderte ich ebenfalls meine Leidenſchaft und ſtudirte fleißig, bis eine neue Leidenſchaft mich wieder zerſtreute. Bei dem Buch⸗ händler, welcher mir die Bücher verſchaffte, deren ich be⸗ durfte, fand ich einen gut ausſehenden Fremden, mit wel⸗ chem ich eine Unterhaltung anknüpfte. Ich ſagte ihm, ich habe eine Ueberſetzung der Iliade übernommen; er theilte mir hierauf mit, daß er die griechiſche Mythologie ins La⸗ teiniſche überſetzt. Wir tauſchten unſre Karten aus, erfreut daß wir uns unſre beiderſeitigen Kenntniſſe würden mit⸗ theilen können. Unſere Verbindung beſtand während unſers ganzen Aufenthalts in Florenz, ohne daß einer von uns den Wunſch empfunden hätte, die Tafelfreuden oder andre Zerſtreuungen mit dem Andern zu theilen; zwei Männer, welche durch die Liebe zur Wiſſenſchaft verbunden ſind, verzichten gern auf jede Gemeinſchaftlichkeit der Vergnü⸗ gungen, die ihnen koſtbare Augenblicke rauben würde. Mein Freund nannte ſich oder nennt ſich, wenn er noch lebt, Everardo Medici. T. B. Allegranti, bei welchem ich damals wohnte, hatte eine junge und ſehr hübſche Nichte; da ich jetzt ein Feind verliebter Zerſtreuungen und weltlicher Freu⸗ den war, ſo miethete ich zwei Zimmer bei einem alten Weibe, welches keine Nichte hatte. Dieſe Magdalene Alle⸗ granti, die mich wie einſt den tugendhaften Joſeph in die Flucht trieb, wurde ſpäter als Schauſpielerin beruͤhmt. Zur ſelben Zeit kam der Graf Stratico mit ſeinem jungen Zög⸗ linge, dem jungen Moroſtini, nach Florenz. Der arme Graf hatte ſich das Bein gebrochen, und da er ſeinen jungen Zögling nicht ſich ſelbſt überlaſſen wollte, ſo bat er mich, ——— ———— ——— e 3 —— —— —— 136 wo möglich ſeine Vergnügungen zu theilen, damit der junge Menſch nicht in zu ſchlechte Geſellſchaft gerathe. So wur⸗ den alſo meine Studien unterbrochen, und mein Lebensplan über den Haufen geworfen. Aus reiner Freundſchaft für den Grafen machte ich mich für einige Zeit zum Genoſſen der Ausſchweifungen meines Zöglings. In den Geſell⸗ ſchaften, welche wir beſuchten, fand ich auch den Grafen Medini, dieſen unerſchrockenen Beſucher ſchlechter Kneipen, deſſen ſich die Leſer vielleicht noch erinnern. Eines ſchönen Morgens nahm er mein Mitleid in Anſpruch; er hatte kein andres Anrecht darauf, als daß er mich genöthigt, ihn wegen ſeiner übergroßen Geſchicklichkeit im Spiele zu züch⸗ tigen. Indeß erregte ſeine Lage mein Mitleid und ich war geneigt, ihm zu helfen, wenn er mir irgend eine Garantie böte. Er zeigte mir einen ungeheuren Papierſtoß, auf wel⸗ chen er große Hoffnungen ſetzte; es war eine Ueberſetzung der Henriade in italiäniſcher Sprache. Ich las einige Stücke, die mir ziemlich gut ſchienen; der Ausdruck war klar und reich; die Satzbildung einfach und harmoniſch. Medini beabſichtigte die letzte Hand an ſein Werk zu legen und es dann dem Großherzoge zu widmen. Durch dieſe Widmung hoffte er zu Ehre und Geld zu kommen. Ein zweifelndes Lächeln war meine Antwort, Leopold hatte keine Neigung für die Literatur und ſchönen Künſte; für ihn war jene nur eine Zuſammenſtellung von Vokalen und Kon⸗ ſonanten, welche die Aufmerkſamkeit eines ernſten Manues und beſonders eines Fürſten nicht zu feſſeln verdiene. Zu⸗ weilen beſchäftigte er ſich mit Naturgeſchichte; er war einer von jenen tauſend Potentaten, welche in die ſo zahlreiche Klaſſe der Leute, die nicht leſen können, geſetzt werden müſſen. Entſchiedene Neigung hatte er nur fürs Geld und die Frauen. Ich erklärte Medini, ſeine Ueberſetzung würde ihm Ehre machen und könnte gewinnbringend für ihn werden; aber es ſei mir nicht