3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Vf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——ͤ————V— auf 1 Monat: 1 Ptr.— Pf. 1 Mk. 509 Pf. 2 Mr.— Pf. „„„ 82— 2 n— 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr felbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———y K ———— Memoiren von Nocob Caſanova von Seingalt. Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. Mit Anmerkungen von Fudwig Juhl. Zwölkter Land. Berlin, 1850. Verlag von Guſtav Hempel. Vierundachtzigſtes Kapitel. Der Kardinal Paſſionei.— Der Papſt.— Mariuccig, — Ich komme in Neapel an. Der Kardinal Paſſionei empfing mich in einem großen Zimmer und war grade mit Schreiben beſchäftigt. Er bat mich zu warten, bis er fertig wäre; aber einen Sitz zu nehmen, konnte er mich nicht einladen, denn er ſelber hatte den einzigen, welcher ſich in dem ungeheuren Zimmer befand, beſetzt. Als er die Feder niedergelegt, ſtand er auf, kam mir entgegen, und nachdem er zu mir geſagt, er werde mit dem heiligen Vater ſprechen, fuhr er fort: Mein Kollege Cor⸗ naro hätte eine beſſre Wahl treffen können, denn er weiß, daß der Papſt mich nicht liebt. *n Er. hat den Mann, welcher geachtet wird, dem Manne, welcher geliebt wird, vorgezogen. Ich weiß nicht, ob der Papſt mich achtet, aber ich weiß, daß er weiß, daß ich ihn nicht achte. Ich habe ihn geliebt und geachtet, als er Kardinal war und zu ſti⸗ ner Erwählung beigetragen; ſeitdem er aber die Tiara trägt, iſt es etwas anders, denn er hat ſich als ein zu großer coglione gezeigt. Das Conclave hätte Ew. Eminenz wählen ſollen. Durchaus nicht, denn bei meiner Intoleranz gegen Al⸗ les was Mißbrauch heißt, würde ich die Schuldigen ohne 1* Schonung gezüchtigt haben, und Gott weiß, welche Folgen dies gehabt haben würde. Der einzige Kardinal, der Papſt zu werden verdiente, iſt Tamburini; es iſt aber nun einmal geſchehn. Ich kenne die Welt. Leben Sie wohl und kommen Sie morgen wieder. Welches Vergnügen, einen Kardinal, den Papſt als coglione(Dummkopf) behandeln und denſelben Tamburini preiſen zu hören. Ich verlor keinen Augenblick, um dies in meinen Capitularien zu verzeichnen; es war ein zu koſtba⸗ res Stück, um es zu vernachläſſigen. Wer war denn aber dieſer Tamburini? Ich hatte nie von demſelben ſprechen hö⸗ ren. Ich fragte Winkelmann danach, der zum Mittagseſſen zu mir kam. Es iſt, ſagte dieſer Philoſoph, ein durch ſeine Tugenden, ſeinen Charakter und ſeinen klarſehenden Geiſt achtungswerther Mann. Er hat nie ſeine Anſichten über die Jeſuiten verhehlt, die er Brüder des Betrugs, der In⸗ trigue und der Lüge nennt; deshalb preiſt ihn Paſſionei. Ich glaube wie er, daß Tamburini ein großer und würdi⸗ ger Papſt ſein würde. Bei dieſer Gelegenheit will ich vorgreifen, um zu be⸗ richten, was ich neun Jahre ſpäter beim Fürſten Santa Croce in Rom einen den Jeſuiten mit Leib und Seele ergebnen Menſchen ſagen hörte. Der Kardinal Tamburini lag auf den Tod, und da die Unterhaltung auf ihn kam, ſo ſagte Jemand: Dieſer Benediktiner⸗Kardinal iſt ein Gottloſer: er liegt auf auf Todtenbette und hat die letzte Oelung verlangt, ohne ſich vorher durch die Beichte zu reinigen. Ich ſagte kein Wort; da ich aber gern wiſſen wollte, wie ſich die Sache verhalte, ſo erkundigte ich mich am folgenden Tage bei Jemand, der die Wahrheit wiſſen konnte, und der keinen Grund hatte, ſie zu verſchweigen. Dieſer ſagte, der Kardi⸗ nal habe vor drei Tagen die Meſſe geleſen und wenn er keinen Beichtiger gefordert, ſo habe er vermuthlich einem ſolchen nichts zu ſagen gehabt. Wehe denen, welche die Wahrheit lieben und ſie nicht an der Quelle aufzuſuchen verſtehn! Der Leſer wird dieſe Abſchweifung, welche nicht ohne Intereſſe iſt, entſchuldigen. Am folgenden Tage ging ich alſo zum Kardinal Paſ⸗ ⏑—△—,—j. ſ 5 ſionei, welcher mich mit dem Bemerken empfing, er habe mich ſo früh kommen laſſen, um die Geſchichte meiner Flucht aus den Bleidächern, von welcher er mit Bewunderung habe ſprechen hören, ſich von mir erzählen zu laſſen. Monſignore, ich bin bereit, Ew. Eminenz zu befriedi⸗ gen; aber die Geſchichte iſt lang. Deſto beſſer, denn, wie man mir geſagt hat, erzählen Sie gut. Aber, gnädiger Herr, ſoll ich mich auf den Fußboden ſetzen? Nein, dazu ſind Sie zu gut angezogen. Er klingelt, und nachdem er einem Edelmanne befoh⸗ len, einen Seſſel kommen zu laſſen, bringt ein Bedienter ein Tabouret, einen Seſſel ohne Lehne und ohne Arme, Der Anblick deſſelben verſtimmt mich, ich erzähle ſchnell und ſchlecht und in einer Viertelſtunde iſt die ganze Geſchichte zu Ende. Ich ſchreibe beſſer als Sie ſprechen. Monſignore, ich ſpreche nur dann gut, wenn ich mich behaglich fuͤhle. Aber man legt Ihnen doch bei mir keinen Zwang auf. Nein, Monſignore, ein Mann und namentlich ein Wei⸗ ſer legt mir nie Zwang auf; aber Ihr Tabouret—— Sie lieben die Behaglichkeit? Ueber Alles. Hier haben Sie die Leichenrede auf den Prinzen Eugen: ich ſchenke ſie Ihnen. Ich hoffe, daß Sie mein Lateiniſch nicht ſchlecht finden werden. Morgen um zehn Uhr können Sie dem Papſte die Pantoffeln küſſen. Als ich nach Hauſe kam, dachte ich über den Charak⸗ ter dieſes bizarren, geiſtreichen, hochmü thigen, eitlen und ſchwatzhaften Kardinals nach und beſchloß, ihm ein ſchönes Geſchenk zu machen. Es war das Pandectarum liber unicus, welches Herr von F. mir in Bern geſchenkt, und mit welchem ich nichts anzufangen wußte. Es war ein ſchöngedruckter, ſehr gut gebundener und gut erhaltener Folioband. Für ihn als großen Bücherliebhaber mußte dies 6 Geſchenk von Werth ſein, um ſo mehr als er eine reiche Privatbibliothek hatte, über welche mein Freund, der Abbé Winkelmann, die Aufſicht führte. Demgemäß ſchrieb ich einen kurzen lateiniſchen Brief, welchen ich in einen andern an Winkelmann einlegte und beauftragte dieſen, Sr. Emi⸗ nenz meine Gabe darzubringen. Dieſes ſeltne Werk ſchien mir wohl ſeine Leichenrede aufzuwiegen und ich hoffte, daß er mir ein andresmal nicht bloß die Ehre des Tabourets erweiſen würde. Am nächſten Tage begab ich mich nach dem Monte⸗ Cavallo, der eigentlich Monte⸗Cavalli heißen müßte, da er dieſen Namen von den beiden ſchönen Pferden erhalten hat, die das Piedeſtal ſchmücken, welches den Platz, auf den das Portal des Palaſtes des heiligen Vaters hinausgeht, zieren. Um mich dem Papſte vorzuſtellen, hätte ich mich durch Nie⸗ mand ankündigen zu laſſen brauchen, da jeder Chriſt ſich vorſtellen kann, wenn er die Thür offen ſieht. Ich hatte übrigens Se. Heiligkeit in Padua kennen gelernt, als er den biſchöflichen Sitz dieſer Stadt inne hatte; aber ich gab etwas auf die Ehre, durch einen Kardinal angemeldet zu werden. Nachdem ich dieſes Haupt der Gläubigen begrüßt und ihm das heilige auf ſeinem heiligen Pantoffel geſtickte Kreuz geküßt, ſagte er, indem er ſeine rechte Hand auf meine linke Schulter legte, er erinnere ſich, daß ich in Padua immer die Verſammlung verlaſſen, ſobald er den Roſenkranz an⸗ geſtimmt. Sehr heiliger Vater, ich habe mir noch weit größere Sünden vorzuwerfen; deshalb werfe ich mich Ihnen zu Füßen und bitte um Ihre Abſolution. Er gab mir ſeinen Segen, eine ſehr gangbare Münze in Rom, und fragte mich ſehr gütig, welche Gnade ich er⸗ itte. Ihre heilige Vermittlung, um ſicher nach Venedig zu⸗ rückkehren zu können. 4 Wir wollen mit dem Geſandten ſprechen und Ihnen ſodann antworten. Kommen Sie oft zum Kardinal Paſ⸗ ſionei? K S— ⸗ ☛☛—8 7 Ich bin dreimal bei ihm geweſen. Er hat mir ſeine Leichenrede auf den Prinzen Eugen geſchenkt, und um ihm meine Dankbarkeit zu bezeigen, habe ich ihm die Pandekten geſchickt. Hat er ſie angenommen? Ich glaube wohl, heiliger Vater. Wenn er ſie angenommen hat, wird er Winkelmann zu Ihnen ſchicken, um Sie zu bezahlen. Dann würde er mich wie einen Bücherhändler behan⸗ deln; ich werde keine Bezahlung annehmen. In dieſem Falle wird er Ihnen das Buch zurückſchicken; wir ſind deſſen ſicher, denn ſo iſt ſeine Gewohnheit. Wenn Se. Eminenz mir den Coder zurückſchickt, ſo ſchicke ich ihm ſeine Predigt zurück. Bei dieſer Aeußerung fing der Papſt an zu lachen, daß er ſich die Seiten halten mußte. Es wird uns angenehm ſein, das Ende dieſer Geſchichte zu hören, ohne daß unſre unſchuldige Neugierde der Welt bekannt werde. Bei dieſen Worten zeigte mir ein ſalbungsvoller Segen an, daß die Audienz zu Ende ſei. Als ich den Palaſt verließ, wurde ich von einem alten Abbé angeredet, der mich ſehr ehrfurchtsvoll grüßte und mich fragte, ob ich nicht Herr Caſanova ſei, derſelbe der aus den Bleidächern entflohn. Ja, ſagte ich, das bin ich. So ſei der Herr geſegnet, daß ich Sie, lieber Herr, in ſo guten Umſtänden wiederſehe. Aber mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen? Sie erkennen mich nicht. Ich bin Momolo, früher Gondelführer in Venedig. Sie ſind alſo Prieſter geworden? O, durchaus nicht; aber hier iſt der Prieſterrock, die allgemeine Uniform. Ich bin erſter Scopatore(Feger) unſers heiligen Vaters. Ich mache Ihnen mein Compliment; aber nehmen Sie es nicht übel, wenn ich lache. Op lachen Sie nur. Meine Frau und meine Töchter 2 8 lachen auch, wenn ſie mich im Prieſterrocke und mit dem kleinen Kragen ſehen; auch ich lache; aber dieſer Rock ſetzt hier in Achtung. Beſuchen Sie uns. Wo wohnen Sie? Hinter der Trinità de Monti; hier iſt meine Adreſſe. Ich werde heute Abend dies Vergnügen haben. Ich ging nach Hauſe, erfreut über dieſe Begegnung und mich glücklich ſchätzend, daß ich einen Abend in der Familie eines venetianiſchen Gondelführers zubringen könne. Ich bat meinen Brnder mich zu begleiten und berichtete ihm, wie mich der Papſt aufgenommen. Der Abbé Winkelmann, welcher mich am Abend be⸗ ſuchte, ſagte, ich ſtehe ausgezeichnet beim Kardinal ange⸗ ſchrieben, denn der Coder, welchen ich ihm geſchickt, ſei ein ſehr koſtbares Buch, weil er ſehr ſelten und beſſer erhalten als der in der Vaticaniſchen Bibliothek befindliche ſei. Ich habe den Auftrag, Ihnen denſelben zu bezahlen. Ich habe Sr. Eminenz geſchrieben, daß ich ihm ein Geſchenk damit mache. Er nimmt Bücher nicht als Geſchenk an, denn er will Ihren Coder ſeiner Privatbibliothek einverleiben, und da er Bibliothekar der vaticaniſchen Bibliothek iſt, ſo fürchtet er die Verläumdung. Das iſt ganz gut; aber ich handle nicht mit Büchern, und dies Buch hat mir nur die Mühe, es anzunehmen ge⸗ koſtet; ich kann es daher auch nur zu demſelben Preiſe ver⸗ kaufen. Sagen Sie dem Kardinal, er werde mir eine Ehre erweiſen, wenn er es annehme. Er wird es Ihnen zurückſchicken. Das ſteht in ſeinem Belieben; dann werde ich ihm aber ſeine Leichenpredigt zurückſchicken, denn von Jemand, der meine Geſchenke zurückweiſet, mag ich auch keine an⸗ nehmen. So begab es ſich; am folgenden Tage ſchickte mir der Kardinal meinen Coder zurück, und ich ſendete ihm ſeine Leichenpredigt mit einem Briefe, in welchem ich ſagte, ſie ſei ein Meiſterwerk, obwohl ich ſie kaum durchblättert hatte. 9 Mein Bruder tadelte mich; aber ich ließ ihn reden, da ich nicht Luſt hatte, mich nach ſeinen irrigen Anſichten zu richtenen Am Abend ging ich alſo mit meinem Bruder zum scopatore santissimo, der mich erwartete und ſeiner Fa⸗ milie als einen außerordentlichen Menſchen angekündigt hatte. Nachdem ich ihm meinen Bruder vorgeſtellt, begann ich die Anweſenden zu prüfen. Ich ſah eine alte Frau, vier Mäd⸗ chen, von denen die älteſte vierundzwanzig Jahre alt war, und zwei kleine Knaben, und Alle waren häßlich. Für einen Wolluͤſtling war dies nicht einladend, aber ich war nun ein⸗ mal da, und ich mußte höflich ſein, und wie man ſagt, gute Miene zum böſen Spiele machen; ich blieb und lachte. Ab⸗ geſehen davon, daß alle Mitglieder dieſer Familie häßlich waren, war ſie auch ein Bild der Armuth, denn der sco⸗ patore santissimo mußte mit ſeiner zahlreichen Familie von zweihundert römiſchen Thalern leben, und da der apoſto⸗ liſche Auskehricht nicht denſelben Werth hat, wie die Aus⸗ leerungen des Großlamas, ſo mußte er alle Bedürfniſſe mit dieſer geringen Summe beſtreiten. Nichtsdeſtoweniger war der brave Mann ganz Herz; ſobald er mich ſitzen ſah, ſagte er, er wolle mir zu Abend zu eſſen geben, aber er habe nur Polenta und Schweine⸗Coteletten. Das iſt herrlich, ſagte ich, aber erlauben Sie, daß ich ſechs Flaſchen Orvieto⸗Wein holen laſſe. Das ſteht in Ihrem Belieben. Ich ſchrieb an Coſta ein Billet mit dem Befehle, mir ſogleich die ſechs Flaſchen nebſt einem glacirten Schinken zu bringen. Er kam eine halbe Stunde darauf mit dem Lohn⸗ bedienten, welcher den Korb trug, und bei ſeinem Anblicke riefen die vier Mädchen aus: Das iſt ein hübſcher Junge. Da ich ſah, wie Coſta ſich über dieſen Empfang freute, ſo ſagte ich zu Memolo: Wenn Sie wie Ihre Töchter denken, will ich ihm erlauben zu bleiben. Coſta erfreut über dieſe Ehre, dankt und geht in die Küche, um der Mutter bei der Bereitung der Polenta zu helfen. Man deckt einen großen Tiſch mit einem reinlichen Tiſchtuche und bald trägt man eine ungeheure Schüſſel Po⸗ lenta und eine große Kaſſerolle voll Coteletten auf. Man — —— 10 wollte eben über das Eſſen herfallen, als an die Straßen⸗ thür geklopft wurde. Das ſind Marie und ihre Mutter, ſagte der Junge. Bei dieſer Ankündigung ſehe ich Momolo's vier Töchter Ge⸗ ſichter ſchneiden. Wer ruft ſie! ſagte die eine. Was wol⸗ len ſie! ſagte die andere. Die Zudringlichen! ſagte die Dritte. Sie hätten nur zu Hauſe bleiben ſollen! ſagte die vierte. Meine Kinder, ſagte der gute Vater, ſie haben Hun⸗ ger und werden mit uns theilen, was die Vorſehung uns beſcheert. Ich wurde von der großmüthigen Aeußerung des bra⸗ ven Mannes tief gerührt; ich ſah, daß die wahrhaft chriſt⸗ liche Barmherzigkeit weit öfter im Herzen des Armen eine Zuflucht findet, als bei dem, welchen das Glück mit ſeinen Gaben überſchüttet, und welchen es dadurch, daß es alle ſeine Wünſche befriedigt, unempfänglich für fremde Leiden macht. Während ich dieſe Betrachtungen anſtellte, welche der Seele ſo wohl thun, ſah ich die beiden Hungerleiderinnen hereinkommen. Das Mädchen war eine hübſche junge Per⸗ ſon von beſcheidnem und anmuthigem Aeußern, und ihre Mutter, welche ebenfalls beſcheiden ausſah, ſchien ſich ihrer Armuth zu ſchämen. Das Mädchen grüßte mit jener An⸗ muth, welche ein Geſchenk der Natur iſt, und entſchuldigte ſich, indem ſie furchtſam und verlegen äußerte, ſie würde ſich nicht erlaubt haben zu kommen, wenn ſie hätte ahnen kön⸗ nen, daß Fremde da wären. Der gute Momolo erwiederte allein das Compliment, indem er mit freundlichem Tone ſagte, ſie habe wohl daran gethan zu kommen. Indem er dies ſagte, ſtellte er ihr zwiſchen mir und meinem Bruder einen Stuhl hin. Ich betrachte ſie und finde, daß ſie eine vollendete Schönheit iſt. Man beginnt zu eſſen und ſpricht nun nicht mehr. Die Polenta war vortrefflich, die Coteletten ausgezeichnet, und in noch nicht einer Stunde war der Tiſch völlig gelert; aber der Orvieto erhielt die Geſellſchaft in heitrer Stimmung. Man ſprach von der Lotterie, welche übermorgen gezogen werden ſollte und alle Mädchen nannten die Nummern an 11 welche ſie einige Bajocchi gewagt hatten. Wenn ich nur einer Zahl gewiß wäre, ſagte ich, ſo wollte ich zufrieden ſein. Die junge Mariuccia ſagte, wenn eine Nummer mir genüge, könne ſie ſie mir geben. Ich lachte über ihr Anerbieten, ſie aber nannte mir mit der ernſteſten Miene Nummer 27. Kann man noch ſpielen? fragte ich den Abbé Momolo. Die Läden werden erſt um Mitternacht geſchloſſen, erwiderte er, und wenn Sie wollen, will ich die Nummer für Sie holen.. Hier ſind vierzig Thaler, ſagte ich; ſetzen Sie zwanzig Thaler als Auszug auf die 27, und damit mache ich den fünf jungen Damen ein Geſchenk; die andern zwanzig ſetzen Sie auf dieſelbe Nummer, ebenfalls als Auszug, aber als fünften Gewinner, und dieſe behalte ich ſür mich. Er geht ſogleich weg und kehrt mit den beiden Looſen zurück. Meine ſchöne Nachbarin ſagte,, indem ſie mir dankte, ſie ſei ſicher zu gewinnen, aber ſie habe kein Zutrauen zu meinem Looſe, denn es ſei nicht wahrſcheinlich, daß die 27 als fünfter Gewinner herauskommen würde. Ich bin deſſen ſicher, erwiderte ich, denn Sie ſind das fünfte Fräulein, welches ich in dieſem Hauſe geſehn. Dar⸗ über lachte die ganze Geſellſchaft. Mutter Momolo ſagte, ich hätte beſſer gethan, das Geld den Armen zu geben; aber ihr Mann ſagte, ſie ſolle ſchweigen, da ſie meine Klug⸗ heit nicht kenne. Mein Bruder lachte, ſagte aber, ich habe eine Thorheit begangen. Zuweilen begehe ich gern Thor⸗ heiten, ſagte ich; übrigens wollen wir aber ſehn: ich habe geſpielt, und wenn man ſpielt, gewinnt oder verliert man. Ich drückte meiner ſchönen Nachbarin auf eine ge⸗ ſchickte Weiſe die Hand und ſie erwiderte den Druck mit aller Gewalt. Mir war nun klar, wie es mit Mariuccia und mir kommen würde. Gegen Mitternacht verließ ich die Geſellſchaft und bat den guten Momolo, übermorgen wieder eine Partie zu veranſtalten zur Feier unſeres Gewinnſtes. Unterwegs ſagte mein Bruder zu mir, wenn ich nicht reich wie Kröſus geworden ſei, müſſe ich toll ſein. Ich erwiderte, ich ſei weder das Eine noch das Andere, aber Mariuccia ſei ſchön wie ein Engel, was er zugab. 12 Am folgenden Tage ſpeiſte ich bei Mengs in Familie, da derſelbe wieder nach Rom zurückgekehrt war. Er hatte eine ſehr häßliche, aber gute und talentvolle Schweſter; ſie hatte ſich ſterblich in meinem Bruder verliebt, und man konnte wohl ſehen, daß ihre Flamme nicht erloſchen war; wenn ſie aber mit ihm ſprach, was ſie ſo oft that, als ſie Gelegenheit fand, blickte Johann ſie nicht an. Sie machte ſehr gute Miniaturmalereien und traf aus⸗ gezeichnet die Aehnlichkeit. Ich glaube, daß ſie noch in Rom mit ihrem Manne Namens Moroni lebt. Sie ſprach mit mir oft von meinem Bruder, deſſen Abneigung ſie kannte, und ſie ſagte eines Tages zu mir, er würde ſie nicht verachten, wenn er nicht der undankbarſte Menſch wäre. Ich war nicht neugierig, zu erfahren, welche Rechte ſie an ſeine Dankbarkeit hatte. Die Gattin von Mengs*) war hübſch, ſittſam, ihren *) Die Frau des Mengs war eine ſchöne Römerin aus dem niederſten Stande, welche derſelbe 1749 geheirathet hatte. Mengs reiſte dann im Auguſt 1761 mit ſeiner ganzen Familie nach Spanien, mußte aber im Frühling 1763 die Gattin zur Wieder⸗ herſtellung ihrer Geſundheit nach Madrid zurückſenden. Hier entwickelte ſich nun ihr Verhältniß mit Winkelmann, von welchem deſſen Briefe Zeugniß geben.„Ihr Umgang, welcher durch den Freund ſelbſt auf mich allein eingeſchräͤnkt war, erweckte Ver⸗ traulichkeit, die, den letzten Genuß ausgenommen, nicht größer ſein kann, ſo daß wir außer Rom mehr als einmal auf eben dem Bette Mittagsruhe hielten!“„Eben ſteh ich in Begriff, ſchreibt er am 15 Mai 1764 an ſeinen Freund Berendis, mit einer ſchönen Frau, der Ehegenoſſin meines Mengs, auf einige Zeit auf das Land zu gehen; wenn ich mit meiner ſchönen Ge⸗ ſellin vom Lande zurückgekommen, gehe ich auf die Villa Albani.“ „Sie wurde endlich unſinnig aus Mangel des Beſten, und ihr Mann, der nur von einer Unpäßlicheeit wußte, aber vermuthen konnte, daß bei erlangter Geſundheit dies wollüſtige Blut über⸗ müthig werden würde, ſuchte ihr das höchſte Zeugniß ſeiner Liebe zu geben, und trat mir alle ſeine Rechte auf dieſelbe ab, mit dem Verlangen, die Keuſchheit dem Leben nachzuſetzeu. In dieſen Umſtänden aber unterſtützte mich meine Tugend. Die Frau kam nach ein paar Monaten wieder zu ſich und konnte ihre Rückreiſe 13 Pflichten ergeben, eine gute Mutter, ihrem Manne ſehr unterworfen, obwohl ſie ihn ſchwerlich lieben konnte, denn er war nichts weniger als liebenswürdig. Er war eigen⸗ ſinnig und grauſam, und wenn er zu Hauſe ſpeiſte, ſtand er nie von Tiſche auf, ohne betrunken zu ſein; außer dem Hauſe war er ſo mäßig, daß er nur Waſſer trank. Seine Frau hatte die Reſignation, ihm bei allen nackten Dar⸗ ſtellungen als Modell zu dienen. Als ich eines Tages gegen ſie äußerte, wie unangenehm ihr dieſe Anfgabe ſein müſſe, ſagte ſie, ihr Beichtvater habe ihr dieſe Verpflichtung auferlegt; denn er hatte zu ihr geſagt, wenn ihr Mann eine andere Frau zum Modell nehme, ſo werde er ſie ge⸗ nießen, ehe er ſie male und ſie werde ſich dann dieſe Sünde vorzuwerfen haben. Da Winkelmann nach dem Abendeſſen wie alle anderen männlichen Gäſte betrunken war, ſo machte er mit Mengs antreten. Dieſe mir gegebene Vollmacht wird ihn nothwendig zuweilen gereut haben, und es iſt der Verdacht auf eine Perſon gefallen, die hier dem Manne ein Mißtrauen erwecken können, ſo daß ich eine große Kaltblütigkeit in deſſen folgenden Briefen an mich merkte. Endlich aber, da ihm ein Brief von mir an die Frau auf der Reiſe geſchrieben, in die Hände gefallen, und dieſer ſich auf acht andere bezog, welche alle wie an eine Liebſte geſchrieben waren, ſo haben ihn dieſe Briefe überführt, daß ich derjenige ſei, welcher ich verlange zu ſcheinen. Nunmehr will er, daß die Frau an mich wie an ihren Liebſten ſchreibt, und er ſelbſt wünſcht, daß er mit mir theilen könne, worin die Frau ſelbſt ihm ein heiliges Verſprechen thun müſſen, und dieſes ſoll geſchehn, wenn er zurück nach Nom gehn wird, welches man binnen zwei Jahren hoffe, wie ihm der König ſelbſt verſprochen hat.“ In der That kam Mengs Frau mit ihren Kindern gegen Ende 1767 nach Rom, ob aber das ihrem Gatten geleiſtete Verſprechen zur Ausführung kam, darüber ſteht nichts Gewiſſes feſt, da Win⸗ kelmann ſeit dem November 1764 über dieſen Gegenſtand ſchweigt. Auffallend iſt aber, daß ihn von da ab unerklärliche Unruhe nach den verhaßten Norden zog. Im April 1768 verließ er Rom, um in den Alpen, von einer krankhaften Sehnſucht nach Italien ge⸗ packt, wieder umzukehren, und in Trieſt am 8. Juni 1768 die Beute des Mörders zu werden. —2— 4 8— 6 —-:́qçꝛx·—ͤjy——————— 14 Kindern Purzelbäume. Dieſer gelehrte Philoſoph hatte nichts Pedantiſches an ſich; er liebte die Kindheit und die Jugend, und ſein joviales Gemüth ließ ihn Freude am Genuſſe finden. Als ich am folgenden Tage dem Papſte meine Auf⸗ wartung machte, fand ich Momolo im Vorzimmer, und ich ermangelte nicht, ihm die Polenta für den Abend zu em⸗ pfehlen. Als der heilige Vater mich erblickte, ſagte er: Der Venetianiſche Geſandte hat zu mir geſagt, wenn Sie Luſt hätten, in ihr Vaterland zurückzukehren, ſo müßten Sie ſich dem Sekretair des Cabinets vorſtellen. Sehr heiliger Vater, ich bin bereit, dieſen Schritt zu thun, wenn Ew. Heiligkeit mir einen eigenhändigen Empfeh⸗ lungsbrief geben will. Ohne dieſe ſchützende Aegide werde ich mich nicht der Gefahr ausſetzen, wieder an einem Orte eingeſperrt zu werden, aus dem die Hand Gottes mich er⸗ ſichtlich durch ein Wunder gerettet hatte. Sie haben einen ſehr reichen Anzug und denſelben gewiß nicht in der Abſicht zu Gott zu beten angelegt. Das iſt wahr, ſagte ich, aber auch nicht, um auf einen Ball zu gehn. Wir kennen die ganze Geſchichte der Zurückſendung der Geſchenke. Geſtehn Sie, daß Sie Ihrem Stolze geſchmei⸗ chelt haben. Ja! aber indem ich einen größeren Stolz demüthigte. Da ich ſah, daß der Papſt lachte, ſo kniete ich nieder, um ihn zu bitten, er möge mir geſtatten, die Pandekten der Vaticaniſchen Bibliothek zu ſchenken. Statt aller Antwort erhielt ich den Segen, was in der päpſtlichen Sprache hieß: Stehen Sie auf, die Gnade iſt bewilligt. Wir werden Ihnen, ſagte er, die Zeichen unſeres ganz beſonderen Wohlwollens zuſenden, ohne daß Sie nöthig haben, Einregiſtrirungsgebuͤhren an die Kammer zu zahlen. Ein zweiter Segen ſagte mir, daß ich mich zu entfernen habe. Oft habe ich gewünſcht, dieſe Sprache könne überall angewendet werden, um ſich Zudringliche vom Halſe zu ſchaffen, von denen man belagert wird und zu denen man nicht zu ſagen wagt: Gehen Sie. 15⁵ Ich war neugierig, welcher Art die Zeichen des ganz beſonderen Wohlwollens, von denen der Papſt geſprochen, ſein würden; ich fürchtete, ſie würden ſich nach gewohnter Weiſe auf einen geweihten Roſenkranz beſchränken, und was ich mit einem ſolchen anfangen ſollte, wußte ich nicht. Nach Hauſe zurückgekehrt, ſchickte ich den Codex durch Coſta nach dem Vatican, ſodann ſpeiſte ich bei Mengs. Während wir die Suppe aßen, wurden die Nummern der Lotterie gebracht. Mein Bruder ſah ſie und ſodann mich mit dem höchſten Erſtaunen an. Ich dachte in dieſem Augen⸗ blicke nicht daran und deshalb überraſchte mich ſein An⸗ blicken. Die 27, rief er aus, iſt als die fünfte Nummer herausgekommen. Deſto beſſer, ſagte ich, wir werden lachen. Als Mengs die Geſchichte erfahren, ſagte er: Es iſt eine glückliche Thorheit, aber es bleibt immer eine Thorheit. Er hatte Recht und ich gab es zu; aber ich fügte hinzu, um von den funfzehnhundert römiſchen Thalern, welche mir der Zufall verſchafft, einen würdigen Gebrauch zu machen, würde ich auf vierzehn Tage nach Neapel gehen. Ich werde bei der Partie ſein, ſagte der Abbé Alfani, und mich für Ihren Sekretair ausgeben. Gern, erwiderte ich, und ich bitte Sie, Wort zu halten. Ich lud Winkelmann zur Polenta beim Abbé scopa- tore santissimo ein, und ich trug meinem Bruder auf, ihn hinzugeleiten; ſodann ſtattete ich dem Marquis Belloni, meinem Bankier, einen Beſuch ab, um meine Rechnung zu regeln, und einen Kreditbrief auf ſeinen Korrespondenten in Neapel zu nehmen. Ich beſaß noch zwei hunderttauſend Franes; ich hatteasleinodien für dreißigtauſend und in Amſterdam funfzigkällſend Gulden. Gegen die Abenddämmerung kam ich zu Momolo und fand hier Winkelmann und meinen Bruder, aber anſtatt der Heiterkeit, die ich zu finden erwartete, erblickte ich uur trau⸗ rige Geſichter. Was fehlt denn Ihren Töchtern? ſagte ich zu Momolo. Sie ärgern ſich, daß Sie nicht auch für ſie einen be⸗ ſtimmten Auszug geſetzt haben. Man iſt nie zufrieden. Hätte ich für ſie wie für mich geſpielt, und wäre die Nummer anſtatt an der fünften Stelle an der erſten herausgekommen, ſo hätten ſie nichts gewonnen und würden ſich geärgert haben. Vor zwei Tagen hatten ſie keinen Pfennig und jetzt hat jede von ihnen ſiebenundzwanzig Thaler: ſie ſollten ſehr zufrieden ſein. Das ſage ich auch; aber die Frauen ſind nun ein⸗ mal ſo. Und die Männer auch, mein lieber Landsmann, wenn Sie nicht vernünftig ſind. Nicht das Geld macht glücklich, und die Heiterkeit wohnt nur in ſorgloſen Herzen. Sprechen wir nicht mehr davon und beluſtigen wir uns. Coſta ſtellte einen Korb mit zehn Düten Zuckerwerk auf den Tiſch. Ich werde ſie, ſagte ich, vertheilen, wenn Alle bei Tiſche ſitzen werden. Nun ſagte die zweite Tochter von Momolo, Mariuccia und ihre Mutter würden nicht kommen, ſie würde ihnen aber die beiden Düten ſchicken. Warum werden Sie nicht kommen? Sie haben geſtern einen Streit gehabt, ſagte der Vater, und Mariuccia, welche im Grunde Recht hat, iſt weggegangen und hat geſagt, ſie werde nicht wiederkommen. Undankbare! ſagte ich ſanft zu den Töchtern meines Wirths, bedenkt, daß ſie Euch das Glück gebracht hat, denn ſie hat mir die Nummer 27 angegeben, an welche ich nie gedacht haben würde. Suchen Sie ſie nur zur Rückkehr zu bewegen, oder ich gehe weg und nehme die Düten mit. Daran werden Sie ſehr wohl thun, ſagte Momolo. Die Mädchen, die ſich gekränkt fühlten, blickten ſich gegenſeitig an und baten dann ihren Vater, dieſelbe zu holen. Nein, ſagte er, das iſt nicht paſſend, und da Ihr die Ur⸗ ſache ſeid, daß ſie nicht mehr hat kommen wollen, ſo müßt Ihr die Unkoſten der Verſöhnung tragen. Sie beriethen ſich einen Augenblick und baten dann Coſta ſie zu begleiten und gingen hin. Eine halbe Stunde darauf kehrten ſie triumphirend zurück und Coſta war ganz ſtolz, daß ſeine Vermittlung die Verſöhnung der jungen Mädchen zu Stande gebracht. Ich vertheilte die Düten und gab die beiden Beſten der ſchönen Marie. „ 17 3 herrliche Polenta erſchien in Begleitung zweier großer Schla, mit Schweine⸗Coteletten. Aber Momolo, der mei Geſchmack kannte, und den ich in der Perſon ſeiner Tochter bereichert hatte, fügte ſeinen Schüſſeln noch mehrere Flaſchen ausgezeichneten Weines hinzu. Mariucciag war einfach, aber mit der Eleganz der Schönheit gekleidet, und ihre Haltung war ganz vortrefflich, ſie verführte mich. Ich konnte ihr meine Liebe nur durch einen Händedruck zu erkennen geben; ſie antwortete in derſelben Sprache, aber auf eine ſo ausdrucksvolle Weiſe, daß ich nicht an ihrer Liebe zweifeln konnte. Beim Weggehen ging ich die Treppe mit ihr hinunter, und als ich ſie fragte, ob ich nicht ir⸗ gendwo mit ihr ſprechen könne, beſtimmte ſie mir ein Stell⸗ dichein auf den folgenden Tag um acht Uhr in la Trinità de Monti. Mariuccia war groß, von eleganter und anmuthiger Haltung, wie zum Malen gemacht, weiß wie ein blaſſes Roſenblatt, und ihre Weiße, welche durch die dunkle Fär⸗ bung ihrer Adern noch gehoben wurde, gab ihrer Haut einen Reiz, welcher zur Wolluſt ſtimmt. Ihre blonden Haare waren von ſeltener Schönheit und über ihre dunkel⸗ blauen, faſt ſchwarzen Augen wölbten ſich zwei Bogen von vollkommner Regelmäßigkeit. Nie iſt ein ſo proportionirter Mund von zwei röthern Lippen eingefaßt, noch mit einem ſchönern Gebiſſe geziert geweſen. Die etwas hohe und herrlich gerundete Stirn gab ihr ein majeſtätiſches Anſehn, welches die Vollendung des Ganzen noch erhöhte. Das Lächen der Sanftmuth und Liebenswürdigkeit ſtand in Har⸗ monie mit ihren funkenſprühenden großen Augen; ihre weiße und fleiſchige Hand, ihre rundlichen Finger, ihre fleiſchrothen Nägel, ihr von den Grazien geformter Buſen, welchen ein zudringliches Corſet nur mit Mühe zu bändigen ſchien, ein außerordentlich kleiner Fuß und hervorſprin⸗ gende Hüften, überhaupt Alles machte Mariuccia zu einer Schönheit, die des Meißels eines Prariteles würdig war. Dieß junge Mädchen ging ins achtzehnte Jahr, und obwohl ſie in Rom wohnte, war ſie doch bis dahin den Blicken der Kenner entgangen. Der glückliche Zufall führte mich mit XII. 2 ——— ihr in einer wenig gangbaren Straße zuſammen, wo ſte in Dunkelheit und Elend lebte und ich wan glücklich genug ihr Glück zu begründen. Wie ſich leicht denken läßt, ſtellte ich mich pünktlich ein, und ſobald ſie ſich überzeugt hatte, daß ich ſie geſehn, verließ ſie die Kirche. Ich folgte ihr von Weitem. Nach⸗ dem ich ſie in ein großes verfallenes Gemäuer hatte treten ſehen, trat ich ebenfalls ein und als ſie eine, wie es ſchien, in der Luft ſchwebende Treppe erſtiegen hatte, blieb ſte ſtehn. Hier, ſagte ſie, wird mich Niemand ſuchen; Sie können alſo ganz frei mit mir ſprechen. Ich ſetzte mich neben ſie auf den Stein und machte ihr ſodann eine feurige Liebeserklärung. Sagen Sie mir, fuhr ich fort, was ich für ihr Glück thun kann, denn ich ſtrebe nach Ihrem Beſitze, will denſelben aber zuvor verdienen. Machen Sie mich glücklich und ich werde mich Ihren Wünſchen ergeben, denn auch ich liebe Sie. Sagen Sie mir, was ich thun ſoll. Mich dem Elende entreißen, dem ich unterliege; denn ich muß mit meiner Mutter leben, einer guten Frau, die aber fromm bis zum Aberglauben iſt und die mich durch ihr beſtändiges Arbeiten an meinem Seelenheile noch raſend machen wird. Sie tadelt meine Reinlichkeit, weil, um mich zu waſchen, meine Hand den Körper berühren muß, und weil ich mich dadurch der Gefahr ausſetze, den Männern zu gefallen. Hätten Sie mir das Geld, welches Sie mich in der Lotterie haben gewinnen laſſen, als bloßes Almoſen ge⸗ geben, ſo würde ſie mich gezwungen haben, es auszuſchlagen, weil Sie ſchlechte Abſichten hätten haben können. Sie erlaubz mir allein in die Meſſe zu gehn, weil unſer Beichtvater ihr geſagt hat, ich dürfe es; aber ich würde nicht wagen eine Minute länger zu bleiben, ausgenommen die Feſtſtage, wo ich zu meiner Erbauung zwei oder drei Stunden beten darf. Wir können uns alſo nur hier ſehn; wenn Sie aber die Güte haben wollen, für mich etwas zu thun, ſo müſſen Sie es auf folgende Weiſe anfangen. Ein junger Mann, ein hübſcher Junge, von guter Füh⸗ rung und ſeinem Stande nach Perückenmacher, hat mich vor —,„——,——» —& ͤ— —— 19 etwa vierzehn Tagen bei Momolo geſehn und mir am fol⸗ genden Tage an der Kirchenthür einen Brief eingehändigt. Er erklärte mir ſeine Liebe und ſagte, wenn ich ihm nur eine Mitgift von vierhundert Thalern zubringen könne, werde er mich heirathen, einen Laden eröffnen und die nöthigen Meubeln anſchaffen. Ich bin arm, erwiederte ich, ich habe nur hundert Thaler in Gnadenſcheinen, welche mein Beicht⸗ vater mir aufhebt. Mitzt habe ich Zweihundert, denn wenn ich mich verheirathen kann, wird meine Mutter mir gern ihren Antheil am Gewinne abtreten. Sie könnten mich alſo gluͤcklich machen, wenn ſie mir für zweihundert Thaler Gna⸗ denſcheine verſchafften. Sie würden dieſen Scheine meinem Beichtvater bringen, einem heiligen Manne, der mich liebt und der meiner Mutter nichts davon ſagen wird. Mein Engel, ich brauche nicht zur Mildthätigkeit meine Zuflucht zu nehmen. Ich werde noch heute Ihrem Beicht⸗ vater zweihundert Piaſter bringen und Sie werden das Ueb⸗ rige beſorgen. Nennen Sie mir ſeinen Namen und über⸗ morgen werde ich Ihnen von meinem Schritte Bericht er⸗ ſtatten, aber nicht hier, denn die Kälte und der Zug tödten mich. Ueberlaſſen Sie es mir ein Zimmer zu ſuchen, wo wir behaglich und ohne Furcht vor Entdeckung einige Stun⸗ den zubringen können. Ich werde Sie morgen zur ſelben Zeit in der Kirche aufſuchen und ſobald Sie mich erblicken, folgen Sie mir. Mariuccia nannte mir den Namen ihres Beichtvaters und geſtattete mir alle Liebkoſungen, die an dieſem traurigen Orte möglich waren. Die Kuſſe, mit denen ſie die meinigen erwiederte, ließen mir keinen Zweifel, daß ſie meine Liebe er⸗ wiedre. Als es neun Uhr ſchlug, verließ ich ſie, ſtarr vor Kälte, glühend vor Begierde und nur mit dem Gedanken beſchäftigt, ein Zimmer zu finden, wo ich mich ſchon am folgenden Tage in den Beſitz dieſes Schatzes ſetzen könne. Als ich den verfallenen Palaſt verließ, wendete ich mich nicht nach dem ſpaniſchen Palaſte, ſondern links und ge⸗ langte in eine enge, ſchmutzige Straße, welche nur von Leuten aus dem unterſten Volke bewohnt wird; da ich 2* langſam ging, ſo trat eine Frau aus einem Hauſe und fragte höflich, ob ich Jemand ſuche. Ich ſuche ein zu vermiethendes Zimmer. Hier giebt es keine, mein Herr, aber auf dem Platze finden Sie hundert. Ich weiß es, aber ich möchte hier eins haben, nicht um zu ſparen, ſondern um ſicher zu ſein, daß ich Morgens hier mit einer mir theuern Perſon eine Stunde ungeſtört zubringen kann. Ich werde zahlen, was man fordert. Ich verſtehe Sie und würde ihnen dienen, wenn ich zwei Zimmer hätte; aber die Nachbarin im Erdgeſchoſſe hat zwei, und ich will mit ihr ſprechen, wenn Sie einen Augenblick warten wollen. Sie werden mir einen großen Gefallen thun. Haben Sie die Güte einzutreten.— Ich trete in ein elendes Loch, wo Alles auf Elend hin⸗ deutete, und ich erblicke hier zwei Kinder, welche ihre Lek⸗ tion ſchrieben. Wenige Minuten darauf kömmt die gute Frau und bittet mich ihr zu folgen. Ich ziehe mehrere Geldſtücke aus der Taſche und lege dieſelben auf den ein⸗ zigen Tiſch, der ſich in dieſem elenden Gemache befand. Ich mußte dem armen Weibe ſehr großmüthig erſcheinen, denn ſie küßte mir mit dem Ausdrucke des Glücks und der Dankbarkeit die Hand. Es iſt ſo ſüß, Gutes zu thun, daß jetzt, wo ich nichts mehr habe, die Erinnerung an die Glücklichen, welche ich, oft mit wenigen Koſten, gemacht, ſo ziemlich die einzige Wolluſt iſt, welche ich noch ſchmecke. Ich gehe in ein benachbartes Haus, wo eine Frau mich in einem leeren Zimmer empfängt und zu mir ſagt, ſie wollte min wohlfeil vermiethen, wenn ich ein Vierteljahr vorausbezahle und die Meubeln, die ich brauche, ſelber beſorge. Und was fordern Sie für das Vierteljahr? Drei römiſche Thaler. Laſſen Sie das Zimmer bis heute Nachmittag um drei Uhr meubliren, und ich gebe Ihnen zwölf Thaler. Zwölf Thaler! Und welche Meubeln verlangen Sie?! Ein reinliches Bett, einen kleinen mit einer weißen ———————„„ en Serviette gedeckten Tiſch, vier gute Stühle und ein Koh⸗ lenbecken mit brennenden Kohlen, denn man ſtirbt vor Kälte in dieſem Zimmer. Ich werde nur zuweilen Morgens kom⸗ men und gegen Mittag wieder weggehn. Wenn es ſo iſt, ſo kommen Sie um drei, und Sie ſollen Alles nach Wunſch finden. Hier ſind die drei Thaler für die Miethe und ich werde um drei Uhr zurückkommen. Wenn ich Alles in Ordnung finde, ſollen Sie zufrieden ſein. Ich gehe weg und begebe mich augenblicklich zum Beichtvater. Es war ein franzöſiſcher Mönch in den Sech⸗ zigern von edlem und wohlwollendem Aeußern, welches Vertrauen und Wohlwollen einflößte. Ehrwürdiger Vater, ſage ich zu ihm, ich habe beim Abbé Momolo scopatore santissimo, ein junges Mäd⸗ chen Namens Maria kennen gelernt, deſſen Beichtvater Sie ſind. Ich habe mich in ſie verliebt und Gelegenheit gefun⸗ den, ihr Gold anzubieten um ſie zu verführen. Sie hat mir geantwortet, anſtatt ihr zu einer Sünde zu rathen, ſollte ich mich lieber bemühn Gnadenſcheine für ſte zu er⸗ langen, damit ſte einen ehrenhaften jungen Mann, der ſich um ſie bewerbe und der ſie glücklich machen werde, heira⸗ then könne. Dieſe Zurechtweiſung hat mich geärgert, aber nicht von meiner Leidenſchaft geheilt. Ich habe alſo ein zweitesmal mit ihr geſprochen und ihr geſagt, ich wolle ihr die zweihundert römiſchen Thaler für nichts ſchenken, und ich würde ſie ihrer Mutter bringen.„Dadurch,“ ent⸗ gegnete ſie, werden Sie mich unglücklich machen, denn meine Mutter würde glauben, dieß Geld ſei der Lohn für ein Verbrechen; und ſie würde es nicht annehmen. Wenn Sie dieſe edle Abſicht haben, ſo haben ſie die Güte, das, Geld meinem Beichtvater zu bringen, und mich ihm zur Verhei⸗ rathung zu empfehlen.