5 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 Leiß- und LCeſebedingungen. 1. 0ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf, bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet in wird. r 14 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:— für mchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 3 7 7—,„—„⸗ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 1 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der *) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, be chmudie„ver⸗ **lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.“ 7. L 7 d der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.—. Memoiren Jacob Caſanova von SFeingalt. Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. 4———— Mit Anmerkungen don LFudwig Zuhl. „ 1 2* Eiltter Band. M h..— 3,. 1 —. 4 Beerlin, 1850. 1 Verjag von Guſtav Hemp el. 5 Siebenundſiebenzigſtes Kapitel. Die Tochter des Hauswarts.— Die Horoscope.— Fräulein Roman. Der Gedanke an die traurige Figur, welche die Mai⸗ eicht die ganze Geſellſchaft die es ohne Zweifel auf meine Caſſette abgeſehn, hatten ſpielen müſſen, beluſtigte mich bis Chambéry, wo ich nur, um die Pferde zu wechſeln, anhielt. Da ich in Grenoble, wo ich mich etwa acht Tage aufzu⸗ halten gedachte, kein gutes Unterkommen fand, ſo ließ ich meinen Wagen nicht abladen und begab mich auf die Poſt, wo ich mehrere Briefe fand, worunter auch einer von Ma⸗ dame d'Urfé, in welchem ein anderer für einen Offizier Namens Valenglard einlag, den ſie mir als einen Gelehr⸗ ten ankündigte, und der mich zugleich in allen guten Häu⸗ ſern der Stadt vorſtellen ſollte. Ich ſuchte den Offizier auf, der mich gut aufnahm, und nachdem derſelbe den Brief geleſen, ſagte er, er ſtehe mir durchaus zu Dienſten. Er war ein liebenswürdiger Mann von einem gewiſſen Alter, der vor funfzehn Jahren der Freund von Madame d'Urfé und noch mehr der ihrer Tochter, der Prinzeſſin von Tondeville geweſen war. Ich ſagte ihm, ich ſei im Gaſthofe ſchlecht aufgehoben, und der erſte Dienſt, welchen ich von ihm erwarte, beſtehe darin, daß er mir ein paſſendes Unter⸗ treſſe des Marquis von Prié, der Marquis Vacßt und viel⸗ * kommen verſchaffe, wenn ihm ein ſolches bekannt ſei. Er rieb ſich die Stirne und ſagte dann: Ich glaube Ihnen in einem prachtvollen Hauſe ein Unterkommen verſchaffen zu können, aber es liegt außerhalb der Stadt. Der Hauswart iſt ein vortrefflicher Koch, und ich bin überzeugt, daß er Sie umſonſt wohnen laſſen wird, wenn er für Sie kochen kann. Das möchte ich nicht, ſagte ich. Seien Sie ruhig, erwiederte er, er wird ſich ſchon zu entſchädigen wiſſen, und ſodann iſt das Haus auch zu verkaufen und koſtet ihm nichts. Gehen wir hin. Ich nahm eine Wohnung von drei Zimmern und be⸗ ſtellte ein Abendeſſen für zwei Perſonen mit dem Hinzufü⸗ gen, daß ich gern gut eſſe und trinke und keineswegs gei⸗ zig ſei. Zugleich lud ich Herrn von Valenglard zum Abend⸗ eſſen bei mir ein. Der Hauswart ſagte, wenn ich nicht zufrieden wäre, ſo ſollte ich es nur ſagen, und ich brauchte dann nicht zu bezahlen. Ich ließ meinen Wagen kommen und war nun eingerichtet. Im Erdgeſchoſſe fand ich drei junge reizende Mädchen und die Frau des Hauswarts, die ſich tief vor mir verneigten. Herr von Valenglard fuͤhrte mich ins Concert, um mich hier vorzuſtellen; aber ich bat ihn, mich Niemand vorzuſtellen und behielt mir vor, ſobald ich die Damen geſehn, ihm diejenigen zu bezeichnen, welche mir den Wunſch nach einer nähern Bekanntſchaft einflößen würden. . Die Geſellſchaft war zahlreich, beſonders an Frauen; aber die einzige, ijelche. mich feſſelte, war eine ſchöne, gut gewachſene, einfach gekleidete Brünette von beſcheidnem We⸗ ſen. Dieſe reizende Geſtalt ließ ein einzigesmal ihre Augen Peſcheide uͤber mich hingleiten und ſami dann nicht mehr Meine Eitelkeit ließ mich zuerſt glauben, es ſei dies Anr eine Liſt der Koketterie, um mich zu reizen, ihre Be⸗ kanntſchaft zu ſuchen und um mir Zeit zu laſſen, die ſchö⸗ nen Verhältniſſe ihres Profils und die Formen, die ihre beſcheidne Kleidung nicht verhuͤllte, deſto beſſer zu betrach⸗ ten. Der Erfolg giebt immer Zuverſicht und die Eitelkeit ſteht immer im Bunde mit unſern Begierden. Auf dieſes Fräulein warf ich ſogleich meine Augen, nicht anders, als * ‿ — 5 ob die Frauen von ganz Europa nur ein einziges für mein Vergnügen beſtimmtes Serail gebildet hätten. Ich ſagte zum Barone, ich wünſche ihre Bekanntſchaft. Sie iſt tugendhaft, ſagte er, ſie empfängt Niemand und dennoch iſt ſie arm. Das ſind drei Gründe, welche meine Luſt noch ſteigern. Dennoch iſt durchaus nichts zu machen. Das gerade iſt mir lieb. Dort iſt ihre Tante; wenn das Concert zu Ende iſt, werde ich Sie vorſtellen. Nachdem er mir dieſe Ehre erzeigt, ging er mit mir zum Abendeſſen. Der Hauswart und Koch erſchien mir wie ein Seitenſtück von Lebel. Er ließ mich bei Tiſche durch ſeine beiden ganz allerliebſten Töchter bedienen, und ich ſah Valenglards Freude, daß er mich ſo nach Wunſch untergebracht; aber er wurde böſe, als er funfzehn Schüſ⸗ ſeln in fünf Gängen auftragen ſah. Dieſer Mann, ſagte er, hat Sie und mich zum Beſten. Im Gegentheile hat er meinen Geſchmack errathen. Haben Sie nicht alle Gerichte ganz ausgezeichnet gefunden? Ich kann es nicht läugnen, aber——— Fürchten Sie nichts, ich gebe gern Geld aus. Dann entſchuldigen Sie. Ich wünſche nur, Sie zu⸗ frieden zu ſehn. Wir hatten ausgezeichnete Weine und den beſten tür⸗ kiſchen Ratafia, wie ich ihn vor ſiebzehn Jahren bei Juſſuf Ali getrunken. Als mein Wirth gegen Ende des Mahles erſchien, ſagte ich ihm in Gegenwart ſeiner Töchter, er ver⸗ diene Leibkoch Ludwigs XV. zu werden. Fahren Sie fort, wie Sie angefangen, oder machen Sie es vielmehr noch beſſer, wenn Sie können, aber ſchicken Sie mir jeden Mor⸗ gen meine Karte. 9 Das iſt richtig, denn dann weiß Jeder, wie die Sachen ſtehen. Auch wünſchte ich wohl, daß Sie immer Eis gäben und daß Sie auf meinen Tiſch noch zwei Lichte ſetzen ließ. Aber wenn ich nicht irre, ſehe ich dort Talglichte. Ich bin Venetianer, mein Herr, und an Wachskerzen gewöhnt. 2 Das iſt die Schuld Ihres Bedienten, mein Herr. Wie? Nachdem er ſich ein gutes Mittagseſſen hat geben laſſen iſt er zu Bett gegangen, angeblich, weil er krank ſei. Ich habe nichts über Ihre Gewohnheiten von ihm er⸗ fahren können. Gut, ſo ſollen Sie dieſelben von mir erfahren. Err hat meine Frau gebeten, morgen für Sie die Cho⸗ colade, welche er ihr gegeben, zu kochen. Ich werde es ſelbſt thun. Als er ſich entfernt hatte, ſagte Herr von Valenglard mit zugleich erſtaunter und zufriedener Miene, Frau von Urfé habe ihn wahrſcheinlich zum Beſten haben wollen, in⸗ dem ſie ihn gebeten, mir zu ſparſamer Einrichtung behülflich u ſein. 1 Sie hat es aus Herzensgüte gethan, für welche man ihr Dank wiſſen muß. Sie iſt eine ausgezeichnete Frau. Bis gegen eilf Uhr blieben wir bei Tiſche, unterhielten uns dabei von tauſend angenehmen Sachen und befeuerten unſere Geſpräche durch den göttlichen Liqueur von Grenoble, von welchem wir eine Flaſche leerten. Dieſer vorzügliche Liqueur beſteht aus Kirſchenſaft, Branntwein und Zimmt, und es iſt nicht möglich, daß der Nektar der Götter ihn an Feinheit übertroffen habe. Ich ließ den Herrn Baron, nachdem ich ihm gedankt und ihn gebeten, während meines Aufenthalts in Grenoble Morgens und Abends mein Tiſchgefährte zu ſein, was er mir mit Ausnahme der Tage, wo er auf Wache ſein würde, verſprach, in meinem Wagen nach Hauſe bringen. Beim Abendeſſen gab ich ihm meinen Wechſel auf Zappata, wel⸗ chen ich mit dem Namen Seingalt, unter welchem Madame d'Urfé mich angekündigt, endoſſirte. Er ließ ihn mir am folgenden Tage discontiren. Ein Bankier brachte mir vier⸗ hundert Louisd'ors, und ich hatte in meiner Caſſette drei⸗ zehnhundert. Vor dem Sparen hatte ich immer Furcht gehabt, und ich empfand ein großes Vergnügen, wenn ich daran dachte, daß Herr von Valenglard Alles was er ge⸗ —ÿü“ 4 — — 7 ſehn, Madame d'Urfé berichten würde, welche eine wahre Wuth hatte, mir Sparſamkeit zu predigen. Ich hatte meinen Gaſt bis zum Wagen geleitet, und ich war angenehm überraſcht, als ich bei der Rückkehr in mein Zimmer die beiden reizenden Töchter des Hauswarts fand. Le Due hatte, um ſich meinem Dienſte zu entziehn, nicht abgewartet, daß ich ihn aufgefordert, einen Vorwand zu ſuchen. Er kannte meine Neigungen, er wußte, daß ich ihn nicht gern in meiner Nähe hatte, wenn in meiner Woh⸗ nung hübſche Mädchen waren. Die unbefangene Miene, mit welcher die beiden jungen Mädchen ſich beeilten, mich zu bedienen, ohne daß ſie das geringſte Mißtrauen gezeigt, oder die mindeſte Luſt, mir hübſch zu erſcheinen, verrathen hätten, reizte mich, ihnen die Ueberzeugung beizubringen, daß ich ihr Vertrauen verdiene. Sie entkleideten mich, friſtirten mich und zogen mir in allen Ehren mein Nachthemde an. Als ich im Bette lag, wünſchte ich ihnen eine gute Nacht, nachdem ich ihnen geſagt, ſie möchten mich einſchließen und mir um acht Uhr die Cho⸗ colade bringen. Wenn ich meinen gegenwärtigen Zuſtand bedachte, ſo konnte ich nicht anders als mich vollkommen glücklich füh⸗ len. Ich erfreute mich einer vollkommenen Geſundheit; ich war in der Blüthe des Alters, ohne jede Verpflichtung und vollkommen unabhängig, reich an Erfahrung, im Beſitze vielen Geldes, glücklich im Spiele, wohlaufgenommen bei den Frauen, welche mich reizten; ich konnte alſo wohl mit Recht zu mir ſagen: Saute, marquis! Der Erinnerung an die Leiden und Verlegenheiten, in denen ich vorübergehend geweſen, waren ſo viele Tage des Genuſſes und des Glücks gefolgt, daß ich mir nur Glück zu meinem Geſchicke wün⸗ ſchen konnte. Mit ſo angenehmen Gedanken ſchlief ich ein und träumte die ganze Nacht nur von meinem Glücke und der ſchönen Brünette, welche mir im Concerte aufgefal⸗ len war. Ich erwachte mit dem Gedanken an Sie, und da ich die Sicherheit hatte, ihre Bekanntſchaft zu machen, ſo war ich neugierig zu ſehn, welche Erfolge ich bei ihr erlangen würde. Sie war tugendhaft und arm, und ich tugenhaft nach meiner Weiſe; ſie konnte alſo meine Freundſchaft nicht verachten. Um acht Uhr brachte mir eine der Töchter des Haus⸗ warts meine Chocolade und ſagte mir, Le Duc habe das Fieber. Man muß den armen Jungen pflegen. Meine Couſine hat ihm Boutlllon gebracht. Wit heißen Sie, Fräulein?— Ich heiße Roſa, mein Herr, und meine Schweſter Mariechen. Mariechen kam in dieſem Augenblicke mit meinem Hemde, deſſen Spitzen ſie ausgebeſſert. Ich dankte ihr, und ſie ſagte erröthend, ſie friſire ihren Vater ſehr gut. Das freut mich, Fräulein, und es ſollte mir ſehr an⸗ genehm ſein, wenn Sie bis zur Wiederherſtellung meines Bedienten dieſe Gefälligkeit für mich haben wollten. Sehr gern, mein Herr. Und ich, ſagte Roſa lachend, werde Sie rafiren. Das möchte ich ſehn; holen Sie Waſſer. Ich ſtehe eiligſt auf, während Mariechen die Vorberei⸗ tungen zum Friſiren traf. Roſa kam zurück und raſirte mich ganz ausgezeichnet. Als ich gewaſchen war, ſagte ich, ich muß Ihnen das Handgeld für meinen Bart geben, und reichte ihr meine Wange. Sie that ſo, als ob ſie mich nicht verſtehe. Sie würden mich kränken, ſagte ich mit ſanfter und ernſter Miene, wenn Sie mich nicht umarmten. Sie entſchuldigte ſich mit anmuthigem Lächeln und mit dem Bemerken, daß dies in Grenoble nicht Mode ſei. Gut, wenn Sie mich nicht umarmen, ſollen Sie mich auch nicht raſi⸗ ren. Als ich dies ſagte, trat der Vater ein; er brachte mir die Karte. Ihre Tochter, ſagte ich, hat mich ausge⸗ zeichnet raſirt, aber ſie will nicht das Handgeld für meinen Bart nehmen, weil dies nicht Mode in Grenoble ſei. ECi⸗ kleine Närrin, das iſt die pariſer Mode. Du umarmſt ja mich, wenn Du mich raſirt haſt; warum wollteſt Du gegen den Herrn weniger höflich ſein? Sie umarmte mich mit einer Miene der Unterwürfigkeit, über welche Mariechen — — lächeln mußte. Gut, ſagte der Vater, die Reihe wird auch an Dich kommen, wenn der Herr friſirt iſt. Er war ein ſchlauer Fuchs, welcher das Mittel mich vom Abhandeln bei der Rechnung abzuhalten, richtig er⸗ kannt hatte; aber er hätte deſſelben nicht bedurft, denn ich fand ihn vernünftig, und da ich nichts abhandelte, ſo ging er froh ab. Mariechen friſirte mich ſo gut wie meine theure Du⸗ bois, deren ich mich noch mit Vergnügen erinnerte, und als ſie zu Ende war, umarmte ſie mich, ohne ſo viele Umſtände wie Roſa zu machen. Von beiden hoffte ich das Beſte. Sie entfernten ſich, als der Bankier gemeldet wurde. Dieſer war ein junger Mann, welcher mir vierhundert Louisd'ors auszahlte und ſagte, ich müſſe mich in dieſem Hauſe ſehr glücklich fühlen. Ganz gewiß, erwiederte ich, denn die beiden Schweſtern ſind reizend. Ihre Couſine iſt es weit mehr. Sie ſind tugendhaft. Und, wie ich glaube, in guten Umſtänden. Der Vater hat zweitauſend Fres. Rente. Sie können einen Mann aus dem Handelsſtande wählen. Da ich begierig war, die Couſine kennen zu lernen, welche ſchöner als die beiden Schweſtern ſein ſollte, ſo ging ich hinunter, als der Bankier ſich entfernt hat. Ich begeg⸗ nete dem Hauswarte, fragte ihn, wo Le Duc's Zimmer ſei und beſuchte dann den Burſchen. Ich fand ihn in einem ſchönen Bette, im Schlafrocke und mit einem wenig gerö⸗ theten Geſichte, welches auf keine ernſte Krankheit ſchließen ließ. Was fehlt Dir. Nichts, mein Herr. Ich pflege mich. Geſtern bekam ich plötzlich Luſt krank zu werden. Und wodurch biſt Du zu dieſer Luſt gekommen? 1 Durch den Anblick der drei hübſchen Grazien, welche mir lieber als Ihre Haushälterin ſind, die ſich von mir nicht umarmen laſſen wollte. Man läßt mich indeß zu lange auf die Bouillon warten; ich werde wohl böſe werden müſſen. Herr Le Duc, Sie ſind ein Schlingel. A Wollen Sie, daß ich geſund werde? Ich will, daß dieſe Komödie aufhöre, weil ſie mich langweilt. In dieſem Augenblicke öffnet ſich die Thür und die Couſine kömmt mit der Bouillon. Ich finde ſie reizend und bemerke, daß ſie bei der Bedienung Le Dne's die Miene einer Dame annahm, welche ihr ſehr gut ſtand. Ich werde in meinem Bette ſpeiſen, ſagte der Spanier. Sie ſollen bedient werden, ſagte das junge Mädchen, und ging hinaus. Das Mädchen thut wie eine Prinzeſſin, ſagte Le Due; aber ſie imponirt mir nicht. Nicht wahr, mein Herr, Sie finden ſie hübſch? Ich finde, daß Du ſehr frech biſt. Du ſpielſt den Affen, und das mißfällt mir. Stehe auf, Du wirſt mir bei Tiſche aufwarten, worauf Du allein eſſen kannſt, und dadurch wirſt Du die Rückſichten erlangen, welche ein ehr⸗ licher Mann in jedem Stande verdient, wenn er ſich nicht verkennt. Du wirſt nicht mehr in dieſem Zimmer wohnen; der Hauswart wird Dir ein anderes geben. Beim Hinausgehn begegnete ich der ſchönen Couſine; ich ſagte ihr, ich wäre eiferſüchtig auf die Ehre, welche ſie meinem Bedienten erweiſe und ich bäte ſie daher, ſich nicht mehr mit ſeiner Bedienung zu bemühn. O, mein Gott, das iſt mir ſehr lieb. Da der Hauswart währenddeſſen hinzugekommen war, ſo gab ich ihm meine Befehle und ging dann auf mein Zimmer, um zu ſchreiben. Vor Tiſche kam der Baron und ſagte, er komme ſo eben von der Dame, welcher er mich vorgeſtellt. Sie war die Frau eines Advokaten Namens Morin und die Tante des Fräuleins, welches mich ſo ſehr eingenommen hatte. Ich habe von Ihnen und von dem Eindrucke, welchen ihre Nichte auf Sie gemacht, mit ihr geſprochen. Sie hat mir verſprochen, ſie holen zu laſſen und ſie den ganzen Tag bei ſich zu behalten. Nachdem wir ein Mahl wie am vorigen Tage, aber mit Abwechſelungen, welche den Appetit eines Todten hätten wieder erwecken können, eingenommen hatten, begaben wir —.—— —— — 8 3 11 uns zu Madame Morin, welche mich mit der Ungezwun⸗ genheit einer Pariſerin empfing. Sie ſtellte mir ſieben Kin⸗ der vor, deren Mutter ſie war. Ihre älteſte Tochter, die weder hübſch noch häßlich war, war zwölf Jahr alt und ſchien vierzehn Jahr alt zu ſein; ich ſagte es ihr. Um mich zu überzeugen, daß ſie mich nicht täuſche, holte ſte ein Regiſter, auf welchem das Jahr, der Monat, der Tag und ſogar die Minute ihrer Geburt verzeichnet war. Verwundert über eine ſo weit gehende Genauigkeit, kam ich auf den Gedan⸗ ken, ſie zu fragen, ob man ihr ein Horoscop geſtellt habe. Nein, ſagte ſie, denn ich habe noch Niemand gefunden, der mir dieſen Dienſt hätte leiſten können. Dazu iſt noch im⸗ mer Zeit, ſagte ich, und ohne Zweifel hat Gott mir dieſes Vergnügen vorbehalten wollen. Da während deſſen Herr Morin eingetreten war, ſo ſtellte ſeine Frau ihn mir vor und nach den üblichen Com⸗ plimenten kam ſie wieder auf das Horoscop zurück. Der Advokat ſagte ſehr verſtändig, die gerichtliche Aſtrologie ſei eine, wenn auch nicht ganz falſche, doch wenigſtens ſehr ver⸗ dächtige Wiſſenſchaft; er habe die Schwäche gehabt, ſich eine Zeit lang mit derſelben zu beſchäftigen, da er ſich aber endlich überzeugt, wie wenig der Menſch im Stande ſei, in die Zukunft zu ſehen, ſo habe er dieſelbe aufgegeben und ſich mit den nicht zweifelhaften Wahrheiten, welche die Aſtronomie lehre, begnügt. Ich ſah, daß ich es mit einem gebildeten und ver⸗ nünftigen Manne zu thun hatte, und das war mir ſehr angenehm; aber Valenglard, welcher an die Aſtrologie glaubte, griff ihn an. Während ſie diseutirten, verzeichnete ich heim⸗ lich in meiner Brieftaſche den Augenblick der Geburt von Fräulein Morin. Herr Morin, welcher errieth, was ich that, lächelte mit geſenktem Haupte. Ich errieth ſeinen Ge⸗ danken, ließ mich aber nicht aus der Faſſung bringen, da ich ſeit fünf Minuten entſchloſſen war, Aſtrolog zu werden. Endlich kam die ſchöne Nichte. Ihre Tante ſtellte ſie mir als Fräulein Roman⸗Coupier, Tochter ihrer Schweſter vor, und ſich ſodann gegen ſie wendend, theilte ſie ihr mit, wie lebhaft ich ihre Bekanntſchaft wünſche, ſeitdem ich ſie im Concert geſehn. ⸗ 62 12 Dieſe junge und ſchöne Perſon war damals ſiebenzehn Jahr alt. Ihre Atlashaut war von blendender Weiße und dieſe wurde noch durch einen herrlichen ſchwarzen Haar⸗ wuchs gehoben. Ihre Geſichtszüge waren von vollkomme⸗ ner Regelmäßigkeit; ihr Teint war leicht gefärbt, ihre ſchön⸗ geſpaltenen ſchwarzen Augen vereinigten den lebhafteſten Glanz mit dem Ausdrucke der höchſten Sanftmuth; ihre Augenbrauen waren ſchön gewölbt, ihr Mund klein, die Zähne regelmaͤßig und wohlgeordnet hatten eine Art perl⸗ artigen Schmelz, und die Lippen waren vom feinſten Roſen⸗ „roth und auf denſelben ſchwebte das Lächeln der Anmuth und Schaam. Da nach einer Unterhaltung von einigen Minuten Herr Morin genöthigt war, ſich in Geſchäften zu entfernen, ſo ſchlug er mir eine Quadrille vor, und als ich einen Louis⸗ d'or verlor, bedauerte man mich meines außerordentlichen Unglücks wegen. Ich fand, daß Fräulein Roman einen be⸗ ſonnenen und verſtändigen Charakter hatte, daß ſie wahr, angenehm, ohne glänzen zu wollen, und was mehr als dies Alles beſagte, ohne alle Anmaaßung war. Sie war heiter, von immer gleicher Laune, und hatte die Feinheit, ſo zu thun, als ob ſie ein ſehr ſchmeichelhaftes Compliment oder einen Witz, welchen ſie, ohne ſich unterrichteter, als ſie ſein durfte, zu zeigen, nicht aufnehmen durfte, nicht verſtehe. Sie war ſehr reinlich gekleidet, hatte aber nichts an ſich, was auf Ueberfluß oder Wohlhabenheit hindeutete, keine Ohrringe, Ringe oder Uhr. Man konnte genau genommen von ihr ſagen, daß ſie nur mit ihrer Schönheit geſchmückt ſei, und keinen andern Zierrath habe als ein ſchwarzes Hals⸗ band, an welchem ein kleines goldnes Kreuz hing. S er⸗ Buſen war ſchön geformt und überſchritt das richtige hältniß nicht. Mode und Erziehung hatten ſie gewöhnt, dieſen mit derſelben Unbefangenheit zu zeigen, wie ſie ihre weiße und fleiſchige Hand, oder ihre Wange, auf denen das Roth der Roſe ſich mit dem Weiß der Lilie vermiſchte, zeigte. Als ich ihre Haltung beobachtete, um zu ſehn, ob ich Hoffnung hegen dürfe, bemühte ich mich vergeblich und konnte zu keinem Schluſſe gelangen. Sie machte keine Be⸗ 13 wegung, gab keine Antwort, welche die geringſte Hoffnung eines Erfolgs in mir hätten erwecken können; aber ſie gab mir auch keinen Anlaß das Gegentheil zu glauben, Ihr Benehmen war ſo natürlich und gemeſſen, daß es allen meinen Scharfſinn zu Schanden machte. Eine Freiheit, welche ich mir während des Eſſens nahm, gab mir indeß einen Schimmer von Hoffnung. Da ihre Serviette zur Erde gefallen war, ſo beeilte ich mich, ſie aufzuheben, und als ich dieſelbe wieder auf ihren Schooß legte, drückte ich— Iihre Lende, ohne auf ihrem Geſichte ein Zeichen der Miß⸗ billigung zu bemerken. Da ich mit dieſem Vorzeichen zu⸗ frieden war, ſo lud ich die ganze Geſellſchaft für den fol⸗ genden Tag zum Abend⸗ und Mittagseſſen ein; Madame Morin zeigte ich an, daß ich nicht ausgehen würde, daß ſie mir alſo einen Gefallen erweiſen würde, wenn ſie ſich mei⸗ nes Wagens bedienen wolle, der zu ihrer Verfügung ſtehe. Nachdem ich Valenglard nach Hauſe geleitet, entfernte ich mich, indem ich über die Eroberung von Fräulein Ro⸗ man Luftſchlöſſer baute. Ich benachrichtigte den Hauswart, daß wir morgen unſerer ſechs zu Mittag und Abend ſpeiſen würden, worauf ich mich zu Bett legte. Beim Auskleiden ſagte Le Duc zu mir: Sie ſtrafen mich, Herr, aber zu meinem großen Leid⸗ weſen beſtrafen Sie ſich ſelbſt, indem Sie ſich der Bedie⸗ nung dieſer hübſchen jungen Damen berauben. Du biſt ein Schlingel. Ich weiß es, aber ich diene Ihnen von ganzem Herzen, und liebe Ihr Vergnügen ebenſoſehr wie das meinige. Du biſt ein guter Advokat in eigner Sache; ich habe Dich verdorben. Soll ich Sie morgen friſiren? Nein, Du kannſt täglich bis zum Eſſen ſpatzieren gehn. So werde ich mir etwas zuziehn. Ich werde Dich ins Hospital ſchicken. Eine ſchöne Ausſicht por Dios! Er war frech, unverſchämt, boshaft, ausſchweifend, ein ſchlechtes Subjekt, aber zugleich gehorſam, hingebend, ver⸗ 14 ſchwiegen und treu, und ſeine guten Eigenſchaften zwangen mich über ſeine Fehler hinwegzuſehn. Als mir Roſa am folgenden Tage die Chocolade brachte, ſo erzählte ſie mir lachend, mein Bedienter habe einen Wagen kommen laſſen, und nachdem er ſich wie ein vor⸗ nehmer Herr, den Degen an der Seite, angekleidet, ſei er ausgefahren, um Beſuche zu machen. Wir haben ſehr gelacht. Und Sie haben Recht gehabt, liebenswürdige Roſa. Bei dieſen Worten trat Mariechen unter ich weiß nicht welchem Vorwande ein. Ich ſah, daß die beiden Schönen einverſtanden waren, um nie allein mit mir zu ſein; das miß⸗ fiel mir, aber ich ließ mir nichts merken. Ich ſtand auf, und kaum hatte ich meinen Schlafrock angezogen, als die hübſche Couſine, mit einem Packete unter dem Arme, eintrat. Ich bin erfreut, Sie zu ſehn, Fräulein, und beſonders über dieſes hübſche, lächelnde Geſicht, denn geſtern waren Sie für mich zu ernſt. Wahrſcheinlich weil Le Duc vornehmer als Sie iſt, in ſeiner Gegenwart würde ich nicht zu lachen gewagt haben, aber ich habe mich entſchädigt, als ich ihn heute in einen vergoldeten Wagen ſteigen ſah.* Hat er Sie lachen ſehn? Ja, wenn er nicht blind iſt. Er wird darüber ärgerlich ſein. Das ſoll mich ſehr freuen. Sie ſind reizend. Was haben Sie in dieſem Packet? Sachen aus meiner Fabrik. Sehen Sie nur. Es ſind geſtickte Handſchuhe. Sie ſind ſchön und vortrefflich geſtickt. Was koſtet denn das ganze Packet? Handeln Sie? Sehr und unter allen Umſtänden. Gut daß ich das weiß.. Nachdem ſie ſich leiſe mit einander beſprochen, nahm die Couſine eine Feder, zählte die Dutzende und nachdem 3 addirt, ſagte ſie: Das Ganze macht zweihundertundzehn rancs. 4 15 Hier ſind neun Louisd'ors, geben Sie mir ſechs Francs heraus. Sie ſagten aber, Sie würden handeln. Warum haben Sie mir geglaubt? Sie erröthete und gab mir die zehn Franes zurück. Nachdem Roſa und Mariechen mich raſirt und friſirt, nah⸗ men ſie meinen Kuß mit der beſten Manier hin, und als ich der Couſine ebenfalls einen anbot, küßte ſie mich auf den Mund auf eine Weiſe, welche zeigte, daß ſie bei der erſten Gelegenheit mein ſein würde.— Mein Herr, ſagte Roſa, werden wir das Vergnügen haben, Ihnen bei Tiſche aufzuwarten? Ich bitte Sie darum. Wir möchten aber wohl wiſſen, wen Sie zu Gaſt ge⸗ laden haben; denn wenn es Offiziere der Garniſon ſind, ſo könnten wir nicht kommen, weil dieſelben zu ausgelaſ⸗ ſen ſind. Meine Gäſte ſind, Madame Morin, ihr Mann und ſeine Nichte. Dann um ſo beſſer. Die Couſine ſagte: Fräulein Ronnie iſt das tugend⸗ hafteſte und ſchönſte Mädchen von Grenoble; aber ſie wird ſchwer an den Mann zu bringen ſein. Sie kann einen reichen Mann finden, der ihre Tugend und Schönheit auf eine Million veranſchlagen wird. Solche Männer ſind nicht häufig. Nachdem Mariechen mit der Couſine hinausgegangen war, ſah ich mich allein mit Roſa, welche zurückgeblieben war, um mich anzukleiden. Ich griff ſie an, da ſie ſich aber mit zu großer Entſchloſſenheit vertheidigte, ſo ließ ich ſte los und verſprach ihr, daß ſo etwas nicht wieder vor⸗ kommen ſolle. Als meine Toilette zu Ende war, ſchenkte ich ihr einen Louisd'or und entließ ſie mit Dank. Als ich allein war, ſchloß ich mich ein und begann das Horoscop auszuarbeiten, welches ich Madame Morin verſprochen. Es wurde mir leicht, acht Seiten mit gelehr⸗ ter Charlatanerie zu füllen, und ließ ich es mir beſonders an⸗ gelegen ſein, anzuführen, was dem jungen Mädchen bis zu ſeinem jetzigen Alter begegnet. Geſchickterweiſe hätte ich in der Unterhaltung vom vorigen Tage einige Nachrichten er⸗ haſcht und da ich das Uebrige der Wahrſcheinlichkeit gemäß zugeſtutzt und allen meinen Anführungen einen pythiſchen An⸗ ſtrich gegeben, fand es ſich, daß ich richtig geahnt, und man zweifelte nun nicht mehr an meiner Prophetengabe. Uebrigens wagte ich nichts, denn alle meine Prophezeiungen hatten ein Wenn, und in den Wenns beſtand immer die Wiſſenſchaft der närriſchen oder ſchurkiſchen Aſtrologen. Ich las mein Horoscop wieder durch und fand es ganz vortrefflich; ich war im Zuge, und meine Uebung in der Kabbala erleichterte mir die Sache. Einen Augenblick nach zwölf Uhr erſchienen alle meine Gäſte, und um ein Uhr ſetzten wir uns zu Tiſch. Nie habe ich ein üppigeres und feineres Mahl geſehn. Ich ſah wohl, daß mein Hauswirth ein Mann war, deſſen Schwung man eher mäßigen als ſtacheln muß. Madame Morin war ſehr liebenswürdig gegen die drei Mädchen, welche ſie kannte, und Le Due ſtand beſtändig hinter ihrem Stuhle, aufmerkſam auf ſeinen Dienſt und ſo prachtvoll, wie ein königlicher Kammerherr gekleidet. Als mir am Schluſſe des Eſſens Fräulein Roman über die drei Schönheiten, welche ich in dieſer hübſchen Wohnung in meinem Dienſte habe, ein Compliment machte, erhielt ich Gelegenheit von ihrem Talente zu ſprechen, und um dafür einen Beweis zu liefern, ſtand ich auf und holte die Handſchuhe, welche ich ihnen abgekauft. Fräulein Roman lobte ihre Qualität und Arbeit. Ich beeilte mich die Gelegenheit beim Schopfe zu faſſen, und bat ihre Tante um die Erlaubniß, einer jeden von ihnen ein Dutzend anzubieten. Nachdem ich dieſe Be⸗ günſtigung erlangt, überreichte ich Madame Morin mein Horoscop. Ihr Mann las es, und obwohl er nicht daran glaubte, war er genöthigt, es zu bewundern, denn es war auf den Einfluß der Planeten, welche zur Zeit der Geburt ſeiner Tochter am Himmel ſtanden, baſirt. Wir ſprachen einige Stunden lang von Aſtronomie und ſpielten einige fernere Stunden Quadrille. Sodann machten wir einen 17 Spatziergang im Garten, wo Alle ſo höflich waren, mich mit Fräulein Roman allein ſprechen zu laſſen. Unſere Unterhaltung, oder wohl richtiger, mein Mo⸗ nolog drehte ſich um den tiefen Eindruck, welchen ſie auf mich gemacht, um die lebhafte Leidenſchaft, welche ſie mir eingeflößt, um ihre Schönheit, um ihre Tugend, um die Reinheit meiner Abſichten und um mein Beduürfniß, ihre Liebe zu erlangen, wenn ich nicht der unglücklichſte Menſch werden ſolle.* Mein Herr, ſagte ſie endlich, wenn der Himmel be⸗ ſchloſſen hat, daß ich heirathen ſoll, ſo will ich Ihnen kein Hehl daraus machen, daß ich mich glücklich ſchätzen würde, wenn mein Mann Ihnen gliche. Aufgemuntert durch dieſe unbefangene Erklärung, ergriff ich ihre Hand, welche ich mit feurigen Küſſen bedeckte, und ſagte zu ihr mit dem Tone der Leidenſchaft, ich hoffe, ſie würde mich nicht ſchmachten laſſen. Sie wendete ſich um und ſuchte mit den Augeu ihre Tante. Es fing an dunkel zu werden, und ſie ſchien zu fürchten, daß ihr etwas zuſtoßen könne. Sie zog mich ſanft nach ſich, und nachdem wir uns wieder mit der Geſell⸗ ſchaft vereinigt, begaben wir uns in den Salon, wo ich zu ihrem Vergnügen eine kleine Pharaobank legte. Ma⸗ dame Morin gab ihrer Tochter und Nichte, die keinen Pfennig hatten, Geld, und Valenglard nahm ſich ihres Spiels ſo gut an, daß, als wir vom Spiele aufſtanden, jede der drei Damen zwei bis drei Louisd'ors gewonnen hatte. Bis Mitternacht tafelten wir. Ein kalter Alpenwind hinderte mich, auf einen nächtlichen Spatziergang im Gar⸗ ten, wie ich beabſichtigt hatte, zu dringen. Madame Morin dankte mir tauſendmal, und ich umarmte meine weiblichen Gäſte mit ehrfurchtsvollem Anſtande. Da ich in der Küche ſingen hörte, begab ich mich aus Neugierde hin und fand hier Le Duc in Galla und über alle Maßen betrunken. Als er mich erblickte, wollte er aufſtehn, da er aber den Schwerpunkt verlor, fiel er unter „ XI. 2 2 5 den Küchentiſch, wo er ſich ſeines Uebermaßes entlud. Man brachte ihn zu Bett. Dieſer Vorfall ſchien mir ſehr geeignet zum Lachen, und ich würde es auch gethan haben, wenn nicht die Gruppe der drei Grazien erſchienen wäre. Der Liebesgott lacht nur unter vier Augen, weshalb das Alterthum den drei Grazien, die unzertrennlich waren, nie eine Intrigue beigelegt hat. Da ich noch nicht Gelegenheit gefunden, meinen drei jungen Aufwärterinnen einer nach der andern beizukommen, durfte ich mich nicht der Gefahr eines allge⸗ meinen Angriffs ausſetzen, der mir die Hoffnung, eine nach der andern zu erobern, hätte rauben können. Ich ſah, daß Roſa ganz offen auf ihre Couſine eiferſüchtig war, denn ſie belauerte unſere Blicke. Das war mir nicht un⸗ angenehm, denn die Eiferſucht erzeugt den Aerger, und der Aerger führt weit. Als ich zu Bett gegangen war, ent⸗ ließ ich ſie, und wünſchte ihnen beſcheiden eine gute Nacht. Am folgenden Morgen kam Roſa allein, forderte eine Tafel Chocolade uud ſagte, Le Due ſei allen Ernſtes krank. Sie brachte mir meine Caſſette, und indem ich ihr die Tafel überreichte, ergriff ich ihre Hand und ließ ſie fühlen, daß ich ſie liebte. Da ſie ſich für beleidigt hielt, ſo zog ſie ihre Hand ſchnell zurück und entſernte ſich. Eine Minute darauf kam Mariechen unter dem Vorwande, mir eine Spitzen⸗ manchette zu zeigen, welche ich am vorigen Abend zerriſſen, und fragte mich, ob ſie dieſelbe ausbeſſern ſolle. Ich faßte ihre Hand, um dieſelbe zu küſſen, aber ſie ließ mir keine Zeit dazu, ſondern reichte mir ihre von Begierde glühenden Lippen. Ich faßte ihre Hand wieder, und ſchon war die⸗ ſelbe in Thätigkeit, als die Couſine wiederkam. Mariechen, welche die Manſchette in die Hand hielt, that ſo, als ob ſie auf meine Antwort warte. Ich ſagte zu ihr mit zer⸗ ſtreuter Miene, ſie werde mir einen Gefallen thun, wenn ſie dieſelbe ansbeſſern wolle, ſobald ſie Zeit habe, und ſie entfernte ſich. Durch dieſes doppelte Mißlingen auf's Aeußerſte ge⸗ trieben, tröſtete ich mich mit der Hoffnung, daß die Couſine mich nicht abfallen laſſen würde; denn durch ihren erſten 19 Kuß vom vorigen Tage hatte ſie mir gewiſſermaßen ein Draufgeld gegeben. Ich bitte ſie, mir mein Taſchentuch zu geben und ergreife ihre Hand, indem ich ſie ſanft an mich ziehe. Ihr Mund fiel auf den meinigen, und ihre Hand, welche ſie mir mit der Sanftmuth eines Engels überließ, war ſchon in Bewegung, als die widerwärtige Roſa mit meiner Chocolade eintrat. Wir faßten uns augenblicklich, aber dieſes Mißlingen machte mich wüthend. Ich ſchmollte auf Roſa, und ich hatte ein Recht dazu wegen der Art und Weiſe, wie ſie mich vor einer Viertelſtunde zurückge⸗ ſtoßen. Die Chocolade ſchien mir ſchlecht gekocht, obwohl ſie vortrefflich war; ich fand ſie linkiſch in ihrem Dienſte und behandelte ſie ohne alle Schonung. Nachdem ich auf⸗ geſtanden war, wollte ich mich nicht von ihr raſiren laſſen; ich raſirte mich ſelbſt, was ſie zu demüthigen ſchien; ſo⸗ dann friſirte mich Mariechen. Roſa und ihre Couſine ent⸗ fernten ſich, wie um zu zeigen, daß ſie gemeinſame Sache machten; aber es war leicht zu errathen, daß Roſa weniger ihrer Schweſter, als ihrer Couſine zürnte. Herr von Valenglard trat ein, während Mariechen mich ankleidete. Als wir allein waren, ſagte dieſer Of⸗ fizier, welcher viel Ehrgefühl und geſunden Menſchenver⸗ ſtand hatte, obwohl er an die Aſtrologie und die abſtrakten Wiſſenſchaften glaubte, er finde mich etwas traurig, und wenn die Veranlaſſung dazu von der jungen Roman aus⸗ gehe, ſo rathe er mir, nicht an ſie zu denken, wenn ich ſie nicht heirathen wolle. Ich erwiederte ihm, ich ſei, um der Sache ſchnell ein Ende zu machen, entſchloſſen, binnen we⸗ nig Tagen Grenoble zu verlaſſen. Wir ſpeiſten zuſammen; ſodann begaben wir uns zu Madame Morin, wo wir ihre ſchöne Nichte fanden. Madame Morin empfing mich mit ſchmeichelhafter Freundlichkeit, und auch Fräulein Roman nahm mich auf ſie zu umarmen und auf meine Knie zu ſetzen. Die Tante lachte, die Nichte erröthete, gab mir ſodann einen kleinen Zettel und entfloh. Ich las das Jahr, den Tag, die Stunde und die Minute ihrer Geburt, und errieth nun 2* — — eine ſehr zuvorkommende Weiſe auf, was mich ermunterte, 20 wohl, was ſie wollte. Das wollte meiner Anſicht nach ſagen, daß ich nur dann hoffen dürfe, wenn ich ihr ihr Horoscop ſtelle. Feſt entſchloſſen, dieſes Mittel zu be⸗ nutzen, ſagte ich zu ihr, ich würde ſehen, ob ich ihr am folgenden Tage bei mir und des Nachts während des Tanzes dieſen Gefallen thun könne. Sie blickte ihre Tante an, und mein Vorſchlag wurde angenommen. Man kündigte den„Ruſſen“ an. Ich ſehe einen Mann von meinem Alter eintreten, der gut gewachſen, etwas hager und im Reiſeanzuge iſt. Er redet Madame Morin auf eine ungezwungene und edle Weiſe an; er wird gut empfangen, ſpricht gut, ſieht mich kaum an und ſagt zur Nichte kein Wort. Gegen Abend kömmt Herr Morin; der Ruſſe giebt demſelben eine kleine, mit einer weißlichen Flüſſigkeit ge⸗ füllte Phiole, und macht dann Miene ſich zu entfernen; aber man hält ihn zum Abendeſſen zurück. Bei Tiſche ſprach man von ſeinem wunderbaren Waſ⸗ ſer. Herr Morin ſagte, in drei Minuten habe derſelbe einen jungen Mann, der von einer Billardkugel getroffen und umgeworfen worden, die Quetſchung vertrieben. Der Ruſſe habe denſelben nur mit ſeinem Waſſer eingerieben. Dieſer ſagte, dies wäre nur eine Kleinigkeit, und ſprach mit Valenglard viel über Chemie. Ich konnte an ihrer Unterhaltung nicht Theil nehmen, da ich nur mit der ſchö⸗ nen Roman beſchäftigt war, und die Hoffnung auf den fol⸗ genden Tag keinen andern Gedanken bei mir aufkommen ließ. Als ich Valenglard nach Hauſe begleitete, ſagte er mir, Niemand kenne dieſen Ruſſen, nichts deſtoweniger werde er in allen Häuſern gut aufgenommen. Hat er eine Equipage? Er hat nichts, weder Bedienten noch Geld. Wie iſt er gekommen? Er iſt vom Himmel gefallen. Schöner Urſprung! Iſt er ſchon lange hier? Seit etwa vierzehn Tagen. Er macht Beſuche, fordert aber von Niemand etwas. Aber wie lebt er? — 21 Man giebt ihm im Gaſthofe Kredit; man glaubt, daß er auf ſeine Bedienten und ſeine Equipage waͤrtet. Man könnte ihn eher für einen Vagabunden halten. Er ſieht nicht ſo aus, wie Sie ſich haben überzeugen können; übrigens geſtatten auch ſeine Schnallen von Edel⸗ ſteinen eine ſolche Vorausſetzung nicht. Das iſt wahr, wenn die Steine nicht falſch ſind, denn ich ſollte meinen, er würde ſie zu verkaufen ſuchen. Als ich nach Hauſe zurückgekehrt war, erſchien Roſa allein zu meiner Bedienung, aber ſie ſchmollte noch. Ich ſuchte ſie heiter und liebenswürdig zu ſtimmen; da ich aber Widerſtand fand, ſo bat ich ſie, ſich zu entfernen und ih⸗ rem Vater zu ſagen, daß ich am folgenden Tage in dem an den Garten ſtoßenden Saale einen Ball und ein Abend⸗ eſſen fur zwanzig Perſonen geben wolle. Als der Hauswart am folgenden Tage meine Befehle einholte, ſagte ich zu ihm, ich wünſchte, daß ſeine jungen Damen tanzten, wenn es ihnen angenehm wäre. Dadurch wurde Roſa heiter geſtimmt, und ich hielt dies für eine gute Vorbedeutung. Als ſie mit ihrem Vater hinausging, erſchien Mariechen unter dem Vorwande, mich zu fragen, welche Spitzen ich an dieſem Tage tragen wolle. Ich fand ſie ſanft wie ein Lamm, und verliebt wie ein Täubchen. Die Sache kam glücklich zu Stande, aber beinahe wären wir von Roſa überraſcht worden, welche mit Le Duc ein⸗ trat, und für ihn um die Erlaubniß zu tanzen bat, gegen das Verſprechen, daß er ſich gut aufführen werde. Da es mir recht war, daß Alle ſich beluſtigten, ſo willigte ich ein und ſagte ihm, er möge Roſa danken, welche ihm dieſe Vergünſtigung verſchafft. Madame Morin ſchrieb mir ein Billet, in welchem ſie mich um die Erlaubniß bat, zwei Damen ihrer Bekannt⸗ ſchaft nebſt ihren Töchtern einladen zu dürfen. Ich er⸗ wiederte ihr, ſie würde mir ein Vergnügen machen, wenn ſie nicht nur die ihr angemeſſen ſcheinenden Damen, ſondern auch Herren einlade, da ich ein Abendeſſen für zwanzig Perſonen beſtellt. Sie kam mit ihrer Nichte und Valenglard zum Mittageſſen zu mir, da ihre Tochter an ihrer Toilette —— — —— — arbeitete und ihr Mann bis in die Nacht beſchäftigt war. Sie verſicherte mir, daß wir zahlreiche Geſellſchaft haben würden. Die ſchöne Roman trug daſſelbe Kleid, wie an allen andern Tagen, aber ſie bedurfte nicht der Toilette, um zu blenden. Neben mir ſtehend, fragte ſie mich, ob ich an ihr Horoscop gedacht. Ich nahm ſie bei der Hand, ſetzte ſie auf meine Knie und verſprach ihr, daß ſie es am fol⸗ genden Tage erhalten ſolle. In dieſer Stellung, in welcher ich ihre göttliche Taille mit meinem linken Arm drückte, entriß ich zehn Feuerküſſe ihren herrlichen Lippen, welche ſie nur öffnete, um mich um Mäßigung zu bitten. Sie war mehr erſtaunt als erſchreckt über mein Zittern, und obwohl ſie ſich mit Erfolg vertheidigte, verlor ſie nicht einen Augenblick die Faſſung, ihre Heiterkeit blieb ſich gleich, und trotz der Gluth meiner Blicke, blickte ſie beſtändig über mein Geſicht hinweg. Um ihren Bitten nachzukommen, ſtrengte ich mich an, und als ſie mich ruhig ſah, drückten ihre Augen jene Befriedigung aus, welche das Gefühl eines durch die Vernunft über einen großmüthigen Feind davon⸗ getragenen Sieges gewährt. Mein Schweigen war eine Anerkennung der Tugend eines himmliſchen Weſens, deſſen Glück ich durch eins jener ſeltſamen Spiele des Zufalls, welche die Philoſophie ver⸗ geblich zu erklären ſucht, begründen ſollte. Madame Morin ſetzte ſich neben uns und bat mich um einige Erklärungen über das Horoscop ihrer Tochter. Sodann ſagte ſie, um mir für meinen Ball vier Schön⸗ heiten zu verſchaffen, habe ſie nur zwei Billete zu ſchreiben gebraucht. Ich werde nur eine ſehen, ſagte ich, ihre Nichte anblickend. Gott weiß, ſagte Valenglard, welche Ver⸗ muthungen man morgen in Grenoble anſtellen wird. Man wird ſagen, ſagte Madame Morin zu ihrer Nichte, Du habeſt Hochzeit gehabt. Ja, und ohne Zweifel wird man von meinem herr⸗ lichen Anzuge, meinen Spitzen und Diamanten ſprechen, ſagte die Nichte mit graziöſem und bezeichnendem Aus⸗ drucke. — 23 Man wird von Ihrer Schönheit ſprechen, erwiederte ich mit Gefühl, von Ihrem Geiſte und Ihrer Tugend, welche den Mann, der in Ihren Beſitz gelangt, beglücken werden. Man ſchwieg, weil Jeder glaubte, ich ſpreche von mir. Ich dachte nicht daran. Hätte ich gewußt; wie ich es an⸗ fangen ſollte, ſo würde ich ihr wohl fünfhundert Louisd'ors angeboten haben; aber die Schwierigkeit hätte darin be⸗ ſtanden, die Bedingungen des Contrakts feſtzuſtellen, denn ich hätte das Geld nicht für eine Kleinigkeit hingeben mögen. Wir gingen in mein Schlafzimmer, und während Fräulein Roman die ſchönen Kleinodien auf meiner Toilette betrachtete, beſichtigten ihre Tante und Valenglard die Bro⸗ ſchüren, welche auf meinem Nachtiſche lagen. Ich ſehe Ma⸗ dame Morin ſich dem Fenſter nähern und einen Gegen⸗ ſtand, welchen ſie in der Hand hielt, aufmerkſam betrach⸗ ten. Ich erinnere mich, daß ich das Portrait meiner Nonne dort habe liegen laſſen. Ich eile zu ihr und bitte ſie, mir das unanſtändige Portrait zu geben, welches ich unvor⸗ ſichtiger Weiſe dort habe liegen laſſen. Die Unanſtändig⸗ keit, ſagte ſie, hat nichts auf ſich, aber aufgefallen iſt mir die außerordentliche Aehnlichkeit. Ich begriff Alles und ſchauderte über meine unfrei⸗ willige Indiseretion. Madame, ſagte ich, dies iſt das Portrait einer Venetianerin, welche ich ſehr geliebt habe. Ich glaube es wohl, aber es iſt ſonderbar. Dieſe beiden M., dieſe Inſignien der Religion, welche der Liebe geopfert werden, vermehren mein Erſtaunen noch. Sie iſt Nonne und heißt M. M. Und eine Nichte nach der Mode der Bretagne, welche ich in Chambéry habe, heißt ebenfalls M. M., und iſt Nonne deſſelben Ordens, wie die Ihrige. Ja noch mehr, ſie iſt in Air geweſen, von wo ſie herkommen, um eine Kur durchzumachen. Und das Portrait gleicht ihr? Wie zwei Waſſertropfen. ehn e iſt wirklich ſonderbar, und ich hätte ſie gern geſehn. Wenn Sie nach Chambéry zurückkehren, ſo machen Sie ihr in meinem Namen einen Beſuch; Sie werden willkommen ſein, und Sie werden eben ſo ſehr wie ich er⸗ ſtaunen. Madame, ich verſpreche Ihnen, dorthin zu gehn, aber wenn ich von Italien zurückkomme. Indeß werde ich ihr dies Portrait nicht zeigen, welches ihr Anſtoß geben würde, und welches ich ſorgfältig verſchließen will. Ich bitte Sie, es Niemand ſehn zu laſſen. Sie können darauf rechnen. Ich wäre beinahe vor Freuden geſprungen, daß es mir ſo gut gelungen, ſie irre zu führen. Um acht Uhr waren alle Gäſte verſammelt, und es hatten ſich die hübſcheſten Frauen und die feinſten Kavaliere eingefunden. Was mir allein nicht behagte, das waren die Complimente, mit denen man mich überhäufte, und mit denen man in der Provinz ſo verſchwenderiſch umgeht. Ich eröffnete den Ball mit der Dame, welche Herr Valenglard mir bezeichnete, ſodann tanzte ich wechſelsweiſe mit allen Damen; aber ich tanzte alle Contretänze mit der ſchönen Roman, welche eben wegen der Einfachheit ihres Anzugs mehr als alle andern Damen glänzte, wenigſtens in meinen Augen. 