möglich, ſie als Bürgſchaft für das Geld, deſſen er bedürfe, zu nehmen. Bei dieſen Worten faßt er mich beim Kragen, ich ſpringe ihm an den Hals, werfe ihn nieder und bringe ihn hinaus. Weiter ging meine Rache —⁸ N 8S8 88uN — — α˙ 8* ⏑—8 ⁵ 8 BA' ð— —=— 137 nicht. Zum Glück führte ihm ſein guter Engel einen Frem⸗ den aus Venedig zu, der ihn aus der Verlegenheit zog; dies war Primislaus Zanowitſch, mſſcher in der Folge ebenſo großen Ruf wie ſein Bruder erlangte. Um deſto ſicherer die amſterdamer Kaufleute zu begaunern hatte er ſich aus eigner Machtvollkommenheit den pomphaften Titel eines Fuͤrſten von Skanderbeg gegeben. Ich werde ſpäter von dieſen beiden Abenteurern ſprechen, weiche ein ſchlechtes Ende nahmen. Primislaus Zanowitſch, damals fünfundzwanzig Jahre alt, war der Sohn eines Edelmanns aus Budar. Dieſe an der Grenze Albaniens und Dalmatiens gelegene Stadt hatte einſt zu Venedig gehört; im Alterthume hatte ſie zu Epirus gehört; jetzt gehört ſie der Pforte. Primislaus, der in Venedig erzogen worden war, hatte ſeit ſeinem erſten Auftreten Geſchmack an den leichten Freuden gefunden, an denen mein ſchönes Heimathland ſo reich iſt. Während eines fünfjährigen Aufenthalts daſelbſt gewann Primislaus bedeutende Summen im Spiel; und als die Polizei es für angemeſſen hielt, ihn in ſein Vaterland zurückzuſchicken, fing Primislaus, den der Gedanke an tatariſchen und dalmatiſchen Umgang erſchreckte, in Verbindung mit ſeinem Bruder, an auf Abenteuer auszuziehn. Nur vermieden ſie es, ſich an den⸗ ſelben Orten zuſammenzufinden; der Eine operirte im Nor⸗ den, der Andere im Süden; ſie ſtellten ihre Netze überall aus und machten überall einen guten Fang. Man wundre ſich nicht, daß Primislaus in Florenz großen Aufwand machte. Als er ankam, ritt ihm ein Kourier vorauf und er wurde von zwei Lakaien und ſeiner Maitreſſe begleitet. Er miethete eine prachtvolle Wohnung, Equipage, Pferde und eine Geſellſchaftsdame für ſeine Ge⸗ liebte; ich ſah ſie im Kaſino dei Nobili funkelnd von Dia⸗ manten erſcheinen. Alle Fremden haben Zulaß in dieſem Kaſino, ohne daß ſie ſich von Jemand vorſtellen zu laſſen brauchten; aber wehe dem, der auf Zulaſſung Anſpruch macht, ohne die Eigenſchaften zu beſitzen, welche nöthig ſind, um in dieſer Welt von Leuten comme il faut zu leben. Die Florentiner bemerken es beim erſten Blicke mit der ——————— .. 138 Feinheit des Takts, welche ſie auszeichnet; man wendet dem Eindringlinge den Rücken, Niemand ſpricht mit ihm, und er wagt nicht mehr zu erſcheinen. Man lieſt in dieſem Kaſino Zeitungen, man ſpielt Hazardſpiele; man ſgpeiſt, trinkt, macht den Damen den Hof. Alle dieſe Beſchäf⸗ tigungen ſind, wie man ſieht, das Eigenthum der vorneh⸗ men Geſellſchaft. Zanowitſch, welcher die Welt kannte, und welcher um zu ſprechen nicht wartete, bis man ihn anredete, begrüßte die Geſellſchaft auf eine anmuthige Weiſe, wünſchte ſich laut Glück, daß er ſo ausgezeichnete Perſonen getroffen, ſprach viel von Neapel und Florenz, tadelte jenes und rühmte dieſes, ſpielte hoch und verlor tauſend Louisd'ors, ohne ſeine gute Laune zu verlieren. Er gefiel allgemein; ich war nicht bei ſeinem erſten Auftreten zugegen; aber die Einzelheiten wurden mir einige Tage ſpäter durch den Marquis Caponi hinterbracht. Vom Marquis hörte ich, daß Primislaus gefragt worden, ob er mich kenne und daß er geantwortet, er ſei zur Zeit meiner Entfernung von Venedig noch Kind geweſen, er habe aber immer mit der größten Achtung von mir ſprechen hören. Ich hatte den Marquis Caponi bei der Tänzerin Denis kennen gelernt, die[das Theater ver⸗ laſſen und in Florenz lebte. Wir waren vom ſelben Alter; nichtsdeſtoweniger hatte ſie noch einige Reſte früherer Schön⸗ heit; die Güte ihres Charakters und die Eleganz ihrer Toilette erhöhten die Reize ihrer Perſon. Da Fräulein Denis Luſt bekam, Zanowitſch kennen zu lernen, ſo führte ihn der Chevalier Pizzi zu ihr. Die Zuſammenkunft hatte in meiner Gegenwart ſtatt; mir ſchien der junge Abenteurer ein Mann von ausgezeichnetem Tone, der in der Welt ſein Glück machen müſſe. Ohne gerade ſchön zu ſein, hatte er eine angenehme Phyſtognomie, ausgezeichnetes Benehmen, ziemlich viel Geiſt in der Unterhaltung und jene Liebens⸗ würdigkeit, welche Alles, was man ſagt, anmuthig erſchei⸗ nen läßt. Er hatte den ziemlich ſeltenen geſunden Men⸗ ſchenverſtand, nie von ſeiner Perſon zu ſprechen; dagegen war er unerſchöpflich über ſein wildes Vaterland, welches er lächerlich machte, was ihm ſehr gut gelang. Wir muß⸗ 8——— ᷣ— 686—-*OA+ ‿ —— —-— A 8 88E8gnuS 888 6 8 K 139 ten ſehr lachen über die Beſchreibung ſeiner Domainen, von denen ein Theil auf ungariſchem Territorium, ein anderer in Rußland, der dritte in der Türkei gelegen war, ſo daß ſeine Unterthanen drei verſchiedene Sprachen ſprechen, drei verſchiedene Religionen haben und drei verſchiedenen Re⸗ gierungen unterworfen ſind. Die Zuſammenkunft, welche ich mit ihm hatte, ſetzte mich in den Stand, ihm ſein Ho⸗ roscop zu ſtellen; ich ſah, daß er es mit der Zeit und bei praktiſchem Benehmen weit bringen werde. Abgeſehn von einer zu ſtark ausgebildeten Neigung zum Geldausgeben, fand ich in dieſem jungen Manne mein eignes Portrait zu der Zeit, wo ich fünfzehn Jahre funger war, und ich be⸗ dauerte ihn. ir ſo ſehr ähnlich war, weil er bei Weitem att 4 faſt nur von Medini. Gerührt von ſeinem Elende, wollte er alle ſeine Schulden bezahlen. Da werden Sie viel zu thun haben, ſagte ich. Die Sache beläuft ſich auf einige tauſend Thaler Gold; das iſt eine Kleinigkeit. Auch bin ich dazu verpflichtet, denn derſelbe wird mein Aſſocié. Man wird ſich wohl denken, daß dieſe entſtehende Aſ⸗ ſociation das Spiel zur Grundlage hatte; Zanowitſch trug mir einen beliebigen Antheil an, aber ich ſchlug es rund⸗ weg ab. Als ich ſeinen Beſuch erwiederte, ſaß er mit ſei⸗ ner Geliebten bei Tiſche, einer meiner alten Bekanntſchaften, die ich Lord Baltimore zu verdanken hatte. Wir hatten in London mehr als einmal zuſammen zu Abend geſpeiſt; es war eine der hannoveraniſchen Damen. Ich würde ſo gethan haben, als ob ich ſie nicht kenne, wenn ſie mich nicht mit dem vertraulichen Namen Giacomo begrüßt hätte. Nun nannte ich ſie bei ihrem wahren Namen Hippolyta. Sie irren ſich nicht, ſagte ſte, obwohl ich, ſeitdem wir uns nicht ge⸗ ſehn, weit größer, geworden bin. Hippolyta ſchien mir huͤb⸗ ſcher und verhar⸗wals je. Ich hatte Zanowitſchs Ein⸗ ladung zum Mittagseſſen abgelehnt, auf Hippolyta's Bitten, welche mir die Verdienſte ihres Kochs rühmte, ſtellte ich mich am folgenden Tage ein. Medini und ſeine Maitreſſe, e. 3 N Rerſtenmale zu mir kam, ſprach er — —— * e⸗. 140 zwei fremde Damen mit ihren Liebhabern u und ein anderer Unbekannter von etwa vierzig Jahren waren die Gäſte. Zanowitſch ſtellte mir den Letztern unter dem Namen Zeno vor. Da man ihn mir als adlig vorſtellte, ſo fragte ich ihn, welchen Titel ich ihm zu geben habe, weil es in der guten Geſellſchaft Brauch iſt, ſich mit einem Titel zu ſchmücken, den man zuweilen nicht hat. Ich verlange kei⸗ nen andern, als den Ihres alten Freundes, ſagte er. Recht gern, aber wir ſehn uns zum erſtenmale. Kommt mein Name nicht Ihrem Gedächtniſſe zu