“ Hier, ehrwürdiger Vater, iſt nun die Summe, welche ich dieſem ehrſamen Mädchen beſtimmt habe. Haben Sie die Güte, dieſelbe anzunehmen, denn ich will nichts weiter mit der Sache zu thun haben. Ueber⸗ morgen reiſe ich nach Neapel und bei meiner Rückkehr hoffe ich ſie verheirathet zu finden. Der ehrliche Beichtvater nahm die hundert Zechinen, welche ich ihm gab, ſtellte mir eine Quittung aus und ſagte, indem ich mich Mariuccia's annähme, mache ich eine unſchuldige und reine Taube glücklich, denn dieſelbe beichte f ſeit fuͤnf Jahren bei ihm, und oft befehle er ihr ohne Beichte zum Abendmahl zu gehn, weil er ſie hinlänglich kenne, um die Ueberzeugung zu haben, daß ſie nicht im Stande ſei, eine Todſüͤnde zu begehn. Ihre Mutter, fügte er hinzu, iſt eine Heilige, und es wird nicht ſchwer halten, die Heirath zu Stande zu bringen, ſobald ich mich nach dem Alter des jungen Bewerbers erkundigt haben werde. Uebrigens ſoll nie Jemand erfahren, welchen Grund Ihre Großmuth hat. Nachdem ich dieſe Sache zu Stande gebracht, ſpeiſte ich beim Ritter Mengs und verpflichtete mich ſehr gern, an dieſem Abend mit der ganzen Familie ins Theater Aliberti zu gehn. Ich vergaß darüber nicht, das kleine Zimmer zu beſichtigen. Ich fand Alles, was ich befohlen hatte; ich gab der Beſitzerin zwölf Thaler und nahm die Schlüſſel, nach⸗ dem ich befohlen, daß die Kohlenpfanne um ſieben Uhr Morgens angezündet werden ſolle. Die Sehnſucht nach dem morgenden Tage ließ mich die Oper abſcheulich finden und hinderte mich die Nacht zu ſchlafen. Am nächſten Morgen früh war ich in der Kirche und, ſobald Marie gekommen war, ging ich ab, da ich ſicher war, daß ſie mich geſehn. Sie folgte mir von Weitem und als ich an die Schwelle der Thür meines neuen Tempels ge⸗ langt, blieb ich einen Augenblick ſtehn, damit ſie ſich orientiren könne und trat dann in das Zimmer, welches recht warm war. Mariuccia erſchien bald darauf furchtſam, be⸗ ſchämt und muthlos, wie eine Perſon die zweifelt. Ich preßte ſie in meine Arme, beruhigte ſie durch meine Lieb⸗ koſungen und ſah ihren Muth wieder erwachen, als ich ihr die Quittung ihres Beichtvaters zeigte und zu ihr ſagte, der brave Mann habe mir verſprochen, ihre Heirath zu Stande zu bringen. Sie küßte mir entzückt die Hand und verſicherte mir, ſie werde mir ewig dankbar ſein. Da ich wie wel kenl ſah, wo ſo g des! in ½ zu ſolle Frei ich reſpt Krei ſchei wort theil von Näh und war Neap hielt. Frau war hätte Caſte Fünfundachtzigſtes Kapitel. WMein kurzer, aber glücklicher Aukenthalt in Neapel.— Der Herzog von Matalone, meine Tochter, Donna . Lurrezia, meine Abreiſe. Ich will nicht das Unmögliche verſuchen, theurer Leßer, wie große Luſt ich auch dazu verſpüren mag, und Dir ſchildern, welche Freude, welches Glück, ich möchte ſagen, welche Trun⸗ kenheit ich fühlte, als ich die theure Parthenopolis wieder⸗ ſah, welche ſo ſüße Erinnerungen bei mir zurückgelaſſen, und wo ich vor achtzehn Jahren, als ich von Mataro zurückkehrte, ſo glücklich geweſen war. Da ich zum zweitenmale die Stadt nur deshalb beſuchte, weil ich während meines kurzen Aufenthalts in Paris dem Herzog von Matalone verſprochen, ihn in Neapel zu beſuchen, ſo hätte ich zuerſt zu dieſem großen Herrn gehn ſollen; da ich mir aber wohl denken konnte, daß er mir wenig Freiheit laſſen würde, wenn ich ihn einmal beſucht, ſo zog ich zunächſt Erkundigungen über meine Bekanntſchaften ein. Ich ging früh zu Fuße aus und gab mich dem Kor⸗ reſpondenten Bellonis zu erkennen. Nachdem er meinen Kreditbrief entgegengenommen, gab er mir ſo viele Bank⸗ ſcheine als ich wünſchte und verſprach mir auf ſein Ehren⸗ wort Niemand den Stand unſerer Angelegenheiten mitzu⸗ theilen. Von hier aus begab ich mich nach der Wohnung von Antonio Caſanova; man ſagte mir aber, daß er in der Nähe von Salerno auf einem Gute lebe, welches er gekauft und von welchem er den Titel Marquis bekommen. Das war mir unangenehm, aber ich durfte nicht erwarten, in Neapel den status quo zu finden, der ſich ja nirgends er⸗ hielt. Polo war todt und ſein Sohn wohnte mit ſeiner Frau und ſeinen Kindern in Sta. Lucia; als ich abreiſte, war er Kind geweſen, und obwohl ich ihn gern geſehn hätte, fand ich doch keine Zeit dazu. Man wird ſich leicht denken, daß ich den Advokaten Caſtelli, den Mann meiner theuren Luerezia, welche ich in Rom ſo heiß geliebt, und mit welcher ich in Tivoli ſo ſüße Augenblicke verlebt, nicht vergaß. Ich ſehnte mich, ſie wiederzuſehn, und ich fühlte einen ſuͤßen Schauer, wenn ich daran dachte, welches Vergnügen uns die Rückerinnerung an eine zu früh entſchwundene und mir unvergeßliche Zeit machen würde. Aber Caſtelli war ſeit langer Zeit todt, und ſeine Wittwe lebte zwanzig Meilen von Neapel. Ich gelobte mir, nicht abzureiſen, ohne ſte umarmt zu haben. Von Carles Caraffa wußte ich, daß er noch lebe und im Palaſte Matalone wohne. Ermüdet von meinen Ausflügen kam ich nach Hauſe; nachdem ich ſodann gut zu Mittag gegeſſen, machte ich Toilette, ſtieg in einen Miethswagen und fuhr nach dem Palaſte Matalone, wo man mir ſagte, daß der Herzog bei Tiſche ſei. Gleichviel, ich laſſe mich melden, und der Her⸗ zog, der mir entgegen kam, erwies mir die Ehre, mich zu dutzen, indem er mich umarmte; ſodann ſtellte er mich ſeiner Gemahlin vor, einer Tochter des Herzogs von Bovino, und der zahlreichen Geſellſchaft, welche bei ihm ſpeiſte. Ich ſagte zu ihm, ich ſei nur, um ihm den in Paris ver⸗ ſprochenen Beſuch zu machen, nach Neapel gekommen. In dieſem Falle, mein Freund, ſagte er, iſt es billig, daß Du bei mir wohnſt und ohne meine Antwort abzuwarten, ſagte er: Schnell begebe man ſich nach dem Gaſthofe, wo Herr Caſanova abgeſtiegen iſt und laſſe ſein ganzes Gepäck hieher⸗ ſchaffen. Wenn er einen eignen Wagen hat, bringe man ihn in meine Remiſen. Ich war damit einverſtanden. Ein ſchöner Mann unter den Gäſten ſagte, als er mei⸗ nen Namen nennen hörte, mit munterem Tone: Wenn Du meinen Namen führſt, kannſt Du nur ein Baſtard meines Vaters ſein. Nicht Deines Vaters, verſetzte ich augenblicklich, ſon⸗ dern Deiner Mutter. Die Geſellſchaft lachte laut und klatſchte Beifall zu meiner Antwort; und der Zwiſchenredner, weit entfernt ſich beleidigt zu fühlen, ſtand auf und umarmte mich. Man erklärte mir die Zweideutigkeit. Anſtatt Caſanova hatte dieſ ſitze mir wol denn hat. mit inde ſeine ſeine ſehe Laur mehr geſag eine Man einer Aus keit war geleg Herr verge mir wohl Stolz führte cretai ſei, u unbek Recht er ſo hätte ſüße n ich rung Zeit todt, Ich aben. d im auſe; e ich dem g bei Her⸗ ch zu ſeiner und Ich ver⸗ In 3 Du ſagte Herr leher⸗ man mei⸗ 1 Du beines hatte 29 dieſer Herr Caſalnovo verſtanden; er war Herzog und Be⸗ ſitzer des Lehns dieſes Namens. Weißt Du ſchon, ſagte der Herzog von Matalone zu mir, daß ich einen Sohn habe? Man hat es mir geſagt, und ich habe es nicht glauben wollen; aber ich thue Abbitte wegen meiner Ungläubigkeit, denn ich ſehe einen Engel, welcher dies Wunder bewirkt hat. Die Herzogin erröthete und belohnte mein Kompliment mit keinem einzigen Blicke, aber die Geſellſchaft rächte mich, indem ſie klatſchte; es war notoriſch, daß der Herzog vor ſeiner Verheirathung für impotent galt. Der Herzog ließ ſeinen Sohn kommen; ich bewundre ihn und ſage, derſelbe ſehe ihm außerordentlich ähnlich. Ein Mönch, der guter Laune war und rechts von der Herzogin ſaß, ſagte mit mehr Wahrheit, er gleiche ihm nicht. Kaum hatte er dies geſagt, als ihm die Herzogin mit der größten Kaltblütigkeit eine Ohrfeige verſetzte, welche der Mönch mit der beſten Manier hinnahm. Tauſend muntere Reden machten mich in Zeit von einer halben Stunde der ganzen Geſellſchaft theuer, mit Ausnahme der Herzogin, welche mir mit großer Beharrlich⸗ keit den Boden unter den Füßen wegzuziehn ſuchte! Sie war ſchön, aber hochmüthig, verſtand zu gelegner und un⸗ gelegner Zeit ſtumm und taub zu ſein und blieb beſtandig Herrin ihrer Augen. Zwei Tage lang bemühte ich mich vergeblich, einen Dialog mit ihr anzuſpinnen; es gelang mir nicht. Da ich kein Auge auf ſie geworfen hatte, und wohl mir, daß ich es nicht gethan, ſo überließ ich ſie ihrem Stolze. Als der Herzog mich in das mir beſtimmte Gemach führte und Le Due erblickte, fragte er mich, wo mein Se⸗ cretair ſei, und als er erfuhr, daß der Abbé Alfani es ſei, und daß derſelbe dieſen Titel angenommen, um in Neapel unbekannt zu bleiben, ſagte er zu mir: Der Abbé hat ſehr Recht gethan, denn mit ſeinen vorgeblichen Alterthümern hat er ſo viel betrogen, daß ihm Jemand einen üblen Streich hätte ſpielen können. Er zeigte mir ſeine Stallungen, in denen herrliche Pferde von den beſten Ragen, Araber, Andaluſter, Engländer iſtan⸗ den; ſodann ſeine ſehr reiche Gallerie und ſeine zahlreiche und gewählte Bibliothek und endlich ſeine Privatwohnung, kei in welcher ſich eine reiche Sammlung verbotener Bücher in befand. Als ich mehrere Titel angeſehn und einige Bände durch⸗ 8 blätterte, ſagte er, verſprich mir, das, was ich dir ſagen will, we unbedingt geheim zu halten. Ich verſprach es ohne Beden⸗ we ken; aber ich war auf irgend ein Wunder gefaßt. Er zeigte iſ mir nun eine Satire, welche ich nicht verſtand, welche aber gif den ganzen Hof lächerlich machen ſollte. Nie iſt es mir in leichter geworden, ein Geheimniß zu bewahren. ni Du wirſt, ſagte er, ins St. Carlo⸗Theater kommen, den wo ich Dich den ſchönſten Damen von Neapel vorſtellen werde; dann kannſt Du hingehn, wann Du willſt, da meine Bel Loge allen meinen Freunden offen ſteht. Ich werde Dich we auch meiner Maitreſſe in ihrer Loge vorſtellen und ſie wird ieh Dich mit Vergnuͤgen empfangen, ſo oft Du zu ihr gehn pd willſt. Wie, theurer Herzog, Du haſt eine Maitreſſe? ede Ja, mein Freund, aber nur der Form wegen, denn ich 55 liebe meine Frau. Nichtsdeſtoweniger hält man mich für die verliebt und ſogar für eiferſüchtig, weil ich ihr nie Jemand iſt vorſtelle und ihr nicht erlaube Beſuche anzunehmen. Mit Und nimmt es die junge und ſchöne Herzogin nicht übel? ande Meine Frau kann nicht eiferſüchtig ſein, da ich impo⸗ tent bei allen Frauen bin— ſie ausgenommen. Geſe Ich verſtehe; aber es iſt doch luſtig und unglaub⸗ Loge lich; denn kann man wohl eine Maitreſſe unterhalten, die Sea man nicht liebt?— ihr Ich habe Dir nicht geſagt, daß ich ſie nicht liebe; ich don liebe ſie im Gegentheil ſehr, denn ſie hat Geiſt wie ein Engel; Leon ſie unterhält mich, aber ſie beſchäftigt nur meinen Geiſt. einen Ich verſtehe; aber ohne Zweifel iſt ſie auch häßlich. mich Häßlich! Du wirſt ſte heute Abend ſehen und ſollſt mir auf V dann ſagen, wie Du ſie findeſt. Sie iſt ſchön, erſt ſiebenzehn 3 Jahre alt und ſehr gebildet. blicke Spricht ſie franzöſiſch? ſtan⸗ reiche nung, ücher urch⸗ will, eden⸗ geigte aber mir imen, tellen meine Dich wird gehn n ich h für mand übel? impo⸗ laub⸗ , die ; ich engel; iſt. ich. ſt mir nzehn 2 ☛ Wie eine Franzöſin. Du machſt mir große Luſt ſie zu ſehn. In St. Carlo ſtellte er mich mehreren Damen vor, aber keiner einzigen leidlichen. Der noch ſehr junge König war in ſeiner Mittelloge, umgeben von einem ſehr reich, aber ge⸗ ſchmacklos angezogenen Hofe. Das Parterre war gefüllt ebenſo wie die Logen welche mit Spiegeln verziert ſind und welche an dieſem Tage, ich weiß nicht mehr auf Veranlaſſung welcher Jahresfeier, alle illuminirt waren. Es war ein ma⸗ giſcher Anblick; aber dieſer Glanz erdrückte die Bühne. Nachdem ich dies Schauſpiel, welches man wohl nur in Neapel findet, einige Augenblicke bewundert, führte er mich in ſeine Privatloge und ſtellte mich allen ſeinen Freun⸗ den vor; es waren Schöngeiſter der Hauptſtadt. Ich habe oft lachen müſſen, wenn ich von Gelehrten die Behauptung aufſtellen hörte, der Geiſt einer Nation hänge weit weniger von der Einwirkung des Klimas als der Er⸗ ziehung ab. Man muß dieſe Gelehrten nach Neapel und ſodann nach Petersburg ſchicken und ſie bitten, nachzudenken oder bloß zu ſehn. Hätte der große Boerhave in Neapel gelebt, ſo würde er das Weſen des Schwefels durch die Ein⸗ wirkungen deſſelben auf die Vegetabilien und noch mehr auf die Thiere beſſer kennen gelernt haben. Nur in dieſem Lande iſt das Waſſer einziges Mittel oder vielmehr das einzige Mittel, um eine Menge Krankheiten zu heilen, welche überall anderwärts die ärztlich behandelten Kranken tödten. Der Herzog, welcher mich einen Augenblick in ſo guter Geſellſchaft gelaſſen, kehrte zurück und führte mich in die Loge ſeiner Maitreſſe, welche ich in Geſellſchaft einer ältlichen Dame von achtungswerthem Ausſehn fand. Er ſagte zu ihr beim Eintreten: Leonilda mia ti presento il cavalier don Giacomo Casanova, Veneziano, amico mio(Meine Leonilda, ich ſtelle Dir den Ritter Don Jacob Caſanova, einem Venetianer und meinen Freund vor). Sie empfing mich mit freundlichem und beſcheidnem Weſen und hörte auf, auf die Muſik zu hören, um mir Geſellſchaft zu leiſten. Wenn eine Frau hübſch iſt, bedarf es nur eines Augen⸗ blicks, um ſie ſo zu finden; wenn ſie, um günſtig beurtheil zu werden, näher betrachtet werden muß, ſo werden ihre Reize ſehr problematiſch. Donna Leonilda machte augen⸗ blicklich Eindruck. Lächelnd blickte ich den Herzog an, wel⸗ cher zu mir geſagt, er liebe ſie wie ein Vater ſeine Tochter und halte ſie nur des Luxus wegen. Er verſtand mich und ſagte: Du kannſt mir glauben. Es iſt glaublich, entgegnete ich. Leonilda, die ohne Zweifel unſre räthſelhafte Sprache verſtanden hatte, miſchte ſich in unſer Geſpräch und ſagte mit feinem Lächeln: Alles was möglich iſt, iſt glaublich. Ich gebe das zu, ſagte ich; aber man kann glauben oder nicht glauben, je nachdem die Sache mehr oder weniger ſchwierig ſcheint.— Sehr richtig; aber zu glauben ſcheint mir leichter. Sie ſind geſtern in Neapel angekommen; das iſt unglaublich, aber dennoch iſt es wahr. 1 Wie ſollte das unmöglich ſein? Kann man glauben, daß ein Fremder in einem Augen⸗ blicke nach Neapel komme, wo alle Einheimiſchen mit Furcht erfüllt ſind? In der That habe ich bis jetzt Furcht gehabt; aber nun fühle ich mich ganz frei davon, denn da Sie hier ſind, muß der heilige Januarius die Stadt beſchützen. Weshalb? Weil ich überzeugt bin, daß er Sie liebt; Sie lachen? Ja, und über eine ziemlich komiſche Idee; denn ich denke mir, daß, wenn ich einen Liebhaber wie den heiligen Januarius hätte, derſelbe ziemlich übel daran ſein würde. Der Heilige iſt wohl ſehr häßlich? Wenn ſein Portrait ihm gleicht. Wenn Sie ſeine Statue ſehn, können Sie ſich davon uͤberzeugen. Der Ton der Heiterkeit führte leicht zu dem der Frei⸗ müthigkeit und der der Freimüthigkeit wieder zu dem der Freundſchaft. Die Anmuth des Geiſtes gewinnt leicht die Oberhand über den Zauber der Schönheit. Da Leonildas angenehme Laune mir Vertrauen ein⸗ flößte, ſo brachte ich die Unterhaltung auf die Liebe und ſie ſprach meiſterhaft darüber. Wenn, ſagte ſie, die Liebe 33 nicht in den Beſitz des geliebten Gegenſtandes gelangt, ſo kann ſie nur eine Qual ſein; wird die Leidenſchaft verboten ſo darf man nicht lieben. Ich gebe es zu, um ſo mehr als der Genuß eines ſchönen Gegenſtandes nicht das wahre Vergnügen iſt, wenn die Liebe nicht voraufgegangen iſt. Und wenn ſie aufgegangen iſt, begleitet ſte denſelben vermuthlich; aber man kann wohl zweifeln, ob ſie nachher noch fortdauert. Das iſt wahr, da dieſer ſie oft tödtet.. Es iſt ein egoiſtiſches Kind, welches ſeinen Vater töd⸗ tet, und wenn nach dem Genuſſe die Liebe bei einem der beiden zurückbleibt, ſo iſt dies ſchlimmer als ein Mord, denn derjenige, der dann noch liebt, iſt unglücklich. Nichts iſt wahrer, Madame, und nach dieſer Durch⸗ führung, welche den Regeln der ſtrengſten Dialektik ent⸗ ſpricht, muß ich glauben, daß Sie die Sinne zu beſtändi⸗ ger Diät verurtheilen. Das iſt grauſam. Gott bewahre mich vor dieſem Platonismus ohne Liebe; aber ich überlaſſe es Ihnen, die Konſequenz zu iehen. dieh Wechſelweiſe lieben und genießen, genießen und lieben. So iſt es. Als ich dieſe Folgerung machte, konnte Leonilda ſich nicht des Lachens enthalten, und der Herzog küßte ihr die Hand. Ihre Kammerfrau, welche nicht franzöſiſch verſtand, beſchäftigte ſich mit der Oper; aber mit mir war es etwas anderes; ich hatte Feuer gefaßt. Leonilda war erſt ſechszehn Jahre alt und mehr als ſchön; denn ſie war hübſch wie ein Engel. Ich recitirte ihr bei Gelegenheit des Genuſſes ein etwas freies Epigramm von La Fontaine, welches man nur in der erſten Ausgabe findet, und welches folgendermaßen anfängt:. La jouissance et les désirs Sont ce que T'homme a de plus rare. Mais ce ne sont pas vrais plaisirs, Dès le moment qu'on les sépare. XII. 3 .— 6— *—— 8 —,, — — —— 34 Ich habe dies Epigramm ins Italiäniſche und Latei⸗ niſche überſetzt; in der letztern Sprache habe ich La Fon⸗ taine Vers für Vers oder doch ſo ziemlich wiedergeben kön⸗ nen; aber im Italiäniſchen brauchte ich zwanzig Verſe für die zehn erſten Verſe des franzöſiſchen Dichters, was mei⸗ ner Anſicht nach nichts für den Vorzug der einen Sprache vor der andern beweiſt. Der gute Ton in Neapel, namentlich in der guten Geſellſchaft, fordert als erſtes Freundſchaftszeichen, daß man einen neuen Ankömmling, den man beſonders auszeichnen will, duzt. Dies iſt für beide Theile behaglicher; aber die⸗ ſer vertrauliche Styl ſchließt in keiner Weiſe die Rückſich⸗ ten aus, welche man ſich gegenſeitig ſchuldet. Schon hatte mich Leonilda von der Bewunderung zu einem ſüßern und lebhaftern Gefühl uͤbergehn laſſen; und die Oper, welche fünf Stunden ſpielte, ſchien mir nur einen Augenblick gedauert zu haben. Als die beiden Damen ſich entfernt hatten, ſagte der Herzog zu mir: Jetzt müſſen wir uns trennen, wenn Du nicht ein Freund des Hazardſpiels biſt. Ich haſſe es nicht, wenn ich mich anſtändigen Spielern gegenüber ſehe. In dieſem Falle folge mir. Du wirſt zehn oder zwölf Männer meines Standes bei einer Pharaobank ſinden, wor⸗ auf ein gutes Abendeſſen folgt; aber ich muß Dir ſagen, daß es ein Geheimniß iſt, denn das Spiel iſt verboten. Ich ſtehe für Dich. Du kannſt es. Er führte mich zum Herzoge von Monte⸗Leone ins dritte Stockwerk, und nachdem wir durch etwa ein Dutzend Zimmer gegangen waren, gelangten wir in dasjenige, wo geſpielt wurde. Ein Bankier von ſanftem Ausſehen, der etwa vierhundert Zechinen vor ſich hatte, legte. Der Her⸗ zog ſtellte mich als ſeinen Freund vor und ließ mich an ſeiner Seite ſitzen. Ich zog meine Börſe; aber man machte mir bemerklich, daß man nur auf Wort ſpiele und inner⸗ halb vierundzwanzig Stunden bezahle. Der Bankier gab mir ein Buch nebſt einem Körbchen mit tauſend Marken. 35⁵ Ich zeigte an, daß jede Marke einen neapolitaniſchen Duka⸗ ten gelten ſolle. In noch nicht zwei Stunden war mein Korb leer. Ich hörte auf zu ſpielen und ſpeiſte heiter zu Abend. Das Eſſen beſtand nach neapolitaniſcher Mode aus einer ungeheuren Schüſſel Maccaroni und zehn oder zwölf Schüſſeln verſchiedener Muſcheln, an denen dieſe Geſtade ſo reich ſind. Als wir weggingen, ſuchte ich dem Herzog nicht Zeit zu laſſen, mir auf die obligate Weiſe wegen meines Verluſtes zu kondoliren, indem ich ihn auf eine angenehme Weiſe von ſeiner herrlichen Leonilda unterhielt. Am nächſten Morgen ließ er mir durch ſeinen Pagen ſagen, wenn ich in ſeiner Geſellſchaft dem Könige die Hand küſſen wolle, ſo ſolle ich meinen Galla⸗Anzug anlegen. Ich zog ein rothes, mit Gold geſticktes Sammtkleid an, und hatte die außerordentliche Ehre, eine kleine neunjährige, ganz mit Froſtbeulen bedeckte Hand zu küſſen. Der Fürſt von St. Nicander hat dieſen Fürſten erzogen, wie er es verſtan⸗ den; aber die Natur hat aus ihm einen leutſeligen, toleran⸗ ten, gerechten und großmüthigen Monarchen gemacht; er wäre vollkommen geweſen, wenn er etwas mehr Würde ge⸗ habt hätte, aber er iſt ein König ohne Umſtände, und bei einem Manne, der beſtimmt iſt, allen Andern zu befehlen, ſcheint mir dies ein Fehler. Ich hatte die Ehre, am Mittage zur Rechten der Her⸗ zogin zu ſitzen, welche die Gnade hatte zu ſagen, ſie habe noch kein eleganteres Koſtüm geſehn. So, Madame, ent⸗ gegnete ich, ſuche ich meine Perſon einer zu ſtrengen Prü⸗ fung zu entziehen. Sie lächelte; aber hierauf beſchränkte ſich ſo ziemlich ihre Artigkeit gegen mich. Als wir vom Tiſche aufgeſtanden waren, führte mich der Herzog in die Wohnung Don Lelios, ſeines Onkels, der mich ſogleich wieder erkannte. Ich küßte dem ehrwür⸗ digen Greiſe die Hand und bat ihn wegen meiner jugend⸗ lichen Streiche um Verzeihung. Vor achtzehn Jahren, ſagte er zum Herzoge, hatte ich Herrn Caſanova zu deinem Stu⸗ diengefährten auserſehn. Ich machte ihm großes Vergnügen, als ich ihm kurz die Geſchichte meiner Abenteuer in Rom 3* 4 er mich, ihn oft zu beſuchen. beim Kardinal Acquaviva erzählte. Als ich wegging, bat Gegen Abend ſagte der Herzog zu mir: Wenn Du in die Opera buffa gehn willſt, wirſt Du Leonilda erfreuen. Er gab mir die Nummer ſeiner Loge und fügte hinzu: Ich werde Dich gegen Ende abholen und wir wollen, wie geſtern, zu Abend zuſammen ſpeiſen. Ich brauchte nicht zu warten, daß angeſpannt wurde, da auf dem Hofe ein herrlich beſpannter Wagen beſtändig zu meiner Verfügung ſtand. Als ich zu den Florentinern kam, hatte die Oper be⸗ reits begonnen. Ich ſtellte mich Leonilda vor, welche mich mit folgenden zuckerſüßen Worten empfing: Caro Dom Giacomo, es freut mich, Sie wieder⸗ zuſehn. Ohne Zweifel hielt ſie es für angemeſſen, mich nicht zu duzen, aber der verbindliche Ton ihrer Stimme und der Ausdruck ihrer Augen wollten mehr andeuten, als das Du, mit welchem man in Neapel ſo freigebig iſt, ohne Werth darauf zu legen. Die verfuͤhreriſche Phyſtognomie der reizendenden Per⸗ ſon war mir nicht fremd; aber ich konnte mich nicht auf die Frau beſinnen, welche dieſen Eindruck bei mir zurückge⸗ laſſen. Leonilda war eine Schönheit, und wie ich geſagt, noch etwas Beſſeres, wenn es in dieſer Beziehung etwas Beſſeres giebt. Sie hatte herrliche hellkaſtanienbraune Haare, und ihre ſchöngeſchlitzten ſchwarzen Augen von einem Glanze, welcher durch die Länge ihrer Augenlieder gemildert wurde, hörten, fragten und ſprachen zu gleicher Zeit. Was mich aber am meiſten an ihr entzüͤckte, war der Ausdruck, den ſie ihren Erzählungen gab, indem ſie dieſelben mit den anmuthigſten und den Umſtänden ange⸗ meſſenſten Geſten begleitete. Ihre Zunge ſchien für die Entwickelung ihrer Gedanken nicht hinzureichen, die ſich in ihrem natürlichen, durch die glänzendſte Erziehung entwickel⸗ ten Geiſte auf einander drängten. Als die Rede auf das Epigramm La Fontaine's kam, von welchem ich nur die erſten zehn Verſe recitirt hatte, 37 weil die übrigen zu frei waren, ſagte ſie: Ohne Zweifel iſt es eine bloße Dichterlaune, über welche man nur la⸗ chen kann. Das iſt möglich, aber ich habe Deine Ohren nicht verletzen wollen. Du biſt ſehr gütig, ſagte ſie, das angenehme Du raſch annehmend, und ich danke Dir dafür. Indeß nehme ich nicht ſo leicht einen Eindruck auf, denn ich habe ein Kabi⸗ net, welches der Herzog mit chineſiſchen Tapeten hat aus⸗ ſchlagen laſſen, wo die Perſonen eine Menge verliebter Stel⸗ lungen vorſtellen. Wir beſuchen daſſelbe zuweilen, und ich verſichere, Dir, daß ſie nicht den geringſten Eindruck auf mich machen. Vielleicht aus Mangel an Temperament, denn wenn ich wollüſtige Bilder ſehe, die gut gemacht ſind, ſo gerathe ich ganz in Feuer. Ich wundere mich, daß Sie beim Be⸗ 3 trachten derſelben mit dem Herzoge nicht Luſt bekommen, einige derſelben darzuſtellen. — Wir haben nur freundſchaftliche Gefühle für ein⸗ ander. Das glaube, wer da will. Ich könnte allerdings ſchwören, daß er Mann iſt; aber ich könnte nicht verſichern, daß er fähig ſei, einer Frau Zei⸗ chen einer ſubſtantiellen Zärtlichkeit zu geben. Dennoch hat er einen Sohn. Ja, er hat ein Kind, welches ihn Vater nennt, aber er geſteht ſelbſt, daß er nur bei ſeiner Frau Mann ſein kann. Das iſt eine Fabel, denn Sie ſind gemacht, um Be⸗ gierden einzuflößen, und ein Mann, der mit Ihnen lebte, ohne ſich in Ihren Beſitz ſetzen zu können, würde nicht zu leben verdienen. Iſt das wirklich Ihre Anſicht? Theure Leonilda, wenn ich an ſeiner Stelle wäre, „wollte ich Ihnen beweiſen, was ein Mann vermag, der Sie liebt. Caro Don Giacomo, es reut mich zu erfahren, daß Du mich liebſt; da Du aber nicht in Neapel bleiben willſt, ſo wirſt Du mich bald vergeſſen haben. Verflucht ſei das Spiel: denn ohne daſſelbe würden wir köſtliche Abende mit einander verleben. Der Herzog hat mir erzählt, Du habeſt geſtern Abend auf die anſtändigſte Weiſe tauſend Dukaten verloren. Du biſt alſo unglücklich? Nein, nicht immer; wenn ich aber an eiuem Tage, wo ich mich verliebt habe, ſpiele, ſo verliere ich ganz ſicher. Du wirſt heute Abend gewinnen. Es iſt der Tag der Erklärung, und ich werde daher wieder verlieren. Dann ſpiele nicht. Man würde ſagen, ich fürchte zu verlieren oder ich habe kein Geld. Ich hoffe, daß Du ein andermal wieder zu Deinem Schaden kommen wirſt und daß Du mir die Nachricht in meine Wohnung bringen wirſt, beſuche mich morgen mit dem Herzoge. In dieſem Augenblicke trat der Herzog ein und fragte mich, ob mir die Oper gefallen. Leonilda nahm das Wort und ſagte: Wir wiſſen nicht, was man geſpielt hat, denn wir. haben während der ganzen Zeit von Liebe geſprochen. Daran haben Sie wohl gethan.. Ich bitte Sie, morgen Herrn Caſanova mitzubringen, denn wie ich hoffe, wird er mir die Nachricht bringen, daß er gewonnen hat. Dieſen Abend, meine Theure, ziehe ich ab; aber ich werde Dir meinen Freund mitbringen, mag er verlieren oder gewinnen. Du wirſt uns ein Frühſtück geben. O, ſehr gern. Wir küßten dem herrlichen Mädchen die Hand und entfernten uns dann, um uns nach demſelben Orte wie am vorigen Tage zu begeben. Die verſammelte Geſellſchaft er⸗ wartete den Herzog. Es waren zwölf Geſellſchaftsmitglie⸗ der und Jeder legte, wenn die Reihe an ihn kam, Bank; ſie behaupteten, dadurch werde das Spiel gleicher; aber ich 39 mußte darüber lachen, denn nichts iſt ſo ſchwer herzuſtellen, als Gleichheit unter den Spielern. Der Herzog von Matalone nimmt Platz, zieht ſeine Börſe und ſeine Brieftaſche und legt eine Bank von zwei⸗ tauſend Dukaten, indem er zugleich die Geſellſchaft um Ver⸗ zeihung bittet, daß er die Bank des Fremden wegen ver⸗ doppele, denn ſonſt wurde immer nur eine Bank von tau⸗ ſend Dukaten gelegt. Ich ſetze alſo ebenfalls zweitauſend Dukaten aufs Spiel und nicht mehr, ſagte ich, denn in Venedig ſagt man, ein kluger Spieler dürfe nicht mehr aufs Spiel ſetzen, als er gewinnen könne. Jede meiner Marken gilt alſo zwei Du⸗ katen. Dies ſagend, zog ich zehn Scheine von hundert Du⸗ katen aus der Taſche und gab ſie dem Bankier, an den ich ſie am vorigen Tage verloren. Das Spiel beginnt, ich ſpiele auf einer einzigen Karte⸗ und mit großer Beſonnenheit, und in noch nicht drei Stun⸗ den war mein Körbchen leer. Ich hörte auf zu ſpielen, ob⸗ wohl ich noch funfundzwanzigtauſend Dukaten hatte; aber ich hatte geſagt, ich wolle nicht mehr ſpielen, und ich ſcheute mich, mein Wort nicht zu halten. Ich bin für Verluſte immer ſehr empfindlich geweſen; da ich mich aber zu beherrſchen verſtand, ſo konnte man meinen Kummer nicht bemerken, weil meine natürliche Hei⸗ terkeit, angeregt durch Kunſt, ſich zu verdoppeln ſchien, um jede andere Empfindung zu verdecken. Dadurch errang ich mir den Beifall aller Geſellſchaften, in die ich kam, und fand leicht neue Mittel. Ich ſpeiſte mit gutem Appetit, und in dem Zuſtand der Aufgeregtheit, in welchem ich mich befand, hatte ich ſo glückliche Eingebungen, daß die ganze Geſellſchaft in die heiterſte Stimmung verſetzt wurde. Es gelang mir ſogar, die Traurigkeit des Herzogs von Matalone zu verſcheuchen, der in Verzweiflung war, daß er einem Fremden, welcher bei ihm wohnte und welchen er ſeinen Freund nannte, eine ſo große Summe abgenommen. Er fürchtete zunächſt, mich in Geldverlegenheit geſtürzt zu haben, und ſodann, man möchte glauben, er habe mich aufgenommen, um mir mein 40 Geld abzunehmen; denn er war reich, edel, prachtliebend, 1 großmüthig und gwedlich. Unſere Unterhaltung auf dem Rückwege nach dem Pa⸗ laſt war freundlich von ſeiner und jovial von mei⸗ ner Seite; aber es war leicht zu ſehn, daß er in einer peinlichen Stimmung war, und ich errieth die Urſache der⸗ ſelben; weil er meine Eigenliebe zu verletzen fürchtete, wagte er nicht zu ſagen, daß er mir jede beliebige Zeit zum Zah⸗ len laſſe; ſobald er aber nach Hauſe gekommen war, konnte er nicht umhin, mir ein freundſchaftliches Billet zu ſchreiben, in welchem er mir anzeigte, daß ich, wenn ich Kredit nöthig habe, nur zu ſeinem Bankier zu gehn brauche, der mir jede Summe auszahlen würde. Ich antwortete augenblicklich, ich wiſſe ſein edles Benehmen vollkommen zu würdigen, und wenn ich in den Fall kommen ſollte, Geld zu bedürfen, würde ich von ſeinem großmüthigen Anerbieten Gebrauch machen. Am folgenden Tage begab ich mich ſrüh auf ſein Zim⸗ cl mer und nachdem ich ihn mit gerührtem Herzen umarmt, g ſagte ich zu ihm, er möge nicht vergeſſen, daß wir bei ſei⸗ ſi ner ſchönen Maitreſſe frühſtücken ſollten. Er legte wie ich u einen geiſtlichen Anzug an, und wir begaben uns zu Fuße r nach dem Medina⸗Springbrunnen, wo Leonilda in einem il hübſchen Hauſe wohnte. fi ei ſt d n et g ☛ ☛ 12 — △☛ 12 ——— 8 — Wir fanden ſie noch in einem Bette, in einem anſtän⸗ digen Négligé mit einem Baſinleibchen, welches vorn mit roſenrothem Bande befeſtigt war; ſie war ſchön zum Ent⸗ zucken, und ihre anmuthige Haltung machte ſie noch reizen⸗ der. Sie las das Sopha von Crébillon's elegantem Sohne. Der Herzog ſetzte ſich auf das Fußende ihres Bettes und ich blieb wie in Verzückung in ihren Anblick verſunken ſtehn und bemühte mich, mir das Original dieſer bezaubernden ei Phyſiognomie, die ich ſchon geliebt zu haben glaubte, ins v Gedächtniß zurückzurufen. Ich ſah ſie zum erſtenmale ohne g den blendenden Glanz des Lichts. Sie lachte über meine m Zerſtreutheit und bat mich mit dem ſüßeſten Tone, mich ei auf einen Lehnſtuhl zu ſetzen, der am Kopfende ihres Bet⸗ te tes ſtand. 41 Der Herzog ſagte, ich freue mich, zweitauſend Duka⸗ ten an ſeine Bank verloren zu haben, dann dieſer Verluſt gebe mir die Ueberzeugung, daß ſie mich liebe. Caro mio Don Giacomo, wie leid thut mir das! Du hätteſt beſſer gethan, gar nicht zu ſpielen, denn ich würde Dich darum nicht weniger lieben, und Du hiätteſt zweitauſend Dukaten mehr. Und ich ſie weniger, ſagte der Herzog lachend. Tröſte Dich, reizende Leonilda; ich werde heute Abend gewinnen, wenn Du mir heute einige Gunſtbezeugungen zu Theil werden läßt. Sonſt verliere ich meiner Seele, und Du wirſt in einigen Tagen meinem Leichenbegängniſſe bei⸗ wohnen. Liebe Leonilda, ſei doch etwas gut gegen meinen Freund. Das iſt unmöglich. Der Herzog bat ſie, ſich anzukleiden, damit wir im chineſiſchen Kabinet frühſtücken könnten. Sie ſchritt ſo⸗ gleich dazu; und war weder zu großmüthig in dem, was ſte uns ſehen laſſen wollte, noch zu geizig in dem, was ſie uns verbergen zu müſſen glaubte; es war die geeignetſte richtige Mitte, um Jemand zu entflammen, der ſich durch ihr Geſicht, ihren Geiſt und ihr Benehmen ſchon hatte ver⸗ führen laſſen. Ich konnte auf ihren ſchönen Buſen nur einen Blick werfen und dieſer wirkte wie auf Kohlen ge⸗ ſtreutes Harz. Ich geſtehe, daß ich mir dieſen Genuß nur durch eine Art Diebſtahl verſchaffen konnte; aber das würde mir nicht gelungen ſein, wenn nicht auf ihrer Seite auch etwas Abſicht geweſen wäre. Ich that ſo als ob ich nichts geſehn.. Sie vertheidigte hinſichtlich der Zerſtreutheiten, die ſich eine Frau beim Anziehen erlauben dürfe, gegen uns mit vielem Geiſte die Anſicht, daß eine junge anſtändige Perſon gegen einen Mann, der ſie liebe, viel zurückhaltender ſein müſſe als gegen einen Mann, den ſie nicht liebe, aus dem einfachen Grunde, weil ſie den erſteren zu verlieren fürch⸗ ten müſſe, während ihr an dem zweiten nichts gelegen ſein könne. 6 N 2 ee 42 Bei mir, reizende Leonilda, ſagte ich, würde der entge⸗ gengeſetzte Fall eintreten. Ich bin ſicher, daß Du Dich täuſcheſt. Die chineſiſchen Malereien, mit denen das Kabinet, in welchem wir frühſtückten, tapezirt waren, waren bewun⸗ dernswerth mehr wegen des Kolorits und der Sicherheit der Zeichnung als wegen der verliebten Scenen, die ſie vor⸗ ſtellten. Auf mich macht das keinen Eindruck, ſagte der Herzog und lieferte uns den Beweis. Leonilda wendete das Geſicht ab, und ich fühlte mich empört über dieſen Cynis⸗ mus, aber ich verbarg mein Gefühl. Ich, ſagte ich, bin in demſelben Zuſtande, wie Sie, laſſe es mir aber gar nicht einfallen, Ihnen den Beweis führen zu wollen. Das iſt nicht möglich, ſagte er, und indem er raſch Hand an mich legte, überzeugte er ſich von der Richtigkeit der Thatſache. Das iſt wunderbar! ſagte er, Du mußt im⸗ potent wie ich ſein. Um dieſe Behauptung zu widerlegen, brauchte ich nur Leonilda in die Augen zu ſehn. O, Leonilda, mein Herz, betrachte doch meinen Freund, damit ich mich von der Richtigkeit der Thatſache über⸗ zeuge. Leonilda betrachtete mich mit zärtlichem Auge, und ihr Blick brachte ſogleich die Wirkung hervor, welche ich er⸗ wartet. Faſſen Sie an, ſagte ich zu dem armen Herzoge; er that es. Ich habe Unrecht, rief er aus, und ſchickte ſich an, den Gegenſtand, der ſeine Verwunderung verurſachte, zu entblößen; ich widerſetze mich, aber er läßt nicht ab und ich beſchließe nun, ihm einen Streich zu ſpielen. Ich faſſe Leonilda's Hand, preſſe meine Lippen darauf und in dem Augenblicke, wo der Herzog zu triumphiren glaubt, benetze ich ſeine Hand und breche in lautes Lachen aus. Er lacht ebenfalls, ſteht auf und ſucht eine Serviette. Von dem Allen hatte das herrliche Mädchen nichts ſehn können, denn ein Guéridon trennte uns, und während meine glühenden Lippen auf ihrer Hand ruhten, waren meine Augen auf die ihrigen geheftet und unſere Athem —— ₰— u 8 N — 8 u d △ E—ͤ* 12 — 43 vermiſchte ſich beinahe. Dieſer Berührung verdankte ich das Feuer, welches nothwendig geweſen war, um den Her⸗ zog zu beſpritzen. Da aber auch ſie vom Lachen ergriffen wurde, ſo bildeten wir ein Trio, welches des Pinſels eines Albani und der Feder eines Aretin würdig geweſen wäre. Es war eine herrliche Partie, obwohl wir gewiſſe Grenzen, die der Anſtand uns hüätte ſetzen ſollen, überſchrit⸗ ten; aber Leonilda blieb ſo unſchuldig dabei, als die Lage es nur erlaubte. Wir beendeten dieſe Scene durch gegen⸗ ſeitige Umarmungen, und als ich mich von Leonilda's wol⸗ lüſtigen Lippen losmachte, war ich von einer Gluth verzehrt, die ich nicht mehr dämpfen konnte. Als wir weggegangen, ſagte ich zum Herzoge, ich werde ſeine Maitreſſe nicht mehr ſehn, wenn er ſie mir nicht abträte. Ich erklärte mich zugleich bereit, ſie zu hei⸗ rathen und ihr ein Witwengehalt von fünftauſend Dukaten auszuſetzen. Sprich mit ihr; wenn ſie Dich will, habe ich nichts dagegen. Du wirſt von ihr ſelbſt erfahren, was ſie beſitzt. Ich kleidete mich zum Eſſen an. Ich fand die Herzo⸗ gin in zahlreicher Geſellſchaft und ſie ſagte mit gütiger Miene zu mir, mein Unglück daure ſtie. Nichts iſt unbeſtändiger als das Glück, Madame, den⸗ noch klage ich nicht über meinen Verluſt, denn da Sie einen Antheil daran nehmen, iſt er mir angenehm und ich glaube ſogar, das ich in Folge deſſelben heute Abend ge⸗ winnen werde. Ich wünſche es; aber ich zweifle daran; denn Du haſt heute Abend gegen Monte Leone zu kämpfen, der glücklich ſpielt. Als ich im Laufe des Nachmittags über meine Ange⸗ legenheiten nachdachte, beſchloß ich nur baar zu ſpielen, zunächſt um mich nicht der Gefahr der Entehrung auszuſetzen, wenn ich fortgeriſſen durch die Wuth des Spiels mehr verlöre als ich beſaß: ſodann damit der Bankier nach den beiden Lektionen, die ich bekommen, keine Furcht hege, und endlich auch, ich 4 2 44 geſtehe es, aus jenem Spielervorurtheile, welches durch neue veränderte Art zu ſpielen das Glück zu ändern hofft. Ich blieb vier Stunden in St. Carlo in der Loge meiner Schönen, welche muntrer, geſchmückter und glän⸗ zender als an den vorhergehenden Tagen war. Theure Leonilda, ſagte ich zu ihr, die Liebe, welche Du mir einge⸗ flößt, iſt der Art, daß ſie weder Aufſchub noch irgend wel⸗ chen Nebenbuhler, nicht einmal den geringſten Anſchein einer künftigen Unbeſtändigkeit verträgt. Ich habe zum Herzog geſagt, ich ſei bereit, Dich zu heirathen und Dir ein Wit⸗ wengehalt von fünftauſend Dukaten auszuſetzen. Was hat er Dir geantwortet? Ich ſolle Dir den Vorſchlag machen, und er habe nichts dagegen. Wir wollen zuſammen abreiſen? Auf der Stelle, mein Herz, und nur der Tod ſoll uns trennen. Wir wollen morgen früh davon ſprechen, Don Gia⸗ como; Du irſt mich glücklich machen, wenn ich Dich glücklich machen kann. Als ſie dieſe Worte die mich mit Freude erfüllten be⸗ endet, trat der Herzog ein. Mein Freund, ſagte Leonilda, zwiſchen Don Giacomo und mir iſt nur noch von einer ordentlichen Heirath die Rede. An das Heirathen, mia carissima, muß man ſo lange wie möglich vorher denken, ehe man dazu ſchreitet. Ja, ſo lange wie möglich vorher, wenn man Zeit dazu hat; aber mein theurer Giacomo kann nicht warten, da er abreiſen will, und wir wollen nachher darüber nachdenken. Mein Freund, ſagte der Herzog, da es ſich um eine Heirath handelt, kannſt Du Deine Abreiſe verſchieben oder wiederkommen, nachdem Du Dich mit Deiner Leonilda verlobt. Ich will weder meine Abreiſe verſchieben noch wieder⸗ kommen, theurer Herzoz. Wir ſind feſt entſchloſſen und wenn wir uns täuſchen, werden wir Zeit genug zur Reue bebalten. Er fing an zu lachen, und ſagte, wir wollten morgen 45 darüber ſprechen. Ich umarmte meine künftige Gattin, welche meinen Kuß mit dem Ausdrucke des Glücks erwie⸗ derte, und wir gingen ſodann in unſere Geſellſchaft wo der Herzog von Monte⸗Leone ſchon abzog. Herr Herzog, ſagte ich zu dieſem, ich habe Unglück, wenn ich auf Wort ſpiele; ich hoffe alſo, daß Sie mir erlauben werden, mit baarem Gelde zu ſpielen. Wie Sie wollen; es iſt ganz gleich und thuen Sie ſich keinen Zwang an. Ich habe Ihnen eine Bank von viertauſend Dukaten gelegt, damit Sie wieder zu Ihrem Schaden kommen können. Wohlan, ich verſpreche Ihnen dieſelbe zu ſprengen oder eine gleich große Summe zu verlieren. Ich lege ſechstauſend Dukaten auf den Tiſch, gebe da⸗ von zweitauſend dem Herzoge von Matalone und pointire mit hundert Dukaten. Der Herzog ging weg, nachdem er einigemale geſetzt und ich ſprengte nach einem langen Kampfe die Bank. Ich kehrte allein in den Palaſt zurück, und als ich am folgenden Tage dem Herzoge meinen Sieg meldete, umarmte er mich mit Freudenthränen in den Augen und rieth mir nur noch baar zu ſpielen. Da die Fürſtin von la Vale ein großes Abendeſſen gab, ſo fand an dieſem Tage keine Bank ſtatt. Es war nur aufgeſchoben. Wir wünſchten Leonilda einen guten Tag, verſchoben es aber bis auf den folgenden Tag von unſerem Heirathsplane zu ſprechen und beſichtigten während des Tages die Naturwunder der Umgegend von Neapel; am Abend wurde ich der Fürſtin durch meinen Freund vor⸗ geſtellt und fand bei ihr den vornehmſten Adel der Stadt. Am folgenden Morgen kündigte mir der Herzog an, daß er einige Geſchäfte abzumachen habe, ich möge deshalb allein zu Leonilda gehen, wo er ſich ebenfalls einfinden werde. Ich ging zu ihr, da aber der Herzog nicht erſchien, ſo konnten wir über unſere künftige Ehe zu keinem Ab⸗ ſchluſſe gelangen. Ich blieb mehrere Stunden bei ihr; da ich mich aber ihrem Willen anbequemen mußte, ſo konnte ich mich nur in Worten verliebt zeigen. Ehe ich ſie ver⸗ ließ, wiederholte ich die Verſtcherung, daß es nur von ihr 46 abhinge, ihr Schickſal durch unauflösliche Bande