4 Nach einem ſtarken Contretanz, nach welchem ich mich erhitzt fühlte, ging ich auf mein Zimmer, um einen leich⸗ tern Rock anzuziehn; während ich im Begriff war, den⸗ ſelben anzuziehn, erſchien die junge Couſine und fragte, ob ich etwas bedurfe. Ich bedarf Ihrer, mein ſchönes Kind, ſagte ich, auf ſie zueilend, und ſie in meine Arme ſchließend, fragte ich: Hat man Sie hier eintreten ſehn? Nein, ich komme von oben, und meine Couſinen ſind im Saale. Vortrefflich, meine Liebe. Sie ſind ſchön wie die Liebe, und dies iſt der günſtigſte Augenblick, Ihnen meine Zärt⸗ lichkeit zu beweiſen. —————-0-»8»- ——————„ e— ———— — — 29 Ein lächerlicher Umſtand erfüllte mich mit Freude, nämlich der Gedanke in einem Jahrhunderte, wo die Ver⸗ nunft und die Philoſophie mit ſo vielem Rechte die Aſtro⸗ logen in Verruf gebracht hatten, als Aſtrologe aufzutre⸗ ten. Ich ſchwelgte in dem Gedanken, von den gekrönten Häuptern, welche hohlen und abergläubiſchen Ideen am Meiſten zugänglich ſind, geſucht zu werden und mich im Alter zurückzuziehn. Wer baut nicht Luftſchlöſſer! Hätte die Roman ſtatt eines Knabens ein Mädchen geboren, ſo hätte ich gelacht, und es würde noch nicht Alles verloren geweſen ſein, da ein Sohn noch hätte hinterher kommen können. Mein Horoscop ſollte nur dem Fräulein und der Fa⸗ milie bekannt werden, welche ein Intereſſe hatten, das Ge⸗ heimniß zu bewahren. Nachdem ich daſſelbe beendet und wiederholentlich durchgeleſen, redete ich mir ein, daß ich ein kleines Meiſterwerk zu Stande gebracht, und ich ſpeiſte in meinem Bette in Geſellſchaft der drei Nymphen. Ich war höflich, liebenswürdig, freundlich und liebkoſend gegen alle drei, was ſie und mich in gute Stimmung ſetzte; mich indeß mehr als ſie, und für dieſen Tag bedurfte ich der Ruhe. Am folgenden Tage beſuchte Herr Valenglard mich frühzeitig und ſagte: Niemand glaübe, daß ich in die ſchöne Roman verliebt ſei, aber man habe mich im Ver⸗ dacht, die drei Töchter meines Wirths zu lieben. Es iſt kein Unglück, wenn man das glaubt, ſagte ich, denn ſie ſind ſchon der Mühe werth, obwohl ſie mit einer Perſon, welche nicht ihresgleichen hat, welche aber geſchaffen ſcheint, um mich zur Verzweiflung zu bringen, keinen Vergleich aushält. Erlauben Sie mir, daraus für Madame d'Urfé einen kleinen Roman zu machen? Das ſoll mir ſehr angenehm ſein. Gegen Mittag erſchienen Herr und Madame Morin mit ihrer Nichte, und wir beſchäftigten uns eine Stunde vor Tiſch mit dem Leſen des Horoscops. Die verſchieden⸗ artigen Aeußerungen des Erſtaunens der vier Perſonen zu beſchreiben, würde vergebliche Mühe ſein. Die interefſante Roman war ſehr ernſt, und da ſie nicht wußte, ob ſie 30 einen ſelbſtändigen Willen habe, ſo hörte ſie zu und ſagte kein Wort. Herr Morin, der mich von Zeit zu Zeit anſah, wagte nicht zu lachen, da er mich ernſt ſah. In Valen⸗ glards Zügen drückte ſich Fanatismus und Exaltation aus. Madame Morin ſchien wie von einem übernatürlichen Wun⸗ der betroffen, und weit entfernt, die Prophezeihung über⸗ trieben zu finden, ſagte ſie, ihre Nichte verdiene in der That mehr als die fanatiſche Maintenon, die Frau oder die Ge⸗ liebte ihres Herrſchers zu werden. Aus dieſer, ſagte ſtie, würde nie etwas geworden ſein, wenn ſie nicht Amerika verlaſſen hätte und nach Frankreich gekommen wäre, und wenn meine Nichte nicht nach Paris geht, ſo kann auch das Heroscop ſich nicht als wahr bewähren. Es kommt alſo darauf an, ſie dahin zu bringen; wie iſt dies aber an⸗ zufangen? Dieſe Reiſe gränzt ans Unmögliche. Die Prophe⸗ zeihung der Geburt eines Sohnes hat etwas Göttliches und Hinreißendes. Ohne Zweifel läßt ſich nichts mit Beſtimmt⸗ heit vorherſagen; aber meine Nichte hat mehr Anſprüche, dem König theuer zu werden, als die Maintenon; ſie iſt jung und tugendhaft; die Maintenon war ſchon über die Mitte hinaus, und ehe ſie fromm wurdoe, hatte ſie über die Schnur gehauen. Aber dieſe Reiſe wird ſich in Dunſt auf⸗ löſen. Nein, ſagte Valenglard mit ernſter und wahrhaft komiſcher Miene; dieſe Reiſe wird zu Stande kommen, denn das Geſchick muß ſich erfüllen. Die ſchöne Roman war ganz verdutzt. Ich ließ ſie ſprechen, und wir ſetzten uns zu Tiſch. Anfangs ſtockte die Unterhaltung, dann aber ſprach man von tauſend Kleinigkeiten, wie man es in allen Ge⸗ ſellſchaften thut; ſodann kam, wie ich vorausgeſehn, das Geſpräch wieder auf den Gegenſtand, welcher Alle beſchäf⸗ tigte. Nach dem Heroscope, ſagte die Tante, ſoll der Kö⸗ nig ſich in meine Nichte vor ihrem achtzehnten Jahre ver⸗ lieben; ſie nähert ſich dieſem Alter. Was ſollen wir da machen? Wo ſind die hundert Louisd'ors, die zu einer ſol⸗ chen Reiſe nöthig ſind? Und wenn ſie auch wirklich nach Paris kommt, ſoll ſie zum Könige gehn und ſagen: Hier 31 bin ich, Sire? Und mit wem ſoll ſie ſodann dieſen Gang machen? Mit mir nicht. Mit meiner Tante Roman, ſagte das Fräulein, welches über ein unwillkürliches Lachen, das Niemand zurückhalten konnte, bis zu den Augen erröthete. Das, verſetzte Madame, könnte ſich ſehr natürlich machen; denn Madame Varnier, welche in der rue Riche- lieu wohnt, iſt ihre Tante. Sie macht ein gutes Haus und kennt ganz Paris. Hier ſehen Sie, ſagte Valenglard, die Wege des Schick⸗ ſals. Sie ſprechen von hundert Louisd'ors; Sie brauchen nur zwölf, um zu Madame Varnier zu kommen, welche das Fräulein bei ſich aufnehmen wird. Wenn ſie dort iſt, über⸗ laſſen Sie das Weitere nur dem Zufalle, welcher ſich un⸗ fehlbar günſtig geſtalten wird. Wenn Sie nach Paris gehen, ſagte ich zum Fräulein, ſo ſprechen Sie weder mit Ihrer Tante hier noch mit Ma⸗ dame Varnier von dem Heroscope. Ich werde mit Niemand davon ſprechen; aber glauben Sie mir, das Ganze iſt nichts weiter als ein hübſcher Traum. Ich werde nie Paris und noch weniger Ludwig XV. ſehen. Ich ſtehe auf, nehme aus meiner Caſſette eine Rolle von hundertundfunfzig Louisd'ors und lege ſie ihr in die Hand mit dem Bemerken, daß es Bonbons ſeien. Da ſie die Rolle zu ſchwer fand, ſo macht ſie dieſelbe auf und er⸗ blickt fünfzig Dublonen da ocho, welche ſie für Medaillen hielt. Sie ſind von Gold, ſagte Valenglard. Und der Gold⸗ ſchmied wird Dir hundertundfünfzig Louisd'ors dafür geben, ſagte Herr Morin. Ich bitte Sie, dieſelben zu behalten, mein Fräulein; Sie brauchen mir nur eine Anweiſung auszuſtellen, zahl⸗ bar in Paris, wenn Sie reich ſein werden. Ich war ſicher, daß ſie dies Geſchenk mit annehmen würde, obwohl ſie mir ein Vergnügen gemacht haben würde, wenn ſie es angenommen hätte. Aber ich bewunderte ihre Kraft, daß ſie ihre Thränen zurückhalten konnte, ohne die lachende Harmonie ihres ſchönen Antlitzes irgendwie zu ſtören. 4 I 8 8 ————õ 32 Wir machten einen Spatziergang im Garten. Valen⸗ glard und Madame Morin kamen wieder auf das Heroscop zu ſprechen, und ich ging mit Fräulein Roman von ihnen weg. Sagen Sie mir, ich bitte Sie, ſagte ſie zu mir, als wir aus dem Bereiche jener waren, ob nicht dies Alles ein bloßer Scherz iſt? Nein, es iſt Ernſt, aber Alles hängt von einem Wenn ab. Wenn Sie nicht nach Paris gehen, wird aus der gan⸗ zen Sache nichts. Sie müſſen feſt von der Sache überzeugt ſein, denn ſonſt würden Sie nicht die funfzig Medaillen daran geſetzt haben. Glauben Sie das nicht, Fräulein, und machen Sie mich glücklich, indem Sie dieſelben hier im Geheimen annehmen. Nein, ich danke Ihnen; aber warum wollen Sie mir eine ſo große Summe geben? Des Vergnügens wegen zu Ihrem Glücke beizutragen und in der Hoffnung, daß Sie mir geſtatten werden, Sie zu lieben. Wenn Sie mich wirklich lieben, was ſollte ich dagegen haben? Sie brauchen meine Einwilligung nicht zu erkaufen, und um glücklich zu werden, brauche ich keinen König von Frankreich. Wenn Sie wüßten, worauf ſich meine Wuͤnſche beſchränken! Sagen Sie, worauf? Einen Mann zu finden, der ſanft iſt und ſoviel Geld hat, daß uns das Nothwendige nicht fehlt. Und wenn Sie ihn nicht lieben? Wenn er anſtändig und ſanft iſt, wie ſollte ich ihn dann nicht lieben! Ich glaube, Sie kennen die Liebe nicht. Das iſt wahr. Ich kenne die Liebe nicht, welche ſchwind⸗ lig macht und ich danke Gott dafür. Sie haben Recht. Gott bewahre Sie davor! Sie glauben, daß der König bei meinem Anblicke in Feuer und Flamme gerathen wird; aber gerade hierin ſcheint mir das Heroscop chimäriſch, denn es iſt wohl möglich, daß 1 α‿ʃ—— 33 er mich nicht häßlich findet; vielleicht wird er mich hübſch finden, aber an ein ſolches Uebermaaß glaube ich nicht. Sie glauben es nicht! Setzen wir uns. Stellen Sie ſich vor, der König laſſe Ihnen dieſelbe Gerechtigkeit wie ich widerfahren und die Sache iſt gemacht. Was finden Sie aber an mir, was Sie nicht an einer Menge anderer Perſonen meines Alters fänden? Es iſt indeß möglich, daß ich Eindruck auf Sie gemacht habe. Das beweiſt aber, daß ich geboren war, um auf Sie einen ſol⸗ chen Eindruck zu machen, nicht aber, daß ich ihn auf den König machen muß. Was ſuchen Sie den König von Frankreich, wenn Sie ſelbſt mich lieben? Weil ich Ihnen das Schickſal, was Sie verdienen, nicht anbieten kann. Das iſt gegen den Augenſchein. Auch weil Sie mich nicht lieben. Ich würde Sie, wenn ich Ihre Frau wäre, zärtlich und allein lieben. Ich könnte dann Ihre Küſſe erwiedern, während die Pflicht es mir jetzt nicht geſtattet. Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Ihnen meine Nähe nicht unangenehm iſt! Es iſt mir im Gegentheil ſehr lieb, daß ich Ihnen gefalle. Erlauben Sie dann, daß ich morgen ganz früh auf Ihr Zimmer komme und mit Ihnen an Ihrem Bette Kaffee trinke. O, mein Herr, denken Sie nicht daran. Wenn ich auch wollte, ſo könnte ich es doch nicht. Ich ſchlafe bei meiner Tante und ſtehe früher als ſie auf. Aber nehmen „Sie doch Ihre Hand weg. Sie haben mir verſprochen, nicht wieder anzufangen. Im Namen Gottes! bleiben Sie ruhig, mein Herr. 8 Ich mußte wohl aufhören, denn ihr Widerſtand war nicht zu beſtegen. Mit Vergnügen ſah ich indeß, daß ſie trotz meiner verliebten Verfolgungen ihre Sanftmuth nicht verloren, und daß die lachende Ruhe, welche ſie charakteri⸗ firte, ihr göttliches Geſicht verſchönerte, nicht anders, als ob wir in völliger Unthätigkeit geblieben wären. Was mich XI. 3 34 betraf, ſo ſah ich ſo aus, als ob ich die Verzeihung ver⸗ diene, um welche ich ſie knieend bat, und in ihren Augen las ich, daß ſie bedaure, meinen Wunſch nicht erfuͤllen zu können. Ich konnte nicht länger in der Nähe dieſer Schönheit pleiben, ſo groß war die Aufregung meiner Sinne. Ich verließ ſie, und da ich in meinem Zimmer das gefällige Mariechen mit dem Flicken von Manchetten beſchäftigt fand, ſo erfriſchte ſie mich augenblicklich, und als wir beide be⸗ friedigt waren⸗ machte ſie ſich davon. Ich bedachte, daß ich von der Fungen Roman nie mehr erlangen würde als ich bis jetzt erlangt, wenn ich nicht das Horoscop durch eine Heirath Lügen ſtrafen wollte, und ich faßte den Entſchluß, die Sache nicht weiter zu treiben. Ich ging wieder in den Garten, wo ich die Tante traf, welche ich bat, einen Augenblick mit mir ſpatzieren zu gehn. Vergeblich bemühte ich mich, dieſe ehrliche Frau zu über⸗ reden, daß ſie hundert Louisd'ors zur Reiſe ihrer Nichte nach Paris annehme. Ich ſchwor ihr bei Allem, was dem Menſchen heilig iſt, daß nie Jemand etwas davon erfahren ſolle; alle meine Beredtſamkeit, alle meine Bitten waren unnütz. Sie ſagte, wenn das Schickſal ihrer Nichte nur von dieſer Reiſe abhänge, ſo werde es ſich erfüllen; denn ſie hatte ſchon daran gedacht, ſie dieſelbe machen zu laſſen, vorausgeſetzt, daß ihr Mann darin willigte. Sie ſagte mir übrigens den aufrichtigſten Dank und äußerte, ihre Nichte freue ſich ſehr, mir gefallen zu haben.. Sie gefällt mir ſo ſehr, Madame, daß ich, um Ihnen nicht Vorſchläge zu machen, welche das große Glück, das ihrer wartet, zerſtören müßten, entſchloſſen bin, mor⸗ gen abzureiſen. Wäre ihr nicht dieſes Geſchick vorbe⸗ halten, ſo würde ich mich glücklich ſchätzen, Sie um ihre Hand zu bitten. . Sie würde dann wohl ein ſolideres Glück finden. Erklären Sie ſich. . Ich wage nicht das Schickſal zu bekriegen. Aber Sie reiſen nicht morgen? inden. 35 Ich bitte um Verzeihung, Madame. Ich werde zu Ihnen kommen, um Abſchied von Ihnen zu nehmen. hie Ankündigung meiner Abreiſe machte das Abend⸗ eſſen etwas traurig. Madame Morin, welche vielleicht noch lebt, war eine Frau vom liebenswürdigſten Charakter. Bei Tiſch beſchloß ſie, daß augenblicklich Abſchied genommen werden ſolle, da meine Abreiſe feſtſtehe und die Ehre, welche ich ihr zu erweiſen gedenke, indem ich ſie allein noch beſuchen wolle, nur eine läſtige Ceremonie für mich ſein könne. Zum wenigſten, ſagte ich, werde ich die Ehre haben, Sie bis zu Ihrer Thür zu begleiten, wenn Sie es erlauben. Sie werden unſer Glück dadurch um einige Minuten verlängern. Valenglard ging zu Fuß weg, und die ſchöne Roman ſetzte ſich auf meinen Schooß. Ich wagte, kühn zu ſein, und gegen meine Erwartung war ſie ſo ſanft und zärtlich, daß ich bedauerte, von ihr Abſchied genommen zu haben; aber es war nun einmal geſchehn. Ein auf unſerm Wege vor der Thür eines Gaſthofs umgeſtürzter Wagen nöthigte meinen Kutſcher einige Minu⸗ ten anzuhalten; und dieſer Zufall, über welchen dieſer Menſch ſchimpfte und tobte, erfüllte mich mit Freude, denn während dieſer zu kurzen Augenblicke erhielt ich alle Ver⸗ günſtigungen, welche ich unter ſolchen Umſtänden nur wün⸗ ſchen konnte. Das Glück iſt nie vollſtändig, wenn man es allein ge⸗ nießt. Für mich war es Bedürfniß, mich durch die Be⸗ trachtung der Züge meiner ſchönen Freundin zu überzeugen, daß ſie ſich bei ihren Gefälligkeiten nicht rein paſſiv verhal⸗ ten hatte, und ich führte deshalb die Damen auf ihr Zim⸗ mer. Hier konnte ich mich ohne die geringſte Geckenhaftig⸗ keit von meiner Seite überzeugen, daß die Phyſiognomie dieſes ſchönen Weſens vom Ausdrucke der Traurigkeit und der Liebe beſeelt war, Ich konnte mich überzeugen, daß ſie weder kalt noch unempfindlich war, und daß nur die Furcht und die Tugend mir bei ihr hinderlich geweſen waren. Nachdem ich Madame Morin einen Abſchiedskuß gegeben, hatte ſie die Gefälligkeit, ihre Nichte aufzufordern, mir den⸗ 3* — ³ ſelben Freundſchaftsbeweis zu geben, was dieſe mit einer Gluth that, welche der ihr von mir mitgetheilten entſprach. Ich verließ ſie voller Liebe und Verzweiflung, daß ich mich unwiderruflich zur Abreiſe verpflichtet. Als ich auf mein Zimmer zurückkehrte, fand ich die beiden Nymphen; das war mir unangenehm, denn ich brauchte nur eine. Während Roſa meine Haare zurecht machte, richtete ich leiſe mein Geſuch an ſie; aber ſie ſagte, es wäre ihr unmöglich u kommen, weil ſie alle drei in demſelben Zimmer ſchlie⸗ fen. Ich ſagte ihnen nun, ich reiſte am folgenden Tage ab, und wenn ſie die Nacht auf meinem Zimmer bleiben woll⸗ ten, würde ich einer jeden ſechs Louisd'ors geben. Sie lach⸗ ten über meinen Vorſchlag und erklärten, daß ſie un⸗ möglich darauf eingehen könnten. Das überzeugte mich, daß ſie verſchwiegen geweſen, was in ſolchem Falle bei jungen Mädchen gewöhnlich der Fall zu ſein pflegt; aber ich ſah auch, daß ſie eiferſüchtig auf einander waren. Ich wünſchte ihnen eine gute Nacht und nachdem ich mich zu Bett gelegt, ließ mich Morpheus die herrlichſte Nacht in den Armen meiner angebeteten Roman verſchlafen. Als ich am Morgen etwas ſpät klingelte, trat die Cou⸗ ſine ein, ſagte aber, Roſa folge ihr mit meiner Chokolade auf dem Fuße und meldete mir Karl Iwanoff, welcher mich zu ſprechen wünſche. Ich dachte mir wohl, daß es der Ruſſe ei; da er mir aber nicht vorgeſtellt war, ſo glaubte ich mich nicht verpflichtet, ihn zu empfangen. Sagen Sie ihm, ſein Name ſei mir unbekannt. Roſa richtete meinen Auftrag aus, kehrte aber mit der Meldung zurück, es ſei der Herr, welcher die Ehre gehabt, bei Ma⸗ dame Morin mit mir zu Mittag zu ſpeiſen. Laſſen Sie ihn eintreten. Mein Herr, ſagte er, ich möchte Ihnen zwei Worte im Vertrauen ſagen. Mein Herr, ich kann dieſen Damen nicht befehlen, mein Zimmer zu verlaſſen. Warten Sie draußen, bis ich mei⸗ nen Schlafrock angezogen, und ich werde Ihre Befehle einholen. Wenn ich Sie ſtöre, will ich morgen wiederkommen. Sie würden mich dann nicht mehr finden; ich reiſe heute ab. 6 37 8 In dieſem Falle will ich warten. Ich ſtehe ſchnell auf und gehe hinaus. Mein Herr, ſagte er, ich muß heute abreiſen und habe keinen Pfennig um meinen Wirth zu bezahlen; ich bitte Sie, mir zu hel⸗ fen. Ich wage nicht, mich an Jemand in der Stadt zu wenden, da ich mich nicht der Schande einer abſchläglichen Antwort ausſetzen mag. Vielleicht müßte ich mich durch den Vorzug geſchmei⸗ chelt fühlen; aber ich ſehe mich in der Lage, Ihnen eine abſchlägliche Antwort geben zu müſſen, ohne Ihnen in ir⸗ gend einer Weiſe zu nahe treten zu wollen. Wenn Sie wüßten, wer ich bin, würden Sie mir ohne Zweifel eine kleine Unterſtützung nicht verweigern. Wenn Sie dies glauben, mein Herr, ſo geben Sie ſich zu erkennen und rechnen Sie auf meine Verſchwiegenheit. Ich bin Karl, zweiter Sohn Iwans, Herzogs von Kur⸗ land, der ſich in Sibirien im Erxil befindet. Ich habe mich gerettet. Wenn Sie nach Genua gehn, werden Sie aufhören in Bedürftigkeit zu ſein, denn der Bruder der Herzogin Ihrer Mutter wird Sie ohne Zweifel nicht verlaſſen. Er iſt in Schleſien geſtorben. Seit wann? Ich glaube vor zwei Jahren. Man hat Sie getäuſcht, denn ich habe ihn vor noch nicht einem halben Jahre in Stuttgart geſehn. Es iſt der Baron von Treiden. Ich hatte ſogleich den Betrüger in ihm gewittert, und es verdroß mich, daß er die Dreiſtigkeit hatte, mich beſchwin⸗ deln zu wollen. Sonſt würde ich ihm gern ſechs Louisd'ors gegeben haben, denn es hätte mir wohl ſchlecht angeſtanden, mich zum Feinde der Abenteurer zu erklären; da ich das Bewußtſein hatte, ſelbſt einigermaaßen ein Abenteurer zu ſein, ſo mußte ich ihm ſeine Lügen hingehn laſſen, da mehr oder weniger alle Abenteurer Betrüger ſind. Ich werfe einen Blick auf ſeine Schnallen, die man für ächt hielt und erkenne ſogleich, daß es nachgemachte Steine ſind, wie deren in Venedig ſo viele fabricirt werden 5* und welche in den Augen ſolcher Perſonen, die keine voll⸗ kommene Kenntniß haben, von den Diamant⸗Roſetten nicht zu unterſcheiden ſind. Sie haben Diamantſchnallen, ſagte ich zu ihm, warum verkaufen Sie dieſelben nicht? Sie ſind das letzte Kleinod, welches mir von meiner Mutter geblieben iſt, und ich habe ihr verſprochen, mich deſſelben nie zu entäußern. Dieſe Schnallen, mein Herr, thun Ihnen Schaden, und Sie ſollten dieſelben lieber in der Taſche tragen. Ich will Ihnen ganz offen ſagen, daß ich dieſelben für falſch halte, und daß das Lügen mir verhaßt iſt. Mein Herr, ich lüge nicht. Nun wohl, ſo beweiſen Sie mir, daß Sie ächt ſind, und ich verſpreche Ihnen ſechs Louisd'ors. Sie werden außerdem das Vergnügen haben, mir zu beweiſen, daß ich mich irre. Leben Sie wohl. Als er Herrn von Valenglard kommen ſah, bat er mich, dieſem nichts von unſerer Unterhaltung zu ſagen. Ich verſprach ihm, mit Niemand davon zu ſprechen. Valenglard kam, um mir eine glückliche Reiſe zu wün⸗ ſchen, da er ſelbſt mit Herrn von Monteinard verreiſen wollte. Er bat mich, mit ihm eine thätige Korreſpondenz zu unterhalten. Ich hatte ihn darum erſuchen wollen, denn das Schickſal der ſchönen Roman lag mir zu ſehr am Her⸗ zen als daß ich nicht hätte lebhaft wuͤnſchen ſollen, von dem⸗ ſelben in Kenntniß erhalten zu werden, und die Korreſpon⸗ denz, um welche dieſer brave Offizier mich bat, war das beſte Mittel, dieſen Zweck zu erreichen. Ich verſprach ihm alſo ſehr gern, was er wünſchte. Er umarmte mich unter Thränen und ich verſprach ihm meine Freundſchaft. Oo N u n—— 8— 39 Achtundſiebenzigſtes Kapitel. Meine Abreiſe von Grenable.— Avignon.— Die Quelle von Vaucluſe.— Die kalſche Aſtrodi und die Bucklige.— Gaetan Coſta.— Meine Ankunkt in Marſeille. Während die drei Töchter des Hauswarts Le Duc beim Packen meiner Koffer behülflich waren, trat mein Wirth ein, brachte mir ſeine Rechnung, welche ich bezahlte, da ich ſie richtig fand und gab mir ſeine Zufriedenheit zu erken⸗ nen. Mein Herr, ſagte ich zu ihm, ich will Ihr Haus nicht verlaſſen, ehe ich nicht das Vergnügen gehabt, in Ge⸗ ſellſchaft Ihrer liebenswürdigen jungen Damen zu ſpeiſen, um denſelben zu zeigen, wie ſehr ich die feine Aufmerkſam⸗ keit, welche ſie ſeit meiner Ankunft hierſelbſt für mich ge⸗ habt, zu würdigen weiß. Bereiten Sie mir alſo ein feines Mittagseſſen für vier Perſonen und beſtellen Sie auch Poſt⸗ pferde zum Abend. Mein Herr, ſagte hierauf Le Due, ich bitte Sie, auch ein Reitpferd zu beſtellen, denn ich bin nicht gemacht, um hinter einem Wagen aufzuſteigen. Die Nichte lachte ihm ins Geſicht, um ſich über ſeine Prahlerei luſtig zu machen, und um ſich zu rächen, ſagte er zu ihr, er ſei mehr werth als ſie. Dennoch, Herr Le Due, werden Sie dieſelbe bei Tiſche bedienen. Ja, wie ſie Sie im Bette bedient..———— Ich laufe nach meinem Stocke; aber der Burſche, wel⸗ cher wußte, was er zu erwarten hatte, ſteigt auf das Fen⸗ ſter und ſpringt in den Hof. Die Mädchen und der Haus⸗ wart ſtoßen einen Schrei des Schreckens aus; als wir aber an das Fenſter traten, ſahen wir ihn Bocksſprünge machen und Poſſen treiben. Erfreut, daß er ſich nicht verſtümmelt, ſagte ich zu ihm: Komm, ich verzeihe Dir. Die Fräuleins bezeugten 4 2 geerrathen, und da ich das kleine Geheimniß einer jeden be⸗ mir darüber ihre Freude, und ebenſo der brave Mann, der ſich nicht ſo leicht einen Floh ins Ohr ſetzen ließ. Le Duc kömmt ganz fröhlich und munter herauf, und ſagt: Ich hätte nicht geglaubt, daß ich ein ſo guter Springer wäre. Sehr wohl; aber ein andermal ſei weniger frech. Da, nimm dieſe Uhr.. Es war eine ſehr ſchöne goldne Uhr, welche er mit den Worten hinnahm: Für eine andere Uhr ſpringe ich noch einmal hinaus. So war dieſer Spanier, welchen ich nach zwei Jahren entlaſſen mußte, was mir oft leid gethan hat. Während ich mit den drei jungen Mädchen, welche ich vergeblich zu benebeln ſuchte, bei Tiſch ſaß, verging mir die Zeit ſo ſchnell, daß ich erſt am folgenden Tage abzureiſen beſchloß. Ich war des Geheimniſſes müde und wollte ſie lle zuſammen beſitzen, und die Nacht ſchien mir ſehr ge⸗ eignet für eine ſolche Orgie. Ich ſagte zu ihnen, wenn ſie die ganze Nacht auf meinem Zimmer bleiben wollten, würde ich erſt am folgenden Tage abreiſen. Darüber fingen ſie an aufzuſchreien und zu lachen, wie über einen gar nicht zu verwirklichenden Einfall, und ich verhöhnte ſie und ſtachelte ſie. Während deſſen erſchien der Hauswart, wel⸗ cher mir rieth, nicht in der Nacht abzureiſen und mich auf⸗ einem bequemen Boote, wo ich meine Sachen unterbringen könne, nach Avignon zu begeben. Auf dieſe Weiſe, ſagte er, werden Sie Ermüdung und Geld ſparen. Ich bin damit zufrieden, ſagte ich, wenn die jungen Damen mir die ganze Nacht Geſellſchaft leiſten wollen, denn ich bin entſchloſſen, mich nicht zu Bett zu legen. Mieener Treul ſagte er lachend, das iſt ihre Sache. Dieſer Ausſpruch war entſcheidend, und ſie willigten ein. Der Hauswart beſtellte ein Boot und verſprach mir ein feines Abendeſſen gegen Mitternacht. Bis zum Abendeſſen vertrieben wir uns die Zeit mit Scherzen, und als wir bei Tiſche ſaßen, ſchenkte ich ihnen tüchtig Champagner ein, wodurch meine Schönen in etwas heitere Stimmung geriethen. Ich war ſelbſt etwas in Hitze * 41 ſaß, ſo war ich kühn genug, ihnen zu ſagen, ihre Bedenken ſeien lächerlich, da jede von ihnen die äußerſte Gefälligkeit für mich gehabt. Bei dieſen Worten blickten ſie ſich mit einer Art Er⸗ ſtaunen an, und ſchienen über das, was ich ihnen geſagt, in Unwillen gerathen zu wollen. Da ich vorausſah, daß der weibliche Stolz ſie hätte bewegen können, meine Erklä⸗ rung als Verläumdung zu behandeln, ſo wollte ich ihnen keine Zeit dazu laſſen; ich zog daher Mariechen auf meine Knie und umarmte ſie ſo feurig, daß ſie ihre Niederlage eingeſtand und ſich meinem Ungeſtüm überließ. Die andern, welche dies Beſpiel beſiegte, ahmten ihr nach und fünf Stunden lang ſchwelgten wir in allen Freuden der Wolluſt. Wir bedurften der Ruhe, aber ich wollte abreiſen. Ich wollte ihnen Kleinodien ſchenken, ſie aber ſagten, es wäre ihnen lieber, wenn ich für dreißig Louisd'ors Handſchuhe am bei ihnen beſtellte; dieſe bezahlte ich zum Voraus und habe mich nie wegen der Handſchuhe bei ihnen gemeldet. Ich ſchlief auf dem Schiffe ein und erwachte erſt in Avignon. Man führte mich in den Gaſthof zum heiligen Homer, und trotz der Wunderdinge, welche mir Le Duc von einer jungen Schönheit erzählte, die am Gaſttiſche ſpeiſe, aß ich auf meinem Zimmer, Am folgenden Tage meldete mir mein Spanier, daß die Schönheit mit ihrem Manne in einem an das meinige ſtoßenden Zimmer wohne. Zugleich überbrachte er mir den Theaterzettel, auf welchem ich las: Eine Abtheilung der Pariſer Truppe mit Demoiſelle Aſtrodi, welche ſingen und tanzen ſollte. Ich ſtoße einen Schrei des Erſtaunens aus. Wie die liebenswürdige Aſtrodi, dieſe berühmte Herzensver⸗ wüſterin iſt in Avignon; ſie wird ſich nicht wenig wundern, mich hier zu finden! Da ich nicht Luſt hatte als Einſiedler zu leben, ſo ging ich hinunter, um in Geſellſchaft zu ſpeiſen, und ich fand etwa zwanzig Perſonen an einem ſo wohlbeſetzten Tiſche ſitzen, daß ich kaum glauben konnte, daß der Preis nur vierzig Sous ſei. Die hübſche Fremde erregte allgemeine Aufmerkſamkeit und feſſelte beſonders auch mich. Sie war beſtändig auf ihren Teller und antwortete auf alle Fragen nur mit Monoſyllaben, indem ſie über den Fragenden zwei große blaue Augen von ſchwer zu beſchreibender Schönheit hinſchweifen ließ. Ihr Mann ſaß am andern Ende des Tiſches. Er war eine von jenen ſchwer zu beſchreibenden Figuren, welche von vorn herein Verachtung einflößen. Er war jung, hager, Feinſchmecker, Schwätzer, lachte und ſprach über Alles ins Gelag hinein und ſchien mir ſeinem ganzen Weſen nach ein verkleideter Bedienter zu ſein. Da ich ſicher war, daß ein ſolches Individuum nicht ablehnen würde, ſo ſchickte ich ihm ein Glas Champagner zu, welches er ſo⸗ gleich auf meine Geſundheit leerte. Erlauben Sie, daß ich Madame ein Glas anbiete? Mit lautem Lachen forderte er mich auf, mich an ſie zu wenden, und Madame erwiederte mit einer leiſen Bewegung des Kopfes, ſie trinke nie Cham⸗ pagner. Beim Deſſert ſtand ſie auf, und ihr Mann folgte ihr auf ihr Zimmer. Ein Fremder, der ſie wie ich zum erſtenmale ſah, fragte mich, wer ſie wäre. Da ich antwortete, ich wäre eben erſt angekommen, ſo antwortete ein Anderer, ihr Mann laſſe ſich der Ritter Stuard nennen, derſelbe komme von Lyon, gehe nach Marſeilles und halte ſich ſeit acht Tagen ohne Bedienten und mit ſehr geringem Gepäck in Avignon auf. Da ich nur ſo lange als nöthig war, um die Quelle von Vaucluſe, die Kaskade genannt, zu beſehen, in Avignon hatte bleiben wollen, ſo hatte ich nicht die Vorſicht beobachtet, mich mit Empfehlungsſchreiben zu verſehn; ich konnte alſo nicht daran denken, Bekanntſchaften zu machen und ſo einen Vorwand zu finden, den Augen der Schönen zu Liebe blei⸗ ben zu können. Aber ein Italiäner, welcher den göttlichen Petrarca geleſen und gewürdigt, muß die Oerter, welche derſelbe durch ſeine Liebe für die ſchöne Laura von Sade berühmt gemacht, kennen zu lernen wünſchen. Ich ging in die Komödie, wo ich den Vicelegaten Sal⸗ viati, vornehme Damen, weder ſchön noch häßlich, und eine elende komiſche Oper fand, aber ich entdeckte weder die Aſtrodi noch irgend ein Mitglied der pariſer⸗italiäniſchen Oper. 4 eine vollkommene Schönheit, ſehr jung, ſprach nie, blickte — 9 ͤ——=ͤ—— n 43 Wo iſt denn die berühmte Aſtrodi? fragte ich nach Been⸗ digung der Vorſtellung einen jungen Mann, welcher neben mir ſtand; ich habe ſie nicht geſehn. Entſchuldigen Sie, ſie hat vor Ihnen geſungen und getanzt.. Zum Teufel! Das iſt nicht möglich. Ich kenne ſie ziemlich genau, und wenn ſie unmöglicher Weiſe ſich ſo ver⸗ ändert haben ſollte, daß ſie nicht mehr zu erkennen iſt, ſo iſt ſie es nicht mehr. Ich gehe weg, und zwei Minuten darauf kömmt mir der junge Mann nach und bittet mich umzukehren; er wolle mich in die Loge der Aſtrodi führen, welche mich erkannt habe. Ich folge ihm, ohne ein Wort zu ſagen und ſehe mich einem häßlichen Mädchen gegenüber, welches mir um den Hals fällt, indem es meinen Namen nennt, von dem ich aber ſchwören konnte, es nie geſehn zu haben; ſie läßt mir aber nicht Zeit, ihr dies zu ſagen. Ganz in der Nähe be⸗ merke ich einen Mann, welcher für den Vater der ſchönen Aſtrodi galt, die ganz Paris kannte, und welche den Tod des Grafen von Egmont, eines der liebenswürdigſten Herrn vom Hofe Ludwigs XV. herbeigeführt. Da ich dachte, dies häßliche Weſen könne ihre Schweſter ſein, ſo nahm ich einen Sitz an und machte ihr ein Compliment wegen ihrer Ta⸗ lente. Sie bat mich um die Erlaubniß, ihre Theaterklei⸗ dung ablegen zu dürfen, und unter beſtändigem Lachen und Hinundherlaufen entkleidete ſie ſich mit einer Freigebigkeit, welche ſie vielleicht nicht gehabt haben würde, wenn das, was ſie zeigte, der Mühe werth geweſen wäre. Ich lachte innerlich über ihr Treiben; denn da ich friſch von Grenoble angekommen war, würde es ihr ſchwer geworden ſein, mich zu verführen, ſelbſt wenn ſie ſo ſchön geweſen wäre, als ſie häßlich war. Ihre Magerkeit und ihre verbrannte Haut waren wenig geeignet, mich über ihr ekelhaftes Geſicht hinwegſehn zu laſſen. Ich bewunderte das Vertrauen, welches ſie in dieſe Reize ſetzte, und ſie mußte mir einen geradezu diaboliſchen Appetit zutrauen; aber dieſe Art von Geſchöpfen findet oft in der Entfaltung der Sittenverderbniß eine Unterſtützung, welche ſie vom Zart⸗ gefühl nicht erwarten dürfte. Sie beſchwor mich, bei ihr zu Abend zu ſpeiſen, und da ſie dringend wurde, mußte ich auf eine Weiſe ablehnen, welche ich mir gegen eine andere Frau nicht geſtattet haben würde. Nun bat ſie mich, ihr für die morgende Oper, welche zu ihrem Beneſize war, vier Billets abzunehmen. Ich ſah, daß es ſich um zwölf Franes handelte, und erfreut, ſo wohlfeilen Kaufs wegzukommen, bat ich ſie, mir ſechszehn Billets zu geben. Ich glaubte, ſie würde toll vor Freude werden, als ich ihr einen Doppellouisd'or gab. Das war nicht die wahre Aſtrodi. Ich kehrte in meinen Gaſt⸗ hof zurück und nahm auf meinem Zimmer ein köſtliches Abendeſſen zu mir. Als mich Le Due für die Nacht friſirte, erzählte er mir, daß der Wirth vor dem Abendeſſen der ſchönen Frem⸗ den in Gegenwart ihres Mannes einen Beſuch abgeſtattet und ihr mit dürren Worten geſagt, er verlange für den Morgen des folgenden Tages Bezahlung, ſonſt würde der Tiſch nicht für ſie gedeckt werden, und ihre Sachen den Gaſthof nicht verlaſſen.* Wer hat Dir das geſagt? Ich habe es von hier aus gehört, denn ihr Zimmer iſt von dem Ihrigen nur durch einen Bretterverſchlag ge⸗ trennt. Ich bin ſicher, daß ſie, wenn ſie da wären, Alles was wir ſprechen, hören würden. Wo ſind ſie? Bei Tiſche, wo ſie für morgen eſſen; aber die Dame weint. Sie ſind auf gutem Wege, Herr. Schweige; ich will mich nicht in die Sache miſchen. Es iſt eine Lockſpeiſe, denn eine anſtändige Frau würde lie⸗ ber Hungers ſterben als an einer Wirthstafel weinen. Wenn Sie ſehen könnten, wie viel ſchöner ſie durch das Weinen wird! Ich bin nur ein armer Teufel, aber ich würde ihr gern zwei Louisd'ors ſchenken, wenn ſie dieſelben verdie⸗ nen wollte. Biete ſie ihr an. X Einen Augenblick darauf kehrten der Herr ind die Dame nach Hauſe zurück, und ich vernahm die Thränen — o—— —, & N 45 der Einen und die zornige Stimme des Andern, da er aber walloniſch ſprach, ſo verſtand ich nicht, was er ſagte. Geh zu Bett, ſagte ich zu Le Duc, und ſage dem Wirthe, daß ich für morgen früh ein neues Zimmer verlange, denn ein Verſchlag bietet zu wenig Widerſtand für verzweifelte Leute. Ich legte mich zu Bett und die Thränen und das Murren hörten erſt nach Mitternacht auf. Am folgenden Tage raſirte ich mich eben, als Le Duc mir den Beſuch des Chevalißr Stuard ankündigte. Sage ihm, ich kenne Niemand dieſes Namens. Er richtete meinen Auftrag aus und kehrte mit der Meldung zurück, daß der Chevalier, als er meine Weige⸗ rung vernommen, mit dem Ausdrucke der Wuth auf den Boden geſtampft und zur Decke aufgeblickt; ſodann ſei er auf ſein Zimmer gegangen und einen Augenblick darauf mit dem Degen an der Seite herausgetreten. Ich will doch ſehn, ſagte er, ob Ihre Piſtolen geladen ſind. Ich hatte Luſt zu lachen, bewunderte aber nichtsdeſto⸗ weniger die Vorſicht des Spaniers, denn ein verzweifelter Menſch iſt zu Allem fähig. Gehe zum Wirthe, ſagte ich, und bitte ihn, mir ein andres Zimmer zu geben. Dieſer mel⸗ dete mir in Perſon, daß er mir erſt am folgenden Tage dienen könne. Wenn ich nicht ein andres Zimmer bekomme, ziehe ich augenblicklich aus, denn ich liebe es nicht, Nachts Weinen und Vorwürfe zu hören. Hören Sie dieſelben, mein Herr? Sie können dieſelben in dieſem Augenblicke ſelbſt hören? Sagen Sie mir, ob dies ein Vergnügen iſt. Die Frau wird ſich ermorden, und Sie ſind die Veranlaſſung. Ich, mein Herr? Ich habe nur verlangt, was man mir ſchuldig iſt. Da, hören Sie nur den Mann; ich bin ſicher, daß er Sie in ſeinem Kauderwelſch ein Ungeheuer nennt. Er kann ſagen, was er will, wenn er mich nur bezahlt. Sie haben ſie zum Hungertode verurtheilt. Wie viel ſind ſie Ihnen ſchuldig? Funfzig Francs? 46 Und Sie ſchämen ſich nicht, wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit ſolchen Lärm zu machen! Mein Herr, ich würde mich ſchämen, wenn ich Unrecht hätte, aber ich handle nicht Unrecht, wenn ich mein Geld fordere. Hier iſt Ihr Geld. Sagen Sie ihnen, daß Sie bezahlt ſind, und daß ſie weiter eſſen können, aber ſagen Sie nicht, wer bezahlt hat. Das iſt eine gute Handlung, ſagte der Lümmel beim Hinausgehn; er ſagte ihnen, ſie ſeien nichts ſchuldig, er dürfe aber nicht ſagen, wer bezahlt habe. Sie könnten zum Mittag⸗ und Abendeſſen hinunterkommen, aber ſie müßten tagweiſe bezahlen. Nachdem er dieſen Monolog laut gehal⸗ ten, ſo daß ich ihn hören konnte, als ob ich gegenwärtig geweſen wäre, kam er wieder zu mir. Dummes Vieh, ſagte ich ihn hinausſtoßend, ſie wiſſen Alles. Ich ſchloß hierauf die Thür. Le Due ſtand mit einem wirklich ſtumpfſinnigen Aus⸗ drucke vor mir. Was iſt Dir? ſagte ich. Das iſt ſchön. Ich merke wohl. Ich will Schauſpie⸗ ler werden. Sie fangen es nicht übel an. Du biſt ein Dummkopf. Nicht ſo ſehr, wie Sie glauben. Ich will ſpatzieren gehn, und hüte Dich, das 3 Zimmer einen Augenblick zu verlaſſen. Kaum war ich aus dem Hauſe getreten, als der Che⸗ valier mich anredete und ſich in Dankſagungen erſchöpfte. Mein Herr, ich weiß nicht, wovon Sie ſprechen. Er verläßt mich, indem er mir von Neuem dankt, und ich gehe an die Ufer des Rhone, wo ich mit großem Vergnügen die alte Brücke und den Fluß betrachte, der nach der Anſicht der Geographen der ſchnellfließendſte in Europa iſt. Zur Eſſenszeit kehrte ich in den Gaſthof zurück, wo der Wirth, welcher wußte, daß ich ſechs Franes für das Eſſen bezahlte, mich vortrefflich bewirthete. Ich erinnere mich noch, daß ich dort den beſten Hermitage⸗Wein getrunken habe. Ich trank keinen andern, ſo ſchön ſchmeckte er mir. Da ich eine Pilgerfahrt nach Vaucluſe machen wollte, bat ich ihn, mir — N 47 * einen guten Cicerone zu verſchaffen, und nachdem ich meine Toilette gemacht, ging ich ins Theater. 4 Ich fand die Aſtbodi an der Thür, gab ihr die ſechs⸗ zehn Billets und nahm einen Platz neben der Loge des Vicelegaten, welcher Pald darauf mit einer zahlreichen Be⸗ gleitung von Damen und Herren, die mit Orden und Stickereien bedeckt waren, erſchien. Der angebliche Vater der Aſtrodi ſagte mir ins Ohr, ſeine Tochter laſſe mich bitten zu ſagen, daß ſie die berühmte Aſtrodi ſei, welche ich in Paris kennen gelernt. Ich ſagte ihm eben⸗ falls ins Ohr, ich wolle mich nicht durch Beglaubigung einer Lüge der Gefahr, Lügen„geſtraft zu werden, ausſetzen. Die Leichtigkeit, mit welcher ein Schurke einen Ehrenmann auffordert, ſich bei einer Schurkerei zu betheiligen, iſt wirk⸗ lich unglaublich; aber ein ſolcher glaubt vermuthlich, dieſem durch ſein Vertrauen eine Ehre zu erweiſen. Nach dem Ende des erſten Aktes vertheilten einige zwanzig Lakaien in der Livree des Prinzen Eis in den Lo⸗ gen des erſten Ranges. Ich glaubte ausſchlagen zu müſſen. Ein junger Mann, ſchön wie der Liebesgott näherte ſich mir mit edlem und ungezwungenem Weſen und fragte mich, warum ich kein Eis genommen. Da ich nicht die Ehre habe, Jemand zu kennen, ſo will ich auch nicht, daß man ſage, man habe einen Unbe⸗ kannten bewirthet. Mein Herr, ein Mann wie Sie braucht keine Empfehlung. Sie erweiſen mir viel Ehre. Sie wohnen im Gaſthofe zum heiligen Homer. Ja, mein Herr. Ich bin nur hier geblieben, um die Quelle von Vaucluſe zu beſichtigen und werde morgen hin⸗ gehn, wenn ich einen guten Cicerone finde. Wenn Sie mir die Chre erweiſen wollen, werde ich Ihnen gern als ſolcher dienen. Ich heiße Dolci und bin Sohn des Capitains der Garde des Vicelegaten. Ich bin Ihnen ſehr dankbar für die Ehre, welche Sie mir erweiſen wollen und nehme Ihr verbindliches Anerbie⸗ ten dankbar an. Ich werde warten, bis Sie kommen. Ich werde um ſieben Uhr bei Ihnen ſein. Ich war höchlichſt erſtaunt über die edle Ungezwun⸗ genheit dieſes Adonis, den man ohne einen Klang der Stimme, welcher ſeine Männlichkeit bekundete, für ein ſchö⸗ nes Mädchen hätte halten können. Ich lachte über die an⸗ gebliche Aſtrodi, welche ebenſo ſchlecht ſpielte, wie ſie häß⸗ lich war, und welche während der ganzen Aufführung ihre weißen Augen nicht von meinem braunen Geſichte abwen⸗ dete. Wenn ſie ſang, ſah ſie mich lachend an, und gab mir Zeichen des Einverſtändniſſes, welche dem Publikum bemerk⸗ lich wurden, das ohne Zweifel meinen ſchlechten Geſchmack bedauerte. Eine Schauſpielerin, deren Stimme und Augen mir gefielen, war eine junge, große und bucklige Perſon, wie ich nie eine ſolche geſehn. Obwohl ihr Buckel hinten und vorn ſehr ausgebildet war, war ſie doch ſehr groß, und ohne dieſen Fehler, der ſie kleiner machte, würde ſie gewiß ſechs Fuß groß geweſen ſein. Ich glaubte, daß ſie außer ihren ſehr ſchönen Augen und ihrer leidlichen Stimme auch Geiſt haben müſſe, wie alle Buckligen. Ich fand ſie an der Thür mit der häßlichen Aſtrodi, als ich das Theater verließ. Dieſe erwartete mich, um mir zu danken, jene ver⸗ theilte Billette für ihr Benefiz, und mit lachendem Munde, der von einem Ohre zum andern ging wenigſtens vier⸗ undzwanzig herrliche Zähne ſehen ließ, ſagte ſie, ſie hoffe, daß ich ihr die Ehre erweiſen wuͤrde, ihrem Beneſiz beizu⸗ wohnen. Bei dieſen Worten fing die ſchamloſe Aſtrodi an zu lachen und ſagte in Gegenwart mehrerer Damen, welche auf ihre Wagen warteten, ſie könne ſicher ſein, daß ich kom⸗ men würde, denn ſie würde mich nicht eher weglaſſen. Gieb ihm ſechszehn Billets. Da ich mich ſchämte, ihre Bitte ab⸗ zuſchlagen, gab ich ihr zwei Louisd'ors. Die Aſtrodi ſagte ſodann etwas leiſer zu mir: Nach dem Stücke wollen wir bei Ihnen ſpeiſen, aber unter der Bedingung, daß wir allein ſind, denn wir wollen uns benebeln. Trotz einer Art Unluſt ſchien mir doch eine ſolche Ge⸗ ſellſchaft komiſch werden zu können, und da ich Niemand in der Stadt kannte, beſchloß ich zu bleiben, weil ich Stoff zum Lachen zu finden hoffte. Ich ſaß allein bei Tiſche, als Stuard und ſeine Frau in ihr Zimmer treten. Ich hörte an dieſem Abend weder 49 Thränen noch Vorwürfe, aber am Morgen erblickte ich den Chevalier, der nicht anders, als ob wir alte Bekannte wä⸗ ren, zu mir ſagte, er habe erfahren, daß ich nach Vaucluſe wolle, und da ich einen vierſitzigen Wagen habe, ſo bitte er, mich mit ſeiner Frau, welche die Quelle zu ſehen wünſche, begleiten zu dürfen. Le Due bat, mich zu Pferde begleiten zu dürfen und ſagte, er ſei Prophet geweſen. In der That war es offen⸗ bar, daß das Paar ſich verabredet hatte, um mir meine Auslagen mit neuer Hoffnung zu bezahlen. Das Abenteuer mißfiel mir nicht und war ganz zu meinem Vortheile, denn ich hatte keinen Schritt gethan, um das zu erlangen, was man mir bewilligen zu wollen ſchien. Dolci kam ſchön wie ein Engel; meine Nachbarn waren bereit; der Wagen war mit Allem, was zum guten Eſſen und Trinken erforderlich war, verſehn und wir brachen auf; die Dame und Dolei nahmen den Hinterſitz, der Chevalier und ich den Vorderſitz ein. Ich glaubte, das Geſicht der Schönen würde ſich auf⸗ hellen und ihre Traurigkeit, wenn auch nicht der Heiterkeit, doch wenigſtens der gewöhnlichen Stimmung Platz machen; aber ich hatte mich getäuſcht, denn auf alle meine Reden, mochten ſie nun ernſthaft oder ſcherzhaft ſein, antwortete ſie nur mit Monoſyllaben oder mit fürchterlich lakoniſchen Aeußerungen. Der arme Dolci, der Geiſt hatte, war außer ſich vor Verwunderung. Er glaubte die Veranlaſſung der Traurigkeit dieſer Frau zu ſein und er machte ſich Vor⸗ würfe, daß er unſere Partie, welche eine Vergnügungspartie ſein ſollte, verdüſtert habe. Ich zog ihn aus der Verlegen⸗ heit, indem ich ihm ſagte, daß, als er mir ſeine liebens⸗ würdige Geſellſchaft angeboten, ich nicht gewußt, daß die ſchöne Dame Theil nehmen würde. Ich fügte hinzu, als ich dies heute Morgen erfahren, habe ich mich über den Zu⸗ fall gefreut, der ihm eine ſo ſchöne Gefährtin verſchafft. Die Dame ſagte kein Wort. Düſter und ſchweigend blickte ſie rechts und links, wie Jemand, der das, was ihm vor Augen ſteht, nicht ſieht. Mieine Erklärung hatte Dolci ſeiner Verſtimmung ent⸗ XI. 4 riſſen, und der liebenswürdige junge Mann fing an, in einer Weiſe mit ihr zu ſprechen, welche alle Federn ihrer Seele hätte in Bewegung ſetzen müſſen, aber ohne den geringſten Erfolg. Er unterhielt ſich lange und über hunderterlei Ge⸗ genſtände mit dem Manne und kam auf allerlei Umwegen immer wieder zur Dame zurück; aber ihr ſchöner Mund machte nicht die geringſte Bewegung. Sie glich der Statue der Pandora, ehe dieſelbe durch das göttliche Feuer beſeelt wurde. Ihr Geſicht war von vollkommener Schönheit: Augen von glänzendem Blau und ſehr ſchön geſchlitzt, ein leicht gefärbter Teint von ganz reiner Weiße, Arme, welche die Grazien gerundet hatten, weiche, feine Hände, der Wuchs einer Nymphe, welcher den ſchönſten Buſen ahnen ließ und die ſchönſten hellkäſtanienbraunen Haare, ein kleiner Fuß, überhaupt Alles, was die Schönheit einer Frau bedingt, ausgenommen das Leben des Geiſtes, welches die Schön⸗ heit verſchönert und ſelbſt der Häßlichkeit Reiz verleiht. Meine glühende und zügelloſe Phantaſie ließ mich Alles, was ich nicht ſehen konnte, nackt erblicken; ich fand Alles entzückend; dennoch bedachte ich, daß dieſe Frau mit ihrer Traurigkeit Liebe, aber nicht eine dauernde Empfindung ein⸗ flößen könne; denn es war nicht möglich, daß ſie gluͤcklich machte, indem ſie Vergnügen gewährte. Ich langte in Isle mit dem Entſchluſſe an, nirgends mehr mit ihr zuſammenzutreffen, denn ſie konnte toll oder in Ver⸗ zweiflung ſein, ſich in der Gewalt eines Mannes zu ſehn, welchen ſie unmöglich lieben konnte. Sie flößte mir Mit⸗ leid ein, und dennoch konnte ich ihr nicht verzeihn, wenn ich bedachte, daß ſie als anſtändige Frau, welche eine Erziehung genoſſen, ſich der Partie angeſchloſſen hatte, da ſie doch die Ueberzeugung haben mußte, daß ſie durch ihre trübe Stimmung das ganze Vergnügen, welches ich mir von dem Ausfluge verſprochen, ſtören würde. Was den angeblichen Chevalier Stuard betraf, mochte er nun ihr Mann oder ihr Liebhaber ſein, ſo brauchte ich mir nicht den Kopf zu zerbrechen, um zu errathen, wer er ſei. Er war jung, weder ſchön noch häßlich, ſeine Perſon 51 ließ auf nichts ſchließen, ſein Ton war gezwungen, ſeine Manieren gemein, und in ſeinen Reden verrieth ſich Un⸗ wiſſenheit und Dummheit. Uebrigens, da er ein Bettler war, ohne einen Pfennig und ohne das geringſte Talent, warum ſchleppte er eine Schönheit hinter ſich her, die in Betracht ihrer Ungeſälligkeit ihn nur auf Koſten der Dumm⸗ köpfe ernähren konnte? Vielleicht hatte er, obwohl er un⸗ wiſſend war, die Bemerkung gemacht, daß die Welt von ſolchen wimmelt. Trotzdem zeigte ihm die Erfahrung, daß dieſelben keine ſichere Hülfsquelle ſind. Als wir in Vaucluſe angelangt waren, überließ ich mich Dolci, welcher dieſen Ort hundertmal beſucht, und wel⸗ cher in meinen Augen das unermeßliche Verdienſt hatte, den Liebhaber Laura's zu lieben. Wir ließen den Wagen in Apt und ſchlugen ſodann den Weg nach der Quelle ein, bei welcher ſich an dieſem Tage eine große Menge Neugie⸗ riger eingefunden hatte. Dieſelbe ſprudelt aus einer großen Höhle hervor, einem Werke der Natur, welches die Kunſt der Menſchen nicht nachahmen kann. Sie liegt am Fuße eines Felſens, der in einer Höhe von mehr als hundert Fuß ſpitz zuläuft und ebenſoviel Breite hat. Die Höhle iſt kaum halb ſo hoch, und das Waſſer ſprudelt in ſo großer Fülle hervor, daß es ſchon an ſeiner Quelle den Namen eines Fluſſes verdient. Es iſt die Sorgue, welche bei Avignon in den Rhone fließt. Es iſt unmöglich, reineres und klareres Waſſer zu ſinden, denn nirgends zeigen die begränzenden Felſen eine Spur von Abſetzung. Diejenigen, denen das Waſſer, weil es ſchwarz iſt, abſcheulich erſcheint, denken nicht daran, daß es dieſe ſchreckliche Färbung durch die Höhle erhält, welche dunkel iſt. Chiare fresche e dolce acque Ora le belle membra Pose colui che sola a me par donna*). Ich wollte bis zur Spitze des Felſens hinaufſteigen, wo Petrarca ſein Haus hatte. Weinend wie Lad Allatius, *) Klare, ſchöne und friſche Gewäſſer, in welche diejenige, welche mir allein ein Weib ſcheint, ihre Glieder tauchte. als er das Grab Homers erblickte, betrachtete ich dieſe Trüm⸗ mer. Sechszehn Jahre ſpäter weinte ich wieder in Arqua, dem Orte, wo Petrarca geſtorben iſt, und wo das Haus, welches er bewohnte, noch exiſtirte. Die Aehnlichkeit war außerordentlich, denn von dem Zimmer in Arqua aus, wo Petrarca ſchrieb, ſieht man noch die Spitze eines Felſens, welche dem in Vaucluſe, wo Laura wohnte, ähnlich iſt. Gehen wir hin, ſagte ich, es iſt nicht weit. Ich will meine Empfindungen nicht ſchildern, als ich die Reſte des Hauſes dieſer Frau erblickte, welche Petrarca durch die folgenden Verſe, die ein Marmorherz erweichen könnten, unſterblich gemacht hat. Morte bella parea nel suo bel viso*). Mit ausgebreiteten Armen warf ich mich auf dieſe Ruinen, wie um ſie zu umarmen; ich küßte ſie, ich benetzte ſie mit meinen Thränen; ich ſuchte den göttlichen Hauch, der ſie belebt, einzuathmen. Ich bat Madame Stuard um Verzeihung, daß ich ihren Arm verlaſſen, um den Manen einer Frau zu huldigen, welche den tiefſten Geiſt, den es je gegeben, geliebt. Ich ſage den Geiſt; denn der Körper iſt, was man auch ſagen mag, nicht ins Spiel gekommen. Es ſind vierhundert⸗ undfunfzig Jahre, Madame, ſagte ich zu der kalten Statue, welche mich ganz verwundert anblickte, ſeitdem an dem Orte, wo Sie jetzt ſtehn, Laura von Sade ſpatzierenging, welche vielleicht nicht ſo ſchön, wie Sie, aber heiter, höflich, ſanft, guten Humors und tugendhaft war. Möge die Luft, welche ſie geathmet hat und welche Sie in diefem Augenblicke athmen, Sie mit dem göttlichen Feuer beſeelen, welches in ihren Adern floß, welches ihr Herz bewegte, und ihren Buſen hob. Dann würden Sie den Beifall aller gefühlvollen Men⸗ ſchen gewinnen und Niemand finden, der Ihnen den minde⸗ ſten Kummer zu machen wagen würde. Die Heiterkeit, Madame, iſt das Erbtheil der Seeligen und die Traurigkeit, das ſchreckliche Bild der zu den Höllenſtrafen verurtheilten *) Todt ſchien ſie ſchön in ihrem ſchönen Geſicht. 