— — — — — „—,— 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. JLeih- und KLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 4 Bücher: 2 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 59 Pf. Mk.— Pf. 3 1 „—— 6„ 5„ 17 1—„ 9 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,——=—jj—— — — ö“ 1 4/ 7,; 12 lan pinna, Sorbezee daau Pt e 7 klen en 1 neee eakeen 1 21. h ſouk hen 2 e,u Sh, Shrttl r A lerden. ad. J 2.—95. 7 0—7 7 2 1 59—. 8 r,, 21632.Hrar u. Buer, r Ae Wef Vn ht 7. Sa- ae Wurenn e 5 ℳ “ 3 8 “„ -“ 1 8 8 dereee eeee 52— as S33 41 .“— 2 8* ſſſ .. 8 3 Memoiren von K, ſ von „ 3. b 1 Seingalt. 2 2 2... Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. †. Mit Anmerkungen von* Ludwig Buhl. 2 4 1 8 8 a. e ASn.* 1* 8 . Vierzehnter Band. . „ Berlin, 1850. Verlag von Guſtav Hempel. Sechsundneunzigſtes Kapitel. Einzige Maskerade.— Meine glückliche Kiebſchalt mit der ſchänen Marquiſe Q.— Die verlaſſene Marſeille⸗ rin; ich werde ihr Retter.— Meine Abreiſe nach San Angelo. Da ich die Verpflichtung übernommen hatte, eine Ver⸗ kleidung herbeizuſchaffen, unter welcher wir nicht erkannt werden könnten, ſo wollte ich, daß die Erfindung mir durch ihre Sonderbarkeit wie durch ihren Reichthum Ehre mache. Ich hatte meinen Kopf förmlich auf die Folter geſpannt, und meine Leſer ſollen urtheilen, ob meine Erfindung gut war. Zur Ausführung meines Plans mußte ich Perſonen ins Vertrauen ziehn; ich brauchte vor allen Dingen einen Schneider, und wie ſich leicht denken läßt, glaubte ich mei⸗ nem Gevatter den Vorzug geben zu müſſen. Zenobia war mir nicht weniger nützlich, als ihr Mann, theils für gewiſſe Frauenarbeiten, theils für die Bedienung der drei zu mas⸗ kirenden jungen Damen. Ich ging zu Fuße zu meinem Gevatter, und nachdem ich ihn ſeine Arbeit hatte einſtellen laſſen, ſagte ich zu ihm, er möge mich zum größten Kleiderhändler in Mailand führen. Herr Kleiderhändler, zeigen Sie mir das Schönſte von Männer⸗ und Frauenſachen. Will der Herr neue Sachen? 4* — Gewiß, wenn Sie ſolche haben. Ich habe eine große Auswahl. Suchen Sie zunächſt einen ganz einfachen Sammtrock für meine Größe, den Niemand in Malland kennt. Anſtatt eines legte er mir ein Dutzend vor, alle vom ſchön⸗ ſten Sammt und ſehr gut gemacht. Ich wählte einen blauen mit weißem Atlas gefütterten Sammtrock. Nach⸗ dem der Schneider gehandelt, verſtändigten wir uns über den Preis und ich ließ den Rock bei Seite legen; er war für den Liebhaber der ſchönen Couſine beſtimmt. Ich wählte ſodann einen ſchwefelfarbnen Rock von geſchornem Sammet, der mit Atlas von derſelben Farbe gefuüttert war. Ich be⸗ ſtimmte denſelben für den jungen Offizier. Ich kaufte auch zwei Paar ſchöne Beinkleider von geſchornem Sammet und zwei prachtvolle ſeidne Weſten. Sodann wählte ich zwei herrliche Atlaskleider, das eine feuerfarben, das andre lila, und ein drittes von geſtreifter Halbſeide. Das letztere war für die Geliebte des reizenden Offiziers. Ich nahm ſodann Battiſthemden, zwei Männer⸗ und drei Frauenhemden, Taſchentücher von demſelben Stoffe, und mehrere halbe Ellen Sammt, Atlas, geſtreifte Zeuge, Alles von verſchiednen Farben. Für alle dieſe Waaren bezahlte ich zweihundert Duka⸗ ten, aber unter der Bedingung, daß wenn es durch ſeine Schuld herauskäme, daß ich dieſen Einkauf bei ihm gemacht, er mir das Geld wiedergeben und die Waaren, in welchem Zuſtande ſte ſich auch beſinden möchten, zurücknehmen müſſe. Ich ſchrieb dieſe Bedingung nieder, und der Kleiderhändler unterzeichnete ſie, worauf ich mich mit dem Gevatter ent⸗ fernte, der die Sachen zum Paſtetenbäcker trug. Als die Sachen auf dem Zimmer waren, ſchloß ich mich mit dem Schneider ein, und nachdem ich ihm bedeutet, daß ich ihm eine Kugel durch den Kopf jagen würde, wenn er von der Arbeit, die ich ihm aufgetragen, gegen irgend wen, etwas verlauten ließe, breitete ich die Sachen auf einen Tiſch, und ausgerüſtet mit einem Stilet ſchnitt ich in jeden Rock wenigſtens ſechszig Löcher, machte es ebenſo mit den Beinkleidern und Weſten und lachte laut auf, als — —9————9———ͤͤͤeene,— —-— 2— 80 — ͤ B 5 ich ſah, welche jammervolle Miene der Schneider machte, indem er mich ſo ſchöne Sachen zerfetzen ſah. Er hielt mich für toll. Nach dieſer Operation, deren Erinnerung mich noch zum Lachen bringt, nahm ich alle ſeidnen und Sammtreſte, die ich gekauft und ſagte zum Schneider: Hier, Gevatter, habe ich Ihnen Arbeit zugeſchnitten; Sie müſſen die Sachen ausbeſſern und ſich bemühen, durch den Gegenſatz der ver⸗ ſchiednen Stücke eine ſchöne Wirkung hervorzubringen. Sie ſehen, daß Sie Arbeit genug haben und keinen Augenblick verlieren dürfen. Ich werde den Auftrag geben, daß Ihnen im andern Zimmer das Eſſen aufgetragen wird; aber Sie dürfen das Haus nicht eher verlaſſen, als bis Alles zu Ende iſt. Ich werde Ihre Frau holen, um mit Ihnen zu arbei⸗ ten, und Sie werden zuſammen ſchlafen. Aber im Namen Gottes, wollen Sie die Kleider wie die Röcke behandeln? Ganz ebenſo. Wie ſchade! Meine Frau wird weinen. Ich werde ſie tröſten. Auf dem Wege zu Zenobia kaufte ich fünf Paar Strümpfe von geſprenkelter Seide, Männer⸗ und Frauenhandſchuhe, zwei feine Biberhüte, zwei karikirte Männermasken, und zwei natürliche, aber ernſte Frauenmasken. Ich kaufte auch drei ſchöne Porzellanteller und ließ Alles in einer Tragchaiſe zu Zenobia bringen. Ich fand das reizende Weib mit ſeiner Toilette beſchäf⸗ tigt. Ihre ſchönen Haare hingen auf ihren Alabaſterhals hernieder, und ihr, durch ein kleines Schnürleib eingepreß⸗ ter Buſen zeigte ſich meinen Blicken ohne die Hülle eines läſtigen Tuches. So viele Reize verdienten meine Huldigung, und ich begann ſogleich, ſie mit glühenden Küſſen zu be⸗ decken. Ich blieb eine halbe Stunde bei ihr, und meine Leſer werden ſich wohl denken, daß ſie von beiden Seiten ſehr gut angewendet wurde. Nachdem ich ſodann der Schönen bei ihrer Toilette behülflich geweſen, ließ ich ſie in die Tragchaiſe ſteigen und befahl den Trägern, mir auf dem Fuße zu folgen. 6 Wir fanden den Mann mit der Auswahl und dem 8 Zuſchneiden der Flicken beſchäftigt, welche er auf die von ſi mir gemachten Löcher heften ſollte. Zenobia ſah ſprachlos w und verdutzt dem zu. Als ſie mich die Kleider ebenſo be⸗ handeln ſah, wie ich die Röcke behandelt hatte, erbleichte ſie und trat unwillkürlich zurück; ſie hatte ernſtlich Furcht, w denn da ſie meine Abſichten nicht kannte, ſo konnte ſie mir wohl eine augenblickliche Geiſtesabweſenheit zutrauen. Ihr Mann, der ſich ſchon an die Sache gewöhnt hatte, beru⸗ higte ſie; und als ſie erfuhr, um was es ſich handelte, ol überzeugte ſie ſich, daß ich wohl Recht haben könnte, ob⸗ di wohl ihr mein Einfall ſehr ſeltſam vorkam. In Allem, was das Herz, die Leidenſchaften und das fr Vergnügen betrifft, geht die Phantaſie einer Frau immer J. weiter als die eines Mannes. Als Zenobia erfuhr, daß die drei Kleider für drei reizende Frauen beſtimmt ſeien, welche auf dem großen Balle Begierden einflößen ſollten, un raffinirte ſie noch hinſichtlich der Löcher und brachte ſie ſo ² an, daß ſie Liebe hervorrufen mußten, ohne den Anſtand zu ſehr zu verletzen. Die Kleider kamen namentlich am Buſen, an den Schultern und an den Aermeln ſchlecht — weg; man ſollte das Battiſthemde ſehn; aber das Hemde ich ſelbſt ſollte offne Stellen haben un die erriſſenen Falbalas ete ſollten das halbe Bein ſehen laſſen. Efreut, daß ſie meine m Abſicht ſo gut errathen und überzeugt, daß ſie den Geſchmack E. ihres Mannes leiten werde, regte ich ſie beide zum Eifer die an und ging dann weg; aber ich kam drei oder viermal we täglich, um ihre Arbeit zu beſehen und jeden Tag ging ich zufriedner mit meiner Idee und ihrer Arbeit weg. Die Arbeit wurde erſt am Sonntag Nachmittag been⸗. eit det. Ich verabſchiedete den Mann, dem ich ſechs Zechinen all gab und behielt Zenobia, denn ihrer bedurfte ich für die drei ſchönen Bettlerinnen. Ich ließ Puder, Pomade, Kämme, Al Stecknadeln, überhaupt Alles, was Frauen von Stande 5 Ih nur wünſchen können, auf einen Tiſch legen, und vergaß ſa⸗ auch nicht Bänder und Bindfaden, welcher an dieſem Tage deren Stelle vertreten ſollte. W Am folgenden Tage fand ich das Spiel in vollem 24 8 8RN ³ο ☛ — 7 Gange, aber die beiden Couſinen waren nicht da. Ich fand ſie bei ihrer Tante und ſie ſagten mir, ſie ſpielten nicht, weil Barbaro zu viel Glück habe. Sie haben alſo verloren, meine Damen? La, aber mein Bruder gewinnt, ſagte die liebens⸗ würdige Q. 1 Ich hoffe, das Glück wird ſich auch für Sie erkläten. Wir haben kein Glück. Als die Tante hinausgegangen war, fragten ſie mich, ob der Lieutenant mir geſagt, daß ſie mit einer ihrer Freun⸗ dinnen auf den Ball kommen würden. Ich weiß Alles, ſagte ich, und hoffe, daß Sie zu⸗ frieden ſein werden; ich verſpreche mir viel Vergnügen. Ich muß morgen früh mit Ihrem ſchönen Offizier ſprechen. Sagen Sie nur, wie wir maskirt ſein werden. So, daß Sie von Niemand werden erkannt werden und allgemeine Neugierde erregen werden. Wie werden wir aber angezogen ſein? Sehr gut. Aber welches Koſtüm werden Sie uns geben? Das iſt mein Geheimniß, meine Damen. Wie gern ich Ihnen auch gefällig bin, ſo werden Sie doch nicht eher etwas erfahren, als bis Sie ſich verkleiden. Fragen Sie mich nicht, denn ich will mich einen Augenblick an Ihrem Erſtaunen weiden. Ich liebe die Theater⸗Coups. Es iſt dies eine meiner Leidenſchaften. Nach dem Abendeſſen werden Sie Alles erfahren. Wir ſollen alſo zu Abend ſpeiſen? Gewiß, wenn es Ihnen Vergnügen macht. Ich bin ein großer Eſſer und halte Sie für zu gutmüthig, um mich allein eſſen zu laſſen. Da es Ihnen Vergnügen macht, ſo werden wir zu Abend ſpeiſen. Wir werden wenig zu Mittag ſpeiſen, um Ihnen Stand halten zu können. Es thut mir nur leid ſagte Fräulein Q., daß Sie ſich ſo viele Ausgaben machen. Das iſt ebenfalls eins meiner größten Vergnügen. Wenn ich Mailand verlaſſe, werde ich mir Glück wünſchen 8 mit den beiden ſchönſten Perſonen der Stadt zu Abend geſpeiſt zu haben. Wie behandelt Sie das Glück? Canano gewinnt mir täglich zweihundert Zechinen ab. Und Sie gewinnen ihm an einem Abend zweitauſend ab. Ja, aber dennoch bin ich im Verluſte. Am Sonntage werden Sie ihn ſprengen. Wir werden Ihnen Glück bringen. Soll ich Ihnen dies Schauſpiel geben? Daſſelbe ſoll mir ſehr angenehm ſein, mein Bruder hat mir aber geſagt, Sie wollten nicht mit uns kommen. Das iſt wahr, aber ich thue es nur, weell ich nicht erkannt ſein will. Er hat mir geſagt, der Kavalier, wel⸗ cher Sie begleite, gleiche mir. Durchaus, ſagte die Couſine, nur daß er blond iſt. Er iſt glücklich, denn Blondins erobern leicht die Brünetten. Nicht immer, ſagte die Schweſter. Aber ſagen Sie uns wenigſtens, gb Sie uns in Männerkleider ſtecken wollen.— Pfui! Ich würde auf mich ſelbſt böſe ſein, wenn ich einen ſolchen Gedanken faſſen könnte. Weshalb? Ich kann ein hübſches Mädchen, welches als Mann gekleidet iſt, nicht ausſtehen. Das iſt ſonderbar; aber weshalb? Aus folgendem Grunde. Wenn eine als Mann ver⸗ kleidete Dame Illuſionen erregt, ſo iſt ſie mir ekelhaft; denn das iſt ein Beweis, daß ſie die Vollkommenheiten des ſchönen Geſchlechts nicht hat, deſſen Formen mehr hervor⸗ treten müſſen, als die des Mannes. Alber ein ſchönes Mädchen zeigt Ihnen dann, daß ſie Alles hat, was die Schönheit einer Frau bedingt. Das iſt wahr; aber in dieſem Falle beraubt ſie mich der Illuſton; denn ich will nur das Geſicht und den Wuchs ſehn, das Uebrige aber errathen.. Oft täuſcht aber die Phantaſie. Das gebe ich zu; aber ich verliebe mich immer nur in 9 in das Geſicht; und da dieſes mich nicht über ſich ſelbſt täuſchen kann, ſo bin ich immer geneigt, die Fehler des Körpers zu verzeihn, wenn ich die Begünſtigung ſie zu ſehen erlange. Sie lachen? Ich lache, weil Sie mit ſolchem Feuer ſprechen. Möchten Sie als Kavalier gekleidet ſein? Ich war darauf gefaßt; aber nach dem, was Sie ſo eben geſagt haben, können wir Ihnen nicht mehr antworten. Ich kann Ihnen einen Theil Ihrer Antwort ſagen. Ihre Verkleidung würde keine Illuſion erregen, aber hin⸗ ſichtlich des Uebrigen ſchweige ich. Sie blickten ſich lächelnd an, und ihre ſchönen Geſichter überzogen ſich mit brennendem Roth, als ſie ſahen, daß meine Augen auf den hervorragenden Theilen ruhten, welche nie das Attribut meines Geſchlechts ſind. Wir änderten das Geſpräch und zwei volle Stunden erfreute ich mich ihres liebenswürdigen, natürlichen und gebildeten Geiſtes. Als ich die beiden Zauberinnen verließ, eilte ich zu meinem Paſtetenbäcker, ſodann in die Oper, wo ich faſt zweihundert Zechinen verlor. Sodann ſpeiſte ich bei meiner Spanierin zu Abend, die anmuthig und zuvorkommend ge⸗ worden war, bald aber zu ihrer frühern Stimmung zurück⸗ kehrte, als ſie bemerkte, daß ich bei den Formen der Höf⸗ lichkeit ſtehen blieb und entſchieden keine Luſt mehr verrieth, wieder auf ihr Zimmer zu kommen. Als der junge Offizier mich am Sonnabend beſuchte, ſagte ich ihm, ich habe ihm nur einen einzigen Auftrag zu geben, aber er müſſe denſelben buchſtäblich ausführen und ich müſſe darauf rechnen können. Als er verſprochen, Alles pünktlich zu thun, ſagte ich zu ihm: Sie müſſen einen Wagen mit vier Pferden haben und ſobald Sie alle fünf eingeſtiegen ſind, müſſen Sie geſtreckten Laufs aus dem Thore von Malland fahren und ſich durch ein anderes Thor vor die Thüre des Ihnen bekannten Hauſes zurück⸗ fahren laſſen. Dort müſſen Sie abſteigen, den Wagen zu⸗ rückſchicken und dem Kutſcher Schweigen anempfehlen. Nach dem Balle werden Sie ſich dort entkleiden und ſich in eine Tragchaiſe nach Hauſe bringen laſſen. Auf dieſe Weiſe 10 werden wir die Neugierigen von unſrer Spur abbringen, und ich kann Ihnen ſagen, daß es deren ſehr viele geben wird. Mein Freund, der Marquis, ſagte der Offizier, wird das Alles übernehmen; ich kann Ihnen verſprechen, daß er Alles beſtens ausrichten wird, denn er brennt vor Begierde, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich erwarte Sie alſo morgen um ſieben Uhr. Sagen Sie Ihrem Freunde, es ſei weſentlich, daß man den Kut⸗ ſcher nicht kenne und nehmen Sie keinen Bedienten mit. Als dies Alles abgemacht war, beſchloß ich, mich als Pierrot zu verkleiden. Es giebt keine Maske, welche beſſer verkleidet; denn abgeſehn davon, daß ſie alle Formen verbirgt, läßt ſie auch nicht einmal die Hautfarbe ſehn. Meine Leſer werden ſich erinnern, was mir in dieſer Maske zehn Jahre vor der jetzigen Epoche begegnet war. Ich beauftragte den Schneider, mir ein ganz neues Koſtüm zu beſorgen, welches ich zu den andern legte, und verſehn mit zwei ganz neuen Börſen, von denen eine jede fünfhundert Zechinen enthielt, ging ich am Sonntage vor ſieben Uhr zum Paſtetenbäcker. Ich fand den Tiſch gedeckt, und das Abendeſſen fertig. Ich ſchloß Zenobia in dem für die Damentoilette beſtimmten Zimmer ein und erwartete die fröhliche Bande, welche um ſieben Uhr fünf Minuten anlangte. Der Marquis war höchſt erfreut, meine Bekanntſchaft zu machen, und ich empfing ihn, wie er es verdiente: er war ein vollkommener Kavalier, jung, ſchön, reich, ſehr ver⸗ liebt in die junge Couſine, welche er mit großer Achtung behandelte, Die Geliebte des Lieutenants war ein wahrer Schatz und wahnſinnig in ihren Geliebten verliebt. Da Alle wußten, daß ich ihnen die Koſtüme erſt nach dem Abendeſſen zeigen wollte, ſo ſprach man nicht von ih⸗ nen, und wir ſetzten uns zu Tiſche. Das Abendeſſen war vortrefflich; ich hatte es nach meiner Weiſe, d. h. üppig und fein beſtellt. Als wir gut gegeſſen und getrunken hat⸗ ten, ſagte ich zu ihnen: Da ich nicht mit Ihnen gehn will, ſo muß ich Sie zunächſt mit der Rolle bekannt machen, die Sie M 8 ͤ—- ⏑ u 11 ſpielen ſollen. Sie werden fünf Bettler darſtellen, zwei Männer und drei Frauen in Lumpen. Ich freute mich der langen Geſichter, die ſie bei dieſer Ankündigung machten. Sie werden Jeder einen Teller bekommen, um Almoſen einzufordern, und Sie werden alle zuſammen im Saale auf⸗ und abgehn, um Ihr Bettlergewerbe zu betreiben. Jetzt folgen Sie mir, um von Ihren Lumpen Beſitz zu nehmen. Ich bewahrte einen unverwüſtlichen Ernſt, obwohl ich Luſt hatte, laut aufzulachen, als ich ſah, welcher Verdruß ſich auf ihren Geſichtern ausſprach. Da ſie ſich nicht be⸗ eilten, mir zu folgen, ſagte ich zu ihnen: Ich erwarte Sie. Sie ſtehen auf, ich öffne die Thuͤr, und Alle wurden betroffen von der Schönheit Zenobia's, die vor dem Tiſche ſtehend, auf welchem die reichen Lumpen ausgebreitet lagen, ihnen eine ſehr anmuthige Verbeugung machte. Meine Damen, ſagte ich zu den beiden Couſinen, hier ſind Ihre Kleider und hier, mein Fräulein, iſt das Ihrige, welches etwas kleiner iſt. Hier ſind Ihre Hemden, Ihre Taſchentuͤcher, Ihre Strümpfe; auf dieſer Toilette liegen alle andern Gegenſtände, deren Sie bedürfen. Hier ſind Ihre Masken, deren Phyſtognomie weniger friſch, als die Ihrige iſt, und hier ſind drei Teller für die Almoſen, die Sie for⸗ dern werden. Dieſe Strumpfbänder werden Ihr Elend be⸗ zeugen, wenn man ſollte ſo hoch ſehen können, und dieſe durchlöcherten Strümpfe zeigen, daß Sie kein Geld haben, um Seide zum Ausbeſſern zu kaufen. Dieſe Bindfaden werden Ihnen ſtatt Schnallen dienen und wir werden Ihre Schuhe durchlöchern, die Sie gefälligſt wie Pantoffeln tragen werden. Dieſe Handſchuhe werden ebenfalls durchlöchert werden, und da Alles in Einklang ſein muß, ſo werden, ſobald Sie Ihre Hemden angezogen haben werden, die Spitzen, welche den Buſen einfaſſen, ebenfalls eingeriſſen werden müſſen. Während dieſer wohlgefälligen Auseinanderſetzung ſah ich, wie auf ihren Geſichtern Erſtaunen und Verwunderung den Ausdruck des Aergers verdrängte, der noch vor einem Augenblicke auf denſelben zu leſen geweſen war. Sie be⸗ griffen den Reichth ſagen: Wie ſchade! Nun kömmt die Reihe an Sie, meine Herren; hier ſind Ihre Bettleranzüge. Ich habe vergeſſen, dieſe beiden Kaſtorhüte zu durchlöchern, aber das wird bald gemacht ſein. Wie finden Sie das Alles? Jetzt, meine Damen, wollen wir Sie allein laſſen, denn Sie müſſen Ihre Hemden wechſeln; kommen Sie alſo, meine Herren. Der Marquis war enthuſiasmirt. Welche Figur wer⸗ den wir ſpielen! rief er aus, denn etwas Prächtigeres läßt ſich nicht erſinnen. Man ſah abſichtlich zerriſſene Kleider, deren Löcher mit dem größten Geſchmacke ausgebeſſert waren; die burleskeſte Komik war mit dem größten Reichthum ver⸗ bunden. In einer halben Stunde waren wir bereit. Abſichtlich durchlöcherte Strümpfe, ausdrücklich heruntergetretene Schuhe, Manſchetten von feinen Spitzen, welche muthwillig eingeriſſen waren, herunterhängende Haare, Masken, in denen ſich Ver⸗ zweiflung ausſprach, abſichtlich zerbrochene Teller von Por⸗ zellan bildeten ein Ganzes, von deſſen reichem Elende man keine Idee hat. Die Damen brauchten ihrer Haare wegen lange Zeit zum Ankleiden. Ihre Haare waren in der ſchönſten Unord⸗ nung und wallten der ganzen Länge nach auf die Schultern hernieder. Fräulein Q. glänzte in dieſer Beziehung vor den andern, denn ſie reichten ihr bis an die Knie. Als ſie fertig waren, öffneten ſie die Thür, und wir ſahen Alles, was die drei reizenden jungen Mädchen ſehn laſſen wollten, um Begierden zu erregen, ohne den Anſtand zu verletzen. Ich bewunderte Zenobia's Geſchicklichkeit. Die zerriſſenen Kleider ließen einige Theile ihrer Schultern, ihres Buſens und ihre Arme ſehen; während die Löcher in den Strümpfen die Weiße ihrer Beine zu bewundern geſtatteten. Ich zeigte ihnen, wie ſie zu gehn und wie ſie den Kopf zu halten hätten, um Mitleid zu erregen, ohne gegen die Anmuth zu verſtoßen, und wie ſie ihre Taſchentücher zu ge⸗ brauchen hätten, damit man die Löcher und die Feinheit des Battiſtes bemerke. Sie waren entzückt und ungeduldig um ihrer Koſtüme und wagten nicht zu 13 die Scene zu betreten; aber ich wollte vor ihnen auf dem Balle ſein, um das Vergnügen, ſie eintreten zu ſehn, zu genießen. Nachdem ich die Maske angelegt, forderte ich Ze⸗ nobia auf, ſich zu Bett zu legen, da wir erſt mit Tages⸗ anbruch nach Hauſe kommen wollten, und ich ging dann ab. Ich trat in den Ballſaal, und da mehr als zwanzig Pierrots da waren, ſo gab Niemand auf mich Acht. Fünf Minuten darauf ſah ich die Menge herbeiſtrömen, um die ankommenden Masken zu betrachten, und ich ſtellte mich ſo, daß ich ſte gut ſehen konnte. Der Marquis ging zwiſchen den beiden Couſinen. Ihr langſamer und Mitleid erregen⸗ der Gang paßte vortrefflich zu ihrer Rolle. Fräulein Q. mit ihrem feuerfarbnen Gewande, ihrem prächtigen Haar und ihren ſchönen Formen, zog alle Blicke auf ſich. Die neu⸗ gierige und erſtaunte Menge fing erſt eine Viertelſtunde, nachdem ſie eingetreten waren, an zu ſprechen; nun hörte man aber von allen Seiten: Welche Maskerade! Welche Maskerade! Wer ſind ſie! Wer mögen ſie ſein! Ich weiß es nicht. Ich werde es erfahren! Ich freute mich meines Werks. Als das Orcheſter zu ſpielen begann, ſtellten ſich drei ſchöne Masken in Domino's meinen drei Bettlerinnen vor, um ſie zu einer Menuet aufzufordern; aber ſie entſchuldigten ſich, indem ſie auf ihre Schuhe mit den heruntergetretenen Hacken zeigten. Das gefiel mir ſehr; denn das überzeugte mich, daß ſie den Geiſt ihrer Rolle ſehr gut gefaßt hatten. Nachdem ich ihnen länger als eine Viertelſtunde gefolgt, überzeugt, daß die Neugier beſtändig zunehmen würde, ging ich zu Canano, bei dem an dieſem Abende ſtark geſpielt wurde. Eine Maske in Baüte und venetianiſchem Mantel ſpielte auf einer einzigen Karte, ſetzte funfzig Zechinen, bog Paroli und Paix de Paroli nach meiner Art. Sie war von meiner Größe und verlor dreihundert Zechinen; man ſagte, ich ſei es, ausgenommen Canano, welcher das Gegen⸗ theil behauptete. Um bei der Bank ſtehn bleiben zu dürfen, nahm ich Karten und pointirte wie ein Neuling mit drei oder vier Dukaten. In der folgenden Taille hatte die vene⸗ tianiſche Maske Glück, bog Paroli, Pair de Paroli, le va 8— 8 und gewann alles Geld wieder, welches ſie verloren hatte. Da ihr eine zweite Taille ebenfalls günſtig war, ſo ſcharrte ſie das Geld zuſammen und ging ab. Ich nahm ihren Stuhl, der frei blieb, in Beſitz. Nun ſagte eine Dame: Ich wette, daß jener Herr der Chevalier von Seingalt iſt. Nein, ſagte ein andrer, denn ich habe ihn ſo eben als Bettler maskirt mit einer andern Maske, welche Niemand kennt, im Saale geſehn. Wie? Als Bettler? fragte Canano. Als Bettler und in Lumpen wie die vier andern; aber dennoch prachtvolle und ſehr komiſche Masken. Sie bitten um Almoſen. Man ſollte ſie hinausbringen, ſagte ein Anderer. Ich freute mich, daß ich meinen Zweck erreicht, da man mich nicht erkannt hatte. Ich begann, ohne zu zählen, Zechinen auf eine Karte zu ſetzen, und ich verlor fünf oder ſechsmal hinter einander. Canano ſtudirte mich, aber ſein Geſicht trug den Ausdruck der Ungewißheit. Von allen Seiten hörte ich die leiſe Aeußerung: Er iſt es nicht; er ſpielt nicht ſo, und er iſt ja auch nicht auf dem Balle. Das Glück wendete ſich: in drei glücklichen Taillen ge⸗ wann ich meinen Verluſt wieder, und ich ſpielte mit einem Haufen Gold vor mir weiter. Ich ſetze eine ordentliche Handvoll Zechinen auf eine Karte, ſie kömmt heraus, ich biege Paroli und Pair de Paroli. Ich gewinne und halte ein, als ich die Bank in den letzten Zügen ſehe. Canano zahlt mir aus, und läßt von ſeinem Kaſſirer tauſend Zechinen kommen; während er die Karten miſcht, höre ich ſagen: Da ſind die Bettler, da ſind die Bettler. Die Bettler hatten ſich vor dem Tiſche hingeſetzt und Canano betrachtete aufmerkſam den Marquis, und bat ihn um eine Priſe. Man denke ſich meine Freude, als der Marquis beſcheiden eine Düte aus der Taſche zog, und ſie Canano reichte! Ich hatte dieſen ſchönen Zug, der allgemei⸗ nes Lachen erregte, nicht vorhergeſehn. Als Fräulein Q. dem Bankier ihren Teller hinreichte, ſagte dieſer zu ihr: Mit ſo ſchönen Haaren flößen Sie mir nicht Mitleid ein, AOℛ y⏑ E AR½ ZRK 15 und wenn Sie dieſelben auf eine Karte ſetzen wollen, nehme ich ſie zu tauſend Zechinen an. Sie antwortete nicht auf dieſe Galanterie, ſondern reichte mir ihren Teller hin, und ich gab ihr ſo viel Zechinen, als ich mit den Fingerſpitzen faſſen konnte; ich machte es ebenſo mit den beiden andern. Pierrot ſcheint die Bettlerinnen zu lieben, ſagte Canano. Die drei Bettlerinnen entfernten ſich, nachdem ſie mir eine Verbeugung gemacht. Der Marquis Triulzi, welcher bei Canano ſtand, ſagte zu ihm: Der Bettler im ſtrohfarbnen Koſtüm iſt gewiß Caſanova. Es iſt gar kein Zweifel, ſagte Canano, ich habe ihn augenblicklich erkannt; wer ſind aber die Andern? Wir werden es erfahren. Es iſt die theuerſte Maskerade, die ſich erdenken läßt, denn die Anzüge ſind ganz neu. Die tauſend Zechinen waren gekommen, verſchwanden aber in zwei Abzuͤgen. Wollen Sie weiterſpielen? fragte mich Canano. Ich deutete ihm durch ein Zeichen an, daß ich es nicht wolle und gab ihm ſodann durch eine Hand⸗ bewegung zu verſtehn, daß ich eine Anweiſung auf ſeine Kaſſe wunſche; er nahm die Waage, wog das Gold und ſtellte mir eine Anweiſung auf neunundzwanzig Pfund Gold oder mehr als zweitauſend fünfhundert Zechinen aus. Ich ſteckte die Anweiſung ein, und nachdem ich ihm die Hand gegeben, ſtand ich im Charakter des Pierrot auf, hin und⸗ herſchwankend; nachdem ich ſodann einmal im Saale auf und abgegangen, ſtieg ich in eine Loge des dritten Ranges, deren Schluͤſſel ich dem jungen Offizier gegeben und dort fand ich meine liebenswürdigen Bettler. Als wir unmaskirt zuſammen waren, wünſchten wir uns Glück und ſprachen von unſern Abenteuern. Neugierige hatten wir nicht zu fürchten, denn die beiden anſtoßenden Logen waren leer; ich hatte ſie gemiethet und hatte die Schlüſſel bei mir. Die ſchönen Bettlerinnen wollten mir die Almoſen wie⸗ dergeben; aber ich ſprach mit ihnen auf eine Weiſe, daß ſie abſtehn mußten. Man hält mich für Sie, ſagte der Mar⸗ quis, und dieſe Vermuthung kann zu Entdeckungen führen; das ſollte mir leid thun, unſrer liebenswürdigen Freundin⸗ nen wegen. Ich werde dieſem Unglück vorbeugen, ſagte ich, indem ich mich vor dem Ende des Balls demaskire. Da⸗ durch werde ich alle Muthmaßungen ablenken und Niemand wird die Wahrheit errathen können. Wir haben die Taſchen voll Zuckerwerk, ſagte die lie⸗ benswürdige O. Jeder wollte unſere Teller damit füllen. Ja, ſagte die Couſine, wir erregten allgemeine Verwunderung; die Damen verließen ihre Logen, um uns in größerer Nähe zu betrachten, und überall hörten wir die Aeußerung, etwas Reicheres, als dieſe Maskerade, ſei nicht zu erdenken. Sie haben alſo viel Vergnügen gehabt? Sehr viel. Auch ich. Ich bin beinahe ſtolz, ein Koſtum erfunden zu haben, welches Sie unkenntlich macht und alle Blicke auf Sie lenkt. Sie haben uns Alle glücklich gemacht, ſagte der hübſche Schatz des Lieutenants, und beſonders mich, denn eine ſo köſtliche Nacht hätte ich nie zu hoffen gewagt. Das Ende krönt das Werk, mein Fräulein, und das Ende wird hoffentlich den Anfang übertreffen. Dies ſagend, drückte ich auf eine verliebte Weiſe die Hand meiner Schönen; und ich weiß nicht, ob ſie mich er⸗ rieth, aber ich fühlte, wie ihre Hand in der meinigen zit⸗ terte. Wir wollen hinuntergehn, ſagte ſie. Auch ich, denn ich habe Luſt zu tanzen und zwar als Pierrot; ich bin ſicher, Sie ſo zum Lachen zu bringen. Wiſſen Sie, wie viel Sie einer Jeden von uns gegeben haben? Ich kann es nicht genau ſagen, bin aber ſicher, einer Jeden ſo ziemlich gleichviel gegeben zu hallen. Das iſt wahr und höchſt wunderbar. Ich habe dieſen Verſuch hundertmal in meinem Leben gemacht. Wenn man mir ein Paroli von zehn Zechinen abgewinnt, ſtrecke ich drei Finger aus und bin ſicher, dreißig Zechinen zu nehmen. Ich möchte wetten, daß ich einer Je⸗ den von Ihnen achtunddreißig bis vierzig Zechinen gegeben, 4 17 Vierzig, nicht mehr und nicht weniger. Das iſt er⸗ ſtaunlich. Wir werden lange an dieſe Maskerade denken. Ich wette, ſagte der Marquis, daß Niemand uns nach⸗ ahmen wird. Nein, ſagte die Couſine; aber auch wir werden nicht zum zweitenmale ſo zu erſcheinen wagen. Wir legten unſre Masken wieder an und ich verließ zuerſt die Loge. Nachdem ich gegen die Arlechins und noch mehr gegen die Arlechinen tauſend Unverſchämtheiten be⸗ gangen, erkannte ich Thereſe im Domino und lud ſie auf die linkiſchſte Weiſe zu einem Contretanze ein. Sie ſind der Pierrot, ſagte ſie, welcher die Bank ge⸗ ſprengt hat? Ich antwortete bejahend mit einem Kopfnicken. Ich tanzte wie ein Wahnſinniger, ohne je aus dem Takte zu kommen, ohne je die Figuren zu ſtören, ſchien im⸗ mer in Gefahr zu fallen und fiel doch nie. Als der Contretanz zu Ende war, bot ich ihr den Arm, um ſie nach ihrer Loge zu geleiten, wo Greppi ganz allein war. Ich ließ ſie eintreten, und ihr Erſtaunen war nicht gering, als ich meine Maske abnahm. Sie glaubten, ich ſei bei den Bettlern. Ich gab Greppi Canano's An⸗ weiſung nach Sicht; und ſobald er quittirt, ging ich ohne Maske in den Saal, wodurch ich vielen Neugierigen eine Täuſchung bereitete, welche mich in der Perſon des Mar⸗ quis zu erkennen geglaubt hatten. Gegen Ende des Balls nahm ich eine Tragchaiſe, welche ich zweihundert Schritte von der Thür eines Hotel garni anhalten ließ, und etwas weiter nahm ich eine andre, welche mich zum Paſtetenbäcker brachte. Ich fand Zenobia im Bette. Sie ſagte, ſie ſei ſicher geweſen, daß ich allein vor den Andern kommen würde. Man konnte ſich nichts Voll⸗ kommneres als dieſe Frau denken. Hätte Praxiteles die⸗ ſelbe zum Modell gehabt, ſo hätte er nicht mehrerer grie⸗ chiſchen Schönheitef bedurft. Wie ſchade, daß ſo reine For⸗ men das Eigenthum eines Pavians waren! Ich entkleidete ſte gänzlich, und nachdem ich ſie betrachtet, erwies ich ihr die unzweideutigſten Huldigungen. Sie freute ſich meiner XIV. 8 8 4 — — Bewunderung und war nicht undankbar. Es war dies das erſtemal, daß ich ſie wirklich in meinem völligen Beſitze hatte. Als wir den Trab von vier Pferden hörten, ſtanden wir ſchnell auf und waren im Handumdrehn angekleidet. Als die liebenswürdigen Bettlerinnen eingetreten waren, ſagte ich zu ihnen, ich könnte ihrer Toilette beiwohnen, da ſte das Hemde nicht zu wechſeln brauchten, und ſie ſpielten nicht die Zimperlichen. Bei dieſer köſtlichen Beſchäftigung beſchränkte ich meine Blicke auf Fräulein Q. Ich bewunderte alle ihre Schön⸗ heiten und ſah mit Vergnügen, daß ſie ſich nicht geizig zeigte. Zenobia verließ ſie, nachdem ſie ihre Haare auf⸗ geſteckt, um den Andern behülflich zu ſein. Ich erbot mich, dieſelbe zu erſetzen, und ſie erlaubte mir, ihr beim Ankleiden behuͤlflich zu ſein und hinderte nicht, daß meine Blicke durch einen großen Riß drangen, welcher mir geſtattete, eine der beiden Halbkugeln, die ihren herrlichen Buſen zierten, bei⸗ nahe ganz zu ſehen. Was wollen Sie mit dieſem Hemde machen, Fräulein? Sie werden über die Kinderei lachen; wir haben be⸗ ſchloſſen, alle dieſe Sachen zur Erinneruug an den ſchönen Abend, den wir Ihnen verdanken, aufzuhehen. Sie werden unſerm Bruder die Mühe der Beſorgung überlaſſen. Wir wollen zu Bett gehn. Werden Sie uns heute Abend be⸗ ſuchen? Wenn ich vernünftig wäre, müßte ich Ihre Gegenwart vermeiden. Wenn ich es wäre, duͤrfte ich Sie nicht zum Beſuche einladen. Welche Antwort! Sie werden mich ganz ſicher ſehn, aber darf ich Sie, ehe wir uns trennen, um einen Kuß bitten? Um zwei. Ihr Bruder und der Marquis gingen hinaus. Zwei Tragchaiſen, welche ich hatte kommen laſſen, brachten die beiden Couſinen fort. Zwei andre, welche etwas ſpäter kamen, dienten dem Lieutenant und ſeiner Freundin. Der Marquis, welcher zurückgeblieben war, äußerte neine hön⸗ eizig auf⸗ mich, eiden durch der bei⸗ lein? n be⸗ bönen erden Wir d be⸗ wart ſuche ſehn, Kuß Zwei n die päter ißerte 19 auf die höflichſte Weiſe, er wünſche mir die Hälfte der Aus⸗ lagen zu erſtatten. Ich habe mir wohl gedacht, daß Sie mich würden de⸗ müthigen wollen. Das iſt nicht meine Abſicht, und ich will nicht darauf beſtehn, aber Sie ſehen wohl, daß ich dann der Gedemüthigte bin. Nein, denn ich rechne auf Ihren Geiſt. Sie ſehen, daß das Geld mir nichts koſtet. Uebrigens gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie auf allen Vergnügungspartieen, auf welchen wir während des Karnavals zuſammenkommen wer⸗ den, für mich bezahlen ſollen. Wir werden hier zu Abend ſpeiſen, wenn es Ihnen belieben wird; es iſt meine Woh⸗ nung. Sie werden die Geſellſchaft einladen, und ich werde Sie die Karte bezahlen laſſen, Vortrefflich! Dieſe Auskunft gefällt mir. Seien wir gute Freunde. Ich laſſe Sie bei der reizenden Kammerfrau, und ich begreife nicht, wie eine ſolche Schönheit, nur von Ihnen gekannt, in Mailand haͤt exiſtiren können. Sie iſt eine Bürgerin, welche ein Geheimniß zu be⸗ wahren verſteht. Habe ich Recht, Madame? Ich würde eher ſterben, ehe Jemand von mir erfahren ſollte, daß der Herr der Marquis von F. iſt. Sehr wohl, liebenswürdige Dame; brechen Sie nie Ihr Wort, und nehmen Sie, wenn ich bitten darf, dieſes kleine Andenken. Es war ein ſchöner Ring, welchen Zenobia ſehr an⸗ muthig hinnahm; er konnte etwa funfzig Zechinen werth ſein. Als der Marquis weggegangen war, machte Zenobia meine Nachttoilette, und als ich mich zu Bett legte, gab ich ihr vierundzwanzig Zechinen, nachdem ich ſie umarmt, und ſagte zu ihr, ſie könne ſich zurückziehn, um ihren Mann zu tröſten. Er iſt nicht unruhig, ſagte ſie, denn er iſt Philoſoph. Bei einer ſo ſchönen Frau, wie Sie, muß er es wohl ſein. Umarme mich noch einmal, Zenobia, und dann wol⸗ len wir uns trennen. Sie ſtürzte ſich auf mich, mich mit Küſſen bedeckend und mich ihr Glück und ihre Vorſehung 2* nennend. Ihre Flammenküſſe brachten die natuͤrliche Wir⸗ kung hervor, und nachdem ich ihr einen neuen Beweis von der Macht ihrer Reize gegeben, brach ſie auf und ich ſchlief ein. Es war zwei Uhr, als ich, vor Hunger ſterbend, er⸗ wachte. Ich aß ausgezeichnet zu Mittag, ſodann kleidete ich mich an, um die ſchöne O. zu beſuchen. Alle ſpielten, ſie ausgenommen. Sie war gegen ein Fenſter gelehnt und ſchien ſo aufmerkſam zu leſen, daß ſie mich nicht bemerkte; als ſie mich aber erblickte, ſtieg ihr die Röthe ins Güiſicht, und ſie machte das Buch zu und ſteckte es in die Taſche. O, ich plaudre nicht aus, Fräulein, ich werde Niemand ſagen, daß ich Sie in einem Gebetbuche habe leſen ſehn. Ich habe in einem ſolchen geleſen, aber ich würde ver⸗ loren ſein, wenn man erführe, daß ich fromm bin. Hat man von der Maskerade geſprochen, und weiß man, wer die Masken waren? Man ſpricht von nichts Anderm und bedauert uns, daß wir nicht auf dem Balle geweſen; aber man giebt es auf, zu erfahren, wer die Masken geweſen, weil, wie man ſagt, ein Wagen mit vier Pferden, der wie der Wind dahin gebrauſt ſei, ſie nach der nächſten Poſtſtation gebracht habe, von wel⸗ cher aus ſie Gott weiß welchen Weg eingeſchlagen. Man ſagt auch, meine Haare ſeien falſch geweſen, und ich be⸗ komme dann große Luſt, ſie Lügen zu ſtrafen. Man fügt hinzu, Sie müßten ſie kennen, weil Sie ihnen ſonſt nicht eine Handvoll Dukaten gegeben haben würden. Man muß Jeden ſagen und glauben laſſen, was er will und ſich nicht verrathen. Sie haben Recht; wahr iſt es aber, daß wir viel Ver⸗ gnügen gehabt haben. Wenn Sie alle Aufträge, die man Ihnen giebt, ſo gut ausrichten, ſind Sie einzig. Aber nur von Ihnen konnte ich einen ſolchen Vorſchlag annehmen. Heute von mir und morgen von einer Andern. Ich ſehe, daß Sie mich für unbeſtändig halten, aber ich ſchwöre Ihnen zu, daß wenn Sie mich Ihres Herzens 21 für werth halten, Ihr Bild nie aus dem meinigen aus⸗ gelöſcht werden ſoll. Ich bin überzeugt, daß Sie das ſchon tauſend Mädchen geſagt haben, und daß Sie dieſelben verachtet haben, wenn ſte Ihnen einen Platz in ihrem Herzen einräumten. Ich bitte Sie, brauchen Sie nicht den Ausdruck Ver⸗ achtung, denn ſonſt müßten Sie mich für ein Ungeheuer halten. Die Schönheit verführt mich, ich ſtrebe nach ihrem Beſitz, und ich verachte ſie, wenn mir nicht die Liebe den Weg zu ihrem Genuſſe bahnt; aber wie ſollte ich ihr nicht einen Kultus der Achtung widmen, wenn ſie ſich mir aus Liebe hingiebt? Ich müßte dann zunächſt mich ſelbſt ver⸗ achten. Sie ſind ſchön, und ich bete Sie an; aber Sie würden ſich ſehr täuſchen, wenn Sie glauben könnten, ich wolle Ihren Beſitz bloß Ihrer Gefälligkeit verdanken. Nun, ich ſehe wohl, daß Sie nach meinem Herzen ſtreben. Ja, auf Ihr Herz habe ich es abgeſehn. Um mich nach vierzehn Tagen unglücklich zu machen. Um Sie bis zum Tode zu lieben und mich allen Ihren Wünſchen zu unterwerfen. Allen meinen Wünſchen? Ja, ſie würden für mich unverletzliche Geſetze ſein. Sie wollten ſich in Mailand niederlaſſen? Zweifeln Sie nicht daran, wenn Sie mich unter dieſer Bedingung glücklich machen wollen. Das Komiſche hierbei iſt, daß Sie mich täuſchen, ohne es zu wiſſen, wenn Sie mich anders lieben. Jemand zu täuſchen, ohne es zu wiſſen, iſt ganz neu für mich. Wenn ich nichts davon weiß, bin ich unſchuldig. Unſchuldig, wenn Sie wollen; aber Sie täuſchen mich nichts deſtoweniger, denn es ſteht nicht in Ihrer Gewalt, mich zu lieben, wenn Sie mich nicht mehr lieben. Das liegt in der Möglichkeit, aber ich weiſe dieſe Idee als eine traurige zurück. Ich glaube lieber, daß ich Sie ewig lieben werde. Sicher iſt, daß ich ſeit meinem Auf⸗ enthalt in Mailand kein weibliches Geſicht gefunden habe, welches mir gefallen hätte. Auch nicht das reizende Mädchen, welches uns bedient hat, und welches Sie vielleicht bis jetzt in Ihren Armen gehabt haben? Was ſagen Sie, göttliche Marquiſe? Sie iſt die Frau des Schneiders, welcher Ihre Anzüge gemacht hat, ſie iſt einen Augenblick nach Ihnen weggegangen, und ihr Mann wuüͤrde ſie nicht bei mir gelaſſen haben, wenn er nicht ge⸗ wußt hätte, daß ich ihrer zur Bedienung der drei Damen bedurfte, für welche er die Anzüge angefertigt hat. Sie iſt hübſch wie ein Engel. Iſt es möglich, daß Sie ſie nicht lieben? Wie ſoll man eine Frau lieben, wenn man weiß, daß ein Parlan ſe genießt, ſo oft es ihm beliebt? Die einzige Freude, welche mir dieſe Frau heute Morgen gemacht hat, beſteht darin, daß ſie mit mir von Ihnen geſprochen. Von mir? Ja, aber werden Sie mir verzeihn, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich ſie gefragt habe, welche von den drei Damen, die ſie ohne Hemde geſehn, ihr am beſten gefallen? Das iſt die Frage eines Wüſtlings. Nun, was hat ſie Ihnen geantwortet? Diejenige, welche ſo ſchöne Haare habe, ſei in jeder Beziehung ſchön. Das glaube ich nicht, denn ich bin gewohnt, das Hemde auf eine anſtändige Weiſe zu wechſeln; und ſie kann nicht mehr geſehn haben, als ich einen Mann ohne Geſahr ſehn laſſen könnke. Sie hat Ihrer unbeſcheidnen Neugierde ſchmeicheln wollen. Wenn ich eine ſolche Kammerfrau hätte, würde ich ſie augenblicklich entlaſſen. Sie ſind ärgerlich? Nein. Wenn Sie auch nein ſagen, ſo hat mich doch dieſer kleine Ausfall in Ihrem Innern leſen laſſen. Ich bin in Verzweiflung, daß ich ſo zu Ihnen geſprochen. O, es iſt nichts. Ich weiß, daß die Männer die Kam⸗ merfrauen darüber befragen, und daß ſie alle wie Ihre ieſer n in dam⸗ Ihre 23 Schöne antworten, welche Ihnen vielleicht Appetit auf ſich ſelbſt machen möchte. Wie ſollte ſie aber wohl dieſes Ziel zu erreichen hoffen, wenn ſie Ihre Schönheit auf Koſten von zwei andren Damen rühmt, da ſie doch nicht wußte, daß ich Sie vorziehe? Wenn ſie es nicht weiß, hat ſie Unrecht; aber ſie hat nichtsdeſtoweniger gelogen. Sie kann erfunden haben, aber ich glaube nicht, daß ſie gelogen hat. Sie lachen! Das freut mich. Ich lache, weil ich Sie gern glauben laſſe, was Sie wollen. Sie erlauben mir alſo zu glauben, daß Sie mich nicht haſſen. Ich Sie haſſen! Wie können Sie ein ſo häßliches Wort ausſprechen? Wenn ich Sie haßte, würde ich Sie dann wohl ſehn? Aber ſprechen wir jetzt von etwas An⸗ derm. Ich will Sie bitten, mir einen Gefallen zu thun. Hier ſind zwei Zechinen. Setzen Sie damit auf eine Ambe und bringen Sie mir das Billet, wenn Sie wiederkommen, oder ſchicken Sie es mir; aber ich bitte Sie, laſſen Sie Niemand etwas davon erfahren. Morgen ſollen Sie daſſelbe erhalten; aber warum ſprechen Sie von Schicken? Weil Sie vielleicht nicht kommen werden, wenn Sie ſich bei mir langweilen. Offen geſagt, Fräulein, ſehe ich wohl bei Ihnen ſo aus? Ich bin ſehr unglücklich! Welche Nummern wol⸗ len Sie? Die drei und die vierzig. Sie haben mir dieſelben gegeben. Ich! Wie das? Drei Fingerſpitzen voll Zechinen und jedesmal vierzig. Ich bin abergläubiſch, und Sie werden mich vielleicht des⸗ halb angreifen; aber mir ſcheint es, als ob Sie nur um mich glücklich zu machen nach Mailand gekommen wären. Sie geben mir das Leben wieder! Dieſe Worte er⸗ füllen mich mit Freude. Sie ſagen, Sie ſeien abergläu⸗ biſch; aber wenn Sie dieſe Ambe nicht gewinnen, ſo ziehen Sie nur nicht die Folgerung daraus, daß ich Sie nicht liebe. Das wäre ein ſchrecklicher Sophismus. Mein Aberglaube geht nicht ſo weit, und ich urtheile nicht ſo falſch. Glauben Sie, daß ich Sie liebe? Ja. Erlauben Sie, daß ich es Ihnen hundertmal ſage? Ja! Und es Ihnen auf jede Art beweiſe? Die Arten möchte ich doch zum Voraus kennen, denn es wäre möglich, daß diejenigen, welche Sie für die wirk⸗ ſamſten halten, mir zwecklos ſchienen. Ich ſehe vorher, daß Sie mich werden lange ſeufzen laſſen. So lange es mir möglich ſein wird. Und wenn es Ihnen nicht mehr möglich ſein wird? So werde ich mich ergeben! Sind Sie zufrieden? Ja, ohne Zweifel; aber ich werde alle meine Kraft aufbieten, um die Ihrige zu brechen. Thun Sie das; Ihre Bemühungen werden mir an⸗ genehm ſein.