mit dem meinigen zu verbinden und in ſehr kurzer Friſt die Reiſe mit mir anzutreten. Als ich den Herzog traf, empfing er mich mit den Worten: Nun, Don Giacomo, haſt Du noch Luſt, meine Mai⸗ treſſe zu heirathen, nachdem Du den ganzen Morgen allein bei ihr geweſen? Mehr als je; aber wie denken Sie denn darüber? Gar nicht, und da die Sache ſich ſo geſtaltet, denn ich habe dich abſichtlich auf dieſe Probe geſtellt, ſo wollen wir morgen weiter ſprechen und ich hoffe, daß Du dieſe rei⸗ zende Perſon glücklich machen wirſt, welche durchaus geeignet iſt, einen anſtändigen Mann zu beglücken. Ich bin ganz Ihrer Anſicht. Am Abend fand ich bei Monte Leone einen Bankier der viel Geld vor ſich hatte. Das, ſagte mein Freund, iſt don Mario Ottoboni. Es war ein Kavalier von anſtändi⸗ gem Aeußern, aber er hielt die Karten in der linken Hand und ſo feſt, daß ich ſie nicht ſehen konnte. Das flößte mir kein Vertrauen ein, und ich parirte immer nur mit einem Dukaten. Ich hatte entſchiedenes Unglück, verlor aber nur einige zwanzig Dukaten. Nach fünf oder ſechs Abzügen fragte mich der Bankier ſehr höflich, warum ich gegen ihn ſo niedrig ſpiele. Ich thue das immer, ſagte ich, wenn ich die Karten nicht wenigſtens zur Hälfte ſehe, weil ich dann zu verlieren fürchte. Einige der Spieler lachten darüber. In der folgenden Nacht ſprengte ich den Fürſten von Caſſaro, einen reichen und liebenswürdigen Edelmann, wel⸗ cher Revanche verlangte und mich zum Abendeſſen in ſei⸗ nem hübſchen Hauſe in Poſtlippo einlud, wo er mit einer Virtuoſin lebte in welche er ſich in Palermo verliebt. Er lud mich, den Herzog von Matalone und drei oder vier andere Edelleute ein. Ich habe in Neapel nur dieſes eine Mal abgezogen und ich legte eine Bank von ſechstauſend Dukaten, nachdem ich vorher angekündigt, daß ich nur gegen baar ſpiele, weil ich auf dem Punkte abzureiſen ſtehe. Er verlor zehntauſend Dukaten und hörte nur weil er kein Geld hatte zu ſpielen auf. Alle entfernten ſich und ich ͤͤͤͤZͤ25 —— & ͤͤͤͤͤ14 47 würde es ebenſo gemacht haben wenn nicht die Maitreſſe des Fürſten, die nachdem ſie einige vierzig Unzen verloren auf Wort ſpielte, mir etwa hundert ſchuldig geweſen wäre. Ich fuhr fort abzuziehen, um ſie wieder zu ihrem Gelde kommen zu laſſen, da ich aber ſah, daß ſie fortwährend verlor, legte ich die Karten weg und ſagte zu ihr, ſie könne mich in Rom bezahlen. Dieſe Frau war ſchön und ange⸗ nehm; indeß erregte ſie keine Begierde bei mir, ohne Zweifel, weil ich ſtark von einer andern eingenommen war, ſonſt würde ich einen Wechſel nach Sicht auf ſie gezogen und mich bezahlt gemacht haben, ohne ſie zu nöthigen die Börſe zu ziehen. Es war zwei Uhr Morgens, als ich wegging. — Da ich Neapel nicht verlaſſen wollte, ohne Caserta geſehen zu haben, und da Leonilda ebenfalls Luſt dazu hatte, ſo gab uns der Herzog einen bequemen mit ſechs ſchönen Mauleſeln beſpannten Wagen, deren ausdauernder und ſchneller Trab den gewöhnlichen Galop der Pferde übertraf; Leonilda's Gouvernante war mit uns. Den folgenden Tag beſchloſſen wir in einer zweiſtün⸗ digen Unterredung unſere künftige Verbindung. Leonilda, ſagte der Herzog, hat noch eine Mutter, welche auf einem nicht entfernten Landſitze von ſechshun⸗ dert Dukaten jährlicher Einkünfte lebt, die ich ihr für ihre Lebenszeit als Entſchädigung für ein von ihrem Manne er⸗ erbtes Gut ausgeſetzt hatte; aber Leonilda hängt nicht von ihr ab. Sie hat mir ſie vor ſieben Jahren abgetreten und ich habe ihr eine Leibrente von fünfhundert Dukaten ausge⸗ ſetzt, welche ſie Dir nebſt ihren Diamanten und einer reichen Ausſtattung zubringen wird. Die Mutter hat ſie gänzlich meiner Zärtlichkeit und meinem Ehrenworte, ihr eine vortheil⸗ hafte Heirath zu verſchaffen, überlaſſen. Ich habe mich ihrer Erziehung ſehr angenommen, und in dem Maaße wie ihr Geiſt ſich entwickelte, ſuchte ich ſie vor Vorurtheilen zu bewahren, mit Ausnahme desjenigen welches eine Frau verpflichtet, ſich für den ihr vom Himmel zum Gatten be⸗ ſtimmten Manne aufzuſparen. Du kannſt überzeugt ſein, daß du der erſte Mann biſt, welchen Leonilda, die ich wie meine Tochter liebe, an ihr Herz gedrückt hat. ——— Ich bat den Herzog den Kontrakt bereit zu halten und zur Mitgift meiner Frau fünftauſend ducati di regno hinzuzufügen, welche ich bei der Unterzeichnung auszahlen würde. Ich werde ſie, ſagte er, auf ein Haus, welches den doppelten Werth hat, hypothekariſch eintragen laſſen. Sich nun gegen Leonilda wendend, welche vor Glück weinte, ſagte er zu ihr: Ich werde Deine Mutter holen laſſen, welche ſich freuen wird Deinen Kontrakt zu unterzeichnen und den Mann kennen zu lernen der Dich glücklich machen ſoll. Dieſe Mutter lebt eine Tagereiſe von Neapel in Ge⸗ meinſchaft mit den Marquis Galiani. Ich werde ihr mor⸗ gen einen Wagen ſchicken und übermorgen wollen wir zu Abend ſpeiſen. Am folgenden Tage wollen wir die Sache mit dem Notar ins Reine bringen, und ſodann in die kleine Kirche von Portici gehen, wo der Prieſter Euch vermählen wird. Ich übernehme die Koſten. Wir bringen ſodann Deine Mutter nach St. Agatha zurück, ſpeiſen bei ihr, und Ihr reiſet dann weiter geleitet von ihrem Segen. Dieſer Vorſchlag verurſachte mir einen unwillkürlichen Freudenſchauer, und Leonilda ſank ohnmächtig in die Arme des Herzogs, der ſie ſeine liebe Tochter nannte, ihr beiſprang und ſie wieder ins Bewußtſein rief. Am Schluſſe der Scene mußten wir Alle unſere Augen trocknen, denn wir waren Alle gerührt. Da ich mich als verheirathet anſah und mich ver⸗ pflichtet glaubte, eine andere Lebensweiſe anzunehmen(denn ich bin überzeugt, daß ich Alles geopfert haben würde, um eine Frau, die es verdiente, glücklich zu machen), ſo hörte ich auf zu ſpielen. Ich hatte mehr als fünfzehntauſend Dukaten gewonnen; dieſe Summe nebſt dem, was ich vor⸗ her hatte, und Leonildas Mitgift war ausreichend für eine anſtändige Exiſtenz, und würde mir einen ordentlichen Lebens⸗ wandel ſehr leicht gemacht haben. Am folgenden Tage ſpeiſte ich mit dem Herzoge und Leonilda zu Abend und meine Verlobte ſagte: Was wird meine Mutter morgen Abend ſagen, wenn ſie Dich ſieht? Sie wird ſagen, Du habeſt die Dummheit begangen, Te 49 einen Fremden zu heirathen, den Du erſt ſeit acht Tagen kennſt. Haſt Du ihr meinen Namen, meine Heimath, mei⸗ nen Stand, mein Alter geſchrieben? Ich habe ihr Folgendes geſchrieben: „Kommen Sie ſogleich, liebe Mutter, um meinen Heirathskontrakt mit meinem Manne zu unterzeichnen, wel⸗ chen ich aus den Händen des Herrn Herzogs empfangen, und mit welchem ich am Montage die Reiſe nach Rom antrete.“ Und ich, ſagte der Herzog, habe folgendermaaßen an ſie geſchrieben: „Theure Freundin, komm ohne Zaudern, um den Heiraths⸗Kontrakt Deiner Tochter zu unterzeichnen und ihr Deinen Segen zu geben; ſie hat vernünftiger Weiſe einen Gatten gewählt, der ihr Vater ſein könnte und der mein Freund iſt.“ Das iſt nicht wahr, rief Leonilda aus, indem ſie ſich mir in die Arme warf; ſie wird Dich für alt halten und das thut mir leid. Iſt Deine Mutter alt? Ihre Mutter, ſagte der Herzog, iſt eine reizende, geiſt⸗ reiche Frau, welche erſt achtunddreißig Jahre alt iſt. Was macht ſie mit Galiani? Sie iſt die vertraute Freundin der Marquiſe; ſie lebt in der Familie, bezahlt aber ihre Penſion. Da ich am folgenden Tage Geſchäfte bei meinem Ban⸗ kier hatte, ſo bat ich den Herzog, mich erſt zur Zeit des Abendeſſens bei Leonilda zu erwarten. Ich ging um 8 Uhr hin und fand ſie um das Feuer ſitzen. Das iſt er! rief der Herzog aus. Bei meinem Anblicke ſchreit die Mutter auf und ſinkt faſt ohnmächtig auf einen Seſſel. Ich betrachte ſie einen Augenblick: Donna Lucrezia! rief ich aus, wie glücklich bin ich! Schöpfen wir einen Augenblick Athem, theurer Freund, und ſetzen Sie ſich neben mich. Sie wollen alſo meine Tochter heirathen? Ich nehme einen Stuhl und errathe wohl, wie die XII. 4 Sachen ſtehen. Die Haare ſträuben ſich mir auf dem Kopfe nnd ich verſinke in düſteres Schweigen. Es würde ſchwer ſein, Leonilda's und des Herzogs Erſtaunen zu ſchildern. Sie ſahen wohl, daß wir uns kannten, konnten aber ihre Vermuthungen nicht weiter aus⸗ dehnen. Ich dagegen verſank in ſchmerzliche Betrachtungen, und indem ich das Alter Leonilda's mit der Epoche, wo ich Lucrezia kennen gelernt, verglich, überzeugte ich mich leicht, daß ſie meine Tochter ſein könne; aber ich ſagte mir auch, daß die Mutter deſſen unmöglich gewiß ſein könne, da ſie mit ihrem Manne lebte, der damals kaum funfzig Jahre zählte und ſie liebte. Da ich die Ungewißheit nicht länger ertragen konnte, ſtand ich auf, nahm ein Licht, und nach⸗ dem ich Leonilda um Verzeihung gebeten, erſuchte ich Lu⸗ erezia, ſich mit mir in ein benachbartes Zimmer zu begeben. Als Lucrezia ſich geſetzt hatte, zog ſie mich an ſich und ſagte: O, mein Freund, muß ich Dich, den ich ſo ſehr geliebt habe, betrüben! Leonilda iſt Deine Tochter, ich bin deſſen gewiß. Ich habe ſie immer dafür gehalten, und mein Mann wußte es; aber weit entfernt, deshalb in Zorn zu gerathen, betete er ſie vielmehr an. Ich werde Dir ihren Taufſchein zeigen, und Du kannſt dann rechnen. Mein Mann hat mich in Rom nicht ein einziges Mal beſucht, und meine Tochter iſt vor der Zeit geboren. Du ent⸗ ſinnſt Dich wohl eines Briefes, den meine Mutter Dir gezeigt haben muß, und in welchem ich ihr meldete, daß ich ſchwanger ſei. Das war im Januar 1744 und in einem halben Jahre wird meine Tochter ſiebenzehn Jahre. Mein ſeeliger Mann gab ihr in der Taufe den Namen Leonilda Giacomina, und wenn er ſcherzte, nannte er ſie nur mit dem letzteren Namen. Dieſe Ehe, mein Freund, erſchreckt mich; aber Du ſiehſt wohl ein, daß ich mich ihr nicht widerſetzen werde, denn ich kann mich nicht entſchließen, den Grund anzugeben. Was meinſt Du? Haſt Du noch den Muth, ſie zu heirathen? Du ſchwankſt.—— Solltet dir Euch ſchon Abſchlagszahlungen auf die Zukunft geſtattet aben? s⸗ 4 51 Nein, theure Lucrezia, Deine Tochter iſt rein wie eine Perle. Ich athme auf. Aber Du zerreißeſt mir das Herz. Das thut mir leid. Sie hat keine Aehnlichkeit mit mir. M Das iſt wahr, beweiſet aber nichts; ſie gleicht mir. Du weinſt, theurer Freund; Du durchbohrſt mir das Herz. Wer würde nicht an meiner Stelle weinen? Ich will Dir den Herzog ſchicken; meiner Anſicht nach müßten wir ihn mit dem Stande der Sache bekannt machen. Ich verlaſſe Lucrezia und bitte meinen Freund, mit ihr zu ſprechen. Die zärtliche Leonilda ſetzt ſich erſchreckt auf meinen Schooß, und bittet mich, ihr das Geheimniß mit⸗ zutheilen, welches ſie ſchon ſo unglücklich mache. Ich konnte nicht antworten, ſo gepreßt war mir das Herz; ſte umarmte mich und wir fingen an zu weinen. So blieben wir traurig und ſchweigend ſitzen, bis der Herzog und Donna Lucrezia zurückkehrte, welche letztere allein wieder eine vernünftige Haltung angenommen hatte. Meine theure Leonilda, Du mußt in dies unangenehme Geheimniß eingeweiht werden, und Du ſollſt von Deiner Mutter Alles erfahren. Erinnerſt Du Dich noch, liebe Tochter, wie mein ſeeliger Gemahl Dich nannte, wenn er Dir liebkoſte? Er nannte mich: liebe Giacomina. Das iſt der Name Herrn Caſanova's, der Name Deines Vaters. Umarme ihn, meine Tochter. Sein Blut fließt in Deinen Adern, und wenn er Dein Liebhaber geweſen, ſo bereue Dein Verbrechen, das glücklicher Weiſe unfrei⸗ willig geweſen. Dieſe Scene war außerordentlich pathetiſch und rührte uns tief. Leonilda umfaßte die Kniee ihrer Mutter und ſagte mit einer von Schluchzen erſtickten Stimme: Mutter, ich habe für meinen Vater nur Empfindungen kindlicher Zärtlichkeit gehabt. Hier wurde die Scene zu einer ſtummen, denn das Schweigen wurde nur durch das Schluchzen der beiden 4* intereſſanten Weſen geſtört, welche ſich feſt umſchlungen hielten, während der Herzog und ich unbeweglich wie zwei Gränzſteine mit vorwärts gebeugtem Haupte und über ein⸗ ander gekreuzten Armen, ohne auch nur einen Blick auszu⸗ tauſchen, daſtanden. Man trug das Abendeſſen auf, und wir blieben drei Stunden lang bei Tiſche; die Unterhaltung war traurig; wir aßen nicht und tauſchten über dieſe mehr unglückliche als glückliche Theatererkennungsſcene unſere Anſichten aus; wir trennten uns gegen Mitternacht, Bitterkeit im Herzen tragend und ſehnſüchtig dem folgenden Morgen entgegen⸗ ſehend, da wir hofften, dann ruhiger und im Stande zu ſein, das zu thun, was uns allein übrig blieb. Beim Abſchiede ſtellte der Herzog laut eine Menge Betrachtungen über Alles an, was man in der Moral⸗ philoſophie Vorurtheile nennen kann. Daß die Verbindung eines Vaters mit ſeiner Tochter vom natürlichen Stand⸗ punkte aus etwas Schreckliches ſei, das wird kein Phi⸗ loſoph zu behaupten wagen, denn es i*ſt dies ein rein geſell⸗ ſchaftliches Vorurtheil; aber es iſt ſo verbreitet, die Erzie⸗ hung hat es unſern Gemüthern ſo feſt eingeprägt, daß nur ein gänzlich verderbter Sinn es mit Füßen treten könnte. Es iſt die Frucht der Achtung vor den Geſetzen; es hängt mit der geſellſchaftlichen Ordnung, den bürgerlichen Sitten, den politiſchen Gewohnheiten, einer guten Erziehung und der Moral der Nationen zuſammen; wird es ſo gefaßt, ſo hört es auf, Vorurtheil zu ſein, wird Princip, unbedingte Pflicht. Dieſe Pflicht kann inſofern als eine natürliche ange⸗ ſehn werden, als die Natur uns antreibt, denjenigen, die wir lieben, alle Güter zu bewilligen, die wir für uns ſelbſt wünſchen. Wie es ſcheint, entſpricht der Gegenſeitigkeit der Liebe am meiſten eine vollkommene Gleichheit in Allem, in Bezug auf das Alter, den Stand, den Charakter; und eine ſolche Gleichheit iſt zwiſchen dem Vater und der Tochter nicht wahrzunehmen. Die Achtung, die Kinder vor den⸗ jenigen haben, denen ſie das Leben verdanken, iſt ſchon ein Hin⸗ derniß für die Zärtlichkeit, welche zwei Liebende für ein⸗ — u—8—- dV MBen r aäAIAnnN An ⁸⏑½— ꝙ 8 8 NANN — ⸗ 5³3 ander empfinden, und wenn ein Vater, vermöge der Gewalt, welche ihm die Natur und Kraft geben, ſich in den Beſitz ſeiner Tochter zu ſetzen wagt, ſo begeht er einen Akt abſcheulicher Tyrannei, welche die Natur und die geſellſchaftliche Ord⸗ nung in gleicher Weiſe verdammen müſſen. Die natürliche Liebe zur Ordnung bewirkt auch, daß die Vernunft eine ſolche Verbindung als unnatürlich betrachtet. Die Früchte einer ſo ſchlecht zu einander paſſenden Ehe können nur den Charakter der Lüderlichkeit und Unordnung tragen. Ob⸗ wohl ich ſelbſt ziemlich frei von Vorurtheilen bin, ſo finde ich eine ſolche Verbindung abſcheulich in jeder Beziehung; aber ſie hört auf, es zu ſein, wenn Vater und Tochter ſich lieben, ohne ſich zu kennen. Die Blutſchande, dieſes ſo oft vorkommende Sujet griechiſcher Tragödieen, bringt mich nicht zum Weinen, ſondern zum Lachen; aber über Phädra muß ich Thränen vergießen, und die Urſache iſt Racine. Ich legte mich nieder, aber wie immer, wenn ich ſehr aufgeregt bin, konnte ich kein Auge ſchließen. Der ſchnelle und unerwartete Uebergang von der fleiſchlichen zur väter⸗ lichen Liebe verſetzte alle meine phyſiſchen und moraliſchen Anlagen in einen ſolchen Zuſtand der Gereiztheit, daß ich nur mit Mühe dem heftigen Kampfe widerſtand, den ſie ſich in meinem Innern lieferten. Gegen Morgen, als ich mit meinem Plane, am folgenden Tage abzureiſen ins Reine gekommen war, ſchlief ich einen Augenblick ein, worauf ich mit einer Abſpannung erwachte, wie die zweier Liebenden, welche ſich eine lange Winternacht der Liebe und Wolluſt hingegeben haben. Als ich aufgeſtanden war, theilte ich meinen Plan dem Herzoge mit, welcher mir bemerklich machte, daß eine ſolche Uebereilung Stoff zu Gloſſen geben würde, da es allgemein bekannt ſei, daß ich bald habe abreiſen wollen. Trinken wir zuſammen eine Taſſe Bouillon, ſagte er, und betrachten wir Deine geſcheiterte Hochzeit wie einen der tauſend Späße, welchen Du gemacht haſt. Wir wollen dieſe drei oder vier Tage auf eine heitere Weiſe verleben und dieſer Trennung ihren traurigen Charakter zu benehmen ſuchen, und vielleicht gelingt es uns endlich, ſte nur noch in einem — —— — — — — — komiſchen Lichte zu betrachten. Wenn Du mir glauben willſt, ſo iſt die Mutter nicht ſchlechter als die Tochter und die Erinnerung iſt oft mehr werth als die Hoffnung; tröſte Dich mit Lucrezia. Du kannſt ſie ſeit den achtzehn Jahren nicht ſehr verändert finden, denn ich kann kaum glauben, daß ſie damals beſſer ausgeſehn. Dieſe kurze Zurechtweiſung brachte mich zur Vernunft. Ich ſah wohl, daß es kein beſſeres Heilmittel für mich gebe, als die Chimäre, mit welcher ich mir vier oder fünf Tage geſchmeichelt, zu vergeſſen, und das mußte mir leicht werden, da meine Eigenliebe nicht verletzt war; indeß war ich verliebt und der Gegenſtand meiner Liebe konnte die Leidenſchaft, welche er hervorgerufen hatte, nicht ſtillen. Die Liebe iſt nicht wie eine Waare, welche man wünſcht, und welche man durch eine mehr oder weniger ähnliche er⸗ ſetzt, wenn man die begehrte nicht erhalten kann. Die Liebe iſt ein ſympathetiſches Gefühl oder Laune, und nur der Gegenſtand, welcher ſie einflößt, kann ſie löſchen oder heller anſchüren. Wir beſuchten meine Tochter, der Herzog in ſeiner gewöhnlichen Haltung, ich aber bleich, niedergeſchlagen, ab⸗ geſpannt und wie ein Schüler, welcher die Ruthe bekommen ſoll. Ich war nicht wenig überraſcht, als ich die Mutter und Tochter in heitrer Stimmung fand, und dieſe erleich⸗ terte meine vollſtändige Heilung. Leonilda fiel mir um den Hals, nannte mich ihren theuren Papa und umarmte mich mit der ganzen Hingebung einer Tochter. Donna Lncrezia reichte mir die Hand und nannte mich ihren theu⸗ ren Freund. Ich blicke ſie an und kann nicht umhin, mir zu geſtehen, daß die achtzehn verfloſſenen Jahre ihren Reizen keinen Eintrag gethan haben. Es war dieſelbe Lebendigkeit der Blicke, dieſelbe Friſche der Geſichtsfarbe, dieſelbe Vollen⸗ dung der Formen, dieſelbe Schönheit der Lippen, überhaupt Alles, was mich in meiner Jugend entzückt hatte. Wir führten eine ſtumme Scene auf, indem wir uns mit Liebkoſungen überſchütteten. Leonilda gab und empfing die zärtlichſten Küſſe, ohne, wie es ſchien, an die Empfin⸗ dungen zu denken, die ſie einflößen könnte; ſie wußte wahr⸗ 588ͤ —2 ——— „—,„ 55 ſcheinlich, daß die Eigenſchaft als Vater mir Kraft zum Widerſtehn geben würde und ſie hatte Recht. Man ge⸗ wöhnt ſich an Alles, und die Schaam verſcheuchte meine Traurigkeit. Ich erzählte Donna Lucrezia, wie ſonderbar mich ihre Schweſter in Rom aufgenommen, worüber ſie laut lachen mußte. Wir erinnerten uns der Nacht von Tivoli, und dieſe Erinnerung rührte uns. Von der Rührung zur Liebe iſt der Weg nicht lang, aber wir waren an keinem günſtigen Orte und wir thaten ſo, als ob wir nicht daran dächten. Nach einem augenblicklichen Schweigen, welches nöthig war, um die Sinne zu beruhigen, ſagte ich zu ihr, wenn ſie mit mir nach Rom gehen wolle, um ihre Schweſter Angelica zu beſuchen, ſo wolle ich mich verpflichten, ſie im Beginne der Faſtenzeit nach Neapel zurückzubringen. Sie verſprach mir für den folgenden Tag eine Antwort. Da ich während des Mittagseſſens zwiſchen ihr und Leonilda ſaß, und an meine Tochter nicht mehr denken durfte, ſo war es wohl natürlich, daß meine alte Gluth für Lucrezia ſich wieder entzündete, und mochte nun ihre Heiterkeit, ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit oder mein Bedürfniß zu lieben und die vortrefflichen Weine die Ver⸗ anlaſſung ſein, genug, ich ſchlug ihr vor, an die Stelle ihrer Schweſter zu treten. Ich heirathe Dich, ſagte ich zu ihr, und am Montage reiſen wir alle drei ab, denn da Leonilda meine Tochter iſt, will ich ſie nicht in Neapel laſſen. Bei dieſen Worten blickten ſich die drei Gäſte an und Keiner ſagte ein Wort. Ich wiederholte meinen Vorſchlag nicht und ſprach von etwas Anderem. Da ich mich nach Tiſche ſchläfrig fühlte, ſo warf ich mich auf ein Bett; ich erwachte erſt gegen acht Uhr und erblickte zu meiner Verwunderung nur Lucrezia, welche mit Schreiben beſchäftigt war. Als ſie ſah, das ich mich be⸗ wegte, näherte ſte ſich mir mit freundlichem Weſen und ſagte: Theurer Freund, du haſt fünf Stunden geſchlafen und um Dich nicht allein zu laſſen habe ich es abgelehnt, den Herzog und unſer liebes Kind in die Oper zu begleiten. Die Erinnerung an frühere Zärtlichkeit erwacht wieder, ſo kommt der Eine dem Andern entgegen. igen Urheber der Natur, der Liebe. neuern? zu leben und mit einander zu ſterben. Glück wird dann vollſtändig ſein. wenn man ſich bei dem Gegenſtande befindet, der ſie her⸗ vorgerufen, und die Begierden werden unwiderſtehlich, wenn die Illuſion nicht durch die Abweſenheit von Reizen aufge⸗ hoben wird. Iſt auf beiden Seiten die Erinnerung gleich, Es kommt uns dann ſo vor, als ſetzten wir uns in den Beſitz eines Gu⸗ tes, welches uns gehört und welches uns durch grauſame Kombinationen entriſſen worden iſt. In dieſem Falle be⸗ fanden wir uns, und ohne Einleitungen, ohne leere Redens⸗ arten und beſonders ohne falſche Angriffe, bei denen der eine von den beiden Theilen nothwendiger Weiſe ſeine Be⸗ gierde verläugnet, überließen wir uns dem wahren, dem ein⸗ Im erſten Zwiſchenakte brach ich zuerſt das Schweigen, und wenn der Menſch einen zum Scherzen geneigten Cha⸗ rakter hat, wie ſollte er denſelben wohl nicht in der köſt⸗ lichen Pauſe zeigen, welche auf einen Sieg der Liebe folgt? Da bin ich alſo wiederum ſagte ich, in dem reizenden Lande, in welches ich zum erſtenmale unter dem Geraſſel der Trommeln und dem Donner der Flinten eingedrungen bin! Dieſer witzige Einſall brachte ſie zum Lachen und friſchte ihr Gedächtniß auf. Wir erinnerten uns mit Ent⸗ zucken unſerer Begegniſſe in Teſtaccio, Frascati, Tivoli. Wir ſtellten dieſe Muſterung nur des Lachens wegen an, aber wenn zwei Liebende allein mit einander ſind, was ſind dann wohl die Veranlaſſungen zum Lachen anders als ein Vorwand das reizende Opfer des Liebesgottes zu er⸗ —Am Schluſſe des zweiten Aktes ſagte ich in dem Enthuſiasmus glücklicher Liebe: Gehören wir einander für das Leben an; wir haben daſſelbe Alter; wir lieben uns, unſer Vermögen iſt ausreichend⸗ wir dürfen hoffen, glücklich Das iſt der theuerſte Wunſch meines Herzens, ant⸗ wortet Lucrezia; aber bleiben wir in Neapel und laſſen wir Leonilda dem Herzoge. Wir wollen in Gemeinſchaft leben und einen ihrer wüͤrdigen Gatten für ſie ſuchen; unſer ˙——△ ę „ Aͤ——8&8A—— +‿ — ͤ NA G N M NN RX R — — — R 57 Ich kann mich nicht in Neapel niederlaſſen, theure Freundin, und Du weißt, daß Deine Tochter bereit war, mit mir zu reiſen. Meine Tochter? Sage doch unſre Tochter. Ich ſehe, daß Du nicht gern ihr Vater ſein möchteſt; Du liebſt ſie. Leider, ja! Ich bin überzeugt, daß meine Leidenſchaft ſchweigen wird, ſo lange ich mit Dir lebe; aber ich kann für nichts einſtehn, wenn Du nicht da biſt. Ich würde mich dann genöthigt ſehn zu fliehen, aber die Flucht iſt nicht das Glück. Leonilda iſt reizend, und ihr Geiſt iſt für mich noch verführeriſcher als ihre Schönheit. Da ich ſicher war, daß ſie mich liebte, habe ich ſie nicht zu verführen geſucht, um ihr nicht verdächtig zu werden, denn durch Angriffe auf ſte hätte ich ihre Zärtlichkeit ſchwächen können, und da ich ſte glucklich zu machen wünſchte, wollte ich ihre Achtung erwerben und ihr Schaamgefühl ſchonen. Ich wollte ſie beſitzen, aber auf rechtmäßige Weiſe und ſo daß unſere Rechte gleich wären. Wir haben einen Engel in’s Leben geſetzt, theure Lucrezia und ich begreife nicht—— Der Herzog, mein Freund, iſt völlig impotent. Be⸗ greifſt Du jetzt, wie ich ihm meine Tochter habe anver⸗ trauen können. Wie? Impotent! Ich habe es wie alle Andern ge⸗ glaubt, aber er hat doch einen Sohn. . Seine Frau könnte Dich darüber eines Beſſern belehren, aber glaube nur, daß der arme Herzog als Jungfer ſterben wird, und er weiß das beſſer als irgend Jemand. Sprechen wir nicht mehr davon und erlaube mir, Dich wie in Tiooli zu behandenl.. Nicht jetzt, ich höre einen Wagen. In demſelben Augenblick öffnet ſich die Thür und Le⸗ onilda bricht in lautes Lachen aus, als ſie mich in den Armen ihrer Mutter ſieht und wirft ſich auf uns indem ſie uns mit Küſſen überſchüttet. Der Herzog kam einen Augenblick ſpäter und wir ſpeiſten auf eine ſehr heitere Weiſe zu Abend. Er fand, daß er der Glücklichſte der Sterblichen ſei, als ich ihm ſagte, ich würde mit meiner Frau und meiner Tochter die Nacht in allen Ehren verleben; 3 3 — — 2 85 * wirklich. 8 4 1 v 1 er hatte Recht, denn ich war es in dieſem Augenblicke Nach der Abreiſe dieſes braven Mannes legten wir uns zu Bett; aber hier muß ich über die wollüſtigſte Nacht meines Lebens einen Schleier breiten. Wenn ich Alles ſagen wollte, würde ich Ohren, die ſich gern für keuſch halten, verletzen, auch hat die Palette nicht Farben, die Poeſie nicht Wen⸗ dungen genug um würdig die Scene zu ſchildern, welche während dieſer Nacht des Wahnſinns, der Wolluſt, der Aus⸗ gelaſſenheit und der Zurückhaltung das ſchwache Licht zweier Kerzen beleuchtete, die auf einen Guéridon brannten, wie die von frommer Hand angezündete Kerze vor einem Hei⸗ ligenbilde. 38 Wir verließen den Schauplatz, den ich mit meinem Blute befeuchtet hatte erſt lange nachdem ihn die Sonne be⸗ uchtet. Wir waren kaum angekleidet, als der Herzog K 7 erſchien. ceonilda ſchilderte ihm unſere nächtlichen Arbeiten, aber bei ſeiner traurigen Impotenz mußte er ſich freuen nicht dabei geweſen zu ſein. Da ich entſchloſſen war, am folgenden Tage abzureiſen um die letzten acht Tage des Karnavals in Rom zu ver⸗ leben, ſo bat ich den Herzog um die Erlaubniß Leonilda ein Geſchenk von fünftauſend Dukaten weihen zu dürfen, die ich ihr als Witwengehalt ansgeſetzt haben wurde, wenn ich ſie geheirathet hätte. Da ſie Deine Tochter iſt, ſagte der Herzog, ſo kann ſie um ſo eher dieſes Geſchenk annehmen, wäre es auch nur als Ausſtattung. Thuſt Du mir den Gefallen es anzunehmen, theure Leonilda? Ja, lieber Papa, ſagte ſie zu mir, indem ſie mich zärt⸗ lich umarmte, aber unter der Bedingung, daß Du wieder nach Neapel zum Beſuche kömmſt, wenn Du meine Verhei⸗ rathung erführſt. Ich verſprach es ihr und hielt Wort. Da Du morgen abreiſen willſt, theurer Freund, ſagte der Herzog, will ich heute Abend Dir nebſt dem ganzen 2r⸗ en, nn ure 59 neapolitaniſchem Adel ein Abendeſſen veranſtalten. Ich laſſe Dich bei Deiner Tochter, und zum Abendeſſen ſehen wir uns wieder. Er ging weg, und ich ſpeiſte mit meiner Frau und Tochter in der heiterſten Stimmung zu Mittag. Ich blieb faſt den ganzen Nachmittag bei meiner theuren Leo⸗ nilda und hielt mich in den Gränzen väterlicher Zärtlich⸗ keit, vielleicht nicht ſo ſehr aus ſittlicher Achtung als. Folge meiner nächtlichen Arbeiten. Wir umarmten uns erſt, als wir uns trennten und Mutter und Tochter bewieſen mir, wie ſchmerzhaft ihnen meine Abreiſe ſei. Nachdem ich eine höchſt ſorgfältige Toilette gemacht, begab ich mich zum Abendeſſen, wo ich gegen hundert Per⸗ ſonen beiderlei Geſchlechts aus den höchſten Ständen fand. Die Herzogin war ſehr liebenswürdig, und als ich ihr die Hand zum Abſchiede küßte, hatte ſie die Güte zu mir zu ſagen: Ich hoffe Don Giacomo daß Ihr kurzer Aufenthalt in Neapel keine unangenehme Erinnerungen bei Ihnen hin⸗ terlaſſen haben wird und daß Sie zuweilen mit Vergnügen daran zurückdenken werden. Ich erwiderte, ich könne nur mit Entzücken daran zu⸗ rückdenken, beſonders nachdem Sie ſich ſo gütig gegen mich gezeigt.. In der That konnte Niemand zweifeln, daß Neapel die glücklichſten Erinnerungen bei mir zurückgelaſſen. Nachdem ich gegen den Hof des Herzogs den Groß⸗ müthigen geſpielt, geleitete dieſer vornehme Herr, den das Glück ſo gut, aber die Natur, die ihn der ſüßeſten Genüſſe beraubte, ſo ſchlecht behandelt hatte, mich bis an meinen Wagen, und ich reiſte ab. 60 Sechsundachtzigſtes Kapitel. Mein Wagen zerbricht.— Mariucria’s Heirath.— Flucht Jord Kimores— Meine Rückkehr nach Florenz und meine Abreiſe mit der Carticelli. Ich ſchlief feſt an Don Ciccio Alfani's Seite in einem vertrefflichen, mit vier Pferden beſpannten Wagen, dem mein Spanier voraufritt, als ich plötzlich durch einen hef⸗ tigen Stoß geweckt wurde. Man hatte mich um Mitternacht mitten auf der Heerſtraße jenſeits Francoliſa, vier Meilen von St. Agatha umgeworfen. Alfani, welcher unter mir lag, wimmerte laut, denn er glaubte den linken Arm gebrochen zu haben; glücklicher Weiſe war derſelbe nur verrenkt. Le Due, der eingekehrt war, ſagte, die Poſtillone hätten die Flucht ergriffen, mög⸗ licher Weiſe um Räuber herbeizurufen, was im Kirchen⸗ ſtaate und in den Staaten des Königs von Neapel ſo häufig vorkommt. Ich gelangte leicht aus dem Wagen; aber der arme Alfani, der dick, alt und verwundet war und tödliche Furcht hatte, konnte nicht ohne Hülfe aus demſelben herausgeſchafft werden. Wir brauchten eine Viertelſtunde, um damit zu Stande zu kommen. Durch ſein Geſchrei und die Flüche, mit welchen er ſeine Gebete an den heiligen Franziscus von Aſſiſi, ſeinen Beſchützer, untermiſchte, nöthigte mich der Unglücklichen zum Lachen. Ich, der an ſolche Unglücksfälle gewöhnt war, hatte mir keinen Schaden gethan, denn die Art im Wagen zu ſitzen, hat großen Einfluß darauf. Don Ciccio hatte ſich wahrſcheinlich dadurch den Arm verrenkt, daß er ihn im Augenblicke des Umfallens herausgeſteckt. Ich holte meinen Degen, meinen Karabiner und meine Sattelpiſtolen aus dem Wagen und ſchickte mich mit dieſen Waffen nebſt meinem Taſchenpiſtolen an, den Räubern einen kräftigen Wiederſtand entgegenzuſetzen, falls ſie kämen, ſodann ſagte ich zu Le Duc, er möge wieder zu Pferde ſteigen und ſich umſehn, ob er in der Umgegend bewaffnete Bauern 61 finden könnte, welche uns für Geld aus der Verlegenheit ziehen wollten. Während Don Ciccio über dieſes Unglück ſeufzte, ſpannte ich, der entſchloſſen war, mein Vermögen und mein Leben theuer zu verkaufen, die vier Pferde aus, da der Wagen am Rande eines Grabens ſtand, und nachdem ich ſte feſt an den Rädern der rechten Seite, der Deichſel und dem Hintertheile feſtgebunden, ſtellte ich mich mit meinem Poſtillone ſo, daß der Wagen einen Wall bildete. Nachdem ich mich ſo auf alles bereit gemacht hatte, fühlte ich mich ſehr ruhig, aber mein unglücklicher Reiſegefährte fuhr fort zu wimmern, zu beten, zu fluchen, denn in Neapel wie in Rom iſt dies Alles verbunden. Da ich ihm keine Erleichterung verſchaffen konnte, ſo beklagte ich ihn und lachte unwillkürlich: worüber der arme Abbé der einem am Strande ſein Leben aushauchenden Delphine glich, da er unbeweglich am Rande des Grabens lag, ſich nicht wenig ärgerte; aber man denke ſich ſeinen Zuſtand, als die Stute, die mit dem Rücken, gegen ihn gekehrt war, bedrängt durch die Natur, die ganze Flüſſigkeit, mit welcher ihre Blaſe an⸗ gefüllt war, über ſeinen armen Leichnam ausſchüttete! Es gab keine Abhülfe dagegen, und die Thatſache war ſo komiſch daß ich mich des lauten Lachens nicht erwehren konntel Ein ſtarker Nordwind machte indeß unſere Lage Kußerſt unangenehm, Beim geringſten Geräuſche rief ich: Wer dar und drohte auf Jeden, der ſich nähern würde, Feuer zu geben. Ich blieb zwei Stunden in dieſer tragikomiſchen Lage, als Le Duc im Galopp angeſprengt kam und von Weitem einen Trupp bewaffneter Bauern, von denen Jeder eine Laterne trug, ankündigte. In Zeit von noch nicht einer Stunde wurden der Wagen, die Pferde und Alfani wieder in gehörigen Stand gebracht. Ich behielt zwei Bauern, um mir als Poſtillone zu dienen urd entließ die Andern, welche über die Störung ihres Schlafes ſehr zufrieden waren. Ich langte in St. Agatha mit Tagesanbruch an; hier machte ich vor der Thür des Poſtmeiſters einen Höllenlärm; forderte einen Notar, um das Protokoll aufzunehmen und drohte, die 62 Poſtillone, welche mich abſichtlich mitten auf einer großen und ſchönen Straße umgeworfen hätten, hängen zu laſſen. Ein herbeigerufener Stellmacher erklärte, daß die Achſe gebrochen ſei und verurtheilte mich zu einem wenigſtens ein⸗ tägigen Aufenthalte an dieſem Orte. Don Ciccio, welcher eines Chirurgns bedurfte, ſuchte ohne mir etwas zu ſagen, den Marquis Galiani, den er kannte, auf, und dieſer beeilte ſich, uns zu beſuchen und bat, ſo lange bis ich meine Reiſe würde fortſetzen können, bei ihm abzuſteigen. Ich nehme dieſen Vorſchlag mit großem Vergnügen an und dieſe Einladung trug nicht wenig dazu bei, meine üble Laune zu verſcheuchen, welche im Grunde nichts anderes war als das Bedürfniß, Skandal wie ein vornehmer Mann zu machen. Der Marquis, der zunächſt befohlen hatte, meinen Wagen in ſeine Remiſe zu ſchaffen, nahm mich unter den Arm und führte mich nach ſeiner Wohnung. Er war ein eben ſo gelehrter wie höflicher Herr und durch und durch Neapolitaner, das heißt ohne Umſtände. Er hatte nicht den glänzenden Geiſt ſeines Bruders, den ich in Paris als Ge⸗ ſandtſchaftsſekretair unter dem Grafen Cantillana Montdragon hatte kennen lernen, aber er beſaß ein geſundes, durch das Studium und durch den Umgang mit den älteren und neueren Klaſſikern gebildetes Urtheil. Er war beſonders ein großer Mathematiker und ſchrieb damals Commentare zum Vitruv, die er ſpäter herausgegeben hat. Der Marquis ſtellte mich ſeiner Frau vor, von welcher ich wußte, daß ſie die vertraute Freundin meiner Lucrezia war. Dieſe Frau hatte etwas Engelhaftes und ſie und ihre drei oder vier kleinen Kinder bildeten gewiſſermaaßen eine heilige Familie. Man brachte zunächſt Don Ciccio ins Bett und ließ einen Chirurgus holen, der ihn, nachdem er ihn beſichtigt, durch die Verſicherung tröſtete, daß er ſich nur eine kleine Verrenkung zugezogen, von welcher er in zwei oder weniger.. Tagen geheilt werden würde. Gegen Mittag hielt ein Wagen vor der Thüre und Donna Lucrezia ſtieg aus demſelben. Nach dem ſie die ſͤſͤſſͤſͤ 63 Marquiſe umarmt wendete ſie ſich auf die natürlichſte Weiſe zu mir und ſagte, indem ſie mir die Hand reichte: In Folge welches glücklichen Zufalls ſind Sie hier, theurer Giacomo? Sie ſagte zu ihrer Freundin, ich ſei der Freund ihres verſtorbenen Mannes und ſie habe mich zu ihrem gro⸗ ßen Vergnügen beim Herzoge von Matalona wiedergeſehn. Als ich mich nach Tiſche mit dieſer reizenden, zur Liebe ge⸗ ſchaffenen Frau allein ſah, fragte ich ſie, ob es nicht mög⸗ lich ſei, uns eine glückliche Nacht zu verſchaffen; ſie bewies mir die Unmöglichkeit und ich mußte mich darin ergeben. Ich erneuerte das Anerbieten, ſte zu heirathen. Kaufe, ſagte ſie, ein Gut im Reiche und wir wollen zuſammen leben, ohne zu einem Prieſter unſere Zuflucht zu nehmen, vorausgeſetzt, daß wir keine Kinder bekommen. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß Lucrezia ſehr ver⸗ nünftig war. Ich hätte leicht ein Gut in Neapel kaufen und reich und glücklich leben können; aber der Gedanke, mich irgendwo unwiderruflich anzuſiedeln, war mir ſo anti⸗ pathiſch, das Bedürfniß, eine vernünftige Lebensweiſe an⸗ zunehmen, war meiner Natur ſo zuwider, daß ich verſtändig senug war, mein thörichtes Umherſtreifen allen Vortheilen vorzuziehn, welche ich durch unſre Verbindung erlangt haben würde, und Lucrezia hatte nichts dagegen. Nach dem Abendeſſen nahm ich von Allen Abſchied und reiſte mit Tagesanbruch ab, um am folgenden Tage in Rom zu ſein. Ich hatte nur funfzehn Poſtmeilen auf einer ſehr ſchönen Straße zurückzulegen. Als ich in Carillano anlangte, erblickte ich einen jener zweirädrigen, italiäniſchen Wagen, welche unter dem Namen Mantice bekannt ſind; man beſpannte dieſelbe mit zwei Pferden und ich brauchte vier. Ich ſteige aus, und als ich mich rufen höre, drehe ich mich um. Ich wurde nicht wenig überraſcht, als ich in dieſer Mantiee eine hübſche junge Perſon und die Signora Diana, die Virtuoſin des Fürſten von Caſſaro, welcher mir dreihundert Unzen ſchul⸗ dete, erblickte. Sie ſagte, ſte gehe nach Rom und freue ſich ſehr, daß wir die Reiſe zuſammen machten. Wir blei⸗ ben die Nacht in Piperno, nicht wahr, mein Herr? 1 4 1 3 Nein, Madame, denn ich beabſichtige, nicht eher als in Rom anzuhalten. Aber wir kommen auch ſo morgen nach Rom. Ich weiß es; aber ich ſchlafe beſſer in meinem Wagen, als in den ſchlechten Wirthshausbetten. Ich wage nicht Nachts zu reiſen. So ſehn wir uns in Rom, Madame. Das iſt grauſam. Sie ſehen, daß ich nur einen ein⸗ fältigen Bedienten und eine Kammerfrau, welche nicht muthi⸗ ger als er iſt, habe; auch iſt es ſo kalt und mein Wagen iſt offen. Ich werde Ihnen in dem Ihrigen Geſellſchaft leiſten. Es iſt mir nicht möglich, Sie aufzunehmen, denn den Hinterſitz hat mein alter Sekretair inne, welcher ſich vor⸗ geſtern den Arm zerbrochen hat. Wollen wir in Terracina zuſammen zu Mittag ſpeiſen? Wir können dort plaudern. Sehr gern. Wir ſpeiſten gut in dieſem Städtchen, welches an der äußerſten Gränze des Kirchenſtaates liegt. Wir konnten erſt ſpät in der Nacht in Piperno anlangen und die Vir⸗ tuoſin erneuerte ihre Bitte, um mich zu bewegen, den Tag daſelbſt abzuwarten; aber obwohl ſie ſchön und jung war, ſagte ſie mir doch nicht zu; ſie war ſehr blond und zu fett. Dagegen erregte das Kammermädchen, eine ſchöne ſchlanke Brünette mit runden Formen, meine Begehrlich⸗ keit in nicht geringem Grade. Eine unbeſtimmte Hoff⸗ nung, ſie zu beſitzen, ſtimmte mich weniger widerſtrebend, und endlich verſprach ich der Signora, mit ihr zu Abend zu ſpeiſen und meine Reiſe nicht eher fortzuſetzen, als bis ich ſie dem Wirthe empfohlen.. Als wir in Piperno angelangt waren, fand ich Gele⸗ genheit, der jungen Brünette zu ſagen, daß ich nicht weiter⸗ reiſen würde, wenn ſie mir geſtatten wollte, in der Stille zu ihr zu kommen. Sie verſprach mir, mich zu erwarten und ließ mich ein Draufgeld nehmen, welches das Unter⸗ pfand vollkommener Gefälligkeit zu ſein pflegt, wenn man weiter nichts verlangt. 