7 53 Geiſter. Seien Sie alſo heiter und verdienen Sie ſo, ſchön u ſein. 38 Mein Enthuſiasmus regte den liebenswürdigen Dolci an, welcher mir um den Hals fiel nnd mich mehrmals umarmte; der dumme Stuard lachte und ſeine Frau, welche mich viel⸗ leicht für toll hielt, zeigte nicht die geringſte Bewegung. Sie nahm meinen Arm und wir kehrten langſam nach dem Hauſe Meſſers Francesco von Arezzo zurück, wo ich eine Viertelſtunde brauchte, um meinen Namen einzugraben. Sodann ſpeiſten wir. Dolci war gegen dieſe außerordentliche Frau noch auf⸗ merkſamer als ich. Stuard that nichts als eſſen und trin⸗ ken, verſchmähte aber das Waſſer der Sorgue, das, wie er ſagte, den Hermitage⸗Wein nur verderben könne; es iſt möglich, daß Petrarca über dieſen Punkt ganz wie er ge⸗ dacht hat. Wir machten zahlreiche Libationen, ohne daß unſer Verſtand darunter litt, aber die Dame war ſehr mäßig. Als wir nach Avignon zurückgekehrt waren, machten wir ihr unſere Reverenz, und ſchlugen die Einladung des dummen Stuard aus, welcher wollte, daß wir bei ihm ausruhn ſollten. Ich nahm Dolci unter den Arm und verbrachte mit ihm die letzte Stunde des Tages am Ufer des Rhöne. Hier ſagte der junge Mann im Laufe eines wechſelvollen und geiſtſprühenden Geſprächs zu mir: Dieſe Frau iſt eine durch⸗ triebene Spitzbübin, welche in ihr Verdienſt vernarrt iſt. Ich wette, daß ſie ihre Heimath nur verlaſſen, weil ſie im Anfange zu freigebig mit ihren Reizen geweſen iſt, und Nie⸗ mand mehr Werth auf dieſelben gelegt hat. Gewiß hat ſie die Ueberzeugung, daß ſie überall, wo man ſie für eine Neu⸗ lingin hält, Gluͤck machen wird. Ich halte den Burſchen, welcher ſich für ihren Mann ausgiebt, für einen Gauner, und ihre erkünſtelte Traurigkeit ſcheint keinen andern Zweck zu haben, als denjenigen, der ſich auf ihre Eroberung ſpitzt, toll zu machen. Sie hat ihr Opfer noch nicht gefunden; da ſie aber darauf ausgeht, einen reichen Mann zu fangen, ſo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß ſie Sie auserſehn hat. 54 Wenn ein junger Mann in Dolci's Alter ſo ſpricht, ſo wird er ohne allen Zweifel ein großer Meiſter. Als ich ihn verließ, umarmte ich ihn, dankte ihm für ſeine Ge⸗ fälligkeit, und wir verſprachen uns wiederzuſehen. Als ich in meinen Gaſthof zurückkehrte, fand ich einen Mann von gutem Ausſehn, ſchon etwas bejahrt, der mich mit ſehr gutem Tone fragte, ob ich Vaucluſe meiner Neu⸗ gier würdig befunden habe. Mit Vergnügen erkannte ich den Marquis von Grimaldi, einen Genueſer, einen geiſtrei⸗ chen, liebenswürdigen und reichen Mann, der faſt immer in Venedig lebte, weil er hier die Freuden des Lebens mit ungleich mehr Freiheit ſals in ſeinem Vaterlande genießen konnte, ein Beweis, daß Venedig nicht der am wenigſten freie Ort der Welt war. Nachdem ich ihm gemäß ſeiner Frage geantwortet, folgte ich ihm auf ſein Zimmer', wo er, da er nichts wei⸗ ter über die Quelle zu ſagen hatte, mich fragte, ob ich mit meiner ſchönen Geſellſchaft zufrieden geweſen ſei. Ich kann, ſagte ich, nur ſehr zufrieden damit ſein; da er indeß meine Zurückhaltung bemerkte, ſo ſuchte er ſie zu zerſtören, indem er ſich folgendermaßen äußerte. Wir haben in Genua ſehr ſchöne Frauen; aber wir haben keine, welche mit derjenigen, die Sie heute nach Isle geführt, den Vergleich aushalten kann. Geſtern bei Tiſche ſaß ich ihr gegenüber und ihre vollkommene Schönheit machte den größten Eindruck auf mich. Nachdem ich ihr beim Hinaufgehn meinen Arm angeboten, ſagte ich, es thue mir leid, ſie traurig zu ſehn, und wenn ſie mich für fähig halte, ſie zu tröſten, ſo ſolle ſie nur ſprechen. Bedenken Sie, daß ich wußte, daß ſte kein Geld hatte. Ihr angeb⸗ licher oder wahrer Mann dankte mir für mein Anerbieten, und nachdem ich ihnen eine gute Nacht gewünſcht, verließ ſie. Es iſt eine Stunde, ſeitdem Sie ſie bis an die Thür ihres Zimmers geführt und ſie mit ihrem Manne allein gelaſſen haben; ich habe mir ſogleich die Freiheit genommen, ihr einen Beſuch zu machen. Sie hat mich mit einer höf⸗ —ꝑ 55 lichen Verneigung empfangen, und ihr Mann hat ſich ſo⸗ gleich entfernt und mich gebeten, ihr bis zu ſeiner Rück⸗ kunft Geſellſchaft zu leiſten. Die Schöne hat keine Schwie⸗ rigkeit gemacht, ſich mit mir auf's Canapé zu ſetzen, was mir von guter Vorbedeutung ſchien; als ich aber ihre Hand nehmen wollte, zog ſie dieſelbe ſanft zurück. Ich glaubte ihr nun mit wenigen Worten ſagen zu müſſen, daß ihre Schönheit mich verliebt gemacht, und daß, wenn ſie hun⸗ dert Louisd'ors brauche, dieſelben ihr zu Dienſten ſtünden. unter der Bedingung, daß ſie mir gegenüber ihre ernſte Miene aufgeben und einen heitern Ton, der mit den Empfindungen, die ſie mir eingeflößt, in Einklang ſtehe, annehmen wolle. Sie antwortete nur mit einer Kopfbe⸗ wegung, welche Dankbarkeit, aber auch ein unbedingtes Ablehnen meines Anerbietens zu erkennen gab. Ich reiſe morgen ab, Madame! Keine Antwort. Als ich nun von Neuem ihre Hand ergriff, zog ſie dieſelbe mit einer Miene der Verachtung zurück, die mich verletzte. Ich entſchul⸗ digte mich bei ihr und ging weg, ohne länger zu warten. Das iſt mir vor einer halben Stunde begegnet. Ich bin in dieſe Frau nicht verliebt; es iſt nur eine Anwand⸗ lung von Begierde, und Sie ſehen, daß ich dazu lache; da ich aber weiß, daß ſie keinen Pfennig hat, ſo ſetzt ihr Benehmen mich in Erſtaunen. Ich dachte, es wäre wohl möglich, daß Sie ſie heute in die Lage verſetzt hätten, mein An⸗ erbieten abzulehnen, was mir ihr Benehmen einigermaßen erklärlich erſcheinen laſſen würde, denn ſonſt iſt, ſie ein Wunder, welches ich mir nicht erklären kann. Darf ich Sie offen bitten, mir zu ſagen, ob Sie glücklicher als ich geweſen? Bezaubert von dem edlen Freimuthe einer ſo achtungs⸗ werthen Perſönlichkeit, konnte ich keinen Anſtand nehmen, ihm Alles zu ſagen, und nach einigen gewagten Reden, lachten wir über unſer Mißgeſchick. Ich mußte ihm ver⸗ ſprechen, ihn in Genua wiſſen zu laſſen, was ſich in den zwei Tagen, die ich noch in Aoignon bleiben wollte, zwiſchen ihr und mir ereignen würde. Er forderte mich ſodann auf, zum Abendeſſen zu kommen, um die Haltung der ſchönen Schmollenden zu bewundern. Sie hat ſehr gut zu Mittag gegeſſen, ſagte ich, und wird wahrſcheinlich nicht zu Abend ſpeiſen. Ich wette, daß ſie es thun wird, er⸗ wiederte der Marquis lachend, und er hatte Recht, woraus ich ſah, daß dieſe Frau eine beſtellte Rolle ſpielte. Ne⸗ ben ſie hatte man einen gewiſſen Grafen Buſſi geſetzt, der ſo eben angekommen war. Er war ein junger, leicht⸗ ſinniger, eingebildeter Burſche und führte uns folgende Scene auf. Er war ſpaßhaft, liebenswürdig, ſelbſt poſſenhaft, kühn gegen die Frauen bis zur Unverſchämtheit, und da er um Mitternacht abreiſen wollte, ſo begann er ſogleich ſeiner ſchönen Nachbarin den Hof zu machen und ſie auf tau⸗ ſenderlei Weiſen zu reizen; aber er fand nur eine ſtumme Statue, und ſprach uud lachte allein, da er es nicht für möglich hielt, daß ſie ihn zum Beſten haben könne. Ich ſah Herrn von Grimaldi an, der gleich mir kaum ſeinen Ernſt behaupten konnte. Der junge durchtriebene Menſch ſetzte gereizt ſeine Angriffe fort und reichte ihr die beſten Stücke, nachdem er ſie vorher gekoſtet. Da die Schöne ſie nicht nehmen wollte, ſo verſuchte er, ſie der⸗ ſelben in den Mund zu ſtecken, was die Schöne auf⸗ brachte, welche ihn zornig zurückſtieß. Da er ſah, daß Niemand die ernſte Abſicht zeigte, die Vertheidigung des Platzes zu übernehmen, ſo beſchloß der junge, leichtſinnige Menſch, denſelben zu ſtürmen. Er bemächtigte ſich mit Gewalt der Hand der Schönen und küßte ſie zu wieder⸗ holten Malen. Sie will ſich losmachen und ſteht auf, er aber faßt ſie beim Gürtel und zieht ſie auf ſeine Knie; aber nun ſteht auch der Mann auf, nimmt ſie beim Arme und führt ſie aus dem Saale. Der Angreifer, der dadurch etwas aus der Faſſung gebracht wird, verfolgt ſie einen Augenblick mit den Augen, ſetzt ſich ſodann wieder zu Tiſch und fährt ſort zu eſſen und zu trinken, während alle Andern das tiefſte Schweigen beobachten. Sich ſodann zu ſeinem Läufer wendend, fragte er ihn, ob ſein Degen oben ſei. Nachdem der Läufer die Frage verneint, wendete ſich der junge Menſch zu einem Abbé, ſeinem Nachbar, und fragt R R ihn, wer derjenige ſei, der ihm ſeine Dame entführt. Es iſt ihr Mann. Ihr Mann! Das iſt etwas anderes; die Männer ſchlagen ſich nicht, aber ein Mann von Ehre iſt Ihnen Entſchuldigungen ſchuldig. Er ſteht auf, geht hinauf und kehrt einen Augenblick darauf mit den Worten zurück: Das iſt ein dummer Mann. Er hat mir die Thür vor der Naſe zugemacht und mich an andere Orte zur Befriedigung meiner Begierden ver⸗ wieſen. Es verlohnt ſich für mich nicht der Mühe hier zu bleiben, und dennoch thut es mir leid, daß ich die Sache nicht zu Ende bringen kann. Er ließ nun Champagner kommen, bot denſelben unnützer Weiſe der ganzen Geſell⸗ ſchaft an, grüßte dieſelbe auf eine feine Weiſe und ent⸗ fernte ſich. Als Herr von Grimaldi mich auf mein Zimmer ge⸗ leitete, fragte er mich, welchen Eindruck die Scene, von welcher ich Zeuge geweſen, auf mich gemacht habe. Ich ſagte, ich würde mich nicht gerührt haben, ſelbſt wenn er ihr die Röcke aufgehoben hätte. Auch ich nicht, ſagte er, aber wenn ſie meine hundert Louisd'ors angenommen hätte, wäre es etwas anders geweſen. Jedenfalls möchte ich wohl wiſſen, wie die Syrene ſich herausziehn wird, und ich rechne auf Sie, wenn Sie durch Genua kommen. Er reiſte mit Tagesanbruch ab. Als ich aufſtand, erhielt ich ein Billet von der falſchen Aſtrodi, welche mich fragte, ob ich ſte mit ihrer großen Kollegin zum Abendeſſen erwarte. Kaum hatte ich ja ge⸗ antwortet, als der falſche Herzog von Kurland erſchien. Er ſagte mit ſehr unterwürſigem Tone, er wäre der Sohn eines Uhrmachers in Narva, ſeine Schnallen hätten keinen Werth und er bäte mich um ein Almoſen. Ich gab ihm vier Louisd'ors, worauf er mich bat, ihm das Geheimniß zu bewahren. Ich ſagte ihm, wenn mich Jemand über ihn befrage, werde ich die Wahrheit ſagen, nämlich, daß ich durchaus nicht wiſſe, wer er ſei. Ich reiſe nach Marſeille, und danke Ihnen. Glückliche Reiſe. Später werde ich meinen Leſern melden, in welchem 58 Zuſtande ich ihn in Genua gefunden habe; denn es iſt nützlich auf dieſe Art von Leuten, welche nur zu ver⸗ breitet ſind, aufmerkſam zu machen. Ich ließ den Wirth heraufkommen und beſtellte bei ihm ein leckeres Mahl für drei Perſonen, zugleich befahl ich ihm, auf meinem Zimmer decken zu laſſen. Nachdem er geſagt, daß mein Wille geſchehen ſolle, fuhr er fort: Ich habe beim Chevalier Stuard ſo eben Skandal gemacht. Weshalb? Weil er nicht im Stande geweſen iſt, ſeine Tages⸗ rechnung zu bezahlen, und ich werde ihnen die Thür wei⸗ ſen, obwohl die ſchöne Dame in tödtlichen Krämpfen zu Bette liegt. Machen Sie ſich mit ihren Reizen bezahlt und ſeien Sie nachſichtig gegen ſie.— Ich frage ſehr wenig danach; meine Zeit iſt vorüber, ich will keine Scenen mehr; das ſchadet meinem Hauſe. Sagen Sie ihr, ſie könne von jetzt an mit ihrem Manne auf ihrem Zimmer eſſen und ich werde, ſo lange ich hier bleibe, bezahlen. Sie ſind ſehr großmüthig; aber wiſſen Sie auch, mein Herr, daß man auf dem Zimmer das Doppelte be⸗ zahlt? Ich weiß es. So iſt es gut. Der Gedanke, dieſe Schöne ohne alle andere Hülfs⸗ mittel als ihre eigne Perſon, von welcher ſie nun einmal nicht Nutzen ziehn wollte, auf die Straße geſetzt zu ſehn, verletzte mein Gefühl. Andrerſeits konnte ich den Wirth nicht verdammen, da dieſe Menſchenklaſſe in der Regel nicht ſehr galant iſt. Ich hatte einer Bewegung des Mitleidens ohne alle eigennützige Abſicht nachgegeben. Ich war mit dieſen Gedanken beſchäftigt, als Stuard kam, um mir zu danken, und mich bat, ſeine Frau zu beſuchen und ſie zu einem andern Benehmen zu überreden. 5. Sie wird mir nicht antworten, und Sie wiſſen, daß das nicht angenehm iſt. — 59 Kommen Sie; ſie weiß, was Sie gethan haben; ſie wird ſprechen, denn das Gefühl—— Was ſprechen Sie, nach dem, was ich geſtern Abend geſehn, von Gefühl? Der Herr iſt um Mitternacht abgereiſt und hat wohl daran gethan, denn ſonſt würde ich ihn heute Morgen ge⸗ tödtet haben. Sie ſind ein Prahler, mein theurer Herr, erlauben Sie mir, Ihnen dies zu ſagen. Geſtern, und nicht heute Morgen hätten Sie ihn tödten, oder ihm wenigſtens Ihren Teller in's Geſicht werfen ſollen. Doch, ſehn wir Ihre Frau. Ich fand ſie im Bette, dem Eintretenden den Rücken zukehrend, bis zum Halſe zugedeckt und laut ſchluchzend. Ich fing an, vernünftig mit ihr zu ſprechen, erhielt aber nach ihrer gewöhnlichen Weiſe keine Antwort von ihr. Stuard wollte mich allein laſſen; aber ich ſagte, wenn er wegginge, würde ich mich auch entfernen, denn es ſei un⸗ möglich, ſie zu tröſten, und nachdem ſie die hundert Louisd'ors ausgeſchlagen, welche Herr von Grimaldi ihr habe geben wollen, um das Vergnügen zu haben, ihr die Hand zu küſſen und ſie lächeln zu ſehn, müſſe auch er da⸗ von überzeugt ſein. Hundert Louisd'ors! rief der bäuriſche Menſch mit einem Wachſtubenfluche aus, was iſt das für ein Be⸗ nehmen! Wir hätten nach Lüttich reiſen können, wo wir ein Haus haben. Eine Prinzeſſin läßt ſich die Hand küſſen, um wie viel mehr—— hundert Louisd'ors! Das iſt ſchrecklich. 3 Dieſe Ausrufe, welche in ihrer Lage ſehr natürlich waren, reizten mich zum Lachen. Der arme Teufel fluchte in allen Tonarten, und ich war im Begriffe ſie zu ver⸗ laſſen, als die arme Unglückliche plötzlich von wahren oder erkünſtelten Krämpfen befallen wurde. Sie ſtreckt einen Arm aus, faßt eine Carafe, welche ſie auf den Boden ſchleudert, ſtreckt die andere Hand aus und entblößt ihren Buſen, Stuard eilt herbei, um ſie zu halten, aber die Krämpfe werden ſtärker und die Decke verſchiebt ſich ſo ſehr, daß die feinſten und vollkommenſten Formen zum Vorſchein kommen. Endlich beruhigt ſie ſich und mit ge⸗ mgſthnen Augen und wie Jollig erfchorit bleibt ſe in der ſuſngſten Lage, Melche die Verſonſärte, Beglerde nür erfinden kann. Ich war in der größten Aufregung, denn wie konnte ich wohl ſolche Reize, ohne den Wunſch, ſie zu beſitzen, betrachten! In dieſem Augenblicke verließ ſie der ſchändliche Mann und ging hinaus unter dem Vorwande, Waſſer zu holen. Ich ſah wohl die Schlinge, und meine Eigenliebe hinderte mich, hineinzufallen. Ich glaubte zu bemerken, daß dieſe Scene ein verabredetes Spiel ſei, um muiir einen brutalen Genuß zu verſchaffen, und der thörich⸗ ten Stolzen die Möglichkeit zu laſſen, ihre Theilnahme ab⸗ zuleugnen. Ich that mir Gewalt an, faßte leiſe die Decke 4 d bedeckte, was ich ſo gern aufgedeckt hätte. Ich über⸗ jeferte der Dunkelheit entzückende Reize, welche das Unge⸗ heuer mir nur überlaſſen wollte, um mich zu erniedrigen. Stuard blieb ziemlich lange abweſend. Als er mit voller Waſſer⸗Carafe zurückkehrte, fand er mich anders, als er vermuthlich erwartet hatte, durchaus ruhig und ohne aalle Unordnung, und bald darauf ging ich weg, um an den Ufern des Rhoͤne mein Gleichgewicht wieder zu ge⸗ winnen. Erzürnt gegen mich ſelbſt, und wie behext durch dieſe Schelmin, ging ich mit großen Schritten auf und ab. Vergeblich hielt ich mir Vernunftgründe vor; meine Auf⸗ regung ſchien ſich durch die Bewegung nur zu ſteigern, und ich fand, daß der brutale oder ſentimentale Genuß von Allem was ich geſehn, nöthig ſei, um meine Vernunft wiederzuerlangen. Ich ſah wohl, daß ich ſie kaufen müſſe, nicht durch Bewerbung, ſondern durch vieles Gold, und indem ich mich allen Opfern unterwürfe. Ich bedauerte nun mein Benehmen, was mir jetzt wie ein falſches Zart⸗ gefühl erſchien; denn, wenn ſie, nachdem ich mich befriedigt, die Zimperliche hätte ſpielen wollen, hätte ich ſie verachten, und ſie dies fühlen laſſen können. In meiner Rathloſigkeit d 7 beſchloß ich dem Manne zu ſagen, daß ich ihm fünfund⸗ — —6 A Orthographie hatte. Aber Sie können ja nicht ſchreiben, 69 Schiffe einen jungen Mann von zwanzig bis fünfund⸗ zwanzig Jahren ſteigen, auf deſſen Geſichtszügen der Aus⸗ druck der Traurigkeit zu leſen war, und der anſtändig ſchien. Da er ſah, daß ich ihn betrachtete, redete er mich an, und bat mich auf eine beſondere Weiſe um ein Almoſen, indem er mir ein ſchriftliches Zeugniß, welches ihn dazu berechtigte, und einen Paß, welcher beſcheinigte, daß er Madrid vor ſechs Wochen verlaſſen, reichte. Er war aus Parma ge⸗ bürtigt und hieß Coſta. Als ich Parma las, ſprach das nationale Vorurtheil bei mir zu ſeinen Gunſten, und ich fragte ihn, durch welches Unglück er zum Betteln genöthigt worden ſei. Durch kein anderes, als durch den Mangel des nöthi⸗ gen Geldes, um in mein Vaterland zurückzukehren. Was machten ſie in Madrid, und weshalb ſind Sie hingegangen? Vor vier Jahren begab ich mich als Kammerdiener des Doktors Piſtoria, Arztes des Königs von Spanien dorthin; da es mir aber dort nicht gefiel, ſo ging ich wieder weg. Hier iſt ein Atteſt über meine gute Führung. Was verſtehen Sie? Ich habe eine gute Handſchrift; ich kann als Secretair dienen, und ich denke mich in meinem Vaterlande als Schreiber zu ernähren. Hier ſind Verſe, welche ich geſtern abgeſchrieben habe. Ihre Handſchrift iſt ſchön; können Sie aber correct ſchreiben? Wienn mir diktirt wird, kann ich franzöſiſch, lateiniſch und ſpaniſch ſchreiben. Aber correct? Ja, mein Herr, wenn mir gut diktirt wird, denn es iſt Sache deſſen, der diktirt, auf Correctheit zu achten. Ich ſah wohl, daß Gaetan Coſta ein Ignorant war; nichts deſtoweniger führte ich ihn auf mein Zimmer, und ſagte zu Le Duc, er möge mit ihm ſpaniſch ſprechen; er antwortete ziemlich gut; als ich ihm aber italieniſch und franzöſtſch diktirte, fand ſich's, daß er keine Idee von ſagte ich zu ihm. Da ich ſah, daß er ſich gekränkt fühlte, tröſtete ich ihn durch die Verſicherung, daß ich ihn auf meine Koſten nach ſeiner Heimath bringen würde. Er küßte mir die Hand und verſicherte mir, daß ich einen treuen Bedien⸗ ten an ihm finden würde. Dieſer junge Mann gefiel mir durch ſeine originelle Denkweiſe; da er dieſelbe zu benutzen verſtanden hatte, um ſich von den Dummköpfen, unter denen er bis dahin gelebt, auszuzeichnen, ſo gebrauchte er dieſelbe mit gutem Gewiſſen gegen Alle. Die Kunſt eines Schreibers beſtand, wie er glaubte, nur in einer guten Handſchrift, und derjenige, wel⸗ cher die beſte Handſchrift hatte, übertraf ſeiner Anſicht nach alle andern. Er ſagte mir dies, während er ein von mir ge⸗ ſchriebenes Papier betrachtete, und in der That war meine Schrift nicht ſo leſerlich, wie die ſeinige; ſo ſagte er mir ſtillſchweigend, daß ich gegen ihn zurückſtehe und daß ich ihm in Betracht ſeiner Ueberlegenheit eine gewiſſe Achtung nicht verſagen könne. Ich lachte über ſeine thörichte Vor⸗ ſtellung, und da ich ihn nicht für unverbeſſerlich hielt, ſo behielt ich ihn. Ohne dieſe Ueberſpanntheit würde ich ihm bloß ein Almoſen gegeben haben und wäre nie auf den Ein⸗ fall gekommen, ihn zu behalten. Er ſagte, die Orthographie ſei unnütz, weil diejenigen, welche orthographiſch ſchreiben könnten, nicht den Sinn der Worte erriethen, und weil die⸗ jenigen, welche es nicht könnten, auch nicht die Fehler ge⸗ wahr werden könnten. Ich lachte; da ich aber auf keine Erörterung eingehen wollte, ſo hielt er mein Lachen für ein Zeichen der Zuſtimmung. Unter dem, was ich ihm diktirte, befand ſich auch das Concil von Trient. Er ſchrieb dies Wort nach ſeinem Syſtem mit einer Drei und einer Null. Ich platzte beinahe vor Lachen; das brachte ihn aber nicht aus der Faſſung, und er behauptete, da die Ausſprache die⸗ ſelbe ſei, ſo erhalte die Bedeutung ihre Modification durch die Idee und nicht durch die verſchiednen Buchſtaben, aus denen das Wort beſtehe. In der That war der Burſche nur dumm, weil er Geiſt mit Unwiſſenheit und Anmaßung vereinigte. Da ich endlich ſein ganzes Weſen originell fand, n des Kuͤrken neben dem beweglichen Andaluſier, dem franzö⸗ 71 ſo behielt ich ihn und bewies dadurch, daß ich dummer als er war, wie der Leſer ſpäter ſehn wird. Am folgenden Tage verließ ich Avignon und begab mich direkt nach Marſeille, da mir nichts daran gelegen war, in Air zu verweilen, wo das Parlament ſeinen Sitz hatte. Ich ſtieg in den dreizehn Kantons ab, da ich in dieſer alten Kolonie der Phönizier wenigſtens vierzehn Tage bleiben und meine volle Freiheit genießen wollte. Deswegen hatte ich mich mit keinem Empfehlungsſchreiben verſehn; da ich reichlich mit baarem Gelde verſehn war, ſo brauchte ich Niemand. Meinem Wirthe ſagte ich, ich wolle auf meinem Zimmer eſſen und er ſolle mir eine gute Faſtenmahlzeit be⸗ ſorgen, da ich wußte, daß die Fiſche hier feiner als ander⸗ wärts ſind. Ich ging am folgenden Tage aus, gefolgt von einem Lohnbedienten, um mich nach dem Gaſthofe zurückbringen zu laſſen, wenn ich des Spatzierengehns müde ſein würde. Indem ich mich auf meiner Wanderung dem Zufall über⸗ ließ, gelangte ich an einen ſehr langen und breiten Quai; ich glaubte in Venedig zu ſein und mein Herz ſchwoll vom Gefühle des Glücks, ſo tief prägt ſich die Liebe zum Va⸗ terlande in das Herz jedes wohldenkenden Menſchen ein. Ich ſah eine Menge Läden, in denen Weine der Levante und Spaniens verkauft wurden, und wo eine Maſſe Lieb⸗ haber derſelben ſich gütlich that. Das Gewühl der Ge⸗ ſchäftsleute bewegte ſich in fortwährendem Drängen und Stoßen nach allen Richtungen hin, da ein Jeder nur mit ſich beſchäftigt war und wenig danach fragte, ob er Andern in den Weg komme; ambulante Kaufleute, ſchlecht und gut angezogene, mehr oder weniger hübſche Mädchen, Weiber von ſchamloſem Ausſehn, welche mit ihren Blicken Alle, die ſich mit ihnen beſchäftigten, herausforderten, vermehrten noch das Gewühl. Ich ſah auch geputzte Weiber von beſcheidner Haltung, welche, ohne die Augen aufzuſchlagen, vorübergin⸗ gen, und welche mit den andern den ſchärfſten Gegenſatz bildeten, obwohl viele von ihnen daſſelbe Ziel verfolgten. Das bunte Gemiſch aller Trachten, die ernſte Haltung ——— 7² genen Griechen, dem ſchwerfälligen Holländer erinnerten mich an meine Heimath, und das war für mich ein großer Genuß. Ich blieb einen Augenblick an einer Straßenecke ſtehn, um eine Theateranzeige zu leſen, ſodann kehrte ich ermüdet nach Hauſe zurück, um mich an einem herrlichen Mahle zu erquicken, welches ich reichlich mit gutem Syracuſer benetzte. Nach Tiſch machte ich Toilette und nahm dann einen Platz im Amphittheater der Komödie. Neunundſiebenzigſtes Kapitel. Koſalie.— Toulon.— Nizza.— Meine Ankunkt in Genua.— Herr Grimaldi.— Versnica und ihre Schweſter. Ich bemerkte, daß die vier erſten Logen auf beiden Seiten mit hübſchen, gut angezogenen Frauen beſetzt waren, daß ſich aber kein Kavalier bei ihnen befand. Während des erſten Zwiſchenaktes ſah ich Herren aller Klaſſen auf ziem⸗ lich freie Weiſe in die Logen treten, und an die erſte beſte Malteſerritter zu einer der Damen, welche allein in einer Loge neben mir ſaß, ſagen: Morgen werde ich bei Dir frühſtücken. kennen zu lernen. Ich betrachte ſie aufmerkſamer und da ich ſte appetitlich fand, ſo ſagte ich zu ihr, ſobald der Che⸗ valier ſich entfernt hatte: Kann ich heute bei Ihnen zu Abend ſpeiſen? Mi Vergnügen, mein lieber Freund; aber man hat 2 ſiſchen Stutzer, dem ſtumpfſinnigen Afrikaner, dem verſchla⸗ der Damen galante Reden richten. Plötzlich höre ich einen 8 — —— Mehr bedurfte es nicht für mich, um das Terrain 73 mich ſo oft angefuͤhrt, daß ich Dich nicht erwarten werde, wenn Du mir nicht ein Draufgeld giebſt. Wie! ein Draufgeld? Ich verſtehe nicht. Du biſt wahrſcheinlich erſt kürzlich hier angekommen. Ganz kürzlich. Sie fing an zu lachen, und nachdem ſie den Chevalier herbeigerufen, ſagte ſie: Sei doch ſo gut und erkläre dieſem Fremden, welcher heute bei mir zu Abend eſſen will, was das Wort Draufgeld bedeutet. Der Chevalier, ein liebenswürdiger Mann, ſagte lächelnd, das Fräulein wünſche, um ſicher zu ſein, daß ich nicht ver⸗ geſſe, ihr dieſe Ehre zu erweiſen, daß ich ihr das Abendeſſen zum Voraus bezahle. Ich danke ihm und nachdem ich das Fräulein gefragt, ob ein Louisd'or hinreiche und ſie meine Frage bejaht, gab ich ihr denſelben und bat ſie um ihre Adreſſe. Der Chevalier ſagte mit dem höflichſten Tone, er ſelbſt wolle mich nach dem Schluſſe der Komödie zu ihr führen und fügte dann hinzu: Es iſt das tollſte Mädchen in ganz Marſeille, Er fragte mich ſodann, ob ich Marſeille ſchon kenne, und als ich antwortete, daß ich heute erſt an⸗ gekommen ſei, wünſchte er ſich Glück, daß er ſo früh meine Bekanntſchaft gemacht habe. Wir begaben uns in die Mitte des Amphittheaters, wo er mir etwa funfzehn Mädchen nannte, die zur Rechten und Linken ſaßen, und die alle be⸗ reit waren, den Erſten Beſten bei ſich zu Abend ſpeiſen zu laſſen. Dieſelben haben ſämmtlich freies Entrée und der Theaterunternehmer findet ſeine Rechnung dabei; denn an⸗ ſtändige Frauen gehn in dieſe Logen nicht, und die Nymphen locken Publikum herbei. Ich bemerkte fünf oder ſechs, welche beſſer waren als die, mit welcher ich mich eingelaſſen hatte; aber für dieſen Abend blieb ich bei derſelben, denn ich hoffte, an den folgenden Tagen auch die Bekanntſchaft der andern zu machen. Iſt Ihre Favorite unter dieſen Schönen? fragte ich den Chevalier. Nein, ich liebe eine Tänzerin, welche ich unterhalte, und ich werde Sie mit derſelben bekannt machen; ich bin ſo glücklich, nicht eiferſuchtig zu ſein. Nach dem Schluſſe des Stückes führte er mich bis zur — 6 —— — O(Oiio———— — 74 Thur meiner Schönen, und wir verließen uns mit dem Ver⸗ ſprechen, uns wiederzuſehn. Ich fand die Nymphe im Negligé, ig war, denn ſie gefiel mir nicht. Sie gab mir ein gutes Abendeſſen, welches ſie mit ziemlich geiſt⸗ cher ihr nicht günſt reichen Tollheiten würzte, ausſöhnte. Als wir zu Abend geſpeiſt u Bett und fordert mich auf, ihrem Ich ſchlafe nie außer dem Hauſe. Sie bot mir nun den deb er an, welcher das Gemuth vollkommen beruhigt; aber ich woͤllte denſelben nicht, weil er von zu gewöhnlicher Qualität war. Ich habe fe und die Verkäuferin verkauft ſie nur engliſchen Ueberzieh koſtet drei Francs Dutzendweiſe. Ich ſagte ſie. nehme das Dutzend Sie klingelt, und es tritt eine re von beſcheidnem Weſen ein. Ich kann nicht erwehren. Da haſt ein Umſtand, wel⸗ wodurch ſie mich wieder mit ſich hatten, legt ſie ſich Beiſpiele zu folgen. inre, aber das Stüůck ,wenn ſie gut ſind, izende junge Perſon mich des Eindrucks Du ein hübſches Kammermädchen, ſage ich zu ihr, als das junge Mädchen hinausgegangen war, um die Präſervativ⸗Futterale zu ſagte ſte, und ſie iſt ein dummes Mäd⸗ mitmachen will, weil es ganz unſchul⸗ funfzehn Jahre alt, chen, welches nichts dig iſt. Darf ich mich Du kannſt ihr daß ſie darauf eing Das Mädchen zuziehn. Sie macht ſich davon überzeugen? den Vorſ ehn wird. holen. Sie iſt nur chlag machen, aber ich zweifle, kehrt mit dem Paket zurück, und nach⸗ dem ich mich in Poſitur geſetzt, befahl ich ihr, mir eins an⸗ mit ſchmollender Miene und mit einer Art Widerſtreben, welches mich noch mehr anzog, an die Arbeit. Da das erſte nicht paßte, zweites, welches ich reichlich beſpritzte. zu lachen; ſie aber, erzürnt uber mein Benehmen, wirft mir ſo verſuchte ſie ein Ihre Herrin fing an das ganze Paket ins Geſicht und entflieht unwillig. Da ich zu nichts Weiterm Luſt hatte, ſtecke ich das Paket in die Taſche, gebe der Dame zwei Louisd'ors und gehe weg. Das Mädchen, mit welchem ich ſo fr leuchtete mir, ich glaubte den ihr ange ei umgegangen war, thanen Schimpf wie⸗ ◻—— ——- 77 1 den Monat zum Voraus hezahlen, und ich muß Ihnen ſa⸗ gen, daß meine Thür um zehn Uhr geſchloſſen wird, und daß Niemand die Nacht hier bleiben darf. Dies Zimmer ent⸗ hielt ein Bett mit groben Betttüchern, zwei Stühlen, einer Kommode und einem Tiſch. Wie viel, fragte ich, verlangen Sie täglich fuͤr den Unterhalt dieſes jungen Mädchens? Er forderte zwanzig Sous und zwei Sous für die Magd, welche ihr das Eſſen bringen und das Zimmer reinigen würde. Das iſt genug für mich, ſagte das junge Mädchen, und bezahlte den Monat und die Ausgabe für dieſen Tag. Ich verließ ſie mit dem Bemerken, daß ich wiederkommen würde. Beim Hinabgehn verlangte ich von dem Greiſe ein Zimmer für mich. Er zeigte mir ein ſehr reinliches, wel⸗ ches einen Louisd'or koſtete. Er gab mir ſodann einen Paß, um beliebig ein⸗ und ausgehn zu können. Mein Herr, ſagte er zu mir, wenn Sie eſſen wollen, werde ich Sie ganz nach Wunſch bedienen. Nachdem ich dies gute Werk gethan, ſpeiſte ich allein; ſodann ging ich in ein Kaffeehaus, wo ich den liebenswür⸗ digen Malteſer fand, welcher à la marseillaise ſpielte. So⸗ bald er mich erblickte, ſtand er vom Spiele auf und ſteckte eine Handvoll Gold ein, welches er gewonnen, und nachdem er mich mit jener auserleſenen Höflichkeit, die den Fran⸗ zoſen eigenthümlich zu ſein ſcheint, begrüßt, fragte er mich, ob ich mit der Schönen, bei welcher ich zu Abend geſpeiſt, zufrieden wäre. Ich erzählte ihm, was ſich zugetragen; er lachte dazu und machte mir ſodann den Vorſchlag, mich zu ſeiner Tänzerin zu führen. Wir fanden ſie unter den Hän⸗ den des Friſeurs, und ſie empfing mich ſcherzend, wie man einen guten Bekannten empfängt. Sie zog mich nicht an, aber um mich dem guten Chevalier angenehm zu machen, that ich ſo, als ob ſie mir gefiele. Als der Friſeur ſie verlaſſen, kleidete ſie ſich ohne Um⸗ ſtände an, da ſie zu ſpielen hatte. Der Chevalier war ihr behülflich, das Hemde zu wechſeln, was ſie ohne alle Com⸗ plimente that, jedoch nachdem ſie mich vorher um Entſchul⸗ digung gebeten. ſie wuͤrde ihm untreu werden, ſobald ich wolle. mich, ſagte der Malteſer. Er lud mich zum Abendeſſen bei Da ich ihr ein Compliment ſchuldig war, ſo wußte ich ihr nichts Beſſeres zu ſagen, als daß ſie mich, wenn auch nicht beleidigt, doch aufgeregt habe. Ich glaube es nicht, ſagte ſie. Es iſt aber wahr, verſetzte ich. Sie trat an mich heran, um ſich⸗ur ücerzeugen, und als ſie ſah, daß ich ſie getäuſcht, ſagte ſie mit halb ſchmollendem Tone: Sie ſind ein Taugenichts. Es giebt keine Stadt in Frankreich, wo die Frauen ſo ſehr ausſchweifen wie in Marſeille. Nicht nur ſuchen ſie einen Stolz darin, nichts abzuſchlagen, ſondern ſie bieten ſich auch zuerſt an. Das Mädchen zeigte mir eine Repetiruhr, welche ſie in einer Lotterie, das Loos zu zwölf Franes, aus⸗ ſpielen wollte. Sie hatte noch zehn Loöſe; ich nahm ſie ihr ab, und in der Freude, welche ihr meine fünf Louisd'ors verurſachten, umarmte ſie mich und ſagte zum Chevalier, Das freut ihr ein; ich nahm es an, aber das einzige Vergnügen, wel⸗ ches ich mir verſchaffte, beſtand darin, daß ich den Chevalier ſeine Pflicht bei ihr erfüllen ſah. Er ſtand Dolci ſehr nach! Nachdem ich ihnen eine gute Nacht gewünſcht, verließ ich ſie und begab mich nach dem möblirten Zimmer, wo ich das junge Mädchen untergebracht. Nachdem mich die Magd auf mein Zimmer geführt, fragte ich ſie, ob ich auf den Boden gehen könne. Sie nimmt das Licht, ich folge ihr, und Roſalie, ſo hieß das junge Mädchen, öffnete, als ſie 8 meine Stimme erkannte. Ich ſagte der Magd, ſie möge mich auf meinem Zimmer erwarten, und ſetzte mich auf ihr Bett. Biſt Du zufrieden, meine Theure? fragte ich. Ich fühle mich glüͤcklich. Hin Ich hoffe alſo, daß Du gefällig ſein und mir einen Platz an Deiner Seite einräumen wirſt. Das ſteht in Ihrer Macht; aber ich muß bekennen, 87 daß Sie mich nicht ſo finden werden, wie ich Ihnen geſagt, denn ich habe mich einmal hingegeben. Du haſt alſo gelogen? Entſchuldigen Sie, ich konnte nicht wiſſen, daß Sie 1 mich liebten. 1 6. ◻ * 4 8 1* 6 ) V- ◻ Ich verzeihe Dir um ſo lieber, als ich darauf keinen Werth lege. Mit der Sanftmuth eines Lamms ließ ſie mich alle Schönheiten betrachten, welche meine Hände und mein Mund ſich ſtreitig machten, und der Gedanke, daß ich im Begriffe ſtehe, mich aller dieſer Schätze zu bemächtigen, entflammte mein ganzes Weſen; aber ihre gehorſame Miene betrübte mich. Warum kömmſt Du meinen Wünſchen nicht entge⸗ gen, reizende Roſalie? fragte ich. Ich wage es nicht, weil ich fürchte, Sie könnten mich für falſch halten. Die Liſt, die Verſtellung und ſtudirte Koketterie können wohl eine ſolche Antwort geben; aber die Berechnung und das Studium können nicht jenen Ton der Unbefangenheit und furchtſamen Wahrheit hervorbringen, mit welchem dieſe herrliche Perſon dieſe Worte ſprach. Voll Ungeduld, in ih⸗ ren Beſitz zu gelangen, entledige ich mich meiner Kleider und gerathe bald ins höchſte Erſtaunen, als ich in ihr eine vollkommene Jungfer finde. Warum, fragte ich, haſt Du zu mir geſägt, Du habeſt einen Liebhaber gehabt? Nie hat ein junges Mädchen ſo gelogen. Dennoch habe ich nicht gelogen; es iſt mir aber lieb, daß es Ihnen ſo vorkömmt. Erzähle mir das. Gern, denn ich wünſche Ihr Vertrauen zu erlangen, die Sache verhält ſich folgendermaßen: „Noch vor zwei Jahren liebte mich meine Mutter, ob⸗ wohl ſie aufbrauſend und zornig iſt. Ich beſchäftigte mich mit Nähen und verdiente zwanzig bis dreißig Sous täglich. Ich gab Alles meiner Mutter. Ich hatte nie einen Liebha⸗ ber gehabt, und dachte auch nicht daran, denn ich lachte, wenn man mich wegen meiner Tugend lobte. Von Kind⸗ heit an war ich gewöhnt, den jungen Leuten, welchen ich auf der Straße begegnete, nicht ins Geſicht zu ſehen, und ihnen nicht zu antworten, wenn ſie mich mit faden Redens⸗ arten behelligten.“ Vor zwei Monaten kam ein ziemlich huͤbſcher, in Genua gebürtiger junger Mann und kleiner Kaufmann, zu meiner - — 8 80 Mutter, um ſehr feine baumwollene Strümpfe, welche die See etwas verdorben hatte, waſchen zu laſſen. Als er mich erblickte, lobte er mich ſehr, aber auf die anſtändigſte Weiſe. Er gefiel mir, und da er dies wahrſcheinlich bemerkte, kam er alle Abende. Meine Mutter, die ſehr froh war, daß der junge Mann mich liebte, ſchalt mich aus, daß ich mich ge⸗ gen ihn nicht höflich genug benahm. Er ſollte auf einem kleinen Fahrzeuge, welches ihm gehörte und welches mit Waaren befrachtet war, nach Genua abgehn. Er hatte uns verſichert, daß er im Frühlinge des nächſten Jahres zurück⸗ kehren und ſich dann erklären würde. Er hoffte mich tu⸗ gendhaft und beſonders ohne Liebhaber wiederzuſinden. Das war genug geſagt. Da ich ihn alſo als den Mann, dem ich angehören ſollte, betrachtete, ſo ließ mich meine Mutter allein mit ihm bis Mitternacht vor der Thür plaudern. Wenn er wegging, ſchloß ich die Thür und legte mich neben meine Mutter, welche dann immer ſchon ſchlief.“ „Vier oder fünf Tage vor ſeiner Abreiſe nahm er mich unter den Arm und bat mich, ihn etwa funfzig Schritte vom Hauſe zu begleiten, um bei einem Griechen, deſſen La⸗ den die ganze Nacht geöffnet war, ein Glas Muscatwein zu trinken. Wir blieben nur eine halbe Stunde zuſammen, und hier gab er mir die erſten Küſſe. Bei meiner Nach⸗ auſekunft fand ich meine Mutter noch wach und erzählte ihr Alles, ſo unſchuldig ſchien mir die Sache.“ „Am folgenden Tage entſchloß ich mich, aufgeregt durch die Erinnerung an den vorhergegangenen Abend, ihn wie⸗ derum zu begleiten, und die Liebe gewann Terrain. Bei unſern Liebkoſungen fanden wir uns nicht mehr unſchuldig, ddeernn wir wußten, daß wir über unſere Pflicht hinausge⸗ 4 gangen waren. Indeß verziehen wir uns, denn wir hatten uns des Weſentlichen enthalten.“ „Am darauf folgenden Tage nahm mein Liebhaber, der in der Nacht abreiſen ſollte, von meiner Mutter Abſchied, und ſobald ſie ſich zu Bett gelegt, ſäumte ich nicht, ihm ein Vergnügen zu bewilligen, welches ich ebenſoſehr wie er wünſchte. Wir gingen zum Griechen, aßen, tranken, und —— —— — ——— 9 4 81 unſere erhitzten Sinne verſchafften der Liebe den Sieg; wir vergaßen unſere Pflichten und wir glaubten zu triumphiren.“ „Nach unſrer Niederlage ſchliefen wir ein; als wir er⸗ wachten, erkannten wir an der Helle des Tages den Fehler, welchen wir begangen. Wir trennten uns mehr traurig als zufrieden und meine Mutter empfing mich etwa ſo, wie Sie heute Morgen geſehn. Ich verſicherte ihr, daß eine Heirath die Schande meines Verbrechens auswiſchen würde, und als ich dies ſagte, nahm ſie einen Stock und würde mich todtgeſchlagen haben, wenn ich nicht mehr aus Inſtinkt als aus Berechnung geflohn wäre.“ „Da ich ſo auf die Straße geſetzt war und nicht wußte, was ich anfangen ſollte, ſo trat ich in eine Kirche und blieb hier wie betäubt bis Mittag. Denken Sie ſich meine Lage; ich hatte Hunger und ſah mich ohne Zuflucht, ohne andere Kleidung als die, welche ich anhatte und ohne irgend ein Mittel, mir ein Stück Brod zu verſchaffen. Eine Frau re⸗ det mich auf der Straße an. Ich kannte ſie und wußte, daß ſie durch Beſchaffung von Dienſtmädchen ihren Unter⸗ halt verdiente. Heute Morgen hat man ein Mädchen von mir verlangt, aber es iſt eine Frau von ſchlechtem Lebens⸗ wandel, und wenn Sie dieſe Stelle annehmen, wird es Ih⸗ nen, da Sie hübſch ſind, ſchwer werden, anſtändig zu blei⸗ ben. Ich werde mich ſchon der Anſteckung erwehren, erwie⸗ derte ich, und ich bin in einer Lage, wo ich Alles anneh⸗ men muß. Sie führte mich zu dem Fräulein, welches mich gern annahm und welches ſich ſehr erfreut zeigte, als ich in Beantwortung ihrer Fragen zu ihr ſagte, daß ich nie mit Männern zu ſchaffen gehabt. Ich habe es ſpäter ſehr zu bereuen gehabt, daß ich ſie auf dieſe Weiſe belogen. Denn die acht Tage, welche ich bei dieſem ſittenloſen Weibe blieb, habe ich den größten Schimpf erduldet, der einem ehrbaren jungen Mädchen angethan werden kann. Kaum hatten die Männer, welche ſie beſuchten, mich geſehn und gehört, daß ich noch unberührt ſei, ſo wollten ſie auch ihre Rohheit an mir auslaſſen und boten mir Geld unter der Bedingung, daß ich mich unterſuchen laſſe. Wenn ich mich weigerte, verhöhnte man mich. Das war noch nicht Alles. Fünf XI. 6 —₰̈½‿ F 8⁵ gnügens Platz gemacht. Ihr ſchönes Geſicht feſſelte die Auf⸗ merkſamkeit, weil es ſprach und Luſt machte zu hören, was ſie ſagte. Ich prüfte ſie aufmerkſam, und war ſtolz auf die Umwandlung, welche mein Werk war; aber ich bemerkte bald, daß ich mein Erſtaunen verbergen müſſe, damit ſie nicht glaube, daß ich ein nachtheiliges Urtheil über ſie fälle. Ich beeilte mich alſo, ihr von meinen Gedanken Rechenſchaft zu geben, und ihr zu verſichern, daß ich mich unausſprech⸗ lich lächerlich machen würde, wenn ich ſie, wie Gott ſie nun einmal geſchaffen, zur Magd nehmen wolle. Du ſollſt meine Geliebte ſein, theure Roſalie, ſagte ich, und meine Bedien⸗ ten ſollen Dir mit derſelben Achtung begegnen, als ob Du meine Frau wäreſt. Roſalie, gleichſam als ob ich ihr ſo eben ein neues Weſen gegeben, drückte bei dieſen Worten die Empfindungen aus, welche durch meine Wohlthaten in ihr angeregt wurden. Ihre Ausdrücke, welche durch das Gefühl verworren wur⸗ den, erfüllten mich mit Freude, denn ich konnte die Natür⸗ lichkeit nicht verkennen; die Kunſt entſtellte ihren Geiſt nicht mit ihrem falſchen Blendwerke. Da ſie in ihrer Dachſtube keinen Spiegel hatte, ſo hatte ſie ſich ohne einen ſolchen ankleiden müſſen, und ich ſah, daß ſie ſich in dem großen Spiegel, der in meinem Zimmer hing, nicht zu beſchauen wagte. Da ich die Schwäche aller Frauen, welche Schwäche die Männer ihnen ſehr mit Un⸗ recht vorwerfen, kannte, ſo ermunterte ich ſie, in den Spie⸗ gel zu ſehn, und ſie konnte ein Lächeln der Befriedigung nicht zurüͤckhalten. Ich bin verſucht, mich für maskirt zu halten, ſagte ſie, denn ich habe mich nie ſo geputzt geſehnn. Sie lobte den Geſchmack und die Einfachheit ihres Anzugs und wurde betrübt, als ſie daran dachte, daß ihre Mutter mit dem Allen nicht einverſtanden ſein würde. Du mußt Deine Mutter vergeſſen, mein Herz. Du ſiehſt ganz wie eine Perſon von Stande aus und ich werde mich in Genua ſehr ſtolz fühlen, wenn ich gefragt werde, ob Du meine Tochter ſeieſt. In Genua? Ja, in Genua. Du wechſelſt die Farbe? anthun können, zu erſparen. Vor Erſtaunen, denn ich werde hier vielleicht einen Mann wiederſehn, den ich noch nicht vergeſſen habe. Willſt Du hier bleiben? Nein, nein. Lieben Sie mich und ſeien Sie überzeugt, daß ich Sie allen Andern vorziehe, und zwar aus Zunei⸗ gung und nicht aus Eigennutz. Du wirſt gerührt, mein Engel; laß mich mit meinen Küſſen trocknen. Siee warf ſich in meine Arme, und da die verſchieden⸗ artigſten Gefühle ihr Herz bewegten, ſo weinte ſie lange. Ich ſuchte nicht ſie zu tröſten, denn ſie hatte keinen Kum⸗ mer, ſondern ſie weinte, weil dies für zartfühlende Herzen ein Bedürfniß iſt, welches die Frauen öfter und lebhafter als die Männer empfinden. Sie weinte noch, als wir uns zu Tiſch ſetzten. Wir hatten ein köſtliches Abendeſſen, dem ich in ihrem und meinem Namen Ehre machte; denn ſie aß nichts, weshalb ich ſie fragte, ob ſie den Fehler habe, nicht lecker zu ſein. Niemand, erwiederte ſie, hat einen beſſern Appetit als ich, und mein Magen iſt vortrefflich. Sie ſollen ſelbſt ur⸗ theilen, ſobald mein Herz und mein Gemüth ſich an die Freude, welche mich jetzt bedrückt, gewöhnt haben werden. Aber Du kannſt doch wenigſtens trinken und dieſer Wein iſt vortrefflich. Wenn Du den griechiſchen Muscat vorziehſt, will ich ſolchen holen laſſen. Derſelbe wird Dich an Deinen Liebhaber erinnern. Wenn Sie irgend Rückſicht ſo bitte ich Sie, mir die größte Kränkung, Deine Thrä⸗ nen auf mich nehmen wollen, die Sie mir Ich verſpreche Dir, daß Dir nie eine Kränkung von mir zu Theil werden ſoll. Das war ein Spaß, und ich bitte Dich um Verzeihung. So etwas ſoll nicht wieder vorkommen. 8 Wenn ich Sie ſehe, ſo bin ich in Verzweiflung, daß ich nicht Sie vor ihm kennen gelernt. Dieſes Gefühl genügt mir, theure Roſalie. Es iſt er⸗ aben, weil Du es nur in Deiner reinen Seele geſchöpft haſt. Du biſt ſchön und tugendhaft, denn Du haſt nur in 1 — N jungen Leuten die kleinen Sünden, zu denen die Liebe ſie verleitet. 3 87 der Ausſicht, ſeine Frau zu werden, der Liebe nachgegeben; und wenn ich bedenke, daß Du mir gehörſt, ſo bin 19 in Verzweiflung, daß ich nicht die Ueberzeugung erlangen kann, von Dir geliebt zu ſein, denn ein feindlicher Genius redet mir ein, daß Du mich nur deshalb duldeſt, weil ich das Glück gehabt, Dir zu Hülfe zu kommen.