*⁴ Werden Sie mir dabei behuͤlflich ſein? Vielleicht. O, reizende Marquiſe, Sie brauchen nur zu ſprechen, um einen Mann glücklich zu machen. Ich bin es wirklich und verlaſſe Sie über alle Begriffe verliebt. Nachdem ich die reizende Schwätzerin verlaſſen, ging ich ins Theater, ſodann an die Pharaobank, wo ich die Maske ſah, welche am vorigen Tage dreihundert Zechinen verloren hatte; ſie ſpielte ſehr unglücklich, denn ſie verlor mehr als zweitauſend Zechinen an Marken. In Zeit von noch nicht einer Stunde verlor ſie das Doppelte und Ca⸗ nano legte die Karten weg, indem er ſagte: Genug. Er ſtand auf, und die Maske entfernte ſich. Es war ein Spinola, ein Genueſer. Sie haben eine gute Bank gehabt, ſagte ich zu Canano. chen, klich ging ˖die dinen erlor von Ca⸗ Er nola, nand. 25 Ja, aber ich habe mit Ihnen ſchlechte Geſchäfte ge⸗ macht. Pierrot iſt glücklich geweſen. Hätte ich gewettet, ſo würden Sie verloren haben, denn Sie haben mich im Pierrotkoſtüme nicht erkannt. Das iſt wahr, aber ich hatte mich nun einmal auf den Bettler geſetzt, welchen ich für Sie hielt. Sie wiſſen, wer derſelbe war? Nein. Ich habe denſelben vorher nie geſehn. Ich log in dieſer Beziehung nicht. 1 Man ſagt, es ſeien Venetianer und ſie ſeien von hier nach Bergamo gegangen. Das iſt möglich, aber ich weiß nichts davon. Ich hatte den Ball bereits verlaſſen, als ſie aufbrachen. Dieſen Abend ſpeiſte ich mit der Gräfin A. B., ihrem Manne und Triulzi zu Abend. Sie dachten wie Canano. Triulzi ſagte zu mir, ich habe mich verrathen, indem ich den Masken Händevoll Dukaten gegeben. Man hat ſich getäuſcht, ſagte ich, und man kennt mich nicht. Ich bin abergläubiſch im Spiel und würde zu ver⸗ lieren glauben, wenn ich denen, die mich darum bitten, nicht eine Handvoll Dukaten gäbe, vorausgeſetzt, daß ich im Glücke bin. Ich habe dreißig Pfund Gold gewonnen und laſſe die Narren reden. Am folgenden Tage holte ich ein Lotterieloos und brachte es der ſchönen Marquiſe. Ich war gänzlich verliebt in dieſelbe, weil Alles darauf hindeutete, daß ſie es in mich ſei. An dieſem Tage ſpielte die Couſine, nicht und ich blieb drei Stunden bei ihnen, während welcher wir fort⸗ während von Liebe ſprachen und ich in ihren Reden einen unausſprechlichen Reiz fand, denn ſie hatten außerordentlich viel Geiſt. Ich verließ ſie, überzeugt, daß wenn der Zufall mich ſtatt mit Fräulein Q. mit der Couſine zuſammen⸗ geführt hätte, ich mich in ſie verliebt haben würde, wie ich mich in die andre verliebt hatte. Der Karnaval, der in Mailand vier Tage länger als anderwärts dauert, wodurch die Faſtenzeit um eine Woche verkürzt wird, näherte ſich ſeinem Ende. Noch ſollten drei Bälle ſtattfinden. Ich ſpielte und verlor täglich zwei bis dreihundert Zechinen. Jeder bewunderte mehr noch meine Beſonnenheit als mein Unglück. Ich ging täglich zu den ſchönen Couſinen, denen ich den Hof machte, aber ich kam nicht weiter als bis zu Hoffnungen und erlangte nichts Poſitives. Die ſchöne Marquiſe bewilligte mir einige Küſſe, Nahrung für einen Rekonvalescenten und ohne Sub⸗ ſtanz; ich brauchte ſtärkere Nahrung. Allerdings hatte ich mich nicht ſo weit emancipirt, ſie um eine geheime Zu⸗ ſammenkunft zu bitten. Da es endlich doch dazu kommen mußte, denn wenn ich in meiner Stellung ehrfurchtsvoller Zurückhaltung blieb, ſo lief ich Gefahr vor Erſchöpfung zu ſterben, ſo fragte ich ſie drei Tage vor dem Ball, ob ich hoffen dürfe, ihr mit ihren drei Freundinnen, ihrem Bru⸗ der und dem Marquis ein Abendeſſen zu geben. Mein Bruder, ſagte ſie, wird morgen zu Ihnen kom⸗ men, um ſich mit Ihnen zu verabreden. Das war von guter Vorbedeutung. Der Lieutenant kam in der That. Ich hatte die Liſte der herausgekom⸗ menen Nummern erhalten, und man denke ſich meine Freude, als ich die drei und die vierzig erblicke. Ich war erſtaunt über dieſes Gelingen. Ich ſagte dem jungen Marquis nichts davon, weil ſeine Schweſter es mir verboten, aber ich ſah vorher, daß dieſe Zufallsfügung mir günſtig wer⸗ den würde. Der Marquis von F., ſagte der liebenswürdige Ge⸗ ſandte zu mir, ladet Sie nebſt der ganzen Geſellſchaft von Bettlern zum Abendeſſen am Ballabend ein; aber da er uns boerraſchen will, ſo bedarf er Ihres Zimmers, um die Maskenanzüge anfertigen zu laſſen. Um des Geheim⸗ niſſes ſicher zu ſein, bittet er Sie auch, die Kammerfrau, welche Sie hatten, davon in Kenntniß ſetzen zu laſſen. Gern, ſehr gern, mein junger Freund. Sagen Sie dem Marquis, daß Alles zu ſeiner Verfügung ſteht. Sorgen Sie dafür, daß jene Frau um drei Uhr dort iſt, und zeigen Sie auch dem Paſtetenbäcker an, daß Sie ihm unbedingte Vollmacht gegeben haben. Es ſoll Alles nach dem Wunſche Ihres Freundes geſchehen. quis ſo n gern nieße wird ich j Erin den ich 3 Frar daß beda Frar gebe gew freu eing iſt derr wen kom zu Ihr das 27 Es wurde mir nicht ſchwer zu errathen, daß der Mar⸗ quis Appetit auf Zenobia hatte; aber ich fand die Sache ſo natürlich, daß ich, weit entfernt, mich darüber zu är⸗ gern, vielmehr ſeine Neigung zu begünſtigen beſchloß. Ge⸗ nießen und genießen laſſen, war immer meine Deviſe und wird es bis zum Tode ſein, obwohl auf dem Punkte, wo ich jetzt ſtehe, der Genuß für mich leider nur noch in meinen Erinnerungen beſteht. Ich ging aus, als ich angezogen war, und ſobald ich den Paſtetenbäcker von der Sache in Kenntniß geſetzt, ging ich zum Schneider, der über die Beſchäftigung, welche ich ſeiner Frau verſchaffte, ſehr erfreut war. Er wußte aus Erfahrung, daß ſeine Kaſſe bei ihrer Abweſenheit nicht Schaden litt. Ich bedarf Ihrer nicht, ſagte ich zu ihm, weil es ſich nur um Frauenanzüge handelt, ich bedarf nur meiner Gevatterin. Punkt drei Uhr werde ich ihr für drei Tage Urlaub geben. Nachdem ich zu Mittag geſpeiſt, machte ich meinen gewöhnlichen Gang und fand meine liebenswürdige O. freudetrunken. Ihre Ambe hatte ihr fünfhundert Zechinen eingebracht. Das macht Sie glücklich? ſagte ich. Es iſt mir angenehm; aber obwohl ich nicht reich bin, iſt doch nicht der Gewinn der Grund meiner Freude, ſon⸗ dern die ſchöne Idee, welche ich gehabt; ich freue mich, wenn ich daran denke, daß dieſes Glück mir von Ihnen kommt; es iſt eine Kombination, die im höchſten Grade zu Ihren Gunſten ſpricht. Was ſagt ſie Ihnen? Daß Sie verdienen, von mir geliebt zu werden. Sagt ſie Ihnen auch, daß Sie mich lieben? Nein, das ſagt mir mein Herz. Sie erfüllen mich mit Freude; ſagt Ihnen aber auch Ihr Herz, daß Sie es mir beweiſen müſſen? Theurer Freund, können Sie daran zweifeln? Bei dieſen Worten reichte ſie mir die Hand. Es war das erſtemal; ich preßte meine Lippen darauf. Mein erſter 28 Gedanke, ſagte ſte, war die vierzig Zechinen auf eine Ambe u ſetzen. 4 Sie haben nicht den Muth dazu gehabt? Nicht das war der Grund; ich ſchämte mich. Ich fürchtete mich vor einem Gedanken, der Ihnen hätte ein⸗ kommen können, und den Sie mir nicht mitgetheilt haben würden. Ich fürchtete, wenn ich Ihnen die vierzig Zechi⸗ nen zum Spielen gäbe, könnten Sie glauben, ich wolle Ihnen zu verſtehen geben, daß ich dies Geſchenk verachte, und das würde mir bei Ihnen geſchadet haben; hätten Sie mich aber aufgemuntert, ſo würde ich es auf der Stelle gethan haben. Ich bin in Verzweiflung, daß ich nicht daran gedacht. Sie würden jetzt zehntauſend Zechinen haben, und ich würde glücklich darüber ſein. Sprechen wir nicht mehr davon. Ihr Bruder hat mir geſagt, wir würden unter Füh⸗ rung des Marquis auf den Maskenball gehen, und Sie können ſich wohl denken, wie glücklich mich die Ausſicht macht, eine ganze Nacht mit Ihnen zuzubringen. Indeß habe ich eine Beſorgniß. Und welche? Ich fürchte, daß es nicht ſo gut wie das erſtemal gehen wird. Seien Sie ohne Unruhe; der Marquis hat viel Geiſt. Er liebt meine Schweſter eben ſo ſehr wie meine Ehre. Es ſteht feſt, daß man uns nicht erkennen wird. Ich wünſche es. Er will Alles bezahlen, und ſelbſt das Abendeſſen. 5 Er kann nichts Beſſres thun als Ihrem Beiſpiele zu olgen. Am Abend des Balls ging ich frühzeitig zu meinem Paſtetenbäcker und fand den Marquis ſehr zufrieden, daß ihm Alles nach Wunſch ging. Das Koſtümzimmer war geſchloſſen. Ich fragte ihn mit zweideutigem Tone, ob er mit Zenobia zufrieden geweſen ſei. Ich kann nur mit ihrer Arbeit zufrieden ſein, ant⸗ wortete er, denn ich habe weiter nichts von ihr verlangt. Freu die§ würd Aben Bünd hier und unſer gab und Alles Schu präch Verl welch Strü Schr Schr aber ſeinig Arbe war die 4 wir Lieut eine Buſe er al keine zum Ambe . Ich te ein⸗ haben Zechi⸗ wolle rachte, n Sie Stelle dacht. würde Füh⸗ dSie ſicht Indeß temal Geiſt. Ehre. ſelbſt e zu nem daß war b er ant⸗ gt. 29 Ich für meinen Theil glaube es, fürchte aber, Ihre Freundin wird in dieſem Punkte nicht ſo glücklich ſein. Sie weiß, daß ich nur ſie lieben kann. Sprechen wir nicht weiter davon. Als die Gäſte ſich eingefunden, ſagte der Marquis, die Koſtüme ſeien der Art, daß ſie uns Vergnügen machen würden, und es ſei daher beſſer, wenn wir uns vor dem Abendeſſen anzögen. Wir folgten ihm auf das Zimmer, wo wir drei große Bündel ſahen. Meine Damen, ſagte er zu den Schönen, hier ſind die Sachen für Sie. Madame wird Sie ankleiden, und wir werden daſſelbe in einem andern Zimmer thun. Er nahm das dickſte Bündel, und als wir uns in unſerm Zimmer eingeſchloſſen hatten, machte er es auf, gab mir und dem Lieutenant was für uns beſtimmt war und ſagte: Beeilen wir uns, meine Freunde. Wir lachten laut auf, als wir Frauenanzüge erblickten. Alles war vorhanden: Hemden, mit Goldflittern geſtickte Schuhe mit Hacken, die uns um zwei Zoll höher machten, prächtige Strumpfbänder, reiche Nachtmützen, um uns der Verlegenheit des Friſtrens zu überheben, prächtige Spitzen, welche uns bis auf die Augen fielen. Er hatte weder Strümpfe mit rothen und goldnen Zwickeln, noch die Schuhſchnallen vergeſſen. Ich wunderte mich, daß die Schuhe, welche er für mich beſtimmt hatte, ſo gut paßten, aber ich erfuhr ſpäter, daß mein Schuhmacher auch der ſeinige ſei. Schnürleib, Unterrock, Kleid, Tuch, Fächer, Arbeitsbeutel, Schminkkäſtchen, Maske, Handſchuhe, Alles war vollkommen. Wir halfen uns nun unſre Haare unter die Hauben bringen; aber als wir angekleidet waren, ſahen wir wie die Vogelſcheuchen aus mit Ausnahme des jungen Lieutnants, der wohl täuſchen konnte, und den man für eine ſehr hübſche Frau halten konnte, denn ein falſcher Buſen und ein cul de Paris erſetzten die Schönheiten, die er als Mann nicht haben konnte. Ohne uns verabredet zu haben, zogen wir alle drei keine Hoſen an. Ihre ſchönen Strumpfbänder, ſagte ich zum Marquis, haben mich belehrt, daß wir keine tragen dürfen. Vortrefflich, ſagte er, aber leider wird ſich Nie⸗ mand der Thatſache vergewiſſern wollen, denn zwei Damen von fünf Fuß zehn Zoll werden wohl nicht ſo lebhafte Begierden einflößen. Ich hatte mir gedacht, daß unſere reizenden Begleite⸗ rinnen als Männer erſcheinen würden, und ich hatte mich nicht getäuſcht. Da ſie vor uns fertig waren, ſo ſahen wir ſie, als wir die Thüre öffneten, mit dem Rücken gegen das Kamin ſtehen. Sie ſahen wie ſehr junge Pagen aus, jedoch ohne deren Unverſchämtheit, denn ſie hatten in ihren Koſtümen eine etwas verlegene Haltung, obwohl ſie ungezwungenes Benehmen zu erkünſteln ſuchten.. Wir ſtellten uns ihnen vor, indem wir die Beſchei⸗ denheit des ſchönen Geſchlechtes und die verſchämte Zurück⸗ haltung, welche zu unſern Rollen paßte, nachäfften. Des⸗ halb glaubten ſie ſich genöthigt, den Gang von Männern nachzuahmen, und ihr Anzug war nicht der Art, wie er für junge Leute paßt, welche den Damen huldigen. Sie waren als Läufer koſtümirt mit feſt anliegenden Beinklei⸗ dern, kleiner enger Weſte, offnem Gilet, Strumpfbändern mit ſilbernen Franzen, galonnirtem Gürtel, und einer hüb⸗ ſchen mit Silber geſtickten Mütze mit vergoldetem Wappen. Ihre Battiſthemden waren mit einem ungeheuren Jabot von Alengonſpitzen geziert. In dieſer Kleidung, wo ſie gezwun⸗ gener Weiſe ihre ſchönen Formen unter einem faſt durch⸗ ſichtigen Schleier zeigten, hätten ſie einen an allen Gliedern Gelähmten aufregen können, und wir waren nichts weniger als gelähmt. Indeß liebten wir ſie zu ſehr, um ſie ſcheu zu machen. Nach den erſten bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlichen Nachäffereien fingen wir an bis zum Abendeſſen natürlich zu ſprechen. Sie ſagten, da ſie zum erſtenmale in ihrem Leben Männerkleider trügen, ſo wären ſie nicht ohne Furcht wegen der Gefahren, die ihrer auf dem Balle warten könnten. Wenn wir das Unglück hätten, erkannt zu wer⸗ den, rief die Couſine aus, wären wir verloren! Sie hatten Recht; aber unſre Aufgabe war es, ſie zu beruhigen, ob⸗ Nie⸗ Damen bhafte gleite⸗ 2 mich ſahen gegen ohne tümen igenes eſchei⸗ urück⸗ Des⸗ nnern vie er Sie inklei⸗ ndern hüb⸗ appen. dt von wun⸗ durch⸗ ledern niger ſcheu lichen ürlich hrem urcht arten wer⸗ datten „ ob⸗ 31 wohl wir, beſonders ich, gern in kleiner Geſellſchaft ge⸗ blieben wären. Wir ſetzten uns zu Tiſch, Jeder bei ſeiner Freundin, und gegen meine Erwartung war die Geliebte des Lieu⸗ tenants die erſte, welche einen heitern Ton anſchlug. Da ſie ihre Männerrolle nur indem ſie ſich kühn zeigte, gut ſpielen zu können glaubte, ſo ging ſie dem Lieutenant zu Leibe, der ſich wie ein prüdes Frauenzimmer vertheidigte. Die beiden Couſinen, welche nicht hinter ihrer Freundin zurückbleiben wollten, beſtürmten uns mit ausgelaſſenen Liebkoſungen. Zenobia, welche uns bei Tiſche aufwartete, konnte ſich des Lachens nicht enthalten, als meine ange⸗ betete Q. ihr den Vorwurf machte, daß ſie mir das Kleid auf der Bruſt zu eng gemacht. Als ſie ihre hübſche Hand ausſtreckte, wie um mir Gewalt anzuthun, gab ich ihr eine kleine Ohrfeige; ſie dagegen ahmte die Höflichkeit eines reuigen Kavaliers nach, faßte meine Hand und küßte ſie, indem ſie mich um Verzeihung bat. Die Rolle war nicht weiter durchzuführen. Als der Marquis ſagte, daß er friere, fragte ihn die Couſine, ob er ſeine Hoſen habe, ſtreckte die Hand aus, um ſich davon zu überzeugen und zog ſie ſodann erröthend zurück, worüber wir in lautes Lachen ausbrachen, in wel⸗ ches einzuſtimmen ſie Geiſt genug hatte, während ſie die Rolle eines muthigen Liebhabers weiter ſpielte.. Das Abendeſſen hatte nichts zu wünſchen übrig ge⸗ laſſen, Feinheit, Mannichfaltigkeit, Reichthum, Alles war vereinigt geweſen. Erhitzt von Liebe und Wein ſtanden wir auf, nachdem wir länger als zwei Stunden bei Tiſche geſeſſen; als wir aber aufſtanden, malte ſich Traurigkeit auf den Zügen der beiden ſchönen Couſinen. Sie wußten nicht, wie ſie mit ihrem Koſtüme auf den Ball gehen ſollten, das ihnen alle frechen Masken auf den Hals hetzen würde. Der Marquis ſah das ebenſogut wie wir ein und fand ihre Abneigung ſehr natürlich. Indeß müſſen wir uns entſchließen, ſagte der Lieu⸗ tenant, entweder auf den Ball oder nach Hauſe zu gehn. tanzen wir hier. Hoſe? Weder das Eine noch das Andre, ſagte der Marquis, „Wo ſind die Violinen? ſagte ſeine Geliebte; heute Nacht finden Sie keine und wenn Sie ſie mit Gold auf⸗ wiegen wollen. Wolanl ſagte ich, ſo entbehren wir ſie. Wir trinken Punſch, ſpielen kleine Spiele, plaudern und vergnügen uns ſo; werden wir müde, ſo ſchlafen wir. Wir haben drei Betten. Zwei genügen, ſagte die Couſine. Das iſt wahr, aber zu viel des Guten ſchadet nicht. Zenobia war mit der Frau des Paſtetenbäckers zum Eſſen gegangen und wollte wiederkommen, wenn ſie ge⸗ rufen würde. Nachdem wir zwei Stunden Thorheiten getrieben, bei welchen die Geliebte des Lieutenants nicht leer ausging, begab ſich dieſelbe, welche etwas im Kopfe hatte, in ein benachbartes Zimmer und warf ſich auf das Bett. Ihr Geliebter folgte ihr bald. Fräulein Q., welche in derſelben Lage war, ſagte, ſie wünſche ſich einen Augenblick auszuruhn: ich führte ſie in ein Zimmer, in welchem ſie ſich einſchließen konnte und ſchlug ihr dies vor. Ich mißtraue Niemand, ſagte ſie. Wir wollen alſo den Marquis bei der liebenswürdigen Couſine laſſen; Sie können ſich ausruhn, und ich werde bei Ihnen wachen. Nein, mein Freund, Sie werden ebenfalls ſchlafen. Dies ſagend, ging ſie in das Toiletten⸗Kabinet und bat mich, ihr ihren Ueberwurf zu holen. Als ſie zurück⸗ kam, ſagte ſie: Jetzt athme ich freier. Dieſe verdammte Hoſe iſt zu eng; ſie drückte mich. Sie warf ſich im bloßen Ueberwurfe auf das Bett. Wo, mein Herz, drückte Sie denn die abſcheuliche Ich mag es Ihnen nicht ſagen; aber das Kleidungs⸗ ſtuck muß Ihnen doch ſehr beſchwerlich ſein?, Aber, mein Engel, wir ſind anders gebaut, und die 35 wo ich Zenobia mit ihrem Manne fand, welche in den Ueberbleibſeln unſers Abendeſſens ſchwelgten. Er ſagte zu mir, ich habe ſein Glück begründet, denn der Marquis habe ſeiner Frau vierundzwanzig Zechinen ſo wie ſeinen ganzen Frauenanzug geſchenkt. Ich ſchenkte ihr auch den meinigen. Ich ſagte nun meiner Gevatterin, ſie möge mir ein Mittags⸗ eſſen kommen laſſen und der Schneider ging weg, nachdem er mich mit Dankſagungen überſchuͤttet. Als ich mit der ſchönen Zenobia allein war, bat ich ſte, mir zu ſagen, ob ſie mit dem Marquis zufrieden ge⸗ weſen. Er hat mich gut belohnt, ſagte ſie mit leiſem Er⸗ röthen. Mehr will ich nicht wiſſen, meine theure Zenobia; ſagte ich, denn man kann Dich nicht ſehn, ohne Dich zu lieben und wenn man Dich liebt, wuünſcht man Dich auch zu beſitzen. Der Marquis hat mir das nicht bewieſen. Das iſt möglich, aber höchſt wunderbar. Als ich zu Mittag gegeſſen, eilte ich zu meiner ſchö⸗ nen Marquiſe, welche ich jetzt weit mehr liebte als vor der köſtlichen Nacht, die ich mit ihr verlebt. Ich ſehnte mich ſte zu ſehen, um zu erfahren, welchen Eindruck ſie auf mich machen würde, nachdem ſie mich beglückt. Ich fand ſie noch ſchöner. Sie empfing mich mit dem Tone und dem Benehmen einer Geliebten, welche ſich freut, Anrechte an das Gerz ihres Geliebten erlangt zu haben. Ich war ſicher, ſagte die Schöne, daß Sie mich beſuchen würden, und obwohl ihre Couſtne zugegen war, gab und empfing ſte tauſend flammende Küſſe, welche keinen Zweifel darüber ließen, wie wir uns unter vier Augen beſchäftigt. Ich blieb fünf Stunden bei ihnen, welche mir ſehr kurz vorkamen, ſo ſehr verkürzt das Vergnügen die Zeit. Wenn man von Liebe ſpricht und man ſelbſt Gegenſtand des Geſprächs iſt, ſo machen Eigenliebe und Gefühl den Gegenſtand zu einem unerſchöpflichen. Dieſer fünfſtündige Beſuch am Tage nach der Vermählung bewies mir, daß ich in meine neue Er⸗ oberung ſterblich verliebt ſei, wie er andrerſeits die ſchöne Marquiſe überzeugen mußte, daß ich ihrer Zaͤrtlichkeit werth ſei. 3* Die Gräfin A. B. hatte mich durch ein Billet zum Abendeſſen eingeladen, mit ihr, ihrem Manne und dem Marquis Triulzi, der alle Freunde des Hauſes eingeladen hatte. Deshalb ging ich nicht zu Canano, der mir ſeit mei⸗ nem Siege als Pierrot etwa tauſend Zechinen abgewonnen hatte. Ich wußte, daß er ſich rühmte, mich feſt zu haben, und in petto gelobte ich mir das Gegentheil oder vielmehr noch etwas Beſſres. Während des Abendeſſens befehdete mich die Spanierin. Ich ſchlafe außer dem Hauſe, man ſehe mich ſelten; man gab ſich die äußerſte Müͤhe, mir mein Geheimniß zu entreißen, man wollte meine Eroberungen kennen lernen. Man wußte, daß ich zuweilen bei Thereſen mit Greppi ſpeiſte, über den man ſich luſtig machte, weil er die geckenhafte Aeußerung gethan, ich ſei nicht gefährlich. Um mein Spiel deſto beſſer zu verbergen, ſagte ich, er habe Recht und ich führe das glücklichſte Leben. Am folgenden Tage beſuchte mich Barbaro, der, wie alle Spieler, die das Glück verbeſſern, höchſt anſtändig war und brachte mir meine zweihundert Zechinen, nebſt zweihun⸗ dert Zechinen Gewinnſt; da er einen kleinen Streit mit dem Lieutenant gehabt, ſo ſagte er, er wolle nicht mehr ſpielen. Ich dankte ihm, daß er mich mit der ſchönen Marquiſe be⸗ kannt gemacht, und ſagte, ich ſei ſehr verliebt in ſie, und hoffe, ihre Strenge zu überwinden. Er lächelte, lobte meine Verſchwiegenheit und gab mir zu verſtehn, daß er ſich durch meine Worte nicht täuſchen laſſe. Hier genügte es, nichts zuzugeſtehn. Gegen drei Uhr ging ich zu der reizenden Frau und verbrachte bei ihr, wie am vorigen Tage, fünf höchſt ange⸗ nehme Stunden. Da Barbaro nicht mehr ſpielte, ſo war der Bedienung Befehl gegeben worden, zu ſagen, Niemand ſei zu Hauſe. Da ich erklärter Liebhaber der ſchönen Marquiſe war, ſo behandelte die Couſine mich wie einen Freund. Sie bat mich, ſo lange wie möglich in Mailand zu bleiben; denn nicht nur würde dadurch das Glück ihrer Couſine verlän⸗ gert, ſondern ich ſichere auch das ihrige, weil ſie ohne mich nicht Stunden lang mit ihrem liebenswürdigen Marquis allein bleiben könne, der, ſo lange ſein Vater lebte, ſte nicht der mi zu zum dem laden mei⸗ nnen aben, mehr hdete man mein ingen reſen eil er rlich. habe wie war hun⸗ dem ielen. e be⸗ und neine durch nichts und ange⸗ r der nd ſei quiſe Sie denn rlän⸗ mich rquis nicht 37 ungehindert beſuchen könne. Sie war überzeugt, daß er ſie nach dem Tode des Alten heirathen würde. Ihre Hoff⸗ nungen waren vergeblich, denn der junge Marquis beging bald darauf Tollheiten, welche ihn zu Grunde richteten. Am Abend des folgenden Tages kamen die fünf lie⸗ benswürdigen Perſonen, anſtatt auf den Ball zu gehn, zum Abendeſſen zu mir; und nach einem köſtlichen Mahle über⸗ ließen wir uns ohne Umſtände dem Vergnügen. Eine rei⸗ zende Nacht, während welcher indeß unſre Freuden durch die traurige und wahre Betrachtung geſtört wurden, daß das Ende des Karnavals die Fortſetzung derſelben unmöglich machen werde. Da am Vorabend der Faſtnacht kein Ball war, ſo ſpielte ich, und da ich nicht ein einzigesmal drei Gewinnſt⸗ karten traf, ſo verlor ich alles Geld, welches ich bei mir hatte. Ich würde mich wie gewöhnlich entfernt haben, wenn nicht eine als Mann verkleidete Frau mir eine Karte ge⸗ geben, und mir durch Zeichen zu verſtehn gegeben hätte, ich möge auf dieſelbe ſetzen. Ich ſetzte hundert Zechinen auf Wort. Ich verlor, und um meine Schuld wiederzugewin⸗ nen, verlor ich tauſend, welche ich am folgenden Tage be⸗ zahlen ließ. Als ich den Saal verlaſſen wollte, um bei meiner ſchönen Marquiſe Troſt zu ſuchen, ſah ich die Unglück brin⸗ gende Maske in Begleitung eines Mannes auf mich zukom⸗ men; dieſer drückte mir die Hand und flüſterte mir ins Ohr, ich möge ihn in den drei Königen, um zehn Uhr, in der von ihm angegebnen Nummer beſuchen, wenn mir, wie er hinzufügte, die Ehre eines Freundes theuer ſei. Wer iſt dieſer Freund? Ich ſelbſt. Wer ſind Sie? Das kann ich Ihnen nicht ſagen. Dann muß ich Sie bitten, nicht auf mich zu warten, denn wenn Sie mein Freund ſind, kann nichts Sie hindern, mir Ihren Namen zu ſagen. Ich ging weg, und er folgte mir und bat mich, bis zum Ende der Arcaden zu gehn. Dort nahm er ſeine Maske —— ab, und ich ſah Croce, deſſen meine Leſer ſich wohl noch erinnern werden. Ich wußte, daß er aus Mailand verbannt war, und würdigte daher ſeine Gründe, ſich nicht öffentlich zu nennen; aber ich wünſchte mir Glück, daß ich ihm die Bitte, ihn in ſeinem Gaſthofe zu beſuchen, abgeſchlagen. Ich wundre mich, ſagte ich, Sie hier zu ſehn. Ich glaube es wohl. Ich bin unter dem Schutze der Jahreszeit, welche das Maskentragen geſtattet, hierhergekom⸗ men, um meine Verwandten zur Auszahlung deſſen, was ſte mir ſchuldig ſind, zu nöthigen; aber ſie ziehn die Sache in die Länge, um mir nichts zu geben, weil ſie glauben, ich werde, um nicht erkannt zu werden, in der Faſtenzeit die Stadt verlaſſen. Und willſt Du in der Faſtenzeit abreiſen, auch wenn Du das, was Du erwarteſt, nicht bekömmſt? Ich werde es wohl müſſen, aber da Du nicht zu mir kommen willſt, ſo gieb mir zwanzig Zechinen, die mich in den Stand ſetzen werden, Sonntag früh abzureiſen, wenn mein Couſin, der mir zehntauſend Livres ſchuldig iſt, mir den zehnten Theil, um welchen ich ihn gebeten, verweigern ſollte. Ehe ich indeß abreiſe, tödte ich ihn. Ich habe keinen Pfennig, und Deine Maske da koſtet mir tauſend Zechinen, und ich weiß noch nicht, wie ich die⸗ ſelben bezahlen ſoll. Ich weiß es wohl. Ich bin ein Unglücklicher, der allen meinen Freunden Unglück bringt. Ich habe ihr geſagt, ſie möge Dir eine Karte geben, in der Hoffnung, Dir Glück zu bringen. Iſt das Mädchen aus Mailand? Nein, ſie iſt aus Marſeille, und die Tochter eines rei⸗ chen Commiſſionairs. Ich habe mich in ſie verliebt, und nachdem ich ſie verführt, habe ich ſie zu ihrem Unglücke entführt. Ich hatte damals viel Geld; aber ich Unglück⸗ licher, habe Alles in Genua verſpielt, wo ich Alles, was ich hatte, habe verkaufen müſſen, um hierher zu gelangen, wo ich ſeit acht Tagen bin. Gieb mir die Mittel, mich zu retten, ich bitte Dich darum. vohl und nen; on in nich, der kom⸗ was bache „ich t die venn mir h in venn mir gern oſtet die⸗ allen , ſie Blück rei⸗ und lͤcke lück⸗ 3 ich wo zu 39 Von Mitleid gerührt, kehrte ich um, und erſuchte Ca⸗ nano um zwanzig Zechinen, welche ich dem Unglücklichen gab, den ich zugleich bat, mir zu ſchreiben. Dieſes Almoſen bekam mir gut, denn ich verlor durch daſſelbe die üble Laune, weiche mir mein Verluſt verurſachte, und ich konnte einen köſtlichen Abend bei meiner ſchönen Marquiſe verleben. Am folgenden Tage ſpeiſten wir in meiner Wohnung und verbrachten den übrigen Theil der Nacht in den Armen der Liebe. Es war Sonnabend, der letzte Tag des Mai⸗ länder Karnavals, und ich blieb den Sonntag, den erſten Tag der Faſten, im Bette; denn ich hatte meine Kräfte bei der Marquiſe erſchöpft und wußte, daß ein langer Schlum⸗ mer mich wiederherſtelle. Am Montag früh gab mir Clairmont einen Brief, welchen ein Lohnlakai mir gebracht. Dieſer Brief, der nicht unterzeichnet war, enthielt Folgendes: „Mein Herr, haben Sie Mitleid mit dem unglücklich⸗ ſten Geſchöpf, was es auf Erden giebt. Herr de la Croix iſt gewiß in ſeiner Verzweiflung abgereiſt. Er hat mich in dem Gaſthofe zurückgelaſſen, wo er nichts bezahlt hat. Großer Gott! Was ſoll aus mir werden! Kommen Sie, mein Herr, ich beſchwöre Sie, wäre es auch nur, um mir einen Rath zu geben.“ Ich bedachte mich keinen Augenblick. Es war weder die Liebe noch ein wollüſtiges Gefühl, welches mich bewog, der Unglücklichen zu Huͤlfe zu kommen; ich wurde nur durch⸗ ein Gefühl der Menſchlichkeit und Tugend bewegt. Ich zog meinen Ueberrock an und ging in die drei Könige, in daſſelbe Zimmer, wo Irene gewohnt, und fand ein junges und ſchö⸗ nes Mädchen vom edelſten und intereſſanteſten Ausſehn. Als ſie mich bemerkte, kam ſie mir mit der beſcheidenſten Miene entgegen und bat mich um Verzeihung, daß ſie ge⸗ wagt, mich zu beläſtigen. Sie bat mich, einer Frau, welche im Zimmer war, italiäniſch zu ſagen, daß ſie ſich entfernen möge, Sie ermüdet mich ſeit einer Stunde. Ich verſtehe ihre Sprache nicht, aber ich habe begriffen, daß ſie mir nütz⸗ — lich werden will. Ich fühle keine Neigung, ihre Hülfe an⸗ zunehmen. Wer hat Sie zu der jungen Dame gerufen? fragte ich die Frau. 3 Ein Lohnbedienter hat mir angezeigt, daß ein fremdes Fräulein ganz allein und in einem bedauernswerthen Zu⸗ ſtande hier zurückgeblieben ſei. Die Menſchlichkeit hat mich veranlaßt, zu ihr zu gehn, um zu ſehn, ob ich ihr nützlich werden könnte. Es iſt mir lieb, daß mein guter Wille überflüſſig geworden iſt. Ich laſſe ſie in guten Händen und wünſche ihr Glück dazu. Ich ſah wohl, daß die Frau eine Kupplerin war, und ich antwortete ihr nur mit einem Lächeln der Verachtung. Die arme Verlaſſene erzählte mir in wenigen Worten, was ich ſchon wußte; ſodann theilte ſie mir mit, daß Croce, der ſich de Saint⸗Croix nennen laſſe, ſpielen gegan⸗ gen, ſobald er die zwanzig Zechinen erhalten; er habe ſte hierauf nach dem Gaſthofe gebracht, wo er den ganzen fol⸗ genden Tag in einem verzweiflungsvollen Zuſtande verbracht, weil er am Tage nicht auszugehn wage. Am Abend ging er maskirt aus und kehrte erſt am Morgen zurück. Einige Augenblicke darauf hängte er ſeinen Regenmantel um, um auszugehn und ſagte, wenn er nicht wiederkomme, werde er mir durch Sie Nachrichten zukommen laſſen; zu gleicher Zeit gab er mir Ihre Adreſſe, von der Gebrauch zu machen, ich mir die Freiheit genommen habe. Er iſt nicht zurück⸗ gekommen, fügte ſie mit einem Seufzer hinzu, und wenn Sie ihn nicht geſehn haben, ſo bin ich ſicher, daß er die Reiſe zu Fuße und ohne einen Pfennig angetreten hat. Der Wirth will bezahlt ſein. Wenn ich Alles verkaufe, kann ich ihn befrie⸗ digen; aber großer Gott, was ſoll dann aus mir werden? Wagen Sie zu Ihrem Vater zurückzukehren? Ja, mein Herr. Gewiß würde ich es wagen. Mein Vater wird mir verzeihen, wenn ich ihm knieend und mit Thränen in den Augen erkläre, daß ich bereit bin, mich le⸗ vendig in einem Kloſter zu begraben. Wolan! Ich ſelbſt werde Sie nach Marſeille geleiten, und einſtweilen werde ich Ihnen ein Zimmer bei ehrlichen 41 Leuten ſuchen. Bis dahin ſchließen Sie ſich in dieſes Zim⸗ mer ein, empfangen Sie Niemand, und ich werde für Sie ſorgen. Ich rief den Wirth, der mir die eben nicht bedeutende Rechnung brachte, und ich bezahlte, nachdem ich ihm befoh⸗ len, Madame Alles zu liefern, was ſie bis zu meiner Rück⸗ kehr gebrauchen könnte. Die arme Perſon war ſtumm vor Erſtaunen und Dankbarkeit. Ich verließ ſie mit einem freundlichen Gruße, ohne ihr auch nur die Hand zu geben. Nicht etwa, als ob der Teufel Einſiedler geworden wäre; aber das Unglück habe ich immer geachtet. Ich hatte ſchon die Augen auf Zenobia geworfen und begab mich ſogleich zu ihr. Ich ſagte zu ihr in Gegenwart ihres Mannes, ich erwarte, daß ſie meiner neuen Schütz⸗ lingin einen kleinen Winkel einräume. Ich trete ihr meinen Platz ab, rief der Schneider aus, der ein guter Teufel war, wenn ſie bei meiner Frau ſchlafen will. Ich werde hier in der Nähe ein kleines Zimmer miethen und daſelbſt ſo lange bleiben, als das Fräulein mich bei Zenobia erſetzt. Das ſcheint mir ein guter Gedanke, Gevatter, aber Ihre Frau wird beim Tauſche verlieren. Sehr wenig, ſagte Zenobia, und der Schneider brach darüber in ein lautes Lachen aus. Was das Eſſen betrifft, fuhr er fort, ſo mag ſie das einrichten, wie ſie will. Das iſt ſehr leicht, ſagte ich, Zenobia wird dafür ſor⸗ gen, und ich werde bezahlen. Ich ſchrieb einige Zeilen, um das junge Mädchen von dieſer Anordnung in Kenntniß zu ſetzen, und beauftragte Zenobia, ihr dieſelben zu bringen. Am folgenden Tage fand ich ſie bei den guten Leuten eingerichtet, wo ſie allerdings ſchlecht wohnte, aber ſie war zufrieden und entzückend ſchön. Ich hatte keine Anwandlung, aber ich ſeufzte, wenn ich be⸗ dachte, wie ſchwer es mir werden würde, derſelben auf der Reiſe zu widerſtehn. In Malland hatte ich nichts mehr zu thun; aber ich hatte mich gegen den Grafen verpflichtet, vierzehn Tage in San Angelo zu verleben. Dies war ein ſeinem Hauſe ge⸗ höriges Lehngut, funfzehn Meilen von Mailand, und der gute Graf ſprach von demſelben mit Enthuſtasmus. Ich würde ihn ſehr gekränkt haben, wenn ich abgereiſt wäre, ohne ihn dorthin zu begleiten. Er hatte einen verheiratheten Bruder, der dort ſeinen Wohnſitz hatte, und er wurde nicht müde zu verſichern, daß ſein Bruder ſich außerordentlich freuen werde, meine Bekanntſchaft zu machen. Wenn wir zurückkämen, ſollte er, befriedigt durch meine Gefälligkeit, mir eine glückliche Reiſe wünſchen. Da ich entſchloſſen war, die Gaſtfreundſchaft des bra⸗ ven Mannes durch dieſe Gefälligkeit zu belohnen, ſo nahm ich auf zwei Wochen Abſchied von Thereſen, Greppi und der zärtlichen Marquiſe, und wir traten die Reiſe an. Zu meinem großen Vergnügen zeigte die Gräfin kein Verlangen, an der Partie Theil zu nehmen. Sie blieb weit lieber in Mailand bei Triulzi, der es ihr an nichts fehlen ließ. Wir gelangten in drei Stunden nach San Angelo, wo man uns zum Mittagseſſen erwartete. Siebenundneunzigſtes Kapitel. Ein altes Schlaß.— Clementine.— Die ſchöne Bü- ßende.— Lodi.