Hülfe? Ich bin der Sohn drs Kapitains Mario Zeno. Es ſind meiner Treu achtundzwanzig Jahre hingegan⸗ gen, während welcher ich Zeit genug gehabt hätte, Sie zu vergeſſen; aber ich beſinne mich ſehr gut auf Sie, obwohl Sie die Pocken hatten. Er wurde roth vor Zorn; das war meine Abſicht ge⸗ weſen. Wozu brauchte er mich auch daran zu erinnern, daß er der Sohn jenes Mario Zeno ſei, meines Gondel⸗ führers im St. Andreas⸗Fort? Sein Adel ſtand ebenſo⸗ wenig feſt, wie ſein Urſprung; man hielt ihn für den Ba⸗ ſtard eines venetianiſchen Patriziers. Im Grunde war die⸗ ſer kleine Zeno ein ſehr ſchlechtes Subjekt; er war Croupier und Gauner. Ich fühlte mich von dieſem Wiedererkennen, wenn es anders ein ſolches war, nicht ſehr geſchmeichelt. Er ſchmeichelte ſich gut zu ſprechen und alle Sprachen zu kennen; die Wahrheit iſt, daß er von drei Worten zwei ver⸗ ſtümmelte. Da er weder Erziehung noch Bildung hatte, ſo machte er den Eindruck eines Lakaien im Sonntagsſtaate; indeß war er nicht wenig in ſeine Perſon verliebt und hielt ſich für ſehr geſchickt, weil er das Talent hatte, die Unge⸗ rechtigkeit des Gluͤcks zu verbeſſern. Medini und Zano⸗ witſch ähnelten ihm nur in dieſer Beziehung. Die beiden andern Fremden waren das Wild, dem ſie nachſtellten. Dieſe ehrlichen Pinſel ſchienen ungeduldig danach zu verlangen, ihre Börſen in die der drei Gauner auszuſchütten. Als ich daher Zeno Haufen Goldes auf dem Tiſche ausbreiten ſah, entfernte ich mich eiligſt. Dennoch vermochte ein ſo vor⸗ ſichtiges Benehmen nicht, mich gegen einen fuürchterlichen V b dASOenSͤSSͤRSASSSG88S. 8 5 αú V 141 Schlag zu ſchützen. Man erzählte in Florenz, die drei Gau⸗ ner hätten Lord Lincoln, Sohn des Herzogs von Neweaſtle, eine Summe von zwölftauſend Pfund Sterling abgenom⸗ men. Eine venetianiſche Tänzerin, Namens Lamberti, in welche der junge Lord verliebt war, hatte dabei mitgewirkt. Ich wollte mir ſchon Glück wünſchen, daß ich jede Verbin⸗ dung mit den drei Gaunern abgebrochen, als ich ganz un⸗ erwartet den Befehl bekam, die Stadt binnen drei Tagen zu verlaſſen. Es war der 28. Dezember, der Jahrestag meiner gezwungenen Abreiſe von Barcelona; die Annäherung des Neujahrs hat mir immer Unglück gebracht. Höchſt er⸗ ſchüttert von dieſer Aufforderung, die mir ein Sbirre brachte, eile ich nach dem Polizei⸗Bureau und erkenne in dem Beamten, an welchen ich mich wende, daſſelbe Individuum, welches mich vor zehn Jahren wegen einer vom Grafen Iwan begangenen Fälſchung aus der Stadt verwieſen hatte. Ich fragte nach dem Grund dieſer ſtrengen Verfügung. Er antwortete trocken: Ich kenne ihn nicht. Fragen Sie den Herzog danach, Aber Se. Hoheit iſt in Piſa. Nehmen Sie einen Wagen. Recht ſchön; aber wer wird meine Reiſekoſten be⸗ zahlen? Sie ſelbſt, wenn der Großherzog ſie nicht bezahlt, woran ich zweifle. Dann will an Se. Hoheit ſchreiben, wenn Sie mir verſprechen, den Brief an ſeine Adreſſe gelangen zu laſſen. Se. Hoheit ſoll den Brief bekommen, aber ich kann nicht dafür ſtehn, daß er ihn leſen wird. Gleichviel, ich werde heute Abend ſchreiben, und ehe die Sonne aufgeht in den Staaten des Papſtes ſein. Sie brauchen ſich nicht ſo zu beeilen. Ich wünſche recht bald das Gebiet einer Regierung zu verlaſſen, die niederträchtig genug iſt, das Völkerrecht in ſolcher Weiſe zu verletzen.. Ich rathe Ihnen, in ſolchen Ausdrücken an den Groß⸗ herzog zu ſchreiben. 2 Das werde ich unfehlbar. —-ꝓ-„mr=C——————. 5—. 142 Beim Weggehn begegne ich Medini auf der Treppe. Er hatte dieſelbe Aufforderung bekommen und wollte nach dem Grunde fragen. Ich ſagte zu ihm: Man wird Ihnen wie mir antworten: Wenden Sie ſich an den Herzog. Wie! Auch Sie haben einen ſolchen Befehl bekom⸗ men! Was haben Sie denn gethan? Nichts! 