7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Feliehenen Buches wird von 2 ) — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franz zöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für ntchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mtk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 5.. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſebt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf ud aeſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———y— ſe .& — 2 — Memoiren von, Jacob Caſanova von Seingalt. - —— . Erſte vollſtändige deutſche Ausgabe. Mit Anmerkungen von Ludwig Bunhl. Siebenter Band. Berlin, 1850. Verlag von Guſtav Hempel. Einundfunfzigſtes Kapitel. Anterirdiſche Gekängniſſe, die Brunnen genannt.— o⸗ renz's Rache.— Ich trete mit einem andern Gekangenen, dem Pater Balbi, in Correſpondenz; ſein Charakter.— Ick verabrede mit ihm die Flucht; mie.— Kriegsliſt, welche ich anwende, um demſelben mein Sponton zukom- men zu laſſen.— Erkalg.— Man giebt mir einen ge⸗ meinen Gekährten; ſein Portrait. Ich war in dieſem Zuſtande der Angſt und Verzweif⸗ lung, als mir zwei Sbirren mein Bett brachten. Sie gin⸗ gen ſogleich wieder hinaus, um die übrigen Sachen zu holen, und es vergingen mehr als zwei Stunden, ohne daß Jemand kam, obwohl die Thür meines neuen Gefängniſſes offen ge⸗ blieben war. Dieſe Zögerung, welche nicht natürlich war, gab mir zu vielen Gedanken Anlaß; aber ich konnte bei keinem ſtehen bleiben. Ich wußte nur, daß ich Alles zu fürchten hatte, und dieſe Gewißheit bewog mich zu der größten Anſtrengung, um meinen Geiſt in eine ruhige Stimmung zu bringen, vermöge welcher ich dem mir dro⸗ henden Unglück würde widerſtehen können. Außer den Bleikammern und den Vieren hatten die Staats⸗Inquiſitoren noch neunzehn ſcheusliche unterirdiſche Gefängniſſe in demſelben herzoglichen Palaſte, gräßliche Gefängniſſe, welche für die Unglücklichen beſtimmt ſind, die 1* man nicht zum Tode verurtheilen will, obwohl man ſie wegen ihrer Verbrechen deſſelben werth glaubt. Alle höchſten Richter der Erde haben immer gewiſſen Verbrechern, welche durch ihre Handlungen den Tod verdient hatten, eine Gnade zu erweiſen geglaubt, indem ſie dieſelben am Leben ließen; aber oft erſetzte man dieſen augenblick⸗ lichen Schmerz durch die ſchrecklichſte Lage, und zuweilen durch eine ſo ſchreckliche, daß jeder Augenblick dieſes ſich beſtändig erneuernden Leidens ſchlimmer als der Tod iſt. Betrachtet man die Sache vom religiöſen und philoſophi⸗ ſchen Standpunkte aus, ſo können ſolche Strafumwandlun⸗ gen nur inſofern wie eine Gnade betrachtet werden, als der Unglückliche, welchen ſie betreffen, ſie ſo anſieht; aber ſelten fragt man den Verbrecher, und dann iſt die angebliche Gnade nur eine Ungerechtigkeit. Dieſe unterirdiſchen Gefängniſſe ſind durchaus mit Grä⸗ bern zu vergleichen; aber man nennt ſie die Brunnen, weil das Waſſer, welches durch das Gitter, durch welches ſie einiges Licht erhalten, aus dem Meere eindringt, immer zwei Fuß hoch ſteht; dieſes Gitter iſt nur einen Quadrat⸗ fuß groß. Will der Unglückliche, welcher zum Leben in dieſer ſchmutzigen Kloake verurtheilt iſt, nicht ein Bad in ſalzigem Waſſer nehmen, ſo muß er den ganzen Tag auf einem Tritte ſitzen, auf welchem ein Strohſack liegt und welcher ihm zugleich als Vorrathskammer dient. Morgens giebt man ihm einen Krug Waſſer, eine elende Suppe und eine Ration Schiffszwieback, welchen er ſogleich eſſen muß, wenn derſelbe nicht die Beute der großen Seeratten werden ſoll, von denen dieſe ſchrecklichen Orte wimmeln. Gewöhn⸗ lich ſind die Unglücklichen, welche in die Brunnen gebracht werden, verurtheilt hier ihr Leben zu beſchließen, und zu⸗ weilen erreichen ſie ein hohes Alter. Ein Verbrecher, wel⸗ cher zur Zeit meines Aufenthalts unter den Bleidächern ſtarb, hatte 37 Jahre in denſelben zugebracht, und war, als er hineinkam, ſchon 44 Jahre alt. Da er überzeugt war, den Tod verdient zu haben, ſo kann er die Umwand⸗ lung ſeiner Strafe wohl als eine Gnade betrachtet haben, denn es giebt Menſchen, welche nur den Tod fürchten. — — 5 ſie Derſelbe hieß Béguelin. Er war geborner Franzoſe, und hatte im letzten Kriege gegen die Türken 1716 als Capitain ſſen der Republik gedient. Er ſtand unter dem Befehle des ient 1 Marſchalls Grafen von Schulemburg, welcher den Groß⸗ ben weſir nöthigte, die Belagerung von Corfu aufzuheben. lick⸗ Dieſer Béguelin diente dem Marſchall als Spion; er ver⸗ ilen kleidete ſich als Türke und begab ſich ſo ins Lager der ſich Muſelmänner; während er aber dem Grafen Schulemburg iſt. diente, diente er gleichzeitig auch dem Großweſir, und nach⸗ phi⸗ dem er dieſes doppelten Verraths überführt worden, konnte un⸗ es wohl als eine Gnade betrachtet werden, daß er nur ver⸗ der urtheilt wurde, in den Brunnen zu ſterben. Er hatte nur lten Langeweile und Hunger zu erdulden; aber hei ſeinem nieder⸗ nade trächtigen Charakter hat er wahrſcheinlich oft geſagt: Dum vita superest, bene est.*) jrä⸗ Auf dem Spielberge in Mähren habe ich noch ſchreck⸗ weil lichere Gefängniſſe geſehn; die Milde ſperrte die zum Tode ſte verurtheilten Verbrecher hier ein, und nie hat einer es län⸗ mer ger als ein Jahr hier ausgehalten. Welche Milde! rat⸗ Wiährend der beiden Stunden tödtlichen Wartens, wo in ich mich den düſterſten Gedanken, den ſchrecklichſten Combi⸗ Sin nationen überließ, war es unvermeidlich, daß ich mir nicht auch auf einbildete, ich würde in eins dieſer ſchrecklichen Löcher geſteckt und werden; gräßliche Orte, wo der Unglückliche ſich von chi⸗ gens märiſchen Hoffnungen nährt oder von paniſcher Furcht auf⸗ und gerieben werden muß. Das Gericht, welches im Beſitz der auß, Qualen des Palaſtes war, hätte wohl Jemand, der ver⸗ den ſuchte, dem Fegefeuer zu entfliehn, in die Hölle ſchicken hn⸗ können. acht Endlich hörte ich eilige Schritte und ſah Lorenz vor zu⸗ mir, der ganz entſtellt von Zorn war, vor Wuth ſchäumte vel⸗ und Gott und alle Heiligen läſterte. Er befahl mir zunächſt, dern ihm die Art und die Werkzeuge, welche ich zum Durch⸗ var, brechen des Fußbodens gebraucht, auszuliefern, und ihm zu eugt zu erklären, welcher Sbirre ſie mir geliefert. Ich antwor⸗ ind⸗ tete, ohne mich zu rühren und mit der größten Kaltblütig⸗ ben,— *) Wenn ich nur das Leben behalte, iſt es gut. keit, ich wiſſe nicht, was er meine. Hierauf befiehlt er, mich zu durchſuchen, aber ich ſtehe entſchloſſen auf und drohe den Schurken; mich ſodann nackt ausziehend ſage ich: Verrichtet Euer Geſchäft, aber keiner rühre mich an. Man durchſucht meine Matratzen, man ſchüttet meinen Strohſack aus, man befühlt die Kiſſen meines Lehnſtuhls und findet nichts. Sie wollen mir nicht ſagen, wo die Inſtrumente ſind, mit welchen Sie die Oeffnung gemacht haben; aber man wird Sie ſchon zum Sprechen bringen. Wenn ich wirklich irgendwo ein Loch gemacht habe, ſo werde ich ſagen, daß Sie mir die Mittel dazu geliefert, und daß ich Ihnen Alles zurückgegeben habe. Bei dieſer Drohung, welche den Leuten, die ihm folg⸗ ten und die er wahrſcheinlich durch Schimpfreden gereizt hatte, ein beifälliges Lächeln entlockte, ſtampfte er mit den Füßen, riß ſich die Haare aus und lief wie ein Beſeſſener fort. Seine Leute kehrten zurück und brachten mir alle meine Sachen, mit Ausnahme meines Steins und meiner Lampe. Ehe er den Corridor verließ und nachdem er mein Gefäng⸗ niß geſchloſſen, machte er die beiden Fenſter zu, durch welche ich etwas Licht bekam. Nun war ich auf einen engen Raum beſchränkt, in welchen nicht das leiſeſte Lüft⸗ chen mehr hineindringen konnte. Indeß rührte mich meine Lage nicht ſehr, denn ich fand, daß ich ziemlich wohlfeilen Kaufs davongekommen. Trotz des Geiſtes ſeines Gewerbes kam es ihm nicht in den Sinn, den Lehnſtuhl umzuwühlen, und da ich noch im Beſitze meines Riegels war, ſo dankte ich der Vorſehung und glaubte, daß es mir noch geſtattet wäre, denſelben als das glückliche Werkzeug meiner früher oder ſpäter erfolgenden Befreiung zu betrachten. Ich ſchloß die ganze Nacht kein Auge, ſowohl wegen der Hitze wie wegen der Aufregung. Mit Tagesanbruch kam Lorenz und brachte mir ſchauderhaften Wein und un⸗ trinkbares Waſſer. Alles Uebrige war eben ſo, vertrockneter Salat, ſtinkendes Fleiſch und härteres Brod als engliſcher Schiffszwieback. Er ließ nicht reinmachen, und als ich ihn bat, die Fenſtern aufzumachen, that er ſo, als ob er nicht in Gegenwart der Häſcher mit donnernder Stimme und 7 höre; aber ein mit einer Eiſenſtange verſehener Haͤſcher klopfte überall an, an die Wände, an den Fußboden, an mein Bett. Ich ſah dem mit gleichgültiger Miene zu, aber ich bemerkte, daß der Häſcher nicht an die Decke klopfte. Dort hinaus, ſagte ich zu mir, werde ich dieſer Hölle ent⸗ weichen. Wenn indeß dieſer Plan gelingen ſollte, ſo gehör⸗ ten dazu Kombinationen, welche nicht von mir abhingen; denn ich konnte nichts machen, was nicht geſehen werden konnte. Das Gefängniß war ganz neu; die kleinſte Ritze würde von den Wärtern bemerkt worden ſein. Ich verlebte einen grauſamen Tag, denn die Hitze war erſtickend, wie in einem Backofen, und es war mir auch unmög⸗ lich, von den mir gebrachten Nahrungsmitteln etwas zu mir zu nehmen. Der Schweiß und der Mangel an Nahrung ſchwächten mich ſo ſehr, daß ich weder leſen noch auf⸗ und abgehn konnte. Am andern Tage bekam ich daſſelbe Mit⸗ tagseſſen, und vor dem faulen Geruche des Waſſers mußte ich ſogleich zurückweichen. Haſt Du, ſagte ich, den Befehl bekommen, mich durch Hunger und Hitze zu tödten. Er ſchloß mein Gefängniß, ohne zu antworten. Am dritten Tage wurde ich eben ſo behandelt. Ich forderte Papier und Blei, erhielt aber keine Antwort. In Verzweiflung eſſe ich meine Suppe, ſodann et⸗ was in Cyperwein getauchtes Brod, um mich zu kräfti⸗ gen und am nächſten Tage Lorenz mein Sponton in den Leib ſtoßen zu können. Da die Wuth mein Rathgeber war, ſo glaubte ich nicht anders handeln zu können. Die Nacht beruhigte mich, und als am folgenden Tage der Henkers⸗ knecht erſchien, begnügte ich mich, zu ihm zu ſagen, ich würde ihn tödten, ſobald ich die Freiheit erlangt hätte. Er lachte nur zu meiner Drohung und entfernte ſich wiederum, ohne auch nur den Mund aufzumachen. Ich fing an zu glauben, daß er ſo auf Befehl des Secretairs handle, welchem er Alles erklärt habe. Ich wußte nicht, was ich machen ſollte; ich ſchwankte zwiſchen Geduld und Verzweiflung: meine Lage war ſchrecklich; ich verging vor Entkräftung. Endlich am achten Tage befahl ich ihm wüthender Geberde, indem ich ihm zugleich den edlen Na⸗ men eines niederträchtigen Henkers gab, mir von meinem Gelde Rechnung zu legen. Er erwiderte trocken, das ſolle am folgenden Tage geſchehen. Als er ſich anſchickt abzu⸗ gehn, ergreife ich das Nachtgeſchirr und ſchicke mich an, es auf den Corridor auszuſchütten. Er kam mir zuvor und befahl einem Häſcher, es zu nehmen; ſodann öffnete er, um den Geſtank, welcher ſich während dieſes ekelhaften Geſchäfts verbreitete, zu vertreiben, ein Fenſter, ſchloß es aber ſogleich wieder, als das Geſchäft verrichtet war, und ich blieb trotz meines Geſchreis in dieſer peſtilentialiſchen Luft. Da ich der Anſicht war, daß ich die Leiſtung jenes ekelhaften, aber unentbehrlichen Dienſtes den Beleidigungen, die ich ihm ge⸗ ſagt, zu verdanken habe, ſo ſchickte ich mich an, ihn am folgenden Tage noch ſchlechter zu behandeln; ſobald ich ihn aber erblickte, legte ſich meine Wuth, denn ehe er mir die Rechnung reichte, übergab er mir einen Korb voll Citro⸗ nen, welche mir Herr von Bragadino ſchickte, ſo wie eine große Flaſche Waſſer, welches ich für gut hielt, und ein ſchönes und appetitliches gebratenes Huhn; auch öffnete der Häſcher ſogleich die beiden Fenſtern. Als er mir die Rech⸗ nung reichte, warf ich die Augen nur auf die Summe und „ſagte, er möge den Reſt ſeiner Frau ſchenken, mit Ausnahme einer Zechine, welche er den mit ihm zu meiner Bedienung kommenden Häſchern gebetn ſolle. Dieſes kleine Geſchenk gewann mir die Unglücklichen, welche mir ſehr gerührt da⸗ für dankten. Lorenz blieb abſichtlich zurück und ſagte Folgendes: Mein Herr, Sie haben ſchon geſagt, Sie hätten die Werk⸗ zeuge, mit welchen Sie das ungeheure Loch gemacht, von mir bekommen; ich bin alſo nicht neugierig; aber möchten Sie mir wohl ſagen, von wem ſie die zur Verfertigung der Lampe nöthigen Sachen bekommen? Von Ihnen ſelbſt. Nun weiß ich wirklich nicht mehr, was ich ſagen ſoll, denn ich hätte nicht geglaubt, daß der Geiſt in der Scham⸗ loſigkeit beſtände. Ich lüge nicht. Sie haben mir mit Ihren eignen Hän⸗ 8ε̈ 8 S8. 9 den alles Nöthige gebracht: Oel, Feuerſtein, Schwefelfäden; das Uebrige hatte ich. Sie haben Recht; aber könnten Sie mir eben ſo leicht beweiſen, daß ich Ihnen die Inſtrumente zum Durchbrechen des Fußbodens verſchafft. Gewiß, denn ich habe Alles von Ihnen bekommen. Gott erbarme ſich! Was höre ich! Sagen Sie mir nur, wann ich Ihnen eine Art gegeben. Ich werde Alles und die Wahrheit ſagen, aber nur in Gegenwart des Sercretairs. Ich will nichts mehr wiſſen und glaube Ihnen Alles. Ich bitte Sie zu ſchweigen; denn bedenken Sie, daß ich ein armer Mann bin und Kinder habe. Er entfernte ſich, ſei⸗ nen Kopf mit beiden Händen haltend. Ich wünſchte mir herzlich Glück, daß ich das Mittel gefunden, mich dieſem Lümmel furchtbar zu machen, dem ich nun einmal das Leben koſten ſollte. Ich ſah, daß ihn ſein eigenes Intereſſe nöthigte, den Inquiſitoren nichts von dem Vorgefallenen mitzutheilen. Ich hatte Lorenz befohlen, mir Maffei's Werke zu kau⸗ ſen; dieſe Ausgabe mißficl ihm und er wagte nicht, es mir zu ſagen. Er fragte mich, wie ich noch Bücher brauchen könne, da ich ſchon ſo viel habe. Ich habe Alles geleſen, ſagte ich, ich muß neue haben. Ich werde Ihnen von Jemand, welcher hier iſt, Bücher leihen, wenn Sie ihm die Ihrigen leihen wollen. Auf dieſe Weiſe werden Sie Ihr Geld ſparen. Vielleicht ſind es Romane; die liebe ich nicht. Es ſind wiſſenſchaftliche Bücher, und wenn Sie der einzige gute Kopf hier zu ſein glauben, ſo irren Sie ſich. Ich bin damit zufrieden und wir wollen ſehen. Hier iſt ein Buch, welches ich dem guten Kopfe leihe; bringen Sie mir nun ein anderes.. Ich hatte ihm das Rationarium von Petavius gegeben; vier Minuten darauf brachte er mir den erſten Band von Wolf. Da ich ziemlich zufrieden damit war, ſo ſagte ich, ich brauche den Maffei nicht mehr, was ihm große Frande verurſachte. 10 Ich war weniger erfreut über dieſe gelehrte Lektüre, als daß ich eine Gelegenheit gefunden, eine Correſpondenz mit Jemand einzufädeln, welcher mir bei meiner Flucht be⸗ hülflich ſein könnte, welchen Plan ich in meinem Kopfe ſchon oberflächlich entworfen hatte. Sobald ſich Lorenz entfernt hatte, öffnete ich das Buch und war nicht wenig erfreut, als ich auf einem Blatte in ſechs guten Verſen folgende Paraphraſe der Worte Seneca's fand: Calamito⸗ sus est animus futuri anxius.*) Augenblicklich machte ich ſechs andere, und um ſie niederzuſchreiben, nahm ich zu folgendem Mittel meine Zuflucht. Ich hatte den Nagel meines kleinen Fingers wachſen laſſen, um denſelben als Ohrlöffel gebrauchen zu können, und er war ſehr lang; ich ſpitzte ihn zu und machte ſo eine Feder daraus. Ich hatte keine Dinte und dachte ſchon daran, mir einen Schnitt zu machen und mit meinem Blute zu ſchreiben, als ich be⸗ dachte, daß Maulbeerenſaft leicht die Stelle der Dinte ver⸗ treten könne: und ich hatte Maulbeeren. Außer den ſechs Verſen ſchrieb ich auch den Katalog meiner Bücher auf und brachte ihn im Rücken deſſelben Buches unter. Ich muß bemerken, daß die Bücher in Italien gewöhnlich mit Per⸗ gament gebunden werden, und zwar ſo, daß der Rücken, wenn er geöffnet wird, eine Taſche bildet. Auf den Titel ſchrieb ich: Latet.**) Ich wartete ungeduldig auf die Antwort, und als Lorenz am folgenden Tage kam, ſagte ich, ich hätte das Buch geleſen und bäte die betreffende Perſon, mir ein anderes zu ſchicken. Den zweiten Band erhielt ich den Augenblick darauf. Als ich allein war, öffnete ich das Buch und fand ein fliegendes Blatt in lateiniſcher Sprache, welches Folgendes enthielt:„Wir ſind unſerer zwei in demſelben Gefängniſſe, und ſehen zu unſerm Vergnügen, daß die Unwiſſenheit eines Kerkermeiſters uns eine hier beiſpielloſe Vergünſtigung ver⸗ ſchafft. Ich, der ich Ihnen ſchreibe, bin Marino Balbi, ein *) Wer ſich wegen künftigen Unglücks Sorgen macht, iſt zu beklagen. **) Verborgen. * 11 adliger Venetianer und ſomaskiſcher Ordensgeiſtlicher und mein Gefährte iſt der Graf Andreas Asquino von Udine, der Hauptſtadt von Friaul. Er hat mich beauftragt, Ihnen anzuzeigen, daß alle Bücher, welche er beſitzt, und deren Verzeichniß Sie im Rücken dieſes Werles finden, Ihnen zu Gebote ſtehen, aber wir machen Sie darauf aufmerkſam, daß wir die möglichſte Vorſicht beobachten müſſen, um Lorenz unſern Umgang zu verbergen.“ In der Lage, in welcher wir waren, war es nicht zu verwundern, daß wir beide auf dieſelbe Idee gekommen wa⸗ ren, uns gegenſeitig den Katalog unſerer kleinen Bibliothek zu⸗ zuſchicken, und hierzu den Rücken des Buches zu benutzen; dieſen Gedanken gab uns der einfache geſunde Menſchenver⸗ ſtand ein, und ich fand die Empfehlung zur Vorſicht auf einem fliegenden Blatte etwas ſonderbar. Es ſchien unmög⸗ lich, daß Lorenz nicht das Buch öffnen ſollte; dann würde er das Blatt gefunden haben; da er nicht leſen konnte, würde er es in die Taſche geſteckt haben, um ſich den Inhalt von Jemand ſagen zu laſſen, und auf dieſe Weiſe würde gleich anfangs Alles entdeckt worden ſein. Das brachte mich zum Glauben, daß mein Correspondent ein leichtſinniger Menſch ſei. Nachdem ich den Katalog geleſen, ſchrieb ich auf, wer ich wäre, wie ich verhaftet worden, daß ich das Verbrechen, wegen deſſen ich verhaftet worden, nicht kenne und bald in Freiheit zu gelangen hoffe. Balbi ſchrieb mir hierauf einen Brief von ſechszehn Seiten. Der Graf Asquino ſchrieb mir nicht. Der Moͤnch gab mir die Geſchichte ſeines ganzen Unglücks. Seit vier Jahren war er verhaftet, weil er die Gunſthezeugungen dreier junger Mädchen genoſſen, die don ihm drei Kinder bekomen, die er gutmüthig genug gereſen⸗ auf ſeinen Namen taufen zu laſſen. Das erſtemal war er mit einer Strafpredigt ſeines Vorgeſetzten davon gekommen, das zweitemal hatte man ihm mit einer Ahndung gedroht, und das drittemal hatte man ihn einſperren laſſen. Der Pater Superior ſeines Kloſters ſchickte ihm alle Morgen ſein Mittagseſſen. In ſeinem Briefe, ſagte er, der Superior und das Gericht wären Thrannen, denn ſie hätten keine Gewalt über das Gewiſſen; da er überzeugt geweſen, daß die drei Kinder von ihm wäͤren, ſo habe er geglaubt, ſie als ehrlicher Mann nicht des Vortheils berauben zu dürfen, welchen ſein Name ihnen gewähren könnte. Er ſchloß, in⸗ dem er ſagte, er habe nicht umhin gekonnt, ſeine Kinder öf⸗ fentlich anzuerkennen, da die Verläumdung ſie ſonſt andern Vätern zuſchreiben könnte, was dem Rufe der drei achtba⸗ ren Mädchen, die er gehabt, geſchadet haben würde; auch habe er die Stimme der Natur nicht unterdrücken können, welche zu Gunſten der drei unſchuldigen Mädchen zu ihm geſprochen. Er ſchloß mit den Worten: Es hat keine Ge⸗ fahr, daß mein Superior in dieſelben Fehler verfalle, denn ſeine 8 erſtreckt ſich nur auf 52 Zöglinge.— 4 Das genügte mir, um meinen Ma ennen zu lernen. Aus ſeiner Schrift ſah ich, daß er ein ſinnliches Original, ein Schwätzer, boshaft, dumm, unbeſonnen und undankbar war; denn nachdem er geſagt, daß er ohne den Grafen Asquino, welcher fünfundſechszig Jahre alt war und Bücher und Geld hatte, ſehr unglücklich ſein würde, ſprach er ganze zwei Seiten ſchlecht von ihm und ſchilderte mir ſeine Fehler und Lächerlichkeiten. In der Freiheit würde ich einem Manne dieſes Charakters nie geantwortet haben, aber unter den Bleidächern mußte ich von Allem Nutzen ziehen. Ich fand in dem Rücken des Buches Blei, Federn und Papier, was mich in den Stand ſetzte, recht bequem zu ſchreiben. Er erzählte mir auch die Geſchichte aller Gefangenen, welche ſich unter den Bleidächern befanden und welche ſeit vier Jahren darin geweſen. Er ſagte mir, Nicolaus wäre der Häſcher, welcher im Geheimen ihm Alles, was er wolle, kaufe und ihm die Gefangenen, und was er von Ihnen wiſſe, nenne; und um mich davon zu überzeugen, berichtete er mir Alles, was er von meinem Loche wußte. Er ſagte, man habe mich aus meinem Gefängniſſe weggeholt, um den Patrizier Priuli darin unterzubringen, und Lorenz habe zwei Stunden gebraucht, um die Zerſtörungen, welche ich angerichtet, wieder auszubeſſern, und er habe den Tiſchler, den Schloſſer und alle Häſcher bei Lebensſtrafe zum Ge⸗ heimniß verpflichtet. Noch einen Tag, hatte der Häſcher hinzugefügt, und Caſanova wäre auf eine ſinnreiche Weiſe entflohen, welche Lorenz an den Galgen gebracht haben würde, denn obwohl dieſer beim Anblicke des Lochs ſich ſehr er⸗ ſtaunt zeigte, ſo iſt doch nicht zu zweifeln, daß er ihm die zur Ausfuhrung der Arbeit nöthigen Inſtrumente geliefert. Nicolaus hat mir geſagt, fuhr mein Correſpondent fort, Herr von Bragadino habe ihm tauſend Zechinen verſprochen, wenn er Ihnen bei Ihrer Flucht behulflich ſein könnte; aber Lorenz, der dies wiſſe, ſchmeichele ſich den Lohn zu verdie⸗ nen, ohne ſich in Gefahr zu ſtürzen, indem er Ihre Frei⸗ laſſung durch ſeine Frau bei Herrn Diedo betreiben laſſe. Kein Häſcher wage von dem Vorgefallenen zu ſprechen, weil ſie fürchteten, daß Lorenz ſich durch ihre Entlaſſung räche, wenn es ihm gelänge, ſich heraus zu wickeln. Er bat mich, ihm den Vorfall mit allen Einzelnheiten zu erzählen, ihm zu ſagen, wie ich mir die Werkzeuge verſchafft, und auf ſeine Verſchwiegenheit zu rechnen. Ich zweifelte nicht an ſeiner Neugierde, wohl aber an ſeiner Verſchwiegenheit, um ſo mehr, als ſeine Forderung hinlänglich für ſeine Plauderhaftigkeit ſprach. Ich war in⸗ deß der Anſicht, daß ich ihn ſchonen müſſe, denn er ſchien mir geeignet, Alles zu thun, was ich ihm auftragen würde, um mir bei der Wiedererlangung meiner Freiheit behülflich zu ſein. Ich fing an, ihm zu antworten, aber es kam mir ein Verdacht ein, welcher mich bewog, die Abſendung des ſchon Geſchriebenen einzuſtellen. Ich dachte, dieſe Korre⸗ ſpondenz könnte bloß ein Pfiff von Lorenz ſein, um zu er⸗ fahren, wer mir die Inſtrumente geliefert, und was ich mit denſelben gemacht. Um ihn zu befriedigen, ohne mich bloß zu ſtellen, ſchrieb ich ihm, ich habe das Loch mit einem ſtarken Meſſer, welches ich habe, gemacht, und ich habe daſſelbe auf die Fenſterbrüſtung des Corridors gelegt. In weniger als drei Tagen erhielt ich durch dieſe falſche Mit⸗ theilung meine völlige Ruhe wieder, denn Lorenz unterſuchte die Fenſterbrüſtung nicht, was er unfehlbar gethan haben würde, wenn der Brief aufgefangen worden wäre. Der Vater Balbi ſchrieb mir übrigens, er wiſſe wohl, daß ich dies große Meſſer haben könne, denn Lorenz habe ihm ge⸗ —— ſagt, man habe mich bei meiner Einſperrung nicht durch⸗ ſucht. Lorenz hatte den Befehl dazu nicht bekommen, und dieſer Umſtand hätte ihn vielleicht gerettet, wenn nur die Flucht gelungen wäre, denn er behauptete, wenn er aus den Händen des Anführers der Häſcher einen Mann bekomme, ſo müſſe er annehmen, daß derſelbe ſchon durchſucht ſei. Meſſer grande würde ſeinerſeits geſagt haben, da er mich aus dem Bette geholt, ſo ſei er ſicher, daß ich keine Waffe gehabt, und dieſer Conflict hätte beide aus der Verlegenheit ziehen können. Der Mönch bat mich endlich, ihm mein Meſſer durch Nicolaus zuzuſchicken, welchem ich vertrauen könne. Der Leichtſinn dieſes Mönches erſchien mir unbegreiflich. Ich ſchrieb ihm, ich fühle keine Neigung mich Nicolaus an⸗ zuvertrauen und mein Geheimniß wäre der Art, daß ich es nicht dem Papiere übergeben könne. Seine Briefe machten mir indeß Spaß. In dem einen derſelben theilte er mir den Grund mit, wegen deſſen der Graf Asquino trotz ſeines unbehülflichen Körperzuſtandes, denn er war von ungeheu⸗ rer Korpulenz, und da ein Bein, welches er gebrochen, ſchlecht geheilt worden war, ſo konnte er ſich faſt gar nicht bewegen, in den Bleikammern bleiben müſſe. Er ſagte, der Graf, der nicht reich ſei, bekleide in Udine eine Advo⸗ catur und als ſolcher vertheidige er im ſtädtiſchen Rathe den Bauernſtand gegen den Adel, welcher ſeiner uſurpatori⸗ ſchen Natur nach jenen des Stimmrechts in den Provinzial⸗ verſammlungen berauben wolle. Die Anſprüche der Bauern hätten den öffentlichen Frieden geſtört und um ſie durch das Recht des Stärkern zur Vernunft zu bringen, hätten ſich die Adligen an die Staatsinquiſitoren gewendet, welche dem Grafen befohlen, ſeine Clienten aufzugeben. Der Graf habe geantwortet, das Municipalgeſetz berechtige ihn, die Verfaſſung zu vertheidigen, und er habe nicht gehorchen wollen; die Inquiſitoren hätten ihn hierauf trotz des Ge⸗ ſetzes wegbringen laſſen und ſeit fünf Jahren athme er nun die geſunde Luft der Bleidächer. Er hatte wie ich täglich funfzig Sous, konnte aber über ſein Geld verfügen. Der Mönch, welcher keinen Pfennig hatte, ſagte ſeinem Gefähr⸗ 5 11——— ͦU o- üu— ten wegen ſeines Geizes viel Böſes nach. Er theilte mir auch mit, daß im Gefängniſſe auf der andern Seite des Saales zwei Edelleute aus den ſieben Gemeinden ſäßen, welche ebenfalls wegen Ungehorſams eingeſperrt wären; der eine wäre toll und deshalb angebunden; endlich theilte er mir noch mit, daß in einem andern Gefängniſſe zwei No⸗ tare ſäßen. Mein Verdacht war gänzlich vergangen. Ich urtheilte folgendermaßen. Ich will mich um jeden Preis in Freiheit ſetzen. Das Sponton, welchen ich habe, iſt ausgezeichnet, aber ich kann daſſelbe unmöglich gebrauchen, denn täglich werden die Wände meines Gefängniſſes mit Ausnahme der Decke durch Schläge mit einer Eiſenſtange geprüft. Wenn ich hinaus will, ſo muß ich alſo durch die Decke hinaus; um aber das zu können, muß ich ein Loch haben, und daran kann ich von unten aus nicht mit Erfolg arbeiten, denn das iſt nicht Sache eines Tages. Ich bedarf eines Gehülfen, der mit mir flüchten kann. Ich war wegen der Wahl nicht verle⸗ gen, denn ich konnte nur auf den Mönch verfallen. Er war achtunddreißig Jahre alt, und obwohl er gerade keinen Ueberfluß an geſundem Menſchenverſtande hatte, ſo glaubte ich, daß die Liebe zur Freiheit, dieſes erſte Bedürfniß des Menſchen, ihm hinlängliche Thatkraft zur Ausführung mei⸗ ner Anleitungen geben würde. Ich mußte zunäachſt ihm Alles anvertrauen und ſodann ein Mittel ausfindig machen, um ihm mein Inſtrument zukommen zu laſſen. Es waren dies zwei ſchwierige Punkte. Ich fragte ihn zunächſt, ob er die Freiheit wünſche, ob er geneigt ſei, Alles zu unternehmen, um ſie ſich in Ge⸗ ſellſchaft mit mir zu verſchaffen. Er antwortete, ſein Ge⸗ fährte und er wären fähig, Alles zu thun, um ihre Feſſeln zu zerbrechen; aber er fügte hinzu, es wäre unnütz, ſich den Kopf mit unausführbaren Plänen zu zerbrechen. Er füllte vier Seiten mit den Unmöglichkeiten, welche in ſeinem Kopfe herumſpukten, denn der Unglückliche ſah keine Seite, welche die geringſte Ausſicht auf Erfolg gehabt hätte. Ich ant⸗ wortete ihm, die allgemeinen Schwierigkeiten beſchäftigten 8K a 16 mich nicht, und bei Entwerfung meines Plans hätte ich nur an die beſonderen Schwierigkeiten gedacht und dieſe würden beſeitigt werden, und ich gab ihm endlich mein Eh⸗ renwort, ihn zu befreien, wenn er ſich verpflichten wolle, buchſtäblich Alles zu thun, was ich ihm auftragen würde. Er verſprach es. Ich zeigte ihm an, daß ich ein zwanzig Zoll langes Sponton beſäße; daß er vermittelſt deſſelben die Decke ſeines Gefängniſſes durchbrechen ſolle, hierauf die Mauer, welche uns trenne, daß er durch dieſe Oeffnung in den Raum über mir gelangen werde und die Decke deſſelben durchbre⸗ chen müſſe, und daß er mich ſodann durch das Loch hin⸗ durchhelfen ſolle. Wenn wir ſo weit gekommen wären, würde ſeine Aufgabe zu Ende ſein, und die meine beginnen; dann würde ich ihn und den Grafen Asquino befreien. Er antwortete mir, wenn er mich aus meinem Gefäng⸗ niſſe gezogen hätte, würde ich darum nicht weniger gefangen ſein, und unſere Lage würde ſich dann von der gegenwär⸗ tigen nur durch den Raum unterſcheiden; wir würden dann bloß im Dachraume ſein, welcher durch drei Thüren ge⸗ ſchloſſen wäre. Ich weiß das, ehrwürdiger Vater, aber wir wollen auch nicht durch die Thüren gehen. Mein Plan iſt fertig, und ich bin des Erfolges ſicher. Ich fordere von Ihnen nur Genauigkeit bei der Ausführung und Enthaltung von Einwendungen. Denken Sie nur an das paſſendſte Mittel, wie ich das Werkzeug unſerer Befreiung zu Ihnen gelangen laſſen kann, ohne dem Ueberbringer zum Verdacht Anlaß zu geben.. Einſtweilen laſſen Sie vom Kerkermeiſter einige vierzig Heiligenbilder beſorgen, welche groß genug ſind, um alle Wände Ihres Gefängniſſes damit zu tapeziren. Dieſe religiöſen Bilder werden Lorenz's Verdacht nicht erregen, und Ihnen dazu dienen, die Oeffnung zu bedecken, welche Sie in der Decke machen werden. Sie werden einige Tage nöthig haben, um dieſes Loch zu Stande zu bringen, und Lorenz wird am Morgen Ihre Arbeit vom vorigen Tage nicht ſehen können, weil Sie dieſelben mit einem Bilde be⸗ decken. Wenn Sie mich fragen, warum ich es nicht thue, n G — 1 aAdo æ 17/ ſo antworte ich Ihnen, daß ich es nicht kann, weil ich un⸗ ſerem Wärter verdächtig bin, und dieſen Einwand werden Sie wahrſcheinlich gelten laſſen. Obgleich ich ihm empfohlen, an das geeignetſte Mittel zu denken, wie ich ihm mein Sponton zukommen laſſen könne, ſo beſchäftigte ich mich doch unausgeſetzt damit, es ſelbſt zu finden, und ich kam auf eine glückliche Idee, welche ich feſthielt. Ich ſagte Lorenz, er möchte mir eine Bibel in Folio kaufen, welche ſo eben erſchienen war; es war die Vulgata und die Ueberſetzung der Septuaginta. Ich hoffte mein Sponton im Rücken des Einbandes dieſes großen Buches anbringen und es ſo dem Mönche zuſchicken zu kön⸗ nen; als ich aber die Bibel hatte, ſah ich, daß mein Inſtru⸗ ment zwei Zoll größer war als das Buch. Mein Correspondent hatte mir ſchon geſchrieben, ſein Gefängniß ſei mit Bildern tapezirt, und ich hatte ihm meine Idee üͤber die Bibel und über die Schwierigkeiten, welche mir ſeine zu geringe Länge bereite, mitgetheilt. Glücklich, ſeinen Geiſt leuchten laſſen zu können, verhöhnte er mich wegen der Unfruchtbarkeit meiner Phantaſie und ſagte, ich brauche mein Sponton bloß in meinen Fuchspelz zu wickeln und ihm zu ſchicken. Er ſagte, Lorenz habe ihnen von die⸗ ſem ſchönen Pelze erzählt, und der Graf Asquino werde keinen Verdacht erregen, wenn er ſich denſelben ausbitten laſſe, um einen eben ſolchen zu kaufen. Sie brauchen ihn mir nur zuſammengelegt zuzuſchicken, ſagte er, Lorenz wird ihn nicht auseinanderbreiten. Ich war vom Gegentheil überzeugt, ſchon weil ein zuſammengelegter Pelz ſchwer zu tragen iſt; um ihn indeß nicht zu entmuthigen und ihn zugleich zu überzeugen, daß ich weniger unbeſonnen ſei als er, ſchrieb ich ihm, er ſolle ihn nur holen laſſen. Als Lorenz mich am folgenden Tage um denſelben bat, gab ich ihn ihm, aber ohne einen Riegel, und eine Viertelſtunde darauf brachte er ihn mir mit dem Bemerken zurück, daß die Herren ihn zu ſchön gefunden hätten. Der Mönch ſchrieb mir einen kläglichen Brief, in wel⸗ chem er bekannte, daß er mir einen ſchlechten Rath gegeben; aber er fügte hinzu, daß ich Unrecht gethan, denſelben zu VII. 2 wie befolgen. Das Sponton war ſeiner Anſicht nach verloren, denn Lorenz hatte den Pelz nicht zuſammengelegt überbracht. Nach dieſem Unglück war für ihn keine Hoffnung mehr. Ich tröſtete ihn, indem ich ihn enttäuſchte, und bat ihn, in Zukunft weniger kühn mit ſeinen Rathſchlägen zu ſein. Ein Reſultat mußte gewonnen werden, und ich faßte den feſten Entſchluß, meinen Riegel unter dem Schutze der Bibel ab⸗ zuſchicken, und ein Mittel ausfindig zu machen, die Entdeckung deſſelben durch den Ueberbringer zu verhindern, indem ich denſelben nöthigte, auf die beiden Seiten zu blicken. Ich ſtellte die Sache folgendermaßen an: Ich ſagte zu Lorenz, ich wolle den St. Michaelstag durch Maccaroni mit Käſe feiern, und um mich demjeni⸗ gen, welcher ſo freundlich geweſen, mir die Bücher zu leihen, dankbar zu bezeigen, wolle ich demſelben eine große Schüſſel derſelben ſchicken und ſie ſelbſt bereiten. Lorenz ſagte, der Herr wünſche das große Buch zu leſen, welches drei Zechi⸗ nen koſte. Dies war unter uns verabredet. Sehr wohl, ſagte ich, ich werde es ihm mit den Maccaroni's ſchicken; bringen Sie mir nur die größte Schüſſel, welche Sie im Hauſe haben, denn ich will die Sache im Großen machen. Er verſprach mir, mich nach Wunſch zu bedienen. Ich um⸗ wickelte mein Sponton mit Papier und verbarg es im Rücken des Einbandes, wobei ich dafür ſorgte, daß es auf keiner Seite mehr als auf der andern hinausragte. Wenn ich auf die Bibel eine große Schüſſel Maccaroni mit geſchmolzener Butter ſtellte, ſo war ich ſicher, daß Lorenz die beiden En⸗ den nicht ins Auge faſſen konnte, weil ſeine Blicke ſich auf die Ränder der Schüſſel concentriren mußten, wenn er das Buch nicht mit dem Fette begießen wollte. Ich ſetzte den Pater Balbi davon in Kenntniß, und bat ihn, bei Empfang⸗ nahme der Schüſſel vorſichtig zu ſein, und namentlich die beiden Sachen zuſammen und nicht eine nach der andern anzunehmen. Am beſtimmten Tage kam Lorenz früher als gewöhn⸗ lich mit einem Keſſel voll heißen Maccaroni und aller zur Würzung derſelben nöthigen Ingredienzien. Ich ließ Butter ſchmelzen und nachdem ich die Maccaroni in die Schuſſel loren, racht. mehr. yn, in Ein feſten el ab⸗ ſckung m ich Ich elstag njeni⸗ eihen, hüſſel , der Zechi⸗ wohl, zicken; bie im achen. h um⸗ Kücken keiner ch auf lzener n En⸗ h auf r das te den pfang⸗ ch die indern wöhn⸗ er zur Butter chüͤſſel 19 gelegt, goß ich ſo lange Butter darüber, bis dieſelbe bis zu den Rändern ſtand. Die Schüſſel war ſehr groß und ragte weit über das Buch hinaus, auf welches ich ſie geſtellt hatte. Alles dieſes geſchah an der Thüre meines Gefängniſſes, und Lorenz ſtand draußen. Als Alles bereit war, hob ich ſorgfältig die Bibel und die Schüſſel in die Höhe, und indem ich den Rücken jener Lorenz zuwendete ſagte ich zu ihm, er möge ſeine Hände ausſtrecken, namentlich ſich in Acht nehmen, das Buch nicht zu begießen, und Alles ſchnell an ſeinen Beſtimmungsort tragen. Als ich ihm dieſe koſtbare Laſt übergab, blickte ich ihn an und ſah mit großem Vergnügen, daß er ſeine Augen nicht von der Butter wegwendete, welche er zu ver⸗ gießen fürchtete. Er ſagte, es würde beſſer gehen, wenn er zuerſt die Schüſſel hintrage und ſodann das Buch hole; ich aber antwortete, das Geſchenk würde dadurch ſeinen Werth verlieren und es müßte Alles zuſammen überbracht werden. Er beklagte ſich nun, daß ich zuviel Butter aus⸗ geſchüttet und ſagte mit ſpaßhafter Miene, wenn er über⸗ göſſe, würde er nicht für den Schaden aufkommen. Als ich die Bibel auf den Armen des Tölpels ſah, war ich des Erfolges ſicher, denn die Enden des Spontons waren für ihn nicht zu bemerken, wenn er nicht den Kopf ſeitwärts drehte und ich ſah keinen Grund, weshalb er ſeine Augen von der Schüſſel hätte abwenden ſollen, die er im Gleichgewicht halten mußte. Ich folgte ihm mit den Augen, bis ich ihn in den Vorraum des Gefängniſſes des Möͤnches eintreten ſah, welcher ſich dreimal ſchnaubte, und mir da⸗ durch das verabredete Signal gab, daß Alles gut angekom⸗ men wäre, was Lorenz mir einen Augenblick darauf eben⸗ falls beſtätigte. Pater Balbi legte bald Hand ans Werk und in acht Tagen gelang es ihm, in der Decke eine hinlängliche Oeff⸗ nung zu machen, welche er mit einem Bilde bedeckte, das er mit Brod verklebte. Am 8. Oktober ſchrieb er mir, er habe die ganze Nacht an der Mauer gearbeitet, welche uns trenne und habe nur einen Stein herausheben können. Er ſtellte mir die Schwierigkeit, Ziegelſteine, die durch ſtarken 2* Mörtel verbunden waren, von einander zu trennen, als ſehr groß dar; aber er verſprach mir, die Arbeit fortzuſetzen, fügte aber auch hinzu, daß wir unſere Lage nur verſchlim⸗ mern würden. Ich antwortete, ich ſei vom Gegentheil über⸗ zeugt, er folle nur auf mich vertrauen und ausharren. Leider war ich von nichts überzeugt, aber ich mußte ſo handeln oder Alles aufgeben. Ich wollte die Hölle ver⸗ laſſen, wo mich die ſchrecklichſte Tyrannei eingeſperrt hatte; das war Alles, was ich wußte, und ich dachte nur daran, vorwärts zu gehen, da ich entſchloſſen war, meinen Zweck zu erreichen, und nicht eher einzuhalten, als bis ich zu einem Punkte gekommen wäre, wo ich nicht weiter könnte. Ich hatte geleſen und aus dem großen Buche der Erfahrung ge⸗ lernt, daß man bei großen Unternehmungen nicht lange zu Rathe gehen, ſondern ſie ausführen muß, ohne daß ich je⸗ doch dem Glücke den Einfluß, welchen es auf alle menſch⸗ lichen Unternehmungen hat, beſtreiten möchte. Hätte ich dem Pater Balbi dieſe Myſterien der Moral⸗Philoſophie mitgetheilt, ſo würde er geſagt haben, ich wäre toll ge⸗ worden. Seine Arbeit war nur in der erſten Nacht ſchwierig, denn je länger er arbeitete, deſto leichter wurde es ihm und am Ende fand er, daß er ſechsunddreißig Steine ausgebro⸗ chen hatte. Am 16. Oktober um zehn Uhr Morgens, als ich mit der Ueberſetzung einer Ode des Horaz beſchäftigt war, hörte ich über meinem Haupte ein Geräuſch und drei kleine Schläge. Dies war das verabredete Signal, um uns zu überzeugen, daß wir uns nicht getäuſcht hätten. Er arbei⸗ tete bis zum Abend und ſchrieb mir am folgenden Tage, daß, wenn mein Dach nur zwei Balkenlagen hätte, er noch an demſelben Tage damit fertig werden würde. Er ver⸗ ſicherte mir, daß er das Loch rund, wie ich es ihm empfoh⸗ len, machen und den Fußboden nicht beſchädigen würde. Dies war beſonders nöthig, denn die geringſte Spur einer Be⸗ ſchädigung deſſelben würde uns verrathen haben. Ich werde, ſagte er, die Aushöhlung ſo machen, daß nur eine viertel⸗ ſtündige Arbeit zu ihrer Vollendung nöthig ſein wird. Ich hatt wo daſſ war herz mich der zu bew keit Uhr die Ich genr Ala⸗ der und darc Ent führ klein rund ich Sch genr ſicht ich, Str tägl wär chen ihn zu d Um ſpeif unge ls ſehr uſetzen, ſchlim⸗ [über⸗ en. mußte le ver⸗ hatte; daran, Zweck einem :Ich ng ge⸗ ige zu ich je⸗ ꝛenſch⸗ te ich dſophie öll ge⸗ vierig, n und gebro⸗ h mit hörte kleine ns zu arbei⸗ Tage, noch ver⸗ pfoh⸗ Dies Be⸗ verde, hertel⸗ Ich — 21 hatte dieſen Augenblick auf den zweitfolgenden Tag angeſetzt, wo ich mein Gefängniß verlaſſen wollte, um nie mehr in daſſelbe zurückzukehren; denn wenn ich einen Gefährten hatte, war ich ſicher, in drei oder vier Stunden im Dache des herzoglichen Palaſtes ein Loch zu machen, hindurchzukriechen, mich aufs Dach zu ſchwingen, und ſodann alle Mittel, welche der Zufall mir bieten würde anzuwenden, um auf die Erde zu gelangen. Ich war noch nicht ſo weit, denn mein böſes Geſchick bewahrte mir noch mehr als eine zu beſiegende Schwierig⸗ keit auf. An demſelben Tage, einem Montage, um zwei Uhr Nachmittags, hörte ich, während Pater Balbi arbeitete, die Thür des an mein Gefängniß ſtoßenden Saals aufgehen. Ich fühlte mein Blut erſtarren, aber ich hatte Geiſtesge⸗ genwart genug, um zweimal zu klopfen, das verabredete Alarmzeichen für den Pater Balbi, ſchnell durch das Loch der Mauer zu kriechen, in ſein Gefängniß zurückzukehren und Alles in Ordnung zu bringen. Nicht eine Minute darauf öffnet Lorenz mein Gefängniß und bittet mich um Entſchuldigung, daß er mir ein ſehr ſchlechtes Subjekt zu⸗ führe. Es war ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren, klein, mager, häßlich, ſchlecht gekleidet; er trug eine ſchwarze runde Perrücke, und zwei Häſcher entfeſſelten ihn, während ich ihn betrachtete. Ich konnte nicht zweifeln, daß es ein Schurke wäre, da Lorenz ihn mir als ſolchen in ſeiner Ge⸗ genwart vorſtellte, ohne daß dieſe Worte irgend einen er⸗ ſichtlichen Eindruck auf ihn machten. Das Gericht, ſagte ich, kann thun, was es will. Lorenz ließ demſelben einen Strohſack bringen und ſagte ihm, das Gericht bewillige ihm täglich zehn Sous; hierauf ſchloß er uns ein. Voller Verzweiflung über dieſe unglückſelige Wider⸗ wärtigkeit, betrachtete ich dieſen Schurken, der ſich als ſol⸗ chen ſchon durch ſeine Phyſiognomie bezeichnete. Ich dachte ihn zum Sprechen zu veranlaſſen, als er ſelbſt begann, mir zu danken, daß ich ihm einen Strohſack habe bringen laſſen. Um ihn zu gewinnen, ſagte ich ihm, er würde mit mir ſpeiſen; er küßte mir die Hand und fragte mich, ob er deſſen⸗ ungeachtet die ihm vom Gerichte ausgeſetzten zehn Sous bezie⸗ füͤhr Erzählung: „Meine einzige Leidenſchaft war immer der Ruhm Gottes und dieſer heiligen Republik und die genaue Befol⸗ Immer aufmerkſam auf die Verun⸗ treuungen der Schurken, welche es ſich zum Geſchäfte machen, ihren Souverain zu betrügen, um ſeine Rechte zu kränken und welche ihre Schritte in Dunkel zu huͤllen ſuchen, bin gung ihrer Geſetze. hen könne. Ich ſagte ja. Bei dieſem Worte kniete er nie⸗ der und einen ungeheuren Roſenkranz aus der Taſche zie⸗ hend, ließ er ſeine Augen in allen Winkeln des Gefäng⸗ niſſes umherſchweifen. Was ſuchen Sie? Sie werden verzeihen, mein Herr, ich ſuche ein Bild der heiligen Jungfrau, denn ich bin Chriſt; wenn hier nur ein ganz kleines Crucifix wäre, denn ich habe nie ſo ſehr das Bedürfniß gefühlt, mich dem heiligen Franziskus von Aſſiſi zu empfehlen, deſſen Namen ich unwürdiger Weiſe e. Ich hatte Mühe, mich des Lachens zu enthalten, nicht ſowohl wegen ſeiner chriſtlichen Frömmigkeit, denn das Ge⸗ wiſſen und der Glaube ſind Eigenſchaften, welche Niemand controlliren kann, ſondern wegen der Art und Weiſe ſeiner Bitte. Ich ſah daraus, daß er mich für einen Juden hielt, und um ihn zu enttäuſchen, gab ich ihm das Gebetbuch der heiligen Jungfrau, deren Bild er küßte, und als er es mir zurückgab, ſagte er mit beſcheidenem Tone zu mir, ſein Va⸗ ter ſei Galeeren⸗Alguazuil, habe aber ihn nicht leſen lernen laſſen. Ich bekenne mich, ſagte er, zum heiligen Roſenkranz, und er fing nun an, mir eine Menge Wunder zu erzählen, welche ich mit einer Engelsgeduld anhörte. ihm zu geſtatten, ſeinen Roſenkranz herzuſagen und dabei das Bild der heiligen Jungfrau anzuſehen. Als er zu Ende war, fragte ich ihn, ob er ſchon zu Mittag gegeſſen: er ſagte, er vergehe vor Hunger. Ich gab ihm Alles, was ich hatte, und er verſchlang mehr, als er aß, trank allen meinen Wein aus, und als er betrunken war, fing er an zu weinen, und dann in die Kreuz und Quere zu ſprechen. um die Urſache ſeines Unglücks befragte, begann er folgende Er bat mich, er nie⸗ he zie⸗ hefäng⸗ n Bild r nur o ſehr s von Weiſe nicht as Ge⸗ emand ſeiner hielt, ich der es mir in Va⸗ lernen nkranz, zählen, mich, bdabei Ende ſagte, hatte, Wein n, und ich ihn olgende Ruhm Befol⸗ Verun⸗ nachen, kränken n, bin 23 ich beſtändig bemüht geweſen, ihre Geheimniſſe zu entdecken und habe, was ich entdecken konnte, Meſſer grande immer getreulich hinterbracht. Man hat mich freilich immer be⸗ zahlt, aber das Geld, das man mir gegeben, hat mir nie ſo viel Vergnügen gemacht, als die Befriedigung, welche ich fühlte, dem Ruhme des heiligen Marcus dienen zu kön⸗ nen. Ich habe mich immer über das Vorurtheil derjenigen luſtig gemacht, welche ſich fälſchlicher Weiſe des Gewerbes eines Spions ſchämen. Dieſer Name klingt nur ſchlecht für die Ohren derjenigen, welche die Regierung nicht lieben; denn ein Spion iſt ein Freund des Staatswohls, die Gei⸗ ßel der Verbrecher und der treue Unterthan des Fürſten. Wenn es ſich darum handelte, meinen Eifer auf die Probe zu ſtellen, ſo hat das Gefühl der Freundſchaft, welches über Andere einige Gewalt haben mag, nie eine ſolche über mich gehabt, noch weniger die ſogenannte Dankbarkeit. Ich habe oft geſchworen zu ſchweigen, um Jemand ein Geheimniß zu entlocken, welches ich augenblicklich gewiſſenhaft angezeigt habe. Ich konnte es vertrauensvoll thun, denn mein Beicht⸗ vater, ein heiliger Jeſuit hatte mir verſichert, daß ich es enthüllen könne, nicht nur, weil ich nicht die Abſicht gehabt, es zu bewahren, ſondern auch, weil in politiſchen Sachen kein Eid bindend ſei. Ich fühle, daß ich als Sklave meines Eifers meinen Vater verrathen und die Natur zum Schwei⸗ gen gebracht haben würde. Vor drei Wochen bemerkte ich⸗ auf Iſola, einer kleinen Inſel, wo ich wohnte, eine ganzebe⸗ ſondere Verbindung zwiſchen vier oder fünf angeſehenen Perſonen der Stadt. Ich wußte, daß ſie mit der Regie⸗ rung unzufrieden waren, wegen einer entdeckten und confis⸗ eirten Contrebande, welche die angeſehenſten dieſer Herren mit dem Gefängniſſe hatten büßen müſſen. Der erſte Caplan, geborner öſterreichiſcher Unterthan, gehörte zu dieſem Complotte. Sie verſammelten ſich Abends im Zimmer einer Schenke, wo ein Bett ſtand; hier tranken und ſprachen ſie und gin⸗ gen dann nach Hauſe. Da ich entſchloſſen war, das Complott zu entdecken, ſo hatte ich den Muth, mich eines Tages, wo ich ſicher war, nicht beobachtet zu werden, unter dem Bette zu verbergen. Gegen Abend kamen meine Leute an und fingen an zu ſprechen; ſie ſagten unter Anderm, die Stadt Iſola gehöre nicht zur Gerichtsbarkeit von St. Marcus, ſondern zu der des Fürſtenthums Trieſt, denn ſie könne durchaus nicht als ein Theil des venetianiſchen Iſtriens be⸗ trachtet werden. Der Caplan ſagte zum Haupträdelsführer, einem gewiſſen Pietro Paolo, wenn er nebſt den Andern eine Schrift unterzeichnen wolle, ſo würde er in eigener Perſon zum kaiſerlichen Geſandten gehen, und die Kaiſerin würde ſich nicht nur der Stadt bemächtigen, ſondern ihnen auch eine Belohnung bewilligen. Alle ſagten, ſie wären bereit, und der Caplan verpflichtete ſich, die Schrift am folgenden Tage zu bringen und ſögleich abzureiſen, um ſie dem Ge⸗ ſandten hier zu übergeben.“ „Ich beſchloß, dieſen niederträchtigen Plan in Rauch aufgehen zu laſſen, obwohl einer der Geſchwornen mein Ge⸗ vatter war und dieſe geiſtliche Verwandtſchaft ihm größere Anſprüche auf Berückſichtigung gab, als ob er mein eigener Bruder geweſen wäre.