— Gegenſeitige Liebeserklärung ohue Furcht vor den Folgen. Das herrſchaftliche Schloß der kleinen Stadt San An⸗ gelo iſt groß, wenigſtens acht Jahrhunderte alt, aber ohne Regelmäßigkeit, ohne einen Bauſtyl, aus welchem ſich die Zeit ſeiner Erbauung errathen ließe. Es beſkeht aus einem Erdgeſchoſſe mit vielen Zimmern, aus einem Stock⸗ werke, welches mehrere ſehr hohe Wohnräume enthält und aus einem ungeheuren Boden. Die an vielen Stellen geſpaltenen Mauern ſind von einer Dicke, welche beweiſt, daß unſre Vorältern für ihre Urenkel bauten, was heutzutage & 2 ₰ — 2S — 0 8 G 43 nicht mehr ſtattfindet; denn wir fangen an, auf engliſche Weiſe zu bauen, d. h. kaum für eine gewöhnliche Lebens⸗ dauer. Die Treppen von breiten Steinplatten waren ſo abge⸗ treten, daß man die Stufen nur mit äußerſter Vorſicht hin⸗ auf⸗ oder hinunterſteigen konnte. Die Fußböden waren überall von Ziegeln, und da ſie von verſchiednem Alter wa⸗ ren und vielleicht ſeit einem Jahrhundert keinen neuen An⸗ ſtrich erhalten hatten, ſo bildeten ſie eine für das Auge nicht ſehr angenehme Art von Moſaik. Die Fenſter thaten dem Geſammteindrucke keinen Eintrag; da ſie keine Scheiben hatten und die Rahmen an mehr als einem Orte das Ge⸗ wicht derſelben nicht hätten ertragen können, ſo ſtanden ſie beſtändig offen und kein einziges hatte Läden. Gllücklicher Weiſe machte das Klima dieſen Mangel nicht ſehr empfind⸗ lich. Die Decken waren Contrebande, breite Balken vertra⸗ ten die Stelle derſelben, und Neſter aller Art, ſelbſt von Nachtvögeln, nebſt vielen Spinngeweben, erſetzten die Arabesken. In dieſem Palaſte, denn es war eher ein Palaſt als ein Schloß, da es weder Thürme noch irgend ein Attribut der Feudalität hatte, mit Ausnahme eines großen, ſehr gut erhaltnen Familienſchildes über dem Thore— in dieſem Palaſte alſo, dem Denkmale des alten Adels der Grafen von A. B., auf welches ſie mehr Werth legten, als auf das ſchönſte Gebäude, welches ſie für ihr Geld hätten kau⸗ fen können, waren an drei oder vier Orten vier bis fünf nebeneinander liegende Zimmer, die ſich in etwas beſſerm Zuſtande befanden, als der übrige Theil. Dies waren die Wohnungen der gegenwärtigen Herren, denn es gab deren drei: der Graf A. B., mein Freund, der Graf Ambroſio, der beſtändig das Schloß bewohnte, und ein Dritter, Offi⸗ zier in der ſpaniſch⸗walloniſchen Garde. Die Wohnung des letztern wurde mir angewieſen. Sprechen wir indeß von der Aufnahme, die mir zu Theil wurde. Der Graf Ambroſio empfing mich an der Thür des Schloſſes wie einen großen mächtigen Herrn. Beide Flügel ſtanden weit offen; aber ich will mir auf dieſen Umſtand 44 nichts zu Gute thun, weil ihre Altersſchwäche nicht geſtattet haben würde, ſie zu ſchließen. Der edle Graf erſchien, die baumwollene Mütze in der Hand, in anſtändigem, aber vernachläſſigtem Anzuge, obwohl er kaum vierzig Jahre alt war, und ſagte zu mir mit ebenſo viel Adel als Beſcheidenheit, ſein Bruder habe Unrecht ge⸗ than, mich zur Beſichtigung ihres Elends einzuladen; ich würde bei ihnen nicht die Bequemlichkeit finden, an die ich gewöhnt ſei, dagegen könnte ich auf ihr mailändiſches Herz rechnen. Dieſe Phraſe führen die Mailänder beſtändig im Munde, da ſie dieſelbe aber rechtfertigen, ſo ſteht ſie ihnen gut an. Im Allgemeinen ſind ſie gut, ehrlich, dienſtfertig und gaſtfreundlich; die Offenherzigkeit ihres Charakters be⸗ ſchämt die Piemonteſen und die Genueſer, welche gleich weit von dieſem ſchönen Lande abliegen. Der gute Ambroſto ſtellte mich der Gräfin ſeiner Ge⸗ mahlin und ſeiner beiden Schwägerinnen vor, von denen die eine eine vollendete Schönheit war, abgeſehn von einiger Verlegenheit, welche offenbar von ihrem Mangel an Welt⸗ kenntniß herrührte, denn ſie kamen nur mit einigen Nach⸗ barn zuſammen, welche nicht in die guten Manieren der vornehmen Welt eingeweiht waren. Die andre war eine von jenen Frauen, von welchen man nicht ſpricht, d. h. we⸗ der ſchön noch häßlich und wie man ſie hundertweiſe findet. Die Gräfin trug auf einer Madonna⸗Phyſtognomie eine engelhafte Sanftmuth, gemiſcht mit Würde und Unſchuld, zur Schau. Sie war aus Lodi und erſt ſeit zwei Jahren verheirathet. Dieſe drei Schweſtern waren ſehr jung, ſehr adlig und ſehr arm. Beim Mittagseſſen ſagte der Graf, er habe eine arme Frau geheirathet, weil er auf Sittlich⸗ keit und Charakter mehr Werth, als auf Geburt lege. Sie macht mich glücklich, ſagte er, und obwohl ſie mir nichts zugebracht hat, iſt es mir doch, als ob ſie mich bereichert habe, denn ſie hat mich gelehrt, Alles, was wir nicht ha⸗ ben, als überflüſſig zu betrachten. Das, ſagte ich, iſt die wahrhafte Philoſophie des tu⸗ gendhaften Menſchen. Die Gräfin, erfreut über das Lob ihres Mannes und G —A G 45 meine Beiſtimmung, lächelte ihm verliebt zu, und aus den Händen einer Frau ein Püppchen von fünf oder ſechs Mo⸗ naten nehmend, reichte ſie ihm einen Buſen von Alabaſter und wie gemeißelt. Das iſt das Vorrecht einer ſäugenden Mutter; die Natur hat ihr gelehrt, daß ſie in keiner Weiſe die Schaam verletzt, indem ſie ſo handelt. Ihr Buſen, der eine Quelle des Lebens geworden, kann in den Augen derjenigen, welche ihn ſehn, nur das Gefühl der Achtung erwecken. Ich geſtehe indeß, daß der Anblick bei mir wohl ein andres Ge⸗ fühl hätte erwecken können, denn es war ein entzückender Anblick, und hätte Raphael daſſelbe vor Augen gehabt, ſo würde er, meiner Ueberzeugung nach, ſeiner Madonna Voll⸗ kommenheiten gegeben haben, welche uns bei den großartig⸗ ſten Produkten der Malerei noch unbekannt ſind. Das Mittagseſſen, welches der Graf Ambroſio mir gab, wäre vortrefflich geweſen, ohne die Ragouts, welche ich abſcheulich fand. Suppe, Nindfleiſch, friſch eingeſalzenes Schweinefleiſch, Saucischen, Methwürſte, Milchſpeiſe, Ge⸗ müſe, Wild, Mascarpo⸗Käſe, eingemachte Früchte waren köſtlich; aber da ſein Bruder ihm geſagt hatte, daß ich Fein⸗ ſchmecker ſei, ſo glaubte der gute Ambroſio, mir auch feine Schüſſeln vorſetzen zu müſſen, und dieſe waren abſcheulich. Die Höflichkeit erforderte, daß ich koſtete; aber ich gelobte mir ſelbſt, nicht mehr darauf anzubeißen. Nach Tiſche nahm ich meinen Amphitryo bei Seite und machte ihm begreiflich, daß ſeine Tafel mit zehn einfach bereiteten Schüſſeln und ohne Ragout, vortrefflich ſein würde. Seitdem ſpeiſte ich ganz köſtlich. Wir waren unſrer ſechs bei Tiſch, alle heiter und mit⸗ theilſam mit Ausnahme der ſchönen Clementine. So hieß die junge Gräfin, welche einen ſo lebhaften Eindruck auf mich gemacht hatte. Sie ſprach nur, wenn ſie antworten mußte und erröthete dann jedesmal; da ich aber kein an⸗ dres Mittel hatte, ihre ſchönen Augen zu ſehn, als indem ich ſie zwang zu ſprechen, ſo richtete ich tauſend Fragen an ſie. Da ihre Röthe mich indeß muthmaßen ließ, daß ich ſie beläſtige, ſo beſchloß ich, ſie in Ruhe zu laſſen und für eine nähere Bekanntſchaft einen günſtigern Zeitpunkt abzu⸗ warten. Man führte mich endlich auf mein Zimmer und ließ ſo mich hier. Die Fenſter waren mit Scheiben und Vor⸗ 5 al hängen verſehn, wie in dem Saale, in welchem wir geſpeiſt 1 hatten; aber Clairmont ſagte zu mir, er wage nicht, meine Sachen auszupacken, weil die Thüren und Kommoden keine de Schlöſſer hätten, wenn ich ihn nicht jeder Verantwortlichkeit nt überhöbe. Ich fand, daß er Recht hatte, und ging zu mei⸗ ei nem Freunde. Im ganzen Schloſſe, ſagte derſelbe, iſt nur n der Keller mit einem Schloſſe verſehn, dennoch iſt hier Alz G les vollkommen ſicher. In San Angelo giebt es keine Diebt, M und wenn es auch welche gäbe, würden ſie doch hier nicht ſte einzudringen wagen. kã Ich glaube es, mein lieber Graf; aber Sie ſehen wohl B ein, daß ich die Pflicht habe, überall Diebe vorauszuſetzen; er Sie ſehn wohl ein, daß mein eigner Bedienter dieſe Gele⸗ ſt genheit benutzen könnte, mich zu plündern, ohne daß es mir 4 8 möglich wäre, ihn zu überführen, und Sie ſehen wohl ein, Ke daß ich ſtille ſein müßte, wenn ich beſtohlen würde. fir Ich ſehe das wohl ein. Morgen früh wird ein Schloſſer der Ihre Thüren mit Schlöſſern verſehn, und Sie werden der da Einzige im Hauſe ſein, der es für nöthig hält, Maßregeln W gegen Diebe zu ergreifen. ihr Ich hätte mit Juvenal antworten können: bi⸗ Cantat vacuus coram latrone viator; aber ich würde ihn gekränkt haben. Ich ſagte zu Clairmont, er tre möge mit dem Auspacken meiner Koffer bis morgen warten, und f ich machte mit dem Grafen A. B. und ſeinen beiden Schwä⸗ gerinnen einen Spatziergang nach der Stadt. Der Graf. ſel Ambroſio und ſeine ſchöne Hälfte blieben im Schloſſe; dieſe der liebenswürdige und zärtliche Mutter verließ nie ihren Zög⸗ Kr ling. Die ſchöne Clementine war achtzehn Jahre alt, vier zu Jahre jünger als ihre verheirathete Schweſter. Sie nahm Be meinen Arm an, und mein Freund bot ſeinen der Gräfin Eit Eleonore. Wir wollen, ſagte der Graf, der ſchönen Büßen⸗ fin den einen Beſuch machen. Als ich ihn fragte, wer die ſchöne Büßende ſei, ſagte 47 er ohne Rückſicht auf ſeine beiden Schwägerinnen: Sie iſt eine frühere Lais, welche in Mailand mehrere Jahre in ſolchem Rufe der Schönheit geſtanden hat, daß nicht bloß aus Malland, ſondern auch aus den benachbarten Städten, die reichen Leute zu ihr ſtrömten, um ihre Neugierde zu befriedigen. Ihr Haus öffnete und ſchloß ſich täglich hun⸗ dertmal, und dieſe außerordentliche Gaſtfreundlichkeit reichte nicht hin, alle Begierden, die ſie erregte, zu befriedigen. Vor einem Jahre hat man dieſem Aergerniſſe, wie die Frommen und alten Leute es nannten, ein Ende gemacht. Als der Graf von Firmian, ein gelehrter und geiſtreicher Mann, ſich nach Wien begab, erhielt er den Befehl, ſie in einem Klo⸗ ſter einzuſperren. Die erhabene Maria Thereſia hat der käuflichen Schönheit nie verzeihn können. Da der Graf den Befehlen der ſittenſtrengen Kaiſerin gehorchen mußte, ließ er die ſchöne Sünderin einſperren. Man ſagte ihr, ſie ſei ſtrafbar; man forderte von ihr eine Generalbeichte und ver⸗ urtheilte ſie zu lebenslänglicher Buße in dem Kloſter. Der Kardinal Pozzobonelli ertheilte ihr die Abſolution und kon⸗ firmirte ſie; er veränderte den Namen Thereſe, den ſie in der Taufe erhalten, in den Namen Maria Magdalena, um dadurch der ſchönen Sünderin anzudeuten, daß ſich ihr der Weg des ewigen Heils nur öffnen werde, wenn ſie der Buße ihrer Schutzheiligen nachahme, deren Ausſchweifungen ſie bisher nur nachgeahmt hatte. Dieſes Kloſter, über welches unſre Familie das Pa⸗ tronat hat, iſt den Büßerinnen geweiht. Es iſt ein unzu⸗ gänglicher Ort, wo die Eingeſperrten unter Aufſicht einer Aeb⸗ tiſſin von ſanftem Charakter leben, welche ihnen die Müh⸗ ſeligkeiten, die ſie zu ertragen haben, da ſie von den Lüſten der Welt zu den härteſten Entbehrungen übergehn, nach Kräften zu erleichtern ſucht. Sie können nur arbeiten und zu Gott beten. Sie ſehen keinen andern Mann als den Beichtvater, der ihnen täglich die Meſſe lieſt. Wir ſind die Einzigen, welchen die Superiovin den Zutritt zu dieſem Ge⸗ fängniſſe nicht erſchweren kann, und Perſonen, welche mit uns kommen, ſchließt ſie nie aus. Dieſe Erzählung rührte mich im höchſten Grade; ich hatte Thränen in den Augen. Arme Maria Magdalena! Barbariſche Kaiſerin! Ich glaube ſchon früher erwähnt zu haben, welchen Grund ihre düſtre Tugend hatte. Als wir gemeldet waren, empfing die Superiorin den Grafen an der Thür und führte uns in einen ziemlich gro⸗ ßen Saal, wo wir mit leichter Mühe, ohne weitere Frage, die berühmte Büßende unter fünf bis ſechs andern jungen Mädchen, die gleich ihr büßen mußten, herauserkannten. Als die armen jungen Mädchen uns bemerkten, verließen ſie ihre Nähtereien oder Stickereien und ſtanden ehrerbietig auf. Trotz ihrer rauhen Kleidung machte Thereſe einen lebhaften Eindruck auf mich. Welche Schönheit! Welche Majeſtät trotz ihres demüthigen Ausſehns! Mit meinen profanen Augen ſah ich nicht die ungeheure Sünde, welche ihr eine ſo tyranniſche Behandlung zuzog, ſondern die fleiſchgewor⸗ dene Unſchuld in der Erſcheinung einer büßenden Venus. Ihre ſchönen Augen waren auf die Erde gerichtet. Wie groß war aber nicht mein Erſtaunen, als ſie dieſelben auf mich fallen ließ und mich ſtarr anſehend, ausrief: Gott! Was ſehe ich! Heilige Jungfrau Maria, komm mir zur Hülfe. Hebe Dich weg, ſchrecklicher Sünder, obwohl Du eher als ich hier zu ſein verdienſt, Böſewicht! Ich hatte nicht Luſt zu lachen. Die Lage dieſer Un⸗ glücklichen, die ſonderbare Anrede, deren Gegenſtand ich war, preßten mir das Herz. Die Superiorin ſagte zu mir: Neh⸗ men Sie nicht Anſtoß, mein Herr, die arme Unglückliche iſt toll geworden, und wenn ſie nicht etwa Sie erkannt hat... Sie kann mich nicht kennen, Madame, ich ſehe ſie zum erſtenmale in meinem Leben. Ich glaube es, aber verzeihen Sie ihr gefälligſt, denn ſie hat den Verſtand verloren. Vielleicht iſt das eine Gnade des lieben Gottes. Im Grunde ſah ich in dieſem Ausbruche mehr eine Aeußerung geſunden Menſchenverſtandes als einen Anfall von Tollheit, denn das arme Mädchen mußte empört ſein, daß ſie am Orte ihrer Qualen meiner müßigen Neugier preisgegeben wurde. Ich fühlte mich tief bewegt, und eine Thräne rann unwillkürlich über meine Wangen. Der Graf, dieſen Ort. 49 der ſie kannte, lachte. Ich bat ihn, an ſich zu halten. Indeß war die Sache damit noch nicht abgemacht. Einen Augenblick darauf verfiel die Unglückliche wieder in ihre Tollheit. Sie brach in neue Schmähungen aus, welche den Charakter des Wahnſinns und des Zorns trugen. Sie bat die Superiorin, mich wegzujagen, weil ich nur gekommen ſei, um ihr die Seligkeit zu rauben. Nachdem dieſe gute Dame ihr mit mütterlicher Milde einige Vorwürfe gemacht, befahl ſte, ſie hinauszubringen und ſagte zu ihr, ſie täuſche ſich, und diejenigen, die ſie beſuchten, hätten keinen andern Wunſch, als den, zu ihrem Seelenheile mitzuwirken; aber ſie beging auch die Härte, zu ihr zu ſagen, Niemand habe mehr als ſie geſündigt, und die arme Magdalena verließ uns bitterlich weinend. Hätte ich das Glück gehabt, an der Spitze einer ſieg⸗ reichen Armee in Mailand einzuziehn, ſo hätte ich gewiß zu allererſt die Unglückliche den Qualen entriſſen, welche ein weiblicher Tyrann ihr auferlegt hatte; die häßliche Aebtiſſin würde ich, wenn ſie die geringſte Miene gemacht hätte, ſich mir zu widerſetzen, durchgepeitſcht haben. Als Magdalena hinausgegangen war, ſagte die Aeb⸗ tiſſin zu uns, dieſe Unglückliche habe alle Eigenſchaften eines Engels, und wenn Gott ſie vor dem Unglücke, ganz toll zu werden, bewahre, werde ſie eine Heilige werden, gleich ihrer Schutzheiligen. Sie hat mich gebeten, fuhr ſie fort, aus dem Oratorium zwei Gemälde wegnehmen zu laſſen, von denen das eine Ludwig von Gonzaga, das andre den heiligen Antonius vorſtellt, weil dieſe Gemälde ihr unüberwindliche Zerſtreuungen verurſachten. Ich habe ihren Bitten nach⸗ kommen zu müſſen geglaubt trotz dem Beichtvater, der über dieſen Punkt keine Vernunft annehmen wollte. Dieſer Beichtvater war ein Tölpel; ich ſagte es der Superiorin nicht, aber da ſie eine geiſtreiche Frau war, ſo ließ ich ſie meine Meinung errathen. Traurig, ſchweigend und in unſerm Herzen der Th⸗ rannei der frommen Herrſcherin fluchend, welche von ihrer Macht einen ſo elenden Gebrauch machte, verließen wir XIV. Wenn nach der Wahrheit unſerer heiligen Religion die Seele Maria Thereſias in der ſogenannten Ewigkeit oder im jenſeitigen Leben einen Platz finden ſoll, ſo kann, vorausgeſetzt, daß ſie nicht bereut hat, nur ewige Verdammniß ſie treffen, hätte ſie auch nichts weiter begangen, als daß ſie die un⸗ glücklichen Mädchen, welche vom Handel mit ihren Reizen leben müſſen, auf tauſenderlei Weiſen quälte. Die arme Maria Magdalena wurde toll und litt alle Höllenqualen, weil die Natur, die allgöttliche, ſie mit der koſtbarſten Gabe, Schönheit, verbunden mit einem vortrefflichen Herzen, be⸗ ſchenkt hatte. Sie hatte dieſelbe mißbraucht, das iſt mög⸗ lich, durfte aber für dieſes Verbrechen gewiß das geringſte von allen, welches als ſolches zu betrachten Gott allein zu⸗ ſteht, wohl eine Frau, welche vielleicht eine größre Sünderin war, ihr eine ſo grauſame Strafe auferlegen? Ich fordere jeden vernünftigen Mann heraus, dieſe Frage bejahend zu beantworten. Auf dem Rückwege nach dem Schloſſe, lachte Clemen⸗ tine, welcher ich den Arm gab und welcher ich nichts ſagte, von Zeit zu Zeit. Da ich neugierig war, worüber ſie lache, ſo ſagte ich: Darf ich fragen, ſchöne Gräfin, worüber Sie ganz allein ſo ſehr lachen? Verzeihn Sie. Ich lache nicht darüber, daß das arme Mädchen Sie erkannt hat, denn ſie kann ſich täuſchen; aber ich kann nicht umhin, zu lachen, wenn ich an Ihr Erſtau⸗ nen denke, als ſie zu Ihnen ſagte, Sie verdienten eher als ſie, hier eingeſperrt zu werden. Und Sie ſind vielleicht derſelben Anſicht? Ich! Gott bewahre mich! Aber ſagen Sie mir, wie es kommt, daß die Unglückliche meinen Schwager nicht ange⸗ griffen hat? . Wahrſcheinlich, weil ihr mein Ausſehn fündhafter vor⸗ gekommen iſt, Das, glaube ich, iſt der einzige Grund, und deshalb muß man auch auf die Reden von Tollen kein Gewicht legen. mir nur das Gute heraus. Ich bin vielleicht ein großer Schöne Gräfin; Sie ſprechen ironiſch; aber ich nehme 51 Sunder, wie ich ausſehe; aber bedenken Sie, daß die Schön⸗ heit mir Nachſicht ſchuldet, denn gewöhnlich bin ich nur durch ſte verführt worden. Ich finde es ſonderbar, daß die Kaiſerin nicht ebenſo⸗ wohl die Männer wie die Frauen einſperren läßt. Sie hofft vielleicht viele Männer zu ihren Fuͤßen zu ſehn, wenn dieſelben keine Mädchen mehr finden. Welcher Scherz! Sagen Sie lieber, ſie kann ihrem Geſchlechte die Verletzung einer Tugend nicht verzeihn, welche ſte im höchſten Grade beſitzt, und welche ſo leicht auszu⸗ üben iſt. Ich bezweifle nicht im Geringſten die Tugend der Kai⸗ ſerin; aber mit Ihrer Erlaubniß und im Allgemeinen be⸗ zweifle ich ſehr, daß es ſo leicht iſt, wie Sie glauben, die Tugend auszuüben, welche man Keuſchheit nennt. Ohne Zweifel ſpricht und handelt Jeder nach den An⸗ ſchauungen, die er durch Selbſtprüfung gewinnt. Oft hält man Mäßigkeit für Tugend bei einem Individuum, bei wel⸗ chem dieſelbe durchaus kein Verdienſt iſt. Sie können ſchwer finden, was mir leicht ſcheint, und vice versa. Wir kön⸗ nen beide Recht haben. Dieſe intereſſante und geiſtreiche Unterhaltung veranlaßte mich, Clementine mit meiner ſchönen mailändiſchen Mar⸗ quiſe zu vergleichen; zwiſchen beiden beſtand der Unterſchied, daß Fräulein Q. ihre Anſichten auf eine ſehr anſpruchs⸗ volle Weiſe vorbrachte, während die junge Gräfin ihr Syſtem auf eine naive Weiſe und mit dem Tone der größten Gleich⸗ gültigkeit auseinanderſetzte. Ich entdeckte bei ihr einen ſo richtigen Verſtand, eine zugleich ſo natürliche und gebildete Sprache, daß ich mich ſchämte, ſte bei Tiſche ſo ſchlecht be⸗ urtheilt zu haben. Ihr Schweigen und die Röthe, mit welcher ihre Stirn ſich plötzlich bedeckte, wenn ſie eine Frage beantworten mußte, hatten mich eine gewiſſe Ideenverwirrung vermuthen laſſen, welche nicht zu Gunſten ihres Geiſtes zu ſprechen ſchien, denn zu große Furchtſamkeit iſt oft nur Dummheit, aber die Unterhaltung, welche ich hier berichtet, änderte meine Anſichten durchaus. Die ſchöne Marquiſe, die erfahrener als Clementine war, weil ſie älter war und mehr Weltkenntniß hatte, war ſtärker in der Dialektik; aber Clementine war meiner Frage zweimal mit großer Feinheit ausgewichen, was bei einem Fräulein von guter Geburt und Erziehung als die feinſte Art, ſich aus der Verlegen⸗ heit zu ziehn, betrachtet werden muß, und ich ſah mich ge⸗ nöthigt, ihr die Palme zuzuerkennen. Als wir in das Schloß zurückgekehrt waren, fanden wir eine Dame mit ihrem Sohne und ihrer Tochter, ſo wie einen Verwandten des Grafen, einen jungen Abbé, der mir im höchſten Grade mißßffiel. Dieſer, ein unbarmherziger Schwätzer, behauptete, mich in Mailand geſehn zu haben, nnd glaubte ſich dadurch be⸗ rechtigt, auf eine ekelhafte Weiſe zu fuchsſchwänzen. Ueber⸗ dies machte er Clementinen verliebte Augen und ich fühlte ſehr wenig Luſt, mir einen ſolchen Schwätzer als Kollegen oder Nebenbuhler gefallen zu laſſen. Ich ſagte zu ihm mit ſehr trocknem Tone, ich erinnere mich nicht, ihn irgendwo ge⸗ ſehn zu haben; aber dieſe Grobheit, welche jeden anſtändigen Mann aus der Faſſung gebracht hätte, ſetzte ihn nicht in Ver⸗ legenheit. Er ſetzte ſich neben Clementine, faßte ſie bei der Hand und forderte ſie auf, mich zu erobern. Seine Reden waren platt und das junge Maͤdchen konnte nur dazu lachen; ich ſah das wohl ein; aber ich war übel gelaunt und ihr Lachen mißſiel mir. Wie es mir ſchien, hätte ſte ihm, ich weiß nicht was— aber etwas Kränkendes antworten müfſen. Statt deſſen flüſterte der freche Menſch ihr ins Ohr, und ſie antwortete ihm; ich fand das abſcheulich. Bei, ich weiß nicht mehr, welcher Frage, wo jeder ſeine Meinung aus⸗ ſprach, forderte der Abbé mich auf, auch meine Anſicht ab⸗ zugeben. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm ſagte, aber ich erinnere mich, daß ich kauſtiſch war, in der Hoffnung ihn zum Stillſchweigen zu veranlaſſen und in üble Laune zu verſetzen. Aber wie ein gutes Trompeterpferd ſchien er an alle Töne gewöhnt, und nichts brachte ihn aus der Faſſung. Er appellirte an Clementine, und ich erlebte die Kränkung, daß dieſe ihm, wenn auch erröthend, Recht gab. Der be⸗ friedigte Geck nahm die Hand der jungen Gräfin und küßte ſie mit dem Ausdrucke des höchſten Glücks. Das war zu ſah wohl ein, daß ich, um ihr Herz zu rühren, eine Menge 53 viel für mich! Ich konnte es nicht mehr aushalten und warf in meinem Haſſe Clementine und den Abbé zuſammen. Ich ſtand auf und ging ans Fenſter. Das Fenſter iſt eine vortreffliche Zuflucht für einen ärgerlichen Menſchen, den der Anſtand zu einiger Zurück⸗ haltung nöthigt. Dort kann er denen, die ihn langweilen, den Rücken zudrehen, ohne daß man ihn gerade der Un⸗ höflichkeit beſchuldigen kann; aber man erräth ihn, und das iſt eine Erleichterung für ihn. Ich habe dieſen Umſtand nur angeführt, um darauf aufmerkſam zu machen, wie ungerecht die eitle Laune die⸗ jenigen, welche ſich ihr überlaſſen, macht. Dieſer arme Abbé mißſiel mir, weil er Clementinen ſchmeichelte, in welche ich mich verliebt hatte, ohne mir Rechenſchaft davon zu geben, und ich ſah in ihm einen Nebenbuhler, der mir zu nahe trat; aber weit entfernt, ſich dadurch beleidigt zu fühlen, hatte er ſich in Unkoſten geſetzt, um mir zu gefallen und ich hätte ihm ſeinen guten Willen anrechnen müſſen. Uebrigens war dieſe Geneigtheit zur Verſtimmung bei ſol⸗ chen Gelegenheiten immer einer der charakteriſtiſchen Züge meines Geiſtes; und jetzt iſt es zu ſpät, um mir noch Mühe zu geben, mich davon zu befreien. Auch glaube ich, dies nicht mehr nöthig zu haben, denn wenn mir ſo etwas noch zuweilen begegnet, ſo ſetzen diejenigen, welche mir zu⸗ hören, mich auf eine höfliche Weiſe, aber ohne mir etwas davon zu ſagen, um ein halbes Jahrhundert zurück. Leider bin ich genöthigt, ihnen Recht zu geben. Clementine hatte mich gänzlich über den Haufen ge⸗ worfen und hatte dazu nur einige Stunden gebraucht. Aller⸗ dings war ich ſehr entzündbarer Natur; aber bisher hatte keine Schöne in ſo kurzer Zeit eine ſolche Verwüſtung in meinem Innern angerichtet. Da ich fühlte, daß ich ihr ganz angehörte, ſo glaubte ich Alles aufbieten zu müſſen, um es dahin zu bringen, daß ſie ganz mir angehöre. Ich zweifelte nicht an dem Gelingen und gebe zu, daß in dieſer Zuverſicht eine ſtarke Geckenhaftigkeit enthalten war; aber es lag darin auch eine vernünftige Beſcheidenheit, denn ich — Schwierigkeiten würde überwinden müſſen und daß das ge⸗ ringſte Hinderniß meinen Plan würde vereiteln können. Des⸗ halb betrachtete ich den Abbé als eine Wespe, die ver⸗ nichtet werden müſſe. Die Eiferſucht, das ſchrecklichſte aller Gefühle, ein Gift, welches das Herz zernagt, war hinzu⸗ getreten und hatte mich ungerecht gegen Clementine gemacht; denn ſte ſchien mir, wenn auch nicht verliebt in dieſen Affen doch zu nachſichtig gegen denſelben, und dieſe Idee erfüllte mich mit furchtbarer Racheluſt, welche auch auf ſte hätte zurückfallen können. Die Liebe iſt die Gottheit der Natur; was iſt aber die Natur, wenn ihre Gottheit ein ungezogenes Kind iſt? Wir kennen dieſelbe, wir kennen ihre ſeltſamen Launen und beten ſie dennoch an. Der Graf, mein Freund, der ſich vielleicht wunderte, daß ich den Himmel ſo lange betrachte, kam auf mich zu und fragte mich mit freundlichem Tone, ob ich vielleicht etwas bedürfe. Ich denke über einige Geſchäfte nach, ſagte ich, und werde bis zur Zeit des Abendeſſens auf mein Zimmer gehn, um einige Briefe zu ſchreiben. Wie, ſagte er, Sie wollen uns verlaſſen! Clementine, kommen Sie, um Herrn von Seingalt zurückzuhalten; Sie werden ihn vom Schreiben abhalten. Aber, lieber Schwager, ſagte das reizende Mädchen, wenn der Herr Geſchäfte hat, ſo wäre es unhöflich von mir, ihn zurückhalten zu wollen. Ich fand den Einwand pikant, obwohl ich nicht umhin konnte, ihn vernuͤnftig zu finden; aber derſelbe verminderte meinen Aer⸗ ger nicht, denn die üble Laune erhält, wenn ſie einmal im Zuge iſt, durch Alles neue Nahrung. Indeß näherte ſich mir der Abbé und ſagte mit dem gutmüthigſten Tone, ich würde beſſer thun, ihnen eine Pharaobank zu legen; da Alle einſtimmten, ſo mußte ich mich wohl ergeben. Man brachte Karten und verſchiedenfarbige Spielmar⸗ ken; ich ſetzte auch und legte etwa dreißig Dukaten vor mich hin. Es war dies eine ſehr große Summe für eine Ge⸗ ſellſchaft, welche ſich nur die Zeit vertreiben wollte, denn man mußte fünfzehn Marken verlieren, um eine Zechine zu verſpielen. Die Gräfin Ambroſio ſetzte ſich mir zur Rechten, und der Abbé zur Linken. Gleichſam als hätten ſie ſich 8. 5⁵ verabredet, mich zu ärgern, machte ihm Clementine Platz. Da ich unverſchämt fand, was doch nur natürlich war, ſo ſagte ich zum Abbé, ich ziehe immer nur zwiſchen zwei Damen, nie aber neben einem Prieſter ab. Sie glauben, das würde Ihnen Unglück bringen? Ich liebe die Vögel von ſchlechter Vorbedeutung nicht. Er ſtand auf, und Clementine ſetzte ſich auf ſeinen Platz. Nach drei Stunden meldete man, daß das Abendeſſen aufgetragen ſei. Alle hatten an meiner Bank gewonnen mit Ausnahme des Abbé; der arme Teufel hatte beinahe zwanzig Zechinen in Marken verloren. Als Verwandter blieb der Abbé zum Abendeſſen; aber man machte vergebliche Anſtrengungen, die Dame und ihre Kinder zurückzuhalten. Als ich die Betrübniß des Abbé ſah, kehrte meine gute Laune zurück und mit ihr die Luſt zu lachen. Ich fing an, Clementinen Süßigkeiten zu ſagen, und indem ich ſie zwang, auf tauſend Fragen zu antworten, brachte ich ſie in die Nothwendigkeit zu glänzen und las in ihren Blicken, daß ſie mir Dank dafür wußte. Das ſtimmte mich verſöhnlich und ich hatte Mitleid mit dem Abbée. Um ihn aufzurichten, redete ich ihn auf eine wohlwollende Weiſe an und bat ihn um ſeine Meinung über einen Gegenſtand. Ich habe darauf nicht Acht gegeben, ſagte er zu mir, und hoffe, daß Sie mir nach dein Abendeſſen Genugthuung ge⸗ ben werden. Nach dem Abendeſſen, Herr Abbé, werde ich mich zu Bett legen; aber morgen, wenn es Ihnen beliebt, ſo viel Sie wollen, vorausgeſetzt, daß meine vortrefflichen Wir⸗ thinnen an dem Spiele Vergnügen finden. Ich hoffe, daß das Glück, wenn es Ihnen heute treulos geweſen, Sie ein andresmal begünſtigen wird. Als der arme Abbé ſich nach dem Abendeſſen in ſehr trauriger Stimmung entfernt hatte, geleitete mich der Graf auf mein Zimmer; und nachdem er mir eine gute Nacht gewünſcht, ſagte er, ich könne ſehr ruhig ſchlafen, denn ſeine Schwägerinnen, welche meine Nachbarinnen ſeien, wären nicht beſſer verwahrt als ich. 56 Ich war erſtaunt und entzückt über dieſe Mittheilung, und nicht weniger über die großartige Gaſtfreundſchaft(denn Alles iſt ja relativ) deren Gegenſtand ich in dieſer ehren⸗ werthen Familie war. h Ich ſagte zu Clairmont, er möge ſchnell meine Haare wickeln, denn ich bedürfte der Ruhe, und derſelbe hatte kaum die halbe Arbeit verrichtet, als ich auf eine ange⸗ nehme Weiſe durch das Erſcheinen Clementinens überraſcht wurde. Mein Herr, ſagte ſie, da wir keine Kammerfrau haben, welche für Ihre Wäſche ſorgen kann, ſo bitte ich Sie, mir zu geſtatten, daß ich deren Stelle vertrete. Sie, reizende Gräfin? Ich, mein Herr, und ich bitte Sie, keine Einwendun⸗ gen dagegen zu machen. Ich mache mir ein Vergnügen daraus und noch mehr ich hoffe Ihren Beifall zu erringen. Laſſen Sie mir das Hemde geben, welches Sie morgen anziehn wollen und ſagen Sie kein Wort. Ich ergebe mich, Fräulein, und nachdem ich mit Clair⸗ monts Hülfe den Koffer, welcher meine Wäſche enthielt auf ihr Zimmer gebracht, ſagte ich: Ich brauche täglich ein Hemde, einen Kragen, ein Gilet, Unterhoſen, ein Paar Strümpfe, zwei Taſchentücher; aber die Auswahl iſt mir gleichgültig und ich ſtelle Ihnen dieſe anheim, wie ich Ihnen Alles anheimſtellen möchte. Ich bin glüͤcklicher als Jupiter und werde glücklich ſchlafen. Leben Sie wohl, reizende Hebe. Ihre Schweſter Eleonore, welcheé ſchon im Bette lag, hörte nicht auf, mich um Verzeihung zu bitten. Ich befahl Clairmont, ſogleich dem Grafen anzuzeigen, daß ich kein Schloß mehr an meiner Thür verlange. Konnte ich wohl wegen meiner Lumpen mißtrauiſch ſein, wenn ich ſah, wie dieſe lebenden Schätze meine Neugier durchaus nicht fürch⸗ teten? Ich würde gefürchtet haben, ſie zu beleidigen. Ich hatte ein vortreffliches Bett und ſchlief ausge⸗ zeichnet. Clairmont machte mir die Haare, als die junge Hebe mit einem Korbe in ihren hübſchen Händen erſchien. Ich hoffe, ſagte ſie, nachdem ſie mir einen guten Morgen gewünſcht, daß ſie mit meiner Geſchicklichkeit zufrieden ſein werden. Ich betrachtete ſie mit Entzücken; auf ihrem herr⸗ 57 lichen Geſichte war nicht die geringſte Spur falſcher Schaam zu erkennen, welche das Vorurtheil, ſeinem Adel etwas zu vergeben, einflößt. Das Roth, welches ihre Stirn zierte, bezeugte vielmehr ihre Zufriedenheitz deren nur höher be⸗ gabte Gemüther fähig ſind, die ſich nicht durch einen thö⸗ richten Stolz, das Erbtheil der Dummköpfe und Empor⸗ kömmlinge, niederdrücken laſſen. Mein Freund, der inzwiſchen dazu gekommen war, dankte Clementinen ſür ihre Gefälligkeit gegen mich; aber er begleitete ſeinen Dank mit einem Kuſſe, welchen ſie mit ſehr guter Manier hinnahm und ich fand das ſehr übel. Aber man wird ſagen, er war ihr Schwager und ſie ſeine Schwägerin! Immerhin, aber wenn ich ſage, daß ich auf ihn eiferſüchtig war, ſo iſt Alles damit geſagt; die Natur iſt klüger als die Menſchen und dieſe ſagte mir, daß ich Recht hatte. Es iſt unmöglich, auf den Gegenſtand, den man liebt, nicht eiferſüchtig zu ſein, wenn man von demſelben noch nicht Beſitz genommen, denn man muß immer fürchten, den Gegenſtand, den man begehrt, ſich von einem Andern ent⸗ riſſen zu ſehn. Der Graf zog ein Billet aus der Taſche und reichte es mir, mit der Bitte es zu leſen. Es war von ſeinem Couſin, dem Abbé, der ihn bat, ihn bei mir zu entſchul⸗ digen, daß er die zwanzig Zechinen, welche er an mich verloren, mir nicht in der im Geſetzbuche der Spieler be⸗ ſtimmten Zeit bezahlen könne, und er fügte hinzu, er werde ſeine Schuld im Laufe der Woche abtragen. Sehr wohl, mein lieber Graf. Sagen Sie Ihrem Couſin, er könne mich bezahlen, wann er wolle, ohne ſeiner Ehre etwas zu vergeben; aber ſagen Sie ihm, er ſolle heute Abend nicht ſpielen, denn ich würde ſeinen Satz nicht annehmen. Aber er könnte baar ſetzen. Nein, nicht eher als bis er mich bezahlt, denn ſonſt würde er mit meinem Golde pointiren. Uebrigens iſt die ganze Sache eine Lumperei, und es ſollte mir ſehr lieb ſein, wenn er ſich keinen Zwang anthäte, um mich zu bezahlen. 58 Er wird ſehr betrübt ſein. Deſto beſſer! ſagte Clementine. Warum hat er uns vorgeſchlagen, zu ſpielen und warum ſpielt er auf Wort, da er weiß, daß er nicht ſogleich bezahlen kann? Das wird eine gute Lektion für ihn ſein. Dieſer Ausfall wirkte wie Balſam auf mein Herz. So iſt der Menſch; die Leidenſchaft macht ihn dürr und egoiſtiſch. Aber ſo iſt einmal ſeine Natur. Der Graf antwortete nicht und ließ uns allein. Rei⸗ zende Clementine, ſagte ich, ſeien Sie offen, ich bitte Sie darum; ſagen Sie mir, ob die etwas rauhe Art, mit wel⸗ cher ich den Abbé behandle, Ihnen unangenehm iſt. Ich will Ihnen zwanzig Zechinen geben, um ſie ihm zu ſchicken; dann kann er ſie mir heute Abend bezahlen und wieder eine gute Figur ſpielen. Ich verſpreche Ihnen, daß Niemand etwas davon erfahren ſoll. Ich danke Ihnen. Die Ehre des Abbé liegt mir nicht genug am Herzen, um Ihr Anerbieten anzunehmen. Es iſt ganz gut, wenn er dieſe Lektion bekommt. Einige Schande wird ihm dazu dienen, Lebensart zu lernen. Sie werden ſehen, daß er heute Abend nicht kommt. Das mag ſein; aber glauben Sie, daß mir das leid iſt? Ich hätte es annehmen können. Und weshalb? Wahrſcheinlich weil er mit mir ge⸗ ſcherzt hat. Er iſt ein leichtſinniger Menſch, auf den ich nichts gebe.. Es iſt ebenſo ſehr zu beklagen, wie derjenige, auf den Sie etwas geben, ſich glücklich ſchätzen muß. Dieſer Menſch iſt vielleicht noch nicht geboren? Wie! Sie wären noch nie mit einem Ihrer Auf⸗ merkſamkeit würdigen Manne zuſammengetroffen? Mit Vielen, die meiner Aufmerkſamkeit werth ſind; aber das genügt nicht, um etwas auf ſie zu geben. Sie haben alſo nie geliebt? Nie. Sie haben alſo ein leeres Herz? Ich muß darüber lachen: Iſt es ein Glück? Iſt es 59 ein Unglück? Das iſt die zu beantwortende Frage. Wenn es Glück iſt, freue ich mich; wenn es ein Unglück iſt, was liegt daran, da ich es nicht fühle. Es iſt nichtsdeſtoweniger ein Unglück und Sie werden es einſehn, ſobald Sie lieben.. Und wenn ich durch die Liebe unglücklich würde, ſollte ich dann nicht die Herzensleere für ein Glück halten? Ich kann es nicht läugnen: aber mir ſcheint es un⸗ möglich, daß Sie unglücklich lieben könnten. Dieſe Unmöglichkeit iſt nur zu möglich. Zum Glücke gehört eine gegenſeitige Uebereinſtimmung; dieſe iſt nicht leicht, und ich halte auch die Dauer dieſer Uebereinſtimmung für ſchwierig. „ Ich gebe es zu, aber Gott hat uns beſtimmt, uns dieſer Gefahr auszuſetzen. Für einen Mann kann dies Bedürfniß ſein, und er kann Vergnügen Ddaran finden; aber ein junges Mädchen iſt andern Geſetzen unterworfen. Nicht in dem Bedürfniſſe, ſondern in dem Reſultat hat die Natur eine Verſchiedenheit begründet, und die Geſellſchaft hat die Anſtandsgebote eingeführt. Der Graf unterbrach uns und wunderte ſich, uns noch zuſammen zu finden. Ich wünſchte, ſagte er, daß Sie beide in einander verliebt wären. Sie wünſchen alſo, ſagte Clementine, uns unglücklich zu ſehen. Wie das, ſchöne Gräfin? rief ich aus. Ich würde durch die Liebe eines Augenblicks unglücklich werden und Sie würden Gewiſſensbiſſe empfinden, mit de⸗ nen Sie die Störung meiner Ruhe theuer erkaufen würden. Nach dieſer ſchönen Sentenz entſchlüpfte ſie. Ich blieb wie verſteinert ſtehen, aber der Graf, der in ſeinem ganzen Leben noch nie nachgedacht hatte, rief aus: Die reizende Clementine iſt zu romantiſch. Sie iſt ein junges Mädchen, und es wird vorübergehn. Wir begaben uns zur Gräfin, um derſelben einen guten Tag zu wünſchen und fanden dieſelbe ihr Püppchen ſäugend. Wiſſen Sie, liebe Schweſter, ſagte der Graf zu 60 ihr, daß der Chevalier in Clementine verliebt iſt und daß ſie ſeine Liebe erwiedert. Ich möchte wohl, ſagte die Gräfin lächelnd, daß wir durch eine Heirath verbunden würden. Das Wort Heirath iſt ein magiſches Wort, welches oft nur dazu dient die ſchmeichelhafteſte aller Ideen zu mas⸗ kiren. Die Antwort der Gräfin gefiel mir ſehr, obwohl das erwähnte Wort eine ſehr zarte Saite in meinem Herzen berührte. Wir gingen aus, um der Dame, die am vorigen Tage bei uns geweſen, einen Beſuch zu machen. Wir fanden bei derſelben einen Kanonikus, der mir die angenehmſten Sachen ſagte, und nachdem er mein Vaterland gelobt, wel⸗ ches er zu kennen glaubte, weil er die Geſchichte deſſelben geleſen, mich fragte, welches der Orden ſei, den ich um den Hals trüge. Ich erwiederte mit beſcheiden ſtolzem Tone, derſelbe ſei ein Zeichen des Wohlwollens, mit welchem mich der heilige Vater beehrt, der mich aus eignem Antriebe zum Ritter von St. Johann von Lateran und apoſtoliſchen Pro⸗ tonotar gemacht. Dieſer Mönch war nicht gereiſt. Er war von liebens⸗ würdigem Charakter, würde aber, wenn er die Welt ge⸗ kannt hätte, nicht eine ſolche Frage an mich gethan haben. Er glaubte indeß nicht, mich dadurch zu beleidigen, ſondern mir vielmehr eine Ehre anzuthun, indem er mir ſeine Theil⸗ nahme bezeugte und mich in die Lage ſetzte, von meinem Verdienſte zu ſprechen. Es giebt eine Menge Fragen, welche in einer Geſell⸗ ſchaft ehrlicher Leute nicht unbeſcheiden erſcheinen, und welche es dennoch ſind. Der Orden vom goldnen Sporn ſteht in ſo üblem Rufe, daß man mich auf die Folter ſpannte, wenn man mit mir von demſelben ſprach, während man mich ohne Zweifel ſehr angenehm berührt hätte, wenn ich mit zwei Worten hätte ſagen können: das goldne Fließ; nachdem ich aber die Wahrheit geantwortet, erforderte die verletzte Eigenliebe, daß ich einen Commentar, eine recht⸗ fertigende Gloſſe hinzufügte, und das war eine rechte Frohn⸗ arbeit für mich. Ich kann ſagen, daß mein Kreuz ein —ł — —,.