65⁵ Wir ſpeiſten zu Abend; nachdem ich den Damen ein gute Nacht gewünſcht, führte ich ſie auf ihr Zimmer und merkte mir das Bett der Schönen; ich konnte mich nicht täuſchen. Ich verlaſſe ſie und kehre eine Viertelſtunde dar⸗ auf zurück. Da ich die Thür offen fand, ſo glaubte ich meiner Sache ſicher zu ſein; ich ſchreite vor, aber anſtatt des appetitlichen Kammermädchens fühle ich die Signora. Offenbar hatte die junge Spitzbübin ihrer Gebieterin die Sache erzählt, und dieſe hatte es angemeſſen gefunden, deren Stelle einzunehmen. Täuſchung war nicht möglich, denn in Ermangelung der Augen genügten die Hände, mich zu üͤberzeugen. Augenblicklich geriethen zwei ganz entgegengeſetzte Ge⸗ danken in meinem Geiſte in Streit mit einander: der, mich ins Bett zu legen und von der einen zur andern zu gehn und der, augenblicklich abzureiſen. Dieſer behielt die Ober⸗ hand. Nachdem ich Le Due geweckt, ertheile ich ihm meine Befehle und ich trete die Reiſe an, mich innerlich der Be⸗ ſchämung der beiden Betrügerinnen freuend, denen es ſehr leid thun mußte, daß ſie mich nicht hatten fangen können. In Rom habe ich Signora Diana drei oder viermal von Weitem geſehen; wir haben uns gegrüßt, aber nicht mit einander geſprochen; hätte ich glauben können, daß ſie mir die vier⸗ hundert Louisd'ors, welche ſie mir ſchuldete, wiederbezahlen würde, ſo würde ich ihr einen Beſuch gemacht haben; aber ich weiß, daß die Theaterköniginnen ſchlechte Schuldne⸗ rinnen ſind. Ich fand meinen Bruder munter und wohl, ebenſo gie den Ritter Mengs und den Abbé Winkelmann. Coſta freute ſich mich wiederzuſehn. Ich ſchickte ihn ſogleich zum scopatore maggiore Sr. Heiligkeit, um denſelben zu be⸗ nachrichtigen, daß ich Polenta bei ihm eſſen wolle, und daß er dabei weiter nichts zu thun habe, als ein gutes Abendeſſen für zwölf Perſonen zu beſorgen. Ich war ſicher, Mariuccia zu finden, denn ich wußte, daß Momolo bemerkt hatte, wie gern ich ſie traf. Da am folgenden Tage der Karnavalbegann, ſo mie⸗ thete ich einen herrlichen Landau für die Karnavalswoche. XII. 5 66 Die Landaus in Rom ſind vierſitzige Wagen, deren Be⸗ deckung herunter gelaſſen werden kann, und in denen man ſich maskirt oder unmaskirt während der achttägigen Dauer des Karnavals von einundzwanzig bis vierundzwanzig Uhr auf dem Corſo zur Schau ſtellt. Seit Jahrhunderten iſt während der achttägigen Dauer dieſer tollen Zeit der Corſo in Rom die ſonderbarſte, ſelt⸗ ſamſte und beluſtigendſte Sache, die ſich denken läßt. Die Berberi galoppiren von der Piazza del Popolo über den Corſo bis zur Trajarnsſäule durch zwei Reihen Wagen hin⸗ durch, welche längs den zu engen, mit, Masken und Neu⸗ gierigen aller Art beſetzten Trottoirs halten. Alle Fenſter ſind mit Menſchen beſetzt. Sobald die Berberi vorüber ſind, fahren die Wagen im Schritt; die Masken zu Fuße und zu Pferde drängen ſich dazwiſchen durch. Man wirft ſich gute oder ſchlechte Zuckerkügelchen, Pamphlete Pasqui⸗ naden zu; man ſchleudert ſich tauſend Lazzi zu. Die größte Freiheit herrſcht in dieſem Gewimmel, welches aus den feinſten und verworfenſten Elementen Roms beſteht; und wenn um vierundzwanzig Uhr der dritte Kanonenſchuß von der Engels⸗ burg das Aufhören ankündigt, ſo würde man nach fünf Mi⸗ nuten auf dem Corſo vergeblich noch eine Maske oder einen Wagen ſuchen. Die ganze Menge hat ſich in den anliegenden Straßen verlaufen und füllt nun die Theater; die Opera seria und buffa, das Schauſpiel, die Seiltänzer⸗ und Ma⸗ rionettenbuden. Die Reſtaurationen und Schenken werden auch nicht vergeſſen; Alles iſt voll, denn während dieſer acht Tagen thun die Römer weiter nichts als trinken, eſſen und auf jede Weiſe genießen. Ich trug zunächſt mein Gold zu Belloni und nahm einen Kreditbrief auf Turin, wo ich den Abbè Gama fin⸗ den und den Auftrag des portugiſiſchen Hofes für den Kon⸗ greß in Augsburg, auf welchen ganz Europa rechnete, entgegennehmen ſollte; ſodann beſuchte ich mein kleines Zim⸗ mer hinter la Trinità de Monti, wo ich die ſchöne Mari⸗ uccia am folgenden Tage zu finden hoffte. Ich fand Alles in Ordnung. Am Abend empfing mich Momolo und ſeine ganze ——2— eeeͤs1— 182 2122—8ò—A————' 67 Familie mit Freudengeſchrei. Die älteſte Tochter ſagte lachend, ſie ſei ſicher mir einen Gefallen zu thun, wenn ſie Mariuccia holen laſſe. Sie täuſchen ſich nicht, ſagte ich, ich ſehe gern die ſchöne Mariuccia. Einige Minuten darauf erſchien ſie mit ihrer frommen Mutter, welche mich ſehr unterwürfig grüßte und ſagte ich ſolle mich nicht wundern, daß ihre Tochter anders als vorher gekleidet ſei, denn ſie mache in drei oder vier Tagen Hochzeit. Ich machte ihr mein Kompliment, und Momolo's Töchter fingen nun ſogleich an zu fragen, mit wem. Marie, welche erröthend und zu einem der Mädchen gewendet das Wort nahm, ſagte mit beſcheid⸗ ner Miene: Es iſt Jemand, den Sie kennen, der und der, welcher mich hier geſehn und einen Friſeurladen er⸗ öffnen will. Der würdige Pater Barnabas, ſagte die Mutter, iſt es, der dieſe Heirath zu Stande bringt, und der vierhundert römiſche Thaler in Depoſito hat, die meine Tochter ihrem Gatten als Mitgift zubringt. Er iſt ein ehrlicher Junge, ſagte Momolo, den ich ſehr achte, und er würde eine meiner Töchter geheirathet haben, wenn ich ihm ebenfalls eine ſolche Mitgift hätte geben können. Bei dieſen Worten ſenkte diejenige ſeiner Töchter, von welcher die Rede war, die Augen und erröthete. Tröſten Sie ſich, meine Liebe, die Reihe wird auch an Sie kommen. Da ſie dieſe Worte für baare Münze nahm, ſo er⸗ glänzte ihr ganzes Geſicht vor Freude. Sie glaubte, ich habe errathen, daß ſie in Coſta verliebt ſei, und ſie be⸗ feſtigte ſich in dieſem Gedanken, als ich zu meinem Bedienten ſagte, er möge am folgenden Tage meinen Landau nehmen und die Töchter Momolo's gut maskirt, da ich nicht wollte, daß man ſie in einem Wagen, den ich ſelber brauchen wollte, erkenne, auf den Corſo fahren. Ich befahl ihm bei einem Juden, ſchöne Koſtüme, die ich bezahlen wollte, zu miethen. Dadurch kam die ganze Familie in gute Laune. Und die Signora Marias? fragte die Eiferſüchtige. Die Signora Maria, erwiederte ich, ſteht auf dem 5* 68 Punkte ſich zu verheirathen und darf keinem Feſte ohne ihren Gatten beiwohnen. Die Mutter gab mir Beifall und die liſtige Mariuccia ſpielte die Gekränkte. Mich nun an den Vater Momolo wendend, bat ich ihn um die Gefällig⸗ keit den künftigen Gatten von Maria einzuladen, was der Mutter ſehr gefiel. Da ich ſehr ermüdet war und hier nichts weiter zu thun hatte, nachdem ich Mariuccia geſehn, bat ich die Ge⸗ ſellſchaft um Entſchuldigung und nachdem ich ihr guten Appetit gewünſcht, entfernte ich mich. Am folgenden Tage war ich frühzeitig auf den Beinen und ich brauchte nicht in die Kirche einzutreten, nach wel⸗ cher ich mich um ſieben Uhr begab, denn da Maria mich von Weitem bemerkte, folgte ſie mir und bald fanden wir uns in unſerm kleinen Zimmer, welches die Liebe und Wolluſt in einen prächtigen Palaſt verwandelten. Wir hätten uns gern ſüßem Plaudern überlaſſen, da wir aber nur eine Stunde dem Vergnügen widmen konnten, machten wir uns an die Arbeit, ohne uns unſerer Kleider zu entledigen. Nach dem letzten Kuſſe, welcher den dritten Angriff krönte, ſagte ſie zu mir, ſie wuͤrde ſich den Tag vor Faſtnacht verhei⸗ rathen, ihr Beichtvater habe Alles in Ordnung gebracht; zugleich dankte ſie mir, daß ich Momolo gebeten, ihren Zuküunftigen einzuladen. Wann werden wir uns wiederſehn, mein Engel? Sonntag; es iſt der Tag vor meiner Hochzeit; wir können dann vier Stunden zuſammenbleiben. Das iſt köſtlich! Ich verſpreche Dir, Dich in den Stand an ſetzen, daß Du ohne Verlegenheit die Liebkoſungen Dei⸗ nes Gatten empfangen kannſt. Sie entfernte ſich lächelnd und ich warf mich auf mein Bett, wo ich eine gute Stunde ſchlief. Als ich nach Hauſe ging, begegnete ich einer mit vier Pferden beſpannten ſchnell dahinfahrenden Equipage in wel⸗ cher ein junger vornehmer Herr ſaß und vor welcher ein Läufer herlief. Das Band des heiligen Geiſtordens erregt meine Aufmerkſamkeit; ich blicke ihn an, er nennt meinen Namen und läßt halten. Ich war ſehr verwundert als ich ——— ,Q¼———.·– 69 Lord Talon erkannte, welchen ich in Paris bei der Gräfin von Limore, ſeiner Mutter, kennen gelernt, die getrennt von ihrem Manne lebte und von Herrn von St. Albin, Erz⸗ biſchof von Cambray und ſehr unwürdigem Nachfolger des tugendhaften Fénélon, unterhalten wurde; aber er hatte den Vortheil der Baſtard des Herzogs von Orleans, Regenten von Frankreich zu ſein. Lord Talon war ein hübſcher Junge voller Talent; aber er hatte zügelloſe Leidenſchaften und alle Laſter. Ich wußte, daß er Lord dem Namen, aber nicht dem Vermögen nach war, und ich wunderte mich über ſeine glänzende Equi⸗ page und noch mehr über ſein Band des heiligen Geiſt⸗ ordens. Er ſagte kurz, er ſpeiſe beim Prätendenten, werde aber zu Hauſe zu Abend ſpeiſen. Er lud mich ein und ich nahm es an. Nach Tiſche machte ich einen Spatziergang und ging dann zu meiner Erheiterung in die Komödie de Jordinana, wo die Töchter Momolo's mit Coſta einherſtolzirten; ſodann ging ich zu Lord Talon, wo ich zu meiner angenehmen Ueberraſchung den Dichter Poinſinet*) fand. Dieſer war *) Poinſinet, für den das Wort Myſtiſiciren erfunden worden, hatte einen faſt europäiſchen Ruf wegen ſeiner gutmüthigen Leicht⸗ gläubigkeit. Unter andern hatten, wie Grimm erzählt, ſeine Vettern Poinſinet de Sivry und Paliſſot de Montenoy ihm einmal vorgeredet, der König von Preußen wolle ihm die Erziehung des Prinzen von Preußen anvertrauen, falls er ſeinem Glauben entſage. Er ſchwor darauf ſeinen Glauben in die Hände eines angeblich vom Könige geſendeten Geiſtlichen ab, und die Komödie dauerte mehrere Mo⸗ nate, ohne daß er an der Wirklichkeit zweifelte. Ein andermal machte man ihn glauben, er habe einen Menſchen im Duell ge⸗ tödtet, weshalb er, um der Gerechtigkeit zu entfliehn, ſich die Haare abſchneiden ließ und gequält von ſeinem Gewiſſen einen Verſteck in St. Lazare, im Zuchthauſe ſuchte. Zu einer andern Zeit veranlaßte man ihn, um in die petersburger Akademie auf⸗ genommen zu werden, mühſam die ruſſiſche Sprache zu erlernen und nach einem halben Jahre zeigte ſichs, daß er das Welſch der Bretagne gelernt hatte. Noch toller klingt, was Dutens er⸗ zählt und Graf Lamberg beſtätigt. Der Schauſpieler Préville 70 ein kleiner häßlicher Mann, aber voll Feuer und Laune und mit Talent für die Bühne. Fünf oder ſechs Jahre darauf fiel der Unglückliche in den Guadalquivir und er⸗ trank. Er ging nach Madrid, um dort ſein Glück zu machen. Da ich ihn in Paris kennen gelernt, redete ich ihn wie einen alten Bekannten an. Und was machen Sie in Rom, oerehrter Freund? Wo iſt Lord Talon?. Er iſt im benachbarten Zimmer; aber er iſt nicht mehr Lord Talon, denn da ſein Vater geſtorben, iſt er Graf Li⸗ more. Sie wiſſen, daß er dem Prätendenten anhängt. Ich bin mit ihm von Paris hierhergereiſt, und ich habe ſo zu meiner großen Freude die Reiſe nach Rom ohne einen Pfennig Koſten machen können. Der Graf iſt alſo reich? Noch nicht, aber er wird es werden, denn er iſt der Erbe ſeines Vaters, der ein großes Vermögen hinterlaſſen meldete ihm einſt athemlos, das Amt des Schirmes des Königs ſei erlegt, forderte ihn auf, darum anzuhalten und erklärte ihm: dieſes Amt würde nur einem Manne von Geiſt übertragen, wel⸗ cher in gewandter Beweglichkeit ſich immer zwiſchen den Schein des Kamins und ſeinen Gebieter ſtellen müſſe, und in ermüdeten Augenblicken deſſelben die Obliegenheit habe, als lebendiger Schirm mit Sr. Majeſtät zu plaudern. Eine ſo lohnende Stellung zu er⸗ werben, mußte Poinſinet ſich erſt einer Probe ſeiner Geſchicklichkeit unterziehn. Vor einem großen Feuer in einem Gaſthauſe quälten aber die Schalke den Kandidaten ſo unbarmherzig, daß er halb⸗ verbrannt dem ſonſt beneidenswerthen Poſten entſagte. Poinſinet flüchtete vor ſeinen Verfolgern in Paris als Abenteurer nach Italien und fand hier ein noch herberes Geſchick, als Caſanova ſich ſeiner annahm. Aus kläglicher Hülfloſigkeit gerettet, während ſchon daran dachte, ſich in die Tiber zu ſtürzen, hoffte er auf du Tillot, allmächtigen Miniſter des Herzogs von Parma. So⸗ dann in die Heimath zurückgekehrt, wußte, er ſich die Spötter vom Leibe zu halten. Seine Komödien erfreuten ſich des Bei⸗ falls. Indeß trieb ihn ſein Schickſal im Anfange d. J. 1768 nach Spanien, wie er vorgab als Intendant der menus plaisirs de S. M. C., wahrſcheinlicher aber als Führer einer franzöſiſchen Schauſpielertruppe. Er fand hier ſeinen Tod im Guadalquivir. 82 —1ͤöͤed —„—„»—·—„·— 71 hat. Allerdings iſt daſſelbe confiscirt, aber ſeine Anſprüͤche ſind unbeſtüitbar. Er iſt alſo reichan Anſprüchen, reich an Ausſichten; wie iſt er aber Ritter des heiligen Geiſtordens geworden? Sie ſpaßen; er trägt das kleine Band des St. Micha⸗ elsorden, deſſen Großmeiſter der verſtorbene Kurfüſt von Köln war. Mplord, der, wie Sie wiſſen, ausgezeichnet Violine ſpielt, ſpielte ihm während ſeines Aufenthalts in Bonn ein Concert von Tartini vor, und da der Fürſt nicht wußte, wie er ihn wegen dieſes Vergnügens belohnen ſollte, ſo ſchenkte er ihm das Ordensband, welches Sie geſehn. Gewiß ein ſchönes Geſchenk. Sie können ſich nicht denken, welches Vergnügen My⸗ lord daran findet, denn wenn wir nach Paris zurückkommen, wird jeder glauben, daß es das Band des heiligen Geiſt⸗ ordens ſei. Wir traten in den Saal, wo ſich der Lord mit der Geſellſchaft befand, der das Abendeſſen veranſtaltete. Als er mich erblickte, umarmte er mich, indem er mich ſeinen theuren Freund nannte und ſtellte mich den Gäſten vor, aus denen die Geſellſchaft beſtand. Es awaren ſieben bis acht Mädchen, ſämmtlich ſchön, drei oder vier Kaſtraten, welche auf den römiſchen Theatern Frauenrollen ſpielten, fünf oder ſechs Abbés, welche die Männer aller Frauen und die Fraͤuen aller Männer waren, ſich deſſen rühmten und an Unverſchämtheit mit den Mädchen wetteiferten. Dieſe Mädchen waren allerdings nießt öffentliche Freudenmädchen aber vollendete Dilettantinnen unzüchtiger Muſik, Malerei und Philoſophie. Man wird ſich von der Geſellſchaft eine Vorſtellung machen können, wenn ich ſage, daß ich mich in derſelben aͤls Neuling fuͤhlte. ¹ Wo wollen Sie hin, Fürſt? ſagte der Lord zu einem Manne von anſtändigen Außern, welcher nach der Thür zu ging. Ich befinde mich nicht wohl, Mylord, ich muß hinaus gehen. Wer iſt dieſer Fürſt? ſagte ich zu ihm. Es iſt der Fürſt von Chimai, Unterdiakonus, der um 72 ſeine mit dem Erlöſchen bedrohte Familie zu erhalten die Erlaubniß, ſich zu verheirathen nachſucht. Ich bewunderte ſeine Klugheit oder ſein Zartgefühl, hatte aber nicht die Kraft ihm nachzuahmen. Wir waren vierundzwanzig Perſon bei Tiſche und ich übertreibe nicht, wenn ich ſage, daß hundert Flaſchen des beſten Weins geleert wurden. Alle Gäſte waren trunken, mich ausgenommen und Poinſinet, der nur Waſſer getrunken. Man ſtand von Tiſche auf, und nun begann eine ſchmut⸗ zige Orgie von welcher ich keine Idee hatte und welche keine Feder zu ſchildern vermöchte; nur ein Wüſtling kann ſich eine Vorſtellung davon machen, wenn er die gemeinſten Farben der Palette wählt. Ein Kaſtrat und ein Mädchen von ziemlich demſelben Wuchſe machten den Vorſchlag, ſich im nächſten Zimmer nackt und den Kopf bis zum Halſe zugedeckt neben einander auf das Bett zu legen und forderten alle Anweſenden heraus, ihr beiderſeitiges Geſchlecht zu errathen. Wir gingen in das Zimmer, und da Niemand ſeine Meinung abzugeben wagte, weil man nur die Augen ge⸗ brauchen konnte, ſchlug ich dem Lord eine Wette von funf⸗ zig Thalern vor, daß ich das Weib herausfinden würde. Er nahm die Wette an und ich traf das Richtige, aber von Bezahlen war keine Rede. Dieſer erſte Akt der Orgie endete mit der Proſtitution zweier Individuen, welche alle Anweſenden zum großen Akte herausforderten, worauf auch alle mit Ausnahme meiner und Poinſinets eingingen, aber Alle verſuchten es vergeblich. Im zweiten Akte gab man uns das Beiſpiel von vier oder fünf umgekehrten Paarungen und in dieſen ſchaamloſen Kämpfen glänzten am meiſten die Abbe's, welche bald aktiv, bald paſſiv waren. Ich allein wurde verſchont. Der Lord, welcher während der ganzen Orgie kein Le⸗ benszeichen gegeben, griff plötzlich den armen Poinſinet, der ſich vergeblich vertheidigte; er mußte ſich entkleiden laſſen, und neben ihn legen, der nackt wie die Andren war. Wir bildeten einen Kreis um ſie herum. Plötzlich nimmt der Lord ſeine Uhr und verſpricht ſie demjenigen, dem es zuerſt 73 gelingen würde ein Zeichen des Gefühls bei ihm hervorzu⸗ rufen. Die Luſt den Preis zu gewinnen brachte das ganze ſchmutzige Geſindel in Bewegung und Kaſtraten, Mädchen und Abbé's drängten ſich hinzu. Jeder wollte der erſte ſein. Das war der intereſſanteſte Theil des Stückes für mich, der ich an mir während dieſer unglaublichen Scene nicht die geringſte Spur von Erregung bemerkte, obwohl unter allen andern Verhältniſſen jedes dieſer Mädchen meiner Hul⸗ digungen ſicher ſein konnte; aber ich lachte, beſonders als ich ſah, wie der arme Dichter fürchten mußte, den Stachel des Fleiſches zu empfinden, denn der ſchaamloſe Lord hatte geſchworen, ihn der Roheit aller Abbé's zu überliefern, wenn er durch ſeine Schuld die Wette verliere. Er kam mit der Furcht davon und die Furcht war es wahrſcheinlich, die ihn ſchützte. Dieſe ſchaamloſe Scene endete, als ſich Niemand mehr mit der Hoffnung ſchmeicheln konnte, die Uhr zu gewinnen. Das Geheimniß der Lesbierinnen wurde indeß nur von den Abbé's und Kaſtraten in Anwendung gebracht. Die Mäd⸗ chen, welche ſich das Recht vorbehalten wollten, diejenigen, denen ſie gedient, zu verachten, machten keinen Gebrauch davon. Der Stolz leiſtete ihnen hierbei vermuthlich größere Dienſte als das Schaamgefühl, denn, wie ich vermuthete, fürchteten ſie es vergeblich in Anwendung zu bringen. Mein Gewinn bei dieſer gemeinen Ausſchweifung war Ekel und eine größere Selbſtkenntniß. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß mein Leben in Gefahr geweſen war, denn ich hatte nur meinen Degen, aber ich würde denſelben ſicherlich gebraucht haben, wenn der Lord in ſeiner viehiſchen Wuth mich genöthigt hätte, das zu thun, was die Andern gethan, und was er mit dem armen Poinſinet gethan. Ich habe nie begreifen können, wodurch er ſich bewogen fand, mich zu verſchonen, denn er war trunken und wüthend. Beim Weggehn verſprach ich ihm, ihn ſo oft er es wünſchen würde zu beſuchen; aber ich legte mir das feſte Verſprechen ab, keinen Fuß mehr in ſeine Wohnung zu ſetzen. Am Nachmittage des folgenden Tages beſuchte er mich 74 zu Fuß, und da er nicht Luſt hatte, den Wettlauf der Ber⸗ berpferde zu ſehen, ſo forderte er mich auf, einen Spazier⸗ gang nach der Villa Medici mit ihm zu machen. Ich bekomplimentirte ihn wegen des großen Vermögens, das er geerbt haben müſſe, um auf eine ſo glänzende Weiſe zu leben; aber er fing an zu lachen und ſagte, er beſitze nur etwa funfzig Piaſter; ſein Vater habe nur Schulden hinterlaſſen, und er ſei ſchon drei bis viertauſend Thaler ſchuldig. Ich wundre mich, daß man Ihnen Kredit giebt. MNan giebt mir Kredit, weil man weiß, daß ich einen Wechſel von zweimalhunderttauſend Frs. auf Paris gezogen habe. Aber in vier oder fünf Tagen wird der Wechſel proteſtirt zurückkommen und ich warte nur bis dahin, um mich davon zu machen. Wenn Sie ſicher ſind, daß derſelbe proteſtirt wird, ſo rathe ich Ihnen, heute abzureiſen, denn da es ſich um eine ſo hohe Summe handelt, wäre es möglich, daß der Avis anticipirt würde. Nein, denn ich habe noch eine ſchwache Hoffnung. Ich habe an meine Mutter geſchrieben, daß ich verloren bin, wenn ſie dem Bankier, auf welchen ich gezogen, nicht die Fonds liefere, und in dieſem Falle wird mein Wechſel ac⸗ ceptirt. Sie wiſſen, daß meine Mutter mich liebt. Ja, aber ich weiß auch, daß ſie nicht reich iſt. Das iſt wahr, aber Herr von St. Albin iſt es, und unter uns halte ich ihn für meinen Vater. Einſtweilen ſind meine Gläubiger eben ſo ruhig wie ich. Die Mädchen, welche Sie bei mir geſehn, würden mir, wenn ich es wünſchte, Alles, was ſie haben, geben, denn alle erwarten im Laufe der Woche ein anſehnliches Geſchenk; ich will ihr Vertrauen nicht mißbrauchen. Derjenige, den ich betrügen will, weil ich dazu gezwungen bin, iſt ein Jude, der mir dieſen Ring für dreitauſend Zechinen verkaufen will, während ich weiß, daß er nur tauſend werth iſt. Er wird Ihnen auf dem Fuß folgen. Ich laſſe es darauf ankommen. Dieſer Ring war ein ſtrohfarbner Solitair von neun eun 7⁵ bis zehn Karat. Er verließ mich mit der Bitte, ihm das Geheimniß zu bewahren. Dieſer leichtſinnige Menſch er⸗ regte bei mir kein Gefühl des Mitleids, denn ich ſah in ihm nur einen freiwilligen Unglücklichen, welcher ſeine Tage in einem Gefängniſſe beſchließen mußte, wenn er nicht den Muth hatte, ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Ich begab mich zu Momolo, wo ich den Zukünftigen meiner ſchönen Mariuccia fand, aber ſie war nicht da, ſie hatte dem scopatore santissimo ſagen laſſen, ihr Vater ſei von Paleſtrina gekommen, um ihrer Hochzeit beizuwoh⸗ nen, und ſie könne deshalb nicht zum Abendeſſen erſcheinen. Ich bewunderte ihre Feinheit; ein junges Mädchen bedarf keines Studiums, um eine gute Politikerin zu ſein, wenn ihr Herz es erfordert; die Natur ſchreibt ihr den Weg vor, und ſite verfolgt denſelben mit einer Sicherheit, welche jede Täu⸗ ſchung unmöglich macht. Während des Abendeſſens be⸗ ſchäftigte ich mich nur mit dem jungen Manne; ich fand ihn in jeder Beziehung für Marie paſſend, denn er war hübſch, beſcheiden und von gutem Charakter; alle ſeine Worte trugen den Stempel der Unbefangenheit und Unſchuld. Er ſagte zu mir in Gegenwart von Tecla, Memolo's Tochter, ſie würde ihn glücklich gemacht haben, wenn ſie ihm zur Einrichtung eines Ladens die Mittel hätte geben können, und er müſſe Gott für die Bekanntſchaft mit Marie danken, welche in ihrem Beichtvater einen wahren Vater in Gott gefunden habe. Ich fragte ihn, wo er ſeine Hochzeit veran⸗ ſtalten wolle; er ſagte, bei ſeinem Vater, einem Gärtner, welcher jenſeits der Tiber wohne, und da dieſer arm ſei, ſo wolle er ihm zehn Thaler zur Beſtreitung der Koſten geben. Ich bekam ſogleich Luſt ihm die zehn Thaler zu geben, aber wie ſollte ich es anfangen? Ich würde mich verrathen haben. Iſt der Garten Ihres Vaters hübſch? Nicht gerade hübſch, aber gut erhalten. Da ihm der ganze Raum gehört, ſo hat er einen Garten abgezweigt, den er verkaufen möchte und der ſicherlich zwanzig Thaler ein⸗ bringt; ich würde mich für glücklicher als einen Kardinal halten, wenn ich ihn kaufen könnte, Wie viel koſtet er? 76 O, viel, mein Herr, zweihundert Thaler. Das iſt billig. Hören Sie mich, ich habe Ihre Zu⸗ künftige hier kennen gelernt und ſie in jeder Beziehung werth befunden glücklich zu werden. Sie verdient einen anſtändigen jungen Mann wie Sie. Sagen Sie mir, was Sie jetzt thun würden, wenn ich Ihnen die zweihundert Thaler ſchenkte, um den Garten Ihres Vaters zu kaufen? Ich würde ſie als Witthum zur Mitgift meiner Frau ſchlagen. Hier ſind zweihundert Thaler, welche ich dem Abbé Memolo übergebe, weil ich Sie nicht hinlänglich kenne, ob⸗ wohl Sie mir Vertraun einflößen. Der Garten gehört Ih⸗ nen als Mitgift ihrer künftigen Gattin. Momolo nahm die Summe und verpflichtete ſich, den Ankauf des Gartens ſchon am folgenden Tage zu bewerk⸗ ſtelligen, und der junge Mann, der Thränen der Freude und Dankbarkeit vergoß, nahm meine Hand und küßte ſie knieend. Die Mädchen weinten vor Freuden, und auch ich, denn die Thränen des Herzens haben etwas Sympathetiſches. Indeß alle dieſe Thränen entfloſſen nicht derſelben Quelle; ſie wa⸗ ren das Produkt einer Miſchung von Laſter und Tugend, nur die des jungen Mannes waren rein. Ich hob ihn auf, indem ich ihn ermunterte und ihm eine glücklich Ehe wünſchte. Er wagte es, mich zur Hochzeit einzuladen, aber ich lehnte es ab, indem ich ihm freundlichſt dankte. Ich ſagte zu ihm, wenn er mir ein Vergnügen machen wolle, werde er am Sonntage, dem Tage vor ſeiner Hochzeit, zu Momolo zum Abendeſſen kommen, und ich bat den ehrlichen scopatore, auch Mariuccia nebſt ihrem Vater und ihrer Mutter einzuladen. Ich war ſicher, ſie Sonntag früh zum letztenmale zu ſehn. Am Sonntag um ſieben Uhr lagen wir einander in den Armen, und wir hatten vier Stunden vor uns. Nach dem erſten Erguſſe unſrer gegenſeitigen Zärtlichkeit ſagte ſie zu mir, am vorigen Tage wäre Alles in ihrem Hauſe durch den Notar und in Gegenwart ihres Beichtvaters und Mo⸗ molos abgeſchloſſen worden, nach Abgabe der Quittung habe der Notar den Garten in den Kontrakt geſetzt, und der gute — — 77 Pater Barnabas habe ihr zwanzig Piaſter füradie Koſten des Notars und der Hochzeit geſchenkt. Alles hat ſich aufs Beſte geordnet und ich bin ſicher glücklich zu werden. Mein Zukünftiger betet Dich an, aber Du haſt wohl daran ge⸗ than, ſeine Einladung nicht anzunehmen, den Du würdeſt an einen zu armſeligen Ort gekommen ſein, und ſodann würde auch das Geklatſche über mich losgegangen ſein und ich dadurch des Glücks, welches ich mir verſprechen darf, verluſtig gegangen ſein. Du denkſt ganz richtig, reizende Freundin; aber ſage mir, wie Du Dich aus der Verlegenheit ziehen willſt, wenn Dein Gemahl es ſich einfallen läßt, die Bemerkung zu ma⸗ chen, daß Deine Pforte vor der Heirath aufgebrochen wor⸗ den iſt, denn möglicher Weiſe erwartet er, Dich ganz unbe⸗ rührt zu finden. Ich glaube nicht, daß er in dieſer Sache erfahrner iſt, als ich es zu der Zeit war, wo Du mich kennen lernteſt, indeß meine Liebkoſungen, meine Sanftmuth und mein rei⸗ nes Gewiſſen, denn Du haſt es nicht befleckt, erlauben mir nicht einmal daran zu denken, und ich bin ſicher, daß er auch nicht daran denken wird. Aber wenn er es thaͤte? Das wäre nicht eben ein Zeichen von Zartgefühl, aber ſollte es mir wohl ſchwer werden, ihm mit dem wahren und aufrichtigen Ausdrucke der Unſchuld zu erwiedern, daß ich nicht weiß, wovon er ſpricht, und daß ich mich darauf nicht verſtehe? Du haſt Recht, das iſt das beſte Mittel. Haſt Du denn aber unſere Vergnügungen gebeichtet? Nein, mein Freund, denn da ich mich Dir nicht in ver⸗ brecheriſcher Abſicht hingegeben, ſo glaube ich auch nicht Gott beleidigt zu haben. Du biſt ein Engel, meine Theure, und ich bewundre die Klarheit Deines Geiſtes. Höre jetzt; es iſt möglich, daß Du ſchon ſchwanger biſt oder es wirſt, ehe wir uns ver⸗ laſſen. Verſprich mir, meinem Kinde meinen Namen zu geben. Ich verſpreche es Dir 78 Vier Stunden vergingen ſehr ſchnell. Nach dem ſech⸗ ſten Angriffe ergaben wir uns, ohne geſättigt zu ſein. Wir verließen uns unter Thränen und ſchwuren uns zu, die zärt⸗ lichen Empfindungen eines Bruders und einer Schweſter für einander zu bewahren. Als ich nach Hauſe gekommen war, nahm ich ein Bad, und nach einer vierſtündigen Ruhe ſtand ich auf, machte Toi⸗ lette und ſpeiſte heiter in Familie. Am Abend, nachdem ich die Familie Mengs in meinem Landau ſßatzieren gefahren, gingen wir in das Theater Aliberti, wo der Kaſtrat, der die Rolle der Prima⸗Donna ſpielte, die ganze Stadt her⸗ beizog. Er war der gefällige Günſtling, der Geliebte des Kardinals Borgheſe, welcher alle Abende mit Sr. Emi⸗ nenz allein ſpeiſte. Die Stimme dieſes Kaſtraten war ſchön; aber ſein Hauptverdienſt beſtand in ſeiner Schönheit. Ich hatte ihn als Mann auf der Promenade geſehn, allein trotz ſeines huͤbſchen Aeußern hatte er keinen Eindruck auf mich gemacht; denn man ſah augenblicklich, daß er ein verſtümmelter Mann war: aber auf der Bühne war der Eindruck vollſtändig; er entflammte. In ein enges Schnürleib eingezwängt hatte er den Wuchs einer Nymphe, und unglaublich genug, ſein Buſen ſtand an Form und Schönheit hinter keinem Frauenbuſen zuruͤck; na⸗ mentlich dadurch richtete das Ungeheuer Verwüſtungen an. Obwohl die negative Natur dieſes Unglücklichen bekannt war, ſo verbreitete er doch einen unausſprechlichen Zauber, wenn man ſeinen Buſen erblickte und man war wahnſinnig verliebt, ehe man merkte, daß man Feuer gefaßt hatte. Um ihm zu widerſtehen oder nichts zu fühlen, hätte man kalt und poſitiv wie ein Deutſcher ſein müſſen. Wenn er, bis zum Ritornello der Arie, die er ſang, aaf der Bühne auf und abging, hatte ſein Gang einen majeſtätiſchen und wol⸗ lüſtigen Anſtrich; und wenn er den Logen die Begeiſterung ſeiner Blicke zu Theil werden ließ, ſo entzückte ſein zärtlicher und beſcheidner Blick alle Herzen. Es war offenbar, daß er die Liebe derjenigen nähren wollte, die ihn als Mann 8 S ͤ 2.— 2 2 2 — G& G-Ae G& e 2uG& —+— 79 liebten, und die ihn nicht geliebt haben würden, wenn er eine Frau geweſen wäre. Das heilige Rom, welches auf dieſe Weiſe alle Män⸗ ner nöthigt, Päderaſten zu werden, will das nicht zugeben, noch an die Wirkungen einer Illuſton glauben, welche es mit aller Kraft unterhält. Als ich dieſe Betrachtungen laut anſtellte, ſagte ein Monſignore zu mir, um mich auf falſche Fährte zu führen: Sie haben ſehr Recht. Warum erlaubt man dieſem Ka⸗ ſtraten einen Buſen zur Schau zu tragen, auf welchen die ſchönſte Römerin ſtolz ſein könnte, da doch ein Jeder wiſſen daß es ein Mann und keine Frau iſt? Wenn die Bühne dem ſchönen Geſchlechte verboten wird, weil man fuürch⸗ tet, daß ſeine Reize unzüchtige Begierden erregen könnten, warum ſucht man dann Männer aus, die durch unnatür⸗ liche Körperbildung eine vollſtändige Illuſion hervorbringen? Mit aller Gewalt behauptet man, man betrachte mit Unrecht die Päderaſtie als ſo leicht und gewöhnlich, und man müſſe über die kleine Anzahl derjenigen lachen, welche die Illuſion verführen, weil ſie angeführt würden, wenn es zur Aufklä⸗ rung käme; aber viele geiſtreiche Leute hegen die Täuſchung noch und finden ſie zuletzt ſo ſüß, daß ſie, weit entfernt dieſelbe der Wirklichkeit nachzuſetzen, vielmehr dieſe Unge⸗ heuer den ſchönſten Frauen vorziehn. Der Papſt würde ſich den Himmel verdienen, wenn er dieſen ſträflichen Mißbrauch aufheben wollte. Ich glaube es nicht. Ohne Anſtoß könnte man nicht mit einer ſchönen Sängerin unter vier Augen ſprechen, aber man kann es mit einem Kaſtraten. Man weiß wohl, daß nach dem Abendeſſen daſſelbe Kiſſen ihre Köpfe auf⸗ nimmt, aber was Jeder weiß, das weiß Niemand. Man kann freundſchaftlich bei einem Manne ſchlafen; nicht ſo verhält es ſich mit einer Frau. Das iſt wahr, Monſignore; man rettet den Schein und geheime Sünden ſind nur halbe Sünden, wie man in Paris ſagt. In Rom ſagt man, es ſind gar keine. Peccato nas, costo non offende.(Eine verborgene Sünde giebt keinen Anſtoß. Dieſe jeſuitiſche Unterhaltung hatte meine Theilnahme erregt, denn ich wußte von dem Manne, daß er ein Freund der verbotenen Frucht war. Da ich in einer Loge die Marquiſe Paſſanini, die ich in Dresden kennen gelernt und den Fürſten Antonio Borg⸗ heſe bemerkte, ſo brachte ich ihnen meine Huldigungen dar. Der Fürſt, den ich vor etwa zehn Jahren in Paris geſehn, erkannte mich und lud mich auf den folgenden Tag zum Eſſen ein. Ich ging zu ihm, aber er war nicht zu Hauſe. Ein Page ſagte zu mir, es ſei für mich ein Cou⸗ vert aufgelegt und ich könne ſpeiſen; ich drehte ihm den Rücken zu und ging weg. Am Aſchermittwoche ſchickte er mir ſeinen Kammerdiener zu, um mich zum Abendeſſen bei der Marquiſe, die er unterhielt, einzuladen; ich ließ ihm ſagen, ich würde die Ehre haben zu kommen; aber ich ließ ihn vergeblich warten. Der Stolz, das Kind der Dumm⸗ heit, ſchlägt nie aus der Art ſeiner Mutter. Nach der Oper ging ich zu Momolo, wo ich Mariuc⸗ eia, ihren Vater, ihre Mutter und ihren Zukünftigen fand. Man erwartete mich mit Ungeduld. Es iſt nicht ſchwer Glück⸗ liche zu machen, wenn man aus der wenig begüterten Klaſſe Individuen auswählt, die es verdienen. Ich war in einer Geſellſchaft armer, aber ehrlicher Leute, und ich kann ſagen, daß ich köſtlich bei ihnen ſpeiſte. Es iſt möglich, daß meine Befriedigung zum Theil aus meiner Eitelkeit entſprang, denn ich wußte, daß ich der Urheber der Freude und des Glücks, die auf allen Geſichtern glänzten, war, das heißt der beiden künftigen Gatten und des Vaters und der Mutter der ſchönen Marie; denn die Eitelkeit iſt eine Tugend, wenn ſie der Beweggrund von irgend etwas Gutem iſt. Indeß bin ich es mir ſelbſt ſchuldig, meinen Leſern zu ſagen, daß das Vergnügen, welches ich empfand, zu rein war, als daß es durch irgend ein Laſter hätte befleckt ſein können.. Nach dem Abendeſſen legte ich eine kleine Pharaobank und nöthigte Alle mit Marken zu ſpielen, da Niemand einen 81 Pfennig hatte, und ich ſpielte ſo unglücklich, daß ich die Freude hatte, jeden der Gäſte einige Dukaten gewinnen zu laſſen. Nach dem Spiele tanzten wir trotz des Verbots des Papſtes, den Niemand in Rom für unfehlbar hält, denn er verbietet den Tanz und geſtattet die Hazardſpiele. Sein Nachfolger Ganganelli that gerade das Entgegengeſetzte und fand nicht mehr Gehorſam. Um mich nicht verdächtig zu machen, machte ich den Gatten kein Geſchenk, aber ich über⸗ ließ ihnen den Landau, damit ſie den Karnaval auf dem Corſo genießen könnten, und ich befahl Coſta, ihnen eine Loge im Theater Capranica zu miethen. Momolo lud uns Alle zur Faſtnacht zum Abendeſſen ein. Da ich am zweiten Faſtentage von Rom abreiſen wollte, ging ich zum heiligen Vater um zweiundzwanzig Uhr, um welche Zeit die ganze Stadt auf dem Corſo war. Se. Heilig⸗ keit empfing mich auf die angenehmſte Weiſe, und ſagte, er wundre ſich, daß ich nicht mit der ganzen Stadt zu dem großen Schauſpiele gegangen. Ich erwiederte, als großer Freund des Vergnügens habe ich mir das für einen Chriſten größte Vergnügen verſchafft, nämlich das, die Huldigung meiner tiefſten Ehrfurcht dem wahren Stellvertreter Jeſu Chriſti auf Erden darzubringen. Er neigte das Haupt mit der Miene majeſtätiſcher Demuth, welche die ihm durch das Compliment verurſachte Befriedigung durchblicken ließ. Er be⸗! hielt mich länger als eine Stunde bei ſich, ſprach von Ve⸗ nedig, Padua und ſogar Paris, welches der gute Mann gern kennen gelernt hätte. Nachdem ich mich ſodann von Neuem ſeinem apoſtoliſchen Schutze empfohlen, um die Gnade der Rückkehr in mein Vaterland zu erlangen, ſagte er: Lieben Sohn, wenden Sie ſich an Gott, deſſen Gnade wirkſamer als Unſer Gebet ſein wird. Nachdem er mir ſodann ſeinen Segen gegeben, wünſchte er mir eine glückliche Reiſe. Ich ſah wohl, daß dieſes Haupt der Kirche nicht allzuſehr auf ſeine Macht rechnete. Am Faſtnachtstage zeigte ich mich auf einem ſchönen Pferde, in einem reichen Polichinellkoſtüme auf dem Corſo und bewarf aus einem ungeheuren Korbe alle ſchönen Frauen, XII. 6 —õõ—yÿy—— —*- 8 84 4 3 2 M 1 1 83 8 1 — — 82 welche ich bemerkte, mit Zuckerwerk. Nachdem ich mich ſo⸗ dann nach meinem Landau begeben, ſchüttete ich meinen Korb über die Töchter des guten und ehrlichen Scopatore des Papſtes aus, welche Coſta mit der Würde eines Paſcha ſpazieren führte. Als es Nacht geworden war, demaskirte ich mich und ging ſodann zu Momolo, wo ich die liebenswürdige und ſchöne Mariuccia zum letztenmale ſehn ſollte. Unſer Feſt glich ſo ziemlich dem vom vorigen Sonntage; aber neu und intereſſant für mich war es, diejenige, welche mir als Ge⸗ liebte ſo theuer geweſen, als Gattin zu ſehn, ſo wie ihren Mann, der mir an dieſem Tage weit zurückhaltender als das erſtemal gegen mich zu ſein ſchien. Da mir das peinlich war, ſo ſuchte ich Gelegenheit, mich neben Mariuccia zu ſetzen und ungeſtört mit ihr zu plaudern. Sie erzählte mir ausführlich die Vorgänge der erſten. Nacht und konnte nicht müde werden, von den ſchönen Eigenſchaften ihres Mannes zu ſprechen. Er war ſanft, verliebt, von immer gleichem und zartem Charakter. Er hatte ohne Zweifel be⸗ merkt, daß nicht Alles in Richtigkelt Br aber er hHätké ſich nichts merken laſſen. Da er ſie veranlaßt hatte, von mir zu ſprechen, ſo hatte ſie nicht dem Vergnügen widerſtehn können, ihm zu ſagen, daß ich ihr einziger Wohlthäter ſei, und weit entfernt ſich durch dieſe Mittheilung beleidigt zu finden, ſchenkte er ihr vielmehr ſein ganzes Vertrauen. Aber, ſagte ich, hat er keine Frage hinſichtlich unſrer Verbindung an Dich gerichtet? Nicht die geringſte. Ich habe zu ihm geſagt, Du ha⸗ beſt, um mich glücklich zu machen, Dich direkt an meinen Beichtvater gewendet und ich habe mit Dir nur ein einziges Mal in der Kirche geſprochen, wo ich Dich davon in Kennt⸗ niß geſetzt, daß ich Gelegenheit habe, mich mit ihm zu ver⸗ heirathen. Und Du meinſt, daß er es geglaubt hat? Ich bin ſicher; aber wenn er auch anders denken ſollte, ſo genügt es doch, daß er ſo thue als ob er es glaube, denn ich werde ihn zwingen, mich zu achten. Das iſt richtig gedacht, und ich werde ihn um ſo mehr ——»—·„, h ſo⸗ Korb des aſcha und und Feſt und Ge⸗ ihren 3 das inlich a zu mir onnte ihres nmer l be⸗ i mir ſtehn r ſei, gt zu nſrer 1 ha⸗ einen ziges ennt⸗ ver⸗ ſollte, denn mehr 8³ ſchätzen, denn es iſt beſſer für Dich, die Frau eines geiſt⸗ reichen Mannes, als die eines Dummkopfs zu ſein. Dieſe Unterhaltung machte mir Vergnügen; in Folge derſelben umarmte ich beim Abſchiede, da ich übermorgen abreiſen wollte, den Friſeur und bat ihn, eine ſchöne goldne Uhr anzunehmen, welche ich aus der Taſche zog und welche er mit dem Zeichen aufrichtiger Dankbarkeit annahm. Von meinem Finger zog ich einen Ring im Werthe von we⸗ nigſtens ſechshundert Frcs., ſteckte ihn auf den Finger ſeiner Frau, und wünſchte ihnen eine glückliche Nachkommenſchaft und viel Glück; ſodann legte ich mich zu Bett, nachdem ich Le Duc und Coſta angezeigt, daß mit dem Moͤrgen das Packen begonnen werden müßte. Ich war eben aufgeſtanden, als man mir ein Billet vom Lord Limore überbrachte, welcher mich Pnn ein Zwie⸗ geſpräch mit ihm um Mittag in der Villa“Borgheſe er⸗ ſuchte. Ich konnte mir wohl denken, was er mir zu ſagen hatte und ging hin. Ich war im Stande, ihm einen guten Rath zu geben, und die Freundſchaft für ſeine Mutter legte mir die Verpflichtung dazu auf. Da er mich an einem Orte erwartete, wo ich vor⸗ überkommen mußte, ſo kam er mir entgegen und gab mir einen Brief zu leſen, welchen er am vorigen Tage von ſeiner Mutter erhalten. Sie meldete ihm, daß ſie von Pa⸗ ris von Montmartel die Anzeige erhalten, daß er von Rom einen auf ſie im Betrage von zweihunderttauſend Franks ausgeſtellten Wechſel erhalten, und daß er denſelben hono⸗ riren werde, wenn ſie die Fonds dazu hergebe. Sie hatte ihm erwiedert, ſie werde ihn in drei oder vier Tagen wiſſen laſſen, ob ſie dieſe Summe beſchaffen könne; ſie benachrich⸗ tete aber ihren Sohn, daß ſie dieſen Aufſchub nur gefordert, um ihm Zeit zu geben, ſich in Sicherheit zu bringen, denn er könne darauf rechnen, daß ſein Wechſel mit Proteſt zu⸗ rückkommen werde, da es ihr völlig unmöglich ſei, das nö⸗ thige Geld anzuſchaffen. Sie müſſen ſich ſchnell unſichtbar machen, ſagte ich zu ihm, indem ich ihm den Brief zurückgab. .„„ 6* 4 . 3. 