“ „Nach der Entfernung der Verſchwörer hatte ich Zeit genug, mich wegzumachen, und ich hielt es nicht für nöthig, mich noch einmal zu verbergen; ich hatte genug entdeckt. In derſelben Nacht fuhr ich in einem Boote ab und langte am folgenden Tage gegen Mittag hier an. Ich ließ mir die Namen der ſechs Rebellen aufſchreiben und überbrachte ſie dem Secretair des Gerichts, indem ich ihm Alles, was ich gehört, erzählte. Er befahl mir, am folgenden Tage früh zu Meſſer grande zu gehen, der mir einen Mann geben würde, welcher mich nach Iſola begleiten ſolle, um ſich den Caplan von mir zeigen zu laſſen, der wohl noch nicht abgereiſet ſein würde. Wenn Sie dies gethan, ſagte der Seerretair, ſo miſchen Sie ſich in weiter nichts. Ich vollführte ſeinen Befehl, und nachdem ich dem Manne von Meſſer grande den Caplan gezeigt, ging ich meinen Geſchäften nach. Nach Tiſche ließ mich mein Gevatter rufen, um ihn zu raſiren, denn ich bin Barbier, und nachdem ich meine Ar⸗ beit verrichtet, gab er mir ein vortreffliches Glas Refosco nebſt einigen Wurſtſchnitten, welches er mit mir in guter Freundſchaft austrank. Die Neigung zu meinem Gevatter brack Hand ſchaf bewi Capl mir an z mit Rau Fehl wede Tage mich mein daß aus bin Frat der; aus weiß ſein, Stadt arcus, könne s be⸗ ihrer, ndern gener iſerin auch dereit, enden Ge⸗ tauch Ge⸗ ößere gener Zeit öthig, tdeckt. angte mir rachte was Tage pürde, aplan rreiſet etair, einen rande on zu Ar⸗ fosco guter hatter 25 brach nun in meiner Seele hervor, ich faßte ihn bei der Hand und aufrichtig weinend, rieth ich ihm, die Bekannt⸗ ſchaft des Canonicus aufzugeben und namentlich nicht die bewußte Schrift zu unterzeichnen. Er ſagte, er wäre dem Caplan nicht mehr als jedem Andern befreundet und ſchwor mir zu, daß er nicht wiſſe, wovon ich ſpreche. Ich fing nun an zu lachen, ſagte, ich habe nur geſpaßt und entfernte mich mit dem Bedauern, daß ich einer zärtlichen Anwandlung Raum gegeben und nich durch dieſelbe zu einem großen Fehler habe verleiten laſſen. Am nächſten Tage ſah ich weder meinen Mann noch den Caplan, und als ich acht Tage ſpäter hierher kam, beſuchte ich Meſſer grande, welcher mich ohne Weiteres einſperren ließ, und ſo bin ich nun hier, mein theurer Herr. Ich danke dem heiligen Franziscus, daß ich in Geſellſchaft eines guten Chriſten bin, der ſich hier aus Gründen befindet, welche ich nicht wiſſen mag, denn ich bin nicht neugierig. Mein Name iſt Soradaci, und meine Frau iſt eine Legrenzi, Tochter eines Secretairs des Rathes der Zehn, welche mich allen Vorurtheilen zum Trotze duͤrch⸗ aus heirathen wollte. Sie wird verzweifeln, daß ſte nicht ⸗weiß, wo ich bin; aber ich hoffe nur wenige Tage hier zu ſein, denn ich kann nur der Bequemlichkeit des Secretairs wegen hier ſein, der mich hat einſperren laſſen, um mich beſſer verhören zu können.“ Ich ſchauderte, als ich ſah, mit welchem Ungeheuer ich zuſammengeſperrt war; da ich aber begriff, daß meine Lage nun mißlich war und ich denſelben ſchonen mußte, ſo ſpielte ich jeſuitiſcher Weiſe den Gefühlvollen, beklagte ihn und prophezeite ihm unter Belobung ſeines Patriotismus die Freiheit binnen wenigen Tagen. Einige Augenblicke darauf ſchlief er ein, und ich benutzte ſeinen Schlaf, um dem Pater Balbi Alles mitzutheilen, welchem ich zugleich vorſtellte, daß wir unſere Arbeit bis zu gelegnerer Zeit aufſchieben müßten. Am folgenden Tage ſagte ich zu Lorenz, er möge mir ein hölzernes Crucifix, ein Bild der heiligen Jungfrau, und das Portrait von St. Franziskus kaufen und zwei Fla⸗ ſchen Weihwaſſer beſorgen. Soradaci forderte ſeine zehn — Sous und Lorenz gab ihm mit verächtlicher Miene zwanzig. Ich befahl ihm, mir viermal ſo viel Wein, Knoblauch und Salz, die Lieblingsgenüſſe meines elenden Gefährten, zu kau⸗ fen. Nach der Entfernung des Kerkermeiſters zog ich ge⸗ ſchickt den Brief, welchen mir Balbi geſendet und worin er mir ſeinen Schrecken ſchilderte, aus dem Buche hervor. Er glaubte, Alles wäre verloren und wurde nicht müde, über das Unglück zu ſchreien, daß Lorenz den Soradaci in mein Gefängniß gebracht; denn, ſagte er, wenn er ihn zu uns gebracht hätte, würde er mich nicht gefunden haben, und als Lohn für unſern Fluchtverſuch würden die Brunnen unſer Antheil geworden ſein. Die Erzählung Soradacis ließ mir keinen Zweifel, daß er Verhöre zu beſtehen haben würde, denn es ſchien klar, daß der Secretair ihn nur wegen Verdachts der Verläum⸗ dung hatte einſperren laſſen. Ich beſchloß nun, ihm zwei Briefe anzuvertrauen, die, wenn ſie an ihre Adreſſe gelang⸗ ten, mir weder ſchaden noch nutzen konnten, welche mir aber vortheilhaft werden mußten, wenn der Verräther, wie ich gar nicht bezweifelte, ſie dem Secretair übergab, um ihm einen Beweis ſeiner Treue zu geben. Ich brauchte zwei Stunden, um die Briefe mit Blei⸗ ſtift zu ſchreiben. Am folgenden Tage brachte mir Lorenz das Crucifix, die beiden Bilder und das Weihwaſſer, und nachdem ich den Schurken gut geſpeiſt, ſagte ich, ich erwarte von ihm einen Dienſt, von welchem mein Glück abhänge. Ich rechne, ſagte ich, auf Ihre Freundſchaft und Ihren Muth; hier ſind zwei Briefe, welche ich Sie bitte, an ihre Adreſſe zu bringen, ſobald Sie frei ſein werden. Mein Glück haͤngt von Ihrer Treue ab, aüe Sie müſſen die Briefe verbergen, denn wenn man ſie bei Ihrer Entlaſſung fände, ſo würden wir beide verloren ſein. Sie müſſen mir auf dieſes Crucifix und dieſe heiligen Bilder ſchwören, daß Sie mich nicht verrathen wollen. Ich bin bereit, theurer Herr, Alles zu ſchwören, was Sie wollen und ich bin Ihnen zu ſehr verpflichtet, um Sie zu verrathen. vanzig. h und u kau⸗ ſch ge⸗ rin er r. Er über mein u uns nd als unſer I, daß n klar, läum⸗ 1 zwei elang⸗ r aber vie ich n ihm Blei⸗ Lorenz , und warte hänge. Ihren n ihre Mein en die aſſung en mir 1, daß „ was m Sie 27 Hierauf weinte, lamentirte und klagte er: er nannte ſich unglücklich, weil er in den Verdacht des Verraths gegen einen Mann kommen könne, für welchen er ſein Leben hin⸗ gegeben haben würde. Ich wußte, was ich davon zu halten hatte, aber ich ſpielte Komödie. Nachdem ich ihm ein Hemde und eine Mütze gegeben, entblößte ich mein Haupt: nach⸗ dem ich ſodann das Gefängniß mit Weihwaſſer beſprengt, und ihn ſelbſt lange und reichlich mit derſelben Flüſſigkeit begoſſen, ließ ich ihn unter lauten Beſchwörungsformeln, welche nicht die Spur von geſundem Menſchenverſtande hatten, und welche eben deswegen um ſo geeigneter waren, ihn zu ſchrecken, einen ſchrecklichen Eid leiſten. Nachdem er ſich während dieſer burlesken Ceremonie verpflichtet, meine Briefe an ihre Adreſſe zu bringen, gab ich ſte ihm. Er ſelbſt wollte ſie hinten in ſeiner Weſte, zwiſchen dem Zeuge und dem Futter einnähen: ich ließ ihn gewähren. Ich hatte die moraliſche Ueberzeugung, daß er den Brief bei erſter beſter Gelegenheit dem Secretair übergeben würde; daher hatte ich auch alle Kunſt aufgeboten, um meine Liſt nicht durch den Styl zu verrathen; die Briefe konnten mir nur die Achtung und vielleicht auch die Nachſicht des Ge⸗ richts erwerben. Der eine war an Herrn von Bragadino, der andere an den Abbé Grimani adreſſirt: und ich ſagte denſelben, ſie möchten ſich wegen meines Schickſals nicht be⸗ unruhigen, denn ich habe Grund zu hoffen, daß ich bald frei werden würde; nach meiner Entlaſſung würden ſie fin⸗ den, daß dieſe Strafe mir eher gut als ſchlecht bekommen ſei, da in Venedig Niemand ſo ſehr als ich der Beſſerung bedürfe. Ich bat Herrn von Bragadino, er möchte mir Pelz⸗ ſtiefeln für den Winter ſchicken, da mein Gefängniß hoch genug wäre, um darin aufrecht ſtehen und auf und abgehen zu können. Ich hütete mich wohl, Soradaci muthmaßen zu laſſen, daß meine Briefe ſo unſchuldig wären, denn ſonſt hätte er ehrlich ſein und ſie abgeben können, was ich nicht wollte. Du wirſt, theurer Leſer, im folgenden Kapitel ſehen, ob die Eide auf das ſchändliche Gemüth meines ſchrecklichen Gefährten Einfluß hatten, und ich überzeugte mich von der Wahrheit des Sprichworts: In vino veritas. Dieſes er⸗ bärmliche Weſen hatte ſich in der oben gegebenen Erzählung wahrheitsgetreu geſchildert. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Soradari's Verrath.— Wittel, welche ich gebrauche, um ihn dumm zu machen.— Pater Balbi vollendet glücklich ſeine Arbeit.— Ich verlaſſe mein Gekängniß.— An- zeitgemäße Betrachtungen des Gralen Asquins.— Augen- blich des Ausbruchs. Soradaci hatte meine Briefe ſeit zwei oder drei Tagen, als Lorenz ihn Nachmittags abholte, um ihn zum Secre⸗ tair zu führen. Da er mehrere Stunden wegblieb, ſo hoffte ich ihn nicht wiederzuſehen, zu meinem großen Erſtaunen kehrte er aber am Abend zuruͤck. Als Lorenz ſich entfernt, ſagte mir mein ſchrecklicher Gefährte, der Secretair habe ihn in Verdacht, den Caplan haben warnen zu laſſen, da dieſer Prieſter nie beim Geſandten geweſen, und da man keine Schrift bei ihm gefunden. Er ſagte, nach einem langen Verhöre habe man ihn in ein ſehr enges Gefängniß ge⸗ bracht, wo man ihn mehrere Stunden gelaſſen; ſodann habe man ihn wiederum gefeſſelt, und in dieſem Zuſtande habe man ihn nochmals vor dem Seecretair geführt, welcher das Geſtändniß von ihm haben wollte, daß er in Iſola geſagt, der Prieſter würde nicht wieder dorthin zurückkehren; er habe indeß ein Geſtändniß nicht ablegen können, da er nie etwas Derartiges geſagt. Der Secretair ſei endlich müde geworden und habe den Häſchern geklingelt, um ihn wieder hierher zu bringen. Dieſe Erzählung erfüllte mich mit Traurigkeit, denn ich ſah klar, daß dieſer Elende lange bei mir bleiben würde. ſes er⸗ ählung he, um ücklich An- lugen- Tagen, Secre⸗ hoffte aunen tfernt, be ihn dieſer keine angen ß ge⸗ mhabe habe r das eeſagt, 1; er er nie müde vieder nn ich pürde. 29 Da ich den Pater Balbi von dieſer Widerwärtigkeit benach⸗ richtigen mußte, ſo ſchrieb ich in der Nacht, und da ich dies öfter that, ſo gewöhnte ich mich daran, im Dunkeln zu ſchreiben. Da ich mich am folgenden Tage vergewiſſern wollte, daß ich mich in meinem Verdachte nicht getäuſcht, ſo ſagte ich dem Spione, er ſolle mir den Brief, welchen ich an Herrn von Bragadino geſchrieben, zurückgeben, da ich noch etwas hinzufügen wolle. Sie können ihn, ſagte ich, ſogleich wieder einnähen. Das iſt gefährlich, antwortete er, denn während deſſen könnte der Kerkermeiſter kommen und wir würden dann verloren ſein. Das thut nichts; geben Sie mir die Briefe zurück. Nun warf ſich mir das Ungeheuer zu Fuͤßen und ſchwor mir, daß ihn bei ſeinem zweiten Erſcheinen vor dem fürchterlichen Secretair ein ſo heftiges Zittern erfaßt, und daß er auf dem Rücken an dem Orte, wo meine Briefe ver⸗ ſteckt waren, einen ſo unerträglichen Druck empfunden, daß ihn der Secretair um den Grund befragt, und daß er nicht die Kraft gehabt, ihm die Wahrheit zu verbergen; daß nun der Secretair geklingelt, daß Lorenz gekommen, ihm die Weſte ausgezogen, das Futter aufgetrennt, und daß der Se⸗ eretair die Briefe, nachdem er ſie geleſen, in ſein Bureau gelegt. Der Herr Secretair hat mir geſagt, fuhr der Nie⸗ derträchtige fort, daß es mir ans Leben gegangen ſein würde, wenn ich dieſe Briefe abgeliefert hätte. Ich that ſo, als ob mir unwohl würde und mein Ge⸗ ſicht mit den Händen bedeckend, kniete ich am Bette vor dem Bilde der heiligen Jungfrau nieder und erſuchte ſie in feier⸗ lichem Tone, mich an dem Böſewichte zu rächen, welcher mich verrathen und den furchtbarſten Eid verletzt habe. Hierauf legte ich mich auf mein Bett, das Geſicht gegen die Mauer gewendet, und hatte die Ausdauer, den ganzen Tag ſo liegen zu bleiben, ohne die geringſte Bewegung zu machen, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne ſcheinbar auf das Schluch⸗ zen, das Geſchrei und die Verſicherungen der Reue dieſes Niederträchtigen zu achten. Ich ſpielte für eine Komödie, deren Plan in meinem Kopfe fertig war, meine Rolle ganz vortrefflich. Während der Nacht ſchrieb ich dem Pater Balbi, er möge um neunzehn Uhr, nicht eine Minute früher oder ſpäter, kommen, um ſeine Arbeit zu beginnen, und nur vier Stunden, und keine Minute länger, arbeiten. Unſere Frei⸗ heit, ſagte ich, hängt von dieſer Pünktlichkeit ab, und Sie haben nichts zu fürchten. Es war der 25. Oktober und die Zeit, wo ich meinen Plan ausführen oder für immer aufgeben mußte, war nicht mehr fern. Die Staats⸗Inquiſitoren ſo wie der Secretair verbrachten jährlich die drei erſten Tage des November in einem Dorfe der terra ferma. Lorenz, der die Abweſen⸗ heit ſeiner Herren benutzte, betrank ſich dann jeden Abend und kam Morgens ſpäter als ſonſt in die Gefängniſſe. Da ich dies wußte, ſo rieth die Klugheit, dieſe Zeit zu wählen, und ich war überzeugt, daß meine Flucht erſt ſpät Morgens bemerkt werden wuͤrde. Ein anderer Grund, welcher mich beſtimmte, meinen Entſchluß zu einer Zeit zu beeilen, wo ich nicht mehr an der Bosheit meines ſchreck⸗ lichen Gefährten zweifeln konnte, ſcheint mir wichtig genug, um ihn meinen Leſern nicht vorzuenthalten. Die größte Beruhigung eines Menſchen, welcher ſich in einer unglücklichen Lage befindet, iſt die Hoffnung, bald herauszukommen. Er ſeufzt nach dem Augenblicke, welcher ſein Unglück enden ſoll; er glaubt, denſelben durch ſeine Sehnſucht ſchneller herbeiführen zu können, und er würde Alles thun, um die Stunde zu erfahren, welche ſeiner Qual ein Ende machen ſoll; aber Niemand kann wiſſen, in wel⸗ chem Augenblicke ein von dem Willen Jemands abhängiger Umſtand eintreten wird, wenn dieſer Jemand ſich nicht dar⸗ über erklärt hat. Nichtsdeſtoweniger fällt der Menſch, wel⸗ cher leidet, aus Ungeduld und Schwäche dem Aberglauben in die Arme. Gott, ſagt er zu ſich, muß den Augenblick kennen, welcher meinem Leiden ein Ende machen wird. Gott kann geſtatten, daß dieſer Augenblick mir offenbart werde, gleichviel wie. Sobald er zu einer ſolchen Anſicht gelangt, trägt er kein Bedenken mehr, das Schickſal zu befragen, gleichviel, welche Art und Weiſe ihm ſeine Phantaſte ein⸗ giebt Aus Dieſe ßern von Kabl Spri Virg berül üͤber zufäl Spie nicht Schi vorſt Freil erlan neun nahn neun um das für d das lle ganz r Balbi, her oder nur vier re Frei⸗ ind Sie meinen ar nicht becretair genug, her ſich g, bald welcher h ſeine würde rQual n wel⸗ ingiger ht dar⸗ ), wel⸗ lauben genblick Gott werde, elangt, fragen, ie ein⸗ 31 giebt, und mag er nun mehr oder weniger geneigt ſein, den Ausſprüchen des von ihm gewählten Orakels zu glauben. Dieſe Stimmung iſt nicht ſehr verſchieden von der des grö⸗ ßern Theils derjenigen, welche die Pythia oder die Eichen von Dodona zu Rath zogen, derjenigen, welche heute die Kabbala befragen, oder die gewünſchte Aufklärung in einem Spruche der Bibel, oder einem Verſe Virgils, wodurch die Virgilianen, von welchen ſo viele Schriftſteller ſprechen, ſo berühmt geworden ſind, oder endlich derjenigen, welche feſt überzeugt ſind, die Erledigung aller ihrer Zweifel in den zufälligen oder berechneten Combinationen eines elenden Spiels Karten zu finden. In dieſem geiſtigen Zuſtande war ich; da ich aber nicht wußte, welche Methode ich anwenden ſollte, um das Schickſal zu nöthigen, mir das Schickſal, welches mir be⸗ vorſtand, zu offenbaren, d. h. den Augenblick, wo ich die Freiheit, dies mit keinem andern vergleichbare Gut, wieder⸗ erlangen würde, ſo beſchloß ich, das göttliche Gedicht des wüthenden Roland von Meſſer Lodovico Arioſto, welches ich hundertmal geleſen, welches ich auswendig wußte, und welches mich auch hier entzückte, um Rath zu fragen. Ich betete den Genius dieſes großen Dichters an und hielt ihn für mehr als Virgil geeignet, mir mein Glück zu verkünden.. In dieſer Idee ſchrieb ich eine Frage auf, welche ich an den vermeintlichen Geiſt richtete. Ich fragte, in wel⸗ chem Geſange des Arioſt die Prophezeihung des Tages mei⸗ ner Befreiung zu finden wäre. Hierauf bildete ich eine um⸗ gekehrte Pyramide aus den Zahlen, welche ſich aus den Worten der Frage ergaben, und durch Subtraktion der Zahl neun von jeder Zahlenreihe fand ich die Zahl neun. Ich nahm nun an, daß die geſuchte Prophezeihung ſich im neunten Geſange befände. Ich befolgte dieſelbe Methode, um zu erfahren, in welchem Verſe und in welcher Stanze das Orakel zu finden wäre, und ich erhielt die Zahl ſieben für die Stanze und die Zahl eins für den Vers. Ich nehme das Gedicht, und mit klopfendem Herzen, als ob ich dem 32 Orakel völliges Vertrauen geſchenkt, blättere ich darin und finde folgende Stelle: Fra il fin d'ottobre e il capo di novembre.*) Das genaue Zutreffen dieſes Verſes und das Paſſen deſſelben ſchienen mir ſo wunderbar, daß ich zwar nicht ſa⸗ gen will, ich habe völlig daran geglaubt, daß aber der Le⸗ ſer es verzeihlich finden wird, wenn ich alle Anſtrengungen machte, das Orakel wahr zu machen. Was hiebei ſonder⸗ bar iſt, das iſt, daß zwiſchen dem Ende des Oktober und dem Anfange des November nur der Augenblick der Mitter⸗ nacht liegt, und gerade als es am 31. Oktober Mitternacht ſchlug, verließ ich mein Gefängniß, wie der Leſer bald ſehen wird. Ich bitte denſelben übrigens, mich trotz dieſer Erklä⸗ rung nicht für abergläubiſcher als jeden Andern zu halten; denn er würde ſich täuſchen. Ich erzähle die Sache, weil ſie wahr, weil ſie außerordentlich iſt, und weil ich vielleicht nicht gerettet ſein würde, wenn ich nicht Rückſicht darauf genommen hätte. Dieſe Thatſache lehrt allen denen, welche keine Gelehrten ſind, daß mehrere bemerkenswerthe Thatſachen ohne die Prophezeihungen nicht eingetroffen ſein würden. Die Thatſache leiſtet der Prophezeihung den Dienſt, daß ſie dieſelbe beſtätigt. Tritt die Thatſache nicht ein, ſo wird die Prophezeihung nichtig; aber ich verweiſe meine Leſer auf die allgemeine Geſchichte, wo er viele Ereigniſſe findet, welche nie eingetroffen ſein würden, wenn ſie nicht prophezeiht wor⸗ den wären. Ich bitte, mir dieſe Abſchweifung zu verzeihn. Den Morgen bis zum Mittage benutzte ich, um auf das Gemüth dieſes boshaften und dummen Viehs einen ſtarken Eindruck zu machen, um ſeine ſchwache Vernunft zu verwirren, um ihn durch erſtaunliche Bilder blödſinnig zu machen und ihm die Fähigkeit zu nehmen, mir zu ſchaden. Als uns Lorenz verlaſſen, ſagte ich zu Soradaci, er ſolle die Suppe eſſen. Der Elende lag im Bette und hatte *) Zwiſchen dem Ende des Oktober und dem Anfange des November. zu L. rufen Er ſt küßte ich ih ſterbe ligen hatte ſein ben ich n habt. er di ſo th ren l räthe war, Schle gegen Setze verkü kranz len l dieſen knieer ſodan Ich f gema ich d in und 3 gungen onder⸗ er und Nitter⸗ ernacht bald Erklä⸗ halten; ,„weil elleicht darauf welche tſachen ürden. daß ſie rd die er auf welche wor⸗ eihn. n auf einen rnunft ſinnig ir zu ci, er hatte ge des 33 zu Lorenz geſagt, er wäre krank. Hätte ich ihn nicht ge⸗ rufen, ſo würde er nicht gewagt haben, zu mir zu kommen. Er ſtand auf, warf ſich auf den Bauch und mir zu Füßen, küßte mir dieſelben und ſagte unter heißen Thränen, wenn ich ihm nicht verziehe, wuͤrde er noch an demſelben Tage ſterben, denn er fühle ſchon die Folgen der Rache der hei⸗ ligen Jungfrau, welche ich auf ihn herabbeſchworen. Er hatte Leibſchneiden, welches ihm die Eingeweide zerriß, und ſein Mund war mit Blaſen bedeckt. Er zeigte mir denſel⸗ ben und ich ſah, daß derſelbe voll von Schwämmchen war; ich wußte nicht, ob er dieſelben ſchon am vorigen Tage ge⸗ habt. Ich gab mir keine große Mühe zu unterſuchen, ob er die Wahrheit geſagt; mein Intereſſe erforderte, daß ich ſo that, als ob ich ihm glaube und ihm Gnade widerfah⸗ ren laſſe. Zunächſt mußte er eſſen und trinken. Der Ver⸗ räther wollte mich vielleicht betrügen, da ich aber entſchloſſen war, ihn ſelber zu betrügen, ſo kam es darauf an, wer der Schlauſte ſein würde. Ich hatte einen Angriff vorbereitet, gegen den er ſich nur ſchwer vertheidigen konnte. Ich nahm die Miene eines Begeiſterten an und ſagte: Setze Dich und iß dieſe Suppe, worauf ich Dir Dein Glück verkünden werde, denn wiſſe, daß die Jungfrau vom Roſen⸗ kranz mir mit Tagesanbruch erſchienen iſt und mir befoh⸗ len hat, Dir zu verzeihen. Du wirſt nicht ſterben und dieſen Ort mit mir verlaſſen. Ganz verdutzt und nieder⸗ knieend, da er keinen Sitz hatte, aß er die Suppe mit mir; ſodann ſetzte er ſich auf den Strohſack, um mich anzuhören. Ich ſprach etwa folgendermaßen: Der Kummer, welchen Dein ſchrecklicher Verrath mir gemacht, hat mich die ganze Nacht nicht ſchlafen laſſen, weil ich der Briefe wegen verurtheilt werden muß, mein ganzes Leben hier zu bleiben. Mein einziger Troſt, das bekenne ich, war die Gewißheit, daß Du vor Ablauf von drei Tagen hier unter meinen Augen ſterben würdeſt. Erfüllt von die⸗ ſem, eines Chriſten unwürdigen Gefühle, denn Gott befiehlt uns zu verzeihen, verfiel ich vor Ermüdung in eine Art Betäubung, und während dieſes glücklichen Schlafes habe ich eine wirkliche Erſcheinung gehabt. Ich habe die heilige VII. 3 Jungfrau, die Mutter Gottes, deren Bild Du hier erblickſt, geſehen, ich habe ſie lebend vor mir ſtehen ſehen, und ſie öffnete den Mund und ſprach folgendermaßen: „Soradaci iſt Anbeter meines heiligen Roſenkranzes; ich beſchütze ihn; ich will, daß Du ihm verzeiheſt: dann wird der Fluch, welchen er auf ſich geladen, aufhören. Zur Belohnung für Deine Großmuth werde ich einem meiner Engel befehlen, menſchliche Geſtalt anzunehmen und vom Himmel herniederzuſteigen, um das Dach Deines Gefäng⸗ niſſes zu durchbrechen und Dich binnen fünf oder ſechs Tagen zu befreien. Dieſer Engel wird ſeine Arbeit heute Punkt neunzehn Uhr beginnen und bis dreiundzwanzig und ein halb Uhr arbeiten, denn er ſoll bei Tage wieder zum Himmel aufſteigen. Wenn Du im Geleite des Engels das Gefängniß verläßt, wirſt Du Soradaci mitnehmen und für ihn ſorgen, unter der Bedingung, daß er das Gewerbe eines Spions abſchwört. Du wirſt ihm Alles ſagen.“ Bei dieſen Worten verſchwand die heilige Jungfrau und ich erwachte. Meinen Ernſt und den Ton eines Begeiſterten beibe⸗ haltend, beobachtete ich die Phyſiognomie des Verräthers, welcher verſteinert erſchien. Ich nahm nun mein Gebetbuch, beſprengte das ganze Gefängniß mit Weihwaſſer, und fing an ſo zu thun, als ob ich zu Gott bete, wobei ich das Bild der Jungfrau von Zeit zu Zeit küßte. Eine Stunde darauf fragte mich das Vieh, welches bis dahin nicht den Mund aufgemacht hatte, zu welcher Zeit der Engel vom Himmel herniederſteigen würde, und ob wir den Lärm, den er machen würde, um das Dach zu durchbrechen, hören würden. Ich bin überzeugt, daß er um neunzehn Uhr kommen wird, daß wir ihn arbeiten hören werden, und daß er ſich in der von der heiligen Jungfrau angegebenen Stunde ent⸗ fernen wird. Sie können geträumt haben. Ich bin überzeugt, daß ich es nicht gethan. Kannſt Du ſchwören, daß Du das elende Gewerbe eines Spions aufgeben willſt? blickſt, nd ſie nzes; dann Zur neiner vom efäng⸗ ſechs heute g und zum s das id für eines u und beibe⸗ ithers, etbuch, d fing ch das Stunde ht den l vom n, den hören oymmen er ſich de ent⸗ Kannſt Spions 35 Anſtatt zu antworten, ſchlief er ein und erwachte erſt nach zwei Stunden, um mich zu fragen, ob er die gefor⸗ derte Eidesleiſtung verſchieben könne. Sie können ſie ver⸗ ſchieben, ſagte ich, bis der Engel kömmt, um mich zu be⸗ freien. Wenn Sie aber dann nicht endlich auf das ſchänd⸗ liche Gewerbe verzichten, welches die Veranlaſſung iſt, daß Sie hier ſind, und welches Sie endlich an den Galgen bringen wird, ſo laſſe ich Sie hier; denn ſo befiehlt es die Mutter Gottes, welche Ihnen ihren Schutz entziehen wird. Als ich ihn beobachtete, las ich auf ſeinem häßlichen Geſichte die Freude, welche er empfand, denn er war feſt überzeugt, daß der Engel nicht erſcheinen würde. Er gab ſich das Anſehn, mich zu beklagen. Ich ſehnte mich, die Stunde ſchlagen zu hören; dieſe Komödie beluſtigte mich außerordentlich, denn ich war ſicher, daß die Ankunft des Engels ſeinen armen Kopf ſchwindlig machen würde. Ich war überzeugt, daß die Sache nicht fehlſchlagen konnte, ſo⸗ bald Lorenz nicht vergaß, das Buch abzugeben, was nicht möglich war. Eine Stunde vor dem beſtimmten Augenblicke wollte ich zu Mittag ſpeiſen; ich trank nur Waſſer, und Soradaci trank allen Wein und aß zum Deſſert allen Knoblauch: dieſer war ſein Lieblingsgericht und ſeine Aufregung wurde dadurch nicht wenig geſteigert. Als ich den erſten Schlag der neunzehnten Stunde hörte, warf ich mich nieder und befahl ihm mit ſchrecklichem Tone, daſſelbe zu thun. Er gehorchte, indem er mich mit irrem Blicke anſah. Als ich das leiſe Geräuſch von der Wand her hörte, ſagte ich: der Engel kommt, und nachdem ich mich auf den Bauch gewor⸗ fen, verſetzte ich ihm einen kräftigen Fauſtſchlag, um ihn zu veranlaſſen, daſſelbe zu thun. Der Lärm, welchen das Arbeiten machte, war ſtark, und ſchon ſeit einer Viertel⸗ ſtunde war ich in dieſer unbequemen Lage, und in jedem andern Falle würde ich ſehr gelacht haben, wenn ich die Unbeweglichkeit dieſes Viehs geſehn hätte; aber ich lachte nicht, denn ich dachte an die verdienſtliche Abſicht, dieſes Vieh ganz toll oder doch wenigſtens beſeſſen zu machen. Seine gemeine Seele konnte nur durch den Schrecken in 4 3* den Kreis der Menſchlichkeit zurüͤckgebracht werden. Als ich aufgeſtanden war, knieete ich nieder, und nachdem ich ihm erlaubt, daſſelbe zu thun, ließ ich ihn drei Stunden lang den Roſenkranz beten. Er ſchlief von Zeit zu Zeit ein, mehr durch ſeine Stellung, als durch die Monotonie des Gebets ermüdet, aber nie unterbrach er mich. Zuweilen wagte er verſtohlen zur Decke aufzublicken, und mit dem Ausdrucke des Schreckens auf ſeinen Zügen, verneigte er ſich gegen das Bild der heiligen Jungfrau. Alles dies war ungeheuer komiſch. Als ich dreiundzwanzig und ein halb Uhr ſchlagen hörte, rief ich mit halb feierlichem, halb from⸗ mem Tone: Wirf Dich nieder; der Engel entfernt ſich. Balbi kehrte wieder in ſein Gefängniß zurück, und wir hörten nichts mehr. Als ich aufſtand und den Elenden anſah, las ich auf ſeinem Geſichte den Ausdruck der Ver⸗ wirrung und des Schreckens; ich war erfreut darüber. Ich beluſtigte mich einen Augenblick damit, mit ihm zu ſprechen, um zu hören, wie er ſich auslaſſen würde. Er vergoß Thränen in Menge, und in ſeinen Reden verrieth ſich eine unbeſchreibliche Verwirrung, denn ſeine Ideen hatten weder Zuſammenhang noch Verbindung. Er ſprach von ſeinen Sünden, ſeiner Privatandacht, ſeinem Eifer für St. Mar⸗ cus, ſeinen Pflichten gegen die Republik, und dieſen Ver⸗ dienſten ſchrieb er die Gnade zu, welche ihm von Seiten Maria's zu Theil geworden war. Mit der Miene der in⸗ nigſten Rührung mußte ich eine lange Erzählung von den Wundern des Roſenkranzes hinnehmen, welche ſeine Frau, deren Beichtvater ein junger Dominicaner war, ihm erzählt hatte. Er ſagte, er begreife nicht, was ich mit einem un⸗ wiſſenden Menſchen wie er anfangen könne. Du wirſt in meinen Dienſt treten und Alles bekom⸗ men, was Du brauchſt, ohne nöthig zu haben, das gefähr⸗ liche Gewerbe eines Spions zu treiben. Aber wir können dann nicht ferner in Venedig bleiben? Gewiß nicht; der Engel wird uns in einen Staat führen, der St. Marcus nicht gehört. Sind Sie geneigt, zu ſchwören, daß Sie Ihr elendes Gewerbe aufgeben wol⸗ Ils ich h ihm i lang it ein, ie des weilen it dem gte er s war n halb from⸗ t ſich. d wir lenden Ver⸗ . Ich rechen, vergoß ch eine weder ſeinen Mar⸗ Ver⸗ Seiten der in⸗ on den Frau, erzählt m un⸗ bekom⸗ gefähr⸗ zenedig Staat geneigt, n wol⸗ 37 len, und werden Sie, wenn Sie ſchwören, noch einmal eid⸗ brüchig werden? Wenn ich ſchwöre, werde ich gewiß meinem Eide treu bleiben, das ſteht feſt; aber geſtehen Sie, daß ohne meinen Eidbruch die heilige Jungfrau Ihnen nicht die Gnade er⸗ wieſen haben würde, welche ſie Ihnen erwieſen hat. Mein Mangel an Glauben iſt die Urſache Ihres Glücks; Sie müſſen mich alſo lieben und mit meinem Verrathe zufrie⸗ den ſein. Liebſt Du Judas, welcher Jeſus Chriſtus verrathen hat? Nein. Du ſiehſt alſo, daß man den Verräther verabſcheut, und zugleich zur Vorſehung betet, welche aus dem Böſen das Gute hervorgehen läßt; bis jetzt biſt Du nur ein Böſe⸗ wicht geweſen; Du haſt Gott und die Jungfrau, ſeine Mut⸗ ter, beleidigt, und ich werde Deinen Eid nur dann anneh⸗ men, wenn Du Deine Sünden büßeſt. Welche Sünde habe ich begangen? Du haſt aus Stolz geſündigt, indem Du gedacht, ich wäre Dir verpflichtet, weil Du mich verrathen und meine Briefe dem Secretair gegeben. Wie kann ich dieſe Sünde büßen? Folgendermaßen. Morgen, wenn Lorenz kömmt, wirſt Du auf Deinem Lager liegen bleiben, das Geſicht gegen die Mauer gewendet und keine Bewegung machen und Lorenz nicht anſehn. Wenn er mit Dir ſpricht, ſo antworteſt Du, ohne ihn anzuſehn, Du habeſt nicht ſchlafen können und böuſei der Ruhe. Verſprichſt Du mir, Alles ſo zu thun? Ich verſpreche Ihnen, Alles genau ſo zu machen, wie Sie ſagen. Leiſten Sie den Eid vor dieſem heiligen Bilde. Ich verſpreche Dir, heilige Mutter Gottes, daß, wenn Lorenz kömmt, ich ihn nicht anſehn will und auf dem Stroh⸗ ſacke liegen bleiben werde. Und ich, ſehr heilige Jungfrau, ſchwöre Dir bei dem Herzen Deines heiligen Sohnes, daß, wenn ich Soradaci die geringſte Bewegung machen und Lorenz anblicken ſehe, ich mich ſogleich auf ihn werfen und ihn ohne Erbarmen zu Deiner Ehre und Deinem Ruhme erwürgen werde. Ich rechnete zum Mindeſten eben ſo ſehr auf dieſe Drohung wie auf ſeinen Eid. Da ich indeß die möglichſte moraliſche Sicherheit haben wollte, ſo fragte ich ihn, ob er keine Einwendung gegen dieſen Eid zu machen habe, und nach augenblicklichem Nachdenken antwortete er nein, und ſagte, er wäre zufrieden damit. Da ich ebenfalls ſehr zu⸗ frieden war, ſo gab ich ihm zu eſſen; hierauf befahl ich ihm, zu Bette zu gehen, denn ich bedurfte des Schlafes. Sobald er eingeſchlafen war, ſchrieb ich zwei Stunden lang. Ich erzählte Balbi die ganze Geſchichte, und ſagte demſelben, wenn die Arbeit weit genug vorgeſchritten wäre, ſo brauche er nur noch auf das Dach meines Gefängniſſes zu kommen, um den Balken zu durchbrechen und zu mir zu kommen. Ich zeigte ihm an, daß wir in der Nacht des 31. Oktober ausbrechen müßten, und daß wir vier ſein würden, ſeinen und meinen Gefährten mitgerechnet. Es war der 28ſte. Am folgenden Tage ſchrieb mir der Mönch, der kleine Kanal wäre fertig und er brauche nur noch auf mein Ge⸗ fängniß zu ſteigen, um die letzte Lage zu durchbrechen, was in vier Minuten geſchehen ſein würde. Soradaci war ſei⸗ nem Eide treu, denn er that ſo, als ob er ſchliefe, und Lo⸗ renz richtete nicht einmal das Wort an ihn. Ich verlor ihn nicht einen Augenblick aus den Augen, und ich glaube, ich würde ihn erwuͤrgt haben, wenn er Lorenz das geringſte Zeichen gegeben hätte; denn um mich zu verrathen, hätte er nur mit den Augen zu blinken brauchen. Der ganze übrige Theil des Tages war erhabenen Re⸗ den, überſpannten Phraſen gewidmet, welche ich ſo feierlich wie möglich ſprach, und ich freute mich, als ich ſah, wie er ſich immer mehr und mehr fanatiſirte. Zur Unterſtützung meiner myſtiſchen Geſpräche zog ich auch die Dünſte des Weins herbei, von welchem ich ihn zuweilen ſtarke Doſen trinken ließ, und ich ließ ihn nicht eher los, als bis ich ihn wein⸗ und ſchlaftrunken hinſinken ſah. zung des doſen ) ihn 39 Obwohl dieſes Vieh allen metaphyſiſchen Spekulationen fremd geblieben war, und ſeine Denkkräfte immer nur ge⸗ übt hatte, um Spionenliſten zu erfinden, ſo ſetzte er mich doch einen Augenblick in Verlegenheit, als er mich fragte, wie ein Engel ſo oiele Arbeit nöthig haben könne, um un⸗ ſer Gefängniß zu öffnen. Nachdem ich aber meine Augen zum Himmel oder vielmehr zur Decke unſeres traurigen Gefängniſſes erhoben, ſagte ich: Die Wege Gottes ſind den Sterblichen verborgen; und dann arbeitet der Abgeſandte des Himmels auch nicht als Engel, denn ſonſt würde ihm ein Hauch genügen, ſondern er arbeitet als Menſch, deſſen Form er angenommen hat, weil wir nicht würdig ſind, ſeine Erſcheinung in himmliſcher Geſtalt zu ertragen. Uebrigens, fügte ich als ächter Jeſuit, der von Allem Vortheil zu zie⸗ hen weiß, hinzu, ſehe ich voraus, daß der Engel, um uns für Deinen boshaften Gedanken, welcher die heilige Jung⸗ frau beleidigt hat, zu ſtrafen, nicht heute kommen wird. Unglücklicher! Du denkſt immer noch nicht wie ein ehrlicher und frommer Mann, ſondern wie ein verſtockter Sünder, welcher mit Meſſer grande und den Sbirren umzugehen glaubt. Ich hatte ihn zur Verzweiflung bringen wollen, und es war mir gelungen. Er fing an, heiße Thränen zu ver⸗ gießen, und das Seufzen erſtickte ihn, als er neunzehn Uhr ſchlagen und nicht das Geräuſch des Engels hörte. Weit entfernt, ihn zu beruhigen, ſuchte ich ſeine Verzweiflung zu vergrößern, indem ich bittere Klagen ausſtieß. Am folgen⸗ den Tage war er wieder gehorſam, denn als Lorenz ſich nach ſeiner Geſundheit erkundigte, antwortete er, ohne den Kopf umzudrehn. Ebenſo betrug er ſich am folgenden Tage, bis ich endlich am Morgen des 31. Oktober Lorenz zum letztennale ſah. Ich gab ihm das Buch von Balbi und benachrichtigte den Mönch, daß er um ſiebenzehn Uhr*) kommen ſolle, um die Decke einzuſchlagen. Diesmal fürch⸗ tete ich keinen ungünſtigen Zufall, da ich von Lorenz ſelber erfahren, daß die Inquiſitoren ſchon auf dem Lande wären. *) Gegen Mittag. 40 Ich hatte die Ankunft eines neuen Gefährten nicht zu fürch⸗ ten und brauchte meinen niederträchtigen Hallunken nicht mehr zu ſchonen. Da es möglich wäre, daß dieſe Memoiren in die Hände einiger jener caſuiſtiſchen Leſer fielen, welche ſich über die geringſte Kleinigkeit erhitzen und welche mich wegen des Mißbrauchs, den ich mit den heiligen Myſterien trieb, und beſonders, weil ich jenem boshaften Blödſinnigen aufgebun⸗ den, daß die heilige Jungfrau mir erſchienen ſei, verurthei⸗ len könnten, und da ich nicht mehr als ein Anderer ver⸗ dammt ſein mag, wenigſtens in der Meinung der ehrlichen Leute, deren Verſtand nicht durch ein kleinkrämeriſches Ge⸗ wiſſen beſchränkt wird, ſo muß ich mir hier eine Art Apo⸗ logie halten, welche ich meine Leſer mir zu verzeihen bitte. Da ich beabſichtige, die Geſchichte meiner Flucht mit allen ihren Einzelnheiten zu berichten, ſo glaubte ich nichts von Allem, was zum Gelingen meines Planes beige⸗ tragen, auslaſſen zu dürfen. Ich werde nicht ſagen, daß ich beichten will, denn ich fühle mich durch keine Reue ge⸗ drückt; aber ich bin auch weit entfernt von aller Eitelkeit, denn nur ungern gebrauchte ich den Betrug, und wenn ich zu wählen gehabt hätte, zwiſchen dieſem Mittel und einem anderen edleren, ſo wird man wohl die Gefälligkeit haben zu glauben, daß ich nicht geſchwankt haben würde. Um meine Freiheit wiederzuerlangen, würde ich übrigens noch heute daſſelbe thun, und vielleicht noch mehr. Die Natur trieb mich zur Befreiung, und die Religion konnte mir nicht gebieten, Sklave zu bleiben. Ich hatte keine Zeit zu verlieren; ich mußte einen Spion in die mo⸗ raliſche Unmöglichkeit verſetzen, mir dadurch zu ſchaden, daß er Lorenz anzeigte, daß das Dach des Gefängniſſes durch⸗ brochen würde. Was mußte ich zu dieſem Zwecke thun? Ich hatte nur zwei Mittel: ich mußte entweder thun, was ich that, dieſen Lümmel durch die Furcht bändigen, oder ihn, wie es jeder vernünftige und muthige, aber grauſame Mann gethan haben würde, vernichten. Das wäre leichter gewe⸗ ſen und hatte keine Gefahr; denn ich würde geſagt haben, er wäre eines natürlichen Todes geſtorben, und man legte ürch⸗ nicht dände r die des und bun⸗ thei⸗ ver⸗ lichen Ge⸗ Apo⸗ bitte. mit lichts heige⸗ daß e ge⸗ ekeit, n ich inem haben Um noch igion hatte mo⸗ daß urch⸗ hun? was ihn, Nann gewe⸗ aben, legte 41 wahrhaftig unter den Bleidächern zu wenig Werth auf das Leben eines Weſens ſeiner Art, als daß man hätte unter⸗ ſuchen ſollen, ob ich wahr oder falſch geredet. Wird wohl ein Leſer meinen, ich hätte beſſer gethan, ihn zu erwürgen? Findet ſich ein ſolcher, und wäre er ſelbſt Jeſuit und noch dazu ehrlicher Jeſuit, was ſchwierig iſt, ſo will ich Gott bitten, denſelben zu erleuchten: ſeine Religion wird nie die meinige ſein. Ich glaube meine Pflicht gethan zu haben, und der Sieg, welcher meine That krönte, kann ein Beweis ſein, daß die Vorſehung nicht die Mittel mißbilligte, deren ich mich bediente. Was den Eid betrifft, welchen ich den Böſewicht leiſten ließ, ſo hatte derſelbe nichts zu ſagen, da er kein Gewiſſen hatte, und was den meinigen betraf, im⸗ mer für ihn ſorgen zu wollen, ſo befreite er ſelbſt mich da⸗ von, und ich brauche nicht zu unterſuchen, ob ich ihn ge⸗ halten haben würde, was ich nicht glaube: er hatte nicht den Muth mir zu folgen und ſich mit mir zu retten. Ein verderbter Menſch iſt ſelten muthig. Uebrigens konnte ich natürlicher Weiſe gewiß ſein, daß ſeine Uebeſpanntheit nur bis zum Erſcheinen des Paters Balbi dauern würde, denn da dieſer durchaus nicht die Züge eines Engels hatte, ſo mußte er klar erkennen, daß ich ihn getäuſcht. Dadurch mußte er alles Zutrauen verlieren. Um endlich die Sache abzumachen, werde ich ſagen, daß der Menſch weit mehr Verſtand hat, Alles ſeiner eigenen Erhaltung zu opfern, als die Herrſcher haben, um den geringſten Theil ihrer Staaten fur die ihrige zu opfern. Nachdem Lorenz ſich entfernt, ſagte ich zu Soradaci, der Engel würde um ſiebenzehn Uhr*) eine Oeffnung im Dache unſeres Gefängniſſes machen. Er wird eine Scheere mitbringen, ſagte ich, und Sie werden mir und ihm den Bart abſchneiden. Haben die Engel einen Bart? Ja, Sie werden es ſehen. Nachdem Sie dies gethan, werden wir unſer Gefängniß verlaſſen und das Dach des *) Gegen eilf Uhr Morgens. 42 Palaſtes durchbrechen, und wir werden uns auf den St. Mar⸗ kusplatz niederlaſſen und von da nach Deutſchland gehn. Er antwortete nicht. Er aß allein, denn mein Ver⸗ ſtand und Gemüth waren zu bewegt, als daß ich hätte eſſen können. Ich hatte nicht einmal ſchlafen können. Die feſt⸗ geſetzte Stunde ſchlägt und ſiehe da! der Engel erſcheint. Soradaci wollte ſich niederwerfen; ich ſagte ihm aber, das wäre nicht nöthig. In drei Minuten war der Canal durch⸗ brochen; das Brettſtück fiel zu meinen Füßen und Pater Balbi ſank in meine Arme. Jetzt, ſagte ich, iſt Ihre Ar⸗ beit zu Ende, und die meinige beginnt. Wir umarmten uns und er gab mir das Sponton und die Scheere. Ich ſagte Soradaci, er möchte uns den Bart beſchneiden; aber ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, als ich das Vieh mit aufgeſperrtem Munde den ſonderbaren Engel be⸗ trachten ſah, welcher einem Teufel glich. Obgleich er ganz außer ſich war, ſchnitt er mir doch den Bart ſehr gut ab. Da ich die Oertlichkeit kennen zu lernen wünſchte, ſo bat ich den Mönch bei Soradaci zu bleiben, den ich nicht allein laſſen wollte und verließ das Gefängniß. Das Loch war zwar eng, aber ich kam doch hindurch. Ich ſtand auf dem Dache des Gefängniſſes des Grafen, ließ mich hinun⸗ ter und umarmte denſelben aufs herzlichſte. Ich ſah einen Mann von einem Wuchſe, der nicht geeignet war, den Schwierigkeiten zu trotzen und die Flucht auf einem hoch abfallenden, ganz mit Blei gedeckten Dache zu wagen. Er fragte mich nach meinem Plane und ſagte, er glaube, ich habe etwas leichtfertig gehandelt. Ich, antwortete ich, will nur vorwärts, bis ich die Freiheit oder den Tod finde. Wenn Sie glauben, ſagte er, indem er mir die Hand drückte, das Dach durchbrechen und ihren Weg über die Bleibeda⸗ chung nehmen zu können, um ſich hinunterzulaſſen, ſo glaube ich an kein Gelingen, wenn Sie nicht Flügel haben, und ich habe nicht den Muth, Sie zu begleiten: ich werde hier blei⸗ ben und zu Gott beten. Ich verließ das Gefängniß wieder, um das Dach zu beſichtigen, wobei ich mich den Seitenflächen des Bodens ſo weit wie möglich näherte. Nachdem es mir gelungen, den Mar⸗ 1. Ver⸗ eſſen feſt⸗ heint. das urch⸗ Vater Ar⸗ mten auf 43 untern Theil des Daches, da wo beide Seiten zuſammenlie⸗ fen, zu erreichen, ſetzte ich mich zwiſchen die Giebelbalken, deren ſich in allen großen Paläſten ſo viele finden. Bei je⸗ dem Schlage meines Spontons fiel Alles, was ich berührte, in Trümmer. Da ich ſicher war, ein ziemlich großes Loch in Zeit von noch nicht einer Stunde zu Stande zu brin⸗ gen, ſo kehrte ich in mein Gefängniß zurück und verwendete vier Stunden aufs Zerſchneiden von Betttüchern, Decken, Matratzen und Strohſäcken, um Stricke daraus zu machen. Ich war darauf bedacht, die Knoten ſelbſt zu ſchürzen und mich ihrer Feſtigkeit zu vergewiſſern, denn ein einziger ſchlecht geknupfter Knoten hätte uns das Leben koſten können. Am Ende ſah ich mich im Beſitze von hundert Klaftern Stricke. Bei allen großen Unternehmungen giebt es Sachen, welche Alles entſcheiden und hinſichtlich welcher ein Führer, der verdient, daß ihm ſein Unternehmen gelinge, ſich Nie⸗ mand anvertraut. Als der Strick fertig war, machte ich ein Paket aus meinem Rock, meinem ſlockſeidenen Mantel, einigen Hemden, Strümpfen und Taſchentüchern, und wir begaben uns in das Gefängniß des Grafen. Dieſer brave Mann machte zunächſt Soradaci ein Compliment, daß er das Glück gehabt, zu mir zu kommen, und daß er ſobald zu ſeiner Freiheit gelangen werde. Seine beſtürzte Miene reizte mich zum Lachen. Ich legte mir keinen Zwang mehr an, denn ich hatte die Tartüfe⸗Maske abgeworfen, welche mir ſchauderhaft läſtig geworden war, ſeitdem dieſer Schurke mich genöthigt, ſie anzulegen. Ich ſah ihn überzeugt, daß ich ihn getäuſcht hatte; aber er konnte nicht klug aus der Sache werden, denn er konnte nicht errathen, wie ich eine Correſpondenz mit dem vermeintlichen Engel hatte haben und ihn zur beſtimmten Stunde hätte erſcheinen und gehen laſſen können. Er hörte dem Grafen aufmerkſam zu, wel⸗ cher uns ſagte, wir würden uns unglücklich machen, und als feiger Menſch rollte er in ſeinem Kopfe den Plan, ſich dieſer gefährlichen Reiſe zu entziehen. Ich ſagte zum Mönche, er möge ſein Bündel ſchnüren, während ich die Oeffnung am Rande des Bodens machen würde. Um zwei Uhr Nachts war die Oeffnung, ohne daß ich einer Beihülfe bedurft hätte, fertig: ich hatte die Balken zerbröckelt und das Loch war zweimal ſo groß als nöthig geweſen wäre. Ich war bis zur Dachbedeckung gekommen, welche ganz von Blei war; ich konnte ſie nicht aufheben, weil ſie genietet war. Der Mönch half mir und indem ich das Sponton zwiſchen die Goſſe und die Platte zwängte, gelang es mir, ſie loszumachen; indem wir uns ſodann mit den Schultern gegenſtemmten, bogen wir ſie ſo weit zurück, wie nöthig war, um eine ausreichende Oeffnung zu bekom⸗ men. Ich ſteckte nun den Kopf hindurch und ſah zu mei⸗ ner großen Betrübniß, daß der Mond, welcher in ſein erſtes Viertel trat, ſehr klar ſchien. Dies war eine Unannehmlich⸗ keit, welche wir geduldig ertragen mußten, und wir mußten zu unſerm Ausbruche Mitternacht abwarten, wo der Mond unſern Antipoden leuchten würde. Da in ſchönen Sommer⸗ nächten die ganze gute Geſellſchaft auf dem St. Marcus⸗ Platze ſpatzieren geht, ſo durfte ich mich auf dem Dache nicht ſehen laſſen. Die Verlängerung unſerer Schatten würde alle Augen auf uns gelenkt haben und das außerordentliche Schauſpiel, welches wir dargeboten hätten, würde die allge⸗ meine Neugierde und namentlich die Meſſer grande's und ſeiner Sbixrenbande, welche die einzige Bewachung Venedigs ſind, erregt haben, und unſer Plan würde durch ihre ſchreck⸗ liche Thätigkeit bald geſtört worden ſein. Ich beſchloß alſo unwiderruflich, erſt nach Untergang des Mondes auszubre⸗ chen. Ich flehte die Hülfe Gottes an und forderte keine Wunder. Da ich den Launen des Glücks preis gegeben war, ſo mußte ich dieſem ſo wenig wie möglich Raum ge⸗ ben; und wenn mein Unternehmen ſcheiterte, ſo mußte ich mich vor dem Vorwurfe ſchützen, irgend einen falſchen Schritt gethan zu haben. Der Mond mußte um fünf Uhr unter⸗ gehen und die Sonne um 13 ½⅞ aufgehen; es blieben uns alſo ſieben Stunden völliger Dunkelheit, während welcher wir handeln konnten; und obwohl wir eine ſtarke Arbeit hatten, mußten wir ſie doch in ſieben Stunden zu Stande bringen. aß ich Zalken 1öthig nmen, heben, m ich ingte, nmit rrück, kom⸗ mei⸗ erſtes nlich⸗ ußten Nond mer⸗ cus⸗ Dache hürde lliche llge⸗ und digs reck⸗ alſo bre⸗ keine eben ge⸗ ich pritt ter⸗ uns cher beit nde 4⁵ Ich ſagte zum Pater Balbi, wir könnten drei Stunden mit dem Grafen Asquino plaudern, und bat ihn, denſelben zu erſuchen, mir dreißig Zechinen zu leihen, die mir ebenſo nöthig werden konnten, wie mein Sponton es mir gewor⸗ den war. Er richtete meinen Auftrag aus und meldete mir vier Minuten darauf, ich möchte ſelbſt zum Grafen kom⸗ men, weil derſelbe mich ohne Zeugen zu ſprechen wünſche. Der arme Greis ſtellte mir zunächſt auf eine ſanfte Weiſe vor, daß ich zum Fliehen kein Geld brauche, daß er kein Geld habe, im Beſitze einer zahlreichen Familie ſei, und daß, wenn ich umkomme, das Geld verloren ſei; er fügte endlich noch eine Menge unnützer Sachen von derſelben Art hinzu, um ſeinen Geiz oder die Abneigung, ſein Geld wegzugeben, zu verbergen. Meine Antwort dauerte eine Stunde. Ich führte vortreffliche Gründe an; aber ſo lange die Welt ſteht, haben dieſe nie etwas ausgerichtet, weil alle oratoriſchen Spitzen ſich am Stahl der unzerſtörbarſten Leidenſchaft ab⸗ ſtumpfen. Dieſes iſt der Fall des nolenti baculus*); aber ich war nicht grauſam genug, um gegen einen unglücklichen Greis Gewalt anzuwenden. Ich ſagte ihm endlich, wenn er mit mir fliehen wolle, ſo würde ich ihn auf meinen Schultern tragen, wie Aeneas den Anchiſes; wenn er bliebe, um Gott zu bitten, daß er uns leiten möge, ſo müſſe ich ihm ſagen, daß ſein Gebet inkonſequent ſei, weil er Gott bitte, eine Sache zu begünſtigen, welche er nicht einmal mit den ge⸗ wöhnlichſten Mitteln habe unterſtützen wollen. Er antwortete mit Thränen, von denen ich gerührt wurde. Er fragte, ob mir nicht zwei Zechinen genügten; ich antwortete, Alles müſſe mir genügen. Er gab ſie mir mit der Bitte, ſie ihm wiederzugeben, wenn ich nach einer Wanderung zur Einſicht käme, daß es das Beſte wäre, wie⸗ der in mein Gefängniß zurückzukehren. Ich verſprach's, etwas verwundert, daß er glaubte, ich könnte wieder umkehren. Er kannte mich nicht, und ich war entſchloſſen, lieber zu ſterben, als an einen Ort zurückzukehren, den ich dann nicht mehr verlaſſen haben würde. *) Wer nicht will, dem gebührt der Stock. 