— 61 wahres Kreuz, eine wirkliche Qual für mich war; da es indeß prachtvoll ausſah und den Dummköpfen, welche überall ſo zahlreich ſind, imponirte, ſo trug ich es ſelbſt im Déshabillé. Der portugieſiſche Chriſtorden ſteht in ebenſo üblem Rufe wie der goldne Sporn, weil der Papſt ebenſogut wie Se. Allergläubigſte Majeſtät das Vorrecht, ihn zu erthei⸗ len, hat. Den rothen Adler ſchätzt man erſt, ſeitdem der König von Preußen Großmeiſter deſſelben geworden; vor dreißig Jahren wuͤrde ein Mann von Ehre nicht gewagt haben, dieſen Orden anzulegen, weil der Markgraf von Baireuth ihn dem Erſten Beſten gegen baares Geld verkaufte. Der St. Michaelorden ſteht jetzt in Ehren, weil ihn der Kurfürſt von Baiern verleiht: aber vor dieſer Epoche mochte ihn Niemand, weil man ihn ſehr billig von den Höflingen des Kurfürſten von Köln kaufte, die ihn einer Menge von Leuten gaben, welche eher verdienten, eine Leiter auf dem Rücken als ein Kreuz auf der Bruſt zu tragen. Vor fünf Jahren ſah ich in Prag einen Ritter dieſes Or⸗ dens; aber man durfte ihn nicht fragen, von wem er ihn bekommen. Die Sucht nach bunten Bändern nimmt mit der Ver⸗ derbniß der Sitten zu. Je weniger hoch man in ſeiner eignen Meinung ſteht, denn ſeinem Gewiſſen gegenüber macht 8 4 N 9 ſich Niemand Illuſionen, deſto mehr will man in den Augen 127 Anderer glänzen. Daher haben es die Eitelkeit der Men⸗ ſchen, der Geiz der Regierungen und die Käuflichkeit der Höflinge dahin gebracht, daß die Orden für Niemand mehr ein Ehrenzeichen ſind, Wenn man die Verſchiedenheit der Ordenszeichen, Bänder und Deviſen bedenkt, ſo darf ſich wohl kein chineſiſcher Mandarin ſchmeicheln, dieſelben in ſeinem Gedächtniſſe unterzubringen. Außer den Orden der gekrönten Häupter und kleinen Fürſten giebt es eine Menge Orden von obſcuren Kapiteln, Privatgeſellſchaften, Aka⸗ demieen, Jagd⸗ und Muſik⸗Vereinen, frommen Geſellſchaften, und vielleicht ſogar Geſellſchaften von Liebenden. Wie ſoll man aus dieſem Chaos die der Verſchwörer und vielleicht ſogar die der Gauner herauserkennen. Was die Frauenorden betrifft, ſo genügt der geſunde Menſchenverſtand für jeden anſtändigen Mann, um ſich der Frage zu enthalten, was ein verborgenes Medaillon, eine ungewöhnlich angebrachte Buſennadel, ein auf der rechten oder linken Seite als Armband oder Ring getragenes Por⸗ trait zu bedeuten habe. Dieſe Sachen haben nie etwas zu bedeuten. Man muß die Frauen lieben, aber ihre Geheim⸗ niſſe nicht zu ergründen ſuchen, um ſo weniger, als ſie dieſe Spielereien nur um die Neugierde zu erregen, anlegen. Wenn man in der Welt für einen höflichen Mann gelten will, ſo erkundigt man ſich bei Niemand mehr nach ſeiner Heimath; denn iſt man Normanne oder Ealabreſe, ſo wird man, wenn man es eingeſteht, um Entſchuldigung bit⸗ ten, und wer aus dem Waadtlande iſt, wird ſagen, er ſei Schweizer. Man wird auch einen vornehmen Mann nicht nach ſeinem Wappen fragen, denn wenn ihm das heraldiſche Kau⸗ derwelſch unbekannt iſt, wird man ihn in Verlegenheit ſetzen. Man darf einem Manne über die Schönheit ſeiner Haare kein Kompliment machen, denn es iſt möglich, daß er eine Perrücke trägt, dann aber iſt das Kompliment eine Belei⸗ digung. Mir iſt es begegnet, daß ich die Zähne einer Frau gelobt nnd wenige Tage darauf ſah ich in Folge einer kleinen Indiscretion die Rechnung ihres Zahnarztes; ſie hatte ein falſches Gebiß. Ich entſinne mich, daß man mich bei mei⸗ ner Ankunft in Frankreich unhöflich fand, weil ich mich nach dem Taufnamen einer jungen Grafin erkundigte. Sie wußte ihn nicht, und ein andermal befriedigte ein Stutzer, der un⸗ glücklicher Weiſe Johann hieß, meine Neugierde, indem er mir ein Duell anbot. In London beſteht die größte Unhöflichkeit darin, Je⸗ mand nach ſeiner Religion zu fragen; in Deutſchland mag es zuweilen ebenſo ſein, denn ein Herrnhuter oder ein Wie⸗ dertäufer werden ungern geſtehn, wer ſie ſind. Wenn man alſo beabſichtigt, ſich bei allen beliebt zu machen, ſo iſt das Sicherſte, niemals etwas zu fragen, nicht einmal ob Je⸗ mand für einen Louisd'or kleines Geld hat. Clementine war entzückend während des Mittageſſens, bin was deſſ erſte Han ſie 63 denn ſie antwortete mit Anmuth, Geiſt und Feinheit auf 6 alle Reden, welche ich an ſie richtete. Allerdings ging 4 das, was ſie ſagte, zum großen Theile für die Andern ver⸗ 4 loren, denn der Geiſt wird durch die Dummheit derjenigen, 4 4 welche ihn nicht begreifen. erſtickt; aber mir that ſie unend⸗ lich wohl. Da ſie mir zu oft zum Trinken einſchenkte, ſo 3 machte ich ihr einen ſanften Vorwurf, und dieſer veranlaßte 5 den folgenden Dialog, der mich vollends unterjochte. Er ſe lautete folgendermaßen: Sie beklagen ſich mit Unrecht, ſagte ſie zu mir, denn m die Pflicht Hebe's iſt, den Becher des oberſten der Götter c beſtändig zu füllen. ſ ſhic Sehr gut; aber Sie wiſſen doch, daß Jupiter ſie weg⸗ 5 hickte. ſei Ja, aber ich weiß⸗ nicht weshalb, und ich werde nie ch b ſo ungeſchickt wie ſie fallen. Aus einem ſolchen Grunde ch ſoll nie ein Ganymed meine Stelle einnehmen. u⸗ 5 Das iſt ſehr weiſe. Jupiter hatte Unrecht, und ich 11. nehme von nun an den Namen Herkules an. Sind Sie e damit zufrieden, ſchöne Hebe? ei⸗ zein denn er hat ſie erſt nach ſeinem Tode gehei⸗ . rathet. 3 Das iſt ebenfalls wahr; ich kann nur Jolas ſein, 1 denn—— An Schweigen Sie. Jolas war alt. et⸗ Das iſt wahr, und ich war es noch geſtern, aber ich ein bin es nicht mehr; Sie haben mich verjüngt. yn— Das iſt mir lieb, theurer Jolas; aber bedenken Sie, m⸗ was ich mit demſelben machte, als er mich verließ. 1 Und was machten Sie mit ihm? Ich erinnere mich Je⸗ f deſſen nicht. ag Das glaube ich nicht. i⸗ Sie können es glauben. tan Ich nahm ihm das Geſchenk, welches ich ihm gemacht. das Bei dieſen Worten wurde das reizende Geſicht dieſes Je⸗ erſtaunlichen Weſens Feuer und Flamme. Hätte ich meine Hand auf ihre Stirn gelegt, ſo würde ich gefürchtet haben, ns, ſie zu verbrennen; aber die Funken, welche ihre ſchönen 64 Augen ſchleuderten, drangen mir ins Herz und verwandel⸗ ten mich in Eis. Phyſiker der Gegenwart zürnet mir nicht, wenn ich ſage, daß das Feuer ihrer Blicke mich in Eis verwandelte. Ich gebe das nicht für ein Wunder aus, denn es iſt eine natürliche Erſcheinung, welche ſich alle Tage ereignet, und welche Ihr vielleicht nie bemerkt habt. Jene große Liebe, welche den Menſchen über ſich ſelbſt erhebt, iſt ein mächtiges Feuer, welches nur mit einer Kälte von der⸗ ſelben Stärke aufangen kann, wie ich ſie damals fühlte, und die mich getödtet haben würde, wenn ſie länger als eine Minute gedauert hätte. Die ungewöhnliche Anwendung, welche Clementine ſo eben von der Fabel der Hebe gemacht, zeigte mir nicht nur, daß das reizende Mädchen in der Mythologie bewandert war, ſondern auch, daß ſie einen geſunden, tiefen und beſonnenen Verſtand hatte. Sie hatte mich nicht bloß von ihren Kennt⸗ niſſen überzeugt, ſondern mich auch errathen laſſen, daß ich ihre Theilnahme errege, daß ſie an mich gedacht, daß ſie mich hatte überraſchen und mir hatte gefallen wollen. Alle dieſe Gedanken drängen ſich zu gleicher Zeit dem Geiſte eines Mannes auf, deſſen Herz ſchon eingenommen iſt, und ver⸗ breiten den Brand nach allen Richtungen hin. In einem Augenblicke war ich frei von allen Zweifeln; ich ſah ganz deutlich daraus, daß Clementine mich liebte und baute dar⸗ auf die Hoffnung, daß wir glücklich werden würden. Clementine, welche der Abkühlung bedurfte, entfernte ſich, wodurch ich Zeit erhielt, mich von meinem Erſtaunen zu erholen, und mich an ihre Schweſter wendend, ſagte ich: Sagen Sie mir, Madame, wo das Fräulein erzogen wor⸗ den iſt? Auf dem Lande. Sie iſt immer bei den Studien zu⸗ gegen geweſen, welche Sardini mit meinem Bruder machte; aber er beſchäftigte ſich nie mit ihr und dennoch zog ſie allein Nutzen von ſeinem Unterrichte, denn mein Bruder gähnte beſtändig. Clementine brachte meine Mutter zum Lachen und ſetzte häufig den alten Lehrer in Verlegenheit. Wir haben Dichtungen von Sardini, welche nicht ohne G⅜ S= — — —y 65 Verdienſt ſind, welche aber Niemand lieſt, weil ſie mit My⸗ thologie vollgepfropft ſind. Das iſt wahr, Clementine beſitzt ein Manuſcript, wel⸗ ches er ihr geſchenkt hat, und welches eine Menge Fabeln enthält. Suchen Sie ſie zu bereden, daß ſie Ihnen ihre Bücher und die Verſe zeigt, welche ſie macht, welche ſie aber Niemand ſehen läßt. Ich war im höchſten Grade verwundert. Als ſie wie⸗ derkam, machte ich ihr Complimente; ſodann ſagte ich zu ihr, ich liebte die Poeſte und die ſchönen Wiſſenſchaften, und ſte würde mir einen Gefallen thun, wenn ſie mir ihre Verſe zeigen wollte. Ich würde mich ſchämen. Ich habe vor zwei Jahren aufhören müſſen zu ſtudiren, als die Verheirathung meiner Schweſter mich hierher führte, wo wir nur gute Leute fan⸗ den, welche keine andern Gedanken als an ihre Haushaltung und an ihre Erndte haben und ſich nur mit dem Regen und ſchönem Wetter beſchäftigen. Sie ſind der Erſte, der dadurch, daß er mich Hebe nannte, mich überzeugte, daß er ſich mit den Wiſſenſchaften beſchäftige. Hätte unſer alter Sardini uns hierher begleitet, ſo würde ich mich weiter ge⸗ bildet haben; aber meiner Schweſter war nichts daran ge⸗ legen, ihn bei ſich zu haben. Aber, ſage mir, liebe Clementine, was ein achtzigjäh⸗ riger Greis, der nur die Luft wiegen, Verſe machen und üͤber Mythologie ſprechen kann, meinem Manne hätte nützen ſollen? Hätte er ſich für die Oekonomie brauchen laſſen, ſagte der Graf, ſo hätte ich es mir noch gefallen laſſen, denn er iſt ein ehrlicher Greis, welcher nicht glauben will, daß es Schurken giebt. Durch ſein Wiſſen iſt er dumm geworden. Großer Gott! rief Clementine aus, Sardini dumm! Allerdings hält es nicht ſchwer ihn zu täuſchen; aber das würde Niemand gelingen, wenn er weniger Redlichkeit und Geiſt hätte. Ich liebe einen Mann, den man aus ſolchen Gründen leicht täuſcht. Aber man ſagt, ich ſei thöricht. Nein, liebe Schweſter, ſagte die Gräfin. Im Gegen⸗ theile, Alles, was Du ſprichſt, trägt den Stempel des Ver⸗ XIV. 5 66 ſtandes, liegt aber außerhalb Deiner Sphäre, ich meine der Sphäre einer Frau; denn die ſchönen Wiſſeenſchaften, die Poeſie, die Philoſophie paſſen nicht für eine Hausfrau, und wenn ſich Dir eine Gelegenheit zum Heirathen bieten ſollte, wird Deine faſt ausſchließliche Neigung für die Wiſſenſchaf⸗ ten vielleicht ein Hinderniß ſein. Das glaube ich, und deshalb bin ich geneigt, als Mäd⸗ chen zu ſterben; den Männern gereicht das aber nicht zum Lobe. Um die Aufregung zu begreifen, welche ein ſolcher Dialog in mir erregen mußte, muß man leidenſchaftlich und verliebt wie ich geweſen ſein. Ich fühlte mich unglücklich. Wäre ich adlig und reich geweſen, ſo hätte ich ihr hundert⸗ tauſend Thaler geſchenkt und ſie augenblicklich geheirathet. Sie ſagte, Sardini ſei in Mailand und leide an Alters⸗ ſchwäche.— Haben Sie ihm einen Beſuch gemacht? fragte ich. Ich bin nie in Mailand geweſen. Iſt es möglich, in ſo geringer Entfernung! Was wollen Sie! Die Entfernungen ſind relativ. Welch hübſcher Ausdruck! Das hieß mir ohne falſche Beſcheidenheit ſagen, daß ſie nicht die Mittel dazu hätte und ich wußte ihr Dank für dieſe Freimüthigkeit. Aber wofür hätte ich ihr wohl in der Herzensſtimmnng, in die ſie mich verſetzt hatte, nicht Dank gewußt! Es giebt Augenblicke im Leben, wo, ich will nicht ſagen eine ſchöne, liebenswürdige, geiſtreiche, ſondern die Frau, welche wir lieben, uns durch bloße Induction zu Allem, was ſie will, bewegen kann. Ich drang auf eine ſo zärtliche Weiſe in ſie, daß ſte mich nach dem Kaffee in ein Kabinet bei ihrem Zimmer führte, um mir ihre Bücher zu zeigen. Sie hatte nur etwa dreißig; aber ſte waren gut gewählt, obwohl ſie nicht über die Literatur eines jungen Menſchen, der ſeine Studien in der rhetoriſchen Klaſſe beendet hat, hinausgingen. Sie genügten nicht für einen Geiſt wie Clementine. Sie konnte aus den⸗ ſelben weder geſchichtliche Belehrung noch phyſtſche Kennt⸗ niſſe ſchöpfen, die ſie der Unkenntniß über das Weſentliche der die f⸗ ½ — 67 hätten entreißen und ihr Anleitung fuͤr die Freuden des Lebens hätten geben können. Wiſſen Sie auch, theure Hebe, welche Bücher Ihnen fehlen? Ich habe wohl eine Ahnung davon, theurer Jolas, ohne beſtimmt zu wiſſen, was ich brauchen könnte. Herrliche Naivetät! Reizendes Weib! Laſſen Sie mich machen. Nachdem ich eine Stunde die Schriften Sardinis be⸗ ſehn, bat ich ſie, mir die ihrigen zu zeigen. Nein, ſagte ſie, es ſind zu viel Fehler darin. Das glaube ich; aber des Guten, was ich darin fin⸗ den werde, wird mehr ſein als des Schlechten. Das bezweifle ich. Zweifeln Sie nicht daran. Ich werde die Verſtöße ge⸗ gen die Sprache und gegen den Styl, die abgeſchmackten Ideen, den Mangel an Methode und ſelbſt verfehlte Verſe verzeihn. Das iſt ein wenig zu viel, Jolas; Hebe glaubt keiner ſo ausgedehnten Nachſicht zu bedürfen. Hier, mein Herr, ſind meine Schreibereien. Hecheln Sie meine Fehler und Mängel durch. Thun Sie ſich keinen Zwang an. Erfreut, daß mir die Liſt gelungen, ihre Eigenliebe zu ſtacheln, fing ich an, ſehr ſorgſam ein anakreontiſches Ge⸗ dicht zu leſen, indem ich durch meine Betonung die Schönheiten hervorhob und mich an der Freude ergötzte, welche auf ihren Zügen glänzte, als ſie hörte, daß ſie ſo ſchöne Verſe gemacht. Wenn ich einen Vers vorlas, den ich durch die Veränderung einer Sylbe rührender gemacht, bemerkte ſie es, denn ſie folgte mir mit den Augen, aber ſte fühlte ſich dadurch nicht gedemüthigt, ſondern wußte mir vielmehr für die Verbeſſerung Dank. Sie war der Anſicht, daß meine Pinſelſtriche das Colorit erhöhten, aber durchaus nicht ihr Werk zerſtörten, und ſie war entzückt, als ſie ſah, daß ich beim Vorleſen ein weit größeres Vergnügen als vielleicht ſie ſelbſt empfand. Dieſer gegenſeitige Genuß dauerte nur drei Stunden. Es war nur ein geiſtiger Ge⸗ nuß; da wir aber verliebt waren, ſo würde ſich wohl ſchwer⸗ 5*½ 68 lich ein reinerer und wollüſtigerer erdenken laſſen. Glücklich, zu glücklich wären wir geweſen, wenn wir hierbei hätten ſtehn bleiben können; aber der Liebesgott iſt ein Verräther, ein Betrüger, welcher der Sterblichen ſpottet, die mit ihm ſpaßen zu können glauben, ohne in ſeine Schlingen zu fal⸗ len. Wenn man mit glühenden Kohlen ſpielt, wie iſt es dann wohl möglich, ſich nicht daran zu verbrennen! Die Gräfin unterbrach uns, um uns aufzufordern, wieder in die Geſellſchaft zu kommen. Clementine ſtellte die Sachen wieder an ihren Platz und dankte mir für das Vergnügen, welches ich ihr verſchafft, mit einem Ausdrucke der Dankbarkeit, der ſich in dem Feuer verrieth, welches ihr ganzes Geſicht belebte. Als ſie ſo in der Geſellſchaft er⸗ ſchien, fragte man ſie, ob ſie ſich geſchlagen habe, wodurch ihre Röthe nur vermehrt wurde; das konnte verdächtig er⸗ ſcheinen. Der Pharaotiſch war bereit, wie am vorigen Tage; ehe ich aber Platz nahm, befahl ich Clairmont, für den fol⸗ genden Tag in aller Frühe vier gute Pferde zu beſtellen; ich wollte nach Lodi fahren und zur Zeit des Mittagseſſens wieder zurück ſein. Alle Anweſenden pointirten wie am vorigen Tage mit Ausnahme des Abbé, der zu meiner großen Freude nicht erſchien; dagegen war ein Kanonikus da, der zu einem Dukaten pointirte und einen ganzen Haufen vor ſich hatte; deshalb vergrößerte ich die Bank und am Schluſſe des Spiels ſah ich zu meiner Freude, daß Alle zufrieden waren mit Ausnahme des Kanonikus, der etwa 30 Zechinen ver⸗ loren hatte; dieſer Verluſt ſtörte indeß ſeine gute Laune nicht. Am folgenden Tage früh begab ich mich, ohne Jemand etwas davon zu ſagen, nach Lodi und kaufte dort alle Bü⸗ cher, welche für die ſchöne Clementine paßten, die nur italiä⸗ niſch ſprach. Ich kaufte Ueberſetzungen, die ich zu meinem großen Erſtaunen in Lodi fand, das mir bisher nur wegen ſeines in ganz Europa unter dem Namen Parmeſankäſe be⸗ kannten Käſes beachtungswerth erſchienen war; dieſer aus⸗ gezeichnete Käſe iſt aus Lodi und nicht aus Parma, und 8 —₰ 9 V „— ————,—„„ 1——9——— e S—= u ℛ — F— 69 an demſelben Tage fügte ich in meinem Käſediktionair zu dem Artikel Parmeſankäſe einen Zuſatz hinzu, welche Ar⸗ beit ich unternommen und in der Folge wieder aufgegeben habe, da ich mich überzeugte, daß das Unternehmen über meine Kräfte ging, wie ja auch J. J. Rouſſeau fand, daß das botaniſche Diktionair über ſeine Kräfte ging. Dieſer große, bizarre und eigenthümliche Menſch hatte damals den falſchen Namen Renaud der Botaniker angenommen. Quis- que histrioniam exercet.*) Aber Rouſſeau, der ſo be⸗ redt war, verſtand weder ſelbſt zu lachen, noch hatte er das große Talent, Lachen zu erregen. Ich kam auf den Einfall, am zweitfolgenden Tage in Lodi ein großes Mittagseſſen zu geben, und da ein Plan dieſer Art keine lange Ueberlegung erfordert, ſo ging ich in den beſten Gaſthof, um die Vorbereitungen zu treffen. Ich beſtellte ein ausgewähltes Mahl für zwölf Perſonen; ich gab ein Draufgeld, und ließ den Beſitzer eine Verpflich⸗ tung und Quittung, ſo wie das Verſprechen, mich ſo viel wie möglich ausgeben zu laſſen, unterzeichnen. Als ich in das Schloß San Angelo zurückgekehrt war, ließ ich einen großen Sack voll Bücher auf Clementinens Zimmer bringen. Bei dieſem Anblicke war das herrliche Mädchen wie verſteinert. Es waren mehr als zweihundert Bände: Dichter, Geſchichtſchreiber, Geographen, Naturfor⸗ ſcher, Philoſophen; alle Zweige der Wiſſenſchaften waren vertreten. Ich hatte auch einige Ueberſetzungen von Ro⸗ manen aus dem Spaniſchen, Engliſchen und namentlich dem Franzöſiſchen hinzugefügt, denn mit Ausnahme einiger gu⸗ ten Gedichte, haben wir im Italiäniſchen keinen einzigen guten Roman in Proſa. Mögen indeß die Fremden dieſes Geſtändniß nicht be⸗ nutzen, um ſich eine Ueberlegenheit zuzuſchreiben. Italien hat den andern Völkern wenig zu beneiden und beſitzt tau⸗ ſend Meiſterwerke, um welche alle andern Völker es benei⸗ den müſſen. Welche Nation hat wohl dem Meiſterwerke, das mit dem Namen des Orlando furioso bekannt iſt, etwas *) Jeder treibt Schauſpielerei. 70 an die Seite zu ſetzen? Keine. Und dieſes wunderbare Werk wird nie auf dem Wege der Ueberſetzung in eine andere Sprache übergehen. Am ſchönſten und meiſten iſt Arioſt von Voltaire im Alter von ſechszig Jahren gelobt worden. Hätte derſelbe durch dieſen Widerruf ſein fruͤheres Urtheil über dieſen großen Geiſt nicht berichtigt, ſo würde ihm die Nachwelt nicht, wenigſtens nicht in Italien, die Thore der Unſterblichkeit geöffnet haben, auf welche er ſonſt ſo gerechte Anſprüche hat. Jetzt ſind ſechsundreißig Jahre verfloſſen, ſeitdem ich ihm geſagt, was ich hier niederſchreibe, oder doch ungefähr, und der große Mann glaubte mir. Er hatte Fukcht und that wohl. Igch bitte meine Leſer um Verzeihung, vorausgeſetzt, daß ich deren nach meinem Tode finde, daß ich meine Er⸗ zählungen ſo häufig unterbreche. Mögen ſie bedenken, daß ich alt war, als ich meine Erinnerungen niederſchrieb, und daß daß Alter gern ſchwatzt. Die Zeit der Nachſicht wird auch für ſie kommen, und dann werden ſie einſehn, daß wenn Männer meines Alters ſich wiederholen oder gar abſchwei⸗ fen, der Grund darin liegt, daß ſie nur noch von Erinne⸗ rungen leben, da die Wirklichkeit für ſie von ſo geringer Bedeutung iſt und die Hoffnung ihnen ganz fehlt. Ich komme auf meinen Gegenſtand zurück, den ich nicht aus den Augen verloren habe. Clementine, welche in Erſtaunen und Bewunderung verſunken war, ließ ihre Blicke von den Büchern auf mich und von mir auf die Bücher ſchweifen. Sie ſchien zu zwei⸗ feln, daß dieſer Schatz ihr gehon ſolle. Nachdem ſie end⸗ lich etwas ruhiger geworden, ſagte ſie zu mir mit dem Tone der innigſten Zärtlichkeit und Dankbarkeit: Sie ſind alſo nach San Angelo gekommen, um mich glücklich zu machen. In einem ſolchen Augenblicke wird der Menſch zum Gott, denn wer ſo ſpricht, muß auch entſchloſſen ſein, Alles was in ſeiner Macht ſteht zu thun, um denjenigen glücklich zu machen, der ihn auf eine ſo leichte Weiſe beglückt hat. Die Freude, welche der Ausdruck der Dankbarkeit auf den Zügen des angebeteten Gegenſtandes hervorruft, hat etwas Erhabnes, Unerklärliches. Wenn Du das nicht gleich 4 8*α 4 * mir fühlſt, theurer Leſer, ſo beklage ich Dich, und ich bin dann der Anſicht, daß Du geizig oder ungeſchickt, alſo un⸗ werth geliebt zu werden biſt. Nachdem Clementine einen Augenblick bei Tiſche er⸗ ſchienen war, und dem Eſſen ſehr wenig Ehre hatte wiederfahren laſſen, zog ſie ſich auf ihr Zimmer zurück, wohin ich ihr bald folgte; und dort begannen wir die Bücher zu ordnen. Sie ließ einen Tiſchler kommen, um einen vergitterten und verſchließbaren Bücherſchrank zu beſtellen. Hieran, ſagte ſie, werde ich mich ergötzen, wenn Sie nicht mehr hier ſein werden. Am Abend war ſie glücklich im Spiele und von rei⸗ zender Heiterkeit. Ich lud die ganze Geſellſchaft zum Mit⸗ tagseſſen ein, da ich aber für zwölf Perſonen beſtellt hatte, ſo machte ſich die Gräfin Ambroſio anheiſchig, die fehlenden beiden Gäſte in Lodi aufzutreiben, und der Kanonikus über⸗ nahm es, eine Dame mit ihrer Tochter und ihrem Sohne mitzubringen. Der folgende Tag war ein Tag der Ruhe und des Glückes; ich verlebte ihn, ohne das Schloß zu verlaſſen und beſchäf⸗ tigte mich allein damit, meiner Hebe eine Idee von der Him⸗ melskugel zu geben, und ſie zum Verſtändniſſe Wolfs an⸗ zuleiten. Ich ſchenkte ihr mein Reißzeug, welches für ſie ein Geſchenk von unſchätzbaren Werthe war. Ich brannte für dieſes reizende Mädchen; würde aber wohl ihre Vorliebe für die Wiſſenſchaften und für die Lite⸗ ratur hingereicht haben, mich in ſie verliebt zu machen, wenn ich nicht vorher von ihren Reizen geblendet worden wäre? Das iſt ſehr zweifelhaft. Ich liebe ein Gericht, welches meinem Gaumen ſchmeichelt, wenn es aber nicht zuvor mei⸗ nem Auge ſchmeichelt, ſo mag ich es nicht. Die Oberfläche nimmt immer zuerſt ein; ſie iſt der Sitz der Schönheit. Die Prüfung der Formen und der Qualitäten kommt ſo⸗ dann erſt, und wenn dieſe bezaubert, entzündet ſie. Der Menſch, welcher nicht bis zur Unterſuchung der Eigenſchaf⸗ ten des Geiſtes und des Herzens fortgeht, iſt oberflächlich; aber mit der Oberfläche beginnt jeder verliebte Eindruck, wenn man diejenigen Erſcheinungen ausnimmt, welche aus der Phantaſie entſpringen, dieſer Chimaire, welche die Wirk⸗ lichkeit faſt immer zerſtört. Als ich zu Bett ging, erfuͤllt von dem Bilde Clemen⸗ tinens, begann ich über mich ſelbſt nachzudenken, und ich mußte mir zu meinem Erſtaunen geſtehn, daß ſie während unſrer Zuſammenkünfte unter vier Augen mir keine Zer⸗ ſtreuungen verurſache, obwohl wir Stunden lang bei ein⸗ ander waren. Was mir imponirte war indeß nicht Furcht oder Zaghaftigkeit, die mir fremd war, noch falſche Beſchei⸗ denheit, noch ſogenannte Pflicht. Es war ebenſo wenig Tu⸗ gend, denn ich ſetzte die Tugend nicht ſo ſehr herunter. Was war es alſo? Ich bemühte mich nicht, mir Rechen⸗ ſchaft davon zu geben. Ich wußte nur, daß die platoniſche Empfindung nicht von langer Dauer ſein könnne, und das bedauerte ich, aber dieß Bedauern war die in den letzten Zügen liegende Tugend. Die ſchönen Sachen, welche wir ſahen, erregten ſo ſehr unſre Theilnahme, daß in dieſer Theilnahme das verliebte Gefühl unterging, welches uns unſer Beiſammenſein ſo köſtlich finden ließ; indeß, hatte der Teufel, wie man ſagt, keinen Schaden dabei. Dem Geiſte gegenüber verliert das Herz ſeine Herrſchaft; die Tugend triumphirt, aber der Kampf kann nicht lange dauern. Un⸗ ſere Siege führten uns irre: wir glaubten unſrer ſelbſt ſicher zu ſein; aber dieſe Sicherheit war ein Koloß mit thönernen Füßen und hatte wahrſcheinlich darin ihren Grund, daß wir wußten, wir liebten uns, daß wir aber nicht wuß⸗ ten, ob wir geliebt wuͤrden. Mit dieſer Entdeckung mußte das Gebäude zuſammenſtürzen. Dieſes vermeſſene Vertrauen bewog mich, zu ihr zu gehn, um ihr in Betreff unſrer Fahrt nach Lodi etwas zu ſagen; die Wagen waren ſchon bereit. Sie ſchlief noch, und da ſie mich auf ihrem Zimmer hörte, ſo wachte ſie plötzlich auf. Ich dachte nicht einmal daran, mich zu entſchuldigen. Sie ſagte Taſſo's Aminto habe ihr ſo ſehr gefallen, daß ſie denſelben vor dem Zubettgehn geleſen. Der Paſtor Eido wird Ihnen noch mehr gefallen. Iſt er ſchöner? Das eben nicht. 4 +& ⁵ ͤ ͤͤd —&⁵i —— ⏑ ——B— Sr ee ee ᷣ NU N N e ᷣᷣ n ⏑‿—8-E 8 8 uʃ ddN* a— 112— d&o X ⁸△ Warum glauben Sie alſo, daß er mir mehr gefallen werde? Weil er einen Zauber hat, der ins Herz dringt. Er rührt, er verführt, und wir lieben die Verführung. Er verführt alſo? Nein, aber er iſt verführeriſch wie Sie. Dieſer Unterſchied iſt weſentlich. Ich werde ihn heute Abend leſen. Ich will mich ankleiden. Sie kleidete ſich an, ohne daran zu denken, daß ich ein Mann ſei; aber auch ohne den Anſtand zu verletzen. Indeß würde ſie, wie ich glaube, zurückhaltender geweſen ſein, wenn ſie gewußt hätte, daß ich in ſie verliebt ſei; denn während ſie ihr Hemde anzog, ihr Schnürleib zuſchnürte, die Schuhe anzog und die Strumpfbänder über dem Knie befeſtigte, ſah ich Lichtſtreifen von Schönheiten, welche mich verführten, und ich mußte hinausgehn, ehe ſie fertig war, um die Gluth, welche ſie in allen meinen Sinnen entzündet hatte, etwas erkalten zu laſſen. Ich nahm die Gräfin Ambroſio und Clementine in meinen Wagen; ich ſetzte mich auf den Rückſitz und nahm das Püppchen, welches auf einem ſchönen Kiſſen lag, auf meine Kniee. Meine ſchönen Begleiterinnen ſchütteten ſich vor Lachen aus, denn ich ſah wie eine Amme aus; mit ſolchem Anſtande benahm ich mich. Unterwegs mußte der Säugling die Bruſt nehmen. Die hübſche Mama gab ſei⸗ ner Gier eine Halbkugel Preis, welche ich mit den Augen verſchlang, und dieſe Bewunderung ſchien ihr nicht unan⸗ genehm zu ſein. Mit gierigen Augen betrachtete ich das herrliche Gemälde; meine Freude war erſichtlich. Als das Kind geſättigt war, verließ es den ſchwellenden Buſen der Mutter und beim Anblicke der reichlich niederträufelnden Flüſſigkeit rief ich aus: Madame, das iſt ein Mord! Er⸗ lauben Sie meinen Lippen dieſen Nektar zu ſchlürfen, der mich den Unſterblichen ähnlich machen wird und fürchten Sie meine Zähne nicht; damals hatte ich noch welche. Da die Gräfin lachte und ſich meinem Wunſche nicht widerſetzte, ſo ging ich ans Werk und ſah dabei meine beiden Begleiterinnen an, welche ſich vor Lachen nicht halten konn⸗ 74 ten und Mitleid mit mir zu haben ſchienen. Dieſes köſt⸗ liche Lachen kann die Malerei nicht darſtellen. Homer, der göttliche Homer hat allein daſſelbe wiederzugeben verſtanden, indem er uns Andromache und Aſtyanax darſtellt, welchen jene in den Armen hält, als Hektor von ihr Abſchied nimmt, um ſich zum Heere zu begeben. Da mir daran gelegen war, fortwährendes Lachen zu erregen, ſo fragte ich Clementine, ob ſie den Muth habe, mir dieſelbe Begünſtigung zu bewilligen. Weshalb nicht, ſagte ſie, wenn ich Milch hätte! Es genügt, daß Sie die Quelle haben, das Uebrige iſt meine Sache. 4 Bei dieſen Worten erröthete die reizende Perſon ſo ſehr, daß ich bedauerte, ſie ausgeſprochen zu haben; aber ich ſprach von etwas Anderm, und ihre Röthe verſchwand wieder. Die Heiterkeit erlitt auf dem ganzen Wege keine Störung, und wir hatten kaum Zeit gehabt zu bemerken, daß wir unterwegs ſeien, als wir auch ſchon in Lodi an⸗ gekommen waren. Die Gräfin ſchickte ſogleich zu einer ihr befreundeten Dame, welche ſie zum Eſſen einlud und bitten ließ, ihre Schweſter mitzubringen. Unterdeß ſchickte ich Clairmont zu einem Papierhändler, wo derſelbe ein prächtiges, verſchließbares Portefeuille von Maroquin, Papier, Siegellack, Federn, Tin⸗ tefaß, Pettſchaft, Federmeſſer und Alles, was zum Schrei⸗ ben erforderlich iſt, kaufte. Dieß Geſchenk wollte ich mei⸗ ner Clementine vor dem Eſſen machen. An ihrem Stau⸗ nen ſah ich, wie angenehm ihr dieſes Geſchenk war, und ich konnte in ihren ſchönen Augen den Ausdruck der Dank⸗ barkeit leſen. Jede ehrenhafte Frau muß den Angriffen eines Mannes unterliegen, der ſie zur Dankbarkeit zu ver⸗ pflichten weiß. Das iſt das ſicherſte Mittel, zu ſeinem Ziele zu gelangen, aber man muß es recht anzufangen wiſſen. Die Freundin erſchien mit ihrer Schweſter, einer jun⸗ gen Perſon, welche vermöge ihrer Schönheit mit ihrem ganzen Geſchlechte in die Schranken treten konnte; ich war wie geblendet, aber ſelbſt die Göttin der Liebe hätte mich & ˙ n 8SBSn SGun u u & 75 in dieſem Augenblicke nicht Clementinen abwendig machen können. Nachdem die Freundinnen ſich umarmt, ſtellte man mich vor mit Complimenten, die mich bis in die Wolken erhoben, und um denſelben ein Ende zu machen, machte ich einige Späße und brachte ſie zum Lachen. Wir erhielten ein üppiges und feines Mittagseſſen. Beim Deſſert vermehrte ſich die Geſellſchaft um zwei frei⸗ willige Gäſte, den Mann der Dame und den Liebhaber der Schweſter; ſie waren willkommen, denn ſie trugen zur Er⸗ höhung der Heiterkeit bei. Um den Champagner zu wür⸗ zen, gab ich dem Wunſche der Geſellſchaft nach und legte ihnen eine Pharaobank an; erſt nach drei Stunden hörten wir mit dem Spielen auf, und zu meiner großen Freude war meine Börſe um vierzig Zechinen erleichtert worden. Dieſe kleinen Verluſte zur rechten Zeit trugen dazu bei, mich in den Ruf des anſtändigſten Spielers in Europa zu bringen. Da der Liebhaber der Schönen Vigi hieß, ſo fragte ich ihn, ob er von dem Verfaſſer des dreizehnten Geſanges den Aeneide abſtamme. Er bejahte dieſe Frage und ſagte, er habe zu Ehren ſeines Ahnherrn dieſen Geſang in itali⸗ äniſche Stanzen überſetzt. Da ich neugierig war ſeine Ueberſetzung zu leſen, ſo verſprach er mir, ſie mir am fol⸗ genden Tage nach San Angelo zu bringen. Ich wünſchte ihm Glück zu ſeinem alten Adel, denn Maffeo Vigi blühte im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts. Wir reiſten mit Anbruch der Nacht ab, und in weni⸗ ger als zwei Stunden langten wir in San Angelo an. Der Mond, welcher alle meine Bewegungen beleuchtete, zwang mich der Verſuchung zu widerſtehn, welche eines von Cle⸗ mentinens Beinen in mir erregte, denn um ihren kleinen Neffen beſſer auf dem Schooße halten zu können, hatte ſie ihren Fuß auf den Rückſitz geſetzt. Die hübſche Mama wurde nicht müde über das Vergnügen zu ſprechen, wel⸗ ches ich ihnen verſchafft, und Alle wetteiferten in Lobeser⸗ hebungen gegen mich. Da wir nicht Luſt hatten, zu Abend zu ſpeiſen, ſo gin⸗ gen wir auf unſre Zimmer, und ich begleitete Clementine, 76 welche mir ſagte, ſie ſchäme ſich, daß ſie keine Idee von der Aeneide habe. Vigi ſollte die Ueberſetzung ſeines dreizehn⸗ ten Geſanges bringen, und ſie konnte nicht mitſprechen! Ich troſtete ſie. Wir wollen dieſe Nacht, ſagte ich, die ſchöne Ueberſetzung dieſes Heldengedichts von Annibale Caro leſen. Sie beſitzen daſſelbe ebenſo wie die von Anguilara; ferner die Metamorphoſen von Ovid und den Lucrez von Marchetti. Aber ich wollte ja den Paſtor Eido leſen. Gehen wir zunächſt an das Dringendſte; dieſen können wir ein andermal leſen. Ich werde in Allem Ihren Rathſchlägen folgen, mein theurer Jolas. Sie machen mich glücklich, liebe Hebe.* Wir laſen alſo die ganze Nacht an dieſem herrliche Gedichte in ungereimten italiäniſchen Verſen; aber das Le⸗ ſen wurde oft unterbrochen durch das geiſtreiche Lachen meiner liebenswürdigen Schülerin, welches ſie nicht zurück⸗ halten konnte, wenn gewiſſe Stellen ihre Sinne zu ſehr kitzelten. Sie lachte über den Zufall, welcher Aeneas in die Lage brachte, Dido ein kräftiges Zeichen ſeiner Zärtlich⸗ keit in einer ſehr unbequemen Lage zu geben und noch mehr, als die Geliebte des Sohnes des Anchiſes ſich in folgender Weiſe über ſeine Treuloſigkeit beklagte:„Ich könnte Dir noch verzeihn, wenn Du mir vor Deiner Ab⸗ reiſe einen kleinen Aeneas zurückgelaſſen hätteſt, den ich auf dem Hofe ſpielen ſähe.“ Clementine lachte mit Recht, denn der Vorwurf iſt etwas komiſch, aber woher kommt es, daß man dieſes Bedürfniß nicht empfindet, wenn man lateiniſch lieſt: Si quis mihi parvulus aula luderet Aeneas.— Nur die ernſte Schönheit der Sprache kann dieſer komiſchen Klage den Firniß der Würde geben. Erſt mit Tagesanbruch ſtellten wir dieſe intereſſante Lektüre ein. Welche Nacht, mein theurer Freund! ſagte Clementine mit einem ausdrucksvollen Seufzer. Für mich war ſie eine Herzensfreude; aber Sie? Ich habe mich an Ihrer Freude gefreut. ꝑ* 77 Und wenn Sie meine Freude nicht geſehn hätten? So würde ich mich gefreut haben, aber weit weniger. Ich liebe Ihren Geiſt außerordentlich, theure Elementine, aber ſagen Sie mir, ich bitte Sie, ob Sie es für möglich halten, Jemands Geiſt zu lieben, ohne zugleich ſeine Hülle zu lieben. Nein, denn ohne die Hülle würde der Geiſt ſich ver⸗ flüchtigen. Hieraus iſt alſo die Folgerung zu ziehn, daß ich Sie ſehr liebe und daß ich unmöglich ſechs oder ſieben Stun⸗ den mit Ihnen allein ſein kann, ohne vor Luſt zu vergehn, Sie mit Küſſen zu bedecken. Das iſt wahr, und ich glaube, wir widerſtehn dieſen Küſſen nur deshalb, weil wir Pflichten haben, und weil wir uns gedemüthiget fühlen würden, wenn wir ſie verletzten. Das iſt ebenfalls wahr; wenn es Ihnen eben ſo geht wie mir, ſo muß Ihnen dieſer Zwang ſehr ſchmerzlich ſein. Vielleicht eben ſo ſehr wie Ihnen; aber ich glaube, daß der Widerſtand gegen gewiſſe Begierden nur im An⸗ fange ſchwer fällt. Allmählich gewöhnt man ſich daran, zu lieben, ohne ſich einer Gefahr auszuſetzen, ohne ſich Zwang anthun zu müſſen. Unſre Hüllen, die zunächſt ſo anziehend ſind, werden zuletzt gleichgültig; und wenn dieſer Fall für Sie eingetreten ſein wird, werden wir ganze Tage und Nächte bei einander zubringen können, ohne Furcht, durch fremde Begierden zerſtreut zu werden. Was mich betrifft, ſchöne Hebe, ſo zweifle ich; aber wir wollen ſehen. Leben Sie wohl, zu ſchöne Hebe. Leben Sie wohl, guter Jolas. Guten Schlaf. Mit Ihrem Bilde im Herzen. 78 Siebenundneunzigſtes Kapitel. Vergnügungspartie.— Meine traurige Trennung von Clementinen.— Ich reiſe mit Crore’s Maitreſſe von Mailand ab.— Alleine Ankunkt in Genua. Die Alten, deren fruchtbare, glänzende und bewegliche Phantaſie die Tugenden und Laſter allegoriſirte, ſtellten die Unſchuld dar, wie ſie vertrauensvoll mit einer Schlange oder einem ſpitzigen Pfeile ſpielt; die Alten hatten das Herz des Mannes und des Weibes gründlich ſtudirt, und wenn die Neueren auch in dieſer Beziehung zu ihren Kenntniſſen die Entdeckung einer Fiber, welche ihren forſchenden Blicken bis dahin unbekannt geblieben war, hinzugefügt haben, ſo bleibt es darum nicht weniger wahr, daß die Werke, welche jene uns überliefert haben, vom Symbole an bis zum philo⸗ ſophiſchem Ausdrucke, immer mit Nutzen werden von den⸗ jenigen geleſen werden, welche in die Wiſſenſchaft des Ge⸗ ſchmacks und der Bernunft tief einzudringen ſuchen. Ich legte mich zu Bett, nachdem ich Clairmont geſagt, er möge nicht mehr auf mich warten, und dachte dann über die bewundernswürdige Clementine nach, welche die Natur geſchaffen zu haben ſchien, um in einer Sphäre zu glänzen, von welcher ſie trotz der Vortheile einer vorneh⸗ men Geburt, einer ſeltenen Schönheit und eines ungewöhn⸗ lichen Geiſtes, durch den Mangel an Vermögen fern gehal⸗ ten wurde. Ich lachte, wenn ich bedachte, wie ſehr ihre Gefühle aller Erfahrung widerſprachen; als ob es das ge⸗ eignete Mittel ſei, einem ausgehungerten Menſchen den Appetit zu vertreiben, wenn man ihm die Gerichte vorſetzt, die ſeine Sinne begehren und ihm verbietet, ſie nicht anzu⸗ rühren. Indeß konnte ich nicht umhin, die folgenden Worte, welche ſie mit der Ueberzeugung naiver Unſchuld geſpro⸗ chen hatte:„Wenn man den Begierden widerſteht, kommt man nicht in die Lage ſich gedemüthigt zu fühlen, nachdem man ſie befriedigt hat,“ höchſt ſinnig zu finden. 79 Die Demüthigung, welche ſie fürchtete, hing mit der Achtung vor ihren Pflichten zuſammen, und ſie erwies mir die Ehre anzunehmen, daß ich ihre Anſichten theile. Wie dem aber auch ſein mag, die Eigenliebe kam ins Spiel, und ich faßte den Entſchluß, nichts zu thun, was mich um ihr Vertrauen bringen könne. Ich erwachte ſehr ſpät, wie man ſich leicht denken kann, und ſobald ich meinem Kammerdiener geklingelt hatte, ſah ich Clementine erſcheinen, welche mir mit fröhlichem Ge⸗ ſichte einen guten Morgen wünſchte. Sie hielt den Paſtor Eido in der Hand und ſagte, ſte habe ſo eben den erſten Akt geleſen. Ich habe nie etwas ſo Süßes geleſen, mein theurer Freund, ſagte ſie. Stehen Sie auf, vor Tiſche wollen wir den zweiten Akt zuſammenleſen. Darf ich denn in Ihrer Gegenwart aufſtehn? Weshalb nicht? Ein Mann braucht nur ſehr we⸗ nig Rückſichten zu nehmen, um den Anſtand zu be⸗ obachten. Haben Sie dann die Güte, mir das Hemde dort zu geben. Sie entfaltete es und zog es mir lachend über den Kopf. Bei nächſter Gelegenheit, ſagte ich, werde ich Ihnen denſelben Dienſt leiſten. Zwiſchen Ihnen und mir verſetzte ſie erröthend, iſt ein größerer Abſtand als zwiſchen mir und Ihnen. Das, göttliche Hebe, begreife ich nicht. Sie drüͤcken ſich wie die Sibylle von Cumae aus, oder vielmehr als ob Sie in Ihrem Tempel zu Korinth Orakel ertheilten. Hatte Hebe einen Tempel in Korinth? Sardini hat mir nichts davon geſagt. Aber Apolloder ſagte es, dieſer Tempel war ſogar ein Aſyl. Aber ich führe Sie auf die eigentliche Frage zurück und bitte Sie, derſelben nicht auszuweichen. Was Sie geſagt haben, widerſpricht der Geometrie. Der Abſtand zwiſchen mir und Ihnen muß eben ſo groß ſein wie der zwiſchen Ihnen und mir. Es iſt möglich, daß ich eine Dummheit geſagt habe. Durchaus nicht, Hebe; Sie hatten eine Idee, richtig 80⁰ oder nicht, erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerkſam zu machen. Ich wünſche, daß Sie ſie mir ſagen. Wolan. Die beiden Entfernungen ſind verſchieden, je nach dem Aufſteigen und dem Abſteigen oder dem Falle, wie Sie wollen. Iſt nicht der Fall, ohne daß es eines Anſtoßes bedarf, allen Körpern eigenthümlich, welche nicht durch einen andern Körper zurückgehalten werden, der die Kraft hat, ihrem Einfluſſe der Schwere zu widerſtehen? Ohne Zweifel. Iſt es nicht ferner wahr, daß ohne einen Anſtoß kein Aufſteigen möglich iſt? Sehr wahr. Sie geben alſo zu, daß ich, da ich kleiner bin als Sie, Sie nur durch eine aufſteigende Bewegung erreichen kann, welche immer eine ſchwere Anſtrengung erfordert, während Sie, um zu mir zu gelangen, ſich nur gehn zu laſſen brau⸗ chen, was keine Schwierigkeit hat. Aus demſelben Grunde laufen Sie keine Gefahr, wenn Sie mir geſtatten, Ihnen ein Hemde anzuziehn; aber ich würde große Gefahr laufen, wenn ich Sie das thun ließe. Ihr zu ſchneller Fall auf mich könnte mich erdrücken. Sind Sie nun überzeugt? Ueberzeugt iſt nicht das richtige Wort, ſchöne Hebe; ich bin entzückt, außer mir. Nie, meine ſchöne Freundin, iſt ein Paradoxon mit mehr Geiſt vertheidigt worden. Ich könnte mit Ihnen ſtreiten, Ihnen Einwendungen machen, aber ich ziehe es vor zu ſchweigen, Sie zu bewundern und Sie anzubeten. Ich danke ſehr, theurer Jolas, aber keine Gnade. Welche Einwendungen könnten Sie machen? Mit großer Geſchicklichkeit haben Sie meine Größe zum Grunde der Weigerung gemacht, während Sie mir doch das Glück, Ihnen das Hemde zu wechſeln, nicht bewilligen würden, und ſelbſt, wenn ich ein Zwerg wäre. Sehr wohl, theurer Jolas, wir können uns nicht be⸗ trügen. Ich wäre glücklich, wenn der Himmel mir einen Mann wie Sie gäbe.. Warum verdiene ich nicht es zu ſein? Ich weiß nicht, wie weit uns dieſer Dialog geführt 44ℳ 81 u haben würde, wenn die ſchöne Gräfin uns nicht gemeldet hätte, daß man uns zum Mittagseſſen erwarte; ſie fügte e hinzu, ſie freue ſich zu ſehn, daß wir uns liebten. Bis zum Wahnſinn, ſagte Clementine, aber wir ſind 3* tugendhaft. t Wenn Sie tugendhaft ſind, lieben Sie ſich alſo nicht 5 bis zum Wahnſinn. Das iſt richtig, göttliche Gräſin, ſagte ich, denn der Wahnſinn der Liebe und die Tugend paſſen nicht zu ein⸗ in ander; aber wir ſind vernünftig und die Vernunft des Geiſtes läßt ſich ſehr gut mit dem Wahnſinn des Herzens vereinigen. je, Wir ſpeiſten heiter zu Mittag; darauf ſpielten wir, n, und am Abend beendeten wir den Paſtor Eido. Als wir nd damit fertig waren und über die Schönheiten dieſes rei⸗ . zenden Gedichts geſprochen hatten, fragte mich Clementine, de ob der dreizehnte Geſang der Aeneide ſchön ſei. ten Theure Gräfin, er taugt nichts, und ich habe ihn nur en, gelobt, um einem Abkömmling des Dichters zu ſchmeicheln. uf Der Verfaſſer hat indeß ein Gedicht über die Spitzbübereien 4 der Bauern gemacht, und dies iſt nicht ohne Verdienſt. de; Aber Sie ſind ſchläfrig und ich hindre Sie, ſich zu ent⸗ in, kleiden. Ich Glauben Sie das nicht.. ſen, Sie entkleidete ſich augenblicklich mit der größten Un⸗ und gezwungenheit, ohne meinem gierigen Blick die geringſte Begünſtigung zu bewilligen und legte ſich zu Bett. Ich ade. ſetzte mich neben ſie; ſie richtete ſich auf und ihre Schweſter drehte uns den Rücken zu. Der Paſtor Eido lag auf ihrem um 2 Nachttiſche, und indem ich ihn zufällig öffnete, ſtieß ich auf och die Stelle, wo Mirtill von den ſüßen Küſſen, die er von ge Amarillis empfing, ſpricht, und ich las mit dem für die Lage paſſenden Tone. Clementine ſchien mir ebenſo bewegt, be⸗ ebenſo gerührt wie ich ſelbſt, und ich preßte meinen Mund inen auf den ihrigen. Welch eine Wolluſt! Da ich bemerkte, daß meine Hebe meinen Kuß mit Entzücken einſog und da ich keine Aeußerung der Unruhe wahrnahm, ſo wollte ich XIV. 6 82 ſie gegen meine Bruſt drücken, als ſie mich mit engelhafter Milde zurückſtieß und mich bat, ſie zu ſchonen. O Die Tugend lag in den letzten Zügen. Ich bat ſie 4 um Verzeihung, nahm ihre ſchöne Hand und hauchte auf de dieſer die Gluth aus, von welcher meine Lippen verzehrt— Je wurden.