2* Auch ich nicht! Reiſen wir zuſammen nach Piſa? Nein. Ich gehe nach Bologna. Vor meiner Abreiſe ſchrieb ich an den Großherzog fol⸗ genden Brief: „Jupiter hat Ihnen ſeinen Donnerkeil übergeben, um in Ihrem kleinen Staate die verderbten Menſchen, nicht aber die Unſchuldigen damit zu ſchlagen. Wenn Sie mich un⸗ gerechter Weiſe zerſchmettern, ſo mache ich es wie Chri⸗ ſtus, ich verzeihe Ihnen, weil ich wie er ſage: Sie wiſſen nicht, was Sie thun. Der Vorſtand Ihrer Polizei hat mir allerdings geſagt, es ſtände mir frei, mit meiner Reclama⸗ tion an Ew. Hoheit zu gehn; aber der Himmel ſoll mich bewahren, einen ſolchen Schritt zu thun; er könnte nur einem Fürſten mißfallen, der vergißt, daß es ſeine Pflicht iſt, den Schuldigen zu hören, ehe er ihn verdammt.“ Von Fräulein Denis erfuhr ich, daß der Auswei⸗ ſungsbefehl ſich auch auf die Tänzerin und einen kleinen bucklichen Abbé, der bei ihr ſchlief, erſtrecke. Der Herzog hatte alſo in einem Augenblicke übler Laune und auf Ver⸗ anlaſſung des Unglücks des jungen Lords die Ausweiſung der Venetianer in Maſſe verfügt. Deſſen Gouverneur, den ich von meiner Abreiſe in Kenntniß ſetzte, theilte mir mit, daß Se. Hoheit den Lord aufgefordert, ſeine Verluſte nicht zu zahlen, daß aber dieſer, der ein ſehr feines Gefühl für den Ehrenpunkt hatte, geantwortet, es ſei unanſtändig, ſeine Schulden, beſonders aber Spielſchulden, nicht zu bezahlen. Am Sylveſterabend ſtieg ich im Gaſthofe zum heiligen Marcus in Bologna ab. Nach einem Beſuche der Vorſicht beim Grafen Mariotti, toskaniſchen Geſchäftsträger, begab ich mich zum Kardinal⸗Legaten Brancaforte. Ich hatte ihn — — 4 ͤͤ 1— — 8̈⸗ ——V89 2=2— A u ———- 2— —— 143 in Paris auf einer Miſſion, die durchaus keinen apoſtoli⸗ ſchen Charakter hatte, kennen gelernt. Als der Herzog von Berry, Enkel Ludwig XV., geboren wurde, hatte Benedikt XVI. den Kardinal beauftragt, geweihte Windeln für das könig⸗ liche Kind an den Hof von Verſailles zu überbringen. Der kleine Fürſt(ſpäter Ludwig XVI.) erhielt an dieſem Tage den Segen der beiden größten Hurenböͤcke der Welt, ſeines Großvaters und des guten Kardinals Brancaforte, der nicht aus den Bordells herauskam. Als er mich erblickte, fiel er mir um den Hals und ſagte: Per Dio! ich erwartete Sie. Ew. Eminenz hat Unrecht, und nur der Zufall hat mich hierher geführt. Sie hatten Ihren Kumpan Brancaforte vergeſſen Sie ſind ein Undankbarer! Wie geht es mit der Liebe? Pianissimo, Eminenz. 5 Wie bei mir; ich möchte wohl noch, wage aber nicht mehr. Ew. Eminenz hat zu viel gewagt. Das iſt wahr, ich bin ein großer Liederjahn geweſen; Sie wiſſen etwas davon zu erzählen. Doch ſeien Sie hier ruhig und laſſen Sie kein Wort über unſer Jünglingsleben verlauten. In Florenz haben Sie hübſche Streiche gemacht; welchen Antheil haben Sie von den zwölftauſend Pfund Sterling des jungen Engländers erhalten? Mir ſtieg die Röthe ins Geſicht, und ich antwortete Sr. Eminenz, indem ich ihm die Abſchrift des Briefes zeigte, den ich an den Großherzog geſchickt. Es iſt ſchade, daß Sie unſchuldig ſind, ſagte der Kar⸗ dinal lachend, denn nach der Beſtrafung, die Sie getroffen hat, wird man Sie überall für ſchuldig halten. Der Kardinal, welchem die mehr oder weniger aufrich⸗ tigen Gefühle fremd waren, die man mit dem pomphaften Namen Grunſdſätze belegt, hatte ein Laſter, welches ich im⸗ mer für gemein gehalten habe; er ſtand im ſtarken Ver⸗ dachte der Päderaſtie, einer