46 Ich rief meine Gefährten und wir legten unſere ganze Ausrüſtung neben das Loch. Ich vertheilte die hundert Klafter Stricke in zwei Bündel und wir verplauderten zwei Stunden und erinnerten uns nicht ohne Vergnügen der Wechſelfälle unſeres Unternehmens. Den erſten Beweis, welchen mir Pater Balbi von ſeinem edlen Charakter gab, beſtand darin, daß er zehnmal wiederholte, ich habe mein Wort gebrochen, indem ich ihm verſicherte, daß der Plan fertig ſei, während dem doch nicht ſo wäre. Er ſagte un⸗ verſchämter Weiſe, wenn er dies Alles gewußt, würde er mich nie aus dem Gefängniſſe geholt haben. Der Graf ſagte mit dem Ernſte eines ſiebenzigjährigen Mannes, das Klügſte wäre, ein Unternehmen nicht fortzuführen, das nicht gelingen könnte, und welches mit augenſcheinlicher Lebens⸗ gefahr verbunden wäre. Da er Advokat war, ſo hielt er mir folgende Rede, und ich konnte mir leicht denken, daß die zwei Zechinen, welche ich ihm hätte wiedergeben müſſen, wenn er mich zum Bleiben hätte bereden können, ihn an⸗ feuerten. Die Abſchüſſigkeit des Daches, ſagte er, welches mit bleiernen Platten belegt iſt, geſtattet Ihnen nicht, auf dem⸗ ſelben zu gehen, denn Sie werden kaum ſtehen können. Die⸗ ſes Dach hat ſteben bis acht Luken, aber ſie ſind alle mit eiſernen Gittern verſehen und es iſt nicht möglich, auf den⸗ ſelben feſt zu ſtehen, da ſie alle von den Rändern des Dachs entfernt ſind. Die Stricke, welche Sie haben, werden Ih⸗ nen nichts nützen, da Sie dieſelben nicht werden befeſtigen können; und ſelbſt wenn Sie es könnten, würde ein Mann ſich nicht von ſolcher Höhe hinuntergleiten laſſen können. Einer von Ihnen Dreien müßte alſo die beiden Andern, immer einen, an ſeinen Leib binden und ſte hinunter gleiten laſſen, wie man einen Eimer oder ein Bündel hinunterglei⸗ ten läßt; und derjenige, welcher dieſe Aufgabe hätte, müßte zurückbleiben und wieder in ſein Gefängniß gehen. Wer von Ihnen Dreien fühlt ſich aufgelegt zu dieſer barmherzigen und gefährlichen That? Und vorausgeſetzt, einer von Ihnen ſei ſo heroiſch, ſo ſagen Sie mir, auf welcher Seite Sie ſich hin⸗ unterlaſſen wollen? Nicht auf der Seite der Säulen nach ganze undert n zwei n der eweis, gab, mein Plan e un⸗ de er Graf „ das nicht bens⸗ elt er daß üſſen, 1 an⸗ mit inen. dern, eiten glei⸗ üßte von und i ſo hin⸗ nach 47 dem Platze zu, denn man würde Sie ſehen; ebenſo unmög⸗ lich iſt es nach der Seite der Kirche zu, denn dort würden Sie eingeſchloſſen ſein, und an die Seite des Hofes iſt gar nicht zu denken, denn Sie würden den Arſenalotti's in die Hände fallen, welche hier beſtändig die Runde machen. Sie können ſich alſo nur nach dem Kanal zu hinunterlaſſen, und haben Sie eine Gondel, einen Nachen, welcher Sie erwartet? Sie werden alſo genöthigt ſein, ſich ins Waſſer zu ſtuͤrzen und nach St. Apollonia zu ſchwimmen, wo Sie in einem be⸗ dauernswerthen Zuſtande ankommen werden, da Sie nicht wiſſen, wie Sie weiter gelangen ſollen. Bedenken Sie, daß man auf den Bleiplatten ausgleitet, und daß, wenn Sie in den Kanal fallen, ſollten Sie auch wie ein Haifiſch ſchwim⸗ men, Sie dennoch dem Tode nicht entgehen werden, wegen der Hohe des Falls und der geringen Tiefe des Waſſers. Sie werden ſich zerſchmettern, denn drei oder vier Fuß Waſ⸗ ſer haben nicht genug Volumen, um die Wirkung der Schwere eines von ſolcher Höhe herabſtürzenden Körpers aufzuheben. Mit einem Worte, Ihr geringſtes Unglück würde ſein, daß Sie mit zerbrochenen Armen und Beinen hinunterkommen. Dieſe in Betracht der Umſtände ſehr unbeſonnene Rede erhitzte mir das Blut; ich hatte indeß den Muth, ihm mit einer Geduld zuzuhören, welche mir nicht ähnlich ſah. Die ohne Schonung gegen mich gerichteten Vorwürfe des Mönchs erbitterten mich und reizten mich, ſie hart zurückzuweiſen; aber ich fühlte, wie zart meine Lage war, und daß ich Al⸗ les verderben könnte, denn ich hatte es mit einem feigen Menſchen zu thun, der fähig war, mir zu antworten, daß er nicht verzweifelt genug wäre, um den Tod heraus⸗ zuforden, und daß ich daher nur allein die Sache unterneh⸗ men möge; aber allein hatte ich keine Hoffnung des Gelin⸗ gens. Ich that mir alle Gewalt an, und einen ſanften Ton annehmend, ſagte ich ihnen, ich wäre des Erfolgs meines Unternehmens ſicher, obwohl ich ihnen nicht alle Einzelnhei⸗ ten mittheilen konnte. Ihre weiſe Auseinanderſetzung, ſagte ich zum Grafen von Asquino, ſoll bewirken, daß ich mich klug benehmen werde; übrigens aber wird mich das Ver⸗ trauen zu Gott und meinen eigenen Kräften alle Schwierig⸗ keiten überwinden laſſen. Von Zeit zu Zeit ſtreckte ich die Hand aus, um mich zu überzeugen, ob Soradaci da wäre, denn er ſprach kein Wort. Ich lachte, wenn ich daran dachte, was er jetzt, wo er ſicher war, daß ich ihn getäuſcht, denken mochte. Um vier ein halb Uhr) ſagte ich zu ihm, er möge nachſehn, auf welcher Seite des Himmels der Mond ſtehe. Er gehorchte und meldete mir, daß man denſelben in einer und einer halben Stunde nicht mehr ſehen würde, und daß ein ſehr dicker Nebel die Bleidächer ſehr gefährlich machen müßte. Es genügt, antwortete ich, wenn der Nebel kein Oel iſt. Binden Sie Ihren Mantel mit einem Theile unſerer Stricke zuſammen, welche wir theilen wollen.“ Ich war nicht wenig verwundert, als ich den Mann bei dieſen Worten mir zu Füßen fallen, meine Hände er⸗ greifen, ſie küſſen ſah, und unter Thränen ſagen hörte, er bitte mich, nicht ſeinen Tod zu fordern. Ich bin ſicher, in den Kanal zu fallen, ſagte er; ich kann Ihnen von keinem Nutzen ſein. Laſſen Sie mich hier und ich werde die ganze Nacht zu St. Franciscus für Sie beten. Es ſteht in Ihrer Macht, mich zu tödten, aber ich werde mich nie entſchließen, Ihnen zu folgen. Der Dummkopf wußte nicht, wie ſehr er meinen Wün⸗ ſchen entgegenkam. Sie haben Recht, ſagte ich zu ihm; bleiben Sie, aber unter der Bedingung, daß Sie zu St. Franciscus beten und hier haben Sie zunächſt alle meine Bücher, welche ich dem Grafen laſſen will. Er gehorchte, ohne ein Wort zu erwiedern und wahrſcheinlich mit großer Freude. Meine Bücher waren zum wenigſtens hundert Tha⸗ ler werth. Der Graf ſagte, wenn ich zurückkäme, würde er Sie mir wiedergeben. Sie werden mich nicht mehr hier ſehen, ſagte ich, darauf können Sie rechnen; dieſelben wer⸗ den Sie für Ihre zwei Zechinen decken. Was dieſen Schlin⸗ gel betrifft, ſo bin ich froh, daß er nicht den Muth hat, mir zu folgen, er würde mich in Verlegenheit bringen, und *) Gegen zehn und ein halb Uhr. 49 dierig⸗ der Elende iſt auch nicht werth, mit mir und Pater Balbi den Ruhm einer ſolchen Flucht zu theilen. Das iſt wahr, mich ſagte der Graf, wenn er nicht anders morgen vielleicht Grund kein bekömmt, ſich Glück dazu zu wünſchen. b t, wo Ich bat den Grafen um Feder, Dinte, Papier, denn Um die Verbote exiſtirten nicht für Lorenz, der für einen Tha⸗ auf ler ſelbſt den St. Marcus verkauft haben würde. Ich ſchrieb orchte nun den unten folgenden Brief, welchen ich Soradaci über⸗ einer gab, und welchen ich nicht wieder durchleſen konnte, da ich ſehr ihn im Dunkeln ſchrieb. Ich begann ihn mit der Deviſe te. eines verbrannten Kopfes, welche ich lateiniſch ſchrieb, und el iſt. welche ich franzöſiſch mit folgenden Worten überſetzen werde: tricke„Ich werde nicht ſterben, ich werde leben und das Lob des Herrn ſingen. Rann„Die Herrn Staats⸗Inquiſitoren müſſen Alles aufbie⸗ er⸗ ten, um einen Staatsgefangenen mit Gewalt unter den Blei⸗ 2, er dächern zurückzuhalten; der Schuldige, der ſo glücklich iſt, r, in nicht Gefangener auf Ehrenwort zu ſein, muß ebenfalls Al⸗ inem les thun, um ſich die Freiheit zu verſchaffen. Ihr Recht ganze hat zur Grundlage die Juſtiz, das Recht des Schuldigen shrer die Natur, und da Sie deren Einwilligung nicht nachgeſucht eßen, haben, um ihn einzuſperren, ſo braucht derſelbe auch die — Ihrige nicht, um ſich wieder in Freiheit zu ſetzen.“ Sün⸗„Jacob Caſanova, welcher dies in der Bitterkeit ſeines hm;z Herzens ſchreibt, weiß, daß er das Unglück haben kann, ein⸗ 4 St. gefangen zu werden, ehe es ihm gelingt, den Staat zu ver⸗ neine laſſen und ſich in einem gaſtfreundlichen Lande in Sicher⸗ chte, heit zu bringen, und daß er dann unter das Schwert der⸗ 1 oßer jenigen gerathen würde, denen er zu entfliehen ſucht; wenn cha⸗ ihm aber dieſes Unglück zuſtößt, ſo ruft er die Menſchlich⸗ ürde keit ſeiner Richter an, daß ſie ihm das grauſame Loos, wel⸗ hier chem er zu entfliehen ſucht, nicht verſchlimmern mögen zur ver⸗ Strafe dafür, daß er den Eingebungen der Natur nachge⸗ lin⸗ geben. Wenn er wieder gefangen werden ſollte, ſo bittet er, hat, ihm Alles zurückzugeben, was ihm gehört und was er in und ſeinem Gefängniſſe läßt; wenn er aber das Glück hat, ſei⸗ M nen Plan zu erreichen, ſo ſchenkt er Alles an Franz Sora⸗ daci, welcher gefangen bleibt, weil er nicht den Muth ge⸗ VII. 4 — 50 habt, ſich in Gefahr zu begeben; dieſer zieht nicht wie er die Freiheit dem Leben vor. Caſanova bittet Ihre Excel⸗ lenzen, dieſem Elenden ſein Geſchenk nicht ſtreitig zu machen. Geſchrieben eine Stunde vor Mitternacht, ohne Licht im Gefängniſſe des Grafen Asquino am 31. Oktober 1756.“ Ich ſchärfte Soradaci ein, dieſen Brief nicht Lorenz, ſondern dem Seecretair perſönlich zu übergeben, denn es war kein Zweifel, daß er ihn rufen laſſen würde, wenn er nicht gar ſelbſt käme, was noch wahrſcheinlicher wäre. Der Graf ſagte, mein Brief würde unfehlbar wirken, aber er müßte mir Alles zurückgeben, wenn ich zürückkäme. Der Dumm⸗ kopf ſagte, er wünſche mich wiederzuſehen, um mir zu be⸗ weiſen, daß er mir herzlich gern Alles wiedergäbe. Aber es war Zeit aufzubrechen. Man ſah den Mond nicht mehr. Ich band Pater Balbi auf der einen Seite die Hälfte des Strickes um den Hals und auf der andern legte ich ihm ſeine Sachen auf die Schultern. Ebenſo machte ich es mit mir, und beide gingen wir nun in bloßer Weſte und den Hut auf dem Kopfe an die Oeffnung. E quindi uscimmo a rimirar le stelle.*) *) Und nun gingen wir hinaus, um die Sterne zu betrachten. ie er xcel⸗ chen. tim 56.“ renz, war nicht Graf nüßte mm⸗ be⸗ Nond e die legte te ich und chten. 51 Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Ich verlaſſe das Gekängniß.— Ich komme in Gekahr, auk dem Dache das Feben zu verlieren.— Ich verlaſſe den herzoglichen Palaſt, ſchilke mich ein und komme nach der terra ferma.— Gekahr, welcher mich Pater Balbi ausſetzt.— Kiſt, welche ich anwende, um mich für den Augenblick von ihm zu trennen. Ich ſchlüpfte zuerſt hinaus, Pater Balbi folgte mir. Soradaci, welcher uns bis zur Oeffnung im Dache gefolgt war, erhielt den Befehl, die Platte wieder an ihre richtige Stelle zu bringen und dann zu St. Franciscus zu beten. Niederknieend und auf allen Vieren kriechend, nehme ich mein Sponton feſt in die Hand, und den Arm ausſtreckend, ſchiebe ich es ſchief zwiſchen die Verbindung der beiden Platten, ſo daß es mir gelang, indem ich mit vier Fingern den Rand der Platte faßte, welche ich erhoben hatte, bis auf die Spitze des Daches zu gelangen. Der Mönch hatte, um mir zu folgen, Lier Finger ſeiner rechten Hand in meinen Hoſen⸗ gürk geſteckt. So war ich in der üblen Lage eines Thieres, welches zugleich zieht und trägt, und noch dazu auf einem jäh abſchüſſigen Dache, welches ein jäher Nebel ſchlüpfrig machte. Inmitten dieſes gefährlichen Kletterns bat mich der Mönch zu warten, weil eins ſeiner Packete ſich losgelöſt⸗ hatte und er hoffte, daß die Rinne daſſelbe aufgehalten haben werde. Mein erſter Gedanke war, ihm einen kräftigen Stoß zu geben, und ihn hinter ſein Packet herzuſchicken; aber Gott ſei Dank, beherrſchte ich mich hinlänglich, um dies nicht zu thun, denn die Strafe würde für beide Theile zu groß ge⸗ weſen ſein, da ich mich dann unmöglich noch hätte retten können. Ich fragte ihn, ob es das Packet mit den Stricken wäre, aber er antwortete, es wäre ein kleines Bündel, wel⸗ ches ein Manuſcript enthalte, das er auf den Böden der Bleidächer gefunden, und durch welches er ſein Glück zu 4* 52 machen hoffte. Ich ſagte ihm, er möchte Geduld haben, da ein Schritt rückwärts uns verderben würde. Der arme Mönch ſeufzte und wir ſetzten nun unſer Klettern fort, während er ſich fortwährend an meinem Gürtel feſthielt. Nachdem wir mit außerordentlicher Mühe über fünf bis ſechs Platten hinweggekommen waren, gelangten wir bequem auf den oberſten Rand, wo ich mich rücklings ſetzen konnte, und Pater Balbi ahmte mir nach. Wir kehrten der kleinen Inſel St. Georgs des Größern den Rücken zu und zweihundert Schritte vor uns lagen die Kuppeln der St. Marcus⸗Kirche, welche zum herzoglichen Palaſte gehört, denn dieſelbe iſt eigentlich nur die Kapelle des Dogen, und es giebt wohl keinen Monarchen, der ſich einer ſchönern zu ſchmeicheln hätte. Ich entlud mich nun zunächſt meiner Laſt und forderte meinen Gefährten auf, meinem Beiſpiele zu folgen. Er legte, ſo gut er konnte, ſeinen Haufen Stricke unter ſein Hintertheil, als er aber ſeinen Hut, der ihm un⸗ bequem war, abnehmen wollte, ſtellte er ſich ungeſchickt an, und derſelbe rollte ſo von Platte zu Platte bis zur Rinne und vereinigte ſich mit dem Bündel Sachen im Kanale. Mein armer Gefährte gerieth darüber in Verzweiflung. Das iſt ein ſchlechtes Vorzeichen, rief er aus; ſo bin ich ſchon im Anfange des Unternehmens ohne Hemde, ohne Hut und ein werthvolles Manuſcript, welches die merkwürdige und gänzlich unbekannte Geſchichte aller Feſte der Republik ent⸗ hielt. Da ich jetzt weniger wild war als beim Hinaufklet⸗ tern, ſo ſagte ich ihm ruhig, die beiden Zufälle, welche ihn betroffen hätten, wären in keiner Weiſe ſo außerordentlich, daß ein abergläubiſcher Kopf ſie Vorzeichen nennen könne; ich betrachte ſte nicht ſo und werde mich in keiner Weiſe durch ſie entmuthigen laſſen. Sie müſſen Ihnen, mein Beſter, als Lehre dienen, klug und vorſichtig zu ſein, und Sie auf den Gedanken führen, daß Gott uns ohne Zweifel beſchützt, denn wäre Ihr Hut, ſtatt rechts hinunterzufallen, links hinuntergefallen, ſo wären wir beide verloren geweſen; denn er würde dann auf den Hof des Palaſtes gefallen ſein, wo die Wache ihn gefunden haben, und nothwendiger Weiſe daraus erkannt haben würde, daß Jemand auf dem n, da arme fort, lt. fünf wir ſetzen yrten n zu der hört, und n zu einer ſpiele tricke un⸗ an, tinne nale. Das ſchon und und ent⸗ klet⸗ ihn tlich, nne; Veiſe mein und deifel llen, eſen; allen diger dem 53 Dache ſei. Wir würden dann bald wieder eingefangen wor⸗ den ſein. Nachdem er ſich während einiger Minuten rechts und links umgeſehen, bat ich ihn, bis zu meiner Rückkehr ſitzen zu bleiben und ſich nicht zu rühren; ich machte mich nun mit meinem Sponton auf und ritt ohne Schwierigkeit die Spitze des Daches entlang. Ich brauchte faſt eine Stunde, um die Reiſe über alle Dächer zurückzulegen, welche ich von allen Seiten unterſuchte, aber vergeblich; denn an keinem der Ränder fand ich etwas, woran ich einen Strick hätte feſtbinden können, ich war in der größten Beklemmung. An den Kanal oder den Hof war nicht zu denken, und der obere Theil der Kirche zeigte meinem Blicke zwiſchen den Kuppeln nur Abgründe, welche in keinen offenen Raum führten. Um über die Kirche zur Canonica zu gelangen, hätte ich ſo ſteile Abhänge erklimmen müſſen, daß ich keine Möglichkeit ſah, damit zu Stande zu kommen. Die Lage, in welcher ich mich befand, erforderte Kühnheit, aber keine Unbeſonnenheit. Es war hier eine Mitte innezuhalten, wie die Moral wohl keine ſchwierigere kennt. Ich mußte indeß der Sache ein Ende machen, entweder fliehen oder in das Gefängniß zurückkehren, um daſſelbe vielleicht nie wieder zu verlaſſen. In dieſer Alternative mußte ich dem Zufalle viel einräumen und zunächſt zu ir⸗ gend etwas ſchreiten. Mein Blick fiel auf eine Luke nach dem Kanal zu in der Höhe von zwei Drittheilen der Be⸗ dachung. Sie war entfernt genug von dem Orte, von wel⸗ chem ich ausgegangen, um annehmen zu können, daß ſie nicht zu dem Gefängnißraume gehöre, aus welchem ich aus⸗ gebrochen war. Sie konnte nur einem Dachraume über einer Wohnung des Palaſtes Licht zuführen, mochte derſelbe nun bewohnt ſein oder nicht, und bei Tagesanbrach würde ich natürlich die Thüren offen gefunden haben. Ich war moraliſch überzeugt, daß die Diener des Palaſtes, ſelbſt die der Familie des Dogen, welche uns bemerkt hätten, uns vielmehr die Flucht erleichtert haben, als uns den Händen der Inquiſitoren überliefert haben würden, ſelbſt wenn ſie —— 4 4 uns als die größten Staatsverbrecher erkannt hätten, ſo ſehr war die Inquiſition allgemein verhaßt. Von dieſem Gedanken ausgehend, mußte ich die vordere Seite der Luke unterſuchen und indem ich mich ſanft gerade hinuntergleiten ließ, kam ich bald rittlings auf dem kleinen Dache derſelben zu ſitzen. Mich nun mit den Händen an den Rändern feſthaltend, ſtreckte ich den Kopf vor und ent⸗ deckte ein kleines Gitter, hinter welchem ſich ein Fenſter be⸗ fand, deſſen Scheiben mit dünnem Blei eingefaßt waren. Das Fenſter ſetzte mich nicht in Verlegenheit, aber das Git⸗ ter, wie dünn es auch ſein mochte, ſchien mir eine unbeſieg⸗ liche Schwierigkeit; denn wie es mir ſchien, konnte ich ohne eine Feile nicht damit fertig werden, und ich hatte nur mein Sponton. Ich war in der größten Verlegenheit und fing an, den Muth zu verlieren, als die einfachſte und natürlichſte Sache mich gewiſſermaßen wieder ſtählte. Philoſophiſcher Leſer, wenn Du Dich einen Augenblick in meine Lage verſetzen willſt, wenn Du Dir die Leiden denken willſt, die ich funfzehn Monate zu tragen hatte, wenn Du die Gefahren bedenkſt, denen ich auf einem Bleidache ausgeſetzt war, wo ich die geringſte falſche Bewegung mit meinem Leben hätte bezahlen müſſen; wenn Du Dir endlich überlegſt, daß ich nur einige Stunden hatte, um alle Schwie⸗ rigkeiten zu beſiegen, welche ſich bei jedem Schritte verviel⸗ fältigen konnten, und daß ich im möglichen Falle des Nicht⸗ erfolgs auf verdoppelte Strenge von Seiten eines ungerech⸗ ten Gerichts rechnen mußte, ſo wird mich das Geſtändniß, welches ich mit der Unbefangenheit der Wahrheit abzulegen, im Begriffe bin, mich in Deinen Augen nicht erniedrigen, beſonders wenn Du nicht vergißt, daß es in der Natur des Menſchen liegt, der ſich in Unruhe und Noth befindet, nicht die Hälfte von dem zu ſein, was er im Zuſtande der Ruhe iſt. Die Glocke von St. Marcus, welche in dieſem Augen⸗ blicke Mitternacht ſchlug, war das Mittel, welches die Er⸗ ſcheinung hervorrief, die einen ſolchen Eindruck auf meinen Geiſt machte und mich durch eine heftige Erſchütterung dem ſehr dere rade inen an ent⸗ be⸗ rren. Git⸗ ieg⸗ hne nein den ache blick iden venn ache mit dlich wie⸗ viel⸗ cht⸗ ech⸗ niß, gen, gen, des nicht der gen⸗ Er⸗ inen dem 5⁵5 Zuſtande der Beklemmung entriß. Dieſe Glocke erinnerte mich daran, daß der herannahende Tag der Allerheiligentag war, daß dieſer Tag das Feſt meines Schutzheiligen ſein ſollte, wenigſtens wenn ich einen hatte, und die Prophe⸗ zeihung des Jeſuiten, welcher mir die Beichte abgenommen hatte, fiel mir wieder ein. Was aber beſonders, ich geſtehe es, meinen Muth hob und meine phyſiſchen Kräfte wirklich vermehrte, das war das profane Orakel, welches mir mein theurer Arioſt ertheilt:„Fra il fin d'ottobre et il capo di novembre.“ Wenn ein großes Unglück einen kleinen Geiſt zuweilen frommer ſtimmt, ſo iſt es nicht anders möglich, als daß der Aberglaube ſich ins Spiel miſcht. Der Klang der Glocke ſchien mir ein ſprechender Talisman, welcher mich zum Handeln aufforderte und mir den Sieg verhieß. Platt auf dem Bauche liegend, den Kopf zum kleinen Gitter vor⸗ gebeugt, ſtoße ich mit meinem Riegel gegen die Einfaſſung, welche ihn befeſtigte, und entſchließe mich, dieſe ganz abzu⸗ löſen. In einer Viertelſtunde kam ich damit zu Stande, das Gitter befand ſich unverſehrt in meinen Händen, und nachdem ich es neben die Luke gelegt, wurde es mir nicht ſchwer, das Glasfenſter zu zerſtoßen, obwohl mir das Blut aus einer Wunde an der linken Hand floß. Mit Hülfe meines Spontons und mit Befolgung mei⸗ ner frühern Methode erreichte ich die Spitze des Dachs und ſchritt auf den Ort zu, wo ich meinen Gefährten verlaſſen. Ich fand ihn verzweifelnd und wüthend und er ſagte mir die gröbſten Beleidigungen, weil ich ihn ſo lange allein ge⸗ laſſen. Er verſicherte mir, er warte nur ſieben Uhr ab, um in ſein Gefängniß zurückzukehren. Was dachten Sie von mir? Ich glaubte, Sie wären in einen Abgrund geſtürzt. Und die Freude, welche Sie über meine Rückkehr empfinden mußten, drücken Sie nur durch Beleidigungen aus?. Was haben Sie denn ſo lange gemacht? Folgen Sie mir, Sie werden es ſehen. Nachdem ich mein Packet wieder aufgenommen, ſchritt ich nach der Luke zu. Als wir bei derſelben angekommen waren, erſtattete ich Balbi von Allem, was ich gethan, ge⸗ nauen Bericht und ging mit ihm zu Rathe über die Mittel, auf den Boden zu gelangen. Die Sache war leicht für einen von beiden, denn vermittelſt des Stricks konnte er vom Andern hinabgelaſſen werden; ich ſah aber nicht ein, wie der Zweite hineingelangen könnte, da es kein Mittel gab, den Strick am Eingange der Luke zu befeſtigen. Wenn ich mich hineingleiten und hinunterfallen ließ, ſo konnte ich mir Arme und Beine zerbrechen, denn ich wußte nicht, wie weit die Luke vom Fußboden entfernt war. Auf dieſe kluge und mit der freundſchaftlichſten Theilnahme vorgebrachte Erklä⸗ rung antwortete das Vieh: Laſſen Sie mich nur hinunter, und wenn ich unten ſein werde, werden Sie Zeit genug haben, an die Mittel zu denken, wie Sie ebenfalls hinunter⸗ gelangen können. Ich geſtehe, daß ich in der erſten Bewegung des Un⸗ willens verſucht war, ihm mein Sponton in die Bruſt zu ſtoßen. Ein guter Genius hielt mich zurück und ich ſagte kein Wort des Vorwurfs über ſeinen gemeinen Egoismus. Vielmehr machte ich ſogleich mein Bündel Stricke auf, ſchnürte ihm dieſelben feſt unter den Achſeln zuſammen, und nachdem ich ihn auf den Bauch gelegt, die Fuͤße nach unten, ließ ich ihn aufs Dach der Luke nieder. Als er dort war, ſagte ich zu ihm, er möchte ſich bis zu den Hüften in die Luke ſchwingen und ſich mit den Armen auf den Rändern ſtützen. Als ich dies gethan, ließ ich mich wie das erſtemal das Dach hinuntergleiten und als ich auf dem kleinen Dache war, legte ich mich platt auf den Bauch und ſagte dem Mönche, er möge ſich nur ohne alle Furcht loslaſſen. Als er auf dem Fußboden angelangt war, machte er den Strick los, und nachdem ich ihn hinaufgezogen, fand ich, daß die Länge fünfzig Fuß betrug. Das war zu viel, um den ge⸗ fährlichen Sprung zu wagen. Was den Mönch betraf, der ſich nun ſicher fühlte, denn er war faſt zwei Stunden der größten Angſt auf einem Dache preisgegeben geweſen, wo unſere Stellung allerdings keine beruhigende war, ſo rief er mir zu, ich möchte ihm die Stricke zuwerfen; ich hütete 57 mich ſehr, wie man ſich leicht denken kann, dieſem weiſen Rathe zu folgen. Da ich nicht wußte, was ich anfangen ſollte und eine Eingebung meines Geiſtes erwartete, ſo kletterte ich von Neuem auf die Spitze des Daches, und als mein Blick auf einen Ort in der Nähe der Kuppel fiel, den ich noch nicht beſichtigt, ſchritt ich auf denſelben zu. Ich erblickte eine platte, mit Blei gedeckte Terraſſe, welche mit einer großen, durch zwei Läden geſchloſſenen Luke in Verbindung ſtand. Dort ſtand ein Kübel voll gelöſchten Kalk und eine Kelle, und daneben ſah ich eine Leiter, welche mir lang genug ſchien, um mit derſelben den Boden erreichen zu können, auf welchem mein Gefährte ſich ſchon befand. Das genügte mir, um einen Entſchluß zu faſſen. Nachdem ich meinen Strick um die erſte Sproſſe gebunden, zog ich dieſe furcht⸗ bare Laſt bis zur Luke. Es handelte ſich darum, dieſe ſchwere Laſt hineinzuſchaffen, und die Schwierigkeiten, auf welche ich dabei ſtieß, ließen es mich bedauern, daß ich mich der Hülfe meines Gefährten beraubt. Ich hatte der Leiter eine ſolche Richtung gegeben, daß das eine ihrer Enden an die Luke ſtieß, während das andere um ein Dritttheil über die Goſſe hinausragte. Ich ließ mich nun auf das Dach der Luke hinabgleiten, ſchob die Leiter ſeitwärts, und ſie dann an mich heranziehend, ließ ich ſie von Neuem fallen, bis ſie mit der Luke parallel war; nun bemühte ich mich, ſie in die Luke hineinzubringen: aber es war mir unmöglich, ſie weiter als bis zur fünften Sproſſe zu bringen, denn da das Ende gegen das innere Dach der Luke ſtieß, ſo hätte ſie keine Gewalt der Welt weiter hin⸗ einſchieben können, ohne die Leiter oder das Dach zu zer⸗ brechen. Es gab kein anderes Mittel, als das andere Ende in die Höhe zu heben, dann wurde durch ihre geneigte Lage das Hinderniß gehoben und die Leiter fiel von ſelbſt hinein. Ich hätte die Leiter queer legen und meinen Strick daran befeſtigen können, um mich gefahrlos hinuntergleiten zu laſſen; aber die Leiter wäre dann an dem Orte geblieben und hätte den Häſchern und Lorenz den Ort gezeigt, wo wir vielleicht noch zu finden geweſen wären. —õ— 58 Ich wollte mich nicht der Gefahr ausſetzen, durch eine Unklugheit die Frucht ſo vieler Mühen und Gefahren zu verlieren, und um alle Spuren zu verwiſchen, mußte ich die Leiter ganz hineinbringen. Da mir Niemand helfen konnte, ſo beſchloß ich ſelbſt auf die Rinne zu treten, um die Leiter hoch zu heben und ſo meinen Zweck zu erreichen. Das that ich, aber mit ſo großer Gefahr, daß ich ohne eine Art Wun⸗ der meine Verwegenheit mit dem Leben bezahlt haben wuürde. Ich wagte es, die Leiter fahren zu laſſen, indem ich den Strick losließ, nicht fürchtend, daß ſie in den Kanal fallen könne, da ſie mit ihrer dritten Sproſſe gewiſſermaßen an der Goſſe feſtgehakt war. Mit meinem Sponton in der Hand ließ ich mich nun in der Rinne neben der Leiter hin⸗ gleiten. Die marmorne Rinne bot meinen Füßen einen Widerhalt, denn ich lag platt auf dem Bauche. In dieſer Lage hatte ich die Kraft, die Leiter um einen halben Fuß aufzuheben, und ſie vorwärts ſtoßend hatte ich die Freude zu ſehn, daß ſie um einen halben Fuß in die Luke einge⸗ drungen war, und der Leſer wird begreifen, daß ihr Gewicht dadurch beträchtlich vermindert wurde. Es handelte ſich darum, ſie noch zwei Fuß tiefer hineinzubringen, indem ich ſie um ebenſoviel erhob; dann war ich ſicher, ſie, wenn ich wieder aufs Dach ſtieg, vermittelſt des Stricks ganz hinein⸗ zubringen. Um ihr die nöthige Erhebung zu geben, richtete ich mich auf den Knieen auf; aber die Kraft, welche ich dazu anwenden mußte, ließ mich ausgleiten, ſo daß ich bis zur Bruſt über das Dach weggeſchleudert wurde und mich nur noch mit den Händen hielt. Ein ſchrecklicher Augenblick, an den ich noch mit Schau⸗ dern denke und deſſen ganze Gräßlichkeit man ſich kaum wird vorſtellen können! Der natürliche Inſtinkt der Selbſterhal⸗ tung ließ mich faſt unbewußt alle Kräfte anwenden, um mich zu ſtuͤtzen und mich feſtzuhalten, und faſt wunderbarer Weiſe, möchte ich ſagen, gelang es mir. Fortwährend dar⸗ auf bedacht, nicht loszulaſſen, gelang es mir die ganze Kraft der Arme bis zur Handwurzel anzuwenden, und zugleich ſtemmte ich mich mit dem Bauche gegen. Ich hatte glücklicher Weiſe nichts für die Leiter zu fürchten; denn bei der un⸗ eine n zu h die nnte, Leiter that Vun⸗ ürde. den allen n an 59 glücklichen oder vielmehr unſeligen Anſtrengung, welche mir beinahe theuer zu ſtehen gekommen wäre, hatte ich das Glück gehabt, ſie um mehr als drei Fuß hineinzubringen, wodurch ſie unbeweglich wurde. Während ich mich ſo mit der Fauſt und den Weichen, zwiſchen dem Unterleibe und den Schenkeln, an der Goſſe feſthielt, ſah ich, daß ich der Gefahr ganz entgehen könnte, wenn es mir gelänge, den rechten Schenkel zu erheben und auf die Rinne zu ſetzen; aber meine Leiden hier waren noch nicht zu Ende. Die Anſtrengung, welche ich machte, ver⸗ urſachte mir ein ſolches nervöſes Zucken, daß ein ſchmerz⸗ licher Krampf mich beinahe an allen Gliedern lähmte. Da ich den Kopf nicht verlor, ſo hielt ich ſtill, bis derſelbe vor⸗ übergegangen war: ich wußte, daß die Unbeweglichkeit das beſte Mittel gegen ſolche Krämpfe iſt; ich hatte es oft er⸗ fahren. Wie ſchrecklich war dieſer Augenblick! Zwei Mi⸗ nuten ſpäter erneuerte ich allmählig die Anſtrengung, hatte das Glück, mit beiden Knieen in die Rinne zu kommen, und erhob nun, als ich Athem geſchöpft, ſorgfältig die Lei⸗ ter und brachte ſie endlich bis zu einem der Luke parallelen Punkte. Da ich die Geſetze des Gleichgewichts und des Hebels hinlänglich kannte, ſo nahm ich mein Sponton wie⸗ der, kletterte nach der alten Weiſe zur Luke hinauf und brachte nun die Leiter leicht hinein, deren Ende mein Ge⸗ fährte mit den Armen auffing. Jetzt warf ich die Sachen, die Stricke und die Trüͤmmer in die Luke und ſtieg auf den Boden hinunter, wo der Mönch mich freundlich empfing, und in welchen ich nun die Leiter hineinzog. Arm in Arm ſtellten wir nun eine Unterſuchung des dunklen Orts an, wo wir uns befanden; er war etwa dreißig Schritte lang und zwanzig breit. An einem Ende fanden wir eine Flügelthür von Eiſen⸗ ſtangen. Das war eine üble Vorbedeutung, als ich aber die in der Mitte befindliche Klinke anfaßte, gab ſie dem Drucke nach und die Thür ging auf. Wir durchmaßen zunächſt dieſe neue Räumlichkeit, und ich ſtieß auf dieſer Wanderung gegen einen großen mit Stühlen und Seſſeln umgebenen Tiſch. Wir kehrten zu dem Orte zurück, wo 60 wir Fenſtern gefühlt hatten, öffneten eins und beim Ster⸗ nenſchimmer bemerkten wir nur Abgründe zwiſchen Kuppeln. Ich verweilte keinen Augenblick bei der Idee, mich hinunter⸗ zulaſſen; ich wollte wiſſen, wohin ich käme und ich kannte den Ort nicht, wo ich war. Ich ſchloß das Fenſter wieder, wir verließen den Saal wieder und kehrten nach dem Orte zurück, wo wir unſer Gepäck gelaſſen. Ueber alle Begriffe erſchöpft, ließ ich mich auf den Fußboden hinſinken, legte mir ein Bündel Stricke unter den Kopf, und da meine körperlichen und geiſtigen Kräfte völlig erſchöpft waren, ſo verfiel ich in einen ſanften Schlaf. Ich überließ mich dem⸗ ſelben mit ſolcher Paſſivität, daß, wenn ich auch gewußt hätte, daß der Tod darauf folgen müßte, ich dennoch nicht hätte widerſtehen können, und ich erinnere mich ſehr wohl noch des Vergnügens, welches ich über dieſen köſtlichen Schlaf empfand. Ich ſchlief drei und eine halbe Stunde. Das Geſchrei und die heftigen Stöße des Mönchs weckten mich kaum. Er ſagte, es hätte elf Uhr*) geſchlagen, und mein Schlaf ſcheine ihm in der Lage, in welcher wir uns befänden, un⸗ begreiflich. Es war unbegreiflich für ihn, aber nicht für mich; mein Schlaf war kein freiwilliger geweſen; ich hatte nur meiner erſchöpften Natur nachgegeben. Meine Erſchö⸗ pfung war durchaus nicht zu verwundern: zwei lange Tage hatte die Aufregung mich abgehalten, Nahrung zu mir zu nehmen oder ein Auge zu ſchließen, und die Anſtrengungen, welche ich eben ausgehalten, und welche Alles übertrafen, was ein Menſch leiſten kann, waren allein ſchon hinreichend geweſen, die Kraft eines Menſchen zu erſchöpfen. Uebrigens hatte mir dieſer erquickende Schlaf meine frühere Kraft wie⸗ dergegeben, und ich war erfreut, daß die Dunkelheit ſo weit abgenommen hatte, daß ich mit größerer Sicherheit und Schnelligkeit handeln konnte. Als ich mich umgeſehn, rief ich aus: dieſer Ort iſt kein Gefängniß; hier muß leicht ein Ausgang zu finden ſein. Wir ſchritten nun auf das der eiſernen Thüre ent⸗ *) Etwa fünf Uhr Morgens. —— 61 gegengeſetzte Ende zu, und in einem ſehr engen Winkel glaubte ich eine Thuͤr zu entdecken. Ich taſte umher und fühle endlich ein Schlüſſelloch. Ich ſtecke mein Sponton hinein und mit drei oder vier Stößen öffne ich das Schloß, wir gelangen in ein kleines Zimmer, und auf einem Tiſche finde ich einen Schlüſſel. Ich verſuche ihn an einer gegen⸗ überliegenden Thüre; als ich denſelben umdrehe, ſehe ich, daß das Schloß offen iſt. Ich ſage zum Mönche, er ſolle unſre Pakete holen, und nachdem ich den Schlüſſel wieder auf den Tiſch gelegt, wo ich ihn gefunden, gehen wir hin⸗ aus und gelangen in eine Gallerie mit Niſchen voll Pa⸗ pier. Das waren die Archive. Ich entdecke eine kleine ſtei⸗ nerne Treppe, ich ſteige ſie hinab; finde eine zweite, ſteige auch dieſe hinab und finde am Ende derſelben eine Thür mit Glasſcheiben: wir waren in der herzoglichen Kanzlei. Ich öffne ein Fenſter; ich würde leicht hinuntergelangen können; aber ich würde dann in ein Labyrinth kleiner Höfe, welche die St. Marcus⸗Kirche umgeben, gerathen ſein. Gott bewahre mich vor einer ſolchen Thorheit! Auf einem Bu⸗ reau erblicke ich ein eiſernes Werkzeug mit rund zulaufen⸗ der Spitze und hölzernem Handgriffe, deſſen ſich die Secre⸗ taire der Kanzlei bedienen, um die Pergamente zu durch⸗ bohren, an welche ſie vermittelſt eines Bindfadens die bleier⸗ nen Siegel befeſtigen; ich bemächtigte mich deſſelben. Ich öffne das Bureau und finde die Abſchrift eines Briefes, in welchem dem Proveditor von Corfu 3000 Zechinen zur Ausbeſſerung der alten Feſtung angekündigt werden. Ich ſuche die Zechinen; ſie waren nicht mehr da. Gott weiß, mit welchem Vergnügen ich mich ihrer bemächtigt und wie ich den Mönch verſpottet haben würde, wenn er mir den Vorwurf eines Diebſtahls gemacht hätte. Ich hätte dieſe Summe wie ein Geſchenk des Himmels betrachtet und würde mich als den unbeſtreitbaren Eigenthümer derſelben vermöge des Rechts der Eroberung angeſehen haben. Ich gehe an die Thür der Kanzlei und ſtecke meinen Riegel in das Schlüſſelloch; aber in Zeit von noch nicht einer Minute gelange ich zur Ueberzeugung, daß es mir unmöglich ſein werde, es zu öffnen; ich beſchließe daher ——-—/— ſchnell, in einen der beiden Flügel ein Loch zu machen. Ich wähle die Seite, wo das Brett die wenigſten Veräſtungen hatte und gehe ſchnell an die Arbeit. Fortwährend mit meinem Sponton ſtoßend, arbeite ich mit allen Kräften auf die Thüͤre los. Der Mönch, der mich mit dem großen Stifte, welchen ich auf dem Bureau gefunden, beſtens un⸗ terſtützte, zitterte bei dem Wiederhalle, welchen mein Spon⸗ ton machte, wenn ich in das Brett einbohrte: man mußte dies Geräuſch weithin hören; ich fühlte dieſe Gefahr, aber ich war in der Nothwendigkeit, ihr zu trotzen. In einer halben Stunde war das Loch groß genug, und wohl uns, denn ohne Beihülfe einer Säge würde es mir ſchwer geworden ſein, daſſelbe größer zu machen. Die Ränder des Loches waren Schrecken erregend, denn ſie wa⸗ eren mit Spitzen beſäet, an welchen man ſich die Kleider zer⸗ reißen und die Haut zerfleiſchen mußte. Nachdem ich zwei Seſſel, den einen neben den andern darunter geſtellt, ſtiegen wir auf dieſelben, und der Mönch ſchob ſich mit überein⸗ andergelegten Armen und vorgewendetem Kopfe in das Loch, und indem ich ihn nun bei den Lenden und dann bei den Beinen faßte, gelang es mir, ihn hindurchzubringen, und obwohl es dunkel war, war ich doch ohne Unruhe, denn ich kannte das Lokal. Als mein Gefährte hindurch war, warf ich ihm mein kleines Bündel mit Ausnahme der Stricke zu, welche ich aufgab; und nun einen zweiten Seſſel auf die erſten ſtellend, ſtieg ich hinauf, und als ich mit den Schenkeln bis an das Loch reichte, kroch ich bis zum Bauche hinein, obwohl mit großen Schwierigkeiten, weil das Loch ſehr eng war, und da ich keinen Stützpunkt für meine Hände hatte und mich Niemand vorwärts ſtoßen konnte, wie ich den Mönch geſtoßen, ſagte ich demſelben, er möge mich hindurchziehn und nicht eher ruhen, als bis er mich durchgebracht, ſollte ich auch nur ſtückweiſe durchkommen. Er gehorchte, und ich hatte die Ausdauer, den ſchrecklichen Schmerz zu ertragen, den mir das Zerfleiſchen meiner Seiten und Lenden, aus denen das Blut hervorſtrömte, verurſachte. Sobald ich das Glück hatte, mich draußen zu ſehen, 63 beeilte ich mich, die Sachen aufzuheben, und ſodann zwei Treppen hinabſteigend, öffnete ich ohne Schwierigkeiten die Thür, welche auf den Gang führt, wo ſich die große Thür der königlichen Treppe und daneben die Thüre zum Kabinet des Savio alla scrittura befindet. Dieſe große Thür war geſchloſſen wie die des Saales der Archive, und mit einem Blicke ſah ich, daß ſie nur mit einem Katapult eingerannt oder mit einer Mine geſprengt werden konnte. Der Riegel, welchen ich in der Hand hielt, ſchien mir zu ſagen: Hie fines posuit; Du kannſt mich nicht mehr brauchen, Du kannſt mich weglegen. Er war das Werkzeug meiner Frei⸗ heit, ich liebte ihn; er war würdig, als Votiogeſchenk auf dem Altar der Freiheit niedergelegt zu werden. Ruhig und völlig gefaßt ſetzte ich mich und forderte den Mönch auf, meinem Beiſpiele zu folgen. Meine Arbeit iſt geendet, ſagte ich, jetzt iſt es Sache Gottes oder des Glücks, das Uebrige zu thun. Abbia chi regge il ciel cura del resto, 0 la fortuna se non tocca a lui.*) Ich weiß nicht, ob die Palaſtfeger heute am Allerhei⸗ ligentage oder morgen am Feſte aller Seelen hieher kommen werden. Wenn Jemand kömmt, werde ich mich retten, ſo⸗ bald die Thüre geöffnet wird, und Sie werden mir folgen; wenn aber Niemand kömmt, ſo gehe ich nicht von hier weg, und wenn ich Hungers ſterbe, dann deſto ſchlimmer. Als ich dies ſagte, gerieth der arme Mann in Wuth; er nannte mich toll, verzweifelt, einen Verführer, Betrüger, Lügner. Ich ließ ihn reden und rührte mich nicht. Wäh⸗ rend deſſen hatte es dreizehn Uhr geſchlagen. Seit meinem Erwachen auf dem Boden war erſt eine Stunde verfloſſen. Das Wichtigſte, was mich zunächſt beſchäftigte, war die Nothwendigkeit, mich gänzlich zu verändern. Pater Balbi ſah wie ein Bauer aus, aber er war unverſehrt; er war weder zerfetzt noch mit Blut bedeckt; ſeine Jacke von rothem Flanell und ſeine violetten Lederhoſen waren nicht *) Wer den Himmel regiert, möge für das Uebrige ſorgen, oder wenn die Sache ihn nicht angeht, das Glück. konnte, denn ich war ganz mit Blut bedeckt und völlig zer⸗ lumpt. Nachdem ich meine Strümpfe von den Knieen her⸗ untergezogen, floß das Blut aus den ſtarken Verwundun⸗ gen, welche ich in der Goſſe erhalten; das Loch in der Thuͤre hatte mir Weſte, Hemde, Hoſen, Hüften und Lenden zerriſ⸗ ſen; ich hatte überall ſchauderhafte Verletzungen. Aus zer⸗ riſſenen Taſchentüchern machte ich Binden und verband mich ſo gut es ging. Ich zog meinen ſchönen Rock an, welcher an einem Wintertage ziemlich komiſch ausſehen mußte. Ich verbarg meine Haare unter meinem Haarbeutel, ſo gut es anging, ich zog weiße Strümpfe an, ein Spitzenhemde in Ermangelung eines andern, zwei andere ebenſolche darüber, ſteckte Taſchentücher und Strümpfe in die Taſche und warf alles Uebrige in einen Winkel. Meinen ſchönen Mantel warf ich dem Mönche um, und der Unglückliche ſah ſo aus, als ob er ihn geſtohlen. Ich mußte einem Manne ähnlich ſehn, welcher auf einem Balle geweſen und ſodann die Nacht an einem liederlichen Orte zugebracht, wo er ausgebeutelt worden. Nur die Binden, welche meine Kniee umbanden, verunſtalteten meine unzeitige Eleganz. So geputzt, und den Hut mit ſpaniſchen Spitzen und der weißen Feder auf dem Kopfe öffne ich das Fenſter. Meine Figur wurde bald von den Neugierigen bemerkt, welche auf dem Hofe des Palaſtes ſtanden, und die, da ſie nicht begriffen, wie eine Perſon wie ich zu ſolcher Zeit am Fenſter ſtehen könne, denjenigen herbeiriefen, der die Schlüſſel zu dieſem Orte hatte. Der Portier dachte, er habe am vo⸗ rigen Tage Jemand eingeſchloſſen, und nachdem er die Schlüſ⸗ ſel geholt, kam er. Es that mir leid, daß ich mich am Fenſter hatte ſehen laſſen, denn ich wußte nicht, daß der Zufall mir ganz nach Wunſch hier entgegengekommen war; ich ſetzte mich neben den Mönch, welcher mir Grobheiten ſagte, als ein Schlüſſelgeraſſel an mein Ohr tönte. Aeußerſt bewegt, ſtehe ich auf, und mein Auge an eine kleine Spalte legend, welche ſich zwiſchen den beiden Brettern der Thuͤre befand, ſehe ich einen Menſchen mit einer Perrücke und ohne Hut allein und ein großes Schluͤſſelbund in der Hand hal⸗ zerriſſen, während ich nur Schrecken und Mitleiden einflößen 65 tend die Treppe heraufkommen. Ich ſage zum Mönche mit ſehr ernſtem Tone, er möge den Mund nicht aufmachen, ſich hinter mich ſtellen und mir folgen. Ich nehme mein Sponton, welches ich mit der rechten Hand unter meinem Rocke verberge und ſtelle mich ſo an die Thüre, daß ich, ſo⸗ bald dieſelbe aufgeht, hinauskommen und die Trape. er⸗ reichen kann. Ich betete zu Gott, daß dieſer Menſch keinen Widerſtand leiſten möge, denn entgegengeſetzten Falls wäre ich genöthigt geweſen, ihn niederzuſchlagen, und dazu war ich entſchloſſen. Die Thür geht auf, und als mich der arme Mann erblickt, bleibt er wie erſtarrt ſtehn. Ohne mich aufzuhal⸗ ten, ohne ein Wort zu ſagen, eile ich, ſeine Betäubung be⸗ nutzend, ſchnell die Treppe hinunter und der Mönch folgt mir. Nicht wie ein Fliehender, aber ſchnell gehend, erreiche ich die prachtvolle Treppe, welche die Rieſentreppe genannt wird, und die Aufforderung des Pater Balbi, welcher mir unaufhörlich zurief: In die Kirche! gänzlich unbeachtet laſ⸗ ſend, ſetze ich meinen Weg fort. de Kirchthür war nur zwanzig Schritte von der Treppe entfernt; aber die Kirchen gaben in Venedig den Verbrechern keine Sicherheit mehr, und Niemand flüchtete mehr in die⸗ ſelben. Der Mönch wußte das, aber die Furcht raubte ihm das Gedächtniß. Er ſagte ſpäter zu mir, was ihn getrie⸗ ben, mich zum Eintritt in die Kirche aufzuforden, wäre ein religiöſes Gefühl geweſen, welches ihn zum Altare gerufen. Warum gingen Sie denn nicht allein in die Kirche? Ich wollte Sie nicht verlaſſen. Er hätte ſagen ſollen: Ich wollte Sie nicht ins Ver⸗ derben ſtürzen. Die Strafloſigkeit, welche ich ſuchte, war jenſeit der Grenzen der ſehr erlauchten Republik zu finden, und ich fing an, mich gegen dieſelben in Bewegung zu ſetzen; im Geiſte war ich ſchon drüben, aber ich mußte auch noch mit meinem Körper hingelangen. Ich ging gerade auf die königliche Thür des herzoglichen Palaſtes los, und ohne Jemand anzuſehn, das beſte Mittel, um nicht beobachtet zu werden, ſchreite ich über den kleinen Platz weg, gelange an VII. 5 4 14 1 das Ufer, trete in die erſte Gondel, welche ich ſehe und ſage dem am Hintertheile ſtehenden Fuhrmanne: Ich will nach Fuſine, und rufe ſchnell einen anderen Ruderer. Ein ſolcher war ganz in der Nähe, und während man die Gondel los⸗ macht, werfe ich mich auf das Kiſſen in die Mitte, während Pater Balbi ſich auf die Bank ſetzte. Die ſeltſame Figur Balbi's, welcher keinen Hut, aber einen ſchönen Mantel umhatte, ſo wie meine unzeitgemäße Kleidung mußten mich für einen Quackſalber oder Aſtrologen halten laſſen. Als wir das Zollamt umſchifft hatten, fingen die Ru⸗ derer an die Gewäſſer, des Kanals la Giudecca, durch welchen man fahren muß, um nach Fuſine oder nach Meſtre zu ge⸗ langen, nach welchem letztern Orte ich wirklich wollte, kräf⸗ tig zu durchſchneiden. Als ich in der Mitte des Kanals war, hob ich den Kopf in die Höhe und ſagte zum Rude⸗ rer des Hintertheils: Glaubſt Du, daß wir vor vier Uhr nach Meſtre kommen werden? Mein Herr, Sie haben geſagt, ich ſolle Sie nach Fu⸗ ſine fahren. Du biſt toll; ich habe nach Meſtre geſagt. Der zweite Ruderer ſagte, ich täuſche mich, und mein dummer Mönch, ein eifriger Chriſt und großer Wahrheits⸗ freund, ermangelte nicht, ebenfalls zu ſagen, ich hätte Un⸗ recht. Ich hatte Luſt, ihm einen Fußtritt zu geben, um ihn für ſeine Dummheit zu ſtrafen; aber da ich bedachte, daß nicht Jeder Verſtand haben könne, ſo ſing ich an, laut zu lachen, gab zu, daß ich mich getäuſcht haben könne, ſagte aber, daß ich die Abſicht habe, nach Meſtre zu gehen. Ich erhielt keine Antwort, aber einen Augenblick darauf ſagte der Gondelführer, er ſei bereit, mich nach England zu fah⸗ ren, wenn ich Luſt habe. Bravo! Nach Meſtre. Wir werden in drei Viertel Stunden dort ſein, denn wir fahren mit dem Strome und haben günſtigen Wind. Mit großer Zufriedenheit ſah ich den Kanal hinter mir liegen, und derſelbe ſchien mir ſchöner denn je, namentlich, weil ich kein einziges Schiff auf uns zukommen ſah. Es war ein ſchöner Morgen, reine Luft, und die erſten Son⸗ nenſtrahlen machten einen herrlichen Eindruck; meine beiden „— — 2 32 d-d SE ͤͤ.