— Das iſt ein ſehr ſchlechter Genius, mein Freund. Wäre ich Ihnen auf der Straße begegnet, ſo würde ich mich al⸗ lerdings nicht wie eine Tolle in Sie verliebt haben, aber Sie wuͤrden mir gefallen haben. Ich fühle, daß ich Sie liebe, und daß dies nicht eine Folge Ihrer Wohlthaten iſt; denn wäre ich reich und Sie arm, ſo würde ich Alles für Sie thun. Aber ich wünſche das nicht; denn ich will lie⸗ ber in Ihrer Schuld ſein, als Sie zum Schuldner haben. Das ſind meine aufrichtigen Empfindungen. Errathen Sie das Uebrige. Es war Mitternacht, und wir plauderten noch in der⸗ ſelben Weiſe fort, als der alte Wirth kam, um zu fragen, ob ich zufrieden wäre. Ich bin Ihnen Dank ſchuldig, ſagte ich; ich bin ſehr zufrieden. Wer hat aber dies köſtliche Mahl bereitet? Meine Tochter. Sie verſteht ſich darauf. Sagen Sie ihr, daß ich es ausgezeichnet gefunden habe. Ja, mein Herr, aber es iſt theuer. 1 Nicht theuer, mein Freund; Sie ſollen mit mir zufrie⸗ den ſein, wie ich es mit Ihnen bin, und bemühn Sie ſich, mich morgen Abend ebenſogut zu bewirthen, denn ich hoffe, das Fräulein wird dann wohler ſein und mir helfen, den culinariſchen Erzeugniſſen Ihrer Tochter Ehre zu erweiſen. Sie wird guten Appetit im Bette haben. Vor ſechs⸗ zig Jahren iſt es mir eben ſo gegangen. Sie lachen, Fräulein? Ich lache über das Vergnügen, welches Ihnen die Er⸗ innerung machen muß. Sie täuſchen ſich nicht, und deshalb verzeihe ich den —— “ 4— ———y————— 2 ———————— Sie ſind ein kluger und guter Greis, ſagte ich, denn nan muß mit der ſüßeſten Schwäche zu ſympathiſtren ver⸗ ſtehen. Wenn dieſer Greis klug iſt, ſagte Roſalie, als der Wirth ſich entfernt hatte, ſo iſt meine Mutter ſehr unſinnig.* Soll ich Dich morgen in die Komödie führen? Nein, wenn ich bitten darf. Ich gehorche Ihnen, wenn Sie es verlangen, aber es würde mir ſehr unangenehm ſein. Hier weder Komödie noch Promenade. Himmel! was würde man ſagen? Nein, in Marſeille nichts, aber anderwärts Al⸗ 3 les, was Sie wollen und ſehr gern. 3 Wohl, meine Theure, es ſoll geſchehn, wie Du willſt; aber dies hier iſt Dein Zimmer, denn Du ſollſt in keiner Dachſtube mehr wohnen, und in drei Tagen reiſen wir. So bald? Ja, morgen ſollſt Du mir ſagen, was Du für die Reiſe brauchſt, denn es ſoll Dir an nichts fehlen, und ich könnte etwas vergeſſen, was mir unangenehm ſein ſollte. 2 Ich brauche noch einen gefütterten Mantel, Halbſtiefeln, 6 eine Nachtmütze und ein Gebetbuch, um in die Kirche ge⸗. hen zu können. Du kannſt alſo leſen? Gewiß, und auch ziemlich gut ſchreiben. Das freut mich. Wenn Du Alles, was Du wünſcheſt, von mir forderſt, theure Freundin, ſo giebſt Du mir einen wahrhaften Beweis von Liebe; man liebt nicht wirklich, wenn man es an Zutrauen fehlen läßt. Ich werde nichts vergeſſen, aber Du haſt einen ſo kleinen Fuß, daß es beſſer iſt, Du kaufſt die Halbſtiefeln ſelbſt. Unſere Unterhaltung war ſo angenehm, und ich fand ein ſo großes Vergnügen daran, ihren Geiſt zu ſtudiren, daß wir uns erſt gegen fünf Uhr Morgens zu Bett legten. Wir verbrachten ſieben köſtliche Stunden in Amors und Morpheus' Armen, und als wir gegen Mittag aufſtanden, waren wir vertraute Freunde. Sie duzte mich, ſprach von Liebe und nicht von Dankbarkeit, und da ſie ſich ſchon mit ihrem gegenwärtigen Zuſtande vertraut gemacht hatte, ſo lachte ſie uͤber ihr vergangenes Elend. Sie umarmte mich. — — — 89 bei jeder Gelegenheit, nannte mich ihr Kind, ihr Glück und da es im Leben nichts andres Wirkliches, als die Gegen⸗ wart giebt, ſo genoß ich und ſchwelgte in ihren Liebkoſun⸗ gen, indem ich jede Idee an die ſchreckliche Zukunft, die keine andere ſichere Ausſicht als den Tod hat, ultima linea rerum, fern von mir hielt. Die zweite Nacht, welche ich bei dieſer ſchönen Perſon ſchlief, war weit ſüßer, als die erſte; denn da ſie mit gutem Appetit gegeſſen und gut, obwohl mäßig getrunken, ſo war ſie viel empfänglicher für das Vergnügen und überließ ſich mit Feuer allen Freuden der Wolluſt, welche die Liebe er⸗ ſinnt und ausführt. Ich ſchenkte ihr eine ſchöne Uhr und ein goldenes We⸗ beſchiffchen, um Band auf demſelben zu bereiten. Ich wünſchte ein ſolches, ſagte ſie, aber ich würde nie gewagt haben, Dich darum zu bitten. Ich erwiederte, ihre Furcht, mir dadurch zu mißfallen, daß ſie mich um Sachen bitte, die ihr gefie⸗ len, laſſe mich noch an ihrer Liebe zweifeln. Nun ſtürzte ſie ſich in meine Arme und verſprach mir, unter den zärt⸗ lichſten Liebkoſungen in Zukunft jede Zurückhaltung abzu⸗ legen. Ich fand ſchon Vergnügen daran, dieſe junge Perſon zu erziehn, und ich war überzeugt, daß ſie bei Entwicklung ihrer geiſtigen Anlagen vollkommen werden würde. Am vierten Tage bat ich ſie, ſich bereit zu halten, um in den Wagen zu ſteigen, ſobald ich ſie abholen würde. Ich hatte Coſta und Le Due nichts geſagt, aber Roſalie wußte, daß ich zwei Bedienten hatte, und ich hatte ihr ſchon früher geſagt, daß ich dieſelben unterwegs mit einander ſprechen laſſe, um mich an ihren Dummheiten zu unterhalten. Du, meine Liebe, ſagte ich zu ihr, benimm Dich gegen ſie mit großer Zurückhaltung; laß ihnen nichts hingehn, namentlich keine Vertraulichkeit. Befiehl Ihnen als Gebieterin, aber ohne Hochmuth, und ſie werden Dir gehorchen und Dich achten. Wenn ſie ſich ja gegen Dich vergeſſen ſollten, ſei es, worin es ſei, ſo benachrichtige mich ohne Erbarmen und ohne Zögerung. Ich fuhr vom Gaſthofe der dreizehn Kantons mit vier 90 Poſtpferden ab; Le Due und Coſta ſaßen auf dem Bocke und der Lohnbediente, welchen ich gut bezahlt hatte, führte uns vor Roſaliens Thüͤr. Ich ſtieg vom Wagen und nach⸗ dem ich dem nachſichtigen Greiſe, der eine ſo liebenswürdige Mietherin nur ungern ſcheiden ſah, gedankt, ließ ich ſte ein⸗ ſteigen, und nachdem ich mich neben ſie geſetzt, befahl ich dem Poſtillone, den Weg nach Toulon einzuſchlagen, denn ehe ich nach Italien zurückkehrte, wollte ich dieſen ſchönen Hafen ſehn. Wir langten um fünf Uhr an. Bei Tiſch benahm ſich Roſalie mit der Würde einer Hausfrau, welche an den Ton der beſten Geſellſchaft gewöhnt iſt. Ich ſah, daß Le Due als erſter Bedienter, Coſta die „Verpflichtung auferlegen wollte, ſie zu bedienen; aber ich ver⸗ trieb ihm die Luſt, indem ich, ohne ihn anzuſehn, zu meiner Freundin ſagte, er werde die Ehre haben, ſie zu bedienen, da er beſſer als der beſte Pariſer Friſeur friſtre. Dieſes Compliment erleichterte ihm das Verſchlucken der Pille; er unterwarf ſich mit guter Manier und ſagte mit einer tiefen Verbeugung, er hoffe Madame zu befriedigen. Als wir am nächſten Tage ausgingen, um den Hafen zu beſichtigen, verſchaffte uns ein glücklicher Zufall die Be⸗ kanntſchaft des Kommandanten, der uns die Ehre erwies, uns als Führer und Cicerone zu dienen. Er reichte Ro⸗ ſalien den Arm und behandelte ſie ſehr achtungsvoll, und ſie verdiente dies durch ihre gute Haltung und ihre verſtän⸗ digen Fragen. Der Kommandant hatte meine Einladung zum Mittagseſſen angenommen, während deſſen Roſalie we⸗ nig, aber immer paſſend ſprach und mit vieler Grazie die Höflichkeiten und Complimente unſers Gaſtes aufnahm, eines ebenſo liebenswürdigen wie gebildeten Offiziers. Am Abend zeigte er uns das Zeughaus, und da er ſich revanchiren wollte, ſo konnte ich ſeine Einladung zum Abendeſſen nicht ablehnen. Es war keine Rede davon, Roſalien vorzuſtellen, denn der Kommandant beeiferte ſich, uns ſeine Frau, ſeine Tochter und ſeinen Sohn vorzuſtellen. Ich ſah mit großem Vergnuͤgen, daß meine Freundin ſich gegen Damen noch beſſer, als gegen Herren benahm. Die Natur hatte ihr Schicklichkeitsgefühl verliehn. Die Damen überhäuften ſie 91 mit Freundlichkeiten, welche ſie auf eine edle und gefühl⸗ volle Weiſe aufnahm, und ihr ganzes Benehmen trug jenen Ausdruck der Beſcheidenheit und der Sanftmuth, welche an⸗ ziehn und welche der Prüfſtein einer guten Erziehung ſind. Man lud mich für den folgenden Tag zum Mittag⸗ eſſen ein; aber da ich mit dem, was ich geſehn, zufrieden war, ſo nahm ich Abſchied mit dem Entſchluſſe, am folgen⸗ den Tage abzureiſen. Als wir in unſern Gaſthof zurückgekehrt waren, ſprang ſie mir vor Freude an den Hals, nachdem ich ihr geſagt, daß ich mit ihr ſehr zufrieden ſei. Ich fürchtete immer, ſagte ſie, man würde mich fragen, wer ich ſei. Fürchte nichts, theure Freundin; in Frankreich wird man Dir in ſo guter Geſellſchaft eine ſolche Frage nie vor⸗ legen. Wenn man ſie aber thäte, was ſollte ich antworten? Eine Ausflucht. Was iſt eine Ausflucht? Eine Weiſe, ſich aus der Verlegenheit zu ziehn, ohne die Neugierde der Zudringlichen zu befriedigen? Zum Beiſpiel? Du würdeſt z. B. ſagen: Fragen Sie den Herren. Ich verſtehe, man weicht aus. Handle ich aber nicht unhöflich, wenn ich der Frage ausweiche? Ja, aber weniger als diejenigen, die ſich eine in Ver⸗ legenheit ſetzende Frage geſtatten. Und was würdeſt Du antworten, wenn man Dich fragte? Ich würde antworten, je nachdem ich die Perſon, welche die Frage thäte, achtete. Ich weiß, daß ich nicht in Ver⸗ legenheit kommen würde, wenn ich die Wahrheit nicht ſa⸗ gen wollte. Indeß bin ich Dir dankbar, mein Herz, daß Du bei mir Belehrung ſuchſt. Frage nur immer; Du wirſt mich immer bereit zum antworten ſinden, denn ich wünſche zu Deiner Bildung beizutragen. Du biſt mir theuer und ich wünſche Dich glänzen zu ſehn. Jetzt gehen wir aber zu Bett, denn wir wollen früͤh nach Antibes aufbrechen, . 4 5 2 4 ———— 92² und die Liebe ſoll Dich für die Freude, welche Du mir heute gemacht haſt, belohnen. In Antibes miethete ich eine Felucke, um mich nach Genua zu ſchaffen, und da ich beabſichtigte, bei meiner Rück⸗ kehr aus Italien wieder dieſen Weg einzuſchlagen, ſo ließ ich meinen Wagen hier zurück, wofür ich eine Kleinigkeit monatlich bezahlte. Wir fuhren mit Tagesanbruch bei gu⸗ tem Winde ab, da aber das Meer ſtürmiſch war, und meine Roſalie große Furcht bekam, ſo ließ ich die Felucke in den Hafen von Villefranche hineinrudern, wo ich, um ein gutes Nachtlager zu bekommen, einen Wagen nach Nizza nahm. Das ſchlechte Wetter hielt uns hier drei Tage zurück, und ich hielt mich verpflichtet, dem Kommandanten meine Auf⸗ wartun zu machen, einem alten Offiziere, der Peterſon ieß. Er empfing mich ſehr gut; aber nach dem gewöhnli⸗ chen Höflichkeitsaustauſche ſagte er: Kennen Sie einen Ruſſen der ſich Karl Iwanoff nennen läßt? 85 habe in Grenoble Gelegenheit gehabt, ihn einmal zu ſehn. 33 Man ſagt, er ſei aus Sibirien entflohn und ſei der jüngſte Sohn des Herzogs Biron von Kurland. Man hat es auch mir geſagt, aber ich habe keinen Beweis dafür. Er iſt in Genua, wo, wie ich gehört, ein Bankier die Anweiſung hat, ihm zwanzigtauſend Thaler auszuzahlen. Nichtsdeſtoweniger hat er Niemand gefunden, der ihm einen Pfennig hat borgen wollen, und um ihn los zu werden, habe ich ihn auf meine Koſten nach Genua ſchaffen laſſen. Es war mir lieb, daß er vor meiner Ankunft abgereiſt war. Ein älterer Offizier Namens Ramini, welcher in dem⸗ ſelben Gaſthofe wo ich wohnte, fragte mich, ob ich ein Paket, welches Herr von St. Pierre, ſpaniſcher Conſul, nach Genua an den Marquis Grimaldi zu ſchicken habe, beſor⸗ gen wolle. Es war derſelbe, den ich in Avignon geſehn, und ich übernahm den Auftrag mit Vergnügen. Haben Sie, fragte ſodann der Offizier, in Avignon eine Madame Stuard kennen gelernt, welche ſich mit einem angeblichen 2— — Rer er erer en ee — —— — 95 alle Tage Champignons eſſen zu können, welche hier beſſer als anderwärts ſind. 8 Das iſt ein herrlicher Plan, und ich kann Ihnen kei⸗ nen beſſern vorſchlagen. Mein Fräulein, ich werde mich bemühen, Ihnen eine paſſende Kammerjungſer zu ver⸗ ſchaffen.. Sie, mein Herr! Wie ſoll ich eine ſolche Güte ver⸗ dienen? Sie flößen mir um ſo mehr Theilnahme ein, Fräu⸗ lein, als ich in Ihnen eine Marſeillerin zu erkennen glaube. Roſalie wurde roth, denn ſie wußte nicht, daß ſie mit der Zunge anſtieß, und daß man hieran ihre Heimath erkannte. Ich zog ſie aus der Verlegenheit, indem ich ſie darauf aufmerkſam machte. Ich fragte den Marquis, wie ich mir das Journal des savants, den Mercure de France und alle derartigen Broſchüren verſchaffen könne, und er verſprach mir, einen Mann zu ſchicken, der alle meine Wünſche in Betreff der Literatur befriedigen würde. Er fügte hinzu, wenn ich ihm erlauben wolle, mir von ſeiner Chocolade, die vor⸗ trefflich ſei, zu ſchenken, ſo werde er zum Frühſtück zu uns kommen. Ich erwiederte, der Gaſt und das Geſchenk ſeien uns außerordentlich angenehm. Nachdem der Marquis ſich entfernt, bat mich Roſalie ſie zu einer Modehändlerin zu führen. Ich brauche, ſagte ſie, Bänder und verſchiedene Kleinigkeiten, aber ich will ſie mit meinem Gelde bezahlen, und ſie behandeln, ohne daß Du Dich darin miſcheſt. Du kannſt thun, was Dir be⸗ lide meine Theure, und wir wollen ſodann in's Theater gehen. Die Modehändlerin, zu welcher wir gingen, war eine Franzöſin. Roſalie war außerordentlich liebenswürdig. Sie machte ſich wichtig und ſpielte die Kennerin; ſie handelte und gab fünf bis ſechs Louisd'ors auf eine ſehr anſtändige Weiſe aus. Beim Hinausgehn, ſagte ich zu ihr, man habe mich für ihren Lakei gehalten und ich wolle mich deſſen rühmen. Dies ſagend, führte ich ſte zu einem Jouvelier und kaufte ihr ſchoͤne Ohrringe von Straß, Ohrbommeln und ein ſchönes Halsband, ohne daß ſie ein Wort ſagen durfte; nachdem ich ſodann gezahlt, was man gefordert, gingen wir weg. Mein Freund, ſagte ſie, was Du gekauft haſt, iſt chön, aber Du verſchwendeſt das Geld, denn, wenn Du gehandelt hätteſt, würdeſt Du mindeſtens vier Louisd'ors geſpart haben. Das iſt möglich, mein Herz, aber ich verſtehe nicht zu handeln. Ich führte ſie in's Theater; da ſie aber die Sprache nicht verſtand, langweilte ſie ſich ſo ſehr, daß ſie mich gegen Ende des erſten Aktes bat, ſie nach Hauſe zu füh⸗ ren, was ich ihr gern zu Gefallen that. Hier fand ich ein von Herrn Grimaldi geſchicktes Käſtchen mit vierund⸗ zwanzig Tafeln Chocolade. Coſta, welcher mir ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit, Chocolade auf ſpaniſche Weiſe zu bereiten, ge⸗ rühmt hatte, erhielt den Befehl, drei Taſſen für den fol⸗ genden Morgen bereit zu halten. Um neun Uhr Morgens erſchien der Marquis mit einem Kaufmanne, welcher mir ſehr ſchöne franzöſiſche Stoffe verkaufte. Ich gab ſie Roſalien, um ſich zwei Mez⸗ zaro's daraus zu machen, eine Art Mantille mit Capuchen, welche die Frauen in Genua tragen, um in der Stadt ſpatzieren zu gehn, wie man in Venedig den Cendal und in Madrid die Mantille trägt.. Ich dankte Herrn Grimaldi für ſeine ſchöne Chokolade, die uns ausgezeichnet ſchmeckte. Coſta war ſtolz auf das Lob, welches ihm der Marquis ſpendete. Le Due meldete mir eine Frau, deren Namen ich nicht kannte. Es iſt, ſagte Grimaldi, die Mutter der Kammerjungfer, welche ich dem Fräulein verſchafft habe. Ich laſſe ſie eintreten. Ich erblicke eine gutgekleidete Frau, gefolgt von einem zwanzig⸗ bis vierundzwanzigjähri⸗ gen Fräulein, das ich gleich ſehr hübſch fand. Nachdem die Mutter dem Marquis gedankt, ſtellte ſte ihre Tochter Roſalien vor, der ſie ihre Verdienſte ſchilderte, und der ſie die Verſicherung gab, daß dieſelbe ſie gut bedienen würde, und daß ſte in allen Ehren mit ihr würde ausgehn können. u RnRN uun—A—» 97 Meine Tochter, ſagte ſie, ſpricht franzöſiſch, und Sie werden ſie ſittſam, treu und dienſtfertig finden. Sodann, ſagte ſie, was dieſelbe bei einer Dame, der ſie gedient, monatlich an Gehalt gehabt und bat mich endlich, ihre Tochter nicht mit den Bedienten eſſen zu laſſen. Dies Mädchen hieß Veronica. Nachdem Roſalie ihr Alles zugeſtanden, ſagte ſie, es würde ihr lieb ſein, wenn ſie ſich in Achtung zu ſetzen wüßte, was ſich nur dadurch erreichen ließe, daß man ſich achtungswerth zeigte. Veronica küßte ihr die Hand, die Mutter entfernte ſich und Roſalie führte jene auf ihr Zimmer, um ſie unter ihrer Leitung ar⸗ beiten zu laſſen.. Dem Marquis ſagte ich, als wir allein waren, den wärmſten Dank, denn es war offenbar, daß er eine Kam⸗ merjungfer dieſer Art mehr für mich, als für meine Frau gewählt hatte. Ich ſagte zu ihm, ich würde nicht er⸗ mangeln, ihm meine Aufwartung zu machen, und er er⸗ wiederte, er würde mich immer mit großem Vergnügen ſehn, und ich würde ihn leicht in ſeinem Caſino in San Pietro d'Arena finden, wo er oft die Nacht bleibe. Achtzigſtes Kapitel. Das Theater.— Der RKuſſe.— Petri.— Koſalie im Kloſter. Da ich nach der Entfernung des Marquis Roſalien mit Veronica beſchäftigt ſah, ſo begann ich die Ueberſetzung der„Schottin“, welche ich von den Schauſpielern, die in Genua waren, und die mir ziemlich gut ſchienen, aufführen laſſen wollte. Bei Tiſche ſchien Roſalie traurig: Was fehlt Dir, theure Freundin? fragte ich. Du weißt, daß ich den An⸗ blick der Traurigkeit nicht liebe. XI. 7 98 Ich bin betrübt, theurer Freund, weil Veronica hüb⸗ ſcher als ich iſt. Ha! Ha! Ich errathe Dich, und das gefällt mir; aber tröſte Dich, Veronica hält in meinen Augen keinen Ver⸗ gleich mit Dir aus. Du biſt meine einzige Schönheit, aber um Dich zu beruhigen, werde ich Herrn Grimaldi bitten, ihrer Mutter zu ſagen, daß dieſelbe ſie abhole um Dir eine andre recht häßliche Kammerjungfer zu ſuchen. O, nein, ich bitte Dich; denn er würde glauben, ich ſei eiferſüchtig, und dies würde mir unangenehm ſein. Dann liebes Kind werde wieder guter Laune, wenn Du mich nicht betrüben willſt. Wohlan, zärtlich geliebter Freund, da Du mir ver⸗ ſicherſt, daß ſie mich nicht um Deine Liebe bringen wird, werde ich wieder heiter werden, denn ich werde nun wieder glücklich ſein. Wie iſt aber nur der alte Herr nur auf den Gedanken gekommen, mir ein ſolches Mädchen zu geben? Hat er mir vielleicht einen Streich ſpielen wollen? Das bezweifele ich. Ich glaube vielmehr, er hat Dich überzeugen wollen, daß Du keinen Vergleich zu ſcheuen habeſt. Biſt Du übrigens mit ihr zufrieden? Sie arbeitet ſehr gut und benimmt ſich ehrfurchtsvoll, Sie ſpricht nicht vier Worte, ohne mich Signora zu nennen, und erklärt mir franzöſiſch Alles, was ſie italiäniſch ſagt. Ich hoffe, in einem Monat ganz gut zu ſprechen, und wenn wir dann nach Florenz gehen, brauchen wir ſie nicht mit⸗ zunehmen. Ich habe Le Due befohlen, das ihr beſtimmte Kabinet zu räumen, und werde ihr das Eſſen von unſerm Tiſche ſchicken. Uebrigens werde ich ſie gut behandeln, aber ich bitte Dich, mache mich nicht unglücklich. Das ſollte mir ſchwer werden, theure Roſalie, denn ich kann mir nicht denken, daß ich mit ihr etwas gemein haben könnte. Du verzeihſt mir alſo meine Furcht? Um ſo eher, als ſie mir Deine Liebe verbürgt. Ich danke Dir, aber bewahre mir das Geheimniß. Ich legte mir das Verſprechen ab, dieſe Veronica, vor welcher ich ſchon Furcht hatte, nie anzuſehn, denn ich 99 liebte Roſalien ſehr, und fühlte, daß ich jedes Opfer ge⸗ bracht haben würde, um ihr die geringſte Unannehmlichkeit zu erſparen. Nach Tiſche ging ich wieder an meine Ueberſetzung, denn dieſe Arbeit machte mir Vergnügen. Ich ging den ganzen Tag nicht aus, und am nächſten Tage verbrachte ich den ganzen Morgen mit Herrn Grimaldi. Ich ging zum Bankier Belloni, wo ich alles Geld, welches ich beſaß, in zechini gigliati umſetzte. Da ich mich nach dieſem Geſchäfte zu erkennen gab, ſo machte der Chef des Comtoirs mir die Honneurs. Ich hatte auf ihn Anweiſungen im Betrage von 10,000 römiſchen Thalern; auf Lepri hatte ich ſolche im Betrage von 20,000 Thalern. Da meine Roſalie nicht mehr in's Theater gehen wollte, ſo kaufte ich ihr ein Stück ſchönen Calencars, um ſie Abends zu beſchäftigen. Da für mich das Theater ein Bedürfniß war, ſo ermangelte ich nicht, daſſelbe zu befriedi⸗ gen, wenn ich es thun konnte, ohne eines andern ſüßern Genuſſes verluſtig zu gehn. Ich ging allein hin, und als ich nach Hauſe kam, fand ich meine Geliebte in Geſellſchaft des Marquis. Das war mir lieb, und nachdem ich den liebenswürdigen Senator umarmt, machte ich Roſalien mein Compliment, daß ſie denſelben bis zu meiner Ankunft un⸗ terhalten, und ich fügte ſehr milde hinzu, ſie hätte ihre Arbeit weglegen ſollen. Frage ihn, mein Freund, ob er mich nicht gezwungen hat, fortzuarbeiten. Er wollte weggehn, und um ihn hier zu behalten, mußte ich gehorchen. Sie ſtand auf, hörte zu arbeiten auf und nach einer intereſſanten Unterhaltung wußte ſie, indem ſie meinen Ab⸗ ſichten zuvorkam, den Marquis zu bewegen, daß er zum Abendeſſen blieb. Er aß wenig, da er nicht gewohnt war, zu Abend zu ſpeiſen; aber ich ſah, daß er von meinem Schatze bezaubert war, und dies war mir ſehr angenehm, denn von einem ſechszigjährigen Manne glaubte ich nichts zu befürchten zu haben, und ich ergriff gern die Gelegen⸗ heit, Roſalien die Erziehung einer anſtändigen Frau geben zu laſſen. Endlich wünſchte ich auch, daß ſie etwas kokett 7* — 7 holten 100 würde, weil in der Geſellſchaft eine Frau ohne das Be⸗ ſtreben zu gefallen, keinen Beifall findet. Obwohl Roſalie im feinen Benehmen unerfahren, ja ganz unwiſſend war, ſo gab ſie mir doch Gelegenheit, die Naturanlage der Frauen zu bewundern, welche die Kunſt entwickelt und verdirbt, welche ſich aber bei Allen, vom Scepter bis zum Hirtenſtabe mehr oder weniger ausgebildet vorfindet; ſie ſprach mit Herrn Grimaldi in jenem Style, welcher den Denker errathen läßt, daß diejenige, die ihn ge⸗ braucht, die Neigung durch Hoffnung nähren will. Da unſer Gaſt nichts aß, ſo ſagte ſie auf eine ganz anmuthige Weiſe zu ihm, ſie hoffe, er werde ein andermal mit uns zu Mittag ſpeiſen, denn ſie wünſche ſich zu überzeugen, ob er guten Appetit habe. Als wir allein waren, ſetzte ich ſie auf meinen Schooß, und ſie mit Küſſen bedeckend, fragte ich ſie, wo ſie gelernt habe, ſich mit Leuten der feinen Welt ſo gut zu unter⸗ Das iſt etwas ſehr Leichtes, ſagte ſie; Du ſprichſt zu meiner Seele, und ich leſe in Deinen Blicken, was ich ſagen zund thun ſoll. Hätte ſie die Rhetorik ſtudirt, ſo hätte ſie keine ſchmeichelhaftere und elegantere Antwort geben können. Ich hatte die Ueberſetzung der Schottin beendet; ich ließ ſie von Coſta abſchreiben und überbrachte ſie Roſſt, dem Direktor der Komödiantentruppe, der, als er erfuhr, daß ich ihm ein Geſchenk damit machen wolle, ſich erbot, ſie unverzüglich aufführen zu laſſen. Ich gab ihm die Namen der Schauſpieler, welche ich gewählt, und lud ihn nebſt dieſen zum Mittagseſſen in St. Martha ein, um ih⸗ nen das Stuͤck vorzuleſen und die Rollen zu vertheilen. Wie ſich denken läßt, wurde meine Einladung ange⸗ nommen, und meine Roſalie war ſehr erfreut, mit den drei Schauſpielerinnen und den Schauſpielern, welche im Stücke ſpielten, zuſammen zu ſpeiſen, beſonders aber ſich jeden Augenblick Madame Caſanova nennen zu hören. Veronica erklärte ihr, was ſie nicht verſtand. Sobald die Schönheiten ſich im Kreiſe geſetzt hatten, baten ſie mich, ihnen zu ſagen, welche Rollen ich ihnen be⸗ — ——„„v„ 222— 101 ſtimmt habe; aber in dieſem Punkte zeigte ich mich nicht willfährig. Vor Allem, ſagte ich zu ihnen, müſſen Sie dem Vorleſen des Stückes aufmerkſam zuhören, ohne an die Rolle zu denken, welche Sie zu lernen haben werden. Wenn Sie das Enſemble kennen werden, werde ich Sie be⸗ friedigen. Ich wußte, daß faule oder ſorgloſe Schauſpieler ſich gewöhnlich nur mit ihrer beſondern Rolle beſchäftigen, ohne auf den Geiſt des ganzen Stückes zu achten, wovon die Folge iſt, daß das Stück, wenn auch in allen einzelnen Partieen gut gelernt, doch im Ganzen ſchlecht darge⸗ ſtellt wird. Sie unterwarfen ſich mit ziemlich guter Manier, was die großen Mächte der Comédie⸗Francaiſe nicht gethan haben würden. Als ich eben das Vorleſen beginnen wollte, trat der Marquis Grimaldi mit dem Bankier Belloni ein, welcher letztere meinen Beſuch hatte erwiedern wollen. Es war mir lieb, daß ſie bei dieſer Probe zugegen waren, die nur fünf Viertelſtunden dauerte. Nachem ich den Beifall der Schauſpieler entgegenge⸗ nommen, welche durch die Art, wie ſie die Situationen lobten, zeigten, daß ſie das Stück verſtanden hatten, ſagte ich zu Coſta, er möge die Rollen vertheilen; er that es; aber nun erklärten der erſte Held und die Heldin ihre Unzufriedenheit, ſte, weil ich ihr die Rolle der Lady Alton gegeben, er, weil ich ihm die Rolle Murrays nicht gegeben; aber ſie mußten ſich in meinen Willen fügen. Ich ſtellte übrigens Alle zu⸗ frieden, indem ich ſie für übermorgen nach der erſten Probe zum Mittageſſen einlud. Der Bankier Belloni lud mich nebſt Madame, welche ſich der Einladung auf eine ſehr höfliche Weiſe entzog, zum Miittageſſen für den folgenden Tag ein, und Herr Grimaldi ließ ſich ſehr gern bewegen, ihr an meiner Stelle Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. Als ich zu Herrn Belloni kam, erblickte ich zu meinem größten Erſtaunen den Betrüger Iwanoff, der, anſtatt ſo zu thun, als ob er mich nicht kenne, wie er hätte ſollen, auf mich zutrat, um mich zu umarmen; ich machte zurücktretend eine Verbeugung, was dieſer oder jener der 1 ——— 3———— 10² Achtung zuſchreiben konnte, obwohl meine kalte und nichts weniger als ceremonielle Haltung dem Beobachter gerade das Gegentheil ſagen mußte. Er war gut gekleidet. Er ſprach viel, aber mit traurigem Ton und er urtheilte ziem⸗ lich richtig über die Politik. Als die Unterhaltung ſich auf Rußland wendte, wo Eliſabeth Petrowna regierte, ſagte er kein Wort, aber er ſeufzte und drehte ſich um, als ob er ſeine Thränen trockne. Beim Deſſert fragte er mich, ob ich Nachrichten von Madame Morin habe, wie um mich daran zu erinnern, daß ich dort mit ihm zu Abend geſpeiſt habe. Ich weiß, ſagte ich, daß ſie ſich wohl befindet. Sein Bedienter, welcher ihn bei Tiſch bediente, trug eine gelbe Liorée mit rothen Beſätzen. Nach Tiſch fand er Gelegen⸗ heit, mir zu ſagen, daß er nöthig mit mir zu ſprechen habe. Und ich, mein Herr, muß Alles vermeiden, was das geringſte Einverſtändniß zwiſchen uns vorausſetzen laſſen könnte. Sie können mir mit einem Worte zu hunderttauſend Thalern verhelfen, und ich gebe Ihnen die Hälfte. Ich drehte ihm den Rücken zu, und ſah ihn in Genua nicht wieder. Als ich in den Gaſthof zuruckkehrte, fand ich Herrn Grimaldi, der meiner Roſalie eine lateiniſche Stunde gab. Ihre Freundin, ſagte er, hat mir ein herrliches Mahl be⸗ reitet; dieſe liebenswürdige Perſon muß Sie ſehr glücklich machen. 1 Grimaldi war trotz ſeiner anſtändigen äußern Haltung in dieſe junge Perſon verliebt; aber ich glaubte nichts zu fürchten zu haben. Ehe wir uns trennten, lud ſie ihn für den folgenden Tag zur Probe der„Schottin“ ein. Als die Schauſpieler kamen, erblickte ich in ihrer Ge⸗ ſellſchaft einen jungen Menſchen, welchen ich nicht kannte, und als ich mich erkundigte, wer es ſei, ſagte Roſſi, es ſei der Souffleur. 4 Kein Souffleur, mein Herr, ſchicken Sie ihn weg. Wir können denſelben nicht entbehren. Sie werden ihn entbehren, und ich werde ſeine Stelle verſehn. le 103 Der Souffleur wurde entlaſſen, aber nun fingen die drei Schauſpielerinnen an, Lärm zu machen. Selbſt wenn wir unſere Rollen wie das Vaterunſer wüßten, würden wir ſtecken bleiben, wenn der Souffleur nicht in ſeinem Loche iſt. Sehr wohl, Madame, ſagte ich zu derjenigen, welche die Rolle Lindanens ſpielen ſollte; ich ſelbſt werde Ihr Loch ausfüͤllen; aber ich werde Ihre Unterhoſen ſehn. Das würde ſchwer halten, ſagte der erſte Held, da ſie keine trägt.. Deſto beſſer. Was wiſſen Sie davon, mein Herr? ſagte ſie. Dieſe Reden ſetzten mich in heitere Stimmung, und die Diener Thalias verſprachen mir endlich, ſich ohne Souf⸗ fleur behelfen zu wollen. Bei der Leſeprobe war ich ſehr zufrieden mit ihnen, und ſie forderten für das Auswendig⸗ lernen nur drei Tage. Aber nun ereignete ſich folgender Zwiſchenfall. Am beſtimmten Tage erſchienen ſie ohne die Schau⸗ ſpielerin, welche Lindane ſpielen ſollte und ohne den Schau⸗ ſpieler, walcher die Rolle Murrays übernommen hatte; ſie waren undbohl, aber Roſſi verbürgte ſich für ſie. Ich über⸗ nahm die Rolle Murrays und forderte Roſalien auf, die Lindanens zu leſen. Ich leſe nicht gut genug italläniſch, ſagte ſie, und will den Schauſpielern keinen Anlaß zum Lachen geben; aber Veronica wird ſich dieſer Aufgabe gut entledigen.* Frage ſie, ob ſie leſen will. Auf ihre Frage erwie⸗ derte Veronica, ſie würde die Rolle recitiren. Deſto beſſer, ſagte ich, innerlich lachend und an Solo⸗ thurn denkend, denn ich ſah wohl, daß ich durch dieſen Zufall genöthigt werden würde, dem Mädchen, mit dem ich ſeit den vierzehn Tagen, ſeit welchen ſte bei uns war, kein Wort geſprochen, Süßigkeiten zu ſagen. Ich hatte ſo⸗ gar ihr Geſicht noch nicht einmal ordentlich angeſehn, ſo ſehr fürchtete ich Roſalien zu beunruhigen, die ich mit jedem Tage mehr liebte, in demſelben Maße, wie ich neue Eigen⸗ ſchaften an ihr entdeckte. Was ich fürchtete, traf ein. In der Scene, wo ich 104 Veronica's Hand ergreifen, und zu ihr ſagen mußte: Si bella Lindana, debbe adorarvi, klatſchen Alle Beifall, weil ich dieſe Worte mit dem angemeſſenen Tone ſprach; als ich aber nach Roſalien hinſchielte, ſah ich, wie ſie unruhig wurde und ich war böſe auf mich, daß ich nicht mehr Acht auf mich gegeben. Das Spiel Veronica's ſetzte mich indeß in Verwunderung, denn als ich ihr ſagte, daß ich ſie anbete, wurde ſie roth bis zu den Augen; man konnte die Lieb⸗ haberin nicht beſſer ſpielen. Wir ſetzten den Tag der großen Probe im Theater feſt, und um die Neugierde deſto mehr zu reizen, kündigten die Schauſpieler die erſte Vorſtellung acht Tage im Voraus in folgender Weiſe an: Wir werden die Schottin des Herrn von Voltaire, überſetzt von einer unbekannten Feder geben und ſie ohne Souffleur aufführen. Es würde ſchwer zu ſagen ſein, welche Mühe ich nach der Probe hatte, Roſalien zu beruhigen. Sie war untröſt⸗ lich. Ihre Thränen floſſen reichlich, und indem ſie mir Vorwürfe zu machen glaubte, ſagte ſie mir die zärtlichſten Sachen. Du biſt in Veronica verliebt, ſagte ſie, und haſt dies Stück nur überſetzt, um Gelegenheit zu einer Liebes⸗ erklärung zu finden. Es gelang mir, ihr begreiflich zu machen, daß ſie Unrecht habe, und durch zäͤrtliche und feu⸗ rige Liebkoſungen beruhigte ich ſie endlich. Am nächſten Tage bat ſie mich wegen ihrer Schwäche um Verzeihung, und um ſich von ihrer Eiferſucht zu heilen, nahm ſie mir das Verſprechen ab, in ihrer Gegenwart und bei jeder Ge⸗ legenheit mit Veronica zu ſprechen. Sie trieb den Herois⸗ mus noch weiter, denn ſie ſtand von Tiſche auf und ſchickte mir durch Veronica eine Taſſe Kaffee, welche eben ſo er⸗ ſtaunt wie ich war. Roſalie beſaß einen Fonds von Seelengröße, welcher ſie der edelſten Entſchließungen fähig machte; aber ſie war, wie alle Frauen, die Beute ihrer erſten Empfindungen, ih⸗ rer erſten Eindrücke. Seitdem gab dieſes herrliche Weſen mir kein Zeichen der Eiferſucht mehr; ſie verdoppelte ihre Güte gegen ihre Kammerjungfer, welche viel Geiſt, Bildung — —— 4 3 105 und Lebendsgewandheit hatte, und in welche ich mich ver⸗ liebt haben würde, wenn mein Herz frei geweſen wäre. Am Tage der Aufführung, führte ich Roſalien in eine Loge, und ſie verlangte, daß Veronica ſie begleite. Herr von Grimaldi verließ ſie keinen Augenblick. Das Schau⸗ ſpiel wurde bis in die Wolken erhoben. Das ſehr große Theater war mit der beſten Geſſell⸗ ſchaft gefüllt. Die Schauſpieler, welche ohne Souffleur ſpielten, übertrafen ſich ſelbſt, und wurden ſehr beklatſcht. Das Stück wurde fünfmal hinter einander aufgeführt, und der Saal war immer gefüllt. Roſſi, der vielleicht hoffte, daß ich ihm ein anderes Stück geben würde, bat mich um die Erlaubniß, meiner Dame einen herrlichen Luchspelz anbieten zu dürfen, der dieſer großes Vergnügen machte. Ich hätte Alles darum gegeben, wenn ich meiner köſt⸗ lichen Freundin den geringſten Kummer hätte erſparen kön⸗ nen; dennoch beunruhigte ich ſie aus Unbedacht auf folgende Weiſe. Ich würde es mir nicht verziehn haben, wenn mich nicht die Vorſehung zum Werkzeuge ihres Glücks gemacht hätte. Ich habe, ſagte ſte eines Tages, Grund, mich für ſchwanger zu halten, mein theurer Freund, und ich freue mich außerordenklich, daß ich vielleicht ſo glücklich ſein werde, Dir ein Pfand meiner Liebe zu geben. Wenn es zu einer beſtimmten Epoche kommt, ſo iſt es von mir, und ich verſichere Dir, daß es mir theuer ſein ſoll. uund wenn es zwei oder drei Wochen früher käme, edeſt Du deſſen nicht ſicher ſein? Sicher, nein; aber ich würde Dich darum nicht we⸗ niger lieben; es würde von Dir ſein, und ich würde es aadoptiren. Es kann nur von Dir ſein, ich bin deſſen ſicher. O, mein Gott! Wie unglücklich bin ich! Nein, es iſt nicht möglich, mein Freund, daß ich mit Petri empfangen habe, der mich nur einmal, und ſehr unvollkommen erkannt hat, während wir, wie Du weißt, ſo zärtlich mit einander ge⸗ lebt haben. 106 Sie weinte heiße Thränen. Beruhige Dich, mein Herz, ich beſchwöre Dich. Ja, Du haſt Recht, es iſt un⸗ möglich. Du weißt, daß ich Dich anbete und ich bezweifle wirklich nicht, daß Du von mir allein ſchwanger biſt. Ja, wenn Du mir ein ſo niedliches Puppchen wie Du ſelbſt, ſchenkſt, ſoll es mein ſein. Beruhige Dich. Wie ſoll ich mich beruhigen, da ich ſicher bin, daß Du haſt zweifeln können! Wir ſprachen nicht weiter davon; aber ich ſah ſie oft traurig und nachdenklich trotz meiner zärtlichen Zuvorkom⸗ menheit, meiner beſtändigen Liebkoſungen und jener tauſend Kleinigkeiten, welche mehr als Worte die Liebe ausdrücken. Wie oft machte ich es mir zum Vorwurfe, daß ich ihr meine Einbildung mitgetheilt! Einige Tage darauf übergab ſie mir einen verſiegelten Brief mit den Worten: Dieſen Brief hat mir der Lohn⸗ pediente gegeben, und dabei den Augenblick abzupaſſen ge⸗ ſucht, wo Du ihn nicht ſehen konnteſt. Ich finde mich be⸗ leidigt, mein Freund, und überlaſſe Dir die Sorge, mich zu rächen. Ich ließ den Bedienten rufen. Von wem haſt Du dieſen Brief bekommen? Von einem jungen Menſchen, welchen ich nicht kenne. Er hat mir einen Thaler gegeben und mich gebeten, den Brief an Madame, unbemerkt von Ihnen, abzuliefern, und er hat mir zwei Thaler verſprochen, wenn ich ihm morgen eine Antwort nach den Banchi bringe. Ich habe keinen Fehler zu begehn geglaubt, denn es ſtand in Madames Macht, es Ihnen zu ſagen. Das iſt wahr, nichts deſtoweniger entlaſſe ich weil Madame, die mir den Brief, ohne ihn zu entſieg gegeben hat, ſich durch ihr Benehmen beſchimpft fühlt. Ich rief Le Duc, um denſelben auszubezahlen und da⸗ mit war die Sache abgemacht. Ich öffnete den Brief; er war von Petri. Roſalie ging weg, da ſie den Inhalt deſſen nicht kennen lernen wollte. Er lautete folgendermaßen: „Ich habe Sie, theure Roſalie, geſehn, als Sie aus einer Tragchaiſe ſtiegen, um in's Theater zu gehen; in Ihrer Begleitung war der Marquis Grimaldi, mein Pathe. 107 Ich habe Sie nicht getäuſcht; ich habe beſtändig die Ab⸗ ſicht gehabt, Sie, wie ich verſprochen, im nächſten Früh⸗ ling in Marſeille zu heirathen. Ich liebe Sie fortwährend, und wenn Sie noch meine gute Roſalie ſind, ſo bin ich bereit, Sie hier in Gegenwart aller meiner Verwandten zu heirathen. Haben Sie einen Fehltritt begangen, ſo ver⸗ ſpreche ich Ihnen, nie davon zu ſprechen, denn ich ſehe wohl ein, daß ich leider die Veranlaſſung bin. Sagen Sie mir, ich bitte Sie, ob Sie wollen, daß ich mich hinſichtlich meiner Abſichten gegen Herrn von Grimaldi erkläre; ich hoffe, daß er die Güte haben wird, für mich einzuſtehn. Ich bin bereit, Sie aus den Händen des Herrn, mit dem Sie leben, ohne die geringſte Schwierigkeit zu empfangen, vorausgeſetzt, daß Sie nicht mit ihm verheirathet ſind. Wenn Sie frei ſind, ſo bedenken Sie, daß Sie Ihre Ehre wiedererlangen, ſobald derjenige, der Sie verfuͤhrt hat, Ihr Gatte wird.“ Der Schreiber dieſes Briefes iſt ein Ehrenmann, wel⸗ cher Roſalien verdient, ſagte ich zu mir; und ich würde dies nicht ſein, wenn ich ſie ihm verweigern wollte, ohne ſie auf der Stelle zu heirathen. Aber Roſalie hat zu ent⸗ ſcheiden. Ich rufe ſie, gebe ihr den Brief und bitte ſte, denſelben aufmerkſam zu leſen. Sie gehorcht, und giebt ihn mir dann mit der Frage zurück, ob ich ihr rathe, Petri's Vorſchlag anzunehmen. Wenn Du denſelben annimmſt, meine theure Roſalie, ſo werde ich vor Schmerz ſterben; da ich Dich aber nicht abtreten will, ſo fordert meine Ehre, daß ich Dich heirathe, und ich bin bereit dazu. Bei dieſen Worten warf ſich das angebetete Mädchen in meine Arme, und ſagte mit dem Tone der wahrſten Liebe: Ich liebe und kann nur Dich lieben, mein zärtlich geliebter Freund, aber es iſt nicht wahr, daß Deine Ehre erfordert, mich zu heirathen. Unſere Vereinigung iſt eine Uebereinkunft der Herzen, ſie iſt gegenſeitig, und das ge⸗ nügt zu meinem Glück. Theure Roſalie, ich bete Dich an; aber ich bitte Dich, zu glauben, daß Du nicht ein beſſerer Richter meiner Ehre 108 als ich ſelbſt, ſein kannſt. Wenn Petri ein Mann in guten Umſtänden, und geeignet, Dich glücklich zu machen iſt, ſo muß ich Dir nothwendiger Weiſe rathen, ſeine oder meine Hand anzunehmen. Weder das Eine noch das Andere; wir haben durch⸗ aus keine Eile. Wenn Du mich liebſt, bin ich glücklich, denn ich liebe nur Dich. Ich werde dieſen Brief nicht beantworten, und will von Petri nicht mehr ſprechen hören. Sei überzeugt, daß ich nie von ihm ſprechen werde; aber ich ſehe voraus, daß der Marquis ſich in die Sache miſchen wird. Ich zweifle nicht daran, rechne aber feſt darauf, daß er nicht zweimal davon ſprechen ſoll. Nach dieſem Concordate, welches aufrichtiger war als die zwiſchen zwei Potentaten abgeſchloſſenen, faßte ich den Entſchluß, Genua zu verlaſſen, ſobald ich die Briefe, welche ich für Florenz und Rom erwartete, erhalten haben würde. Einſtweilen lebte ich mit meiner theuren Roſalie im ſüßen Frieden glücklicher Liebe: ſie hatte nicht die geringſte An⸗ wandlung von Eiferſucht mehr, und Herr Grimaldi war der einzige Zeuge unſers Glücks. Als ich fünf oder ſechs Tage darauf den Marquis in ſeinem Caſino von San Pietro d'Arena beſuchte, kam er mir mit der Aeußerung entgegen, er freue ſich, mich zu ſehen, da er von einer Sache, die mich ſehr nahe angehe, mit mir zu ſprechen habe. Da ich die Beſchaffenheit dieſer Sache errieth und wußte, was ich zu antworten hatte, ſo bat ich ihn, ſich zu erklären. Er äußerte ſich folgender⸗ maßen: Ein guter Kaufmann dieſer Stadt hat mir vor einigen Tagen ſeinen Neffen vorgeſtellt, welcher Petri heißt. Er hat mir geſagt, dieſer junge Mann ſei mein Pathe, weſſen ich mich leicht erinnert habe, und hat mich um ſei⸗ nen Schutz für ihn gebeten. Ich habe ihm geantwortet, als Pathe ſei ich ihm meinen Schutz ſchuldig, und er könne auf denſelben rechnen, ſo weit meine Kraft ihm nützlich zu werden, reiche. Mein Pathe, der nun allein mit mir blieb, ſagte, er —— 109 habe Ihre Geliebte vor Ihnen in Marſeille kennen gelernt, er habe verſprochen, ſie im nächſten Frühjahr zu heirathen, er habe ſie in meiner Geſellſchaft geſehen, ſei ihr gefolgt und habe erfahren, daß ſie mit Ihnen lebe. Man hat ihm geſagt, ſie ſei Ihre Frau; da er es aber nicht geglaubt hat, ſo hat er ihr einen Brief geſchrieben, welcher in Ihre Hände gerathen iſt, und in welchem er ihr anzeigte, daß er be⸗ reit ſei, ſie zu heirathen; er hat keine Antwort bekommen. Der junge Mann, welcher eine Hoffnung, die ſein Glück ausmachte, nicht aufgeben wollte, hat den Entſchluß gefaßt, zu meiner Verwendung ſeine Zuflucht zu nehmen, um zu erfahren, ob Roſalie ſeinen Vorſchlag annimmt. Er ſchmeichelt ſich damit, daß er mich durch Mittheilung der vortheilhaften Lage ſeiner Geſchäfte bewegen könne, dafür einzuſtehn, daß er im Stande ſei, eine Frau glücklich zu machen. Ich habe ihm geantwortet, ich hätte das Glück, Sie zu kennen, und ich würde mit Ihnen ſelbſt von der Sache ſprechen, und ihm ſodann das Reſultat unſers Ge⸗ ſprächs mittheilen. Ehe ich mit Ihnen geſprochen, habe ich mich nach den Geſchäften des jungen Mannes erkundigt und die Gewiß⸗ heit erlangt, daß er ſchon ein anſehnliches Kapital beſitzt. Seine Sitten ſind ausgezeichnet, ebenſowohl wie ſein Ruf, und er erfreut ſich eines ſoliden Kredits am Platze. Ueber⸗ dies iſt er der einzige Erbe ſeines Onkels, der für einen Mann in ſehr guten Umſtänden gilt. Sagen Sie mir nun, theurer Caſanova, welche Antwort ich ihm geben ſoll. Daß Roſalie ihm dankt, und ihn bittet, ſie zu ver⸗ geſſen. Sie wiſſen, daß wir in drei oder vier Tagen ab⸗ reiſen. Roſalie liebt mich eben ſo ſehr, wie ich ſie liebe, und ich ſelbſt bin bereit, ſie zu heirathen, ſobald ſie will. Das iſt beſtimmt, aber ich glaube, einem Manne wie Sie, muß die Freiheit theurer ſein, als der Beſitz einer Frau, wie ſchön ſie auch ſein mag, an die er durch un⸗ auflösliche Bande gefeſſelt iſt. Erlauben Sie, daß ich ſelbſt mit Roſalien davon ſpreche? Sie bedürfen meiner Erlaubniß nicht. Sprechen Sie mit ihr, aber wohl verſtanden, nicht in meinem Namen, 110 denn ich bete ſie an und will ihr keinen Grund zum Glauben geben, daß der Wunſch, mich von ihr zu trennen, je in mir habe aufkommen können. Wenn Sie wollen, daß ich mich in dieſe Sache nicht miſche, ſo ſagen Sie es offen. 4 Im Gegentheil iſt es mir lieb, wenn Sie beſtätigen können, daß ich nicht der Tyrann einer Frau bin, welche ich abgöttiſch verehre. Ich werde heute Abend von dieſer Sache mit ihr ſprechen. Um dem Marquis Zeit zu laſſen, mit meiner Roſalie in voller Freiheit zu ſprechen, kehrte ich erſt zur Zeit des 4 Abendeſſens nach Hauſe zurück. Der artige Genueſe ſpeiſte mit uns, und die Unterhaltung drehte ſich um tauſend gleichgültige Sachen. Nachdem er ſich entfernt, erſtattete mir meine Freundin Bericht über ihre Unterhaltung. Er hatte ihr faſt daſſelbe wie mir geſagt, und ihre Antworten waren nach dem Muſter der meinigen zugeſchnitten geweſen, v nur daß ſie noch hinzugefügt hatte: ſie bitte ihn, nicht mehr von ſeinem Pathen zu ſprechen, was der Marquis auch verſprochen hatte. Da wir die Sache damit abgethan glaubten, ſo be⸗ ſchäftigten wir uns mit den Vorbereitungen zu unſerer Reiſe, aber drei oder vier Tage darauf, als wir ſchon glaubten, der Marquis denke gar nicht mehr daran, lud uns derſelbe zum Mittagseſſen in San Pietro d'Arena ein, wo meine Roſalie nie geweſen war. Ich wünſche, Ma⸗ dame, ſagte Grimaldi, daß Sie meinen ſchönen Garten ſehen, ehe Sie mein ſchönes Vaterland verlaſſen; für mich wird das eine angenehme Erinnerung mehr ſein. Am nächſten Tage gegen Mittag gingen wir hin. Er* war in Geſellſchaft eines ältern Mannes und einer ältern Frau, denen er mich vorſtellte. Er ſtellte mich unter mei⸗ nem Namen vor und bezeichnete die junge Dame als eine 4 mir angehörige Perſon. Wir gingen im Garten ſpatzieren, wo das alte Ehe⸗ paar Roſalien in die Mitte nahm und ſie mit Höflichkeiten und Complimenten überhäufte. Sie, die heiter und glüͤck⸗ 111 lich geſtimmt war, antwortete ihnen italiäniſch, und ent⸗ zuͤckte ſie eben ſo ſehr durch ihren Geiſt, wie durch die An⸗ muth ihrer Sprachfehler. Es wurde uns gemeldet, daß das Eſſen angerichtet ſei; wir traten in den Eßſaal, wo ich zu meiner Verwun⸗ derung ſechs Couverts erblickte. Es gehörte kein großer Scharfſinn dazu, den Streich zu errathen, den der arquis mir ſpielte; aber es war zu ſpät, Wir ſetzten uns zu Tiſche, und in demſelben Augenblicke trat ein junger Menſch ein. Sie haben auf ſich warten laſſen, ſagte der Marquis, und ohne ihm Zeit zur Entſchuldigung zu laſſen, ſtellte er ihn mir ſchnell als Herrn Petri, ſeinen Pathen und den Neffen der andern Tiſchgäſte vor; er ließ ihn zu ſeiner Linken ſitzen, nachdem er Roſalien zu ſeiner Rechten einen Platz angewieſen hatte. Ich ſaß ihr gegenüber, und als ich ſah, daß ſie bleich wie der Tod wurde, ſtieg mir das Feuer in's Geſicht; der Zorn durchglühte mein ganzes Weſen. Das Verfahren dieſes Autocraten en miniature ſchien mir unerträglich; es war eine Ueberraſchung, ein blutiger Schimpf, den er meiner Roſalie und mir angethan hatte, ein Schimpf, welchen ich im Blute desjenigen, der ihn mir angethan hatte, abwaſchen mußte. Ich gerieth in Verſuchung, ihn bei Tiſch zu ermorden; indeß ſah ich trotz meiner Aufregung ein, daß ich mir Zwang anthun und in den Zügel beißen müſſe. Was ſollte ich thun? Roſalien beim Arme nehmen und mit ihr hinausgehn? Ich hatte dieſen Gedanken, da ich aber vorausſah, welche Folgen dies ſowohl für ſie, wie für mich haben würde, ſo hatte ich nicht den Muth. Nie habe ich bei Tiſche eine ſo grauſame Stunde, wie bei dieſem verhängnißvollen Mittagseſſen verlebt. Wir aßen nichts, weder Roſalie noch ich, und der Marquis, welcher alle Gäſte bediente, war klug genug, ſo zu thun, als ob er nicht bemerke, daß die Teller unberührt weggenommen wurden. Während des ganzen Mittagseſſens richtete er das Wort nur an Petri und ſeinen Onkel, denen er Ge⸗ legenheit gab, mit ihrem Handel Parade zu machen. Beim 112 Deſſert ſagte der Marquis zu dem jungen Menſchen, er könne ſeinen Geſchäften nachgehn, worauf derſelbe ſich entfernte, nachdem er jenem die Hand geküßt und eine Verbegan gemacht, welche Niemand erwiederte. Petri war ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren, von mittlerm Wuchſe, von gewöhnlichem, aber ſanftem und ehrlichem Geſicht; er benahm ſich ſehr ehr⸗ furchtsvoll, und wenn er auch nicht mit vielem Geiſte ſprach, denn um ſolchen zu zeigen, muß man frei ſein, ſo antwortete er doch mit vielem geſunden Menſchenverſtande. Alles wohl erwogen, fand ich ihn Roſalien's nicht un⸗ würdig; aber ich ſchauderte, wenn ich bedachte, daß er nur dann ihr Mann werden könne, wenn ich mich dazu ver⸗ ſtehe, ſie zu ver lieren. Nachdem er ſich entfernt, beklagte ſich der Marquis gegen ſeinen Onkel, daß derſelbe ihm den jungen Mann nie vorgeſtellt, obwohl er ihm in ſeinem Handel möglicher Weiſe hätte nützlich werden können. Was noch nicht geſchehen iſt, fügte er mit ſehr bezeichnendem Tone hinzu, kann noch geſchehen, denn ich will zu ſeinem Glücke beitragen. Der Onkel und die Tante, welche ohne Zweifel das Stichwort hatten, begannen nun ihren Neffen auf hundertlei Weiſen zu loben, und ſagten endlich, da ſie keine Kinder hätten, wären ſie ſehr froh, daß Petri, der ſie beerben ſolle, des Schutzes Sr. Excellenz würdig befunden worden wäre. Wir ſehnen uns, ſagten ſie, das Fräulein aus Marſeille zu ſehen, welches er heirathen will; wir werden ſie, wie eine vielgeliebte Tochter, in unſere Arme ſchließen. 