— 4 Sie zittern, ſagte ſie mit dem Tone, welcher die Er⸗ 11 regung eines verliebten Herzens vermehrt. b Ja, meine göttliche Gräfin, und ich kann Ihnen ver⸗ 9 ſichern, daß ich zittre, weil ich fürchte, Ihnen mißfallen zu fu haben. Leben Sie wohl. Ich entferne mich mit dem k Wunſche, daß ich Sie weniger lieben möge. 4 Warum? Ein ſolcher Wunſch kann nur ein Anfang 8 von Haß ſein. Machen Sie es wie ich. Ich wünſche, die Liebe, welche Sie mir eingeflößt, möge in demſelben Ver⸗ 1 hältniſſe zunehmen, wie die Kraft, die ich brauche, um 11 Ihnen zu widerſtehen. Ich legte mich ſehr unzufrieden mit mir zu Bett. Ich 7S war in einer Lage, wo ich mir nicht recht klar werden ul konnte, ob ich zu viel oder zu wenig gethan; aber das war A das Wenigſte: das Weſentliche war, daß ich Reue fühlte. und dieſe Lage iſt meiner Anſicht nach die allerunangenehmſte. Ich ſah in Clementinen ein Weib, welches die höchſte ſ Achtung und die vollkommenſte Liebe verdiente; und ich ſ ſah weder, wie ich aufhören ſollte, ſie zu lieben, noch wie 3 ich darin fortfahren könnte, ohne die Belohnung zu er⸗ D warten, welche ein leidenſchaftlicher Liebhaber vom Gegen⸗ ſtande ſeiner Liebe erwartet. Wenn Sie mich liebt, ſagte 8 ich zu mir, ſo kann ſie mir das nicht abſchlagen; aber n meine Sache iſt es, ſie darum zu bitten oder ſogar ſie zu 3 zwingen, damit ſie ihre Niederlage rechtfertigen könne. fe Die Pflicht des Liebhabers iſt, die Frau, welche er liebt, f zu nöthigen, ſich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben, und p die Liebe kann das nie als ein Verbrechen betrachten. Nach dieſer Folgerung, welche ich ganz einfach in die Farbe mei⸗ 2 ner Leidenſchaft und Intereſſen kleidete, konnte mir Clemen⸗ tine nur wenn Sie mich nicht liebte, einen unbedingten Widerſtand entgegen ſetzen, und ich fühlte mich verpflichtet, 85 Sardini ſagt, Jupiter habe meine Schutzherrin aus dem Olymp verwieſen; um ſie zu rächen, ſollte ich jetzt Jupiter verweiſen. Sehr gut, mein Engel; aber ich bin Jolas, Ihr Werk. Ich bete Sie an und ſuche die mich folternde Begierde zu unterdrücken. Sie haben dieſen ſchlechten Streich mit Eleonoren ver⸗ abredet? Nein, mein Herz, es hat keine Verabredung ſtattge⸗ funden. Der Zufall hat Alles gemacht. Ich bin herge⸗ kommen, um Ihnen einen guten Morgen zu wünſchen, da ich glaubte, Sie wachten ſchon. Sie ſchliefen und Ihre Schweſter kleidete ſich an. Ich betrachtete Sie, und Eleo⸗ nore kam auf den Einfall, ich ſollte mich an ihre Stelle legen, um uns an Ihrem Erſtaunen zu weiden, wenn Sie erwachen würden. Ich muß ihr Dank für eine Idee wiſſen, welche meiner Liebe zu Gute gekommen iſt. Aber die Schönheiten, die zu ſehn ich in den Stand geſetzt wurde, übertreffen die Vorſtellung, welche ich mir davon gemacht. Wird mir die reizende Hebe ihre großmüthige Verzeihung verſagen? Nein, da der Zufall Alles gemacht hat. Aber es iſt ſonderbar, daß wenn man Jemand zärtlich liebt, man auf ſeine Perſon neugierig wird. Das iſt eine ſehr natürliche Neugierde, meine göttliche Denkerin. Die Liebe ſelbſt könnte als eine mächtige Neu⸗ gierde betrachtet werden, wenn die Neugierde ſich zum Range einer Leidenſchaft erheben ließe. Sie ſind indeß nicht neugierig auf mich. Nein, Sie gefielen mir vielleicht nicht, und dieſer Ge⸗ fahr will ich mich nicht ausſetzen, denn ich liebe Sie und freue mich der Empfindungen, welche zu Ihren Gunſten ſprechen. Ich fühle, daß das möglich iſt, und muß alſo alle meine Vortheile ſorgfältig wahrnehmen. Sie ſind alſo mit mir zufrieden? Ueber alle Beſchreibung; ich bin ein ziemlich guter Ar⸗ chitekt und finde Ihre Regelmäßigkeit göttlich. 7 “ 86 Das laſſe ich mir gefallen, mein lieber Jolas; aber rühren Sie mich nicht an. Der Anblick mag Ihnen ge⸗ nügen, um ein Urtheil darüber zu fällen. Aber das Gefühl ſoll die Irrthümer des Geſichts be⸗ richtigen; durch jenes überzeugt zman ſich von der Glätte und dem Widerſtande. Erlauben Sie mir, dieſe beiden Le⸗ bensquellen zu küſſen. Ich ziehe ſie den hundert der Ky⸗ bele vor und bin nicht eiferſüchtig auf Athys. Sie täuſchen ſich, mein Freund, denn Sardini ſagt, Diana von Epheſus habe dieſe Brüſte gehabt. Wie ſollte ich nicht lachen, wenn ich in einem ſolchen Augenblicke Clementinens Munde mythologiſche Beredtſam⸗ keit entſtrömen ſah! Darf die Liebe wohl eine ſolche Epi⸗ ſode erwarten? Soll ſie ſie fürchten oder vorherſehn? Nein, ſte iſt nicht natürlich oder wenigſtens ſehr ſelten. In der Lage, in welcher ich mich befand, wo ich mit der einen Hand einen Alabaſterbuſen drückte, mußte in Clementinen, wenn ich nicht vom Feuer der Begierde verzehrt werden ſollte, die Leidenſchaft des Wiſſens mächtiger ſein, als die Leidenſchaft der Liebe. Indeß war mir ihre Gelehrſamkeit nicht unan⸗ genehm; ſie erſchien mir vielmehr als von guter Vorbedeu⸗ tung. Ich ſagte, ſie habe Recht, und die literariſche Dank⸗ barkeit ließ es nicht zu, daß ſie meinen Mund hinderte, von einem aufblühenden Knöspchen Beſitz zu nehmen, deſſen Purpur die Spitzen der beiden alabaſternen Halbkugeln ſo ſchön krönte. Du ſaugſt vergeblich, theurer Jolas, es iſt ein un⸗ fruchtbarer Boden. Gehe zu meiner Schweſter. Aber Du verſchlingſt. Ja, aber die Quinteſſenz meines eignen Kuſſes. Vielleicht iſt auch ein Theilchen meines Weſens dabei, da Du mir ein Vergnügen bereitet haſt, wie ich es nie vorher empfunden. Theure Hebe, Du machſt mich glücklich. Das iſt ſehr möglich; aber ein Kuß auf den Mund ſcheint mir vorzuziehn. Ohne Zweifel, weil da Gegenſeitigkeit ſtattfindet. Das Vergnügen vermehrt ſich für Jeden um die Summe des Vergnügens, welches man mittheilt. Vorſchrift und Beiſpiel! Grauſamer Lehrer! Machen wir der Sache ein Ende, denn es iſt zu ſüß. Der Gott der Liebe ſieht uns zu und lacht unſrer Verwegenheit. Weshalb, theure Freundin, zögern wir noch, ihm einen Sieg zuzugeſtehn, der uns nur glüͤcklich machen kann? Dieſes Glüͤck iſt nicht ſicher. Nein, ich bitte Sie. Laſſen Sie Ihre Arme in Ruhe. Wenn Küſſe uns tödten kön⸗ nen, ſo tödten wir uns; aber brauchen wir keine andern Waffen. 4 Nach einem langen, ebenſo ſüßen, wie grauſanien Kampfe machte ſie eine Pauſe und mich mit Augen an⸗ ſehend, welche Flammen ſprühten, bat ſie mich, ſie allein zu laſſen. Die Aufregung, in welcher ich mich befand, iſt unmög⸗ lich zu beſchreiben; ich warf mir das traurige Vorurtheil vor, welches mich genöthigt, mir Zwang anzuthun, und ich weinte vor Wuth. Nachdem meine Aufregung ſich etwas gelegt, machte ich Toilette, die mir nie ſo nothwendig ge⸗ weſen war; ich kleidete mich an und ging wieder auf ihr Zimmer. Ich fand ſie mit Schreiben beſchäftigt. Es iſt mir lieb, daß Sie wiederkommen, ſagte ſte; ich fühle mich von einem Enthuſiasmus beſeelt, wie ich ihn nie empfand. Ich⸗ will den Sieg, welchen wir errungen, in Verſen beſingen. Trauriger Sieg, welchen der Gott der Liebe verabſcheut, weil er ihn beſchimpft und welchen die Natur haſſen muß. Sie ſprechen poetiſch. Schreiben wir beide, ich, um den Sieg zu feiern, Sie, um über ihn zu murren. Aber, mein Freund, Sie ſehen traurig aus. Ich leide; aber da Sie die männliche Körperbildung nicht kennen, ſo muß Ihnen der Grund unbekannt bleiben. Clementine antwortete nicht; aber ich bemerkte, daß ſie ſehr bewegt war. Ich fühlte einen dumpfen, aber grau⸗ ſamen Schmerz an demfenigen Theile, welchen ich dem Vor⸗ urtheile zu Liebe hatte gefangen halten müſſen, während die Natur und Liebe forderten, daß er völlig frei gelaſſen würde. Nur die Ruhe des Schlafs konnte das Gleichgewicht wie⸗ derherſtellen. Wir gingen zum Mittagseſſen hinunter, aber ich rührte faſt nichts an. Da ich keiner Aufmerkſamkeit fähig war, ſo hörte ich zerſtreut dem Vorleſen der Ueberſetzung zu, welche Vigi mitgebracht hatte; aber ich vergaß die Höflich⸗ keit ſo ſehr, daß ich ihm kein Compliment machte. Nach⸗ dem ich ſodann den Grafen, meinen Freund, gebeten, für mich eine Pharaobank zu legen, bat ich um die Erlaubniß, zu Bette gehen zu dürfen. Niemand konnte die Natur mei⸗ nes Unwohlſeins errathen; aber Clementine konnte ſie wohl vermuthen. Ich ſchlief vier Stunden, worauf ich aufſtand und in terze rime nach Dantes Manier die Geſchichte der Krank⸗ heit niederſchrieb, welche der traurige Sieg mir zugezogen. Zur Zeit des Abendeſſens brachte mir Clementine in Begleitung eines Bedienten kalte Küche, und meldete mir, daß die Bank gewonnen habe. Es war dies das erſtemal, denn ich hatte immer ſo abgezogen, daß die Bank verlieren mußte. Ich ſpeiſte mit ziemlich gutem Appetite zu Abend, war aber traurig und ſtill. Als ich fertig war, wünſchte mir Clementine einen guten Abend und ſagte, ſie wolle die Arbeit fortſetzen. Ich war im Zuge; da ich von meinem Gegenſtande erfüllt war, ſo endigte ich mein Gedicht und ſchrieb es ins Reine, ehe ich mich zu Bett legte. Clementine beſuchte mich am folgenden Tage frühzeitig und zeigte mir ihre Arbeit, welche ich mit Vergnügen las; aber das, welches ich ihr durch meine Lobeserhebungen verurſachte, war wenigſtens ebenſo groß wie das meinige. Nachdem ich die Schönheit ihrer Gedanken hinlänglich hervorgehoben, kam die Reihe an mein Gedicht, und ich be⸗ merkte bald, welchen tiefen Eindruck die Schilderung meiner Leiden auf ſie machte. In ihren ſchönen Augen ſtanden dicke Thränen, und ihre Blicke ſprühten zärtliche Blitze. Zu meiner Freude ſagte ſie am Ende, wenn ſie dieſen Theil der Phyſik gekannt hätte, würde ſie ſich anders benommen haben. 4 6 1 1 1 N 4 1 d. —— Nachdem ich eine Taſſe Chokolade mit ihr getrunken, bat ich ſie, ſich unentkleidet neben mich zu legen, und mich ſo zu behandeln, wie ich ſie am vorigen Tage behandelt, um ſich von dem Martyrium zu überzeugen, welches ich in meinen Verſen beſungen. Sie lächelte und ergab ſich mei⸗ nen Bitten, aber unter der Bedingung, daß ich nichts gegen ſie unternähme. Dieſe Bedingung war grauſam; aber es war doch ein Anfang von Sieg, und ich mußte mich unterwerfen; ich hatte keine Urſache über meine Unterwerfung zu klagen, denn ich genoß den Despotismus, welchen ſie gegen mich übte, und ich freute mich des unangenehmen Gefühls, wel⸗ ches ſie darüber empfinden mußte, daß ich nicht einen eben ſolchen Despotismus gegen ſie ausübte, und daß ihre Augen den Anblick der Schätze entbehren mußten, welche ſie in ihrem Beſitze hatte. Vergeblich forderte ich ſie auf, ſich zu be⸗ friedigen, ihren Begierden nichts zu verſagen; aber ſie behauptete, ſte wünſche nichts weiter, als was ſie thue. Unmöglich, ſagte ich, kann Ihr Vergnüͤgen in dieſem Augenblicke dem mei⸗ nigen gleichkommen. Aber ihr ſpitzfindiger Geiſt ließ ſie nie ohne Antwort. Dann, entgegnete ſie, hätten Sie keinen Grund, ſich zu beklagen. Die Prüfung war indeß zu ſtark geweſen, um nicht entſcheidend zu werden. Als ſie mich verlicß, war ſie Feuer und Flamme, und nachdem ſie mir einen jener Küſſe ge⸗ geben, welche allen Zweifeln ein Ende machen, entfernte ſie ſich mit der Aeußerung, ſie ſei überzeugt, daß man in der Liebe alles oder nichts thun müſſe. Wir verbrachten den Tag mit Leſen, Eſſen, Spatzieren⸗ gehn, heitren, zweideutigen und ernſten Reden; aber ich be⸗ merkte nicht, daß die Liebe ſo große Fortſchritte gemacht, wie die Probe vom Morgen zu verſprechen geſchienen hatte. Sie wollte das Gegenſtück zu Ariſtipps Aeußerung bilden, der von Lais ſagte: Ich beſitze ſie, aber ſie beſitzt nicht mich; ſie wollte Herrin über mich ſein, aber mich nicht Herr über ſich ſein laſſen. Ich beklagte mich auf eine ſanfte Weeiſſe, kam aber dadurch nicht weiter. Zwei oder drei Stunden darauf bat ich ſie in Gegen⸗ — 90 wart ihrer Schweſter, mich bei ſich liegen zu laſſen. Solche Auskunftsmittel ſchlägt man einer Nonne, einer Witwe, einem mannbaren Mädchen vor, welches aus Furcht vor den Folgen nicht lieben will; und dieſes Mittel glückt faſt im⸗ mer, wenn derjenige, der es vorſchlägt, geliebt wird. Ich zog ein Päckchen feiner engliſcher Ueberzieher aus der Taſche, und erklärte ihr den von denſelben zu machenden Gebrauch. Sie nahm ſie, betrachtete ſie aufmerkſam, und nachdem ſie ſehr darüber gelacht, rief ſie aus, dieſelben ſeien abſcheulich, ekelhaft, anſtößig, und ihre Schweſter ſtimmte ein. Ver⸗ geblich ſuchte ich dieſe Vorwürfe durch die Beruhigung, welche ſie verſchafften, zu entkräften; ſie behauptete, fie wären nicht ſicher, könnten leicht zerreißen, und um mich deſto beſſer zu überzeugen, ſtieß ſie mit dem Finger ſo hef⸗ tig in eins hinein, daß es zerriß. Nun mußte ich mich wohl ergeben und die Sachen wieder einſtecken; ſie äußerte noch, dies Mittel ſei ihr zuwider. Nachdem ich ihnen eine gute Nacht gewünſcht, ent⸗ fernte ich mich etwas beſchämt; als ich ſodann an Elemen⸗ tinens ſonderbaren Widerſtand dachte, ſo gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß ich ihr nicht genug Liebe eingeflößt, und ich beſchloß nun dieſelbe durch das unfehlbare Mittel zu ſteigern, indem ich ihr neue Vergnügungen verſchaffte und dabei kein Geld ſchonte. Ich wußte nichts Beſſres, als die ganze Familie nach Mailand zu führen und ihr bei mei⸗ nem Paſtetenbäcker ein prachtvolles Banket zu bereiten. Ich werde, ſagte ich zu mir ſelbſt, die ganze Familie hinführen, und ihr nicht eher etwas davon ſagen, als bis wir unter⸗ wegs ſind, denn wenn ich von Malland ſpräche, könnte mein Freund ſich verpflichtet glauben, ſeine Spanierin davon in Kenntniß zu ſetzen, um ihr ihre Schwägerinnen vorzu⸗ ſtellen, was mir höchſt unangenehm geweſen ſein würde. Dieſe Partie mußte meiner Anſicht nach verführeriſch für die drei Schweſtern ſein, welche Mailand nie geſehn hatten, und indem ich mich allmählich durch meine Phantaſie ver⸗ führen ließ, beſchloß ich, dieſe Partie mit allem Glanze aus⸗ zuſtatten, der ſich mit meinen Zwecken vereinigen ließ. Als ich erwacht war, ſchrieb ich an Zenobia, ſie möge 91 drei Kleider von den ſchönſten Lyoner Stoffen, für drei junge Damen von Stande, kaufen. Ich ſchickte ihr die Maaße und bezeichnete ihr genau, wie die Kleider beſetzt werden ſollten. Das, welches ich der Gräfin Mutter ſchenkte, ſollte von Atlas, mit einem reichen Beſatze Valencienner Spitzen ſein. Ich legte zu meinem Briefe eine Bitte an Herrn Greppi, ihr einen Mann zu geben, der Alles, was ſie kaufen würde, bezahlte. Ich beauftragte ſte, die drei Kleider in meine Privatwohnung zu bringen, ſte auf mein Bett zu legen, und eine Einlage an den Paſtetenbäcker ab⸗ zugeben. In dieſem Billet beſtellte ich ein Eſſen für acht Perſonen, bei welchem keine Koſten geſpart werden ſollten Zenobia ſollte an jenem Tage bei dem Paſtetenbäcker ſein, um die drei Damen, welche mit mir kommen würden, zu bedienen. Clairmont beauftragte ich heimlich, meinen Brief nach Mailand zu bringen. Clairmont war vor dem Mittagseſſen zurück mit einem Billet von Zenobia, welche mir die Verſicherung gab, daß Alles nach meinem Wunſche geſchehn ſolle; ſodann ſagte ich zur Gräfin beim Deſſert, ich wünſche ihr ein Mittagseſſen in demſelben Geſchmacke wie in Lodi zu geben, aber unter zwei Bedingungen: erſtlich, daß Niemand erführe wo, bis wir im Wagen ſäßen, und ſodann, daß wir nach dem Eſſen gleich wieder in den Wagen ſtiegen, um in San Angelo zu ſchlafen. Des Anſtands wegen blickte die Gräfin, ehe ſte ant⸗ wortete, ihren Mann an; dieſer ließ ſich nicht bitten, ſon⸗ dern ſagte, er ſei bereit, wenn ich auch die ganze Familie entführen wollte. Wolan! ſagte ich zu ihm, wir wollen morgen um acht Uhr abfahren, und Sie brauchen für nichts zu ſorgen. Die Wagen ſollen bereit ſein. Ich glaubte den guten Kanonikus nicht von der Partie ausſchließen zu duͤrfen, theils, weil er der Gräfin Ambroſto fleißig den Hof machte, theils, weil er ein ſtarker Spieler geworden war und vermöge ſeiner täglichen Verluſte eigent⸗ lich die Koſten beſtritt. Er verlor noch an dieſem Abend dreihundert Zechinen, und mußte ſich drei Tage Zeit zur 92 Bezahlung von mitn erbitten. Ich erwiederte ihm, mein ganzes Vermögen ſtehe ihm zu Dienſten. Als die Geſellſchaft ſich trennte, bot ich meiner Hebe die Hand und begleitete ſte mit ihrer Schweſter auf ihr Zimmer. Wir hatten angefangen, Fontenelle's Mehrheit der Welten zu leſen, und ich glaubte, wir würden weiter leſen, ehe wir zu Bett gingen; als ich aber dieſen Vor⸗ ſchlag machte, ſagte Clementine, da ſie früh aufſtehen müſſe, wolle ſite zu Bett gehn. Sie haben Recht, theure Hebe, gehn Sie zu Bett und währenddeſſen werde ich Ihnen vorleſen. Da ſie keinen Einwand machte, ſo nahm ich den Arioſt und las ſo gut ich konnte, die Geſchichte von der ſpaniſchen Prinzeſſin, welche ſich in Bradamante verliebte. Als ich dieſe reizende Ge⸗ ſchichte beendet hatte, glaubte ich, Clementine wäre feurig geworden; aber ich irrte mich; ſie war düſter, ebenſowohl wie ihre Schweſter Eleonore. Was fehlt Ihnen, mein Herz? Hat Ihnen Ricciardetto vielleicht mißfallen? Im Gegentheil, er hat mir ſehr gefallen, und an der Stelle der Prinzeſſin würde ich es ebenſo gemacht haben; aber wir werden dieſe Nacht nicht ſchlafen, und Sie ſind die Urſache. Was habe ich denn gethan? Nichts, aber Sie könnten uns glücklich machen und uns einen großen Beweis Ihrer Freundſchaft geben. Sprechen Sie? Um was handelt es ſich? Ich bin be⸗ reit, Alles, was in meiner Macht ſteht, fuͤr Sie zu thun. Mein Leben, ſogar mein Wille gehört Ihnen. Sie ſollen ſchlafen. Wolan, ſo ſagen Sie uns, wohin wir morgen gehn. Habe ich Ihnen nicht geſagt, ich würde es Ihnen im Augenblicke der Abreiſe ſagen? Ja, aber das genügt uns nicht. Wir können der Be⸗ gierde, es heute zu erfahren, nicht widerſtehn; wir werden nicht ſchlafen, morgen den ganzen Tag verſtimmt ſein und abſcheulich ausſehn. Das thut mir leid, aber ich zweifle, ob es Ihnen mög⸗ lich ſein wird, abſcheulich auszuſehn. —— —— A—=n———,————,—, —,——,,. 95 Nach Mailand! Nach Mailand! wiederholten alle Gäſte, indem ſie Bravo riefen. Clairmont ritt auf einem guten Pferde voraus, und wir fuhren ab. Clementine ſpielte die Erſtaunte, aber ihre Schweſter ſah freudeſtrahlend und etwas überraſcht aus, als ob ihr das unerwartete Ereigniß Stoff zum Nachden⸗ ken gäbe. Da wir nun Muße hatten, darüber zu plaudern, ſo bemerkte ich bald, daß die Sorgen verſchwunden waren, und Alle zeigten eine ſehr heitre Stimmung. Auf halbem Wege hielten wir in einem Dorfe an, um die Pferde Athem ſchöpfen zu laſſen, und Alle ſtiegen aus. Ich bezweifelte einigermaßen, daß die Partie dem Gra⸗ fen, meinem Freunde, ebenſo angenehm, wie den Andern ſei; aber zu meiner Freude ſah ich, daß Alle zufrieden waren und ſich in ihr Schickſal ergaben. Was wird meine Frau ſagen? ſagte der Graf. Nichts, denn ſie wird nichts erfahren, und in jedem Falle werde ich der alleinige Schuldige ſein. Sie werden bei mir ſpeiſen, in einem Zimmer, welches ich incognito in Mailand bewohne, denn Sie werden wohl einſehn, daß die Wohnung bei Ihnen mir nicht genügen konnte. Und Zenobia? Sehr wohl, mein Lieber, Zenobia iſt ein herrlicher Fund; aber ſie konnte nicht mein tägliches Brot ſein. Sie ſind ein glücklicher Sterblicher! Ich ſuche glücklich zu ſein. Mein lieber Mann, ſagte die Gräfin Ambroſio, ſeit zwei Jahren beabſichtigſt Du, mir Mailand zu zeigen. Der Herr hat nur eine Viertelſtunde ſich mit dem Plane be⸗ ſchäftigt, und wir ſind ſchon unterwegs. Das iſt wahr, theure Freundin, aber ich wollte, daß wir einen Monat in Malland bleiben ſollten. Wenn Sie einen Monat daſelbſt bleiben wollen, ſagte. ich, ſo übernehme ich Alles. Ich danke Ihnen, mein werther Herr, Sie ſind ein außerordentlicher Menſch. Herr Graf, Sie erweiſen mir weit mehr Ehre als ich 4 r. f. 2 7. M. 4 f. C. 4 4 96 verdiene. Ich habe weiter keine außerordentliche Eigenſchaft, als daß ich, was wirklich leicht iſt, auch leicht finde. Das iſt möglich; aber Sie werden zugeben, daß die Schwierigkeiten aus dem Geſichtspunkte, von welchem aus man die Sachen betrachtet, oder aus der Stellung, in der man ſich befindet, hervorgehn. Das gebe ich zu. Als wir wieder in den Wagen geſtiegen waren, ſagte die Gräfin zu mir: Geben Sie zu, Herr Chevalier, daß Sie ein glücklicher Menſch ſind. Ich ſtelle es nicht in Abrede, liebenswürdige Gräfin, aber mein Glück hängt von der Geſellſchaft ab; wenn Sie mich aus der Ihrigen vertreiben, bin ich unglücklich. Sie ſind nicht dazu gemacht, um vertrieben zu werden. Das iſt ein freundliches Compliment. Sagen Sie ein wahres. Es iſt mir lieb, daß Sie es ſagen; wenn ich es aber ſelbſt ſagte, würde man mich anmaßender Geckenhaftigkeit beſchuldigen müſſen. So erheiterten wir die Fahrt durch liebenswürdige und galante Geſpräche, beſonders auf Koſten des Kanonikus, der die Gräfin gebeten, ſich bei mir zu verwenden, daß er ſich eine halbe Stunde entfernen dürfe. Ich habe, hatte er ge⸗ ſagt, einer Dame einen Beſuch zu machen, in deren Augen ich rettungslos verloren ſein würde, wenn ſie erführe, daß ich in Mailand geweſen, ohne ihr einen Beſuch zu machen. Sie müſſen, hatte die liebenswürdige Dame geantwor⸗ tet, ſich der gemeinſamen Bedingung unterwerfen; rechnen Sie alſo nicht auf meine Verwendung. Wir trafen Punkt zwölf Uhr in Mailand ein und ſtie⸗ gen vor dem Hauſe des Paſtetenbäckers ab. Die Frau bat die Gräfin, ihr ihren Säugling anzuvertrauen und um ihren Widerſtand zu überwinden, zeigte ſie ihr einen herxliche NM,o 1 ür ihre Forderung ſprach. Dieſe Scene der Gaſtfreundlichkeit ereignete ſich uße einer Treppe, und die Gräſin nahm das Anerbieten mit einer An⸗ muth und Würde an, welche mich bezauberten. Es war eine köſtliche Epiſode, welche der Zufall herbeigeführt hatte, ft⸗ die us der 4 97 um das meinem Genius entſprungene Stück zu verſchönern. Alle waren glücklich, aber ich mehr als alle Andern, und ich fühlte es. Das Glück an und für ſich iſt eine Sache der bloßen Phantaſie. Um glücklich zu ſein, muß man ſich für glücklich halten, ich gebe indeß zu, daß die Umſtände, welche den Geiſt in die geeignete Stimmung verſetzen, um dies zu glauben, oft nicht von uns abhängen, obwohl die ungünſtigen Umſtände gewöhnlich das Produkt unſerer Werke ſind. Die Gräfin nahm meinen Arm, und ich führte die Geſellſchaft in meine Wohnung, welche von Reinlichkeit ſtrahlte. Zenobia war da, wie ich erwartete; aber zu mei⸗ nem angenehmen Erſtaunen ſah ich neben ihr Croce's Ge⸗ liebte, die ſchön wie die Liebesgöttin war, die ich aber nicht zu kennen ſchien. Sie war ſehr gut angezogen, und ihr Geſicht, welches nicht mehr den früheren Ausdruck der Traurigkeit trug, hatte etwas ſo Verführeriſches, daß ich nach dem erſten Eindrucke, den ein ſchöner Kopf beſtändig auf mich gemacht hat, bedauerte, ſie jetzt bei mir zu ſehn. Das ſind zwei hübſche Mädchen, ſagte die Gräſin Mut⸗ ter. Wer ſind Sie, meine Damen? Wir ſind, ſagte Zenobia, die ganz ergebenen Dienerin⸗ nen des Herrn Chevalier und ſind hierher gekommen, um die Ehre zu haben, Sie zu bedienen. Zenobia hatte es auf ſich genommen, die ſchöne Mar⸗ ſeillerin mitzubringen, welche anfing italiäniſch zu ſprechen, und welche mich mit unſicherem Blicke betrachtete, weil ſie fürchtete, ich könnte es übel nehmen, daß ſie ohne meinen Befehl gekommen. Ich glaubte, ſie beruhigen zu müſſen und ſagte zu ihr, es ſei mir ſehr lieb, daß ſie Zenobia be⸗ gleitet. Dieſe Worte waren Balſam für ihr Herz; ihre Stirn wurde heiter, und ihr Geſicht erhielt einen neuen Glanz. Dieſe junge und ſchöne Perſon konnte nicht lange unglücklich bleiben, denn man konnte ſie nicht ſehen, ohne die lebendigſte Theilnahme für ſie zu fühlen. Ein von der „Hand der Grazien auf die Stirn der Schönheit geſchriebe⸗ nes Empfehlungsſchreiben wird nie proteſtirt, denn wer Au⸗ gen und Herz hat, bezahlt nach Sicht. XIV. ———— 2 98 Meine ſehr ergebenen Dienerinnen nahmen die Mäntel der drei Damen und folgten ihnen in mein Schlafzimmer, wo die drei Kleider auf einem Tiſche ausgebreitet lagen. Ich kannte nur das mit Spitzen beſetzte Atlaskleid, weil ich nur dieſes angegeben hatte. Die Gräfin, welche ihren bei⸗ den Schweſtern vorausging, bemerkte es zuerſt und ſagte nähertretend: Welch ſchönes Kleid. Wem gehört es Herr von Seingalt? Sie müſſen es wiſſen. Ohne Zweifel, Madame. Es gehört Ihrem Gemahle, welcher damit machen kann, was er will. Ich hoffe, daß er es Ihnen ſchenken und Sie ihm nicht die Schmach an⸗ thun werden, es zurückzuweiſen, denn ich jage mir eine Ku⸗ gel durch den Kopf, wenn Sie mir nicht die Ehre erweiſen, es anzunehmen. Wir lieben Sie zu ſehr, um Sie zur Verzweiflung treiben zu wollen. Dieſer Zug iſt eben ſo edel wie neu; er iſt Ihrer würdig. Ich nehme alſo Ihr ſchönes Geſchenk mit der einen Hand und gebe es mit der andern, wem es gebührt; denn ich ſpiele bei dieſer Gelegenheit die Rolle eines Reflektirſpiegels. Wie! theurer Freund, dieſes prachtvolle Kleid gehört mir! Wem ſoll ich danken! Allen beiden. Ich werde es un⸗ bedingt zum Eſſen anziehn. Die beiden andern Kleider waren nicht ſo reich, aber glänzender, und ich freute mich, als ich die Augen meiner Cle⸗ mentine auf das längſte gerichtet ſah. Eleonore bewunderte ebenfalls dasjenige, welches für fie beſtimmt war. Das erſtere war von prächtigem apfelgrünem und roſa geſtreiftem Atlas und mit ſehr geſchmackvollen Blumen beſetzt; das zweite war von himmelblauem Atlas, mit Sträußen von Tauſendſchönchen und einer Garnitur von Mignonnettſpitzen, welche einen ſehr ſchönen Eindruck machte. Zenobia ſagte zu Clementinen, das erſtere ſei für ſie. Woher wiſſen Sie das?— Fräulein, es iſt das längſte und Sie ſind die größte. Das iſt richtig. Es gehört alſo mir? fragte ſie, ſich zu mir wendend. Wenn ich hoffen darf, daß Sie es annehmen. ᷣS— X½— ⁸ Aͤͤ—- 99 Sie duͤrfen nicht zweifeln, Jolas, und ich werde es ſo⸗ gleich anziehn. Eleonore ſagte, das ihrige ſei ſchöner, und ſie vergehe vor Luſt, ſich damit zu ſchmücken. Gut! gut! rief ich ganz glücklich aus. Wir laſſen Sie allein, damit Sie ſich nach Ihrer Bequemlichkeit an⸗ kleiden können. Dieſe beiden Damen ſind da, um Sie zu bedienen. Ich ging mit den beiden Brüdern und dem Kanonikus hinaus, und ich bemerkte, daß ſie etwas verdutzt ausſahen. Ohne Zweifel dachten ſie über die Verſchwendung eines Spielers nach, dem das Geld nichts koſtet. Ich bemühte mich nicht, ſie zum Sprechen zu bewegen, denn meine Lei⸗ denſchaft war es nun einmal in Erſtaunen zu ſetzen, und ihr Erſtaunen war mir angenehm. Ich gebe zu, es war dies ein Gefühl zügelloſer Eigenliebe, welches mich über alle diejenigen, die mir nahe kamen, erhob, oder ich glaubte es wenigſtens, und das genügte mir. Ich hätte diejenigen ver⸗ achtet, welche gewagt hätten, mir zu ſagen, man mache ſich über mich luſtig, und vielleicht hätte man mir damit doch nur die Wahrheit geſagt. Da ich von einer wirklichen Freude beſeelt war, ſo theilte ich ſie bald meinen Gäſten mit. Ich umarmte den Grafen auf eine herzliche Weiſe und bat ihn um Verzei⸗ hung, daß ich ſeiner Familie dieſe kleinen Geſchenke zu ma⸗ chen gewagt, ich dankte ferner ſeinem Bruder, daß er mir die Mittel dazu geboten, indem er mir zu ihrer Bekannt⸗ ſchaft verholfen. Ich bin, ſagte ich, bei Ihnen ſo gut auf⸗ genommen worden, daß ich mir nicht das Vergnügen habe verſagen können, Ihnen einigermaaßen meine Dankbarkeit zu erkennen zu geben. Die ſchönen Gräfinnen erſchienen bald darauf glänzend in Putz und Freude. Sie müſſen uns durchaus haben Maaß nehmen laſſen, fagten ſie: aber wir wiſſen nicht wie. Das Komiſche dabei iſt, ſagte die älteſte, daß mein Kleid nöthigenfalls weiter gemacht werden kann, ohne daß die Form geändert zu werden brauchte. Aber welch herrlicher Beſatz! Er iſt viermal mehr werth als das Kleid. . 7* Clementine konnte nicht vom Spiegel wegkommen. Sie glaubte, durch die rothe und grüne Farbe habe ich ihr die Attribute der jungen Hebe geben wollen. Ihre Schweſter fuhr fort zu behaupten, daß ihr Kleid das ſchönere ſei. Entzückt über die Zufriedenheit meiner ſchönen Gäſte ſetzte ich mich mit ihnen zu Tiſch, und wir hatten alle einen vortrefflichen Appetit. Wir hatten ein ausgezeichnetes Mahl von Fleiſch⸗ und Faſtenſpeiſen. Alles war ausge⸗ ſucht, aber die Krone bildete eine große Schüſſel mit Au⸗ ſtern aus dem Arſenal von Venedig, welche mein Paſteten⸗ bäcker dem Haushofmeiſter des Herzogs von Modena weg⸗ gekapert hatte. Sie ſchmeckten uns herrlich. Wir ver⸗ ſpeiſten dreihundert, denn die Damen waren lecker und der Kanonikus unerſättlich, und wir befeuchteten ſie mit einer Menge Champagner. Wir blieben drei Stunden bei Tiſch, um die Wette trinkend, lachend, ſcherzend, denn wir waren Alle heiter geſtimmt und wir wurden fortwäh⸗ rend von meinen ergebenen Dienerinnen bedient, deren Reize mit denen der Damen, die ſie bewunderten, wetteifern konnten. Gegen Ende des Mahls trat die Paſtetenbäckerin mit offnem Buſen ein; ſie ſah fröhlich aus und reichte der Gräfin das Püppchen, welches ſich an ihrer Bruſt feſthielt. Es war ein wahrer Theatercoup. Die Freude der liebens⸗ würdigen Mutter äußerte ſich in einem frohen Ausrufe, als ſie ihr Kind erblickte, und die Paſtetenbäckerin ſchien ſtolz, daß ſie vier Stunden lang den einzigen Sprößling einer alten Familie beſeſſen. Man weiß, daß die Phantaſie, welche auf die Männer ſo ſtark wirkt, daß man ſie für die Schöpferin des Genies halten könnte, auf die Frauen einen Einfluß hat, der ſich gar nicht würdigen läßt. Wer kann wohl dafür ſtehen, daß dieſe Frau, die einfach und gut war, wie es im Allgemeinen alle Frauen aus dem Volke ſind, wenn Laſter oder Elend ſie nicht ent⸗ würdigen und entſittlichen,— wer kann wiſſen,— ſage ich, ob die Paſtetenbäckerin nicht ihre eigne Frucht zu adeln glaubte, indem ſie ihren Buſen einem jungen Grafen reichte? 