— 3—,—ee ᷣ 67 jungen Ruderer ruderten leicht und kräftig. Als ich nun an die grauſame Nacht dachte, welche ich verlebt, an die Gefahren, denen ich entflohen, an den Ort, wo ich am vori⸗ gen Tage eingeſperrt geweſen war, an alle Combinationen des Zufalls, welche mir günſtig geweſen, an die Freiheit, welche ich zu genießen anfing und deren reiche Fülle mir in Ausſicht ſtand, wurde ich davon ſo gerührt, daß ich voll Dankbarkeit gegen Gott in Thränen zerfloß. Mein herrlicher Gefährte, welcher bis dahin nur den Mund aufgemacht, um den Ruderern Recht zu geben, glaubte mich tröſten zu müſſen. Er täuſchte ſich über die Urſache meiner Thränen, und die Art, wie er dabei verfuhr, be⸗ wirkte, daß ich von meinem köſtlichen Weinen zu einem ſehr ſonderbaren Lachen überging, was ihn zu einem entgegenge⸗ ſetzten Irrthume führte, denn er glaubte, ich wäre toll ge⸗ worden. Der arme Mönch war, wie ich ſchon erwähnt, dumm und ſeine Bosheit war nur eine Folge ſeiner Dumm⸗ heit. Ich war in der traurigen Nothwendigkeit geweſen, dieſelbe benutzen zu müſſen; aber beinahe hätte er, wenn auch ohne es zu beabſichtigen, mich ins Verderben geſtürzt. Ich konnte ihn unmöglich überzeugen, daß ich mit der Ab⸗ ſicht nach Meſtre zu gehen, den Schiffern befohlen, nach Fu⸗ ſine zu fahren: er ſagte, dieſe Idee könne mir erſt auf dem großen Kanal einngekommen ſein. Wir kamen in Meſtre an. Ich fand keine Pferde auf der Poſt; aber es waren eine Menge Fuhrleute da, welche eben ſo gut fahren, und ich machte mit einem derſelben den Aeccord, mich in fünf Viertelſtunden nach Treviſo zu fahren. In drei Minuten waren die Pferde angeſpannt, und da ich glaubte, Pater Balbi wäre hinter mir, ſo drehte ich mich um, um ihn zum Einſteigen aufzufordern; aber er war nicht da. Ich bat einen Stallknecht, ihn zu ſuchen, und war entſchloſſen, ihn tüchtig auszuſchelten, ſelbſt wenn er ein natürliches Bedürfniß befriedigt hätte; denn wir waren in der Lage alle Bedürfniſſe, ſelbſt die der Natur, unter⸗ drücken zu müſſen. Mir wurde geſagt, daß er nicht zu fin⸗ den ſei. Ich war wüthend. Ich kam nicht auf den Ge⸗ danken, ihn laufen zu laſſen; ich hätte es thun ſollen; ein 5* Gefühl der Menſchlichkeit hielt mich zurück. Ich ſtieg ab und erkundigte mich; Jeder hatte ihn geſehen, aber Niemand konnte mir ſagen, wo er ſein möchte. Ich durchwanderte die Arcaden der großen Straße und kam inſtinktartig auf den Einfall, durch ein Fenſter zu blicken und ſah den Un⸗ glücklichen am Comtoir ſtehen, eine Taſſe Chocolade trinken und dem Mädchen die Cour machen, Er ſieht mich, zeigt mir das Mädchen, frägt mich, ob ich ſie nicht hübſch fände, und fordert mich auf, eine Taſſe Chocolade zu trinken und die ſeinige zu bezahlen, weil er keinen Pfennig habe. Ich unterdrücke meinen Unwillen und ſage: Ich mag nicht und beeilen Sie ſich; zugleich drücke ich ihm den Arm ſo ſtark, daß er bleich vor Furcht wurde, und wir gehen ab. Ich zitterte vor Zorn. Wir kommen an, wir ſteigen in den Wagen, aber kaum hatten wir zehn Schritte gemacht, als ich einem Bewohner von Meſtre, Namens Balbi Tommaſti, begegne, einem guten Manne, welcher aber im Rufe ſtand, einer der Diener der heiligen Inquiſition der Republik zu ſein. Er kannte mich und ſich mir nähernd, ſagte er: Wie, mein Herr, Sie ſind hier? Ich freue mich, Sie zu ſehen. Sie haben ſich alſo gerettet? Wie haben Sie das angefangen? Ich habe mich nicht gerettet, ich bin entlaſſen worden. Das iſt nicht möglich; denn noch geſtern war ich im Hauſe Herrn Grimani's und würde davon gehört haben. Leſer, Du wirſt den Zuſtand, in welchem ich mich da⸗ mals befand, Dir leichter denken können, als ich ihn Dir ſchildern könnte. Ich ſah mich entdeckt durch einen Men⸗ ſchen, von dem ich glaubte, daß er bezahlt worden, um mich zu verhaften und welcher, um dieſen Zweck zu erreichen, nur dem erſten beſten Sbirren mit dem Auge zuzu⸗ blinken brauchte, und Meſtre war voll von ſolchen. Ich bat ihn leiſe zu ſprechen und nachdem ich vom Wagen geſtiegen, bat ich ihn, mit mir etwas bei Seite zu treten. Ich führte ihn hinter das Haus und als ich ſah, daß ich von Nie⸗ mand geſehen wurde, und da ich in der Nähe eines Gra⸗ bens ſtand, jenſeit deſſen man auf freiem Felde war, ſo waffnete ich mich mit meinem Sponton und faßte ihn beim N 69 Kragen. Als er meine Abſicht erkannte, macht er eine An⸗ ſtrengung, riß ſich von mir los und ſprang über den Gra⸗ ben. Ohne ſich umzuwenden lief er nun, was er konnte, immer vorwärts. Sobald er etwas entfernt war, lief er langſamer, wendete mir den Kopf zu und ſchickte mir Küſſe nach zum Zeichen, daß er mir eine gute Reiſe wünſche. Als ich ihn aus den Augen verloren, dankte ich Gott, daß dieſer Mann mich durch ſeine Behendigkeit vor einem Ver⸗ brechen bewahrt hatte, denn ich war im Begriffe ihn todt⸗ zuſchlagen und wie es ſcheint, hatte er keine böſen Abſichten. Meine Lage war ſchrecklich; ich war allein und in offe⸗ nem Kriege gegen die ganze Macht der Republik. Ich mußte auf die größte Vorſicht bedacht ſein, und meine eigene Si⸗ cherheit machte es mir zum Geſetze, kein Mittel zur Errei⸗ chung meines Zwecks zu vernachläſſigen. Düſter wie ein Menſch, welcher ſo eben einer großen Gefahr entgangen, warf ich dem feigen Mönche, der ſah, welcher Gefahr er uns ausgeſetzt, einen Blick der Verach⸗ tung zu und ſtieg wieder in den Wagen. Ich dachte an das Mittel, mich von dieſem Tölpel zu befreien, welcher nicht wagte, den Mund aufzumachen. Wir langten ohne weiteres Begegniß in Treviſo an und ich ſagte dem Poſt⸗ meiſter, er möchte einen Wagen und zwei Pferde um ſieben⸗ zehn Uhr) bereit halten. Ich hatte indeß nicht die Abſicht, meine Reiſe mit der Poſt fortzuſetzen, zunächſt weil ich nicht die Mittel dazu hatte, und ſodann, weil ich verfolgt zu wer⸗ den fürchtete. Der Wirth fragte mich, ob ich frühſtücken wolle, ich bedurfte deſſen zu meiner Lebenserhaltung, denn ich verging vor Entkräftung; aber ich hatte nicht den Muth, ſein Anerbieten anzunehmen; eine verlorene Viertel⸗ ſtunde konnte mich zu Grunde richten. Ich fürchtete, wie⸗ der eingefangen zu werden und darüber mein ganzes Leben erröthen zu müſſen; denn ein vernünftiger Menſch muß auf freiem Felde vierhunderttauſend Mann die Spitze bieten können; wenn er ſich nicht zu verbergen weiß, iſt er ein Dummkopf. *) Um zehn Uhr Morgens. — Ich ging wie ein Spatziergänger zum St. Thomas⸗ thore hinaus, und nachdem ich eine Meile auf der großen Heerſtraße zurückgelegt, warf ich mich in die Felder, mit der Abſicht, ſie nicht wieder zu verlaſſen, ſo lange ich mich in den Staaten der Republik befände. Der kürzeſte Weg war über Baſſano, aber ich wählte den längſten, weil es nicht unwahrſcheinlich war, daß man mich am kürzeſten Ausgang erwartete, während es nicht wahrſcheinlich war, daß man glaubte, ich hätte den Weg über Feltre eingeſchlagen, wel⸗ ches der längſte Weg war, um in die Gerichtsbarkeit des Biſchof von Trient zu gelangen. Nachdem ich drei Stunden gegangen, ließ ich mich auf die Erde ſinken, denn ich konnte nicht weiter. Ich brauchte einige Nahrung oder mußte mich zu ſterben gefaßt machen. Ich ſagte dem Mönche, er möge den Mantel neben mich le⸗ gen und ſich auf einer Beſitzung, welche ich ſah, gegen Be⸗ zahlung etwas zu eſſen geben zu laſſen, und es mir bringen. Ich gab ihm das nöthige Geld. Er entfernte ſich mit der Bemerkung, daß er mich für muthiger gehalten hätte. Dieſer Elende wußte nicht, was Muth iſt; aber er war ſtärker als ich, und wahrſcheinlich hatte er ſich, ehe er das Gefängniß verließ, ein gutes Pflaſter in den Magen ge⸗ legt. Uebrigens hatte er Chocolade getrunken, war mager und Mönch und die Klugheit und die Ehre quälten ihn wahrſcheinlich nicht auf Koſten ſeines Körpers. Obwohl das Haus kein Wirthshaus war, ſchickte mir doch die gute Pächterin durch eine Bäuerin ein hinlängliches Mittagseſſen, welches nur dreißig Sous koſtete. Nachdem ich meinen Appetit befriedigt, ſetzte ich mich ziemlich gut orientirt ſchnell wieder in Bewegung, da ich mich ſchläfrig fühlte. Nach einem vierſtündigen Marſche hielt ich bei einem Weiler an und erfuhr, daß ich vierundzwanzig Mig⸗ lien von Treviſo entfernt wäre. Ich war ganz herunter; meine Knöchel waren wund und meine Schuhe zerriſſen. Ich hatte nur noch eine Stunde Tag vor mir. Ich legte mich in ein Gebüſch, ließ den Pater Balbi ſich neben mich ſetzen und hielt ihm folgende Rede: Wir müſſen nach Borgo di Valſugano; dies iſt die 1 b 71 erſte Stadt jenſeit der Grenzen der Republik, dort werden wir ſo ſicher wie in London ſein, und können uns ausruhn, aber um dahin zu gelangen, iſt die größte Vorſicht nöthig, und vor Allem müſſen wir uns trennen. Sie werden durch das Gehölz von Mantello gehen, ich über die Berge, Sie auf dem leichteſten und kürzeſten Weg, ich auf dem längſten und ſchwierigſten; Sie endlich mit Geld und ich ohne einen Pfennig. Ich ſchenke Ihnen meinen Mantel, den Sie gegen eine Kaputze und einen Hut austauſchen können, und Je⸗ dermann wird Sie dann für einen Bauer halten, denn glück⸗ licher Weiſe haben Sie die Figur eines ſolchen. Dies iſt alles Geld, welches mir von dem, was mir der Graf As⸗ quino geliehen, übrig bleibt, es ſind ſiebenzehn Lire; neh⸗ men Sie dieſe. Sie werden übermorgen Abend in Borgo ſein und ich werde erſt vierundzwanzig Stunden ſpäter dorthin gelangen. Sie werden mich im erſten Gaſthofe linker Hand erwarten und können darauf rechnen, daß ich kommen werde. Dieſe Nacht muß ich in einem guten Bette ſchlafen und die Vorſehung wird mich irgendwo eins finden laſſen; aber ich muß Ruhe haben, und in Ihrer Geſellſchaft würde das nicht möglich ſein. Ich bin ſicher, daß man uns jetzt überall ſucht und daß unſer Signalement ſo genau ge⸗ geben iſt, daß man uns in jedem Gaſthauſe, wo wir uns zeigen, feſtnehmen würde. Sie ſehen, in welchem trau⸗ rigen Zuſtande ich bin und wie ſehr ich einer zehnſtün⸗ digen Ruhe bedarf. Leben Sie alſo wohl; gehen Sie auch allein; ich werde in der Umgegend ein Nachtlager finden. Ich war auf Alles, was Sie mir ſagen, gefaßt, ant⸗ wortete Balbi; aber ich werde nichts darauf erwiedern, ſon⸗ dern Sie bloß daran erinnern, was Sie mir verſprochen, als ich mich bereden ließ, Ihr Gefängniß zu durchbrechen. Sie haben mir verſprochen, daß wir uns nicht mehr tren⸗ nen würden, hoffen Sie alſo nicht, daß ich Sie verlaſſen werde; Ihr Schickſal wird das meinige ſein, das meinige das Ihrige. Wir werden für Geld ein gutes Nachtlager finden, wir werden in kein Gaſthaus gehen, und man wird uns nicht verhaften. Sie ſind alſo entſchloſſen, den guten Rath, welchen ich Ihnen kluger Weiſe gegeben, nicht zu befolgen. Ja, feſt entſchloſſen. Wir werden ſehen. Ich ſtand nicht ohne Anſtrengung auf; ich maß ſeine Größe und zeichnete ſie auf dem Boden ab; ſodann ziehe ich mein Sponton aus der Taſche, beuge mich links über und beginne mit der größten Kaltblütigkeit und ohne ihm ein Wort zu ſagen, eine kleine Grube zu machen. Nach einer viertelſtündigen Arbeit fing ich an, ihn mit trauriger Miene anzublicken, und ſagte, als guter Chriſt halte ich mich verpflichtet, ihm zu ſagen, er möge ſeine Seele Gott empfehlen. Denn ich werde Sie hier todt oder lebendig be⸗ graben, und wenn Sie ſtärker als ich ſind, ſo werden Sie mich begraben. Zu dieſem äußerſten Entſchluſſe bringt mich Ihre verſtockte Hartnäckigkeit. Sie können ſich indeß retten, denn ich werde nicht hinter Ihnen herlaufen. Als ich ſah, daß er nicht antwortete, ging ich wieder an die Arbeit; aber ich muß geſtehen, ich fürchtete ſchon, daß dieſes Vieh mich zum Aeußerſten treiben würde, und ich war entſchloſſen, mich ſeiner zu entledigen. Endlich, ſei es Furcht oder Ueberlegung, warf er ſich neben mich nieder. Da ich ſeine Abſicht nicht errieth, ſo reichte ich ihm die Spitze meines Riegels; aber ich hatte nichts von ihm zu fürchten. Ich werde Alles thun, was Sie wollen, ſagte er. Alſobald umarme ich ihn, und nach⸗ dem ich ihm alles Geld, was ich bei mir hatte, gegeben, erneuerte ich ihm mein Verſprechen, in Borgo wieder mit ihm zuſammenzutreffen. Obgleich ich nun keinen Pfennig mehr hatte und über zwei Flüſſe ſetzen mußte, ſo wünſchte ich mir doch Glück, daß ich von der Geſellſchaft eines Man⸗ nes ſeines Charakters befreit war; denn allein war ich ſicher über die Gränzen meiner theuren Republik zu kommen. p — ᷣᷣ-— A ☛„ ne, (D eSͤ aͤͤ* Vierundfünfzigſtes Kapitel. Ich kinde ein Unterkommen im Hauſe des Ankührers der Sbirren.— Ich bringe hier eine köſtliche Nacht zu und gelange wieder zum vollen Gebrauche meiner Kräkte und werde wieder geſund.— Ich gehe in die Meſſe; ein Buſammentrefken, welches mich in Verlegenheit ſetzt. — Gemaltſames Mittel, welches ich gebrauchen muß, um mir ſechs Bechinen zu verſchalfen. Ich gelange außer Gekahr.— Meine Ankunkt in München.— Epiſode über Balbi.— Ich reiſe nach Paris.— Meine An- kunkt in dieſer Stadt.— Mordankall auk Judwig XV. Als ich den Pater Balbi ziemlich fern ſah, ſtand ich auf, und da ich in geringer Entfernung einen Schäfer be⸗ merkte, welcher auf einem Hügel eine Heerde hütete, ſo ſchritt ich auf ihn zu, um einige nöthige Erkundigungen einzuziehen. Mein Freund, ſagte ich, wie heißt dieſes Dorf? Valdepiadene, Herr. Ich war verwundert, denn ich war weiter gekommen, als ich geglaubt. Ich fragte ihn ſodann nach dem Namen der Beſitzer von fünf oder ſechs Häuſern, welche im Um⸗ kreiſe lagen, und zufälliger Weiſe waren alle die, welche er nannte, Perſonen meiner Bekanntſchaft, die ich nicht durch mein Erſcheinen ängſtigen wollte. Als ich ihn ſodann nach dem Namen eines Palaſtes fragte, welchen ich erblickte, nannte er mir die Familie Grimani, deren Aelteſter damals Staats⸗Inquiſitor war, und welcher in dieſem Augenblicke dort ſein mußte: ich durfte mich alſo nicht ſehen laſſen. Als ich ihn zuletzt noch fragte, wem ein rothes Haus, wel⸗ ches ich in der Ferne erblickte, gehöre, ſagte er, es gehöre dem ſogenannten Land⸗Capitain, welcher Anführer der Sbir⸗ ren war. Mein Erſtaunen war groß; ich ſagte indeß dem guten Hirten Lebewohl und begann maſchinenartig den Hü⸗ gel hinabzuſteigen, und ich weiß noch nicht, welcher Inſtinkt 4 9, mich auf dieſes Haus zuführte, von welchem die Furcht eben⸗ ſowohl wie der Inſtinkt mich hätten fern halten müſſen. Ich ging gerade auf daſſelbe los, und ich kann wohl ſagen, daß dies nicht die Wirkung eines feſten Entſchluſſes war. Wenn es wahr iſt, daß wir Alle eine unſichtbare Vernunft, einen wohlthätigen Genius haben, der uns zum Glück treibt, wie dies Socrates zuweilen begegnete, ſo muß ich dem meinigen den unwiderſtehlichen Anſtoß zuſchreiben, wel⸗ cher mich in das Haus des Individuums führte, deſſen Ge⸗ genwart ich am meiſten zu fürchten hatte. Wie dem aber auch ſein mag, es war der kühnſte Schritt, welchen ich in meinem ganzen Leben gethan. Ohne Zögern trat ich ein und ſogar mit ganz freiem Benehmen, und als ich auf dem Hofe ein Kind ſah, welches Kreiſel ſpielte, näherte ich mich demſelben und fragte es, wo ſein Vater wäre. Anſtatt mir zu antworten, rief das Kind ſeine Mutter, und einen Augenblick darauf ſah ich eine hübſche ſchwangere Frau kommen, welche mich ſehr höflich fragte, Was ich völl ihrem Manne wolle und ſich entſchuldigte, daß er nicht da wäre. Ich bedaure, ſagte ich, daß mein Gevatter nicht hier iſt, wie ich mich andrerſeits freue, ſeine ſchöne Gemahlin kennen zu lernen. Sein Gevatter? Ich ſpreche alſo mit Ihrer Ercellenz Herrn Vetturi. Er hat mir geſagt, ſie wären ſo gütig ge⸗ weſen, ihm zu verſprechen, der Pathe des Kindes zu ſein, mit welchem ich ſchwanger bin, Ich freue mich, Sie ken⸗ nen zu lernen, und mein Mann wird ſehr bedauern, daß er nicht zu Hauſe geweſen. Ich hoffe, daß er bald kommen wird, denn ich will ihn um ein Nachtlager bitten. In dem Zuſtande, in welchem Sie mich ſehen, wage ich nicht anderswohin zu gehen. Sie ſollen das beſte Bett im Hauſe haben, und ich werde Ihnen ein ziemlich gutes Abendeſſen bereiten; mein Mann wird Ihrer Exeellenz ſogleich nach ſeiner Rückkehr für die Ehre danken, welche Sie uns anthun. Erſt vor einer Stunde iſt er mit allen ſeinen Leuten aufgebrochen, 7 —————— — ( ͤSͤͤaͤ— X SSͤS=S— 75 und ich ſehe ſeiner Rückkehr erſt binnen drei bis vier Ta⸗ gen entgegen. 4. Warum, meine liebenswürdige Gevatterin, will er denn ſo lange ausbleiben? Sie wiſſen alſo nicht, daß zwei Gefangene aus den Bleidächern entſprungen ſind? Der eine iſt ein Patrizier, der andere ein Prioatmann Namens Caſanova. Mein Mann hat von Meſſer grande einen Brief bekommen, worin dieſer ihm befiehlt, die beiden aufzuſuchen; wenn er ſie findet, muß er ſie nach Venedig bringen; wo nicht, kehrt er hier⸗ her zurück, aber er wird ſie wenigſtens drei Tage lang ſuchen.— Ich bedaure, daß es ſich ſo ſchlecht trifft, liebe Gevat⸗ terin, aber ich möchte Ihnen nicht gern zur Laſt fallen, um ſo weniger, als ich mich gleich zu Bette legen muß. Das ſoll augenblicklich geſchehen, und meine Mutter wird Sie bedienen. Aber was haben Sie denn an den Knieen? Ich bin auf der Jagd im Gebirge gefallen, ich habe mich ſehr verletzt und viel Blut verloren, was mich ſehr geſchwächt hat. O, Sie armer Herr! aber meine Mutter wird Sie heilen. Sie rief ihre Mutter und nachdem ich ihr Alles, was ich brauchte, geſagt, ging ſie ab. Dieſe hübſche Häſcherfrau hatte nicht den Geiſt ihres Gewerbes, denn nichts ſah einer Fabel ſo ähnlich, wie die Geſchichte, welche ich ihr erzählt. Wie ſollte ich wohl mit weißen ſeidnen Strümpfen reiten? Wie mit einem Tafftrocke und ohne Mantel und ohne Be⸗ dienten auf die Jagd gehen? Wenn ihr Mann zurückkam, mußte er ſich jedenfalls über ſie luſtig machen; aber möge Gott ſie für ihr gutes Herz und ihre gutmüthige Unwiſſen⸗ heit belohnen! Ihre Mutter nahm ſich meiner mit einer Höflichkeit an, wie ich ſie nur bei ſehr vornehmen Perſonen finden konnte. Die achtungswerthe und wohlwollende Frau nahm den Ton einer Mutter an, und während ſie meine Wunden verband, nannte ſie mich ihren Sohn. Dieſer Name klang mir ſüß und trug durch das köſtliche Gefühl, 76 welches er in mir erregte, nicht wenig zu meiner Heilung bei. Wäre ich mit meiner Lage nicht ſo beſchäftigt geweſen, ſo würde ich ihre Pflege mit unzweideutigen Aeußerungen der Höflichkeit und Dankbarkeit gelohnt haben, aber die Art und die Rolle, welche ich ſpielte, beſchäftigten mich ernſtlich genug, um meine Gedanken davon ablenken zu können. Nachdem die gute Mutter meine Kniee und Hüften be⸗ ſichtigt, ſagte ſie mit freundlichem Tone, ich müßte mich darein ergeben, etwas zu leiden, aber ich könnte mich darauf verlaſſen, daß ich am folgenden Tage geheilt ſein würde. Ich ſollte nur naſſe Servietten auf meine Wunden legen laſſen, ruhig im Bette liegen bleiben und mich bis zum nächſten Tage nicht rühren. Ich verſprach, geduldig auszu⸗ halten und zu thun, was ſie wolle. Man ſetzte mir ein gutes Abendeſſen vor, und ich aß und trank mit gutem Appetit; ſodann ließ ich mich von ihr behandeln und ſchlief unter ihren Händen ein; wahrſchein⸗ lich entkleidete ſie mich wie ein Kind, denn als ich erwachte, hatte ich keine Erinnerung; ich ſprach weder noch dachte ich. Obwohl ich gut gegeſſen hatte, ſo hatte ich es doch nur gethan, weil ich das Bedürfniß fühlte, meinen Magen zu befriedigen und meine Kräfte zu ſtärken, und als ich ein⸗ ſchlief, gab ich nur einer unwiderſtehlichen Macht nach, denn meine phyſiſche Erſchöpfung ließ mir nicht die Fähigkeit, über das, was ich that, nachzudenken. Es war ein Uhr Nachts*), als ich zu Abend ſpeiſte, und als ich am folgen⸗ den Tage erwachte, hörte ich dreizehn Uhr**) ſchlagen. Ich glaubte bezaubert zu ſein. Nachdem ich ordentlich erwacht war, und mich orientirt hatte, entledige ich mich ſchnell aller Servietten und war erſtaunt zu ſehen, daß alle Verletzun⸗ gen getrocknet waren, und daß ich keinen Schmerz mehr hatte. Ich ordne mein Haar, kleide mich in weniger als fünf Minuten an und da ich die Thür meines Zimmers offen finde, ſo gehe ich über den Hof und verlaſſe das Haus, ſo thuend, als ob ich zwei Individuen, welche an der Thür *) Etwa ſechs Uhr Abends. **) Sechs Uhr Morgens. —yʒ———— ———,—— ——„ N—— †—q ł—⁸ u — 2 — 77 ſtanden, und welche nur Sbirren ſein konnten, gar nicht be⸗ merke. Ich entfernte mich ſchnell von dieſem Orte, wo ich die wohlwollendſte Gaſtfreundſchaft, die offenſte Höflichkeit, die großmüthigſte Pflege, und, mehr als dies Alles, Ge⸗ ſundheit und die Wiederherſtellung meiner Kräfte gefunden, und ich konnte nur mit dem Gefühle des größten Schreckens an die augenſcheinliche Gefahr, welcher ich entgangen war, denken. Ich ſchaudere unwillkürlich, und noch jetzt nach ſo vielen Jahren ſchaudere ich bei dem Gedanken an die Gefahr, in welche ich mich ſo unbeſonnener Weiſe begeben. Ich war erſtaunt, daß ich in dies Haus hatte kommen und noch mehr, daß ich es hatte verlaſſen können. Es ſchien mir un⸗ möglich, daß man mich nicht verfolgen ſollte. Fünf Stun⸗ den lang wanderte ich durch Wälder und Berge, ohne Je⸗ mand anders als einigen Bauern zu begegnen, ohne je den Kopf umzudrehen.— Es war noch nicht Mittag, als ich meines Weges ge⸗ hend, den Klang einer Glocke vernahm. Ich ſtand auf einer Anhöhe; als ich nach der Seite hinblickte, von welcher das Geläute herüber tönte, ſah ich eine kleine Kirche im Hin⸗ tergrunde und viele Menſchen hineingehen, um die Meſſe zu hören. Ich kam auf die Idee, ebenfalls die Meſſe zu hören, mein Herz empfand das Bedürfniß, ſeine Dankbarkeit aus⸗ zudrücken für den erſichtlichen Schutz, welchen die Vorſehung mir hatte angedeihen laſſen; und obwohl die ganze Natur mir einen des Schöpfers würdigen Tempel darbot, zog mich doch die Gewohnheit in die Kirche. Wenn der Menſch in Noth iſt, ſo erſcheint ihm Alles, was ihm durch den Kopf geht, als göttliche Eingebung. Es war das Feſt aller See⸗ len. Ich gehe die Anhöhe hinunter, trete in die Kirche und erblicke hier zu meinem großen Erſtaunen Mare Anton Gri⸗ mani, Neffen des Staats⸗Inquiſitors mit Madame Maria Veſani, ſeiner Gemahlin. Sie waren nicht weniger verwun⸗ dert als ich. Ich machte ihnen eine Verbeugung, welche ſie erwiederten, und nachdem ich die Meſſe gehört, verließ ich die Kirche. Herr Grimani folgte mir allein. In eini⸗ ger Entfernung redete er mich an und ſagte: Was machen Sie hier, Caſanova? Wo iſt Ihr Gefährte? I 78 Ich habe ihm das wenige Geld, welches ich hatte, ge⸗ geben, damit er ſich auf einem andern Wege rette, während ich mich in dieſer Richtung in Sicherheit zu bringen ſuche, aber keinen Pfennig habe. Wenn Ew. Excellenz mir eine Unterſtützung gewähren wollte, würde ich mich leichter her⸗ ausziehen. Ich kann Ihnen nichts geben; aber Sie werden auf Ihrem Wege Einſiedler finden, welche Sie nicht Hungers ſterben laſſen werden. Aber ſagen Sie mir doch, wie Sie aus den Bleidächern haben ausbrechen können. Die Erzählung iſt intereſſant, aber lang; unterdeß könnte der Einſiedler ſehr gut die Vorräthe aufeſſen, welche mich vor dem Hungertode ſchützen ſollen. Nachdem ich dieſe ironiſche Tirade beendet, machte ich ihm eine tiefe Verbeugung und wanderte weiter. Trotz meiner außerordentlichen Bedürftigkeit war mir dieſe ab⸗ ſchlägliche Antwort lieb. Ich ſah, daß ich weit mehr Edel⸗ mann als Herr Grimani war, welcher mich an die Barm⸗ herzigkeit der Einſiedler verwies. In Paris hörte ich ſpä⸗ ter, daß ſeine Frau, welche die Sache erfahren, ihm Grob⸗ heiten geſagt und ihm die Härte ſeines Benehmens vorge⸗ worfen. Es iſt nicht zu bezweifeln, daß die Empfindungen des Wohlwollens und der Großmuth weit häufiger in den Herzen der Frauen als in den unſrigen wohnen. Ich ſetzte meine Wanderung bis zum Sonnenunter⸗ gang fort. Gänzlich erſchöpft und beinahe Hungers ſterbend ſtehe ich vor einem Hauſe von hübſchem Ausſehen ſtill. Ich er⸗ kläre, daß ich den Hausherrn zu ſprechen wünſche; der Por⸗ tier erwiedert, derſelbe ſei nicht da, er ſei zu einer Hochzeit jenſeit des Fluſſes gegangen, er werde erſt in zwei Tagen wiederkommen, aber beim Abſchiede habe er den Befehl ge⸗ geben, ſeine Freunde gut aufzunehmen. Vorſehung! Glück! Zufall! wie man will. Ich trete ein, man giebt mir ein gutes Abendeſſen und ein gutes Bett. Aus der Adreſſe mehrerer Briefe erſah ich, daß ich bei Rombenchi, Conſul, ich weiß nicht mehr welcher Nation, war. Ich ſchrieb demſelben einen Brief, welchen ich verſiegelt hinterließ. Nachdem ich gut geſpeiſt, ————— ——x 79 und gut geſchlafen, ſtand ich auf; und nachdem ich eine ſorgfältige Toilette gemacht, ging ich weg, ohne der guten Wirthſchafterin ein Zeichen meiner Dankbarkeit hinterlaſſen zu können, und ich ging wie ein Spaziergänger über die Brücke, verſprechend, bei meiner Rückkehr zu bezahlen. Nach einem fünfſtündigen Marſche ſpeiſte ich in einem Kapuziner⸗ kloſter, da Mönche mir unter ſolchen Umſtänden ſehr nützliche Leute ſchienen. Nachdem ich mich erfriſcht, machte ich mich auf den Weg friſch und munter, und wanderte rüſtig bis 22 Uhr.*) Ich hielt bei einem Hauſe an, deſſen Herr mein Freund war. Ich trete ein und frage, ob der Herr zu Hauſe iſt: man zeigt mir das Zimmer, wo er allein war, beſchäftigt mit Schreiben; ich gehe auf ihn zu, um ihn zu umarmen, als er mich aber erblickt, weicht er erſchreckt zurück; er ſagt, ich möge mich ohne den mindeſten Aufenthalt entfernen, und er führt nur unhaltbare oder beleidigende Gründe an. Ich ſtelle ihm meine Lage vor und bitte ihn mir ſechszig Zechinen auf eine Anweiſung auf Herrn von Bragadino zu geben. Er ſagt, er könne mir nicht zu Hülfe kommen, mir nicht einmal ein Glas Waſſer anbieten, da er fürchten müſſe, ſich durch meine Anweſenheit die Ungnade des Gerichts zu⸗ zuziehn. Es war ein Mann von etwa ſechszig Jahren, ein Wechſelmakler, weleher große Verpflichtungen gegen mich hatte. Seine grauſame Weigerung machte auf mich einen ganz andern Eindruck, als die Herrn Grimani's. War es nun Zorn, oder Unwille, oder Wuth, oder Recht der Ver⸗ nunft und Natur, ich faßte ihn beim Kragen, zeigte ihm mein Sponton und drohte ihm laut mit dem Tode. Zit⸗ ternd zieht er einen Schlüſſel aus der Taſche und ſagt mir, indem er mir einen Secretair zeigt, dort läge Geld und ich ſolle nur nehmen, ſo viel ich wolle; ich ſagte, er ſolle ſelbſt aufſchließen. Zitternd gehorcht er, und nachdem er ein Schubfach aufgezogen, in welchem Geld lag, ſage ich, er ſolle mir ſechs Zechinen geben. Sie wollten ſechszig Zechinen haben. Ja, als ich ſie als ein freundſchaftliches Darlehn be⸗ trachtete; aber da ich ſie jetzt nur noch der Gewalt verdanken *) Etwa drei Uhr Nachmittags. 80 kann, will ich nur ſechs und werde Dir keine Anwei⸗ ſung geben. Man wird ſie Dir in Venedig wiederbezahlen, wo ich deshalb hinſchreiben werde, wozu Du mich gezwun⸗ gen haſt, feiger Menſch, der nicht zu leben verdient. O, ich bitte Sie, nehmen Sie doch. Nein, ich nehme nicht mehr. Ich gehe jetzt und rathe Dir, mich ruhig gehen zu laſſen, oder fürchte, daß ich in meiner Verzweiflung zurückkehre und Dein Haus einäſchere. Ich ging ab und wanderte zwei Stunden, bis die Nacht und die Ermüdung mich zwangen, im Hauſe eines Bauern ab⸗ zutreten. Ich ſpeiſte ſchlecht und ſchlief auf dem Stroh. Am Morgen kaufte ich einen alten Ueberrock, miethete einen Eſel zur Fortſetzung der Reiſe, und bei Feltre kaufte ich ein Paar Stiefel. In dieſem Aufzuge ritt ich durch das Neſt, welches la Scala heißt. Es war daſelbſt eine Wache, welche mir nicht einmal die Ehre anthat, mich nach meinem Namen zu fragen, und wie mein Leſer ſich wohl denken wird, wußte ich ihr Dank dafür. Dort nahm ich einen zweirädrigen Wagen und langte frühzeitig in Borgo di Val⸗ ſugano an, wo ich den Pater Balbi in dem angegebenen Gaſthofe fand. Hätte er mich nicht angeredet, ſo würde ich ihn nicht erkannt haben. Ein weiter Ueberrock, ein Klapp⸗ hut, welchen er über einer großen Baumwollenmütze geſetzt hatte, gaben ihm ein ganz anderes Anſehen. Er ſagte mir, der Pächter habe ihm dies Alles für meinen Mantel gege⸗ ben, er ſei ohne Hinderniß hierher gekommen, und er habe gut gegeſſen. Er machte mir das Compliment, mir zu ver⸗ ſichern, daß er mich nicht erwartet habe, denn er habe nicht geglaubt, daß ich ihm ehrlich verſprochen, ihn wieder aufzu⸗ ſuchen. Vielleicht hätte ich gut daran gethan, ſein Ver⸗ trauen zu täuſchen. Den folgenden Tag blieb ich in dieſem Gaſthofe, wo ich, ohne mein Bett zu verlaſſen, mehr als zwanzig Briefe nach Venedig ſchrieb, worunter zehn oder zwölf Circulare, in denen ich berichtete, was ich hatte thun müſſen, um mir die ſechs Zechinen zu verſchaffen. Der Mönch ſchrieb dem Pater Barbarigo, ſeinem Su⸗ perior, den Patriziern und ſeinen Brüdern unverſchämte, und 3 ASZZ N u N W 81 den Mädchen, welche ihn ins Verderben geſtürzt hatten, galante Brief. Ich trennte von meinem Rocke die Treſſen ab, ich verkaufte meinen Hut und entäußerte mich eines Lurus, welcher für meine Lage nicht paßte, weil er zu ſehr die Aufmerkſamkeit auf mich zog. Am nächſten Tage ſchlief ich in Pergine, wo ein jun⸗ ger Graf Dalberg mich beſuchte, nachdem er, ich weiß nicht wie, erfahren, daß wir Flüchtlinge aus den venetianiſchen Gefängniſſen wären. Von Pergine begab ich mich nach Trient und von da nach Bolzano, wo ich, da ich Geld brauchte, um mich einzukleiden, Wäſche zu kaufen und meine Reiſe fortzuſetzen, mich einem alten Banquier Namens Menſch vorſtellte, der mir einen ſichern Menſchen gab, wel⸗ chen ich mit einem Briefe an Herrn von Bragadino nach Venedig ſchickte. Der alte Banquier brachte mich in einen guten Gaſthof, wo ich die ſechs Tage, welche der Bote zur Reiſe brauchte, im Bette blieb. Er brachte mir hundert Zechinen und ich kleidete zunächſt meinen Gefährten ein, worauf ich mich ebenfalls bedachte. Dieſer unglückliche Balbi gab mir jeden Tag neue Gründe, ſeine Geſellſchaft unerträglich zu finden. Er führte beſtändig im Munde, daß ich ohne ihn nie gerettet ſein würde und daß ich meinem Verſprechen gemäß mit ihm zu theilen verbunden ſei. Er war in alle Mägde verliebt, und da ſein Wuchs und ſein Weſen nicht der Ark waren, daß er hätte Glück machen können, ſo wurde er von ihnen mit Maulſchellen empfan⸗ gen, welche er mit exemplariſcher Geduld hinnahm, ohne daß er auch nur auf vierundzwanzig Stunden dadurch gebeſſert worden wäre. Ich beluſtigte mich daran, obwohl es mir auch unangenehm war, mit einem Weſen von ſo gemeinem Charakter verbunden zu ſein. Wir nahmen die Poſt und am dritten Tage langten wir in München an, wo ich mich im Gaſthofe zum Hirſch einmiethete. Ich fand hier zwei junge Venetianer aus der Familie Cantarini, welche ſich hier ſeit einiger Zeit in Be⸗ gleitung des Grafen Pompei, eines Veroneſers, aufhielten; aber da ich ihnen nicht bekannt war, und nicht mehr Ein⸗ ſiedler aufzuſuchen brauchte, um zu leben, ſo ließ ich es mir VII. 6 82 nicht angelegen ſein, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Anders war es mit der Gräfin Coronini, welche ich in Venedig im Kloſter der heiligen Juſtine kennen gelernt hatte, und welche bei Hofe ſehr gut angeſchrieben war. Dieſe erlauchte Dame, welche damals ſiebenzig Jahre alt war, nahm mich ſehr guͤt auf und verſprach mir, mit dem Kurfürſten zu ſprechen, um mir das Aſylrecht zu ver⸗ ſchaffen. Nachdem ſie ſich am folgenden Tage dieſes Auf⸗ trages entledigt, ſagte ſie, der Kurfürſt habe nichts gegen mich, was ihn hindern könnte, mir Sicherheit in ſeinen Staaten zu verſprechen, aber für Balbi gäbe es in ſeinen Staaten keine Sicherheit, weil derſelbe als flüchtiger So⸗ maske von den Münchener Somasken reclamirt werden könne: Seine Durchlaucht wollte mit dem Mönche nichts zu thun haben. Die Gräfin rieth mir demgemäß, ihn ſo⸗ bald wie möglich aus der Stadt zu ſchaffen, um ſich an⸗ derwärts in Sicherheit zu bringen und einem ſchlechten Streiche, welchen ihm ſeine ehrenwerthen Kollegen unfehl⸗ bar ſpielen würden, aus dem Wege zu gehen. Da ich mich durch mein Gewiſſen verpflichtet fühlte, mich dieſes Unglücklichen anzunehmen, ſo begab ich mich zum Beichtvater des Kurfürſten, um denſelben um eine Empfehlung für jenen nach einer ſchwäbiſchen Stadt zu er⸗ ſuchen. Dieſer Beichtvater, ein Jeſuit, verläugnete das edle Benehmen ſeiner Brüder in Loyola nicht; er nahm mich aufs allerſchlechteſte auf. Er ſagte mir geſprächsweiſe, man kenne mich gründlich in München. Ich fragte ihn mit feſtem Tone, ob er mir dies als eine gute oder als eine ſchlechte Nachricht melde; er antwortete nicht und ließ mich ſtehen. Ein anderer Prieſter ſagte mir, er wäre ausgegan⸗ gen, um die Wahrheit eines Wunders zu prüfen, von wel⸗ chem ganz München ſpräche. Was iſt das für ein Wunder, mein Vater? fragte ich. Die Kaiſerin, Witwe Karls VII., deren Leichnam noch im Saale ausgeſtellt iſt, hat warme Füße, obwohl ſie todt iſt. Vielleicht iſt etwas da, was die Füße wärmt. Sie können ſich ſelbſt von dem Wunder überzeugen. —— ———ͤ 83 . 4 Nicht immer kann man Wunder ſehen, und wenn ich n. eine ſolche Gelegenheit verſäumt hätte, ſo würde ich eine e, Gelegenheit, mich zu erbauen oder zu lachen verloren haben. — Da ich mich wollte rühmen können, ein Wunder geſehen zu ge haben, und noch dazu ein höchſt intereſſantes Wunder für it mich, da ich immer das Unglück gehabt, kalte Füße zu ha⸗ 14 ben, ſo eilte ich zu der erhabenen Todten, deren Füͤße in der f⸗ That warm waren, aber ich ſah, daß die Sache ganz ein⸗ n fach war, denn Ihre hochſelige Majeſtät hatte die Fuͤße einem 4 6 glühenden Ofen zugewendet, der in ſehr geringer Entfer⸗ n nung ſtand. Ein Tänzer, welcher mich kannte, und welchen 2 die Neugierde ebenfalls herbeigezogen, näherte ſich mir, machte mir ein Compliment über meine glückliche Flucht und ſagte, ts die ganze Stadt ſpräche mit großer Theilnahme davon. Dieſe 1 Nachricht war mir angenehm, denn es iſt immer gut die ⸗ Theilnahme des Publikums zu erregen. Dieſer Schuler b 2n Terpſichore’'s lud mich zum Mittagseſſen ein, und ich nahm 1 l⸗ die Einladung mit Vergnügen an. Er hieß Michael von Agata, und ſeine Frau war die berühmte Gardela, welche ich vor ſechszehn Jahren bei Herrn von Malipiero kennen ch gelernt, der mir eine Tracht Schläge aufgezählt, weil ich mit Thereſen geſchäkert. Die Gardela, welche eine berühmte Tänzerin geworden war, und welche immer noch ſchön war, le war erfreut, mich zu ſehen und aus meinem Munde die ch Geſchichte meiner mühſeligen Flucht zu vernehmen. Sie ſe, intereſſirte ſich für den Mönch und verſprach mir ein Empfeh⸗ 1 it lungsſchreiben an den Kanonikus Baſſt, einen Bologneſer, re ihren Freund und Dechant des St. Moritz⸗Kapitels in ch Augsburg. Ich nahm dies an und ſchrieb augenblicklich, 1⸗ da ich mich überzeugte, daß ich für den Mönch nicht ferner 5 4 zu ſorgen haben werde; denn ſie war ſicher, daß der 4 Dechant ſich ſeiner annehmen werde, und daß es demſelben h. gelingen werde, ihn mit Venedig auszuſöhnen. 3 Erfreut, denſelben auf eine ſo anſtändige Art los zu werden, gehe ich in den Gaſthof, erzähle ihm die Sache und gebe ihm den Brief mit dem Verſprechen, ihn nicht zu ver⸗ laſſen, falls der Dechant ihn nicht gut aufnehmen ſollte, Nachdem ich ihm einen guten Wagen geſucht, ließ ich ihn . 6* 84 am folgenden Tage mit Tagesanbruch abreiſen. Vier Tage darauf ſchrieb mir Balbi, daß der Dechant ihn gut empfan⸗ gen, ihn in ſeine Wohnung aufgenommen, ihn als Abbé gekleidet, ihn dem Fürſt⸗Biſchof von Darmſtadt vorgeſtellt und ihm durch die ſtädtiſchen Behörden habe Sicherheit ver⸗ ſprechen laſſen. Ueberdies hatte ihm der Dechant verſpro⸗ chen, ihn bei ſich zu behalten, bis er von Rom aus ſeine Säculariſation und die Freiheit, nach Venedig zurückzukeh⸗ ren, erwirkt; denn wenn er nicht mehr Mönch war, hatte er auch dem Gerichte der Staats⸗Inquiſitoren gegenüber keine Schuld mehr. Pater Balbi ſchloß ſeinen Brief damit, daß er mich bat, ihm einige Zechinen für ſeine kleinen Ver⸗ gnügungen zu ſchicken, denn er war zu edeldenkend, um den Dechant um Geld zu bitten, der, wie der Undankbare ſagte, es nicht genug war, um ihm Geld anzubieten. Ich ant⸗ wortete ihm nicht. Als ich allein und in Ruhe war, dachte ich ernſtlich an die Wiederherſtellung meiner Geſundheit; denn Alles, was ich gelitten, hatte mir nervöſe Zuckungen zugezogen, welche einen beunruhigenden Charakter annehmen konnten. Ich ſetzte mich auf Diät, und in drei Wochen war ich ganz geſund. Unterdeß kam Madame Rividère mit ihrem Sohne und ihren beiden Töchtern von Dresden; ſie ging nach Pa⸗ ris, um die älteſte zu verheirathen. Der Sohn hatte gute Studien gemacht und konnte für einen vollkommenen jungen Mann gelten. Die älteſte Tochter, welche einen Schauſpie⸗ ler heirathen wollte, verband mit der hübſcheſten Figur, welche man ſehen konnte, das Talent des Tanzes, ſpielte Clavier als Virtuoſin und hatte geſellſchaftlichen Takt, die höchſte Anmuth und alle Reize der Jugend. Dieſe liebens⸗ würdige Familie war ſehr erfreut, mich wieder zu ſehen, und ich fühlte mich glücklich, als Madame Rivière, meinem Wunſche zuvorkommend, mir zu verſtehen gab, daß ihr meine Geſellſchaft bis Paris ſehr angenehm ſein würde. Von meinem Beitrage zu den Koſten war nicht die Rede; ich mußte das ganze Geſchenk annehmen. Da ich die Ab⸗ ſicht hatte, mich in Paris niederzulaſſen, ſo ließ mich dieſer Glücksfall vorherſehen, daß mich das Glück auf der r 1 ᷣ Ky un n/n d 2 8u Laufbahn als Abenteurer erwarte, welche ich in der einzigen Stadt der Welt betrat, wo die blinde Göttin ihre Gaben an diejenigen vertheilt, welche ſich ihr anvertrauen und ſie zu benutzen verſtehen. Ich irrte mich nicht, wie der Leſer zu ſeiner Zeit und an ſeinem Orte ſehen wird; aber die Güte des Glücks half mir nichts, denn durch mein thörichtes Benehmen mißbrauchte ich Alles. Der fünfzehnmonatliche Aufenthalt unter den Bleidächern machte mich mit allen Krankheiten meines Geiſtes bekannt; aber ich hätte länger dort bleiben müſſen, um Grundſätze anzunehmen, welche mich hätten heilen können. Madame Rividre wollte mich gern mitnehmen; aber ſte konnte ihre Abreiſe nicht verſchieben; und ich brauchte etwa noch acht Tage, um Briefe und Geld von Venedig zu erwarten. Sie verſprach mir, acht Tage in Straßburg zu bleiben, und wir verabredeten, daß ich ſie, wenn irgend möglich dort aufſuchen ſolle. Sie verließ München am 18. Dezember. Zwei Tage nach ihrer Abreiſe bekam ich aus Venedig den Wechſel, welchen ich erwartete. Ich beeilte mich, meine Schulden zu bezahlen und ich reiſte ſogleich nach Augsburg, weniger um den Pater Balbi zu ſehen, als um Gelegenheit zu erhalten, den liebenswürdigen Dechant kennen zu lernen, welcher mich von demſelben befreit hatte. Ich traf ſieben Stunden nach meiner Abreiſe von München in dieſer Stadt ein und begab mich augenblicklich zu dieſem großmüthigen Geiſtlichen. Er war nicht zu Hauſe; aber ich fand Balbi als Abbé gekleidet, mit eigener Friſur, gepudert, was ſeiner Haut, welcher die Farbe indiſcher Kaſtanien hatte, eben nicht ſehr vortheilhaft war. Balbi war noch nicht vierzig Jahre alt; aber er war häßlich, hatte eine von jenen Phyſiogno⸗ mieen, welche den Ausdruck der Gemeinheit, Feigheit, Frech⸗ heit und Bosheit haben, und dazu noch einen Ton und ein Benehmen, welche geeignet waren, jedes wohlwollendes Gefuͤhl zu verſcheuchen. Er wohnte gut, hatte eine gute Aufwar⸗ tung und gute Kleidung: er hatte Bücher und Alles, was zum Schreiben nöthig war. 86 Ich gratulirte ihm zu ſeiner Lage, nannte ihn einen Glücklichen und bezeichnete mich ebenfalls als einen ſolchen, weil ich ihm alle Vortheile, deren er ſich erfreute und die Hoffnung bald in den geiſtlichen Stand übertreten zu kön⸗ nen, hatte verſchaffen können. Aber dieſer unwiſſende Menſch war weit entfernt, mir dafür dankbar zu ſein, ſondern machte mir vielmehr den Vorwurf, daß ich mich ſeiner auf eine ge⸗ ſchickte Weiſe entledigt, und ſagte endlich, da ich nach Paris ginge, ſolle ich ihn mitnehmen, denn in Augsburg lang⸗ weile er ſich zum Sterben. Was wollen Sie in Paris machen? Was wollen Sie denn dort machen? Ich werde dort meine Talente ausbeuten. Und ich die meinigen. Sie bedürfen alſo meiner nicht mehr und können mit eigenen Flügeln fliegen. Die Perſon, mit welcher ich reiſe, würde mich wahrſcheinlich nicht mitnehmen, wenn Sie mein Gefährte wären. Sie haben mir verſprochen, mich nicht zu verlaſſen. Kann ſich Jemand verlaſſen nennen, wenn er Alles, was er braucht und eine geſicherte Zukunft hat? Alles, was er braucht! Ich habe keinen Pfennig. Was brauchen Sie Geld! Sie haben guten Tiſch, gute Wohnung, Kleidung, Wäſche, Bedienung und Alles, was Sie ſonſt brauchen, und wenn Sie Geld zu Ihren klei⸗ nen Vergnügungen brauchen, warum bitten Sie denn Ihre Kollegen, die Mönche nicht darum? Mönche um Geld bitten! Sie nehmen Geld, geben aber keins. Bitten Sie Ihre Freunde darum. Ich habe keine Freunde. Sie ſind zu beklagen, und wahrſcheinlich ſind Sie ſelbſt nie Jemands Freund geweſen. Sie ſollten Meſſen für Geld leſen; das iſt ein gutes Mittel, um ſich Geld zu verſchaffen. Ich bin nicht bekannt. Dann müſſen Sie warten, bis Sie es ſind und die verlorene Zeit einholen.— ——„„ — 87 Leere Reden: Sie werden mir einige Zechinen hier laſſen. Ich habe nichts übrig. Warten Sie auf den Dechant; er wird morgen zurück⸗ kommen, Sie können mit ihm ſprechen und ihn überreden, mir Geld zu leihen. Sie können ihm ſagen, daß ich es ihm wiedergeben werde. Ich werde nicht auf ihn warten, denn ich reiſe augen⸗ blicklich ab, und waͤre er auch jetzt hier, ſo würde ich doch nicht ſchaamlos genug ſein, um ihn zu bitten, Ihnen Geld zu geben, beſonders nachdem dieſer großmüthige Menſch ſo viel für Sie gethan, und derſelbe überzeugt ſein kann, daß Sie Alles haben, was Sie brauchen. Nach dieſem bittren Zwiegeſpräche verließ ich ihn, nahm die Poſt und reiſte ab voller Aerger, daß ich dieſem Elenden ein ſo großes Glück verſchafft, das er nicht verdient. Im März des folgenden Jahres erhielt ich von dem edlen und großmüthigen Dechant Baſſi einen Brief, in wel⸗ chem er mir erzählte, auf welche Weiſe ſich Pater Balbi mit einer ſeiner Mägde ſich aus ſeinem Hauſe geflüchtet und ihm eine Summe Geld, eine goldene Uhr und zwölf ſil⸗ berne Couverts geſtohlen; er wußte nicht, wohin derſelbe gegangen. Gegen Ende deſſelben Jahres erfuhr ich in Paris, daß dieſer unanſtändige Menſch ſich nach Chur, Hauptſtadt des Cantons Graubündten, zurückgezogen, wo er in die kalvi⸗ niſtiſche Kirche aufgenommen und rechtsmäßig mit der Dame, welche er entführt, verheirathet zu werden wünſchte; da die Gemeinde aber bald bemerkte, daß der Neubekehrte zu nichts tauglich war, ſo wurde er wieder aus der kalviniſtiſchen Kirche ausgeſtoßen. Als der Abtrünnige kein Geld mehr hatte, prügelte ihn die Magd, welche ſeine Frau geworden, tüchtig durch und verließ ihn, und da er nicht wußte, was er anfangen ſollte, ſo begab er ſich nach Breſſa, einer zur Republik gehörigen Stadt, wo er ſich dem Gouverneur vor⸗ ſtellte, dem er ſeinen Namen, ſeine Flucht, ſeine Reue be⸗ kannte und denſelben bat, ihn unter ſeinen Schutz zu neh⸗ men, damit ihm verziehen würde. E 88 Die erſte Wirkung des Schutzes des Podeſta war die, daß der Reuige ins Gefängniß gebracht wurde;z ſodann ſchrieb er an das Gericht, um zu erfahren, was er mit demſelben machen ſolle. Das Gericht ertheilte den Befehl, Pater Balbi gefeſſelt nach Venedig führen zu laſſen, und als er hier an⸗ gekommen war, übergab ihn Meſſer grande dem Gerichte, welches ihn unter die Bleidächer bringen ließ. Er fand den Grafen Asquino nicht wieder, welchen das Gericht mit Rück⸗ ſicht auf ſein hohes Alter einige Monate nach unſerer Flucht in die Viere hatte bringen laſſen. Fünf oder ſechs Jahre ſpäter erfuhr ich, daß das Ge⸗ richt den widerwärtigen Mönch zwei Jahre unter den Blei⸗ dächern behalten und dann in ſein Kloſter zurückgeſchickt, daß der Superior, welcher die Anſteckung dieſes räudigen Schaafes gefuͤrchtet, ihn nach dem Kloſter bei Feltre verbannt, einem einſamen, auf einer Anhöhe liegenden Kloſter, daß aber Balbi nur ein halbes Jahr daſelbſt geblieben. Nachdem er von hier entwichen, begab er ſich nach Rom, um ſich dem Papſte Rezzonico zu Fuͤßen zu werfen, welcher ihn von al⸗ len ſeinen Sünden abſolvirte und ihn ſeiner Mönchsgelübde entband. Balbi wurde nun Weltprieſter und kehrte nach Venedig zuruck, wo er in Lüderlichkeit und Elend ſtarb. Er ſtarb als Diogenes, nur daß er nicht den Geiſt des Mannes von Sinope hatte. In Straßburg traf ich Madame Rivière und ihre rei⸗ zende Familie, und ich wurde mit dem Ausdrucke der auf⸗ richtigſten Freude aufgenommen. Wir wohnten im ausge⸗ zeichneten Gaſthofe zum heiligen Geiſte und verlebten in dieſer Stadt einige Tage ſehr heiter und in herzlicher Freund⸗ ſchaft; ſodann traten wir die Reiſe nach der einzigen Stadt, nach der Weltſtadt Paris an, in einer ganz vortrefflichen Berline, und ich hielt mich für verpflichtet, die Geſellſchaft durch meine Unterhaltung für mein Nichtbezahlen zu ent⸗ ſchädigen. Fräulein Rividre's Reize bezauberten mich; aber ich würde mich erniedrigt gefühlt haben, und würde die Rückſichten, welche ich einer achtbaren Familie ſchuldig war und die Dankbarkeit zu verletzen geglaubt haben, wenn ich meine Liebe irgendwie hätte durchblicken laſſen, wn, oder durch eins meiner Worte mein Gefühl verrathen hätte. Obgleich mein Alter wenig dazu geeignet war, ſo glaubte ich doch eine Vaterrolle annehmen zu müſſen, und ich wid⸗ mete der liebenswürdigen Familie alle Aufmerkſamkeit, welche man nur haben kann, wenn man ſich auf einer langen Reiſe einer liebenswürdigen Geſellſchaft, einer bequemen Berline, eines feinen Tiſches und eines ausgezeichneten Bettes wür⸗ dig machen will. Am Mittwoche, dem 5. Januar 1757 traf ich in Paris ein und ſtieg bei meinem Freunde Baletti ab, welcher mich mit offenen Armen empfing und mir verſicherte, daß er mich erwartet, obwohl ich ihm nicht geſchrieben; denn da ich meiner Flucht wegen mich ſobald wie möglich von Ve⸗ nedig entfernen mußte, ſo begriff er nicht, wie ich anders⸗ wohin als nach Paris hätte gehen können, wo ich zwei Jahre mit allen nur möglichen Annehmlichkeiten gelebt. Freude verbreitete ſich im ganzen Hauſe. Ich bin nie auf⸗ richtiger als von dieſer liebenswürdigen! Familie geliebt worden. Entzückt umarmte ich den Vater und die Mut⸗ ter, welche ich in jeder Beziehung ſo wiederfand, wie ich ſie in Paris im Jahre 1752 verlaſſen; aber beim An⸗ blicke ihrer Tochter, welche ich als Kind verlaſſen und welche ich groß und vollkommen ausgebildet wiederfand, wurde ich vollkommen geblendet. Fräulein Baletti war funfzehn Jahr alt, ſte war ſchön geworden und die Mutter hatte ſie ſorgfältig erzogen, ihr die beſten Lehrer gegeben, überhaupt Alles gethan, was eine geiſtvolle, graziöſe und talentvolle Mutter für eine geliebte, mit ausgezeichneten Anlagen, Tu⸗ genden, anmuthigen Eigenſchaften und jener Lebensart, welche in allen Staaten verbunden mit Takt und Schick⸗ lichkeitsgefühl das erſte Talent iſt, begabte Tochter thun kann. Nachdem ich mir eine hübſche Wohnung ganz in der Nähe dieſer intereſſanten Familie verſchafft, nahm ich einen Fiaker und begab mich nach dem Hotel Bourbon in der Abſicht, mich Herrn von Bernis vorzuſtellen, welcher damals Vorſteher oder Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten war; ich hatte gute Gründe, auf die Protektion dieſes 3 Miniſters zu vertrauen. Ich gehe zu ihm; er iſt nicht zu Hauſe, ſondern in Verſailles. In Paris muß man mehr als irgendwo raſch zugreifen, und wie ein Volksſprichwort treffend ſagt, das Eiſen ſchmieden, während es warm iſt. Da ich ungeduldig war zu ſehen, wie mich dieſer gefällige Freund meiner ſchönen M. M. aufnehmen würde, ſo gehe ich nach Port⸗rohal, nehme ein Cabriolet und lange um 6 ⅞ Uhr in Verſailles an. O Unglück! Unſere Wagen hat⸗ ten ſich unterwegs gekreuzt und der meinige, der ſehr dürf⸗ tig ausſah, hatte die Blicke Sr. Excellenz nicht auf ſich gezogen. Herr von Bernis war mit Herrn von Caſtillana, neapolitaniſchem Geſandten, nach Paris zurückgekehrt, und ich ſchicke mich an, umzukehren. Ich ſteige wie⸗ der in meinen Wagen, als ich aber beim Gitter ankomme, ſehe ich eine Menge Menſchen verwirrt und mit dem Aus⸗ drucke größter Beſtürzung umherlaufen und links und rechts ſchreien:„Der König iſt ermordet; man hat ſo eben den König ermordet.