gemeinen Neigung, welche mit dem Alter zunimmt. In Bologna wimmelte das Haus — ᷣ—-=y-⸗öõʒo⅓ . ELerne doch f 144 Monſignores von hübſchen Jungen. Ich erinnere mich, daß zur Zeit meines Aufenthalts in Paris eine junge Pa⸗ duanerin, deren Beichtvater er war, ihm in der Beichte ge⸗ ſtand, daß ihr Mann ſich gegen ſie gewiſſe Freiheiten ge⸗ ſtattet habe, welche im Geſetzbuche der Ehe ſtrenge verbo⸗ ten ſind. Der wollüſtige Kardinal hielt ſein Beichtkind lange bei dieſem ſchlüpfrigen Gegenſtand feſt. Ehe er ihr die Abſolution ertheilte, wollte er die umſtändlichſte Aus⸗ kunft haben. Bei jeder Mittheilung, die ſte ihm machte, rief er verzehrt von Begierde aus: Das iſt ſchrecklich, un⸗ geheuer! O, meine Tochter, Sie haben eine abſcheuliche Sünde begangen, aber hübſch iſt es doch. Ich habe noch ein anderes Abenteuer zu erzählen, deſſen Held er iſt, und von welchem ich Zeuge war, ein Abenteuer, das, wie unſchuldig es auch ſein mochte, den⸗ noch großen Anſtoß erregte. Während der heiligen Woche nahm Brancaforte mit ſeinem Secretair, dem Abbé Bar⸗ netti, die Beichte ab. Eines Tages ſah er zu ſeinem gro⸗ ßen Erſtaunen eine Dame unter Thränen aus Barnetti's Beichtſtuhl ſtürzen und ſich ihm zu Füßen werfen. Die Aufregung der Dame rührte daher, daß ihr die Abſolution verweigert worden war. Sie hatte ſich angeklagt, daß ſie ihren Gemahl ſeine Rechte hatte in einer Stellung gebrau⸗ chen laſſen, welche in den Statuten der katholichen Kirche ſtrenge verboten iſt. Der Abbé Barnetti, der unſchul⸗ digſte und beſchränkteſte der Menſchen, der übrigens ſtock⸗ taub war, hatte falſch gehört oder falſch verſtanden und glaubte, ſein Beichtkind habe ſich der„ hübſchen Sache“ ſchuldig gemacht und ſchickte ſie deswegen ohne Abſolution weg. Nach einer ziemlich lange dauernden Beichte kam Brancaforte hinter die Wahrheit, und da er die Sache ſehr unſchuldig fand, ſtürzte er wie ein Wüthender aus ſeinem Beichtſtuhle, ging auf Barnetti los, der den ſeinigen ver⸗ laſſen hatte, und ſchri ihm in die Ohren: Swa, dummes Vieh, es war ja ganz richtig. Ich hatte die Abſicht, das ruhige und zurückgezogene r———.,—— 145 Leben, das ich in Florenz geführt, in Bologna fortzuſetzen. Es giebt keine Stadt in ganz Italien, wo man freier und beſſer lebt als in Bologna; die Wohnungen ſiud billig, ſo wie die Lebensmittel und der Unterhalt. Die Stadt iſt reizend, ſie ſcheint eher gemalt als gebaut zu ſein, ſo rein⸗ lich und zierlich iſt ſie. Was die Geſellſchaft betrifft, ſo war für mich an Umgang nicht zu denken; der bologneſiſche Adel iſt ſehr ſtolz und zugeknöpft, beſonders für Fremde; das gemeine Volk, welches in Italien unter dem Namen Birichini bekann tiſt, iſt mit neapolitaniſchen Lazzaronis zu vergleichen; die Büͤrger ſind anſtändig und gut, aber be⸗ ſchränkt und gewöhnlich. Indeß was kümmerte es mich! Ich wollte mich dem Studium widmen und mit den gelehr⸗ ten Kreiſen Verbindungen anknüpfen. Ich war darauf gefaßt, Medini mit ſeinem Anhange bald ankommen zu ſehn; er ſtieg in dem Gaſthofe ab, wo ich wohnte, Wie gewöhnlich hatte er keinen Pfennig. Wie ich mir wohl gedacht, hatte ihm der Großherzog eine Audienz verweigert, und er hatte unverzüglich abreiſen müſſen, nach⸗ dem er alle ſeine Sachen verkauft. Er ſchilderte mir ſein Elend in Bettlerausdrücken, aber ich blieb taub. Ich habe nie einen Mann gekannt, der ſo oft in Noth gerieth und ſeinen Freunden zur Laſt fiel; man hätte ihn wie ein Mäd⸗ chen unterhalten müſſen; er befand ſich daher auch immer in verzweifelten Lagen, aus welchen er ſich durch nicht ſehr zu billigende Mittel