4 Roſalie ſagte leifſe zu mir, ſie könne es nicht mehr aushalten, und bat mich, ſie nach Hauſe zu fuͤhren. Ich ſtand auf, und nachdem wir die Geſellſchaft würdevoll und kalt begrüßt, entfernten wir uns. Der Marquis hatte er⸗ ſichtlich ſeine Faſſung verloren. Da er nicht wußte, was er ſagen ſollte, ſo ſtammelte er, während er uns zur Thür geleitete, einige Complimente, und ſagte zu Roſalien, er werde nicht die Ehre haben, ſie heute Abend zu ſehen, wo⸗ gegen er ihr am folgenden Tage ſeine Aufwartung machen werde.— 113 4 Kaum ſahen wir uns frei und allein, als auch unſere ruſt ſich erleichterte; wir athmeten leichter und ſprachen, unm den ſchrecklichen Alp, der auf unſeren Herzen lagerte, zu verſcheuchen. Roſalie war gleich mir der Anſicht, daß der Marquis uns einen abſcheulichen Streich geſpielt habe. Sie ſagte, ich ſolle ihm ein Billet ſchreiben, und ihn bitten, uns ſeine Beſuche zu erſparen. Ich werde, ſagte ich, ſchon Gelegen⸗ heit finden, uns zu rächen; aber ich glaube nicht, daß ich gut daran thun würde, ihm zu ſchreiben. Beſchleunigen wir unſere Reiſe und empfangen wir ihn morgen mit jener Zurückhaltung und kalten Höflichkeit, welche Mißtrauen und Unwillen ausdrücken, geben wir ihm namentlich keine Ant⸗ wort, wenn er auf ſeinen Pathen Petri zu ſprechen kommt. Liebt Petri mich, ſagte ſie, ſo beklage ich ihn, denn ich halte ihn für einen ehrlichen Mann, und ich kann ihm nicht zür⸗ nen, daß er ſich zu dem Mittagseſſen eingefunden, denn möglicher Weiſe hat er mich dadurch nicht zu beleidigen geglaubt. Aber, wenn ich daran denke, ſo ſchaudere ich noch, mein Freund, denn ich glaubte vergehn zu müſſen, als unſere Blicke ſich begegneten! Während des ganzen Eſſens hat er meine Augen nicht ſehn können, denn ich habe ſie faſt immer geſchloſſen gehalten, und übrigens konnte er mich auch wohl nicht ſehn. Hat er mich während des Geſprächs angeſehn? Nein, er hat nur mich angeſehn. Uebrigens beklage ich ihn eben ſo ſehr, wie Dich, denn er ſieht wie ein ehr⸗ licher Junge aus. Das Unglück iſt vorbei, und ich hoffe, daß ich zum Abendeſſen guten Appetit haben werde. Haſt Du Acht ge⸗ geben, was ſeine Tante ſagte? Sie war ſicherlich im Komplott. Sie glaubte mich zu verführen, indem ſie äußerte, ſie wolle mich wie ihre eigene Tochter behandeln. Uebrigens ſieht ſie wie eine ſehr gute Frau aus. Wir ſpeiſten zu Abend, und eine glückliche Nacht machte uns geneigt, den uns vom Marquis angethanen Schimpf zu vergeſſen. Als wir erwachten, fcherzten wir darüber. Der Marquis beſuchte uns am Abend; er redete mich mit XI. 8 verſchämter und verlegner Stimme an und ſagte, er fühle wohl, wie ſehr Unrecht er gethan, mich auf eine ſolche Weiſe zu überraſchen, er bitte mich um Entſchuldigung, u ſei bereit, ſeinen Fehler wo möglich wieder gut zu machen und mir jede beliebige Genugthuung zu geben. Roſalie ließ mir nicht Zeit zu antworten. Wenn Sie der Anſicht ſind, ſagte ſie, daß Sie uns beſchimpft haben, ſo halten wir uns für hinlänglich gerächt, und demgemäß auch befriedigt. Aber in Zukunft, mein Herr, werden wir gegen Sie auf unſerer Hut ſein, obwohl dies faſt unnütz iſt, da unſere Abreiſe herannaht. Nachdem ſie ihm dieſe ſtolze Antwort gegeben, machte ſie ihm eine tiefe Verbeugung und ging auf ihr Zimmer. Als Herr Grimaldi allein mit mir war, hielt er mir folgende Rede:— Ich nehme den größten Antheil an dem Glücke Ihrer Geliebten, und da ich aus Erfahrung weiß, daß ſie in dem ungewiſſen und abhängigen Zuſtande, in welchem ſie ſich befindet, unmöglich lange glüͤcklich ſein kann; da ich vielmehr überzeugt bin, daß ſie mit einem ſo ſanften und wohlgezogenen Manne, wie mein Pathe es iſt, als Gattin glücklich werden muß, ſo hatte ich beſchloſſen, denſelben mit Ihnen Beiden bekannt zu machen, denn ſelbſt Roſalie kannte ihn nur ſehr unvollkommen. Zu dieſem Zwecke habe ich ein unredliches Mittel angewendet, wie ich nicht läugnen will, aber Sie werden es mir in Betracht der guten Ab⸗ ſicht verzeihn. Ich wünſche Ihnen eine glückliche Reiſe, und daß Sie lange mit dieſem reizenden Mädchen glücklich leben mögen. Ich bitte Sie, mir Nachrichten von Ihnen zukom⸗ men zu laſſen und auf meine Freundſchaft, meinen Kredit und überhaupt Alles, was in meiner Macht ſteht, bei jeder Gelegenheit zu rechnen. Ehe ich Sie verlaſſe, habe ich Ih⸗ nen noch Eins mitzutheilen, damit Sie ſich von dem CEharakter des jungen Petri, den, wie er ſagt, Roſalie allein glucklich machen kann, eine richtige Vorſtellung machen. Die Mittheilung, welche Sie vernehmen werden, hat er mir nicht eher gemacht, als bis er ſah, daß ich die Be⸗ ſorgung eines Briefes, den er an Roſalie geſchrieben, durch⸗ — 115 aus nicht übernehmen wollte, und er kein anderes Mittel finden konnte, denſelben an ſie gelangen zu laſſen. Nach⸗ dem er mir verſichert, daß Roſalie ihn geliebt, und daß ſie alſo keine Abneigung gegen ihn haben könne, fügte er hinzu, wenn ſie ſich entſchließen könne, ihm ihre Hand zu geben, weil ſie vielleicht ſchwanger zu ſein fürchte, ſo wolle er die Heirath bis zu ihrer Niederkunft aufſchieben, vorausgeſetzt, daß ſie in Genua an einem Orte bleiben wolle, wo ſie vollkommen ungekannt und nur ihm bekannt, leben könne. Er erbietet ſich, alle Ausgaben für ihren Unterhalt zu be⸗ ſtreiten. Er hat zu dieſer Erklärung eine ſehr verſtändige Betrachtung hinzugefügt. Eine vorzeitige Niederkunft nach ſeiner Verheirathung würde ihrer und meiner Ehre ſchaden, ſo wie der Anhänglichkeit unſrer Aeltern für unſre Kinder, und wenn Roſalie meine Frau wird, ſoll ſie durchaus glücklich werden. Bei dieſen Worten, welche Roſalie, die neugierig, wie alle Frauen, ohne Zweifel hinter der Thür gehört hatte, tritt dieſelbe ein und beſchämt mich durch folgende Worte: Wenn Petri Ihnen nicht geſagt hat, daß ich mög⸗ licher Weiſe von ihm ſchwanger ſein könne, ſo iſt er ein ſehr anſtändiger Menſch; aber ich ſage es Ihnen. Die Sache iſt ſchwierig, aber ſie liegt im Bereiche der Mög⸗ lichkeit. Sagen Sie ihm, mein Herr, ich würde, wenn ich ſchwanger bin, was ich noch nicht weiß, in Genua blelben, bis ich niedergekommen oder bis ich die Ueberzeugung er⸗ langt, daß ich nicht ſchwanger bin. Sagen Sie ihm, daß ich ſodann abreiſen werde, um meinen Freund hier aufzu⸗ ſuchen, wo er auch ſein mag. Wenn ich niederkomme, werde ich aus der Zeit die Wahrheit erkennen; wenn ich nicht zweifeln kann, daß das Kind Herrn Petri gehört, werde ich ihn heirathen; wenn er aber ſelbſt die Ueber⸗ zeugung gewinnt, daß es ihm nicht gehört, wird er hof⸗ fentlich vernünftig genug ſein, nicht mehr an mich zu denken. Was die Ausgaben für meinen Unterhalt und einen Zufluchtsort fuͤr mich betrifft, ſo ſagen Sie ihm gefälligſt, er möge ſich deshalb nicht bemühn. 8* 116 Ich war wie verſteinert, denn ich ſah, welche Folgen meine verhängnißvolle Unbeſonnenheit hatte, und mein Herz war zerriſſen. Der Marquis fragte mich, ob ich ihm dieſen Auftrag übergeben wolle, und ich erwiederte, da ich durch⸗ aus keinen andern Willen, als den meiner Freundin habe, ſo bitte ich ihn, zu thun, was ſie beſchloſſen. Er entfernte ſich ſehr zufrieden, denn er ſah wohl, daß die Sache, welche ihm ſo ſehr am Herzen lag, ſich nach ſeinem Wunſche ge⸗ ſtalten würde, ſobald er auf Roſalien einen unbeſchränkten Einfluß üben könne. Die Abweſenden haben immer Un⸗ recht. Du willſt mich alſo verlaſſen, Roſalie? ſagte ich zu ihr, als wir allein waren. Ja, mein theurer Freund, aber nicht lange. Ich ſehe vorher, das wir uns nie wieder ſehen werden. Warum, mein Herz, wenn ich auf Deine Beſtändigkeit rechnen kann? Höre mich, mein Herz: meine und Deine Ehre gebieten mir, wenn ich ſchwanger bin, Petri den Be⸗ weis zu liefern, daß ich es nicht von ihm bin, ſo wie Dir,. daß ich es wirklich von Dir bin. Ich werde nie daran zweifeln, meine liebe Roſalie. Du haſt einmal daran gezweifelt, mein Freund, und das iſt genug. Unſere Trennung wird mir bittere Thränen koſten, aber ſie iſt nöthig für mein Gewiſſen und mein künftiges Glück. Ich hoffe, Du wirſt mir ſchreiben, und nach meiner Niederkunft wird es Deine Sache ſein, mir b das Mittel, Dich aufzufinden, anzugeben. Wenn ich nicht wanger bin, kann unſere Vereinigung in ſpätſtens einigen onaten ſtattfinden.. Wie ſehr mich auch Dein Verluſt ſchmerzen mag, ich muß mich demſelben unterwerfen, denn ich habe mir gelobt, Dir nie zu widerſprechen. Ich glaube, Dun kannſt Dich nur in ein Kloſter zurückziehn, und ich wüßte Niemand als den Marquis, der Dir ein ſolches verſchaffen, und Dich in dem⸗ ſelben wie ein Vater beſchützen könnte. Soll ich mit ihm davon ſprechen? Ich werde Dir eine ausreichende Summe für Deine Bedürfniſſe zurücklaſſen. Die Summe wird nicht groß ſein. Was Herrn von Grimaldi betrifft, ſo muß es für ihn ein Ehrenpunkt ſein, 117 * mir einen Zufluchtsort zu ſuchen; ich glaube nicht, daß Ddu mit ihm darüber zu ſprechen brauchſt. Ihre Anſicht war die richtige, und ich konnte nicht umhin, den natürlichen Takt dieſes wahrhaft erſtaunlichen jungen Mädchens zu bewundern. Am folgenden Tage erfuhr ich, daß der angebliche Iwanoff ſich eine Viertelſtunde vor Ankunft der Sbirren, die ihn auf Requiſition des Bankiers, der einen von ihm üͤberbrachten Kreditbrief als falſch befunden, hatten verhaften wollen, aus dem Staube gemacht hatte. Er hatte ſich zu Fuße davon gemacht und alle ſeine Sachen zurückgelaſſen, ſo daß der Bankier noch ziemlich gut wegkam. Am folgenden Tage meldete der Marquis Roſalien, daß ſein Pathe nichts gegen ihren Plan einzuwenden habe. Er fügte hinzu, er hoffe, ſie würde ſich entſchließen, ſeine Frau zu werden, ſelbſt wenn das Kind ihm nicht gehören ſollte. Es ſteht ihm frei, dies zu hoffen, ſagte Roſalie lächelnd. Er hofft auch, daß Sie ihm erlauben werden, Ihnen zuweilen ſeine Aufwartung zu machen. Ich habe mit der Superiorin des Kloſters von Meæer geſprochen, welche einigermaßen meine Verwandte iſt. Sie werden zwei Zim⸗ mer erhalten, und eine ſehr anſtändige Frau wird Ihnen Geſellſchaft leiſten, Sie bedienen und Ihnen erforderlichen Falls bei Ihrer Niederkunft beiſtehn. Ich habe Ihre Perſon monatlich behandelt. Alle Tage werde ich Ihnen einen Vertrauensmann ſchicken, welcher ſich mit Ihrer Gouver⸗ nannte in Verbindung ſetzen und Ihre Befehle einholen wird. Auch werde ich, wenn Sie erlauben, Sie zuweilen am Gitter beſuchen. Es war nun an mir, dem Marquis zu danken: eine traurige Nothwendigkeit, welche mir die Schicklichkeit auf⸗ erlegte. Ihnen, Herr Marquis, ſagte ich, vertraue ich meine Roſalie an, und ich hoffe, ſie ſichern Händen zu üͤber⸗ geben. Ich reiſe ab, ſobald ſie ſich allein und mit einem Briefe für die Superiorin, den ich ihr zu geben bitte, in's Kloſter begeben haben wird. Ich werde augenblicklich ſchreiben, ſagte er zu mir; und da Roſalie zum Voraus bemerkt, ſie wolle Alles, was für ihren Unterhalt erforder⸗ lich ſei, ſelbſt bezahlen, ſo übergab er ihr den Accord, den er für ſie abgeſchloſſen. Ich bin, ſagte Roſalie, entſchloſſen, ſchon morgen in's Kloſter zu gehn, und würde mich ſehr freuen, wenn ich Sie den darauf folgenden Tag einen Augenblick ſehen könnte. Ich werde kommen, ſagte der Marquis, und Sie können überzeugt ſein, daß ich nichts verabſäumen werde, was Ihnen den Aufenthalt angenehm machen kann. Wir verbrachten eine höchſt traurige Nacht. Kaum unterbrach die Liebe unſere nicht endenden Klagen und ge⸗ genſeitigen Tröſtungen. Wir ſchworen uns zu, nur ein⸗ ander anzugehören, und unſere Schwüre waren aufrichtig, wie es immer die zweier Weſen ſind, die ſich leidenſchaft⸗ lich lieben, die aber durch das Schickſal, welches kein Sterb⸗ licher kennen kann, beſtätigt werden müſſen. Roſalie mit gerötheten und thränenfeuchten Augen, beſchäftigte ſich den ganzen Morgen damit, ihre Sachen mit Veronica zu packen, welche ebenfalls weinte, und welche ich nicht anſah, weil ich böſe auf mich war, daß ich ſie hübſch fand. Roſalie wollte nur zweihundert Zechinen, weil mir, wie ſie ſagte, die Mittel ihr mehr zu ſenden, falls ſie deſſen bedürfte, nicht fehlten. Nachdem ſie Veronica gebeten, während der zwei oder drei Tage, die ich noch in Genua Pleiben wollte, alle möglichen Aufmerkſamkeiten für mich zu haben, machte ſie mir eine ſtumme Verbeugung und ent⸗ fernte ſich, gefolgt von Coſta, der ſie bis zur Tragchaiſe begleitete. Zwei Stunden darauf holte ein Bedienter des Marquis ihre Sachen, und ich blieb traurig und nieder⸗ geſchlagen allein zurück, bis dieſer Edelmann kam, welcher ſich bei mir zum Abendeſſen einlud, und mir rieth, ich möge Veronica auffordern, uns Geſellſchaft zu leiſten. Sie iſt ein verdienſtvolles Mädchen, ſagte er, welches Sie noch nicht kennen, und welches kennen zu lernen, Ihnen nicht unlieb ſein wird. Obwohl ich einigermaßen überraſcht war, ſo dachte ich doch nicht weiter über die hinterliſtigen Abſichten des ſchlauen Genueſers nach, und ich bat Veronica uns —— 119 dieſen Gefallen zu thun. Sie nahm meine Einladung höflich auf und ſagte, ſie fühle den ganzen Werth der Ehre, die ich ihr erweiſe. Ich hätte der dümmſte Menſch ſein müſſen, wenn ich nicht hätte einſehn wollen, daß der ſchlaue Marquis ſeinen argliſtig ausgeſonnenen Plan glücklich durchgeführt und mich wie einen Neuling geäfft hatte. Obwohl ich gute Gründe hatte, zu hoffen, daß Roſalie mir wiedergegeben werden würde, ſo konnte ich doch nicht zweifeln, daß der Marquis alle Kräfte ſeines feinen Geiſtes anſpannen würde, um ſte zu verführen, und ich hatte allen Grund, zu fürchten, daß es ihm gelingen würde. Indeß hatte ich mich in die Noth⸗ wendigkeit gebracht, meine Geſinnungen zu verhehlen und Alles geſchehn zu laſſen. Herr von Grimaldi war faſt ſechszig Jahr alt; er war Epicuräer in der vollſten Bedeutung des Worts, leiden⸗ ſchaftlicher Spieler, reich, beredt, großer Politiker, ſehr ge⸗ ſchätzt in ſeinem Vaterland und beſaß eine große Kenntniß der Menſchen, und beſonders der weiblichen Herzen. Er hatte viel in Venedig gelebt, um ſeine Freiheit und die Freuden des Lebens deſto beſſer genießen zu können. Er war nie verheirathet geweſen, weil er, wie er ſagte, die Frauen zu gut kannte, welche entweder Sklavinnen oder Tyranninnen ſein wollen, und weil er ſich weder tyranniſiren laſſen, noch ſelbſt tyranniſtren wollte. Er fand das Mittel nach Venedig zurückzukehren, welches er ſehr liebte, trotz dem Geſetze, welches jedem Patricier, der das Amt eines Dogen bekleidet hat, den heimathlichen Boden zu verlaſſen verbietet. Obwohl er mich mit freundſchaftlichen Zuvor⸗ kommenheiten überſchüttete, ſo wußte er doch eine Miene der Ueberlegenheit zu behaupten, welche mir imponirte. Er war ſich ohne Zweifel dieſer Ueberlegenheit bewußt, welche allein ihm die Kühnheit verleihn konnte, mich mit Petri zuſammen⸗ zubringen. Ich ſah ein, daß ich zum Beſten gehabt worden war, und ich hielt mich verpflichtet, ihn zu zwingen, mich zu achten, indem ich mich ſo benahm, wie ich that. Aus einer Regung von Dankbarkeit wollte er mir den Weg zur 120 Eroberung Veronica's bahnen, die ihm ſehr geeignet ſchien, mich wegen des Verluſtes von Roſalien zu tröſten. Bei Tiſche nahm ich faſt keinen Theil an der Unter⸗ haltung, aber der Marquis wußte Veronica ins Geſpräch zu ziehn, und ſie glänzte. Ich konnte mich leicht überzeu⸗ gen, daß ſie mehr Geiſt und Kenntniſſe als Roſalie hatte; aber in der Stimmung, in welcher ich nun einmal war, war dies das beſte Mittel, mir zu mißfallen. Herr Gri⸗ maldi, dem meine Traurigkeit unangenehm war, zwang mich gewiſſermaßen an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Als er mir freundſchaftlichſt mein Schweigen vorwarf, ſagte Ve⸗ ronica mit anmuthigem Lächeln, nach der Liebeserklärung, welche ich ihr gemacht und welche ſie ſo ſchlecht aufgenom⸗ men, habe ich ein Recht zu ſchweigen. Sehr verwundert darüber ſagte ich, ich erinnere mich nicht, ſie geliebt und noch weniger es ihr geſagt zu haben, aber ich mußte lachen, als ſie mit feinem Lächeln erwiederte, ſie habe an jenem Tage Lindane geheißen. Das, entgegnete ich, konnte mir nur beim Komödienſpielen begegnen, denn ein Mann, wel⸗ cher ſeine Liebe durch Worte erklärt, iſt ein Dummkopf; der geiſtreiche Mann giebt ſeine Liebe durch Handlungen zu erkennen. Das iſt ſehr wahr; dennoch wurde Madame dadurch beunruhigt. Durchaus nicht, Veronica; ſie liebte Sie. Ich weiß es; nichtsdeſtoweniger habe ich ſie eiferſüch⸗ tig geſehn. Wenn ſte es war, hatte ſie ſehr Unrecht. Dieſer für mich nicht ſehr amüſante Dialog war es ſehr für den Marquis, welcher beim Weggehn ſagte, er werde am folgenden Tage Roſalien ſeine Aufwartung machen, und wenn ich ihm zu Abend zu eſſen geben wolle, werde er mir Nachricht von ihr bringen. Ich erwiederte natür⸗ lich, er werde willkommen ſein. Nachdem mich Veronica auf mein Zimmer geleitet, bat ſte mich, mich durch meine Bedienten bedienen zu laſſen; denn da Madame nicht mehr da ſei, könne man ungünſtige 121 Urtheile über ſie fällen. Sie haben Recht, Fräulein, haben Sie die Güte mir Le Duc zu ſchicken. Am nächſten Tage erhielt ich einen Brief aus Genf; er war von meinem wollüſtigen Freunde, dem Syndikus, welcher mir meldete, daß er meine Ueberſetzung der„Schot⸗ tin“ und meinen ſehr höflichen Brief, in welchem ich Vol⸗ taire um Verzeihung bat, daß ich mir die Freiheit genom⸗ men, ſeine ſchöne franzöſiſche Proſa in italiäniſche traveſtirt zu haben, demſelben in meinem Namen überreicht. Er ſagte vund heraus, daß er meine Ueberſetzung ſchlecht gefunden abe. Durch dieſe Nachricht und durch ſeine Unhöklichkeit, meinen Brief nicht zu beantworten, obwohl dieſer den Feh⸗ ler, deſſen er meine Ueberſetzung beſchuldigte, nicht hatte, wurde ich ſo ſehr gereizt, daß ich der Todfeind dieſes großen Mannes wurde. Ich habe ihn in der Folge in allen von mir her⸗ ausgegebenen Werken kritiſirt und glaubte mich dadurch wegen dieſer Beleidigung zu rächen, ſo ſehr verblendete mich der Zorn. Jetzt ſehe ich wohl ein, daß dieſe ſchwachen Stiche mir nur allein ſchaden können, wenn meine Schrif⸗ ten je an ihre Adreſſe gelangen. Die Nachwelt wird mich zu den Zoilen rechnen, welche die Unfähigkeit gegen dieſen gro⸗ ßen Geiſt entfeſſelte, der die Civiliſation und das Glück der Menſchen mit Rieſenſchritten vorwärts gebracht hat, und dem die Freunde der Freiheit und der Vernunft Altäre errichten ſollten. Der einzige Vorwurf, den man dieſem großen Manne mit Recht machen kann, ſind ſeine Ausfälle gegen die Religion. Wäre er ein weiſer Philoſoph gewe⸗ ſen, ſo würde er nie über dieſe Sachen geſprochen haben, denn vorausgeſetzt auch, daß Alles, was er geſagt, wahr ſei, mußte er doch wiſſen, daß die Religion für die Moral der Völker nöthig iſt, und daß das Glück der Nationen von der Moral der Völker abhängig iſt. 12² Einundachtzigſtes Kapitel. „Ich verliebe mich in Veronica.— Ihre Schweſter.— Fiſt gegen Liſt.— Mein Sieg.— Getäuſchte Hoff- nungen. Ich habe nie gern allein gegeſſen, was mich immer abgehalten hat, Einſiedler zu werden, obwohl ich die flüch⸗ tige Anwandlung, Mönch zu werden, gehabt habe: ein Ge⸗ werbe wie jedes andre und vielleicht das beſte, wenn man, ohne auf gewiſſe Freuden des Lebens zu verzichten, in hei⸗ ligem Müßiggange leben kann. Dieſe Abneigung ließ mich zwei Couverts beſtellen, denn nachdem Veronica mit mir und dem Marquis zu Abend gegeſſen, hatte ſie Anſpruch auf dieſe Auszeichnung, welche ſie überdies durch ihren Geiſt und ihre Schönheit verdiente. Da ich nur Coſta hinter meinem Stuhle ſtehen ſah, fragte ich ihn, wo Le Duc wäre. Er ſagte, derſelbe ſei krank. In dieſem Falle, ſagte ich, treten Sie hinter den. Stuhl des Fräuleins. Er gehorchte, aber lachend. Wo niſtet ſich nicht der Stolz ein! und obwohl der Bedienten⸗ ſtolz der lächerlichſte iſt, ſo geht er doch oft am weitſten. An dieſem Tage ſchien mir Veronica hübſcher. Ihr je nach den Umſtänden freies oder zurückhaltendes Beneh⸗ men überzeugte mich, daß ſie keine Neulingin ſei und daß ſie leicht die Rolle einer Prinzeſſin in einer gewählten Ge⸗ ſellſchaft würde ſpielen können. So wunderſam iſt indeß das menſchliche Herz, daß ich mich ernſtlich betrübte, als ich bemerkte, daß ſie mir gefiel und ich tröſtete mich nur mit dem Gedanken, daß ihre Mutter ſie im Laufe des Tages abholen werde. Ich betete Roſalien an, und mein Herz blutete noch, unſere Trennung war zu friſch. 4 Die Mutter kam, während wir noch bei Tiſch ſaßen. Sie war erſtaunt über die Ehre, welche ich ihrer Tochter anthat, und dankte mir aufs lebhafteſte. Sie haben mir d* 4 9—— n t e 8 1 — 123 nicht zu danken, Madame, denn Ihre Tochter erwies mir eine Ehre, da ſie ſchön, geiſtreich und verſtändig iſt. Danke dem Herrn, meine Tochter, für die ſchönen Geſchenke, welche er Dir macht, denn Du biſt häßlich, dumm und thöricht; ſodann fuhr ſie fort: Wie haſt Du aber die Dreiſtigkeit haben können, Dich mit einem ſchmutzigen Hemde an den— Tiſch des Herrn zu ſetzen? Ich müßte roth werden, Mutter, wenn ich nicht wüßte, daß Sie ſich täuſchen, denn vor noch nicht zwei Stunden habe ich ein reines Hemde angezogen. Madame, ſagte ich zur Mutter, auf der Haut Ihrer Tochter kann ein Hemde nicht gut rein ausſehn. Dies Compliment brachte die Mutter zum Lachen und ſchmeichelte der Tochter. Als die Mutter zu ihr ſagte, ſie ſei gekommen, um ſie mit nach Hauſe zu nehmen, entgeg⸗ nete Roſalie mit feinem Lächeln: Mutter, ich glaube nicht,“ daß Sie dem Herrn einen großen Gefallen thun, wenn Sie mich vierundzwanzig Stunden vor ſeiner Abreiſe mitnehmen. Im Gegentheil, fiel ich mechaniſch ein, würde mir das ſehr unlieb ſein. In dieſem Falle, verſetzte die Mutter, kann ſte bleiben; aber der Anſtand fordert, daß ich ihre junge Schweſter ſchicke, welche bei ihr ſchlafen wird. Sie werden mich verbinden, Madame. Damit verließ ich ſie. Dieſe Veronica ſetzte mich in Verlegenheit, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich in ſie verliebt war, und wie ich mich nun einmal kannte, mußte ich einen berechne⸗ ten Widerſtand fürchten. Die Mutter kam auf mein Zimmer, wo ich zu ſchrei⸗ ben angefangen hatte; ſie wünſchte mir eine glückliche Reiſe und wiederholte, daß ſie mir ihre Tochter Aennchen ſchicken würde. Dieſe kam in der That gegen Abend in Begleitung einer Magd, und nachdem ſie ihren Mezzaro heruntergelaſſen, und ſodann ſehr beſcheiden meine Hand geküßt, eilte ſie wie⸗ der auf ihre Schweſter zu und umarmte dieſelbe. Da ich begierig war, das Geſicht dieſes jungen Mäd⸗ chens zu ſehn, ſo ließ ich Licht kommen, und ich wurde be⸗ troffen vom Anblicke einer Blondine, wie ich eine ſolche nie geſehn. Ihre Haare, ihre Augenbrauen, ihre langen Augen⸗ 2— ——jj — “ 8 —— 124 wimpern waren von blaßgoldner Farbe und faſt weißer als ihre Haut, die außerordentlich fein war. Sie war außer⸗ ordentlich kurzſichtig, aber ihre großen ſchön geſchlitzten Augen waren blaßblau und glänzten in wunderbarer Schön⸗ heit. Sie hatte den niedlichſten Mund, der ſich denken läßt; aber ihre Zähne, obwohl ſehr regelmäßig, waren nicht ſo weiß wie ihre Haut; ohne dieſen Fehler hätte Aennchen für eine regelmäßige Schönheit gelten können. Die Zartheit ihrer Augen machte ihr helles Licht un⸗ erträglich; aber vor mir ſtehend ſchien ſie mit Vergnügen zu ſehn, daß ſie der Gegenſtand meiner Prüfung ſei. Meine Blicke ruhten mit gierigem Wohlgefallen auf zwei kleinen, erſt aufkeimenden Halbkugeln von einer Weiße, welche mich errathen ließ, wie enkzuͤckend der übrige Theil ihres Kör⸗ pers ſein müſſe. Veronica war in dieſer Beziehung nicht ſo freigebig; man ſah wohl, daß ſie einen prachtvollen Bu⸗ ſen haben müſſe, aber eine eiferſüchtige Hülle verbarg den⸗ ſelben allen Blicken. Sie ließ ihre Schweſter neben ſich ſitzen, um ſie arbeiten zu laſſen; als ich aber ſah, daß ihre kleinen Hände die Leinewand vier Zoll von den Augen hal⸗ ten mußten, ſagte ich zu ihr, ſie ſolle wenigſtens Nachts ihre Augen ſchonen, und ſie ſtand wie aus Gehorſam von der Arbeit auf. 3 Der Marquis kam wie gewöhnlich, und Aennchen, die er noch nicht geſehn, erſchien ihm ebenfalls als ein wunder⸗ bares Miniaturbild. Durch ſein Alter und ſeinen höhern Rang berechtigt, wagte der wollüſtige Greis ſeine Hand auf den ſchönen Buſen des jungen Mädchens zu legen, welches zu ehrfurchtsvoll, um ſich einem vornehmen Manne zu wi⸗ derſetzen, ihn machen ließ, ohne die geringſte üble Laune zu zeigen. In ihrem Benehmen lag ebenſoviel Unſchuld als Koketterie. Die Frau, welche durch das Wenige, was ſie zeigt, den Mann neugierig zu machen vermag, hat drei Viertheile des Wegs, um ihn verliebt zu machen, zurück gelegt; den iſt die Liebe wohl etwas andres, als Neugierde? Ich glaube es nicht, und den Beweis finde ich darin, daß die Liebe er⸗ liſcht, ſobald die Neugierde befriedigt iſt; aber ſicher iſt die —]—— +—⸗—— N RK EE uu 125⁵ Neugierde der Liebe die ſtärkſte, die es giebt, und Aennchen hatte mich ſchon verliebt gemacht. Grimaldi ſagte zu Veronica, Roſalie bitte ſie, bis zu meiner Abreiſe bei mir zu bleiben, und ſie war über dieſe Bitte ebenſo erſtaunt wie ich. Sagen Sie ihr doch, ent⸗ gegnete ich dem Marquis, daß das Fräulein ihrer Bitte zu⸗ vorgekommen iſt, und daß ſie deshalb ihre Schweſter Aenn⸗ chen hat kommen laſſen. Zwei, mein theurer Freund, vex⸗ 3 ſetzte der feine Genueſer, ſind immer beſſer als eine. Nach dieſen Reden ließen wir die beiden Schweſtern beiſammen und gingen auf mein Zimmer, wo er zu mir ſagte: Ihre Roſalie iſt zufrieden, und Sie müſſen ſich freuen, daß Sie ſie glücklich gemacht, denn ich bin ſicher, daß ſie glücklich werden wird. Es thut mir nur leid, daß die Schicklichkeitsgründe Ihnen nicht geſtatten, ſie zu beſuchen. Sie ſind in ſie verliebt, Herr Marquis. Ich geſtehe es, aber ich bin alt, und das thut mir leid. Das thut nichts; ſie wird Sie zärtlich lieben, und ich bin überzeugt, daß ſie für Petri, wenn er ihr Mann wird, nur eine paſſive Freundſchaft wird haben können. Sie werden mir nach Florenz ſchreiben, wie ſie ihn aufnimmt. Bleiben Sie noch drei Tage hier, und Sie werden es erfahren. Bis dahin werden die beiden Schönheiten Ihnen die Zeit verkürzen. Gerade weil ich vorausſehe, daß ſie dieſen Zweck leicht erreichen könnten, will ich morgen reiſen. Veronica er⸗ ſchreckt mich. Ich glaubte nicht, daß Sie durch eine hübſche Frau ſo leicht zu erſchrecken wären. Ich furchte, daß ſie mich zu ihrem Opfer auserſehn hat, denn ſie ſcheint mir geneigt, mit Grundſätzen Parade zu machen. Ich kann nur Roſalien lieben. Hier iſt ein Brief von ihr. Ich zog mich in eine Fenſtervertiefung zurück, um den Brief zu leſen, deſſen Züge mein Herz lauter ſchlagen lie⸗ ßen zer enthielt Folgendes: Mein theurer Freund, ich bemerke, daß Du mich den Haͤnden eines zaͤrtlichen Vaters übergeben haſt, der es mir 4 1 126 an nichts fehlen laſſen wird, vis zu dem Augenblicke, wo ich nicht den geringſten Zweifel über meinen Zuſtand haben werde. Es iſt dies eine neue Wohlthat, welche ich Deinem vortrefflichen Herzen verdanke. Ich werde Dir an die Adreſſe, welche Du mir ſchicken wirſt, ſchreiben. Wenn Veronica Dir gefällt, ſo ſehe ich wohl ein, daß ich Unrecht thun würde, jetzt eiferſüchtig zu ſein. Ich denke, daß ſie Dir nicht wird widerſtehn können, wenn Du Dich um ſie bemühſt, und ich werde glücklich ſein, wenn ich erfahre, daß ſie dazu beiträgt, Deine Traurigkeit zu verſcheuchen, welche mich tief betrübt. Schreibe mir vor Deiner Abreiſe einige Zeilen.“ Nachdem ich an den Marquis herangetreten, reichte ich ihm den Brief und bat ihn, von demſelben Kenntniß zu nehmen. Er wurde tief bewegt. Ja, ſagte er, dieſes angebetete Mädchen ſoll mich als einen zärtlichen Vater und ergebnen Freund finden, und wenn ſie meinen Pathen heirathen zu müſſen glaubt, und derſelbe ſie nicht ſo gut behandelt, wie ſie verdient, ſo ſoll er ſie nicht lange beſitzen. Sie ſoll ſogar der Gegenſtand meiner Sorgfalt nach meinem Tode ſein, wenn ich ſo ſprechen darf, denn ehe ich ſterbe, ſoll ſie einen Theil meines Ver⸗ mögens erhalten. Aber verſtehn Sie, was ſie Ihnen über Veronica ſagt. Ich halte dieſelbe für keine Veſtalin, obwohl ich nichts von ihr weiß. Ich hatte vier Couverts beſtellt, und Aennchen ſetzte ſich, ohne ſich bitten zu laſſen, mit uns an den Tiſch. Nachdem Le Due ſich geſtellt, ſagte ich ihm, wenn er krank ſei, könne er zu Bett gehn. Ich befinde mich ſehr wohl, ſagte er. Das iſt mir lieb, aber gehn Sie hinaus; in Li⸗ vorno ſollen Sie mir aufwarten. Ich bemerkte, daß Veronica über dieſe Ausſchließung erfreut war, und ich faßte augenblicklich den Entſchluß, die Belagerung eines Platzes zu eröffnen, der mich immer mehr intereſſirte. Während des Eſſens beſchäftigte ich mich alſo viel mit ihr und führte bedeutungsvolle Reden mit. ihr, während der Marquis ſich mit Aennchen beſchäftigte. Mich ſodann an dieſen liebenswuͤrdigen Edelmann wendend, fragte ——— — 8 N 127 ich ihn, ob er glaube, daß ich am folgenden Tage eine Fe⸗ lucke nach Lerci finden werde. Ja, zu welcher Zeit Sie wollen und mit ſo vielen Ru⸗ derern, als Sie nur wünſchen; aber ich hoffe, daß Sie Ihre Abreiſe um drei oder vier Tage verſchieben werden. Nein, ſagte ich zu Veronica hinſchielend, denn dieſer Aufſchub könnte mir theuer zu ſtehn kommen; aber die Schlaue beantwortete meinen Blick mit einem Lächeln, aus welchem ich erſah, daß mein Gedanke an ſeine Adreſſe ge⸗ langt war. 2 Als wir von Tiſch aufgeſtanden waren, nahm ich Aenn⸗ chen und katechiſirte ſie, während der Marquis ſich mit Ve⸗ ronica unterhielt. Nach Verlauf einer Viertelſtunde näherte er ſich mir und ſagte: Man hat mich aufgefordert, Sie zu bit⸗ ten, daß Sie noch einige Tage hier bleiben oder doch we⸗ nigſtens morgen hier zu Abend ſpeiſen mögen. Das laſſe ich mir gefallen. Wir werden alſo während des morgenden Abendeſſens von einigen Tagen ſprechen. Victoria! rief der Marquis aus, und Veronica zeigte ſich ſehr empfänglich für meine Gefälligkeit. Als der Mar⸗ quis ſich entfernt hatte, fragte ich meine neue Haushälterin, ob ich Coſta zu Bett ſchicken könne. Da meine Schweſter bei mir iſt, kann man keinen ſchimpflichen Argwohn faſſen. Sie willigen ein, meine Theure; das iſt mir ſehr lieb. Ich will Ihnen alſo meinen Kopf überantworten. Sie fing an, mich zur Nacht zu friſtren, erwiederte aber kein Wort auf alle galanten Reden, welche ich an ſie richtete. Als ich auf dem Punkte war, zu Bett zu gehn, wünſchte ſie mir eine gute Nacht, und ich wollte ſie umar⸗ men, um ihr Compliment zu erwiedern. Sie ſtieß mich zu⸗ rück und entfernte ſich, was mich ſehr verwunderte. Sie wollte ſich entfernen, als ich mit ernſtem und höflichem Tone zu ihr ſagte: Bleiben Sie, ich bitte, ich habe mit Ih⸗ nen zu ſprechen; ſetzen Sie ſich neben mich. Warum haben Sie mir ein Vergnügen verweigert, was doch nur ein blo⸗ ßes Freundſchaftszeichen iſt? Weil wir, ſo wie wir nun einmal ſind, unmöglich bei 128 bloßen Freundſchaftsbezeugungen ſtehn bleiben und auch nicht Geliebte werden können. Geliebte! Und warum können wir es nicht ſein, da wir frei ſind? Weil ich nicht frei von gewiſſen Vorurtheilen bin, die Sie nicht haben. Ich glaubte, Sie wären über Vorurtheile erhaben. Es giebt welche, die eine Frau haben muß. Die Ueber⸗ legenheit, die Sie meinen, iſt eine elende Ueberlegenheit, welche immer ihr eignes Opfer wird. Was ſollte aus mir werden, wenn ich mich den Empfindungen überließe, die Sie mir einflößen? Ich war darauf gefaßt, theure Veronica. Die Gefühle, welche ich Ihnen einflöße, ſind nicht die der Liebe. Nein, wenn ſie es wären, würden ſie den meinigen gleichen, und die Liebe würde Sie bewegen, die hemmenden Bande des Vorurtheils zu zerreißen. Ich geſtehe, daß Sie mir den Kopf noch nicht ſchwind⸗ lig gemacht haben, aber ich weiß auch, daß Ihre Abreiſe mich leider nicht ruhig laſſen wird. Wenn dies wahr iſt, Veronica, ſo iſt es nicht meine Schuld. Aber ſagen Sie mir, was ich während meines kurzen Aufenthalts hierſelbſt für Ihr Glück thun kann. Nichts, weil wir keine Sicherheit Einer gegen den An⸗ dern haben können. Ich verſtehe, was Sie ſagen wollen, aber ich muß Ih⸗ nen bemerklich machen, daß ich feſt entſchloſſen bin, nicht eher zu heirathen, als bis ich der Freund meiner Frau ge⸗ worden. Das heißt, wenn Sie aufgehört haben, ihr Liebhaber zu ſein. So iſt es. Sie wollen damit enden, womit ich anfangen will. Mögen Sie glücklich werden, aber Sie ſpielen ein ho⸗ hes Spiel. Wohl, ich will Alles verlieren oder Alles gewinnen. Das kömmt darauf an. Aber ohne uns weiter auf * — —2 129 Sentimentalitäten einzulaſſen, ſcheint es mir doch, ſchöne Veronica als ob wir mit der Liebe ſcherzen und uns glückliche Augenblicke, ohne uns von den Vorurtheilen ſtö⸗ ren zu laſſen, verſchaffen könnten. Das iſt möglich; aber man verbrennt ſich bei dieſem Spiele, und ich fürchte ſchon den bloßen Gedanken daran, denn er könnte mich verführen. O, nein, nein, ich bitte Sie, laſſen Sie mich: ſehen Sie nur, da kömmt meine 35 welche erſchrickt, weil ſie mich in Ihren Armen ſieht. Nun wohl, ich ſehe, daß ich Unrecht gehabt. Roſalie hat ſich geirrt. Wie! Was hat ſie geglaubt? Sie hat geglaubt, daß Sie gut ſein würden; ſie hat es mir geſchrieben. Sie iſt ſehr glücklich, wenn ſie nicht eine zu große Güte zu bereuen hat. Leben Sie wohl, Veronica. Es that mir leid, daß ich irgend etwas unternommen; bei ſolchen Sachen begleitet immer der Verdruß das Miß⸗ lingen. Ich verſprach mir, ſie bei ihren wahren oder er⸗ heuchelten Grundſätzen zu laſſen; als ich aber erwachte und ſte mit ſanfter und freundſchaftlicher Miene ſich meinem „Bette nähern ſah, änderte ich plötzlich meinen Plan; ich hatte meinen Aerger verſchlafen und war verliebt. Ich glaubte, ſie bereue, und ich hoffte ſie beim zweiten Angriffe ge⸗ fälliger zu finden. Ich richtete hiernach, mein Benehmen ein und ſcherzte beim Frühſtück mit ihr uñd ihrer Schweſter. Ebenſo benahm ich mich beim Mittagseſſen, und die heitre Stimmung, in welcher uns Herr Grimaldi am Abend fand, ließ ihn ohne Zweifel glauben, daß wir in der größten Vertrau⸗ lichkeit lebten, und er machte uns ſein Compliment. Da Veronica ſich ſo benahm, als ob der Marquis Recht ge⸗ habt, ſo rechnete ich darauf, nach dem Abendeſſen in ihren Beſitz zu gelangen, und in der Trunkenheit, mit welcher dieſe Gewißheit mich erfüllte, verſprach ich ihnen beim Abend⸗ eſſen noch vier Tage zu bleiben. Bravo! Bravo! Veronica, rief der Marquis aus, gebrauchen Sie Ihr Recht immer XI. 9 3 5 —““ 3 1 .“ 130 ſo! Sie ſind gemacht, über diejenigen, welche Sie lieben, eine unbedingte Herrſchaft zu üben. Wie es mir ſchien, mußte ſie etwas ſagen, um die Gewißheit, welche der Marquis aufſtellte, zu vermindern; aber keineswegs; ſie ſchien ſich ihres Triumphes zu freuen, wodurch ſie noch ſchöner wurde; ſie brüſtete ſich, und ich, der durch das in Ausſicht ſtehende Glück unterjocht wurde, betrachtete ſie mit der beſcheidnen Miene eines Beſiegten, der auf ſeine Kette ſtolz iſt. Ich war gutmüthig genug, dies Benehmen für ein Vorzeichen meines bevorſtehenden Sieges zu halten. In Folge deſſen vermied ich es, mit Grimaldi allein zu ſein, um ihn nicht enttäuſchen zu müſſen, falls er mich fra⸗ gen ſollte. Beim Weggehn ſagte er, er könne am folgen⸗ den Tage nicht kommen und werde daher erſt übermorgen wieder das Vergnügen haben uns zu ſehn. Sehen Sie, ſagte ſie, als wir allein waren, wie gern ich glauben laſſe, was man wünſcht. Ich will mich lieber 3 N — — für gut in Ihrem Sinne als für lächerlich halten laſſen, denn mit dieſem anmuthigen Beinamen ſchmückt man ein junges Mädchen, welches Grundſätze hat. Nicht wahr? Nein, reizende Veronica, nein. Von mir haben Sie gewiß einen ſolchen Beinamen nicht zu erwarten; aber wenn Sie mich noch einmal eine hölliſche Nacht wie geſtern ver⸗ bringen laſſen, indem Sie ſich meinen Liebkoſungen entziehn, werde ich ſagen, daß Sie mich haſſen. Wiſſen Sie auch, daß Sie mich während des Abendeſſens völlig entflammt haben. O, ich bitte Sie, mäßigen Sie ſich, mein Herr. Mor⸗ ggeen werde ich Sie nicht entflammen. O, das iſt zu——— Ich hatte ſie erzürnt, indem ich mit verwegner Händ ſo weit als ich wollte, vorgedrungen war und mich in den Beſitz des Heiligthums geſeßt hatte. Sie ſtieß mich zuruͤck und entfloh. Drei oder vier Minuten darauf kam ihre Schweſter, um mich zu entkleiden. Ich ſagte zu ihr mit ſanftem Tone, ſie möge ſich zu Bett legen, da ich noch einige Stunden ſchreiben müſſe; da ich aber das unſchuldige Mädchen nicht gedemüthigt weggehn laſſen wollte, ſo machte 4 ich meine Caſſette auf und ſchenkte ihr eine Uhr. Sie 2 131 nahm ſie beſcheiden hin und ſagte: Für meine Schweſter, mein Herr, nicht wahr? Nein, liebenswürdige Anna, Dir ſchenke ich ſie. Sie ſprang vor Freuden, und ich konnte nicht hindern, daß ſie mir die Hand küßte. Ich ſchrieb an Roſalien einen vier Seiten langen Brief; ich war in großer Aufregung und mit mir und der Welt unzufrieden. Ich zerriß den Brief, ohne ihn zu leſen, und ſodann alle Kräfte aufbietend, um mich zu beruhigen, ſchrieb ich einen zweiten vernünftigern, in welchem ich, ohne Vero⸗ nica's zu erwähnen, meiner ſchönen Freundin meldete, daß ich am folgenden Tage abreiſen wolle. Ich legte mich ſpät und übelgelaunt zu Bett. Wie es mir ſchien, hatte ich mich gegen Veronica vergangen, mochte ſie mich nun lieben oder nicht, da ich ſie liebte und ich ein Chrenmann war. Ich hatte ſchlecht geſchlafen: als ich er⸗ 1 wachte, war es Mittag und ich klingelte; aber ich ſah nur 5 Coſta und Aennchen. Die Abweſenheit Veronica's rief mir die Beleidigung, welche ich ihr angethan, ins Gedächtniß, Als Coſta hinausgegangen war, fragte ich Aennchen, wie ſich ihre Schweſter befinde; ſie antwortete, dieſelbe arbeite. Ich ſchrieb ihr ein Billet, in welchem ich ſte um Verzei⸗ hung bat und ihr die Verſicherung gab, ihr keine Unan⸗ 1— nehmlichkeiten mehr bereiten zu wollen. Ich bat ſie ſchließ⸗ lich, Alles zu vergeſſen, und wie gewöhnlich zu erſcheinen. 1. Ich trank meinen Kaffee, als ich ſie mit gekränkter Miene, welche mir höchſt unangenehm war, erſcheinen ſah. Ver⸗ geſſen Sie Alles, mein Fräulein. Wickeln Sie mir nur mmeine Locken, denn ich will außerhalb der Stadt ſpatzieren ggehn und werde erſt zum Abendeſſen zurückkommen. Ich werde ohne Zweifel guten Appetit haben, und da Sie nichts mehr zu fürchten haben, ſo brauchen Sie mir auch nicht Aennchen zu ſchicken. Nachdem ich mich ſchnell allein angekleidet, verließ ich die Stadt auf dem erſten beſten Wege und ſchritt ſchnell zu, in keiner andern Abſicht, als um mich müde zu laufen, und das Gleichgewicht zwiſchen dem Moraliſchen und Phyſiſchen wiederherzuſtellen. Ich habe immer die Erfahrung gemacht, 9* V — 132 daß wenn die Seele afficirt iſt, ſie durch eine ſtarke phyſiſche Bewegung und friſche Luft am leichteſten in ihren gewöhn⸗ lichen Zuſtand zurückgebracht wird. Ich hatte mehr als drei Meilen gemacht, als Ermü⸗ dung und Hunger mich zwangen, in einer ſchlechten Dorf⸗ ſchenke einzukehren, wo ich mir eine Omelette bereiten ließ, welche ich mit Gier aß, nebſt ſchwarzem Brote, und wozu ich einen Wein trank, den ich köſtlich fand, obwohl er ziem⸗ lich ſauer war. Da ich mich zu müde fühlte, um nach Genua zurück⸗ zukehren, ſo forderte ich einen Wagen; aber es war keiner zu haben. Der Wirth gab mir ein ſchlechtes Pferd nebſt einem Manne, der es zurückbringen ſollte. Es fing an Nacht zu werden, und wir hatten mehr als ſechs Miglien zu machen. Ueberdies begleitete mich ein feiner Regen von meinem Aufbruche bis zu meiner Ankunft, ſo daß ich durch⸗ näßt, halberfroren, todtmüde und geſchunden durch einen groben Sattel, deſſen Härte meine Atlasbeinkleider nicht hatten mildern können, um acht Uhr nach Hauſe kam. Coſta war mir behülflich, mich von Kopf bis zu Fuß umzuklei⸗ den; und als er mich verließ, um das Eſſen aufzutragen, ſah ich Aennchen erſcheinen. Wo iſt Ihre Schweſter? Sie liegt im Bette und hat heftige Kopfſchmerzen; hier hat ſie mir einen Brief für Sie gegeben. „Ich bin wegen heftiger Kopfſchmerzen, an denen ich leide, genöthigt geweſen, mich um drei Uhr zu Bett zu le⸗ gen. Ich befinde mich ſchon weit beſſer und bin ſicher, Sie morgen bedienen zu können. Ich melde Ihnen das, weil ich nicht möchte, daß Sie mich im Verdachte übler Laune oder der Verſtellung hätten. Ich glaube Sie bereuen aufrichtig, mich gedemüthigt zu haben, und ich bitte Sie, mir zu ver⸗ zeihen oder mich zu beklagen, wenn meine Denkweiſe mich hindert, Ihren Wünſchen nachzukommen.