“ Mein erſchreckter Kutſcher denkt nur daran, ſeinen Weg fortzuſetzen, aber man hält den Wagen an, man zwingt mich auszuſteigen, man führt mich in die Wachſtube, wo ſchon viele Menſchen ſind, und in weniger als drei Minuten waren wir unſere zwanzig Gefangene, alle eben ſo ſchuldig als ich. Ich wußte nicht, was ich denken ſollte, und da ich nicht an Zauberei glaubte, ſo glaubte ich zu träumen. Wir ſaßen düſter und ſchweigend da und blickten uns verſtohlen an, wagten aber nicht, mit einander zu ſprechen. Erſtaunen war auf allen Zügen ausgedrückt; alle fürchteten ſich, ob⸗ wohl ſich Jeder unſchuldig fühlte. Wir blieben nicht lange in dieſer peinlichen Lage, denn fünf Minuten darauf trat ein Offizier ein, und nachdem er uns höflich um Entſchuldigung gebeten, ſagte er, wir wä⸗ ren frei.„Der König iſt verwundet, ſagte er, und man hat ihn in ſeine Gemächer gebracht; der Mörder, wel⸗ chen Niemand kennt, iſt verhaftet. Man ſucht überall Herrn von Lamartinidre.“ Ich ſtieg wieder in meinen Wagen, ſehr erfreut über dieſen Ausgang. Ein junger gutgekleideter Menſch von 91 einer Geſtalt, in der ſich Ueberzeugung ausſprach, kam an mich heran und bat mich inſtändigſt, ihm einen Platz in meinem Wagen gegen Erſtattung des halben Fuhrpreiſes zu überlaſſen. Trotz der Geſetze der Höflichkeit ſchlug ich ihm ſeine Bitte ab. Vielleicht that ich Unrecht daran; zu jeder anderen Zeit hätte ich mir ein Vergnügen daraus gemacht, ihm einen Platz anzubieten, aber es giebt Augenblicke, wo die Klugheit nicht geſtattet, höflich zu ſein. Ich brauchte ungefähr drei Stunden zu der Fahrt und in dieſer kurzen Zeit eilten mir wenigſtens zweihundert Kuriere voraus, die geſtreckten Laufes dahinſprengten. Jede Minute ſah ich einen neuen und jeder Kurier rief laut die Nachricht aus, welche er überbrachte. Die erſten ſagten, was ich ſchon wußte; endlich erfuhr ich, dem Könige wäre zur Ader gelaſſen, die Wunde wäre nicht tödtlich, und zuletzt, es wäre nur eine leichte Wunde und Se. Majeſtät könnte, wenn ſie Luſt hätte, nach Trianon gehen. Mit dieſer ausgezeichneten Nach⸗ richt ausgerüſtet, begab ich mich zu Sylvia und fand die ganze Familie bei Tiſche, denn es war noch nicht elf Uhr. Ich komme von Verſallles, ſagte ich.* Der König iſt ermordet! Durchaus nicht; er könnte nach Trianon oder nach ſei⸗ nem Hirſchparke gehen, wenn es ihm Spaß machte. Herr von Lamartinière hat ihm zur Ader gelaſſen und iſt ſehr zufrieden. Der Mörder iſt verhaftet und der Unglückliche wird gebrannt, mit Zangen gezwickt und lebendig geviertheilt werden.— In Folge dieſer Nachricht, welche Sylvia's Be⸗ dienten ſchnell verbreiteten, kamen eine Menge Nachbaren herbei, welche die Sache von mir hören wollten; ich mußte zehnmal daſſelbe wiederholen und das Viertel hatte mir eine ruhige Nacht zu verdanken. Zu dieſer Zeit bildeten die Pariſer ſich ein, ihren König zu lieben; ſie ſtellten ſich auf⸗ richtig und aus Gewohnheit ſo an; jetzt, wo ſie aufgeklär⸗ ter ſind, werden ſie nur den Monarchen lieben, der wirk⸗ lich das Glück der Nation will, und der nur der erſte Bürger eines großen Volkes ſein wird, und in dieſem Falle wird ganz Frankreich und nicht blos Paris und ſein Weich⸗ bild in Liebe und Dankbarkeit wetteifern. Was die Könige, wie Ludwig XV. betrifft, ſo ſind dieſe unmöglich geworden, wenn es aber ſolche noch gäbe, ſo würde, welche eigennützige Partei ſie auch auspoſaunen möchte, die öffentliche Meinung ihnen bald ihre richtige Stellung anweiſen und ihre Sitten würden gebrandmarkt werden, ehe das Grab ſie dem Ge⸗ biete der Geſchichte überantwortet hätte, welche die Könige und die Staatsmänner nie aus den Augen verlieren ſollten. Fünfundfünfzigſtes Kapitel. Der Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten.— Der General-Controleur Herr von Boulogne.— Der Herzog von Choiſeul.— Der Abbé von Javille.— Herr Paris du Vernai.— Einrichtung der Lotterie.— Mein Bruder kommt von Yresden nach Paris und wird in die Malerakademie aukgenommen. So bin ich denn in Paris, der einzigen Stadt der Welt, welche ich als meine Heimath anſehen muß, da ich nicht mehr daran denken kann in die zurückzukehren, welche mir der Zufall der Geburt gegeben, in die undankbare Hei⸗ math, welche ich trotz allem dem noch liebe, ſei es nun, daß das Vorurtheil, welches uns an die Orte feſſelt, wo wir die erſten Eindrücke empfangen, auf unſere Ideen und Nei⸗ gungen eine magiſche Gewalt ausübe, ſei es nun, daß Ve⸗ nedig Reize, wie keine andere Stadt habe. Aber dies un⸗ geheure Paris iſt ein Ort des Elends oder des Glücks, je nachdem man ſich gut oder ſchlecht zu benehmen verſteht; ich werde indeß ſchon ſehen, woher der Wind weht. Paris war mir nicht fremd, meine Leſer wiſſen, daß ich mich ſchon zwei Jahre daſelbſt aufgehalten, aber ich muß geſtehen, daß ich damals nur den Zweck hatte die Zeit zu tödten, und daß ich mich daher damals nur mit dem weſent⸗ 93 lichen Theile der Vergnügungen beſchäftigt, und mein Leben war faſt ganz den Zerſtreuungen geweiht geweſen. Das Glück, welchem ich nicht den Hof gemacht, hatte mir auch ſeinen Tempel nicht geöffnet, und jetzt ſah ich ein, daß ich daſſelbe mit größerer Achtung behandeln müſſe: es war nöthig für mich, mich den Guͤnſtlingen deſſelben, welche ſie mit ihren Gaben überhäuft, zu nähern. Ich wußte endlich, daß, je mehr man ſich der Sonne nähert, deſto mehr man die wohlthätigen Wirkungen ihrer Ausſtrahlungen empfindet. Ich ſah, daß ich, um zu etwas zu gelangen, alle meine phy⸗ ſiſchen und moraliſchen Eigenſchaften anwenden müſſe, daß ich nicht verſäumen dürfe, Bekanntſchaft mit großen und mächtigen Perſonen zu machen, daß ich Herr meines Geiſtes bleiben und die Farbe aller derjenigen annehmen müſſe, de⸗ nen zu gefallen ich ein Intereſſe habe. Um den Plan, welcher ſich aus dieſen Betrachtungen ergeben mußte, mit Erfolg durchzuführen, war es meiner Anſicht nach wichtig, daß ich Alles vermied, was man in Paris ſchlechte Geſell⸗ ſchaft nennt, daß ich alle meine alten Gewohnheiten aufgab, ſo wie alle Anſprüche, welche mir Feinde hätten machen kön⸗ nen, welche nicht ermangelt haben würden, mich als einen unſoliden und zu Verwendungen von einiger Wichtigkeit wenig geeigneten Menſchen darzuſtellen. Ich dachte ſehr richtig, wie ich glaube, und der Leſer wird hoffentlich meiner Anſicht ſein. Ich werde, ſagte ich zu mir, zurückhaltend in meinem Benehmen und in meinen Aeußerungen ſein, und dadurch einen Ruf bekommen, deſſen Früchte ich erndten werde. Was meine gegenwärtigen Bedürfniſſe betraf, ſo war ich unbeſorgt, denn ich konnte auf eine monatliche Penſion von hundert Thalern meines guten und großmüthigen Adoptivvaters, Herrn von Bragadino's, rechnen; dieſe Summe mußte mir in Erwartung von etwas Beſſerm genügen; denn wenn man ſich einzuſchränken verſteht, ſo kann man in Paris von Wenigem leben und dennoch eine ganz gute Figur ſpielen. Das Weſentliche iſt immer, gut gekleidet zu ſein und anſtändig zu wohnen; hiernach beurtheilt man zunächſt immer den Menſchen. Meine Verlegenheit entſprang — ——— ——— —— 94 aber aus den dringenden Bedürfniſſen des Augenblicks, denn ich hatte, die Wahrheit zu ſagen, weder Kleider noch Wäſche, überhaupt nichts. Wenn man ſich meiner Beziehungen zum franzöſiſchen Miniſter in Venedig erinnert, ſo wird man es ganz natür⸗ lich finden, daß mein erſter Gedanke der war, mich an ihn zu wenden; und ſchon am folgenden Tage begab ich mich nach dem Palais Bourbon. Der Schweizer nahm meinen Brief, und ich gab ihm meine Adreſſe; weiter war nichts nöthig, und ich entfernte mich. Unterdeß mußte ich, überall wo ich hinkam, die Ge⸗ ſchichte meiner Flucht aus den Bleidächern erzählen; das wurde eine faſt eben ſo ermüdende Laſt wie meine Flucht, denn ich brauchte zwei Stunden zu meiner Geſchichte, ſelbſt wenn ich keinen Umſtand ausſchmückte; aber meine Lage erforderte, daß ich gegen die Neugierigen gefällig wäre, und ich mußte mir Alle von der zärtlichſten Theilnahme gegen mich beſeelt, vorſtellen. Das ſicherſte Mittel zu gefallen, iſt im Allgemeinen das, bei allen denjenigen, mit welchen man zu thun hat, Wohlwollen vorauszuſetzen. Ich ſpeiſte bei Sylvia, und da ich jetzt ruhiger gewor⸗ den war, ſo hatte ich Gelegenheit, mir zu den Freundſchafts⸗ beweiſen, deren Gegenſtand ich war, Glüͤck zu wünſchen. Ihre Tochter war funfzehn Jahre alt; ich war eben ſo er⸗ freut über ihr Verdienſt wie bezaubert von ihren ſchönen Eigenſchaften. Ich machte ihrer Mutter, welche ſie erzogen, ein Compliment darüber, und dachte keineswegs daran, mich gegen die Wirkung ihrer Reize zu wappnen. Ich hatte kürzlich erſt philoſophiſche Entſchlüſſe gefaßt, und dann war ich ja auch noch der Art, daß ich wagen durfte mir einzu⸗ bilden, ich wäre der Mühe werth in Verſuchung geführt zu werden. Ich zog mich frühzeitig zurück, da ich bald zu er⸗ fahren wünſchte, was der Miniſter auf mein Billet geant⸗ wortet. Die Antwort ließ nicht lange warten; ich bekam ein kleines Billet um acht Uhr, in welchem mir eine Audienz für zwei Uhr Nachmittags bewilligt wurde. Man kann ſich leicht denken, daß ich pünktlich war und ich wurde von Sr. Ex⸗ cellenz auf die zuvorkommendſte Weiſe aufgenommen. Herr 97 ab, ſobald ich ſeine Rückkehr nach Paris erfuhr. Er empfing mich an ſeiner Toilette, wo er ſchrieb, während ſein Kam⸗ merdiener ihn friſirte. Er trieb die Höflichkeit ſo weit, daß er ſich mehrmals unterbrach, um Fragen an mich zu rich⸗ ten. Während ich aber antwortete, ſchrieb Se. Excellenz uhig weiter, und ich zweifle ſehr, ob er den Zuſammen⸗ Jang meiner Reden verfolgt hat, obwohl er zuweilen ſo that, als ob er mich anſähe; es war erſichtlich, daß ſeine Augen und ſeine Gedanken nicht mit demſelben Gegenſtande beſchäf⸗ tigt waren. Trotz dieſer Art, die Leute zu empfangen, er⸗ ſchien mir wenigſtens Herr von Choiſeul als ein geiſt⸗ reicher Mann. Als er ſeinen Brief beendet hatte, ſagte er italiäniſch, Herr von Bernis habe ihm einen Theil der Geſchichte mei⸗ ner Flucht erzählt, und er fragte dann: Wie haben Sie nur damit zu Stande kommen können? Mein Herr, die Erzählung iſt etwas lang, ſie dauert wenigſtens zwei Stunden, und Ew. Excellenz ſieht mir ſo aus, als ob ſie Eile hätte. Erzählen Sie mir die Geſchichte kurz. Wie kurz ich auch ſein mag, dauert ſie doch zwei Stunden. Sie können die einzelnen Umſtände für ein andermal auparen. Die Geſchichte iſt nur durch die einzelnen Umſtände intereſſant. Gut. Man kann faſt Alles beliebig verkürzen, ohne dadurch dem Intereſſe Abbruch zu thun. Sehr wohl. Hiernach würde es mir ſchlecht anſtehn, wenn ich den geringſten Einwand machen wollte. Ich werde alſo Ihrer Excellenz ſagen, daß die Staats⸗Inquſitoren mich unter den Bleidächern einſperren ließen; daß es mir nach Verlauf von funfzehn Monaten und fünf Tagen gelang, das Dach zu durchbrechen; daß ich durch eine Luke unter tau⸗ ſend Schwierigkeiten in die Kanzlei gelangte, deren Thür ich er den Grafen von Aubenterre als Geſandten abgelöſt hatte. Mög⸗ lich indeß, daß Choiſeul trotzdem häufig in Paris verweilte. VII. 7 98 zerbrach; daß ich nach dieſer That auf den St. Marcus⸗ platz kam, mich von dort aus nach dem Hafen begab, hier eine Gondel nahm, welche mich nach der terra ſirma brachte, von wo aus ich nach Paris gelangte, wo ich die Ehre habe, Ihnen meine Verbeugung zu machen. Aber was ſind denn die Bleidächer? Gnädiger Herr, zu dieſer Erklärung brauche ich wenig⸗ ſtens eine Viertelſtunde. Wie haben Sie es angefangen, um das Dach zu durch⸗ brechen? Das kann ich Ihnen nicht in weniger Zeit als einer halben Stunde ſagen. Warum ließ man Sie einſperren? Das iſt eine lange Geſchichte, gnädiger Herr. Ich glaube, daß Sie Recht haben. Das Intereſſe der Geſchichte kann nur in den Einzelheiten liegen. Wie ich mir die Freiheit genommen, es Ew. Exeellenz bemerklich zu machen. b Ich muß nach Verſailles, aber Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie mich öfter beſuchen wollen. Unterdeß überlegen Sie ſich, Herr Caſanova, worin ich Ih⸗ nen nützlich ſein kann. Die Art, wie Herr von Choiſeul mich empfangen, hatte mich beinahe verletzt, und dieſelbe war nicht ohne Einwir⸗ kung auf meine Stimmung geweſen; aber das Ende unſers Zwiegeſprächs und beſonders der freundliche Ton ſeiner letz⸗ ten Worte beruhigte mich und ich verließ ihn, wenn auch nicht befriedigt, doch ohne Bitterkeit. Von ihm ging ich zu Herrn von Boulogne und fand einen vom Herzoge durchaus verſchiedenen Mann, ſowohl in ſeinen Manieren, wie in ſeiner Kleidung und ſeiner Hal⸗ 5b tung. Er empfing mich ſehr höflich und becomplimentirte mich zunächſt wegen der hohen Meinung, welche Herr von Bernis von mir und meinen finanziellen Kenntniſſen habe. 3 Ich wußte, daß nie ein Compliment weniger verdient wor⸗ den war, und es fehlte nicht viel, ſo hätte ich laut auf⸗ gelacht. Mein guter Genius ließ mich meinen Ernſt bpbehaupten. ☛ 1 Herr von Boulogne war in Geſellſchaft eines Greiſes, deſſen Zügen der Stempel des Genies aufgedrückt war, und der mir Achtung einflößte. Theilen Sie mir mündlich oder ſchriftlich Ihre Pläne mit, ſagte der General⸗Controleur; Sie ſollen mich gelehrig und bereit auf Ihre Ideen einzu⸗ gehn finden. Dies hier iſt Herr Paris du Vernai, welcher zwanzig Millionen für ſeine Militairſchule braucht. Es handelt ſich darum, dieſe Summe zu beſchaffen, ohne den Staat zu belaſten und den königlichen Schatz zu leeren. Nur ein Gott, mein Herr, hat ſchöpferiſche Kraft. Ich bin kein Gott, ſagte Herr du Vernai, und dennoch habe ich zuweilen geſchaffen; es hat ſich aber Alles ſehr geändert. Alles, ſagte ich, iſt ſchwieriger geworden, ich weiß es, aber trotz aller Schwierigkeiten habe ich eine Operation im Kopfe, welche dem Könige die Zinſen von hundert Millionen eintragen würde. Wie viel wird dieſes Einkommen dem Könige koſten? Nur die Erhebungsgebühren. Alſo wird die Nation das Einkommen lie Ja, ohne Zweifel, aber freiwillig. Ich weiß, woran Sie denken. Das ſollte mich ſehr wundern, denn Idee Niemand mitgetheilt. Wenn Sie nicht ſchon anderweitig zugeſagt haben, ſo erweiſen Sie mir die Ehre, morgen Mittag bei mir zu ſpeiſen, ich werde Ihnen Ihren Plan zeigen, den ich ſchön finde, von dem ich aber glaube, daß er unüberſteiglichen Schwierigkeiten unterliegt. Nichtsdeſtoweniger können wir darüber ſprechen und ihn uns anſehen. Werden Sie kommen?— Ich werde die Ehre haben. Sehr wohl, ich werde Sie in Plaiſance erwarten. Nachdem er ſich entfernt, lobte Herr von Boulogne das Talent und die Redlichkeit dieſes Greiſes. Es war der Bru⸗ der Herrn von Marmontel's, welchen eine geheime Chronik für den Vater von Madame Pompadour ausgab, denn er liebte zu gleicher Zeit mit Herrn le Normand Madame Poiſſon. 7* fern müſſen? ich habe meine 100 Als ich den General⸗Controleur verließ, ging ich in dem Tuilerieengarten ſpazieren, nachdenkend über die ſelt⸗ ſame Lage, in welche ich mich gebracht hatte. Man ſagt mir, man brauche zwanzig Millionen, ich rühme mich, ohne die geringſte Idee von der Möglichkeit zu haben, hundert Millionen anſchaffen zu können, und ein berühmter, in den Geſchäften erfahrener Mann ladet mich zum Mittagseſſen ein, um mich zu überzeugen, daß er meinen Plan kennt! Es lag darin etwas Komiſches und Seltſames, aber gerade dies ſtand im Einklange mit meiner Handlungs⸗ und Denk⸗ weiſe. Wenn er denkt, mir die Würmer aus der Naſe zu holen, ſagte ich zu mir, ſo kann ich ihn herausfordern. Wenn er mir aber ſeinen Plan mittheilt, ſo ſteht es bei mir zu ſagen, er habe richtig gerathen oder ſich getäuſcht, je nachdem die Eingebung des Augenblicks es mir paſſend erſcheinen laſſen wird. Iſt die Sache der Art, daß ich ſie verſtehe, ſo kann ich vielleicht etwas Neues hinzubringen; verſtehe ich nichts davon, ſo hülle ich mich in geheimniß⸗ volles Schweigen, und dies wirkt zuweilen auch. Auf kei⸗ nen Fall werde ich das Glück zurückſtoßen, wenn es mir geneigt ſein will. Herr von Bernis hatte mich Herrn von Boulogne nur um mir den Zugang zu demſelben zu erleichtern, als ge⸗ ſchickten Finanzier angekündigt, denn ſonſt hätte mich der⸗ ſelbe vielleicht gar nicht empfangen. Es that mir leid, daß ich nicht wenigſtens das Kauderwelſch dieſes Geſchäfts kannte, denn mit dieſem ziehen ſich viele Leute aus der Verlegenheit, und ſo Mancher, der nichts weiter verſtand, hat damit eine Carrière gemacht. Indeß gleichviel, ich bin nun einmal ver⸗ pflichtet; es handelt ſich darum, gute Miene zum ſchlechten Spiele zu machen, und an Selbſtvertrauen hatte ich wenig⸗ ſtens keinen Mangel. Am folgenden Tage nahm ich einen Miethswagen, und traurig und nachdenklich ſage ich zum Kutſcher, er ſolle mich nach Plaiſance fahren zu Herrn du Vernai. Plaiſance liegt etwas über Vincennes hinaus. So ſtehe ich nun an der Thüre des berühmten Man⸗ nes, welcher Frankreich vom Abgrunde zurückgezogen, in welchen Law's Syſtem es vor vierzig Jahren beinahe ge⸗ ſtürzt hätte. Ich trete ein und finde ihn vor einem großen Feuer ſtehn, umgeben von ſieben bis acht Perſonen, welchen er meinen Namen nennt und mich denſelben als Freund des Miniſters der auswärtigen Augelegenheiten und des General⸗ Controleurs vorſtellt. Hierauf ſtellte er mir jeden Einzel⸗ nen dieſer Herrn mit den ihm gebührenden Titeln vor, und ich bemerkte, daß ſich vier Finanz⸗Intendanten unter ihnen befanden. Nachdem ich Jedem eine Verbeugung gemacht, widmete ich mich dem Cultus des Harpocrates, und ohne ſehr aufmerkſam zu erſcheinen, war ich doch ganz Auge und Ohr. Die Unterhaltung war keineswegs ſehr intereſſant, denn man ſprach zunächſt von der Seine, die damals gefroren war, und deren Eisdecke die Dicke eines Fußes hatte. So⸗ dann kam der kürzlich erfolgte Tod Herrn von Fontenelle's an die Reihe; hierauf wurde von Damiens geſprochen, der nichts bekennen wollte und von den funfzehn Millionen, welche dieſer Prozeß dem Könige koſten würde. Endlich wurde, als das Geſpräch auf den Krieg kam, Herr von Soubiſe gelobt, welchem der König das Commando ſeiner Armeen übertragen hatte, und durch einen natürlichen Ueber⸗ gang kam man nun auf die Koſten zu ſprechen, welche dieſer Krieg verurſachen würde und auf die Mittel, ſie zu decken. Ich hörte zu und langweilte mich, denn alle ihre Re⸗ den waren ſo ſehr mit techniſchen Ausdrücken geſpickt, daß ich den Zuſammenhang nicht wohl faſſen konnte; und wenn das Schweigen je einem Menſchen Bedeutung hat geben können, ſo mußte meine Ausdauer während anderthalb Stunden mich in den Augen dieſer Männer als eine ſehr wichtige Perſon erſcheinen laſſen. Endlich, als ich ſchon zu gähnen anfing, wurde gemeldet, daß das Mittagseſſen auf⸗ getragen ſei; ich blieb noch anderthalb Stunden bei Tiſche, ohne den Mund zu einem andern Zwecke aufzumachen, als um einem ausgezeichneten Eſſen die gebührende Ehre wider⸗ fahren zu laſſen. Einen Augenblick, nachdem das Deſſert aufgetragen worden, lud mich Herr du Vernai ein, ihm in ein benachbartes Zimmer zu folgen, während die andern —yÿ Gäſte ſitzen blieben. Ich folgte ihm und wir ſchritten durch einen Saal, wo wir einen Mann von gutem Ausſehn fan⸗ den, der etwa funfzig Jahr alt war und uns in ein Kabi⸗ net folgte, wo Herr du Vernai ihn mir als Herrn von Cal⸗ ſabigi vorſtellte. Einen Augenblick darauf kamen noch zwei Finanz⸗Intendanten dazu, und Herr du Vernai reichte mir lächelnd und mit der freundlichſten Miene ein Heft in Folio und ſagte: Herr Caſanova, dies hier iſt Ihr Plan. Ich nahm das Heft und leſe folgenden Titel: Lotterie von neunzig Billets, deren Looſe einmal monatlich gezogen werden und von denen nur fünf gewinnen können u. ſ. w. Ich gebe das Heft zurück, indem ich mit der größten Zuver⸗ ſicht ſage: Ich geſtehe, mein Herr, daß dies mein Plan iſt. Man iſt Ihnen zuvorgekommen: der Plan iſt von Herrn von Calſabigi. Ich freue mich, nicht daß man mir zuvorgekommen, wohl aber darüber, daß ich der Anſicht dieſes Herrn bin; wenn Sie ihn aber nicht angenommen haben, ſo möchte ich Sie wohl bitten, mir den Grund zu ſagen. Man führt gegen den Plan mehrere Gründe an, welche ſich ſehr wohl hören laſſen und auf welche nur unbeſtimmte Antworten gegeben worden ſind. Ich, ſagte ich kalt, kann mir nur eine einzige denken, die, daß der König ſeinen Unterthanen das Spiel nicht ge⸗ ſtatten möchte. Dieſer Grund kann, wie Sie ſich wohl denken können, nicht in Rechnung gebracht werden: denn der König wird ſeinen Unterthanen erlauben zu ſpielen, ſo viel ſie wollen, aber werden ſie ſpielen? Ich wundere mich, wie man dies bezweifeln kann, wenn anders die Gewinnenden die Sicherheit der Auszah⸗ lung haben. Nehmen wir aber auch an, daß ſie ſpielen werden, wenn ſie vom Vorhandenſein einer Kaſſe überzeugt ſind, wie wollen wir denn die Fonds zuſammenbringen? Die Fonds, mein Herr! nichts iſt einfacher. Der kö⸗ nigliche Schatz, ein Beſchluß des Raths. Es genügt, daß 4 3 — n à— —&◻ U 7 — —y—— die Nation glaubt, der König ſei im Stande, hundert Millio⸗ nen zu bezahlen. Hundert Millionen! Ja, mein Herr, man muß blenden. Wenn aber Frankreich glauben ſoll, oder wir Frank⸗ reich weiß machen wollen, daß der König hundert Millio⸗ nen bezahlen kann, ſo iſt die Vorausſetzung nöthig, daß er ſie verlieren kann; und glauben Sie dies? Allerdings ſetze ich dies voraus; aber dieſer Fall könnte erſt dann eintreten, wenn man wenigſtens hundertundfunfzig Millionen eingenommen hätte, und die Verlegenheit würde dann nicht mehr groß ſein. Da Sie die Bedeutung der po⸗ litiſchen Arithmetik kennen, mein Herr, ſo müſſen Sie ſich dieſer Anſicht anſchließen. Ich ſtehe nicht ganz allein, mein Herr. Geben Sie zu, daß der König bei der erſten Ziehung eine ungeheure Summe verlieren kann? Ich gebe es zu, aber zwiſchen der Möglichkeit und der Wirklichkeit liegt eine Unendlichkeit, und ich wage zu be⸗ haupten, daß das größte Glück für den vollſtändigen Erfolg der Lotterie das ſein würde, wenn der König in der erſten Ziehung eine anſehnliche Summe verlöre. Wie! mein Herr, das würde ein großes Unglück ſein. Ein ſehr wünſchenswerthes Unglück. Man berechnet die moraliſchen Kräfte wie die Wahrſcheinlichkeiten. Sie wiſſen, mein Herr, daß alle Aſſecuranz⸗Geſellſchaften ſehr reich ſind. Ich werde Ihnen vor allen Mathematikern Eu⸗ ropas beweiſen, daß, da Gott neutral bleibt, der König in dieſer Lotterie eins auf fünf gewinnen muß. Dies iſt das Geheimniß. Geben Sie zu, daß die Vernunft ſich einem mathematiſchen Beweiſe ergeben muß. Ich gebe es zu. Aber ſagen Sie mir, warum das Ca⸗ ſtelletto nicht die Verpflichtung eines ſichern Gewinns über⸗ nehmen will? Mein Herr, weder das Caſtelletto noch überhaupt Jemand auf der ganzen Welt kann Ihnen den klaren und unbeding⸗ ten Beweis geben, daß der König immer gewinnen wird. Das Caſtelletto dient übrigens nur dazu, proviſoriſch ein Gleichgewicht bei einer, zwei, drei ſehr ſtark beſetzten Num⸗ mern herzuſtellen, die, wenn ſie herauskämen, einen ſehr be⸗ deutenden Verluſt zur Folge haben könnten. Das Caſtel⸗ letto erklärt dann die Nummer für geſchloſſen, und könnte Ihnen nur dann die Gewißheit des Gewinns geben, wenn die Ziehung ſo lange verſchoben würde, bis alle Nummern gleich ſtark beſetzt wären; aber dann würde die Lotterie nicht in Gang kommen, weil man vielleicht ganze Jahre warten müßte; übrigens würde in dieſem Falle die Lotterie, ich darf dies nicht verſchweigen, eine Halsabſchneiderei, ein offener Diebſtahl ſein. Was dieſelbe vor der Möglichkeit eines ent⸗ ehrenden Vorwurfs ſchützt, das iſt die feſte Beſtimmung einer allmonatlichen Ziehung; dann hat das Publikum die Sicherheit, daß der Unternehmer verlieren kann. Würden Sie die Güte haben, im Rathe zu ſprechen und Ihre Gründe geltend zu machen? Ich werde es mit vielem Vergnügen thun. Werden Sie alle Einwendungen beantworten? Ich glaube es verſprechen zu können. Wollen Sie mir Ihren Plan geben? Ich werde ihn nicht eher geben, mein Herr, als bis man den Entſchluß gefaßt hat, ihn anzunehmen und ich die Zuſicherung der vernünftigen Vortheile, welche ich verlange, erhalten haben werde. 3 Aber Ihr Plan muß derſelbe wie dieſer ſein. Ich zweifle daran. Ich ſehe Calſabigi zum erſtenmale, und da er mir ſeinen Plan nicht mitgetheilt hat und vom meinigen keine Kenntniß hat haben können, ſo iſt es ſchwierig, wo nicht unmöglich, daß wir in allen Punkten zuſammen⸗ getroffen ſeien. In meinem Plane berechne ich übrigens nur im Ganzen und Großen, was der König jährlich gewinnen muß, und ich beweiſe es auf unumſtößliche Weiſe. Man könnte das Unternehmen alſo einer Geſellſchaft übergeben, welche dem Könige eine beſtimmte Summe bezahlte? Ich bitte um Verzeihung. Weshalb? 5* V V Aus folgenden Gründen. Die Lotterie kann nur durch ein Vorurtheil, welches von unfehlbarer Wirkung iſt, Glück machen. Ich möchte nicht einer Geſellſchaft dienen, welche, um den Gewinn zu erhöhen, auf den Gedanken kommen könnte, ihre Operationen zu vervielfältigen, wodurch der Zulauf vermindert werden müßte. Ich ſehe nicht ein, wie? Auf tauſenderlei Weiſe, welche ich Ihnen ein andermal angeben werde, und über welche Sie wie ich denken werden. Dieſe Lotterie muß übrigens, wenn ich mich mit der Sache abgeben ſoll, königlich ſein, oder gar nicht ſein. Herr Calſabigi denkt wie Sie. Das freut mich, aber ich wundre mich nicht darüber; denn indem er wie ich darüber dachte, mußte er zu dem⸗ ſelben Reſultate kommen. Haben Sie geeignete Perſonen für das Caſtelletto? Dazu brauche ich nur verſtändige Menſchen, und daran fehlt es in Frankreich nicht. Wie hoch taxiren Sie den Gewinn? Auf 20 Procent für jeden Einſatz. Wer dem Könige einen Sechsfrankenthaler bringt, wird dafür fünf Franken bekommen, und ich verſpreche, daß ceteris paribus der Zu⸗ lauf ſo ſtark ſein wird, daß die Nation wenigſtens 500,000 Franks monatlich bezahlen wird. Ich werde dies im Rathe beweiſen, unter der Bedingung, daß derſelbe aus Mit⸗ gliedern beſteht, welche, wenn ſie eine Wahrheit, die auf phyſiſcher oder politiſcher Berechnung baſirt iſt, erkannt ha⸗ ben, nicht Ausflüchte machen und gerade auf das Ziel los⸗ gehn, deſſen Sicherheit ich ihnen ſchlagend dargethan haben werde. Ich fühlte mich im Stande Wort zu halten, und dies innere Gefühl war mir angenehm. Ich ging einen Augen⸗ blick hinaus, und als ich zurückkam, fand ich alle die Her⸗ ren gruppenweiſe zuſammenſtehend und den Plan ernſtlich beſprechend. Herr Calſabigi redete mich an und fragte mich freund⸗ ſchaftlichſt, ob ich in meinem Plane die Quaterne zuließe? Das Publikum, ſagte ich, muß ſogar die Freiheit haben, B— 106 die Quinte zu ſpielen; aber in meinem Plane werden die Einſätze verſtärkt, denn die Spieler können nur dann Qua⸗ ternen und Quinten ſpielen, wenn ſie auch Ternen ſpielen. In meinem Plan, ſagte er, figurirt die Quaterne mit einem Gewinne von funfzigtauſend auf eins. Es giebt gute Rechner in Frankreich, und wenn ſie finden, daß es verſchiedene Wechſelfälle giebt, ſo werden ſie von dieſem Umſtande Nutzen zu ziehen wiſſen. Herr Calſabigi faßte meine Hand, welche er freund⸗ ſchaftlichſt drückte und ſagte, er wünſche, daß wir zuſammen ſprechen könnten; ich ſagte, indem ich ſeinen Händedruck er⸗ wiederte, ich würde mich durch ſeine weitere Bekanntſchaft geehrt fühlen. Nachdem ich hierauf meine Adreſſe Herrn du Vernai gegeben, nahm ich Abſchied von der Geſellſchaft und las mit Vergnügen auf allen Geſichtern, daß ich der Geſellſchaft eine günſtige Meinung von meinen Mitteln beigebracht. Drei Tage darauf ließ ſich Calſabigi bei mir melden, und ich empſing ihn auf die zuvorkommendſte Weiſe und verſicherte ihm, daß, wenn ich noch nicht bei ihm geweſen, ich es nur aus Furcht, ihm läſtig zu ſein, unterlaſſen habe. Nachdem er meine Höflichkeiten erwiedert, ſagte er, die nach⸗ drückliche Weiſe, mit welcher ich zu dieſen Herren geſprochen, habe Eindruck auf ſie gemacht und er ſei überzeugt, daß wenn ich mich zum General⸗Controleur bemühen wolle, wir die Lotterie zu Stande bringen und großen Nutzen davon haben würden. Ich glaube es, ſagte ich, aber ſie würden noch größern Vortheil davon haben, und dennoch beeilen die Herren ſich nicht. Sie haben noch nicht nach mir geſchickt; und doch iſt es an ihnen, denn mein Hauptgeſchäft iſt dieſe Sache nicht. Sie werden wahrſcheinlich noch heute etwas davon hören, denn ich weiß, daß Herr von Boulogne mit Herrn von Courteuil davon geſprochen hat. Gut, aber ich verſichere Ihnen, daß ich nicht darum gebeten habe. Nachdem wir uns noch einige Minuten unterhalten, „.— bat er mich auf die freundſchaftlichſte Weiſe, bei ihm zu ſpeiſen; und ich nahm es an, denn im Grunde war mir die Einladung ſehr angenehm; als wir ſodann gehen woll⸗ ten, überbrachte man mir ein Billet von Herrn von Bernis, in welchem dieſer liebenswürdige Abbé mir anzeigte, daß wenn ich am folgenden Tage nach Verſailles kommen wolle, er mich der Marquiſe von Pompadour vorſtellen würde und daß ich auch Herrn von Boulogne dort finden würde. Erfreut über dieſes Zuſammentreffen, ließ ich weniger aus Eitelkeit als aus Politik Herrn von Calſabigi dies Billet leſen, und ich ſah mit Vergnügen, daß er große Augen machte. Sie haben, ſagte er, Alles, was nöthig iſt, um ſelbſt Herrn du Vernai zu zwingen, Ihre Lotterie an⸗ zunehmen, und Ihr Glück iſt gemacht, wenn Sie nicht reich genug ſind, um deſſen nicht mehr zu bedürfen. Man iſt nie reich genug, um einen großen Vortheil verachten zu können, beſonders wenn man ſich ſchmeicheln darf, ihn nicht der Gunſt zu verdanken. Das heißt weiſe denken. Was uns betrifft, ſo geben wir uns ſeit zwei Jahren alle mögliche Mühe, um den Plan durchzubringen und wir empfangen immer nur dumme Einwendungen, welche Sie in einem Augenblicke vernichtet haben. Ihr Plan kann ſich indeß nicht ſehr von dem meini⸗ gen unterſcheiden. Vereinigen wir uns, denn wenn Sie allein ſind, werden Sie auf unüberſteigliche Schwierigkeiten ſtoßen, und Sie können überzeugt ſein, daß die verſtändigen Ma⸗ ſchinen, welche Sie brauchen, nicht in Paris zu finden ſind. Mein Bruder wird die ganze Laſt des Geſchäfts auf ſich nehmen, und Sie können die Vortheile der Leitung genießen und dabei Ihrem Vergnügen nachgehn. Ich bin nicht eigennützig, und die Schwierigkeit liegt nicht in der Theilung des Gewinnſtes. Sind denn aber nicht Sie der Verfaſſer des Plans, welchen ich geſehn? Mein Bruder iſt es. Könnte ich die Ehre haben, ihn zu ſehn? Ganz gewiß. Er iſt körperlich krank, aber ſein Geiſt hat ſeine ganze Friſche. Wir wollen ihn beſuchen. ir fanden einen Mann von nicht ſehr angenehmem —— — 108 Aeußern, denn er hatte die Krätze; aber das hinderte ihn nicht gut zu eſſen, zu ſchreiben und überhaupt alle phyſi⸗ ſchen und moraliſchen Thätigkeiten zu verrichten; er ſprach gut und mit großer Munterkeit. Er zeigte ſich Niemand, denn abgeſehn davon, daß ſeine Krankheit ihn entſtellte, fühlte er auch ſehr häufig das unwiderſtehliche Bedürfniß, ſich bald hier, bald da zu kratzen, und da das Kratzen, mag es nun aus Nothwendigkeit oder aus Gewohnheit geſchehn, in Paris für etwas ſehr Ekelhaftes gilt, ſo zog er das Glück, ſeinen Nägeln volle Freiheit zu laſſen, den Annehmlichkeiten der Geſellſchaft vor. Er ſagte öfters, er glaube an Gott und ſeine Werke und ſei überzeugt, daß er ihm die Nägel ge⸗ geben, um ſich derſelben zu bedienen und ſich in der Wuth, von welcher er ergriffen war, die einzige mögliche Erleichte⸗ rung 4 verſchaffen. 2 ie glauben alſo an die Endurſachen und ich wünſche Ihnen Glück dazu; aber ich glaube, Sie würden ſich kratzen, wenn auch Gott vergeſſen hätte, Ihnen Nägel zu geben. Mieine Bemerkung brachte ihn zum Lachen; ſodann fing er an von unſerem Geſchäfte zu ſprechen, und ich be⸗ merkte bald, daß er viel Geiſt hatte. Er war der ältere Bruder und Junggeſelle, ein großer Rechner, in allen finan⸗ ziellen Operationen ſehr bewandert, Kenner des Handels aller Nationen, großer Geſchichtskenner, Schöngeiſt, Dichter und großer Freund der Frauen. Er war aus Livorno ge⸗ bürtig, war beim Miniſterium in Neapel beſchäftigt gewe⸗ ſen und war mit Herrn de l'Häpital nach Paris gekommen. Sein Bruder hatte ebenfalls Talent und Kenntniſſe, ſtand ihm aber nach. 3 Er zeigte mir einen Haufen Schriften, in welchen er alle Aufgaben der Lotterie gelöſt hatte. Wenn Sie, ſagte er, glauben, ohne mich fertig werden zu können, ſo mache ich Ihnen mein Compliment; aber ich glaube, daß Sie ſich vergeblich damit ſchmeicheln würden, denn wenn Sie keine Praxis haben und keine Leute, welche in Geſchäften geübt ſind, ſo werden Sie mit Ihrer Theorie nicht ausreichen. Was werden Sie thun, wenn Sie das Dekret erlangt ha⸗ ben? Wenn Sie mit dem Rathe ſprechen, ſo beſtimmen Sie demſelben, wenn Sie mir glauben wollen, einen Termin, nach Ablauf deſſen Sie jeder Verantwortlichkeit enthoben werden, d. h. Sie drohen demſelben, ſich nicht mehr mit der Sache abzugeben. Ohnedieß können Sie ſicher ſein, nur kleinliche und temporiſtrende Menſchen zu finden, welche Sie von Verzug zu Verzug bis zu den griechiſchen Calenden hinziehen werden. Andererſeits kann ich Ihnen verſichern, daß es Herrn du Vernai ſehr lieb ſein wird, wenn wir uns vereinigen. Was die analhtiſchen Verhältniſſe der bei allen Wechſelfällen gleichen Gewinne betrifft, ſo werde ich Sie hof⸗ fentlich überzeugen, daß man bei der Quaterne keine Rück⸗ ſicht darauf zu nehmen braucht. Da ich ſehr geneigt war, mit dieſen Herren in Verbin⸗ dung zu treten, aus dem ſehr triftigen Grunde, daß ich ſie nicht entbehren konnte, mich aber wohl hütend, ſie dies ahnen zu laſſen, ging ich mit dem Bruder weg, der mich vor dem Mittagseſſen ſeiner Frau vorſtellen wollte. Ich fand bei dieſer Dame eine in Paris unter dem Namen Ge⸗ neralin la Mothe ſehr bekannte alte Frau, welche we⸗ gen ihrer frühern Schönheit und ihrer Tropfen ſehr berühmt war; eine andere ältliche Dame, welche man in Paris die Baronin Blanche nannte, und welche noch Maitreſſe von Herrn von Vaur war, eine andere, welche ae ieligran dentin nannte, und die vierte ſchön wie der Tag, welche Madame Razzetti genannt würde, eine Piemonteſin und Frau eines Bivtinfpielers bei der Oper „Herr von Fondpertuls den Hof machte.— Wir ſetzten uns zu Tiſche; aber ich ſpielte hier eine traurige Rolle, weil der Plan zur Lotterie alle meine Fä⸗ higkeiten abſorbirte. Am Abend bei Sylvia fand man mich zerſtreut und befangen, und ich war es trotz des zärtlichen Gefühls, welches mir die junge Baletti einflößte, welches Gefühl jeden Tag neue Kraft gewann. Am folgenden Tage zwei Stunden vor Tagesanbruch trat ich die Reiſe nach Verſailles an, wo Herr von Bernis mich heiter empfing und ſagte, er wolle wetten, daß ich ohne ihn nie meine ausgezeichneten und finanziellen Kenntniſſe ge⸗ ahnt haben wuͤrde. Herr von Boulogne hat mir geſagt, — er Oper, der, wie man ſagte, 110 Sie hätten Herrn du Vernai, welcher als einer der beſten Köpfe in Frankreich anerkannt iſt, in Erſtaunen geſetzt. Ich rathe Ihnen, lieber Caſanova, dieſe Bekanntſchaft nicht zu vernachläſſigen und ihm fleißig Ihre Aufwartung in Paris zu machen. Ich kann Ihnen übrigens ſagen, daß die Lot⸗ terie eingeführt werden wird, daß der Dank Ihnen gebüh⸗ ren wird, und daß Sie darauf bedacht ſein mögen, Nutzen davon zu ziehen. Sobald der König zur Jagd aufgebrochen iſt, finden Sie ſich in den kleinen Gemächern ein, und wenn ich den Augen⸗ blick für geeignet halten werde, werde ich Sie der berühm⸗ ten Marquiſe vorſtellen. Sodann vergeſſen Sie nicht, ſich ins Bureau der auswärtigen Angelegenheiten zu begeben und ſich in meinem Namen Herrn von la Ville vorzuſtellen. Er iſt erſter Commis und Sie werden von ihm gut em⸗ pfangen werden. Herr v. Boulogne verſprach mir, daß ſobald er von Herrn du Vernai die Nachricht erhalten, daß der Rath der mili⸗ tairiſchen Schule zu einem Beſchluſſe gekommen, das Dekret wegen Einführung der Lotterie erſcheinen ſolle, und er er⸗ muthigte mich, demſelben meine Anſichten über die Finanzen mitzutheilen. Gegen Mittag begab ſich Frau von Pompadour in Begleitung des Fürſten von Soubiſe in die kleinen Gemä⸗ cher, und mein Beſchützer bemühte ſich, die vornehme Dame auf mich aufmerkſam zu machen. Nachdem ſie an mich herangetreten und mir eine artige Verbeugung gemacht, ſagte ſie, die Geſchichte meiner Flucht habe ihre ganze Theilnahme erregt. Die Herren von dort oben, ſetzte ſie lächelnd hinzu, ſind ſehr zu fürchten. Gehen Sie zuweilen zum Geſandten? Den größten Beweis meiner Achtung, welchen ich ihm geben kann, iſt der, ihn nicht zu beſuchen. Ich hoffe, daß Sie ſich jetzt bei uns niederlaſſen werden. Das iſt mein eifrigſter Wunſch, Madame; aber ich bedarf des Schutzes, und ich weiß, daß derſelbe in dieſem Lande nur dem Talente bewilligt wird. Dies entmu⸗ thigt mich. d. 111 Ich glaube vielmehr, daß Sie Alles hoffen dürfen, denn Sie haben gute Freunde. Ich werde mit Vergnügen die Gelegenheit, Ihnen nützlich zu werden, ergreifen. Da die ſchöne Marguiſe im Begriffe ſtand, ſich zu entfernen, ſo hatte ich nur noch Zeit, meinen Dank zu ſtammeln.. e Ich begab mich zum Abbé von la Ville, welcher mich ſehr gut aufnahm und mich nicht eher verließ, als bis er mir verſichert, daß er an mich denken würde, ſobald ſich eine Gelegenheit darböte. Verſailles war ein ganz ausgezeichneter Ort; aber ich durfte mich nur auf Complimente, nicht auf Einladungen gefaßt machen; ſobald ich daher Herrn von la Ville verlaſ⸗ ſen, begab ich mich in einen Gaſthof, um zu Mittag zu ſpeiſen. Als ich mich zu Tiſche ſetzen wollte, redete mich ein Abbé von gutem Ausſehen, wie man ſie in Frankreich un dutzendweiſe findet, auf eine ſehr ungezwungene Weiſe an, und fragte mich, ob ich damit zufrieden wäre, daß wir zu⸗ ſammen ſpeiſten. Da mir die Geſellſchaft eines liebenswür⸗ digen Mannes nie unangenehm geweſen war, ſo nahm ich ſeinen Antrag höflich an, und ſobald wir uns geſetzt hatten, machte er mir ſein Compliment über den ausgezeichneten Empfang, welchen ich bei Herrn von la Ville gefunden. Ich war dort beſchäftigt, einen Brief zu ſchreiben, ſagte er, und konnte alles Verbiudliche, was der Abbé Ihnen ſagte, hören. Dürfte ich Sie fragen, wer Ihnen den Zutritt zu dieſem liebenswürdigen Manne eröffnet hat? Wenn der Herr Abbé großes Gewicht darauf legt, es zu erfahren, ſo kann ich es ihm ſagen. Es iſt bloße Neugierde. Und wenn ich ſchweige, ſo thue ich es blos, weil ich dazu verpflichtet bin. Ich bitte um Entſchuldigung. Sehr gern. Ich hatte dem zudringlichen Neugierigen den Mund geſchloſſen, und er ſprach mit mir nur noch von gleichgül⸗ tigen und angenehmen Sachen. Da ich nach Tiſche nichts mehr in Verſailles zu thun hatte, ſchickte ich mich an auf⸗ —— —— ——— —— — 11² zubrechen, als der Abbé mich um die Erlaubniß bat, mit mir gehen zu dürfen. Obwohl die Geſellſchaft der Abbé's nicht viel beſſer iſt als die der Freudenmäd ſo ſagte ich doch, ich würde nach Paris in einem oͤffentlichen Wagen fahren, ich hätte ihm alſo keine Erlaubniß zu geben, und würde mit Vergnügen ſeine Reiſegeſellſchaft annehmen. In Paris an⸗ gekommen, trennten wir uns, nachdem wir uns zu beſuchen verſprochen, und ich begab mich zu(via, wo ich zu Abend ſpeiſte. Dieſe eben ſo gütige wie gefällige Frau machte mir Complimente über meine Bekanntſchaften und forderte mich dringend auf, dieſelben wohl in Acht zu nehmen. Nach Hauſe zurückgekehrt, fand ich ein Billet von Herrn du Vernai, welcher mich bat, am nächſten Tage um elf Uhr in die militairiſche Schule zu kommen und ſchon um neun Uhr wünſchte mir Calſabigi einen guten Morgen und über⸗ brachte mir von ſeinem Bruder ein großes Blatt, welches eine arithmetiſche Tabelle der ganzen Lotterie enthielt, die ich dem Rathe vorlegen konnte. Es war eine Berechnung der Wahr⸗ ſcheinlichkeiten, welche den Gewißheiten entgegengeſetzt wurden, die bewies, was ich nur motivirt hatte. Das Weſentliche war, daß Einſatz und Auszahlung ſich in der Lotterie vollkom⸗ men decken mußten, wenn ſtatt fünf Nummern ſechs gezo⸗ gen würden. Indem man aber nur fünf zog, erlangte man die mathematiſche Gewißheit eines Gewinns von 20 Pro⸗ zent. Dieſer Beweis ergab natürlich auch, daß die Lotterie ſich nicht halten könne, wenn ſechs Nummern gezogen würden, da vor Allem vom Gewinnſte die Verwaltungs⸗ koſten zu decken waren, die ſich damals auf hunderttauſend Thaler beliefen. Das Glück ſchien es ſich zur Aufgabe gemacht zu ha⸗ ben, mich auf eine gute Bahn zu leiten, denn dieſe Tabelle kam mir wie ein himmliſcher Seegen. Feſt entſchloſſen, d ſem zur rechten Zeit gekommenen Plane zu folgen und 8er ſtärkt durch die Belehrungen Calſabigi's, welche ich nuͤr aus Höflichkeit anzunehmen ſchien, begab ich mich in die mili⸗ tairiſche Schule, wo die Konferenz ſogleich nach meiner An⸗ kunft eröffnet wurde. D'Alembert war als großer Mathe⸗ matiker erſucht worden, derſelben beizuwohnen. Wäre — 8—=— & 2 S8SEBASOSSSͤSS u G d n N n o Mn N Ak N 113 du Vernai allein geweſen, ſo würde dies nicht nothwendig gefunden worden ſein; aber im Rathe ſaßen Leute, welche, um ſich nicht dem Reſultate einer politiſchen Berechnung zu ergeben, die Gewißheit derſelben läugneten. Die Konferenz dauerte drei Stunden. Nach meiner Auseinanderſetzung, welche nicht länger als eine halbe Stunde dauerte, ſaßte Herr von Courteul Alles, was ich geſagt, zuſammen; hierauf machte man mir eine Stunde lang Einwendungen, welche ich mit der größ⸗ ten Leichtigkeit widerlegte. Ich ſagte ihnen, wenn die Re⸗ chenkunſt im Allgemeinen eigentlich die Kunſt wäre, den Ausdruck eines einzigen, aus dem Ausdrucke mehrerer Ver⸗ hältniſſe hervorgehenden Verhältniſſes wäre, ſo finde dieſe Erklärung auch auf die moraliſche Berechnung Anwendung und dieſe wäre eben ſo ſicher, wie die mathematiſche Be⸗ rechnung. Ich überzeugte ſie, daß ohne dieſe Gewißheit die Welt nie Aſſekuranz⸗Geſellſchaften gehabt haben würde, welche alle reich und blühend waͤren, und welche den Zufall und die Schwachköpfe, die dieſelben fürchteten, verlachten. Ich ſagte endlich zu dieſen Herren, von denen einige unſicher zu ſein ſchienen, daß es keinen gelehrten und ehren⸗ werthen Mann gäbe, der ſich erbieten könne, an die Spitze dieſer Lotterie zu treten, wenn er die Verpflichtung über⸗ nehmen ſolle, daß die Lotterie jedesmal gewinne, und wenn Jemand kühn genug wäre, mit einer ſolchen Zuſicherung hervorzutreten, ſo ſollten ſie ihn aus ihrer Gegenwart ver⸗ bannen, denn entweder würde er nicht Wort halten, oder wenn er es hielte, wäre er ein Schurke. Das wirkte, denn Niemand antwortete; Herr du Vernai aber erhob ſich, um die Bemerkung zu machen, daß man jeden⸗ falls die Lotterie würde wieder aufheben können. Nach dieſer Aeußerung fühlte ich, daß meine Sache gewonnen war, und alle A oeſenden entfernten ſich, nachdem ſie das Protokoll unter⸗ zeichnet, welches Herr du Vernai ihnen vorgelegt. Ich ſelbſt verbeugte mich einen Augenblick darauf gegen Herrn du Ver⸗ nai, welcher mir freundſchaftlichſt die Hand drückte, und ich entfernte mich. VII. 8 114 Herr von Calſabigi beſuchte mich am nächſten Tage und brachte mir die angenehme Nachricht, daß die Sache be⸗ ſchloſſen ſei, und daß man nur die Ausfertigung des De⸗ krets erwarte. Ich freue mich ſehr über dieſen Erfolg, ſagte ich, und verſpreche Ihnen, zu Herrn von Boulogne zu gehn und Ihre Ernennung zur Regie zu betreiben, ſobald ich von Herrn du Vernai erfahren haben werde, was man mir zu⸗ gedacht hat. Man wird ſich leicht denken können, daß ich mir die Mühe nicht verdrießen ließ, denn ich wußte, daß Verſpre⸗ Dchen und Halten bei den Großen zweierlei ſind. Man bot mir ſechs Einnahme⸗Bureau's an, und ich beeilte mich, ſie an⸗ zunehmen, ſo wie viertauſend Franes Rente vom Ertrage der Lotterie. Es war dies das Einkommen eines Kapi⸗ tals von hunderttauſend Francs, welches ich herausziehen konnte, wenn ich meine Bureau's aufgab, denn dieſes Kapital erſetzte die Kaution. Das Dekret des Rathes erſchien acht Tage ſpäter. Man gab die Regie Calſabigi, mit einem Einkommen von drei⸗ tauſend Frs. für jede Ziehung; einer jährlichen Penſion von viertauſend Frs. und das große Bureau im Lotterie⸗Palaſte in der rue Montmartre. 3 Die Calſabigi zugeſicherten Vortheile ubertrafen bei Weitem die meinigen; aber ich war nicht eiferſüchtig auf ihn, denn ich wußte, welche Anſprüche er hatte. Von meinen ſechs Bureau's verkaufte ich ſogleich fünf, jedes zu zweitauſend Frs. und eröffnete das ſechste in der rue St. Denis auf eine luxuriöſe Weiſe und ſetzte meinen Kammerdiener als Commis hinein. Es war ein junger, ſehr einſichtiger Italiäner, welcher Kammerdiener beim nea⸗ politaniſchen Geſandten, dem Fürſten de la Catolica gewe⸗ ſen war. Man beſtimmte den Tag der erſten Ziehung und machte bekannt, daß alle gewinnenden Billets acht Tage nach der Ziehung im General⸗Bureau ausgezahlt werden würden. Um die Menge nach meinem Bureau zu ziehen und demſelben einen Glanz zu geben, auf den wenige andere —— Anſpruch machen konnten, machte ich bekannt, daß die ge⸗ winnenden von mir unterzeichneten Looſe vierundzwanzig Stunden nach der Ziehung ausbezahlt werden ſollten. Das zog die Maſſe der Spieler zu mir und vermehrte meine Ein⸗ nahme bedeutend, denn dieſelbe belief ſich auf ſechs Prozent der Geſammteinnahme. Einige funfzig Commis der andern Bureaus waren dumm genug, ſich bei Calſabigi zu bekla⸗ gen, daß ich durch meine ion ihre Einnahme bedeu⸗ tend vermindere; aber der egiſſeur ſchickte ſie nach Hauſe mit der Bemerkung, daß ſie es ebenſo machen könnten wie ich, wenn ſie die Mittel dazu hätten. Meine erſte Einnahme belief ſich auf 40,000 Francs. Eine Stunde nach der Ziehung brachte mir mein Commis das Regiſter, und zeigte mir, daß wir nur 14— 18,000 Frs. zu bezahlen hatten. Alle Gewinnſte waren Auszüge oder Amben und ich gab ihm die nöthigen Fonds zur Aus⸗ bezahlung. Hierdurch machte, ohne daß ich daran gedacht hatte, mein Commis ſein Glück; denn die Gewinnenden ließen ihm das Geld, und ich war weit entfernt, etwas von ihm zu verlangen. 