101 Solche Ideen ſind ohne Zweifel thöricht, aber gerade das Volk nimmt dieſelben an. Wir tranken noch eine Stunde lang Kaffee und Punſch; worauf die Gräfinnen ihr Morgenkoſtüm wieder anzogen. Zenobia legte die drei Kleider in den Kaſten und ließ ſie auf den Kutſcherſitz des Wagens ſchaffen. Die Geliebte Croce's fand Gelegenheit, mir unter vier Augen zu ſagen, daß ſie mit Zenobia ſehr zufrieden ſei und fragte mich, wann wir unſre Reiſe antreten würden. Sie werden, ſagte ich, indem ich ihr die Hand drückte, ſpäteſtens vierzehn Tage nach Oſtern in Marſeille ſein. Zenobia, welche ich gleich anfangs bei Seite genom⸗ men und befragt, hatte zu mir geſagt, die junge Mar⸗ ſeillerin ſei eine Perſon vom liebenswürdigſten Charakter, ſo wie ſehr vernünftig, und ſie werde ſie nur ſehr ungern ſcheiden ſehn. Ich gab ihr zwölf Zechinen, um ihr für die Mühe zu danken, welche ſie ſich gegeben. Da ich mit Allem zufrieden war, ſo bezahlte ich dem braven Paſtetenbäcker eine ſtarke Rechnung, und ich bemerkte, daß wir etwa zwanzig Flaſchen Champagner geleert. Aller⸗ dings hatten wir faſt keinen andern Wein getrunken, da die drei Damen denſelben vorzogen. Ich liebte, ich wurde geliebt, ich war geſund, ich hatte viel Geld, ich verſchwendete es zu meinem Vergnügen und war glücklich. Ich bekannte mir das gern, und lachte da⸗ bei über die dummen Moraliſten, welche behaupten, es gebe auf Erden kein wahrhaftes Glück. Und gerade das Wort auf Erdennerregt meine Heiterkeit, als ob man jenes auch anderwärts ſuchen könnte: Mors ultima linea rerum est. Ja, der Tod iſt die letzte Linie im Buche des Lebens; er iſt das Ende von Allem, weil mit dem Tode der Menſch aufhört, Sinne zu haben; ich bin aber weit entfernt zu be⸗ haupten, daß der Geiſt daſſelbe Schickſal wie die Materie habe. Man darf nur behaupten, was man poſitiv wiſſen kann, und der Tod muß mit den letzten Grenzen des Mög⸗ lichen beginnen. Ja, Ihr trübſeligen und unklugen Moraliſten, es giebt Glück auf Erden, viel Glück, und Jeder hat ſeinen Theil 102 daran. Es iſt nicht von Dauer; es vergeht, entſteht wie⸗ der und vergeht von Neuem vermöge des der Natur jedes geſchaffenen Weſens inwohnenden Geſetzes der Bewegung, der ewigen Umwälzung der Menſchen und der Dinge; und vielleicht iſt die Summe der Uebel, die natürliche Folge unſrer geiſtigen und körperlichen Unvollkommenheit, größer als die Summe des Glücks für jedes Individuum. Alles das iſt möglich; aber daraus folgt nicht, daß es nicht Glück, und zwar recht viel Glück, gebe. Gäbe es kein Glück auf Erden, ſo wäre die Schöpfung eine Ungereimt⸗ heit und Voltaire hätte Recht gehabt, unſern Planeten die Latrine des Weltalls zu nennen, ein ſchlechter Witz, wel⸗ cher nur eine Abgeſchmacktheit ausdrückt oder vielmehr nichts ausdrückt, wenn nicht etwa einen Ausbruch philoſophiſcher Grillen. Ja, es giebt Glück und viel Glück, das wieder⸗ hole ich heute, wo ich nur noch die Erinnerung daran kenne. Diejenigen, welche das, was ſie beſitzen, mit Unbe⸗ fangenheit zugeſtehn, ſind werth es zu beſitzen; die Un⸗ würdigen ſind diejenigen, welche es verläugnen, während ſie es genießen, und diejenigen, die es ſich verſchaffen können, es aber vernachläſſigen. In beiden Beziehungen habe ich mir keinen Vorwurf zu machen. Es war ſieben Uhr, als wir meine hübſche Wohnung verließen, um nach dem Schloſſe des Grafen zurückzukehren, wo wir gegen Mitternacht anlangten; die Fahrt ſchien uns kurz, weil ſie unterhaltend war. Der Champagner, der Punſch und das Vergnügen hatte meine beiden ſchönen Gefährtinnen erwärmt, und unter dem Schutze der Abend⸗ dämmerung konnte ich mir glückliche Zerſtreutheiten erlau⸗ ben, welche ſie nicht übel nahmen; aber ich liebte Clemen⸗ tine zu ſehr, um den Spaß mit ihrer Schweſter zu weit zu treiben. Als wir aus dem Wagen geſtiegen waren, wünſchten wir uns eine gute Nacht, und Alle gingen auf ihre Zimmer, ich ausgenommen, denn ich verlebte mit Clementinen Stunden jener köſtlichen Wolluſt, deren Erinnerung nie erliſcht. Glaubſt Du, ſuͤßer Freund, ſagte das herrliche Mädchen, —ͤ——— N n u 8 „ 2 7 ich nach Deiner Abreiſe werde glücklich leben können? Meine liebe Hebe, ich weiß, daß wir die erſten Tage beide unglüͤcklich ſein werden, aber allmählig werden wir wieder ruhig werden, und die Philoſophie wird, ohne die Liebe zu vernichten, unſre Betrübniß zu einer ſüßen machen. Eine ſüße Betrübniß! Ich glaube nicht, daß die Phi⸗ loſophie ein ſolches Wunder hervorbringen kann. Ich weiß wohl, liebenswürdiger Sophiſt, daß Du Dich leicht bei Deinen Fräuleins tröſten wirſt. Uebrigens halte mich nur nicht für eiferſüchtig. Ich würde mich ſelbſt verabſcheuen, wenn ich mich eines ſolchen gemeinen Gefühls fähig hielte; aber ich würde mich auch verachten, wenn ich, um mich zu tröſten, dieſelben Mittel anwendete, die Du ohne Zweifel anwenden wirſt. Es würde mich aufs Höchſte betrüben, wenn Du einen ſolchen Gedanken hätteſt. Er iſt natürlich. Vielleicht. Die von Dir ſogenannten Fräuleins ſind nicht gemacht, um Dich zu erſetzen und können mich nicht beſchäftigen. Die größte der beiden iſt die Frau eines Schneiders und die andre iſt eine junge achtbare Perſon, die nach ihrer Heimath zu geleiten ich mich erboten habe, von welcher ein Unſeliger ſie entführt, nachdem er ſie ver⸗ führt. Du wirſt in Zukunft und bis zu meinem Tode die einzige Frau bleiben, welche über mein Herz herrſcht; und wenn es mir begegnet, daß ich verlockt durch die Sinn⸗ lichkeit, einen Gegenſtand, welcher mich verführt hat, in meine Arme ſchließe, ſo wird die Reue Dich wegen einer Untreue rächen, bei welcher meine Seele unbetheiligt iſt. Ich bin ſicher, daß ich nie eine derartige Reue fühlen werde. Aber ich begreife nicht, wie Du, wenn Du mich ſo liebſt wie ich Dich liebe, wenn Du mich in Deinem Beſitze haſt und mich in Deine Arme drückſt, an die Möglichkeit denken kannſt, mir untreu zu werden. Ich glaube nicht an ſie, mein Engel, aber ich ſetze ſie voraus. daß . —— ͤſſ11—— 104 In dieſem Falle ſehe ich keinen großen Unterſchied zwiſchen Glauben und Vorausſetzen. Was war auf dieſe Einwendungen zu antworten? Clementine hatte Recht, obwohl ſie ſich täuſchte, aber ihr Irrthum entſprang aus ihrer Liebe. Die meinige war nicht ſo feurig, daß ſie die möglichen, oder vielmehr nothwen⸗ digen Treuloſigkeiten nicht hätte vorherſehn ſollen. Aber wenn meine Leſer in gleicher Lage geweſen ſind, wie es für den größten Theil derſelben ausgemacht iſt, werden ſie wiſſen, welche Verlegenheit ſolche Aeußerungen im Munde einer ſchönen Frau bereiten, die man für immer glück⸗ lich machen möchte. Der Scharffinnigſte bleibt ſtecken und hat keine andre Antwort als Küſſe und Thränen. Willſt Du mich mitnehmen? fragte ſie mich; ich bin bereit, Dir zu folgen und werde glücklich werden. Wenn Du mich liebſt, mußt Du Dich über Dein eignes Glück freuen. Machen wir uns glücklich, theurer Freund. Ich kann Deine Familie nicht entehren! Du hältſt mich alſo nicht werth, Deine Frau zu werden? Du biſt eines Thrones werth, und ich bin nicht werth, ein ſo vollendetes Weib zu beſitzen. Erfahre, daß ich nichts auf der Welt habe als mein Geld, deſſen ich morgen ver⸗ luſtig gehen kann. Ich allein fürchte Widerwärtigkeiten nicht; aber ich würde mich tödten, wenn ich Dein Schickſal mit dem meinigen vereinigt hätte und Dich darben ſehen müßte. Weshalb glaube ich wohl, daß Du mit mir nie un⸗ glücklich, ſondern nur glücklich werden kannſt? Deine Liebe gleicht nicht der meinigen, wenn Du weniger Zutrauen zu ihr haſt als ich. Mein Engel, wenn ich weniger Zutrauen habe als Du, ſo beſitze ich auch eine grauſame Erfahrung, welche Du nicht haſt, und dieſe läßt mich für die Zukunft zittern. Die erſchreckte Liebe verliert an Stärke, was ſie an Ver⸗ nunft gewinnt. Ein grauſamer Grund! Wir müſſen uns alſo zur Trennung entſchließen. ———— 105 Es iſt nöthig, mein Herz, eine grauſame Nothwen⸗ digkeit, aber mein Herz wird bei Dir bleiben. Wenn ich auch reiſe, ſo werde ich Dich doch fortwährend anbeten, und wenn mir das Glück in England günſtig iſt, wirſt Du mich im nächſten Jahre hier wiederſehn. Ich werde ein Gut kaufen, wo Du willſt, und es Dir an unſerm Hoch⸗ zeitstage ſchenken; unſre Kinder und die ſchönen Wiſſen⸗ ſchaften ſollen unſre Freude bilden. O welche angenehme Zukunft! Welcher Traum! Wa⸗ rum kann ich nicht ſo träumend einſchlafen und erſt an dem Tage erwachen, wo er in Erfüllung gehen ſoll, oder beim Erwachen ſterben, wenn er nicht in Erfüllung gehen ſoll. Aber was wirſt Du thun, mein Freund, wenn Du mich ſchwanger zurückläßt. Göttliche Hebe, das haſt Du nicht zu fürchten. Haſt Du nicht bemerkt, daß ich Dich geſchont habe? Geſchont? Das verſtehe ich nicht, aber ich kann es mir wohl denken und ich danke Dir dafür. Vielleicht wäre es beſſer, Du hätteſt keine Vorſicht beobachtet, denn Du biſt nicht zu meinem Unglücke geboren, und hätteſt Du mir ein Pfand unſrer gegenſeitigen Zärtlichkeit hinterlaſſen, ſo wuͤrdeſt Du die Mutter und das Kind nicht unanerkannt gelaſſen haben. Du läßt mir Gerechtigkeit widerfahren, theure Freun⸗ din; wenn Du bemerkſt, daß trotz meiner Vorſicht Dein Leibesumfang größer wird, und vor Ablauf von zwei Mo⸗ naten wirſt Du ſichre Zeichen haben, ſo ſchreibſt Du mir, und welches denn auch meine Lage ſein mag, ſo werde ich die Frucht unſrer Liebe legitimiren, indem ich Dir meinen Namen und meine Hand gebe. Allerdings gehſt Du eine Masalliance ein, indem Du Deinen Namen änderſt, wirſt Du aber wohl deshalb weniger glücklich ſein? Nein, nein, Dein Name und Deine Hand ſind für mich das höchſte Ziel des Ehrgeizes. Nein, ich werde nie be⸗ reuen, mich Dir unbedingt hingegeben zu haben. Du machſt mich glücklich? Die ganze Familie liebt Dich; Alle ſagen, Du ſeieſt glücklich und verdienteſt Dein Glück. Welches Lob, mein theurer Freund! Du kannſt Dir nicht vorſtellen, wie freu⸗ —ooooſ,, — dig mein Herz ſchlägt, wenn ich ſolche Reßen in Deiner Abweſenheit höre. Wenn man zu mir ſagt, ich liebe Dich, ſo antworte ich, ich bete Dich an, und Du weißt, daß ich nicht lüge. Mit ſolchen Geſprächen füllten wir während der fuͤnf oder ſechs letzten Nächte, die ich mit meiner Freundin ver⸗ lebte, die Zwiſchenräume zwiſchen unſern Verzückungen aus. Ihre Schweſter, welche neben uns lag, ſchlief oder that ſo, als ob ſie ſchliefe. Wenn ich ſie verließ, legte ich mich zu Bett und ſtand ſpät auf; ſodann verlebte ich den ganzen Tag mit ihr, allein oder in Familie. Welch köſtliches Le⸗ ben! Kann wohl ein Mann, der ſein eigner Herr und un⸗ abhängig wie der Adler in der Luft iſt, ſich entſchließen, ein ſolches Glück zu verlaſſen? Heute begreife ich es nicht. Das Gluͤck hatte mich dem guten Kanonikus alles Gold abgewinnen laſſen, welches ich die Familie hatte ge⸗ winnen laſſen, deren Spiel ich nie kontrollirte. Nur Cle⸗ mentine wollte nie von meiner Unaufmerkſamkeit Nutzen ziehen, aber die beiden letzten Tage zwang ich ſie, ſich zur Hälfte bei meiner Bank zu betheiligen, und da der Kano⸗ nikus fortwährend unglücklich war, ſo gewann ſie etwa hundert Zechinen. Dieſer gute Mönch verlor tauſend Ze⸗ chinen, von denen ſiebenhundert in der Familie blieben. Das hieß die Gaſtfreundlichkeit, welche ich genoſſen, gut und auf Koſten eines Mönchs bezahlen; ein wie großer Ehrenmann er auch ſein mochte, ſo wurde doch das Ver⸗ dienſt der Handlung dadurch verdoppelt. Die letzte Nacht, welche ich ganz bei meiner herrlichen Gräfin zubrachte, war ſehr traurig; ohne die Entzückungen der Liebe, denen wir nicht entſagten, wären wir vor Schmerz geſtorben. Nie wurde eine Nacht beſſer angewendet! Thränen des Schmerzes und Thränen der Liebe folgten ununter⸗ brochen auf einander, und neunmal erneuerte ich die Opfer⸗ gaben der Liebe auf dem Altar des Gottes, der meine Kräfte in demſelben Maaße erneute, wie der Genuß ſie erſchöpfte. Blut und Thränen benetzten das Heiligthum; aber der Prieſter und das Opfer waren erſchöpft und die Begierden ſagten: Noch! Wir mußten uns mit einer Kraftanſtrengung 107 von einander los machen, die ebenſo ſchmerzlich war, wie unſre achtſtündige Vereinigung⸗ ſüß geweſen war. Eleonore benutzte einen Augenblick, wo wir der Ermüdung weichend und feſt einander umſchlingend einſchliefen, um leiſe auf⸗ zuſtehn und uns allein zu laſſen. Wir wußten ihr Dank dafür, und während wir ihre Freundſchaft und Reſignation bewunderten, geſtanden wir uns zu, daß ſie entweder ſehr gefuhlvoll ſein oder bei unſern köſtlichen Kämpfen ſehr habe leiden müſſen. Ich verließ Clementine, damit ſie ſich ab⸗ waſchen könne, was ihr außerordentlich nöthig ſein mußte und ging an meine Tollette. Als wir zuſammen zum Frühſtuͤck kamen, ſahen wir wie zwei Sterbende aus, und Clementine beſonders hätte durch ihre Augen verrathen werden müſſen; aber man ſchonte uns. Ich konnte nicht wie gewöhnlich heiter ſein; aber man fragte auch nicht nach dem Grunde. Ich ver⸗ ſprach ihnen, Nachrichten von mir zukommen zu laſſen, und im folgenden Jahre wieder zu kommen. Ich ſchrieb ihnen, hörte aber auf, es zu thun, als das Unglück, wel⸗ ches mich in London überfiel, mir alle Hoffnung, ſie je wiederzuſehn, raubte. In der That habe ich ſie nie wieder⸗ geſehn, aber Clementine habe ich nie vergeſſen. Als ich ſechs Jahre ſpäter aus Spanien zurückkehrte, erfuhr ich, und ich vergoß Freudenthränen darüber, daß ſie glücklich mit dem Marquis von N. lebe, den ſie drei Jahre nach meiner Abreiſe geheirathet. Sie hatte damals zwei Söhne; der jüngſte, der jetzt ſiebenundzwanzig Jahre alt iſt, iſt Kapitain in öſterreichiſchen Dienſten. Mit welchem Ver⸗ gnügen würde ich ihn ſehen! Als ich Clementinens Glück erfuhr, kam ich aus Spanien, wie ich ſchon erwähnt, und war unglücklich. Ich wollte in Livorno mein Glück ver⸗ ſuchen, und auf meiner Reiſe durch die Lombardei reiſte ich in einer Entfernung von nur vier Meilen bei dem Gute vorüber, wo dies angebetete Weib mit ſeinem Manne lebte; aber ich hatte nicht den Muth, ſie zu beſuchen und that vielleicht gut daran. Aber ich komme auf meinen Gegen⸗ ſtand zurück. Ich war dankbar für Eleonorens Güte und wollte ihr “ —p, 108 einen Beweis meiner Dankbarkeit zurücklaſſen. Ich zog von meinem Finger eine ſehr ſchöne Kamee von Onyr, welche den Gott des Schweigens, von ſchönen Roſetten umgeben, darſtellte, und ſteckte ihr denſelben, als ich Gelegenheit fand, mit ihr allein zu ſein, mit einem Händedrucke an den Zei⸗ gefinger, ohne ihr Zeit zu laſſen, ein einziges Wort zu ſagen. Als ich im Begriffe war, hinunterzugehn, um in den Wagen zu ſteigen und ich ſah, daß die ganze Familie ſich anſchickte, mich zu begleiten, füllten ſich meine Augen mit Thränen. Ich ſuchte Clementine; ſie war verſchwunden. So thuend, als ob ich etwas auf meinem Zimmer ver⸗ geſſen, ging ich in das meiner Hebe und fand ſie in einem ſchrecklichen Zuſtande; ihr Schluchzen erſtickte ſie. Ich drückte ſie in meine Arme, vermiſchte meine Thränen mit den ihrigen; ſodann legte ich ſie, ohne daß ſie im Stande ge⸗ weſen wäre, ein einziges Wort hervorzubringen, auf ihr Bett, und nachdem ich einen letzten Kuß auf ihre zitternden Lippen gedrückt, riß ich mich los von dieſem Orte, wo ich ſo ſüße und ſo herzzerreißende Erinnerungen zurückließ. Nachdem ich der ganzen Geſellſchaft gedankt und ſie umarmt, denn auch der gute Kanonikus hatte bei meinem Abſchiede zugegen ſein wollen, ſagte ich Eleonoren ins Ohr, ſte möge ſchnell zu ihrer Schweſter gehen und ſtieg dann raſch in den Wagen, in dem mein lieber Graf ſaß. Wir wechſelten kein Wort; wir ſchliefen während der ganzen Fahrt, bis Clairmont uns vor dem Hauſe den Schlag öffnete. Wir fanden den Marquis von Triulzi bei der Spanierin, welche uns nicht erwartete, und der liebens⸗ würdige Erſatzmann meines Freundes ließ ſchnell ein Mittags⸗ eſſen für vier Perſonen holen. Zu meiner nicht geringen Verwunderung ſah ich, daß ſie von unſerm Mittagseſſen in Mailand unterrichtet waren, und die Gräfin war ganz geneigt, uns ihre ſchlechte Laune fühlen zu laſſen, weil wir ihr nichts davon geſagt. Glücklicherweiſe beſänftigte ſie der in Ausreden fruchtbare Marquis, indem er zu ihr ſagte, es ſei dies ein Beweis meines Zartgefühls, da ich ihr die 109 von Mühe, ſo vielen Menſchen zu eſſen zu geben, habe erſparen lche wollen. ben, Während des Eſſens kündigte ich meine Abreiſe nach and, Genua als nahe bevorſtehend an, und zu meinem Unglücke Zei⸗ bot mir der Marquis ein Empfehlungsſchrieben an die Sig⸗ zu nora Iſola⸗Bella, eine berühmte Kokette, an; die Gräfin bot mir ein andres für den Biſchof von Tortona, ihren den Verwandten, an. ſich Ich war in Mailand gerade zur rechten Zeit ange⸗ mit kommen, um von meiner Thereſe Abſchied zu nehmen, welche den. nach Palermo reiſen wollte. Ich ſprach mit ihr von der ver⸗ Neigung Don Ceſarinos und that mein Möglichſtes, um nem ſie zu bewegen, derſelben nachzugeben. Ich laſſe ihn in ickte Mailand, ſagte ſie. Ich weiß, wo ſeine Leidenſchaft ihren den Anfang genommen hat und werde ſeinen Wunſch in dieſer ge⸗ Beziehung nie erfüllon. Uebrigens hoffe ich, daß er bei ihr meiner Rückkehr anders denken wird. Sie täuſchte ſich; den mein Sohn änderte ſich nicht, und in fünfzehn Jahren wer⸗ ich den meine Leſer mehr von ihm erfahren. Nachdem ich meine Rechnung mit Greppi geordnet, ie nahm ich Wechſel auf Marſeille und einen von zehntauſend nem Fres. auf Genua, wo ich nicht viel Geld zu brauchen dachte. öhr, Trotz meines Glücks im Spiele verließ ich Mailand mit ann tauſend Zechinen weniger, als ich mitgebracht. Ich hatte Wir aber auch außerordentlich viel Geld ausgegeben. zen Ich verlebte alle meine Nachmittage bei der ſchönen lag Marquiſe O., bald mit ihr allein, bald mit ihrer Couſine, der da aber in meiner Seele die Erinnerung an Clementine ns⸗ lebte, ſo erſchien ſie mir nicht mehr ſo wie vor drei gs⸗ Wochen. gen Ich hatte keinen Grund dem Grafen A. B. das Fräu⸗ ſſen lein, welches ich mit mir nahm, zu verheimlichen. Dieſer anz ließ ich durch Clairmont ihren kleinen Koffer holen, bezahlte wir Zenobia ihre kleinen Auslagen, und am Tage meiner Ab⸗ der reiſe um acht Uhr kam ſie reinlich gekleidet, in meine gte, Wohnung. die Nachdem ich der Gräfin, welche meinem Leben nach⸗ —,„ 1,.. Ars, ſe 1 un 8 erSulre ſeo 4☛☛ 4 M h— 1 — — 1 ℳ Aw. † 1 1 „ 110 geſtellt, für ihre herzliche Gaſtfreundſchaft gedankt, der ich, wie ich ſagte, die gute Geſellſchaft zuſchreibe, mit welcher ich von Mailand abreiſe, dankte ich dem Grafen, der mir wiederholte, daß er mir ewig dankbar ſein werde, und trat am 20. März 1763 meine Reiſe an. Ich habe dieſe präch⸗ tige Hauptſtadt nie wieder geſehn. Die junge Dame, welche ich aus Achtung vor ihr und ihrer Familie Crozin nennen will, war reizend. Sie hatte ein edles Ausſehn, welches imponirte und einen Ton der Zurückhaltung, welcher auf eine ſorgfältige Erziehung hindeutete. Als ich ſie neben mir ſitzen ſah, freute ich mich, daß ich nicht Gefahr laufe, mich in ſie zu verlieben: der Leſer wird ſich wohl denken, daß ich mich irrte. Ich be⸗ nachrichtigte Clairmont, daß ich ſie für meine Nichte aus⸗ geben wolle und befahl ihm, gegen ſie alle möglichen Rück⸗ ſichten zu nehmen. Da ich noch nie Gelegenheit gehabt, ſie zum Sprechen zu bringen, ſo ließ ich es mir zunächſt angelegen ſein, ihren Geiſt zu prüfen, und obwohl ich nicht im Entfernteſten beabſichtigte, ihr den Hof zu machen, ſo empfand ich doch das Bedürfniß, ihr Freundſchaft einzuflößen und ihr Ver⸗ trauen zu gewinnen. Die Wunde, welche meine letzte Liebe meinem Herzen geſchlagen, blutete noch und ich freute mich, daß ich die junge Marſeillerin ihrem Vater zurückbringen könne, ohne mir Zwang anthun oder Reue bereiten zu müſſen. Ich freute mich im Voraus auf die in Ausſicht ſtehende gute Handlung, und ich bildete mir etwas darauf ein, daß ich mit einem hübſchen Mädchen zuſammen ſein könne ohne einen andern Wunſch als das heroiſche Intereſſe, ſie vor der Schmach zu bewahren, der ſie hätte verfallen können, wenn ſie die Reiſe hätte allein machen müſſen, oder wenn ſie das Glück nicht mit mir zuſammengeführt hätte, nach⸗ dem ihr Verführer ſie verlaſſen. Sie ſah das wohl ein und ſagte daher auch zu mir: Ich bin überzeugt, Herr von la Croix würde mich nicht verlaſſen haben, wenn er Sie nicht in Mailand getroffen hätte. Ich bewundere Sie, Fräulein, theile aber nicht Ihre ich, lcher mir trat räch⸗ ihr Sie Ton hung mich, der ) be⸗ aus⸗ Rück⸗ echen ihren teſten doch Ver⸗ herzen 111 gute Meinung über denſelben. In meinen Augen hat Croce wie ein ſchlechtes Subjekt gehandelt, um nicht mehr zu ſagen; denn trotz Ihres Verdienſtes konnte er auf mich nicht ſicher rechnen. Ich will nicht ſagen, daß er Ihnen ein Zeichen ſeiner Verachtung gegeben, denn es iſt möglich, daß er in Verzweiflung war; aber ſicher liebte er Sie nicht mehr, da er Sie ſo verlaſſen konnte. Ich bin zu ſehr vom Gegentheile überzeugt. Da er ohne alle Mittel war, mußte er mich verlaſſen oder ſich tödten. Weder das Eine noch das Andre. Er mußte Alles, was Sie hatten, verkaufen und Sie nach Marſeille ſchaffen. Sie konnten mit wenigen Koſten nach Genua gelangen, und von da hätten Sie zur See die Fahrt nach Marſeille ge⸗ macht. Croce hat auf die Theilnahme gerechnet, welche Ihr ſchönes Geſicht erregen würde, und er hat ſich nicht getäuſcht; aber Sie ſehen, welcher Gefahr er Sie aus⸗ geſetzt hat. Glauben Sie mir, Fräulein, wenn man wahr⸗ haft liebt, iſt der bloße Gedanke daran ſchon tödtlich. Sie werden ſich nicht beleidigt fühlen, wenn ich Ihnen eine Wahrheit geſtehe: hätten Sie, als Sie mich bitten ließen, Sie zu beſuchen, nicht einen lebhaften Eindruck auf meine Sinne gemacht, ſo wäre es ſehr möglich und ſogar ſehr natürlich, daß ich für Sie nur eine mitleidige Theilnahme gefühlt, und dieſe veranlaßt zu keinen großen Dienſtleiſtun⸗ gen. Ich habe indeß Unrecht Croce zu tadeln; denn Ihnen iſt das unangenehm, ich ſehe deutlich, daß Sie ihn lieben. Ich gebe das zu und beklage ihn. Was mich betrifft, ſo beklage ich nur mein trauriges Geſchick. Ich werde ihn nicht mehr ſehn, werde aber nun Niemand mehr lieben, denn mein Entſchluß ſteht feſt: ich gehe in ein Kloſter, um meinen Fehler zu büßen. Mein Vater hat ein vortreffliches Herz; er wird mir verzeihen. Ich bin das Opfer der Liebe geworden; ich hatte keinen freien Willen. Die Veführung hatte mir den Gebrauch der Vernunft geraubt, und ich muß mich allein ſtrafen, daß ich gegen die Verführungen der Sinne nicht auf meiner Hut geweſen. Wenn ich übri⸗ gens reiflich nachdenke, ſo finde ich kein Verbrechen darin, ſondern nur einen Fehltritt. Sie wären mit Croce, wenn er Sie darum gebeten, ſogar zu Fuße von Mailand aufgebrochen? Zweifeln Sie nicht daran; und das wäre meine Pflicht geweſen; aber er liehte mich zu ſehr, um mich ſolchen An⸗ ſtrengungen und dem ſchrecklichen Elende, welches ihm in Ausſicht ſtand, auszuſetzen. Oder vielmehr demjenigen, in welchem er ſich ſchon befand. Ich bin ſicher, daß Sie ſich wieder mit ihm ver⸗ einigen werden, wenn Sie ihn in Marſeille finden. Das gewiß nicht. Mit meiner Vernunft fange ich auch an, meine Freiheit wiederzubekommen, und es wird der Tag kommen, wo ich Gott danken werde, daß ich ihn gänzlich vergeſſen. Die Aufrichtigkeit dieſer jungen Perſon gefiel mir, und da ich die Macht der Liebe kannte, ſo beklagte ich ſte auf⸗ richtig. Sie brauchte nur zwei Stunden, um mir die ganze Geſchichte ihrer unglücklichen Leidenſchaft mit allen ihren Einzelheiten zu erzählen, und da ſie gut erzählte, ſo machte ſie mir Vergnügen, und ich fing an, Geſchmack an ihr zu finden. Wir langten mit Anbruch der Nacht in Tortona an, und da ich beſchloſſen, hier zu ſchlafen, ſo befahl ich Clair⸗ mont, ein Abendeſſen nach meinem Geſchmacke beſtellen zu laſſen. Während des Mahles entfaltete meine angebliche Nichte eine Art von Geiſt, welcher mich in Erſtaunen ſetzte. Außerdem hielt ſie mir vortrefflich Stand, denn ſie hatte guten Appetit. Sie war heiter mit Anſtand, ſcherzhaft im Tone der guten Geſellſchaft und endlich bezaubernd, weil ſie nicht mehr von ihrem Liebhaber ſprach. Als wir von Tiſch aufſtanden, machte ſie, ich weiß nicht mehr bei wel⸗ cher Gelegenheit eine ſo pikante und treffende Aeußerung, daß ſie mich zu lautem Lachen brachte und dadurch vollends eroberte. Ich umarmte ſie mit überſtrömendem Herzen, und da ich auf ihrem Munde einen ebenſo glühenden Kuß, wie auf dem meinigen fühlte, ſo ſah ich wohl, daß die Liebe ſich ernſtlich ins Spiel miſchte, und da ich bei dieſer zärt⸗ 113 lichen Aufwallung nicht Zeit hatte, meine Worte abzuwägen, ſo fragte ich ſie, ob wir uns mit einem einzigen Bette be⸗ gnügen wollten. Dieſe ohne Umſchweife gemachte Einladung rief auf ihren Zügen den Ausdruck des Erſtaunens und der Furcht hervor, und mit einer ernſten Miene, aber mit dem Tone der Unterwürfigkeit, welcher die Begierden tödtet, ſagte ſte: Sie können thun, was Sie wollen! Wenn aber die Freiheit überhaupt ein koſtbares Gut iſt, ſo iſt ſie es beſonders in der Liebe. Mein Fräulein, es iſt weder von Gehorſam, noch ſelbſt von Gefälligkeit die Rede. Sie haben mir Liebe eingeflößt, wenn Sie aber dies zärtliche Gefühl nicht theilen, ſo kann ich es in ſeiner Geburt erſticken. Wie Sie ſehn, ſtehn hier zwei Betten; Sie können alſo wählen, welches Sie wollen. Dann werde ich mich in dies legen; wenn aber Ihre Güte für mich ſich deshalb vermindern ſollte, ſo werde ich es ſehr bedauern. Nein, nein; fürchten Sie das nicht, reizende Franzöſin. Sie werden mich Ihrer Achtung nicht unwerth finden. Schlafen Sie wohl und laſſen Sie uns gute Freunde bleiben. Ihr Bett ſtand hinter einem Wandſchirme; ſodann legte ſie ſich mit dem unbedingteſten Vertrauen nieder, denn ich habe einige Tage ſpäter von iyr ſelbſt erfahren, daß ſte ſich vollſtändig entkleidete. Am folgenden Tage früh ſchickte ich dem Biſchofe den Brief, welchen die Gräfin mir gegeben. Eine Stunde darauf, als ich mit meiner Nichte beim Frühſtück ſaß, lud ein alter Prieſter mich nebſt der Dame, die in meiner Geſellſchaft wäre, zum Mittagseſſen bei Mon⸗ ſignore ein. Der Brief der Gräfin that keiner Dame Er⸗ wähnung: aber der Prälat, ein Spanier und ſehr höflicher Mann, ſah wohl ein, daß ich meine wirkliche oder angeb⸗ liche Nichte nicht allein in einem Gaſthofe laſſen konnte, und daß ich daher ſeine Einladung nicht angenommen haben würde, wenn er ſie nicht zugleich mit mir eingeladen hätte. Es iſt wahrſcheinlich, daß Monſignore durch ſeine Bedien⸗ XIVT 8 114 ten, welche in Italien eine Art von Spionen ſind, die ihrem Herrn die ſkandalöſe Chronik der Stadt hinterbringen, von der Sache unterrichtet worden war. Seitdem die evan⸗ geliſche Tugend alter unmoderner Kram geworden, braucht ein Biſchof zu ſeinem Zeitvertreib mehr als ein Gebetbuch. Ich nahm alſo die Einladung an, und bat den Prieſter, welcher mir die Einladung hinterbrachte, Sr. Eminenz meine Achtung zu verſichern. Meine Nichte war von reizender Laune und behandelte mich ſo, als wolle ſie mich durchaus nicht empfinden laſſen, daß ſie ihrem Bette den Vorzug vor dem meinigen gegeben. Das gefiel mir, denn bei kühlem Verſtande ſah ich ein, daß ſie ſich erniedrigt haben würde, wenn ſie anders gehandelt hätte. Ich war nicht einmal gereizt, was doch bei ſolchen Verhältniſſen ſo natürlich iſt. Die Eigenliebe und vielleicht auch das Vorurtheil legen einer geiſtreichen Frau die Ver⸗ pflichtung auf, ſich nicht eher den Wünſchen eines Lieb⸗ habers zu ergeben, als bis derſelbe annehmen darf, daß er ſte durch ſeine Aufmerkſamkeiten verführt habe. Ich hatte ſie nur obenhin eingeladen, mein Bett zu theilen, und ich hatte dies unter dem Einfluſſe des Pomard und des Cham⸗ pagners gethan, mit welchen wir die köſtlichen Speiſen, die uns unſer Wirth oorſetzte, reichlich benetzt hatten. Die Einladung des Biſchofs hatte ihr geſchmeichelt, aber ſie wußte nicht, ob ich dieſelbe auch in ihrem Namen ange⸗ nommen hatte; ſie kam beinahe in den ſiebenten Himmel, als ich ihr verkündete, daß wir zuſammen zu dieſem Mit⸗ tagseſſen gehen würden. Sie machte Toilette und zog ſich für eine Reiſende ſehr gut an, und gegen Mittag holte Monſignore's Wagen uns ab. Ich ſah einen ſehr großen Prälaten, denn er war zwei Zoll größer als ich, und trotz ſeiner achtzig Jahre war er hübſch, gut auf den Beinen und in jeder Beziehung ganz gut erhalten, obwohl er ernſt wie ein ſpaniſcher Grand war. Er empfing uns mit einer Zuvorkommenheit, welche mit der feinen Höflichkeit der Franzoſen ſehr nahe verwandt war. Als meine Nichte ihm, wie es üblich war, die Hand küſſen wollte, zog der Prälat dieſelbe freundlich zurück, und reichte ihrem „von evan⸗ aucht buch. teſter, neine ndelte aſſen, eben. daß ndelt lchen leicht Ver⸗ Lieb⸗ äß er hatte d ich ham⸗ eiſen, Die 115 ihr das prächtige Kreuz von Amethyſten und Brillanten, welches er um den Hals trug. Sie küßte es auf eine herz⸗ liche Weiſe und ſagte: Das liebe ich. Sie warf mir einen Blick zu, und dieſer Scherz, welcher eine Anſpielung auf la Croix war, überraſchte mich. Wir ſetzten uns zu Tiſch, und ich fand, daß der Biſchof ein liebenswürdiger und gelehrter Mann war. Wir waren unſrer neun, denn außer vier Prieſtern, welche ſeine täglichen Tiſchgenoſſen zu ſein ſchienen, hatte Monſignore auch zwei junge Edelleute eingeladen, welche für meine Nichte alle Aufmerkſamkeiten der guten Geſellſchaft hatten, die dieſelben wie eine Frau, die daran gewöhnt iſt, erwie⸗ derte. Ich bemerkte, daß der Biſchof, welcher oft das Wort an ſie richtete, nicht einmal ihr hübſches Geſicht anblickte. Monſignore kannte die Gefahr, und ſetzte als kluger Greis ſich ihr nicht aus. Nach dem Kaffee nahmen wir Abſchied, und um vier Uhr verließen wir Tortona, um in Novi zu ſchlafen. Während der kurzen Fahrt dieſes Nachmittags be⸗ luſtigte mich meine Marſeillerin durch tauſend liebenswür⸗ dige und geiſtreiche Aeußerungen. Während des Abendeſſens brachte ich die Unterhaltung auf den Biſchof, ſodann auf die Religion, um ihre Grundſätze kennen zu lernen. Da ich fand, daß ſie eine gute Chriſtin war, ſo fragte ich ſie, wie ſie ſich einen doppelſinnigen Scherz beim Küſſen des Kreuzes des Biſchofs habe geſtatten können. Der Zufall und die günſtige Gelegenheit, ſagte ſie, haben Alles gemacht. Die Zweideutigkeit iſt unſchuldig, da ich an die Anſpielung nicht gedacht habe; hätte ich Zeit zum Nachdenken gehabt, ſo wuͤrde dieſer ſchlechte Witz nicht aus meinem Munde gekommen ſein. Ich that ſo, als glaubte ich ihr, denn es war möglich, daß ſie aufrichtig war. Dieſes Mädchen hatte viel Geiſt, und die Begierden, welche ſie bei mir erregte, wurden im⸗ mer ungeſtuͤmer; indeß hielt die Eigenliebe die Liebe in Zaum. Als ſie zu Bett ging, vermied ich es, ſie zu um⸗ armen; da ſie aber keinen Bettſchirm hatte, entkleidete ſie 8* 116 ſich nicht eher, als bis ſie mich eingeſchlafen glaubte. Am folgenden Tage gegen Mittag langten wir Genua an. Pogomas hatte mir eine bürgerliche Wohnung ge⸗ miethet, und ich hatte die Adreſſe derſelben. Ich ſtieg in derſelben ab und fand vier ſehr gut möblirte Zimmer von ſchöner Ausſicht und in jeder Beziehung comfortable, wie die Engländer ſagen, welche ſich ſo gut auf die Behaglich⸗ keiten des Lebens verſtehn. Nachdem ich ein gutes Mit⸗ tagseſſen beſtellt, ließ ich Pogomas von meiner Ankunft in Kenntniß ſetzen. Achtundneunzigſtes Kapitel. Paſſans in Genua.— Alte Bekanntſchakten in Genua, welche ich wiederkinde.— Die Dame Iſola-BVella.— Das Biribi.— Ich ſuche meine Nichte menſchlich zu ſtimmen.— Mein Bruder der Abbé. Pogomas, welcher ſich in Genua Paſſano nannte, ſuchte mich auf, ſobald er meine Ankunft erfuhr und führte mich in ſeine Wohnung, wo er mich ſeiner Frau und ſeiner Toch⸗ ter vorſtellte. Beide baten mich, ihr Mittagseſſen zu theilen. Die Schäkereien ſeiner Tochter, eines häßlichen Mädchens von zwanzig Jahren, empörten mich ſo ſehr durch ihren Cynismus, daß ich, um ihnen zu entgehn, die Flucht nahm. Meinem Benehmen bei dieſer Gelegenheit ſchreibe ich einige der ſchlechten Streiche zu, welche Paſſano mir ſpäter ſpielte. Mein erſter Beſuch, nachdem ich dieſen Schlupfwinkel verlaſſen, galt meiner Couſine, und ſodann begab ich mich zum Marquis Grimaldi. Ich war ungeduldig, Roſaliens Wohnung kennen zu lernen. Der Marquis war in Venedig, und ſein Kammerdiener erbot ſich, mich zu ihr zu führen; Am an. ge⸗ eg in von „wie Mit⸗ ft in » mir vinkel mich aliens nedig, hren; — 117 ich erfuhr, daß ſie einige Zeit nach meiner Abreiſe Paretti geheirathet. Paretti nahm mich mit Freuden auf, und ſeine Frau empfing mich mit offnen Armen. Ich fand ſie ſchöner d je; ſie ſagte, ſie ſei glücklich, und dies Glück ſei mein erk. Haſt Du die Abſicht, Dich längere Zeit in Genua aufzuhalten? fragte ſie mich, als ihr Mann ſich entfernt hatte. Ich wünſche, daß Du täglich zu uns zum Eſſen kommſt, aber dutze mich nicht in Geſellſchaft. Sage, er⸗ innerſt Du Dich Veronica's? Sie iſt jetzt mein Kammer⸗ mädchen. Iſt ihre Schweſter noch bei ihr? Ich bedarf einer Magd während meines Aufenthalts hierſelbſt; meine Nichte beglei⸗ tet mich. Wiederum eine Nichte? fiel ſie lachend ein. Du wirſt ſie zu mir bringen, nicht wahr? Gewiß. Vielleicht kennſt Du ſie. Sie iſt aus Mar⸗ ſeille. Ihr Name? Crozin. Sie iſt die Tochter einer andern Nichte von mir, welche immer in Marſeille gewohnt hat. Noch eine! Mein Gott, immer Abenteuer. Ich bin über⸗ zeugt, daß Du in große Verlegenheit kommen wuͤrdeſt, wenn Du ſagen ſollteſt, in welchem Grade dieſe Damen mit Dir verwandt ſind. Du weißt, daß ich eine ſehr gemiſchte Verwandtſchaft habe; das würde uns zu weit führen. Ich muß Dich bis morgen verlaſſen. Ich ging zur Dame Iſola⸗Bella, um ihr einen Brief des Marquis von Triulzi zu übergeben. Sie war eine ziemlich hübſche, noch junge Frau, von regelmäßigem und ſanftem Geſichte, mit Augen von melancholiſchem Ausdrucke, aber der Gebrauch der Schminke raubte der Dame faſt alle ihre Reize und ſie flößte mir eine Art Abneigung ein; da⸗ her nahm ich nur ungern eine Einladung zum Abendeſſen für üͤbermorgen vor. Nach Hauſe zurückgekehrt, ſah ich mit Vergnügen, daß 118 meine Nichte das Zimmer gewählt hatte, welches an das meinige ſtieß. Ich habe ſchon von ihrer Schönheit geſpro⸗ chen, die mich mit jedem Tage mehr rührte. Ich konnte nicht ohne Zorn an Santa⸗Croce's unwürdige Betrügerei gegen ſie denken; ich bedauerte, daß ich ſie nicht zu meiner Geliebten gemacht, als die Gelegenheit ſich mir bot, und ich gelobte mir, ſie mir nicht entſchlüpfen zu laſſen, wenn ſie wiederkäme. Das war nicht leicht, wie man ſich wird den⸗ ken können. Ich wurde zurückgehalten durch die Meinung, welche das junge Mädchen von mir gefaßt hatte; ich glaubte ſie hinlänglich zu kennen, um überzeugt zu ſein, daß ſie Alles nur aus Liebe thue, und daß jeder Verſuch, die Ent⸗ wickelung zu beſchleunigen, mich vom Ziele weiter entfernen würde. Ich mußte bei ihr, wie im Allgemeinen bei den Frauen überhaupt, zu eifrigen Bewerbungen, rückſichtsvollem Benehmen und einer beſtändigen Unterwürfigkeit meine Zu⸗ flucht nehmen oder ihre Sinne erregen, ihre Begierden ſtacheln, indem ich ſie mit vielen verliebten Operationen, zu deren Zeugin ich ſie machte, in Berührung brachte. Ich neigte mich dem letztern Entſchluſſe als dem minder ſchwe⸗ ren zu. Da ich ihr Vertrauen hatte, ſo war eine gewiſſe Vertraulichkeit zwiſchen uns ganz natürlich. So ging ich alſo am Abend mit einem Buche in der Hand zu ihr; und als die Zeit des Schlafengehns gekommen war, bat ich ſie, keine Umſtände zu machen und ſich zu entkleiden; ich ſagte, ich würde nicht hinſehn. Nachdem ſie ſich entkleidet, trat ich an ihr Bett und umarmte ſie ſo väterlich, wie möglich, indem ich zugleich bemerkte, man ſolle mir die Unannehm⸗ licheit, allein zu ſchlafen, erſparen. Hierauf erfolgte keine Antwort. Dagegen ließ ich neue Klagen los und begleitete dieſelben mit mehr oder weniger rührenden Betrachtungen über die Unempfindlichkeit; ich ſprach zehn Minuten lang in dieſem Tone und ſuchte mich dann von der Wirkung mei⸗ ner Reden zu überzeugen, fand ſie aber eingeſchlafen. Gott! wie kalt ſchien mir mein Bett und wie lächerlich mein Be⸗ nehmen. Ich erinnere mich, daß ich ſie am zweiten Tage nach unſrer Ankunft nach einer ſtummen Scene wie die, von welch Clair ich ſe reiten einzu Dien vora habe been war ich ſein. hier Füf 119 welcher ich eine Idee gegeben, in mein Zimmer treten ſah. Clairmont wuſch mir die Füße; ſie verlangte Kaffee, und ich ſchickte meinen Bedienten hinaus, um ihr welchen zu be⸗ reiten. Fräulein Crozin ſchickt ſich ſogleich an, ſeine Stelle einzunehmen. Pfui! ſagte ich zu ihr. Kann eine Nichte ihrem Onkel nicht einen ſolchen Dienſt leiſten? Füͤr eine Frau liſt das immer ein demüthigender Dienſt, vorausgeſetzt, daß ſie ſich deſſelben nicht gegen ihren Lieb⸗ haber unterzieht. Sie erröthete und ſenkte ihre ſchönen Augen. Ich beendete meine Toilette und da noch lauwarmes Waſſer da war, ſo ſagte ſie, unbeſonnener Weiſe vielleicht: Jetzt komme ich an die Reihe. Ich ſchickte mich an, ihr behülflich zu ſein. Das leide ich nicht. Ich glaube nicht, daß der Anſtand durch das, was ich hier thue, verletzt wird; und ich faßte einen ihrer kleinen Füße, um ihr die Schuhe und Struͤmpfe auszuziehn. Ich könnte Ihnen wiederholen, was Sie mir ſo eben geſagt haben. Ich verſtehe: ich bin nicht Ihr Liebhaber; bin dagegen aber Ihr Onkel, und wenn es nothwendig iſt, fordre ich, daß Sie mir gehorchen. Sie ließ ſich die Schuhe und Strümpfe ausziehn, was recht gut zehn Minuten dauerte. Ich verwickelte die Bänder, ſo daß ich immer wieder von Neuem anfangen mußte. Sie wagte nicht ihren Aerger zu aͤußern, obwohl ihr Mißvergnügen erſichtlich war. Als Clairmont zurückkam, waren wir noch nicht zu Ende; wir mußten auf das Baden verzichten, da das Waſſer kalt ge⸗ worden war. Um mich zu betäuben, verſuchte ich das Glück im Spiele. Ich machte einen Satz im Biribi, welcher der Bank theuer zu ſtehn kam; mit einem Schlage gewann ich dreitauſend Zechinen. Das tröſtete mich über mein Unglück in der Liebe, denn ich dachte nicht, daß ich mir hierdurch ein an⸗ dres Unglück bereite. Ich habe noch nicht geſagt, daß ich —— 120 außer Roſalien auch Irenen in Genua wiederfand. Sie hatte mich zum Frühſtück eingeladen, und als ich zu ihr kam, fiel der alte Graf Rinaldi mir um den Hals. Ich wünſche Ihnen Glück, ſagte er, dreitauſend Zechi⸗ nen! Zum Teufel, das iſt keine Kleinigkeit! Sie kennen meine Deviſe: Vertrauen und Glück. Sie ſind ein Schlaukopf; der Ihnen die Kugeln ange⸗ boten, ſteht im Dienſte des Bankiers. Was finden Sie daran wunderhar? Man glaubt allgemein, daß dieſer Mann in Ihr In⸗ tereſſe gezogen war. Sie ſchenken doch dieſer Fabel keinen Glauben? Gott bewahre! Aber für ganz Genua iſt ſie die reine Wahrheit. Man ſagt, der Schurke habe ſein Gluͤck gemacht, indem er andre Schurken betrogen; deſſen braucht man ſich nicht zu ſchämen: Ihr Name wird von allen unſern In⸗ duſtrierittern gefeiert. Eine Gaunerberühmtheit, nicht wahr? Dafür danke ich ſchön. Durchaus nicht. Man hält Sie für einen Mann von Genie; Sie ſind in der allgemeinen Achtung gewachſen. Aber ſagen Sie mir doch, wie Sie durch das bloße Gefühl die Kugel haben unterſcheiden können? Sie theilen alſo die Anſicht von ganz Genua? Offen geſagt, ja! Aber an Ihrer Stelle hätte es der ehrlichſte Mann eben ſo gemacht. Seien Sie indeß vor⸗ ſtchtig und bezahlen Sie Ihren Theilnehmer nicht vor Zeu⸗ gen aus. Spione ſind hinter Ihnen her. Jedenfalls rech⸗ nen Sie auf meine Dienſte, wenn das Unglück eintreten ſollte. Ich gab dem Grafen keine Antwort, ſondern ſtand auf und entfernte mich eiligſt, trotz Irenens Bemühungen, mich zurückzuhalten. Dieſes niederträchtige Urtheil, welches die falſchen Spieler als ein Lob für mich betrachteten, fiel mir wie ſiedendes Blei aufs Herz. Paſſano, dem ich begegnete, beſtätigte die Erzählung des Grafen; ich erfuhr von ihm auch, daß der Marquis von Grimaldi zurückgefehr ſei; ich begab mich augenblicklich zu ihm. 121 Man wird ſich wohl denken können, daß ich ihm die Sache mittheilte. Thun Sie ſo, ſagte er lachend, als ob Sie von nichts wüßten. Sie rathen mir, Herr Marquis, den Kopf zu beugen, wenn man mich als Gauner behandelt. Was liegt Ihnen an der Meinung der Neidiſchen oder Thoren, vorausgeſetzt, daß man Ihnen dieſelbe nicht ins Geſicht ſagt? Ich würde gern das ganze Geld hingeben, um den ver⸗ meintlichen Zeugen dieſer Gaunerei kennen zu lernen. Ich gebe zu, daß derſelbe Unrecht gethan, dies zu er⸗ zählen; aber Sie würden jedenfalls Unrecht thun, wenn Sie ihm zuͤrnen wollten. Wer hat Ihnen geſagt, daß er Sie nicht loben wollte? Ueberdies iſt Ihre Handlung weder eh⸗ renvoll noch unehrenvoll; man nimmt allgemeinen Antheil an Ihnen, weil Jeder fühlt, daß er es ebenſo gemacht ha⸗ ben würde. Und auch Sie? Warum nicht! Nach dieſer erbaulichen Unterhaltung verließ ich ihn. Ich war unzufrieden mit mir ſelbſt und daher gegen die ganze Welt erbittert. Es wäre vernünftiger geweſen, die⸗ ſem Geſchwätz eine komiſche Seite abzugewinnen und ſelbſt darüber zu lachen; denn in einer Zeit, wo die Sittenver⸗ derbniß mit jedem Tage wuchs, wo die Unterſcheidung zwi⸗ ſchen Gut und Böſe immer ſchwieriger wurde, mußte die mir Schuld gegebne Handlung als ein unbedeutender Feh⸗ ler betrachtet werden, über den meine Ehre ſich nicht zu beun⸗ ruhigen brauchte. Ich will die Beſcheidenheit nicht ſo weit trei⸗ ben, um die Bemerkung zu unterdrücken, daß ich in Genua im Rufe eines geſchickten Mannes ſtand und zwar in einem Sinne, welcher durchaus nicht die ſchimpfliche Bedeutung hatte, die Puritaner damit verbinden. Alle dieſe ſchönen Erklärungen, die ich mir ſelbſt gab, verſcheuchten einiger⸗ maßen meinen Kummer, leider nur zu wirklichen Kummer und meine nur zu begründete Beſorgniß, und ich bereitete —jj— — — 2— ———— mich zum Empfange der Gäſte, welche ich für dieſen Tag eingeladen, vor. Roſalie erſchien zuerſt in einer glänzenden Toilette; ihr Mann, welcher ſodann erſchien, führte mir eine Ver⸗ ſtärkung der Geſellfchaft zu, auf welche ich nicht gerechnet hatte: zunächſt zwei Freunde, welche meiner keuſchen Nichte verliebte Augen machten, ſodann eine Tante in geblümtem, vorn und hinten ausgeſchnittenem Kleide, welche ſo das Fleiſch, das ſie beſſer verborgen hätte, zur Schau trug. Der Mann der Dame, der blaß wie ein Pierrot, dürr und ha⸗ ger und von ungemeſſener Länge wär, bildete einen lächer⸗ lichen Kontraſt mit ſeiner Hälfte. Als die Signora Iſola⸗ Bella am Arme des Marquis Grimaldi eintrat, hatte ſie große Mühe, ihren Ernſt beim Anblicke dieſer beiden ko⸗ miſchen Figuren zu bewahren. Der Marquis fragte mich mit ernſtem Tone: Sind wir im Karnaval? Die Figur die⸗ ſes Mannes iſt auf meinem Bettſchirme abgebildet. Wäre ich dreißig Jahre jünger, ſo würde ich ihm ſeinen Zopf ab⸗ ſchneiden, um mir eine Klingelſchnur daraus zu machen. Ehe wir zu Tiſch gingen, meldete mir Clairmont, daß mich ein Unbekannter im Vorzimmer zu ſprechen wünſche. Ich ließ ihn eintreten, und der Marquis erkannte in ihm ſogleich den Mann, der für mich die Kugel im Biribi ge⸗ zogen. Das Individuum forderte eine Unterſtützung von mir; ſein Anblick machte mich ſogleich übler Laune, Herr Chevalier, ich habe eine zahlreiche Familie zu er⸗ nähren. Deſto ſchlimmer für Sie. Ich habe meine Stelle verloren—— Suchen Sie ſich eine andre. Man hat doch geglaubt, daß ich Ihnen behülflich ge⸗ weſen wäre—— Hier ſind vier Zechinen und kein Wort weiter. Er ſteckte das Geld ein und verſchwand. Bei Tiſche brachte mir Clairmont einen Brief; ich er⸗ kannte Paſſano's Schrift, dem ich aus Barmherzigkeit hun⸗ dert Liovres von meinem Gewinnſte im Biribi geſchenkt. Der Elende meldete mir, der Wechsler, dem er das Gold⸗ 123 ſtück gegeben, habe es gewogen und es um zehn Karat zu leicht befunden; man habe ihn deshalb verhaftet und er rechne darauf, daß ich ihn befreien werde, wenn ich nicht wolle, daß er ſpreche. Ich reichte dem Marquis den Brief. Das iſt ſehr ſchlimm, ſagte er; ſchreiben Sie Paſſano, er möge ſchweigen und ich werde mit der Inquiſition ſprechen. Das Unglück will gerade, daß das Geſetz mit der äußerſten Strenge gegen die Verfälſcher ſolcher Goldſtücke wüthet; da die Regierung das Intereſſe hat, ihren Umlauf zu befördern, ſo hat ſie die Schurken durch eine exempla⸗ riſche Strafe ſchrecken zu müſſen geglaubt. In dieſem Sinne ſchrieb ich an Paſſano; hierauf ließ ich mir eine Waage bringen und wog all dieſes verfluchte Gold; das Reſultat war ein Deftzit von zweitauſend Livres. Wir zerſchnitten ſogleich das Gold und der Marquis über⸗ nahm den Verkauf. Er löſte daraus nur zwölfhundert Zechinen, welche er mir am folgenden Tage brachte: zugleich benachrichtigte er mich, daß Paſſano frei ſei. Wir waren damals bei der Signora Iſola⸗Bella, wo Karten geſpielt wurde; ich ſetzte mich an den Teppich und wurde im Handumdrehen um dreitauſend Zechinen geprellt. Ich bezahlte tauſend ſogleich und ſtellte für den Reſt einen Wechſel auf mich ſelbſt aus. Ich wählte als meinen Wohnort London, wohin ich mich in einigen Monaten zu begeben gedachte. Alle dieſe Unannehmlichkeiten ließen mich die Aus⸗ führung meiner Pläne in Bezug auf meine Nichte vernach⸗ läſſigen. Nur in verlornen Augenblicken ſprach ich mit ihr von Liebe und ſo rührt man das Herz einer Frau nicht. Auch fing ſie jedesmal, wenn ich dieſes Kapitel berührte, an, von einem Kloſter zu ſprechen. Ich übernehme es nicht, Sie in ein ſolches zu bringen; Sie wiſſen nicht, meine Theure, welchen Gefahren Sie ſich aus⸗ ſetzen. Haben Sie mir nicht geſagt, Sie hätten einige Gründe, zu glauben, daß Sie von Santa⸗Croee ſchwanger ſeien? Ich bin frei von dieſer Furcht. Sichere Anzeichen— 124 Sie haben alſo eine Matrone um Rath gefragt? Bin ich denn nicht im Stande, mich ohne fremden Beiſtand davon zu überzeugen? Das iſt nicht möglich. Thun Sie mir daen Gefallen und laſſen Sie eine ſolche Frau kommen—— Und wer ſagt Ihnen, daß ein ſolches Geſchöpf Sie nicht täuſchen würde?