2* ℳv—,———— 8 4—— N ,— Aatt 4 ₰ 4 8 4 44 7 3 ℳ AA L. 8 83 7 6* 4 4 8 —òꝑ— 5—— *——— 1. — — — —— 84 Geben Sie mir die Mittel dazu, indem Sie dieſen Ring kaufen. Hätte ich es Ihnen nicht geſagt, ſo wüßten Sie nicht, daß er mir nicht gehört. Ich beſtimmte ihm ein Stelldichein und ließ den aus⸗ gebrochenen Stein von einem der erſten Juweliere Roms ab⸗ ſchätzen. Ich kenne dieſen Stein, ſagte derſelbe, er iſt zwei⸗ tauſend römiſche Thaler werth. Um vier Uhr brachte ich dem Lord fünfhundert Thaler in Gold und fünfzehnhundert in Schuldſcheinen, welche er bei einem Bankier gegen Wechſel auf die Bank von Am⸗ ſterdam eintauſchen ſollte. Ich werde, ſobald es Nacht iſt, ſagte er, allein und auf einem Poſtpferde nach Livorno ab⸗ reiten und in einem Mantelſacke nur die Effekten mitnehmen, welche mir durchaus nothwendig ſind, ſo wie mein liebes blaues Band. Glückliche Reiſe, ſagte ich zu ihm und verließ ihn. Zehn Tage ſpäter ließ ich den Stein in Bologna faſſen. Am ſelben Tage nahm ich ein Empfehlungsſchreiben des Kardinals Albani für den Nuntius Onorati in Florenz, und ein anderes von Mengs an den Ritter Man, in wel⸗ chem dieſer gebeten wurde, mich bei ſich aufzunehmen. Ich ging nach Florenz der Corticelli und meiner theuren Thereſe wegen, und ich rechnete darauf, daß der Auditeur trotz ſei⸗ nes ungerechten Befehls meine Rückkehr nach Florenz igno⸗ riren werde, und zwar um ſo mehr, wenn der Ritter Men mich bei ſich aufnähme. 1 Am zweiten Faſtentage bildete Lord Limores Verſchwin⸗ den das Tagesgeſpräch: der engliſche Schneider war zu Grunde gerichtet, der Jude, welchem der Ring gehörte, in Verzweif⸗ lung, und die Bedienten dieſes tollen Menſchen in der größ⸗ ten Noth und faſt nackt aus dem Hauſe geworfen, denn der Schneider hatte ſich aller Sachen, von denen er glaubte, daß ſie dem Lord gehörten, welchen er einen Gauner nannte, auf eine despotiſche Weiſe bemächtigt. Der arme Poinſinet ſtellte ſich mir in einem mitleid⸗ erregenden Zuſtande vor, denn er hatte nur einen eber rock über dem Hemde, da der Wirth Alles, was ihm gehörte, 85⁵ in Beſchlag genommen und ihm gedroht, ihn einſperren zu laſſen, als er geſagt, er ſtehe nicht im Dienſte des Geflüch⸗ teten. Ich habe keinen Pfennig, ſagte der arme Zögling der Muſen Nich habe kein zweites Hemde und kenne Nie⸗ mand hier; ich bin in Verſuchung, mich in die Tiber zu ſtürzen. Es war nicht ſeine Beſtimmung, in dieſem Fluſſe, ſon⸗ dern im Guadalquivir zu ertrinken. Ich beruhigte ihn, indem ich mich erbot, ihn mit nach Florenz zu nehmen; aber ich zeigte ihm zugleich an, daß ich ihn dort laſſen würde, weil mich daſelbſt Jemand erwarte. Er zog ſogleich zu mir und machte bis zur Zeit der Abreiſe nur Verſe. Mein Bruder Johann ſchenkte mir einen Onyx von Es war eine Kamee, welche eine Venus— großer Schönheit. im Bade vorſtellte, eine wirkliche, denn mit Hülfe einer Loupe 7. konnte man den Namen des Bildhauers Soſtrates leſen, welcher vor etwa dreiundzwanzig Jahrhunderten lebte. Zwei Jahre darauf verkaufte ich ihn in London an den Doktor Maſti für dreihundert Pfund Sterling; er befindet ſich viel⸗ leicht noch im britiſchen Muſeum. Ich reiſte mit Poinſinet, welcher in ſeiner Traurigkeit mich durch die komiſchſten⸗Ideen beluſtigte. Am zweitfol⸗ genden Tage ſtieg ich in Florenz beim Doktor Vannini ab, welcher ſeine Verwunderung, mich zu ſehen, verhehlte. Ohne Zeit zu verlieren, begab ich mich zum Ritter Man, welchen ich allein bei Tiſche fand. Er empfing mich auf eine ſehr freundſchaftliche Weiſe, wurde aber ſehr beſtürzt, als ich ihm auf ſein Befragen anzeigte, daß meine Angelegenheit mit dem Auditeur nicht geordnet ſei. Er ſagte mir ſehr aufrichtig, daß ich übel daran gethan, nach Florenz zurückzukehren, und daß er ſich bloßſtellen würde, wenn er mich bei ſich wohnen 3 laſſen wollte. Ich machte ihm bemerklich, daß ich nur auf der Durchreiſe in Florenz ſei. Das laſſe ich mir gefallen, ſagte er, aber Sie ſehen wohl ein, daß Sie nicht werden umhin können, ſich dem Auditeur vorzuſtellen. Ich verſprach ihm, es zu thun, und kehrte in den Gaſthof zurück. Kaum war ich auf meinem Zimmer, als ein Polizeiagent mir mel⸗ ——,——— ——„— 4—— .————* — —õõõÿõÿõÿõÿõÿ—— —— — —— — — — 86 dete, daß der Auditeur, Her mich zu ſprechen wünſche, mich morgen früh erwarte. Erbittert über dieſen mich beſchimpfenden Befehl be⸗ ſchloß ich, lieber augenblicklich abzureiſen, als zu gehorchen. Voll von dieſer Idee, gehe ich zu Thereſen; ſie war nach Piſa gereiſt. Ich gehe zur Corticelli, die mir um den Hals fällt und alle den Umſtänden angemeſſene Grimaſſen macht. Es iſt Thatſache, daß dieſes Mädchen, obwohl hübſch, für mich kein anderes Verdienſt hatte, als mich zum Lachen zu bringen. Ich gab der Mutter Geld, damit ſie mir ein gutes Abendeſſen bereite, und ich nahm die Tochter mit, unter dem Vorwande, mit ihr ſpazieren zu gehen. Ich führte ſie in den Gaſthof und ließ ſie hier bei Poinſinet. Ich ging in ein anderes Zimmer und ließ Coſta und Vannini rufen. Ich ſagte zu Coſta in Gegenwart des Doktors, er möge am folgenden Tage mit Le Duc und meinen Equipagen abrei⸗ ſen und mich im Gaſthofe zum Pilger aufſuchen. Nachdem der Wirth meine Befehle entgegengenommen, entfernte er ſich; darauf ſagte ich zu Coſta, er möge mit der Signora Laura und ihrem Sohne nach Florenz kommen, und ihnen melden, daß ich mit der Tochter voraufgereiſt ſei. Nachdem Le Duc dieſelben Inſtruktionen bekommen, rief ich Poinſinet, ſchenkte ihm zehn Zechinen und bat ihn, ſich noch an dieſem Abende eine andere Wohnung zu ſuchen. Dieſer wackere und unglückliche junge Mann weinte vor Dankbarkeit, und ſagte zu mir, er werde am folgenden Tage nach Parma rei⸗ ſen, wo Herr du Tillot ihn nicht verlaſſen werde. Als ich ſodann wieder auf mein Zimmer kam, ſagte ich der Corticelli, ſie möge mit mir kommen. Sie folgt mir, da ſie glaubt, wir würden zu ihrer Mutter zurückkeh⸗ ren, aber ich führe ſie, ohne ſie aus ihrem Irrthum zu zie⸗ hen, auf die Poſt, laſſe zwei Pferde an eine Chaiſe ſpannen, und befehle dem Poſtillon, mich nach Uecellatorio, der erſten Station auf dem Wege nach Bologna, zu fahren. Wohin fahren wir denn? fragte ſie. Nach Bologna. Und Mama„e Su—— S—, „ Sie kömmt morgen. Weiß ſie es? Nein, aber ſie wird es morgen erfahren, wenn Coſta es ihr ſagen wird, und ſie wird mit ihm und Deinem Bru⸗ der zu uns kommen. Da ſie den Streich komiſch fand, lachte ſte, ſtieg in die Chaiſe, und wir fuhren ab. Siebenundachtzigſtes Kapitel. Ich komme in Balogna an.— Ich werde aus Modena ausgewieſen.— Ich gehe nach Parma und Turin.— Die ſchäne Jüdin Lia.— Die Modehändlerin B.... Die Corticelli hatte einen guten, mit Pelz gefütterten Mantel, aber der Thor, der ſie entführte, hatte keinen Man⸗ tel, und dennoch war es eine durchdringende Kälte, welche ein ſcharfer uns entgegenwehender Wind noch vermehrte, und gegen dieſen gewährte uns die nach vorne offene Chaiſe kei⸗ nen Schutz. Nichtsdeſtoweniger wollte ich nirgends anhalten, denn ich fürchtete, verfolgt zu werden und umkehren zu müſſen, was mir ſehr unangenehm geweſen ſein würde. Wenn ich ſah, daß der Poſtillon langſamer fuhr, ſo ſpornte ihn eine Vermehrung des Trinkgeldes zur größten Eile. Ich glaubte, der Wind würde mich nach den Appe⸗ ninnen fortführen; ich war erſtarrt. Die Poſtillone, welche ſahen, daß ich ſo leicht gekleidet war und Thaler ausſtreute, um ſchneller zu fahren, glaubten, ich ſei ein Prinz, welcher die Erbin einer edlen Familie entführe. In die Ecke unſe⸗ rer Chaiſe gedruͤckt, während ſie die Pferde wechſelten, hör⸗ ten wir, wie ſie ſich dieſe Idee mittheilten. Die Cortieelli fand dieſe Idee ſo komiſch, daß ſie während des ganzen 88 übrigen Weges laut lachte. In fünf Stunden legten wir vierzig italieniſche Meilen zurück, denn wir waren um acht Uhr von Florenz abgefahren, und um ein Uhr nach Mit⸗ ternacht gelangten wir an eine Poſtſtation, welche dem Papſte gehörte und wo ich nichts mehr zu fürchten hatte. Man nennt dieſe Station den abgeladenen Eſel. Der ſeltſame Name dieſes Gaſthofs war ein neuer Grund zur Heiterkeit für meine Schöne. Alles ſchlief, aber einige Paoli, welche ich unter den Leuten vertheilte, nachdem ich einen Lärm gemacht, der Alle auf die Beine brachte, verſchafften mir ein gutes Feuer, deſſen ich vor Allem bedurfte. Ich ſtarb vor Hunger, und man ſagte mir, daß es nichts zu eſſen gäbe. Da ich aber vom Ge⸗ gentheile überzeugt war, ſo ſagte ich zum Wirthe, indem ich ihm in's Geſicht lachte, er möge nur ſeine Butter, ſeine Eier, ſeine Maccaroni, einen Schinken und Parmeſankäſe bringen, denn ich weiß, daß man dies Alles in Italien überall findet. Ich wurde bald bedient, und zeigte dem einfältigen Wirthe, daß wir Stoff zu einem vortrefflichen Abendeſſen hatten. Wir aßen Jeder für zwei Mann; nach⸗ dem ich ſodann aus den Matratzen von vier Betten ein großes Bett hatte bereiten laſſen, legten wir uns nieder, nachdem ich befohlen, mich zu wecken, ſobald ein engliſcher Wagen mit vier Pferden ankommen würde. Da wir uns mit Maccaroni und Schinken vollgeſtopft hatten, durch den Chianti und Monte⸗Pulcciano erhitzt wa⸗ ren, und uns auch von der Fahrt ermüdet fühlten, ſo be⸗ durften wir mehr des Schlafes als der Liebe; ohne an die Wolluſt zu denken, überließen wir uns daher bis zu un⸗ ſerm Erwachen dem Schlafe. Dann ſchenkten wir dem Vergnügen einen Augenblick, aber es war ſo wenig, daß es ſich kaum davon zu ſprechen lohnt. Da ſich gegen ein Uhr der Appetit ſehr fühlbar machte, ſo ſtanden wir auf, und der Wirth bewirthete uns nach meinem Befehl mit einem vortrefflichen Mittagseſſen. Ich wunderte mich, daß mein Wagen nicht kam, aber ich faßte mich in Geduld; da ſich indeß bis zur ſinkenden Nacht nichts zeigte, ſo fing ich an, Furcht zu bekommen, aber die 28— OSoAS-—hS S—O—= neeine Tochter entführt und um Sie zu zwingen, mir die⸗ 89 Corticelli, die nur lachen konnte, wollte keinem traurigen Gedanken Gehör geben. Wir legten uns zu Bett, ent⸗ ſchloſſen, den Sohn des Poſtmeiſters nach Florenz zu ſchik⸗ ken, wenn mein Wagen nicht während der Nacht einträfe. Da ich ihn bei meinem Erwachen nicht fand, und der Sohn des Poſtmeiſters mir nicht dienen konnte, ſo verſchaffte ich mir einen Expreſſen und expedirte ihn mit Inſtruktionen für Coſta. Für den Fall gewaltſamen Verfahrens war ich entſchloſſen, nach Florenz zurückzukehren, weil ich in jedem Falle mit dem Verluſte von zweihundert Thalern davon gekommen ſein würde. Der Expreſſe brach gegen Mittag auf, kehrte um zwei Uhr zurück und meldete mir, daß meine Leute bald kom⸗ men würden. Mein Wagen fuhr mit Fuhrmannspferden und hinter demſelben befand ſich eine Kaleſche, in welchem eine alte Frau und ein junger Mann ſaßen. Das iſt Mama! rief die Corticelli aus; wir wollen recht lachen. Wir müſſen ihnen etwas zu eſſen beſorgen, und ſie weitläuftig die wunderbare Geſchichte erzählen laſſen, de⸗ ren ſie ſich bis zu ihrem Tode erinnern wird. Coſta meldete mir, der Auditeur habe, um ſich zu rä⸗ chen, daß ich ſeinem Befehle nicht nachgekommen, der Poſt verbieten laſſen, Pferde für meinen Wagen zu liefern. Da⸗ durch war er gezwungen worden, einen Fuhrmann zu nehmen, und das war die Urſache der Verzögerung. Aber nun kom⸗ men wir zur Erzählung der Segnora Laura. Ich hatte, ſagte ſte, ein gutes Abendeſſen bereitet, wie Sie mir befohlen, und daſſelbe hat mir mehr als zehn Paoli gekoſtet, wie Sie ſehn werden, und Sie werden mir dieſelben wiedererſtatten; denn ich bin ein armes Weib. Als Alles fertig war, freute ich mich auf Ihr Kommen, aber vergeblich; ich war in Verzweiflung. Endlich gegen Mitternacht ſchickte ich meinen Sohn in den Gaſthof, um ſich nach Ihnen zu erkundigen, aber denken Sie ſich meinen Schmerz, als er mit der Nachricht zurückkommt, man wiſſe nicht, was aus Ihnen geworden. Ich konnte die Nacht nicht ſchlafen und weinte fortwährend, aber am Morgen ging ich zur Juſtiz, um Klage zu führen, daß Sie mir 90 ſelbe zurückzugeben. Aber denken Sie ſich nur, man hit ſich über mich luſtig gemacht. Warum haben Sie ſie al⸗ lein ausgehn laſſen? ſagte man und lachte mir ins Geſicht. Ihre Tochter iſt gut aufgehoben und Sie wiſſen recht gut, bei wem ſie iſt und weshalb. Sehen Sie nur die Ver⸗ läumdung! Verläumdung? ſragte die Cortieelli. Ja, gewiß; denn damit gaben ſie mir zu verſtehen, daß ich in die Entführung gewilligt, was die Tölpel nicht vorausſetzen durften, denn wenn ich darin gewilligigt hätte, würde ich nicht bei ihnen Recht geſucht haben. Ich bin zornig weggegangen und habe mich zum Doktor Vannini begeben, wo ich Ihren Kammerdiener fand, der mir ſagte, Sie wären nach Bologna gereiſt, wo ich Sie finden würde, wenn ich mich mit Ihrer Equipage dorthin begeben wollte. Ich habe mich dazu verſtanden und hoffe, Sie werden be⸗ zahlen, was ich mit dem Fuhrman verabredet habe. Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie über die Gren⸗ zen des Spaßes hinausgegangen ſind. Ich tröſtete dieſe ſelbſtſüchtige Mutter, indem ich ihr verſprach, Alles zu bezahlen und ihr, was ſie ausgelegt oder was ſie hatte ausgeben müſſen, zu erſtatten; am folgenden Tage brachen wir nach Bologna auf, wo wir frühzeitig an⸗ langten. Ich ſchickte meinen Bedienten nebſt meinem Wa⸗ gen in den Gaſthof und miethete mich bei der Corti⸗ celli ein. Ich blieb acht Tage bei dieſem Mädchen, indem ich mir das Eſſen aus dem Gaſthofe kommen ließ; ich genoß hier eine Menge Freuden, deren ich mich mein ganzes Le⸗ ben lang erinnern werde; denn das ausgelaſſene Mädchen hatte eine Menge hübſcher und ebenſo gefälliger Freundinnen. Ich lebte als Sultan in dieſem kurzen Zeitraume, welchen ich noch jetzt gern in mein altes Gedächtniß zurückrufe, und ſage zu mir mit einem Seufzer Tempi passati. Es giebt in Italien mehr als eine Stadt, wo man ſich alle heimlichen Vergnügungen, die man in Bologna findet, verſchaffen kann, nirgends aber erhält man ſie ſo billig und ſo leicht und genießt ſie mit ſolcher Freiheit. Uebrigens —„-v—-—.——2———— ͤ—* ————„ 91 „ lebt man hier ſehr ſchön; man geht im Schatten unter den ſchönen Arcaden ſpatzieren und findet hier Geiſt und Wiſ⸗ ſenſchaft. Es iſt ſehr ſchade, daß man in Folge der Luft oder des Waſſers oder des Weins, denn die Sache iſt noch nicht ausgemacht, von einer leichten Krätze befallen wird. Für die Bologneſer iſt dieſelbe indeß nichts Unangenehmes, ſondern vielmehr ein Vorzug, der ihnen ſehr lieb zu ſein ſcheint: man kratzt ſich. Beſonders die Damen ſetzen in der Zeit des Frühlings die Finger mit vieler Anmuth in Be⸗ wegung. Gegen Mittfaſten verließ ich die Corticelli und wünſchte ihr eine glückliche Reiſe, denn ſie ſtand auf dem Punkte nach Prag zu gehn, wo ſie als zweite Tänzerin engagirt war. Ich verſprach ihr, ſte in eigener Perſon ab⸗ zuholen und mit ihrer Mutter nach Paris zu führen: meine Leſer werden ſehen, wie ich ihr Wort hielt. Ich langte am Abend deſſelben Tages, wo ich von Bologna abgereiſt war, in Modena an und hielt hier in Folge einer jener plötzlichen Anwandlungen an, denen ich immer unterworfen geweſen bin. Am folgenden Tage ging ich aus, um Gemälde zu beſichtigen, und als ich zum Mit⸗ tagseſſen nach Hauſe kam, überbrachte mir ein grober Lüm⸗ mel von der Regierung den Befehl, ſpäteſtens am folgen⸗ den Tage abzureiſen. Ich rufe den Wirth und laſſe mir in ſeiner Gegenwart den Befehl wiederholen. Es iſt gut, ſage ich, und das Individuum entfernt ſich. Wer iſt die⸗ ſer Mann? fragte ich den Wirth. Es iſt ein Sbixre. Ein Sbirre? Und die Regierung wagt es, mir einen ſolchen Mann zuzuſchicken? Nur der Borgello kann ihn geſchickt haben. Der Borgello iſt alſo der Gouverneur von Modena? Der Niederträchtige! Niederträchtig! Seien Sie ſtill. Der ganze Adel geht mit ihm um. Der Adel hier iſt alſo ſehr gemein? Nicht mehr als anderwärts. Er iſt Unternehmer der Oper, die vornehmſten Herren ſpeiſen bei ihm und verſchaf⸗ fen ſich auf dieſe Weiſe ſeine Freundſchaft. — ——. —— —— —— Das iſt unglaublich; aber warum weiſt mich dieſer Herr Borgello aus Modena aus? Das weiß ich nicht; aber ſprechen Sie doch mit ihm; Sie werden einen ganz vortrefflichen Mann finden. Anſtatt zu dieſem Hans Aaꝛe zu gehn, ging ich zum Abbé Teſta⸗Groſſa. Ich hatte deilſelben in Wien im Jahre 1753 kennen gelernt. Er war ein Mann von niedrer Ab⸗ kunft, aber von vielem Geiſte; er war damals alt und ruhte auf ſeinen Lorbeern, und er war ſo glücklich geweſen, die Gunſt des Glückes durch ſein Verdienſt erzwungen zu haben; ſein Herr, der Herzog von Modena, hatte ihn wür⸗ dig befunden, ſich von ihm lange bei auswärtigen Herr⸗ ſchern repräſentiren zu laſſen. Der Abbé Teſta⸗Groſſa erkannte mich und nahm mich auch auf die zuvorkommenſte Weiſe auf; ſobald er aber mein Abenteuer hörte, wurde er ſehr verſtimmt. Was ſoll ich thun? fragte ich. Weggehn, denn dieſer Mann könnte Ihnen einen grö⸗ ßern Schimpf anthun. Ich werde gehn; abengkönnten Sie mich nicht mit den Gründen eines ſo verletzendes Verfahren bekannt machen? Kommen Sie heute Abend wieder. Ich werde Sie wahrſcheinlich befriedigen können. 5 Ich ging gegen die Abenddämmerung zu ihm; denn ich war nicht ſowohl unruhig als neugierig, was mir die Feindſchaft des Herrn Borgello zugezogen, dem ich ganz unbekannt zu ſein glaubte. Der Abbé klärte mich auf. Der Borgello, ſagte er, hat Ihren Namen auf der Liſte ge⸗ leſen, welche ihm täglich von allen Ankommenden und Ab⸗ reiſenden überbracht wird. Er hat ſich erinnert, daß Sie die Kühnheit gehabt, aus den Bleidächern zu fliehn, und da er derartige Sachen für ſehr ſtrafbar hält, ſo hat er be⸗ ſchloſſen, den Modenenſern nicht ein ſolches Beiſpiel von Berletzung der Rechte der Juſtiz, wie ungerecht dieſelbe auch ſein mag, vor Augen zu laſſen, und aus eigener Macht⸗ vollkommenheit hat er Ihnen den Befehl ertheilt, die Stadt zu verlaſſen. Ich fühle mich hierdurch erleichtert; aber ich wundere —,— —— A 2 A 1 NV ——6 æ⏑— 93³. mich, Herr Abbé, daß Sie, während Sie mir dies erzäh⸗ len, nicht erröthen, Unterthan des Herzogs von Modena zu ſein. Wie unwürdig! Wie ſehr ſteht eine ſolche Polizei in Widerſpruch mit der Moral, dem Völkerrechte und dem Staatswohle! Sie haben Recht, wenn Sie dieſer Anſicht ſind, mein lieber Herr, aber die Menſchen kennen bei Weitem noch nicht die Inſtitutionen, welche ihrer Würde angemeſ⸗ ſen ſind. Ohne Zweifel, weil es ſo viele Unwürdige giebt. Ich ſage nicht nein. Leben Sie wohl, Herr Abbé. Leben Sie wohl, Herr Caſanova. Am folgenden Tage, als ich eben in den Wagen ſtei⸗ gen will, werde ich angeredet von einem Manne von fünf⸗ undzwanzig bis dreißig Jahren, von hohem und ſtarkem Wuchſe, breiten Schultern, glänzenden und düſtern Augen und außerordentlich geſchweiften Augenbraunen, der wie ein ächter Halsabſchneider ausſah und mich höflich um einige Augenblicke Gehör erſuchte. Wenn Sie drei Tage in Parma bleiben wollen und mir hier Ihr Wort geben, mir funfzig Zechinen zu ſchenken, ſobald ich mich melde und Sie die Sicherheit erlangt haben, daß der Borgello todt iſt, ver⸗ ſpreche ich Ihnen, denſelben vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden zu tödten. Ich danke Ihnen. Derſelbe iſt ein Vieh, welches man eines natürlichen Todes ſterben laſſen muß. Hier iſt ein Thaler, um auf meine Geſundheit zu trinken. Jetzt bin ich ſehr froh, daß ich ſo gehandelt, aber ich geſtehe ein, wäre ich ſicher geweſen, daß er mir keine Schlinge lege, ſo würde ich ihm das Wort, um welches er mich bat, gegeben haben. Die Furcht, mich bloszuſtellen, erſparte mir ein Verbrechen. Am folgenden Tage langte ich in Parma an und ſtieg im Gaſthofe der Poſt unter dem Namen des Ritters von Seingalt ab, welchen Namen ich noch führe; denn wenn ein Mann von Ehre einen Namen, der Niemand gehört, an⸗ nimmt, ſo hat Niemand das Recht, ihm denſelben ſtreitig 94 zu machen, und er hat die Verpflichtung, denſelben nicht wieder aufzugeben. Ich führte denſelben ſchon ſeit zwei Jahren, aber ich verband ihn oft mit meinem Familien⸗ namen. Sobald ich in Parma war, verabſchiedete ich Coſta; aber acht Tage darauf, den Tag vor meiner Abreiſe, hatte ich das Ungluͤck, ihn wiederzunehmen. Sein Vater, ein ar⸗ mer Violinſpieler, wie ich es geweſen, der eine zahlreiche Familie hatte, flößte mir Mitleid ein. Ich erkundigte mich nach Herrn von Antoine; er war nicht mehr da; und Herr Dubois⸗Chatellereur, Direktor der Münze, war in Venedig mit Erlaubniß des Infanten Herzogs von Parma, um hier den Münzſchwengel ein⸗ zuführen, den man nie gebraucht hat. Die venetianiſche Münze iſt nicht coordinirt. Die Republiken bleiben aber⸗ gläubiſch bei den alten Gewohnheiten; ſie fürchten, daß die Verbeſſerungen gefährliche Veränderungen für die Stabili⸗ tät des Staates herbeiführen, und die Regierung des ariſto⸗ kratiſchen Venedig bewahrt noch den griechiſchen Charakter, welchen ſie bei der Begründung der Republik hatte. Mein Spanier, der ſich gefreut hatte, als ich Coſta verabſchiedete, wurde ärgerlich, als ich ihn wiedernahm. Er ſchweift nicht aus, ſagte er, er iſt mäßig und liebt nicht die ſchlechte Geſellſchaft; aber ich halte ihn für einen Dieb und für einen gefährlichen Dieb, weil er ſich ein Gewiſſen daraus macht, Sie um Kleinigkeiten zu betrügen. Herr, denken Sie daran, Sie werden von ihm betrogen werden. Um den großen Schlag auszuführen, wartet er nur bis er Ihr ganzes Vertrauen gewonnen haben wird. Ich handle anders, ich bin einigermaaßen Gauner; aber Sie ken⸗ nen mich. Er ſah klarer als ich, denn fünf oder ſechs Monate darauf ſtahl mir der Italiener fünfzigtauſend Thaler. Drei⸗ undwanzig Jahre ſpäter fand ich ihn in Wien als Kam⸗ merdiener des Grafen von Hordegg; un dda ich ſah, daß er arm war, bekam ich Luſt, ihn an den Galgen zu bringen. Ich bewies es ihm aufs Bündigſte, daß das nur von mir abhinge; aber er nahm zu Thränen und Bitten ſeine Zu⸗ u—— 9⁵ flucht, ſo wie zu dem Mitleiden, welches ein ehrlicher Mann Namens Bertrand, der bei dem ſardiniſchen Miniſter wohnte, für ihn fühlte. Dieſer Mann, den ich achtete, bewog mich zu der heroiſchen That, ihm zu verzeihen. Als ich den Elenden fragte, was er mit Allem, was er mir an Geld und Kleinodien geſtohlen, angefangen habe, ſagte er, er habe Alles verloren, indem er das Kapital zu einem Biribi⸗Spiele hergegeben; er ſei von ſeinen eignen Aſſocié's ausgeplündert worden, und ſeitdem habe er arm und unglücklich gelebt. Er hatte in demſelben Jahre die Tochter Momolo's geheirathet, die er verließ, nachdem er ſie zur Mutter ge⸗ macht. In Turin zog ich in ein Privathaus, wo der Abbé Gama wohnte, der auf mich wartete. Trotz der Predigt, welche mir der gute Abbé über die Sparſamkeit hielt, nahm ich das ganze Stock; es war eine ſehr ſchöne Wohnung. Als wir auf unſere diplomatiſche Angelegenheit zu ſprechen kamen, verſicherte er mir, ich würde mein Beglau⸗ bigungsſchreiben im Mai bekommen, und er würde mich zu der Rolle, die ich zu ſpielen habe, anleiten. Da dieſer Auf⸗ trag mir ſehr gefiel, ſo ſagte ich zu ihm, ich werde zu der Epoche, wo die Miniſter der kriegführenden Mächte ſich nach Augsburg begeben würden, bereit ſein. Nachdem ich mit der Wirthin wegen meines Tiſches Verabredung genommen, ging ich aus, und als ich ſodann in ein Kaffeehaus trat, um Zeitungen zu leſen, war die erſte Perſon, auf welche meine Augen fielen, der Marquis Desarmoiſes, den ich Savoyen kennen gelernt. Er theilte mir ſogleich mit, daß die Hazardſpiele verboten wären und daß die Damen, welche ich in Air kennen gelernt, ſehr er⸗ freut ſein würden, mich wiederzuſehen. Was ihn betraf, ſo lebte er vom Trictraeſpiele, obwohl er nicht glücklich wür⸗ felte; denn in dieſem Spiele hat das Talent mehr Einfluß als das Glück. Ich ſah wohl ein, daß bei gleichem Glück der am beſten Berechnende gewinnen müſſe, aber ich begriff das Gegentheil nicht. Wir gingen in der ſchönen Allee, welche nach der Ci⸗ tadelle führt, ſpatzieren und hier bemerkte ich eine Menge ſehr ſchöner Perſonen. Turin iſt diejenige italieniſche Stadt, in welcher das ſchöne Geſchlecht alle nur wünſchenswerthen Reize hat, wo aber die Polizei ſehr läſtig iſt; da die Stadt klein und ſehr bevölkert iſt, ſo findet man überall Spione. Die Folge davon iſt, daß man nur bei außerordentlicher Vorſicht und vermittelſt ſehr geſchickter Kupplerinnen, welche man ſehr gut bezahlen muß, weil ſie barbariſche Strafen zu fürchten haben, wenn ſie entdeckt werden, ſich hier einige Freiheit verſchaffen kann. Man duldet hier keine öffentlichen oder unterhaltenen Mädchen, was den verheiratheten Frauen ſehr behagt, und was die unwiſſende Polizei hätte vorher⸗ ſehn ſollen. Man begreift wohl, wie leichtes Spiel die Pä⸗ deräſtie in einer Stadt haben muß, wo die Leidenſchaften ſo heftig ſind. Unter den Schönen, welche mir aufſielen, feſſelte mich nur eine einzige. Ich fragte Desarmoiſes, der ſie alle kannte, nach ihrem Namen. Es iſt, ſagte er, die berühmte Lia, eine unbeſiegbare Jüdin, welche allen Angriffen der berühm⸗ teſten Liebhaber von Turin widerſtanden hat. Ihr Vater iſt ein berüͤhmter Pferdehändler; es hält nicht ſchwer zu ihr zu gehn, aber es iſt nichts zu machen. Je ſchwieriger das Unternehmen geſchildert wurde, deſto mehr fühlte ich mich angetrieben, das Wagniß zu beſtehn. Fuͤhren Sie mich zu ihr, ſagte ich zu Desarmoiſes. Wann Sie wollen. Nachdem ich ihn zum Mittagseſſen eingeladen, ſchlugen wir den Weg nach dem Gaſthofe ein, als wir Herrn Zaroli und zwei oder drei andern von der Geſellſchaft, welche ich in Air kennen gelernt, begegneten. Ich machte und em⸗ pfing Complimente; da ich aber zu Niemand gehn wollte, ſo trennte ich mich auf eine höfliche Weiſe und unter dem Vorwande von Geſchäften von ihnen. Sobald wir geſpeiſt, führte mich Desarmoiſes nach dem Po⸗Thore zum Pferdehändler, Lia's Vater. Ich fragte ihn, ob er ein gutes Reitpferd habe. Er ruft einen Knecht, ertheilt demſelben ſeine Befehle, und während er ſpricht, er⸗ ſcheint ſeine reizende Tochter. Sie war blendend. Sie 97 mochte höchſtens zweiundzwanzig Jahre alt ſein. Ein ſchlanker nymphenartiger Wuchs, herrliche Haare vom ſchön⸗ ſten Schwarz, ein Teint von Lilien und Roſen, die ſchön⸗ ſten, geiſtvollen und feurigen Augen, lange Augenwimpern und ſchöngewölbte Brauen, welche Allen, die auf die Exrobe⸗ rung ſo außerordentlicher Reize ausgingen, den Krieg er⸗ klären zu wollen ſchienen, zeichneten ſte aus und in ihrem 1 Weſen gab ſich Erziehung und Weltkenntniß zu erkennen.) Verſunken in die Betrachtung der Reize dieſer ſchönen Perſon, ſah ich nicht das Pferd, welches vor mir ſtand. Ich pruͤfte es indeß; indem ich mich wie ein Kenner an⸗ ſtellte, und nachdem ich ihm die Kniee und Füße befühlt, die Ohren beſichtigt und den/Mund unterſucht, ließ ich es reiten, um ſeinen Schritt, Trab und Galopp kennen zu ler⸗ nen, ſodann ſagte ich zum Juden, ich würde am nächſten Tage mit Reitſtiefeln kommen, um es zu probiren. Das Pferd war ein ſchöner Grauſchimmel und koſtete vierzig pie⸗ monteſiſche Piſtolen, etwa hundert Zechinen Es iſt die Sanftmuth ſelbſt, ſagte Lia, und hat einen ſo guten Paß⸗ ſchritt, daß es in dieſer Gangart dem Trabe jedes andern Pferdes gleichkommt. Sie haben es alſo geritten, Fräulein? Mehrmals, mein Herr, und wenn ich reich wäre, würde ich es nie verkaufen. Sie würden dann zwei Glückliche machen, denn ſeit⸗ dem Sie es geritten haben, muß es Sie lieben. Ich werde es nicht eher kaufen, als bis ich Sie es habe reiten ſehn. Sie erröthete. Du mußt dem Herrn das Vergnügen machen, ſagte der Vater. Sie verſtand ſich dazu, und ich verſprach ihnen, am folgenden Tage um neun Uhr wieder⸗ zukommen. Ich war puünktlich, wie man ſich leicht denken kann, und fand Lia in einem Courierkoſtüme. Welcher Körper! Welche Formen einer Venus Kallipyge! Ich war geblendet und beſiegt. Arnen Zwei Pferde waren geſattelt; ſie ſteigt auf das eine mit der Leichtigkeit und Anmuth des geſchickteſten Bereiters. Wir ritten aus und machten einen ziemlich langen Spazier⸗ XII. 7 Phaeton mit zwei ausgezeichneten Pferden verkaufen. ritt. Das Pferd ging gut; aber was lag mir an dieſem? Ich hatte nur für ſie Augen und Gedanken. Als wir den Rückweg antraten, ſagte ich zu ihr: Schöne Lia, ich will das Pferd kaufen, aber um es Ihnen zu ſchenken; wenn Sie es nicht nehmen, verlaſſe ich Turin noch heute. Ich ſtelle keine andere Bedingung, als daß Sie die Gefälligkeit haben, mit mir auszureiten, wenn ich Sie darum bitte. Da ich an ihrer Miene ſah, daß ſie meinen Reden ein gün⸗ ſtiges Ohr ſchenkte, ſo ſagte ich zu ihr, ich wuürde ſechs Wochen in Turin bleiben, ich habe mich auf der Promenade in ſie verliebt und der Pferdekauf ſei nur ein Vorwand geweſen, um ſie mit meinen Gefühlen bekannt zu machen. Sie antwortete auf eine ſehr beſcheidene Weiſe, die Freund⸗ ſchaft, die ſie mir eingeflößt, ſchmeichle ihr unendlich, und das großmüthige Geſchenk, welches ich ihr mache, ſei nicht nöthig, um die ihrige zu erobern. Die Bedingung, welche Sie mir ſtellen, iſt mir außerordentlich angenehm, und ich bin ſicher, meinem Vater einen Gefallen zu thun, wenn ich darauf eingehe. Dann fuhr ſie fort: Das Einzige, um was ich Sie bitte, iſt, daß Sie mir das Geſchenk in ſeiner Gegenwart machen und wiederholen, Sie würden es nur kaufen, wenn ich es annehme. Leichter als ich geglaubt, war es mir geglückt und ich machte es ſo, wie ſie gewünſcht. Ihr Vater, welcher Mo⸗ ſes hieß, fand das Geſchäft ſehr gut, machte ſeiner Tochter ein Kompliment, nahm die hundert Piſtolen, über welche er quittirte und bat mich, ihm die Ehre zu erweiſen, morgen bei ihm zu frühſtücken. Das wollte ich. Am folgenden Tage empfing mich Moſes mit der größten Verehrung. Die ſchöne Lia, welche als Mädchen gekleidet war, ſagte, wenn ich ausreiten wolle, werde ſie ſich augen⸗ blicklich umkleiden. Wir wollen an einem andern Tage ausreiten, liebenswürdige Lia; für heute macht es mich glücklich, Sie zu Hauſe unterhalten zu können. Aber der Vater, der wie alle ſeine Glaubensgenoſſen gierig war, ſagte, mann ich gerne ſpatzierenfahre, könne er mir einen hübſchen 99 Sie können ſie dem Herrn zeigen, ſagte Lia, welche mit ihrem Vater vielleicht unter einer Decke war. Ohne ein Wort zu ſagen ging Moſes hinaus um an⸗ ſpannen zu laſſen. Ich werde ſie beſehn, ſagte ich zu Lia, aber nicht kaufen, denn ich weiß nicht, was ich damit an⸗ fangen ſoll. 9 Sie können die Dame, welche ſie lieben, ſpatzieren⸗ fahren. Alſo Sie; aber vielleicht wagen Sie es nicht? Weshalb nicht? Auf dem Lande, in der Umgegend von Turin. Gut, Lia, ſo werde ich ſie anſehn. Der Vater kam, wir gingen hinunter; der Wagen und die Pferde geſtelen mir und ich ſagte es Lia. Gut, ſagte Moſes; Alles zuſammen koſtet nur vier⸗ hundert Zechinen; wenn aber Jemand nach Oſtern kaufen will, ſo laſſe ich es nicht unter fünfhundert Zechinen. Lia ſteigt ein, ich ſetze mich neben ſie, und wir ma⸗ chen eine Spatzierfahrt im Freien von einer Stunde, wo⸗ rauf wir nach Hauſe zurückkehren. Ich ſage zu Moſes, ich werde ihm morgen Antwort geben, und gehe mit der ſchö⸗ nen Lia oben. Vierhundert Zechinen, ſage ich zu ihr, ſind nicht zuviel und ich werde ſie morgen bezahlen; aber unter derſelben Bedingung wie beim Pferde und noch einer an⸗ dern, der nämlich, daß Sie mir alle Begünſtigungen be⸗ willigen, die, man von einer zärtlichen und erwiederten Liebe erwarten darf. Sie ſprechen klar und ich will Ihnen eben ſo antwor⸗ ten. Ich bin ein anſtändiges Mädchen und verkaufe mich nicht. Wiſſen Sie, ſchöne Lia, daß alle Frauen, anſtändig oder nicht, ſich verkaufen. Wenn ein Mann Zeit hat, er⸗ kauft er ſich die Frau, welche ſeine Liebe begehrt, durch em⸗ ſige Bewerbung; und wenn er Eile wie ich hat, wendet er Geld und Geſchenke an. Ein ſolcher Mann iſt ungeſchickt; er würde beſſer thun dem Gefühle Zeit zu laſſeu, ſeiner Sache durch emſige Be⸗ werbung das Wort zu reden. 7* —— — —ↄℳ- . 4 Das würde mich höchſt glücklich machen, Lia; aber ich habe Eile. Als ich dieſe Worte beendete, kam ihr Vater dazu und ich entfernte mich mit der Bemerkung, daß ich, wenn ich, morgen verhindert wäre, übermorgen kommen würde, und daß wir dann vom Phaceton ſprechen wollten. Offenbar hatte Sie mich für einen Verſchwender ge⸗ halten, der werth ſei, von ihr an der Naſe herumgeführt zu werden; ſie wollte den Wagen auf dieſelbe Weiſe wie das Pferd erlangen, aber ich war mir bewußt daß ich nicht Neuling ſei. Ich hatte mich leicht zum Opfer von hundert Zechinen auf gut Glück hin entſchloßen, aber hierauf mußte ſich meine unnütze Freigibigkeit beſchränken. Ich beſchloß meine Beſuche einzuſtellen und abzuwarten, wie ſich die Sache zwiſchen mir und ihrem Vater geſtalten würde. Ich rechnete ſehr auf die Habgier des Juden, der das Geld außerordentlich liebte und dem es daher ſehr un⸗ angenehm ſein mußte, wenn ſeine Tochter nicht das Mittel fand, mich zum Ankaufe des Wagens zu bewegen, ſei es nun, daß ſie ſich mir hingab oder ſei es, daß ſie es nicht that, denn das mußte ihm durchaus gleichgültig ſein. Ich war ſo gut wie ſicher, daß ſie von ſelbſt kommen würden. Am folgenden Sonnabend bemerkte ich die ſchöne Jüdin auf der Promenade. Wir waren uns ſo nahe, daß ich ſie anreden konnte, ohne das Anſehn zu gewinnen, als ob ich ſie ſuche, und zwar um ſo ehr als ihre Blicke zu ſagen ſchienen: Kommen Sie doch! Man ſieht Sie ja nicht mehr, mein Herr, ſagte ſte zu mir: aber kommen Sie morgen zum Frühſtücke zu mir oder ich ſchicke Ihnen das Pferd zurück. Ich verſprach, früh zu ihr zu kommen, und es war nicht zu bezweifeln, daß ich Wort halten würde. Wir frühſtückten ſo gut wie allein denn obwohl ihre Tante zugegen war, ſo war dieſelbe doch nur des Anſtands wegen da. Da wir verabredet hatten, nach dem Frühſtück auszureiten, ſo zog ſie einen Mannsanzug in meiner Gegen⸗ wart, aber auch in Gegenwart der Tante an. Da ſie zu⸗ vor die Lederhoſen angezogen, ließ ſie ihre Unterröcke fallen zog ſodann das Schnurleib aus, und legte eine Weſte an. ——„»——·—, 1— &—l& 103 derum der Serviette und nun trocknete ſie ſich abermals ab, ſo daß kein Theil ihres ſchönen Körpers ein Geheimniß⸗fur mein Auge blieb, das alle dieſe Reize gierig⸗ verſchlang. Sie wußte, davon war ich uͤberzeugt, daß ich Alles geſehn und errieth wohl, welchen Eindruck ſie auf meine leicht ent⸗ zundliche Natur gemacht.. Nachdem ſie endlich die Toilette beendet, ſetzte ſie mich in Freiheit, und ich umſchlinge ſie, indem ich zu ihr ſage: Ich habe Alles geſehn. Sie ſtellt ſich ungläubig; aber ich zeige ihr das Täfelwerk und ſchicke mich an, von meinen Rechten Gebrauch zu machen, als der verdammte Moſes kam. Wenn er nicht blind war, mußte er bemerken, in welchen Zuſtand mich ſeine Tochter verſetzt; indeß kam er mir dankend ent⸗ gegen und übergab mir die Quittung über die ausgezahlte Summe, indem er zu mir ſagte: Mein ganzes Haus ge⸗ hört Ihnen. Ich ſagte ihnen Lebewohl und ging ärgerlich weg. Ich ſtieg in meinen Phaeton und fuhr nach Hauſe; ich be⸗ hielt den Kutſcher und befahl ihm, ſich ſogleich nach einer Remiſe und einem Stalle umzuſehn. Ich wollte Lia nicht mehr ſehn und war gegen ſie erbittert. Sie hatte mir in ihren wollüſtigen Stellungen zu gut gefallen; aber ſie hatte mich in einen Zuſtand der Aufgeregtheit verſetzt, welcher ein tödtlicher Feind der Liebe iſt. Sie hatte dieſelbe gezwungen, ein Dieb zu ſein, und das heißhungrige Kind hatte ſich dazu verſtanden; als das⸗ ſelbe ſich aber hierauf berechtigt glaubte, eine inhaltsvollere Nahrung zu fordern und ſich zuruckgewieſen ſah, folgte auf die Gluth Verachtung. Ich lernte einen ſehr liebenswürdigen Chevalier kennen, Militair, Schriftſteller, großen Pferdeliebhaber der mir zu mehreren recht hübſchen Bekanntſchaften verhalf, denen ich indeß nicht nachging, weil ich überall hätte den Sentimen⸗ talen ſpielen müſſen und weil mich nach ſoliden Freuden, ſelbſt für vieles Gold, verlangte. Der Chevalier von Brézé war nicht der Mann, den ich brauchte, er war für einen Wüſtling wie ich zu tugendhaft. Er kaufte mir den ————— — 104 Phaeton und die Pferde, die ich Lia verſprochen, ab und „ich verlor nur dreißig Zechinen dabei. ˙Eiin Herr Baretti, der mich in Air in Savoyen kennen gelernt, und dem Marquis von Prie als Croupier diente, führte mich zur Mazzoli, frühere Tänzerin und jetzt Mai⸗ treſſe des Ritters Raiberti, eines kalten und ſehr anſtän⸗ digen Mannes, der damals das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten Sr. allobrogiſchen Majeſtät hatte. Dieſes Weib, welches nicht hübſch war, war ſehr gefällig; ſie be⸗ ſorgte mir Mädchen, aber keines derſelben ſchien mir werth, Lia zu erſetzen, welche ich nicht mehr zu lieben glaubte, aber ich täuſchte mich. Der Chevalier Cocona, welcher damals das Unglück hatte, ſich der heiligen Veronica geweiht zu haben, trat mir ſeine Maitreſſe ab, eine junge recht hübſche Soubrette; aber trotz des Zeugniſſes meiner Augen, trotz der Verſicherungen, die ſie mir gab, hatte ich nicht den Muth, ſie zu berühren; aus Furcht ließ ich ſte unberührt. Der Graf Trana, der Bruder des Chevaliers und eine alte Bekanntſchaft aus Aix, ſtellte mich Frau von Sc. vor, welche den hohen Ständen angehörte und recht hübſch war. Aber ſie wollte mich zu einem verbrecheriſchen Schritte verleiten, vor dem mein guter Genius mich bewahrte und ich beſuchte ſie nicht mehr. Der Graf Trana rechtfertigte ſich. Da bald darauf ſein Onkel ſtarb, wurde er reich; aber er verheirathete ſich und wurde unglücklich. Ich langweilte mich, und Deſarmoiſes, der beſtändig mit mir aß, fand ſeine Rechnung nicht dabei. Er rieth mir die Bekanntſchaft einer Franzöſin, einer in Turin ſehr berühmten Modehändlerin, zu machen. Sie hatte junge Mädchen in ihrem Dienſte, welche ſie in einem an ihr Mazazin gränzendem Saale arbeiten ließ. Er glaubte, wenn ich es recht anfinge, würde ich nach meinem Geſchmacke unter ihnen wählen können; da ich eine volle Börſe hatte, hielt ich die Sache nicht für ſchwierig und folgte ſeinem Rathe. Ich ging zu der Dame und wurde angenehm über⸗ raſcht, als ich bei ihr Lia fand, die eine Menge Sachen behandelte, dieſelben aber zu theuer fand. Sie ſagte mit 3 RK K.’ Z ₰△ Rx ᷣᷣ̈̈ᷣN —— N 8 52 88 en, 10⁵ dem Tone verbindlichen Vorwurfs, ſie habe mich für krank gehalten. Ich war ſehr beſchäftigt, ſagte ich, und fühlte, wie meine Flamme wieder erwachte. Ich werde, fuhr ich fort, das Vergnügen haben, Sie morgen zu ſehn. Sie lud mich zu einer jüdiſchen Hochzeit ein, wo ich zahlreiche Ge⸗ ſellſchaft und mehrere hübſche junge Damen finden würde. Ich wußte, daß dergleichen Ceremonien ſehr beluſtigend ſind und verſprach ihr, mich einzufinden. Nachdem ſie lange gehan⸗ delt und Alles zu theuer gefunden, ging ſie weg. Madame R. wollte die Sachen wieder an ihre Stelle bringen, als ich zu ihr ſagte: Ich nehme Alles für meine Rechnung. Sie lächelte, und ich zog die Börſe und zahlte. Wo wohnen Sie, mein Herr, ſagte ſie, und zu welcher Zeit ſoll ich Ihnen die Sachen zuſchicken? Sie könnten mir die Ehre erweiſen, ſie mir morgen früh ſelbſt zu bringen und bei mir zu frühſtücken. Ich kann mich keinen Augenblick aus dem Geſchäfte entfernen. Madame R. war trotz ihrer fünfunddreißig Jahre noch ein appetitlicher Biſſen, und hatte mir Luſt gemacht. Ich möchte, ſagte ich, ſchwarze Blonden. Folgen Sie mir, mein Herr. Ich war entzückt, als ich im Saale eine Menge junge, ſämmtlich reizende, Arbeiterinnen erblickte, welche ſehr fleißig arbeiteten und mich kaum anzuſehen wagten. Madame R. öffnete mehrere Schränke und zeigte mir prächtige Blonden. Da mich der Anblick der Nymphen zerſtreute, ſo ſagte ich zu ihr, ich brauche Blonden für zwei Bäuten nach venetia⸗ niſcher Mode. Sie kannte dieſelben. Zu meiner Zeit waren dieſelben in Venedig ein Gegenſtand des höchſten Lurus. Die Blonden koſteten mir mehr als hundert Zechi⸗ nen. Madame R. nannte nun zwei der jungen Mädchen und befahl ihnen, die Blonden ſowie die Sachen, welche Lia gewählt, aber zu theuer befunden, mir am nächſten Tage zu bringen. Ein Ja, Madame, war die Antwort. Sie ſtanden auf und küßten ihrer Mama die Hand, eine Ceremonie, welche ich komiſch fand, welche mir aber Gelegenheit gab, ſie anzuſehn; ich fand ſie reizend. Wir — gehen wieder in den Laden, und nachdem ich mich hier neben das Komptoir geſetzt, lobe ich die Schönheit der jungen Perſonen und ſetze hinzu, daß ich ſie ihren Arbei⸗ terinnen vorgezogen haben würde, was indeß nicht wahr war. Sie dankte mir und bemerkte ohne alle Umſchweife, ſie habe einen Liebhaber und nannte ihn mir auch. Es war der Graf von St. Giles, ein ſehr ſchwächlicher und zur Galanterie wenig geeigneter Mann. Ich glaubte an⸗ fangs, Madame R. ſcherze, aber am folgenden Tage erfuhr ich, daß ſie die Wahrheit geſagt. Jeder nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke, und ich glaube, daß dieſe Frau, welche wohl noch im Stande war, eine Laune zu erregen, es mehr auf die Börſe als auf die Perſon ihres Graubarts abgeſehen hatte. Ich hatte denſelben im Café du Change kennen gelernt. Am folgenden Tage brachten mir die beiden hübſchen Soubretten die Sachen. Ich bot ihnen Chokolade an, konnte ſie aber nicht dazu bewegen. Ich kam auf den Ein⸗ fall, ſie zu Lia, mit den von ihr ausgewählten Sachen zu ſchicken, und bat ſie wiederzukommen und mir zu ſagen, wie mein Geſchenk aufgenommen worden. Sie erboten ſich dazu und warteten, bis ich ein Billet geſchrieben. Ich konnte ihnen keine Zeichen meiner Zärtlichkeit geben, denn ich hatte nicht gewagt, die Thür zu verſchließen und ſowohl die Wirthin wie ihre beiden häßlichen Töchter gingen unab⸗ läſſig hin und her; als ſie aber zurückkamen, ging ich ihnen bis zur Treppe entgegen, und nachdem ich jeder eine Zechine gegeben, ſagte ich zu ihnen, es ſtehe ganz in ihrer Macht, ſich meines Herzens zu bemächtigen. Lia hatte mein Ge⸗ ſchenk angenommen und ließ mir ſagen, ſie erwarte mich. Nachmittags ging ich zwecklos ſpatzieren und kam bei dem Modeladen vorüber; Madame R., welche mich ſah, lud mich ein, einzutreten und ließ mich neben ſich ſitzen. Mein Herr, ſagte ſie, ich danke Ihnen für Ihre Großmuth gegen meine Mädchen. Sie ſind ganz bezaubert von Ihnen zurück⸗ gekommen. Sagen Sie mir offen, ob Sie in die ſchöne Füdin verliebt ſind.— Ich bin ſehr in ſie verliebt; da ich aber nicht glücklich bin, habe ich die Sache aufgegeben. 1 X1 111 Achtundachtzigſtes Kapitel. Mein Sieg über den Virar und Polizei-Director.— Meine Abreiſe.— Chambéry.— Desarmoiſe’s Toch⸗ ter.— Herr Morin,— M. M. von Air.— Die Penſionairin.— Jyon.— Paris. Die Citation, welche mich nichts Angenehmes ahnen ließ, überraſchte und mißfiel mir ſehr; da ich ihr indeß nicht ausweichen konnte, ließ ich anſpannen und begab mich nach dem Bureau des Vicars und Polizei⸗Direktors. Ich fand ihn an einem großen Tiſche ſitzend und umgeben von etwa zwanzig ſtehenden Perſonen. Es war ein Mann von etwa ſechszig Jahren, außerordentlich häßlich, mit einer un⸗ geheuren Naſe, die halb von einem Geſchwüre zernagt war, welches ein großes Pflaſter von ſchwarzer Seide bedeckte, mit weitklaffendem Munde, dicken Lippen und weißen, außeror⸗ dentlich kleinen Katzenaugen, welche von ſehr dichten halb⸗ grauen Brauen überwölbt waren. Als dieſe ekelhafte Perſon mich erblickte, ſagte er: Sie ſind der Ritter von Seingalt? So heiße ich, und ich komme, um mich zu erkundigen, was zu Ihren Dienſten ſteht. 4 Ich habe Sie kommen laſſen, um Ihnen zu ſagen, daß Sie in ſpäteſtens drei Tagen abreiſen müſſen. Und da Sie nicht das Recht haben, mir einen ſolchen Befehl zu geben, ſo bin ich gekommen, Ihnen zu ſagen, daß ich nicht eher abreiſen werde, als bis es mir belieben wird. Ich werde Sie mit Gewalt zum Thore hinausbringen laſſen. Gut. Ich kann der Gewalt nicht wiederſtehn, aber ich hoffe, daß Sie ſich die Sache zweimal überlegen werden, denn einen Mann, der nicht gegen die Geſetze verſtößt und hunderttauſend Francs bei einem Bankier hat, weiſt man nicht aus einer civiliſirten Stadt aus. 4 Das iſt ganz gut; aber in drei Tagen haben Sie Zeit .—————— genug, Ihr Bündel zu ſchnüren und Ihre Angelegenheiten mit Ihrem Bankier zu ordnen. Ich rathe Ihnen zu ge⸗ horchen, denn der König giebt Ihnen dieſen Befehl. Wenn ich abreiſen wollte, wuͤrde ich mich zum Mit⸗ ſchuldigen Ihrer Ungerechtigkeit machen, und ich werde nicht gehorchen; da Sie aber den Namen des Königs vorſchie⸗ ben, werde ich mich ſogleich Sr. Majeſtät vorſtellen, der Ihre Worte Lügen ſtrafen und den ungerechten Befehl, den Sie mir ſo öffentlich ertheilt haben, zurücknehmen wird. Sollte es vielleicht dem Könige nicht freiſtehn, Sie auszuweiſen? Ja, mit Gewalt, aber nicht mit Recht. Mit Gewalt kann er mich auch hinrichten laſſen; aber er muß mir den Henker liefern, denn er kann nicht erwarten, daß ich mich ſelbſt morde. Sie ſprechen ſehr gut, aber Sie werden gehorchen. Ich ſpreche ſehr gut, ohne es von Ihnen gelernt zu haben, und werde nicht gehorchen. Als ich das geſagt, drehte ich ihm den Rücken zu und entfernte mich, ohne ihn zu grüßen. Ich war wüthend. Ich fühlte mich in der Stimmung, allen Polizeiſchergen des niederträchtigen Vicars offen zu trotzen. Da ich indeß bald ruhiger wurde, ſo rief ich die Klugheit zu Hülfe, und da ich mich des Chevaliers Rai⸗ berti erinnerte, welchen ich bei der von ihm unterhaltenen Tänzerin kennen gelernt, ſo beſchloß ich, dieſen um Rath zu fragen. Derſelbe war erſter Commis im Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Ich befahl meinem Kut⸗ ſcher, mich zu ihm zu fahren, erzählte demſelben die ganze Geſchichte, und ſagte endlich, ich müſſe den König ſprechen, denn ich ſei entſchloſſen, nur der Gewalt zu weichen. Die⸗ ſer brave Mann rieth mir, mich vor allen Dingen an den Chevalier Oſorio zu wenden, der damals das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten hatte und mit dem Könige ſprach, wann er wollte. Sein Rath ſagte mir zu, und ich begab mich augenblicklich zu dieſem Miniſter, einem Sici⸗ lianer und geiſtreichen Manne. Er nahm mich ſehr gut auf, und nachdem ich ihm die Sache erzählt, bat ich ihn, Es 113 Se. Majeſtät davon in Kenntniß ſetzen zu wollen, denn, fügte ich hinzu, da ich den Befehl des Vicars für äußerſt ungerecht halte, ſo ſei ich entſchloſſen, nur der Gewalt zu weichen. Er verſprach zu thun, was ich wünſchte, und bat mich, am folgenden Tage wiederzukommen. Als ich ihn verließ, ging ich etwas ſpazieren, um mich zu zerſtreuen; ſodann ging ich zum Abbé Gama, in der der Hoffnung, der Erſte zu ſein, der ihm von dem lächer⸗ lichen Abenteuer Kenntniß gäbe. Ich täuſchte mich; er wußte ſchon, daß ich den Befehl zur Abreiſe bekommen und. wie ich dem Vicar geantwortet. Als er ſah, daß ich bei dem Entſchluſſe, nicht zu gehorchen, beharrte, wagte er nicht, meine Feſtigkeit zu tadeln, wie außerordentlich ſie ihm auch ſcheinen mochte; denn der theure Abbé begriff nicht recht, wie man einem von einer Behörde ausgegangenen Befehle den Gehorſam verſagen könne. Er verſicherte mir, jeden⸗ falls, und auch wenn ich abreiſen müſſe, überallhin, wo ich es wünſche, mir die nöthigen Inſtruktionen nachſenden zu wollen. Am folgenden Tage empfing mich der Ritter Oſorio auf die zuvorkommendſte Weiſe. Dies ſchien mir von guter Vorbedeutung. Der Chevalier Raiberti hatte mit ihm von mir geſprochen, und er ſagte zu mir, er habe mit dem Kö⸗ nige ſowie mit dem Grafen von Aglié wegen meiner An⸗ gelegenheit Rückſprache genommen, und ich könne bleiben, ſo lange ich wolle. Dieſer Graf von Aglié war Niemand weiter, als der ekelhafte Vicar. Er ſagte zu mirr, ich ſolle zu demſelben gehn und er werde mir hinlängliche Zeit zur Beendigung meiner Geſchäfte bewilligen. Ich habe, ſagte ich, hier kein andres Geſchäft als Geld auszugeben, bis ich vom portugieſiſchen Hofe Inſtruktionen für den in Augsburg abzuhaltenden Kongreß, bei welchem ich Se. Allergläubigſte Majeſtät repräſentiren ſoll, erhalten haben werde. Sie glauben alſo, daß dieſer Kongreß ſtattfinden wird? Niemand zweifelt daran. Jemand glaubt, daß er ſich in Dunſt auflöſen wird. Es freut mich uͤbrigens, daß ich Ihnen habe nützlich ſein XII. 8 können, und ich werde mit Vergnügen hören, wie der Vi⸗ car Sie auſgenommen hat. Ich war außer mir vor Freude. Ich begab mich ſo⸗ gleich zum Vicar, glüͤcklich, daß ich ihm als Sieger gegen⸗ übertreten konnte, und neugierig, welche Miene er bei mei⸗ nem Anblick machen würde. Ich konnte mir allerdings nicht ſchmeicheln, ihn aus der Faſſung zu bringen, denn dieſe Art von Leuten hat die Stirn eines Kerkermeiſters und iſt vor dem Rothwerden ſicher. Als er mich erblickte, ſagte er: Der Ritter Oſorio hat mir mitgetheilt, daß Sie Geſchäfte in Turin haben, welche Sie nöthigen, noch einige Tage hier zu verweilen. Sie können alſo bleiben, Sie müſſen mir aber ſagen, wie viel Tage Sie etwa brauchen. Das kann ich Ihnen unmöglich ſagen. Und weshalb, wenn ich fragen darf? Ich erwarte vom portugieſiſchen Hofe Inſtruktionen für den Kongreß, welcher in Augsburg ſtattfinden ſoll, und um die Zeit meiner Abreiſe beſtimmen zu können, müßte ich Se. Allergläubigſte Majeſtät befragen können. Ich glaube indeß, in ungefähr einem Monate die Reiſe nach Paris an⸗ treten zu können. Wenn mir dieſe Zeit nicht genügen ſollte, werde ich die Ehre haben, es Ihnen anzuzeigen. Sie werden mir einen Gefallen thun. Nachdem ich ihm diesmal eine Verbeugung gemacht, welche er erwiederte, kehrte ich zum Chevalier Oſorio zu⸗ rück, welcher lächelnd zu mir ſagte, ich habe den Mann ge⸗ fangen, da ich mir eine unbeſtimmte Zeit ausbedungen, was ſehr bequem für mich ſei.. Der Politiker Gama, welcher feſt an das Zuſammen⸗ treten des Kongreſſes glaubte, empfand eine außerordentliche Freude, als ich ihm mittheilte, daß der Herr von Oſorio nicht an deſſen Zuſammentreten glaube. Er war entzückt, daß er ſich für feiner als einen Miniſter halten dürfe; das erhob ihn in ſeinen eigenen Augen; ſo gern ſchmeicheln ſich die Menſchen mit Lieblingsideen. Ich ſagte zu ihm, ich würde, welche Anſichten auch der Chevalier haben möchte, 115 nach Augsburg gehn und in drei oder vier Wochen die Reiſe antreten. Madame R. machte mir die größten Complimente, denn ſie war erfreut, daß ich den Vicar gedemüthigt; indeß hielten wir es doch für angemeſſen, unſre Soupers mit ih⸗ ren Mädchen einzuſtellen. Da ich alle gekoſtet hatte, ſo wurde mir dies Opfer nicht gerade ſehr ſchwer. So lebte ich bis zur Mitte des Mai, zu welcher Zeit ich Turin verließ, nachdem ich vom Abbé Gama ein Em⸗ pfehlungsſchreiben für Lord Storman bekommen, der als Be⸗ vollmächtigter des Königs von England nach Augsburg gehn ſollte. Mit dieſem edlen Inſulaner ſollte ich mich wegen meiner Miſſion bereden. Da ich Madame d'urfé zu ſprechen wünſchte, ehe ich mich nach Deutſchland begab, ſo ſchrieb ich ihr, ſie möge mir nach Lyon einen Brief für Herrn von Rochebaron ſchicken, da ich deſſelben benöthigt ſein könnte. Ich bat ſie auch um einen Brief für Herrn Raiberti in Chambéry, wo ich drei oder vier Tage bleiben wollte, um am Gitter des Kloſters die göttliche M. M. zu beſuchen, an welche ich noch immer mit lebhafter Zärtlichkeit dachte. Ich ſchrieb an meinen Freund Valenglard, und bat ihn, Madame Mo⸗ rin daran zu erinnern, daß ſie verſprochen, mir in Cham⸗ béry eine Aehnlichkeit zu zeigen. Nun trat aber ein Ereigniß ein, welches ich nicht un⸗ berührt laſſen kann, und welches mir ſehr nachtheilig wurde. Fünf oder ſechs Tage vor meiner Abreiſe zeigte mir Desarmoiſes mit trauriger und niedergeſchlagener Miene an, daß er den Befehl erhalten, Turin binnen vierundzwan⸗ zig Stunden zu verlaſſen. Wiſſen Sie weshalb? fragte ich. Geſtern im Café de Commerce erlaubte ſich der Graf Scarnafiſch zu ſagen, Frankreich beſolde den Berner Zei⸗ tungsſchreiber, damit er im franzöſiſchen Sinne ſchreibe. Ich ſagte, das ſei falſch; er wurde heftig, ging zornig aus dem Kabinet und warf mir einen Blick zu, der nicht zwei⸗ deutig war. Ich folgte ihm, um ihn zur Vernunft zu 8* —— bringen oder ihm Genugthuung zu geben; aber er hatte weder Vernunft noch Muth; er wollte mich nicht anhören, und ich vermuthe, daß er Klage gegen mich geführt hat. Morgen muß ich ganz früh die Stadt räumen. Sie ſind Franzoſe, und da Sie den Schutz Ihres Ge⸗ ſandten beanſpruchen können, würden Sie Unrecht thun, wenn Sie ſich ſo früh entfernen wollten. Zunächſt iſt der Geſandte abweſend, und ſodann ver⸗ läugnet mich mein grauſamer Vater. Ich will lieber ab⸗ reiſen und Sie in Lyon erwarten. Ich bitte Sie nun, mir noch hundert Thaler zu leihn, welche ich Ihnen in Rech⸗ nung ſtellen werde. Das wird eine lange Rechnung werden. Das iſt möglich; aber ſeien Sie überzeugt, daß ich, wenn ich kann, für Ihre Güte erkenntlich ſein werde. Ich gab ihm hundert Thaler, wünſchte ihm eine glück⸗ liche Reiſe und ſagte ihm, ich würde einige Tage in Cham⸗ béry bleiben. Nachdem ich einen Kreditbrief auf Augsburg genom⸗ men, verließ ich Turin, und in drei Tagen langte ich in Chambéry an. Da zu meiner Zeit in dieſem Orte nur ein einziger Gaſthof war, ſo kam ich wegen der Wahl nicht in Verlegenheit; indeß fand ich ein gutes Unterkommen. Als ich in mein Zimmer trat, begegnete ich einer ſehr hüͤbſchen Perſon, welche aus einem an meine Wohnung ſto⸗ ßenden Zimmer trat. Wer iſt dieſe junge Dame? ſagte ich zu dem mich begleitenden Mädchen. Es iſt, ſagte ſie, die Frau eines jungen Herrn, welcher das Bett hütet, um ſich von einer Säbelwunde zu heilen, die er vor neun Ta⸗ gen bekommen und der aus Frankreich kommt. Ich konnte dieſes Weib nicht anſehn, ohne den Sta⸗ chel der Begierde zu fühlen. Als ich beim Ausgehn, um mich nach der Poſt zu begeben, ihre Thür halb geöffnet ſah, blieb ich ſtehn und bot ihr als Nachbar meine Dienſte an. Sie dankte mir höflich und bat mich einzutreten. Da ich einen hübſchen jungen Mann im Bette liegen ſah, ſo trat ich näher und erkundigte mich nach ſeinem Zu⸗ ſtande. —.——1, 8 S—= ſie, um 2 L= net nſte ten. ſah, Zu⸗ ☛ 117 Der Chirurgus hat ihm verboten zu ſprechen, ſagte die junge Dame, wegen einer Säbelwunde, die er eine halbe Meile von hier in die Bruſt bekommen h at, Wir hoffen, daß er in wenigen Tagen geheilt ſein wird, und daß wir dann unſre Reiſe werden fortſetzen können. Und wo wollen Sie hin, Madame? Nach Genf. Als ich eben weggehn wollte, kam die Aufwärterin und fragte mich, ob ich auf meinem Zimmer oder bei Ma⸗ dame zu Abend ſpeiſen wolle. Ich lachte über ihre Dumm⸗ heit und ſagte, ich werde auf meinem Zimmer ſpeiſen, da ich nicht die Ehre habe, Madame zu kennen. Bei dieſen Worten fiel die junge Dame ein und ſagte, wenn ich ihr die Ehre erweiſen wollte, bei ihr zu ſpeiſen, werde es ihr ſehr angenehm ſein, und der Mann beſtätigte mit leiſer Stimme dieſe Verſicherung. Ich nahm die Ein⸗ ladung mit Dank an und glaubte zu bemerken, daß ihnen das angenehm ſei. Beim Hinausgehn geleitete mich die junge Dame bis an die Treppe, Freiheit, ihr die Hand zu küſſen, ebenſo ehrfurchtsvolle wie zärtliche Auf der Poſt fand ich einen mir anzeigte, daß Madame Morin und ich nahm mir die was in Frankreich eine Liebeserklärung iſt. Brief Valenglards, der bereit ſei, nach Cham⸗ béry zu kommen, wenn ich ihr einen Wagen ſchicken wolle, und einen Brief von Desarmoiſes, von Lyon datirt. Er meldete mir, beim Verlaſſen Chambéry's ſei er ſeiner Toch⸗ ter mit einem Schurken begegnet, der ſie entführt, und er habe demſelben ſeinen Degen in den Leib geſtoßen und würde ihn getödtet haben, wenn er den Wagen, der ſie nach Chambéry gefahren, hätte aufhalten können. Er zwei⸗ felte nicht, daß ſie in dieſer Stadt geblieben wären, und bat mich, ſeine Tochter zu beſtimmen, daß ſie nach Lyon zurückkomme. Er fügte hinzu, wenn ſie ſich weigere, ſollte ich Gewalt bra uchen und mich eines unglücklichen Vaters annehmen, der eine theure Tochter reclamire, die ſeiner Ver⸗ ſicherung nach nicht verheirathet war. Er bat mich, ihm durch einen Expreſſen zu antworten Adreſſe. „und ſchickte mir ſeine Es war leicht zu ſehn, daß dieſe Tochter nur meine Nachbarin ſein konnte, aber ich fühlte nicht die geringſte Luſt, den Erwartungen des Vaters zu entſprechen. Als ich wieder nach Hauſe gekommen war, ſchickte ich Le Duc mit einer vierſitzigen Berline an Madame Morin, und benachrichtigte ſie in einem Briefe, daß ich nur ihret⸗ wegen in Chambéry ſei und ſie hier erwarten werde. Hier⸗ auf überließ ich mich der Freude über das ſeltſame Aben⸗ teuer, welches das Glück und ein eigenthümliches Zuſam⸗ mentreffen romanhafter Umſtände mir zugeführt hatte. Fräulein Desarmoiſes und ihr Entführer hatten mir Freundſchaft eingeflößt, und ich fragte wenig danach, ob das Gefühl, welches mich leitete, tugendhaft oder laſterhaft ſei; aber wenn ich mir auch keine Rechenſchaft davon gab, ſo fühlte ich doch, daß es beides ſei; denn wenn ich einer⸗ ſeits verliebt war, ſo fühlte ich andrerſeits eine wahre Freude, zwei jungen Liebenden beizuſtehn, und um ſo mehr, als ich die verbrecheriſche Leidenſchaft des meuchelmörderi⸗ ſchen Vaters kannte. Ich ging auf ihr Zimmer und fand den Kranken un⸗ ter den Händen des Chirurgus. Die Wunde war tief, aber nicht gefährlich; die Eiterung war ohne Entzündung einge⸗ treten, und der junge Mann brauchte nur Zeit und Ruhe. Als der Doktor weggegangen war, machte ich ihm ein Com⸗ pliment über ſeinen Zuſtand, und rieth ihm zur Diät und zum Schweigen. Sodann gab ich Fräulein Desarmoiſes den Brief, welchen ich von ihrem Vater bekommen, grüßte ſie und ſagte, ich würde bis zur Zeit des Abendeſſens auf meinem Zimmer bleiben. Ich war ſicher, daß ſie, wenn ſie den Brief ihres Vaters geleſen, zu mir kommen würde, um mit mir zu ſprechen. In der That klopfte ſie nach einer Viertelſtunde be⸗ ſcheiden an meine Thür, und als ich ſie hatte eintreten laſ⸗ ſen, gab ſie mir den Brief zuruͤck und fragte, was ich zu thun geſonnen ſei. Nichts. Ich würde mich glücklich ſchätzen, wenn Sie mich in den Stand ſetzten, Ihnen nützlich zu werden, Ich athme auf. —— 119 Haben Sie das Gegentheil glauben können? Sie haben vom erſten Augenblicke an meine ganze Theilnahme erregt und können über mich verfügen. Sind Sie ver⸗ heirathet? Nein, aber wir wollen uns verheirathen wenn wir nach Genf kommen. Setzen Sie ſich und machen Sie mich mit Ihren An⸗ gelegenheiten bekannt. Ich weiß, daß ihr Vater das Un⸗ glück hat, in Sie verliebt zu ſein und daß Sie ihn fliehen. Wie ich ſehe, hat er Ihnen dieſe Mittheilung gemacht und das iſt mir lieb. Ich kam vor einem Jahre nach Lyon und ſobald ich ſeine Ankunft erfahren, flüchtete ich zu einer Freundin meiner Mutter, denn ich könnte keine Stunde mit meinem Vater zuſammen ſein, ohne mich den ſchrecklichſten Gewaltthätigkeiten auszuſetzen, Der junge Mann, den Sie im Bette geſehn, iſt der Sohn eines reichen genfer Kauf⸗ manns. Mein Vater führte ihn vor zwei Jahren bei uns ein, und bald liebten wir uns. Als mein Vater wieder abgereiſt war, wendete mein Liebhaber ſich an meine Mut⸗ ter und bat um meine Hand. Da aber mein Vater in Marſeille war, ſo glaubte meine Mutter nicht ohne ſeine Einwilligung über mich verfügen zu können. Sie ſchrieb ihm, aber er erwiederte, er würde ſie nach ſeiner Rückkehr nach Lyon mit ſeinen Entſchluſſe bekannt machen. Mein Liebhaber ging nach Genf, und da ſein Vater in unſere Verbindung einwilligte, ſo kehrte er mit allen nothwendigen Nachweiſen und wohl empfohlen von Herrn Toloſan zurück. Als mein Vater nach Marſeille zurückkehrte, flüchtete ich, wie ich ſchon geſagt, und mein Freund ließ bei ihm durch Herrn Toloſan um mich anhalten. Ich werde, ſagte er, nicht eher eine Antwort geben, als bis meine Tochter wieder nach Hauſe gekommen iſt. Als Herr Toloſan mir die Antwort meines Baters hinterbrachte, ſagte ich, ich ſei bereit zu ge⸗ horſamen, wenn meine Mutter mich abholen und unter ihren Schutz nehmen wolle; als ihr aber dieſer gute Herr dieſen Vorſchlag machte, ſagte ſie, ſte kenne ihren Mann zu gut, um mich unter demſelben Dache mit ihm wohnen laſ⸗ ſen zu können. Herr Toloſan ſprach nochmals mit meinem ——— willigte, 120 Vater, um ſeine Einwilligung zu erlangen, aber vergeblich. Er verreiſte einige Tage darauf, und wir erfuhren, daß er ſich nach Aix in Savoyen und ſodann nach Turin begeben habe, und da mein Liebhaber ſah, daß er ſich zu nichts entſchließen konnte, ſo ſchlug er mir vor, mit ihm zu reiſen, nachdem er mir durch Herrn Toloſan die Zuſicherung hatte geben laſſen, daß er mich nach unſerer Ankunft in Genf heirathen würde. Da meine Mutter in dieſen Schritt ſo traten wir nach acht Tagen die Reiſe an. Das Unglück wollte es, daß wir den Weg durch Savoyen wähl⸗ ten und meinem Vater in geringer Entfernung von dieſer Stadt begegneten. Sobald er uns erkannte, ließ er den Wagen anhalten, kam auf uns zu und wollte mich zwin⸗ gen auszuſteigen. Ich fing an zu ſchreien und da mein Liebhaber mich in ſeine Arme nahm, um mich zu ſchützen, ſo ergriff mein Vater ſeinen Degen und ſtieß ihm denſelben in die Bruſt. Er würde ohne Zweifel noch einmal geſto⸗ ßen haben, da er aber in Folge meines Geſchreis Menſchen herbei laufen ſah und meinen Freund wahrſcheinlich für todt hielt, ſo ſtieg er wieder zu Pferde und ſprengte eiligſt davon. Ich werde Ihnen den noch blutigen Degen zeigen. Ich bin genöthigt, auf ſeinen Brief zu antworten und denke über die Mittel nach ſeine Eiwilligung zu erlangen. Das iſt nicht nöthig, denn wir werden uns auch ohne dieſe verheirathen und glücklich werden. Ohne allen Zweifel; aber Sie können Ihre Mitgift nicht verachten. Welche Mitgift? Mein Gott Er hat ja nichts. Aber nach dem Tode ſeines Vaters des Marquis Desarmoiſes.—— Das iſt eine Fabel. Mein Vater hat nur eine kleine lebenslängliche Penſion für ſeine zwanzigjährigen Courier⸗ dienſte. Sein Vater iſt ſeit zwanzig Jahren todt und meine Mutter und Schweſter leben von ihrer Hände Arbeit. Die Unverſchämtheit dieſes Mannes, der, nachdem er mir ſo lange imponirt, mich in den Stand ſetzte, ſeinen Betrug aufzudecken, empörte mich. Ich ſchwieg. Man meldete uns, daß das Abendeſſen aufgetragen ſei, und ———— +— SOGEES—O— S 121 wir blieben drei Stunden bei Tiſch und ſprachen un⸗ aufhörlich von dieſer Angelegenheit. Der arme Ver⸗ wundete brauchte mich nur anzuhören, um meine Em⸗ pfindungen kennen zu lernen. Seine junge Freundin, die ebenſo geiſtreich wie hübſch war, ſcherzte, über die thörichte Leidenſchaft ihres Vaters und erzählte nkir, daß er ſie ſeit ihrem elften Jahre wie wahnſinnig geliebt. 1 Sie haben ihm immer zu widerſtehen vermocht? fragte ich. Ja, immer, wenn er den Spaß zu weit treiben wollte. Und hat der Spaß lange gedauert? Zwei Jahre. Ich war dreizehn Jahr alt, als er mich für reif hielt um mich zu pflücken ſuchte, aber ich fing an zu ſchreien, ſprang aus ſeinem Bette und flüchtete in das meiner Mutter, welche mich ſeitdem nicht mehr bei ihm ſchlafen ließ. Sie ſchliefen bei ihm? Wie konnte Ihre Mutter das, geſtatten. Sie konnte nicht glauben, daß ſeine Liebe verbrecheriſch wäre und ich dachte mir nichts Arges. Ich glaubte, was er mit mir machte und mich machen ließ, ſeien nur Klei⸗ nigkeiten. Und Ihren Mädchenſchmuck haben Sie den gerettet? Ich habe ihn für meinen Liebhaber aufgeſpart. Der arme Liebhaber, den der Hunger mehr als ſeine Wunde ſchmerzte, fing bei dieſen Worten an zu lachen, und ſie bedeckte ihn mit Küſſen. Während deſſen war ich in der größten Aufregung. Die Erzählung war zu naiv ge⸗ weſen, als daß ich hätte kalt bleiben können, namentlich wenn ich ſie anblickte, denn ſie beſaß Alles, was man nur bei einer Frau wünſchen kann und ich verzieh faſt ihrem Vater, daß er ſich in ſie verliebt und vergeſſen hatte, daß ſie ſeine Tochter ſei. Als ſie mich nach meinem Zimmer geleitete, ließ ich ſie fuͤhlen, welche Empfindungen ſie in mir geweckt, und ſie lachte, aber meine Bedienten waren da, und ich mußte ſie gehn laſſen. Am folgenden Tage früh ſchrieb ich an ihren Vater und meldete ihm, daß ſeine Tochter entſchloſſen ſei, ihren Liebhaber nicht wieder zu verlaſſen, dieſer ſei nur leicht 8 ——— ——-— ihren Entſchluß nur billigen. war, ging ich auf ihr Zimmer, um ihnen denſelben zu le⸗ 122 verwundet, in Chambry ſeien ſie unter dem Schutze der Geſetze und ich könne, nachdem ich ihre Geſchichte kennen gelernt und mich überzeugt, daß ſie für einander paßten, Als mein Brief beendet ſen zu geben, und da ich ſah, daß die ſchöne Fliehende in Verlegenheit war, wie ſie mir ihren Dank ausdrücken ſollte, ſo bat ich den Kranken um die Erlaubniß ſie umarmen zu dürfen. Fange mit mir an, ſagte er, indem er mir ſeine Arme öffnete. Meine heuchleriſche Liebe hüllte ſich nun in den Man⸗ tel ritterlicher Zärtlichkeit. Nachdem ich den Liebhaber um⸗ armt, umarmte ich auf eine verliebte Weiſe die Geliebte und bot ihnen, indem ich ſie meine Kinder nannte, meine mit Gold gefuͤllte Börſe an, falls ſie derſelben bedürften. Da während deſſen der Chirurgus gekommen war, ſo ging ich wieder auf mein Zimmer. Madame Morin kam gegen elf Uhr mit ihrer Tochter an, und Le Duc ritt ihnen als Courier vorauf und kün⸗ digte ihre Ankunft durch das Knallen ſeiner Peitſche an. Ich empfing ſie mit offnen Armen und dankte ihr aufs Wärmſte für das Vergnügen, welches ſie mir gemacht. Zunächſt machte ſie mir die Mittheilung, daß Fräulein Romans die Maitreſſe Ludwigs XV. ſei*), ein ſchönes Haus *) Fräulein Romans iſt auch anderweitig als eine der aus⸗ gezeichneteren Geliebten Ludwigs XV. bekannt. Die Faſtes de Louis XV. erzählen, der König habe unter der Menge neuer Schönheiten, die ſich ihm nach dem Tode der Pompadour dar⸗ boten, dieſe junge Dame ausgewählt, die„point mal née assez bien éduquéc, ingénue“ ſich erſt nach einigem Widerſtande und bedingungsweiſe ergeben habe. Der König durch ihre Reize ge⸗ feſſelt, habe ihr ein Haus in Paſſy gekauft und verſprochen, ihren Sohn unter ſeinem Namen tauſen zu laſſen und zu ſeiner Zeit anzuerkennen. Dieſer Verheißung gemäß ſei das Kind mit dem Titel Monſeigneur erzogen worden, während die Mutter wohl⸗ thätig und fromm gelebt. Aber ein ehrgeiziger Abbé habe ihr Geſchick getrübt, indem er die Mutter beredet, auf Erfüllung des 123 in Paſſy bewohne und da ſie im fünften Monate der Schwangerſchaft ſei, im Begriffe ſtehe, Königin von Frank⸗ königlichen Worts zu dringen. Als Ludwig XV. die Anerken⸗ nung des Kindes verſchob, wurde ſie immer dringender und ver⸗ ſtimmte den König in ſolchem Grade, daß er die Geliebte in ein Kloſter bringen und ihren Sohn in einem Collegium erziehen ließ. Die Faſtes irren indeß, wenn ſie Fräulein Romans erſt nach dem Tode der Marquiſe Pompadour eintreten laſſen, wie die Mit⸗ theilungen der Hauſſet, Kammerfrau der Marquiſe zeigen, welche ein Zuſammentreffen zwiſchen beiden folgendermaßen ſchildert: „Alle Welt ſprach von einer jungen Dame, von welcher der König ſo entzückt war, als er es nur irgend vermochte. Sie hieß Romans und war reizend. Madame wußte um die Be⸗ ſuche des Königs und ihre Vertrauten machten ihr die beunru⸗ higendſten Mittheilungen. Die Marſchallin von Mierepoid, der beſte Kopf in ihrem Rathe flößte ihr allein Muth ein.„Ich will nicht ſagen, daß er Sie mehr liebt als jene, und wenn ſie durch einen Zauberſtab hierher verſetzt werden könnte, ihm ein Souper gäbe und mit ſeinem Geſchmack bekannt wäre, hätten Sie vielleicht Urſache zu zittern. Aber die Fürſten ſind vor allen Andern Gewohn⸗ heitsmenſchen, die Freundſchaft des Königs für Sie iſt die näm⸗ liche wie für Ihre Gemächer und Umgebung; Sie ſind gemacht für ſeine Art und Weiſe; er genirt ſich nicht, fürchtet auch nicht, Sie zu langweilen. Wie trauen Sie ihm den Muth zu, Alles dieß an einem Tage zu zerſtören und ſich der Oeffentlichkeit durch eine ſo große Veränderung der Dekorationen Preis zu geben?“ Die junge Dame wurde ſchwanger und die Geſpräche der Stadt ja ſelbſt des Hofes beunruhigten Madame, zumal man behaup⸗ tete, der König werde den Sohn anerkennen, der Mutter einen Rang verleihn.„Alles dies, ſagte die Marſchallin iſt nach Art Ludwig XIV., ſolche Großartigkeit paßt nicht für unſern Herrn. Inzwiſchen ſchadete die Unklugheit und Prahlerei dem Fräulein Romans in der Achtung des Königs. Es fanden ſelbſt gewalt⸗ ſame Ausbrüche gegen ſie ſtatt, an denen jedoch Madame keinen Theil hatte. Man ſtellte Nachſuchungen bei ihr an, nahm ihr ihre Papiere; aber die wichtigſten, welche des Königs Vaterſchaft beſtätigten, waren auf die Seite gebracht. Endlich kam ſie nie⸗ der und ließ ihren Sohn unter dem Namen Bourbon, Sohn Karls von Bourbon, Hauptmanns der Kavallerie, taufen. Die Mutter glaubte die Augen ganz Frankreichs auf ſich zu ziehn und erblickte in ihrem Sohne einen Duc du Maine. Sie nährte ihn —— 124 reich zu werden, wie mein göttliches Orakel ihr vorherge⸗ ſagt. In Grenoble, ſagte ſie, ſpricht man nur von Ihnen, ſelbſt und ging, ganz mit Spitzen bedeckt, wie ihr Kind, welches ſie in einer Art Korb trug, ins Gehölz von Boulogne. An einem einſamen Orte, der jedoch bald bekannt wurde, ſetzte ſie ſich ins Gras und gab dort dem königlichen Sprößling die Bruſt. Madame wunrde neugierig ſie zu ſehn und begab ſich eines Tages mit mir, ohne mir etwas zu ſagen, in die Manufaktur von Sè⸗ vres. Nachdem ſie einige Taſſen gekauft, ſagte ſie zu mir; Ich will ins Gehölz von Boulogne ſpatzierengehn und befahl an dem Orte zu halten, wo ſie auszuſteigen gedachte. Sie war ſehr wohl unterrichtet, und als ſie ſich dem Platze näherte, verbarg ſie ſich hinter ihrer Friſur und hielt ihr Tuch an dem untern Theil des Geſichts. Wir gingen erſt einige Zeit in einem Fuß⸗ pfade auf und ab, von wo wir die Dame, welche ihr Kind ſtillte, ſehen konnten. Ihr Haar ſo ſchwarz wie Schmelz, war zurückgeſchlagen und von einem mit einigen Diamanten gezierten Kamme gehalten. Sie faßte uns ſcharf ins Auge. Madame grüßte ſie, und indem Sie mich mit dem Ellenbogen anſtieß, ſagte ſie mir:„Sprechen Sie mit ihr.“ Ich näherte mich ihr mit den Worten:„Welch ſchönes Kind!“„Ja, ſagte ſie,“ ich darfs geſtehn, obwohl ich nur ſeine Mutter bin. Madame, die mich unter dem Arme hielt, zitterte, und auch ich gerieth außer Faſſung, Fräulein Romans ſagte zu mir:„Sind Sie aus der Gegend?“—„Ja Madame, erwiederte ich, ich wohne in Auteuil mit dieſer Dame hier, welche in dieſem Augenblick an heftigem Zahnweh leidet.“— Ich bedaure Sie ſehr, denn ich kenne das Uebel aus eigener Erfahrung.“— Aus Furcht, es möchte Jemand kommen, der uns kenne, blickte ich mich nach allen Seiten um. Ich ermuthigte mich zu der Frage, ob der Vater ein ſchöner Mann ſei?„Sehr ſchön, ſagte ſie zu mir, und wenn mich ihn nennen würde, würden Sie mir beſtimmen.“—„Ich habe alſo wohl die Ehre ihn zu kennen, Madame?“—„Das iſt ſehr wahrſcheinlich.“— Madame, wie ich in der Furcht einer, Begegnung ſtotterte einige Worte der, Entſchuldigung, ſie geſtört zu haben, und wir empfahlen uns. Wir blickten häufig zurück, um zu ſehen, ob uns Niemand folge und erreichten den Wagen, vhne wahrgenommen zu ſein.„Man nnßß geſtehn, Mutter und Sohn ſind ſchöne Geſchöpfe, ohne den Vater zu vergeſſen, ſagte Madame: das Kind hat ſeine Augen. Wenn der König ge⸗ kommen wäre, während wir da waren, glauben Sie, daß er uns 125 und ich rathe Ihnen, nicht wieder dorthin zurückzukehren, wenn Sie nicht entſchloſſen ſind, ſich unter uns niederzulaſ⸗ ſen, denn man würde Sie nicht wieder abreiſen laſſen. Der ganze Adel würde Ihnen zu Füßen liegen und namentlich die Frauen, welche das Schickſal ihrer Töchter kennen zu lernen wünſchen. Jetzt glaubt Jeder an Aſtronomie und Vallenglard triumphirt. Er hat hundert Louisdors gegen funzig gewettet, daß meine Nichte mit einem Prinzen nie⸗ derkommen wird. Er iſt ſicher zu gewinnen. Wenn er aber verliert wird man ihn auslachen. Er wird nicht verlieren, ſeien Sie davon überzeugt. Iſt er ganz ſicher? Hat nicht das Horoscop in der Hauptſache recht be⸗ halten? Ich müßte einen großen Fehler in der Berechnung gemacht haben, wenn das Cnde nicht dem Anfange ent⸗ ſprechen ſollte. Sie entzücken mich. Ich gehe nach Paris und hoffe, Sie werden mir einen Brief an Madame Varnieèr geben, welche mir das Vergnü⸗ gen Ihre Nichte zu ſprechen verſchaffen wird. — Sie dürfen daran nicht zweifeln und morgen ſollen Sie den Brief haben. Ich ſtellte ihr Fräulein Desarmoiſes unter ihrem Fa⸗ miliennamen vor, nachdem ich mich vorher vergewiſſert, daß ſie mit uns ſpeiſen würde. Nach Tiſche gingen wir zu⸗ ſammen ins Kloſter der M. M., die, als ihr ihre Tante gemeldet wurde, ans Gitter kam und ſich nicht wenig uͤber einen ſo unerwarteten Beſuch wunderte; aber ſie bedurfte ihrer ganzen Geiſtesgegenwart, um ſich nicht zu verrathen, als ſie mich erblickte. Als ihre Tante mich unter meinem Namen vorgeſtellt hatte, ſagte ſie mit dem den Frauen ei⸗ erkannt hätte?—„Daran zweifle ich nicht, Madame.“—„In welcher Verwirrung wäre ich geweſen, und welche Scene für die Umſtehenden, wenn man uns beide geſehn hätte! Und welche Ueberraſchung für fie!„Zur Beruhigung für die Marquiſe ſorſchte der König nicht nach ihren Ausgange, und ſie fand Troſt in der Verſicherung der klugen Madame Mirepoir, daß man nicht unter Ludwig XIV. lebe.“ .. — 126 genthümlichen Takte, ſie habe mich in Aix fünf oder ſechs⸗ mal am Brunnen geſehn; aber ich werde ſie wohl nicht wiederkennen, da ſie nie ohne Schleier gegangen ſei. Ich bewunderte ebenſowohl ihre Feinheit und ihren Geiſt, wie ihre entzückende Geſtalt; ſie kam mir ſchöner vor und er⸗ ſah dieß ohne Zweifel aus meinen Blicken. Wir ſprachen eine Stunde lang von Grenoble und ihren alten Bekannten, deren ſie ſich mit Vergnügen erinnerte; ſodann verließ ſie uns, um eine junge Penſionairin zu holen, welche ſie liebte, und welche ſie ihrer Tante vorſtellen wollte. Ich ergriff dieſen Augenblick um Madame Morin zu ſagen, daß ich mich über die Aehnlichkeit wundre, welche ſte ſogar im Klange der Stimme mit meiner lieben M. M. aus Venedig hatte; und ich bat ſie, mir das Vergnügen zu verſchaffen, morgen mit ihrer Nichte zu frühſtücken und ſie zur Annahme von zwölf Pfund Chocolade, die ich aus Ve⸗ nedig mitgebracht, zu bewegen. Ich fordere Sie auf, ſagte ſte, derſelben das Geſchenk ſelbſt anzubieten, denn wenn ſie auch eine Nonne iſt, iſt ſie doch auch eine Frau und ein Ge⸗ ſchenk aus der Hand eines Mannes macht uns mehr Vergnü⸗ gen, als wenn es von einer Frau kömmt. M. M. kam mit der Superiorin, zwei andern Nonnen und derjungen Penſionairin, einer entzückend ſchönen Lyone⸗ ſerin zurück. Ich mußte mit allen dieſen Betſchweſtern ſchön thun, und Madame Morin ſagte zu ihrer Nichte, ich wünſche eine vortreffliche Chocolade zu proben, welche ich von Genua mitgebracht; aber ich wünſche, daß dieſelbe von ihrer Laienſchweſter bereitet würde. Mein Herr, ſagte die M. M., haben Sie die Güte, mir die Chocolade zu ſchicken und morgen wollen wir mit dieſer theuern Schweſter früh⸗ ſtücken. Sobald ich in den Gaſthof zurückgekehrt war, über⸗ ſchickte ich die Chocolade nebſt einem ehrfurchtsvollen Billet und ging dann auf Madame Morins Zimmer mit ihrer Tochter und Fräulein Desarmoiſes, in die ich mich immer mehr verliebte; indeß ſprach ich nur von M. M. und ich glaubte zu bemerken, daß die Tante errieth, daß die ſchöne Nonne mir nicht fremd ſei. SS GOS S & A ◻ ϊ— 8 dA N8NN 8RN ð 127 Ich frühſtückte im Kloſter und und erinnere mich noch daß die Chocolade, die Biscuits und Confituren mit einer Ausgeſuchtheit aufgetragen wurden, welche an Koketterie grenzte. Als wir gefrühſtückt, ſagte ich zu M. M., es würde ihr nicht ſo leicht werden, mir ein Eſſen von zwölf Perſonen zu geben, die an demſelben Tiſche ſäßen, von de⸗ nen ſich aber die Hälfte im Kloſter, die Hälfte im Sprech⸗ zimmer mit dem Gitter dazwiſchen, befänden. Ich möchte das wohl ſehn, ſagte ich, wenn Sie mir erlauben wollten, die Koſten zu tragen. Gern, ſagte M. M., und das halb hei⸗ lige, halb profane Mittagseſſen wurde auf den folgenden Tag angeſetzt. M. M. übernahm Alles und verſprach ſechs Nonnen einzuladen. Madame Morin, welche meinen Geſchmack kannte, ſagte, ſie möchte nichts ſparen und ich zeigte ihr an, daß ich die nöthige Summe ſchicken würde. Nachdem ich Madame Morin, ihre Tochter und Fräulein Desarmoiſes nach Hauſe gebracht, ging ich zu Herrn Magnan, dem ich durch den Chevalier Raiberti empfohlen worden war, und nachdem ich denſelben erſucht mir gute Weine zu verſchaffen, bat er mich aus ſeinem Keller zu nehmen, was ich wünſche. Ich wurde nach Wunſch bedient. Dieſer Magnan war ein geiſtreicher Mann, von ange⸗ nehmem Aeußern und in guten Umſtänden. Er bewohnte außerhalb der Stadt ein großes und bequemes Haus, in dem ſeine Gemahlin unter zehn Kindern, worunter vier hübſche junge Damen, beſonders die älteſte, die damals neunzehn Jahre alt war, die Honneurs machte, Er war Gaſtronom nnd bildete ſich etwas darauf ein; um mich davon zu überzeugen, lud er mich auf übermorgen zum Mittagseſſen ein. Wir gingen gegen elf Uhr ins Kloſter und nach einer anſtändigen Unterhaltung, gerade als es zwölf ſchlug, wurde uns angezeigt, daß das Eſſen aufgetragen ſei. Der Tiſch bot einen hübſchen Anblick dar; er war mit ſchöner glän⸗ zend weißer Wäſche gedeckt und mit mehrern Vaſen künſt⸗ licher, aber verſchieden parfümirter Blumen geſchmückt, ſo daß das Sprechzimmer duftete. Das verhängnißvolle Git⸗ — — 128 ter war nicht ſo dünn wie ich gehofft, ſo daß ich zwar zur Linken von M. M. ſaß, aber ganz vergeblich. Ich hatte die ſchöne Desarmoiſes zu meiner Rechten, und dieſe reizende Perſon erhielt uns durch eine Menge hübſcher Geſchichten bei guter Stimmung. Le Duc und Coſta bedienten uns draußen, und die Nonnen drinnen wurden durch Laienſchweſtern bedient. Die Fülle der Gerichte, die Vortreffllichkeit und Mannigfaltig⸗ keit der Weine, die liebenswürdigſten Geſpräche, welche oft etwas zweideutig waren und immer Stoff zum Lachen ga⸗ ben, ließen das Mahl drei Stunden dauern. Wir waren Alle etwas heiter geſtimmt, oder, um offen zu reden, wir waren Alle betrunken und ohne das verhängnißvolle Gitter wäre ich mit meinen elf weiblichen Gäſten leicht fertig ge⸗ worden. Meine junge Desarmoiſes war namentlich von ſo toller Heiterkeit, daß ſie, hätte ich ſie nicht zurückgehalten, den Nonnen Anſtoß gegeben haben würde, welche freilich nichts Beſſeres verlangten. Ich ſehnte mich allein mit ihr zu ſein, um das Feuer zu löſchen, welches ſie in allen mei⸗ nen Sinnen entzündet und ich durfte mir beim erſten Zu⸗ ſammentreffen vollſtändigen Erſatz verſprechen.. Nachdem wir Kaffee getrunken, gingen wir in ein an⸗ deres Sprechzimmer und blieben hier bis zum Anbruche der Nacht. Madame Morin blieb bei ihrer Nichte und der Austauſch von Dankſagungen, Händedrücken und Verſprechun⸗ gen uns an einander zu erinnern dauerte zwiſchen mir und der Nonne eine volle Viertelſtunde. Nachdem ich M. M. laut geſagt, daß ich vor meiner Abreiſe noch einmal das Vergnügen haben würde, ſie zu ſehn, kehrten wir in den Gaſthof zurück, ſehr zufrieden mit dieſer Vergnügungspartie, die einzig in ihrer Art war, und deren ich mich noch freue, wenn ich an ſie denke. Die gute Madame Morin gab mir einen Brief für Madame Varnier, ihre Couſine, und ich verſprach ihr, von Paris aus, Alles, was auf die ſchöne Nonnen Bezug habe, aufs Ausführlichſte zu berichten. Ich ſchenkte ihrer Toch⸗ ter ein Paar ſchöne Ohrringe und ihr zwölf Pfund Cho⸗ colade, welche mir Herr Magnan verſchaffte und welche 129 8 Madame Morin als genueſer Chocolade annahm. Um acht Uhr reiſte ſie ab, und Le Duc ritt als Courrier vorauf und erhielt den Auftrag, der Freundin des Hauswarts meine Komplimente zu machen. Ich fand bei dem wollüſtigen Magnan ein Mittags⸗ eſſen, welches eines Lucullus würdig war und verſprach ihm ſo oft ich durch Chambéry kommen würde, bei ihm zu woh⸗ nen: ich hielt ihm Wort. Als ich dieſen Gaſtronom verließ, ſtattete ich M. M. einen Beſuch ab, welche allein ans Gitter kam. Nachdem ſie mir für den glänzenden Beſuch, den ich ihr unter den Auſpizien ihrer Tante abgeſtattet, ihren Dank geſagt, äußerte ſie, ich ſei gekommen, um ihre Ruhe zu ſtören. Ich bin bereit, mein Herz, leichtfüßiger als der ver⸗ hängnißvolle Bucklige über die Mauern Deines Gartens zu ſpringen. Das iſt leider nicht möglich, denn, glaube mir, man iſt die ſchon auf die Spur. Man iſt überzeugt, daß wir uns in Aix gekannt haben. Vergeſſen wir Alles, theurer Freund, und erſparen wir uns die Qual eitler Wünſche. Gieb mir Deine Hand. Nein, es iſt zu Ende. Ich liebe Dich noch, werde Dich wahrſcheinlich immer lieben, wünſche aber, daß Du bald abreiſeſt und durch Deine Abreiſe wirſt Du mir einen Beweis Deiner Liebe geben. Das iſt ſchrecklich! Du ſetzeſt mich in Erſtaunen. Du ſcheinſt ganz geſund, Du kommſt mir ſchöner vor, ich weiß, daß Du für den Kultus des liebenswürdigſten der Götter gemacht biſt, und ich begreife nicht, wie Du bei Deinem Tempe⸗ ramente mit dem Zuſtand völliger Enthaltſamkeit zufrieden ſein kannſt. In Ermangelung der Wirklichkeit müſſen wir uns leider mit Spielereien begnügen. Ich will Dir nicht ver⸗ hehlen, daß ich meine junge Penſionärin liebe. Sie iſt ein wahrer Engel und erhält mich ruhig. Das iſt eine un⸗ ſchuldige Leidenſchaft. Ihre Liebkoſungen dämpfen ein Feuer, welches mich vernichten würde, wenn ich ſeine Gluth nicht durch Spielereien milderte. XII. 9 —— 130 Leidet Dein Gewiſſen nicht dabei? Ich mache mir deshalb keine Sorge. Aber Du weißt doch, daß Du ſündigſt? Auch beichte ich. Und was ſagt der Beichtvater? Nichts. Er abſoloirt mich, und ich bin glücklich. Und beichtet auch die hübſche Penſionärin? Sicherlich; aber ſie ſagt dem Beichtvater nicht, was ſie für keine Sünde hält. Ich wundere mich, daß der Beichtvater ſie nicht un⸗ terrichtet, denn ein ſolcher Unterricht iſt ein großer Genuß. Unſer Beichtvater iſt ein weiſer Greis. Ich ſoll alſo reiſen, ohne von Dir auch nur einen Kuß pekommen zu haben? Nichts.. Darf ich morgen wiederkommen? Ich reiſe über⸗ morgen. Komme; aber ich werde nicht allein erſcheinen, denn man könnte Vermuthungen anſtellen. Ich werde mit mei⸗ ner Kleinen kommen. Dadurch retten wir den Schein. Komm nach Tiſch, aber ins andere Sprechzimmer. Hätte ich M. M. nicht in Aix kennen gelernt, ſo würde ihre Religion mich in Verwunderung geſetzt haben; aber ihr Charakter war nun einmal ſo. Sie glaubte an Gott und glaubte nicht, daß dieſer gute Vater, welcher uns mit Leidenſchaften geſchaffen, ihr ſeine Nachſicht entziehen würde, weil ſie nicht die Kraft hatte, ihre Natur zu bändigen. Ich ging in meinen Gaſthof, ärgerlich, daß die ſchöne Nonne mich nicht mehr mochte, aber überzeugt, daß die Désar⸗ moiſes mich entſchädigen würde. Ich fand die Schöne auf dem Bette ihres Liebhabers ſitzend, den das Fieber ſehr geſchwächt hatte. Sie ſagte, ſte wolle auf meinem Zimmer zu Abend ſpeiſen, um den Kranken in Ruhe zu laſſen, und der gute junge Mann drückte mir die Hand, wie um mir ſeinen Dank zu be⸗ zeigen. 