2. Die allgemeine Einnahme betrug zwei Millionen und die Regie gewann 600,000 Frs. Paris hatte allein 400,000 zur Einnahme beigeſteuert. Das war ein ganz hübſches Ge⸗ ſchäft für ein erſtes Mal. Am Tage nach der Ziehung ſpeiſte ich mit Calſabigi bei Herrn du Vernai, und hörte ihn zu meinem Vergnü⸗ gen über den zu großen Gewinnſt klagen. Paris hatte nur achtzehn bis zwanzig Ternen, allein obwohl ſie nur klein waren, verſchafften ſie doch der Lotterie einen glänzenden Ruf, und da der Fanatismus ſchon ſeine Verheerungen be⸗ gonnen hatte, ſo war leicht vorherzuſehen, daß die Einnahme ſich bei der nächſten Ziehung verdoppeln würde. Der an⸗ genehme Krieg, welchen man bei Tiſche gegen mich führte, verſetzte mich in gute Laune und Calſabigi ſagte, durch einen guten Einfall habe ich mir eine Rente von jährlich 100,000 Frs. geſichert, aber die anderen Einnehmer würden dabei zu Grunde gehn. . 8* 116 Ich habe oft ſolche Schläge gemacht, ſagte Herr du Ver⸗ nai und gewöhnlich bin ich gut dabei gefahren; da übri⸗ gens jeder Einnehmer Herrn Caſanova nachahmen kann, ſo kann der Ruf einer Inſtitution, die wir ihm wie Ihnen ver⸗ danken, dadurch nur ſteigen. Bei der zweiten Ziehung nöthigte mich eine Terne von vierzigtauſend Franes, Geld zu entleihen. Meine Einnahme hatte ſich auf ſechszigtauſend belaufen; aber da ich genöthigt war, meine Kaſſe den Tag vor der Ziehung abzuliefern, ſo mußte ich mit meinen eigenen Mitteln bezahlen und erhielt das Geld erſt nach acht Tagen wieder. In allen großen Häuſern, welche ich beſuchte und in den Foyers der Theater erhielt ich von allen Seiten Geld und die Leute baten mich, für ſie zu ſpielen wie ich Luſt hätte und ihnen die Looſe zu geben, da noch Niemand etwas von dieſem Spiele verſtand. So nahm ich die Ge⸗ wohnheit an, Looſe aller Art, oder vielmehr von allen Prei⸗ ſen bei mir zu tragen und ich ließ Jeden wählen; jeden Abend kehrte ich die Taſchen voll Geld nach Hauſe zurück. Das war ein ſehr großer Vortheil; es war dies eine Art Vorrecht, welches ich allein hatte, denn die andern Einneh⸗ mer gehörten nicht der guten Geſellſchaft an und fuhren nicht in einer Karroſſe gleich mir: ein außerordentlicher Vor⸗ theil in großen Städten, wo man nur zu häufig das Ver⸗ dienſt eines Individuums nach dem es umgebenden Glanze beurtheilt; mein Lurus verſchaffte mir überall Eingang und überall hatte ich offenen Kredit. Jetzt, wo meine Leſer genug über den Erfolg der Lot⸗ terie erfahren haben, eine für den Privatmann läſtige, weil ſie ihm einen faſt aller Wirklichkeit entbehrenden Reiz darbietet, aber für die Regierungen ſehr ergie⸗ bige Abgabe, da dieſe den Geiz oder die Habgier des Publikums mit der größten Sicherheit ausbeuten, ſo werde ich nur noch dann davon ſprechen, wenn ich etwas Wichti⸗ ges in Bezug auf meine Lebensſchickſale davon zu berichten haben werde. Unterdeß kehren wir wieder zu dem Punkte zu⸗ rück, wo wir ſtehen geblieben ſind. Ich war etwa erſt ſeit einem Monate nach Paris zu⸗ -————„ Me L 9. ————— rückgekehrt, als mein Bruder Franz, mit welchem ich 1752 abgereiſt war, wieder von Dresden in Begleitung von Ma⸗ dame Sylveſtre ankam. Er hatte vier Jahre in dieſer Stadt gelebt, beſtändig mit ſeiner Kunſt beſchäftigt, und er hatte alle Schlachtengemälde der berühmten kurfürſtlichen Gallerie copirt. Wir ſahen uns beide mit gleichem Vergnügen wieder; aber als ich ihm den Kredit meiner hohen Bekanntſchaften anbot, um ihm die Aufnahme in die Akademie zu erleichtern, antwortete er mir mit dem Stolze eines Künſtlers, welcher ſich ſeines Verdienſtes bewußt iſt, er danke mir, aber er wolle keine andere Empfehlung als die ſeines Talents. Die Franzoſen, ſagte er, haben mich einmal durchfallen laſſen und ich bin weit entfernt, ihnen deshalb zu zürnen, denn jetzt würde ich mich ſelbſt durchfallen laſſen, wenn ich noch das wäre, was ich damals war; aber da ſie ſo viel Sinn für das Talent haben, ſo rechne ich jetzt auf eine beſſere Aufnahme. Seine Zuverſicht gefiel mir, und ich wünſchte ihm Glück dazu, denn ich bin immer der Anſicht geweſen, daß das wahre Verdienſt ſich zunächſt ſelbſt Gerechtigkeit wider⸗ ſahren laſſen muß. Franz vollendete in der That ein ſchönes Gemälde, und nachdem er es im Louvre ausgeſtellt, wurde er mit Acclamation aufgenommen. Die Akademie kaufte das Bild für 12,000 Frs. Mein Bruder wurde in der That berühmt und in Zeit von ſechsundzwanzig Jahren verdiente er faſt eine Million; trotzdem wurde er durch unſinnige Ausgaben, einen außerordentlichen Luxus und zwei ſchlechte Heirathen zu Grunde gerichtet... wiederzuſehen. Sechsundfunfzigſtes Kapitel. Der Grak Ciretta van Treniſa.— Der Abbé Coſte.— Die Lambertini, angebliche Nichte des Papſtes.— Spitz- name, welchen ſie Tiretta giebt.— Die Tante und die Nichte.— Zwiegeſpräch am Kamine.— Hinrichtung van Damiens.— Cirettas Verirrung.— Madame va Zorn; Verſühnung.— Ich werde mit Fräulein von la Meure glücklich.— Sylvia'’s Tochter.— Fräulein von la Meure verheirathet ſich; meine Eikerſucht und mein verzweikelter Entſchluß.— Glückliche Veränderung. Im Anfange des März 1757 bekam ich einen Brief von Madame Manzoni, welcher mir durch einen jungen Mann von gutem Ausſehn, anſtändiger und jovialer Miene uͤberreicht wurde, aus deſſen Art ſich vorzuſtellen ich ſogleich erſah, daß er Venetianer war. Es war der junge Graf Tiretta von Treviſo, welchen mir Madame Manzoni mit dem Hinzufügen, daß er mir ſeine Geſchichte erzählen würde, und daß ich auf ſeine Aufrichtigkeit rechnen könnte, empfahl. Dieſe liebe Frau ſchickte mir durch den jungen Menſchen eine kleine Kiſte, in welcher ich, wie ſie ſagte, alle meine Manuſcripte finden würde, denn ſie war überzeugt, mich nicht Ich nahm Tiretta ſehr gut auf und ſagte ihm, er habe ſich keine beſſere Empfehlung bei mir verſchaffen können, als die einer Frau, für die ich eben ſo ſehr Freundſchaft wie Dankbarkeit fühle. Jetzt, Herr Graf, wo Sie ſich mir ge⸗ genüber ganz behaglich fühlen müſſen, ſagen Sie mir ge⸗ fälligſt, womit ich Ihnen dienen kann. Ich bedarf Ihrer Freundſchaft, mein Herr, und vielleicht Ihrer Börſe, oder migſtens Ihrer Verwendung. Meine Freundſchaft und meine Verwendung ſind Ihnen ſicher und meine Börſe ſteht zu Ihrer Verfügung. Nachdem Tiretta mir ſeine Dankbarkeit ausgedrückt, ſagte er: —4 4 ——s—— — GͤSZ EXGe&́ S.S ☛ -—,— Vor einem Jahre vertraute mir der oberſte Rath mei⸗ nes Vaterlandes eine für mein Alter gefährliche Stelle an. Man machte mich zum Conſervator des Leihamtes nebſt zwei jungen Edelleuten meines Alters. Da die Karnavals⸗ freuden uns viel Geld gekoſtet, und wir keins hatten, grif⸗ fen wir in die Kaſſe, da wir hofften die Summe, welche uns uͤbergeben war, erſtatten zu Können, ehe wir genö⸗ thigt ſein würden, Rechnung abzulegen. Unſere Hoffnung. täuſchte uns. Die Väter meiner beiden Kollegen, welche reicher als der meinige waren, retteten dieſelben, indem ſte augenblick⸗ lich das Deficit derſelben deckten, und da ich nicht zahlen konnte, ſo entfloh ich der Schande und der Strafe, welche meiner warteten. Madame Manzoni hat mir gerathen, mich Ihnen in die Arme zu werfen und mir ein kleines Kiſtchen für Sie übergeben, welches ich Ihnen noch heute bringen werde. Ich bin erſt ſeit geſtern in Paris und habe nur zwei Louis⸗ dor's, einige Wäſche und den Rock, welchen ich anhabe. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, habe eine eiſerne Geſundheit und den feſten Willen, Alles aufzubieten, um als ehrli⸗ cher Mann zu leben; aber ich weiß nicht, was ich anfan⸗ gen ſoll, denn ich habe kein Talent ſo weit ausgebildet, um davon leben zu können. Ich ſpiele die Flöte, habe aber nur das Talent eines Dilettanten, und ich kann keine andere Sprache als die italiäniſche. Was denken Sie unter dieſen Umſtänden für mich zu thun? Ich muß noch hinzufügen, daß ich auf keine Unterſtützung von irgend wem und von meinem Vater noch weniger als von irgend Jemand anders rechnen darf, denn um die Ehre der Familie zu retten, wird er mein Erbtheil nehmen, und ich muß auf daſſelbe unwi⸗ derruflich verzichten. Wenn die Erzählung des Grafen mich auch überraſcht hatte, ſo gefiel mir doch ſeine Aufrichtigkeit; üͤbrigens war ich ent⸗ ſchloſſen, der Empfehlung von Madame Manzoni Ehre zu machen und war geneigt, einem Landsmanne zu helfen, der ſich im Grunde nur groben Leichtſinns ſchuldig gemacht hatte. Laſſen Sie zunächſt, ſagte ich, Ihre Sachen in das Zimmer bringen, welches an das meinige ſtößt, und ſich zu eſſen und trinken geben. Ich werde Sie frei halten, bis ich etwas Paſſendes für Sie finde. Von Geſchäften wollen wir morgen ſprechen, denn da ich niemals zu Hauſe eſſe, ſo kehre ich erſt ſpät zurück, und werde alſo heute nicht mehr die Ehre haben, Sie zu ſehen. Für jetzt verlaſſen Sie mich, denn ich muß arbeiten und wenn Sie ausgehen, ſo nehmen Sie ſich vor ſchlechten Bekanntſchaften in Acht, und namentlich eröffnen Sie ſich Niemand. Sie lieben wahrſcheinlich das Spiel? Ich verabſcheue es, denn es hat meinen Ruin zur Hälfte verſchuldet. Und die Frauen haben, wette ich, das Uebrige gethan. Sie haben richtig gerathen, die Frauen! Zürnen Sie ihnen nicht, ſondern laſſen Sie ſich den Schaden, welchen ſie Ihnen zugefügt haben, von ihnen wie⸗ derbezahlen. Herzlich gern, wenn ich nur ſolche finde. Wenn Sie in dieſer Beziehung nicht ſehr feinfühlend ſind, werden Sie in Paris Glück machen. Was verſtehen Sie unter feinfühlend? Ich könnte mich nicht dazu verſtehen, gegen einen Mann gefällig zu ſein. Davon ſpreche ich auch nicht. Feinfühlend nenne ich den Mann, welcher nicht ohne Liebe zärtlich ſein kann, welcher— Jetzt verſtehe ich, und in dieſer Beziebung ſpielt das feine Gefühl bei mir nur eine untergeordnete Rolle. Ich weiß, daß ein altes Weib mit goldenen Augen mich immer zärtlich wie einen Seladon finden wird. Bravo! Ihre Sache wird ſich machen laſſen. Ich wünſche es. Wollen Sie zum Geſandten gehen? Gott bewahre mich! Was ſollte ich bei ihm machen? Ihm meine Geſchichte erzählen? Daran kann mir nicht viel gelegen ſein. Und wenn er unangenehm gegen mich werden wollte? —,.ö„ ——— +‿ᷣ— k' h den ie⸗ nd nte lig ich nn, as Ich ner 2n? viel den Er könnte es werden, ohne daß Sie ihn beſuchen; aber ich glaube nicht, daß er ſich mit Ihnen beſchäftigt. Das iſt die einzige Güte, welche ich von ihm verlange. In Paris, mein lieber Graf, geht Alles in Trauer; gehen Sie alſo zu meinem Schneider im zweiten Stock und laſſen Sie ſich einen ſchwarzen Anzug machen. Stellen Sie ſich in meinem Namen vor und ſagen Sie, Sie woll⸗ ten die Sachen morgen haben. Leben Sie wohl. Wenige Augenblicke darauf ging ich aus und kam erſt nach Mitternacht nach Hauſe. In meinem Zimmer fand ich die Kiſte, welche mir Madame Manzoni geſchickt, und in welcher ſich meine Manuſcripte und alle mir theuren Papiere befanden, denn ich habe nie eine Tabatisère verpfän⸗ det, ohne das Bild herauszunehmen. Am folgenden Tage ſtellte ſich mir Tiretta in ganz ſchwarzem Anzuge vor und dankte mir für ſeine Metamor⸗ phoſen. Sie ſehn, ſagte ich, daß man in Paris raſch fer⸗ tig wird. In Treviſo wären dazu acht Tage erforderlich geweſen. Treviſo, mein Theurer, iſt nicht Paris. Als ich dieſe Worte beendet, meldete man mir den Abbé von la Coſte. Ich erinnere mich des Namens nicht, befehle aber, ihn hereinzulaſſen und ſehe das Pfäfflein er⸗ ſcheinen, mit welchem ich nach meinem Beſuche beim Abbé von la Ville in Verſailles geſpeiſt. Nach den üblichen Höflichkeiten wünſchte er mir Glück über den Erfolg meiner Lotterie; ſodann ſagte er, er habe erfahren, daß ich im Hotel de Cologne für mehr als ſechs⸗ tauſend Francs Looſe abgeſetzt. Ja, ſagte ich; ich habe immer für mehrere tauſend Francs in meiner Brieftaſche. Wolan, ich nehme auch für tauſend Thaler. Wenn es Ihnen beliebt. Wenn Sie in mein Bureau kommen, können Sie die Nummern auswählen. Das iſt nicht nöthig; geben Sie ſie mir, wie Sie ſie haben. Er wählte für dreitauſend Francs; ſodann bat er mich um Papiere, um mir eine Anweiſung auszuſtellen. —— 12² Weshalb eine Anweifung? Davon iſt keine Rede, Herr Abbs; ich gebe meine Looſe nur gegen baare Bezahlung. Sie können aber ſicher ſein, daß Sie morgen die Summe bekommen werden. Ich bin feſt uͤberzeugt davon; aber Sie konnen ſicher ſein, morgen die Looſe zu bekommen: ſie ſind in meinem Bureau einregiſtrirt und ich kann nicht anders handeln. Geben Sie mir welche, die nicht einregiſtrirt ſind. Unmöglich; ich mache keine ſolche. Und weshalb? Weil ich ſie aus meiner Taſche bezahlen müßte, wenn ſie gewönnen, wozu ich durchaus keine Luſt habe. Ich glaube, daß Sie es riskiren könnten. Ich glaube, daß ich es nicht kann, wenn ich nicht ein Schurke werden will. Da der Abbé ſah, daß mit mir nichts anzufangen war, ſo wendete er ſich zu Tiretta, mit dem er ſchlecht italiäniſch ſprach, und dem er endlich vorſchlug, ihn Frau von Lambertini vorzuſtellen, der Witwe eines Neffen des Papſtes. Dieſer Name, dieſe Verwandtſchaft, das freiwillige Anerbieten des Abbé machten mich neugierig; ich ſagte, mein Freund nähme die Einladung an und ich würde eben⸗ falls die Ehre haben von der Partie zu ſein. Wir bre⸗ chen auf. Wir ſteigen vor dem Hauſe der angeblichen Nichte des heiligen Vaters in der rue Christine aus und treten ein. Wir erblicken eine Frau, welcher ich trotz ihres jugendlichen Ausſehens vierzig Jahre, ohne zu handeln, gebe; ſie iſt etwas mager, hat ſchöne ſchwarze Augen, eine ſchöne Haut, iſt lebhaft, flattrig, lacht gern und noch ſehr geeignet, eine flüchtige Neigung zu erregen. Ich fühle mich bald ganz behaglich bei ihr, und nachdem ich ſie zum Sprechen ge⸗ bracht, überzeuge ich mich, daß ſie weder Witwe noch Nichte des Papſtes iſt; ſie war aus Modena und ihrem Stande und ihrer Neigung nach Abenteuerin. Dieſe Entdeckung brachte mich auch uͤber den Abbé, der uns eingeführt, ins Klare. Ich glaubte in den Augen meines Treviſaners zu leſen, 1—N»„.-“ in daß er nähere Bekanntſchaft mit der Schönen wünſche; und als ſie uns zum Mittagseſſen einlud, lehnte ich unter dem Vorwande ab, daß ich ſchon gebunden ſei; aber Tiretta, welcher mich errathen hatte, nahm die Einladung an. Einige Augenblicke darauf entfernte ich mich mit dem Abbé, wel⸗ chen ich auf dem Quai de la Ferraille abſetzte und ich lud mich bei Calſabigi zum Eſſen ein. Nach Tiſche nahm mich Calſabigi bei Seite und ſagte, Herr du Vernai habe ihn gebeten, mir anzuzeigen, daß ich nicht Looſe für eigene Rechnung verkaufen duͤrfe. Herr du Vernai hält mich alſo für einen Dummkopf oder einen Schurken? Da ich weder das Eine noch das An⸗ dere bin, werde ich mich bei Herrn von Boulogne beklagen. Sie würden ü bel daran thun, denn Ihnen dies ſagen⸗ laſſen, heißt nicht, Sie beleidigen wollen⸗ Sie jelbſt. beleidigen mich, mein Herr, indem Sie mir⸗ das ſagen; aber ſeien Sie feſt überzeugt, daß man mir ſo etwas nicht zum zweitenmale ſagen ſoll. Calſabigi that, was er konnte, um mich zu beruhigen und beredete mich endlich mit ihm zu Herrn du Vernai zu gehen. Als dieſer gute Greis mich zornig ſah, entſchuldigte Ir ſich und ſagte, ein Abbé de la Coſte habe ihm mitge⸗ theilt, daß ich mir dieſe Freiheit nähme. Ich war empört und RPerzählte die ganze Geſchichte von heute Morgen, und ſetzte dadurch Herrn du Vernai in den Stand, den Charakter die⸗ ſes Menſchen zu beurtheilen. Ich habe dieſen Abbé nicht wiedergeſehen, ſei es nun, daß er Wind von meiner Ent⸗ deckung erhielt oder ſei es, daß ihm ein glücklicher Zufall ein Zuſammentreffen mit mir erſparte. Aber ich habe er⸗ fahren, daß er drei Jahre ſpäter zu den Galeeren verur⸗ theilt wurde, auf welchen er auch ſtarb, weil er in Paris Billette einer Lotterie von Trévaur verkaufte, welche nie exiſtirt hat. Am folgenden Tage beſuchte mich Tiretta und ſagte, er komme ſo eben erſt nach Hauſe. Sie haben außer dem Hauſe geſchlafen, Herr Liederjahn? Ja, die Geſellſchaft der Päpſtin hat mich gefeſſelt, und ich bin die ganze Nacht bei ihr geblieben. 124 Haben Sie nicht gefürchtet, Sie zu beläſtigen? Ich glaube vielmehr, daß Sie mit dem Vergnügen, welches ihr meine Unterhaltung gemacht hat, zufrieden ſein wird. Ich glaube, daß Sie Ihre ganze Beredtſamkeit haben werden aufbieten müſſen. Sie iſt ſo zufrieden mit meiner Unterhaltungsgabe, daß ſie mich gebeten hat, eine Wohnung bei ihr anzuneh⸗ men und ihr zu geſtatten, mich als ihren Couſin Herrn le Noir vorzuſtellen, der, wie ich glaube, ihr Liebhaber iſt. Sie werden alſo ein Trio bilden; werden Sie ſich aber auch gut mit einander vertragen? Das iſt ihre Sache. Sie behauptet, der Herr werde mir eine gute Stellung bei den Staatspachten verſchaffen. Haben Sie es angenommen? Ich habe es nicht abgelehnt, ihr aber geſagt, daß ich keinen Entſchluß faſſen könne, ohne Sie, meinen Freund, davon zu benachrichtigen. Sie hat mich beſchworen, Sie zu bewegen, daß Sie am Sonntage bei ihr zu Mittag ſpeiſen. Ich werde es mit Vergnügen thun. Ich begleitete in der That meinen Freund, und ſobald die Ausgelaſſene uns erblickte, fiel ſie Tiretta um den Hals und nannte ihn ihren lieben Grafen Sechsmal, welchen Namen er während ſeines ganzen Pariſer Aufenthalts behielt. Wer hat meinem Freunde dieſen ſchönen Namen ge⸗ geben, Madame? Seine erotiſchen Thaten, mein Herr. Er iſt Herr eines Lehns, wie man ſie in Frankreich nur ſelten findet, und ich bin ſtolz darauf, die Dame deſſelben zu ſein. Ich lobe ihren edlen Ehrgeiz. Nachdem ſie mir ſeine Heldenthaten mit einer Rück⸗ ſichtsloſigkeit erzählt, welche bewies, wie frei die Nichte des Papſtes von allen Vorurtheilen war, ſagte ſie, ſie wolle ihren Couſin zu ſich nehmen, ſie habe ſchon die Einwilli⸗ gung Herrn le Noirs, welcher ihr geſagt, es würde ihm ſehr lieb ſein, wenn ihr Couſin bei ihr wohnte. Herr le — —— Noir, ſagte die Schöne, wird uns nach Tiſche beſuchen und ich brenne vor Ungeduld, ihm den Grafen von Sechsmal vorzuſtellen. Nach Tiſche ſprach ſie wiederum von der Tapferkeit meines Landsmanns; ſie reizte ihn, und er that ſich keinen Zwang an, und vielleicht erfreut, mich zum Zeugen ſeiner Tapferkeit zu haben, brachte er ſie zum Schweigen. Ich muß geſtehen, daß ich nicht das Geringſte fühlte, da ich aber nicht umhin konnte, die athletiſche Körperbildung des Gra⸗ fen zu beobachten, ſo war ich der Anſicht, daß er überall, wo er Frauen in guten Umſtänden fände, Glück machen müſſe. Gegen drei Uhr kamen zwei ältliche Frauen, denen die Lambertini den Grafen von Sechsmal vorſtellte. Sie waren erſtaunt über die Benennung und wollten den Grund der⸗ ſelben wiſſen. Die Heldin gab ihnen im Geheimen die Er⸗ klärung und mein Freund wurde nun für ſie ein ſehr in⸗ tereſſanter Gegenſtand. Es iſt unglaublich, ſagten die Ma⸗ tronen, indem ſie meinen Freund von der Seite anblickten und Tiretta ſchien ihnen mit den Augen zu ſagen: Verſu⸗ chen Sie nur, meine Damen. Kurz däräuf hielt ein Fiaker vor der Thür an und es traten eine dicke, etwas ältliche Dame mit einer jungen ſehr hübſchen Perſon ein, welchen ein bleicher Mann in ſchwar⸗ zem Anzuge und mit einer runden Perrücke folgte. Nach den freundſchaftlichen Umarmungen ſtellte die Nichte des Papſtes ihren Couſin den Grafen Sechsſtöße vor. Dieſer Name ſchien die Alte zu verwundern, aber die Lambertini gab keinen Commentar. Indeß fand man es ſonderbar, daß ein Menſch, welcher kein Wort Franzöſiſch verſtand, in Paris zu bleiben wagte, und daß er trotz ſeiner Unkennt⸗ niß der Landesſprache, unaufhörlich mit der größten Zuver⸗ ſicht kauderwelſchte, was um ſo mehr Vergnügen machte, als ihn Niemand verſtand. Nach einigen Augenblicken einer leichtfertigen Unter⸗ haltung ſchlug die Nichte des Papſtes eine Partie Brelan vor. Sie forderte mich zur Theilnahme auf, da ich es aber ablehnte, ſo drang ſie nicht weiter in mich und begnügte 126 ſich mit der Forderung, daß ihr theurer Couſin ſich neben ſte ſetze und zur Hälfte mit ihr gehe. Er kennt die Kar⸗ ten nicht, ſagte ſie, aber das thut nichts; er wird lernen, und ich übernehme ſeine Erziehung. Da die junge Perſon, welche mir durch ihre Schön⸗ heit aufgefallen war, kein Spiel kannte, ſo bot ich ihr einen Stuhl am Kamine an und bat ſie um die Ehre, ihr Ge⸗ ſellſchaft leiſten zu dürfen, ſte nahm den Stuhl an, und die mit ihr gekommene Alte fing an zu lachen und ſagte, es würde mir ſchwer werden, geeignete Stoffe zur Unterhal⸗ tung mit ihrer Nichte zu finden, und ſie fügte ſehr höflich hinzu, ſte rechne auf meine Nachſicht; ſie iſt, ſagte ſie, erſt ſeit einem Monate aus dem Kloſter gekommen. Ich ver⸗ ſicherte ihr, ich könne es nicht für ſchwer halten, ſich mit einer ſo liebenswürdigen Perſon zu unterhalten, und da das Spiel begonnen hatte, ſo ſetzte ich mich neben die hübſche Nichte. Ich ſaß einige Minuten neben ihr, ganz in ihren An⸗ blick verſunken, als ſie mich fragte, wer der hübſche Herr wäre, der ſo drollig ſpräche. SEs iſt ein Edelmann aus meinem Vaterlande, der ſeine Heimath einer Ehrenſache wegen verlaſſen hat. Er ſpricht ſehr drollig. Das iſt wahr, aber in Italien beſchäftigt man ſich wenig mit der franzöſiſchen Sprache; hier wird er ſie bald ler⸗ nen, und dann wird man ſich nicht mehr über ihn luſtig machen. Es thut mir leid, ihn hierhergeführt zu haben, denn in Zeit von noch nicht vierundzwanzig Stunden hat man ihn mir verdorben. Wie verdorben? Ich wage nicht, es Ihnen zu ſagen, denn Ihre Tante könnte es übel nehmen. Ich denke doch nicht daran, es wiederzuerzählen; aber vielleicht erſcheint Ihnen meine Frage unbeſcheiden. 1 Nein, Fräulein, durchaus nicht, und da Sie es wün⸗ ſchen, will ich Ihnen kein Geheimniß daraus machen. Ma⸗ dame Lambertini hat denſelben nach ihrem Geſchmack ge⸗ funden; ſie hat die Nacht mit ihm zugebracht, und um ihre ———— ——;—— —— 127 Zufriedenheit mit ihm auszudrücken, hat ſie ihm den lächer⸗„ lichen Beinamen Graf Sechsmal gegeben. Das iſt die Ge⸗ ſchichte. Es thut mir leid, weil mein Freund kein aus⸗ 1 ſchweifender Menſch war. Man wird ſich mit Recht wundern, wie ich wagen konnte, gegen ein junges Mädchen, welches ſo eben erſt das Kloſter verlaſſen, eine ſolche Sprache zu führen, aber ich würde mich ſelbſt gewundert haben, wenn ich mir die Mög⸗ lichkeit hätte denken können, bei einer Lambertini ein anſtän⸗ diges Mädchen zu finden. Ich blickte meine hübſche Ge⸗ ſellſchafterin an und ſah, wie ihre hübſche Geſtalt ſich mit dem Roth der Schaam färbte; aber dieſes Symptom ſchien mir noch zweideutig. Man denke ſich mein Erſtaunen, als ich ſie nach zwei Minuten folgende Frage thun hörte. Aber, mein Herr, was hat denn das Schlafen bei Ma⸗ dame mit dem Namen Sechsmal gemein:?:— 8 Fräulein, die Sache iſt ſehr einfach. Mein Freund hat“ in einer Sernt Vne Anldent erünt. zu deren rfulung ge- in Ch Tn nd Frau em„Chemann oft ſechs Wochen braucht. Und Sie glauben, ich wäre dumm genng, unſere Unter⸗— haltung meiner Tante zu hinterbringen. Glauben Sie das ja nicht. 6 Aber ich bedaure noch etwas Anderes. I ee Sie ſollen mir das in einem Augenblicke erzählen. Es läßt ſich wohl ohne Commentar denken, was das liebenswürdige Mädchen nöthigte, ſich auf einige Augenblicke zu entfernen. Als ſie zurückkam, ſtellte ſie ſich hinter den Stuhl ihrer Tante, ihre Augen auf Tiretta heftend; ſodann kehrte ſie mit flammendem Blicke wieder zu mir zurück, ſetzte ſich neben mich und ſagte: Was bedauern Sie denn noch? Darf ich wagen, es Ihnen zu ſagen. Sie haben mir ſoviel geſagt, daß ich glaube, Sie brau⸗ chen ſich nicht weiter zu bedenken. Nun wohl, ſo erfahren Sie, daß er ſie heute unmit⸗ telbar nach dem Eſſen und in meiner Gegenwart—— —— A 4 128 Wenn Ihnen das mißfallen hat, ſind Sie offenbar eiferfüchtig. Durchaus nicht, aber ich habe mich gedemüthigt gefühlt wegen eines Umſtandes, den ich Ihnen nicht zu ſagen wage. Ich glaube, Sie wollen ſich mit Ihrem: Ich wage nicht, ſich luſtig über mich machen. Gott bewahre mich davor, mein Fräulein. Ich werde Ihnen alſo ſagen ich habe mich gedemüthigt gefühlt, weil Lambertini mich gezwungen hat, mich mit eigenen Augen zu uͤberzeugen, daß mein Freund zwei Zoll größer iſt als ich. Diesmal hat man Ihnen etwas weiß gemacht, denn Sie ſind größer als Ihr Freund. Nicht von dieſer Größe ſpreche ich, Fräulein, ſondern von einer andern, die Sie ſich leicht denken können und hin⸗ ſichtlich welcher mein Freund auf eine wahrhaft ungeheuer⸗ liche Weiſe begabt iſt.( Auf eine ungeheuerliche Weiſe! Aber was ſchadet Ih⸗ nen das? Iſt es nicht beſſer, nicht ungeheuerlich gebildet zu ſein. Das iſt wohl wahr, aber in dieſem Punkte. lieben gewiſſe Frauen, welche Ihnen nicht ähnlich ſind, das Ungeheuerliche. — gch finde dieſe lächerlich, toll, oder ich kenne die Sache nicht hinlänglich, um mir eine Vorſtellung von der Größe machen zu können, welche man ungeheuerlich nennt; ich finde es übrigens ſonderbar, daß Sie ſich dadurch gedemüthigt fühlen. Als Sie mich ſahen, hätten Sie es alſo nicht geglaubt? Als ich hier eintrat und Sie ſah, habe ich gewiß nicht daran gedacht, und dann ſcheinen Sie auch ganz verhält⸗ nißmäßig gebildet zu ſein; wenn Sie aber wiſſen, daß Sie es nicht ſind, ſo beklage ich Sie. Es würde mich demüthigen, Sie in einem ſolchen Zwei⸗ fel zu laſſen; ſehen Sie ſelbſt und urtheilen Sie Sie ſelbſt ſind ein Ungeheuer und Sie flößen mir Furcht ein. Als ſie dies ſagte, ſprühte ihr das Feuer aus allen Poren, ſte ſtand auf und ſetzte ſich hinter ihre Tante; ich rührte mich nicht, denn ich war überzeugt, daß ſie bald wiederkommen würde; ich war weit entfernt, ſte für ——— Meine Nichte iſt anſtändig und ſanft, aber ſie hat we⸗ der Geiſt noch Religion. Ueber den Geiſt will ich nichts ſagen, verſetzte die Nichte; was aber die Religion betrifft, ſo iſt das ein Vorwurf, den man mir nicht einmal im Kloſter gemacht hat. Ich glaube das wohl, denn es ſind Jeſuitinnen. Aber was ſchadet das, Tante? Sehr viel, Nichte; man kennt die Jeſuiten und ihre Anhänger; es ſind Leute ohne Religion, und es handelt ſich um die Gnade. Sprechen wir aber von andern Sachen. Ich wünſche blos, daß Du Deinem künftigen Manne gefal⸗ len mögeſt. Aber ſagen Sie, Madame, ſteht denn das Fräulein auf dem Punkte ſich zu verheirathen? Ihr Zukünftiger muß im Anfange des nächſten Monats ankommen. Iſt es ein richterlicher Beamter? Nein, mein Herr, es iſt ein Kaufmann in ſehr guten Umſtänden. Herr le Noir hat mir geſagt, das Fräulein ſei die Nichte eines Rathes, und ich habe daher nicht geglaubt, daß Sie eine Meésalliance vermitteln würden. Es iſt keine, mein Herr; und was iſt denn auch eine Mésalliance? Der Zukünftige meiner Nichte iſt adlig, da er ein Ehrenmann iſt, und es wird nur von ihr abhängen, vollkommen glücklich zu werden. Ja, vorausgeſetzt, daß das Fräulein ihn liebt. O, die Liebe, die findet ſich mit der Zeit. Da dieſe Unterhaltung der jungen Perſon, welche zu⸗ hörte, ohne ein Wort zu ſagen, nur unangenehm ſein konnte, ſo brachte ich das Geſpräch auf die Menſchenmenge, welche ſich auf dem Grève⸗Platze einfinden würde, um der Hin⸗ richtung von Damiens zuzuſehn, und da ſie Alle ſehr neu⸗ gierig waren, dieſem ſchrecklichen Schauſpiele zuzuſchauen, ſo bot ich ihnen ein großes Fenſter an, von welchem aus wir Alles ſehen könnten. Die Damen nahmen mein An⸗ erbieten bereitwilligſt an und ich verſprach ihnen, ſie zeitig genug abzuholen und hinzuführen. ——yy—— —yõÿ—ÿy——— 138 Ich hatte kein Fenſter, aber ich wußte, daß man in Paris, wie überall, Alles für Geld erlangen kann. Nach Tiſche ſchützte ich ein Geſchäft vor, ging weg, ſetzte mich in den erſten beſten Fiaker, welchem ich begegnete, und in eit von einer Viertelſtunde war ich im Beſitze eines ſchö⸗ nen Fenſters in einem Entreſol, welches ich für drei Louis⸗ d'ors miethete. Ich bezahlte zum Voraus, und ließ mir eine Quittung geben, in welcher ein Abſtandsgeld von 600 Frs. ſtipulirt war. Nachdem ich mein Geſchäft beſorgt, kehrte ich wieder zur Geſellſchaft zurück und ich fand dieſelbe bei einer Partie Piquet. Fräulein von la Meure, welche daſſelbe nicht ver⸗ ſtand, langweilte ſich beim Zuſehn. Ich näherte mich ihr, und da ich mit ihr zu ſprechen hatte, ſo gingen wir an das andre Ende des Saales. Ihr Brief, theure Freundin, hat mich zum glücklich⸗ ſten Menſchen gemacht; Sie haben in demſelben Proben eines Geiſtes und eines Charakters gegeben, welche Ihnen Anſpruch auf die Anbetung aller verſtändigen Menſchen geben. Mir iſt es nur um die Liebe eines einzigen zu thun, und ich bin mit der Achtung Sie werden meine Frau w din, und ich werde bis zu m tzten Athemzuge die glückliche Kühnheit preiſen, welcher ich den Vorzug verdanke, ie mi ern einräumen, welche Sie nicht ausgeſchlagen haben würden, ſelbſt ohne die 50,000 welche im Vergleich mit ihren perſönlichen Eigen⸗ und mit Ihrer vernünftigen Denkart gar nicht in Betracht kommen. Ich bin ſehr erfreut, daß Sie eine ſo gute Meinung von mir haben. 1 Könnte ich wohl eine andere haben? Jetzt, meine Empfindungen kennen, wollen wir nichts übereilen, und Sie können ſich mir anvertrauen. ie werden meiner Lage eingedenk ſein? ch kann ſie nicht vergeſſen. Geben Sie mir die Zeit, ein Haus zu ſuchen, es zu moͤbliren und mich in den Stand wo Sie 139 re, Ihnen meinen Namen zu ſchenken, für würdig gehalten zu werden. Bedenken Sie, daß ich noch eine Chambre garnie bewohne, daß Sie Verwandte haben, und daß ich mich ſchämen würde, bei einem Schritte von ſolcher Wichtigkeit das Anſehen eines Abenteurers zu ge⸗ winnen. Sie haben gehört, daß mein vermeintlicher Zukünftiger bald kommen wird? Ja, das iſt mir nicht entgangen. Wenn er hier iſt, können Sie ſicher ſein, daß die Sache raſch betrieben wird. Aber nicht ſo raſch, daß ich Sie nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden von jeder Tyrannei ſollte befreien ſelbſt ohne daß Ihre Tante ſollte erfahren kön⸗ können, und ſ nen, daß der Streich von mir ausgeht. Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, theure Freundin, daß der Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, ſobald er erfährt, daß Sie nur mich zum Gatten wollen, Ihnen in einem der beſten Klöſter von Paris ein unverletzliches Aſyl verſchaffen wird. Er wird Ihnen ferner einen Advokaten ſtellen, und wenn das Teſtament ſich beſtimmt ausdrückt, wird Ihre Tante Ihnen die Mitgift auszahlen und den Reſt hypothe⸗ kariſch ſicher ſtellen müſſen. Beruhigen Sie ſich und laſſen Sie den Kaufmann aus Dünkirchen kommen. In allen Fällen können Sie darauf rechnen, daß ich Sie nicht in Verlegenheit laſſen werde, und daß Sie an dem für die Unterzeichnung des Contracts angeſetzten Tage nicht mehr im Hauſe Ihrer Tante ſein werden. Ich ergebe mich und vertraue mich Ihnen gänzlich an; aber ich bitte Sie, bringen Sie nicht einen Umſtand in An⸗ rechnung, welcher mein Zartgefühl zu ſehr verletzt. Sie haben geſagt, ich würde Ihnen den Vorſchlag, mich zu heirathen oder mich nicht mehr zu ſehn, nie gemacht haben, ohne die Freiheit, welche Sie ſich am vorigen Sonntage ge⸗ nommen haben. Habe ich Unrecht? ſeits, und Sie müſſen einſehn, daß Ja, wenigſtens einerſe wenn ich nicht einen mächtigen Grund gehabt hätte, ich ſehr zu ſetzen, der Eh 140 heirathung hätte auch auf jedem ande kommen können, denn ich darf Ihnen wohl jetzt ſagen, daß ich Ihnen bei jeder Gelegenheit den Vorzug vor einem An⸗ dern gegeben haben würde. Ich konnte mich nicht mehr halten, und ihre Hand er⸗ greifend küßte ich dieſelbe wiederholentlich mit Zärtlichkeit 1 überzeugt, ß, wenn in dieſem Augenblicke ein Notar und ein Prieſter da geweſen wären, um uns den ehelichen Seegen zu ertheile Augenblick bedacht haben würde, ſie llführt wurde. Da ich ſchen zu müſſen, ſo verließ ich meine Zukünftige und ging zur Geſellſchaft, um Tiretta Ich ſah auf dem Tiſche einen geöffneten Kaſten ſtehn, in welchem Kleinodien von allen Preiſen enthalten waren, und zwei Männer, welche ſich mit Tiretta ſtritten, der ein Buch in der Hand hatte. Ich ſah ſogleich, daß es ſich um eine Lotterie handelte; aber weshalb ſtritt Wer ſpielen will, muß einen Th einer Nadel zwiſchen die Blätter des geſchloſſenen Buchs ſtecken. Das Buch wird da, wo die Nadel ſteckt, aufge⸗ macht, und der Spieler hat v erloren, wenn er ein weißes Blatt getroffen hat; hat dagegen das Blatt eine Nummer, ſo erhält er das entſprechende Loos oder man bezahlt ihm ————& 141 den Werth aus, welcher ſich auf dem Gewinne angegeben er⸗ findet. Bemerken Sie, mein Herr, daß das geringſte Loos zwölf Francs koſtet, und ſogar eins einen Werth von 1200 Francs hat. Seit einer Stunde, ſeit welcher die Geſellſchaft ſpielt, haben wir mehrere werthvolle Gegenſtände verloren Freundin) hat einen Ring im Werthe von ſechs Louisd'ors it gewonnen; da ſie ſich aber das Geld hat auszahlen laſſen und weiter geſpielt hat, ſo hat ſie es wieder verloren. m , Ja, ſagte die Tante, ich habe verloren und dieſe Her⸗ n ren haben uns mit ihrem vermaledeiten Spiele Alles abge⸗ nommen; das iſt ein Beweis, daß ihr Spiel nur auf Täu⸗ 3 ſchung beruht. 1 Es iſt dies ein Beweis, ſagte Tiretta, daß die Herren Schurken ſind. Aber, meine Herren, in dieſem Falle ſind die Lotterie⸗ Einnehmer der Militair⸗Schule es ebenfalls, ſagte einer der Spieler. ſchelle. Ich werfe mich zwiſchen die beiden Kämpfer und gebiete ihnen Ruhe, um der Sache ein Ende zu machen. Alle Lotterieen, ſage ich, ſind vortheilhaft für den Unter⸗ nehmer; aber an der Spitze derer von der Militair⸗Schule ſteht der König und ich bin der Haupt⸗Einnehmer. Vermöge dieſer Stellung confiscire ich das Käſtchen und laſſe Ihnen folgende Wahl: entweder geben Sie der Geſellſchaft das Geld zurück, welches Sie auf unerlaubte Weiſe gewonnen haben und ich laſſe Sie gehn und gebe Ihnen Ihr Käſtchen zuruͤck, oder ich laſſe einen Polizeigefreiten kommen, der Sie auf meine Requiſition ins Gefängniß führen wird und Sie kommen morgen früh vor Herrn Berier, denn dieſem werde ich das Buch morgen früh übergeben. Wir werden ſehn, ob wir, weil Sie Schurken ſind, verbunden ſind, Sie als ſolche anzuerkennen. Da ſie ſahen, daß ſie es mit einem Stärkern zu thun hatten und wenn ſie Widerſtand leiſteten, nur verlieren konnten, ſo ſchickten ſie ſich mit ziemlich guter Miene an, alles Geld, das ſie gewonnen und vielleicht das Doppelte, und Madame(hiebei wies er auf die Tante meiner ſchönen Bei dieſen Worten verſetzte ihm Tiretta eine Maul⸗ S — — — 142 wiederzubezahlen; denn ſte mußten vier geben, obwohl ſie ſchworen, nur zwanzig gewonnen zu haben. Die Geſellſchaft beſtand aus ſolchen Elementen, daß ich mir keine Entſcheidung geſtatten durfte. Die Wahrheit iſt, daß ich der Behauptung der beiden Gauner ziemlichen Glauben ſchenkte; aber ich war ärgerlich und wollte, daß ſie für die Kühnheit, einen im Grunde ſehr richtigen, zig Louisd'ors zurück⸗ ihnen das Buch wie⸗ derzugeben, welches zu behalten ich kein Recht hatte, und ſie mich inſtändigſt erſuchten. Der on, welchen ich geg ch auf eine thätliche Weiſe in unſern Streit miſchen könnte, brachte es dahin, daß ſie ſtch glücklich ſchätzten, wieder in den Beſitz ihres Käſtchens gelangt zu ſein. Als ſie ſich entfernt hatten, fingen die Damen an, ſich ihrer zu erbarmen. Sie hätten ihnen wohl ihr Buch wiedergeben können, ſagten dieſelben. Ja, meine Damen, und Sie denſelben ihr Geld. Aber ſte hatten es uns auf eine unerlaubte Weiſe ab⸗ genommen. Alles? Und war denn der Gebrauch des Buches nicht ebenſo unerlaubt? Indem ich es ihnen wegnahm, habe ich Sie fühlten die Ironie einen andern Gegenſtand. Am folgenden Tage früh Morgens kamen die beiden pieler zu mir, und um mich günſtiger zu ſtimmen, ſchenk⸗ ten ſie mir ein Käſtchen mit vierundzwanzig außerordentlich ſchönen Figuren von ſächſtſchem Porzellan. Dieſer Beredt⸗ ſamkeit war nicht zu widerſtehn, und ich gab ihnen ihr Buch zurück, verband jedoch damit die Drohung, ſie einſperren zu laſſen, wenn ſie ihr Geſchäft in Paris fortſetzten. Sie verſprachen, daſſelbe einzuſtellen, obwohl ſie höchſt wahr⸗ ſcheinlich nicht daran dachten, Wort zu halten, woran mir auch wenig gelegen war. So in den Beſitz eines für einen L „und die Unterhaltung kam auf iebhaber werthvollen — 1 ück⸗ Geſchenks gekommen, beſchloß ich es Fräulein von la Meure den. anzubieten und brachte es ihr ſelbſt. Ich wurde ausgezeich⸗ nir net aufgenommen, und die Tante überſchüttete mich mit daß Dankſagungen. ben Am 28. März, dem Tage der Hinrichtung von Da⸗ die miens, holte ich frühzeitig die Damen von der Lambertini hr ab, und da mein Wagen uns kaum faßte, ſo nahm ich eſe meine liebenswürdige Freundin auf den Schooß und wir ee⸗ begaben uns nach dem Gréveplatze. Die drei Damen drängten nd ſich ſo dicht wie möglich vorn an das Fenſter und blieben in er vorübergebeugter Stellung und ſich mit den Armen auflehnend es ſtehn, um uns nicht am Sehen zu hindern. Dieſes Fenſter hatte 2 zwei Tritte oder Stufen, und die Damen ſtanden auf der ſe N zweiten. Um über ſie wegſehn zu können, mußten wir uns e N8 auf dieſelbe Stufe ſtellen, denn auf der erſten hätten wir 3 8 nicht über ſie wegſehn können. Nicht ohne Grund gebe ich e N meinen Leſern dieſe Einzelheiten, denn ſonſt würden ſie l 4 nicht die Einzelheiten, die ich verſchweigen muß, errathen können. . Wir hatten die Ausdauer, dieſem ſchrecklichen Schauſpiel vier Stunden lang zuzuſchauen. Die Hinrichtung von Damiens ſſt zu bekannt, als daß ich davon ſprechen ſollte, zunächſt weil die Erzählung zu lange dauern würde, und ſodann auch, 4 weil ſolche Gräuel die menſchliche Natur beleidigen. Da⸗ miens war ein Fanatiker, welcher ein gutes Werk zu thun ₰ und den Himmel zu erwerben glaubte, indem er Ludwig XV. Nzu ermorden verſuchte; und obwohl er demſelben nur eine kleine Schramme beigebracht, wurde er doch mit Zangen zerriſſen, als ob er das Verbrechen wirklich ausgeführt hätte. Während der Hinrichtung dieſes Opfers der Jeſuiten mußte ich die Augen abwenden und mir die Ohren zuhal⸗ ten, als ich das Geſchrei des halb Zerfleiſchten vernahm; aber die Lambertini und die dicke Tante zeigten nicht die geringſte Bewegung; war dies eine Wirkung der Grauſam⸗ keit ihres Herzens? Ich mußte ſo thun, als ob ich ihrer Behauptung Glauben ſchenkte, daß ihr Abſcheu vor dem Attentate dieſes Ungeheuers ſie abgehalten habe, dasjenige —y— 144 Mitleiden zu fühlen, welches der Anblick der unerhörten OQualen, die er zu erdulden hatte, nothwendig einflößen mußte. Thatſache iſt es, daß Tiretta die fromme Tante während der ganzen Zeit der Hinrichtung auf eine ſonder⸗ bare Weiſe beſchäftigte, und vielleicht war er die Veranlaſ⸗ ſung, daß die tugendhafte Dame keine Bewegung zu machen, nicht einmal den Kopf umzudrehen wagte. Da er hinter ihr ſtand, ſo hatte er die Vorſicht gehabt, ihren Rock aufzuheben, um nicht darauf zu treten; das war wohl in der Ordnung: als ich aber bald abſichtslos nach ihrer Seite hinblickte, bemerkte ich, daß Tiretta die Vorſicht zu weit getrieben hatte, und da ich meinen Freund nicht unterbrechen und die Dame nicht in Verlegenheit ſetzen wollte, ſo wendete ich den Kopf ab und ſtellte mich ohne Affectation ſo, daß meine Freundin nichts bemerken konnte; dadurch wurde der guten Dame die Sache ganz bequem gemacht. Ich hörte zwei Stunden lang ein fortwährendes *. 7 Reihen⸗ und da ich die Sache komiſch fand, ſo hatte ich die Ausdauer, mich nicht zu rühren. Ich bewunderte in⸗ nerlich noch mehr Tiretta's guten Appetit als ſeine Kühn⸗ heit; aber ich bewunderte noch mehr die ſtille Ergebung der guten Tante. Als nach der Beendigung dieſer langen Sitzung Ma⸗ dame** ſich umdrehte, drehte auch ich mich um, und als ich Tiretta betrachtete, fand ich, daß er friſch, munter und ruhig, als ob nichts geweſen wäre, ausſah; aber die theure Tante ſchien mir nachdenklicher und ernſter als ſonſt zu ſein. Sie war in der unangenehmen Nothwendigkeit geweſen, ihre Gefüͤhle zu verbergen und Alles mit ſich machen zu laſſen, um nicht der Lambertini Stoff zum Lachen und ihrer Nichte durch die Entdeckung von Myſterien, welche dieſelben nicht kennen durfte, Aergerniß zu geben. Wir brachen auf, und nachdem wir die Nichte des Papſtes vor ihrem Hauſe abgeſetzt, bat ich dieſelbe, mir Tiretta auf einige Stunden zu überlaſſen, und ich brachte Madame*** nach ihrer Wohnung in der Straße St. An⸗ dré⸗des⸗Arts, wo ſie mich bat, ſie am folgenden Tage zu⸗ beſuchen, da ſie mir etwas zu ſagen habe. Ich bemerkte, imn ſo. ſchie bei ſtan einſt Ueb⸗ wird ſie ꝛ toll 145 daß ſie meinen Freund nicht grüßte, als wir uns verab⸗ ſchiedeten. Wir ſpeiſten bei Laudel im Hätel de Ruſſie, wo wir ausgezeichnet für ſechs Franks aßen;z ich glaubte, daß mein toller Begleiter ſehr einer Stärkung bedürfe. Was haſt Du hinter Madame** gemacht? fragte ich.— Ich bin ſicher, daß weder Du noch Jemand etwas ge⸗ ſehn hat. Noch Jemand, das iſt möglich; aber da ich den An⸗ fang Deines Treibens geſehn, und mir wohl denken konnte, was daraus werden würde, ſo ſtellte ich mich ſo, daß weder die Lambertini noch die hübſche Nichte Euch ſehen konnten. Ich kann mir denken, wie weit Du gegangen biſt und be⸗ wundere Deinen ungeheuren Appetit. Aber es ſcheint, daß das arme Schlachtopfer aufgebracht iſt. O, mein Freund, das iſt nur die Ziererei einer ält⸗ lichen Dame. Sie kann wohl böſe thun, da ſie aber die ganzen zwei Stunden, welche die Sitzung gedauert, ſtill gehalten hat, ſo bin ich überzeugt, daß ſie die Sache gern noch einmal verſuchen wird. Im Grunde bin ich derſelben Anſicht; aber ihre Eigen⸗ liebe kann ihr einreden, daß Du die Achtung gegen ſie ver⸗ letzt haſt, und das iſt in der That der Fall. Die Achtung, mein Freund? Muß man aber nicht immer die Achtung gegen die Frauen verletzen, wenn man ſo weit mit ihnen kommen will? Ich weiß es wohl; aber es iſt doch ein großer Unter⸗ ſchied, ob ſo etwas unter vier Augen oder ganz offen wie bei Euch geſchieht. Ja, da aber die Sache viermal und ohne allen Wider⸗ ſtand vor ſich gegangen iſt, ſo darf ich wohl völlige Ueber⸗ einſtimmung vorausſetzen. Deine Logik iſt gut, aber Du ſiehſt doch, daß ſie ſchmollt. Uebrigens will ſie morgen mit mir ſprechen und Deine Sache wird aufs Tapet kommen. Das iſt möglich, aber ich kann mir nicht denken, daß ſie mit Dir von dieſer Schäkerei ſprechen wird. Sie wurde toll ſein. Weshalb nicht? Kennſt Du nicht die Frommen? Da VII. 10 — “ 146 ſte in der Schule der Jeſuiten erzogen ſind, von welchen ſie guten Unterricht über dieſe Sachen erhalten, ſo ergreifen ſte gern die Gelegenheit, einem Dritten derartige Bekenntniſſe zu machen; und dieſe Bekenntniſſe, welche ſie mit beſtellten Thränen würzen, namentlich wenn ſie häßlich ſind, geben ihnen in ihren eigenen Augen einen Firniß der Heiligkeit. Nun wohl, ſo mag ſie mit Dir davon ſprechen; wir wollen es abwarten. Vielleicht fordert ſie eine Genugthuung, und dann werde ich mit Vergnügen die Vermittlung übernehmen. Du bringſt mich in der That zum Lachen; denn ich ſehe nicht ein, auf welche Genugthuung ſie Anſpruch machen könnte, wenn ſie nicht anders das jus talionis gegen mich anwenden will: das kann ſie nicht thun, ohne eine neue Aufführung deſſelben Stücks. Wenn ihr das Spiel nicht gefiel, ſo brauchte ſie mir nur einen Fußſtoß zu geben, der mich rückwärts zu Boden geworfen haben würde. Dann würde aber auch Dein Angriff auf ſie bekannt geworden ſein. Genügte denn nicht die geringſte Bewegung, um den⸗ ſelben zu vereiteln? Aber ſie war ſanft wie ein Lamm und. ließ Alles mit ſich maͤchen— — Die Sache iſt höchſt lächerlich. Haſt Du aber wohl bemerkt, daß die Lambertini ebenfalls mit Dir ſchmollt? Vielleicht hat ſie etwas geſehn, und ſich dadurch beleidigt gefühlt. Die Lambertini ſchmollt wegen eines andern Grundes, denn ich habe offen mit ihr gebrochen und werde heute Abend ausziehn.. Ernſtlich? 8 Auf mein Wort. Die Sache iſt ſo gekommen: Geſtern Abend verlor ein junger, bei den Staatspachten angeſtellter Mann, welchen eine alte genueſiſche Gaunerin zum Abend⸗ eſſen zu uns geführt hatte, vierzig Louisd'ors, und warf meiner Wirthin, welche er eine Spitzbübin nannte, die Kar⸗ ten an den Kopf. In der erſten Aufregung nahm ich ein Licht und löſchte es in ſeinem Geſichte aus, auf die Gefahr hin, ihm ein Auge auszubrennen; glücklicher Weiſe berührte — n ſie n ſie tniſſe ellten geben keit. wir verde n ich achen mich neue nicht 1, der kannt den⸗ und wohl nollt? eidigt indes, bend eſtern tellter bend⸗ warf Kar⸗ h ein hefahr kührte 147 ich nur ſeine Wange. Er lief nach ſeinem Degen: ich hatte ſchon den meinigen gezogen, und hätte ſich nicht die Genue⸗ ſerin zwiſchen uns geworfen, ſo hätte es zu einem Morde kommen können. Als der Unglückliche ſeine Wange im Spiegel erblickte, wurde er ſo wüthend, daß man ihm, um ihn zu beſänftigen, ſein Geld wiedergeben mußte. Sie ga⸗ ben es ihm zurück trotz meines Abredens, denn indem ſie es ihm zurückgaben, geſtanden ſie ſchweigend zu, daß ſie es ihm durch eine Gaunerei abgenommen hatten. Dies ver⸗ anlaßte einen ſehr bittern Streit zwiſchen der Lambertini und mir, nachdem der junge Mann ſich entfernt hatte. Sie ſagte, es würde ſich Alles gut gemacht haben und wir wür⸗ den die vierzig Louisd'ors behalten haben, wenn ich mich nicht in die Sache gemiſcht hätte; ſie und nicht mich habe der junge Mann beleidigt. Die Genueſerin fügte hinzu, wenn wir kaltblütig geweſen wären, würden wir ihn lange behalten haben, während jetzt Gott allein wiſſen könne, was er mit dem Brandflecke im Geſichte anfangen werde. Da mich die niederträchtigen Reden der beiden Proſtituirten langweilten, ſo wünſchte ich ſie zu allen Teufeln; aber meine Wirthin ſetzte ſich aufs hohe Pferd und nannte mich einen Lumpen. Wäre Herr le Noir nicht hinzugekommen, ſo würde es ihnen ſchlecht ergangen ſein, denn ich hatte ſchon meinen Stock ergriffen. Beim Anblicke Herrn le Noir's baten ſie mich ſtille zu ſein; aber ich war erhitzt, und mich zu die⸗ ſem ehrenwerthen Manne wendend, ſagte ich zu ihm, ſeine Geliebte habe mich einen Lumpen genannt, ſie ſei aber nur eine Proſtituirte, und ich ſei weder ihr Couſin noch ſonſt ihr Verwandter und ich würde heute ausziehn. Nachdem ich dies ſchnell herausgeſprudelt, ging ich hinaus und ſchloß mich in meinem Zimmer ein. In einigen Stunden werde ich meine Sachen holen und morgen früh mit Dir frühſtücken. Tiretta hatte Recht; er hatte eine edle Seele und ein⸗ zelne leichtſinnige Jugendſtreiche durften ihn nicht veranlaſſen, ſich in den Schlamm der Gemeinheit zu ſtürzen. So lange der Menſch keine ihn brandmarkende Handlung begangen hat, 10* 148 ſo lange ſein Herz ſich nicht zum Mitſchuldigen der Verir⸗ rungen ſeines Kopfes gemacht hat, kann er mit Ehren auf die Bahn der Pflicht zuruͤckkehren. Ich würde daſſelbe von den Frauen ſagen, wenn nicht das Vorurtheil zu laut ſpräche, und wenn die Frau bei ihren Handlungen nicht mehr durch das Herz als durch den Kopf beſtimmt würde. .