“ Theures Aennchen, fragen Sie Ihre Schweſter, ob ſie wünſcht, daß wir an ihrem Bette ſpeiſen. Sie kam bald mit der Meldung zurück, Veronica laſſe mir danken und bitte mich, ſie ſchlafen zu laſſen. — 133 Ich ſpeiſte mit Aennchen und bemerkte mit Vergnügen, daß ſie nur Waſſer trank, aber mehr als ich aß. Meine Leidenſchaft für ihre Schweſter hinderte mich, an ſie zu den⸗ ken; aber ich mußte mir ſagen, daß Aennchen mir gefallen haben würde, wenn ich gewußt hätte, daß ſie anders als ihre Schweſter ſei. Als wir beim Deſſert waren, kam ich auf den Einfall, das junge Mädchen betrunken zu machen, um ſie zum Schwatzen uͤber ihre Schweſter zu bewegen, und ich ſetzte ihr ein Glas Muscat Lünel vor. Ich trinke nur Waſſer, mein Herr. Iſt Ihnen der Wein zuwider? Nein, da ich aber nicht daran gewöhnt bin, fürchte ich, daß er mir zu Kopfe ſteige. Sie werden ſich zu Bett legen, meine Theure, und um ſo beſſer ſchlafen. Sie trank das erſte Glas, welches ſie ausgezeichnet fand, ſodann das zweite und endlich das dritte. Ihr klei⸗ ner Kopf war ſchon in Verwirrung. Ich ließ ſie über ihre Schweſter ſprechen, und mit der größten Aufrichtigkeit er⸗ zählte ſie mir von derſelben alles möglich Gute. Du liebſt alſo Veronica ſehr? fragte ich. Ja, ich liebe ſie von ganzem Herzen; aber ſie kann mich nicht ausſtehn, denn ſie entzieht ſich allen meinen Lieb⸗ koſungen. Wahrſcheinlich, weil ſie fürchtet, daß Du ſie nicht mehr lieben würdeſt. Aber ſcheint es Dir Recht, daß ſie mich ſo ſehr leiden läßt? Nein, wenn Sie ſie aber lieben, müſſen Sie ihr verzeihn. Aennchen ſprach vernünftig, noch zu vernünftig. Ich ließ ſie ein viertes Glas Muscat trinken; aber einen Augen⸗ blick darauf ſagte ſie, ſie ſehe nichts mehr, und wir ſtanden von Tiſch auf. Aennchen fing an mir etwas zu ſehr zu gefallen; aber ich gelobte mir, nichts gegen ſie zu unter⸗ nehmen, weil ich ſie zu gutmüthig zu finden erwartete. Einiger Widerſtand ſchärft den Appetit und zu leicht er⸗ langte Gunſtbezeugungen verlieren viel von ihrem Reize. Aennchen war erſt vierzehn Jahre alt; da ſie ſanft und ohne Erfahrung war, ſo kannte ſie ihre Rechte nicht, und ———— ————— — — 1—— 134 ſie würde die Höflichkeit zu verletzen gefürchtet haben, wenn ſie ſich meinen Liebkoſungen widerſetzt hätte. Das kann nur einem reichen und wollüſtigen Muſelmann gefallen. Ich bat ſie, mir die Haare in Ordnung zu bringen 4 und wollte ſie ſodann gleich zu Bett ſchicken; als ſie aber 4 damit fertig war, bat ich ſie, mir einen Topf geruchloſer Pommade zu geben. Was wollen Sie damit machen? Ich bedarf derſelben wegen der Schrammen, die mir der verfluchte Sattel, auf dem ich ſechs Meilen geritten bin, gemacht hat. Lindert die Pommade? Sehr. Sie mildert das Brennen, und morgen bin ich geheilt; Sie müſſen mir aber Coſta kommen laſſen, denn ich ſelbſt kann ſie mir nicht einreiben. Könnte ich es nicht thun? Das wäre leicht; aber ich fürchte Ihre Gefälligkeit zu mißbrauchen. Ich errathe weshalb; da ich aber kurzſichtig bin, kann ich die Schrammen nicht ſehn. Wenn Sie mir dieſen Dienſt erweiſen wollen, werde ich eine Stellung einnehmen, welche Ihnen die Arbeit er⸗ leichtert. Setzen Sie die Kerzen auf jenen Tiſch. Da ſind ſie; aber laſſen Sie ſich morgen nicht durch Coſta einreiben, denn er würde ſonſt errathen, daß ich oder meine Schweſter es heute gethan haben. Sie wollen alſo morgen dieſelbe Gefälligkeit haben? Ich oder meine Schweſter, denn ſie wird früh auf⸗ ſtehen. h Ihre Schweſter! Nein, meine Theure, ſie würde fürch⸗ ten, mir ein zu großes Vergnügen zu bereiten, wenn ſie mir ſo nahe käme. Und ich fürchte nichts ſo ſehr als Ihnen wehe zu thun. Mache ich es ſo gut? Mein Gott! in welchem Zuſtande iſt Ihre arme Haut? Mein liebes Aennchen, es iſt noch nicht zu Ende. Ich bin ſo kurzſichtig! Drehen Sie ſich um. 3 2 Sehr gern; ſo.. 13⁵ d Die kleine Närrin konnte ſich des Lachens nicht ent⸗ halten, als ſie erblickte, was der Zufall ſie ſehen ließ und was ſie wegen ihrer ſchwachen Augen wahrſcheinlich zum erſtenmale ſah. Da ſie, um mir ihre Dienſte zu leiſten, aanfaſſen mußte, ſo wurde ich bald gewahr, daß ſie Vergnü⸗ 1 gen daran fand, indem ſie wie zufällig auch Stellen berührte, woo ſie nichts zu ſchaffen hatte, und ich, der ich mich nicht mmehr zu laſſen wußte, ich ergriff ihre Hand und nöthigte ſte ihre Arbeit einzuſtellen, um ihr eine ſüßere zu über⸗ tragen. Nach Beendigung dieſer Arbeit brachte ſie mich zum lauten Lachen, als ſie mit der ernſteſten Miene und den Pommadentopf in der linken Hand haltend mich fragte: Habe ich es gut gemacht? Vortrefflich, reizendes Aennchen! Du biſt ein Engel, und ich bin überzeugt, daß Du weißt, welches Vergnügen Du mir bereitet haſt. Kannſt Du eine Stunde zu mir „ kommen? Warten Sie. Sie geht hinaus, macht die Thür zu, und ich warte, uͤberzeugt, daß ſie zurückkommen wird; da mir aber das Warten langweilig wird, ſo mache ich die Thür auf und ſehe, wie ſie ſich entkleidet und neben ihre Schweſter legt. Ich gehe wieder auf mein Zimmer und lege mich zu Bett, ohne alle Hoffnung zu verlieren. Ich täuſchte mich nicht, denn fünf Minuten darauf ſah ich ſie im Hemde und auf den Fußſpitzen heranſchleichen. Komm in meine Arme, mein Leben, denn es iſt ſehr kalt. Hier bin ich. Meine Schweſter ſchläft und hat keinen Verdacht. Und wenn ſie auch aufwachen ſollte, das Bett iſt breit, und ſie wird nicht bemerken, daß ich weggegan⸗ gen bin. Du biſt göttlich, und ich liebe Dich von ganzem Herzen. Dceſto beſſer. Ich gebe mich Ihnen hin; machen Sie mit mir was Sie wollen, aber unter der Bedingung, daß Sie nicht mehr an meine Sch — — 136 Es wird mir nicht ſchwer, dieſe Bedingung einzugehn, mein Herz, und ich verſpreche es Dir. Ich fand, daß Aennchen ganz unberührt war, und ob⸗ wohl der Altar am Morgen nicht mit Blut befleckt war, zweifelte ich doch nicht. Aehnliches iſt mir oft begegnet, und ich weiß aus Erfahrung, daß der Blutverluſt oder das Gegentheil keinen Schluß geſtattet. 4 Im Allgemeinen kann ein Mädchen nur, wenn ſie be⸗ fruchtet worden, überführt werden, einen Liebhaber gehabt zu haben. Ich verlebte zwei herrliche Stunden mit dieſem reizen⸗ den Püppchen; denn ſie war ſo niedlich, ſo ſanft, ſo hübſch an ihrem ganzen Körper, daß ich keinen beſſern Ausdruck für ſie finden kann. Ihr Zartgefühl und ihre Gelehrigkeit raubten dem Vergnügen nichts von ſeinem pikanten Reize, denn ſie war wollüſtig. Als ich erwacht war, erſchien ſie mit Veronica, und wie ich mit Vergnügen ſah, hatte die jüngere das ſtrahlende Ausſehn des Glücks, wahrend die ältere ein wohlwollendes Geſicht machte, auf welchem der Wunſch, angenehm zu er⸗ ſcheinen, ſich ausdrückte. Ich fragte ſie, wie ſie ſich befinde und ſie ſagte, Diät und Schlaf hätten ſie vollkommen ge⸗ heilt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, daß dies die beſten Mittel gegen Kopfſchmerzen ſind. Auch hatte mich Aennchen von der Neugierde, die jene mir eingeflößt, voll⸗ kommen geheilt; ich fühlte es und freute mich deſſen. Beim Abendeſſen ließ meine Heiterkeit Herrn Grimaldi glauben, ich habe von Veronica Alles erlangt, und ich glaubte ihn nicht aus ſeinem Irrthum ziehen zu müſſen. Ich verſprach ihm, am folgenden Tage bei ihm zu Mittag zu ſpeiſen, und ich hielt Wort. Nach Tiſche übergab ich ihm einen langen Brief für Roſalien, welche ich nur noch als Madame Petri wiederzuſehn hoffte, obwohll ich mich wohl hütete, ihm dies zu ſagen. Abends ſpeiſte ich mit beiden Schweſtern und ſpielte auf eine unaffektirte Weiſe und ohne einer den Vorzug zu geben, den Liebenswürdige 3 5 bährend Veronica meine 137 Locken wickelte, ſagte ſte, ſie liebe mich weit mehr, ſeitdem ich artig geworden. Meine vermeintliche Artigkeit, ſagte ich, iſt nur das Aufgeben der Hoffnung, Sie zu erobern. Ich habe meinen Entſchluß gefaßt. Ihre Liebe war alſo nicht ſehr ſtark? Sie war noch jung; aber es hätte in Ihrer Macht geſtanden, ſchöne Veronica, ſie rieſe agroß werden zu laſſen. Sie ſchwieg und biß ſich in die Lippen, wünſchte mir eine gute Nacht und entfernte ſich. Ich legte mich zu Bett in Erwartung des Beſuchs von Aennchen, aber ich wartete vergeblich. Als ich am Morgen klingelte, ſah ich das rei⸗ zende Mädchen etwas traurig erſcheinen, und als ich ſie um den Grund fragte, ſagte ſie: Meine Schweſter iſt krank und hat die ganze Nacht geſchrieben. Nun wußte ich, weshalb ich vergeblich gewartet. Und wiſſen Sie, liebes Aennchen, was Veronica ge⸗ & ſchrieben? Nein, ſo etwas ſagt ſie mir nicht, aber hier iſt ein Brief für Sie. Ich las den Brief, der lang und gut geſchrieben war, mich aber heiter ſtimmte, weil er den Stempel der Feinheit trug. Nach mehreren nichtsſagenden Umſchweifen ſagte ſie, ſte habe i ſich meinen Begierden entzogen, weil ſie mich von ganzem Herzen liebe und weil ſie durch Befriedigung meiner Laune mich zu verlieren gefürchtet habe.„Ich bin ganz die Ihre, ſagte ſie, wenn Sie mich Roſaliens Stelle ein⸗ nehmen laſſen wollen. Ich reiſe mit Ihnen, aber Sie ſtel⸗ len mir eine von Herrn von Grimaldi unterzeichnete Schrift aus, durch welche Sie ſich verpflichten, mich binnen einem Jahre zu heirathen und mir eine Mitgift von funfzigtauſend Francs auszuſetzen; wenn Sie dann nichts mehr von mir wiſſen wollen, ſo gehört mir die Summe, und ich kann machen, was ich will.“ Auch beſtimmte ſie noch, daß wenn ſie im Probejahre Mutter würde, das Kind ihr gehören ſolle. Unter dieſen Bedingungen wollte ſie meine Geliebte werden und verſprach mir, alle Gefälligkeiten und Zuvor⸗ 138 kommenheiten, die ich nur wünſchen könne, für mich zu haben. Dieſer geſchickt entworfene, aber auf eine dumme Weiſe zum Vorſchein gebrachte Plan, zeigte mir, daß ihr die Art Geiſt fehle, welche man nothwendiger Weiſe haben muß, wenn man Menſchen fangen will. Ich ſah wohl, daß Herr Grimaldi ſeine Hand nicht in dieſen Komplott gehabt und daß er über daſſelbe lachen würde, wenn ich ihn damit be⸗ kannt machen wollte. Aennchen kam bald wieder mit meiner Chocolade und ſagte, ihre Schweſter hoffe, ich werde ihr antworten. Ja, meine Liebe, ich werde antworten, ſobald ich aufgeſtanden bin. Ich trank meine Chokolade, und nachdem ich den Schlafrock angezogen, ging ich zu ihr. Ich fand ſie im Bette ſitzend, in einem Negligé, welches mich hätte verführen kön⸗ nen, wenn der Brief ſie nicht völlig bei mir zu Grunde gerichtet hätte. Ich ſetzte mich auf ihr Bett und ihr den Brief zurückgebend ſagte ich: Weshalb uns ſchreiben, da wir mit einander ſprechen können?. Oft iſt es bequemer zu ſchreiben als zu ſprechen. Für die Politik und Handelsangelegenheiten iſt das richtig; aber mit der Liebe, ſchöne Veronica, iſt es etwas anders. Dieſer kleine Gott giebt carte blanche. Keine Schrift, keine andere Bürgſchaft als das Gefühl. Geben Sie ſich mir mit dem Herzen hin wie Roſalie gethan und fangen Sie dieſe Nacht an, ohne eine Verpflichtung zu for⸗ dern. Indem Sie ſich der Liebe anvertrauen, feſſeln Sie dieſelbe. Das wäre ein Vorſatz, der unſre Freuden und uns ſelbſt ehren würde, und wenn es Ihnen Vergnügen macht, will ich ihn unter die Bürgſchaft Herrn Grimaldi's ſtellen. Ihr Plan, wenn er auch Ihnen nicht ſchadet, giebt doch keine günſtige Vorſtellung von Ihrem Geiſte, denn er iſt der Art, daß nur ein Narr darauf eingehen kann. Es iſt nicht möglich, daß Sie einen Mann lieben, dem Sie einen ſolchen Vorſchlag machen, und ich bin überzeugt, daß Herr Gri⸗ maldi, weit entfernt ſich in die Sache zu miſchen, vielmehr in Unwillen darüber gerathen würde. Dieſe Anrede brachte Veronica nicht aus der Faſſung, 3 „ —j — B — 139 denn ſie ſagte, ſie liebe mich nicht hinlänglich, um mich ohne Bedingungen zu lieben; aber ich erwiederte, ich ſei nicht ſo ſehr von ihren Reizen eingenommen, um mich für den von ihr geforderten Preis in den Beſitz zu ſetzen und verließ ſie. Ich ließ Coſta rufen und befahl ihm, den Beſitzer der Felucke zu benachrichtigen, daß ich am folgenden Tage ab⸗ reiſen wolle; in Folge dieſes Entſchluſſes ging ich aus, um vom Marquis Abſchied zu nehmen, der mir meldete, daß er Petri Roſalien vorgeſtellt, und daß derſelbe von ihr ziem⸗ lich gut aufgenommen worden. Ich bezeigte ihm meine Zufriedenheit und empfahl ihm ihr Glück; aber dieſe Empfeh⸗ lung war unnütz. Es iſt einer der ſonderbarſten Umſtände meines Lebens, welcher mir am meiſten aufgefallen iſt, daß in demſelben Jahre die beiden Frauen, welche ich am aufrichtigſten ge⸗ liebt und deren Gatte zu werden nicht in meiner Macht ſtand, mir durch zwei Greiſe entriſſen worden ſind, deren Liebe ich zwar nicht hervorgerufen, deren Neigung ich aber, ohne es zu wollen, beſchützt hatte. Glücklicher Weiſe machten ſie das Glück meiner beiden Geliebten, aber in der That leiſteten ſie mir den größten Dienſt, denn ſie befreiten mich von einer Laſt, welche ich nothwendiger Weiſe zuletzt ſehr unbequem gefunden haben würde. Beide Herren hatten wahrſcheinlich bemerkt, daß mein Vermögen trotz ſeines ſcheinbaren Glanzes auf keiner ſoliden Grund⸗ lage beruhe, und der Leſer wird in der Folge nur zu ſehr davon überzeugt werden. Ich werde mich glücklich ſchätzen, wenn meine Irrthümer denen, die mich leſen, als Leitfaden dienen. Den ganzen Tag ſah ich zu, mit welcher Sorgfalt Ve⸗ ronica und Aennchen meine Koffer packten, denn ich hatte nicht gewollt, daß meine Bedienten ſich damit befaßten. Die erſtere war weder heiter noch traurig; ſie ſah ſo aus, als ob ſie ihren Entſchluß gefaßt, und ſprach ſo, als ob zwiſchen uns nie etwas ſtattgefunden. Das war mir recht lieb, denn da ich keine Neigung mehr für ſie hatte, würde ich in Ver⸗ legenheit gekommen ſein, wenn ſie ſich nicht gleichgültig ge⸗ zeigt hätte. Wir ſpeiſten wie gewöhnlich zu Abend, ohne alle An⸗ —-———— —— —— — 140 ſpielungen in unſern Geſprächen, und ſprachen nur von ge⸗ wöhnlichen Sachen, als ich mich aber anſchickte, zu Bett zu gehn, drückte mir Aennchen auf eine Weiſe die Hand, aus welcher ich ſah, daß ich mich auf ihren Beſuch gefaßt machen dürfe. Ich bewunderte den natürlichen Scharfſinn der jun⸗ gen Mädchen, deren Liebeserziehung ſich ſo leicht und ſchnell macht. Dieſes Aennchen, kaum aus der Kindheit heraus⸗ getreten, war durch ihr Gefühl und ihren Inſtinkt klüger als ein junger Mann von zwanzig Jahren. Ich beſchloß, ihr funfzig Zechinen zu ſchenken, aber ohne daß Veronica etwas davon gewahr würde, denn ich hatte nicht die Abſicht, mich gegen ſie ebenfalls ſo großmüthig zu benehmen. Ich nahm eine Rolle Ducaten und gab ſie ihr, ſobald ſie kam. Sie legte ſich an meine Seite, und nachdem ſie der Liebe einen kurzen Augenblick geſchenkt, ſagte ſte zu mir, Veronica ſchlafe; ſodann fügte ſie hinzu: Ich habe Ihre ganze Unterhaltung mit meiner Schweſter gehört, und habe 39 woohl verſtanden, daß Sie ſie lieben. Wenn ich ſie liebte, theures Aennchen, ſo würde ich ihr nicht ſo geradezu den Vorſchlag gemacht haben. Ich glaube es wohl; aber was hätten Sie gethan, wenn ſie denſelben angenommen hätte; hätten Sie ſich dann mit ihr zu Bett gelegt? Ich war mehr als ſicher, daß ihr Stolz ſie abhalten würde, mich anzunehmen. Wir waren in unſerm Zwiegeſpräch ſo weit gekommen, als wir durch das plötzliche Erſcheinen Veronica's überraſcht wurden, die mit einem Licht in der Hand und in bloßem Hemde ihre Schweſter durch lautes Lachen aufmunterte. Ich lachte ebenfalls; aber ich hielt die Kleine zurück, damit ſie mir nicht entſchluͤpfe. Veronica war reizend in ihrem Ne⸗ gligé, und da ſie lachte, konnte ich ihr nicht zürnen; indeß redete ich ſie folgendermaßen an: Sie ſind gekommen, um unſern Genuß zu ſtören und Ihrer Schweſter, die Sie viel⸗ leicht nun verachten werden, Schmerz zu bereiten. Ganz im Gegentheile werde ich ſie immer lieben. Durch ihr Gefühl beſiegt, hat ſie ſich mir ohne Kapi⸗ tulation hingegeben.. —. 2 — „ — 8 141 Sie hat mehr Geiſt als ich. Wirklich? Ja, wirklich. Sie entzücken mich und ſetzen mich in Erſtaunen, ſo umarmen Sie dieſelbe denn. In Folge dieſer Einladung ſetzt Veronica das Licht hin und bedeckt den ſchönen Körper Aennchens mit Küſſen. Dieſe Scene machte mich glücklich. Wolan, ſchöne Vero⸗ nica, Sie ſind von Kälte erſtarrt, kommen Sie ins Bett. Ich mache ihr Platz und wir liegen nun alle drei unter derſelben Decke. Ich bin entzückt von der Erhabenheit die⸗ ſes Gemäldes, welches des Pinſels eines Albano oder viel⸗ mehr eines Aretin würdig war. Meine liebenswürdigen Freundinnen, ſagte ich zu ihnen, Sie ſpielen mir da den köſtlichſten Streich; aber war er verabredet? Und Sie, Ve⸗ ronica, waren Sie heute Morgen oder ſind Sie jetzt falſch? Es hat keine Verabredung ſtattgefunden; und ich war heute Morgen wahr und bin es in dieſem Augenblicke. Ich erkenne, daß ich heute Morgen ebenſo lächerlich geweſen bin wie der Plan, den ich ausgeheckt hatte, und den ich Sie mir zu verzeihen bitte, weil ich reuig und beſtraft bin; und ich finde, daß ich heute Abend vernünftig bin, weil ich dem Gefühl nachgebe, welches Sie mir vom erſten Augenblicke an, wo ich Sie geſehn und welches ich nur zu ſehr bekämpft habe, eingeflößt haben. Sie ſprechen da eine Sprache, die mich entzückt. Wolan, verzeihen Sie mir und beenden Sie meine Strafe, indem Sie mir beweiſen, daß Sie mir nicht böſe ſind.. Wie? Indem Sie mir verſichern, daß Sie mir nicht mehr zurnen und fortfahren, meiner Schweſter Beweiſe Ihrer Liebe zu geben. Ich ſchwöre Ihnen, daß ich, weit entfernt, Ihnen zu zürnen, Sie liebe; aber in Ihrer Gegenwart? Ja, wenn Sie nicht finden, daß ich hier zu viel bin. Es war eine Scene von der anziehendſten Komik, und * da ich mich durch Alles, was die Wolluſt nur Reizendes 5 1 1 4 3 5* 8 4 3 ——— hat, angeregt fühlte, ſo konnte ich keine paſſive Rolle ſpie⸗ len. Was ſagſt Du, mein Herz? ſagte ich zu meiner ſchö⸗ nen Blondine, ſoll Deine Schweſter, dieſe uüͤber alles Lob erhabene Heldin, bloße Zuſchauerin unſrer ſüßen Kämpfe bleiben? Biſt Du nicht großmüthig genug zu geſtatten, daß ich ſie zur Schauſpielerin in dieſem ſüßen Drama mache? Nein, mein theurer Freund, ich geſtehe, daß ich für dieſe Nacht dieſe Großmuth nicht habe; wenn Du aber großmüthig genug biſt, in der folgenden Nacht daſſelbe Stück noch einmal zu ſpielen, ſo wollen wir die Rollen wechſeln; Veronica wird dann meinen Platz einnehmen und ich den ihrigen. Das würde herrlich ſein, ſagte Veronica mit etwas ge⸗ reiztem Tone, wenn der Herr nicht entſchloſſen wäre, mor⸗ gen abzureiſen. Ich werde bleiben, theure Veronica, wäre es auch nur um Ihnen zu beweiſen, daß ich Sie anbetungswürdig finde. „ Und Ihnen zu verſichern, daß ich Sie liebe. Ich konnte nicht verlangen, daß ſie ſich deutlicher er⸗ klärte, und ich hätte ihr gern auf der Stelle den Beweis meiner Dankbarkeit geliefert; das hätte aber auf Koſten Aennchens geſchehn müſſen und ich würde ſehr zur Unzeit die Reinheit des Stücks getrübt haben, deſſen Urheberin ſie war und deſſen ganzer Ertrag ihr gebührte. So oft ich mich ſpäter an dieſes angenehme Ereigniß meines Lebens erinnerte, fühlte ich mein Herz vor Wolluſt klopfen, und jetzt noch, wo mir die grauſame Zeit das Brandmal des Alters anfgedrückt hat, denke ich nicht ohne Wolluſt daran. Veronica, die auf die paſſive, ihr von ihrer Schweſter angewieſenen Rolle beſchränkt war, drehte ſich ſeitwärts, ihr ſchönes Haupt auf ihre rechte Hand ſtützend und einen Buſen entblößend, der die Sinne des kälteſten Mannes erregen konnte und ermunterte mich, neue Heldenthaten mit Aenn⸗ chen zu beginnen. Es wurde mir nicht ſchwer, ihr zu ge⸗ horchen, denn ich brannte und war ſicher, ſie ſo lange zu befriedigen, als ſie ihre Augen auf die meinigen geheftet, hielt. Aennchen, welche ſehr kurzſichtig war, konnte Pruere des Geſechts die Richtung meiner Blicke nicht erken. und Mund auf Mund gepreßt, aber ohne weitere Bewegung zu Bett. Da Veronica merkte, welcher Grund mich zur Unthätigkeit zwang, ſo ſagte ſie nichts; Höflichkeit und Be⸗ ſcheidenheit hinderten ſie zu klagen. Sie verbarg ihre Ge⸗ fühle, ohne ihre Liebkoſungen einzuſtellen, und ich wurde faſt raſend; ich fühlte mich beſchämt und begriff meine Im⸗ potenz nicht. Ein ſolcher Zufall war mir immer nur nach vollſtändiger Erſchöpfung oder einer ſtarken Bewegung, welche meine natürliche Begabung lähmte, begegnet, wie ich dies bei Javotte erfahren hatte, als ich den Circulus maximus verließ, weil ich vom Blitze getroffen zu ſein glaubte. Mögen ſich meine Leſer meine Lage denken: in der Blüthe des Alters und mit einem kräftigen Körper, in mei⸗ nen Armen ein in jeder Beziehung ſchönes Weib haltend, welches ich heiß begehrt und welches nun gefällig, liebko⸗ ſend und zärtlich war, ſehe ich mich außer Stande, ſte zu befriedigen, der ſchrecklichſte Schimpf, welchen man einer Frau in einer ſolchen Lage anthun kann, und der Leſer wird ſich wohl meine Verzweiflung denken können. Da wir uns endlich demaskiren und vernünftig ſpre⸗ chen mußten, ſo beklagte ich mich zuerſt über mein Unglück. Sie haben ſich geſtern zu ſehr angeſtrengt, ſagte ſie, und Sie ſind beim Abendeſſen nicht mäßig genug geweſen. Quälen Sie ſich nicht, theurer Freund, denn ich bin ſicher, daß Sie mich lieben. Hören Sie auf, die Natur zwingen zu wollen, denn Sie werden ſich nur deſto mehr ſchwächen. Ein ſanfter Schlaf ſcheint mir das beſte Spezificum, um Ihnen Ihre männlichen Fähigkeiten wiederzugeben. Ich be⸗ darf deſſelben nicht; aber thun Sie ſich keinen Zwang an. Schlafen wir, und nachher wollen wir uns lieben. Nach dieſem ſo beſcheidnen wie weiſen Rathe drehte mir Veronica den Rücken zu, und ich folgte ihrem Beiſpiele; aber vergeblich rief ich einen erfriſchenden Schlaf herbei: die * Natur, welche mir die Fähigkeit verſagt, ihr entzückendſtes und ſchönſtes Geſchöpf zu beglücken, verſagte mir auch die Fähigkeit zu ſchlafen. Das verliebte Feuer und der Aerger, welche mich verzehrten, machten mir die Ruhe unmöglich XI. 10 146 und meine von Begierde entflammten Sinne ſchienen ſich gegen Alles, was die zu ihrer Befriedigung nothwendige Harmonie herſtellen konnte, verſchworen zu haben. Die Natur ſtrafte mich, daß ich an ihrer Macht gezweifelt, in⸗ dem ich Stimulantia angewendet, welche nur für die Schwäche paſſen; wäre ich nüchtern geweſen, ſo hätte ich Wunder ver⸗ richtet; da ich mit geiſtigen Getränken überfüllt war, ſo be⸗ durfte die Natur ihrer ganzen Macht, um deren Wirkung 3u widerſtehn, und ich hatte das Vergnügen durch das Ver⸗ langen nach dem Genuſſe zerſtört. So ſtraft die Natur, die weiſe wie ihr Schöpfer iſt, die Unwiſſenheit und anma⸗ ßende Eitelkeit des Sterblichen. 8 Es liegt in der Natur des Menſchen, perſönliche Be⸗ friedigung, gleichviel wie, zu ſuchen: bald thut er es, indem er ſich auf die Seite der Sinne gegen die Vernunft ſtellt, bald indem er ſich für dieſe gegen jene entſcheidet. Man ertheilt ſich Lob oder macht ſich Vorwürfe, je nachdem die Eigenliebe ſich für das Für oder Wider erklärt. In meiner verzweifelnden Schlafloſigkeit machte mein Geiſt unaufhör⸗ liche Streifzüge, und in dem Conflikte von Vorwürfen, mit denen meine Sinne und meine Vernunft ſich überhäuften, fand ich eine gewiſſe Genugthuung darin, mir einzureden, daß ich gegen mich ſelbſt ein Unrecht begangen habe. Dies iſt der einzige Genuß, welchen ich noch jetzt empfinde, wenn ich mich mit mir ſelbſt unterhalte, und wenn ich mir ein⸗ geſtehe, daß ich bei dieſer oder jener Gelegenheit Recht oder Unrecht gehabt habe. Ich erkenne an, daß mich im ganzen Laufe meines Lebens nur durch meine eigne Schuld Unglück getroffen hat, während ich den glücklichen natürlichen Com⸗ binationen alles Glück zuſchreibe, an welchem meine lange abenteuerliche Laufbahn ſo reich geweſen iſt. Dies mag vielleicht demüthigend erſcheinen; aber wenn der Menſch nun einmal ſo iſt, warum ſoll man ſich gedemüthigt fühlen oder warum ſtolz ſein? Ich glaube, ich würde toll werden, wenn ich mir in meinen Unterhaltungen mit mir ſelbſt ſagen müßte, daß ich ohne meine Schuld unglücklich geworden; denn ich wüßte dann nicht, welcher Urſache ich es zuſchreiben ſollte, ——* A A N — 2 AN Sͤ 1+¶ᷣ—— 8N S 888G. 8 147 und das würde mich in die Reihe der rein inſtinktartig handelnden Weſen ſtellen. Ich weiß, daß ich kein Vieh bin. Ein Vieh dagegen iſt mein dummer Nachbar, welcher be⸗ hauptet, daß die Thiere vernünftiger als die Menſchen ſind. Ich gebe Ihnen zu, daß die Thiere vernünftiger als Sie ſind, wenn Ihnen das angenehm iſt, erwiederte ich; aber hierauf beſchränken ſich meine Zugeſtändniſſe und wahrſchein⸗ lich auch die jedes vernünftigen Menſchen. Dieſe Antwort hat ihn mir zum Feinde gemacht, obwohl er die Hälfte mei⸗ ner Behauptung als richtig anerkennt. Veronica, glücklicher als ich, ſchlief drei Stunden lang; aber ſie wurde unangenehm überraſcht, als ich ihr ſagte, ich habe kein Auge ſchließen können, und als ſie mich ebenſo impotent wie vorher fand. Sie wurde verdrieß⸗ 4 lich, als ich ſie ein wenig zu ſehr ͤherzeugen wollte, daß mein Unglück nicht in böſem Willen ſeinen Grund habe und ſie fing nun an, ſich mein Unglück beizumeſſen. Ge- kränkt durch den Gedanken, daß dies möglich ſein könne, ſchickte ſie ſich an mit allen Mitteln, welche die Leidenſchaft eingiebt, und welche ich für unfehlbar hielt, den Zauber zu zerſtören, aber ihre Anſtrengungen und die meinigen waren ganz vergeblich. Meine Verzweiflung glich der ihrigen, als ich ſie entmuthigt, beſchämt und weinend vor Schaam und Er⸗ müdung die Sache aufgeben ſah. Sie verließ mich, ohne etwas zu ſagen, und ließ mich allein während der zwei oder drei Stunden, die bis zum Anbruche der Morgenröthe noch zu verfließen hatten. Coſta kam, als der Tag anbrach und meldete, daß das Meer ſtürmiſch und der Wind unguünſtig ſei, die Felucke alſo große Gefahr laufen würde. Wir werden abfahren, wenn das Wetter es geſtattet, ſagte ich, zunde Feuer an. Ich ſtand auf und ſchrieb die traurige Geſchichte dieſer Nacht nieder. Da dieſe Beſchäf⸗ tigung meine Sinne erfriſchte, ſo fühlte ich den Schlummer mir nahen, und nachdem ich mich wieder zu Bett gelegt, ſchlief ich acht Stunden hinter einander. Als ich erwachte, fühlte ich mich ruhig und kräftig, aber nicht heiter. Die * 10* zu müſſen, welches des Ernſtes meiner Geſchichte würdig iſt. beiden Schweſtern freuten ſich, mich geſund zu ſehn, aber in den Mienen Veronica's glaubte ich einen nicht ſehr an⸗- genehmen Ausdruck der Verachtung zu leſen, über den ich mich indeß nicht zu beklagen wagte und den in Achtung zu verwandeln ich keine Anſtalten machte, obwohl ſie bei lieb⸗ koſendem Weſen mich im Stande gefunden haben würde, das unfreiwillige Unrecht dieſer Nacht wieder gut zu machen. Ehe wir uns zu Tiſch ſetzten, ſchenkte ich ihr hundert Zechi⸗ nen, was ſie etwas aufheiterte. Ein gleiches Geſchenk machte ich Aennchen, welche dies nicht erwartet hatte, da ſie ſich durch das erſte Geſchenk und noch mehr durch das Vergnü⸗ gen, welches ich ihr verſchafft, hinlänglich belohnt hielt. Um Mitternacht ließ mir der Beſiger des Schiffes mel⸗ den, daß das Wetter günſtig ſei, und ich nahm Abſchied. Veronica vergoß Thränen, aber ich wußte, welchem Um⸗ ſtande ich ſie zuzuſchreiben hatte. Aennchen umarmte mich zärtlich; beide waren in ihrer Rolle. Ich fuhr nach Leriei ab, wo ich am folgenden Tage anlangte und fuhr dann mit der Poſt nach Livorno. Ehe ich von dieſer Stadt, in der Ueberzeugung, mich meinen Leſern angenehm zu machen, ſpreche, glaube ich ein kleines lehrreiches Ereigniß anführen — 55 149 Zweiundachtzigſtes Kapitel. „ Geſchickte Gaunerei.— Paſſans in Kivorno.— Piſa 4 und die Corilla.— Meine IAnſicht über ſchielende Augen. — Florenz.— Ich kinde Thereſen wieder.— Mein Sohn.— Die Corticelli. Bei meinem Wagen ſtehend, während man vier Pferde an denſelben ſpannte, wurde ich von einem Individuum an⸗ geredet, welches mich fragte, ob ich vor der Abfahrt oder auf der nächſten Station bezahlen wolle. Ohne daſſelbe an⸗ 4 zuſehn, ſagte ich: Ich werde zum Voraus bezahlen, und ihm 4 einen Portugaleſen reichend, bat ich ihn, mir den Reſt herauszugeben. Augenblicklich, antwortet er, und geht in den Gaſthof. † Einige Augenblicke darauf, als ich eben den Reſt ein⸗ fordern wollte, kam der Poſtmeiſter und verlangte die Be⸗ zahlung für die Fahrt. — Ich habe ſchon bezahlt und warte, daß man mir den Reſt eines Portugaleſen herausgiebt. Habe ich denſelben nicht Ihnen gegeben? 4 Mir! Nein, mein Herr, ich bitte ſehr um Entſchul⸗ digung.— Wem habe ich denſelben denn gegeben? Das kann ich Ihnen nicht ſagen; vielmehr müſſen Sie es wiſſen. Donnerwetter! Nur Sie oder einer Ihrer Leute kann es geweſen ſein..* 4 N Ich ſpreche laut; es bildet ſich ein Kreis um mich herum. Hier ſind alle meine Leute, ſagte der Poſtmeiſter und fragte, ob einer von ihnen einen Portugaleſen von mir bekommen habe. Jeder antwortet verneinend und mit einer 4 Miene der Aufrichtigkeit, welche keinen Zweifel ließ. Ich fluche, ich ſchimpfe; aber man läßt mich fluchen und ſchimpfen. Da ich endlich einſah, daß ich Unrecht hatte, ſo bezahlte ich zum zweitenmale und lachte über den gewandten Gauner, —— —— zu müſſen, welches des Ernſtes meiner Geſchichte würdig iſt. beiden Schweſtern freuten ſich, mich geſund zu ſehn, aber in den Mienen Veronica's glaubte ich einen nicht ſehr an⸗- genehmen Ausdruck der Verachtung zu leſen, über den ich mich indeß nicht zu beklagen wagte und den in Achtung zu verwandeln ich keine Anſtalten machte, obwohl ſie bei lieb⸗ koſendem Weſen mich im Stande gefunden haben würde, das unfreiwillige Unrecht dieſer Nacht wieder gut zu machen. Ehe wir uns zu Tiſch ſetzten, ſchenkte ich ihr hundert Zechi⸗ nen, was ſie etwas aufheiterte. Ein gleiches Geſchenk machte ich Aennchen, welche dies nicht erwartet hatte, da ſie ſich durch das erſte Geſchenk und noch mehr durch das Vergnü⸗ gen, welches ich ihr verſchafft, hinlänglich belohnt hielt. Um Mitternacht ließ mir der Beſiger des Schiffes mel⸗ den, daß das Wetter günſtig ſei, und ich nahm Abſchied. Veronica vergoß Thränen, aber ich wußte, welchem Um⸗ ſtande ich ſie zuzuſchreiben hatte. Aennchen umarmte mich zärtlich; beide waren in ihrer Rolle. Ich fuhr nach Lerici ab, wo ich am folgenden Tage anlangte und fuhr dann mit der Poſt nach Livorno. Ehe ich von dieſer Stadt, in der — UMeberzeugung, mich meinen Leſern angenehm zu machen, g 5 ſpreche, glaube ich ein kleines lehrreiches Ereigniß anführen Zweinndachtzigſtes Kapitel. Geſchichte Gaunerei.— Paſſans in Kivorns.— Piſa und die Corilla.— Meine Anſicht über ſchielende Augen. — Florenz.— Ich kinde Chereſen wieder.— Mein Sohn.— Die Corticelli. Bei meinem Wagen an denſelben ſpannte, wurde ich von einem Individuum an⸗ geredet, welches mich fragte, ob ich vor der Abfahrt oder auf der nächſten Station zuſehn, ſagte ich: Ich werde zum Voraus bezahlen, und ihm einen Portugaleſen reichend, bat ich ihn, mir den Reſt herauszugeben. Augenblicklich, antwortet er, und geht in den Gaſthof. Einige Augenblicke fordern wollte, kam der zahlung für die Fahrt. Ich habe ſchon beza Reſt eines Portugaleſen herausgiebt. Habe ich denſelben nicht Ihnen gegeben? Mir! Nein, mein Herr, ich bitte ſehr um Entſchul⸗ digung. es wiſſen. herum. Hier ſind alle meine Leute, ſagte der Poſtmeiſter und fragte, ob einer von ihnen einen Portugaleſen von mir bekommen habe. Jeder antwortet verneinend und mit einer Miene der Aufrichtigkeit, welche keinen Zweifel ließ. Ich fluche, ¹ F ich ſchimpfe; aber man läßt mich fluchen und ſchimpfen. Da ich endlich einſah, daß ich Unrecht hatte, ſo bezahlte ich zum zweitenmale und lachte über den gewandten Gauner, Donnerwetter! Nur Sie oder einer Ihrer Leute kann es geweſen ſein. Ich ſpreche laut; Wem habe ich denſelben denn gegeben? Das kann ich Ihnen nicht ſagen; vielmehr müſſen Sie 149 4ℳ 8 ſtehend, während man vier Pferde bezahlen wolle. Ohne daſſelbe an⸗ darauf, als ich eben den Reſt ein⸗ Poſtmeiſter und verlangte die Be⸗ hlt und warte, daß man mir den es bildet ſich ein Kreis um mich 15 150 der mich auf eine ſo geſchickte Weiſe betrogen. So wird man klug. Man macht immer neue Erfahrungen und macht deren nie genug. Seitdem habe ich das Poſtgeld immer nur an die richtige Firma bezahlt. Es giebt kein Land, wo die Gauner ſchlauer als in Italien ſind, nur Griechenland, ſowohl das alte wie das neue, ausgenommen. In Livorno ſtieg ich im beſten Gaſthofe ab, wo mir geſagt wurde, daß Theater ſei, und unglücklicher Weiſe be⸗ kam ich Luſt hineinzugehn. Ich wurde von einem Schau⸗ ſpieler erkannt, der mich anredete, ſeine Freude, mich zu ſehn äußerte und mich einem ſeiner Kollegen, angeblich einem guten Dichter und großen Feinde des Abbé Chiari, vor⸗ ſtellte, welchen letztern ich nicht liebte, weil er gegen mich eine beißende Satyre gemacht, wegen deren ich noch nicht hatte Rache nehmen können. Ich lud ſie zum Abendeſſen bei mir ein, und Leute dieſer Art ſchlagen ſo etwas nicht aus. Der angebliche gute Dichter war ein Genueſe und 8 hieß Giacomo Paſſano. Er ſagte, er habe gegen Chiari dreihundert Sonnette gemacht, und wenn er ſie drucken laſſen könnte, würde der Abbé vor Wuth berſten. Da der Mann ſah, daß ich zu der guten Meinung, welche er von ſich hatte, lächelte, ſo erbot er ſich mir einige vorzuleſen. Er hatte das Manuſcript bei ſich, und ich mußte mir dieſe Marter gefallen laſſen. Er las mir etwa ein Dutzend vor, welche ich ohne Ausnahme mittelmäßig fand, und ein mittelmäßi⸗ ges Sonnet iſt nothwendiger Weiſe ſchlecht, denn dieſe Art Poeſte verträgt nur das Ausgezeichnete; deshalb giebt es auch unter den Tauſend von Sonnetten, die in Italien üp⸗ pig aufſchießen, vielleicht auch nur einige gute. Hätte ich mir Zeit gelaſſen, die Phyſiognomie dieſes Mannes zu prüfen, der in den Fünfzigern ſein mochte, ſo würde ich ihn ohne Zweifel als einen Schurken betrachtet haben; aber die Leidenſchaft und ſeine Sonnette gegen Chiari hatten meinen klaren Blick getrübt. Als ich die Augen auf den Titel ſeines Manuſcripts warf, las ich: La Chiareide di Ascanio Pagomas. Dies ſagte er, iſt das Anagramm meines Tauf⸗ und Familien⸗ A — 151 namens, und er fügte hinzu: Bewundern Sie dieſe glückliche Combination. Ueber dieſe Dummheit mußte ich lachen. Je⸗ des ſeiner Sonnette war eine platte Diatribe und endete mit den Worten: l'Abbate Chiari e un coglione. Er be⸗ wies nicht, daß derſelbe es war, aber vermöge des Vorrechts den Dichter zu übertreiben und zu lügen, wiederholte er es unaufhörlich. Sein Zweck war, den brescianiſchen Abbé zu aärgern, der durchaus das nicht war, was Paſſano ſagte; denn er war vielmehr ein Mann von Geiſt und Herz und ein guter Dichter; und hätte er das Theater gekannt, ſo würde er beſſer als Geldoni geſchrieben haben, denn er hatte die Sprache beſſer inne. Ich ſagte geſprächsweiſe zu Paſſano, er ſolle ſeine Chiareide drucken laſſen. Ich würde es thun, erwiederte er, wenn ich einen Buch⸗ händler finden könnte, da ich nicht reich genug bin, um die Koſten zu tragen, denn die Buchhändler ſind alle Lum⸗ pen oder Ignoranten. Und dann iſt auch die Preſſe nicht frei, und die Cenſur würde mir das Epitheton, mit welchem ich meinen Helden ſchmücke, nicht hingehn laſſen. Könnte ich nach der Schweiz gehn, ſo bin ich überzeugt, daß das Geſchäft ſich machen würde; aber mir fehlen ſechs Zechinen, welche nöthig ſind, um die Reiſe zu Fuß zu machen. Und wie wollen Sie in der Schweiz leben, da es dort kein Theater giebt? Ich verſtehe Miniatur zu malen. Sehen Sie nur. Er reichte mir eine Menge kleiner Elfenbeintafeln, auſ welchen obſcöne Gegenſtände ebenſo ſchlecht gemalt, wie ge⸗ zeichnet waren. Ich werde Ihnen Empfehlungen nach Bern geben, ſagte ich, und nach dem Eſſen gab ich ihm einen Brief und zehn Zechinen. Er wollte mich mit aller Ge⸗ walt bewegen, einige ſeiner Productionen anzunehmen, was ich indeß ablehnte. Ich beging die Dummheit, ihn dem Vater der hübſchen Sarah zu empfehlen und ſagte ihm, er möge mir nach Rom unter der Adreſſe des Bankiers Bel⸗ loni ſchreiben. Am folgenden Tage reiſte ich von Livorno nach Piſa, wo ich zwei Tage blieb. Ich machte hier die Bekanntſchaft 5—— —— —— 5 1— +—— 1 15⁵² eines Engländers, von welchem ich einen ſchönen Reiſewa⸗ gen kaufte, und welcher mich zur Corilla*), einer berühm⸗ ten Dichterin, die ich ſehr kennen zu lernen wünſchte, führte. Sie empfing mich ſehr gut und hatte die Güte, über meh⸗ rere Gegenſtände zu improviſiren, welche ich ihr vorſchlagen durfte. Sie bezauberte mich, weniger durch ihre Schönheit und Anmuth, als durch die ſchönen Sachen, die ſie in einer vollkommnen Sprache recitirte. Wie ſchön erſcheint eine Sprache, wenn mit einer klaren und reinen Ausſprache ſich die Gewähltheit des Ausdrucks verbindet, welche ebenſofern N. von Nachläſſigkeit wie von Anmaßung bleibt! Eine ſchlecht geſprochene Sprache iſt nicht einmal in einem ſchönen Munde erträglich, und ich habe immer den geſunden Sinn der Grie⸗ chen bewundert, welcher forderte, daß die Ammen ihren Kindern von der Wiege an in der Reinheit des Organs, der Ausſprache und der Sprache als Muſter dienten. Wir ſind weit entfernt, einem ſo ſchönen Beiſpiele zu folgen; wie viel Ohrenſchinder findet man aber auch in der mit Unrecht ſogenannten guten Geſellſchaft! Corilla war straba, wie die Alten Venus darſtellten, aus einem Grunde, den ich mir nicht habe klar machen kön⸗ nen, denn mag eine Frau, welche ſchielt, im Uebrigen auch noch ſo ſchön ſein, ſo iſt ſie doch in meinen Augen eine mißgeſtaltete Frau, und ich bin überzeugt, daß wenn Venus eine Göttin geweſen wäre, ſie gewiß ihre Empfindlichkeit an dem queerköpfigen Maler ausgelaſſen haben würde, der ſie zuerſt mit ſeitwärts gehenden Blicken darſtellte. Man hat mir verſichert, wenn Corilla geſungen, habe ſie, um Jemand zu erobern, ihn nur mit ihren ſchielen Blicken anzuſehn ge⸗ braucht; Gott ſei Dank hatte ſie es wahrſcheinlich nicht auf mich abgeſehn, denn ſie fixirte mich nicht. In Florenz miethete ich mich im Gaſthofe von Car⸗ rajo ein, welchen der Doktor Vannini führte, der ſich als ein unwürdiges Mitglied der Akademie della Crusca zu bezeichnen pflegte. Ich nahm eine Wohnung, deren Fenſter nach dem Arno hinausgingen und an eine herrliche Terraſſe *— *) Dieſe Improviſatrice hieß eigentlich Morelli. ——— 153 gränzten. Ich nahm auch einen Miethswagen und einen LCohnbedienten, welchen ich ebenſowohl wie den Kutſcher in blaue und rothe Livrée kleiden ließ. Es waren die Farben Herrn von Bragadino's, und ich glaubte mich mit denſelben ſchmücken zu koͤnnen, da ich nicht täuſchen, ſondern nur glänzen wollte. Am folgenden Tage ging ich allein im Ueberrocke aus, um Florenz zu ſehn, ohne von Jemand be⸗ merkt zu werden. Am Abend ging ich ins Theater, um den berühmten Arlechin Roſſi zu ſehn, aber ich fand mit Recht, daß ſein Ruf größer als ſein Verdienſt war. Ebenſo beurtheilte ich die berühmte Declamation der Florentiner: ſie hatte meinen Beifall nicht. Mit Vergnügen ſah ich Per⸗ tici; da er alt war und nicht mehr ſingen konnte, ſo ſpielte er Komödie und zwar als guter Schauſpieler, was ſelten iſt, denn die Sänger beiderlei Geſchlechts, welche auf die Dauer ihrer Stimme zu vertrauen pflegen, verabſäumen die Kunſt der Darſtellung, und gewöhnlich macht ſie ein bloßer Schnupfen zu ſehr mittelmäßigen Subjekten. Am nächſten Tage ſtellte ich mich dem Bankier Saſſo⸗ Saſſi vor, fuͤr welchen ich einen ſehr ausgedehnten Kredit⸗ rief hatte, und nachdem ich herrlich geſpeiſt, machte ich große Toilette, und ging in die Oper, in via della Per- gola wo ich eine Loge in der Nähe des Orcheſters nahm, mehr um die Schauſpielerinnen zu lorgniren, als um die Muſik zu hören, die ich nie enthuſiaſtiſch geliebt habe. Der Leſer möge ſich meine Ueberraſchung und meine 6 Freude denken, als ich in der erſten Sängerin Thereſen, den 4 falſchen Bellino erkannte, welchen ich im Anfange des Jah⸗ 9 res 1744 in Rimini gelaſſen; dieſe reizende Thereſe, welche 2 ich gewiß geheirathet haben würde, wenn mich nicht Herr N von Gages hätte in Arreſt bringen laſſen, und welche noth⸗ wendiger Weiſe meinem Geſchicke eine ganz andere Wen⸗ dung gegeben haben würde. Seit ſiebenzehn Jahren hatte ich ſie nicht geſehn, aber auf der Bühne ſchien ſie mir ebenſo hinreißend ſchön, wie zu der Zeit, wo ich ſie verlaſſen. Ich konnte meinen Augen nicht glauben, ſo unmöglich ſchien mir die Sache, und ich fing an, an den ſonderbaren Zufall einer — wunderbaren Aehnlichkeit zu glauben, als ſie am Schluſſe einer 154 Arie, welche ſie zum Entzücken ſang, die Augen auf mich warf, und dieſelben nicht mehr abwendete. Ich konnte nicht zweifeln, daß ſie es war, da ich ſah, daß ſie mich erkannt hatte. Am Schluſſe der Scene trat ſie auf der meiner Loge gegenüberliegenden Seite ab, blieb an den Couliſſen ſtehn und gab mir mit dem Fächer ein Zeichen ſie aufzu⸗ ſuchen. Ich verließ meine Loge mit außerordentlichem Herz⸗ klopfen, ohne mir den Grund klar machen zu können, denn ich hatte die ſüßeſte Erinnerung für Thereſen bewahrt und fühlte keine andre Schuld gegen ſie, als daß ich den letzten Brief, den ſie mir vor dreizehn Jahren von Neapel aus ge⸗ ſchrieben, nicht beantwortet. Ich begab mich nach der Bühne, mehr um zu ſehn, welche Folgen dieſe Unterredung haben würde, als um zu erfahren, was ihr in den ſiebenzehn Jah⸗ ren begegnet, die mir ein Jahrhundert ſchienen. Ich gelange an eine kleine Thür, welche nach der Bühne führt und ich ſehe meine Thereſe, welche an der Treppe ſteht und zu dem Manne, der die Thür hütet, ſagt, er möge mich hineinlaſſen. Ich gehe die Treppe hinauf und nun ſtehn wir uns ſtumm vor Erſtaunen gegenüber. Ich ergreife ihre Hand, und ſie an mein Herz druͤckend, ſage ich: Fuhle, wie es ſchlägt. Ich kann nicht daſſelbe thun, ſagte ſie, als ich Dich aber erblickte, glaubte ich ohnmächtig zu werden. Leider muß ich außer dem Hauſe zu Abend ſpeiſen. Ich werde die ganze Nacht kein Auge ſchließen. Ich erwarte Dich mor⸗ gen früh um acht Uhr. Wo wohnſt Du? Beim Doktor Vannini. Welchen Namen führſt Du? Den meinigen. Seit wann biſt Du hier? Seit geſtern. Willſt Du lange in Florenz bleiben? So lange Du willſſt. Biſt Du verheirathet?