36 ge Da ich bei Magnan reichlich gegeſſen, ſo rührte ich das 131 Abendeſſen faſt gar nicht an; aber meine Tiſchgenoſſin, die nur wenig zu Mittag geſpeiſt hatte, aß und trank mit ver⸗ zehrendem Appetite. Ich betrachtete ſie mit einer Art Be⸗ wunderung und ſie freute ſich meines Staunens. Als meine Bedienten mich verlaſſen, forderte ich die Schöne auf, mir bei einer Bowle Punſch Stand zu hal⸗ ten, und dieſe verſetzte ſie in eine Stimmung, wo man nur das noch lacht und lacht, weil man ſich aller Kraft und des Gebrauchs der Vernunft beraubt ſieht. Ich konnte mir in⸗ un⸗ deß nicht den Vorwurf machen, daß ich ihre Trunkenheit ßer mißbraucht, denn vermöge ihrer wollüſtigen Natur kam ſie allen Genüſſen entgegen, zu denen ich ſte bis zwei Uhr Morgens anregte. Wir waren erſchöpft, als wir uns uß trennten. Ich ſchlief bis elf Uhr; und als ich ihr einen guten Tag wünſchte, fand ich ſie munter nnd friſch wie eine Roſe. ver⸗ Ich fragte ſie, wie ſte den Reſt der Nacht verbracht. Wie den Anfang, ſagte ſte; vortrefflich. enn 1 Zu welcher Zeit wollen Sie zu Mittag ſpeiſen? nei⸗ Ich werde nicht zu Mittaß ſpeiſen; ich will lieber mei⸗ ein. nen ganzen Appetit für das Abendeſſen aufſparen. Ihr Liebhaber, der ſich in die Unterhaltung miſchte, ſagte mit irde ſchwacher Stimme, aber mit höflichem und ruhigem Tone: aber Es iſt unmöglich, ihr Stand zu halten. HGott Beim Eſſen und beim Trinken? fragte ich. mit Beim Eſſen, beim Trinken und bei noch etwas Ande⸗ rde, vem, antwortete er lächelnd. Sie lachte und umarmte ihn gen. zärtlich. nne Dieſer kurze Dialog überzeugte mich, daß die Désar⸗ Zar⸗ moiſes ihren Liebhaber anbeten müſſe, denn abgeſehen da⸗ von, daß er ein ſehr hübſcher Junge war, paßte er auch bers offenbar ſehr gut für ſie. Ich ſpeiſte allein zu Mittag. gte, Während des Deſſerts erſchien Le Duc. Wieer mir mel⸗ den dete, hatten ihn die Töchter des Hauswarts und die hübſche kann Couſine genöthigt, ſeine Abreiſe zu verzögern, weil ſie mir be⸗ ſchreiben wollten, und er brachte mir von ihnen drei Briefe und drei Dutzend Handſchuhe, welche ſie mir ſchenkten. das Ihre Briefe enthielten nur die dringende Bitte,“einen Monat 9* ——— — 132 bei ihnen zu verleben, und ſie gaben mir hinlänglich zu verſtehen, daß ich mit ihnen zufrieden ſein werde. Ich war nicht kühn genug, in eine Stadt zurückzukehren, wo ich bei dem Rufe, den ich erworben, allen Töchtern von guter Fa⸗ milie das Horoscop hätte ſtellen oder nur durch meine Unhöf⸗ lichkeit zu Feinden hätte machen müſſen. Nachdem ich gegeſſen und den Brief aus Grenoble geleſen, ging ich ins Kloſter, und nachdem ich M. M. hatte benachrichtigen laſſen, ging ich in das Sprechzimmer, welches ſie mir angegeben. Sie erſchien bald darauf mit der ſchönen und jungen Penſionairin, welche mich ſo unvollkommen bei ihren verliebten Wuthausbrüchen erſetzte, Dieſelbe hatte ihr zwölftes Jahr noch nicht vollendet, aber ſie war groß, ſtark und für ihr Alter ſehr entwickelt. Sanftmuth, Lebhaftigkeit Unſchuld und Feinheit waren auf ihrem ſchönen Geſichte ausgeprägt und verliehen ihr einen hinreißenden Reiz. Sie hatte ein gutgemachtes Schnürleib, welches ihre weiße und wohlgeformte Bruſt ſehen ließ, wo die Phantaſie die noch fehlen⸗ den Halbkugeln, die dieſelbe bald zieren mußten, leicht ergänzen konnte. Der intereſſante Kopf von welchem zwei herrliche eben⸗ holzſchwarze Flechten herabhingen, und die Bruſt ließen alles Uebrige errathen und die ſchrankenlos umherſchweifende Phan⸗ taſie machte ſte zu einer heranblühenden Venus. Ich ſagte ihr zunächſt ſie ſei ſehr hübſch und ſie werde den Gatten, den ihr das Schikſal beſtimme, glücklich machen. Ich wußte, daß ſie über dies Compliment erröthen würde. Das iſt grauſam, aber die Sprache der Verführung macht damit den Anfang. Eine junge Perſon ihres Alters, die nicht erröthete, wenn man vom Heirathen mit ihr ſpräche, wäre entweder ſtumpf⸗ ſinnig oder ſchon vollendete Meiſterin in den Ausſchweifungen der Liebe. Trotz deſſen iſt die Schaamröthe, welche bei irgend einer beunruhigenden Vorſtellung auf dem Geſichte eines jungen Mädchen aufſteigt, ein Räthſel; denn ſie kann das Zeichen reinen Schaamgefuͤhls, das Zeichen der Beſchä⸗ mung oder ein Gemiſch von beiden Gefühlen ſein. Dann findet ein Kampf zwiſchen der Tugend und dem Laſter ſtatt, und gewöhnlich unterliegt die Tugend. Die Begierden, diefe Satelliten des Laſters, haben leichtes Spiel mit der Tu gend. AN Au ꝗN — 9 9 ½— n 2 d(v. v+ε& 8³ OOↄ2—„ W—6 a—4— U— 2 * 133 Da ich die Penſtonairin aus M. Mis. Erzählungen kannte, ſom wußte ich wohl, woher die Röthe entſtand, die ihren jungen Reizen ſo vortheilhaft war. So thuend, als ob ich nichts gemerkt, unterhielt ich M. M. einen Augenblick; ſodann erneuerte ich den Angriff. Sie hatte ihre Faſſung ſchon wiedergewonnen. Wie alt ſind Sie, mein ſchönes Kind? Ich bin dreizehn Jahre alt. Du täuſcheſt Dich, mein Herz, ſagte ihre Freundin, Du haſt Dein zwölftes Jahr noch nicht vollendet. Die Zeit wird kommen, fügte ich hinzu, wo Sie ſich für jünger, ſtatt für älter ausgeben werden. Ich werde nie lügen, mein Herr, davon bin ich überzeugt. Sie wollen alſo Nonne werden, ſchöne Freundin? Ich fühle den Beruf noch nicht; aber nichts ſoll mich nöthigen zu lügen, ſelbſt wenn ich in der Welt leben müßte. Sie irren ſich, denn Sie werden lügen, ſobald Sie einen Liebhaber haben. Mein Liebhaber wird alſo auch lügen? Sicher. G Wenn es ſich ſo verhielte, wäre die Liebe ſehr häßlich; aber ich glaube es nicht, denn ich liebe meine Freundin und verhehle ihr nie die Wahrheit. Sie werden aber einen Mann nicht ſo lieben, wie Sie eine Frau lieben.. Ganz ebenſo. Nein, denn Sie ſchlafen nicht bei ihr und würden bei Ihrem Manne ſchlafen.— Das iſt gleich; meine Liebe würde dieſelbe ſein. Wie! Sie würden nicht lieber bei mir, als bei M. M. ſchlafene? Nein, denn Sie ſind ein Mann und würden mich ſehn. Sie wollen nicht, daß ein Mann Sie ſehe? Nein. Sie wiſſen alſo, daß Sie häßlich ſind?— Bei dieſen Worten wendete ſie ſich mit unverhohlenem — — — 134 Verdruſſe zu ihrer Freundin; Iſt es wahr, fragte ſie, daß ich häßlich bin? Nein, mein Herz, erwiederte M. M. welche ſich vor Lachen ausſchüttete; ganz im Gegentheile, denn Du biſt ſehr hübſch. Mit dieſen Worten nahm ſie dieſelbe zwiſchen ihre Knie und umarmte ſie zärtlich. Ihr Schnürleib iſt Ihnen zu eng, Fräulein Sie können unmöglich ſo ſchlank ſein. Sie irren ſich, mein Herr, Sie könnten die Hand herein ſtecken. Das glaube ich nicht. M. M. brachte ſie mir an das Gitter, ließ ſie ſich ſeitwärts ſtellen und ſagte, ich möge mich davon überzeugen; zugleich ſchob ſie das Kleid zurück. Es iſt wahr ſagte ich, und ich gebe Ihnen eine Chrenerklärung, aber innerlich fluchte ich dem Hemde und dem Gotte. Ich glaube, ſagte ich zu M. M., daß ſie ein kleiner Mann iſt. Ohne eine Antwort abzuwarten, machte ich mich an die Arbeit und erlangte durch das Gefühl die Ueberzeu⸗ gung von ihrem Geſchlechte, und ich ſah wohl, daß die Kleine ſowohl wie ihre Lehrerin ſich ſehr freuten, mich dieſe Ueberzeugung erlangen zu ſehn. Nachdem ich meine Hand zurückgezogen, gab die Kleine M. M. einen Kuß; die lachende Miene derſelben beruhigte ſie und ſie bat ihre Freundin um die Erlaubniß einen Augenblick hinausgehen zu dürfen. Ich mußte ſte in eine Lage gebracht haben, wo es Bedurfniß für ſie war, einen Augenblick allein zu bleiben, und ich ſelbſt war im Zuſtande der höchſten Aufregung. Als die Kleine weggegangen war, ſagte ich zu M. M. Weißt Du wohl, daß die Belehrung, die Du mir verſchafft, mich unglücklich macht? Weshalb? Weil ich Deine Freundin reizend finde und vor Luſt vergehe, ſie zu beſitzen. Das thut mir leid, denn Du kannſt mit ihr nicht weiter gehn als Du gegangen biſt, und dann mein Freund r ſie für baſſelbe in der Welt fürchtet, Hinter dem Riegel entſtehen wahnſinnige Begierden, und was ſind das für Begierden, welche aus 139 entgehen werde. dem Bedurfniſſe der Liebe entſtehen! In den Gaſthof zurückgekehrt, nahm ich von den Ver⸗ wundeten Abſchied, welchen ich zu meiner Freude außer Gefahr ſah. Vergeblich bat ich ihn, über meine Börſe zu verfügen; indem er mich umarmte, ſagte er, er ſei hinläng⸗ lich mit Geld verſehn und brauche auch nur an ſeinen Vater zu ſchreiben, um Alles, was er wünſche, zu erhalten. Ich verſprach ihm, in Lyon Halt zu machen und Deſar⸗ moiſes zu nöthigen, von jeder Verfolgung abzuſtehen, da ich an ihn Anrechte habe, welche es ihm unmöglich machten, meine Bitte abzulehnen. Ich hielt Wort. Nachdem wir uns zum Abſchiede geküßt, nahm ich ſeine Zukünftige mit, um mit ihr zu ſpeiſen und mit ihr bis Mitternacht zu lachen; aber bei unſerem Abſchiede konnte ſie wohl nicht ſehr zufrieden mit mir ſein, d denn von meiner Zärtlichkeit unterhielt ich ſie nur ein einziges Mal; die junge Freundin von M. M. hatte mich faſt ganz ausgeleert. Mit Angesanbruch reiſte ich ab, und am folgenden Tage ſtieg ich in Lyon im Hotel du Pare ab. Ich ließ Deſarmoiſes zu mir kommen, und ſagte ihm ohne Um⸗ ſchweife, daß mich die Reize ſeiner Tochter verführt, daß ihr Liebhaber ein liebenswürdiger ihrer würdiger Junge, und daß ich von ſeiner Freundſchaft ſeine unbedingte Zuſtimmung zu ihrer Heirath erwarte. Er that Alles, was ich ver⸗ langte, als ich ihm erklärte, daß ich nur unter der Bedin⸗ gung ſein Freund bleiben könne, daß er augenblicklich in Alles willige. Er ſtellte mir in Gegenwart zweier Zeugen eine Schrift aus und ich ſchickte dieſelbe unverzüglich durch einen Expreſſen nach Chambéry.. Dieſer falſche Marquis, wie es deren ſo viele giebt, wollte mir in ſeiner armſeligen Wohnung zu eſſen geben. Seine jüngere Tochter hatte keine Aehnlichkeit mit der ältern und ſeine Frau jammerte mich. Beim Weggehn wickelte ich ſechs Louisd'ors in ein Stück Papier und ſteckte ſie ihr auf eine geſchickte Weiſe zu, ohne daß ihr Mann es in der Nonnenzelle ———— 1 ¹ 13 6 3 140 merkte. Ein dankbarer Blick ſagte mir, daß das Geſchenk willkommen war. Da ich nach Paris gehen mußte, ſo gab ich Deſer⸗ moiſes ſo viel Geld als nöthig war, um mich mit Le Duc in Straßburg zu erwarten. Ich glaubte wohl zu thun, daß ich nur Coſta mit⸗ nahm; ich war von meinem ſchlechten Genius berathen. Ich nahm den Weg durch das Bourbonnois, langte in Paris am dritten Tage an und ſtieg in der Straße und im Gaſthofe des heiligen Geiſtes ab. Ehe ich mich zu Bett legte, ſchrieb ich Frau von Urfé ein Billet und ſchickte es ihr durch Coſta. Ich verſprach ihr, am folgenden Tage bei ihr zu ſpeiſen. Coſta war ein ziemlich hübſcher Junge, und da er ſchlecht franzöſiſch ſprach und etwas dumm war, ſo war ich ſicher, daß Frau von Urfé ihn für ein außerordentliches Weſen halten würde. Sie antwortete, daß ſie mich mit der lebhafteſten Ungeduld erwarte. Sage mir Coſta, wie die Dame Dich aufgenommen und mein Billet geleſen hat. Herr, ſie hat mich durch einen Spiegel angeſehn und dabei Worte geſprochen, die ich nicht verſtehe; nachdem ſie ſodann dreimal das Zimmer durchſchritten und Räucherwerk angezündet, iſt ſie mit majeſtätiſcher Miene auf mich zuge⸗ kommen und hat mich aufmerkſam angeſehn; ſodann hat ſie mich mit liebenswürdigem Lächeln gebeten, ihre Antwort im Eingangszimmer abzuwarten. Neunundachtzigſtes Kapitel. Mein Aukenthalt in Paris und meine Abreiſe nach Straßburg, mo ich die Renaud kinde.— Mein Unglück in München und mein trauriger Aukenthalt in Augsburg. Erfriſcht durch das angenehme Gefühl, in Paris zu ſein, dieſer ſo unvollkommenen aber ſo anziehenden Stadt, kom aber Lond Min Gene Perſ lichke ch ch 9. zu dt, daß keine Stadt der Welt ihr den Rang als Stadt par excellence ſtreitig machen kann, begab ich mich um zehn Uhr Morgens zu meiner theuren Urfé, die mich mit offnen Armen empfing. Sie ſagte, der junge Aranda befinde ſich wohl, und wenn ich es wünſche, ſolle er am folgenden Tage mit uns ſpeiſen. Ich erwiderte, das werde mir angenehm ſein und verſicherte ihr ſodann, die Operation ihrer Mann⸗ werdung ſolle erfolgen, ſobald Querillint, einer der drei Häupter der Roſenkreuzer, aus dem Gefängniſſe der Liſſa⸗ boner Inquiſition befreit ſein werde. Zu dieſem Zwecke, fuhr ich fort, muß ich im Laufe des nächſten Monats nach Augsburg gehn, wo ich unter dem Vorwande mich eines Auftrags der Regierung zu entledigen, mit dem Grafen von Storman Konferenzen zur Befreiung des Adepten haben werde. Dazu, Madame, brauche ich einen Kreditbrief, Uhren und ſchöne Doſen, um Geſchenke zur rechten Zeit machen zu können, denn wir müſſen Profane verführen. Ich übernehme das Alles recht gern, theurer Freund, aber Sie brauchen ſich nicht zu übereilen, denn der Kongreß tritt erſt im September zuſammen. Er wird nie ſtattfinden, Madame; aber die Miniſter der kriegführenden Mächte werden nichts deſtoweniger zu⸗ ſammentreten. Wenn gegen meine Erwartung der Kongreß ahgehalten würde, wäre ich genöthigt, nach Liſſabon zu reiſen. In jedem Falle verſpreche ich Ihnen, daß wir uns dieſen Winter wiederſehen werden. Die vierzehn Tage, welche ich hier zubringen muß, ſind nothwendig, um eine Kabale des Grafen St. Germain zu zerſtören. Saint Germain! er wagt nicht nach Paris zurückzu⸗ kommen. Ich bin im Gegentheile ſicher, daß er hier iſt, ſich aber verborgen hält. Der Staatsbote, der ihm befahl, London zu verlaſſen, hat ihn überzeugt, daß das engliſche Miniſterium ſich durch das vom Grafen von Affri an die Generalſtaaten geſtellte Anſuchen wegen Auslieferung ſeiner Perſon nicht hat täuſchen laſſen. Dieſe ganze Erzählung gründete ſich auf Wahrſchein⸗ lichkeiten, und man wird ſehen, daß ich richtig gerathen hatte. —— 9 14²2 Madame d'Urfé becomplimentirte mich ſodann wegen des reizenden Mädchens, welches ich von Grenoble herge⸗ ſchickt. Valenglard hatte ihr Alles geſchrieben. Der König, ſagte ſie, betet ſie an, und ſie wird ihn bald zum Vater machen. Sie wird mit einem Sohne niederkommen, durch wel⸗ chen Frankreich glücklich werden wird, und nach dreißig Jahren werden Sie wunderbare Sachen ſehen, die ich Ihnen leider nicht vor Ihrer Umwandlung mittheilen darf. Haben Sie mit ihr von mir geſprochen? Das nicht; aber ich bin ſicher, daß Sie Mittel finden werden, ſie zu ſprechen, wäre es auch nur durch Madame Vareier. Sie täuſchte ſich nicht; aber der Zufall führte Folgendes herbei, um die Narrheit dieſer ausgezeichneten Frau noch zu ſteigern. Gegen vier Uhr ſprechen wir von meinen Reiſen und Plänen, als ſie Luſt bekam, das Bois de Boulogne zu be⸗ ſuchen. Sie bat mich, ſie zu begleiten, und ich kam ihrem Wunſche nach. In der Umgegend von Madrid ſtiegen wir aus; nachdem wir in das Gehölz eingetreten, ſetzten wir uns am Fuße eines Baumes nieder. Heute, ſagte ſie, ſind es achtzehn Jahre, ſeitdem ich an der Stelle, wo wir jetzt ſind, allein eingeſchlafen war. Während meines Schlafes ſtieg der göttliche Horosmadis von der Sonne herunter und leiſtete mir bis zu meinem Erwachen Geſellſchaft. Als ich die Augen aufmachte, ſah ich, wie er mich wieder verließ und zum Himmel aufſtieg. Er ließ mich ſchwanger mit einer Tochter zurück, welche er mir vor zehn Jahren ent⸗ riſſen hat, wahrſcheinlich um mich zu ſtrafen, daß ich mich ſo weit vergeſſen, nach ihm noch einen Sterblichen zu lieben. Meine göttliche Iriaſis glich ihm. Sie wiſſen gewiß, daß Herr von Urfé nicht ihr Va⸗ ter war? Herr von Urfé hat mich nicht mehr erkannt, ſeitdem er mich an der Seite der göttlichen Anael hat ſchla⸗ ffen ſehn. Das iſt der Genius der Venus. Schielte er? egen erge⸗ nig, zater wel⸗ eißig hnen aben nden dame ndes noch und be⸗ hrem wir wir ſind jetzt lafes und s ich erließ mit ent⸗ mich teben. 143 Außerordentlich. Sie wiſſen alſo, daß er ſchielt? Ich weiß auch, daß er in der verliebten Kriſis aufhört zu ſchielen. Ich habe darauf nicht Acht gegeben. Er hat mich ebenfalls verlaſſen wegen eines Fehltritts, den ich mit einem Araber begangen. Derſelbe war Ihnen durch den Genius des Mercur, einen Feind Anaels, zugeſchickt. So muß es wohl ſein, und ich bin ſehr unglücklich geweſen. Nein, dieſe Begegnung hat Sie zur Umwandlung ge⸗ eignet gemacht. Wir gingen nach unſerm Wagen, als ſich plötzlich St. Germain unſern Blicken zeigte; als er uns aber be⸗ merkte, kehrte er um und verlor ſich in einer andern Allee. Haben Sie ihn geſehen? fragte ich. Er arbeitet gegen uns, aber unſre Genien haben ihn in Schrecken geſetzt. Ich bin ſtarr vor Erſtaunen. Morgen früh werde ich nach Verſailles gehen, um dem Herzoge von Choiſeul dieſe Nachricht zu hinterbringen. Ich bin neugierig, was er ſa⸗ gen wird. 4 Als wir nach Paris zurückkamen, verließ ich dieſe Dame und begab mich zu meinem Bruder, der an der Porte Saint⸗Denis wohnte. Er empfing mich mit Freudengeſchrei wie nicht minder ſeine Frau, welche ich ſehr hübſch, aber ſehr unglücklich fand, denn der Himmel hatte ihrem Gatten nicht die Fähigkeit verliehn, ihr zu beweiſen, daß er Mann ſei, und ſie hatte das Unglück, in ihn verliebt zu ſein. Ich ſage das Unglück, weil ihre Liebe ſie treu machte; da ihr Mann ſie ſehr gut behandelte und ihr völlige Freiheit ließ, ſo hätte ſie ſonſt leicht Abhülfe gegen ihr Unglück finden können. Sie wurde von Kummer verzehrt, weil ſie die Impotenz meines Bruders nicht errieth und glaubte, er be⸗ raube ſie nur deshalb des Gegenſtandes ihrer Begierden, weil ſeine Liebe der ihrigen nicht entſpreche; ſie war übri⸗ gens zu entſchuldigen, weil ihr Mann ein Herkules zu ſein ſchien, und es auch war, nur nicht da, wo ſie es wünſchte. Der Kummer zog ihr eine Auszehrung zu, an welcher ſie 144 fünf oder ſechs Jahre ſpäter ſtarb. Sie ſtarb nicht, um ihren Gatten zu ſtrafen, aber wir werden ſpäter ſehn, daß ihr Tod eine wahre Strafe für ihn war. Am folgenden Tage ſtattete ich Madame Varnier einen Beſuch ab, um ihr den Brief von Madame Morin zu über⸗ bringen. Ich wurde gut aufgenommen, und ſie hatte die Freundlichkeit, mir zu ſagen, ſie habe noch Niemand ſo leb⸗ haft wie mich kennen zu lernen gewünſcht, denn ihre Nichte habe ihr ſoviel von mir erzählt, daß ſie außerordentlich neu⸗ gierig geworden ſei. Man weiß, daß dieß die ſtärkſte Krank⸗ heit der Frauen iſt. Sie werden meine ſchöne Nichte ſehn, mein Herr, ſagte ſie, und werden von ihr ſelbſt Alles er⸗ fahren, was ſie und den Zuſtand ihres Herzens betrifft. Sie ſchrieb augenblicklich ein Billet und legte den Brief, den mir Madame Morin mitgegeben, bei. Wenn Sie die Antwort meiner Nichte kennen lernen wollen, ſagte Madame Varnier zu mir, ſo lade ich Sie zum Mittags⸗ eſſen ein. Ich nahm dieß an und ſte ließ ſich ſogleich für Jedermann verläugnen. Der kleine Savoyarde, der den Brief nach Paſſy ge⸗ bracht, kehrte um vier Uhr mit einem folgendermaßen lau⸗ tenden Billet zurück: „Der Augenblick, wo ich den Ritter von Seingalt ſehn werde, wird einer der glücklichſten meines Lebens ſein. Sorgen Sie dafür, daß er übermorgen um zehn Uhr bei Ihnen iſt, und wenn er um dieſe Zeit verhindert ſein ſollte, laſſen Sie es mich wiſſen.“ Nachdem ich dieß Billet geleſen und verſprochen, mich pünktlich einzufinden, verließ ich Madame Varnier und be⸗ gab mich zu Madame du Rumain, welche mich nöthigte, ihr einen ganzen Tag zu ſchenken, um ihr eine Menge Fra⸗ gen zu beantworten, welche ſie mir vorzulegen hatte und für welche ich der Hülfe meines Orakels bedurfte. Am folgenden Tage vernahm ich von Frau von Urfé die komiſche Antwort, welche ihr der Herzog von Choiſeul gegeben, als ſie ihm ihre Begegnung mit dem Grafen St. Germain im bois de Boulogne erzählte. Ich wundre mich nicht darüber, hatte der Miniſter geantwortet, da er di Nacht in meinem Kabinet geweſen. Dieſer Herzog, ein geiſtreicher Mann und beſonders ein Mann von Welt, war von ſehr mittheilſamen Charak⸗ ter, und konnte nur bei Gegenſtänden von außerordentlicher Wichtigkeit das Geheimniß bewahren; hierin unterſchied er ſich ſehr von jenen Dutzend⸗Diplomaten, welche ſich wichtig machen, indem ſie mit ganz elenden Sachen, deren Geheim⸗ haltung ebenſo gleichgültig wie ihr Bekanntwerden iſt, wich⸗ tig thun. Allerdings erſcheint Herrn von Choiſeul nur ſelten eine Sache wichtig, und wenn die Diplomatie nicht die Wiſſenſchaft der Intrigue und Verſchlagenheit wäre, und dagegen die Moral und Wahrheit die Grundlage der Staats⸗ angelegenheiten bildeten, wie ſie ſollten, ſo wäre die Geheim⸗ haltung ehe lächerlich als nöthig. Der Herzog von Choiſeul hatte ſcheinbar St. Germain in Frankreich in Ungnade fallen laſſen, um ſich ſeiner in London als Spion zu bedienen; aber Lord Halifar ließ ſich dadurch nicht täuſchen, ſondern fand die Liſt ſogar ſehr grob; aber dergleichen Artigkeiten erweiſen ſich alle Regie⸗ rungen, um ſich keine Vorwürfe machen zu dürfen. Nachdem der kleine Aranda mich mit Liebkoſungen überſchüttet, bat er mich, in ſeiner Penſion zu frühſtücken und verſicherte mir, daß Fräulein Viard ſich ſehr freuen würde, mich zu ſehn. Am folgenden Tage fand ich mich pünktlich zu dem von der ſchönen Romans angeſetzten Stelldichein ein. Ich war eine Viertelſtunde vor dieſer blendenden Brünetté bei Madame Varnier, und das ſtarke Herzklopfen, mit welchem ich ihr entgegenſah, zeigte mir, daß die kleinen Gunſtbezeu⸗ gungen, welche ich von ihr erlangt, nicht vermocht hatten, das Feuer zu löſchen, das ſie in mir entzündet. Als ſie erſchien, imponirte mir ihre Leibeszunahme. Eine Art Ehr⸗ furcht, welche ich einer fruchtbaren Sultanin ſchuldig zu ſein glaubte, hielt mich ab, ihr mit Zärtlichkeitsäußerungen zu nahen; aber ſie machte keineswegs größere Anſprüche auf Achtung als damals, wo ich ſie arm aber unbefleckt in Grenoble kennen gelernt. Das ſagte ſte mir in klaren Aus⸗ XII. 10 † 146 drücken, nachdem ſie mich herzlich umarmt. Man hält mich für glücklich, ſagte ſie, und man beneidet mein Loos; kann man aber wohl glücklich ſein, wenn man ſeine eigne Ach⸗ tung verloren hat? Seit ſechs Monate lächle ich kaum noch, während ich in Grenoble, wo ich arm war und faſt das Nothwendigſte entbehrte, offen und ohne Zwang lachte. Ich habe Diamanten, Spitzen, einen herrlichen Palaſt, Equipa⸗ gen, einen ſchönen Garten, Frauen zu meiner Bedienung, eine Geſellſchaftsdame, welche mich vielleicht verachtet, und obwohl ich von den erſten Damen des Hofes wie eine Prin⸗ zeſſin behandelt werde und von denſelben freundſchaftliche Beſuche empfange, ſo vergeht doch faſt kein Tag, wo ich nicht Kränkungen zu erdulden habe. Kränkungen? Ja, man reicht bei mir Bittſchriften wegen Gnaden⸗ erweiſungen ein, und ich muß dieſelben mit Entſchuldigun⸗ gen wegen meiner Einflußloſigkeit zurückſchicken, da ich den König um nichts zu bitten wage. Warum wagen Sie es aber nicht?“ Weil ich nicht mit meinem Liebhaber ſprechen kann, ohne den Monarchen vor Augen zu haben. Ach! das Glück liegt in der Einfachheit und nicht im Glanze. Es beruht auf der Uebereinſtimmung der Stellungen, und Sie müſſen ſich zur Höhe derjenigen erheben, welche das Schickſal Ihnen angewieſen. Das kann ich nicht;ich liebe den König und fürchte beſtändig, ihm zu mißfallen. Ich finde immer, daß er zu viel für mich thut, deshalb wage ich nicht, für Andere et⸗ was zu erbitten. S. Aber der König würde gewiß glücklich ſein, wenn er Ihnen ſeine Liebe durch Gnadenbewilligungen an diejenigen Perſonen, denen Sie Ihre Theilnahme zugeßbendet zu haben ſcheinen, beweiſen könnte. Das glaube ich wohl, und das würde mich gluͤcklich machen; aber ich kann mich nicht überwinden. Ich habe hundert Louisd'ors monatlich an Nadelgeld; ich verbrauche ſie zu Almoſen und Geſchenken. Ich habe mir die, ohne weil ich ihn nicht beläſtige. Und Sie lieben ihn? Wie ſollte ich ihn nicht lieben! Er iſt höflich über alle Begriffe, gut, ſanft, ſchön, auf Alles eingehend und zärt⸗ lich; er hat alle Eigenſchaften, um das Herz einer Frau zu erobern. Er hört nicht auf, mich zu fragen, ob ich mit meinen Meubeln, meiner Garderobe, meinen Leuten, meinem Garten zufrieden bin, ob ich eine Veränderung wünſche, Ich umarme ihn, danke ihm und ſage, Alles ſei ganz vor⸗ trefflich, und ich fühle mich glücklich, ihn zufrieden zu ſehn. Spricht er mit Ihnen von dem Sprößlinge, mit dem Sie ihn beſchenken werden? Er ſagt oft, in meinem Zuſtande müſſe ich vor Allem auf meine Geſundheit Bedacht nehmen. Ich ſchmeichle mir, daß er meinen Sohn als Prinzen von Geblüt anerkennen und⸗ da die Königin todt iſt, muß er es ehrlicher Weiſe thun. Zweifeln Sie nicht daran. Ach, wie theuer wird mir mein Sohn ſein! Wie glücklich macht mich die Gewißheit, daß es kein Mädchen ſein wird! Aber ich ſage Niemand etwas davon. Wenn ich mit dem Könige von dem Horoscop zu ſprechen wagte, ſo bin ich überzeugt, daß er Sie würde kennen lernen wol⸗ len; aber ich fürchte die Verläumdung. Auch ich, theure Freundin; ſprechen Sie auch ferner. nicht davon, und möge nichts ein Glück ſtören, das ſich nur ſteigern kann, und das Ihnen verſchafft zu haben ich mich glüͤcklich ſchätze. Wir trennten uns unter Thränen. Sie ging zuerſt weg, nachdem ſie mich umarmt und ihren beſten Freund genannt. Ich blieb allein bei Madame Varnier, um mich etwas zu erholen, und ſagte zu derſelben, anſtatt ihr das Horoscop zu ſtellen, hätte ich ſie heirathen ſollen. Sie würde glücklicher geworden ſein. Sie haben viel⸗ leicht weder ihre Schüchternheit noch ihren Mangel an Ehr⸗ geiz vorhergeſehn. Ich kann Ihnen verſichern, Madame, daß ich weder 10* Zweifel falſche, Idee gemacht, daß der König mich nur liebt, 148 auf ihren Muth noch auf ihren Ehrgeiz gerechnet habe. Ich habe mein Glück aus den Augen geſetzt, um nur an das ihrige zu denken. Aber es iſt nun einmal geſchehn. Ich würde mich indeß tröſten, wenn ich ſie ganz glücklich ſähe. Ich hoffe, daß ſie es werden wird, beſonders wenn ſie mit einem Sohne niederkommt. Nachdem ich bei Frau von Urfé zu Mittag geſpeiſt, beſchloſſen wir, Aranda wieder in ſeine Penſion zu ſchicken, um bei unſern kabbaliſtiſchen Arbeiten ungeſtörter zu ſein; ſodann ging ich in die Oper, wo mein Bruder mir ein Stelldichein gegeben, um mich bei Madame Vanloo zum Abendeſſen zu führen, welche mich ſehr freundſchaftlich em⸗ pfing. Sie werden, ſagte ſie, das Vergnügen haben, mit Madame Blondel und ihrem Manne zu ſpeiſen. Der Leſer wird ſich erinnern, daß dieß Marie Baletti war, welche ich hatte heirathen ſollen. Weiß ſie, daß ich hier bin? fragte ich. Nein, ich habe mir das Vergnügen, ſie zu überraſchen, vorbehalten. Ich danke Ihnen, daß Sie ſich nicht auch an der mei⸗ nigen haben weiden wollen. Wir werden uns wiederſehn, Madame, aber für heute ſage ich Ihnen Lebewohl, denn als Ehrenmann glaube ich nicht aus freiem Antriebe an einen Ort, wo Madame Blondel ſein wird, kommen zu dürfen. Ich ging weg zur großen Verwunderung aller Anwe⸗ ſenden. Da ich nicht wußte wohin, nahm ich einen Fia⸗ ker, und ſpeiſte zu Abend bei meiner Schwägerin, die mir großen Dank dafür wußte. Aber während des ganzen Abendeſſens hörte das reizende Weib nicht auf, ſich über ſeinen Mann zu beklagen, der ſie nicht hätte heirathen ſol⸗ len, da er wohl wußte, daß er nicht im Stande war, die Pflichten eines Mannes gegen eine Frau zu erfüllen. Warum haben Sie nicht eine Probe angeſtellt, ehe Sie ihn heiratheten? Aber paßte ſichs denn, daß ich den erſten Schritt that? Und wie ſollte ich auch glauben, daß ein ſo ſchöner Mann zu nichts zu gebrauchen ſei? Folgendes iſt die Geſchichte. Ich tanzte, wie Sie wiſſen, in der italiäniſchen Komödie, ——— 149 und wurde von Herrn von Sanci, Schatzmeiſter bei der Verwaltung der erledigten geiſtlichen Pfründen, unterhalten. Er führte Ihren Bruder zu mir. Er gefiel mir, und ich bemerkte bald, daß er mich liebte. Mein Liebhaber meinte, dieß ſei eine Gelegenheit, mein Glück durch eine Heirath zu machen. Deshalb nahm ich mir vor, ihm nichts zu bewil⸗ ligen. Er kam Morgens zu mir und fand mich allein im Bette; wir plauderten, und er ſchien Feuer zu fangen, aber es kam nur zu Küſſen. Ich wartete auf eine förmliche Er⸗ klärung, um den von mir gewünſchten Abſchluß herbeizu⸗ führen. Nun ſetzte mir Herr von Sanci eine jährliche Rente von tauſend Thalern aus, die es mir möglich machte mich vom Theater zurückzuziehen. Als die ſchöne Jahreszeit gekommen war, lud Herr von Sanci Ihren Bruder ein, einen Monat auf dem Lande zuzubringen, und nahm mich mit; damit Alles in der Form des Anſtandes vor ſich ginge, wurde die Verabredung ge⸗ troffen, daß ich als ſeine Frau vorgeſtellt werden ſolle. Dieſer Vorſchlag gefiel Herrn Caſanova, da er die Sache nur als einen Scherz betrachtete, und wohl nicht glaubte, daß ſie weitere Folgen haben würde. Er ſtellte mich alſo der ganzen Familie meines Liebhabers und ſeinen Verwand⸗ ten, Parlamentsräthen, Militairs, Stutzern, deren Frauen vornehmen Ton hatten, als ſeine Frau vor. Er fand es luſtig, daß die Vorſchriften der Komödie ihn nöthigten, darauf zu beſtehen, daß wir zuſammenſchliefen. Ich konnte mich nicht weigern, wenn ich nicht eine ſehr traurige Figur ſpielen wollte; überdieß fühlte ich auch keine Abneigung ge⸗ gen ein ſolches Zugeſtändniß, betrachtete daſſelbe vielmehr als ein Mittel, mich ſchnell zum Ziele meiner Wünſche zu führen.* Was ſoll ich weiter ſagen! Ihr Bruder war zärtlich und gab mir tauſend Beweiſe ſeiner Liebe, kam aber, ob⸗ wohl er mich dreißig Nächte hinter einander in Beſitz hatte, nie zu dem Abſchluſſe, der unter ſolchen Verhältniſſen na⸗ tuͤrlich ſcheinen muß. Sie hätten damals zu der Einſicht kommen müſſen, daß er unfähig dazu ſei, denn wenn er nicht anders von — ſſſ— ——— —— 8— — — &— — — — 150 Marmor war, oder als er ſich der gewaltigſten aller Ver⸗ führungen ausſetzte, das Gelübde der Keuſchheit abgelegt hatte, ſo mußte ſein Benehmen ganz unerklärlich erſcheinen. So ſcheint es Ihnen, aber in Wahrheit zeigte er ſich weder fähig noch unfähig, mir Beweiſe ſeiner Liebe zu geben. Warum überzeugten Sie ſich nicht durch ſich ſelbſt? Ein Gefühl der Eitelkeit, übelverſtandenen Stolzes ge⸗ ſtattete mir nicht, mich zu enttäuſchen. Ich ahnte nicht die Wahrheit, ſondern machte mir zahlloſe Ideen, welche mei⸗ nem Stolze ſchmeichelten. Mir kam es ſo vor, als ob er mich, weil er mich wahrhaft liebte, nicht proben wolle, ehe ich ſeine Frau geworden. Deshalb entſchloß ich mich nicht zu der demuͤthigenden Probe einer Unterſuchung. Alles dieß, liebe Schwägerin, hätte, obwohl es unge⸗ wöhnlich iſt, natürlich erſcheinen können, wenn Sie ein jun⸗ ges unſchuldiges Mädchen geweſen wären; aber mein Bru⸗ der wußte doch, daß Sie Ihr Noviziat berits abgelegt hatten. Das iſt Alles ſehr wahr; was für Gedanken ent⸗ wickeln ſich aber nicht im Kopfe einer verliebten Frau, welche die Eigenliebe eben ſo ſehr wie die Liebe ſtachelt? Sie reden ſehr vernünftig, aber etwas ſpät. Ich weiß es nur zu gut. Endlich kehrten wir nach Paris zurück und er zog wieder in ſeine gewöhnliche Woh⸗ nung und ich meine petite maison; er fuhr fort, mir den Hof zu machen, und ich empfing ihn, ohne mir ein ſo ſelt⸗ ſames Benehmen erklären zu können. Herr von Sanci, welcher wußte, daß es zwiſchen uns zu nichts Ernſthaftem gekommen war, verlor ſich in Muthmaßungen und konnte das Räthſel nicht löſen. Er fürchtet wahrſcheinlich, ſagte er, Dir ein Kind zu machen und Dich heirathen zu müſſen. Auch ich fing an, das zu glauben; das ſchien mir aber doch eine ſeltſame Denkweiſe für einen Verliebten. Herr von Nesle, Offizier in den Gardes françaises, Mann einer hübſchen Frau, welche mich auf dem Lande kennen gelernt, ging zu Ihrem Bruder, um mir einen Be⸗ ſuch zu machen. Da er mich nicht fand, fragte er denſelben, warum ich nicht bei ihm ſei. Diefer erwiederte grad her⸗ — x⏑ „„—.