* Wir trennten uns, nachdem wir gut geſpeiſt und köſt⸗ lichen Sillery getrunken, und ich ſchrieb ſodann den ganzen Abend. Am folgenden Tage machte ich einige Gänge und begab mich zur betrübten Frommen, welche ich in Geſell⸗ ſchaft ihrer reizenden Nichte fand. Wir ſprachen einen Augenblick vom Regen und vom ſchönen Wetter, worauf ſie meiner Freundin ſagte, ſie möge uns allein laſſen, da ſte mit mir zu ſprechen habe. Ich hatte mich auf die Scene vorbereitet und wartete, daß ſie das Schweigen brechen würde, welches jede Frau an ihrer Stelle einige Minuten beobachtet. Sie werden ſich wundern, mein Herr, über das, was ich Ihnen zu ſagen und über die Mittheilungen, welche ich Ihnen zu machen habe, denn es iſt eine Klage unerhörter Art, welche ich bei Ihnen anhängig zu machen habe. Der Fall gehört gewiß zu den allerzarteſten, und um mich zu meinem Entſchluſſe zu bringen, war nichts Geringeres er⸗ forderlich, als die Idee, welche ich beim erſten Sehen von Ihnen gefaßt habe. Ich halte Sie für vernünftig, verſchwiegen, für einen Mann von Ehre und guten Sitten; ich glaube endlich, daß Sie ächte Religion haben; ſollte ich mich täu⸗ ſchen, ſo wird es nicht ohne ein Unglück abgehn, denn ſo beleidigt, wie ich es bin und da ich die Mittel habe, werde ich mich zu rächen wiſſen, und da Sie ſein Freund ſind, ſo kann Ihnen das nicht lieb ſein. Beklagen Sie ſich über Tiretta, Madame? Ja, über ihn. gemacht? Er iſt ein Böſewicht, welcher mir einen beiſpielloſen Schimpf angethan hat.— Und welches Verbrechens hat er ſich gegen Sie ſchuldig 18—24à ,— , COQ9“è“—.— rir⸗ auf von laut nicht numt köſt⸗ nzen und ſell⸗ inen rauf da cene chen uten was 2 ich orter Der h zu 1b er⸗= von egen, aube täu⸗ n ſo verde d, ſo ildig loſen 149 Ich hätte ihn deſſen nicht für fähig gehalten. Ich glaube es, weil Sie gute Sitten haben. Aber welcher Art iſt der Schimpf, über den Sie ſich beklagen? Rechnen Sie ganz auf mich, Madame. Mein Herr, das werde ich Ihnen nicht ſagen, das iſt nicht möglich; aber ich hoffe, daß Sie es errathen werden. Geſtern bei der Hinrichtung dieſes vermaledeiten Damiens hat er zwei Stunden lang ſeine Stellung hinter, mir anf eine ſchändliche Art gemißbraucht. uuv B h drbee — ch verſtehe; ich errathe, was er gemacht hat, und Sie brauchen mir nichts weiter zu ſagen. Sie haben Recht, erzürnt zu ſein, und ich verdamme ihn, denn er hat ſich hinterliſtig benommen. Aber geſtatten Sie mir die Bemer⸗ kung, daß der Fall nicht beiſpiellos, ja nicht einmal ſelten iſt, und ich glaube, daß man ihn der Liebe, oder dem Zu⸗ falle der Situation, oder der zu großer Nähe des in Ver⸗ ſuchung führenden Feindes verzeihen kann, beſonders wenn der Süͤnder jung und feurig iſt. Uebrigens kann dies Verbrechen auf verſchiedene Weiſe geſühnt werden, wenn die Parteien einig ſind. Tiretta iſt Junggeſelle, er iſt hübſch und im Grunde ein anſtändiger Mann; eine Heirath iſt alſo ſehr zuläſſig. Ich erwartete eine Antwort; da ich aber ſah, daß die Beleidigte bei ihrem Schweigen beharrte, was mir von gu⸗ ter Vorbedeutung ſchien, ſo fuhr ich fort: Wenn die Ehe nicht Ihrer Denkweiſe entſpricht, ſo kann er den Fehler durch eine beſtändige Freundſchaft, welche Ihnen ſeine Reue beweiſt und ihm Ihre Nachſicht erwirbt, wieder gut machen. Bedenken Sie, Madame, daß Tiretta ein Menſch iſt und daher allen Schwächen der Menſchlichkeit unter⸗ worfen. Bedenken Sie auch, daß Sie ebenfalls ſchul⸗ dig ſind. Ich, mein Herr? Ja, Madame, aber unſchuldiger Weiſe, denn direkt haben Sie nicht die Verirrung ſeiner Sinne veranlaßt. Indeß bezweifle ich nicht, daß ohne deren Einfluß die Sache ſich nicht zugetragen haben würde, und ich glaube, daß die⸗ ſer Umſtand Sie beſtimmen muß, ihm zu verzeihn. —— 2 —— * Ihm zu verzeihen? Sie ſind ein geſchickter Advokat, mein Herr; aber ich laſſe Ihnen gern Gerechtigkeit wider⸗ fahren und erkenne gern, daß Alles, was Sie ſagen, aus . einem chriſtlichen Gemüthe kommt. Indeß alle Ihre Aus⸗ einanderſetzungen gehen von einer falſchen Annahme aus. Sie kennen die Thatjache nicht; aber wer könnte dieſe auch wohl errathen? Madame wes, welche jetzt Thränen vergoß, brachte mich völlig außer mir. Ich wußte nicht, was ich denken ſollte. Sollte er ihr die Börſe geſtohlen haben? fragte ich mich, er iſt deſſen nicht fähig oder ich jage ihm eine Kugel durch den Kopf. Doch warten wir. Bald trocknete die betrübte Fromme ihre Thränen und fuhr fort. Sie denken an ein Verbrechen, welches man mit gro⸗ ßer Mühe noch mit der Vernunft in Einklang bringen A könnte, und für welches ſich, ich gebe es zu, noch eine paſſende Genugthuung finden ließe; aber was der rohe Menſch mir angethan hat, daran möchte ich am liebſten gar nicht den⸗ ſ/ ken, denn ich könnte toll darüber werden 74 Gerechter Gott! Was höre ich! Ich ſchaudere! Sagen Sie mir gefälligſt, ob ich auf der richtigen Spur bin. Ich glaube wohl, denn meiner Anſicht nach läßt ſich nichts Aergeres denken. Ich ſehe, daß Sie bewegt ſind, aber die Sache iſt ſo. Entſchuldigen Sie meine Thränen und ſuchen Sie den Grund derſelben nur in meiner Betrübniß und in der Schmach, welcher ich unterliege. Und in der Religion? Gewiß auch. Sie iſt ſogar die hauptſächlichſte und ich habe dieſelbe bloß deshalb nicht erwähnt, weil ich nicht wußte, ob Sie derſelben ebenſo zugethan wären, wie ich. Gott ſei gelobt, ſo ſehr es mir möglich iſt, und nichts kann mich derſelben abwendig machen. So machen Sie ſich gefaßt darauf, daß ich meine Se⸗ ligkeit verſcherze, denn ich will mich rächen. Nein, geben Sie dieſen Gedanken auf; ich könnte nie Ihr Mitſchuldiger werden; wenn Sie ihn aber nicht aufge⸗ ben wollen, ſo laſſen Sie mich wenigſtens nichts davon wiſſen. Ich verſpreche Ihnen, demſelben nichts zu ſagen, 6 . 1 * obwohl er bei mir wohnt, und die heiligen Geſetze der Gaſt⸗ freundſchaft mich nöthigen, ihm Alles mitzutheilen. Ich glaubte, er wohne bei der Lambertini. Er hat ſie geſtern verlaſſen. Das war ein verbreche⸗ riſches Zuſammenwohnen, eine anſtößige Verbindung. Ich habe ihn vom Abgrund zurückgezogen. Was Sie ſagen! Nur die reine Wahrheit. Sie erſtaunen mich! Sie erbauen mich. Ich will ſei⸗ nen Tod nicht, aber geſtehen Sie, daß ich auf eine Genug⸗ thuung Anſpruch habe. Das gebe ich zu. Franzöſin nicht auf italiäniſche Manier, ohne ſeinen Fehler auf eine glänzende Weiſe gut zu machen; aber ich kenne ⸗ b keine Genugthuung, welche der Beleidigung entſpräche. Ich 1 kenne nur eine und mache mich anheiſchig, ſie Ihnen zu ver⸗ 2 ſchaffen, wenn Sie ſich damit begnügen wollen. Und worin beſteht dieſe? Ich werde den Schuldigen durch eine Ueberraſchung in Ihre Hände liefern und denſelben allein und völlig Ihrem Zorne preis gegeben bei Ihnen laſſen, jedoch unter der Be⸗ hne ſein Vorwiſſen im nächſten Zimmer dingung, daß ich ohne ſei bleiben darf, denn ich bin mir ſelbſt verantwortlich dafür, daß ſein Leben in keine Gefahr geräth. Ich willige darein. Sie werden in dieſem Zimmer bleiben und ich in dem andern, wo ich Sie empfangen werde; er darf aber nichts davon wiſſen. Durchaus nichts. Er ſoll nicht einmal erfahren, daß ich ihn zu Ihnen bringe, denn er darf nicht wiſſen, daß ich ſeinen treuloſen Streich kenne. Wenn er hier iſt, und die Unterhaltung auf einen beliebigen Gegenſtand gefallen iſt, ſo werde ich unter irgend einem Vorwande hinausgehen. Wann denken Sie ihn zu mir zu bringen? Ich wünſche ihn bald zu beſchämen. Ich werde ihn zerſchmettern. Ich bin neugierig, welche Gründe er in feinem Kauderwälſch anfüh⸗ ren wird, um ſeine unnatürliche That zu entſchuldigen. Ich weiß es nicht; aber vielleicht macht ihn Ihre Ge⸗ genwart beredt; und ich wünſche es, denn es würde mir —. 7.„ 2. Man behandelt eine liebenswürdige —,—— — — ——— 2 4 5 ‿ angenehm ſein, ſehen. Sie nöthigte mich, mit ihr und dem Abbé des Forges, welcher um ein Uhr kam, zu Mittag zu ſpeiſen. Dieſer Abbé war ein Zögling des berühmten Biſchofs von Auxerre, welcher noch lebte. Während des Eſſens ſprach ich ſo ſchön von der Gnade, citirte ſo oft den heiligen Auguſtin, daß der Abbé und die Fromme mich für einen eifrigen Janſe⸗ niſten hielten, was ich doch durchaus nicht war. Meine theure Freundin, die liebenswürdige Nichte, ſah mich wäh⸗ rend des ganzen Eſſens nicht einmal an, und da ich voraus ſetzte, daß ſie dies aus Gründen thue, redete ich ſie nicht ein einzigesmal an. Nach dem Eſſen, welches, beiläufig bemerkt, ausgezeich⸗ net war, verſprach ich der Beleidigten, ihr den Schuldigen mit gebundenen Händen und Füßen morgen nach dem Schauſpiele, in welches ich ihn führen wollte, zu überlieſern. Ich ſagte ihr ferner, um ſie in gute Stimmung zu brin⸗ gen, ich würde zu Fuße kommen, und wäre ſicher, daß er das Haus nicht wiedererkennen würde. Als ich wieder zu Tiretta kam, nahm ich eine halb ernſte, halb komiſche Miene an und warf ihm die ſchändliche Handlung vor, welche er gegen eine fromme und in jeder Beziehung achtungswerthe Frau begangen; aber der tolle Menſch fing an zu lachen, und es wäre vergeblich geweſen, ihn eines Beſſern belehren zu wollen. Wie! Sie ſelbſt hat Dir die Thatſache erzählt? Du läugneſt alſo die Thatſache nicht. Wenn ſie es ſagt, halte ich mich nicht für berechtigt, ſie Lügen zu ſtrafen; aber ich ſchwöre Dir auf meine Ehre, Sie beiderſeitig zufrieden mit einander zu daß ich es nicht beſtimmt weiß. In der Lage, in welcher ich war, kann ich unmöglich wiſſen, in welches Zimmer ich gekommen bin. Uebrigens werde ich ſte denn ich werde mich kurz faſſen, und ſie ni ſchon beruhigen, cht lange warten laſſen.— Kurz! Thue das gar nicht, damit würdeſt Du Alles verderben. Sei ſo weitläuftig wie möglich, das wird ihr angenehm ſein; auch iſt dies ja Dein Intereſſe. Beeile Dich —.— —yyVͤ rnAͤ—, SS& 8 4—, » 153 zu nicht; auch ich werde dabei gewinnen, denn ich bin ſicher mich nicht zu langweilen, während Du ihren Zorn in ein 2, ſanfteres Gefühl zu verwandeln ſuchſt. Bedenke, daß Du ſer nicht wiſſen darfſt, daß ich im Hauſe bin, und wenn Du re, zufälliger Weiſe nur kurze Zeit bei ihr bleiben ſollteſt, was on ich indeß nicht glaube, ſo nimm einen Fiaker und fahre 1 nach Hauſe. Du ſiehſt wohl ein, daß die Fromme mir zum e⸗ mindeſten die Rückſicht ſchuldig iſt, mich nicht allein und ne ohne Feuer zu laſſen. Vergiß nicht, daß ſie wie Du von h⸗ guter Geburt iſt. Dieſe vornehmen Frauen haben keine 8 beſſeren Sitten als die andern, denn ſie ſind eben ſo gebaut, t aber ſie verlangen Rückſichten, welche ihrem Stolze ſchmei⸗ cheln. Sie iſt reich, fromm und wollüſtig, ſuche ihre Freund⸗ e ſchaft zu gewinnen, aber üicht indem Du ihrer Rückſeite Deine Vorderſeite zuwendeſt, ſondern de faghene a faciem, 55 n wie der König von Preußen ſagt.*) Vielleicht machſt Du . Dein Glück. Wenn ſie Dich frägt, warum Du die Nichte 2 des Papſtes verlaſſen, ſo ſage ihr ja keinen Grund und laſſe ſte auch keinen ahnen, denn Verſchwiegenheit wird ihr ge⸗ fallen. Suche endlich Deine ſchwarze That zu büßen. — Ich brauche ihr nur die Wahrheit zu ſagen; ich bin . Biij Kinoei 4 7— . wie ein Blinder hineingefahren. 1 Das iſt der einzig richtige Grund und eine Franzöſin kann ihn für einen guten halten. Ich brauche dem Leſer wohl nicht erſt zu ſagen, daß ich Tiretta einen getreuen Bericht von meiner Unterhaltung mit der Matrone erſtattete. Wenn einige zarte Seelen über dieſen Mangel an Aufrichtigkeit Lärm ſchlagen ſollten, ſo würde ich ihnen ſagen, daß ich mein Verſprechen mit einem innern Vorbehalte gegeben, und diejenigen, welche die Moral der Kinder des Ignazius nur einigermaßen kennen, werden wiſſen, daß ich mich dadurch vollkommen entlaſtet fühlen ⸗ darf. — ☛ *) D'Alembert hat es gewagt, den großen König zu verbeſſern, und beinahe wäre ich unbeſonnen genug geweſen, es ebenſo zu machen, denn wozu braucht ein König lateiniſch ſprechen zu können? Anmerk. v. Caſanova. —— — zur tugendhaften Beleidigten, welche uns auf eine ſehr würdevolle Weiſe, aber auch mit einer gewiſſen Liebenswür⸗ digkeit empfing, die mir von guter Vorbedeutung ſchien. Ich ſpeiſe nie zu Abend, ſagte ſie, aber hätte ich gewußt, daß Sie kommen würden, meine Herren, ſo würde ich für etwas geſorgt haben. Nachdem ich ihr alle Neuigkeiten mitgetheilt, welche ich im Foyer hatte erzählen hören, ſchützte ich ein Geſchäft vor und bat ſie, ſie einen Augenblick mit meinem Freunde allein laſſen zu dürfen. Wenn ich in einer Viertelſtunde nicht zurück bin, lieber Graf, ſo brauchſt Du nicht zu warten. Fahre dann in einem Fiaker nach Hauſe und morgen wer⸗ den wir uns wiederſehen. 1 Anſtatt hinunterzugehen, ging ich ins benachbarte Zim⸗ mer, welches einen Eingang vom Flur hatte, und zwei Mi⸗ nuten darauf ſah ich meine liebenswürdige Freundin mit einem Lichte eintreten, welche durch meinen Anblick angenehm überraſcht wurde. Ich weiß nicht, ob ich träume, ſagte ſie, aber meine Tante hat zu mir geſagt, ich möchte Sie nicht allein laſſen uud der Kammerfrau ſagen, ſie ſolle nicht eher kommen, als bis ſie klingeln würde. Ihr Freund iſt bei ihr, und ſie hat mir befohlen, leiſe zu ſprechen, weil er nicht erfahren ſoll, daß Sie hier ſind. Darf ich fragen, was dieſe wunderbare Geſchichte zu bedeuten hat. Sie ſind alſo neugierig? 1 Ich geſtehe, daß ich es jetzt bin, denn in dieſer Ge⸗ ſchichte iſt Alles geheimnißvoll und geeignet, die Neugierde zu erregen. Sie ſollen Alles erfahren, mein Engel, aber es iſt kalt. Meine Tante hat mir befohlen, ein gutes Feuer zu machen; ſie iſt plötzlich freigebig, ja verſchwenderiſch gewor⸗ den, denn wie Sie ſehen, haben wir Wachslichte. Das iſt alſo etwas Neues für Sie? O, etwas ſehr Neues. Als wir am Feuer ſaßen, erzählte ich ihr die ganze Geſchichte, welcher ſie mit der Aufmerkſamkeit eines jungen Als ich mit meinem Freunde Alles verabredet, gingen wir am nächſten Tage in die Oper, und von da zu Fuße ——— ¼y—+H————— 2—,o „— — 155 Mädchens zuhörte; da ich aber die Sache etwas verſchleiern zu müſſen glaubte, ſo verſtand ſie nicht recht, welches Ver⸗ brechens ſich Tiretta ſchuldig gemacht hatte. nicht unlieb, daß ich ihr die Sache in deutlichen Ausdrücken erklären mußte, und um die Schilderung anſchaulicher zu machen, ſetzte ich die Geberdenſprache hinzu, welche ſie zum Lachen und Erröthen brachte. Ich ſagte ihr dann, daß ich ihrer Tante eine Genugthuung für den ihr angethanen Schimpf hatte verſchaffen müſſen, und daß ich hierbei Alles ſo angeordnet, daß ich die ganze Zeit, während welcher mein Freund dieſe beſchäftige, mit ihr allein bleiben könne. Wäh⸗ rend deſſen fing ich an, ihr ganzes Geſicht mit verliebten Küſſen zu bedecken, und da ich mir keine weitere Freiheit geſtattete, ſo empfing ſie meine Umarmungen als Proben meiner Zärtlichkeit und der Reinheit meiner Gefühle. Mein Freund, ſagte ſie, was Sie mir geſagt haben, iſt mir uner⸗ klärlich und beſonders kann ich zweierlei nicht verſtehen. Wie hat Tiretta gegen meine Tante ein Verbrechen verüben können, welches ich für möglich halte, wenn der angegriſſane Phlleeenwerſtemden damit iſt, welches mir aber oͤhne deſſen Einwilligung unmöglich ſcheint? Ich möchte daher glauben, daß, wenn das Verbrechen begangen worden iſt, ſie es gern geſehen hat. Das iſt ſehr richtig, denn um die Sache zu vereiteln, brauchte ſie nur ihre Stellung zu ändern. Deſſen bedurfte es wohl nicht einmal, denn meiner Anſicht nach ſtand es in Ihrer Macht, die Thüre zu ver⸗ ſchließen.—— — Darin täuſcheſt Du Dich, theure Freundin, denn für einen ordentlichen Mann iſt nur die Beibehaltung derſelben Stellung erforderlich, um den Eingang zu erzwingen. Und dann glaube ich auch nicht, daß bei Ihrer Tante die Thür ſo gut wie bei Ihnen verſchloſſen iſt. Ich glaube, daß ich alle Tiretta's herausfordern könnte. Was ich ferner nicht begreife, iſt, daß meine fromme Tante mit Ihnen über dieſen Schimpf hat reden können; denn wenn ſie Geiſt hätte, hätte ſie wiſſen müſſen, daß ſie ſich dadurch nur lächerlich machen könnte. Und welche Genug⸗ Er war mir „ — 156 thuung erwartet ſie denn wohl von einem rohen und tollen Menſchen, der vielleicht nicht das geringſte Gewicht auf die Sache legt? Ich denke mir, daß er jeder Frau, welche an der Stelle meiner Tante geweſen wäre, denſelben Schimpf anzuthun verſucht haben würde. Sie haben ſehr Recht, denn zu mir hat er geſagt, er ſei wie ein Blinder, und ohne zu wiſſen, wohin er gelange, hineingefahren. Ihr Freund iſt ein drolliger Mann, und wenn ihm alle Männer gleichen, ſo bin ich ſicher, daß ich ſie nur würde verachten können. Ueber die Genugthuung, welche Ihre Tante erwartet und welche zu erlangen ſie ſich ſchmeichelt, hat ſie mir nichts geſagt, aber ſie iſt leicht zu errathen; und wenn ich nicht irre, wird dieſelbe in einer Liebeserklärung beſtehen, welche ihr mein Freund machen wird, und er wird ſein Verbrechen, welches er der Unwiſſenheit zuſchreiben wird, ſühnen, indem er ihr ordentlicher Liebhaber wird, und ohne Zweifel wird iie Hochzeit heut Nacht ſtattfinden. Nun wird die Geſchichte wirklich komiſch. Indeß glaube ich nichts davon. Meine Tante iſt zu ſehr für ihr Heil beſorgt. Und wie ſoll denn der junge Mann verliebt ſein oder die Rolle eines Verliebten ſpielen, wenn er eine Figur wie die ihrige vor Augen hat? Seinen tollen Streich will ich ihm hingehen laſſen, denn er ſah ſie nicht. Haben Sie je ein ſo ekelhaftes Geſicht wie das meiner Tante geſehen? Eine kupferrothe Geſichtsfarbe, Augen, aus welchen geſchmol⸗ zenes Wachs träufelt, Zähne, und einen Athem, welcher je⸗ dem Manne den Muth benehmen müſſen. Sie iſt ab⸗ ſcheulich. Das ſind Kleinigkeiten für einen jungen Burſchen von fünfundzwanzig Jahren. In dieſem Alter iſt man immer bereit Sturm zu laufen. Anders iſt es mit mir, denn ich kann nur bei Reizen, wie die Ihrigen, in deren Beſitz ich bald auf geſetzliche Weiſe zu treten hoffe, Mann ſein. Sie werden in mir die zärtlichſte Gattin finden, und ich bin ſicher, daß es mir gelingen wird, Ihr Herz auf eine d—— mbB+— ———— 161 Sie war blendend. Sehen Sie ſie wohl? ſagte die Tante. Sie iſt wirklich nicht übel. Es iſt ſchade, daß ſie ſo dumm iſt. Du haſt wohl daran gethan, dem Herrn zu eſſen zu geben; ich danke Dir für dieſe Aufmerkſamkeit. Ich habe die ganze Nacht geſpielt, und wenn man ſpielt, ſo denkt man nur an das Spiel; man vergißt Alles, was nicht zur Partie gehört. Ich habe durchaus nicht daran gedacht, daß Sie hier wären; da ich nicht wußte, daß der Graf Tiretta zu Abend ſpeiſe, ſo habe ich für nichts geſorgt, aber künf⸗ tig wollen wir zu Abend ſpeiſen. Ich habe den jungen Mann in Penſion genommen. Er hat einen ausgezeichneten Charakter und viel Geiſt, und ich bin ſicher, daß er bald gut franzöſiſch ſprechen wird. Kleide Dich an, Nichte, denn wir müſſen unſere Sachen packen. Wir reiſen heute nach la Villette und werden dort den ganzen Frühling bleiben. Höre, Nichte, Du brauchſt dieſe Geſchichte nicht meiner Schweſter zu erzählen. Ich, Tante? O, gewiß nicht. Und habe ich ihr denn die andern Male etwas geſagt? 9— Die andern Male! Man ſehe nur, wie dumm das Mädchen iſt. Sollte man nicht meinen, dies wäre nicht das erſtemal, daß mir ſo etwas zuſtößt. So meinte ich es nicht, Tante; ich wollte ſagen, daß ich ihr nie etwas von dem erzähle, was Sie thun. Das iſt gut; aber Du mußt lernen, Dich auszudrücken, wie ſich's ſchickt. Wir werden um zwei Uhr ſpeiſen. Herr Caſanova wird uns hoffentlich das Vergnügen erweiſen, mit uns zu ſpeiſen, und wenn wir von Tiſche aufſtehen, werden wir abreiſen. Tiretta hat mir verſprochen, mit ſei⸗ nem Mantelſacke hierher zu kommen und derſethe wird mit unſern Sachen befördert werden. Nachdem ich ihr verſprochen mich einzufinden, grüßte ich die Damen und ging eiligſt nach Hauſe, denn ich war neugierig wie ein Weib zu erfahren, Mie dieſe wichtige Sache geordnet worden. Wolan! ſagte ich zu Tiretta, Du biſt alſo untergebracht. Erzähle mir ſchnell, wie Alles ge⸗ kommen. Mein Theurer, ich habe mich für fünfundzwanzig VII. 11 * .“ 162 Louisd'ors monatlich, guten Tiſch, gute Wohnung u. ſ. w. verkauft. Ich mache Dir mein Compliment dazu. Wenn Du glaubſt, daß das der Mühe werth iſt. Keine Roſen ohne Dornen. Uebrigens hat ſie zu mir geäußert, Du wäreſt ein übermenſchliches Weſen. Um es ihr zu beweiſen, habe ich die ganze Nacht ge⸗ rbeitet; aber ich bin überzeugt, daß Du die Zeit beſſer an⸗ gewendet haſt als ich.„. Ich habe wie ein König geſchlafen. Ziehe Dich an, denn ich bin zum Mittagseſſen eingeladen und ich will Dich nach la Villette abreiſen ſehen, wo ich Dich zuweilen beſuchen werde, da Dein Liebchen mir geſagt hat, daß ich dort ein Zimmer finden würde. Wir langten um zwei Uhr an. Madame**, wie ein junges Mädchen gekleidet, ſpielte eine ſonderbare Figur; aber Fräulein von la Meure war über die Maaßen ſchön. Die Liebe hatte ihr ganzes Weſen entwickelt, und das Vergnü⸗ gen ſie zu einem neuen Leben erweckt. Wir ſpeiſten ſehr gut, denn die Dame kokettirte mit ihrem Eſſen wie mit ih⸗ rem Anzuge; aber an den Gerichten war wenigſtens nichts lächerlich, während an ihr Alles den Charakter des Komi⸗ ſchen und Lächerlichen hatte. Um vier Uhr reiſten ſie mit Tiretta ab, und ich verbrachte meinen Abend in der italiä⸗ niſchen Komödie. Ich war verliebt in Fräulein von la Meure, aber die Tochter Sylvia's von welcher ich keinen andern Genuß hatte, als den mit ihr und ihrer Familie zu ſpeiſen, ſchwächte dieſe Liebe, welche mir nichts mehr zu wünſchen übrig ließ. Wir beklagen uns über die Frauen, welche uns ihre Gunſtbezeugungen verweigern, obwohl ſie verliebt ſind und ſicher ſind, geliebt zu werden; aber wir haben Unrecht, denn wenn ſie uns lieben, müſſen ſie fürchten, uns zu verlieren, indem ſie uns unſern Willen thun; ſie müſſen alſo Alles aufbieten, um uns zu erhalten, und das können ſie nur, wenn ſie unſere Begierde ſie zu beſitzen nähren; aber die Begierde wird nur durch die Entbehrung genährt; der Ge⸗ w. 163 nuß erſtickt ſie, denn man begehrt nicht mehr, was man be⸗ ſitzt. Ich folgere alſo daraus, daß die Frauen Recht ha⸗ ben, wenn ſie unſere Begierden nicht befriedigen. Wenn aber bei beiden Geſchlechtern die Begierden gleich ſind, warum ereignet es ſich denn nie, daß ein Mann ſich einer Frau entzieht, welche ihn liebt und welche ſich um ihn bemüht? Wir können die Furcht vor den Folgen nicht als Er⸗ klärung annehmen, da dieſe Vorausſetzung nicht immer zu⸗ trifft. Wir glauben, der einzige Grund liegt darin, daß der Mann, welcher weiß, daß er geliebt wird, das Ver⸗ gnügen, welches er gewährt, höher ſchätzt als das, welches er empfängt, und daß er ſich deshalb beeilt, das Vergnügen zu einem gemeinſamen zu machen. Der Mann weiß auch, daß im Allgemeinen die Frau, welche von dem lebenden Funken des Vergnügens berührt wird, ihre Zärtlichkeit, Zu⸗ vorkommenheit und Anhänglichkeit verdoppelt. Die Frau dagegen, welche ſich nur mit ihrem eigenen Intereſſe beſchäf⸗ tigt, legt mehr Werth auf das Vergnügen, welches ſie ſel⸗ ber hat, als auf das, welches ſie gewährt, und aus dieſem Grunde verzögert ſie es, ſo lange ſie kann, denn wenn ſie ſich hingiebt, fürchtet ſie, das zu verlieren, was ihr theuer iſt, ihr eigenes Vergnügen. Dies Gefühl iſt dem ſchönen Ge⸗ ſchlechte eigen und es iſt die einzige Urſache der Koketterie, welche die Vernunft den Frauen verzeiht und nur an Män⸗ nern verdammen kann. „Soldig's Tochter liehte mich undWußte, daß ich ſie liebte, obwohl ich ihr nie etwas davon geſagt; aber Frauen haben ein ſo feines Gefühl! Nebrigens hütete ſte ſich wohl, mir dies zu zeigen, denn ſie fürchtete, mich aufzumuntern, Gunſtbezeugungen von iyr zu fordern, und da ſie ſich nicht Stärke genug zutraute, mir dieſelben abzuſchlagen, ſo fürch⸗ tete ſie meine Unbeſtändigkeit. Ihre Aeltern hatten ſie Clément beſtimmt, der ſie ſeit Jahren im Klavierſpiele unterrichtete; ſte wußte es, und nichts hielt ſie ab, in dieſe Heirath zu willigen, denn obwohl ſie ihn nicht liebte, ſah ſie ihn doch gern. Der größte Theil der wohlerzogenen Damen unterwirft ſich dem Gott Hymen ohne Einmiſchung Amors 11* —õ —— — und ſie haben nichts dagegen. Sie fühlen, daß ſte durch- die Ehe etwas in der Welt werden; ſie verheirathen ſich, um einen Hausſtand, eine Stellung zu haben. Sie ſcheinen einzuſehen, daß ein Mann nicht ein Liebhaber zu ſein braucht. In Paris herrſcht dieſe Anſicht auch unter den Männern und deshalb ſind die meiſten Ehen conventio⸗ nelle Verbindungen. Die Franzoſen ſind eiferſüͤchtig auf ihre Geliebten, nie aber auf ihre Frauen. Clément war erſichtlich in die junge Baletti verliebt, und dieſe freuke ſich, daß ich es bemerkte, denn ſie zweifelte nicht, daß dieſe Wahrnehmung mich zu einer Erklärung zwingen wuͤrde, und ſie täuſchte ſich darin nicht. Die Ab⸗ reiſe von Fraulein von la Meure trug viel dazu bei, mich dieſen Entſchluß faſſen zu laſſen, und ich hatte denſelben zu bereuen, denn nach meiner Erklarung wurde Clément ver⸗ abſchiedet und ich kam nun in eine üble Lage. Ein Mann, welcher einer Frau anders als pantomimiſch ſeine Liebe er⸗ klärt, verdient in die Schule geſchickt zu werden. Drei Tage nach Tiretta's Abreiſe brachte ich ihm ſein weniges Gepäck nach la Vilette, und Madame** ſah mich mit Vergnügen. Des Forges kam an, als wir uns eben zu Tiſche ſetzen ſollten. Dieſer Rigoriſt, welcher ſich in Pa⸗ ris ſehr freundſchaftlich gegen mich gezeigt, würdigte mich während des ganzen Eſſens keines Blickes und ebenſowenig Tiretta. Ich fragte ſehr wenig nach dem guten Mann, aber mein Freund, der die Sache nicht ſo ruhig wie ich hinnahm, verlor die Geduld, denn als das Deſſert kam, ſtand er auf und bat Madame** es ihn vorher wiſſen zu laſſen, wenn ſie dieſen Mann zu Tiſche laden würde. Man ſtand auf, ohne etwas zu ſagen, und Madame begab ſich mit dem ſchweigſamen Abbé in ein anderes Zimmer. Tiretta führte mich in ſein Zimmer, welches recht hübſch war und natürlich an das ſeiner Schönen gränzte. Während er ſeine Sachen ordnete, zeigte mir Fräulein von la Meure ihre Wohnung. Es war ein recht hübſches Ka⸗ binet im Erdgeſchoſſe und ihr Zimmer lag gegenüber. Ich ermangelte nicht, ſie aufmerkſam darauf zu machen, wie leicht ich zu ihr gelangen könnte, wenn Alles ſchliefe; ſie enig aber ihm, auf venn auf, dem 16⁵ fagte aber, bei ihr wäre es unbequem, und ſie würde mir die Mühe, mein Zimmer zu verlaſſen, erſparen. Ich fand dieſen Vorſchlag ſehr bequem und machte daher, wie ſich leicht denken läßt, keine Einwendung gegen denſelben. Sie erzählte mir ſodann, welche Thorheiten ihre fromme Tante für Tiretta beging. Sie glaubt, ſagte ſie zu mir, wir wüßten nicht, daß ſie bei ihm ſchläft. Sie glaubt es oder thut ſo, als ob ſie es glaubt. Das iſt möglich. Sie hat heute Morgen um elf Uhr ge⸗ klingelt und mir befohlen ihn zu fragen, ob er gut geſchla⸗ fen. Ich habe gehorcht; als ich aber ſah, daß ſein Bett ganz unberührt war, fragte ich ihn, ob er nicht zu Bett gegangen ſei. Nein, antwortete er, ich habe die ganze Nacht geſchrieben, aber ſagen Sie gefälligſt Ihrer Tante nichts da⸗ von. Ich habe ihr verſprochen, Nachts nicht aufzubleiben. Liebäugelt er mit Dir? Nein; auch muß er ja, wenn er nur einigen Geiſt hat, wiſſen, wie wenig Werth ich auf ihn lege. Weshalb? O, pfui! meine Tante bezahlt ihn. Sich verkaufen! Das iſt ſchrecklich. Aber Du bezahlſt mich ja auch. Aber mit derſelben Münze, die ich von Dir bekomme. Die alte Tante glaubte, ihre Nichte habe keinen Geiſt und nannte ſie immer nur dumm. Ich fand dagegen, daß ſie ſehr viel Geiſt hatte; aber ſie hatte ebenſo viel Tu⸗ gend, und ich würde ſie nie haben verführen können, wenn ſie nicht in einem Kloſter von Betſchweſtern erzogen wor⸗ den wäre. Ich kehrte zu Tiretta zuruͤck und blieb eine gute Stunde bei ihm. Ich fragte ihn, ob er mit ſeiner Stellung zu⸗ frieden wäre. Ich thue es ohne Vergnügen, aber da es mir nicht ſchwer wird, ſo bin ich nicht unglücklich. Aber ihr Geſicht! Ich ſehe nicht hin und was mir beſonders an ihr ge⸗ fällt, das iſt ihre große Reinlichkeit. Geht ſie gut mit Dir um? — fließt vor Gefühl über. Dieſen Morgen hat ſie den 3 nich ihr bieten wollte, nicht angenommen. Ich bin ſicher, ſagte ſte zu mir, daß meine Weigerung Dir unangenehm ſein muß, aber Deine Geſundheit iſt mir ſo theuer, daß Du ſie ſchonen mußt. Da ſich der finſtere Abbé Des Forges entfernt hatte und Madame nun allein war, ſo gingen wir in ihr Zim⸗ mer. Sie behandelte mich wie einen Gevatter, machte die angenehme gegen Tiretta und ſpielte das Kind auf eine fürchterliche Weiſe. Tiretta hielt ihr tapfer Stand und ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern. Ich werde dieſen dummen Abhé nicht mehr ſehn, ſagte ſie; denn nachdem er mir geſagt, ich wäre in dieſer und je⸗ ner Welt verloren, hat er mir gedroht, mich zu verlaſſen, und ich habe ihn beim Worte genommen. Eine Schauſpielerin, die Quinault genannt, welche das Theater verlaſſen und in der Nachbarſchaft wohnte, ſtat⸗ tete Madame** einen Beſuch ab. Eine Stunde darauf kam auch Madame Favart mit dem Abbé Voiſenon und bald darauf ſahen wir Fräulein Amelin mit einem hübſchen Knaben erſchienen, welcher für ihren Neffen ausgegeben wurde und Calabre hieß. Dieſer junge Menſch ähnelte ihr wie ein Tropfen Waſſer dem andern, aber ſie hielt das für keinen hinreichenden Grund, um ſich als ſeine Mutter zu bekennen. Herr Paton, ein Pizmonteſe, welcher mit ihr ge⸗ kommen war, legte, nachdem êr ſich lange hatte bitten laſ⸗ ſen, eine Pharaobank, und in ſnoch nicht zwei Stunden ge⸗ wann er Allen das Geld ab, mit Ausnahme meiner, da ich die Klugheit gehabt hatte, nicht zu ſpielen. Ich brachte meine Zeit weit beſſer mit meiner hübſchen Geliebten zu. Ich hatte den Piemonteſen richtig gewürdigt; er war offenbar ein Schurke; aber Tiretta war nicht ſo ſchlau wie ich, denn er verlor all' ſein Geld und hundert Louisd'ors auf Ehren⸗ wort. Nachdem der Bankier eine gute Ernte gehalten, legte er die Karten weg und Tiretta ſagte ihm in deutlichem Italiäniſch, daß er ein Schurke ware. Der Piemonteſe er⸗ wiederte ihm mit der größten Kaltblütigkeit, er habe gelogen. Da ich ſah, daß die Sache eine uͤble Wendung nahm, ſo chen ben ihr für zu ge⸗ laſ⸗ ge⸗ tich neine hatte ein n er ren⸗ lten, chem er⸗= ggen. „ſo 167 4 ſagte ich, Tiretta habe geſcherzt und zwang meinen Freund, dies, wenn auch lachend, einzugeſtehen. Er ging ſodann auf ſein Zimmer. Acht Jahre ſpäter traf ich dieſen Paton in Petersburg und 1767 wurde er in Polen ermordet. Als ich an vnben Abende wieder mit Tiretta zu⸗ ſammentraf, hielt ich ihn eine ernſte und freundſchaftliche Strafpredigt. Ich bewies ihm, daß er im Spiele das Opfer der Geſchicklichkeit des Bankiers werde, der ein Schurke, aber tapfer ſein könne, daß er alſo ſein Leben daran ſetze, wenn er demſelben dies ſage. Soll ich mich denn beſtehlen laſſen? Ja; denn Du haſt freie Wahl. Es ſteht in Deiner Macht nicht zu ſpielen. Ich werde ſicherlich nicht die hundert Louisd'ors bezahlen. Ich rathe Dir, ſie zu bezahlen und zwar noch ehe er Dich darum bittet. Du beſitzeſt die Kunſt, zu Allem, was Du willſt, zu überreden, ſelbſt wenn man den beſten Willen hat, Deinen Rath nicht zu befolgen. Weil ich, mein Theurer, die Sprache des Herzens, un⸗ terſtützt von der Vernunft oder noch beſſer von der Erfah⸗ rung, ſpreche. Drei Stunden darauf legte ich mich nieder, und meine Geliebte erſchien bald. Dieſe Nacht war weit angenehmer als die erſte, denn die erſte Blüthe pflücken iſt oft eine ſchwierige Sache und der Werth, welchen die Menſchen im Allgemeinen auf dieſe Bagatelle legen, wird mehr durch den Egoismus als durch den Genuß bedingt. Nachdem ich am folgenden Tage mit der Familie ge⸗ frühſtückt und mich der ſchönen Röthe erfreut, welche die Wangen meiner Freundin färbte, kehrte ich nach Paris zu⸗ rück. Drei oder vier Tage darauf meldete mir Tiretta, daß der Kaufmann aus Dünkirchen angekommen ſei, daß er bei Madame** ſpeiſen werde, und daß ſie auch mich zu ſehn wünſche. Ich war auf dieſe Nachricht vorbereitet; nichts⸗ deſtoweniger ſtieg mir das Feuer ins Geſicht. Tiretta be⸗ —2— merkte es, und da er mich zum Theil errieth, ſagte er: Du biſt in meine Nichte verliebt. Woraus folgerſt Du das? Aus Deinem Erſtaunen, mein Theurer, und weil Du mir ein Hehl daraus machſt; aber die Liebe iſt ſchwatzhaft und verräth ſich ſogar durch das Schweigen. Du biſt gelehrt, theurer Tiretta. Ich werde mit Euch ſpeiſen, aber denke an Harpocrates. Er verließ mich. Mein Herz war zerriſſen. Vielleicht wäre mir einen Monat ſpäter die Ankunft dieſes Kaufmanns angenehm ge⸗ weſen; aber da ich kaum den Nektar an den Rand der Lip⸗ pen geführt, ſo konnte ich nur mit Schmerzen mir das koſt⸗ 97 Ich war in einem Zuſtande wirklich ſchmerzlicher Be⸗ hare Gefäß entreißen laſſen. klemmung. Dieſer Zuſtand trat jedesmal ein, wenn ich einen Entſchluß faſſen ſollte und in der Unmöglichkeit war, es zu thun. Wenn der Leſer ſchon in dieſem Falle gewe⸗ ſen, ſo kann er ſich meine grauſame Lage denken. Ich konnte weder in dieſe Heirath willigen, noch mich entſchließen, ſie zu ſtören, indem ich mir den Beſitz einer Frau ſicherte, welche geeignet war, mich glücklich zu machen. Ich begab mich nach la Vilette und war einigermaßen verwundert, Fräulein von la Meure geputzter als ſonſt zu finden. Ihr Zukünftiger, ſagte ich, wird Sie auch ohne die⸗ ſen Putz reizend finden. Meine Tante denkt nicht wie Sie. Sie haben ihn noch nicht geſehen? Ich bin neugierig, ihn zu ſehn, obwohl ich auf Sie rechne und nie ſeine Frau zu werden hoffe. Der Zukünftige kam einige Augenblicke darauf mit dem Bankier Corneman, welcher bei dieſem Geſchäfte den Mäkler gemacht hatte. Ich ſah einen ſehr ſchönen Mann von vier⸗ zig Jahren, von offener Phyſiognomie, ſehr gut, obwohl ohne alle Affektion gekleidet. Er ſtellte ſich Madame** auf eine einfache, aber unbefangene und höfliche Weiſe vor und blickte ſeine Zukünftige nicht eher an, als bis die Tante ſte ihm vorſtellte. Sein Weſen, als er ſte ſah, wurde ſanf⸗ Du Du Bhaft Euch einen n ge⸗ 3 Lip⸗ koſt⸗ koſt Be⸗ n ich war, gewe⸗ onnte 1, ſie cherte, naßen nſt zu ee die⸗ ff Sie it dem Mäkler n vier⸗ bwohl ne* iſe vor Tante e ſanf⸗ 169 ter, und ohne ſchöne Phraſen zu ſuchen, ſagte er auf eine gefühlvolle Weiſe, er wünſche, daß der Eindruck, welchen er auf ſie mache, dem einigermaßen gleiche, welchen ſie auf ihn mache. Sie antwortete nur mit einer artigen Verbeu⸗ gung, aber ſie ſtudirte ihn aufmerkſam. Man geht zu Tiſche und es wird von tauſenderlei Sa⸗ chen geſprochen, aber kein Wort vom Heirathen. Die beiden Brautleute betrachteten ſich nur verſtohlen und wechſelten kein Wort mit einander. Nach Tiſche begab ſich das Fräu⸗ lein auf ſein Zimmer und die Tante ging mit dem Bankier und dem Zukünftigen auf ihr Zimmer, wo ſie ein zweiſtün⸗ diges Geſpräch hatten. Da die Herren wieder nach Paris zurückkehren wollten, ſo ließ Madame** ihre Nichte rufen und ſagte in ihrer Gegenwart dem Bräutigam, ſie erwarte ihn morgen zu Tiſche und ſei überzeugt, daß ihre Nichte ihn mit Vergnügen ſehen werde. Nicht wahr, Nichte? Ja, liebe Tante, ich werde den Herren mit Vergnügen wiederſehen.— Hätte ſie dies nicht geſagt, ſo würde der Kaufmann abge⸗ reiſt ſein, ohne die Stimme ſeiner Zukünftigen gehört zu haben. Nun, was ſagſt Du zu Deinem Manne? Erlauben Sie, Tante, daß ich erſt morgen mit Ihnen darüber ſpreche; aber haben Sie die Güte, mich bei Tiſche ſprechen zu laſſen, denn möglicher Weiſe hat ihm mein Aeußeres nicht mißfallen, aber er weiß noch nicht, ob ich Verſtand habe und vielleicht zerſtört mein Geiſt wieder den geringen Eindruck, den mein Aeußeres auf ihn ge⸗ macht hat. Ja, ich fürchte ſehr, daß Du Dummheiten ſagſt und die gute Idee, welche er von Dir gefaßt hat, wieder zerſtöreſt. Man muß Niemand täuſchen. Deſto beſſer für ihn, wenn ihn die Wahrheit enttäuſcht, und deſto ſchlimmer für ihn und für mich, wenn wir uns entſchließen, uns zu ver⸗ binden, ohne uns zu kennen und ohne unſere Denkart irgend⸗ wie beurtheilen zu können. Wie gefällt er Dir? Nicht übel; er ſcheint mir ſogar liebenswürdig und ſehr annehmbar; aber warten wir bis morgen. Vielleicht mag er dann nicht, denn ich bin ja ſo dumm. Ich weiß wohl, daß Du Geiſt zu haben glaubſt, aber das gerade iſt das Unglück; die gute Meinung, welche Du von Dir haſt, iſt die Urſache Deiner Dummheit, trotz Herrn Caſanova's Anſicht, welcher Dich für geiſtvoll hält. Vielleicht verſteht er es. Nein, liebe Nichte, er macht ſich über Dich luſtig. Ich glaube, das Gegentheil ſunnehmam zu duͤrfen, liebe Tante.— Siehſt Du, das iſt wieder eine gehörige Dummheit. Ich bin nicht Ihrer Anſicht, Madame, nehmen Sie es mir nicht übel. Das Fräulein darf glauben, daß ich weit entfernt bin, mich über ſie luſtig zu machen, und ich wage Ihnen zu verſprechen, daß ſie morgen glänzen wird. Sie bleiben alſo hier; das freut mich. Wir wollen eine Partie Piquet machen, und ich werde allein gegen Sie beide ſpielen. Meine Nichte ſoll mit Ihnen zuſammen ſpielen, denn ſie muß das Spiel lernen. Tiretta bat ſein Püppchen um die Erlaubniß, in die Kömödie gehen zu dürſen. Wir u din allein und ſpielten bis zum Abendeſſen. Als Tiretta wiederkam, platzten wir beinahe vor Lachen über ſeine kauderwelſche Erzählung der Intrigue des von ihm geſehenen Stückes und trennten uns ſodann. Seit einer Viertelſtunde war ich auf meinem Zimmer, der Ankunft meiner Geliebten in ihrem Negligé entgegen⸗ ſehend; aber ſie kam völlig bekleidet. Das überraſchte mich und ſchien mir von ſchlechter Vorbedeutung zu ſein. Du biſt erſtaunt, mich angekleidet zu ſehen, ſagte ſie; aber ich muß einen Augenblick mit Dir ſprechen und werde mich ſo⸗ dann entkleiden. Sage mir ohne Umſchweife, ob ich in— dieſe Heirath willigen ſoll? Wie findeſt Du den Herrn? Er mißfällt mir nicht. 89 So heirathe ihn. Das genügt. Lebewohl. Mit dieſem Augenblicke hört mie fer! ag ber fern 171 unſere Liebe auf und beginnt unſere Freundſchaft. Lege Dich zu Bette; ich werde es ebenfalls thun. Lebewohl. Nein, bleibe; unſere Freundſchaft wird morgen beginnen. Nein, und wenn ich und Du ſterben müßten. Es wird mir ſchwer; aber es iſt unwiderruflich. Wenn ich die Frau eines Andern werden ſoll, ſo muß ich zunächſt die Ueber⸗ zeugung haben, ſeiner werth zu ſein. Es iſt auch möglich, daß ich glücklich werde. Halte mich nicht zurück, ſondern laß mich gehen. Du weißt, wie ſehr ich Dich liebe. G Umarmen wir uns wenigſtens. Nein. Du weinſt. Nein, im Namen Gottes, laß mich gehn. Mein Herz, Du kannſt auf Deinem Zimmer weinen. Ich bin in Verzweiflung, Liebe. Ich werde Dich heirathen. — Nein ich kann nicht mehr darauf eingehen. Als ſie dieſe Worte geſagt, macht ſie ſich los und ent⸗ floh. Ich blieb voll Schaam und Reue zurück. Ich konnte kein Auge ſchließen. Ich war mir ſelbſt zuwider, denn ich wußte nicht, ob ich ſchlechter gehandelt, indem ührt, oder indem ich ſie einem Andern überlaſſen. zum Mittagseſſen am folgenden Tage, trotz derzſ zen und der traurigen Figur, die ich zu ſpielen ſchien. Fräutein von Ir Metlee glinzte in der Un⸗ terhaltung. Sie unterhielt ſich mit ihrem Zukünftigen auf eine ſo launige und geiſtreiche Weiſe, daß es nicht zu ver⸗ wundern war, wenn er von ihr bezaubert wurde. Da ich überzeugt war, nichts Ordentliches reden zu können, ſo that ich ſo, als ob ich Zahnſchmerzen habe, um dem Sprechen zu entgehen. Ich war traurig, träumeriſch und krank in Folge der ſchlafloſen Nacht, und ich mußte mir geſtehen, daß ich verliebt, eiferſüchtig und in Verzweiflung war. Das Fräulein richtete nicht einmal das Wort an mich, würdigte mich keines Blickes: ſie hatte Recht; aber ich war weit ent⸗ fernt, ihr hierin Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Das Eſſen ſchien mir unerträglich lang und ich glaube nicht, daß ich je ein peinlicheres verlebt. Als wir von Tiſche aufſtanden, ging Madame mit ihrer — ... 2 Nichte und dem künftigen Neffen in ihr Kabinet, und das Fräulein trat nach einer Stunde wieder heraus und forderte uns auf, ihr Glück zu wünſchen, weil ſie in acht Tagen verheirathet ſein und nach der Hochzeit ihren Mann nach Dünkirchen begleiten würde. Für morgen, fügte ſie hinzu, ſind wir Alle bei Herrn Corne⸗ mann eingeladen, wo der Contrakt unterzeichnet wer⸗ den ſoll. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich nicht auf der Stelle todt niederſank. Ich kann nicht beſchreiben, was ich litt. Bald machte man den Vorſchlag, in die Comédie- Française zu gehen; aber unter dem Vorwande von Ge⸗ ſchäften ſchloß ich mich aus und kehrte nach Paris zurück. Als ich nach Hauſe kam, glaubte ich das Fieber zu haben und legte mich zu Bett; aber anſtatt die Ruhe, deren ich bedurfte, zu finden, ließen mich die Qualen des Gewiſſens und die Reue die Strafe der Verdammten ausſtehn. Ich verfiel auf den Gedanken, daß ich dieſe Ehe verhindern oder ſterben muͤſſe. Da ich überzeugt war, daß mich Fräulein von la Meure liebe, ſo glaubte ich, ſie würde keinen Wi⸗ derſtand leiſten, wenn ich ſie wiſſen ließe, daß ihre Weige⸗ rung mir das Leben koſte. Voll von dieſem Gedanken ſtand ich auf und ſchrieb den kräftigſten Brief, den wohl eine ſtarke und empörte Leidenſchaft eingegeben hat. Da mein Schmerz hierdurch erleichtert wurde, ſo legte ich mich wie⸗ der zu Bett und ſchlief bis zum Morgen. Als ich erwacht war, ließ ich einen Commiſſionair kommen und verſprach ihm zwölf Francs, wenn er meinen Brief abgäbe und mir die Beſcheinigung deſſen in anderthalb Stunden brächte. Mein Brief war in ein an Tiretta gerichtetes Billet eingelegt, in welchem ich dieſem anzeigte, daß ich nicht eher ausgehn würde, als bis ich eine Antwort erhalten. Ich bekam ſie eine Stunde ſpäter und ſie lautete folgendermaßen: „Es iſt nicht mehr Zeit, theurer Freund; Sie haben mein Schickſal entſchieden und ich kann nicht mehr zurück⸗ treten. Gehen Sie aus. Kommen Sie zu Tiſche bei Herrn Cornemann und ſeien Sie überzeugt, daß wir in einigen eige⸗ tand eine nein wie⸗ acht rach mir chte. legt, gehn ſie 173 Wochen beide uns über den großen errungenen Sieg glücklich fühlen werden. Unſere Liebe, welche zu ſchnell beglückt wurde, wird dann nur noch in unſerm Gedächtniſſe fortle⸗ ben. Ich bitte Sie, mir nicht mehr zu ſchreiben.“ So war es alſo aus mit mir. Dieſe ablehnende Ant⸗ wort nebſt dem noch grauſameren Befehle, ihr nicht mehr zu ſchreiben, ſetzten mich in Wuth. Ich konnte ſie mir nur noch unbeſtändig denken; ich glaubte, ſie hätte ſich in den Kaufmann verliebt. Man denke ſich meinen Zuſtand: ich faßte den furchtbaren Entſchluß, meinen Nebenbuhler zu ermorden. Die gräßlichſten Pläne drängten ſich in mei⸗ ner aufgeregten Phantaſie; die barbariſcheſten Mittel bo⸗ ten ſich in Maſſe meinem Geiſte dar, der durch eine angeregte, aber nicht befriedigte Leidenſchaft geblendet wurde: ich war eiferſüchtig, verliebt, aufgeregt und durch den Zorn und vielleicht auch durch die Eigenliebe ver⸗ wirrt. Dieſe liebenswürdige Perſon, welche ich nur bewun⸗ dern konnte, welche ich noch höher hätte ſchätzen müſſen, welche ich wie ein Engel angebetet, ſchien mir ein haſſens⸗ werthes Ungeheuer, eine ſtrafwüͤrdige Unbeſtändige zu ſein. Ich blieb ber einem ſichern Mittel ſtehen, und obgleich ich mir nicht verhehlen konnte, daß es niederträchtig war, ließ doch die blinde Leidenſchaft es mich ohne Beſinnen ergreifen. Es beſtand darin, den Zukünftigen bei Herrn Cornemann, wo er wohnte, aufzuſuchen, ihm Alles, was zwiſchen dem Fräulein und mir vorgefallen, zu enthüllen und wenn dieſe Enthüllung nicht hinreichte, um ihn zum Verzichte auf ſeinen Heirathsplan zu bewegen, ihm den Tod eines von uns bei⸗ den anzukündigen, und wenn er meine Herausforderung nicht annähme, ihn zu ermorden. Als dieſer ſchreckliche Plan bei mir feſtſtand, an den ich jetzt nicht ohne Schaudern und Abſcheu denken kann, aß ich mit einem thieriſchen Hunger, legte mich zu Bett und ſchlief ſanft bis Tagesanbruch. Als ich erwachte, befand ich mich in derſelben Stimmung und wurde dadurch noch mehr in meinem Beſchluſſe beſtärkt. Ich kleide mich ſchnell aber ſorgfältig an, ſtecke zwei gute Piſtolen ein und gehe zu Herrn Cornemann. Mein Nebenbuhler ſchlief noch; ————— “ ich wartete eine Viertelſtunde; alle meine Gedanken beſtärk⸗ ten mich nur in meinem Entſchluſſe. Plötzlich kömmt mein Nebenbuhler im Schlafrock mit offenen Armen auf mich zu, umarmt mich und ſagt zu mir mit dem wohlwollendſten Tone, er habe meinen Beſuch erwartet, denn da ich ein Freund ſeiner Zukünftigen ſei, ſo könne er ſich wohl denken, welche Gefühle ſie mir eingeflößt und er werde immer ihre Gefühle für mich theilen. d Die Phyſtognomie dieſes ehrenwerthen Mannes, ſein freimüthiges und offnes Weſen, die Wahrheit des Gefühls, welche ſich in ſeinen Worten ausſprach, drückten mich nie⸗ der. Ich blieb einige Minuten lang ſtumm; ich wußte im Grunde auch nicht, was ich ſagen ſollte. Glücklicher Weiſe ließ er mir Zeit, wieder zu mir ſelbſt zu kommen; denn er ſprach eine Viertelſtunde lang mit mir, ohne zu bemerken, daß ich den Mund nicht aufgemacht. Herr Cornemann kam, man brachte Kaffee, und ich fand die Sprache wieder; aber ich konnte ihm jetzt nur noch Höflichkeiten ſagen, und wünſche mir noch Glück dazu. Die Kriſis war vorüber. Wenn man AOcht darauf giebt, wird man bemerken, daß die heißblütigſten Charaktere einem ſtarkangeſpannten Stricke gleichen, welcher zerreißt oder ſeine Elaſtizität ver⸗ liert. Ich habe mehrere Perſonen dieſer Art gekannt, unter andern den Chevalier L*es, der eine außerordentliche Lebendig⸗ keit hatte und dem in einem Augenblicke der Aufregung das Leben aus allen Poren ſtrömte. Wenn er im Augenblicke, wo ſeine Wuth zum Ausbruche kam, irgend einen Gegen⸗ ſtand zerbrechen konnte, ſo wurde er wieder ruhig, die Ver⸗ nunft gewann wieder die Oberhand und der wüthende Löwe wunde zum Lamme, zu einem wahren Muſter von Sanft⸗ muth. Nachdem ich eine Taſſe Kaffee getrunken, fühlte ich mich erleichtert; wir umarmten uns, und ich entfernte mich. Ich betrachtete mich mit großer Verwunderung, aber ich war froh, daß ich meinen abſcheulichen Plan nicht ausgeführt. Was mich demüthigte, war die Betrachtung, daß ich es nur dem Zufalle zu verdanken hätte, daß ich nicht eine nieder⸗ tärk⸗ mein ) zu, dſten ein aken, ihre ſein üͤhls, nie⸗ e im Veiſe in er rken, dich noch Die rken, unten ver⸗ unter ndig⸗ das licke, egen⸗ Ver⸗ Löwe anft⸗ e ich mich. war ührt. 3 nur leder⸗ 175 trächtige Handlung begangen und ein Böſewicht geworden. Indem ich planlos umherging, traf ich mit meinem Bruder zuſammen und dadurch gewann ich vollends meine Faſſung wieder. Ich führte ihn zu Sylvia zum Eſſen und blieb hier bis Mitternacht. Ich ſah, daß die junge Baletti die Unbeſtändige, welche ich vor ihrer Hochzeit nicht mehr ſehen durfte, in Vergeſſenheit bringen würde. Um mir die Sache leichter zu machen, reiſte ich am nächſten Tage nach Ver⸗ ſailles, wo ich den Miniſtern meine Aufwartung machen wollte. Siebenundfünfzigſtes Kapitel. Der Abbé von la Ville.