* Nein. 3— 15⁵ Verdammtes Abendeſſen! Welcher Tag! Geh, mein Freund, ich muß auftreten. Lebe wohl bis morgen um ſieben Uhr. Sie hatte zuerſt um acht Uhr geſagt, aber eine Stunde früher ſchadete nichts. Ich gehe in's Parterre, und da fällt mir ein, daß ich mich weder nach ihrem Namen, noch nach ihrer Wohnung erkundigt; es war indeß leicht, dies zu erfahren. Sie ſpielte die Rolle der Mandane, und da ich ſie jetzt in weiterer Entfernung als von meiner Loge aus ſah, ſo entzückte ſie mich durch die Wahrheit ihres Spiels, ihren Anſtand und ihren reinen Geſang. Ein gut⸗ gekleideter junger Mann ſtand neben mir; ich fragte ihn nach dem Namen dieſer trefflichen Sängerin. Sie ſind alſo erſt ſeit heute in Florenz? Ich bin ſeit geſtern hier. Das iſt zu entſchuldigen. Wohlan, mein Herr, ſie heißt, wie ich, denn ſie iſt meine Frau, und mein Name iſt Cirillo Paleſi, Ihnen aufzuwarten. Ich machte ihm eine Verbeugung und blieb ſtumm vor Erſtaunen. Ich wagte ihn nicht nach ſeiner Wohnung zu fragen, denn er hätte meine Neugierde unverſchämt fin⸗ den können. Thereſe mit dieſem jungen Manne verheirathet! Und gerade auf ihren Mann gerathe ich, um mich nach ihr zu erkundigen! Das war eine Verwicklung des Zufalls, welche den Stoff zu einer guten Komödienſcene geben konnte. Ich wußte nicht mehr, was ich anfangen ſollte; ich ſehnte mich allein zu ſein, um behaglich über dies ſeltſame Abenteuer und über den Beſuch nachzudenken, welchen ich der verheiratheten Thereſe um ſieben und nicht um acht Uhr machen ſollte, denn ich mußte mich an ihr letztes Wort halten. Ich empfand die lebhafteſte Neugierde, zu ſehen, welche Figur der junge Mann ſpielen würde, falls er mich wiederkennen würde, und es war nicht anders möglich, als daß er mich wiedererkannte, denn während er mir mittheilte, daß er der Mann Thereſens ſei, hatte er mich mit ziemlicher Aufmerkſamkeit betrachtet. Ich fühlte auch, daß meine erſte Flamme für dieſe theure Perſon wiedererwacht ſei, und ich 156 wußte nicht recht, ob ich mich über ihre Verheirathung be⸗ trüben oder freuen ſollte. Ich verließ die Oper und befahl meinem Lakaien einen Wagen zu holen. Mein Herr, Sie können ihn erſt um acht Uhr bekom⸗ men, denn wegen der Kälte hat der Kutſcher die Pferde in den Stall geführt. Gehen wir zu Fuße. Sie werden ſich erkälten. Wie heißt die Prima Donna? Als ſie hierher kam, hieß ſie Lauti, aber ſeit einigen Monaten heißt ſie Paleſi. Sie hat einen ſchönen jungen Mann geheirathet, welcher nichts verſteht und nichts hat, aber ſie iſt reich und anſtändig, und ich kann Ihnen ſagen daß nichts zu machen iſt. Wo wohnt ſie? Am Ende dieſer Straße. Dies iſt ihr Haus; ſie wohnt im erſten Stocke. Zufrieden, Alles, was ich wünſchte, erfahren zu haben, machte ich den Mund nicht mehr auf und achtete nur auf den Weg, um ihn am nächſten Tage allein wiederfinden zu können. Ich nahm ſchnell ein leichtes Abendeſſen ein und befahl Le Duc mich um ſechs Uhr zu wecken.. Aber es wird erſt um ſechs Uhr Tag. Ich weiß es. Dann iſt es gut. Mit Tagesanbruch ſchreite ich auf die Thür der Frau zu, welche ich zuerſt mit Leidenſch aft geliebt habe. Ich ſteige in's erſte Stockwerk, und eine alte Frau, welche mir auf⸗ macht, fragt mich, ob ich Herr Caſanova ſei. In Folge meiner bejahenden Antwort, ſagte ſie, Madame habe geſagt, ich würde erſt um acht Uhr kommen. Madame hat geſagt um ſieben Uhr. Gleichviel, haben Sie die Güte, in dieſes Zimmer zu treten, ich will ſie wecken. Fünf Minuten darauf erſcheint der junge Mann in Schlafrock und Nachtmütze, begrüßt mich ſehr höflich, und ſagt, ſeine Frau werde bald erſcheinen. Sodann ſiehi er V r- 157 mich uſ der Miene eines Mannes, der aus den Wolken fällt, ſtarr an, und ſagt: Nicht wahr, mein Herr, Sie haben mich geſtern gefragt, wie meine Frau heiße? Sie täuſchen ſich nicht, mein Herr, ich war es. Ich habe ſie ſeit vielen Jahren nicht geſehn und glaubte ſie wiederzuerkennen; das Glück wollte, daß ich mich an ih⸗ ren Mann wendete, und die Freundſchaft, welche mich mit ihr verbindet, wird mich von nun an mit Ihnen verbinden. Während ich dies ſchöne Compliment beendete, erſchien Thereſe, ſchön wie Venus, mit offenen Armen; ich drücke ſte entzückt an meine Bruſt, und wir bleiben zwei Mi⸗ nuten wie zwei Freunde, wie zwei Liebende, welche ſich nach langer und ſchmerzlicher Abweſenheit wiederſinden, an ein⸗ andergepreßt. Nachdem wir uns widerholentlich umarmt, bat ſte ihren Mann, ſich zu ſetzen, und mich auf ein Canapé ziehend, ließ ſie ihren Thränen freien Lauf. Ich weinte ebenfalls und fand einen Reiz an dieſen Thränen. Wir trockneten zuletzt unſere Thränen, und mit einer gleich⸗ zeitigen Bewegung blickten wir auf den Mann, welchen wir vergeſſen hatten. Man denke ſich das lächerliche Erſtaunen, welches ſein Geſicht ausdrücken mußte, als wir Beide vor Lachen losplatzten. In ſeinem Staunen lag etwas ſo Ko⸗ miſches, daß alle Mittel der Poeſte und die ganze Ge⸗ ſchmeidigkeit der Caricatur nicht hinreichen würden, es zu ſchildern. Thereſe, welche die Mittel, dieſen von ihr ge⸗ kneteten Teig zu bewegen kannte, rief mit pathetiſchem und zärtlichem Tone aus: Mein lieber Paleſi, Du ſiehſt meinen Vater, und mehr als meinen Vater, Du ſiehſt einen groß⸗ müthigen Freund, welchem ich Alles verdanke. Glücklicher Augenblick, nach welchem mein Herz ſich ſeit zehn Jahren ſehnt! Beim Namen Vater, blickte mich der arme Mann an; aber ich lachte nicht, wie große Luſt ich auch dazu hatte. Thereſe, obwohl ſehr gut erhalten, war dennoch nur zwei Jahre jünger als ich; aber die Freundſchaft giebt dem ſüßen Vaternamen jeden Sinn. Ja, mein Herr, ſagte ich, Ihre Thereſe iſt meine Tochter, meine Schweſter, meine Freundin, welche ich liebe; ſie iſt ein Engel, und dieſer Schatz iſt Ihre Frau. 158 Ohne ihn zur Beſinnung kommen zu laſſen, wendete ich mich zu Thereſen und ſagte: Ich habe Deinen Brief nicht beantwortet, theure Freundin—— Ich weiß Alles. Du warſt in eine Nonne verliebt, Du warſt unter den Bleidächern eingeſperrt, und ich habe in Wien Deine beinahe wunderbare Flucht erfahren. Ich habe ſpäter erfahren, welches Glück Du in Paris und Hol⸗ land gemacht haſt, und erſt nach Deiner Abreiſe von Paris habe ich Niemand mehr gefunden, welcher mir von Dir etwas erzählen konnte. Wenn ich Dir ausführlich erzählen werde, was Alles mir während dieſer zehn Jahre begegnet iſt, wirſt Du hübſche Sachen erfahren. Einſtweilen bin ich glücklich. Das iſt mein lieber Paleſt, ein Römer, welchen ich vor einigen Monaten geheirathet habe. Wir lieben uns, und ich hoffe, Du wirſt ſein Freund werden, wie Du der meinige biſt. Ich ſtand bei dieſen Worten auf und umarmte den Mann, welcher eine ſo ſonderbare Figur ſpielte. Er kam mir mit offenen Armen, aber etwas verlegen entgegen, denn er wußte wahrſcheinlich noch nicht, was er von einem Manne denken ſollte, der Vater, Bruder, Geliebter und viel⸗ leicht auch Freund ſeiner Frau war. Dieſe Verlegenheit blieb Thereſen nicht unbemerkt, welche ihn nach mir mit allen Zeichen lebhafter Zärtlichkeit umarmte, die nun mich in Verlegenheit ſetzten, denn während der verfloſſenen halben Stunde war die alte Liebe wiedererwacht, die mich einſt für ſie entflammt hatte, als Don Sancio Pico mich mit ihr be⸗ kannt gemacht hatte. Paleſi, beruhigt durch meine Umarmung und die Liebkoſungen ſeiner Frau, fragte mich, ob ich ihnen das Vergnügen erweiſen wolle, mit ihnen eine Taſſe vortreffli⸗ cher Chocolade zu trinken, die er ſelbſt bereiten werde. Ich⸗ entgegnete, die Chocolade ſei mein Lieblingsfrühſtück, und ſie werde mir um ſo beſſer ſchmecken, wenn ſie durch einen Freund bereitet werde. Er entfernte ſich, um an die Arbeit zu gehn. Dies war der Augenblick des Glücks.. Als wir allein waren, ſtürzte meine Thereſe mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck der Liebe in meine Arme. O, — 159 mein Freund, für den mein Herz zum erſtenmale geſchlagen at, und den ich mein ganzes Leben lang lieben werde, laß mich das Glück genießen, Dich an meinen Buſen zu drücken. Umarmen wir uns hundertmal an dieſem glück⸗ lichen Tage; hiebei, mein Herz, wollen wir aber ſtehn bleiben, da das Schickſal mich zur Frau eines Andern gemacht hat. Morgen wollen wir wie Schweſter und Bruder mit einander umgehn; heute aber wollen wir Liebende ſein. Sie hatte dieſe Rede noch nicht beendet, als ich ſchon auf den Gipfel des Glücks gelangt war. Unſere Ent⸗ zuͤckungen waren gegenſeitig, und wir erneuerten ſie faſt unaufhörlich während der halben Stunde, die wir vor uns hatten. Ihr Morgennegligé und mein Ueberrock paßten ganz vortrefflich für die Umſtände. Nachdem wir unſere Liebesgluth zum Theil geſättigt und uns ſo wiedergefunden hatten, wie wir waren, als wir uns in Rimini trennten, athmeten wir freier auf und ſetz⸗ ten uns wieder auf unſere Plätze. Nachdem ſie ſich ein wenig geſammelt, ſagte ſie, Du mußt wiſſen, daß ich mich in meinen Mann verliebt und zugleich feſt entſchloſſen bin, ihn nie zu täuſchen. Was ich gethan, war eine Schuld, die ich in Erinnerung an unſere erſte Liebe abgetragen habe. Ich mußte ſie bezahlen, um Dir zu zeigen, wie theuer Du mir biſt; aber denken wir nicht mehr daran. Vergeſſen wir das Geſchehene, mein Freund. Laß es Dir genügen, daß Du weißt, ich liebe Dich, woran Du nicht zweifeln kannſt, und laß mir die ſüße Ueberzeugung, daß ich geliebt werde; aber vermeiden wir in Zukunft die Gelegenheit, uns allein zu ſehn, denn ich würde unterliegen, und das würde mir leid ſein. Stimmt Dich das traurig? Ich finde Dich gebunden, und ich bin frei. Wir würden uns ſonſt nicht wieder getrennt haben. Du haſt meine erſte Flamme wieder entzündet. Ich bin ſo, wie ich war, als ich Dich in Ancona kennen lernte; ich habe Dir den Beweis dafür geliefert, und Du wirſt Dir vorſtellen können, wie unglücklich ich mich fühle, Dich nicht mehr be⸗ ſitzen zu können. Ich finde Dich nicht bloß verheirathet, Wenn ich mich aber auch nicht in Genua aufgehalten hätte, würde ich doch nicht weniger unglücklich ſein. Zu ſeine 5. ———;—ÿ————-— 160 ſondern auch verliebt. Leider bin ich zu ſpät gekommen Zeit und an ſeinem Orte ſollſt Du Alles erfahren. Einſt⸗ weilen werde ich mich den Geſetzen unterwerfen, welche Du mir auferlegſt. Dein Mann, glaube ich, weiß nichts von dem, was uns angeht, und ich muß zurückhaltend ſein, nicht wahr? Ja, mein theurer Freund, denn er weiß nichts von meinen Angelegenheiten, und es iſt mir ſehr lieb, daß er nicht neugierig iſt. Er weiß, wie allgemein bekannt, daß ich in Neapel mein Glück gemacht habe, wohin ich, wie ich ihm geſagt, mit dem zehnten Jahre gekommen ſei. Das iſt eine unſchuldige Lüge, welche Niemand ſchadet, und welche ich in dem Stande, den ich gewählt, verſchiedenen Wahrhei⸗ ten, die mir nachtheilig ſein würden, habe vorziehn müſſen. Ich gebe mich für vierundzwanzig Jahre alt aus; was meinſt Du dazu? Es ſcheint mir ſo, als ob dies richtig ſei, obwohl ich weiß, daß Du zweiunddreißig Jahre alt biſt. 8 Du willſt einunddreißig ſagen, denn als ich Dich ken⸗ nen lernte, konnte ich höchſtens vierzehn Jahre alt ſein. Ich glaubte, Du wäreſt fünfzehn Jahre alt geweſen. Das können wir unter uns ſagen; aber ſage mir, ob ich älter als vierundzwanzig Jahre ausſehe. Ich kann Dir zuſchwören, daß Du nicht einmal ſo alt ausſiehſt; aber in Neaapel—— In Neapel könnte ein Chronifkſchreiber die Wahrheit wiſſen; indeß achtet Niemand auf dieſe Leute. Aber, mein theurer Caſanova, ich bin geſpannt auf einen Augenblick, welcher einer der intereſſanteſten Deines Lebens ſein muß. Einer der intereſſanteſten meines Lebens, ſagſt Du? Wann ſoll er ſein? Erlaube, daß ich ſchweige, denn ich will mich an Dei⸗ nem Erſtaunen weiden. Sprechen wir von einer weſent⸗ lichen Sache. Wie ſtehn Deine Angelegenheiten? Wenn Du Geld brauchſt, ſo bin ich im Stande, Dir das, was Du mir gegeben, mit ſo viel Zinſen, als Du nur wünſchen — — 8 161 „ 3 kannſt, wiederzugeben. Mein Mann hat über nichts zu ge⸗ bieten, und Alles, was ich beſitze, gehört mir. In Neapel habe ich fünſzigtauſend Ducati di regno, und ich beſitze eine gleiche Summe in Diamanten. Sage mir, was Du brauchſt, ſchnell, denn die Chocolade wird ſogleich kommen. So war Thereſe. Tief gerührt ſtürzte ich mich an ihren Hals, bevor ich ihr antwortete, als die Chocolade er⸗ ſchien. Ihr Mann trat ein, gefolgt von einem Mädchen, welches eine vollendete Schönheit war; ſie brachte auf einem ſilbernen und vergoldeten Teller drei Taſſen Chocolade. Während wir die Chocolade tranken, unterhielt uns Paleſt, indem er uns auf eine geiſtreiche Weiſe erzählte, wie er⸗ ſtaunt er geweſen, als er geſehn, daß der Mann, der ihn genöthigt, ſo früh ſein Bett zu verlaſſen, derſelbe ſei, der ihn am vorigen Tage gefragt, wie ſeine Frau heiße. Thereſe und ich lachten, daß wir uns die Seiten halten mußten, denn ſeine Erzählung war eine Miſchung von Geiſt und Gutmüthigkeit. Der Römer mißfiel mir weniger, als er mir in ſeiner Eigenſchaft als Gatte hätte mißfallen müſſen, denn er ſchien mir nur der Form wegen eiferſüchtig zu ſein. Mein theurer Freund, ſagte Thereſe, um zehn Uhr habe ich hier eine Generalprobe aller Arien der neuen Oper. Du kannſt hier bleiben, wenn Du willſt. Du wirſt mir ein großes Vergnügen erweiſen, wenn Du erlaubſt, daß alle Tage für Dich gedeckt wird, und Du wirſt mich ſehr verbinden, wenn Du mein Haus als das Deinige betrach⸗ teſt. Für heute werde ich Dich erſt nach dem Abendeſſen verlaſſen, und Dich ſodann meinem Manne übergeben. Bei dieſen Worten umarmte mich Paleſi mit wirklicher Rührung, wie um mir zu danken, daß ich ſeine Rechte als Mann nicht beeinträchtigen zu wollen ſcheine. Dieſer junge Mann war kaum zweiundzwanzig Jahre alt; er war blond, gut gewachſen und zu huͤbſch für einen Mann. Thereſe war zu entſchuldigen, daß ſie ſich in ihn verliebt, und ich verdachte es ihr nicht, denn ich kannte die Macht eines ſchönen Geſichts nur zu gut; aber ſie ſchien mir nicht recht daran gethan zu haben, daß ſie ihn zu ihrem Manne gemacht, denn ein Mann, wie er auch ſein mag, XI. 11 162 erlangt immer gewiſſe Herrenrechte, welche zuweilen ſehr läſtig werden können. Die hübſche Kammerfrau Thereſens meldete mir, daß mein Wagen vor der Thür ſtehe. Erlauben Sie, ſagte ich zu meiner Freundin, daß mein Lohnbedienter hereinkommt? Wer, ſagte ich zu dem Tölpel, hat Ihnen befohlen, mit meinem Wagen hieherzu⸗ kommen? Niemand, mein Herr, aber ich kenne meine Pflicht. Wer hat Ihnen geſagt, daß ich hier ſei? Ich habe es errathen. Rufen Sie meinen Kammerdiener und kommen Sie mit ihm zurück. Als er wiedergekommen war, befahl ich Le Duc, ihm den Lohn für drei Tage auszuzahlen, ihm meine Liorée ab⸗ zunehmen und den Doctor Vannini um einen Bedienten von derſelben Größe zu bitten, der ſich nicht auf's Rathen lege, ſondern die Befehle ſeines Herrn pünktlich ausführe. Der Burſche, dem dies ſehr unangenehm war, empfahl ſich, Thereſen; aber als kluge Frau, ſagte ſie, ſein Herr ſei allein im Stande, ſeine Dienſte zu würdigen.. Um zehn Uhr füllte ſich der Saal mit Schauſpielern, Schauſpielerinnen und einer Menge Liebhaber. Thereſe empfing ihre Kußhände mit Grazie und Adel, und ich konnte hieraus wohl ſchließen, daß ſie in großem Rufe ſtand. Die Probe dauerte drei Stunden und ich langweilte mich ſehr. Um mir die lange Weile zu vertreiben, unterhielt ich mich mit Paleſt, der mir gefiel, weil er es ſich auch nicht im Geringſten einfallen ließ, mich zu fragen, wo, wie und wann ich ſeine Frau kennen gelernt. Ich ſah, daß er An⸗ ſtand hatte und ſich ſeiner Stellung bewußt war. Eine junge Parmeſanerin, welche eine Männerrolle ſpielte und gut ſang, blieb zum Eſſen. Thereſe hatte auch eine junge Bologneſerin, Namens Corticelli, eingeladen. Die entſtehenden Reize dieſer jungen Figurantin fielen mir auf; da ich indeß in dieſem Augenblicke ganz von Iereſen erfüllt war, ſo beachtete ich ſie nicht ſehr. Einen Augen⸗ blick darauf ſah ich einen ſehr beleibten Abbé gemeſſenen * — 163 Schritts eintreten, einen wahren Tartüfe, welcher nur Thereſen ſuchte, und nachdem er ſte bemerkt, auf ſie zu⸗ ſchritt, nach portugieſiſcher Mode ein Knie vor ihr beugte und ihr mit Ehrfurcht und Achtung die Hand küßte. The⸗ reſe ließ ihn graciöſe lächelnd neben ſich ſitzen. Seine Stimme, ſein Weſen, Alles an ihm verkündete mir einen Bekannten, und in der That erkannte ich bald den Abbé Gama, welchen ich vor ſtebenzehn Jahren in Rom beim Kardinal Acquaviva gelaſſen hatte; ich that indeß ſo, als könne ich mich nicht auf ihn beſinnen. Das wurde mir ſehr leicht, denn er hatte ſehr gealtert. Der galante Abbé hatte nur Augen für Thereſen, und da er ausſchließlich beſchäftigt war, ihr Süßigkeiten zu ſagen, ſo hatte er noch Niemand von der Geſellſchaft mit ſeiner Aufmerkſamkeit beehrt. Da ich hoffte, daß auch er mich nicht erkennen oder nach mei⸗ nem Beiſpiele ſo thun würde, als ob er mich nicht erkenne, ſo fuhr ich fort mit der Corticelli von unbedeutenden Sachen zu ſprechen, als Thereſe zu mir ſagte, der Abbé wünſche zu wiſſen, ob ich mich nicht auf ihn beſinne. Ich firire ihn, und ſo thuend, wie Jemand, der ſich beſinnt, ſtehe ich auf und frage ihn, ob ich nicht die Ehre habe, den Abbé Gama wiederzuſehn. Ihn ſelbſt, ſagte er aufſtehend und mich beim Halſe nehmend, um mich wiederholentlich zu umarmen. Das paßte zu ſeinem Charakter als feiner Politiker, und der Leſer wird nicht vergeſſen, welches Portrait ich früher von ihm entworfen habe. Man wird ſich leicht denken können, daß, nachdem ſo das Eis gebrochen war, wir ſobald kein Ende finden konnten, Er ſprach von Barbaruccia, von der ſchönen Marquiſe G., vom Kardinal S. C., und erzählte mir, wie er aus dem Dienſte Spaniens in den Portugals übergegangen ſei, in dem er ſich noch befinde. Es war mir lieb, daß er mich an eine Menge Umſtände erinnerte, welche in meiner erſten Jugend ein ſo großes Intereſſe für mich gehabt hatten, als eine unerwartete und ganz unvorhergeſehene Erſcheinung alle Fähigkeiten meines Geiſtes abſorbirte. Ein junger Mann von fuͤnfzehn bis ſechszehn Jahren, ſo ausgebildet, wie es 11* ———— 164 ein Italiäner in dieſem Alter nur ſein kann, tritt mit un⸗ gezwungenem Weſen ein, begrüßt die Geſellſchaft auf eine anmuthige Weiſe und umarmt Thereſen. Ich war der Ein⸗ zige, der ihn nicht kannte, aber ich war nicht der Einzige, deſſen Züge Erſtaunen ausdrückten. Die unerſchrockene Thereſe ſtellte ihn mir auf die natürlichſte Weiſe mit den Worten vor: Das iſt mein Bruder. Ich empfing ihn auf's Beſte, obwohl mit einiger Verlegenheit, da ich nicht Zeit gehabt hatte, mich zu er⸗ holen. Dieſer angebliche Bruder Thereſens war mein leib⸗ haftes Portrait, außer daß er einen hellern Teint als ich hatte. Das war die Ueberraſchung, welche Thereſe mir angekündigt hatte; ſie hatte ſich das Vergnügen vorbehalten wollen, mich verſteinert und entzückt zu ſehn, denn ſie wußte wohl, daß der Gedankte, ihr eine ſolche Erinnerung an unſere gegenſeitige Liebe zurückgelaſſen zu haben, mich im höchſten Grade rühren würde. Ich war in vollſtändiger Unwiſſenheit, denn in ihren Briefen hatte ſie nie von ihrer Schwangerſchaft geſprochen. Wenn ich mir die Sache be⸗ dachte, ſo ſchien es mir, als ob Thereſe dieſes Zuſammen⸗ treffen in Gegenwart eines Dritten hätte vermeiden ſollen; denn Jeder hatte Augen, und es bedurfte nur dieſer, um ſich beim erſten Blicke zu überzeugen, daß der junge Mann nur mein Sohn oder mein Bruder ſein könne. Ich warf ihr einen Blick zu, aber ſie entzog ſich demſelben, während ihr vermeintlicher Bruder mich mit ſolcher Aufmerkſamkeit betrachtete, daß er nicht hörte, was ſie ſagte. Was die Zuſchauer betraf, ſo ließen dieſe ihre Augen von ſeinem Geſichte auf das meinige gleiten, und wenn ſte der Anſicht waren, daß er mein Sohn ſei, ſo mußten ſie nothwendiger Weiſe glauben, daß ich der Liebhaber von Thereſens Mut⸗ ter geweſen, wenn ſie wirklich ſeine Schweſter war, denn in dem Alter, welches ſte zu haben ſchien, und welches ſie ſich beilegte, war es unmöglich anzunehmen, daß ſie ſeine Mutter ſei. Es war eben ſo unmöglich anzunehmen, daß ich der Vater Thereſens ſei, denn ich ſah nur wenig älter als ſie aus. Mein Sohn ſprach den neapolitaniſchen Dialekt, und —B n 1 165 dieſe Mundart iſt nicht ohne Reiz, aber er ſprach auch gut italiäniſch und zeigte in Allem, was er ſagte, Geſchmack, Verſtand und Geiſt, was mir ſehr gefiel. Er beſaß Bildung, obwohl er in Neapel erzogen war und ein ſehr feines Be⸗ nehmen. Seine Mutter ſetzte mich bei Tiſche zwiſchen ſich und ihn. Seine Lieblingsleidenſchaft, ſagte ſie, iſt die Muſik. Sie werden ihn Klavier ſpielen hören, theurer Freund, und obwohl ich acht Jahre älter als er bin, ſo werden Sie doch ſagen müſſen, daß er mehr als ich weiß. So zog ſie ſich mit der Natürlichkeit und Feinheit, welche nur den Frauen eigenthümlich ſind, und welche wir nur annähernd erreichen, aus der Verlegenheit. Mochte es nun Natur, Voreingenommenheit, Eigen⸗ liebe oder was ſonſt ſein, ich ſtand ſo bezaubert von mei⸗ nem Sohne vom Tiſche auf, daß ich ihn wiederholentlich und ſo gerührt umarmte, daß die ganze Geſellſchaft Beifall klatſchte. Für den folgenden Tag lud ich die ganze Ge⸗ ſellſchaft zum Mittagseſſen bei mir ein, und meine Ein⸗ ladung wurde mit Freuden angenommen; aber die Corti⸗ celli fragte mit ſehr naivem Tone: Auch ich? Gewiß, auch Sie. Der Abbé Gama ſagte nach Tiſche, ich möge mich entſcheiden, ob ich bei ihm frühſtücken, oder ihm ein Früh⸗ ſtück geben wolle, weil er vor Luſt vergehe, zwei Stunden mit mir allein zu plaudern. Ich werde Sie bei mir em⸗ pfangen, Herr Abbé, ſagte ich, und zwar mit großem Ver⸗ gnügen. Als ſich alle Gäſte entfernt hatten, fragte mich Don Ceſarino, ſo hieß der angebliche Bruder Thereſens, ob ich ihn auf die Promenade führen wolle. Ihn umarmend, er⸗ wiederte ich, mein Wagen ſtehe zu ſeinem Befehl; er könne in demſelben mit ſeinem Schwager fpatzierenfahren, weil ich mich an dieſem Tage nicht von ſeiner Schweſter trennen wolle. Paleſi war mit dieſer Antwort ſehr zufrieden, und ſie entfernten ſich. Sobald wir allein waren, umarmte ich Thereſen auf's Feurigſte und machte ihr ein Kompliment über ihren hüb⸗ ſchen Bruder. Mein Freund, er iſt die ſüße Frucht unſerer Liebe, denn er iſt Dein Sohn, er macht mich glücklich und iſt ſelber glücklich, denn er hat Alles, was dazu nöthig iſt. Und auch ich bin glücklich, göttliche Thereſe. Haſt Du aber wohl geſehn, wie ich bei ſeinem Anblicke meine Vater⸗ ſchaft errieth? zu geben? Wie ungeſtüm Du biſt! reen, Bedenke angebetetes und anbetungswürdiges Weib, daß Du geſagt haſt, wir würden morgen nur noch Freunde ſein. Ich war ſchon Gatte, oder vielmehr glücklicher Lieb⸗ haber geworden; aber der Gedanke, daß es zum letzten Male ſei, miſchte einige Bitterkeit in die glühende und ſüße Wolluſt, die ich bei dieſer Vereinigung empfand, bei welcher ſiß beiden Seiten Liebe, Zärtlichkeit und Gefuͤhl den Vorſitz ührten. Als wir wieder etwas ruhiger geworden waren, ſagte Thereſe zu mir. Derjenige, der unſer Kind hat erziehen laſſen, iſt derſelbe Herzog, der inich oihnanini entführte, denn ſobald ich mich ſchwanger fühlte, theilte ich ihm mein Geheimniß mit. W lum eerale daß Jemand etwas erfuhr, und mein Kind wurde zu einer Amme nach Sor⸗ rento gebracht, und der Herzog ließ es unter dem Namen Cäſar Philipp Lauti taufen. Bis zum Alter von neun Jahren blieb es in Penſion, worauf es zu einem ordent⸗ lichen Manne gebracht wurde, unter deſſen Leitung es Studien machte und Muſik lernte. Von zarteſter Kindheit an hat er mich als Schweſter gekannt, und Du kannſt Dir nicht denken, wie glücklich ich mich fühlte, als ich ihn mit zu⸗ nehmendem Alter Dir immer ähnlicher werden ſah. Ich habe ihn immer als ſichres Pfand unſerer Vereinigung be⸗ trachtet, denn ich dachte immer, ſie würde erfolgen, ſobald wir uns ſähen, da ich überzeugt war, daß er auf Dein Gemuͤth denſelben Eindruck, wie auf das meinige machen würde. Ich war überzeugt, daß Du dieſem intereſſanten Sproſſe Aber, beabſichtigſt Du, mein Herz, ihm einen Bruder unſerer Liebe den Namen Deines rechtmäßigen Sohnes — ⏑ʒ⏑— — 167 nicht verweigern könnteſt und demgemäß ſeine Mutter hei⸗ rathen würdeſt. Und Du haſt das, was mich glücklich gemacht haben würde, unmöglich gemacht! Das Schickſal hat entſchieden, mein Freund, ſprechen wir alſo nicht mehr davon. Nach dem Tode des Herzogs verließ ich Neapel und ließ Ceſarino in derſelben Penſion unter dem Schutze des Fürſten Della Riccia, der ihn immer wie einen Bruder betrachtet hat. Dein Sohn beſttzt ein Kapital von zwanzigtauſend Ducaten di regno, deſſen Zin⸗ ſen mir ausbezahlt werden, und von dem er nichts weiß; Du kannſt Dir indeß wohl denken, daß es ihm an nichts fehlt. Was mich allein ſchmerzt, iſt, daß ich ihm nicht ſa⸗ gen kann, daß ich ſeine Mutter bin, denn ich glaube, er würde mich mehr lieben, wenn er wüßte, daß er mir das Leben verdankt. Du kannſt Dir nicht vorſtellen, welches Vergnügen ich heute hatte, als ich Dein Erſtaunen ſah und bemerkte, wie ſchnell Du Dich in ihn verliebteſt. Und dieſe außerordentliche Aehnlichkeit? Sie iſt mir angenehm. Kann ſie wohl auf etwas An⸗ ders ſchließen laſſen, als daß Du in meine Mutter verliebt geweſen? Nun immerhin. Mein Mann glaubt, dies ſei der Grund der Freundſchaft, die uns verbindet und die ihm heute Morgen, als er unſre Verzückungen ſah, hätte Anſtoß geben können. Geſtern ſagte er zu mir, Ceſarino könnte wohl von mütterlicher, aber nicht von väterlicher Seite her mein Bru⸗ der ſein, denn er habe im Paterre ſeinen Vater geſehn, der unmöglich der meinige ſein könne. Wenn ich von Paleſt Kinder bekomme, ſo erben ſie nach meinem Tode mein gan⸗ zes Vermögen; bekomme ich keine, ſo wird Ceſarino mein Erbe. Mein Vermögen iſt in ſichern Händen, ſelbſt wenn der Fürſt Della Riccia ſterben ſollte. Komm, ſagte ſie, in⸗ dem ſie mich in ihr Schlafzimmer zog. Hier öffnete ſie eine große Caſſette, welche ihre Diamanten und andere Klei⸗ nodien und für mehr als funfzigtauſend Dukaten in guten Kontrakten enthielt. Sie hatte überdies viel vergoldetes Silbergeſchirr, und ihr außerordentliches Talent ſicherte ihr die erſten Stellen an allen italiäniſchen Theatern. 168 Weißt Du, fragte ich, ob unſrer theurer Ceſarino ſchon geliebt hat? 3 Ich glaube es nicht, aber ich glaube, daß unſre hübſche Kammerjungfer in ihn verliebt iſt. Ich werde ein wachſa⸗ mes Auge haben. Sei nicht zu ſtrenge. Nein, aber ein junger Mann darf ſich nicht zu früh dem Vergnügen überlaſſen, das alles Andre vernachläſſtgen läßt. Gieb ihn mir; ich will ihn die Welt kennen lehren. Fordre Alles von mir, aber laß mir meinen Sohn. Wiſſe, daß ich ihn nie umarme, weil ich toll zu werden fürchte. Wenn Du wüßteſt, wie gut und rein er iſt, und wie er mich liebt! Aber ich ſchlage ihm auch nichts ab. Was wird man in Venedig ſagen, wenn man in vier Mo⸗ naten den aus den Bleidächern geflüchteten und um zwan⸗ zig Jahre verjüngten Caſanova wiederſehn wird! Du gehſt alſo zur ascénsa nach Venedig? Ja, und Du gehſt nach Rom? Und nach Neapel, um den Herzog von Matalone, mei⸗ nen Freund, zu beſucken. Ich kenne ihn ſehr gut. Er hat ſchon einen Sohn von der Tochter des Herzogs von Bovino, welche er gehei⸗ rathet hat. Sie iſt eine reizende Frau, welche verſtanden hat, ihn zum Manne zu machen, denn ganz Neapel wußte, daß er kein Mann war. Vermuthlich hat ſie aber nicht das Geheimniß gehabt, ihn zum Vater zu machen. Das iſt möglich Wir verbrachten den Tag in wechſelreicher und intereſ⸗ ſanter Unterhatung, bis Ceſarino und ihr Mann zurück⸗ kamen. Dieſes liebe Kind feſſelte mich vollends während des Abendeſſens, denn es war ſchalkiſch, mittheilſam, liebens⸗ würdig, und hatte die ganze neapolitaniſche Lebendigkeit. Er ſetzte ſich ans Klavier und nachdem er einige Stücke mit der Meiſterſchaft eines Virtuoſen geſpielt, ſang er neapoli⸗ taniſche Volkslieder über welche wir laut auflachen mußten. Meine Thereſe hatte nur für ihn und für mich Augen; 169 aber von Zeit zu Zeit umarmte ſie ihren Mann, und rief aus: Wie glücklich iſt man doch, wenn man liebt! Dieſer Tag gehört zu den glücklichſten meines Lebens, und ich zähle deren viel. 84 Dreiundachtzigſtes Kapitel. Die Corticelli.— DYer durchgeprügelte jüdiſche Unter- nehmer.— Der kalſche Karl Imanofk und ſchlechter Streich, welchen er mir ſpielt.— Willkürlicher Bekehl Tosrana zu verlaſſen.— Ich lange in Rom an.— Mein Bruder Johann. Am folgenden Tage um neun Uhr wurde mir der Abbé Gama gemeldet, der in Freudenthränen ausbrach, weil er mich nach ſo vielen Jahren der Trennung wohl und in ſo gutem Zuſtande wiederſah. Der Leſer wird ſich leicht denken können, daß der ſchlaue Abbé mich lobte, und er wird vielleicht wiſſen, daß man noch ſo viel Geiſt, Welt⸗ kenntniß und Mißtrauen gegen die Ohrenkitzler haben mag, und daß dennoch die lauernde Eigenliebe auf ſie hört und ſie angenehm finden läßt; aber die Eigenliebe geſteht ſich dies nicht ein, weil ſie ſich ſonſt verletzt fühlen würde. Die⸗ ſer ſanfte, geiſtreiche, liebenswürdige Abbé, welcher zugleich ſehr fein war, weil er immer unter den Großwürdenträͤgern des Dieners der Diener Gottes gelebt, war durchaus nicht boshaft, aber er war ſowohl von Charakter wie aus Ge⸗ ſchäftsgewohnheit neugierig, mit einem Worte, ſo wie ich ihn in einem frühern Theile dieſes Werks geſchildert. Da er meine Abenteuer kennen zu lernen wünſchte, ſo wartete er nicht ab, daß ich ihn um eine Erzählung der ſeinigen ————— 170 bat. Mit großer Weitläufigkeit erzählte er mir ſeine Schick⸗ ſale während der ſiebenzehn Jahre, welche wir uns nicht ge⸗ ſehn. Er war aus dem Dienſte Spaniens in den Sr. Allergläu⸗ bigſten Majeſtät übergegangen und war Geſandſchaftsſekretair des Kommandeurs Almada; er hatte Rom verlaſſen müſſen, weil der Papſt Rezzonico dem Könige von Portugal nicht hatte geſtatten wollen, die Jeſuiten zu beſtrafen, dieſe ehren⸗ werthen Meuchelmörder, welche ihm allerdings nur einen Arm zerbrochen hatten, welche ihm aber nichtsdeſtoweniger ans Leben gewollt hätten. Gama ſtreifte in Italien umher, mit Almada und dem berühmten Carvalho correſpondirend und das Ende des Kriegs abwartend, um nach Rom zu⸗ rückzukehren. Das war der weſentliche Inhalt ſeiner Er⸗ zählung; aber der Abbé wußte denſelben ſo ſehr durch Epi⸗ ſoden zu erweitern, daß ſie länger als eine Stunde dauerte; ohne Zweifel wollte er mich dadurch zur Dankbar⸗ keit bewegen, damit ich ihm von meinen Begegniſſen nichts verſchwiege; aber wir beide legten Proben von diplomati⸗ ſchem Talente ab, er, indem er ſeine Erzählung verlängerte, ich, indem ich die meinige verkürzte, nicht ohne ein gewiſſes geheimes Vergnügen, ſeine Neugierde beſtrafen zu können. Was wollen Sie in Rom machen? fragte er geſprächs⸗ weiſe. Ich will, erwiederte ich, mich dem Papſte vorſtellen und ihn bitten, ſich bei den venetianiſchen Staatsinquiſito⸗ ren für meine Begnadigung zu verwenden. Das war nicht wahr, aber dieſe Antwort war ſo gut wie jede andere, wenn ich die Wahrheit nicht ſagen wollte; hätte ich ihm übrigens auch geſagt, daß ich nur des Spaßes halber hin ginge, er würde mir doch nicht geglaubt haben. Wer einem Un⸗ gläubigen die Wahrheit ſagt, entweiht ſie und begeht mei⸗ ner Anſicht nach einen Mord. Er bat mich ſodann, in brieflichem Verkehr mit ihm zu bleiben, und da mich dies zu nichts verpflichtete, ſo verſprach ichs. Ich kann, ſagte er, Ihnen einen Freundſchaftsbeweis geben, indem ich Sie dem Marquis von Botta⸗Adamo, Gou⸗ verneur von Toscana vorſtelle, der für einen Freund des Regenten gilt,(der ſpäter unter dem Namen Franz II. Kai⸗ 171 ſer wurde.) Nachdem ich ſein Anerbieten dankbar angenom⸗ men, brachte er das Geſpräch auf Thereſen; aber er fand mich hier verſchloſſen wie den Geldkoffer eines Geizigen. Ich ſagte zu ihm, ſie ſei noch Kind geweſen, als ich in Bologna ihre Familie kennen gelernt, und die Aehnlichkeit zwiſchen ihrem Bruder und mir ſei nur eins jener Spiele des Zufalls, bei welchem nur unſer Zuſammentreffen be⸗ merkenswerth ſei. Da er auf meinem Tiſche ein ſehr ſchön⸗ geſchriebenes Papier liegen ſah, fragte er mich, ob dieſe herr⸗ liche Schrifr von meinem Seeretair ſei. Coſta, der zugegen war, antwortete, ſie ſei von ihm. Gama, der ſich in Com⸗ plimenten erſchöpfte, bat mich endlich, ihm denſelben zuzu⸗ ſchicken, um einige Briefe von ihm abſchreiben zu laſſen. Da ich mir wohl denken konnte, daß er ihn nur über mich zum Plaudern bringen wollte, ſo ſagte, ich brauche den jun⸗ gen Mann ſehr nöthig für den ganzen Tag. Nun denn, auf ein andres Mal, ſagte der Abbé. Ich antwortete nicht. So ſind die Neugierigen. Die Moraliſten wollen die Neugierde nicht zu den Lei⸗ denſchaften rechnen, aber ſie haben Unrecht. Wird ſie durch die Vernunft geleitet, ſo iſt ſie eine der ſchönen Eigenſchaf⸗ ten des Geiſtes, und ſie hat die ganze Natur zum Gegen⸗ ſtande: Nihil dulcius quam omnia scire*); Sie iſt von den Sinnen abhängig, denn ſie kann nur durch Wahrneh⸗ mungen und Empfindungen entſtehn und ſich befriedigen. Aber dieſe Leidenſchaft iſt wie alle ihre Schweſtern ein Un⸗ geheuer, wenn ſie nicht durch die Weisheit gezügelt wird. Sie iſt ein ſchreckliches Laſter, wenn ſie nur den Zweck hat, in die Angelegenheiten Andrer einzudringen, ſei es direkt, ſei es indirekt, ſei es, daß der Neugierige nur um nützlich zu werden, ein Geheimniß zu erhaſchen ſtrebt, oder ſei es, daß er ſeinen Nächſten nur ausholt, um ein Ueberſtrömen des Herzens zu ſeinem Beſten auszubeuten. Die Neugierde, die je nach ihrer Richtung Laſter oder Tugend iſt, iſt immer eine Krankheit, denn es iſt ihr das eigenthümlich, daß ſie das Herz oder den Geiſt desjenigen, den ſie überfällt, beun⸗ *) Nichts iſt ſüßer als Alles zu wiſſen. 17² ruhigt. Ein Geheimniß, welches man erhaſcht, iſt immer ein Diebſtahl. Ich ſpreche nicht von jener edlen Neugierde, die her⸗ vorgehend aus der Beſchäftigung mit den abſtrakten Wiſſen⸗ ſchaften, die Zukunft oder vielmehr das Unmögliche kennen lernen will; da ſie eine Tochter der Unwiſſenheit oder des Aberglaubens iſt, ſo ſind es nur Thoren oder Narren, welche bei ihr verweilen. Aber der Abbé Gama war weder Thor, noch unwiſſend, noch einfältig, er war neugierig von Cha⸗ rakter und Gewerbe, denn er wurde bezahlt, um Alles zu entdecken. Er war Diplomat; in einer weniger erhabnen Sphäre würde er als Spion behandelt worden ſein. Er verließ mich, um Beſuche zu machen und verſprach zur Eſſenszeit wiederzukommen. Der Doktor Vannini ſtellte mir einen andern parme⸗ ſaniſchen Bedienten von der Größe des erſtern vor, und verſprach mir, daß dieſer mir gehorchen, nicht aber mich zu er⸗ rathen ſuchen werde. Ich dankte dem akademiſchen Wirthe und beſtellte bei ihm ein üppiges Mahl. Die Corticelli erſchien zuerſt mit ihrem Bruder, einem jungen Weibmanne und mittelmäßigen Violinſpieler, ſo wie ihrer Mutter, welche ſagte, ſie würde nie erlauben, daß ihre Tochter ohne ſie und ihren Bruder bei Fremden zum Eſſen komme. Dann können Sie, ſagte ich, ſie augenblicklich wie⸗ der mitnehmen oder dieſen Dukaten annehmen und mit Ih⸗ rem Sohne eſſen, wo Sie wollen, denn ich mag weder Sie noch ihn. Sie nahm den Dukaten und ſagte, ſie ſei ſicher, daß ſie ihre Tochter in guten Händen laſſe. Sie können darauf rechnen, ſagte ich, und nun gehn Sie. Ihre Tochter legte meinen kleinen Dialog mit ihrer Mutter auf eine ſo komiſche Weiſe aus, daß ich mich des Lachens nicht enthalten konnte und in Folge deſſen anfing ſie zu lieben. Die Corticelli war erſt dreizehn Jahre alt und ſo zart gebaut, daß ſie nur zehn Jahre alt zu ſein ſchien. Uebrigens war ſie ſchön gewachſen, heiter, ſprühend, geiſtreich und von einer Weiße, wie man ſie in Italien ſel⸗ ten findet; dennoch begreife ich noch jetzt nicht, wie ich mich in ſie habe verlieben können. — n— 173 Das tolle Mädchen bat mich um meinen Schutz gegen ihren Unternehmer, einen Juden. Er hatte ſich contraktlich verpflichtet, ſte in der zweiten Oper ein pas de deux tan⸗ zen zu laſſen, und er hatte ſie getäuſcht. Sie bat mich, den Juden zur Erfüllung ſeiner Verpflichtungen zu zwingen, und ich verſprach es ihr. Der zweite Gaſt war die Parmeſanerin Redegunde, eine große und ſchöne Perſon, welche, wie Coſta berichtete, die Schweſter meines Lohnbedienten war, und welche ich nach zwei oder drei Minuten meiner Aufmerkſamkeit ſehr werth fand. Sodann erſchien der Abbé Gama und gratulirte mir, als er mich zwiſchen zwei hübſchen Mädchen ſitzen ſah. Ich nöthigte ihn, meinen Platz einzunehmen und er begann nun als alter Sünder mit ihnen zu ſchwatzen, aber obwohl die Nymphen ſich über ihn luſtig machten, brachten ſie ihn doch nicht aus der Faſſung. Er glaubte ihnen zu gefallen; ich ſah es und erkannte wohl, wie die Eigenliebe ihn hindern könne, ſich zu überzeugen, daß er ſich laͤcherlich mache, aber ich dachte nicht, daß ich in ſeinem Alter in denſelben Feh⸗ ler verfallen würde. Wehe dem Greiſe, der ſich nicht Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen verſteht! Wehe ihm, wenn er es unterläßt, ſich mit der Idee vertraut zu machen, daß daſſelbe Geſchlecht, welches er in ſeiner Jugend ſo oft verführt hat, ihn in ſei⸗ nem Alter verachten wird, wenn er noch ferner danach ſtrebt, ihm zu gefallen! Meine ſchöne Thereſe erſchien zuletzt mit ihrem Manne und ihrem Sohne, welchen ich herzlich umarmte, nachdem ich mich dieſer ſüßen Pflicht zuvor gegen ſeine Mutter ent⸗ ledigt. Ich ſetzte mich bei Tiſch zwiſchen beide und ſagte leiſe zu Thereſen, eine ſo theure und geheimnißvolle Drei⸗ einigkeit dürfe nicht getrennt werden, worüber ſie mir auf die liebenswürdigſte Weiſe zulächelte. Der Abbé ſetzte ſich zwiſchen Redegunde und der Corticelli und wußte uns durch angenehme Geſpräche während der ganzen Mahlzeit in Hei⸗ terkeit zu erhalten. Ich lachte heimlich, als ich ſah, mit welchem ehrfurchts⸗ vollen Ernſte mein großer Lakai ſeiner Schweſter Redegunde die Teller wechſelte, und dieſe ſchien ſich nicht wenig darauf einzubilden, daß ihr eine Ehre zu Theil wurde, auf welche ihr Bruder keinen Anſpruch machen konnte. Sie war nicht großmüthig, denn in einem unbemerkten Augenblicke ſagte ſie zu mir: Er iſt ein guter Junge, hat aber leider kein Talent. Abſichtlich hatte ich eine herrliche goldne, reich email⸗ lirte und mit meinem höchſt ähnlichen Portrait in Email ge⸗ zierte Doſe eingeſteckt. Ich hatte ſie in Paris machen laſſen, um ſie Madame d'Urfé zu ſchenken, und ich hatte ſie ihr nicht geſchenkt, weil der Maler mich zu jung dargeſtellt hatte. Ich hatte dieſe Doſe mit vortrefflichem Havannatabak gefüllt, welchen Herr von Chavigny mir geſchenkt, und wel⸗ chen Thereſe ſehr liebte. Um ſie aus der Taſche zu ziehen, wartete ich, daß Thereſe mich um eine Prieſe bitten würde. Der Abbé Gama, welcher ſehr guten Tabak in einer Origoneladoſe hatte, ſchickte Thereſen eine Priſe zu, welche ihm dafür ihre mit goldnen Arabesken ausgelegte Schild⸗ pattdoſe zuſendete. Man konnte nichts Schönres ſehn. Gama kritiſirt den Tabak von Thereſen; ich thue ſo, als ob ich ihn ſehr gut finde, ſage aber der meinige ſei beſſer. Ich ziehe meine Doſe aus der Taſche, reiche ſie ihr offen und biete ihr eine Priſe an. Sie hatte das Portrait nicht ſehn können. Sie gab zu, daß mein Tabak köſtlich und weit beſſer als der ihrige ſei. Wolan, Madamo, laſſen Sie uns tauſchen. Sehr gern. Geben Sie mir Papier. Das iſt nicht nöthig. Man tauſcht den Tabak und die Doſen, in welchen er ſich befindet. 5 Dies ſagend, ſtecke ich die Doſe Thereſens in meine Taſche und reiche ihr die meinige geſchloſſen. Als ſie mein Portrait erblickte, ſtieß ſie einen Schrei aus, der die ganze Geſellſchaft neugierig machte, und ihre erſte Bewegung war, das Medaillon zu kuͤſſen. Sieh, ſagte ſie zu Ceſarino, das iſt Dein Portrait. Ceſarino blickt es erſtaunt an, und die Doſe geht nun von Hand zu Hand. Jeder findet, daß es mein Portrait 175 vor zehn Jahren ſei und daß es auch für das von Ceſarino gehalten werden könne. Thereſe war ganz außer ſich und ſchwor, die Doſe ſolle nicht mehr aus ihren Händen kom⸗ men; ſie ſtand dann auf und umarmte mehrmals ihren Sohn. Währenddeſſen verlor ich den Abbé Gama nicht aus den Augen, und ich ſah wohl, wie er über dieſen Zwi⸗ ſchenfall, der das ganze Intereſſe einer unvorhergeſehenen Wiedererkennungsſcene hatte, Commentarien in ſeinem Kopfe achte. Der gute Abbé entfernte ſich gegen Abend und ſagte, er erwarte mich morgen zum Frühſtück. Während des uübrigen Theils des Tages machte ich Redegunden den Hof, und Thereſe, welche ſah, daß das Mäd⸗ chen mir gefiel, rieth mir, mich zu erklären, und verſprach mir, ſie ſo oft ich wolle, einzuladen. Aber Thereſe kannte dieſelbe nicht. Am folgenden Tage ſagte Gama zu mir, er habe den Marſchall Botta ſchon von meinem Beſuche in Kenntniß ge⸗ ſetzt, und er werde mich um vier Uhr aus meiner Wohnung abholen, um mich dieſem Edelmanne vorzuſtellen. Sodann warf mir der gute Abbé, der immer Sklave ſeiner Neu⸗ gierde war, mit dem Tone der freundſchaftlichſten Theilnahme vor, daß ich kein Wort vom Zuſtande meines Vermögens geſagt. Ich glaubte nicht, daß es ſich der Mühe lohne, davon zu ſprechen, theurer Abbé; da Sie ſich aber dafür intereſſi⸗ ren, ſo will ich Ihnen ſagen, daß mein Vermögen nicht be⸗ deutend iſt, daß ich aber Freunde habe, deren Börſen mir offenſtehn. „Wenn Sie wahre Freunde haben, ſind Sie reich; aber wahre Freunde ſind ſelten. Als ich ihn verließ, ganz mit Redegunden beſchäftigt, die ich der jungen Corticelli vorgezogen haben würde, machte ich ihr einen Beſuch; aber welche traurige Aufnahme! Sie empfing mich in einem Zimmer, wo ſich ihre Mutter, ihr Onkel und drei oder vier ſchmutzige und ſchlecht angezogene Bälge befanden. Es waren ihre Brüder. — SLA— ———— 1— 176 Haben Sie kein paſſendes Zimmer, um Ihre Freunde zu empfangen? fragte ich. Ich bedarf keines andern Zimmers, denn ich habe keine Freunde zu empfangen. Haben Sie nur das Zimmer, meine Liebe, und es wird Ihnen nicht an Freunden fehlen. Dieſes hier iſt aus⸗ gezeichnet für Verwandte, paßt aber nicht für Perſonen, die wie ich, Ihren Reizen und Talenten huldigen wollen. Mein Herr, ſagte die Mutter, meine Tochter hat nur ein ſehr geringes Talent und macht ſich keine Täuſchung über ihre Reize, die, wie ſie weiß, nur ſehr beſcheiden ſind. Große Beſcheidenheit, Madame, läßt Sie ſo ſprechen, und ich weiß dieſelbe zu würdigen; aber nicht alle Leute betrachten Ihre Tochter mit denſelben Augen, und mir ge⸗ fällt ſte ſehr. Das iſt eine Ehre für ſie, und wir ſind dafür dank⸗ bar, laſſen uns aber nicht ſtolz machen. Meine Tochter wird Sie empfangen, ſo oft Sie ihr die Ehre, ſie zu be⸗ ſuchen, erweiſen wollen, aber hier und nirgends anderwärts. Hier, Madame, würde ich Sie zu beläſtigen fürchten. Die Gegenwart eines Ehrenmanns kann nie läſtig ſein. Ich ſchämte mich, denn nichts beſchämt einen Wüſtling ſo ſehr, als die Sprache der Schaam im Munde des Elends, und da ich nicht wußte, was ich der Mutter Vernünftiges antworten ſollte, ſo grüßte ich und entfernte mich. Ich berichtete Thereſen mein Mißgeſchick, und wir lach⸗ ten darüber. Das war das Beſte, was wir thun konnten. Ich möchte Dich gern in der Oper ſehn, ſagte ſie, und Du kannſt in mein Camerino kommen, wenn Du dem Manne, welcher die kleine, nach der Bühne führende Treppe bewacht, ein Geldſtück giebſt. Der Abbé Gama holte mich ab, wie er verſprochen, um mich dem Marſchall Botta vorzuſtellen, einem verdienſt⸗ vollen Manne, den die genueſer Vorgänge berühmt gemacht hatten. Er befehligte die öſterreichiſche Armee, als das Volk, empört über den Anblick dieſer Fremdlinge, welche nur das Land unterjochen wollten, ſich erhob und ſie zwang, die —— 177 Republik zu räumene Dieſer patriotiſche Aufſtand rettete die Republik. Ich fand ihn inmitten einer zahlreichen Ge⸗ ſellſchaft von Damen und Herren, welche er verließ, um mich zu empfangen. Er ſprach von Venedig wie ein Mann, der mein Vaterland ſehr gut kannte, und da er mich lange von Frankreich ſprechen ließ, ſo durfte ich glauben, daß er mit meiner Erzählung zufrieden ſei. Seinerſeits ſprach er nun vom ruſſiſchen Hofe, wo er ſich befand, als Eliſabeth Pe⸗ trowna, welche noch regierte, mit ſolcher Leichtigkeit den Thron ihres Vaters Peters des Großen beſtieg. Nur in Rußland, ſagte er, weiß die Politik Gift zu gebrauchen. Albs ſich zur Opernzeit der Marſchall zurückzog, ent⸗ fernten ſich Alle. Nachdem ich den Abbé nach Hauſe ge⸗ bracht, der mir natürlich verſicherte, daß ich dem Marſchall gefalle, ging ich ins Theater, wo ich vermittelſt eines Teſtone ins Camerino Thereſens gelangte, die ich unter den Händen ihrer hübſchen Kammerfrau fand. Ich rathe Dir, ſagte ſie, Redegunden in ihrem Camerino aufzuſuchen; da ſie ſich als Mann anziehn muß, wird ſie Dir vielleicht geſtatten, ihrer Toilette beizu wohnen. Ich folge ihrem Rathe; aber ihre Mutter will mir den Eintritt nicht geſtatten, weil ſie im Begriffe ſtehe, ſich anzukleiden. Ich verſichere ihr, ich würde ihrer Tochter, während ſie Toilette mache, den Rücken zuͤdrehn und unter dieſer Bedingung ließ ſie mich eintreten und an den Tiſch ſetzen, auf welchem ein großer Spiegel ſtand, der mir außer⸗ ordentlich dienlich war, Redegundens verborgendſte Schön⸗ heiten zu ſehn, beſonders in dem Augenblicke, wo ſie, um eine Hoſe anzuziehn, ſo ungeſchickt oder ſo geſchickt wie mög⸗ lich, je nach ihrer Abſicht, das Bein in die Höhe hob. Uebri⸗ gens verlor ſie nichts dabei, denn was ich ſah, geſiel mir ſo ſehr, daß ich, um in ihren Beſitz zu gelangen, jede Be⸗ dingung eingegangen ſein würde, die ſie mir geſtellt hätte. Unmöglich, ſagte ich zu mir, kann es Redegunden ver⸗ borgen geblieben ſein, daß ich vor einem verrätheriſchen Spiegel ſtehend, Alles geſehen habe, und dieſe Idee ent⸗ flammte mich. Ich kehrte mich erſt um, als die Mutter mir die Erlaubniß gab, und nun bewunderte ich dieſe Schönheit XI. 1² Zolle, deſſen Verhältniſſe nichts zu wünſchen übrig ließen. im Koſtüme eines jungen Mannes von fünf Fuß einem Redegunde ging hinaus, und da ich ihr folgte, konnte ich hinter den Couliſſen mit ihr ſprechen. Meine Liebe, ſagte ich zu ihr, ich will ohne alle Umſchweife mit Ihnen ſprechen. Erfahren Sie, daß Sie mich entflammt haben und daß ich ſterben muß, wenn Sie ſich weigern, mich glück⸗ lich zu machen. S ie ſagen nicht, ob Sie auch ſterben werden, wenn Sie mich unglücklich machen. Ich kann es nicht ſagen, weil ich den Gedanken gar nicht faſſen kann. Keine Verſtellung, liebenswürdige Rede⸗ gunde, es kann Ihnen nicht unbekannt ſein, daß mein Spie⸗ gel mich in den Stand geſetzt hat, Alles zu ſehn, und ich kann nicht glauben, daß Sie mich haͤben entflämmen wollen, um mich zur Verzweiflung zu bringen. Was können Sie denn geſehn haben? Ich weiß von nichts. Das kann ſein; aber ich habe Sie vollſtändig geſehn. Antworten Sie, das iſt das Weſentliche. Wie habe ich es anzufangen, um Sie zu beſitzen? 3 Um mich zu beſitzen? Ich begreife Sie nicht, mein Heerr, denn ich bin ein anſtändiges Mädchen. Ich bin davon überzeugt, aber Sie müſſen auch über⸗ zeugt ſein, daß Sie es nicht weniger ſein werden, wenn Sie mich glücklich machen. Laſſen Sie mich nicht ſchmachten, theure Redegunde, denn ich muß mein Schickſal augenblick⸗ lich erfahren. Ich weiß Ihnen nichts Anderes zu ſagen, als daß es in Ihrem Belieben ſteht, mich zu beſuchen, wann Sie wollen. Wann werde ich Sie allein finden? Allein? Das wird ſchwerlich angehn. Nun, gleichviel! Mag Ihre Mutter dabei ſein, das iſt mir gleich. Wenn ſie vernünftig iſt, wird ſie ſo thun, als ob ſie nichts ſieht, und ich werde Ihnen jedesmal hundert Ducaten geben. 