——,,———,—— ꝗ 8d, 8A 8S RK 151 aus, ich ſei nicht ſeine Fran, und er habe ſich nur einen Scherz gemacht. Herr von Nesle erkundigte ſich bei mir, ob das wahr ſei, und als er die Wahrheit erfahren, fragte er mich, ob ich es üͤbel aufnehmen würde, wenn er Herrn Caſanova nöthigte, mich zu heirathen. Ich erwiederte ihm, er würde mir einen großen Gefallen thun. Mehr verlangte er nicht. Er erklärte Ihrem Bruder, ſeine Frau würde nicht mit mir als Ihresgleichen geſprochen haben, wenn ich ihr nicht von ihm ſelbſt als ſeine Gemahlin vorgeſtellt worden und dadurch aller Vorrechte der guten Geſellſchaft theil⸗ haftig geworden wäre, ſeine Täuſchung ſei eine Schmach für die ganze Geſellſchaft geweſen, und er müſſe ſein Un⸗ recht wieder gut machen, indem er mich entweder binnen acht Tagen heirathe oder ſich mit ihm auf Tod und Leben duellire. Er fügte noch hinzu, für den Fall, daß er in dieſem Kampfe unterliege, würde er von allen Männern, die gleich ihm durch ſein Benehmen beleidigt ſeien, gerächt werden. Caſanova erwiederte, weit entfernt ſich zu ſchla⸗ gen, um einer Heirath mit mir zu entgehn, ſei er vielmehr bereit, eine Lanze brechen, um mich zu bekommen. Ich liebe ſie, ſagte er, und wenn ich ihr gefalle, bin ich bereit, ihr meine Hand zu geben. Haben Sie nur die Güte mir den Weg zu bahnen; ich ſtehe jeden Augenblick zur Verfügung. Herr von Nesle umarmte ihn, verſprach ihm, Alles zu unternehmen und brachte mir ſodann dieſe Nachricht, welche mich mit Freude erfüllte. Im Laufe der Woche wurde Al⸗ les zu Stande gebracht. Herr von Nesles veranſtaltete uns ein herrliches Mahl an unſerm Hochzeitstage, und ſeit⸗ dem führe ich den Namen ſeiner Frau, einem leeren Namen, denn trotz der Ceremonie und des verhängnißvollen Ja bin ich nicht verheirathet, da Ihr Bruder ganz impotent iſt. Ich bin unglücklich und er trägt allein die Schuld, denn er mußte wiſſen, wie es mit ihm ſtand. Er hat mich ſchreck⸗ lich getäuſcht. Aber er iſt dazu gezwungen worden; er iſt nicht ſo⸗ wohl ſtrafbar als bemitleidenswerth. Ich beklage Sie eben⸗ falls, gebe Ihnen aber dennoch Unrecht, denn nachdem Sie ein ganzes Monat bei ihm geſchlafen, ohne daß er Ihnen eine Probe ſeiner Potenz gegeben, mußten Sie die Wahr⸗ 1⁵² heit vermuthen. Wären Sie auch ganz unſchuldig geweſen, ſo hätte Ihnen Herr von Sanci ſagen müſſen, wie die Sachen ſtanden, denn er muß wiſſen, daß ein Mann nicht neben einer hübſchen Fran liegen und ſie nackt in ſeine Arme drücken kann, ohne unwillkürlich in eine phyſiſche Lage zu gerathen, die er ſich nicht verbergen kann, wenn er nicht gänzlich der Fähigkeit, die ſein Weſen bildet, be⸗ raubt iſt. In Ihrem Munde finde ich das Alles richtig, und dennoch haben wir beide nicht daran gedacht, ſo ſehr er⸗ ſcheint er ſeinem Aeußern nach als Herkules. Theure Schwägerin, ich ſehe nur ein Mittel gegen Ihr Unglück, daß Sie Ihre Ehe annulliren laſſen oder einen Liebhaber nehmen, denn ich halte meinen Bruder für zu vernünftig, um Sie daran zu hindern. Ich bin völlig frei, aber ich kann weder an einen Liebhaber noch an Scheidung denken, denn der Abſcheuliche behandelt mich ſo gut, daß meine Liebe für ihn beſtändig zunimmt, wodurch ich nur um ſo unglücklicher werde. Das arme Weib ſchien mir ſo unglücklich, daß ich mich gern dazu verſtanden hätte, ſie zu tröſten, aber daran war nicht zu denken. Indeß hatte dieſe Mittheilung ihren Schmerz doch für den Augenblick erleichtert; ich wünſchte ihr Glück dazu, und nachdem ich ſie auf eine Weiſe umarmt, aus welcher ſie abnehmen konnte, daß ich nicht mein Bruder ſei, ſagte ich ihr gute Nacht. Am folgenden Tage beſuchte ich Madame Vanloo, welche mir mittheilte, daß Madame Blondel ſie gebeten, mir dafür zu danken, daß ich nicht geblieben, daß aber ihr Mann ſte gebeten, mir zu ſagen, es thue ihm ſehr leid, mich nicht geſehn zu haben, und mir nicht ſeinen Dank haben aus⸗ drücken zu können. Er hat wahrſcheinlich ſeine Frau ganz unſchuldig ge⸗ funden; aber das iſt nicht meine Schuld und er iſt dafür nur Marie Balletti verpflichtet. Man hat mir geſagt, er habe ein niedliches Püppchen, wohne im Louvre und ſeine Frau wohne in einem andern Hauſe in der rue Neuve- des-Petits-Champs. — 8& & SͤNX SSäOSOͤSAᷣ 2 8 d3dS—- — ———½— 15⁵3 Das iſt wahr; aber er ſpeiſt alle Tage zu Abend bei ihr. Das iſt eine merkwürdige Haushaltung. Eine ſehr gute, ich verſichere es Ihnen. Blondel will ſeine Frau nur als Liebhaber beſitzen. Wie er ſagt, wird dadurch die Liebe erhalten, und da er nie eine Geliebte ge⸗ habt, welche ſeine Frau zu ſein verdient hätte, ſo iſt er froh, daß er eine Frau gefunden, welche ſeine Geliebte zu ſein verdient. Den ganzen folgenden Tag widmete ich Frau von Ru⸗ main und wir beſchäftigten uns bis zum Abend mit ſehr ſchwierigen Fragen. Ich verließ ſie ſehr zufrieden. Die Verheirathung mit Fräulein Cotenfau, ihrer Tochter, mit Herrn von Polignac, welche fünf oder ſechs Jahre ſpäter erfolgte, war die Folge unſerer kabbaliſtiſchen Berech⸗ nungen. Die ſchöne Strumpfhändlerfrau aus der rue des Prou- vaires, welche ich ſo ſehr geliebt, war nicht mehr in Paris; ein gewiſſer Herr von Langlade hatte ſie entführt und ihr Mann war im Elende. Camilla war krank, Caralline war Marquiſe und anerkannte Maitreſſe des Grafen von la Marche, Sohnes des Prinzen von Conti, geworden, wel⸗ chem ſie einen Sohn ſchenkte, der, als ich ihn zwanzig Jahre ſpäter kennen lernte, das Malteſerkreuz trug und den Namen eines Ritters von Montréal führte. Mehrere andere junge Perſonen, welche ich gekannt hatte, waren in die Provinzen gegangen, wo ſie als Witwen figurirten oder waren unzugänglich geworden. So war Paris zu meiner Zeit. Die Mädchen, In⸗ triguen, Principien wechſelten eben ſo ſchnell wie die Mode. Meinem alten Freunde Baletti, der das Theater ver⸗ laſſen, nachdem er ſeinen Vater verloren und eine Figu-⸗ rantin geheirathet, widmete ich einen ganzen Tag. Er ar⸗ beitete in Meliſſenkraut und hoffte den Stein der Weiſen zu finden. Zu meiner angenehmen Ueberraſchung fand ich im Foyer den Comédie-Française den Dichter Poinſinet, der mich wiederholentlich umarmte und mir dann erzählte, Herr du 154 Tillot habe ihn mit Wohlthaten überhäuft. Er hat mich nicht untergebracht, ſagte er, weil man in Italien nichts mit einem franzöſiſchen Dichter anzufangen weiß. Wiſſen Sie etwas von Lord Limore? fragte ich. Ja, er hat von Livorno an ſeine Mutter geſchrieben, daß er nach Indien gehe, und daß er ſich in den römiſchen Gefängniſſen befinden würde, wenn Sie nicht die Güte ge⸗ habt hätten, ihm tauſend Louisd'ors zu geben. Ich nehme großen Antheil an ſeinem Schickſale und würde gern Milady ſehn. Ich will Sie anmelden und bin überzeugt, daß ſie Sie zum Abendeſſen behalten wird, denn ſie wünſcht ſehr, Sie zu ſprechen. Wie geht es Ihnen hier? fragte ich; ſind Sie mit Apollo zufrieden. Er iſt nicht der Gott des Paktolus; ich habe keinen Pfennig und keine Wohnung und werde gern ein Abend⸗ eſſen annehmen, wenn Sie mich einladen wollen. Ich werde Ihnen den Cercle vorleſen, welchen die Komödianten ange⸗ nommen haben und welchen ich in der Taſche habe. Ich bin ſicher, daß dieſes Stück Erfolg haben wird. Der Cercle war ein kleines Stück in Proſa, in wel⸗ chem der Dichter den Jargon des Doktor Herrenſchwand, Bruders desjenigen, den ich in der Schweiz kennen gelernt, verſpottete. In der That hatte das Stück großen Erfolg. Ich führte ihn zum Abendeſſen, und der Zögling der Muſen aß wie ein Scheundreſcher. Am folgenden Tage zeigte er mir an, daß die Gräfin von Limore mich zum Abendeſſen erwarte. Ich fand dieſe noch ſchöne Dame in Geſellſchaft Herrn von St. Albins, Erzbiſchofs von Cambrai, ihres ältlichen Liebhabers, der das ganze Einkommen ſeines Erzbisthums für ſie verausgabte. Dieſer würdige Kirchenfürſt war einer der natürlichen Söhne des Herzogs von Orleans, des be⸗ rühmten Regenten von Frankreich, und einer Komödiantin. Er ſpeiſte mit uns, machte aber den Mund nur zum Eſſen auf, und ſeine Geliebte ſprach nur von ihrem Sohne, deſ⸗ ſen Geiſt und Talent ſie in die Wolken erhob, während in — ☛ 15⁵ der That Lord Limore nur ein Taugenichts war; aber ich glaubte nichts dagegen ſagen zu dürfen. Das wäre wirk⸗ lich grauſam geweſen. Ich verließ ſie mit dem Verſprechen ihr zu ſchreiben, wenn ich mit ihrem Sohne zuſammen⸗ treffen ſollte. Poinſinet, der obdachlos war, blieb die Nacht auf meinem Zimmer und nachdem ich ihn am folgenden Tage zwei Taſſen Chocolade bei mir hatte trinken laſſen, gab ich ihm Geld, um ſich ein Zimmer zu miethen. Ich habe ihn nicht wieder geſehn, da er wenige Jahre ſpäter nicht in der Hippokrene, ſondern in Guadequivir ertrank. Er ſagte, er ſei acht Tage bei Herrn von Voltaire geweſen und habe ſich beeilt nach Paris zurückzukehren, um den Abbé Mo⸗ rellet aus der Baſtille zu befreien. Ich hatte in Paris nichts weiter zu thun und war⸗ tete um abzureiſen nur auf die Kleider die ich beſtellt, und ein Kreuz von Rubinen und Diamanten des Ordens, mit welchem mich der heilige Vater decorirt. Ich erwartete dies Alles binnen fünf bis ſechs Tagen, als ein unangenehmer Vorfall mich zur ſchleunigen Ab⸗ reiſe nöthigte. Folgendes war dieſer Vorfall den ich ſehr ungern niederſchreibe, da er mir beinahe Leben und Ehre gekoſtet hätte, mehr als hunderttauſend Franes gar nicht gerechnet. Ich beklage die Thoren, welche, wenn Ihnen et⸗ was Uebles zuſtößt ſich ans Glück halten, ſtatt ſich an ſich ſelbſt zu halten. Ich ging im Tulleriengarten gegen zehn Uhr Morgens ſpaziren, als ich unglücklicher Weiſe der Dange⸗ nancour nebſt einem andern Mädchen begegnete. Dieſe Dangenancour war eine Opernfigurantin, mit welcher ich während meines letzten Aufenthaltes in Paris vergeblich Bekanntſchaft anzuknüpfen verſucht hatte. Erfreut über den glücklichen Zufall, der ſie mir zu ſo gelegener Zeit in den Weg führte, redete ich ſie an und brauchte ſie nicht lange zu bitten, um ſie zur Annahme eines Mittagseſſens in Choiſy zu bewegen. Wir begeben uns nach dem Palais Royal, nehmen einen Fiaker und fahren ab. Nachdem ich das Mittagseſſen ——— ——õ—NnNN—. —yI beſtellt, ſchicken wir uns zu einem Spaziergange im Garten an, als ich zwei Abenteurer die ich kannte und zwei Mäd⸗ chen, die mit dem meinigen befreundet waren, aus einem Fiaker ſteigen ſah. Die unſelige Wirthin, welche in der Thür ſtand, ſagte, wenn wir zuſammen ſpeiſen wollten, könne ſie uns ein ausgezeichnetes Mittagseſſen geben; ich ſagte nichts oder vielmehr ich fügte mich in die beiden Weibsperſonen. In der That ſpeiſten wir gut, und als Alles bezahlt war, und wir uns anſchickten nach Paris zu⸗ rückzukehren, bemerkte ich, daß ich meinen Ring nicht habe, welchen ich während des Eſſens vom Finger genommen, um ihn einem der beiden Abenteurer, Namens Santis, welcher ihn hatte ſehn wollen, zu zeigen. Es war ein hübſches Miniaturbild in Diamanten gefaßt, welches mir fünfund⸗ zwanzig Louisd'ors gekoſtet. Ich bat Santis ſehr höflich mir meinen Ring wiederzugeben; er erwiderte ſehr kalt⸗ blütig, er habe ihn mir wiedergegeben. Hätten Sie ihn mir wiedergegeben, entgegnete ich, ſo würde ich ihn haben, und ich habe ihn nicht. Er bleibt bei ſeiner Behauptung; die Mädchen ſagen nichts aber der Freund von Santis, ein Portugieſe, Namens Xavier, wagte zu ſagen, er habe ge⸗ ſehn, wie dieſer mir ihn wiedergegeben. Sie haben gelo⸗ gen, ſagte ich, faſſe Santis beim Halstuche und erkläre, daß ich ihn nicht eher weglaſſen würde, als bis er mir den Ring wiedergegeben. Aber nun ſteht der Portugieſe auf, um ſeinem Freunde beizuſtehn; ich thue einen Schritt rück⸗ wärts und erneuere mit dem Degen in der Hand meine Forderung. Da die Wirthin hinzukam und großes Ge⸗ ſchrei machte, ſo ſagte Santis zu mir, er werde mich über⸗ zeugen, wenn ich ihm geſtatten wolle, zwei Worte unter vier Augen mit mir zu reden. Da ich einfältiger Weiſe glaubte, er ſcheue ſich, mir den Ring in Gegenwart Al⸗ ler zurückzugeben, werde es aber unter vier Augen thun, ſo ſteckte ich den Degen wieder ein und rief ihm zu: Ge⸗ hen wir hinaus. Kavier ſtieg mit den vier Dämchen in den Fiaker und ſie fuhren nach Paris zurück. Santis folgte mir hinter das Schloß, wo er eine la⸗ chende Miene annahm und zu mir ſagte, er habe, um einen Spaß zu machen, ſeinem Freunde den Ring in die Taſche geſteckt, werde ihn mir aber in Paris wiedergeben. Das iſt ein Märchen, erwiderte ich, Ihr Freund be⸗ hauptet geſehen zu haben, wie Sie ihn mir in die Taſche geſteckt, und Sie haben ihn abfahren laſſen. Halten Sie mich für ſo unerfahren, daß ich mich durch einen derartigen Spaß anführen laſſen ſollte. Dies ſagend ſtrecke ich die Hand aus, um ihn an ſeiner Uhrkette zu faſſen; er aber tritt zurück und zieht den Degen. Ich ziehe ihn ebenfalls, und kaum habe ich mich ausgelegt, ſo führt er gegen mich einen Stoß, welchen ich parire, und auf ihn einſtürzend ſtoße ich ihn durch und durch. Er fällt und ſchreit nach Hülfe. Ich ſtecke den Degen wieder ein, und ohne mich nicht weiter um ihn zu kümmern, begab ich mich nach meinem Fiaker und fuhr nach Paris. Ich ſtieg auf dem Platze Manbert aus und begab mich zu Fuß und auf einem Umwege nach meinem Gaſthofe. Ich war ſicher, daß mich Niemand in meiner Wohnung ſuchen würde, denn mein Wirth wußte nicht einmal mei⸗ nen Namen. Ich brauchte den Reſt des Tages zum Packen meiner Sachen und nachdem ich Coſta befohlen, ſie auf meinen Wagen zu bringen, ging ich zu Frau von Urfé, welche ich von meinem Abenteuer in Kenntniß ſetzte, und bat, wenn die Sachen, die ſie mir geben wolle, bereit wären, ſie Coſta zu übergeben, der mich in Augsburg treffen würde. Ich hätte ſie bitten ſollen, mir die Sachen durch einen ihrer Bedienten zu ſchicken, aber mein guter Genius hatte mich an dieſem Tage verlaſſen. Auch glaubte ich nicht, daß Coſta ein Dieb ſei. Als ich in das Hotel zum heiligen Geiſte zurückge⸗ kehrt war, gab ich dem Schurken meine Inſtruktion, bat ihn ſich zu beeilen und verſchwiegen zu ſein und gab ihm das zur Reiſe nöthige Geld. In meinem mit vier Miethspferden beſpannten Wagen, welcher mich zur zweiten Station brachte, verließ ich Paris und hielt erſt in Straßburg an, wo ich Desarmoiſes und meinen Spanier fand. Da ich in dieſer Stadt nichts zu thun hatte, ſo wollte ich augenblicklich über den Rhein gehen, aber Desarmoiſes beredete mich, mit ihm zu einer hübſchen Perſon zu gehn, welche die Reiſe nach Augsburg nur in der Hoffnung, ſie gemeinſchaftlich mit mir zu machen, verſchoben hatte. Es iſt eine junge Dame, welche Sie kennen, ſagte der falſche Marquis; aber ich habe ihr mein Ehrenwort geben müſſen, Ihnen nicht ihren Namen zu ſagen. Sie hat nur ihre Kammerfrau bei ſich, und ich bin überzeugt, daß Sie ſich freuen werden, ſie zu ſehn. Meine Neugierde verleitete mich. Ich folge Désar⸗ moiſes und gelange in ein Zimmer, wo ich eine hübſche Frau erblickte, welche ich nicht ſogleich erkannte. Als ſich mein Gedächtniß wieder einſtellte, ſah ich, daß es eine Tän⸗ zerin war, welche ich vor acht Jahren auf dem Dresdner Theater reizend gefunden hatte. Sie gehörte damals dem Grafen Brühl, Oberſtallmeiſter des Königs von Polen und Kurfürſten von Sachſen; aber ich hatte keinen Verſuch ge⸗ macht, ihr den Hof zu machen. Da ſie eine gute Equi⸗ page hatte und zur Reiſe nach Augsburg bereit war, ſo malte ich mir ſogleich das Vergnügen aus, welches ein ſol⸗ ches Zuſammentreffen für mich haben konnte. Nach den gewöhnlichen Aeußerungen über ein beider⸗ ſeitiges angenehmes Wiederfinden, ſetzten wir unſere ge⸗ meinſchaftliche Abreiſe nach Augsburg auf den folgenden Morgen an. Die Schöne ging nach München; da ich in⸗ deß in dieſer kleinen Hauptſtadt nichts zu thun hatte, ka⸗ men wir überein, daß ſie ganz allein dort hingehn ſolle. Ich bin faſt überzeugt, daß Sie ebenfalls hinkommen werden, denn die meiſten Vertreter der Mächte, welche den Kongreß bilden, werden erſt im Laufe des September nach Augsburg kommen. Wir ſpeiſten zuſammen zu Abend und reiſten am fol⸗ genden Tage ab, ſie in ihrem Wagen mit ihrer Kammer⸗ frau, ich mit Désarmoiſes in dem meinigen, dem Le Due als Courrier voraufritt; aber in Raſtadt trafen wir einc andere Anordnung, denn die Renaud glaubte den Spekula⸗ tionen der Neugierde weniger Stoff zu geben, wenn ſie in men den nach fol⸗ mer⸗ Due einc jula⸗ ie in 159 meinen Wagen käme, anſtatt in dem ihrigen zu bleiben, und Désarmoiſes nahm gern einen Platz bei dem Kammer⸗ mädchen ein. Wir wurden bald ſehr vertraut. Sie machte mich mit ihren Angelegenheiten bekannt, wenigſtens ſchein⸗ bar, und ich theilte ihr Alles mit, was ich kein Intereſſe hatte, ihr zu verſchweigen. Ich ſagte ihr, ich habe einen Auftrag vom Liſſaboner Hofe; ſie glaubte mir, und ich glaubte ihr, daß ſie nur um ihre Diamanten zu verkaufen nach München und Augsburg reiſe. Als die Unterhaltung auf Désarmoiſes kam, ſagte ſie, ich könne ihn wohl in meiner Geſellſchaft behalten, dürfe ihm aber nicht erlauben, ſich Marquis zu nennen. Aber, ſagte ich, er iſt doch der Sohn des Marquis von Désarmoiſes in Nancy. Er iſt ein früherer Courrier, dem das Departement der auswärtigen Angelegenheiten eine geringfügige Penſion ausgeſetzt hat. Ich kenne den Marquis von Désarmoiſes der in Nancy lebt und der nicht ſo alt wie er iſt. Dann kann er nicht gut ſein Vater ſein. Der Wirth vom Geiſte hat ihn als Courrier ge⸗ kannt. Woher kennſt Du ihn? Wir ſpeiſten zuſammen an der Wirthstafel. Nach dem Mittagseſſen kam er auf mein Zimmer und ſagte, er er⸗ warte Jemand, mit dem er nach Augsburg reiſe und wir könnten die Reiſe zuſammenmachen. Er nannte Sie, und nach einigen Fragen ſah ich wohl, daß Sie es ſeien und ſo iſt es gekommen, was mir ganz lieb iſt. Aber hören Sie, ich rathe Ihnen, die falſchen Namen und falſchen Titel auf⸗ zugeben; warum laſſen Sie ſich Seingalt nennen? Das iſt mein Name, meine Liebe; das hindert aber nicht, daß alte Bekannte mich Caſanova nennen, denn ich bin Beides. Sie werden das wohl verſtehen. Ja, ich verſtehe. Ihre Mutter iſt jetzt in Prag, und da ſie wegen des Krieges keine Penſion bekommt, ſo glaube ich, daß ſie etwas in Noth iſt. Ich weiß das, aber ich vergeſſe meine Sohnespflichten nicht; ich habe ihr Geld geſchickt. So wünſche ich Ihnen Glück dazu. Wo werden Sie in Augsburg wohnen? Ich werde ein Haus miethen, und wenn es Ihnen Ver⸗ gnügen macht, ſollen Sie die Frau vom Hauſe ſein und die Honneurs machen. Das iſt reizend, mein Freund! Wir werden gute Abendeſſen geben und die Nacht mit Spielen verbringen. Der Plan iſt herrlich. Ich übernehme es, Ihnen eine vorzügliche Köchin zu verſchaffen; die bairiſchen ſind mit Recht berühmt. Wir werden eine gute Figur auf dem Kongreſſe ſpielen und man wird ſagen, daß wir uns bis zum Wahnſinn lieben. Wohlgemerkt, mein Herz, daß ich hinſichtlich der Treue keinen Spaß verſtehe. Darin, mein Freund, vertrauen Sie nur auf mich; Sie wiſſen, wie ich in Dresden lebte. Ich vertraue darauf, aber wie ein Blinder. Einſtwei⸗ len ſtellen wir die Gleichheit zwiſchen uns her und ſage Du zu mir. Das iſt der Liebe angemeſſen. Wolan, ſo umarme mich. Die ſchöne Renaud reiſt nicht gern des Nachts, weil ſie gern gut aß und zu Bette ging, wenn ihr der Kopf ſchwindelte. Die Hitze des Weins machte dann eine ſchwer zu befriedigende Bacchantin aus ihr; aber wenn ich nicht mehr konnte, bat ich ſie, mich in Ruhe zu laſſen und ſie mußte gehorchen. Als wir in Augsburg ankamen, ſtiegen wir in den drei Mohren ab, aber der Wirth, der uns ein gutes Mit⸗ tagseſſen verſprach, ſagte, er könne mir keine Wohnung ge⸗ ben, weil der franzöſiſche Miniſter den ganzen Gaſthof ge⸗ miethet habe. Ich begab mich zum Bankier Carli, bei dem ich accreditirt war und dieſer verſchaffte mir ſogleich ein hübſchmeublirtes Haus nebſt einem Garten, welches ich auf ein halbes Jahr miethete und welches die Renaud ſehr nach ihrem Geſchmacke fand. In Augsburg war noch Niemand. Die Renaud, welche ſich nach München begeben mußte, machte mir begreiflich, daß ich mich in ihrer Abweſenheit ſehr langweilen wuͤrde und wußte mich zu bereden, ſie zu begleiten. Wir miethe⸗ ten uns im Gaſthof zum Hirſch ein, wo wir ganz gut auf⸗ gehoben waren; Désarmoiſes ſuchte ſich anderwärts eine Wohnung. Da meine Geſchäfte mit meiner Begleiterin nichts gemein hatten, ſo gab ich ihr einen Wagen und einen eigenen Lohnbedienten und nahm ebenfalls einen für mich. Der Abbé Gama hatte mir einen Brief vom Com⸗ mandeur Almada für Lord Stormon, engliſchen Miniſter am bairiſchen Hofe, gegeben. Da dieſer Edelmann in Mün⸗ chen war, ſo beeilte ich mich, meinen Auftrag auszurichten. Er empfing mich ſehr gut und verſicherte mir, daß er zu ſeiner Zeit Alles, was von ihm abhänge, thun werde, da Lord Halifax ihn von der Sache in Kenntniß geſetzt. Als ich Se. britiſche Herrlichkeit verlaſſen, machte ich Herrn Fo⸗ lard, dem franzöſiſchen Miniſter, meine Aufwartung und überreichte ihm den Brief, den ich mir von Herrn Choiſeul durch Frau von Urfé verſchafft hatte. Herr von Folard nahm mich ſehr gut auf, lud mich für den nächſten Tag zum Mittagseſſen und ſtellte mich am folgenden Tage dem Kurfürſten vor. Während der vier traurigen Wochen, die ich in Mun⸗ chen verlebte, beſuchte ich nur das Haus dieſes Miniſters. Ich nenne dieſe vier Wochen mit gutem Grunde traurig, denn während dieſer Zeit verlor ich all mein Geld, verſetzte für mehr als vierzigtauſend Frs. Koſtbarkeiten, welche ich nie wieder ausgelöſt habe und verlor meine Geſundheit. Meine Mörder waren dieſe Renaud und dieſer Désarmoi⸗ ſes, welcher mir ſo viel verdankte und mich ſo ſchlecht be⸗ lohnte. Den dritten Tag nach meiner Ankunft in München hatte ich der verwitweten Kurfürſtin von Sachſen*) einen *) Lange Zeit hat dieſe, hauptſächlich auf Anregung von Mirabeau in ſeinem Werke über die preußiſche Monarchie, in dem Rufe geſtanden, die feindſeligſten Geſinnungen gegen ihren Sohn genaͤhrt und ſogar ſeine Entthronung betrieben zu ha⸗ ben. Auch Barthold erwähnt einer haſſenswürdigen Intrigue ge⸗ XII. 11 1 —————— , tig. 162 Beſuch zu machen. Mein Bruder, der ſich im Gefolge die⸗ ſer Fürſtin befand, forderte mich zu dieſem Beſuche auf, gen ihren Erſtgebornen. Vorzüglich ſcheint die, unter myſteri⸗ oͤſen und Auſſehn., erregenden Umſtänden erfolgte Verhaftung des Oberſten Agdolo, der als das Werkzeug ihrer Machinationen galt, dazu Veranlaſſung gegeben zu haben. Nach den von Fr. Bulau herausgegebenen„Geheimen Geſchichten und räthſelhaften Menſchen“ hätte aber das Zerwürfniß zwiſchen der Kurfürſtin und ihrem Sohne weniger in Gründen der höhern Politik ge⸗ wurzelt als die Sage annimmt, und dieſe wäre wie in vielen Neben⸗ umſtänden, ſo auch in den Hauptpunkten völlig irrig. Dieſen Mittheilungen zuſolge, die aus ſehr unterrichteter Quelle zu kommen behaupten, wäre die Veranlaſſung zu Agdolo's Verhaf⸗ tung folgende geweſen: Die verwittwete Kurfürſtin, Marie Antonie, hatte nach dem Tode ihres Gemahls außer einem bedeutenden Kapitalwerthe in Diamanten, die baare Summe von 500,000 Thalern erhalten und bezog ein jährliches Witthum von anfangs 60,000, ſeit 1769 aber 130,000 Thalern. Sie war eine kunſt⸗ und prachtliebende Dame von immer offener Hand. Während der Regiernng ihres Gemahls, und während der Adminiſtration hatte ſie vielen Antheil an Regierungsgeſchäften genommen. Da aber ihr Sohn keinen weiblichen Einfluß geſtattete, ſo gefiel es ihr nicht mehr in Dresden und ſie wünſchte in Italien ihren Aufenthalt zu nehmen. Aber durch ihre Prachtliebe ſo wie durch unglückliche Spekula⸗ tionen, die ſie zur Vermehrung ihres Einkommens unternom⸗ men, brachte ſie es dahin, daß nicht blos das Kapital von 500,000 aufgezehrt ward, ſondern auch die Diamanten in Genua verſetzt wurden. Auf einer Reiſe nach Italien 1775 löſte ſie zwar den Schmuck wieder ein, aber nur, um ihn von Neuem in Rom zu verſetzen. Die von ihren Gläubigern immer mehr be⸗ drängte Fürſtin mußte ſich endlich an ihren Sohn wegen Ueber⸗ nahme ihrer Schulden wenden. Allein dies Geſuch wurde mit Entſchiedenheit abgeſchlagen, und Agdolo gab nun den Rath, dem Kurfürſten ſowohl eine Abtretung des Schmuckes, als auch die Abtretung ihrer Anſprüche an den Allodialnachlaß des kurbairiſchen Hauſes als Aequivalent anzubieten. Agdolo war dafür ſehr thä⸗ Er brachte es dahin, daß der Kurfürſt, nachdem ſ eine Mutter ihm ihre Anſprüche an jenen Nachlaß abgetreten, ſich dazu verſtand, zunächſt 800,000 Thaler für Auslöſung des Schmucks und zur Tilgung ſonſtiger Schulden herzugeben. In den erſten Ta⸗ 163 deſſen ich mich nicht entbinden könne, weil ſie mich kenne und ſchon nach mir gefragt habe. Ich hatte meine Will⸗ gen des Sept.! 1776 ſoll nun die Mutter dem Kurfürſten geſchrieben haben, er möge einen Vertrauten nach Mün⸗ chen ſchicken, um daſelbſt ihre aus Rom zurückerhaltenen Dia⸗ manten in Empfang zu nehmen. Jedenfalls ſchickte der Kur⸗ fürſt den Geheimenrath von Zehmen nach München, über deſſen Miſſion Folgendes berichtet wird: Kaum in München angelangt, habe Zehmen ſogleich der Kürfürſtin ſeine Aufwartung gemacht, welche ihn ſehr freundlich empfing und ſagte, er werde gewiß bald nach Dresden zurückwollen und möge ſich deshalb augen⸗ blicklich mit ihrem Secretair Hewald beſprechen. Sie klingelte und gab der Kammerfrau Befehl, Hewald ſogleich rufen zu laſſen. Dieſe machte eine lächelnde Miene und ſagte, um Antwort befragt, die Frau Kurfürſtin entſinne ſich wahrſcheinlich nicht, daß He⸗ wald ſeit einigen Tagen abweſend ſei. Nun ſagte die Kurfurſtin: „Es iſt wahr, ich hatte ganz vergeſſen, daß er Urlaub genommen, da es aber ſo iſt, ſo müſſen Sie ſich in Hewalds Wohnung be⸗ geben und wenn er ſie verſchloſſen hat, die Thür aufbrechen laſſen.“ Herr von Zehmen vollzog augenblicklich dieſen Befehl, aber die Diamanten waren verſchwunden. Die Kurfürſtin brach hierauf in den heftigſten Zorn gegen Hewald aus, den ſie als den Räuber bezeichnete und gegen Agdolo, der ſicherlich in den Handel ver⸗ wickelt ſei. Zehmen möge auf der Stelle nach Dresden zurück⸗ eilen und den Kurfürſten bewegen, Agdolo arretiren zu laſſen und und ihr die bei ihm vorgefundenen Papiere überſenden, damit die Sache ins Klare komme. Als Zehmen nach Dresden zurück⸗ gekehrt war, wurde Agdolo auf ſeinen Befehl, ohne verhaftet zu werden, von der Sache unterrichtet und reichte darauf eine Rechtsfertigungsſchrift ein. Es wird verſichert, daß Zehmen ihm von der Uebergabe dieſer Schrift dringend abgerathen und ſich nur auf wiederholtes Bitten deſſelben bewegen ließ, die Schriſt dem Kurfürſten zu übergeben. Hierauf erfolgte der Befehl, Agdolo zu verhaften, ſich aller ſeiner Papiere zu bemächtigen und ſie verſiegelt dem Kürfürſten zu übergeben, ſobald Agdolo in ſichern Gewahrſam gebracht ſei. Die erwähnte Schrift muthmaßt, daß die Papiere beleidigenden Inhalts für den Kurfürſten geweſen, wagt es aber nicht zu entſcheiden, ob der Schmuck von He⸗ wald, den der Hauptgewährsmann der Mittheilungen für unbe⸗ theiligt hält, oder Agdolo, oder anderen Agenten der Kurfürſtin unterſchlagen worden, oder ob ihn Agdolo etwa für die projektirte 164 fährigkeit nicht zu bereuen, denn die Kurfürſtin empfing mich gut und ließ mich viel ſprechen; ſie war neugierig wie alle müßigen Perſonen, die ſich nicht ſelbſt genügen, weil ſie weder in ihrem Geiſte, noch in ihrer Bildung hinlängliche Hülfsquellen finden. Ich habe viele Dummheiten in meinem Leben gemacht, ich bekenne das mit ebenſoviel Unbefangenheit, wie Rouſſeau, und mit weniger Eigenliebe wie dieſer unglückliche große Mann; aber ich habe wenige ſo große und abgeſchmackte gemacht, wie die, nach München zu gehn, da ich doch hier nichts zu thun hatte. Aber ich war nun einmal in einer Kriſis; es war eine Epoche, wo mein Genius ſeit meiner Abreiſe von Turin oder eigenlich von Neapel crescendo von Dummheit zu Dummheit fortſchritt. Mein nächtliches Umherſtreifen, der Abend bei Limora, meine Verbindung mit Désarmoiſes, meine Partie nach Choiſy, mein Vertrauen zu Coſta, meine Verbindung mit der Renaud, und mehr als alles Andere der unglückliche Blödſinn, an einem Hofe, wo die Bankhalter im Rufe ſtanden, am beſten in ganz Europa das Glück verbeſſern zu können, mich im Pharao⸗ ſpiele ausziehen zu laſſen! Hier befand ſich unter Andern auch der niederträchtige Affliſto, der Aſſocié des Herogs von Zweibrücken, welchen dieſer Fürſt mit dem Namen ſeines Adjutanten ſchmückte und welcher allgemein als der geſchick⸗ teſte Gauner bekannt war. Ich ſpielte täglich, und da ich oft auf Wort verlor, ſo bereitete die Nothwendigkeit, am folgenden Tage zu be⸗ zahlen, mir oft verzehrenden Kummer. Als ich meinen Kredit bei den Bankiers erſchöpft hatte, mußte ich mich zu den Juden wenden, welche auf Pfänder leihen, und Désar⸗ moiſes war mein Vermittler bei der Renaud, welche ſich Ueberſiedlung ſeiner Gönnerin nach Italien zurückbehalten wollte. Ebenſowenig weiß dieſelbe anzugeben, was aus dem Schmucke ge⸗ worden. Agdolo wurde auf den Königsſtein gebracht, wo er 1800 ſtarb. Die Kürfürſtin Mutter blieb in München, obwohl ihre Ankunft in Dresden von Zeit zu Zeit angeſagt wurde, ohne ſich je zu verwirkklichen. — ² mn E=ͤͤͤ b B — S3KE b A ε 165 allmählig aller meiner Sachen bemächtigte. Das war noch nicht der ſchrecklichſte Dienſt, den ſie mir leiſtete; ſie theilte mir ein Uebel mit, welches ſie verzehrte, welches aber nur innerlich wüthete und ihr Aeußeres unberührt ließ, und wel⸗ ches um ſo gefährlicher war, als ihre Friſche auf die voll⸗ kommenſte Geſundheit hinzudeuten ſchien. Dieſe der Hölle entſchlüpfte Schlange hatte mich ſo ſehr bezaubert, daß ich die Krankheit ein Monat lang vernachläſſigte, weil ſie mich zu überreden wußte, daß ſie entehrt werden wuͤrde, wenn ich mich während meines Aufenthalts in München einem Chirurgus übergebe, weil der ganze Hof wiſſe, daß wir wie Mann und Frau lebten. Ich verſtehe mich nicht, wenn ich an dieſe unglückliche Gefälligkeit denke, beſonders da ich täglich das Gift er⸗ neuerte, welches ſie in meine Adern gegoſſen hatte. Mein Aufenthalt in München war ein wahrer Fluch, oder vielmehr vereinigten ſich währenddeſſen alle Uebel, um mir einen Vorgeſchmack von den Leiden der Verdammten zu geben. Die Renaud liebte das Spiel und Désarmoiſes zog in Gemeinſchaft mit ihr ab. Ich wollte mich nie bei ihrem Spiele betheiligen, denn der falſche Marquis mogelte ohne alle Rückſicht und oft mit mehr Unverſchämtheit als Ge⸗ ſchick. Er lud Leute von ſchlechter Geſellſchaft zu mir ein und bewirthete ſie auf meine Koſten; auch ſielen bei ihrem Spiele jeden Abend ärgerliche Scenen vor. Die verwitwete Kurfürſtin von Sachſen fügte mir die beiden letztenmale, wo ich die Ehre, ſie zu ſehn hatte, eine empfindliche Kränkung zu. Es iſt bekannt, mein Herr, ſagte dieſe Fürſtin, daß Sie mit der Renaud leben und welches Leben man bei Ihnen führt, vielleicht ohne Ihr Vorwiſſen; das thut Ihnen großen Schaden und ich rathe Ihnen, der Sache ein Ende zu machen. Sie wußte nicht, daß ich auf jede Weiſe dazu genöthigt war. Seit einem Monate hatte ich Paris verlaſſen und noch keine Nachricht von Frau von Urfé oder Coſta bekommen. Ich konnte den Grund nicht errathen, fing aber an, die Treue des Italiäners zu beargwöhnen. Ich beſorgte auch, daß ☛ meine gute Urfé geſtorben oder vernünftig geworden ſei, was für mich daſſelbe Reſultat gehabt haben würde; der Zuſtand, in dem ich mich befand, machte es mir übrigens unmöglich, nach Paris zurückzukehren und mich hier nach der Sache zu erkundigen, die für mich zu erfahren ſo wün⸗ ſchenswerth war, ſowohl füͤr die Ruhe meiner Seele wie für die Wiederfüllung meiner Börſe. war es mir, daß ich mir eingeſtehen mußte, einen Anfang von Abnahme zu fuͤhlen, die gewöhnliche Folge des Alters; ich hatte nicht mehr das ſorgloſe Vertrauen, welches Jugend und das Gefühl der Kraft verleihen, und dennoch war ich nicht hinlänglich durch die Erfahrung gereift worden, um mich zu beſſern. Nichtsdeſtoweniger nahm ich vermöge eines Reſtes der Gewohnheit, welche ein entſchloſſener Cha⸗ rakter verleiht, von der Renaud Abſchied mit dem Bemerken, daß ich ſte in Augsburg erwarten werde. Sie gab ſich keine Mühe mich zurückzuhalten und verſprach mir, bald mög⸗ lichſt zu mir zu kommen, da ſie auf dem Punkte ſtehe, ihre Edelſteine vortheilhaft zu verkaufen. Ich reiſte mit Le Duc ab, ſehr froh, daß Désarmoiſes es für angemeſſen fand, bei dem unwürdigen Geſchöpfe zu bleiben, deſſen unſelige Be⸗ kanntſchaft ich ihm verdankte. Als ich in meinem niedlichen Hauſe in Augsburg angekommen war, legte ich mich ins Bett, entſchloſſen, daſſelbe nur todt oder befreit von dem mich verzehrenden Gifte zu verlaſſen. Mein Bankier Carli, den ich zu mir kommen ließ, empfahl mich an einen ge⸗ wiſſen Kefalides, einen Schüler des berühmten Fayet, der mich vor mehreren Jahren in Paris von einem ähnlichen Uebel befreit hatte. Nachdem er mich unterſucht, ver⸗ ſicherte er mir, daß er mich durch ſchweißtreibende Mittel heilen würde, ohne zu dem fürchterlichen Meſſer ſeine Zu⸗ flucht zu nehmen. Demgemüß ſetzte er mich auf die ſtrengſte Diät, verordnete mir Bäder und unterwarf mich Einrei⸗ bungen mit Merkur. Dieſe Behandlung hielt ich ſechs Wochen aus und weit entfernt, geheilt zu ſein, fühlte ich mich ſchlechter als im Anfange. Ich war von ſchrecklicher Magerkeit und hatte zwei Leiſtenanſchwellungen von unge⸗ & A Ich war in der größten Noth, und am empfindlichſten⸗ 4 167 heurer Größe. Ich mußte ſie mir aufſchneiden laſſen; aber dieſe ſchmerzhafte Operation, welche mir beinahe das Leben gekoſtet hätte, half mir nichts. Er zerſchnitt mir unge⸗ ſchickter Weiſe die Arterie und veranlaßte dadurch einen Blutfluß, welcher nur mit großer Mühe geſtillt wurde, und an welchem ich ohne die Pflege Herrn Algardis, eines bo⸗ logneſiſchen Arztes im Dienſte des Fürſtbiſchofs von Augs⸗ (durg, geſtorben ſein würde. Da ich nichts mehr von Kefalides wiſſen wollte, ſo bereitete der Doktor Algardi in meiner Gegenwart neunzig Pillen aus achtzehn Gran Manna. Ich nahm eine dieſer Pillen Morgens, trank ſodann ein großes Glas Milch mit Waſſer, und eine andere am Abend, worauf ich eine Gerſten⸗ ſuppe aß; das war meine ganze Nahrung. Dies heroiſche Mittel machte mich in zwei und einem halben Monate wie⸗ der geſund, welche Zeit ich in großen Leiden verlebte; aber meine Beleibtheit und meine Kräfte bekam ich erſt gegen Ende des Jahres wieder. Während meiner Leidenszeit erfuhr ich die näheren Umſtände von Coſta's Flucht, der die Diamanten, Uhren, Doſen, Wäſche und geſtickten Kleider, die Frau von Urfé ihm in einem guten Koffer nebſt hundert Louisd'ors für die Reiſe gegeben, mit ſich genommen. Die gute Dame ſchickte mir einen Wechſel von funfzigtauſend Francs, den dem Diebe zu geben ſie glücklicher Weiſe nicht Zeit gehabt, und dieſer Wechſel kam ſehr zu gelegener Zeit, um mich der Bedürftigkeit zu entreißen, in welche mein ſchlechtes Benehmen mich geſtürzt. Zu derſelben Zeit hatte ich einen andern ſehr empfind⸗ lichen Kummer, die Entdeckung, daß Le Due nich beſtahl. Ich hätte ihm verziehen, wenn er mich nicht zu einer Oeffent⸗ lichkeit genöthigt hätte, die ich nur vermeiden konnte, wenn ich mich bloß gab. Nichtsdeſtoweniger behielt ich ihn bis zu meiner Rückkehr nach Paris im Anfange des folgenden Jahres. Gegen Ende des September, als es ausgemacht war, daß in Augsburg kein Kongreß ſtattfinden würde, kam die Renaud mit Désarmoiſes auf der Rückreiſe nach Paris durch oiel gelitten, meine Opfergaben von Neuem darzubringen. Augsburg; aber ſie wagte nicht, zu mir zu kommen, weil ſie fürchtete, daß ich meine Sachen von ihr fordern würde, in deren Beſitz ſie ſich geſetzt, ohne mir etwas davon zu ſagen, und ſie ſetzte wahrſcheinlich voraus, daß ich davon unterrichtet ſei. Vier oder fünf Jahre ſpäter heirathete ſie in Paris einen gewiſſen Böhmer, denſelben, der dem Kar⸗ dinal Rohan das berühmte Halsband gab, was dieſer für Marie Antoinette, Königin von Frankreich, beſtimmt glaubte Sie war in Paris, als ich dorthin zurückkam, aber ich that keinen Schritt, um ſie zu ſehen, da ich wo möglich Alles vergeſſen wollte. Ich mußte es, denn nichts ſchien mir während dieſes traurigen Jahres ſo verächtlich, als mein elendes Benehmen oder vielmehr meine Perſon. Indeß würde ich doch den ſchändlichen Désarmoiſes nicht ſo ſehr ver⸗ achtet haben, um mir das Vergnügen verſagen, ihm die Ohren abzuſchneiden, wenn er mir Zeit dazu gelaſſen hätte; aber der alte Schuft, welcher wohl wußte, was er von mir zu erwarten hatte, machte ſich aus dem Staube. Er ſtarb bald darauf arm und an der Schwindſucht in der Nor⸗ mandie. Kaum war ich wieder geſund, als ich alles frühere Unglück vergaß und wieder anfing, mir Vergnügungen zu machen. Anna Midel, meine vortreffliche Köchin, welche ſo lange müßig geweſen war, mußte ſich an die Arbeit machen, um meinen gierigen Appetit zu befriedigen, denn drei Wochen lang hatte ich einen wahren Heißhunger, der indeß für mein Temperament nöthig war, um meinem In⸗ dividuum ſeine frühere Form wiederzugeben. Mein Wirth, der Kupferſtecher, und ſeine hübſche Tochter Gertrud, ſahen mir mit Staunen zu und fürchteten traurige Folgen von meiner Unmäßigkeit. Mein lieber Doktor Algardi, der mir das Leben gerettet, ſagte mir eine Unverdaulichkeit voraus, die mich ins Grab bringen müſſe; aber das Bedürfniß zu eſſen war ſtärker, als alle Gründe; ich hörte auf nichts und that wohl daran; denn durch das viele Eſſen kam ich wieder in meinen frühern Zuſtand und ich fühlte mich bald wieder kräftig genug, um dem Gotte, für welchen ich ſo 169 Meine Köchin und Gertrude, beide jung und hübſch, machten mich verliebt und da die Dankbarkeit ins Spiel kam, ſo eröffnete ich beiden zugleich meine Liebe, denn ich hatte mir vorher gedacht, daß ich keine beſtegen würde, wenn ich ſie einzeln angriffe. Auch wußte ich, daß ich nicht viel Zeit zu verlieren hatte, da ich mich verpflichtet hatte, am Neujahrstage 1762 mit Frau von Urfé in einer Wohnung zu ſpeiſen, die ſie in der Rue du Bac für mich meublirt hatte. Sie hatte dieſelbe mit prächtigen Tapeten geziert, die René von Savoyen hatte machen laſſen und auf welchen alle Operationen des großen Werks dargeſtellt waren. Sie ſchrieb mir, ſie ſei in Choiſy geweſen und habe hier erfahren, daß der Italiäner Santis, den ich durch und durch geſtoßen, nachdem er von ſeinen Wunden geheilt worden, wegen Gaunereien nach Bicétre gebracht worden. Während der übrigen Zeit meines Aufenthaltes in Augsburg beſchäftigten mich Gertrud und Anna Midel auf eine angenehme Weiſe, aber ſie feſſelten mich nicht ſo ſehr, daß ich die gute Geſellſchaft hätte verſäumen ſollen; ich verlebte meine Abende auf eine ſehr angenehme Weiſe bei dem Grafen Mar von Lamberg, welcher ſich mit dem Titel eines Obermarſchalls am Hofe des Fürſtbiſchofs auf⸗ hielt. Seine Gemahlin, eine reizende Frau, hatte alle Eigen⸗ ſchaften, eine gute und zahlreiche Geſellſchaft anzuziehn. Beim Grafen lernte ich den Baron von Selentin kennen, Kapitain im Dienſte des Königs von Preußen, welcher in Augsburg recrutirte. Was mich beim Grafen Lamberg vorzüglich anzog, war ſein literariſcher Genius*). Er hat *) Bekannt als Schriftſteller durch ſeine„Mémorial d'un mondain“, welches ein Gemiſch der ſeltenſten und anziehendſten Perſönlichkeiten und Nachrichten enthält und ſeine„Lettres criti- ques, morales et politiques“. Caſanova findet in dem erſtge⸗ nannten Werke eine ſehr wohlwollende Erwähnung.„Ich wundre mich, heißt es daſelbſt, daß ein Mann von tiefen Kenntniſſen, welchen ſein unglückliches Schickſal von ſeinem Vaterlande fern hält, Herr Caſanova von Seingalt(der ſich durch eine Art Wunder aus den Bleidächern von Venedig rettete), trotz der gro⸗ ßen Anzahl von Beſchützern, die er unter dem Adel zählt, nicht 11* als Gelehrter erſten Ranges mehrere ſehr geſchätzte Werke herausgegeben. Ich habe mit ihm einen Briefwechſel unter⸗ halten, der erſt mit ſeinem Tode aufhörte, welcher vor vier Jah⸗ ren, im Jahre 1792, durch ſeine Schuld oder vielmehr die ſeiner Aerzte eintrat, denn dieſe behandelten eine Krankheit, an welcher Venus keinen Theil hatte, mit Merkur, was ihm noch nach ſeinem Tode üble Nachrede zuzog. Seine immer noch liebenswürdige Witwe lebt noch in Baiern, geliebt von ihren Freunden und ihren Töchtern, die ſie gut verheirathet hat. Zu dieſer Zeit langte eine armſelige Komödiantentruppe, Landsleute von mir, in Augsburg an, und ich erwirkte ihnen die Erlaubniß, auf einem elenden kleinen Theater ſpielen zu dürfen. Da ſie zu einer kleinen Geſchichte An⸗ laß gab, die mich beluſtigte, weil ich der Held derſelben war, ſo will ich ſie meinen Leſern mittheilen, in der Hoff⸗ nung, mich ihnen dadurch angenehm zu machen. Mittel ſindet, in den Staat zurückzukehren. Er verwundete in Warſchau den Grafen Branicki im Duell und ſchrieb mir am 13. Septbr. 1772, daß er den Herbſt 1768 in Spanien verlebt; wie man aber an den Angelegenheiten eines Freundes Antheil nehmen muß, ſo muß man ſich auch mit dem begnügen, was er uns davon ſagen will.“ 4 (