— Der Abbé Galiani.— Charakter des neapolitaniſchen Dialekts.— Ich gehe in einem geheimen Auktrage nach Dünkirchen.— Ich er- ihe meinen Zwech.— Ich kehre auk dem Wege uü er miens nach Paris zurüch.— IMleine ziemlich komi⸗ 2 en Streiche.— Herr von la Bretonnière.— ein Pericht gekällt.— Ich bekomme künkhundert Jouisdors.— Betrachtungen. Eine neue Bahn eröffnete ſich mir. Das Glück be⸗ günſtigte mich wiederum. Ich hatte alle nöthigen Mittel, um der blinden Göttin zu Hülfe zu kommen; aber mir fehlte eine weſentliche Eigenſchaft, die Ausdauer. Mein Leicht⸗ ſinn, meine maßloſe Vergnügungsſucht zerſtörten meine na⸗ türliche Begabung. Herr von Bernis empfing mich in gewohnter Weiſe, weniger als Miniſter wie als Freund. Er fragte mich, ob ich geneigt ſei, geheime Aufträge auszuführen. Werde ich das dazu nöthige Talent haben? Ich zweifle nicht daran. Ich fühle mich geneigt zu Allem, wodurch ich auf eine anſtändige Weiſe Geld verdienen kann. Was das Talent betrifft, ſo vertraue ich ſehr gern auf Ew. Exeellenz. Der Schlußſatz brachte ihn zum Lachen; das wollte ich. Nach einigen gleichgültigen Worten über alte Erinne⸗ rungen, welche die Zeit noch nicht ganz verwiſcht, bat mich der Miniſter, in ſeinem Namen zum Abbé de la Ville zu gehen. Dieſer Abbé, erſter Commis, war ein kalter Mann, tiefer Politiker, die Seele ſeines Departements, und Se. Ex⸗ cellenz legte großen Werth auf ihn. Als Geſchäftsträger im Haag hatte er dem Staate gute Dienſte geleiſtet, und „der dankbare König“ belohnte ihn, indem er ihm an ſei⸗ nem Todestage ein Bisthum ſchenkte. Die Belohnung kam etwas ſpät; aber die Könige haben nicht immer Zeit, Ge⸗ dächtniß zu haben. Der Erbe dieſes braven Mannes war ein gewiſſer Garnier, ein Glücksritter, früherer Koch bei Herrn von Argenſon, welcher die Freundſchaft, die der Abbé de la Ville immer für ihn gehabt, zu benutzen verſtanden. Dieſe beiden Freunde, welche faſt gleich alt waren, hatten ihre Teſtamente bei demſelben Notar niedergelegt und ſich gegenſeitig zu Univerſalerben eingeſetzt. Nachdem der Abbé von la Ville mir über die Natur der geheimen Aufträge eine kurze Rede gehalten und mir erklärt, wie klug ſich die damit betrauten Perſonen beneh⸗ men müßten, ſagte er, er werde es mir anzeigen laſſen, wenn ſich etwas Paſſendes für mich finde und lud mich ſo⸗ dann zu Tiſche ein.. Bei Tiſche machte ich die Bekanntſchaft des Abbé Ga⸗ liani*), neapolitaniſchen Geſandſchafts⸗Secretairs. Er war *) Ein bedeutender national⸗ökonomiſcher Schriftſteller und eine bekannte pariſer Figur. Marmontel ſagt über ihn:„Der Abbé Galiani war der niedlichſte Arlechin, welchen Italien her⸗ vorgebracht hatte; aber auf den Schultern dieſes Arlechins erhob ſich der Kopf eines Machiavelli. Er war ſeiner philoſophiſchen eine ilent ich. nne⸗ mich e zu ann, Ex⸗ äger und ſei⸗ kam Ge⸗ war derrn 6 de nden. atten ſich datur mir eneh⸗ aſſen, ch ſo⸗ Ga⸗ war r und „Der 1 her⸗ erhob jiſchen 177 Bruder des Marquis von Galiani, von welchem ich ſprechen werde, wenn wir zu meiner Reiſe nach dieſem ſchönen Lande gekommen ſein werden. Der Abbé Galiani war ein Mann von ſehr vielem Geiſte. Er hatte ein außerordentliches Ta⸗ lent allem Ernſten, was er ſprach, einen komiſcheu Anſtrich zu geben; und da er gut und ohne je zu lachen ſprach, da er ſeinem Franzöſiſch den unwiderſtehlichen neapolitaniſchen Accent gab, ſo war er in allen Geſellſchaften, in die er aufge⸗ nommen zu ſein wünſchte und deren Zierde er war, außer⸗ ordentlich beliebt. Der Abbé von la Ville ſagte, Voltaire beklage ſich, daß er ſeine Henriade in neapolitaniſche Verſe überſetzt, ſo daß ſie lächerlich geworden war. Voltaire hat Unrecht, ſagte Galiani, denn es liegt in der Natur der neapolitaniſchen Mundart, daß ſie nicht in Verſe gebracht werden kann, ohne einen lächerlichen Eindruck zu machen. Und wer wird ſich denn ärgern, wenn er Lachen erregt? Das Lachen iſt nicht gleichbedeutend mit dem Spotte, und wer die Menſchen vor Vergnügen zum Lachen bringt, kann Anſicht nach Epicuräer; er hatte einen melancholiſchen Charakter, und da er Alles von der lächerlichen Seite auffaßte, ſo gab es nichts in der Politik oder in der Moral, worüber er nicht luſtige Geſchichten zu erzählen wußte, und ſeine Geſchichten waren immer treffend und gewürzt durch das Salz unerwarteter und geiſtreicher Anſpielungen.“ Grimm ſchildert ihn folgendermaßen;„Dieſes kleine, am Fuße des Aetna geborne Weſen, iſt ein wahres Wun⸗ der. Mit einem klaren und tiefen Blicke verbindet er eine unge⸗ heure und gediegene Gelehrſamkeit, mit den Anſchauungen eines Genies die Liebenswürdigkeit und das angenehme Weſen eines Mannes, der nur beluſtigeu und gefallen will. Er iſt Plato mit der Lebendigkeit und den Geſten Arlechins; er iſt der einzige Mann, den ich kenne, der trotz ſeiner Weitſchweifigkeit angenehm iſt. Wie ſchade, daß ſo viele ſeltne, fruchtbare, originelle Ideen nur einer kleinen Anzahl von Philoſophen anvertraut werden, oder in den Unterhaltungen eines frivolen Cirkels verdunſten, und daß der kleine Neapolitaner faul oder klug genug iſt, die Ruhe dem Rufe vorzuziehen und der Anſicht zu ſein, daß die Ruhe mehr werth iſt als der Ruhm.“ VII. 12 178 immer darauf rechnen geliebt zu werden. Bedenken Sie nur die ſonderbare Anlage der neapolitaniſchen Mundart, wir haben eine Ueberſetzung der Bibel und eine der Iliade, und beide erregen Lachen. Daß es ſich mit der Bibel ſo verhält, will ich wohl ben, aber von der Iliade nimmt es mich Wunder. Dennoch iſt es ſo. Ich kehrte erſt den Tag vor der Abreiſe Fräulein von la Meure's, welche Madame P. geworden war, nach Paris zurück. Ich glaubte zu Madame** gehen zu müſſen, um jener zu gratuliren und ihr eine glückliche Reiſe zu wün⸗ ſchen. Ich fand ſie heiter und guten Muths; weit entfernt, mich dadurch reizen zu laſſen, freute ich mich vielmehr darüber, das ſicherſte Zeichen meiner völligen Heilung. Wir ſprachen auf die ungezwungenſte Weiſe mit einander, und ihr Gemahl ſchien mir ein ſehr anſtändiger Mann. Ihrer zuvorkommenden Bitte entſprechend, verſprach ich, ſie in Dünkirchen zu beſuchen, obwohl ich nicht die geringſte Luſt fühlte, Wort zu halten; aber die Umſtände fügten es anders. Tiretta blieb alſo nun allein mit ſeinem Püppchen, welches täglich verliebter und vernarrter in ſeinen Lindor wurde, der ihr fortwährend neue Beweiſe ſeiner Liebe und Treue gab. Als ich nun ruhig geworden war, fing ich an Marie⸗ chen Baletti nach allen Regeln den Hof zu machen und glau dieſe gab mir täglich neue Beweiſe der Fortſchritte, welche ich in ihrem Herzen machte. Die Freundſchaft und Achtung gegen ihre Familie hielten jeden Gedanken an Verführung fern von mir, da ich aber immer verliebter wurde und nicht beabſichtigte, ſie zu heirathen, ſo wurde es mir ſchwer, mir von dem Zwecke, welchen ich verfolgte, Rechenſchaft zu geben, und ich ließ mich maſchinenartig gehen, wie ein unbelebter Körper, den die Strömung forttreibt. 1 Im Anfange des Mai ſchrieb mir der Abbé Bernis, ich möchte nach Verſailles kommen und mich zunächſt dem Abbé von la Ville vorſtellen. Dieſer Abbé nahm mich Sie art, ade, vohl von aris um zün⸗ ernt, nehr Wir und hrer in Luſt ders. chen, ndor und arie⸗ und belche milie , da e, ſie wecke, mich n die ernis, dem mich 179 gut auf und fragte mich, ob ich mir zutraue acht bis zehn Linienſchiffe, welche auf der Rhede von Dünkirchen vor Anker lagen, beſuchen zu können, indem ich mit den kommandiren⸗ den Ofſtzieren auf eine geſchickte Weiſe Bekanntſchaft machte, ſo daß ich ihm einen ins Einzelne gehenden Bericht über die Verproviantirung jeder Art, die Anzahl der Matroſen, die Verwaltung, die Polizei abſtatten könnte.*) Ich werde den Verſuch machen, ſagte ich; nach meiner Rückkunft werde ich Ihnen meinen Bericht übergeben, und Sie werden mir ſagen, ob er gut iſt. Da es ein geheimer Auftrag iſt, kann ich Ihnen kei⸗ nen Brief mitgeben, ich kann Ihnen nur eine glückliche Reiſe wünſchen und Geld geben. Ich will kein Geld im Voraus, Herr Abbé; nach mei⸗ ner Rückkehr werden Sie mir geben, was ich Ihnen ver⸗ dient zu haben ſcheine. Was die glückliche Reiſe betrifft, ſo brauche ich wenigſtens drei Tage, denn ich muß mir einige Empfehlungsſchreiben verſchaffen. Nun gut, ſuchen Sie vor Ende des Monats zurück zu ſein. Das iſt Alles. Am ſelben Tage hatte ich im Palais Bourbon eine Unterhaltung mit meinem Beſchützer, der mein Zartgefühl bewunderte, daß ich nicht im Voraus Geld hatte annehmen wollen, und dieſen Umſtand benutzend, nöthigte er mich mit ſeiner feinen Weiſe, eine Rolle von hundert Louisd'ors an⸗ zunehmen. Seitdem bin ich nicht mehr in die Nothwen⸗ digkeit gekommen, zur Börſe dieſes großmüthigen Mannes meine Zuflucht nehmen zu müſſen, nicht einmal in Rom vierzehn Jahre ſpäter. Da es ſich um einen geheimen Auftrag handelt, mein lieber Caſanova, ſo kann ich Ihnen keinen Paß geben; das thut mir leid, aber Sie würden dadurch verdächtig werden. Um dieſem Uebelſtande abzuhelfen, werden Sie ſich mit *) Frankreich rüſtete damals, um in Verbindung mit Schwe⸗ den Englands Küſten anzugreifen; es galt daher über den Zu⸗ ſtand der Flotte in Dünkirchen Bericht einzuziehen. 12* ———— einem ſolchen leicht unter irgend einem Vorwande vom er⸗ ſten Edelmann der Kammer verſchaffen können. Sylvia kann Ihnen hierin beſſer als irgend Jemand anders dienen. Sie ſehen wohl ein, wie vorſichtig Sie ſein müſſen. Ver⸗ meiden Sie es beſonders, ſich unangenehme Geſchichten auf den Hals zu ziehen, denn Sie werden wohl wiſſen, daß, wenn Ihnen etwas Unangenehmes begegnen ſollte, eine Re⸗ elamation an Ihren Committenten Ihnen von leinem Nutzen ſein würde. Man würde genöthigt ſein, Sie zu verläͤug⸗ nen, denn die einzigen anerkannten Spione ſind die Geſand⸗ ten. Bedenken Sie, daß Sie größerer Zuruückhaltung und Um⸗ ſicht als dieſe bedürfen; wenn Sie aber Ihren Zweck errei⸗ chen wollen, müſſen Sie dieſe Eigenſchaften nicht blicken laſſen und eine Vertrauen erweckende Ungezwungenheit und Natürlichkeit zeiigen. Wenn Sie mir nach Ihrer Rückkunft Ihren Bericht zeigen wollen, ehe Sie denſelben dem Abbé von la Ville übergeben, ſo will ich Ihnen ſagen, was ge⸗ ſtrichen oder hinzugefügt werden kann. Ganz beſchäftigt von dieſer Angelegenhei, von welcher ich mir eine um ſo übertriebenere Vorſtellung machte, als ich ganz Neuling war, ſagte ich zu Sylvia, es würde mir ein Vergnügen machen, wenn ſie mir einen Paß vom Her⸗ zoge von Geſores*) verſchaffte, da ich einige Engländer nach *) Beſenval giebt folgende Schilderung von demſelben:„Der Herzog von Geſpres, deſſen Impotenz ſo viel Aufſehen gemacht hatte, war eins von den ſeltenen Weſen, welche von Zeit zu Zeit erſcheinen. Oeffentlich hatte er alle Manieren der Frauen, er legte Roth auf, in ſeiner Wohnung oder in ſeinem Bette ſpielte er mit dem Fächer und machte an einem Stickrahmen Tapiſſerie⸗Ar⸗ beiten. Er miſchte ſich in Alles, und hatte durchaus den Cha⸗ rakter einer alten Klatſchlieſe. Da er indeß, ohne ſeine Denk⸗ weiſe zu ändern, bis zu einem gewiſſen Alter gekommen war, ſo ſtand er in Anſehen; der ganze Hof kam zu ihm; man führte keine Neuvermählte nach Verſailles, ohne ſie ihm vorzuſtellen. Der König behandelte ihn gut, und ſeine Lächerlichkeiten thaten ihm keinen Schaden. 181 Calais begleiten wolle. Da dieſe würdige Frau mir gern gefällig war, ſo ſchrieb ſie an den Herzog einen Brief, wel⸗ chen ſie mir zur perſönlichen Beſorgung übergab, da man derartige Päſſe nur mit Aufführung des Signalements der empfohlenen Perſonen ausſtellte. Guͤltig waren ſie nur für die ſogenannte Isle-de-France; aber ſie ſetzten im gan⸗ zen Norden des Reiches in Achtung. Ausgeſtattet mit Soylvia's Empfehlung und begleitet von ihrem Manne begab ich mich zum Herzoge, welcher auf ſeinem Landgute St. Toin war; kaum hatte er den Brief angeſehen als er mir einen Paß ausſtellen ließ. Nachdem ich dieſen Zweck erreicht, ging ich nach la Vil⸗ lette, um Madame** zu fragen, ob ſie mir etwas für ihre Nichte mitzugeben habe. Sie könnten ihr, ſagte ſie, die Kiſte mit den Porzellan⸗Statuen mitnehmen, wenn Herr von Corneman ſie ihr nicht ſchon mitgeſchickt hat. Ich ging zu dieſem Bankier, welcher mir die Kiſte aushändigte, und ich gab ihm hundert Louisd'ors gegen einen Creditbrief an ein Dünkirchener Haus und bat ihn, mich ganz beſonders zu empfehlen, da ich zu meinem Vergnügen reiſe. Herr Cor⸗ nemann that dies ſehr gern und ich reiſte noch denſelben Abend ab; drei Tage ſpäter ſtieg ich in Dünkirchen im Hô⸗ tel de la Conciergerie ab. Eine Stunde nach meiner Ankunft überraſchte ich die liebenswürdige Madame P. auf die angenehmſte Weiſe, in⸗ dem ich ihr das Käſtchen und viele Complimente von ihrer Tante überbrachte. Während ſie ihren Mann lobte, den ſie glücklich mache, kam derſelbe, und erfreut, mich zu ſehen, bot er mir ſein Zimmer an. Ich dankte natürlich und nachdem ich ihm verſprochen, mich zuweilen zum Mittags⸗ eſſen bei ihm einzufinden, bat ich ihn, mich zum Bankier zu führen, an welchen mich Herr Cornemann empfohlen hatte. Kaum hatte der Bankier den Brief geleſen, als er mir hundert Louisd'ors auszahlte und mich bat, ihn gegen Abend in meinem Gaſthofe zu erwarten, wo er mich mit dem Com⸗ mandanten abholen würde. Dieſer hieß von Barail. Nach⸗ dem dieſer Herr, der ſo höflich wie alle Franzoſen war, die gebräuchlichen Fragen an mich gerichtet, lud er mich zum Abendeſſen bei ſeiner Gemahlin ein, welche noch in der Ko⸗ mödie war. Dieſe Dame empfing mich auf eine ebenſo wohlwollende Weiſe wie ihr Mann. Es gab ein feines Abendeſſen, und als ſich nach demſelben noch mehrere Per⸗ ſonen eingefunden hatten, fing man an zu ſpielen; aber ich nahm keinen Theil daran, da ich die Geſellſchaft ſtudiren wollte und namentlich mehrere Land⸗ und See⸗Offiziere, welche anweſend waren. Da ich mit großer Affektation von allen europäiſchen Marinen ſprach und mich für einen Ken⸗ ner ausgab, der in der Armee meiner kleinen Republik ge⸗ dient habe, ſo brauchte ich nur drei Tage, um nicht nur die Bekanntſchaft aller Schiffs⸗Capitaine zu machen, ſondern um mich auch mit ihnen zu befreunden. Ich ſprach in den Tag hinein vom Bau der Schiffe, von der venetianiſchen Art zu manövriren und ich bemerkte, daß die braven See⸗ leute, welche mir zuhörten, mir noch größere Theilnahme ſchenkten, wenn ich Unſinn ſchwatzte, als wenn ich etwas Geſcheutes vorbrachte. Einer der Capitaine lud mich am vierten Tage an ſei⸗ nen Bord und dies reichte hin, um auch von den andern eingeladen zu werden. Der, welcher mir dieſe Ehre erwies, beſchäftigte mich den ganzen Tag. Ich wollte Alles kennen lernen, und die Seeleute ſind ſo vertrauensvoll. Ich ſtieg in den unterſten Schiffsraum hinunter, ich that hundert Fragen, und ich fand ſo viele junge Offiziere, welche ſich gern wichtig machten, daß es mir nicht ſchwer wurde, ſie zum Sprechen zu bringen. Ich war darauf bedacht, mir Alles, was zu meinem Berichte erforderlich war, im Ver⸗ trauen mittheilen zu laſſen, und wenn ich nach Hauſe kam, ſchrieb ich alle Beobachtungen, die ich im Laufe des Tages gemacht hatte, gute wie ſchlechte, ſorgfältig nieder. Ich ſchlief nur vier bis fünf Stunden und nach vierzehn Tagen hielt ich mich für hinlänglich unterrichtet. Die Nichtsthuerei, das Spiel, die Frivolität, meine ge⸗ wöhnlichen Gefährten, begleiteten mich nicht auf dieſer Reiſe ie m 02 ſo es r⸗ ich en re, on en⸗ ge⸗ ur ern den hen bee⸗ me vas ſei⸗ ern ies, nen tieg dert ſich ſie mir Ver⸗ kam, ages Ich agen ge⸗ Reiſe 183 und meine Miſſion beſchäftigte mich ausſchließlich und leitete alle meine Schritte. Zu Mittag ſpeiſte ich nur einmal bei Cornemanns Bankier, einmal bei Madame P. in der Stadt, und ein andermal in einem hübſchen Landhauſe, welches ihr Mann eine Meile von Dünkirchen hatte. Sie führte mich dorthin, und während meines Alleinſeins mit dieſer Frau, die ich ſo ſehr geliebt, bezauberte ich ſie durch mein zartes Benehmen, denn ich bezeigte ihr nur achtungsvolle Freundſchaft. Da ich ſie reizend fand und meine Verbin⸗ dung mit ihr erſt ſeit ſechs Wochen geendet hatte, ſo wun⸗ derte ich mich über die Ruhe meiner Sinne, denn ich kannte mich zu gut, um meine Zurückhaltung der Tugend zuzu⸗ ſchreiben. Woher kam das? Ein italiäniſches Sprüchwort, welches die Natur erklärt, giebt den wahren Grund an. La mona non vuol pensieri, und mein Kopf war voll von Gedanken. Mein Auftrag war beendet, ich nahm von Allen Ab⸗ ſchied und ſtieg in meine Poſtchaiſe, um nach Paris zurück⸗ zukehren, jedoch meines Vergnügens wegen auf einem an⸗ dern Wege als auf dem ich gekommen. Gegen Mitternacht verlangte ich, ich weiß nicht auf welcher Poſt, Pferde, aber man bemerkte mir, daß die nächſte Poſt in Aire wäre, einer befeſtigten Stadt, in welche man Nachts nicht eingelaſſen wird. Pferde! ſage ich; ich werde ſchon bewirken, daß mir die Thore geöffnet werden. Man gehorcht und ſo gelangen wir an die Thore der Feſtung. Der Poſtillon klatſcht mit der Peitſche. Wer da! Ein Courier. Nachdem man mich eine Stunde hat warten laſſen, öffnet man mir und ſagt, ich müſſe zum Commandanten gehen. Ich gehorche unter lautem Schimpfen und man führt mich bis in den Alcoven eines Mannes, der in ele⸗ gantem Nacht⸗Koſtüme neben einer hübſchen Frau ſaß. Von wem ſind Sie Courier? Von Niemand, aber da ich Eile habe—— Das iſt genug. Morgen wollen wir davon ſprechen. Einſtweilen bleiben Sie in der Wachtſtube. Laſſen Sie mich ſchlafen. Aber, mein Herr—— Aber jetzt, wenn ich bitten darf, gehen Sie ab. 1 Man fuhrte mich in die Wachtſtube, wo ich die drei Nacht ſitzend auf der Erde zubrachte. Als es Tag wurde, uns ſchrie ich, fluchte, tobte, ich wollte abreiſen. Niemand antwortet. Es ſchlägt zehn Uhr. Ungeduldig über alle Begriffe Pof wende ich mich an den Offizier und ſage demſelben, der Wa Commandant habe wohl die Macht, mich ermorden zu laſſen, mich man könne mir aber nicht die Mittel verweigern, zu ſchrei⸗ eine ben, und einen Courier nach Paris zu ſchicken. und Ihren Namen, mein Herr, wenn ich bitten darf. des Hier iſt mein Paß. gew Er ſagt, er wolle ihn an den Commandanten ſchicken; Alle ich reiße ihn ihm aus den Händen. dem Soll ich Sie zu ihm führen? ſchr Sehr gern. hatt Wir brechen auf. Der Offizier geht zum Comman⸗ tet, danten hinein und holt mich zwei Minuten darauf, um mich erfo ihm vorzuſtellen. Mit ſtolzer Miene und ohne ein Wort wen zu ſagen, reiche ich ihm den Paß. Der Commandant las geb ihn und betrachtete mich, um ſich zu überzeugen, ob das pflie Signalement auf mich paſſe, ſodann giebt er ihn mir zurück, den mit dem Bemerken, daß ich frei wäre und befiehlt dem Of⸗ inde fizier, mich Poſtpferde nehmen zu laſſen. ich Jetzt, Herr Commandant, habe ich nicht mehr ſo große im Eile. Ich werde einen Courier nach Paris ſchicken und geb ſeine Rückkehr abwarten; denn durch Verzögerung meiner ſah. Reiſe haben Sie das Völkerrecht verletzt. ang Sie haben es verletzt, indem Sie ſich für einen Courier ausgaben. ſond Ich habe Ihnen im Gegentheil geſagt, daß ich es nicht ren wäre. ich Ja, aber Sie haben es zum Poſtillone geſagt, und das eine genügt.. n; 185 Der Poſtillon hat gelogen, denn ich habe zu ihm nur geſagt, ich würde mir Einlaß verſchaffen. Warum haben Sie mir Ihren Paß nicht gezeigt? Warum haben Sie mir nicht Zeit dazu gelaſſen? In drei oder vier Tagen werden wir übrigens ſehen, wer von uns beiden Recht behalten wird. Thun Sie, was Ihnen beliebt. Ich gehe mit dem Offizier hinaus, der mich nach der Poſt führt und einen Augenblick darauf ſehe ich meinen Wagen kommen. Die Poſt war zugleich ein Gaſthof und mich an den Beſitzer wendend, ſage ich demſelben, er möge einen Boten für mich bereit halten, mir ein gutes Zimmer und Bett geben und mir ein kaltes Mahl in Erwartung des Mittagseſſens beſorgen; zugleich ſagte ich ihm, daß ich gewohnt wäre, gut zu leben. Ich laſſe meinen Koffer und Alles, was in meiner Chaiſe war, heraufkommen, und nach⸗ dem ich mich entkleidet und gewaſchen, rüſte ich mich zu ſchreiben, obwohl ich nicht wußte an wen, denn im Grunde hatte ich Unrecht; aber ich hatte mich nun einmal verpflich⸗ tet, eine wichtige Perſon zu ſpielen, und wie es mir ſchien, erforderte es meine Ehre, daß ich die Rolle durchführte, wenn ich auch nicht wußte, ob ich nicht würde klein bei⸗ geben müſſen. Es that mir indeß leid, daß ich mich ver⸗ pflichtet, bis zur Rückkehr des Couriers, welchen ich an den Mond ſchicken wollte, in Aire zu bleiben. Da ich indeß die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen, ſo hatte ich die Ausſicht zu ſchlafen und auszuruhn. Ich war im Hemde und trank die Bouillon, welche man mir gebracht, als ich den Commandanten allein kommen ſah. Seine Erſcheinung überraſchte mich und war mir angenehm. Das Vorgefallene thut mir leid, mein Herr, und be⸗ ſonders, daß Sie glauben Grund zur Klage zu haben, wäh⸗ rend ich nur meine Pflicht gethan habe; denn wie konnte ich annehmen, daß Ihr Poſtillon Ihnen ohne Ihren Befehl einen Titel beilegen würde? Das iſt ganz richtig, Herr Commandant, aber Ihre Pflicht gebot Ihnen nicht, mich aus Ihrem Zimmer zu treiben. Ich war des Schlafes bedürftig. Ich befinde mich in demſelben Falle, aber die Höflich⸗ keit hindert mich, Ihr Beiſpiel nachzuahmen. Darf ich fragen, ob Sie jemals gedient haben? Ich habe zu Lande und zu Waſſer gedient, und habe in einem Alter, wo Viele erſt anfangen, den Dienſt quittirt. In dieſem Falle müſſen Sie wiſſen, daß Nachts die Thore einer Feſtung nur königlichen Courieren und höhern Militairbefehlshabern geöffnet werden. Ich gebe das zu; als aber das Thor geöffnet war, war die Sache geſchehn, und wenn die Sache einmal ge⸗ ſchehn iſt, kann man höflich ſein. Sind Sie der Mann, ſich anzukleiden und mit mir einen Spatziergang zu machen. Sein Vorſchlag geſiel mir eben ſo ſehr wie die Idee, die ich von ſeinem verdroſſenen Weſen hatte, mich reizte. Ein kleines Zuſammentreffen mit Säbeln im Vorbeigehn hat für mich großen Reiz; ſein Vorſchlag hob alle Schwie⸗ rigkeiten und riß mich aus der Verlegenheit. Ich antwor⸗ tete ruhig und ehrfurchtsvoll, der Gedanke, mit ihm einen Spatziergang zu machen, ſei im Stande, mich jedes Geſchäft verſchieben zu laſſen. Ich bat ihn höflichſt ſich zu ſetzen, während ich mich ſchnell ankleiden würde. Ich ziehe die Beinkleider an und werfe dabei die pracht⸗ vollen Piſtolen, welche in den Taſchen waren, auf das Bett; ich laſſe den Friſeur heraufkommen, und in zehn Minuten iſt meine Toilette beendet. Ich gürte meinen Degen um und wir gehn. Ziemlich ſchweigſam durchwandern wir zwei oder drei Straßen, kommen durch einen Thorweg, treten in einen Hof, welchen ich für einen Durchgang hielt, und gelangen an eine Thür, wo mein Führer ſtill ſteht. Er fordert mich auf einzutreten und ich gelange in einen Saal, in welchem eine zahlreiche Geſellſchaft verſammelt iſt. Ich kam gar nicht inen chäft tzen, acht⸗ Bett; auten um drei einen ungen mich 187 auf den Gedanken zurückzutreten; ich fühlte mich ganz hei⸗ miſch. Mein Herr, das iſt meine Frau, ſagte der Comman⸗ dant zu mir und ſodann: dies iſt Herr Caſanova, der mit uns ſpeiſen wird. Das iſt vortrefflich, mein Herr, denn ſonſt würde ich es nie verziehn haben, daß Sie mich heute Nacht aufge⸗ weckt haben. Dennoch habe ich dieſen Fehler hart büßen müſſen; aber erlauben Sie, Madame, daß ich mich nach einem ſol⸗ chen Fegefeuer in dieſem Paradieſe glücklich fühle. Sie lächelte auf eine bezaubernde Weiſe, und nachdem ſte mich eingeladen, mich neben ſie zu ſetzen, ſpielte ſie wei⸗ ter, und unterbrach die Unterhaltung nur ſo ſelten, als es möglich iſt, wenn man Karten ſpielt. Ich ſah, daß ich zum Beſten gehalten worden war; aber die Myſtification war ſo graziös, daß ich nicht übel gelaunt werden konnte; ich konnte nichts anders thun, als gute Miene machen, und dies war um ſo leichter, als ich mich mit wirklichem Vergnügen der auf mich genommenen Verpflichtung, einen Courier Gott weiß an wen abzuſchicken, überhoben ſah. Der Commandant, der ſich ſeines Sieges erfreute und denſelben in petto genoß, war mit einemmale heiter gewor⸗ den, fing an von Krieg, Hofleben, Geſchäften zu ſprechen und richtete oft das Wort an mich mit jener Liebenswür⸗ digkeit und Ungezwungenheit, welche die gute Geſellſchaft in Frankreich ſo wohl mit dem Anſtande zu vereinigen weiß; man hätte ſchwerlich errathen, daß wir je einen Streit ge⸗ habt. Durch die Lage, welche er herbeizuführen gewußt hatte, war er der Held des Stückes geworden, aber wenn ich auch in zweiter Reihe ſtand, ſo glänzte ich darum nicht weniger, denn Alles zeigte, daß ich einen alten höhern Offizier genöthigt, mir eine Genugthuung zu geben, die um ſo ſchmeichelhafter war, als die Art derſelben bewies, welche Achtung ich ihm trotz meines jugendlichen Streichs eingeflößt. Man trug das Eſſen auf. Da der Erfolg meiner Rolle nur von der Art, wie ich ſie ſpielte, abhing, ſo bin ich ſel⸗ ten ſo aufgeweckt wie bei dieſem Eſſen geweſen, wo eine ſehr angenehme Unterhaltung geführt wurde, und ich war nament⸗ lich darauf bedacht, die Frau Commandantin glänzen zu laſſen. Es war eine liebenswürdige, ſehr hübſche und noch junge Frau, denn ſie war dreißig Jahre jünger als ihr lieber Mann. Man ſprach nicht ein einzigesmal von dem qui pro quo, in Folge deſſen ich ſechs Stunden in der Wach⸗ ſtube hatte zubringen müſſen; aber beim Deſſert hätte der Commandant durch einen ſchlechten Spaß, der nicht der Muͤhe werth war, beinahe Alles verdorben. Ich habe Sie gefangen. Wer ſagt Ihnen, daß ich ein Duell erwartet habe? Geſtehen Sie mir, daß Sie dies geglaubt haben. Ich proteſtire dagegen, denn zwiſchen glauben und vor⸗ ausſetzen iſt ein großer Unterſchied. Das Eine iſt poſitiv, das Andere nur eine Vermuthung. Uebrigens gebe ich gern zu, daß Ihre Einladung zu einem Spatziergange mich neu⸗ gierig gemacht hat, zu ſehen, wozu derſelbe führen würde, und ich bewundere Ihren Geiſt. Indeß werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen verſichere, daß ich mich nicht für angeführt halte, daß ich vielmehr ſehr befriedigt bin und Ihnen Dank weiß. Und wenn mir, mein Herr, nach dem Vorgefallenen noch ein Wunſch bleibt, ſo iſt es der, Sie noch länger be⸗ ſitzen zu können. Das Compliment war ſchmeichelhaft, und ich würde darauf geantwortet haben, wenn man nicht von Tiſche auf⸗ geſtanden wäre. Am Nachmittage gingen wir ſpatzieren; ich gab Madame den Arm und dieſelbe war entzückend, aber am Abend nahm ich Abſchied und reiſte am folgenden Tage frühzeitig ab, nachdem ich zuvor meinen Bericht ins Reine geſchrieben. Um fünf Uhr Morgens wurde ich in meiner Chaiſe geweckt. Ich war vor dem Thore von Amiens. Der Läſtige, welcher an meinem Wagenſchlage ſtand, war ein Steuer⸗ beamter, eine überall und mit einigem Grunde verhaßte ume zwa ſchu ihne licht Mer delt men ſagt ſel es Hal Vie Tage geine haiſe ſtige, euer⸗ haßte 189 Menſchenart, denn abgeſehen davon, daß ſie im Allgemeinen frech und quäleriſch iſt, macht nichts die Sklaverei ſo ſehr fühlbar, wie dieſe inquiſitoriſche Unterſuchung, welche auf alle Sachen, auf die geheimſten Kleidungsſtücke ausgedehnt wird. Dieſer Beamte fragte mich, ob ich etwas Verbotnes bei mir habe. Ich war übel gelaunt wie jeder Menſch, wel⸗ chen man der Süßigkeit des Schlafes beraubt, um eine läſtige Frage an ihn zu richten; ich antwortete ihm fluchend nein und äußere, er habe mich wohl ſchlafen laſſen können. Da Sie grob ſind, erwiederte das Vieh, ſo wollen wir doch ein⸗ mal ſehen. Er befiehlt dem Poſtillon, mit der Chaiſe hineinzu⸗ fahren; er läßt die Koffer herunternehmen, und ich, da ich es nicht hindern konnte, biß in den Zügel und ſchwieg. Ich ſah ein, welchen Fehler ich begangen, aber ich konnte ihn nicht mehr gut machen; da ich übrigens nichts hatte, ſo hatte ich nichts zu fürchten; aber mein Ueber⸗ muth koſtete mir zwei ſehr langweilige Stunden. Das Ver⸗ gnügen der Rache war auf ihren frechen Phyſignomieen zu leſen. Zu jener Zeit waren die Steuerbeamten in Frank⸗ reich der Abſchaum der Menſchheit; wenn ſie ſich aber von anſtändigen Leuten höflich behandelt ſahen, ſo wurden ſie umgänglich. Ein mit guter Manier gegebenes Vierund⸗ zwanzigſousſtück machte ſie ſchmiegſam wie lederne Hand⸗ ſchuhe. Sie verbeugten ſich gegen die Reiſenden, wünſchten ,:2 Menſch wie eine Maſchine handelt, und ſo hatte ich gehan⸗ delt: deſto ſchlimmer für mich. Die Henkersknechte kehrten meine Koffer um und nah⸗ men ſelbſt die Hemden auseinander, zwiſchen denen, wie ſie ſagten, engliſche Spitzen verborgen ſein könnten. Nachdem ſie Alles durchſucht, gaben ſie mir die Schlüſ⸗ ſel zurück; aber damit war die Sache noch nicht zu Ende; es handelte ſich darum, meine Chaiſe zu durchſuchen. Der Hallunke, welcher damit beſchäftigt war, rief plötzlich; Victoria! Er hatte den Reſt eines Pfundes Tabak gefun⸗ den, welchen ich auf der Reiſe nach Dünkirchen in St. Omer gekauft. Sogleich befiehlt der Cartouche der Bande mit trium⸗ phirender Stimme meinen Wagen mit Beſchlag zu belegen, und zeigt mir außerdem noch an, daß ich zwölfhundert Franks Strafe zu zahlen habe. Nun war doch meine Geduld zu Ende, und der Leſer wird ſich leicht denken können, mit welchen Ehrentiteln ich dieſe Schufte belegte; ſie waren aber gegen Worte gepan⸗ zert. Ich ſage ihnen, ſie möchten mich zum Intendanten führen. Gehen Sie hin, wenn Sie wollen, ſagten ſie; hier ſteht Niemand zu Ihren Befehlen. Umgeben von einer großen Menge Neugieriger, welche der Spektakel herbeizog, ſchritt ich mit großen Schritten auf die Stadt zu, trete in den erſten Laden, der mir aufſtößt und erſuche den Beſitzer, mich zum Intendanten führen zu laſſen. Ich erzähle den Fall, in welchem ich bin; ein Mann von gutem Ausſehn, welcher im Laden war, ſagte, er werde das Vergnügen haben, mich zum Intendanten zu begleiten, ich werde denſelben aber wohl nicht finden, da derſelbe ver⸗ muthlich ſchon von der Sache in Kenntniß geſetzt worden. Wenn Sie nicht zahlen oder Bürgſchaft leiſten, werden Sie ſich ſchwerlich aus dieſer unangenehmen Geſchichte heraus⸗ wickeln. Ich bat ihn, mich hinzufuͤhren und mich machen zu laſſen. Er rieth mir, mich des Geſindels, welches mir folgte, zu entledigen, indem ich demſelben einen Louisd'or zum Vertrinken gäbe; ich gab ihm den Louisd'or mit der Bitte, die Sache zu übernehmen und dieſelbe war bald ab⸗ gemacht. Dieſer Mann war ein ehrlicher Procurator, wel⸗ cher die Welt kannte. Wir gelangen zum Intendanten; wie aber mein Ge⸗ fährte richtig vorausgeſehn, war derſelbe nicht zu ſprechen; ſein Portier ſagte uns, derſelbe wäre allein ausgegangen und würde erſt gegen Mittag nach Hauſe kommen, und er könne nicht ſagen, wo derſelbe zu Mittag ſpeiſe. Dieſer Tag iſt verloren, ſagte der Procurator. Sehen wir uns überall um, wo er ſein kann, denn er muf find len opfe bis übe war mir um Dar ſuch Dar ſaß zuge ſich Frel ſeine Her! Mei zum ſein. Tiſc fügt Die den zu f oder Sie mer um⸗ gen, anks Leſer ich pan⸗ nten hier elche auf ſtößt n zu kann verde eiten, ver⸗ rden. Sie aus⸗ achen mir 8d'or t der bab⸗ wel⸗ Ge⸗ chen; ungen nd er Tag enn er 191 muß Gewohnheiten, Freunde haben; wir werden ihn auf⸗ finden; ich gebe Ihnen einen Louisd'or für den Tag, wol⸗ len Sie mir das Vergnügen machen, mir denſelben zu opfern? Ich bin der Ihrige. Vier Stunden lang ſuchten wir ihn vergeblich in zehn bis zwölf Häuſern. Ueberall ſprach ich mit den Herren und übertrieb die Sache, welche mir über den Hals gekommen war. Man hörte mich an, man bedauerte mich und gab mir den Troſt, daß er ſicherlich nach Hauſe kommen würde, um zu ſchlafen, und daß er mich dann würde hören müſſen. Damit war mir nicht gedient, und ich ſetzte meine Nach⸗ ſuchungen fort. Um ein Uhr führte mich der Procurator zu einer Dame, welche in der Stadt in großem Anſehn ſtand. Sie ſaß ganz allein bei Tiſche. Nachdem ſie mir aufmerkſam zugehört, ſagte ſie mit der größten Kaltblütigkeit, ſie glaube ſich keiner Ausplauderei ſchuldig zu machen, wenn ſie einem Fremden ſage, an welchem Orte ſich ein Mann befinde, der ſeiner Stellung nach immer zugänglich ſein müſſe. Mein Herr, ich darf Ihnen alſo ſagen, was kein Geheimniß iſt. Meine Tochter ſagte mir geſtern, ſie wäre bei Madame N. zum Abendeſſen eingeladen, und der Intendant würde dabei ſein. Gehen Sie alſo ſogleich hin, und Sie werden ihn bei Tiſche in der beſten Geſellſchaft von Amiens finden; aber, fügte ſie hinzu, ich rathe Ihnen, unangemeldet hineinzugehn. Die aufwartenden Bedienten, welche hin und her gehn, wer⸗ den Ihnen den Weg zeigen, ohne daß Sie nöthig hätten zu fragen. Dort werden Sie ihn ſprechen, mag er wollen oder nicht, und obwohl Sie ihn nicht kennen, werden Sie ihm Alles ſagen, was Sie mir in Ihrem gerechten Zorne über die abſcheuliche Geſchichte geſagt. Es thut mir leid, daß ich bei dieſem hübſchen Theatercoup nicht zugegen ſein kann. Ich nahm von dieſer achtbaren Dame Abſchied, nach⸗ dem ich ihr meinen Dank geſagt und ich begab mich eiligſt nach dem angegebenen Orte mit meinem Procurator, der vor Müdigkeit faſt nicht mehr weiter konnte. Ich trete ohne die geringſte Schwierigkeit mit den Bedienten und meinem Führer in den Saal, wo etwa zwanzig Perſonen an einer reich beſetzten Tafel ſaßen. Entſchuldigen Sie, meine Herren und meine Damen, wenn ich in dem ſchrecklichen Zuſtande, in welchem Sie mich erblicken, gezwungen bin, die Ruhe und die Freude Ihres Feſtes zu ſtören. Bei dieſem Complimente, welches ich mit der Stimme eines Jupiter tonans ſprach, ſtanden Alle auf. Ich war verſtört und in Schweiß; meine Blicke mußten denen 5 Tiſiphone gleichen. Man denke ſich das Erſtaunen, gel ches mein Erſcheinen in dieſer zahlreichen, aus reizenden Frauen und eleganten Cavalieren beſtehenden Geſellſchaft hervorbringen mußte. Ich ſuche ſeit ſieben Uhr Morgens von Haus zu Haus den Intendanten, welchen ich ſo glücklich bin, hier zu finden, denn ich weiß beſtimmt, daß er hier iſt, und wenn er Oh⸗ ren hat, ſo weiß ich, daß er mich gegenwärtig hört. Ich bin alſo hier, um ihm zu ſagen, daß er ſeinen niederträch⸗ tigen Trabanten, welche meinen Wagen mit Beſchlag belegt haben, auf der Stelle befehlen möge, denſelben frei zu laſſen, damit ich meine Reiſe fortſetzen kann. Wenn die Zollgeſetze befehlen, für ſieben Unzen Tabak, die ich zu mei⸗ nem Gebrauche bei mir habe, zwölfhundert Francs zu zah⸗ len, ſo erkenne ich ſie nicht an und erkläre, daß ich keinen Pfennig bezahlen werde. Ich werde hier bleiben, ich werde einen Courier an meinen Geſandten ſchicken, welcher ſich über eine Verletzung des Völkerrechts an meiner Perſon in der Isle⸗de⸗France beklagen wird, und ich werde Genug⸗ thuung erlangen. Ludwig XV. iſt groß genug, um ſich nicht zum Mitſchuldigen eines ſolchen Meuchelmordes zu machen. Uebrigens wird dieſe Sache, wenn man mir nicht die Genugthuung gewährt, welche ich mit gutem Rechte verlange, eine Staatsſache werden; denn meine Republik wird allerdings nicht als Repreſſalie einiger Priſen Tabak wegen die Franzoſen ermorden, aber ſie ſämmtlich aus⸗ 193 weiſen. Wenn Sie wiſſen wollen, wer ich bin, ſo leſen Sie. Schäumend vor Wuth werfe ich meinen Paß auf den Tiſch. Ein Mann hebt ihn auf und lieſt ihn: ich weiß nun, wer der Intendant iſt. Während mein Papier von Hand zu Hand ging, und ich Erſtaunen und Unwillen auf allen Zügen las, ſagte der Intendant, der ſeine verdrießliche Miene beibehielt, er habe in Amiens nichts Anders zu thun, als die Geſetze ausführen zu laſſen; ich dürfe alſo nur abreiſen, wenn ich bezahle oder Bürgſchaft leiſte. Wenn dies Ihre Pflicht iſt, ſo müſſen Sie meinen Paß als eine Ordonnanz betrachten, und ich fordere Sie auf, für mich Bürgſchaft zu leiſten, wenn Sie ein Edel⸗ mann ſind. Leiſtet bei Ihnen der Adel Bürgſchaft für Geſetzes⸗ uͤbertreter? Der Adel bei mir erniedrigt ſich nicht ſo weit, ent⸗ ehrende Stellen anzunehmen. Im Dienſte des Königs giebt es keine entehrenden Stellen. Wenn ich zum Henker ſpräche, würde er daſſelbe ſagen. Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke. Mäßigen Sie Ihre Handlungen. Wiſſen Sie, mein Herr, daß ich ein freier Mann bin, der Gefühl hat und beſchimpft iſt, und der namentlich nichts fürchtet. Ich for⸗ dere Sie heraus, mich zum Fenſter hinauswerfen zu laſſen. Mein Herr, ſagte eine Dame, mit dem Tone einer Frau vom Hauſe, bei uns wirft man Niemand zum Fenſter hinaus. Madame, der Menſch in ſeinem Zorn gebraucht Aus⸗ drücke, welche ſein Herz und ſein Verſtand verläugnen; ich leide unter der Aufregung, in welche eine ſchreiende Unge⸗ rechtigkeit mich verſetzt hat, und ich werfe mich Ihnen zu Füßen und bitte Sie um Verzeihung wegen der Beleidi⸗ gung, die ich Ihnen zugefügt. Bedenken Sie gütigſt, daß ich mich zum erſtenmale in meinem Leben unterdruckt und VII. 13 beſchimpft ſehe, und noch dazu in einem Reiche, wo ich blos gegen die Angriffe der Straßenräuber auf meiner Hut ſein zu müſſen glaubte. Für dieſe habe ich Piſtolen, für jene Herren einen Paß, aber ich finde, daß er nichts gilt. Uebri⸗ gens führe ich auch einen Degen gegen Unverſchämte. We⸗ gen ſieben Unzen Tabak, die ich vor drei Wochen in St. Omer gekauft, plündert mich dieſer Herr aus, unterbricht er meine Reiſe, während der König mir verbürgt, daß Niemand meine Reiſe unterbrechen wird. Ich ſoll funfzig Louisd'ors bezah⸗ len, man überliefert mich der Wuth unverſchämter Beamten, dem Gelächter eines frechen Pöbels, von welchem mich der Ehrenmann, welchen Sie hier ſehn, durch Gold befreit hat; ich ſehe mich wie einen Verbrecher behandeln, und der Mann, der mich vertheidigen, ſogar ſchützen ſoll, verbirgt ſich, ent⸗ zieht ſich mir, und fügt zu den empfangenen Beleidigungen neue hinzu. Seine Sbirren, welche an den Thoren dieſer Stadt ſtehen, haben meine Kleider durch einander geworfen, meine Wäſche und meine Spitzen zerknittert, um ſich zu rächen und mich zu ſtrafen, daß ich ihnen nicht ein Vier⸗ undzwanzigſousſtück gegeben. Was mir begegnet iſt, wird morgen das diplomatiſche Corps in Verſailles, in Paris wiſſen und in einigen Tagen wird es in allen Zeitungen ſtehn. Ich will nichts bezahlen, weil ich nichts ſchuldig bin. Sprechen Sie nun, Herr Intendant; ſoll ich einen Courier an den Herzog von Geſores ſchicken? Bezahlen Sie, und wenn Sie nicht Luſt dazu haben, thun Sie, was Sie wollen. Leben Sie wohl, meine Herren und meine Damen, und Sie, Herr Intendant, auf Wiederſehn. Als ich im Begriffe war, wie ein Wüthender hinaus⸗ zugehn, höre ich eine Stimme mir in gutem Italiäniſch zu⸗ rufen, ich möge einen Augenblick warten. Ich kehre um und erblicke einen ſchon bejahrten Mann, welcher zum In⸗ tendanten ſagt: Befehlen Sie, daß man den Herrn abreiſen läßt; ich verbürge mich fur ihn. Hören Sie, Herr Inten⸗ dant? ich ſtehe für den Herrn. Sie kennen nicht den hitzi⸗ gen Kopf eines Italiäners. Ich habe in Italien den letzten — — ◻— c ᷣ½ ——— ⏑ ——-—.,„Sꝛ— 2— 195 Krieg mitgemacht, und bin in den Stand geſetzt worden, den Charakter dieſes Volks kennen zu lernen; ich finde übrigens, daß der Herr Recht hat. Sehr wohl, ſagte nun der Intendant. Bezahlen Sie nur dreißig oder vierzig Francs im Bureau, denn es iſt in der Sache ſchon geſchrieben worden. Ich glaube, Ihnen ſchon geſagt zu haben, daß ich nicht einen Pfennig bezahlen will, und ich wiederhole es. Wer ſind Sie, mein Herr, ſagte ich zu dem ehrlichen Greiſe, daß Sie Bürgſchaft für mich leiſten wollen, ohne mich zu kennen. Ich bin Kriegs⸗Commiſſair, mein Herr, und heiße von la Bretonnière. Ich wohne in Paris im Hötel de Sarxe, rue du Colombier; ich werde übermorgen dort ſein und Sie mit Vergnügen ſehen. Wir werden zuſammen zu Herrn Britard gehn, der, wenn er ſich von Ihrer Angelegenheit in Kenntniß geſetzt hat, mir die Bürgſchaft abnehmen wird, welche ich mit großem Vergnügen für Sie ge⸗ leiſtet habe. Nachdem ich ihm gedankt und ihm die Verſicherung gegeben, daß ich ihn unverzüglich beſuchen würde, richtete ich einige entſchuldigende Worte an die Frau vom Hauſe und die Gäſte und entfernte mich dann. Meinen ehrlichen Procurator führte ich in den beſten Gaſthof und gab ihm gern für ſeine Mühe einen Doppel⸗ Louisd'or. Ohne dieſen Mann und den braven Kriegs⸗ Commiſſair würde ich in große Verlegenheit gerathen ſein; ich wuͤrde den Krieg des irdnen Topfes gegen den eiſernen geführt haben; denn gegen Leute im Amte bekömmt man bei Willkürlichkeiten nie Recht; und obwohl es mir nicht an Geld fehlte, hätte ich mich doch nicht entſchließen kön⸗ nen, mir durch dieſe Elenden funfzig Louisd'ors ſtehlen zu laſſen. Meine Chaiſe ſtand vor der Thür des Gaſthofes, und als ich einſteige, kam einer der Beamten, welche mich durchſucht hatten und ſagt, ich würde Alles, was ich darin gelaſſen, wiederfinden. “ 196 Das ſollte mich bei Leuten wie Ihr wundern; iſt auch mein Tabak darin? Der Tabak, mein Prinz, iſt confiscirt worden. Das thut mir Euretwegen leid, denn ich würde Euch einen Louisd'or geſchenkt haben. Ich werde ihn ſogleich holen. Ich habe nicht Zeit zu warten. Fahre zu, Poſtillon. Am folgenden T Tage Aangte ich in Paris an und am vierten Tage ging ich zu Herrn von la Bretonnidère, der mich ſehr gut aufnahm zund mich zum Generalpächter Bri⸗ tard führte, der ihm die Bürgſchaft abnahm. Dieſer Bri⸗ tard war ein junger liebenswuͤrdiger Mann; J ſchämte ſich deſſen, was man mir angethan. r. J Ich brachte meinen Bericht dem Miniſter ins Hötel Bourbon, und Se. Excellenz verweilte zwei Stunden mit mir und ließ mich das Ueberflüſſige ſtreichen. In der Nacht ſchrieb ich ihn ins Reine, und am folgenden Tage brachte ich ihn nach Verſailles zum Abbé von la Ville, der ihn kalt las und dann ſagte, ich würde das Reſultat erfahren. Einen Monat ſpäter Lihielt ich fünfhundert Louisd'ors, und hörte zu meinem großen Vergnügen, daß Herr von Crémille emeinen Bericht nicht nur ſehr genau, ſondern auch ſehr be⸗ lehrend gefunden. Mehrere begründete Bedenken hielten mich ab, mich als Verfaſſer zu nennen, wel 8 Ehre Herr von Bernis mir verſchaffen wollte.. Krle z⸗ Als ich ihm die beiden Abenteuer melche mir unter⸗ wegs begegnet, erzählte, lachte er; aber er ſagte, die Tüch⸗ tigkeit eines Menſchen, welcher in geheimen Aufträgen reiſe, beſtände darin, ſich keine ſolche Sachen auf den Hals zu ziehn; denn falbſ wenn er das Lalent hätte, ſich heraus⸗ zuziehn, ſo würde doch von ihm geſprochen, was er ſorg⸗ fältig Lermelden müſſe. Dieſer Auftrag koſtete der Marine 12,000 Francs, und der Miniſter hätte ſich leicht alle von mir gelieferten Nach⸗ richten verſchaffen können, ohne einen Pfennig auszugeben. Der erſte beſte gebildete Offizier hätte ihn ebenſogut wie ich bedienen können, und derſelbe würde allen Eifer und KM ,, 2 Vi) V L alle Klugheit aufgeboten haben, um ſich bei ihm beliebt zu machen. Aber ſo waren damals alle Miniſter in Frankreich. Sie verſchwendeten das Geld, welches ihnen nichts koſtete, um ihre C ren zu bereichern. Sie waren Despoten, und das miß Füßen getretene Volk kam nicht in Betracht; der Staat war verſchuldet, und die Finanzen in einem ſehr ſchlechten Zuſtande. Ich glaube wohl, daß eine Revolution nothwendig war, aber ſie brauchte nicht blutig zu ſein; ſie mußte moraliſch und patriotiſch ſein; aber der Adel und die Geiſtlichkeit waren nicht hochherzig genug, um einige für den König, den Staat und ſie ſelbſt nothwendige Opfer zu bringen. Sylvia fand meine Abenteuer in Aire und Amiens ſehr komiſch, und ihre reizende Tochter bezeigte mir große Theilnahme wegen der ſchlechten Nacht, die ich in der Wach⸗ ſtube zugebracht. Ich ſagte zu ihr, dieſelbe wurde diel ſchmerzlicher für mich geweſen ſein, wenn ich eine Frau bei mir gehabt hätte. Sie antwortete, wenn dieſe Frau gut geweſen wäre, würde ſie ſich beeifert haben, mir dieſe Unannehmlichkeit zu verſüßen, indem ſie ſie getheilt hätte; aber ihre Mutter entgegnete ihr, eine ordentliche Frau, eine Frau von Geiſt würde meine Chaiſe und meine Sachen in Sicherheit gebracht und dann die nöthigen Schritte zu mei⸗ ner Befreiung gethan haben, und ich pflichtete ihr bei und machte jener bemerklich, daß auf dieſe Weiſe eine Frau ihre Pflicht am beſten erfulle. 2 Goy Srus von Braͤndes Se Schultze in Berlin, Roßſtraße Nr. 8. —————y— . „ — 4 Aℳ AA. U Va 4 ——