4 Sie ſind entweder toll, oder Sie kennen mich nicht. Als ſie dies geſagt, geht ſie auf die Bühne, und ich 179 erzähle Thereſen meinen Dialog. Biete der Mutter direkt die hundert Ducaten, ſagte ſie, und wenn ſie nicht will, ſo lache ſie aus und verſuche Dein Glück anderwärts. Ich gehe wieder ins Camerino, wo die Mutter allein war, und ſage ohne weitere Umſchweife: Guten Abend, Ma⸗ dame, ich bin fremd; ich werde hier nur acht Tage bleiben; ich bin in Ihre Tochter verliebt, und mache Ihnen den Vor⸗ ſchlag, mit ihr bei mir zu Abend zu ſpeiſen, unter der J. dingung, daß Sie gut ſind. Ich gehe Ihnen hundert Zechi⸗ nen, und es ſoll ganz bei Ihnen ſtehn, mich zu Grunde zu richten. Mein Herr, mit wem glauben Sie zu ſprechen. Ihre Schaamloſigkeit überraſcht mich. Erkundigen Sie ſich, wer ich bin; erkundigen Sie ſich nach der Aufführung meiner Tochter, und Sie werden ſich in Zukunft ſolche Schritte er⸗ ſparen. Leben Sie wohl, Madame. Leben Sie wohl, mein Herr. Beim Hinausgehn treffe ich Redegunden und erzähle ihr Wort für Wort den Dialog, den ich mit ihrer Mutter gehabt. Sie lacht laut auf. Habe ich es gut oder ſchlecht gemacht? frage ich. Eher gut als ſchlecht; aber wenn Sie mich lieben, be⸗ ſuchen Sie mich. Sie beſuchen nach dem, was Ihre Mutter zu mir geſagt? Warum nicht? Wer weiß? Wer weiß! Redegunde, Sie kennen mich nicht. Die Hoffnung vergiftet mich, und ich glaube Ihnen dies bewie⸗ ſen zu haben, indem ich aufrichtig mit Ihnen geſprochen. Aergerlich und entſchloſſen mit dieſer bizarren Perſon nicht mehr zu ſprechen, ging ich zum Abendeſſen zu There⸗ ſen und verlebte mit ihr drei köſtliche Stunden. Da ich am nächſten Tage viel zu ſchreiben hatte, ſo ging ich den ganzen Tag nicht aus, und am Abend erhielt ich den Be⸗ ſuch der jungen Corticelli nebſt ihrer Mutter und ihrem Bruder. Sie bat mich, das Verſprechen zu halten, welches ich ihr hinſichtlich des jüdiſchen Theaterunternehmers gege⸗ 12* 180 ben, der ſie den contraktlich ſtipulirten pas de deux nicht tanzen laſſen wollte. Beſuchen Sie mich morgen früh, ſagte ich, und frühſtücken Sie bei mir, ſo werde ich mit dem He⸗ bräer in Ihrer Gegenwart ſprechen, wenigſtens wenn er kömmt, denn ich verſpreche Ihnen denſelben holen zu laſſen. Ich will Sie ſehr lieben, ſagte die kleine Närrin; aber kann ich nicht etwas hier bleiben? So lange Sie wollen; da ich aber einige Briefe zu beenden habe, ſo muß ich Sie bitten, allein zu bleiben. Wie Sie wollen. Ich beorderte Coſta ihnen zu eſſen zu geben. Nachdem ich meine Briefe geſchrieben, ließ ich, da ich Luſt zu lachen hatte, die Kleine ſich neben mich ſetzen, und ich fing an, mit ihr zu ſchäkern, aber ſo, daß die Mutter nichts ſehn konnte. Plötzlich miſchte ſich ihr Bruder ein und ſetzte mich dadurch einigermaßen in Erſtaunen. Gehen Sie weg, ſagte ich zu ihm, Sie ſind kein Mädchen. Bei dieſen Worten zeigte mir der kleine Böſewicht ſein Geſchlecht; 4 aber auf eine ſo unanſtändige Weiſe, daß ſeine Schweſter, welche auf meinem Schooße ſaß, laut auflachte, und zu ih⸗ rer Mutter flüchtete, die aus Erkenntlichkeit für das gute Abendeſſen, welches ich ihr hatte vorſetzen laſſen, im Hin⸗ tergrund blieb. Ich ſtand auf, und nachdem ich dem un⸗ verſchämten Päderaſten eine Ohrfeige gegeben, fragte ich die Mutter, in welcher Abſicht ſie mir den Burſchen zugeführt. Statt aller Antwort ſagte die ſchändliche Mutter: Iſt er nicht ein hübſcher Junge? Um ihn für die Ohrfeige zu ent⸗ b —— ſchädigen, gab ich ihm einen Dukaten und ſagte zur Mut⸗ ter, ſie möge ſich entfernen, weil ſie mich anekle. Der Junge nahm meinen Dukaten und küßte mir die Hand, worauf. alle drei weggingen. Ueber das Abenteuer lachend und über die Verderbt⸗ heit einer Mutter nachdenkend, welche ſich nicht zu entwür⸗ digen fürchtete, indem ſie ihren Sohn für das gemeinſte aller Laſter proſtituirte, ging ich weg. Am folgenden Morgen ließ ich den Juden bitten zu* mir zu kommen. Die Corticelli kam nebſt ihrer Mutter; — 181 der Direktor kam einige Augenblicke ſpäter und wir früh⸗ ſtückten ſodann. Nachdem ich ihm die Beſchwerden der jungen Dame dargelegt, las ich ihm den Kontrakt vor und ſagte dann, ich werde leicht das Mittel finden, ihn zum Halten ſeiner Verpflichtungen zu bewegen. Der Jude führte mehrere Ent⸗ ſchuldigungen an, deren Grundloſigkeit ihm die Corticelli bewies. Endlich verſprach der Jude, noch an demſelben Tage mit dem Ballettmeiſter zu ſprechen, damit er ſie den von ihr beanſpruchten Pas mit dem von ihr bezeichneten Tänzer tanzen laſſe, wodurch er, wie er ſagte, Se. Excel⸗ lenz zu befriedigen hoffte, mit welchem Titel er mich nebſt einer tiefen Verbeugung beehrte, was namentlich bei den Juden ſelten ein Zeichen der Aufrichtigkeit iſt. Als dieſe Leute Abſchied genommen, begab ich mich zum Abbé Gama, um mit ihm beim Marſchall Botta, der uns eingeladen hatte, zu ſpeiſen. Bei dieſem Mittagseſſen machte ich die Bekanntſchaft des Ritters Man, engliſchen Reſidenten, welcher der Abgott von Florenz war, ein ſehr reicher Mann, liebenswürdig, obwohl Engländer, voller Geiſt und Geſchmack und großer Liebhaber der Künſte. In Folge ſeiner Einla⸗ dung beſuchte ich ihn am nächſten Tage in ſeinem Hauſe, mit welchem ein hübſcher Garten verbunden war. In die⸗ ſem von ihm ſelbſt geſchaffnen Wohnſitze verrieth Alles, Meubeln, Gemälde, die Auswahl der Bücher den Mann von Genie. Man erwiederte meinen Beſuch, lud mich zum Eſſen ein und hatte die liebenswürdige Aufmerkſamkeit auch Thereſen, ihren Mann und Ceſarino einzuladen. Dieſer ſetzte ſich, als wir von Tiſche aufgeſtanden waren, ans Clavier und erregte die Bewunderung und das Entzücken der Geſellſchaft. Als das Geſpräch auf Aehnlichkeiten kam, zeigte uns der Ritter Miniaturportraits von überraſchender Aehnlichkeit. Ehe wir weggingen, ſagte Thereſe, ſie habe ernſtlich an mich gedacht. Wie das? fragte ich Ich habe zu Redegunden geſagt, ich würde ſie abholen, zum Abendeſſen behalten und ſie wieder nach Hauſe brin⸗ gen laſſen. Du wirſt die letztere Aufgabe übernehmen. Komme ebenfalls zum Abendeſſen und laſſe Deinen Wagen vor der Thür halten. Das Uebrige wird ſich ganz von ſelbſt machen. Du wirſt nur einige Minuten mit ihr zuſammen ſein, aber das iſt doch immer etwas, und haſt Du nur den er⸗ ſten Schritt gemacht, ſo wirſt Du auch mit dem Uebrigen zu Stande kommen. Sehr gut! Ich werde bei Dir zu Abend ſpeiſen, und mein Wagen ſoll vor der Thüre halten. Morgen wirſt Du Alles erfahren. Ich ging um neun Uhr zu ihr. Ich wurde wie eine angenehme Ueberraſchung, welche man nicht erwartet hat, aufgenommen. Ich ſagte zu Redegunden, ich freue mich, ſie zu finden, und ſie erwiederte, ſie habe nicht auf das Ver⸗ gnügen gerechnet, mich zu ſehn. Beim Abendeſſen hatte nur Redegunde Appetit, welche viel aß und über die Anekdoten, welche ich ihr erzählte, herzlich lachte. Nach dem Abendeſſen fragte Thereſe die ſchöne Par⸗ maeſanerin, ob ſie eine Tragchaiſe wünſche, oder ob ſie ſich von mir in meinem Wagen nach Hauſe bringen laſſen wolle. Wenn der Herr dieſe Gefälligkeit haben will, ſagte ſie, ſo iſt die Chaiſe nicht nöthig. Dieſe Antwort ſchien mir ſo günſtig, daß ich an meinem Glücke nicht mehr zweifelte. Man wünſcht ſich eine gute Nacht und umarmt ſich; ſie nimmt meinen Arm, welchen ſie mit der Hand drückt; wir gehn die Treppe hinunter, und ſie ſteigt in den Wagen. Ich ſteige nach ihr ein, und als ich mich ſetzen will, finde ich den Platz beſetzt. Wer iſt da? rufe ich. Redegunde bricht in lautes Lachen aus und ſagt: Meine Mutter. Man hatte mich zum Beſten gehabt, und ich war nicht geiſtreich genug, um einen Scherz zu machen. Das Erſtau⸗ nen macht die Menſchen dumm und abſorbirt für einen Augenblick alle Fähigkeiten des Geiſtes; die verletzte Eigen⸗ liebe läßt nur dem Zorne Platz.. „Nachdem ich mich auf den Vorderſitz geſetzt, fragte ich die Mutter mit kaltem Tone, warum ſie nicht mit zum Eſſen gekommen. Als der Wagen vor ihrer Thür hielt, forderte mich die Mutter auf, hinaufzukommen, ich aber ſagte, ich habe nicht Luſt. Ich fühlte wohl, daß ich der “ 183 Mutter, wenn ſie mich geärgert hätte, Ohrfeigen gegeben haben würde, und der Mann, welcher bei ihnen war, ſah mir wie ein Halsabſchneider aus. Wüthend und phyſiſch wie moraliſch aufgeregt, begche ich mich zur Corticelli; ich war nie bei ihr geweſen, da ich aber überzeugt war, daß ſie gefällig ſein würde, ließ ich mich zu ihr führen. Alles lag ſchon zu Bette. Ich klopfe, man antwortet; ich nenne mich, man öffnet die Thür und ich trete in der Dunkelheit ein. Signora Laura ſagt, ſie wolle ein Licht anzünden, und wenn ich ihr etwas hätte ſa⸗ gen laſſen, würde ſie trotz der Kälte auf mich gewartet ha⸗ ben. Es kam mir ſo vor, als ob ich in einer Eisgrube läge. Ich höre die Kleine lachen, und als ich mich im Dunkeln dem Bette nähere, finde ich beim Suchen die offen⸗ baren Zeichen der Männlichkeit. Es war ihr Bruder. Da die Mutter währenddeſſen Licht angezündet hatte, ſo erblickte ich die Tochter bis zum Kinne in die Bettdecke eingehüllt, denn wie der Bruder war ſie ſplitternackt. Obwohl ich in dieſer Beziehung ſehr liberal dachte, ſo empörte mich doch dieſe Niederträchtigkeit. Wie können Sie eine ſo ſchreckliche Vereinigung erlauben? Was ſchadet es? Sie ſind Bruder und Schweſter. Das macht ihr Zuſammenliegen verbrecheriſch. Daſſelbe iſt ſehr unſchädlich. Das iſt möglich; es taugt aber doch nichts. Der Junge entſchlüpfte und kroch ins Bett ſeiner Mut⸗ ter, während die kleine Ausgelaſſene zu mir ſagte, es ſchade gar nichts, da ſie ihren Bruder wie einen Bruder und er ſie wie eine Schweſter liebe; wenn ich aber durchaus wolle, daß ſie allein ſchlafe, ſo ſolle ich ihr ein Bett kaufen. Da ſie Alles auf eine ſehr naive Weiſe und im bolongneſer Dialekt vorbrachte, ſo mußte ich herzlich lachen; denn, in⸗ dem ſie ſprach und geſticulirte, hatte ſie die Hälfte ihrer Schönheiten aufgedeckt, und ich ſäh nichts, was der Mühe werth geweſen wäre. Nichtsdeſtoweniger ſchien es Beſtim⸗ mung zu ſein, daß ich mich in ihre Haut verlieben ſollte, denn ſie hatte nichts weiter. Wäre ſie allein geweſen, ſo würde ich mich augenblick⸗ —õII. 4 —.—— ————. 8 ..—*— ſ— ————— —— 184 lich über ſie hergemacht haben; aber die Gegenwart ihrer Mutter und ihres Bruders war mir ekelhaft, und ich fürch⸗ tete Scenen, die mein Blut in Wallung gebracht haben würden. Nachdem ich ihr ſechs Ducaten gegeben, um ſich ein Bett zu kaufen, wünſchte ich ihr eine gute Nacht und ging weg. Ich kehrte in meinen Gaſthof zurück, den zim⸗ perlichen und gewiſſenhaften Müttern der Opernnymphen fluchend. Am nächſten Tage verbrachte ich den ganzen Vormit⸗ tag in der Gallerie des Ritters Man, welche Wunderwerke der Malerei, Sculptur von Moſaik und geſchnittenen Stei⸗ nen enthielt. Als ich von ihm wegging, begab ich mich zu meiner Thereſe, um ihr mein Mißgeſchick vom vorigen Tage zu erzählen. Sie lachte ſehr daruͤber, und ich lachte mit ihr trotz eines gewiſſen Aergers, deſſen meine Eigenliebe ſich nicht erwehren konnte. Du mußt Dich tröſten, lieber Freund, und Du wirſt leicht etwas anders finden. Warum biſt Du verheirathet! Ich habe wohl daran gedacht; aber es iſt nun einmal geſchehn und nichts mehr zu machen. Da Du nun einmal eine Frau nicht entbehren kannſt, ſo nimm die Corticelli, die ſo gut wie eine andre iſt; ſie wird Dich nicht ſchmach⸗ ten laſſen. 8 Als ich nach Hauſe kam, wo ich den Abbé Gama fand, den ich zu Tiſche eingeladen, fragte er mich, ob ich einen Auftrag des portugieſiſchen Hofes beim Kongreſſe, der nach der Meinung ganz Europa's in Augsburg abgehalten wer⸗ den ſollte, übernehmen wolle. Er ſagte, wenn ich dieſen Auftrag gut ausrichte, wolle er mir Alles, was ich nur wünſchen könne, in Liſſabon erwirken. Ich bin bereit, ſagte ich, Alles zu thun, wozu ich fähig bin; Sie brauchen mir nur zu ſchreiben, und ich werde Ihnen deshalb die Orte angeben, wo mich Ihre Briefe ſicher finden werden. Dieſe Eröffnung machte mir große Luſt, Miniſter zu werden. Am Abend in der Oper ſprach ich mit dem Ballett⸗ meiſter und mit dem Tänzer, welcher mit der Corticelli den pas de deux tanzen ſollte, und mit dem Iunden, der das Verſprechen wiederholte, daß meine Schützlingin in drei oder * 185 vier Tagen zufriedengeſtellt werden und ihren Favoritpas während der ganzen Dauer des Karnavals tanzen ſolle. Ich ſah die Corticelli, welche ſagte, ſie habe ſchon ein Bett, und welche mich zum Abendeſſen einlud. Ich nahm die Einla⸗ dung an und ging nach dem Theater zu ihr. Da ihre Mutter überzeugt war, daß ich bezahlen würde, hatte ſie bei einem Traiteur ein vortreffliches Abendeſſen für vier Perſonen und mehrere Flaſchen des beſten Floren⸗ tiners beſtellt. Außerdem ſetzte ſie mir einen oleatico ge⸗ nannten Wein vor, den ich vortrefflich fand, und von dem ich reichlich trank. Meine drei Tiſchgenoſſen, die an gutes Eſſen und Wein nicht gewohnt waren, betranken ſich und aßen wie die Scheundreſcher. Die Mutter und der Sohn gingen ohne Umſtände zu Bett, und die kleine Ausgelaſſene forderte mich auf, ihrem Beiſpiele zu folgen. Ich hatte große Luſt dazu, aber ich wagte es nicht. Es war ſehr kalt, und im Zimmer war kein Feuer; da ſie nur eine Decke hatte, ſo fürchtete ich mich zu erkälten, und ich war zu ſehr für meine Geſundheit beſorgt, um mich einer ſolchen Gefahr auszuſetzen. Ich begnügte mich, ſie auf den Schooß zu neh⸗ men und nach einigen Vorſpielen überließ ſie ſich meinen Entzückungen. Sie ſuchte mir einzureden, daß ſie mir ihre Erſtlinge gebe und ich that ſo, als ob ich es glaube, da ich auf die Wirklichkeit wenig Werth legte. Nachdem ich die Doſis drei⸗ oder viermal erneuert, verließ ich ſie; ich ſchenkte ihr funfzig Zechinen, um eine gute wattirte Steppdecke zu kaufen, und eine große Kohlen⸗ pfanne anzuſchaffen, weil ich die folgende Nacht bei ihr 1 ſchlafen wollte. 4 Am folgenden Tage erhielt ich aus Grenoble einen Brief, der meine höchſte Theilnahme erregte. Herr von Va⸗ lenglard meldete mir, daß die ſchöne Roman überzeugt, daß mein Horoscop ſich nicht verwirklichen könne, wenn ſie nicht die Reiſe nach Paris mache, mit ihrer Tante abgereiſt ſei. Sonderbare Combination des Schickſals dieſer reizen⸗ den Perſon mit der Neigung, welche ihre Schönheit mir eingeflößt und meiner Abneigung gegen das Heirathen; denn es hätte nur von mir abgehangen, das ſchönſte Weib Frank⸗ A Nerr.. 186 reichs zu heirathen und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſie 4 dann die Maitreſſe Ludwigs XV. geworden ſein würde. Und welche andere Combination geht ſodann aus meiner Laune hervor, die Nothwendigkeit, daß ſie nach Paris gehe, in mein Horoscop aufzunehmen! Denn wäre auch die Aſtro⸗ logie eine Wiſſenſchaft geweſen, ſo hatte ich ſie doch nicht inne. Ihr Schickſal hing von einer großen Abgeſchmacktheit ab. Wie viel außerordentliche Ereigniſſe weiſet übrigens nicht die Geſchichte auf, die nicht eingetroffen ſein würden, wenn ſie nicht vorhergeſagt worden wären! Wir ſind faſt immer, ohne es zu wiſſen, die Urheber unſers eignen Schick⸗ ſals und alle bedingenden Nothwendigkeiten der Stoiker ſind „ nichts als Chimairen; der Beweis für die Macht des Schick⸗ ſals ſcheint nur deshalb ſtark, weil er ſophiſtiſch iſt. Cicero machte ſich mit Recht über die Stoiker und Fataliſten luſtig, aber Cicero war ein Weiſer und wenige Menſchen ſind dies, ſelbſt Socrates war es nicht, als er das Opfer eines Fa⸗ 5„ ſans für den Gott des Wohlgeſchmacks forderte. Ein In⸗ ddividuum, welches Cicero zum Eſſen eingeladen, und wel⸗ ches Abhaltung hatte, ſchrieb dieſem großen Römer: Wenn ich nicht gekommen bin, iſt es ein Beweis, daß das Schick⸗ ſal es nicht gewollt. Cicero antwortete: Wenn Sie hätten kommen wollen, wären Sie gekommen, und dann wäre es ein Beweis geweſen, daß das Schickſal es ſo gewollt. Das ſind nicht die lateiniſchen Worte, aber wenn die Römer in undene Zeit gelebt hätten, würden ſie ſich ſo ausgedrückt aben. Wenn die Fataliſten der Ehre ihres Syſtems wegen genöthigt ſind, den Zuſammenhang aller Ereigniſſe zu be⸗ 8 haupten, ſo bleibt für die moraliſche Freiheit des Menſchen durchaus nichts übrig. Die Willensfreiheit würde eine Lächerlichkeit ſein, und der Menſch könnte nicht mehr gut und nicht mehr ſchlecht handeln. Ich für meinen Theil ver⸗ werfe das Dogma der Fatalität, wäre es auch nur aus Eigenliebe, denn ich kann mich nicht als eine Maſchine be⸗ trachten. Am Abend ging ich ins Theater, wo ich meine Corti⸗ celli in einem ſchönen Pelze fand, und die andern Tänze⸗ — — 187 rinnen betrachteten mich mit der Miene der Verachtung, denn ſie ſahen zu ihrem Aerger, daß der Platz beſetzt war, während meine neue Favorite, ſtolz auf ihren Erfolg, mir mit triumphirender Miene, die ihr zum Entzücken ſtand, liebkoſte. Am Abend fand ich ein gutes Abendeſſen und eine große Kohlenpfanne, ſo wie eine warme Decke. Die Mut⸗ ter zeigte mir Alles, was ihre Tochter ſich gekauft und be⸗ klagte ſich, daß ſie ihren Bruder nicht eingekleidet. Ich hei⸗ terte ſie auf, indem ich ihr einige Louisd'ors ſchenkte. Als ich mich zu Bett gelegt hatte, fand ich meine Schöne weder verliebt noch verzückt, aber ſehr aufgeweckt und ſpaßhaft. Sie brachte mich zum Lachen, und da ſie in Allem ſehr gefällig war, ſo genügte das, mich zu feſſeln. Als ich ſie verließ, ſchenkte ich ihr eine Uhr, und verſprach am folgenden Tage zum Abendeſſen zu kommen. Sie ſollte den pas de deux tanzen, und ich ging demgemäß ins Theater, aber zu meiner größten Verwunderung ſah ich ſie nur figuriren. 31 Beim Abendeſſen fand ich ſie höchſt betrübt. Sie ſagte weinend zu mir, ich ſolle ſie wegen dieſes Schimpfes rächen; der Jude ſchiebe die Schuld auf den Schneider, aber er lüge. Um ſie zu beruhigen, verſprach ich ihr, was ſie wollte, und nachdem ich einige Stunden bei ihr geblieben, ging ich wieder nach Hauſe, entſchloſſen, dem Juden eine ſchlechte Viertelſtunde zu bereiten. Demgemäß ſchickte ich, als ich erwacht war, Coſta zu demſelben, um ihn zu bitten, daß er zu mir käme; aber ſtatt aller Antwort ließ der Schlingel mir ſagen, er wiſſe, was ich wolle, er werde nicht kommen, und wenn die Corticelli nicht in dieſem Ballette tanze, werde ſie in einem andern tanzen. Ich war erbittert, aber ich ſah wohl ein, daß ich mei⸗ nen Aerger verbergen müſſe, und ich fing an zu lachen. Ich hatte indeß ſein Urtheil bereits gefällt, denn ein Italiäner verzichtet nicht auf Rache; er weiß zu gut, daß dieſelbe ein Vergnügen der Götter iſt. Nachdem Coſta hinausgegangen war, ließ ich Le Due rufen, und nachdem ich ihm die Sache erzählt, ſagte ich zu 4 ————— 188 ihm, ich ſei entehrt, wenn ich mich nicht räche, und nur er könne mir die Genugthuung verſchaffen, dieſen Schurken durchzupruͤgeln, um ihn wegen des Mangels an Achtung, den er gegen mich gezeigt, zu ſtrafen. Aber Du ſiehſt wohl ein, mein lieber Le Duc, wie wichtig es iſt, die Sache ge⸗ heim zu halten. Ich bitte nur um vierundzwanzig Stunden, um Ihnen eine beſtimmte Antwort zu geben. Ich wußte, was das heißen ſollte und war zufrieden. Am folgenden Tage ſagt Le Duc zu mir, er habe den ganzen vorigen Tag angewendet, um den Juden und ſein Haus kennen zu lernen, ohne bei irgend Jemand Erkundi⸗ gungen einzuziehn. Heute werde ich ihn nicht aus den Augen laſſen. Ich werde erfahren, zu welcher Zeit er nach Hauſe kommt, und Sie werden das Uebrige erfahren. Sei klug, ſagte ich, und vertraue Dich Niemand an. Seien Sie ruhig. Am folgenden Tage ſagte er zu mir, wenn der Jude zu derſelben Stunde nach Hauſe komme und denſelben Weg inſr se ſo ſolle er vor dem Zubettegehn die Schläge er⸗ alten.— Wen haſt Du zur Ausführung gewählt? Mich. Derartige Sachen müſſen geheim bleiben, und wenn ein Geheimniß gut bewahrt werden ſoll, ſo dürfen es nicht drei Perſonen wiſſen. Ich bin meiner Sache ſicher, wenn Sie aber ſicher ſein werden, daß die Haut des Eſels gewalkt worden, ſo wird doch für mich etwas abfallen. Fünfundzwanzig Zechinen. Vortrefflich. Wenn ich die Sache ausgeführt habe, werde ich meinen Ueberrock von dort, woich ihn gelaſſen, wieder abholen, und ohne daß mich Jemand ſieht, durch die Hinterthür wie⸗ der hereinkommen. Selbſt Coſta könnte, wenn es nöthig wäre, mit gutem Gewiſſen ſchwören, daß ich nicht ausge⸗ gangen bin, und daß ich alſo unmöglich der ſein könne, der den Juden geprügelt. Indeß für den Fall, daß mir etwas zuſtoßen ſollte, ſtecke ich meine Taſchenpiſtolen ein, und wenn man mich feſthalten will, werde ich mich zu ver⸗ theidigen wiſſen. —————:—— 189 Am folgenden Tage trat er mit ruhiger Miene ein, während Coſta mir den Schlafrock anzog; als wir allein waren, ſagte er, die Sache iſt abgemacht; der Jude, anſtatt ſich davon zu machen als er den erſten Schlag bekommen, warf ſich ſchreiend auf die Erde. Hier zerwalkte ich ihm die Haut; als ich aber Leute kommen hörte, lief ich davon. Ich weiß nicht, ob ich ihn todtgeſchlagen, aber er hat zwei tüchtige Schläge auf den Kopf bekommen. Es ſollte mir leid thun, wenn er ſich des Tanzes, den ich mit ihm auf⸗ geführt, nicht mehr erinnern könnte. Ich konnte über dieſen Lazzi nicht lachen, weil die Sache ernſt war. Ich war mit dem Abbé Gama und Herrn Saſſt, einem 4 liebenswürdigen Manne, bei Thereſen zum Mittagseſſen ein⸗ geladen; wenn man den Namen eines Mannes einem We⸗ ſen geben kann, welches die Barbarei von der Menſchheit getrennt hat, ſo war er der erſte Theatercaſtrat. Wie na⸗ türlich unterhielt man ſich von dem Mißgeſchick des Juden. Mir thut ſein Unglück leid, ſagte ich, obwohl er ein eklicher Menſch iſt. Mir thut er gar nicht leid, ſagte Saſſt, denn er iſt ein Schurke. Ich wette, daß man ſagen wird, ich habe ihn ſo zurichten laſſen. Nein, fiel der Abbé ein, man ſagt, Herr Caſanova habe ihn mit Recht ſo zurichten laſſen. Es wird ſchwer ſein, das Richtige zu errathen, verſetzte ich, denn der Schurke hat ſo viele ehrenwerthe Leute aufs Aeußerſte getrieben, daß die Züchtigung ihm nicht entgehn konnte. Man ſprach zuletzt von etwas Anderm, und unſer Mittagsmahl war ſehr heiter. Einige Tage darauf verließ der Jude mit einem großen Pflaſter auf der Naſe das Bett, und obwohl man mir im Allgemeinen die That zuſchrieb, ſo hörte man doch endlich auf davon zu ſprechen, da man nur unbeſtimmte Verdachts⸗ gründe anführen konnte. Nur die Corticelli, welche freude⸗ trunken war, ſprach leichtſinniger Weiſe ſo, als ob ſie ge⸗ wiß wäre, daß ich ſie gerächt, und wollte ſich gar nicht darüber zufrieden geben, daß ich die Sache nicht eingeſtand; man ſieht aber wohl ein, daß ich zu klug war, es zu thun, —Z—C—C—— ——— — 2 2— —— 6 6 190 denn mit ihrem Leichtſinne hätte ſie mich an den Galgen bringen können. Da ich mich in Florenz vergnügte, ſo dachte ich nicht ſobald abzureiſen, als Vannini mir einen Brief übergab, den Jemand bei ihm für mich zurückgelaſſen. Ich öffne ihn in ſeiner Gegenwart und ſinde eine Anweiſung von zwei⸗ hundert florentiniſchen Thalern auf Saſſo⸗Saſſt. Vannini betrachtet ſie und ſagt, ſie ſei gut. Ich gehe auf mein Zimmer, um den Brief zu leſen und ſehe mit Erſtaunen, daß er Karl Iwanoff unterzeichnet iſt. Er ſchrieb mir vom Poſthauſe in Piſtoja aus, da er fortwährend unglücklich und ohne Geld ſei, ſo habe er ſich einem Engländer eröffnet, der von Florenz nach Lucca reiſe und der ihm großmüthi⸗ ger Weiſe zweihundert Thaler in einem in ſeiner Gegen⸗ wart geſchriebenen Wechſel geſchenkt. Derſelbe war zahlbar an den Inhaber. Ich wage nicht, ſagte er, dieſen Wechſel in Florenz einzukaſſiren, weil ich wegen meiner unglücklichen genueſer Geſchichte verhaftet zu werden fürchte. Ich bitte Sie alſo, ſich meiner zu erbarmen, die Summe einzuziehn und ſie mir hierher zu ſchicken, damit ich abreiſen kann, nachdem ich meinen Wirth bezahlt. Der Dienſt, um welchen der Unglückliche mich bat, war ſehr einfach, aber ich konnte mich bloßſtellen; denn nicht nur konnte der Wechſel falſch ſein, ſondern entgegengeſetzten Falls erklärte ich mich auch, wo nicht für den Freund, doch für den Korreſpondenten eines Mannes, deſſen Name und Signa⸗ lement in den Zeitungen geſtanden hatten. In dieſer Ver⸗ legenheit faßte ich den Entſchluß, ihm den Wechſel in eigner Perſon zurückzuſtellen. Demgemäß gehe ich allein nach der Poſt, nehme zwei Pferde und gelange ſo nach dem Gaſthofe von Piſtoja. Der Wirth ſelbſt führte mich auf das Zim⸗ mer des Schurken, wo er mich mit ihm allein ließ. Ich blieb nicht länger als drei Minuten und ſagte ihm blos, da ich mit dem Bankier Saſſt bekannt ſei, ſo wolle ich nicht, daß man glauben könne, ich ſtehe in irgend eine Verbin⸗ dung mit ihm. Ich rathe Ihnen, ſagte ich, dieſes Papier Ihrem Wirthe zu geben, der es Herrn Saſſi präſentiren und Ihnen den Betrag bringen wird. Ich werde Ihrem 191 Rathe folgen, entgegnete er, und ich kehrte nach Florenz zurück. d Ich dachte ſchon nicht mehr an dieſe Sache, als ich am zweitfolgenden Tage Herrn Saſſo⸗Saſſt mit dem Wirthe von Piſtoja in mein Zimmer treten ſah. Der Bankier reichte mir den Wechſel und ſagte, derjenige, der ihn mir gegeben, habe mich getäuſcht; zunächſt ſei er nicht von dem Engländer geſchrieben, deſſen Namen er führe, ſodann aber habe der Lord keine Fonds bei ihm und könne daher keine Wechſel auf ſein Haus ziehn. Dieſer Mann, fuhr er fort, hat den Wechſel discontirt, der Ruſſe iſt abgereiſt, und ſo⸗ bald ich ihm erklärt, daß jener falſch ſei, hat er geſagt, er wiſſe, daß Karl Iwanoff ihn von Ihnen habe, und da er Sie kenne, habe er keinen Anſtand genommen, ihm den Be⸗ trag auszuzahlen, und er fordert nun, daß Sie ihm die zweihundert Thaler wiedererſtatten. Das iſt eine thörichte Forderung! Ich erzähle nun Saſſo die Geſchichte mit allen ihren Einzelheiten und zeige ihm den Wechſel des Gauners: ich laſſe den Doktor Vannini kommen, der ihn mir gegebenz und dieſer erklärt, er könne vor Gericht beſchwören, daß er den Wechſel geſehn, ihn geprüft und für gut gehalten. Der Bankier ſagte nun zum Wirthe von Piſtoja, er könne von mir nicht die Wiedererſtattung fordern; aber die⸗ ſer beharrte bei ſeiner Anſicht und erlaubte ſich zu mir zu ſagen, ich ſei mit dem Ruſſen einverſtanden, um ihn zu be⸗ trügen. Im höchſten Grade aufgebracht ſtürze ich nach meinem Stocke; da mich aber der Bankier zurückhielt, ſo konnte der Unverſchämte ſich davon machen, ohne Prügel zu bekommen. Sie ſind in Ihrem Rechte, ſagte Herr Saſſo, aber Sie dür⸗ fen kein Gewicht auf die Worte legen, welche der arme Teufel in ſeinem Zorne geſagt hat. Er gab mir die Hand und entfernte ſich. Am folgenden Tage ſchickte mir der Polizeichef, der Auditeur genannt, ein Billet, in welchem er mich zu ihm zu kommen bat. Ich durfte nicht zaudern, denn als Frem⸗ der mußte ich ſeiner Aufforderung nachkommen und ſie als 192 eine Vorladung betrachten. Er empfing mich ſehr höflich, erklärte aber, ich müſſe dem Wirthe die zweihundert Thaler bezahlen, weil derſelbe die falſche Tratte nicht discontirt ha⸗ ben würde, wenn er ſie mich nicht hätte überbringen ſehn. Ich erwiederte, als Richter könne er mich nur dann zur Zahlung verurtheilen, wenn er mich für einen Mitſchuldigen halte. Anſtatt auf meine richtige Bemerkung zu antworten, wiederholte er, daß ich zahlen müſſe. Herr Auditeur, ver⸗ ſetzte ich, ich werde nicht bezahlen. Er klingelt, indem er mir eine Verbeugung macht, und ich begebe mich nach der Wohnung des Bankiers, dem ich meinen Dialog mit dem Auditeur erzählte. Er war ſehr erſtaunt und auf meine Bitte ging er zu ihm, um ihn wo möglich zur Vernunft zu bringen. Als wir uns trennten, ſagte ich, ich würde bei Gama ſpeiſen. Als ich zum Abbé kam, erzählte ich ihm, was mir be⸗ gegnet war, und dieſer war empört darüber. Ich ſehe voraus, ſagte er, daß der Auditeur nicht von ſeinem Ausſpruche abgehn wird, und wenn Saſſi's Vermittlung nicht gelingt, ſo rathe ich Ihnen, den Marſchall Botta von der Sache in Kenntniß zu ſetzen. Ich glaube nicht, daß dies nothwendig iſt, da der Audi⸗ teur mich nicht zum Zahlen zwingen kann. Er kann etwas noch Schlimmres thun. Und was denn? Ihnen abzureiſen befehlen. Wenn er dieſe Gewalt hat, ſo ſoll es mich wundern, ob er ſie auf eine ſolche Veranlaſſung hin zu brauchen wagt; ehe ich aber bezahle, reiſe ich lieber ab. Gehen wir zum Marſchall. Wir begaben uns zu dieſem um vier Uhr, und fanden hier den Bankier, der ihn ſchon von Allem in Kenntniß ge⸗ ſetzt. Es thut mir leid, ſagte Saſſt zu mir, Ihnen ſagen zu müſſen, daß der Auditeur nicht Vernunft annehmen will, und daß Sie bezahlen müſſen, wenn Sie in Florenz bleiben wollen. Ich werde abreiſen, ſobald ich den Befehl bekomme, entgegnete ich, und wenn ich in einen andern Staat komme, ——y—— werde ich die Geſchichte dieſer ſchreienden Ungerechtigkeit drucken laſſen. Dieſe Verfügung iſt ſchrecklich und wirklich unglaub⸗ lich, ſagte der Marſchall, und es thut mir leid, daß ich mich nicht in die Sache miſchen kann. Sodann fügte er hinzu: Sie werden beſſer thun, mein Herr, lieber abzureiſen, als zu bezahlen. Am folgenden Morgen brachte mir ein Polizeidiener ein Schreiben des Auditeurs, in welchem dieſer parteiiſche Beamte mir ankündigte, daß meine Sache nicht der Art ſei, daß er mich zum Zahlen zwingen könne, daß er mir aber deshalb bedeuten müſſe, Florenz binnen drei, und Toskana binnen fünf Tagen zu räumen. Kraft ſeiner Polizeigewalt, fügte er hinzu, ertheile er mir dieſen Befehl, aber ich könne zurückkommen, wenn Se. Hoheit der Großherzog, an den ich appelliren könne, ſeine Entſcheidung kaſſtre. Ich nahm ein Stück Papier und ſchrieb darauf:„Ihre Entſcheidung iſt ungerecht, aber ſie ſoll buchſtäblich befolgt werden.“ Augenblicklich gab ich den Befehl, meinen Koffer zu packen und Alles für meine Abreiſe vorzubereiten. Während der dreitägigen Friſt vergnügte ich mich mit Thereſen und trug den einfältigen Brief des Auditeurs beſtändig in der Taſche. Ich ſah auch den liebenswürdigen Ritter Man, und verſprach der Corticelli, ſie zur Faſtenzeit abzuholen und einige Zeit mit ihr in Bologna zu leben. Der Abbé Gama verließ mich dieſe drei Tage nicht und zeigte ſich als mein wahrer Freund. Ich feierte eine Art Triumph, denn ich begegnete überall nur dem Ausdrucke des Bedauerns für mich und der Verwünſchung gegen den Auditeur. Der Marquis Botta ſchien ſeine Mißbilligung dadurch ausdrücken zu wollen, daß er mir zwei Tage vor meiner Abreiſe ein herrliches Mittagseſſen von dreißig Couverts veranſtaltete, wo ich mit der beſten Geſellſchaft von Florenz zuſammen⸗ kam. Dies war eine zarte Aufmerkſamkeit, für welche ich ſehr dankbar war. Den letzten Tag widmete ich meiner lie⸗ ben Thereſe; aber ich konnte keinen Augenblick finden, um ſte um eine letzte Tröſtung zu bitten, deren Erinnerung mir x 13 ———.—— n——— ————— 4 2— 194 noch jetzt theuer ſein wurde. Wir verpflichteten uns, uns oft zu ſchreiben und umarmten uns auf eine Weiſe, die ih⸗ rem Manne Herzweh machen wußte. Ich reiſte am folgen⸗ den Tage ab und gelangte in ſechsunddreißig Stunden nach Rom. Es war gerade Mitternacht, als ich durch das Thor del Popolo kam, denn in die ewige Stadt kann man zu je⸗ der Stunde hineinkommen. Man führte mich ſogleich auf das Zollamt, welches immer geöffnet iſt, und man durch⸗ ſuchte hier meinen Koffer. Man iſt nur ſtrenge gegen Bü⸗ cher, als ob man den Einfluß der Bildung fürchtete. Ich hatte einige dreißig Bände bei mir, welche mit der Religion und dem Papismus oder der von jenen geforderten Tugen⸗ den mehr oder weniger im Widerſpruche ſtanden. Ich wußte es und war ſchon entſchloſſen, ſie ohne Widerrede zu opfern, denn ich wollte zu Bett gehn, aber der durchſuchende Beamte ſagte ſehr höflich, ich ſolle ſie zählen und da laſſen, und er verrde ſie mir am Morgen nach dem Gaſthofe, wo ich ab⸗ ſteigen werde, bringen; ich that dies, und er hielt Wort. Er war ſehr zufrieden, als ich ihm zur Belohnung zwei Zechinen gab. Ich ſtieg in der Stadt Paris am ſpaniſchen Platze ab; ddies war der beſte Gaſthof. Ich fand Alle ſchlafend; als man mir aber geöffnet hatte, bat man mich im Erdgeſchoß abzutreten, bis man in dem für mich beſtimmten Zimmer Feuer gemacht haben würde. Auf allen Stühlen lagen Klei⸗ der, Unterröcke, Hemden und ich höre eine weibliche Stimme ſagen, ich ſolle mich aufs Bett ſetzen. Ich trete näher und bemerke einen lachenden Mund und zwei ſchwarze Augen, welche wie Karfunkeln leuchteten. Welche ſchöne Augen! ſage ich, erlauben Sie, daß ich dieſelben küſſe. Statt aller Antwort verbirgt ſie ihren Kopf unter der Decke; alſobald bis zum Mittelpunkt vor; da ich aber das Mädchen ganz ſchl lüpft meine unbeſcheidene Hand unter die Decke und dringt 4 — 1495 Wer ſind Sie, ſchöner Engel? Ich bin Thereſe, die Tochter des Haushofmeiſters, und dieſe hier iſt meine Schweſter. Neben ihr lag ein andres Mädchen; aber ich hatte ſie nicht bemerkt, weil ſie den Kopf unter die Decke geſteckt hatte. Wie alt ſind Sie? 9 Bald ſiebenzehn Jahre. Es ſoll mir lieb ſein, Sie morgen auf meinem Zim⸗ mer zu ſehn. Haben Sie Damen bei ſich? Nein. Dann iſts ſchlimm, denn wir gehn nie zu Herren. Ziehen Sie doch die Decke etwas herunter, denn ſie hindert Sie am Sprechen. Es iſt zu kalt. Reizende Thereſe, Ihre ſchönen Augen entflammen mich. Da ſie den Kopf wieder untergeſteckt hatte, während ich dieß ſagte, ſo wurde ich verwegen und überzeugte mich, daß V ſie ein wahrer Engel ſei. Nach einigen etwas lebhaften Liebkoſungen zog ich meine Hand zurück, wiederum wegen meiner Verwegenheit um Verzeihung bittend, und als ſie den Kopf wieder hervorſteckte, las ich auf ihren Wangen und in ihren Augen mehr den Ausdruck des Glücks als den des Zornes, und ich faßte die Hoffnung, daß ſie mir noch andere Gefälligkeiten bewilligen würde. Ich wollte wieder anfangen, denn ich war Feuer und Flamme, als eine ſehr ſchöne Magd mir anzeigte, daß mein Zimmer bereit und das Feuer angezündet ſei. Leben Sie wohl bis morgen, ſagte ich zu Thereſen, welche ſich umdrehte, um wieder einzu⸗ ſchlafen. Ich legte mich zu Bett, nachdem ich zu um ein Uhr das Mittagseſſen beſtellt und ich ſchlief bis Mittag, von Thereſen träumend. Als ich erwachte, meldete mir Coſta, daß er das Haus meines Bruders entdeckt und ein Billet zurückgelaſſen. Dieſer Bruder war Johann Caſanova, der zu dieſer Zeit dreißig Jahre alt und ein Schüler des deruhmten Raphael Mengs war. Dieſem Maler war da⸗ 13* 196 mals ſeine Penſion entzogen wegen des Krieges, welcher den König nöthigte, in Warſchau zu leben, weil die Preu⸗ ßen das ganze Kurfürſtenthum Sachſen beſetzt hielten. Seit zehn Jahren hatte ich meinen Bruder nicht geſehn, und es war für mich ein Feſt ihn wiederzuſehn. Ich ſaß bei Tiſche, als er erſchien, und wir umarmten uns mit Entzücken. Nachdem wirauns eine Stunde lang unſere Abenteuer, er ſeine kleinen und ich meine großen, erzählt hatten, ſagte er, ich ſolle nicht im Gaſthofe bleiben, wo das Leben ſehr theuer ſei, ſondern mich beim Ritter Mengs einmiethen, der ein leeres Zimmer habe, wofur ich nichts auszugeben brauche. Was den Tiſch betrifft, ſo iſt im Hauſe ein Traiteur, bei welchen man ſehr gut ißt. Mein Freund, ſagte ich zu ihm, Deine Rathſchläge ſind vortrefflich, aber ich habe nicht den Muth, ſie zu befolgen, denn ich bin in die Tochter des Wirths verliebt, und hierauf erzählte ich ihm die Geſchichte vom vo⸗ rigen Tage. Das iſt nur eine Liebelei, ſagte er lachend, der Du nachgehn kannſt, ohne hier zu wohnen. Ich ließ mich überreden und verſprach ihm, am folgenden Tage zu ihm zu ziehn; darauf gingen wir aus, um uns in Rom etwas umzuſehn. Ich war mit vielen Erinnerungen von dieſer Stadt weggegangen, und ich wünſchte ſehnlichſt die Bekanntſchaft der meiſten Perſonen zu erneuern, welche in dem glücklichen Alter meine Theilnahme erregt hatten, wo die Eindrücke ſo dauerhaft ſind, weil ſie mehr das Herz als den Verſtand afficiren; aber wegen der langen Zeit die zwiſchen meiner Abreiſe und meiner Rückkehr verfloſſen war, mußte ich mich auf viel Täuſchungen gefaßt machen. Ich eilte dann Cäciliens wegen nach La Minerva; ſie gehörte nicht mehr dieſer Welt an. Nachdem ich mich nach der Wohnung ihrer Tochter Angelica erkundigt, ſuchte ich dieſe auf; aber dieſelbe nahm mich ſehr ſchlecht auf und ſagte, ſie erinnere ſich kaum noch mich gekannt zu haben. Als ich Sie erblickte, ſagte ich, wäre es mir beinahe wie Ihnen gegangen, denn Sie ſind nicht mehr die Angelica von damals, Leben Sie wohl, Madame Die Jahre hatten —èI 197 eine Macht über ſie geübt, die nicht eben zu ihrem Vor⸗ theile war. Nachdem ich erfahren, wo der Sohn des Druckers, der Barbaruccia geheirathet, wohnte, ſparte ich mir das Vergnügen, ſie zu ſehn, fuͤr ein andermal auf, und ebenſo das den ehrwür⸗ digen Pater Georgi zu beſuchen, der in Rom in hohem Rufe ſtand. Gaspard Vivaldi hatte ſich aufs Land zurück⸗ 1 gezogen. 1 Mein Bruder führte mich zu Madame Cherubini.*) Ich fand ein Haus von feinem Tone, wo die Dame mich nach römiſcher Weiſe empfing. Sie ſchien mir einladend, und ihre Tochter noch mehr; aber ich fand die Anbeter aller Art zu zahlreich. Es herrſchte überall ein Scheinluxus, der mir mißfiel; die Fräuleins, von denen eine ſchön wie der Liebesgott war, ſchienen mir zu höflich gegen Alle. Man legte mir eine intereſſante Frage vor, welche ich in einer Weiſe beantwortete, daß man mir eine zweite hätte vorle⸗ gen müſſen; ich wurde getäuſcht, aber es war mir wenig daran gelegen. Ich bemerkte bald, daß die Stellung der Perſon, welche mich vorgeſtellt, meinem Anſehn ſchadete, und als ich einen Abbé ſagen hörte: Es iſt der Bruder von Caſanova, wendete ich mich zu ihm mit den Worten: Dieſer Ausdruck iſt nicht richtig; Sie hätten ſagen müſſen, Caſa⸗ nova ſei mein Bruder. Das bleibt ſich gleich. Durchaus nicht, Herr Abbé. Da der Ton, mit welchem ich dieſe Worte ſagte, Auf⸗ merkſamkeit erregte, ſo ſagte ein andrer Abbé: Der Herr hat vollkommen Recht; es bleibt ſich nicht gleich. Der andere Abbé erwiederte nichts. Derjenige, welcher meine Partei genommen hatte, und mit welchem ich mich von dieſem Augenblicke an befreundete, war der berühmte Winkelmann, welche zwölf Jahre ſpäter unglücklicher Weiſe in Trieſt ermordet wurde. *) Dieſelbe hieß nicht Cherubini, ſondern Cecca Cheroffini. Sie war die beſonders gute Freundin des faſt ſiebenzigjährigen Cardinals Albani. 198 Während ich mich mit ihm unterhielt, trat der Kar⸗ dinal Alexander Albani ein. Winkelmann ſtellte mich die⸗ ſer Eminenz vor, welche beinahe blind war, und welche viel mit mir ſprach, ohne etwas zu ſagen, was der Mühe werth geweſen wäre. Als er erfuhr, daß ich der aus den Bleidächern entſprungene Caſanova ſei, beging er die Dumm⸗ heit, mit ſehr unhöflichem Tone zu mir zu ſagen, er wun⸗ dere ſich, daß ich die Kühnheit habe nach Rom zu kommen, wo ich auf die geringſte Requiſition der Staatsinquiſitoren durch einen ordine santissimo genöthigt werden könnte, die Stadt zu räumen. Erbittert durch dieſe unpaſſende Aeußerung erwiederte ich mit würdevollem Tone: Aus mei⸗ nem Erſcheinen in Rom darf Se. Eminenz nicht auf meine Kühnheit ſchließen, da ich hier nichts zu fürchten habe; aber ein Menſch von geſundem Menſchenverſtande könnte ſich über die Kühnheit der Inquiſitoren wundern, wenn ſie ſich ſo weit vergeſſen ſollten, einen ordine santissimo nachzuſuchen, denn ſie würden in große Verlegenheit kommen, wenn ſie ſagen ſollten, wegen welches Verbrechens ſie mich nieder⸗ trächtiger Weiſe der Freiheit beraubt hatten. Dieſe kecke Antwort brachte Se. Eminenz zum Schwei⸗ gen. Er ſchämte ſich, daß er mich für einen Dummkopf gehalten, und daß er ſich nun fur einen ſolchen erklärt ſehen mußte. Wenige Augenblicke darauf ging ich weg und ſetzte keinen Fuß mehr in dieſes Haus. Der Abbé Winkelmann ging mit meinem Bruder und mir weg, und nachdem er mich bis zu meinem Gaſthofe begleitet, erwies er mir die Ehre, bei mir zum Abendeſſen zu bleiben. Winkelmann war der zweite Band des berühm⸗ ten Abbé von Voiſenon. Am folgenden Tage holte er mich ab, und wir gingen ſodann nach der Villa Albani, um den Ritter Mengs abzuholen, der damals hier wohnte, da er eine Decke malte. Mein Wirth Roland, der meinen Bruder kannte, be⸗ ſuchte mich, während wir zu Abend aßen. Roland war aus Awignon und ein Lebemann. Ich ſagte zu ihm, es thue mir leid, ſein Haus verlaſſen und bei meinem Bruder woh⸗ nen zu müſſen, da ich mich in ſeine Tochter Thereſe ver⸗ 199 * liebt, obwohl ich nur einige Minuten lang mit ihr geſprochen und nur ihren Kopf geſehn. Sie haben ſie gewiß im Bette geſehn? So iſt es, und ich habe große Luſt, ſie außer demſel⸗ ben zu ſehn. Wollen Sie ſie in allen Ehren einen Augen⸗ blick heraufkommen laſſen? Sehr gern. Sie kam herauf, ſehr erfreut, daß ihr Vater ſie geru⸗ fen. Ich fand, daß ſie einen feinen und eleganten Wuchs, Karfunkel⸗Augen von der ſchönſten Wirkung, ſchöne Züge und einen anmuthigen Mund hatte; aber im Ganzen ver⸗ minderte ſich die Wirkung, welche ſte im Halbdunkel, wo der Zufall ſie zum erſtenmale meinen Augen gezeigt, her⸗ vorgebracht hatte. Dagegen warf mein Bruder die Augen auf ſie und wurde ihr Sklave. Er heirathete ſie im fol⸗ genden Jahre und führte ſie zwei Jahre darauf nach Dres⸗ den. Ich ſah ſie hier fünf Jahre ſpäter mit einem hübſchen Püppchen, aber nach einer zehnjährigen Ehe ſtarb ſie an der Schwindſucht. 9„ In der Villa Albani fand ich Mengs; er war in ſei⸗ ner Kunſt unermüdlich und ſehr originell in ſeiner Beſchäf⸗ tigung. Er empfing mich und ſagte, er freue ſich, mich in Rom einmiethen zu können, wohin er in einigen Tagen mit ſeiner ganzen Familie zurüͤckkehren werde. Die Villa Al⸗ bani ſetzte mich in Erſtaunen. Der Kardinal Alexander hatte dieſes Haus erbauen laſſen, und um ſeinen Geſchmack für Alterthümer zu befriedigen, hatte er nur antike Steine brauchen wollen; denn nicht nur die Statuen, ſondern auch die Piedeſtale, die Säulen, überhaupt Alles war griechiſch. Er ſelbſt war ein feiner Grieche und großer Kenner, ſo daß er dies Meiſterwerk mit vergleichsweiſe ſehr wenig Geld zu Stande gebracht. Er kaufte übrigens oft auf Kredit mir Damaſippus, ſo daß man nicht ſagen konnte, er richte ſich zu Grunde. Hätte ein Fürſt dieſe Villa bauen laſſen, ſo würde ſie ihm funfzig Millionen gekoſtet haben; aber der Kardinal kam billiger weg. Da er ſich keine antiken Decken verſchaffen konnte, ſo mußte er ſie ſich wohl malen laſſen, und Mengs war un⸗ 200 ſtreitig der größte Maler und arbeitſamſte Mann ſeines Jahrhunderts. Es iſt ſehr ſchade, daß der Tod ihn aus der Mitte ſeiner Laufbahn herausgeriſſen hat, denn er würde die Kunſt mit einer Menge ſchöner Produktionen beſchenkt haben. Mein Bruder hat nie etwas gemacht, was den Na⸗ men eines Zöglings dieſes großen Malers hätte rechtferti⸗ gen können. Wenn ich 1767 nach Spanien kommen werde, werde ich auf Mengs zurückkommen. Sobald ich bei meinem Bruder eingerichtet war, nahm ich Linen Wagen, einen Kutſcher und einen Bedienten, wel⸗ chem ich eine Phantaſielivree machen ließ, und ſtellte mich Monſignor Cornaro, Auditeur der Rota, vor, um Eingang in die hohe Geſellſchaft zu gewinnen; da er ſich aber als Venetianer bloßzuſtellen fürchtete, ſo ſtellte er mich dem Kar⸗ dinal Paſſionei vor, welcher mit dem Papſte von mir ſprach. Vor Allem muß ich meinen Leſern erzählen, was mir bei meiszem zweiten Beſuche mit dieſem bizarren Kardinal be⸗ gegnete, einem großen Feinde der Jeſuiten und geiſtreichem Manm der zugleich ſehr bewandert in der Literatur war. **) Winkelmanns Briefe beſtätigen es, daß Mengs im Herbſte 1760 die I er Gallerie in der Villa Albani malte, ſo wie auch, daß ova's Bruder die Tochter des Gaſtwirths am ſpa⸗ niſchen Platze heirathete und mit ihr im September 1764 als Pprofeſſor der Kunſtakademie nach Dresden ging. — 4 ———— 3 A 1 3 8“*