herauszog. Indeß hatte er das Glück in Bologna, einen gewiſſen Dominis, einen Franziskaner⸗ Mönch aus Slavonien, zu finden, der ſich in ſeine Maitreſſe verliebte. Medini machte die Augen zu, und der Mönch machte ſeine Börſe auf. Als Dominis dieſes Weibes überdrüſſig geworden war, warf er die Augen auf die kleine Nichte und Medini verkaufte ihm die Jungfernſchaft des Kindes. Dieſe Kuppeleien ſetzten ihn in den Stand, ſeine alte Lebensweife wieder aufzunehmen. Einige Wochen ſpä⸗ ter erfuhr ich, daß er plötzlich nach Deutſchland gereiſt ſei und beide Frauenzimmer dem Mönche auf dem Halſe ge⸗ laſſen; aber derſelbe war kein Bettelmönch. Der unverbeſ⸗ ſerliche Medini durchſtreifte zehn Jahre lang Europa nach allen Richtungen und endete ſein Leben in einem Londoner XVII. 10 —— — —— Gefängniſſe. Hätte er auf mich gehört, ſo würde er nie einen Fuß nach England geſetzt haben, ein abſcheuliches Land für Leute ſeiner Art. Medini, der eine gute Erziehung hatte, geiſtreich und unterrichtet war, hatte den doppelten Fehler, daß er ohne Vermögen geboren war und das Geldausge⸗ ben liebte. Er war einer von den Männern, welche im größten Ueberfluſſe Hungers ſterben. Wäre er meinem Rathe gefolgt, ſo würde er noch leben und glücklich ſein; was vermögen aber wohl Rathſchläge, wenn ſie im Wider⸗ ſpruche mit dem Charakter ſtehn? Ich habe einen gewiſſen Inſtinkt, der mir das Endgeſchick vieler Perſonen offenbart hat. Ich ſagte vor zwanzig Jahren zum berühmten Ca⸗ glioſtro, der ſich damals Graf Pellegrini nennen ließ: Ge⸗ hen Sie nicht nach Rom; Sie werden dort ein ſchlechtes Ende nehmen. In der That ſperrte man ihn ins St. An⸗ dreasfort, welches er nicht lebend verlaſſen hat. Ein kleiner Abbé, den ich im Laden des Buchhänd⸗ lers Tarruchi kennen gelernt hatte, ſtellte mich der Familie Severini vor, und hier verlor ich den Geſchmack am Stu⸗ dium. Dieſer Severini hatte eine dreißigjährige Schweſter, welche ſich für vierundzwanzig Jahre alt ausgab; ſie war iemlich appetitlich, ohne eine Schönheit zu ſein und war Pehr lus auf ihre Jungfernſchaft, die ihr ſehr läſtig zu werden anfing. Da ich Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit war, ſo feſſelte ſie die meinige, und ich machte dieſe etwas reife Jungfrau mit Freuden bekannt, die ſie bisher nur ge⸗ träumt hatte; dadurch kam ich mit dieſer Familie in engere Verbindung und brachte meine Penaten zu ihr. Sie wohnte im Hauſe der Witwe Carlani, der berühmten Tenoriſtin. Die Penſion koſtete mich monatlich etwa zehn Zechinen und die Maitreſſe koſtete mich gar nichts. Severini, ein Wüſt⸗ ling von Gewerbe, führte mich zu allen ſingenden und tan⸗ zenden Nymphen der Stadt. Wir machten einige Parties fines, ohne Vorwiſſen ſeiner Schweſter, welche über alle Begriffe eiferſüchtig war, wie man es eben iſt, wenn man zum erſtenmale liebt. Es war damals in Bologna viel von einem gewiſſen Albergati die Rede, einem reichen Privatmanne und großen Theaterfreunde, der dem Publicum ſein Privattheater eröſſ⸗ n 6 e *— . 3 L 8 L I 4— 6 1 ( n t 6 4 — * 8 1 5 d——— Ko dy —3* 9o u n 7* u— 1 Vermöge eine 4 147 net hatte. Er ſelbſt ſpielte mit ausgezeichnetem Talente die erſten Rollen. Dieſer ſelbe Albergati löſte ſeine Ehe mit einem Mädchen von guter Familie auf, um ein Mädchen vom Theater zu heirathen, von welcher er drei Kinder hatte. s jener Widerſprüche, in welche die Juſtiz ſo häufig verfällt, war die Scheidung durch Albergati's Im⸗ potenz motivirt, und doch war es allgemein bekannt, daß er drei Kinder hatte. Ich wollte dies Original ſehn, und auf meine Bitte ſchickte mir Dandolo aus