—— Haben Sie Vertrauen zu mir, ja oder nein? Wenn ich es nicht hätte, wäre ich eine ſehr undank⸗ bare Nichte. Nun gut, ſo iſt es unnütz, einen Arzt rufen zu laſſen. Ich nahm ſie ſanft in meine Arme und trug ſſie auf das Bett. Was heabſichtigen Sie? Ich will Sie von Ihrer Furcht befreien. Schonen Sie mich, ich bitte Sie. „ Bin ich nicht ruhig und Herr meiner Sinne? Sie würden einem Arzte bewilligen, um was ich Sie bitte. Nie ohne Zeugen. Soll ich Aennchen rufen laſſen. Ich habe dem Leſer noch nicht geſagt, daß zu den alten Bekanntſchaften, welche ich in Genua wiederfand, auch Aennchen gerechnet werden muß. Sie wohnte in demſelben Hauſe wie wir. Ich ſagte zu Clairmont, er möge ſie kom⸗ men laſſen. In einem Augenblicke war ſie da. Die Schaam meiner Nichte wurde durch ihre Anweſenheit nicht beruhigt, von beiden Seiten wurde mit den Armen und Händen ge⸗ fochten, was mich zu ermüden anfing. Aennchen machte große Augen, als ſie ſah, wie fauer ich es mir werden ließ. Sie ſchien nicht zu begreifen, aus welchem Grunde ich ſie habe rufen laſſen. Meine Erklärung weckte ihre heitre Laune. Sollteſt Du wohl glauben, Aennchen, daß meine Nichte ein ſo einfaches Experiment nicht mit ſich machen laſſen will. Welches Experiment? fragte Fräulein Crozin; ich weiß noch gar nicht, was Sie mit mir machen wollen. Wollen Sie, daß ich mit Aennchen den Anfang mache? Als dieſe mich ſo ſprechen hörte, legte ſie ſich auf's * 8——— S5S ZEVͤnA —jo 125 Bett. Ich fuhr mit den Händen unter ihre Röcke, und in⸗ dem ich den Zeugungsapparat, wie die Aerzte ſagen, auf⸗ deckte, bewies ich der Crozin auf demonſtrative Weiſe, daß Aennchen nicht ſchwanger ſei. Vor Beendigung des Be⸗ weiſes hatte der Arzt ſeine Rolle vergeſſen; meine Nichte bemerkte es und wollte ſich keine weitern Experimente mehr gefallen laſſen. Ihr Schaamgefühl, welches ſich ſo leicht in Schrecken ſetzen ließ, erſchrak indeß nur über unſere im höchſten Grade bedeutungsvollen Vorbereitungen, und ſie ſchaute ziemlich aufmerkſam den beiden erotiſchen Siegen zu, welche ich errang. Meine Augen verließen Fräulein Crozin nicht, ſo lange das Liebesopfer dauerte; ich löſchte das von der Nichte entzündete Feuer in Aennchens Armen. Durch Vervielfältigung dieſer Schauſpiele und indem ich beſtändig⸗ neue Situationen vorſtellte, hoffte ich Fräulein Crozin's Sinne zu rühren. Man ſetze die ungebehrdigſte Tugend, das kälteſte Temperament einer wollüſtig verſchlungenen Gruppe gegenüber, und es wird der Augenblick kommen, wo der Zuſchauer nicht mehr gleichgültig bleiben kann. Die Liebe übt einen Magnetismus, gegen den ſelbſt das Vieh nicht unempfindlich iſt, und diejenigen Naturen, welche die Sinnlichkeit nicht erregen kann, halte ich für verfehlt. Um auf meine Nichte zurückzukommen, ſo glaubte ich ſtellenweiſe zu bemerken, daß ſie gewiſſe Begierden fühlte, welche ſie noch niederhielt, welche ſie aber heimlich bewegten. Einige Male ſah ich, während ich mich mit Aennchen ver⸗ gnügte, ihr Geſicht feurig werden; ſie forderte ſie auf, hin⸗ aus zu gehen, als ob ſie auf meine Umarmungen eifer⸗ ſüchtig geweſen wäre, und ihre Stelle hätte einnehmen wollen; aber wenn wir allein waren, hatte ſie mir weiter nichts zu ſagen; ſie nahm eine ruhige und fröhliche Miene an und lachte über das traurige Reſultat meiner Verſuche. Ich muß bemerken, daß ich immer eine gewiſſe Zurück⸗ haltung beobachtete; ich würde das Vertrauen, welches ſie mir zeigte, ganz zu verſcherzen gefürchtet haben, wenn ich meine Angriffe zu weit getrieben hätte. Indeß war ich zum Sterben verliebt in ſie und wußte nicht mehr, was ich machen ſollte; nun kam ich auf die Idee, mit ihr zu reiſen. ——yü———— 126 Auf Reiſen iſt man beſtändig unter vier Augen und wird nicht geſtört. Die Bewegung, welche ihrer Natur nach wollüſtig iſt, läßt in unſeren Sinnen einen Wechſel zwiſchen Entflam⸗ mung und Abſpannung eintreten. In dieſem ſüßen far niente, welches uns nie verläßt, bedürfen Körper und Seele irgend einer Beſchäftigung; auf die Dauer wird man des Lachens und Plauderns müde; die zärtlichen Blicke, die wollüſtigen Berüh⸗ rungen kommen an die Reihe; ſodann kömmt die Nacht, welche der Frau die Schaam raubt und dem Manne ſeine ganze Kühnheit giebt; es bedarf nur noch einer Gelegenheit und man läßt ſich gehn; man begeht Thorheiten,(das Hübſchſte, was ſich denken läßt), ohne zu wiſſen, was man thut; und wenn man damit fertig iſt, ſo ſpricht man lange davon und am Ende vom Liede bedauert man nicht, daß man ſie be⸗ gangen hat. Ich entſchloß mich alſo zur Reiſe nach Marſeille, einer Reiſe, die überdies nothwendig war, da die Marquiſe von Urfé mir geſchrieben hatte, daß ſie mich erwarte, abgeſehn davon, daß von dieſer Reiſe das Schickſal einer Frau ab⸗ hing, welche ich nicht kannte, welche ich aber liebte, ohne ſie geſehn zu haben. Ich nahm Abſchied von der Signora Iſola⸗Bella; ich verſah mich bei meinem Bankier mit einem Kreditbriefe und widmete die drei letzten Tage Roſalien. Den Tag vor meiner Abreiſe ſtieß ich, als ich Roſa⸗ lien verließ, beinahe mit der Naſe auf meinen Bruder den Abbé. Meine erſte Bewegung war, ihm aus dem Wege zu gehn; aber er fiel mir mit Freudengeſchrei um den Hals. Ich mache mich aus ſeiner Umarmung los; er beginnt ſeine Geſchichte, welche ich nicht anhöre; er ſpricht von ſeinem Unglücke, und ich lache ihm ins Geſicht, denn ich ſah, daß er dick und geſund war. Nun begann er mit dem Tone eines Predigers auf der Kanzel: Bruder, wenn es ſich nur um mich handelte, würde ich Dich nicht mit meinen Klagen ermüden; wenn Du aber höͤren wirſt, daß ein armes junges Mädchen—— Wie! mein Herr, ſchon wieder dumme Streiche? Trotz D 127 dieſes Rocks ſchämen Sie ſich nicht? Sie haben ſie ohne Zweifel verführt. Bruder, nicht ſolche Worte! Ich achte ſie und werde ſie immer achten; ich beabſichtige, meinem geiſtlichen Cha⸗ rakter, deſſen ich unwürdig bin, zu entſagen und die Un⸗ glückliche zu heirathen. Wieder eine Dummheit, die ich nicht dulden werde; ich wette, daß es eine Abenteurerin iſt. Die Unſchuld ſelbſt, ſechszehn Jahre alt, die Madonna von Fleiſch und Bein; ſie iſt dort(und er zeigte auf ein benachbartes Haus) ohne Mittel, ohne Brodt, ohne Kleider. Ich will Ihnen aus Mitleid für ſie noch einmal bei⸗ ſtehen. Ich bin davon überzeugt. Laß uns ſchnell zu ihr gehn. Ich erblickte auf einem elenden Lager ein faſt nacktes Kind, ſchön zum Entzücken. Wir ſind gerettet! rief ihr der Abbé zu; es iſt mein Bruder. Sie blickte mich halb lächelnd, halb erröthend an und ſeit dieſem Augenblicke gehörte ihr mein Herz. Schaffe, ſagte ich zu meinem Bruder, indem ich ihm die Börſe zuwarf, Kleider für das Fräulein; es iſt nicht paſſend, daß ſie hier wohnt. Sei es nun Unwiſſenheit, ſei es ein andrer Grund, der Abbé hatte ſeine Geliebte an einem ſchlechten Orte untergebracht. Als er hinausge⸗ gangen war, machte ſie mich mit den nähern Umſtänden bekannt. Mein Bruder hatte ſie zu verführen geſucht, ohne daß es ihm gelungen wäre; da Marcoline in ihrer Familie unglücklich war, ſo hatte ſie ſich durch die großartigen Lügen des Herrn Abbé und durch ein Heirathsverſprechen verleiten laſſen, dieſelbe zu verlaſſen. Sie zeigte mir die Schrift. 3 Sie wiſſen alſo nicht, Fräulein, daß er die Weihe at? Er iſt ein Ungeheuer. Und daß Sie nicht die erſte ſind, der er eine ſolche Schrift ausgeſtellt hat? Ich will ihn nicht mehr ſehn. 128 Daran würden Sie Unrecht thun. Ich kenne ihn; er wäre im Stande, Sie zu Grunde zu richten. Sie werden mich ſchützen. Indem Marcoline dieß ſagte, nahm ſie eine ſo bittende und zugleich wollüſtige Stellung an, daß mir das Blut ins Geſicht ſtieg. Indeß ſetzte ich die Geſetze des Anſtands gegen ſie nicht aus den Augen und Alles, was ich that, hatte einen väterlichen Charakter. Da ich ihr fortwährend die weiſeſten Rathſchläge über das, was ſie zu thun habe, gab und beſonders den, zu ihrer Familie zuruͤckzukehren, ſo ſah ſte mich mit einem Blicke an, in welchem ich einen geheimen Vorwurf zu leſen glaubte. Für mich war dies augen⸗ ſcheinlich eine Aufforderung, einen andern Ton anzuſchlagen; in einem Augenblicke lag ich zu ihren Füßen. Ich will weder die Verſicherungen die ich ihr gab, noch die Schwüre, die ich leiſtete, hier anführen, man wird dieſelben an hundert andern Stellen dieſer Memoiren finden. Wir ver⸗ gaßen mehrere Stunden lang, daß mein Bruder jeden Au⸗ genblick wiederkehren und uns überraſchen konnte; aber der theure Abbé war mit meiner Börſe verſchwunden, um nie wiederzukommen. Noch an demſelben Abend ließ ich Marcoline in meinen Gaſthof kommen, was meiner Nichte nicht unangenehm zu ſein ſchien. Am folgenden Tage reiſten wir drei nach An⸗ tibes ab. Ich hatte auf das Alleinſein während des Weges gerechnet, um Fräulein Crozin menſchlicher zu ſtimmen; was aber der Anblick meiner Freuden mit Aennchen nicht vermocht hatte, das bewirkten Marcolinens Liebkoſungen. Die Stellung war ſehr unbequem; ſo daß es ſchwer hielt, wechſelsweiſe im Augenblicke des höchſten Parorysmus aus den Armen der Einen in die der Andern zu gelangen; in⸗ deß vermittelſt ihrer gelehrigen Hände leiſteten ſie mir eine ſo erſprießliche Hulfe, daß ich oft mit vollſtändigem Genuſſe in den Tempel eindrang. ſchlimmer fuͤr denjenigen, der in den wuͤthenden Liebkoſungen, mit welchen ich dieſe beiden reizenden Geſchöpfe überſchüttete, nur zügelloſe Aus⸗ ſchweifung ſehen will. Ich liebte ſie wahrhaft und ohne Zweifel mehr als ſie mich liebten. Wenn ich die Arme der ——— gelie klem dure tiefe mir einz wen mir die reich eifri er d Abr Cro zu ohn nich meit anke er 129 geliebteſten Frauen verließ, habe ich oft eine Herzensbe⸗ klemmung empfunden, und ich war immer weniger geſchwächt durch die Ermüdung des Vergnügens als durch das Gefühl tiefer Traurigkeit bei dem Gedanken, daß ſo theure Schätze mir entſchlüpfen ſollten. Ich will nicht ſagen, daß eine einzige mich hätte feſſeln können; aber ich bin aufrichtig, wenn ich ſage, daß ich die meiſten derjenigen, welche ſich mir hingaben, hätte behalten mögen. Ich biete vielleicht die Erſcheinung eines Mannes dar, der trotz ſeiner zahl⸗ reichen Treuloſigkeiten wirklich beſtändig war, und der ebenſo eifrig die Frauen, welche er beſaß, feſtzuhalten ſuchte, als er denen, welche er begehrte, nachſtellte. In Antibes verließ uns meine Nichte. Ich ſchrieb ihre Abreiſe einem Briefe zu, welchen ſie heimlich von Santa⸗ Croce empfangen. Trotz des neuen Reizes, welcher mich zu Marcolinen zog, konnte ich doch Fräulein Crozin nicht ohne tiefe Betrübniß ſcheiden ſehen, welche ſie ohne Zweifel nicht empfand. Marcelinens zärtliche Liebkoſungen hatten meine Traurigkeit nicht verſcheucht, als wir in Marſeille ankamen. Neunundneunzigſtes Kapitel. Die Marquiſe von Alrké.— Paſſna, oder der kalſche Querilinth; Marroline, oder die kalſche Undine.— Wie ich zu den kür den Planeten beſtimmten Geſchenken komme.— Ahreiſe von Marſeille.— Henriette in Air. Sobald ich in Marſeille angelangt war, eilte ich zur Marquiſe von Urfé, welche mir durch ihre Briefe nur zu ſehr bewieſen hatte, daß ſie mich mit Ungeduld erwarte. Wenn der Leſer ſich dieſer Närrin erinnert, ſo muß er ſich auf wunderſame und lächerliche Scenen gefaßt machen. Ich XIV. * 130 hatte die Marquiſe durch einen von Genua aus geſchrie⸗ benen Brief benachrichtigen zu müſſen geglaubt, daß ich ihr Querklinth, den Großmeiſter des geheimen Ordens der Ro⸗ ſenkreuzer mitbringen wolle, der ſogleich die reiche Alte zu einem jungen Manne regeneriren würde. Dieſe unter dem Schleier des Geheimniſſes durchgeführten Thorheiten gaben mir Stoff zum Lachen, und indem ich den geheimen Sinn derſelben erklärte oder vielmehr erfand, gelangte ich dazu, ſte meiner Erleuchteten mit einer gewiſſen Beredtſamkeit vor⸗ zutragen; die Wahrheit iſt, daß ich ſie von dieſem traurigen Wahnſinn heilen wollte, und wenn mir das gelungen wäre, ſo würde ſie meiner Anſicht nach das Opfer des Ueber⸗ fluſſes ihres Vermögens, durch welches ihr die Augen geöffnet worden wären, nicht zu bereuen gehabt haben. Wo iſt Querilinth? das war der gute Morgen, mit welchem mich die Marquiſe begrüßte. In Marſeille, und morgen werden Sie ſeinen Beſuch erhalten. Sie nahm ihre Haube und warf ſie zum Zeichen ihrer Fröhlichkeit an die Decke. Es wird angemeſſen ſein, ihn zum Mittagseſſen ein⸗ zuladen. Mein Haus, meine Börſe, mein Tiſch ſind ihm offen. Piano, Madame, Sie ſind zu leidenſchaftlich. Glauben Sie, daß die Geſchenke, welche ich ihm be⸗ ſtimmt habe, ihm angenehm ſein werden? ¹ Sehr wahrſcheinlich; übrigens wollen wir das Orakel befragen. Ich machte eine Beſchwörungsformel, zwei oder drei Anrufungen, ebenſoviel Grimaſſen, und nachdem ich das Zimmer auf und abgeſchritten, ſtellte ich mich ihr gegen⸗ üͤber und ſprach mit ernſtem, pathetiſchem und ſentenziöſem Tone folgende Worte: „Die Geſchenke, welche die heilige Semiramis ihrem Verjünger beſtimmt, werden gut aufgenommen werden; nur müſſen ſie durch den Chevalier von Seingalt geweiht werden, ehe das erhabene Haupt der Roſenkreuzer ſie an⸗ nehmen kann.“ Während geöffnet; ſie zu kleine Pakete, v Dies war die dieſer Pakete mit großer T wohl ſie die netariſchen erblickte ich Rubin, ei Topas und, vom ſchön ugen iſt herrlie . eine relig mit Seite fügt ein Andre eſuch ihrer b und ließ ſo groß, ein⸗ Während erſonnene daß ſie d ſelben ſt Füßen, dem Ba⸗ einem a ein geflit Als nachzuden ege trauen iöſem übernehn Aeußeres ihrem eines gen rden; es fragte weiht um den e an⸗ es ihm er ihre g über alle dieſe cht auf dieſelben ht zu bedauern iner ſo ſchwie⸗ enke Sie mor⸗ ine achtungs⸗ auf alle ndet man Sie das pllen eine . ſeines to ſagen haben. ſevalier. age holte erkannte Augen⸗ n hohles ine weiß d rothen und ich meinen 133 Ernſt nicht behaupten zu können fürchtete. Meine Stellung zwiſchen einer ehrlichen Närrin und einem gefährlichen Schurken war kritiſch. Ich wurde dadurch etwas ver⸗ düſtert, und wenn ich darüber nachdachte, konnte ich mich des Lachens nicht enthalten. Als Paſſano ſich vorſtellte, machte ihm die Marquiſe drei tiefe Verbeugungen nach orientaliſcher Weiſe mit über⸗ einandergeſchlagenen Armen; ſie nannte ihn Eure GCöttlich⸗ keit und wollte ihm zu Füßen ſtürzen; aber ich hielt ſie noch zur rechten Zeit zurück. Dieſer Empfang ſetzte Paſ⸗ ſano in Verlegenheit und er blieb unbeweglich. Ich ließ beide ſich auf ein Sopha ſetzen und ſetzte mich auf ein Tabouret vor ihnen. Die Marquiſe ſchritt ſogleich mit ihrer gewöhnlichen Geläufigkeit zur Sache. Ich erwartete Eure Cöttlichkeit mit einer Ungeduld, die mit religiöſem Schrecken gemiſcht war: wie glücklich bin ich! Endlich iſt es meinen unwürdigen Augen gegeben, ſich an dieſem himmliſchen Anblicke zu ſättigen. Ja, Sie ſind ſo, wie ich Sie geträumt, erlauchtes Haupt der Roſen⸗ kreuzer, mächtiger Querilinth, allgemeiner Erzeuger, denn Sie haben Iſiaſis befruchtet! Als der Burſche dieſen ſeltſamen Namen hörte, ſah ich, daß er im Begriffe war loszuplatzen; aber ich machte eine Schulterbewegung, welche ihn bei ſeinem Ernſte erhielt. Er ſagte zur Marquiſe, er habe in der That Iſiaſis be⸗ fruchtet, und als die Marquiſe ihm das Portrait dieſes himmliſchen Mädchens zeigte, welches mit Diamanten ein⸗ gefaßt war, äußerte der Schurke ſogleich den Wunſch, ein ähnliches zu beſitzen. Eure GCöttlichkeit, ſagte die Tolle, die unbewußt geiſt⸗ reich war, kann ſich bei Ihrer nächſten Reiſe nach der Sonne eine Kopie davon verſchaffen. Madame, antwortete Paſſano, ich werde dieſe weite Reiſe nur noch in Ihrer Geſellſchaft machen. Wirklich! Und ihr ganzes Weſen zeigte den Ausdruck des höchſten Glücks; zugleich erhob ſte die Augen zum Himmel. Dieſen Augenblick wählte Paſſano, um ſie um eine Priſe Taback zu bitten. Die Doſe der Marquiſe ſchien — — “ — 8* — — 134 von Gold; Paſſano zog ſeine ſilberne aus der Taſche und ſchlug einen Tauſch vor, welcher mit Dank angenommen wurde. Dieſe Doſe, ſagte die Marquiſe, iſt das Werk des Grafen René von Savohen; ſie iſt aus einem Metalle, welches nicht geſchmolzen werden kann: man nennt es Pla⸗ tina. Paſſano ſchien jetzt ſeine Doſe zurücknehmen zu wollen, aber ich hinderte ihn daran. Hierauf ſetzten wir uns zu Tiſch. Paſſano, der aus⸗ ſchließlich mit dem feinen und ſaftigen Eſſen beſchäftigt war, benachrichtigte die Marquiſe daß er zur Eſſenszeit in tiefe Träumereien zu verſinken pflege; dadurch kam er meinen Anweiſungen nach, welche ihm Schweigen empfahlen. Die Marquiſe aß wenig und ſprach viel. Sie entwickelte uns eine Theorie des Sonnenſyſtems und der Milchſtraße. Die Milchſtraße löſt ſich unter dem Einfluſſe dor Son⸗ nenſtrahlen auf, nicht wahr Querilinth? Ja. Auf welche Weiſe geſchieht das? Durch die Abſorption. Mein Gott! zu denken, daß Sie Zeuge des Wunders geweſen. Ew. Göttlichkeit trinkt viel. Dies, fiel ich ein, iſt eine Wirkung der weiten Luft⸗ reiſen. 6 Bei dieſen Worten ſtand die Tolle auf. 4 Entführen Sie mich, großer Querilinth. Paſſano, den dieſe Anrede in Verlegenheit ſetzte, ſtand ebenfalls auf und forderte drei Tage, um ſeinen Entſchluß kund zu geben. Beim Deſſert war die Marquiſe bezaubert, Querilinth ziemlich betrunken, und ich ſtand wie auf glühenden Kohlen. Ich fürchtete eine unbeſonnene Aeußerung; wie man aber ſehn wird, war es nicht Indiskretion, was ich von ihm zu fürchten hatte. Als wir von Tiſche aufgeſtanden waren, lenkte Frau von Urfé die Unterhaltung auf die Geſchenke, welche ſie Querilinth beſtimmte und hatte die Unbeſonnen⸗ heit, ſie auf hunderttaufend Thaler zu taxiren. Obwohl er betrunken war und mit geſchloſſenen Augen auf dem Sopha 135 lag, ſo benutzte der Poſſenreißer doch dieſe Mittheilung; einige Minuten darauf war er in tiefen Schlaf geſunken. Er ſchläft grollend, ſagte die Marquiſe zu mir. Wenn es ein gewöhnlicher Sterblicher wäre, würde ich ſagen, daß er furchtbar ſchnarcht; es iſt dies ein Zeichen ſeiner Unzufriedenheit; Sie haben zu viel geſprochen, Madame, überdies hat ihn Ihre laute Abſchätzung gekränkt. Ich gebe zu, daß ich Unrecht gehabt. Was ſoll ich thun, um meinen Fehler wieder gut zu machen? Wir müſſen den Planeten ein Bußopfer bringen: Sie um Mitternacht zu Ehren Saturns, ich dem Monde mit Tagesanbruch. Wird das hinreichen, um Querilinth zu beſänftigen? Ich habe Grund es zu glauben. Als die Marquiſe ſich zurückgezogen, weckte ich Paſſano und brachte Diana mein Opfer in den Armen der ſchönen Marcoline. Am Morgen ſah ich Paſſano wieder. Dieſer Gauner nahm eine freche Miene an, und ſagte ohne Umſchweife: Ich brauche funfzigtauſend Thaler; Sie verſtehn? Durchaus nicht. Ich muß ſie in Zeit von einer Stunde haben; ſonſt rechnen Sie nicht auf die für die Planeten beſtimmten Ge⸗ ſchenke, welche doppelt ſo viel werth ſind, als ich fordre; denn morgen früh werde ich der tollen Marquiſe die ganze Intrigue aufdecken. Ich war ſtumm vor Erſtaunen. Auch würde ich noch einen andern Schritt thun, fuhr er höhnend fort, jetzt verſtehn Sie mich; wir ſind in einer Stadt, wo die Juſtiz ihre Schuldigkeit thut. Ich war in großer Verſuchung, den Burſchen durch⸗ zuprügeln; aber ich wußte der Verſuchung zu widerſtehn und begab mich zur Marquiſe. Sobald ſie mich erblickte, machte ſie mir ein Papier, in welchem Paralis ſie fragte, ob das Bußopfer genehmigt werde. Sogleich laſſe ich das Orakel folgendermaßen ſprechen:„Der Genius des Saturn iſt der Wiedergeburt günſtig; aber hüte Dich ſo zu handeln, wie es mit dem Chevalier von Seingalt verabredet worden.“ 136 Ich glaubte ihr ſobald wie möglich die Erklärung des zwei⸗ ten Theils des Orakels geben zu müſſen, indem ich ihr er⸗ zählte, was ſich zwiſchen Paſſano und mir begeben. Mein Traum ward beſtätigt: mein Genius hat mir heute Nacht offenbart, daß das Individuum, welches ſie mir zugeführt, nicht Querilinth iſt. Jetzt kann ich ihn Ihnen nennen. Er iſt ein Gauner und heißt Paſſano. Sie irren ſich! Sie haben alſo nicht den Grafen von St. Germain erkannt? Bei dieſer unerwarteten Entdeckung ſpielte ich den Er⸗ ſtaunten. Erinnern Sie ſich nur ſeiner Züge, mein lieber Che⸗ valier, des verzogenen Mundes, der dunkeln Geſichtsfarbe, des flammenden Auges. Sie haben Recht; es iſt der Graf St. Germain. 1 Zum Ueberfluſſe können Sie ja das Orakel ſprechen laſſen. Man wird ſich wohl denken, daß das Orakel ihre Be⸗ hauptung nur beſtätigte. Man muß wiſſen, daß die Marquiſe den Grafen St. Germain verabſcheute; ich kannte die Gründe dieſer Abneigung, welche nichts weniger als vernünftig waren. Ich war ſogleich bedacht, den verhaßten Grafen St. Ger⸗ main in der Perſon Paſſano's aus Marſeille ausweiſen zu laſſen. Mein Rath behagte ihr; aber wie ſollten wir die Sache anfangen? Das war die Schwierigkeit. Ich entfernte mich, um darüber nachzudenken. . Am Abend empfing ich von der Marquiſe ein Billet, in welchem ſie mich von ihrer plötzlichen Abreiſe nach Aix in Kenntniß ſetzte und keine weitere Erklärung gab. Dieſe geheimnißvolle Abreiſe verurſachte mir eine ſchlimme Nacht, denn ich wußte, daß Paſſano ihr geſchrieben. Da Marco⸗ line einige Einkäufe zu machen hatte, ſo führte ich ſie zu meinem Kaufmanne und traf hier Paſſano. Erſchreckt über den Degen, mit welchem ich verſehn war, wollte er die Flucht ergreifen; aber ich hielt ihn zurück: Ich verachte Sie zu ſehr, um mich zu rächen, Meiſter 137 Gauner; bleiben Sie hier und fürchten Sie nichts. Schrei⸗ ben Sie der Marquiſe, wenn Sie Luſt haben; ich fürchte nichts. Beſchämt und zitternd ſuchte er ſeine Dummheiten mit ſeinem Elende zu rechtfertigen. Wenn Sie kein Geld haben, warum verkaufen Sie nicht die Doſe, welche Sie von der Marquiſe bekommen haben? Ein ſchönes Geſchenk! Ihr Juwelier bietet mir zwei Louisd'ors dafür. Wenn ich Ihnen fünfundzwanzig böte? Sie machen ſich über mich luſtig. Ich nehme meine Börſe, und er zieht die Doſe aus der Taſche, und das Geſchäft kommt zu ſeinem großen Er⸗ ſtaunen zu Stande. Wir waren gegenſeitig mit dem Han⸗ del zufrieden. Ich wußte, wie theuer der Marquiſe der Be⸗ ſitz dieſer Doſe war, und ſodann war es mir auch lieb, daß dieſer Schändliche wenigſtens für den Augenblick gegen das Elend geſchützt war. Zwei Tage darauf ließ mir Frau von Urfé melden, daß ſie zurück ſei; während ihrer kurzen Abweſenheit hatte ſie beim Herzog von Villars, Gouverneur der Provence, die Verbannung Paſſano's nachgeſucht und ſie auch erlangt. Der Burſche wurde in der That aus Frankreich verwieſen. Man wird bald ſehn, wo ich ihn wiederfand. Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich die den Planeten beſtimmten Geſchenke in meine Hände bringen ſollte. In Ermangelung Paſſano's mußte ich zu einem andern Bei⸗ ſtande meine Zuflucht nehmen. Ich kam auf den Gedanken, mich für Marcoline zu verwenden. Da ſie nicht franzöſiſch konnte, ſo theilte ich ihr in der Poſſe, welche wir ſpielen wollten, eine ſtumme Rolle zu. Da mir die Marquiſe mit⸗ getheilt hatte, daß ſie in ihrer Jugend den Geiſt der Seine zum Liebhaber gehabt, ſo machte ich aus Marcoline eine Undine, um Frau von Urfé durch die Darbietung eines lebenden Bildes ihrer wäſſrigen Liebſchaft noch mehr zu exaltiren. Ich ließ mir zunächſt ein Käſtchen machen, wel⸗ ches dem, das die Geſchenke enthielt, durchaus ähnlich war 138 und ich drückte drei Siegel darauf, welche den anderen nach⸗ gemacht waren; ſodann ſtellte ich dieſes Käſtchen an die Stelle des wirklichen, worauf das Orakel folgendermaßen zur Mar⸗ quiſe ſprach. Dies iſt der Tag, wo Ihre Geburt durch Mitwirkung des Chevaliers von Seingalt zu Stande kommen ſoll, aber nur in dem Falle, daß die Undine, welche die Geſchenke der Seine bringen ſoll, ſich entſchließt, die Löſung vom Cheva⸗ lier anzunehmen und dieſelbe unmittelbar an Sie gelangen zu laſſen.“ Ich hatte das Orakel dunkel gemacht, um mir eine Ausflucht zu ſichern, aber die gute Marquiſe fand es außer⸗ ordentlich klar. Wo iſt die wunderbare Undine? Ich bin bereit. Ich begreife nicht, ſagte ich, den Erſtaunten ſpielend, wie dieſe Undine an Sie eine von mir empfangene Löſung gelangen laſſen ſoll. Das iſt indeß ſehr einfach. Sie werden ſehn. Aber beeilen wir uns. Bei der Operation müſſen wir alle drei in demſelben Bette ſchlafen. Iſt's ſo der Gebrauch? Am folgenden Tage führte ich Marcoline heimlich zur Marquiſe und verbarg ſie in einem Kabinet, in welches ich einen leeren Koffer hatte ſchaffen laſſen. Nach dem Abend⸗ eſſen legten die Marquiſe und ich uns zu Bett, ſie völlig bekleidet, ich den Degen an der Seite und ein Bein geſtie⸗ felt und geſpornt. Dann holte ich das falſche Käſtchen und ſtellte es unter vielen Kniebeugungen und Segnungen auf den Feuerbock im Kamine. Zur verabredeten Stunde ver⸗ ließ Marcoline, die ein grünes Kleid trug und ihre Haare mit einem grünen Neetze befeſtigt hatte, ihr Verſteck. Würdevoll tritt ſie in das Zimmer, ergreift einen Leuchter, tritt auf Semiramis zu und reicht derſelben einen mit Weingeiſt getränkten Baumwollenflecken. Die Marquiſe zuͤndete den Flecken an und giebt ihn Marcoline zurück, welche ihn ins Kamin wirft. Das Holz entzündet ſich, das Feuer erfaßt das Käſtchen und verzehrt es gänzlich. Nun ſtürzten wir uns weinend(Undine hatte große Luſt zu lachen; 139 ich dagegen fand leicht Thränen) einander in die Arme: das Opfer wird vollzogen. Auf Bitten der Semiramis gebe ich die große Löſung Undinen, welche ſie gewiſſenhaft der Marquiſe überlieferte. Nach Beendigung der Ceremonie ſchenkt die dankbare Semiramis der Waſſergöttin ein pracht⸗ volles Halsband. Marcoline begab ſich wieder in ihr Verſteck und bei Tage gelang es mir, ſie unbemerkt aus dem Hauſe zu bringen. In einer quaſireligiöſen Bewegung nahmen wir die den Planeten beſtimmten Geſchenke mit. Im Laufe des Tages beſuchte ich Frau von Urfé und meldete ihr, ihre Wiedergeburt, die am vorigen Tage begon⸗ nen, werde am erſten Tage des Neumonds des Januar im folgenden Jahre vollzogen werden; bis dahin habe ſie Mar⸗ ſeille zu verlaſſen und ihren Wohnſitz in einer Stadt am Zuſammenfluſſe zweier Flüſſe zu nehmen, und jeden Abend das Feſt des Genius des Mondes zu feiern. Ich verpflich⸗ tete mich, dieſelbe Ceremonie an der Mündung eines Fluſſes zu Ehren Mercurs zu wiederholen. Wie ich erwartet, wählte die Marquiſe Lyon; ſie machte ſich am folgenden Tage auf den Weg und nahm die Aſche des Käſtchens mit. Ich da⸗ gegen nahm Poſtpferde nach Avignon, und nachdem ich Marcoline ihr Halsband abgenommen und die Geſchenke der armen Tollen in Sicherheit gebracht, ſtieg ich in den Wagen. Es war mir viel daran gelegen, bald nach Avignon und ſogar weiter zu kommen, aber einige Meilen von der Stadt zerbrach unſer Wagen. Ich ſchickte meinen Bedienten weg, um einen Stellmacher zu holen, und er kehrte bald darauf mit zwei Livreebedienten zurück, welche mich im Namen ihrer Herrſchaft einluden, bei ihr auszuruhn; zugleich zeig⸗ ten ſte mir ein gut ausſehendes Haus in einiger Entfernung von der Chauſſee. Es hüätte ſich ſchlecht geſchickt, eine ſo höfliche Einladung auszuſchlagen; ich ſchritt daher mit Marcolinen auf das Haus zu. Ehe wir daſſelbe erreichten, begegneten wir drei Damen und zwei Kavalieren. Der eine von ihnen redete uns an und ſagte, wenn etwas die Herrin vom Hauſe über den Unfall, der mich betroffen, tröſten könne, ſo ſei es das Vergnügen, mich bei ſich zu ſehn. 140 Als wir auf den Hof kamen, lief ein kleiner Bolog⸗ neſer Hund, der von einer Dogge verfolgt wurde, bei uns vorüber; die Herrin vom Hauſe eilt ihm zu Hülfe, macht aber einen Fehltritt und fällt, man hebt ſie auf und hin⸗ kend begiebt ſie ſich gefolgt von den beiden Kavalieren, auf ihr Zimmer. So blieb ich allein mit den beiden Damen und Marcolinen und es enſpann ſich zwiſchen uns eine Unter⸗ haltung. Dieſe ſprach in einem ſo abſcheulichen franzöſiſchen Jargon, daß ich die Geſellſchaft in ihren Namen um Ver⸗ zeihung bat. Es iſt doch wunderbar, ſagte eine der Damen, daß man in einer Stadt wie Venedig die Erziehung der Frauen ſo ſehr vernachläſſigt; keine Venetianerin kann franzöſich. Gewiß iſt das Unrecht, verſetzte ich; aber in meiner Heimath, wie faſt überall, ſtudieren die Damen nur dann die Sprachen, wenn ſie nichts Beſſeres zu thun haben. Sie ſind alſo aus Venedig, mein Herr? Das ſollte man in der That kaum glauben. Dieſes Compliment ſchien mir unpaſſend; es war ſchmeichelhaft für mich, aber beleidigend für meine Lands⸗ leute. Ich nahm es nichtsdeſtoweniger mit einem ehrfurchts⸗ vollen Gruße auf. Wir waren ſo weit, als die Männer zurückkehrten. Sie theilten uns mit, daß die Gräfin(es war eine Gräfin) ſich ins Bett gelegt und uns bitten laſſe, auf ihr Zimmer zu kommen. Bis dahin hatte ich die Züge der Dame, welche beſtändig im Dunkeln geblieben war, nicht erkennen können; da ich ein Geheimniß muth⸗ maßte, ſo bemühte ich mich, ſie zu ſehen; aber das war unmöglich. Ihr Bett, welches im Hintergrunde eines dun⸗ keln Alcovens ſtand, war mit doppelten Vorhängen verſehen. Ich ſagte zu ihr, ich ſei in Verzweiflung, daß ich die Ur⸗ ſache ihres Unfalls geworden. Das hat nichts zu ſagen, wurde mir in venetianiſchem Dialekt geantwortet. Nun ſtellte ich ihr Marcolinen vor. Sie ſpricht nicht franzöſiſch, ſagte ich, es wird ihr alſo ſehr angenehm ſein, Sie in ihrer Sprache unterhalten zu können; die Frau Gräfin hat viel⸗ leicht in Venedig gewohnt? kann Sta an Tag lang vern nich nand unb ſteig ſchie ſie plin iſt eine zeig wer hat ſicht frar Hot den wir mir mir hieſ eine 141 Nie, mein Herr; aber ich habe viele Venetianer ge⸗ kannt. Da unſer Wagen erſt ſpät in der Nacht wieder in Stand geſetzt werden konnte, ſo wurde es nicht ſchwer den an mich gerichteten Bitten, das Haus erſt am folgenden Tage zu verlaſſen, nachzugeben. Die Gräfin unterhielt ſich lange mit Marcolinen; aber es entging mir nicht, daß ſie vermied, mich anzureden. Ich erfuhr nichts von ihr und nichts über ſie, außer daß ſie Witwe ſei. Mein Bedienter nannte mir ihren Namen; aber derſelbe war mir durchaus unbekannt. Als der Tag angebrochen war, und ich in den Wagen ſteigen wollte, ließ ich fragen, ob ich die Gräfin einen Ab⸗ ſchiedsbeſuch machen dürfe; aber mir wurde geantwortet, ſie ſchlafe. Ich bat alſo einen der Herren, ihr meine Com⸗ plimente zu überbringen, und reiſte mit Marcolinen ab. Wie alt iſt die Gräfin? fragte ich ſie. Iſt ſie hübſch? Höchſtens dreißig Jahre, und meine Freundin P. P. iſt nicht ſchöner. Ich halte ſie für reich, denn ſie hat mir einen mit Diamanten beſetzten Ring geſchenkt. Marcoline zeigte mir das Kleinod, welches mir zweihundert Louisd'ors werth zu ſein ſchien. Weißt Du, weshalb die Gräfin meine Beſuche nicht hat annehmen wollen, und warum ſte geſtern für mich un⸗ ſichtbar geblieben? Ich weiß es nicht; vielleicht erfordert dies der feine franzöſiſche Ton, oder aus Schaam. Vielleicht auch aus Koketterie. Als wir in Avignon angelangt waren, ſtiegen wir im Hotel von St. Omer ab, Marcoline erfreut, und ich nach⸗ denklich über dieſe geheimnißvolle Begegnung. Kaum waren wir in unſerm Zimmer eingerichtet, ſo ſagte Marcoline zu mir: Jetzt kann ich einen Auftrag ausrichten, den die Gräfin mir beim Abſchiede gegeben. Konnteſt Du es nicht früher thun? Sie hatte mich ſchwören laſſen, vor unſerer Ankunft hieſelbſt mit Dir nicht darüber zu ſprechen. Ich ſoll Dir einen Brief geben. 14² Wo iſt er?— Geduld! Sie zog aus ihrer Taſche eine Rolle Papier. Dies, ſagte ſie, indem ſie mir ein Papier von zweifel⸗ hafter Reinlichkeit zeigte, iſt mein Taufſchein—— Aus dem ich ſehe, daß Du 1746 geboren biſt. Dies iſt mein Führungs⸗ und Sittllichkeitsatteſt. Verliere es nicht; aber der Brief? Sollte ich ihn verloren haben. Deſto ſchlimmer für Dich, ſo ſchicke ich Dich nach Aix zurück. Hier iſt er.—— Nein, dies iſt das Heirathsver⸗ ſprechen Deines Bruders. Zum Teufel! Jetzt habe ich den Brief. Wie, keine Adreſſe? Das Herz ſchlug mir, als ich den Umſchlag aufmachte. Der Brief enthielt nur die italiäniſchen Worte:„An den ehrenwertheſten der Männer“ und die Unterſchrift„Henriette“. Der Anblick dieſer Unterſchrift verſetzte mich in eine Aufregung, welche der Leſer ebenſo wenig begreifen wird, wie Marcoline ſie begriff. Henriette, grauſame Henriette! Du haſt mich ſehn können, ohne Dich zu überzeugen, daß ich Dir meine Liebe bewahre, obwohl ich mich der Deinigen unwürdig gemacht. Ich hatte nur von Dir erfahren, daß Du noch lebſt, um mich zu hindern, Dich wiederzuſehen; aber morgen werde ich Dich wiederſehen! Haſt Du mir nicht erklärt, Dein Haus werde mir beſtändig offen ſtehn? Du biſt Witwe, Henriette, und ich bin reich. O, meine ſchöne, meine göttliche Henriette! Ich fuhr eine Viertelſtunde in dieſem Tone fort, wie ſinnlos, und unter Geſchrei und Thränen auf und abgehend. Die Ankündigung des Abendeſſens machte meiner Aufregung ein Ende. Weißt Du auch, ſagte Marcoline, daß Du mich in große Unruhe verſetzt haſt? Was bedeutet das? Schon der bloße Name dieſer Dame regt Dich ſo auf. Weil dieſer Name mir Alles ſagt. Du haſt ſie ſehr geliebt, aber ſchon vor langer Zeit. nie pier. ifel⸗ nach ver⸗ chte. den tte. eine oird, ette! daß igen daß hen; mir ihn? reine wie end. ung ) in chon 143 Vor ſechszehn Jahren. Und wie lange dauerte Eure Verbindung? Vier Monate. Ich werde nicht ſo lange mit Dir glücklich ſein. Du verdienſt es, mit einem jüngern Manne zu werden. Du willſt mich alſo verlaſſen? Ich werde Dich gewiß nicht mit nach England nehmen. Und warum willſt Du dahin reiſen? Ich muß. Ich muß meine Tochter den Händen einer ſchlechten Mutter entreißen. Deine Tochter? Und ich glaubte der Gräfin verſichern zu dürfen, Du ſeiſt nicht verheirathet. Du haſt wahr geſprochen. Es iſt eine natürliche Tochter. Das arme Kind iſt zehn Jahre alt, und gleicht mir ſo ſehr, daß Du es augenblicklich erkennen würdeſt. Dann werde ich es lieben. Aber ich erzähle nur eine meiner Schwächen, und Du ſprichſt nicht von den Deinigen. Marcoline lachte über meine Bemerkung. Du biſt jung, ſagte ich, aber ich weiß wohl, daß ich nicht Dein erſter Liebhaber geweſen bin. In der That, und Du wirſt nicht rathen—— Mit wem Du angefangen haſt? Nichts iſt einfacher, meine Liebe, mit Deinem Beichtvater. Ein Ungeheuer, der ehrwürdige Vater Molino. Da haben wir es. Aus dem Orden der Barfüßler. Ich war erſt zwölf Jahre alt; er hatte große Freundſchaft für mich gefaßt wie für eine meiner Gefährtinnen. Zwei Opfer zu gleicher Zeit, der alte Schurke! Eines Tages, am Oſterheiligabend, nahm er uns mit ſich unter dem Vorwande, das Feſt des folgenden Tages feierlicher zu begehen. Ich ſehe ſchon das Ende; er legte Euch gewiſſe Bußen auf. Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo fanden wir beide Geſchmack daran; übrigens war er ein hübſcher junger Mann von achtundzwanzig Jahren. ͤ“ 4 8* — 144 Ueber dieſen brauche ich nicht mehr zu wiſſen. Gehen wir zu einem andern über. Der zweite war ein Goldſchmidt und der dritte Dein Bruder, der mir feierlich erklärte, er könne nicht eher, als bis er mich geheirathet, mit gutem Gewiſſen von mir eine Gunſtbezeugung fordern. Da ich vorausſah, daß Marcoline ſich durch ihre Er⸗ innerungen verführen laſſen würde, mir meine eigne Ge⸗ ſchichte zu erzählen, ſo unterbrach ich ſie, um ihr zu ſagen, es ſei Zeit, uns auf den Weg zu machen. Wir legten funfzehn Poſtſtationen zurück, ohne auszuſteigen, und am folgenden Tage waren wir in Lyon. Ich eilte ſogleich nach dem Hoötel Belcourt, wo die Marquiſe wohnte, weniger ihretwegen, als des jungen Aranda wegen. Die Geburt dieſes Kindes war für die Marquiſe kein Geheimniß mehr: Der Taugenichts hatte geſchwatzt. Da ich ihm ſeine Mutter zurückgeben wollte, um ihr meine Tochter wegzunehmen, ſo ließ ich das Orakel ſprechen, welches ihr befahl, das Kind nach Paris zurückzubringen. Nachdem ich dieſe Anord⸗ nungen getroffen, begab ich mich zu Bono, meinem Bankier. Es iſt mir lieb, Sie zu ſehen, aber es wäre mir noch lieber, wenn Sie hundert Meilen von hier weg wären. Sollte mein Bruder, der Abbé, vielleicht in Lyon ſein? Er iſt geſtern abgereiſt, nachdem er eine Zuſammen⸗ kunft mit Ihrem Todfeinde, einem gewiſſen Paſſano, gehabt, der behauptet, ſie hätten ihn vergiftet. Ich zuckte die Achſeln mit gleichgültiger und verächt⸗ licher Miene. Sie werden wohl thun, auf Ihrer Hut zu ſein) ſagte Bono; dieſer Paſſano hat Ihnen Rache geſchworen. Wie er ſagt, will er die niederträchtige Rolle enthüllen, welche Sie bei der tollen Marquiſe von Arfeé geſpielt. Caſanova, ſagt er überall, iſt ein Necromant, ein Spion, ein Falſch⸗ münzer, ein Wechſelfälſcher. Und ein Giftmiſcher, ſagte ich lächelnd. Sie thun Unrecht, zu lachen. Was, ich bitte Sie, habe ich von Paſſano's Verläum⸗ dungen zu fürchten? 1 5 V de 12 — 8. 145 Es handelt ſich nicht blos um leeres Geſchwätz, ſon⸗ dern er will auch einen Kriminalprozeß gegen Sie einleiten. Nehmen Sie alſo Ihre Maaßregeln. Wo iſt der Schurke? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was er gegen mich ausrichten will. Rechnen Sie den Skandal eines ſolchen Prozeſſes für nichts? Sie haben Recht. Ich werde ihm antworten; aber ich brauche einen Advokaten. Ich kannte Paſſanos Bosheit; als ich wieder in mei⸗ nen Gaſthof kam, ſtellte ich ernſthafte Betrachtungen an und beſchloß, dem Elenden bei der Juſtiz zuvorzukommen. Ich ging ins Polizei⸗Büreau und ſetzte hier eine Klage auf, in welcher ich Paſſano als einen Uebelthäter ſchilderte, der ſich in Lyon verborgen, um meiner Ehre und meinem Le⸗ ben nachzuſtellen. Sodann begab ich mich zu dem Advo⸗ katen, den Bono mir angegeben. Ich erklärte ihm die Sache, und er hörte mir mit großer Aufmerkſamkeit zu, dann aber unterbrach er mich plötzlich. Mein Herr, ich kann weder Ihr Rathgeber noch Ihr Advokat ſein, da ich ſchon für Ihren Gegner gewonnen bin; aber ſeien Sie überzeugt, daß ich ſo handeln werde, als ob Sie mir nichts geſagt. Paſſano's Anzeige wird erſt morgen eingereicht werden, bis dahin können Sie ſich an einen andern Advokaten wenden. Machen Sie mich gefälligſt mit einem Ihrer Kollegen bekannt. Das iſt mir nicht geſtattet. So geben Sie mir wenigſtens den Ort an, wo mein Gegner ſich verbirgt. Das iſt ſein Geheimniß, mein Herr, und muß auch das meinige ſein. Dieſer Advokat war aufrichtig und ehrlich. Das ſetzte mich in Verwunderung. Von ihm begab ich mich zu einem ſeiner Kollegen, ſeinem Nachbar, einem in Ruf ſtehenden Greiſe, welcher mir mit lateiniſchen Brocken entgegenkam und mir zur Klugheit rieth. Er übernahm meine Sache. XIV. 10 146 Ich glaubte ihm meine Dankbarkeit für dieſes Verſprechen m durch ein Geſchenk von ſechs Louisd'ors bezeigen zu müſſen. ſe Da ich über den Ausgang dieſer Sache ſehr in Unruhe g war, ſo verbrachte ich eine grauſame Nacht. Am folgenden 4 S Morgen holte Bono mich ab und führte mich zu Paſſano's ki Advokaten, der gegen mich äußerte, ſein Klient ſei toll, er halte ſich für wirklich vergiftet und werde in ſeiner Ver⸗ zweiflung noch den tollſten Unſinn begehen. Welches Vertrauen Sie aber auch auf Ihre Unſchuld haben mögen, Herr Caſanova, ſo läßt der Prozeß ſich doch übel für Sie an. Mein Klient leitet einen Kriminalprozeß gegen Sie ein und iſt entſchloſſen, ſich als Gefangener zu ſtellen, wenn es nöthig werden ſollte. Er will Alles, was. er zu Ihrer Belaſtung ausſagt, beweiſen. Er hat mir l fünfundzwanzig falſche Louisd'ors gezeigt, die er von Ihnen 2 erhalten zu haben vorgiebt. Glauben Sie mir, geben Sie dieſem Unglücklichen Geld und erſparen Sie ſich ſchrecklichere Unannehmlichkeiten.„Er braucht tauſend Louisd'ors. Er ſoll keinen Pfennig bekommen. Ganz Genua kennt die Geſchichte der falſchen Goldſtucke, die er von mir be⸗ kommen zn haben behauptet, und ich habe Gott ſei Dank nichts zu fürchten. Aber weshalb verbirgt der Elende ſich, wenn er ſich zu meinem Ankläger aufwirft? Der Advokat verſuchte meinen Widerſtand zu beſiegen, aber ſehr vergeblich, denn ich war entſchloſſen, den Stürmen Trotz zu bieten, als Bono, der uns verlaſſen, zurückkehrte, und uns mittheilte, er habe erfahren, Paſſano wolle die Klage aufgeben und Lyon verlaſſen: Morgen, ſetzte er hinzu, werden Sie einen Widerruf in beſter Form be⸗ kommen, es wird alſo von der Sache nicht weiter die Rede ſein. Dieſe unerwartete Löſung erleichterte mich ſehr; ich fand Paſſano's plötzliche Flucht ſehr natürlich; erſt am Abend, als ich an den Widerruf dachte, erſchien derſelbe mir höchſt unwahrſcheinlich. Ich ging zu Bono, um mir Aufklärung zu verſchaffen. Nun geſtand dieſer vortrefliche Mann mir Alles. Er hatte, ohne mir etwas zu ſagen, die Sache mit hundert Louisd'ors abgemacht. Ich ſchätze„H — eee 8—+—— V . G⅓ V 147 mich glücklich, mein theurer Caſanova, ſagte er, Ihnen die⸗ ſen kleinen Dienſt leiſten zu können. Ich dankte ihm von ganzem Herzen und war nur noch darauf bedacht, eine Stadt zu verlaſſen, welche mir ſo verderblich hätte werden können. Einhundertſtes Kapitel. Die Venetianiſchen Geſandten.— Ich verlaſe Marca- line.— Aukenthalt in Paris.— Ich vertreibe meinen Bruder, den Abbé.— Madame du Rumain.— Ab- reiſe nach England. Als ich den Tag vor meiner Abreiſe in das Schau⸗ ſpiel ging, wurde ich von einem jungen Venetianer, dem Signor Memo, begrüßt. Ich gehe ihm entgegen, und er ſagt, er habe eine benachbarte Loge, in welcher ſich drei mir bekannte Perſonen befänden, Monſignore Querini, der Prokurator Moroſini und der Graf Straſico, Profeſſor an der Univerſität Padua. Sie kamen von London und gin⸗ gen nach Italien. Ich brachte ihnen meine Huldigungen dar. Moroſini umarmte mich mit gerührtem Herzen, und Monſignore empfing mich mit einer fuüͤr einen Geiſtlichen großen Höflichkeit. Moroſini fragte mich, woher ich käme. Aus Rom, wo Seine Heiligkeit mich mit dem Orden des goldenen Sporns geſchmückt hat. Und wohin denken Sie ſich zu begeben? Nach London. Nach dieſer langweiligen Stadt! Wollen Sie die Güte haben, mich zu beſuchen, mein lieber Caſanova, ſo will ich Ihnen einige Aufträge geben. Ew. Excellenz denkt alſo, ſich einige Zeit in Lyon auf⸗ zuhalten? Fünf oder ſechs Tage. 148 Sehr gut, dachte ich bei mir, da habe ich ja Reiſe⸗ gefährten für Marcoline. Als ich in meine Loge zuruckgekehrt war, fragte mich Marcoline, wer die Herren wären. Die venetianiſchen Geſandten, welche aus England kommen. Sie wechſelte die Farbe und redete mich wäh⸗ rend des ganzen Schauſpiels nicht weiter an. Da ſie wußte, daß ich nur eine Gelegenheit ſuche, ſie nach Venedig zurückzuſchaffen, ſo konnte ſie ſich leicht denken, daß dieſelbe gefunden ſei. Als wir den Saal verließen, redete Moroſini mich an, und ſagte zu mir: Sie ſind in Geſellſchaft einer ſehr hüb⸗ ſchen Perſon. Marcoline grüßt ihn und küßt gleichzeitig Monſignore Querini die Hand. Weelchem Umſtande, ſchönes Fräulein, verdanke ich die Ehre, die Sie mir erweiſen? Sind Sie nicht die Excellenz Querini? Sie ſind in Geſellſchaft von Herrn Caſanova? Ich bin ſeine Nichte. Querini ſchleuderte mir einen boshaften Blick zu. Die Andern lachten ſehr. Ich vertagte meine Abreiſe und be⸗ deutete Marcolinen, daß ich allein reiſen werde. Was ſoll aus mir werden? fragte das arme Mädchen. Bis dahin werde ich Dir einen mächtigern Beſchützer uchen. Wir waren noch beim Abendeſſen, als Memo ein⸗ trat. Ich ſchien verwundert über dieſen nächtlichen Beſuch, und er ſagte, er komme im Namen der Geſandten, um mich mit meiner reizenden Nichte zum Mittagseſſen für den folgenden Tag einzuladen. Iſt das Fräulein damit einverſtanden? Con grandissimo piacer; parlaremo veneziano*)? Am folgenden Tage ging ich zu Moroſini, um ſeine Aufträge in Empfang zu nehmen. Er gab mir ver⸗ *) Mit dem größten Vergnügen; wir werden venetianiſch ſprechen. —-—— 102 Ʒ h — 149 ſchiedene Briefe und eine Viſitenkarte, auf welcher mit Blei folgende Worte geſchrieben waren:„Herr Moroſini bedauert, daß er von Fräulein Charpillon nicht hat Ab⸗ ſchied nehmen können.“ Wie ſoll ich dieſe Perſon entdecken, da keine Adreſſe angegeben iſt? Das weiß ich ebenſowenig wie Sie; ſuchen Sie aber zu erfahren, wo ſie wohnt. Sie wird eine ſehr angenehme Bekanntſchaft für Sie ſein. Ich dankte dem Prokurator. Man wird ſpäter ſehn, ich mir zu dieſer Bekanntſchaft Glück zu wünſchen atte. Wiſſen Sie wohl, fuhr er fort, daß Ihre Nichte rei⸗ zend iſt? Ich bin Ihrer Anſicht. Wie kömmt es, daß ſie kein Wort franzöſiſch kann? Ihre Erziehung iſt vernachläſſigt. In Ihren Händen iſt das ſeltſam. Lieben Sie ſie wirklich? Von ganzem Herzen. Die Liebe eines Onkels. Und Sie nehmen ſie mit nach London? Nein, ich ſchicke ſie nach Venedig zurück. Das laſſe ich mir gefallen! Sie werden doch unſere Einladung nicht vergeſſen? Als ich nach Hauſe kam, beſchäftigte ich mich mit Marcolinens Toilette; für meine Pläne war es erforderlich, daß ſie möglichſt glänzte. Sodann beſchäftigte ich mich mit der meinigen. Ich wählte Beinkleider von violettem Atlas und einen Rock von aſchgrauem Sammt, deſſen Manchetten allein tauſend Liores werth waren. Auf meiner Bruſt prangte der Orden und an jeden Finger ſteckte ich einen koſtbaren Diamanten; endlich nahm ich zwei Uhren und drei Doſen von prächtiger Arbeit. Ich hatte für mehr als zwanzigtauſend Thaler an meinem Körper. Ich erlaſſe dem Leſer die Beſchreibung unſerer An⸗ kunft, welche die beſte Wirkung hervorbrachte. Bei Tiſche baten mich die Geſandten um die Geſchichte meiner Flucht aus den Bleidächern. Ich löſte die Aufgabe auf eine ſo pathetiſche Weiſe, daß ich Marcolinen Thränen entlockte. —————— ———— — — 150 Dieſe Liebe zu einem Onkel iſt etwas ſtark, bemerkte Querini. Ich mache keinen Unterſchied zwiſchen lieben und lieben, ſagte Marcoline, und in Wahrheit habe ich nur Herrn Caſanova geliebt. Sie ſcheinen nicht zu wiſſen, ſchöne Marcoline, daß es fünferlei Arten ſehr verſchiedenartiger Liebe giebt: die Liebe zum Nächſten, die Freundſchaft, die Aeltern⸗ und Kindes⸗ liebe, die ehliche Liebe und endlich die Liebe zu Gott. Hierauf begann der gute Greis, den der Wein ge⸗ ſchwätzig gemacht hatte, eine Homilie, die ich ihm gern er⸗ laſſen hätte. Glücklicher Weiſe begann Marcoline zu weinen, wo⸗ durch die Ideen des Prälaten eine andere Richtung er⸗ hielten. Er küßte ſie zärtlich auf beide Wangen und ſagte zu ihr; Poveretta, Sie ſind ein Engel! Am Abend fragte ich Marcoline um die Urſache ihres Weinens. Während Deiner Erzählung, ſagte ſie, war es aufrichtig; aber als Monſignore Querini ſeine Rede hielt, that ich bloß ſo, denn ich ſah vorher, daß wir Alle bald einſchlafen würden. Haſt Du, fuhr ſie fort, den dicken Lakaien bemerkt, der beſtändig an meiner Seite blieb? Der Deine Teller wechſelté? Eben der. Er iſt mir wegen ſeines Körperumfangs aufgefallen. Es iſt mein Onkel. Dein Onkel Matteo? Er ſelbſt. Das war kein glückliches Zuſammentreffen. Wenn es Dein Onkel iſt, theure Marcoline, ſo kann ich es nicht mehr bei Monſtgnore ſein; alſo müſſen wir die Wahrheit eingeſtehen, aber mit Würde. Werde nur nicht furchtſam; bedenke, daß Matteo kein Anrecht an Deine Perſon hat. Ich rechne auf Deinen Geiſt, um uns aus dieſer Verlegenheit zu ziehen. Was ich gefürchtet, traf ein: Se. Excellenz ließ mich im Laufe des Tages rufen. b' il d 9 5 b „ te ie 151 Herr Caſanova, ſind Sie wirklich der Onkel dieſes jungen Mädchens? Nein, Monſignore; ihr Urſprung iſt mir unbekannt, und ich nannte ſie meine Nichte, um unſeren Beziehungen einen anſtändigen Schein zu geben. Sie ſind ein aufrichtiger Mann. Iſt ſie ſchon lange bei Ihnen? Zwei Monate. Und wo haben Sie ſie kennen gelernt? 1 Darüber muß ich ſchweigen, denn das iſt mehr das Geheimniß Marcolinens als das meinige. Sehr wohl, ſprechen wir nicht weiter davon. Da Sie ihr Liebhaber ſind, werden Sie ſie doch gewiß über ihre Familie befragt haben? Alles, was ich weiß, iſt, daß ſie arme, aber ehrliche Aeltern hat. Ich kenne von ihr nur den Namen Marcoline. Das iſt in der That ihr Taufname. Mein Kammer⸗ diener hat mir, wie ich ſehe, die Wahrheit geſagt. Ich begreife nicht, was Marcoline mit Ihrem Kammer⸗ diener gemein hat? Er iſt ihr Onkel; hat ſte ihn nicht erkannt? Ohne Zweifel nicht, denn ſonſt würde ſie mit mir dar⸗ über geſprochen haben. Da Sie an dieſer jungen Perſon Antheil nehmen, ſo wollen Sie ſie vielleicht heirathen? Monſignore kennt meine Abneigung gegen die Ehe. Ich kann dieſelbe nur bedauern, denn mit Ausnahme meiner und jetzt Ihrer kennt Marcoline Niemand. Wenn es ſich ſo verhält, ſo erlauben Sie mir wohl, Marcoline mit nach Venedig zu nehmen und ſie ihren Aeltern zurückzugeben? Wenn ſie ſo glücklich iſt, Ew. Excellenz einige Theil⸗ nahme eingeflößt zu haben, ſo wird das ein Troſt für mich ſein. Wer wollte der armen Kleinen ihre Flucht zum Vorwurf machen, wenn Ew. Excellenz ſie ihrer Familie zurückgiebt? Sie überlaſſen alſo mir die Ausführung dieſes guten Werks? 152 Unbedingt. Gottes Wille geſchehe! Die Vorſehung hat ihre Geheimniſſe, welche ich achten muß. Mein lieber Caſanova, Sie ſind ein ehrlicher Mann. Bereiten Sie Marcoline auf unſere Zuſammenkunft vor. Ich lernte der Kleinen ihre Lektion ein und gab ihr den Theatercoup beim Wiedererkennen ihres Onkels Matteo an die Hand. Du mußt die Scene ſo natürlich wie mög⸗ lich ſpielen. Du darfſt es nicht an Umarmungen, Thränen und Aeußerungen der Reue fehlen laſſen. Deine Zukunft hängt davon ab. Marcoline fuͤhrte ihre Rolle ſehr gut durch, und ging gar darüber hinaus. Die Scene fand einige Minuten vor dem Abendeſſen ſtatt. Matteo brachte auf einem ſil⸗ bernen Teller die Augengläſer Monſignores. Da ſtürzte Marcoline mit venetianiſcher Begeiſterung in ſeine Arme. Matteo machte in Folge ihres Anlaufs einen Fehltritt und die Augengläſer zerbrachen. Mein Onkel! Theure Nichte! Wie, Sie ſind es? Ja, ich bin es u. ſ. w., die ganze Phraſeologie der Erkennungsſcenen. Guten Tag, Vetter, ſagte ich lachend. Und der dicke Burſche ſtürzte in meine Arme. Die Rührung(ich glaube in Folge des Lachens) ſteckte die ganze Geſellſchaft an, und ich ſah den Augenblick kommen, wo der Onkel und die Nichte die ganze Geſellſchaft umarmen würden. So verlor ich Marcoline, und Monſignore Querini ſeine Augengläſer. Bei Tiſche ſagte Monſignore, dem der von ihm über⸗ nommene erbauliche Auftrag immer angenehmer zu werden ſchien, zu Marcolinen: Meine Tochter, wie ich Sie kennen gelernt habe, werden Sie in Venedig leicht einen Mann finden. Ich möͤchte einen ſolchen verdienen, wie ihn Ew. Excellenz für angemeſſen hält. Uebrigens muß der, der mich nehmen will, mir vor der Ehe und nicht nach der⸗ ſelben gefallen. Zum Teufel! rief Querini aus, der ſeine Tonſur und „ ⏑△⏑*☛ 8* —— 2 „ 153 ſeinen Charakter vergaß, wer hat Ihnen dieſe Anſicht bei⸗ gebracht? Mein Onkel! Das iſt richtig, rief der dicke Matteo aus, der heimlich aus bloßer Zerſtreuung ein Glas Syrakuſer geleert. Welche Eigenſchaften ſoll der Gatte Ihrer Wahl beſitzen? fragte Moroſtni. Ich habe es ſchon geſagt: er ſoll mir gefallen. Und wenn er ein ſchlechtes Subjekt iſt? So wird er mir nicht gefallen: deshalb werde ich auch nur einen Liebhaber heirathen, den ich geprüft habe. Und wenn er unbeſtändig iſt? Deſto ſchlimmer für ihn und vielleicht auch für mich. Dann würden Sie ins Elend kommen. Nein, fiel ich ein, ich habe Marcolinen eine Rente von fünfhundert Thalern ausgeſetzt. Eine ſehr verſtändige Vorſicht, ſagte Monſignore Que⸗ rini. Mit einer ſolchen Penſton kann die Schöne unab⸗ hängig in Venedig leben. Nichts würde meinem Glücke fehlen, wenn ich unter dem Schutze Ew. Excellenz ſtände. Wolan, liebes Mädchen, ich nehme Sie mit. Wie iſt denn aber dieſe Rente angelegt? Ich habe das Kapital. Und, fügte ich hinzu, Ew. Excellenz wird für die An⸗ legung deſſelben ſorgen. Das verſteht ſich; laſſen Sie Veneranda kommen. Ich errieth an dem Namen, daß es eine Duegna ſei; in der That erſchien eine alte Dame, deren Kopf mit einem ſchwarzen Schleier umhüllt war, und welche auf einen Wink Monſignores Marcoline umarmte, und dieſelbe ihrer Freundſchaft verſicherte. Die Abreiſe des Geſandten wurde auf den folgenden Tag um acht Uhr angeſetzt. Marcoline ging zum letztenmale mit mir nach Hauſe. Ich war bewegt, und ſie gab ſich keine Mühe, ihre Auf⸗ regung zu verbergen; die Morgenſonne beleuchtete unſre Umarmungen. Um ſieben Uhr begaben wir uns nach dem Hoôtel Bellecour; ich ſtieg mit ihr in den Wagen, da ich — 7— — 4— F 154 ſie einen Theil des Weges begleiten wollte. Am Abend machten wir in Pont de Beauvoiſin Raſt. Se. Excellenz hielt ſehr auf ein gutes Bett. Marcoline wurde immer betrübter. In meinem Kabinet, wo ich die ganze Nacht angekleidet zubrachte, hörte ich ihr Seufzen und Weinen, und die Anweſenheit der Duegna hinderte mich, ſie zu be⸗ ruhigen, Mit Tagesanbruch ſpannte man an. Ich nahm von den Herren Abſchied, und umarmte Marcoline zum letztenmale. Der ſchmerzliche Eindruck, welchen dieſe Trennung auf mich machte, läßt ſich nicht beſchreiben, und ich verzichte darauf. Den Tag vorher war ich aus tauſend Gründen froh über meine Trennung von Marcolinen; im Augenblicke der Abreiſe fühlte ich dieſe Stimmung ſich ändern. Aber welche Leere erſt, welche Verzweiflung, als ich mich allein ſah! Man glaube nicht, daß ſelbſt die loſeſten Bande ſich ſo leicht löſen laſſen, daß man ſie ohne Schmerz und ohne Gewiſſensbiſſe zerreißen kann. Der oberflächliche Leſer wird mir nicht glauben, wenn ich ſage, daß ich, vernichtet durch den Schmerz, unbeweglich und ſtarren Blicks da ſtand und ſo ſehr meiner Sinne beraubt war, daß ich den Weg nicht hätte finden können. Ich warf mich ſchnell auf mein Pferd, drückte demſelben die Sporen in die Seite, und über⸗ ließ demſelben den Wegf mit dem verzweifelten Entſchluſſe, es zum Stürzen zu bringen, und mir den Hals zu brechen. So legte ich in fünf Stunden achtzehn Meilen zurück. Am folgenden Tage, einem der traurigſten meines Lebens, ſchlug ich den Weg nach Paris ein, allein in einer Chaiſe ſitzend, da ich Clairmont voraufgeſchickt hatte, um Relais zu beſtellen. Die Schnelligkeit der Fahrt ſchien eine für meinen Kummer heilſame Erſchütterung hervorzubringen. Man wird ſich ohne meine Beſchreibung die Freude der Marquiſe von Urfé bei meinem Wiederſehen denken können. Der junge Aranda ſaß an ihrer Seite; ſie ſagte zu ihm: Zeige dem Chevalier das Billet, welches ich Dir heute Morgen gegeben. Es war ein langer in goldnes Papier eingeſchlagener und mit kabbaliſtiſchen Zeichen ver⸗ zierter Brief und ich las Folgendes:„Mein Genius(die Marquiſe ſpricht) hat mir im Schatten der Abenddämmerung offenbart, daß der Chevalier von Seingalt Fontainebleau verlaſſen hat und heute bei mir ſpeiſen wird.“ Das iſt wunderbar! rief ich aus, indem ich das höchſte Erſtaunen erkünſtelte. Vielleicht wirſt Du gleich mir lachen, Leſer, wenn Du ein ſtarker Geiſt biſt, und dennoch will ich meine Schwäche eingeſtehn. Ich bin allerdings in meinem Leben Zeuge wun⸗ derbarer Vorausſagungen geweſen, gegen die meine Vernunft ſich ſträubte, und die dennoch eingetroffen ſind. Vor noch nicht einem halben Jahre wettete ich, als ich durch Dux kam, daß eine Hündin am folgenden Tage mit vier Weib⸗ chen niederkommen würde, und ich gewann die Wette. Das war Zufall, wirſt Du ohne Zweifel ſagen. Nichtsdeſto⸗ weniger war ich, als ich wettete, des Reſultats ſicher; würde ich ſonſt wohl funfzig Louisd'ors aufs Spiel geſetzt haben? Haſt Du nicht ſelbſt hundertmal Ahnungen gehabt, geheime Vorgefühle, deren Urſprung Du nicht entdecken konnteſt, und die nichtsdeſtoweniger auf Deine ernſteſten Entſchlüſſe von Einfluß geweſen ſind? Ein großer engliſcher Dichter hat geſagt: Es giebt viele Dinge zwiſchen Himmel und Erde, von denen unſre Philoſophen ſich nichts träumen laſſen. Um auf die Marquiſe zurückzukommen, ſo ermangelte ich nicht, ihr zu ihrem Ahnungsvermögen Glück zu wün⸗ ſchen. Es iſt die Wirkung meiner Dankbarkeit, antwortete ſie. Ich gratulirte ihr auch zu der vortrefflichen Geſund⸗ heit, deren ſie ſich während ihrer geheimnißvollen Schwanger⸗ ſchaft zu erfreuen ſchien. Am Abend begegnete ich in der italiäniſchen Komödie einer andern Verrückten, Madame du Rumain, welche eben⸗ falls toll nach Orakeln war. Ich verſprach ihr meinen Beſuch für den folgenden Tag. Nach dem Schauſpiele ging ich zu meinem Bruder Franz. Du kommſt zu gelegner Zeit, rief er mir entgegen; Du wirſt mir behülflich ſein, unſern verdammten Bruder aus dem Hauſe zu bringen. So ſprichſt Du von einem Abbé! alſo hier? Ich war darauf gefaßt. Du haſt ihn von Genua weggeſchickt? Er hat ſich ſelbſt verabſchiedet. Du biſt ihm mit ſeiner Geliebten durchgegangen? Er iſt mir mit einigen Louisd'ors durchgegangen. Er iſt ein Elender. Wem ſagſt Du das? Aber wo iſt er? Geduld! Es iſt Zeit zum Abendeſſen. Er iſt pünkt⸗ lich. Ich werde Dir in ſeiner Gegenwart die Streiche, die er mir geſpielt hat, erzählen. Auch ich wünſche ihm in Deiner Gegenwart meine Meinung zu ſagen. In demſelben Augenblicke näherte ſich uns der theure Abbé mit übereinandergeſchlagenen Armen und mit zur Erde geſenktem Blicke. Er erhob die Hand, als ob er uns den Segen geben wolle: Franz und ich faßten ihn aber Jeder bei einem Ohre. Du biſt ein Schurke! Ein Taugenichts! Ein Betrüger! Ein Verläumder! Erbarmen, liebe Brüder! Was habt Ihr denn gegen mich? Sie werden mir ſagen, mein Herr, wer an Paſſano einen abſcheulichen Brief geſchrieben, in welchem man mich einen Spion, einen Wechſelfälſcher und einen Giftmiſcher nennt. 1 Ich kann dieſe Perſon nicht nennen, da ich ſie nicht enne. Und der Tartüfe ſetzte ſich an den Tiſch und that ſo, als ob gar nichts wäre. Wir machten es ebenſo und Franz begann folgende Erzählung: Stelle Dir vor, lieber Bruder, daß der Burſche am Tage ſeiner Ankunft in Paris zu mir kam. Meine Frau und ich empfingen ihn mit offnen Armen, und ich lud ihn zu meinem Tiſche ein. Wahrſcheinlich in der Meinung, uns für ſich einzunehmen, begann er mit Schmähungen gegen Der Burſche iſt — * 157 Dich. Er bezeichnet Dich als Spieler, Wüſtling und Gau⸗ ner. Du kannſt Dir wohl denken, daß wir ihm nicht glaubten. Er erklärte uns ſodann, daß ſeine in Venedig begangene Unbeſonnenheiten ihm die Rückkehr dorthin nicht geſtatte, und daß er beabſichtige ſich in Paris niederzu⸗ laſſen, um Unterricht in—— Worin könnte er wohl Unterricht geben? In der italiäniſchen Sprache. Ein löblicher Plan, aber ſchwer auszuführen. Die Ausführung iſt aus guten Gründen ſchwer; der Hallunke ſchändet unſre Sprache und kann kein Wort Franzöſiſch. Andrerſeits, fuhr Franz fort, gab ihm ſein geiſtlicher Beruf die Hoffnung, in dieſer Laufbahn Glück zu machen, der Herr wollte Biſchof werden. In Folge deſſen führte ihn meine Frau am folgenden Tage zu Herrn von Sanci, der ihn dem Erzbiſchofe empfahl. Man übertünchte ſeine Moralität etwas; man rühmte ſein Wiſſen, um ihn in die Kathedrale zu bringen. Da die Sache ſich in die Länge zog, ſo warf der Herr ſeine Augen auf unſre Parochie. Ich ging zum Pfarrer und erwirkte von ihm, daß er für zwölf Sous täglich die Meſſe leſen könne. Hier zuckte der theure Abbé, welcher eine Taube ver⸗ zehrte(an einem Donnerſtage nach Mitternacht) die Achſeln mit allen Zeichen übler Laune. Franz fuhr fort, indem er ihm nachmachte: Hierüber gerieth der Abbé in einen fürchterlichen Zorn: Man giebt zwölf Sous für den Meßdienſt, aber nicht für das Meſſeleſen. Seitdem, es iſt drei Wochen her, iſt er hier geblieben und kehrt das Oberſte zu unterſt; es iſt mir unmöglich eine Magd zu behalten; er ſtellt den Kammer⸗ mädchen nach und beſtiehlt die Köchin; er betaſtet alle Speiſen und koſtet alle Saucen.— Sieh nur, gerade wie in dieſem Augenblicke. Wir müſſen ein Mittel finden, ihn los zu werden. Nichts iſt einfacher; Du brauchſt nur ſeine Sachen auf die Straßen ſetzen zu laſſen und ihm die Thür vor der Naſe zuzumachen. —— 158 Er wird durch das Fenſter wieder hereinkommen. Nimm den Schutz der Polizei in Anſpruch. Ich fürchte den Skandal für ihn. Gut, ſo möge er Paris verlaſſen, und ich bezahle ſeine Reiſekoſten. Das heißt ſich wie ein würdiger Bruder rächen; was ſagt der Herr Abbé dazu? Das heißt wie ein Tyrann handeln! ſagte der Andre. Wie, Unſeliger, ich gebe Dir Geld, anſtatt Dich durch⸗ zuprügeln, und Du biſt nicht zufrieden! Wo iſt Marcoline? Was gehts Dich an? Sie iſt meine Frau! Jetzt iſt er betrunken! Ich will Biſchof werden; ich reiſe nach Rom. Gut, ſo gebe ich Dir fünfundzwanzig Louisd'ors. Wo ſind ſie? Gieb mir Papier. Hier ſind fünf Anweiſungen auf Lyon, Turin, Genua, Florenz und Rom: in jeder dieſer Städte wirſt Du fünf Louisd'ors bekommen, und ich be⸗ zahle Deinen Platz in der Diligence. Leben Sie wohl, theure Schwägerin; Bruder Franz, ich wohne im Hötel Montmorency. Am folgenden Tage kam der Abbé mit ſeinem Koffer zu mir. Ich laſſe ihm ein Zimmer geben und bezahle ſeine Verzehrung für drei Tage; am vierten ſollte er abreiſen. Ich befahl meinen Leuten, ihn nicht in mein Zimmer zu laſſen und ging zu Madame du Rumain. Man ſchläft noch, ſagte der Portier, aber ſagen Sie mir Ihren Namen, Madame erwartet Jemand. Sie ſehen alſo, daß ſie nicht ſchläft. Der Jemand, den ſie erwartet, bin ich. Nun geht der Portier mich zu melden. Ich folge ihm und gelange mit ihm zur Kammerfrau. Sie war übler Laune. Sie hätten erſt gegen Mittag zu kommen brauchen. Madame iſt um drei Uhr zu Bett gegangen, und es iſt jetzt H⸗ Sr⸗ neun Uhr. Deſto ſchlimmer für ſie; ſie wird die Fol⸗ gen Ihres Beſuchs zu tragen haben. Ich nehme ſie auf mich. Ich folgte dieſer Rebecca. Madame du Rumain dankte mir, als ſie erwacht war, für meine Pünktlichkeit. Raton, Tinte und Federn und verſchließe die Thür. Du kommſt nur, wenn ich klingle. Ich bin für Niemand ſichtbar. Gute Nacht, rief Raton⸗Rebecca, ich lege mich zu Bette! Mein theurer Herr, begann die andre Verrückte, füh⸗ len Sie keine Unruhe? Weswegen, Madame? Wegen Ihres Orakels; es nimmt ab und irrt ſich. Nach demſelben ſollte Herr du Rumain ſchon begraben ſein, und er lebt noch. O, mein Gott; dann iſt Herr du Rumain unvernünftig. Ich gebe zu, daß der liebe Mann ſchwach iſt; aber er lebt doch noch. Nehmen wir einen andern Fall. Sie wiſſen, daß ich leidenſchaftlich die Muſik liebe; meine Stimme iſt berühmt wegen ihres Umfangs und ihrer Stärke, und doch, theurer Chevalier ſinge ich ſeit einem Viertel⸗ jahre nicht mehr. Ich kann das h nicht mehr heraus⸗ bringen. Der Doktor Herrenſchwandt, welchen Sie ohne Zweifel dem Rufe nach kennen, hat mir eine Menge Re⸗ cepte verſchrieben: Syrups, Elixire, Pillen und noch andre Sachen; ich habe Alles angewendet, um meine Stimme wiederzuerlangen; aber nichts ſchlägt an. Sie ſehen eine untröſtliche Witwe, ich will ſagen Frau. Im neunund⸗ zwanzigſten Jahre auf Alles verzichten zu müſſen, was meine Freude ausmachte, iſt in der That traurig. Sehen Sie zu, ob Ihr Orakel mir die Stimme wiedergeben kann. O, wenn ich morgen vor der zahlreichen Geſellſchaft, die ich erwarte, ſingen könnte, welcher Triumph! Welche glän⸗ zende Rehabilitation! Wenn das Orakel will, iſt es möglich. Gewiß, denn Ihre Bruſt iſt gut. Hier habe ich ſchriftlich die Fragen aufgeſetzt, welche 160 ich an das Orakel zu richten gedenke; ſie ſind etwas weitläufig. 85 In der That ſind ſie ſehr lang, ſagte ich, indem ich das Papier nahm. Gut, ſo möge mir das Orakel ebenſo weitläufig ant⸗ worten; Sie kennen meine Schwäche für Alles, was lang iſt. Die endloſen Fragen waren ſo wenig nach meinem Geſchmacke, wie ſie nach dem von Frau du Rumain waren, und ich fing an die Pyramide zu bauen, ohne zu wiſſen, was ich that, denn wie ſollte ich es anfangen, um einer Perſon, welche die Stimme verloren, dieſelbe wieder⸗ zugeben? Indem ich mir den Kopf zerbrach, kam ich auf den Gedanken, eine gute Diät würde vielleicht den Kehlkopf der Virtuoſin wieder herſtellen und ihm ſeine frühere Elaſticität wiedergeben. Ich verordnete alſo der Dame den Kultus der Sonne und befahl ihr dieſelbe nächtlich anzubeten. Da⸗ durch entzog ich die Kranke ihren nächtlichen Vergnügungs⸗ partieen und zwang ſie zu einem regelmäßigen Leben. Außer den Paternoſtern die ich verordnete, empfahl ich Madame du Rumain auch einen Syrup, den ich lunariſch nannte und warme Bäder zu Ehren der Milchſtraße. Da das Orakel auch forderte, daß die Ceremonien des Kultus bei geſchloſſenen Fenſtern ſtattfänden, ſo bewunderte die Dame die Vorſicht des Orakels, und machte die verſtändige Be⸗ merkung, offne Fenſter würden das Ausgehn ihrer Stimme in einen ſtarken Schnupfen verwandeln. Nachdem ich dies verordnet, machte ich mich davon. Am folgenden Tage kam der Abbé ſehr früh auf mein Zimmer und ſagte zu mir: Bruder, ich habe meine Anſicht geändert; ich werde dieſe Stadt nicht verlaſſen. Das iſt ja etwas ganz Neues. Ich habe meine Pläne. Gieb mir das Geld, was Du mir verſprochen. Ich werde mich hüten. Ich will mich ſchriftlich verpflichten, Niemand zur Laſt zu fallen. Du machſt Dich uber mich luſtig, Herr Abbé. Mach, daß Du von hier wegkommſt; ich will Dein Geſchwätz nicht ————— —— ame Be⸗ nme dies nein ſicht Du Laſt NRach, nicht 161 weiter hören; entweder Du bleibſt in Paris und bekömmſt keinen Pfennig, oder reiſeſt mit Wechſeln nach Rom. Als ich dies geſagt, ließ ich den Wirth rufen und be⸗ deutete ihm, daß ich vom folgenden Tage an nichts mehr für den Abbé bezahle. Ich ſpeiſte an dieſem Tage bei der Marquiſe von Urfé mit dem kleinen Aranda. Sie hatte einen Brief von The⸗ reſen bekommen, welche ihren Sohn abzuholen drohte, wenn ich ihn ihr nicht brächte. Ich ſagte alſo dem Kinde, ſeine Mutter würde demnächſt nach Abbéoille kommen und ich gedächte, ihn ihr zuzuführen. Wie werde ich aber ganz allein nach Paris zurück⸗ kommen? Mit einem Poſtillone, ſagte die Marquiſe. Das Kind klatſchte in die Hände. Ich werde alſo auch reiten? Das iſt reizend. Ich werde mich als Kourier anziehn, nicht wahr? Gewiß, verſetzte ich, ich habe für Dich einen pracht⸗ vollen Anzug mit himmelblauem Kragen und ebenſolchem Aufſchlage beſtellt, ſo wie weiße Lederhoſen und große, große Stiefeln; auch wirſt Du auf der Bruſt eine ſchöne ſilberne Platte mit dem franzöſtſchen Wappen tragen. Welches Glück! Man wird mich für einen Kabinets⸗ Kourier halten: Ich werde beſtändig im Galopp reiten und allen mir Begegnenden ſagen, ich komme von London. Als ich von hier weggegangen war, ließ ich die Sachen des kleinen Taugenichtſes nach Calais ſchicken und begab mich zu Madame du Rumain; ſie hatte für drei Wochen aller Geſellſchaft Lebewohl geſagt. Es wurde mir ſchwer, ernſthaft zu bleiben, als ich ſie von der Sonne und dem Monde wie von zwei Potentaten, denen ſie durch mich vor⸗ geſtellt ſein wollte, ſprechen hörte. Ich bezeichnete ihr die Pſalmen, die ſie bei dieſer Gelegenheit herzuſagen habe und gab ihr Kräuter für die religiöſen Räucherungen. Um ſie bei der Hauptoperation zu leiten, nahm ich für dieſe Nacht ein Bett bei ihr an. Um fünf Uhr Morgens weckte ſie mich, und wir begaben uns in ein anſtoßendes Zimmer, um dem Sonnenaufgange beizuwohnen. Obwohl der Himmel XIV. 11 162 rein war, konnten wir ihn doch nicht ſehn!, da die Mauern des Hoôtels Bouillon ihn uns verbargen. Nichtsdeſtoweniger erfolgte die Ceremonie nach allen Regeln und endete mit einem vortrefflichen Frühſtück. Als ich in das Hotel Mont⸗ morency zurückkehrte, bemerkte ich den Abbé auf dem Hofe. Ich rief ihm zu: Rom oder Paris? Er erwiederte aus allen Kräften: Rom! Im ſelben Augenblicke kamen mein Bruder und ſeine Frau, um ſich bei mir zum Frühſtück einzuladen. Du kommſt zu gelegner Zeit, ſagte ich zu ihm: Der Abbé will uns Lebewohl ſagen. In der That reiſte er den Tag darauf ab, und ich ſollte ihn erſt ſechs Jahre ſpäter in Rom wiederſehn. Da die Vorbereitungen des jungen Aranda beendet waren, ſo ſchickte ich mich an, Paris am folgenden Tage zu verlaſſen. Ich nahm Abſchied von den Damen Urfé und Rumain. Als ich eben in den Wagen ſteigen will, begegne ich einem alten Freunde, welcher mir mittheilt, daß die Corticelli im Hôtel Dieu geſtorben iſt. Es iſt bemerkenswerth, daß mit Ausnahme von Marcolinen alle Individuen, welche an der angeblichen Wiedergeburt der Marquiſe von Urfé Antheil nahmen, ein unglückliches Ende nahmen. Wie es Coſta und Paſſano ging, wird der Leſer ſpäter erfahren. Als wir in Abbéville angelangt waren, fragte mich der kleine Aranda, wo ſeine Mutter ſei. Du haſt's ſehr eilig. Wir werden ſie ſpäter finden. Und wenn ſie nicht hier iſt? So ſetzen wir die Reiſe fort. Willſt Du unterdeß die Tuchmanufaktur von Vanrobais beſehn? Ich will lieber ſchlafen. Eine Stunde darauf kehre ich in den Gaſthof zurück und erfahre, daß das Kind verſchwunden iſt. Er hat bei der Abreiſe geſagt, äußern die Bedienten, er wolle aus Paris Depeſchen holen, die Sie vergeſſen. Ich laſſe ſogleich den Poſtmeiſter kommen. Man ſchickte einen Poſtillon hinter dem kleinen Taugenichts her und bringt mir denſelben nach drei Stunden mehr todt als lebendig zurück. Willſt Du nun, ſage ich, mir freiwillig oder mit Ge⸗ walt nach London folgen, denn wir gehn nach London? 4 8 — ie Freiwillig, ich gebe Ihnen mein Wort. Wir ritten nach Calais. Als der junge Aranda im Gaſthofe zum goldnen Arme anlangte, fand er hier zu ſei⸗ ner großen Verwunderung ſeinen Koffer. Ich beſtellte ſo⸗ gleich ein Paketboot; es war ein ſolches zu haben, welches ich für ſechs Guineen in Beſchlag nahm; ich dachte am folgenden Tage die Fahrt zu machen. Als wir zu Abend ſpeiſen wollten, meldete mir der Wirth die Ankunft des Couriers des engliſchen Geſandten in Paris, des Herzogs von Bedford. Dieſer Courier, ſagte er, hat den Eigenthü⸗ mer des von Ihnen gemietheten Paketboots zum Boxen herausgefordert; wie er ſagt, muß daſſelbe zur Verfügung Sr. Excellenz gehalten werden. Ich bin Herr des Paketboots, verſetzte ich, und be⸗ halte es. Am folgenden Tage meldete mir der Wirth, daß der Bediente des Herzogs vor meiner Thür ſei und mich im Namen ſeines Herrn zu ſprechen wünſchte. Ich laſſe ihn eintreten und höre, daß wichtige Angelegenheiten es ſeinem Herrn wünſchenswerth machen, ſobald wie möglich nach Dover zu gelangen, und daß derſelbe mich bitte, ihm das Paketboot abzutreten. Ich erwiederte, ich ſchätze mich glück⸗ lich, dem engliſchen Geſandten dieſen leichten Dienſt erwei⸗ ſen zu können und werde ihm das Boot zur Verfügung ſtellen, jedoch mir drei Plätze vorbehalten. Einen Augen⸗ blick darauf brachte mir der Bediente ſechs Guineen. Ich bin nicht Unternehmer des Paketboots, ſagte ich, es iſt dies ein Dienſt, welchen ich Sr. Exccllenz leiſte; ich bin nicht gewohnt zu verkaufen, was ich gekauft habe. Faſt im ſelben Augenblicke ließ ſich der Herzog melden. Nach gegenſeitigen Complimenten ſagte er, er könne mein zu vortheilhaftes Anerbieten nicht annehmen, und um eine Vermittlung herbeizuführen, möge ich ihm geſtatten, die Hälfte zu bezahlen. Um ihn nicht zu beleidigen, ging ich darauf ein, und er entfernte ſich, indem er mich mit Ent⸗ ſchuldigungen und Dankſagungen überſchüttete. Ein guͤnſtiger Wind blies in die Segel; in noch nicht drei Stunden erreichten wir die engliſche Küſte. Druck von Brandes& Schultze in Berlin, Roßſtr. Nr. 8. 1 Faeche a Ak 2ug, A&— 82 2— — A⁴ A.. ere, 7 1, her 7 en uun dt vud Dexaue Krdbe 3 Za 2 A1 27 12, e. 2 Sue. far ene, AAcuen 77, e., 6 25 Ime nat laLadee,., Ku 2 8— 4 2— 4 4 74 fæ 4— Se er du ſue 1 ε lu wWakuan 4 Mr AAM 1 2 5. 3— 7 46 4.& 8 aee, aaf hue ſᷣ T2eere 5 a‿ unrt 1 2. ₰, 5,„ XXuπe 12 W. zlrs, 1ger 2 L, AA 2 — Safc⸗he areire u Lre u, Au W ne S Ten A d A4ℳ* μ 2νs„al M 7— ⅓ 14 B, L, .———₰ — 2. K. * — ₰hæ 6—„ 9 S 2 2 ¹ e„.— 8—„ 1* 4 ree——— u—— 4— 1 4„ 2 2 1 E——,——— Shar 2 85— 3. A, A— ‿ — 7——— 2—— ——=——. 1————— S 5——— „.—— ₰ r.—— ———. 3 7 Ze——,.— .—— 2 2— 4 8—. .. 5— 2 L—— 8— 6 r„——— a——— 7 2—— — 8 e————— ——..— 8- 3— 1 — Ae A 2 8„ 2 6