Venedig ein Em⸗ pfehlungsſchreiben an Albergati, welches Zaguri unterzeich⸗ net war. Herr Zaguri war mir damals unbekannt. Der Ton ſeines Briefes flößte mir die aufrichtigſte Dankbarkeit ein, welche ich ihm ſchriftlich zu erkennen gab, und wir wurden ſpäter genauer bekannt. Dies war, wie man ſehen wird, ein großes Glück für mich. Als ich mit meinem Empfehlungsſchreiben in Al⸗ bergatis Palaſt ankam, fragte ich den Portier nach Sr. Excellenz. Ich ſage Excellenz, weil der geringſte Edelmann in Bologna ſich ſo betitelt. Der Portier antwortete: Se⸗ Excellenz iſt auf dem Lande. Ich ſteige wieder in den Wa⸗ gen und laſſe mich nach der Villa Sr. Excellenz fahren. Ich komme an, ſehe aber keinen Portier, ich trete ein, ſehe aber keinen Lakaien. Ich gehe die Treppe hinauf, ſtoße die eine Thür auf und ſehe mich einem Herrn und einer hüb⸗ ſchen jungen Dame gegenüber, welche ſich anſchickten, allein zu ſpeiſen. Der Marquis Albergati? Der bin ich. Was wollen Sie? Ew. Excellenz einen Brief übergeben. Er nimmt ihn, ſteckt ihn in die Taſche, ohne ihn auf⸗ zumachen und ſagte: Ich habe den Grundſatz, nie einen Brief zu leſen, wenn ich mich zu Tiſche ſetze. Das iſt ein ſehr unanſtändiger Grundſatz, ſagte ich zu mir ſelbſt.. Während er ſeine Suppe aß, ſagte er weiter: Sie werden Zaguri ſagen, daß ich ſeinen Befehlen nachkommen werde. * Hierauf entfernte ich mich. Während des Geſprächs war ich ſtehn geblieben, denn Se. Excellenz hatte mich nicht zum Sitzen eingeladen und ich hütete mich wohl, einen * 10* 8 — ——— — 148 Stuhl zu nehmen, da ich alles Unrecht auf ſeine Seite brin⸗ gen wollte. Als aber mein Kutſcher angeſpannt hatte, und ich wieder abfahren wollte, nöthigte mich ein Bedienter im Namen Sr. Excellenz wieder aufs Schloß zu kommen. Da ich überzeugt war, daß Albergati mir einen neuen Schimpf zugedacht habe, ziehe ich eine Karte aus der Taſche und ſage zum Lakaien: Hier iſt mein Name und meine Adreſſe, das iſt Alles, was ich für Ihren Herrn thun kann. Als ich nach Hauſe kam, berichtete ich an Zaguri über dieſen Empfang. Ich bat ihn, Sr. Excellenz zu melden, daß ich mich gröblich beleidigt fühle und Genugthung verlange. Am folgenden Tage übergab mir meine Wirthin einen Karte mit der Aufſchrift: Se. Excellenz der General Al⸗ bergati. Severini erſchien im ſelben Augenblicke und ich zeigte ſie ihm. Ich wußte nicht, was ich von dem Gene⸗ neralstitel denken ſollte, als er mir ſagte: Er habe vom König von Polen den Stanislausorden und den Kammer⸗ herrntitel bekommen. Nun verſtehe ich, unterbrach ich ihn; es iſt der Gebrauch, daß die Kammerherrn den Rang von Generaladjutanten erhalten, und Albergati hat es für an⸗ gemeſſen gefunden, den Adjutanten wegzulaſſen und den General beizubehalten. In den Augen der Narren ſchmückt er ſich mit dieſer Pfauenfeder. Wolan, ich werde ihm eine Lektion der Beſcheidenheit geben. Ich nahm die Feder und verfaßte eine kleine Schrift in dialogiſcher Form. Eine der ſprechenden Perſonen fragte die andere, ob ein General⸗ Kommiſſair ſich General nennen laſſen dürfe, ob ein maré- chal-de-camp Marſchall ſei u. ſ. w. Ich endete mit fol⸗ gender an das Publikum gerichteten Frage: Kann man Jemand für einen verſtändigen Mann halten, der dem von ſeinen Ahnen überlieferten Titel einen mit ſchwerem Golde erkauften vorzieht? Albergati war wenigſtens vernünftig genug, über meinen Dialog zu ſchweigen, der die Stadt auf ſeine Ko⸗ ſten beluſtigte. Das iſt die einzige Rache, die ich wegen ſeines ſchlechten Benehmens nahm. Druck von Brandes& Schultze in Berlin, Roßſtraße Nr. 8. — O——————,= — 2 — —